Lebensgeschichte und Natuͤrliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg . Herausgegeben von H. H. Fuͤßli. Zuͤrich , bey Orell, Geßner, Fuͤßli und Compagnie 1789. Vorbericht des Herausgebers. I m Dezember 1787. schrieb mir mein hochge- schaͤtzter Freund, Herr Martin Imhof , Pfarr- herr zu Wattweil im Tockenburg . „In einem der abgesoͤndertsten Winkeln des so wenig bekannten und oft verkannten Tockenburgs wohnt ein braver Sohn der Natur; der, wie- wohl von allen Mitteln der Aufklaͤrung abgeschnit- ten, sich einzig durch sich selbst zu einem ziemli- chen Grade derselben hinaufgearbeitet hat. Den Tag bringt er mit seiner Berufsarbeit zu; einen Theil der Nacht, oft bis in die Mitte der- selben, liest er, was ihm der Zufall, oder ein Freund, oder nun auch seine eigene Wahl in die Haͤnde liefert — oder schreibt auch seine Bemer- kungen uͤber sich und andere in der kunstlosen Sprache des Herzeus nieder. Hier ist eine Pro- be davon. Finden Sie solche dem Geschmack Ihres lesen- den Publikum’s augemessen, so sey Ihnen der freye Gebrauch davon uͤberlassen. — Nicht allen behagen gleiche Gerichte; und so, denk ich, duͤrfte diese Darstellung der Schicksale und des haͤusli- chen Lebens eines ganz gemeinen aber rechtschaffe- nen Mannes mit allen ihren schriftstellerschen Ge- brechen dem eint und andern Schweitzerschen Le- Vorbericht des Herausgebers. ser des Museums wohl so willkommen und viel- leicht auch eben so nuͤtzlich seyn, als die mit Mei- sterhand entworfene Lebensbeschreibung irgend ei- nes grossen Staatsmannes oder Gelehrten. Von der gleichen Feder sind noch mehrere kleine Aufsaͤtze in meinen Haͤnden, aus denen oft origineller Witz, muntere Laune, immer ein heller Kopf, und ein offenes gutes, Gott und Menschen liebendes Herz hervorleuchtet. Ob auch diese mitgetheilt werden, wird die Aufnahme bestimmen, die die- ses biographische Bruststuͤck findet„. Diese neue, ganz unerwartete litterarische Erschei- nung aus einem Lande, welches freylich nicht erst seit gestern so manchen treflichen Kopf zu Berg und Thal in seinem gluͤcklichen Schooße naͤhret, machte mir ungemeines Vergnuͤgen. Das erste Probe- stuͤck, welches ich davon im zweyten Hefte des vierten Jahrgangs des Schweitzerschen Museums dem Publiknm mittheilte, fand, auch unter den verschiedensten Klassen von Lesern, allgemeinen Bey- fall. Man mochte die waͤhrend dem ganzen Laufe des Fruͤhjahrs und Sommers 1788. einander ziem- lich schnell gefolgten Fortsetzungen kaum erwarten; niemals wurde auch die gespannteste Neugierde ge- taͤuscht, und jedesmal nach dem Verfolge luͤster- ner gemacht. Im Julius hatte ich vollends die Freude, auf einer Lustreise durch’s Tockenburg mit dem Ver- Vorbericht des Herausgebers. fasser persoͤnliche Bekanntschaft zu machen; bey welcher ich alles noch mehr als bestaͤthigt fand, was mir sein wuͤrdiger Seelsorger in obigem Briefe von seinem Pfarrkinde mit derjenigen Bescheidenheit und Unbefangenheit ruͤhmte, welche eben den schoͤn- sten Charackterzug dieses edeln und rechtschaffnen Manns ausmachen. Vey dieser Gelegenheit war es nicht Herrn Im- hofs — und noch viel minder des ehrlichen B. * * — sondern mein Einfall, das was ein Paar hun- dert Theilnehmer an dem Schweitzermuseum in Bruchstuͤcken so hoͤchlich belustigt hatte, auch der uͤbrigen zumal einheimischen, Leserwelt zusammen- gedruckt mitzutheilen, einer- und anderseits die- ser Lebensgeschichte, mit beßter Muße, noch ein Paar andre Baͤndchen folgen zu lassen, welche in ge- draͤngter Kuͤrze Auszuͤge aus den gewiß wenig- stens gleich unterthaltenden Tagebuͤchern, nebst eini- chen zerstreuten Aufsaͤtzen des Verfassers enthalten wuͤrden. Grosse Muͤhe hatt’ ich wahrlich, den lieben Mann zu bereden, daß er diesen, nach seinem Sinne, so kuͤhnen Schritt wagen — und mir die ganze Verantwortung desselben uͤberlassen sollte. Diese in viele und schoͤne Phrasen zu kleiden, wuͤrde, denk’ ich, ein hoͤchst unnuͤtzes Geschaͤft seyn. Also nur zwey Worte — Denn das Leben auf Erde ist fuͤr lange Vorreden zu kurz. Vorbericht des Herausgebers. Das erste an die von mir innig geschaͤtzten und geliebten Landleuthe unsers Schriftstellers. Diesen (ich rede von der edlern — und, wie ich uͤberzeugt bin, zugleich groͤssern Zahl; der, wie ich hoffe, hoͤchst kleine Ueberrest findet seine gebuͤhrende Ab- fertigung in einem Gespraͤch’ am Schluße) wird ihr bekannter vorzuͤglicher Gerad- und Biedersinn nicht erlauben, ihren Landsmann um das Gluͤck zu beneiden, viele seiner Mitmenschen nuͤtzlich zu ergoͤtzen. Oder — — — Bleibet denn nicht immer Jedes Weisen Ehrenschimmer Seines Volkes Eigenthum? Das zweyte an die Philosophen in Seide, und die Volkesfreunde in Purpur, welche waͤhnen, daß der Mann in Zwillich unmoͤglich klug genug seyn koͤnne, sich durch Authorruhm nicht zu Stolz und Eigenduͤnkel verfuͤhren zu lassen; besonders aber, daß derjenige ihm ohne weiters Tugend und Zufrie- denheit raube, der ihn aus seiner gluͤcklichen Ver- borgenheit auf irgend eine Weise ans Licht zieht. Diesen dienet zum Trost: Daß unser Author wirklich schon beyde Proben man̄haft bestanden habe, sie also einstweilig ganz ohne Kummer seyn duͤrfen; fuͤr den mondrigen Tag aber allzuaͤngstlich zu sorgen — ein heidnisch Ding sey. Vorbericht des Herausgebers. Was der Verfasser im Anhang seiner Geschichte von meinen Bemuͤhungen um dieselbe erzaͤhlt, war eine geringe Arbeit, und recht dazu geschaffen, mir den suͤssesten Genuß von ein Paar Dutzend meiner Mußestunden — wie zu verdoppeln; so daß es noch die groͤßte Frage, oder vielmehr bey mir ganz ent- schieden ist, welcher von uns beyden des andern Schuldner sey. Zu einem Gloßar der haͤufig zum Vorschein kom- menden Provinzialausdruͤcke fand’ ich bey aller- naͤchst eintretender Messe die Zeit nicht mehr. Einige der unverstaͤndlichsten jedoch sind in Noten bemerkt. Die uͤbrigen nachzuholen wird sich schon die Gele- genheit finden. Zuͤrch, am 6. Aprill. 1789. H. H. Fuͤßli. Inhalt. Seite Vorrede des Verfassers. 1 1. Meine Voreltern. 3 2. Mein Geburtstag. 5 3. Mein fernstes Denken 7 4. Zeitumstaͤnde. 8 5. Schon in Gefahr. 9 6. Unsre Nachbauern im Naͤbis. 11 7. Wanderung in das Dreyschlatt. 13 8. Oekonomische Einrichtung. 14 9. Abaͤnderungen. 15 10. Naͤchste Folgen von des Großvaters Tod. 16 11. Allerley, wie’s so koͤmmt. 18 12. Die Bubenjahre. 19 13. Beschreibung unsers Guts Dreyschlatt. 22 14. Der Geißbube. 23 15. Wohin, und wie lang 25 16. Vergnuͤgen im Hirtenstand 26 17. Verdruß und Ungemach. 29 18. Neue Lebensgefahren. 32 19. Kameradschaft. 35 20. Neue sonderbare Gemuͤthslage, und End des Hirtenstands. 37 21. Neue Geschaͤfte, neue Sorgen. 40 22. O der unseligen Wißbegierde! 43 23. Unterweisung. 46 24. Neue Kameradschaft. 48 25. Damalige haͤusliche Umstaͤnde. 50 26. Wanderung auf den Steig in Wattweil. 54 27. Goͤttliche Heims n chung 55 Inhalt. Seite 28. Itzt Tagloͤhner 58 29. Wie? Schon Grillen im Kopf. 60 30. So geht’s. 65 31. Immer noch Liebesgeschichten. Doch auch an- ders mitunter. 69 32. Nur noch dießmal. 73 33. Es geht auf Reisen. 78 34. Abschied vom Vaterland. 81 35. Itzt noch vom Schaͤtzle. 84 36. Es geht langsam weiters. 88 37. Ein nagelneues Quartier. 90 38. Ein unerwarteter Besuch. 94 39. Was weiters. 97 40. O die Muͤtter, die Muͤtter! 99 41. Hin und her, her und hin. 101 42. Noch mehr dergleichen Zeug. 106 43. Noch einmal, und dann: Adieu Rothweil! Adieu auf ewig! 110 44. Reise nach Berlin. 113 45. ’s giebt ander Wetter! 117 46. So bin ich denn wirklich Soldat? 121 47. Nun geht der Tanz an. 125 48. Nebst anderm meine Beschreibung von Berlin. 129 49. Nun geht’s bald weiters. 135 50. Behuͤte Gott Berlin! — Wir sehen einander nicht mehr. 140 51. Marschroute bis Pirne. 142 52. Muth und Unmuth. 144 53. Das Lager zu Pirne. 146 54. Einnahme des Saͤchsischen Lagers u. s. f. 149 Inhalt. Seite 55. Die Schlacht bey Losowitz. 151 56. Das heißt — wo nicht mit Ehren gefochten — doch gluͤcklich entroͤnnen. 156 57. Heim! Heim! Nichts als Heim! 160 58. O des geliebten suͤssen Vaterlands! 164 59. Und nun, was anfangen? 167 60. Heurathsgedanken. 169 61. Itzt wird’s wohl Ernst gelten. 172 62. Wohnungsplane. 175 63. Das allerwichtigste Jahr (1761). 178 64. Tod und Leben. 184 65. Wieder drey Jahre (1763 — 65). 187 66. Zwey Jahre (1766. u. 67). 188 67. Und abermals zwey Jahre (1768. u. 69). 196 68. Mein erstes Hungersjahr (1770). 193 69. Und abermals zwey Jahre! (1771 — 72). 199 70. Nun gar fuͤnf Jahre (1773 — 77). 204 71. Das Saamenkorn meiner Authorschaft. 208 72. Und da. 210 73. Freylich manche harte Versuchung 214 74. Brief an Herrn Pfarrer Joh. Caspar Lavater. 219 75. Dießmal vier Jahre (1778 — 81). 224 76. Wieder vier Jahre (1782 — 85). 227 77. Und nun, was weiters? 232 78. Also? 233 79. Meine Gestaͤndnisse. 235 80. Von meiner gegenwaͤrtigen Gemuͤthslage. Item von meinen Kindern. 260 81. Gluͤcksumstaͤnde und Wohnort. 273 Anhang (1788). 281 Vorrede des Verfassers. O bschon ich die Vorreden sonst hasse, muß ich doch ein Woͤrtchen zum voraus sagen, ehe ich diese Blaͤtter, weiß noch selbst nicht mit was vor Zeug uͤberschmiere. Was mich dazu bewogen? Eitelkeit? — Freylich! — Einmal ist die Schreibsucht da. Ich moͤchte aus mei- nen Papieren, von denen ich viele mit Eckel ansehe, einen Auszug machen. Ich moͤchte meine Lebenstage durchwandern, und das Merkwuͤrdigste in dieser Erzaͤhlung aufbehal- ten. Ist’s Hochmuth, Eigenliebe? Freylich! Und doch muͤßt’ ich mich sehr mißkennen, wenn ich nicht auch andere Gruͤnde haͤtte. Erstlich das Lob meines guten guten Gottes, meines liebreichen Schoͤpfers, meines beßten Vaters, dessen Kind und Geschoͤpf ich eben so wohl bin als Salomon und Alexander. Zweytens mei- ner Kinder wegen. Ich haͤtte schon oft weiß nicht was darum gegeben, wenn ich so eine Historie meines sel. Vaters, eine Geschichte seines Herzens und seines Lebens gehabt haͤtte. Nun, vielleicht kann’s meinen Kindern auch so gehen, und dieses Buͤchlein ihnen so viel nuͤtzen, als wenn ich die wenige daran ver- wandte Zeit mit meiner gewohnten Arbeit zugebracht haͤtte. Und wenn auch nicht, so macht’s doch mir eine unschuldige Freude, und ausserordentliche Lust, so wieder einmal A Vorrede des Verfassers. mein Leben zu durchgehen. Nicht daß ich denke, daß mein Schicksal fuͤr andre etwas seltenes und wunderbares enthalte, oder ich gar ein besondrer Liebling des Himmels sey. Doch wenn ich auch das glaubte — waͤr’s Suͤnde? Ich denke wieder Nein! Mir ist frey- lich meine Geschichte sonderbar genug; und vortreflich zufrieden bin ich, wie mich die ewig weise Vorsehung bis auf diese Stunde zu leiten fuͤr gut fand. Mit welcher Wonne kehr’ ich besonders in die Tage meiner Jugend zuruͤck, und betrachte jeden Schritt, den ich damals und seither in der Welt gethan. Freylich, wo ich stolperte — bey meinen man- nigfachen Vergehungen — o da schauert’s mir — und vielleicht nur allzugeschwind werd’ ich uͤber diese wegeilen. Doch, wem wurd’s frommen, wenn ich alle meine Schulden her- zaͤhlen wollte — da ich hoffe, mein barmher- ziger Vater und mein goͤttlicher Erloͤser haben sie, meiner ernstlichen Reue wegen, huldreich durchgestrichen. O mein Herz brennt schon zum Voraus in inniger Anbetung, wenn ich mich gewisser Standpunkte erinnere, wo ich vormals die Hand von oben nicht sah, die ich nachwaͤrts so deutlich erkannte und fuͤhlte. Nun, Kinder! Freunde! Geliebte! Pruͤfet alles, und das Gute behaltet. I. Meine Voreltern. D ererwegen bin ich so unwissend als es Wenige seyn moͤgen. Daß ich Vater und Mutter gehabt, das weiß ich. Meinen sel. Vater kannt’ ich viele Jahre, und meine Mutter lebt noch. Daß diese auch ihre Eltern gehabt, kann ich mir einbilden. Aber ich kann- te sie nicht, und habe auch nichts von ihnen vernom- men, ausser daß mein Großvater M. B. aus dem Kaͤbisboden geheissen, und meine Großmutter (deren Namen und Heimath ich niemals vernommen) an meines Vaters Geburt gestorben; daher ihn denn ein kinderloser Vetter J. W. im Naͤbis, der Ge- meind Wattweil, an Kindesstatt angenommen; den ich darum auch nebst seiner Frau fuͤr meine rechten Großeltern hielt und liebte, so wie sie mich hinwieder als ein Großkind behandelten. Meine muͤterlichen Groß- eltern hingegen kannt ich noch wohl; es war U. Z. und E. W. ab der Laad. Mein Vater war sein Tage ein armer Mann; auch meine ganze Freundschaft hatte keinen reichen Mann auf- zuweisen. Unser Geschlecht gehoͤrt zu dem Stipendigut. Wenn ich oder meine Nachkommen einen Sohn woll- ten studiren lassen, so haͤtte er 600. Gl. zu beziehen. Erst vorm Jahr war mein Vetter, E. B. von Ka- pel, Stipendi-Pfleger. Ich weiß aber noch von keinem B. der studiert haͤtte. Mein Vater hat viele Jahre das Hofjuͤngergeld bekommen; ist aber bey einer vorgenommenen Reformation, nebst andern Geschlechtern, welche, wie das seinige, nicht genug- same Urkunden darbringen mochten, ausgemerzt wor- den. Mit der Genossami des Stipendii hingegen hat es seine Richtigkeit, obschon ich auch nicht recht weiß, wie es gestiftet worden, wer von meinen Vor- eltern dazu geholfen hat, u. s. f. Ihr seht also, meine Kinder! daß wir nicht Ursache haben, ahnenstolz zu seyn. Alle unsre Freunde und Blutsverwandte sind unbemittelte Leuthe, und von allen unsern Vorfahren hab’ ich nie nichts anders ge- hoͤrt. Fast von keinem, der das geringste Aemtli bekleidete. Meines Großvaters Bruder war Mesmer zu Kapel, und sein Sohn Stipendipfleger. Das ist’s alles aus der ganzen weitlaͤuftigen Verwandschaft. Da koͤnnen wir ja wohl vor dem Hochmuth gesichert seyn, der so viele arme Narren anwandelt, wenn sie reiche und angesehene Vettern haben, obgleich ihnen diese keinen Pfifferling geben. Nein! Von uns B. quaͤlt, Gott Lob! diese Sucht, so viel ich weiß keinen einzigen; und ihr seht, meine Kinder! daß sie auch mich nicht plagt — sonst haͤtt’ ich wenig- stens unserm Stammbaum genauer nachgeforscht. Ich weiß, daß mein Großvater und desselben Vater arme Leuthe waren, die sich kuͤmmerlich naͤhren mußten; daß mein Vater keinen Pfenning erbte; daß ihn die Noth fein Lebenlang druͤckte, und er nicht selten uͤber seinen kleinen Schuldenlast seufzte. Aber deswegen schaͤm’ ich mich meiner Eltern und Voreltern bey weitem nicht. Vielmehr bin ich noch eher ein Bis- chen stolz auf sie. Denn, ihrer Armuth ungeachtet, hab’ ich von keinem Dieb, oder sonst einem Ver- brecher den die Justitz haͤtte straffen muͤssen, von keinem Lasterbuben, Schwelger, Flucher, Verleum- der u. s. f. unter ihnen gehoͤrt; von keinem, den man nicht als einen braven Biedermann mußte gel- ten lassen; der sich nicht ehrlich und redlich in der Welt naͤhrte; von keinem der betteln gieng. Dage- gen kannt’ ich wirklich recht manchen wackern, from- men Mann, mit zartem Gewissen. Das ist’s allein, worauf ich stolz bin, und wuͤnsche, daß auch Ihr stolz darauf werdet, meine Kinder! daß wir diesen Ruhm nicht besudeln, sondern denselben fortzupflan- zen suchen. Und eben das moͤcht’ ich Euch recht oft zu Gemuͤthe fuͤhren, in dieser meiner Lebensgeschichte. II. Mein Geburthstag. (22. Dezembr . 1735.) F uͤr mich ein wichtiger Tag. Ich sey ein Bischen zu fruͤh auf der Welt erschienen, sagte man mir. Meine Eltern mußten sich dafuͤr verantworten. — Mag seyn, daß ich mich schon in Mutterleibe nach dem Tageslichte gesehnt habe — und dieß nach dem Licht sehnen geht mir wohl all mein Tage nach! Daneben war ich die erste Kraft meines Vaters — und Dank sey ihm unter der Erde, von mir auch dafuͤr gesagt! Er war ein hitziger Mann, voll war- men Blutes. O ich habe schon tausendmal druͤber nachgedacht, und mir bisweilen einen andern Ur- sprung gewuͤnscht, wenn flammende Leidenschaften in meinem Busen tobten, und ich den heftigsten Kampf mit ihnen bestehen mußte. Aber, sobald Sturm und Wetter vorbey war, dankt’ ich ihm doch wieder, daß er mir sein feuriges Temperament mitgetheilt hat, womit ich unzaͤhlige schuldlose Freuden lebhafter als so viele andere Leuthe geniessen kann. Genug, an diesem 22. Dez. kam ich ans Tageslicht. Mein Vater sagte mir oft: Er habe sich gar nicht uͤber mich gefreut: Ich sey ein armes elendes Geschoͤpf gewesen; nichts als kleine Beinerchen, mit einem verschrumpften Haͤutgen uͤberzogen; Und doch haͤtt’ ich Tag und Nacht ein graͤßliches Zettergeschrey erhoben, das man bis ins Holz hoͤren konnte, u. s. f. Er hat mich oft recht boͤs damit gemacht. Dachte: Ha, ich werd’s auch gemacht haben, wie andre neugeborne Kinder! Aber die Muter gab ihm allemal Beyfall. Nun, es kann seyn. Am H. Weihnachtstag ward ich getanft, in Watt- weil; und ich freute mich schon oft, daß es gerad an diesem Tage geschah, da wir die Geburt unsers Hochgelobten Erloͤsers feyern. Und wenn’s eine ein- faͤltige Freude ist, was macht’s — giebt’s doch ge- wiß noch viel kindischre? H. G. H. von Kapel aus der Au, und A. M. M. aus der Schamatten, wa- ren meine Taufpathen; Er ein feuriger reicher Jung- gesell, Sie eine bemittelte huͤbsche Jungfer. Er starb ledig; sie lebt noch im Wittwenstand. In meinen ersten Lebensjahren mag ich wohl ein wenig verzaͤrtelt worden seyn, wie’s gewoͤhnlich mit allen ersten Kindern geht. Doch wollte mein Vater schon fruͤhe genug mit der Ruthe auf mich dar; aber die Mutter und Großmutter nahmen mich in Schutz. Mein Vater war wenig daheim; er brennte hie und da im Land und an benachbarten Orten Salpeter. Wenn er dann wieder nach Hause kam, war er mir fremd. Ich floh ihn. Dies verdroß den guten Mann so sehr, daß er mich mit der Ruthe zahm machen wollte. (Diese Thorheit begehen viele neuangehende Vaͤter, und fodern naͤmlich von ihren ersten Kindern aus pur lauter Liebe, daß sie eine eben so zaͤrtliche Neigung gegen sie wie gegen ihre Muͤtter zeigen sollten. Und so hab’ ich auch bey mir und viel andern Vaͤtern wahrgenommen, daß sie ihre Erstgeborenen unter einer ungereimt scharfen Zucht halten, die dann bis zu den letzten Kindern nach und nach voͤllig erkaltet.) III. Mein fernstes Denken. (1738.) G ewiß kann ich mich so weit hinab — oder hinauf — wo nicht gar bis auf mein zweytes Lebensjahr zu- ruͤckerinnern. Ganz deutlich besinn’ ich mich, wie ich auf allen Vieren einen steinigten Fußweg hinab- kroch, und einer alten Baase durch Gebehrden Aepfel abbetelte. — Ich weiß gewiß, daß ich wenig Schlaf hatte — daß meine Muter, um hinter den Groß- eltern einen geheimen Pfenning zu verdienen, des Nachts verstohlner Weise beym Licht gesponnen — daß ich dann nicht in der Kammer allein bleiben wollte, und sie darum eine Schuͤrze auf den Boden spreiten mußte, mich nackt darauf setzte, und ich mit dem Schatten und ihrer Spindel spielte. — Ich weiß, daß sie mich oft durch die Wiese auf dem Arm dem Vater entgegentrug; und daß ich dann ein Mordioge- schrey anfieng, sobald ich ihn erblickte, weil er mich immer rauh anfuhr, wenn ich nicht zu ihm wollte. Seine Figur und Geberden die er dann machte, seh’ ich jetzt noch wie lebendig vor mir. IV. Zeitumstaͤnde. U m diese Zeit waren alle Lebensmittel wohlfeil; aber wenig Verdienst im Lande. Die Theurung und der Zwoͤlferkrieg waren noch in frischem Angedenken. Ich hoͤrte meine Mutter viel davon erzaͤhlen, das mich zittern und beben machte. Erst zu End der Dreyßigerjahre ward das Baumwollenspinnen in un- serm Dorf eingefuͤhrt; und meine Muter mag eine von den ersten gewesen seyn, die Loͤthligarn gespon- nen. (Unser Nachbar, A. F. trug das erste um einen Schilling Lohn an den Zuͤrchsee, bis er eine eigne Dublone vermochte. Dann fieng er selber an zu kaufen, und verdiente nach und nach etlich tau- send Gulden. Da hoͤrte er auf, setzte sich zur Ruhe, und starb.) In meinen Kinderjahren sind auch die ersten Erdapfel in unserm Ort gepflanzt worden. V. Schon in Gefahr. (1739.) S obald ich die ersten Hosen trug, war ich meinem Vater schon lieber. Er nahm mich hie und da mit sich. Im Herbst d. J. brannte er im Gandten, eine halbe Stunde von Naͤbis entfernt, Salpeter. Eines Tags nahm er mich mit sich; und, da Wind und Wetter einfiel, behielt er mich zu Nacht bey sich. Die Salpeterhuͤtte war vor dem Tenn, und sein Bett im Tenn. Er legte mich darein und sagte liebkosend, er wolle bald auch zu mir liegen. Unterdessen fuhr er fort zu feuern, und ich schlief ein. Nach einem Weilchen erwacht’ ich wieder, und rief ihm — Keine Antwort. — Ich stund auf, trippelte im Hemdli nach der Huͤtte und um den Gaden uͤberall herum, rief — schrie! Nir- gends kein Vater. Nun glaubt ich gewiß, er waͤre heim zu der Mutter gegangen. Ich also hurtig, legte die Hoͤslin an, nahm das Brusttuͤchlin uͤbern Kopf, und rannte in der stockfinstern Regennacht zuerst uͤber die naͤchstanstossende lange Wiese. Am End dersel- ben rauschte ein wildangelaufener Bach durch ein Tobel. Den Staͤg konnt’ ich nicht finden, und wollte darum ohne weiters und gerade hinuͤber, dem Naͤbis zu; glitschte aber uͤber eine Riese zum Bach hinab, wo mich das Wasser beynahe ergriffen haͤtte. Die aͤusserste Anstrengung meiner jugendlichen Kraͤfte half mir noch gluͤcklich davon. Ich kroch wieder auf allen Viereu durch Stauden und Doͤrn’ hinauf der Wiese zu, auf welcher ich uͤberall herumirrte, und den Gaden nicht mehr finden konnte — als ich gegen einer Windhelle zwey Kerls — Birn- oder Aepfel- diebe — auf einem Baum ansichtig ward. Diesen ruft ich zu, sie sollten mir doch auf den Weg hel- fen. Aber da war kein Bescheid; vielleicht daß sie mich fuͤr ein Ungeheuer hielten, und oben im Gipfel noch aͤrger zittern mochten, als ich armer Bube un- ten im Koth. — Inzwischen war mein Vater, der waͤhrend meinem Schlummer nach einem ziemlich entfernten Haus gieng, etwas zu holen, wieder zuruͤckgekehrt. Da er mich vermißte, suchte er in allen Winkeln nach, wo ich mich etwa moͤgte verkro- chen haben; zuͤndete bis in die siedenden Kessel hin- ein, und hoͤrte endlich mein Geschrey, dem er nach- gieng, und mich nun bald ausfindig machte. O, wie er mich da herzte und kuͤßte, Freudenthraͤnen weinte und Gott dankte, und mich, sobald wir zum Gaden zuruͤckkamen, sauber und trocken machte — denn ich war mausnaß, dreckigt bis uͤber die Ohren, und hatte aus Angst noch in die Hosen .... Morn- deß am Morgen fuͤhrte er mich an der Hand dnrch die Wiese: Ich sollt’ ihm auch den Ort zeigen, wo ich heruntergepurzelt. Ich konnt’ ihn nicht finden: Zuletzt fand Er ihn an dem Geschlirpe, das ich beym Hinabrutschen gemacht; schlug dann die Haͤnd’ uͤberm Kopf zusamen, vor Entsetzen uͤber die Gefahren worinn ich geschwebt, und vor Lob und Preis uͤber die Wunderhand Gottes, die mich allein erretten konnte: „Siehst du„ sprach er, nur noch wenige „Schritte, so stuͤrzt der Bach uͤber den Felsen hinab. „Haͤtt’ dich das Wasser fassen koͤnnen, so laͤgst du „dort unten todt und zermuͤrset„! Von allem die- sem begriff ich damals kein Wort; ich wußte nur von meiner Angst, nichts von Gefahr. Besonders aber schwebten die Kerle auf dem Baum mir viele Jahre vor Augen, sobald mich nur ein Wort an die Geschichte erinnerte. Gott! Wie viele tausend Kinder kaͤmen auf eine elende Art ums Leben, wenn nicht deine schuͤtzenden Engel uͤber sie wachten. Und, o wie gut hat auch der meinige uͤber mich gewacht. Lob und Preis sey dir dafuͤr noch heute von mir gebracht, und in alle Ewigkeit! VI. Unsre Nachbauern im Naͤbis. D er Naͤbis liegt im Berg, ob Scheftenau. Von Kapel hoͤrt man die Glocke laͤuten und schlagen. Es sind nur zwey Haͤuser. Die aufgehnde Sonne strahlt beyden gerad in die Fenster. Meine Großmutter und die Frau im andern Haus waren zwo Schwe- stern; fromme alte Muͤtterle, welche von andern gottseligen Weibern in der Nachbarschaft fleißig be- sucht wurden. Damals gab es viel fromme Leuthe daherum. Mein Vater, Großvater, und andre Maͤnner, sahen’s zwar ungern; durften aber nichts sagen, aus Furcht sie koͤnnten sich versuͤndigen. Der Baͤtbeele war ihr Lehrer (seinem Bruder sagte man Schweerbeele ), ein grosser langer Mann, der sich nur vom Kuderspinnen und etwas Allmosen naͤhrte. In Scheftenau war fast in jedem Haus eins, das ihm anhieng. Meine Großmutter nahm mich oft mit zu diesen Zusammenkuͤnften. Was eigentlich da verhandelt wurde, weiß ich nicht mehr; nur so viel, daß mir dabey die Weil verzweifelt lang war. Ich mußte maͤuslinstill sitzen, oder gar knieen. Dann gab’s unaufhoͤrliche Ermahnungen und Bestrafungen von den Baasen allen, die ich so wenig verstuhnd als eine Katze. Dann und wann aber stahl mich mein Großvater zum voraus weg, und mußt’ ich mit ihm in den Berg, wo unsre Kuͤhe waideten. Da zeigte er mir allerley Voͤgel, Kaͤfer und Wuͤrmchen, die- weil er die Matten saͤuberte, oder junge Taͤnnchen, den wilden Seevi, u. s. f. ausraufte. Wenn er dann alles an einen Haufen warf, und’s bey einbre- chendem Abend anzuͤndete, da war’s mir erst recht gekocht. Anderer Buben, die etwa dabey seyn moch- ten, erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber etli- cher halberwachsener Meidlinen, die mit mir spiel- ten. Ich gieng damals in mein sechstes Jahr; hatte schon zwey Bruͤder und eine Schwesier, von de- nen es hieß, daß eine alte Frau sie in einer Butte gebracht. VII. Wanderung in das Dreyschlatt. (1741.) M ein Vater hatte einen Wanderungsgeist, der zum Theil auch auf mich gekommen ist. In diesem Jahr kaufte er ein groß Gut (fuͤr 8. Kuͤhe Soͤm- mer- und Winterung), Dreyschlatt genannt, in der Gemeind Krynau, zu hinderst in einer Wild- niß, nahe an den Alpen. Das nicht halb so grosse Guͤtchen im Naͤbis hingegen verkaufte er dafuͤr: Weil er (wie er sagte) sah, daß ihn eine grosse Haushaltung anfallen wolle; damit er fuͤr viele Kin- der Platz und Arbeit genug haͤtte; auch daß er sie in dieser Einoͤde nach seinem Willen erziehen koͤnnte, wo sie vor der Verfuͤhrung der Welt sicher waͤren. Auch rieth der Großvater, der von Jugend an ein starker Viehmann war, sehr dazu. Aber mein guter Aeti verband sich den unrechten Finger, und watete sich, da er an das Gut nichts zu geben hatte, in einen Schuldenlast hinein, unter welchem er nach- werts 13. Jahre lang genug seufzen mußte. Also im Herbst 41. zuͤgelten wir mit Sack und Pack ins Dreyschlatt . Mein Großaͤti war Senn; Ich jagte die Kuͤhe nach; mein Bruder G. nur 20. Wochen alt, ward in einem Korb hingetragen. Mut- ter und Großmutter, mit den zwey andern Kindern kamen hinten nach; und der Vater, mit dem uͤbri- gen Plunder, beschloß den Zug. VIII. Oekonomische Einrichtung. M ein Vater wollte doch das Salpetersieden nicht aufgeben, und dachte damit wenigstens etwas zu Abherrschung der Zinse zu verdienen. Aber so ein Gut, wie der Dreyschlatt, braucht Haͤnd’ und Armschmalz. Wir Kinder waren noch wie fuͤr nichts zu rechnen; der Großaͤti hatte mit dem Vieh, und die Mutter genug im Haus zu thun. Es mußten also ein Knecht und eine Magd gedungen werden. Im folgenden Fruͤhjahr gieng der Vater wieder dem Salpeterwerk nach. Inzwischen hatte man mehr Kuͤh’ und Geissen angeschaft. Der Großaͤti zog jun- gen Fasel nach. Das war mir eine Tausendslust, mit den Gitzen so im Gras herumlaufen; und ich wußte nicht, ob der Alte eine groͤssere Freud an mir oder an ihnen hatte, wenn er sich so, nachdem das Vieh besorgt war, an unsern Spruͤngen ergoͤtzte. So oft er vom Melken kam, nahm er mich mit sich in den Milchkeller, zog dann ein Stuͤck Brod aus dem Futterhemd, brockt’ es in eine kleine Mutte, und machte ein kuͤhwarmes Milchsuͤpple. Das assen ich und er so alle Tage. So vergieng mir meine Zeit, unter Spiel und Herumtrillern, ich wußt’ nicht wie? Dem Großaͤti giengs eben so. Aber, aber — Knecht und Magd thaten inzwischen was sie gern wollten. Die Mutter war ein gutherziges Weib; nicht gewohnt jemand mit Strenge zur Arbeit anzuhalten. Es mußte allerhand Milch- und Werk- geschirr eingekauft werden; und, da man viel Waide zu Wiesen einschlug, auch Heu und Stroh, um mehr Mist zu machen. Im Winter hatten wir allemal zu wenig Futter — oder zu viel fressende Waar Man mußt’ immer mehr Geld entlehnen; die Zinse haͤuf- ten sich, und die Kinder wurden groͤsser, Knecht und Magd feißt, und der Vater mager. IX. Abaͤnderungen . E r merkte endlich, daß so die Wirthschaft nicht ge- hen koͤnne. Er aͤnderte sie also; und gab naͤmlich das Salpetersieden auf, blieb daheim, fuͤhrte das Gesind selber zur Arbeit an, und war allenthalben der erste. Ich weiß nicht ob er auf einmal gar zu sireng angefangen, oder ob Knecht und Magd, wie oben gesagt, sonst zu meisterlos geworden; kurz, sie jahrten aus, und liefen davon. Um die gleiche Zeit wurde der Großaͤti krank. Erst stach er sich nur an einem Dorn in den Daumen; der wurde geschwollen. Er band frischwarmen Kuͤhmist drauf; da schwoll die ganze Hand. Er empfand entsetzliche Hitz’ darinn, gieng zum Brunnen, und wusch den Mist unter der Roͤhre wieder ab. Aber das hatte nun gar boͤse Folgen. Er mußte sich bald zu Beth legen, und bekam die Wassersucht. Er ließ sich abzaͤpfen; das Wasser rann in den Keller hinab. Nachdem er so 5. Monathe gelegen, starb er zum Leidwesen des gan- zen Hauses; denn alle liebten ihn, vom Kleinsten bis zum Groͤßten. Er war ein angenehmer, Freud’ und Friede liebender Mann. Er hatte an meinem Vater und mir ungemein viel gethan; und ich habe nie von keinem Menschen etwas Boͤses uͤber ihn sa- gen gehoͤrt. Mein Vater und Mutter erzaͤhlten noch viele Jahre allerhand Loͤbliches und Schoͤnes von ihm. Als ich ein wenig zum Verstand kam, erin- nerte ich mich seiner erst recht, und verehrt’ ihn im Staub und Moder. Er liegt im Kirchhof zu Krynau begraben. X. Naͤchste Folgen von des Groß- vaters Tod . N un wurde wieder eine Magd angeschaft; die war dem Vater recht, weil sie brav arbeitete. Aber Mut- ter und Großmutter konnten sie nicht leiden, weil sie glaubten, sie schmeichle dem Vater, und trag’ ihm alles zu Ohren. Auch war sie kraͤtzig, so daß wir alle die Raud von ihr erbten. Und kurz, die Muͤtter ruhten nicht; sie mußte fort, und eine andre zu. Die war nun ihnen recht, aber dem Vater nicht, weil sie nur das Haus- aber nicht das Feld- werk verstand. Auch meinte er, sie helfe den Wei- bern allerhand verschmauchen. Jetzt gab’s bald alle Tag einen Zank. Die Weibervoͤlker stunden zusam- men; der Mann hinwieder glaubte, Er sey einmal Meister; und kurz, es schien als wenn der alte Naͤbis- Joggele Joggele einen guten Theil vom Hausfrieden mit sich unter den Boden genommen haͤtte. Aus Ver- druß gieng darum der Vater einstweilig wieder dem Salpetersieden nach, uͤbergab die Wirthschaft seinem Bruder N. als Knecht, und glaubte mit einem so nahen Blutsfreunde wohl versorgt zu seyn. Er betrog sich. Er konnt’ ihn nur ein Jahr behalten, und sah noch zu rechter Zeit die Wahrheit des Spruͤch- worts ein: Wer will daß es ihm ling, schau selber zu seinem Ding! — Nun gieng er nicht mehr fort, trat anf’s neue an die Spitze der Haushaltung, ar- beitete uͤber Kopf und Hals, und hirtete die Kuͤhe selber; Ich war sein Handbub, und mußte mich brav tummeln. Die Magd schafte er ab; und dingte da- fuͤr einen Gaißenknab, da er jetzt einen Fasel Gais- sen gekauft, mit deren Mist er viel Waid und Wie- sen machte. Inzwischen wollten ihn die Weiber noch immer meistern; das konnt’ er nicht leiden; ’s gab wieder allerley Haͤndel. Endlich da er ein- mal der Großmutter in der Hitz’ ein Habermußbe- cken nachgeschmissen, lief sie davon, und gieng wie- der zu ihren Freunden in den Naͤbis . Die Sach’ kam vor die Amtsleuth. Der Vater mußt ihr alle Wochen 6. Batzen und etwas Schmalz geben. Sie war ein kleines bucklichtes Fraͤulein; mir eine liebe Großmutter; die hinwieder auch mich hielt wie ihr rechtes Großkind; aber, die Wahrheit zu sagen, ein wenig wunderlich, wetterwendisch; gieng immer den sogenannten Frommen nach, und fand doch niemand recht nach ihrem Sinn. Ich mußt’ ihr alle Jahr B die Metzgeten bringen, und blieb dann ein Paar Tage bey ihr. Da war gut Leben: Ich ließ mir’s schmecken; ihre wohlgemeinten Ermahnungen hinge- gen zum einten Ohr ein, und zum andern wieder aus. Gewiß kein Ruhm fuͤr mich. Aber dergleichen Buben machen’s, leider Gott erbarm! so. Zuletzt war sie einige Jahr blind, und starb endlich in der Feuerschwand in einem hohen Alter An. 50. 51. oder 52. Sie vermachte mir ein Buch, Arndts wahres Christenthum , apart. Sie war gewiß ein gottseliges Weib, in der Schamaten hoch estimirt; und die Leuth dort sind mir noch besonders lieb um ihretwillen. Auch glaub’ ich gewiß noch Gluͤck von ihr her zu haben; denn Elternsegen ruht auf Kindern und Kindskindern. XI. Allerley, wie’s so koͤmmt . U nsre Haushaltung vermehrte sich. Es kam alle zwey Jahr geflissentlich ein Kind; Tischgaͤnger genug, aber darum noch keine Arbeiter. Wir mußten im- mer viel Tagloͤhner haben. Mit dem Vieh war mein Vater nie recht gluͤcklich; es gab immer et- was krankes. Er meinte, die starken Kraͤuter auf unsrer Waid seyen nicht wenig Schuld daran. Der Zins uͤberstieg alle Jahr die Losung. Wir reuteten viel Wald aus, um mehr Mattland, und Geld von dem Holz zu bekommen; und doch kamen wir je laͤn- ger je tiefer in die Schulden, und mußten immer aus einem Sack in den andern schleufen. Im Win- ter sollten ich, und die aͤltesten welche auf mich folgten, in die Schule; aber die dauerte zu Krynau nur 10. Wochen, und davon giengen uns wegen tiefem Schnee noch etliche ab. Dabey konnte man mich schon zu allerley Nutzlichem brauchen. Wir sollten anfangen, Winterszeit etwas zu verdienen. Mein Vater pro- bierte aller Gattung Gespunst: Flachs, Hanf, Sei- den, Wollen, Baumwollen; auch lehrte er uns letz- tre kaͤmbeln, Struͤmpfstricken, u. d. g. Aber keins warf damals viel Lohn ab. Man schmaͤlerte uns den Tisch, meist Milch und Milch; ließ uns lumpen und lempen, um zu sparen. Bis in mein sechszehn- tes Jahr gieng ich selten, und im Sommer baar- fuß in meinem Zwilchroͤcklin zur Kirche. Alle Fruͤh- jahr mußte der Vater mit dem Vieh oft weit nach Heu fahren, und es theuer bezahlen. XII. Die Bubenjahre . I ndessen kuͤmmerte mich alle dieß um kein Haar. Auch wußt’ ich eigentlich nichts davon, und war uͤber- haupt ein leichtsinniger Bube, wie’s je einen gab. Alle Tag dacht’ ich dreymal ans Essen, und damit aus. Wenn mich der Vater nur mit langanhalten- der oder strenger Arbeit verschonte, oder ich eine Weile davonlaufen konnte, so war mir alles recht. Im Sommer sprang ich in der Wiese und an den Baͤchen herum, riß Kraͤuter und Blumen ab, und machte Straͤusse wie Besen; dann durch alles Ge- buͤsch, den Voͤgelu nach, kletterte auf die Baͤume, und suchte Nester. Oder ich las ganze Haufen Schne- ckenhaͤuslein oder huͤbsche Stein zusammen. War ich dann muͤd’, so setzt’ ich mich an die Sonne, und schnitzte zuerst Hagstecken, dann Voͤgel, und zuletzt gar Kuͤhe; denen gab ich Namen, zaͤunt’ ih- nen eine Waid ein, baut’ ihnen Staͤlle, und fuͤtterte sie; verhandelte dann bald dies bald jenes Stuͤck, und machte immer wieder schoͤnere. Ein andermal richtete ich Oefen und Feuerherd auf, und kochte aus Sand und Lett einen saubern Brey. Im Win- ter waͤlzt’ ich mich im Schnee herum, und rutschte bald in einer Scherbe von einem zerbrochenen Napf, bald auf dem blossen Hintern, die Gaͤhen hinunter. Das trieb ich dann alles so, wie’s die Jahrszeit mitbrachte, bis mir der Vater durch den Finger pfiff, oder ich sonst merkte, daß es Zeit uͤber Zeit war. Noch hatt’ ich keine Cameraden; doch wurd’ ich in der Schule mit einem Buben bekannt, der oft zu mir kam, und mir allerhand Lappereyen um Geld anbot, weil er mußte, daß ich von Zeit zu Zeit einen halben Batzen zu Trinkgeld erhielt. Einst gab er mir ein Vogelnest in einem Mausloch zu kaufen. Ich sah taͤglich darnach. Aber eines Tags waren die Jungen fort; das verdroß mich mehr als wenn man dem Vater alle Kuͤh gestohlen haͤtte. Ein andermal, an einem Sonntag, bracht’ er Pul- ver mit — bisher kannt’ ich diesen Hoͤllensamen nicht — und lehrte mich Feuerteufel machen. Eines Abends hatt’ ich den Einfall: Wenn ich auch schiessen koͤnnte! Zu dem Eud’ nahm ich eine alte eiserne Brunnroͤhre, verkleibte sie hinten mit Leim, und machte eine Zuͤnd- pfanne auch von Leim; in diese that ich dann das Pulver, und legte brennenden Zunder daran. Da’s nicht losgehen wollte, blies ich … Puh! Mir Feuer und Leim alles ins Gesicht. Dieß geschah hinterm Haus; ich merkte wohl, daß ich was unrechtes that. Inzwischen kam meine Mutter, die den Klapf ge- hoͤrt hatte, herunter. Ich war elend bleßirt. Sie jammerte, und half mir hinauf. Auch der Vater hatte oben in der Waide die Flamm gesehen, weils fast Nacht war. Als er heimkam, mich im Bett antraf, und die Ursache vernahm, ward er grim- mig boͤse. Aber sein Zorn stillte sich bald, als er mein verbranntes Gesicht erblickte. Ich litt grosse Schmerzen. Aber ich verbiß sie, weil ich sonst fuͤrch- tete, noch Schlaͤge oben drein zu bekommen, und wußte daß ich solche verdient haͤtte. Doch mein Vater empfand wohl, daß ich Schlaͤge genug habe. Vierzehn Tage sah’ ich keinen Stich; an den Augen hatt’ ich kein Haͤaͤrleiu mehr. Man hatte grosse Sor- gen wegen dem Gesicht. Endlich ward’s doch allmaͤ- lig und von Tag zu Tag wieder besser. Jetzt, so- bald ich vollkommen hergestellt war, machte der Va- ter es mit mir, wie Pharao mit den Israeliten, ließ mich tuͤchtig arbeiten, und dachte: So wuͤrden mir die Possen am beßten vergehen. Er hatte Recht. Aber damals konnt’ ich’s nicht einsehen, und hielt ihn fuͤr einen Tyrann, wenn er mich so des Mor- gens fruͤh aus dem Schlaf nahm, und an das Werk musterte. Ich meinte, das waͤr’ eben nicht noͤthig; die Kuͤhe gaͤben ja die Milch von sich selber. XIII. Beschreibung unsers Guts Dreyschlatt . D reyschlatt ist ein wildes einoͤdes Ort, zuhinderst an den Alpen Schwaͤmle, Creutzegg und Aueralp ; vorzeiten war’s eine Sennwaid. Hier giebt’s immer kurzen Sommer und langen Winter; waͤhrend letzterm meist ungeheuern Schnee, der oft noch im May ein Paar Klafter tief liegt. Einst mußten wir noch am H. Pfingstabend einer neuangelangten Kuh, mit der Schaufel zum Haus pfaden. In den kuͤrzsten Ta- gen hatten wir die Sonn nur 5. Viertelstunden. Dort entsteht unser Rotenbach , der dem Faͤsi in seiner Erdbeschreibung, und dem Walser in seiner Kart entwischte; ungeachtet er zweymal groͤsser als der Schwendi- oder Lederbach ist, der viele Muͤh- len, Sagen, Walken, Stampfen und Pulvermuͤhlen treibt. Doch beym Dreyschlatt da hat es das herrlichste Quellwasser; und wir in unserm Hans und Scheur aneinander hatten einen Brunnen, der nie gefror, unterm Dach, so daß das Vieh den ganzen Winter uͤber nie den Himmel sah. — Wenn’s im Dreyschlatt stuͤrmt, so stuͤrmt’s dann recht. Wir hatten eine gute, nicht gaͤhe Wiese, von 40 — 50. Klafter Heu, und eine grasreiche Waide. Auf der Sommerseite im Altischweil ist’s schon fruͤher, aber auch gaͤher und raͤucher. Holz und Stroh giebt’s ge- nug. Hinterm Haus ist ein Sonnenrain, wo’s den Schnee wegblaͤst, der hingegen an einem Schatten- rain vor dem Haus im Fruͤhjahr oft noch liegen bleibt, wenn’s an jenem schon Gras und Schmalzblumen hat. Am fruͤhsten und am spaͤthsten Ort auf dem Gut trift’s wohl 4. Wochen an. XIV. Der Geißbube . J a! Ja! sagte jetzt eines Tags mein Vater: Der Bub waͤchst, wenn er nur nicht so ein Narr waͤre, ein verzweifelter Lappe; auch gar kein Hirn. Sobald er an die Arbeit muß, weißt er nicht mehr was er thut. Aber von nun an muß er mir die Geissen huͤ- ten, so kann ich den Geißbub abschaffen. — Ach! sagte meine Mutter, so kommst du um Geissen und Bub. Nein! Nein! Er ist noch zu jung. — Was jung? sagte der Vater: Ich will es drauf wagen, er lernt’s nie juͤnger; die Geissen werden ihn schon lehren; sie sind oft witziger als die Buben. Ich weiß sonst doch nichts mit ihm anzufangen. Mutter . Ach! was wird mir das fuͤr Sorg’ und Kummer machen. Sinn’ ihm auch nach! Einen so jungen Bub mit einem Fasel Geissen in den wilden einoͤden Kohlwald schicken, wo ihm weder Steg noch Weg bekannt sind, und’s so graͤßliche Toͤbler hat. Und wer weiß, was vor Thier sich dort aufhalten, und was vor schreckliches Wetter einfallen kann? Denk doch, eine ganze Stund weit! und bey Don- ner und Hagel, oder wenn sonst die Nacht einfaͤllt, nie wissen, wo er ist. Das ist mein Tod, und Du mußt’s verantworten. Ich . Nein, nein, Mutter! Ich will schon Sorg haben, und kann ja drein schlagen wann ein Thier kommt, und vor’m Wetter untern Felsen kreuchen, und, wenn’s nachtet, heimfahren; und die Geissen will ich, was gilt’s, schon paschgen. Vater . Hoͤrst jetzt! Eine Woche mußt’ mir erst mit dem Geißbub gehen. Dann gieb wohl Achtung wie er’s macht; wie er die Geissen alle heißt, und ihnen lockt und pfeift; wo er durchfahrt, und wo sie die beßte Waid finden. Ja, ja! sagt’ ich, sprang hoch auf, und dacht’: Im Kohlwald da bist du frey; da wird dir der Va- ter nicht immer pfeifen, und dich von einer Arbeit zur andern jagen. Ich gieng also etliche Tag mit unserm Beckle hin; so hieß der Bub; ein rauher, wilder, aber doch ehrlicher Bursche. Denkt doch! Er stuhnd eines Tags wegen einer Mordthat im Ver- dacht, da man eine alte Frau, welche wahrscheinlich uͤber einen Felsen hinunterstuͤrzte, auf der Creutzegg todt gefunden. Der Amtsdiener holte ihn aus dem Bett nach Lichtensteig . Man merkte aber bald, daß er ganz unschuldig war, und er kam zu meiner grossen Freud noch denselben Abend wieder heim. — Nun trat ich mein neues Ehrenamt an. Der Va- ter wollte zwar den Veckle als Knecht behalten; aber die Arbeit war ihm zu streng, und er nahm im Frieden seinen Abschied. — Anfangs wollten mir die Geissen, deren ich bis 30. Stuͤck hatte, kein gut thun; das machte mich wild, und ich versucht’ es, ihnen mit Steinen und Pruͤgeln den Meister zu zei- gen; aber sie zeigten ihn mir; ich mußte also die glatten Wort’ und das Streicheln und Schmeicheln zur Hand nehmen. Da thaten sie, was ich wollte. Auf die vorige Art hingegen verscheucht’ ich sie so, daß ich oft nicht mehr wußte was anfangen, wenn sie alle ins Holz und Gestraͤuch liefen, und ich meist rundum keine einzige mehr erblicken konnte, halbe Tage herumlaufen, pfeifen und jolen, sie an den Galgen verwuͤnschen, bruͤlen und lamentiren mußte, bis ich sie wieder bey einander hatte. XV. Wohin, und wie lang . D rey Jahre hatte ich so meine Heerde gehuͤtet; sie ward immer groͤsser, zuletzt uͤber 100. Koͤpf, mir immer lieber, und ich ihnen. Im Herbst und Fruͤh- ling fuhren wir auf die benachbarten Verge, oft bis zwey Stunden weit. Im Sommer hingegen durft’ ich nirgends huͤten, als im Kohlwald; eine mehr als Stund weite Wuͤsteney, wo kein recht Stuͤck Vieh waiden kann. Dann gieng’s zur Aueralp , zum Kloster St. Maria gehoͤrig, lauter Wald, oder dann Kohlplaͤtz und Gestraͤuch; manches dunkle Tobel und steile Felswand, an denen noch die beßte Geißweid zu finden war. Von unserm Dreyschlatt weg hatt’ ich alle Morgen eine Stund Wegs zu fah- ren, eh’ ich nur ein Thier durfte anbeissen lassen; erst durch unsre Viehwaid, dann durch einen grossen Wald, u. s. f. u. f. in die Kreutz und Querre, bald durch diese, bald durch jene Abtheilung der Ge- gend, deren jede ich mit einem eigenen Namen taufte. Da hieß es, im vordern Boden; dort, zwi- schen den Felsen; hier in der Weißlauwe, dort im Koͤllermelch, auf der Blatten, im Kessel, u. s. f. Alle Tag huͤtete ich an einem andern Ort, bald son- nen-bald schattenhalb. Zu Mittag aß ich mein Broͤdt- lin, und was mir sonst etwa die Mutter verstohlen mitgab. Auch hatt’ ich meine eigne Geiß, an der ich sog. Die Geißaugen waren meine Uhr. Gegen Abend fuhr ich immer wieder den naͤmlichen Weg nach Haus, auf dem ich gekommen war. XVI. Vergnuͤgen im Hirtenstand . W elche Lust, bey angenehmen Sommertagen uͤber die Huͤgel fahren — durch Schattenwaͤlder streichen — durchs Gebuͤsch Einhoͤrnchen jagen, und Vogelnester ausnehmen! Alle Mittag lagerten wir uns am Bach; da ruhten meine Geissen zwey bis drey Stunden aus, wann es heiß war noch mehr. Ich aß mein Mittagbrodt, sog mein Geißchen, badete im spiegelhellen Wasser, und spielte mit den jungen Gitzen. Immer hatt’ ich einen Gertel oder eine kleine Arte bey mir, und faͤllte junge Taͤnnchen, Weiden oder Ilmen. Dann kamen meine Geissen haufenweis und kafelten das Laub ab. Wenn ich ihnen Leck, Leck! rufte, dann gieng’s gar im Galopp, und wurd’ ich von ihnen wie eingemaurt. Alles Laub und Kraͤuter, die sie frassen, kostete auch ich; und einige schmeckten mir sehr gut. So lang der Sommer waͤhrte, florirten die Erd-Im-Heidel- und Brombeeren; deren hatt’ ich immer vollauf, und konnte noch der Mutter am Abend mehr als genug nach Haus bringen. Das war ein herrliches Labsal, bis ich mich einst daran bis zum Eckel uͤberfraß. — Und welch Vergnuͤgen machte mir nicht jeder Tag, jeder neue Morgen; wenn jetzt die Sonne die Huͤgel vergoldete, denen ich mit meiner Heerde entgegegenstieg; dann jenen hal- digen Buchenwald, und endlich die Wiesen und Waid- plaͤtze beschien. Tausendmal denk’ ich dran; und oft duͤnkt’s mich, die Sonne scheine jetzt nicht mehr so schoͤn. Wann dann alle anliegenden Gebuͤsche von jubilirenden Vaͤgeln ertoͤnten, und dieselben um mich her huͤpften — O! Was fuͤhlt’ ich da! — Ha, ich weiß es nicht! — Halt suͤsse, suͤsse Lust! Da sang’ und trillerte ich dann mit, bis ich heiser ward. Ein an- dermal spuͤrte ich diesen mutern Waldbuͤrgern durch alle Stauden nach, ergoͤtzte mich an ihrem huͤbschen Gefieder, und wuͤnschte, daß sie nur halb so zahm waͤren wie meine Geissen; beguckte ihre Jungen und ihre Eyer, und erstaunte uͤber den wundervollen Bau ihrer Nester. Oft fand ich deren in der Erde, im Mooß, im Farrn, unter alten Stoͤcken, in den dick- sten Doͤrnen, in Felsritzen, in hohlen Tannen oder Buchen; oft hoch im Gipfel — in der Mitte — zu aͤusserst auf einem Ast. Meist wußt’ ich ihrer etliche. Das war mir eine Wonne, und fast mein einziges Sinn und Denken, alle Tage gewiß ein- mal nach allen zu sehn; wie die Jungen wuchsen, wie das Gefiieder zunahm, wie die Alten sie fuͤtter- ten, u. d. g. Anfangs trug ich einige mit mir nach Haus, oder brachte sie sonst an ein bequeme- res Ort. Aber dann waren sie dahin. Nun ließ ich’s bleiben, und sie lieber groß werden — Da flo- gen sie mir aus. — Eben so viel Freuden brachten mir meist auch meine Geissen. Ich hatte von allen Farben, grosse und kleine, kurz- und langhaarige, boͤs- und gutgeartete. Alle Tage ruft’ ich sie zwey bis dreymal zusammen, und uͤberzaͤhlte sie, ob ich’s voll habe? Ich hatte sie gewoͤhnt, daß sie auf mein Zub, Zub! Leck, Leck! aus allen Buͤschen hergesprun- gen kamen. Einige liebten mich sonderbar, und gien- gen den ganzen Tag nie einen Buͤchsenschuß weit von mir; und wenn ich mich verbarg, fiengen sie alle ein Zettergeschrey an. Von meinem Dugloͤoͤrle (so hieß ich meine Mittagsgeiß) konnt’ ich mich nur mit List entfernen. Das war ganz mein Eigen. Wo ich mich setzte oder legte, stellte es sich uͤber mich hin, und war gleich parat zum Saugen oder Mel- ken; und doch mußt’ ich’s in der beßten Sommers- zeit oft noch ganz voll heimfuͤhren. Andremal melkt’ ich es einem Koͤhler, bey dem ich manche liebe Stund zubrachte, wenn er Holz schrotete, oder Kohlhaufen brannte. Welch Vergnuͤgen, dann am Abend, meiner Heer- de auf meinem Horn zur Heimreise zu blasen! zuzu- schauen, wie sie alle mit runden Baͤuchen und vol- len Eutern dastuhnden, und zu hoͤren wie munter sie sich heimbloͤckten. Wie stolz war ich dann, wann mich der Vater lobte, daß ich so gut gehuͤtet habe! Nun gieng’s an ein Melken; bey gutem Wetter un- ter freyem Himmel. Da wollte jede zuerst uͤber dem Eimer von der druͤckenden Last ihrer Milch los seyn, und beleckte dankbar ihren Befreyer. XVII. Verdruß und Ungemach . N icht daß lauter Lust beym Hirtenleben waͤre. — Potz Tausend, Nein! Da giebt’s Beschwerden genug. Fuͤr mich war’s lang die empfindlichste, des Mor- gens so fruͤh mein warmes Bettlin zu verlassen, und bloß und baarfuß ins kalte Feld zu marschiren, wenn’s zumal einen baumstarken Reifen hatte, oder ein dicker Nebel uͤber die Berge herabhieng. Wenn dann dieser gar so hoch gieng, daß ich ihm mit mei- ner bergansteigenden Heerde das Feld nicht abgewin- nen, und keine Sonn’ erreichen konnte, verwuͤnscht’ ich denselben in Aegypteu hinein, und eilte was ich eilen konnte, aus dieser Finsterniß wieder in ein Thaͤlchen hinab. Erhielt ich hingegen den Sieg, und gewann die Sonne und den hellen Himmel uͤber mir, und das grosse Weltmeer von Nebeln, und hie und da einen hervorragenden Berg, wie eine Insel, unter meine Fuͤsse — Was das dann fuͤr ein Stolz und ei- ne Lust war! Da verließ ich den ganzen Tag die Berge nicht, und mein Aug konnt’ sich nie satt schau- en, wie die Sonnenstrahlen auf diesem Ocean spiel- ten, und Wogen von Duͤnsten in den seltsamsten Figuren sich drauf herumtaumelten, bis sie gegen Abend mich wieder zu uͤbersteigen drohten. Dann wuͤnscht ich mir Jakobs Leiter; aber umsonst, ich mußte fort. Ich ward traurig, und alles stimmte in meiner Trauer ein. Einsame Voͤgel flatterten matt und mißmuͤthig uͤber mir her, und die grossen Herbst- fliegen sumsten mir so melancholisch um die Ohren, daß ich weinen mußte. Dann fror ich fast noch mehr als am fruͤhen Morgen, und empfand Schmerzen an den Fuͤssen, obgleich diese so hart als Sohlleder waren. Auch hatt’ ich die meiste Zeit Wunden oder Beulen an ein Paar Gliedern; und wenn eine Bles- sur heil war, macht’ ich mir richtig wieder eine andre; sprang entweder auf einen spitzen Stein auf, verlor einen Nagel oder ein Stuͤck Haut an einem Zehen, oder hieb mir mit meinen Instrumenten ein’s in die Finger. An’s Verbinden war selten zu gedenken; und doch gieng’s meist bald voruͤber. — Die Geissen hiernaͤchst machten mir, wie schon ge- sagt, Anfangs grossen Verdruß, wenn sie mir nicht gehorchen wollten, weil ich ihnen nicht recht zu be- fehlen verstuhnd. — Ferner pruͤgelte mich der Vater nicht selten, wenn ich nicht huͤtete wo er mir be- fohlen hatte, und nur hinfuhr wo ich gern seyn moch- te, und die Geissen dann nicht das rechte Bauch- maaß heimbrachten, oder er sonst ein loses Stuͤcklein von mir erfuhr. — Dann hat ein Geißbub uͤber- haupt viel von andern Leuthen zu leiden. Wer will aber einen Fasel Geissen immer so in Schranken halten, daß sie nicht etwa einem Nachbar in die Wiesen oder Waid gucken? Wer mit so viel luͤsternen Thieren zwischen Korn- und Haberbrachen, Raͤb- und Kabis- aͤckern durchfahren, daß keins kein Maulvoll versuch- te? Da gieng’s dann an ein Fluchen und Lamenti- ren: Baͤrnhaͤuter! Galgenvogel! waren meine ge- woͤhnlichen Ehrentitel. Man sprang mir mit Ar- ten, Pruͤgeln und Hagstecken — einst gar einer mit einer Sense nach; der schwur, mir ein Bein vom Leib wegzuhauen. Aber ich war leicht genug auf den Fuͤssen; und nie hat mich einer erwischen moͤgen. Die schuldigen Geissen wohl haben sie mir oft er- tappt, und mit Arrest belegt; dann mußte mein Va- ter hin, und sie loͤsen. Fand er mich schuldig, so gab’s Schlaͤge. Etliche unsrer Nachbarn waren mir ganz besonders widerwaͤrtig, und richteten mir man- chen Streich auf den Ruͤcken. Dann dacht’ ich frey- lich: Wartet nur, ihr Kerls, bis mir eure Schuh’ recht sind, so will ich Euch auch die Buͤckel salben. Aber man vergißt’s; und das ist gut. Und dann hat das Spruͤchwort doch auch seinen wahren Sinn: „Wer will ein Bidermann h. l. Ein guter Hausvater. seyn und heissen, „der huͤt sich vor Dauben und Geissen.