Letzte Gaben von Annette Freiin von Droste-Hülshoff. Letzte Gaben. Nachgelassene Blätter von Annette Freiin von Droste-Hülshoff. Hannover. Carl Rümpler . 1860. Druck von August Grimpe in Hannover. Inhalts-Verzeichniß . Gemüth und Leben. Seite Das Wort 1 Halt fest! 2 Carpe diem 5 Durchwachte Nacht 7 Mondesaufgang 10 Der Mittelpunkt der Welt 12 Grüße 15 Doppeltgänger 18 Im Grase 20 Die Golem 22 Spätes Erwachen 24 Stille Größe 27 Gemüth 31 Die todte Lerche 34 Unter der Linde 36 Meine Steckenpferde 41 Der Dichter 43 Seite Der Abschied 45 Das Bild 50 Sylvester-Abend 55 Erzählende Gedichte. Das erste Gedicht 61 Gastrecht 66 Mutassin 69 Der Nachtwandler 72 Das verlorne Paradies 75 Der sterbende General 78 Volksglauben in den Pyrenäen 81 1. Sylvesterfey 81 2. Münzkraut 85 3. Loup Garou 88 4. Maisegen 92 5. Höhlenfey 97 6. Johannisthau 100 Denkblätter. An Philippa 105 An *** 106 Das einzige Kind 108 Schloß Berg 109 An meine Mutter 115 An Elise 116 An *** 117 An den Freiherrn von Madroux 119 Seite Die Mutter am Grabe 120 An Ludowine 123 An Joseph von Laßberg 124 Klänge aus dem Orient. 1—20 127—141 Die Judenbuche, Erzählung 145 Bilder aus Westphalen 231 Gemüth und Leben. Das Wort . D as Wort gleicht dem beschwingten Pfeil, Und ist es einmal deinem Bogen In Tändeln oder Ernst entflogen, Erschrecken muß dich seine Eil’. Dem Körnlein gleicht es, deiner Hand Entschlüpft; wer mag es wiederfinden? Und dennoch wuchert’s in den Gründen Und treibt die Wurzeln durch das Land. Gleicht dem verlornen Funken, der Vielleicht erlischt am feuchten Tage, Vielleicht am milden glimmt im Haage, Am dürren schwillt zum Flammenmeer. Und Worte sind es doch, die einst So schwer in deine Schaale fallen, Ist Keins ein Nichtiges von Allen, Um jedes hoffst du oder weinst. 1 O einen Strahl der Himmelsau, Mein Gott, dem Zagenden und Blinden! Wie soll er Ziel und Acker finden? Wie Lüfte messen und den Thau? Allmächt’ger, der das Wort geschenkt, Doch seine Zukunft uns verhalten, Woll’ selber deiner Gabe walten, Durch deinen Hauch sei sie gelenkt! Richte den Pfeil dem Ziele zu, Nähre das Körnlein schlummertrunken! Erstick’ ihn oder fach’ den Funken! Denn was da frommt, das weißt nur du. Halt fest ! H alt fest den Freund, den einmal du erworben, Er läßt dir keine Stätte für das Neue; Läßt, wie das Haus, in dem ein Leib gestorben, Unrein das Herz, wo modert eine Treue; Meinst du, dein sei der Hände Druck, der Strahl Des eignen Auges arglos und voll Liebe? Drückst du zum zweitenmal, blickst du zum zweitenmal, Die Frucht ist fleckig und der Spiegel trübe. Halt fest dein Wort, o fest wie deine Seele; So stolz und freudig mag kein Lorbeer ranken, Daß er das Brandmal auf der Stirne hehle, Die unter’m Druck des Wortes konnte wanken; Der ärmste Bettler, so ein ehrlich Herz, Wird wie ein König dir genüber treten, Und du? du zupfst den Lorbeer niederwärts Und heimlich mußt du dein „peccavi“ beten. Halt fest den Glauben, laß ihn dir genügen! Wer möcht’ sein Blut mit fremdem Ichor tauschen! Verstoße nicht den Cherub deiner Wiegen, Aus jedem Blatt wird dir sein Flügel rauschen! Und ist dein Geist zu stark, vielleicht zu blind, In seiner Hand das Flammenschwert zu sehen, So zweifle nicht, er wird, ein weinend Kind, An deinem letzten öden Lager stehen. Und dann die Gabe, gnädig dir verliehen, Den köstlichen Moment, den gottgesandten, 1* O fessle, fessle seinen Quell im Fliehen, Halt jeden Tropfen höher als Demanten; Noch schläft die Stunde, doch sie wacht dereinst Da deinem Willen sich die Kraft entwunden, Wo du verloren schwere Thränen weinst In die Charybdis deiner todten Stunden! Vor Allem aber halt das Kind der Schmerzen, Dein angefochtnes Selbst, von Gott gegeben. O sauge nicht das Blut aus deinem Herzen, Um einen Seelenbastard zu beleben; Daß, wenn dir einstens vor dem Golem graut, Es zu dir trete nicht mit leisen Klagen: „So war ich, und so ward ich dir vertraut, Unsel’ger, warum hast du mich erschlagen!“ Drum fest, nur fest, nur keinen Schritt zur Seite, Der Himmel hat die Pfade wohl bezeichnet, Ein reines Aug’ erkennt sie aus der Weite, Und nur der Wille hat den Pfad verläugnet; Uns allen ward der Compaß eingedrückt, Noch keiner hat ihn aus der Brust gerissen, Die Ehre nennt ihn, wer zur Erde blickt, Und wer zum Himmel, nennt ihn das — Gewissen. Carpe diem? P flücke die Stunde, wär’ sie noch so blaß, Ein falbes Moos, vom Dunst des Moores naß, Ein farblos Blümchen, flatternd auf der Haide; Ach, einst von Allem träumt die Seele süß, Von Allem, was, ihr eigen, sie verließ, Und mancher Seufzer gilt entflohnem Leide. In Alles senkt sie Blutestropfen ein, Legt Perlen aus dem heiligtiefsten Schrein, Bewußtlos, selbst in grauverhängte Stunden; Steigt oft ein unklar Sehnen dir empor, Du schaust vielleicht wie durch Gewölkes Flor Nach Tagen, längst vergessen, doch empfunden. Wer, der an seine Kinderzeit gedenkt, Als die Vokabeln ihn in Noth versenkt, Wer möcht’ nicht wieder Kind sein und sich grauen? Ja, der Gefangne, der die Wand beschrieb, Fühlt er nach Jahren Glückes nicht den Trieb, Die alten Sprüche einmal noch zu schauen? Wohl giebt es Stunden, die so ganz verhaßt, Daß, dem Gedächtniß eine Centnerlast, Wir ihren Schatten abzuwälzen sorgen; Doch selten schickt sie uns des Himmels Zorn, Und meistens ist darin ein gift’ger Dorn, Der Moderwurm geheimer Schuld verborgen. Drum, wer noch eines Blicks nach oben werth, Der nehme, was an Lieben ihm bescheert, Die stolze, wie die Stund’ im schlichten Kleide Der schlürfe jeden stillen Tropfen Thau, Und spiegelt drin sich nicht des Aethers Blau, So lispelt drüber wohl die fromme Weide. Freu’ dich an deines Säuglings Lächeln, freu’ Dich an des Jauchzens ungewissem Schrei, Mit dem er streckt die lustbewegten Glieder; Wär zehnmal stolzer auch, was dich durchweht, Wenn er vor dir dereinst, ein Jüngling, steht, Dein lächelnd Kindlein gibt er dir nicht wieder. Freu’ dich des Freundes, eh zum Greis er reift, Erfahrung ihm die kühne Stirn gestreift, Von seinem Scheitel Grabesblumen wehen; Freu’ dich des Greises, schau’ ihm lange nach, In Kurzem gäbst vielleicht du manchen Tag, Um einmal noch dies graue Haupt zu sehen. O wer nur ernst und fest die Stund’ ergreift, Den Kranz ihr auch von bleichen Locken streift, Dem spendet willig sie die reichste Beute; Doch wir, wir Thoren drängen sie zurück, Vor uns die Hoffnung, hinter uns das Glück, Und unsre Morgen morden unsre Heute. Durchwachte Nacht. E s sank die Sonne glüh und schön, Und aus versengter Welle dann Wie rauchte nicht das Nebelmeer Die sternenlose Nacht heran! — Ich höre ferne Schritte geh’n, — Die Uhr schlägt zehn. Noch ist nicht alles Leben eingenickt, Der Schlafgemächer letzte Angeln knarren; Vorsichtig in der Rinne Bauch gedrückt, Schlüpft noch der Iltis an des Giebels Sparren; Matt bin ich, möchte träumen nur; — Eilf schlägt die Uhr. Ob mir das Blut so siedend fliegt? Mich dünkt, ich hör’ der Sphären Summen, — Ein Schweigen, dem das Ohr erliegt, Dann wieder fernes, dumpfes Brummen; Doch horch! des Thurmes Glocke wacht; — ’s ist Mitternacht. Und bange, gleich verhaltnem Weinen, steigt Ein langer Klageton aus den Syringen; O Nachtigall! ob Thal und Höhe schweigt, Das Dunkel legt verrätherische Schlingen; Ein Käuzlein wacht im Blätterschmuck des Hains; — Die Uhr schlägt Eins. Jetzt möcht ich schlafen, schlafen gleich, Entschlafen unter Mondeshauch, Umspielt vom flüsternden Gezweig, Im Blute Funken, Funk’ im Strauch, Und mir im Ohre Melodey; — Die Uhr schlägt Zwei. Wie bin ich aufgeschreckt; o Jugendbild, Du bist dahin, zerflossen mit dem Dunkel! Die unerfreulich graue Dämmrung quillt, Im Walde irrt ein ängstliches Gemunkel; Doch horch, des Hahnes erster Schrei! — Die Uhr schlägt Drei. Und wieder ruft der Hahn auf’s Neu; Am Sims die Schwalbe gibt sich kund, Der Tauben Schwärme kreisen scheu Und taumelnd in des Hofes Rund; Und drunten knarrt des Stalles Thür; — Die Uhr schlägt Vier. Da flammt’s in Osten auf, gleich Lavagluth Die Sonne steigt, und mit den ersten Strahlen In Wald und Feldern strömt Gesanges Fluth, Das Leben quillt aus schäumenden Pokalen; Und wie ein Gletscher sinkt der Träume Land Zerrinnend in des Horizontes Brand. Mondesaufgang. A n des Balkones Gitter lehnte ich Und wartete, du mildes Licht, auf dich; Hoch über mir gleich trübem Eiskristalle Zerschmolzen schwamm des Firmamentes Halle; Grauschimmernd lag der See mit leisem Stöhnen, Zerfloßne Perlen, oder Wolkenthränen? Es rieselte, es dämmerte um mich; Du mildes Licht, ich wartete auf dich. Hoch stand ich, neben mir der Linden Kamm, Tief unter mir Gezweige, Ast und Stamm, Im Laube summte der Phalänen Reigen; Die Feuerfliege sah ich zieh’n und steigen, Und Blüten taumelten wie halb entschlafen; Mir war, als treibe hier ein Herz zum Hafen, Ein Herz, das übervoll von Glück und Leid Und Bildern seliger Vergangenheit. Die Schatten stiegen, drängten finster ein; Wo weilst du, weilst du denn mein milder Schein? Sie drangen ein wie sündige Gedanken, Des Firmamentes Woge schien zu schwanken; Verzitternd losch der Feuerfliege Funken, Längst die Phaläne war zum Grund gesunken; Nur Bergeshäupter stiegen hart empor, Ein düstrer Richterkreis im Düster vor. Es visperten die Wipfel mir am Fuß, Wie Warnungsflüstern oder Todesgruß; Ein Summen aus des Seees weitem Thale, Wie Volksgemurmel vor dem Tribunale; Mir war, als müsse etwas Rechnung geben Von todten Pfunden, von verträumtem Leben, Als stehe ein verkümmert Herz allein, Einsam mit seiner Schuld und seiner Pein. Da auf die Wasser sank ein Silberflor, Und langsam stieg die Mondesscheib’ empor, Der Alpen finstre Stirnen strich sie leise, Und aus den Richtern wurden sanfte Greise; Der Wellen Zucken ward ein lächelnd Winken, An jedem Blatte sah ich Tropfen blinken, Und jeder Tropfen schien ein Kämmerlein, Drin flimmerte der Heimathlampe Schein. O Mond, du bist mir wie ein später Freund, Der seine Jugend dem Verarmten eint, Um seine sterbenden Erinnerungen Mit zartem Lebenswiderschein geschlungen; Bist keine Sonne, die ernährt und blendet, In Feuerströmen lebt, im Blute endet, Bist, was dem kranken Sänger sein Gedicht, Ein fremdes, aber, o, ein mildes Licht. Der Mittelpunkt der Welt. J üngst hast die Phrase scherzend du gestellt: „Wer Reichthum, Liebe will und Glück erlangen, Der mache sich zum Mittelpunkt der Welt, Zum Kreise, drin sich alle Strahlen fangen.“ Dein Wort, mein Freund, war wie des Tempels Thür, Die Inschrift draußen und das Volksgedränge, Doch durch die Spalten blinkt der Lampen Zier, Zieh’n Opferduft und heilige Gesänge. Wo könnte jemals wohl des Glückes Born Aus anderm als aus eignem Herzen fließen? Aus welcher Schaale wohl des Himmels Zorn Als aus der selbstgebotnen sich ergießen? O glücklich sein, geliebt und glücklich sein! Möge mein Engel mir die Pfade deuten! Da schrillt des Tempels Vorhang, zart und rein Hör’ ich’s, wie Echo durch die Falten gleiten. Standest an einem Krankenbett du je, Nach wochenlangen selbstvergessnen Sorgen? Hobst deine schweren Wimper in die Höh’, Gerührt zum heißen Dankgebet am Morgen, Und sah’st auf des Genesenden Gesicht Ein neuerwachtes Seelenleben schweben, Und einen Liebesblick auf dich, wie nicht Ihn Freund und nicht Geliebte können geben: Hieltest du je den Griffel in der Hand Und rechnetest mit frohem Geiz zusammen Die Groschen, die du selber dir entwandt; Schien jeder Heller dir wie Gold zu flammen, Des Preises für den fremden Sorgenpfühl, Um den du deine Freuden schlau betrogen, Und hast in deines Reichthums Vollgefühl Tief, tief den Odem in die Brust gesogen: Und der Moment, wo eine Rechte schwimmt Ob theurem Haupte mit bewegtem Segen, Wo sie das Herz vom eignen Herzen nimmt, Um weinend an das fremde es zu legen, Hast du ihn je erlebt? und standest dann, Die Arme still und freundlich umgeschlagen, Selig berechnend, welche Früchte kann, Wie liebliche das neue Bündniß tragen: Dann bist du glücklich, bist geliebt und reich, Ein Dach, an dem sich alle Blitze spalten; Dann mag dein Lorbeer welken, mögen bleich Krankheit und Alter dir die Stirne falten: Dann bist der Mittelpunkt du deiner Welt, Der Kreis, aus dem dir freud’ge Strahlen quillen, Und was so frisch der Bäche Ufer schwellt, Wie sollte seinen Born es nicht erfüllen? Grüße . S teigt mir in diesem fremden Lande Die allbekannte Nacht empor, Klatscht es, wie Hufesschlag vom Strande, Rollt sich die Dämmerung hervor, Gleich Staubeswolken mir entgegen Von meinem lieben starken Nord, Und fühl’ ich meine Locken regen Der Luft geheimnißvolles Wort. Dann ist es mir, als hör’ ich reiten Und klirren und entgegenzieh’n Mein Vaterland von allen Seiten, Und seine Küsse fühl’ ich glüh’n; Dann wird des Windes leises Munkeln Mir zu verworrnen Stimmen bald, Und jede schwache Form im Dunkeln Zur tiefvertrautesten Gestalt. Und meine Arme muß ich strecken, Muß Küsse, Küsse hauchen aus, Wie sie die Leiber könnten recken, Die modernden, im grünen Haus; Muß jeden Waldeswipfel grüßen, Und jede Haid’ und jeden Bach, Und alle Tropfen, die da fließen, Und jedes Hälmchen, das noch wach. Dir, Vaterhaus, mit deinen Thürmen, Vom stillen Weiher eingewiegt, Wo ich in meines Lebens Stürmen, So oft erlegen und gesiegt; — Ihr breiten, laubgewölbten Hallen, Die jung und fröhlich mich gesehn, Wo ewig meine Seufzer wallen, Und meines Fußes Spuren stehn. Du feuchter Wind von meinen Haiden, Der wie verschämte Klage weint, — Du Sonnenstrahl, der so bescheiden Auf ihre Kräuter niederscheint; — Ihr Gleise, die mich fortgetragen, Ihr Augen, die mir nachgeblinkt, Ihr Herzen, die mir nachgeschlagen, Ihr Hände, die mir nachgewinkt. Und Grüße, Grüße, Dach, wo nimmer Die treu’ste Seele mein vergißt, Und jetzt bei ihres Lämpchens Schimmer Für mich den Abendsegen liest, Wo bei des Hahnes erstem Krähen Sie matt die graue Wimper streicht, Und einmal noch vor Schlafengehen An mein verlassnes Lager schleicht. Ich möcht’ euch Alle an mich schließen, Ich fühl’ euch Alle um mich her. Ich möchte mich in euch ergießen, Gleich siechem Bache in das Meer. O wüßtet ihr, wie krank geröthet, Wie fieberhaft ein Aether brennt, Wo keine Seele für uns betet, Und Keiner unsre Todten kennt! 2 Doppeltgänger. ’S war eine Nacht, vom Thaue wachgeküßt, Das Dunkel fühlt’ ich kühl wie zarten Regen An meine Wange gleiten. Das Gerüst Des Vorhangs schien sich schaukelnd zu bewegen, ’s war eine Nacht, wo man am Morgen denkt: Ward Dasein jetzt dir, oder dort geschenkt? Mir war so wohl und federleicht zu Muth, So schwimmend nun die Wimper halb geschlossen; Verlorne Funken zuckten durch mein Blut, Von fernen Lauten wähnt’ ich mich umflossen; ’s war eine Nacht, wo man am Morgen fragt: Hat’s damals, oder hat es jetzt getagt? Und immer heller ward der süße Klang, Das liebe Lachen, es begann zu schwimmen Wie Bilder von Daguerre die Deck’ entlang, Gleich Feuerwürmern sah ich Augen glimmen, Dann wurden feucht sie, blau und lind, Und mir zu Füßen saß ein schönes Kind. Das sah zu mir empor, so ernst gespannt, Als quelle ihm die Seele aus den Blicken, Bald schloß es, schmerzlich zuckend, seine Hand, Bald schüttelt es sie funkelnd vor Entzücken, Und horchend, horchend klomm es sacht heran Zu meiner Schulter — und wo blieb es dann? — O wären’s Geisterstimmen aus der Luft, Die sich wie Vogelzwitschern um mich reihten! Wär’ Grabesbrodem nur der leise Duft, Der mich umseufzte aus verschollnen Zeiten. Doch nur mein Herz ist eure stille Gruft, Und meine Heil’gen, meine einst Geweihten, Sie leben alle, wandeln allzumal. Vielleicht zum Segen sich, doch mir zur Qual. 2* Im Grase . S üße Ruh, süßer Taumel im Gras, Von des Krautes Arom umhaucht, Tiefe Fluth, tief, tieftrunkne Fluth, Wenn die Wolk’ am Azure verraucht, Wenn auf’s müde, schwimmende Haupt Süßes Lachen gaukelt herab, Liebe Stimme säuselt, und träuft Wie die Lindenblüth’ auf ein Grab. Wenn im Busen die Todten dann, Jede Leiche sich streckt und regt, Leise, leise den Odem zieht, Die geschlossne Wimper bewegt, Todte Lieb’, todte Lust, todte Zeit, All’ die Schätze, im Schutt verwühlt, Sich berühren mit schüchternem Klang Gleich den Glöckchen, vom Winde umspielt. Stunden, flüchtiger ihr als der Kuß Eines Strahls auf den trauernden See, Als des ziehenden Vogels Lied, Das mir niederperlt aus der Höh’, Als des schillernden Käfers Blitz, Wenn den Sonnenpfad er durcheilt, Als der flücht’ge Druck einer Hand, Die zum letzten Male verweilt. Dennoch, Himmel, immer mir nur, Dieses Eine nur: für das Lied Jedes freien Vogels im Blau Eine Seele, die mit ihm zieht, Nur für jeden kärglichen Strahl Meinen farbigschillernden Saum, Jeder warmen Hand meinen Druck, Und für jedes Glück einen Traum. Die Golem . H ätt’ ich dich nicht als süßes Kind gekannt, Mit deinem Seraph in den klaren Blicken, Dich nicht geleitet in der Mährchen Land, Gefühlt der kleinen Hände zitternd Drücken: Ich würde jetzt dich mit Behagen sehen, Du wärst mir eine hübsche, brave Frau. Doch ach, nun muß ich unter deiner Brau, Muß stets nach dem entflognen Engel spähen. Und du, mit deinem Wort, bedacht und breit, Dem klugen Lächeln und der Stirne Falten, Spricht dir kein armer Traum von jener Zeit, Wo deine Glut die Felsen wollte spalten? Ein braver Bürger bist du hoch zu ehren, Ein wahrer Heros auf der Mittelbahn, Doch, o mein Flammenwirbel, mein Vulkan, Ach, daß die Berge Mäuse nur gebären. Weh ihm, der lebt in des Vergangnen Schau, Um bleiche Bilder wirbt, verschwommne Töne! Nicht was gebrochen, macht das Haar ihm grau, Was Tod geknickt in seiner süßen Schöne; Doch sie, die Monumente ohne Todten, Die wandernden Gebilde ohne Blut, Sie, seine Tempel ohne Opferglut, Und seine Haine ohne Frühlingsboten! ’S gibt eine Sage aus dem Orient Von Weisen, todter Masse Formen gebend, Geliebte Formen, die die Sehnsucht kennt, Und mit dem Zauberworte sie belebend; Der Golem wandelt mit bekanntem Schritte, Er spricht, er lächelt mit bekanntem Hauch, Allein es ist kein Strahl in seinem Aug’, Es schlägt kein Herz in seines Busens Mitte. Und wie sich alte Lieb’ ihm unterjocht, Er haucht sie an mit der Verwesung Schrecken, Wie angstvoll die Erinnrung ruft und pocht, Es ist in ihm kein Schlafender zu wecken. Und tief gebrochen sieht die Treue schwinden, Was sie so lang und heilig hat bewahrt, Was nicht des Lebens, nicht des Todes Art, Nicht hier und nicht im Himmel ist zu finden. O kniee still an deiner Todten Gruft, Dort magst du milde, fromme Thränen weinen, Mit ihrem Odem säuselt dir die Luft, Mit ihrem Antlitz wird der Mond dir scheinen, Dein sind sie, dein, wie mit gebrochnen Augen, Wie dein sie waren mit dem letzten Blick; Doch fliehe vor den Golem, flieh zurück, Die deine Thränen kalt wie Gletscher saugen. Spätes Erwachen. W ie war mein Dasein abgeschlossen, Als ich im grünumhegten Haus, Durch Lerchenschlag und Fichtensprossen Noch träumt’ in den Azur hinaus! Als keinen Blick ich noch erkannte, Als den des Strahles durch’s Gezweig, Die Felsen meine Brüder nannte, Schwester mein Spiegelbild im Teich! Nicht rede ich von jenen Jahren, Die dämmernd uns die Kindheit beut, — Nein, so verdämmert und zerfahren War meine ganze Jugendzeit! Wohl sah ich freundliche Gestalten Am Horizont vorüberflieh’n; Ich konnte heiße Hände halten Und heiße Lippen an mich zieh’n. Ich hörte ihres Grußes Pochen, Ihr leises Wispern um mein Haus, Und sandte schwimmend, halbgebrochen, Nur einen Seufzer halb hinaus. Ich fühlte ihres Hauches Fächeln Und war doch keine Blume süß! Ich sah der Liebe Engel lächeln, Und hatte doch kein Paradies. Mir war, als habe in den Noten Sich jeder Ton an mich verwirrt, Sich jede Hand, die mir geboten, Im Dunkel wunderlich verirrt. Verschlossen blieb ich, eingeschlossen In meiner Träume Zauberthurm, Die Blitze waren mir Genossen Und Liebesstimme mir der Sturm. Dem Wald ließ ich ein Lied erschallen, Wie nie vor einem Menschenohr, Und meine Thräne ließ ich fallen, Die heiße, in den Blumenflor. Und alle Pfade mußt’ ich fragen: Kennt Vögel ihr und Strahlen auch? Doch keinen: wohin magst du tragen, Von welchem Odem schwillt dein Hauch? Wie ist das anders nun geworden, Seit ich in’s Auge dir geblickt; Wie ist nun jeder Welle Borden Ein Menschenbildniß eingedrückt! Wie fühl’ ich allen warmen Händen Nun ihre leisen Pulse nach, Und jedem Blick sein scheues Wenden Und jeder schweren Brust ihr Ach. Und alle Pfade möcht’ ich fragen: Wo zieht ihr hin, wo ist das Haus, In dem lebend’ge Herzen schlagen, Lebend’ger Odem schwillt hinaus? Entzünden möcht’ ich alle Kerzen Und rufen jedem müden Sein: Auf ist mein Paradies im Herzen, Zieht Alle, Alle nun hinein! Stille Größe. I ch klage nicht den Mann, der fällt Ein Markstein dem erkämpften Land, Der seines Schicksals Becher hält, Ihn mischend mit entschlossner Hand, Ihn, der entgegentritt dem Sturm Und weiß, daß er die Eiche bricht; Wer war so reich wie Götz im Thurm, Wie Morus vor dem Blutgericht? Ich klage nicht den Mann, der stirbt, Von Welt und eigner Glut verzehrt, Ihn, dem des Halmes Frucht verdirbt Und den des Himmels Manna nährt; Correggio nicht, der siech und falb Die Kupferheller heimgebracht, Cervantes, der verhungert halb Ob seines Pansa noch gelacht. Sie sind des Unglücks Fürsten, sind Die Mächtigen im weiten Blau, Sie fühlen, daß ihr Odem rinnt Entzündend um der Erde Bau, Daß nur aus dunkler Scholle gern Und freudig schießt der Erndte Kraft, Und daß zerfallen muß der Kern, Soll strecken sich der Palme Schaft. Ihn klag’ ich, dessen Liebe groß Und dessen Gabe arm und klein, Den, wie die Glut das dürre Moos, Sengt jener Strahlen Wiederschein; Ihn, der des Funkens Irren fühlt Verzehrend in der Adern Bau, Und den die Welle dann verspühlt, Ein Aschenhäuflein, karg und grau. O, eure Zahl ist Legion! Ihr Halbgesegneten, wo scheu In’s Herz der Genius gefloh’n, Und öde ließ die Phantasei; Ihr, die ihr möchtet flügellos Euch schwingen mit des Sehnens Hauch, Und nieder an der Erde Schooß Sinkt, wie ein kranker Nebelrauch. Nicht klag’ ich euch, weil ihr gering, Nicht weil ihr ärmlich und versiegt; Ich weiß es, daß der Zauberring Euch unbewußt am Finger liegt; O ihr seid reich und wißt es nicht, Denn reich ist nur der Träume Land; O ihr seid stark und wißt es nicht, Denn stark ist nur der Liebe Band. Wenn ihr am leeren Pulte neigt Und an der öden Staffelei, Um euch des Himmels Odem steigt Und in euch der Beklemmung Schrei; Wenn zitternd nach dem Ideal Ihr eure heißen Arme streckt, Und kaum für’s nächste Kummermahl Den Halm die nächste Furche reckt. Dann seid ihr mehr als der Poet, Der seines Herzens Blut verkauft, Mehr als der Künstler, der so spät Zur Heil’gen die Hetäre tauft; Was ihr verschweigt, ist lieblicher Als je des Dichters Stirn gekrönt, Was ihr begrabt, ist heiliger Als Farb’ und Pinsel je verschönt. Mir gab Natur ein kühnes Herz, Ich senke nicht so leicht den Blick; Mich drückt nicht Größe niederwärts, Drängt keine fremde Hand zurück; Nie hat des Ruhmes Strahlenkranz An fremder Stirne mich gegrämt; Doch vor so stillen Blickes Glanz Hab’ ich mich hundertmal geschämt. Weinende Quellen, wo sich rollt Das Sonnenbild im Wellenbann, Glühende Stufen, wo das Gold Nicht aus der Schlacke brechen kann; Ich klag’ um euch, weil ihr betrübt, Weil euch das Herz von Thränen schwillt, Unwissend Sel’ge, weil ihr liebt, Und zweifelt an der Gottheit Bild. Behütet euren stillen Schatz, Laßt uns das sonnenöde Land! Laßt uns den freien Bühnenplatz Und sterbt im Winkel unbekannt; Einst wißt ihr, was in Euch gelebt, Und was in dem, der Euch gehöhnt; Einst, wenn der Strahlengott sich hebt Und wenn die Memnonssäule tönt. Gemüth . G rün ist die Flur, der Himmel blau, Doch tausend Farben spielt der Thau; Es hofft die Erde bis zum Grabe, Gewährung fiel dem Himmel zu; Und sprich, was ist denn deine Gabe, Gemüth, der Seele Iris, Du? Du Tropfen Wolkenthau, der sich In unsrer Scholle Poren schlich, Daß er dem Himmel sie gewöhne An seinem lieblichsten Gedicht, Du irdisch heilig wie die Thräne, Und himmlisch heilig wie das Licht. Ein Tropfen nur, ein Wiederschein, Doch alle Wunder saugend ein, Ob Perle, dich am Blatte wiegend Und spielend um der Wiege Fuß, Ob süßer Traum, im Grase liegend Und lächelnd bei des Halmes Gruß. O Erd’ und Himmel lächlen auch, Wenn du, geweckt vom Morgenhauch, Gleich einem Kinde hebst den weichen Verschämten Mondesblick zum Tag, Erharrend, was die Hand des Reichen Von Glanz und Duft dir geben mag. Lächle nur, lächle für und für, Des Kindes Reichthum wird auch dir; Dir wird des Zweiges Blatt zur Halle, Zum Sammet dir des Mooses Vließ, Opale, funkelnde Metalle Wäscht Muschelscherbe dir und Kies. Des kranken Blattes röthlich Grün Drückt auf die Stirn dir den Rubin, Mit Chrisolithes goldnen Flittern Schmückt deinen Spiegel Kraut und Gras, Und selbst des dürren Laubes Zittern Schenkt dir den bräunlichen Topas. Und gar, wenn losch das Sonnenlicht, Und um dein eigenstes Gedicht Morgana deines Seees gaukelt, Ein Traum von Licht um deinen Ball Und zarte Schattenbilder schaukelt, Gefangne Geister im Kristall: Dann schläfst du, schläfst in eigner Haft, Läßt walten die verborgne Kraft, Was nicht dem Himmel, nicht der Erden, Was deiner Schöpfung nur bewußt, Was nie gewesen, nie wird werden, Die Embryone deiner Brust. O lächle, träume immer zu, Iris der Seele, Tropfen du! Den Wald laß rauschen, im Gewimmel Entfunkeln laß der Sterne Reih’n; Du hast die Erde, hast den Himmel, Und deine Geister obendrein. 3 Die todte Lerche. I ch stand an deines Landes Gränzen, An deinem grünen Saatenwald, Und mit des ersten Strahles Glänzen Ist dein Gesang herabgewallt. Der Sonne schwirrtest du entgegen, Gleich einer Mücke um das Licht, Dein Lied war wie ein Blüthenregen, Dein Flügelschlag wie ein Gedicht. Da ward es mir, als müss’ ich ringen Und flattern in den jungen Tag, Als höre ich mein eignes Singen Und meinen eignen Flügelschlag; Die Sonne sprühte glühe Funken, In Flammen brannte mein Gesicht, Ich selber taumelte wie trunken, Wie eine Mücke nach dem Licht. Da plötzlich sank und sank es nieder, Gleich todter Kohle in die Saat, Noch zucken sah ich kleine Lider Und bin erschrocken dann genaht; Dein letztes Lied, es war verklungen, Du lagst, ein armer kalter Rest, Am Strahl zerflattert und versungen Bei deinem halbgebauten Nest. Ich möchte heiße Thränen weinen, Wie sie das Weh vom Herzen drängt, Denn auch mein Leben wird verscheinen, Ich fühl’s, versungen und versengt; Du siecher Leib, ihr armen Reste! Dann nur ein Grab auf grüner Flur, Und nah, nur nah bei meinem Neste, In meiner süßen Heimath nur. 3* Unter der Linde. E s war an einem Morgen, Die Vöglein sangen süß, Und über’m Raine wallte Das schönste Blumenvließ. Das Börnlein mir zur Seite Sprach leise, leise fort, Mit halbgeschlossnen Augen Saß ich und lauschte dort. Ich sah die Schmetterlinge Sich jagen durch das Licht, Und der Libelle Flügel Mir zittern am Gesicht. Still saß ich wie gestorben Und ließ mir wohlig sein, Mich mit den Blüthenflocken Vom Lindenzweig bestreu’n. Mein Sitz war dicht am Wege, Ich konnte ruhig späh’n; Doch mich, verhüllt vom Strauche, Mich hat man nicht geseh’n; Wenn knarrend Wagen rollten, Dann drang zu mir der Staub, Und wenn die Vöglein hüpften, Dann zitterte das Laub. Und nahe mir am Hange ’Ne alte Buche stand, Um die der ernste Eppich Sich hoch und höher wand. Sein düstres Grün umrankte Noch manchen kranken Zweig; Doch die gesunden spielten Wie doppelt grün und reich. Es war im Maienmonde, Die Blätter atlaszart; Wie hast du alter Knabe So frisches Herz bewahrt? Auf einer Seite thränend Und auf der andern licht, Zeigst du auf grüner Säule Ein Janusangesicht. Da dacht’ ich eines Freundes, Deß Locken grau und lind, Ein armes Wrack sein Körper, Und ach, sein Herz ein Kind; Mich dünkt, ich sah ihn neigen Mit Thränen auf ein Grab, Und wieder Blumen streuen In eine Wieg’ herab. Da weckten Rinderglocken Mich aus den Phantasey’n; Ein trüber Staubeswirbel Drang durch’s Gebüsch herein, Und mit Geschrei und Schelten Riß einen Epheustab Der Treiberknecht vom Baume Und trieb sein Vieh bergab. Mir war, als ob geschädigt Ein frommes Leben sei; Doch horch, was trabt so neckend So drall und knapp herbei? Das Ränzel auf dem Rücken, Barett im blonden Haar, Kommt ein Student gepfiffen, Ein lustiger Scholar. „O pescator del onde“ Es gellt mir dicht am Ohr; Nun steht er an der Buche, Er hebt den Arm empor. Verbrämt sein schlichtes Käpplein Mit Lindenzweiges Zier, Und pfeifend trägt er weiter Sein flatterndes Zimier. Glück auf, mein frischer Junge, Gott geb’ dir Luft und Raum! Wie gern die lust’ge Flagge Dir gibt der heit’re Baum; Er ist kein schlimmer Alter, Dem in verdorrter Brust Das Herz vor Aerger zittert Ob schmucker Jugend Lust. Doch still, was naht sich wieder? Ein Husten kurz und hohl, Es schlürft den Anger nieder, Ach Gott, ich kenn’ dich wohl! Es ist der Buche Zwilling, Mein alter, kranker Freund, Auf dessen Haupt so flammend Die Maiensonne scheint. Nun steht er an dem Baume, Lugt unter’m Zelt hinaus, Wie riecht er so behaglich An seinem Veilchenstraus. Nun sucht er an der Rinde, Er wandelt um und um, Und lächelt ganz verstohlen Und blickt verschüchtert um. Dort schau’ ich tiefe Risse Und dachte, Frostesspalt; Doch wären’s Namenszüge, Dann sind sie adamsalt; Nun schlägt er einen Nagel, Er hängt sein Ränzchen auf, Mich dünkt, ich seh’ erröthen Ihn an die Stirn hinauf. O könntest du mich ahnen, Mein grauer Lysias, In deinem ganzen Leben Wärst du nicht wieder blaß. Doch wer dein spotten könnte, Du Herz voll Kindessinn, Das wär gewiß kein Mädchen Und keine Dichterin. Meine Steckenpferde, die Uhren. O die Bevölkerung überall! O unsre gesegneten Zeiten! In Roßpallästen und Menschenstall Wie Flocken sieht man es gleiten; Von Bettlern wimmelt das ganze Land, Von Künstlergesindel die Erde; Doch keine Race nahm überhand, Wie jene der Steckenpferde. Der Eine reitet den Zernebock, Der Andre, Himmel! den Göthe, Und Jener sprengt über Stein und Stock Auf einer alten Muskete. Ein Tonnenbacher rutscht dieser mit Auf hochgetriebnem Pokale, Und Jener macht den bedenklichen Ritt Auf einem elektrischen Aale. Das war vor Zeiten ein anderes Ding: Kam mal ’ne Möve geflogen, Fing einer im Flor den Schmetterling, Schier hätt’ man die Glocken gezogen, Und wer vom Pegasus nur geträumt, Deß staunten Freund’ und Verwandte; Jetzt steht im Narrenstalle gezäumt Für Jeden die Rozinante. Meine Steckenpferde sind glatt und rund, Sind blank gefütterte Schimmel, Ihr Trab ein Flüstern von Frauenmund, Ihr Wiehern ein zartes Gebimmel. Dort sprangen sie an der Longe hinaus! Meine Silbergrauen und Fahlen, Sechs Kreuzer dem, der sie lobt zu Haus, Und zwölf, der sie lobt in Journalen! Der Dichter . I hr, die beim frohen Mahle lacht, Euch eure Blumen zieht in Scherben, Und was an Gut euch zugedacht, Euch wohlbehaglich laßt vererben, Ihr starrt dem Dichter in’s Gesicht, Verwundert, daß er Rosen bricht Von Disteln, aus dem Quell der Augen Korall’ und Perle weiß zu saugen; Daß er den Blitz herniederlangt, Um seine Lampe zu entzünden, Im Wettertoben, wenn euch bangt, Den rechten Odem weiß zu finden; Ihr starrt ihn an mit halbem Neid, Den Geistes-Crösus seiner Zeit, Und wißt es nicht, mit welchen Qualen Er seine Schätze muß bezahlen. Wißt nicht, daß ihn, Verdammten gleich, Nur reines Feuer kann ernähren, Nur der durchstürmten Wolke Reich Den Lebensodem kann gewähren; Daß, wo das Haupt ihm sinnend hängt, Sich blutig ihm die Thräne drängt; Nur in des schärfsten Dornes Spalten Sich seine Blume kann entfalten. Meint ihr das Wetter zünde nicht? Meint ihr der Sturm erschüttre nicht? Meint ihr die Thräne brenne nicht? Meint ihr die Dornen stechen nicht? Ja eine Lamp’ hat er entfacht, Die nur das Mark ihm sieden macht; Ja Perlen fischt er und Juwele, Die kosten nichts — als seine Seele. Der Abschied . D as Abendroth war schon zerflossen, Wir standen an des Weihers Rand, Und ich hielt ihre Hand geschlossen So fest in meiner kalten Hand: So müssen wir denn morgen scheiden, Das Schicksal würfelt mit uns beiden, Wir sind wie herrenloses Land. Von keines Hauses Pflicht gebunden, Meint Jeder nur, wir seien grad Für sein Bedürfniß nur erfunden, In Noth das hülfbereite Rad. Was hilft es uns, daß frei wir stehen, Auf keines Menschen Hände sehen, Man zeichnet täglich uns den Pfad. Wo dicht die Bäume sich verzweigen, Da zögert nicht des Wandrers Stab, Wo tausend Nachbaräste neigen Sich schützend um den Stamm herab; Doch drüben sieh die einzle Linde, Ein Jeder schreibt in ihre Rinde, Und Jeder bricht ein Zweiglein ab. O hätten wir nur Muth zu walten Der Gaben, die das Glück bescheert! Wer darf uns stören, darf uns halten, Und wehren uns den eignen Heerd? — Wir leiden nach dem alten Rechte, Daß, der sich selber macht zum Knechte, Ist nicht der goldnen Freiheit werth. Zieh’ hin, wie du berufen worden, In der Campagna Glut und Schweiß, Und ich will steh’n in meinem Norden, Zu siechen unter Schnee und Eis. Nicht würdig sind wir bessrer Tage, Und daß nur Keins dem Andern klage, Schweige, wer nicht zu kämpfen weiß. So ward an Weihers Rand gesprochen, Im Zorne halb und halb in Pein; Wir hätten gern den Stab gebrochen Ob all den kleinen Tyrannei’n. Und als die Regenwolken stiegen, Da sprachen erst wir mit Vergnügen Uns in den Aerger recht hinein. So lang die Tropfen einzeln fielen, War’s Stoff ja nur für unsern Trutz, So recht als von des Schicksals Spielen Zum Schaden uns und keinem Nutz. Doch als der Himmel Schloßen streute, Da machten wir’s wie andre Leute Und suchten auf der Linde Schutz. Hier stand ein Häuflein dicht beisammen, Sich schauernd unter’m Blätterdach; Die Wolke zuckte Schwefelflammen Und jagte Regengüsse nach. Wir hörten’s auf den Blättern rauschen Und konnten ganz behaglich lauschen Aus unserm laubigen Gemach. Fürwahr, ein armes Völklein war es, Das hier dem Wettersturm entrann, Ein dürrer Jud gebleichten Haares, Mit seinem Hund ein blinder Mann, Des Frohners Weib mit blonden Löckchen, Und dann mit seinem alten Röckchen Der kleine hinkende Johann. Und alle sah’n bei jedem Blitze Vertrauend an den Stamm hinauf, Behaglich rückend sich im Sitze Und drängten lächelnd sich zu Hauf; Denn wie gewalt’ger schlug der Regen, So breiter warf dem Sturm entgegen Der Baum die grünen Schirme auf. Der Baum, der keines Menschen Eigen, Verloren in der Haide stand, Nicht Früchte trug in seinen Zweigen, Nicht Nahrung für des Heerdes Brand; Der nur gepflanzt von Gottes Händen, Dem müden Frohner Schutz zu spenden, Dem Wandrer in der Steppe Sand. Er kämpfte muthig und mit Treuen Zu schützen, was sich ihm vertraut, Und rauschend schien er sich zu freuen Des Glaubens, der auf ihn gebaut; Ich fühlte seltsam mich befangen, Beschämt mit hocherglühten Wangen Hab’ in die Krone ich geschaut. Zur Freundin sah ich, sie herüber: Wohl Gleiches dachten wir vielleicht, Denn ihre Mienen wurden trüber Und ihre lieben Augen feucht; Doch haben wir kein Wort gesprochen, Vom Baum ein Zweiglein nur gebrochen, Und still die Hände uns gereicht! — 4 Das Bild . 