Meinen zwei lieben Bruͤdern Wilhelm und Ferdinand Grimm zugeeignet aus Treue, Liebe und Einigkeit . Ueber den altdeutschen Meistergesang . Vorrede . Die gegenwaͤrtige Abhandlung ist polemischer Art und war noch zudem darauf angelegt worden, in dersel- ben Zeitschrift zu erscheinen, worin bereits ihre Veran- lassung gedruckt steht. Daher ruͤhrt der groͤßten Theils gegebene und beschraͤnkte Plan, daher eine beabsichtigte Kuͤrze, an die gleichwohl manche Leser nicht glauben wer- den und die auch weniger im Einhalten der Worte, als der Sachen liegt. Namentlich wurde es unvermeidlich, die Beweisstellen zu excerpiren, deren woͤrtliches Ein- ruͤcken zwar einiges anschaulicher gemacht, aber eine Menge Raum gekostet haͤtte. Als ich mich nun auf meines Gegners eigene Einladung an die berliner Heraus- geber des altdeutschen Museums wendete, und den bal- digen Abdruck meines laͤngst fertigen Aussatzes auszuma- chen wuͤnschte, moͤgen einige zu spaͤt angekommene Briefe die erwartete Antwort hintertrieben haben. Wenigstens, da sie endlich eintraf, hatte ich bereits mit einem Ver- leger die besondere Erscheinung verabredet; es war mir eigen zuwider, den schon durch andere Zufaͤlle aufgehal- tenen Streit meinerseits laͤnger liegen zu lassen. Denn es ermuͤdet gleich einer anhaltend fortgesetzten Arbeit, A 2 wenn man eine an sich bereitete und erwartete ruhig auf- heben soll, ohne daß man Zeit oder Lust gewinnt, sie von neuem vorzunehmen, wozu es an Veranlassung und Reiz bei einem solchen Gegenstand gar nicht fehlen kann. Dieser ist einer der trockensten und verwickeltsten in der altdeutschen Poesie uͤberhaupt und in keiner Hinsicht dem schon in der Arbeit uͤberall erfreuenden und im Re- sultat viel reicher lohnenden Studium der poetischen Sa- gen an Seite zu setzen, welchem ich meine hauptsaͤchlichste Neigung zugewendet. Sollte indessen die hier gelieferte Entscheidung von den Kennern unserer Literatur gebilligt werden, so gedenke ich in der Folge noch einmal etwas besseres und ich kann wohl sagen, fuͤr mich viel leichteres, in der Sache zu thun. Ich werde dann so manches aus- lassen koͤnnen, was jetzt der Streit erforderte, und dafuͤr anderes ausarbeiten, woran ich jetzt nicht kommen durfte. Die Irrthuͤmer, die in dem doch uͤberall zu beruͤhrenden Einzelnen leichtlich untergelaufen sind, will ich alsdann, so viel an mir, selber berichtigen oder die Zurechtweisung anderer dankbar erkennen. Mein Verzeichniß aller Toͤne des aͤlteren und neueren Meistergesanges ist schon jetzo ziemlich vollstaͤndig, ich muß es aber mitzutheilen auch noch versparen, weil es bloß die unbequeme Anordnung der Bodmerischen Sammlung entweder unnoͤthig weitlaͤuf- tig oder unsicher machen wuͤrde, da ich nicht einmal die einzelnen Lieder, geschweige denn die Strophen anders als nach Blattseite und mit Bezeichnung der Anfaͤnge citiren koͤnnte, wie auch in vorliegender Abhandlung ge- schehen. Ich benutze den hier vergoͤnnten Raum, meine Ge- danken uͤber einige schwere Puncte zu bekennen, viel- leicht daß dadurch einige Seiten meines Aufsatzes ver- vollstaͤndigt werden. Man mag darein stimmen oder nicht, ich bin mir bewußt, nichts mehr zu meiden, als ein todtes systematisches Feststehen in der Geschichte der Poesie, wo eine Idee, nachdem sie lange scheint unter- gegangen zu seyn, sich noch ploͤtzlich einmal regt und ein lang geschwiegener Ton leise nachhallt, wo alles in ein- ander greift und verwandt ist, wie in aller Natur selbst, die zwei edle Metalle, Gold und Silber, in einer Erde wachsen laͤßt. Ich habe einigemal den Unterschied zwischen Natur und Kunstpoesie bestimmt vorausgesetzt. Die Verschie- denheit dessen, was unter dem ganzen Volk lebt, von allem dem, was durch das Nachsinnen der bildenden Menschen an dessen Stelle eingesetzt werden soll, leuchtet uͤber die Geschichte der Poesie, und diese Erkenntniß al- lein verstattet es uns, auf ihre innersten Adern zu schauen, bis wo sie sich flechtend in einander verlaufen. Es ist, als ziehe sich eine große Einfachheit zuruͤck und verschließe sich in dem Maße, worin der Mensch nach seinem goͤtt- lichen Treiben sie aus der eigenen Kraft zu offenbaren strebt. Da nun die Poesie nichts anders ist, als das Leben selbst, gefaßt in Reinheit und gehalten im Zauber der Sprache, (welche in so fern mit Recht eine himmli- sche genannt und der Prosa entgegengestellt werden darf,) so theilt sie sich in die Herrschaft der Natur uͤber alle Herzen, wo ihr noch jedes als einer Verwandtinn ins Auge sieht, ohne sie je zu betrachten; und in das Reich des menschlichen Geistes, der sich gleichsam von der ersten Frau abscheidet, als deren hohe Zuͤge ihm nach und nach fremd und seltsam daͤuchen. Man kann die Naturpoesie das Leben in der reinen Handlung selbst nennen, ein lebendi- ges Buch, wahrer Geschichte voll, das man auf jedem Blatt mag anfangen zu lesen und zu verstehen, nimmer aber ausliest noch durchversteht. Die Kunstpoesieist eine Ar- beit des Lebens und schon im ersten Keim philosophischer Art. In den Heldengesaͤngen reicht nur noch ein Zweig aus der alten Naturpoesie in unser Land heruͤber, die Freude, das Eigenthum des Volks an seinen geliebten Koͤnigen und Herren muß sich, so zu sagen, von selber an und fortgesungen haben. Ueber der Art, wie das zugegan- gen, liegt der Schleier eines Geheimnisses gedeckt, an das man Glauben haben soll. Denn die Leugner, die sich dafuͤr lieber mit einer duͤrren Wahrscheinlichkeit behelfen wollen, bringen Systeme auf, welche man mit Wahrheit widerlegen kann und nach denen ih- nen nichts uͤbrig bleibt. Diese Unbewußtheit der Tiefe ist es auch, was die alten großen Lieder auf die spaͤtesten des Volks geerbt haben. Alle sagen ein Leben, ein Freuen und Leiden aus In des Nibelungenlieds hertlichem Eingang ist die vollstaͤndige Idee des Epos ausgesprochen. , das an sich hoͤchst klar vor uns liegt, allein sie thun es so, in Gleichnissen mehr denn in Wor- ten, daß außer der Klarheit noch eine reine tiefe Bedeu- tung erscheint. Vielleicht ist es eine verschiedene Weise, worin wir jetzo die alte Poesie genießen. Die Vorfah- ren schauten in dem Brunnen sich selbst und ihr Leben, wir fuͤhlen das nur historisch mit und nach, allein zugleich senken wir in die Tiefe ein. Man muß auch fragen: wer es denn uͤbernehme, die Poesie zu verwalten? wer sie gleichsam anzugreifen wage, weil sie doch da ist, und den Klang zu ruͤhren, der in der Saite verborgen ruht? Die Poesie ist kein Eigenthum der Dichter Es ist zu beachten, daß eine in sich beziehungsvolle Sage von dem durch Schlauheit entwundenen, von der staͤrkeren Kunst des Dichters aber wieder behaupteten Liedereigenthum, nirgends von einem Volksdichter vorkommt. So findet sie sich von dem indischen Hofsaͤnger Kalidas und mit aͤcht sagenhafter Abwei- chung von Virgilius, und wieder vom Provenzalen Arnoldo Daniello. Moderner Nachsage, als truͤber Quelle entflossen, hier zu uͤbergehen. und das zu keiner Zeit weni- ger gewesen als in der epischen, da sie, ein Blut, den gan- zen Leib des Volks durchdrungen. Niemand weiß von Dichtern, geschweige daß es die Nachwelt erfahren sollte, aber die Saͤnger ziehen in Haufen herum, und wem eine toͤnende Stimme zu Theil geworden, oder wer in ein treueres Gedaͤchtniß alte Lieder und Sagen niederlegen kann, da ihm das Licht der Augen entzogen wor- den, der tritt hin vor Koͤnig und Volk und singt fuͤr Ehre und Gaben. Es hat auch keinen Zweifel, (so ge- wiß duͤrfen wir uͤber unbekannte Dinge urtheilen,) daß Erbschaft und Lehre das Amt des Gesanges fortpflanzten, weil in der Lehre die natuͤrliche Verehrung des Alters und in dem Stand die natuͤrliche Erbschaft der Jugend liegt. Beides, daß der Saͤnger keiner hohen Abkunft und an keinem festen Ort gesessen ist, bringt also die Sache mit, und der herrliche Held und Spielmann Volker war doch selbst eines Koͤnigs Dienstmann gewesen. Ferner, Lehre und Sitte hielt die Saͤnger zusammen, und der Gebrauch mag einer der fruͤhesten seyn, weil er so ganz einfaͤltig ist, daß sie unter sich ein Reich stifteten, ein Haupt hatten und es ihren Koͤnig nannten. So ist der Dienst der Poesie in alter Zeit geschehen. Daß in dem erbluͤhenden Minnesang eine eigen- thuͤmliche Kunst zu walten anfange, habe ich mich zu zeigen bemuͤht und eben damit den Ursprung des Mei- stergesangs gesetzt. Und doch moͤchte man in gewisser Hinsicht diese Poesie kein Eigenthum der Dichter nennen. Unter andern ist offenbar, daß nie eine Poesie frauen hafter gewesen, als diese war, mit ihrer unermuͤdlichen Blumenliebe, mit ihrem stillen Glaͤnzen. Wer wollte noch Zweifel tragen, daß in dem Gemuͤth der Frauen damals ganz eine solche Welt gestanden und tausend sol- cher Klaͤnge erklungen haben? Welche Herzenliebe (das bedeutet Minne) werden sie sich in all ihrer Heimlichkeit erdacht, weiches Herzenleid geklagt haben, zaͤrter als es je ein Mann gesungen! Auszusprechen siel aber jenen niemals bei, ihr Leben blieb ihr Dichten und Trachten, ihre Ohren oͤffneten sich den Liedern mit Dank und Glau- ben, welche die Maͤnner, als einzige Pfleger der Poesie vor ihnen sangen. — Auf der andern Seite habe ich ausgefuͤhrt, wie in eigener Kunst der Reime der Dich- ter ein Eigenthum zu schaffen und seine Kraft zu be- weisen strebte. Aber ungeachtet der allgemeinen Empfaͤng- lichkeit fuͤr die neue Dichtkunst, uͤberhoben sich doch die Meister nicht so, daß sie nicht mehr haͤtten damit dienen wollen; ihr ganzer Sinn stand zu den Hoͤfen, wo sie an einigen solche Beguͤnstigung erfuhren, als sie hernach nur etwa in Italien vorkommt, denn deutscher Adel, Fuͤrsten und Koͤnige nahmen an der Lieblichkeit des Min- negesanges lange Zeit ihren eigenen Theil. Als aber die ewige Wiederkehr in die dagewesenen Toͤne die Beschuͤtzer muͤde machte, so sangen fast bloß arme Dichter, klagend uͤber die abnehmenden Gaben. Da wandten sie sich vom Lieben aufs Loben, von Minne auf Ehrenlieder, ohne je damit rechte Wurzel zu fassen, bis sie zuletzt die Hoͤfe seyn ließen und ihre zu lieb gewonnene Kunst in den Staͤdten ansetzten. In der gesellschaftlichen, urspruͤnglich von den Volksdichtern mitgebrachten Verbindung und in der sich immer mehr dehnenden Reimkunst habe ich den Samen nicht verkannt, woraus sich die lange Dauer und das unergoͤtzliche Alter des Meistergesangs entfal- tete. Nichts desto weniger, und bei mancher Verwor- renheit, ist der spaͤtere Meistergesang nicht ohne das gewesen, was man in den Gesellschaften das gute deut- sche Princip nennen moͤchte; hieruͤber wuͤnsche ich nicht mißverstanden zu werden. In den Gesellschaften herrschen eigentlich zwei Ele- mente. Das gute ist ein inneres, die Liebe, welche bin- det und haͤlt. Das andere ein aͤußeres und boͤses, wenn der Eingang ohne Weihung ist und sich die Zeichen zu sehr erheben. So wie der Staat einzig und allein in dem Worte: Vaterland, verstanden wird, und ohne die Einheit der bis zum Tod bereiten Herzen alles Recht und alle Sicherheit eine elende Einrichtung bleibt, so stirbt alle Verbindung oder hat nie gelebt ohne jenen befruch- tenden Thau. Je mehr wahrer Gesellschaften ein Staat zaͤhlt, desto gluͤckseliger ist er zu preisen, weil da kein Staat im Staate ist, wo Liebe in Liebe wohnt. Man hat neuerdings das Wesen deutscher Universi- taͤten erkannt und faßt alles darin zusammen, daß Freund- schaft die Herzen staͤrkt und freut, und der allerseits an- geregte Geist auf den Punct gebracht wird, dem er sich frei und unabhaͤngig auf sein Leben ergeben soll. Wo- gegen der Begriff der Aeademieen in seiner Nichtigkeit he r vortritt, weil es ihnen an gemuͤthlicher Gemeinschaft und Betriebsamkeit mangelt. Die Natur anderer deutschen Einrichtungen ist erst noch anzuerkennen. Den innern festen Bau der Hand- werkszuͤnfte bezeugt ihre Haltsamkeit, seitdem alle Ver- folgung uͤber sie ergangen, nachdem man fast alle Zeichen ihrer Lust ihnen abgerissen, mit dem Untergang gedroht und wirklich Hand angelegt hat. Unter diesen Hand- werkern hatte sich Froͤmmigkeit und Tugend erhalten Auf dem Reinhalten ruht alle Reinheit, leises Anruͤhren verletzt die Schamhaftigkeit am ersten, man kann den Anstand abbla- sen, waͤhrend man ihm noch gar nichts genommen zu haben meint. Das bleibt ein Grund gegen alle Mischung der Katho- liken mit den Protestanten, der Christen und Juden und gar wohl der Tuͤrken. Es ist Thatsache, seitdem die Zuͤnfte gezwun- gen worden, uneheliche Kinder aufzunehmen, daß dieser so viel geworden sind, daß viel mehr als sonst uͤbrig bleiben, die zu kei- nem Handwerk gelangen. , und von Sinn und Erfindung haben sie aller Welt mehr Beispiel gegeben, als auswaͤrtige, bei denen die beste Kraft sich auf Plane zu Gelderwerb, statt auf ein ehr- liches Auskommen gewendet. Die Poesie geht aus hei- liger Stille des Gemuͤths auf, aus unter die Menschen, und soll darum in keinen aͤußeren Banden liegen. Ich will hier nicht den Unsinn der vielen Dichtergesellschaften herbeiziehen und strafen, aber die Meistersaͤnger damit entschuldigen, daß, nachdem schon alle ihre Regel aus den wahren Schranken getreten war, die bloße Foͤrm- lichkeit auf die Reinheit ihrer Sitten gewirkt und ein Band gestiftet hat, werther denn ihre Kunst war. Der Meistergesaug zeigt sich mithin als ein Mittel mehr, welches auf den Bund der Buͤrger wohlthaͤtig gewirkt hat. Ihre Kunst trieben sie fern von aller Anmaßung und in Ver- ehrung ihrer Lehrer. Wenig Dichter haben, z. B. die letztere so herzlich dargegeben, als Puschmann , wenn er den Meister im Traum erblickt in einem wunderselt- samen Gartenhaͤuslein sitzen, weiß von Alter wie eine Taube, er neigt sich bloß, er hoͤrt nicht und antwortet auf keine Frage mehr, nur der Sinn des Gesichts ist ihm unvergangen, das braucht er, in dem goldbeschla- genen heiligen Werk bis an sein seliges Ende zu lesen. Dieß alles ist zugleich die reinste Poesie. Man ist leicht damit fertig gewesen, die Geschmacklosigkeit und Trok- kenheit der spaͤteren Meistersaͤnger zu tadeln, hat aber dabei die Ehrlichkeit und Selbstverkennung ganz uͤberse- hen, womit sie ihre fromme Kunst uͤbten. Die bibli- sche Geschichte kam ihnen in der eckigten Einfassung neu ehrwuͤrdig vor; haͤtte man nach ihrer Poesie ge- fragt, so wuͤrden sie freudig auf solche Meistergesaͤnge hingezeigt haben. Diese copirten sie fleißig und zierlich ab, waͤhrend es ihnen nicht beifiel, das aufzuschreiben, was von wahrem Dichten in jedem stillen und kraͤftigen Leben vorkommen muß, und das zu einer Zeit, da sich treffliche Buͤcher in Prosa genug fanden, mitten darun- ter alte herrliche Lieder fortlebten und neue gesungen wurden. In ein schlechtes dunkeles Bretterhaus weiß dennoch die Poesie, gleich der Sonne, durch einen Ritz oder ein Astloch warm und mildthaͤtig herein zu bre- chen. — Ueberhaupt muͤßte sich von mehreren Seiten aus die Geschichte des deutschen Handwerkerwesens recht interessant schreiben lassen. Cassel, am 19. August 1810. J. G. Einleitung . Ich halte es fuͤr besonders nothwendig, den Leser in den Gesichtspunct zu bringen, worin ein zwischen Herrn Docen in Muͤnchen und mir uͤber das Verhaͤltniß des Minnesangs zum Meistergesang gepflogener literaͤrischer Streit Anfangs gestanden, und wie er sich nunmehr gewendet hat. Ob ich naͤmlich gleich den ersten Band des altdeutschen Museums in den Haͤnden aller Freunde altdeutscher Literatur voraussetzen darf, und darin mein Gegner nicht nur seinen ersten Aufsatz gaͤnzlich, sondern auch die meinigen groͤßten Theils und auszugsweise wiederum abdrucken lassen, so muß gerade eine einfache Darstellung der Sache den Lefern jener Zeitschrift selbst zu einem Beduͤrfniß geworden seyn. Wenige Zeilen, die ich vor einigen Jahren (1807.) in dem neuen liter. Anz. erscheinen ließ, hatten die Absicht, Quellen und Huͤlfsmittel zu erwecken, welche fuͤr eine gruͤndliche Aus- einandersetzung der nachstehenden Meinung erst gebraucht wer- den mußten. Ich stellte auf, daß man in der Geschichte un- serer altdeutschen Poesie falsch verfahre, wenn man die Mei- sterfaͤnger von den fruͤheren Minnedichtern trenne, fuͤr welche Trennung man nicht einmal eine bestimmte Zeit anzusetzen wisse, beide seyen identisch, und ihrem Grundwesen nach, das ich in nichts anders, als in die bisher mehr an den Meisterfaͤngern verachtete, wie an den Minneliedern bewunderte, in keinen von beiden aber recht verstandene Kuͤnstlichkeit legen konnte. Die von Herrn Docen in demselben Blatt dagegen ein- geruͤckte Bestreitung, halte ich, aufrichtig zu gestehen, noch jetzo fuͤr eigens unklar geschrieben, und daß ein gewisser ab- thuender Ton absichtlich streitentzuͤndend gewesen seyn soll (S. 81.) mag ebenso auf sich beruhen, als ich die nunmehrige Beschei- denheit gewiß noch hoͤher achten wuͤrde, wenn sie nicht nach jener Consequenz, da sie auch auf mich ausgestreckt worden ist (S. 76.) Es ist bei dieser Stelle vermuthlich auf zwei Aufsaͤtze der Her- ren von Hagen und Buͤsching abgesehen, worin diese ihre Meinung uͤber den streitigen Punet niedergelegt. Sie stehen im erwaͤhnten lit. Anz. 1808. gedruckt. , fuͤr uns beide etwas Niederschlagendes haben muͤßte. Er erklaͤrte aber in jener Abhandlung hin und wieder im Wesentlichen: man muͤsse, als woruͤber ich ganz hinausge- gangen, auf die Verschiedenheit der Gegenstaͤnde des Meister- und Minnegesangs Acht geben, eine Form habe am Ende je- der Sang, allein das Lied fuͤr seine Gefuͤhle verlange eine ganz andere, wie die ernsihafte Betrachtung; und wenn in den Minneliedern Wohllaut herrsche, so sey in den Meistergesaͤngen strenges Bauwerk wahrzunehmen, daher die Form anlangend, jene sich in harmonischen Weisen darstellen, diese in beschlosse- nen Strophen. Ich moͤge einmal fuͤr meine Meinung in der ganzen Sammlung der Minnedichter von Veldeck an ein Lied aufweisen, das mit den Meistersaͤngen eines Frauenlob oder Folz formell uͤbereinkomme, und finde sich etwa Aehnlichkeit, so sey sie gewiß zufaͤllig; was spaͤter Verabrodung, Regel, fruͤ- herhin nur eine Zierde der Kunst. Alles das lasse sich an dem Versmaß eines erzaͤhlenden beruͤhmten Gedichts, des Tyturel, ins Klare bringen, ob dieß gleich kein Meistersaͤngerton, so liege doch der Keim dazu in ihm vorgebildet Die Unschicklichkeit in diesem gerade etwas anomalen Ton eine Weissagung des spaͤteren M. G. zu erblicken, hat Docen her- nach selber erkannt. Davon unten mehr. , es sey ein episch-lyrischer. Was die Namen betreffe, Minnesaͤnger solle man abschaffen, da diese Dichter mannichmal auch andere Sa- chen besungen, dafuͤr aber die aͤlteren Meister Meistersin- ger und die spaͤteren, wie uͤblich, Meistersaͤnger nennen. Anf die Handwerker seyen auch nach dem 14. J. H. einige Formen uͤbergegangen, doch beide ganz verschieden. In diesem offenbar einem fruͤheren Papier (das woͤrtlich ausgezogen wird) zu Gefallen geschriebenen Aufsatz, war mir das Schwanken zwischen dem Erkennen der alten bisher igno- rirten Meister, und doch wieder das Verwerfen und Umgehen alles dessen, was sie mit den spaͤtern gemein machen sollte, fast unerklaͤrlich, mitunter unverstaͤndlich. Diese Ungewißheit suchte ich nun vornehmlich durch eine Reihe innerer und histo- rischer Beweise zu vernichten; auf Namen machen kam es nicht an, die vorgeschlagenen, im Dialect verschiedenen, in der Sache gaͤnzlich nichts sagenden waren ohnedas dem menschlichen Ge- daͤchtniß hoͤchst verwirrlich, und Herr Docen wird ihnen ohne Muͤhe entsagen Ich schlage sonst gleich vor, den Gesang in Liet und Lied zu unterscheiden, unter erstem das epische, unter letztem das lyrische zu verstehen. — Uebrigens schreibt Wagenseil u. a. bestaͤndig unser Wort mit einem i, und nicht aͤ. . Allein desto angelegentlicher bestand ich darauf, daß es hier gerade nicht auf die Gegenstaͤnde des Gesanges ankomme, uͤberhaupt und zwar nothwendig alle er- wachende Kunstpoesie an Toͤnen und Farben haͤnge, und eben dieser vernachlaͤssigte Punct in der Geschichte unserer Poesie zu bearbeiten sey. Daß aber in den fruͤheren, wie den spaͤ- ten Dichtern ein nicht bloß aͤhnliches, sondern gleiches Princip der Foͤrmlichkeit regiere, bewies ich durch Beispiele Den Marner und Bremberger , beide stehen in der mane- ßi sch en Sammlung, ich konnte aber viel wissen, ob sie Docen fuͤr Minne- oder Meistersinger gelten haben will. Es hat sich gezeigt, daß er wohl den ersten fuͤr einen solchen nimmt, nicht aber den Reinman von Brennenberg. und da uͤberdieß noch andere, aͤltere und neuere Zeugnisse, die ich zu- sammen stellte, hinzukamen, so glaubte ich meine Ansicht um so mehr gerechtfertigt, als ohne Schaden des Ganzen allen- falls einige specielle Beweise wegfallen konnten. Daß Meister- gefang an sich unlyrisch seyn sollte, verwarf ich mit demselben Grunde, wodurch ich ein gleiches Schicksal von dem Sonett abhielt, das sich in unsern Streit ganz unschuldig, wiewohl gar nicht zum Vortheil des Gegners, zu verlaufen schien. In der gleich damals angekuͤndigten, jedoch erst vor kur- zem (im altdeutschen Museum Heft 1 u. 2.) erschienenen neuen Erwiederung Docens ist nicht sowohl die unternommene ge- naue Pruͤfung, die manchmal scharfsinnige Umwendung einiger literarischen Beweisstellen zu beruͤcksichrigen, Hauptfache ist die von dem Gegner ergriffene, eigene Meinung. Jene Stellen waren noch sehr unvollstaͤndig, ungenau und in Eile, aus Eifer einen nicht ganz gerechten Angriff abzuwehren, niedergeschrie- ben worden, und mußten mancherlei Einwendungen bloßgege- ben seyn; ich hatte das Gefuͤhl, daß es mir eben noch um mehr Huͤlfe und Aufklaͤrung zu thun sey, schon durch die erste Veranlassung gezeigt. Gesetzt nun, es waͤre Docen ge- lungen, alle diese Gruͤnde zu widerlegen, so noͤthigten sie ihn doch mit seiner eigenen Ansicht der Sachen herauszutreten, und was hat er als eine solche gegeben? Folgendes: unter den Dichtern, die man seither pflegt Minnesaͤnger zu nennen, gibt es auch unstreitig Meistersinger, die uͤbrigen sind aber bei weitem keine gewesen. Nun muß man gleich fortfragen, weil doch nichts an den Namen liegt, besonders wo sie nicht recht bewiesen werden: worin unterscheiden sich dann diese bei- derlei Dichter von einander, welche zu einerlei Zeit lebten und deren Gedichte sich auf ein Haar gleichen? Gerade uͤber die- sen Hauptpunct wird nirgends bestimmt gesprochen, und alles was ich muͤhsam aus der ganzen Abhandlung zu gewinnen suche, ist: Diese aͤlteren Meistersinger waren arme, an Fuͤr- stenhoͤfen umfahrende Ritter oder Buͤrgerliche, die sich gewisse Regeln machten und fuͤr Lohn sangen. — Die eigentlichen Minnesaͤnger sind die Koͤnige, Herzoge, Fuͤrsten, Grafen und reiche Edelleute Auch von der Hagen definirt den Minnesang: eine freie adeliche Kunst. Nur eine Thatsache dagegen: zweifelt er wohl an der Armuth und der Noth, etwas zu verdienen, die der Minnesaͤnger Geltar so deutlich ausspricht? , welche Poesie uͤbten aus freier Lust und Ueppigkeit, nichts damit erwerben wollten, dabei sich schoͤne Neigung aber keine Regel zeigt. Daß sie nicht wandern, son- dern an ihren Hoͤfen sitzen bleiben, versteht sich hiernach na- tuͤrlich auch. Nun moͤchte ich vor allem wissen, ob Docen in den Minneliedern selbst, sey es an ihrer Form oder dem Inhalt, Anlaß zu diesem sehr auffallenden, dem Anschein nach ganz un- noͤthigen, Unterschied entdeckt, oder ob ihn vielmehr die aus aͤußern Zeugnissen wenigstens hervorgehende, also von ihm nicht abgeleugnete, Existenz Diese will schon in seiner ersten Aeußerung Docen nicht ge- leugnet haben, allein dagegen halte man, was er noch jetzo in der zweiten sagt, sie waͤren recht besehen keine eigentliche Mei- stersaͤnger u. s. w. Ohnedem waͤre es mir unmoͤglich gewesen, den Ausweg, den er spaͤter genommen, oder doch erst ausge- sprochen, fruͤher zu ahnen, und das Verwerfen meiner Ansicht war so bestimmt und die billigende Erwaͤhnung der alten Mei- ster so zweifelhaft. Ich ziehe hierher auch die sonderbare, aber deutliche Neigung, unter meinen Beweismitteln selbst die zu entkraͤften, welche doch auch die Existenz seiner eigenen alten Meister haͤtten beweisen muͤssen. — Bei der Unsicherheit seiner Meinung uͤber den aͤlteren Meistergesang haͤtte er um so weni- ger eine Bemerkung uͤber dessen Bestimmung zuruͤck behalten sollen. (S. 448, 449.) der alten Meister gezwungen habe, sich in eine solche Paradoxie und damit wenigstens seine vor- nehmen Minnesinger vor dem unangenehmen Meisterwesen zu retten? Letzteres muß durchgehends scheinen, denn waͤre eine Verschiedenheit in der Sache selbst zu sehen, so koͤnnte er eine genaue Liste aller Meistersinger geben, und haͤtte sie in seinem bei der Gelegenheit ausgearbeiteten Dichterverzeichnisse gegeben. B So aber erfahren wir daruͤber nichts sicheres, und alle die fuͤr Meister zugestandenen sind lauter solche, die sich nach jenen aͤußeren Umstaͤnden dazu eignen. Ohne letztere haͤtte Docen an Hadloub nimmermehr etwas Meisterfaͤngerisches entdeckt, und ich war mit Recht erstaunt, den Veldeck , dessen Lieder mir erst als ein wahres Gegenmuster aller Meistersaͤnger auf- gegeben wurden, nunmehr unter ihnen selbst zu finden. Es mag seyn, daß sich Docen diese nicht zu verbergende Behauptung nicht recht eingestanden hat, er scheint sogar einige mal sein System auf die Gedichte uͤberzutragen, einen Mei- stersinger anzunehmen, welcher außerdem auch noch Minnelieder gemacht habe, und dann in so fern kein Meistersaͤnger sey S. 453 hat er das wieder nicht angenommen, hier heißt es bestimmt, die sieben Wartburger Dichter seyen keine Minnesaͤn- ger. S. 454 scheinen sie wieder: „nicht bloß Minnesinger.“ . Aber das bessert nichts, denn nun weise er diese gewissen Mei- sterlieder her, ob sie von den Minneliedern des naͤmlichen Dichters so verschieden aussehen Es ist damit ganz anders, als wenn der Meistersaͤnger Sachs auch andere Gedichte schreibt, die keiner fuͤr Meistersaͤnge haͤlt, und ich auch nicht, oder wenn die alten Meister in unver- schlungenen Reimen lange Romane. , und ist nicht eines so un- recht wie das andere, anzunehmen, entweder: es haben Zeit- genossen gelebt und einerlei Lieder gesungen, die einen sind davon Meistersaͤnger gewesen, die andern nicht? oder: ein und derselbe Dichter hat außer den Meisterliedern auch noch Minnelieder gemacht, da doch beiderlei dieselbe Foͤrmlichkeit in sich tragen und in den Handschriften mitten unter einander stehen? Darin mißversteht mich Docen am meisten, daß er thut, als ob ich das Wesen des Meistergesangs in einige Zufaͤllig- keiten setze, darum weil ich diese mit zu Beweisen brauche. Dergleichen koͤnnen sich fruͤher finden und spaͤter nicht, oder umgekehrt, unstreitig muͤssen wir aber auszumachen suchen, welche zu beiden Zeiten gegolten haben, damit wir auch in Besonderem das Allgemeine besiaͤtigt sehen. Andererseits liegt die offenbarste Unhaltbarkeit seiner Meinung darin, daß er zwar den Begriff seines Meistergesangs in folche Zufaͤlligkei- ten setzt, statt ihre Wandelbarkeit zu erkennen, dennoch aber nicht bestimmt damit heraustritt. Wie man sieht, so scheint sich beinahe aller Zweifel vom Verhaͤltniß der alten Dichter zu den spaͤteren Meistersaͤngern weg zu entfernen. Docen gibt die Existenz fruͤherer Meister- saͤnger zu und verredet nicht allen Zusammenhang mit denen der folgenden Zeit. Ich haͤtte also nur seinen zwischen den alten Meistern und andern Minnedichtern gelassenen Unterschied zu widerlegen, und mein ganzer Satz waͤre von ihm unange- fochten. Die allmaͤlige Veraͤnderung, worin dann eine offen- bare Verschlechterung, bliebe bloß noch historisch aufzuhellen. Freilich, so haͤtte meiner Meinung nur eine einzige con- sequente entgegengestellt werden koͤnnen, wenn sie auszufuͤhren gewesen waͤre, die naͤmlich, welche eigenthuͤmliche Kennzeichen spaͤteres Meistergesanges zum allgemeinen, nothwendigen Character annehmend, alle Dichter, die nun jene nicht an sich truͤgen, fuͤr Nichtmeistersaͤnger erklaͤrte Buͤsching hat in der That so etwas unternommen, indem er den Ursprung des Meistergesangs von der Zeit der wirklichen Tabulaturen an abhaͤngig macht. (N. lit. A. 1808. Col. 406.) Zum Ungluͤck muͤßte dann etwa die Auffindung einer fruͤheren Tabulatur das ganze System umwerfen! Davon abgesehen, daß, so viel ich weiß, alle Tabulaturen local gewesen sind. . Hierin ist neben der scheinbaren Consequenz aber eine große Uncritik zu finden; wenn eine Untersuchung kein allmaͤliges Bilden (oder Verbil- den) zulaͤßt und gleich ein feststehendes will, so mangelt ihr ein Hauptstuͤck historischer Forschung, Empfaͤnglichkeit fuͤr alles B 2 Lebendige und Bewegliche. Docen hingegen hat die fruͤhen literarischen Spuren des Meistergesangs nicht verkennen koͤnnen, und scheint mir damit sein Spiel verloren zu geben, das Wahre, Einfache einzusehen, hindert ihn eine vorgefaßte Meinung von der Harmonie und Leichtigkeit des Minnegesanges, die ich nicht leugne, sondern historisch nachweise. Er mag sie aber auf keine Weise mit dem Meistersang vereinbaren, selbst wenn man ihn, wie doch nothwendig, im Entstehen in der freiesten Art, annimmt. Vielleicht waltet ein Mißverstaͤndniß ob, das ihn jenen Unterschied zwischen den reichen Dichtern, die ihrer Poesie stolz sind, und den armen, die damit dienen wollen, machen laͤßt. Vermuthlich denke ich mir die Erscheinung einer dienenden und wandernden Dichtkunst ganz anders. Meiner Meinung zufolge hat aller Kern, alle Kraft des Minnesangs in den dienenden Dichtern gelegen, und erst an ihrem Feuer haben sich die Reichen und Hohen entzuͤndet und begeistert, die Lieder aber, welche sie jenen nachgesungen, reichen an Zahl und Wichtigkeit nicht an die der aͤrmeren Dichter Das staͤrkste Beispiel hiergegen scheint einer der trefflichsten Minnesaͤnger, Ulrich von Lichtenstein abzugeben. . Aus diesem einen Grund- stock ist die Minnepoesie in die ganze Zeit ergangen, die Fuͤr- sten, der hohe Adel mit dem Schutz und Lohn nicht zufrieden, den sie der lieblichen Kunst gewaͤhrten, wollten sich selber darin zeigen; was Docen so sehr verwirrt, stellt sich hoͤchst einfach dar. Sie mochten nun bestimmte Lehre genossen oder sich an der bloßen Sitte gebildet haben, so war doch all ihre Kunst in dem Bilde des Meisters empfangen und geboren, und es ist nicht abzusehen, warum man zu Gefallen ihrer Lieder eine eigene, verschiedene Classe machen will. Sind sie naͤmlich in sich frei und herrlich, so sind es auch die andern nicht min- der, denn wie vermochte der Einklang einer Grundweise, die sich in hunderterlei Verschiedenheit entwickeln konnte, der Frische dieser Poesie selbst etwas zu benehmen? Das alles wuͤrde sich noch klaͤrer ergeben, haͤtte die Un- gunst der Zeit nicht die meisten Minnelieder der alten großen Meister verloren. Wie wenige haben sich des reichen Wolf- rams erhalten und von Gottfried nur ein Paar kostbare, ja von Ofterdingen gar nichts, uͤber dessen Person uͤber- haupt ein sonderbares Dunke! waltet! Besaͤßen wir nur von Veldeck so viel als von Walter ! Andererseits faͤllt es auf, daß mancher sangliebende Fuͤrst, wie Landgr. Herrmann , keine eigene Lieder hinterlassen hat. Docen sucht sich so zu helfen, daß nach ihm die Minne- saͤnger zwar einigen Unterricht erhielten, — das waͤre nicht einmal noͤthig anzunehmen — doch aber deßhalb in keiner engsten Verbindung gestanden haͤtten. Dieß letzte zu behaupten, waͤre auch gewiß sehr unhisto- risch Daß ich wenigstens das nie gewollt, sehe man aus meinem ersten Aufsatz, wo ich sagte:„ vielleicht alle Minnesinger sind eigentliche Meistersinger,“ einen solchen Einwand ahnend. Die Sache ist aber deutlicher, wenn das untersirichene Wort wegbleibt. , und um nur eines zu sagen, der Wuͤrdigkeit der hoͤheren Staͤnde unangemessen; weniger die aͤußerliche Zuthat, sondern die Bedingung des inneren Auftreibens bluͤhender Poesie soll ja hier erklaͤrt werden. In so fern ist es uns gleichviel, ob sie selbst damals fuͤr Meister geachtet worden Zum wenigsten ist es ganz erklaͤrlich, wenn sie nicht eben Mei- ster genannt werden, welches Docen S. 446. gegen mich bei- bringt. In dem Glanz ihres Standes erblaßte schon wieder der Ehrenname des Dichters. Im 17. und 18. Jahrhundert war z. B. das Drechslen eine Lieblingsbeschaͤftigung mancher deutschen Fuͤrsten, keiner wird aber Drechslermeister geheißen haben, obgleich sie wirkliche Drechslerarbeit lieferten. Die auf den spaͤtern Meisterschulen von den bloßen Singern oder Schul- , denn es genuͤgt, daß ihre Poesie dieselbe Farbe traͤgt, und fuͤr uns historisch betrachtet muß sie wahrer Meistersang seyn. Sie selbst moͤgen eifriger an ihre Frauen als an ihre Singkunst gedacht, und sich mehr vor den Merkern ihrer Liebe als ihrer Gesaͤnge gehuͤtet haben. Gegen diese Vorstellung und fuͤr die Existenz einer beson- deren vom Meistersang verschiedenen Fuͤrstenpoesie, welche dann als Quelle des Minnesangs zu betrachten waͤre, ließe sich sa- gen: unter den aͤltesten Meistersaͤngern, d. h. folglich unter denen, die Docen aus aͤußerlichem Grund fuͤr solche haͤlt, kom- men bloß arme, adeliche oder buͤrgerliche Dichter vor, nie aber Koͤnige, Fuͤrsten und reicher Adel, von denen wir bloß Minne- lieder haben und deren Reihe die maneßische Sammlung eroͤffnet. Nichts ist gefaͤhrlicher, als solche negative Beweise beizu- bringen, denen leicht eine Menge aͤhnlicher und staͤrkerer ent- gegen gestellt werden kann. Ich raͤume eln, daß sich von den letztgenannten Dichtern fast nur Liebeslieder finden, aber die Ursache ist, weil sie sich nur gelegentlich und gleichsam spielend dem Gesang ergeben haben, darum hoͤren ihre Lieder gar nicht auf meistersaͤngerisch zu seyn. Die Unbedeutendheit dieser Dichter im Verhaͤltniß zu den andern, auch minnesingenden Meistern, mag am besten aus Gottfrieds Stelle im Tristan dargethan werden, wo er von den Nachtigallen sprechend keinen einzigen Koͤnig oder Her- zog u. s. w. nennt, sondern bloß den Walter und den in Dun- kelheit getretenen Hagenau, (nur, daß er nicht aus hoͤherem Stande, moͤchte kaum zu bezweifeln seyn); also mußten da- mals schon die Minnelieder der Vornehmen ganz richtig als Nebensprossen und Zweige erscheinen; ich frage mit allem Fug: ob ein solcher Ruhm des Minnesanges haͤtte verschwiegen blei- freunden gemachte Meistergesaͤnge sind eben so gewiß wirkliche, obschon ihre Dichter im damaligen Sinn keine Meister waren. ben koͤnnen? Alle Stimmen wuͤrden sich des kaiserlichen Ur- sprungs erfreut und die Sage ihn fortgepflanzt haben! Das Schweigen der spaͤteren Meister waͤre also schon in den fruͤheren gerechtfertigt, es bestaͤtigt nur, daß jene Reichen sich nie zu großen, wichtigen Werken gewendet; die maneßische Sammlung beinahe allein ist es, welche in ihrem Glanze strahlt und sich dessen wohl bewußt geworden zu seyn scheint; augen- scheinlich ist sie nicht nach dem Alter der Dichter angeordnet, sondern nach ihrem aͤußeren Rang Es moͤgen noch viel Minnelieder außer ihr existirt haben, und eine genaue Bestimmung des Verhaͤltnisses der vatieanischen H. S. zu ihr, welche wir von Gloͤckle hoffen, hat schon darum ihr großes Interesse. Spaͤter hat man offenbar fuͤr die H. S. der aͤlteren Meisterlieder wenig gesorgt, sonst muͤßten ihrer mehr erhalten worden seyn. In Puͤterichs ganzer Bibliothek keine einzige! . Was noch mehr, andererselts erblicken wir, nach dem Ex- tract aus der spaͤten Straßburger Tabulatur in einem gewiß nicht nach den uns bekannten Minneliedersammlungen gemach- ten, alles unter einander werfenden Verzeichniß der alten Mei- ster mehrere aus den hoͤheren Staͤnden, indem ich der adeli- chen geschweige, einen Graf von Bernburg, von Helderung, Herzog Otto von Oestreich, Leopold und Wenzel von Boͤhmen. Man darf daher nicht behaupten, den spaͤteren Meisterfingern sey die Existenz ihrer fuͤrstlichen Vorfahren gaͤnzlich unbekannt geblieben, allein sie haben nicht darin die Ehre ihrer Kunst gesetzt, weil der Ursprung der Kunst nicht in jenen gelegen. Und dieses kann auch wohl dienen, die Paradoxie eines Freun- des zu widerlegen, daß vielleicht kein Fuͤrst die ihm zugeschrie- benen Lieder selbst gemacht, sondern sie auf seinen Namen von beruͤhmten Dichtern habe verfassen lassen. Dem widerspraͤche auch so manches, was aus dem Leben der Provenzal- und franzoͤsischen Dichter bekannt geworden; einem Richard Loͤwen- herz, Wilhelm von Poitou, einem Koͤnig von Navarra laͤßt sich das Eigenthum der Lieder nicht absprechen. In ganz Eu- ropa ergriff damals das Dichten die Fuͤrsten, wie spaͤter im 15. und 16. Jahrh. die Gelehrsamkeit, oder wie sie vorher von den Spielleuten Gesang und Harfe erlernten. Eine Stelle Meister Alexanders kommt mir gerade in Ge- danken, welche ich noch erwaͤhne, damit sie keiner gegen mich gebrauchen will. Er klagt darin den Verfall der Saͤngerkunst, die ehedem von Herren und Koͤnigen waͤre getrieben werden. Gleich schon der Umstand, daß hier ein unbestrittener Meister- saͤnger spricht, ist dem Schluß entgegen, den man aus der Stelle ziehen koͤnnte, sie wuͤrde dann bloß beweisen, daß die aͤltesten und beruͤhmtesten Meister aus hohem Stande gewe- sen, was ich gewissermaßen leugne. Auch ließe sich etwa al- les von dem Schutz auslegen, der ehemals dem Meisterge- sang zu Theil geworden, da er noch an den Hoͤfen beliebt ge- wesen, was niemand leugnen wird. Man braucht indessen nur die folgende Strophe Alexanders zu lesen, um zu merken, daß er dießmal weit uͤber die deutsche Zeit hinaus an das Beispiel Dieses figurirt auch noch terminologisch in den Meisterschulen. Vergl. auch Morolf u. Sal. v. 1320 u. 2508. des singenden David und der tanzenden Herodias gedacht. Hiermit hoffe ich gezeigt zu haben, daß ein Unterschied zwischen den alten Meistern und gleichzeitigen Minnedichtern unhistorisch sey, ja widersinnig, und noch vielmehr einer zwi- schen gleichzeitigen Meister- und Minneliedern, nach welchem sich zweierlei Gesang in einer und derselben Person und in denselben Weisen darthun soll. Gibt man mir dieses zu, so habe ich streng genommen meinen Gegner widerlegt. Da er indessen von der Existenz der alten Meister manchmal zweideutig redet und den innigen Zusammenhang mit den spaͤtern nicht gern eingestehet, so lasse ich nun meine ganze Vorstellung folgen. Die seinige wird da- bei unfehlbar von allen Seiten eroͤrtert und dadurch daß ich die Gruͤnde fuͤr den alten Meistergesang auch bei seinen vorbe- haltenen Minnedichtern eben so gut, als bei seinen Meistersin- gern entdecke, im Einzelnen bestritten werden. Denn darin liegt der von Docen begehrte Veweis, der Unzertrennlichkeit der Minnelieder und alten Meistergesaͤnge, daß in beiden die naͤmliche innere Gestalt und an den Verfassern beider die naͤm- liche Sitte dargethan werde. Zweierlei wuͤnsche ich, moͤge uͤberall deutlich bleiben, wie um diese zwei Puncte dreht sich meine ganze Meinung, in ih- rer Einigung und Durchgreifung liegt mir die ganze Historie des Meistergesangs. Einmal, daß das Lebendige und Gute als das Urspruͤngliche aufgewiesen und erkannt werde, selbst noch aus der spaͤtesten Entartung; zweitens daß diese, oder das Toͤdtende als nicht urspruͤnglich entwickelt, jedoch keimend erscheine. Keines kann in Trennung des Alten vom Neuen vollbracht werden. Ich halte es fuͤr den Hauptmangel meiner fruͤheren Aufsaͤtze, daß in ihnen das foͤrmliche Princip des Meistergesangs, obgleich durch Beispiele bewiesen, nicht klar ausgesprochen worden ist, es fehlte mir dazumal an Zeit zu der muͤhsamen Untersuchung, ohne welche zwar Voraussetzung aber keine Darlegung des Rechten moͤglich war und deren Re- sultat ich gegenwaͤrtig der Pruͤfung des Publicums unterwerfe. Den wahren Sinn meiner Ansicht kurz und eigenst aus- zudruͤcken, bietet mir der philosophische Sprachgebrauch ein Mittel dar, wenn er dem Leser uͤberall gangbar oder gegenwaͤr- tig vorauszusetzen waͤre: die Identitaͤt des Minne- und Mei- stergesangs will ich ausfuͤhren, ihre Einerleiheit leugnen. Daß ich fruͤherhin, dieser Terminologie uneingedenk, den letzten Aus- druck einigemal fehlerhaft gebraucht habe, darf mir natuͤrlich keinen Schaden thun, uͤberhaupt aber, wen die Worte nichts angehen, der halte sich an die Sache. Uebersicht der Meisterkunst von Anfang bis zu Ende . Ueber den Ursprung des Meistersangs etwas Bestimmtes oder nur Wahrscheinliches zu setzen, ist auf den ersten Anblick unthunlich. Vor allem nach der bisherigen Ansicht, wie sollte sich eine so scharfe und engfoͤrmliche Gesellschaft, als man doch in dem 15ten und 16ten Jahrhundert erkennt, niedergesetzt und gestiftet haben, ohne daß es dabei zu schriftlichen Urkunden gekommen waͤre? Dieß anzunehmen, scheint um so noͤthiger, da man weiß, daß spaͤterhin in den Schulen der Meistersaͤnger gewisse geschriebene Ordnungen und Gesetze vorhanden waren; warum sollten sich also diese nicht von einer fruͤheren herleiten? Allein gerade alle solche Urkunden, oder gar die einer Stiftung mangeln gaͤnzlich. Die aͤlteste bekannte Tabulatur Dieses Wort ist schon fruͤher, als es in Meisterschulen gebraucht wurde, fuͤr die Musik uͤblich gewesen, und es wohl noch. , die Straßburger, kann hoͤchstens nur eine fuͤr die dortige Zunft neu aufgesetzte und veraͤnderte seyn, sie ist voll historischer Verirrung uͤber gar viel aͤltere Meister. (Man sehe den Aus- zug bei Schilter v. Bardus .) Die Straßburger Zunft mag immerhin erst 1493, (nach dem vermuthlich von C. Span- genberg aufgesetzten Brief des Raths von 1598) aufgekommen seyn, unerachtet manches mit Grund dagegen zu sagen waͤre; so ist doch die Meistersaͤngerei des vierzehnten Jahrhunderts zu unleugbar, als daß wir ihn erst so spaͤt duͤrften beginnen las- sen. Und keine einzige Chronik, kein Document des vierzehn- ten oder funfzehnten Jahrhunderts thut Meldung einer solchen Stiftung, da doch sonst der Buͤrgerstand fuͤr das Gedaͤchtniß anderer Dinge, die ihn betrafen, nicht unbesorgt war. Wer wollte an eine spaͤtere Stiftung des Meistergesangs glauben? Gleichen Grund, nur daß dessen Gewicht immer bedeu- tender wird, je mehr aͤußerliche Widerspruͤche ihm entgegen stehn, hat Docen gegen sich, der genau genommen gar zu gern zweierlei, wo moͤglich unterschiedene Arten Meistersaͤnger annehmen moͤchte. Die aͤltesten Meister, ein Eschenbach, Of- terdingen, ja der restituirte Veldeck, sollen immer noch keine rechte Meistersaͤnger seyn, ihr eigentliches Wesen, (woruͤber er uns freilich in Unsicherheit schweben laͤßt, allenfalls das schul- maͤßige isolirte,) soll erst mit Frauenlobs Zeit S. z. B. S. 115. Seite 473. scheint der Punct des eigentli- chen Meiftergesangs erst auf dem Jahr 1500 zu schweben! Anno 1600 war er gewiß noch eigentlicher. angegangen haben. Gut, so weise er eine Art Urkunde vor, oder zeige, daß dergleichen erst seitdem existirt! Aber weder Frauen- lob, noch irgend einer seiner Zeit- und Kunstgenossen reden von ihrer gestifteten Schule Vielleicht soll ein Beweis in spaͤtern Behauptungen, (wie in dem Memminger Bericht vorkommend) liegen, wonach die er- sten Schulen zu Mainz, Frauenlobs Ort, gehalten worden. Meinethalben auch, die bestimmte Schulfeierlichkeit gehoͤrt nicht zum Wesen des Meistergesangs. , von ihren neuen Einrichtun- gen. Sie stellen sich vielmehr immer als Nachfolger aͤlterer Meister dar, und wenn sie sich deren einigemal in der Kunst uͤberheben, so klagen sie desto mehr uͤber den Verfall der letz- tern, uͤber die zunehmende Gleichguͤltigkeit der Fuͤrsten und reichen Herren, wie dessen jede Seite der Jenaischen H. S. Zeugniß ablegt. Allen solchen Einwuͤrfen, die sich im Verfolg noch deutli- cher ergeben sollen, ist meine Ansicht nicht bloßgestellt, darum weil sie eine allmaͤhlige aber unzertrennliche Entwickelung des ganzen Wesens in einer vollstaͤndigen Erscheinung annimmt. Schon lange vordem, ehe das in Deutschland zu gelten anfing, was in meiner ganzen Abhandlung unter dem Mei- stergesang verstanden wird, waren Gesaͤnge und Saͤnger. Was die Gesaͤnge angeht, so zeigte sich in ihnen ein hoͤchst einfa- ches und einfoͤrmiges Gebaͤude; wir haben wenig Gruͤnde zu bezweifeln, daß die Weisen von vier langen Zeilen das alte und recht volksmaͤßige Maas gewesen, aber wir duͤrfen dieß nicht auf die epischen Lieder beschraͤnken. Auch alte Minne- lieder, und gewiß im zwoͤlften Jahrhundert, haben sich darin bewegt, gerade wie deren noch einige in der maneßischen Samm- lung stehen, obwohl diese zum groͤßten Theil neuer gedich- tet sind Wie will man anders die Fragmente des alten Titurels erklaͤ- ren, der noch vor Veldeck faͤllt? Hier ist naͤmlich bei der Aehn- lichkeit einzelner Wendungen ein großer Abstand vom Stil der Nibelungen, aber auch noch gar wenig von der ausschweifen- den spaͤtern Manier. Die Form ganz einfach und ohne Mei- stersaͤngerisches. — Will man mir aber einwerfen, warum ich denn die adliche Minnepoesie nicht als eine Fortsetzung solcher alten Lieder, unabhaͤngig vom Meisterwesen, gelten lasse? so ist die Antwort: eben weil die adlichen Dichter sich hoͤchst wahrscheinlich und einige erweislich nach den armen gebildet, und weil ihre Lieder das entscheidend meisterfaͤngerische an sich tragen. Denn gewoͤhnlich haben wir von ihnen auch recht kuͤnst- liche Gesaͤnge, den Kuͤrenberger etwa koͤnnte man fuͤr einen aͤlteren Dichter halten, der noch nichts von unserm Meistersang gewußt. Unrecht thut man mir uͤbrigens mit jener Frage, zu glauben, daß ich die spaͤtere Minnepoesie von jener alten tren- nen wolle. . Sodann aber ist wieder kein Bedenken, daß die Dichter und Saͤnger einen eigenen Stand gebildet, der unter dem Volk und an den Hoͤfen herum gezogen und auf irgend eine Weise zusammen gehalten hat. Aus diesem Bestehenden und Alten ging nun ein Neues hervor, wohin schon auf eine nicht zu uͤbersehende Art der Name selber weist (mehr davon unten) und wie es fast uͤberall geschieht. Was erst allgemein gewesen, trat in ein charakteri- stisches uͤber und nahm mit der vorher nicht dagewesenen Schaͤrfe eine eigentliche Differenz an. Die Anwendung ist leicht zu machen: der innere Grundbau der Lieder wurde hervorgehoben, und ihnen zugleich eine Fuͤlle der Entfaltung gelassen, weßhalb man dann die alten Meisterlieder einmal fester und strenger, dann auch freier und gewandter als den Volksgesang erkennen muß. Andrerseits blieb die persoͤnliche Sitte bestehen, die Mei- stersinger lebten an den Hoͤfen, und wandten ihre Kunst auf den Lohn der Fuͤrsten, nur ist hier wieder entscheidend, daß sich die Dichter eben ihres Kunstmaͤßigen, Eigenthuͤmlichen be- wußt werden und sich darum auf einer hoͤhern Stufe glauben mußten, um so mehr als vermuthlich schon damals die Le- bensart der Volkssinger in der oͤffentlichen Achtung gesunken war Wenn Docen aus irgend einem bloßen Minnesaͤnger eine der nachstehenden aͤhnliche Stelle beibraͤchte, so wuͤrde er damit um so weniger gegen mich beweisen, als diese selbst von einent un- bestrittenen Meister herruͤhrt. Conrad von Wirzburg singt 2. 