STEFAN GEORGE ALGABAL PARIS 1892 ALGABAL IM UNTERREICH TAGE DIE ANDENKEN IM UNTERREICH: I hr hallen prahlend in reichem gewande Wisst nicht was unter dem fuss euch ruht — Den Meister lockt nicht die landschaft am strande Wie jene blendend im schosse der flut Die häuser und höfe wie er sie ersonnen Und unter den tritten der wesen beschworen Ohne beispiel die strassen die bronnen Und grotten in strahlendem rausche geboren Die einen blinken in ewigen wintern Iene von hundertfarbigen erzen Aus denen juwelen als tropfen sintern Und flimmern und glimmen vor währenden kerzen Die ströme die in den höheren stollen Wie scharlach granat und rubinen sprühten Verfärben sich blässer im niederrollen Und fliessen von nun ab wie rosenblüten Auf seen tiefgrün in häfen verloren Schaukeln die ruderentbehrenden nachen Sie wissen auch in die wellen zu bohren Bei armige riffe und gähnende drachen Der schöpfung wo er nur geweckt und verwaltet Erhabene neuheit ihn manchmal erfreut Wo ausser dem seinen kein wille schaltet Und wo er dem licht und dem wetter gebeut D er saal des gelben gleisses und der sonne: Sie herscht auf flacher kuppel unter sternen Nach ohmen schnellen aus dem feuerbronne Topase untermengt mit bernstein-kernen An allen seiten aufgereiht zu spiegeln — Gesamter städte ganzer Staaten beute — Die ungeschmückten platten goldnen ziegeln Und an der erde breiten löwenhäute Nur nicht des Einen scharfen blick zu blenden Vermag die stechend grelle weltenkrone Und dreimal tausend schwere urnen spenden Den geist von amber Weihrauch und zitrone D aneben war der raum der blassen helle Der weisses licht und weissen glanz vereint Das dach ist glas die streu gebleichter felle Am boden schnee und oben wolke scheint Der wände matte täfelung aus zedern · Die dreissig pfauen stehen dran im kreis Sie tragen daunen blank wie schwanenfedern Und ihre schleppen schimmern wie das eis Für jede zier die freunden farbenstrahlen: Aus blitzendem und blinderem metall Aus elfenbein und milchigen opalen Aus demant alabaster und kristall Und perlen! klare gaben dumpfer stätte Die ihr wie menschliche gebilde rollt Und doch an einer wange warmer glätte Das nasse kühl beharrlich wahren sollt Da lag die kugel auch von murra-stein Mit der in früher jugend Er gespielt Des kaisers finger war am tage rein Wo thränend er sie vor das auge hielt M ein garten bedarf nicht luft und nicht wärme Der garten den ich mir selber erbaut Und seiner vögel leblose schwärme Haben noch nie einen frühling geschaut Von kohle die stämme von kohle die äste Und düstere felder am düsteren rain Der früchte nimmer gebrochene läste Glänzen wie lava im pinien-hain Ein grauer schein aus verborgener höhle Verrät nicht wann morgen wann abend naht Und staubige dünste der mandel-öle Schweben auf beeten und anger und saat Wie zeug ich Dich aber im heiligtume — So fragt ich wenn ich es sinnend durchmass In kühnen gespinsten der sorge vergass — Dunkle grosse schwarze blume? TAGE: W enn um der zinnen kupferglühe hauben Um alle giebel erst die sonne wallt Und kühlung noch in höfen von basalt Dann warten auf den kaiser seine tauben Er trägt ein kleid aus blauer Serer-seide Mit sardern und saffiren übersät In silberhülsen säumend aufgenäht Doch an den armen hat er kein geschmeide Er lächelte · sein weisser finger schenkte Die hirsekörner aus dem goldnen trog Als leis ein Lyder aus den säulen bog Und an des herren fuss die stirne senkte Die tauben flattern ängstig nach dem dache — Ich sterbe gern weil mein gebieter schrak — Ein breiter dolch ihm schon im busen stak Mit grünem flure spielt die rote lache Der kaiser wich mit höhnender geberde Worauf er doch am selben tag befahl Dass in den abendlichen weinpokal Des knechtes name eingegraben werde G egen osten ragt der bau Wo dem grossen Zeus zu fröhnen Toller wunder fremde schau Und die würde sich versöhnen Tänzer öffnen das geleit In verführenden gewändern · Knaben die ein opfer feit In den sonnenschlaffen