„ — So giebt es also freylich dieser und anderer Widerwaͤrtig- keiten genug in dem Hirtenstand. Aber die boͤsen Tage werden reichlich von den guten ersetzt, wo’s dann gewiß keinem Koͤnig so wohl ist. XVIII. Neue Lebensgefahren . I m Kohlwald war eine Buche; gerad uͤber einem mehr als thurmhohen Fels herausgewachsen, so daß ich uͤber ihren Stamm wie uͤber einen Steg spatzie- ren, und in eine graͤßlich finstre Tiefe hinabgucken konnte; wo die Aeste angiengen, stuhnd sie wieder ge- radauf. In dieses seltsame Nest bin ich oft gestie- gen, und hatte meine groͤßte Lust daran, so in den fuͤrchterlichen Abgrund zu schauen, und zu sehn wie ein Baͤchlein neben mir herunterstuͤrzte, und sich in Staub zermalmte. Aber einst schwebte mir diese Ge- gend im Traum so schauderhaft vor, daß ich von da an nicht mehr hingieng. — Ein andermal befand ich mich mit meinen Geissen jenseits der Aueralp , auf der Duͤrrwaͤlder- Seite gegen dem Rotenstein . Ein Junges hatte sich zwischen zween Felsen verstie- gen, und ließ eine jaͤmmerliche Melodie von sich hoͤren. Ich kletterte nach, um ihm zu helfen. Es gieng so eng und gaͤh, und zick zack zwischen Klippen durch, daß ich weder obsich noch niedsich sehen konnte, und oft auf allen Vieren kriechen mußte. Endlich ver- stieg ich mich gaͤnzlich. Ueber mir stuhnd ein uner- klimmbarer Fels; unter mir schien’s fast senkrecht — ich weiß selbst nicht wie weit hinab. Ich fieng an rufen und beten, so laut ich konnte. In einer klei- nen nen Entfernung sah ich zwey Menschen durch eine Wiese marschiren. Ich gewahrt’ es gar wohl, sie hoͤrten mich; aber sie spotteten meiner, und giengen ihre Strasse. Endlich entschloß ich mich, das Aeus- serste zu wagen, und lieber mit Eins des Todes zu seyn als noch weiter in dieser peinlichen Lage zu verharren, und doch nicht lange mehr ausharren zu koͤnnen. Ich schrie zu Gott in Angst und Noth, ließ mich auf den Bauch nieder, meine Haͤnd’ ob sich verspreitet, daß ich mich an den kahlen Fels so gut als moͤglich anklammern koͤnne. Aber ich war todmuͤd, fuhr wie ein Pfeil hinunter — zum Gluͤck war’s nicht so hoch als ich im Schrecken glaubte — und blieb wunderbar ebenrecht in einem Schlund ste- cken, wo ich mich wieder halten konnte. Freylich hat ich Haut und Kleider zerrissen, und blutete an Haͤnden und Fuͤssen. Aber wie gluͤcklich schaͤtzt’ ich mich nicht, daß ich nur mit dem Leben und unzer- brochnen Gliedern davonkam! Mein Geißchen mag sich auch durch einen Sprung gerettet haben; ein- mal ich fand’s schon wieder bey den uͤbrigen. — Ein andermal, da ich an einem schoͤnen Sommertag mit meiner Heerde herumgetrillert, uͤberzog sich der Him- mel gegen Abend mit schwarzen Wolken; es fieng gewaltig an blitzen und donnern. Ich eilte nach ei- ner Felshoͤhle — diese oder eine grosse Wettertann waren in solchen Faͤllen immer mein Zufluchtsort — und rief dann meine Geissen zusammen. Die, weil’s sonst bald Zeit war, meinten es gelte zur Heimfahrt, und sprangen uͤber Kopf und Hals mir vor, daß ich C bald keinen Schwanz mehr sah. Ich eilte ihnen nach. Es fieng entsetzlich an zu hageln, daß mir Kopf und Ruͤcken von den Puͤffen sausten. Der Boden war dicht mit Steinen bedeckt; ich rannte in vollem Ga- lopp druͤber fort, fiel aber oft auf den Hintern, und fuhr grosse Stuͤck weit wie auf einem Schlit- ten. Endlich in einem Wald, wo’s gaͤh’ zwischen Felsen hinuntergieng, konnt’ ich vollends nicht anhal- ten, und glitschte bis zu aͤusserst auf einen Rand, von dem ich, wenn mich nicht Gott und seine guten Engel behuͤtet haͤtten, viele Klafter tief herabgestuͤrzt und zermuͤrst worden waͤre. Jetzt ließ das Wetter allmaͤhlig nach; und als ich nach Haus kam, waren meine Geissen schon eine halbe Stund daheim. Et- liche Tag lang fuͤhlt’ ich von dieser Parthie keiner- ley Ungemach; aber mit Eins fiengen meine Fuͤß zu sieden an, als wenn man sie in einem Kessel kochte. Dann kamen die Schmerzen. Mein Vater sah’ nach, und fand mitten an der einten Fußsohle ein groß Loch, und Mooß und Gras darinn. Nun erinnert’ ich mich erst, daß ich an einem spitzen Weißtann-Ast aufge- sprungen war: Mooß und Gras war mit hineinge- gangen. Der Aeti grub mir’s mit einem Messer heraus, und verband mir den Fuß. Nun mußt’ ich freylich ein Paar Tage meinen Gaͤissen langsam nach- hinken; dann verlor ich die Binde: Koth und Dreck fuͤllten jetzt das Loch, und es war bald wieder bes- ser. — Viel andre Mal, wenn’s durch die Felsen gieng, liefen die Thiere ob mir weg, und rollten grosse Stein herab, die mir hart an den Ohren vor- beypfiffen. Oft stieg ich einem Waͤlschtraubenknoͤpfli, Frauenschuͤhlin, oder andern Bluͤmchen uͤber Klippen nach, daß es eine halsbrechende Arbeit war. Wie- der zuͤndete ich grosse, halbverdorrte Tannen von un- ten an, die bisweilen acht bis zehen Tag an einan- der fortbrannten, bis sie fielen. Alle Morgen und Abend sah ich dann nach, wie’s mit ihnen stuhnd. Einst haͤtte mich eine maustodt schlagen koͤnnen: Denn indem ich meine Geissen forttrieb, daß sie nicht getroffen wuͤrden, krachte sie hart an mir iu Stuͤ- cken zusammen. — So viele Gefahren drohten mir waͤhrend meinem Hirtenstand mehrmal, Leibs und Lebens verlurstig zu werden, ohne daß ich’s viel ach- tete, oder doch alles bald wieder vergaß, und leyder damals nie daran dachte, daß du allein es warst, mein unendlich guter himmlischer Vater und Erhal- ter! der in den Winkeln einoͤder Wuͤste die Raben naͤhrt, und auch Sorge fuͤr mein iunges Leben trug. XIX. Kameradschaft . M ein Vater hatte bisweilen aus der Gaißmilch Kaͤse gemacht, bisweilen Kaͤlber gesaͤugt, und seine Wiesen mit dem Mist geaͤufnet. Dieß reitzte unsre Nachbarn, daß ihrer Vier auch Gaissen anschaften, und beym Kloster um Erlaubniß baten, ebenfalls im Kohlwald huͤten zu duͤrfen. Da gab’s nun Kame- radschaft. Unser drey oder vier Gaißbuben kamen alle Tag zusammen. Ich will nicht sagen, ob ich der beßte oder schlimmste unter ihnen gewesen — aber gewiß ein purer Narr gegen die andern — bis auf einen, der ein gutes Buͤrschgen war. Einmal die uͤbrigen alle gaben uns leider kein gutes Exempel. Ich wurde ein Bißlein witziger, aber desto schlim- mer. Auch sah’s mein Vater gar nicht gern, daß ich mit ihnen laichte; und sagte mir, ich sollte lie- ber allein huͤten, und alle Tag auf eine andre Ge- gend treiben. Aber Gesellschaft war mir zu neu und zu angenehm; und wenn ich auch etwa einen Tag den Rath befolgte, und hoͤrte dann die andern huͤpen und jolen, so war’s, als wenn mich ein Paar beym Rock zerrten, bis ich sie erreicht hatte. Bisweilen gab’s Zaͤnkereyen; dann fuhr ich wieder einen Mor- gen allein, oder mit dem guten Jacoble ; von dem hab’ ich selten ein unnuͤtzes Wort gehoͤrt, aber die andern waren mir kurzweiliger. Ich haͤtte noch viele Jahre fuͤr mich koͤnnen Gaissen huͤten, eh’ ich den Zehntheil von dem allem inne worden waͤre, was ich da gar in Kurzem vernahm. Sie waren alle groͤs- ser und aͤlter als ich — fast aufgeschossene Bengel, bey denen schon alle argen Leidenschaften aufgewacht. Schmutzige Zotteu waren alle ihre Reden, und un- zuͤchtig alle ihre Lieder; bey deren Anhoͤren ich frey- lich oft Maul und Augen aufthat, oft aber auch aus Schaamroͤthe niederschlug. Ueber meinen bis- herigen Zeitvertrieb lachten sie sich die Haut voll. Spaͤne und junge Voͤgel galten ihnen gleich viel, aussert wenn sie glaubten Geld aus einem zu loͤsen; sonst schmissen sie dieselben samt den Nestern fort. Das that mir Anfangs weh; doch macht’ ich’s bald mit. So geschwind konnten sie mich hinge- gen nicht uͤberreden, schaamlos zu baden wie sie. Einer besonders war ein rechter Unflath; aber sonst weder streit- noch zanksuͤchtig, und darum nur desto verfuͤhrerscher. Ein andrer war auf alles verpicht, womit er einen Batzen verdienen konnte; der liebte darum die Voͤgel mehr als die andern, die naͤmlich welche man ißt; suchte allerley Waldkraͤuter, Harz, Zunderschwamm, u. d. g. Von dem lernt’ ich man- che Pflanze kennen; aber auch, was der Geitz ist. Noch einer war etwas besser als die schlimmern; er machte mit, aber furchtsam. Jedem gieng sein Hang sein Lebenlang nach. Jacoble ist noch ein guter Mann; der andre blieb immer ein geiler Schwaͤ- tzer, und ward zuletzt ein miserabler hinkender Tropf; der dritte hatte mit List und Raͤnken etwas erwor- ben, aber nie kein Gluͤck dabey. Vom Vierten weiß ich nicht wo er hinkommen ist. XX . Neue sonderbare Gemuͤthslage, und End des Hirtenstands . D aheim durft’ ich nichts merken lassen von dem, was ich bey diesen Cameraden sah’ und hoͤrte; ge- noß aber nicht mehr meine vorige Froͤhlichkeit und Gemuͤthsruhe. Die Kerls hatten Leidenschaften in mir rege gemacht, die ich noch selbst nicht kannte — und doch merkte, daß es nicht richtig stuhnd. Im Herbst, wo die Fahrt frey war, huͤtete ich meist allein; trug ein Buͤchlein, das mir bloß darum jetzt noch lieb ist, bey mir, und las oft darinn. Noch weiß ich verschiedene sonderbare Stellen auswendig, die mich damals bis zu Thraͤnen ruͤhrten. Jetzt kamen mir die boͤsen Neigungen in meinem Busen abscheulich vor, und machten mir angst und bang. Ich betete, rang die Haͤnde, sah zum Himmel, bis mir die hellen Thraͤnen uͤber die Backen rollten; faßte einen Vorsatz uͤber den andern, und machte mir so strenge Plaͤne fuͤr ein kuͤnftiges frommes Leben, daß ich daruͤber allen Frohmuth verlor. Ich versagte mir alle Arten von Freude, und hatte z. E. lang einen ernstlichen Kampf mit mir selber wegen einem Distel- fink der mir sehr lieb war, ob ich ihn weggeben oder behalten sollte? Ueber diesen einzigen Vogel dacht’ ich oft weit und breit herum. Bald kam mir die Fromm- keit, wie ich mir solche damals vorstellte, als ein unersteiglicher Berg, bald wieder federleicht vor. Meine Geschwister mocht’ ich herzlich lieben; aber je mehr ich’s wollte, je mehr sah ich Widriges an ih- nen. In Kurzem wußt’ ich weder Anfang noch End mehr; und niemand war der mir heraushelfen konnte, da ich meine Lage keiner Menschenseele entdeckte. Ich machte mir alles zur Suͤnde: Lachen, Jauchzen und Pfei- fen per se. Meine Gaißen sollten mich nicht mehr erzoͤrnen duͤrfen — und ich ward eher boͤser auf sie. Eines Tags bracht’ ich einen todten Vogel nach Haus, den ein Mann geschossen, und auf einem Stecken in die Wiese aufgesteckt hatte: Ich nahm ihn, wie ich in dem Augenblick waͤhnte, mit gutem Gewissen weg; ohne Zweifel weil mir seine zierliche Federn vorzuͤg- lich wohl gefielen. Aber, sobald mir der Vater sagte: Das heisse auch gestohlen, waint’ ich bitterlich — und hatte dießmal recht — und trug das Aeschen Mor- gens darauf in aller Fruͤhe wieder an sein Ort. Doch behielt ich etliche von den schoͤnsten Federn; aber auch dieses kostete mich noch ziemlich Ueberwindung. Doch dacht’ ich: Die Federn sind nun ausgerupft; wenn du’s schon auch hintraͤgst, so verblast sie der Wind; und dem Mann nuͤtzen sie so nichts. — Bis- weilen fieng ich wieder an zu jauchzen und zu jolen, und trollte aufs neue sorglos uͤber alle Berge. Dann dacht’ ich: So Alles Alles verlaͤugnen, bis auf meine selbstgeschnitzelten hoͤlzernen Kuͤhe — wie ich mir damals den rechten Christensinn ganz buchstaͤb- lich vorstellte — sey doch ein traurig elendes Ding. Indessen wurde der Kohlwald von den immer zu- nehmenden Gaissen uͤbertrieben; die Rosse die man auf den fettern Grasplaͤtzen waiden ließ bisweilen von den Gaissenbuben verfolgt, gesprengt u. d. g. Einmal legten die Bursche ihnen Nesseln unter die Schwaͤnze; ein Paar stuͤrzten sich im Lauf uͤber einen Felsen zu tod. Es gab schwere Haͤndel, und das Huͤthen im Kohlwald wurde gaͤnzlich verboten. Ich huͤthete darauf noch eine Weile auf unserm eignen Gut. Dann loͤste mich mein Bruder ab. Und so nahm mein Hirtenstand ein Ende. XXI . Neue Geschaͤfte, neue Sorgen . (1747.) D enn nun hieß es: Eingespannt in den Karrn mit dem Buben, in’s Joch — Er ist groß genug! — Wirklich tummelte mich mein Vater meisterlich her- um; in Holz und Feld sollt’ ich ihm statt eines voll- kommnen Knechtes dienen. Die mehrern Mal uͤber- lud er mich; ich hatte die Kraͤfte noch nicht, die er mir nach meiner Groͤsse zutraute; und doch wollt’ ich dann stark seyn, und keine schwere Buͤrde liegen lassen. In Gesellschaft von ihm oder mit den Tag- loͤhnern arbeitete ich gern; aber sobald er mich allein an ein Geschaͤft schickte, war ich faul und laͤßig, staunte Himmel und Erde an, und hieng, ich weiß selbst nicht mehr was vor allerley Gedanken und Grillen nach; das freye Gaißbubenleben hatte mich halt ver- woͤhnt. Das zog mir dann Scheltwort oder gar Streiche zu; und diese Strenge war noͤthig, obschon ich’s damals nicht fassen konnte. Im Heuet beson- ders gab’s bisweilen fast unertraͤgliche Buͤrden. Oft streckt’ ich mich vor Mattigkeit, und fast zerschmol- zen von Schweiß, der Laͤnge noch auf dem Boden und dachte: Ob’s wohl auch in der Welt uͤberall so muͤhselig zugehe? Ob ich mich grad’ itzt aus dem Staub machen sollte? Es werde doch an andern Or- ten auch Brod geben, und nicht gleich Henken gel- ten: Ich haͤtte auf der Kreutzegg beym Gaißhuͤten mehrere solche Bursche gesehen, denen’s ausser ihrem Vaterland, wie sie mir erzaͤhlten, recht wohl gegan- gen — und was des Zeugs mehr war. Dann aber fand ich wieder: Nein! Es waͤre doch Suͤnd, von Vater und Mutter wegzulaufen: Wie? wenn ich ih- nen ein Stuͤck Boden abhandeln, es bauen, brav Geld daraus ziehen, dann aus der Losung ein Haͤus- gen drauf stellen, und so vor mich leben wuͤrde? Husch! sagt ich eines Tags, das muß jetzt seyn! — Aber, wenn mir’s der Aeti abschlaͤgt? — Ey! frisch gewagt, ist halb gewonnen. Ich nahm also das Herz in beyde Haͤnd’, und bat den Vater noch desselben Abends, daß er mir ein gewisses Stuͤcklein Lands abtre- ten sollte. Nun sah er freylich meine Narrheit wohl ein; aber er ließ mich’s nicht merken, und fragte nur: Was ich dann damit anfangen wollte? „Ha„! sagt ich, „es in Ehren legen, Mattland daraus machen, und „den Gewinn davon beyseiterhun.„ Ohne ein mehreres Wort zu verlieren, sprach er dann: „So „nimm eben die Zipfelwaid ; ich geb sie dir um „fuͤnf Gulden.„ Das war nun spottwohlfeil; hier zu W. waͤr’ so ein Grundstuͤck mehr als hundert Gulden werth. Ich sprang darum vor Freuden hoch auf, und fieng sogleich die neue Wirthschaft an. Den Tag uͤber arbeitete ich fuͤr den Vater; sobald der Feyrabend kam, vor mich; sogar beym Mond- schein, da macht ich aus dem noch vor Nacht gehaue- nen Holz und Stauden kleine Burden von Brenn- holz zum Verkaufen. Eines Abends dacht’ ich so meiner jetzigen Lage nach; mir fiel ein: „Deine „Zipfelwaid ist gar wohlfeil! Es koͤnnte den Vater „reuen, und er’s wieder an sich ziehen, wenn ich „ihm den Kaufschilling nicht baar erlege. Ich muß „um Geld schauen, so kann er mir nicht mehr ab „der Hand gehn.„ Ich gieng also zum Nachbar Goͤrg, erzaͤhlt’ ihm den ganzen Handel, und bat ihn mir die 5. fl. zu liehen; ich woll’ ihm bis auf Wiederbezahlung mein Land dafuͤr zum Pfand einse- tzen. Er gab mir’s ohne Bedenken. Ganz entzuͤckt lief ich damit zum Vater, und wollt’ ihn ausbe- zahlen. Potz hundert! wie der mich abschneutzte: „Wo hast du das Geld her?„ Es fehlte wenig, so haͤtt’ es noch Ohrfeigen oben drein gesetzt. Im er- sten Augenblick begriff ich nicht was ihn so entsetz- lich boͤs mache. Aber er erklaͤrte mir’s bald, da er fortfuhr: „Du Baͤrnhaͤuter! Mir mein Guͤt zu ver- „pfaͤnden„! riß mir dann die fuͤnf Gulden aus der Hand, rannte im Angenblick zu Goͤrg, und gab sie ihm wieder, mit Bedeuten: Daß er, so lieb ihm Gott sey! seinem Buben kein Geld mehr liehe; Er woll’ ihm schon geben was er brauche, u. s. f. — So war meine Freude kurz. Der Aeti, nachdem er bald wieder besaͤnftigt war, mocht mir lang sagen: „Ich brauch ihm das Ding gar nicht zu zahlen; ich „koͤnn’ ihm ja ein billiges Zinslein geben: Der „Schlempen Waid werde die Sach nicht aus- „machen; ich soll nur damit schalten und walten wie „mit meinem Eigenthum.„ Ich konnt’ es ihm nicht glauben; denn er lachte dabey immer hinten im Maul. Das war mir verdaͤchtig. Aber er hatte gu- ten Grund dafuͤr. Endlich fieng ich einfaͤltiger Toͤl- pel an, mich wieder zu beruhigen; und machte aufs neue die Rechnung hinterm Wirth, was ich aus dem Bletz mit der Zeit vor Nutzen ziehen wollte — als eines Tags mir die Kuͤhe in mein Aeckerlein brachen, den jungen Saamen abfrassen, auch mein Holz eben damals keine Kaͤufer fand, und mir fast alles liegen blieb. Solche gehaͤufte Ungluͤcksstreiche nahmen mir nun mit Eins den Muth; ich uͤberließ den ganzen Plunder wieder dem Vater, und bekam von ihm zur Entschaͤdigung ein flanellenes Brusttuch. XXII . O der unseligen Wißbegierde . I ch bin in meinen Kinderjahren nur wenige Wochen in die Schule gegangen; bey Haus hingegen man- gelte es mir gar nicht an Lust, mich in mancherley unterweisen zu lassen. Das Auswendiglernen gab mir wenig Muͤh: Besonders uͤbt’ ich mich fleißig in der Bibel; konnte viele darinn enthaltene Geschich- ten aus dem Stegreif erzaͤhlen, und gab sonst uͤber- haupt auf alles Achtung, was mein Wissen vermeh- ren konnte. Mein Vater las’ auch gern etwas Hi- storisches oder Mystisches. Gerad um diese Zeit gieng ein Buch aus, der fluͤchtige Pater genannt. Er und unser Nachbar Haus vertrieben sich manche liebe Stunde damit, und glaubten an den darinn prophe- zeyten Fall des Antichrists, und die dem End der Welt vorgehnden nahen Strafgerichte, wie an’s Evan- gelium. Auch Ich las’ viel darinn; predigte etlichen unsrer Nachbarn mit einer aͤngstlich andaͤchtigen Miene, die Hand vor die Stirn gestemmt, halbe Abende aus dem Pater vor, und gab ihnen alles vor baare Muͤnz aus; und dieß nach meiner eignen voͤlligsten Ueber- zeugung. Mir stieg nur kein Gedanke auf, daß ein Mensch ein Buch schreiben koͤnnte, worinn nicht alles pur lautere Wahrheit waͤre; und da mein Vater und der Hans nicht daran zweifelten, schien mir alles vol- lends Ja und Amen zu seyn. Aber das brachte mich dann eben auf allerley jammerhafte Vorstellun- gen. Ich wollte mich gern auf den bevorstehnden Juͤngsten Tag recht zubereiten; allein da fand ich entsetzliche Schwierigkeiten, nicht so fast in einem boͤ- sen Thun und Lassen, als in meinem oft argen Sinn und Denken. Dann wollt ich mir wieder Alles aus dem Kopf schlagen; aber vergebens, wenn ich zumal unterweilen auch in der Offenbarung Johannis oder im Propheten Daniel las , so schien mir alles das, was der Pater schrieb, vollends gewiß und unfehl- bar. Und was das Schlimmste war, so verlor ich ob dieser Ueberzeugung gar alle Freud’ und Muth. Wenn ich dann im Gegentheil den Aeti und den Nachbar fast noch froͤhlicher sah als zuvor, machte mich solches gar confus; und kann ich mir’s noch itzund nicht erklaͤren, wie das zugieng. So viel weiß ich wohl, sie steckten damals beyde in schweren Schul- den, und hoften vielleicht durch das End der Welt davon befreyt zu werden: Wenigstens hoͤrt’ ich sie oft vom Neusunden Land, Carolina, Pensylyani und Virgini sprechen; ein andermal uͤberhaupt von einer Flucht, vom Auszug aus Babel, von den Rei- sekosten u. dgl. Da spitzt ich dann die Ohren wie ein Haas. Einmal, erinnr’ ich mich, fiel mir wirk- lich ein gedrucktes Blatt in die Haͤnde, das einer von ihnen auf dem Tisch liegen ließ, und welches Nachrichten von jenen Gegenden enthielt. Das las’ ich wohl hundertmal; mein Herz huͤpfte mir im Leib bey dem Gedanken an dieß herrliche Canaan, wie ich mir’s vorstellte. Ach! wenn wir nur alle schon da waͤren, dacht’ ich dann. Aber die guten Maͤnner, denk’ ich, wußten eben so wenig als ich, weder Steg noch Weg; und wahrscheinlich noch minder, wo das Geld herzunehmen. Also blieb das schoͤne Abentheur stecken, und entschlief nach und nach von selbst. In- dessen las ich immer fleißig in der Bibel; doch noch mehr in meinem Pater, und andern Buͤchern; un- ter anderm in dem sogenannten Pantli Karrer , und dann in dem weltlichen Liederbuch, dessen Titel mir entfallen ist. Sonst vergaß ich, was ich gelesen, nicht so bald. Allein mein unruhiges Wesen nahm dabey sichtbarlich zu, so sehr ich mich auf mancher- ley Weise zu zerstreuen suchte; und, was das Schlimm- ste war, so hat ich das Herz nie, dem Pfarrer, oder auch nur dem Vater hievon das Mindeste zu offen- baren. XXIII. Unterweisung . (1752.) I ndessen wundert’ es mich doch bisweilen sehr, wie mein Vater und der Pfarrer von diesem und jenem Spruch in der Bibel, von diesem und jenem Buͤch- lin denke. Letztrer kam oft zu uns, selbst zu Win- terszeit, wenn er schier im Schnee stecken blieb. Da war ich sehr aufmerksam auf alle Discurse, und merkte bald, daß sie meist bey Weitem nicht einerley Meinung waren. Anfangs kam’s mir unbegreiflich vor, wie doch der Aeti so frech seyn, und dem Pfar- rer widersprechen duͤrfe? Dann dacht ich auf der andern Seite wieder: Aber mein Vater und der fluͤchtige Pater zusammen sind doch auch keine Narren, und schoͤpfen ihre Gruͤnde ja wie jener aus der glei- chen Bibel. Das ging dann in meinem Sinn so hin und her, bis ich’s etwa wieder vergaß, und andern Fantaseyen nachhieng. Inzwischen kam ich in dem naͤmlichen Jahr zu diesem Pfarrer, Heinrich Naͤf von Zuͤrich , in die Unterweisung zum H. Abendmal. Er unterrichtete mich sehr gut und gruͤndlich, und war mir in der Seele lieb. Oft erzaͤhlt’ ich meinem Vater ganze Stunden lang, was er mit mir geredet hatte; und meynte dann, er sollte davon so geruͤhrt werden wie ich. Bisweilen that er, mir zu gefallen, wirklich dergleichen Dergleichen thun . Schweizerscher Provinzialaus- druck für: Sich so stellen . ; aber ich merkte wohl, daß es ihm nicht recht zu Herzen gieng. Doch sah ich auch, daß er uͤberhaupt Wohlgefallen an meinen Empfin- dungen und an meiner Aufmerksamkeit hatte. Nach- werts ward dieser Heinrich Naͤf Pfarrer gen Hum- brechtikon am Zuͤrichsee ; und seither, glaub’ ich, kam er noch naͤher an die Stadt. Noch auf den heutigen Tag ist meine Liebe zu ihm nicht erloschen. Viel hundertmal denk’ ich mit geruͤhrter Seele an dieses redlichen Manns Treu und Eifer; an seinen liebevollen Unterricht, welchen ich von seinen holdse- ligen Lippen sog, und den mein damals gewiß auch fuͤr das Gute weiche und empfaͤngliche Herz so begie- rig aufnahm. — O der redlichen Vorsaͤtze und hei- ligen Entschluͤsse, die ich so oft in diesen unvergeßli- chen Stunden faßte! Wo feyt ihr geblieben? Wel- chen Weg seyt ihr gegangen? Ach! wie oft seyt ihr von mir zuruͤckgerufen, und dann leider doch wieder verabscheidet worden! — O Gott! Wie freudig gieng ich stets aus dem Pfarrhause heim, nahm gleich das Buch wieder zur Hand, und erfrischte damit das Angedenken an die empfangenen heilsamen Lehren. Aber dann war eben bald alles wieder verflogen. Doch selbst in spaͤtern Tagen — sogar in Augen- blicken, wo Lockungen von allen Seiten mir die suͤsse- sten Minen machten, und mich bereden wollten, das Schwarze sey wo nicht Weiß, doch Grau — stiegen mir meines ehemaligen Seelsorgers treuge- meinte Warnungen noch oft zu Sinn, und halfen mir in manchem Scharmuͤtzel mit meinen Leiden- schaften, den Sieg erringen. Was ich mir aber noch zu dieser Stunde am wenigsten vergeben kann, ist mein damaliges oͤfteres Heucheln, und daß ich, selbst wenn ich mir keines eigentlichen Boͤsen bewußt war, doch immer noch besser scheinen wollte, als ich zu seyn mich fuͤhlte. Endlich — ich weiß es selbst nicht — war vielleicht auch das ein Tuck des armen Herzens: Daß ich z. E. oft, und zwar wenn ich ganz allein bey der Arbeit war, wirklich mit groͤsserer Lust et- liche geistliche Lieder, die ich von meiner Mutter gelernt, als meine weltlichen Quodlibet sang — dann aber freylich allemal wuͤnschte: Daß mich mein Vater itzt auch hoͤren moͤchte, wie er mich sonst meist nur uͤber meinem losen Lirum Larum ertapp- te. O wie gut waͤr’s fuͤr Eltern und Kinder, wenn sie mehr, und so viel immer moͤglich, beysammen waͤren. XXIV. Neue Cameradschaft . U ebrigens hatte der Pfarrer in seinem kleinen Kry- nau , gedachtes Jahr 1752. neben mir nur einen ein- zigen Buben in der Unterweisung. Dieser hieß H. B. ein fuchsrother Erzstockfisch. Wenn ihn der Heer was fragte, hielt der Bursch’ immer sein Ohr an mich, daß ich’s ihm einblasen sollte. Was man ihm hundertmal sagte, vergaß er hundertmal wieder. Am H. Abend, da man uns der Gemeind vorstellte, war er vollends ganz verstummt. Ich mußte darum fast aneinander antworten, von 2. bis 5. Uhr. Im Jahr zuvor hingegen ward ein andrer Knab, J. W. un- terwiesen terwiesen; ein gar geschicktes Buͤrschlin, der die Bi- bel und den Catecist vollkommen inne hatte. Mit dem macht’ ich um diese Zeit Bekanntschaft. Von Angesicht war er zwar etwas haͤßlich; die Kinder- blattern hatten ihn jaͤmmerlich zugerichtet; aber sonst ein Kind wie die liebe Stunde. Er hatte einen ge- spraͤchigen Vater, von dem er viel lernte, der aber daneben nicht der Beßte, und besonders als ein Erzluͤger beruͤhmt war. Der konnt’ Euch Stunden lang die abentheurlichsten Dinge erzaͤhlen, die weder gestoben noch geflogen waren; so daß es zum Spruͤch- wort wurde, wenn einer etwas Unwahrscheinliches sagt: „Das ist ein W. — Lug !„ Wenn er redete, rutschte er auf dem Hintern bestaͤndig hin und her. Von seinen Fehlern hatte sein kleiner J. keinen ge- erbt; das Luͤgen am allerwenigsten. Jedermann liebte ihn. Mir war er die Kron in Augen. Wir fiengen an uͤber allerley Sachen kleine Brieflin zu wechseln, gaben einander Raͤthsel auf, oder schrieben uns Verse aus der Bibel zu, ohne Spezification wo sie stuͤhn- den; da mußte dann ein jeder selbst nachschlagen. Oft hielt es sehr schwer, oder gar unmoͤglich; in den Psalmen und Propheten zumal, wo die Verslin meist erstaunlich kurz, und viele fast gleichlautend sind. Bisweilen schrieben wir einander von allen Thieren, welche uns die liebsten seyen; dann von allerhand Spei- sen, welche uns die beßten duͤnken; dann wieder von Kleidungsstuͤcken, Zeug und Farben, welche uns die angenehmsten waͤren, u. s. f. Und da bemuͤhte sich je einer den andern an Anmuth zu uͤbertreffen. Oft D mocht’ ich’s kaum erwarten, bis wieder so ein Brief- lin von meinem W. kam. Er war mir darin noch viel lieber als in seinem persoͤnlichen Umgang. So dauerte es lange, bis einst ein unverschaͤmter Nach- bar allerley wuͤste Sachen uͤber ihn aussprengte: Denn, obschon ich’s nicht glaubte, verringerte sich nun (es ist doch wunderbar!) meine Zuneigung ge- gen ihn von dem Augenblick an. Ein Paar Jahre nachher (es war vielleicht ein Gluͤck fuͤr uns beyde) fiel er in eine Krankheit, und starb. — Ein andrer unsrer Nachbarn, H. hatte auch Kinder von meinem Alter: Aber mit denen konnt’ ich nichts; sie waren mir zu witznasigt, arge Foͤrschler und Fraͤgler. — Um diese Zeit gab mir Nachbar Joggli heimlich um 3. Kr. eine Tabackspfeife zu kaufen, und lehrte mich schmauchen. Lange mußt’ ich’s im Geheim thun, bis einst ein Zahnweh mir den Vorwand ver- schaffte, es von dieser Zeit an oͤffentlich zu treiben. Und, o der Thorheit! darauf bildete ich mir nicht wenig ein. XXV . Damalige haͤusliche Umstaͤnde . U nterdessen war unsre Familie bis auf acht Kinder angewachsen. Mein Vater stack je laͤnger je tiefer in Schulden, so daß er oft nicht wußte wo aus noch an. Mir sagte er nichts; aber mit der Mutter hielt er oft heimlich Rath. Davon hoͤrt’ ich eines Tags ein Paar Worte, und merkte nun die Sache so halb und halb. Allein, es focht mich eben wenig an: Ich gieng leichtsinnig meinen kindischen Gang, und ließ meine armen Eltern inzwischen uͤber hundert unaus- fuͤhrbaren Projekten sich den Kopf zerbrechen. Unter diesen war auch der einer Wanderung ins Gelobte Land, zu meinem groͤßten Verdrusse — zu Wasser worden. Endlich entschloß sich mein Vater, alle seine Habe seinen Glaͤubigern auf Gnad und Ungnad zu uͤbergeben. Er berief sie also eines Tags zusam- men, und entdeckte ihnen mit Wehmuth, aber red- lich, seine ganze Lage, und bat sie: In Gottes Namen Haus und Hof, Vieh, Schiff und Geschirr zu ihren Handen zu nehmen, und seinetwegen ihn, nebst Weib und Kindern, bis aufs Hemd auszuzie- hen; er wolle ihnen noch dafuͤr danken, wenn sie nur einmal ihn der unertraͤglichen Last entledigen. Die meisten aus ihnen (und selbst diejenigen welche ihm mit Treiben am unerbittlichsten zugesetzt hatten) erstaunten uͤber diesen Vortrag. Sie untersuchten Soll und Haben; und das Facit war, daß sie die Sachen bey weitem nicht so schlimm fanden, als sie sich’s vorgestellt; so daß sie ihn alle wie aus Einem Munde baten: Er soll doch nicht so klaͤglich thun, guten Muths seyn, sich tapfer wehren, und seine Wirthschaft nur so emsig treiben wie bisher; sie wol- len gern Geduld mit ihm tragen, und ihm noch aus allen Kraͤften berathen und beholfen seyn: Er habe eine Stube voll braver Kinder; die werden ja alle Tag’ groͤsser, und koͤnnen ihm an die Hand gehn; was er mit diesen armen Schaafen draussen in der weiten Welt anfangen wollte? u. s. f. u. f. Allein mein Vater unterbrach sie in diesen liebreichen Aeus- serungen ihres Mitleids alle Augenblick’: „Nein, „um Gottes Willen, Nein! — Nehmt mir doch die „entsetzliche Burde ab — Das Leben ist mir so ganz „erleidet! — Auf’s Besserwerden hoft’ ich nun schon „dreyzehn Jahr vergebens. — Und kurz, bey unserm „Gut hab’ ich nun einmal weder Gluͤck noch Stern. — „Mit sauerm Schweiß, und so vielen schlaflosen Naͤch- „ten, grub’ ich mich nur immer tiefer in die Schul- „den hinein. — Geb wie ich’s machte, da half „Hausen und Sparen, Hunger und Mangel leiden, „bis aufs Blut arbeiten, kurz Alles und Alles nichts. — „Besonders mit dem Vieh wollt’s mir durchaus nie „gelingen. Verkauft’ ich die Kuͤh’ um das Futter „versilbern zu koͤnnen, und daraus meine Zinse zu „bestreiten, so hatt’ ich dann mit meiner Haushal- „tung, die ausser dem Guͤterarbeiten keinen Kreu- „zer verdienen konnte, nichts zu essen, wenn ich „gleich die halbe Losung wieder in andre Speisen „steckte. — Schon von Anfang an mußt’ ich immer „Tagloͤhner halten, Geld entlehnen, und aus einem „Sack in den andern schleuffen, bis ich endlich mich „nicht mehr zu kehren wußte. — Noch einmal, um „Gottes Willen! Da ist all mein Vermoͤgen. Nehmt, „was Ihr findet, und laßt mich nur ruhig meine „Strasse ziehn. Mit meinen aͤltern Kindern wird’s „mir wohl moͤglich werden, uns allen ein schmales „Stuͤcklein Brod zu erwerben. Und wer weiß, was „der l. Gott uns noch fuͤr die Zukunft bescheert „hat!„ Als nun endlich unsere Glaͤubiger sahen, daß mit meinem Vater anders nichts anzufangen waͤre, nahmen sie das Dreyschlatt mit aller Zu- behoͤrd gemeinschaftlich zu ihren Handen, setzten ei- nen Gildenvogt, liessen einen neuen Ueberschlag ma- chen, und fanden wieder: Daß einmal da kein gros- ser Verlust herauskommen koͤnne. Sie schenkten dar- um dem armen Aeti nicht allein allen Hausrath, Schiff und Geschirr, sondern baten ihn auch, bis sich ein Kaͤufer faͤnde, weiter auf dem Gut zu bleiben, und es um billigen Lohn zu bearbeiten. Dieser be- stuhnd, nebst freyet Behausung, und Holzes genug, in der Soͤmmerung fuͤr acht Kuͤhe, und Grund und Boden, zu pflanzen was und wie viel wir konnten und mochten. Itzt war meinem Vater wieder so wohl als wenn er im Himmel waͤre; und was ihm noch am meisten Freud’ machte, seine alten Schuld- herren waren fast noch zufriedner als er, so daß von dem ersten Augenblick an keiner ihm nur nie eine saure Miene gemacht. Wir hatten ein recht gutes Jahr, und konnten, neben unsrer Guͤterarbeit, noch eine ziemliche Zeit fuͤrs Salpetersieden entuͤbrigen, das ich nun ebenfalls lernte, als mein Vater einst an einem Bein Ungelegenheit hatte, und hernach wirklich bettliegerig ward. Die Schmerzen nahmen taͤglich so sehr uͤberhand, daß er eines Abends von uns allen Abschied nahm. Endlich gelang es doch dem Herrn Doktor Muͤller aus der Schomatten ihn wieder zu curiren; derselbe that solches nicht nur ganz unentgeldlich, sondern gab uns noch Geld dazu. Der Himmel wird es ihm reichlich vergelten. — In- zwischen zeigte sich ein Kaͤufer zum Dreyschlatt . Wir waren im Grund alle froh, diese Einoͤde zu verlassen; aber niemand wie ich, da ich hofte, das strenge Arbeiten sollt’ nun einmal ein End nehmen. Wie ich mich betrog, wird die Folge lehren. XXVI . Wanderung auf die Staig zu Wattweil . (1754.) M itten im Merz dieses Jahrs zogen wir also mit Sack und Pack aus dem Dreyschlatt weg, und sag- ten diesem wilden Ort auf ewig gute Nacht! Noch lag dort klaftertiefer Schnee. Von Ochs oder Pferd war da keine Rede. Wir mußten also unsern Haus- rath und die juͤngern Geschwister auf Schlitten selbst fortzuͤgeln. Ich zog an dem meinigen wie ein Pferd, so daß ich am End fast athemlos hinsank. Doch die Lust, unsre Wohnung zu veraͤndern, und einmal auch im Thal, in einem Dorf, und unter Menschen zu leben, machten mir die saure Arbeit lieb. Wir langten an. Das muß ein rechtes Canaan seyn, dacht’ ich; denn hier guckten die Grasspitzen schon unterm Schnee hervor. Unser Guͤtlin, das wir zu Lehen empfangen hatten, stuhnd voll grosser Baͤume; und ein Bach rollte angenehm mitten durch. Im Gaͤrtlin bemerkt’ ich einen Zipartenbaum. Im Haus hatten wir eine schoͤne Aussicht das Thal hinauf. Aber uͤbrigens, was das vor eine dunkle, schwarze, wurmstichige Rauchhuͤtte war! Lauter faule Fußbo- den und Stiegen; ein unerhoͤrter Unflath und Ge- stank in allen Gemaͤchern. Aber das alles war noch nichts gegen den lebendigen Einsiegel, den wir im Haus haben mußten: Ein abschenliches Bettelmensch, das sich besoff, so oft es ein Kirchenalmosen erhielt, und auf diese Art zu Wein kam; dann in der Trun- kenheit sich mutternackt auszog, und so im Haus her- umsprang und pfiff; auch, wenn man ihm das ge- ringste einreden wollte, ein Fluchen und Lamentiren erhob, wie eine Besessene; weswegen es zwar zum oͤftern den Rinderriemen bekam, das aber nur aus Uebel aͤrger machte. Dieß Ungeheuer war dann noch uͤber alles aus sehr erpicht auf junge Leuthe, und wollte — Puh! mir schaudert’s jetzt noch — auch mich anpacken. Das war fuͤr mich eine ganz neue Er- scheinung; ich redete mit meinem Vater davon, doch ohne jener Versuchung eigentlich zu erwaͤhnen; der sagte mir dann, was eine Katze sey. Nun bekam ich erst einen solchen Eckel vor diesem Thier, daß mir ein Stich durch alle Adern gieng, so oft es mir unter Augen kam. XXVII. Goͤttliche Heimsuchung. W enige Tage nach unsrer Ankunft ward ich mit einem heftigen Frost und Fieber befallen. Ob mir das ploͤtzliche Vertauschen der frischen Bergluft mit der im Thal, oder die unreinliche Wohnung, oder dann ein schon mitgebrachter Stoff dazu im Koͤrper, oder endlich gar der Abscheu vor dem entsetzlichen Ge- schoͤpfe, das Uebel zugezogen, weiß ich selbst nicht. Einmal zuvor war, aussert etwa leichten Kopf- und Zahnschmerzen, jedes andre Uebelbehagen mir ganz unbekannt. Man ließ den lieben Herrn Docktor Muͤller kommen; er verordnete mir eine doppelte Aderlaͤsse, zweifelte aber gleich beym ersten Anblick selber an meinem Aufkommen. Am dritten Tag glaubt’ ich, nun sey’s gewiß mit mir aus, da mir mein armer Kopf beynahe zerspringen wollte. Ich rang, wimmerte, kruͤmmte mich wie ein Wurm, und stuhnd Hoͤllenangst aus: Tod und Ewigkeit kamen mir schroͤcklich vor. Meinem Vater, der sich fast nie von mir entfernte, und oft ganz allein um mich war, beichtete ich in einem solchen Augenblick alles was mir auf dem Herzen lag, sonderlich auch wegen den Verfolgungen des vorerwaͤhnten Unholds, der mir viel zu schaffen machte. Der gute Aeti er- schrack entsetzlich, und fragte mich: Ob ich denn mit dem Thier etwas Boͤses gethan? „Nein, ge- „wiß nicht, Vater!„ (antwortete ich schluchzend) „aber das Ungeheur wollt’ mich eben dazu bereden; „und ich hab’s dir verschwiegen. Das nun, fuͤrcht’ „ich, sey eine grosse Suͤnd’„. „Sey nur ruhig, „mein Sohn!„ (versetzte mein Vater) „Halt’ „dich im Stillen zu Gott. Er ist guͤtig, und wird „dir deine Suͤnden vergeben„. Dieß einzige Wort des Trosts machte mich gleichsam wieder aufleben. O wie eifrig gelobt’ ich in diesem Augenblick, ein ganz andrer Mensch zu werden, wenn ich’s laͤnger auf Erden treiben sollte. Indessen gab’s noch ver- schiedene Ruckfaͤlle: Einmal wußt’ ich 24. Stunden lang nichts mehr von mir selber; aber dieß war die Crists. Beym Erwachen fuͤhlt’ ich zwar meine Schmer- zen wieder, doch in weit geringerm Grade; und was fuͤr mich viel wichtiger war, die bangen angsthaften Gedanken blieben voͤllig aus. Der Doktor fieng an Hoffnung zu schoͤpfen, und ich nicht minder; und kurz, es ließ sich taͤglich mehr zur Besserung an, bis ich (Gott und meinem geschickten Arzt sey’s ewig gedankt) freylich erst nach etlichen Wochen, wieder ganz auf die Beine kam. Aber das Thiermensch, das wir im Haus hatten, und dulden mußten In unsern Schweitzerlanden (wo von einheimischen Ar- men, auch von dem Auskehrigt selbstverschuldeten Elends, niemand ganz rath- und hülflos sich selbst überlassen wird) ist es nichts seltenes, daß, zumal in den geringern Dorfs- eommunen, wo von Gemeind wegen für solche Geschöpfe nicht gesorgt werden kann, der Private, bald der Kehre nach unentgeldlich, bald um ein geringes Jährliches, ihnen Dach und Kost geben muß. , war mir jtzt unausstehlicher als jemals. Mich und alle meine Geschwister uͤberhaͤufte es mit den un- flaͤthigsten Schimpfworten. Waͤhrend meiner Krank- heit sagte es mir oft ins Gesicht: Ich sey ein muth- williger Bankert; es fehle mir nichts; man sollte mir statt Arzneyen die Ruthe geben, u. d. gl. Ich bat also meinen Vater, so hoch ich konnte: Er soll doch die Creatur uns vom Hals schaffen, sonst koͤnnt’ ich in Ewigkeit nicht vollkommen gesund werden. Aber es war unmoͤglich; vor einmal wollt’ sie uns niemand abnehmen. Wenn sie’s gar zu schlimm machte, liessen wie sie, wie gesagt, karbatschen. Aber zuletzt wollt’ uns auch diesen Dienst niemand mehr leisten; denn jedermann fuͤrchtete sich vor ihr, wie vor dem boͤsen Geist. Mit guten Worten kam man ihr ge- wissermaassen noch am leichtesten bey. Was indessen mir als die allerherbste Pruͤfung vorkam, war dieses: Daß ich und meine Geschwister in ihrer Gesellschaft mit Baumwollen-Kaͤmmen und Spinnen unsern Feyrabend machen mußten. Sobald aber der Som- mer anruͤckte, half ich mir damit, daß ich meine Arbeit, so viel’s immer die Witterung zuließ, aus- ser dem Haus verrichtete. XXVIII. Jetzt Tagloͤhner. „ D anke deinem Schoͤpfer„! (sagte inzwischen ei- nes Tags mein Vater zu mir) „Er hat dein Fle- „hen erhoͤrt, und dir von Neuem das Leben geschenkt. „Ich zwar, ich will dir’s nur gestehen, dachte nicht, „wie du, Uli, und haͤtt’ dich und mich nicht un- „gluͤcklich geschaͤtzt, wenn du dahingefahren waͤrst. „Denn, Ach! Grosse Kinder, grosse Sorgen! Unsre „Haushaltung ist uͤberladen — Ich hab’ kein Ver- „moͤgen — Keins von Euch kann noch sicher sein „Brodt gewinnen — Du bist das Aelteste. Was „willst du nun anfangen? In der Stube hocken, und „mit der Baumwolle handthieren, seh ich wohl, „magst du nicht. Du wirst muͤssen tagmen An andern Orten der Schweitz tagwen , um den Tag- lohn Bauersknechten-Dienste verrichten. „. „Was du willst, mein Vater„! antwortet’ ich: „Nur, ja, nicht ofenbruten„! Wir waren bald einig. Der damalige Schloßbauer, Weibel K. nahm mich zum Knecht an. Von meiner uͤberstan- denen Krankheit war ich noch ziemlich abgemattet; aber mein Meister, als ein vernuͤnftiger und stets aufgeraͤumter Mann, trug alle Geduld mit mir, um so viel mehr da er eigne Buben von gleichem Schrot hatte. Die meiste Zeit mußt’ er seinen Amtsge- schaͤsten nach; dann gieng’s freylich oft bunt uͤber Eck. Indessen gab er mir auch blutwenig Lohn, und die Frau Baͤurin ließ uns manchmal bis um 10. Uhr nuͤchtern. Bey strenger Arbeit aber erhiel- ten wir auch immer bessre Kost. Bisweilen brachten wir ihm etwas Wildpret, einen Vogel oder Fisch nach Haus; das ließ er sich vortreflich schmecken. Eines Tags erbeuteten wir ein ganzes Nest voll junger Kraͤhen; die mußt’ ihm seine Hausehre wun- derbar praͤpariren. Er verschlang mit ungeheurer Lust alle bis auf die letzte. Aber mit Eins gabs’ eine Rebellion im Magen. Er sprang vom Stuhl, und rannte todtblaß und schnellen Schrittes den Saal auf und nieder, wo die Fuͤß und Federn noch uͤberall zerstreut am Boden lagen! Endlich schueutzt er uns Buben mit laͤcherlichem Grimm an: „Thut mir „das Schinderszeug da weg, oder ich k ** Euch „hunderttausend Dotzend von Euern Bestien heraus. „Einmal in meinem Leben solche schwarze Teufel „gefressen, und nimmermehr„! Dann legte sich der launigte Mann zu Bethe, und wit einem tuͤch- tigen Schweiß gieng alles vorbey. Auch mein Bruder Jakob verrichtete um die naͤmliche Zeit aͤhnliche Knechtendienst’. Die Kleinern hingegen mußten in den Stunden neben der Schule spinnen. Unter diesen war Georg ein besonders lustiger Erzvogel. Wenn man ihn an seinem Raͤd- chen glaubte, saß er auf einem Baum, oder auf dem Dach, und schrie Guckuck! „Du fauler Lecker„! hieß es dann etwa von Seite der Mutter, wenn sie ihn so in den Luͤften erblickte; und von seiner: „Ich „will kommen wenn du mich nicht schlagen willst; „sonst steig ich dir bis in Himmel auf„! Was war da zu thun? Man mußte meist des Elends lachen. XXIX. Wie? Schon Grillen im Kopf. — U nd warum nicht? wenn einer in sein zwanzigstes geht, darf er schon ahnden, es gebe zweyerley Leu- the. Der Weibel hatte ein bluthuͤbsches Toͤchter- gen, aber scheu’ wie ein Hase. Es war mir eine Freud’ wenn ich sie sah’, ohne zu wissen warum? Nach etlichen Jahren heurathete sie einen Schlin- gel, der ihr ein Haͤufchen Jungens auflud, und sich endlich als ein Schelm aus dem Land machte. Das gute Kind! Dann hatte unser Nachbar Uli eine Stieftochter, Aennchen; die konnt’ ich alle Sonntage sehn. Alle- mal winselt’ es mir ein wenig um’s Herzgruͤbchen. Ich wußte wieder nicht warum? denk’ aber wohl, weils mich so huͤbsch duͤnkte: Einmal an etwas an- ders kam mir gewiß nicht der Sinn. An den ge- dachten Sonntagen zu Abend machten wir — denn es gab da junger Bursche genug — mit einander Bunt- reihen, Kettenschleuffen, Hatersieden, Schuͤhle ver- bergen, u. s. f. Ich war wie in einer neuen Welt; nicht mehr ein Eremit wie im Dreyschlatt. Nun merkt ich zwar, daß mich Aennchen wohl leiden mocht’; dacht’ indessen, sie wuͤrd’ sonst schon ihre Liebsten haben. Einst aber hatte meine Mutter die Schwachheit, mir, und zwar als wenn sie stolz drauf waͤre, zu sagen: Aennchen sehe mich gern. Dieser Bericht rannte mir wie ein Feuer durch alle Glie- der. Bisher hielt ich dafuͤr, meine Eltern wuͤrden’s nicht zugeben, daß ich noch so jung nur die geringste Bekanntschaft mit einem fremden Maͤdchen haͤtte. Itzt aber (so wichtig ist es, die Menschen in nuͤtzli- chen Meinungen auch nur durch kein unvorsichtiges Wort irre zu machen!) merkt’ ich’s meiner Mutter deutlich an, daß ich so etwas schon wagen duͤrfte. Indessen that ich wohl nicht dergleichen; aber meine innre Freud’ war nur desto groͤsser, daß man mir itzt selbst die Thuͤr aufgethan, unter das junge lusti- ge Volk zu wandeln. Von dieser Zeit an, versteht sich’s, schnitt’ ich bey allen Anlaͤssen Aennchen ein entschieden freundlich Gesichtgen; aber daß ich ihr mit Worten etwas von Liebe sagen durfte — o um aller Welt Gut willen haͤtt’ ich dazu nicht Herz ge- habt. Einst erhielt ich Erlaubniß auf den Pfingst- Jahrmarkt zu gehn: Da sann ich lang hin und her, ob ich sie auf’s Rathhaus zum Wein fuͤhren duͤrfe? Aber das schien mir schon zu viel gewagt. Dort sah ich sie eins herumschlaͤngeln. Herodes mag das Herz nicht so gepocht haben, als er Herodias Toch- ter taͤnzeln sah! Ach! so ein schoͤnes, schlankes, nettes Kind, in der allerliebsten Zuͤrchbietler-Tracht! Wie ihm die goldfarbnen Zoͤpf so fein herunterhiengen! — Ich stellte mich in einen Winkel, um meine Augen im Verborgnen an ihr waiden zu koͤnnen. Da sagt’ ich zu mir selbst: Ah! in deinem Leben wirst du, Luͤmmel, nie das Gluͤck haben, ein solch Kind zu bekommen! Sie ist viel viel zu gut fuͤr dich! Hundert andre weit bessre Kerls werden sie lang lang vor dir erhaschen. So dacht’ ich, als Aennchen, die mich und meine Schuͤchternheit schon eine geraume Zeit mochte bemerkt haben, auf mich zukam, mich freund- lich bey der Hand nahm, und sagte: „ Uli! fuͤhr’ „du mich auch Eins herum„! Ich feuerroth erwie- derte: „Ich kann’s nicht, Aennchen! gewiß ich kann’s „nicht„! „So zahl’ mir denn eine Halbe Halbe Maaß Wein. „, versetzte sie, ich wußt’ nicht recht ob im Schimpf oder Ernst. „Es ist dir nicht Ernst, Schleppsack„, erwiedert’ ich darum. Und sie: „ Mi See Mein Seel’! s’ist „mir Ernst„! Ich todtblaß: „Mi See, Aennchen, „ich darf heut nicht! Ein andermal. Gwuͤß ich „moͤcht’ gern, aber ich darf nicht„! Das mocht ihr ein wenig in den Kopf steigen; sie ließ sich’s aber nicht merken, trat, mir nix dir nix, ruͤckwerts, und machte ihre Sachen wie zuvor. So auch ich — stolperte noch eine Weile von einer Ecke in die andre, und machte mich endlich, wie alle uͤbrigen, auf den Heimweg. Ohne Zweifel daß Aennchen auf mich Acht gegeben. Einmal nahe beym Dorf kam sie hin- ter mir drein: „ Uli! Uli! Jetzt sind wir allein. „Komm’ noch mit mir zu des Seppen, und zahl „mir eine Halbe„! „Wo du willst„, sagt’ ich; und damit setzten wir ein Paar Minuten stillschwei- gend unsre Strasse fort. „ Aennchen! Aennchen „! hob ich dann wieder an: „Ich muß dir’s nur grad „sagen, ich hab kein Geld. Der Aeti giebt mir „keins in Sack, als etwa zu einem Schoͤpplein; „und das hab’ ich schon im Staͤdtlin verbutzt. Glaub’ „mir’s ich wollt’ herzlich gern — und dich dann heim- „geleiten! O! Aber da muͤßt’ ich dann wieder mei- „neu Vater fuͤrchten. Gwuͤß, Aennchen! s’waͤr „das erstemal. Noch nie haͤtt’ ich mich unterstan- „den, ein Maͤdle zum Wein zu fuͤhren; und jetzt, „wie gern ich’s moͤcht’, und auf Gottes Welt keine „lieber als dich — bitte bitte, glaub mir’s kann und „darf ich’s nicht. Gwuͤß ein andermal, wenn du „mir nur wart’st, bis ich darf und Geld hab’„. „Ep Possen, Naͤrrlin„! versetzte Aennchen: „Dein „Vater sagt nichts; und bey der Mutter will Ich’s „verantworten — weiß schon, wo der Haas lauft. „Geld? Mit samt dem Geld! ’s ist mir nicht um’s „Trincken, und nicht um’s Geld. Da„ (und griff ins Saͤcklin) „hier hast du, glaub’ ich, gnug zu „zahlen, wie’s der Brauch ist. Mir waͤr’s Ein „Ding; Ich wollt’ lieber fuͤr Dich zahlen, wenn’s „so Mode waͤr’„. Paf! jtzt stand ich da, wie der Butter an der Sonne; gab endlich Aennchen mit Zittern und Beben die Hand; und so gieng’s vollends ins Dorf hinein, zum Engel. Mir ward’s Blau und Schwarz vor den Augen, als ich mit ihr in die Stube trat, und da alles von Tischen voll Leuthen wimmelte, die, einen Augenblick wenigstens, auf uns ihre Blicke richteten; indessen deucht’ es mich dann auch wieder: Himmel und Erde muͤß’ Einem gut seyn, der ein so holdes Maͤdchen zur Seite hat. Wir tranken unsre Maaß aus — so weder zu lang- sam noch zu geschwind; zu Schwatzen gab s — ich denk’ durch meine Schuld — eben nicht viel. Ent- zuͤckt, und ganz durchgluͤht von Wein und Liebe, aber immer voll Furcht, fuͤhrt’ ich nun das herrliche Kind nach Haus bis an die Thuͤre. — Keinen Kuß? Kei- nen Fuß uͤber ihre Schwelle? — Ich schwoͤr es: Nein! Auch ich lief nun schnurstracks heim, gieng maus- still zu Bett’, und dachte: Heut wirst du bald, und suͤsser entschlummern, als sonst noch nie in deinem Leben! Aber wie ich mich betrog’! Da war von Schlaf nur keine Rede. Tausend wunderbare Grillen gien- gen mir im Kopf herum, und waͤlzten mich auf meinem Lager hin und her. Hauptsaͤchlich aber, wie verwuͤnscht’ ich jetzt meine kindische Bloͤdigkeit und Furcht: „O das himmlische suͤsse Maͤdchen„! dacht’ ich jetzt: „Konnt’ es wohl mehr thun — und „Ich weniger? Ach! es weißt nicht, wie’s in mei- „nem Busen brennt — und nur durch meine Schuld. „O ich Hasenherz! Solch ein Liebchen nicht kuͤssen, „nicht „nicht halb zerdruͤcken? Kann Aennchen so einen „Narrn, so einen Luͤmmel lieben? Nein! Nein! — „Warum spring’ ich nicht auf und davon, zu ihrem „Haus, klopf an ihrer Thuͤr’ und rufe: Aennchen, „ Aennchen, liebstes Aennchen! Steh’ auf, ich will „abbitten! O, ich war ein Ochs, ein Esel! verzeih „mir’s doch! Ich will’s koͤnftig besser machen, und „dir gewiß zeigen, wie lieb mir bist! Herziger Schatz! „ich bitt’ dich drum, sey mir doch weiter gut und „gieb mich nicht auf — Ich will mich bekehren — „bin noch jung — und was ich nicht kann, will ich „lernen„, u. s. f. So machte mich, gleich vielen andern, die erste Liebe zum Narrn. XXX. So geht’s. D es Morgens in aller Frühe flog ich nach Aennchens Haus — Ja, das haͤtt’ ich thun sollen, that’s aber eben nicht. Denn ich schaͤmt’ mich vor ihr, daß mir’s Herz davon weh that — in die Seel’ hinein schaͤmt’ ich mich, vor den Waͤnden, vor Sonn’ und Mond, vor allen Stauden schaͤmt’ ich mich, daß ich gestern so erzalbern that. Meine einzige Entschuldigung vor mir selber war diese, daß ich dachte: Es haͤtte so seine eigne studirte Art mit den Maͤdels umzugehn, und ich wuͤßte diese Art nicht. Niemand sage mir’s, und ich haͤtt’ nicht das Herz jemand zu fragen. Aber so (roch’s mir dann wie- der auf) darfst du Aennchen nie, nie mehr unter E Augen treten; fliehen mußt du vielmehr das holde Kind, oder kannst wenigstens nur im Verborgenen mit ihr deine Frend’ haben, nur verstohlen nach ihr blicken. — Inzwischen macht’ ich eine neue Bekannt- schaft mit ein Paar Nachbarsbuben, die auch ihre Schaͤtz’ hatten — um etwa heimlich von ihnen zu erfahren, wie man mit diesen schoͤnen Dingen um- gehen, und es machen muͤsse, wenn man ihnen ge- fallen wolle. Einmal nahm ich gar das Herz in beyde Haͤnd’ und fragte sie darum; aber sie lachten mich aus, und sagten mir so naͤrrisches und unglaub- liches Zeug, daß ich nun gar nicht mehr wußte, wo ich zu Haus war. Inzwischen ward diese Liebesgeschicht’, die ich doch gern vor mir selber verborgen haͤtte, bald uͤberall laut. Die ganze Nachbarschaft, und besonders die Weiber, gaften mir, wo ich stuhnd und gieng, ins Gesicht, als ob ich ein Eislaͤnder waͤre: „Ha, Ha, „ Uli „! hieß es dann etwa: „Du hast die Kinds- „schuh’ auch verheyt„. Meine Eltern wurdens eben- falls inne. Die Mutter laͤchelte dazu, denn Aenn- chen war ihr lieb: Aber der Vater blickte mich desto truͤber an; doch ließ er sich kein Woͤrtgen verlauten, als ob er wirklich in meinem Busen Unrath lese. Das war nur desto peinigender fuͤr mich. Ich gieng indessen uͤberall umher, wie der Schatten an der Wand, und wuͤnschte oft, daß ich Aennchen nie mit einem Aug gesehen haͤtte. Auch meine Bauersleuthe rochen bald den Braten, und spotteten meiner. Eines Abends kam mir Aennchen so in den Wurf, daß ich ihr nicht entwischen konnte. Ich stuhnd da wie versteinert. „Uli„! sagte sie, „komm heut „z’Nacht ein Bißli zu mir, ich hab’ mit dir z’reden. „Willst kommen, sag„? — „Ich weiß nicht„, stot- terte ich. — „Eh, komm! Ich muß nothwendig „mit dir reden; sag, versprich mir’s„! „Ja, ja „gwiß wenn ich kann„! Mir mußten scheiden. Ich rannte eilends nach Haus. Himmel! dacht’ ich, was mag das seyn? Kann das liebe Aennchen mir noch so freundlich begegnen? Soll ich, darf ich — Ja, ich muß, ich will gehn. — Nun gerieth ich — ob aus Ehr- lichkeit oder List weiß ich selbst nicht — auf den gu- ten Einfall, das Ding der Mutter zu sagen. „Ja „ja, geh’ nur„, sprach diese; „ich will dir nach „dem Essen schon forthelfen, daß kein Hahn darnach „kraͤhen soll„. Das war mir recht gekocht. Alles gesagt, gethan. Ich gieng hin, und traf Aennchen, ihre Mutter und ihren Stiefaͤti (sie hielten sonst eine Schenke) ganz allein an. Ich ließ ein Glas Brennz Branntwein. holen, um doch etwas zu thun, bis die Alten im Bett’ waͤren, weil ich nichts zu reden wußte. Aus lauter Furcht saß ich weit von Aennchen weg — Aber darum mocht’ ich’s doch kaum erwarten, bis die Eltern zur Ruh giengen. Endlich gerieth’s. Da fieng denn mein Liebchen an, in Einem fort zu schnaͤttern, daß es lieblich und doch betruͤbt zu hoͤren war — als sie mir jetzt uͤber mein kaltes Bezeigen Vorwuͤrf’ uͤber Vorwuͤrf’ machte, und alles, was sie die Zeit her uͤber mich schwatzen gehoͤrt, mir unter die Nase rieb. Ich faßte Muth, verantwortete mich so gut ich konnte, und sagt’ ihr auch gerad’ allen Kram heraus, was die Leuth’ von ihr redeten, und wofuͤr man sie hielt — von meinen Gesinnungen hin- gegen kein Wort: „So„! sagte sie: „Was schiert „mich der Leuthe Reden! Ich weiß schon, wer ich „bin — und hinter dir haͤtt’ ich doch ein wenig mehr „als so viel gesucht. Macht’ aber nichts, schadt gar „nichts„! Nachdem dieser Wortwechsel noch ein Weilchen fortgedauert hatte, und mir das Breuz ein wenig in den Kopf stieg, wagt’ ich’s, ihr ein Bißlin naͤher zu ruͤcken; denn das zwar boͤs schei- nende, aber verzweifelt artige Raisonieren gefiel mir in der Seele wohl. Ich erkuͤhnte mich so gar, ihr einige laͤppische Lehrstuͤcke von erznaͤrrischen Liebko- sungen zu machen. Sie wies mich aber frostig zu- ruͤck, und sagte: „Kannst mir warten! Wer hat dich das gelehrt„? u. d. gl. Dann schwieg sie eine Weile still, guckte steif ins Licht, und ich ein gut Klafter von ihr entfernt — ihr in’s Gesicht: O ihre zwey blauen Aeuglin, die gelben Haarlocken, das nette Naͤschen, das lose Maͤulchen, die sanft rothen Baͤcklin, das feine Ohrlaͤpplin, das geruͤndelte Kinn, das glaͤnzend weisse Haͤlschen — O in meinem Leben hab’ ich so nichts gesehn — Kein Mahler vom Him- mel koͤnnt’s schoͤner mahlen. „Duͤrft’ ich doch„ (dacht’ ich) „auch nur ein eineinziges Mal einen „Kuß auf ihr holdes Muͤndlein thun. Aber nun „hab’ ich’s schon wieder — und Ach! wohl gewiß „auf ewig verdorben„. Ich nahm also kurz und gut Abschied. Ganz frostig sagte sie: „Adken„! Ich noch einmal: „Leb wohl, Anne „! — und im Herzen: Leb’ ewig wohl, herzallerliebstes Schaͤtz- gen! — — Aber vergessen konnt’ ich sie nun einmal nicht. In der Kirch’ sah’ ich sie mehr als den Pfarrer; und wo ich sie erblickte, war mir wohl ums Herz. Eines Sonntag Abends sah ich einen Schnei- derbursch, Aennchen heimfuͤhren. Wie da urploͤtz- lich mein Blut sich empoͤrte, und alle Saͤfte mir in allen Gliedern rebellierten! Halb sinnlos sprang ich ihnen auf dem Fuß nach. Ich haͤtte den Schneider erwuͤrgen koͤnnen; aber ein gebietender Blick von Aennchen hielt mich zuruͤck. Inzwischen macht’ ich ihr nachwerts bitt’re Vorwuͤrf’ druͤber, und eine ganze Litaney von raͤudigen Schneidern und Schneidereigen- schaften. Dacht’ halt: Verloren ist verloren! — Aber Anne blieb mir nichts schuldig, wie ihr’s leicht denken koͤnnt. XXXI. Immer noch Liebesgeschichten. Doch auch anders mitunter. L aßt mich meine Kinder, Frennde , Leser! wer Ihr seyn moͤgt’, ich bitt’ Euch, laßt mich ein Thor seyn! Es ist Wohllust — suͤsse, suͤsse Wohllust, so in diese seligen Tage der Unschuld zuruͤckzugehn — sich all’ die Standorte wieder zu vergegenwaͤrtigen, und die schoͤnen Augenblick’ noch einmal zu fuͤhlen, wo man — gelebt hat. Mir ist, ich werde von neuem jung, wenn ich an diese Dinge denke. Ich weiß alles noch so lebhaft, wie’s mir war, wie’s mich deuchte; empfinde noch jedes selige Weilchen, das ich mit meinem Aennchen zubrachte — moͤchte jeden Tritt beschreiben, den ich an ihrer Seite that. Verzeiht mir’s, und uͤberschlagt’s, wenn’s Euch eckelt. Aennchens Stiefaͤti war ein leichtsinniger Brenz- wirth; ihm galt’s gleichviel, wer kam und ihm sein Brenz absoff. Ich war nun in Kurzem bey seinem Toͤchtergen wieder wohl am Brett, und genoß dann und wann ein herrliches Viertelstuͤndchen bey ihr. Das lag nun meinem Vater gar nicht recht. Er sprach mir ernstlich zu; es half aber alles nichts; Aennchen war mir viel zu lieb. Fuͤrchterlich schimpft’ er bisweilen auf dieß verdammte Brenznest, wie er es nannte; und Anne sah’ er fuͤr eine liederliche Dirn’ an — und doch, Gott weiß es! das war sie — wenigstens damals nicht; das redlichste braͤvste Maͤd- chen das ich je untern Haͤnden gehabt, fast meiner Laͤnge, so schlank und huͤbsch geformt, daß es eine Lust war. Aber ja, schwaͤtzen konnt’ sie wie eine Dohle. Ihre Stimme klang wie ein Orgelpfeifchen. Sie war immer munter und allert; um und um lauter Leben; und das macht’ es eben, daß mancher Sauertopf so schlimm von ihr dachte. Wenn meine Mutter meinen Vater nicht bisweilen eines Bessern belehrt, er haͤtt’ mit Stock und Stein drein ge- schlagen. So verstrich der Sommer. Noch in keinem hat- ten mir die Voͤgel, die ich alle Morgen mit Ent- zuͤcken behorchte, so lieblich gesungen. Gegen den Herbst zogen wir in die Pulverstampfe. Herr Am- man H. nahm naͤmlich um diese Zeit meinen Vater zum Pulvermacher an. Der Meister, C Gasser, wurde von Bern verschrieben, und lehrt’ uns dieß Handwerk aus dem Fundament, so daß wir auch das Schwerste in wenig Wochen begreifen konnten. Un- ter anderm war mein Aeti froh, mich itzt ein Stuͤck weit von Aennchen weg zu haben. Auch uͤberwand ich mich ziemlich lang’ — als das liebe Kind einst un- versehns zu uns zu Stubeten Zum Besuche. kam. Ich erschrack sehr, und dacht’ wohl, da wuͤrd’ ein Wetter los- gehn. So lang’ sie da war, hiengen des Vater Aug- braunen tief herunter; er schnaubte vor Grimm, redte kein Wort — horchte aber, wie man leicht merken mochte, auf alle Scheltwort’. O, wie dau- erte mich das herrliche Schaͤtzchen! Wuͤrd’s doch mein Vater, wie Ich, kennen, wie ganz anders waͤr’s da empfangen worden. Des Abends geleitete ich sie nach Haus. Noch war ich immer der alte bloͤde Junge. Sie neckte mich artlicher als sonst noch nie; aber doch mußt’s geneckt seyn. Morgens drauf, da erst gieng des Aetis Predigt an: Was er an Aenn- chen ungereimtes bemerkt — oder vielmehr bemerkt haben wollte — was er gehoͤrt — und nicht gehoͤrt, sondern nur vermuthet, das alles kam in die Nutz- anwendung dieser schoͤnen Sermon. Allerhand Spott- namen — und kurz, alles was Aennchen in mei- nen Augen veraͤchtlich machen sollte, blieb per se nicht aus. Und wirklich, so lieb mir das Maͤdchen war, nahm ich mir itzund doch vor, von ihr abzu- stehn, weil mir der Vater sie schwerlich jemals las- sen wuͤrde, und inzwischen noch mancher Ehrenpfen- ning ihretwegen spatziren muͤßte. Gleichwohl darf ich zu ihrem Preis auch das nicht verschweigen, daß sie mich nie um Geld bringen wollte, ja daß sie sogar, wann ich fuͤr sie etwa ein Brenzlin zahlte, nicht selten die Uerte mir heimlich wieder zusteckte. Eines Tags nun sagt ich zum Aeti: „Ich will nicht „mehr zur Anne gehn’, ich versprich dir’s„. „Das „wird mich freuen„, sprach er, „und dich nicht „gereuen. Uli! Ich meyn’s gwiß gut mit dir. — „Sey doch nicht so wohlfeil. — Du bist noch jung, „und koͤmmst noch alleweil fruͤh gnug zum Schick. — „Unterdessen geht’s dir sicher mehr auf als ab. — „So Eine giebt’s noch wann der Markt vorbey ist. — „Fuͤhr’ dich brav auf, bet’ und arbeite, und bleib „fein bey Haus. Dann giebst ein rechter Kerl, ein „Mann in’s Feld, und, ich wette, bekommst mit der „Zeit ein braves Bauermaͤdle. Indessen will ich immer „fuͤr dich sorgen„, u. s. f. u. f. So gieng der Winter vorbey. Aber mein Wort hielt ich wenig, und sah Aennchen, so oft es immer inge- heim geschehen konnte. Von Gallitag bis in Maͤrz konnten wir kein Pul- ver machen. Ich verdient’ also mein Brodt mit Baumwollenkaͤmmen; die andern mit Spinnen. Der Varer machte die Hausgeschaͤft’, las uns etwa an den Abenden aus David Hollatz, Boͤhm und Meads Beynahe-Christ die erbaulichsten Stellen vor, und erklaͤrte uns, was er fuͤr unverstaͤndlich hielt; aber eben auch nicht allemal am Verstaͤndlich- sten. Ich las auch fuͤr mich. Aber mein Sinn stuhnd meist nicht im Buch, soodern in der weiten Welt. XXXII. Nur noch dießmal. (1755.) I m folgenden Fruͤhling hieß es: Wohin nun mit so viel Buben? Jakob und Joͤrg wurden zum Pul- vermachen bestimmt; ich zum Salpetersieden. Bey diesem Geschaͤft gab mir mein Vater Uli M. einen groben, aber geraden ehrlichen Menschen zum Ge- huͤlfen, der ehemals Soldat gewesen, und das Hand- werk von seinem Vater her verstuhnd, der in seinem Beruf, aber elend genug verstorben, da er in einen siedenden Salpeterkessel fiel. Wir beyde Ulis fien- gen also mit einander im Merz 1755. in der Scha- matten unsern Gewerb an. Da gab’s immer unter der Arbeit allerley Gespraͤche, die dann M. durch irgend einen Umweg — und wie ich nachwerts erfuhr, geflissen, vielleicht gar auf Anstiften meines Vaters — meist auf Heurathsmaterien zu lenken wußte, und mir endlich eine gewisse schon ziemlich aͤltliche Toch- ter zur Frau empfahl, die bald auch meinen Eltern, dem Aeti besonders, eben ihres bestandenen Alters und stillen Wandels wegen, sehr wohl gefiel. Ihnen zu gefallen, fuͤhrt’ ich diese Ursel (so hieß sie) ein Paarmal zum Wein. Mein Uli machte gar viel Ruͤhmens von diesem Esaugesicht, das er, nach sei- ner eignen Sag’, schon vor zehn Jahren careßirt haͤtte. Daß ich eben wenig Reitzendes an ihr ent- deckte, versteht sich schon. Eine Stunde bey ihr duͤnkte mich eine halbe Nacht, so gut’ sie mir immer begegnete — ja, je besser, desto schlimmer fuͤr mich. Uebrigens trug sie eine ordentliche Bauerntracht. Aber mit Aennchen vergliechen, war’s halt wie Tag und Nacht. Als mich daher letztre eines Tags an der Straß auffieng, sprach sie mit bitterm Spott: „Pfui, „ Uli! So ein Haargesicht, so eine Iltishaut, so „ein Tanzbaͤr! Mir sollt’ keiner mehr auf einen „Buͤchsenschuß nahe kommen, der sich an einer sol- „chen Dreckpatsche beschmiert haͤtte! — Uhi! wie „stinkst„! Das gieng mir durch Mark und Bein. Ich fuͤhlte, daß Aennchen Recht hatte; aber den- noch verdroß es mich. Ich verbiß indessen meinen Unmuth, schlug ein erzwungenes Gelaͤchter auf, und sagte: „Gut, gut, Aennchen! Aber naͤchstens will „ich dir alles erklaͤren„! und damit giengen wir von einander. — Es waͤhrte kaum 24. Stunden, so gab ich meiner grauen Ursel foͤrmlichen Abschied: Sie sah mir wehmuͤthig nach und rief immer hinten drein: „Ist denn nichts mehr zu machen? — Bin „ich dir zu alt, oder nicht huͤbsch gnug? — Nur auch „noch Einmal„, u. dgl. Aber ein Wort, ein Mann. Am naͤchsten Huheijatag, wo Aennchen auch gegenwaͤrtig war, sah sie, daß ich allein trank. Sie kam freundlich gegen mir, und lud mich auf den Abend ein. Voll Entzuͤcken flog ich zu ihr hin, und merkte bald, daß ich wieder recht willkomm war, obschon mir das schlaue Maͤdle uͤber meine Bekannt- schaft mit Urseln aufs neue die bittersten Vor- wuͤrfe machte. Ich erzaͤhlte ihr haarklein alles, wie das Ding zugegangen. Sie schien sich zu beruhi- gen. Das machte mich herzhafter; ich wagte zum erstenmal, es zu versuchen, sie an meine Brust zu druͤcken, und einen Ruß anzubringen. Aber, Potz Welt! da hieß es: „So! Wer hat dich das gelehrt? „G’wiß die alte Hudlerin. Geh, geh, scheer’ dich, „und sitz erst ins Bad, dir den Unrath abzuwa- „schen.