1. S ie steh’n vor deinem Bild und schauen In dein verschleiert Augenlicht, Sie prüfen Lippe, Kinn und Brauen Und sagen dann: du sei’st es nicht; Zu klar die Stirn, zu voll die Wange, Zu üppig in der Locken Hange, Ein lieblich, fremdes Angesicht. O wüßten sie es, wie ein treues Gemüth die kleinsten Züge hegt! Ein Zucken schon ein flücht’ges, scheues, Als Kleinod in die Seele legt. Wie schon ein Wort von gleichem Klange Gehaucht, dem Feinde selbst, das bange, Bewegte Herz entgegen trägt. Sie würden besser mich begreifen, Seh’n deiner Locken dunkeln Haag Sie mich mit leisem Finger streifen, Als lüft’ ich sie dem jungen Tag; Den Flor mich breiten dicht und dichter, Daß deiner Augen zarte Lichter Kein Sonnenstrahl verletzen mag. Was fremd, dahin will ich nicht schauen Und will nicht wissen, wo sie brennt, Ob an der Lipp’, der Wang’, den Brauen, Die Flamme, die dein Herz nicht kennt. Ich will nur seh’n in deine Augen, Den einen frommen Blick nur saugen, Der leise meinen Namen nennt. Ihn, der wie Mondlicht mich umflossen, Als in der ernsten Abendzeit Wir saßen, Hand in Hand geschlossen, Und dachten Tod und Ewigkeit. Ihn, der sich von der Sonne Schwinden Heilig gewendet, mich zu finden, Und lächelnd sprach: ich bin bereit! 4* 2. U nd wär’ es wahr auch, daß der Jahre Hand Dir Furchen in die reine Stirn geschrieben, Nicht so elastisch deiner Züge Band Bezeichne mehr dein Zürnen und dein Lieben, Wenn minder klar die Hülle dich umschlingt, Durch die der Strahl, der gottbeseelte, dringt, Mir bist die Gleiche immer du geblieben. Wenn minder stolz und edel die Gestalt, Ich kenne sie, die ungebeugte Seele; Wenn es wie Nebel deine Stirn umwallt, Ich weiß es, daß die Wolke Strahlen hehle; Und deiner reichen Stimme tiefer Klang Verhallend geisterhaft, wie Wellensang, Ich fühl’ es, daß kein Liebeshauch ihm fehle. O Fluch des Alters, wenn das Lebensheil Mit ihm, dem Gottesbilde müßte weichen! Wenn minder liebewarm ein Lächeln, weil Ihm Kummer eingegraben seine Zeichen! Ein Auge gütig nur, so lange leicht Und silbern sich die Thräne ihm entschleicht, Und ros’ge Wangen zücht’ger als die bleichen. Und dennoch hält sie Alle uns bethört, Die staubgeborne Form, die wandelbare, Scheint willig uns ein Ohr, das leise hört, Kühn einer frischen Kehle Lustfanfare; Wir Alle sehen nur des Pharus Licht, Die Glut im Erdenschooße seh’n wir nicht, Und Keiner denkt der Lampe am Altare. 3. I ch weiß ein bessres Bild zu finden, Als jenes, dem du ferner geh’st, Wie tiefer deine Wurzeln gründen Und reifer du die Ernte mäh’st; Ein bessres, als zu dessen Rahmen, Wenn Jahre flohen, Jahre kamen, Du wie dein eigner Schatten steh’st. Weil’ ich am Strande ob der lauen Entschlafnen Flut mit scheuer Lust: Wird unter’m Stahl, dem silbern blauen, Lebendig mir die tiefe Rust; Am Grunde glühende Korallen Der Fischlein goldig schimmernd Wallen; Dann schau ich tief in deine Brust. Und schwebend an der Grüfte Bogen Seh’ ich der Mauerflechte Stab, Mit allen Fasern eingesogen Tief in das Felsenherz hinab; Von Thränen schwer die grauen Locken, Die dunkeln Wimper, zarten Flocken; Das ist die Liebe über’s Grab! Und dann an der Genesung Bronnen — Im Saale tafeln Stern und Band, — Sich arme dürft’ge Kranke sonnen Und gierig schlürfen über’m Rand; Mitleidig tränkt der Quell die Armen, Dann denk’ ich still an dein Erbarmen, An deine warme, offne Hand. O jener Quell, der heiß und springend, Ein Geiser, deiner Brust entquillt, Durch Schnee und Eisesscholle dringend Mit Blumen seinen Gletscher füllt. — Ihm sieht nur gleich, was nie verloren, Was ewig frisch und neugeboren, Und die Natur nur ist dein Bild! Sylvesterabend. A m letzten Tage des Jahres, Da dacht’ ich, wie Mancher todt, Den ich bei seinem Beginne Noch lustig gesehen und roth; Wie mancher am Sargesbaume Gelacht, unter’m laubigen Zelt, Und wie vielleicht auch der meine Zur Stunde schon sei gefällt. Wer wird dann meiner gedenken, Wenn ich nun gestorben bin? Wohl wird man Thränen mir weihen, Doch diese sind bald dahin! Wohl wird man Lieder mir singen, Doch diese verweht die Zeit! Vielleicht einen Stein mir setzen, Den bald der Winter verschneit. Und wenn die Flocke zerronnen Und kehrt der Nachtigall Schlag, Dann blieb nur die heilige Messe An meinem Gedächtnißtag; Nur auf zerrissenem Blatte Ein Lied von flüchtigem Stift, Und mir zu Häupten die Decke Mit mooszerfressener Schrift. Wohl hab’ ich viele Bekannte, Die gern mir öffnen ihr Haus, Doch wenn die Thüre geschlossen, Dann schaut man nimmer hinaus; Dann haben sie einen Andern An meiner Stelle erwählt, Der ihnen singt meine Lieder Und meine Geschichten erzählt. Wohl hab’ ich ehrliche Freunde, Die greift es härter schon an; Doch wenn die Kette zerrissen, Man flickt sie so gut man kann; Zwei Tage blieben sie düster, — Sie meinten es ernst und treu, — Und gingen dann in die Oper Am dritten Tage auf’s Neu. Ich habe liebe Verwandte, Die tragen im Herzen das Leid; Allein wie dürfte verkümmern Ein Leben so Vielen geweiht? Sie haben sich eben bezwungen, Für andre Pflichten geschont, Nur schweben wohl meine Züge Zuweilen noch über den Mond. Ich habe Bruder und Schwester, Da ging in’s Leben der Stich, Da sind viel Thränen geflossen Und viele Seufzer um mich. O hätten sie einsam gestanden, Ich lebte im ewigen Licht! Nun haben sie meines vergessen Um ihres Kindes Gesicht. Ich hab’, ich hab’ eine Mutter, Der kehr’ ich im Traum bei Nacht, Die kann das Auge nicht schließen, Bis mein sie betend gedacht; Die sieht mich in jedem Grabe, Die hört mich im Rauschen des Hains, — O vergessen kann eine Mutter Von zwanzig Kindern nicht eins. Erzählende Gedichte. Das erste Gedicht. A uf meiner Heimath Grunde Da steht ein Zinnenbau, Schaut finster in die Runde Aus Wimpern schwer und grau. An seines Fensters Gittern Wimmert des Kauzes Schrei, Und drüber siehst du wittern Den sonnentrunknen Weih. Ein Wächter fest wie Klippen, Von keinem Sturm bewegt, Der in den harten Rippen Gar manche Kugel trägt; Ein Mahner auch, ein strenger, Deß Giebel, grün und feucht, Mit spitzem Hut und Fänger Des Hauses Geist besteigt. Und sieht ihn das Gesinde Am Fahnenschafte steh’n, Sich wirbelnd vor dem Winde Mit leisem Schreie dreh’n, Dann pocht im Schloßgemäuer Gewiß die Todtenuhr, Oder ein tückisch Feuer Frißt glimmend unter’m Flur. Wie hab’ ich ihn umstrichen Als Kind oft stundenlang, Bin heimlich dann geschlichen Den schwer verpönten Gang Hinauf die Wendelstiege, Die unter’m Tritte bog, Bis zu des Sturmes Wiege, Zum Hahnenbalken hoch. Und saß ich auf dem Balken Im Dämmerstrahle falb, Mich fühlend halb als Falken, Als Mauereule halb, Dann hab’ ich aus dem Brodem Den Geist citirt mit Muth, Ich, Hauch von seinem Odem, Und Blut von seinem Blut. Doch als nun immer tiefer Die Schlangenstiege sank, Als schiefer stets und schiefer Dräute die Stufenbank: Da klomm’ ich sonder Harren Hinan den Zinnenring, Und in des Daches Sparren Barg ich ein heimlich Ding. Das sollten Enkel finden, Wenn einst der Thurm zerbrach, Es sollte Etwas künden, Das mir am Herzen lag; Nun sinn’ ich oft vergebens, Was mich so aufgeregt, Was mit Gefahr des Lebens Ich in den Spalt gelegt. Vielleicht mit Glasopalen Ein Ring — ein Dockenkleid — Das herrlich sollte strahlen In die zukünft’ge Zeit; Denn daß es hell geflittert, Mir wie im Traume scheint, Und daß ich sehr gezittert Und bitterlich geweint. Mit einmal will mir’s tagen! Es war — ich irre nicht — In Goldpapier geschlagen Mein allererst Gedicht. Mein Lied vom Hähnchen, was ich So still gemacht, bei Seit’, Mich so geschämt und das ich Der Ewigkeit geweiht. Wolltest so hoch du fahren, Du thöricht Kind? Wer weiß? Vielleicht nach dreißig Jahren Treibt schwach dein Lorbeerreis. Du wirst noch schwer und blutig Durch manche Schule geh’n; Und dann nicht halb so muthig Vor deiner Nachwelt steh’n. Zerfallen am Gewände Ist längst der Stiege Rund, Kaum liegt noch vom Gelände Ein morsches Brett am Grund; Und wenn die Balken knarren, Im Sturm die Fahne kreis’t, Dann gleitet an den Sparren Nicht mehr des Ahnen Geist. Es schien ihm übel hausen In dieser Zeiten Lauf; Ich aber stehe draußen Und schau’ die Wand hinauf; Späh’ durch der Sonne Lodern, In welcher Ritze wohl Es einsam mag vermodern, Mein arm entthront Idol. Nie sorgt’ ein Falke schlechter Für seine erste Brut! Doch du, mein grauer Wächter, Nimm es in deine Hut; Und ist des Daches Schiene Hinfürder nicht zu trau’n, So laß die fromme Biene Dran ihre Zelle bau’n! 5 Gastrecht . I ch war in einem schönen Haus Und schien darin ein lieber Gast; Die Damen sah’n wie Musen fast, Sogar die Hunde geistreich aus. Die Luft, von Ambraduft bewegt, Schien aufgelös’te Phantasie, Und wenn ein Vorhang sich geregt, Dann war sein Flüstern Poesie. Zwar trat mir oft ein Schwindel nah, — Ich bin an Aether nicht gewöhnt, — Doch hat der Zauber mich versöhnt Und reiche Stunden lebt’ ich da. All was man sagte war so klar Und so vortrefflich durchgeführt, Daß ich mich habe ganz und gar Oft wie ein Erzkameel gespürt. Da traf es eines Tags, daß oft Man leis von einem Gaste sprach, Der längst geladen, hintennach Kam wie die Reue unverhofft. Wie ward zum Fenster ausgeschaut, Ein seltsam Lächeln im Gesicht; Ich hätte Häuser drauf gebaut, Der Gast sei ein Parnassuslicht. Und als er endlich angelangt, Stieß jeder, eh zum Gruß er lief, Erst einen Seufzer lang und tief, Beweis, wie das Entzücken bangt; Mein Bruder in Hospitio Schien mir ein schlichter Bursche nur: Sein Blick war frank und lebensfroh, Doch vom Erhabnen keine Spur. Drei Tage lebten wir so fort Zusammen wie im Paradies; Man sprach von Wurzeln und Radies, Doch auch manch klar und innig Wort. Des Fremden Auge hat so frisch Und freundlich wie ein Stern geblinkt, Und als er endlich schied nach Tisch, Da ward ihm lange nachgewinkt. 5* Das hat gerührt mich und ergötzt, Nur war mir etwas wundersam Der Blick, mit dem sich die Madam Schnell an die Stickerei gesetzt; Der Zug am Mund, als Claudia Sacht an den Arm der Schwester griff, Und daß sich wandte der Papa Und blinzelnd auf dem Finger pfiff. Sie waren Leute sein und tief, Gar noble Leute allzumal; Schon sank die Dämmerung in’s Thal, Bevor ihr Argustakt entschlief, Und hier und dort ein Nadelstich, Und kecker denn ein Messerschnitt, Und dann die Sonde säuberlich In des Geschiednen Schwächen glitt. O sichre Hand, o fester Arm! O Sonde, leuchtend wie der Blitz! Ich lehnte an des Gastes Sitz, Und fühlte sacht ob er noch warm; Und an das Fenster trat ich dann, Nahm mir ein allbekanntes Buch, Und las, die Blicke ab und an Versendend in der Wolken Zug. Mutassin . E inst vor dem Thron Mutassin des Kaliphen In Fesseln klirrend ein Verbrecher stand, Dem, als vom Trunk betäubt die Wachen schliefen, Des Herrschers eigne Hand den Dolch entwandt; Schon traf die läss’gen Söldner das Gericht, Wie es sie traf, die Sage kündet’s nicht, Nur dieses sagt sie, daß an jenem Tag Ein schaudernd Schweigen über Bagdad lag, Und daß, als man den Hochverräther führte Zum Spruch, im Saal sich keine Wimper rührte, Und daß des Herrschers Blick, zum Grund gewandt, Die Blumen aus dem Teppich schier gebrannt. Am Throne stand ein Becher mit Scherbet, Den Gaumen des Kaliphen dörrten Gluthen, Er fühlte seine Menschlichkeit verbluten Am Dolche der bedrohten Majestät. Wer gibt ihm seiner Nächte Schlaf zurück? Wer seinen Muth zum Schaffen und zum Lieben, Wer das Vertrauen auf sein altes Glück? Das Alles stand in seinem Blick geschrieben. Der Frevler zittert, daß die Fessel klirrt; Als noch der Lohn ihm wässerte den Mund Ein kecker Fuchs, und jetzt ein feiger Hund, Würd’ er sich doppelten Verraths nicht schämen; Doch sieht er deutlich, Keiner will ihn nehmen Den Becher, daß er ihm zur Labe wird; Zähnknirschend schaut er zum Kaliphen auf, Die Wimper zuckt, es drängt ein Schrei sich auf, Und wie im Strauch die kranke Schlange pfeift, In einem schweren Krampf will er ersticken; O Allah, wird er sich dem Pfahl entrücken! Und stürmisch der Kaliph zum Becher greift, Gießt mit den eignen Händen den Scherbet Ihm in die Kehle, bis der Krampf vergeht. Die Farbe kehrt, er athmet schwer und tief, Das Auge, irr zuerst, dann fest und kühn, Läßt lange er auf dem Beherrscher glüh’n, Dann spricht er ernst: „lang lebe der Kaliph! Was er beschließt, das kommt von Allah’s Hand, Der will es nicht, daß er vom Zorn entflammt Zum Marterpfahle einen Gast verdammt, Dem seinen eignen Becher er gesandt.“ Da wird Mutassin bleich vor innrer Qual, Zittern sah ihn sein Hof zum ersten Mal, Dann wie die Sonne ward sein Auge hell, Und hochgetragnen Hauptes rief er schnell: „Lös’t ihm die Fesseln, er sei ungekränkt Und frei, ich habe ihm die Schuld geschenkt.“ Und zu dem Thron trat der Vezir gebückt, Sprich, Fürst der Gläub’gen, was soll dann geschehen, Wenn er zum zweiten Mal den Dolch gezückt? — Mutassin spricht: das, was geschrieben ist Von Ewigkeit, ist Allah nur bekannt; Doch nicht im Buch des Lebens kann es stehen: „Daß der Verbrecher keine Gnade fand, Den der Kaliph getränkt mit eigner Hand!“ Ich schloß das Buch und dachte nach, An Türken, Christen, Mancherlei, Mir war ein wenig ernst und scheu, Als ich entschlüpfte dem Gemach. Wie schien der Blumen wilde Zier, Wie traulich mir das Himmelszelt — Und auf den Mittag hab’ ich mir Die Pferde an der Post bestellt! — Der Nachtwandler. S iehst du das Haus an dem Gehäge nicht? Die Dämmrung sinkt, laßt uns vorübereilen, Bald hebt der Vollmond sein gespenstig Licht, Dann ist nicht gut in jener Nähe weilen; Hier schwebt kein Spuck den Buchengang hinauf, Kein Räuber paßt im finstern Schuppen auf, Ein Bürgerhaus, ein bürgerlich Beginnen, Es wohnt ein Krämer, wohnen Diener drinnen. Alt ist der Herr, wie alt, man weiß es kaum, Er liebt es nicht, im Kirchenbuch zu lesen; Ihm lebt’ ein Weib vor vieler Jahre Raum, Er hatt’ ein Kind, das ist nun lang gewesen; Man sagt, er habe ihr den Arzt versagt, Mit schlechter Kost zu Tod das Kind geplagt; Was sagt man nicht, um Leute zu verdammen, Wo sich das Gold in Haufen rollt zusammen. Einst war er arm, hat kümmerlich gezehrt, Wohl kümmerlicher noch als Andre eben; Da, heißt es, hab’ um eines Thalers Werth Er einen Dieb dem Galgen übergeben. Jung sei der Dieb gewesen, hungerbleich, Und seine Mutter krank, man glaubt es gleich; Dies folgt dem Reichen; sieh die Hütten drüben! Dort wohnt die Noth, sein ist ihr Gut geblieben. Man kann ihn fleißig in der Kirche sehn, Und seine Sitten dürfte Keiner rügen; Doch seit des Körpers Kräfte ihm vergehn, Muß einem schweren Siechthum er erliegen; So oft der Vollmond senkt den blassen Schein, Hüllt er sich schaudernd in das Lailach ein, Und kömmt vom Bett, das Kerzenstümpflein tragend, Ein Diener folgt ihm ganz von fern und zagend. Durch jene Hüttenfenster sieht man dann Am langen Tisch ihn emsig wieder zählen, Am Golde schaben, und mit raschem Spann Ihn plötzlich greifen, wie nach Diebeskehlen; Schon ist auch wohl ein Schrei hinausgeschallt, Als thue einer Seele man Gewalt, Bis ihm die Arme sinken wie verwittert, Und weiter er mit seinem Stümpfchen zittert. Sein nächster Gang ist in die Kammer, wo Bei einem größern Lager steht ein kleines; Dort kramet er am Bettchen so und so, Als öffn’ er eine Flasche edlen Weines, Und gießt dann, gießt, als sei es nie genug, Und stopft und legt wie Bissen an das Tuch, Dann stoßend scheint er an den Puls zu greifen, Gebückt, als lauschend schwachen Odems Pfeifen. Schleicht dann zu jenes Lagers grobem Flaus, Scheint tröpfelnd über Arzenei’n zu bücken; Er breitet schweigend eine Decke aus, Und einen Schrein scheint er herbei zu rücken, Er horcht, dann öffnet er das Fenster schnell, Das Fenster, wo man sieht den Galgen hell, — Der Diener spricht, man hört ein dumpf Gejammer, Das Fenster klirrt, und dunkel ist die Kammer. Scheint’s nicht zu schimmern an der Scheibe dort? Siehst du es leise glimmen, Funken zittern? Nun zuckt ein blaues Flämmchen, fort, nur fort! Mir ist, als woll’ es über uns gewittern. Schau nicht zurück! Verwegner, fluch’ ihm nicht! Laß ihn allein mit Gott und dem Gericht! Meinst du, ein Fluch vergrößre seine Leiden? Den Dieb am Galgen möchte er beneiden! Das verlorne Paradies. A ls noch das Paradies erschlossen war Dem ersten sündelosen Menschenpaar, Kein Gift die Viper kannte, keinen Dorn Der Strauch, der Leu und Tiger keinen Zorn, Noch fröhlich scholl der Nachtigallen Flöte; Da schlief an jedem Abend Eva ein An einem Rosenstrauche, und der Schein Von ihrer unschuldsvollen Wangenröthe Spielt’ lieblich um der Blume lichten Ball; Denn damals waren weiß die Rosen all’ Und dornenlos. — Umnickt vom duft’gen Kranz, Der über’m Haupte führte lichten Tanz, Ruhte das erste Weib, Gedanken sinnend. Die Embrhone schon der Gottheit Siegel Am Haupte trugen, schon im Keime minnend Bewegten halberschloss’ne Seraphsflügel; Sie lag den Zweig an ihre Brust gedrückt; Denn keine Blume wurde noch gepflückt, Bis leise sich die Wimper niederließ Und in die Träume schlich das Paradies; O heilig war das Weib; wer sie geseh’n, Nicht denken hätt’ er können, ob sie schön, Nur daß sie rein wie Thau, und Gottes Spiegel. Die Ros’ auch lächelt selig, doch wie lange? Hüte dich vor der Schlange! — Am grauen Horizonte murrend stand Der ersten Donnerwolke düstrer Rand, Am Rosenstrauche fiel die erste Thräne, Und drüben weint der Nachtigall Gestöhne. Wär’ dies das Bild von gestern, dieser Leib Verhüllt in Blätterschutz? ein arges Weib! Das Auge, kündend ein verbotnes Wissen, Wie scheint so heiß und hart des Mooses Kissen, Wie dunsterfüllt des Paradieses Prangen, Und wie so seltsam brennen ihre Wangen. Fest hielt den vollen Rosenzweig sie, fest Wie der Versinkende die Binse preßt, Oder sein Lieb ein glüh Verlangen. Ob sie entschlief? — Wohl endlich hat die Nacht Ihr Ruhe, bleiernschweren Schlaf gebracht; Der Regenguß, er hat sie nicht erweckt, Des Donners Rollen sie nicht aufgeschreckt, Ihr Haar nur flatterte im Windestosen, Und ihr am Busen zitterten die Rosen; Wie eine Leiche lag sie schmerzlich mild, Zum erstenmal im Schlaf des Todes Bild; Und als am Morgen sie die Wimper hob, Und zuckend von der Brust die Zweige schob, Da war all ihrer Wangen lichter Schein Gezogen in der Blumen Rund hinein, In glüher Sehnsucht alle aufgegangen, Zum Kusse öffnend all’ den üpp’gen Mund; Und Heva kniete weinend, ihre Wangen Entfärbt, und ihre Brust von Dornen wund. Der sterbende General. E r lag im dichtverhängten Saal, Wo grau der Sonnenstrahl sich brach, Auf seinem Schmerzensbette lag Der alte kranke General. Genüber ihm am Spiegel hing Echarpe, Orden, Feldherrnstab. Still war die Luft, am Fenster ging Langsam die Schildwach auf und ab. Wie der verwitterte Soldat So stumm die letzte Fehde kämpft! Zwölf Stunden, seit zuletzt gedämpft Um „Wasser“ er, um „Wasser“ bat. An seinem Kissen beugten Zwei, Des Einen Auge rothgeweint, Des Andern düster, fest und treu, Ein Diener und ein alter Freund. „Tritt seitwärts,“ sprach der Eine, „laß Ihn seines Standes Ehren seh’n! — Den Vorhang weg, daß flatternd weh’n Die Bänder an dem Spiegelglas!“ Der Kranke schlug die Augen auf, Man sah wohl, daß er ihn verstand, Ein Blick, ein leuchtender, und drauf Hat er sich düster abgewandt. „Denkst du, mein alter Kamerad, Der jubelnden Vietoria? Wie flogen unsre Banner da Durch der gemähten Feinde Saat! Denkst du an unsers Prinzen Wort: Man sieht es gleich, hier stand der Wart!“ „Schnell, Konrad, nehmt die Decke fort, Sein Odem wird so kurz und hart!“ Der Obrist lauscht, er murmelt sacht: „Verkümmert wie ein welkes Blatt! Das Dutzend Friedensjahre hat Zum Kapuziner ihn gemacht. — Wart! Wart! du hast fo frisch und licht So oft dem Tode dich gestellt, Die Furcht, ich weiß es, kennst du nicht, So stirb auch freudig wie ein Held! Stirb, wie ein Leue, adelich, In seiner Brust das Bleigeschoß, O stirb nicht, wie ein zahnlos Roß, Das zappelt vor des Henkers Stich! — — Ha, seinem Auge kehrt der Strahl! — Stirb, alter Freund, stirb wie ein Mann!“ Der Kranke zuckt, zuckt noch einmal, Und „Wasser, Wasser“ stöhnt er dann. Leer ist die Flasche. — „Wache dort, He, Wache, du bist abgelös’t! Schau, wo an’s Haus das Gitter stößt, Lauf, Wache, lauf zum Borne fort! — ’s ist auch ein grauer Knasterbart, Und strauchelt, wie ein Dromedar — Nur schnell, die Sohlen nicht gespart! Was, alter Bursche, Thränen gar? „Mein Commandant,“ spricht der Uhlan Grimmig verschämt, „ich dachte nach, Wie ich blessirt am Strauche lag, Der General mir nebenan, Und wie er mir die Flasche bot, Selbst dürstend in dem Sonnenbrand, Und sprach: „du hast die schlimmste Noth“. Dran dacht’ ich nur, mein Commandant. Der Kranke horcht, durch sein Gesicht Zieht ein verwittert Lächeln, dann Schaut fest den Veteran er an. — Die Seele der Victorie nicht, Nicht Fürstenwort gelös’t den Fluch, Auf einem Tropfen Menschlichkeit Schwimmt mit dem letzten Athemzug Sie lächelnd in die Ewigkeit. Volksglauben in den Pyrenäen. 1. Sylvesterfey. D er morsche Tag ist eingesunken, Sein Auge gläsern, kalt und leer, Barg keines Thaues linden Funken Für den gebräunten Eppich mehr. Wie’s draußen schauert! — längs der Wand Ruschelt das Mäuslein unter’m Halme Und langsam sprießt des Eises Palme Am Scheibenrand. 6 In tiefer Nacht wem soll noch frommen Am Simse dort der Lampe Strahl? Da schon des Heerdes Scheit verglommen, Welch späten Gastes harrt das Mahl? Längst hat im Thurme zu Escout Die Glocke zwölfmal angeschlagen Und glitzernd sinkt der Himmelswagen Dem Pole zu. Durch jener Kammer dürre Barren Zieh’n Odemzüge, traumbeschwert, Ein Ruck mitunter, auch ein Knarren, Wenn sich im Bett der Schläfer kehrt; Und nur ein leiser Husten wacht, Kein Traum die Mutter hält befangen, Sie kann nicht schlafen in der langen Sylvesternacht. Jetzt ist die Zeit, wo los’ und schleichend Die Fey sich durch die Ritze schlingt, Mit langer Schlepp’ den Estrich streichend, Das Schicksal in die Häuser bringt, An ihrer Hand das Glück, Gewind’ Und Ros’ im Lockenhaar, ein schlankes, Das Mißgeschick ein fieberkrankes, Ein weinend Kind. Und trifft sie Alles recht zu Danke Geordnet von der Frauenhand, Dann nippt vom Mahle wohl die schlanke Und läßt auch wohl ein heimlich Pfand; Doch sollt’ ein Frevler lauschen, risch, Im Hui zerstoben ist die Scene, Und scheidend fällt des Unglücks Thräne Auf Heerd und Tisch. O keine Bearnerin wird’s wagen Zu steh’n am Astloch, lieber wird Ein Tuch sie um die Augen schlagen, Wenn durch den Spalt die Lampe flirrt; Manon auch drückt die Wimper zu, Und zupft an der Gardine Linnen; Doch immer, immer läßt das Sinnen Ihr keine Ruh. Ward glatt das Lailach auch gebreitet? Hat hell der Becher auch geblinkt? Ob jetzt das Glück zum Tische gleitet, Ein Bröcklein nascht, ein Tröpflein trinkt? Oft glaubt sie zarter Stimmen Hauch, Verschämtes Trippeln oft zu hören, Und dann am Brode leises Stören Und Knuspern auch. 6* Sie horcht und horcht — das war ein Schlüpfen! Doch nein — der Wind die Föhren schwellt, Und das — am Flur ein schwaches Hüpfen, Wie wenn zum Grund die Krume fällt! „Eugene, was wirfst du dich umher, Was soll denn das Gedehn’ und Ziehen? Mein Gott, wie ihm die Händchen glühen! Er träumt so schwer. Sie rückt das Kind an ihrer Seiten, Den Knaben dicht zu sich heran, Läßt durch sein Haar die Finger gleiten, Es hangen Schweißes Tropfen dran; Erschrocken öffnet sie das Aug’, Will nach dem Fensterglase schauen, Da eben steigt das Morgengrauen, Ein trüber Rauch. Vom Lager fährt die Mutter, bebend Hat sie der Lampe Docht gehellt, Als sachte über’m Lailach schwebend Ein Epheublatt zu Boden fällt. Das Glück! das ist des Glückes Spur? Doch nein! — sie pflückt es ja dem Kinde, Und dort nascht an der Semmelrinde Die Ratte nur. Und wieder aus der Kammer stehlen Sich Seufzer, halbbewußt Gestöhn; „O Christ, was mag dem Knaben fehlen, Eugene, wach auf, wach auf Eugene! Du lieber Gott, ist so geschwind, Eh’ noch der Morgenstrahl entglommen, Das Unglück mir in’s Haus gekommen Als krankes Kind. 2. Münzkraut . D er Frühling naht, es streicht der Staar Am Söller um sein altes Nest; Schon sind die Thäler sonnenklar, Doch noch die Scholle hart und fest; Nur wo der Strahl vom Felsen prallt, Will mächtig sich der Grund erweichen Und schüchtern aus den Windeln schleichen Der Gräser dichter, lichter Wald. Schau dort am Riff — man sieht es kaum — So recht vom Sonnenbrand gekocht Das kleine Beet, vier Schritte Raum, Vom Schieferhange überjocht, Nach Ost und Westen eingehegt, Mit starken Planken abgeschlagen, Als sollt’ es Wunderblumen tragen, Und sind nur Kräuter, was es trägt. Und dort die Frau an Riffes Mitten, Ach Gott, sie hat wohl viel gelitten! Sie klimmt so schwer den Steig hinan. Nun steht sie keuchend, lös’t das Mieder, Nun sinkt sie an dem Beete nieder, Und faltet ihre Hände dann: „Liebe Münze, du werther Stab, Drauf meines Heilands Sohle stand, Als ihm drüben im Morgenland Sanct Battiste die Taufe gab; Heiliges Kraut, das aus seinem Leibe Ward gesegnet mit Wunderkraft, Hilf einer Witw’, einem armen Weibe, Das so sorglich um dich geschafft. Hier ist Brod, und hier ist Salz und Wein, Sieh, ich leg’s in deine Blätter mitten; Woll nicht zürnen, daß das Stück so klein, Hab’s von meinem Theile abgeschnitten; Etwas wahrt’ ich, Münze gnadenreich, Schaffens halber nur, sonst geb’ ich’s gleich. Mein Knab’ ist krank, du weißt es wohl, Ich kam ja schon zu sieben Malen, Und gestern mußt’ ich in Bregnoles Den Trank für ihn so theuer zahlen. Vier hab’ ich, vier, daß Gott erbarm’! Mit diesen Händen zu ernähren, Und, sieh, so kann’s nicht länger währen, Denn täglich schwächer wird mein Arm. O Madonna, Madonna, meine gnädige Frau! Ich hab’ gefrevelt, nimm’s nicht genau, Ich hab’ gesündigt wider Willen! Nimm, o nimm mir nur kein Kind, Will ihm gern den Hunger stillen, Wär’s mit Bettelbrod; nicht Eins Kann ich missen, von Allen keins! Zweimal muß ich noch den Steig hinan Siebenmal bin ich nun hier gewesen. Heil’ge Frau von Embrun, wär’ dann Welk die Münze und mein Knab’ genesen, Gerne will dann an deinem Schrein Meinen Treuring opfern, er ist klein, Nur von Silber, aber fleckenrein; Denn ich hab’ mit Ehren ihn getragen, Darf vor Gott und Menschen mich nicht schämen; Milde Fraue, laß mich nicht verzagen, Liebe Dame, woll’ ihn gütig nehmen, Denk, er sei von Golde und Rubin, Süße, heil’ge, werthe Himmelskönigin!“ 3. Der Loup Garou. B rüderchen schläft, ihr Kinder, still! Setzt euch ordentlich her zum Feuer! Hört ihr der Eule wüst Geschrill? Hu! im Walde ist’s nicht geheuer, Frommen Kindern geschieht kein Leid; Drückt nur immer die Lippen zu, Denn das böse, das lacht und schreit, Das holt die Eul’ und der Loup Garou. Wißt ihr, dort, wo das Naß vom Schiefer träuft Und über’m Weg ’ne andre Straße läuft, Das nennt man Kreuzweg und da geht er um Bald so, bald so, doch immer falsch und stumm, Und immer schielend; vor dem Auge steht Das Weiße ihm, so hat er es verdreht. Dran ist er kenntlich und am Kettenschleifen, So trabt er, trabt, darf keinem Frommen nah’n Die schlimmen Leute nur, die darf er greifen Mit seinem langen, langen, langen Zahn. Schiebt das Reisig der Flamme ein, Puh, wie die Funken knistern und stäuben! Pierrot, was soll das Wackeln sein? Mußt ein Weilchen du ruhig bleiben, Gleich wird die Zeit dir Jahre lang. Laß doch den armen Hund in Ruh! Immer sind deine Händ’ im Gang, Denkst du denn nicht an den Loup Garou? Vom reichen Kaufmann hab’ ich euch erzählt, Der seine dürst’gen Schuldner so gequält, Und kam mit sieben Säcken von Bagneres, Vier von Juwelen, drei von Golde schwer; Wie er aus Geiz den schlimmen Führer nahm, Und ihm das Unthier auf den Nacken kam. Am Halse sah man noch der Kralle Spuren, Die sieben Säcke hat es weggezuckt, Und seine Börse auch, und seine Uhren, Die hat es all’ zerbissen und verschluckt. Schließt die Thür, es brummt im Wald! Als die Sonne sich heut verkrochen, Lag das Wetter am Riff geballt, Und nun hört man’s sieden und kochen. Ruhig, ruhig, du kleines Ding! Hörst du? — drunten im Stalle — bu! Hörst du’s? Hörst du’s? kling, klang, kling, Schüttelt die Kette der Loup Garou. Doch von dem Trunkenbolde wißt ihr nicht, Dem in der kalten Weihnacht am Gesicht Das Thier gefressen, daß am heil’gen Tag Er wund und scheußlich über’m Schneee lag. Zog von der Schenke aus, in jeder Hand ’Ne Flasche, die man auch noch beide fand. Doch wo die Wangen sonst, da waren Knochen, Und wo die Augen, blut’ge Höhlen nur; Und wo der Schädel, hier und da zerbrochen, Da sah man deutlich auch der Zähne Spur. Wie am Giebel es knarrt und kracht? Caton, schau auf, die Bühne droben! — Aber nimm mir die Lamp’ in Acht — Ob vor die Lucke der Riegel geschoben. Pierrot, Schlingel, das rutscht herab Von der Bank, ohne Strümpf’ und Schuh! Willst du bleiben, tapp, tipp, tapp, Geht auf dem Söller der Loup Garou. Und meine Mutter hat mir oft gesagt Von einem tauben Manne, hochbetagt, Fast hundertjährig, dem es noch geschehen Als Kind, daß er das Scheuel hat gesehen, Recht wie ’nen Hund, nur weiß wie Schnee und ganz Verkehrt die Augen, eingeklemmt den Schwanz, Und spannenlang die Zunge aus dem Schlunde, So mit der Kette weg an Waldes Bord, Dann wieder sah er ihn im Tobelgrunde, Und wieder sah er hin, — da war er fort. Hab’ ich es nicht gedacht? es schneit! Ho, wie fliegen die Flocken am Fenster! Heilige Frau von Embrun, wer heut Draußen wandelt, braucht keine Gespenster; Irrlicht ist ihm die Nebelsäul’, Führt ihn schwankend dem Abgrunde zu, Sturmes Flügel die Todteneul’, Und der Tobel sein Loup Garou. 4. Maisegen . D er Mai ist eingezogen, Schon pflanzt’ er sein Panier Am dunklen Himmelsbogen Mit blanker Sterne Zier. Die wilden Wasser brausen Und rütteln aus den Klausen Rellmaus und Murmelthier. „Ob wohl das Gletschereis den Strom gedämmt? Von mancher Hütte geht’s auf schlimmen Wegen, Der Sturm hat alle Firnen kahl gekämmt, Und gestern wie aus Röhren schoß der Regen. Adieu, Jeanette, nicht länger mich gehemmt! Adieu, ich muß, es gilt den Maiensegen; Wenn vier es schlägt im Thurme zu Escout, Muß jeder Senner stehen am Pointe de Droux.“ Wie trunken schau’n die Klippen, Wie taumelnd in die Schlucht! Als nickten sie, zu nippen Vom Sturzbach auf der Flucht. Da ist ein rasselnd Klingen, Man hört die Schollen springen, Und brechen an der Bucht. Auf allen Wegen zieh’n Laternen um Und jedes Passes Echo wecken Schritte. Habt Acht, habt Acht, die Nacht ist blind und stumm, Die Schneefluth fraß an manches Blockes Kitte; Habt Acht, hört ihr des Bären tief Gebrumm? Dort ist sein Lager an des Riffes Mitte; Und dort die schiefe Klippenbank, fürwahr! Sie hing schon los am ersten Februar. Nun sprießen blasse Rosen Am Gletscherbord hervor, Und mit der Dämmrung kosen Will schon das Klippenthor; Schon schwimmen lichte Streifen, Es lockt der Gemse Pfeifen Den Blick zum Grat empor. Verlöscht sind die Laternen, und im Kreis Steht eine Hirtenschaar auf breiter Platte, Voran der Patriarch, wie Silber weiß Hängt um sein tiefgebräunt Gesicht das glatte, Gestrählte Haar, und Alle beten leis Nach Osten schauend, wo das farbensatte Rubingewölk mit glitzerndem Geroll Die stolze Sonnenkugel bringen soll. Da kommt sie aufgefahren In strenger Majestät, Und von den Firnaltaren Die Opferflamme weht: Da sinken in der Runde So Knie an Knie, dem Munde Entströmt das Maigebet: „Herr Gott, der an des Maien erstem Tag Den Strahl begabt mit sonderlichem Segen, Den sich der sünd’ge Mensch gewinnen mag In der geweihten Stunde, allerwegen, Segne die Alm, segne das Vieh im Hag, Mit Luft und Wasser, Sonnenschein und Regen, Durch Sanct Anton, den Siedler, Sanct Renee, Martin von Tours und unsre Frau vom Schnee. Segne das Haus, das Mahl auf unserm Tisch, Am Berg den Weinstock und die Frucht im Thale, Segne die Jagd am Gletscher, und den Fisch Im See, und das Gethiere allzumale, So uns zur Nahrung dient, und das Gebüsch, So uns erwärmt, mit Thau und Sonnenstrahle Durch Sanct Anton, den Siedler, Sanct Remy, Sanct Paul und unsre Fraue von Clery. Wir schwören — alle Hände steh’n zugleich Empor, — wir schwören keinen Gast zu lassen Von unserm Heerd, eh sicher Weg und Steig, Das Vieh zu schonen, keinen Feind zu hassen, Den Quell zu ehren, Recht an Arm und Reich Zu thun und mit der Treue nicht zu spaßen. Das schwören wir beim Kreuze zu Autun Und unsrer mächt’gen Fraue von Embrun.“ Da über’m Kreise schweben, Als wollten sie den Schwur Zum Himmelsthore heben, Zwei Adler; auf die Flur Senkt sich der Strahl vom Hange, Und eine Demantschlange Blitzt drunten der Adour. Die Weiden sind vertheilt, und wieder schallt In jedem Passe schwerer Tritte Stampfen. Voran, voran, die Firnenluft ist kalt, Und scheint die Lunge eisig zu umkrampfen. Nur frisch voran — schon seh’n sie über’m Wald Den Vogel zieh’n, die Nebelsäule dampfen, Und wo das Riff durchbricht ein Klippengang Summt etwas auf wie ferner Glockenklang. Da liegt das schleierlose Gewäld in Sonnenruh’, Und wie mit Sturmgetose Dem Aethermeere zu, Erfüllt des Thales Breite Das Angelusgeläute Vom Thurme zu Escout. 5. Höhlenfey . S iehst du drüben, am hohlen Baum, In’s Geklüfte die Schatten steigen, Ueber’m Bord, ein blanker Saum, Leises Quellengeriesel neigen? Das ist die Eiche von Bagneres, Das ist die Höhle Trou de fer, Wo sie tags in der Spalten Raum, Nächtlich wohnt in den surrenden Zweigen? O sie ist überalt die Fey, Laut Annalen, vor grauen Jahren, Zwei Jahrhunderten oder drei Mußte sie seltsam sich gebahren: Bald als Eule mit Uhu, Bald als Katze und schwarze Kuh; Auch als Wiesel mit seinem Schrei Ist sie über die Kluft gefahren. 7 Aber, wenn jetzt im Mondenschein Zarte Lichter den Grund betüpfen, Sieht mitunter man am Gestein Sie im schillernden Mantel hüpfen, Hört ihr Stimmchen, Gesäusel gleich; Aber nahst du, dann nickt der Zweig Und das Wasser wispert darein, Und du siehst nur die Quelle schlüpfen. Reich an Gold ist der Höhle Grund, O wie Guinea und wie Bengalen! Und man spricht vom bewachenden Hund, Doch deß melden nichts die Annalen. Aber Mancher, der wundersam, Unbegreiflich zu Gelde kam, Ließ, so kündet der Sage Mund, Es am Baum von Bagneres sich zahlen. Barg einen Beutel im Hohle breit, Drin den neuen Liard, bedächtig, Recht in der sengenden Mittagszeit, Die den Geistern wie mitternächtig, Fand ihn abends mit Gold geschwellt, — O kein Christ komme so zu Geld! Falsch war Feyengold jederzeit, Kurz das Leben, und Gott ist mächtig. Einmal nur, daß mich deß gedenkt, Ist ein Mann an den Baum gegangen, Hat seinen Sack hineingesenkt, Groß eines Königs Schatz zu fangen; ’S war ein Wucherer, war ein Filz, Ein von Thränen geschwellter Pilz, Nun, er hat sich zuletzt gehenkt, — Besser hätt’ er schon da gehangen. Hielt die Lippen so fest geklemmt, — Denn Geflüster nur, mußt du wissen, — Das ist eben, was Alles hemmt, Lieber hätt’ er die Zunge zerbissen; — Barfuß kam er, auf schlechten Rath, Und als da in die Scherb’ er trat, Hat er sich nur an den Baum gestemmt Und den Schart aus der Wunde gerissen. Doch als aus dem Gemoder scheu Schlüpft ’ne Schlange ihm längs den Haaren, Da ist endlich ein kleiner Schrei, Nur ein winziger, ihm entfahren; Und am Abend verschwunden war Großer Sack und neuer Liard. O verrätherisch ist die Fey! Und es wachen der Hölle Schaaren. 