207 a : 〟Edelsang sey eine innerliche Kunst, die nicht gelchrt werden koͤnne, sondern von selber kommen muͤsse. 〟enselben Gedanken mit andern Worten im troj. Krieg: Der Meister, dem die Kunstregel nicht verborgen gewesen seyn kann, erkennt die hoͤhere Nothwendigkeit innerliches Berufs. In aͤhnlichent Sinn sagt auch der von Morungen 1. 53, daß er durch Sang zur Welt geboren worden. . Beides nun, das Verfeinern der Form und die Wiederer- hebung des Standes wurde befoͤrdert und veranlaßt durch ei- nen uͤberwiegenden, aber laͤngst zeitigen Hang zu dem subjecti- ven, lyrischen Princip. Die Zeit stand mitten in zwischen der rastlosen Heldenthaͤtigkeit und dem ernsten Niedersetzen und Arbeiten des Geistes; es war eine sehnende seelige Bewegung des Gemuͤths, das sich uͤber sich selbst zu besinnen anfing und an seiner Zierde und Pracht ein reines Wohlgefallen trug. Bei dieser natuͤrlichen Stimmung fuͤr eine feine und glaͤnzende Dichtkunst braucht die ploͤtzlich aufstehende Vielheit der Min- nelieder gar keine Erklaͤrung und zu einer Zeit, wo geistliche und weltliche Orden gelten und aufkommen, ist es an sich zu erwarten, daß man die Poesie gerade so und nicht anders als so vieles im ganzen Leben genommen. Diese drei Momente setzen mir die Entstehung des Mei- stergesanges und es ist schwer zu bestimmen, wie das letztere allgemeine auf die beiden ersteren eingewirkt und auch durch sie verstaͤrkt worden, oder wie sie beide in einander gegriffen haben. Die Epoche aber faͤllt in keine andere als Veldecks Lebenszeit, und hieruͤber ist Gottfrieds beruͤhmte Stelle ganz und gar entscheidend. Indem er sich ausdruͤcklich auf das Zeugniß anderer Meister bezieht, versichert er bestimmt: 〟daß Veldeck das erste Reis in deutscher Zunge geimpft, von dem nachher alle Blumen gekommen.〟 Die aͤlteren Gedichte, die erzaͤhlenden langen und die kleineren konnten dem Gottfried gewiß nicht unbekannt geblieben seyn, allein er dachte nicht an sie, als die ganz außer dem Kreise der neu geschaffenen bluͤ- henden Kunst lagen. Fruͤhere Meistersaͤnger haben also vor Veldeck nicht gelebt, damals stand der neue Gesang auf und gleich in bedeutender Menge da, indem ihm seine Lieblichkeit eine allgemeine Theilnahme und Nachahmung erweckten. An eine Stiftungsurkunde des Meistergesangs ist kein Ge- danke, (denn bloß ihr Andenken wuͤrde der Nachzeit fester an- gehangen haben) gleich Anfangs die Regel auszusprechen kam niemanden bei, was sich selbst guͤltig machte, blieb und galt fort. Aber Regel und Meister gab es mit dem Anfang des dreizehnten Jahrhunderts schon genug und dafuͤr haben wir gluͤcklicherweise mittelbare Documente uͤbrig. Die Verherrli- chung der Gegenwart schien viel reitzender, als der todten Hel- den Thaten und Ruhm, die Poesie wurde lebendiger und ins Le- ben eingreifender, so wie das Verdienst der Person des Dichters eigenthuͤmlicher, ehrenvoller war. In Staͤdten, auf dem Lande mag der Minnegesang wenig Eingang gefunden haben, die ließen sich das Alte nicht so nehmen und wiederum verschmaͤh- ten es die meisten Hofdichter, sich durch Ergoͤtzung des unge- bildeten Volks gleichsam zu erniedrigen. Diesem mußten die Liebesklagen zu fein und gestaltlos vorkommen, wie haͤtte es fuͤr allegorische Deutung, Gelehrsamkeit und Tiefe Sinn ge- habt? — Das war unstreitig der Ursprung und die hoͤchste Bluͤthe der Meisterkunst, als sie an den Hoͤfen herrschte und von ihren Goͤnnern belohnt und mitgetrieben froͤhlich ausbrei- tete Daher der sehr uͤbliche Ausdruck: 〟 hofelicher Sang.〟 Truchseß (bei Adelung 1. 100.) von Walter, womit dieser selbst zu vergl. Maneße 1. 112 und 131. Tanhuser 2. 69. Marner 2. 179. Suonenburg 2. 213. conf. Titurel 1609. Gottfried Er. 1843 will nicht von Siechheit und Arzenei spre- chen, er vermeide alle Rede, die nicht 〟des Hovis si.〟 Ru- melant nennt ausdruͤcklich als Zweck der Kunst: 〟die Herren froh zu machen〟 ( CCCXXXI. ) und Misner sich selbst einen Fuͤrstendiener, der auf Gnade singe. ( DXC. ) Das Wort: hoͤflich, nahm in der Folge die viel allgemeinere, und eben aus ihm entsprungene Bedeutung von huͤbsch (hobisch, hin- bisch), und so koͤnnen auch spaͤte Meister noch 〟sunst ander hoͤffliche Gedicht〟 anpreisen. ( Arnims Codex, Num. 70.) . Die zweite Epoche ist schon viel fruͤher vorbereitet, erst im vierzehnten Jahrhundert besonders hervorgegangen. Wo die Kunst im Leben schwer gemacht wird, zieht sie sich in sich selbst zuruͤck, sobald sie noch Kraft hat zu dauern; gerade auf den Meistersang mußte die Wirkung nachtheilig und einseitig seyn. Die Fuͤrsten ermuͤden der Minnelieder nach und nach, das Volk kann sie nicht brauchen. Die Meister klagen uͤber den Verfall des hoͤfischen Sangs, die Loblieder auf die Fuͤrsten und Herren gerathen immer haͤufiger, schmeichelnder und ge- zierter, je schlechter sie bezahlt werden, und sie unterlassen dabei nie zu sagen, daß ihr Lob ein wahres sey und sie das der Schlechten verabscheuen. Sie moͤgen aus allen freien Kuͤnsten schoͤpfen, um neue reizende Gleichnisse zu erfinden, ihr Anfehen kann nun nicht mehr erhalten werden. Der Mei- ster kehret sich ganz seinem Gemuͤth zu, die Lust, große Ro- mane zu reimen, verliert sich, aber die Lust, den Weltlauf zu ergruͤnden, die goͤttlichen und menschlichen Dinge zu betrach- ten wird immer reger Die merkwuͤrdigste und deutlichste mir bekannte Stelle, worin die saͤmmtlichen sieben freien Toͤchter auf den Meistergesang angewendet werden, ist in einem Gesang in dem langen Re- genbogen, bald zu Ende des Weimarischen Codex. Ich wuͤrde ihn gern mittheilen, wenn es der Raum erlaubte. Daß aber, so bald wir den Meistergesang richtig, d. h. historisch betrach- ten, sein Wesen von dem Studium der sieben Kuͤnste, unab- haͤngig ist, wird noch unten vorkommen, Note 66. Man vergl. Regenbog Maneße 2. 197. Canzler 2. 246 u. Wagenseil 552. 553. , ohne Zweifel waren die meisten Dichter mit der Frucht ihrer Arbeit hoͤchst vergnuͤgt. Dabei versieht sich von selbst, daß sie die Form der Worte aufs hoͤchste trieben und durch deren geheimnißvolle Stellung das Geheimnißreiche (nicht ohne Grund) zu ehren strebten, eben so glaublich ist es, daß sie ihre aͤußerliche Verbindung unter ein- ander weit entfernt fahren zu lassen, in manchen Ceremonien zu befestigen suchten. Man darf die im vierzehnten Jahrhun- dert erschienenen Meisterlieder nicht sogleich schlecht heißen, noch weniger ihre Verfasser heruntersetzen. Unter diesen lebten aͤcht poetische Gemuͤther, Frauenlobs Werke sind uͤberreich, wun- derbar und von einer Verworrenheit, aus der sie sich gleichsam zu ihrem eigenen Schmerz nicht zu loͤsen vermoͤgen. Nicht so wohl er, wenn wir nach dem Uebriggebliebenen urtheilen, (ob- gleich sein ganz anders zu erklaͤrender Name, und die Sage darauf hinweisen), sondern andere mit ihm gleichzeitige, fallen zuweilen in die alten Liebestoͤne ein. Alexanders Gesang uͤber seine Kindheit ist in einer zarten Ruhe gedichtet, die uns jetzt viel werther daͤucht, als die schwersten Kunstlieder; auch Wizlau Diesen scheint D. nach S. 113. nicht fuͤr einen Meisterfinger passiren zu lassen, obgleich er die senende (Minne-) weise eines gleichzeitigen Meisters nachgesungen habe! macht eine Ausnahme, und Hadloub , von dem wir bluͤhende Minnelieder uͤbrig haben, obschon er um 1300 schrieb, und wir das ohne Zweifel der laͤngeren Neigung ei- niger Schweitzerherrn verdanken. In der dritten Epoche, welche ich vom funfzehnten Jahr- hundert bis ans Ende rechne, wies es sich nun noch deutlicher aus, daß fuͤr die Meisterpoesie die Zeit des Hoflebens und Wan- derns voruͤber Ein spaͤtes Beispiel ist bekanntlich der Christian Hafner , dessen Amsel den daͤnischen Hof auf den Meistergesang ihres Lehrers neugierig machte, worauf der gute Mann aus Nuͤrn- berg (1666.) nach Copenhagen reiste und jedermann uͤberaus wohlgefiel. Eine fruͤhere Erzaͤhlung von einem Nuͤrnberger (?) Meistersaͤnger, der 1551 in Preußen auf einer Hochzeit vom heidnischen Abgott Baechus sang, hat Kotzebue Gesch. von Preußen 2. 194. 195. aus Vincentii moguntini chronicon prussiae, oder vielmehr dem Auszug daraus in Beckers Ver- such einer Gesch. der Hochmeister. Berlin 1798. war, denn es hatten die Fuͤrsten den Mei- stern alle Gunst entzogen, und auf andere Staͤnde konnten sie eine Einwirkung nicht erneuern, die sie nie gehabt. Dagegen gerieth die Kunst in den Buͤrgerstand allmaͤlig herab, nicht als ob vorher keine Buͤrger derselben theilhaftig gewesen, son- dern weil jetzo eine Menge aus diesem Stand sie umfaßten und bluͤhender als je machten, wenn man auf die Anzahl der Ausuͤbenden sieht. Nirgend haͤtte der sinkende Meistergesang so lange gehalten, wenn er nicht in die deutschen Staͤdte ge- langt waͤre, wo die wohlhabenden Buͤrger es sich zur Ehre ersahen, daß sie die Kunst einiger ihrer Vorfahren nicht aus- C gehen ließen, und bald war sie durch eine Menge Theilnehmer in Ansehen und Foͤrmlichkeit gesichert Hans Sachs soll den Meistergesang so aufgebracht haben, daß mit ihm 250 zu Nuͤrnberg gewesen. ( Vogt .) . Die gelehrten Mei- ster der vorigen Periode starben aus, in den Formen hatten sich leicht Schuͤler angelernt. Von den tiefen, subtilen For- schungen wandte sich der einfache Sinn allmaͤlig ab und hielt sich an die Darstellung von Wahrheiten der heiligen Schrift und leichter Allegorien. Zwischen den Minneliedern lag ohnedem die Kluft der vorigen Periode, und in den protestantischen Staͤdten, den Hauptsitzen des spaͤteren Meistersangs kam die Reformation hinzu, die uͤberall reines Haus haben wollte, es wurden daher weltliche Gegenstaͤnde durch Sitte oder vielleicht selbst in einigen Ordnungen vom Gesang ausgeschlossen. Man darf aber durchaus nicht diese sicher nicht allgemeine Einschraͤn- kung aus dem Princip des Meistergesangs ableiten, dem sie nur aufgedrungen und fremdartig war; wir haben sogar nicht wenig wirkliche Meisterlieder aus der letzten Zeit, welche von Liebe oder lustigen Spaͤßen handeln Docen hat selbst einige dergleichen aus etwas fruͤherer Periode mitgetheilt, die er ja nicht Minnelieder, aber doch erotische nennt. Ueberhaupt sind ihm einige Abfertigungen zur Hand, welche auf alle Beispiele passen, die man gegen ihn anfuͤhrt. Citirt man ihm das gefoderte Exempel einer spaͤtern Form in fruͤher Zeit, so scheint der Dichter entweder ein armer — dann ist es ja auch ein Meistersinger, — oder ein reicher — dann ist die Aehnlichkeit zufaͤllig. Citirt man ein Minnelied eines alten Meisters, — so ist es nebenbei, außerhalb der Meister- kunst gemacht und kein eigentliches Meisterlied, — oder eines spaͤten — so ist es kein eigentliches Minnelied. Ich moͤchte wissen, wo die Zeit angeht, nach der er ein Minnelied in unleugbarer Meisterform fuͤr einen Meistersang gelten laͤßt! . Wenn das auch nicht gern auf den Schulen oͤffentlich abgesungen wurde, so schrieben es doch zu Haus die Meister in ihre Buͤcher mitten unter die andern und niemand wird in der That Lieder, die in kunstgerechten Meistertoͤnen gedichtet sind, fuͤr etwas anderes halten wollen. Die Regeln fuͤr aͤußerliche Form und Feier- lichkeit wurden anscheinlich immer noch vermehrt Und alles in der besten Meinung von wahrem Fortschreiten in der Kunst; wie es ein Lied aus dem sechszehnten Jahrhun- dert ausdruͤckt: man thut von tag zu tag sich gar drin sterken und fortwalten. , waͤhrend doch manche Feinheit der Alten verloren ging und von der ei- gentlichen Grundform die spaͤten Tabulaturen, als einer uͤbri- gens bekannten Sache, fast gaͤnzlich schweigen. C 2 Innere Beweise . Das Wesen alles Gesangs besteht in einem Maaß, wo- durch sich gewisse gleiche Abschnitte oder Ruhen einsetzen, und das man zuletzt nur aus demselben Princip zu begreifen ver- mag, welches das Athmen, das Schlagen des Bluts, die Schritte des Gehens leitet. Ein Satz, durch den auf die Innigkeit der ganzen Natur mit der Poesie helles Licht faͤllt, ohne den keine Metrik in der allgemeinsten Bedeutung des Worts verstanden werden kann, dessen Ausfuͤhrung aber nicht hierher gehoͤrt. Ich habe schon anderswo Heidelberg. Jahrb. 1810. Heft 27. angedeutet, wie die Volkspoesie alles ihr Maaß klar und rein in sich behaͤlt, die Kunstpoesie hingegen nicht selten falsch anwendet und eigenen Gefallen findet, sich zu beschraͤnken. Eine solche Beschraͤnkung tritt auch an unserm Meister- gesang sichtbar hervor. Seine ganze Art zeigt und seine Ge- schichte bestaͤtigt, daß ein tiefgegruͤndetes, herrliches Princip nach und nach ausgehoͤhlt und ein todtes aus einem lebendi- gen geworden ist. Als ich das Wesen des Meistergesanges in eine gewisse Kuͤnstlichkeit der Form setzte, haͤtte ich darauf am wenigsten die Einwendung erwartet: daß jedes Gedicht, wenigstens je- der Gesang, eine Form haben muͤsse, jene Bestimmung mit- hin gar nichts aussage. In dem Meistersang ist sich nicht nur die Form durchaus ihrer bewußt geworden, sondern sie uͤbt sich auch neben groͤßter Mannichfaltigkeit in gezogenen Kreisen. Wir haben folglich, wenn wir sie einer eigenen Klasse von Dichtern Jahrhunderte hindurch besonders zusprechen muͤssen, immer das Recht dieselbe Form von allen andern historisch abzusondern. Gegen das dreizehnte Jahrhundert hin, bis wo man nichts als die lang gemessenen Laute alter Heldenlieder gesun- gen und gehoͤrt Oder in kurzen einfachen Reimzeilen erzaͤhlt. Otfrieds Evan- gelia waren so wenig fuͤr den Gesang, als Werners Maria, allein Ludwigs Ehrenlied wurde doch gesungen, und nicht un- moͤglich auch Koͤnig Rother in dessen abweichender Form das unvolksmaͤßige beigemischte Element vorzuͤglich anzuerkennen. , erschallt auf einmal, wie aus der Erde gestiegen, ein wunderbares Gewimmel von Toͤnen und Klaͤn- gen. Von weitem meinen wir denselben Grundton zu verneh- men, treten wir aber naͤher, so will keine Weise der andern gleich seyn. Es strebt die eine sich noch einmal hoͤher zu he- ben, die andere, wieder herunter zu sinken, und mildernd zu maͤßigen, was die eine wiederhohlt, spricht die andere nur halb aus. Denkt man dabei an die begleitende Musik, so kann diese schon wegen der Menge Stimmen, denen die In- strumente nicht genuͤgt haͤtten, nicht anders, als hoͤchst einfach gewesen seyn. Sie muß beinahe mit in den Reimen gelegen, und zwar der Harmonie, nicht aber der Melodie entbehrt ha- ben Es verdient besonders untersucht zu werden, ob sich nicht auch darin der Meistersang von dem Volkslied unterscheide, wie ich vermuthe, daß das natuͤrliche allgemeine Moll dem letztern, das individuelle Dur dem erstern gemaͤß ist. . Tausend reine bunte Farben liegen dahin gebreitet, grell froͤhlich an einander gesetzt, gar selten vermischt, daher es kommt, daß alle Minnelieder selbst die verschiedensten sich dennoch zu gleichen scheinen. Diese Dichter haben sich selbst Nachtigallen genannt Ich begnuͤge mich hier an Gottfrieds von Straßburg be- kannte Stelle zu erinnern, Tristan 4631 ꝛc. Da er hier bloß von erzaͤhlenden Meistern reden will, so scheidet er ganz recht bloße Liederdichter, wie den von Hagenau und Walter von den vorgenannten Veldeck, Blicker, Hartmann u. s. w., ob gleich diese auch einige Lieder gemacht. Jene aber: „horent nicht zu dirre schar.“ An einen Unterschied zwischen Meistern , und gewißlich koͤnnte man auch durch kein Gleichniß, als das des Vogelsangs, ihren uͤberreichen, nie zu erfassenden Ton treffender ausdruͤcken, in welchem jeden Augenblick die alten Schlaͤge in immer neuer Modulation wie- derkommen. An der jugendlichen frischen Minnepoesie hat alle Kunst ein Ansehen der Natuͤrlichkeit gewonnen, und sie ist auf gewisse Weise auch nur natuͤrlich Ich fuͤhle es wohl, darin muß etwas gegen meine Ansicht lie- gen, daß man sich die Unschuld dieser Poesie mit der Kunst nicht zusammen denken mag. Ohne zu wissen oder selbst zu glauben, daß Tiek meine Vorstellung billigt, kann ich mich hier nicht besser schuͤtzen, als mit dessen eigenen Worten: „so viel Kunst und strenge Schule auch so manche Gedichte dieser Zeit verrathen, so moͤchte man doch diese Poesie nicht Kunst nen- nen; sie ist gelernt, aber nicht um gelehrt zu erscheinen, die Mei- sterschaft verbirgt sich in der Unschuld und Liebe, der Poet ist unbesorgt um das Interesse, daher bleibt er in aller Kuͤnstlich- keit so einfaͤltig und naiv, er sucht seinen Gegenstand lieber durch eine neue Anordnung der Reime, als durch neue und auf- fallende Gedanken hervorzuheben.“ ; nie hat vorher, noch nachher, eine so unschuldige, liebevolle, ungeheuchelte Poesie die Brust des Menschen verlassen, um den Boden der Welt zu betreten, und man darf in Wahrheit sagen, daß von keinem dichtenden Volk die geheimnißvolle Natur des Reims in solcher Maße erkannt und so offenbar gebraucht worden. Allein wir ahnen voraus, wie das poetische Leben, das sich zarter Kind- lichkeit aufgethan, auf einmal falsch verstanden und die goͤtt- liche Blume den abgoͤtternden Haͤnden ihren Kelch der reichsten Farben zuschließend, nur die Außenseite uͤbrig lassen werde, die gleiche Gestalt hat, aber bleich ist. So streift der hoͤchste Gipfel des lebendigen Spiels schon mit einigen Zuͤgen in stille und Minnes. denkt aber der Dichter nicht, wozu gerade der Ort gewesen waͤre, ja er nennt die Nachtigall von der Vogelweide selber eine Meisterinne (v. 4680.), wenn auch im allgemeinen Sinn, der aber hier, falls jener Unterschied Statt gesunden, selbst vermieden worden waͤre. Erstarrung, die erstiegene Hoͤhe ist zu fern, als daß wir nicht noch eine Weile geblendet in der Taͤuschung fortdauern sollten. Einige Jahrhunderte spaͤter sehen wir keine Hoͤfe mehr, vor denen Saͤnger ankommen, mit ihren Liedern das Fest zu erfreuen und die Freigebigkeit des Herren in sinnreichem Lob zu erheben. Wir finden stille, geschlossene Staͤdte, in deren Mauern ehrsame Buͤrger wohnen, die unter einander eine selt- same steife Kunst treiben. Betrachten wir diese naͤher, so hat sie in nichts das Ansehen einer neuen Erfindung. Schon uͤber- haupt ließe sich kein Grund einbilden, warum der Buͤrgerstand eine besondere Reimkunst unter sich eingefuͤhrt haben sollte; viele sprechen dafuͤr, daß er mit Stolz und Treue bewahrte, was aus der Borzeit hergekommen war. Aller andere Schmuck ist ferngehalten aus ihrer Poesie, die Reime aber stehen ver- waist an den alten Orten, wohin sie nicht recht mehr gehoͤren, und ohne Bedeutung, wie man lange noch die Zeichen eines verloren gegangenen Guts fortfuͤhrt, ohne ihres Sinns zu ge- denken. Man hat den spaͤteren Meistersang bisher ganz un- verstaͤndig aufgefaßt und eben in seiner Unbehuͤlflichkeit den al- ten Ursprung nicht gesehen. Ich behaupte, seine Erscheinung wuͤrde uns unerklaͤrlich fallen, wenn wir nicht bis auf die erste Bluͤte des Minnesangs zuruͤckgehen koͤnnten. Denn je fester, toͤd- tender etwas Unscheinbarem angehangen wird, desto herrlicher und kraͤftiger muß die Grundlage gewesen seyn, und ohne Entzuͤk- kung im Anfang ließe sich nicht begreifen, mit welcher Scheu ein Volk den leeren Dogmen eines Glaubens treu bleiben kann. Also weisen auch unsere beiden Perioden nothwendig auf ein- ander hin und es bliebe in jeder da ein unverstaͤndlicher Punct, wo man sie nicht innig mit einander verbindet. Oder will man das Alles in der Zeit suchen, die im Mittel liegt, so daß man sie nicht als wahrhaft vermittelnd betrachtet, sondern dahin ein bestimmtes Endigen der einen und ein Anfangen der neuen Erscheinung setzt? Dann ließe sich zur Noth noch jenes Ende begreifen, (weil ein Leben ab- geschnitten werden kann,) aber durchaus nicht dieser neue An- fang. Der Meistergesang im vierzehnten oder funfzehnten Jahr- hundert als etwas eigenthuͤmliches erstanden, waͤre ein Kind ohne Jugend, und die ganze Geschichte dieser Zeit koͤnnte uns nirgends seine Wundergeburt deutlich machen. Vielmehr stoßen wir allerseits an eine eigentliche Mitte, welche auf fruͤheres und spaͤteres hinweist und unsere Kenntniß von beiden erst vollstaͤndig macht. Ich wende mich nun naͤher zu dem, was ich fuͤr den be- sten Leitstern unserer Untersuchung, fuͤr das Charakteristische des Meistersangs halte, um dadurch, wofern es der fruͤheren und spaͤteren Zeit auf gleiche Art zukommt, meine Vorstellung zu rechtfertigen. Unter allen Regeln der Metrik, so willkuͤrlich sie auch scheinen moͤgen, liegt zuletzt ein Geheimniß, dessen Kunde uns entgangen seyn kann, waͤhrend die aus ihm hervorgewachsenen Bildungen es bestaͤndig fort in sich tragen. Wenn sich nun so- gar in unserer deutschen Kunstpoesie ein solches Fundament nicht verleugnet hat und bestimmt waltet, so erwirbt sich auch hier die Nation das Vorrecht einer Gruͤndlichkeit, wie sie bei andern die Geschichte der Poesie wenigstens nicht so deutlich ausfinden oder nachweisen kann. Es ist hier von andern metrischen Grundformen keine Rede und soll daruͤber nicht entschieden werden, aber gewiß, die der Dreiheit traͤgt das Merkmal der Einfachheit und zugleich großen Sinnes und tiefer Bedeutung in sich. Wie sich in ei- nem Theil der Natur, z. B. im Pflanzenreich, die Bildung eines Ganzen meistens in und durch einen ungleichen Theil beschließt, oder deutlicher vielleicht, der zuletzt hinzutretende Schlußstein eine ungleiche Zahl macht, so entwickelt sich hier in der Poesie aus zweien gleichen Saͤtzen ein dritter ungleicher nach einer in- nerlichen Nothwendigkeit. Folgte ein zweiter gleicher Satz un- mittelbar auf den ersten und weiter nichts, so wuͤrde das Ganze leer, matt und unfruchtbar erscheinen; folgte aber in dem zweiten selbst schon ein dem ersten ungleicher, so wuͤrde das Ganze unempfaͤnglich seyn. In dem ersten Fall waͤre keine Ruhe, kein Schluß, sondern unendliches Schwanken; im zwei- ten wuͤrde der Reitz des letzten als des neuen Satzes immer uͤber den alten siegen und dessen Wirkung in seine hinuͤberzie- hen, folglich vernichten. Da aber das Wesen der Poesie auch in ein gemuͤthliches Gleichgewicht gesetzt werden muß, und weil das Folgende nur in dem Vorausgehenden erklaͤrt werden kann, so kommt der erste Satz zweimal, damit er Staͤrke gewinne, den dritten zu zeugen, zu tragen und selber neben ihm zu blei- ben. Es ist auch, als ob mit einem Mal die poetische Lust an der gewonnenen Weise noch nicht erschoͤpft sey, als daß man den Satz schon fahren lassen koͤnne, oder als ob erst in seiner Wiederhohlung, da das Anheben gleichsam zu frei und sorglos gewesen, das Neue in mehr Bedaͤchtigkeit vorbereitet werden koͤnne. Man erklaͤre passender und deutlicher, was man leichter fuͤhlen wird, aber die Wahrheit des Grundsatzes ruht auf dem Element des Volksgesanges und Tanzes, wo immer der erste Theil wiederhohlt wird, bevor er sich in ein Trio aufloͤsen kann. Ist aber nicht alle Volkspoesie (als ihrer Natur nach sang- und strophenmaͤßig) in Strophen von gleichen Zeilen, und zwar die deutsche Anfangs von vier langen, nachher auch von acht kur- zen? Ich gebe eine vermuthliche, mir gleichwohl sehr wahrscheinti- che Erklaͤrung dieses anscheinenden Widerspruchs, eben die große Einfachheit der Volkslieder bietet sie dar. Alles liegt hier an der begleitenden Stimme und Musik. Wahrscheinlich wurde die zweite Haͤlfte der Strophe, nachdem man die erste entweder wiederhohlt oder bloß in zwei gleiche Theile zerlegt hatte, in einer andern Melodie abgesungen. In manchen Faͤllen wird auch der Refrain fuͤr einen dritten Theil gegolten haben. Hier- aus erklaͤrt sich nun das Neigen der letzten Zeile in Volkslie- dern zu einer groͤßeren Laͤnge, weil die eigenthuͤmliche Natur der zweiten Haͤlfte des Ganzen (nach meiner Ansicht des dritten Theils) diese scheinbare Ungleichheit moͤglich und ganz natuͤr- lich macht. Ist noch eine andere Anwendung hier erlaubt, so offen- bart sich in der nordischen Alliterationspoesie ein analoges Sy- stem; denn in den vier- (oder acht-) zeiligen Strophen stehen zwei Reimbuchstaben meistentheils in der ersten Zeile, der dritte aber erfuͤllt die zweite ganz allein; in den sechszeiligen hingegen hat die erste und die zweite Zeile jede nur einen sol- chen Reim, die dritte aber deren zwei eigene. Die Aehnlich- keit, die ferner im Verhaͤltniß der griechischen Strophe und Gegenstrophe liegt, wird niemand verkennen, ob sie gleich schief ausgelegt werden koͤnnte. Nirgends nun tritt unser trilogisches Princip klaͤrer auf, als in dem altdeutschen Meistergesang, in dessen spaͤteren Pro- ductionen es auch von jeher anerkannt und hervorgehoben wor- den ist, eben weil es in der spaͤteren Sitte aͤußerlich (ich meine, in den Handschriften) ausgezeichnet wurde. Auf der andern Seite hat dieser letzte Umstand eine falsche, (wie in sich ungenuͤgende so hoͤchst uncritische) directe Herleitung aus dem Griechischen veranlaßt. Meine Absicht geht jetzt dahin, diese Trilogie auch in dem Bau der fruͤheren Meisterlieder, also der Minnesaͤnge nachzuweisen. Sehr merkwuͤrdig bleibt es, wenn gezeigt werden kann, was ich hiermit behaupte, daß unter den Liederweisen der maneßischen Sammlung (als fuͤr uns wenigstens des Inbegriffs und Vorraths aller Minnepoesie) vielleicht nur funfzig nicht recht unter die aufgestellte Regel passen, die uͤbrigen aber sie geradezu in sich darstellen. Mit- hin kann schon jetzo fast kein Zweifel obwalten, daß die Regel selbst gegolten, eher darf man sich wundern, daß in einer auf das vielseitigste spielenden Reimkunst so wenig Abweichung von einem Grundsatz in der That vorkomme, dessen Tiefe wohl den meisten Dichtern unbewußt war. Wenigstens duͤrfte der, welcher um der Ausnahmen willen, die Regel leugnete, sie auch spaͤterhin nicht mehr finden wollen, indem sich auch spaͤ- tere Anomalien aufweisen lassen werden, und worin wollte dieser dann die Eigenthuͤmlichkeit des spaͤtern Meistergesanges setzen? Von Allem ist nun im Einzelnen zu handeln. I. Regel . In allen Meistersaͤngen, sowohl in den Minneliedern als in denen der mittleren und letzten Periode erkenne ich folgen- den Grundsatz: Die ganze Strophe, oder das ganze Gesaͤtz, hat drei Theile, davon sind sich die zwei ersten gleich und stehen in nothwendi- gem Band, der dritte steht allein und ist ihnen ungleich Ich habe es schon vorhin zu dem Hauptfehler meines ersten Aufsatzes gemacht, daß ich anfaͤnglich dieses dreigliedrige Prin- cip in einigen alten Minneliedern nicht anerkennen zu duͤrfen waͤhnte. Dazu verleiteten mich einige Anomalien, die ich da- mals nicht recht zu erklaͤren wußte, dann die anscheinend gluͤck- liche historische Nachweisung des Namens der Stollen. (s. folg. Note.) Jedoch muß ich ausdruͤcklich aufheben, daß mir Do- cen mit Unrecht S. 105. die Leugnung des dreigliedrigen Satzes da zuschreibt, wo ich nur von fruͤher nicht dagewesenen spaͤte- ren Kleinigkeiten spreche. Wie haͤtte ich die allersichtbarste Ei- genschaft des spaͤteren Meistergesangs eine Kleinigkeit heißen koͤnnen? Ich dachte aber bei dem Worte Abtheilungen an nichts als das aͤußerliche Abtheilen und Absetzen in den Hand- schriften, wie jeder Aufmerksame sogleich sehen wird. . Ich werde der Bequemlichkeit wegen die bekanntesten Namen gebrauchen, und die beiden ersten; Stollen, den dritten den Abgesang nennen, das Ganze aber Strophe Strophe, als etwas Wiederkehrendes, ( versus ) ist zwar hier unei- gentlich und wuͤrde sich eher fuͤr den Begriff unseres Stollen passen. Indessen das Wort: Gesaͤtz , wuͤrde ungewohnt, und Lied ganz verwirrend seyn, obgleich ich recht gut weiß, daß die spaͤ- tern den ersten Ausdruck brauchten, und die Minnesaͤnger so- wohl, als die spaͤtern Meister ganz bestimmt dasjenige, was ich hier unter Strophe verstehe, Lied benennen. Es ist uns jetzo aber viel zu gelaͤnfig , darunter das ganze Gedicht zu begreifen, oder eigentlich, so haben wir den noch aͤlteren, volksmaͤßigen Gebrauch dieses Wortes wiederum eingesetzt, nach welchem z. B. das ganze Gedicht der Nibelungen Lied heißt. Eine aͤhnliche Vermischung hat das Wort Weise betroffen, worunter wir jetzt nur den Ton, die Melodie einer Strophe verstehen, da die Daͤnen mit ihren Viser auch ganze Lieder bezeichnen. Den Namen Stoll betreffend, so nehme ich meine fruͤhere Vermuthung, als ob er mit dem Meister Stolle in Verbindung zu bringen sey, zuruͤck, da er sich auch weit natuͤrlicher (er mag aufgekommen seyn, wann er will) im terminologischen Geist des Meistergesangs erklaͤren laͤßt, das ganze Gesaͤtz ruhte oder saß gleichsam auf zweien Fuͤßen. Aufgesang fuͤr Stoll, welches Docen durch ein Beispiel von 1515 rechtfertigt (Note 11. sei- ner Abh.) waͤre eine sehr passende Benennung und entspraͤche dem Abgesang. Man vergleiche das Jen. M. z. B. CCCLXIII. wo Rumelant auf Singofs Namen anspielt: „ singof, sing abe , sing hin, sing her.“ welche Stelle fuͤr das ziemlich hohe Alter beider Woͤrter streitet. . Der gewoͤhn- liche Fall ist, daß sich die Stollen durchaus gleich sind, in Zahl der Silben und Zeilen, und Stellung der Reime. Letzteres ist jedoch nicht nothwendig, denn man begreift, daß der Haupt- eindruck der Gleichheit gar nicht verletzt werde, wenn auch zu- weilen die Reime eine andere, etwa umgekehrte Richtung er- halten, und alsdann richten sich die Silben entweder nach den Zeilen oder den Reimen. Ferner, meistentheils werden die Reime der Stollen freilich in ihnen selbst gebunden, es wider- spricht aber dem Princip wiederum nicht, wenn sie manchmal erst in dem Abgesang gebunden werden, oder gar in und mit der folgenden Strophe Fuͤr letzteres haben die spaͤtern Meister den technischen Ausdruck Korn oder Koͤrner . . Was die Silbengleichheit angeht, so ist sie zu natuͤrlich, als daß sie im eigentlichen Sinn ver- letzt werden koͤnnte. Doch muß man hier den alten einfachen Minneliedern eine Freiheit vor den spaͤtern Meistergesaͤngen zulassen, die erstern gleichen darin oft noch dem Volksgesang, daß sie unter dieselbe Melodie ein Paar Silben mehr bringen, oder einige weniger und in die Laͤnge ziehen koͤnnen. Am lieb- sten ergibt sich die Schlußzeile des zweiten Stollen einer groͤße- ren Laͤnge. Man vergleiche Friedrich von Husens Lied: wol ir sie ist ꝛc. (1. 95. und im weimar. C. in schlechtem Text aber mit zwei Strophen mehr.) Hier neigt die vierte Zeile uͤber die ihr entsprechende zweite sichtlich hinaus in den beiden er- sten Strophen, allein fast gar nicht in der dritten, und im weimarischen Text dieses Gesangs scheinen sich beide Zeilen in allen Strophen gleich zu seyn. Der Abgesang ist gewoͤhnlich keiner weiteren Zerlegung faͤhig, zuweilen koͤnnte man ihn auch in zwei eigene Theile zer- schneiden, wo sich aber fast immer zuletzt ein Anhang findet. Uebrigens kann er laͤnger oder kuͤrzer seyn, als die beiden Stollen zusammen, oder gar kuͤrzer, als einzelne Z. B. Dietmar v. Ast (1. 40. Lied: „ich sufte und hilfet ꝛc.“) und derselbe Ton in dem ersten Lied des Burggr. v. Liunz (1. 90.), in welchen beiden der Stoll 4, der Abh. nur 2 Zeilen hat. Dasselbe Verhaͤltniß in anderem Ausdruck bei Winli (2. 23. Lied: swer in leide ꝛc.) Fuͤr den spaͤten Meistergesang begnuͤge ich mit den Beispielen von Nunnenbecks abgeschie- denem und Kettners hohem Ton. . Man fuͤhlt zugleich, daß die ungewoͤhnlicheren Faͤlle doch etwas stei- fes, unbefriedigendes in sich tragen, dagegen ist ein anderer ziemlich haͤufiger, wo in dem Abgesang einzelne Partien aus den Stollen wleder anklingen, desto anmuthiger und durchaus von guter Wirkung; es kann wohl der ganze Stoll nochmals zu Ende des Abgesangs wiederhohlt werden Der ganze Stoll wiederhohlt in einem Minnelied Meister Tesch- lers 2. 88. (frowe minne) u. Rosts 2. 90. (hei roͤselechter.) . Das Ge- gentheil war jedoch auch in spaͤterer Zeit bei weitem gebraͤuch- licher, und Wagenseil (S. 522.) fehlt, wenn er das Ano- malische als eine Regel zu behandeln scheint. Folgende beide Puncte, als charakteristisch fuͤr den Mei- stersang, muß ich noch verwerfen: 1) Daß der Sinn der Gedanken mit der Strophe schließe, also jede fuͤr sich ein Ganzes bilde. — Dieß ist bekanntlich nicht bei den Minneliedern der Fall, aber eben so wenig bei den spaͤteren Meisterliedern, obgleich hier der Gegenstand haͤufiger ein Abbrechen mit sich bringt, z. B. in der mittlereu Zeit bei Lobgesaͤngen auf Fuͤrsten, wo jeder meistens in einer Strophe abgethan wird. Docen , welcher obigen Satz aufstellt (S. 93. 102.), hat selber Gedichte, wie den Wartburger Krieg, nicht umgehen koͤnnen und das als eine sich von selbst verstehende Ausnahme behandelt. Diese einzige Ausnahme ist indessen von der Beschaffenheit, daß sie in meinen Augen seine ganze Regel umstoͤßt. Uebrigens lassen sich auch Minnelieder aufzeigen, die nur aus einer Strophe bestehen, man sehe die des Veldeck, Dietmar v. Ast ꝛc. und die letzte Strophe des Alram (2. 110.), und neue Meistergesaͤnge von nur einem Gesaͤtz kann man in einem Band des Ambr. Metzger S. 69. 70. finden. (Handschriftl. in Arnims Besitz.) 2) Daß ein Meistersang aus drei Strophen bestehen muͤsse. Diese auch von Docen ausgesprochene Regel widerspricht nun zwar der vorigen nicht gerade in seiner Meinung, indem er wohl annimmt, daß man drei solcher in sich unzusammen- haͤngender Strophen in demselben Ton abgesungen. Die Sache ist aber ganz falsch. Es gibt viel spaͤtere Meistersaͤnge von mehr als drei Strophen Das heißt in ihrer Sprache: außer den gedritten gibt es z. B. noch gevierte, gefunfte, gesiebente Meisterlieder. Man sehe Puschmanns Lieder auf H. Sachs bei Ranisch und den Cod. vatic. 680. , und wenn in der That die mei- sten nur aus dreien bestehen, (worin man leicht moͤglich etwas suchte, was meinem trilogischen Princip allenfalls nicht unver- wandt), so haben auch eine Menge fruͤherer Dichter schon den- selben Gebrauch befolgt Z. B. Lupin, Diuring, Hetzbolt, Bubenburg, Tesch- ler, Rost, Canzler (sehr haͤufig) Rifen (bei Benecke .) , den ich um deswillen nicht zur Regel machen will, weil gleichfalls oͤfters die fruͤheren Mei- sterlieder regelmaͤßig aus fuͤnf Strophen bestehen Man sehe Frauenlobs Gesaͤnge im weimar. Cod. . Erste Einwendung gegen das dreitheilige Princip . (Einfache Lieder.) Es gibt in der maneßischen Sammlung einige einfache Min- nelieder, in welchen man schwerlich den aufgestellten Grundsatz zu entdecken scheint. Dahin gehoͤren vor allen die folgenden, saͤmmtlich aus Strophen von vier langen Reimen bestehenden: Veldeck 1. 22. (Anfang: manichen herzen ꝛc.) Die dritte Zeile ist kuͤrzer, dadurch ein Unterschied und Abschnitt. Nifen 1. 23. (von walhen fuor ꝛc.) Die dritte kuͤrzer, die vierte viel laͤnger. Kiurenberg 1. 38. Die letzte neigt zu uͤberwiegender Laͤnge, leider ist das herrliche Lied incorrect und ver- dorben. Dietmar v. Ast 1. 39. (ahy nu kumt ꝛc.) von Mure 1. 49. (ahy nu sol ꝛc.) Die letzte offenbar laͤnger. Reinmar 1. 72. (hoh alsam ꝛc.) Dritte kurz. Rubin 1. 169. (wol im der sin ꝛc.) Wie vorhin. Lichtenstein 2. 30. 31. (ir edeln frowen ꝛc.) Derselbe 2. 32. (alle die in ꝛc.) Dritte kurz. Alram 2. 110. (mich dunket ꝛc.) v. Regensburg 2. 117. Dritte kuͤrzer. so wie auch einige sechszeilige, als: Milons von Sevelingen Lieder (die zwei letzten Stro- phen gehoͤren ihm schwerlich.) Kol von Niussen . In den gleich zugefuͤgten Anmerkungen habe ich nun schon dar- gethan, wie sich die Zeilen des Abgesangs meistens aͤußerlich unterscheiden, und selbst was die ganz gleichzeitigen darunter betrifft, so komme ich auf meine obige Bemerkung zuruͤck, daß uns hier die Musik fehlt, welche nicht anders als in den Ni- belungen die drei Theile bestimmt haben wird. Da ich an- nehme, daß der Meistersang nicht allein die Sitte der Volks- dichter beibehalten, sondern auch sein eigenes Princip aus dem Volksgesang geschoͤpft und nur aͤußerlich aufgestellt und fortge- fuͤhrt hat, so finde ich es ganz natuͤrlich, daß die Form dieser einfachen Lieder an den Volksgesang erinnere. Ich halte sie uͤbrigens fuͤr vortrefflich und groͤßten Theils sehr alt, man glaubt in ihnen die Grundlage aller Liebeslieder zu erblicken. Allein der meistersaͤngerischen Regel widerstehen sie nicht, wenn sie solche auch am unscheinbarsten und schwaͤchsten darstellen. Haben doch die spaͤten Meister noch die einfache Aufloͤsung der langen gleichen Zeilen, in acht kurze gleiche (Wolframs Hoͤn- weis) ohne Anstoß geduldet und in den Schulen gebraucht, und den Abgesang gerade zu mit der fuͤnften (also ohne Aufloͤsung, mit der dritten) Zeile angefangen Diese Aufloͤsung sehe man in einem merkwuͤrdigen Beispiel schon in dem Minnelied des Joh. v. Brabant , 1. 8. frowe durch got genade ꝛc.) Vergl. auch den Meistersaͤnger Had- loub 2. 194. (o we si wigt so kleine ꝛc.) ; womit die Musiknoten dieser Weise in Volksliederbuͤchern (wie Forsters ) ganz uͤber- einstimmen. Nicht viel anders verhaͤlt es sich mit den bei Hiltbolt 1. 146. (kalte rifen und sne ꝛc.) und Nithart 2. 82. (ein altu vor ꝛc.) befindlichen kurzzeiligen Strophen von vier Rei- men. In solchen streift Volksgesang in den meisterlichen hinuͤ- ber, oder umgekehrt. Noch weniger koͤnnen die in einem Liede Wolframs 1. 147. (der helden minne ꝛc.) und bei Walter 1. 102. (ich sas uf einem ꝛc.) 1. 109. (do der sumer ꝛc.) vor- kommenden, nicht uͤberschlagenden Besser waͤre ein positiver Ausdruck. Man koͤnnte sie die so- gleich gebundenen, unmittelbaren nennen, im Gegensatz zu den sich verschlingenden. Reime eingeworfen wer- den, in denen nichts volksmaͤßiges liegt. In Dietmars Liede 1. 39. (es stuont ein frowe ꝛc.) treten sie kaum aus den Assonanzen heraus, reiner sind sie bei demselben 1. 41. (slafest du friedel ꝛc.) und bei Friedr. v. Husen 1. 93. (si darf mich ꝛc.) Ich brauche bloß zu bemerken, daß eine gleiche Anomalie in Hans Sachsens Spruch- und Rosenweis statt findet, worin auch solche unmittelbare Reime. Dahin gehoͤrt endlich die fuͤnfzeilige Strophe Walters 1. 113. (uns hat der Winter ꝛc.) und sein Vocalenspiel 1. 125. Zweiter Einwand . (Abnorme Faͤlle.) Wichtiger scheinen sich einige offenbare kunstmaͤßige Lieder nicht das System gefallen zu lassen. Sie fodern eine genaue Aufmerksamkeit. 1) Die maneßische Sammlung zaͤhlt Lieder, die nur aus zwei zu einander zugewandten oder sich genau auf einander be- ziehenden Theilen zu bestehen scheinen, so daß das Ende des einen an den Anfang des andern reicht und nun dieselbe Reim- leiter wieder hinaufgestiegen wird; oder auch nur so, daß alle in dem ersten Theil aufgewandte Toͤne in dem zweiten ihre D Bindung erreichen, sey es nun in welcher Ordnung. Der Ab- gesang scheint mithin zu fehlen. Allein da sich dann in keinem dieser Lieder ein eigentlicher Mittelpunct faͤnde, und uͤberhaupt nicht anzunehmen ist, daß eine Melodie von der Mitte heraus zu ihrem Anfang und Ende hin sich gleichmaͤßig ausbreite, so ist wohl in den nachstehenden Schematen der Abschnitt nach der punctirten Linie zu verwerfen und es verhaͤlt sich damit wahrscheinlich so: statt, daß sonst der Abgesang auf die zwei Stollen folgt, ist er hier in die Mitte zwischen beide genom- men und der zweite Stoll macht den Beschluß. Den Beweis koͤnnte wieder erst die Musik solcher Lieder liefern, wohin nur die nachstehenden gehoͤren. Dabei muß Herrn Docen auf- fallen, daß diese Anomalie sich noch dazu ganz besonders bei Walter von der Vogelweide, also einem von ihm anerkann- ten Meistersaͤnger und zum Theil bei ernsthaftem Inhalte fin- det. Aus dem spaͤtern Meistersang weiß ich dießmal kein Bei- spiel zu liefern. (Gewißheit haben wir uͤber solche Abtheilungen freilich noch nicht, und es ließen sich auch einige anders versuchen.) 2) In andern Gesaͤngen springen zwar die drei Theile deut- lich hervor, aber die Reimfolge in den beiden ersten (den Stol- len) ist nicht gleichmaͤßig. Hierin liegt, wie schon oben be- ruͤhrt worden, an sich nichts Unnatuͤrliches, weil die Gleich- heit im Ganzen wohl vorhanden ist. Alle erregten Toͤne wer- den befriedigt und geloͤst, ob nun der letzte dießmal zuerst, oder wie es geschehen mag, beleidigt nicht das Princip. We- nigstens bekommen die beiden Stollen, wo sie sich einander bloß zudrehen, eine Art von Rundung und Ganzem; ich ver- D 2 muthe aber, daß zu demselben Reim auch die Musik des er- sten Theils zuruͤckgekehrt sey. Hierher sind folgende zu rechnen: Rudolf v. Neuenb . 1. 8. (gewan ich ꝛc.) Stretlin- gen 1.45. (ach dar ich ꝛc.) Bligge 1. 177. (min alte swere ꝛc.) Schwerer und unangenehmer aͤußert sich diese Anomalie manch- mal da, wo die Stollen aus mehrern Zeilen bestehen. Ich lasse in den Beispielen die Abgesaͤnge aus: In einigen dieser Lieder muͤssen die Reime warten, bis sie im Abgesang gebunden werden; will man aus der Zeit des spaͤteren Meistergesangs auch dazu Beispiele haben; so schlage man den verwirrten Ton Vogels oder den verkehrten Mi- chael Pehams nach. Hier sprechen merkwuͤrdig genug die Namen fuͤr die Abweichung und also mit fuͤr die Regel, diese stand fest und bekannt da, die Kuͤnstlichkeit wagte sich aber dennoch in Anomalien, die sie schon in der Benennung auszu- druͤcken sorgte. 3) Von geringer Abweichung sind einige andere Faͤlle, die ich deßwegen auch lieber zufaͤllig erklaͤren moͤchte. Bei Vel- deck 1. 20. stehen einige Lieder: gern het ich ꝛc. es tuont diu Vogelin ꝛc. die bloß einzelne Strophen sind, woraus sich noch gar nichts abnehmen laͤßt, um so mehr, als andere dem An- schein nach ebenfalls abnorme wie einige von Nifen 1. 22. 23. nun nicht mehr so erscheinen, seitdem die in Bodmers Ab- druck mangelnden Zeilen ergaͤnzt worden sind (s. Benecke 4. und 21.) So verhaͤlt es sich ungefaͤhr mit der 1. 175. einsam da stehenden Strophe: got weis wol ꝛc. Das Lied des von Tuifen 1. 45: ich minne in minem muote ꝛc. ist auf den er- sten Anblick unregelmaͤßig, sodald man aber merkt, daß die folgende abgesetzte: min munt demselben ꝛc. keine eigentliche ist, sondern nur den Abgesang zu den in der vorigen liegenden Stollen enthaͤlt, kommt alles in Ordnung. Sonderbar ist das 2. 33. stehende Lied Lichtensteins : wißet frowe ꝛc. Man koͤnnte die erste und zweite Strophe fuͤr den einen Stollen, die dritte und vierte fuͤr den zweiten, die fuͤnfte fuͤr den Ab- gesang auslegen, in allen fuͤnfen also eigentlich nur eine Stro- phe (einen Bar) finden. Vielleicht ist es aber ein Stuͤck Leich, wovon bald nachher. Walters schoͤnem aber unregelmaͤßigem Tagel. 1. 107: fruͤnt- liche lag ꝛc. scheint der Refrain und darin der Abgesang zu mangeln. Denn so gewiß das, was wir unter Refrain verstehen, in den Meisterliedern manchmal von dem Abgesang ganz unabhaͤngig ist, so wahrscheinlich hat es ihn andremal gerade gebildet. Einige Lieder, welche deutlich nur aus zwei Theilen bestehen, moͤgen auch einen solchen Anhang in der Musik bekommen haben, oder man kann sie wirklich fuͤr ein Paar Ausnahmen gelten lassen. Dahin gehoͤren: Walter von Metz 1. 166. (mirst min ꝛc.) Lichtenstein 2. 26. (nu schouwent ꝛc.) und Hawart 2. 111. 112. (ob es an ꝛc.), bei welchem letzten man jedoch auf die Silbenzaͤhlung zu achten hat. Vergl. auch den gereimten Pro- log Conrad Megenbergs (Museum 1. 148.) 