„ — Ich . „Ha! Ich bitt’ dich, Schaͤtzle! „sey mir nicht curios. Hab’ dich ja alleweil geliebt, „und lieb dich je laͤnger je staͤrker. Laß mich doch — „nur auch eins„! — Sie . „Abslut nicht! Um alles „Geld und Gut nicht! Fort, fort, nimm deine „Trallwatsch, die dir das Ding gewiesen„! — Ich . „Ach! Aennchen ! Schaͤtzchen! Laß mich doch! „Haͤtt’ dich schon lang schon, fuͤr mein Leben gern — „Ach mein Gott„! — Sie . „Laß mich doch gehn — „ich bitt’ dich! — Gwiß nicht. — Einmal itzt nicht„,— Endlich sagte sie freundlich laͤchelnd: „Wenn du wieder- „kommst„! Aber dreymal, wenn ich wiederkam, fieng das verschmitzte Maͤdchen immer das naͤmliche Spiel an. Und so koͤnnen diese schlauen Dinger die dummen Buben lehren. Endlich schlug die erwuͤnschte Stunde: „Aenn- „chen, Aennchen! liebstes Aennchen! Kannst’s „auch uͤber’s Herz bringen? Bist mir doch so herz- „inniglich lieb! Und ich sollt’ kein einzig Mal dein „holdes Muͤndchen kuͤssen? Gelt, du erlaubst’s mir? — „Ich kann’s laͤnger nicht aushalten. Lieber will ich „dich ganz und gar meiden„. Itzt druͤckte sie mir freundlich die Hand, sagte aber wieder: „Nun ge- „wiß, das naͤchstemal, wenn du wiederkommst„! Hier fieng mir an, die Geduld auszugehn. Ich ward wild, und schnippisch. Sie hinwieder befuͤrchtete glaub- lich Unrath; foppte mich zwar, wie es scheinen sollte, noch immer fort, daß es eine Lust war — aber mit Eins kam ihr ein Thraͤnchen ins Aug’, und sie wurde zahm wie ein Taͤubchen: „Nun ja„! sagte sie: „’s ist wahr, du hast doch die Prob’ ausgehalten — „Du solltest mir fuͤr deine Suͤnd buͤssen. Aber die „Straf’ hat mich mehr gekostet, als dich, liebes, „herziges Uechelin Diminutif von Uchel (Ulrich). „! Dieß sagte sie mit einem so suͤssen Ton, der mir itzt noch, wie ein fernes Silbergloͤcklin ins Ohr laͤutet: Ha! (dacht’ ich einen Augenblick) Itzt koͤnnt’ ich dich wieder strafen, loses Kind! — Aber ich bedacht’ mich bald eines Bessern — riß mein Liebchen in meine Arme, gab ihr wohl tausend Schmaͤtzchen auf ihr zartes Gesichtlin uͤberall herum, von einem Ohr bis zum andern — und Aenn- chen blieb mir kein einziges schuldig; nur daß ich schwoͤren wollte, daß die ihrigen noch feuriger als die meinigen waren. So giengs ohne Unterlaß fort mit herzen, und schaͤckern, und plaudern, bis zur Morgendaͤmmerung. Itzt kehrt’ ich jauchzend nach Haus, und glaubte der erste und gluͤcklichste Mensch auf Gottes Erdboden zu seyn. Aber bey allem dem fuͤhlt’ ichs lebhaft: Noch fehle mir — und dann wußt’ ich doch nicht was? Meist aber kam’s, glaub ich, darauf hinaus: O koͤnnt’ ich mein Aennchen — koͤnnt’ ich dieß holde holde Kind doch ganz ganz be- sitzen — voͤllig voͤllig mein heissen — und ich sein — sein Schaͤtzgen, sein Liebchen. Wo ich darum stuhnd und gieng, waren meine Gedanken bey ihr. Alle Wochen durft’ ich eine Nacht zu ihr wandeln; die schien mir eine Minute, die Zwischenzeit sechs Jahre zu seyn. O der seligen Stunden! Da setzte es tau- send und hunderterley verliebte Gespraͤche — da eifer- ten wir in die Wette, einander in Honigwoͤrtgen zu uͤbertreffen; und jeder neue oder alte Ausdruck galt einen neuen Kuß. — Ich mag nicht schwoͤren — und schwoͤre nicht — aber das waren gewiß nicht nur die seligsten, sondern — auch die schuldlosesten Naͤchte meines Lebens! — Und doch — ich darf’s noch einmal nicht verbergen — aber Aennchens Ruf war nicht der beßte. Dieß hatte sie ohne Zweifel ihrem frey- en, geschwaͤtzigen Maͤulchen zu verdanken. Ich hin- gegen habe stets und immer mehr das redlichste, beßte, zuͤchtigste Maͤdchen an ihr gefunden. Frey- lich — von jenen mannigfaltigen eigentlichen Verfuͤh- rer-Kuͤnsten braucht’ ich, und kannt’ ich wirklich keine — und doch bin ich vollkommen uͤberzeugt, daß sie auch dergleichen siegreich widerstanden waͤre. So gieng der mir unvergeßliche Sommer des Jahrs 1755. wie eine Woche vorbey; und taͤglich ge- wann ich mein Aennchen lieber. Vor alle andern Maͤdels eckelte mir’s, obgleich ich von Zeit zu Zeit Gelegenheit hatte, mit den artlichsten Toͤchtern des Lands bekannt zu werden. — Inzwischen war ich ein muntrer Salpetersieder, bald allein, bald in Gesellschaft mit jenem andern Uli , der sich noch im- merfort grosse Muͤhe gab, mir die wunderbarsten Dinger anzukuppeln. Aber — Puh! — davon war nun keine Rede mehr, nebendem daß ich jetzt noch uͤberall an kein Heurathen denken durfte. XXXIII. Es geht auf Reisen . E s war im Herbste, als ich eines Tags meinem Vater eine huͤbsche Buche im Wald faͤllen half. Ein gewisser Laurenz Aller von Schwellbrunn , ein Rechen- und Gabelmacher, war uns auch dabey be- huͤlflich, und kaufte uns nachwerts das schoͤnste da- von ab. Unter allerhand Gespraͤchen kam’s auch auf mich: „Ey, ey, Hans „! sagte Laurenz , „du „hast da einen ganzen Haufen Buben. Was willst „auch mit allen anfangen? Hast doch kein Gut, „und kann keiner kein Handwerk. Schad’, daß du „nicht die groͤßten in die Welt ’nausschickst. Da „koͤnnten sie ihr Gluͤck gewiß machen. Siehst’s ja „an des Hans Joggelis seinen: Die haben im „ Welsch-Berngebiet gleich Dienst’ gefunden; „sind noch kaum ein Jahr fort, und kommen schon „wie ganze Herren neumontirt, mit goldbordirten Huͤten „heim, sich zu zeigen, und wurden um kein Geld „mehr hie zu Land bleiben„. „Ha„! sagte mein Vater: „Aber meine Buben sind dazu viel zu laͤp- „pisch und ungeschickt; des Hans Joggelis hinge- „gen witzig und wohlgeschult; koͤnnen lesen, schrei- „ben, singen und geigen. Meine sind pur lauter „Narren in Vergleichung; sie stehen wo man’s stellt, „und thun’s Maul auf„. „Behuͤte Gott„! ver- setzte Laurenz , „must das nicht sagen, Hans ! „Sie waͤren gwiß wohl zu brauchen; sonderlich „der grosse da ist wohl gewachsen, kann ja auch „lesen und schreiben, und ist sicher kein Stockfisch — „seh’s ihm wohl an. Potz Wetter! wenn der recht „getummelt wird, das gaͤb’ ein Kerl. Wuͤrdst die „Augen aufsperren! Hans , ich will dir Mann da- „fuͤr seyn, daß er nach Jahr und Tag heimkommt „gestiefelt und gespornt, und Geld hat wie Huͤnd, „daß es dir ein’ Ehr’ und Freud’ seyn soll„. Waͤh- rend diesem Gespraͤch sperrt’ ich Maul und Augen auf, guckte dem Vater ins Gesicht; und er mir, und sprach: „Was meinst, Uli „? Aber eh’ ich antworten konnte, fuhr Laurenz fort: „Potz Ha- „gel! wenn ich noch so jung waͤr’, und’s Maul „voll huͤbsche Zaͤhn haͤtte, wie du, das ganze Tocken- „burg mit allen seinen Stricken und Seilern soll- „ten mich nicht im Land behalten. Ich bin auch „in der Welt ’rum kommen. Ha! da giebt’s Glob- „te Laͤnder, und Geld z’verdienen wie Dreck. „Weiß, was ich da gesehen hab’. Aber ich war „halt ein liederlicher Narr; und nun ist’s zu spaͤth, „wenn man dem Alter zuruckt, und gar ein Weib „hat. O, ich moͤchte noch brieggen So ein Mittelding zwischen Wainen und Heuten , so wie’s etwa, nebst den Kindern - - noch die erträgli- chern Weibsschälke thun. darob! Aber, „was ist zu machen„? „Alles gut„, fiel itzt mein Vater ein; „aber da muͤßt’ er Empfehlungsschrei- „ben, oder sonst jemand haben, der ihm in den „Teich huͤlfe. Ich wollte freylich gern alle meine „Kinder versorgt wissen, und keinem vor dem Gluͤck „stehn. Aber „— „Aber, was aber„? unter- brach ihn Laurenz . „Da laß mich dafuͤr sor- „gen; es soll dich nicht einen Heller kosten, Hans ! „und Buͤrg will ich dir seyn, dein Bub soll ver- „sorgt werden, daß er ein Mann, daß er ein Herr „giebt. Ich kenne weit und breit angesehene Leuth’ „genug, die solche Bursch’ gluͤcklich machen koͤnnen; „und da will ich dem Uli gwiß den beßten „aussuchen, daß er mir’s sein Lebtag danken soll „— Mein Vater traute gegen seine Gewohnheit dießmal sehr geschwind; denn er war diesem Laurenz sonst gut. Und von mir kam’s — einige Liebesscrupel aus- genommen, von denen wir bald reden werden — wohl gar nicht in die Frage. So bald es einmal von des Aetis Seite wirklich hieß: „Wie, Uli , haͤtt’st „Lust„? hieß es von meiner: „Ja„! Mein Va- ter mochte um so viel zufriedener seyn, da er mich der- dergestalt vollends von Aennchen entfernen konnte. Der Mutter hingegen lag’s gar nicht recht. Aber, man weiß es schon; wenn der Naͤbishans einmal einen Entschluß gefaßt, haͤtten ihn Himmel und Erde nicht mehr davon abwendig gemacht. Es ward also Tag und Stund abgeredt, wo ich mit Laurenz verreisen sollte, ohne weiter einem Menschen ein Wort davon zu sagen: Denn es mache nur unnoͤthi- gen Lerm, sogte mein Fuͤhrer. XXXIV. Abschied vom Vaterland . G ute Nacht, Welt! Ich geh ins Tyrol. So hieß es bey mir. Denn, einstheils wenigstens, war ich lauter Freude; meynte der Himmel hange voll Gei- gen und Hackbrettlin, und haͤtt’ ich Siegel und Brief in der Fiecke, mein Gluͤck sey schon gemacht. Anders- theils aber giengs mir freylich entsetzlich nahe — nicht eben das Vaterland, aber das Land zu meiden wo mein Liebstes wohnte. Ach! koͤnnt’ ich mein Aennchen nur mitnehmen, dacht’ ich wohl hundert- tausendmal. Aber dann wieder: Fuͤnf, hoͤchstens sechs Jahr’ sind doch auch bald vorbey. Und wie wird’s dann mein Schaͤtzgen freuen, wenn ich mit Ehr’ und Gut beladen, wie ein Herr nach Haus kehren — oder es zu mir in ein Gelobt Land ab- holen kann. Also, auf den 27. Herbstmonath, Samstag Abends, ward’s abgeredt, den Weg in Gottes Namen unter F die Fuͤsse zu nehmen. „Wir wollen bey Nacht und „Nebel fort„, sagte Laurenz ; „es giebt sonst ein „gar zu wunderfitzig Geluͤg; und an einem Werk- „tag hab’ ich nicht Zeit. Mach dich also reisfertig. „Einen guten Rock, damit ist’s gethan„. Sam- stag Morgens macht’ ich also alles zurecht. Nun gieng’s an den Abschied. Mutter und Schwestern vergossen haͤufige Thraͤnen, und fiengen schon um Mittag an, mir tausendmal: Gott behuͤt’, Gott geleit’ dich! zu sagen. Mein Vater aber, ebenfalls voll Wehmuth, gab mir, nebst etlichen Batzen, fol- gendes auf den Weg: „ Uli „! sprach er zu mir, „du gehst fort, Uli ! Ich weiß nicht wohin, und „du weist’s eben so wenig. Aber Laurenz ist ein „gereister Mann, und ich trau’ ihm die Redlich- „keit zu, er werd’ irgendwo ein gutes Nest ken- „nen, wo er dich absetzen kann. Du von deiner „Seite halt dich nur redlich und brav, so wird’s, „will’s Gott! nicht uͤbel fehlen. Itzt bist du noch „wie ein ungebacknes Broͤdtlin: Gieb Achtung, und „laß dich weisen; du bist gelehrig. Uebrigens weist’ „du, Ich hab’ dir das Ding nie mit keinem Wort „weder gerathen noch mißrathen. Es war Laurenzens „Einfall, und dein Wille; denen fuͤgt’ ich mich, „und zwar noch mit ziemlich schwerem Herzen. Denn, „am End konnt’ ich dir noch wie bisher Brodt geben, „wenn du dich weiter willig zu saurer und nicht saurer Ar- „beit, wie sie kommt, bequemt haͤttest. Aber darum „werd’ ich mich nicht minder freuen, wenn du itzt Speis’, „und Lohn dazu, auf eine leichtere Art verdienen, „oder gar dein Gluͤck machen kannst. Was mir am „meisten Muͤhe macht, Uli ! ist deine Jugend und „dein Leichtsinn. Und doch, glaub’ mir’s, du gehst „in eine verfuͤhrerische Welt hinaus, wo’s Hallun- „ken und Schurken genug giebt, die auf die Un- „schuld solcher Buben lauern. Ich bitt’ dich, trau „doch keinem Gesicht, bis du’s kennst; und laß „dich zu nichts bereden, was dich nicht recht duͤnkt. „Bete fleißig, wie Daniel zu Babel; und vergiß „nie, daß, wenn ich dich schon nicht mehr sehe und „hoͤre, dein beßrer Vater im Himmel in alle Winkel „der Welt sieht und hoͤrt, was du denkest und thust. „Du weist ja die Bibel, das heißt Gottes Wort, „inn- und auswendig. Sinn’ ihm nach, und ver- „giß es nie, wie wohl’s den frommen Leuten, die „Gott liebten, gegangen ist. Denk! Ein Abraham, „Joseph, David. Und wie hingegen jenen nichts- „nutzen gottlosen Buben, wie ungluͤcklich sie worden „sind. Um deiner Seelen willen, Uli ! um deiner „zeitlichen und ewigen Wohlfarth willen, vergiß dei- „nes Gottes nicht. Wo der Himmel uͤber dir steht, „ist er stets bey dir. Ich kann weiter nichts als „dich seinem allmaͤchtigen Schutz anbefehlen; und „das will ich thun, unablaͤßig„ — — So giengs noch eine kurze Weile fort. Mein Herz ward weich wie Wachs. Vor Schluchzen konnt’ ich nichts sagen, als: „Ja, „Vater, ja„! und in meinem Innwendigen hallt’ es wieder: „Ja, Vater, ja„! Endlich, nach einer kurzen Stille, sprach er: „Nun, in Gottes Namen, „geh„! und ich: „Ja, ich will gehen„! und: „Liebe, liebe Mutter! thu doch nicht so; es wird „mir nicht gaͤnzlich fehlen. Behuͤt’ Euch Gott! „lieber Vater, liebe Mutter! Behuͤt’ Euch Gott „alle, liebe Geschwisterte! Folgt doch dem Vater „und der Mutter! Ich will ihren guten Ermah- „nungen auch folgen in der weit’sten weiten Ferne„. Dann gab mir jedes die Hand. Die Zaͤhren rollten ihnen uͤber die feurrothen Backen. Ich mußte fast ersticken. Drauf gab mir die Mutter den Reisbuͤn- del, und gieng dann beyseite. Mein Vater geleitete mich noch ein Stuͤck Wegs. Es war schon Abend- daͤmmerung. In der Schomatten begegnete mir Caspar Muͤller . Der gab mir ein artiges Reis- geldlin, und Gottes Geleit auf die Strasse. XXXV. Itzt noch vom Schaͤtzle . N un flog’ ich noch zu meinem Aennchen hin, wel- cher ich erst ein Paar Naͤchte vorher mein Vorhaben entdeckt hatte. Sie ward daruͤber gewaltig verdruͤß- lich, wollt’ sich’s aber Anfangs nicht merken lassen. „Meinethalben„ sagte sie mit ihrem unnachahmli- chen Bitterlaͤcheln, „kannst gehen — hab’ gemeint — — „Wer nur so liebt, mag sich packen wo er will„. „Ach! Liebchen„, sprach ich, „du weist wahrlich „nicht, wie Weh’s mir thut; aber du siehst wohl, „mit Ehren koͤnnten wir’s so nicht mehr lang aus- „halten. Und ans Heurathen darf ich itzt nur nicht „denken. Bin noch zu jung; du bist noch juͤnger, „und beyde haben keines Kreutzers werth. Unsre „Eltern vermoͤchten uns nur nicht, ein Nestlin zu „schaffen; wir gaͤben ein ausgemachtes Bettelvoͤlklin. „Und wer weiß, das Gluͤck ist kugelrund. Einmal „ich lebe der guten Hoffnung„ — — „Nun, wenn’s „so ist, was liegt mir dran„? fiel Aennchen ein. „Aber, gelt! du kommst noch e’nmal zu mir eh’ „du gehst„? „Ja freylich, warum nicht„? ver- setzt ich: „Das haͤtt’ ich sonst gethan„! Itzt gieng ich, wie gesagt, wirklich, meinem Herzgen das letzte Lebewohl zu sagen. Sie stuhnd an der Thur — sah mein Reispaͤckgen, huͤllte ihr hold gesenktes Koͤpfgen in ihre Schuͤrze, und schluchzte ohne ein Wort zu sagen. Das Herz brach mir schier. Es machte mich wirklich schon wankend in meinem Vorhaben, bis ich mich wieder ein wenig erholt hatte. Da dacht’ ich: In Gottes Namen! es muß dann doch seyn, so weh’ es thut. Sie fuͤhrt mich in ihr Kaͤmmer- in, setzt sich auf’s Bett, zieht mich wild an ihren Busen, und — Ach! ich muß einen Vorhang uͤber diese Scene ziehn, so rein sie uͤbrigens war, und so honnigsuͤß mir noch Heute ihre Vergegenwaͤrtigung ist. Wer nie geliebt, kann’s und soll’s nicht wissen — und wer geliebt hat, kann sich’s vorstellen. Gnug, wir liessen nicht ab, bis wir beyde matt von Druͤ- cken — geschwollen von Kuͤssen — naß von Thraͤnen waren, und die andaͤchtige Nonne iu der Nachbar- schaft Mitternacht laͤutetete . Dann riß ich mich end- lich los aus Aennchens weichen, holden Armen. „Muß es dann seyn„? sagte sie: „Ist auf Him- „mel und Erde nichts dafuͤr? — Nein! Ich laß’ „dich nicht — geh mit dir so weit der Himmel blau „ist. Nein, in Ewigkeit laß’ ich dich nicht, mein „Alles, Alles auf der Welt„! Und ich: „Sey „doch ruhig, liebes, liebes Herzgen! Denk einmal „ein wenig hinaus — was fuͤr Freude, wenn wir „uns wiedersehen — und ich gluͤcklich bin„! Und sie: „Ach! Ach! dann laßst du mich sitzen„! Und ich: „Ha! in alle Ewigkeit nicht — und sollt’ ich der „groͤßte Herr werden, und bey Tausenden gewin- „nen — in alle Ewigkeit laß ich dich nicht aus mei- „nem Herzen. Und wenn ich fuͤnf, sechs, zehn „Jahre wandern muͤßte, werd ich dir immer immer „getreu seyn. Ich schwoͤr dir’s„! (wir waren itzt auf der Strasse nach dem Derf, wo Laurenz mich erwartete, fest umschlungen, und gaben uns Kuß und Kuß) „Der blaue Himmel da ob uns mit allen „seinen funkelnden Sternen, diese stille Mitternacht — „diese Strasse da sollen Zeugen seyn„! Und sie: „Ja! Ja! Hier meine Hand und mein Herz — „fuͤhl’ hier meinen klopfenden Busen — Himmel „und Erde seyn Zeugen, daß du mein bist, daß „ich dein bin; daß ich, dir unveraͤnderlich getreu, „still und einsam deiner harren will, und wenn’s „zehn und zwanzig Jahre dauern — und wenn unsre „Haare druͤber grau werden sollten; daß mich kein „maͤnnlicher Finger beruͤhren, mein Herz immer „bey dir seyn, mein Mund dich im Schlaf kuͤssen „soll, bis„ — — Hier erstickten ihr die Thraͤnen alle Worte. Endlich kamen wir zu Laurenzens Haus: Ich klopfte an. Wir setzten uns vor’s Haus auf’s Baͤnkgen, bis er hinunterkam. Wir achteten sei- ner kaum. Wirklich fieng Aennchen itzt wieder aufs neue an; die Scheue vor einem lebendigen Zeugen gab uns selber den Muth, uns besser zu fassen. Wir waren beyde so beredt wie Landvoͤg- te. Aber freylich uͤbertraf mich mein Schaͤtzgen in der Redekunst, in Liebkosungen und Schwuͤ- ren, noch himmelweit. Bald gieng’s ein wenig Berg auf. Nun wollte Laurenz Aennchen nicht weiter lassen: „Genug ist genug, ihr Buͤrschlin„! sagte er: „ Uchel ! so kaͤmen wir ewig nicht fort. — „Ihr klebt da aneinander, wie Harz. — Was hilft „itzt das Brieggen? — Maͤdel es ist Zeit mit „dir ins Dorf zuruͤck: Es giebt noch der Knaben „mehr als genug„! Endlich (freylich waͤhrt’ es lange genug) mußt’ ich Aennchen noch selber bitten, um- zukehren: „Es muß — es muß doch seyn„! Dann noch einen eineinzigen Kuß — aber einen wie’s in meinem Leben der erste und der letzte war — und ein Paar Dutzend Haͤndedruͤck’, und: Leb, leb wohl! Vergiß mein nicht! — Nein gewiß nicht — nie — in Ewigkeit nicht! — Wir giengen; sie stand still, ver- huͤllte ihr Gesicht, und weinte uͤberlaut — ich nicht viel minder. So weit wir uns noch sehen konnten, schweyten wir die Schnupftuͤcher, und warfen einan- der Kuͤsse zu. Itzt war’s vorbey: Wir kamen ihr aus dem Gesicht. — O wie’s mir da zu Muthe war! — Laurenz wollte mir Muth einsprechen, und fieng eine ganze Predigt an: Wie’s in der Frem- de auch schoͤne Engel gebe, gegen welche mein Aenn- chen nur ein Rotznaͤschen sey, u. d. gl. Ich ward boͤse auf ihn, sagte aber kein Wort dazu, gieng immer staunend hinter ihm her, sah wehmuͤthig ans Siebengestirn hinauf — zwey kleine Sternen gegen Mittag sah’ ich, wie mir’s deuchte, so nahe bey- sammen, als wenn sie sich kuͤssen wollten, und der ganze Himmel schien mir voll liebender Wehmuth zu seyn. So gieng’s denn fort, ohne meinerseits zu wissen wohin, und ohne den mindesten Gedan- ken an Gutes oder Boͤses, das mir etwa bevorste- hen koͤnnte. Laurenz plauderte bestaͤndig; ich hoͤrte wenig, und betete in meinem Innwendigen fast un- aufhoͤrlich: Gott behuͤte meine liebe Anne ! Gott segne meine lieben Eltern. Gegen Tages Anbruch kamen wir nach Herisau . Ich seufzte noch immer meinem Schaͤtzgen nach: Aennchen, Aennchen , liebstes Aennchen ! — und nun (vielleicht fuͤr lange das letztemal) schreib’ ich’s noch mit grossen Buch- staben: Aennchen . XXXVI. Es geht langsam weiters . E s war ein Sonntag. Wir kehrten beym Hecht ein, und blieben da den ganzen Tag uͤber. Alles gaffte mich an, als wenn sie nie einen jungen To- ckenburger — oder Appenzeller gesehen haͤtten, der in die Fremde gieng — und doch nicht wußte wohin, und noch viel minder recht warum. An allen Tischen hoͤrt’ ich da viel von Wohlleben und lustigen Tagen reden. Man setzte uns wacker zu Trinken vor. Ich war des Weins nicht gewohnt, und dar- um bald aufgeraͤumt, und recht guter Dingen. Wir machten uns erst bey anbrechender Nacht wieder auf den Weg. Ein fuchsrother Herisauer , und, wie Laurenz , ein Muͤller, war unser Gefaͤr- the. Es gieng auf Gossau und Flohweil zu. An letzterm Orte kamen wir bey einem Schopf vorbey, wo etliche Maͤdel beym Licht Flachs schwungen: „Laßt „mich e’nmal„, sagt ich, „ich muß die Dinger sehn, „ob keine meinem Schatz gleiche„? Damit setzt’ ich mich unter sie hin, und spaßte ein wenig mit ihnen. Aber eben, da war wenig zu vergleichen. Indessen musterten mich meine Fuͤhrer fort; sagten, ich werde derley Zeug noch genug bekommen, und machten allerley schmutzige Anmerkungen, daß ich roth bis uͤber die Ohren ward. Dann kamen wir auf Kicken- bach, Frauenfeld, Nuͤnforn . Hier uͤberfiel mich mit Eins eine entsetzliche Mattigkeit. Es war (des Marschierens und Trinkens nicht e’nmal zu geden- ken) das erstemal in meinem Leben, daß ich zwo Naͤchte nach einander nicht geschlafen hatte. Allein die Kerls wollten nichts vom Rasten hoͤren, preßir- ten gewaltig auf Schaffhausen zu, und gaben mir endlich, da ich schwur: Ich koͤnnte nun einmal kei- nen Schritt weiter! ein Pferd. Das gefiel mir nicht unfein. Unterwegs gieng’s an ein Predigen, wie ich mich in Schaffhausen verhalten, huͤbsch grad strecken, frisch antworten sollte, u. d. gl. Dann flismeten Flismen . Halblaut reden. sie zwey mit einander (doch mit Fleiß so, daß ich’s hoͤren mußte) von galanten Herren die sie kennten, deren Diener es so gut haͤtten, als die Groͤßten im Tockenburg . „Sonderlich„ sagte Laurenz , „kenn’ ich einen Deutschlaͤnder der sich „dort incognito aufhaͤlt, gar ein vornehmer Herr „von Adel, der allerley Bediente braucht, wo’s der „geringste besser hat als ein Landammann„. „Ach„! sagt’ ich, „wenn ich nur nicht zu ungeschickt waͤre, „mit solchen Herren zu reden„! ‒ ‒ Nur gradzu „geredt, wie’s koͤmmt„ sagten sie; „so habens „dergleichen vornehme Leuth’ am liebsten„. XXXVII. Ein nagelneues Quartier . W ir kamen noch bey guter Zeit in Schaffhausen an, und kehrten beym Schiff ein. Als ich vom Pferd eher fiel als stieg, war ich halb lahm, und stuhnd da wie ein Hosendaͤmpfer. Da gieng’s von Seite meiner Fuͤhrer an ein Mustern, das mich bald wild machte, da ich nicht begreifen konnte, was endlich draus werden sollte. Als wir die Stiege hinaufkamen, hiessen sie mich ein weuig auf der Laube warten, traten in die Stube, und riefen mich dann nach wenigen Minuten auch hinein. Da sah ich einen grossen huͤbschen Mann der mich freund- lich anlaͤchelte. Sofort hieß man mich die Schuh’ ausziehn, stellte mich an eine Saul unter ein Maaß, und betrachtete mich vom Kopf bis zun Fuͤssen. Dann redten sie etwas Heimliches mit einander; und hier stieg mir armen Buͤrschgen der erste Verdacht auf, die zwey Kerls moͤchtens nicht am Beßten mit mir meynen; und dieser Argwohn verstaͤrkte sich, als ich deutlich die Worte vernahm: „Hier wird nichts „draus, wir muͤssen also weiter gehn„. „Heut „setz’ ich keinen Fuß mehr aus diesem Haus„, sagt’ ich zu mir selber; „ich hab’ noch Geld„! Meine Fuͤhrer giengen hinaus. Ich saß am Tische. Der Herr spatzierte das Zimmer auf und ab, und guckte mich unterweilen an. Neben mir schnarchte ein grosser Bengel auf der Bank, der wahrscheinlich im Rausch in die Hosen geschwitzt, daß es kaum zu er- leiden war. Als der Herr waͤhrend der Zeit einmal aus der Stube gieng, nahm ich die Gelegenheit wahr, die Wirthsjungfer zu fragen: Wer denn wohl die- ser Bursche seyn moͤchte: „Ein Lumpenkerl„, sagte sie: „Erst Heute hat ihn der Herr zum Bedienten „angenommen, und schon sauft sich der H *. blind- „stern voll, und macht e’n Gestanck, Puh„! — „Ha„! sagt’ ich, eben als der Herr wieder herein- trat, „so ein Bedienter koͤnnt’ ich auch werden„. Dieß hoͤrt’ er, wandte sich gegen mir, und sprach: „Haͤtt’st du zu so was Lust„? „Nachdem es ist„, antwortet’ ich. „Alle Tag 9. Batzen„, fuhr er fort, „und Kleider, so viel du noͤthig hast„. „Und „was dafuͤr thun„? versetzt’ ich. Er . Mich bedie- nen. Ich. Ja! wenn ich’s koͤnnte. Er . Will dich’s schon lehren. Pursch du gefaͤllst mir. Wir wollen’s vierzehn Tag probiren. Ich. Es bleibt dabey. — Damit war der Markt richtig. Ich mußt’ ihm meinen Namen sagen. Er ließ mir Essen und Trinken vorsetzen, und that allerley gutmuͤthige Fra- gen an mich. Unterdessen waren meine Gefaͤrthen (wie ich nachwerts erfuhr) zu ein Paar andern preussischen Werboffizieren gegangen (es befanden sich damals 5. dergleichen auf einmal in Schaff- hausen ) und machten bey ihrer Zuruͤck konft grosse Augen, als sie mich so drauf loszechen sahen. „Was „ist das„? sagte Laurenz : „Geschwind, komm! „Itzt haben wir dir einen Herrn gefunden„. — „Ich „hab’ schon einen„, antwortet ich. Und Er: „Wie, „was? Ohne Umstaͤnd „- - und wollten schon Ge- walt brauchen. „Das geht nicht an, ihr Leuthe„! sagte mein Herr: „Der Bursch’ soll bey mir blei- „ben„! „Das soll er nicht„, versetzte Laurenz : „Er ist uns von seinen Eltern anvertraut„. „Ly- „rum! Larum„! erwiederte der Herr: „Er hat „nun einmal zu mir gedungen, und damit auf und „Holla„! Nach einem ziemlich heftigen Wortwechsel giengen sie mit einander in ein Nebencabinet, wo Laurenz und der Herisauer , wie ich im Verfolg hoͤrte, sich mit 3. Dukaten abspeisen liessen, von denen eine meinem Vater werden sollte - - der er aber nie ansichtig ward. Damit brachen sie ganz zornig auf, ohne nur mit einem Wort von mir Ab- schied zu nehmen. Anfangs sollen sie bis auf zwan- zig Louisd’or fuͤr mich gefodert haben. Den folgenden Tag ließ mein Herr einen Schnei- der kommen, und mir das Maaß von einer Monti- rung nehmen. Alle andern Beythaten folgten in Kurzem. Da stand ich nun gestiefelt und gespornt, nagelfunkelneu vom Scheitel bis an die Sohlen: Ein huͤbscher bordirter Hut, samtene Halsbinde, ein gruͤner Frack, weiß tuͤche ne Weste und Hosen, neue Stiefel, nebst zwey Paar Schuhen; alles so nett an- gepaßt ‒ - Sackerlot! Da bildet’ ich mir kein kaltes Kraut ein. Und mein Herr reitzte mich noch dazu, nur ein wenig stolz zu thun: „ Ollrich „! sagte er: „Wenn du die Stadt auf und ab gehst, mußt du „huͤbsch gravitaͤtisch marschieren ‒ - den Kopf recht in „die Hoͤhe, den Hut ein wenig aufs eine Ohr„. Mit eigner Hand guͤrtete er mir einen Ballast an die Seite. Als ich so das erstemal uͤber die Strasse gieng, war’s mir, als ob ganz Schaffhausen mein waͤre. Auch ruͤckte alles den Hut vor mir. Die Leuth’ im Haus begegneten mir wie einem Herrn. Wir hatten in unserm Gasthof huͤbsch meublirte Zimmer, und ich selber ein ganz artiges. Ich sah aus meinem Fenster alle Stunden des Tags das frohe Gewim- mel der durchs Schiffthor aus- und eingehnden Menschen, Pferdten, Wagen, Kutschen und Chai- sen; und, was mir nicht wenig schmeichelte — man sah und bemerkte auch mich. Mein Herr, der mir bald so gut war als ob ich sein eigener Sohn waͤre, lehrte mich frisiren; frisierte mich Anfangs selbst, und flocht mir einen tuͤchtigen Haarzopf. Ich hatte nichts zu thun, als ihn bey Tisch zu serviren, seine Kleider auszuklopfen, mit ihm spatzieren zu fahren, auf die Voͤgeljagd zu gehn, u. d. gl. Ha! Das war ein Leben fuͤr mich. Die meiste Zeit durst’ ich vol- lends allein wandeln, wohin es mir beliebte. Alle Tag gieng ich bald durch alle Gassen in dem huͤb- schen Schaffhausen ; denn aussert Lichtensteig hatt’ ich bisher noch keine Stadt gesehn, und kein groͤsser Wasser als die Thur . Ich spatzierte also bald alle Abend am den Rhein hinaus, und konnte mich an diesem maͤchtigen Fluß kaum satt sehn. Als ich den Sturz bey Laufen das erstemal sah und hoͤrte, ward mir’s braun und blau vor den Augen. Ich hatte mir’s, wie so viele, ganz anders, aber so furchtbar majestaͤtisch nie eingebildet. Was ich mir da fuͤr ein klein winziges Ding schien! Nach einem stun- denlangen Anstaunen kehrt’ ich ordentlich wie beschaͤmt nach Haus. Bisweilen gieng’s auf den Bonenberg , der schoͤnen Aussicht wegen. An der Laͤnde half’ ich den Schiffleuthen, und fuhr bald selbst mit Plaisir hin und her. XXXVIII. Ein unerwarteter Besuch . S o stuhnd’s, und mir war himmelwohl, als, ohne Zweifel durch meine wackern Begleiter, das Geruͤcht in mein Heimath kam, man haͤtte mich aufs Meer verkauft; und namentlich sollte dieß ein Mann aus- gesagt haben, der mich mit eignen Augen anschmie- den, und den Rhein hinunterfuͤhren gesehn. Schon stellte man mich allen Kindern zum Exempel vor, daß sie fein bey Haus bleiben, und sich nicht in die boͤse Welt wagen sollten. Zwar glaubte mein Vater kein Wort hievon; weil aber die Mutter so graͤmlich that, ihm Vorwuͤrf’ uͤber Vorwuͤrfe machte, und Tag und Nacht keine Ruhe ließ, entschloß er sich endlich, auf Schaffhausen zu kehren, und sich selbst nach dem Grund oder Ungrund dieser Maͤhre zu er- kundigen. Also, an einem Abend, welche Freude fuͤr uns beyde, als mein innigstgeliebter Vater so ganz unerwartet, daß ich meinen Augen kaum trauen durfte, in meine Kammer trat; Er mir erzaͤhlte, was ihn hergefuͤhrt, und Ich ihm, wie gluͤcklich ich sey; ihm meinen Kasten zeigte, die scharmanten Klei- der darin, alles Stuͤck vor Stuͤck bis auf die Hem- derknoͤpflin; dann ihn meinem guten Herrn vorstellte, der ihn freundlich bewillkommte, und beßtens zu traktiren befahl, u. s. f. u. f. — Nun aber traf’s sich, daß man gerade den Abend nach dem Nacht- essen in unserm Gasthof tanzte, und mein Herr, als ein Liebhaber von allen Lustbarkeiten, sich solches auch schmecken ließ — so wie mein Vater und ich, am Tischgen in einem Winkel der grossen Gaststube, unsern Braten. Ganz unversehns kam er auf mich zu: „ Ollrich ! komm, mußt auch Eins mit den „jungen Leuthen da tanzen„. Vergebens entschul- digt’ ich mich, und bezeugte auch mein Vater, daß ich mein Lebtag nie getanzt haͤtte. Da half alles nichts. Er riß mich hinterm Tisch hervor, und gab mir die Koͤchin im Haus, ein artiges Schwaben- meitlin, an die Hand. Der Schweiß tropfte mir von der Stirn, vor Schaam, daß ich in Gegenwart meines Vaters tanzen sollte. Das Maͤdchen inzwi- schen riß mich so vertummelt herum, daß ich in Kurzem sinnlos von einer Wand zu der andern platschte, und damit allen Zuschauern zum Spektakel ward. Mein lieber Aeti redte zwar bey dieser gan- zen Scene kein Wort; aber von Zeit zu Zeit warf er auf mich einen wehmuͤthigen Blick, der mir durch die Seele gieng. Wir legten uns doch noch zeitig genug zu Bette. Ich ward nicht muͤde, ihm nochmals eine ganze Predigt zu machen, wie wohl ich mich befinde: was ich vor einen guͤtigen Herrn habe, wie freund- lich und vaͤterlich er mir begegne, u. s. f. Er gab mir nur mit abgebrochenen Worten Bescheid: Ja — So — es ist gut — und schlief ein — ziemlich un- ruhig, und ich nicht minder. Des Morgens nahm er Abschied, so bald mein Herr erwacht war. Der- selbe zahlte ihm die Reiskosten, gab ihm noch einen Thaler auf den Weg, und versicherte ihn hoch und theuer, ich sollt’ es gewiß gut bey ihm haben und wohl versorgt seyn, wenn ich mich nur weiter treu und redlich betragen wuͤrde. Mein redlicher Vater, der nun schon wieder Muth und Zutrauen faßte, dankte hoͤflich, und empfahl mich auf’s Beßte. Ich gab ihm das Geleit bis zum Kloster Paradies . Auf der Strasse sprachen wir so herzlich mit einander, als es seit jener Krankheit in meiner Jugend sonst nie geschehn. Er gab mir vortrefliche Erinnerungen: „Vergiß deine Pflichten, deine Eltern und deine „Heimath nicht, so wird dich Gottes Vaterhand ge- „wiß „wiß auf gute Wege leiten, welche freylich weder „ich noch du jetzt voraussehn„. Beym Abschied zerdruͤckten wir uns fast. Ich konnte vor Schluchzen kaum ein: Behuͤte, behuͤte Gott! herstammeln, und dachte nur immer: Ach! koͤnnt’ ich doch mein gegen- waͤrtiges Gluͤck, ungetrennt von meinem guten Aeti geniessen, jeden Bissen mit ihm theilen, u. d gl. XXXIX. Was weiters . M eines Diensts war ich bald gewohnt. Mein Herr hatte, ohne mein Wissen, etlichemal meine Treu auf die Probe gestellt, und hie und da im Zimmer Geld liegen lassen. Als bald nachher einem andern von den Preußischen Werboffizieren sein Bedienter mit dem Schelmen davon gieng, und ihm uͤber 80. fl. enttrug, sagte mein Herr zu mir: „Willst du „mir’s auch e’nmal so machen, Ollrich „? Ich versetzte lachend: Wenn er mir so was zutraue, soll er mich lieber fortjagen. Ich hatte aber wirklich sein Vertrauen so sehr gewonnen, daß er mir den gan- zen Winter durch die Schluͤssel zu seiner Stube und Kammer ließ, wenn er etwa ohne Bedienten kleine Tours machte. Hinwieder ehrte und liebte ich ihn wie einen Vater. Aber er war auch freundlich und guͤtig darnach. Nur zu viel konnt’ ich spatziren und muͤßig gehn; und fuhr ich, besonders im Herbst, oft uͤber Rhein auf Feurthalen (denn die alte Bruͤ- cke war kurz vorher eingefallen, und die neue mit G H. Grubenmann in unserm Gasthof accordirt wor- den) in die Weinlese. Dort half ich dem jungen Volke Trauben — essen, bis ans Halszaͤpflin. Ein- mal bey einer solchen Ueberfahrt, sagte mir jemand: „Nun, wie geht’s Ulrich ? Weißt du auch, daß „dein Herr ein Preußischer Offizier ist„? Ich . „Ja! meinetwegen, er ist ein herzguter Herr„. „Ja, ja„! sagte jener: „Wart’ nur, bis d’enmal „in Preussen bist; da mußt Soldat seyn, und dir „den Buckel braun und blau gerben lassen. Um „tausend Thaler moͤcht’ ich nicht in deiner Haut „stecken„. Ich sah dem Burschen starr ins Gesicht, und dachte bloß, der Kerl rede so aus Bosheit oder Neid; gieng dann geschwind nach Hause, und er- zaͤhlte meinem Herrn alles harklein, worauf derselbe versetzte: „ Ollrich, Ollrich ! Du mußt nicht so „einem jeden Narrn und Flegel dein Ohr geben. „Ja! es ist wahr, ein Preußischer Offizier bin ich — „und was ist’s denn? — von Geburth ein Pohlni- „scher Edelmann; und, damit ich dir alles auf die „Nase binde, heiß’ ich Johann Markoni . Bis- „her nanntest du mich Herr Lieutenant! Aber eben „dieser Grobiane wegen, sollst du mich koͤnftig Ihr „Gnaden! schelten. Uebrigens sey nur getrost und „guten Muths, dir soll’s, bey Edelmanns Parole! „nie fehlen, wenn du anderst ein wackrer Bursche „bleibst. Soldat solltest werden? Nein! bey meiner „Seel’ nicht! Ich konnt’ dich ja haben; um ein „Paar schlichtige Louisd’or wollten deine beyden sau- „bern Landsleuth’ dich verkaufen. Aber du warst „mir dazu etwas zu kurz; von deiner Laͤnge nimmt „man noch keinen an, und ich behielt dir was bes- „seres vor„. Nun, dacht’ ich, bin ich Leibs und Guts sicher — Ha! der gute Herr! — Er haͤtt mich koͤnnen haben — Die Schurken! — Ja wohl, mich verkaufen? — Der Henker lohn’s ihnen! — Aber komm’ mir mehr so einer, ich will ihm das Maul mit Erde stopfen. Ja wohl! — Was fuͤr ein vor- nehmer Herr muß nicht Markoni seyn, und da- bey so gut! Kurz, ich glaubte von nun an ihm al- les, wie ein Evangelium. XL . O die Muͤtter, die Muͤtter . M arkoni machte bald hernach eine Reise auf Rothweil am Nekar , zwoͤlf Stunden von Schaff- hausen entlegen. Ich mußte mit, und zwar in der Chaise. In meinem Leben war ich in keinem solchen Ding gesessen. Der Kutscher sprengte die Stadt hin- auf bis ans Schwaben -Thor, daß es donnerte. Ich meinte alle Augenblick’, es muͤsse umschlagen, und wollt’ mich an allen Waͤnden halten. Markoni lachte sich die Haut voll: „Du faͤllst nicht, Ollrich ! „Nur huͤbsch gerade„! Ich war’s bald gewohnt, und das Fuhrwerk, so wie uͤberhaupt diese ganze Tour, machte mir viel Verguuͤgen. Indessen begeg- nete mir waͤhrend der Zeit ein fataler Streich. Mei- ne Mutter war wenige Tage nach unsrer Abreise gen Schaffhausen gekommen, und mußte, da ihr der Wirth nicht sagen konnte, wenn wir zuruͤckkaͤmen, noch welchen Weg wir genommen, wieder nach Haus kehren, ohne ihr liebes Kind gesehen zu haben. Sie hatte mir mein N. Testament und etliche Hembder gebracht, und dem Wirth befohlen mir’s nachzuschi- cken, falls ich nicht wieder auf Schaffhausen kaͤme. O die gute Mutter! Es war eine kleine Busse fuͤr ihren Unglauben; sie wollte dem Vater nicht trauen, daß er mich angetroffen, sondern mit eignen Augen sehen, und erst dann glauben. Ganz trostlos, und unter tausend Thraͤnen soll sie wieder von Schaff- hausen heimgegangen seyn. Dieß schrieb mir, auf ihr Ansuchen, bald darauf, Herr Schulmeister Am Buͤhl zu Wattweil , mit dem Beyfuͤgen: Sie lasse mir, da sie keine Hoffnung habe mich jemals wieder zu sehen, hiemit ihr letztes Lebewohl sagen, und gebe mir ihren Segen. Es war ein sehr schoͤner Brief, er ruͤhrte mich innig. Unter anderm stand auch dar- inn: Als das Geruͤcht in meine Heimath gekommen, ich muͤsse uͤber Meer, haͤtten meine jungen Schwe- sterchen all’ ihr armes Gewaͤndlin dahingeben wollen, mich loszukaufen; die Mutter deßgleichen. Damals waren ihrer neun Geschwisterte bey Hause. Man sollte denken, das waͤren ihrer doch noch genug. Aber eine rechte Mutter will keins verlieren, denn keins ist das andre . Wirklich war sie drey Wo- chen vorher noch im Kindbeth gelegen, und kaum auf- gestanden, als sie meinetwegen auf Schaffhausen kam. O die Muͤtter, die Muͤtter! XLI. Hin und her, her und hin . D a wir uns einstweilig in Rothweil im Gasthof zum Armbrust niederliessen, schrieb mein Herr auf Schaffhausen wo er waͤre, damit wenn seine Wacht- meisters Rekruten machten, man ihm solche nach- schicken koͤnnte. Er bekam bald Antwort. Derselben war auch das Geschenk meiner Mutter, das Schrei- ben des Herrn Am Buͤhls , und — ich sprang hoch auf! eines von Aennchen beygebogen: Dieses letztre offen; denn es sollte ein Zuͤrchgulden zum Gruͤßchen drinn stecken, und der war fort. Was schierte mich das? Die suͤssen Fuchswoͤrtlin in dem Briefgen ent- schaͤdigten mich reichlich. Meiner unverschobnen aus- fuͤhrlichen Antworten auf diese Zuschriften will ich nicht gedenken. Die an Aennchen zumal war lang wie ein Nestelwurm. — Dießmal blieben wir nur kurze Zeit zu Rothweil , giengen wieder nach dem lieben Schaffhausen zuruͤck, und machten dann von Zeit zu Zeit kleine Tours auf Diessenhofen, Stein am Rhein, Frauenfeld u. s. f. Alle Wochen ka- men Saͤumer aus dem Tockenburg herunter . Schon als Landskraft waren sie mir lieb, und ich freute mich immer, sobald ich nur die Schellen ihrer Thiere hoͤrte. Itzt machte ich noch naͤhere Bekanntschaft mit ihnen, und gab ihnen ein paarmal Briefe und kleine Geschenke an mein Liebchen und an meine Geschwi- ster mit, erhielt aber keine Antwort. Ich wußte nicht wo es fehlte? Das drittemal bat ich einen solchen Kerl, mir doch alles richtig zu bestellen. Er guckte das Paͤckgen an, runzelte die Stirn, und wollte weder Ja noch Nein sagen. Ich gab ihm ei- nen Batzen. „So, so„, sprach jetzt mein Herr Lands- mann: „Das Ding soll richtig bestellt werden„. Und wirklich bekam ich nun bald ordentliche Empfang- scheine. Meine aͤltern Brief und schweren Sachen hingegen waren natuͤrlich nach Holland geschwommen. In Schaffhausen lagen damals fuͤnf preußische Werboffiziers in verschiedenen Wirthshaͤusern. Alle Tag traktirte einer die andern. So kam’s auch je den fuͤnften Tag an uns. Das kostete jedesmal ei- nen Lonisd’or; dafuͤr gab’s denn freylich Burgunder und Champanier gnug zu trinken. Aber bald her- nach wurde ihnen ihr Handwerk niedergelegt; wie die Sag’ gieng, weil ein junger Schaffhauser , der in Preussen seine Jahre ausgedient, keinen Ab- schied kriegen konnte. Und kurz, sie mußten alle fort, und neue Nester suchen. Mein Herr hatte ohnehin hier schlechte Beute gemacht; drey einzige Erzschur- ken ausgenommen, die sich Verbrechen wegen auf fluͤchtigen Fuß setzen mußten. Wir begaben uns wieder nach Rothweil . Hier kriegten wir in etli- chen Wochen vollends einen einzigen Kerl, einen Deserteur aus Piemont, der aber Markoni viel Freude machte, weil er sein Landsmann war, und mit ihm Pohlnisch parlen konnte. Sonst war’s in Rothweil ein lustig Leben. Besonders giengen wir oft wit einem andern Werboffizier, nebst un- serm braven Wirth, und etlichen Geistlichen, in die Nachbarschaft aufs Jagen. Im Hornung 1756 mach- ten wir eine Reise nach Straßburg . Auf dem Weg nahmen wir zu Haßlach im Kinzinger-Thal unser Schlafquartier. In derselben Nacht war das entsetzliche Erdbeben, welches man durch ganz Eu- ropa verspuͤrte. Ich aber empfand nichts davon; denn ich hatte mich Tags vorher auf einem Karrn- gaul todmuͤd geritten. Am Morgen aber sah’ ich alle Gassen voll Schorsteine; und im naͤchsten Wald war die Strasse mit umgeworfenen Baͤumen in die Kreutz und Queer so verhackt, daß wir mehrmals Umwege nehmen mußten. — In Straßburg mußt’ ich Maul und Augen aufsperren; denn da sah’ ich: 1.) Die erste grosse Stadt. 2.) Die erste Festung. 3.) Die erste Garnison. 4.) Am dortigen Muͤnster das erste Kirchengebaͤud’, bey dessen Anblick ich nicht laͤcheln mußte wenn man es einen Tempel nannte. Wir brauchten acht Tag’ zu dieser Tour. Mein Herr hielt mich auch dießmal gastfrey, und zahlte mir gleich meinen Sold. Da haͤtt’ ich Geld machen koͤnnen wie Heu, waͤr’ ich nicht ein liederlicher Tropf gewesen. Er selbst indessen hielt nicht viel besser Haus. Bey unsrer Ruͤckkehr hatten wir zu Roth- weil alle Tag Ball, bald in diesem bald in jenem Wirthshause. Fast alle Hochzeiten richtete man, Markoni zu Gefallen, in dem unsrigen an. Der beschenkte alle Braͤute, und trillerte dann eins mit ihnen herum. Auch fuͤr mich war dieß jetzt ein gan- zes Fressen. Zwar hatt’ ich mir’s fest vorgenommen, meinem Aennchen treu zu bleiben, und hielt wirk- lich mein Wort; gleichwohl aber macht’ ich mir auch kein Gewissen daraus, hie und da mit einem huͤb- schen Kind zu schaͤckern; wie mich denn auch die Dinger recht wohl leiden mochten. Mein Herr, der war nun vollends gar ein Liebhaber des schoͤnen Ge- schlechts bis zum Entsetzen, und im Nothfall jede Koͤchin ihm gut genug. Mich bewahre Gott dafuͤr! dacht’ ich oft, so ein armes bisher ehrliches Maͤd- chen zu besudeln, und dann Heut oder Morgens wegzureisen, und es sitzen zu lassen. Eine von den beyden Koͤchinnen im Wirthshause, Mariane , dau- erte mich innig. Sie liebte mich heftig, gab und that mir, was sie mir in den Augen ansah. Ich hingegen bezeigte mich immer schnurrig; sie ließ sich’s aber nicht anfechten, und blieb gegen mich stets die- selbe. Schoͤn war sie nicht, aber herzlich gut. Die andere Koͤchin, Hanne , machte mir schon mehr An- fechtungen. Diese war zierlich huͤbsch, und ich, ver- muthlich darum, eine zeitlang sterblich verliebt in sie. Haͤtt’ sie meine Aufwart williger angenommen, waͤr’ ich wirklich an ihr zum Narrn worden. Aber ich sah bald, daß sie gut mit Markoni stuhnd. Ich merkte, daß sie alle Morgen zu ihm aufs Zimmer schliech. Damit that sie mir einen doppelten Dienst: Erstlich verwandelte sich meine Liebe in Haß: Zwey- tens stand nun mein Herr nicht mehr so fruͤhe als gewoͤhnlich auf; also konnt’ auch ich hinwieder um so viel laͤnger schlafen. Bisweilen kam er schon ge- stiefelt und gesporrnt auf meine Kammer, und traf mich noch im Bett’ an, ohne mir Vorwuͤrf’ zu ma- chen; denn er merkte, daß ich wußte, wo die Katz im Stroh lag. Nichts desto weniger warnte er mich, nach solcher Herren Weise, oft vor seinen eignen Suͤnden mit grossem Ernst. „ Ollrich „! hieß es da: „Hoͤrst, mußt dich mir den Maͤdels nicht zu weit „einlassen; du koͤnnt’st die schwere Noth kriegen„! Uebrigens hatt’ ich’s in allen Dingen bey und mit ihm, wie von Anfang; viel Wohlleben fuͤr wenig Geschaͤfte, und meist einen Patron wie die liebe Stun- de, zwey einige Mal ausgenommen; einmal da ich den Schluͤssel zum Halsband seines Pudels nicht auf der Stell’ finden konnte, das andremal da ich einen Spiegel sollte zerbrochen haben. Beydemal war ich unschuldig. Aber das haͤtt’ mir wenig geholfen; sondern nur durch demuͤthiges Schweigen entgieng ich der zumal des Schluͤssels wegen schon uͤber mir gezogenen Fuchtel. Derley Geschichtgen, kurz alles was mir Suͤsses oder Sauers wiederfuhr, (meine Liebesmuͤcken ausgenommen) schrieb ich dann fleißig nach Haus, und predigte bey solchen Anlaͤssen meinen Geschwistern ganze Litaneyen voll: Wie sie Vater, Mutter und andern Fuͤrgesetzten ja nie wiederbefzgen, sondern, auch wo sie Unrecht zu leiden vermeynen, sich fein huͤbsch gewoͤhnen sollten das Maul zu halten, damit sie’s nicht von fremden Leuthen erst zu spaͤth lernen muͤssen. Alle meine Briefe ließ ich meinen Herrn lesen; nicht selten klopfte er mir waͤhrend der Lektur auf die Schulter: Bravo, Bravo! sagte er dann, verpittschierte sie mit seinem Siegel, und hielt mich hinwieder in Ansehung aller an mich ein- gehnden Depeschen portfrey. XLII. Noch mehr dergleichen Zeug . M ir ist so wohl beym Zuruͤckdenken an diese gluͤck- lichen Tage — Heute noch schreib’ ich mit so viel innigem Vergnuͤgen davon — bin jetzt noch so wohl zufrieden mit meinem damaligen Ich — so geneigt mich uͤber alles zu rechtfertigen, was ich in diesem Zeitraum that und ließ. Freylich vor dir nicht, All- wissender! aber vor Menschen doch darf ich’s sagen: Damals war ich ein guter Bursch’ ohne Falsch — vielleicht fuͤr die arge Welt nur gar zu redlich. Harm- los und unbekuͤmmert bracht’ ich meine Tage hin, Heut’ wie Gestern, und Morgens wie Heute. Nur kein Gedanke stieg in mir auf, daß es mir jemals anderst als gut gehen koͤnnte. In allen Briefen schrieb ich meinen Eltern, sie sollten zwar fuͤr mich beten, aber nicht fuͤr mich sorgen; der Himmel und mein guter Herr sorgten schon fuͤr mich. Man glaube mir’s oder nicht, der einzige Kummer der mich bis- weilen anfocht, war dieser: Es duͤrft’ mir noch zu wohl werden, und dann moͤcht’ ich Gottes vergessen. Aber, nein! (beruhigte ich mich bald wieder) das werd’ ich nie: War Er’s nicht, der mir, durch Mittel die nur seine Weisheit zum Beßten lenken konnte, zu meinem jetzigen erwuͤnschten Loos half? Mein erster Schritt in die Welt gerieth unter seiner leitenden Fuͤrsorge so gut; warum sollten die folgen- den nicht noch besser gelingen? Auf irgend einem Fleck der Erde werd’ ich vollends mein Gluͤck bau’n. Dann hohl’ ich Aennchen , meine Eltern und Ge- schwister zu mir, und mache sie des gleichen Wohl- stands theilhaft. Aber, durch welche Wege? — Dieß fragt’ ich mich nie; und haͤtt’ ich daran gedacht, so waͤr’s mir nicht schwer gewesen, drauf zu antworten — denn damals war mir Alles leicht. Zudem kam mein Herr tagtaͤglich mit allerley Exempeln von Bauern die zu Herren worden, und andern Fortunastindern angestochen (der Herren die zu Bettlern worden, that er keine Meldung) und versprach selber, an meinem fernern Fortkommen wie ein treuer Vater zu arbei- ten u. d. gl. Was haͤtt’ ich weiter befuͤrchten sol- len — oder vielmehr, was nicht alles hoffen duͤr- fen? Von einem Herrn, wie Markoni — einem so grossen Herrn, dacht’ ich Esel — dem zweyt- oder drittnaͤchsten vielleicht auf den Koͤnig, der Laͤnder und Staͤdte, geschweige Gelds zu vergeben hat, so viel er will. Aus seiner jetzigen Guͤte zu schliessen, was wird er erst fuͤr mich in der Zukonft thun? Oder warum sollt’ er auf mich groben ungeschliffenen Fle- gel jetzt schon so viel wenden, wenn er nicht grosse Dinge mit mir im Sinn haͤtte? Konnt’ er mich nicht, gleich andern Rekruten, geradezu nach Ber- lin transportiren lassen, wenn er je im Sinn haͤtte, mich zum Soldaten zu machen, wie mirs ehemals ein Paar boͤse Maͤuler aufbinden wollten? Nein! Das wird in Ewigkeit nicht geschehn, darauf will ich leben und sterben. So dacht’ ich, wenn ich vor lauter Wohlbehagen je Zeit zu denken hatte. Ge- sund war ich wie ein Fisch. Die Tracktament konnt’ ich nach meinem Geschmack waͤhlen, und Mariane ließ mir’s per se an guten Bissen nie fehlen. Tanz und Jagd befoͤderten die Dauung; denn ohne das haͤtt’s mir frehlich an Bewegung gefehlt. Markoni besuchte, bald hie bald da, alle Edelleuth’ in der Runde. Ich mußte uͤberall mit; und es that mir freylich in der Seele wohl, wenn ich sah, wie er ordentlich Hoffarth mit mir trieb. Sonst waren sol- che Ausritte zu diesen meist armen Schmalzgrafen seinem Geldbeutel eben wenig nutz. Dann kostete ihn das Tarocspiel mit Pfaffen und Layen auch schoͤne Batzen. Einst mußt’ ich darum die Karten vor seinen Augen in kleine Stuͤck zerreissen, und dem Vulkan zum Opfer bringen — aber Mor- gens drauf ihm schon wieder neue hohlen. Ein an- dermal hatt’ er auch eine ziemliche Summ’ verloren, und kam Abends um neun Uhr, mit einem tuͤchti- gen Raͤuschgen ganz verdruͤßlich nach Haus. „ Oll- „rich „! sagte er, „geh, schaff mir Spielleuth’, „es koste was es will„. „Ja Ihr Gnaden„! antwortet’ ich, „wenn ich dergleichen wuͤßte; „und dann ist’s schon so spaͤth, und stockfinsrer„. „Fort Racker„! fuhr er fort, „oder„ — und machte ein fuͤrchterlich wildes Gesicht. Ich mußte mich pa- cken, stolperte nun im Dunkeln durch alle Strassen, und spitzte die Ohren, ob ich nirgends keine Geige hoͤre? Als ich endlich zu oberst im Staͤdtgen an die Muͤhler- und Beckenherberg kam, merkt’ ich, daß es da etwas Herumsptingens absetzen wollte; schliech mich hinauf, und ließ einen Spielmann hinausrufen. Die Bursch’ in der Stube schmeckten den Braten; ein Paar von ihnen kamen ihm auf dem Fuß nach — und Husch! mit Faͤusten uͤber mich her. Dem Wirth hatt’ ich’s zu dauken, daß sie mich nicht fast zutod- geschlagen. Der Apollossohn hatte mir zwar ins Ohr geraunt: Sie wollten bald aufwarten. Jetzt aber zweifelt’ ich, ob er mir Wort halten koͤnnte? Dennoch war ich Tropfs genug, sobald ich nach Haus kam, mit den Worten in’s Zimmer zu treten: „Ihr „Gnaden! innert einer Viertelstund’ werden sie da „seyn„! — Die Furcht vor neuen Pruͤgeln, eh’ noch die alten versaust haͤtten, verfuͤhrten mich zu diesem Wagestuͤck. Aber nun stand ich vollends Hoͤllen- angst aus, bis ich wußte, ob ich nicht aus Uebel Aerger gemacht? Mittlerweile erzaͤhlt’ ich Markoni , was ich seinetwegen gelitten — um per Avanzo sein Mitleid rege zu machen, wenn der Guß fehlen sollte. Die tausendslieben Leuthe kamen, eh’ wir’s uns ver- sahen. Unser Wirth hatte inzwischen etliche lustige Bruͤder und ein Paar Jungfern rufen lassen. Jetzt kommandirte Markoni Essen und Trinken, was Kuͤche und Keller vermochten, warf den Musikanten zum voraus einen Dukaten hin, und tanzte einen Menuet und einen Pohlnischen. Bald aber fieng er auf seinem Stuhl an zu schnarchen; dann er- wacht’ er wieder, und rief: „ Ollrich ! mir ist’s „so hundsf**„! — Ich mußt’ ihn also zu Bett’ bringen. Im Augenblick schlief er ein wie ein Stock. Das war uns uͤbrigen recht gekocht. Wir machten uns lustig wie die Voͤgel im Hanfe — alles so durch- einander, Herren und Dienstboten. Es waͤhrte bis Morgens um vier Uhr. Mein Herr erwachte um Fuͤnfe: Seine ersten Worte waren: „ Ollrich ! „Sein Tage trau’ er keinem Menschen nicht; ’s ist „alles falsch wie’n Teufel. Wenn der Cujon von R *** koͤmmt, so sag’ er, ich sey nicht zu Hause„. XLIII. Noch einmal, und dann: Adieu Rothweil! Adieu auf ewig ! D ieser von R *** war einer von Markonis faulen Debitoren, wie er deren viel hatte. Nun fuͤrchtete er zwar nicht, daß derselbe ihm Geld brin- gen, aber wohl, daß er noch mehr bey ihm hohlen moͤchte; denn mein Herr konnte keinem Menschen nichts abschlagen. Indessen wollt’ er mich von Zeit zu Zeit dazu brauchen, ihm dergleichen Schulden wieder ein- zutreiben; dazu aber taugt’ ich in Grundsboden nicht: Die Kerls gaben mir gute Wort’; und ich gieng zufrie- den nach Haus. Aber laͤnger mocht’ eine solche Wirth- schaft nicht dauern. Dazu kam, daß Markoni am End das Aergste befuͤrchten mußte, wenn er bedachte, wie wenig Bursche er fuͤr so viel Geldverzehrens seinem Koͤnig geliefert hatte; denn der Grosse Fried- rich , wußt’ er wohl, war zugleich der genaneste Rechenmeister seiner Zeit. Er strengte darum mich, unsern Wirth, und alle seine Bekannten an, uns doch umzusehn, ob wir ihm nicht noch ein Paar Kerls ins Garn bringen koͤnnten? Aber alles vergebens. Auch die beyden Wachtmeisters Hevel und Kruͤger , langten um die gleiche Zeit, ebenfalls mir laͤren Haͤn- den wieder zu Rothweil an. Nun mußten wir uns saͤmtlich reisfertig machen. Vorher aber gab’s noch ein Paar lustige Taͤgel. Hevel war ein Vir- tuos’ auf der Cithar, Kruͤger eine gute Violine; beyde feine Herren, so lang sie auf