7* 6. Johannisthau. E s ist die Zeit nun, wo den blauen Tag Schon leiser weckt der Nachtigallen Schlag, Wo schon die Taube in der Mittagsgluth Sich trunkner, müder breitet ob der Brut, Wo abends, wenn das Sonnengold zergangen, Verlorner Funke irrt, des Wurmes Schein, An allen Ranken Blütenbüschel hangen, Und Düfte zieh’n in alle Kammern ein. „Weck’ mich zur rechten Zeit, mein Kamerad, Versäumen möcht’ ich Sanct Johannis Bad Um Alles nicht; ich hab’ das ganze Jahr Darauf gehofft, wenn mir so elend war. Jerome, du mochtest immer gut es meinen, Bist auch, wie ich, nur armer Leute Kind. Doch hast du klare Augen und die Deinen, Und ich bin eine Waise und halb blind! Hat schon der Hahn gekräht? ich hab’s verfehlt; Oft schlaf’ ich fest, wenn mich der Schmerz gequält. Ob schon die Dämmrung steigt, ich seh’ es nicht, Mir fährt’s wie Spinneweben am Gesicht; Doch dünkt mich, hör’ im Walde ich Gebimmel Und Peitschenknall; was das für Fäden sind, Die mir am Auge schwimmen? lieber Himmel, Ich bin nicht halb, ich bin beinah’ schon blind. Hier ist der Steg am Anger, weiter will Ich mich nicht wagen, hier ist Alles still, Und Thau genug für Kranke allzumal Des ganzen Weilers, eh’ der Sonnenstrahl Mit seinem scharfen Finger ihn gestrichen Und aufgesogen ihn der Morgenwind; Doch ist kein Zweiter wohl hieher geschlichen; Denn, Gott sei Dank, nur Wenige sind blind. Das ist ein Büschel — nein — doch das ist Gras, Ich fühle meine Finger kalt und naß; Johannes, heiliger Prophet, ich kam In deinem werthen Namen her und nahm Von jenem Thaue, den im Wüstenbrande Die Wolke dir geträufelt, lau und lind, Daß nicht dein Auge in dem heißen Sande, Nicht dein gesegnet Auge werde blind. Gepredigt hast du in der Steppengluth — So weißt du auch, wie harte Arbeit thut; Doch arm und nicht der Arbeit fähig sein, Das ist gewiß die allergrößte Pein. Du hast ja kaum geruht in Mutterarmen, Warst früh ein elternlos, verwais’tes Kind, Woll’ eines armen Knaben dich erbarmen, Der eine Waise ist wie du, und blind!“ Denkblätter . An Philippa. I m Osten quillt das junge Licht, Sein goldner Duft spielt auf den Wellen, Und wie ein zartes Traumgesicht Seh ich ein fernes Segel schwellen; O könnte ich der Möve gleich Umkreisen es im lust’gen Ringen! O wäre mein der Lüfte Reich, Mein junge, lebensfrische Schwingen. Um dich, Philippa, spielt das Licht, Dich hat der Morgenhauch umgeben, Du bist ein liebes Traumgesicht Am Horizont von meinem Leben; Seh deine Flagge ich so fern Und träumerisch von Duft umflossen, Vergessen möcht’ ich dann so gern, Daß sich mein Horizont geschlossen; Vergessen, daß mein Abend kam, Mein Licht verzittert Funk’ an Funken, Daß Zeit mir längst die Flagge nahm Und meine Segel längst gesunken; Doch können sie nicht jugendlich Und frisch sich neben deinen breiten, Philippa, lieben kann ich dich Und segnend deine Fahrt begleiten. An *** A uf hohem Felsen lieg’ ich hier, Der Krankheit Nebel über mir, Und unter mir der tiefe See Mit seiner nächt’gen Klage Weh, Mit seinem Jubel, seiner Lust, Wenn buntgeschmückte Wimpel fliegen, Mit seinem Dräu’n aus hohler Brust, Wenn Sturm und Welle sich bekriegen. Mir ist er gar ein trauter Freund, Der mit mir lächelt, mit mir weint, Ist, wenn er grünlich golden ruht, Mir eine sanfte Zauberfluth, Aus deren tiefem, klaren Grund Gestalten meines Lebens steigen, Geliebte Augen, süßer Mund Sich lächelnd tröstend zu mir neigen. Wie hab’ ich schon so manche Nacht Des Mondes Wiederschein bewacht! Die klare Bahn auf dunklem Grün, Wo meiner Todten Schatten zieh’n; Wie manchen Tag den lichten Hang, Bewegt von hüpfend leichten Schritten, Auf dem mit leisem Geistergang Meiner Lebend’gen Bilder glitten. Und als dein Bild vorüberschwand, Da streckte ich nach dir die Hand, Und meiner Seele ward es weh, Daß dir verborgen ihre Näh’; So nimm denn meine Lieder nun Als liebesrothe Flammenzungen, Laß sie in deinem Busen ruh’n Und denk’ ich hab’ sie dir gesungen. Das einzige Kind. O schau, wie um ihr Wängelein Ein träumendes Lächeln bebt, Sieht sie nicht aus wie ein Engelein, Das über der Krippe schwebt. Oft fürcht’ ich, sie sei für die Welt zu gut, Sprich, Liebe, sind wir wohl blind? Ein wenig blind für das eigne Blut, Unser liebendes, einziges Kind? Der Gatte fühlt den Meister und Herrn, Giebt allen Mängeln ihr Recht, Wie spielt er den Philosophen so gern Und wie geräth er ihm schlecht! Nennt es ein Murmelchen anderen gleich, Dran gar nichts zu loben ist, Indeß er streichelt die Löckchen reich Und ihm die Fingerchen küßt. Schloß Berg im Thurgau Meinem väterlichen Freunde dem Grafen Theodor und meinen Freundinnen Emilie und Emma von Thurn-Valsassina gewidmet. E in Nebelsee quillt rauchend aus der Aue Und duft’ge Wölkchen treiben durch den Raum, Kaum graut ein Punkt im Osten noch, am Thaue Verlosch des Glühwurms kleine Leuchte kaum; Horch, leises, leises Zirpen unter’m Dache Verkündet, daß bereits die Schwalbe wache, Und um manch Lager spielt ein später Traum. Die Stirn gedrückt an meines Fensters Scheiben Schau’ sinnend ich in’s duft’ge Meer hinein, Und wie die hellen Wölkchen drüber treiben, Mein Blick hängt unverwendet an dem Schein. Ja, dort, dort muß nun bald die Sonne steigen, Mir ungekannte Herrlichkeit zu zeigen; Dort ladet mich der Schweizermorgen ein. So steh’ ich wirklich denn auf deinem Grunde, Besungnes Land, von dem die Fremde schwärmt? Du meines Lebens allerfrühste Kunde Aus einer Zeit, die noch das Herz erwärmt, Als Eine Auguste, Gräfin von Thurn-Valsassina, Stiftsdame in Frecken- horst, starb an den Folgen des Heimwehs. , nie vergessen, doch entschwunden, So manche liebe, hingeträumte Stunden An allzutheuren Bildern sich gehärmt. Wenn sie gemalt, wie malet das Verlangen Die Felsenkuppen und den ew’gen Schnee, Wenn um mein Ohr die Alpenglocken klangen, Vor meinem Auge blitzte auf der See, Von Schlosses Thurm, mit zitterndem Vergnügen Ich zahllos sah die blanken Dörfer liegen, Der Königreiche vier von meiner Höh’. Mich dünkt, noch seh’ ich ihre blauen Augen, Die aufwärts schau’n mit heiliger Gewalt, Noch will mein Ohr die weichen Töne saugen, Wenn echogleich sie am Klavier verhallt, Und drunten, wo die linden Pappeln wehen, Noch glaub’ ich ihrer Locken Wald zu sehen, Und ihre zarte, schwankende Gestalt. Wohl war sie gut, wohl war sie klar und milde, Wohl war sie Allen werth, die sie gekannt! Kein Schatten haftet an dem reinen Bilde, Man tritt sich näher, wird sie nur genannt, Und über Thal und Ströme schlingt auf’s Neue Um alles, was sie einst umfaßt mit Treue, Aus ihrem Grabe sich ein festes Band. Euch, ruhend noch in dieser frühen Stunde, Verehrter Freund und meine theuren Zween, Emilia und Emma, Eurem Bunde Gewiß wird lächelnd sie zur Seite steh’n. Ich weiß es, denkend an geliebte Todten, Habt ihr der Fremden eure Hand geboten, Als hättet ihr seit Jahren sie geseh’n. Schlaft sanft, schlaft wohl! — Ich aber steh’ und lausche Nach jedem Flöckchen, das vergoldet weht; Ist’s nicht, als ob der Morgenwind schon rausche? Wie’s drüben wogt und rollt, und in sich dreht; Nun breitet sich’s, nun steht es über’m Schaume; Was steigt dort auf? — ein Bild aus kühnem Traume, O Säntis, Säntis, deine Majestät! Bist du es, dem ringsum die Lüfte zittern, Du weißes Haupt mit deinem Klippenkranz? Ich fühle deinen Blick die Brust erschüttern Wie über’m Duft du riesig steh’st im Glanz; Ja, gleich der Arche über Wogengrimmen Seh’ ich in weiter Wolkenflut dich schwimmen, Im weiten, weiten Meere, einsam ganz. Nein, einsam nicht — dort taucht es aus den Wolken, Cäsalpiana hebt die Stirne bleich; Dort ragt der Glärnisch auf; — dort seh’ ich’s schwellen, Und Zack an Zack entsteigt der Flut zugleich; O Säntis, wohl mit Recht trägst du die Krone, Da sieben Fürsten steh’n an deinem Throne, Und unermeßlich ist dein luftig Reich. Tyrol auch sendet der Verbündung Zeichen, Es blitzt dir seine kalten Grüße zu; Welch’ Hof ist wohl dem deinen zu vergleichen, Mein grauer stolzer Alpenkönig du! Die Sonne steigt, schon Strahl an Strahl sie sendet, Wie’s droben funkelt, wie’s das Auge blendet, Und drunten alles Dämmrung, alles Ruh. So sah ich, unter Mährchen eingeschlafen, In Träumen einst des Winterfürsten Haus, Den Eispalast, wo seinen goldnen Schafen Er täglich streut das Silberfutter aus; Ja, in der That, sie sind hinabgezogen, Die goldnen Lämmer, und am Himmelsbogen Noch sieht man schimmern ihre Wolle kraus. Doch schau, ist Ebbe in dies Meer getreten? Es sinkt, es sinkt, und schwärzlich in die Luft Streckt das Gebirge nun, gleich Riesenbeeten, Die waldbedeckten Kämme aus dem Duft; Ha! Menschenwohnungen an allen Enden! Fast glaub’ ich Gais zu seh’n vor Fichtenwänden; Versteckt nicht Weisbad jene Felsenkluft? Und immer sinkt es, immer zahllos steigen Ruinen, Schlösser, Städte an den Strand; Schon will der Bodensee den Spiegel zeigen, Und wirft gedämpfte Strahlen über Land, Und nun verrinnt die letzte Nebelwelle, Da steht der Aether, goldenrein und helle, Die Felsen möcht’ man greifen mit der Hand. 8 Wüßt’ ich die tausend Punkte nur zu nennen, Die drüben lauschen aus dem Waldrevier, Mich dünkt, mit freiem Auge müßt’ ich kennen Den Sennen, tretend aus der Hüttenthür; Ob meilenweit, nicht seltsam würd’ ich’s finden, Säh’ in die Schluchten ich den Jäger schwinden, Und auf der Klippe das verfolgte Thier. So klar, ein stählern Band, die Thur sich windet, Und wie ich lauschend späh’ von meiner Höh’, Ein einz’ger Blick mir zwölf Kantone bindet; Wo drüben zitternd ruht der Bodensee, Wo längs dem Strand die Wimpel lässig gleiten, Vier Königreiche seh’ ich dort sich breiten, Erfüllt ist Alles, ohne Traum und Fee. Mein stolzer edler Grund, dich möcht’ ich nennen: Mein königlich, mein kaiserliches Land! Wer mag dein Bild von deinen Gletschern trennen, Doch Lieb’res ich in deinen Thälern fand; — Was klinkt an meiner Thür nach Geisterweise? Horch: „Guten Morgen, Nette,“ flüstert’s leise Und meine Emma bietet mir die Hand! — An meine Mutter. S o gern hätt’ ich ein schönes Lied gemacht, Von deiner Liebe, deiner treuen Weise, Die Gabe, die für Andre immer wacht, Hätt’ ich so gern geweckt zu deinem Preise. Doch wie ich auch gesonnen mehr und mehr, Und wie ich auch die Reime mochte stellen, Des Herzens Fluthen wallten drüber her, Zerstörten mir des Liedes zarte Wellen. So nimm die einfach schlichte Gabe hin, Von einfach ungeschmücktem Wort getragen, Und meine ganze Seele nimm darin; Wo man am meisten fühlt, weiß man nicht viel zu sagen. 8* An Elise . Zum Geburtstage am 7. März 1845. D as war gewiß ein andrer März, Ein Mond, den Blüthenkränz’ umhegten, Als Engel dich, geliebtes Herz, In deine erste Wiege legten; Das war gewiß ein Tag so frei, So frisch vom Sonnenstrahl umglommen! Doch auch im Wintermantel sei Er, wie der schönste, mir willkommen. Mir ward ein schlimmrer Mond zu Theil, Der 12. Januar. Um den kein Vogel je gesungen, Nur Eiseszapfen blank und steil Das kalte Diadem geschlungen; Ach anders wirken Schnee und Eis! Und anders wohl der Sonnen Güte! Ich steh’, ein düstres Tannenreis, Du eine zarte Veilchenblüte. Doch fest zusammen, fest im Raum Gehalten in des Winters Stürmen, Du schmücke mich zum Weihnachtsbaum Und ich will deine Blüte schirmen; Dann muß uns willig oder nicht Das Leben reiche Gaben zählen, Und niemals wird das Himmelslicht, Der Poesie Beleuchtung fehlen. An *** L ebt wohl, es kann nicht anders sein, Spannt flatternd eure Segel aus! Laßt mich in meinem Schloß allein, In meinem geisterhaften Haus. Lebt wohl und nehmt mein Herz mit euch Und meinen letzten Sonnenstrahl, Er scheide, scheide nur sogleich, Denn scheiden muß er doch einmal. Laßt mich an meines Seees Bord, Mich schaukelnd mit dem Wellenstrich, Allein mit meinem Zauberwort, Dem Alpengeist und meinem Ich. Verlassen, aber einsam nicht, Erschüttert, aber nicht erdrückt, So lange noch das heil’ge Licht Auf mich mit Liebesaugen blickt. So lange mir der frische Wald Gesang aus jedem Blatte rauscht, Aus jeder Klippe, jedem Spalt, Befreundet mir der Else lauscht. So lange sich der Arm mir frei Und waltend noch zum Aether streckt, Und jedes wilden Geiers Schrei In mir die milde Muse weckt. An meinen verehrten Freund, den Freiherrn von Madroux, bei Uebersendung der „Gedichte.“ A ls diese Lieder ich vereint Zum Kranz in ferner Heimath paarte, Da kannt’ ich freilich nicht den Freund, Den mir die Zukunft aufbewahrte; Ich wußt’ es nicht, daß manches Wort, Das ich aus tiefer Brust gesungen, Fand in der seinen den Akkord, Der es harmonisch nachgeklungen. Doch nun in ernster Gegenwart, In freundlicher, doch fremder Zone Mir seines Beifalls Freude ward Und seiner Freundschaft Ehrenkrone; Nun reich’ ich gern die Lieder dar, Was Flücht’ges drin, das sei vernichtet, Was ritterlich, was gut und wahr, Das sei, als hab’ ich’s dir gedichtet. Die Mutter am Grabe. D u warst so hold und gut, so sanft und stille, Mein frommes Kind, und sterben mußtest du! Dein Geist, zu rein für diese Erdenhülle, Flog wie ein Lichtstrahl seiner Heimath zu. Wenn weinend wir an deinem Grabe stehen, Ich und dein Vater, deine Liebsten hier, Dann seh’n wir nur des Grabes dunkle Thür, Und können deine Seligkeit nicht sehen. O könnten einmal einer Mutter Blicke Nur dringen durch den unbekannten Raum, Dich seh’n in deinem unschuldsvollen Glücke, Und wär’ es nur im Schlummer, nur im Traum, Dann würd’ ich ruhig auf die Stelle schauen, Wo nur der Staub dem Staube sich gesellt, Doch abgeschlossen bleibt die Geisterwelt, Und nur der Glaube dringt in ihre Auen. Wohl weiß ich es, daß über unsre Thränen Du weit erhöht im lichten Glanze steh’st, Daß dir verständlich mein geheimstes Sehnen, Du gern als Engel mir zur Seite geh’st; Wohl fühl’ ich oft, wenn schaut mein Blick nach oben, Mich aufgerichtet wie durch Gottes Hand, Dann fühl’ ich auch, es gibt ein geistig Band Und meines Kindes Hand hat mich erhoben. Aus jenem Sterne, der so milde glühet, Scheint wohl dein Blick in mein verweintes Aug’? Und in der Luft, die kosend mich umziehet, Will trösten mich vielleicht dein frommer Hauch? Befreit von Fesseln, die uns drunten binden, Begabt mit Kräften, die uns nicht verlieh’n, Wohl mag dein Odem öfters mich umzieh’n, Constanze, kannst du mir es nicht verkünden? Mich dünkt, in ihrem tiefen Gram zu sehen Die Eltern, woran hing dein zärtlich Herz, Zu wissen, sie verstehen nicht dein Wehen, Mich dünkt, mein Kind, dies sei dir doch ein Schmerz; Doch nein, vor deinen klaren Geisterblicken Liegt hell und licht des Dornenpfades Ziel, So scheint dir Menschenkummer wohl ein Spiel, Und was uns läutert, kann dich nur beglücken. Von meinen heißen Thränen überregnet Um meinen Segen batest du mich da: „Du hast mich, Mutter, ja noch nie gesegnet, Segne Constanze, segne mich Mama!“ Dann „Alle sollt ihr in den Himmel kommen, Ich bin bei euch, wenn ich gestorben bin.“ Und wie ein Hauch schwand deine Seele hin, Zum Heimathland der Reinen und der Frommen. Ich habe dich gesegnet unter Schmerzen, Mit einem Kuß auf deine kalte Stirn, Ich segnete dich mit gebrochnem Herzen, Mit Todesangst im siedenden Gehirn; So segne mich denn auch, du reines Leben, Du klarer Engel in der Himmelsau, O segne mich mit deiner Liebe Thau, O gib mir wieder, was ich dir gegeben. Bei allen Bürden, allen Erdenpflichten, Hauch an mit deiner Milde und Geduld Mein irdisch schwaches Herz, und laß sich richten Mein irrend Auge zu der höchsten Huld; Hilf pflegen mir in Lust, wie Schmerzensbanden Das große Bild der ernsten Ewigkeit; Dann starb mein Kind für diese Spanne Zeit, Allein ein Schutzgeist ist es mir erstanden. An Ludowine. W as ist mehr denn Schmuck und Kleid? „Ein g’sunder Leib, so’s in Freuden treit.“ Was ist mehr denn Gold so werth? „Ein frei Gemüth, so des mit entbehrt.“ Was ist mehr denn Kron’ und Grund? „Ein klug Gemüth, so des brauchen kunnt.“ Was ist mehr, denn glückselig sein? „Ein fein Gemüth, so des werth allein.“ An Joseph von Laßberg. Zum Geburtstage am 10. April 1848. G rad heute, wo ich gar zu gern Dir hätt’ ein herzlich Wort gesagt, Grad heute hat mein böser Stern Mit argem Husten mich geplagt; Doch wär’ ich wohl hinaufgeklommen, Wär’ nicht mein Schwesterlein gekommen, Und hätt’ es ernst mir untersagt. Was send’ ich meinem Gruße nach? Ein buntes Glöckchen, arm und klein; Wohl ist sein Stimmchen zart und schwach, Doch ist es silberhell und rein; Und wo du läßt es klingelnd rauschen, Da wird das Ohr der Liebe lauschen, Und, glaub’ es mir, das hört gar fein! Klänge aus dem Orient. O Nacht ! O Nacht, du goldgesticktes Zelt, O Mond, du Silberlampe, Das du die ganze Welt umhüllst, Und die du Allen leuchtest! Wo birgt in deinen Falten sich Die allerreinste Perle? Wo widerstrahlt dein träumend Licht Im allerklarsten Spiegel? O breite siebenfach um sie Das schützende Gewinde, Daß nicht der Jüngling sie erschaut! Auflodere in Flammen, Daß kein verblühend Weib sie trifft Mit unheilvollem Auge! Und, milde Lampe, schauend tief In ihres Spiegels Klarheit, Erblicktest du ein Bild darin? Und war es, ach, das meine? Gesegnet . W er bist du doch, o Mädchen? Du mit dem schwarzen Schleier, Und mit dem schwarzen Sklaven? Der weißen Sklavin du? Wie Sterne deine Augen Durch deines Schleiers Nächte, Dein Gang wie der Gazelle, Wie Palme die Gestalt. Gesegnet sind die Wellen Des Bades, die dich kühlen, Gesegnet die Gewänder, Umschließend deine Huld. Und siebenfach gesegnet Der Sklave, dem du winkest, Der deinen Tritten lauschet, Der deine Stimme hört. Und tausendfach gesegnet Die Sklavin, der du lächelst, An ihre Schulter lehnend Dein unverschleiert Haupt. Der Fischer . W ehe dem kleinen Fischerssohn, Deß Vater fischen gegangen; An den Strand läuft er täglich hinaus, Am Morgen, am Abend nicht minder; „Kehre, Vater, o kehre zurück, Und bringe die guten Fische! Kleider, reiche, Sandalen auch Und rede freundliche Worte; Denn die Mutter in Grämen ist stumm, Und der Gläub’ger nahm die Gewande!“ 9 Der Kaufmann. U nglückselig der Kaufmann ist Und ganz von Sorgen befangen, An den Wolken hängt sein Blick, Am Flaume mißt er die Winde; Aber selig des Räubers Loos, Und herrlich lebt der Pirate! Der die Meere Gespielen nennt, Die Windsbraut seine Geliebte; Lachend sieht er die Schiffe zieh’n, Die aller Güter beraubten. „Fahret wohl, grüßt den Kaufmann mir, Der am Flaum gemessen die Winde!“ Das Kind . W är’ ich ein Kind, ein Knäblein klein, Ein armes, schwaches, geliebtes; Daß noch die Mutter mich wiegte ein Und süße Lieder mir sänge, Blumen brächten die Sklavinnen auch, Mit dem Wedel wehrten die Fliegen, Aber Zillah, mich küssend, spräch’: „Gesegnet, mein süßes Knäbchen!“ Der Greis . A llah! laß des Greises Loos Mich nicht, des Greises, erleben! Aus dem Haupte das Haar ihm fällt Und des Bartes köstliche Zierde. Ach, und Zillah’s liebe Gestalt Und Zillah’s schwebende Stimme! Kalt und fühllos stößt er’s zurück, Wie das Riff der Nachtigall Töne. 9* Geplagt . W eh dem Knaben, der zwei Herrinnen hat! Verloren ist er, verloren! Ruft die Stimme und ruft sie dort: „Komm, binde mir die Sandalen! Gib den Schleier; — nun eile fort, Vom Markte Narde zu holen!“ Durch die Menge irrt er umher Wie ein armer verscheuchter Vogel, Wie ein armes zerrissnes Gewand, Geflickt von tausend Händen. Wehe dem Knaben, der zwei Herrinnen hat! Verloren ist er, verloren! Getreu . S o du mir thätest auch Schmach und Hohn, Nicht wollt’ ich es klagen den Kindern, Und schlägst du mir ab die rechte Hand, Noch wollt’ ich die Linke dir bieten; So aber du nähmst das unselige Haupt, Noch wollt’ ich warnend dir rufen: „Fernab, fernab stell’ o Pascha dich, Daß nicht mein Blut dich besprenge; Denn unschuldiges Blut, wen es trifft, Der fällt in schnelles Verderben.“ Süß . A uf den Gassen der Gärtner rief: Kauft Trauben, kaufet die Trauben! Aber im Herzen die Furcht ihm wohnt, Es möchte sie Keiner begehren; Sauer waren und trocken sie, Sie hatte Mehlthau getödtet; Naht ihm Hassan: „mein Gärtner, sprich, Was willst du für deine Trauben?“ „Nimm, o Herr, und koste sie, Und habe meiner Erbarmen!“ „O wie köstlich, mein Gärtner, nimm Und möge Allah dich segnen!“ Abend naht und der andre Tag: „Weh mir, wie bin ich betrogen! Hat mir gestern Zuleima’s Kuß Denn also versüßet die Lippen?“ Freundlich . U nd als ich nun gen Balsora kam, Da rief die Stimme vom Gitter: „Bist du es, Hassan, geliebter Freund, Komm herein, daß ich dich umfange, Daß ich die Füße dir waschen mag, Und mag die Stirne dir salben.“ Und als ich nach Mekka, der heiligen, kam, Da grüßten mich viele Stimmen; „Nicht bin ich Hassan, und Jener nicht, Doch halt’ ich Allah’s Gebote; Drum hat er gesegnet das Antlitz mir, Daß ich Jegliches Freund ihm erscheine.“ Verliebt . S chilt mich nicht, du strenger Meister, Daß im Divan ich geträumet, Und bei des Muezzins Rufen, Ach, nach Mittag stand gewendet. Wisse, als ich kam vom Bade, Als ich heimging aus den Gärten, Schlüpfte Zillah mir vorüber, Und den Schleier hob sie schalkhaft. Verhenkert . W ie du gehst und wie du stehst, Und was du sprichst und beginnest, Gift’ge Pfeile die Worte sind, Wie Nattern deine Geberden, An dem Pfahle, da ist dein Platz, Und auf der luftigen Spindel, Wo der Rabe dich grüßen mag, Der ungesättigte Vogel. Verteufelt . N aht, o naht dem Gewande nicht Des todten Hundes, des Giauren, Der erschlagen den Muselmann An Mekka’s heiliger Pforte! Nehmt auch die kleinen Kinder fort, Daß sie es nimmer erschauen; Denn die Dschinnen hauchten’s an, Und Iblis, der dreimal verruchte. Verliebt . M utter, löse die Spangen mir! Mich hat ein Fieber befallen, Denn das Fenster ließest du auf, Das immer sorglich verhängte; Und im Garten ich Mädchen sah, Die warfen Ringe im Kreise, Flatternd selber, ein Blütenschnee, Vom leichten Winde getragen. Immer flöten nur Stimmen mir, Und immer Spiegel mir flirren, Blind geworden bin ich schon ganz, Taub werd’ ich nächstens werden, Mutter, löse die Spangen mir! Mich hat ein Fieber befallen. Bezaubernd . U nd wenn sie vorüber am Fenster geht, Und fällt ihr Schatten auf die Gasse, Da steh’n die Jünglinge sinnberaubt Und wissen nicht, was sie beginnen; Doch in die Moschee die Derwische flieh’n, Rufend: Allah! errett’ uns! Denn dein Feuer vom Himmel fiel, Und mögen ihm nimmer entrinnen. Verflucht . W as schäumt das Meer, was wälzt es sich Und bäumt an das Gestade? Ist’s Strömung, was da drunten wühlt? Ist’s unterirdisch Feuer? Nicht Strömung ist es, was da wühlt, Nicht unterirdisch Feuer, Ein Leichnam fiel in seinen Schooß, Ein siebenmal verfluchter, Des Kaufmanns, der um schnödes Gold Erschlug den eignen Bruder. Herrlich . U nd wenn er aus der Pforte tritt Und weht sein Mantel über die Gasse, Dann steh’n die Männer, das Haupt geneigt, Sprechend: wo sind deine Vasallen? — Und die Wittwen und Waisen knieend schrei’n: Hilf uns, du mächt’ger Gebieter. Unaussprechlich . D ie Nachtigall in den Kampf sich gab Mit der Lerche, der schwebenden Stimme, Daß ihre Reize besängen sie Und all ihre süße Geberde; Doch die Nachtigallen reihten sich Und die Lerchen, wie Perlenschnüre, All’ lagen sie todt in Gras und Strauch, Verhaucht im süßen Gesange. Unbeschreiblich . D reitausend Schreiber auf Teppichen saßen Und rührten den Bart mit der Feder; Sie schrieben, schrieben so manchen Tag, Daß grau geworden die Bärte, Daß trüb geworden die Augen längst Und längst erkrummet die Finger; Wer aber, was sie geschrieben lies’t, Und lies’t das, was sie geschrieben, Der spricht: es ist ein Schatten wohl, Oder ist es der Schatten des Schattens. Unerhört . D er Ossa sprach zum Pelion: „Was ist für ein Klang in den Lüften? Singt wohl die sterbende Nachtigall? Oder eine verstoßene Houri? Zehnmal fielen meine Cedern hin, Und meine Felsen zerbröckeln; Sechstausend Jahre machten mich grau Und sechszigtausend Stunden; Doch nie drang solch ein Laut zu mir Vom Thal oder aus der Höhe.“ Eine Mutter am Hange steht, Die weint ihr einzig Söhnlein. Die Judenbuche. Ein Sittengemälde aus dem gebirgigten Westphalen. Wo ist die Hand so zart, daß ohne Irren Sie sondern mag beschränkten Hirnes Wirren, So fest, daß ohne Zittern sie den Stein Mag schleudern auf ein arm verkümmert Sein? Wer wagt es, eitlen Blutes Drang zu messen, Zu wägen jedes Wort, das unvergessen In junge Brust die zähen Wurzeln trieb, Des Vorurtheils geheimen Seelendieb? Du Glücklicher, geboren und gehegt Im lichten Raum, von frommer Hand gepflegt, Leg’ hin die Waagschal’ , nimmer dir erlaubt! Laß ruh’n den Stein — er trifft dein eignes Haupt! — F riederich Mergel, geboren 1738, war der Sohn eines sogenannten Halbmeiers oder Grund- eigenthümers geringer Klasse im Dorfe B., das, so schlecht gebaut und rauchig es sein mag, doch das Auge jedes Reisenden fesselt durch die überaus malerische Schönheit seiner Lage in der grünen Waldschlucht eines bedeutenden und geschichtlich merkwürdigen Gebirges. Das Ländchen dem es angehörte, war damals einer jener abgeschlossenen Erdwinkel ohne Fabriken und Handel, ohne Heer- straßen, wo noch ein fremdes Gesicht Aufsehn erregte, und einer Reise von 30 Meilen selbst den Vornehmeren zum Ulysses seiner Gegend machte 10 — kurz, ein Fleck, wie es deren sonst so viele in Deutschland gab, mit all den Mängeln und Tu- genden, all der Originalität und Beschränktheit, wie sie nur in solchen Zuständen gedeihen. Unter höchst einfachen uud häufig unzuläng- lichen Gesetzen waren die Begriffe der Einwohner von Recht und Unrecht einigermaßen in Verwirrung gerathen, oder vielmehr es hatte sich neben dem gesetzlichen ein zweites Recht gebildet, ein Recht der öffentlichen Meinung, der Gewohnheit und der durch Vernachlässigung entstandenen Verjährung. Die Gutsbesitzer, denen die niedrige Gerichtsbarkeit zustand, straften und belohnten nach ihrer in den meisten Fällen redlichen Einsicht; der Untergebene that, was ihm ausführbar und mit einem etwas weiteren Gewissen verträglich schien, und nur dem Verlie- renden fiel es zuweilen ein, in alten staubigten Urkunden nachzuschlagen. — Es ist schwer, jene Zeit unparteiisch ins Auge zu fassen; sie ist seit ihrem Verschwinden entweder hochmüthig getadelt oder albern gelobt worden, da den, der sie erlebte, zu viel theure Erinnerungen blenden und der Spätergeborene sie nicht begreift. So viel darf man indessen behaupten, daß die Form schwächer, der Kern fester, Vergehen häufiger, Gewissenlosigkeit seltener waren. Denn wer nach seiner Ueberzeugung handelt, und sei sie noch so mangelhaft, kann nie ganz zu Grunde gehen, wogegen nichts seelentödtender wirkt, als gegen das innere Rechtsgefühl das äußere Recht in Anspruch nehmen. Ein Menschenschlag, unruhiger und unterneh- mender als seine Nachbarn, ließ in dem kleinen Staate, von dem wir reden, manches weit greller hervortreten als anderswo unter gleichen Umständen. Holz- und Jagdfrevel waren an der Tagesordnung und bei den häufig vorfallenden Schlägereien hatte sich jeder selbst seines zerschlagenen Kopfes zu trösten. Da jedoch große und ergiebige Waldungen den Hauptreichthum des Landes ausmachten, ward aller- dings scharf über die Forsten gewacht, aber weniger auf gesetzlichem Wege, als in stets erneuten Ver- suchen, Gewalt und List mit gleichen Waffen zu überbieten. Das Dorf B. galt für die hochmüthigste, schlaueste und kühnste Gemeinde des ganzen Fürsten- thums. Seine Lage inmitten tiefer und stolzer Waldeinsamkeit mochte schon früh den angebo- renen Starrsinn der Gemüther nähren; die Nähe eines Flusses, der in die See mündete und bedeckte Fahrzeuge trug, groß genug, um Schiffbauholz bequem und sicher außer Land zu führen, trug sehr dazu bei, die natürliche Kühnheit der Holzfrevler zu ermuthigen, und der Umstand, daß Alles umher von Förstern wimmelte, konnte hier nur aufregend 10* wirken, da bei den häufig vorkommenden Schar- mützeln der Vortheil meist auf Seiten der Bauern blieb. Dreißig, vierzig Wagen zogen zugleich aus in den schönen Mondnächten mit ungefähr doppelt so viel Mannschaft jedes Alters, vom halbwüchsigen Knaben bis zum siebzigjährigen Ortsvorsteher, der als erfahrener Leitbock den Zug mit gleich stolzem Bewußtsein anführte, als er seinen Sitz in der Gerichtsstube einnahm. Die Zurückgebliebenen horch- ten sorglos dem allmähligen Verhallen des Knarrens und Stoßens der Räder in den Hohlwegen und schlie- fen sacht weiter. Ein gelegentlicher Schuß, ein schwacher Schrei ließen wohl einmal eine junge Frau oder Braut auffahren; kein Anderer achtete darauf. Beim ersten Morgengrau kehrte der Zug eben so schwei- gend heim, die Gesichter glühend wie Erz, hier und dort einer mit verbundenem Kopf, was weiter nicht in Betracht kam, und nach ein paar Stunden war die Umgegend voll von dem Mißgeschick eines oder mehrerer Forstbeamten, die aus dem Walde getragen wurden, zerschlagen, mit Schnupftaback geblendet und für einige Zeit unfähig, ihrem Berufe nach- zukommen. In diesen Umgebungen ward Friedrich Mergel geboren, in einem Hause, das durch die stolze Zu- gabe eines Rauchfanges und minder kleiner Glas- scheiben die Ansprüche seines Erbauers, so wie durch seine gegenwärtige Verkommenheit die kümmerlichen Umstände des jetzigen Besitzers bezeugte. Das frühere Geländer um Hof und Garten war einem vernachlässig- ten Zaune gewichen, das Dach schadhaft, fremdes Vieh weidete auf den Triften, fremdes Korn wuchs auf dem Acker zunächst am Hofe, und der Garten enthielt, außer ein paar holzigten Rosenstöcken aus besserer Zeit, mehr Unkraut als Kraut. Freilich hatten Unglücksfälle manches hiervon herbeigeführt; doch war auch viel Unordnung und böse Wirthschaft im Spiel. Friedrichs Vater, der alte Hermann Mergel, war in seinem Junggesellenstande ein sogenannter ordentlicher Säufer, d. h. einer, der nur an Sonn- und Festtagen in der Rinne lag und die Woche hindurch so manierlich war wie ein Anderer. So war denn auch seine Bewerbung um ein recht hübsches und wohlhabendes Mädchen ihm nicht erschwert. Auf der Hochzeit giengs lustig zu. Mergel war nicht gar zu arg betrunken, und die Eltern der Braut giengen Abends vergnügt heim; aber am nächsten Sonntage sah man die junge Frau schreiend und blutrünstig durchs Dorf zu den Ihrigen rennen, alle ihrer guten Kleider und neues Hausgeräth im Stich lassend. Das war freilich ein großer Skandal und Aerger für Mergel, der allerdings Trostes bedurfte. So war denn auch am Nachmittage keine Scheibe an seinem Hause mehr ganz, und man sah ihn noch bis spät in die Nacht vor der Thürschwelle liegen, einen abgebro- chenen Flaschenhals von Zeit zu Zeit zum Munde führend und sich Gesicht und Hände jämmerlich zerschneidend. Die junge Frau blieb bei ihren Eltern, wo sie bald verkümmerte und starb. Ob nun den Mergel Reue quälte oder Scham, genug, er schien der Trostmittel immer bedürftiger und fing bald an, den gänzlich verkommenen Subjekten zugezählt zu werden. Die Wirthschaft verfiel; fremde Mägde brachten Schimpf und Schaden; so vergieng Jahr auf Jahr. Mergel war und blieb ein verlegener und zuletzt ziemlich armseliger Wittwer, bis er mit einem- male wieder als Bräutigam auftrat. War die Sache an und für sich unerwartet, so trug die Persönlichkeit der Braut noch dazu bei, die Ver- wunderung zu erhöhen. Margareth Semmler war eine brave, anständige Person, so in den Vierzigen, in ihrer Jugend eine Dorfschönheit und noch jetzt sehr klug und wirthlich geachtet, dabei nicht unver- mögend; und so mußte es Jedem unbegreiflich sein, was sie zu diesem Schritte getrieben. Wir glauben den Grund eben in dieser ihrer selbstbewußten Voll- kommenheit zu finden. Am Abend vor der Hochzeit soll sie gesagt haben: „Eine Frau die von ihrem Manne übel behandelt wird, ist dumm oder taugt nicht: wenn’s mir schlecht geht, so sagt, es liege an mir.“ Der Erfolg zeigte leider, daß sie ihre Kräfte überschätzt hatte. Anfangs imponirte sie ihrem Manne; er kam nicht nach Haus oder brach in die Scheune, wenn er sich übernommen hatte; aber das Joch war zu drückend, um lange getragen zu werden, und bald sah man ihn oft genug quer über die Gasse ins Haus taumeln, hörte drinnen sein wüstes Lärmen und sah Margreth eilends Thür und Fenster schließen. An einem solchen Tage — keinem Sonntage mehr — sah man sie Abends aus dem Hause stürzen, ohne Haube und Halstuch, das Haar wild um den Kopf hängend, sich im Garten neben ein Krautbeet niederwerfen und die Erde mit den Händen aufwühlen, dann ängstlich um sich schauen, rasch ein Bündel Kräuter brechen und damit langsam wieder dem Hause zugehen, aber nicht hinein, sondern in die Scheune. Es hieß, an diesem Tage habe Mergel zuerst Hand an sie gelegt, obwohl das Bekenntniß nie über ihre Lippen kam. — Das zweite Jahr dieser unglücklichen Ehe ward mit einem Sohne, man kann nicht sagen erfreut, den Margareth soll sehr geweint haben, als man ihr das Kind reichte. Dennoch, obwohl unter einem Herzen voll Gram getragen, war Friedrich ein gesundes hübsches Kind, das in der frischen Luft kräftig gedieh. Der Vater hatte ihn sehr lieb, kam nie nach Hause ohne ihm ein Stückchen Wecken oder dergleichen mitzubringen, und man meinte sogar, er sei seit der Geburt des Knaben ordentlicher geworden; wenigstens war der Lärmen im Hause geringer. Friedrich stand in seinem neunten Jahre. Es war um das Fest der heiligen drei Könige, eine rauhe, stürmische Winternacht. Hermann war zu einer Hochzeit gegangen und hatte sich schon bei Zeiten auf den Weg gemacht, da das Brauthaus Dreiviertelmeilen entfernt lag. Obgleich er versprochen hatte, Abends wiederzukommen, rechnete Frau Mergel doch um so weniger darauf, da sich nach Sonnen- untergang dichtes Schneegestöber eingestellt hatte. Gegen zehn Uhr schürte sie die Asche am Herde zu- sammen und machte sich zum Schlafengehen bereit. Friedrich stand neben ihr, schon halb entkleidet, und horchte auf das Geheul des Windes und das Klappen der Bodenfenster. „Mutter, kommt der Vater heute nicht?“ fragte er. „Nein Kind, morgen. — „Aber warum nicht, Mutter? er hat’s doch versprochen.“ — „Ach Gott, wenn der Alles hielte, was er verspricht! Mach, mach voran, daß du fertig wirst.