4) Zuweilen zeigt sich in fruͤhern und spaͤteren Meistersaͤngen eine ganz eigene Kuͤnstlichkeit; statt daß die Reime sonst die Zeile schließen, stehen sie da zu Anfang und zwar um einen irgendwo liegenden Endreim zu binden, der sonst Waise geblie- ben waͤre, oder um sich unter einander Anfangsreim mit An- fangsreim zu vereinigen. Sie brauchen nicht gerade ganz vorne vorzukommen, sondern koͤnnen auch erst nach einer, zwei oder mehr Silben folgen. Characteristisch scheint mir nun: beiderlei Faͤlle haben zu gleicher Zeit und untereinander statt, koͤnnen in jeder Zeile stehen, in beiden Stollen, oder nur in einem, nur im Abgesang oder im Abgesang und einem Stollen. Dar- aus folgt dann: diese Anfangsreime haben auf das Princip der eigentlichen Reime, d. h. der zu Ende stehenden keinen Ein- fluß, Waisen (ungebundene Reime) sind ja ohnedem zulaͤssig im alten und neuen Meistergesang. Jene also greifen in das Ge- baͤude der Stollen und Abgesaͤnge gar nicht ein, womit sie sonst in Widerspruch stehen wuͤrden; es ist folglich fehlerhaft, sie im Druck in neue Zeilen abzusetzen, als wenn sie selber wahre Endreime waͤren, was sie dadurch werden. Benecke , so wie er sonst das Reimsystem weit sorgfaͤltiger behandelt, als die Raßmannische Vergleichung thut, hat hierin zu viel geleistet, und offenbar durch das Ausruͤcken solcher Aufangs- reime den Typus des Meistersangs verruͤckt, besonders einzelnen Zeilen ihre Silbengleichheit benommen. Ich schlage vor, dergleichen Reime bloß zu unterstreichen, da sie allerdings verstanden werden sollen und, wo sie nicht ins Gesicht fallen, von unsern entwoͤhnten Ohren gewiß uͤberhoͤrt werden muͤssen. Zuweilen scheinen sie in der That unvernehm- lich, zwoͤlf und mehr Zeilen liegen dazwischen, und es muß uns das Zwang und leere Spielerei seyn, was im Ursprung leicht eine andere Bedeutung gehabt hat. Ich moͤchte solche Reime Alliterationsreime nennen und glaube, daß ihnen auch ein aͤhnliches Gefuͤhl zum Grunde liege, nur daß hier den Vocalen ganz die einschlagende Macht der Consonanten uͤbertragen ist, die Consonanten selbst aber nicht alliteriren. Sollte hierin eine Spur altdeutscher Allite- ration bis in spaͤtere Zeiten gelangt seyn? Folgender Punct ist aͤußerst merkwuͤrdig. In der seandinavi- schen Poesie existirt ganz derselbe anomale Fall in den beiden Sangarten Drottmaͤllt und Togmaͤllt, wo sich jedwede Zeile in sich selbst reimt, und zwar 1) ohne daß diese Reime in das da- neben bestehende Alliterationssystem eingriffen, denn sie koͤnnen gleichguͤltig an den alliterirenden Woͤrtern selbst oder an andern angebracht werden, (eine hoͤchst willkommene Analogie fuͤr die Unabhaͤngigkeit unserer deutschen Anomalie vom Princip des Meistergesangs. 2) Die Reime sind unvollkommen, insofern es mehr auf die Consonanten ankommt und alte Vocalen gleich- bedeutend gebraucht werden koͤnnen, (ein wahrer Gegensatz der Assonanz — und ein Beweis der Verwandtschaft mit der Alli- teration, man koͤnnte das Ganze eine verstaͤrkte und versetzte Alliteration nennen.) 3) Sie uͤberschlagen nie und bleiben in einer Zeile, worin eine Unaͤhnlichkeit mit dem deutschen Fall; allein in der nordischen Poesie war die Grundeinfachheit nie ver- draͤngt worden, daß die alliterirenden Woͤrter noch beisammen stehen muͤssen, Ueberschlagen ist ungebraͤuchlich, wie man aus den Runhend sehen kann. In Deutschland mußte sich die Ano- malie, gleich der uͤbrigen Reimkunst, mehr Freiheit in der Stel- lung und Versetzung nehmen, dafuͤr aber auch die nordische Willkuͤrlichkeit der Vocalenaufgeben. Olafsen irrt, daß er das Princip des Drott- und Togmaͤllt dem Norden ausschließlich Die Beispiele will ich bloß andeuten, damit sie jeder selbst nachschlagen kann. Walter 1. 121. (ich wil niht me ꝛc.) Das erste Wort der letzten, bindet das letzte der ersten Zeile. Ebenders. 1. 121. (ob ich mich selben ꝛc.) Die erste und letzte Z. des Abges. reimen sich durch Anfang und Schluß. Ebenders. 1. 122. (ir reinuͤ wib ꝛc.) Hier ist der Abgesang in der Mitte. Der Anfang der ersten Zeile des Abges. reimt in das Ende der zweiten und der Anfang der drit- ten in das Ende der vierten, die Ende der ersten und dritten reimen ordentlich. Lichtenstein 2. 37. (wol mich iemer.) Das erste und letzte Wort jeder Strophe reimen und zwar in allen drei Strophen auf einem Reim. Derselbe 2. 38. (frouwe min got.) Schlußzeile bindet sich selbst durch ihren Anfang und ihr Ende. Derselbe. 2. 41. (ein man bedarf.) Wie vorhin. Derselbe 2. 43. (wißet alle das ich kan.) Die erste Z. des Abges. wie vorhin. Brunwart v Oughen 2. 55. (jarlang valwent.) Die letzte Zeile des Abges. wird in der zweiten Silbe des ersten Stollen gebunden. Hawart 2. 111. (ich wil dir herre ꝛc.) Hier reimt die erste Silbe beider Stollen mit der letzten des Abges. Die besonders haͤufigen Beispiele aus Nifens Liedern citire ich aus Benecke : Num. 1. Die letzte Zeile des Abges. gebunden durch die fuͤnfte Silbe der ersten Zeile des ersten Stollen. — 5. Die erste und letzte Silbe des Ganzen. — 6. Ebenso. zuspricht. Man darf bei unserm deutschen Fall uͤbrigens auch an die Art denken, wie Otfried seine Akrostichen in den Anfang und das Ende der Zeilen bringt. Num. 10. Die zweite Silbe des ersten Stollen mit der letz- ten des Ganzen. — 25. Die letzte Silbe diesmal im Abgesang selbst ge- bunden und zwar in der Anfangssilbe seiner zweiten Zeile. — 38. Hier binden sich die erste und letzte Silbe des Abges. — 43. Letzte Silbe gebunden mit des zweiten Stollen erster. — 45. Die letzte Zeile gebunden durch die vierte Silbe des ersten Stollen und der Schlußreim des zweiten Stollen mit der dritten Silbe der zweiten Zeile des Abgesangs. (In diesem reimverwirrten Lied werden uͤberdem die Stollenreime erst im Abgesang vermaͤhlt. Oder will man zwei gleiche Haͤlften jeder Strophe annehmen?) Das merkwuͤrdigste Beispiel und einer der unverstaͤndigsten Toͤne, die je erdacht worden, ist der, welcher gleich die wei- marische Handschrift eroͤffnet, dessen Namen ich nicht ange- ben kann, weil mit einigen verlorenen Blaͤttern die Rubrik mangelt. (Ich bezweifle nicht, daß er von Frauenlob; sollte es dessen Tagsweis oder Kupferton seyn, die ich mir noch nicht verschaffen koͤnnen? denn beide sind zwanzigreimig.) Schon ist es alles moͤgliche, daß die Stollenreime erst im Abges. Band erhalten, und zwar auf folgende Art: jeder Stoll hat 5, der Abg. 10, das Ganze also 20 Reime, 1 bindet mit 13, 2 mit 17, 3 mit 11, 4 mit 19, 5 mit 18, 6 mit 15, 7 mit 12, 8 mit 16, 9 mit 14, 10 mit 20. Allein das ist lange noch nicht alle Kunst, denn nun treten unsere Anfangsreime daneben auf. Die erste Silbe der er- sten, zweiten und vierten, imgleichen die zweite der dritten Zeile reimen sich unter einander. Ferner die erste Silbe der fuͤnften, sechsten und eilften Zeile reimen sich und zwar auf denselben Endreim, den die zehnte und zwanzigste Zeile ha- ben. Die Anfangssilbe der siebenten und achten Zeile endlich reimen wiederum die erste der neunzehnten und zwanzigsten. Es muͤssen wenig Lieder so steif seyn, als dieß uͤberladene, manche Stellen werden dadurch ganz nnverstaͤndlich , noch dazu in dem schlechten Text, aber die Regel ist dafuͤr genau durch alle Strophen ausgehalten. — Das waͤren ungefaͤhr alle anomale Faͤlle, außer zweien, die in der dritten und vierten Einwendung eigens abgehandelt werden sollen. Ich habe mich dabei auf die maneßische Samm- lung eingeschraͤnkt, als die reinste und erste Quelle des Min- nesangs, auf den es vorzuͤglich abgesehen. Vielleicht sind mir Einzelnheiten oder Beispiele entgan- gen, die Untersuchung war eben so muͤhsam als langweilig, gleichwohl hielt ich sie zur Sicherung des laͤngst vermutheten Resultats fuͤr unumgaͤnglich. Ich frage also: was beweisen diese wenigen Anomalien unter zwoͤlfhundert Toͤnen, in wel- chen das Princip deutlich regiert? Und ich habe die Abwei- chung zu erklaͤren versucht, und, was nicht zu uͤbersehen ist, bewiesen, daß sie fruͤh und spaͤt vorkommen und in jenem Fall nicht bloß in den Minneliedern, sondern auch in denen, welche Docen ausschließlich zu Meistergesaͤngen machen will. Dritte Einwendung . (Der Ton des Titurel.) Betrachtet man bloß die Reime, so ist dieser Ton ein sehr einfacher und regelmaͤßiger, von sechs Reimen oder vielmehr sieben Zeilen, wo dann die mittlere des Abgesangs ungebunden bleibt. Eine auffallende Abweichung zeigt sich aber sogleich im Silbenverhaͤltniß, und diese hat offenbar immer darin gelegen und ist aus keinem spaͤtern Mißverstand herzuleiten. Wolfram versichert selbst, daß er die Lieder (Strophen) sorgfaͤltig nach- gemessen, und nach den Regeln des Meistergesangs. Wir muͤssen also glauben, es sey ein Meisterton und sein Silben- verhaͤltniß mit allem Bedacht von dem Dichter angenommen worden. Was Wolfram selbst befuͤrchtet, Entstellung unter den Haͤnden der Abschreiber, ist zwar eingetroffen und wir haben den Ton in seiner Reinheit in keiner der bekannten Handschriften des Titurels, sondern in der vortrefflichen ma- neßischen Sammlung bei Otto v. Turne Damit stimmen auch die seitdem bekannt gemachten Frag- mente einer guten Regensburger H. S. des Titurel uͤberein. aufzusuchen. Ich bin danach uͤberzeugt, daß der ganze Ton aus 60 Silben besteht, naͤmlich die drei ersten Zeilen jede aus 7, die sechste auch aus 7, die vierte, fuͤnfte und siebente aber aus 11 Silben. Mithin fallen davon auf den ersten Stoll 14, auf den zweiten 17, auf den Abgesang 29 Es ist naͤmlich ganz gewiß, daß schon fruͤhe Meister die Silben ihrer Lieder nachgemessen. Wolfram spricht ausdruͤcklich vom Messen dieses Tons, und man sehe die große Regelmaͤßigkeit vieler anderer in dem Stuͤck. Marner hat die Silben am Finger, nach Rumelant CCCXIII. Herman Damen ( XI. ) von gemessenem, ebenem Gesang. Hingegen in manchen alten Liedern ist noch die Frei- heit der Volkspoesie, wo es auf einige Silben mehr oder we- niger gar nicht ankommt. . Zur Entschuldigung dieser Un- gleichheit ließe sich allerdings sagen, daß die ersten Zeilen je- des Stollen regelmaͤßig und gleich sind, und da der Schluß des zweiten um drei Silben laͤnger, der erste vollstaͤndig darin enthalten, das weiter Folgende ein bloßer Anhang ist, wie denn schon oben erwaͤhnt, daß die Natur alles Gesangs gern mit sich bringe, auf dem Schluß eines Abschnitts laͤnger zu weilen. Gluͤcklicherweise findet sich aber uͤber die ganze Anomalie ein befriedigender historischer Aufschluß. Wolfram gedenkt einer fruͤheren, ein halb Jahrhundert aͤlteren Bearbeitung der- selben Geschichte, diese hat sich in einer Muͤnchener Hand- schrift erhalten. Herr Docen ist so guͤtig gewesen, mir einen Theil des in aller Ruͤcksicht vortrefflichen alten Gedichts mit- zutheilen Er hat es nunmehr drucken lassen, und entwickelt die neue aus der alten Form auf eine aͤhnliche Weise. Beruͤcksichtigung verdient die interessante Bemerkung, daß einige Zeilen der alten . Was auf den ersten Blick erhellt, ist, daß es Wolfram zu dem Grund seiner spaͤteren Arbeit gelegt, so weit es ihm nur vergoͤnnt gewesen, fast alle Worte lassen sich nach- weisen. Und was uns hier besonders interessirt, die neue Form hat sich aus der alten entwickelt und ist durch sie lediglich be- stimmt worden. Der alte Titurel hat vierzeilige Strophen, wie ich sie außer ihm noch nirgends in altdeutscher Poesie angetroffen Haͤtten wir das Lied von Morolf und Salome in aͤlterer Gestalt, so faͤnde sich hier vielleicht große Uebereinstimmung im Bau der Strophen. Man vergleiche folgende Strophe, die in den Versen 2014 — 19 der Hagenschen Ausg. liegt; schon so ist die Aehnlichkeit bedeutend: Die kele worden bereit an den staden Die morolf vnd die reise uͤber das wasser soltent tragen Darinne gingen die hilde lobesam Da furt er zehen dusent uber des wilden meres stran. Cfr. 2187 — 90. 2191 — 96 u. s. w. , es ist in ihnen ein einfacher Geist, wie in den Volksliedern, und keine genaue Silbenhaltung. Doch laͤßt sich ungefaͤhr fest- setzen, daß die zweite Zeile um einige Silben laͤnger als die erste, die dritte um einlge kuͤrzer als die erste, und die vierte, wo nicht der zweiten gleich, meistens noch um einige laͤnger ist, als die zweite. Wir haben also hier wieder das Laͤngern der Schlußzeile des Ganzen, wie in den Nibelungen, von deren Bau uͤbrigens eine sichtliche Verschiedenheit. Namentlich in der characteristischen Kuͤrze der dritten Zeile, welche in den Nibelungen ohne Beispiel, wohl aber habe ich vorhin einige alte Minnelieder angegeben, welche gleichfalls die dritte Zeile verkuͤrzen. Und selbst von diesen weicht der alte Titurel wie- der durch die merkwuͤrdige Verlaͤngerung der zweiten Zeile ab. Ich zweifele fast nicht, daß die Musik der ersten Zeile in der Form an die hexametrische erinnern. Dieß koͤnnte weiter ver- folgt werden, und dazu dienen die Natur des volksmaͤßigen Hexameters dem spaͤtern kuͤnstlichen und bewußten entgegen zu stellen. zweiten wiedergekehrt und nur mit einem laͤngeren Verweilen geschlossen habe; die dritte und vierte muͤssen das Trio gebil- det haben. Nun ist offenbar, wie Wolfram mit dem, was er vor- fand, verfuhr. Die beiden ersten Zeilen zerschnitt er in vier Theile und erfand fuͤr seine nunmehrige erste und dritte neue Reime, wozu sich im alten Bau durchaus keine Vorneigung spuͤrt. In der zweiten und vierten ließ er die Reime der alten ersten und zweiten, so wie in seiner fuͤnften und sechsten (oder siebenten) die der alten dritten und vierten stehen; sehr begreiflich, weil er sonst alles Herrliche haͤtte zerstoͤren muͤssen. Aber eben diesen beibehaltenen alten Reimen zu Gefallen durfte er das Ganze nicht vermengen. Zu zwei silbengleichen Stollen konnte er mithin unmoͤglich gelangen, haͤtte er jede der zwei ersten alten Zeilen in gleiche Haͤlften geschnitten, so wuͤrde sich sein erster und zweiter Stoll in keiner Zeile gleich geworden seyn, daher schnitt er die zweite alte Zeile in ungleiche Theile und wendete die uͤberfließende Laͤnge seiner Schlußzeile (d. i. seiner vierten) allein zu. Nicht nur in richtigem Gefuͤhl des alten Klanges, sondern auch, weil er ein solches Ueberfließen nicht gerade mit seinem Meistergesang unvereinlich hielt. We- niger Muͤhe kostete ihm der Abgesang, oder vielleicht gar keine, denn es laͤßt sich nicht ganz entscheiden, ob die Trennung der sechsten, leer gelassenen Zeile schon von ihm hergeruͤhrt oder erst spaͤter beliebt worden sey. Wenigstens theilt die hannoͤ- verische H. S. nicht, wie der Druck, die sechste und siebente Zeile, und darin scheint sie mit der Wiener Altdeutsches Mus. 1. 575. uͤberein zu kommen. Andererseits ist nicht unvermuthlich, daß Eschen- bach eine gewisse aͤußere Gleichstellung aller Zeilen beabsichtigt und indem er von der alten vierten 7 Silben fuͤr seine sechste abgenommen, darin die erste Zeile der Stollen wieder erschei- nen lassen wollen. Dazu kommt, daß in Wolframs Titurel und bei Otto von Turne nach den sieben Silben der Ab- schnitt deutlich zu vermerken ist, nicht aber im alten Titurel, folglich ist er absichtlich eingelegt worden. Der Umstand, daß die Caͤsuren im alten Gedicht gar nicht auf die spaͤtere Abaͤn- derung hindeuten, darf ja nicht uͤbersehen werden. Es ver- steht sich von selbst, daß Wolfram gern ein Wort inmitten der ersten oder hauptsaͤchlich zweiten alten Zeile fuͤr seinen einzulegenden Reim benutzte, weil er sonst zu viel aͤndern muͤs- sen, nur zuweilen, wo sich gar nichts passendes vorfand, mußte er in beiden neue Reime setzen. In der Regel kann man da- her annehmen, daß seine zwei ersten Zeilen am meisten vom alten Text weichen und eine gewisse Steifheit verrathen. Wenn es sich nun fragt: warum hat Wolfram uͤber- haupt nicht den alten Bau gelassen, da seine Neuerung der Sache selbst gar nicht nutzte und sichtlich einige fließende Wen- dungen verdrehte? Die Antwort darauf ist meiner Absicht ge- rade willkommen, denn ich wuͤßte keine zu geben, als: er suchte das Princip des Meistersangs klaͤrer herauszuheben und aus- zugleichen Warum wurde aber der Ton des Nibelungen in den unseres H. B. aufgeloͤst? Auch, um die Forderung des Meistergesangs zu erfuͤllen? Das will ich nicht sogleich verwerfen, obschon sich noch einige Einwendungen machen lassen. . Es muß uns befremden, daß der beruͤhmte Ton eines so großen Meisters spaͤterhin ungebraͤuchlich geworden; er findet sich in Fuͤterers, Labers und Puͤterichs Gedichten, und in einigen noch aͤlteren Minneliedern im weimar. Cod., Cod. vatic. 348. und in Nyerups Symb. Allein in keinem der mir bekann- ten Meistergesangbuͤcher, weder unter Wolframs noch einem andern Namen. Seine Anomalie im Silbenverhaͤltniß stieß vielleicht die spaͤtern, aͤußerlich immer strengeren Meister an, vielleicht aber haben sie ihn nur gebessert, die Stollen voͤllig gleichgesetzt, die Reimverschlingung ganz beibehalten. Ich will jedoch nicht verbuͤrgen, daß in einem der siebenzeiligen Toͤne, welche Buͤsching im N. lit. Anz. Col. 404 — 406. anfuͤhrt, die Umformung unseres Tons enthalten sey. Denn diese Art gehoͤrt zu den einfachsten mit und ließe sich durch Beispiele, auch aus alten Minneliedern her, stark vermehren. Wenn an- ders die Silben einstimmten, so schiene mir die Aufloͤsung der sechsten Zeile (der Waise) in eineu fruͤhern Reim keine erheb- liche Abweichung, zumal da einzelne Strophen im Titurel das schon angeben Zu einiger Bestaͤtigung der Wahrscheinlichkeit, daß Wolfram selbst die sechste Zeile abgesetzt. und sich die spaͤteren Meister mit fruͤhern Toͤnen wohl noch mehr herausnahmen. Vielleicht waͤre auch unter den sechszeiligen zu suchen, ob nicht eine Schlußzeile lei- det, in zwei gesondert zu werden. Vierte Einwendung . (Leiche.) Man hat uͤber die Etymologie des Wortes Leich geschrie- ben und ist auf eine so allgemeine und vage gerathen, daß man gar nicht einmal nach Gedichten fragte, denen dieser Name bei unsern alten Dichtern zukaͤme, um dann deren Form ge- nauer zu betrachten. Der Ausdruck selbst kommt in Minne- liedern fast gar nicht vor, außer bei dem Gliers 1. 43. Da- fuͤr aber haͤufiger in gleichzeiligen erzaͤhlenden Gedichten, besen- ders in Gottfrieds Tristan, ( cf. 3395. 3402. 3496. 3466. 7948. 13212 u. 18967.) woraus man freilich ziehen koͤnnen, das Wort sey von dem Umdichter aus dem welschen, gleich so viel andern offenbaren, beibehalten worden. Ich verwerfe durchaus die Ableitung und Verwandtschaft mit Lied, Liod, leudus und zwar wegen des in dieser Wurzel characteristischen t oder d; dann aber, weil die Dichter des dreizehnten Jahrhund. unter Leich genau etwas anderes verste- hen als unter Lied. Nicht weniger mangelhaft ist die andere aus Lais, Leisen, wegen des fehlenden s. Jedermann sieht, daß in der uns noͤthigen Wurzel das k oder ch die Characte- ristik gibt und die einzig richtige Etymologie ist in laikan, schwed. leka, islaͤnd. leika, daͤn. leege = spielen , wie denn auch das im Deutschen uͤblich gewesene Verbum laichen, lei- chen nichts anders heißt und schon alle Gedanken an Lied haͤtte entfernen muͤssen, aus dessen Wurzel sich schwerlich ein solches Activum bilden kann Wie koͤnnte auch Gottfried (im Tristan) sagen: einen Leich thun “ wenn das Lied hieße. ( v. 3490.) . Mit leichen ist ganz uͤberein das leccare der romanischen Sprachen, nur daß hier die spaͤter auch in den deutschen Mundarten hinzutretende Nebenbedeu- tung von betriegen und schmeicheln vordrang Ich erinnere an die analoge Verwandtschaft von ludere und illudere. , weil die Spiel- leute ein gemeines, kriechendes und verachtetes Leben zu fuͤh- ren anfingen. Leccator und lecheour heißt erst ein Spiel- mann (wie lekar oder leikar auf isl.) und dann ein nichts- nutziger Mensch, ein Lecker. Aus allem dem folgt: Leich ist ein in Deutschland laͤngst uͤbliches Wort, nicht dem Franzoͤsi- schen nach uͤbersetzt, und hat, wenn man sich darunter einen Gesang denkt, durchaus die Nebenidee eines Spiels oder In- struments Zur Bestaͤtigung des Gesagten vergl. man eine interessante Stelle im Koͤnig Rother , der aus einer fruͤhern Zeit ist, v. 171 — 175 und 2510 — 2526. Die Beziehung auf die Harfe ist ganz deutlich, und Liet in den Versen 1826. 1907 ꝛc. gewiß was anderes als Leich. Auch die Nibelungen unterscheiden das Liet- Singen ( v. 6835.) vom Leich-Spielen (8085. 8115.) . Spielen kann nicht: bloß Singen bedeuten. Große Huͤlfe gewaͤhrt uns ferner das Verstaͤndniß der Form. In der maneßischen Sammlung stehen mehrere Ge- dichte, in denen etwas Unregelmaͤßiges vorherrscht, und die sich nicht immer in wiederkehrende Strophen eintheilen lassen, sondern mancherlei Toͤne vermischen. Nun sagte uns aber nie- mand bestimmt, daß diese unsere Leiche waͤren, denn die an- gezogene Stelle des Gliers ist erst dann recht verstaͤndlich, wenn man uͤber jenes gewiß ist; er fuͤhrt lauter beruͤhmte Lei- chere an und das selbst in einem eigenen Leich, aber Bodmer hatte gerade die Gesaͤnge mehrerer dieser Dichter ausgelassen. Der weimarische Codex bringt alles ins Reine, denn nicht nur rubricirt er ein solches gemischtes auch in der maneßischen Sammlung befindliches Gedicht Frauenlobs: „den Leich Frauenlobs,“ sondern enthaͤlt noch zwei andere von derselben Art, die wiederum „Minnen leich Frauenlobs und Leich vom h. Creuz“ uͤberschrieben sind. Keine andere Gesaͤuge im gan- zen Buch werden mehr so genannt, und keine andere dieser Art befinden sich darin, also steht an dem bestimmten Namen fuͤr die bestimmte Form nicht zu zweifeln. Ich fuͤge ein Verzeichniß der mir bekannten Leiche bei: einer von Gliers (1. 43.), von Vogelweide (1. 101.), von Otto von Turne (1. 192.), von Winli (2. 23), mehrere von Tanhauser (2. 59 — 65.) Vermuthlich bilden die sechs ersten Absaͤtze von Taler (2. 99. 100.) auch einen Leich. , einer von Niuniu (2. 117. 118), von Reimar von Zweter (2. 122. 123.), zwei Conrads von W. (2. 198 — 201.), einer von Alexander ( CLXV. ) und H. Damen ( DCIC. ), einer von Frauenlob (2. 213. 214.) Der letzte befindet sich, wie bereits gemeldet, auch im weim. Codex, nebst zwei andern, vermuthlich desselben Meisters. Eine große Bereicherung haben wir durch die Ergaͤnzung des Bodmerischen Abdrucks erhalten, naͤmlich: einen Leich von Votenlaube, sechs von Rotenburg, einen des Heinrich v. Sax, den des Gliers vollstaͤndig, einen von Gutenburg, sieben von Wintersteten. (Nach Benecke .) Sollten sich etwa im Pariser Codex die Leiche des Hart- mann von Aue und Friedrich von Husen finden, dann waͤre die Klage des Gliers vollstaͤndig erklaͤrt? Ich zweifle. E Außerdem hat Docen einen Leich des Lichtenstein in den Misc. 1, 102 — 104. mitgetheilt, aber gar keine Sorge auf die richtige Abtheilung verwendet. Derselbe liefert in den Zu- saͤtzen zu den Misc. (S. 14.) ein Anfangs des Jenaischen M. G. B. befindliches Fragment eines Leichs gegen die Juden Die Vermuthung, daß er von Regenbogen, gruͤndet sich wohl auf Adelungs Nachr. 2. 253, allein dieß Gedicht steht im Weim. Cod. und ist kein Leich. . Aus drei und dreißig Mustern (wo ich richtig zaͤhle) koͤn- nen wir schon die Natur der Leiche vollkommen verstehen, und duͤrfen sie in nichts anderes setzen, als in die Beweglichkeit und den bestaͤndigen Wechsel mehrerer Toͤne. Keiner wird ausgehalten und bald in einen neuen uͤbergegangen. Mitunter drei oder mehr Gesetze in einer Weise, dann ploͤtzliches Unter- brechen und wieder faͤllt der Gesang in die alte Melodie zu- ruͤck, oder doch in einen Theil derselben. Kurz, im Ganzen herrscht gar keine Regel, im Einzelnen ist alles kuͤnstlich gehal- ten. Oft heben die neuen Toͤne da an, wo ein neuer Sinn an- geht, oft kehren sie sich an diesen gar nicht und schon in fruͤhe- ren ist eine Neigung zu dem, was sich in einigen Leichen Frauen- lobs zeigt, er scheint mit dem Einfachen anzufangen und ins Schwerere, Verwickeltere fortzuschreiten. (Merkwuͤrdige, hier zu weit fuͤhrende Hindeutung auf den stets wechselnden Rhythmus der Dithyramben, der νόμοι ohne Wiederkehr.) Beschraͤnkung auf einen gewissen Gegenstand kann man nicht behaupten, denn wir haben geistliche, klagende Titurel Str. 622. klagende Leich. , er- zaͤhlende, lustige und Tanzleiche. Jedoch sind die letzten allzu- haͤufig, als daß man nicht in dem freikuͤnstlichen Reihentanz den Anlaß zu der ganzen Art und Weise suchen duͤrfte. Figu- ren setzen sich an Figuren, alle sind in sich geschlossen, eine neue entspringt ploͤtzlich aus der vorigen, im Verfolg kehren die alten wieder; etwas großes wird in demselben Verhaͤltniß kleiner ausgefuͤhrt, oder umgekehrt, der Schluß ist willkuͤrlich, und abgebrochen wie das Ganze. Das erinnert an das be- gleitende Instrument, worauf die Etymologie schon hingewie- sen, sprang die Saite, so war das Lied aus und auch der Tanz, alles das willkuͤrliche Aufhoͤren bezeichnend, woher dann auch die abweichende Laͤnge der Leiche. Was in ihnen der Idee des Meistergesangs entgegen waͤre, erblicken wir nichts rechtes und wieder haben sie Docens Meister, als: Conrad, Reinmar, Frauenlob , so gut gedichtet wie seine Minnesinger Lichtenstein , von Turne u. s. w. Gesang und Strophen haben wir immer, nur in groͤß- ter Mannichfaltigkeit neben einander, man koͤnnte sagen: es sind mehrere Lieder in einander gemischt. Es ist wahr, manch- mal scheint das Lied bloß auf- und nicht abzusingen, manch- mal sind die Abgesaͤnge da, und selbst in jenem Fall ist es noch zweideutig, ob man nicht den folgenden Ton als ein Ab- singen zu betrachten hat. Sogar in einigen Leichen scheint sich der Typus des Meistergesangs in dem Ganzen zu zeigen, man sehe den des Lichtenstein. In denen des Rotenburgers bei einzelner Unaͤhnlichkeit, ist eine fortschreitende Analogie im Verhaͤltniß der Saͤtze leicht wahrzunehmen. Bedeutender waͤre, daß die spaͤteren Meistersaͤnger, so viel ich weiß, keine Leiche gedichtet haben, und nicht einmal der Ausdruck mehr vorkommt. Da aber Frauenlob deren verfaßt hat, welchen mir doch niemand vom Leib des eigentlichen Mei- stersangs herunterschneiden soll, so liegt eben nichts daran, daß spaͤterhin, wie vieles andere, auch diese Gesangsart abgekom- men. Und wenn wir sie auf die Gelegenheit des Tanzes be- sonders anwenden, so wich schon der zunehmende Ernst dem Gegenstande aus Haben die spaͤtern Meistersinger ohne begleitende Instrumente gesungen? und wie die Minnesinger (außer den Leichen)? Ei- . Dafuͤr koͤnnte man die Leiche eine Aus- E 2 weichung in die Volkspoesie nennen (nur nicht ihrer Form, sondern ihres Inhalts wegen). Wenigstens stehen die meisten auf gleicher Linie mit der Manier Neidharts und anderer seiner Zeit. Das stelle ich bloß dahin und bemerke noch auf der an- dern Seite, daß ganz spaͤt in dem Meistergesang Zusammen- setzungen von Toͤnen statt finden, die ich zwar fuͤr keine wirk- liche Leiche ausgebe, schon des fehlenden Namens halben, die aber, was die Hauptsache, von der Gewohnheit abweichend, dem feststehenden Princip untreu zu werden scheinen und den- noch Meistersaͤnge sind. Man sehe die Erzaͤhlung vom Ur- sprung der Kunst bei Wagenseil , viele Toͤne und nur ein Ganzes, aus jedem Ton nur ein Gesetz und so abgebrochen, daß Worte und Sinn in den neuen Ton mit fallen. Die Ana- logie ist gewissermaßen noch staͤrker in dem Probestuͤck des neuen Singers ( Wagenseil l. c. 554.), wo nicht einmal ein Gesetz nige Gruͤnde sind fuͤr die Bejahung jener Frage, es fehlen aber hier noch Rachforschungen, die man bisher vernachlaͤssigt hat. Der innige Zusammenhang des Meistergesangs mit Musik seit der mittleren Epoche unterliegt keinem Zweifel, dahin weist schon der entlehnte Ausdruck: Tabulatur, hin. Die musica gehoͤrte ja unter die sieben Kuͤnste, Marner 2. 177. singt auch: melos et thonos canere dulcis nos docet musica. (Im Zweifel jedoch, wo die Dichter von Toͤnen sprechen, denke man mehr an die Form als die Musik.) Rumelant sagt von diesem Marner: er habe Mußk an der Hand und Silben am Finger. Gervelyn CCIV. wirft dem Misner vor, daß er seine Toͤne von den Pfaffen habe, weiter nichts wisse, unter den Pfaffentoͤnen muß aber natuͤrlich die unter der Geistlichkeit besonders getriebene mußkalische Singkunst verstanden werden. Auf Instrumente moͤchte ich, wie gesagt, diese Musik der mitt- leren und spaͤteren Meistersaͤnger nicht ausdchnen. Die aͤlteren haben vielleicht sich manchmal der Geigen ( cf. Unverzagter XIV- XX. ) und der Harfe (Walter 1. 112. u. Tristan 4585. 88.) bedient, gleich den Volksspielleuten. Ich erinnere auch hier an Reinmar den Fideler . in einem Ton ausgehalten, sondern das Ganze so aus den vier gekroͤnten Toͤnen componirt wird, daß der erste Stoll aus einem, der zweite aus einem andern, der Abgesang aus dem dritten und der wiederkehrende Stoll aus dem vierten Ton geht. Hier also ein Meistersang der aͤußern Eintheilung und dem Namen nach und doch das Grundprincip, die Gleichheit des Stollen zerstoͤrt. Diese Ausnahme beweist eben so wenig gegen die Regel, als die Leiche. In Puschmanns Meister- hort auf Hans Sachs, wo drei ordentlich ausgesungene Toͤne ein Ganzes bilden, ist die Vereinigung weniger tadelhaft, in jenem Beispiel fast unvernuͤnftig. Bodmer mag es auch gefuͤhlt haben, als er mehrere Leiche ausließ, ich finde in ihnen eine schwaͤchere Poesie, es ist etwas eintoͤniges, und kein Ruhepunct. Die dem Dichter gegebene Mannichfaltigkeit hat ihm nur anscheinende, statt wahrer Frei- heit gelassen, denn er wird zu dem buntesten Wechsel genoͤ- thigt, wo ihm einfache Wiederholung viel naͤher liegt. Unge- recht koͤnnte indessen das Urtheil immer heißen, so lange wir nichts von der begleitenden Musik wissen, die sicher bei den Leichen mehr bedeutet hat, als bei andern Liedern. Was schließlich die franzoͤsischen lais betrifft, (wobei man einmal an laxatum, les; und dann an das entgegenstehende lay, Gesaͤtz, Band, nordisch lag, denken kann); so sind sie et- was anderes gewesen, und hat Gottfried unleugbar das Wort in Leich verdeutscht, so lag ihm das letzte zu nah und gab einen vollkommenen Sinn, nur mehr unsern urspruͤnglichen als meistersaͤngerischen. Nach Legrand 1. 105, der auch etwas von dem deutschen Lied gehoͤrt hat, wurden die lais gesungen und waren mit chauson einerlei. Vergleicht man aber die gedruckten lais von Lanval, Graelent, Aristote und de l’oi- seau, so stehen in einigen zwar ein Paar Sangverse, das meiste aber und die andern ganz ist wie jedes andere Fabliau unsingbar; also wieder der Gegensatz zu Gesang, um so mehr, als eine bekannte Stelle aus Wace dentlich auf die vieles, rotes, harpes und fietalx (Fideln) hinweist. Die spaͤtern lays, z. B. die des Froißart , habe ich noch nicht gesehn, es sollen regelmaͤßige Strophen gewesen seyn, was sind aber die virelays, die Roquefort durch lais tournés erklaͤrt? Eine weitere Untersuchung liegt von unseren Leichen und dem Meistersang abwaͤrts. II. Mannichfaltigkeit . Ich habe gezeigt, welche Regel in dem Meistersang walte, und zu beweisen gesucht, daß sie in den fruͤhesten und letzten Erzeugnissen desselben auf gleiche Weise erkannt werden muß. Uebrig bleibt noch durchzufuͤhren, daß ihre Anwendung die groͤßte Mannichfaltigkeit zulaͤßt und eben diese unerschoͤpfliche Entfaltung wieder von alten und neuen Meistersingern gleich- sam als zweite Regel gehalten worden ist. Mit Recht be- trachte ich also diesen zweiten Punct als einen zweiten innern Beweis meiner Vorstellung und verfahre darum vergleichungs- weise, indem ich die Mannichfaltigkeit fruͤher und spaͤter Pe- riode zusammenstelle. Vollstaͤndigkeit ist hierin vorerst noch eben so unnoͤthig als weitlaͤufig. Unter den Minneliedern sind die einfachen Toͤne die haͤufi- gen und darunter wieder die von sieben und besonders acht Zeilen, in diesen beiden ist ein gutes Viertel aller Lieder der maneßischen Sammlung gedichtet. Naͤchstdem trifft man die zehnreimigen am meisten an, und gewoͤhnlich so, daß der Stoll 3, der Abges. 4 Zeilen, nicht ganz so oft, daß der Stoll 2, der Abges. 6 Zeilen hat, am seltensten, daß er aus 4, der A. aus 2 besteht. Hiernach sind die sechs-, dann die neun-, dann die eilfzeiligen Strophen die haͤufigsten, jede Art wieder mit eigenen Verschiedenheiten. Indessen fehlt es auch an alten Meisterliedern nicht, die immer laͤnger und verwickelter werden, es wuͤrden sich fast zu allen innerhalb eines gewissen Kreises moͤglichen Faͤllen Bei- spiele finden. So habe ich, wenn man einmal nach den Zeilen der Stollen classisiciren wollte, (welches in vieler Ruͤcksicht am bequemsten,) zu den Liedern mit dreizeiligen Stollen Variatio- nen der Abgesaͤnge von 1 bis 9 Reimen, (also Strophen von 7 bis 15 Reimen) gefunden; zu denen mit vierzeiligen Stollen Abgesaͤnge von 1 bis 9, und zwei von 12, einen von 18 Reimen, mithin Toͤne von 9 — 17 und von 20 und 26. Fuͤnfreimiger Stollen finde ich in der maneßischen Samm- lung 32 Lieder, mit Abges. von 3 bis 11 Reimen. Der mit sechszeiligen habe ich nur 15 notirt, und zwar mit Abges. von 4, 6, 7, 8, 9 und 10 Reimen, welches Toͤne von 16, 18 — 21 gibt. Seltner werden die Lieder, wo es hoͤher steigt, doch kenne ich zwei mit siebenreimigen Stollen, naͤmlich eins des Nifen 1. 23. (seht an die heide ꝛc.), wo der Abgesang 9, der ganze Ton also 23 Reime zaͤhlt, und eines von Canzler 2. 244. (helfent mir ꝛc.), wo im Abgesang 14, im Ganzen 28 Reime stecken In diesem und einigen der folgenden sind zwar viele Reime ganz hart auf einander folgend und fast allein die Zeile aus- fuͤllend. Es staͤnde auszumachen, ob man nicht mehrere in eine Zeile zusammensetzen muͤßte, wogegen ich weniger haͤtte, wenn die Analogie spaͤterer nicht dagegen waͤre. Die Mss. entscheiden hier nichts, da man erst seit dem 15ten Jahrhundert die ein- zelnen Zeilen abgesetzt findet, obgleich man schon fruͤher die Stollen und Abgesaͤnge unterschied, was sich in den fruͤhsten Mss. auch nicht einmal zeigt. Die spaͤtere Terminologie benennt solche Reime Pausen oder Schlagreime , je nachdem sie ein- oder zweisilbig. In den Buͤchern sind ihnen zuweilen ganze Zeilen eingeraͤumt, zu- weilen nicht, dann ein oder zwei rothe Striche dahinter. Das staͤrkste Beispiel ist mir in Ambr. Metzgers Irgaͤng Labyrinth weis bekannt, welche aus 62 (naͤmlich 17 + 17 + 28) lauter einsilbigen Reimen besteht, die auch in dem vorliegenden Exem- plar in eben so viel einzelne Zeilen abgesetzt waren. . Das Minnelied (manigerleie blute ꝛc.) von Winli 2. 22. hat Stollen von 10, Abges. von 8, also auch 28 R, in ihm ist der Refrain offenbar eine vom Bau des Abgefangs unabhaͤngige Zuthat. Die einzelne Strophe von Walter 1. 116. (ich minne si ꝛc.) hat in den Stollen 11, im Abges. 22, uͤberhaupt 44 Reime. Das reimreichste aller Minnelieder in der maneßischen Sammlung ist das von Conrad v. Wirzburg 2. 203. (gar bar lit wit ꝛc.); welches 54 Reime, und zwar in jedem Stollen 13, im Abgesang 28 aufzuweisen hat. Der Leiche will ich hierbei nicht eigentlich gedenken, weil sie zwar eine groͤßere Menge Reime, aber mitten in ihrer Kuͤnstlichkeit eine gewisse freie Bewegung haben. Inzwischen gehoͤren die einzelnen Toͤne, woraus sie zusammengesetzt, nicht selten an sich betrachtet zu den verwickeltsten. In Otto von Turnes Leich 1. 192. sind achtreimige Stollen gar nicht zu ver- kennen, und bei Frauenlob 2. 214. bilden die drei Absaͤtze: der smid ꝛc. wiewol ꝛc. und ich bins ꝛc. angenscheinlich nur eine Strophe, die beiden ersten die Stollen, die letzte den Abges, das Ganze enthaͤlt 48 Reime Ich habe bei diesen Citaten mir einmal vergoͤnnt, die maneßi- sehe Sammlung als ein Einartiges anzusehen, nicht als aus Minne- und entgegenstehenden Meisterliedern zusammengesetzt. Docen wird selber wahrnehmen, daß meine Beispiele auf seine beiden Arten gerecht sind. . Die Mannichfaltigkeit in der maneßischen Sammlung ist zu bewundern, man wird wenig fehlen, wenn man eben so viel verschiedene Weisen als Lieder ansetzt, etwas uͤber 1200. Findet man zwei Lieder von gleicher Reimezahl, so koͤnnen diese sehr verschieden unter Stollen und Abges. ausgetheilt, Uebrigens moͤchte ich diese Faͤlle nicht mit den oben in der zweiten Einwend. Nro. 4. abgehandelten verwechseln. Diese hier bestehen ganz genau mit unserm Typus und passen hinein, jene sind davon unabhaͤngig. Hiernach sind zweideutige Faͤlle zu be- stimmen, cfr. Doeens Note 21. und sind sie gleich ausgetheilt, sehr verschieden verflochten seyn. Und findet sich selbst hierin Uebereinkunft, so macht die ab- wechselnde Silbenzahl neue Differenzen moͤglich, so wie auch die verschiedene Anwendung maͤnnlicher und weiblicher Reime. Denn wird in vielen besonders aͤlteren Liedern der letzte Un- terschied nicht beachtet Gleich das erste Lied der maneß. S. — oder Walter 1. 108. (ein nuͤwer ꝛc.) — oder Tugendh. Schr. 2. 104. (so wol ꝛc.) , so sehen andere unleugbar darauf Walter 1. 109. (do der sumer ꝛc.) Conrad v. Wirzb. 2. 203. (gar bar lit ꝛc.) . Das, was wir jetzo reiche Reime nennen, findet sich wohl in einigen Meisterliedern, cf. Nifen bei Benecke n. XVIII. , aber daß diese kuͤnstliche Zugabe vom eigentlichen Ton ganz unabhaͤngig, beweise ich mit einem der letzten Lieder des Weim. Codex in des Regenbogen langem Ton, in welchem sonst keine reiche Reime stehen, hier aber hinzugefuͤgt worden sind. Spaͤ- ter hießen sie ruͤhrende Reime und waren verboten. Wagen- seil 519. Bei den spaͤteren Meistern, zu denen ich mich wende, fin- den wir dieselbe characteristische Tonmannichfaltigkeit. Dennoch stehen sie hinter den aͤlteren an Erfindung zuruͤck. Wagen- seils bekanntes Verzeichniß begreift nur 221 Toͤne, und dar- unter schon einige aͤltere, die Zahl der Meister faͤllt dafuͤr fast noch ansehnlicher aus. Freilich ist es unvollstaͤndig und geht nicht uͤber die Toͤne von 34 Reimen hinaus, ich koͤnnte es schon jetzo mit gegen 100 Toͤnen bereichern. Man muß aber zur Erklaͤrung des immer bleibenden Abstandes hinzunehmen, daß spaͤterhin die Nachbildung alter Toͤne haͤufiger wurde, (wo- von unten). Die einfachen Toͤne sind verhaͤltnißmaͤßig weniger beliebt, natuͤrlich weil die Formen immer steifer wurden, nachdem aber im einfachen, feinen alles schon erstarrt und geschlossen, immer noch ein Spielraum im großen uͤbrig blieb, ja nothwendig war. Wagenseil fuͤhrt nur 8 sieben- und 7 achtreimige Toͤne an, allein 30 von 20 und 16 von 21 Reimen. Indessen hat z. B. Frauenlob vorzuͤglich eine Menge Lieder in seiner kur- zen Weis (von 8 Reimen) gedichtet, von gewiß simpler Zu- sammensetzung. Unter den Meistergesaͤngen des 17ten Jahrh. sind einige von solcher Einfachheit, daß sie darin alle Minne- lieder zu uͤbertreffen scheinen, wenn man ihnen das Gesuchte und Gezwungene eben in dieser Kuͤrze nicht ansaͤhe. Ich ver- weise auf des vielgeuͤbten Ambr. Metzger’s Felten und uͤber- kurze Senftkoͤrnlin und Einbeer W. In der letzten ist nur ein einziger Reim, auf den die zwei Zeilen jedes Stollen und die eine des Abges. ausgehen, auch findet sich in der Silbenzahl keine Abweichung (wie in gleichem Fall bei Canzler 2. 243. „leider winter ungestalt ꝛc.“); aber gewiß ist durch die Musik etwas hervorgehoben worden. In dem Aufsteigen hingegen suchte einer den andern zu uͤberbieten, und unter den spaͤten lassen sich mehrere Strophen aufsuchen, die es zu hundert und druͤber Reimen bringen. Benedicts v. Watt Riesenweis hat 97, dessen uͤberlanger 122, Puschmanns Adlerweis 100, M. Gumpels uͤberlan- ger T. 120, die eben so benannten des Caspar Betz u. Mich. Vogel 108 und 105 Reime. Die gute Wahl des letzten Namens erzeigt sich beim Lesen eines solchen Meistersangs noch viel unzweifelhafter, ich moͤchte aber diese reimuͤberbietende Pe- riode nicht, sondern eher die mittlere (des 14ten Jahrh.) fuͤr die aller kunstreichste halten, denn hier entdecken sich Schwie- rigkeiten im Kleinen, Feinheiten in Worten und Farben, die kein Meistersaͤnger zu Nuͤrnberg herausgebracht haͤtte. Aeußere Beweise . I. Gesellschaft, (Schule?) Wir haben gesehen, daß ein naͤmliches Princip in der ganzen Zeit des Meistersangs herrscht, ohne daß es seloͤst durch eine schriftliche Urkunde aufgestellt worden. Halten sich doch spaͤtere Tabulaturen, von welchen Kenntniß auf uns gelangt ist, nicht eigentlich an den Grundsatz, als an eine bekannte Sache, vielmehr bestimmen sie allerhand auswendig hinzugetre- tene Regeln und Gebraͤuche. Es ist recht merkwuͤrdig, daß in keinem der mir vorgekommenen, Schulkunst uͤberschriebenen Meisterlieder ein Wort von Stoll oder Abgesang und deren Unerlaͤßlichkeit stehet. Selbst Anfangs mag hieruͤber nichts ausdruͤcklich verabre- det worden seyn. Die Regel mußte einmal durch sich selbst gelten und galt so fort. Durch Lehre Walter sagt (1. 132.): „zu Oestreich lernte ich fingen und sagen.“ Friedr. von Sonnenburg in der bekannten, fruͤher mißverstandenen Stelle: „das rieth mir der von Nif und andere gute Meister nicht.“ (Nach Docen ist dieser Nif ein bloßer Minnesinger.) und Nachahmung entstand der Meistergesang. Die, welche ihn ausuͤbten, waren deßhalb in keiner gewissen Gesellschaft, wohl aber in einer Classe; sie moͤgen sich immer fuͤr ihres Gleichen anerkannt und etwa in einem solchen Verhaͤltniß gestanden haben, wie es spaͤter, z. B. zwischen einem Nuͤrnberger und Straßburger Meister eintrat Gervelyn singt CCIV. vom Mysner, wo er ihn des Ver- dachts schuldlos befinde, sey er „sein gut Geselle.“ 2. 226. „min geselle Spervogel.“ Walter 132. „blasgeselle“ (?) . Schon das unstete Leben der ersten Mei- ster schließt ein fixirtes Zusammenleben aus; was die ausge- zeichnete Vorneigung des Thuͤringer Man lese wie Walter (im Weingartn. Cod.) den Thuͤringer Hof lobpreist. Fragm. u. kl. Ged. pag XLVII. Landgrafen und eini- ger anderen that, war nicht uͤberall so, und dennoch haben die Dichter vielleicht nie eine lange Zeit in Eisenach zugebracht; von Walter wissen wir, daß er noch haͤufiger in Oestreich lebte, wo auch Ofterdingen, wohl schon seinem Geburtsort nach, mehr einheimisch gewesen. Es konnten sich sogar unter den Dichtern eines Orts Streitigkeiten und Parteien bilden, was hernach z. B. unter den Straßburger Meistern wegen ih- rer buͤrgerlich bruͤderlichen Verbindung ganz undenkbar gewesen waͤre, allein wirklich noch im 14ten Jahrh, eingetreten ist. Daher wir denn diese engere Gesellschaft nicht in das Wesen des Meistersangs hineinlegen duͤrfen. Daß Schuͤler sich an ihre Lehrer hielten und mit ihnen vielleicht herumzogen, ist et- was ganz anderes, wenn man hiernach eine merkwuͤrdige Stelle im Tristan auslegen will, ( v. 4696.), wo Gottfried von Wal- ter und dessen werther Companie spricht. Es scheint auch glaublich, daß sich die Saͤnger zuweilen nach den Landschaften zusammengerechnet, Gervelyn ( CCIV. ) wirft dem Misner vor, er mißgoͤnne dem Marner, aber es gebe noch andere wohl- dichtende Saͤnger in Osterfranken . Man sehe auch Maneße 2. 207 a . von Singern bei Rhein . Dieß ist meine Vorstellung von Verbindung der fruͤheren Meister unter einander; sie muß durchaus existirt haben, wenn man sich darunter eine Anerkennung der Genossenschaft in Be- folgung gleicher Kunstregel und unterschieden von den Saͤngern des Volks denkt; eine so foͤrmliche Gesellschaft, als spaͤter daraus geworden Wo man z. B. noch von dem eigentlichen Meister (Tonerfinder) den eingeschriebenen Gesellschafter zu unterscheiden wußte. Je- doch hat man sich diese Gesellschaft nicht so fest, wie eine an- dere Zunft vorzustellen. , in dieser Fruͤhe anzunehmen, ist mir nie beigefallen. Habe ich mich also in meiner Erwiederung hieruͤber unrichtig ausgedruͤckt, so berichtige ich das gern, ob- gleich Docen die wichtigen Folgerungen, die er aus der schein- baren Einseitigkeit vorzulegen versprach, (N. l. A. 1807. C. 686. N. 6.) nachher zuruͤckbehalten hat. Deutlicher wird meine Ansicht von dem aͤußerlichen Ver- haͤltniß der alten Meistersaͤnger durch das Folgende werden, worin ich die hauptsaͤchlichsten Stellen uͤber diesen Gegenstand zu sammeln suche. Vieles spaͤtere findet sich schon ganz fruͤh, manches fruͤhe hat aber auch nachher abkommen und neuer Regel und Sitte weichen muͤssen Dahin gehoͤrt z. B. die Ueblichkeit des Wortes Bar , fuͤr den Inbegriff aller Gesetze eines Lieds. Vor dem 16ten Jahrhun- dert kommt es aber bei keinem Meister vor, und haͤngt schon darum mit dem alten Bardenwesen nicht zusammen. Vielleicht heißt es so viel als Art, Weise, genus. Die Baratreyen eini- ger Meister des 15ten Jahrh. darf man nicht hierher ziehen, Parat fuͤr Putz, Schmuck, Geraͤusch steht in der maneß. S. und im Titurel mehrmals. . 1. Die wichtigste Stelle ist und bleibt der Wartburger Krieg . Er beweist, daß die Meister auf einen Tag zum Sin- gen zusammen kamen, in Gegenwart der Fuͤrsten und Herren, und selbst der Frauen Man sehe im maneß. Codex Str. 10 u. 17. und im Wiener 4 und 9; auch das Gemaͤhlde im maneßischen, nachgestochen im ersten Bande des altdeutschen Museums. . Diese Oeffentlichkeit muß schon Feierlichkeit mit sich gebracht haben, das Singen geschah nach einer gewissen Ordnung, Ofterdingen hebt zuerst an. Vielleicht hatte der erstsingende die Wahl des Gegenstandes, dießmal legte Ofterdingen das Lob der Fuͤrsten vor, in der Folge des Streits aber ging man daraus in Raͤthsel, Fragen und Gleich- nisse uͤber, welche die Heiligthuͤmer der Natur und des Glau- bens begriffen. Es scheint, daß der proponirende Theil auch befugt war, die Richter des Streits zu waͤhlen, sie werden hier Kieser oder Merker genannt, und daß sie ihre Wuͤrde geltend gemacht, erhellt z. B. aus der 48sten Str. des Jen. Cod., wo es heißt: „da wurde geklagt, er haͤtte sich versprochen“, auch der Gries- wart fehlte nicht. Alles das erinnert an die Ritterspiele uͤber- haupt. Was an einem Tag nicht ausgesungen wurde, konnte an einem andern fortgesetzt werden, unser ganzer Krieg geht zu verschiedenen Zeiten vor, und einmal liegt ein langer Raum dazwischen. Besonders merkwuͤrdig ist endlich die Bedingung des Streits, nicht dem Sieger waren Kraͤnze oder Preise aus- gesetzt, sondern dem Besiegten Strafen, der Kampf ging auf Tod oder Leben, der Unterliegende sollte in Henkershaͤnde kom- men, allmaͤlig wuchs die Erbitterung der Parteien so, daß „ohne Friede“ sollte gesungen werden. Die Bedingung des Kampfs mag mithin weniger in der Sitte gegeben gewesen, als jedesmal fuͤr die einzelnen Faͤlle von den Streitenden selbst bestimmt worden seyn. Der Ernst aber, welcher hier in die Kunst der Poesie gelegt wird, ist so streng und hart, daß man um deswillen an der Wirklichkeit des Ereignisses zweifeln moͤchte, zumal da es bei den Turnieren gewoͤhnlich nur auf ein erlustigendes Spiel abgesehen wurde Wenigstens fruͤher. Cf. Reinmar v. Zw. 2. 