der Werbung lagen, beym Regiment aber magere Korporals. Ein dritter endlich, Labrot , ein grosser handvester Kerl, ließ ebenfalls jetzt seinen Schnurrbart wieder wachsen, den er als Werber geschoren trug. Diese drey Bursche belustigten noch zu guter Letze ganz Roth- weil mit ihren Spruͤngen. Es war eben Faßnacht, wo die sogenannte Narrenzunft (ein ordentliches Institut in dieser Stadt, bey welchem uͤber zwey- hundert Personen von allen Staͤnden eingeschrieben sind) ohnehin ihre Gauckeleyen machte, die meinen Herrn schwer Geld kosteten. Und kurz, es war hohe Zeit, den Fleck zu raͤumen. Jetzt giengs an ein Ab- schiednehmen. Mariane flocht mir einen zierlichen Strauß von kostbaren kuͤnstlichen Blumen, den sie mir mit Thraͤnen gab, und den ich eben so wenig mit trockenem Aug’ abnehmen konnte. — Und nun Ade! Rothweil , liebes friedsames Staͤdchen! liebe, tolerante katholiche Herren und Buͤrger! Wie war’s mir so tausendswohl bey euern vertrauten bruͤderli- chen Zechen! — Ade! ihr wackern Bauern, die ich an den Markttagen in unserm Wirthshaus so gern’ von ihren Geschaͤften plaudern hoͤrte, und so ver- gnuͤgt auf ihren Eseln heimreiten sah! Wie treflich schmeckten mir oft Milch und Eyer in euern Stroh- huͤtten! Wie manche Lust genoß ich auf euern schoͤnen Fluren, wo Markoni so viel Dutzend singende Ler- chen aus der Luft schoß, die mich in die Seele dau- erten! Wie entzuͤckt war ich, so oft mein Herr mirs vergoͤnnte, in euern topfebnen Waͤldern, an des Nekkars reitzenden Ufern Und nirgends so lustig als um Hefendorf , und dann bey dem auf einem schauerlich schönen Felsenberg gele- genen Schlosse Rotenstein , welches der dasselbe fast rund umrauschende Nekkar zu einer höchst roman- tischen Halbinsel macht. A. d. V. , auf und nieder zu schlen- tern, wo ich ihm Hasen ausspaͤhen sollte — aber lieber die Voͤgel behorchte, und das Schwirren des Wests in den Wipfeln der Tannen! — Nochmal also Ade! Rothweil , werthes, theures Nestgen! Ach! vielleicht auf ewig! Ich hab’ seit der Zeit so viel Staͤdte gesehn, zehnmal groͤsser, und zwanzigmal saubrer und netter als du bist! Aber mit aller deiner Klein- heit, und mit allen deinen Miststoͤcken, warst du mir zehn und zwanzigmal lieber als sie! Adie, Ma- rianchen ! Tausend Dank fuͤr deine innige, und doch so unverdiente Liebe zu mir! Adie! Sebastian Zipfel , lieber guter Armbrustwirth! und deine zarte Muͤhle desgleichen! Lebt alle alle wohl! XLIV . XLIV. Reise nach Berlin . D en 15. Merz 1756. reisten wir in Gottes Namen, Wachtmeister Hevel, Kruͤger, Labrot , ich und Kaminski , mit Sack und Pack, und, den letztern ausgenommen, alle mit Unter- und Uebergewehr von Rothweil ab. Marianchen naͤhete mir den Strauß auf’n Hut, und schluchzte; ich druͤckte ihr einen Neunbaͤtzner in die Hand, und konnt’s auch kaum vor Wehmuth. Denn so entschlossen ich zu dieser Reis’ war, und so wenig Arges ich vermuthere, fiel’s mir doch ungewohnt schwer auf die Brust, ohne daß ich eigentlich wußte warum? War’s Rothweil, oder Marianchen , oder daß ich ohne meinen Herrn reisen sollte, oder die immer weitere Entfernung vom Vaterland und Aennchen — ich hatte allen zu Hause mein letztes Lebewohl geschrieben — oder ich denke wohl, ein Bißchen von allem? Markoni gab mir 20. fl. auf den Weg; was ich mehr brauche, sagte er, werde mir Hevel schiessen. Dann klopfte er mir auf die Schulter: „Gott bewahre dich mein „Sohn, mein lieber, lieber Ollrich ! auf allen dei- „nen Wegen. In Berlin sehn wir uns bald wie- „der„. Dieß sprach er auch sehr wehmuͤthig; denn er hatte gewiß ein weiches Herz. Unsre erste Tag- reise gieng 7. Stunden weit, bis ins Staͤdgen Ebin- gen , meist uͤber schlechte Wege durch Koth und Schnee. Die zweyte bis auf Obermarkt 9. St. Auf der H erstgenannten Station logirten wir beym Rehe; auf der zweyten weiß ich selbst nicht mehr, was es vor ein Thier war. An beyden Orten gabs nur kalte Kuͤche, und ein Gesoͤff ohne Namen. Den dritten Abend bis Ulm wieder 9. St. Diesen Tag fieng ich an, die Beschwerlichkeiten der Reise zu fuͤhlen; schon hatt’ ich Schwielen an den Fuͤssen, und war mir’s sonst sterbensuͤbel. Im Staͤdtgen Egna setzten wir uns ein Stuͤck Wegs auf einen Bauernwagen, da denn das gewaltige Schuͤtteln dieses Fuhrwerks, zu- mal bey mir, seine gewohnte herzbrechende Wirkung that. Als wir unweit Ulm abstiegen, ward’s mir schwarz und blau vor den Augen. Ich sank zu Bo- den: „Um Gottes Barmherzigkeit willen„., sagt’ ich: „Weiter kann ich nicht; lieber laßt mich auf der Gasse „liegen„. Ein barmherziger Samariter lud mich endlich auf seine nackte Maͤhre, auf der ich mich vollends bis ins Staͤdtgen so lahm ritt, daß ich weder mehr stehen noch gehen konnte. Zu Ulm logirten wir beym Adler, und hatten dort unsern ersten Rasttag. Mei- ne Cameraden besorgten da ihre alten Herzensange- legenheiten; Ich legte mich lieber auf die faule Haut. Nur sah’ ich an diesem Ort einen Leichenzug, der mir sehr wohl gefiel. Das Weibsvolk gieng ganz weiß bis auf die Fuͤsse. Den fuͤnsten Tag marschier- ten wir bis auf Gengen 7. St. Den sechsten auf Nördlingen , wieder 7. St. und hielten da den zweyten Rasttag. Hevel hatte dort beym Wilden Mann ein liebs Lisel . Sie spielte artig die Cithar; Er sang Lieder dazu. Sonst weiß ich von diesem und so vielen andern Orten wo wir durchkamen eben nichts zu erzaͤhlen. Meist erst Nachts langten wir muͤd und schlaͤfrig an, und Morgens fruͤh mußten wir wieder fort. Wer wollte da etwas recht sehen und beobachten koͤnnen So bescheiden denken wohl nicht alle Reisebeschreiber; die zumal, welche es auf Praͤnumeration, und ex professo sind. ? Ach Gott! dacht’ ich oft, wenn ich nur einmal an Ort und Stell’ waͤre; mein Leb- tag wollt’ ich nicht mehr eine so lange Reis’ antreten. Kaminski war, wie ich schon einmal verdeutet, ein lustiger Polacke, ein Mann wie ein Baum, ein Paar Beine wie zwo Saͤulen, und lief wie ein Elephant. Labrot hatte auch seinen tuͤchtigen Schritt. Kruͤ- ger, Hevel und ich hingegen schonten ihrer Fuͤsse; und bald alle sechs Tage mußte man uns flicken oder versolen. Am achten Tag gieng’s nach Gon- zenhausen 8. St. Gegen Mittag sahen wir Hevels Lisgen uͤber ein Feld dahertrippeln: Das arme Ding rannte ihm durch andre Wege bis hieher nach, und wollte sich nicht abweisen lassen, ihn wenigstens bis auf unsre Station zu begleiten. Den neunten auf Schwabach 8. St. Den zehnten uͤber Nuͤrnberg bis Bayersdorf 9. St. Den eilften bis Tropach 10. St. Den zwoͤlften uͤber Bareuth bis Bernig 7. St. Den dreyzehnten bis Hof 8. St. Den pierzehnten bis Schletz 7. St. Hier hielten wir wieder einmal Rasttag, und es war hohe Zeit. Von Gonzenhausen an hatten wir in keinen Bethen gelegen, sondern, wenn’s gut gieng, auf elendem Stroh. Und uͤberhaupt, obschon wir viel Denari verzehrten, war’s ein miserabel Leben; meist schlecht Wetter, und oft abscheuliche Wege. Kruͤger und Labrot fluchten und pestirten den ganzen Tag; Hevel hingegen war ein feiner sittlicher Mann, der uns immer Geduld und Muth einsprach. Den sechs- zehnten gieng’s bis Cistritz 12. St. Darauf wieder ein Rasttag. Den achtzehnten bis Weissenfeld 7. St. Den neunzehnten uͤber die Elbe bis auf Halle . Als wir den breiten Strohm paßirt hatten, bezeug- ten die Sergeanten grosse Freude; denn nun betra- ten wir Brandenburger -Boden. Zu Halle logir- ten wir bey Hevels Bruder, einem Geistlichen, der aber nichts desto minder den ganzen Abend mit uns spielte und haselirte, so daß ich glaube, sein Bruder Sergeant war froͤmmer als er. Inzwischen war mein Geld alle; Hevel mußte mir noch 10. fl. herschiessen. Den zwanzigsten bis vier und zwan- zigsten gieng’s uͤber Zerbst, Dessau, Goͤrz, Uster- mark, Spandau, Charlotenburg u. s. f. auf Berlin 44. St. An den drey letztern Orten zu- mal wimmelte es von Militair aller Gattungen und Farben, daß ich mich nicht satt gucken konnte. die Thuͤrme von Berlin zeigte man uns schon eh’ wir nach Spandau kamen. Ich dachte, wir haͤt- ten’s in einer Stunde erreicht; wie erstaunt’ ich dar- um, als es hieß, wir gelangten erst Morgens hin. Und nun, wie war ich so herzlich froh, als wir endlich die grosse herrliche Stadt erreicht. Wir gien- gen zum Spandauer-Thor ein, dann durch die melancholisch angenehme Lindenstrasse, und noch ein Paar Gassen durch. Da, dacht’ ich Einfaltspin- sel, bringt man dich dein Lebtag nicht mehr weg. Da wirst du dir dein Gluͤck bauen. Dann schickst du einen Kerl mit Briefen ins Tockenburg ; der muß dir dann deine Eltern und Aennchen zuruͤck- bringen; da werden sie die Augen aufsperren u. s. f. Nun bat ich meine Fuͤhrer, sie sollten mich zu mei- nem Herrn fuͤhren. „Ey„! erwiederte mir Kruͤ- ger , „wir wissen ja nur nicht, ob er schon ange- „langt ist, und noch viel minder, wo er Quartier „nimmt„! „Der Henker„! sagt’ ich, „hat er „denn kein eigen Haus hier„? Ueber diese Frage lachten sie sich die Haut voll. Moͤgen sie immer lachen, dacht’ ich: Markoni wird doch, will’s Gott! ein eigen Haus haben. XLV. ’s giebt ander Wetter ! E s war den 8. Aprill da wir zu Berlin einmar- schierten, und ich vergebens nach meinem Herrn fragte, der doch, wie ich nachwerts erfuhr, schon acht Tage vor uns dort angelangt war — als La- brot (denn die andern verloren sich nach und nach von mir, ohne daß ich wußte wo sie hinkamen) mich in die Krausenstrasse in Friedrichsstadt trans- portirte, mir ein Quatier anwies, und mich dann kurz mit den Worten verließ: „Da, Mußier! „bleib Er, bis auf fernere Ordre„! Der Henker! dacht’ ich, was soll das? Ist ja nicht enmal ein Wirthshaus. Wie ich so staunte, kam ein Soldat, Christian Zittemann , und nahm mich mit sich auf seine Stube, wo sich schon zwey andre Martis- soͤhne befanden. Nun gieng’s an ein Wundern und Ausfragen: Wer ich sey, woher ich komme, u. d. gl. Noch konnt’ ich ihre Sprache nicht recht verstehen. Ich antwortete kurz: Ich komme aus der Schweitz , und sey Sr. Excellenz, des Herrn Lieutenant Mar- konis , Laquai: Die Sergeanten haͤtten mich hieher gewiesen; ich moͤchte aber lieber wissen, ob mein Herr schon in Berlin angekommen sey, und wo er wohne. Hier fiengen die Kerls ein Gelaͤchter an, daß ich haͤtte wainen moͤgen; und keiner wollte das geringste von einer solchen Excellenz wissen. Mitt- lerweile trug man eine stockdicke Erbsekost auf. Ich aß mit wenigem Appetit davon. Wir waren kaum fertig, als ein alter hagerer Kerl ins Zimmer trat, dem ich doch bald ansah, daß er mehr als Gemei- ner seyn muͤsse. Es war ein Feldweibel. Er hatte eine Soldatenmontur auf dem Arm, die er uͤber den Tisch ausspreitete, ein Sechsgroschenstuͤck dazu legte, und sagte: „Das ist vor dich, mein Sohn! „Gleich werd’ ich dir noch ein Commißbrodt brin- „gen„. „Was? vor mich„, versetzt ich: „Von „wem, wozu„? „Ey! Deine Montirung und „Traktament, Bursche! Was gilt’s da Fragens? „Bist ja ein Recrute„. „Wie, was? Rekrute„? erwiedert’ ich: „Behuͤte Gott! da ist mir nie kein „Sinn daran kommen. Nein! in meinem Leben „nicht. Markonis Bedienter bin ich. So hab’ „ich gedungen, und anderst nicht. Da wird mir „kein Mensch anders sagen koͤnnen„! „Und ich sag’ „dir, du bist Soldat, Kerl! Ich steh’ dir dafuͤr. „Da hilft itzt alles nichts„. Ich . Ach! wenn nur mein Herr Markoni da waͤre. Er . Den wirst du sobald nicht zu sehen kriegen. Wirst doch lieber wollen unsers Koͤnigs Diener seyn, als seines Lieute- nants. — Damit gieng er weg. „Um Gottes wil- „len, Herr Zittemann „! fuhr ich fort: „Was „soll das werden„? „Nichts, Herr„! antwortete dieser, „als daß Er, wie ich und die andern Her- „ren da, Soldat, und wir folglich alle Bruͤder „sind; und daß Ihm alles Widersetzen nichts hilft, „als daß man Ihn auf Wasser und Brodt „nach der Hauptwache fuͤhrt, kreutzweis schließt, „und Ihn fuchtelt daß ihm die Rippen krachen, „bis Er content ist„! Ich . Das waͤr’ beym Sacker! unverschaͤmt, gottlos! Er . Glaub’ Er mir’s auf mein Wort, anderst ist’s nicht, und geht’s nicht. Ich . So will ich’s dem Herr Koͤnig klagen. — Hier lachten alle hoch auf. — Er . Da koͤmmt Er sein Tage nicht hin. Ich . Oder, wo muß ich mich sonst denn melden? Er . Bey unserm Major, wenn Er will. Aber das ist alles alles umsonst. Ich . Nun so will ich’s doch probieren, ob’s — ob’s so gelte? — Die Bursche lachten wieder; ich aber ent- schloß mich wirklich, Morgens zum Major zu gehn, und meinem treulosen Herrn nachzufragen. Sobald also der Tag an Himmel brach, ließ ich mir dessen Quartier zeigen. Potz Most! das duͤnkte mich ein koͤniglicher Pallast — und der Major der Koͤnig selbst zu seyn, so majestaͤtisch kam er mir vor; ein gewaltig grosser Mann, mit einem Hel- dengesicht und ein Paar feurigen Augen wie Sternen. Ich zitterte vor ihm, stotterte: „Herr … Ma- „jor! Ich bin .... Herrn Lieutenant Marko- „ nis Be … Bedienter. Fuͤ … fuͤ … fuͤr „das bi … bi … bin ich angewo … worben, „und sonst wei … weiters fuͤr ni … ni … „nichts. Si … Si … Sie koͤnnen ihn selbst „fra … gen. J … Ich weiß nicht wo er i … „i … ist. Itzt sagen’s da, ich muͤsse So … „o … oldat sey … ey … eyn, ich wolle „o … der wolle nicht„. — „So„! unterbrach er mich: „So ist er das saubre Buͤrschgen! Sein „feiner Herr, der hat uns gewirthschaftet, daß „es eine Lust ist; und Er wird wohl auch Sei- „nen Theil gezogen haben. Und kurz, itzt soll „Er dem Koͤnig dienen; da ist’s aus und vorbey„. — Ich . Aber, Herr Major! — Er . Kein Wort, Kerl! oder die Schwernoth! Ich . Aber ich hab’ ja weder Kapitulation noch Handgeld! Au! Koͤnnt’ ich doch mit meinem Herrn reden! — Er . Den wird Er so bald nicht zu sehen kriegen; und Hand- geld hat Er mehr gekost’t als zehn andre. Sein Lieutenant hat eine saubere Rechnung, und Er steht darin oben an. Eine Kapitulation hingegen, die soll Er haben. — Ich . Aber — — Er . Fort, Er ist ja ein Zwerg, daß — — Ich . Ich bi … bi … bitte. — — Er . Canaille! scheer’ Er sich zum Teufel. — Damit zog er die Fuchtel — Ich zum Haus hinaus wie ein Dieb, und nach meinem Quartier hin, das ich vor Angst und Noth kaum finden konnnte . Da klagt’ ich Zittemann mein Elend in den allerhoͤchsten Toͤnen. Der gute Mann sprach mir Muth ein: „Geduld, mein Sohn! „Noch wird schon alles besser gehn. Itzt’ mußt’ „dich leiden; viel hundert brave Bursche aus guten „Haͤusern muͤssen das gleiche thun. Denn, gesetzt „auch, Markoni koͤnnte und wollte dich behalten, „so muͤßt’ er dich doch unter sein Regiment abge- „ben, so bald es hieß’: Ins Feld, Marsch! Aber „wirklich einstweilig wuͤrd’ er kaum einen Bedien- „ten zu naͤhren im Stand seyn, da er auf der Wer- „bung ungeheure Summen verzehrt, und dafuͤr „so wenig Kerls eingeschickt haben soll, wie ich „unsern Oberst und Major schon oft druͤber lamen- „tiren gehoͤrt; und wird man ihn gewiß nicht mehr „so geschwind zu derley Geschaͤften brauchen„. So troͤstete mich Zittemann ; und ich mußt’s wohl an- nehmen, da mir kein besserer Trost uͤbrig blieb. Nur dacht’ ich dabey: Die Groͤssern richten solche Suppen an, und die Kleinern muͤssen sie aufessen. XLVI. So bin ich denn wirklich Soldat ? D es Nachmittags brachte mir der Feldweibel mein Commisbrodt, nebst Unter- und Uebergewehr, u. s. f. und fragte: Ob ich mich nun eines Bessern bedacht? „Warum nicht„? antwortete Zittemann fuͤr mich: „Er ist der beßte Bursch’ von der Welt„. Itzt fuͤhrte man mich in die Montirungskammer, und paßte mir Hosen, Schuh’ und Stiefeletten an; gab mir einen Hut, Halsbinde, Struͤmpfe u. s. f. Dann mußt’ ich mit noch etwa zwanzig andern Recrutten zum Herrn Oberst Latorf . Man fuͤhrte uns in ein Gemach, so groß wie eine Kirche, brachte etli- liche zerloͤcherte Fahnen herbey, und befahl jedem einen Zipfel anzufassen. Ein Adjutant, oder wer er war, las’ uns einen ganzen Sack voll Kriegsartikel her, und sprach uns einige Worte vor, welche die mehrern nachmurmelten; Ich regte mein Maul nicht — dachte dafuͤr was ich gern wollte — ich glau- be an Aennchen ; schwung dann die Fahne uͤber unsre Koͤpfe, und entließ uns. Hierauf gieng ich in eine Garkuͤche, und ließ mir ein Mittagessen, nebst einem Krug Bier, geben. Dafuͤr mußt’ ich 2. Groschen zahlen. Nun blieben mir von jenen sechsen noch viere uͤbrig; mit diesen sollt’ ich auf vier Tage wirthschaften — und sie reichten doch blos fuͤr zweene hin. Bey dieser Ueberrechnung fieng ich gegen meine Kameraden schrecklich zu lamentiren an. Allein Cran , einer derselben, sagte mir mit Lachen: „Es wird dich schon lehren. Itzt thut es nichts; „hast ja noch allerley zu verkaufen! Per Exempel „deine ganze Dienermontur. Dann bist du gar „itzt doppelt armirt; das laͤßt sich alles versilbern. „Dann kriegen solch junge Bursche oft noch eine „Tracktaments-Zulage, und kannst dich deswegen „nur beym Obrist melden„. „Oh oh! Da geh’ „ich mein Tage nicht mehr hin„, sagt’ ich. „Potz „Velten„! antwortete Cran : Du mußt ’mal des „Donnerns gewohnt werden, sey’s itzt ein wenig „fruͤher oder spaͤther. Und dann des Menage we- „gen, nur fein aufmerksam zugesehn, wie’s die an- „dern machen. Da heben’s drey, vier bis fuͤnf „mit einander an; kaufen Dinkel, Erbsen, Erd- „birrn u. d. gl. und kochen selbst. Des Morgens „um e’n Dreyer Fusel und e’n Stuͤck Commisbrodt: „Mittags hohlen sie in der Garkuͤche um e’n an- „dern Dreyer Suppe, und nehmen wieder e’n Stuͤck „Commis: Des Abends um zwey Pfenning Kovent „oder Duͤnnbier, und abermals Commis„. „Aber, „das ist beym Strehl ein verdammtes Leben„, versetzt ich; und Er : Ja! So kommt man aus, und anderst nicht. Ein Soldat muß das lernen; denn es braucht noch viel andre Waar: Kreide, Puder, Schuhwar, Oehl, Schmiergel, Seife, und was der hundert Siebensachen mehr sind. — Ich . Und das muß einer alles aus den 6. Groschen be- zahlen? Er . Ja! und noch viel mehr; wie z. B. den Lohn fuͤr die Wasche, fuͤr das Gewehrputzen u. s. f. wenn er solche Dinge nicht selber kann. — Damit giengen wir in unser Quartier; und ich machte alles zurecht, so gut ich konnte und mochte. Die erste Woche indessen hatt’ ich noch Vacanz; gieng in der Stadt herum auf alle Exercierplaͤtze; sah, wie die Offiziere ihre Soldaten musterten und pruͤgelten, daß mir schon zum voraus der Angst- schweiß von der Stirne troff. Ich bat daher Zitte- mann , mir bey Haus die Handgriffe zu zeigen. „Die wirst dn wohl lernen„! sagte er: „Aber auf die Geschwindigkeit koͤmmt’s an. „Da geht’s „dir wie e’n Blitz„! Indessen war er so gut, mir wirklich alles zu weisen; wie ich das Gewehr rein halten, die Montur anpressen, mich auf Soldaten- manier frisieren sollte, u. s. f. Nach Crans Rath verkaufte ich meine Stiefel und kaufte dafuͤr ein hoͤlzernes Kaͤstgen fuͤr meine Waͤsche. Im Quartier uͤbte ich mich sters im Exercieren, las’ im Halli- schen Gesangbuch, oder betete. Dann spatziert’ ich etwa an die Spree , und sah’ da hundert Sol- datenhaͤnde sich mit Aus- und Einladen der Kauf- mannswaaren beschaͤftigen: Oder auf die Zimmer- plaͤtze; da steckte wieder alles voll arbeitender Kriegs- maͤnner. Ein andermal in die Casernen u. s. f. Da fand’ ich uͤberall auch dergleichen, die hunder- terley Handthierungen trieben — von Kunstwerken an bis zum Spinnrocken. Kam ich auf die Haupt- wache, so gab’s da deren die spielten, soffen und haselierten; andre welche ruhig ihr Pfeifgen schmauch- ten und discurirten; etwa auch einer der in einem erbaulichen Buch las’, und’s den andern erklaͤrte. In den Garkuͤchen und Bierbrauereyen gieng’s eben so her. Kurz in Berlin hat’s unter dem Militair — wie, denk’ ich freylich, in grossen Staaten uͤberall — Leuthe aus allen vier Welttheilen, von allen Natio- nen und Religionen, von allen Characktern, und von jedem Berufe, womit einer noch nebenzu sein Stuͤcklein Brodt gewinnen kann. Das dachte auch ich zu verdienen — wenn ich nur erst recht exerci- ren koͤnnte — Etwa an der Spree ? — Doch nein! da lermt’s gar zu stark — Aber z. E. auf einem Zimmerplatz, da ich mich so ziemlich auf die Axt verstuhnd. So war ich wieder fix und fertig, neue Plane zu machen, ungeachtet ich mit meinem erstern so schaͤndlich gescheitert hatte. Giebt’s doch hier (da- mit schlaͤferte ich mich immer ein) selbst unter den gemeinen Soldaten ganze Leuthe, die ihre huͤbschen Kapitalien haben, Wirthschaft, Kaufmannschaft trei- ben, u. s. f. Aber dann erwog ich nicht, daß man vor Zeiten ganz andere Handgelder gekriegt als heut zu Tag; daß dergleichen Bursche bisweilen ein Namhaftes mochten erheurathet haben, u. d. gl. Besonders aber, daß sie ganz gewiß mit dem Schil- ling gut hausgehalten, und nur darum den Gulden gewinnen konnten — Ich hingegen weder mit dem Schilling noch mit dem Gulden umzugehen wisse. — Und endlich, wenn alles fehlen sollte, faud’ ich auch da noch einen elenden Trost in dem Gedanken: Geht’s einmal zu Felde, so schont das Bley jenen Gluͤckskindern so wenig, als dir armen Hudler! — Also — bist du so gut wie sie. XLVII. Nun geht der Tantz an D ie zweyte Woche mußt’ ich mich schon alle Tage auf dem Paradeplatz stellen, wo ich unvermuthet drey meiner Landleuthe, Schaͤrer, Bachmann und Gaͤstli fand, die sich zumal alle mit mir un- ter gleichem Regimente ( Itzenblitz ) die beyden erstern vollends unter der naͤmlichen Compagnie ( Lüderitz ) befanden. Da sollt’ ich vor allen Din- gen, unter einem muͤrrischen Korporal mit einer schiefen Nase ( Mengke mit Namen) marschie- ren lernen. Den Kerl nun mocht’ ich vor den Tod nicht vertragen; wenn er mich gar auf die Fuͤsse klopfte, schoß mir das Blut in den Gipfel. Unter seinen Haͤnden haͤtt’ ich mein Tage nichts begreifen koͤnnen. Dieß bemerkte einst Hevel , der mit sei- nen Leuthen auf dem gleichen Platze manoͤvrirt e , tauschte mich gegen einen andern aus, und nahm mich unter sein Plouton. Das war mir eine Her- zensfreude. Itz capiert’ ich in einer Stund’ mehr als sonst in zehn Tagen. Von diesem guten Manne vernahm ich auch bald, wo Markoni wohne, aber, bat er um Gottswillen, ich soll ihn nicht verrathen. Des folgenden Tags, sobald das Exercitium vorbey war, flog ich nach dem Quartier, das mir Hevel verdeutet hatte, und murmelte immer vor mir her: Ja, ja, Markoni ! wart’ nur, ich will dir deinen an mir veruͤbten Lumpenstreich, deine verfluchte Verraͤtherey so unter die Nase reiben, daß es dich gereuen soll! Nun weiß ich schon, daß du hier nur Lieutenant, und nirgends ihr Gnaden bist! --- Bey geringer Nachfrage fand ich das mir benannte Haus. Es war eben eins von den geringsten in ganz Ber- lin . Ich pochte an; ein kleines, magres, fuchs- rothes Buͤrschgen oͤffnete mir die Thuͤre, und fuͤhrte mich eine Treppe hinauf in das Zimmer meines Herrn. So bald er mich erblickte, kam er auf mich zu, druͤckte mir die Hand, und sprach zu mir mit einem so holden Engelsgesicht, das in einem Nu allen meinen Grimm entwafnete, und mir die Thraͤ- nen in die Augen trieb: „ Ollrich ! mein Ollrich ! „mach mir keine Vorwuͤrf’. Du warst mir lieb, „bist’s noch, und wirst mir’s immer bleiben. Aber „ich mußte nach meinen Umstaͤnden handeln. Gieb „dich zufrieden. Ich und du dienen nun Einem „Herrn„. — „Ja, Ihr Gnaden„ — — „Nichts „Gnaden„! sagte er: „Beym Regiment heißt es nur: „Herr Lieutenant„! Itzt klagt’ ich ihm, nach aller Ausfuͤhrlichkeit, meine gegenwaͤrtige grosse Noth. Er bezeugte mir sein ganzes Mittleid. „Aber„, fuhr er fort: „Hast ja noch allerley Sachen, die du „versilbern kannst; wie z. E. die Flinte von mir, „die Reisemuͤtze die dir Lieutenant Hofmann in „ Offenburg verehrt, u. d. gl. Bring sie nur „mir, ich zahl dir dafuͤr, so viel sie je werth sind. „Dann koͤnnt’st du dich, wie andre Rekrutten, um „Gehaltserhoͤhung beym Major„ — „Potz Wet- „ter„! fiel ich ein: „Nein den sah’ ich einmal, „und nimmermehr„! Drauf erzaͤhlt’ ich ihm, wie dieser Sir mir begegnet habe. „Ha„! versetzte er: „Die Luͤmmels meinen, man koͤnn’ auf Wer- „bung von Luft leben, und Kerle im Strick fan- „gen„. „Ja„! sagt’ ich, „haͤtt’ ich’s gewußt, „wollt’ ich mir wenigstens in Rothweil auch einen „Nothfenning erspart haben„. „Alles hat seine „Zeit, Ollrich „! erwiederte er: „Halt’ dich nur „brav! Wenn einmal die Exercitien vorbey sind, „kannst du wohl was verdienen. Und wer weiß --- „vielleicht gehts bald ins Feld, und dann „--- --- Weiter sagte er nichts; ich merkte aber wohl, was er damit wollte, und gieng vergnuͤgt, als ob ich mit meinem Vater geredet haͤtte, nach Haus. Nach etlichen Tagen trug ich Flinte, Ballast, und die sammtene Muͤtze wirklich zu ihm hin; er zahlte mir etwas weniges dafuͤr; aber von Markoni war ich alles zufrieden. Bald darauf verkauft ich auch mei- nen Tressenhut, den gruͤnen Frack, u. s. f. u. f. und ließ mir nichts mangeln, so lang ich was an- zugreifen hatte. Schärer war eben so arm als ich: Allein er bekam ein Paar Groschen Zulage, und doppelte Portion Brodt; der Major hielt ein gut Stuͤck mehr auf ihm, als auf mir. Indessen waren wir Herzensbruͤder; so lang einer etwas zu brechen hatte, konnte der andere mitbeissen. Bachmann hingegen, der ebenfalls mit uns hauste, war ein filziger Kerl, und harmonierte nie recht mit uns; und doch schien immer die Stunde ein Tag lang, wo wir nicht beysammen seyn konnten. G. mußten wir in den H * * haͤusern suchen wenn wir ihn ha- ben wollten; er kam bald hernach ins Lazareth. Ich und Schärer waren auch darinn voͤllig gleichge- sinnt, daß uns das Berliner -Weibsvolk eckelhaft und abscheulich vorkam; und wollt’ ich fuͤr ihn so gut wie fuͤr mich einen Eid schwoͤren, daß wir keine mit einem Finger beruͤhrt. Sondern so bald das Exer- Exerziren vorbey war, flogen wir miteinander in Schott- manns Keller, tranken unsern Krug Ruhiner - oder Gottwitzer -Bier, schmauchten ein Peifgen, und trillerten ein Schweitzerlied. Immer horchten uns da die Brandenburger und Pommeraner mit Lust zu. Etliche Herren sogar ließen uns oft expreß in eine Garkuͤche rufen, ihnen den Kuhreihen zu sin- gen: Meist bestand der Spielerlohn bloß in einer schmu- tzigen Suppe; aber in einer solchen Lage nimmt man mit noch weniger vorlieb. XLVIII. Nebst anderm meine Beschreibung von Berlin . B erlin ist der groͤßte Ort in der Welt, den ich gesehen; und doch bin ich bey weitem nie ganz da- rinn herumgekommen. Wir drey Schweitzer mach- ten zwar oft den Anschlag zu einer solchen Reise; aber bald gebrach’s uns an Zeit, bald an Geld, oder wir waren von Strapazzen so marode, das wir uns lieber der Laͤnge nach hinlegten. Die Stadt Berlin — doch viele sagen, sie beste- he aus sieben Staͤdten — Aber unser einem hat man nur drey genennt: Berlin, Neustadt und Friedrichsstadt . Alle drey sind in der Bauart ver- schieden. In Berlin — oder Coͤl , sagt man auch — sind die Haͤuser hoch, wie in den Reichsstaͤdten, aber die Gassen nicht so breit, wie in Neu - und Frie- drichsstadt , wo hingegen die Haͤuser niedriger aber J egaler gebauen sind; denn da sehen auch die kleinsten derselben, oft von sehr armen Leuthen bewohnt, doch wenigstens sauber und nett aus. An vielen Orten giebt es ungeheuer grosse laͤre Plaͤtze, die theils zum Exerciren und zur Parade, theils zu gar nichts ge- braucht werden; ferners Aecker, Gaͤrten, Alleen, alles in die Stadt eingeschlossen. — Vorzuͤglich oft giengen wir auf die lange Bruͤcke, auf deren Mitte ein alter Marchgraf von Brandenburg , zu Pferd in Lebensgroͤsse, von Erzt gegossen steht, und etli- che Enackssoͤhne mit krausen Haaren zu seinen Fuͤsseu gefesselt sitzen — dann der Spree nach, aufs Wei- dendamm , wo’s gar lustig ist — dann ins Laza- reth, zu G *. und B *. — um dort das traurig- ste Specktakel unter der Sonne zu sehn, wo einem, der nicht gar ein Unsinniger ist, die Lust zu Aus- schweifungen bald vergehen muß: In diesen Gemaͤ- chern, so geraͤumig wie Kirchen, wo Beth an Beth gereihet steht, in deren jedem ein elender Menschen- sohn auf seine eigene Art den Tod, und nur weni- ge ihre Genesung erwarten: Hier ein Dutzend, die unter den Haͤnden der Feldscheerer ein erbaͤrm- liches Zettergeschrey erheben; dort andre, die sich unter ihren Decken kruͤmmen, wie ein halb zertre- tener Wurm; viele mit an- und weggefaulten Glie- dern, u. s. f. Meist mochten wir’s da nur wenige Minuten aushalten, und giengen dann wieder an Gottes Luft, setzten uns auf einen Rasenplatz; und da fuͤhrte unsre Einbildungskraft uns fast immer, unwillkuͤhrlich, in unser Schweitzerland zuruͤck, und erzaͤhlten wir einander unsre Lebensart bey Hause; wie wohl’s uns war, wie frey wir gewesen, was es hingegen hier vor ein verwuͤnschtes Leben sey, u. d. gl. Dann machten wir Plane zu unsrer Entledi- gung. Bald hatten wir Hofnung, daß uns heut oder moͤrgens einer derselben gelingen moͤchte; bald hin- gegen sahen wir vor jedem einen unuͤbersteiglichen Berg; und noch am meisten schreckte uns die Vor- stellung der Folgen eines allenfalls fehlschlagenden Persuches. Bald alle Wochen hoͤrten wir naͤmlich neue aͤngstigende Geschichten von eingebrachten De- serteurs, die, wenn sie noch so viele List gebraucht, sich in Schiffer und andre Handwerksleuthe, oder gar in Weibsbilder verkleidt, in Tonen und Faͤsser ver- steckt, u. d. gl. dennoch ertappt wurden. Da muß- ten wir zusehen, wie man sie durch 200. Mann, achtmal die lange Gasse auf und ab Spißruthen lau- fen ließ, bis sie athemlos hinsanken — und des fol- genden Tags aufs neue dran mußten; die Kleider ihnen vom zerhackten Ruͤckten heruntergerissen, und wieder frisch drauf losgehauen wurde, bis Fetzen ge- ronnenen Bluts ihnen uͤber die Hosen hinabhingen. Dann sahen Schärer und ich einander zitternd und todtblaß an, und fluͤsterten einander in die Ohren: „Die verdammten Barbaren„! Was hiernaͤchst auch auf dem Exerzierplatz vorgieng, gab uns zu aͤhnlichen Betrachtungen Anlaß. Auch da war des Fluchens und Karbatschens von pruͤgelsuͤchtigen Juͤn- kerlins, und hinwieder des Lamentierens der Gepruͤ- gelten kein Ende. Wir selber zwar waren immer von den ersten auf der Stelle, und tummelten uns wacker. Aber es that uns nicht minder in der See- le weh, andre um jeder Kleinigkeit willen so un- barmherzig behandelt, und uns selber so, Jahr ein Jahr aus, conjoniert zu sehn; oft ganzer fuͤnf Stun- den lang in unsrer Montur eingeschnuͤrt wie geschraubt stehn, in die Kreutz und Querre pfahlgerad mar- schieren, und ununterbrochen blitzschnelle Handgriffe machen zu muͤssen; und das alles auf Geheiß eines Offiziers, der mit einem furiosen Gesicht und auf- gehobnem Stock vor uns stuhnd, und alle Augen- blick wie unter Kabiskoͤpfe drein zu hauen drohete. Bey einem solchen Traktament mußte auch der stark- nervigste Kerl halb lahm, und der geduldigste rasend werden. Und kamen wir dann todmuͤde ins Quar- tier, so giengs schon wieder uͤber Hals und Kopf, unsre Waͤsche zurecht zu machen, und jedes Fleckgen auszumustern; denn bis auf den blauen Rock war unsre ganze Uniform weiß. Gewehr, Patrontasche, Kuppel, jeder Knopf an der Montur, alles mußte spiegelblank geputzt seyn. Zeigte sich an einem die- ser Stuͤcke die geringste Unthat, oder stand ein Haar in der Frisur nicht recht, so war, wenn er auf den Platz kam, die erste Begruͤssung eine derbe Tracht Pruͤgel. Das waͤhrte so den ganzen May und Ju- ni fort. Selbst den Sonntag hatten wir nicht frey; denn da mußten wir auf das properste Kirchenpara- de machen. Also blieben uns zu jenen Spaziergaͤn- gen nur wenige zerstreute Stunden uͤbrig, und wir hatten kurz und gut zu nichts Zeit uͤbrig — als zum Hungerleiden. — Wahr ist’s, unsre Ofsiziere erhiel- ten gerade damals die gemessenste Ordre, uns uͤber Kopf und Hals zu mustern; aber wir Rekrutten wußten den Henker davon, und dachten halt, das sey sonst so Kriegsmanier. Alte Soldaten vermuthe- ten wohl so etwas, schwiegen aber mausstill. — In- dessen waren Schärer und ich blutarm geworden; und was uns nicht an den Hintern gewachsen war, hatten wir alles verkauft. Nun mußten wir mit Brod und Wasser (oder Covent, das nicht viel besser als Wasser ist) vorlieb nehmen. Mittlerwei- le war ich von Zittemann weg, zu Wolfram und Meevis ins Quartier kommen, von denen der erst- re ein Zimmermann, der andre ein Schuster war, und beyde einen guten Verdienst hatten. Mit die- sen macht’ ich Anfangs ebenfalls Menage. Sie hat- ten so ihren Bauerntisch: Suppen und Fleisch, mit Erdapfeln und Erbsen. Jeder schoß zu einem Mit- tagsmahl zwey Dreyer: Abends und zum Fruͤhstuͤck lebte jeder fuͤr sich. Ich aß besonders gern einen Ochsenpfoten, einen Haͤring, oder ein Dreyerkaͤs- gen. Nun aber konnt’ ich’s nicht mehr mit ihnen halten; zu verkaufen hatt’ ich nichts mehr, und mein Sold gieng meist fuͤr Waͤsche, Puder, Schuhwar, Kreide, Schmirgel, Oel und anderes Plunderzeug auf. Jetzt fieng ich erst recht an Truͤbsal zu blasen, und keinem Menschen konnt’ ich so recht von Herzens- grund meine Noth klagen. Des Tags gieng ich um- her wie der Schatten an der Wand. Des Nachts legt’ ich mich ins Fenster, guckte wainend in den Mond hinauf, und erzaͤhlte dem mein bitteres Elend: „Du, der jetzt auch uͤberm Tockenburg schwebt, „sag’ es meinen Leuthen daheim, wie armselig es „um mich stehe — meinen Eltern, meinen Ge- „schwisterten — meinem Aennchen sag’s, wie ich „schmachte — wie treu ich ihr bin — daß sie alle „Gott fuͤr mich bitten. Aber du schweigst so stille, „wandelst so harmlos deinen Weg fort? Ach! koͤnnt’ „ich ein Voͤglein seyn, und dir nach in meine Hei- „math fliegen! Ich armer, unbesonnener Mensch! „Gott erbarm’ sich mein! Ich wollte mein Gluͤck „bauen, und baute mein Elend! Was nuͤtzt mir „dieser herrliche Ort, worinn ich verschmachten muß! „Ja, wenn ich die Meinigen hier haͤtte, und so „ein schoͤn Haͤusgen, wie dort grad gegenuͤber steht — „und nicht Soldat seyn muͤßte, dann waͤr’s hier „gut wohnen; dann wollt’ ich arbeiten, handeln, „wirthschaften, und ewig mein Vaterland meiden! — „Doch nein! Denn auch so muͤßt’ ich den Jammer „so vieler Elenden taͤglich vor Augen sehn! Nein, „geliebtes, liebes Tockenburg ! Du wirst mir im- „mer vorzuͤglich werth bleiben! — Aber, Ach! Viel- „leicht seh’ ich dich in meinem Leben nicht wieder — „verliere so gar den Trost, von Zeit zu Zeit an die „Lieben zu schreiben, die in dir wohnen! Denn je- „dermann erzaͤhlt mir von der Unmoͤglichkeit, wenn’s „einmal ins Feld gehe, auch nur eine Zeile fort- „zubringen, worinn ich mein Herz ausschuͤtten koͤnn- „te. Doch, wer weiß? Noch lebt mein guter „Vater im Himmel; dem ist’s bekannt, wie „ich nicht aus Vorsatz oder Luͤderlichkeit dies Skla- „venleben gewaͤhlt, sondern boͤse Menschen mich „betrogen haben. Ha! Wenn alles fehlen soll- „te — Doch, nein! desertiren will ich nicht. Lie- „ber sterben, als Spießruthe laufen. Und dann „kann sich’s ja auch aͤndern. Sechs Jahre sind „noch wohl auszuhalten. Freylich eine lange, lan- „ge Zeit; wenn’s zumal wahr seyn sollte, daß „auch dann kein Abscheid zu hoffen waͤre! — „Doch, was? Kein Abscheid? Hab’ ich doch ei- „ne, und zwar mir aufgedrungene Capitulation? — „Ha! Dann muͤßten sie mich eher toͤdten! Der „Koͤnig muͤßte mich hoͤren! Ich wollte seiner Kut- „sche nachrennen, mich anhaͤngen bis er mir sein „Ohr verlieht. Da wollt’ ich ihm alles sagen, „was der Brief ausweist. Und der gerechte Fried- „rich wird nicht gegen mich allein ungerecht seyn„, u. s. f. — Das waren damals so meine Selbstgespraͤche. XLIX. Nun geht’s bald weiters . In diesen Umstaͤnden flogen Schärer und ich zu- sammen wo wir konnten; klagten, uͤberlegten, be- schlossen, verwarfen. Schärer zeigte mehr Stand- haftigkeit als ich, hatte aber auch mehr Sold. Ich gab jetzt, wie so viele andre, den letzten Dreyer um Genevre, meinen Kummer zu vertreiben. Ein Mecklenburger , der nahe bey mir im Quartier, und mit mir in gleichen Umstaͤnden war, machte es eben so. Aber wenn der seinen Brand im Kopf hatte, setzte er sich in der Abenddaͤmmerung vor’s Haus hin, fluchte und haselirte da mutterseels al- lein; schimpfte auf seine Offiziere, und sogar auf den Koͤnig, wuͤnschte Berlin und allen Brandenbur- gern tausend Millionen Schwernoth auf den Hals, und fand (wie der arme Teufel, so oft er wieder nuͤchtern ward, behauptete) in diesem unvernuͤnfti- gen Rasen seinen einzigen Trost im Ungluͤck. Wolf- ram und Meewis warnten ihn oft; denn sonst war er noch vor Kurzem ein recht guter umgaͤngli- cher Bursche: „Kerl„! sagten sie dann zu ihm, „gewiß wirst du noch ins Tollhaus wandern„. Dieses war nicht weit von uns. Oft sah’ ich dort einen Soldat vor dem Gegitter auf einem Baͤnkgen sitzen, und fragte einst Meevis , wer er waͤre? Denn ich hatte ihn nie bey der Compagnie gesehn: „Just so einer, wie der Mecklenburger „, ant- wortete Meewis ; „darum hat man ihn hier ver- „sorgt, wo er Anfangs bruͤllte wie ein ungarscher „Stier. Aber seit etlichen Wochen soll er so ge- „schlacht wie ein Lamm seyn„. Diese Beschreibung machte mich luͤstern, den Menschen naͤher kennen zu lernen. Er war ein Anspacher . Anfangs gieng ich nur so wie verstohlen bey ihm hin und wieder, sah mit wehmuͤthigem Vergnuͤgen, wie er seinen Blick bald zum Himmel gerichtet, bald auf den Bo- den geheftet, melancholisch da saß, bisweilen aber ganz vor sich sanft laͤchelte, und uͤbrigens meiner nicht zu achten schien. Schon aus seiner Physiogno- mie war mir ein solcher Erdensohn in seiner Lage recht heilig. Endlich wagt’ ich es, mich zu ihm hinzusetzen. Er sah mich starr und ernst an, und schwatzte zuerst lange meist unverstaͤndiges Zeug, das ich doch gerne hoͤrte, weil mitunter immer etwas hoͤchst vernuͤnftiges zum Vorschein kam. Was ihm am meisten Muͤhe zu machen schien, war, so viel ich merken mochte, daß er von gutem Haus, und nur durch Verdruß in diese Umstaͤnde gekommen seyn mußte, jetzt aber von Nachreu und Heimweh’ erbaͤrmlich litt. Nun entdeckt’ ich ihm so durch Um- wege auch meine Gemuͤthsstimmung, hauptsaͤchlich in der Absicht, zu horchen was er allenfalls zu mei- ner Entweichung sagen wuͤrde; denn der Mann schien mir ordentlich einen Geist der Weissagung zu haben: „Bruͤderchen„! sprach er, aus Veranlassung eines solchen Diskurses, einst zu mir: „Bruͤderchen, halt’ „du still! Deine Schuld ist’s sicher, daß du lei- „dest, und was du leidest also gewiß mehr oder „minder wohl verdiente Zuͤchtigung. Durch Zappeln „machst du’s wahrlich nur aͤrger. Es wird schon „noch anders, und immer anders kommen. Der „Koͤnig allein ist Koͤnig; seine Generals, Obersten, „Majoren sind selber seine Bedienten — und wir, „ach! wir — so hingeworfene verkaufte Hunde — zum „Abschmieren im Frieden, zum Todstechen und Tod- „schiessen im Krieg bestimmt. Aber all’ eins, Bruͤ- „derchen! Vielleicht koͤmmst du nahe an eine Thuͤ- „re; geht sie dir auf — so thu’ was du willst. „Aber halt still, Bruͤderchen! — nur nichts erfret- „tet oder erzwungen — sonst ist’s mit einmal aus„! Dergleichen, und noch viel anderes Aehnliches sagte er oͤfters zu mir. Aller Welt Priester und Leviten haͤtten mir nicht so gut predigen, und mich zugleich so gut troͤsten koͤnnen wie er. Indessen murmelte es immer staͤrker vom Kriege. In Berlin kamen von Zeit zu Zeit neue Regimenter an; wir Rekrutten wurden auch unter eins gesteckt. Da gieng’s nun alle Tag vor die Thore zum Manoͤvri- ren; links und rechts avanziren, attaquiren, reti- riren, ploutons und divisionsweise schargieren, und was der Gott Mars sonst alles lehrte. Endlich ge- dieh es zur Generalrevuͤe; und da gieng’s zu und her, daß dieß ganze Buͤchelgen nicht klecken wuͤrde, das Ding zu beschreiben; und wenn ich’s wollte, so koͤnnt ich’s nicht. Erstlich wegen der schweren Menge aller Arten Kriegsgruͤmpel, die ich hier grossentheils zum erstenmal sah. Zweytens hatt’ ich immer Kopf und Ohren so voll von dem entsetzlichen Lerm der knallenden Buͤchsen, der Trommeln und Feldmusick, des Rufens der Commandeuxs u. s. f. daß ich oft haͤtte bersten moͤgen. Drittens war mir das Exercitz seit einiger Zeit so widerlich geworden, daß ich nur nicht mehr bemerken mochte, was all die Corps zu Fuß und zu Pferde fuͤr Millionszeug machten. Frey- lich kam mich hernach manchmal grosser Reuen an, daß ich diese Dinge nicht besser in Obacht genom- men: Denn allen meinen Freunden, und allen Leu- then hier zu Lande wuͤnscht’ ich, daß sie solches nur einen Tag sehen moͤchten; es wuͤrde ihnen zu hun- dert und aber hundert vernuͤnftigen Betrachtungen Anlaß geben. Also nur dieß Wenige. Da waren unuͤbersehbare Felder mit Kriegsleuthen bedeckt; vie- le tausend Zuschauer an allen Ecken und Enden. Hier stehen zwey grosse Armeen in kuͤnstlicher Schlacht- ordnung; schon bruͤllt von den Flanken das grobe Geschuͤtz auf einander los. Sie avanziren, kommen zum Feuer, und machen ein so entsetzliches Donnern, daß man seinen naͤchsten Nachbar nicht hoͤren und vor Rauch nicht mehr sehen kann: Dort versuchen etliche Bataillons ein Heckenfeuer; hier fallen’s ein- ander in die Flanke, da blokiren sie Batterien, dort formiren sie ein doppeltes Kreutz. Hier marschieren sie uͤber eine Schiffbruͤcke, dort hauen Kuͤraßiers und Dragoner ein, und sprengen etliche Schwadrons Husaren von allen Farben auf einander los, daß Staubwolken uͤber Roß und Mann emporwallen. Hier uͤberrumpeln’s ein Lager; die Avantgarde, un- ter deren ich zu manoͤvriren die Ehre hatte, bricht Zelten ab, und flieht. — Doch noch einmal: Ich muͤßte ein Narr seyn, wenn ich glaubte, hier eine Preußische Generalrevuͤe beschrieben zu haben. Ich hoffe also, mau nimmt mit diesem Wenigen vor- lieb — oder, vielmehr, verzeiht’s mir, um der Freude willen, mein Gewaͤsch nicht laͤnger anzuhoͤren. L. Behuͤte Gott Berlin! — Wir sehen einander nicht mehr . E ndlich kam der erwuͤnschte Zeitpunkt, wo es hieß: Allons, ins Feld! Schon im Heumonath marschier- ten etliche Regimenter von Berlin ab, und kamen hinwieder andre aus Preussen und Pommern an. Jetzt mußten sich alle Beurlaubten stellen, und in der grossen Stadt wimmelte alles von Soldaten. Dennoch wußte noch niemand eigentlich, wohin alle diese Bewegungen zielten. Ich horchte wie ein Schwein am Gatter. Einiche sagten, wenn’s ins Feld gehe, koͤnnten wir neue Rekrutten doch nicht mit, sondern wuͤrden unter ein Garnisonsregiment gesteckt. Das haͤtte mir himmelangst gemacht; aber ich glaubte es nicht. Indessen bot ich allen meinen Leibs- und Seelenkraͤften auf, mich bey allen Manoͤvers als einen fertigen dapfern Soldaten zu zeigen (denn einige bey der Compagnie, die aͤlter waren als ich, muß- ten wirklich zuruͤckbleiben). Und nun den 21. Aug. erst Abends spaͤth, kam die gewuͤnschte Ordre, uns auf Morgen marschfertig zu halten. Potz Wetter! wie gieng es da her mit Putzen und Packen! Ein- mal wenn’s mir auch an Geld nicht gebrochen, haͤtt’ ich nicht mehr Zeit gehabt, einem Becker zwey ge- borgte Brodte zu bezahlen. Auch hieß es, in die- sem Fall duͤrfte kein Glaͤubiger mehr ans Mahnen denken: Doch ich ließ mein Waͤschkistgen zuruͤck; und wenn es der Becker nicht abgefodert hat, hab’ ich heutigen Tages noch einen Creditor in Berlin — auch etliche Debitoren fuͤr ein Paar Batzen — und geht’s ungefehr so wett auf. — Denn 22. Aug. Morgens um 3. Uhr ward Allarm geschlagen; und mit Anbruch des Tages stuhnd unser Regiment ( Isenblitz , ein herrlicher Name! Sonst naunten’s die Soldaten im Scherz auch Donner und Blitz , wegen unsers Obristen gewaltiger Schaͤrfe) in der Krausenstrasse schon Parade. Jede seiner zwoͤlf Compagnien war 150. Mann stark. Die in Berlin naͤchst um uns einquartierte Regimenter, deren ich mich erinnere, waren Vokat, Winterfeld, Meyring , und Kalkstein ; dann vier Prinzenregimenter: Prinz von Preussen , Prinz Ferdinand , Prinz Carl , und Prinz von Würtenberg , die alle theils vor, theils nach uns abmarschierten, nachwerts aber im Feld meist wieder zu uns gestossen sind. Itzt wurde Marsch geschlagen; Thranen von Buͤrgern, Solda- tenweibern, H * *. u. d. gl. flossen zu Haufen. Auch die Kriegsleuthe selber, die Landskinder naͤm- lich, welche Weiber und Kinder zuruͤckliessen, wa- ren ganz niedergeschlagen, voll Wehmuth und Kum- mers; die Fremden hingegen jauchzten heimlich vor Freuden, und riefen; Endlich Gottlob ist unsre Er- loͤsung da! Jeder war bebuͤndelt wie ein Esel, erst mit einem Degengurt umschnallt; dann die Patron- tasche uͤber die Schulter mit einem fuͤnf Zoll langen Riemen; uͤber die andre Achsel den Dornister, mit Waͤsche u. s. f. bepackt; item der Habersack, mit Brodt und andrer Fourage gestopft. Hiernaͤchst mußte jeder noch ein Stuͤck Feldgeraͤth tragen; Flasche, Kessel, Hacken, oder so was; alles an Riemen; dann erst noch eine Flinte, auch an einem solchen. So waren wir alle fuͤnfmal uͤbereinander kreutzweis uͤber die Brust geschlossen, daß anfangs jeder glaubte, unter solcher Last ersticken zu muͤssen. Dazu kam die enge gepreßte Montur, und eine solche Hunds- tagshitze, daß mir’s manchmal daͤuchte, ich geh’ auf gluͤhenden Kohlen, und wenn ich meiner Brust ein wenig Luft machte, ein Dampf herauskam wie von einem siedenden Kessel. Oft hatt’ ich keinen trockenen Faden mehr am Leib, und verschmachtete bald vor Durst. LI. Marschroute bis Pirna . S o marschierten wir den ersten Tag (22. Aug.) zum Köppeniker Thor aus, und machten noch 4. Stunden bis zum Staͤdchen Köppenik , wo wir zu 30-50. zu Burgern eingequartirt waren, die uns vor einen Groschen traktiren mußten. Potz Plun- der, wie giengs da her! Ha! da wurde gefressen. Aber denk’ man sich nur so viele grosse hungrige Kerls! Immer hieß es da: Schaff her, Canaille! was d’ im hintersten Winkel hast. Des Nachts wurde die Stube mit Stroh gefuͤllt; da lagen wir alle in Reihen, den Waͤnden nach. Wahrlich eine curiose Wirthschaft! In jedem Haus befand sich ein Offizier, welcher auf guter Mannszucht halten soll- te; sie waren aber oft die Faͤulsten Die Schlimmsten. — Den zweyten Tag (23.) giengs 10. St. bis auf Für- stenwald ; da gab’s schon Marode, die sich auf Wagen mußten packen lassen; das auch kein Wunder war, da wir diesen ganzen Tag nur ein einzig Mal haltmachen, und stehnden Fusses etwas Erfrischung zu uns nehmen durften. An letzgedachtem Orte gieng es wie an dem erstern; nur daß hier die mei- sten lieber soffen als frassen, und viele sich gar halb todt hinlegten. Den dritten Tag (24.) giengs 6. St. bis Jacobsdorf , wo wir nun (25. 26. u. 27.) drey Rasttage hielten, aber desto schlimmer hand- thiert, und die armen Bauern bis aufs Blut aus- gesogen wurden. Den siebenten Tag (28.) mar- schierten wir bis Mühlrosen 4. St. Den achten (29.) bis Guben , 14. St. Den neunten (30.) hielten wir dort Rasttag. Den zehnten (31.) bis Forste 6. St. Den eilften (1 Sept.) bis Sprem- berg 6. St. Den zwölften (2.) bis Hayers- werde 6. St. und da wieder Rasttag. Den vier- zehnten (4.) bis Camenz , dem letzten Oertchen, wo wir einquartirt wurden. Denn von da an cam- pirten wir im Felde, und machten Maͤrsche und Contremaͤrsche, daß ich selbst nicht weiß, wo wir all durchkamen, da es oft bey dunkeler Nacht ge- schah. Nur so viel eriunr’ ich mich noch, daß wir am fünfzehnten (5.) 4. St. marschiert und bey Bilzem ein Lager aufgeschlagen, worinn wir zwey Tage (6. u. 7.) Rasitag hielten; dann den acht- zehnten (8.) wieder 6. St. machten, uns bey Stolp lagerten, und dort einen Tag (9.) blieben; endlich am zwanzigsten Tag (10.) noch 4. St. bis Pirna zuruͤcklegten, wo noch etliche Regimenter zu uns stiessen, und nun ein weites fast unuͤbersehbares Lager aufgeschlagen, und das uͤber Pirna gelegene Schloß Königstein dieß- und Lflienstein jenseits der Elbe besetzt wurden. Denn in der Naͤhe die- ses letztern befand sich die Sächsische Armee. Wir konnten gerade uͤbers Thal in ihr Lager hinuͤbersehn; und unter uns im Thal an der Elbe lag Pirna , das jetzt ebenfalls von unserm Volke besetzt ward. LII. Muth und Unmuth . B is hieher hat der Herr geholfen ! Diese Worte waren der erste Text unsers Feldpredigers bey Pirna . O ja! dacht’ ich: Das hat er, und wird ferner helfen — und zwar hoffentlich mir in mein Vaterland — denn was gehen mich eure Kriege an? Mittlerweile gieng’s — wie’s bey einer marschie- renden Armee zu gehen pflegt — bunt uͤbereck und kraus, daß ich alles zu beschreiben nicht im Stand, auch solches, wie ich denke, zu wenig Dingen nuͤtz waͤre. Unser Major Lüderiz (denn die Offiziere gaben auf jeden Kerl besonders Achtung) mag mir oft meinen Unmuth aus dem Gesicht gelesen haben. Dann drohete er mir mit dem Finger: „Nimm dich „in „in Acht, Kerl„! Schärern hingegen klopfte er bey den naͤmlichen Anlaͤssen auf die Schulter, und nannte ihn mit laͤchelnder Mine einen braven Bursch; denn der war immer lustig und wohlgemuths, und sang bald seine Maͤurerlieder, bald den Kuͤhreih’n, obschon er im Herzen dachte wie ich, aber es besser verbergen konnte. Ein andermal freylich faßt’ ich dann wieder Muth, und dachte: Gott wird alles wohl machen! Wenn ich vollends Markoni — der doch keine geringe Schuld an meinem Ungluͤck war — auf dem Marsch oder im Lager erblickte, war’s mir immer, ich sehe meinen Vater oder meinen beßten Freund; wenn er mir zumal vom Pferd herunter seine Hand bot, die meinige traulich schuͤttelte — mir mit liebreicher Wehmuth gleichsam in die Seele ’nein guckte: „Wie geht’s, Ollrich ! wie geht’s? „’s wird schon besser kommen„! zu mir sagte, und, ohne meine Antwort zu erwarten, dieselbe aus mei- nem thraͤnenschimmernden Aug’ lesen wollte. O! ich wuͤnsche dem Mann, wo er immer todt oder le- bendig seyn mag, noch auf den heutigen Tag alles Gute; denn von Pirna weg ist er mir nie mehr zu Gesicht gekommen. — Mtttlerweile hatten wir alle Morgen die gemessene Ordre erhalten, scharf zu la- den; dieses veranlaßte unter den aͤltern Soldaten immer ein Gerede: „Heute giebt’s was! Heut setzt’s „gewiß was ab„! Dann schwitzten wir Jungen frey- lich an allen Fingern, wenn wir irgend bey einem Gebuͤsch’ oder Gehoͤlz’ vorbeymarschierten, und uns verfaßt halten mußten. Da spitzte jeder stillschwei- K gend die Ohren, erwartete einen feurigen Hagel und seinen Tod, und sah, so bald man wieder ins Freye kam, sich rechts und links um, wie er am schicklich- sten entwischen konnte; denn wir hatten immer feind- liche Kuͤraßiers, Dragoner und Soldaten zu beyden Seiten. Als wir einst die halbe Nacht durch mar- schierten, versuchte Bachmann den Reißaus zu neh- men, und irrte etliche Stunden im Wald herum; aber am Morgen war er wieder hart bey uns, und kam noch eben recht mit der Ausflucht weg: Er habe beym Hosenkehren in der Dunkelheit sich von uns verloren. Von da an sahen wir andern die Schwie- rigkeit, wegzukommen, alle Tag’ deutlicher ein — und doch hatten wir fest im Sinn, keine Bataille abzuwarten, es koste auch was es wolle. LIII. Das Lager zu Pirna . E ine umstaͤndliche Beschreibung unsers Lagers zwi- schen Königstein und Pirna sowohl als des gerade vor uns uͤberliegenden Sächsischen bey Liljenstein wird man von mir nicht erwarten. Die kann man in der Helden-Staats- und Lebensgeschichte des Grossen Friedrichs Und jetzt natürlich in vielen andern bessern Schriften, und zumal in des Königs eigener Geschichte des Sieben- jährigen Krieges. suchen. Ich schreibe nur, was ich gesehen, was allernaͤchst um mich her vor- und besonders was mich selbst angieng. Von den wich- tigsten Dingen wußten wir gemeine Hungerschlucker am allerwenigsten, und kuͤmmerten uns auch nicht viel darum. Mein und so vieler andrer ganzer Sinn war vollends allein auf: Fort, fort! Heim, ins Va- terland! gerichtet. Von 11-22. Sept. sassen wir in unserm Lager ganz stille; und wer gern Soldat war, dem mußt’ es damals recht wohl seyn. Denn da gieng’s voll- kommen wie in einer Stadt zu. Da gab’s Mar- quetenter und Feldschlaͤchter zu Haufen. Den ganzen Tag, ganze lange Gassen durch, nichts als Sieden und Braten. Da konnte jeder haben was er wollte, oder vielmehr was er zu bezahlen vermochte: Fleisch, Butter, Kaͤs, Brodt, aller Gattung Baum- und Erd- fruͤchte, u. s. f. Die Wachten ausgenommen, mochte je- der machen was ihm beliebte: Kegeln, Spielen, in und ausser dem Lager spatzieren gehn, u. s. f. Nur we- nige hockten muͤssig in ihren Zelten: Der eine be- schaͤftigte sich mit Gewehrputzen, der andre mit Wa- schen; der dritte kochte, der vierte flickte Hosen, der fuͤnfte Schuhe, der sechste schnifelte was von Holz und vexlauft’ es den Bauern. Jedes Zelt hatte sei- ne 6. Mann und einen Uebercompleten. Unter die- sen sieben war immer einer gefreyt; dieser mußte gute Mannszucht halten. Von den sechs uͤbrigen gieng einer auf die Wache, einer mußte kochen, ei- ner Proviant herbeyholen, einer gieng nach Holz, einer nach Stroh, und einer machte den Seckelmei- ster, alle zusammen aber Eine Haushaltung, Ein Tisch und Ein Beth aus. Auf den Maͤrschen stopfte jeder in seinen Habersack, was er — versteht sich in Fein- des Land — erhaschen konnte: Maͤhl, Ruͤben, Erd- birrn, Huͤhner, Enten, u. d. gl. und wer nichts aufzutreiben vermochte, ward von den uͤbrigen aus- geschimpft, wie denn mir das zum oͤftern begegnete. Was das vor ein Mordiogeschrey gab, wenn’s durch ein Dorf gieng, von Weibern, Kindern, Gaͤnsen, Spanferkeln u. s. f. Da mußte alles mit was sich tragen ließ. Husch! den Hals umgedreht und einge- packt. Da brach man in alle Staͤll’ und Gaͤrten ein, pruͤgelte auf alle Baͤume los, und riß die Aeste mit den Fruͤchten ab. Der Haͤnde sind viel, hieß es da; was einer nicht kann, mag der ander. Da durfte keine Seel’ Mux machen, wenn’s nur der Offizier erlaubte, oder auch bloß halb erlaubte. Da that jeder sein Devoir zum Ueberfluß. Wir drey Schweitzer, Schärer, Bachmann und ich (es gab unsrer Landsleuthe beym Regiment noch mehr, wir kannten sie aber nicht) kamen zwar keiner zum an- dern ins Zelt, auch nie zusammen auf die Wache. Hingegen spazierten wir oft miteinander ausser das Lager bis auf die Vorposten, besonders auf einen gewissen Buͤhel, wo wir eine weite zierliche Aussicht uͤber das Sächsische und unser ganzes Lager, und durchs Thal hinab bis auf Dresden hatten. Da hielten wir unsern Kriegsrath: Was mir machen, wo hinaus, welchen Weg wir nehmen, wo wir uns wieder treffen sollten? Aber zur Hauptsache, zum hinaus fanden wir alle Loͤcher verstopft. Zudem waͤren Schärer und ich lieber einmal an einer schoͤ- nen Nacht allein, ohne Bachmann davon geschli- chen; denn wir trauten ihm nie ganz, und sahen dabey alle Tag’ die Husaren Deserteurs einbringen, hoͤrten Spißruthenmarsch schlagen, und was es sol- cher Anfmunterungen mehr gab. Und doch sahen wir alle Stunden einem Treffen entgegen. LIV. Einnahme des Saͤchsischen Lagers u. s. f. E ndlich den 22. Sept. ward Allarm geschlagen, und erhielten wir Ordre aufzubrechen. Augenblicklich war alles in Bewegung; in etlichen Minuten ein stun- denweites Lager — wie die allergroͤßte Stadt — zer- stoͤrt, aufgepackt, und Allons, Marsch! Itzt zogen wir ins Thal hinab, schlugen bey Pirna eine Schiff- bruͤcke, und formierten oberhalb dem Staͤdchen, dem Sächsischen Lager en Front, eine Gasse, wie zum Spißruthenlaufen Was man doch im Schrecken nicht alles sieht! , deren eines End bis zum Pir- naer -Thor gieng, und durch welche nun die ganze Sächsische Armee zu vieren hoch spatzieren, vorher aber das Gewehr ablegen, und — man kann sich’s einbilden — die ganze lange Strasse durch Schimpf- und Stichelreden genug anhoͤren mußten. Einiche gieugen traurig, mit gesenktem Gesicht daher, andre trotzig und wild, und noch andre mit einem Laͤcheln, das den Preußischen Spottvoͤgeln gern’ nichts schul- dig bleiben wollte. Weiter wußten ich, und so viele Tausend andre, nichts von den Umstaͤnden der eigent- lichen Uebergabe dieses grossen Heers. — An dem naͤmlichen Tage marschierten wir noch ein Stuͤck Wegs fort, und schlugen jetzt unser Lager bey Liljen- stein auf. — Den 23. mußte unser Regiment die Proviantwagen decken. — Den 24. machten wir ei- nen Contremarsch, und kamen bey Nacht und Nebel an Ort und Stelle hin, daß der Henker nicht wußte mo wir waren. — Den 25. fruͤh gieng’s schon wie- der fort, 4. Meilen bis Außig . Hier schlugen wir ein Lager, blieben da bis auf den 29. und mußten alle Tag auf Fourage aus. Bey diesen Anlaͤssen wur- den wir oft von den Kaiserlichen Panduren atta- quirt, oder es kam sonst aus einem Gebuͤsch ein Ka- rabinerhagel auf uns los, so daß mancher todt auf der Stelle blieb, und noch mehrere blessirt wurden. Wenn denn aber unsre Artilleristen nur etliche Kano- nen gegen das Gebuͤsch richteten, so flog der Feind uͤber Kopf und Hals davon. Dieser Plunder hat mich nie erschreckt; ich waͤre sein bald gewohnt wor- den, und dacht’ ich oft: Poh! wenn’s nur denweg hergeht, ist’s so uͤbel nicht. — Den 30. marschierten wir wieder den ganzen Tag, und kamen erst des Nachts auf einem Berg an, den ich und meinesglei- chen abermals so wenig kannten, als ein Blinder. Inzwischen bekamen wir Ordre, hier kein Gezelt aufzuschlagen, auch kein Gewehr niederzulegen, son- dern immer mit scharfer Ladung parat zu stehn, weil der Feind in der Naͤhe sey. Endlich sahen und hoͤrten wir mit anbrechendem Tag unten im Thal gewaltig blitzen und feuern. — In dieser bangen Nacht desertirten viele; neben andern auch Bruder Bachmann . Fuͤr mich wollt’ es sich noch nicht schicken, so wohl’s mir sonst behagt haͤtte. LV. Die Schlacht bey Lowositz . (1. Oktobr . 