“ Sie hatten sich kaum niedergelegt, so erhob sich eine Windsbraut, als ob sie das Haus mit- nehmen wollte. Die Bettstatt bebte und im Schorn- stein rasselte es wie ein Kobold. — „Mutter, es pocht draußen!“ — „Still, Fritzchen, das ist das lockere Brett im Giebel, das der Wind jagt.“ — „Nein, Mutter, an der Thür!“ — „Sie schließt nicht; die Klinke ist zerbrochen. Gott, schlaf doch! bring mich nicht um das armselige Bischen Nacht- ruhe.“ — „Aber wenn nun der Vater kommt?“ — Die Mutter drehte sich heftig im Bett um. — „Den hält der Teufel fest genug!“ — „Wo ist der Teufel, Mutter?“ — „Wart du Unrast! er steht vor der Thür und will dich holen, wenn du nicht ruhig bist!“ Friedrich ward still; er horchte noch ein Weil- chen und schlief dann ein. Nach einigen Stunden erwachte er. Der Wind hatte sich gewendet und zischte jetzt wie eine Schlange durch die Fensterritze an seinem Ohr. Seine Schulter war erstarrt; er kroch tief unter’s Deckbett und lag aus Furcht ganz still. Nach einer Weile bemerkte er, daß die Mutter auch nicht schlief. Er hörte sie weinen und mitunter: „Gegrüßt seist du, Maria!“ und „bitte für uns arme Sünder!“ Die Kügelchen des Rosenkranzes glitten an seinem Gesicht hin. Ein unwillkührlicher Seufzer entfuhr ihm. — „Friedrich, bist du wach?“ — „Ja, Mutter.“ — „Kind, bete ein wenig — du kannst ja schon das halbe Vaterunser — daß Gott uns bewahre vor Wasser- und Feuersnoth.“ Friedrich dachte an den Teufel, wie der wohl aussehen möge. Das mannigfache Geräusch und Getöse im Hause kam ihm wunderlich vor. Er meinte, es müsse etwas Lebendiges drinnen sein und draußen auch. — „Hör, Mutter, gewiß, da sind Leute, die pochen.“ — „Ach nein, Kind; aber es ist kein altes Brett im Hause, das nicht klap- pert.“ — „Hör’! hörst du nicht? es ruft! hör’ doch!“ Die Mutter richtete sich auf; das Toben des Sturms ließ einen Augenblick nach. Man hörte deutlich an den Fensterläden pochen und mehrere Stimmen: „Margareth! Frau Margareth, heda, aufgemacht!“ Magareth stieß einen heftigen Laut aus: „Da bringen sie mir das Schwein wieder!“ Der Rosenkranz flog klappernd auf den Brett- stuhl, die Kleider wurden herbeigerissen. Sie fuhr zum Herde und bald darauf hörte Friedrich sie mit trotzigen Schritten über die Tenne gehen. Mar- gareth kam gar nicht wieder; aber in der Küche war viel Gemurmel und fremde Stimmen. Zweimal kam ein fremder Mann in die Kammer und schien ängstlich etwas zu suchen. Mit einem Male ward eine Lampe hereingebracht; zwei Männer führten die Mutter. Sie war weiß wie Kreide und hatte die Augen geschlossen. Friedrich meinte, sie sei todt; er erhob ein fürchterliches Geschrei, worauf ihm Jemand eine Ohrfeige gab, was ihn zur Ruhe brachte, und nun begriff er nach und nach aus den Reden der Umstehenden, daß der Vater vom Ohm Franz Semmler und dem Hülsmeyer todt im Holze gefunden sei und jetzt in der Küche liege. Sobald Margareth wieder zur Besinnung kam, suchte sie die fremden Leute los zu werden. Der Bruder blieb bei ihr und Friedrich, dem bei strenger Strafe im Bett zu bleiben geboten war, hörte die ganze Nacht hindurch das Feuer in der Küche kni- stern und ein Geräusch wie von Hin- und Her- rutschen und Bürsten. Gesprochen ward wenig und leise, aber zuweilen drangen Seufzer herüber, die dem Knaben, so jung er war, durch Mark und Bein gingen. Einmal verstand er, daß der Oheim sagte: „Margareth, zieh dir das nicht zu Gemüth; wir wollen Jeder drei Messen lesen lassen, und um Ostern gehen wir zusammen eine Bittfahrt zur Muttergottes von Werl.“ Als nach zwei Tagen die Leiche fortgetragen wurde, saß Margareth am Herde, das Gesicht mit der Schürze verhüllend. Nach einigen Minuten, als Alles still geworden war, sagte sie in sich hinein: „Zehn Jahre, zehn Kreuze. Wir haben sie doch zusammen getragen, und jetzt bin ich allein!“ Dann lauter: „Fritzchen, komm her!“ — Friedrich kam scheu heran; die Mutter war ihm ganz unheimlich geworden mit den schwarzen Bändern und den verstörten Zügen. „Fritzchen,“ sagte sie, „willst du jetzt auch fromm sein, daß ich Freude an dir habe, oder willst du unartig sein und lügen, oder saufen und stehlen?“ — „Mutter, Hülsmeyer stiehlt.“ — „Hülsmeyer? Gott bewahre! Soll ich dir auf den Rücken kommen? wer sagt dir so schlechtes Zeug?“ — „Er hat neulich den Aaron geprügelt und ihm sechs Groschen genommen.“ — „Hat er dem Aaron Geld genommen, so hat ihn der verfluchte Jude gewiß zuvor darum betrogen. Hülsmeyer ist ein ordentlicher angesessener Mann, und die Juden sind alle Schelme.“ — „Aber, Mutter, Brandes sagt auch, daß er Holz und Rehe stiehlt.“ — „Kind, Brandes ist ein Förster.“ — „Mutter, lügen die Förster?“ Margareth schwieg eine Weile, dann sagte sie: „Höre, Fritz, das Holz läßt unser Herrgott frei wachsen und das Wild wechselt aus eines Herren Lande in das andere; die können Niemandem ge- hören. Doch das verstehst du noch nicht; jetzt geh in den Schuppen und hole mir Reisig.“ Friedrich hatte seinen Vater auf dem Stroh gesehen, wo er, wie man sagt, blau und fürchter- lich ausgesehen haben soll. Aber davon erzählte er nie und schien ungern daran zu denken. Ueber- haupt hatte die Erinnerung an seinen Vater eine mit Grausen gemischte Zärtlichkeit in ihm zurück- gelassen, wie denn nichts so fesselt, wie die Liebe und Sorgfalt eines Wesens, das gegen alles Uebrige verhärtet scheint, und bei Friedrich wuchs dieses Gefühl mit den Jahren, durch das Gefühl mancher Zurücksetzung von Seiten Anderer. Es war ihm äußerst empfindlich, wenn, so lange er Kind war, Jemand des Verstorbenen nicht allzu löblich ge- dachte; ein Kummer, den ihm das Zartgefühl der Nachbarn nicht ersparte. Es ist gewöhnlich in jenen Gegenden, den Verunglückten die Ruhe im Grabe abzusprechen. Der alte Mergel war das Gespenst des Brederholzes geworden; einen Betrunkenen führte er als Irrlicht bei einem Haar in den Zellerkolk (Teich); die Hirtenknaben, wenn sie Nachts bei ihren Feuern kauerten und die Eulen in den Gründen schrieen, hörten zuweilen in abgebrochenen Tönen ganz deutlich dazwischen sein: „Hör mal an, fein’s Liseken,“ und ein unprivilegirter Holzhauer, der unter der breiten Eiche eingeschlafen und dem es darüber Nacht geworden war, hatte beim Erwachen sein geschwollenes blaues Gesicht durch die Zweige lauschen sehen. Friedrich mußte von andern Knaben Vieles darüber hören; dann heulte er, schlug um sich, stach auch einmal mit seinem Messerchen und wurde bei dieser Gelegenheit jämmerlich geprügelt. Seitdem trieb er seiner Mutter Kühe allein an das andere Ende des Thales, wo man ihn oft Stun- den lang in derselben Stellung im Grase liegen und den Thymian aus dem Boden rupfen sah. Er war 12 Jahre alt, als seine Mutter einen Besuch von ihrem jüngeren Bruder erhielt, der in Brede wohnte und seit der thörichten Heirath seiner Schwester ihre Schwelle nicht betreten hatte. Simon Semmler war ein kleiner, unruhiger, magerer Mann mit vor dem Kopf liegenden Fisch- augen und überhaupt einem Gesicht wie ein Hecht, ein unheimlicher Geselle, bei dem dickthuende Ver- schlossenheit oft mit eben so gesuchter Treuherzigkeit wechselte, der gern einen aufgeklärten Kopf vorge- stellt hätte und statt dessen für einen fatalen, Händel suchenden Kerl galt, dem Jeder um so lieber aus dem Wege ging, je mehr er in das Alter trat, wo ohnehin beschränkte Menschen leicht an Ansprüchen gewinnen, was sie an Brauchbarkeit verlieren. Dennoch freute sich die arme Margareth, die sonst keinen der Ihrigen mehr am Leben hatte. „Simon, bist du da?“ sagte sie, und zitterte, daß sie sich am Stuhle halten mußte. „Willst du sehen, wie es mir geht und meinem schmutzigen Jungen?“ — Simon betrachtete sie ernst und reichte ihr die Hand: „Du bist alt geworden, Margreth!“ — Margreth seufzte: „Es ist mir derweil oft bitterlich gegangen mit allerlei Schick- salen.“ — „Ja, Mädchen, zu spät gefreit, hat immer gereut! Jetzt bist du alt und das Kind ist klein. Jedes Ding hat seine Zeit. Aber wenn ein altes Haus brennt, dann hilft kein Löschen.“ Ueber Margreths vergrämtes Gesicht flog eine Flamme, so roth wie Blut. „Aber ich höre, dein Junge ist schlau und gewichst,“ fuhr Simon fort. — „Ei nun so ziem- lich, und dabei fromm.“ — „Hum, ’s hat mal Einer eine Kuh gestohlen, der hieß auch Fromm. Aber er ist still und nachdenklich, nicht wahr? er läuft nicht mit den andern Buben?“ — „Er ist ein eigenes Kind,“ sagte Margreth wie für sich; „es ist nicht gut.“ Simon lachte hell auf: „Dein Junge ist scheu, weil ihn die andern ein paarmal gut durchgedroschen haben. Das wird ihnen der Bursche schon wieder bezahlen. Hülsmeyer war neulich bei mir, der sagte, es sei ein Junge wie ’n Reh.“ Welcher Mutter geht das Herz nicht auf, wenn sie ihr Kind loben hört? Der armen Mar- greth ward selten so wohl, Jedermann nannte ihren Jungen tückisch und verschlossen. Die Thränen traten ihr in die Augen. „Ja, Gottlob, er hat gerade Glieder.“ — „Wie sieht er aus?“ fuhr Simon fort. — „Er hat viel von dir, Simon, viel.“ Simon lachte: „Ei. das muß ein rarer Kerl sein, ich werde alle Tage schöner. An der Schule soll er sich wohl nicht verbrennen. Du läßt ihn die Kühe hüten? Eben so gut. Es ist doch nicht halb wahr, was der Magister sagt. Aber wo hütet er? Im Telengrund? im Koderholze? im Teutoburger Wald? auch des Nachts und früh?“ — „Die ganzen Nächte durch; aber wie meinst du das?“ Simon schien dies zu überhören; er reckte den Hals zur Thüre hinaus: „Ei da kommt der Gesell! Vaterssohn! er schlenkert gerade so mit den Armen wie dein seliger Mann. Und schau mal an! wahr- haftig, der Junge hat meine blonden Haare!“ In der Mutter Züge kam ein heimliches, stolzes Lächeln; ihres Friedrichs blonde Locken und Simons röthliche Borsten! Ohne zu antworten, brach sie einen Zweig von der nächsten Hecke und ging ihrem Sohne entgegen, scheinbar, eine träge Kuh anzu- treiben, im Grunde aber, ihm einige rasche, halb- drohende Worte zuzuraunen; denn sie kannte seine störrische Natur, und Simons Weise war ihr heute einschüchternder vorgekommen als je. Doch ging Alles über Erwarten gut; Friedrich zeigte sich weder verstockt, noch frech, vielmehr etwas blöde und sehr bemüht, dem Ohm zu gefallen. So kam es denn dahin, daß nach einer halbstündigen Unterredung Simon eine Art Adoption des Knaben in Vor- schlag brachte, vermöge deren er denselben zwar nicht gänzlich der Mutter entziehen, aber doch über den größten Theil seiner Zeit verfügen wollte, wofür ihm dann am Ende des alten Junggesellen Erbe zufallen solle, das ihm freilich ohnedies nicht ent- gehen konnte. Margreth ließ sich geduldig aus- einandersetzen, wie groß der Vortheil, wie gering die Entbehrung ihrerseits bei dem Handel sei. Sie wußte am besten, was eine kränkliche Wittwe an der Hülfe eines zwölfjährigen Knaben entbehrt, den sie bereits gewöhnt hat, die Stelle einer Tochter zu ersetzen. Doch sie schwieg und gab sich in Alles. Nur bat sie den Bruder, streng, doch nicht hart gegen den Knaben zu sein. „Er ist gut,“ sagte sie, „aber ich bin eine ein- same Frau; mein Sohn ist nicht wie einer, über den Vaterhand regiert hat.“ Simon nickte schlau mit dem Kopf: „Laß mich nur gewähren, wir wollen uns schon vertragen, und weißt du was? gieb mir den Jungen gleich mit, ich habe zwei Säcke aus der Mühle zu holen; der kleinste ist ihm grad recht, und so lernt er mir zur Hand gehen. Komm, Fritzchen, zieh deine Holzschuh an!“ — Und bald sah Margreth den Beiden nach, wie sie fort- schritten, Simon voran, mit seinem Gesicht die Luft durchschneidend, während ihm die Schöße des rothen 11 Rocks wie Feuerflammen nachzogen. So hatte er ziemlich das Ansehen eines feurigen Mannes, der unter dem gestohlenen Sacke büßt; Friedrich ihm nach, fein und schlank für sein Alter, mit zarten, fast edlen Zügen und langen blonden Locken, die besser gepflegt waren, als sein übriges Aeußeres er- warten ließ; übrigens zerlumpt, sonnenverbrannt und mit dem Ausdrucke der Vernachlässigung und einer gewissen rohen Melancholie in den Zügen. Dennoch war eine große Familienähnlichkeit Beider nicht zu verkennen, und wie Friedrich so langsam seinem Führer nachtrat, die Blicke fest auf denselben geheftet, der ihn gerade durch das Seltsame seiner Erscheinung anzog, erinnerte er unwillkürlich an Jemand, der in einem Zauberspiegel das Bild seiner Zukunft mit verstörter Aufmerksamkeit betrachtet. Jetzt nahten die Beiden sich der Stelle des Teutoburger Waldes, wo das Brederholz den Ab- hang des Gebirges niedersteigt und einen sehr dun- keln Grund ausfüllt. Bis jetzt war wenig gesprochen worden. Simon schien nachdenkend, der Knabe zer- streut, und Beide keuchten unter ihren Säcken. Plötzlich fragte Simon: „Trinkst du gern Brannt- wein?“ — Der Knabe antwortete nicht. „Ich frage, trinkst du gern Branntwein? gibt dir die Mutter zuweilen welchen?“ — „Die Mutter hat selbst keinen,“ sagte Friedrich. — „So, so, desto besser! — kennst du das Holz da vor uns?“ — „Das ist das Brederholz.“ — „Weißt du auch, was darin vorgefallen ist?“ — Friedrich schwieg. Indessen kamen sie der düstern Schlucht immer näher. „Betet die Mutter noch so viel?“ hob Simon wieder an. — „Ja, jeden Abend zwei Rosenkränze.“ — „So? und du betest mit?“ — Der Knabe lachte halb verlegen mit einem durchtriebenen Seiten- blick. — „Die Mutter betet in der Dämmerung vor dem Essen den einen Rosenkranz, dann bin ich noch nicht wieder da mit den Kühen, und den an- dern im Bette, dann schlaf ich gewöhnlich ein.“ — „So, so, Geselle!“ — Diese letzten Worte wurden unter dem Schirme einer weiten Buche gesprochen, die den Eingang der Schlucht überwölbte. Es war jetzt ganz finster; das erste Mondviertel stand am Himmel, aber seine schwachen Schimmer dienten nur dazu, den Gegenständen, die sie zuweilen durch eine Lücke der Zweige berührten, ein fremdartiges An- sehen zu geben. Friedrich hielt sich dicht hinter seinem Ohm; sein Odem ging schnell, und wer seine Züge hätte unterscheiden können, würde den Aus- druck einer ungeheuren, doch mehr phantastischen als furchtsamen Spannung darin wahrgenommen haben. So schritten Beide rüstig voran, Simon mit dem festen Schritt des abgehärteten Wanderers, Friedrich schwankend und wie im Traum. Es kam 11* ihm vor, als ob Alles sich bewegte und die Bäume in den einzelnen Mondstrahlen bald zusammen, bald von einander schwankten. Baumwurzeln und schlüpf- rige Stellen, wo sich das Wasser gesammelt, machten seinen Schritt unsicher; er war einige Male nahe daran, zu fallen. Jetzt schien sich in einiger Ent- fernung das Dunkel zu brechen, und bald traten Beide in eine ziemlich große Lichtung. Der Mond schien klar hinein und zeigte, daß hier noch vor Kurzem die Axt unbarmherzig gewüthet hatte. Ueberall ragten Baumstümpfe hervor, manche meh- rere Fuß über der Erde, wie sie gerade in der Eile am bequemsten zu durchschneiden gewesen waren; die verpönte Arbeit mußte unversehens unterbrochen worden sein, denn eine Buche lag quer über dem Pfad, in vollem Laube, ihre Zweige hoch über sich streckend und im Nachtwinde mit den noch frischen Blättern zitternd. Simon blieb einen Augenblick stehen und betrachtete den gefällten Stamm mit Aufmerksamkeit. In der Mitte der Lichtung stand eine alte Eiche, mehr breit als hoch; ein blasser Strahl, der durch die Zweige auf ihren Stamm fiel, zeigte, daß er hohl sei, was ihn wahrscheinlich vor der allgemeinen Zerstörung geschützt hatte. Hier ergriff Simon plötzlich des Knaben Arm. „Friedrich, kennst du den Baum? Das ist die breite Eiche.“ — Friedrich fuhr zusammen und klammerte sich mit kalten Händen an seinen Ohm. „Sieh,“ fuhr Simon fort, „hier haben Ohm Franz und der Hülsmeyer deinen Vater gefunden, als er in der Betrunkenheit ohne Buße und Oelung zum Teufel gefahren war.“ — „Ohm, Ohm!“ keuchte Friedrich. — „Was fällt dir ein? Du wirst dich doch nicht fürchten? Satan von einem Jungen, du kneipst mir den Arm! laß los, los!“ — Er suchte den Knaben abzuschütteln. „Dein Vater war übrigens eine gute Seele; Gott wird’s nicht so genau mit ihm nehmen. Ich hatte ihn so lieb, wie meinen eigenen Bruder.“ — Friedrich ließ den Arm seines Ohms los; beide legten schweigend den übrigen Theil des Waldes zurück und das Dorf Brede lag vor ihnen, mit seinen Lehmhütten und den einzelnen besseren Wohnungen von Ziegelsteinen, zu denen auch Simons Haus gehörte. Am nächsten Abend saß Margreth schon seit einer Stunde mit ihrem Rocken vor der Thür und wartete auf ihren Knaben. Es war die erste Nacht, die sie zugebracht hatte, ohne den Athem ihres Kin- des neben sich zu hören, und Friedrich kam noch immer nicht. Sie war ärgerlich und ängstlich und wußte, daß sie beides ohne Grund war. Die Uhr im Thurm schlug sieben, das Vieh kehrte heim; er war noch immer nicht da und sie mußte aufstehen, um nach den Kühen zu schauen. Als sie wieder in die dunkle Küche trat, stand Friedrich am Herde; er hatte sich vorn übergebeugt und wärmte die Hände an den Kohlen. Der Schein spielte auf seinen Zügen und gab ihnen ein widriges Ansehen von Magerkeit und ängstlichem Zucken. Margreth blieb in der Tennenthür stehen, so seltsam verändert kam ihr das Kind vor. „Friedrich, wie geht’s dem Ohm?“ Der Knabe murmelte einige unverständliche Worte und drängte sich dicht an die Feuermauer. — „Friedrich, hast du das Reden verlernt? Junge, thu’ das Maul auf! du weißt ja doch, daß ich auf dem rechten Ohr nicht gut höre.“ — Das Kind erhob seine Stimme und gerieth dermaßen in’s Stammeln, daß Margreth es um nichts mehr begriff. — „Was sagst du? einen Gruß von Meister Semmler? wieder fort? wohin? die Kühe sind schon zu Hause. Verfluchter Junge, ich kann dich nicht verstehen. Wart’, ich muß einmal sehen, ob du keine Zunge im Munde hast!“ — Sie trat heftig einige Schritte vor. Das Kind sah zu ihr auf mit dem Jammerblick eines armen, halbwüchsigen Hundes, der Schildwacht stehen lernt, und begann in der Angst mit den Füßen zu stampfen und den Rücken an der Feuermauer zu reiben. Margreth stand still; ihre Blicke wurden ängst- lich. Der Knabe erschien ihr wie zusammengeschrumpft, auch seine Kleider waren nicht dieselben, nein, das war ihr Kind nicht! und dennoch — „Friedrich, Friedrich!“ rief sie. In der Schlafkammer klappte eine Schrank- thür und der Gerufene trat hervor, in der einen Hand eine sogenannte Holzschenvioline, d. h. einen alten Holzschuh, mit drei bis vier zerschabten Gei- gensaiten überspannt, in der andern einen Bogen, ganz des Instrumentes würdig. So ging er gerade auf sein verkümmertes Spiegelbild zu, seinerseits mit einer Haltung bewußter Würde und Selbst- ständigkeit, die in diesem Augenblicke den Unterschied zwischen beiden sonst merkwürdig ähnlichen Knaben stark hervortreten ließ. „Da, Johannes!“ sagte er und reichte ihm mit einer Gönnermiene das Kunstwerk; „da ist die Violine, die ich dir versprochen habe.“ „Mein Spielen ist vorbei, ich muß jetzt Geld verdienen.“ — Johannes warf noch einmal einen scheuen Blick auf Margreth, streckte dann langsam seine Hand aus, bis er das Dargebotene fest er- griffen hatte, und brachte es wie verstohlen unter die Flügel seines armseligen Jäckchens. Margreth stand ganz still und ließ die Kinder gewähren. Ihre Gedanken hatten eine andere, sehr ernste Richtung genommen, und sie blickte mit un- ruhigem Auge von Einem auf den Andern. Der fremde Knabe hatte sich wieder über die Kohlen gebeugt mit einem Ausdruck augenblicklichen Wohl- behagens, der an Albernheit grenzte, während in Friedrichs Zügen der Wechsel eines offenbar mehr selbstischen als gutmüthigen Mitgefühls spielte und sein Auge in fast glasartiger Klarheit zum ersten- male bestimmt den Ausdruck jenes ungebändigten Ehrgeizes und Hanges zum Großthun zeigte, der nachher als so starkes Motiv seiner meisten Hand- lungen hervortrat. Der Ruf seiner Mutter störte ihn aus Ge- danken, die ihm eben so neu als angenehm waren. Sie saß wieder am Spinnrade. „Friedrich,“ sagte sie zögernd, „sag’ einmal —“ und schwieg dann. Friedrich sah auf und wandte sich, da er nichts weiter vernahm, wieder zu seinem Schützling. — „Nein, höre —“ und dann leiser: „was ist das für ein Junge? wie heißt er?“ — Friedrich antwortete eben so leise: „Das ist des Ohms Simon Schweinehirt, der eine Botschaft an den Hülsmeyer hat. Der Ohm hat mir ein paar Schuhe und eine Weste von Drillich gegeben, die hat mir der Junge unterwegs getragen; dafür hab’ ich ihm meine Violine versprochen; er ist ja doch ein armes Kind; Johannes heißt er.“ — „Nun?“ sagte Margreth. — „Was willst du, Mutter?“ — „Wie heißt er weiter?“ — „Ja — weiter nicht — oder, warte — doch: Niemand, Johannes Niemand heißt er. — Er hat keinen Vater,“ fügte er leiser hinzu. Margreth stand auf und ging in die Kammer. Nach einer Weile kam sie heraus mit einem harten, finstern Ausdruck in den Mienen. „So, Friedrich,“ sagte sie, „laß den Jungen gehen, daß er seine Be- stellung machen kann. — Junge, was liegst du da in der Asche? hast du zu Hause nichts zu thun?“ Der Knabe raffte sich mit der Miene eines Verfolgten so eilfertig auf, daß ihm alle Glieder im Wege standen und die Holzschenvioline bei einem Haar in’s Feuer gefallen wäre. „Warte, Johannes,“ sagte Friedrich stolz, „ich will dir mein halbes Butterbrod geben, es ist mir doch zu groß, die Mutter schneidet allemal über’s ganze Brod.“ „Laß doch,“ sagte Margreth, „er geht ja nach Hause.“ „Ja, aber er bekommt nichts mehr; Ohm Simon ißt um 7 Uhr.“ Margreth wandte sich zu dem Knaben: „Hebt man dir nichts auf? Sprich, wer sorgt für dich?“ — „Niemand,“ stotterte das Kind. — „Niemand?“ wiederholte sie; „da nimm, nimm!“ fügte sie heftig hinzu; „du heißt Niemand und Niemand sorgt für dich! Das sei Gott geklagt! Und nun mach dich fort! Friedrich, geh nicht mit ihm, hörst du, geht nicht zusammen durch’s Dorf.“ — „Ich will ja nur Holz holen aus dem Schup- pen,“ antwortete Friedrich. — Als beide Knaben fort waren, warf sich Margreth auf einen Stuhl und schlug die Hände mit dem Ausdruck des tiefsten Jammers zusammen. Ihr Gesicht war bleich wie ein Tuch. „Ein falscher Eid, ein falscher Eid!“ stöhnte sie. „Was ist’s? Simon, Simon, wie willst du vor Gott bestehen!“ So saß sie eine Weile, starr mit geklemmten Lippen, wie in völliger Geistesabwesenheit. Friedrich stand vor ihr und hatte sie schon zweimal angeredet. „Was ist’s? was willst du?“ rief sie auffahrend. — „Ich bringe Euch Geld,“ sagte er, mehr erstaunt als erschreckt. — „Geld? wo?“ Sie regte sich und die kleine Münze fiel klingend auf den Boden. Friedrich hob sie auf. — „Geld vom Ohm Simon, weil ich ihm habe arbeiten helfen. Ich kann mir nun selber was verdienen.“ — „Geld vom Simon? wirf’s fort, fort! — nein, gib’s den Armen. Doch nein, behalt’s,“ flüsterte sie kaum hörbar; „wir sind selber arm; wer weiß, ob wir bei dem Betteln vor- beikommen!“ — „Ich soll Montag wieder zum Ohm und ihm bei der Einsaat helfen.“ — „Du wieder zu ihm? nein, nein, nimmermehr!“ Sie umfaßte ihr Kind mit Heftigkeit. „Doch,“ fügte sie hinzu, und ein Thränenstrom stürzte ihr plötzlich über die eingefallenen Wangen; „geh, er ist mein einziger Bruder, und die Verläumdung ist groß! Aber halt Gott vor Augen und vergiß das täg- liche Gebet nicht!“ Margreth legte das Gesicht an die Mauer und weinte laut. Sie hatte manche harte Last getragen, ihres Mannes üble Behandlung, noch schwerer seinen Tod und es war eine bittere Stunde, als die Wittwe das letzte Stück Ackerland einem Gläu- biger zur Nutznießung überlassen mußte und der Pflug vor ihrem Hause stille stand. Aber so war ihr nie zu Muthe gewesen; dennoch, nachdem sie einen Abend durchgeweint, eine Nacht durchwacht hatte, war sie dahin gekommen, zu denken, ihr Bruder Simon könne so gottlos nicht sein, der Knabe gehöre gewiß nicht ihm, Aehnlichkeiten wollen nichts beweisen. Hatte sie doch selbst vor 40 Jahren ein Schwesterchen verloren, das genau dem fremden Hechelkrämer glich. Was glaubt man nicht gern, wenn man so wenig hat und durch Unglauben dies wenige verlieren soll! Von dieser Zeit an war Friedrich selten mehr zu Hause. Simon schien alle wärmeren Gefühle, deren er fähig war, dem Schwestersohn zugewendet zu haben; wenigstens vermißte er ihn sehr und ließ nicht nach mit Botschaften, wenn ein häusliches Geschäft ihn auf einige Zeit bei der Mutter hielt. Der Knabe war seitdem wie verwandelt, das träu- merische Wesen gänzlich von ihm gewichen, er trat fest auf, fing an, sein Aeußeres zu beachten und bald in den Ruf eines hübschen, gewandten Burschen zu kommen. Sein Ohm, der nicht wohl ohne Projekte leben konnte, unternahm mitunter be- deutende öffentliche Arbeiten, z. B. beim Wegbau, wobei Friedrich für einen seiner besten Arbeiter und überall als seine rechte Hand galt; denn obgleich dessen Körperkräfte noch nicht ihr volles Maß er- reicht hatten, kam ihm doch nicht leicht Jemand an Ausdauer gleich. Margreth hatte bisher ihren Sohn nur geliebt, jetzt fing sie an, stolz auf ihn zu werden und sogar eine Art Hochachtung für ihn zu fühlen, da sie den jungen Menschen so ganz ohne ihr Zuthun sich entwickeln sah, sogar ohne ihren Rath, den sie, wie die meisten Menschen, für unschätzbar hielt und deshalb die Fähigkeiten nicht hoch genug anzuschlagen wußte, die eines so kostbaren Förderungsmittels entbehren konnten. In seinem achtzehnten Jahre hatte Friedrich sich bereits einen bedeutenden Ruf in der jungen Dorfwelt gesichert durch den Ausgang einer Wette, in Folge deren er einen erlegten Eber über zwei Meilen weit auf seinem Rücken trug, ohne abzu- setzen. Indessen war der Mitgenuß des Ruhms auch so ziemlich der einzige Vortheil, den Margreth aus diesen günstigen Umständen zog, da Friedrich immer mehr auf sein Aeußeres verwandte und all- mählig anfing, es schwer zu verdauen, wenn Geld- mangel ihn zwang, irgend Jemand im Dorf darin nachzustehen. Zudem waren alle seine Kräfte auf den auswärtigen Erwerb gerichtet; zu Hause schien ihm, ganz im Widerspiel mit seinem sonstigen Rufe, jede anhaltende Beschäftigung lästig, und er unter- zog sich lieber einer harten, aber kurzen Anstrengung, die ihm bald erlaubte, seinem frühern Hirtenamte wieder nachzugehen, was bereits begann, seinem Alter unpassend zu werden, und ihm gelegentlichen Spott zuzog, vor dem er sich aber durch ein paar derbe Zurechtweisungen mit der Faust Ruhe ver- schaffte. So gewöhnte man sich daran, ihn bald geputzt und fröhlich als anerkannten Dorfelegant an der Spitze des jungen Volkes zu sehen, bald wieder als zerlumpten Hirtenbuben einsam und träumerisch hinter den Kühen herschleichend, oder in einer Waldlichtung liegend, scheinbar gedankenlos und das Moos von den Bäumen rupfend. Um diese Zeit wurden die schlummernden Ge- setze doch einigermaßen aufgerüttelt durch eine Bande von Holzfrevlern, die unter dem Namen der Blau- kittel alle ihre Vorgänger so weit an List und Frechheit übertraf, daß es dem Langmüthigsten zu viel werden mußte. Ganz gegen den gewöhnlichen Stand der Dinge, wo man die stärksten Böcke der Heerde mit dem Finger bezeichnen konnte, war es hier trotz aller Wachsamkeit bisher nicht möglich gewesen, auch nur ein Individuum namhaft zu machen. Ihre Benennung erhielten sie von der ganz gleichförmigen Tracht, durch die sie das Er- kennen erschwerten, wenn etwa ein Förster noch einzelne Nachzügler im Dickicht verschwinden sah. Sie verheerten Alles wie die Wanderraupe, ganze Waldstrecken wurden in einer Nacht gefällt und auf der Stelle fortgeschafft, so daß man am andern Morgen nichts fand, als Späne und wüste Haufen von Topholz, und der Umstand, daß nie Wagen- spuren einem Dorfe zuführten, sondern immer vom Flusse her und dorthin zurück, bewies, daß man unter dem Schutz und vielleicht mit dem Beistande der Schiffseigenthümer handelte. In der Bande mußten sehr gewandte Spione sein, denn die Förster konnten Wochen lang umsonst wachen; in der ersten Nacht, gleichviel, ob stürmisch oder mondhell, wo sie vor Uebermüdung nachließen, brach die Zer- störung ein. Seltsam war es, daß das Landvolk umher ebenso unwissend und gespannt schien, als die Förster selber. Von einigen Dörfern ward mit Bestimmtheit gesagt, daß sie nicht zu den Blaukitteln gehörten, aber keines konnte als dringend verdächtig bezeichnet werden, seit man das verdächtigste von allen, das Dorf B. freisprechen mußte. Ein Zufall hatte dies bewirkt, eine Hochzeit, auf der fast alle Be- wohner dieses Dorfes notorisch die Nacht zugebracht hatten, während zu eben dieser Zeit die Blaukittel eine ihrer stärksten Expeditionen ausführten. Der Schaden in den Forsten war indeß all- zugroß, deshalb wurden die Maßregeln dagegen auf eine bisher unerhörte Weise gesteigert; Tag und Nacht wurde patrouillirt, Oberknechte, Haus- bediente mit Gewehren versehen und den Forstbeamten zugesellt. Dennoch war der Erfolg nur gering und die Wächter hatten oft kaum das eine Ende des Forstes verlassen, wenn die Blaukittel schon zum andern einzogen. Das währte länger als ein volles Jahr, Wächter und Blaukittel, Blaukittel und Wächter, wie Sonne und Mond, immer ab- wechselnd im Besitz des Terrains und nie zu- sammentreffend. Es war im Juli 1756 früh um drei Uhr; der Mond stand klar am Himmel, aber sein Glanz fing an zu ermatten und im Osten zeigte sich be- reits ein schmaler gelber Streif, der den Horizont besäumte und den Eingang einer engen Thalschlucht wie mit einem Goldbande schloß. Friedrich lag im Grase, nach seiner gewohnten Weise, und schnitzelte an einem Weidenstabe, dessen knotigem Ende er die Gestalt eines ungeschlachten Thieres zu geben ver- suchte. Er sah übermüdet aus, gähnte, ließ mit- unter seinen Kopf an einem verwitterten Stamm- knorren ruhen und Blicke, dämmeriger als der Horizont, über den mit Gestrüpp und Aufschlag fast verwachsenen Eingang des Grundes streifen. Ein paarmal belebten sich seine Augen und nahmen den ihnen eigenthümlichen glasartigen Glanz an, aber gleich nachher schloß er sie wieder halb und gähnte und dehnte sich, wie es nur faulen Hirten erlaubt ist. Sein Hund lag in einiger Entfernung nah bei den Kühen, die unbekümmert um die Forstgesetze eben so oft den jungen Baumspitzen als dem Grase zusprachen und in die frische Mor- genluft schnaubten. Aus dem Walde drang von Zeit zu Zeit ein dumpfer, krachender Schall; der Ton hielt nur einige Sekunden an, begleitet von einem langen Echo an den Bergwänden und wiederholte sich etwa alle 5 bis 8 Minuten. Friedrich achtete nicht darauf; nur zuweilen, wenn das Getöse ungewöhn- lich stark oder anhaltend war, hob er den Kopf und ließ seine Blicke langsam über die verschiedenen Pfade gleiten, die ihren Ausgang in dem Thal- grunde fanden. Es fing bereits stark zu dämmern an; die Vögel begannen leise zu zwitschern und der Thau stieg fühlbar aus dem Grunde. Friedrich war an dem Stamm hinabgeglitten und starrte, die Arme über den Kopf verschlungen in das leise einschleichende Morgenroth. Plötzlich fuhr er auf: über sein Gesicht fuhr ein Blitz, er horchte einige Sekunden mit vorgebeugtem Oberleib wie ein Jagdhund, dem die Luft Witterung zuträgt. Dann schob er schnell zwei Finger in den Mund und pfiff gellend und anhaltend. — „Fidel, du verfluchtes Thier!“ Ein Steinwurf traf die Seite des unbesorgten Hundes, der vom Schlafe aufgeschreckt, zuerst um sich biß und dann heulend auf drei Beinen dort Trost suchte, von wo das Uebel ausgegangen war. In demselben Augenblicke wurden die Zweige eines nahen Gebüsches fast ohne Geräusch zurück- geschoben und ein Mann trat heraus, im grünen Jagdrock, den silbernen Wappenschild am Arm, die gespannte Büchse in der Hand. Er ließ schnell seine Blicke über die Schlucht fahren und sie dann mit besonderer Schärfe auf dem Knaben verweilen, trat dann vor, winkte nach dem Gebüsch, und allmählig wurden 7 bis 8 Männer sichtbar, alle in ähnlicher Kleidung, Waidmesser im Gürtel und die gespannten Gewehre in der Hand. „Friedrich, was war das?“ fragte der zuerst Erschienene. — „Ich wollte, daß der Racker auf der Stelle krepirte. Seinetwegen können die Kühe 12 mir die Ohren vom Kopfe fressen.“ — „Die Canaille hat uns gesehen,“ sagte ein Anderer. — „Morgen sollst du auf die Reise mit einem Stein am Halse,“ fuhr Friedrich fort und stieß nach dem Hunde. — „Friedrich, stell dich nicht an wie ein Narr! Du kennst mich und du verstehst mich auch!“ Ein Blick begleitete diese Worte, der schnell wirkte. — „Herr Brandes, denkt an meine Mutter!“ — „Das thu’ ich. Hast du nichts im Walde gehört?“ — „Im Walde?“ — Der Knabe warf einen raschen Blick auf des Försters Gesicht. — „Eure Holzfäller, sonst nichts.“ — „Meine Holzfäller!“ Die ohnehin dunkle Gesichtsfarbe des Försters ging in tiefes Braunroth über. „Wie viele sind ihrer, und wo treiben sie ihr Wesen?“ — „Wo- hin Ihr sie geschickt habt; ich weiß es nicht.“ — Brandes wandte sich zu seinen Gefährten: „Geht voran; ich komme gleich nach.“ Als einer nach dem andern im Dickicht ver- schwunden war, trat Brandes dicht vor den Knaben: „Friedrich“, sagte er mit dem Ton unterdrückter Wuth, „meine Geduld ist zu Ende; ich möchte dich prügeln wie einen Hund, und mehr seid ihr auch nicht werth. Ihr Lumpenpack, dem kein Ziegel auf dem Dach gehört! Bis zum Betteln habt ihr es, gottlob, bald gebracht, und an meiner Thür soll deine Mutter, die alte Hexe, keine verschimmelte Brodrinde bekommen. Aber vorher sollt ihr mir noch Beide in’s Hundeloch.“ Friedrich griff krampf- haft nach einem Aste. Er war todtenbleich und seine Augen schienen wie Krystallkugeln aus dem Kopfe schießen zu wollen. Doch nur einen Augen- blick. Dann kehrte die größte, an Erschlaffung grenzende Ruhe zurück. „Herr,“ sagte er fest, mit fast sanfter Stimme, „Ihr habt gesagt, was Ihr nicht verantworten könnt, und ich vielleicht auch. Wir wollen es gegen einander aufgehen lassen, und nun will ich Euch sagen, was Ihr verlangt. Wenn Ihr die Holzfäller nicht selbst bestellt habt, so müssen es die Blaukittel sein; denn aus dem Dorfe ist kein Wagen gekommen; ich habe den Weg ja vor mir, und vier Wagen sind es. Ich habe sie nicht gesehen, aber den Hohlweg hinauffahren hören.“ Er stockte einen Augenblick. — „Könnt Ihr sagen, daß ich je einen Baum in Eurem Revier gefällt habe? überhaupt, daß ich je anderwärts gehauen habe, als auf Bestellung? Denkt nach, ob Ihr das sagen könnt?“ Ein verlegenes Murmeln war die ganze Ant- wort des Försters, der nach Art der meisten rauhen Menschen leicht bereute. Er wandte sich unwirsch und schritt dem Gebüsche zu. — „Nein Herr,“ rief Friedrich, „wenn Ihr zu den andern Förstern 12* wollt, die sind dort an der Buche hinaufgegangen.“ „An der Buche?“ sagte Brandes zweifelhaft, „nein, dort hinüber, nach dem Mastergrunde.“ — „Ich sage Euch, an der Buche; des langen Heinrich Flintenriemen blieb noch am krummen Ast dort hängen; ich hab’s ja gesehen!