129. Str. „Turniren was“ ꝛc. . Es ist hier gar nicht der Ort, meine Meinung uͤber den Wartburger Krieg, und uͤber Klinsors geheimnißvolles Dazwi- schentreten, vollstaͤndig darzulegen, ich kann nur erklaͤren, daß sie derjenigen vermuthlich ganz entgegensteht, welche darin der Sache nach bloße Allegorie, der Form nach, die Arbeit eines einzigen Dichters erblickt. Ich gebe zu, daß manche Stellen spaͤter und anderwaͤrts interpolirt worden, allein annehmen, Eschenbach habe das Ganze verfaßt, hieße fast das Factum uͤberhaupt leugnen. Entweder aber ist dieses wahr oder nicht. Fuͤr den ersten Fall spricht vieles in der innern Sache, die Wahrscheinlichkeit, daß die Erzaͤhlung der Chroniken nicht aus dem Gedicht selbst, sondern anderswoher, aufgefaßt; und (um nur das bekanntaͤlteste zu nennen) das Zeugniß des nicht viel spaͤteren Dieterich von Thuͤringen, warum sollen also die Ori- ginale einer so merkwuͤrdigen Begebenheit nicht aufbewahrt worden und warum sollen die Umstaͤnde erdichtet seyn? Zur Annahme des zweiten Falls haben wir wenig bedeutende innere Gruͤnde und aͤußere gar keine. Die Meister hatten wohl solch eine wuͤrdige Vorstellung von ihrer Kunst, daß sie alles daran setzten, selbst ihr Leben; es ist etwas Herrliches in jeder edlen Leidenschaft, wenn sie sich aufs Hoͤchste bringt, und etwas durchaus Freies, daß die alten Germanen vom Spiel entzuͤn- det ihre Freiheit zuletzt lieber verspielen, als im Wagen da- hinten bleiben wollten. Solcher Zuͤge hat die deutsche Ge- schichte mehr Siegfried schlaͤgt dem Guͤnther vor, jeder soll Land und Leute in das Spiel des Streits setzen. ( Nib . 465.) Brunhildens Freier hauptverlustig, sobald er gegen die Braut verliert. ( v. 1324.) u. s. w. Egil Skalagrim hingegen bekommt sein verwirk- tes Leben geschenkt, um eines schoͤnen Liedes willen, das daher den Namen Hoͤfdlausn (Hauptesloͤsung) fuͤhrt. S. Egils saga. cap. 63. 64. Der Dichter sieht diesen Preis noch fuͤr gering an, (ebendas. p. 657.) . Wer aber dem Wartburger Krieg nur eine symbolische Wahrheit zugestehen will, von dem verlange ich bloß etwas viel leichteres, naͤmlich daß er mir die griechischen Sagen von Apollo, Silen, Midas, Chiron und Orpheus ꝛc., (die unvergleichbar mythischer liegen,) auf seine Art, jedoch einigermaßen vernuͤnftig erklaͤre. Dieser Krieg, sicher der merkwuͤrdigste, war nicht der ein- zige in der Geschichte unseres Meistersangs, von andern mag keine Nachricht auf uns gelangt, ihr Gegenstand jedoch sehr mannichfaltig gewesen seyn Wolfh. Spangenberg nennt diese Lieder einmal Streit- und Reiz- dann auch Haft-Lieder , welches letzte an die Auffo- derung: nun Meister loͤse mir diesen Haft! (W. Kr. Sir. 30.) erinnern wird. Dem Fr. von Sunnenburg ( CCCCXXX. ) legte seine Liebste (Vredelin) ein Beispiel vor, und er singt: „sit ich durch ire liebe diesen haft untsliezen sol.“ . Der Hynnenberger sagt CCXIV , daß dumme Laien nicht von der Natur reden sollen, selbst einem weisen Pfaffen sey es zu viel, man solle sich aber daruͤber einen meisterlichen Hier ist der Ort, einem Einwurf zu begegnen. Man koͤnnte darauf verfallen, das Wesen des fruͤheren Meistergesanges eben durch die Anwendung der Poesie auf die Lehren der sieben freien Kuͤnste zu erklaͤren, also in ihm eine bestimmte gelchrte, alleao- rische, theologische Dichtkunst zu suchen, die denn spaͤterhin nur moralisch und biblisch geworden waͤre. ( Cf. Docen not. 30. p. 448.) Außer mehreren andern noch nachher anzufuͤhren- den Stellen (vergl. oben Note 20. und den N. l. A. 1807. 772. 773.), laͤßt sich anscheinlich auch die Idee der Wettstreite dar- auf deuten. Allein: 1) es bliebe unerklaͤrt, warum eine sich als hoͤchst characteri- stisch darstellende Form auch in den andern Liedern uͤber welt- liche, gemeine Gegenstaͤnde vorkaͤme, oder warum die gelehrte Kunst sich auch nicht aͤußerlich einen eigenen Kreis gezogen haͤtte. 2) Bei den spaͤten Meistern gelten diese weltiichen Lieder doch gewiß fuͤr rechte und foͤrmliche Meistergesaͤnge, uͤberhaupt eine solche sachliche Trennung ist nirgends ausgesvrochen. 3) Die fuͤrstlichen Loblieder, wovon namentlich der Wartb. Kr. den Anlaß genommen, passen nicht recht unter eine solche Ansicht. 4) Wir duͤrfen doch nur wenigen unter den anerkannt aͤlte- ren Meistern diese Gelehrsamkeit beilegen, unter den aͤltesten etwa allein dem Klinsor; aus Wolframs eigenen Gedichten staͤnden sonst eine Menge Stellen, worin er seine Laienschaft erkennt, entgegen, ungeachtet dieser Meister unstreitig einen Reich- thum von allerlei Kenntnissen besaß. Rumelant stellt sich auch den gelehrten Meistern entgegen. CCCV. u. CCCXIII. 5) Gerade die Meister, in deren Periode jener postulirte Be- griff des Meistergesangs noch am ersten zu finden waͤre, klagen Streit mit rechter Kunst entstricken sehen, mit Toͤnen und guter Rede. Womit eine Parallelstelle des Meister Heinrich Moͤgelin (im Goͤttinger Ms. gleich ein- gangs) zusammen zu nehmen, welcher beweisen will, daß un- moͤglich und beschwerlich sey einem Laien, zu dichten von Gott und den Wundern der Natur, leichtlich vergesse er sich mit einem Wort, dann werde sein Gesang wund von der Meister Strafen, vor den Fuͤrsten solle niemand dichten als ein wahrer Meister. Ein Dichtstreit des Frauenlob mit andern Zeitgenossen be- zog sich auf den Vorzug, welcher dem Wort „Frau“ vor „Weib“ gebuͤhre. ( Cf. Maneße 2. 216.) Frauenlob erhoͤhte ersteres und hat vermuthlich daher den Namen, nicht etwa von den Minneliedern, die er weltlichen Frauen zu Ehren, oder dem Leich, den er auf die himmlische gedichtet. (Vergl. indessen Herman Damen DCCXXXII. ) Gerade die Lieder in dem Je- naischen Gesangbuch, welche sich hierauf beziehen, hat Docen , als er Frauenlobs Gedichte zu vervollstaͤndigen angefangen, nicht bekannt gemacht, was er vor allem haͤtte thun sollen; im Weimarischen Codex kommen ebenfalls viele dahin gehoͤrige, zum Theil wohl dieselben vor, aber in sehr entstelltem Text. uͤber den Verfall der Kunst und der Minnepoesse, die Namen, welche sie dabei nennen, gehoͤren letzterer zum Theil ausschließlich. 6) Die spaͤten Tabulaturen ermahnen zu Liedern aus der ehristlichen und roͤmischen Geschichte und zu andern hoͤfli- chen Gedichten. Folz tadelt den Zorn und Schneider, daß sie uͤber „gemeine laiische Art“ gedichtet, zweifelt aber wohl nicht an ihrer Meistersaͤngerschaft, wie denn auch H. Sachs in der Summa seiner Gedicht ausdruͤcklich sagt, daß seine Mei- sterlieder außer ernsthaften Gegenstaͤnden auch kurzweilige, froͤhliche Schwaͤnke behandelt haͤtten. 7) Viele der einzelnen, noch vorkommenden literaͤrischen Be- weise widerstreiten endlich. Ich raͤume aber gern ein, daß sol- che Wettstreite in der ersten Periode wenigstens immer nur von großen beruͤhmten Meistersingern herruͤhren werden, die reichen und fuͤrstlichen befaßten sich nur mit Liebesliedern. F In einem derselben behauptet der Saͤnger durchaus, Gottes Mutter sey niemals Weib, stets Frau geheißen worden, denn das erste Wort bezeichne mehr die irdischen, das andere die himmlischen Tugenden. Der ganze Streit mag viel aͤlterer Anregung seyn, Vogelweide ist anderer Meinung und setzt wip uͤber frowe, (1. 116. Col. 2. unten. cf. 1. 119. die fuͤnfte Str. des Lieds: ir sult ꝛc.) uͤberein mit dem Mysner DCI. Solche Streite koͤnnen Feindschaften und bittere Vorwuͤrfe veranlaßt haben, wie man auch an einem wirklichen boͤsen Verhaͤltniß zwischen Wolfram und Klinsor Allenfalls auch zwischen dem Marner und Reinmar von Zwe- ter. Cf. 2. 169. , Frauenlob und Regenbogen, Moͤgelin und Regenbogen, Rumelant und Singof ( cf. CCLXIV mit CCCXVI. ) nicht zweifeln darf. Daß die poetischen Wettstreite nach und nach aufhoͤren, erklaͤrt die Geschichte des Meistersangs und kann nichts gegen mich beweisen. Einmal nahm die geringere Gelehrsamkeit der spaͤteren Meister den Gegenstand weg, dann litt das engere buͤrgerliche Leben kein unfreundliches Zusammentreten mehr. Vielleicht waͤhrte das einfachere Aufwerfen oder Vorlegen von Fragen und Raͤthseln (wie es Kelyn ( XCV. ) thut) etwas laͤn- ger. Man hat einen Gesang von Regenbogen, in dem er, (gleich wie in aͤlteren erzaͤhlenden Gedichten die christlichen Ritter mit den Heiden) mit einem Juden uͤber die Vorzuͤge des Christenthums disputirt. Ungeachtet hier auch der Gries- waͤrtel angerufen wird, so geht doch Kampf und Entscheidung von einem Dichter aus, und darf also nicht mit jenen Mei- sterwettstreiten vermischt werden. In diesem Sinn, ohne alle Persoͤnlichkeit, hat auch Hans Sachs seine Kampflieder zwi- schen Leib und Seele, Tugenden und Lastern gedichtet; bekannt ist der noch aͤltere Streit zwischen der Liebe und Schoͤne Spuren davon bereits bei Reinm. v. Brennenberg. , und nicht weniger eine Reihe der besten Volkslieder, als zwi- schen dem Buchsbaum und Felbinger, dem Wasser und Wein ꝛc. Die Concurrenz der spaͤteren Meister mit ihren Liedern zu ei- nem gewissen Preis (nach dem Memminger Bericht S. 52. Gleichen , d. h. mit Liedersingen um die Gabe streiten) ist etwas Verschiedenes und doch etwa damit Verwandtes. Es wurde in den Liedern aber selbst nichts bestritten, sondern das formell beste des Preises wuͤrdig erkannt. 2. Wolfram in der letzten Strophe des vierten Cap. im Titurel (oder in der 542sten) sagt: mit reymen schon zwigenge seint dise lieder worden gemeßen recht die lenge gar in ir don nach meistersanges orden zu vil zu klain das tuot ein lied verswachet ich wolfram bin unschuldig ob schreiber dicke recht unrichtig machet. Das erklaͤre ich so: „schon zweimal sind diese Lieder, d. h. Strophen in ihrem Ton, wie ihn die Regel des Meistersangs mit sich bringt, nachgemessen teorden; die Abschreiber aber machen die rechten Lieder haͤufig unrichtig, indem sie Silben auslassen oder zufuͤgen, daran bin ich ohne Schuld.“ Die Stelle beweist unwiderleglich die Existenz des Mei- stersangs zu Wolframs Zeit und daß der Titurel ein Meister- gesang Herr D. hat hernach selbst im Museum S. 149. einen Ton, der in Conrad von Megenbergs Prolog vorkommt, dem Meister- sang zugesprochen, obwohl dabei alles zweifelhafter aussteht. sey. Dieser Sinn besteht bei jeder Erklaͤrung und jeder Variante. Die richtige Lesart enthaͤlt sogar unser ei- gentliches Wort, wie es spaͤter uͤblich war. Puͤterich fuͤhrt die Stelle in der Hauptsache eben so an, statt „in ihr Ton“ hat er „vil jar gerecht“ — hinten im Druck ist die Strophe zum F 2 Schluß des Ganzen wiederhohlt und mit einigen andern Ab- weichungen. Dreigeng statt zweigeng, und in der vierten Zeile: „weise und Wort mach meisterlichen orden.“ Hiernach citirt offenbar auch Hanemann zu Opiz. Ich werde nachher ausfuͤhren, daß das Adjectiv meisterlich hier nothwen- dig dasseibe aussage, was in dem Substantiv Meistersang liegt; gern aber moͤchte Docen der ohne Zweifel entstellten und durch Puͤterich widerlegten Lesart anhangen, um dann etwa: „nach vollkommenster Ordnung“ allgemein zu interpre- tiren; wie gezwungen und uncritisch, gebe ich jedem anheim. Vielleicht koͤnnte man noch bestimmter so uͤbersetzen: zwei- mal hab ich nun schon all diese Lieder der Regel unseres Mei- stersangs nachmessen lassen, — da man weiß, daß reiche oder beruͤhmte Dichter diese Arbeit andern, etwa ihren Dienern, uͤbertrugen. Man sehe Adelung 2. 235. ( anno 1410.) Inzwischen laͤßt sich gegen meine Auslegung eine weitere Stelle des Titurel einwerfen. Str. 1140 erwaͤhnt der Dich- ter: „zweifalt Rede war dies Maͤr gesauͤmt, wenn ein Mei- ster stirbt, so nimmt es der andere auf.“ Das heißt: diese Geschichte ist nun zweimal bearbeitet worden, nach dem Tod des ersten Dichters, habe ich sie neuerdings uͤbernommen. Scheint aber nun nicht unser obiges “zwigenge” mit diesem „zwifalt“ zusammenzuhaͤngen, und ersteres so erklaͤrt werden zu muͤssen: „schon zweimal ist diese Geschichte gereimt oder bear- beitet worden“? Dann zwar ginge die gegebene Erlaͤuterung vom Messen verloren und man haͤtte auch die andere Arbeit fuͤr meisterfaͤngerisch erklaͤrt. Allein hier spricht ja der Meister gerade nur von seiner neuen Bearbeitung, die zu bestimmten Worte: „diese Lieder“ schließen allen Zweifel aus, das kann nicht heißen: diese Geschichte, sondern nur: diese meine Bear- beitung. Eschenbach hat hier keinen Anlaß von der Geschichte der Bearbeitungen zu reden, vielmehr will er bloß der schlech- ten Copisten erwaͤhnen und versichern, daß seinerseits alles geschehen Aber wie kommt er darauf ? weil hier im Gedicht ein Haupt- abschnitt, mit dem gewiß das Vorsingen oder Lesen auf das- mal beschlossen wurde. (Merkwuͤrdig faͤngt auch gerade nun das alte Fragment an.) Unstreitig paßte die Stelle besser an den Schluß des Ganzen, wo sie auch der Druck wiederhohlt, nicht aber das Hannoͤver. Ms. . Oder will man endlich den Ausdruck: „zwigenge“ uͤber- haupt nicht auf die Zeit, sondern auf die Form beziehen? Das thut auch Docen in seinem, seitdem obiges geschrieben wurde, erschienenen Sendschreiben, indem er die Str. 542 mit der Str. 1140 ꝛc. verbindet. Ich darf mich hier nicht umstaͤnd- lich in seine Interpretation der letzten Stelle einlassen. Diese ist allerdings dunkel und schwierig. Die Beziehung des: zwei- falt auf den Bau der alten Strophe liegt nah und hat einiges fuͤr sich. Allein daß unser: zwigeng ebenfalls dahin deute, be- zweifele ich nach dem oben Ausgefuͤhrten eben so sehr, als die weiter versuchte Erklaͤrung von Schlicht und Krumm, wovon ersteres das nach der „aͤchten Meistersingerkunst“ gebundene, letzteres das freie alte bedeuten soll. Das waͤre mir wirklich gerade willkommen, wenn nicht viel andere Stellen im Titurel (Str. 20. 65. 1654. 1701. 2099. 2243. 2293. 2404. 2938. 3077 ꝛc. ꝛc.) und besonders auch im Puͤterich (Str. 58. 59. 141. 142.) widerspraͤchen. Es scheint eher, daß: schlecht, wenig- stens in der urspruͤnglichen Anwendung auf die Rede gerade die freie, ungebundene ausgedruͤckt habe, s. Pe; v. sleht, und bei Otfried cap. 1. v. 37. prosun slihti ganz deutlich. wo man denn: schon durch: schoͤn, erklaͤrte, (zumal bei Puͤte- rich schlecht stehet) und folgenden Sinn erhielte: „diese Lieder sind in schoͤnen zweigaͤngigen Reimen gemacht worden.“ Vor- erst scheint mir das sprachwidrig, und: gang oder: gaͤnge, ge- rade in dem Sinn zu verstehen, wie die Daͤnen noch jetzt ihr gange (to gange, tre gange = mal) oder die Niederdeutschen ihr: werf, (die Altdeutschen: stund, die Englaͤnder: times und die romanischen Sprachen ihr: veces, fois ) gebrauchen. Dann aber, wie soll das Characteristische des Wolframischen Titu- reltons in diesen zweigaͤngigen Reimen erklaͤrbar seyn? etwa, weil er die langen zwei ersten Zeilen nun entzwei geschnitten und geflochten hat? Und warum konnte ein spaͤterer Ueberar- beiter (der bekannte Albrecht) geradezu „dreigeng“ setzen, da er doch an der Wolframischen Form gar nichts aͤnderte? schon er muͤßte also den Wolfram mißverstanden haben. 3. Eine merkwuͤrdige Strophe unter Walters Liedern (1. 113.), die aber vermuthlich nicht von ihm, sondern einem drit- ten gemacht und gegen den sonst unbekannten „her Volenant“ gerichtet ist, enthaͤlt, daß dieser keine Ehre habe, daß er den Meistern ihre meisterlichen Spruͤche treten wolle, er moͤge das bleiben lassen, Herr Walter sey Korn, er Spreu und das wird noch in einer andern, nachdruͤcklicheren Vergleichung aus- gedruͤckt Auch ist merkwuͤrdig, wenn es an diesem Ort heißt, Walter singe was er wolle, des kurzen und des langen ; gleicher- weise bietet Wolfram 1. 148. seiner Frauen kurzen oder lan- gen Gesang an, welchen sie wolle. Denn dieß steht wahr- scheinlich mit dem Tabulaturfehler des zu kurzen oder zu langen Singens (Wagenseil n. XXII. ) in Verbindung, und Docen fehlt, (N. lit. Anz. 1807. Col. 773.) daß er diese Ter- minologie zuerst bei Frauenlob (Miscell. 2. 280. ganz oben) zu erblicken glaubt. Man vergl. die Stelle eines Gedichts aus dem 14ten Jahrhundert (Adelung 2. 223.) Das zu viel und zu klein in der eben angefuͤhrten Str. Titurels mag leicht dasselbe bezeichnen, auch sehe man den Mysner DCXII. zu lane zu kurz, zu breit, zu smal ꝛc. ꝛc. Otfrieds v. 43. (thio lengi ioh thie kurti) steht in Beziehung auf die Metrik der Alten. . Dieser Volenant koͤnnte etwa ein Volksdichter gewesen seyn, wenigstens wird er hier von der Gattung der Meistersaͤnger bestimmt ausgesondert. Wie Docen im Mus. 1. 216 von einem Uebermuth gegen Weiber spricht, verstehe ich nicht, es soll wohl „Meister“ heißen. 4. Nach der bekannten Stelle Gottfrieds von Straßburg im Tristan v. 4516 u. s. w. sollte man doch wohl annehmen duͤrfen, daß unter den Meistern auch Kraͤnze und Lorbeerzweige dem Sieger ausgetheilt worden. Von dem Urtheil dabei, von der Kure spricht der Dichter ausdruͤcklich, und die Gloßen im schwarzen Buch koͤnnen freilich auch allgemein genommen wer- den, warum aber sollen wir nicht an eine bestimmte Sitte der Meistersaͤnger, das Schulbuͤchlein oder Codicill, denken duͤrfen? 5. Werner von Tuifen, (1. 45. in s. letzten Lied,) vermuth- lich einer von Docens Nichtmeistersingern, legt ein Spiel, ein Raͤthsel vor, und sagt dabei: „nun merket alle Meister was es sey!“ — Er scheint in Gegenwart von andern Mei- stern gesungen zu haben. 6. Auch nach einem Liede Walters 1. 120. ist anzunehmen, daß gewisse Tage zur Zusammenkunft Sollte zu der ersten Idee solcher Zusammenkuͤnfte der Saͤnger untereinander nicht auch die alte Sitte der Kirchensaͤnger mit- gewirkt haben, weiche eine Schule bildeten, und von denen Gerbert (1. 294.) sagt: vivebant in communi et habebant primicerium. Man denke hierbei an die Geistlichen unter den alten Meistersingern, an den Moͤnch von Salzburg, Bruder Eberhard, Bruder Werner, den Abt Sighart, (bei Vogt ) u. den raͤthselhaften Klinsor, der selbst ein Meisterpsaff heißt. Und Gervelyn CCIV. spricht ausdruͤcklich von den Toͤnen der Pfaf- fen, so wie sich Rumelant CCCV. uͤber sie aufhaͤlt. In der That laͤßt sich auch an einigen Zusammenhang des Meisterges, mit der gelehrten Musik nicht zweifeln und manches Termino- logische der alten Meister nur auf diesem Weg erklaͤren. Wenn z. B. Walter (1. 205.) von dreierlei Gesang, von dem hohen, niedern und dem Mittelschwank spricht, so versteht er gerade das naͤmliche darunter, was 400 Jahr spaͤter der bekannte Filip Zesen, der in seinem Gedicht an die uͤberirdische Rose- mund (Amsterd. 1645. S. 302.) von der Nachtigall sagt: „bald brummet sie den Grund und zieht den Mittelschall, bald hoch, bald uͤber hoch.“ Cf. Titurel 3561. von kleinen, großen und mittelmaͤßigen Saiten. angesetzt wurden. „Wann Sanges tag komme, solle man ihn schon singen hoͤ- ren, er singe nicht, es wolle denn tagen.“ Oder will man darunter eine bessere, ruhigere Zeit verstehen? Den Gedan- ken hat uͤbrigens Marner nachgesungen 2. 173 a . oben. Derselbe Walter (1. 106.): Dis bispel ist zemerkene blint swas nu davon geschehe, meister, das vint Gerade so der Sunnenburg CCCCIV. , nachdem er ein Raͤthsel von einem wunderbaren Frauenbild vorgelegt: „der vrouwen namen meyster untrat!“ . 7. Singenberg (1. 152.): koͤnnte ich singen, das unter sechsen zweien dauͤchte gut. Sollte das darauf deuten, daß die Billi- gung anderer Meister ein Lied besonders gut gemacht haͤtte? so wuͤnscht auch Walter (1. 105.) ein untadelhaftes, ungehaßtes Lied zu Stand zu bringen, er koͤnne den Redereichen nicht in allem zu Dank singen. Frauenlob am Schluß eines Lieds ( Docen Misc. 2. 280) ruft aus: „ besiegelt mir dieß Lied, es sollens die besten sehen,“ man mag nun hierbei an ein schriftliches Eintragen oder bloß muͤndliche Billigung der uͤbri- gen gegenwaͤrtigen Meister denken. Siehe auch Helleviur v. 61. 8. Besondere Aufmerksamkeit verdienen hier die Erwaͤhnun- gen aͤlterer Meister. Walter in dem schon angefuͤhrten Lied 1. 120. sagt, die Zweifler klagten es sey alles todt, (also schon so fruͤhe!) auf den Gesangtag werde man aber schon sin- gen hoͤren. Selbst kleinmuͤthig klagt er in einem andern Liede uͤber den verdorbenen Gesang und des Reimars Tod (1. 105.) Marner (2. 173.): „lebte sein Meister Herr Walter von der Vogelweide, der Venis, der von Rugge, die zwei Reimar, Heinrich Veldeck, Wachsmut, Rubin und Neithart, welche von Minne, Heide, Blumen und Voͤgeln sangen, aus deren Gar- ten und Spruͤchen er Blumen lese, so wollte er sie zu Zeugen nehmen. Doch lebten noch andere Sangesmeister und so moͤge ihm sein Herr von Heinberg, dem Rede, Wort und Reim in Spruͤchen kund seyen, zeugen, daß er mit Sange niemand truͤge, d. h. fremden fuͤr eigenen ausgebe, wie leicht koͤnne man aber nicht auf schon dagewesene Gedanken verfallen.“ — Hier werden ein Graf Venis, Rugge, Wachsmut, von deren Armuth nichts bekannt ist und die hier geradezu als Minne- singer characterisirt sind, eben so gut wie andere unter die Meister gerechnet, in deren Classe sich Marner selber mitzaͤhlt. Ein anderes mit dem vorigen gleichzeitiges Lied, das in einer vatic. H. S. mitten unter unleugbaren Meisterliedern steht, zieht Adelung 2. 251. 252. aus: wa sint nu alle die von minnen sangen sie sint meisteilig dot ꝛc. Nun werden genannt: Reimar, Walter v. V. W. (wieder als des Dichters Meister) von Buwenburg, von Rugge, von Jo- hannisdorf, Friedr. von Husen, Walter von Metz, Robin, Wachsmut, Ulrich von Gutenberg — mithin groͤßtentheils sol- che, die Docen nicht in die Reihe der Meister gebracht haͤtte Der von Gliers, welcher 1. 43. auch todte Dichter beklagt, will bestimmt nur solche nennen, die sich als Verfertiger von Lei- chen beruͤhmt gemacht. . Robin (in dem Jen. M. G. B.) klagt den Reimar, Wal- ter, Stolle den Bock, Nithart und Bruder Werner. Bei Rumelant ist eine andere nicht weniger deutliche Stelle, ( CCCLXIII. ) Mysner, Conrad von W., Helleoiur und der Unverzagte werden die vier besten Meistersaͤnger genannt, wo- gegen Singofs Kunst nicht aufkommen koͤnne. Dieß ist mit Singof CCLXI. CCLXIV. zusammen zu halten. CCCXIII. nennt R. den Marner den besten deutschen Singer. H. Damens Klage ( X. XI. ): die Schandendienstmann wol- len meinen guten Gesang vernichten, wenige uͤben die rechte Meisterkunst nach ihrer Wuͤrde So klagt auch der Urenheimer ( CCVI. ), ehedem habe man rechte Meister werth gehalten und nicht Lecker fuͤr sie gegehrt. , hievor ist in aller Welt rechter Meistersang gewesen und hat bei reichen Koͤnigen ge- wachsen. Reimar, Walter, Robin, Sonnenburger sind dahin, Marner, Ofterdingen, Wolfram und Klinsor (deren beider Gedicht meisterlich) — Meisner, Meister Conrad sind nun die besten mit ihrem gemessenen, ebenen Gesang. — Ich wieder- hohle hier nicht die vorigen Bemerkungen, sondern fuͤge die sich aufdringende hinzu, daß wenn wir ausgemachte Meister zum Theil uͤber verlorenen Minnesang klagen hoͤren, uns Buwen- bergs Klage (2. 181.) gar nicht befremdet, welchen Docen fuͤr nur Minnesinger zu halten scheint. (S. 458.) 8 b . Reinmars Stelle vom Seven bei Adelung 1. 95. welche Docen 449. dadurch zu schwaͤchen sucht, daß er zwar die Meister als solche zugibt, uͤber die sich Luͤtolt erhebt, ihn selbst aber als keinen darstellt. Das ist wenigstens gezwungen und mit nichts wahrscheinlich gemacht. 9. Ganzes wichtiges Lied des Hadloub (2. 187.): nirgends finde man so viel Lieder gesammelt, als im Zuͤricher Buche, deß pruͤft man oft da Meistersang, die Singer moͤchten sich des Maneßen Hof neigen und sein Lob allerwaͤrts pruͤfen, er und sein Sohn werbe nach allem guten und edeln Gesang. Den Sang, welcher der Frauen Lob mehrt, wollen sie nicht zergehen lassen. Der Sang komme von edlem Sinne, durch klare Frauen und edle Minne, der Weiber Suͤßigkeit treibe gut Gedicht, und suͤß Getoͤne aus den Herzen. Nichts kann klaͤrer seyn, denn dieses Lied, das noch so spaͤt den schoͤnen Grund des Meistersangs erkennt. Es denkt eben so offenbar nur an die Minnelieder unserer eigenen ma- neßischen Sammlung, als es gewiß nur von Meistersang spricht. 10. Meister Gervelyn klaget ( CXCIV. ): manche Neider sin- gen vor den Herren ohne der Kunst zu haben, diese lassen es sich gefallen, so lange niemand anders da ist, „wenn aber die Meister kommen“ hat es bald ein Ende. Unter diesen Nei- dern kann man Volksspielleute verstehen oder schlechte Nachah- mer der Meistersinger. Ein solcher ist leicht der „her dunkel Meister“, auf den die folgende Strophe anspielt. 10 b . Herman der Damen ( DCCXIX. ) bricht in die Worte aus: „steht auf, laßt mich in Kreises Ziel, ich will mit Lobe fechten die brandenburger Fuͤrsten vor“, so daß hier wieder eine Versammlung und ein Auftreten des vortragenden Saͤngers etwa in der Mitte eines Kreises vorausgesetzt werden muß. Das „Kreyses zil“ kommt eben so im Wartburger Kriege vor, und in M. G. des 16. u. 17. Jahrh. mehrmals das Betreten der Sing- stuhlsstufen. Frauenlob singt: „setz mir den Stul.“ (Weim. H. S.) 11. Rumelant ( CCCLXIII. ) haͤlt dem Singof die Vermes- senheit vor, daß er sich so hoch mit Sang in Meisterfaͤnger Grad gesetzet habe. Hieraus folgt zweierlei; einmal daß hier Meister einen bestimmten Grad anzudeuten scheint, dann, daß man sich selbst, oder die Meinung des Publicums diesen bei- legen konnte, und es noch nicht feierlich durch andere Meister geschah, wie spaͤter auf den Schulen. Wenn man die ganze Stelle nicht eher vom Mißbrauch als vom Gebrauch verstehen muß. Der naͤmliche Meister (Man. Samml. 2. 225. 226.) gibt ein Raͤthsel uͤber Marners Namen, nach meisterlicher Re- gel zu rathen auf, und in einem der folgenden Lieder, welches ganz deutlich ein Meistersang ist, wuͤnscht er sich aller Meister Kunst, um an den guten Frauen zu vollsprechen. Rumelant von Schwaben (ders. Dichter?) sagt CCCLXXXIV : zwoͤlf Meistersinger moͤchten nicht volldichten die Tugend ꝛc., wobei ich auf die Zwoͤlfzahl aufmerksam mache, deren Bedeu- tung freilich fast allerwaͤrts etwas Heiliges in sich hat. Allein hier denkt man doch an die zwoͤlf alten Meister, an eine be- stimmte Sage oder Sitte unseres Ordens Die Sitte laͤßt sich vieileicht auch auf das gesellschaftliche Le- ben der alten Volksdichter zuruͤckfuͤhren. Im Koͤnigreich der fahrenden Leute waren spaͤterhin noch die Zwoͤlfer, d. h. zwoͤlf beisitzende Rechtsprecher uͤber ihre Angelegenheiten. . Daß spaͤter auf die Zahl von zwoͤlf Meistern gesehen wird, beweist die unten citirte Stelle aus einem Meistergesang Metzgers von der Singschul, der, wie zu erwarten, dabei an die zwoͤlf Apostel erinnert Darnach man auf der Singschul auch thut zwoͤlf erfahrene Meister haben so wißenschaft der kunst gebrauch sampt derselbi- gen schoͤnen gaben ꝛc., welches die lieben Apostel seyn, das sie durch ihr heilsames lehren sollen der ganzen Welt Gemein zur geistl. Singschul bekehren. ( Ms. in Arnims Besitz.) . 12. Eine Beziehung des Meistergesangs auf Minnepoesie liegt auch in einem Lied Canzlers (2. 240.), die Meister haͤt- ten ihn mit Sprache so uͤberlistet, daß er nichts neues zum Lob der Frauen sagen koͤnne. 13. Frauenlob (2. 214 f.) setzt sich mit Reimar, Eschilbach, Vogelweide in eine Classe, er uͤbergolde ihren Sang, sie ha- ben nur den Schaum beruͤhrt, er aber aus dem Grund gesun- gen, mit Worten und Toͤnen, seines Sanges Schrein solle man reichlich kroͤnen (Haͤtte er allenfalls den eigentlichen Meistersang aufgebracht, so wuͤrde er bei dieser Gelegenheit anders gesprochen haben.) In dem Jen. M. G. B. sagt Frauenlob von der Minne: sie elaget an euch „vursumen und vurgahen“, und nachher: „ich muß ein lieblich strafen zern.“ ( Docen Misc 2. 278. 279.) Erinnert an die Klage uͤber Versprechen im Wartb. Krieg. Vergl. auch den Mysner DCXII. In dem alten Woͤrterverz. ( Do- cens Misc. 1. 211.) wird „Firsumen“ durch dissimulare giossirt. Darauf setzt ihn Regenbogen desto mehr herab, daß er sich so viel gegen dieser Meister Sang herausnehme. So spricht auch derselbe in seiner zwei- ten Antwort von den Meistern, die mit Ruhm gesungen, (Wolfram, zwei Reimar u. Walter), in der dritten schimpft er ihn: Meisterli . In der vierten nennt er ihn: Gesanges- freund , welches an das Schulfreund der spaͤtern Tabulatur erinnert, (wo es einen bezeichnet, der Meistergesang wohl ver- steht, allein noch nicht singt oder selbst dichtet. Eine andere hierher gehoͤrende Stelle Frauenlobs (2. 218.) interpretirt Do- ren nicht ganz richtig. Der Dichter sagt: „Viel Saͤnger be- ruͤhmen sich jetzt ihrer Kunst und haben doch wenig gute Sa- chen hervorgebracht. Der muß in Wahrheit wohl begabt seyn, der die fehlerlosen Toͤne der alten Meister recht singen kann.“ Also wieder ein deutliches Erkennen des fruͤheren M. S. Docen aber S. 459. versteht das: „lassen“ in der Original, stelle nicht durch relinquunt, sondern bezieht es auf: „krum- bes bar“, und mittelst einer gezwungenen Verwandlung in: „lassen wuͤrden“, bringt er dann den Sinn heraus: der muß wohl berichtet seyn, der die Toͤne schlichtet, welche die alten Meister ungetadelt lassen wuͤrden. Krumm heißt aber nie Ta- del, sondern bezeichnet das: was tadelnswuͤrdig, das schlechte. Frauenlob will hier offenbar nicht gewisse Toͤne, sondern die alten Meister loben, vor denen die jetzigen zuruͤcktreten muͤß- ten. An ein Provociren auf solche oder auf lebendige ist uͤber- haupt keine Veranlassung. — Die Stelle selbst war uͤberhaupt fast nicht zu uͤbersehen, dagegen bin ich Herrn D. fuͤr die Mittheilung einiger anderen aus Handschriften verpflichtet. 14. An die spaͤteren Gebraͤuche mahnen nun auch eine Menge einzelner Redensarten und Woͤrter, indem sie sich entweder gar erhalten haben, oder doch in demselben Geist eingefuͤhrt sind. Hier muß ich vor allen des Worts Merken und Mer- ker gedenken, deren fruͤhe im Meistergesang bestimmte Bedeu- tung man mir gleich abgewiesen hat, weil einige der von mir in der Schnelle angegebenen Beispiele besser allgemein verstan- den werden muͤssen Ich hatte das selber am ersten berichtigt, ( Docens Aufsatz S. 469. Not. 49.) und habe in dem mir citirten oberlinischen W. B. gar nichts Neues gesunden. . Merken heißt bekanntlich in Acht behalten, und wurde im 13ten Jahrhundert fast mit Melden uͤbereinstimmend gebraucht fuͤr: alles anbringen, was man an- dere thun sieht. Characteristisch aber bedienten sich die alten Meister dieses Worts fuͤr das Aufsuchen und Merken der Feh- ler im Gesang. Es ist unnoͤthig, die Stellen auszuzeichnen, in denen es in dem allgemeinen Sinn vorkommt Man sollte denken, es habe eigene Sittenwaͤchter und Anbrin- ger gegeben, so haͤufig sind Beispiele, als waͤre man vor ihnen in Furcht gewesen, und sie haͤtten manchen geschadet. cf. Man. Samml. I. 91 97. 103. 160. 173. II. 96. 106. 182. 187 ꝛc. Allgemein heißt es im Parzifal (8846): merchaͤre, u. Eneidt 1640. und bei Reimar von Zw. (2. 127.) Gedank und Merken kann niemand erwehren. Ecken Ausf. 145. von den die mer- ken koͤnnen. Vergl. auch den Goldener Str. III. am Schluß und Rumelant CCCLXVIII. Spaͤterhin bediente man sich viel mehr des Namens Klaͤffer fuͤr solche Merker im allgemeinen Sinn; Heinrich von Mor. 1. 55. sagt Schimpfer . Im allg. Sinn brauchen auch altfranzoͤs. Gedichte das Wort: noter . Cf. Meon fabliaux. T. 2. p. 196. v. 193. , oder solche, wo man zwischen diesem und dem engeren zweifelhaft bleiben koͤnnte. Ich beschraͤnke mich bloß auf die hauptsaͤchlich- sten derjenigen, wo die meistersaͤngerische Terminologie hervor- leuchtet. a ) Die beruͤhmte Stelle im Wilh. v. Orlenz. Vergl. Docen Misc. 2. 155. b ) Tyturel Str. 1141. an spaͤhender Merke versessen. 1144. sich der Merke ruͤhmen. 2938. (nachdem ein Streit gewesen) die Richte (Entscheidung) merken. 6006. es jehent die merk- reichen, daß ich die und die Fehler in meinen Gedichten ge- macht. Und so scheinen noch einige andere Woͤrter: pruͤfen, spaͤhen, kiesen außer der unleugbaren allgemeinern Bezie- hung Pruͤfen heißt ganz eigentlich: etwas untersuchen, ob es gut u. recht ist, probare, provar; in den Nibelungen haͤufig Wat oder Gewand pruͤfen. gleicherweise auf den Meistersang angewandt worden zu seyn. Das Maͤr pruͤfen kommt mehrmals im Titurel vor, (1139. 2099. 4470. 5314.) aber auch schon in der Klage, ( ed. Bodmer v. 192. 4424.) Hadloub a. a. O. spricht vom Pruͤfen des Meistergesangs. Frauenlob (2. 216.) sagt deutlich: „das pruͤf ein Mann der dichten kann“, und: „nach pruͤfen waͤr ein Singen gut“ nach der Lesart des Weim. Cod. Bei Maneße 2. 218. stehet dafuͤr: „bi pfiffen were ein swigen gut.“ Ul- rich von Wintersteten (1. 61.): „pruͤve er wol swer tihten kunne“, wofuͤr Benecke noch besser: „rihten“ liest. Denn es ist wohl zu denken, daß die Merker oder Pruͤfer, sobald sie vermuthlich fuͤr den einzelnen Fall gesetzt worden waren, eine Art von richterlichem Ansehen und Entscheidung bekamen, wel- ches auch die im Wartburger Krieg erwaͤhlten Kieser bestaͤti- gen Walter 1. 116. vom Merken des Sangs und Kiesen. Auch des Goldeners letzte Strophe verdient fuͤr die Existenz der Mer- ker nachgelesen zu werden. . Um aber auf das klarste in dem Beispiel der Merker dar- zuthun, daß die Anordnung meistersaͤngerischer Gebraͤuche auf die freiesten Zeiten und Gelegenheiten der Ritterpoesie zuruͤck- gefuͤhrt werden koͤnne und muͤsse, nehme ich einen Beweis aus der Geschichte fremder Dichtkunst her Und erinnere an die alte indische Sage von Calidas, der vor dem Preis aussetzenden Raia, die von seinen Nebenbuhlern be- strittenen Verse auf Steine schreibt und in das Wasser wirft, die rechten schwimmen oben, die falschen sollen untergehen. Polier 1. 186. 187. . In der 61sten der cento novelle antiche, einer wahrscheinlich schon vor Boccaccio verfaßten Sammlung, die uns wenigstens eine Menge altitalienischer fuͤr die Poesie merkwuͤrdiger Anecdoten bewahrt, findet sich eine den Ritter und Dichter Messer (Herr) Alamaño angehende Erzaͤhlung. Der Troubadour wußte die schwere Auf- gabe seiner erzuͤrnten Dame aͤußerst sinnreich zu loͤsen und zu machen, daß ihr vierhundert Stimmen Gnade riefen, indem er bloß ein kunstreiches Lied (in mancherlei romanischen Dia- lecten) In der vor mir liegenden ed. Firenze 1572. 4. ist das Lied hoͤchst incorrect abgedruckt und an mehrern Stellen dunkel. Hoffentlich hat es Manni in seiner critischen Ausgabe ver- bessert. verfaßte, das Wort merces nicht fehlen ließ und die ganze Hofversammlung leicht zum Mitsingen bewegte. — Damals erhoben sich nach gehaltenem Spiel die Ritter ihres Ruhms, oder ihrer Liebe, oder anderer Gluͤcksguͤter, auch wurde auf Bitten oͤffentlich gesungen. Unter andern stehen nun folgende, fuͤr uns wichtige Worte da: i cavalieri e don- zelli, che erano giulivi e gai, si faceano di belle canzoni e’l suono e’l motto, (nach Wort und Weise) e quattro ap- provatori (Merker, Pruͤfer) erano stabiliti, che quelle, che haveano valore, saceano mettere in conto; e l’altro a chi l’havea satte, diceano che le migliorasse. Was sich hier- aus fuͤr den Zusammenhang der provenzalischen mit unserer Dichtkunst schließen laͤßt, werde ich unten eroͤrtern. Hier ge- nuͤgt es, daß eine aͤußere Aufsicht, folglich Regel fuͤr den freie- sten Gesang gegolten, und wir finden nicht anders als in un- sern Meistersingschulen des 16ten u. 17ten Jahrhunderts vier Merker sitzen, welche auf die gesungenen Lieder Acht geben, die nach ihrer Einsicht geltenden aufzeichnen und dadurch billi- gen, den Verfassern der schlechtern aber anempfehlen, sie zu bessern. In Deutschland saßen spaͤterhin die Merker hinter einem Vorhang, der eine hatte die lutherische Bibel vor sich liegen, um nach ihr die Sprachreinheit zu urtheilen, der zweite achtete auf Weise, der dritte auf Reime oder auch wohl ein vierter noch auf das Absingen. Wir wissen nicht einmal, ob die spaͤtern Merker auf einzelne Faͤlle oder laͤngere Zeit bestellt wurden und von wann an das Strafen nach den Silben an- gefangen habe, wird noch schwerer auszumachen seyn. Ich bemerke noch, daß die provenzalische Sitte ins 13te Jahrh. geht und Alamaño der Bertrand d’Alamanon seyn koͤnnte, so we- nig Millot oder Nosiradam bei ihm des Vorfalls gedenken. Es ist uͤbrig, noch mit einigen andern Beispielen der gleichmaͤßigen Neigung fruͤheres und spaͤteres M. G. zu eigenthuͤm- licher Terminologie zu erwaͤhnen. Viele Redensarten z. B. sind vom Bauen hergenommen, weisen aber weniger auf geraden Ein- fluß, als gleichen Grund mancher Symbole und Braͤuche, die damals und fruͤher unter Handwerkern gegolten haben muͤssen. Der Gegenstand ist ein Gebaͤude, ihn wohl dichten, heißt ihm ein Dach zimmern, oder decken, gute Rede ist des Sinnes Dach, bleibt etwas unbefriedigt, ungeloͤst, so ist es ohne Dach; mit Erz decken bedeutet: etwas vollkommen und sicher aufloͤ- sen. ( cf. Wartb. Krieg Str. 35. 36. 38. 39. 74. Parcifal 10084. 11010. Lohengrin in Adelungs Ausz. S. 45. und fuͤr die spaͤtere Zeit Moͤgelin im Goͤttinger Ms. num. V. Str. 3.) So heißt es auch den Gaten (Thuͤr) finden, (W. Kr. 68. 98.) zur Verte weisen (98.) Haͤufige Reden sind von den Farben abgeleitet, eine Rede, ein Maͤr bruͤnen, Moͤgelin sagt, aus Pinsel Lobes Farbe streichen, an die Faͤrber und das Faͤrben in Gottfrieds bekannter Stelle brauche ich kaum zu erinnern. Andere von Kleidern, nach Moͤgelin schneiden die Meister den Spruͤchen Wat an, im Titurel steht, das Maͤre saͤumen, Bor- ten in Gedichte wirken, weben ꝛc. Das Bluͤmen, Floriren, (= sin- gen) Uebergolden ist freilich allgemein, oder vielmehr noch heut zu Tage gelaͤufig, aber die alten Meister bedienen sich dieser Woͤrter so oft, daß sie ohne Frage mit den Coloraturen der spaͤteren zusammenhaͤngen. Vergl. Gottfrieds Tr. 4526 — 35. Noch kommt: einen Haft Oben Note 65. , Strang oder Knoten loͤsen, oder flechten, nicht selten vor, ja flechten geradezu fuͤr dichten. Ei- nen Baum messen und spalten braucht Wolfram vom Veldeck im Parcifal 8708 — 8712. Auch scheinen die Meister ihre Kunst vorzugsweise die hohe genannt zu haben. (Wartb. Kr. G Jen. Cod. 47. Titurel 6008. u. 4898, in welcher letzten Stelle der bescheidene Dichter an sich selbst bezweifelt, was ihm an- dere zusprechen.) Daß figuͤrliche Redensarten aller Poesie nahe liegen, fließt aus ihrem Wesen, das man in ein Bemuͤhen setzen kann, die Natur sammt dem Leben in einer Figur, in einem Gleichniß auszudruͤcken. Dieß Gefuͤhl der hoͤheren, gleichsam goͤttlichen Mittel kommt auch noch in die Kunstpoesie hinuͤber und zeigt sich in dem Streben der Dichter, ihr geheimnißvolles Werk in Bild und Metapher zu treiben. Leicht erhaͤrtet die urspruͤng- liche Frischheit und Innigkeit in unverstandenem Aeußerlichen; von den nordischen Kenningar muß man urtheilen, daß sie zum Theil in herrlicher Naturpoesie entsprungen, zum Theil auch eitele Spielerei und Verworrenheit an sich tragen. Ob nun gleich von dieser Seite unser Meistersang noch ziemlich ge- maͤßigt und die Bildersprache weit unentfalteter ist, als die scandinavische; so ragt in ihm dennoch ein merklicher und boͤ- ser Mißbrauch hervor Dagegen ließen sich auch viele, eben so feiner, als tiefer Bilder aufweisen. Die Anwendung eines gegebenen Beispiels machen, welches sonst haͤufig heißt: „die Folge finden“ (das inde se- quitur ) druͤckt Alexander recht gluͤcklich durch: „der wilden Rede den Kern nehmen“ aus. Oder wenn Frauenlob die Rein- heit eines Fuͤrsten beschreiben will, waͤhlt er folgendes lebendige Bild: von der Schanden Traufe fiel nie Tropfe an seinen Leib u. s. w. . Die oben gegebenen Exempel beweisen indessen, daß man- che Figuren, nachdem sie im langen Gebrauch die Bedeutung einfacher Woͤrter wieder erlangt, fuͤr den Meistersang characte- ristisch gegolten haben. II. Namen . Jedermann weiß, daß die Namen Meistergesang und Mei- stersinger im 16ten und 17ten Jahrhundert die von uns un- tersuchte Poesie und die, welche sie ausuͤbten, ganz eigentlich bezeichneten. Verhielt es sich fruͤher damit eben so, oder gar urspruͤnglich? Ich bemerke gleich vorerst, daß nach dem oben uͤber den Ursprung unserer Dichtkunst gesagten, der Name anfaͤnglich eben so wenig ein gewaͤhltes Kennzeichen gewesen seyn wird, als bestimmte Gesetze da waren. Wer sich irgend einer Kunst oder Geschicklichkeit Nur zwei Stellen fuͤr hundert. Nibelungen 1707. Eines Mei- ster seyn, wie noch heute, einem gewaltig, uͤberlegen seyn. ibid. 1911. Im Titurel heißt es ausdruͤcklich, daß an aller Kunst Meisterschaft liege. So allgemein ist auch das Wort in dem Adjectiv meisterlos zu verstehen (Walter 1. 111. Conrad v. W. 2. 202.), welches: entmeistert, schwach, regellos bedeutet und noch im suͤddeutschen Provincialismus lebt. Cf. Fischarts Garg. Cap. 28. in fine. Phil. von Sittewald, 4. 42. Auch Gottfr. Tristan, v. 939. bis zu einer gewissen Stufe von Vor- trefflichkeit bemaͤchtigt hatte, der hieß Meister , und beson- ders wurde er von den Juͤngern, die sich um ihn bildeten, als solcher anerkannt, also: Lehrer. Uralt ist die deutsche Wurzel des Worts, und wenn mit der griechischen verwandt, nicht wohl daraus abzuleiten, noch Meister, gleich dem franzoͤs. maistre u. s. w. aus dem lateinischen magister geworden, son- dern eine sprachgemaͤße Uebersetzung dieses Ausdrucks, der auch, jedoch vielleicht beschraͤnkter, als das deutsche Wort, einen Lehrer bedeutet. Der Begriff eines graduirten Lehrers liegt aber weder in dem einen noch dem andern Wort und wurde auch erst nach dem Anfang des 13ten Jahrhunderts in das lateinische magister gelegt Hieruͤber: Meiners , Gesch. der hohen Schulen. 2. 211. 212. . Man kann annehmen, daß nach und nach und gewiß ohne diese Analogie vor Augen zu haben, der noch allgemeinere Name Meister eine aͤhnliche Bestimmtheit erhalten hat. G 2 Wenn sich also mehrere unserer alten Dichter des 13ten Jahrhunderts Meister nennen, oder so benannt werden, so be- weist das weder gerade, daß die andern nicht so benannten, ande- rer Art gewesen seyn muͤßten, sondern etwa bloß, daß sie nicht so beruͤhmt waren, noch weist es auf buͤrgerlichen Stand hin. Gerade die aͤltesten Meister sind haͤufig aus dem armen Adel hervorgegangen, und selbst bei Provenzalen und Franzosen fin- den wir gleichsinnig das Wort maitre ꝛc. gebraucht. Auf die dichtenden, reichen Fuͤrsten paßte der Ehrenname gar nicht, wie schon einmal erinnert. Ferner habe ich bereits verworfen, daß die Entstehung des Meistersangs mit einem Grad in den freien Kuͤnsten in Verbindung zu bringen sey, vermuthlich sind unsere ersten Meister aͤlter, als letztere Einrichtung selbst. Am- brostus Metzger im 17ten Jahrhundert war wirklich ein magi- ster artinm, aber er wurde — erst spaͤter ein Meistersinger. Ganz etwas anders bleibt es hingegen, daß uns die fruͤhe Existenz des Namens fuͤr die Sache beweisen muß, gleichwie in dem, was noch nicht feststehend, bereits die Verwandtschaft mit dem ausgebildeten wahrzunehmen. Faͤnde sich etwa fruͤher ein anderer Name, so wuͤrde daraus eine gegentheilige Ver- muthung entstehen. Das zufaͤllig auf die Singkunst Denn es ist wahrscheinlich, daß fruͤherhin auch Volkssaͤngern der Name Meister beigelegt worden, und bedeutend, daß in so fern von einem Meister der Abentheuer, des Buchs oder der Rede (s. die Klage) gesprochen wird. Wenn wir manche Sitte des Meistergesangs aus der Volkspoesie erklaͤren, so duͤrfen wir auch den Namen eben dahin zuruͤckfuͤhren. Die Nibelungen sind gewiß im allgemeinsten und eigensten Sinn der wahre Meister- gesang unserer Poesie, man koͤnnte indessen daran denken, daß auch das Lied vom alten Hildebrand so benannt worden. Nicht zu vergessen, daß Aventin ( fol. 21verso ) das Singbarliche, dem Gedaͤchtniß behilfliche, dem alten Meistergesang zuschreibt, Spaͤter mag etwa der Name, als er fuͤr unsere Kunst termino- logisch ward, andern Saͤngern entzogen worden seyn. Die , wie auf viel anderes angewandte Worte, wurde nach und nach characteristisch und war es ohne Zweifel viel fruͤher, ehe die Poesie bloß in die Haͤnde von Handwerkern kam. Haͤtten diese den Meistersang aufgebracht, so wuͤrden sie etwa ein anderes Wort gewaͤhlt haben, da ja doch jeder ihrer Mitbruͤder ein Meister, wenn schon nicht im Gesang war, woraus sich viel- leicht erklaͤrt, daß sie seltner Meister allein gebrauchen, fon- dern das Singer hinzu zu setzen pflegen. Mit allem dem will ich nicht abreden, daß vielleicht in der mittleren Periode die Idee des latein. magister artium der Terminologie eine noch fixirtere Bedeutung gegeben haben koͤnne, die sie sowohl erst nicht hatte, als auch bald wieder verlor. Unsere Dichter haben also schon im Anfang Meister ge- heißen, die Zeit zu bestimmen, wann sie sich den Namen ganz zu eigen gemacht, faͤllt aber unmoͤglich. Waͤre er es schon in der ersten Haͤlfte des 13ten Jahrhunderts gewesen, so wuͤrden sie sich vielleicht nicht so haͤufig der allgemeinen Bedeutung des Worts bedient haben, als sie thun Ein Grund, gegen den sich manches einwenden ließe, und die Allgemeinheit kann neben der Bestimmtheit gegolten haben, wie wir eben vorhin bei dem Wort Merker gesehen. Wenn Hartm. v. Aue (Iwan v. 246.) merken durch ein fruchtbares Hoͤren erklaͤrt, so beweist z. B. der Gebrauch dieses Sinns nichts gegen die damalige Existenz unserer Singmerker. Denn ich er- biete mich aus Hans Sachs ebenfalls zu zeigen, daß er merken ohne Ruͤcksicht auf meistersaͤngerische Bedeutung gebraucht hat. , gleichwohl muß es noch im Laufe dieses Jahrh. der Fall gewesen seyn, spaͤter Stelle bei Horneck (bald im Anfang), welche Docen 449 — 452 abhandelt, ist an sich wegen der Saͤngernamen interessant, in unserm Streit aber unbedeutend. Einiges spricht dafuͤr, daß diese Saͤnger wahre Meistersaͤnger und nicht bloße Spielleute waren, daher ihre Namen im Dichterverzeichniß eine Erwaͤh- nung verdient haͤtten. hingegen wurde er erst fuͤr die Lieder recht uͤblich Docen ist in der Verlegenheit, daß er fuͤr seine Meisterfinger und Meistersaͤnger nur das eine Wort: Meistersang gebrauchen kann. , die wir inzwischen auch ohne den ausdruͤcklichen Namen fuͤr Meisterge- saͤnge erkennen. Die Anfuͤhrung der nachstehenden Beweisstellen waͤre bei- nahe uͤberfluͤssig, daher ich viele andere auslasse. 