ländern Macht aus öl- und palmenlaub Vor des priesters fuss ein kissen Streuet sand und silberstaub Tote liljen und narzissen An der schwelle haltet rast Wo das heilge bild entschleiert Nur sich giebt dem einen gast Der es oft und innig feiert Eines mund gebete lallt Auch kein bruder sei zugegen Spricht des gottes zwiegestalt Seinen immergleichen segen Junge stimmen · ferner hall · Narden die verflüchtet irren Durch der räuche strengen quall Zu dem kuss der süssen mirren O mutter meiner mutter und Erlauchte Wie mich so ernster worte folge stört: Dein tadel weil mein geist nicht dir gehört Dass ich ihn achtlos ohne that verhauchte Gedenkt es dir wie viele speere pfiffen Als ich im Osten um die krone rang Und lob und vorwurf dem Verwegnen klang Der damals noch die erde nicht begriffen? Nicht ohnmacht rät mir ab von eurem handeln Ich habe euren handels wahn erfasst O lass mich ungerühmt und ungehasst Und frei in den bedingten bahnen wandeln Und wolle nicht den bruder mir entfremden — Erkannt ich doch im schlaf dein augenmerk? — Du fesselst eifrig ihn an blödes werk Dein zwang verkleidet ihn mit sklavenhemden Sieh ich bin zart wie eine apfelblüte Und friedenfroher denn ein neues lamm Doch liegen eisen stein und feuerschwamm Gefährlich in erschüttertem gemüte Hernieder steig ich eine marmortreppe Ein leichnam ohne haupt inmitten ruht Dort sickert meines teuren bruders blut Ich raffe leise nur die purpurschleppe B echer am boden Lose geschmeide · Frauen dirnen Schlanke schenken Müde sich senken Ledig die lende Busen und hüfte Um die stirnen Der kränze rest Schläfernder broden Traufender düfte Weinkönig scheide! Aller ende Endet das fest Rosen regnen Purpurne satte Die liebkosen? Weisse matte Euch zu laben? Malvenrote Gelbe tote: Manen-küsse Euch zu segnen Auf die schleusen! Und aus reusen Regnen rosen Güsse flüsse Die begraben D a auf dem seidenen lager Neidisch der schlummer mich mied So bringt keine wundersager So will ich kein lullendes lied Der mädchen attischer lande Was mir vor monden gefiel · Nun schlingt mich in eure bande Flötenspieler vom Nil Ich lag in äthergezelten Ich ass von himmlischem brod Ihr sanget die flucht aus den welten Ihr sanget vom glorreichen tod Bevor die brennenden lider Endlicher schlummer befiel · Entrückt und tötet mich wieder Flötenspieler vom Nil S o sprach ich nur in meinen schwersten tagen: Ich will dass man im volke stirbt und stöhnt Und jeder lacher sei ans kreuz geschlagen · Es ist ein groll der für mich selber dröhnt Ich bin als einer so wie sie als viele Ich thue was das leben mit mir thut Und träf ich sie mit ruten bis aufs blut Sie haben korn und haben fechterspiele Wenn ich in ihrer tracht und mich vergessend Geheim in ihren leeren lärm gepasst - Ich fürchte - hab ich nie sie tief gehasst Der eignen artung härte recht ermessend Dann schloss ich hinter aller schar die riegel Ich ruhte ohne wunsch und mild und schlicht Und beinah einer schwester angesicht Erwiderte dem schauenden ein spiegel G raue rosse muss ich schirren Und durch grause fluren jagen Bis wir uns im moor verirren Oder blitze mich erschlagen Auf dem samenlosen acker Viele helden stumm verbleichen Nur das russende geflacker Loher fichten ehrt die leichen Schmal in regelgraden ketten Rinnen ziegelrote bäche Seufzen singt aus ihren betten Hahler wind umkreist die fläche Aufgelöst im sande wühlend Frauenhaare dichte strähnen Frauenthränen wunden kühlend Reiche thränen · wahre thränen? A gathon knieend vor meinem pfühle Deine wimper spricht da dein mund sich schloss · Dass ich von ihr den feuchten schleier spüle Was soll ich o mein bruder mein genoss? Wenn es den über-leuchtenden adern Vor staub und den rauhen winden graut So sollst du mit dem himmel nicht hadern Der an dem hehren spiel sich erbaut Nimm als lohn dass vor dir nur kranken Die stolzen glieder zur urne gar Es ziemt nicht in irdischer klage zu wanken Uns die das los für den purpur gebar S chall von oben! Sind es