“ Der Förster schlug den bezeichneten Weg ein. Friedrich hatte die ganze Zeit hindurch seine Stellung nicht verlassen, halb liegend, den Arm um einen dürren Ast geschlungen, sah er dem Fort- gehenden unverrückt nach, wie er durch den halb- verwachsenen Steig glitt, mit den vorsichtigen weiten Schritten seines Metiers, so geräuschlos wie ein Luchs die Hühnerstiege erklimmt. Hier sank ein Zweig hinter ihm, dort einer; die Umrisse seiner Gestalt schwanden immer mehr. Da blitzte es noch einmal durch’s Laub. Es war ein Stahlknopf seines Jagdrocks; nun war er fort. Friedrichs Gesicht hatte während dieses allmähligen Ver- schwindens den Ausdruck seiner Kälte verloren und seine Züge schienen zuletzt unruhig bewegt. Gereute es ihn vielleicht, den Förster nicht um Verschweigung seiner Angaben gebeten zu baben? Er ging einige Schritte voran, blieb dann stehen. „Es ist zu spät,“ sagte er vor sich hin und griff nach seinem Hute. Ein leises Picken im Gebüsche, nicht zwanzig Schritte von ihm. Es war der Förster, der den Flintenstein schärfte. Friedrich horchte. — „Nein!“ sagte er dann mit entschlossenem Tone, raffte seine Siebensachen zusammen und trieb das Vieh eil- fertig die Schlucht entlang. Um Mittag saß Frau Margreth am Heerd und kochte Thee. — Friedrich war krank heimge- kommen, er klagte über heftige Kopfschmerzen und hatte auf ihre besorgte Nachfrage erzählt, wie er sich schwer geärgert über den Förster, kurz den ganzen eben beschriebenen Vorgang, mit Ausnahme einiger Kleinigkeiten, die er besser fand, für sich zu behalten. Margreth sah schweigend und trübe in das siedende Wasser. Sie war es wohl gewohnt, ihren Sohn mitunter klagen zu hören, aber heute kam er ihr so angegriffen vor, wie fast nie. Sollte wohl eine Krankheit im Anzuge sein? sie seufzte tief und ließ einen eben ergriffenen Holzblock fallen. „Mutter!“ rief Friedrich aus der Kammer. — „Was willst du?“ — „War das ein Schuß?“ — „Ach nein, ich weiß nicht, was du meinst.“ — „Es pocht mir wohl nur so im Kopfe,“ versetzte er. Die Nachbarin trat herein und erzählte mit leisem Flüstern irgend eine unbedeutende Klatscherei, die Margreth ohne Theilnahme anhörte. Dann ging sie. — „Mutter!“ rief Friedrich. Margreth ging zu ihm hinein. „Was erzählte die Hülsmeyer?“ — „Ach gar nichts, Lügen, Wind!“ — Friedrich richtete sich auf. — „Von der Gretchen Siemers; du weißt ja wohl die alte Geschichte; und ist doch nichts Wahres dran.“ — Friedrich legte sich wieder hin. „Ich will sehen, ob ich schlafen kann,“ sagte er. Margreth saß am Heerde; sie spann und dachte wenig Erfreuliches. Im Dorfe schlug es halb zwölf; die Thüre klinkte und der Gericht- schreiber Kapp trat herein. — „Guten Tag, Frau Mergel,“ sagte er; „könnt Ihr mir einen Trunk Milch geben? ich komme von M.“ — Als Frau Mergel das Verlangte brachte, fragte er: „Wo ist Friedrich?“ Sie war gerade beschäftigt, einen Teller hervorzulangen und überhörte die Frage. Er trank zögernd und in kurzen Absätzen. „Wißt Ihr wohl,“ sagte er dann, „daß die Blaukittel in dieser Nacht wieder im Masterholze eine ganze Strecke so kahl gefegt haben, wie meine Hand?“ — „Ei, du frommer Gott!“ versetzte sie gleichgültig. — „Die Schandbuben,“ fuhr der Schreiber fort, „ruiniren Alles; wenn sie noch Rücksicht nähmen auf das junge Holz, aber Eichenstämmchen wie mein Arm dick, wo nicht einmal eine Ruderstange drin steckt! Es ist, als ob ihnen anderer Leute Schaden eben so lieb wäre wie ihr Profit!“ — „Es ist Schade!“ sagte Margreth. Der Amtsschreiber hatte getrunken und ging noch immer nicht. Er schien etwas auf dem Herzen zu haben. „Habt Ihr nichts von Brandes gehört?“ fragte er plötzlich. — „Nichts; er kommt niemals hier in’s Haus.“ — „So wißt Ihr nicht, was ihm begegnet ist?“ — „Was denn?“ fragte Margreth gespannt. — „Er ist todt!“ — „Todt!“ rief sie, „was, todt? Um Gotteswillen! er ging ja noch heute Morgen ganz gesund hier vorüber mit der Flinte auf dem Rücken!“ — „Er ist todt,“ wiederholte der Schreiber, sie scharf fixirend; „von den Blaukitteln erschlagen. Vor einer Viertelstunde wurde die Leiche in’s Dorf gebracht.“ Margreth schlug die Hände zusammen. — „Gott im Himmel, geh’ nicht mit ihm in’s Gericht! er wußte nicht, was er that!“ — „Mit ihm!“ rief der Amtsschreiber, „mit dem verfluchten Mörder, meint Ihr?“ Aus der Kammer drang ein schweres Stöhnen. Margreth eilte hin und der Schreiber folgte ihr. Friedrich saß aufrecht im Bette, das Gesicht in die Hände gedrückt und ächzte wie ein Sterbender. — „Friedrich, wie ist dir?“ sagte die Mutter. — „Wie ist dir?“ wiederholte der Amts- schreiber. — „O mein Leib, mein Kopf!“ jammerte er. — „Was fehlt ihm?“ — „Ach Gott weiß es,“ versetzte sie; „er ist schon um vier mit den Kühen heimgekommen, weil ihm so übel war. Friedrich, Friedrich antworte doch, soll ich zum Doctor?“ — „Nein, nein,“ ächzte er, „es ist nur Kolik, es wird schon besser.“ Er legte sich zurück; sein Gesicht zuckte krampf- haft vor Schmerz; dann kehrte die Farbe wieder. „Geht,“ sagte er matt; „ich muß schlafen, dann gehts vorüber.“ — „Frau Mergel,“ sagte der Amtsschreiber ernst, „ist es gewiß, daß Friedrich um vier zu Hause kam, und nicht wieder fortging?“ — Sie sah ihn starr an. „Fragt jedes Kind auf der Straße. Und Fortgehen? — wollte Gott, er könnt’ es!“ — Hat er Euch nichts von Brandes erzählt?“ — „In Gottes Namen, ja, daß er ihn im Walde geschimpft und unsere Armuth vorgeworfen hat, der Lump! — Doch Gott verzeih mir, er ist todt! Geht!“ fuhr sie heftig fort; „seid Ihr gekommen, um ehrliche Leute zu beschimpfen? Geht!“ — Sie wandte sich wieder zu ihrem Sohne; der Schreiber ging. — „Friedrich, wie ist dir?“ sagte die Mutter; „hast du wohl gehört? schrecklich, schrecklich! ohne Beichte und Absolution!“ — „Mutter, Mutter, um Gotteswillen, laß mich schlafen; ich kann nicht mehr!“ In diesem Augenblicke trat Johannes Niemand in die Kammer; dünn und lang wie eine Hopfen- stange, aber zerlumpt und scheu, wie wir ihn vor fünf Jahren gesehen. Sein Gesicht war noch bleicher als gewöhnlich. „Friedrich,“ stotterte er, „du sollst sogleich zum Ohm kommen; er hat Arbeit für dich; aber sogleich.“ — Friedrich drehte sich gegen die Wand. — „Ich komme nicht,“ sagte er barsch, „ich bin krank.“ — „Du mußt aber kommen,“ keuchte Johannes; „er hat gesagt, ich müßte dich mitbringen.“ — Friedrich lachte höhnisch auf: „das will ich doch sehen!“ — „Laß ihn in Ruhe, er kann nicht,“ seufzte Margreth, „du siehst ja, wie es steht.“ — Sie ging auf einige Minuten hinaus; als sie zurückkam, war Friedrich bereits angekleidet. — „Was fällt dir ein?“ rief sie, „du kannst, du sollst nicht gehen!“ — „Was sein muß, schickt sich wohl,“ versetzte er und war schon zur Thüre hin- aus mit Johannes. — „Ach Gott,“ seufzte die Mutter, „wenn die Kinder klein sind, treten sie uns in den Schooß, und wenn sie groß sind, in’s Herz!“ Die gerichtliche Untersuchung hatte ihren An- fang genommen, die That lag klar am Tage; über den Thäter aber waren die Anzeigen so schwach, daß, obschon alle Umstände die Blaukittel dringend verdächtigten, man doch nicht mehr als Muth- maßungen wagen konnte. Eine Spur schien Licht geben zu wollen: doch rechnete man aus Gründen wenig darauf. Die Abwesenheit des Gutsherrn hatte den Gerichtschreiber genöthigt, auf eigene Hand die Sache einzuleiten. Er saß am Tische; die Stube war gedrängt voll von Bauern, theils neu- gierigen, theils solchen, von denen man in Er- mangelung eigentlicher Zeugen einigen Aufschluß zu erhalten hoffte. Hirten, die in derselben Nacht ge- hütet, Knechte, die den Acker in der Nähe bestellt, Alle standen stramm und fest, die Hände in den Taschen, gleichsam als stillschweigende Erklärung, daß sie nicht einzuschreiten gesonnen seien. Acht Forstbeamten wurden vernommen. Ihre Aussagen waren völlig gleichlautend: Brandes habe sie am zehnten Abends zur Runde bestellt, da ihm von einem Vorhaben der Blaukittel müsse Kunde zugekommen sein; doch habe er sich nur unbestimmt darüber geäußert. Um zwei Uhr in der Nacht seien sie ausgezogen und auf manche Spuren der Zer- störung gestoßen, die den Oberförster sehr übel ge- stimmt; sonst sei Alles still gewesen. Gegen vier Uhr habe Brandes gesagt: „wir sind angeführt, laßt uns heimgehen.“ — Als sie nun um den Bremerberg gewendet und zugleich der Wind um- geschlagen, habe man deutlich im Masterholz fällen gehört und aus der schnellen Folge der Schläge geschlossen, daß die Blaukittel am Werk seien. Man habe nun eine Weile berathschlagt, ob es thunlich sei, mit so geringer Macht die kühne Bande an- zugreifen, und sich dann ohne bestimmten Entschluß dem Schalle langsam genähert. Nun folgte der Auftritt mit Friedrich. Ferner: nachdem Brandes sie ohne Weisung fortgeschickt, seien sie eine Weile vorangeschritten und dann, als sie bemerkt, daß das Getöse im noch ziemlich weit entfernten Walde gänzlich aufgehört, stille gestanden, um den Ober- förster zu erwarten. Die Zögerung habe sie verdrossen, und nach etwa zehn Minuten seien sie weiter gegangen und so bis an den Ort der Verwüstung. Alles sei vorüber gewesen, kein Laut mehr im Walde, von zwanzig gefällten Stämmen noch acht vorhanden, die übrigen bereits fortgeschafft. Es sei ihnen un- begreiflich, wie man dieses in’s Werk gestellt, da keine Wagenspuren zu finden gewesen. Auch habe die Dürre der Jahrszeit und der mit Fichtennadeln bestreute Boden keine Fußstapfen unterscheiden lassen, obgleich der Grund ringsumher wie festgestampft war. Da man nun überlegt, daß es zu nichts nützen könne, den Oberförster zu er- warten, sei man rasch der andern Seite des Waldes zugeschritten, in der Hoffnung, vielleicht noch einen Blick von den Frevlern zu erhaschen. Hier habe sich einem von ihnen beim Ausgange des Waldes die Flaschenschnur in Brombeerranken verstrickt, und als er umgeschaut, habe er etwas im Gestrüpp blitzen sehen; es war die Gurtschnalle des Ober- försters, den man nun hinter den Ranken liegend fand, grad ausgestreckt, die rechte Hand um den Flintenlauf geklemmt, die andere geballt und die Stirn von einer Axt gespalten. Dies waren die Aussagen der Förster; nun kamen die Bauern an die Reihe, aus denen jedoch nichts zu bringen war. Manche behaupteten, um vier Uhr noch zu Hause oder anderswo beschäftigt gewesen zu sein, und sie waren sämmtlich angesessene, unverdächtige Leute. Man mußte sich mit ihren negativen Zeugnissen begnügen. Friedrich ward herein gerufen. Er trat ein mit einem Wesen, das sich durchaus nicht von seinem gewöhnlichen unterschied, weder gespannt noch keck. Das Verhör währte ziemlich lange und die Fragen waren mitunter ziemlich schlau gestellt; er beantwortete sie jedoch alle offen und bestimmt und erzählte den Vorgang zwischen ihm und dem Ober- förster ziemlich der Wahrheit gemäß, bis auf das Ende, das er gerathener fand, für sich zu behalten. Sein Alibi zur Zeit des Mordes war leicht er- wiesen. Der Förster lag am Ausgange des Master- holzes; über dreiviertel Stunden Weges von der Schlucht, in der er Friedrich um vier Uhr ange- redet und aus der dieser seine Heerde schon zehn Minuten später in’s Dorf getrieben. Jedermann hatte dies gesehen; alle anwesenden Bauern be- eiferten sich, es zu bezeugen; mit diesem hatte er geredet, jenem zugenickt. Der Gerichtsschreiber saß unmuthig und ver- legen da. Plötzlich fuhr er mit der Hand hinter sich und brachte etwas Blinkendes vor Friedrichs Auge. „Wem gehört dies?“ — Friedrich sprang drei Schritt zurück. „Herr Jesus! ich dachte Ihr wolltet mir den Schädel einschlagen.“ Seine Augen waren rasch über das tödtliche Werkzeug gefahren und schienen momentan auf einem ausgebrochenen Splitter am Stiele zu haften. „Ich weiß es nicht,“ sagte er fest. — Es war die Axt, die man in dem Schädel des Oberförsters eingeklammert gefunden hatte. — „Sieh sie genau an,“ fuhr der Gerichts- schreiber fort. Friedrich faßte sie mit der Hand, besah sie oben, unten, wandte sie um. „Es ist eine Axt wie andere,“ sagte er dann und legte sie gleichgültig auf den Tisch. Ein Blutfleck ward sichtbar; er schien zu schaudern, aber er wiederholte noch einmal sehr bestimmt: „Ich kenne sie nicht.“ Der Gerichtsschreiber seufzte vor Unmuth. Er selbst wußte um nichts mehr, und hatte nur einen Ver- such zu möglicher Entdeckung durch Ueberraschung machen wollen. Es blieb nichts übrig, als das Verhör zu schließen. Denjenigen, die vielleicht auf den Ausgang dieser Begebenheit gespannt sind, muß ich sagen, daß diese Geschichte nie aufgeklärt wurde, obwohl noch viel dafür geschah und diesem Verhöre mehrere folgten. Den Blaukitteln schien durch das Auf- sehen, das der Vorgang gemacht und die darauf folgenden geschärften Maßregeln der Muth genommen; sie waren von nun an wie verschwunden, und ob- gleich späterhin noch mancher Holzfrevler erwischt wurde, fand man doch nie Anlaß, ihn der be- rüchtigten Bande zuzuschreiben. Die Axt lag zwanzig Jahre nachher als unnützes corpus delicti im Gerichtsarchiv, wo sie wohl noch jetzt ruhen mag mit ihren Rostflecken. Es würde in einer erdichteten Geschichte Unrecht sein, die Neugier des Lesers so zu täuschen. Aber dies Alles hat sich wirklich zu- getragen; ich kann nichts davon oder dazu thun. Am nächsten Sonntage stand Friedrich sehr früh auf, um zur Beichte zu gehen. Es war Mariä Himmelfahrt und die Pfarrgeistlichen schon vor Tagesanbruch im Beichtstuhle. Nachdem er sich im Finstern angekleidet, ver- ließ er so geräuschlos wie möglich den engen Ver- schlag, der ihm in Simons Hause eingeräumt war. In der Küche mußte sein Gebetbuch auf dem Sims liegen und er hoffte, es mit Hülfe des schwachen Mondlichtes zu finden; es war nicht da. Er warf die Augen suchend umher und fuhr zu- sammen; in der Kammerthür stand Simon, fast unbekleidet, seine dürre Gestalt, sein ungekämmtes, wirres Haar und die vom Mondschein verursachte Blässe des Gesichts gaben ihm ein schauerlich ver- ändertes Ansehen. „Sollte er nachtwandeln?“ dachte Friedrich, und verhielt sich ganz still. — „Friedrich, wohin?“ flüsterte der Alte. — „Ohm, seid Ihr’s? ich will beichten gehen.“ — „Das dacht ich mir; geh’ in Gottes Namen, aber beichte wie ein guter Christ.“ — „Das will ich,“ sagte Friedrich. — „Denk an die zehn Gebote: du sollst kein Zeugniß ablegen gegen deinen Nächsten.“ — „Kein falsches!“ — „Nein, gar keines; du bist schlecht unterrichtet; wer einen andern in der Beichte anklagt, der empfängt das Sakrament unwürdig.“ Beide schwiegen. — „Ohm, wie kommt Ihr darauf?“ sagte Friedrich dann; „Eu’r Gewissen ist nicht rein; Ihr habt mich belogen.“ — „Ich? so?“ — „Wo ist Eure Axt?“ — „Meine Axt? auf der Tenne.“ — „Habt Ihr einen neuen Stiel hinein gemacht? wo ist der alte?“ — „Den kannst du heute bei Tage im Holzschuppen finden.“ „Geh,“ fuhr er verächtlich fort, „ich dachte du seiest ein Mann; aber du bist ein altes Weib, das gleich meint das Haus brenne, wenn ihr Feuer- topf raucht. Sieh,“ fuhr er fort, „wenn ich mehr von der Geschichte weiß, als der Thürpfosten da, so will ich ewig nicht selig werden. Längst war ich zu Haus,“ fügte er hinzu. — Friedrich stand be- klemmt und zweifelnd. Er hätte viel darum ge- geben, seines Ohms Gesicht sehen zu können. Aber während sie flüsterten, hatte der Himmel sich bewölkt. „Ich habe schwere Schuld,“ seufzte Friedrich, „daß ich ihn den unrechten Weg geschickt — ob- gleich — doch, dies hab ich nicht gedacht, nein, gewiß nicht. Ohm, ich habe Euch ein schweres Ge- wissen zu danken.“ — „So geh, beicht!“ flüsterte Simon mit bebender Stimme; „verunehre das Sa- crament durch Angeberei und setze armen Leuten einen Spion auf den Hals, der schon Wege finden wird, ihnen das Stückchen Brod aus den Zähnen zu reißen, wenn er gleich nicht reden darf — geh!“ Friedrich stand unschlüssig; er hörte ein leises Geräusch; die Wolken verzogen sich, das Mondlicht fiel wieder auf die Kammerthür: sie war geschlossen. Friedrich ging an diesem Morgen nicht zur Beichte. Der Eindruck, den dieser Vorfall auf Friedrich gemacht, erlosch leider nur zu bald. Wer zweifelt daran, daß Simon Alles that, seinen Adoptivsohn dieselben Wege zu leiten, die er selber ging? Und in Friedrich lagen Eigenschaften, die dies nur zu sehr erleichterten: Leichtsinn, Erregbarkeit, und vor Allem ein grenzenloser Hochmuth, der nicht immer den Schein verschmähte, und dann Alles daran setzte, durch Wahrmachung des Usurpirten möglicher Beschämung zu entgehen. Seine Natur war nicht unedel, aber er gewöhnte sich, die innere Schande der äußern vorzuziehen. Man darf nur sagen, er gewöhnte sich zu prunken, während seine Mutter darbte. Diese unglückliche Wendung seines Charakters war indessen das Werk mehrerer Jahre, in denen man bemerkte, daß Margreth immer stiller über ihren Sohn ward und allmählich in einen Zustand der Verkommenheit versank, den man früher bei ihr für unmöglich gehalten hätte. Sie wurde scheu, saum- selig, sogar unordentlich, und Manche meinten, ihr Kopf habe gelitten. Friedrich ward desto lauter; er versäumte keine Kirchweih oder Hochzeit, und da ein sehr empfindliches Ehrgefühl ihn die geheime Miß- billigung Mancher nicht übersehen ließ, war er gleich- sam unter Waffen, der öffentlichen Meinung nicht sowohl Trotz zu bieten, als sie den Weg zu leiten, der ihm gefiel. Er war äußerlich ordentlich, nüch- tern, anscheinend treuherzig, aber listig, prahlerisch und oft roh, ein Mensch, an dem Niemand Freude haben konnte, am wenigsten seine Mutter, und der dennoch durch seine gefürchtete Kühnheit und noch 13 mehr gefürchtete Tücke ein gewisses Uebergewicht im Dorfe erlangt hatte, das um so mehr anerkannt wurde, je mehr man sich bewußt war, ihn nicht zu kennen und nicht berechnen zu können, wessen er am Ende fähig sei. Nur ein Bursch im Dorfe, Wilm Hülsmeyer, wagte im Bewußtsein seiner Kraft und guter Verhältnisse ihm die Spitze zu bieten; und da er gewandter in Worten war, als Friedrich, und immer, wenn der Stachel saß, einen Scherz daraus zu machen wußte, so war dies der Einzige, mit dem Friedrich ungern zusammentraf. Vier Jahre waren verflossen; es war im Oc- tober; der milde Herbst von 1760, der alle Scheunen mit Korn und alle Keller mit Wein füllte, hatte seinen Reichthum auch über diesen Erdwinkel strömen lassen, und man sah mehr Betrunkene, hörte von mehr Schlägereien und dummen Streichen, als je. Ueberall gab’s Lustbarkeiten; der blaue Montag kam in Aufnahme, und wer ein paar Thaler erübrigt hatte, wollte gleich eine Frau dazu, die ihm heute essen und morgen hungern helfen könne. Da gab es im Dorfe eine tüchtige, solide Hochzeit, und die Gäste durften mehr erwarten, als eine verstimmte Geige, ein Glas Branntwein und was sie an guter Laune selber mitbrachten. Seit früh war Alles auf den Beinen; vor jeder Thüre wurden Kleider ge- lüftet, und B. glich den ganzen Tag einer Trödel- bude. Da viele Auswärtige erwartet wurden, wollte Jeder gern die Ehre des Dorfes oben halten. Es war 7 Uhr Abends und Alles in vollem Gange; Jubel und Gelächter an allen Enden, die niedern Stuben zum Ersticken angefüllt mit blauen, rothen und gelben Gestalten, gleich Pfandställen, in denen eine zu große Heerde eingepfercht ist. Auf der Tenne ward getanzt, das heißt, wer zwei Fuß Raum erobert hatte, drehte sich darauf immer rund um und suchte durch Jauchzen zu ersetzen, was an Bewegung fehlte. Das Orchester war glänzend, die erste Geige als anerkannte Künstlerin prädominirt die zweite und eine große Baßviole mit drei Saiten von Dilettanten ad libitum gestrichen; Branntwein und Kaffee im Ueberflusse, alle Gäste von Schweiß triefend; kurz, es war ein köstliches Fest. Friedrich stolzirte umher wie ein Hahn, im neuen himmelblauen Rock, und machte sein Recht als erster Elegant geltend. Als auch die Gutsherr- schaft anlangte, saß er gerade hinter der Baßgeige und strich die tiefste Saite mit großer Kraft und vielem Anstand. „Johannes!“ rief er gebieterisch, und heran trat sein Schützling von dem Tanzplatze, wo er auch seine ungelenken Beine zu schlenkern und eins zu jauchzen versucht hatte. Friedrich reichte ihm den Bogen, gab durch eine stolze Kopfbewegung seinen 13* Willen zu erkennen und trat zu den Tanzenden. „Nun lustig, Musikanten: den Papen van Istrup!“ Der beliebte Tanz ward gespielt und Friedrich machte Sätze vor den Augen seiner Herrschaft, daß die Kühe an der Tenne die Hörner zurückzogen und Kettengeklirr und Gebrumme an ihren Ständern herlief. Fußhoch über die Andern tauchte sein blonder Kopf auf und nieder, wie ein Hecht, der sich im Wasser überschlägt; an allen Enden schrieen Mäd- chen auf, denen er zum Zeichen der Huldigung mit einer raschen Kopfbewegung sein langes Flachshaar in’s Gesicht schleuderte. „Jetzt ist es gut!“ sagte er endlich und trat schweißtriefend an den Kredenztisch; „die gnädigen Herrschaften sollen leben und alle die hochadeligen Prinzen und Prinzessinnen, und wer’s nicht mit- trinkt, den will ich an die Ohren schlagen, daß er die Engel singen hört!“ Ein lautes Vivat beant- wortete den galanten Toast. — Friedrich machte seinen Bückling. — „Nichts für ungut, gnädige Herrschaften; wir sind nur ungelehrte Bauers- leute!“ In diesem Augenblick erhob sich ein Getümmel am Ende der Tenne, Geschrei, Schelten, Gelächter, alles durcheinander. „Butterdieb, Butterdieb!“ riefen ein paar Kinder, und heran drängte sich, oder viel- mehr ward geschoben, Johannes Niemand, den Kopf zwischen die Schultern ziehend und mit aller Macht nach dem Ausgange strebend. — „Was ist’s? was habt ihr mit unserm Johannes?“ rief Friedrich gebieterisch. „Das sollt Ihr früh genug gewahr werden,“ keuchte ein altes Weib mit der Küchenschürze und einem Wischhader in der Hand. — Schande! Jo- hannes, der arme Teufel, dem zu Hause das Schlech- teste gut genug sein mußte, hatte versucht, sich ein halbes Pfündchen Butter für die kommende Dürre zu sichern, und ohne daran zu denken, daß er es, sauber in sein Schnupftuch gewickelt, in der Tasche geborgen, war er an’s Küchenfeuer getreten und nun rann das Fett schmählich die Rockschöße entlang. Allgemeiner Aufruhr; die Mädchen sprangen zu- rück, aus Furcht, sich zu beschmutzen, oder stießen den Delinquenten vorwärts. Andere machten Platz, so- wohl aus Mitleid als Vorsicht. Aber Friedrich trat vor: „Lumpenhund!“ rief er; ein paar derbe Maul- schellen trafen den geduldigen Schützling; dann stieß er ihn an die Thür und gab ihm einen tüchtigen Fußtritt mit auf den Weg. Er kehrte niederge- schlagen zurück; seine Würde war verletzt, das all- gemeine Gelächter schnitt ihm durch die Seele, ob er sich gleich durch einen tapfern Juchheschrei wieder in den Gang zu bringen suchte — es wollte nicht mehr recht gehen. Er war im Begriff, sich wieder hinter die Baßviole zu flüchten; doch zuvor noch ein Knalleffekt: er zog seine silberne Taschenuhr hervor, zu jener Zeit ein seltener und kostbarer Schmuck. „Es ist bald zehn,“ sagte er. „Jetzt den Braut- menuet! ich will Musik machen.“ „Eine prächtige Uhr!“ sagte der Schweinehirt und schob sein Gesicht in ehrfurchtsvoller Neu- gier vor. „Was hat sie gekostet?“ rief Wilm Hüls- meyer, Friedrichs Nebenbuhler. — „Willst du sie bezahlen?“ fragte Friedrich. — „Hast du sie be- zahlt?“ antwortete Wilm. Friedrich warf einen stolzen Blick auf ihn und griff in schweigender Ma- jestät zum Fidelbogen. — „Nun, nun,“ sagte Hülsmeyer, „dergleichen hat man erlebt. Du weißt wohl, der Franz Ebel hatte auch eine schöne Uhr, bis der Jude Aaron sie ihm wieder abnahm.“ — Friedrich antwortete nicht, sondern winkte stolz der ersten Violine, und sie begannen aus Leibeskräften zu streichen. Die Gutsherrschaft war indessen in die Kammer getreten, wo der Braut von den Nachbarfrauen das Zeichen ihres neuen Standes, die weiße Stirnbinde, umgelegt wurde. Das junge Blut weinte sehr, theils weil es die Sitte so wollte, theils aus wahrer Beklemmung. Sie sollte einem verworrenen Haus- halt vorstehen, unter den Augen eines mürrischen alten Mannes, den sie noch obendrein lieben sollte. Er stand neben ihr, durchaus nicht wie der Bräu- tigam des hohen Liedes, der „in die Kammer tritt wie die Morgensonne.“ — „Du hast nun genug geweint,“ sagte er verdrießlich; „bedenk, du bist es nicht, die mich glücklich macht, ich mache dich glück- lich!“ — Sie sah demüthig zu ihm auf, und schien zu fühlen, daß er Recht habe. — Das Geschäft war beendigt; die junge Frau hatte ihrem Manne zugetrunken, junge Spaßvögel hatten durch den Dreifuß geschaut, ob die Binde gerade sitze, und man drängte sich wieder der Tenne zu, von wo unauslöschliches Gelächter und Lärm herüberschallte. Friedrich war nicht mehr dort. Eine große, uner- trägliche Schmach hatte ihn getroffen, da der Jude Aaron, ein Schlächter und gelegentlicher Althändler aus dem nächsten Städtchen, plötzlich erschienen war, und nach einem kurzen, unbefriedigenden Zwiegespräch ihn laut vor allen Leuten um den Betrag von zehn Thalern für eine schon um Ostern gelieferte Uhr gemahnt hatte. Friedrich war wie vernichtet fortgegangen und der Jude ihm gefolgt, immer schreiend: „O weh mir! warum hab’ ich nicht gehört auf vernünftige Leute! Haben sie mir nicht hun- dertmal gesagt, Ihr hättet all Eu’r Gut am Leibe und kein Brod im Schranke!“ — Die Tenne tobte von Gelächter; manche hatten sich auf den Hof nachgedrängt. — „Packt den Juden! wiegt ihn gegen ein Schwein!“ riefen Einige; Andere waren ernst geworden. — „Der Friedrich sah so blaß aus wie ein Tuch,“ sagte eine alte Frau, und die Menge theilte sich, wie der Wagen des Gutsherrn in den Hof lenkte. Herr von S. war auf dem Heimwege verstimmt, die jedesmalige Folge, wenn der Wunsch, seine Popularität aufrecht zu erhalten, ihn bewog, solchen Festen beizuwohnen. Er sah schweigend aus dem Wagen. „Was sind denn das für ein paar Figuren?“ — Er deutete auf zwei dunkle Gestalten, die vor dem Wagen rannten wie Strauße. Nun schlüpften sie in’s Schloß. — „Auch ein paar selige Schweine aus unserm eigenen Stall!“ seufzte Herr von S. — Zu Hause angekommen, fand er die Haus- flur vom ganzen Dienstpersonal eingenommen, das zwei Kleinknechte umstand, welche sich blaß und athemlos auf der Stiege niedergelassen hatten. Sie behaupteten, von des alten Mergels Geist verfolgt worden zu sein, als sie durch’s Brederholz heim- kehrten. Zuerst hatte es über ihnen an der Höhe gerauscht und geknistert; darauf hoch in der Luft ein Geklapper, wie von aneinander schlagenden Stöcken; plötzlich ein gellender Schrei und ganz deutlich die Worte: „O weh, meine arme Seele!“ hoch von oben herab. Der Eine wollte auch glü- hende Augen durch die Zweige funkeln gesehen haben, und Beide waren gelaufen, was ihre Beine ver- mochten. „Dummes Zeug!“ sagte der Gutsherr ver- drießlich und trat in die Kammer, sich umzukleiden. Am andern Morgen wollte die Fontaine im Garten nicht springen, und es fand sich, daß Jemand eine Röhre verrückt hatte, augenscheinlich um nach dem Kopfe eines vor vielen Jahren hier verscharrten Pferdegerippes zu suchen, der für ein bewährtes Mittel wider allen Hexen- und Geisterspuck gilt. „Hm,“ sagte der Gutsherr, „was die Schelme nicht stehlen, das verderben die Narren.“ Drei Tage später tobte ein furchtbarer Sturm. Es war Mitternacht, aber Alles im Schlosse außer dem Bett. Der Gutsherr stand am Fenster und sah besorgt in’s Dunkle, nach seinen Feldern hin- über. An den Scheiben flogen Blätter und Zweige her; mitunter fuhr ein Ziegel hinab und schmetterte auf das Pflaster des Hofes. „Furchtbares Wetter!“ sagte Herr von S. Seine Frau sah ängstlich aus. „Ist das Feuer auch gewiß gut verwahrt?“ sagte sie; „Gretchen, sieh noch einmal nach, gieß es lieber ganz aus! Kommt, wir wollen das Evangelium Johannis beten.“ Alles kniete nieder und die Haus- frau begann: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.“ — Ein furchtbarer Donnerschlag. Alle fuhren zusammen; dann furchtbares Geschrei und Getümmel die Treppe heran. — „Um Gotteswillen! brennt es?“ rief Frau von S. und sank mit dem Gesichte auf den Stuhl. Die Thüre ward aufgerissen und herein stürzte die Frau des Juden Aaron, bleich wie der Tod, das Haar wild um den Kopf, von Regen triefend. Sie warf sich vor dem Gutsherrn auf die Kniee. „Gerechtigkeit!“ rief sie, „Gerechtigkeit! mein Mann ist erschlagen!“ und sank ohnmächtig zusammen. Es war nur zu wahr, und die nachfolgende Untersuchung bewies, daß der Jude Aaron durch einen Schlag an die Schläfe mit einem stumpfen Instrumente, wahrscheinlich einem Stabe, sein Leben verloren hatte durch einen einzigen Schlag. An der linken Schläfe war der blaue Fleck, sonst keine Verletzung zu finden. Die Aussagen der Jüdin und ihres Knechtes Samuel lauteten so: Aaron war vor drei Tagen am Nachmittage ausgegangen, um Vieh zu kaufen, und hatte dabei gesagt, er werde wohl über Nacht ausbleiben, da noch einige böse Schuldner in B. und S. zu mahnen seien. In diesem Falle werde er in B. beim Schlachter Sa- lomon übernachten. Als er am folgenden Tage nicht heimkehrte, war seine Frau sehr besorgt geworden und hatte sich endlich um drei Uhr Nachmittags in Begleitung ihres Knechtes und des großen Schlächter- hundes auf den Weg gemacht. Beim Juden Sa- lomon wußte man nichts von Aaron; er war gar nicht da gewesen. Nun waren sie zu allen Bauern gegangen, von denen sie wußten, daß Aaron einen Handel mit ihnen im Auge hatte. Nur zwei hatten ihn gesehen, und zwar an demselben Tage, an welchem er ausgegangen. Es war darüber sehr spät geworden. Die große Angst trieb das Weib nach Haus, wo sie ihren Mann wiederzufinden eine schwache Hoffnung nährte. So waren sie im Brederholz vom Gewitter überfallen worden und hatten unter einer großen, am Berg- hange stehenden Buche Schutz gesucht; der Hund hatte unterdessen auf eine auffallende Weise umher- gestöbert und sich endlich, trotz allem Locken, im Walde verlaufen. Mit einem Male sieht die Frau beim Leuchten des Blitzes etwas Weißes neben sich im Moose. Es ist der Stab ihres Mannes, und fast im selben Augenblicke bricht der Hund durch’s Gebüsch und trägt etwas im Maule: es ist der Schuh ihres Mannes. Nicht lange, so ist in einem mit dürrem Laube gefüllten Graben der Leichnam des Juden gefunden. Dies war die Angabe des Knechtes, von der Frau nur im Allgemeinen unterstützt; ihre über- große Spannung hatte nachgelassen und sie schien jetzt halb verwirrt oder vielmehr stumpfsinnig. „Aug’ um Auge, Zahn um Zahn!“ dies waren die einzigen Worte, die sie zuweilen hervorstieß. In derselben Nacht noch wurden die Schützen aufgeboten, um Friedrich zu verhaften. Der Anklage bedurfte es nicht, da Herr von S. selbst Zeuge eines Auftritts gewesen war, der den dringendsten Ver- dacht auf ihn werfen mußte; zudem die Gespenster- geschichte von jenem Abende, das Aneinanderschlagen der Stäbe im Brederholz, der Schrei aus der Höhe. Da der Amtsschreiber gerade abwesend war, so be- trieb Herr von S. selbst alles rascher, als sonst geschehen wäre. Dennoch begann die Dämmerung bereits anzubrechen, bevor die Schützen so geräuschlos wie möglich das Haus der armen Margreth um- stellt hatten. Der Gutsherr selber pochte an; es währte kaum eine Minute, bis geöffnet ward und Margreth völlig angekleidet in der Thüre erschien. Herr von S. fuhr zurück; er hatte sie fast nicht erkannt, so blaß und steinern sah sie aus. „Wo ist Friedrich?“ fragte er mit unsicherer Stimme. „Sucht ihn,“ antwortete sie und setzte sich auf einen Stuhl. Der Gutsherr zögerte noch einen Augenblick. „Herein, herein!“ sagte er dann barsch; „worauf warten wir?“ Man trat in Friedrichs Kammer. Er war nicht da, aber das Bett noch warm. Man stieg auf den Söller, in den Keller, stieß in’s Stroh, schaute hinter jedes Faß, sogar in den Backofen; er war nicht da. Einige gingen in den Garten, sahen hinter den Zaun und in die Apfelbäume hinauf; er war nicht zu finden. „Entwischt!“ sagte der Gutsherr mit sehr ge- mischten Gefühlen: der Anblick der alten Frau wirkte gewaltig auf ihn. „Gebt den Schlüssel zu jenem Koffer.“ — Margreth antwortete nicht. — „Gebt den Schlüssel!“ wiederholte der Gutsherr, und merkte jetzt erst, daß der Schlüssel steckte. Der Inhalt des Koffers kam zum Vorschein; des Ent- flohenen gute Sonntagskleider und seiner Mutter ärmlicher Staat; dann zwei Leichenhemden mit schwarzen Bändern, das eine für einen Mann, das andere für eine Frau gemacht. Herr von S. war tief erschüttert. Ganz zu unterst auf dem Boden des Koffers lag die silberne Uhr und einige Schrif- ten von sehr leserlicher Hand, eine derselben von einem Manne unterzeichnet, den man in starkem Verdacht der Verbindung mit den Holzfrevlern hatte. Herr von S. nahm sie mit zur Durchsicht, und man verließ das Haus, ohne daß Margreth ein anderes Lebenszeichen von sich gegeben hätte, als daß sie unaufhörlich die Lippen nagte und mit den Augen zwinkerte. Im Schlosse angelangt, fand der Gutsherr den Amtsschreiber, der schon am vorigen Abend heimgekommen war und behauptete, die ganze Ge- schichte verschlafen zu haben, da der gnädige Herr nicht nach ihm geschickt. „Sie kommen immer zu spät,“ sagte Herr von S. verdrießlich. „War denn nicht irgend ein altes Weib im Dorfe, das Ihrer Magd die Sache erzählte? und warum weckte man Sie dann nicht?“ „Gnädiger Herr,“ versetzte Kapp, „allerdings hat meine Anne Marie den Handel um eine Stunde früher erfahren als ich; aber sie wußte, daß Ihre Gnaden die Sache selbst leiteten, und dann,“ fügte er mit klagender Miene hinzu, „daß ich so todtmüde war!“ — „Schöne Polizei!“ murmelte der Guts- herr, „jede alte Schachtel im Dorf weiß Bescheid, wenn es recht geheim zugehen soll.“ Dann fuhr er heftig fort: „Das müßte wahrhaftig ein dummer Teufel von Delinquenten sein, der sich packen ließe!“ Beide schwiegen eine Weile. „Mein Fuhrmann hatte sich in der Nacht verirrt,“ hob der Amts- schreiber wieder an; „über eine Stunde lang hielten wir im Walde; es war ein Mordwetter; ich dachte, der Wind werde den Wagen umreißen. Endlich, als der Regen nachließ, fuhren wir in Gottes Namen darauf los, immer in das Zellerfeld hinein, ohne eine Hand vor den Augen zu sehen. Da sagte der Kutscher: „wenn wir nur nicht den Steinbrüchen zu nahe kommen!“ Mir war selbst bange; ich ließ halten und schlug Feuer, um wenigstens etwas Un- terhaltung an meiner Pfeife zu haben. Mit einem Male hörten wir ganz nah, perpendicular unter uns die Glocke schlagen. Ew. Gnaden mögen glauben, daß mir fatal zu Muth wurde. Ich sprang aus dem Wagen, denn seinen eigenen Beinen kann man trauen, aber denen der Pferde nicht. So stand ich, in Koth und Regen, ohne mich zu rühren, bis es Gottlob sehr bald anfing zu dämmern. Und wo hielten wir? dicht an der Heerser Tiefe und den Thurm von Heerse gerade unter uns. Wären wir noch zwanzig Schritte weiter gefahren, wir wären alle Kinder des Todes gewesen.“ — „Das war in der That kein Spaß,“ versetzte der Gutsherr, halb versöhnt. Er hatte unterdessen die mitgenommenen Pa- piere durchgesehen. Es waren Mahnbriefe um ge- liehene Gelder, die meisten von Wucherern. „Ich hatte nicht gedacht,“ murmelte er, „daß die Mergels so tief drin steckten.