1756.) F ruͤh Morgens mußten wir uns rangiren, und durch ein enges Thaͤlchen gegen dem grossen Thal hinun- termarschieren. Vor dem dicken Nebel konnten wir nicht weit sehen. Als wir aber vollends in die Plai- ne hinunterkamen, und zur grossen Armee stiessen, ruͤckten wir in drey Treffen weiter vor, und erblick- ten von Ferne durch den Nebel, wie durch einen Flor, feindliche Truppen auf einer Ebene, oberhalb dem Böhmischen Staͤdtchen Lowositz . Es war Kaiserliche Kavallerie; denn die Infanterie beka- men wir nie zu Gesicht, da sich dieselbe bey gedach- tem Staͤdchen verschanzt hatte. Um 6. Uhr gieng schon das Donnern der Artillerie sowohl aus unserm Vordertreffen als aus den Kaiserlichen Batterien so gewaltig an, daß die Kanonenkugeln bis zu un- serm Regiment (das im mittlern Treffen stuhnd) durchschnurrten. Bisher hatt’ ich immer noch Hof- nung, vor einer Bataille zu entwischen; jetzt sah’ ich keine Ausflucht mehr weder vor noch hinter mir, weder zur Rechten noch zur Linken. Wir ruͤckten inzwischen immer vorwaͤrts. Da fiel mir vollends aller Muth in die Hosen; in den Bauch der Erde haͤtt’ ich mich verkriechen moͤgen, und eine aͤhnliche Angst, ja Todesblaͤsse, las’ man bald auf allen Ge- sichtern, selbst deren, die sonst noch so viel’ Herz- haftigkeit gleichsueten. Die gelaͤrten Branzflaͤschgen (wie jeder Soldat eines hat) flogen untern den Ku- geln durch die Luͤfte; die meisten soffen ihren klei- nen Vorrath bis auf den Grund aus, denn da hieß es: Heute braucht es Courage, und Morgens vielleicht keinen Fusel mehr! Itzt avanzierten wir bis unter die Kanonen, wo wir mit dem ersten Treffen abwech- seln mußten. Potz Himmel! wie sausten da die Ei- senbrocken ob unsern Koͤpfen weg — fuhren bald vor bald hinter uns in die Erde, daß Stein und Rasen hoch in die Luft sprang — bald mitten ein, und spickten uns die Leuthe aus den Gliedern weg, als wenn’s Strohhaͤlme waͤren. Dicht vor uns sahen wir nichts als feindliche Cavallerie, die all rhand Be- wegungen machte; sich bald in die Laͤnge ausdehnte, bald in einen halben Mond, dann in ein Drey- und Viereck sich wieder zusammenzog. Nun ruͤckte auch unsre Kavallerie an; wir machten Luͤcke, und liessen sie vor, auf die feindliche losgalloppieren. Das war ein Gehagel, das knarrte und blinkerte, als sie nun einhieben! Allein kaum waͤhrte es eine Viertelstunde, so kam unsere Reuterey, von der Oe- stereichischen geschlagen, und bis nahe unter unsre Ka- nonen verfolgt zuruͤcke. Da haͤtte man das Speck- tackel sehen sollen: Pferde die ihren Mann im Steg- reif haͤngend, andre die ihr Gedaͤrm der Erde nach- schleppten. Inzwischen stuhnden wir noch immer im feindlichen Kanonenfeuer bis gegen 11. Uhr, ohne daß unser linke Fluͤgel mit dem kleinen Gewehr zusammen- traf, obschon es bereits auf dem rechten sehr hitzig zu- gieng. Viele meinten, wir muͤßten noch auf die Kaiserli- chen Schanzen sturmlaufen. Mir war’s schon nicht mehr so bange, wie anfangs, obgleich die Feldschlan- gen Mannschaft zu beyden Seiten neben mir weg- raffeten, und der Wallplatz bereits mit Todten und Verwundeten uͤbersaͤet war — als mit Eins unge- fehr um 12. Uhr die Ordre kam, unser Regiment, nebst zwey andern (ich glaube Bevern und Kalk- stein ,) muͤßten zuruͤckmarschieren. Nun dachten wir, es gehe dem Lager zu, und alle Gefahr sey vorbey. Wir eilten darum mit muntern Schritten die gaͤhen Weinberge hinauf, brachen unsre Huͤte voll schoͤne rothe Trauben, assen vor uns her nach Herzenslust; und mir, und denen welche neben mir stuhnden, kam nichts arges in Sinn, obgleich wir von der Hoͤhe herunter unsre Bruͤder noch in Feuer und Rauch stehen sahen, ein fuͤrchterlich donnerndes Ge- lerm hoͤrten, und nicht entscheiden konnten auf wel- cher Seite der Sieg war. Mittlerweile trieben unsre Anfuͤhrer uns immer hoͤher den Berg hinan, auf dessen Gipfel ein enger Paß zwischen Felsen durch- gieng, der auf der andern Seite wieder hinunter- fuͤhrte. Sobald nun unsre Avantgarde den erwaͤhn- ten Gipfel erreicht hatte, gieng ein entsetzlicher Mus- ketenhagel an; und nun merkten wir erst wo der Haas im Stroh lag. Etliche Tausend Kaiserliche Panduren waren naͤmlich auf der andern Seite den Berg hinauf beordert, um unsrer Armee in den Ruͤcken zu fallen; dieß muß unsern Anfuͤhrern ver- rathen worden seyn, und wir mußten ihnen darum zuvorkommen: Nur etliche Minuten spaͤther, so haͤtten sie uns die Hoͤhe abgewonnen, und wir wahr- scheinlich den Kuͤrzern gezogen. Nun setzte es ein unbeschreibliches Blutbad ab, ehe man die Pandu- ren aus jenem Gehoͤlz vertreiben konnte. Unsre Vordertruppen litten stark; allein die hintern dran- gen ebenfalls uͤber Kopf und Hals nach, bis zuletzt alle die Hoͤhe gewonnen hatten. Da mußten wir uͤber Huͤgel von Todten und Verwundeten hinstolpern. Alsdann gieng’s Hudri, Hudri, mit den Panduren die Weinberge hinunter, sprungweise uͤber eine Mauer nach der andern herab, in die Ebene. Unsre geborne Preussen und Brandenburger packten die Pan- duren wie Furien. Ich selber war in Jast und Hitze wie vertaumelt, und, mir weder Furcht noch Schre- ckens bewußt, schoß ich Eines Schiessens fast alle meine 60. Patronen los, bis meine Flinte halb gluͤhend war, und ich sie am Riemen nachschleppen mußte; indessen glaub’ ich nicht, daß ich eine le- bendige Seele traf, sondern alles gieng in die freye Luft. Auf der Ebene am Wasser vor dem Staͤdtchen Lowositz postirten sich die Panduren wieder, und puͤlferten tapfer in die Weinberge hinauf, daß noch mancher vor und neben mir ins Gras biß. Preus- sen und Panduren lagen uͤberall durcheinander; und wo sich einer von diesen letztern noch regte, wur- de er mit der Kolbe vor den Kopf geschlagen, oder ihm ein Bajonett durch den Leib gestossen. Und nun gieng in der Ebene das Gefecht von neu- em an. Aber wer wird das beschreiben wollen, wo jetzt Rauch und Dampf von Lowositz ausgieng; wo es krachte und donnerte, als ob Himmel und Erde haͤtten zergehen wollen; wo das unaufhoͤr- liche Rumpeln vieler hundert Trommeln, das herz- zerschneidende und herzerhebende Ertoͤnen aller Art Feldmusick, das Rufen so vieler Commandeurs und das Bruͤllen ihrer Adjutanten, das Zetter- und Mordiogeheul so vieler tausend elenden, zerquetsch- ten, halbtodten Opfer dieses Tages alle Sinnen be- taͤubte! Um diese Zeit — es mochte etwa 3. Uhr seyn — da Lowositz schon im Feuer stand, viele hundert Panduren, auf welche unsre Vordertruppen wieder wie wilde Loͤwen einbrachen, ins Wasser spran- gen, wo es dann auf das Staͤdtgen selber losgieng — um diese Zeit war ich freylich nicht der Vorderste sondern unter dem Nachtrapp noch etwas im Weinberg droben, von denen indessen mancher, wie gesagt, weit behender als ich von einer Mauer uͤber die andere hinuntersprang, um seinen Bruͤdern zu Huͤlf’ zu ei- len. Da ich also noch ein wenig erhoͤht stand, und auf die Ebene wie in ein finsteres Donner- und Hagel- wetter hineinsah — in diesem Augenblick deucht’ es mich Zeit, oder vielmehr mahnte mich mein Schutz- engel, mich mit der Flucht zu retten. Ich sah mich deswegen nach allen Seiten um. Vor mir war al- les Feuer, Rauch und Dampf; hinter mir noch viele nachkommende auf die Feinde loseilende Truppen, zur Rechten zwey Hauptarmeen in voller Schlacht- ordnung. Zur Linken endlich sah ich Weinberge, Buͤsche, Waͤldchen, nur hie und da einzelne Men- schen, Preussen , Panduren, Husaren, und von diesen mehr Todte und Verwundete als Lebende. Da, da, auf diese Seite, dacht’ ich; sonst ist’s pur lau- tere Unmoͤglichkeit! LVI. Das heißt — wo nicht mit Ehren gefoch- ten — doch gluͤcklich entronnen . I ch schlich also zuerst mit langsamem Marsch ein wenig auf diese linke Seite, die Reben durch. Noch eilten etliche Preussen bey mir vorbey: „Komm’, „komm’, Bruder“! sagten sie: „Viktoria„! Ich rispostirte kein Wort, that nur ein wenig blessiert, und gieng immer noch allgemach fort, freylich mit Furcht und Zittern. Sobald ich mich indessen so weit entfernt hatte, daß mich niemand mehr sehen mochte, verdoppelte, verdrey-vier-fuͤnf-sechsfachte ich meine Schrite, blickte rechts und links wie ein Jaͤger, sah noch von Weitem — zum letzten Mal in meinem Leben — morden und todtschlagen; strich dann in vollem Galopp ein Gehoͤlze vorbey, das voll todter Husaren, Panduren und Pferde lag; rannte Eines Rennens gerade dem Fluß nach herunter, und stand jetzt an einem Tobel. Jenseits desselben ka- men so eben auch etliche Kaiserliche Soldaten an- gestochen, die sich gleichfalls aus der Schlacht weg- gestohlen hatten, und schlugen, als sie mich so da- herlaufen sahen, zum drittenmal auf mich an, un- geachtet ich immer das Gewehr streckte, und ihnen mit dem Hut den gewohnten Wink gab. Doch brann- ten sie niemals los. Ich faßte also den Entschluß, gerad’ auf sie zuzulaufen. Haͤtt’ ich einen andern Weg genommen, wuͤrden sie, wie ich nachwerts er- fuhr, unfehlbar auf mich gefeuert haben. Ihr H * * *. dacht’ ich, haͤttet ihr euer Courage bey Lowositz gezeigt! Als ich nun zu ihnen kam, und mich als Deserteur angab, nahmen sie mir das Gewehr ab, unterm Versprechen, mir’s nachwerts schon wieder zuzustellen. Aber der, welcher sich dessen impatronirt hatte, ver- lor sich bald darauf, und nahm das Fuͤsil mit sich. Nun so sey’s! Alsdann fuͤhrten sie mich ins naͤchste Dorf, Scheniseck (es mochte eine starke Stunde unter Lowositz seyn). Hier war eine Fahrt uͤber das Wasser, aber ein einziger Kahn zum Trans- porte. Da gab’s ein Zettermordiogeschrey von Maͤn- nern, Weibern und Kindern. Jedes wollte zuerst in dem Teich seyn, aus Furcht vor den Preussen; denn alles glaubte sie schon auf der Haube zu ha- ben. Auch ich war keiner von den letzten, der mit- ten unter eine Schaar von Weibern hineinsprang. Wo nicht der Faͤhrmann etliche derselben hinausge- worfen, haͤtten wir alle ersaufen muͤssen. Jenseits des Flusses stand eine Panduren-Hauptwache. Mei- ne Begleiter fuͤhrten mich auf dieselbe zu, und diese rothen Schnurrbaͤrte begegneten mir auf’s manier- lichste; gaben mir, ungeachtet ich sie und sie mich kein Wort verstuhnden, noch Toback und Branntwein, und Geleit bis auf Leutmeritz , glaub’ ich, wo ich, un- ter lauter Stockboͤhmen uͤbernachtete, und freylich nicht wußte ob ich da mein Haupt sicher zur Ruhe legen konnte — aber — und dieß war das Beßte — von dem Tumult des Tags noch einen so vertau- melten Kopf hatte, daß dieser Kapitalpunkt mir am allermindesten betrug. Morgens darauf (2. Okt.) gieng ich mit einem Tansport ins Kaiserliche Hauptlager nach Budin ab. Hier traf ich bey 200. andrer Preußischer Deserteurs an, von denen so zu reden jeder seinen eigenen Weg, und sein Tempo in Ob- acht genommen hatte; neben andernauch unsern Bach- mann . Wie sprangen wir beyde hoch auf vor Entzuͤcken, uns so unerwartet wieder in Freyheit zu sehn! Da gieng’s an ein Erzaͤhlen und Jubilieren, als wenn wir schon zu Haus hinterm Ofen saͤssen. Einzig hieß es bisweilen: Ach! waͤre nur auch der Schaͤ- rer von Weil bey uns! Wo mag der doch geblie- ben seyn? Wir hatten die Erlaubniß, alles im La- ger zu besichtigen. Offiziers und Soldaten stuhnden dann bey Haufen nm uns her, denen wir mehr erzaͤhlen sollten, als uns bekannt war. Etliche in- dessen wußten Winds genug zu machen, und, ih- ren dießmaligen Wirthen zu schmeicheln, zur Ver- kleinerung der Preussen hundert Luͤgen auszuhe- cken. Da gab’s denn auch unter den Kaiserli- chen manchen Erzprahler; und der kleinste Zwerge ruͤhmte sich, wer weiß wie manchen langbeinigten Bran- denburger — auf seiner eignen Flucht in die Flucht geschlagen zu haben. Drauf fuͤhrte man uns zu et- wa 50. Mann Gefangener von der Preussischen Cavallerie; ein erbaͤrmlich Specktackel! Da war kaum einer von Wunden oder Beulen laͤr ausgegangen; etliche uͤber’s ganze Gesicht heruntergehauen, andre ins Genick, andre uͤber die Ohren, uͤber die Schul- tern, die Schenkel u. s. f. Da war alles ein Aech- zen und Wehklagen! Wie priesen uns diese armen Wichte selig, einem aͤhnlichen Schicksal so gluͤcklich en- tronnen zu seyn; und wie dankten wir selber Gott dafuͤr! Wir mußten im Lager uͤbernachten, und bekamen jeder seinen Duckaten Reisgeld. Dann schickte man uns mit einem Cavallerietransport, es waren unser an die 200., auf ein Boͤhmisches Dorf, wo wir, nach einem kurzen Schlummer, folgenden Tags auf Prag abgiengen. Dort vertheilten wir uns, und bekamen Paͤsse, je zu 6. 10. bis 12. hoch welche einen Weg giengen; denn wir waren ein wunder- seltsames Gemengsel von Schweitzern, Schwa- ben, Saxen, Bayern, Tyrolern, Welschen, Franzosen, Polacken und Tuͤrken . Einen solchen Paß bekamen unser 6. zusammen bis Regenspurg . In Prag selber war indessen ebenfalls ein Zittern und Beben vor den Preussen , ohne seinesgleichen. Man hatte dort den Ausgang der Schlacht bey Lo- wositz bereits vernommen, und glaubte nun den Sieger schon vor den Thoreu zu sehn. Auch da stuhn- den ganze Truppen Soldaten und Buͤrger um uns her, denen wir sagen sollten, was der Preuß’ im Sinn habe? Einige von uns troͤsteten diese neugie- rigen Haasen; andre hingegen hatten noch ihre Freu- de daran, sie dapfer zu schrecken, und sagten ihnen; Der Feind werde spaͤthstens in vier Tagen anlangen, und sey ergrimmt wie der Teufel. Dann schlugen viele die Haͤnd’ uͤberm Kopf zusammen; Weiber und Kinder waͤlzten sich gar heulend im Koth herum. LVII. Heim! Heim! Nichts als Heim! D en 5. Okt. traten wir nun unsre wirkliche Heim- reise an. Es war schon Abends, als wir von Prag ausmarschierten. Es gieng bald uͤber eine Anhoͤhe, von welcher wir eine unvergleichliche Aussicht uͤber das ganze schoͤne koͤnigliche Prag hatten. Die liebe Sonne verguͤldete seine mit Blech bedeckten zahllo- sen Thurmspitzen zum Entzuͤcken. Wir stuhnden eine Weile dort still, unter allerhand Gespraͤchen und mannigfaltigen Empfindungen dieses herrlichen Anblicks zu geniessen. Einige bedauerten den praͤch- tigen Ort, wenn er sollte bombardirt werden; an- dre haͤtten moͤgen dabey seyn, wenigstens waͤhren- dem Pluͤndern. Ich konnte mich kaum satt sehn; sonst aber war mein einziges Sehnen wieder nach Haus, zu deu Meinigen, zum Anneli. Wir kamen noch bis auf Schibrack ; den 6. bis Pilsen . Dort hatte der Wirth eine Tochter, das schoͤnste Maͤdchen, das ich in meinem Leben gesehn. Mein Herr Bach- mann wollte mit ihr huͤbsch thun, und fast einzig ihr zu lieb hielten wir da Rasttag. Aber der Wirth verdeutete ihm: Sein Kind sey keine Berlinerin ! Den Den 8. bis 12. gieng’s uͤber Stab, Lensch, Kätz, Kien u. s. f. auf Regenspurg , wo wir zum zwey- tenmal rasteten. Bisher hatten wir nur kurze Tag- reisen von zwey bis drey Meilen gemacht, aber de- sto laͤngere Zechen. Mein Dukaten Reisgeld war schon duͤnn wie ein Laub worden, sonst hatt’ ich kei- nen Heller in der Fiecke, und ward also genoͤthigt auf den Doͤrfern zu fechten. Da bekam ich oft bey- de Taschen voll Brodt, aber nie keinen Heller baar. Bachmann hingegen hatte noch von seinem Hand- geld uͤbrig, gieng in die Schenke, und ließ sich’s wohl schmecken; nur etwa zu vornehmen Haͤusern, Pfarrhoͤfen und Kloͤstern, kam er auch mit. Da mußten wir oft halbe Stunden dastehn, und den Herren alle Hergangenheit erzaͤhlen; deß wurde be- sonders Bachmann meist uͤberdruͤßig, sonderlich wo denn fuͤr die Geschichte einer ganzen Schlacht, deren er nicht beygewohnt, nur ein Paar Pfenninge flogen. Er gab immer fuͤr, daß er bey Lowositz auch da- bey gewesen, und ich mußt’ ihm diese Luͤge noch frisiren helfen; dafuͤr haͤtt’ er mir die ganze Reis’ uͤber nur keinen Krug Bier bezahlt. In den Kloͤ- stern indessen gab’s Suppen, oft auch Fleisch. Zu Regenspurg , oder vielmehr im Bayerschen Hof vertheilten wir uns wieder. Bachmann und ich erhielten dort einen Paß nach der Schweitz . Die andern, ein Bayer , zween Schwaben und ein Franzose , von denen ich nichts weiter zu sagen weiß, als daß sie alle viere ruͤstige Kerls, und uns Toͤlpeln weit uͤberlegen waren, nahmen jeder auch L seine Strasse. Die unsrige gieng den 14. bis 24. Okt. der kleinern Orte nicht zu gedenken, uͤber In- golstadt, Donauwerth, Dillingen, Bur- heim, Wangen, Hohentwiel, Bregenz, Rhei- neck, Roschach (40 Meilen). Oberhalb Rhei- neck begegnete mir bald ein trauriger Spaß. Bis- her waren wir unter lauter muntern Gespraͤchen uͤber unsre gluͤckliche Flucht, uͤber unsre aͤltern und neuern Schicksale und unsre Aussichten vor die Zu- kunft, ganz bruͤderlich gereist. Bachmann , dem, von vorigen Zeiten her, fast alle Tag Huͤnd’ und Hasen wieder in den Sinn stiegen, hatte sich, so- bald wir von Prag weg waren, eine Jagdflinte ge- kauft, die er nun mit sich trug. Ich war seiner ewigen Discurse von Hetzen und Treiben schon laͤngst muͤde geworden, als wir, wie gesagt, oberhalb Rhei- neck in den Weinbergen Hunde jagen hoͤrten. Hier machte mein Urian vor Entzuͤcken ordentliche Purzel- spruͤnge, und behauptete, es waͤren, beym Himmel! seine alten Bekannten; er kenne sie noch am Bellen! Ich lachte ihn aus. Hieruͤber ward er boͤse, befahl mir still- zustehn, und der schoͤnen Musick zuzuhorchen. Jetzt spottete ich vollends seiner, und stampfte mit den Fuͤssen. Das haͤtt’ ich freylich sollen bleiben lassen. Er war rasend, stand ganz schaͤumend mit aufgehab- ner Flinte vor mich hin, und setzte sie mir zaͤhn- knirschend vor den Kopf, als wenn er mich den Au- genblick toͤdten wollte. Ich erschrack; Er war bewaf- net, ich nicht; und auch dieß und seine Wuth unge- rechnet, glaub’ ich kaum, daß ich dem ohnehin ver- zweifelt wilden, handfesten Kerl, der beynahe zwey Zoll hoͤher als ich war, haͤtte gewachsen seyn koͤn- nen. Doch, ich weiß nicht ob aus Muth oder Furcht, stand ich ihm bockstill, und guckte indessen auf alle Seite herum, ob ich niemand zu Huͤlf rufen konnte? Aber — es war an einem einsamen Ort, auf einer Allmend — ich sah’ kein Maͤusgen. „Sey „kein Narr„! sagt’ ich zu ihm: Wirst wohl auch „Spaß verstehn„. Damit legte sich seine Wuth schon um ein ziemliches. Wir giengen stillschweigend weiters, und ich war froh als wir so unvermerkt ins Staͤdtgen Rheineck traten. Jetzt flattirte er mich wieder, eines Thalers wegen, den ich auf dem Weg von ihm geborgt hatte; und ich dachte oft, dieß Lumpenstuͤck Geld hab’ mir das Leben gerettet. Aber von diesem Augenblick an schwand auch alles Ver- trauen unter uns. Doch hab’ ich mich nie gero- chen, obgleich’s der Anlaͤssen viele gab; und mein Vater zahlte ihm den Thaler willig, als er wenig Tage nach meiner Heimkunft in unser Haus kam. Wir kamen noch bis Roschach , und des folgenden Tags (25. Okt.) auf Herisau; denn mein Herr Bachmann mochte nicht eilen, und ich merkte wohl, daß er sich nicht recht nach Haus getraute, bis er sich erkundigt haͤtte, wie, seiner vorigen Fre- vel wegen, der Wind blies. LVIII. O des geliebten suͤssen Vaterlands! L aͤnger konnt’ ich dem Burschen nicht abpassen; denn so nahe bey meiner Heimath, brannt’ ich vor Begierde, dieselbe voͤllig zu erreichen. Also den 26. Okt. Morgens fruͤh’ nahm ich den Weg zum letzten- mal unter die Fuͤsse, rannte wie ein Reh uͤber Stock und Stein’, und die lebhafte Vorstellung des Wie- dersehns von Eltern, Geschwisterten, und meinem Liebchen, gieng mir einstweilig fuͤr Essen und Trin- ken. Als ich nun dergestalt meinem geliebten Watt- weil immer naͤher und naͤher, und endlich auf die schoͤne Anhoͤhe kam, von welcher ich seinen Kirchthurm ganz nahe unter mir erblickte, bewegte sich alles in mir, und grosse Thraͤnen rollten haufenweis uͤber meine Wangen herab. O du erwuͤnschter, gesegneter Ort! so hab’ ich dich wieder, und niemand wird mich weiter von dir nehmen, dacht’ ich so ihm Herunter- trollen wohl hundertmal; und dankte dabey immer Gottes Vorsehung, die mich aus so vielen Gefah- ren, wo nicht wunderbar doch hoͤchstguͤtig gerettet hat. Auf der Bruͤcke zu Wattweil , redte mich ein alter Bekanter, Gaͤmperle , an, der vor mei- nem Weggehn um meine Liebesgeschichte gewußt hatte; und dessen erstes Wort war: „Je gelt! dei- „ne Anne ist auch verplempert; dein Vetter Mi- „chel war so gluͤckselig, und sie hat schon ein Kind„. — Das fuhr mir ja durch Mark und Bein; indessen ließ ich’s den argen Ungluͤcksboten nicht merken: „Eh’ „nun„ sagt’ ich, „hin ist hin„! Und in der That, zu meinem groͤßten Erstaunen faßt’ ich mich sehr bald, und dachte wirklich: „Nun freylich, das haͤtt’ ich nicht „hinter ihr gesucht! Aber, wenn’s so seyn muß, so „sey’s, und hab’ sie eben ihren Michel „! Dann eilt’ ich unserm Wohnort zu. Es war ein schoͤner Herbstabend. Als ich in die Stube trat, (Vater und Mutter waren nicht zu Hause) merkt’ ich bald, daß auch nicht eines von meinen Geschwisterten mich erkannte, und sie uͤber dem ungewohnten Speckta- ckel eines Preußischen Soldaten nicht wenig er- schracken, der so in seiner vollen Montirung, den Dornister auf dem Ruͤcken, mit ’runter gelaßnem Zottenhut und einem tuͤchtigen Schnurrbart sie an- redte. Die Kleinern zitterten; der groͤßte griff nach einer Heugabel, und — lief davon. Hinwieder wollt’ auch ich mich nicht zu erkennen geben, bis meine Eltern da waͤren. Endlich kam die Mutter. Ich sprach sie um Nachtherberg an. Sie hatte viele Be- denklichkeiten; der Mann sey nicht da, u. d. gl. Laͤn- ger konnt’ ich mich nicht halten, ergriff ihre Hand, und sagte: „Mutter, Mutter! kennst mich nicht „mehr„? O da gieng’s zuerst an ein lermendes, von Zeit zu Zeit mit Thraͤnen vermengtes Freuden- geschrey von Kleinen und Grossen, dann an ein Be- willkommen, Betasten und Begucken, Fragen und Antworten, daß es eine Tausendslust war. Jedes sagte, was es gethan und gerathen, um mich wieder bey ihnen zu haben. So wollte z. E. meine aͤlteste Schwester ihr Sonntagskleid verkaufen, und mich daraus heimholen lassen. Mittlerweile langte auch der Vater an, den man ziemlich aus der Ferne ru- fen mußte. Dem guten Mann rannten auch Trop- fen die Backen herunter: „Ach! Willkomm, will- „komm, mein Sohn! Gottlob, daß du gesund da „bist, und ich einmal alle meine Zehne wieder bey- „sammen habe. Obschon wir arm sind, giebt’s doch „alleweil Arbeit und Brodt„. Jetzt brannte mein Herz lichterloh, und fuͤhlte tief die selige Wonne, so viele Menschen auf einmal — und zwar die Meini- gen — zu erfreuen. Dann erzaͤhlt’ ich ihnen noch den- selben, und etlich folgende Abende haarklein meine ganze Geschichte. Da war’s mir wieder so unge- wohnt herzlich wohl! Nach ein Paar Tagen kam Bachmann , holte wie gesagt seinen Thaler, und bestaͤthigte alle meine Aussagen. Sonntags fruͤhe putzt’ ich meine Montur, wie in Berlin zur Kir- chenparade. Alle Bekannten bewillkommten mich; die andern gafften mich an wie einen Tuͤrken. Auch — nicht mehr meine, sondern Vetter Michels Anne that es, und zwar ziemlich frech, ohne zu erroͤ- then. Ich hinwieder dankte ihr hohnlaͤchelnd und trocken. Dennoch besucht’ ich sie eine Weile hernach, als sie mir sagen ließ, sie wuͤnschte allein mit mir zu reden. Da machte sie freylich allerley kahle Ent- schuldigungen: Z. E. Sie hab’ mich auf immer verloren geglaubt, der Michel hab’ sie uͤbertoͤlpelt, u. d. gl. Dann wollte sie gar meine Kupplerinn ab- geben. Aber ich bedankte mich schoͤnstens, und gieng. LIX. Und nun, was anfangen . G raben mag ich nicht; doch schäm’ ich mich zu betteln . — Nein! vor mein Brodt war ich nie besorgt, und itzt am allerwenigsten. Denn, dacht’ ich: Nun bist du wieder an deines Vaters Kost; und arbeiten willst du nun auch wieder lernen. Doch merkt’ ich, daß mein Vater meinetwegen ein Bißchen ver- legen war, und vielleicht obige Textesworte auf mich anwandte, obschon er nichts davon sagte. In der That war mir auch die schwarze und gefaͤhrliche Kunst eines Pulvermachers hoͤchst zuwider; denn der- gleichen Spezerey hatt’ ich nun genug gerochen. Itzt sollt’ ich auch wieder Kleider haben, und der gute Aeti strengte alles an, mir solche zu verschaffen. Den Winter uͤber konnt’ ich Holz zuͤgeln, und Baumwollen kaͤmmen. Allein im Fruͤhjahr 1757 . beorderte mich mein Vater zum Salpetersieden; da gab’s schmutzige und zum Theil auch strenge Arbeit. Doch blieb mir immer so viel Zeit uͤbrig, meinen Geist wieder in die weite Welt fliegen zu lassen. Da dacht ich dann: „Warst doch als Soldat nicht so „ein Schweinskerl, und hattest bey aller deiner Angst „und Noth manch lustiges Taͤgel„! Ha! wie ver- aͤnderlich ist das Herz des Menschen. Denn itzt gieng ich wirklich manche Stunde mit mir zu Rath, ob ich nicht aufs neue den Weg unter die Fuͤsse neh- men wollte; stuhnden doch Frankreich, Holland, Piemont , die ganze Welt — ausser Brandenburg , vor mir offen. Mittlerweile wurde mir ein Herrn- dienst im Johanniterhaus Bubickheim, Zuͤrcher- Gebiets, angetragen. Ich gieng zwar hin mich zu erkundigen. Allein, ich gefiel, oder, was weiß ich, man gefiel mir nicht; und so blieb ich wieder bey meinem Salpeter, war ein armer Tropf, hatte kein Geld, und mochte gleichwohl auch gern mit andern Burschen laichen. Mein Vater gab mir zwar bis- weilen, wenn ein Trinktag, oder andrer Ehrenan- laß einfiel, etliche Batzen in den Sack; allein die waren bald uͤber die Hand geblasen. Der ehrliche Krentztrager hatte eben sonst immer mehr auszugeben als einzunehmen, und Kummer und Sorgen mach- ten ihn lange vor der Zeit grau. Denn, die Wahr- heit zu sagen: Keins von allen seinen zehn Kindern wollten ihm recht ans Rad stehn. Jedes sah vor sich, und doch mochte keines was vor sich bringen. Die einten waren zu jung. Von den zwey Bruͤdern, die naͤchst auf mich folgten, gab sich der aͤltere mit Baumwollen-Kaͤmmen ab, und zahlte dem Aeti das Tischgeld; der andere half ihm zwar in der Pulvermuͤhle: Ueberhaupt aber ließ der liebe Mann jedes, so zu sagen, machen was es wollte, ertheilte uns viel guter Lehren und Ermahnungen, und las uns aus gottseligen Buͤchern allerley vor; aber da- bey ließ er’s dann bewenden, und brauchte kurz kei- nen Ernst. Die Mutter mit den Toͤchtern machte es eben so, und war gar zu gut; so gerade davon, was ’s giebt, so giebt’s. O! wie wenig Eltern ver- stehen die rechte Erziehungskunst — und wie unbe- sonnen ist die Jugend! Wie spaͤth koͤmmt der Ver- stand! Bey mir sollte er damals schon laͤngst gekom- men, und ich meines Vaters beßte Stuͤtze gewor- den seyn. Ja! wenn das sinnliche Vergnuͤgen nicht so anziehend waͤre. An guten Vorsaͤtzen fehlte es nie. Aber da hieß es: Zwar billig’ ich nicht mehr das Boͤse das ich thue — Doch thu’ ich nicht das Gute das ich will . Und so stolpert’ ich immer meinem wahren Gluͤck vorbey. LX. Heurathsgedanken. ( 1758 .) S chon im vorigen Jahr gerieth ich bey meinem Her- umpatrouilliren hie und da an eine sogenannte Schoͤ- ne; und es gab deren nicht wenig die mir herzlich gut waren, aber meist ohne Vermoͤgen. Ich nichts, Sie nichts, dacht’ ich dann, ist doch auch zu wenig; denn so unbedachtsam war ich doch nicht mehr, wie im zwanzigsten. Auch sprach der Vater immer zu uns: „Buben! seyt doch nicht so wohlfeil. Seht „Euch wohl fuͤr. Ich will’s Euch zwar nicht weh- „ren; aber werft den Bengel nur ein Bißlin hoch, „er faͤllt schon von selbst wieder tief; in diesem Punkt „darf sich einer alleweil was rechtes einbilden„. Nun, das war schoͤn und gut; aber es muß einer denn doch durch wo’s ihm geschaufelt ist. Gleichwohl dacht’ ich etwas zu erhaschen, und glaubte mich ei- gentlich zum Ehestand bestimmt, sonst waͤr’ ich um diese Zeit sicher in die weite Welt gegangen. In- zwischen war, aller meiner obenbelobten Bedaͤchtlich- keit ungeachtet, der Geitz wirklich nicht meine Sache. Ein Maͤdchen, ganz nach meinem Herzen, haͤtt’ ich nackend genommen. Aber da leuchtete mir eben keine vollkommen recht ein, wie weiland mein Aennchen . Mit einem gewissen Lisgen von R. war ich ein Paar- mal auf dem Sprung. Erst machte das Ding Be- denklichkeiten; nachwerts bot es sich selber an. Aber meine Neigung zu ihr war zu schwach; und doch glaub’ ich nicht, daß ich ungluͤcklich mit ihr gefahren waͤre. Aber zu stockig, ist zu stockig. Bald darauf kam ich fast ohne mein Wissen und Willen mit der Tochter einer catholischen Wittwe in einen Handel, welcher ziemliches Aufsehen machte, obschon ich nur ein Paarmal mit ihr spaziren gegangen, ein Glas Wein mit ihr getrunken, u. d. gl. alles ohne son- derliche Absicht, und vornehmlich ohne sonderliche Liebe. Aber da blies man meinem Vater ein, ich wolle catholisch, und Marianchens Mutter, sie wolle reformirt werden; und doch hatte keins von uns nur nicht an den Glauben, geschweige an eine Aenderung desselben gedacht. Das arme Ding kam wirklich daruͤber in eine Art geheimer Inquisition von Geist- und Weltlichen; erzaͤhlte mir dann alles haarklein, und ihr ward himmelangst. Ich hingegen lachte im Herzen des dummen Lerms; um so viel mehr da mein Vater solider zu Werk gieng, mich zwar freundernstlich examinierte, aber mir dann auch auf mein Wort glaubte, da ich ihm sagte, daß ich so steif und fest auf meinem Bekenntniß leben und sterben wollte als Lutherus , oder unsre Landskraft, Zwinglin . Inzwischen wurde die Sache doch auf Marianchens Seite ernsthafter als ich glaubte. Das gute Kind ward so vernarrt in mich wie ein Kaͤtzgen, und befeuchtete mich oft mit seinen Thraͤ- nen. Ich glaube, daß Naͤrrchen waͤr’ mit mir ans End der Welt gelaufen; und wenn ihm schon sein muͤtterlicher Glaube sehr ans Herz gewachsen war, meint’ ich doch fast, ich haͤtt’ in der Waagschal’ uͤber- wogen. Auch setzte mir itzt das Mitleid fast mehr zu, als je zuvor die Liebe. Und doch mußt’ ich, wenn ich alles und alles uͤberdachte, durchaus all- maͤhlich abbrechen; und that es wirklich. Hier falle eine mitleidige Thraͤne auf das Grab dieses armen Toͤchtergens! Es zehrte sich nach und nach ab, und starb nach wenig Monathen im Fruͤhling seines zar- ten Lebens. Gott verzeihe mir meine grosse schwere Suͤnde, wenn ich je an diesem Tod einige Schuld trug. Und wie sollt’ ich mir dieß verbergen wollen? LXI. Itzt wird’s wohl Ernst gelten. I ndem ich so hin und wieder meinen Salpeter brann- te, sah’ ich eines Tags ein Maͤdchen so mit einem Amazonengesicht vorbeygehn, das mir als einem al- ten Preussen nicht uͤbel gefiel, und das ich bald nachher auch in der Kirche bemerkte. Dieser fragte ich erst nur ganz verstohlen nach; und was ich von ihr vernahm, behagte mir ziemlich; Einen Kapital- punkt ausgenommen, daß es hieß, sie sey verzweifelt boͤse — doch im bessern Sinn; und dann glaubten einiche, sie habe schon einen Liebhaber. Nun, mit alle dem, dacht’ ich: ’s muß doch einmal gewagt seyn! Ich sucht’ ihr also naͤher zu kommen, und mit ihr bekannt zu werden. Zu dem End kauft’ ich im Eggberg , wo meine Dulcinee daheim war, et- was Salpetererde, und zugleich ihres Vaters Ga- den — ihr zu lieb viel zu theuer; denn es war fast verloren Geld; und schon bey diesem Handel merkt’ ich, daß sie gern den Herr und Meister spiele; aber der Verstand, womit sie’s that, war wir denn doch nicht zuwider. Nun hatt’ ich alle Tag’ Gelegenheit, sie zu sehen; doch ließ ich ihr lange meine Absichten unentdeckt, und dachte: Du mußt sie erst recht aus- studieren. Die Boͤse, wovon man mir so viel We- sens gemacht, konnt’ ich eben nicht an ihr finden. Aber der Henker hol’ ein lediges Maͤdchen aus! Meine Besuche wurden indessen immer haͤufiger. Endlich laͤrt ich den Kram aus, und gewahrte bald, daß ihr mein Antrag nicht unerwartet fiel. Dennoch hatte sie viele Bedenken, und ihr Ziel gieng offenbar da- hin, mich auf eine lange Probe zu setzen. Setz’ du nur! dacht’ ich, wanderte unterdessen mit meinem Salpeterplunder von einem Ort zum andern, und machte noch mit verschiedenen andern Maͤdchen Be- kanntschaft, welche mir, die Wahrheit zu gestehen, vielleicht besser gefielen, von denen aber denn doch keine so gut fuͤr mich zu taugen schien als sie — be- griff’ aber endlich, oder vielmehr gab mir’s mein guter Genius ein, daß ich nicht bloß meiner Sinn- lichkeit folgen sollte. Inzwischen setzte es itzt schon bald allemal, wenn ich meine Schoͤne sah, irgend einen Strauß oder Wortwechsel ab, aus denen ich leicht wahrnehmen konnte, daß unsre Seelen eben nicht gleichgestimmt waren; aber selbst diese Dishar- monie war mir nicht zuwider, und ich bestaͤrkte mich immer mehr in einer gewissen Ueberzeugung: Diese Person wird dein Nutzen seyn — wie die Arzt- ney dem Kranken. Einst ließ sie sich gegen mir heraus, daß ihr meine dreckeligte Handthierung mit dem Salpetersieden gar nicht gefalle; und mir war’s selber so. Sie rieth mir darum, ein kleines Haͤn- delchen mit Baumwollengarn anzufangen, wie’s ihr Schwager W. gethan, dem’s auch nicht uͤbel ge- lungen. Das leuchtete mir so ziemlich ein. Aber, wo s Geld hernehmen? war meine erste und lezte Frage. Sie bot mir wohl etwas an; aber das kleckte nicht. Nun gieng’ ich mit meinem Vater zu Rath; der hatte ebenfalls nichts dawider, und verschafte mir 100. fl. die er noch von der Mutter zu bezie- hen hatte. Um diese Zeit hatt’ ich eine gefaͤhrliche Krankheit, da mir naͤmlich ein solches Geschwuͤr tief im Schlund wuchs, das mich beynahe das Leben gekostet haͤtte. Endlich schnitten’s mir die Herren Doktors Mettler Vater und Sohn, mit einem krummen Instrumente so gluͤcklich auf, daß ich gleichsam in einem Nu wie- der schlucken und reden konnte. 1759 . Im Merz des folgenden Jahrs fieng ich nun wirk- lich an, Baumwollengarn zu kaufen. Damals mußt’ ich noch den Spinnern auf ihr Wort glauben, und also den Lehrbletz theuer genug bezahlen. Indessen gieng ich den 5. Aprill das erstemal mit meinem Garn auf St. Gallen , und konnt’ es so mit ziem- lichem Nutzen absetzen. Dann schafte ich mir von Herrn Heinrich Hartmann 76. Pfund Baumwol- len, das Pfund zu 2. fl. an, ward nun in aller Form ein Garnjuwelier, und bildete mir schon mehr ein, als der Pfifferling werth war. Ungefehr ein Jahr lang trieb ich nebenbey noch mein Salpeter- sieden fort; und da meine Baarschaft eben gering war, mußt’ ich sie um so viel oͤftrer umzusetzen su- chen, wanderte deswegen einmal uͤbers andere auf St. Gallen , und befand mich dabey nicht uͤbel: Doch betrug mein Vorschlag in diesem Jahr nicht uͤber 12. fl. Aber das deuchte mir damals schon ein Grosses. LXII. Wohnungsplane. 1760 . A ls ich nun so den Handelsherr spielte, dacht’ ich: Liebchen sollte nun keine Einwendung mehr gegen meine Antraͤge machen koͤnnen. Aber, weit gefehlt! Das verschmitzte Geschoͤpf wollte meine Ergebenheit noch auf andre Weise probiren. Nun, was ohnehin in meinen eigenen Planen stuhnd, mochte schon hingehn. Als ich ihr daher eines Tags mit grossem Ernst vom Heurathen redete, hieß es: Aber wo hausen und hofen? Ich schlug ihr verschiedene Wohnungen vor, die damals eben zu vermiethen stuhnden: „Das „will ich nicht„, sagte sie; „in meinem Leben nehm’ „ich keinen, der nicht sein eigen Haus hat„! „Ganz „recht„! erwiedert’ ich — Aber haͤtt’s nicht auch in meinem Kopf gelegen, ich wollt’s probiert haben. Von der Zeit an also fragt’ ich jedem feilgebotenen Haͤusgen nach; aber es wollte sich nirgends fuͤgen. Endlich entschloß ich mich, selber eins zu bauen, und sagte es meiner Schoͤnen. Sie war’s zufrieden, und bot mir wieder Geld dazu an. Dann eroͤffnete ich meine Absicht auch meinem Vater; der versprach ebenfalls, mir mit Rath und That beyzustehn, wie er’s denn auch redlich hielt. Nun erst sah’ ich mich nach einem Platz um, und kaufte einen Boden um ungefehr 100. Thaler; dann hie und da Holz. Ei- niche Taͤnuchen bekam ich zum Geschenke. Nun bot’ ich allen meinen Kraͤften auf, faͤllte das Holz, das meist in einem Bachtobel stuhnd, und zuͤgelte es (der gute Aeti half mir wacker) nach der Saͤge; dann auf den Zimmerplatz. Aber Sagen und Zim- mern kostete Geld. Alle Tag’ mußt ich dem Seckel die Riemen ziehn, und das war dann doch nur der Schmerzen ein Anfang. Doch bisher gieng alles noch gut von statten; der Garnhandel ersetzte die Luͤcken. Meiner Dulcinee rapportirt’ ich alles fleis- sig, und sie trug an meinem Thun und Lassen meist ein gnaͤdiges Belieben. Den Sommer, Herbst und Winter durch macht’ ich alle noͤthige Zubereitungen mit Holz, Stein, Kalk, Ziegel und s. f. um im koͤnftigen Fruͤhjahr mit meinem Bau zeitig genug anfangen, und je eher je lieber mit meiner jungen Hausehre einziehen zu koͤn- nen. Nebst meinem kleinen Handel pfuscht’ ich, zumal im Winter, allerley Mobilien, Werkgeschirr, u. d. gl. Denn ich dachte, in ein Haus wuͤrde auch Hausrath gehoͤren; von meiner Liebste werd’ ich nicht viel zu erwarten haben, und von meinem Vater, dem ich itzt ein, freylich geringes, Kostgeld bezahlen mußte, noch minder. Ueberhaupt war also wohl nichts un- uͤberlegter, als dergestalt, blos einem Weibsbild, und — ich will es gern gestehen — dann auch mei- ner Eitelkeit zu lieb, um eine eigene Hofstaͤtte zu haben, mich in ein Labyrinth zu vertiefen, aus wel- chen nur Gott und Gluͤck mich wieder herausfuͤhren konnten. Auch laͤchelten mich ein Paar meiner Nach- barn immer schalkhaft an, so oft ich nur bey ihnen vor- voruͤbergieng. Andre waren offenherziger, und sag- ten mir’s rund ins Gesicht: „ Ulrich, Ulrich ! „du wirst’s schwerlich aushalten koͤnnen.„ Einige indessen hatten vollends die Gutheit, mir nach dem Maaß ihrer Kraͤfte, bloß auf mein und des Aetis Ehrenwort, thaͤtlich unter die Arme zu greifen. Uebrigens war dieß Tausend Siebenhundert und Sechzig ein vom Himmel ausserordentlich gesegnetes rechtes Wunderjahr, durch ein seltenes Gedeihen der Erdfruͤchte, und namhaften Verdienst, bey aͤusserst geringem Preiß aller Arten von Lebensmitteln. Ein Pfund Brodt galt 10. Pf. ein Pfund Butter 10. Kr. Das Viertel Apfel, Birn und Erdaͤpfel konnt’ ich beym Haus um 12. Kr. haben, die Maaß Wein um 6. Kr. und die Maaß Branz um 7. Bz. Alles, Reich und Arm, hatte vollauf. Mit meinem Bauel- gewerb waͤr’s mir um diese Zeit gewiß recht gut ge- gangen, wenn ich ihn nur besser verstanden, und mehr Geld und Zeit darein zu setzen gehabt haͤtte. — So floß mir dieses Jahr ziemlich schnell dahin. Mit meiner Schoͤnen gab’s wohl manchmal ein Zerwuͤrf- niß, wenn sie etwa meine Lebensart tadelte, mir Verhaltungsbefehle vorschreiben wollte, und ich mich dann — wie noch heut zu Tag — rebellisch stellte; aber der Faden war allemal bald wieder angespon- nen — und bald wieder zerbrochen. Kurz wir waren schon dazumal bald miteinander zufrieden, bald un- zufrieden — wie itzt. M LXIII. Das allerwichtigste Jahr. (1761.) N achdem ich nun, wie gesagt, den Winter uͤber alle nur moͤgliche Anstalten zu meinem Bauen ge- macht, das Holz auf den Platz geschleift, und der Fruͤhling nun herbeyruͤckte, langten auch meine Zim- merleuthe an, auf den Tag, wie sie mir’s verspro- chen hatten. Es waren, ausser meinem Bruder Ge- org , den ich ebenfalls dazu gedinget, und darum mei- nem Vater itzt fuͤr ihn das Kostgeld entrichten muß- te, 7. Mann, deren jedem ich alle Tag vor Speis und Lohn 7. Bz. dem Meister aber, Hans Joͤrg Brunner von Krynau , 9. Bz. bezahlte; und daruͤber hinaus taͤglich ein halbe Maaß Branz, Sell- Beschluß- und Firstwein noch aparte. Es war den 27. Merz, da die Selle zu meiner Huͤtte gelegt wurde, bey sehr schoͤnem Wetter, das auch bis Mitte Aprills dauerte, da die Arbeit durch eingefallnen gros- sen Schnee einige Tage unterbrochen ward. Indes- sen kam doch, Mitte May, also in circa 7. Wo- chen, alles unter Tach. Noch vorher aber, End Aprills, spielte mir das Schicksal etliche so fatale Streiche, die mir, so undedachtsam ich sonst alles dem Himmel anheimstellen wollte — der doch nir- gends fuͤr den Leichtsinn zu sorgen versprochen hat, beynahe allen meinen Muth zu Boden warf. Es hatten sich naͤmlich drey oder vier Unsterne mit ein- ander vereinigt, meinen Bau zu hintertreiben. Der einte war, daß ich noch viel zu wenig Holz hatte, ungeachtet Mstr. Brunner mir gesagt, es sey genug, und es erst itzt einsah, als er an die oberste oder Firstkammer kam. Also mußt’ ich von neuem in den Wald, Baͤum’ kaufen, faͤllen, und sie in die Saͤge und auf den Zimmerplatz fuͤhren. Der zweyte Unstern war, daß, als bey dem ebengedachten Ge- schaͤfte mein Fuhrmann mit einem schweren Stuͤck zwischen zwey Felsen durch, und ich nebenein galop- viren wollte, mir der Baum im Renken den rech- ten Fuß erwischte, Schuh’ und Struͤmpf’ zerriß, und mir Haut, Fleisch und Bein zerquetschte, so daß ich ziemlich miserabel auf dem einten Roß heimrei- ten, und unter grossem Schmerzen viele Tag’ inlie- gen mußte, bis ich nun wieder zu meinen Leuten hinken konnte. Nebendem vereinigten sich, waͤhrend dieser meiner Niederlage noch zwey andre Fatalitaͤten mit den erstern. Die einte: Einer meiner Lands- maͤnner, dem ich 120. fl. schuldig war, schickte mir ganz unversehns den Boten, daß er zur Stund wolle bezahlt seyn. Ich kannte meinen Mann, und wußte, daß da Bitten und Beten umsonst sey. Also dacht ich hin und her, was denn sonst anzu- fangen waͤre. Endlich entschloß ich mich, meinen Vorath an Garn aus allen Winkeln zusammenzule- sen, nach St. Gallen zu schicken, und fast um je- den Preiß loszuschlagen, Aber, o Weh! das vierte Ungeheuer! Mein Abgesandter kam statt mit Baar- schaft, mit der entsetzlichen Nachricht, mein Garn liege im Arrest wegen allzukurzen Haͤspeln; ich muͤsse selber auf St. Gallen gehn, und mich vor den Herren Zunftmeistern stellen. Was sollt’ ich nun anfangen? Itzt hatt’ ich weder Garn noch Geld; so zu sagen keinen Schilling mehr meine Arbeiter zu bezahlen, die indessen drauf loszimmerten, als ob sie Salomonis Tempel bauen muͤßten. Und dann mein unerbittlicher Glaͤubiger! Aufs neue zu Borgen? Gut! Aber wer wird mir armen Bubentrau- en? — Mein Vater sah meine Angst — und mein Vater im Himmel sah sie noch besser. Sonst fanden der Aeti und ich noch immer Credit. Aber sollten wir den mißbrauchen? — Ach! — Kurz er rannte in sei- nem und meinen Namen, und fand endlich Men- schen die sich unser erbarmten — Menschen und kei- ne Wuchrer! Gott Vergelt’ es ihnen in Ewigkeit! Sobald ich wieder aushoppen, und meinen Sachen nachgehen konnte, war meine Noth — vielleicht nur zu bald vergessen. Mein Schatz besuchte mich waͤh- rend meiner Krankheit oft. Aber von allen jenen Unsternen ließ ich ihr nur keinen Schein sehn; und mein guter Engel verhuͤtete, daß sie auch nichts da- von erfuhr; denn ich merkte wohl, daß sie, noch un- schluͤßig, nur mein Verhalten, und den Ausgang vieler ungewisser Dinge erwarten wollte. Unser Um- gang war daher nie recht vertraut. — Zu St. Gal- len kam ich mit 15. fl. Buß davon. — Als die Zim- merleuth’ fertig waren, giengs ans Mauern. Dann kam der Hafner, Glaser, Schlosser, Schreiner, ei- ner nach dem andern. Dem letzten zumal half ich aus allen Kraͤften, so daß ich dieß Handwerk so ziem- lich gelernt, und mir mit meiner Selbstarbeit man- chen huͤbschen Schilling erspart. Mit meinem Fuß war’s indessen noch lange nicht recht, und ich mußte bey Jahren daran bayern; sonst waͤre alles noch viel hurtiger vonstatten gegangen. Endlich konnt’ ich doch den 17. Jun. mit dem Bruder in mein neues Haus einziehn, der nun einzig, nebst mir, unsern kleinen Rauch fuͤhrte; so daß wir Herr, Frau, Knecht und Magd, Koch und Keller, alles an einem Stiel vorstellten. Aber es fehlte mir eben noch an Vielem. Wo ich herumsah, erblickt’ ich meist heitre und son- nenreiche, aber laͤre Winkel. Immer mußt’ ich die Hand in Beutel stecken; und der war klein und duͤnn; so daß es mich itzt noch Wunder nimmt, wie die Kreutzer, Batzen und Gulden alle heraus, oder viel- mehr hereingekrochen. Aber freylich am End erklaͤrte sich manches — durch einen Schuldenlast von bey- nahe 1000. fl. Tausend Gulden ! und die mach- ten mir keinen Kummer? O du liebe, heilige Sorg- losigkeit meiner Jugendzeit! Inzwischen war ich nun schon beynahe vier Jahre lang einem stettigen revêche. Maͤdchen nachgelaufen; und sie mir, doch etwas minder. Und wenn wir uns nicht sehen konnten, mußten bald alle Tage gebun- dene und ungebundene Briefe gewechselt seyn, wie mich denn uͤber diesen Punkt meine verschmitzte Dul- cinee meisterlich zu betriegen wußte. Sie schrieb mir naͤmlich ihre Briefe meist in Versen, so nett, daß sie mich darinn weit uͤbertraf. Ich hatte dar- um eine grosse Freude mit dem gelehrten Ding, und glaubte bald eine vortrefliche Dichterinn an ihr zu haben. Aber am End kams heraus, daß sie we- der schreiben noch Geschriebenes lesen konnte, son- dern alles durch einen vertrauten Nachbar verrich- ten ließ. „Nun Schatz„! sagt’ ich eines Tags: „Itzt ist unser Haus fertig, und ich muß doch ein- „mal wissen woran ich bin„. Sie brachte noch ein- nen ganzen Plunder von Entschuldigungen herfuͤr. Zuletzt wurden wir daruͤber einig: Ich muͤß’ ihr noch Zeit lassen, bis im Herbst. Endlich ward im Okto- ber unsre Hochzeit oͤffentlich verkuͤndet. Itzt (so schwer war’s kaum Rom zu bauen) spielte mir ein niedertraͤchtiger Kerl noch den Streich, daß er im Namen seines Bruders, der in piemontesischen Dien- sten stand, Ansprachen auf meine Braut machte, die aber bald vor unguͤltig erkannt wurden. An Aller Seelen Tag (3. Nov.) wurden wir copulirt. Herr Pfarrer Seelmatter hielt uns eine schoͤne Sermon, und knuͤpfte uns zusammen. So nahm meine Frey- heit ein Ende, und das Zanken gleich den ersten Tag seinen Anfang — und waͤhrt noch bis auf den heutigen. Ich sollte mich unterwerfen, und wollte nicht, und will’s noch itzt nicht. Sie sollt’ es auch, und will’s noch viel minder. Auch darf ich noch einmal nicht verhehlen, daß mich eigentlich bloß po- litische Absichten zu meiner Heurath bewogen haben; und ich nie jene zaͤrtliche Neigung zu ihr verspuͤrt, die man Liebe zu nennen gewohnt ist. Aber das erkannt’ ich wohl, und war davon uͤberzeugt, und bin es noch in der gegenwaͤrtigen Stunde, daß sie fuͤr meine Umstaͤnde, unter allen die ich bekommen haͤtte, weit weit die tauglichste war; meine Ver- nunft sieht es ein, daß mir keine nuͤtzlicher seyn konnte, so sehr sich auch ein gewisser Muthwill gegen diese ernste Hofmeisterinn straͤuben will; und kurz, so sehr mir die einte Seite meiner treue Haͤlfte itzt noch bisweilen widrig ist, so aufrichtig ehr’ ich ihre andre schoͤne Seite im Stillen. Wenn also meine Ehe schon nicht unter die gluͤcklichsten gehoͤrt, so ge- hoͤrt sie doch gewiß auch nicht unter die ungluͤckli- chen, sondern wenigstens unter die halbgluͤcklichen, und sie wird mich niemals gereuen. Mein Bruder Jakob hatte ein Jahr vor mir, und meine aͤlteste Schwester ein Jahr nach mir sich verheurathet; und keins von beyden traf’s noch so gut wie ich. Nicht zu gedenken, daß die Familie meiner Frau weit bes- ser war, als die worein gedachte meine beyde Ge- schwisterte sich hinein gemannet und geweibet — sind die andern auch immer aͤrmer geblieben. Bru- der Jakob zumal mußte in den theuern Siebenzi- ger-Jahren vollends von Weib und Kindern weg, in den Krieg laufen. LXIV. Tod und Leben . D as Jahr 1762. war mir befonders um des 26. Merzens und 10. Sept. willen merkwuͤrdig. An dem er- stern starb naͤmlich mein geliebter Vater eines schnellen und gewaltsamen Todes, den ich lange nicht verschmer- zen konnte. Er gieng am Morgen in den Wald, etwas Holz zu suchen. Gegen Abend kam Schwester Anne Marie mit Thraͤnen in den Augen zu mir, und sagte: Der Aeti sey in aller Fruͤhe fort, und noch nicht heimgekommen; sie fuͤrchten alle, es sey ihm was Boͤses begegnet; ich soll doch fort, und ihn su- chen. Sein Huͤndlein sey etlichemal heimgekommen, und dann wieder weggelaufen. Mir gieng ein Stich durch Mark und Bein. Ich rannte in aller Eil dem Gehoͤlze zu; das Huͤndlein trabte vor mir her, und fuͤhrte mich gerade zu dem vermißten Vater. Er saß neben seinem Schlitten, an ein Taͤnnchen ge- lehnt, die Lederkappe auf der Schooß, und die Au- gen sperroffen. Ich glaubte, er sehe mich starr an. Ich rief: Vater, Vater! Aber keine Antwort. Seine Seele war ausgefahren; gestabet und kalt waren seine lieben Haͤnde, und ein Ermel hieng von sei- nem Futterhemd herunter, den er mag ausgeris- sen haben, als er mit dem Tode rang. Voll Angst und Verwirrung fieng ich ein Zettergeschrey an, welches in Kurzem alle meine Geschwister herbey- brachte. Eins nach dem andern legte sich auf den erblaßten Leichnam. Unser Geheul ertoͤnte durch den ganzen Wald. Man zog ihn auf seinem Schlitten nach Haus, wo noch die Mutter samt den Kleinen ihr Wehklagen mit dem unsrigen vereinten. Ein ar- mer Bube aß die Suppe, die auf den guten Herzens- vater gewartet hatte. Zehn Tage vorher hatt’ ich das letztemal (o haͤtt’ ich’s gewußt, daß es das letz- temal waͤre!) mit ihm gesprochen, und sagte er mir unter anderm: Er moͤchte sich die Augen ausweinen, wenn er bedenke, wie oft er den lieben Gott erzoͤrnt. O welch einen guten Vater hatten wir, welch einen zaͤrtlichen Ehemann unsre Mutter, welch eine redliche Seele und braven Biedermann alle die ihn kannten, an ihm verloren. Gott troͤste seine Seele in alle Ewigkeit! Er hatte eine muͤhsame Pilgrimmschaft. Kummer und Sorgen aller Art, Krankheiten, druͤ- ckende Schuldenlast u. s. f. folgten ihm kehrum stets auf der Ferse nach. Sonntags den 28. Merz, wur- de er unter einem zahlreichen Gefolge zu seiner Ru- hestatt begleitet, und in unser aller Mutter Schooß hingelegt. Herr Pfarrherr Boͤsch ab dem Ebnet hielt ihm die Leichenrede, die fuͤr seine betruͤbten Hinter- laßnen ungemein troͤstlich ausfiel, und von den ver- borgnen Absichten Gottes handelte. Der Selige mag sein Alter auf 54-55. Jahre gebracht haben. O wie oft besucht’ ich seither das Plaͤtzgen, wo er den letz- ten Athem ausgehaucht. Die sicherste Vermuthung uͤber seine eigentliche Todesart, gab mir der Ort selbst an die Hand. Es war gaͤhe hinab, wo er mit sei- nem Fuͤderchen Holz hinunterfuhr. Der Schnee trug den Schlitten; aber mit den Fuͤssen mußte er an ei- ner lockern Stelle, die ich noch gar wohl wahrnehmen konnte, unter den letztern gekommen, und derselbe mit ihm gegen eine Tann geschoffen seyn, die ihm den Herzstoß gab. Doch muß er noch eine Weile ge- lebt, sich frey machen wollen, und eben uͤber dieser Bemuͤhung sein Futterhemd zerrissen haben. Nach diesem traurigen Hinschied fiel eine schwere Last auf mich. Da waren noch vier unerzogene Kin- der, bey welchen ich Vaterstelle vertreten sollte. Unsre Mutter war so immer geradezu, und sagte zu Al- lem: Ja, ja! Ich that was ich konnte, wenn ich gleich mit mir selbst schon genug zu schaffen hatte. Bruder Georg nahm den eigentlichen Haushalt uͤber sich. Aus den 100 fl. die mir der Selige gegeben hatte, tilgte ich seine Schulden. In meinem eigenen Haͤusgen machte ich einen Webkeller zurecht, lernte selbst weben, und lehrte es nach und nach meine Bruͤ- der, so daß zuletzt alle damit ihr Brodt verdienen konnten. Die Schwestern hinwieder verstuhnden recht gut, Loͤthligarn zu spiunen; die Juͤngste lernte naͤhen. Der 10. Sept. war wieder der erste frohe Tag fuͤr mich, an welchem meine Frau mir einen Sohn zur Welt brachte, den ich nach meinem und meines Schwehers Namen Uli nannte. Seine Taufpathen waren Herr Pfarrer Seelmatter , und Frau Hart- maͤnnin . Ich hatte eine solche Freude mit diesem Jungen, daß ich ihn nicht nur allen Leuthen zeigte die ins Haus kamen, sondern auch jedem voruͤber- gehnden Bekannten zurief: Ich hab’ einen Buben; obgleich ich schon zum voraus wußte, daß mich man- cher daruͤber auslachen, und denken werde: Wart’ nur! Du wirst noch des Dings genug bekommen; wie’s denn auch wirklich geschah. — Inzwischen kam mein gutes Weib dieß erstemal wahrlich nicht leicht davon, und mußte viele Wochen das Beth huͤten. Das Kind hingegen wuchs, und nahm recht wunder- bar zu. Bald nachher erzeugten die Angelegenheiten der Meinigen manchen kleinern und groͤssern Ehestreit zwischen mir und meiner Hausehre. Die letztre moch- te naͤmlich nach Gewohnheit die erstern nie recht lei- den, und meinte immer, ich daͤcht’ und gaͤb’ ihnen zu viel. Freylich waren meine Bruͤder ziemlich un- gezogene Bursche — aber immer meine Bruͤder, und ich also verbunden, mich ihrer anzunehmen. End- lich kamen sie einer nach dem andern unter die Fremden, Georg ausgenommen, der ein ziemlich luͤderliches Weib heurathete; die andern alle verdien- ten, meines Wissens, ihr Brod mit Gott und mit Ehren. LXV. Wieder drey Jahre . (1763 - 1765.) D ie Flitterwochen meines Ehestands waren nun laͤng- stens vorbey, obgleich ich eben wenig von ihrem Ho- nig zu sagen weiß. Mein Weib wollte immer gar zu scharfe Mannszucht halten; und wo viel Gebote sind, da giebt’s auch mehr Uebertretung. Wenn ich nur ein Bischen ausschweifte, so waren alle T * * los. Das machte mich dann bitter und launigt, und verfuͤhrte mich zu allerley eiteln Projekten. Mein Handel gieng inzwischen bald gut, bald schlecht. Bald kam mir ein Nachbar in die Quere, und verstuͤm- melte mir meinen schoͤnen Gewerb; bald betrogen mich arge Buben um Baumwolle und Geld, denn ich war gar zu leichtglaͤubig. Ich hatte mir eines der herrlichsten Luftschloͤsser gemacht, meine Schul- den in wenig Jahren zu tilgen; aber die Ausgaben mehrten sich auch von Jahr zu Jahre. Im Win- ter 63. gebar mir meine Frau eine Tochter, und Ao. 65. noch eine. Ich bekam wieder das Heimweh nach Geißen; auf der Stelle mußten deren etliche herbey- geschaft seyn. Die Milch stuhnd mir und meinen drey Jungens treflich an; aber die Thiere gaben mir viel zu schaffen. Andremal hielt ich eine Kuh; oft gar zwey und drey. Ich pflanzte Erdapfel und Ge- muͤse, und probirte alles, wie ich am leichtesten zu- rechtkommen moͤchte. Aber ich blieb immer