Hafis auch und Ulrich Hutten Mußten ganz bestimmt sich ruͤsten Wider braun' und blaue Kutten, Meine gehn wie andre Christen. Goethe . I . Reise von Muͤnchen nach Genua . 1* Ein edles Gemuͤth kommt nie in Eure Rechnung; und daran scheitert heute Eure Weisheit. (Er oͤffnet seinen Schreibtisch, nimmt zwey Pistolen heraus, wovon er das eine auf den Tisch legt und das andre ladet.) Robert's Macht der Verhaͤltnisse. Capitel I . I ch bin der hoͤflichste Mensch von der Welt. Ich thue mir was darauf zu gute, niemals grob gewesen zu seyn auf dieser Erde, wo es so viele unertraͤgliche Schlingel giebt, die sich zu einem hinsetzen und ihre Leiden erzaͤhlen oder gar ihre Verse deklamiren; mit wahrhaft christ¬ licher Geduld habe ich immer solche Misere ruhig angehoͤrt, ohne nur durch eine Miene zu ver¬ rathen, wie sehr sich meine Seele ennuirte. Gleich einem buͤßenden Braminen, der seinen Leib dem Ungeziefer Preis giebt, damit auch diese Gottesgeschoͤpfe sich saͤttigen, habe ich dem fatalsten Menschengeschmeiß oft tagelang Stand gehalten und ruhig zugehoͤrt, uud meine inneren Seufzer vernahm nur Er, der die Tu¬ gend belohnt. Aber auch die Lebensklugheit gebietet uns hoͤflich zu seyn, und nicht verdrießlich zu schwei¬ gen, oder gar Verdrießliches zu erwiedern, wenn irgend ein schwammiger Kommerzienrath oder duͤrrer Kaͤsekraͤmer sich zu uns setzt, und ein allgemein europaͤisches Gespraͤch anfaͤngt mit den Worten: „Es ist heute eine schoͤne Witterung.“ Man kann nicht wissen, wie man mit einem solchen Philister wieder zusammentrifft, und er kann es uns dann bitter eintraͤnken, daß wir nicht hoͤflich geantwortet: „Die Witterung ist sehr schoͤn.“ Es kann sich sogar fuͤgen, lieber Leser, daß Du zu Cassel an der Table d'H ô te neben besagtem Philister zu sitzen koͤmmst, und zwar an seine linke Seite, und er ist just der Mann, der die Schuͤssel mit braunen Karpfen vor sich stehen hat und lustig austheilt; — hat er nun eine alte Pique auf Dich, dann reicht er die Teller immer rechts herum, so daß auch nicht das kleinste Schwanzstuͤckchen fuͤr Dich uͤbrig bleibt. Denn ach! du bist just der Dreizehnte bei Tisch, welches immer bedenklich ist, wenn man links neben dem Trancheur sitzt, und die Teller rechts herumgereicht werden. Und keine Karpfen bekommen, ist ein großes Uebel; naͤchst dem Verlust der Nationalkokarde vielleicht das groͤßte. Der Philister, der Dir dieses Uebel bereitet, verhoͤhnt Dich noch obendrein, und offerirt Dir die Lorbeeren, die in der braunen Sauce liegen geblieben; — ach! was helfen einem alle Lorbeeren, wenn keine Karpfen dabei sind! — und der Philister blinzelt dann mit den Aeuglein, und kichert und lispelt: Es ist heute eine schoͤne Witterung. Ach, liebe Seele, es kann sich sogar fuͤgen, daß Du auf irgend einem Kirchhofe neben diesem selben Philister zu liegen koͤmmst, und hoͤrst Du dann am juͤngsten Tage die Posaune erschallen und sagst zu Deinem Nachbar: „Guter Freund, reichen Sie mir gefaͤlligst die Hand, damit ich aufstehen kann, das linke Bein ist mir einge¬ schlafen von dem verdammt langen Liegen!