1. Im Wartburger Krieg kommt mehrmals das Wort Meister fuͤr Singer vor, und merkwuͤrdig setzt die maneßische H. S. das erste, da wo die Wiener das letzte hat. Beide mithin hier in gleicher Bedeutung (d. h. ohne daß dabei an eine gewisse Stufe von Vortrefflichkeit gedacht wurde), und die Dichter, wovon die Rede, anerkannte Meistersinger. 2. Im Tyturel Str. 542. Meistersang; 632. hohe Meister; 1140. Meister; 2395: so suͤng ich Meister; 4897. 5814. Lauter Stellen, wo die Beziehung auf Gesang und Dicht- kunst nicht zu verkennen. 5295. 96. wird auch der allge- meine Sinn gerechtfertigt, denn an aller Kunst vermoͤge man Meisterschaft zu erwerben. 3. Gottfried im Tristan 4616. Meister fuͤr Saͤnger. Dage- gen wenn Isalde den Tristan Meister anredet (11440. 11524.) ist: Herr darunter zu verstehen. Vriberc gedenkt im Eingang des Meisters u. s. meisterlichen Werks. 2574 der besseren Meister. 4. Der Truchseß von Singenberg 1. 157. bezieht sich bei der Nachahmung eines von Walters Liedern auf den Meister, der eh von der Nebelkraͤhe gesungen. Das: „luͤgen un- sere Meister nicht“ in dem vorhergehenden Lied, kann gern allgemeiner genommen werden. Anderwaͤrts (Adelung 1. 100.) nennt er den Walter: unseres Sanges Meister. Sangmeister haben noch spaͤtere Chroniken und Tabula- turen gleichbedeutend mit Meistersinger. 5. von Eschenbachs Meisterkunst redet der Dichter oder Ueber- arbeiter des Loherengrins 6. Die Stelle im Wolfdieterich Str. 5. von zwei Meistern, die das Buch zu deutsch abschreiben sollen, hat nur eine undeutliche Beziehung auf den Gesang. Ebend. Str. 30. nach meisterlicher pflichte ein Gedicht auf den Rahmen wir- ken, d. i. sticken. 7. Laurin 1695 — 1708: man sah vor die Koͤnigin gehen zwei kurze Saͤnger (Zwerge), die sungen hoͤfeliche Maͤr, die sungen meisterlich Gesang; und nachdem waren noch zwei andere besonders, zwei kurze Fideler, worunter ge- meine Spielleute zu denken. 8. Marner sagt in einem Minnelied 2. 168. 169. und haͤtte er tausend Meister Sinn, so waͤre er zu klein, die Liebe zu beschreiben. Derselbe 2. 173. Sangesmeister. 9. Mysner ( DLXXV. ) Meister. 10. Rumelant ( CCCLXIII. ) Meistersingergrad. ( CCCLXXXIV. ) Meistersinger. 11. Meister Elias ( CXVI. ): am Sang unmeisterlich thun. So kommt noch ganz spaͤt das Beiwort vor, Wagenseil P. 501. meisterliche Toͤne. Klinsor im Wartb. Kr. Str. 89. von meisterlichen Sitten. Gottfr. Tr. 4623. meisterlicher Fund. Maneß. S. 2. 225. meisterlicher Orden. 5. 226. Meisterkunst. 12. Urenheimer ( CCVI. ) Meister. 13. Hynnenberger ( CCXIIII. ) meisterlicher Streit. 14. H. Damen ( X. ) Meisterkunst und Meistersang. 15. Unverzagler ( IX. ) Meistersang. ( XIV. ) der Meister Sin- gen, Geigen und Sagen. ( XX. ) Sang und Geigen Mei- sterkunst. Im 14ten Jahrhundert haͤufen sich die Citate immer mehr. In einer Stelle des Renners ( Docen Marg. zu Koch 324. 25.) ist von hohen Meistern die Rede, und der ganze Zusammen- hang lehrt, daß Hugo dabei an magister artium gedacht hat. Anderwaͤrts ( Docen Misc. 1. 79.) von Meister Conrads mei- sterlichem Dichten. Hugo selbst ist uͤbrigens ein wirklicher Schulmeister ( magister ) und wohl kein M. S. gewesen, wie wir dann auch gar keine Lieder von ihm haben. ( Cf. Museum 1. 586. 587.) Welche Dichter in dem Inhaltsverzeichniß der maneßischen Sammlung Meister genannt werden, kann jeder selbst nach- sehen. Offenbar ist dabei sehr willkuͤrlich verfahren, beruͤhm- ten Meistern, wie Veldeck, Vogelweide, Misner, Marner, Reinmar, Canzler fehlt der Titel, folglich kann er auch bei andern fehlen, die mir Docen nicht zugibt, dagegen hat ihn gerade einer, den er nicht gern zugeben wird, Meister Gott- fried von Straßburg. Vielleicht ist eben dieß, oder ein aͤhn- liches Beispiel die Ursache, warum er mir bestreiten will, daß ich unsern Namen mit dem spaͤtern Meistersang zusammen- bringe. Ich wuͤßte sonst wirklich keine. Außerdem scheint das Wort: Singer oder Saͤnger Obschon Docen die letztere Form neuer machen will, so sagt doch bereits Geltar 1. 119. Minnesenger. am uͤblichsten und kann gewiß einen wahren Meister bezeichnen, wie denn noch spaͤt in den Tabulaturen Singer fuͤr Meister gesetzt wird (Wagenseil 520). Freilich ist die daneben guͤltige allgemeinere Bedeutung von Saͤnger weniger zu verkennen. Fuͤr unsern bestimmten Fall verweise ich lediglich auf den Wartburger Krieg, auf Tanhuser 2. 59, wo alle Singer; auf Conrad 2. 207. (Singer bei Rhein); Bruder Wirner XLIV. Gervelin CCIV. und Rumelant CCCXIII . Seltener stoßen wir auf das Wort Dichter und Dich- ten Dichten und singen, z. B. bei dem von Rappersweil 1. 189. , obschon dessen Alter uͤber das 13te Jahrhundert weit hinaufgeht. Haͤufiger wird es hernach im 14ten (z. B. bei Moͤ- gelin) u. 15ten (Limburg. Chronik.) Da es in der Tabulatur bei Wagenseil auch brauchlich, so kann es recht gut einem Mei- stersaͤnger zukommen, eben so gut aber auch anderen. Zuwei- len findet man: Reimer . Reinmar 2. 131: ir hohen rimere Gottfried spricht vom Leimen der Reime in gutem Sinn, fuͤgt aber auch hinzu: als ob sie gewachsen waͤren. Tristan 4596. 97. , (wie vom beruͤhmten altenglischen Dichter Thomas the Rymer .) Puͤterich Str. 108. bedient sich des Worts Schreiber fuͤr Dichter, wobei man an unsern tugendhaften Schreiber denken kann, der Ausdruck selbst ist schon volksmaͤßig. (Nibel. 9042.) Auch im Titurel 2510 schreiben fuͤr dichten, und bekannt ist, daß Montfort den Heße von Straßburg gleichfalls Schreiber nennt, wohin auch noch gehoͤrt, daß Wizlau ( CCCLXXXIV ) ein Lied mit den Worten „Wizlau diz scrip“ endiget. Bei dieser Gelegenheit gedenke ich einer auffallenden Ge- wohnheit einiger Meister, sich allegorische Namen beizulegen. Ich haͤtte das vorhin als einen Beweis fuͤr das Gesell- schaftliche der alten Meister beibringen koͤnnen, weil solche Na- men auf eine Anerkennung mehrerer Gleichen unter einander schließen lassen, wie denn auch die Glieder einer Menge von Gesellschaften, z. B. der fruchtbringenden, oder schon des ge- lehrten Vereins unter Carl dem Großen, liebten, unter be- sondern Namen hervorzutreten. Allenfalls waͤre selbst Vogel. weide hierher zu nehmen, (man vergl. Adelung 1. 100, und erinnere sich an Gottfrieds Nachtigallen,) oder lassen sich aͤltere Nachrichten von einer Familie Vogelweide geben? Worauf mag sich wohl der Beiname des tugendhaften Schreibers gruͤn- den? Wenn bei Vogt „der ungelart tugendhaft Schreiber“ vorkommt, so koͤnnte er gar mit dem ganz allegorischen Unge- larten dieselbe Person seyn, dessen sehnender Weise Wizlau denkt, und von dem die spaͤtern Meister den schwarzen Ton brauchen. Hierher gehoͤren ferner: Raumslant, Singauf, Spervogil, (?) der wilde Alexander, der Lietschauer (ein guter Merkername, wie schon Docen bemerkt), der Unverzagte, der Helleviur, und vor allen Frauenlob. Die eigentlichen Namen sind uns meist dadurch verloren worden. Wie Nithart zu sei- nem boͤsen gekommen, erklaͤrt er selbst in einem Lied (Brenta- nos H. S.). Im 14ten u. 15ten Jahrhundert finden sich noch einige allegorische Benennungen: Frauenehr (wenn das nicht Reinmar), Maischein, Lilienfein, Suchesin (Suchs im Sinn), Muscatbluͤt. Rosenbluͤt moͤchte ein rechter Name seyn, zudem ist er ein Spruchdichter, aus welchem Grund ich auch den al- ten Frigedank ausgelassen. Unter den spaͤtern Meistern ging der Gebrauch ein, vermuthlich weil sie in den Toͤnenamen Blu- men genug anbringen konnten. III. Toͤne . Bei groͤßter Tonmannichfaltigkeit scheint dennoch in der ersten Zeit die spaͤtere Sitte unterscheidender Namen nicht ge- legen zu haben, welches auch daraus hervorgehet, daß sich fast jeder Dichter eine neue Weise Der Ursprung des Worts Weise ist merkwuͤrdig, indem er noch an die alte Alliterationspoesie, naͤmlich die dabei vorkom- menden vitteae, angeschlossen werden mag. Wohl gar der Name der Waisen , (als deren Begriff in Reimlosigkeit be- stcht) leidet es, auf die alte, unreimige Poesie bezogen und daher erklaͤrt zu werden. fuͤr sein neues Lied schuf. Einzelne Toͤnenamen aus der fruͤhesten Epoche des Meisterge- sangs sind indessen auf uns gekommen, wovon freilich die meisten auf Zeugnissen spaͤterer Meister beruhen. In den al- ten Gedichten finde ich nur wenige Stellen. Im W. Kr. hebt Ofterdingen Str. 1. in dem Thuͤrin- ger Herrenton an, worin mehrere Lieder abgesungen wer- den, Klingsor wiederholt den Namen Str. 71. Ofterdingen scheint hier einen fruͤher bekannten Ton vorgefunden zu haben. Maneß. Samml. 1. 38. singt ein Ritter in des Kiuren- bergers Weise, welches dieser uͤbel zu deuten scheint. Doch ist die Stelle dunkel und leidet andere Auslegung Sollte der in diesem Lied vorkommende Name Kiurenberger allgemeiner zu nehmen seyn? Kuͤrer heißt auf altdaͤnisch so viel als Waͤchter (K. V. p. 60. Str. 20. p. 615. Str. 18. und in W. H. 2. 284. steht ein Tagelied des Waͤchters des edeln von Kerenstein. Im W. Kr. ( Ms. jen. Docen Str. 70.) ein Kberenbere der Limburgere. Spangenberg (Adelsp. fol. 93vo ) nennt indessen Kuͤrner von Kuͤrnberg einen baierischen Adel. . Wizlau nennt des Ungelarten sehnende Weise, was man doch wohl nicht so allgemein als durch Liebeslied erklaͤren darf. Burkart 1. 87. die vil suͤße Stadelwise . Auf neue Toͤne legen die Dichter dadurch Gewicht, daß sie ihrer Neuheit ausdruͤcklich erwaͤhnen. Sachsendorf faͤngt ein Lied an: „in diesem neuen Tone wollte ich gerne neue Lieder singen.“ Von Raute am Schluß eines anderen (2. 47.) verspricht, von so suͤßer Handelung ein hohes neues Lied in suͤßer Weise zu singen. Nicht anders Meister Sigeher 2. 220. „ich beginne an in diesem Tone“, und 221: „an dem ich be- ginne in diesem neuen Tone.“ Vergl. Rumelant CCCLVII. CCCLXII. Helleviur CLXXX: „in dieser Weise das erste Lied.“ Hermann Damen XXXVI: „in diesem neuen Tone.“ Tanhau- ser klagt 2. 69. er koͤnne keinen guten Ton, gebe ihm jemand dergleichen, so wolle er schon Minnelieder singen. Rubin 1. 170. er habe der Minne so manchen Ton gesungen. Courad 2. 207. von resen (rauhen) Toͤnen. Beim Niederschreiben der Lieder scheint man Anfangs auch die Toͤne gar nicht unterschieden zu haben, wir sehen aus Raß- manns Vergleichung der Originalhandschrift, daß selbst die bei Werners von Honberg (1. 24. 25.) auf einmal befindliche Ru- brik jedes Lieds: „ein ander Ton“ spaͤtere Zuthat war. So moͤchte auch einem Lied Walters (1. 137.) erst spaͤterhin die Anfangszeile eines anderen (verlorenen) vorgesetzt worden seyn, um damit gleich die Melodie zuruͤck zu rufen. Merkwuͤrdiger ist, daß nachdem die vielen Lieder Reinmars von Zweter, die immer in demselben Ton stehen, zu Ende gegangen (2. 155.) vor dem letzten noch bemerkt wird: „dieß ist in Frauen Ehren ton .“ Die nachherigen Meistersaͤnger fuͤhren uns hingegen viele Toͤne an, die den fruͤhern, selbst den fruͤhsten Dichtern an- gehoͤren. Da sieht man: Ofterdingens Morgenweis, Wal- ters langen und Creuzton, von Wolfram einen langen, gulde- nen und (verschiedenen) verguldten Ton, ferner seine kurze, Flam- und Hoͤnweis; von Canzler einen langen und kurzen; von Conrad v. W. einen abgespitzten Ton; von Stoll den Bluͤt und Almentton, um anderer von Tanhauser, Marner, Erenbot, (der sich doch selbst in keiner spaͤtern Meistersaͤngerliste findet). Regenbogen und Frauenlob zu geschweigen. Sollen wir das fuͤr bloße Luͤge halten? Man wird leicht sagen, daß sich keine Spur der Namen in der maneßischen S. zeige und unter den Liedern dieser Dichter schwerlich solche an- getroffen werden, deren Schema mit dem spaͤter bekannten und uͤblichen uͤbereinstimme. Allein vorerst bemerke ich, daß wenn die Toͤnenamen unguͤltig seyn sollen, weil sie nicht in maneßi- scher S. den Liedern vorgesetzt sind, alsdann ihr Gebrauch uͤberhaupt sehr weit zuruͤckgesetzt werden muß. Denn warum setzt diese zu Frauenlobs, Marners, Regenbogen ꝛc. Gesaͤngen ebenfalls nie einen Namen bei, da sich doch hier die bestimm- ten Toͤne, so wie sie gerade spaͤterhin gangbar, genau vorfin- den und die bestimmt uͤblichen Namen in diesem Fall doch nicht leicht einer spaͤteren Erdichtung beziehen werden moͤgen? Ferner: eine Anzahl der angefuͤhrten alten Toͤne ist ja eben bei den spaͤten Meistern nicht sehr im Gebrauch, es schei- nen wirklich bloß ihre Namen bekannt geblieben zu seyn. Die Erdichtung der Namen waͤre also zwecklos. Nur ein Beispiel. Den beruͤhmten schwarzen Ton Klingsohrs wird man in spaͤte- ren Meistergesangbuͤchern aͤußerst selten finden, ob er gleich in Wagenseils Liste steht und in den Chroniken genau mit Neben. umstaͤnden genannt wird. Buͤsching hat indessen auch ein spaͤ- teres Meisterlied in diesem Tone angetroffen und mitgetheilt N. lit. Anz. 1808. Col. 403. . Abgesehen von der Ungenauigkeit Wagenseils Liste ist unvollstaͤndig (er fuͤhrt von Frauenlob uͤber 12 Toͤne nicht an) und ungenau (Fr. langer Ton hat nicht 24 sondern 19 Reime, die Zeilen und Reime im Zaͤhlen haͤufig verwechselt.) (Gegen Buͤsching .) der spaͤteren Listen und weil auch die Toͤne kleinen Veraͤnderungen allerdings aus- gesetzt gewesen, sind denn alle Lieder der alten Meister auf uns gekommen? Auf faͤllt es, daß wir von Klingsor und Of- terdingen fast nichts, von Wolfram, von Gottfried so wenig Meisterlieder haben, koͤnnen sich die fehlenden Toͤne nicht un- ter den verlorenen finden? Nur ein Paar Blaͤtter bleiben uns vom Bruder Werner und er singt, 2. 162: „ich habe so viel gesungen, daß mancher schwoͤren wuͤrde, ich haͤtte mich ausgesungen, ich habe aber noch alle Ecken voll von Liedern.“ Nun waͤre es Hauptsache, daß die Existenz der Toͤne selbst gerechtfertigt stuͤnde, ob die Namen eben so alt, bliebe aus. zumachen; das wenigstens leuchtet ein, daß alle diese angebliche Namen alter Toͤne sehr einfach lauten und dadurch den eige- nen, blumigten der spaͤteren Meister entgegenstehen. Die Toͤne selber moͤgen sich mit einigen Beispielen legitimiren. Klinsors eben genannter schwarzer Ton ist im spaͤtern Meister- sang gerade so gestaltet, wie im W. Kr selbst, er hat eilf Zeilen oder zehn Reime, indem die letzte ohne Band. Bei- spiele vom Marner und Bremberger habe ich schon im fruͤhe- ren Aufsatze gegeben. Es findet sich des Tanhaͤusers Hofton fast eben so Man. 2. 67. und des Canzlers kurzer und guldener Ton genau 2. 238., wie bei den letzten M. S. Desgl. Conrads abge- spitzter Ton von 21 Reimen, Maneße 2. 202. (Aspis ein Wurm ꝛc.) Ich gestehe, daß es schwierig haͤlt, die dem Wolfram zugeschriebe- nen aufzudecken, am wenigsten unter den Paar Liedern von ihm selbst. Daß er die Hoͤnweis Hoͤhen, hohe Weis? oder spoͤttische? erfunden, ist mir sogar unwahr- scheinlich, indem ihm schwerlich die Aufloͤsung des Heldenbuchs zu- geschrieben werden darf. Die Reime des verguldten Tones sind so in manchen Liedern, (1. 12. ich clage nicht ꝛc. — 1. 22. mir was wie ꝛc. — 1. 153. swer minekliche ꝛc. — 1. 159. in diesem nuwen ꝛc. — 2. 22. sich froeit ꝛc. — 2. 49. achtent wie ꝛc.), allein Silben und anderes variirt bestaͤndig. Der Flamweis ist aͤhnlich 1. 186. ob allen tugenden ꝛc. — 2. 166. merkent an ꝛc. — 2. 220. ze rome ꝛc. — 221. geliuckes rat ꝛc. aber dennoch welche Verschiedenheiten. Waͤren nicht Silben und Reimgeschlecht, so koͤnnte man des Canzlers erstes Lied (2. 238.) und ein anderes (2. 244. so wol dir hoh ꝛc.) fuͤr den guldenen Ton halten (der sonderbar mit dem blauen Regen- bogens zusammenfaͤllt, so wie Walters Creuz- mit Frauen- lobs Ritterweis) und mit dem Bauwerk des langen hat Aehnlichkeit Misners: swen uns das alter ꝛc. (2. 157.) Ich glaube also nicht, daß man eines der letztangefuͤhrten aͤhnlichen Lieder fuͤr eine Nachbildung der genannten Toͤne halten darf, eben weil dazumal Nachbildungen selten. Die Beispiele haben ihr Interesse, weil sie die bewaͤhren, wie die Abweichung oft nur an kleinen Zuͤgen haͤngt; ein Verzeichniß der Meistertoͤne, das bloß die Reime zaͤhlte und ihre Verschlingungen angaͤbe, waͤre eine hoͤchst unvollkommene Arbeit. Außerdem zeigen sie, daß der Totaleindruck der Form alter Minnelieder durchaus einerlei mit dem spaͤteren Meistergesange ist. Wo das Wesen in kuͤnstlicher Form liegt, wie im Meister- gesang, ist es ganz in der Ordnung, daß auf die Eigenthuͤm- lichkeit erfundener Form gehalten wird, und von jeher scheint in der Convenienz der Dichter etwas gegen Nachahmung gele- gen zu haben. Spaͤter, wo diese haͤufiger geschehen, hielt man es jederzeit ehrenvoller eigene neue Weisen zu erfinden, und die bloßen Nachahmer wurden zuletzt durch den Namen Singer von den Meistern unterschieden. Inzwischen muß man auch schon in der ersten Zeit einige Nachahmungen zugestehen. Singen nicht in dem Wartburger Krieg viele Dichter hinter einander in ein und demselben Ton? (Ich moͤchte daraus am wenigsten abnehmen, daß das Gedicht nur einen Verfasser gehabt.) Ferner, Wolframs Titurelsweise ist genau von Otto von Turne nachgebildet und nachher von vielen andern. Walters Lied mit dem Vocalspiel (1. 125.) haben der Singenberg (1. 157.) und Rudolf der Schreiber (2. 181.) nachgesungen. Wizlan erklaͤrt selbst, daß er die Minne- weise des Ungelehrten nachsinge. Die von Regenbogen zwischen Frauenlobs und von Singof zwischen Rumelants interpolirten Strophen folgen gleichfalls der angegebenen Weise und der Har- degger (2. 120. 121.) genau dem ersten Ton des Wengen (2. 98.). Ein Ton Boppos (2. 235.) findet sich mit leisen Aende- rungen bei Frauenlob, (2. 219.) ja die eine Strophe „Natu- ren“ selber wiederholt; wer nun von beiden Meistern hier ei- nen Reim ausgelassen oder zugefuͤgt haben mag, genug, die Abweichung ist sichtlich mit Fleiß hinein gearbeitet worden Wer nicht glauben will, daß eine kleine Abweichung, z. B. wenn sie Mittelreime zuthut oder wegnimmt, den Ton selbst nicht geaͤndert habe, uͤberzeuge sich an Reimars Strophe: „die kluogheit ist“ ꝛc. (2. 130.), wo dießmal ein neuer Reim in je- dem Stollen angezuͤndet wird, der gewoͤhnlich fehlt. Auch das, was wir: reiche Reime nennen, darf als Ueberfluß zu dem Ton hinzu kommen, ohne ihn zu veraͤndern, wie ich beweisen kann. Etwas aͤhnliches gilt vom Refrain ( referein, von re- ferre, oder refloit von reflectere ), welcher in Volksliedern, zwar gewoͤhnlich am Schluß stehend, doch eigentlich keine be- stimmte Stelle hat, sondern auch anfangs oder mitten vorkom- men kann. Daher engl. passend; the overword of the song . . Walters Ton (1. 134. got in vier elem) kommt genau bei Rumelant (2. 224. got aller wunder ꝛc.) wieder, auch wird er- steres Lied im A. M. G. B. p. 7. 8. wirklich dem Rumelant beigelegt. (Marners Creuz- und des Ungelarten schwarzer T. sind, in Reimen eben so, in Silben anders.) Dietmars Lied: „ich sufte und hilfet“ ꝛc. (1. 40.) ist doch wohl gleichtoͤnig mit des von Liunz: „es ging ein iuncor“ ꝛc. (1. 90.) und Friedrichs von H. „min herze den gelouben hat“ ꝛc. (1. 94.) weicht nur darin von beiden ab, daß es dieselben Reime aushaͤlt. Markgr. Otto: „ruͤment den Weg“ ꝛc. (1. 4.) kann mit des Suonegge: vil suͤße minne ꝛc. (194.) verglichen werden, imgleichen Lichten- steins: „er tore vil“ ꝛc. (2. 30.) und Hiltbolts: „ein schap- pel“ ꝛc. (1. 143), und das allererste Kaiser Heinrichs mit Heinrichs von Meisen erstem. Sehr aͤhnlichen sich: Ottos v. Br. „uns kumt aber“ ꝛc. (1. 4.) Heinrichs v. Sax: „ich sachs an“ ꝛc. (1. 35.) Hesso’s: „ich wil jungen“ ꝛc. (1. 90.) Wal- ters: „alrerst lebe“ ꝛc. (1. 104.) Lichtensteins: „st sol mir“ ꝛc. (2. 26.) u. s. w. Einerlei aber auch von einem Dichter gesun- gen, lauten: „ich han erwelt“ ꝛc. (1. 15.) und: „were cristes“ ꝛc. (1. 16.) Bei den ersten Meistern ist es sogar selten, daß einer seinen eigenen Ton mehrmals brauche, bereits zu Frauenlobs Zeit war aber das entschieden braͤuchlich geworden. Gewiß ha- ben nachgesungen dem Marner 2. 169. (Maria) Stolle (hinter Tristau) u. demselben 2. 170. Kelyn C-CXII. (wo nicht letzterem, wegen einzelner doppelter Verse das Ganze eigen ist.) oder daͤnisch: bikväd. In den Meisterliedern macht er manch- mal den Abgesang, aber nicht immer. ( Docen Mise. 2. 204. 205. 207.) Manchmal steht er thematisch vorangesetzt, wie bei Winli (2. 22.) Das Reptiz ( repetitio ) in Buͤchern des 14ten und 15ten Jahrhunderts scheint etwas davon verschiedenes zu seyn, und theils darin der Abgesang zu den beiden vorgegange- nen versus, theils das zu liegen, was man im geistl. Gesange als responsum der lectio entgegen stellte. (s. Reinecke de Vos , 1. cap. 5.) Ich lasse es dahin gestellt, ob statt findende Aehnlichkeiten manchmal als absichtliche Aenderungen gelten koͤnnen oder nicht lieber fuͤr unbewußte Verschiedenheiten gehalten werden muͤssen. Eine vollstaͤndig ausgefuͤhrte Vergleichung aller Weisen wuͤrde noch bessere Beispiele anbieten, waͤre aber auch gar muͤhsam anzustellen und ganz entschlage ich mich der Muͤhe, die Nachah- mungen spaͤterer Meister, sowohl in alten als neuen Toͤnen, darzulegen, niemand zweifelt daran. Erklaͤrt aber nicht das sich mehrende Nachsingen am fuͤglichsten die Einfuͤhrung der vielen Toͤnenamen Andererseits mag auch das handwerkerische Ceremoniel darauf eingeflossen haben. Wie man die Gesellen taufte, wollte man auch den Toͤnen einen ehrlichen Namen geben, selbst zwei Ge- vatter wurden dazu erbeten. ? Ich hatte in meinem vorigen Aufsatz von Rechten der Meistersaͤnger unter einander gesprochen und muß das in dem Sinn, worin ich es niederschrieb, zuruͤcknehmen, was ich um so eher kann, da auch bei spaͤtern Meistern nichts von derglei- chen vorkommt. In unserer Kunstgenossenschaft gab es wohl nie andere als persoͤnliche Befugnisse, (die wir in der letzten Epoche freilich sichtbarer erblicken, als aus der ersten wissen koͤnnen,) allein keine sachliche. Lessing , an dessen bewußte Behauptung ich damals vorzuͤglich dachte, hat den Spangen- berg mißverstanden. Obgleich, wie wir gesehen, das Nachsin- gen fremder Toͤne (aus andern Gruͤnden) selten war, so fand es eben im Wartb. Kr. ohne Anstoß statt. In den Schulen des 15. u. 16. Jahrh. wurde kein Meister gestraft, daß er in einem fremden Ton gesungen, wohl aber, wenn er ihn fehler- haft absang, nicht weniger als haͤtte er in seinem eigenen ge- fehlt; oder wenn er in einem angeblich neuerfundenen in einen alten eingriff, welches nur unter vier Silben erlaubt war. Daß ein Meister auf seinen Ton, wie auf seinen Gedanken hielt, ist zu natuͤrlich; bloße Nachsinger waren gering geach- H tet und verhoͤhnt. Auf diese Art ist die oben citirte Stelle Kiurenbergers und vielleicht auch die dunkele Spangenbergs von Klingsors schwarzem Ton zu nehmen. Der Marner wirft Re- gimarn v. Zweter (2. 169.) vor, daß er alte Sachen auftische und nennt ihn: Toͤnedieb . Noch deutlicher ist eine Strophe Conrads von Wirzburg (2. 206.) von den schlechten Singern, die den kunstreichen Meistern Rede und Toͤne stehlen und sich damit verdienen. Ob die nachherige Sitte: gewisse vorzuͤglich gefallende Toͤne zu kroͤnen , fruͤher schon statt gefunden? laͤßt sich nicht gut ausmachen. Es gab spaͤter vier gekroͤnte Toͤne, die vier langen von Marner, Frauenlob, Regenbogen und Moͤgeling, denn offenbar beguͤnstigte man das Muͤhsame in dem Langen, vielleicht ist Marners Ton erst nach seinen Lebzeiten gekroͤnt worden. Zu Anfang des 14ten Jahrhunderts war indessen der Gebrauch sicher bekannt, Frauenlob redet 2. 215. deutlich vom Kroͤnen des Sanges, Moͤgelin (Goͤtting. Ms. XIII. Str. 1.) will einen gekroͤnten Reien singen, und im Weimar. Codex in einem der letzten Gesaͤnge, ist auch von einem Singen des ge- kroͤnten Horts, und von dem Kroͤnen desselben mit den sieben Toͤchtern, freien, die Rede. Der letzte Beisatz weist wieder aufs 14te Jahrhundert. Was der von Klingen 1. 32. sagt, daß er aus den manchen Toͤnen seiner Frau einen kroͤnen wolle, kann dem Zusammenhange nach auch nichts mehr als: schmuͤcken, zieren bedeuten; doch finden wir auch bei Nithart 2. 75: „einen neuen Reien Sanges kroͤnen.“ Aus Wagenseil 554. erhellt, daß die spaͤteren Meister mit Kraͤnzlein geziert wurden, welches an Titurel Str. 5314. (wo vom Bekraͤnzen der Meister) und Gottfried erinnert, wenn er dem Auer den Lorbeerzweig zuspricht, wie denn auch Geltar (2. 119.), in un- verhohlen irdischer Gesinnung, fuͤr seinen Gesang lieber vier Kappen, als ein Krenzelin nehmen will. Der Lohn durch Be- kraͤnzen Bekanntlich findet bei den spaͤtern Meistern der Unterschied statt, daß die Krone das eigentliche Kleinod, die Kranzgabe aber ein viel geringerer Preis ist, so wie auch die Singschul feierlicher gehalten wurde, als das bloße Kranzsingen. ist aber in zu altem, gemeinem Gebrauch, als daß ich aus solchen Stellen eine Uebereinstimmung mit spaͤterer Gewohnheit beweisen wollte. Wichtiger scheint mir die Wahr- nehmung, daß es nie, weder den alten noch juͤngeren Meistern, eingefallen ist, einen Koͤnig ihres Gesanges zu haben Ueber den Kunig von Otenwalde (s. Docens Dichterverz. p. 146.) aus dem 14ten Jahrhundert waͤre erst naͤhere Auskunft zu wuͤnschen. , da sie nicht nur bei Volkssaͤngern, sondern selbst bei gleichzeitigen Franzosen und spaͤterhin bei Niederlaͤndern das Vorbild dazu gefunden haͤtten, wovon noch nachgehends. IV. Tradition der spaͤteren Meister . Einen weiteren Beweis fuͤr das Alter des Meistergesangs erkenne ich in der hier als bekannt vorausgesetzten Erzaͤhlung der spaͤteren von dem Ursprung ihrer Kunst. Diese hat ganz die Natur jeder Sage, den unhistorischen Schein und das fluctuirende Wesen. Auch noch dann, als Bestimmungen hin- zugekommen, welche mit ihr in Widerspruch stehen, erhaͤlt sie sich fort und zum Beweis, sie stamme nicht aus einer einzigen neuen Quelle her, hat sie sich fast in jeder Schule anders gestaltet. Keiner der Gesaͤnge, die sie uns berichten, steigt uͤber das 16te Jahrhundert hinaus, und dennoch darf man sie am wenigsten fuͤr eine Erdichtung der damaligen Zeit halten. Nur eines zu gedenken. Dazumal wiederholten gedruckte Chro- niken die Geschichte des Wartb. Kr.; waͤre man also darauf verfallen der Meisterkunst einen alten Ursprung anzudichten, so wuͤrde man vor allen die geruͤhmten Meister dieses Krieges mit aufgenommen haben, allein den Biterolf, den rugendhaf- H 2 ten Schreiber wuͤrde man in irgend einer Recension der Sage vergebens suchen, sogar es fehlt in einigen die Hauptperson, Ofterdingen selber. Und muß man eingestehen, die Sage sey aͤlter als das 16te Jahrh., so hat man damit noch mehr zu- gegeben. Der juͤngste unter den genannt werdenden Meistern ist Moͤgelin aus dem 14ten, darum kann sie aber immer hoͤher hinaufgehen, zumal er einigemal fehlt, und durch Ofterdin- gen Einer besonders hierauf gegruͤndeten Vermuthung Buͤschings : daß Ofterd. u. Muͤg. nur eine Person, kann ich schon darum nicht beistimmen, weil zuweilen beide neben einander unter den zwoͤlf alten Meistern aufgefuͤhrt werden. Andere meinen, Frauen- lob und Ofterdingen seyen dieselben, allein auch diese beiden kommen zugleich besonders vor. oder Klinsor ersetzt wird. Frauenlob zwar steht im- mer da, ja meist als allererster, so daß viel aͤltere auf ihn folgen. Das beweist gerade, daß sein großer Ruhm ihn an die Stelle eines unbekannteren gesetzt hat. Wir, die wir die Werke der alten Meister des 13ten Jahr- hunderts besser kennen und Mittel mancherlei an Hand haben, den einfach glaubigen Bericht einer Sage an helle, historische Puncte zu halten, werden nicht so schnell an die Reise unserer Dichter im zehnten Jahrhundert nach Pavia oder Paris, wo- selbst sie in ihrer Singkunst Probe abgelegt und bestanden, glauben. Allein wir sollen uns huͤten, daruͤber abzusprechen und wie mit einem harten Luftzug die Asche der alten Tradition zu zerstaͤuben. Es ist wahr, die Werke der Poesie, die aus dem 13ten Jahrh. auf uns gekommen sind, schweigen gaͤnzlich der ge- daͤchtnißwuͤrdigen, den Dichtern ehrenvollen Begebenheit, ob sie gleich uͤber den geistlichen Stand voll freier Aussaͤlle sind und eben das den ganzen Auftritt veranlaßt haben soll. Daraus scheint etwas wahres hervor. Will man annehmen, er gehoͤre wirklich ins zehnte, oder eilfte und zwoͤlfte Jahrhundert, die spaͤtern Namen seyen in die fruͤhere Geschichte eingetreten, so bliebe allerdings zu verwundern, daß die Dichter des 13ten Jahrhunderts (der Chronisten zu geschweigen) seiner ganz ver- gessen geworden. Indessen frage ich: wuͤrden nicht manche mo- derne Critiker die Sage z. B. des Wartburger Kriegs gera- dehin verdammt haben, wenn wir sie bloß aus spaͤtern Chro- niken geschoͤpft und nicht gluͤcklicher Weise die Streitlieder selbst gefunden? Denn weder die gleichzeitigen Dichter, noch die des 14ten Jahrhunderts gedenken dieses Vorfalls, deuten nicht einmal darauf hin, Wolframs Ausfaͤlle gegen Klinsor im Par- cisal und Titurel wuͤrden in ihrem mythischen Licht unverstan- den bleiben. Der einzige Herman Damen ( XI. ) hat eine leise Anspielung, ohne die, verbuͤrge ich nicht, daß man nicht Klin- sors Gebuͤrtiger Unger scheint er nicht gewesen zu seyn, namhafte deut- sche Familien fuͤhrten seinen Namen. An die Namen beruͤhmter Dichter hat sich von jeher die Fabel gesetzt, z. B. an Virgilius im Mittelalter, den walischen Merlin, den englischen Thomas, unter den Deutschen auch noch an Brennenberg und Tanhaͤuser. ganze persoͤnliche Existenz in Zweifel genommen haͤtte. Es ist also auch moͤglich, daß uͤber jenen aͤlteren Vorfall aͤl- tere jetzt verlorene Lieder und Quellen da gewesen sind. Die Anachronismen in unserer Sage hat schon Spangen- berg geruͤgt, und gewiesen, daß ein Klinsor und Frauenlob nicht zugleich leben koͤnnen, allein er selbst nimmt keinen An- stand, den ersteren auf einer Universitaͤt studiren zu lassen, die sogar fuͤr den letzteren zu neu waͤre Cracau erst 1400 gestiftet. Wolfhart Sp. spricht hier von Oxonien und Loͤwen! . Ich weiß gar nicht, woher ihm diese Notiz kommt, noch weniger, woher die ungleich wichtigere, zweideutigere: daß die zwoͤlf ersten Dichter aus Mag- deburg, Osnabruͤck, Helmstaͤdt, Wirzburg und Mainz her gewe- sen waͤren. Ein Umstand, dessen Erklaͤrung vor allem zu wuͤn- schen ist, denn in dem Hauptpunct leitet den Spangenberg ein rechtes Gefuͤhl, daß er mit den Namen nicht die Sache sebst verwirft. Es ist merkwuͤrdig, daß die zwoͤlf Meister gar nichts von einander gewußt, sondern (wie die heil. 3 Koͤnige auf eine Reise) auf eine Kunst verfallen seyn sollen. Ueber den Kaiser oder Papst zu streiten, waͤre vorerst ganz uͤberfluͤssig, die Veraͤnderung, welche sich Puschmann in der zweiten Aufl. seines Werkes erlaubt hat, (wo er statt Otto 1. gerade Otto 2. setzt,) bleibt bei ihrer Willkuͤrlichkeit problematisch. Paris ist zwar schon im 12ten Jahrhundert Universitaͤt gewesen, (was haben aber hier Papst und deutscher Kaiser zu schossen?) Pa- via es erst im 14ten Jahrh. geworden. Nothwendig waͤre es gewesen, fruͤher in den Mainzer Archiven genau nachzuspuͤren, die Meister berufen sich bestimmt auf ein altes in der Jo- hanniterkirche angekettetes Buch Cf. Tenzel 1697. 420. Jetzo ist es wohl fuͤr immer zu spaͤt geworden, Herr Praͤsident Bodmann hat mir bei aller Bereit- willigkeit aus seinen reichen Sammlungen keine Auskunft zu geben vermocht. Vogt in s. Gesch. von Mainz 1. 44. redet von den viel aͤltern Kirchengesaͤngen, die zum Theil noch im Dom vorhanden seyn sollen. , auch soll daselbst der von Otto gegebene goldene Cranz liegen. Meine Meinung ist: das Aufkommen des Meistergesangs fruͤher anzusetzen, wie ich oben gethan, hat gar zu viel gegen sich, es ist kaum glaublich, daß schon zu Gottfrieds v. Str. Zeit die alsdann vor dem Veldeck zu setzenden Dichter verschol- len gewesen. Spangenberg weiß zwar, daß vor und nach 1200 deutsche Dichter gebluͤht, und hat gewissermaßen recht, woher hat er: daß Klinsor so viel Dichter uͤberwunden, als Wochen im Jahre sind? Andrerseits mangelt es der Erzaͤhlung nicht an innerer Wahrscheinlichkeit, besonders wenn man sie ins Ende des 12ten Jahrhunderts verlegt, wohin die meisten Na- men reichen, wo freie Reden gegen die Geistlichkeit in allen Gedichten stehen und eine Pruͤfung der lautgewordenen Mei- nung, eine Verwendung des Kaisers in den Sitten der Zeit ist, ihre Lossprechung und Bestaͤtigung koͤnnte die nachher sichtba- ter gewordene, aber schon dem Anfang nicht fremde Neigung des Meistergesangs zu Theologie und Naturwissenschaft erlaͤu- tern; die Sage will weniger den Ursprung selbst, als die fruͤhe oͤffentliche Anerkennung und Lossprechung der Kunst berichten. Eine andere Conjectur duͤrfte fast auf keinen Beifall rechnen, wonach der Tradition keine unsern Meistergesang betreffende Begebenheit zu Grunde laͤge, sondern folgende andere, deren Andenken in Deutschland lang gehaftet und zuletzt etwas un- geschickt auf den Meistergesang angewendet worden waͤre. Man weiß naͤmlich, daß Carl der Gr. Saͤnger mit nach Rom brachte, die daselbst einen Streit mit den roͤmischen, uͤber Musik und Kirchengesang hielten, (s. Forkel Gesch. der Musik, 2. 208. 209, oder auch Dippoldt Leben Carls p. 94. 95.) und nach dem Moͤnch von S. Gallen sandte der Papst dem Kaiser 12 treffliche Saͤnger, den rechten Kirchengesang im Reich zu un- terhalten ( Forkel a. a. O. 210. 211.) Sonderbar ist ein Umstand, den ich bei Fauchet (unter Jonglet und Doete de Troyes ) beruͤhrt finde, daß Kaiser Conrad zu seiner Hofhal- tung nach Mainz beruͤhmte Dichter berufen habe, unter an- dern auch franzoͤsische. Allein das altfranzoͤs. Gedicht, worauf sich Fauchet beruft, enthaͤlt, nach Meons Ausgabe, keine Silbe davon, so daß leider ein so merkwuͤrdiges Citat entstellt und nicht zu finden ist. Dem sey, wie ihm wolle, und wenn sich auch eine ganz verschiedene, oder vermuthlicher nach der zu langen Verschmaͤhung niemals eine genuͤgende Aufklaͤrung dieser Sage ergeben sollte, so bleibt dennoch ihre Beweiskraft fuͤr das, worauf es mir hier ankommt, naͤmlich daß die spaͤtern Meistersinger allerdings ge- wohnt waren, so weit hinaufzusehen, und ihre Kunst von sol- chen Namen abzuleiten, welche wir fuͤr alte Minnesaͤnger hal- ten, und in denen ich auf ganz andern Wegen die Quelle des Meistergesangs nachgewiesen habe. Hoͤchst wahrscheinlich hat- ten die spaͤteren Schulen die Werke dieser Vorfahren nicht mehr alle vor Augen, (wir wuͤrden sonst nicht so wenige H. S. davon besitzen) und beinahe bloß an den Namen erhaltener Toͤne mußte sich einige historische Nachricht fortbreiten, darum darf es uns nicht befremden, wenn sich alles in dem Munde einfaͤltiger Handwerker ungenau und uncritisch ausnimmt Der alte fuͤrstliche Glanz des Meisterges. ist nie ganz vergessen: vorzeiten man gesang groß acht fuͤrsten und hern haben das getriben haben vil toͤn und lieder gemacht herlichen solds habens darum empfangen mancher singer ist bei fuͤrsten blieben. ( Cod. rudiger. ) . Bei vielen hat endlich die Sage von den zwoͤlf alten Meistern ihrer eigenen Stadt alles andere verdraͤngt und doch wieder in sich gefaßt Wir wissen von zwoͤlf alten Nuͤrnberger und Augsburger Mei- stern; uͤber die letztern s. ein Programm Beischlags und Tenzel 1697. p. 424. Es scheint, daß die zwoͤlf Meister in der letzten Zeit staͤndig gewaͤhlt wurden und naͤchst den Merkern eine gewisse Autoritaͤt in der ganzen Gemeine hatten. Metzger vergleicht sie mit den zwoͤlf Aposteln, die drei Merker mit den drei Erzengeln, Gabriel, Michael und Raphael. Da wo bei letztern die Vierzahl vorkommt, mag man die vier Evangelisten im Sinn gehabt haben. . In der Hinsicht sind die Nachrichten eines Meistersaͤngers zu Ende des 16ten Jahrhunderts Valentin Vogts bedeutend, der eine Menge alter Namen beibringt, und diese mitten unter die 12 alten Meister mischt, ja vorher noch vier besondere alte Meister (beruͤhmte alte Merker?) an- fuͤhrt. Und viele dieser Namen Hat nicht die Unsicherheit uͤber Namen und Verfasser schon aͤl- tere Beispiele? schreibt nicht unsere beste, die maneß. H. S. Lie- der, die sie doppelt gibt, verschiedenen Saͤngern zu? noch viel mehr, wenn wir sie mit der jenaischen und andern vergleichen. , die nicht in den Toͤnen spaͤterer Schulen mehr vorkommen, weisen uns in aller Ent- stellung auf unsere alten Meister des 13ten Jahrh. hin, oder entdecken uns auch gaͤnzlich unbekannte. Vermuthlich ist seine Quelle ein nun leider verlorener Codex gewesen, aus dem spaͤteren Goldast hat er nicht geschoͤpft, das versteht sich von selbst. Warum Docen die Guͤltigkeit meines Beweises, den ich aus der spaͤtern Ansicht der Meister entnehme, anfechten will, begreift man schwer, wenn man bedenkt, daß er selbst die alten Meister so fruͤh, wie ich, annimmt, und dießmal wenig- stens kein bloßer Minnefaͤnger unter den zwoͤlfen steckt. Ich habe an die alten Sagen vielfach glauben gelernt, hauptsaͤch- lich auf ihnen beruht die ganze historische Erkenntniß der Poesie. Freilich kann seine Unterscheidung zwischen den alten Meistern und Nichtmeistern auch hier nicht bestehen, es ist eben so of- fenbar, daß das Wissen der Meister im 16ten u. 17ten Jahr- hundert von ihren Vorgaͤngern unvollstaͤndig, als daß sie an- derwaͤrts (namentlich thut das Vogt) manche der alten angeb- lichen Nichtmeister darunter zaͤhlen. Da sich von so offenba- ren Meistern, z. B. Misner, Werner, Sonnenburg, Robin keine Toͤne spaͤter gehalten haben, so duͤrfen wir uns nicht lange wundern, daß auch keine z. B. von Gottfried von Straß- burg im Gebrauch geblieben sind. V. Zeugniß fruͤherer Schriftsteller . Ich gruͤnde mich auch auf das Verfahren verschiedener gelehrter Maͤnner des 15ten, 16ten und 17ten Jahrhund., wel- che sich mit der Poesie aͤlterer Zeit mehrseitig bekannt gemacht hatten. Wo nun diese der Dichter erwaͤhnen, da stiften sie keinen Unterschied, sondern nennen die Singer, wie recht, Meister; am wenigsten stellen sie solche den spaͤterlebenden, ih- ren Zeitgenossen, entgegen. Aventin an einigen Orten spricht so bestimmt von alten Meistersaͤngen, daß er dabei an keine neue Schule derselber denken kann, und er haͤtte gewiß einen unrichtigen Ausdruck vermieden, wenn ihm dessen damalige bestimmte und wohlbekannte Bedeutung fuͤr die Vorzeit un- passend erschienen waͤre. Spangenberg hat der Geschichte des Meistergesangs ein eigenes Werk gewidmet und ohne Zweifel daruͤber nachgedacht, er wuͤrde die aͤlteren nicht so leicht un- tergemengt haben, wenn er etwas anderes gewußt oder ge- merkt haͤtte, von Parteilichkeit spricht ihn schon der offene Ta- del jener Anachronismen los, so daß er gewiß nicht an dem Buchstaben des Vorgefundenen geklebt An Irrthuͤmern fehlt es ihm nicht, wie er z. B. den Boden- laube, Morungen, Nyfen u. s. w. fuͤr Namen von Geschichten haͤlt. (Adelssp. 172 b .) Sein Sohn Wolfhart hat das vaͤter- liche Werk einer eigenen neuen Arbeit zum Grund gelegt, die manches Gute weggelassen haben mag, aber auch an Goldasts herausgegebenen Koͤnig Tyrol und andern handschristlichen Mit- theilungen sich neuen Stoff fand. Merkwuͤrdig ist, daß er ver- muthlich unsere maneß. Samml. ein Stamm- und Gesellen- buch Kaiser Heinrichs nennt, worin dieser seine Hofleute sich mit Meisterliedern einschreiben lassen. Nicht wegen dieser offen- bar zu kuͤhnen Conjectur, sondern weil ihm gar nicht einfaͤllt, die Minnelieder, davon er genug aus Schobingers oder Gold- asts Abschriften vor Augen gehabt, fuͤr etwas anders als M. G. zu betrachten. Und so fuͤhrt er aus denselben eine Menge ein- zelner Stellen im Verfolg seiner Abhandlung an und zaͤhlt die Minnedichter unter den andern Meistern auf. . Keine andere Meinung hegt der gelehrte Wagenseil , und an ihr stießen auch viele nicht an, welche die Genannten ausgeschrieben Fast alle Schriftsteller aus dem 17ten und Anfang des 18ten Jahrhunderts uͤber die Meistersaͤnger koͤnnen mittel- und un- mittelbar auf Goldast und Spangenber zuruͤckgefuͤhrt werden, namentlich Gryphius, Hanmann, Haisdoͤrfer, Kindermann, Morhof, Omeis ꝛc. Deßwegen haͤtte Docen in seinem Verz. der bei Philander v. Sittewald vorkommenden Minnelieder gar nicht zu erwaͤhnen gebraucht. . Herr Docen , in der Ungewißheit, ob dieser mein Grund die geringste Widerlegung verdiene, hilft sich dadurch gut her- aus, daß er eine scheinbare versucht. Diese Leute haͤtten nichts von dem bluͤhenden Minnesang gewußt. Davon waͤren also alle auszunehmen, die nach der Erscheinung von Goldasts viel- gelesenen paraenet. gelebt; und sollten die Minnelieder uͤbri- gens so ignorirt gewesen seyn, da man deren im 14ten und 15ten Jahrh. noch manche in die Gesangbuͤcher aufnahm Ich erinnere an die andern Liederhandschriften außer der ma- neßischen. Daß die Goldastische Copie der letzteren auf dem Titel: „Hoflieder der deutschen Meistersaͤnger“ rubricirt ist, ( Benecke Vorr. p IV. ) zeugt von einer vollkornmen richtigen Ansicht des Gegenstandes, und Bodmer haͤtte das ohne Be- denken fuͤr seine Ausgabe behalten koͤnnen. , und zum mindesten die der mittleren Meister, als: Frauenlobs, Muͤglings, in den Schulen ziemlich kannte. Die Autoritaͤt jener Schriftsteller ruht darauf, daß sie einen auch in Ansehung der alten Meister existirenden Sprach- gebrauch forterhielten, den sie sicherlich nicht zuerst aufgebracht haben. Darin bin ich einverstanden, daß in unserm Streit auf die Ansicht der zwischen Gottsched und Docen liegen- den Schriftsteller, — einer der fruͤheren spricht fast in Docens Sinn, daß von den Minnesaͤngern einige zugleich Meistersaͤn- ger, aber nicht alle Meistersaͤnger Minnesaͤnger waren. (Joh. Jac. Rambach vermischte Abh. aus der Gesch. u. Lit. Halle, 1771. p. 350. 351.) — wenig oder nichts ankomme. VI. Einrichtung der Handschriften . Unsere maneßische Sammlung, wie vorhin beruͤhrt worden ist, gibt sich selbst fuͤr eine Sammlung von Meisterliedern. Auch ohne solche ausdruͤckliche Versicherung muͤßte die Sache schon dafuͤr sprechen. Sie enthaͤlt mehrentheils Minnelieder, weil sie diese aͤlteste Periode des Meistergesangs befaßt, aber mitten unter denselben gibt sie uns solche Gesaͤnge, welche die mir entgegenstehende Meinung nur allein fuͤr meistersaͤngerische erkennen will. Waͤre die letztere Ansicht gegruͤndet, und der Meistergesang so etwas fixirtes, so wuͤrde nicht so leicht ein Compilator ihn mit den freieren Minneliedern ohne ausdruͤck- liche Bemerkung vermengt, oder er wuͤrde stillschweigende Son- derung unternommen haben. Allein hier dachte niemand das zu scheiden, was noch dazu oͤsters aus dem Mund eines naͤm- lichen Dichters geflossen war. Nur einige Beispiele. Mitten unter fast lauter Minneliedern Reinmars des Alten erblicken wir 1. 80. eine Strophe (blatte und krone ꝛc. ꝛc.), die in je- nem beschraͤnkten Sinne fuͤr allein meistermaͤßig gehalten wer- den muͤßte, waͤhrend der Meister selbst in den zwei folgenden Strophen, die politische Klage fahren lassend, sich zu einem minnichlichen Wunder wendet, den Ton aber genau haͤlt. Der Minnesinger von Singenberg hat 1. 156. gleichfalls ein recht ernstes Wort von der betrogenen Welt mit unterlaufen lassen; ja Johannes von Ringenberg wuͤrde ohne seinen adlichen Na- men fuͤr einen jener eigentlichen Meister gelten, ob ihn schon die spaͤten Schulen, gleich vielen andern, vergessen haben. Gehoͤrt das Lied: Lute und Lant 2. 45., wie es scheint, dem Gottfried, so ist immer bedenklich, wie es der Sammler dem anmuthigen Lichtenstein nur zumuthen koͤnnen; aber auch der Adliche von Wengen hat sich an dergleichen Gegenstaͤnden ge- uͤbt. Andrerseits schen wir einige Erzmeister Minnelieder un- ter ihre uͤbrigen mischen, als wie den Reimar von Zweter (2. 125. 126. 142. 143. 145. 150.), und alles zwar in dersel- ben Tonart. Zwei Liebeslieder schließen die des jungen Misners, vom Marne r stehen 2. 166 — 169. viel Minne- und Tanz- lieder, und 2. 177. noch eine Strophe (do minne manigen ꝛc.) Conrad von Wirzb. auf einen weltlichen Leich, laͤßt einen geist- lichen folgen, hernach in den Liedern wechseln Betrachtung und Liebesgedanken ab. (2. 203 — 205.) In einem Lied spricht es der Meisiter aufs deutlichste aus, daß er eigentlich von Ro- sen und der Maienbluͤte singen wolle, aber dießmal sich an einen ernsteren Gegenstand kehren muͤsse. (2. 