so auf dem alten Fleck stehn, ohne weit vor — doch auch nicht hinterwerts zu ruͤcken. LXVI. Zwey Jahre . (1766. u. 1767.) U eberhaupt vertroͤdelte ich diese Sechzigerjahre, daß ich nicht recht sagen kann, wie? und so, daß sie mei- nem Gedaͤchtniß weit entfernter sind, als die entfern- testen Jugendjahre. Nur etwas Weniges also von meiner damaligen Herzens- und Gemuͤthslage. Schon mehrmals hab’ ich’s bemerkt, wie ich in meiner Bu- benhaut ein lustiger, leichtsinniger, kummer- und sorgenloser Junge war, der dann aber doch von Zeit zu Zeit manche gute Regungen zur Busse, und man- che angenehme Empfindung, wenn er in der Besse- rung auch nur einen halben Fortschritt that, bey sich verspuͤrte. Nun war die Zeit laͤngst da, einmal mit Ernst ein ganz anderes Leben anzufangen. Ge- rade von meiner Verheurathung an wollt’ ich mit nichts geringerm beginnen, als — der Welt voͤllig abzusagen, und das Fleisch mit allen seinen Geluͤ- sten zu kreutzigen. Aber o ich einfaͤltiger Meusch! Was es da fuͤr ein Gewirre und fuͤr Widerspruͤche in meinem Innwendigen absetzte. Vor meinem Eh- stand bildete ich mir ein, wenn ich nur erst meine Frau und eigen Haus und Heimath haͤtte, wuͤrden alle andern Begierden und Leidenschaften, wie Schup- pen, von meinem Herzen fallen. Aber, Potz Tau- send! welch’ eine Rebellion gab’s nicht da. Lange Zeit wendete ich jeden Augenblick, den ich nur im- mer entbehren — aber eben bald auch manchen den ich nicht entbehren konnte, auf’s Lesen an; schnappte jedes Buch auf, das mir nur zu erhaschen stuhnd; hatte itzt wirklich 8. Foliobaͤnde von der Berlenbur- ger -Bibel vollendet; nahm dann, wie es sich ge- buͤhrt, eine scharfe Kinderzucht vor, gieng dann und wann in die Versammlung etlicher Heiligen und From- men --- und ward daruͤber, wie es mir itzt vor- koͤmmt, ein unertraͤglicher, eher gottloser Mann, der alle andern Menschen um ihn her fuͤr boͤs, sich sel- ber allein fuͤr gut hielt, und darum jene --- kurz je- des Bein nach seiner Pfeife wollte tanzen lehren. Jede, auch noch so schuldlose Freude des Lebens mach- te mir Scrupel uͤber Scrupel; ich wollte mir bald so- gar die Befriedigung eigentlich unentbehrlicher Beduͤrf- nisse des Lebens versagen; und doch steckte mein Bu- sen noch voll schnoͤder Lust, und tausend abentheuerli- cher Begierden, die ich so oft ertappte, als ich nur hineinzugucken Muths genug hatte --- und dann frey- lich fast zur Verzweiflung gerieth, doch allemal von neuem wieder Posto faßte, und meine Sachen mit Beten, Lesen --- und --- o ich abscheulicher Kerl! --- hauptsaͤchlich damit wieder zu verbessern suchte, daß ich meiner Frau und Gesehwisterten, wie ein Pfarrer, zusprach, und ihnen die Hoͤll’ bis zum Verspringen heiß machte. Oft fiel’s mir gar ein, ich sollte, gleich den Herrnhutern und Inspirirten, in der weiten Welt herumziehn, und Buß’ predigen. Wenn ich dann aber so nur einem meiner Bruͤder oder Schwestern eine Ser- mon hielt, und schon im Text stockte, dann dacht’ ich wieder: Du Narr! Hast ja keine Gaben zu einem Apostel, und also auch keinen Beruf dazu. Dann fiel ich darauf, ich koͤnnte vielleicht besser mit der Feder zurechte kommen, und flugs entschloß ich mich ein Buͤch- lin zum Trost und Heil wo nicht ganz Tockenburgs , wenigstens meiner Gemeinde zu schreiben, oder es zuletzt auch nur meiner Nachkommenschaft --- statt des Erbguts zu hinterlassen. LXVII. Und abermals zwey Jahre . (1768. u. 1769.) D as vorige Jahr 67 hatte mir wieder einen Bu- ben bescheert. Ich nannte ihn nach meinem Vater sel. Johannes . Um die naͤmliche Zeit fiel mein Bruder Samson im Laubergaden ab einem Kirschbaum zu Tod. Ao. 68. fieng ich obbelobtes Buͤchlein, und zugleich ein Tagebuch an, das ich bis zu dieser Stunde fort- setze, anfangs aber voll Schwaͤrmereyen stack, und nur bisweilen ein guter Gedanke, in hundert laͤren Wor- ten ersaͤuft war, mit denen N. B. meine Handlun- gen nie uͤbereinstimmten. Doch moͤgen meine Nach- kommen daraus nehmen, was ihnen Nutz und Heil bringen mag Auch von diesen hoͤchstmerkwuͤrdigen Tagebuͤchern folgen seiner Zeit Auszuͤge, von denen man, aber freylich aus der spaͤthern Epoche, eine Probe in dem Helveti- schen Calender von 1789. lesen kann. Anmerk. d. Herausgeb . . Sonst ward ich in diesen frommen Jahren des Garn- handels bald uͤberdruͤßig, weil ich dabey, wie ich waͤhnte, mit gar zu viel rohen und gewissenlosen Menschen umzugehen haͤtte. Aber, o des Tuckes! warum uͤberließ ich ihn denn meinet Frau, und be- schaͤftigte mich nun selbst mit der Baumwollentuͤch- lerey? Ich glaubte halt, vor meine Haut und mein Temperament mit den Webern besser als mit den Spinnern auskommen zu koͤnnen. Aber es war fuͤr meine Oekonomie ein thoͤrigter Schritt, oder wenig- stens fiel er uͤbel aus. Im Anfang kostete mich das Webgeschirr viel, und mußt’ ich uͤberhaupt ein huͤb- sches Lehrgeld geben; und als ich itzt die Sachen ein wenig im Gang hatte — schlug die Waar’ ab. Doch, ich dachte: Es wird schon wieder anders kommen. Das Jahr 69. bescheerte mir den dritten Sohn. „Ha„! uͤberlegt’ ich itzt eines Tags: „Nun mußt „du doch einmal mit Ernst ans Sparen denken; bist „immer noch so viel schuldig, wie im Anfang, und „dein Haushalt wird je laͤnger je staͤrker. Frisch! die „Haͤnd’ aus den Hosen gethan, und die Baͤren ab- „bezahlt. Itzt kann’s seyn. Bisher hattest noch stets „an deiner Huͤtte zu flicken, und fehlte immer hie und „da noch ein Stuͤck; andrer Ausgaben in deinem Ge- „werb u. s. f. u. f. zu geschweigen. Dann hast du „unvernuͤnftig viel Zeit mit Lesen, Schreiben, u. „d. gl. zugebracht. Nein, nein! Itzt willst anders „dahinter. Zwar das Reichwerdenwollen soll von „heut an aufgegeben seyn. Der Faule stirbt uͤber „seinen Wuͤnschen, sagt Salomon. Aber jenes „ewige Studiren zumal, was nuͤtzt es dir? Bist ja „immer der alte Mensch, und kein Haar besser als „vor 10. Jahren, da du kaum lesen und schreiben „konntest. --- Etwas Geld mußt’ freylich noch auf- „nehmen; aber dann desto wackerer gearbeitet, und „zwar alles, wie’s dir vor die Hand koͤmmt. Ver- „stehst ja, neben deinem eigentlichen Berufe, noch „das Zimmern, Tischlern u. s. f. wie ein Meister; „hast schon Webstuͤhl, Troͤg’ und Kaͤsten, und Saͤrg’ bey „bey Dutzenden gemacht. Freylich ist schlechter Lohn „dabey, und: Neun Handwerk’, zehn Bettler , „lautet das Spruͤchwort. Doch wenig ist besser als „Nichts„. So dacht’ ich. Aber es liegt nicht an jemands Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Ver- haͤngniß, an Zeit und Gluͤck! LXVIII. Mein erstes Hungerjahr . (1770.) W aͤhrend diesem meinem neuen Planmachen und Projeckteschmieden, ruͤckten die heißhungrigen Sie- benzigerjahre heran, und das erste brach ein, ganz unerwartet, wie ein Dieb in der Nacht, da jeder- mann auf ganz andre Zeiten hoffete. Frcylich gab’s seit dem Jahr 1760. in unsern Gegenden kein recht volles Jahr mehr. Die J. 68. und 69. fehlten gar und gaͤnzlich; hatten nasse Sommer, kalte und lange Winter, grossen Schnee, so daß viel Frucht darunter verfaulte, und man im Fruͤhling aufs neue pflugen mußte. Das moͤgen nun politische Kornjuden wohl gemerkt, und der nachfolgenden Theurung vol- lends den Schwung gegeben haben. Dieß konnte man daraus schliessen, daß um’s Geld immer Brodt ge- nug vorhanden war; aber eben jenes fehlte, und zwar nicht bloß bey dem Armen, sondern auch bey dem Mittelmann. Also war diese Epoche fuͤr Haͤndler, Becken und Muͤller eine goͤldene Zeit, wo sich viele eigentlich bereicherten, oder wenigstens ein Huͤbsches N auf die Seite schaffen konnten. Hinwieder fiel der Baumwollen-Gewerb fast gaͤnzlich ins Koth, und al- ler dießfaͤllige Verdienst war aͤusserst klein; so daß man freylich Arbeiter genug ums blosse Essen haben konnte. Ohne dieß waͤre der Preiß der Lebensmittel noch viel hoͤher gestiegen, und haͤtte die theure Zeit wohl bald gar kein End’ genommen. Doch, alles spezificirlich herzusetzen waͤre um eben so viel uͤberfluͤßiger, da ich es in meinem, wie ich hoͤre, einst auch vor dem Pu- blikum erscheinenden Tagebuch bereits hinlaͤnglich ge- than, und naͤmlich dort puͤnktlich, in aller Einfalt er- zaͤhlt habe, was diesem Zeitpunkt vorgegangen (als z. E. Kometen, Roͤthen am Himmel, Erdbeben, Hochgewitter); und eben so, was auf denselben ge- folgt (schwere Krankheiten, ein ziemlicher Sterbent u. s. f.). Hier bleibt mir also nichts uͤbrig, als mei- ner eignen oͤkonomischen sowohl als Gemuͤthslage in erwaͤhnten bedenklichen Jahren, kurze und wahrhafte Erwaͤhnung zu thun. Denn freylich findet sich auch daruͤber ein Weites und Breites in gedachtem Dia- rio; aber eben nicht allemal gar zu aͤcht: Da ich naͤmlich an mancher Stelle viel Lermens von meinem sonderbaren Vertrauen auf die goͤttliche Vorsehung gemacht — und zwar meist gerade wo ich am klein- glaͤubigsten war. So viel darf ich freylich noch itzt sagen, daß dieß Zutrauen, ob es gleich zuweilen wank- te, dennoch nie ganz zu Truͤmmern gieng, und ich fast immer fand, daß mein eigenes Verschulden mir die groͤßten Leiden verursachte, und Gottes Guͤte viel selbst gemachtes Uebel noch oft zu meinem Beßten wandte. Schon Ao. 68. und 69. da mir der Hagel zwey Jahre nacheinander alles in meinem Garten zu Boden schlug, und ich und die Meinigen so mit gros- ser Wehmuth zuschauten — konnt’ ich doch den Er- barmenden loben, daß er unsers Lebens geschont. Und seither bey allen solchen und aͤhnlichen Unfaͤllen, bey allem Aufschlag der Nahrung, bey allem Jam- mern und Klagen der Leuthe, war immer mein erst- und letztes Wort: „Es wird so boͤs nicht seyn„, oder: „Es wird schon besser kommen„. Denn alle- mal das Beßte zu glauben und zu hoffen, war stets so meine Art, und, wenn man will, eine Folge mei- nes angebohrenen Leichtsinns. Ich konnte darum das aͤngstliche Kraͤbeln, Kummern und Sorgen andrer um mich her nie leiden; noch begreifen, was einer fuͤr einen Nutzen davon hat, wenn er sich immer das Aergste vorstellt. — Doch, so kaͤm’ ich allgemach ganz von meiner Geschichte ab. Das gedachte Siebenzigerjahr neigte sich schon im Fruͤhling zum Aufschlagen. Der Schnee lag auf der Saat bis im Mayen, so daß gar viel darunter er- stickte. Indessen troͤstete man sich doch noch den gan- zen Sommer auf eine leidentliche Erndte — dann auf das Ausdreschen; aber leider alles umsonst. Ich hatte eine gute Portion Erdapfel im Boden; es wurden mir aber leider viel davon gestohlen. Den Sommer uͤber hatte ich zwo Kuͤhe auf fremder Weide, und ein Paar Geißen, welche mein erstgeborner Junge huͤtete; im Herbst aber mußt’ ich aus Mangel Gelds und Futter alle diese Schwaͤnze verkaufen. Denn der Handel nahm ab, so wie die Fruchtpreise stiegen; und bey den armen Spinnern und Webern war nichts als Borgen und Borgen. Nun troͤstete ich freylich die Meinigen und mich selbst mit meinem: „Es wird „schon besser kommen„! so gut ich konnte; mußte dann aber auch dafuͤr manche bittre Pille verschlucken, die meine Bettesgenoßin wegen meinem vorigen Ver- halten, meiner Sorglosigkeit und Leichtsinn mir auf- tischte, und die ich dann nicht allemal geduldig und gleichguͤltig ertragen mochte. Gleichwohl sagte mir mein Gewissen meist: Sie hat recht… Wenn sie’s nur nicht so herb’ praͤparirt haͤtte. LXIX. Und abermals zwey Jahre ! (1771. u. 1772.) N un brach der grosse Winter ein, der schauervollste den ich erlebt habe. Ich hatte itzt fuͤnf Kinder und keinen Verdienst, ein Bischen Gespunst ausgenom- men. Bey meinem Haͤndelchen buͤßt’ ich von Woche zu Woche immer mehr ein. Ich hatte ziemlich viel vorraͤthig Garn, das ich in hohem Preiß eingekauft, und an dem ich verlieren mußte, ich mocht’ es nun wieder roh verkaufen oder zu Tuͤchern machen. Doch that ich das letztre, und hielt mit dem Losschlagen derselben zuruͤcke, mich immer meines Waidspruchs getroͤstend: „Es wird schon besser werden„! Aber es ward immer schlimmer, den ganzen Winter durch. Inzwischen dacht’ ich so: „Dein kleiner Gewerb hat „dich bisher genaͤhrt, wenn du damit gleich nichts „beyseite legen konntest. Du magst und kannst’s al- „so nicht aufgeben. Thaͤtest du’s, muͤßtest du gleich „deine Schulden bezahlen; und das waͤr’ dir itzt pur „unmoͤglich„. Auch in andern Punkten gieng’s mir nicht besser. Mein kleiner Vorrath von Erdapfeln und anderm Gemuͤß aus meinem Gaͤrtchen, was mir die Dieben uͤbriggelassen, war aufgezehrt; ich muß- te mich also Tag fuͤr Tag aus der Muͤhle verprovian- tiren; das kostete mich am End der Woche eine huͤb- sche Handvell Muͤnze, nur vor Rothmaͤhl und Rauch- brodt. Dennoch war ich noch immer guter Hoffnung; hatte auch nicht Eine schlaflose Nacht, und sagte alle- weil: „Der Himmel wird schon sorgen, und noch „alles zum Beßten lenken„! „Ja„! rispostirte dann meine Joͤbin: „Wie du’s verdient; Ich bin un- „schuldig. Haͤtt’st du die gute Zeit in Obacht ge- „nommen, du Schlingel! und deine Haͤnde mehr in „den Teig gesteckt, als deine Nase in die Buͤcher„. — „Sie hat Recht„! dacht’ ich dann; „aber „der Himmel wird doch sorgen„ — und schwieg. Freylich konnt’ ich meine schuldlosen Kinder unmoͤg- lich hungerleiden sehn, so lang ich noch Kredit fand. Die Noth stieg um diese Zeit so hoch, daß viele ei- gentlich blutarme Leuthe kaum den Fruͤhling erwar- ten mochten, wo sie Wurzeln und Kraͤuter finden konn- ten. Auch ich kochte allerhand dergleichen, und haͤrte meine jungen Voͤgel noch immer lieber mit frischem Laub genaͤhrt, als es einem meiner erbarmenswuͤrdi- gen Landsmaͤnner nachgemacht, dem ich mit eignen Augen zusah, wie er mit seinen Kindern von einem verreckten Pferd einen ganzen Sack voll Fleisch abge- hackt, woran sich schon mehrere Tage Hunde und Voͤgel satt gefressen. Noch itzt, wenn ich des An- blicks gedenke, durchfaͤhrt Schauer und Entsetzen alle meine Glieder. — Bey alledem gieng mir mein eige- ner Zustand nicht so sehr zu nahe, als die Noth mei- ner Mutter und Geschwister, welche alle noch aͤrmer waren als ich, und denen ich doch so wenig helfen konnte. Indessen half ich uͤber Vermoͤgen, da ich stets noch einichen Credit fand, und sie gar keinen. Im May Ao. 71. verhalf mir ein gutmuͤthiger Mann wieder zu einer Kuh und ein Paar Geißen, da er mir Geld dazu bis auf den Herbst lieh; so daß ich nun- mehr wenigstens ein Bischen Milch fuͤr meine Jun- gen hatte. Aber verdienen konnt’ ich nichts. Was mir noch etwa von meinem Gewerb eingieng, mußt’ ich auf die Atzung von Menschen und Thieren ver- wenden. Meine Schuldner bezahlten mich nicht; ich konnte also hinwieder auch meine Glaͤubiger nicht be- friedigen, und mußte durch Geld und Banmwolle auf Borg nehmen, wo ich’s fand. Endlich aber gieng dem Faß vollends der Boden aus. Zwar kam mir mein gewoͤhnliches: „Gott lebt noch! ’s wird schon bes- „ser werden„! noch immer in den Sinn; aber mei- ne Glaͤubiger fiengen nichts desto weniger an, mich zu mahnen, und zu drohen. Von Zeit zu Zeit mußt’ ich hoͤren, wie dieser und jener bankerott machte. Es gab hartherzige Kerls, die alle Tag mit den Schaͤ- tzern im Feld waren, ihre Schulden einzutreiben. Neben andern traf die Reihe auch meinen Schwa- ger; ich hatte ebenfalls eine Anfoderung an ihn, und war selber bey dem Auffallsact gegenwaͤrtig; freylich mehr ihm zum Beystande, als um meiner Schuld willen. O! was das vor ein erbaͤrmliches Speckta- kel ist, wenn einer so, wie ein armer Delinquent, dastehn — sein Schulden- und Suͤndenregister vor- lesen hoͤren — so viele bittre, theils laute, theils leise Vorwuͤrfe in sich fressen — sein Haus, seine Mobilien, alles, bis auf ein armseliges Bett und Gewand, um einen Spottpreiß verganten sehn — das Geheul von Weib und Kindern hoͤren, und zu allem schweigen muß, wie eine Maus. O! wie fuhr’s mir da durch Mark und Bein! Und doch konnt’ ich weder rathen noch helfen — nichts thun, als fuͤr mei- ner Schwester Kinder zu beten — und dazu im Her- zen denken: „Auch du, auch du steckst eben so tief „im Koth! Heut oder Morgens kann es, muß es „dir eben so gehn, wenn’s nicht bald anders wird. „Und wie sollt’ es anders werden? Oder, darf ich „Thor auf ein Wunder hoffen? Nach dem natuͤrli- „chen Gang dei Dinge kann ich mich nn moͤglich er- „holen. Vielleicht harren deine Glaͤubiger noch eine „Weile; aber alle Augenblick’ kann die Geduld ih- „nen ausgehn. — Doch, wer weiß? Der alte Gott „lebt noch! Es wird nicht immer so waͤhren. — Aber „ach! Und wenn’s auch besser wuͤrde, so braucht’ es „Jahre lang, bis ich mich wieder erholen koͤnnte. „Und so lang werden meine Schuldherren mir ge- „wiß nicht Zeit lassen. Ach mein Gott! Was soll „ich anfangen? Keiner Seele darf ich mich vertrauen — „muß ich doch vor meinem eignen Weib meinen „Kummer verbergen„. Mit solchen Gedanken waͤlzt’ ich mich ein Paar lange Naͤchte auf meinem Lager herum; dann faßt’ ich, wie mit Eins, wieder Muth; troͤstete mich aufs neue mit der Hilfe von oben her- ab, befahl dem Himmel meine Sachen — und gieng meine Wege, wie zuvor. Zwar pruͤft’ ich mich selbst unterweilen, ob und in wie fern’ ich an meinen ge- genwaͤrtigen Umstaͤnden selbst Schuld trage. Aber, ach! wie geneigt ist man in solcher Lage, sich selbst zu rechtfertigen. Freylich konnt’ ich mir wirklich keine eigentliche Verschwendung oder Luͤderlichkeit vorwer- fen; aber doch ein gewisses gleichguͤltiges, leichtglaͤu- biges, ungeschicktes Wesen, u. s. f. Denn erstlich hatt’ ich nie gelernt, recht mit dem Geld umzugehn; auch hatte es nie keine Reitze fuͤr mich, als in wie fern’ ichs alle Tag’ zu brauchen wußte. Hiernaͤchst traut’ ich jedem Halunken, wenn er mir nur ein gut Wort gab; und noch itzt koͤnnte mich ein ehrlich Ge- sicht um den letzten Heller im Sack betriegen. End- lich und vornaͤmlich verstuhnden lange weder ich noch mein Weib den Handel recht, und kauften und ver- kauften immer zur verkehrten Zeit. Mittlerweile ward meine Frau schwanger, und den ganzen Sommer (1772.) uͤber kraͤnklich, und schaͤmte sich vor allen Waͤnden, daß sie bey diesen betruͤbten Zeitlaͤusen ein Kind haben sollte. Ja sie haͤtte selbst mir bald eine aͤhnliche Empfindung eingepredigt. Im Herbst- monathe, da die rothe Ruhr allethalben graßirte, kehr- te sie auch bey mir ein, und traf zuerst meinen lieben Erstgebohrenen. Von der ersten Stund’ an, da er sich legte, wollt’ er, ausser lauterm Brunnenwasser, nichts, weder Speis noch Trank mehr zu sich nehmen; und in acht Tagen war er eine Leiche. Nur Gott weiß, was ich bey diesem Unfall empfunden: Ein so gutar- tiges Kind, das ich wie meine Seele liebte, unter einer so schmerzhaften Krankheit geduldig wie ein Lamm Tag und Nacht — denn es genoß auch nicht eine Minute Ruh’ — leiden zu sehn! Noch in der letzten Todesstunde, riß es mich mit seinen schon kalten Haͤndchen auf sein Gesicht herunter, kuͤßte mich noch mit seinem erstorbnen Muͤndchen, und sagte un- ter leisem Wimmern, mit stammelndem Zuͤnglin: „Lieber Aeti! es ist genug. Komm auch bald nach. „Ich will itzt im Himmel ein Engelin werden„; rang dann mit dem Tod’, und verschied. Mir war, mein Herz wollte mir in tausend Stuͤcke zerspringen. Mein bittres Klaglied uͤber diesen ersten Raub des grossen Wuͤrgers in meinem Hause, liegt in meinem Tagebuch. — Noch war mein Soͤhnlein nicht begra- ben, so griff die wuͤthende Seuche mein aͤltestes Toͤch- tergen, und zwar noch viel heftiger an; es waͤre denn, daß dieß gute Kind seine Leiden nicht so standhaft er- trug als sein Bruder. Und kurz, es war, aller Sorg- falt der Aerzte ungeachtet, noch schneller hingeraft, in seinem achten, das Knaͤblin im neunten Jahr. Diese Krankheit kam mir so eckelhaft vor, daß ich’s so- gar bey meinen Kindern nie recht ohne Grausen aus- halten konnte. Als nun das Maͤdchen kaum todt, und ich von Wachen, Sorgen und Wehmuth wie ver- taumelt war, fieng’s auch mir an im Leibe zu zer- ren; und haͤtt’ ich in diesen Tagen tausendmal ge- wuͤnscht zu sterben, und mit meinen Lieben hinzu- fahren. Doch gieng ich, auf dringendes Bitten mei- ner Frau, noch selbst zu Herrn Doktor Wirth hin. Er verordnete mir Rhabarber und sonst was. So bald ich nach Haus kam, mußt’ ich zu Beth liegen. Ein Grimmen und Durchfall fieng mit aller Wuth an, und die Arzeney schien noch die Schmerzen zu verdoppeln. Der Doktor kam selber zu mir, sah’ meine Schwaͤche — aber nicht meine Angst. Gott, Zeit und Ewigkeit, meine geist- und leiblichen Schul- den stuhnden fuͤrchterlich vor und hinter meinem Beth. Keine Minute Schlaf — Tod und Grab — Ster- ben, und nicht mit Ehren — welche Pein! Ich waͤlzte mich Tag und Nacht in meinem Bett herum, kruͤmm- te mich wie ein Wurm, und durfte, nach meiner al- ten Leyer, meinen Zustand doch keiner Seele entde- cken. Ich flehte zum Himmel; aber der Zweifel, ob der mich auch hoͤren wollte, gieng itzt zum ersten- mal mir durch Mark und Bein; und die Unmoͤglich- keit, daß mir bey meinem allfaͤlligen Wiederaufkom- men noch gruͤndlich zu helfen sey, stellte sich mir leb- hafter als noch nie vor. Indessen ward mein Toͤch- tergen begraben, und in wenig Tagen lagen meine drey noch uͤbrigen Kinder, nebst mir, an der naͤm- lichen Krankheit darnieder. Nur mein ehrliches Weib war bisdahin ganz frey ausgegangen. Da sie nicht allem abwarten konnte, kam ihre ledige Schwester ihr zu Huͤlf’; sonst uͤbertraf sie mich an Muth und Stand- haftigkeit weit. Ich hingegen stuhnd, theils meiner leiblichen Schmerzen, theils meiner schrecklichen Vor- stellungen wegen, noch ein paar Tage Hoͤllenangst aus, bis es mir endlich in einer gluͤcklichen Stunde ge- lang: Mich und meine Sachen gar und ganz dem lieben Gott auf Gnad und Ungnad zu uͤbergeben. Bis- her war ich ein ziemlich muͤrrischer Patient. Nun ließ ich mit mir machen, was jeder gern wollte. Meine Frau, ihre Schwester, und Herr Doktor Wirth , gaben sich alle ersinnliche Sorge um mich. Der Hoͤchste segnete ihre Muͤhe, so daß ich innert acht Tagen wieder aufkam, und auch meine drey Kleinen sich allmaͤhlig erholten. Als ich noch darniederlag, kam eines Abends meine Schwaͤgerin, und eroͤffnete mir: Meine zwey Geissen seyen auf und davon. „Ey so „fahre denn alles hin„! sagt’ ich, „wenn’s so seyn „muß„. Allein des folgenden Morgens raft’ ich mich so schwach und bloͤd ich noch war, auf, meine Thiere zu suchen, und fand sie wieder zu mein und meiner Kinder grosser Freude. Sonst war der Jammer, Hunger und Kummer, damals im Land allgemein. Alle Tag’ trug man Leichen zu Grabe, oft 3. 4. bis 11. miteinander. Nun dankt’ ich dem L. Gott, daß er mir wieder so ge- holfen; und eben so sehr, daß Er meine zwey Lie- ben versorgt hatte, denen ich nicht helfen konnte. Aber sehr lange schwebten mir die anmuthigen Din- ger, ihr gutartiges kindliches Wesen immer wie leib- haftig vor Augen. „O ihr geliebten Kinder„! stoͤhnt’ ich dann des Tages wohl hundertmal: „Wenn „werd’ ich wohl einst zu Euch hinfahren? Denn ach! zu „mir koͤmmt Ihr nicht wieder„. Viele Wochen lang gieng ich uͤberall umher wie der Schatten an der Wand, — staunte Himmel und Erde an — that zwar was ich konnte — konnte aber nicht viel. Zu Bezahlung meiner Glaͤubiger wurden die Aussichten immer en- ger und kuͤrzer. Aus einem Sack in den andern zu schleufen, und mich so lange zu wehren wie moͤglich, mußt’ itzt mein einziges Dichten und Trachten seyn. LXX . Nun gar fuͤnf Jahre. (1773. — 1777.) D iese Zeit uͤber kroch ich so immer, zwischen Furcht und Hofnung unter meiner Schuldenlast fort, trieb mein Haͤndelchen, und arbeitete daneben was mir vor die Hand kam. Zu Anfang dieser Epoche gieng’s vollends immer den Krebsgang. So viel unnuͤtze Maͤuler (denn die Fuͤnfezahl meiner Kinder war itzt wieder complet), die Ausgaben fuͤr Essen, Kleider, Holz u. s. f. und dann die leidigen Zinse, frassen meinen kleinen Gewinnst noch etwas mehr als auf. Meine schoͤnste Hofnung erstreckte sich erst auf Jahre hinaus, wo meine Jungens mir zur Huͤlfe gewachsen seyn wuͤrden. Aber wenn meine Glaͤubiger boͤs’ gewe- sen, sie haͤtten mich lange vorheruͤbe rrr umpelt. Nein! sie trugen Geduld mit mir; freylich bestrebt’ ich mich auch aus allen Kraͤften Wort zu halten so gut wie moͤglich; aber das bestuhnd meist in — neuem Schul- denmachen, um die alten zu tilgen. Und da waren mir allemal die naͤchsten Wochen vor der Zurzacher - Messe sehr schwarze Tag’ im Kalender, wo ich vie- le dutzend Stunden verlaufen mußte, um wieder Cre- dit zu finden. O, wie mir da manch liebes Mal das Herz klopfte, wenn ich so an drey, vier Orten ein christliches Helf dir Gott! bekam. Wie rang’ ich dann oft meine Haͤnde gen Himmel, und betete zu dem der die Herzen wendet wohin er will, auch eines zu meinem Beystand zu lenken. Und allemal ward’s mir von Stund an leichter um das meinige, und fand sich zuletzt, freylich nach unermuͤdetem Suchen und Anklopfen, noch irgend eine gutmuͤthige Seele, meist in einem unverhoften Winkel. Ich hatte ein Paar Bekannte, die mir wohl schon hundertmal aus der Noth geholfen; aber die Furcht, sie endlich zu ermuͤ- den, machte daß ich bald immer zuletzt zu ihnen kehrte; und dann, haͤtt’ ich ihnen ein einzigmal nicht Wort gehalten, so waͤre mir auch diese Huͤlfsquelle auf immer versiegt; ich trug darum zu ihr wie zu meinem Leben Sorg’. Uebrigens trauten’s mir nur wenige von meinen Nachbarn und naͤchsten Gefreund- ten zu, daß ich so gar bis an die Ohren in Schulden stecke; vielmehr wußt’ ich das Ding so ziemlich geheim zu halten, meinen Kummer und Unmuth zu verbergen, und mich bey den Leuthen allzeit aufgeraͤumt und wohlauf zu stellen. Auch glaub’ ich, ohne diesen ehrlichen Kunstgriff waͤr’ es laͤngst mit mir aus ge- wesen. Freylich hatt’ ich — wer sollte es glauben? — auch meine Neider, von denen ich gar wohl wußte, daß sie allen Personen die mit mir zu thun hatten, fleißig ins Ohr zischten — was sie doch unmoͤglich mit Sicherheit wissen konnten. Da hieß es dann z. E. „Er steckt verzweifelt im Dreck. — Lange haͤlt’ „er’s nicht mehr aus. — Wenn er nur nicht einpackt, „oder Weib und Kinder im Stich laͤßt. — Ich fuͤrcht’ „ich fuͤrcht’.„ — Will aber nichts gesagt haben; „wenn er’s nur nicht inne wird,„ u. s. f. Zu mir ka- men dann diese Kerls als die beßten Freunde, foͤr- schelten und fraͤgelten mich aus, und thaten so mit- leidig, als wenn sie mir mit Gut und Blut helfen wollten, wenn ich nur auch Zutrauen zu ihnen haͤtte; jammerten uͤber die boͤsen Zeiten, uͤber die Stuͤmpler u. d. gl. Wie ich’s doch bey meinem kleinen ver- derbten Haͤndelchen mit meiner grossen Haushaltung mache? u. s. f. u. f. Einst (ich weiß nicht mehr recht, ob aus Schalkheit oder Noth?) sprach ich ei- nen dieser Uriane um ein halbdutzend Duplonen nur auf einen Monath an. Mein Heer hatte hundert Ausfluͤchte, schlug mir’s am End’ rund ab, und raunt’ es dann doch in jedes Ohr das ihn hoͤren wollte: Der B ** hat gestern Geld von mir lehnen wol- len. Der machte dann freylich einige meiner Credi- toren ziemlich mißtrauisch. Andre hingegen sagten: „Ha! Er hat doch noch immer Wort gehalten; und „so lang er das thut, soll er immer offene Thuͤr bey „mir finden. Er ist ein ehrlicher Mann„. Also eben jene vielen falschen Freunde waren es, welche mir die meiste Muͤhe machten, denen ich mich nicht entdecken durfte, wenn ich nicht voͤllig capput seyn wollte. Ich hatte schon A. 71 oder 72. meine We- berey, obgleich mit ziemlichem Verlust ab mir gela- den; das brachte mir eben auch nicht den beßten Ruf; denn mein Baumwollenbrauch wurde dadurch geringer — also mein Baumwollenherr unzufrieden und muͤr- risch. Desto eher sollt’ ich die alten Baumwollenschul- den bezahlen, und konnt’ es doch desto weniger. So verstrich ein Jahr nach dem andern. Bald floͤßte mir mein guter Geist frischen Muth und neue Hoff- nung ein, daß mir doch noch einst durch die Zeit zu helfen seyn werde: Nur allzuoft aber verfiel ich wieder in duͤstere Schwermuth; und zwar, die Wahrheit zu gestehen, meist wenn ich zahlen sollte, und doch we- der aus noch ein wußte. Und da ich mich, wie schon oft gesagt, keiner Seele glaubte entdecken zu duͤrfen, nahm ich in diesen muthlosen Stunden meine Zuflucht zum Lesen und Schreiben; lehnte und durchstaͤnkerte jedes Buch das ich kriegen konnte, in der Hoffnung etwas zu finden das auf meinen Zustand paßte; fieng halbe Naͤchte durch weisse und schwarze Grillen, und fand allemal Erleichterung, wenn ich meine gedraͤngte Brust aufs Papier ausschuͤtten konnte; klagte da mei- ne Lage schriftlich meinem Vater im Himmel, befahl ihm alle meine Sachen, fest uͤberzeugt, Er meine es doch am beßten mit mir; Er kenne am genauesten meine ganze Lage, und werde noch alles zum Guten lenken. Dann ward der Entschluß fest bey mir, die Dinge die da kommen sollten, ruhig abzuwarten wie sie kommen wuͤrden; und in solcher Gemuͤthsstim- mung gieng ich allemal zufrieden zu Bette, und schlief wie ein Koͤnig. LXXI . Das Saamenkorn meiner Authorschaft. U m diese Zeit kam einst ein Mitglied der moralischen Gesellschaft zu L. in mein Haus, da ich eben die Ge- schichte von Brand und Struensee durchblaͤtterte, und etwas von meinen Schreibereyen auf dem Tisch lag. „Das haͤtt’ ich bey dir nicht gesucht„, sagte er, und fragte: Ob ich denn gern so etwas lese, und oft dergleichen Saͤchelgen schreibe? „Ja„! sagt’ ich: „Das ist neben meinen Geschaͤften mein einziges „Wohlleben„. Von da an wurden wir Freunde, und besuchten einander zum oͤftersten. Er anerbot mir seine kleine Buͤchersammlung; ließ sich aber uͤbri- gens in oͤkonomischen Sachen noch lieber von mir hel- fen, als daß er mir haͤtte beyspringen koͤnnen, obschon ich ihm so von Weitem meine Umstaͤnde merken ließ. In einem dieser Jahre schrieb die erwaͤhnte Gesell- schaft uͤber verschiedene Gegenstaͤnde Preißfragen aus, welche jeder Landmann beantworten koͤnnte. Mein Freund munterte mich auch zu einer solchen Arbeit auf; ich hatte grosse Lust dazu, machte ihm aber die Einwendung: Man wurde mich armen Tropfen nur auslachen. „Was thut das„? sagte er: „Schreib „du nur zu, in aller Einfalt, wie’s kommt und dich „duͤnkt„. Nun, da schrieb ich denn eben uͤber den Baumwollengewerb und den Credit, sandte mein Geschmiere zur bestimmten Zeit neben vielen andern ein; und die Herrn waren so gut, mir den Preiß von ei- einer Dukate zuzukennen: Ob zum Gespoͤtte? Nein, wahrlich nicht. Oder vielleicht in Betrachtung meiner duͤrftigen Umstaͤnde? Kurz, ich konnt’ es nicht be- greifen, und noch viel minder, daß man mich itzt gar von ein paar Orten her einlud, ein foͤrmliches Mitglied der Gesellschaft zu werden. „O behuͤte „Gott„! dacht’ und sagt’ ich Anfangs: „Das darf ich „mir nur nicht traͤumen lassen. Ich wuͤrde gewiß „einen Korb bekommen. Und wenn auch nicht — ich „mag so geehrten Herren keine Schande machen. „Ueber kurz oder lang wuͤrden sie mich gewiß wie- „der ausmustern„. Endlich aber, nach vielem hin und her wanken, und besonders aufgemuntert durch ei- nen der Vorsteher, Herrn G. bey dem ich sehr wohl gelitten war, wagt’ ich’s doch, mich zu melden; und kann uͤbrigens versichern, daß mich weniger die Eitel- keit als die Begierde reitzte, an der schoͤnen Lesecom- mun der Gesellschaft um ein geringes Geldlein An- theil zu nehmen. Indessen gieng’ es wie ich vermu- thet hatte, und gab’s naͤmlich allerley Schwierigkeiten. Einige Mitglieder widersetzten sich, und bemerkten mit allem Recht: Ich sey von armer Familie — dazu ein ausgerißner Soldat — ein Mann von dem man nicht wisse wie er stehe — von dem wenig ersprießliches zu erwarten sey, u. s. f. Gleichwohl ward ich durch Mehrheit der Stimmen angenommen. Aber erst itzt reute mich mein unbesonnener Schritt, als ich be- dachte: Jene Herren sagten ja nichts als die pur lautere Wahrheit, und koͤnnten noch einst wohl da- O mit triumphiren. Leser! Geh’ in dein Kaͤmmergen, schließ die Thuͤr’ hin, ter dir zu, und erroͤthe! — und bitte den Vater, der im Verborgenen sieht, um die Bluͤthe aller Tugenden — um eine solche Bescheidenheit! A. d. H. Inzwischen mußt’ ich’s itzt gel- ten lassen, und troͤstete mich bisweilen mit dem eben auch nicht ganz uneigennuͤtzigen Gedanken: Das eint’ und andre Mitglied koͤnnte mir im Verfolg, zu manchen wichtigen Dingen nuͤtzlich seyn. LXXII. Und da — H att’ ich ja itzt freylich eine erstaunliche kindische Freud, mit der grossen Anzahl Buͤcher, deren ich in meinem Leben nie so viele beysammen gesehn, und an welchen allen ich nun Antheil hatte. Hingegen erroͤthete ich noch immerfort bey dem blossen Gedan- ken, ein eigentliches Mitglied einer gelehrten Gesell- schaft zu heissen und zu seyn, und besuchte sie darum selten, und nur wie verstohlen. Aber du half alles nichts; es gieng mir doch wie dem Raben, der mit den Enten fliegen wollte. Meine Nachbarn, und andre alte Freunde und Bekannten, kurz Meinesglei- chen, sahen mich, wo ich stuhnd und gieng, uͤberzwerch an. Hier hoͤrt’ ich ein hoͤhnisches Gezisch’; dort er- blickt’ ich ein verachtendes Laͤcheln. Denn es gieng unsrer moralischen Gesellschaft im Tockenburg Anfangs wie allen solchen Instituten in noch rohen Laͤndern. Man nannte ihre Mitglieder Neuherren, Buͤcherfresser, Jesuiten , u. d. gl. Du kannst leicht denken, mein Sohn! wie’s mir armen einfaͤltigen Tropfen dabey zu Muthe war. Meine Frau vollends speyte Feuer und Flammen uͤber mich aus, wollte sich viele Wochen nicht besaͤnftigen lassen, und gewann nun gar Eckel und Widerwillen gegen jedes Buch, wenn’s zumal aus unsrer Bibliothek kam. Einmal hatt’ ich den Argwohn, sie selbst habe um diese Zeit meinen Creditoren eingeblasen, daß sie mich nur brav aͤngsti- gen sollten. Sie laͤugnet’s zwar noch auf den heuti- gen Tag; und Gott verzeih’ mir’s! wenn ich falsch gemuthmaaßt, habe; aber damals haͤtt’ ich mir’s nicht ausnehmen lassen. Genug, meine Treiber setzten itzt staͤrker in mich als sonst noch nie. Da hieß es: Hast du Geld, dich in die Buͤchergesellschaft einzu- kaufen, so zahl’ auch mich. Wollt’ ich etwas borgen, so wies man mich an meine Herren Collegen. „O „du armer Mann„! dacht’ ich, „was du da aber „vor einen hundsdummen Streich gemacht, der dir „vollends den Rest geben muß. Haͤtt’st du dich doch „mit deinem Morgen- und Abendseegen begnuͤgt, „wie so viele andre deiner redlichen Mitlandsleuthe. „Jezt hast du deine alten Freund’ verloren — von „den neuen darfst und magst du keinen um einen „Kreuzer ansprechen. Deine Frau hagelt auch auf „dich zu. Du Narr! was nuͤtzt dir itzt all’ dein „Lesen und Schreiben? Kaum wirst du noch dir und „deinen Kindern den Betelstab daraus kaufen koͤn- „nen„, u. s. f. So macht ich mir selber die bit- tersten Vorwuͤrfe, und rang oft beynahe mit der Verzweiflung. Dann sucht’ ich freylich von Zeit zu Zeit aus einem andern Sack auch meine Entschul- digungen hervor; die hiessen: „Ha! das Lesen ko- „stet mich doch nur ein geringes; und das hab’ ich „an Kleidern und anderm mehr als erspart. Auch „bracht’ ich nur die muͤßigen Stunden damit zu, „wo andre ebenfalls nicht arbeiten; meist nur bey „naͤchtlicher Weile. Wahr ist’s, meine Gedanken „beschaͤftigten sich auch in der uͤbrigen Zeit nur all- „zuviel mit dem Gelesenen, und waren hingegen zu „meinem Hauptberuf selten bey Hause. Doch hab’ „ich nichts verludert; trank hoͤchstens bisweilen eine „Bouteille Wein, meinen Unmuth zu ersaͤufen — „das haͤtt’ ich freylich auch sollen bleiben lassen — „Aber, was ist ein Leben ohne Wein, und zumal „ein Leben wie meines„? — Denn kam’s wieder einmal an’s Anklagen: „Aber, wie nachlaͤßig und „ungeschickt warst du nicht in allem was Handel und „Wandel heißt. Mit deiner unzeitigen Guͤte nahmst „du alles, wie man’s dir gab — gabst du jedem, „was er dich bat, ohne zu bedenken, daß du nur „andrer Leuthe Geld im Seckel hattest, oder daß „dich ein redlich scheinendes Gesicht betriegen koͤnnte. „Deine Waare vertrautest du dem ersten Beßten, „und glaubtest ihm auf sein Wort, wenn er dir „vorlog, er koͤnne dir auf sein Gewissen nur so und „so viel bezahlen. O koͤnnt’st du nur noch einmal „wieder von Vornen anfangen. Aber, vergeblicher „Wunsch! — Nun, so willst du doch alles versu- „chen — willst denen, die dir schuldig sind, eben „auch drohen wie man dir droht„, u. s. f. So dacht’ ich elender Tropf, und setzte auch wirklich zween meiner Debitoren den Tag an; freylich mehr um sie und andre zu schrecken, als daß es Ernst gegolten haͤtte Aber sie verstuhnden’s nicht so. Ich gieng also auf die bestimmte Zeit mit den Schaͤtzern zu ihren Haͤufern; und, Gott weiß! mir war’s viel baͤnger als ihnen. Denn in dem ersten Augenblick, da ich in des einten Wohnung trat, dacht’ ich: Wer kann das thun? — Die Frau bat, und wies mit den Fingern auf das zerfetzte Bett, und die wenigen Scherben in der Kuͤche; die Kinder in ihren Lum- pen heulten. O, wenn ich nur wieder weg waͤre! dacht’ ich, bezahlte Schaͤtzer und Weibel, und strich mich unverrichteter Sachen fort, nachdem man mir in bestimmten Terminen Bezahlung versprochen, die noch auf den heutigen Tag aussteht. Auch erfuhr ich nachwerts, daß diese Leuthe, einige Stunden vor- her, eh’ ich in ihr Haus kam, die beßten Habseligkeiten gefloͤchnet, und ihre Kinder expreß so zerloͤchert angezo- gen haͤtten. „Meinetwegen„, sagt’ ich da zu mir selbst: „Das will ich in meinem Leben nicht mehr thun. „ Meine Glaͤubiger moͤgen eines Tags solche Bar- „baren gegen mir , ich will’s darum nicht gegen an- „dre seyn. Nein! es geh’ mir wie es geh’, diese „Schulden muͤssen zuletzt doch auch zu meinem Ver- „moͤgen gerechnet werden„. Aber jene fragten eben nichts darnach, und diesen jagte eine solche Denkens- und Verfahrungsart gerade auch keinen Scheuen ein. Die erstern trieben mich immer staͤrker und unerbitt- licher. Dieß, und meine uͤberspannte Einbildung ge- bahren dann LXXIII . Freylich manche harte Versuchung. U nd von dieser muß ich dir auch noch ein Bischen erzaͤhlen, mein Sohn! dir zur Warnung, damit du sehest, welch’ ein entsetzlich Ding vor einen ehrlieben- den Mann es ist: Sich in Schulden zu vertiefen, die man nicht tilgen kann; sieben ganzer Jahre un- ter dieser zentnerschweren Last zu seufzen; sich mit tausend vergeblichen Wuͤnschen zu quaͤlen; in suͤssen Traͤumen spanische Schloͤsser zu bauen, und allemal mit Schrecken zu erwachen; eine lange lange Zeit auf Huͤlfe welche nur seine Fantasie gebruͤtet, und zuletzt verstohlner Weise gar auf — eigentliche Wunder zu hoffen. Denk’ dir da den armen Erdensohn, welcher dergestalt, todtmuͤde von all’ dem vergebenen Dichten und Trachten, Sinnen und Sorgen, endlich an al- lem verzweifeln, und gewiß glauben muß: Gottes Vorsehung selbst habe nun einmal beschlossen, den- selben ins Koth zu treten; ihn vor aller Welt zu Spott und Schande zu machen, und die Folgen sei- ner Unvorsichtigkeit vor den Augen aller seiner Feinde buͤssen zu lassen. Wenn denn unterweilen gar der Gedanke in ihm aufsteigt: Gott wisse nichts von ihm, u. d. gl. — Da denke, denke mein Sohn! Der Ver- fuͤhrer feyert bey solchen Gelegenheiten gewiß nicht; und mir war’s oft ich fuͤhlte seine Eingebungen, wenn ich etwa den ganzen Tag umhergelaufen und Menschenhuͤlfe vergeblich gesucht hatte — dann schwer- muͤthig, oder vielmehr halb verruͤckt, der Thur nach schlich — mit starrem Blick in den Strom hinunter- sah, wo er am tiefsten ist — O dann deucht’ es mir, der schwarze Engel hauche mich an, und fluͤstre mir zu: „Thor! stuͤrz’ dich hinein — du haltst’s doch „nicht mehr aus. Sieh’ wie s a nft das Wasser rollt! „Ein Augenblick, und dein ganzes Seyn wird eben „so sanft dahinwogen. Dann wirst du so ruhig „schlafen — o so wohl, so wohl! Da wird fuͤr dich „kein Leid und kein Geschrey mehr seyn, und dein „Geist und dein Herz ewig in suͤssem Vergessen „schlummern„. — „Himmel! Wenn ich duͤrfte„! dacht’ ich dann. „Aber, welch ein Schauer — Gott! „welch’ ein Grausen durchfaͤhrt alle meine Glieder. „Sollt’ ich dein Wort — sollte meine Ueberzeugung „vergessen? — Nein! packe dich, Satan! — Ich „will ausharren, ich hab’s verdient — hab’ alles „verdient„. Ein andermal stellte mir der Boͤse- wicht des jungen Werthers Mordgewehr auf einer sehr vortheilhaften Seite vor. „Du hast zehnfach „mehr Ursach’ als dieser — und er war doch auch „kein Narr, und hat sich noch Lob und Ruhm da- „mit erworben, und wiegt sich nun im milden To- „desschlummer? — Doch wie? — Pfui eines sol- „chen Ruhms„! Noch ein andermal sollt’ ich mei- nen Buͤndel aufpacken, und davon laufen. Mit mei- ner noch uͤbrigen Baarschaft koͤnnt’ ich denn in ir- gend einem entfernten Lande schon wieder etwas neues anfangen; und zu Hause wuͤrden Weib und Kinder gewiß auch gutherzige Seelen finden. „Was? „Ich, davon laufen? --- Mein zwar unsanftes, „aber getreues Weib, und meine unschuldigen klei- „nen Kinder im Stich lassen --- meinen Feinden „ihre Winkelprophezeyungen zu ihrer groͤßten Freude „wahr machen? --- Ich, ich sollte das thun? In „welcher Ecke der Erde koͤnnt’ ich eine Stunde Ru- „he geniessen --- wo mich verbergen, daß der Wurm „in meinem Busen, daß die Rache des Hoͤchsten mich „nicht finden koͤnnte„? --- „Nein! Nein! nicht so„; hob dann wieder eine andre Stimm’ in meinem Inn- wendigen an; „aber Weib und Kinder mitnehmen, „und irgend einen Ort aussuchen, wo der Baum- „wollengewerb noch nicht florirt, und wo man ihn „doch gern einrichten moͤchte --- da koͤnntest du dein „Gluͤck bauen; verstehst ja die rohe Frucht sowohl „als das Garn --- kannst jene selber karten, kaͤm- „men, spinnen, und dieses sieden, spuhlen, zet- „teln --- bist sogar im Stand, ein Spinnrad, eine „Kunkel zu machen --- und also die Leuthe vollends „alles zu lehren. Dann kehrst du nach einigen Jah- „ren geehrt und reich zuruͤck in dein Vaterland, „zahlst deine Schulden --- Kapital und Zinse„! --- Aber dann bedacht’ ich mich bald wieder eines Bessern: „Wie, was? O du Luͤgengeist! Schon vor dreyßig „Jahren hast du mir, so wie heute, von lauter gu- „ten Tagen vorgeschwatzt, mir einen guͤldnen Berg „nach dem andern gezeigt --- und mich immer be- „trogen, immer in tiefere Labyrinthe verwickelt --- „mich zum Narrn gemacht --- und itzt moͤchtest du „mich gar zum Schelmen machen? Wie? Ich sollte „auch noch meinem Geburtsland schaden, seinen „Brodkorb verschleicken? Nein, nein! in deinem „Schooß will ich leben und sterben, da alles erwar- „ten, thun was ich kann, und fuͤr das uͤbrige wei- „ter den Himmel walten lassen. Stell’ ich mir „nicht meine Sachen vielleicht gar zu schrecklich vor? „Gott! wenn mich meine Suͤnden so quaͤlten wie „meine Schulden! Aber, ich weiß daß du nicht so „streng’ bist wie die Menschen. Doch, laß sie ma- „chen, ich hab’s verdient. Nur bitt’ ich, ewige „Guͤte! von jenem argen Feind laß mich nicht laͤn- „ger quaͤlen, nicht uͤber mein Vermoͤgen versucht „werden„! So bekam ich von Zeit zu Zeit wieder guten und festen Muth. Aber das waͤhrte dann nicht laͤnger, bis sich ein neuer Fall ereignete, wo ich mich abermals des Gedankens nicht erwehren konnte: Itzt ist’s aus! Da ist kein Kraut mehr fuͤr ein unheilba- res Uebel gewachsen. Aber auch dann bestuhnd’s mehr in der Einbildung als in der Wirklichkeit. Eines Tags da ich eben auch etliche Gulden zu borgen vergebens herumgelaufen, einer meiner Glaͤu- biger mich mit entsetzlicher Rohheit anfuhr, und mir sonst alles fatal und uͤberzwerch gieng — und ich dann ganz melancholisch nach Haus kam — meiner Frau nach Gewohnheit nichts sagen noch klagen durfte, wenn ich nicht hundert bittere Vorwuͤrf’ in mich schluͤ- ken wollte — gedacht’ ich, wie sonst schon oft, meine Zuflucht zum Schreiben zu nehmen — konnt’ aber nichts hervorbringen, als verworrene Klaglieder, wel- che beynahe an Laͤsterungen graͤnzten. Dann wollt’ ich mich mit Lesen eines guten Buchs beruhigen; und auch das gelang mir nicht. Ich gieng also zu Bet- te, waͤlzte mich bis um Mitternacht auf meinem Kuͤssen herum, und ließ meine Gedanken weit und breit durch die ganze Welt gehn. Bald kam mir da auch der Sinn an meinen lieben seligen Vater: „Auch „dein Leben, du guter Mann„, dacht’ ich, „gieng, „so wie das meine, unter lauter Kummer und Sor- „gen hin, die ich, Ach! dir nicht wenig vergroͤsser- „te, da ich so wenig Antheil an deiner Last genom- „men. — Vielleicht ruht gar dein geheimer Fluch „auf mir? — O entsetzlich! — Nun, wie es im- „mer sey, einmal muß ein Entschluß genommen „seyn: Entweder meinem elenden Leben -- -- Nein! „Gott! Nein! Das steht in deiner Hand. -- Oder „mich meinen Glaͤubigern auf Gnad’ und Ungnad’ „hin zu Fuͤssen zu werfen. Aber Nein! o wie hart! „Das kann ich unmoͤglich. -- Oder ja mich entfer- „nen, davonlaufen so weit der Himmel blau ist. „Ach! meine Kinder! Da wuͤrd’ mir das Herz bre- „chen„. -- Waͤhrend diesen Fantasten fiel mir der menschenfreundliche Lavater ein; augenblicklich ent- schloß ich mich an ihn zu schreiben, stuhnd sofort auf, und entwarf folgenden Brief, den ich zum Denkmal meiner damaligen Lage hier beyruͤcke. LXXIV. Wohlehrwuͤrdiger, Hoch- und Wohlge- lehrter Herr Pfarrer Johann Caspar Lavater ! M itten in einer entsetzlich bangen Nacht unterwind’ ich mich, an Sie zu schreiben. Keine Seel’ in der Welt weißt es; und keine Seel’ weißt meine Noth. Ich kenne Sie aus Ihren Schriften und vom Geruͤch- te. Wuͤßt’ ich nun freylich nicht von diesem, daß Sie einer der beßten, edelsten Menschen waͤren, duͤrft’ ich von Ihnen wohl keine andre Antwort er- warten, als wie etwa von einem Grossen der Erde. Z. E. Pack dich, Schurke! Was gehn mich deine Lumpereyen an. — Aber nein! ich kenne Sie als einen Mann voll Großmuth und Menschenliebe, welchen die Vorsehung zum Lehrer und Arzt der itzigen Menschheit ordentlich scheint bestimmt zu haben. Al- lein Sie kennen mich nicht. Geschwind will ich al- so sagen, wer ich bin. O werfen Sie doch den Brief eines elenden Tockenburgers nicht ungesehn auf die Seite, eines armen gequaͤlten Mannes, der sich mit zitternder Hand an Sie wendet, und es wagt, sein Herz gegen einen Herrn auszuschuͤtten, gegen den er ein so inniges Zutrauen fuͤhlt. O hoͤren Sie mich, daß Gott Sie auch hoͤre! Er weiß, daß ich nicht im Sinn habe, ihnen weiter beschwerlich zu fallen, als nur Sie zu bitten, diese Zeilen zu lesen, und mir dann ihren vaͤterlichen Rath zu ertheilen. Also. Ich bin der aͤlteste Sohn eines blutarmen Vaters von 11. Kindern, der in einem wilden Schneeberg unsers Lands erzogen ward, und bis in sein sechszehntes Jahr fast ohne allen Unterricht blieb, da ich zum H. Nacht- mahl unterwiesen wurde, auch von selbst ein wenig schreiben lernte, weil ich grosse Lust dazu hatte. Mein sel. Vater mußte unter seiner Schuldenlast erliegen, Haus und Heimath verlassen, und mit seiner zahl- reichen Familie unterzukommen suchen, wo er konnte und mochte, und Arbeit und ein kuͤmmerliches Brodt fuͤr uns zu finden war. Die Haͤlfte von uns war damals noch unerzogen. Bis in mein neunzehntes Jahr blieb mir die Welt ganz unbekannt, als ein schlauer Betruͤger mich auf Schaffhausen fuͤhrte, um, wie er sagte, mir einen Herrendienst zu ver- schaffen. Mein Vater war’s zufrieden — und ich wurde, ohne mein Wissen, an einen preußischen Werber verkauft, der mich freylich so lange als sei- nen Bedienten hielt, bis ich nach Berlin kam, wo man mich unter die Soldaten steckte — und noch itzt nicht begreifen wollte, wie man mich so habe betrie- gen koͤnnen. Es gieng eben ins Feld. O wie mußt’ ich da meine vorigen in Leichtsinn vollbrachten guten Tage so theuer buͤssen! Doch ich flehte zu Gott, und er half mir ins Vater and. In der ersten Schlacht bey Lowositz naͤmlich, kam ich wieder auf freyen Fuß, und kehrte sofort nach Hause. In dem Staͤdtgen Rhei- neck kuͤßt’ ich zum erstenmal wieder die Schweitzer- Erde, und schaͤtzte mich fuͤr den gluͤcklichsten Mann, ob ich schon nichts als ein Paar Brandenburgische Dreyer, und einen armseligen Soldatenrock auf dem Leib in meine Heimath brachte Nun mußt’ ich wie- der als Tagloͤhner mein Brodt suchen; das kam mich freylich sauer genug an. In meinem sechs und zwan- zigsten heurathete ich ein Maͤdchen mit hundert Tha- lern. Damit glaubt’ ich schon ein reicher Mann zu seyn, dachte itzt an leichtere Arbeit mit aufrechtem Ruͤcken, und fieng, auf Anrathen meiner Braut, ei- nen Baumwollen- und Garngewerb an, ohne daß ich das geringste von diesem Handwerk verstuhnd. An- fangs fand ich Credit, baute ein eigenes Haͤuschen, und vertiefte mich unvermerkt in Schulden. Indes- sen verschaffte mir doch mein kleines Haͤndelchen einen etwelchen Unterhalt; aber boͤsartige Leuthe betrogen mich immer um Waare und Geld, und die Haus- haltung mehrte sich von Jahr zu Jahre, so daß Ein- nahm’ und Ausgabe sich immer wettauf frassen. Dann dacht’ ich: Wenn einst meine Jungen groͤsser sind, wird’s schon besser kommen! Aber ich betrog mich in dieser Hoffnung. Mittlerweile uͤberfielen mich die hungrigen Siebenziger-Jahre, als ich oh- nedem schon in Schulden steckte. Ich hatte itzt fuͤnf Kinder, und wehrte mich wie die Katz’ am Strick. Das Herz brach mir, wenn ich so meine Jungen nach Brodt schreyen hoͤrte. Dann noch meine arme Mutter und Geschwister! Von meinen Debitoren nahm die und da einer den Reißaus; andre starben, und liessen mich die Glocken zahlen; Ich hingegen wurde von etlichen meiner Glaͤubiger scharf gespornt; mit meinem Handel gieng’s taͤglich schlechter. Itzt wurden wir noch alle gar an der Ruhr krank; mei- ne zwey Aeltst gebohrnen starben, wir uͤbrigen erholten uns wieder. Inzwischen harrt’ ich auf Gott und guͤnstigere Zeiten. Aber umsonst! Und war ich nicht ein Thor, und bin ich’s nicht itzt noch, wenn ich auch nur ein wenig zuruͤckdenke, auf mein sorg- loses in den Tag hinein leben? Bin ich denn nicht selbst schuld an allem meinem Elend? Meine Unbesonnenheit, meine Leichtglaͤubigkeit, mein unwiderstehlicher Hang zum Lesen und Schreiben, haben nicht die mich dahin ge- bracht? Wenn mein Weib, wenn ich selbst, mir solche nur zu wohl verdiente Vorwuͤrfe machen, dann kaͤmpf’ ich oft mit der Verzweiflung; waͤlze mich halbe Naͤchte im Bett herum, rufe dem Tod herbey, und bald jede Art mein Leben zu endigen scheint mir ertraͤg- licher, als die aͤusserste Noth der ich alle Tage ent- gegensehe. Voll Schwermuth schleich’ ich dann lang- sam unsrer Thur nach, und blicke vom Felsen her- ab scharf in die Tiefe. Gott! wenn nur meine Seele in diesen Fluthen auch untergehen koͤnnte! Das ein- temal lispelte mir der Teufel des Neides — freylich eine grosse Wahrheit ein: Wie viele Schaͤtze werden nicht auf dieser Erde verschwendet! Wie manches Tausend auf Karten und Wuͤrfel gesetzt, wo dir ein einziges aus dem Labyrinth helfen koͤnnte! Ein an- dermal heißt mich dieser boͤse Feind gar, zusammen- packen, und alles im Stich lassen. Aber nein! da bewahre mich Gott dafuͤr! Ja, im blossen Hemd wollt’ ich auf und davon, mich an die Algier verkaufen, wenn dann nur meine Ehre gerettet, und Weib und Kindern damit geholfen waͤre. Noch ein andermal raunt mir, wie ich wenigstens waͤhne, ein beßrer Geist ins Ohr: Armer Narr! der Himmel wird deinetwegen kein Wunder thun! Gott hat die Erde gemacht, und so viel Gutes darauf ausgeschuͤttet. Und das Beßte davon, goß er’s nicht ins weiche Herz des Menschen? Also hinaus in die Welt, und spuͤre diesen edeln Seelen nach; Sie werden Dich nicht aufsuchen. Ge- steh’ ihnen deine Noth und deine Thorheit, schaͤm’ dich deines Elends nicht, und schuͤtte deinen Kummer in ihren Schooß aus. Schon manchem weit Ungluͤck- lichern ist geholfen worden. Aber o wie bloͤd’ bin ich, und wie zweifelhaft, ob auch dieses gute oder schlimme Eingebungen seyn! -- Beßter Menschenfreund! O um Gotteswillen rathen Sie mir; sagen Sie es mir, ob das ebenbemerkte Mittel nicht noch das thunlichste waͤre, mich von einem gaͤnzlichen Verder- ben zu retten. — Ach! waͤr’ es nur um mich allein zu thun —! Aber meine Frau, meine armen unschuldigen Kinder, sollten auch diese die Schuld und Schand’ ihres Mannes und Vaters tragen; und die hiesige Moralische Gesellschaft , in die ich mich erst neuer- lich, freylich eben auch unuͤberlegt genug, habe auf- nehmen lassen, sollte auch diese fruͤhe, und zum er- stenmal, durch eins ihrer Mitglieder, gegen welches man ohnehin so manche begruͤndete Einwendungen machte, so schrecklich beschimpft werden? O noch ein- mal, um aller Erbaͤrmden Gottes willen, Herr La- vater ! Nur um einen vaͤterlichen Rath! verziehen Sie mir diese Kuͤhnheit. Noth macht frech. Und in meiner Heimath duͤrft’ ich um aller Welt Gut willen mich keiner Seele entdecken. Freunde die mich zu retten wißten, hab’ ich keine; wohl ein Paar die noch eher von mir Huͤlf erwarten koͤnnten; dem Spott aber von Halbfreunden oder Unbekannten mich auszu- setzen --- Nein! da will ich tausendmal lieber das Al- leraͤusserste erwarten. -- Und nun mit sehnlicher Un- geduld und kindlichem Zutrauen, erwartet, auch zu- letzt nur eine Zeile Antwort von dem Mann, auf den noch einzig meine Seele hoffet, Der in den letzten Zuͤgen des Elends lie- gende, arme, geplagte Tockenburger H * *, bey L * * * , U. B. den 12. Herbstm. 1777. LXXV. Dießmal vier Jahre . (1778-1781.) D iesen Brief, mein Sohn! den ich in jener angst- vollen Nacht schrieb, gedacht’ ich gleich Morgens dar- auf an seine Behoͤrde zu senden; allein bey mehrma- ligem Lesen und Ueberlesen desselben, wollt’ er mir nie recht, und immer minder gefallen; als ich zumal mittlerweil’ erfuhr, wie der theure Menschenfreund Lavater von Kollektanten, Betlern und Betlerbrie- fen so bestuͤrmt werde, daß ich auch den blossen Schein, die Zahl dieser Unverschaͤmten zu mehren, vermeiden wollte. Also -- unterdruͤckt’ ich mein Ge- schreib- schreibsel, und nahm von dieser Stund’ an meine Zu- flucht einzig zu Gott, als meinem maͤchtigsten Freund und sichersten Erretter, klagte demselben meine Noth, befahl ihm alle meine Sachen, und betete innbruͤn- stig -- nicht um ein Wunder zu meinem Beßten, sondern um Gelassenheit, alles abzuwarten wie es kommen moͤchte. Freylich wandelten auch im Verfolge mich noch oͤftre Anfaͤlle von meinem eingewurzelten Kummerfieber an; aber dann eraͤugnete sich auch wie- der manches, das meine Hoffnung staͤrkte. Ich wand- te naͤmlich alle meine Leibs- und Seelenkraͤfte an, meine kleinen Geschaͤfte zu vermehren; sah’ uͤberall selber zu meinen Sachen; stellte mich gegen jeder- mann nichts weniger als muthlos, sondern that im- mer lustig und guter Dingen. Meinen Glaͤubigern gab ich die beßten Worte, zahlte die aͤltern, und borgte wieder bey andern. In der benachbarten Ge- meinde Ganterschweil sah ich mich nach neuen Spinnern um, so viel ich derselben aufzutreiben wuß- te. Das Jahr 1778. gab mir ganz besondern Muth und Zuversicht; mein Haͤndelchen gieng damals vor- trefflich von statten, und bald konnt’ ich glauben, daß ich mit Zeit und Weile mich vollkommen wieder erholen und von meinem ganzen Schuldenlast entle- digen wuͤrde. Aber die Angst will ich doch mein Ta- ge nicht vergessen, die mich auch itzt noch zum oͤf- tern quaͤlte, wenn ich so den Geschaͤften nach trau- rig meine Strasse gieng, und mich dem Comptor ei- nes uͤberlegenen Handelsmanns oder der Thuͤr’ eines harten Glaͤubigers nahte, wie es mir da zu Muthe P war; wie oft ich meine Haͤnde gen Himmel rang: „Herr! Du weissest alle Dinge! Alle Herzen sind in „deiner Hand; du leitest sie wie Wasserbaͤche, wo- „hin du willst! Ach! gebiete auch diesem Laban , daß „er nicht anders mit Jakob rede als freundlich„! Und der Allguͤtige erhoͤrte meine Bitte; und ich be- kam mildere Antwort, als ich’s nie haͤtte erwarten duͤrfen. O wie ein koͤstlich Ding ist’s, auf den Herrn hoffen, und ihm alle sein Anliegen mit Vertrauen klagen. Dieß hab’ ich so manchmal, und so deutlich erfahren, daß mir itzt die felsenfeste Ueberzeugung davon nichts in der Welt mehr rauben kann. Zu Anfang des Jahrs 1779. ward mir ohne mein Bewerben und Bemuͤhen der Antrag gemacht, einem auswertigen Fabrikanten, von Glarus, Johannes Zwicki , Baumwollen-Tuͤcher weben zu lassen. An- fangs lehnt’ ich den Antrag aus dem Grund ab, weil vor mir her ein gewisser Grob bey der naͤm- lichen Commißion Bankerott gemacht. Da man mich aber versichert, daß die Ursache seines Unfalls eine ganz andre gewesen, ließ ich mich endlich bereden, und traf den Accord vollkommen auf den Fuß wie je- ner. Sofort hob’ ich diesen Verkehr an. Man lie- ferte mir das Garn; und zwar zuerst sehr schlechtes; aber nach und nach gieng’s besser. Auch hatt’ ich Anfangs viele Muͤhe, genug Spuhler und Weber zu kriegen. Doch merkt’ ich bald, daß zwar mit die- sem Geschaͤft viel Verdruß und Arbeit verbunden, aber auch etwas dabey zu gewinnen waͤre. Ao. 80. erweitert’ ich daher meine Anstalt um ein merkliches, fieng nun auch an, vor eigene Rechnung Tuͤcher zu machen, und befand mich recht gut dabey. Mein Credit wuchs wieder von Tag zu Tage. Meine Glaͤu- biger merkten bald, daß die Sachen eine ganz andre Wendung genommen; ich bekam Geld und Waare so viel ich wollte, und zaͤhlte nun steif und fest dar- auf, itzt haͤtt’ ich mich fuͤr ein- und allemal er- schwungen. Auch Ao. 81. gieng’s wieder im Ganzen wenig- stens passabel, und bey der Jahrrechnung zeigte sich ein ziemlicher Profit. Ich huͤpfte daher nicht selten in meiner Waarenkammer vor Freuden hoch auf; betrachtete mein Schicksal als recht sonderbar, und meine Errettung wenigstens als ein Beynahe-Wun- der. Und doch gieng von je her, und noch itzt, alles seinen ordentlichen natuͤrlichen Lauf; und Gluͤck und Ungluͤck richteten sich immer theils nach meinem Ver- halten, das in meiner Macht stuhnd, theils nach den Zeitumstaͤnden, die ich nicht aͤndern konnte. LXXVI. Wieder vier Jahre . 