“ dann bemerkst Du ploͤtzlich das wohlbekannte Philisterlaͤcheln, und hoͤrst die hoͤhnische Stimme: Es ist heute eine schoͤne Witterung. Capitel II . „Es ist heute eine scheene Witterung —“ Haͤttest Du, lieber Leser, den Ton gehoͤrt, den unuͤbertrefflichen Fistelbaß, womit diese Worte gesprochen wurden, und sahest Du gar den Sprecher selbst, das erzprosaische Wittwenkassen¬ gesicht, die stockgescheuten Aeuglein, die aufge¬ stuͤlpt pfiffige Forschungsnase: so erkanntest Du gleich, diese Blume ist keinem gewoͤhnlichen Sande entsprossen, und diese Toͤne sind die Sprache Charlottenburgs, wo man das Berlinische noch besser spricht als in Berlin selbst. Ich bin der hoͤflichste Mensch von der Welt, und esse gern braune Karpfen, und glaube zu¬ weilen an Auferstehung, und ich antwortete: In der That, die Witterung ist sehr scheene. Als der Sohn der Spree dermaßen geen¬ tert, ging er erst recht derb auf mich ein, und ich konnte mich nimmermehr losreißen von seinen Fragen und Selbstbeantwortungen, und abson¬ derlich von seinen Parallelen zwischen Berlin und Muͤnchen, dem neuen Athen, dem er kein gutes Haar ließ. Ich aber nahm das neue Athen sehr in Schutz, wie ich denn immer den Ort zu loben pflege, wo ich mich eben befinde. Daß solches diesmal auf Kosten Berlins geschah, das wirst Du mir gern verzeihen, lieber Leser, wenn ich Dir unter der Hand gestehe, dergleichen geschieht zumeist aus purer Politik; denn ich weiß, sobald ich anfange, meine guten Berliner zu loben, so hat mein Ruhm bey ihnen ein Ende, und sie zucken die Achsel und fluͤstern einander zu: Der Mensch wird sehr seicht, uns sogar lobt er. Keine Stadt hat nemlich weniger Lokalpatriotis¬ mus als Berlin. Tausend miserable Schrift¬ steller haben Berlin schon in Prosa und Versen gefeyert, uud es hat in Berlin kein Hahn da¬ nach gekraͤht, und kein Huhn ist ihnen dafuͤr gekocht worden, und man hat sie unter den Linden immer noch fuͤr miserable Poeten gehal¬ ten, nach wie vor. Dagegen hat man eben so wenig Notiz davon genommen, wenn irgend ein After-Poet etwa in Parabasen auf Berlin losschalt. Wage es aber mal jemand gegen Polkwitz, Insbruck, Schilda, Posen, Kraͤhwinkel und andre Hauptstaͤdte etwas Anzuͤgliches zu schreiben! Wie wuͤrde sich der respektive Patrio¬ tismus dort regen! Der Grund davon ist: Berlin ist gar keine Stadt, sondern Berlin giebt bloß den Ort dazu her, wo sich eine Menge Menschen, und zwar darunter viele Menschen von Geist, versammeln, denen der Ort ganz gleichguͤltig ist; diese bilden das geistige Berlin. Der durchreisende Fremde sieht nur die langge¬ streckten, uniformen Haͤuser, die langen breiten Straßen, die nach der Schnur und meistens nach dem Eigenwillen eines Einzelnen gebaut sind, und keine Kunde geben von der Denkweise der Menge. Nur Sonntagskinder vermoͤgen etwas von der Privatgesinnung der Einwohner zu errathen, wenn sie die langen Haͤuserreihen betrachten, die sich, wie die Menschen selbst, von einander fern zu halten streben, erstarrend im gegenseitigen Groll. Nur einmal, in einer Mondnacht, als ich etwas spaͤt von Luther und Wegener heim¬ kehrte, sah ich wie jene harte Stimmung sich in milde Wehmuth aufgeloͤst hatte, wie die Haͤu¬ ser, die einander so feindlich gegenuͤber gestanden, sich geruͤhrt baufaͤllig christlich anblickten, und sich versoͤhnt in die Arme stuͤrzen wollten; so daß ich armer Mensch, der in der Mitte der Straße ging, zerquetscht zu werden fuͤrchtete. Manche werden diese Furcht laͤcherlich finden, und auch ich laͤchelte daruͤber, als ich, nuͤchternen Blicks, den andern Morgen durch eben jene Straßen wanderte, und sich die Haͤuser wieder so prosaisch entgegen gaͤhnten. Es sind wahrlich mehrere Flaschen Poesie dazu noͤthig, wenn man in Ber¬ lin etwas anderes sehen will als todte Haͤuser und Berliner. Hier ist es schwer, Geister zu sehen. Die Staͤdt enthaͤlt so wenig Alter¬ thuͤmlichkeit, und ist so neu; und doch ist dieses Neue schon so alt, so welk und abgestorben. Denn sie ist groͤstentheils, wie gesagt, nicht aus der Gesinnung der Masse, son¬ dern Einzelner entstanden. Der große Fritz ist wohl unter diesen wenigen der vorzuͤglichste, was er vorfand, war nur feste Unterlage, erst von ihm erhielt die Stadt ihren eigentlichen Charakter, und waͤre seit seinem Tode nichts mehr daran gebaut worden, so bliebe ein histo¬ risches Denkmal von dem Geiste jenes prosaisch wundersamen Helden, der die raffinirte Geschmack¬ losigkeit und bluͤhende Verstandesfreyheit, das Seichte und das Tuͤchtige seiner Zeit, recht deutsch-tapfer in sich ausgebildet hatte. Potsdam z. B. erscheint uns als ein solches Denkmal, durch seine oͤden Straßen wandern wir wie durch die hinterlassenen Schriftwerke des Philo¬ sophen von Sanssouci, es gehoͤrt zu dessen oeuvres posthumes, und obgleich es jetzt nur steinernes Makulatur ist und des Laͤcherlichen genug enthaͤlt, so betrachten wir es doch mit ernstem Interesse, und unterdruͤcken hie und da eine aufsteigende Lachlust, als fuͤrchteten wir ploͤtzlich einen Schlag auf den Ruͤcken zu be¬ kommen, wie von dem spanischen Roͤhrchen des großen Fritz. Solche Furcht aber befaͤllt uns nimmermehr in Berlin, da fuͤhlen wir, daß der alte Fritz und sein spanisches Roͤhrchen keine Macht mehr uͤben; denn sonst wuͤrde aus den alten, aufgeklaͤrten Fenstern der gesunden Vernunft¬ stadt nicht so manch krankes Obskurantengesicht herausglotzen, und so manch dummes, aber¬ glaͤubisches Gebaͤude wuͤrde sich nicht unter die alten skeptisch philosophischen Haͤuser eingesiedelt haben. Ich will nicht mißverstanden seyn, und bemerke ausdruͤcklich, ich stichle hier keinesweges auf die neue Werdersche Kirche, jenen gothi¬ schen Dom in verjuͤngtem Maßstabe, der nur aus Ironie zwischen die modernen Gebaͤude hin¬ gestellt ist, um allegorisch zu zeigen, wie laͤp¬ pisch und albern es erscheinen wuͤrde, wenn man alte, laͤngst untergegangene Institutionen des Mittelalters wieder neu aufrichten wollte, unter den neuen Bildungen einer neuen Zeit. Das oben Angedeutete gilt bloß von Ber¬ lins aͤußerlicher Erscheinung, und wollte man in dieser Beziehung Muͤnchen damit vergleichen, so koͤnnte man mit Recht behaupten: letzteres bilde ganz den Gegensatz von Berlin. Muͤnchen nemlich ist eine Stadt, gebaut von dem Volke selbst, und zwar von auf einander folgenden Generazionen, deren Geist noch immer in ihren Bauwerken sichtbar, so daß man dort, wie in der Hexenscene des Makbeth, eine chronologische Geisterreihe erblickt, von dem dunkelrohen Geiste des Mittelalters, der geharnischt aus gothischen Kirchenpforten hervortritt, bis auf den gebildet lichten Geist unserer eignen Zeit, der uns einen Spiegel entgegenhaͤlt, worin jeder sich selbst mit Vergnuͤgen anschaut. In dieser Reihenfolge liegt eben das Versoͤhnende; das Barbarische empoͤrt uns nicht mehr und das Abgeschmackte verletzt uns nicht mehr, wenn wir es als Anfaͤnge und nothwendige Uebergaͤnge betrachten. Wir sind ernst, aber nicht unmuthig bey dem Anblick jenes barbarischen Doms, der sich noch immer, in stie selknechtlicher Gestalt, uͤber die ganze Stadt er hebt und die Schatten und Gespenster des Mittelalters in seinem Schooße verbirgt. Mit eben so wenig Unmuth, ja sogar mit spaßhaf¬ ter Ruͤhrung, betrachten wir die haarbeuteligen Schloͤsser der spaͤtern Periode, die plump deut¬ schen Nachaͤffungen der glatt franzoͤsischen Un¬ natur, die