hörner sind es harfen Die mich hoben Und in grüfte niederwarfen? Wie betreten Und als ob ein gott mich zwänge Muss ich beten Syrer während eurer sänge Leise triller · verjüngen gesunden Laute stösse · mit lachen vergeuden Gelle striche · die bohrenden wunden Helle schläge · die brennenden freuden Weise Syrer Werd ich dankend euch vertreiben? Ihr verführer Noch im leben zu verbleiben DIE ANDENKEN: G rosse tage wo im geist ich nur der herr der welten hiess Arger tag wo in der heimat meine tempel ich verliess Dort beriet ich mit den göttern über ihren höchsten plan Ihre kinder stiegen nieder mir zu lust und unterthan O so werde wieder knabe der im haine ruhe sucht Inne hält er eben bang vor eigener gedanken wucht Mit der feinen kühnen blässe schweren wechseljahres spur Trätest du an meine seite mit mir und kein schatten nur! F ern ist mir das blumenalter Wo die zähre noch genuss Starb im reif der sommerfalter · Dem ein atem schon ein kuss? Der auf gras und klee und garbe Und in reiche gärten flog Einen hauch von duft und farbe Rasch aus allen blüten sog Dem die nacht ein gut erteilte Das er tags umsonst erspäht Den sie mit der hoffnung heilte Dass ihn doch die tulpe lädt Kommt er wieder mit der meisen Mit der lerchen erstem ton Wird er neu den juni preisen Schläft er oder starb er schon? J ahre und vermeinte schulden ... Wisch die zeichen ihrer hiebe Kind erkoren von den Hulden Zu der Völker heil und liebe Heimgekehrter sieger rotte Beugte sich vor deiner schöne Ihrem jugendlichen gotte Jubelten die erdensöhne Die der ehre dank erwiesen Neben solchem hort zu wohnen Wenn du auf den jaspis-fliesen Weihtest vor bekränzten thronen Männer weinten frauen stöhnten Unter deines tempels thüre Glühend baten die gehöhnten Dass dein kleid ihr haar berühre — Eh dein grösster ruhm ersterbe Schmücke dich im weissen bade Dass er noch zum wettbewerbe Alle hermen vor sich lade A m markte sah ich erst die würdevolle Die schönste aus der weissen schwestern zug Wie fürstenmantel hing die schlichte wolle Um ihres nackens ihrer schulter bug Im schauspiel dann als sich die opfer mehrten Und zügellos die menge beifall rief Die todberufenen den cäsar ehrten: Ihr auge blieb gelassen streng und tief Wenn ich der kurzen werbung rausch bedenke! Ich riss die priesterin von dem altar Und alle länder brachten brautgeschenke Ich bot in bächen gold und balsam dar Und zweiflend ob das neue glück mir werde Erfand ich nur den quell der neuen qual... Ich sandte sie zurück zu ihrem herde Sie hatte wie die anderen ein mal I ch will mir jener stunden lauf erzählen: Die kinder unterm feigenbaum entschlafen Nach unbedachtem seligem vermählen · Mich kümmerten der kalten väter strafen Wol! da ich euch den starken tropfen gönnte Aus meinem treuen ringe der mir diene Wenn es bei einer dämmerung mir schiene Dass ich die Sterne nicht mehr schauen könnte Begnadete! da ich euch gütig nahte Und kein erwachen euch ein glück ermattet Das nur der träum so herrlich euch gestattet Als ich es jezt aus euren zügen rate O b denn der wolken-deuter mich belüge Und ich mit bränden und durch adlerflüge? Dass niemals dieser knospe keusche lippe Vom windgeführten seim der freundin nippe Dass sie im schwall der salben und gewürze Des schwülen kerkers weile sich verkürze Besprengt vom saft des hanfes und der rebe Die trägen adern zu beleben strebe Und flehend bis sie welke stehen bleibe Vor einer säule sprödem marmorleibe VOGELSCHAU W eisse schwalben sah ich fliegen Schwalben schnee- und silberweiss Sah sie sich im winde wiegen In dem winde hell und heiss Bunte häher sah ich hüpfen Papagei und kolibri Durch die wunder-bäume schlüpfen In dem wald der Tusferi Grosse raben sah ich flattern Dohlen schwarz und dunkelgrau Nah am grunde über nattern Im verzauberten gehau Schwalben seh ich wieder fliegen Schnee- und silberweisse schar Wie sie sich im winde wiegen In dem winde kalt und klar FÜR DEN VERFASSER GEDRUCKT BEI VAILLANT-CARMANNE IN LÜTTICH.