1782-1785. Allgemeine Uebersicht. W ollt’ ich wie ich’s ehedem etwa in meinen Tage- buͤchern gethan alle Begegnisse meines Lebens, die im Ganzen alle Erdenbuͤrger mit einander gemein haben, auch nur diese vier Jahre uͤber erzaͤhlen, ich koͤnnte ganze Baͤnde damit fuͤllen: Bald in einer heitern Laune meinen Wohlstand schildern, und mich und andre in einen solchen Enthustasmus setzen, daß man glauben sollte, ich waͤre der gluͤcklichste Mensch auf Gottes Erdboden; dann aber hinwieder in einer truͤben Stunde, wo ein halbduzend widrige Begeg- nisse auf meinem Pfad zusammentreffen, lamentiren wie eine Eule, und mein Schicksal so jaͤmmerlich vorstellen, daß ich mich bald selbst koͤnnte glauben ma- chen, ich sey das elendeste Geschoͤpf unter der Sonne. Aber meine Umstaͤnde haben sich nun seit ein paar Jahren merklich geaͤndert; und damit auch meine Denkart, uͤber diesen Punkt naͤmlich; sonst bin ich freylich noch der alte Wilibald . Aber der naͤrrische Schreibhang hat sich um ein gut Theil bey mir ver- loren. Ursache. Erstlich geben mir meine Geschaͤft, je laͤnger je mehr zu denken und zu thun. Die Haus- haltung verwirrt mir oft beynahe den Kopf, und zertruͤmmert das ganze schoͤne Spinngeweb meiner Authorsconcepte. Denn sind mir meine Jungens ohnehin schon beynahe uͤber die Hand gewachsen, und es braucht nicht wenig Zeit und Kopfbrechens, die- selben auch nur noch in einem etwelchen Gleise zu behalten. Drittens macht mir die Gefaͤhrtin meines Lebens, ihrer alten Art gemaͤß, noch immerfort die Herrschaft streitig, und dies bisweilen mit einer sol- chen Kraft, daß ich zum Retiriren meine Zuflucht nehmen muß, und oft in meinem kleinen Haͤuschen kein einziges Winkelgen finde, wo mich auch nur auf etliche Minute die Muse ungestoͤrt besuchen koͤnnte. Gelingt es mir aber jede Woche etwa einmal, daß ich mich auf ein paar Stunden entfernen kann, so — ich will es nur gestehen — geh’ ich dann lieber sonst irgend einem unschuldigen Vergnuͤgen nach, das mir den Kopf aufraͤumt, anstatt ihn, mitten unter allem Hausgelerm, an meinem Pulte noch mehr zu erhitzen. Einzig wird es mir von Zeit zu Zeit, etwa an einem Sonntag oder Feyerabend, noch zu gut, ein schoͤnes Buͤchelgen zu uͤberschnappen, das ich aber, eh’ ich’s recht ausgelesen, weiter bestellen muß. In- zwischen giebt’s denn wieder so ein herziges Ding, dem ich ebenfalls nicht widerstehen kann. Und so bleibt mir vollends oft wochenlang zum Schreiben nicht ein Augenblick uͤbrig, so sehr ich auch den Lust und Wil- len haͤtte, diese und jene zufaͤlligen Gedanken und Empfindungen aufs Papier zu werfen; bis etwa nach der Hand sich eine schickliche Viertelstunde darbietet, wo aber dann das Beßte gutentheils wieder verraucht, und auf immer verloren ist. Dann denk’ ich (frey- lich vielleicht wie der Fuchs in der Fabel): „Und „wozu am End alle dieß Dinten verderben? Wirst „doch dein Lebtag kein eigentlicher Autor werden„! Und wirklich daran kam mir oft Jahre lang nur der Sinn nie — Wenn ich zumal in irgend einem guten Schriftsteller las, mocht’ ich mein Geschmier vollends nicht mehr anseh’n, und bin zugleich uͤberzeugt, daß ich in meinen alten Tagen, es besser zu machen kaum mehr lernen, sondern halt so fortfahren werde, ohne Kopf und Schwanz, bisweilen auch ohne Punkt und Comma, Schwarz auf Weiß zu klecksen, so lang mei- ne Augen noch einen Stich sehen koͤnnen. Aus allen diesen Gruͤnden will ich so kurz seyn wie moͤglich; und bemerke zu allererst: Daß sich in jenem Zeitraum meine Umstaͤnde uͤberhaupt von Jahr zu Jahr gebessert haben, und ich, wenn ich schon damals Waaren und Schulden zu Geld gemacht — alle meine Glaͤubiger vollkommen haͤtte befriedigen koͤnnen, und mir meine kleine Residenz, Haus und Garten, ganz frey, ledig und eigen geblieben waͤre. Nur im Sommer des letzten der genannten Jahre (1785.) erlitt’ ich frey- lich mit so vielen andern groͤssern und kleinern Leu- then einen ziemlich harten Stoß. Nach dem bekann- ten Koͤniglich Franzoͤsischen Edikt naͤmlich gab es einen so ploͤtzlich und starken Abschlag der Waare, daß ich bey meinem kleinen und einfaͤltigen Haͤndelchen gewiß uͤber 200 fl. einbuͤssen mußte. Und seither ist kein Anschein vorhanden, daß der Baumwollentuͤcher-Ver- kehr in unserm Land jemals wieder zu seinem ehevo- rigen Flor gelangen werde. Einige Grosse moͤgen wol noch ihren schoͤnen Schnitt machen; aber so ein armer Zumpel, wie unser einer, dem alle Waaren abgedruckt werden, gewiß nicht. Indessen gieng’s auch mir immer noch ziemlich passabel; und so, daß wenn ich mich, selbst damals noch, zur Kargheit, selbst nur zu einer aͤngstlichen Sparsamkeit haͤtte bekehren wollen, ich vielleicht auf den heutigen Tag ein so ge- nannter bemittelter Mann heissen und seyn koͤnnte. Aber dieser Talent (mit dem ich wahrscheinlich auch nicht in jene Schuldenlast gerathen waͤre, unter welcher ich zehn bis zwoͤlf Jahre so bitter seufzen mußte, und die ich endlich, unter Gottes Beystand, mit so vie- ler Muͤhe und Arbeit ab meinen Schultern gewaͤlzt) dieser Talent, sag’ ich, ward mir eben nie zu Theil, und wird es wohl nimmer werden, so lang ich in dieser Zeitlichkeit walle. Nicht daß es nicht von Zeit zu Zeit Augenblicke gebe, wo ich mich uͤber eine un- noͤthige Ansgabe, oder einen meist durch Nachgiebigkeit versaͤumten Gewinnst quaͤlen und graͤmen, wo mich, sonderlich bey Hause, ein Kreutzer — ein Pfenning reuen kann. Aber, sobald ich in Gesellschaft komme, wo man mir gute Worte giebt, einen Dienst er- weist — oder wo mein Vergnuͤgen in Anschlag koͤmmt — da spiel’ ich meist die Rolle eines Man- nes der nicht auf den Schilling oder Gulden zu sehen hat, und nicht bey Hunderten sondern bey Tausen- den besitzt. Dieß geschah besonders waͤhrend dem ersten Entzuͤcken uͤber meine Befreyung von jedem nachjagenden Herrn. Da war mir wie einem der aus einer vermeinten ewigen Gefangenschaft, oder gar schon auf dem Schaffot, mit Eins auf ledigen Fuß gestellt wird, und nun uͤber Stauden und Stoͤcke rennt. Da wuͤrd’ ich bald hundert und hundertmal gestrauchelt, und vielleicht in Schwelgerey und andre Laster — kurz vor lauter Freuden bald in neue noch aͤrgere Abgruͤnde versunken seyn, waͤre mir nicht mein guter Engel mit dem blossen Schwerdt, wie einst dem Esel Bileams , in den Weg gestanden. LXXVII. Und nun, was weiters ? D as weiß ich wahrlich selber nicht. Je mehr ich das Gickel Gackel meiner bisher erzaͤhlten Geschichte uͤberlese und uͤberdenke, desto mehr eckelt mir’s da- vor. Ich war daher schon entschlossen, sie wieder von neuem anzufangen; ganz anders einzukleiden; vieles wegzulassen das mir itzt recht pudelnaͤrrisch vorkoͤmmt; anderes wichtigeres hingegen, woruͤber ich weggestol- pert, oder das mir bey dem ersten Concepte nicht zu Sinn gekommen, einzuschalten, u. s. f. Da sich aber, wie schon oben gesagt, mein Schreibehang, gut um drey Quart vermindert — da ich hiernaͤchst die Zeit dazu extra auskaufen muͤßte, und besonders — am End es nicht viel besser machen wuͤrde, will ich’s lieber gerad bleiben lassen wie es ist — als ein zwar unschaͤdliches, aber, ich denke, auch unnuͤtzes Ding, wenigstens fuͤr andre. Damit ich aber mein bisheri- ges Wirrwar einigermaassen verbeßre, will ich we- nigstens das eint- und audre nachholen; mich noch, ehe es fremde Richter thun, selbst critisiren, und dann mit Beschreibung meiner gegenwaͤrtigen Lage beschliessen. LXXVIII. Also ? W as anders, als ich, nicht Ich ? Denn ich hab’ erst seit einiger Zeit wahrgenommen, daß man sich selbst — mit einem kleinen i schreibt. Doch, was ist das gegen andre Fehler? Freylich muß ich zu mei- ner etwelchen Entschuldigung sagen, daß ich mein Bißchen Schreiben ganz aus mir selbst, ohne andern Unterricht gelerut, dafuͤr aber auch erst in meinem dreyßigsten Jahr etwas Leserliches, doch nie nichts recht orthographisches, auch unlinirt bis auf den heu- tigen Tag nie eine ganz gerade Zeile heransbringen konnte. Hingegen hatte fuͤr mich die sogenannte Frakturschrift, und zierlich geschweifte Buchstaben al- ler Art sehr viele Reitze, obschon ich’s auch hieriun nie weit gebracht. Nun denn, so geh’ es auch hier- inn eben weiter im Alten fort. Als ich dieß Buͤchel zu schreiben anfieng, dacht’ ich Wunder, welch eine herrliche Geschicht’ voll der selt- samsten Abentheuer es absetzen wuͤrde. Ich Thor! Und doch — bey besserm Nachdenken — was soll ich mich selbst tadeln? Waͤre das nicht Narrheit auf Narrheit gehaͤuft? Mir ist’s als wenn mir jemand die Hand zuruͤckzoͤge. Das Selbsttadeln muß also et- was unnatuͤrliches, das Entschuldigen und sich selbst alles zum Beßten deuten etwas ganz natuͤrliches seyn. Ich will mich also herzlich gern’ entschuldigen, daß ich Anfangs so verliebt in meine Geschichte war, wie es jeder Fuͤrst und — jeder Betelmann in die seini- ge ist. Oder, wer hoͤrte nicht schon manches alte, eisgraue Baͤurlein von seinen Schicksalen, Jugend- streichen u. s. f. ganze Stunden lang mit selbstzufrie- denem Laͤcheln so gelaͤufig und beredt daherschwatzen, wie ein Procurator, und wenn er sonst der groͤßte Stockfisch war. Freylich koͤmmt’s denn meist ein Bißel langweilig fuͤr andre heraus. Aber was jeder thut, muß auch jeder leiden. Freylich haͤtt’ ich, wie gesagt, mein Geschreibe ganz anders gewuͤnscht; und kaum war ich damit zur Haͤlfte fertig, sah’ ich das kuderwelsche Ding schon schief an; alles schien mir un- schicklich, am unrechten Orte zu stehn, ohne daß ich mir denn doch getraut haͤtte, zu bestimmen, wie es eigentlich seyn sollte; sonst haͤtt’ ich’s flugs auf die- sen Fuß, z. B. nach dem Modell eines Heinrich Stillings umgegossen. „Aber, Himmel! welch ein „Contrast! Stilling und: ich „! dacht’ ich. „Nein, „daran ist nicht zu gedenken. Ich duͤrfte nicht in „ Stillings Schatten stehn„. Freylich haͤtt’ ich mich oft gerne so gut und fromm schildern moͤgen, wie dieser edle Mann es war. Aber konnt’ ich es, ohne zu luͤgen? Und das wollt’ ich nicht, und haͤtte mir auch wenig geholfen. Nein! Das kann ich vor Gott bezeugen, daß ich die pur lautere Wahrheit schrieb; entweder Sachen die ich selbst gesehen und erfahren, oder von andern glaubwuͤrdigen Menschen als Wahr- heit erzaͤhlen gehoͤrt. Freylich Gestaͤndnisse , wie Roußeau’s seine, enthaͤlt meine Geschichte auch nicht, und sollte auch keine solchen enthalten. Mag es seyn, daß einige mich so fuͤr besser halten, als ich nach mei- nem eigenen Bewußtseyn nicht bin. Aber aller mei- ner Beichte ungeachtet, haͤtten denn doch hinwieder andre mich noch fuͤr schlimmer geachtet, als ich, un- ter dem Beystand des Hoͤchsten mein Lebtag nicht seyn werde. Und mein einzig unpartheyischer Rich- ter kennt mich ja durch und durch, ohne meine Be- schreibung. LXXIX. Meine Gestaͤndnisse . U m indessen doch einigermaaßen ein solches Ge- staͤndniß abzulegen, und Euch, meine Nachkommen, einen Blick wenigstens auf die Oberflaͤche meines Her- zens zu oͤffnen, so will ich Euch sagen: Daß ich ein Mensch bin, der alle seine Tage mit heftigen Lei- denschaften zu kaͤmpfen hatte. In meinen Jugend- jahren erwachten nur allzufruͤhe gewisse Naturtriebe in mir; etliche Geißbuben, und ein Paar alte Nar- ren von Nachbarn sagten mir Dinge vor, die einen unausloͤschlichen Eindruck auf mein Gemuͤth machten, und es mit tausend romantischen Bildern und Fan- taseyen erfuͤllten, denen ich, trotz alles Kaͤmpfens und Widerstrebens, oft bis zum unstunig werden nach- haͤngen mußte, und dabey wahre Hoͤllenangst aus- stuhud. Denn um die naͤmliche Zeit hatte ich von meinem Vater, und aus ein Paar seiner Lieblings- buͤcher, allerley, nach meinen itzigen Begriffen uͤber- triebene, Vorstellungen von dem, was eigentlich fromm und reinen Herzens sey, eingesogen. Da wurde mir nur das allerstrengste Gesetz eingepredigt; da schweb- ten mir immer unuͤbersteigliche Berge, und die schwer- sten Stellen aus dem Neuen Testament von Haͤnd’ und Fuͤß’ abhauen, Augausreißen u. s. f. vor. Mein Herz war von jeher aͤusserst empfindlich; ich erstaun- te daher sehr oft, wenn ich weit bessere Menschen als ich, bey diesem oder jenem Zufall, bey Erzaͤhlung irgend eines Ungluͤcks, bey Anhoͤrung einer ruͤhren- den Predigt , u. d. gl. wie ich waͤhnte ganz frostig bleiben sah. Man denke sich also meine damalige Lage in einem rohen einsamen Schneegebuͤrg’: Ohne Gesellschaft, ausser jenen schmutzigen Buben und un- flaͤthigen Alten auf der einen — auf der andern Sei- te jenen schwaͤrmerschen Unterricht, den mein junger feuerfangender Busen so begierig aufnahm; dann mein von Natur tobendes Temperament, und eine Einbildungskraft, welche mir nicht nur den ganzen Tag uͤber keine Minute Ruhe ließ, sondern mich auch des Nachts verfolgte, und mir oft Traͤume bildete, daß mir noch beym Erwachen der Schweiß uͤber alle Finger lief. Damals war (wie man schon zum Theil aus meiner obigen Geschichte wird ersehen haben) meine groͤßte Lust, an einem schoͤnen Morgen oder stillen Abend, waͤhrendem Huͤten meiner Geißen, mich auf irgend einem hohen Berge in einen Dorn- busch zu setzen — dann jenes Buͤchelgen hervorzu- langen das ich viele Zeit uͤberall und immer bey mir trug, und daraus mich uͤber meine Pflichten gegen Gott, gegen meine Eltern, gegen alle Menschen und gegen mich selbst, so lang zu erbauen, bis ich in eine Art wilder Empfindung gerieth, und (ich ent- sinne mich noch vollkommen) allemal mit einer Er- mahnung an Rinder geendet, deren Anfang lau- tete: „Kommt Kinder! Wir wollen uns vor dem „Thron des himmlischen Vater niederwerfen„. Dann richtete ich meine Augen starr in die Hoͤhe, und haͤu- fige Thraͤnen flossen die Wangen herab. Dann haͤtt’ ich mich auf ewig und durch tausend Eyde verbunden, Allem Allem abzusagen, und nur Jesu nachzufolgen. Voll unnennbarer, halb suͤsser, halb bittrer Empfin- dungen stieg ich dann mit meiner Heerde weiter von einem Huͤgel zum andern auf und nieder, und hieng immer dem beaͤngstigenden Gedanken nach: Was ich denn nun allererst thun muͤsse, um selig zu werden? „Darf ich also„, hob ich dann halb laut halb leise an, „meine Geißeu nicht mehr lieben? Muß ich „meinem Distelfink Abschied geben? — Muß ich „wirklich gar Vater und Mutter verlassen„? u. s. f. Dann fiel ich vollends in eine duͤstre Schwermuth, in Zweifel, in Hoͤllenangst; wußte nicht mehr was ich treiben, was ich lassen, woran ich mich halten sollte. Das dauerte dann so etliche Tage lang. Dann hieng ich wieder fuͤr etwas Zeit Grillen von ganz andrer Natur — und auch diesen bis zur Wuth nach; bau- te mir ein, zwey, drey Dutzend spanischer Schloͤsser auf, riß alle Abend die alten nieder, und schuf ein Paar neue. — So dauerte es bis ungefehr in mein achtzehntes Jahr, da mein Vater seinen Wohnort veraͤnderte, und ich so zu sagen in eine ganz neue Welt trat, wo ich mehr Gesellschaft, Zeitvertreib, und minder Anlaß zum Phantasiren hatte. Hier fiengen sich dann auch, besonders Eine Art der Kin- der meiner Einbildungskraft — und zwar leider eben die schoͤnste von allen — an, sich in Wirklichkeit um- zuschaffen, und kamen mir eben nahe an Leib. Aber zu meinem Gluͤcke hielt mich meine anerbohrene Schuͤchternheit, Schaamhaftigkeit — oder wie man das Ding nennen will — noch Jahre lang zuruͤck, eh’ ich nur ein einziges dieser Geschoͤpfe mit einem Finger beruͤhrte. Da fieng sich endlich jene Liebes- geschichte mit Aenchen an, die ich oben, wie ich denke, nur mit allzusuͤsser Ruͤckerinnerung, beschrie- ben habe — und doch noch einmal beschreiben, jene Honigstunden mir noch einmal zuruͤckrufen moͤchte — um mehr zu geniessen als ich wirklich genossen habe. Allein ich fuͤrchte — nicht Suͤnde, aber Aergerniß; und eine geheime Stimme ruft mir zu: „Grauer „Geck! Bestelle dein Haus; denn du mußt sterben„. — Noch lebt diese Person, so gesund und munter wie ich; und mir steigt eine kleine Freude ins Herz so oft ich sie sehe, obgleich ich mit Wahrheit bezeugen kann, daß sie alle eigentliche Reitze fuͤr mich verlo- ren hat. Also kurz und gut, wir gehen weiters. — Nun von jenem Zeitpunkt an war ich unstaͤt und fluͤch- tig, wie Cain . Bald bestuhnd meine Arbeit im Tag- loͤhnen; bald zuͤgelte ich fuͤr meinen Vater das Sal- petergeschirr von einem Fleck zum andern. Da traf ich freylich allerhand Leuthe, immer neue Gesellschaft, und mir bisdahin unbekannte Gegenden an; und diese und jene waren mir bald widrig, bald angenehm. Im Umgang war ich eckel. Zwar bemuͤhete ich mich, freundlich mit allen Menschen zu thun. Aber zu be- staͤndigen Gespannen stuhnden mir die wenigsten an; sie mußten von einer ganz eigenen Art seyn, die ich, wenn ich ein Mahler waͤre, eher zeichnen, als mit Worten beschreiben koͤnnte. Hie und da gerieth ich auch an ein Maͤdchen; aber da stuhnd mir keine an wie mein Aenchen . Nur eines gewissen Caͤthchens und Marichens erinnr’ ich mich noch mit Vergnuͤgen, obschon unsre Bekanntschaft nur eine kleine Zeit waͤhrte. Wenn ein Weibsbild, sonst noch so huͤbsch, da stuhnd oder saß wie ein Stuͤck Fleisch — mir auf halbem Weg entgegen kam, oder mich gar noch an Frechheit uͤbertreffen wollte, so hatte sie’s schon bey mir verdorben; und wenn ich dann auch etwa in der Vertraulichkeit mit ihr ein Bißchen zu weit gieng, war’s gewiß das erste und letzte Mal. Nie hab’ ich mir auf meine Bildung und Gesicht viel zu gut gethan, obschon ich bey den artigen Naͤrrchen sehr wohl gelitten war, und einiche aus ihnen gar die Schwachheit hatten mir zu sagen, ich sey einer der huͤbschesten Buben. Wenn gleich meine Kleidung nur aus drey Stuͤcken bestuhnd — einer Lederkappe, einem schmutzigen Hembd, und ein Paar Zwilchho- sen — so schaͤmte sich doch auch das niedlichst geputzte Maͤdchen nicht, ganze Stunden mit mir zu schaͤckern. In Geheim war ich denn freylich stolz auf solche Er- oberungen, ohne recht zu wissen warum? Andremal nagte mir, wie gesagt, wirklich die Liebe ein Weil- chen am Herzen: Dann sucht’ ich mich des laͤstigen Gastes durch Zerstreuungen zu entledigen; jauchzte, pfiff, und trillerte einen Gassenhauer, deren ich in kurzer Zeit viele von meinen Kameraden gelernt hatte; oder bruͤtete an abgelegenen Orten wieder etliche Fan- taseyen aus, und traͤumte von lauter Gluͤck und gu- ten Tageu , ohne daß ich mir einfallen ließ, mich auch zu fragen: Wenn und woher sie auch kommen soll- ten? das ich mir auch sicher nicht haͤtte beantworten koͤnnen. Denn die Wahrheit zu gestehn, ich war ein Erzlappe und Stockfisch, und besaß zumal keine Unze Klugheit, oder gruͤndliches Wissen, wenn ich schon uͤber alles ganz artlich zu reden wußte. Daß ich bey jedermann, und bey jenen schoͤnen Dingern insonderheit wohl gelitten war, kam einzig daher, weil ich so ziemlich gut an jedem Ort augenblicklich den fuͤr dasselbe schicklichsten Ton zu treffen wußte, und mir, wie meine Nymphen behaupteten, alles zierlich nett anstuhnd. — Und nun abermals ein neuer Akt meines Lebens. Als mich naͤmlich bald hernach das Verhaͤngniß in Kriegsdienste fuͤhrte, und vorzuͤglich in den sechs Monathen, da ich noch auf der Werbung herumstreifte, ja da geht’s uͤber alle Beschreibung, wie ich mich nun fast gaͤnzlich im Getuͤmmel der Welt verlor. Zwar unterließ ich auch waͤhrend meinen wil- desten Schwaͤrmereyen nie, Gott taͤglich mein Mor- gen- und Abendopfer zu bringen, und meinen Ge- schwisterten gute Lehren nach Haus zu schreiben. Aber damit war’s dann auch gethan; und ob der Himmel daran grosse Freude hatte, muß ich zweifeln? Doch, wer wer weißt’s? Selbst diese fluͤchtige Andacht unterhielt vielleicht manche gute Gesinnung in mir, die sonst auch noch zu Truͤmmern gegangen waͤre, und be- huͤtete mich vor groben Ausschweifungen, deren ich mir, Gott Lob! keiner einzigen bewußt bin. So z. B. wenn ich schon mit huͤbschen Maͤdchens fuͤr mein Leben gern umgehen mochte, haͤtt’ ich’s doch auf allen meinen Reisen und Kriegszuͤgen nie uͤber’s Herz ge- bracht, nur ein eineinziges zu uͤbertoͤlpeln, wenn ich auch dazu noch so viel Reitzung gehabt. Wahrlich, mein Ge- wissen war so zart uͤber diesen Punkt, daß ich mir vielmehr oft nachwerts ruchlose Vorwuͤrfe uͤber meine eigne Feigheit gemacht; mir den und diesen guten Anlaß wieder zuruͤckgewuͤnscht, u. s. f. Aber wenn sich denn wirklich die Gelegenheit von neuem eraͤug- nete, und alles bis zum Genusse fix und fertig war, so fuhr ein zitternder Schauer mir durch Mark und Beine, daß ich zuruͤckbebte, meinen Gegenstand mit guten Worten abfertigte, oder leise davon schliech. Auf dem ganzen Transport bis nach Berlin bin ich, bis auf ein einziges Nestchen, vollends ganz rein da- von gekommen. In dieser grossen Stadt haͤtt’ ich an gemeinen Weibsleuthen keinen Schuh’ gewischt. Hingegen will ich’s nicht verbergen, daß meine zuͤ- gellose Einbildungskraft ein Paarmal uͤber glaͤnzen- de Damen und Mamselles bruͤtete. Aber es stellten sich immer noch zu rechter Zeit genugsame Hinder- nisse in den Weg; die Anfechtungen verschwanden, und besserer Sinn und Denken erwachten wieder. Waͤhrend meiner Campagne und auf der Heimreise Q hab’ ich abermals keinen weiblichen Finger beruͤhrt. Was meine Desertion betrift, so machte mir mein Gewissen daruͤber nie die mindesten Vorwuͤrfe. Ge- zwungner Eyd, ist Gott leid! dacht’ ich; und die Ce- remonie, die ich da mitmachte, waͤhnt’ ich wenigstens, koͤnne kaum ein Schwoͤren heissen. — Nach meiner Ruͤckkehr ins Vaterland ergriff ich wieder meine vo- rige Lebensart. Auch Buhlschaften spannen sich bald von neuem an. Meine herzliebe Anne war freylich verplempert; aber es fanden sich in kurzem andere Maͤdels mehr als eines, denen ich zu behagen schien. Mein Aeusseres hatte sich ziemlich verschoͤnert. Ich gieng nicht mehr so laͤppisch daher, sondern huͤbsch gerade. Die Uniform die mein ganzes Vermoͤgen war, und eine schoͤne Frisur, die ich recht gut zu machen wußte, gaben meiner Bildung ein Ansehn, daß duͤrf- tige Dirnen wenigstens die Augen aufsperrten. Be- mittelte Jungfern dann — Ja, o bewahre! — die warfen freylich auf einen armen ausgerißnen Soldat keinen Blick. Die Muͤtter wuͤrden ihnen fein aus- gemistet haben. Und doch wenn ich’s nur ein wenig pfiffiger und politischer angefangen, haͤtt’ es mir mit einer ziemlich reichen Rosina gegluͤckt, wie ich nach- werts zu spaͤth erfuhr. Inzwischen erhob selbst die- ser mißlungene Versuch meinen Muth und meine Einbildung nicht um ein geringes — und der geschos- sene Bock waͤre mir nicht um tausend Gulden feil gewesen. Ich sah darum von erwaͤhnter Zeit an alle meine bisherigen Liebschaften so ziemlich uͤber die Achsel an, und warf den Bengel hoͤher auf. Aber meine sorglose luͤderliche Lebensart verderbte immer alles wieder. Mit Kindern meines Standes war mein Umgang freylich, Gott verzeih’ mir’s! oft nur all- zufrey; in Absicht auf solche hingegen, die uͤber mir stuhnden, verließ mich meine Feigheit nie; und das war mir am meisten hinderlich. Denn wer weiß nicht, wie oft der duͤmmste Labetsch Nigaud . , bloß mit einem beherzten angriffigen Wesen zuerst sein Gluͤck macht. Aber mir so viele Muͤhe geben — kriechen, bitten, seufzen und verzweifeln — konnt’ ich eben nicht. Ei- nes Tags gieng ich nach Herisau an eine Landsge- meinde. Meine gute Mutter steckte mir all’ ihr kleines Spaargeldlin von etwa 6. fl. bey. Einer meiner Bekannten im Appenzeller -Land trachtete mir zu Trogen , in einer grossen Gesellschaft, eine gewisse Ursel aufzusalzen, die mir aber durchaus nicht behagen wollte. Ich suchte also ihr je eher je lie- ber wieder los zu werden. Es gluͤckte mir auf dem Ruͤckweg nach Herisau , wo sie sich — oder vielmehr ich mich unter dem grossen Haufen verlor. Es war eine grosse Menge jungen Volkes. Bey einbrechen- der Abenddaͤmmerung naͤherte man sich einander, und formirte Paar und Paar — als ich mit eins ein wun- derschoͤnes Maͤdel, sauber wie Milch und Blut, er- blickte, das mit zwey andern solchen Dingen davon schlenterte. Ich streckt’ ihm die Hand entgegen, es ergriff sie mit den beyden seinigen, und mir war- schirten bald Arm an Arm in dulci Jubilo unter Singen und Schaͤckern unsre Strasse. Als wir zu Herisau ankamen, wollt’ ich sie nach Haus beglei- ten. „Das bey Leib nicht„! sagte sie; „Ich doͤrft’s „um alles in der Welt nicht. Nach dem Nachtessen „vielleicht, kann ich denn eher noch ein Weilchen zum „ Schwanen kommen„. Mit einem solchen Ersatz war ich natuͤrlich sehr zufrieden. Damals wußt’ ich noch nicht, wer mein Schaͤtzgen war, und erfuhr erst itzt im Wirthshaus: Daß sie ein Toͤchtergen aus einem guten Kaufmannshaus, und ungefehr sechszehn Jahr alt sey. Ungefehr nach einer Stunde kam das liebe Geschoͤpf — Caͤthchen hieß es — mit einem arti- gen jungen Kind auf dem Arm, das sein Schwesterchen war — denn anders haͤtt’ es nicht entrinnen koͤn- nen --- als eben auch die verwuͤnschte Ur -- sel in die Stube trat, mich gleichfalls aufsuchen wollte --- bald aber Unrath merkte, mir bittere Vorwuͤrfe mach- te --- und davon gieng. Alsdann gab uns der Wirth ein eigen Zimmer --- Caͤthchen hinein, und ich nach- geschwind wie der Wind. Ich hatte ein artiges Es- sen bestellt. Nun waren ich und das herrliche Maͤd- chen allein, allein. O was dieses einzige Wort in sich faßt! Tage haͤtt’ es waͤhren sollen, und nicht zwey oder drey wie Augenblicke verflossene Stunden. Und doch --- die Waͤnde unsers Stuͤbchens --- das Kind auf Caͤthchens Schooß --- die Sternen am Himmel sollen Zeugen seyn unsrer suͤssen, zaͤrtlichen, aber schuldlosen Vertraulichkeit. Ich blieb noch die halbe Woche dort. Mein Engel kam alle Tage mit ihrem Schwesterchen vier bis fuͤnfmal zu mir. Endlich aber gieng mir die Baarschaft aus --- ich mußte mich los- reissen. Caͤthchen gab mir, immer mit dem Kind auf dem Arm, trotz aller Furcht vor seinen Eltern, das Geleit noch weit vor den Flecken hinaus. Wie der Abscheid war, laͤßt sich denken. Thraͤnen von Liebchen trug ich auf meinen Wangen genug nach Haus. Wir winkten einander mit Schuͤrze und Schnupftuͤchern unser Lebewohl mehr als hundertmal, und so weit wir uns sehen konnten. O man verzeihe mir meine Thor- heit! Gehoͤren doch diese Tage zu den allergluͤcklich- sten, und ihre Freuden zu den allerunschuldigsten mei- nes Lebens. Denn mein guter Engel hatte mir ge- gen dieß holde Maͤdchen ordentlich eben so viel Ehr- furcht als Liebe eingefloͤßt; so daß ich sie, wie ein Vater sein Kind, umarmte, und sie mich hinwieder, wie eine Tochter ihren Erzeuger, sanft an ihren rei- nen Busen druͤckte, und mein Gesicht mit ihren Kuͤs- sen deckte. --- Itzt war ich dem Leibe nach wieder bey Haus, aber im Geiste immer mit diesem herzigen Schaͤtzgen beschaͤftigt, dem weiland Aennchen sogar weit nachstuhnd. Indessen kam mir nur kem Gedanke daran, daß ich jemals zu ihrem Besitz gelangen koͤnn- te; vielmehr sucht’ ich mir alles Vorgegangene voll- kommen aus dem Sinn zu schlagen, und es gelang mir. Denn dieß war von jeher meine Art: Was einen schnellen Eindruck auf mich machte, war auch bald wieder vergessen, und von neuen Gegenstaͤnden verdraͤngt. Allein, wer haͤtte daran gedacht? An ei- nem schoͤnen Abend brachte mir der Herisauer -Bot ein Briefchen von meinem Caͤthchen , worinn sie in zaͤrtlich verliebten und dabey recht kindisch naiven Aus- druͤcken mir sagte: Wie’s ihr sey seit unserm Ab- schied; wie sie mich gern wieder sehen --- noch ein- mal mit mir reden moͤchte --- und, wenn das nicht moͤglich waͤre, mich wenigstens zu einem schriftlichen Verkehr auffodere. Ich kuͤßte das Papier, las es wohl hundertmal, und trug’s immer in der Tasche, bis es ganz verschmutzt und zersetzt war. Also --- ich flog eilends nach Herisau -- Nein! Ich antwortete auf der Stelle. --- Nein! auch das nicht; kein Wort. Kurz ich gieng nicht, und schrieb nicht. Warum? Daß ich gerade damals kein Geld hatte, dessen erinnere ich mich; daß sonst noch etwas dazwischen kam, weiß ich auch; die eigentliche Ursach’ aber ist mir aus dem Gedaͤchtniß entfallen. Genug, ich vergaß meinen Herisauer -Schatz, woruͤber ich mir nachwerts man- chen bittern Vorwurf gemacht. Endlich, erst nach zwanzig Jahren, dacht’ ich wieder einmal dieser Be- gebenheit so lange und so ernsthaft nach, und die Be- gierde, zu erfahren, ob das liebe Kind noch lebe, und was aus ihr geworden sey, ward so stark in mir, daß ich eigens deswegen auf Herisau gieng, (ungeach- tet ich in der Zwischenzeit manchmal mich Tage lang dort aufhielt, ohne daß mir nur ein Sinn an sie kam,) nach ihrer Wohnung fragte, und bald erfuhr, daß sie schon Mutter von zehn Kindern, und auf einem Wirthshaus sey. Ich flog dahin. Der Mann war eben nicht zu Hause. Ich sprach sie um Nacht- herberg an, setzte mich zu Tisch, und beguckte mein --- nun nicht mehr mein Caͤthchen . Himmel! wie das arme Ding ganz verlottert war. Und doch erkannt’ ich ihre ehevorigen jugendlichen Gesichtszuͤge mitun- ter noch deutlich. Ich konnte mich der Thraͤnen kaum erwehren. Sie war ungluͤcklicher Weise an einen brutalen und dabey luͤderlichen Mann gerathen, der nachwerts wirklich banquerout machte. Schon damals war sie in sehr aͤrmlichen Umstaͤnden. Sie kannte mich nicht mehr. Ich fragte sie alles aus, nach ih- rer Herkunft, wer ihr Mann sey, u. s. f. Und end- lich auch: Ob sie sich nicht mehr eines gewissen U. B. erinnre, den sie vor zwanzig Jahren etliche Tag’ nach einander beym Schwanen angetroffen. Hier sah sie „mir starr ins Gesicht --- fiel mir an die Hand: „Ja! „Er ist’s, er ist’s„! und grosse Tropfen rollten uͤber ihre blassen Wangen herab. Nun ließ sie alles stehn, setzte sich zu mir hin, erzaͤhlte mir der Laͤnge und Breite nach ihre Schicksale, und ich ihr die meinigen, bis spaͤth in die Nacht hinein. Beym Schlafengehn konnten wir uns nicht erwehren, jene seligen Stun- den durch ein Paar Kuͤße zu erneuern; aber weiter stieg mir auch nur kein arger Gedanke auf. Im Verfolg kehrte ich noch manchmal bey ihr ein. Sie starb etwa vier Jahre nach unserm ersten Wieder- sehn — und es thnt wir so wohl, noch eine Thraͤne auf ihr Grab zu weinen, wo sie itzt mit so viel an- dern guten Seelen im Frieden wohnt. Und nun weiters. Daß ich in meiner obigen Geschichte uͤber die aller- ernsthaftesten Scenen meines Lebens --- Wie ich an meine Dulcinea kam --- ein eigen Haus baute --- ei- nen Gewerb anfieng, u. s. f. so kurz hinweggeschluͤpft, koͤmmt wahrscheinlich daher, daß diese Epoche meines Daseyns mir unendlich weniger Vergnuͤgen als mei- ne juͤngern Jahre gewaͤhrten, und darum auch weit fruͤher aus meinem Gedaͤchtniß entwichen sind. So viel weiß ich noch gar wohl: Daß, als ich auch im Ehestand mich betrogen sah, und statt des Gluͤcks, das ich darinn zu finden mir eingebildet hatte, nur auf einen Haufen ganz neuer unerwarteter Widerwaͤr- tigkeiten stieß, ich mich wieder aufs Grillenfaͤngen legte, und meine Berufsgeschaͤfte nur so maschienen- maͤßig, laͤstig und oft ganz verkehrt verrichtete, und mein Geist, wie in einer andern Welt, immer in Luͤften schwebte; sich bald die Herrschaft uͤber golde- ne Berge, bald eine Robinsonsche Jusel, oder irgend ein andres Schlauraffenland ertraͤumte, u. s. f. Da ich hiernaͤchst um die naͤmliche Zeit anfieng, mich aufs Lesen zu legen, und ich zuerst auf lauter mysti- sches Zeug --- dann auf die Geschichte --- dann auf die Philosophte --- und endlich gar auf die verwuͤnsch- ten Romanen fiel, schickte sich zwar alle dieß vortref- lich in meine idealische Welt, machte mir aber den Kopf nur noch verwirrter. Jeden Helden und Eben- theurer alter und neuer Zeit macht’ ich mir eigen, lebte vollkommen in ihrer Lage, und bildete mir Um- staͤnde dazu und davon wie es mir beliebte. Die Ro- manen hinwieder machten mich ganz unzufrieden mit meinem eigenen Schicksal und den Geschaͤften meines Berufes, und weckten mich aus meinen Traͤumen, aber eben nur zu groͤsserm Verdruß auf. Bisweilen, wenn ich denn so muͤrrisch war, sucht’ ich mich durch irgend eine lustige Lektur wieder zu ermuntern. Als- dann je lustiger, je lieber; so daß ich daruͤber bald zum Freygeist geworden, und dergestalt immer von einem Extrem ins andre fiel. In dieser Absicht be- daur’ ich die Gefehrtin meines Lebens von Herzen. Denn so wenig Geschmack ich an ihr fand, so hatte sie doch noch viel mehr Ursache, keinen an mir zu fin- den. Dennoch war ihre Neigung zu mir stark, ob- gleich nichts weniger als zaͤrtlich. Ein Betragen ganz nach ihrem Geschmack, meine Unterwuͤrfigkeit und Liebe zu ihr, das alles wollte sie von dem ersten Tag’ an erpochen und erpoltern --- und macht’s heute mit mir und meinen Jungen noch eben so --- und wird es so wenig lassen, als ein Mohr seine Haut aͤndern kann. Und doch ist dieß, wie ich’s nun aus Erfah- rung weiß, gewiß das ganz unrechte Mittel, einen an das Joch zu gewoͤhnen. Inzwischen flossen meine Ta- ge so halb vergnuͤgt, halb mißvergnuͤgt dahin. Ich such- te mein Gluͤck in der Ferne und in der Welt --- mittler- weile es lange ganz nahe bey mir vergebens auf mich wartete. Und noch itzt, da ich doch uͤberzeugt bin, daß es nirgends als in meinem eigenen Busen wohnt, ver- geß ich nur allzuoft, dahin --- in mich selbst zuruͤck- zukehren --- flattre in einer idealischen Welt herum, oder waͤhle in dieser gegenwaͤrtigen falsche, Eckel und Unlust erweckende Scheinguͤter ausser mir. Was Wun- der also, daß ich, nach meinem vorbeschriebenen Ver- halten, mich immer selber ins Gedraͤnge brachte, und mich zumal in eine Schuldenlast vertiefte, in der ich beynahe verzweifeln mußte. Freylich seh’ ich itzt wohl ein, daß auch mein dießfaͤlliges Elend mehr in meiner Einbildung als in der Wirklichkeit bestuhnd, und mein Falliment, da ich am tiefsten stack, doch nie betraͤchtlich gewesen, und nicht uͤber 700. hoͤch- stens 800. fl. an mir waͤren eingebuͤßt worden. Und doch hab’ ich vor- und nachher Banqueroute von so viel Tausenden mit kaltem Blut spielen gesehn. Zu- dem waren meine Glaͤubiger gewiß nicht von den strengsten, sondern noch vielmehr von den allerbeßten und nachsichtigsten, wenn mich gleich der eint- und andre ein Paarmal ziemlich roh anfuhr. Eben so sicher ist’s freylich, daß, wenn ich meiner Frauen Grundsaͤtze be- folgt, ich nie in dieß Labyrinth gerathen waͤre. Ob aber unter andern Umstaͤnden, und wenn ich eine an- ders organisirte Haushaͤlfte gehabt, oder dieselbe mich anders geleitet -- mir entweder freye Haͤnde gelassen, oder doch meinen Willen und Zuneigung auf eine zaͤrt- lichere Art zu fesseln gewußt, es je so weit mit mir gekommen waͤre, ist dann wieder eine andre -- Frage? Einmal ganz und gar in ihre Maximen einzutreten, war mir unmoͤglich. Bey mehrerer Freyheit hinge- gen (denn mit Gewalt mocht’ auch Ich meine Au- thoritaͤt lange nicht zeigen) haͤtt’ ich wenigstens mei- ner Geschaͤfte mich mehr angenommen, mehr Eifer und Fleiß, und kurz alle meine Leibs- und Seelen- kraͤfte besser auf meinen Gewerb gewandt. Da mir aber Zanken und Streit in Tod zuwider, und etwas mit dem Meisterstecken durchzusetzen, auch nicht mei- ne Sache war -- wenn’s zumal den zeitlichen Plun- der betraf, der mir so vieler Muͤhe nie werth schien- so ließ ich’s eben bleiben. Schon damals hatten gei- stige Beschaͤftigungen weit mehr Reitze fuͤr mich. Und da meine Dulcinea ohnehin alles in allem seyn woll- te, sie mich in allem tadelte, und ich ihr mein Ta- ge nichts recht machen konnte, so wurd’ ich um so viel verdruͤßlicher, und dachte: Ey! zum * *, so mach’s Du! Ich kenne noch andre Arbeit, die mir unendlich wichtiger scheint. Da hatt’ ich nun frey- lich Unrecht uͤber Unrecht; denn ich erwog nicht, daß doch zuletzt alle Last auf den Mann faͤllt — ihn bey den Haaren ergreift, und nicht das Weib. Haͤtt’ ich nur, dacht’ ich denn oft, eine Frau, wie Freund N. Der ist sonst, ohne Ruhm zu melden, ein Lapp wie ich, und haͤtte schon hundert und aber hundert Nar- renstreiche gemacht, wenn nicht sein gescheidtes Dor- chen ihn auf eine liebevolle Art zuruͤckgehalten — und das alles so verschmitzt, nur hinten herum, ohne ihn merken zu lassen, daß er nicht uͤberall Herr und Mei- ster sey. O wie meisterlich weißt sich die nach seinen Launen zu richten, die guten und die boͤsen zu maͤs- sigen (Denn in den beßern ist er uͤbertrieben lu- stig, in den uͤbeln hingegen aͤchzt er wie eine alte Vettel, oder will alles um sich her zerschmettern) daß ich oft erstaunt bin, wie so ein Ding vor Weib- chen eine so unsichtbare Gewalt uͤber einen Mann haben, und, unterm Schein ganz nach seinem Ge- fallen zu leben, ihn ganz zu Diensten haben kann. Aber ein derley Geschoͤpf ist eben ein rarer Vogel auf Erde; und selig ist der Mann, dem ein solch Kleinod bescheert ist, wenn er’s zumal gehoͤrig zu schaͤ- tzen weiß. Und Freund N. schaͤtzt das seinige him- melhoch, ohn’ es doch recht zu kennen. Sie lobt ihm alles; und wenn ihr etwas auch noch so sehr miß- faͤllt, heißt es nur mit einem holden Laͤcheln: „Es „mag gut seyn; aber ich haͤtt’s doch lieber so und „so gesehn. Schatze! Mir zu gefallen mach’s auf „diese Art„. Nie hab’ ich ein bitter Wort oder eine boͤse Miene gegen ihn bemerkt, auch nie von andern vernommen, der diese gesehen oder jenes ge- hoͤrt haͤtte. Obgleich nun uͤbrigens freylich ein sol- cher Zeisig bisweilen mich etwas luͤstern, und der Contrast zwischen ihr und meiner Bethesgenoßin, nicht selten ein wenig duͤster gemacht, war ich doch im Grund des Herzens mit meinem Loos nie eigent- lich unzufrieden, fest uͤberzeugt, mein guter Vater im Himmel habe auch in dieser Ruͤcksicht — denn warum in dieser allein nicht? — die beßte Wahl getroffen. Ist’s ja doch offenbar, daß gerade eine solche Haͤlfte und keine andre es seyn mußte, die meiner Neigung zu allen Arten von Ausschweifungen Schran- ken setzte. Solch ein weiblicher Poldrianus sollte mir das Laͤcherliche und Verhaßte jeder allzuheftigen Ge- muͤthsbewegung — wie die lacedaͤmonischen Sklaven den Buben ihrer Herren das Laster der Trunkenheit — in Natura zeigen, und dergestalt Ein Teufel den andern austreiben. Solch eine karge Sparbuͤre muͤßt’ es seyn, die meiner Freygebigkeit und Geldverach- tung das Gleichgewicht hielt — mir zu Nutz’ und ihr zur Strafe, nach dem herrlichen Sprichwort: Ein Sparer muß einen Geuder Verschwender. haben. Solch ein Sittenrichter und Kritikus mußt’ es seyn, der alle meine Schritt’ und Tritte beobachtete, und mir taͤg- lich Vorwuͤrfe machte. Das hieß mich, auch taͤg- lich, auf meine Handlungen Achtung geben, mein Herz erforschen, meine Absichten und Gesinnungen pruͤ- fen, was wahr oder falsch, gut oder boͤse gemeint sey. Solch ein Zuchtmeister mußt’ es seyn, der alle mei- ne Schwachheiten mit den schwaͤrzesten Farben schilder- te, so wie ich hingegen geneigt war, dieselben, wo nicht fuͤr kreidenweiß, doch fuͤr grau anzusehn. Solch ei- nen Arzt braucht’ ich, der alle meine Schaden nicht nur aufdeckte — sondern auch vergroͤsserte, und bis- weilen selbst die minder wichtigen fuͤr hoͤchst gefaͤhr- lich ausgab; die mir, freylich stinkende, beissende Pillen, frisch vom Stecken weg, und noch mit einem Grenadierton unter die Nase rieb, daß die Waͤnde zitterten. Dadurch lernt’ ich, zu dem einzigen Arzt meine Zuflucht nehmen, der mir dauerhaft helfen konnte, mich im Stillen vor ihm auf die Kniee wer- fen, und bitten: Herr! Du allein kennest alle meine Gebrechen; vergieb, und heile auch meine verborge- nen Fehler! Solch eine Betmutter endlich, die be- ten, und mitten im Beten auffahren und eins los- ziehen konnte, mußt’ es seyn, die mich — beten lehrte, und mir allen Hang zu froͤmmelnder Schwaͤr- merey benahm. -- Und nun genug, lieber Nachkoͤmling! Du siehst, daß ich meiner Frau alle Gerechtigkeit wie- derfahren lasse, und sie ehre wie man einen geschickten Arzt zu ehren pflegt, uͤber den man wohl bis weilen ein Bischen boͤse thun, aber ihm doch nie im Herzen recht ungut seyn kann. --- Auch ist sie wirklich das ehrlichste, braͤvste Weib von der Welt, und uͤbertrift mich in vielen Stuͤcken weit; ein sehr nuͤtzliches, treues Weib, mit der ein Mann --- der nach ihrer Pfeife tanzte, treflich wohl fahren wuͤrde. Wie gesagt, recht viele gute Eigenschaften hat sie, die ich nicht habe. So weißt sie z. E. nichts von Sinnlichkeit, da hingegen mich die meinige so viel tausend Thorheiten begehen ließ. Sie ist so fest in ihren Grundsaͤtzen -- oder Vorurtheilen wenn man lieber will -- daß kein Doktor Juris -- kein Lavater -- kein Zimmermann sie davon eines Nagelsbreit abbrin- gen koͤnnte. Ich hingegen bin so wankend wie Espenlaub. Ihre Begriffe -- wenn sie diesen Namen verdienen -- von Gott und der Welt, und allen Dingen in der Welt, duͤn- ken ihr immer die beßten, und unumstoͤßlich zu seyn. Weder durch Guͤte noch Strenge --- durch keine Fol- ter koͤnnt’st du ihr andre beybringen. Ich hingegen bin immer zweifelhaft, ob die meinigen die richtigen seyn. In ihrer Treu und Liebe zu mir macht sie mich ebenfalls sehr beschaͤmt. Mein zeitliches und ewiges Wohl liegt ihr, vollkommen wie ihr eigenes, am Herzen; sie wuͤrde mich in den Himmel --- bey den Haaren ziehn, oder gar mit Pruͤgeln d’rein ja- gen; theils und zuerst um meines eigenen Beßten willen --- dann auch um das Vergnuͤgen zu haben, daß ich’s ihr zu danken haͤtte --- und um mich ewig hofmeistern zu koͤnnen. Doch im Ernst: Ihre auf- richtige Bitte zu Gott geht gewiß dahin: „Laß doch „dereinst mich und meinen Mann einander im „Himmel antreffen, um uns nie mehr trennen zu „muͤssen„. Ich hingegen --- ich will es nur geste- hen --- mag wohl eher in einer boͤsen Laune gebetet haben: „Beßter Vater! In deinem Hause sind viele „Wohnungen; also hast du gewiß auch mir ein stilles „Winkelgen bestimmt. Auch meinem Weibe ordne „ein artiges --- nur nicht zu nahe bey dem meinigen„. Sind das nun nicht alles aufrichtige Gestaͤndnisse? Sag’ an, lieber Nachkoͤmmling! Ja! ich gesteh’ es ja noch einmal, daß meine Frau weit weit besser ist als ich, und sie’s vortreflich gut meint, wenn’s schon nicht immer jedermann fuͤr gut annehmen kann. So ließ sie sich’s z. E. nicht ausreden, daß es nicht ihre Pflicht waͤre, mir des Nachts laut in die Ohren zu schrey’n -- daß sie bete, und daß ich ihr nachbeten koͤnne. Und wenn ich ihr hundertmal sage, das Lautschreyen nuͤtze nichts, da gilt alles gleich viel; sie schreyt. --- Da muß ich, denk’ ich, freylich abermals nur mein allzueckles Ohr anklagen, und wieder und uͤberall sa- gen und bekennen: Ja, ja! sie ist weit braͤver als ich. Barmherzigkeit — welch ein beruhigendes Wort! — Barmherzigkeit meines Gottes, dessen Guͤte uͤber allen Verstand geht, dessen Gnade keine Grenzen kennt! Wenn ich so in angsthaften Stunden alle Trostspruͤche deiner Offenbarung zusammenraffe, macht dieß einige Wort einen solchen Eindruck auf mein Herz, daß es der Hauptgrund meiner Beruhigung wird. Indessen bin ich, wie andre Menschen, frey- lich nicht weniger geneigt, auch etwas Troͤstendes in mir selbst aufzusuchen. Und da sagt mir naͤmlich die Stimme in meinem Busen: Freylich bist du ein gros- ser, schwerer Suͤnder, und kannst mit dem allergroͤß- ten um den Vorzug streiten; aber deine Vergehen ka- men meist auf deinen Kopf heraus, und die Strafen deiner Sinnlichkeit folgten ihr auf dem Fusse nach. — Wenigstens darf ich mir dieß Zeugniß geben: Daß ich von Jugend an nie boshaft war, und mit Wissen und Willen niemand Unrecht gethan. Wohl hab’ ich manchmal meine Pflichten zumal gegen mei- ne Eltern versaͤumt; und meine dießfaͤllige Schulden seh’ ich, aber leider zu spaͤthe! erst itzt recht ein, da ich selber Vater bin, und, wahrscheinlich zur Strafe meiner Suͤnden, auch rohe und unbiegsame Kinder habe. Bey mir war es Unwissenheit; und ich will gerne hoffen, es ist’s itzt auch bey ihnen. — Einem Mann gab ich vor drevßig Jahren ein Paar tuͤchtige Ohrfeigen; und sonst noch einer oder zwoo Balgereyen bin ich mir auch bewußt. Aber ich habe mir deßwe- gen nie starke Vorwuͤrfe gemacht. Zum Theil ward ich augegriffen, oder ich hatte sonst ziemlich gerechte Ursachen boͤse zu werden. Erwaͤhnter Mann hatte mei- nen Vater wegen einem vom Wind umgeworfenen Taͤnnchen im Gemeinwald vor dem Richter verklagt; der gute Aeti wurde unschuldiger Weise gebuͤßt. Nun brannte freylich die Rachbegier in meinem Busen hoch auf. Eines Tages nun ertappt’ ich den boshaften Anklaͤger, daß er selbst — Stauden stahl; da ja versetzt’ ich ihm eins, zwey, oder drey, daß ihm Maul und Nase uͤberloffen. Noch blutend rannte er zum Ober- vogt. Der citirte mich; aber ich gestuhnd nichts, und und der andre hatte keine Zeugen. Er mußte also das Empfangene vor sich behalten. — Im Handel und Wandel betrog ich sicher niemand, sondern zog vielmehr meist den Kuͤrzern. — Nie mocht’ ich in Gesellschaften seyn, wo gezankt wurde, oder wo sonst jemand unzufrieden war; nie wo schmutzige Zotten aufs Tapet kamen, oder es sonst konterbunt --- wohl aber wo es lustig in Ehren hergieng, und alles con- tent war. Mehr als einmal hab’ ich mein eigenes Geld angespannt, um andern Vergnuͤgen zu machen. --- Viel hundert Gulden hab’ ich entlehnt, um an- dern zu helfen, die mich hernach ausgelacht, oder es mir abgelaͤugnet, oder die ich mir wenigstens damit, statt zu Freunden zu Feinden gemacht. --- Das schoͤ- ne Geschlecht war freylich von jeher meine Lieblings- sache. Doch, ich hab’ ja uͤber dieß Kapitel schon ge- beichtet. Gott verzeih’ mir’s wo ich gefehlt! --- Dieß- mal ist’s um Entschuldigungen und Trostgruͤnde zu thun. Und da bin ich in meinem Innersten zufrieden mit mir selber, daß gewiß kein Weibsbild unter der Sonne auftreten und sagen kann, ich habe sie ver- fuͤhrt; keine Seele auf Gottes Erdboden herumgeht, die mir ihr Daseyn vorzuwerfen hat; daß ich kein Weib ihrem Mann abspenstig gemacht, und eine ein- zige Jungfer gekostet --- und die ist meine Frau. Diese meine Bloͤdigkeit freute mich immer, und wuͤrde mir noch itzt anhangen. Auch das ist mir ein wahrer Trost, daß ich sogar nur nie keine Gelegenheit gesucht --- hoͤchstens bisweilen in meiner Fantasie die Narr- heit hatte, einen guten Anlaß zu wuͤnschen; aber, R wenn sich denn derselbe --- gluͤcklicher oder ungluͤckli- cher Weise eraͤugnete --- ich schon zum Voraus an al- len Gliedern zitterte. --- Meinem Weib hab’ ich nie Unrecht gethan --- es muͤßte denn das Unrecht heis- sen, daß ich mich nie ihr unterthan machen wollte. Nie hab’ ich mich an ihr vergriffen; und wenn sie mich auch auf’s Aeusserste brachte, so nahm ich lieber den Weiten. Herzlich gern haͤtt’ ich ihr alles ersinn- liche Vergnuͤgen gemacht, und ihr, was sie nur im- mer geluͤstete, zukommen lassen. Aber von meiner Hand war ihr niemals nichts recht; es fehlte immer an einem Zipfel. Ich ließ darum zuletzt das Kra- men und Laufen bleiben. Da war’s wieder nicht recht. — Auch meinen Kindern that ich nicht Un- recht; es muͤßte denn das Unrecht seyn, daß ich ih- nen nicht Schaͤtze sammelte, oder wenigstens meinem Geld nicht besser geschont habe. In den ersten Jah- ren meines Ehestands nahm ich mit ihnen eine schar- fe Zucht vor die Hand. Als aber itzt meine zwey Erstgebohrnen starben, macht’ ich mir Vorwuͤrfe, ich sey nur zu streng mit ihnen umgegangen, obschon sie mir in der Seele lieb waren. Nun verfuhr ich mit den uͤbriggebliebenen nur zu gelinde, schonte ihnen mit Arbeit und Schlaͤgen, verschaffete ihnen allerhand Freuden, und ließ ihnen zukommen was nur immer in meinem Vermoͤgen stand — bis ich anfieng einzu- sehn, daß meines Weibs dießfaͤllige oͤftere Vorwuͤrfe wirklich nicht unbegruͤndet waren. Denn schon wa- ren mir meine Jungen ziemlich uͤber die Hand ge- wachsen, und ich mußte eine ganz andre Miene an- nehmen, wenn ich nur noch in etwas meine Au- thoritaͤt behaupten wollte. Aber die Leyer mei- ner Frau konnt’ ich darum auch itzt noch unmoͤglich leyern; unmoͤglich stundenlang donnern und lamenti- ren; unmoͤglich viele hundert Waidspruͤche und Le- bensregeln, haltbare und unhaltbare, in die Kreutz’ und Queer’ ihnen vorschreiben; und wenn ich’s je gekonnt haͤtte, sah’ ich die Folgen einer solchen Art Kinderzucht nur allzudeutlich ein: Daß naͤmlich am End’ gar nichts gethan und geachtet, aus Uebel immer Aerger wird, und das junge Fuͤllen zuletzt anfaͤngt wild und taub hintenauszuschlagen. Ich begnuͤgte mich also ihnen meine Meinung immer mit wenig Worten, aber im ernsten Tone zu sagen; und be- sonders nie fruͤher als es vonnoͤthen war, und nie- mals blosse Kleinigkeiten zu abnden. Mehrmals hatt’ ich schon eine lange Predigt studirt; aber immer war ich gluͤcklich genug, sie noch zu rechter Zeit zu ver- schluͤcken, wenn ich die Sachen bey naͤherer Untersu- chung so schlimm nicht fand, als ich es im er- sten Ingrimm vermuthet hatte. Ueberhaupt aber fand ich, daß Gelindigkeit und sanfte Guͤte, zwar nicht immer, aber doch die meisten Male mehr wirkt, als Strenge und Lautthun. — Doch, ich merke wohl, ich fange an meine Tugenden zu mahlen — und sollte meine Fehler erzaͤhlen. Aber noch einmal, in diesen letzten Zeilen moͤcht’ ich mich, so gut es seyn kann, ein wenig beruhigen . Meine aufrichtigen Gestaͤndnisse findet der Liebhaber ja oben, und wird daraus meinen Eharackter ziemlich genau zu bestim- men wissen. Schon seit Langem hab’ ich mir viele Muͤhe gegeben, mich selbst zu studiren, und glaube wirklich zum Theil mich zu kennen — meine Frau war mir ein trefliches Huͤlfsmittel dazu — zum Theil aber bin ich mir freylich noch immer ein seltsames Raͤthsel: So viele richtige Empfindungen; ein so wohlwol- lendes, zur Gerechtigkeit und Guͤte geneigtes Herz; so viel Freude und Theilnahm’ an allem physisch und moralisch Schoͤnen in der Welt; solch betruͤbende Ge- fuͤhle beym Anblick oder Anhoͤren jedes Unrechts, Jammers und Elends; so viele redliche Wuͤnsche end- lich, hauptsaͤchlich fuͤr andrer Wohlergehn. Dessen alles bin ich mir, wie ich meyne, untruͤglich bewußt. Aber dann daneben: Noch so viele Herzenstuͤcke; solch einen Wust von Spanischen Schloͤssern, Tuͤrki- schen Paradiesen, kurz Hirngespinnsten — die ich so- gar noch in meinem alten Narrnkopf mit geheimem Wohlgefallen naͤhre — wie sie vielleicht sonst noch in keines Menschengehirn aufgestiegen sind. — Doch itzt noch etwas LXXX. Von meiner gegenwaͤrtigen Gemuͤthslage. Item von meinen Kindern . A uch daruͤber find’ ich mich gezwungen, die reine Wahrheit zu sagen; Zeitgenossen und Nachkoͤmmlin- ge moͤgen daraus schliessen was sie wollen. Noch such’ ich mich naͤmlich sogar zu bereden, jene fantastischen Hirnbruten seyen am End ganz unsuͤndlich — weil sie unschaͤdlich sind. Sicher ist’s, daß ich damit kei- ne menschliche Seele beleidige. Ob dann aber sonst das selbstgefaͤllige Nachhaͤngen sonderbarer Lieb- lingsideen die schwarzen Farben verdienen, womit ohne Zweifel strenge Orthodoxen sie anstreichen duͤrf- ten, weiß ich nicht. Ob hinwieder mein guter Va- ter im Himmel meine Thorheiten so ansehe, wie’s die Menschen thun wuͤrden, wenn mein ganzes Herz vor ihren Augen offen an der Sonne laͤge, daran erlaube man mir zu zweifeln — oder vielmehr nicht zu zweifeln. Denn Er kennet mich ja, und weißt was fuͤr ein Gemaͤcht ich bin. — Bemuͤh’ ich mich doch wenigstens, immer besser — oder weniger schlimm zu werden. Wenn ich z. B. seit einiger Zeit so meine Strasse ziehe, und noch itzt bisweilen heimlich wuͤnsche, daß ein Kind meiner Fantasie mir begegnen moͤchte — und ich mich denn dem Plaͤtzchen naͤhere, wo ich darauf stossen sollte — und es ist nicht da — Wie bin ich so froh! — Und doch hatt’ ich’s erwartet. Wie reimt sich das? Gott weiß es; Ich weiß es nicht; nur das weiß ich, daß ich’s Ihm danke, daß es mich auf sein Geheiß ausweichen mußte. — Einst stuhnd wirklich eine solche Geburth meiner Einbildungskraft — und doch gewiß ohne mein Zuthun da, gerade auf der Stelle, die ich im Geist ihm bestimmt hatte. Himmel, wie erschrack ich! Zwar naͤherte ich mich demselben; aber ein Fieberfrost rannte mir durch alle Adern. Zum Ungluͤck oder Gluͤck stuhnden zwey boͤse Buben nahe bey uns, kickerten und lachten sich Haut und Lenden voll; und noch auf den heutigen Tag weiß ich nicht, was ohne diesen Zufall aus mir geworden waͤre. Ich schlich mich davon, wie ein gebissener Hund. Die Buben pfiffen mir nach, so weit sie mich sehen konnten. Ich brannte vor Wuth. Ueber wen? Ueber mich selbst — und uͤbergab meine Sinnlichkeit dem T * * und seiner Großmutter zum Gutenjahr. In diesem Augenblick haͤtt’ ich mir ein Ohr vom Kopf fuͤr den verwuͤnschten Streich abhauen lassen. Bald nachher erfuhr ich, daß, da man mich wegen meinem unschenirten Wesen im Verdacht hatte, diese Falle mir mit Fleiß gelegt worden; und daß jene Bursche ausgesagt, sie haͤtten mich so und so ertappt. Das Gemuͤrmel war allgemein. Meine Feinde triumphirten. Meine Freunde erzaͤhlten’s mir. Ich bat sie ganz gelassen, zu sehen, daß sie mir nur die stellen, wel- che so von mir reden. Aber es getraute sich niemand. Gleichwohl zeigte man mit Fingern auf mich. Diese Wunde hat mich bey Jahren geschmerzt, und ist noch auf den heutigen Tag nicht ganz zugeheilt. Aber, Gott weiß! wie dienstlich sie mir war. In der er- sten Wuth meiner gekraͤnkten Ehrliebe haͤtt’ ich die Buben erwuͤrgen moͤgen; nachwerts dankt’ ich noch meinem