Prachtgebaͤude der Abgeschmacktheit, toll schnoͤrkelhaft von Außen, von Innen noch putziger dekorirt mit schreyend bunten Allegorien, vergoldeten Arabesken, Stukkaturen, und jenen Schildereyen, worauf die seligen hohen Herr¬ schaften abkonterfeyt sind: die Cavaliere mit rothen, betrunken nuͤchternen Gesichtern, woruͤber die Alongeperuͤcken, wie gepuderte Loͤwenmaͤhnen, herabhaͤngen, die Damen mit steifem Toupet, staͤhlernem Corset, das ihr Herz zusammenschnuͤrte, und ungeheurem Reifrock, der ihnen desto mehr pro¬ saische Ausdehnung gewaͤhrte. Wie gesagt, dieser Anblick verstimmt uns nicht, er traͤgt vielmehr 2 dazu bey, uns die Gegenwart und ihren lichten Werth recht lebhaft fuͤhlen zu lassen, und wenn wir die neuen Werke betrachten, die sich neben den alten erheben, so ist's, als wuͤrde uns eine schwere Peruͤcke vom Haupte genommen und das Herz befreyt von staͤhlerner Fessel. Ich spreche hier von den heiteren Kunsttempeln und edlen Pallaͤsten, die in kuͤhner Fuͤlle hervor¬ bluͤhen aus dem Geiste Klenze's, des großen Meisters. Capitel III . Daß man aber die ganze Stadt ein neues Athen nennt, ist, unter uns gesagt, etwas ridi¬ kuͤl, und es kostet mich viele Muͤhe, wenn ich sie in solcher Qualitaͤt vertreten soll. Dieses empfand ich aufs Tiefste in dem Zweygespraͤch mit dem Berliner Philister, der, obgleich er schon eine Weile mit mir gesprochen hatte, un¬ hoͤflich genug war, alles attische Salz im neuen Athen zu vermissen. Des, rief er ziemlich laut, giebt es nur in Berlin. Da nur ist Witz und Ironie. Hier 2 * giebt es gutes Weißbier, aber wahrhaftig keine Ironie. Ironie haben wir nicht — rief Nannerl, die schlanke Kellnerin, die in diesem Augenblick vorbeysprang — aber jedes andre Bier koͤnnen Sie doch haben. Daß Nannerl die Ironie fuͤr eine Sorte Bier gehalten, vielleicht fuͤr das beste Stetti¬ ner, war mir sehr leid, und damit sie sich in der Folge wenigstens keine solche Bloͤße mehr gebe, begann ich folgendermaßen zu doziren: Schoͤnes Nannerl, die Ironie is ka Bier, sondern eine Erfindung der Berliner, der kluͤg¬ sten Leute von der Welt, die sich sehr aͤrgerten, daß sie zu spaͤt auf die Welt gekommen sind, um das Pulver erfinden zu koͤnnen, und die deßhalb eine Erfindung zu machen suchten, die eben so wichtig und eben denjenigen, die das Pulver nicht erfunden haben, sehr nuͤtzlich ist. Ehe¬ mals, liebes Kind, wenn jemand eine Dumm¬ heit beging, was war da zu thun? das Ge¬ schehene konnte nicht ungeschehen gemacht wer¬ den, und die Leute sagten: der Kerl war ein Rindvieh. Das war unangenehm. In Berlin, wo man am kluͤgsten ist und die meisten Dumm¬ heiten begeht, fuͤhlte man am tiefsten diese Un¬ annehmlichkeit. Das Ministerium suchte dagegen ernsthafte Maßregeln zu ergreifen: bloß die groͤ¬ ßeren Dummheiten durften noch gedruckt wer¬ den, die kleineren erlaubte man nur in Gespraͤ¬ chen, solche Erlaubniß erstreckte sich nur auf Professoren und hohe Staatsbeamte, geringere Leute durften ihre Dummheiten bloß im Ver¬ borgenen laut werden lassen; — aber alle diese Vorkehrungen halfen nichts, die unterdruͤckten Dummheiten traten bei ausserordentlichen An¬ laͤssen desto gewaltiger hervor, sie wurden sogar heimlich von oben herab protegirt, sie stiegen oͤffentlich von unten hinauf, die Noth war groß, bis endlich ein ruͤckwirkendes Mittel er¬ funden ward, wodurch man jede Dummheit gleichsam ungesehen machen und sogar in Weis¬ heit umgestalten kann. Dieses Mittel ist ganz einfach, und besteht