“ — „Ja, und daß es so an den Tag kommen muß,“ versetzte Kapp; „das wird kein kleiner Aerger für Frau Margreth sein.“ — „Ach Gott, die denkt jetzt daran nicht!“ Mit diesen Worten stand der Gutsherr auf und verließ das Zimmer, um mit Herrn Kapp die gerichtliche Leichen- schau vorzunehmen. — Die Untersuchung war kurz, gewaltsamer Tod erwiesen, der vermuthliche Thäter entflohen, die Anzeigen gegen ihn zwar gravirend, doch ohne persönliches Geständniß nicht beweisend, seine Flucht allerdings sehr verdächtig. So mußte die gerichtliche Verhandlung ohne genügenden Erfolg geschlossen werden. Die Juden der Umgegend hatten großen An- theil gezeigt. Das Haus der Wittwe ward nie leer von Jammernden und Rathenden. Seit Menschengedenken waren nicht so viel Juden beisammen in L. gesehen worden. Durch den Mord ihres Glaubensgenossen auf’s Aeußerste erbittert, hatten sie weder Mühe noch Geld gespart, dem Thäter auf die Spur zu kommen. Man weiß sogar, daß einer derselben, gemeinhin der Wucherjoel genannt, einem seiner Kunden, der ihm mehrere Hunderte schuldete und den er für einen besonders listigen Kerl hielt, Erlaß der ganzen Summe angeboten hatte, falls er ihm zur Verhaftung des Mergel verhelfen wolle; denn der Glaube war allgemein unter den Juden, daß der Thäter nur mit guter Beihülfe entwischt und wahrscheinlich noch in der Umgegend sei. Als dennoch Alles nichts half und die gerichtliche Ver- handlung für beendet erklärt worden war, erschien am nächsten Morgen eine Anzahl der angesehensten Israeliten im Schlosse, um dem gnädigen Herrn einen Handel anzutragen. Der Gegenstand war die Buche, unter der Arons Stab gefunden und wo der Mord wahrscheinlich verübt worden war. — „Wollt ihr sie fällen? so mitten im vollen Laube?“ fragte der Gutsherr. „Nein, Ihro Gnaden, sie muß stehen bleiben im Winter und Sommer, so lange ein Span daran ist.“ — „Aber, wenn ich nun den Wald hauen lasse, so schadet es dem jungen Aufschlag.“ — „Wollen wir sie doch nicht um gewöhnlichen Preis.“ Sie boten 200 Thaler. Der Handel ward ge- schlossen und allen Förstern streng eingeschärft, die Judenbuche auf keine Weise zu schädigen. Darauf sah man an einem Abende wohl gegen sechszig Juden, ihren Rabbiner an der Spitze, in das Brederholz ziehen, alle schweigend und mit gesenkten Augen. Sie blieben über eine Stunde im Walde und kehrten dann ebenso ernst und feierlich zurück, durch das Dorf B. bis in das Zellerfeld, wo sie sich zerstreuten und Jeder seines Weges ging. Am nächsten Morgen stand an der Buche mit dem Beil eingehauen: שׂ שֶׂה לִי אִם חַעַמּר בַּמָּקוֹם הַזֶּה יִכְּגַע בָּך כַּאֲשֶׁר אַתָּח 14 Und wo war Friedrich? Ohne Zw-ifel fort, weit genug, um die kurzen Arme einer so schwachen Polizei nicht mehr fürchten zu dürfen. Er war bald verschollen, vergessen. Ohm Simon redete selten von ihm, und dann schlecht; die Judenfrau tröstete sich am Ende und nahm einen andern Mann. Nur die arme Margreth blieb ungetröstet. Etwa ein halbes Jahr nachher las der Guts- herr einige eben erhaltene Briefe in Gegenwart des Amtsschreibers. „Sonderbar, sonderbar!“ sagte er. „Denken Sie sich, Kapp, der Mergel ist vielleicht unschuldig an dem Morde. So eben schreibt mir der Prä- sident des Gerichtes zu P.: „Le vrai n’est pas toujours vraisemblable; das erfahre ich oft in meinem Berufe und jetzt neuerdings. Wissen Sie wohl, daß Ihr lieber Getreuer, Friedrich Mergel, den Juden mag eben so wenig erschlagen haben, als ich oder Sie? Leider fehlen die Beweise, aber die Wahrscheinlichkeit ist groß. Ein Mitglied der Schlemming’schen Bande (die wir jetzt, nebenbei gesagt, größtentheis unter Schloß und Riegel haben), Lumpenmoises genannt, hat im letzten Verhöre ausgesagt, daß ihn nichts so sehr gereue, als der Mord eines Glaubensgenossen, Aaron, den er im Walde erschlagen und doch nur sechs Groschen bei ihm gefunden habe. Leider ward das Verhör durch die Mittags- stunde unterbrochen, und während wir tafelten, hat sich der Hund von einem Juden an einem Strumpf- bande erhängt. Was sagen Sie dazu? Aaron ist zwar ein verbreiteter Name u. s. w. — „Was sagen Sie dazu?“ wiederholte der Gutsherr: „und weshalb wäre der Esel von einem Burschen denn gelaufen?“ Der Amtsschreiber dachte nach. — „Nun, vielleicht der Holzfrevel wegen, mit denen wir ja gerade in Untersuchung waren. Heißt es nicht: der Böse läuft vor seinem eigenen Schatten? Mergels Gewissen war schmutzig genug auch ohne diesen Flecken.“ Dabei beruhigte man sich. Friedrich war hin, verschwunden und — Johannes Niemand, der arme, unbeachtete Johannes, am gleichen Tage mit ihm. Eine schöne lange Zeit war verflossen, acht- undzwanzig Jahre, fast die Hälfte eines Menschen- lebens; der Gutsherr war sehr alt und grau ge- worden, sein gutmüthiger Gehülfe Kapp längst be- graben. Menschen, Thiere und Pflanzen waren entstanden, gereift, vergangen, nur Schloß B. sah immer gleich grau und vornehm auf die Hütten herab, die wie alte hektische Leute immer fallen zu wollen schienen und immer standen. 14* Es war am Vorabende des Weihnachtsfestes den 24. December 1788. Tiefer Schnee lag in den Hohlwegen, wohl an zwölf Fuß hoch, und eine durchdringende Frost- luft machte die Fensterscheiben in der geheizten Stube gefrieren. Mitternacht war nahe, dennoch flimmerten überall matte Lichtchen aus den Schnee- hügeln, und in jedem Hause lagen die Einwohner auf den Knieen, um den Eintritt des heiligen Christ- festes mit Gebet zu erwarten, wie dies in katho- lischen Ländern Sitte ist, oder wenigstens damals allgemein war. Da bewegte sich von der Breder Höhe herab eine Gestalt langsam gegen das Dorf; der Wanderer schien sehr matt oder krank; er stöhnte schwer und schleppte sich äußerst mühsam durch den Schnee. An der Mitte des Hanges stand er still, lehnte sich auf seinen Krückenstab und starrte unverwandt auf die Lichtpunkte. Es war so still überall, so todt und kalt; man mußte an Irrlichter auf Kirch- höfen denken. Nun schlug es zwölf im Thurm; der letzte Schlag verdröhnte langsam und im nächsten Hause erhob sich ein leiser Gesang, der, von Hause zu Hause schwellend, sich über das ganze Dorf zog: Ein Kindelein so löbelich Ist uns geboren heute, Von einer Jungfran säuberlich, Deß freu’n sich alle Leute; Und wär das Kindlein nicht gebor’n, So wären wir alle zusammen verlor’n: Das Heil ist unser Aller. O du mein liebster Jesu Christ, Der du als Mensch geboren bist, Erlös uns von der Hölle! Der Mann am Hange war in die Knie ge- sunken und versuchte mit zitternder Stimme einzu- fallen: es ward nur ein lautes Schluchzen daraus, und schwere, heiße Tropfen fielen in den Schnee. Die zweite Strophe begann; er betete leise mit; dann die dritte und vierte. Das Lied war geendigt und die Lichter in den Häusern begannen sich zu bewegen. Da richtete der Mann sich mühselig auf und schlich langsam hinab in das Dorf. An mehrern Häusern keuchte er vorüber, dann stand er vor einem still und pochte leise an. „Was ist denn das?“ sagte drinnen eine Frauenstimme; „die Thüre klappert und der Wind geht doch nicht.“ — Er pochte stärker. — „Um Gotteswillen, laßt einen halberfrornen Menschen ein, der aus der türkischen Sklaverei kommt!“ — Geflüster in der Küche. „Geht in’s Wirthshaus,“ antwortete eine andere Stimme; „das fünfte Haus von hier!“ — „Um Gottes Barmherzigkeit willen, laßt mich ein! ich habe kein Geld.“ — Nach einigem Zögern ward die Thür geöffnet und ein Mann leuchtete mit der Lampe hinaus. — „Kommt nur herein;“ sagte er dann, „Ihr werdet uns den Hals nicht abschneiden.“ In der Küche befanden sich außer dem Manne eine Frau in den mittlern Jahren, eine alte Mutter und fünf Kinder. Alle drängten sich um den Ein- tretenden her und musterten ihn mit scheuer Neu- gier. Eine armselige Figur! mit schiefem Halse, gekrümmtem Rücken, die ganze Gestalt gebrochen und kraftlos; langes, schneeweißes Haar hing um sein Gesicht, das den verzogenen Ausdruck langen Leidens trug. Die Frau ging schweigend an den Heerd und legte frisches Reisig zu. — „Ein Bett können wir Euch nicht geben,“ sagte sie; „aber ich will hier eine gute Streu machen; Ihr müßt Euch schon so behelfen.“ — „Gott’s Lohn!“ versetzte der Fremde; „ich bin’s wohl schlechter gewohnt.“ — Der Heimgekehrte ward als Johannes Niemand erkannt, und er selbst bethätigte, daß er derselbe sei, der einst mit Friedrich Mergel entflohen. Das Dorf war am folgenden Tage voll von den Abenteuern des so lange Verschollenen. Jeder wollte den Mann aus der Türkei sehen, und man wunderte sich beinahe, daß er noch aus- sehe wie andere Menschen. Das junge Volk hatte zwar keine Erinnerungen von ihm, aber die Alten fanden seine Züge noch ganz wohl heraus, so er- bärmlich entstellt er auch war. „Johannes, Johannes, was seid Ihr grau geworden!“ sagte eine alte Frau. „Und woher habt Ihr den schiefen Hals?“ — „Vom Holz und Wasser tragen in der Sklaverei,“ versetzte er. „Und was ist aus Mergel geworden? Ihr seid doch zusammen fortgelaufen?“ „Freilich wohl; aber ich weiß nicht, wo er ist, wir sind von einander gekommen. Wenn Ihr an ihn denkt, betet für ihn,“ fügte er hinzu, „er wird es wohl nöthig haben.“ Man fragte ihn, warum Friedrich sich denn aus dem Staube gemacht, da er den Juden doch nicht erschlagen? — „Nicht?“ sagte Johannes und horchte gespannt auf, als man ihm erzählte, was der Gutsherr geflissentlich verbreitet hatte, um den Fleck von Mergels Namen zu löschen. — „Also ganz umsonst,“ sagte er nachdenkend, „ganz um- sonst so viel ausgestanden!“ Er seufzte tief und fragte nun seinerseits nach Manchem. Simon war lange todt, aber zuvor noch ganz verarmt, durch Prozesse und böse Schuldner, die er nicht gerichtlich belangen durfte, weil es, wie man sagte, zwischen ihnen keine reine Sache war. Er hatte zuletzt Bettelbrod gegessen und war in einem fremden Schuppen auf dem Stroh ge- storben. Margreth hatte länger gelebt, aber in völliger Geistesstumpfheit. Die Leute im Dorf waren es bald müde ge- worden, ihr beizustehen, da sie alles verkommen ließ, was man ihr gab, wie es denn die Art der Menschen ist, gerade die Hülflosesten zu verlassen, solche, bei denen der Beistand nicht nachhaltig wirkt und die der Hülfe immer gleich bedürftig bleiben. Dennoch hatte sie nicht eigentlich Noth gelitten; die Gutsherrschaft sorgte sehr für sie, schickte ihr täglich das Essen und ließ ihr auch ärztliche Be- handlung zukommen, als ihr kümmerlicher Zustand in völlige Abzehrung übergegangen war. In ihrem Hause wohnte jetzt der Sohn des ehemaligen Schweinehirten, der an jenem unglücklichen Abende Friedrichs Uhr so sehr bewundert hatte. — „Alles hin, Alles todt!“ seufzte Johannes. Am Abend, als es dunkel geworden war und der Mond schien, sah man ihn im Schnee auf dem Kirchhofe umherhumpeln; er betete bei keinem Grabe, ging auch an keines dicht hinan, aber auf einige schien er aus der Ferne starre Blicke zu heften. So fand ihn der Förster Brandes, der Sohn des Erschlagenen, den die Gutsherrschaft abgeschickt hatte, ihn in’s Schloß zu holen. Beim Eintritt in das Wohnzimmer sah er scheu umher, wie vom Licht geblendet, und dann auf den Baron, der sehr zusammengefallen in seinem Lehnstuhl saß, aber noch immer mit den hellen Augen und dem rothen Käppchen auf dem Kopfe wie vor achtundzwanzig Jahren; neben ihm die gnädige Frau, auch alt, sehr alt geworden. „Nun, Johannes,“ sagte der Gutsherr, „erzähl mir einmal recht ordentlich von deinen Abenteuern. Aber,“ er musterte ihn durch die Brille, „du bist ja erbärmlich mitgenommen in der Türkei!“ — Johannes begann: wie Mergel ihn Nachts von der Heerde abgerufen und gesagt, er müsse mit ihm fort. — „Aber warum lief der dumme Junge denn? Du weißt doch, daß er unschuldig war?“ — Johannes sah vor sich nieder: „Ich weiß nicht recht, mich dünkt, es war wegen Holz- geschichten. Simon hatte so allerlei Geschäfte; mir sagte man nichts davon, aber ich glaube nicht, daß Alles war, wie es sein sollte.“ — „Was hat denn Friedrich dir gesagt?“ — „Nichts, als daß wir laufen müßten, sie wären hinter uns her. So liefen wir bis Heerse; da war es noch dunkel und wir versteckten uns hinter das große Kreuz am Kirchhofe bis es etwas heller wurde, weil wir uns vor den Steinbrüchen am Zellerfelde fürchteten, und wie wir eine Weile gesessen hatten, hörten wir mit einemmale über uns schnauben und stampfen und sahen lange Feuerstrahlen in der Luft gerade über dem Heerser Kirchthurm. Wir sprangen auf und liefen, was wir konnten in Gottes Namen gerade aus, und wie es dämmerte, waren wir wirklich auf dem rechten Wege nach P.“ Johannes schien noch vor der Erinnerung zu schaudern, und der Gutsherr dachte an seinen seligen Kapp und dessen Abenteuer am Heerser Hange. — „Sonderbar!“ lachte er, „so nah wart ihr einander! aber fahr fort.“ — Johannes erzählte nun, wie sie glücklich durch P. und über die Grenze gekommen. Von da hatten sie sich als wandernde Hand- werksbursche durchgebettelt bis Freiburg im Breis- gau. „Ich hatte meinen Brodsack bei mir,“ sagte er, „und Friedrich ein Bündelchen; so glaubte man uns.“ — In Freiburg hatten sie sich von den Oestreichern anwerben lassen: ihn hatte man nicht gewollt, aber Friedrich bestand darauf. So kam er unter den Train. „Den Winter über blieben wir in Freiburg,“ fuhr er fort, „und es ging uns ziemlich gut; mir auch, weil Friedrich mich oft erinnerte und mir half, wenn ich etwas verkehrt machte. Im Frühling mußten wir marschiren, nach Ungarn, und im Herbst ging der Krieg mit den Türken los. Ich kann nicht viel davon nach- sagen, denn ich wurde gleich in der ersten Affaire gefangen und bin seitdem sechsundzwanzig Jahre in der türkischen Sklaverei gewesen!“ — „Gott im Himmel! das ist doch schrecklich!“ sagte Frau von S. — „Schlimm genug, die Türken halten uns Christen nicht besser als Hunde; das Schlimmste war, daß meine Kräfte unter der harten Arbeit vergingen; ich ward auch älter und sollte noch immer thun wie vor Jahren.“ Er schwieg eine Weile. „Ja,“ sagte er dann, „es ging über Menschen- kräfte und Menschengeduld; ich hielt es auch nicht aus. — Von da kam ich auf ein holländisches Schiff.“ — „Wie kamst du denn dahin?“ fragte der Gutsherr. — „Sie fischten mich auf aus dem Bosporus,“ versetzte Johannes. Der Baron sah ihn befremdet an und hob den Finger warnend auf; aber Johannes erzählte weiter. Auf dem Schiffe war es ihm nicht viel besser gegangen. „Der Skorbut riß ein; wer nicht ganz elend war, mußte über Macht arbeiten, und das Schiffstau regierte eben so streng wie die türkische Peitsche.“ „Endlich,“ schloß er, „als wir nach Holland kamen, nach Amsterdam, ließ man mich frei, weil ich unbrauchbar war, und der Kaufmann, dem das schiff gehörte, hatte auch Mitleiden mit mir und wollte mich zu seinem Pförtner machen. Aber“ — er schüttelte den Kopf — „ich bettelte mich lieber durch bis hieher.“ — „Das war dumm ge- nug,“ sagte der Gutsherr. Johannes seufzte tief: „O Herr, ich habe mein Leben zwischen Türken und Ketzern zubringen müssen, soll ich nicht wenigstens auf einem katholischen Kirchhofe liegen?“ Der Gutsherr hatte seine Börse gezogen: „Da Johannes, nun geh und komm bald wieder. Du mußt mir das Alles noch ausführlicher erzählen; heute ging es etwas konfus durch einander.“ „Du bist wohl noch sehr müde?“ — „Sehr müde,“ versetzte Johannes; „und,“ er deutete auf seine Stirn, „meine Gedanken sind zuweilen so kurios, ich kann nicht recht sagen, wie es so ist.“ — „Ich weiß schon,“ sagte der Baron, „von alter Zeit her. Jetzt geh. Hülsmeyers behalten dich wohl noch die Nacht über, morgen komm wieder.“ Herr von S. hatte das innigste Mitleiden mit dem armen Schelm; bis zum folgenden Tage war überlegt worden, wo man ihn einmiethen könne; essen sollte er täglich im Schlosse, und für Kleidung fand sich auch wohl Rath. — „Herr,“ sagte Jo- hannes, „ich kann auch noch wohl etwas thun; ich kann hölzerne Löffel machen, und Ihr könnt mich auch als Boten schicken.“ Herr von S. schüttelte mitleidig den Kopf: „Das würde doch nicht sonderlich ausfallen.“ — „O doch Herr, wenn ich erst im Gange bin — es geht nicht schnell, aber hin komme ich doch, und es wird mir auch nicht so sauer, wie man denken sollte.“ — „Nun,“ sagte der Baron zweifelnd, „willst du’s versuchen? hier ist ein Brief nach P. Es hat keine sonderliche Eile.“ Am folgenden Tage bezog Johannes sein Kämmerchen bei einer Wittwe im Dorfe. Er schnitzelte Löffel, aß auf dem Schlosse und machte Botengänge für den gnädigen Herrn. Im Ganzen ging’s ihm leidlich; die Herrschaft war sehr gütig, und Herr von S. unterhielt sich oft lange mit ihm über die Türkei, den östreichischen Dienst und die See. „Der Johannes könnte viel erzählen,“ sagte er zu seiner Frau, „wenn er nicht so grundeinfältig wäre.“ — „Mehr tiefsinnig als einfältig,“ versetzte sie; „ich fürchte immer, er schnappt noch über.“ — „Ei bewahre!“ antwortete der Baron, „er war sein Lebenlang ein Simpel; simple Leute werden nie verrückt.“ Nach einiger Zeit blieb Johannes auf einem Botengange über Gebühr lange aus. Die gute Frau von S. war sehr besorgt um ihn und wollte schon Leute aussenden, als man ihn die Treppe heraufstelzen hörte. „Du bist lange ausgeblieben, Johannes,“ sagte sie; „ich dachte schon, du hättest dich im Brederholz verirrt.“ „Ich bin durch den Föhrengrund gegangen.“ „Das ist ja ein weiter Umweg; warum gingst du nicht durch’s Brederholz?“ Er sah trübe zu ihr auf: „Die Leute sagten mir, der Wald sei gefällt, und jetzt seien so viele Kreuz- und Querwege darin, da fürchtete ich, nicht wieder hinauszukommen. Ich werde alt und du- selig,“ fügte er langsam hinzu. — „Sahst du wohl,“ sagte Frau von S. nachher zu ihrem Manne, „wie wunderlich und quer er aus den Augen sah? Ich sage dir, Ernst, das nimmt noch ein schlimmes Ende.“ Indessen nahte der September heran. Die Felder waren leer, das Laub begann abzufallen und mancher Hektische fühlte die Scheere an seinem Le- bensfaden. Auch Johannes schien unter dem Ein- flusse des nahen Aequinoctiums zu leiden; die ihn in diesen Tagen sahen, sagten, er habe auffallend verstört ausgesehen und unaufhörlich leise mit sich selber geredet, was er auch sonst mitunter that, aber selten. Endlich kam er eines Abends nicht nach Hause. Man dachte, die Herrschaft habe ihn ver- schickt, am zweiten auch nicht, am dritten ward seine Hausfrau ängstlich. Sie ging in’s Schloß und fragte nach. — „Gott bewahre,“ sagte der Guts- herr, „ich weiß nichts von ihm; aber geschwind den Jäger gerufen und Försters Wilhelm! Wenn der armselige Krüppel,“ setzte er bewegt hinzu, „auch nur in einen trockenen Graben gefallen ist, so kann er nicht wieder heraus. Wer weiß, ob er nicht gar eines von seinen schiefen Beinen gebrochen hat! — Nehmt die Hunde mit,“ rief er den abziehenden Jägern nach, „und sucht vor Allem in den Gräben; seht in die Steinbrüche!“ rief er lauter. Die Jäger kehrten nach einigen Stunden heim; sie hatten keine Spur gefunden. Herr von S. war in großer Unruhe: „Wenn ich mir denke, daß Einer so liegen muß wie ein Stein, und kann sich nicht helfen! Aber er kann noch leben; drei Tage hält’s ein Mensch wohl ohne Nahrung aus.“ Er machte sich selbst auf den Weg; in allen Häusern wurde nachgefragt, überall in die Hörner geblasen, ge- rufen, die Hunde zum Suchen angehetzt — um- sonst! — Ein Kind hatte ihn gesehen, wie er am Rande des Brederholzes saß und an einem Löffel schnitzelte; „er schnitt ihn aber ganz entzwei,“ sagte das kleine Mädchen. Das war vor zwei Tagen gewesen. Nachmittags fand sich wieder eine Spur: abermals ein Kind, das ihn an der andern Seite des Waldes bemerkt hatte, wo er im Gebüsch ge- sessen, das Gesicht auf den Knieen, als ob er schliefe. Das war noch am vorigen Tage. Es schien, er hatte sich immer um das Brederholz herumgetrieben. „Wenn nur das verdammte Buschwerk nicht so dicht wäre! da kann keine Seele hindurch,“ sagte der Gutsherr. Man trieb die Hunde in den jungen Schlag; man blies und hallohte und kehrte endlich mißvergnügt heim, als man sich überzeugt, daß die Thiere den ganzen Wald abgesucht hatten. — „Laßt nicht nach! laßt nicht nach!“ bat Frau von S.; „besser ein paar Schritte umsonst, als daß etwas versäumt wird.“ Der Baron war fast ebenso beängstigt wie sie. Seine Unruhe trieb ihn sogar nach Johannes Wohnung, obwohl er sicher war, ihn dort nicht zu finden. Er ließ sich die Kam- mer des Verschollenen aufschließen. Da stand sein Bett noch ungemacht, wie er es verlassen hatte, dort hing sein guter Rock, den ihm die gnädige Frau aus dem alten Jagdkleide des Herrn hatte machen lassen; auf dem Tische ein Napf, sechs neue hölzerne Löffel und eine Schachtel. Der Gutsherr öffnete sie; fünf Groschen lagen darin, sauber in Papier gewickelt, und vier silberne Westenknöpfe; der Gutsherr betrachtete sie aufmerk- sam. „Ein Andenken von Mergel,“ murmelte er und trat hinaus, denn ihm ward ganz beengt in dem dumpfen, engen Kämmerchen. Die Nachsuchungen wurden fortgesetzt, bis man sich überzeugt hatte, Johannes sei nicht mehr in der Gegend, wenigstens nicht lebendig. So war er denn zum zweitenmal verschwunden; ob man ihn wiederfinden würde — vielleicht ein- mal nach Jahren seine Knochen in einem trockenen Graben? ihn lebend wieder zu sehen, dazu war wenig Hoffnung, und jedenfalls nach achtundzwanzig Jahren gewiß nicht. Vierzehn Tage später kehrte der junge Brandes Morgens von einer Besichtigung seines Reviers durch das Brederholz heim. Es war ein für die Jahres- zeit ungewöhnlich heißer Tag; die Luft zitterte, kein Vogel sang, nur die Raben krächzten langweilig aus den Aesten und hielten ihre offenen Schnäbel der Luft entgegen. Brandes war sehr ermüdet. Bald nahm er seine von der Sonne durchglühte Kappe ab, bald setzte er sie wieder auf. Es war Alles gleich unerträglich, das Arbeiten durch den kniehohen Schlag sehr beschwerlich. Rings umher kein Baum außer der Judenbuche. Dahin strebte er denn auch aus allen Kräften und ließ sich todtmatt auf das beschattete Moos darunter nieder. Die Kühle zog so angenehm durch seine Glieder, daß er die Augen schloß. „Schändliche Pilze!“ murmelte er halb im Schlaf. Es giebt nämlich in jener Gegend eine Art sehr saftiger Pilze, die nur ein paar Tage 15 stehen, dann einfallen und einen unerträglichen Ge- ruch verbreiten. Brandes glaubte solche unangenehme Nachbarn zu spüren, er wandte sich ein paarmal hin und her, mochte aber doch nicht aufstehen; sein Hund sprang unterdessen umher, kratzte am Stamm der Buche und bellte hinauf. „Was hast du da, Bello? eine Katze?“ murmelte Brandes. Er öffnete die Wimper halb und die Judenschrift fiel ihm in’s Auge, sehr ausgewachsen, aber doch noch ganz kennt- lich. Er schloß die Augen wieder; der Hund fuhr fort zu bellen und legte endlich seinem Herrn die kalte Schnauze an’s Gesicht. „Laß mich in Ruh! was hast du denn?“ Hiebei sah Brandes, wie er so auf dem Rücken lag, in die Höhe, sprang dann mit einem Satze auf und wie besessen in’s Gestrüpp hinein. Todtenbleich kam er auf dem Schlosse an: in der Judenbuche hänge ein Mensch; er habe die Beine gerade über seinem Gesichte hängen sehen. — „Und du hast ihn nicht abgeschnitten, Esel?“ rief der Baron. „Herr,“ keuchte Brandes, „wenn Ew. Gnaden da gewesen wären, so wüßten Sie wohl, daß der Mensch nicht mehr lebt. Ich glaubte Anfangs, es seien die Pilze.“ — Dennoch trieb der Gutsherr zur größten Eile und zog selbst mit hinaus. Sie waren unter der Buche angelangt. „Ich sehe nichts,“ sagte Herr von S. — „Hierher müssen Sie treten, hierher, an diese Stelle!“ — Wirklich, dem war so: der Gutsherr erkannte seine eigenen abgetragenen Schuhe. „Gott, es ist Johannes! — Setzt die Leiter an! — so — nun herunter! — sacht, sacht! laßt ihn nicht fallen! — Lieber Himmel, die Würmer sind schon daran! Macht dennoch die Schlinge auf und die Halsbinde.“ Eine breite Narbe ward sicht- bar; der Gutsherr fuhr zurück. „Mein Gott!“ sagte er; er beugte sich wieder über die Leiche, betrachtete die Narbe mit großer Aufmerksamkeit und schwieg eine Weile in tiefer Erschütterung. Dann wandte er sich zu dem Förster: „Es ist nicht recht, daß der Unschuldige für den Schul- digen leide; sage es nur allen Leuten: der da“ — er deutete auf den Todten — „war Friedrich Mergel.“ Die Leiche ward auf dem Schindanger ver- scharrt. Dies hat sich nach allen Hauptumständen wirklich so begeben im September des Jahres 1788. Die hebräische Schrift an dem Baume heißt: „Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir gethan hast.“ 15* Bilder aus Westphalen. (1840.) 1. Die Physiognomie des Landes Paderborn, Münster, der Grafschaft Mark und des Herzogthums Westphalen. W enn wir von Westphalen reden, so be- greifen wir darunter einen großen, sehr verschiedenen Landstrich, verschieden nicht nur den weit aus- einanderliegenden Stammwurzeln seiner Bevölkerung nach, sondern auch in Allem, was die Physiognomie des Landes bildet, oder wesentlich darauf zurück- wirkt, in Klima, Naturform, Erwerbsquellen, und, als Folge dessen, in Cultur, Sitten, Charakter, und selbst Körperbildung seiner Bewohner: daher möch- ten wohl wenige Theile unseres Deutschlands einer so vielseitigen Beleuchtung bedürfen. Zwar giebt es ein Element, das dem Ganzen, mit Ausnahme einiger kleinen Grenzprovinzen, für den oberflächlichen Beobachter einen Anhauch von Gleichförmigkeit verleiht, ich meine das des gleichen (katholischen) Religionscultus und des gleichen frü- heren Lebens unter den Krummstäben, was in seiner festen Form und gänzlicher Beschränkung auf die nächsten Zustände, immer dem Volkscharakter und selbst der Natur einen Charakter von bald beschau- licher, bald in sich selbst arbeitender Abgeschlossenheit giebt, den wohl erst eine lange Reihe von Jahren, und die Folge mehrerer, unter fremden Einflüssen herangebildeter Generationen völlig verwischen dürf- ten. Das schärfere Auge wird indessen sehr bald von Abstufungen angezogen, die in ihren Endpunkten sich fast zum Contraste steigern, und, bei der noch großentheils erhaltenen Volksthümlichkeit, dem Lande ein Interesse zuwenden, was ein vielleicht besserer, aber zerflossener Zustand nicht erregen könnte. — Gebirg und Fläche scheinen auch hier, wie überall, die schärferen Grenzlinien bezeichnen zu wollen; doch haben, was das Volk betrifft, Umstände die ge- wöhnliche Folgenreihe gestört, und statt aus dem flachen, haidigen Münsterland, durch die hügelige Grafschaft Mark und das Bisthum Paderborn, bis in die, dem Hochgebirge nahestehenden Bergkegel des Sauerlandes (Herzogthum Westphalen) sich der Natur nachzumetamorphosiren, bildet hier vielmehr der Sauerländer den Uebergang vom friedlichen Haidebewohner zum wilden, fast südlich durchglühten Insassen des Teutoburger Waldes. — Doch lassen wir dies beiläufig bei Seite und fassen die Land- schaft in’s Auge, unabhängig von ihren Bewohnern, insofern die Einwirkung derselben (durch Cultur ꝛc.) auf deren äußere Form dies erlaubt. Wir haben bei Wesel die Ufer des Niederrheins verlassen und nähern uns durch das, auf der Karte mit Unrecht Westphalen zugezählte, noch echt rhei- nische Herzogthum Cleve, den Grenzen jenes Landes. Das allmähliche Verlöschen des Grüns und der Betriebsamkeit; das Zunehmen der glänzenden Sand- dünen und einer gewissen lauen träumerischen At- mosphäre, sowie die aus den seltenen Hütten immer blonder und weicher hervorschauenden Kindergesichter sagen uns, daß wir sie überschritten haben, — wir sind in den Grenzstrichen des Bisthums Münster. — Eine trostlose Gegend! unabsehbare Sandflächen, nur am Horizonte hier und dort von kleinen Wal- dungen und einzelnen Baumgruppen unterbrochen. — Die von Seewinden geschwängerte Luft scheint nur im Schlafe aufzuzucken. — Bei jedem Hauche geht ein zartes, dem Rauschen der Fichten ähnliches Ge- riesel über die Fläche, und säet den Sandkies in glühenden Streifen bis an die nächste Düne, wo der Hirt in halb somnambüler Beschaulichkeit seine Socken strickt und sich so wenig um uns kümmert, als sein gleichfalls somnambüler Hund und seine Haidschnucken. Schwärme badender Krähen liegen quer über den Pfad, und flattern erst auf, wenn wir sie fast greifen könnten, um einige Schritte seit- wärts wieder niederzufallen, und uns im Vorübergehen mit einem weissagenden Auge, „ oculo torvo sini- stroque “ zu betrachten. Aus den einzelnen Wach- holderbüschen dringt das klagende, mövenartige Geschrill der jungen Kibitze, die wie Taucher-Vögel im Schilf in ihrem stachlichen Asyle umschlüpfen, und bald hier bald dort ihre Federbüschel hervor- strecken. Dann noch etwa jede Meile eine Hütte, vor deren Thür ein paar Kinder sich im Sande wälzen und Käfer fangen, und allenfalls ein wan- dernder Naturforscher, der neben seinem überfüllten Tornister kniet und lächelnd die zierlich versteinerten Muscheln und Seeigel betrachtet, die wie Modelle einer früheren Schöpfung hier überall verstreut lie- gen, — und wir haben Alles genannt, was eine lange Tagereise hindurch eine Gegend belebt, die keine andere Poesie aufzuweisen hat, als die einer fast jungfräulichen Einsamkeit, und einer weichen, traumhaften Beleuchtung, in der sich die Flügel der Phantasie unwillkürlich entfalten. Allmählich bereiten sich indessen freundlichere Bilder vor, — zerstreute Grasflächen in den Niederungen, häufigere und frischere Baumgruppen begrüßen uns als Vorposten nahender Fruchtbarkeit, und bald befinden wir uns in dem Herzen des Münsterlandes, in einer Gegend, die so anmuthig ist, wie der gänzliche Mangel an Gebirgen, Felsen und belebten Strömen dieses nur immer gestattet, und die wie eine große Oase, in dem sie von allen Seiten, nach Holland, Olden- burg, Cleve zu, umstäubenden Sandmeer liegt. In hohem Grade friedlich, hat sie doch nichts von dem Charakter der Einöde, vielmehr mögen wenige Land- schaften so voll Grün, Nachtigallenschlag und Blu- menflor angetroffen werden, und der aus minder feuchten Gegenden Einwandernde wird fast betäubt vom Geschmetter der zahllosen Singvögel, die ihre Nahrung in dem weichen Kleiboden finden. Die wüsten Steppen haben sich in mäßige, mit einer Haideblumendecke farbig überhauchte Weidestrecken zusammengezogen, aus denen jeder Schritt Schwärme blauer, gelber und milchweißer Schmetterlinge auf- stäuben läßt. Fast jeder dieser Weidegründe enthält einen Wasserspiegel, von Schwertlilien umkränzt, an denen Tausende kleiner Libellen wie bunte Stäbchen hängen, während die der größeren Art bis auf die Mitte des Weihers schnurren, wo sie in die Blätter der gelben Nymphäen wie goldene Schmucknadeln in emaillirte Schalen niederfallen, und dort auf die Wasserinsekten lauern, von denen sie sich nähren. Das Ganze umgrenzen kleine, aber zahlreiche Wal- dungen. Alles Laubholz, und namentlich ein Eichen- bestand von tadelloser Schönheit, der die holländische Marine mit Masten versieht — in jedem Baume ein Nest, auf jedem Aste ein lustiger Vogel und überall eine Frische des Grüns und ein Blätterduft, wie dieses anderwärts nur nach einem Frühlings- regen der Fall ist. Unter den Zweigen lauschen die Wohnungen hervor, die langgestreckt, mit tief nieder- ragendem Dache, im Schatten Mittagsruhe zu halten und mit halbgeschlossenem Auge nach den Rindern zu schauen scheinen, welche hellfarbig und gescheckt, wie eine Damwildheerde sich gegen das Grün des Waldbodens, oder den blassen Horizont abzeichnen, und in wechselnden Gruppen durcheinander schieden, da diese Haiden immer Almenden sind, und jede wenigstens sechzig Stück Hornvieh und darüber ent- hält. — Was nicht Wald und Haide ist, ist Kamp, d. h. Privateigenthum, zu Acker und Wiesengrund benutzt, und, um die Beschwerde des Hütens zu vermeiden, je nach dem Umfange des Besitzes oder der Bestimmung, mit einem hohen, von Laubholz überflatterten Erdwalle umhegt. — Dieses begreift die fruchtbarsten Grundstrecken der Gemeinde, und man trifft gewöhnlich lange Reihen solcher Kämpe nach- und nebeneinander, durch Stege und Pförtchen verbunden, die man mit jener angenehmen Neugier betritt, mit der man die Zimmer eines dachlosen Hauses durchwandert. Wirklich geben auch vorzüg- lich die Wiesen einen äußerst heitern Anblick durch die Fülle und Mannigfaltigkeit der Blumen und Kräuter, in denen die Elite der Viehzucht, schwerer ostfriesischer Race, übersättigt wiederkaut, und den Vorübergehenden so träge und hochmüthig an- schnaubt, wie es nur der Wohlhäbigkeit auf vier Beinen erlaubt ist. Gräben und Teiche durchschneiden auch hier, wie überall, das Terrain, und würden, wie alles stehende Gewässer, widrig sein, wenn nicht eine weiße, von Vergißmeinnicht umwucherte Blü- thendecke und der aromatische Duft des Münzkrautes dem überwiegend entgegenwirkten; auch die Ufer der träg schleichenden Flüsse sind mit dieser Zierde ver- sehen, und mildern so das Unbehagen, das ein schläfriger Fluß immer erzeugt. — Kurz diese Gegend bietet eine lebhafte Einsamkeit, ein fröhliches Allein- sein mit der Natur, wie wir es anderwärts noch nicht angetroffen. — Dörfer trifft man alle Stunde Weges höchstens eines, und die zerstreuten Pachthöfe liegen so versteckt hinter Wallhecken und Bäumen, daß nur ein ferner Hahnenschrei, oder ein aus seiner Laubperrücke winkender Heiligenschein sie dir an- deutet, und du dich allein glaubst mit Gras und Vögeln, wie am vierten Tage der Schöpfung, bis ein langsames „Hott“ oder „Haar“ hinter der näch- sten Hecke dich aus dem Traume weckt, oder ein grellanschlagender Hofhund dich auf den Dachstreifen aufmerksam macht, der sich gerade neben dir, wie ein liegender Balken durch das Gestrüpp des Erd- walles zeichnet. — So war die Physiognomie des Landes bis heute, und so wird es nach vierzig Jahren nimmer sein. Bevölkerung und Luxus wachsen sicht- lich, mit ihnen Bedürfnisse und Industrie. Die kleinern malerischen Haiden werden getheilt; die Cultur des langsam wachsenden Laubwaldes wird vernachlässigt, um sich im Nadelholze einen schnelleren Ertrag zu sichern, und bald werden auch hier Fich- tenwälder und endlose Getreideseen den Charakter der Landschaft theilweise umgestaltet haben, wie auch ihre Bewohner von den uralten Sitten und Ge- bräuchen mehr und mehr ablassen; fassen wir des- halb das Vorhandene noch zuletzt in seiner Eigen- thümlichkeit auf, ehe die schlüpfrige Decke, die all- mählich Europa überfließt, auch diesen stillen Erd- winkel überleimt hat. Wir haben diesen Raum des Münsterlandes eine Oase genannt, so sind es auch wieder Steppen, Sand und Fichtenöden, die uns durch Paderborn, die ehemalige Residenz und Grenzstadt, in das Bis- thum gleichen Namens führen, wo die Ebene all- mählich zu Hügeln anschwillt, von denen jedoch die höchsten — der jenseitigen Grenze zu — die Höhe eines mäßigen Berges nicht