202. ich solt aber singen ꝛc.) Bei einem Meister herrschen die Minnelieder, bei einem anderm die moralischen vor, in der ganzen Sammlung die ersteren freilich, so aber immer, daß in beiderlei einerlei Art und Geist zu erkennen ist. Diese Gleichsetzung offenbart sich nun auch in der Jenai- schen Sammlung Es ist Beduͤrfniß, daß dieser zerstreut, unvollstaͤndig und durch einander gedruckten Handschrift eine bessere Ausgabe wi- derfahre, wobei die Musiknoten nicht zu vergessen waͤren. Dem Vernehmen nach hat Herr von Finkenstein neulich eine complete Abschrift genommen. , worin aber umgekehrt die sogenannten wahren Meisterlieder uͤberwiegen, weil sie in eine etwas spaͤ- tere Zeit fiel, wo die Minnepoesie bereits abnahm. Spuren der letzteren sind inzwischen noch genug hier, und wenn man einmal gewiß dieß Buch dem rechten Meistergesang nicht ab- sprechen darf, so waͤre es sonderbar, anzunehmen, daß dem Sammler die Ungehoͤrigkeit der Wizlauischen Lieder, der Strophe Misners DXXVIII, oder der CXLVIII. CXLIX. Alexanders gar nicht aufgefallen seyn sollte. Auf gleiche Weise werden sich aus den ferneren Hand- schriften entweder die einzelnen Liebes- oder die einzelnen ernst- haften Lieder fuͤr meine Sache anfuͤhren lassen, sobald nur bessere Nachricht daruͤber vorhanden waͤre. Merkwuͤrdig ist schon, daß die aͤlteste vaticanische v. 357, welche meistentheils Minnelieder enthalten wird, mit den drei Reinmars und Wal- ter anhebt. Der Weingartener Codex ist wohl eben so wie die maneß. Sammlung vorzugsweise der Minnepoesie gewidmet, und der Colmarer und Wirzburger wieder mehr dem Jenai- schen entsprechend. Der Weimarer gibt mehrere Minnelieder, die auch in dem Maneßischen vorhanden, mitten unter andern von Frauenlob. Spaͤtere Meistergesangbuͤcher enthalten zwar mehr gleichzeitige und darum einartige Gedichte, aber immer darunter sicher solche, die den von Docen gezogenen Kreis des Meistergesangs uͤbertreten. Die Gesaͤnge Moͤgelins im Goͤttinger Ms. werden mit mehreren Minneliedern beschlossen. In anderen mir bekannt gewordenen Sammlungen des 16ten und 17ten Jahrhunderts, z. B. in einigen von H. Sachs und der des Ambr. Metzger Diese ist betitelt: geistl. und weltl. Historien, auch kurzwei- lige Reden und dergl. in Meisterthoͤn gebracht durch M. A. M. ꝛc. Unter andern habe ich ein Fruͤhlingslied darin gefunden, das gleichen Inhalt mit so vielen alten Minneliedern hat, aber lange nicht gleiche Zartheit. , ist eine gleiche Vermischung geistlicher und weltlicher Gegenstaͤnde zu finden. Einen Einwurf kann man mir freilich auch aus der Ein- richtung der H. SS. machen. Es gibt einige, besonders aus dem 15ten Jahrhundert, welche Gesaͤnge in Meistertoͤnen unter andern volksmaͤßigen Liedern und dann wieder unter Spruͤchen und Fabliaux bewahren. Dahin gehoͤrt beson- ders ein Codex in Brentanos Besitz und auch der vaticani- sche Num 329. So gut also diese Volkslieder und Spruͤche unter Meisterliedern stehen, eben so koͤnnen auch alte Minne- lieder dazwischen geschrieben worden seyn? Allein hier darf nicht außer Acht gelassen werden, daß diese alten Minne- und Meisterlieder durchaus dieselbe Form an sich haben, daß sie von den naͤmlichen Dichtern herruͤhren, folglich die erstern nicht als etwas besonderes gesetzt und etwa aus dem Volkslied erklaͤrt werden koͤnnen, mit dem sie wohl der tieferen Grund- lage, nicht aber dem Character nach verwandt sind. Dahin- gegen spaͤterhin die Volkssaͤnger vieles aus den Toͤnen der Meister angenommen haben (wovon nachher). Wenn also in einer solchen H. S. allerlei Lieder von einer Menge ungenann- ter Dichter unter einander gesammelt sind, so ist der Fall al- lerdings verschieden von dem der aͤlteren Sammlungen. Noch unschicklicher wuͤrde man daraus eine Einwendung entnehmen, daß die fruͤheren H. S. die aͤußere Einrichtung spaͤterer Meisterbuͤcher nicht an sich haben, namentlich die Ab- theilung der Stollen und Abgesaͤnge nicht geben und keine Toͤnenamen anfuͤhren. Letzteres ist z. B. in drei vaticanischen Ms. (Nr. 350. 392 und 680.) Wie gewuͤnscht haͤtte ich, namentlich diesen Codex benutzen zu duͤrsen! Die von Adelung daraus verzeichneten Lieder 10. 18. 28. 29. 31. 32. 37. koͤnnen gar manche Erlaͤuterung enthalten. Bloß schon wegen der Toͤne muͤssen sie wichtig seyn, so wie die zu Dresden liegenden zwei und zwanzig Baͤnde, Meistergesaͤnge aus dem 16ten u. 17ten Jahrh. enthaltend, besonders Nr. 13, aus dem 15ten Jahrh. Die Einsicht dieser Quellen war mir vorerst theils unmoͤglich, theils zu umstaͤndlich, so sehr ich den Mangel fuͤhle. immer der Fall. Inzwi- schen ist hier deutlich manches erst spaͤter uͤblich geworden, wie z. B. das Beifuͤgen von Jahr und Tag vermuthlich erst nach Hans Sachs. Von den Toͤnen habe ich vorhin meine Meinung geaͤußert, eben so verhaͤlt es sich mit den Namen derselben. So bald sie bei zugegebenen Meisterliedern fehlen, kann es nicht befremden, daß sie auch nicht vor Minneliedern stehen. Manches beruht auf zufaͤlliger Bequemlichkeit und Kenntniß des Copisten, oder dem Fleiß und den Kosten, die man auf eine Abschrift wenden ließ. So haben viele Meistergesangbuͤ- cher aus dem 17ten Jahrbundert Musiknoten, andere wieder nicht, warum hat ihrer also die sorgsame Jenaische Handschrift ebenfalls, da sie dagegen den meisten andern abgehen? Warum fuͤgen einige H. S. von Minneliedern die Namen der Dichter hinzu (wie die Maneßische) und andere nicht? (z. B. die H. S. der Leipz. Rathsbibl.); eben so halten es auch die H. S. spaͤ- terer Meisterlieder in ihrer aͤußeren Einrichtung. VII. Geographische Ausbreitung . Folgende Wahrnehmung verdient gleichfalls Erwaͤgung, be- sonders nach allem, was vorhergegangen. Es ist bekannt, daß die alten Meister aus Suͤddeutschland hauptsaͤchlich aus Schwa- ben und Baiern Mysner DLXXV: der sang unrecht, er sey ein Schwabe oder ein Baier“, d. h. er sey gleich einer der besten Dichter. stammen, theils tiefer herunter aus Oestreich, Steiermark und Schweiz, theils liefen Aeste des Gesanges den Rhein hinauf, in den Elsaß, nach Franken bis nach Thuͤringen und Meißen. Bei diesem unverkennbaren Strich, den die Poesie gehalten, kommen wenig einzelne und spaͤtere nicht in Betracht, als wie Elias von der Leine, Reinolt von Lippe, Wizlau, (bei dem auch in der Sprache deutliche Vorneigung des niedern Dialects), zudem sie derselben Regel folgend wohl sogar dasselbe Idiom beizubehalten strebten. Minder noch stehen einige Fuͤrsten entgegen, der von Bran- denburg, Brabant, als welche gerne, wie haͤufig, fremde Feinheit und Bildung vaterlaͤndischer Gewohnheit vorsetzten. Den aͤltesten Meister werfe ich mir selber ein, in dessen Lie- dern sich kenntliche Spuren niederdeutscher, niederrheinischer, (Feldkirchen in der Grafschaft Wied am Rhein?) Mundart er- halten haben (wie auch bei dem spaͤtern eben gedachten Johann von Brabant.) Allein wissen wir uͤber Veldecks Geburts- und Lebensumstaͤnde etwas gewisses, scheint er sich nicht selbst nach Thuͤringen gewendet und in oberdeutschem Dialect geschrieben zu haben? Denn warum hat sich nicht ein einziges plattdeut- sches Ms. z. B. von seiner Eneidt erhalten? Und wo sind Sammlungen plattdeutscher Minnelieder aufzuweisen? Was uns die Moͤserschen Fragmente liefern, stellt sich nur zu deut- lich als Uebertragungen aus dem schwaͤbischen Idiom dar, aus dem manches unplattdeutsche beibehalten werden mußte Man lese das in der Allg. deutschen Bibliothek zur Probe abge- druckte, im Ms dem Nifen beigelegte, in der Maneß. Samml. dem Reinmar (1. 71.) gehoͤrende Lied. Andrerseits bedienen sich einige gewiß Oberdeutsche einzelner mehr plattdeutscher Woͤrter. Z. B. blide , im Titurel, bei Lichtenstein ꝛc.ꝛc. . Nun muß es ordentlich auffallen, wie der spaͤtere Mei- stergesang auf derselben Linie des Bodens geblieben. Im vierzehnten Jahrhundert bluͤht er zu Mainz, Straß- burg, Colmar, Frankfurt Herr Pfarrer Kirchner zu Frankfurt hat in den Archiven dieser Stadt nichts auffinden koͤnnen, was uͤber den alten Meisterge- sang daselbst Licht geben koͤnnte. , Wirzburg, Zwickau, Prag. Im funfzehnten zu Nuͤrnberg, Augsburg Beischlag will aber sehr unwahrscheinlich erst vom Anfang des 16ten die Meistersaͤnger in Augsburg gelten lassen. . Im sechszehn- ten zu Regensburg, Ulm, Muͤnchen, Steiermark, Maͤhren, (Iglau), Breslau, Goͤrliz bis nach Danzig. Im siebenzehnten zu Memmingen, Basel, Duͤnkelsspiel. So unvollstaͤndig diese Angaben ausfallen, (an manchen Oertern mag er auch sruͤher oder spaͤter in Aufnahme gewesen seyn, laͤnger oder kuͤrzer be- standen haben), so beweisen sie unleugbar im Allgemeinen. Die Sitte des Gesangs blieb im Lande, wo sie zuerst entsprungen, und da schlug sie ihren Sitz auf, wo die Buͤrgerschaft am freiesten, kraͤftigsten wohnte, also in den suͤdlichen Reichestaͤdten. Den Einwohnern der noͤrdlich gelegenen fiel etwas, wovon sie niemals gesehen noch gehoͤrt, nicht in Gedanken. Alles was die Wanderungen der Handwerker, die aus dem Suͤden kamen, oder aus dem Norden in jenen gezogen, bewirkten, war, ein- zelne Liebhaber ihrem Gesang zu erwecken. Diese einzelnen Ausnahmen aber genauer zu verfolgen, fehlt es an guten Nach- weisungen. So findet man Spuren, daß sich in Hessen Mei- stersinger aufgehalten Conf. Simplicissimus (Nuͤrnb. 1713.) 1. 128. , so mag auch der bekannte Valen- tin Vogt, ein Magdeburger, seine Kunst aus Nuͤrnberg oder Augsburg mitgebracht und fuͤr sich allein getrieben haben. Denn an Schulen, worauf es hier jetzt ankommt, ist bei sol- chen Faͤllen nicht zu denken. Man zeige mir Meistersaͤngerschu- len in Sachsen Wiedeburg 152. nennt einen Otmar Wetter aus Dresden. Die Rachricht einiger, daß Luther ein Meistersaͤnger gewesen, gruͤn- , Niedersachsen, Westphalen, Pommern, Meklenburg, Brandenburg u. a. m. J Da der Weinbau sein eigenes Erdreich und eine besondere Luft und Sonne begehrt, so daß er schon die ganze Zeit in Deutschland seine alten Grenzen nicht uͤberschritten hat, warum soll sich nicht auch eine Sitte, eine aͤußere Gestalt der Poesie nur in einer urspruͤnglichen Gegend fort aufhalten? Man er- kennt zwei Nationen ihre eigenthuͤmliche Sprache und Land- schaften ihren eigenen Dialect zu, und hart und auf einmal schneidet die Grenze ab. So wie wir aber noch in heutigen Mundarten auf Eigenthuͤmlichkeiten stoßen, die ein altes Ge- dicht an sich traͤgt und ihm somit sein Vaterland ausmitteln, so erkenne ich auch in der aͤußeren Stelle des spaͤten Meister- sangs seine innige Verbindung mit dem alten Was ich dem noͤrdlichen Deutschland dadurch abspreche, wird auf der andern Seite verguͤtet, daß die volksmaͤßige Dichtkunst (und wohl eben aus diesem Grunde, weßhalb die Bemerkung nicht ungehoͤrig) daselbst wirksamer fortgebluͤht. Man sehe den Ogier, Valentin und Namelos, Flos und Blankfloße ꝛc. Auch sagenreicher scheint im Ganzen der noͤrdliche Theil, das Harz- volk weiß viel mehr und besser zu erzaͤhlen, als die singenden Hirten der Alpen und Tirols. . Die Blu- menspiele zu Toulouse, der letzte Rest provenzalischer Poesie behielten sich denselben Ort, wo sie vor Alters so lebhaft ge- bluͤht hatte. det sich auf nichts, als einen Versuch Wolfh. Spangenbergs dem Meistergesang durch Luthern, oder Luthern durch den Mei- stergesang eine Ehre zu bereiten. Verhaͤltniß des Meistersangs zu der uͤbrigen altdeutschen Poesie . I. Zur Volkspoesie . Dieses stellt sich klar und einfach dar. 1. In wandernden Saͤngern erscheint die Poesie zuerst allen Laͤndern der Welt. Das Volk heiligt die Saͤnger, der Koͤnig lohnt, die Helden treiben die Kunst selber zu eigener Lust Der deutschen Sage und Historie mangelt es nicht an Beispie- len, Folker fidelt und hosirt, (Rosengarten Str. 228. und Ni- belung an vielen Orten; vergl. Chlage 1519. 2581.), besonders ist die nordische voll davon. Ueber Koͤnig Hother z. B. s. Suhm 1. 190. (deutsche Uebers.) In einem altdaͤn. Lied K. v. p. 42. v. 22. heißts vom sechszehnten Schild: den foͤrer Rigen Raadengaard som vel kunde digte og rime. und lernen das Fideln und Harfenspiel. Denn Begleitung der Instrumente scheint immer dabei gewesen zu seyn, obwohl sich einige bloß auf solche und andere bloß auf Gesang gelegt ha- ben moͤgen. Alle halten sich zusammen Urkunden von solchen Zuͤnften fahrender Spielleute lassen sich in Deutschland zwar nicht uͤber das 14te Jahrhundert hinauf- fuͤhren, allein die Sache selbst ist ohne weiteres viel aͤlter. Ge- gen das Ende des 14ten Jahrhunderts belehnte der Kaiser an- dere Staͤnde mit dem Oberspielgrafenamt, die dann wieder zu ihrer Stellvertretung einen Pfeiferkoͤnig erwaͤhlten. Das Docu- ment von der Ernennung eines solchen in der Herrschaft Rap- poltstein hat Scheid de iure in musicos, (auch bei For- kel abg. 751. Vergl. Joh. Muͤller 3. 161. 162. 4. 226. Nr. 57.) Die ganze Bruͤderschaft dieses Reichs theilte sich in die obere, mittlere und untere und jede versammelte sich an gewissen Tagen des Jahrs zu Rappoltsweiler, Altentann und , nach und nach J 2 sinkt mit der Ehre ihres Standes dieser selbst herunter, als sie sich durch Spiele, Mummereien und Gelage ein schlechtes Die Armuth fluͤchtet sich in den Stand der Saͤnger, womit nicht gerade zusammenfaͤllt, daß auch die Blindheit darin Trost und Labsal sucht. Zu letzterem koͤnnte ich Veispiele von dem goͤttlichen Homer und Ossian bis auf den Niecolo Cieco von Arezzo geben. Man s. Titurel Str. 3358: so singent uns die blinden daß siegfried huͤrnein waͤre. Aus Wolframs Gedichten, so wie dem Tristan, ließen sich viele Erlaͤuterungen uͤber die Spielleute schoͤpfen, deren Wesen aus- fuͤhrlicher zu beschreiben ich mir anderswo vornehme. , verachtetes Leben angewoͤhnt. Dazwischen liegen freilich Jahr- hunderte. 2) Der Meistersang bildete sich aus der Sitte des Volks- gesangs und bewahrte vieles davon, dennoch schied er sich gleich Bischweiler, die Ceremonien s. bei Mattheson in crit. u- sica 2. 343. Wie denn die Freuden des Volks meistentheils unter Vorwand oder Einbildung liberaler Ursachen zerstoͤrt wer- den, so geschah auch zu Wien im Jahr 1782. die Aufhebung dieser Einrichtung, weil man sie der natuͤrlichen Freiheit eines jeden, durch Kunst sein Brot zu verdienen, fuͤr unangemessen hielt. ( Nicolais Reisen 3. 298.) In manchen Staͤdten ent- sprang aus solchen Spielleuten die besondere Ordnung der Stadtpfeifer. (Vergl. P. von Stetten Kunst und Hand- werksgesch. p. 526.) Aehnliche Gesellschaften bestanden in andern Reichen, zum Beweis ihres Alters mit, die Idee war durchaus volksmaͤßig, daher allgemein. Ueber einen King of the minstrels and of the fidlers zu Tutbury in Staffordshire unter Richard 2. sehe man Ritson’s observat. on the minstrels p. VIII. IX. Conf. auch Blounts law dictionary. h. v. Floͤ- gels Hofnarren p. 393. In Frankreich 1330. die confrerie de S. Julien des menestriers gestiftet, sie hatten einen roi des menestriers und eine eigene Straße zu Paris, die noch den Namen fuͤhrt. ( Du Cange v. rex ministellorum, zuletzt hieß er roi des violons uud wurde 1773 gaͤnzlich eingezogen. Forkel 2. 750.) Die eigentliche Ausfuͤhrung des sehr inte- ressanten Gegenstandes wuͤrde nicht hierher gehoͤren. schon persoͤnlich ab An dem Gegensatz zwischen Volkspoesie und Meistergesang habe ich nie gezweifelt, sehe also nicht ab, warum mir Docen S. 457 zu verstehen geben will, daß außer letzterem auch noch etwas anderes bestanden habe. Die Stelle aus den annal. domin. ist mithin ganz klar; moͤchte er dafuͤr deren Quelle , die groͤßere Stelle aus der Limburg. Chronik erklaͤrt haben, worin mir ganz unverstaͤndlich ist, daß die Lieder mit 3 Gesetzen erst 1360. auf- gekommen seyn sollen. Das ist so falsch, daß es nicht einmal eines widerlegenden Beispiels bedarf. Und das Wort Wider- sanc steht schon bei Vogelweide 1. 123. . Die Meister lebten an den Hoͤfen, gleich den Spielleuten, aber sie draͤngten diese fast weg. Ge- sellschaftliches behielten sie auch von jenen bei. Andrerseits gingen ihre Weisen von dem natuͤrlichen Princip aus, das auch in dem Gewaͤchs der Volkspoesie liegt, sie aber trieben es mit Absicht und endlich toͤdtender Gewalt in alle Aeste und Zweige Das Verhaͤltniß des Meistergesangs zur Volkspoesie laͤßt sich folglich in der Kuͤrze so angeben: in der letzten liegt der unter- schiedene dritte Theil fast bloß in Melodie und Begleitung, in- den Meisterliedern ist er nothwendig aͤußerlich in die Worte getreten. . Die Volkspoesie ist mithin wie im Leben, so auch in sich selbst vom Meistergesang geschieden, bestand jedoch immer neben dem letztern und uͤberlebte ihn bei weitem. Die alten Meister achten solche Saͤnger gering und moͤgen ihre Mißgunst sogar auf den Gegenstand alter Volksdichtung uͤber- tragen haben Denn sie haben vermieden, sie zu bearbeiten, woruͤber man nur Rud. v. Montf. Stelle im Orlenz und Puͤterichs Catalog nachsehe. Marners Strophe 2. 176. kann leicht so ausgelegt werden, daß sie nicht widerspricht. , welche sie baͤurisch im Gegensatz zu ihrer hoͤflichen zu nennen pflegen Daher steht noch in spaͤtern Chroniken uͤber Dieterich v. Bern: „von dem die Bauern singent.“ Im Gegensatz redet noch Ambros. Metzger im 27ten Jahrhundert verschiedentlich von der adelichen Kunst des Meistersangs, der er sich beflissen. . 3. Nach und nach, besonders in der Letzte, zeigte sich doch wieder eine Annaͤherung beider. Die Volkssaͤnger suchten sich manche einfache Weise des Meistergesangs anzueignen, und dieser fiel allmaͤlig so in den buͤrgerlichen, gemeinen Stand herab, daß es schon aus dem Grund, in Ermangelung ande- rer Kennzeichen, zweifelhaft seyn kann, ob ein befragtes Ge- dicht von einem (um dann so zu sagen) wirklichen Meister, oder von einem Baͤnkelsaͤnger in Meisterton gedichtet worden. Meine Meinung kann hier nicht zweifelhaft seyn. Da ich den Meistergesang wesentlich in das Formelle setze, so halte ich ein solches Lied auch dann fuͤr ein meisterliches Nur ein Beispiel. Das bei Morhof 313. gebruckte Soldaten- lied ist mir ausgemacht ein Meistersang, und zwar einer der herrlichsten. , wenn es nicht aus der (damals geschlossenen) Gesellschaft hervorge- gangen, und auch dann, wenn der Volksdichter dem Ton einen andern, gelaͤusigeren Namen gegeben, wie haͤufig geschehen. Ja selbst, wenn er die Weise etwas geaͤndert und nachlaͤssig gehandhabt hat, genug daß das Meistersaͤngerische vorherrsche. Ein Meistersinger waͤre freilich dieser Dichter zu der Zeit nicht mehr, wo die Gesellschaften buͤrgerlich bestimmt und angestellt, denn auch z. B. Valentin Vogt war kein eigentlicher, weil sich an seinem Aufenthalt keine Schule befunden Man koͤnnte mir etwa die Frage thun: ob ich einen im 14ten Jahrh. (nach der Limb. Chronik) dichtenden Gerlach von L. oder Reinhart von Westerburg fuͤr einen Meistersinger halte oder nicht? Es ist zu erwarten, daß die hoͤhern Staͤnde, als an- faͤngliche Beguͤnstiger und eifrige Mitpfleger des Minnesangs auch noch spaͤter eigene Faͤlle von Dichtern aufzuweisen haben. Das sicherste Merkzeichen aber, ob diese Lieder noch aus dem alten Minnesang herstammen und Meistersaͤnge sind, oder ob sie dem Ton der Volkspoesie (welche den Verliebten wohl eine Zuflucht darbieten muͤssen) angehoͤren, ist ihre Form selbst. Danach sind so manche Lieder aus dem 15ten Jahrh., nament- . Hier muß ich also noch von einigen beruͤhmten Toͤnen re- den, denen wir gleichmaͤßig in den Verzeichnissen der Meister- saͤnger und der Volkspoesie begegnen. Auf den Bremberger habe ich gleich Anfangs aufmerksam gemacht, wir finden in der maneßischen Sammlung noch das Muster, woran seine ungetruͤbte Schoͤnheit erkannt werden mag, so wie ihn der Erfinder aufgestellt. Den spaͤteren Namen verdankt er moͤglich weniger dieser Erfindung, als einem Lied, worin eine bekannte Sage auf den altdeutschen Meister, Reinmann von Brennen- berg uͤbertragen und in dessen eigenem Ton gesungen wird. Unter den spaͤteren Meistern ist der Ton auch nicht ganz ver- gessen, obgleich selten vorkommend, Hans Folz dichtete mehre- res in des Prenbergers Ton und auch Benedict von Watt ci- tirt ihn in seiner (handschriftlichen) Sammlung von Meister- gesaͤngen Gegen Hagen, Jenaische L. Z. 1810. Nr. 37. p. 291. 292. Der Ton im Wunderhorn ist ganz sicher der naͤmliche. . Ausgebreiteter war der Gebrauch zweier Weisen, welche die spaͤteren Meister bestimmt dem Wolfram von Eschenbach zuschreiben, ohne daß sie sich doch in den uns gebliebenen Lie- dern desselben nachweisen lassen (s. oben.) Die Hoͤnweis ist die Aufloͤsung des alten großen Nibelungenmaßes in acht Zeilen, welche den meistersaͤngerischen Typus nicht eben her- ausheben, wenn sie gleich ihm nicht zuwider. Denn bis in den spaͤtesten Schulen ist die Weise beliebt und viel gebraucht und wird in den Handschriften nach Stollen und Abgesang lich in einer H. S. Clemens Brentanos zu beurtheilen, deren einige kenntliche Meistergesaͤnge, andere der Manier annaͤhernd, die man in vielen (man moͤchte sagen: halb volksmaͤßigen) un- ter Forsters frischen Liedlein antrifft. Zu beachten ist fuͤr diese Unterscheidung, wie Hans Sachs (in der Summa seiner Ge- dichte) die von ihm erfundenen Volkstoͤne genau von den Mei- siertoͤnen trennet. regelmaͤßig abgetheilt Außer den bereits oben S. 48. gegebenen Beispielen kann auch der Canzler 2. 238. angefuͤhrt werden, der jedoch die ganze Weise als bloßen Abgesang braucht, welche Art der Zusammensetzung mehrmals statt gefunden hat. . In den Volksliedern erscheint sie vielnamig, Bruder Veit, Benzenauer, Hildebrand, Ro- land Moͤchte doch dieses deutsche Lied von Roland irgend aufgefun- den werden! Cf. Koch 2. 87. , Wilhelmus von Nassauen u. s. w. Fast noch merkwuͤrdiger ist die Flammweis , welche un- ter spaͤtern Meistern nicht minder uͤblich, (ebenfalls von dem Folz einige Lieder darin) aber doch noch bekannter unter dem Namen: Herzog Ernst oder Bernerton geworden ist, weil die Volksdichter sich seiner gern zu erzaͤhlenden langen Liedern be- dient haben. Sein hohes Alter wuͤrde geleugnet worden seyn, wenn das Lied von Ecken Ausfahrt nicht schon in einer H. S. des dreizehnten Jahrhunderts stuͤnde Docen Misc. 2. 194. Cf. uͤber diesen Ton: N. lit Anz. 1808. Col. 100. Altd. Mus. 1. 142. 284. 285. Adelungs Nacht. 2. 304. 322. Ein Lied im W. H. 2. 145. Georg Schiller hat ihn etwas ausgeputzt und seinen Hofton genannt. Vielleicht, daß sol- che deutsche Volkslieder vor dieser Zeit in der zwoͤlfreimigen Strophenform, welche in altenglischer und daͤnischer Poesie so haͤufig vorkommt, abgefaßt und spaͤter in unsern Meisterton umgedichtet worden. Die sechs ersten Zeilen konnte man naͤm- lich ungeaͤndert lassen, nur die zweite Haͤlfte ward zu einem siebenzeiligen Abgesang. Einiges, was dieser Vermuthung zu Huͤlfe kommt, werde ich anderswo mittheilen. II. Erzaͤhlende und Spruchgedichte . Verbindung der Poesie mit Gesang ist uralt und vermuth- lich von Anfang her vorhanden; gleichwohl scheint man auch schon in fruͤher Zeit laͤngere Erzaͤhlungen ohne dieses Medium vorgetragen zu haben. Von einem Unterschied zwischen Sin- gen und Sagen sind daher die altdeutschen Gedichte haͤufig nachzusehen, und verstehen unter dem letzten Ausdruck das bloße Sprechen oder Vorlesen, ohne daß dazu Musik oder Ge- sang getreten waͤre Nur einige Stellen: Nibel. v. 91. Titurel 514. 901. 1612. 2127. Wolfdiet. Str. 447. Roseng. 189. Laurin 1858. Troj. Krieg v. Conrad v. W. 6 u. 7. und 16321. Flor u. Vl. v. 4. von der Minnen v. 21. von Morungen. Maneße 1. 50 u. 54. von Toggenburg 1. 11. Marner 2. 176. . Es ist nicht damit gesagt, daß man sich im letzten Fall der ungebundenen Rede bedient, welches im Gegentheil fuͤr die meisten Faͤlle unwahrscheinlich, vielleicht auch daß man gerade das, was man zu einer Zeit wirklich sang, zu einer andern bloß vorlas, wie die Nibelungen und andere lange Lieder. Freilich die Minnelieder moͤgen bestaͤndig nur gesungen worden seyn, so wie man gewiß die kurzzeiligen Gedichte, den Parcifal, Tristan, oder die Spruͤche des Frei- gedanks nie anders als lesend vorgetragen haben wird Auf Selbstlesen, nicht Vorlesen hoͤren, kann wohl eine Stelle in Vriberes Tristan bezogen werden, v. 2638. . Ein merkwuͤrdiges Beispiel, dem ich kein deutsches beizufuͤgen wuͤßte, wo man sich abwechselnd gebundener und ungebundener Rede bediente, sang und sagte, liefert die zugleich schoͤnste al- ler altfranzoͤsischen Erzaͤhlungen, das Fabliau von Aucaßin und Nicolette Meon T. 1. Besondere Rubriken zeigen in der Handschrift je- desmal o dient ( f ablent) und or chantent . Etwas aͤhnli- ches findet ich in noch gangbaren franzoͤsischen und deutschen Volksliedern, wovon ein Beispiel in Hagens und Buͤschings Samml. p. 30. — Ein Gedanke im unsere Opern laͤge zu weit. Das Wort gibt es schon, daß der Meister gesang bloß fuͤr das Singen gemacht; wenn ich daher fruͤher die Vermu- thung hinwarf, daß unsere Dichtkunst auch auf laͤngere Ge- dichte in kurzen unverschraͤnkten Reimzeilen ihren Einfluß ge- zeigt haben koͤnne, so wollte ich damit nichts weniger thun, als diese selbst fuͤr Meistersaͤnge erklaͤren Den Widerspruch in adjecto zu vermeiden, den mir Docen p. 487. Schuld gibt, haͤtte ich freilich nur das Adjectiv: mei- sterlich oder ein anderes Substantiv (Meisterkunst) gebrauchen sollen! Allein, gegen die Sache entscheidet u. a. auch, daß die Meister des 16ten und 17ten Jahrhunderts Kunst und Namen nur fuͤr den Gesang haben und kein bloßes Les- oder Spiel- gedicht, so meisterlich es auch sey, damit belegen. Das mußte fruͤherhin natuͤrlich anders seyn, wo die allgemeine, vermuthlich volksmaͤßige Bedeutung des Worts viel zu nahe lag. Wenn es am Schluß des Laurin heißt, daß die Abenteuer in Ofter- dingens neuer Bearbeitung „so meisterlichen“ stehe, so wird darum niemand in dieser Dichtung einen Meislersang unseres bestimmten Sinnes finden. . Hans Sach- sens Schauspiele sind gewiß auch keine, ungeachtet darin manche Spur der Meisterschule zu weisen waͤre. Die Bemer. kung gehoͤrte inzwischen gar nicht in unsere streitige Frage- Daß ich ferner literarische Zeugnisse fuͤr den Meistersang eben in einigen solcher Gedichte gefunden hatte, ist so wenig auf- fallend, als wenn in der Comoͤdie von der Singschule Nach- richten daruͤber stehen. Es scheint gar nicht unmoͤglich, daß Rudolf von Montfort selbst kein Meistersinger war, (obschon es fast nicht zu vermuthen,) und einige der von ihm genann- ten Meister sind auch deßhalb keine So den Reinbot von Doren, Fleck den gu t en Conrad, koͤn- nen wir nicht mit Gewißheit fuͤr Meistersinger annehmen, bis sich etwa auch Lieder von ihnen auffinden. . Wir haben oben die allgemeine Bedeutung dieses Namens gesehen, in welcher jeder Verfasser eines langen Gedichts sein oder der Aventure Meister heißen mag. Meister saͤnger wuͤrde man jedoch schwer- lich fuͤr einen solchen gebraucht finden. Der fruͤhere Meistergesang war durchaus auf keinen Ge- genstand beschraͤnkt, er konnte daher auch erzaͤhlende, lange Gedichte umfassen, und hier waren ihm eigentlich wieder die strophenmaͤßigen, singbaren Volksgedichte ein Vorbild gewesen. Das ist nun auch der Fall, und schon oben im Beispiel von Wolframs Tyturel bewiesen. Ein wirklicher Meistersang, im- gleichen der Loherangrin und einige andere. Ob ein Lied von der Laͤnge dieses Tyturels jemals vor- oder ausgesungen worden ist, kann uns hier gleich gelten. Es hat zu viel fuͤr sich, daß man es mit den Nibelungen in der That und fruͤher immer so gehalten, die einzelnen Abenteuer boten die Ruhepuncte, womit man es etwa fuͤr einen Abend bewenden ließ Wurde die Ilias mehr gesungen oder recitirt? In dem ersten allerdings zu vermuthenden Fall, da die Begleitung mit der Cither schwach gewesen zu seyn scheint und die griechische Har- monie mit dem Rhythmus innig verwandt war, ist anzunehmen, daß der in jedem Hexameter liegende Grundrhythmus zugleich auch die Musik bestimmt habe. Maaß und Musik kehrten also (innerer steter Abwechselung unbeschadet) mit jeder Zeile wieder, ohne je zu ermuͤden; ein Hauptunterschied von unserer Nibe- lungenweise, wo die Zusammennahme von vier Zeilen zu einem Ganzen und zu einer Melodie. . Auch das bloße Lesen kurzzeiliger Ge- dichte erforderte solche Abschnitte, in deutschen habe ich sie sel- ten angedeutet gefunden, mehr in einigen altfranzoͤsischen Z. B. in dem (von unserm Loherangrin durchaus verschiede- nen) Garin le Loherens . Da heißt es im Anfang neuer Ab- schnitte: huimes dirom oder lirom. (Aujourdhui nous dirons, lirons.) . Nicht anders verhaͤlt es sich endlich mit den Spruchge- dichten. Unsere Meister koͤnnen dergleichen gemacht haben und thaten es von Conrad von Wirzburg bis auf Hans Sachs. Aber Meistersaͤnge sind das nicht Cf. Ranisch 323. Spruͤche und Spiel vom Meistergesang un- terschieden. . Vermuthlich hat es auch bloße Spruchdichter gegeben, wie wir in dem Teichner und spaͤter in dem Nuͤrnberger Wilhelm Weber sehen. Dieses letzte Beispiel wird hier entscheidend. Ich bemerke noch, daß Spruch zuerst eine viel allgemeinere und gelaͤufigere Bedeutung gehabt und manchmal das bezeichnet hat, was wir jetzo Phrase nennen, manchmal ein ganzes Lied. So erwaͤhnt Walter 1. 116. seiner freudenreichen und Werner 2. 162. seiner suͤßen, Hadloub 2. 196. der losen Spruͤche von der Minne, in wel- chen drei Beispielen wir nichts anders als wirkliche Gesaͤnge darunter verstehen duͤrfen. Die Sitte spaͤterer Spruchdichter ihren Namen jedesmal in den Schluß des Gedichts zu brin- gen, treffe ich auch bei Minnesingern an (Hetzboldt 2. 18. Neithart 2. 82. Conrad v. W. 2. 199.) sehe darin aber keine weitere Beziehung. Es ist vielmehr eine der Volkspoesie ei- gene Wendung, die meistentheils gar unschuldig und fein her- auskommt. In dieser zierlichen Art schließt Wildonie (1. 194.) ein huͤbsches Lied recht anmuthig mit: ein Waldvoͤgelein hat es vorgesungen. Bestaͤtigung durch die Geschichte ausheimischer Poesie . Auf das alte Epos folgt uͤberall eine Poesie, die statt aus dem Gemuͤth des Ganzen, aus dem des Einzelnen hervor- quillt. Wie in unserm Meistergesang Kunstpoesie walte, habe ich seither zu begruͤnden gesucht. Es kann gar nicht anders seyn, als daß in den aͤltesten Minneliedern nicht noch hin nnd wieder Klaͤnge aus den alten epischen geblieben seyn sollten Man duͤrfte kuͤhnlich einzelne Strophen der einfachen vier- zeiligen Lieder in der maneß. S. in die Nibelungen einschalten, wo sie nicht stoͤren wuͤrden. Die ganze Idee der Tage- oder Waͤchterlieder ist hoͤchst volksmaͤßig. , jedoch ist der Totaleindruck deutlich ein verschiedener. Wir hoͤren nicht mehr den ruhigen, gleichen Fluß einer hohen Ge- schichte, wir fuͤhlen, daß diese Lieder Herzensergießungen ge- worden sind, in denen sich die Seele eines einzigen Menschen seine Lust uͤberdenkt, oder an seiner Trauer weidet. Diese Individualitaͤt leuchtet auch aus dem spielenden Wohlgefallen an Toͤnen und Farben hervor, gerade die Fom war so innig und wesentlich, daß es daruͤber gar keinen Zweifel zu geben schien. In dem Ansetzen und Festhalten einer solchen Sitte haben wir den einzigen Ursprung des Meistergesangs gefunden und gleichwie der Erfolg nur dadurch verstaͤndlich, so macht auch er jene Entstehung erst ganz gewiß; als die Poesie im- mer einen tiefsinnigeren, ernsteren Gang nahm, als sie ihre Schritte immer steifer und fester that, da war ihr Ende laͤngst vorbereitet und die alleinige Herrschaft des Foͤrmlichen mußte all ihre Kraft uͤberziehen und aufzehren. Der ewig lebendige Volksgesang stand als eigentlicher Gegensatz des meisterlichen daneben. Diese Ansicht muͤßte gleichwohl falsch seyn, wenn sie nicht auch auf die Geschichte anderer Voͤlker angewendet werden koͤnnte, nur ist damit lange nicht gesagt, daß sich bei irgend ei- nem die beiden Erscheinungen so rein geloͤst und so gruͤndlich ausgesprochen haͤtten, als unter dem deutschen Stamm. Es steht außer allem Zweifel, daß die Franzosen z. B. keine Hel- denlieder, gleich unseren, je gehabt, denn sie wuͤrden sich nicht ganz ohne Spur verloren haben, und noch jetzo muͤßte dort unter dem Ganzen des gemeinen Volks eine viel reichere Volks- poesie zuruͤckbleiben, als sie angetroffen wird, so ungerecht es wieder waͤre, ihnen einzelne Faͤlle Das Volkslied: sur le pont d’Avignon ist z. B. herrlich und den besten deutschen im W. H. vergleichbar; aber eine ganze solche Sammlung koͤnnte man in Frankreich nicht zu Stande bringen. abstreiten zu wollen. Mehr indessen liegt es mir hier ob, darzuthun, daß auch aus- laͤudische Kunstpoesie nirgendwo so eigenthuͤmlich gebluͤht und gewurzelt habe, als auf unserm Boden. Damit der Irrthum verschwinde, als sey die deutsche gar aus fremder Quelle oder Anregung entsprungen. Zu einer solchen Untersuchung fehlen freilich, ohne unsere Schuld, fast alle Huͤlfsmittel, wodurch die Darstellung, indem sie sich auf das Einzelne einlassen koͤnnte, anschaulicher und sicherer gehen wuͤrde. Wir haben je- doch von der Zukunft alle Bestaͤtigung einer ziemlich unzweifel- haften Sache zu erwarten und wenig Widerlegung zu befuͤrch- ten. Ich will hier keine vollstaͤndige Ansicht der fremden Dicht- kunst geben, sondern nur die Seiten ausheben, welche man mit dem Characteristischen des Meistergesangs fuͤglich zusam- men halten kann. I. Provenzalen . Zuerst nun treten die Provenzaldichter auf, eine Poesie, von der wir nicht viel mehr wissen Ein Herr de Rocheguͤde soll schon Jahre lang zu Paris mit dem Studium dieser Dichtkunst umgehen; daß er die H. S. Palayes endlich einmal edire, ist sehr zu wuͤnschen. Noch mehr, daß Gloͤckle in Rom sich auch um die Provenzalen verdient mache. , als daß ihr Ge- halt die nordfranzoͤsische weit uͤbertreffe, und bereits genug, um zu muthmaßen, daß sie an innerer Lebendigkeit und Fuͤlle hinter unserer deutschen geblieben sey. Ueber ihre Metrik ge- ben uns einzelne bei Crescimbeni, Nostradam ꝛc. verstreute Fragmente leider keine vollstaͤndige Auskunft. Mannichfaltig- keit wird man auch ihnen zusprechen muͤssen, obwohl keine so große, unerschoͤpfliche, wie den Altdeutschen. Die dreigliedrige Structur finde ich in zwei Dritteln der mir vorgekommenen Lieder hingegen nicht, und daß sie in dem uͤbrigen da ist, ver- steht sich beinahe von selbst, ich habe vorhin ausgefuͤhrt, wie natuͤrlich dieß Princip dem Gesang liegt Ueberfluͤssig scheint mir daher Docens Frage an mich: ob ich denn die provenzal. Dichter fuͤr unkuͤnstlicher halte, als die Minnelieder? Das moͤgen sie seyn oder nicht, und beides wird sicher statt finden, sobald wir einzelne Faͤlle gegen einander hal- ten; worauf es hier ankommt, ist: ob die besondere Structur in ihnen characteristisch vorwalte, wie im Meistergesang. Denn an sich ist A. Metzgers Einbeerweis einfacher als nur irgend ein provenz. Lied seyn kann, oder als viele von Goͤthe , die ihres Baues halben auch in den Meisterschulen gelten koͤnnten. . Ich kann mir aber nicht einbilden, daß es bei ihnen bis zur Klarheit einer unbewußten, und doch allgemein geachteten Regel durchgedrun- gen sey Allenfalls laͤßt sich das selbst aus den Silbenmaßen schließen, welche die italienische Poesie als Frucht jener Bluͤthe behalten hat. Nur in der Canzone ist gruͤndliche Uebereinstimmung mit unserm Grundsatz, im Sonett aber schon die ungewoͤhnlichere , vielmehr treffe ich eine andere unbedeutendere Kuͤnstlichkeit, daß die Reime in zwei oder mehr Strophen dieselben bleiben, besonders haͤufig an, welchen Fall man bei deutschen Dichtern wenig suchen duͤrste Das einzig mir beifallende Lied, worin etwas dergleichen vor- kommt, ist das erste des tugendh. Schreib. 2. 101., wo der Reim ere in allen 5 Str. wieder kehrt, so jedoch, daß er in der zweiten und vierten die erste Zeile des Stollen, in den uͤbrigen die zweite besetzt. . Viel deutlicher reden provenzalische Sitte und Dichterge- brauch. Es sind zwar ebenfalls Hof- und Ritterdichter aus allen Staͤnden, selbst aus dem buͤrgerlichen Um nur beruͤhmte zu nennen: Pierre Vidal und Faidit. meist wieder dem armen Adel, waͤhrend der reiche nur seine voruͤbergehende, kurze Lust damit hatte. Allein welche Verschiedenheiten erge- ben sich in folgenden Puncten von aller deutschen Gewohnheit. 1) Der Name troubadour , so wie das Zeitwort, dem er entspricht, trovar , fuͤr Dichter und Dichten sind hoͤchst be- zeichnend, um die ritterlichen Saͤnger von den gemeinen des Volks zu unterscheiden. Diese Namen, oder eine Ueber- setzung davon scheinen damals in Deutschland unerhoͤrt Bloß bei Gettfried von Straßburg im Tristan 18962 und 66. steht „vant“ in einer solchen Bedeutung, allein gerade hier ist eine dirccte Uebersetzung aus dem Provenzalischen (lamparti- schen) nicht zu bezweifeln. Cf. Oberlin v. Orthaber. Andrer- seits liegt der Gebrauch des Worts den germanischen Sprachen selbst nah genug und Egil singt: thuiat hrodr of fann. , Aufloͤsung des Abgesangs fuͤr sich in zwei gleiche Theile, worin allerdings etwas unbefriedigendes, so daß sich schon italienische Dichter (wohl darum) Freiheiten damit erlaubt haben. Der Bau der Octavreime mag im Vorlesen von großer Wirkung seyn, aber etwas unsangbares tragen sie an sich, welches sicher wegfiele, wo sie zwei Zeilen weniger haͤtten. Terzinen sind auch bloß zum Lesen und die Sestinen meist ein kalter Reimmißbrauch. Der Ballaten und Madrigale zu geschweigen, die außerdem sehr verschieden vorkommen. fuͤr letztere wird man „Dichter“ am wenigsten nehmen, wel- thes Wort ohnedem im 13ten Jahrh. nur sparsam vorkommt, (Gottfrieds Tristan 4564. Conrads troj. Kr. anfangs. Canz- ler 2. 238. anfangs), andererseits aber schon weit aͤlter seyn muß, (mehrmals bei Otfried und dictando imitari, bei Ros- witha, in praefat. und Docen Misc. 1. 217. v. hantalot. ) — Dagegen findet sich auch unser: Meister nicht in der eigen- thuͤmlichen Beziehung bei den Provenzalen, sondern nur in all- gemeinem Sinn Ferrari heißt maestro, so wie der Bernard d’Auriac. Petrarch nennt den Arnoldo Daniello einen gran maestro d’amore (Minnenmeister wie im Parcifal 15881. — oder: mein Meister?) . Man verwechsele mit mestro nicht das messer, limous. mosèn, mein Herr, das aber auch wie im Altdeutschen gewoͤhnlich nichts als: Herr bedeutet Tanhuser 2. 66 b . Titurel Str. 632. „mein her Walter“ (die hier gemeinte Stelle Walters steht Maneße 1. 102.) Str. 2167. meine Frau ( madame ) Parcifal 4264. 9009. . 2) Eben so wenig kennen wir Deutschen die Namen der Tenzonen und Sirventes, und unser: Sang ist gewiß keine Verdeutschung von: canzone oder chanson. Letztere sind der Sache nach natuͤrlich vorhanden; uͤber die Sirventes Zweifelhafte Etymologie; am vermuthlichsten von servire, Dienstgedichte. Roquefort v. servantois sieht immer Bittge- dichte und keine satyrische darin. weiß man nicht einmal etwas zuverlaͤssiges, waren sie, wie es scheint, historische Lieder zum Preis oder Tadel der Herren, so haben ihrer die deutschen Meister auch gedichtet, die nordischen Scalden noch viel mehr. Unter Tenzonen aber denke ich nicht an unsere Wettstreite. (Egilssaga p. 431.) So allgemein sprechen unsere Meister mehr- mals von falschen und rechten Fuͤnden, Tristan (4623.), Mis- ner ( DX in fine ), Hermann Damen ( XIV. ) in einem Sinn, wie er noch jetzo gaͤng und gebe ist. S. Walter oben S. 88. und Morungen 1. 56. K 3) Naͤmlich diese Tenzonen scheinen mit einer andern Ein- richtung zusammen zu haͤngen, die noch uͤber die Dichtkunst hinaus ins Leben des Ritterthums eingriff. Den Liebeshoͤfen, bei aller Feinheit und Gemuͤthlichkeit liegt dennoch etwas fri- voles, undeutsches bei, und nie ist dergleichen in Deutschland aufgekommen. Der Deutsche sang, man solle ihm sein Herz aufbrechen, so werde seiner Frauen Bild darin stehen, er suchte lieber nach tausend Gleichnissen, um seine unsaͤgliche Liebe zu benennen, als daß er daruͤber mit spitzfindigen Reden und Mei- nungen entschieden und damit alles zweifelhaft gemacht haͤtte In den Regeln und Gesetzen der Minne, die man in Aretins Ausgabe vor den eigentlichen Urtheilen findet, ist nichts, was nicht auch in Deutschland erdacht seyn koͤnnte. . Unsere alten Gedichte vermoͤgen die schiefe Vorstellung zu berichtigen, die man sich von der Verehrung der Weiber im Mittelalter gemacht und einige sogar aus germanischer Wurzel ableiten. Man lese in den Nibelungen, wie weit ab von aus- laͤndischer Galanterie rechte und wahre Ehre den Frauen gebo- ten wird und wie aufrecht daneben alle andere Tugend stehet. Die Helden schlagen den Weibern die Bitte ab, wo sie der ritterlichen Treue entgegen, Wolfdieterich hat es der geliebten Kaiserinn gar kein Hehl, daß er ihrer tausend dahin gaͤbe fuͤr seine gefangenen „eilef Dienestmann.“ In der Wendung: um Gottes und der Frauen willen die uns geboren haben „Die frawen seind vns berende zer welt.“ Titurel 1891. , liegt einmal die religioͤse Bedeutung, dann die Liebe zu der Mutter; es wird indessen damit gar nicht geleugnet, daß die Zeit der Minnepoesie einen weicheren, besonnenen Frauendienst gehabt oder hervorgebracht. Bekannt ist, daß die Lieder vor den Frauen, und ihrentwillen gesungen wurden, daß sie den Dichtern Lieder abverlangten Auch ernsthafte Betrachtung wurde den Meistern von ihren Frauen aufgegeben. M. s. die oben Note 65. von Fr. v. Son- ncnburg angezogene Stelle. und die Minnesinger sich als in ihrem Dienst betrachteten und ihnen alle Begeisterung zur Kunst beilegten Walter v. V. W. sehr zierlich: „swelche schone vrowe mir danne gabe ir habedank. der lies ich gilien und rosen us ir wengel schinen.“ . 4) Die freiere Sitte provenzalischer Damen vertrug es nicht bloß, daß sie an den Liebeshoͤfen richteten und Urtheil sprachen, sondern daß sie auch selber Lieder dichteten und oͤf- fentlich sangen Beispiele: Azalais de Porcairague, Donna Castelloza, Clara d’Anduse, comtesse de Provence, comtesse de Die, Natibors. . Wir hoͤren aber nie von einer Meiste- rinn, als wider alle deutsche Zucht Walter singt (1. 119.), er habe viel Lande gesehen, in dent- schen aber seyen die Weiher als Engel gethan, „tiutschin zuht g â t vor allen.“ . Da, wo im Dich- ten eine eitele Ursache liegt, ist schon ein Hauch auf die Rein- heit der Poesie gekommen, diese wohnet in den Frauen, al- lein sie sollen sie nicht oͤffentlich aussprechen, so wenig als sie Krieg ziehen sollen. In einigen Minneliedern, wo Wei- ber reden, ist es unzweifelhaft, daß sie von dem Dichter selbst gesungen worden, unter dessen Namen sie stehen; man ver- gleiche: Reinmar 1. 61. (st koment ꝛc.) 1. 81. (wa von solt ꝛc.) Milon 1. 97. (ich han vernomen ꝛc.) Wachsmut 1. 178. (junc- herre ꝛc.) Hartmann 1. 181. (ob man mit ꝛc.) 1. 183. (dis weren ꝛc.) In andern sind Gespraͤche der Ritter mit ihren Frauen, wie sie wirklich vorgegangen seyn koͤnnen und die sie nachher in Gedichte verfaßten. Johansdorf 1. 176. (ich vant si ꝛc.) Trosberg 2. 53. (willekomen ꝛc.) Steinmar 2. 108. (du vil liebe ꝛc.) und das schoͤne Lied Hawarts 2. 111, wo die Frau dem Ritter wohl Redegesellinn seyn will, wenn es ihrer Ehre nicht schade, und wo sie ihm Fragen uͤber die Minne thut, welche an aͤhnliche Stellen bei Lichtenstein und im Ti- turel erinnern. Am Schluß eines Gesangs des Hug von Wer- K 2 benwag (2. 49.) bekommt der Ritter von seiner Frau, die er mit Klagen an Kaiser und Koͤnig bedroht, den Bescheid, er solle doch lieber Minne nehmen als Recht. Eine Stelle, die gerade alle Gedanken an cours d’amour widerlegt, wozu sonst hier der Ort gewesen waͤre. Die wohlbekannten Worte Kaiser Heinrichs, der allen und jeden auftraͤgt, Weib oder Mann, die seine Lieder saͤngen, seine geliebte Frau zu gruͤßen, (wie ein Gebet durch den Mund vieler gegangen beruhigende Kraft gewinnt) beweisen nicht, daß die Weiber zu den Saͤngern mitgehoͤrt, wohl aber, was sich versteht, daß sie die Lieder gesungen. So singt bei Stamheim eine Jungfrau mit ihren Gespielinnen ein Tanzlied vor Etwas anders ist es auch, daß sich bei wandernden Volkssin- gern, vermuthlich sehr fruͤh schon, die Weiber des Amts mit angenommen. S. die alte Gloße: Spilewiba = tympanistae. ( Docen Misc. 1. 236.) . Zur Noth finde ich einige spaͤte Meistersaͤngerinnen; Schil- ter ( v. Bardus ) hat deutlich, daß in Straßburg Personen bei- derlei Geschlechts den Meistersang geliebt und getrieben haben sollen Wolfg. Spangenberg bringt wirklich eine Weißbeckin aus dieser Stadt, Susanna Granerin bei. (Neuer Buͤchersaal, 19. Oeffn. p. 523.) , vielleicht daß Witwen und alte Jungfrauen darin eine gottesfuͤrchtige Uebung gefunden. Allein außerdem wuͤßte man von diesen nicht das geringste und schwerlich haben die wenigen sich bei Fischart Raths erhohlt, welcher (Garg, cap. 28. fin. ) uͤber die Lage der Maͤnner scherzt, deren Frauen Mei- stergesang Gegen diese Meisterschaft der Frauen stimmt schon Reinmar v. Zw. (2. 129. swa gut man ꝛc.), indessen steht im Leipz. Ms. von Minneliedern der Gegensatz dazu. singen wollen. 5) Es ist wahrzunehmen, daß die meisten Liebeshaͤndel der Provenzalen mit allen bestimmten Namen auf die Nachwelt gekommen sind, wogegen die deutschen Minnesaͤnger aber nie- mals ihre Geliebten nennen. Was noch mehr, die Namenver- steckerei Beispiele davon: belregard, beldeport, belri , belcavalier, miels de donna, monplazer, fleur delys. haͤtten sie doch nachahmen koͤnnen, aber auch da- von keine Spur. Dafuͤr liefert herumgedreht die auswaͤrtige Poesie keine Beispiele der allegorischen Dichternamen Etwa den einzigen Cercamons ausgenommen. , die in Deutschland gebraͤuchlich gewesen und es also auch hier scheint, der Deutsche habe mit seiner Kunst gespielt, der Pro- venzal mit seiner Liebe. 6) Ein Hauptpunct ist endlich der, daß in Italien und Pro- venze eigene Verhaͤltnisse zwischen den troubadours und jon- gleurs bestanden, wovon wir nichts in Deutschland wissen, weder dem Namen, noch der Sache nach. Die jongleurs waren entweder bloße Musikanten oder zugleich Volksdichter Wie schon der Name angibt, joculator (von jocus), jugleur. giullare (gioia). , die sich von den Troubadurs zum Absingen ihrer Lieder brau- then ließen und zuweilen in deren Dienst gestanden haben muͤs- sen, ja sich zu der Wuͤrde eines Troubadours selbst erheben konnten Faidit war 20 Jahr Jongleur und dann erst Troubadour. . Manchmal moͤgen sie ein besonderes Gewerbe getrieben haben, denn die Troubadours klagen uͤber ihre ganze Classe. In Deutschland waren nun auch Volksdichter neben den Meistern, und es wird an schlechten, unberufenen Nach- singern nicht gefehlt haben; allein daß diese niederen Saͤnger von den andern, wie die Jonglenrs von den Troubadours waͤ- ren gebraucht worden, duͤrfte sich mit nichts darthun, zudem gerade die sogenannten envois in unsern Minneliedern fehlen. Daß sie aber zuweilen den Frauen uͤbersandt wurden durch Boten, kommt vor beim Rotenburg 1. 34 a ., Dietmar v. Ast 1. 41. (ich bin ein ꝛc.) Reinmar 1. 71. (sage das ich ꝛc.) von Husen 1. 95. (lihte ein ꝛc.) Hartman 1. 180. (swes sproͤide ꝛc.) und 1. 182. (dir hat entboten ꝛc.) Auch vergl. Nithart 2. 73. (nu gruͤnet ꝛc.) und besonders den Taler 2. 100. 101. (kunzeli bring mir ꝛc.), entweder weil der Dichter zu vornehm, oder zu weit war, oder sich sonst geheim halten mußte. S. Walter 1. 