darin, daß man erklaͤrt, man habe jene Dummheit bloß aus Ironie begangen oder gesprochen. So, liebes Kind, avancirt alles in dieser Welt, die Dummheit wird Ironie, verfehlte Speichelleckerey wird Satyre, natuͤrliche Plumpheit wird kunstreiche Persiflage, wirklicher Wahnsinn wird Humor, Unwissenheit wird brillanter Witz, und Du wirst am Ende noch die Aspasia des neuen Athens. Ich haͤtte noch mehr gesagt, aber das schoͤne Nannerl, das ich unterdessen am Schuͤr¬ zenzipfel festhielt, riß sich gewaltsam los, als man von allen Seiten „A Bier! A Bier!“ gar zu stuͤrmisch forderte. Der Berliner aber sah aus wie die Ironie selbst, als er bemerkte, mit welchem Enthusiasmus die hohen schaͤumenden Glaͤser in Empfang genommen wurden; und indem er auf eine Gruppe Biertrinker hindeutete, die sich den Hopfennektar von Herzen schmecken ließen, und uͤber dessen Vortrefflichkeit disputirten, sprach er laͤchelnd: das wollen Athenienser sind? Die Bemerkungen, die der Mann bey dieser Gelegenheit nachschob, thaten mir ordentlich weh, da ich fuͤr unser neues Athen keine geringe Vorliebe hege, und ich bestrebte mich daher, dem raschen Tadler zu bedeuten: daß wir erst seit Kurzem auf den Gedanken gekommen sind, uns als ein neues Athen aufzuthun, daß wir erst junge Anfaͤnger sind, und unsere großen Geister, ja unser ganzes gebildetes Publikum noch nicht danach ein¬ gerichtet ist, sich in der Naͤhe sehen zu lassen. Es ist alles noch im Entstehen und wir sind noch nicht komplet. Nur die untersten Faͤcher, lieber Freund, fuͤgte ich hinzu, sind erst besetzt, und es wird Ihnen nicht entgangen seyn, daß wir z. B. an Eulen, Sykophanten und Phrynen keinen Mangel haben. Es fehlt uns nur an dem hoͤhern Per¬ sonal, und mancher muß mehrere Rollen zu gleicher Zeit spielen. Z. B. unser Dichter, der die zarte griechische Knabenliebe besingt, hat auch die aristophanische Grobheit uͤbernehmen muͤssen; aber er kann alles machen, er hat alles was zu einem großen Dichter gehoͤrt, außer etwa Phantasie und Witz, und wenn er viel Geld haͤtte, waͤre er ein reicher Mann. Was uns aber an Quantitaͤt fehlt, das ersetzen wir durch Qualitaͤt. Wir haben nur einen großen Bild¬ hauer, — aber es ist ein “Loͤwe!„ Wir haben nur einen großen Redner, aber ich bin uͤberzeugt, daß Demosthenes uͤber den Malz¬ aufschlag in Attika nicht so gut donnern konnte. Wenn wir noch keinen Sokrates vergiftet haben, so war es wahrhaftig nicht das Gift, welches uns dazu fehlte. Und wenn wir noch keinen eigentlichen Demos, ein ganzes Demagogenvolk besitzen, so koͤnnen wir doch mit einem Pracht¬ exemplare dieser Gattung, mit einem Dema¬ gogen von Handwerk aufwarten, der ganz allein einen ganzen Demos, einen ganzen Haufen Großschwaͤtzer, Maulaufsperrer, Poltrons und sonstigen Lumpengesindels, aufwiegt — und hier sehen Sie ihn selbst. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, die Figur, die sich uns jetzt praͤsentirte, etwas genauer zu bezeichnen. Ob diese Figur mir Recht behauptet, daß ihr Kopf etwas Mensch¬ liches habe und sie daher juristisch befugt sey, sich fuͤr einen Menschen auszugeben, das lasse ich dahin gestellt seyn. Ich wuͤrde diesen Kopf vielmehr fuͤr den eines Affen halten; nur aus Courtoisie will ich ihn fuͤr menschlich passiren lassen. Seine Bedeckung bestand aus einer Tuchmuͤtze, in der Form aͤhnlich dem Helm des Mambrin, und steifschwarze Haare hingen lang herab und waren vorn à l'enfant ge¬ scheitelt. Auf diese Vorderseite des Kopfes, die sich