guten Schutzgeist, der sie hergefuͤhrt hatte, sonst waͤr’ ich vielleicht dieser Versuchung nicht wider- standen. Ein Freund (der mich wohl ebenfalls in falschem Verdacht hatte) rieth mir, koͤnftig diese Strasse nicht mehr zu brauchen. Hierinn aber folgt’ ich ihm nicht, sondern gieng gleich meiner Wegen fort, und sah denen die mir begegneten herzhaft und scharf in die Augen, als wenn ich ihre Gedanken er- rathen koͤnnte. Und so hab’ ich wirklich nach und nach alle die Leuthe kennen gelehrt, die sich mit jenem Geruͤchte befasset hatten; und wurde mir vollends ei- ner nach dem andern genannt, von dem ersten Aus- sager an bis auf den letzten; wie, und mit welcher Vergroͤsserung man sich’s ins Ohr bot, u. s. f. Uebrigens hat sich seit der Zeit meine Denkart in so weit geaͤndert, daß mich bey ferne nichts mehr so stark angriff wie ehmals, und jene Grillen, die mir einst so unbeschreiblich viel Angst machten, merklich ins Abnehmen geriethen, und ich wenigstens mir nur nicht mehr traͤumen ließ, daß die Erfuͤllung meiner oft so fantastischen Wuͤnsche mir irgend woher zufliessen sollte, als aus der Hand der guͤtigen Vorsehung. Von jeder andern waͤre das groͤßte Gluͤck mir fuͤrchterlich vorgekommen. Freylich lagen dann in meiner Ein- bildungskraft hundert und hundert verschiedene Mit- tel, wie ich dazu gelangen koͤnnte. — Auch die haͤu- figen Vorwuͤrfe meiner Frau griffen mich itzt nicht mehr so stark an. Ich bin derselben gewoͤhnt; weiß daß diese ihre Verfahrungsweise nun einmal ganz in ihre Natur verwebt ist; lasse ihre immerwaͤhrende Predigten zum einten Ohr ein und zum andern wie- der aus, ohne darum minder in der Stille zu pruͤ- fen, was allenfalls daran begruͤndet seyn mag, und solches zu meinem Beßten zu benutzen. — Wie ge- sagt, nicht daß ich mir selbst auf den heutigen Tag meine Schlauraffen-Laͤndereyen total moͤchte entreis- sen lassen; vielmehr gewaͤhren sie mir alten Thoren auch itzt noch vielfaches Vergnuͤgen. Aber ich lache mich dann doch selber wieder aus, trachte wenigstens immermehr diese Narretheyen zu verachten, und su- che dafuͤr mich an der Ruͤckerinnerung meiner ersten unschuldigen Jugendjahre zu ergoͤtzen. Aber da steht wieder eine Klippe auszuweichen: Daß mich naͤmlich diese Ruͤckerinnerung nicht unzufrieden mache mit den allmaͤhlig anruͤckenden Tagen, von denen man sonst spricht: Sie gefallen uns nicht. Und das Mit- tel dazu ist kurz dieses: Daß ich mich bemuͤhe, so viel es je ohne Verletzung des Wohlstands seyn kann, auch dieselben mir so angenehm wie moͤglich zu ma- chen, und allen mir etwa widrigen Begegnissen mit kaltem Blut unter die Augen zu treten. Damit mich aber die mancherley Zufaͤlle des Lebens desto minder aus meiner Fassung bringen, bestreb’ ich mich frey- lich sorgfaͤltiger als noch nie, so zu wandeln, daß mir wenigstens mein Gewissen keine Vorwuͤrfe ma- che, daß durch meine Schuld etwas versaͤumt wor- den — und mich gegen alle meine Nebenmenschen, besonders aber gegen die Meinigen, so zu betragen, daß keine Seele sich mit Recht uͤber mich zu beschweren habe. Also laß ich z. B. im Handel und Wandel, und uͤber- haupt in Worten und Werken, immer lieber andern den Laͤngern, und ziehe selber den Kuͤrzern, und ma- che dadurch, daß jeder gern mit mir zu thun hat. Auch genieß’ ich das Gluͤck, bey einigen Neidern aus- genommen, uͤberall wohlgelitten zu seyn. Zu mei- ner Gesundheit, welche ich, dem Hoͤchsten sey’s ge- dankt! in hoͤherm Maaße genieße, als in juͤngern Jahren nie, trag’ ich ebenfalls mehrere Sorge als ehedem. In meiner Jugend ward ich lange Zeit von Fluͤssen geplagt. Kopf- und Zahnschmerzen, allerley Geschwuͤre, und ein scharfes Gebluͤt, waren mir, so zu sagen, wie angeerbt; durch den Genuß hitziger Speisen und Getraͤnke, die ich ungemein liebte, ge- naͤhrt; und plagen mich noch bis zu dieser Stunde, ob ich itzt gleich eine ziemlich genaue Diaͤt beobachte. Zweymal in meinem Leben war ich gefaͤhrlich krank. Itzt ist mir die Gesundheit ein koͤstlich Gut, und die edelste Gabe des Hoͤchsten, welche ich mit der eifersuͤchtigsten Sorgfalt bewahre. Sorgen der Nah- rung laß’ ich mich wenig anfechten, und meinem Brodtkorbe nachzudenken raubt mir nicht viele Zeit. Was mich am meisten beunruhigt, sind meine Jun- gen. Diese schweben mir taͤglich vor Augen, und ich sehe mich in ihnen, von meiner ersten Kindheit an, wie in einem Spiegel. Alle Vergehungen, die ich gegen meine Eltern begangen, muß ich von ihnen an mir gerochen sehn. Auch wie ich mich an meinen Bruͤdern und Schwestern verfehlt, gewahr’ ich mit Betruͤbniß, daß sie’s nunmehr eben so gegen einander uͤben. Freylich auch meine bessere Seite find’ ich wie- der an ihnen; und alles zusammengenommen hat die Freude an meinen Kindern mir meinen Ehestand vor- naͤmlich ertraͤglich gemacht. Ohne Kinder, weiß ich nicht, was aus mir ge- worden waͤre; und ich hab’ es meiner Frau vorher- gesagt, daß, wenn wir das Ungluͤck haͤtten, keine zu bekommen, ich meiner Noth kein End’ wuͤßte. Aber mein Wunsch ward erfuͤllt. Ich bin mit sieben Kin- dern gesegnet worden. Die beyden aͤltesten, fuͤr wel- che ich die groͤßte Zaͤrtlichkeit hegte, wurden mir durch den Tod entrissen. Dieß setzte mich Anfangs zwar in grosse Betruͤbniß; aber bey ruhigerm Nachdenken war’s noch eher ein Trost fuͤr mich, daß der guͤtige Vater aller Menschen diese meine Lieben gerade in den Tagen zu sich genommen, welche die traurigsten waren, die ich erlebt habe, und in denen ich nicht die geringsten Aussichten hatte, daß ich diese theuern Fruͤchte wohl erziehen und versorgen koͤnnte. Damals haͤtt’ ich sogar auch die andern noch gern heim zu ihrem himmlischen Berather reisen gesehn, so weh’ es mir gethan. Jene waren zwey Herzensschaͤfchen; und, wollte Gott! daß sich ihre Gutherzigkeit auf die Zu- ruͤckgebliebenen fortgeerbt haͤtte. Meine Frau gebahr von allen sieben keins hart, und kam bey allen gluͤck- lich davon. Aber desto strenger waren allemal die An- faͤnge der Schwangerschaft. Sonst genoß sie uͤber- haupt in der Ehe einer dauerhaftern Gesundheit als im ledigen Stand. Auch brachte sie mir lauter wohl- gebildete Nachkommen zur Welt. Einige indessen moͤgen gewisse Gebrechen von ihr geerbt haben; wie z. B. neben den zwey fruͤhe Verbliechenen, mein Sohn Jakob , der, ob er gleich schoͤn gerade in die Hoͤhe waͤchst, dennoch nie recht gesund ist. Sie war eine sorgfaͤltige, obgleich nicht eben zaͤrtliche Mutter. Un- sagliche Muͤhe, rastlose Tage und schlaflose Naͤchte kostete ihr die Plage der Kleinen und die Erziehung der Groͤßern. Ich gieng ihr aber so viel moͤglich an die Hand, und vertrat mit Kochen und Waschen, Wasser- und Holztragen, ordentlich Kindermagdsstelle; und zwar mit vielem Vergnuͤgen. Manch’ hun- dert Stunden hab’ ich meine Jungen auf dem Arm getragen, geherzt, gewiegt u. s. f. und zumal die zwey Verstorbenen auf meinen Knieen mit inniger Wollust lesen und schreiben gelehrt. Da die andern viel stockiger waren, fieng’s mir an zu verlaiden, und ich jagte sie in die Schule. Nun, ihr meine Lieben! die ihr noch lebet, so lang der Herr will, laßt mich euch beschreiben der Reihe nach, so wie ihr mir vorkoͤmmt, und mein, gewiß nicht hartes, Vaterherz von euch urtheilt. Die dun- kele Zukunft sogar, wenn’s in meiner Macht stuͤhn- de, moͤcht’ ich euch prophezeyen! — So will ich euch wenigstens meine Muthmaaßungen von den Folgen euers Verhaltens, so wie es sich aus euern Charack- teren schliessen laͤßt, nicht verhehlen. Wollte Gott! ich koͤnnt’ euch mit Wahrheit sagen, ihr haͤttet die guten Eigenschaften eurer Mutter und die bessere Seite euers Vaters geerbt. Aber ich muß mit Weh- muth sehen, daß ein Gemisch von ihr und mir — und leider vom schlimmern Theil — ein Gemisch von ihrem cholerischen Blute und meinen sinnlichen Saͤften, in euern Adern rollt. Ich finde mich le- bendig in euch, und das Bild eurer Mutter nicht minder. Ich bin euer Vater. Ihr seht mir nach den Augen, wenn eure Mutter euch etwa auf eine allzuungestuͤmme Art zu Erstattung eurer Pflicht an- halten will; und ich muß deswegen viele Vorwuͤrf’ anhoͤren, als naͤhm’ ich immer eure Parthey. Nun, ich kann nicht helfen! — Aber Gott weiß — und ihr muͤßt Zeugen seyn, daß es nicht so ist. Wohl moͤcht’ ich die uͤbertriebenen Foderungen um etwas herab- stimmen. Aber da laͤßt sich nun nichts aͤndern. Ich kann sagen was ich will, da hilft nichts. Sie ist eure Mutter — hat jedes von euch neun Monath’ unterm Herzen getragen — mit Schmerzen gebohren, und mit unbeschreiblicher Arbeit und Sorgfalt erzo- gen. Bedenkt’s, meine Lieben! Und dann meint sie’s gewiß am End herzlich gut mit euch --- moͤcht’ euch gewiß alle, so gut als ich, recht gluͤcklich machen --- obschon euch die Art und Weise wie sie’s anstellt, nicht recht gefallen will --- und mir auch nicht. Sie irrt in Manchem --- und Ich auch --- und Ihr seyt gar noch junge unwissende Troͤpfe! --- Ich, Ich selbst habe nun aus fuͤnf und zwanzig jaͤhriger Erfahrung gefunden, daß mir eine solche Zucht, wie die ihrige, heilsam ist; wie viel mehr noch werdet Ihr bey rei- ferm Verstand einsehen lernen, wie gut es euch war, diese und keine andre Mutter zu haben! Betet auch dießfalls um fruͤhe Weisheit, und sie wird euch gege- ben werden. Beherzigt das fuͤnfte Gebot, und sucht alle alle Spruͤch’ in der Bibel auf, wo euer Vater im Himmel euch die Pflichten gegen eure irrdischen Eltern so ernsthaft einschaͤrft! --- Ich meines Theils koͤnnt’ an euch manche Unart, manche Widerspenstig- keit wohl verschmerzen --- und glaubte eben nicht, wie eure Mutter, daß euer Wille sich in allen Stuͤcken ganz dem meinigen unterwerfen muͤßte --- wenn ihr dadurch nur gluͤcklicher wuͤrdet. --- Aber, es ist gerade das Gegentheil, und mir wahrlich allein um euer Wohl zu thun. An Euch selbst handelt ihr sehr uͤbel. Jeder Ungehorsam muß wieder an euch gerochen werden --- haarklein, in dieser oder in jener Welt. Glaubt mir’s, ich weiß es aus Erfahrung. Also noch einmal, als euer zaͤrtliche Vater bitt’ ich euch -- denn befehlen wuͤrde da wenig helfen --- um eurer selbst, um eurer zeitlichen und ewigen Wohl- farth willen: Liebet und ehrt eure Mutter! Sie hat’s an euch wohl verdient. Und wenn sie auch je nach eurer Meinung zu viel von euch fodert, denke nur ein jedes immer: „Sie darf es; ich bin ihr grosser „Schuldner, und wenn ich schon unmoͤglich alle ihre „Befehle befolgen kann, will ich doch das Moͤgliche „thun; will ihr wenigstens nicht ins Augesicht wi- „dersprechen, nicht widerbefzgen, nie mit ihr zanken „und das letzte Wort haben wollen. Lieber will ich „auf die Seite gehn, mein Herz pruͤfen, und mich „fragen: Ist’s nicht itzt itzt gerade die rechte Zeit, „daß ich lerne gehorchen, damit ich einst desto ver- „nuͤnftiger befehlen koͤnne„. Denn die Ursache, war- um so viele Eltern und Herrschaften ihren Kindern und Untergebnen so laͤppisch befehlen, ist gewiß keine andre, als daß sie sich nicht fruͤhe ans gehorchen ge- woͤhnt. --- Also nur kein solch hoͤnisches Gesicht, kein Greinen und kein Grunzen, meine Soͤhn’ und Toͤch- ter! wenn schon etwa ein kleiner oder groͤsseres Wet- ter uͤber euch geht. Es steht euch durchaus nicht zu, die Uebereilungen euers Vaters und die Schwachhei- ten enrer Mutter zu necken oder zu ruͤgen. Und wenn’s euch zustuͤhnde, was hoͤlf’ es euch! Was hat je, auf Schelten, das Widerschelten vor Nutzen ge- bracht? Wohl erzeugt’s tagtaͤglich so viele tausend elen- de Lust- oft sogar jaͤmmerliche Trauerspiele auf Erde, daß der Teufel und alle seine Gesellen schon daruͤber mit Haͤndeklatschen genug zu thun haben. Und nun wend’ ich mich noch an jedes aus euch ins- besonders. Anna Catharina ! Dein frecher, wildaufbrausen- der Charackter macht mich oft sehr besorgt fuͤr dich. Hingegen dein theilnehmendes, gefuͤhlvolles Herz freut mich in der Seele, so oft ich eine kleinere oder groͤssere Probe davon sehe oder erfahre. — Aber, dei- ne Unbiegsamkeit kann dich noch theuer zu stehen kom- men. Du wirst das Schicksal deiner Mutter haben, wenn dich das naͤmliche Loos im Heyrathen trift; trift dich aber ein anderes, ein Mann von einer dir aͤhnlichen Gemuͤthsart — O Wehe! da wird’s hap- pern. Bewahre uͤbrigens nur deine Unschuld wie deine Gebaͤhrerin, so wird die Vorsehung schon fuͤr dich sorgen, und dir verordnen, was du verdienst — oder vielmehr, was dir gut ist. Johannes , mein aͤlterer Sohn! O daß du den Charackter deines seligen Bruͤderchens ererbt haͤttest, wie einst Elisa des Elias Mantel. Ich kenne mich nur halb in dir, so wie ich hingegen deine Mutter ganz in meiner obigen Tochter finde. Deine unfeste, wankelmuͤthige Denkungsart — wenn es je eine Den- kungsart heissen kann — wuͤrd’ mir oft angst und bange machen, wenn ich nicht schon laͤngst gewohnt waͤre, alles einer hoͤhern Hand anheimzustellen. Also meine Vaterliebe laͤßt mich ein Besseres hoffen. Aber du haͤttest gute Anlage, ein Taugenichts und Wild- fang zu werden. Bald auffahrend, bald wieder gut und nachgiebig; aber niemals herzfest. Wenn dir eine Gehuͤlfin bescheert ist, die dich zu leiten weiß, so kann’s noch leidentlich gehn; wo nicht, so leite dich Gott! --- Eins hab’ ich mir gemerkt, und das freut mich. Du machst’s wie jener, der immer sagte: Nein, ich thu’s nicht! und dann hingieng, und’s that. Aber keine Unze Geschmack am Lesen und al- lem was gruͤndliches Erkennen und Wissen heißt --- es muͤßten denn Mord- und Gespenstergeschichten, oder andre Abentheuer seyn. Uebrigens ein nimmer satter Alltagsplanderer. Ich wuͤnsche, daß ich mich irre --- Aber, aber! Jakob , mein zweyter Sohn! in dem ich mich oft wie in einem Spiegel sehe, wenn schon unsre Er- ziehung sehr ungleich war. Ich wurde ranh und hart, in einer wuͤsten Einsamkeit gebildet; du hingegen un- ter den Menschen, in einer mildern Gegend, und, weil du immer kraͤnkeltest und oft dem Tod nahe wa- rest, weich und zaͤrtlich. Haͤtt’ ich Vermoͤgen, das Noͤthige auf dich zu verwenden, glaubt’ ich, daß et- was aus dir werden koͤnnte, wenn ich anders auf eine dauerhaftere Gesundheit bey dir zaͤhlen duͤrfte. Dein Bruder wuͤrde sich uͤbrigens eher zu roher Ar- beit, du dich zu allerley Taͤndeleyen schicken, wo man mehr den Kopf als die Haͤnde gebrauchen muß. Aber ich muß eben alle meine Kinder bey meinem Gewerb anstellen, und kann nicht jedes thun lassen, was es will. Sonst hoff’ ich, du werdest dereinst noch Ge- schmack am Denken, Lesen und Schreiben finden, ungefaͤhr wie dein Vater; abschon du noch zur Zeit den mir verhaßten Hang naͤhrest, von einem Haus zum andern zu laufen, um allerhand unnuͤtzes Zeug zu erfragen oder zu erzaͤhlen. Aber deines Brod- erwerbs halber bin ich sehr verlegen. Doch wenn du deinen Kopf brauchst, und dem Herrn, der dich schon mehrmals dem Rachen des Todes entriß, weiter dei- ne Wege befiehlst, wird er’s schon machen Er starb den 8. Jenner 1787. . Susanna Barbara , meine zweyte Tochter! Du fluͤchtiges, in allen Luͤften schwebendes Ding! Waͤrst du das Kind eines Fuͤrsten, und gerieth’st darnach un- ter Haͤnde, so koͤnnte ein weibliches Genie aus dir werden. Dein Falkenang macht dich verhaßt unter deinen Geschwistern, wenn du’s schon nicht boͤse meinst. Dein empfindsames Herz leidet Schaden un- ter so viel spitzigen Zungen; und das donnernde Ge- laͤrm deines rohen Hofmeisters macht dich erwilden. Ach! ich fuͤrchte, allzufruͤh erwachende Leidenschaften, und dein zarter Nervenbau, werden dir noch Schmer- zen genug verursachen! Anna Maria , meine juͤngste Tochter, meine letzte Kraft, mein Kind --- noch das einzige das mich herzt, und an das ich hinwieder meine letzte Liebe verschwen- de! Still und verschlagen, das gesetzteste unter allen bist du --- kleine Anfaͤlle von boshaften Neckereyen und Stettkoͤpfigkeit ausgenommen. Du, mein Taͤub- chen, chen, schwaͤtz’st immer minder als du denkst. Ich tran dir’s zu, eine gute Hausmutter zu werden, wenn anders die Vorsehung dich dazu bestimmen will. Nun, meine Kinder! Dieß sind itzt uͤbrigens nur so kleine hingeworfene Zuͤge von euch. Keines zuͤrne es, keines werde eifersuͤchtig auf’s andre. Meine Va- terliebe erstreckt sich gewiß auf euch alle; von allen laͤßt sie mich noch immer das Beßte hoffen. Wahr ist’s, bey allen seh’ ich Unarten genug, die meine Liebe geneigt ist, zuzudecken; aber auch an jedem be- merk’ ich loͤbliche Eigenschaften, und bemuͤhe mich mehrere auszuspaͤhen und anzufachen, wo nur ein gutes Fuͤnkgen verborgen ist. Veßter, guͤtigster Vater im Himmel! Vater der Kleinen und der Grossen! Dir, Guter uͤber alle Gu- ten! befehl’ ich meine Kinder und Nachkommen in Zeit und Ewigkeit! LXXXI. Gluͤcksumstaͤnde und Wohnort . N ur Weniges bleibt mir noch uͤbrig, und dann wird’s genug seyn. Ein Haͤuschen und ein Gaͤrtchen ist mein ganzes Vermoͤgen. Eine Frau und vier Kinder, also sechs Maͤuler und ein Dutzend Haͤnde machen meinen Haushalt aus. Aber das gesunde Speisen der erstern (Kleider und anders miteinge- zaͤhlt) zerrt das Produkt einer noch so muntern Ar- beit der letztern beynahe voͤllig auf. Meinen Baum- wollengewerb hab’ ich schon beschrieben. Dieser ist S wie ein Vogel auf dem Zweig, und wie das Wetter im Aprill. Wer sein ganzes Studium darauf wen- det, und zumal die rechte Zeit abzupassen weiß, kann noch sein Gluͤck damit machen. Aber dieß Talent in gehoͤrigem Maasse hatt’ ich nie, war immer ein Stuͤmper, und werd’ es ewig bleiben. Und doch hab’ ich diese Art Handel und Wandel (die von vie- len sonst einsichtsvollen Maͤnnern, welchen aber nur seine schlimme Seite auffaͤllt, wie’s mir scheint, so unschuldig verlaͤstert wird) gleichsam von Jahr zu Jahr lieber gewonnen. Warum? Ich denke natuͤrlich: Weil derselbe das Mittel war, durch welches mich die guͤ- tige Vorsehung, ohne mein sonderliches Zuthun, aus meiner druͤckenden Lage wenigstens in eine sehr leid- liche emporhub. Freylich waͤr’ ich, ohne die Rolle eines Handelsmanns zu spielen, vielleicht auch nie- mals so tief in jene hineingerathen? — Doch, wer weiß? Es waͤre wohl gleich viel gewesen, mit wel- chem Berufe ich mich — laͤßig, unvorsichtig und un- geschickt beschaͤftigt haͤtte. Und heißt’s, denk’ ich, auch hier: Der Hund, der ihn biß, leckt’ ihn wieder, bis er heil war. Genug, itzt liegen mir meine kleinen Geschaͤfte wirklich am Herzen, ich nehme mich ihrer mir allem mir moͤglichen Fleiß an, und denke auch mei- nen Sohn darinn fortfahren zu lassen, wenn er an- ders Lust dazu hat, und meinen Unterricht, so weit dieser reichet, annehmen will — der alles leitende Himmel ordne denn etwas anders und besseres fuͤr ihn, oder dieser Gewerb komme ganz in Verfall. Derselbe hat mich fuͤnfzigjaͤhrigen Mann, itzt dreys- sig Jahre beschaͤftigt. In der ersten goͤldenen Zeit haͤtt’ er mir die beßten Dienste gethan, wenn ich ihn verstanden, oder vielmehr ihn zu verstehen nur den rechten Willen gehabt. Auch Dato wuͤrd’ ich ihn an keine andre Profession vertauschen, obwohl manche ihren Mann, wo nicht reicher doch sicherer naͤhrt. Meine Ausgaben bemuͤh’ ich mich einzu- schraͤnken. Meine Kinder haben’s so, daß sie’s bes- ser und schlimmer auch annehmen koͤnnten. In den Kleidern muß ich’s freylich andern gleich halten; doch laß’ ich sie keinen uͤbermaͤßigen Aufwand ma- chen. Sonst aber gestatt’ ich ihnen, vielleicht nur gar zu gern, alles erlaubte Vergnuͤgen, versage ih- nen keine oͤffentliche Lustbarkeiten, gewoͤhnliche Trink- tage, u. s. f. und habe wohl gar schon selber mit ih- nen kleine, nicht wenig kostbare Reischen gemacht. Aber dann saͤh’ ich auch herzlich gern, daß sie wacker die Haͤnde brauchten, und auch einmal so viel Ver- stand bekaͤmen, daß sie lernten, meinen und ihren Nutzen zu foͤdern. Sonst ist, wie gesagt, ihr Ver- gnuͤgen auch mein Vergnuͤgen; und nichts kraͤnkt mich mehr als ihre Unzufriedenheit. Auch ausser meinem Hause, und bey andern Menschen, geht es mir eben so: Ich kann keine traurige Miene sehn, und erkaufe die frohen oft aus meinem eigenen Beutel. Wenn ich schon tausend Vorsaͤtze fasse, eigentlich oͤkonomisch zu handeln, geht’s doch im- mer den alten Schlendrian — und wird weiter so gehn. Ihr seht also, meine Lieben! daß Schaͤtze sammeln meiner ganzen Natur zuwider ist; und glau- be auch nicht, daß es euch viel Nutzen braͤchte. Aber das ist euch nutz und gut, wenn ihr schon fruͤhe lernt, euer bescheidenes Brodt in der Ehre der Un- abhaͤngigkeit zu erwerben. Wenn mir Gott Leben und Gesundheit fristet, werd’ ich dann schon trach- ten, jedes so zu versorgen, wie es nach meinen Um- staͤnden moͤglich ist. Einem von euch wird mein ar- tiges Haͤuschen zu Theil werden, dessen Lage mir itzt noch zu beschreiben uͤbrig bleibt. Mein Vaterland ist zwar kein Schlauraffenland, kein gluͤckliches Arabien, und kein reitzendes Pays de Vaud. Es ist das Tockenburg , dessen Einwohner von jeher als unruhige und ungeschliffene Leuthe ver- schrieen waren. Wer ihnen hierinn Unrecht thut, mag’s verantworten; Ich muͤßte bey der Behauptung des Gegentheils immer partheyisch scheinen. So viel aber darf ich doch sagen: Aller Orten, so weit ich gekommen bin, hab’ ich eben so grobe, wo nicht viel groͤbere — eben so dumme, wo nicht viel duͤmmere Leuth’ angetroffen. Doch wie gesagt, es gehoͤrt nicht in meinen Plan, und schickt sich nicht fuͤr mich, meine Landleuthe zu schildern. Genug, sie sind mir lieb, und mein Vaterland nicht minder — so gut als irgend einem in der Welt das seinige, und wenn er in einem Paradiese lebte. — Unser Tockenburg ist ein anmuthiges, 12. Stunden langes Thal, mit vielen Nebenthaͤlchen und fruchtbaren Bergen um- schlossen. Das Hauptthal zieht sich in einer Kruͤm- mung von Suͤdost nach Nordost hinab. Gerade in der Mitte desselben, auf einer Anhoͤhe, steht — mein Edelsitz, am Fuß eines Berges, von dessen Spitze man eine trefliche Aussicht beynahe uͤber das ganze Land genießt, die mir schon so manchmal das ent- zuͤckendste Vergnuͤgen gewaͤhrte: Bald in das mit Doͤrfern reich besetzte Thal hinab; bald auf die mit den fettesten Waiden, Wiesen und Gehoͤlze bekleide- ten, und abermals mit zahllosen Haͤusern uͤbersaͤete Anhoͤhen zu beyden Seiten, uͤber welche sich noch die Gipfel der Alpen hoch in die Wolken erheben; dann wieder hinunter auf die durch viele Kruͤmmungen sich mitten durch unser Hauptthal schlaͤngelnde Thur , deren Daͤmme und mit Erlen und Weiden bepflanz- ten Ufer die angenehmsten Spatziergaͤnge bilden. Mein hoͤlzernes Haͤuschen liegt gerade da, wo das Gelaͤn- de am allerlieblichsten ist; und besteht aus 1. Stube, 3. Kammern, Kuͤche und Keller — Potz Tausend die Nebenstube haͤtt’ ich bald vergessen! — einem Geißstaͤllchen, Holzschopf, und dann rings um’s Haͤus- chen ein Gaͤrtchen, mit etlichen kleinen Baͤumen be- setzt, und mit einem Dornhag dapfer umzaͤunt. Aus meinem Fenster hoͤr’ ich von drey bis vier Orten her laͤuten und schlagen. Kaum etliche Schritte vor meiner Thuͤre liegt ein meinem Nachbar zudienender artiger beschatteter Rasenplatz. Von da seh’ ich senk- recht in die Thur hinab — auf die Bleicken hin- uͤber — auf das schoͤne Dorf Wattweil — auf das Staͤdtgen Lichtensteig — und hinwieder durch’s Thal hinauf. Hinter meinem Haus rinnt ein Bach her- ab, der Thur zu, der aus einem romantischen To- bel koͤmmt, wo er uͤber Steinschrofen daherrauscht. Sein jenseitiges Ufer ist ein sonneureiches Waͤldchen, mit einer hohen Felswand begraͤnzt. In dieser ni- sten alle Jahr’ etliche Sperber und Habichte in einer unzugaͤnglichen Hoͤhle. Diese, und dann noch ein ge- wisser Berg, der mir um die Tag und Nacht Glei- che die liebe Sonne des Morgens eine Stunde zu lang aufhaͤlt, sind mir unter allem, was zu dieser mei- ner Lage gehoͤrt, allein widerlich. Beyde wuͤrd’ ich gern verkaufen, oder gar verschenken. Die vertrack- ten Sperber zumal plagen nicht nur von Mitte Aprill bis spaͤth in den Herbst mit ihrem Zettergeschrey mei- ne Ohren, sondern — was noch weit aͤrger ist — verjagen mir die lieben Singvoͤgelchen, daß bald kein einziges mehr in der Gegend sich einzunisten wagt. Meine Nachbarn sind recht gute ehrliche Leuthe, die ich aufrichtig schaͤtze und liebe. Freylich laͤuft bis- weilen auch ein andrer mitunter, wie uͤberall. In- nige Freunde, mit denen man Gedanken wechseln und Herzen tauschen kann, hab’ ich in der Naͤhe keine. Dieß ersetzen mir meine platonischen Gelieb- ten in meinem Stuͤbchen. Im Fruͤhlinge liegt mir der Schnee auch ein Bißchen zu lang in meinem Gaͤrtchen. Aber ich fange einen Krieg mit ihm an, zerfetze ihn zu kleinen Stuͤcken, und werfe ihm Asche und Koth auf die Nase; dann verkriecht er sich in die Erde, so daß ich noch mit den Fruͤhesten gaͤrtnen kann. Und uͤberhaupt macht mir dieß kleine Grund- stuͤck viel Vergnuͤgen. Zwar ist die Erde ziemlich grob und ungeschlacht, obgleich ich sie schon an die fuͤnf und zwanzig Jahre bearbeitet habe: Dem ungeach- tet giebt das Ding Kraut, Kohl, Erbsen, und was ich immer auf meinen Tisch brauche, zur Genuͤge; mitunter auch Bluhmwerk, und Rosen die Fuͤlle. Kurz, es freut mich so wohl als manchen Fuͤrsten alle seine Babylonische Gaͤrten. — Sag’ also, Bube! ist unser Wohnort nicht so angenehm, als je einer in der Welt? Einsam, und doch so nahe bey den Leuthen; mitten im Thal, und doch ein wenig er- hoͤht. Oder geh’ mir einmal im Maymond auf je- nen Rasenhuͤgel vor unserer Huͤtte. Schau durch’s buntgeschmuͤckte Thal hinauf; sieh’, wie die Thur sich mitten durch die schoͤnsten Auen schlaͤngelt; wie sie ihre noch truͤben Schneewasser gerade unter dei- nen Fuͤssen fortwaͤlzt. Sieh’, wie an ihren beyden Ufern unzaͤhlige Kuͤbe mit geschwollnen Eutern im Gras waden. Hoͤre das Jubelgetoͤn von den grossen und kleinen Buschsaͤngern. Ein Weg geht zwar an unsern Fenstern vorbey; aber der ist noch nichts. Sieh’ erst jenseits der Thur jene Landstrasse mitten durch’s Thal, die nie laͤr ist. Sieh’ jene Reihe Haͤuser, welche Lichtensteig und Wattweil wie zusammenketten. Da hast du einigermaassen, was man in Staͤdten und auf dem Lande nur haben kann. Ha! (sagst du vielleicht) Aber diese Matten und Kuͤhe sind nicht unser! — Naͤrrchen! freylich sind sie — und die ganze Welt ist unser. Oder wer wehrt dir, sie anzusehn, und Lust und Freud’ an ihnen zu haben? Butter und Milch bekomm’ ich ja von dem Vieh, das darauf weidet, so viel mir geluͤ- stet; also haben ihre Eigenthuͤmer nur die Muͤhe zum Vortheil. Was braucht’ es, jene Alpen mein zu heissen? Oder jene zierlich prangenden Obstbaͤu- me? Bringt man uns ja ihre schoͤnsten Fruͤchte in’s Haus! Oder jenen grossen Garten? Riechen wir ja seine Bluhmen von weitem! Und selbst unser ei- gener kleiner; waͤchst nicht alles darinn, was wir hinein setzen, pflegen und warten? — Also, lieber Junge! wuͤnsch’ ich dir, daß du bey all’ diesen Ge- genstaͤnden nur das empfinden moͤchtest, was ich da- bey schon empfunden habe, und noch taͤglich empfin- de; daß du mit eben dieser Wonne und Wollust den Hoͤchstguͤtigen in allem findest und fuͤhlest, wie ich ihn fand und fuͤhlte — so nahe bey mir — rings um mich her, und — in mir; wie er dieß mein Herz aufschloß, das er so weich und so fuͤhlend schuf. Lieber, lieber Knabe! Beschreiben kann ich’s nicht. Aber mir war schon oft, ich sey verzuͤckt, wenn ich all’ diese Herrlichkeit uͤberschaute, und so, in Ge- danken vertieft, den Vollmond uͤber mir, dieser Wiese entlang hin und hergieng; oder an einem schoͤ- nen Sommerabend dort jenen Huͤgel bestieg — die Sonne sinken — die Schatten steigen sah — mein Haͤusgen schon in blauer Daͤmmerung stand, die schwirrenden Weste mich umsaͤuselten — die Voͤgel ihr sanftes Abendlied anhuben. Wenn ich dann vollends bedachte: „Und dieß alles vor dich, armer, schul- „diger Mann„? — Und eine goͤttliche Stimme mir zu antworten schien: „Sohn! dir sind deine Suͤn- „den vergeben„. O! wie da mein Herz in suͤsser Wehmuth zerschmolz — wie ich dem Strohm mei- ner Freudenthraͤnen freyen Lauf ließ, und alles rings um mich her — Himmel und Erde haͤtte umarmen moͤgen — und noch selige Traͤume der folgenden Nacht mein gestriges Gluͤck wiederholten. Seht, meine Lieben! Das ist meine Geschichte bis auf den heutigen Tag. Koͤnftig, so der Herr will und ich lebe, ein Mehrers. Es ist ein Wirrwarr — aber eben meine Geschichte. Gott verzieh’ mir’s, wo ich, selbst ohne mein Wis- sen, irgend ein unwahres Wort schrieb! — Jesu Blut tilge meine Schulden, die ich verhehlte, und die ich gestuhnd! Beßter Vater im Himmel! Dir, und dir allein, sey der Rest meiner Tage geweiht! Anhang. (1788.) D rey Jahre sind wieder dahingeflossen, ins Meer der Zeiten, seitdem ich mein Lebensgeschichtgen aus allen meinen kuderwelschen Papieren zusammenge- flickt. Was mir seither merkwuͤrdiges vorfiel, hab’ ich in mein Tagebuch verzeichnet; und da auch die- ses einmal das Licht der Welt erblicken wird, bleibt mir hier nur sehr weniges uͤbrig, von meiner gegen- waͤrtigen Lage, und den bisherigen Schicksalen mei- ner armen unschuldigen Authorschaft. Noch wall’ ich im Lande der Lebendigen meinen alten Schlendrian fort, und zwar — je laͤnger je lieber; trotz etlichen Neidharten, die mir jeden hei- tern Tag, jedes frohe Weilchen — Gottes Sonne mißgoͤnnen — und doch mir kein Haar kruͤmmen koͤn- nen. Denn fest ist meine Burg unter dem Schutz des Allerhoͤchsten. Ein und ebendasselbe ist mein Wohnort. Einfoͤr- mig, ein und eben dieselben sind Beruf, Geschaͤfte, Laune, Gluͤck und — Menschengunst. Dafuͤr lachet mich die ganze Natur an: Der groͤßre und bessere Theil meiner Nebenmenschen moͤgen mich recht wohl leiden; ich geniesse sogar das unschaͤtzbare Gut, et- liche Herzensfreunde zu haben. Die edle Gesundheit ist besser als noch nie. Mit der Harmonie in meinem Hause — Ha! da bleibt’s immer beym Alten; und die dießfaͤllige Un- vollkommenheit meines Zustands gehoͤrt — kurz und gut — unter die unvermeidlichen Uebel in der Welt, die man nicht so leicht aͤndern als sich — druͤber weg- setzen kann. Doch eben in dieser Kunst bin ich noch nicht Meister; aber schon als Lehrjunge seh’ ich ihre ganze Vortreflichkeit ein. Meine liebe Ehehaͤlfte ist frischer als je, und uͤber- trift mich noch weit weit an Munterkeit. Die haͤu- figen Erschuͤtterungen ihres Zwerchfells, und das Ein- ziehen der balsamischen Luft auf unserm Belvedere geht ihr fuͤr alle Arztneyen. Sonst freylich immer ihre alte Leyer! Doch, Zeit und Gewohnheit machen al- les leicht, zuletzt selbst angenehm — und oft gar un- entbehrlich. Dieß wuͤrde gewiß unsre Trennung be- weisen. Meine Jungen, hab’ ich schon angezeigt, sind hoch aufgewachsen, gesund und munter — nur Ein Gran mehr waͤre zu viel: Zwar noch ziemlich roh’ und hol- pricht; aber Zeit und Geschick wird schon abfeilen was ich nicht vermag; und kurz, ich hoffe, daß es noch aus allem etwas Brauchbares fuͤr die menschliche Ge- sellschaft absetzen kann. Lesen und Schreiben ist mir wieder mehr als je- mals zum unentberlichen Beduͤrfniß geworden. Und sollt’ ich auch die gleichguͤltigsten Dinge in mein Ta- gebuch kritzeln, oder in alten Kalendern studiren! Doch, ich habe keinen Mangel an Buͤchern. Wenn mir schon mein geringes Vermoͤgen keinen eignen Vorrath gestattet, giebt’s Menschenfreunde in der Naͤhe und Ferne genug, die meiner Wiß- und Neu- gierde froͤhnen, und mir alles, was immer den Weg in unser abgelegenes Tockenburg finden kann, un- entgeldlich zukommen lassen. Gott vergelte ihnen auch diese Wohlthat in Zeit und Ewigkeit. Ueberhaupt genieß ich ein Gluͤck, das wenigen Menschen meiner Klaße zu Theil wird: Arm zu seyn, und doch keinen Mangel zu haben an allen noͤthigen Beduͤrfnissen des Lebens: In einem verborgnen ro- mantischen Erdwinkel in einer hoͤlzernen Huͤtte zu le- ben, auf welche aber Gottes Aug’ eben so wohl hin- blickt, als auf Caserta oder Versailles : Den Um- gang so vieler lebenden guten Menschen, und die Hirngeburthen so vieler edeln Verstorbnen (freylich auch etwa unedler mitunter) zu geniessen; beydes ohne Kosten und ohne Geraͤusche: Mit einem solchen Pro- duckt in der Hand in einem schoͤnen Gehoͤlze, von lustigen Waldbuͤrgern umwirbelt, spatziren zu gehn, und den beßten und weisesten Maͤnnern aller Zeital- ter wie aus dem Herzen zu lesen — Welche Wonne, welche Wohlthat, welche Schadloshaltung fuͤr so vie- le huudert bittere Pillen, die man vor und nach ver- schluͤcken muß! Ist’s ein Wunder, daß ich, bey diesem meinem Lieblingszeitvertreib, dem Drang’, auch meine Ge- danken allmaͤlig auf’s Papier zu werfen, nicht wi- derstehen konnte, und zuletzt gar, das rstehnde kleine Ganze daraus zu ordnen, versucht wurde. Aber gewiß haͤtt’ ich’s mir nie in meinem einfaͤltigen Kopf aufsteigen lassen, solch kunterbunt Zeug dem — von mir sicher geehrten Publiko mitzutheilen, wenn nicht unser vortrefliche Pfarrherr Imhof (dessen scharfem Blick in unsrer weitlaͤuftigen Gemeinde Wattweil nichts entgeht) auch mich Geringen entdeckt, seiner unverdienten Achtung, zuletzt gar seiner vertrauten Freundschaft gewuͤrdigt, und mich gleichsam von Stuffe zu Stuffe auf die wagliche Bahn eines neuangehnden — zum Gluͤck aber bereits vier und funfzig jaͤhrigen Schriftstellers geleitet haͤtte. So fadenackt, wie es war, uͤberließ ich itzt mein Geschmier zitternd und za- gend ganz seiner Willkuͤr. (Er bestim̄te es naͤmlich einst- weilig fuͤr das seit etlichen Jahren in Zuͤrch erschei- nende Schweitzer-Museum bestimmt; und ich hatte den festen Vorsatz, es bey besserer Muße anders einzu- kleiden, und wo moͤglich wenigstens von den groͤbsten Fehlern zu saͤubern. Dieser Muͤhe uͤberhob mich zu gutem Gluͤcke (denn das Feilen war nie meine Sa- che, und ich glaube es waͤre in Ewigkeit nie dazu gekommen) der Herausgeber erwaͤhnter Monathschrift, ein Freund meines geliebten Seelsorgers, Herr F. ** von Z. ** der seither (7. Jul. Ao. 88.) auf einer Reise durch unser Tockenburg mit seiner zarten lie- ben Frau Gemahlin auch mir die Ehre eines kurzen, aber unvergeßlichen besuchs goͤnnte Ich lasse diese Stelle ohne das mindeste Bedenken ganz unverändert stehn, da sie mich an zwey der angenehm- sten Tage meines Lebens erinnert, die ich an der Seite des Verfassers, seines würdigsten Pfarrherrn, und des liebenswürdigen Herrn St ** von L. *** zugebracht. . Nur be- daur’ ich, daß gerade damals ein widriges Begeg- niß mich in eine duͤstere Laune setzte, die ich mit kei- nem Lieb besiegen konnte Und meinen geliebten B ** nur um so viel liebens- würdiger machte. . Itzt will gedachter Herr vollends die Guͤtigkeit haben, eine besondere Ausgabe meiner sondertrutischen Geschichte, und im Verfolg’ auch meiner Tagebuͤcher in einem gedraͤng- ten Auszuge, und niedlicher Gestalt zu besorgen. Nun so sey’s! Geh’ also hin in alle Welt, mein Buͤchel! und predige meine Thorheit — zu ihrer Besserung — vielen Creaturen. Denen erstlich die dich mit eini- chem Wohlgefallen aufnehmen, entbiete schoͤnen Dank! in meinem Namen. Solche zweytens, welche mich aus vollem Halse belachen, moͤgen hinwieder — uns danken, fuͤr diese andre Art von Lust die wir ihnen verschaffen. Denen drittens, welche zwar hineingu- cken in dieses Kuderwelsch, aber es bald wieder zur Seite schmeissen, sage nur: Ihr thut recht, man muß ein Bißchen eckel im Lesen seyn! Viertens und fuͤnftens: Gescheidten Kunstrichtern danke, dan- ke wieder zum Hoͤchsten! Den Ungescheidten wuͤnsche sonst zeitliches und ewiges Wohl. Sechstens und end- lich: Eigentlich boshaften Splitterrichtern aber in der Naͤhe und Ferne wuͤrdest du, denk’ ich, ewig ver- gebens bezeugen, daß ich am Aushecken deiner We- nigkeit — nur die leidende Schuld bin. Denen uͤb- rigens mache zum Beschluß ein Geschenk mit folgen- dem Gespraͤche. Peter und Paul . Peter (mit einer Zeitung in der Hand). H a, ha, ha! Muß einer noch des Elends lachen. Was doch die Zeitungsschreiber heut zu Tag’ alles aufgabeln. Als wenn’s nicht Staats- und Kriegs- nachrichten aus allen Theilen der Welt genug gaͤbe, ohne daß sie dergleichen Narrn’spossen in ihre Blaͤt- ter ’nein schmierten. Ich lese keine Zeitung mehr. Paul . Ey, was ist’s denn? Machst einen Ketzers- lerm! Laß sehn. Peter . Guck da: Lebensgeschicht’ eines armen Manns im Tockenburg ! ’s moͤcht einer aus der Haut schleufen. Bald muß man sich schaͤmen ein Tockenburger zu seyn. Unser Laͤndchen ist ohnedem schon verschreyt genug. Wenn’s denn noch solche Narren giebt, die sich selbst in Druck stellen, und so- gar in die Zeitung setzen lassen, werden wir aller Welt zum Gespoͤtt werden. Du sollst’s hoͤren und sehen, wie man zu Z. **, St. **, und H ***, druͤber die Nase ruͤmpft, und ein teuflisches Gelaͤch- ter anfaͤngt. Und denn mag mir das eine saubere Lebensgeschicht’ abgeben. Man kennt die Naͤbis — Paul . Das ist, beym Sapperment! nicht brav. Man hat da dem armen Mann einen verzweifelten Streich gespielt. Ich weiß, wei’s ihm durch Mark und Bein gehen wird. Freylich hat er sein Geschreib dem Herr Pfarrherr uͤbergeben, Gebrauch davon zu machen, wenn er’s irgend wohin tauglich finde; aber doch doch mit dem Beding, daß es hier zu Land nicht all- gemein bekannt werde, weil er seine hiesigen Freun- de nur zu gut kennt. Nun hatte der Pfarrer eini- che Auszuͤg davon in eine Monathschrift einruͤcken lassen, die hier wenig gelesen wird. Da geht der F * * Novellist in * * und druͤckt’s in seiner Zei- tung nach. Aber nur Geduld. Unser Pastor wird schon sorgen. Ich wette, die Fortsetzung koͤmmt naͤchste Woche nicht mehr. Peter . Aber, was nuͤtzt dem Narrn sein Schrei- ben? Wenigstens wenn ich der Pfarrer waͤr’, naͤhm’ ich mich des Zeugs nicht an, und sagte dem Luͤmmel gerad heraus: Hock lieber bey deiner Arbeit, und laß die Lumpenflausen bleiben. Paul . Nicht so wild, nicht so wild Herr Peter ! Warum itzt den Pfarrer ins Spiel ziehen, der doch auch hier nichts anders als einen neuen Beweis sei- ner Menschenfreundlichkeit abgelegt hat? Glaub’ mir’s nur, er kennt seine Leuthe, und laͤßt den Naͤdio- Uli nicht schelten; und ich auch nicht, du — — Peter . Du magst mir gerad’ auch ein Halbnarr seyn, wie der Uli . Ich kenne ihrer drey oder vier; ’s ist, bey Gopp! einer wie der ander. Oder ich frag’ dich noch einmal, was nuͤtzt, was traͤgt der- gleichen Zeug wohl ein? Bringt die Nasenweisheit des hochmuͤthigen Witznarrn seiner Frau und Kin- dern Brodt ins Haus! Wo hat je einer im Tocken- burg etwas mit Schreiben erworben, ausser Amts wegen; und etwa boͤchstens noch der Schulmeister T Am Buͤhl Verfasser der Brieftasche aus den Alpen . . Aber dergleichen Faren und Bocks- spruͤng’ in Druck geben, ist Narrheit uͤber Narrheit. Paul . Du weißt’s vielleicht nicht — Der Am Buͤhl war eben des Ulis beßter Herzensfreund. Vom Nutzen oder Nichtnutzen aber verstehst du so viel als die Kuh von der Muskatnuß. Ich einmal will seiner Zeit die Geschicht’ gern lesen, obgleich sie freylich nichts sonderbares enthalten kann. Peter . Das denk’ ich auch, und wollt’ dir’s grad itzt sagen, wie’s Vater Unser. Bin mit dem Lappe aufgewachsen, und muß es ja wissen. Seine Eltern hieß man immer die Naͤbis von ihrem Wohnort her, einem elenden Nest von zwey armseligen Huͤtten. Man kann sich die adeliche Familie denken. Sie stellten auf zwey und zwanzig Beine 11. Kinder, zuͤ- gelten hernach von einer Stelle zur andern, und konn- ten sich des Betelns kaum erwehren. Im Drey- schlatt mußte sein Vater gar mit seinen Glaͤubigern capituliren, und mit dem ganzen Fasel halb nackt da- von ziehn. Uli , den aͤltesten, kannt’ ich schon als Schulerbub’, in der Zeit da er ein Biß’l elend lesen und schreiben gelernt. Er, wie die uͤbrigen alle, wuchs halb nackend und wild auf, mit seiner schmu- tzigen Rotznas’. Jedermann neckt’ und lachte ihn aus, weil er so toͤlpisch dahergieng, alle Augenblick’ uͤber Stock’ und Stein stolperte, alle Voͤgel begaffte, und nie zu seinen Fuͤssen sah. Als er nun allmaͤlig zu einem grossen starken Bengel emporschoß, und itzt seinem Vater an die Hand gehen sollte — nahm er den Weiten, und gieng unter die Soldaten; riß aber bald wieder aus, weil er das Pulver nicht riechen konn- te; bettelte sich dann wieder heim; machte in seiner Montur, Frisur und Schnurrbart den Gecken; war zur Bauernarbeit zu faul, und bruͤtete nun, ohne einen Heller in der Tasche zu haben, in seinem Kopf den Kaufherr; und wirklich gluͤckte es ihm durch sei- nes Vaters Fuͤrsprache, daß er 100. Thlr. und et- was Baumwolle auf Credit bekam. Auch wußt’ er sich bey dem Spinnervolk durch die seltsamsten Cares- sen so einzuschmeicheln, daß man ihn nur den Garn- bettler hieß. Dann baute er sich ein Nestchen, und freyte ein Weib (nur Schad’ um sie!) die eine gute Mannszucht mit ihm vornehmen wollte. Aber es war leider zu spaͤth’; er folgte seinem harten Esels- kopf. Nichts desto minder schien auch itzt noch die Gluͤckssonn’ ihn anzulachen, und es nahm die Leuth’ Wunder, wie einem solchen Loͤffel alles so gut gelin- gen koͤnnte. Aber er machte schlechten Gebrauch da- von, verstuhnd weder Handel noch Haushalt, stol- perte sorglos herum, wie’s ihm juͤckte, hieng sein Geborgtes an alle Lumpen und Lempen; fieng an seine Nase in die Buͤcher zu stecken, und, weil sein Seckel ihm nicht erlaubte, dergleichen zu kaufen, bet- telte er sich in die Gesellschaft Lesecommun. ein. Nun glaubte er gar, der Tag steh’ ihm am Hintern auf, floh’ unser einen und unsre altvaͤterschen Zusammenkuͤnfte, hock- te immer an seinem Pult in einem Winkel, vernach- laͤßigte seine Geschaͤfte, die er ohnehin nicht verstuhnd, und gerieth in einen solchen Schuldenlast, daß er, besonders in den theuren Siebenzigerjahren ein star- kes Falliment gemacht, wenn nicht seine Glaͤubiger gute Leuth’ gewesen, und dem Narrn, zwar nicht sei- net-sondern Weib und Kinder wegen, geschont haͤt- ten. Ob er sich seither erholt oder nicht, ist mir un- bekannt; denke aber doch, daß es noch mißlich genug um ihn stehe. Denn noch immer faͤhrt er in seiner alten commoden Lebensart fort, macht sich gute Taͤg’l, besonders wo er’s verstohlen thun kann, steht andre ehrliche Leuth’ uͤber die Achsel an, legt sich auf lau- ter gelehrte Poßen, und hat doch keinen Hund aus dem Ofen zu locken. Kurz, er ist ein laͤppischer Hoch- muthsnarr, der sich immer auszeichnen, und aus seiner Bettelfamilie hervorragen will, obgleich auch diese wenig genug auf ihm haͤlt. Doch, das waͤr’ alles noch nichts. Aber daß dieser Erzschoͤps’ itzt gar seine eigne Geschicht’ in die Welt ausgehen laͤßt, das ist zum Rasendwerden. Wenn doch nur gewisse Her- ren so gescheidt waͤren, als sie witzig seyn wollen, so wuͤrden sie an solchen Lauskerlen — — Paul . Genug ist genug, Peterle ! Das ist zu arg. Waͤr’ ich auch nie des Manns Freund gewesen, so muͤßt’ ich doch itzt seine Parthey nehmen. Denn das ist nun so einmal meine Art: Wenn ich hoͤre, daß einem so offenbar Gewalt und Unrecht geschieht, wallt mir das Blut in allen Adern. Also wird mir’s der Herr nicht uͤbel nehmen, wenn meine Vertheidigung des guten Uli’s etwas unfreundlich ablaufen sollte. Nicht daß ich denke, ihm damit einen sonderlichen Dienst zu leisten. Ich kenn’ ihn zu gut, und er kennt dich zu gut, und weißt wie boshaft du ihn uͤberall anzuschwaͤrzen bemuͤhet bist, achtet’s aber auch so wenig, wie Fliegengesums, und wuͤrde dir mit lachendem Mund Am Buͤhls bekanntes Lied: Juchhe! Ich bin ein Biederman ! frisch unter die Nase singen. Aber, auf meine eigene Rech- nung, sag’ ich dirs, Kerl! Du luͤgst, du luͤgst, wie ein andrer Schelm, im Kleinen und Grossen; und wo’s noch gut geht, macht du dem armen guten Mann Dinge zu Verbrechen, die eher dein Mitleid verdie- nen sollten. Daß seine Eltern z. B. nicht das Ta- lent hatten, Schaͤtze zu sammeln, wie du, soll das ihnen oder ihm zum Vorwurf gereichen? Waren sie nicht, trotz aller ihrer klemmen Umstaͤnde, ehrliche Leuthe? Naͤhren sich nicht alle ihre Kinder redlich mit ihrer Haͤnde Arbeit? Und Uli selber, dem du Faulheit vorwirfst, faͤllt nichts schwerer als Muͤßig- gehn. Er soll von Hochmuth strotzen; und von al- len moͤglichen Leidenschaften plagt ihn keine weniger als diese, und kein Mensch von allen die ich kenne, lebt lieber im Verborgnen als er? Daß er mitun- ter an Lesen und Schreiben ein so grosses Vergnuͤgen findt, was geht das dich an? Laͤßt er dir nicht auch deine Freude, Batzen zu faucken? Wenn du also nur die Leuth ungeschoren liessest. Aber an dir, Bursch’ wird eben das Sprichwort wahr: Kein Messer in der Welt schaͤrfer schneidt, Als wenn der Bettler zum Herren wirdt. Von des armen Manns Schreibereyen waͤre ge- wiß nichts vor deine Augen gekommen, wenn nicht jene Zeitung den verdammten Lerm veranlasset haͤt- te; liesest du doch sonst nichts als etwa diese, um darinn etwas aufzuschnappen, das du mit deinem Senf wieder auftischen kannst, oder im Calender, und in deinem Rechenbuch. So begehrt auch Uli gewiß weder hervorzuragen noch Figur zu machen, wie du und deine Helfershelfer, die ihre hohe Weis- heit auf allen Kirchen- und Marktplaͤtzen, hauptsaͤch- lich aber in allen Wirthshausgelagen ertoͤnen lassen, und mit ihrem breiten Maul uͤber Dinge absprechen, wovon sie keine Laus verstehen. Da muß jeder, der nicht nach eurer Pfeife tanzt, Spißruthen lau- fen. Da werden weder geist- noch weltliche Vorge- setzte geschont. Landsordnungen und Gebraͤuche, al- les liegt euch nicht recht. Euer Wohlweisheiten wuͤrden das Ding viel besser machen. Und eben dar- um hat der arme Mann sich euern Haß aufgela- den, daß er (der doch nach euerm Sinn weit unter euch steht, und sich’s wohl herrlich zur groͤßten Ehr’ haͤtte rechnen sollen, bey euch gelitten zu werden) euch vielmehr sorgfaͤltig vermied, und Gespanen such- te die mehr nach seinem Geschmacke waren — oder in deren Ermanglung lieber mit einem redlichen Bauer von Holz und Feld, Heu und Stroh plau- derte — oder sich zuletzt mit dem ersten beßten Hand- werksbursch unterhielt — wenn er nur euch, Aller- weltshofmeister! ausweichen konnte. Peter . Du redst halt, wie ein Mann ohne Kopf. Heißt das, auf meine Frage geantwortet? Ich fragte dich, was solche Buͤcherfresser und Papierverderber sich oder andern fuͤr Nutzen braͤchten? Zeig’ mir den an, und dann halt’s Maul, oder man wird dich’s lehren. Sag’ also an, deine Tagdiebe und Fantasten, sind sie besser oder reicher als andre? Paul . Nur nicht zu rasch, Peterle ! Ob sie besser oder nicht besser sind, muͤssen ich und du dem einzigen Herzenskuͤndiger uͤberlassen. Aber so viel weiß ich wohl, daß sich viele aus ihnen ernstlich be- muͤhen, besser zu werden; und daß jene Geistesbe- muͤhungen ihnen auch hierinn vortrefliche Dienste lei- sten. — Ob sie dadurch reicher werden? — Daß du verdammt werdest mit deinem Geld! Einen solchen Gesell, wie du bist, darf man eben nicht fragen: Was er vor edler halte, Seel’ oder Koͤrper? Man weißt es schon, da alle deine und deiner Zunstgenos- sen Dichten und Trachten nur darauf zielt, euern Madensack zu verpflegen, wenn ihr euch gleich mit all’ euerm Silber und Gold nur keinen faulen Zahn wieder gut machen koͤnnt. Mittlerweile jener ihre vornehmste Sorge darauf geht, ihr Herz zu reinigen und ihren Geist auszubilden, und, vergnuͤgt mit der Befriedigung ihrer unentbehrlichen Beduͤrfnisse, un- zaͤhlige edle und entzuͤckende Freuden geniessen, die ihr mit euern schielenden Augen nicht einzusehen, mit euerm thierischen Verstand nicht zu begreifen, und euch besonders nie zu dem erhabenen Urquell derselben zu erheben vermoͤgend seyt — so ungefehr wie die Schweine, welche freylich auch die Eicheln unter dem Baum begierig auffressen, ohne sich um den Bau der Frucht, oder um den Schoͤpfer des Baums zu bekuͤmmern — Was thut indessen Ihr? Mit eurer Naterzunge alle eure Nebenmenschen be- geifern, ihre loͤblichsten Handlungen verkleinern und die unschuldigsten verleumden, ihr Pharisaͤer! die ihr, mit euerm Schmolk und Habermann in der Hand freylich alle Sonntag zur Kirche laͤuft, und keine Sylbe von der Predigt versteht oder behaltet; und denn damit waͤhnt alles gethan, und euch zumal das Recht erworben zu haben, die ganze noch uͤbrige Zeit des Tags das halbe Tockenburg mit eurer falschen Elle zu messen; gegen jeden, der besser ist als ihr, mit Quackern, Duggenmaͤuslern, Bi- belfressern, Jesuiten, Papierleckern und andern derley laͤppischen Schimpfnamen herumzuwerfen, und, wo ihr an jemand kein einzig offenbares Laster fin- den koͤnnt, ihm dafuͤr zehn geheime anzudichten; wie ihr’s z. E. eben dem armen Manne macht, den ihr gergdezu unter die groͤbsten Zoͤllner und Suͤnder setzt, und ihm besonders solche Fehler andichtet, von denen er am allerweitsten entfernt ist. Doch, seyt seinet- wegen nur ohne Sorgen. Seine wirklichen Maͤngel gestehet er selbst zu allererst ein — und die ersonne- nen schiebt er auf den Nacken ihrer Erfinder zuruͤck, lacht euch unter die Nase — oder schweigt, wenn er noch kluͤger ist. Ueberhaupt aber kann in unserm lieben Land Tockenburg keine noch so heilsame Neue- rung, keine noch so gemeinnuͤtzige Verordnung, kein noch so loͤbliches Institut stattfinden, uͤber die ihr nicht mit euern Breitmaͤulern daherfaͤhrt, es auf al- len Gassen zu verlaͤstern, und den Einfaͤltigen dage- gen in Aufruhr zu bringen sucht. Will’s denn oͤf- fent- fentlich nicht gelingen, so schleicht sich etwa ein wohl- beredtes Mitglied aus eurer saubern Zunft in die Spinnstubeten ein, sitzt mit einem Halbdutzend eben- falls hochweiser Frauen zusammen, traͤgt ihnen mit gerunzelter Stirn’ und verspreiteten Armen in einer haͤufig mit Ach! und wieder Ach! unterbrochenen schoͤngesetzten Sermon den landsverderblichen Casus vor, und ruht nicht, bis diese neuen Amazonen in Feuer und Flammen gerathen, und schwoͤren, Him- mel und Erde zu bewegen — und besonders ihre Maͤn- ner so lang’ zu plagen, bis sie sich entschliessen, das Uebel mit Stumpf und Stiel auszurotten. Dabey aber ist es immer ein Gluͤck, theils daß Weiberzorn nie von langer Dauer, theils daß es Gott Lob! auch noch vernuͤnftige Frauen giebt, und ihr so nicht selten anprellt, und euch selbst bey allen Klugen zum Ge- laͤchter macht. So gieng’s euch z. E. bey Anlaß un- sers freylich kostbaren Strassenbaues, wo ihr’s auch jedem in’s Ohr rauntet, der einfaͤltig genug war, es euch zu leihen: Daß, sobald wir neue Weg’ haͤt- ten, Krieg in’s Land kommen wuͤrde. Aber, gelt! euch artigen Herren zu Trotz hat es unsern wohlge- sinnten Vorstehern gegluͤckt unser gutmuͤthiges Volk bald eines andern und bessern so zu belehren, daß sie itzt mit der freudigsten Willfaͤhrigkeit wirklich herku- lische Arbeiten verrichten, und davon einst, neben dem Nutzen auch gebuͤhrendes Lob und Ruhm ein- erndten werden. Was die moralische und Lesege- sellschaft betrift — — Peter . Ha! Da koͤmmst du mir eben recht. Man merkt’s dir an deinen Plaudereyen an, daß du dich auch schon laͤngst gern’ haͤttest zu diesem Or- den einkleiden lassen, der wohl saubre Geheimnisse besitzt, da seine angesehensten Mitglieder in der Beßte U ihrer Jahren in’s Gras beissen, die witzigsten ausser Lands ihr Brodt suchen mußten, und andre sonst ihr Gluͤck verwahrloset haben, die uͤbriggebliebenen aber das seltsamste Gemisch von curjosen Koͤpfen, alten Pastoren, dann wieder jungen Herren mit grossen Huͤten und weiten Hosen, ausmachen, und itzt gar, wie ich hoͤre, mit einander uneins geworden sind. Wahrlich, eine herrliche Verbruͤderung! Gelt, gelt, ich weiß es — — Paul . Ja, ja! und Ich weiß es auch, daß sol- che Spinnen, wie du, aus den schoͤnsten Bluhmen, wo die Biene nur Honig findet, das Gift saugen. Wo ist ein Acker, auf dem nach Verlauf vieler Jah- re, nicht auch in irgend einem Winkel Unkraut waͤchst? Und wenn der beßte, reinste Saamen dar- ein gesaͤet wird, so ruhet der boͤse Feind um so viel minder, bis er — und sollt’ er die Nacht dazu neh- men — auch etwas von jenem drunter gestreut hat. Und war es nicht auch gerad’ so einer, wie du, der den ersten Zunder zu jenem Zwist anblies, der aber, Trotz deiner Schadenfreud’, von keinen erheb- lichen Folgen seyn wird, so daß bald wieder alles in’s alte Gleis kommen soll. Indessen, noch einmal: Bey euch, Herren! ist das Vermoͤgen immer die Hauptsach’. Wem das Geld fehlt, der ist in euern Augen schon per se ein unnuͤtzer Knecht. Aus der Naͤhe und Ferne zergliedert ihr die Gluͤcksumstaͤnd’ eines jeden, den ihr kennt oder nicht kennt, und zaͤhlt ihm seine Batzen in der Tasche. Da heißt’s bey euch bald alle Tag: Huchhey! Dort liegt auch wieder ein Kalb auf dem Schragen — A. liegt schon in den letz- ten Zuͤgen — B. pfeift ebenfalls auf dem letzten Loͤch- lin — und C. muß wenigstens capituliren. Doch habt ihr eben auch schon manchem laͤngst zu Grabe gelaͤu- tet, der, zu euerm grossen Herzenleid, heutigen Tags noch so frisch und gesund ist, als einer, und wohl auch alsdann noch aufrecht wie ein Bolz stehen wird, wenn — Ihr wenigstens ihm die Todtenglocke nicht mehr zieht. Freylich muͤßte vielleicht mancher noch so haushaͤltersche Ehrenmann Hof und Heimath mit dem Ruͤcken ansehn, wenn alle Menschen so daͤchten wie ihr, ihr unerbittliche Treiber — der schuldlosen wie der schuldigen Armuth! Ihr schwarzgallichte Un- gluͤckskocher — Ihr — — Peter . Wie? — Was? — Bin ich nicht ein Narr, einer solchen Schandgosche, wie deine, so lang zuzu- hoͤren — und dich nicht lieber krumm und lahm zu schlagen, du S ***! — Aber, nur Geduld! es soll dir nicht geschenkt seyn. Paul . Haͤtt’st Courage, ich weiß wohl, wuͤrdst du gewiß nichts sparen. Aber es ist eben ein Gluͤck, daß du und fast alle deines Gelichters nur dapfer mit dem Maul sind. Ich vor mich hab’ dir gerad’ von der Leber weggeredt; und zwar nicht meines Vor- theils wegen, sondern um die gekraͤnkte Ehre vieler guten Menschen uͤberhaupt, und des armen Mannes seine insbesonders, gegen dich und deinesgleichen in Schutz zu nehmen. Itzt bin ich fertig; mein Herz ist geraͤumt, los und ledig von allem weitern Grimm und Groll; und fuͤg’ ich nur noch den einzigen wohl- meynenden Wunsch bey: Daß ihr koͤnftig liebreicher und behutsamer von euern Nebenmenschen — — Peter . Und Ich wuͤnsch’ dir alle Schwernoth auf den Buckel, du vertrackter Erzschurke, du! Man hoͤrt’s nun, wie gut du von ehrlichen Leuthen denkst, die in ihrer Einfalt an ihrem Naͤchsten, ohne ihn darum zu hassen, freylich nicht nur seine Tugenden, sondern auch seine Mackel sehn. Paul . Das wußt’ ich wohl. So wenig ein Mohr seine Haut, oder ein Pardel seine Flecken aͤndern kann, so wenig koͤnnen die eines gutmuͤthigen Sinns werden, die eines boͤswilligen gewohnt sind. Ihr haßt keinen Menschen, sondern nur ihre Thorheiten und Laster — nicht wahr? Aber, wer ist in euern Au- gen tugendhaft? Gewiß keiner, der nicht euer Lied singt — brav Geld zusammenscharrt, und besonders — euch in allen Dingen den Vorzug laͤßt. Uebrigens seyt ihr einander selbst nicht treu, keiner traut, jeder betriegt den andern, oder schlaͤgt ihm wenigstens ein Bein unter; und nie seyt ihr einig, als wo’s drauf losgeht, den Drittmann zu uͤbertoͤlpeln, oder wett- zueifern, wer auf seinen Mitchrist am meisten Boͤ- ses — sey’s nun wahr, halbwahr oder erdichtet, brin- gen kann. Doch, ich bin muͤde, laͤnger eure schlim- me Seite zu schildern. Die gute aber moͤgt ihr selbst zeigen. Wohlbekomm’s, meine Herren! Adieu! Verkauff-Preiß : Auf Schreibpap. Mit Kupfern 20 ggr. Auf Druckpap. Ohne Kupfer 10 ggr.