103. (Bote sage dem Kaiser ꝛc.) Vielleicht uͤbernahmen oͤfters die Freunde den Gesangbotendienst, cf. Hug v. Werbenw. 2. 49. Wird aber eine Dichtkunst aus einem Land in ein anderes fortgepflanzt, so muß man annehmen, daß sie mit all ihren Individualitaͤten und Namen uͤbergehe, voraus in den empfaͤng- lichen Zeiten des 12. u. 13. Jahrh. Ich habe nur auf Eigenhei- ten der provenzalischen Poesie, die der Zeit nach die aͤltere ist, gewiesen und gezeigt, daß sie nicht in Deutschland existirt ha- ben, folglich nicht dahin angefuͤhrt sind. Es ließe sich auch aus vielem Eigenthuͤmlichen deutscher Dichtkunst, das sich nicht in Provenze zeigt, ein gleicher Schluß machen, was ich hier nicht ausfuͤhren mag. Nur eines Puncts muß ich noch gedenken, der oben S. 96. angefuͤhrten Stelle von den approvatori, die wir am Hof zu Po im 13ten Jahrh. erblicken. Eine Uebereinstimmung, welche, wie ich glaube, aus dem damals in ganz Europa bluͤhen- den Ritterwesen erlaͤutert werden muß; die Sitte der Turniere, die Richter, welche auf das Benehmen der Kaͤmpfer achteten und Preise zusprachen, wurde auf jede Poesie uͤbertragen, die unter dem Einfluß der Hoͤfe und des Ritterthums stand Wie man sieht, durchaus kein Grund gegen die Identitaͤt der spaͤteren mit den alten Merkern. Zur Zeit des spaͤteren Mei- stergesangs und besonders im buͤrgerlichen Stand war eben nichts mehr vom Geist des Ritterthums zu spuͤren. . Daß die Troubadours eine gewisse Classe bildeten und ihre Regeln hielten Arnoldo Daniello wurde von einem Jongl eu r in schweren Rei- men aufgefordert, Ferrari beantwortet alle Fragen, die man ihm gethan, in kuͤnstlichen Liedern, und wird von andern , ist eben so sicher, wie bei den Minnesaͤngern, warum soll man aber die deutsche Poesie aus einem fremden Samen aufgehen lassen, da sie so kraftvoll ist, daß sie von Anfang bis zu Ende nur ein eigenthuͤmliches Ganze gebildet haben kann? Die alte Tradition ist daher eben so wahrhaft als wuͤrdig: es trieb der heilig Geist also zwoͤlf Maͤnner froh die fingen an zu dichten. (Aus Ben. v. Watt’s Samml. von Meisterliedern.) Es ist hingegen ausgemacht, daß den deutschen Meistern manche erzaͤhlende große Gedichte der Provenzalen zukamen und uͤbersetzt wurden und unsere Dichtkunst in sofern weit mehr mit der provenzalischen als nordfranzoͤsischen zusammen stehet. Selbst einzelne Liebeslieder moͤgen gekannt worden seyn, Bodmer hat eine ganz unleugbare Nachahmung oder Ueber- setzung wirklich nachgewiesen, die sich unter den Liedern eines schweizerischen Dichters, des Rudolf von Neuenburg findet. Das ist nun eine im Ganzen gleichguͤltige Ausnahme; mit dem Verkehr der Laͤnder konnte sich auch die Poesie beruͤhren, ohne daß dadurch der Eigenthuͤmlichkeit der einen oder der an- deren abgebrochen waͤre, geschweige, daß sie sich aus aͤhnlichen Zufaͤllen gestaltet haͤtte. Sehr interessant, der Form wegen, muͤßte hier eine Vergleichung des Originals von Folquet von Marseille seyn. Damals konnte sich der Saͤnger aus fremden Gedanken, und selbst Worten dennoch ein ganz eigenthuͤmliches Lied erschaffen. Denke man an die Menge der lieblichsten Waͤchterlieder in der Maneß. S., wo die einfachsten fast im- mer gegebenen Ideen fast immer anders und gar herrlich ge- Jongleurs als Richter und Meister der Kunst anerkannt. Einen weiteren Beweis koͤnnen die, uns bekannteren, Lieder der mit den provenzalischen genau zusammen haͤngenden spanischen Trou- badours liefern, deren preguntas und respuestas fast nur lite- rarisch etwas bedeuten. Dabei kommen auch Redensarten wie: apuntar los metros vor. ( Schubert bibl. castell. 2. 287.) wendet find; und wer will z. B. entscheiden, ob der von Wißenlo (2. 97.) oder von Wintersteten (b. Benecke Nr. XIV. ) fuͤßer gesungen hat? so gewiß der eine dem andern die bei- den ersten Zeilen abgehoͤrt haben muß. Von der spaͤteren Dichtkunst in Provenze ist wenig vor- handen, in Italien verdraͤngte seit Dante, Boccaccio und Petrarch der Reiz einer gebildeten Mundart bald die alte und damit die Lust zu alter Poesie. Laͤnger scheint man in dem franzoͤsischen Theil daran gehalten zu haben. Zu Toulouse ent- stand im ersten Viertel des 14ten Jahrh. eine poetische Gesell- schaft, sich alle Jahr im Mai versammelnd und goldne und sil- berne Blumen fuͤr den Sieger im Gesang aussetzend. Sie- ben Die Feierlichkeit der Zahl 7 tritt viel zu oft im Mittelalter hervor, als daß man hier an deutsche Einrichtung, an die sie- den Wartburger Meister oder die sieben Kuͤnste denken sollte. Mantenedors (Unternehmer) standen der Gesellschaft vor und waͤhlten unter sich einen Canzler und einen Secretair, so viel ich weiß, sind aber die Regeln, welche diese aufsetzten, nie bekannt gemacht worden. Da sie loix d’amour hießen, so widerspricht das einer andern Angabe, die zu besingenden Gegenstaͤnde seyen auf die Ehre Gottes, der Jungfrau oder der Heiligen beschraͤnkt gewesen. Das scheint man wenigstens aufgegeben zu haben, wie schon der bekannte (jedoch viel aͤl- tere) Name der gaie science Auch dieß ist schwerlich auf die „holdseelige Kunst“ unseres Meistergesangs anzuwenden; haͤngt aber mit joculator und giullari zusammen. andeutet; um Glied der Gesellschaft zu werden, mußte man den ordentlichen Grad ei- nes docteur et maître dans le gai sçavoir erlangt haben. Im Jahr 1356. nahm die Gesellschaft den Namen collège de rhétorique an, wurde 1694. vom Koͤnig bestaͤtigt Hist. de Languedoc IV. 196 — 198. und daraus Velly hist. de fr. 8. 139 — 144. Also konnte auch Kaiser Carl 4. dem laͤngst stehenden Meisterg. neues Wappen und Recht verleihen! und dauert als academie des jeux floraux noch gegenwaͤrtig, ohne Zweifel, so wie sie angefangen, in wahrer Unpoesie fort. Unsern Meistergesang wird niemand mit dieser Anstalt in Verbindung setzen, welche selbst mit den aͤltesten Troubadours zusammenhaͤngt, und auf einige andere auswaͤrtige Institute ihrerseits gewirkt hat. Im 15ten und 16ten Jahrhundert bildeten sich in Italien eine Menge poetischer Gesellschaften unter schrecklichen Namen Tiraboschi VII. P. 1. 112. , deren Treiben man nicht erst weiter zu kennen braucht, um zu urtheilen, daß sie ohne allen inneren Geist aus einer verkehr- ten Anmaßung entsprungen waren. An ihrem schlechten An- fang muß man ihnen schon die kurze Dauer ansehen (unaͤhnlich dem gleichzeitigen Meistersang, der das Aufglimmen einer al- ten Flamme war), und sie wurden nicht einmal mit der Gruͤnd- lichkeit getrieben, die bei der fruchtbringenden Gesellschaft und dem Blumenorden (sicher mehr als jener auswaͤrtig entlehnt) in Deutschland doch einige Lebensspuren hinterlassen zu haben scheint. II. Franzosen . Eine Betrachtung der altfranzoͤsischen Poesie in Beziehung auf unsern Meistergesang kann weit kuͤrzer seyn, theils weil der Abstand um vieles gewisser, theils manches von den Pro- venzalen geradezu uͤbergegangen war In dem Vestreben der franzoͤsischen Literatoren, die noͤrdliche Poesie uͤber die suͤdliche wo moͤglich zu erheben, liegt außer dem gar ungerechten, etwas ungruͤndliches. Das Ausschließen der Provenzalen allein erregt Zweifel gegen den guten Erfolg der neuesten Preisaufgabe des Pariser Instituts. . Auch hier finden wir Trouveurs, obwohl keine oder wenig tensons und sirven- tes und der chansons uͤberhaupt sind wenig gegenuͤber der ungeheueren Zahl von Reimen in erzaͤhlenden Gedichten. Auch koͤnnen einige Dichterinnen aufgezaͤhlt werden. Was die Formen betrifft, so waͤre das vorige zu wieder- hohlen; bei Thibault von Navarra, ohne Bedenken dem besten Saͤnger in der langue d’oeil, zeigen sich mannichfaltige Wei- sen, von denen einige, und sehr viele nicht zur Anlage des deutschen Meistergesangs passen. Unter andern hat er schon foͤrmliche Octaven. Das Wort maitre fuͤhren einige Dichter vor ihren Namen, da sie aber keine der beruͤhmten sind, so mag es hier auf ein Gewerbe oder einen andern Zustand, nicht aber ihre Dichtkunst bezogen werden. In den Gedichten selbst habe ich nach einer solchen speciellen Beziehung vergebens ge- sucht. Zu bemerken ist, daß ein Paar normaͤnnische Dichter ( Adenez, Huon ) den Beinamen roi haben, wie das in der Volkspoesie uͤblich; etwas naͤheres uͤber die eigentliche Bedeu- tung des Titels erfaͤhrt man von den franzoͤsischen Literatoren nicht, die sich sogar noch besinnen, ob er nicht aus dem Amt eines Wappenkoͤnigs zu erlaͤutern sey. Man kann alle Ge- danken an irgend eine bedeutende Einwirkung der nordfranzoͤs. Poesie auf unsere altdeutsche fahren lassen. Ich weiß zwar, daß Walter von Metz sogar beiden Nationen und Sprachen angehoͤrt haben soll und daß Eschenbach den Christian von Troyes gekannt hat, obwohl er ihn bloß nennt, um ihn zu tadeln Außer der bekannteren Stelle am Schluß des Parcifals ist auch noch Wilh. der Heil. 2. 57 a ) nachzusehen. . Niemals aber sind die eigentlich beruͤhmten franzoͤsischen Ge- dichte von uns uͤberfetzt, z. B. der Roman von der Rose und besonders die vielen von Charlemagne, nie ist die so beliebte Reimform der erzaͤhlenden Gedichte, die langen Alexandriner, deren eine (unbestimmte) Menge einen einzigen Reim hat, nach- geahmt worden. Diese Form allein gibt schon einen rechten Gegensatz zu der deutschen, in welcher der Reim auf der Wur- zel des Wortes ruht, nicht wie in jener ganz unbedeutsam und aͤußerlich auf der Biegung. Gegen die Mitte des 14ten Jahrh. scheint auch in Frankreich die Mannichfaltigkeit der Lie- derformen außer Gebrauch zu kommen oder von einzelnen be- stimmten verdraͤngt zu werden. Man hoͤrt seitdem nur noch von chants royaux, ballades, rondeaux, lais und virelais. In den ballades, wobei man nicht mehr an die anfaͤngliche Idee von Tanz denken darf, ist fast immer einige Abweichung, Cretins seine sind achtreimig und mithin von den italienischen verschieden; bei Faifeu haben sie zehn Reime. Allein weder in ihnen noch den funfzehnzeiligen Rondeaux ist meistersaͤnge- rische Structur. Die Hauptkuͤnstlichkeit des chant royal (etwa auf obiges Beiwort roi hindeutend?), und man muß gerade sagen, eine toͤdtende, beruht darauf, daß in allen Strophen dieselben Reime seyn muͤssen. Die einzelnen Strophen sind von zehn, bei Marot eilf Zeilen, so daß die letzte immer einen Refrain macht, am Schluß des Ganzen kommt ein besonderes renvoi dazu, sonst koͤnnten hier die vier ersten Zeilen die Stollen das uͤbrige den Abgesang abgeben. Auf einfachere Weise stoͤßt man seltner, in Molinets be- kannter Reimchronik hat der Ton einen Anklang von dem Hildebrandston, welcher indessen so nahe liegt, daß ihn Opiz in seinem schoͤnen Lied: ist irgend zu erfragen ꝛc. auch von neuem erfunden hat. Die franzoͤsischen Dichter nannten sich damals gern fatistes (Sprecher von φατιζειν); es sind unter ihnen wohl fruͤher oder spaͤter, gleichwie die Liebeshoͤfe ins noͤrdliche Frankreich uͤbergingen auch die Blumenspiele oder doch rhetorische Gesellschaften in Gebrauch gekommen. Die Geschichte aller ihrer Foͤrmlichkeiten Man vergl. Pasquier lib. VII. ch. 5. und die gedruckten Werke von Cretin, Molinet, die anciennes blasons. (Neue Samml. daron, Paris 1809. 8.) ermuͤdet, indem sie an sich ohne Leben, auf kein fruͤheres hinweisen. III. Niederlaͤnder . Dennoch verdienen die Niederlaͤnder, die es im Fache lee- rer Kuͤnstlichkeit ebenfalls sehr weit gebracht haben, eine um- staͤndlichere Erwaͤhnung, weil man aus Zufaͤlligkeiten eine Uebereinstimmung mit Deutschland gemuthmaßt hat, und solche bei einem aus uns hergestammten Volk allerdings eher suchen sollte. Schon einige Schriftsteller haben geaͤußert, daß die seit Jahrhunderten in den Niederlanden gewoͤhnlichen Retho- riker , oder wie sie sich auch selber nennen, Rederyker , mit den Meistersaͤngern verwandt waͤren. Auffallender muß das scheinen, da unsere Minnesaͤnger einigemal das Wort „Redereiche“ und in einem Zusammenhang gebrauchen, der es leidet, auf jene Wahrnehmung bezogen zu werden. Die deut- lichste Stelle waͤre die bei Walter 1. 105, so wie auch Gott- fried den Veldeck sinnig und rederich nennt (Tr. 4605.) Diese Meinung hat einigen Schein, ich habe sie aber aus folgenden Gruͤnden verworfen: 1) Die Biegung des Worts streitet entgegen, welches der Analogie gemaͤß in der Mehrzahl rederyke und nicht rederyker bilden mußte, da man doch letzteres allgemein sagt. Dazu ist rederyker der spaͤtere, ungebraͤuchlichere Ausdruck, fuͤr den haͤufigsten: „rethoriker“, einigemal: „rethrosynen“ — also ver- dient die Herleitung der beiden Formen aus rhetoriques oder rhetoriciens unbedingten Vorzug, obgleich man bei der ersten Entstellung recht gut an den zufaͤllig aͤhnlichen Begriff von Wohlredend ( redenryk ) gedacht haben kann. 2) Ueber den Ursprung der Gesellschaft finden die hollaͤndi- schen Literatoren Hauptschriftsteller: Schets eoner Geschiedenisse der Redery- keren door Willem Kops (in den Werken van de maet- schappy der nederlandsche Letterkunde te Leyden. Tweede deel 1774. 4. p. 212 — 351.) und Henryk van Wyn in s. avondstonden. Amsterd. 1800. 1. 299. 346 ‒ 354. , daß der Name erst im 15ten Jahrh. vorkomme und nicht fruͤher. Auf des beruͤhmten Dichters Maerlant (†. 1300.) Grabschrift stehe zwar rhetor, allein der Stein koͤnne juͤnger seyn, die Kammer zu Diest sey zwar schon angeblich 1302. gestiftet, aber unter dem Namen colle- gium poëticum Auf jeden Fall verdienen zwei Gedichte Maerlants besondere Ruͤckficht, worin er mit seinem „Compan“ Martin verschiedene Fragen aufwirft und beantwortet. Offenbar erinnert alles mehr an die Tenzonen und Preguntas, als an unsere Meisterlieder. Ich halte daher, daß man diesen Maerlant nicht wohl von den spaͤtern Rhetorikern trennen darf. . Anfangs scheint ihr Sitz und Glanz in Flamland gewesen zu seyn. Fuͤrsten waren ihre Mitglieder, wie Jan von Brabant (nicht unser Johans v. Br.) der Cammer in Bruͤssel, Wilhelm von Oranien der zu Antwerpen; und viele Adliche. Spaͤter hingegen zogen sie sich mehr ins eigentliche Holland und mehrten sich außerordentlich. Im 18ten Jahrh. sanken sie zusehends und mußten aus den Staͤdten in die Doͤr- fer wandern, sie wurden zuletzt (was sie fruͤher nie gewesen wa- ren) fast ganz volksmaͤßig, indem sie statt der Toneel- nun Wa- genspiele in Wirthshaͤusern und bei oͤffentlichen Festen auffuͤhr- ten. Zu Kops Zeiten existirten aber noch in Flandern und Holland eigentliche Kammern. 3) Die Einrichtung der Gesellschaft entscheidet voͤllig. Vorerst heißt sie Cammer ( chambre ) und waͤhlt, um sich von andern zu unterscheiden, einen Blumennamen nebst einem Sinnspruch. An einem Ort koͤnnen zugleich 2, 3, 4 und mehr Cammern seyn und gehen einander nichts an. Unter den Gliedern findet ein gewisser Rang und Dienst statt, das vornehmste heißt Kaiser, dann folgen Prinzen, Decane, Finder ( vinder ), Factoren, Macher Freilich ein sehr allgemeiner Ausdruck, etwa wie poeta, oder das altdeutsche Scof (Schoͤpfer, Schaffer), welches dasselbe bedeutet. Docen Misc. 1. 233. , Zusteller. Wenn nun eine Cammer eine Frage aussetzt Z. B. was einen Sterbenden am meisten troͤste? Cf. Kops 244 ff. , und zugleich einen Preis (hieß juweel ) fuͤr den besten Beantworter, so schickt sie an benachbarte Cammern aus, damit sie concurriren. Die Versammlung selbst ist sehr auf aͤußerlichen Prunk berechnet, daher Processionen, sogar eigene Narren, den Zuschauern zur Lust. Nicht ganz deutlich ist mir, ob bei jeder Zusammenkunft Toneelspiele von den Rhe- torikern gegeben wurden, und ob sie etwa auch ohne vorgelegte Frage die letzteren geben konnten. Gewiß aber, daß dieses Schauspielen die hauptsaͤchlichste Beschaͤftigung der ganzen Ge- sellschaft war, am meisten einwirkte und sich auch zulaͤngst er- halten hat, wie sich schon volksmaͤßig Spiel und Sang verbinden. 4) Was ihre Reimkunst betrifft, so hat daruͤber Matthys de Castelein Const van Rhetoryke, versch. gedruckt u. a. 1616. Die Bal- laden koͤnnen 7 — 9 regelen (Zeilen) haben. in der Mitte des 16ten Jahrh. ein eigenes Werk geschrieben, das ich nicht eingesehen habe; so viel er- hellt, sie singen in gewissen, gegebenen Formen, welche Bal- laden, Rondeel, Retrograden (vor- und ruͤckwaͤrts Sinn ge- bend) Referein ꝛc. hießen, und wovon die ersteren zwar ge- sungen, die Referein Das Wort erinnert an das aͤhnliche: Referenzen . in einem Meisterlied des 15ten Jahrh. (n. lit. Anz. 1807. Col. 773.) s. oben Note 97. Im 17ten Jahrh. wurden in Deutschland auch Wiederkehren gedichtet, von der schlesischen Schule aber. aber bloß gesprochen wurden. Laͤ- cherlich sind ihre Kniegedichte, die binnen angesetzter Zeit auf dem Knie, ohne Tisch und Stuhl fertig werden mußten. In den Toneelspielen scheint oft eine ganz unkuͤnstliche Form beob- achtet worden zu seyn. 5) Alles das bestaͤtigt, was schon der Name zeigt, daß sie Nachahmung und Uebertragung franzoͤsischer Sitte Merkwuͤrdig ist in der Hinsicht ein altniederlaͤndisches Gedicht des Claes Willems, betitelt: Minnenloop, worin gleichwie im sind, den Ausdruck trouveur sehen wir hier deutlich uͤbersetzt. Die Blumennamen deuten auf die jeux floraux, um so mehr, da die Preise nicht in Blumen, sondern in reellen Silberschalen und Kannen bestanden. Auf das Schauspielen haben unstrei- tig die franzoͤs. Gesellschaften de la passion und die enfans sans souci eingeflossen. Wenig erinnert dabei an den gleich- zeitigen deutschen Meistergesang. Dieser weiß von keinen Preis- aufgaben, was er bekraͤnzt sind neue, gebilligte und recht ge- sungene Toͤne, der Gegenstand ist in des Saͤngers Wahl Bloß bei der Taufe eines Tons scheint das Gemerk zuweilen eine biblische Materie aufgegeben zu haben, die darin ausge- fuͤhrt werden mußte. , wofern er fromm und tugendhaft. Alle Saͤnger eines Orts halten sich zusammen, haben nur eine Schule, außer den Mer- kern (und etwa den zwoͤlf Meistern), keine Vorgesetzte; uͤber- haupt kennt der Meistergesang nichts von den angefuͤhrten Ter- minologien, so wie die Rhetoriker keine meistersaͤngerische, na- mentlich keine Toͤnenamen. Die Feierlichkeit der Meisterschulen geschah ehrbar aber einfach, an Processionen und Narren kein Gedanke und eben so wenig an Schauspiele. Die Fastnachts- spiele, welche Hans Sachs, Peter Probst von Nuͤrnberg, Se- bastian Wild von Augsburg, Wickram von Colmar und wohl noch andere Meistersinger gedichtet, waren bekanntlich keine Meistersaͤnge, und was Hauptsache, wurden nie von der Ge- sellschaft aufgefuͤhrt Indessen finde ich, in Beischlags Beitr. zur Gesch. des M. G., daß sich die letzten Augsburger Meistersinger im Jahr 1770. „verbuͤrgerte Comoͤdianten und Meistersaͤnger“ nennen. Eine spaͤtere, im Ganzen unbedeutende Ausnahme. . Die Kunst des Meistergesangs war in der letzten Periode nicht mehr so schwer, allein die Auf- nahme in eine Rhetorikcammer muß gar nichts gewesen seyn. provenzalischen beurtheilt wird, in welchem Grad der Minne Floris mit seiner Geliebten gestanden. Cf. Huydecoper op Stoke 2. 53. 54. Vermuthlich gab es in ganz Deutschland von Anfang bis zu Ende nicht so viel Meister, als in dem verhaͤltnißmaͤßig klei- nen Bezirk der Niederlande zugleich auf einmal Rhetoriker. Im Jahr 1561. kamen ihrer bloß aus eilf Staͤdten 1473 zu Pferd nach Antwerpen geritten; spaͤter muß es noch zugenommen haben, indem Kops, nicht einmal vollstaͤndige, Liste 200 Cam- mern namhaft macht. Zum Ueberfluß, daß eine Reimanstalt, die nur in einigen Lustspielen an das Poetische streifte, nicht aus unserer Mitte gekommen ist, beweise ich damit: wie unser Meistergesang nicht im noͤrdlichen, Holland angrenzenden, Deutschland gefun- den wird, so haben andererseits die an uns liegenden Provinzen Geldern und Friesland keine Rhetoriker gehabt, welche auf Holland, Seeland und Brabant eingeschraͤnkt blieben. IV. Norden . Eine erfreulichere und in allem gleich den kraftvollen Ur- sprung verrathende Kunstpoesie ist in Scandinavien. Wir er- kennen, wie in Deutschland, ein gleiches Verhaͤltniß zu der daneben bestehenden Volkspoesie, und duͤrfen es auch historisch fast eben so erklaͤren. Die spaͤteren Sagas unterscheiden ge- nau die „leikara, harpara, gigiara und fithlara“ Ynglinga S. Cap. 25. Die alten und volksmaͤßigen Lieder schei- nen daher vorzugsweise, und im Gegensatz der Skaldenviser Slag oder Hliod geheißen zu haben. Merkwuͤrdige nament- liche Beispiele in der Nornagesturs Saga Cap. 2, in der Her- rauds og Bose S. Cap. 11. Seite 50. von den kunstdichtenden Scalden Hauptschrift, bis der dritte Theil der Edda (Liodsgreinir) ge- druckt seyn wird, ist: Om Nordens gamle Digtekonst, ved John Olassen. Kiobenh. 1786. 4. Grabergs neue Abh. uͤber die Scal- den (im 2ten Band der Atti della academia italiana ) ist mir noch nicht zugekommen. , die auch hier an den Hoͤfen das Uebergewicht erlangten. An einen Zusammenhang, oder nur Einfluß ihrer Kunst auf den altdeutschen Meistersang ist aber nicht zu glauben. 1) In der nordischen uralten wie in der Scaldenpoesie gilt die Alliteration Wenn es erlaubt ist, Gleichnisse fuͤr eine Sache zu versuchen, die uns zu lange aus Erfahrung und Beispiel herausgeruͤckt ge- wesen ist, so kann man sich das Wesen der an- und eintoͤnen- den Alliteration von dem austoͤnenden Reim so erklaͤren, daß in diesem ein allgemein musikalisches Princip, in jener das der Menschensprache vorwaltet. Der Reim ist ein fließendes, in sich selber klingendes Wasser, die Alliteration, das Einschneiden des Schiffs, dessen Ruderschlag; oder, der Reim ist das We- sen der Lust, die Alliteration die Stimme der Blaͤtter, woran der Wind streicht, daher in ihr etwas eigen heimisches und er- greifendes. Daher werden auch alle Interjectionen, sobald sie aus den, so zu sagen stummen, Lust- und Schmerzenslauten in das Menschlichbewegende gehen, alliterirend, wie die kindli- chen Liebkosungen. Aus allem dem, und den Spuren, worin sie sich von orientalischer Poesie (ja vom griechischen Augment) an bis in unsere Sprichwoͤrter und Nachsprechespiele zeigt, er- gibt sich das unerdichtete, der menschlichen Natur nahliegende Element der Alliteration. Zwei große Vortheile hat sie vor dem Reim voraus, die Bedeutsamkeit, indem sie nur sinnwich- tige Woͤrter ergreift und mit dem Accent der Sprache aufs in- nigste zusammenstimmt, daher ihre Bestandtheile mit Recht die Staͤbe des Lieds ( hliodstafir, Liedstaben), dessen Seele sie aus- machen, genannt werden; — dann die Beweglichkeit, indem sie in der Zeile an keine Stelle gebunden ist, waͤhrend der Reim das Schlußwort der Zeile halten muß. So wie jene Innigkeit des Accents mit dem Sinn der Worte und der genaue Schritt, den wieder das alliterirende Metrum damit haͤlt, ein koͤstlicher, nicht gehoͤrig erkannter Vorzug der germanischen Sprachen ist; so erreicht andererseits die Alliteration fast die innere Freiheit griechischer Rhythmen. Aus beiden Gruͤnden mochte man in dem Reimprincip zum Theil etwas Undcutsches oder doch Spaͤ- teres finden. Schon die Namen bestaͤtigen diese Ansicht der Alliteration. Wenn in der Edda gefragt wird: wie viel Laute (Lieder) gibt herrschend und unsere Reime fehlen. Erst L spaͤter wurden auch letztere noch dazu eingefuͤhrt Dieß ist nicht mißzuverstehen. Ich weiß wohl, daß die Reime laͤngst in der nord. Poesie gebraͤuchlich waren, ehe unser Mei- stergesang aufkam, allein die alten eddischen Gesaͤnge sind doch saͤmmtlich in Fornyrdalag oder Syngesproget. , ohne daß sie in das System der Alliteration eingriffen. In diesem selbst habe ich zwar oben (S. 42.) eine aͤhnliche Trilogie nach- gewiesen, wobei indessen schon der Umstand einen eharacteristi- schen Unterschied gibt, daß hier eigentlich jede Strophe aus zwei gleichen Theilen besteht, folglich in jeder Haͤlfte das drei- fache vorkommt. Mithin zeigt es sich auch immer ganz noch beisammen, liegt im Einzelnen innerlich, und nicht wie beim Meistergesang im Ganzen, wo es das Strophenverhaͤltniß selbst bildet. 2) Der nordische Reim Um uͤber die Formen nordischer Poesie klar und leicht zu re- den, muͤßten wir vor allem einige bessere Benennungen einfuͤh- ren. Ich schlage vor, die Alliteration Anreim , und im Ge- hat die Eigenthuͤmlichkeit, daß er die Vocale fuͤr gleichbedeutend nimmt und nur Einklang es? so ist die Antwort: drei: Naturlaut, Thierlaut, Menschen- laut. Zu dem ersten gehoͤrt Windesbrausen, Wasserrinnen, Erdedroͤhnen, und diese werden genannt vitlaus hliod, welches mir Nyerup (Skand. Lit. selskabs Skrifter 1807. p. 172.) nicht gut durch: ufornuftig Lyd zu uͤbersetzen scheint, da es vielmehr so viel als ungebunden, ungemessen bedentet (wie die Schwe- den einen ungegraͤnzten, ungemessenen Acker witulös iord nen- nen) und mit den altdeutschen Witten vermuthlich zusammen- haͤngt. (s. oben Anm. 92.) Die weit in alle germanische Spra- chen einschlagende und vielfach modificirte Wurzel dieses Wortes scheint mir allenthalben auf Menschenwitz und Menschenkunst hinzudeuten, so daß ihr entgegensteht, was auch ohne die Men- schen auf der Erde waͤre; z. B. das hallende Echo, welches die Scandinaven wiederum bedeutend die Sprache der Zwerge, ( Dvergewaal ) heißen. — Der interessante Gegenstand fuͤhrt zu weit ab, ich wollte hier nur darauf hinzeigen, wie die Verschie- denheit von Lied und Weise schon auf der urspruͤnglichen der Vocale und Consonanten (weibl. u. maͤnnl. Princip) zu beruhen scheint. der umstehenden Mitlauter verlangt. Ob er gleich hierin mit dem Princip der Alliteration zusammenfaͤllt, so greift er den- noch nie in diese selbst ein, Reim und Alliteration stehen ne- ben einander, in denselben Worten oder nicht Daran kann man das aͤltere Fundament der Alliteration er- kennen, daß sie stets auf im Sinn bedeutenden Woͤrtern ruht, waͤhrend die nordischen Reime schon auch mit Flickwoͤrtern vor- lieb nehmen muͤssen. . 3) Die Alliteration ist der innern Freiheit ungeachtet, wieder etwas stetiges, und fordert, wie gesagt, Naͤhe, weil sie sonst verhallen und nichts wirken wuͤrde. Eben diese Eigenschaft hat auch der Reim in der nordischen Poesie angenommen. Daher ist kein Verschraͤnken oder Ueberschlagen thunlich, weder im System der Alliteration, noch der Reime Conf. Olafsen cap. 2. §. 50. cap. 6. § 32. Indessen ist mir doch ein Beispiel von uͤberschlagenden Reimen bekannt, in den 144 ersten Zeilen der Rimur von Karl und Grim, eingangs der bioͤrnerischen Sammlung. Dieses uͤberkuͤnstliche, unpoctische Stuͤck ist aber ohne Zweifel nicht sehr alt. Vergl. uͤber solche Rimur uͤberh. Olafsen pag. 69. § 39. und pag. 200. §. 20. . 4) Das ist zugleich mit Grund, warum die Scalden auch in Mannichfaltigkeit ihrer Weisen hinter den Deutschen zu blei- ben scheinen. Worm und Olavius haben es fuͤr die aͤltere Zeit weit uͤbertrieben, daß 136 Veraͤnderungen im Silbenmaaß statt gefunden haͤtten. Die reine Alliteration litt fast gar keine, bloß durch die Silbenzahl kam eine Abwechselung hinein. Als aber in der Form Runhend die Reime hinzu traten, und in Drott- und Togmaͤllt, (Koͤnigs- und Herzogsweise?) so zu sagen, die Alliteration auf den Reim angewendet wurde, oͤff- gensatz unsern Reim Ausreim zu nennen. Wie aber den Reim in Drott- und Togmaͤllt? den man einen in das Wort weiter einfressenden (jedoch umgedrehten) Anreim nennen kann, so daß er (in einsilbigen Worten) oft zu einem wirklichen Aus- reim wird. Also innerer, Mitte-, Ein- reim . L 2 nete sich der Kuͤnstlichkeit ein weiterer Platz, doch immer in aͤußerlich sehr engen Kreisen. Durchaus nothwendig mußte fast alle Kuͤnstlichkeit in der Scaldenpoesie augenblicklich in leere Gesuchtheit uͤbergehen, waͤhrend in unsern Minneliedern die Kunst so frei und fließend bleibt, daß sie ganz uͤbersehen werden kann. 5) In der Terminologie der Scaldenkunst verglichen mit unserm Meistergesang findet sich beinahe gar keine Beruͤhrung. So wie wir den Namen Scalde, oder einen gleichlautenden nicht kennen D. h. als characteristisch in unserm altdeutschen Gesang. Uebri- gens verdient es bemerkt zu werden, daß Frauenlob in einem Preisgedicht ( Docens Mise. 2. 283.) ganz eigentlich das Zeit- wort schallen activ fuͤr: lobsingen braucht. Bloß etymolo- gisch ist die Uebereinstimmung der haͤufigen Redensart: „die Voͤglein erhuben Schall und Bracht “ mit dem nordischen skald und bragd. Ich sehe, daß auch Rumelant CCLXXXV. ) in der wichtigen, noch von niemand bemerkten Stelle, woraus sich zu ergeben scheint, daß Marner in seinem Alter, und er- blindet, gemordet worden — das Zeitwort scallen eben so wie Frauenlob gebraucht. Bei Wizlau ( CCCCL. ) kommt es zwar activ vor, aber mehr im Sinn des Rufens als Singens. Aus einem anderen Ort bei Gervelyn ( CXCIV ) „Neider, ohne Kunst, schallen vor den Herrn“ ist wenigstens zu nehmen, daß die jenen entgegengesetzten Meister den Ausdruck nicht characte- ristisch fuͤr ihre Kunst gemacht hatten, wie so viel anderes. , weiß man dort nichts von unsern Meistern. Von den drei Rimmaͤrker heißt der erste Hofudstafur, die zwei andern Studlar (Stuͤtzen). Das erinnert freilich an unsere Stollen, aber auch an das lateinische Wort pes, denn im Gang Wenn wir die Stafur, Studlar, Bialkar u. a. zusammenneh- men, so tritt in der scandinavischen eine bedeutende Consa- quenz hervor. aller Terminologie ist eine gewisse Verwandtschaft nicht zu verkennen Allein eine unmittelbare zwischen unserm Stoll und dem scandinavischen Studull ist schon um deswillen nicht anzunehmen, weil letztere Benennung sich bloß auf die einzelnen Buchstaben, nicht auf ganze Saͤtze bezieht. Eine auffallendere Aehnlichkeit liegt auch in dem haͤufigen Wort: „yrkia“ Cfr. Olafsen S. 247. §. 10. fuͤr dichten, mit unserm deutschen „wirken“, das in demselben Sinn bei den aͤlteren Meistern oftmals steht, aber auch in aͤhnlichen schon bei Otfried cap. 1. v. 87. 6) Was die persoͤnlichen Verhaͤltnisse der Scalden betrifft, so fehlt es zwar an genauer Nachricht Olafsen S. 184 ff. ist daruͤber aͤußerst unbefriedigend. . Zu bezweifeln steht es kaum, daß bei der Genossenschaft in der Kunst auch eine im Leben statt gefunden habe. Wir wissen, daß sie haͤufig von einem Hof zum andern wanderten, sie recitirten ihre Gesaͤnge oͤffentlich bei Festen und Gastmahlen Egils Saga S. 150. ( edit. hafn. 1809.) „that var thar haft aulteiti (Trinkgelag), at men koadu visur.“ Die Fuͤrsten mach- ten dafuͤr den Saͤngern Gaben, lobten und billigten die Gesaͤnge. Ebendas. 152. „Yngvar hellt upp ( conservavit, approba- vit ) visu theirri, og thakadi vel (daͤuchte gut) Agli visuna.“ So natuͤrlich ist das Billigen und Merken gewesen, auch un- ter den Norden. , und gewoͤhnlich waren es nur eigene, doch konnte einer auch von seinem Freunde dazu beauf- tragt seyn. Der Stand schien hoͤchst ehrenvoll, sie ruͤhmen sich gleich den deutschen Lobmeistern Indessen ist schon die Nothwendigkeit der so oft wiederkehren- den Versicherung ein boͤses Zeichen. Unsere Meister reden manchmal ganz offen, Urenheimer ( CCVI. ) stellt gerade den Satz auf: „also man den meister lohnet, also wischet er das Schwert.“ Der Mysner bekennt ( DXC. ): „ich bin Fuͤrsten dienist, auf gnaden lied ich singe“, und der tugendh. Schreiber (2. 104.) bewaͤhrt das hohe Alter des Spruchs: „weß Brot ich eß, deß Lied ich fing.“ — Rumelant v. Schw. ( CCCLXXXI. ) gesteht, daß er gelogen habe. Wintersteten (b. Benecke XVI. ) swer vil dienet ane lon mit gesange tut ers lange der verluret manigen don , stets der Wahrheit tren zu bleiben in ihrem Verhaͤltniß zu den Fuͤrsten. Um ein Sealde zu seyn, war außer der foͤrmlichen Verskunst auch eine Kennt- niß der Mythologie und poetischen Sprache erforderlich, welche wir uns indessen nicht so schwer, sondern als allgemeiner ver- breitet, vorstellen muͤssen. 7) Ich glaube, daß die Alliteration urspruͤnalich ihren Sitz in der ganzen Poesie des deutschen Sprachstammes gehabt hat Obschon sie nur in Scandinavien recht kuͤnstlich ausgebildet worden zu seyn scheint, so wie die fruͤhere Macht des Christen- thums unter uns die Runen vertilgt hat. In Sprichwoͤrtern und Redensarten sind noch eine Menge Alliterationen in Deutsch- land uͤbrig. Aber mehr zufaͤllig als gesucht, oder doch aus einem andern Trieb gesucht, find das bekannte: „Ren ram rint rehte rate enruoche“ (Man. 2. 225.) und andere namhafte Bei- spiele. Der Misner bringt das ganze Alphabet in die Anfangs- buchstaben dreier Zeilen ( DXXV. ) . Zur Zeit des Meistergesangs aber muͤssen in Deutsch- land selbst bereits alle Spuren verloren gewesen seyn, weil sonst die Dichter mit Vergnuͤgen ein neues Mittel zu neuer Kuͤnstlichkeit gebraucht haben wuͤrden. Das Alte war verges- sen, die aͤußerliche Verbindung mit dem Norden gering, den suͤddeutschen Dichtern selbst die Mundart zu weit abgelegen, daher auch der oben (S 54 ff.) abgehandelte anomale Fall am wenigsten aus einer directen Nachahmung nordischer Weise verstanden werden darf. Rumelant ( CCCXXXIII. ) erwaͤhnt eines Singers Harald, der aus Spott die boͤsen Herren ge- lobt und die guten gescholten habe, so daß man gleich gewußt, was von einem Lob in Haralds Ton zu halten sey, naͤmlich das Gegentheil. Wenn hiermit dentlich auf einen Scalden gezielt wird, obgleich ich keinen dieses Namens aufgezeichnet Von Volkssaͤngern versteht sich die Absicht auf Gaben, und das Schmeicheln noch viel mehr. S. eine bei Oberlin zum W. Lotter angezeigte Stelle. finde Olassen p. 186. gedenkt des gesangliebenden Hofes von Koͤnig Harald, worunter also jener Hofscalde selbst nicht gemeint seyn kann. , so kann der deutsche Meister recht gut die Sache von Hoͤrensagen Str. CCCLIV u. CCCLXXVIII - XXX. besingt er die Er- mordung des daͤnischen Koͤnigs. Auch Reinmar preist den Koͤ- nig Erich von Tenemarcke (2. 132.) wissen, ohne daß er je scaldische Lieder zu Gesicht bekommen. In der Sitte selbst, in den Lobliedern auf die Herren, zeigt sich freilich auch eine Uebereinstimmung mit deutscher Dichtkunst, nur daß die Scalden wieder das weit mehr ins Große, ja als ihr eigentliches Amt trieben, und die Thaten der Fuͤrsten, welchen sie dienten, in ausgesuchte Worte faßten. Was sie dadurch an historischem Interesse ge- winnen, ist wenig zu rechnen gegen das, was sie an wahrer Poesie einbuͤßten. Liebeslieder, womit doch in Deutschland al- ler Meistergesang entsprang, unbefangene Klagen uͤber den Zu- stand ihres Gemuͤths findet man bei ihnen fast nicht Oder sind der Mansaungr mehr gewesen, als aufgezeichnet worden? Ich kenne nur einen in der Egilssaga cap 56. p 325. ( coll. cap. 2. pag. 5.) und einen aus der Viglunds S. von Thorlacius ( antiqq. bor. spec. 1. p. 41. 42.) beigebrachten. Auffallend ist uͤbrigens der Zusammenhang des Worts mit un- serm Minnesang, indem ich lieber man, von mana, mona, mun a, gemynan, = meminisse als mit Thorlacius p 39. von man (Jungfrau) ableite. Jenes muna ist nun wohl mit minna verwandt, erinnert an das nordische, aber auch Ribe- lungische „Minnetrinken“ und fuͤhrt uns mithin auf die alte Bedeutung unseres Wortes „Minne.“ S. auch Olafsen , Anhang § 20. In den Kaͤmpeviser p. 416. ist die erste Strophe eines Lie- beslieds aufbewahrt, welches Koͤnig Magnus (Barfuß) von Norwegen der Kaiserstochter Mathild gesungen haben soll, (er faͤllt ins Ende des 11ten Jahrh.) und dessen Eingang: hvad er i heimi bettra, enn vife fogra? an so viel deutsche Minnelie- , selbst die alten nordischen Heldensagen wurden nicht gesungen. Sie lebten der Gegenwart und den Thaten der Zeitgenossen Eine merkwuͤrdige Stelle hieruͤber in der Egilssaga (Hafn. 1809. 4.) pag. 650. — Uebrigens ist auch in der nordischen Poesie die Idee der Streit- und Wechsellieder zu alt, als daß sie nicht auch noch von spaͤten Scalden ergriffen seyn sollte. S. Thor- lacius l. c. p. 43. 44. Viele alte Lieder bestehen fast nur in aufgegebenen und geloͤsten Fragen, wie Fioͤlsoinns- und Vaf- thrudinsmal, oder wie die Reden zwischen Giestur und Heidre- kur in der Hervora S. oder zwischen Erich und Frode. (Suhms nord. Fabelzeit. 1. 319. 320.) , und daher kommt auch der Verfall ihrer Kunst. Als die Tha- ten abnahmen, nahm die Kuͤnstelei immer zu, bis daß die Saͤnger endlich an den Hoͤfen nicht mehr geliebt waren. Selbst durch ihr Schicksal erinnert also die Scaldenpoesie aͤußerlich an den Meistergesang, ohne daß sie jedoch gleich diesem in den buͤrgerlichen Stand niederschlug. Vielmehr sind es fast Ge- lehrte aus den besseren Staͤnden, welche sich noch nachher, bis in unsere Zeiten, damit beschaͤftigten. V. Englaͤnder . England, in welches der Reihe nach Sachsen, Daͤnen und franzoͤsische Normannen einzogen und sich zum Theil mit den fruͤheren Britten und Welschen vermischten, ist schon aus die- sem Grunde zu keiner ruhigen Entfaltung seiner Kunstpoesie gelangt. Die germanischen Staͤmme fuͤhrten wenigstens die Alliteration ein, wo sie nicht schon fruͤher unter dem wel- schen Eine gruͤndliche Untersuchung der welschen Saͤnger, ihres Or- dens und ihrer weitgetriebenen Regeln waͤre ein augenscheinli- cher Gewinn fuͤr die Litteratur des ganzen Mittelalters. Leider einheimisch war. So viel ist ausgemacht, daß wie der mahnt, wie an H. von Meisen (1. p. 6.) Rubin, (1. 171.) den von Landeck (1. 203.) Aber herrlich steht unter allen die- sen Vogelwoides Gesang aus dem Herzen (1. 108.) Was hat die welt zegebene Liebers danne ein wib ꝛc. England keine Minnepoesie gehabt, diese also auch nicht in dem ernsthaften spaͤteren Meistergesang endigen konnte. Die erzaͤhlenden englischen Gedichte des 13ten und 14ten Jahrhun- derts wurden entweder franzoͤsischen nachgeahmt, oder in diesem Sinn doch aus alten Liedern und Sagen hergenommen. Die Form ist daher jene franzoͤsische selbst, oder eine sangmaͤßige, etwas steifer und strenger gehaltene. Im Stil der letzten Art ist eine Aehnlichkeit mit gewissen unserer erzaͤhlenden gleichzeiti- gen Gedichte kaum zu verkennen, von denen sich sagen laͤßt, einmal, daß sich das Meistersaͤngerische in ihnen freier, dann, das Volksartige enger und beschraͤnkter zeige. Dagegen be- stand auch in England, vermuthlich zu aller Zeit eine Menge herrlicher Volkslieder, die besonders Schottland bis auf die neuste gebracht hat. Hierhin rechne ich auch die beruͤhmten, verloren gegangenen altbritannischen Leiche, fuͤr welche, koͤnn- ten wir noch zu ihnen, als der frischen und lauteren Quelle aller Sagen von Artur und der Tafelrunde gehen, wir gerne den schon getruͤbten franzoͤsischen Fluß geben wollten. sind einige neuere englische Schriftsteller, bes. Edward Jones und William Owen nicht critisch genug verfahren, obwohl es ihnen an reichen Materialien nicht gefehlt haben mag, da sie schon so recht vieles mittheilen Die Alliteration hieß bei den Barden cyfrinach y beirdd oder poetio secret of the bards. An Foͤrmlichkeit hat es hier sicher nicht gemangelt, so wenig un- bedingten Glauben auch manche, wie Keating, zu verdienen scheinen. Zusammengenommenes Resultat . Was die Natur nach ihrer Unbewußtheit rein und vollen- det in sich gibt, dasselbe strebt die Kunst frei zu ersetzen Die tiefsinnige Unschuld der Volkspoesie ist mit der großen indischen Sage vom goͤttlichen Kind Crischna vergleichbar, dem die irdische Mutter von ungefaͤhr den Mund oͤffnet, und in- wendig in seinem Leib den unermeßlichen Glanz des Himmels sammt der ganzen Welt erblickt, das Kind aber spielt ruhig fort und scheint nichts davon zu wissen. — Diesen Satz von der Ganzheit der Natur und der Halbheit menschlicher Willkuͤr, hat auch bei Gelegenheit der griechischen Metrik erkannt Boͤkh in seiner Schrift uͤber die Versmaße Pindars, gleich eingangs. , allein unerreichbar steht ihren anfassenden Haͤnden der Gipfel alter Herrlichkeit, dem sie sich kaum angenaht hat, als sie schon wieder zuruͤckweichen muß. Wie es zu den Sagenele- menten gehoͤrt, die sich am weitesten ausgebreitet, daß in der ersten und zweiten That etwas Ungeloͤstes und Unganzes, hin- gegen erst in der dritten das Gelingen, gleichsam ein Schluß- stein, liege; so ist die Trilogie, welche in den meisten Liedern lebt, in dem Meistergesang aufgegangen. Der deutsche Mei- stersang, aus dem Schoos der Volkspoesie entsprungen, hat in der Sonne des Ritterthums gebluͤht und da feste Gestalt genommen. Eigenmaͤchtig, wie er sich gebildet, hat er sich eigenthuͤmlich erhalten. Zwar in Art und Geist ausheimischer Dichtkunst aͤhnlich, (weil sich die Natur gleicht auf dem ganzen Erdboden, und ohne daß man darum Zuͤge und Minnen aus einander erklaͤren darf) ist er doch wieder von jeder ver- schieden, und in seiner gruͤndlichen Darstellung mit nichts ver- wandt, als mit sich selbst, sein spaͤteres mit seinem fruͤheren, sein fruͤheres mit seinem spaͤteren. In der Haͤrte und Be- stimmtheit spaͤterer Regel und Terminologie mag fast noch uͤberall die fruͤhere Weichheit und Allgemeinheit wieder gefun- den werden. Minne- und Meistergesang sind eine Pflanze, die erst suͤß war, hernach im Alter herb, und die verholzen mußte; aber wo wir nicht zum Saft ihrer Jugend zuruͤckgehen, verstehen wir nimmer die Zweige und Aeste, die daraus ge- trieben haben Da ich oben Note 1. der Abhandlung v. d. Hagens uͤber den Meistergesang gedacht habe, so finde auch hier sein dem unse- ren ganz entgegen stehender Schluß einen Platz: „der Meister- gesang war und ist ganz etwas neues und eigenes; der fruͤhere Minnegesang war schon ganz verschollen und fuͤr jenen so gut, wie gar nicht vorhanden und ist und bedeutet in der That und Wahrheit im innersten Geist und Form, so wie in der aͤußeren Erscheinung und Umgebung, durchaus etwas Anderes, Hoͤheres.“ . Diese Dichter stifteten eine Schule, menschliches Fachwerk in eine himmlische Gabe; als der Zau- ber von den Banden gewichen, als nichts mehr da war, wie ein leeres Geruͤst, ließ sich jene nicht laͤnger halten. Wann das Haus ausgewohnt ist, geht es zusammen, waͤhrend mit- ten in Schutt und warmer Asche die sinnenden Menschen Ge- danken und Kraft zu dem neuen Bau gesammelt haben. Dieß ist meine Ansicht von Minne- und Meistergesang, man hat mir gesagt, zuerst Herr Docen und (nach ihm) ein Recensent des altdeutschen Museums in der Hallischen Lit. Z., daß sie nicht neu waͤre, wenn ich sie auch nirgends geborgt haͤtte. Daran laͤge nichts, wenn nur die Beweise neu sind fuͤr eine Sache, deren anfaͤngliche Erwaͤhnung Docen nur mittelst eines „sogar“ einleiten mochte. Er scheint also schon damals auf ein Paar Worte Adelungs nicht viel gegeben zu haben, die er mir in der Folge nachgewiesen (Seite 100.) In der That, so beruht auch Adelungs ganze Aeußerung bloß auf dem wahrgenommenen Umstand, daß mehrere Dichter der maneßischen Sammlung das Beiwort: Meister, vor sich tragen; ich darf annehmen, daß er sonst weder vom Wesen der Minne- noch auch der Meistersaͤnger, weder der alten noch der neuen, die zur Ausfuͤhrung seiner Vermuthung er- forderliche Erkenntniß gehabt haben wird. Ich bin uͤbrigens selber so wenig bemuͤht gewesen, meine Meinung neu zu ma- chen, als ich vielmehr das Alter der ihr entgegenstehenden angefochten und die Uebereinstimmung fruͤherer Jahrhunderte in meinen Vortheil gezogen habe. Was das Interesse der ganzen Frage anlangt, so wuͤrde man noch viel zu wenig dafuͤr anfuͤhren, wenn man nur be- merkte, daß eine Geschichte der Poesie nichts tauge, welche einzelnen Schwierigkeiten vorbeiginge, weil man sie fuͤr klein und wenig halten koͤnnte. Haͤngt in ihr nicht alles zusammen und soll nicht alles offenbar werden? Ein noch so unscheinen- der Punct leitet auf den tiefeingreifendsten, in dem Kleinen liegen die Spuren des Groͤßten, Goͤttlichen so wohl als Menschlichen; darum aber, weil das Wahre und Poetische den Kern und die Schale durchdringt, muß es auch in beiden erkannt werden. Ich halte daher; in der Ueberzeugung, wie nothwendig es sey, die Gruͤndlichkeit und Innigkeit der Form darzulegen, die von mir angeregte Untersuchung fuͤr eine sehr wichtige in unserer altdeutschen Poesie, und wuͤnsche nur, daß meine Entscheidung des Gegenstandes nicht ganz unwuͤrdig ausgefallen sey, so unvollstaͤndig und mangelhaft sie in der einzelnen Ausfuͤhrung erst noch bleiben mußte. Wie in ihr ein Wortspiel obwalten soll Hagen im N. l. A. 1808. Col. 84. , hat mir nie eingeleuchtet, gerade am Wort war mir nichts gelegen, ich will nur das 14te, 15te und 16te Jahrhundert aus dem 13ten verstehen. In aͤhnlichem Sinn, wie Docen , koͤnnte z. B. ein anderer aufstellen, daß Frauenlob oder seines Gleichen keine rechte Meistersaͤnger seyen, obgleich sich manche Aehnlich- keit zeige, und wenn man dem Bestreiter dieser Meinung ei- nen Wortstreit zumuthen wollte, so geschaͤhe es gewiß nicht mit besserem Fug, als mir gegenuͤber Herrn Docen . Nicht ja soll einzelnes im fruͤheren aus dem spaͤteren erklaͤrt, sondern umgekehrt dargethan werden, wie das Ganze spaͤter aus dem Fruͤheren gefolgt ist, und das ist es, was ich wahrscheinlich zu machen gesucht habe. Ein Paar direct und gerade aussa- gende Zeugnisse, (welche uns fehlen, und gewissermaßen fehlen muͤssen) wuͤrden allerdings erst der Untersuchung einen Stempel aufdruͤcken, ohne den gewisse Literatoren den Geist immer aus der Flasche entflogen waͤhnen, waͤhrend ich mich nicht habe abhalten lassen, aus Geruch und Geschmack des Inhalts seine Wahrheit zu pruͤfen, wohl bedenkend, daß man bei Versen- dung eines frischen Trunks in alter Zeit nicht jedesmal auf dergleichen critisches Siegelwachs eingerichtet war. Es kann Leute geben, welche meinen, ihre Freude an den Minneliedern gehe nun verloren, dadurch daß man sie hier fuͤr Meistersang ausgebe. Anderen, die wirklich glauben, daß auf die schlech- ten Meisterlieder der Geschichte nichts ankomme, daß die Min- nelieder Poesie, jene keine, beide ewig verschieden seyen, sie haͤngen zusammen oder nicht, moͤchte ich ohne die Falschheit ihrer Meinung zu beruͤhren, bloß erwiedern, daß bekanntlich auch die schlesische Dichterschule vom Meistersang abweiche und hier wirklich nicht einmal Zusammenhang statt finde. Ueber- haupt, wenn spaͤter, z. B. unter uns Zeitgenossen, ziemlich wenig mehr an den Formen der Poesie in einer Geschichte der- selben Und auch in der neuen Poesie selbst nicht, weßwegen aller Haß und Streit daruͤber thoͤricht. Das neu und bewußt eingefuͤhrte kann nur durch den Gebrauch spaͤter geheiligt werden und wird sich schon von selbst auswerfen, wo es uͤberkuͤnstlich und unan- liegt, da jeder Dichter aus eigener Macht aufzu- M treten hat und beinahe einzeln dasteht, so faͤllt es unmoͤglich fruͤherhin persoͤnlich zu scheiden, selbst da, wo die Persoͤnlich- keit in einer strengeren Ordnung hervorgetreten waͤre, wie bei den spaͤteren Meistern. Daraus folgt aber, daß die Betrach- tung des Unpoetischen, und selbst des Schlechten keineswegs ausgeschlossen werden duͤrfe. Mir schien auch das Ende des Meistergesangs eine Anerkennung verdient zu haben, sey es zu lieb dem frischen Anfang, oder der Treue wegen, womit man dem absterbenden Koͤrper angehangen. gemessen. Wie anders war es mit den unbewußt und noth- wendig gebrauchten Kunsttoͤnen der Minnesaͤnger! Selbst un- ser heutiger Gesang koͤnnte nicht alles dasjenige dulden, was wiederum in dem haͤufig gewordenen Lesen und Vorlesen ganz statthaft erscheint oder sich doch entschuldigt. Berichtigungen und Zusaͤtze . Seite 24. letzte Zeile lies: 1327 statt 1320. S. 29 Anmerk. 