übersteigen. — Hier ist die Physiognomie des Landes bei weitem nicht so anziehend, wie die seiner Bewohner, sondern ein ziemlich reizloser Uebergang von der Fläche zum Gebirge, ohne die Milde der ersteren oder die Groß- artigkeit des letzteren; — unabsehbare Getreidefelder, sich über Thal und Höhen ziehend, welche die Frucht- barkeit des Bodens bezeugen, aber das Auge er- müden, — Quellen und kleine Flüsse, die recht munter laufen, aber gänzlich ohne Geräusch und die phantastischen Sprünge der Bergwässer, — steinigter Grund, der, wo man nur den Spaten einstößt, treffliches Baumaterial liefert, aber nirgends eine Klippenwand vorstreckt, außer der künstlichen des Steinbruchs, — niedere Berge von gewöhnlicher Form, unter denen nur die bewaldeten auf einige Anmuth Anspruch machen können, bilden zusammen ein wenig hervorstechendes Ganze. Selbst der classische Teutoburger Wald, das einzige, zwar nicht durch Höhe, aber durch seine Ausdehnung und mitunter malerischen Formen imposante Waldgebirge, ist in neueren Zeiten so durchlichtet und nach der Schnur beforstet worden, daß wir nur mit Hülfe der rothen (eisenhaltigen) Erde, die fortwährend unter unsern Tritten knistert, sowie der unzähligen fliegenden Leuchtwürmchen, die hier in Sommernächten an jeden Zweig ihr Laternchen hängen, und eine rege Phantasie von „Stein, Gras und Grein“ träumen können. Doch fehlt es dem Lande nicht an ein- zelnen Punkten, wo das Zusammentreffen vieler kleiner Schönheiten wirklich reizende Partieen her- vorbringt, an hübschen grünen Thalschluchten, z. B. von Quellen durchrieselt, wo es sich recht an- muthig und sogar ein wenig schwindelnd durch die schlanken Stämme bergauf schauen läßt; liegt nun etwa noch ein Schlößchen droben, und gegenüber ein Steinbruch, der für’s Auge so ziemlich die Klippen ersetzt, so wird der wandernde Maler gewiß sein Album hervorlangen, und der benachbarte Flach- länder kehrt von seiner Ferienreise mit Stoff zu langen Erzählungen und Nachentzückungen heim; ein Dorf am Fuße des Berges kann übrigens das Bild nur verderben, da das Bisthum Paderborn hiervon ausgemacht die elendesten und rauchigsten Exemplare Westphalens aufzuweisen hat, ein Um- stand, zu dem Uebervölkerung und Leichtsinn der Einwohner in gleichen Theilen beitragen. Haben wir die paderbornsche Grenze — gleichviel ob zur Rechten oder zur Linken — überschritten, so beginnt der hochromantische Theil Westphalens, rechts das geistliche Fürstenthum Corvey, links die Grafschaft Mark; ersteres die mit Recht berühmten Weserlandschaften, das andere die gleichschönen Ruhr- und Lenne-Ufer umschließend. Diese beiden Pro- vinzen zeigen, obwohl der Lage nach getrennt, eine große Verwandtschaft der Natur, nur daß die eine durch segelnde Fahrzeuge, die andere durch das Pochen der Hämmer und Gewerke belebt wird; beide sind gleich lachend und fruchtbar, mit gleich wellen- förmigen, üppig belaubten Bergrücken geschmückt, in die sich nach und nach kühnere Formen und Klippenwände drängen, bis die Weserlandschaft, wie eine Schönheit, die ihren Scheitelpunkt erreicht hat, allmählich wieder einsinkt und gleichsam abwelkt, während von der Ruhr aus immer kühnere Gebirgs- formen in das Herz des Sauerlandes dringen, und sich durch die höchste romantische Wildheit bis zur Oede steigern. Daß die vielbesprochene Porta West- phalica nur einen geringen Beitrag zu jener Bilder- reihe steuert, und nur den letzten zweifelhaften beau jour der bereits verblichenen Weserschönheit aus- macht, ist schon öfters gesagt worden; desto reizender ist der Strombord in seinem Knospen, Erblühen und Reifen, das Corveyer Ländchen und die an- schließenden Striche entlang bis zur kurhessischen Grenze: so sanfte Berghänge und verschwimmende Gründe, wo Wasser und Land sich zu haschen und einander mit ihrer Frische anzuhauchen scheinen; so angenehme Kornfluren im Wechsel mit Wiese und Wald; so kokette Windungen des Stroms, daß wir in einem Garten zu wandeln glauben. — Immer mannichfaltiger wird die Landschaft, immer reicher schattirt von Laub- und Nadelholz, scharfen und wellenschlagenden Linien. — Hinter dem alten Schlosse Wehern und der Türkenruine hebt der Wildberg aus luftigen Hügeln, die ihn wie vom 16 Spiel ermüdete Kinder umlagern, seinen stachlichen Sargrücken, und scheint nur den Cathagenberg ge- genüber, der ihn wie das Knochengebäude eines vorweltlichen Ungeheuers aus rothen Augenhöhlen anstarrt, seiner Beachtung werth zu halten. Von hier an beginnen die Ufer steil zu werden, mit jeder Viertelstunde steiler, hohler und felsiger, und bald sehen wir von einer stundenlangen, mit Mauern und Geländern eingehegten Klippe die Schiffe unter uns gleiten, klein, wie Kinderspielzeug, und hören den Ruf der Schiffer, dünn wie Mövengeschrei, während hoch über uns von der Feldterrasse junge Laubzweige niederwinken, wie die Hände schöner Frauen von Burgzinnen. — Bei dem neu-antiken Schlosse Herstelle hat die Landschaft ihren Höhepunkt erreicht, und geht, nach einer reichen Aussicht die Weser entlang, und einem schwindelnden Nieder- blicke auf das hessische Grenzstädtchen Carlshafen, der Verflachung und überall dem Verfall entgegen. Diesen ähnliche Bilder bietet die Grafschaft Mark, von gleicher theils sanfter, theils kräftiger auftre- tenden Romantik, und durch die gleichen Mittel. Doch ist die Landschaft hier belebter, reicher an Quellengeräusch und Echo, die Flüsse kleiner und rascher, und statt Segel bei uns vorbeigleiten zu lassen, schreiten wir selbst an schäumenden Wehren und Mühlrädern vorüber, und hören schon weit her das Pochen der Gewerke, denn wir sind in einem Fabriklande. — Auch ist die Gegend anfangs, von der Nähe des Münsterlandes angehaucht, noch milder, die Thäler träumerischer, und tritt dagegen, wo sie sich dem eigentlichen Sauerlande nähert, schon kühner auf, als die Weser. Das „Felsenmeer“ unweit Menden z. B., ein Thal, wo Riesen mit wüsten Felswürfeln gespielt zu haben scheinen — und die Bergschlucht unter der Schloßruine und der bekannten Tropfsteinhöhle Klusenstein dürfen unbezweifelt einen ehrenvollen Platz im Gebiete des Wildromantischen ansprechen, sonderlich das Letzte und eben diese starr gegeneinander rückenden Fels- wände, an denen sich der kaum fußbreite Ziegenpfad windet — oben das alte Gemäuer, in der Mitte der schwarze Höllenschlund, unten im Kessel das Getöse und Geschäum der Mühle, zu der man nur vermittelst Planken und Stege gelangt, und wo es immer dämmert — sollen dem weiland vielgelesenen Spies den Rahmen zu einem seiner schlimmsten Schauerromane (ich glaube die Teufelsmühle im Höllenthal) geliefert haben. — Doch sind dieses Ausnahmen, die Landschaften durchgängig sanft, und würden, ohne die industrielle Regsamkeit ihrer Bewohner, entschieden träumerisch sein. Sobald wir die Fläche überschritten, verliert sich indessen das Milde mehr und mehr, und bald begegnet es uns 16* nur noch in einzelnen, gleichsam verirrten Partieen, die uns jetzt durch ihre Seltenheit so überraschend anregen, wie früher die kühneren Formen, von denen wir fortan durch tagelange Wanderungen fast über- sättigt werden. Der Sauerländer rühmt sich eines glorreichen Ursprungs seiner Benennung — dieses ist mir ein saures Land geworden, soll Karl der Große gesagt haben — und wirklich, wenn wir uns durch die mit Felsblöcken halb verrammelten Schluchten des Binnenlandes winden, unter Wänden her, deren Unersteiglichkeit wir mit schwindelndem Auge messen und aus denen sich kolossale Balkone strecken, breit und fest genug, eine wilde Berghorde zu tragen, so zweifeln wir nicht an der Wahrheit dieses Worts, mag es nun gesagt sein oder nicht. Das Gebirge ist wasserreich, und in den Thal- schlünden das Getöse der niederrauschenden und brodelnden Quellen fast betäubend, wogegen der Vogelgesang in den überhand nehmenden Fichten- waldungen mehr und mehr erstirbt, bis wir zuletzt nur Geier und Habichte die Felszacken umkreisen sehen, und ihre grellen Diebspfeifen sich hoch in der Luft antworten hören. Ueberall starren uns die schwarzen Eingänge der Stollen, Spalten und Stalaktitenhöhlen entgegen, deren Senkungen noch zum Theil nicht ergründet sind, und an die sich Sagen von Wegelagerern, Berggeistern und ver- hungerten Verirrten knüpfen. Das Ganze steht den wildesten Gegenden des Schwarzwaldes nicht nach, sonderlich, wenn es zu dunkeln beginnt, gehört viel kaltes Blut dazu, um sich eines mindestens poetischen Schauers zu erwehren, wenn das Volk der Eulen und Schuhu’s in den Spalten lebendig wird, und das Echo ihr Gewimmer von Wand zu Wand laufen läßt, und wenn die Hohöfen wie glü- hende Rachen aus den Schluchten gähnen, wirre Funkensäulen über sich aufblasen und Baum und Gestein umher mit rothem Brandscheine überzittern. In diesem Style nimmt die Landschaft immer an Wildheit zu, zuletzt Klippen bietend — auf denen man schon verirrte Ziegen hat tagelang umherschwanken sehen — bis die Zackenform der Berge allmählich kahlen Kegeln weicht, an denen noch wohl im hohen Mai Schneeflecke lagern, der Baumwuchs fast gänzlich eingeht und endlich bei „Winterberg“ die Gegend nur noch das Bild trostloser Oede beut, — kahle Zuckerhutformen, an denen hier und dort ein Fleck- chen magerer Hafersaat mehr gilbt als grünt. 2. Handelsgeist im Sauerlande. — Wilde Poesie in Pader- born. — Die Barackenbewohner. — Ihre Ehen. — Die Branntweinpest. — Sittenverderbniß. — Alte Gebräuche. — Aberglauben. — Besprechungen. — Rauflust. — Eine Gerichtsscene. W ir haben im Vorhergehenden den Charakter der Eingebornen bereits flüchtig angedeutet, und gesagt, daß, dem gewöhnlichen Einflusse der Natur auf ihre Zöglinge entgegen, am, verhältnißmäßig in einem zahmen Lande aufgenährten Paderborner der Stempel des Bergbewohners, sowohl moralisch als körperlich, weit entschiedener hervortritt, als an dem, durch seine Umgebung weit mehr dazu be- rechtigten Sauerländer. Der Grund liegt nahe; in den Handelsverhältnissen des Letzteren, die seine Heimath dem Fremden öffnen, und ihn selbst der Fremde zutreiben, wo unter kaufmännischer Cultur die Sitten, durch auswärtige Heirathen das Blut seines Stammes sich täglich mehr verdünnen, und wir müssen uns eher über die Kraft einer Ader wundern, die, von so vielen Quellen verwässert, doch noch durchgängig einen scharfen, festen Strich zeichnet, wie der Rhein durch den Bodensee. Der Sauerländer ist ungemein groß und wohlgebaut, vielleicht der größte Menschenschlag in Deutschland, aber von wenig geschmeidigen Formen; kolossale Körperkraft ist bei ihm gewöhnlicher, als Behendig- keit anzutreffen. Seine Züge, obwohl etwas breit und verflacht, sind sehr angenehm, und bei vor- herrschend lichtbraunem oder blondem Haare haben doch seine langbewimperten blauen Augen alle den Glanz und den dunkeln Blick der schwarzen. — Seine Physionogmie ist kühn und offen, sein An- stand ungezwungen, so daß man geneigt ist, ihn für ein argloseres Naturkind zu halten, als irgend einen seiner Mitwestphalen; dennoch ist nicht leicht ein Sauerländer ohne einen starken Zusatz von Schlauheit, Verschlossenheit und praktischer Ver- standesschärfe und selbst der sonst Beschränkteste unter ihnen wird gegen den gescheidtesten Münster- länder fast immer praktisch im Vortheil stehen. — Er ist sehr entschlossen, stößt sich dann nicht an Kleinigkeiten, und scheint eher zum Handel und gutem Fortkommen geboren, als dadurch und dazu herangebildet. Seine Neigungen sind heftig, aber wechselnd, und so wenig er sie Jemandes Wunsch zu Liebe aufgiebt, so leicht entschließt er sich aus eigener Einsicht oder Grille hierzu. — Er ist ein rastloser und zumeist glücklicher Spekulant, vom reichen Fabrikherrn, der mit Vieren fährt, bis zum abgerissenen Herumstreicher, der „Kirschen für Lumpen“ ausbietet; und hier findet sich der einzige Adel Westphalens, der sich durch Eisenhämmer, Papier- mühlen und Salzwerke dem Kaufmannsstande an- schließt. — Obwohl der Confession nach katholisch, ist das Fabrikvolk doch an vielen Orten bis zur Gleichgültigkeit lau, und lacht nur zu oft über die Schaaren frommer Wallfahrer, die vor seinen Gnadenbildern bestäubt und keuchend ihre Litaneien absingen, und an denen ihm der Klang des Geldes, das sie einführen, bei weitem die verdienstvollste Musik scheint. — Uebrigens besitzt der Sauerländer manche anziehende Seite; er ist muthig, besonnen, von scharfem aber kühlem Verstande, obwohl im Allgemeinen berechnend, doch aus Ehrgefühl be- deutender Aufopferungen fähig; und selbst der ge- ringste besitzt einen Anflug ritterlicher Galanterie und einen naiven Humor, der seine Unterhaltung äußerst angenehm für denjenigen macht, dessen Ohren nicht allzu zart sind. — Daß in einem Lande, wo drei Viertel der Bevölkerung, Mann, Weib und Kind, ihren Tag unter fremdem Dache (in den Fabrikstuben) zubringen, oder auf Handels- füßen das Land durchziehen, die häuslichen Ver- hältnisse sehr locker, gewissermaßen unbedeutend sind, begreift sich wohl; so wie aus dem Gesagten her- vorgeht, daß dort nicht der Hort der Träume und Mährchen, der charakteristischen Sitten und Ge- bräuche zu suchen ist; denn obwohl die Sage manche Kluft und unheimliche Höhle mit Berggeistern, und den Gespenstern Ermordeter, oder in den Irrgängen Verschmachteter bevölkert hat, so lacht doch jedes Kind darüber, und nur der minder beherzte oder phantasiereichere Reisende fährt zusammen, wenn ihm in dem schwarzen Schlunde etwa eine Eule entgegenwimmert, oder ein kalter Tropfen von den Steinzapfen in seinen Nacken rieselt. Kurz der Sohn der Industrie besitzt vom Bergbewohner nur die eiserne Gesundheit, Körperkraft und Entschlossen- heit, aber ohne den romantischen Anflug und die Phantasie, welche sich an großartigen Umgebungen zu entwickeln pflegen, — er liebt sein Land, ohne dessen Charakter herauszufühlen; er liebt seine Berge, weil sie Eisen und freien Athemzug; seine Felsen, weil sie vortreffliches Material und Fern- sichten, seine rauschenden Wasserfälle, weil sie den Fabrikrädern rascheren Umschwung geben, und das Ganze endlich, weil es seine Heimath und in dessen Luft ihm am wohlsten ist. — Seine Festlichkeiten sind nach den Umständen des Gastgebers, den städtischen möglichst nachgebildet; seine Trachten desgleichen. — Alles wie anderwärts, staubende Chausseen mit Frachtwagen und Einspännern bedeckt, — Wirthshäuser mit Kellern und gedruckten Speise- zetteln; einzelne Dörfer im tiefsten Gebirge sind noch strohdachig und verfallen genug, die meisten jedoch, nett wie alle Fabrikorte, erhalten allein durch die schwarze Schieferbekleidung und die mit Steinplatten beschwerten Dächer, die man hier der Rauhigkeit des Klima’s entgegensetzen muß, einen schwachen Anstrich von Ländlichkeit, und nur die Kohlen- brenner in den Waldungen, die bleichen Hammer- schmiede vor ihren Höllenfeuern, und die an den Stollen, mit Lederschurz und blitzendem Bleierz auf ihrem Kärrchen aus- und einfahrenden Berg- knappen geben der Landschaft hier und dort eine passende Staffage. Anders ist es im Hochstifte Paderborn, wo der Mensch eine Art wilder Poesie in die sonst nüchterne Umgebung bringt, und uns in die Abruzzen versetzen würde, wenn wir Phantasie ge- nug hätten, jene Gewitterwolke für ein mächtiges Gebirge, jenen Steinbruch für eine Klippe zu halten. — Nicht groß von Gestalt, hager und sehnig, mit scharfen, schlauen, tiefgebräunten, und vor der Zeit von Mühsal und Leidenschaft durchfurchten Zügen fehlt dem Paderborner nur das brandschwarze Haar zu einem entschieden südlichen Aussehen. — Die Männer sind oft hübsch und immer malerisch, die Frauen haben das Schicksal der Südländerinnen, eine frühe üppige Blüthe und ein frühes, zigeuner- haftes Alter. Nirgends giebt es so rauchige Dörfer, so dachluckige Hüttchen, als hier, wo ein unge- stümes Temperament einen starken Theil der Be- völkerung übereilten Heirathen zuführt, ohne ein anderes Kapital, als vier Arme und ein Dutzend zusammengebettelter und zusammengesuchter Balken, aus denen dann eine Art von Koben zusammen- gesetzt wird, eben groß genug für die Heerdstelle, das Ehebett, und allenfalls einen Verschlag, der den stolzen Namen Stube führt, in der That aber nur ein ungewöhnlich breiter und hoher Kasten mit einem oder zwei Fenstergläsern ist. — Besitzt das junge Paar Fleiß und Aus- dauer, so mögen nach und nach einige Verschläge angezimmert werden; hat es ungewöhnlichen Fleiß und Glück zugleich, so dürfte endlich eine bescheidene Menschenwohnung entstehen, häufig aber lassen Armuth und Nachlässigkeit es nicht hierzu kommen und wir selbst sahen einen bejahrten Mann, dessen Pallast zu kurz war um ausgestreckt darin zu schlafen, seine Beine ein gutes Ende in die Straße recken. — Selbst der Roheste ist schlau und zu allen Dingen geschickt, weiß jedoch selten nachhaltigen Vortheil daraus zu ziehen, da er sein Talent gar oft in kleinen Pfiffigkeiten, deren Ertrag er sofort vergeudet, erschöpft, und sich dem Einflusse von Winkeladvokaten hingiebt, die ihm über jeden Zaun- pfahl einen Prozeß einfädeln, der ihn völlig aus- saugt, fast immer zur Auspfändung, und häufig von Hof und Haus bringt. — Große Noth treibt ihn zu großen Anstrengungen, aber nur bis das dringendste Bedürfniß gestillt ist, — jeder erübrigte Groschen, den der Münsterländer sorglich zurück- legen, der Sauerländer in irgend ein Geschäft stecken würde, wird hier am liebsten von dem Kind der Armuth sofort dem Wirthe und Kleinhändler zu- getragen, und die Schenken sind meist gefüllt mit Glückseligen, die sich einen oder ein paar blaue Montage machen, um nachher wieder auf die alte Weise fort zu hungern und zu taglöhnern. — So verleben leider Viele, ohwohl in einem fruchtbaren Lande, und mit allen Naturgaben ausgerüstet, die sonst in der Welt voran bringen, ihre Jugend in Armuth und gehen einem elenden Alter am Bettel- stabe entgegen. — In seiner Verwahrlosung dem Aberglauben zugeneigt, glaubt der Unglückliche sehr fromm zu sein, während er seinem Gewissen die ungebührlichsten Ausdehnungen zumuthet. Wirklich stehen auch manche Pflichten seinen mit der Mutter- milch eingesogenen Ansichten von eigenem Rechte zu sehr entgegen, als daß er sie je begreifen sollte, — jene gegen den Gutsherrn zum Beispiel, den er noch seinem Naturrecht gern als einen Erbfeind oder Usurpator des eigentlich ihm zuständigen Bodens betrachtet, dem ein ächtes Landeskind nur aus List, um der guten Sache willen, schmeichle, und übri- gens Abbruch thun müsse, wo es immer könne. — Noch empörender scheinen ihm die Forst- und Jagdgesetze, da ja „unser Herrgott das Holz von selbst wachsen läßt, und das Wild aus einem Lande in das andere wechselt.“ Mit diesem Spruche im Munde glaubt der Frierende sich völlig berechtigt, jeden Förster, der ihn in flagranti überrascht, mit Schnupftaback zu blenden, und wie er kann mit ihm fertig zu werden. — Die Gutsbesitzer sind deshalb zu einem erschöpfenden Aufwande an Forst- beamten gezwungen, die den ganzen Tag und manche Nacht durchpatrouilliren, und doch die massivsten Forstfrevel, z. B. das Niederschlagen ganzer Wald- strecken in einer Nacht, nicht immer verhindern können. — Hier scheitern alle Anstrengungen der sehr ehrenwerthen Geistlichkeit, und selbst die Ver- sagung der Absolution im Beichtstuhle verliert ihre Kraft, wie bei dem Corsen, wenn es eine Vendetta gilt. — Noch vor dreißig Jahren war es etwas sehr gewöhnliches, beim Mondscheine langen Wagen- reihen zu begegnen, neben denen dreißig bis vierzig Männer hertrabten, das Beil auf der Schulter, den Ausdruck lauernder Entschlossenheit in den ge- bräunten Zügen und der nächste Morgen brachte dann gewiß, — je nachdem sie mit den Förstern zusammen getroffen, oder ihnen glücklich ausgewichen waren — die Geschichte eines blutigen Kampfes, oder eines grandiosen Waldfrevels. — Die Ueber- wachung der preußischen Regierung hat allerdings dieser Oeffentlichkeit ein Ziel gesetzt, jedoch ohne be- deutende Resultate in der Sache selbst, da die Frevler jetzt durch List ersetzen, was sie an Macht einbüßten, und es ist leider eine Thatsache, daß die Holzbedürftigen, sogar Beamte, von Leuten, denen doch, wie sie ganz wohl wissen, kein rechtlicher Splitter eigen ist, ihren Bedarf so ruhig nehmen, wie aller Orts Strandbewohner ihren Kaffee und Zucker von den Schmugglern zu nehmen pflegen. Daß auch dieser letztere Erwerbzweig hier dem Cha- rakter des Besitzlosen zu sehr zusagt, als daß er ihn vernachlässigen sollte, selbst wenn die mehr- stündige Entfernung der Grenze ihn mühsam, ge- fahrvoll und wenig einträglich zugleich macht, läßt sich wohl voraussetzen und fast bis im Herzen des Landes sehen wir bei abendlichen Spaziergängen kleine Truppen von Fünfen oder Sechsen hastig und ohne Gruß an uns vorüber der Wassergegend zustapfen und können sie in der Morgendämme- rung mit kleinen Bündeln, schweißtriefend und nicht selten mit verbundenem Kopfe oder Arme, wieder in ihre Baracken schlüpfen sehen. Zuweilen folgen die Zollbeamten ihnen stundenweit; die Dörfer des Binnenlandes werden durch nächtliche Schüsse und wüstes Geschrei aufgeschreckt, — am nächsten Morgen zeigen Gänge durchs Kornfeld, in welcher Richtung die Schmuggler geflohen; zerstampfte Flächen, wo sie sich mit den Zöllnern gepackt haben, und ein halbes Dutzend Taglöhner läßt sich bei seinem Dienstherrn krank melden. — Ihre Ehen, meist aus Leidenschaft und mit gänzlicher Rücksichtslosigkeit auf äußere Vortheile geschlossen, würden ander- wärts für höchst unglücklich gelten, da kaum eine Barackenbewohnerin ihr Leben beschließt, ohne Be- kanntschaft mit dem sogenannten „braunen Heinrich,“ dem Stocke nämlich, gemacht zu haben. Sie aber finden es ländlich, sittlich, und leben der Ueber- zeugung, daß eine gute Ehe wie ein gutes Gewebe zuerst des Einschlags bedarf, um nachher ein tüch- tiges Hausleinen zu liefern. Wollten wir eine Zusammenstellung der unteren Volksklassen nach den drei Hauptfarben Westphalens wagen, so würden wir sagen: der Sauerländer freit wie ein Kauf- mann, nach Geld und Geschicklichkeit und führt auch seine Ehe so — kühl und auf gemeinschaft- lichen Erwerb gerichtet. — Der Münsterländer freit wie ein Herrnhuther, gutem Rufe und dem Willen seiner Eltern gemäß, und liebt und trägt seine Ehe, wie ein aus Gottes Hand gefallenes Loos, in friedlicher Pflichterfüllung. — Der Paderborner Wildling aber, hat Erziehung und Zucht nichts an ihm gethan, wirbt wie ein derbes Naturkind mit allem Ungestüm seines heftigen Bluts. Mit seinen und den Eltern seiner Frau muß es daher auch oft zu heftigen Auftritten kommen. Er geht unter die Soldaten, oder läuft Gefahr zu verkommen, wenn seine Neigung unerwiedert bleibt. Die Ehe wird in diesen dürftigen Hütten den Frauen zum wahren Fegfeuer, bis sie sich zurechtgefunden; Flüche und Schimpfreden haben, wie bei den Matrosen, einen großen Theil ihrer Bedeutung verloren, und lassen eine rohe Art aufopfernder Liebe wohl neben sich bestehen. Ueber das Verderbniß der dienenden Klassen wird sehr geklagt: jedes noch so flüchtige Verhältniß zwischen den zwei Geschlechtern müsse streng überwacht werden von denen, welche ihr Haus rein von Scandal zu erhalten wünschen; selbst die Unteraufseher, Leute von gesetzten Jahren und sonst streng genug, scheinen taub und blind, sobald nicht ein wirkliches Verlöbniß, sondern nur der Glaube an eine ernstliche Absicht vorhanden sei: „die Beiden freien sich“ — und damit seien alle Schranken gefallen, obwohl aus zwanzig solcher Freiereien kaum eine Ehe hervorgehe und die Folgen davon den Gemeinden zur Last fielen. Auch die Branntweinpest fordert hier nicht wenige Opfer, und bei diesem heftigen Blut wirkt das Uebermaß um so wilder und gefährlicher. Diese Verwahr- losung ist um so mehr zu beklagen, da es auch dem Letzten nicht leicht an Talenten und geistigen Mitteln gebricht, und seine schlaue Gewandtheit, sein Muth, seine tiefen einwohnenden Leidenschaften, und vor Allem seine reine Nationalität, verbunden mit dem markirten Aeußern, ihn zu einem allerdings würdi- gen Gegenstande der Aufmerksamkeit machen. — Alter Gebräuche bei Festlichkeiten giebt es wenige und in seltener Anwendung, da der Paderborner jedem Zwange zu abgeneigt ist, als daß er sich eine Lust durch etwas, das nach Ceremoniell schmeckt, ver- derben solle. — Bei den Hochzeiten z. B. fällt wenig Besonderes vor, das allerwärts bekannte Schlüssel- und Brod-Ueberreichen findet auch hier statt, d. h. wo es, außer einer alten Truhe, etwas giebt, was des Schlüssels bedarf, — nachher geht Jeder seinem Jubel bei Tanz und Flasche nach, bis sich alles zum „Papen von Istrup“ stellt, einem beliebten Nationaltanz, einem Durcheinanderwirbeln und Verschlingen, das erst nach dem Lichtanzünden beginnt, und dem „Reisenden für Völker- und Länderkunde“ den Zeitpunkt angiebt, wo es für ihn gerathener sein möchte, sich zu entfernen, da fortan 17 die Aufregung der Gäste bis zu einer Höhe steigt, deren Culminationspunkt nicht voraus zu berechn en ist. — Ist die Braut eine echte „Flüggebraut,“ eine Braut in Kranz und fliegenden Haaren, so tritt sie gewiß stolz wie eine Fürstin auf, und dieses glorreiche Familienereigniß wird noch der Ruhm ihrer Nachkommen, die sich dessen wohl zu rühmen wissen, wie stattlich sie mit Spiegeln und Flittergold in den Haaren einhergestrahlt sei. Lieber als eine Hochzeit ist dem Paderborner noch die Fastnacht, an deren erstem Tage (Sonntag Esto mihi ) der Bursche dahersteigt, in der Hand, auf goldenem Apfel, einen befiederten Hahn aus Brod- teig, den er seiner Liebsten verehrt, oder auch der Edelfrau, nämlich, wenn es ihm an Geld für die kommenden nassen Tage fehlt. — Am Montag ist der Jubel im tollsten Gange, selbst Bettler, die nichts anderes haben, hängen ihr geflicktes Bettuch über den Kopf, und binden einen durchlöcherten Papierbogen vor’s Gesicht, und diese machen, wie sie mit ihren, aus der weißen Umrändung blitzenden Augen und langen Nasenschnäbeln die Mauern entlang taumeln, einen noch grausigeren Eindruck wie die eigentlichen Maskenzüge, die in scheußlichen Verkleidungen mit Geheul und Hurrah auf Acker- gäulen durch die Felder galoppiren, alle hundert Schritte einen Sandreiter zurücklassend, der ihnen wüst nachjohlt, oder als ein hinkendes Ungethüm in’s Dorf zurückkrächzt. Sehr beliebt ist auch das Schützenfest, zum Theil der Ironie wegen, da an diesem Tage der „Wildschütz“ vor dem Auge der sein Gewerb ignorirenden Herrschaft mit seinem sicheren Blicke und seiner festen Hand paradiren darf, und oft der schlimmste Schelm, dem die Förster schon wochenlang nachstellten, dem gnädigen Fräu- lein Strauß und Ehrenschärpe als seiner Königin überreicht und mit ihr die Ceremonie des ersten Tanzes durchmacht. — Ihm folgt am nächsten Tage das Frauenschießen, eine galante Sitte, die man hier am wenigsten suchen sollte, und die sich anmuthig genug ausnimmt. Morgens in aller Frühe ziehen alle Ehefrauen der Gemeinde, unter ihnen manche blutjunge und hübsche, von dem Edelhofe aus, in ihren goldenen Häubchen und Stirnbinden, bebändert und bestraußt, jede mit dem Gewehr ihres Mannes über die Schulter. Voran die Frau des Schützenkönigs, mit den Abzeichen ihrer Würde, dem Säbel an der Seite, wie weiland Maria Theresia auf den Kremnitzer Dukaten; ihr zunächst die Fähndrichin mit der weißen Schützen- fahne; auf dem Hofe wird Halt gemacht, die Kö- nigin zieht den Säbel, kommandirt — rechts — links — kurz alle militärischen Evolutionen; dann wird die Fahne geschwenkt, und das blanke Regiment 17* zieht mit einem feinen Hurrah dem Schießplatze zu, wo jede — Manche mit der zierlichsten Koketterie — ihr Gewehr ein paar mal abfeuert, um unter klingendem Spiele nach der Schenke zu marschiren, wo es heute keinen König giebt, sondern nur eine Königin und ihren Hof, die alles anordnen, und von denen sich die Männer heute Alles gefallen lassen. Einen gleich starken Gegensatz zu den derben Sitten des Landes giebt der Beginn des Erndtefestes. Dieses wird nur auf Edelhöfen und großen Pachtungen im altherkömmlichen Style gefeiert. Der voranschreitenden Musik folgt der Erndtewagen mit dem letzten Fuder, auf dessen Garben die Großmagd thront, über sich auf einer Stange den funkelnden Erndtekranz; dann folgen sämmtliche Dienstleute, paarweise mit gefalteten Händen, die Männer baarhaupt, so ziehen sie lang- sam über das Feld dem Edelhofe zu, das Te Deum nach der schönen alten Melodie des katholischen Ritus absingend, ohne Begleitung, aber bei jedem dritten Verse von den Blasinstrumenten abgelöst, was sich überaus feierlich macht, und gerade bei diesen Menschen, und unter freiem Himmel etwas wahrhaft Ergreifendes hat. Im Hofe angelangt, steigt die Großmagd ab, und trägt ihren Kranz mit einem artigen Spruche zu jedem Mitgliede der Familie, vom Hausherrn an bis zum kleinsten Junkerchen auf dem Schaukelpferde, dann wird er über das Scheuerthor an die Stelle des vorigjäh- rigen gehängt, und die Lustbarkeit beginnt. — Obwohl sich keiner ausgezeichneten Singorgane er- freuend, sind die Paderborner doch überaus gesang- liebend; überall — in Spinnstuben — auf dem Felde — hört man sie quinkeliren und pfeifen, — sie haben ihre eigenen Spinn-, ihre Acker-, Flachs- brech- und Rauflieder, das letzte ist ein schlimmes Spottlied, was sie nach dem Takte des Raufens jedem Vorübergehenden aus dem Stegreif zusingen. — Sonderlich junge Herren, die sich, dem Verhältnisse nach, zu Freiern ihrer Fräulein qualifiziren, können darauf rechnen, nicht ungeneckt vorbei zu kommen, und sich von zwanzig bis dreißig Stimmen nach- krähen zu hören: „He! he! he! er ist ihr zu dick, er hat kein Geschick,“ — oder, „er ist ihr zu arm, daß Gott erbarm! Den Kuinkel den kuank, der Vogel der sang, das Jahr ist lang, oh! oh! oh! laßt ihn gehn!“ Ueberhaupt rühmen sie sich gern, wo es ihnen Anlaß zum Streit verspricht, ihrer Herr- schaft, als ob sie aus Gold wäre; stehen auch in ernsteren Fällen aus demselben Grunde bisweilen zu ihr gleich dem Besten, und es ist hier, wie bei der Pariser Polizei, nichts Ungewöhnliches, die schlimmsten „Wildschützen“ nach einigen Jahren als Forstgehülfen wieder zu finden, denen es alsdann ein Herzensgandium ist, sich mit ihren alten Kame- raden zu raufen, und den bekannten Listen neue entgegen zu setzen; und noch vor Kurzem packten ein Dutzend solcher Praktiker ihren Herzensfreund, den Dorfschulmeister, der sie früher in der Taktik des „Holzsuchens“ unterrichtet hatte, wie er eben daran war, die dritte oder vierte Auflage der Re- kruten einzuüben, etwa achtzig baarfüßige Schlingel nämlich, die, wie junge Wölfe, zuerst mit dem Blut- aussaugen anfangen, mit ihren krummen Messern kunstfertig in dem jungen Schlag wütheten, während der Pädagog, von einer breiten Buche herab, das Commando führte. Wir haben bereits den Volks- aberglauben erwähnt; dieser äußert sich, neben der Gespensterfurcht und dem Hexenglauben, vorzugs- weise in sympathetischen Mitteln und dem sogenannten Besprechen, einem Act, der Manches zu denken giebt und dessen wirklich seltsame Erfolge sich durch bloßes Hinwegläugnen keineswegs beseitigen lassen. Wir selbst müssen gestehen, Zeugen unerwarteter Resultate gewesen zu sein. — Auf die Felder, die der Besprecher mit seinem weißen Stäbchen um- schritten, und worauf er die Scholle eines verpfändeten Ackers geworfen hat, wagt sich in der That kein Sperling, kein Wurm, fällt kein Mehlthau, und es ist überraschend, die Strecken mit schweren, niederhangenden Aehren zwischen weiland Flächen leeren Strohes zu sehen. Ferner: ein prächtiger Schimmel, arabischer Race, und überaus feurig, war, zu einem übermäßigen Sprunge gespornt, ge- stürzt und hatte sich die Zunge dicht an der Wurzel durchgebissen. — Da das Schlagen des wüthenden Thieres es in den ersten Tagen unmöglich machte, der Wunde beizukommen, war der Brand hinzu- getreten, und ein sehr geschickter Arzt erklärte das schöne Pferd für rettungslos verloren. — Jetzt ward zur „Waffensalbe“ geschritten, keinem Arznei- mittel, wie man wahrscheinlich glauben wird, son- dern einem geheimnißvollen, mir unbekannt geblie- benen, Gebrauch, zu dessen Behuf dem mehrere Stunden entfernten Besprecher nur ein von dem Blut des Thieres beflecktes Tuch gesandt wurde. — Man kann sich denken, welches Vertrauen ich in dieses Mittel setzte! Am nächsten Tage wurde das Thier jedoch so ruhig, daß ich dieses als ein Zeichen seiner nahenden Auflösung ansah; — am folgenden Morgen richtete es sich auf, zerbiß und verschluckte, obwohl etwas mühsam, einige Brodscheiben ohne Rinde, — am dritten Morgen sahen wir zu unserm Erstaunen, daß es sich über das in der Raufe be- findliche Futter hergemacht, und einen Theil des- selben bereits verzehrt hatte, während nur ein be- hutsames Auswählen der weicheren Halme und ein leises Zucken um Lippen und Nüstern die Empfind- lichkeit der, wie wir uns durch den Augenschein überzeugen mußten, völlig geschlossenen Wundstelle andeuteten; und seitdem habe ich den schönen Araber manches mal frisch und feurig, wie zuvor, mit seinem Reiter durchs Feld stolziren sehen. — Der- gleichen und Aehnliches fällt oft vor und hierbei ist die Annäherung des Besprechers oder seines Mittels an den zu besprechenden Gegenstand immer so gering (in manchen Fällen, wie dem eben ge- nannten, fällt sie gänzlich fort), daß eine Erklärung durch natürlich wirkende Essenzen hier keine Statt haben kann, so wie die vielbesprochene Macht der Phantasie bei Thieren, Kräutern und selbst Gestein wegfallen muß, und dem Erklärer wohl nur die Kraft des menschlichen Glaubens, die magnetische Gewalt eines festen Willens über die Natur als letztes Auskunftsmittel bleiben dürfte. — Folgenden Vorfall haben wir aus dem Munde eines glaub- würdigen Augenzeugen: In dem Garten eines Edelhofes hatte die grüne Kohlraupe dermaßen überhand genommen, daß der Besitzer, obwohl Protestant, in seinem Ueberdrusse endlich zum Be- sprecher schickte. — Dieser fand sich alsbald ein, umschritt die Gemüsefelder, leise vor sich hinmur- melnd, wobei er mit seinem Stäbchen hier und dort einen Kohlkopf berührte. Nun stand un- mittelbar am Garten ein Stallgebäude, an dessen schadhaftem Dache einige Arbeiter flickten, die sich den Spaß machten, den Zauberer durch Spottreden, hinabgeworfene Kalkstückchen ꝛc. zu stören. — Nach- dem dieser sie wiederholt gebeten hatte, ihn nicht zu irren, sagte er endlich: „Wenn ihr nicht Ruhe haltet, so treibe ich euch die Raupen auf das Dach,“ und als die Neckereien dennoch nicht aufhörten, ging er an die nächste Hecke, schnitt eine Menge fingerlanger Stäbchen, stellte sie horizontal an die Stallmauer und entfernte sich. — Alsbald ver- ließen sämmtliche Raupen ihre Pflanzen, krochen in breiten grünen Colonnen über die Sandwege an den Stäbchen die Mauer aufwärts, und nach einer halben Stunde hatten die Arbeiter das Feld ge- räumt und standen im Hofe, mit Ungeziefer be- säet, und nach dem Dache deutend, das wie mit einer grünen wimmelnden Decke überzogen war. — Wir geben das Ebenerzählte übrigens keineswegs als etwas Besonderes, da die oben berührte Er- klärung durch auf den Geruch wirkende Essenzen hier am ersten stattfinden dürfte, sondern nur als ein kleines Genrebild aus dem Thun und Treiben eines phantasiereichen und eben besprochenen Volkes. Ehe wir von diesem zu anderen übergehen, er- lauben wir uns noch zum Schlusse die Mittheilung einer vor etwa vierzig Jahren vorgefallenen Scene, die allerdings unter der jetzigen Regierung nicht mehr stattfinden könnte, jedoch den Charakter des Volks zu anschaulich darstellt, als daß wir sie am unge- eigneten Orte glauben sollten. — Zu jener Zeit stand den Gutsbesitzern die niedere Gerichtsbarkeit zu und wurde mitunter streng gehandhabt, wobei sich, wie es zu gehen pflegt, der Untergebene mit der Härte des Herrn, der Herr mit der Böswillig- keit des Untergebenen entschuldigte, und in dieser Wechselwirkung das Uebel sich fortwährend steigerte. Nun sollte der Vorsteher (Meier) eines Dorfes, allzugrober Betrügereien und Diebstähle halber seines Amtes entsetzt werden. — Er hatte sich Manchen verpflichtet, Manchen bedrückt und die Gemeinde war in zwei bittere Parteien gespalten. — Schon seit mehreren Tagen war eine tückische Stille im Dorfe bemerkt worden, und als am Gerichtstage der Gutsherr, aus Veranlassung des Unwohlseins, seinen Geschäftsführer bevollmächtigte, in Verein mit dem eigentlichen Justitiar die Sache abzumachen, war den beiden Herren diese Abänderung keines- weges angenehm, da ihnen recht wohl bewußt war, daß der Bauer seine Herrschaft zwar haßt, jeden Städter aber und namentlich „das Schreibervolk“ aus tiefster Seele verachtet. Ihre Besorgniß ward nicht gemindert, als einige Stunden vor der Sitzung ein Schwarm baarfüßiger Weiber in den Schloß- hof zog, wahre Poissarden, mit fliegenden Haaren und Kindern auf dem Arm, sich vor dem Haupt- gebäude zusammendrängte und wie ein Nest junger Teufel zu krähen anfing: „Wir revoltiren! wir protestiren! wir wollen den Meier behalten! unsere Kerle sind auf dem Felde und mähen, und haben uns geschickt, wir revoltiren!