fuͤr ein Gesicht ausgab, hatte die Goͤttin der Gemeinheit ihren Stempel gedruͤckt, und zwar so stark, daß die dort befindliche Nase fast zerquetscht worden; die niedergeschlagenen Augen schienen diese Nase vergebens zu suchen und deßhalb betruͤbt zu seyn; ein uͤbelriechendes Laͤcheln spielte um den Mund, der uͤberaus lieb¬ reizend war, und durch eine gewisse frappante Aehnlichkeit unseren griechischen After-Dichter zu den zartesten Gaselen begeistern konnte. Die Be¬ kleidung war ein altdeutscher Rock, zwar schon etwas modifizirt nach den dringendsten Anfor¬ derungen der neueuropaͤischen Civilisazion, aber im Schnitt noch immer erinnernd an den, wel¬ chen Arminius im teutoburger Walde getragen, und dessen Urform sich unter einer patriotischen Schneidergesellschaft eben so geheimnißvoll traditio¬ nel erhalten hat, wie einst die gothische Bau¬ kunst unter einer mystischen Maurergilde. Ein weißgewaschener Lappen, der mit dem bloßen, altdeutschen Halse tiefbedeutsam kontrastirte, be¬ deckte den Kragen dieses famosen Rockes, aus seinen langen Aermeln hingen lange schmutzige Haͤnde, zwischen diesen zeigte sich ein lang¬ weiliger Leib, woran wieder zwei kurzweilige Beine schlotterten — die ganze Gestalt war eine katzenjaͤmmerliche Parodie des Apoll von Belvedere. Und des ist der Demagog des neuen Athens? frug spottlaͤchelnd der Berliner. Du juter Jott, des ist ja ein Landsmann von mich! Ich traue kaum meinen leiblichen Augen — des ist ja derjenige welcher — Ne, des ist die Moͤglichkeit! Ja, Ihr verblendeten Berliner — sprach ich, nicht ohne Feuer — Ihr verkennt Eure heimischen Genies, und steinigt Eure Propheten. Wir aber koͤnnen Alles gebrauchen! Und wozu braucht Ihr denn diese ungluͤck¬ liche Fliege? Er ist zu Allem zu gebrauchen wozu Sprin¬ gen, Kriechen, Gemuͤth, Fressen, Froͤmmigkeit, viel Altdeutsch, wenig Latein und gar kein Griechisch noͤthig ist. Er springt wirklich sehr gut uͤber'n Stock; macht auch Tabellen von allen moͤglichen Spruͤngen und Verzeichnisse von allen moͤglichen Lesarten altdeutscher Gedichte. Dazu repraͤsentirt er die Vaterlandsliebe, ohne im mindesten gefaͤhrlich zu seyn. Denn man weiß sehr gut, daß er sich von den altdeutschen Demagogen, unter welchen er sich mahl zufaͤllig befunden, zu rechter Zeit zuruͤckgezogen, als ihre Sache etwas gefaͤhrlich wurde, und daher mit den christlichen Gefuͤhlen seines weichen Herzens nicht mehr uͤbereinstimmte. Seitdem aber die Gefahr verschwunden, die Maͤrtyrer fuͤr ihre Gesinnung gelitten, fast alle sie von selbst auf¬ gegeben, und sogar unsere feurigsten Barbiere ihre deutschen Roͤcke ausgezogen haben, seitdem hat die Bluͤthezeit unseres vorsichtigen Vater¬ landsretters erst recht begonnen; er allein hat noch das Demagogenkostuͤm und die dazu gehoͤ¬ rigen Redensarten beybehalten; er preißt noch immer Arminius den Cherusker und Frau Thus¬ nelda, als sey er ihr blonder Enkel; er bewahrt noch immer seinen germanisch patriotischen Haß gegen welsches Babelthum, gegen die Erfindung der Seife, gegen Thiersch's heidnisch griechische Gram¬ matik, gegen Quinctilius Varus, gegen Handschuh und gegen alle Menschen die eine anstaͤndige Nase haben; — und so steht er da, als wandelndes Denkmal einer untergangenen Zeit, und wie der letzte Mohikan ist auch er allein uͤbrig ge¬ blieben von einer ganzen thatkraͤftigen Horde, er, der letzte Demagoge. Sie sehen also, daß wir im neuen Athen, wo es noch ganz an Demagogen fehlt, diesen Mann brauchen koͤn¬ nen, wir haben an ihm einen sehr guten Dema¬ gogen, der zugleich so zahm ist, daß er jeden Speichelnapf beleckt, und aus der Hand frißt, Haselnuͤsse, Kastanien, Kaͤse, Wuͤrstchen, kurz alles frißt was man ihm giebt; und da er jetzt einzig in seiner Art, so haben wir noch den besonderen Vortheil, daß wir spaͤterhin, wenn er krepirt ist, ihn ausstopfen lassen und als den letzten Demagogen, mit Haut und Haar, fuͤr die Nachwelt aufbewahren koͤnnen. Ich bitte Sie jedoch, sagen Sie das nicht dem Pro¬ fessor Lichtenstein in Berlin, der ließe ihn sonst fuͤr das zoologische Museum reklamiren, welches Anlaß zu einem Kriege zwischen Preußen und Bayern geben koͤnnte, da wir ihn auf keinen Fall ausliefern werden. Schon haben die Eng¬ laͤnder ihn aufs Korn genommen und Zwei¬ tausend siebenhundert sieben und siebenzig Gui¬ neen fuͤr ihn geboten, schon haben die Oest¬ reicher ihn gegen die Giraffe eintauschen wollen; aber unser Ministerium soll geaͤußert haben: der letzte Demagog ist uns fuͤr keinen Preis feil, er wird einst der Stolz unseres Naturalienkabinets und die Zierde unserer Stadt. Der Berliner schien etwas zerstreut zuzuhoͤren, schoͤnere Gegenstaͤnde hatten seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, und er fiel mir endlich in die Rede mit den Worten: Erlauben Sie gehorsamst, daß ich Sie unterbreche, aber sagen Sie mir doch, was ist denn das fuͤr ein Hnnd , der dort laͤuft? Das ist ein anderer Hund. Ach, sie verstehen mich nicht, ich meine jenen großen, weißzottigen Hund ohne Schwanz? Mein lieber Herr, das ist der Hund des neuen Alcibiades. Aber, bemerkte der Berliner, sagen Sie mir doch, wo ist denn der neue Alcibiades selbst? Aufrichtig gestanden, antwortete ich, diese Stelle ist noch nicht besetzt, und wir haben erst den Hund. Capitel IV . Der Ort, wo dieses Gespraͤch Statt fand, heißt Bogenhausen, oder Neuburghausen, oder Villa Hompesch, oder Montgelasgarten, oder das Schloͤssel, ja man braucht ihn nicht einmal zu nennen, wenn man von Muͤnchen dort hinfahren will, der Kutscher versteht uns schon an einem gewissen durstigen Augenblinzeln, an einem ge¬ wissen vorseligen Kopfnicken und aͤhnlichen Be¬ zeichnungsgrimassen. Tausend Ausdruͤcke hat der Araber fuͤr ein Schwert, der Franzose fuͤr die Liebe, der Englaͤnder fuͤr das Haͤngen, der Deutsche fuͤr das Trinken, und der neuere Athener 3 sogar fuͤr die Orte, wo er trinkt. Das Bier ist an besagtem Orte wirklich sehr gut, selbst im Prytaneum, vulgo Bockkeller, ist es nicht besser, es schmeckt ganz vortrefflich, besonders auf jener Treppenterrasse, wo man die Tyroler Alpen vor Augen hat. Ich saß dort oft vorigen Winter und betrachtete die schneebedeckten Berge, die, glaͤnzend in der Sonnenbeleuchtung, aus eitel Silber gegossen zu seyn schienen. Es war damals auch Winter in meiner Seele, Gedanken und Gefuͤhle waren wie eingeschneit, es war mir so verdorrt und todt zu Muthe, dazu kam die leidige Politik, die Trauer um ein liebes gestorbenes Kind, und ein alter Nachaͤrger und der Schnupfen. Außerdem trank ich viel Bier, weil man mich versicherte, das gaͤbe leichtes Blut. Doch der beste attische Breihahn wollte nicht fruchten bei mir, der ich mich in England schon an Porter gewoͤhnt hatte. Endlich kam der Tag, wo alles ganz anders wurde. Die Sonne brach hervor aus dem Himmel und traͤnkte die Erde, das alte Kind, mit ihrer Strahlenmilch, die Berge schauerten vor Lust und ihre Schneethraͤnen flossen gewal¬ tig, es krachten und brachen die