18. Im Wartb. Kr. (Jen. H. S. 102.) heiße es: „gab euch got sinne und sanges site.“ Ebendas. Z. 5. von unten ist hinter dem Wort Krieg einzuschal- ten: v. 46. S. 36. Z. 7. von u. statt: durchaus, l. „wie von selbst“, um dem Schein eines Widerspruchs mit S.... zu begeanen. Ein wirklicher ist nicht da, sobald man das Wort: gewor- den, recht faßt, die nachherigen Meister muͤssen es wohl gewußt haben, daß sie ohne Stollen und Abgesang keine Meistersaͤnge machten. S. 41. Z. 10. v. u. moͤchte der allgemeine Ausdruck „immer“ zu viel sagen, indem in so vielen Volksliedern ꝛc. die sich aͤußerlich rein aussprechende Duplicitaͤt zwar mannichfaltig erst durch Musik und Refrain (der eine eigene Untersuchung erfor- derte) gestimmt wird, aber doch auch oft genug von unse- rer Dreitheiligkeit des Satzes fern bleibt. Und wenn bald weiter, die Strophenmaͤßigkeit richtig allem Volksgesang zugeschrieben wird, so mag doch fruͤherhin die Strophe aus vier langen Zeilen nicht die einzige Art gewesen seyn. Ho- hes Alter naͤmlich muͤssen schon die aus vier oder selbst zwei kurzen ungeschlungenen Reimzeilen bestehenden Weisen gehabt haben, (s. auch Anm. 26. S. 37.) wie sie bis in spaͤtere Volkslieder noch vorkommen, uͤber deren Melodie man eine interessante, mir nicht ganz verstaͤndliche, Note des Herrn von Westenberg im Wunderhorn 2. 302. nach- sehe. Eine andere willkommene Bestaͤtigung geben die dem altfranz. Lied von Aucaßin beigedruckten Musiknoten, welche M 2 den ganzen Gesang durch fuͤr jedes Reimpaar immer diesel- ben bleiben. In den alten Vifer der Daͤnen machen die Strophen von zwei Langzeilen, oder auch zwei kuͤrzeren bei weitem die Regel aus, vierzeilige, reimverschlingende sind allemal neuer anzunehmen; desgleichen auch in solcher Art deutschen und schottischen Volksliedern die Unvollkommenheit der Reime, wofuͤr manchmal bloße Abschnitte, sich in die alte Zweizeiligkeit scheint zuruͤckzuneigen. Hierher gehoͤrt die Frage: in welche Strophen die altspanischen Volkslieder zer- fallen? woruͤber ich gelegentlich meine Meinung versuchen werde. S. 42. Kein Einwand waͤre unebener oder seichter wie der, zu sagen, daß eine Menge neuer und selbst auslaͤndischer Lie- der den Bau an sich truͤgen, den wir dem Meistergesang zu- geeignet haben. Es wuͤrde auch in der That nichts verdaͤch- tiger seyn, als wenn der Grund, worin die lebensvolle Poesie des 13ten Jahrh. gestanden, nicht weit uͤber die Zeit und den Raum des Meistersangs hinausginge. Man darf anneh- men, daß waͤhrend die Haͤlfte unserer besten modernen Lie- der in zwei Theile zerfaͤllt, vielleicht die andere die drei Theile des Meistergesangs beobachtet und das gewiß, ohne es je zu wollen, aus dem wahren Gefuͤhl dadurch erreichter Sing- barkeit. Es scheint paradox, aber ist es nicht, (weil der Minnesang sich nachher aus dem meisterlichen, dessen Quelle und Bluͤhen er gewesen, ab und zu der Volkspoesie hinge- wendet,) daß wir viele Lieder des 14ten und 15ten Jahrh., an sich schwerer und componirter, wie so manche alte Min- nesaͤnge, nicht gleich den letzteren dem Meistergesang zu-, sondern vielmehr absprechen muͤssen; uͤberhaupt ihm am sicher- sten keinen Gesang aus der spaͤteren Zeit zusprechen duͤrfen, der sich nicht der Strenge nach (daß er verdorben seyn koͤnnte, verschlaͤgt nichts) in den damaligen Schultoͤnen aufweisen laͤßt. Um hier noch einmal das schon mehr gebrauchte Bei- spiel zu geben, so zweifele ich gar nicht, daß sich im Ambr. Metzgers Venerisbluͤmlein, die er gedichtet, ehe er den Mei- sterges. erlernt, steifere und verwickeltere Lieder befinden, als die einfachen unter seinen Schulweisen seyn moͤgen, und Lie- der, die dem Grundprincip des Meistergesangs durchaus nicht widersprechen, ihn aber historisch betrachtet auch gar nicht beruͤhren und eben daher fuͤr keine Meisterlieder gehalten werden duͤrfen. Wie nothwendig diesen die Regel der Drei- heit zum Character gegeben werden muß, beweist der andere dabei ausgefuͤhrte Umstand, daß sie selbst in der Mannich- faltigkeit der Kunstspielerei, wo sie gewiß von keinem innern Gefuͤhl mehr gefordert wurde, unuͤbertreten blieb, da sie z. B. doch die Italiener bei unvergleichlich geringerem Reich- thum an Toͤnen haͤufig aufopferten; woraus schon, wie auf ganz andern Wegen auch noch, gefolgert werden kann, bei letzteren bluͤhe mehr kunstreicher Recitirgesang, wofuͤr sie ein so leises Gehoͤr haben, bei uns seyen mehr die herzlichen, wahren Lieder zu Hause. S. 47. Die Gleichguͤltigkeit der Strophenzahl druͤckt auch der Memminger Bericht S. 49. aus, ein Ton hat nach Belieben Gesetze, so viel der Dichter will. S. 57. Hier sind die spaͤteren Beispiele vergessen worden. In Frauenlobs blauem Ton reimt die zweite Silbe des ersten Stollen mit der vorletzten Zeile des Abgesangs — in seinem neuen, die erste Silbe des ersten Stollen mit der letzten des Abgesangs, und ferner die ersten Silben der ersten und zweiten Zeile des Abgesangs mit der letzten Silbe der vor- letzten Zeile des Abgesangs — in Caspar Ottendoͤrfers ho- her Juͤnglingsweis die erste Silbe der ersten und letzte der zweiten Zeile jedwedes Stollen — in Walters langem Ton (wie ihn die spaͤteren Schulen singen) reimen die ersten Sil- ben jedes Stollen zusammen. Auch gehoͤrt noch hierher Liet- schauer CCIL, Wizlau CCCCLXXIX, Singof CXLIX — LXIV. (wo gewoͤhnlich der letzte Reim mitten der ersten Z. des Abges. gebunden); Sigeher, Maneße 2. 220. (got din zorn) u. s. w. S. 59. Z. 3. ist sich offenbar verzaͤhlt und statt 60 „61“ zu le- sen, desgl. Z. 7. statt 17. lies 18. S. 60. Anmerk. 42. Hier ist die Aehnlichkeit einiger Strophen im Lied von Morolf mit dem Versmaaß im alten Titurel bemerkt worden; da letzteres in lauter weibliche Reime aus- geht, so haͤtten die Beispiele auch damit uͤbereinstimmender ausgehoben werden sollen. Man vergleiche also 1546 — 51. 1962 — 67. 2577 — 81. 2627 — 32, in welchen Strophen nichts als weibliche Reime stehen, obschen im Ganzen, wie in den Nibelungen, die maͤnnlichen uͤberwiegen, ohne daß in diesem Stuͤck irgend Regelmaͤßigkeit Statt finde. Eigentlich kann jene Wahrnehmung viel weiter fuͤhren. So wie das Nibelungenmaaß, als es nach und nach die Frei- heit der Caͤsuren und Silben eingebuͤßt hatte, und (wohl eben durch unserer Meister Miteinfluß) in doppelt so viel Reime zerschnitten war, immer nun trockener ausgeschliffen wurde, so scheinen mir auch andere spaͤter haͤufig gebrauchte Volks- liedertoͤne aus einer aͤlteren, frischeren Quelle abgeflossen zu seyn; und eine solche ist es vermuthlich, von der uns im alten Titurel, unerachtet darin einiges, als: das Aushalten des weiblichen Reims und Vorherrschen eines gewissen Rhyth- mus, die Zumischung kuͤnstlicher Elemente verraͤth, woruͤber uns erst das provenzalische Original vollstaͤndigen Aufschluß gewaͤhren koͤnnte, — ein reineres Bild geblieben seyn mag. In den Nibelungen selbst kann die Beweglichkeit in den Ruhen und der freie Fluß der Fuͤße kaum hoͤher steigen. Das Characteristische dieses Tons ruht in dem Ziehen der zweiten und vierten, noch mehr aber in Kuͤrzung der dritten Zeile. Nehmen wir nun das sehr unrein auf uns gekommene und am Ende erst, nachdem es sich im Mund der Saͤnger vielfach ausgesungen, aufgezeichnete Lied von Salomon und Morolf hinzu, so erblicken wir darin außer jenen langzeili- gen Strophen eine große Zahl gemischt gehaltener, aber auch eine merkbare, wo die beiden ersten Zeilen, vorzuͤglich der dritte kurz ausfallen, und nur die vierte (indem man die abgesetzte, reimlose dazu zu schlagen hat) bedeutend lang wird und einen großen Abstand von der dritten macht. Ver- gleichen wir die Strophen letzter Art mit einer andern im 16ten und 17ten Jahrhundert gangbarsten Weise, in welcher sich freilich die Form schon wieder mehr gesetzt, namentlich fuͤr die beiden letzten Zeilen auf weiblicher Endung bestan- den hat, (doch auch dieses im Morolf z. B. 256 — 260. 272 — 276. 292 — 297.) so haben wir wieder unleugbare Uebereinstimmung gefunden. Das koͤnnte also fuͤr das Al- ter und zugleich die anfaͤnglich groͤßere Ungebundenheit der hiermit gemeinten Jacobsweise (Wunderh. 2. 327.) Zeug- niß ablegen, in welcher so manches Lied, z. B. der Linden- schmied, Koͤnig Lasla, Stoͤrtebecher, Henneke Han, die Pa- viaschlacht, Magdeburger Fehde u. s. w. gedichtet worden ist. (In Brentanos Liederhandschrift wird dieser Volkston ge- nannt: Besteuzer oder Bestenzer, ich vermuthe: Schreibfeh- ler fuͤr Kostenzer, indem damit das bekannte Striegellied gemeint seyn kann.) Allein noch einen andern Weg hat vielleicht jener alte Ton bis in die spaͤtere Volkspoesie eingeschlagen. Naͤmlich gleichwie der Hildebrandston aus dem Nibelungenlied ent- stand, oder Wolfram die zwei Stollzeilen des alten Titurels in vier kleinere theilte, so mag diese Verrichtung auch hier ihrerseits und fuͤr sich die Volkspoesie unternommen haben, nur daß sie dabei, wie zu erwarten stehet, freier zu Werke ging. So scheint mir weiter aus dem alten Ton mit der dritten kurzen Zeile entsprungen zu seyn, was im 16ten und 17ten Jahrhundert allgemein unter dem Namen der Tag- weis bekannt war und wonach alle die vielen Lieder im Ton: ich stund an einem Morgen ꝛc., es wonet Lieb bei Liebe ꝛc., des Fraͤuleins von Brittannia ꝛc. gingen (auch Wunderh 1 265.). Und merkwuͤrdig steht diese Tageweis, oft halb unaufgeloͤst, in einem mit seiner Aechtheit gestempelten Soldatenlied, (Simpliciss Buch 2. c. 28.) allenfalls auch im Lied vom Ha- bersack. Bedeutender als alles dieß aber, und wohin be- reits der mit den alten Tageliedern zusammenhaͤngende Na- men schließen ließ, ist die Gewißheit des weit aufsteigenden Alters dieser Weise, indem sie ganz genau, selbst in Sil- ben und Reimgeschlecht bei Steinmar 2. 107. (ein kneht ꝛc.) vorkommt, noch dazu in einem Lied, das man sogleich fuͤr eine Parodie der Waͤchter- oder Tagelieder erkennen muß. Ja, aus diesem Grund scheint sich Steinmar (welcher ohne- hin zu den Hofdichtern gehoͤrt, die einen Fuß auf das Land der Volkspoesie stellen) eben an die im Volk gangbare Tag- weise gebunden zu haben, deren sich sonst — was wieder gut zu meiner allgemeinen Ansicht paßt — kein einziger Meister in einer ansehnlichen Zahl von Waͤchterliedern, die wir besitzen, bedient hat, (obwohl auch in der Volkspoesie daneben einige Tagelieder in anderer Form vorkommen.) Guͤnther vom Vorste, dessen langes Tagelied auch etwas baͤnkelsaͤngerisch anhebt, haͤlt zwar dieselben Reime, hat aber meist maͤnnliche und mehr Silben zu jeder Zeile, als jene dazumal schon fixirte Form, sonst gehoͤrt allerdings sein Ton zu demselben Haupttypus. Alles das ist zum Theil bloß Conjectur. In der Dun- kelheit dieser vielgaͤngigen Hoͤhle noch die wechselseitigen Ein- fluͤsse nachzurechnen, da nun die Lichter so vieler Quellen ab- gebrennt sind, hat seine große Schwierigkeit. Gewiß hat sich aber der Volksgesang aus der ersten Einfachheit nachher in Varietaͤten entfaltet, nur leiser und loser uͤberall, zugleich dem Vorhergehenden doch anhaͤngender, wie der Meisterge- sang, der auf einmal aus dem Grund der Poesie in aller Pracht der Faden und Kelche aufschoß, dann bei falscher Hege und Pflege im groͤberen Erdreich ausging, niemals aber einen so kuͤhlen Wald beisammenstehender Baͤume des Volksgesangs gebildet hat, der in Wind und Wetter lange Zeiten hinhaͤlt, so genug er in den letzten aus- und zu schanden gehauen worden ist. Vermuthungen uͤber die Formen des Meistergesanges haben weit behutsamer zu gehen, weil seine Varietaͤten weit bedaͤchtiger erscheinen, deßhalb ich mich gehuͤtet habe, die große Anzahl so spaͤter, als fruͤher Meistertoͤne von sechs Reimen (und sieben Zeilen) hier in Vergleichung zu zieben. Auf jeden Fall sind sich das Studium der volksmaͤßigen und meisterlichen Poesie einander unentbehrlich. S. 64. Z. 2. ist zwar die Herleitung des deutschen Wortes Leich aus den franzoͤsischen lais und den Leisen richtig ver- worfen worden. Wegen der Zusammenstellung der beiden letzten Ausdruͤcke koͤnnte man indessen glauben, daß ich sie fuͤr einerlei halte, da sie doch Form und Sache nach durch- aus nichts gemein haben. Leisen bedeutet immer einen geistlichen Gesang, den man oͤffentlich und gesellschaftlich in Noth und Gefahr ꝛc. anstimmt und worin urspruͤnglich we- nigstens das Kyrie eleison woͤrtlich vorgekommen seyn wird. (Die Beweisstellen sind: Herzog Ernst v. 1924. 2158. 3070. 4538 — 4544. 4759. vergl. 2294. 3166. 3582, wo so gar einigemal die ganze Litanei eingeruͤckt ist, eine andere, aͤl- tere steht in Docen Misc. 1. S. 4.) Weder mit Lied noch Leich haͤngen also diese Leisen zusammen. Die lais hin- gegen, (im Singular besser lai ohne s zu schreiben, obgleich letzteres mißbraͤuchlich) so gewiß aus ihnen nicht unser Leich gekommen ist (schon im alten Gloßar, Docen Misc. 1. spililih durch carmen metricum uͤbersetzt) haben dennoch ein gleiches Etymon mit ihm, welches sich aus dem Ein- fluß normaͤnnisch-englischer Sprache und Poesie erklaͤrt. Die S. 69. versuchte Leitung aus lax ( lais, los) und lai = Gesetz ist unrichtig, wenigstens die letztere weit hergehohlt, indem frei- lich, hoͤher hinaufgestiegen, jedem Spiel auch ein Band, Gesetz, (Gebaͤnd, gibenti-alligatura ) Grund liegt, und die Verwandtschaft mit lag, so wie dieses analoge Anwendung im Norden (Olafsen, Anhang §. 34.) daher entsprungen seyn kann. Richtig bleibt uͤbrigens, daß noch unser Leich nachher bei den Meistersingern die eigene Bedeutung angenommen hat, wovon die franzoͤsische Poesie auch nichts weiß, deßwe- gen es doppelt fehlerhaft waͤre, unsere spaͤteren Leiche aus jener ableiten zu wollen. S. 71. Anm. 53. In der Rubrik eines Minneliedes von Moͤ- gelin ( n. XXII. ) werden solche Reime „sich suchende“ ge- nannt, mit einem fast modern klingenden Ausdruck. S. 91. Z. 9. Hierher auch noch Regenbogens (2. 215.) „sitz ab der kuͤnste sessel, daruf sie saßen.“ Die singenden Mei- ster scheinen auf einer erhoͤhenden Bank oder einem Stuhl gesessen oder gestanden zu haben. Wieder wie bei Volks- dichtern, was gleich der Name Baͤnkelsaͤnger zeigt. S. 96. Z. 1. Wer Morungens suͤße Gesaͤnge durchliest, erin- nert sich unwillkuͤrlich an dieses Gnadesingenhelfen bei fol- genden Worten (1. 57.): helfet singen alle mine frunt und zieht ir zuo .... mit schalle das si mir genade tuo u. s. w. S. 109. Z. 19. Die einfache, bedeutende Schoͤnheit der alten Toͤnenamen stimmt ausnehmend in die Unschuld und Rein- heit der Minnelieder. Unsere neuen Dichter sind den golde- nen und blauen Ton, die gekroͤnte, die zarte und suͤße Ge- sangweis zu singen verlustig geworden, und muͤssen sich nun auch zu ihren Ueberschriften die fremden Namen Hexame- ter, Distich, Sonett, Triolett oder Madrigal behaben, welche Strafe noch leidlicher ist, als die sich selbst auferlegte, schon lang versungene Herrlichkeit alter Weise kalt nachmessen zu wollen. Sonst koͤnnte die Rubrik eines langen Maien- scheins, kurzen oder langen Regenbogens von oben herein auf das ganze Lied eigenthuͤmliche Beleuchtung werfen. Uebrigens fallen einem bei jenen Namen einmal die koͤnigli- chen der Scaldenweisen, dann mancher Volkslieder, selbst englaͤndischer ein ( to the tune of black and yellow . Percy 1. B. 2. n. X. ) und das Ganze erinnert gewiß an die ge- heime Verwandtschaft zwischen Toͤnen und Farben uͤberhaupt. S. 111. Anmerk. 97. Hierher auch die Kuͤnstlichkeit, Anfangs der neuen Strophe den Ausgang der vorigen wieder aufzu- nehmen, reimlich oder selbst woͤrtlich, was so haͤufig in Volksliedern, besonders daͤnischen. S. bei Rudolf von Neuenburg Th. 1. S. 8. 9. und bei Rudolf von Rotenburg 1. 34. (vierstrophisches Lied: ich will in miner ꝛc.) Bei Wizlau ist es mir besonders noch aufgefallen. S. 111. Z. 14. Daß die Meister von einander Wendungen besonders zum Eingang borgen, ohne sich an den Ton zu binden, waͤre leicht zu belegen. Ein Beispiel steht schon S. 152. oben. Walters Lied 1. 102: „ich sas uf einem steine“ ꝛc. muß dem Boppo vorgeschwebt haben, als er 2. 235: “ich sas uf einer gruͤne“ ꝛc. dichtete (im gruͤnen Ton Frauenlobs.) S. 117. Anm. 102. Zu diesen koͤnnen auch noch die von Mo- rungen und Rifen gerechnet werden, auf welche ohne Zweifel das bekannte Lied vom edlen Moͤringer und Neuffen geht. (Vielleicht Grund des Spangenbergischen Irrthums Anm. 107.) Nicht nur zeigen die Worte der 30sten Strophe: ein langes schweigen hab ich bedacht so will ich aber singen als eh darzu haben mich die schoͤnen frauen bracht die moͤgen mir wohl helfen meh offenbar, daß Moͤringer unser Minnesinger ist (der Ausdruck Hoflied Str. 28. bestaͤtigend meine S. 123. Anm. 109 ge- machte Bemerkung), sondern sie weisen deutlich auf des Dichters Strophe: „wer ir mit minne“ ꝛc. in der maneß. Samml. 1. 50. Dazu tritt, daß das Versmaaß der Romanze (wie- der wie beim Bremberger) schon von Morungen selber vor- gebildet zu seyn scheint, in seinen Liedern: „in so hoher“ ꝛc. (1. 50.) in der einzelnen Strophe: „fraue wilt“ ꝛc. (1. 54.) im Lied: „ich bin kaiser ꝛc. (1. 56, wovon die erste Strophe auch in Docens Misc. 2. 200.) und: „hat man mich gese- hen“ ꝛc. (56. 57.) zugleich zum Beleg, daß ein Singer seine eigenen Toͤne oͤfters gebraucht. Eine andere Frage bleibt, ob die wunderbare Heimkehr aus dem heiligen Land aus der Sage von Heinrich dem Loͤ- wen uͤbergegangen ist, oder umgekehrt, oder ob beide, was am glaublichsten, sich zu einem aͤlteren Fall zuruͤckfuͤhren. Auch der heil. Andreas wird im Schlaf von Jerusalem nach Drontheim entruͤckt. (Kaͤmpeviser 714 — 716.) Noch viel haͤufiger und aͤlter in den Sagen ist die just rechte Ankunft des Mannes zur neuen Hochzeit und die Ringerkennung u. s. w. S. 125. Z. 22. Aus bloßer Vergessenheit ist folgendes Scheinbare gegen mich anzufuͤhren unterlassen worden: daß diese wei- marische H. S. die spaͤteren Lieder zwar nach Frauenlobs Toͤnen rubricire, aͤltere Minnelieder hingegen nur mit der Ueberschrift: „ein ander weis“ einfuͤhre. Allein wenn man erwaͤgt, daß der, wohl in der ersten Haͤlfte des 15ten Jahrhunderts lebende Copist ein Paar alte Minnelieder hoͤchst incorrect, fragmentarisch und unter einander gewor- fen, mitten unter Frauenlobische Meisterlieder gestellt hat, so ist leicht zu ermessen, daß er zu den vielleicht seiner Zeit noch gangbaren Weisen die Tonnamen angeben konnte, die aͤlteren Weisen aber nicht mehr recht verstand, oder noch glaublicher, daß er sich nach den verschiedenen Origi- nalen, die er ausgeschrieben, gerichtet, wo er dann leicht erstere Lieder mit, letztere ohne Namen vorfand. Außerdem sind ja selbst die alten Minnelieder hier aͤußerlich nach Stol- len und Abgesang getheilt, so wie einige in jeder Absicht unbestreitbare Meisterlieder ebenfalls bloß als „ein ander Ton“ angezeigt. Mithin bleibt der Einwurf eben so unbe- deutend, wie jener, daß Frauenlobs Lieder in der maneßi- schen Handschrift ohne Rubrik der Toͤne stehen. S. 37. Anm. 26. Daß Otfried seine Arbeit fuͤr den Gesang der Franken bestimmte, laͤßt sich nach seinen eigenen Aeußerungen und dem vierzeiligen Strophenbau kaum bezweifeln. Aber ob sie je gesungen worden sind! die unsanghaften, meist auf leerer Endung ruhenden Reime. S. 135. Z. 3. Die maneßische Sammlung bekanntlich ent- haͤlt nur zwoͤlf solcher Brennberger (sollte aber nicht spaͤter die Weise mit des Tanhaͤusers Hofton verwechselt worden seyn, unerachtet der verkuͤrzten zweiten und vierten Zeile des Abgesangs?), wovon wiederum nur neun zu der be- ruͤhmten Liebesgeschichte des Dichters gehoͤren. Ich habe diese aus andern Handschriften schon mit neunzehn neuen Strophen (worunter ausgezeichnete) vermehren koͤnnen, und werde bei Gelegenheit das Ganze, nebst verschiedenen an- dern Liedern in derselben Gesangweise bekannt machen. S. 147. Dagegen haben die Scandinavier namhafte Scal- dinnen (Skaldmoͤ), so wie sie auch Schildjungfrauen haben. Seite 100. Z. 15. Wie es sich in diesem Stuͤck mit einigen andern Magistermeistern spaͤterer Zeit verhaͤlt, z. B. dem Georg Danbeck zu Augsburg und dem (durch seine Ueberset- zungen) bekannteren Joh. Spreng kann ich ohne naͤhere Nach- richt nicht wissen. — Man hat die uͤbrigens wahre Bemer- kung gemacht, wie unter den Buͤrgern, welche Wissenschaft und Dichtkunst beruͤhrt, die Schuster großen Vorzug behaup- ten. Auffallend ist es, daß viele Meistersaͤnger Kuͤrschner gewesen sind: Daniel Holzmann, Paul Fischer, Dan. Gra- ner, Hans Panzer ꝛc. und erst hierdurch wird die oben Anm. 116. aus einem Roman des 17ten Jahrh. beigebrachte Stelle deutlich. S. 114. Z. 7. v. u. Auch der von Morungen 1. 56, und wohl noch andere, brauchen die Redensart: „mit Gesang kroͤnen.“ S. 100. A. 88. Da die volksmaͤßige Fahrlaͤssigkeit immerher der erwachenden Critik eine Art Greuel gewesen ist, so weist sich die Wirkung hiervon nicht bloß in Verachtung der Sa- chen, sondern selbst in Herabsetzung der Namen aus. Auf diesem Wege sind uͤberall noch die Sagen ( fabulae ) und Maͤ- ren zu Fabeln und Maͤhrlein geworden, und was mehr, die Leute, welche sie vortrugen, (weil auch in ihrem Leben und Amt solche Nachlaͤssigkeit zu spuͤren war) uͤbel angeschrieben. Die joculatores galten mit der Zeit fuͤr nichtswerthe Gauk- ler, die trouveurs (denn auch dieser Name war eher popu- laͤr, als fuͤr die Ritterpoesie der Provenze uͤblich) wandelten sich in trufatores, etwas schwerer moͤchte sich Schalk (und am leichtesten noch in dem englischen Idiom) aus den Scal- den und Schallern ableiten. Von allem dem machen unsere Meister eine Ausnahme, von denen man umgekehrt sagen kann, daß sie einen alten Namen wieder zu Ehren gebracht und durch ihren sittlichen Wandel dabei erhalten haben. — Gleich wie wir aber schon hinter aller jener Verderbniß den besse- ren Ursprung sehen, so soll auch die nun erwachsene Critik die Wahrheit der Poesie und Geschichte in der oft zerflossenen Sage wieder suchen und die Spanier und Deutsche nachah- men, bei denen der rechte Sinn von „ hablar “ und „sagen“ wohl behalten worden ist. S. 129. Z. 2. Unter den Staͤdten des Meisterg. haͤtte vor andern auch Eßlingen namentliche Erwaͤhnung verdient, allwo der Daniel Holzmann Schule gehalten, (Eschenburg Denkm. 378.) und wobei einem der alte Schulmeister von Eßlingen einfallen darf, ungeachtet dessen Amt eine doppelte Ausle- gung hat und der Ort auch der in Oestreich seyn kann. S. 133. Z. 9. Einen lebhaften Beleg, daß die Volkspoesie wieder an den Hoͤfen des 16ten Jahrh. geliebt geworden, kann der lustige Schwank vom Saͤnger Gruͤnenwald geben, den Wikram im Rollwagenbuͤchlein so gut berichtet. Ver- muthlich ist das Lied im Wunderh. 3. 147. von demselben. S. 138. A. 135. Diese Ungewißheit begreift auch weniger die Reimchronisten als viele Spruch- und Fabliauxdichter, z. B. den Kaufringer, Joh. von Nuͤrnberg, Jacob Appet, (der in dem Roman von Reinfried von Braunschweig fast eben so wie in der Erz. von der Weiber List angefuͤhrt wird) u. s. w. S. 157. Z. 16. Die Fortdauer der gelehrteren Cammern noch jetzt in Flandern beweist folgendes so eben zu Courtray her- ausgekommene Buch: het nut van de vrede, in dry ver- scheide dichten, bekroond in de Vergaadering van den 19 Augusty 1810. door de maatschappy van rhetorica met ken — zin: vrede-minnaars binnen Kortryk. 28. S. 8. S. 159. Z. 18. Zu den angefuͤhrten Comoͤdienschreibern (außer- halb des Meisterges.) gehoͤren besonders noch Puschmann und Georg Hager, muthmaßlich hat auch die literarisch bekannt gewordene Comoͤdie von der Singschule einen Meister zum Verfasser. S. 161. Z. 184. Folgender Ausdruck, um den Grund der Alli- teration und des Reims zu unterscheiden, macht das Gesagte wohl deutlicher Ersteren koͤnnte man das zeugende, bleibende, letzteren das bildende, biegende Princip nennen. Daher kommt, daß wenn wir nach der Wurzel eines jeden Worts fragen, die nothwendige Identitaͤt des anhebenden Conso- nanten das Merkmal gibt, hingegen die Gleichguͤltigkeit al- ler Vecalen sogleich hervortritt, deren mehr oder mindere Uebereinstimmung durchaus nur die naͤhere oder fernere Ver- wandtschaft (und das nicht allzeit) anzeigt, allein nie fuͤr Ab- stammung oder nicht den Ausschlag gewaͤhrt. Der Conso- nantismus ruht stehend auf der Wurzel und gibt (wie das schon v. d. Hagen gut ausgedruͤckt hat) Knochen und Seh- nen; der Reim neigt sich offenbar in die Biegung hinaus. Freilich hat der Reim in den germanischen Sprachen zwei Theile, indem er einmal auf dem Vocalis der Wurzel liegt, dann auch, in seiner Ausbildung auf dem Consonant der En- digung. In andern, z. B. der franzoͤsischen kann er bekannt- lich selbst bloß auf die Biegung treten. Aus beiderlei Grund ist das Uebergewicht unserer maͤnnlichen Reime hoͤchst schaͤtz- bar und der spaͤtere Gebrauch der Reime insgemein wahr- scheinlich, zumal da in aͤlteren und in Volksliedern die Vo- cale nicht nur, sondern auch die Endconsonanten viel gleich- guͤltiger angewendet werden. — Auf der andern Seite ist zu erwarten, daß das, was der Alliteration zum Grund liegt, sich nicht bloß in einzelnen Woͤrterfamilien offenbart, sondern in ganzen Reihen grammatischer Formen uͤberhaupt, der, z. B. daß im Deutschen alle geraden Fragwoͤrter mit einem W. an- gehen u. s. w. Zweiter Nachtrag . (Geschrieben am 12. Februar 1811.) Der Druck meines vor laͤnger als einem halben Jahr fer- tig geschriebenen Buchs verzoͤgerte sich ohne meine Schuld bis jetzt, wo gerade ein wichtiger Aufsatz in dem erst dieser Tage in unsere Gegend angekommenen dritten Heft des altd. Mus- erscheint, so daß ich jenes nicht ausgeben lassen mag, ohne dar- uͤber mein Urtheil kuͤrzlich beyzufuͤgen. Herr Prof. von der Hagen hat darin schaͤtzbare, wohl schon lang in seinem Besitz gewesene Nachrichten uͤber den Colmarer Codex bekannt gemacht, und was zu erwarten stand, mit aller Gelehrsamkeit verarbeitet. Sicher haͤtte ich diese Abhandlung in der meinigen haͤufiger zu benutzen und anzufuͤhren gehabt, als seine fruͤhere, deren bloßes Resultat in meiner Anmerk. 202. niedergelegt worden ist. Haͤlt man nun dieses zu der Ausbeute seines weiteren Studiums, so sieht man wohl, daß er jetzo nicht mehr, wie damals geschrie- ben haben wuͤrde. Aeußerlich zwar bekennt er sich genau zu dem Meistersinger- und Meistersaͤngersystem, dessen Nullitaͤt aus der Sache eben so sehr, als aus den Namen hervorleuchtet, es hielte ordentlich schwer etwas zu erdenken, womit die erstere sich so fuͤglich vergleichen ließe, wie mit der letzteren, durch deren Erfindung mir meine Gegner gluͤcklich zu Huͤlfe gekommen sind. Von der Hagen beruͤhrt hier eigentlich nur eine Seite der Sa- che, das Verhaͤltniß seiner Meistersinger zu seinen Meistersaͤngern, dasjenige der Meister- zu den Minnesaͤngern hat er (absicht- lich?) liegen gelassen; gleichwie aber aus dem, was er auf- stellt, unleugbar die innige Verwandtschaft der Singer zu den Saͤngern fließt, so wird sich auch aus dem von mir Erlaͤuter- ten die zwischen minne- und meistersingenden Hofdichtern erge- ben. Welche gesunde Critik kann einen Augenblick, nach Lesung des hier Num. X. abgedruckten Lieds Conrads von Wirzburg anstehen, ihn fuͤr einen eben so ausgemachten, eigentlichen, ja eigentlichen Meistersaͤnger zu halten, als er aus andern gleich dauerhaften Ursachen ein Minnesaͤnger ist? Es waͤre eine rechte Klaͤglichkeit, der Wahrheitsliebe und Scharfsinnigkeit von der Hagens und Docens unwuͤrdig, wenn sie im Grund das- selbe glauben muͤssend und schon jetzt darlegend, noch laͤnger ein scheinbares Gegentheil behaupten und sich dabei aͤhnlicher Wen- dungen behelfen wollten, als hier ersterer thut, indem er z. B. Conrad, Frauenlob, Regenbogen „Vorgaͤnger“ des Meisterge- sangs nennt (S 156. 197.) Das sind sie freilich immerhin, und wenn es schon drei hundert Jahre nichts als lauter eigent- lichste Meister gegeben haͤtte, weil sie nun einmal vor den spaͤte- ren gelebt haben, nur aber ist der Ausdruck etwa eben so tref- N fend, als ob einer sagte, Veldeck sey Vorbereiter des Minne- sangs gewesen: welcher erst mit Walter oder Gottfried (wen man will) entspringe! das Gegentheil aber wuͤrde ich unter an- dern aus Gottfrieds verschiedener Meinung darthun, wie ich aus der der spaͤten Meister jene Identitaͤt mit den fruͤhern auch ge- rechtfertigt habe. Etwas zu natuͤrlich scheint mir also die An- merkung Hagens S. 171, daß die spaͤten Meistersaͤnger dem Regenbogen „gewiß mittelbar (!) viel verdanken“, oder daß (S. 182.) „Moͤgelin mit den Meistersaͤngern schon naͤher zusam- menhaͤnge“, oder wenn (S. 152.) von „bedeutendem, wenn auch schon nicht unmittelbarem Einfluß“ geredet wird. Mir steht klarer als je vor Augen, daß Vogelweide und Hans Sachs Mei- stersaͤnger sind, obschon sie nicht einerlei sind noch aussehen, aus dem trivialen Grund, weil sie nicht in einem Jahrhundert ge- lebt haben, allein wenn wir von des ersten Nachkommen in der Kunst historisch schreiben wollen, so werden wir unausbleiblich auf den letzten gerathen und alle Mittelglieder nachweisen koͤnnen. Ich wuͤnsche, daß v. d. Hagen zu Ehren der Wahrheit sein Sy- stem von Meistersingern, Meistersaͤngern, vorbereitenden Acade- mikern und niedergesessenen Scholastikern (S. 149.) fahren lasse, indem darin lauter Ehebruͤche, Trauungen an die linke Hand, Mißheirathen und Adoptivfaͤlle vorausgesetzt werden, davon der einfache Gang unserer alten Poesie nichts weiß; denn aͤr- mer und schwaͤcher ist das Geschlecht immer geworden, hat sich aber in rechter Liebe und Hausehe fort gezeugt bis ans Ende. Das bezeugt vor allem die Nothwendigkeit der Dreiform, wel- che auch unser Gegner erkannt, vielmehr bloß gefuͤhlt hat (S. 175.), da sich das wie gesucht aussehende Beispiel Wenzels ganz unschuldig in lauter Gesellschaft gleichgewachsener Lieder siehet. Was sich v. d. Hagen vielleicht in meine Seele von ei- nem fixirten Orden einbildet, habe ich laͤngst widerlegt, und wie- derhohle hier, daß sich nicht einmal im spaͤtesten Meisterg. alles so streng-zuͤnftig nehmen laͤßt, sondern betraͤchtlich loser gewe- sen seyn muß, als das eigentliche Handwerk. Wie man aber von der fruͤheren und mittleren Meisterkunst sagen kann: (S. 149) „dennoch ist bis dahin noch nirgends eine bestimmte Hinweisung auf eine auch nur in den freiesten Verhaͤltnissen sich gegenseitig bildende und gesammtthaͤtig wirkende Gesellschaft“, da man doch gerade die Wettstreite, das Merken, das Aufgeben und Loͤsen, die Singversammlung vor Augen hat, welche gesellschaftliches Trei- ben und mancher Art Convenienz beurkunden, ist mir unbegreif- lich. Nicht weniger falsch, wenn noch dazu etwas darauf an- kaͤme, heißt es S. 147, daß sich in der Colmarer H. S. keine fuͤrstliche, adliche Minnesaͤnger zeigen, da doch der Brennberger und ein Graf von Arberg mitten darunter stehen, (S. 184.) uͤberhaupt: hat sich wohl von der Hagen nach Gottfried oder Hadloub z. B. gefragt, in welche Classe er diese bringen will? und warum geschweigt er des letzten wichtiger Stelle, wie so mancher andern, ihm wohlbekannten? — Kurz und in aller Be- scheidenheit zu sagen, von Seiten der Minnesaͤnger halte ich meine Ansicht des Meistergesangs fuͤr unangreifbar, waͤhrend aus dem gegenseitigen Einfließen der Volkspoesie, oder der erzaͤhlenden Gedichte noch eher scheinbare Einwuͤrfe vorgebracht werden koͤnnten. Doch um auf die lobenswerthe Seite der Hagenschen Ab- handlung zu kommen, so laͤßt sich aus dem Einzelnen darin gar manches Einzelne meiner Schrift ergaͤnzen und erleuchten, da, wo wir von verschiedenem Weg ausgegangen zusammentreffen, haͤtte mir keine erwuͤnschtere Bestaͤtigung widerfahren koͤnnen. Ganz in meinem Sinn sind die vortrefflichen Bemerkungen uͤber Marners und Klinsors Namen (S. 154 u. 177.), welche daber noch, nebst dem Regenbogen und Erenbot (Tanhaͤuser?) bei mir S. 105. 106. anzufuͤhren sind. Wer in Frauenlobs Geschichte die Poesie der Wahrheit so richtig gegen Adelungische Prosa ver- theidigt, der wird auch einmal den uͤbrigen Sagen der Meister- schulen ihr Recht geben, uͤber welche hier vorerst noch als „Maͤhr- chen“ (S. 106.) abgesprochen worden ist. Auch uͤber die Leiche war mir die Einstimmung erfreulich (S. 165.), nur daß hier nicht die urspruͤngliche Bedeutung, und daraus die spaͤtere be- schraͤnkte nachgewiesen worden ist. Daß letztere Art Leiche dem Meistergesang vindicirt werden muß, ist nach Conrads Vorwurf- lied außer Zweifel, ich moͤchte auch wissen, ob der dem Regen- bogen zugelegte Leichton hierher oder nicht zu ziehen ist, da des- sen Reimzahlbestimmung es nicht vermuthen laͤßt. Zu bemerken ist, daß in den Handschriften die Lieder eines einzelnen Meisters gern mit seinen Leichen anheben oder doch schließen, letzteres bei dem w. Alexander. — Die Bemerkung des oͤrtlichen Zusammen- haltens der Saͤnger (S. 76. meiner Abh.) scheint mir in Hagens fuͤnfter Note etwas einseitig ausgefuͤhrt. Sollen die Rheinlaͤn- der, Schwaben und Franken gegen die Sachsen gewetteifert ha- ben, so paßt ja nicht, daß der Sachse Gervelyn die Franken, sammt dem Schwaben Marner lobt, und dieser die rheinischen tadelt. Unrichtig ist es, daß sich wie die maneßische fuͤr suͤd- die jenaische H. S. fuͤr norddeutschen Sang bestimmt habe, finden wir nicht in der letzten einen Br. Werner, Tanhuser, Spervo- gel, Rumelant von Schwaben, Stoll, Alexander, Robin und die Thuͤringer und Meisner muͤssen viel eher zu den Suͤddeutschen und Franken geschlagen werden, z. B. der von Sonnenburg, der ohnedem viel suͤddeutsche Herren lobpreist. Auf letzten Punct ist wieder zu viel Gewicht gelegt; hat Rumelant den Braunschwei- ger, Stettiner und Daͤnemarker gelobt, so haͤtte nicht verschwie- N 2 gen werden sollen, daß er auch Baiern und Rudolf von Habs- burg besingt. Und ruͤhmen nicht der saͤchsische Kelyn: Tyrol, Schwaben, den von Kemenat, der Misner (Frauenlob) nicht ei- nen Grafen Ludwig v. Oettingen, Koͤnig von Boͤhmen und Herrn von Grindelach; oder umgekehrt, der suͤdliche Tanhaͤuser nicht den brabaͤntischen Conrad von Landsberg, Graf Dieterich von Bren- nen und ebenfalls (2 64.) den Erich von Daͤnemark, so wie Reinmar (2. 132.) denselben? Genug Beispiele, um zu zeigen, daß die Preislieder zwar bedeutend, aber nicht entscheidend bei dem damaligen Wandern der Meister fuͤr ihr Vaterland gebraucht werden duͤrfen. Um so mehr bleibt meine dem Meistergesang gezogene Linie stehen, das heißt dem Kern nach ganz in Suͤd- deutschland, zeigen sich fruͤher einige Sachsen, oder vielmehr Meis- ner (noch viel weniger, daß jene Plattdeutsch gedichtet haͤtten) so trieben auch die neueren Schulen aus Schlesien bis Danzig hinauf. — Unter den hier aus der Colmar. H S. (deren voll- staͤndige Herausgabe gar sehr zu wuͤnschen bleibt) mitgetheilten Liedern sind die Nummern 1. 4 und 10. fuͤr unsern Gegenstand am wichtigsten. N. 1. ist ein Bewillkommnungslied, oder eine so genannte Empfahung, und nothwendig in einer Gesellschaft vor- gesungen. Der Ausdruck: „gut edel gesang“ erinnert an Con- rads (in meiner 18ten Rote) citirte Stelle, und zeigt, wie der M. G. urspruͤnglich in dem Adlichen, Hoͤflichen gewaltet haben muß, da sich noch spaͤtere diese Woͤrter zueignen duͤrfen. Der fremde Regenbogen kommt als Gast zu den Rheinsingern, und fordert heraus, wer ihm mit Kunst ansingen wolle, froͤhlich auf den Plan zu ziehen. Auffallend ist, daß er nach dem zweiten Gesaͤtz erst um Singens willen nach Ungerland ziehen wollen, weiches vielleicht sagenhaft mit Klinsors Aufenthalt daselbst zutrifft, und dann bloße Redensart waͤre, allein auch historisch zu erklaͤren seyn kann, da gerade anfangs des 14ten Jahrh. Wenzel von Boͤhmen und Otto von Baiern in Ungarn regierten; sind also deren Hofsaͤnger gemeint, so wuͤrde das einigermaßen die von Horneck angefuͤhrten in besseres Licht setzen. (S. 101. m. Abh.) Ferner erhellt hieraus und aus Nr. 4. u. 10, daß „Gesanges Mei- ster“ dasselbe was Meistersaͤnger aussagt. Das Aushaͤngen des Kranzes, zum Abgewinnen, als von ritterlicher Sitte abstam- mend, ist gerade noch das spaͤtere Kranzsingen (S. 114. 115. m. A.); bemerkenswerth die damals also schon eingefuͤhrte Silbenhaltung, am Schluß die bekannte Beziehung auf die freien Kuͤnste. Num. 4. ist ein gar huͤbsches Lied, worin es den ehrlichen Schmied gereuet, daß er seine weiße Haͤndlein verloren, eh sich sein Herz in solche Kunst begeben und den innern Beruf zur letz- tern wird ihm niemand abreden, haͤtte er auch nur die eine Zeile gedichtet: „meine Kunst gruͤnet in der Sinne Zweig.“ Schief aber ist die Bemerkung (S. 170.), daß der Schmiedhammertact auf den abgezaͤhlten Silben und Reimfall unverkennbar ein- gewirkt, haͤtte hier Herr v Hagen nicht durchs Tuch geblickt, so haͤtte er nichts gerathen; Schade, daß die goldne Schmiede nicht von ihm, sondern Conrad gesungen worden ist; bei den spaͤteren Meistern muͤßten wir dann noch mannichfaltigere Einfluͤsse der Pfrieme, Nadel ꝛc. wahrnehmen, mir scheinen Frauenlobs Lieder nicht weniger, wo nicht mehr zusammengeschweißt, als die des Regenbogen. Merkwuͤrdig ist auch dieser Gesang uͤber die Unei- nigkeit der letzt genannten Meistersaͤnger, S 82. m. Abb.; das Spotten und Strafen ist wie im Wartburger Krieg, (S. 78. m A.) uͤbrigens sieht man, daß gleich den spaͤteren der buͤrgerliche Mei- ster von hoͤflichem Gesang ausgeht und vor Kaiser und Fuͤrsten singen will. Am belehrendsten uͤber die damalige Meisterkunst bleibt Nr. 10. von Conrad von Wirzburg und einzelne Terminologien, denen vorher schwerlich Docen ein solches Alter zugetrauet haͤtte fin- den hier die Rechtfertigung, wie: Differenzen (Buchstaben versetzen, oder Wiederhohlen desselben Worts in einerlei Zeit) und schullende Reime, (denn statt: Unterfutter im Abges. der ersten Strophe muß offenbar: unterschulle gelesen werden ꝛc.) wogegen wir auch einige neue spaͤterhin verlorene kennen lernen. Dahin selbst die merkwuͤrdigen Fordernisse, die Conrad nach den Buchstaben macht, aͤhnlich dem Reinmar der Man. 2. 154 aus denen im Wort Maria die goͤttlichen Eigenschaften erlaͤutert. Die Reiel sind regelmaͤßige Tanzlieder, unregelmaͤßige wuͤrden wohl zu den Leichen gehoͤren. Sonderbar, daß der hier abgedruckte gulden Reyel, bei ganz gleichen Reimen in dem ersten Stollen die zweite und dritte Zeile Silben verkuͤrzt, da wir nun hier einen ge- wissen Meistergesang vor uns haben, so wird die oben im Tyturel (S. 59 u. 61.) bemerkte Anomalie ganz willkommen erlaͤutert und ist derselben Erklaͤrung faͤhig. Der Hofeweiser werden mit Be- deutung zwoͤlfe verlangt, und vielleicht damit zu damaliger Zeit noch die Minnepoesie, als an den Hoͤfen die beliebteste gemeint. Man erwaͤge, daß hier z. B. Nr. 3. ein Minnelied Muscabluͤts in dessen Hofweise gehet, wie ein anderes im Mus. 1. 123. ab- gedrucktes, auch zum Beweis, daß die Minnelieder, gleich den andern meistersaͤngerische Toͤnenamen gehabt, wie ich in m. Abh. S. 185. behauptet habe. Am aller merkwuͤrdigsten sind aber die von jedem Meister gefoderten 12 Barant und 3 Schalltoͤne, uͤber deren Wesen uns die Colmarer H. S. hoffentlich noch Aufschluß geben wird. So viel ist deutlich, daß das Bar aus dem Parat Barat geworden ist, wonach meine Note 61. etwas zu berichtigen waͤre, imgleichen durch das Schall meine 189ste. Noch waͤren aus den hier abgedruckten Liedern und dem Ha- genschen Commentar fuͤr die Namen und Abtheilungen mehrerer Meistertoͤne interessante Nachrichten zu nehmen, der abgespitzte Ton Conrads (110. m. Abh.) muß offenbar in „ Aspiston “ hergestellt werden, auch wird vielleicht Wagenseil S. 161. gegen meine Note 95. entschuldigt, und daß innere Erweiterungen den Ton nicht ge- rade abaͤndern (N. 97. m. Abh.) neu belegt. Ich enthalte mich aber in diesen Theil des Gegenstands weiter einzugehen; ist erst einmal der Meistergesang anerkannt, so kann sicherer und unbefan- gener uͤber die Geschichte gewisser Meistertoͤne gehandelt werden; von der Richtigkeit der hier im Druck beibehaltenen Abtheilungen bin ich um so weniger uͤberzeugt, als dabei offenbare Nachlaͤssig- keiten mitunter laufen, z. B. in der zweiten Strophe des letzten Lieds ist der deutliche zweite Reim des Abgesangs auszuruͤcken vergessen worden. Docen hat in demselben Heft des Mus. S. 18 — 29. einen an- dern, fuͤr mich nicht weniger zeugenden Meistergesang Hornburgs edirt. Vorerst ein neuer Beleg zur sagenhaften Anwendung der Zwoͤlfmeisterzahl. Dann wieder die dem Ton nicht schadende Va- rietaͤt im langen Marner. Die Anrede: Gesangesfreund (S. 92. m. A.) und die unleugbare Meisterversammlung. Warum wun- dert sich Herr Docen nicht ein wenig uͤber den Meistersinger Nit- hart? Das „parat“ kommt zu der vorhin gemachten Anmerkung; auch Wizlau gebraucht „parteren“ ( CCCLX. ). Das „fundelen“ gehoͤrt zu meiner Note 146, auch bei Frauenlob im Weim. Codex ( mihi Nr. 65.) steht „fundelern.“ S. 23. wird die von mir (S. 84. 85.) widerlegte Interpretation von „zwigenge“ versucht, wenn es nur „zwigengen“ hieße, so waͤre es scheinbarer. Die Aeuße- rung, daß Walter, Eschenbach u. a. durchgaͤngig den Minnesang geuͤbt, Reimar v. Zw. aber seine Anspruͤche (!) auf Erfindung reizender Lieder und musikalische Composition aufgegeben, und sich zuerst (?) auf moralischen lehrenden Inhalt beschraͤnkt habe“ (S. 26.), wird mir Docen mit nichts wahrmachen koͤnnen. Es gehoͤrt noch viel dazu, und die bisherigen Arbeiten zeigen das uͤberall, bis wir die Geschichte unserer Meisterkunst in das ver- diente Licht setzen; statt, daß ich hier einige fluͤchtige Zusaͤtze ge- macht, haͤtte ich freilich den Reichthum des neuen Materials lie- ber reiflich in meine Abhandlung verarbeitet; wenn man dieser die Quellen, worauf ich beschraͤnkt war, ansieht, so ist es mir gewisser- maßen ein erfreulicher Verdienst, daß ich die Wahrheit, von An- fang an gegen meine beiden Widerstreiter, denen bessere Huͤlfs- mittel zu Gebot standen, erkannt und vertheidigt habe. Inhalt . Einleitung Seite 13 Historische Uebersicht 26 Innere Beweise 36 1. Regel 43 Erste Einwendung. Einfache Minnelieder 47 Zweite — Anomalien 49 Dritte — Titurelston 58 Vierte — Leiche 63 2. Mannichfaltigkeit der Regel 70 Aeußere Beweise . 1. Gesellschaftliches 75 2. Namen 98 3. Toͤne 106 4. Tradition 115 5. Zeugniß von Schriftstellern 121 6. Handschriften 123 7. Geographische Ausbreitung 127 Verhaͤltniß zur uͤbrigen altdeutschen Poesie . 1. Volkspoesie 131 2. Erzaͤhlende und Spruchgedichte. 136 Verhaͤltniß zur ausheimischen Poesie . 141 1. Provenzalen 143 2. Franzosen. 153 3. Niederlaͤnder 156 4. Scandinaven 160 5. Englaͤnder 168 Resultat . 170 Berichtigungen und Zusaͤtze . 175 Nachtrag 189 Nachschrift . Der auf dem Titel hinzugegebene Spruch soll die Identitaͤt des Minne- und Meistersangs in einem Gleichniß fassen. Die Blumen spielen in unendlicher Mannichfaltigkeit, die einfache Form des Klees ist immer dieselbe. Wenn also der von Jo- hannisdorf singt (1. 175.): wiße rote rosen blawe blumen gruͤne gras brune gel aber rot, darzuo des klewes blat so mag man zu Gefallen der Allegorie den vom Dichter nicht einmal geahnten Nebensinn einlegen, daß zu den einfachen, froͤhlichen, liebenden, sehnenden, ernsten und scheltenden Liedern uͤberall die stete Regel des Meistergesangs hinzutrete. Auch symbolisirt das Trifolium trefflich die dreigliedrige Structur, indem aus zwei gleichgesetzten Blaͤttern ein neues drittes her- vorsteigt, von ihnen getragen wird und sie schließt; wie denn ferner der Klee nicht nur die Liebesblume ist, sondern auch, wenn man der spaͤteren Entwickelung des Meistergesangs geden- ken will, bekanntlich (im Kartenspiel) den gruͤnenden Buͤrger- stand repraͤsentirt. Die Vergleichung mit der Pflanzennatur, als worin auch drei die Urzahl und die erste Zahl der Erschei- nung, rechtfertigt sich in den neuesten uͤber letzteren Gegenstand angestellten Untersuchungen: „es kann keine Pflanze mit ur- spruͤnglich zwei Blumenblaͤttern geben.“ ( Oken Lehrbuch der Naturphilosophie. Th. 3.)