“ Der Gutsherr trat ans Fenster und rief hinaus: „Weiber! macht euch fort, der Amtmann (Justitiar) ist noch nicht da,“ worauf der Schwarm sich allmählich, unter Geschrei und Fluchen verlor. Als nach einigen Stunden die Sitzung begonnen hatte, und die bereits abge- haltenen Verhöre verlesen wurden, erhob sich unter den Fenstern des Gerichtslokals ein dumpfes, viel- stimmiges Gemurmel, das immer zunahm, — dann drängten sich ein paar starkknochige Männer in die Stube, — wieder andere, in Kurzem war sie zum Ersticken überfüllt. Der Justitiar, an solche Auftritte gewöhnt, befahl ihnen mit ernster Stimme hinauszugehen; — sie gehorchten wirklich, stellten sich aber, wie er sehr wohl sah, vor der Thür auf; zugleich bemerkte er, daß Einige, mit grimmigem Blicke auf die Gegenpartei, ihre Kittel lüfteten und kurze schwere Knittel sichtbar werden ließen, was von der anderen Seite mit einer ähn- lichen Pantomime erwiedert wurde. — Dennoch las er das Urtheil mit ziemlicher Fassung ab, und schritt dann, seinen Gefährten am Kleide zupfend, hastig der Thür zu. — Dort aber drängten sich die Außenstehenden hinein, und ließen ihre Knittel spielen, und — daß wir es kurz machen — die heilige Justiz mußte froh sein, die Nähe eines Fensters zu einem etwas unregelmäßigen Rückzuge benutzen zu können. — Dem Gutsherrn war in- dessen durch den sich allmählig nach Außen ziehen- den Tumult die Lage der Dinge bereits klar ge- worden, und er hatte die Schützengilde aufbieten lassen, lauter Angehörige der Betheiligten, die sich freuten, bei dieser schönen Gelegenheit auch einmal darauf loswaschen zu können. — Sie waren eben aufmarschirt, als die Sturmglocke erschallte. — Einige Schützen rannten nun spornstreichs in den Thurm, wo sie ein altes Weib fanden, das aus Leibeskräften den Strang zog, sofort aber gepackt und auf Umwegen ins Hundeloch spedirt wurde. Indessen stand der Gutsherr am Fenster, und überwachte mit seinem Tubus die Wege, welche zu den berüchtigtsten Dörfern führten, und nicht lange, so sah er es von allen Bergen herunter wimmeln, wie die Beduinenschwärme, er konnte deutlich die Knittel in ihren Händen unterscheiden und an ihren Gebärden sehen, wie sie sich einander riefen und zuwinkten. Schnell besonnen, warf er einen Blick auf die Windfahne des Schloßthurmes, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Luft den Lärm nicht bis zu der Stelle führe, wo die Kommenden etwa in einer Viertelstunde angelangt sein konnten, wurden eilends einige zuverlässige Leute abgefertigt, die in Hemdärmeln mit Sense und Rechen, wie Arbeiter, die aufs Feld ziehen, den verschiedenen Trupps entgegen schlendern und ihnen erzählen mußten, das Geläute im Dorfe habe einem brennenden Schlote gegolten, der aber bereits gelöscht sei. Die List gelang, alle trollten sich fluchend heim, während drinnen die Schützen- gilde auch ihr Bestes mit Faust und Kolben that, und so der ganze Scandal mit einigen ernstlich Verwundeten und einem Dutzend ins Loch Gesteckten endigte, zwei Drittel der Gemeinde aber eine Woche lang wie mit Pestbeulen behaftet aussahen, und eine besondere Schwerfälligkeit in ihren Bewegungen zeigten. — Aehnliche Auftritte waren früher so gewöhnlich, wie das tägliche Brod; noch heute, trotz des langjährigen Zwanges, ist der gemeine Mann innerlich nicht um ein Haar breit von seinen Gelüsten und Ansichten abgewichen, er kann wohl niedergehalten werden, die Gluth wird aber unter der Asche immer fortglimmen. — Erhöhter Wohlstand würde Einiges mildern, wären nicht Leichtsinn und die Leidenschaft, welche zuerst eine dürftige Bevölkerung zu Wege bringen, deren ge- ringes Eigenthum Schenkwirthen und Winkel- advokaten zur Beute wird. — Dennoch kann man sich des Bedauerns mit einem Volke nicht enthalten, das mit Kraft, Scharfsinn und Ausdauer begabt und im Besitze eines gesegneten Bodens, in so vielen seiner Glieder den traurigsten Verhältnissen anheimgefallen ist. 3. Die Grenze. — Münsterisches Stillleben. — Patriarcha- lisches Wesen. — Brautwerbung und Hochzeitsgebräuche. — Frömmigkeit und harmloser Aberglaube. — Die Vor- geschichte. — Duldender Muth und Herzensgüte. S elten mögen wenige Meilen einen so raschen Uebergang hervorbringen, als jene, welche die Grenz- striche Paderborns und seines frommen Nachbar- landes, des Bisthums Münster, bilden. — Noch vor einer Stunde, hinter dem nächsten Hügel, haben kleine schwarzbraune Schlingel, die, im halben Na- turzustande, ihre paar mageren Ziegen weniger hüteten, als bei ihnen diebswegen Wache standen, auf deine Frage nach dem Wege dich zuerst durch verstelltes Mißverstehen und Witzeleien gehöhnt, und dir dann unfehlbar einen Pfad angegeben, wo du wie eine Unke im Sumpfe, oder wie Abrahams Widder in den Dornen gesteckt hast, — d. h. wenn du nicht mit Geld klimperst, denn in diesem Falle haben nicht einer, sondern sämmtliche Buben ihre Ziegen, um sie desto sicherer wiederzufinden, in’s Kornfeld getrieben und mindestens ein Dutzend Zäune zerbrochen und Pfähle ausgerissen, um dir den nächsten Weg zu bahnen, und du hast dich, gut oder übel, zu einer vierfachen Abfindung ent- schließen müssen, — und jetzt stehst du wie ein Amerikaner, der so eben den Wigwams der Irokesen entschlüpft ist, und die ersten Einfriedigungen einer Herrnhuterkolonie betritt, vor ein paar runden Flachsköpfen, in mindestens vier Kamisölern, Zipfel- mützen, Wollstrümpfen und den landesüblichen Holz- schuhen, die ihre Kuh ängstlich am Strick halten und vor Schrecken aufschreien, wenn sie nach einer Aehre schnappt. Ihre Züge, deren Milchhaut die Sonne kaum hat etwas anhaben können, tragen so offen den Ausdruck der gutmüthigsten Einfalt, daß du dich zu einer nochmaligen Nachfrage ent- schließest. „Herr!“ sagt der Knabe, und reicht dir eine Kußhand, „das Ort weiß ich nicht.“ — Du wendest dich an seinen Nachbar, der gar nicht ant- wortet, sondern dich nur anblinzt, als dächte er, du wollest ihn schlagen. — „Herr!“ nimmt der Erstere wieder das Wort, „der weiß es auch nicht;“ verdrießlich trabst du fort, aber die Knaben haben zusammen geflüstert und der große Redner kömmt dir nachgeklappert: „Meint der Herr vielleicht —? (hier nennt er den Namen des Orts im Volks- dialekt); auf deine Bejahung stapft er herzhaft vor dir her, immer nach seinen Kameraden umschauend, die ihm mit ihren Augen den Rücken decken, bis zum nächsten Kreuzweg; dann hastig mit der Hand eine Richtung bezeichnend, springt er fort, so schnell es sich in Holzschuhen galoppiren läßt, und du steckst deinen Dreier wieder ein, oder wirfst ihn in den Sand, wo die kleinen Haidläufer, die dich aus der Ferne beobachten, ihn schon nicht werden umkommen lassen. — In diesem Zuge hast du den Charakter des Landvolkes in Kürze. — Gutmüthigkeit, Furcht- samkeit, tiefes Rechtsgefühl und eine stille Ordnung und Wirthlichkeit, die, trotz seiner geringen Anlage zur Speculation und glücklichen Gedanken, ihm doch einen Wohlstand zu Wege gebracht hat, der selbst den seines gewerbtreibenden Nachbars, des Sauer- länders, weit übertrifft. Der Münsterländer hei- rathet selten, ohne ein sicheres Einkommen in der Hand zu haben, und verläßt sich, wenn ihm dieses nicht beschieden ist, lieber auf die Milde seiner Ver- wandten oder seines Brodherrn, der einen alten Diener nicht verstoßen wird; und wirklich giebt es keine, einigermaßen bemittelte Wirthschaft, ohne ein paar solcher Segenbringer, die ihre müden Knochen auf dem besten Platze am Herde auswärmen. — Die illegitime Bevölkerung ist gar nicht in Anschlag 18 zu bringen, obwohl jetzt eher, als wie vor dreißig Jahren, wo wir in einer Pfarre von fünftausend Seelen ein einziges uneheliches Kind antrafen. Bettler giebt es unter dem Landvolke nicht, weder dem Namen, noch der That nach, sondern nur in jeder Gemeinde einige „arme Männer oder Frauen,“ denen in bemittelten Häusern nach der Reihe die Kost gereicht wird, wo dann die nach- lässigste Mutter ihr Kind strafen würde, wenn es an dem „armen Mann“ vorüberging, ohne ihn zu grüßen. — So ist Raum, Nahrung und Frieden für Alle da, — die Regierung möchte gern zu einer stärkeren Bevölkerung anregen, die aber gewiß traurige Folgen haben würde bei einem Volke, das wohl ein Eigenthum verständig zu bewirthschaften weiß, dem es aber zum Gewerbe mit leerer Hand gänzlich an Geschick und Energie fehlt, und das Sprichwort: „Noth lehrt beten“ ( resp. arbeiten), würde sich schwerlich hinlänglich hier bewähren, wo schon die laue, feuchte Luft den Menschen träu- merisch macht, und seine Schüchternheit zum Theil körperlich ist, so daß man ihn nur anzusehen braucht, um das langsame Rollen seines Bluts gleichsam mitzufühlen. Der Münsterländer ist groß, fleischig, selten von großer Muskelkraft; seine Züge sind weich, oft äußerst lieblich, und immer durch einen Ausdruck von Güte gewinnend, aber nicht leicht interessant, da sie immer etwas Weibliches haben, und selbst ein alter Mann oft frauenhafter aussieht, als eine Paderbörnerin in den mittleren Jahren; die helle Haarfarbe ist durchaus vorherrschend; man trifft alte Flachsköpfe, die vor Blondheit nicht haben ergrauen können. Dieses und alles dazu Gehörige — die Hautfarbe — blendendweiß und rosig, und den Sonnenstrahlen bis in’s überreife Alter widerstehend, die lichtblauen Augen, ohne kräftigen Ausdruck, das feine Gesicht mit fast lächerlich kleinem Munde, hierzu ein oft sehr anmuthiges und immer wohl- wollendes Lächeln und schnelles Erröthen, stellen die Schönheit beider Geschlechter auf sehr ungleiche Wage, — es giebt nämlich fast keinen Mann, den man als solchen wirklich schön nennen könnte, wäh- rend unter zwanzig Mädchen wenigstens funfzehn als hübsch auffallen und zwar in dem etwas faden, aber doch lieblichen Geschmacke der englischen Kupferstiche. — Die weibliche Landestracht ist mehr wohlthätig als wohlstehend; recht viele Tuchröcke mit dicken Falten, recht schwere Goldhauben und Silberkreuze an schwarzem Sammetbande, und bei den Ehefrauen Stirnbänder an möglichst breiter Spitze, bezeichnen hier den Grad des Wohlstandes, da selten Jemand 18* in den Laden geht ohne die nöthigen blanken Thaler in der Hand, und noch seltener durch Putzsucht das richtige Verhältniß zwischen der Kleidung und dem ungeschnittenen Leinen und anderen häuslichen Schätzen gestört wird. — Der Hausstand in den, zumeist vereinzelt liegenden Bauernhöfen ist groß und in jedem Betracht reichlich, aber durchaus bäurisch. — Das lange Gebäude von Ziegelsteinen, mit tief niederragendem Dache, und von der Tenne durchschnitten, an der zu beiden Seiten eine lange Reihe Hornvieh, ostfriesischer Race, mit seinen Ketten klirrt, — die große Küche, hell und sauber, mit gewaltigem Kamine, unter dem sich das ganze Haus- personal bergen kann; das viele zur Schau gestellte blanke Geschirr und die absichtlich an den Wänden der Fremdenstube aufgethürmten Flachsvorräthe er- innern ebenfalls an Holland, dem sich überhaupt diese Provinz, was Wohlstand und Lebensweise be- trifft, bedeutend nähert, obwohl Abgeschlossenheit und gänzlich auf den inneren Verkehr beschränktes Wirken ihre Bevölkerung von all den sittlichen Ein- flüssen, denen handelnde Nationen nicht entgehen können, so frei gehalten haben, wie kaum einen anderen Landstrich. Ob starke Reibungen mit der Außenwelt dem Münsterländer den Muth und die Betriebsamkeit des Batavers, — ein patriarchalisches Leben diesem die Sitteneinfalt und Milde des Münsterländers geben könnten, müssen wir dahin gestellt sein lassen, bezweifeln es aber; jetzt mindestens sind sie sich in den Zügen, die man als die natio- nalsten Beider anzusehen pflegt, fast feindlich ent- gegengesetzt, und verachten sich auch gegenseitig, wie es Nachbarn zukömmt. Wir haben schon früher von dem überaus friedlichen Eindrucke eines Mün- sterischen Gehöftes gesprochen. — In den Sommer- monaten, wo das Vieh im Felde ist, vernimmst du keinen Laut, außer dem Bellen des sich an seiner Kette abzappelnden Hofhundes, und, wenn du dicht an der offenen Hausthür herschreitest, dem leisen Zirpen der in den Mauernesseln aus- und einschlüpfenden Küchlein und dem gemessenen Pendelschwung der Uhr, mit dessen Gewichten ein paar junge Kätzchen spielen; — die im Garten jätenden Frauen sitzen so still gekauert, daß du sie nicht ahndest, wenn ein zufälliger Blick über den Hagen sie dir nicht verräth und die schönen schwermüthigen Volksbal- laden, an denen diese Gegend überreich ist, hörst du etwa nur auf einer nächtlichen Wanderung durch das Schnurren der Spinnräder, wenn die blöden Mädchen sich vor jedem Ohre gesichert glauben. — Auch auf dem Felde kannst du im Gefühl der tiefsten Einsamkeit gelassen fortträumen, bis ein zufälliges Räuspern oder das Schnauben eines Pferdes dir verräth, daß der Schatten, in den du soeben trittst, von einem halbbeladenen Erndtewagen geworfen wird, und du mitten durch zwanzig Arbeiter geschritten bist, die sich weiter nicht wundern, daß der „nachdenkende Herr“ ihr Hutabnehmen nicht beachtet hat, da er nach ihrer Meinung „andächtig“ ist, das heißt den Rosenkranz aus dem Gedächtnisse hersagt. — Diese Ruhe und Eintönigkeit, die aus dem Innern hervorgehen, ver- breiten sich auch über alle Lebensverhältnisse. — Die Todten werden mäßig betrauert, aber nie ver- gessen, und alten Leuten treten noch Thränen in die Augen, wenn sie von ihren verstorbenen Eltern reden. An den Eheschlüssen hat frühere Neigung nur selten Theil; Verwandte und achtbare Freunde empfehlen ihre Lieblinge einander und das Fürwort des Geachtetsten giebt in der Regel den Ausschlag, — so kömmt es, daß manches Ehepaar sich vor der Copulation kaum einmal gesehen hat, und unter der französischen Regierung kam nicht selten der lächerliche Fall vor, daß Sponsen, die meilenweit hergetrabt waren, um für ihre Braut die nöthigen Scheine bei der Behörde zu lösen, weder Vor- noch Zunamen derjenigen anzugeben wußten, die sie in der nächsten Woche zu heirathen gedachten, und sich höchlich wunderten, daß die Bezeichnung als Magd oder Nichte irgend eines angesehenen Gemeindegliedes nicht hinreichend gefunden wurde. — Daß unter diesen Umständen die möglichst große Anzahl der Anträge noch ehrenvoller und für den Ruf ent- scheidender ist, als anderwärts, begreift sich, und wir selbst wohnten der Trauung eines wahren Kleinodes von Brautpaare bei, wo der Bräutigam unter acht- undzwanzigen, die Braut unter zweiunddreißigen gewählt hatte. Trotz der vorläufigen Verhandlung ist jedoch selbst der Glänzendste hier seines Erfolges nicht sicher, da die Ehrbarkeit ein bestimmtes Ein- gehen auf die Anträge des Brautwerbers verbietet, und jetzt beginnt die Aufgabe des Freiers. Er tritt an einem Nachmittage in das Haus der Gesuchten und zwar jedesmal unter dem Vorwande, seine Pfeife anzuzünden, — die Hausfrau setzt ihm einen Stuhl und schürt schweigend die Gluth auf, dann knüpft sie ein gleichgültiges Gespräch an vom Wetter, den Kornfrüchten ꝛc. und nimmt unterdessen eine Pfanne vom Gesimse, die sie sorgfältig scheuert und über die Kohlen hängt. Jetzt ist der entscheidende Augenblick gekommen. — Sieht der Freier die Vor- bereitungen zu einem Pfannenkuchen, so zieht er seine dicke silberne Uhr hervor und behauptet, sich nicht länger aufhalten zu können; werden aber Speck- schnitzel und Eier in die Pfanne gelegt, so rückt er kühnlich mit seinem Antrage heraus, die jungen Leute wechseln „die Treue,“ nämlich ein Paar alte Schaumünzen, und der Handel ist geschlossen. Einige Tage vor der Hochzeit macht der Gast- bitter mit ellenlangem Spruche seine Runde, oft meilenweit, da hier, wie bei den Schotten, das ver- wandte Blut bis in das entfernteste Glied und bis zum Aermsten hinab geachtet wird. — Nächst die- sem dürfen vor Allen die sogenannten Nachbarn nicht übergangen werden, drei oder vier Familien nämlich, die vielleicht eine halbe Meile entfernt woh- nen, aber in uralten Gemeinderegistern, aus den Zeiten einer noch viel sparsameren Bevölkerung, als „Nachbarn“ verzeichnet stehen, und gleich Prinzen von Geblüt vor den näheren Seitenverbindungen, so auch ihre Rechte und Verpflichtungen vor den, vielleicht erst seit ein paar hundert Jahren Näher- wohnenden wahren. — Am Tage vor der Hochzeit findet der „Gabenabend“ statt — eine freundliche Sitte, um den jungen Anfängern über die schwerste Zeit wegzuhelfen. Abends, wenn es bereits stark dämmert, tritt eine Magd nach der andern in’s Haus, setzt mit den Worten: „Gruß von unserer Frau“ einen mit weißem Tuch bedeckten Korb auf den Tisch und entfernt sich sofort; dieser enthält die Gabe: Eier, Butter, Geflügel, Schinken — je nach den Kräften eines Jeden — und die Geschenke fallen oft, wenn das Brautpaar unbemittelt ist, so reichlich aus, daß dieses um den nächsten Winter- vorrath nicht sorgen darf. — Eine liebenswürdige, das Volk bezeichnende Höflichkeit des Herzens ver- bietet die Ueberbringung der Gabe durch ein Fa- milienmitglied; wer keine Magd hat, schickt ein frem- des Kind. — Am Hochzeitmorgen, etwa um acht, besteigt die Braut den mit einer weißen, goldflin- kernden Fahne geschmückten Wagen, der ihre Aus- stattung enthält; — sie sitzt allein zwischen ihren Schätzen, im besten Staate, aber ohne besonderes Abzeichen und weint auf’s Jämmerlichste; auch die auf dem folgenden Wagen gruppirten Brautjungfern und Nachbarinnen beobachten eine ernste, verschämte Haltung, während die auf dicken Ackergäulen nebenher trabenden Bursche durch Hutschwenken und hier und dort ein schwerfälliges Juchhei ihre Lustigkeit aus- zudrücken suchen, und zuweilen eine alte, blindge- ladene Flinte knallen lassen. — Erst vor der Pfarr- kirche findet sich der Bräutigam mit seinem Gefolge ein, besteigt aber nach der Trauung nicht den Wagen der Braut, sondern trabt als einziger Fußgänger nebenher bis zur Thür seines Hauses, wo die junge Frau von der Schwiegermutter empfangen und mit einem „Gott segne deinen Ein- und Aus- gang“ feierlich über die Schwelle geleitet wird. — Lebt die Mutter nicht mehr, so vertritt der Pfarrer ihre Stelle, oder, wenn er zufällig gegenwärtig ist, der Gutsherr, was für eine sehr glückliche Vorbe- deutung gehalten wird, die den Neuvermählten und ihren Nachkommen den ungestörten Genuß des Hofes sichert, nach dem Spruche: „Wen die Herrschaft einleitet, den leitet sie nicht wieder heraus.“ Wäh- rend dieser Ceremonie schlüpft der Bräutigam in seine Kammer und erscheint alsbald in Kamisol, Zipfelmütze und Küchenschürze. In diesem Aufzuge muß er an seinem Ehrentage den Gästen aufwarten, nimmt auch keinen Theil am Hochzeitsmahle, son- dern steht, mit dem Teller unterm Arme, hinter der Braut, die ihrerseits keinen Finger rührt und sich wie eine Prinzessin bedienen läßt. — Nach Tische beginnen auf der Tenne die althergebrachten Tänze: „der halbe Mond,“ „der Schustertanz,“ „hinten im Garten“, manche mit den anmuthigsten Ver- schlingungen. — Das Orchester besteht aus einer oder zwei Geigen und einer invaliden Baßgeige, die der Schweinehirt oder Pferdeknecht aus dem Steg- reif streicht. — Ist das Publikum sehr musikliebend, so kommen noch wohl ein Paar Topfdeckel hinzu und eine Kornschwinge, die abwechselnd von den Gästen mit einem Spane aus Leibeskräften wider den Strich gekratzt wird. — Nimmt man hiezu das Gebrüll und Kettengeklirr des Viehes, das er- schrocken an seinen Ständern stampft, so wird man zugeben, daß die unerschütterliche Gravität der Tänzer mindestens nicht dem Mangel an aufregendem Ge- räusche zuzuschreiben ist. Hier und dort läßt wohl ein Bursche ein Juchhei los, was aber so einsam klingt, wie ein Eulenschrei in einer Sturmnacht. — Bier wird mäßig getrunken, Branntwein noch mäßiger, aber siedender Kaffee „zur Abkühlung“ in ganzen Strömen, und mindestens sieben blanke Zinnkessel sind in steter Bewegung. — Zwischen dem Tanzen verschwindet die Braut von Zeit zu Zeit und kehrt allemal in einem andern Anzuge zurück, so viel ihr derer zu Gebote stehen, vom Traustaate an bis zum gewöhnlichen Sonntags- putze, in dem sie sich noch stattlich genug ausnimmt, in der damastenen Kappe mit breiter Goldtresse, dem schweren Seidenhalstuche und einem so imposanten Körperumfange, als ihn mindestens vier Tuchröcke übereinander hervorbringen können. Sobald die Hängeuhr in der Küche Mitternacht geschlagen hat, sieht man die Frauen sich von ihren Bänken er- heben und mit einander flüstern; gleichzeitig drängt sich das junge Volk zusammen, nimmt die Braut in seine Mitte und beginnt einen äußerst künstlichen Schneckentanz, dessen Zweck ist, im raschen Durch- einanderwimmeln immer eine vierfache Mauer um die Braut zu erhalten, denn jetzt gilt’s den Kampf zwischen Ehe und Jungfrauschaft. — So wie die Frauen anrücken, wird der Tanz lebhafter, die Ver- schlingungen bunter, die Frauen suchen von allen Seiten in den Kreis zu dringen, die Junggesellen durch vorgeschobene Paare sie wegzudrängen; die Parteien erhitzen sich, immer rascher wirbelt die Musik, immer enger zieht sich die Spirallinie, Arme und Kniee werden zu Hülfe genommen, die Bursche glühen wie Oefen, die ehrwürdigen Matronen triefen von Schweiß, und man hat Beispiele, daß die Sonne über dem entschiedenen Kampfe aufgegangen ist; endlich hat eine Veteranin, die schon einige zwanzig Bräute in den Ehestand gezerrt hat, ihre Beute gepackt; plötzlich verstummt die Musik, der Kreis stäubt auseinander, und Alles strömt den Siegerinnen und der weinenden Braut nach, die jetzt zum letzten Male umgekleidet und mit Anlegung der fraulichen Stirnbinde symbolisch von ihrem Mädchenthum geschieden wird, — ein Ehrendienst, welcher den (sogenannten) Nachbarinnen zusteht, an dem sich aber jede anwesende Ehefrau, die Gattin des Gutsherrn nicht ausgenommen, durch irgend eine kleine Dienst- leistung betheiligt. Die Braut erscheint nun bar- häuptig und in Hemdärmeln, gleichsam eine be- zwungene und fortan zum Dienen willige Brunhildis, greift aber dennoch nach ihres Mannes bereitliegen- dem Hute und setzt ihn auf; die Frauen thun des- gleichen, und zwar jede den Hut ihres eigenen Mannes, den er ihr selbst ehrerbietig reicht und eine stattliche Frauenmenuett beschließt die Feier und giebt zugleich die Vorbedeutung eines ehrenhaften, fleißigen, friedlichen Ehestandes, in dem die Frau aber nie vergißt, daß sie am Hochzeitstage ihres Mannes Hut getragen. Noch bleibt den Gästen, bevor sie sich zerstreuen, eine seltsame Aufgabe: der Bräutigam ist nämlich während der Menuett unsichtbar ge- worden, — er hat sich versteckt, offenbar aus Furcht vor der behuteten Braut, und das ganze Haus wird umgekehrt, ihn zu suchen; man schaut in und unter die Betten, raschelt im Stroh und Heu umher, durchstöbert sogar den Garten, bis endlich Jemand in einem Winkel voll alten Gerümpels den Quast seiner Zipfelmütze oder ein Endchen der Küchen- schürze entdeckt, wo er dann sofort gefaßt und mit gleicher Gewalt und viel weniger Anstand als seine schöne Hälfte der Brautkammer zugeschleppt wird. Bei Begräbnissen fällt wenig Ungewöhnliches vor, außer daß der Tod eines Hausvaters seinen Bienen angesagt werden muß, wenn nicht binnen Jahresfrist alle Stöcke abzehren und verziehen sollen, weshalb, so- bald der Verscheidende den letzten Athemzug gethan, so- fort der Gefaßteste unter den Anwesenden an den Stand geht, an jeden Korb pocht und vernehmlich spricht: „Einen Gruß von der Frau, der Herr ist todt,“ worauf die Bienen sich christlich in ihr Leid finden und ihren Geschäften nach wie vor obliegen. Die Leichenwacht, die in Stille und Gebet abgehalten wird, ist eine Pflicht jener entfernten Nachbarn, so wie das Leichenmahl ihr Recht und sie sorgen mit dafür, daß der Todte ein feines Hemd erhält, recht viele schwarze Schleifen und einen recht flimmernden Kranz und Strauß von Spiegeln, Rauschgold und künstlichen Blumen, da er unfehlbar am jüngsten Tage in demselben Aufzuge erscheinen wird, wo sie dann Lob und Tadel mit den Hinterlassenen zu theilen haben. Der Münsterländer ist überhaupt sehr abergläubisch, sein Aberglaube aber so harmlos, wie er selber. Von Zauberkünsten weiß er nichts, von Hexen und bösen Geistern wenig, obwohl er sich sehr vor dem Teufel fürchtet, jedoch meint, daß dieser wenig Veranlassung finde, im Münsterlande umzugehen. Die häufigen Gespenster im Moor, Haide und Wald sind arme Seelen aus dem Fege- feuer, deren täglich in vielen tausend Rosenkränzen gedacht wird, und ohne Zweifel mit Nutzen, da man zu bemerken glaubt, daß die „Sonntags- spinnerin“ ihre blutigen Arme immer seltener aus dem Gebüsche streckt, der „diebische Torfgräber“ nicht halb so kläglich mehr im Moore ächzt und vollends der „kopflose Geiger“ seinen Sitz auf dem Waldstege gänzlich verlassen zu haben scheint. Von den ebenfalls häufigen Hausgeistern in Schlössern und großen Bauernhöfen denkt man etwas unklar, aber auch nicht schlimm und glaubt, daß mit ihrem völligen Verschwinden die Familie des Besitzers aus- sterben oder verarmen werde. Diese besitzen weder die häuslichen Geschicklichkeiten, noch die Tücke an- derer Kobolde, sondern sind einsamer, träumerischer Natur, schreiten, wenn es dämmert, wie in tiefen Gedanken langsam und schweigend an irgend einer verspäteten Milchmagd oder einem Kinde vorüber und find ohne Zweifel echte Münsterländer, da man kein Beispiel hat, daß sie Jemanden beschädigt oder absichtlich erschreckt hätten. Man unterscheidet sie in „Timphüte“ und „Langhüte.“ Die ersteren kleine, runzliche Männchen, in altmodischer Tracht, mit eisgrauem Barte und dreieckigem Hütchen; die an- deren übernatürlich lang und hager, mit langem Schlapphut, aber beide gleich wohlwollend, nur daß der Timphut bestimmten Segen bringt, der Lang- hut dagegen nur Unglück zu verhüten sucht. Zu- weilen halten sie nur in den Umgebungen, den Alleen des Schlosses, dem Wald- und Wiesen- grunde des Hofes ihre philosophischen Spaziergänge; gewöhnlich haben sie jedoch außerdem einen Speicher oder eine wüste Bodenkammer inne, wo man sie zuweilen Nachts auf- und abgehen, oder einen knarrenden Haspel langsam umdrehen hört. Bei Feuersbrünsten hat man den Hausgeist schon ernst- haft aus den Flammen schreiten und einen Feldweg einschlagen sehen, um nie wiederzukehren, und es war dann hundert gegen eins zu wetten, daß die Familie bei dem Neubau in einige Verlegenheit und Schulden gerathen würde. Größere Aufmerksamkeit als dieses verdient das sogenannte „Vorgesicht,“ ein bis zum Schauen oder mindestens deutlichen Hören gesteigertes Ahnungs- vermögen, ganz dem Second sight der Hoch- schotten ähnlich, und hier so gewöhnlich, daß, ob- wohl die Gabe als eine höchst unglückliche eher geheim gehalten wird, man doch überall auf noto- risch damit Behaftete trifft, und im Grunde fast kein Eingeborner sich gänzlich davon freisprechen dürfte. — Der Vorschauer (Vorgucker) im höheren Grade ist auch äußerlich kenntlich an seinem hell- blonden Haare, dem geisterhaften Blitze der wasser- blauen Augen, und einer blassen oder überzarten Gesichtsfarbe; übrigens ist er meistens gesund und im gewöhnlichen Leben häufig beschränkt und ohne eine Spur von Ueberspannung. — Seine Gabe überkömmt ihn zu jeder Tageszeit, am Häufigsten jedoch in Mondnächten, wo er plötzlich erwacht, und von fieberhafter Unruhe ins Freie oder ans Fenster getrieben wird; dieser Drang ist so stark, daß ihm kaum Jemand widersteht, obwohl Jeder weiß, daß das Uebel durch Nachgeben bis zum Unerträglichen, zum völligen Entbehren der Nachtruhe gesteigert wird; wogegen fortgesetzter Widerstand es allmäh- lig abnehmen, und endlich gänzlich verschwinden läßt. — Der Vorschauer sieht Leichenzüge — lange Heereskolonnen und Kämpfe — er sieht deutlich den Pulverrauch und die Bewegungen der Fechten- den, beschreibt genau ihre fremden Uniformen und Waffen, hört sogar Worte in fremder Sprache, die er verstümmelt wiedergiebt, und die vielleicht erst lange nach seinem Tode auf demselben Flecke wirk- lich gesprochen werden. — Auch unbedeutende Be- gebenheiten muß der Vorschauer unter gleicher Be- ängstigung sehen, z. B. einen Erndtewagen, der nach vielleicht zwanzig Jahren auf diesem Hofe umfallen wird; er beschreibt genau die Gestalt und Kleidung der jetzt noch ungebornen Dienstboten, die ihn aufzurichten suchen; die Abzeichen des Fohlens oder Kalbes, das erschreckt zur Seite springt, und in eine jetzt noch nicht vorhandene Lehmgrube fällt ꝛc. — Napoleon grollte noch in der Kriegs- schule zu Brienne mit seinem beengten Geschicke, als das Volk schon von „silbernen Reitern“ sprach, mit silbernen Kugeln auf den Köpfen, von denen „ein langer, schwarzer Pferdeschweif“ flatterte, so wie von wunderlich aufgeputztem Gesindel, das auf „Pferden wie Katzen“ (ein üblicher Ausdruck für kleine knollige Rosse) über Hecken und Zäune fliege, in der Hand eine lange Stange mit eisernem Stachel daran. — Ein längst verstorbener Guts- besitzer hat viele dieser Gesichte verzeichnet, und es 19 ist höchst anziehend, sie manchem späteren ent- sprechenden Begebnisse zu vergleichen. Der minder Begabte und nicht bis zum Schauer Gesteigerte „hört“ — er hört den dumpfen Hammerschlag auf dem Sargdeckel und das Rollen des Leichenwagens, hört den Waffenlärm, das Wirbeln der Trommeln, das Trappeln der Rosse, und den gleichförmigen Tritt der marschirenden Colonnen. — Er hört das Ge- schrei der Verunglückten, und an Thür oder Fenster- laden das Anpochen desjenigen, der ihn oder seinen Nachfolger zur Hülfe auffordern wird. — Der Nichtbegabte steht neben dem Vorschauer und ahnet Nichts, während die Pferde im Stalle ängstlich schnauben und schlagen, und der Hund jämmerlich heulend, mit eingeklemmtem Schweife seinem Herrn zwischen die Beine kriecht. — Die Gabe soll sich jedoch übertragen, wenn ein Nebenstehender dem Vorgucker über die linke Schulter sieht, wo er zwar für dieses Mal nichts bemerkt, fortan aber für den Anderen die nächtliche Schau halten muß. — Wir sagen dies fast ungern, da dieser Zusatz einem un- läugbaren und höchst merkwürdigen Phänomen den Stempel des Lächerlichen aufdrückt. — Wir haben den Münsterländer früher furchtsam genannt, dennoch erträgt er den eben berührten Verkehr mit der über- sinnlichen Welt mit vieler Ruhe, wie überall seine Furchtsamkeit sich nicht auf passive Zustände er- streckt. — Gänzlich abgeneigt, sich ungesetzlichen Handlungen anzuschließen, kommt ihm doch an Muth, ja Hartnäckigkeit des Duldens für das, was ihm recht scheint, Keiner gleich, und ein geistreicher Mann verglich dieses Volk einmal mit den Hindus, die, als man ihnen ihre religiösen und bürgerlichen Rechte schmälern wollte, sich zu vielen Tausenden versammelten, und auf den Grund gehockt, mit verhüllten Häuptern, standhaft den Hungertod er- warteten. — Dieser Vergleich hat sich mitunter als sehr treffend erwiesen. Unter der französischen Regierung, wo Eltern und, nachdem diese ausgeplündert waren, auch Ge- schwister mit ihren Habseligkeiten für diejenigen ein- stehen mußten, die sich der Militairpflicht entzogen hatten, haben sich zuweilen alle Zweige eines Stammes, ohne Rücksicht auf ihre unmündigen Kinder, zuerst bis zum letzten Heller exequiren, und dann bis aufs Hemde auspfänden lassen, ohne daß es einem eingefallen wäre, dem Versteckten nur mit einem Worte den Wunsch zu äußern, daß er aus seinem Bretterverschlage oder Heuschober hervor- kriechen möge, und so verhaßt, ja entsetzlich Jedem damals der Kriegsdienst war, dem manche sogar durch freiwillige Verstümmelung, z. B. Abhacken eines Fingers, zu entgehen suchten, so häufig trat doch der Fall ein, daß ein Bruder sich für den andern stellte, wenn er dachte, dieser werde den Strapazen erliegen, er aber möge noch mit dem Leben davonkommen. — Kurz der Münsterländer besitzt den Muth der Liebe, und einer unter dem Schein des Phlegmas versteckten schwärmerischen Religiösität, so wie er überhaupt durch Eigenschaften des Herzens ersetzt, was ihm an Geistesschärfe ab- geht, und der Fremde verläßt mit Theilnahme ein Volk, das ihn zwar mitunter langweilte, dessen häusliche Tugenden ihm aber immer Achtung ein- flößen und zuweilen ihn tief gerührt haben. — Müssen wir noch hinzufügen, daß alles bisher Gesagte nur das Landvolk angeht? — ich glaube „nein“, Städter sind ja überall gleich, Kleinstädter wie Großstädter. — Oder, daß alle diese Zustände am Verlöschen sind, und nach vierzig Jahren viel- leicht wenig mehr davon anzutreffen sein möchte? — Auch leider „nein,“ es geht ja überall so!