Eisdecken der Seen, die Erde schlug die blauen Augen auf, aus ihrem Busen quollen hervor die liebenden Blumen und die klingenden Waͤlder, die gruͤnen Pallaͤste der Nachtigallen, die ganze Natur laͤchelte, und dieses Laͤcheln hieß Fruͤhling. Da begann auch in mir ein neuer Fruͤhling, neue Blumen sproßten aus dem Herzen, Freiheitsgefuͤhle, wie Rosen, schossen hervor, auch heimliches Sehnen, wie junge Veilchen, dazwischen freilich manch' unnuͤtze Nessel. Ueber die Graͤber meiner Wuͤnsche zog die Hoffnung wieder ihr heiteres Gruͤn, auch die Melodieen der Poesie kamen wieder, wie Zug¬ voͤgel, die den Winter im warmen Suͤden ver¬ bracht und das verlassene Nest im Norden wieder 3* aufsuchen, und das verlassene nordische Herz klang und bluͤhte wieder wie vormals — nur weiß ich nicht, wie das alles kam. Ist es eine braune oder blonde Sonne gewesen, die den Fruͤhling in meinem Herzen auf's Neue geweckt, und all' die schlafenden Blumen in diesem Her¬ zen wieder aufgekuͤßt und die Nachtigallen wieder hineingelaͤchelt? War es die wahlverwandte Natur selbst, die in meiner Brust ihr Echo suchte und sich gern darin bespiegelte mit ihrem neuen Fruͤhlingsglanz? Ich weiß nicht, aber ich glaube, auf der Terrasse zu Bogenhausen, im Angesicht der Tyroler Alpen, geschah meinem Herzen solch neue Verzauberung. Wenn ich dort in Gedan¬ ken saß, war mir's oft, als sehe ich ein wunder¬ schoͤnes Juͤnglingsantlitz uͤber jene Berge hervor¬ lauschen, und ich wuͤnschte mir Fluͤgel, um hin¬ zueilen nach seinem Residenzland Italien. Ich fuͤhlte mich auch oft angeweht von Zitronen- und Orangenduͤften, die von den Bergen heruͤber¬ wogten, schmeichelnd und verheißend, um mich hinzulocken nach Italien. Einst sogar, in der goldenen Abenddaͤmmerung, sah ich auf der Spitze einer Alpe ihn ganz und gar, lebensgroß, den jungen Fruͤhlingsgott, Blumen und Lorbeeren umkraͤnzten das freudige Haupt, und mit lachen¬ dem Auge und bluͤhendem Munde rief er: Ich liebe Dich, komm zu mir nach Italien! Capitel V . Mein Blick mochte daher wohl etwas sehn¬ suͤchtig flimmern, als ich, in Verzweiflung uͤber das unabsehbare Philistergespraͤch, nach den schoͤ¬ nen Tyroler Bergen hinaussah und tief seufzte. Mein Berliner Philister nahm aber eben diesen Blick und Seufzer als neue Gespraͤchsfaͤden auf, und seufzte mit: „Ach ja, ich moͤchte auch jetzt in Konstantinopel seyn! Ach! Konstantinopel zu sehen, war immer der eenzige Wunsch meines Lebens, und jetzt sind die Russen gewiß schon eingezogen, ach, in Konstantinopel! Haben Sie Petersburg gesehen?“ Ich verneinte dieses und bat, mir davon zu erzaͤhlen. Aber nicht er selbst, sondern sein Herr Schwager, der Kammer¬ gerichtsrath, war vorigen Sommer da gewesen, und es soll eine ganz eenzige Stadt seyn. — „Haben Sie Kopenhagen gesehen?„ Da ich diese Frage ebenfalls verneinte und eine Schil¬ derung dieser Stadt von ihm begehrte, laͤchelte er gar pfiffig und wiegte das Koͤpfchen recht vergnuͤgt hin und her, und versicherte mir auf Ehre, ich koͤnne mir keine Vorstellung davon machen, wenn ich nicht selbst dort gewesen sey. „Dieses„ erwiederte ich, „wird vor der Hand noch nicht Statt finden, ich will jetzt eine andere Reise antreten, die ich schon diesen Fruͤhling projektirt, ich reise naͤmlich nach Italien.„ Als der Mann dieses Wort hoͤrte, sprang er ploͤtzlich vom Stuhle auf, drehte sich dreimal auf einem Fuße herum, und trillerte: Tirily! Tirily! Tirily! Das gab mir den letzten Sporn. Morgen reise ich, beschloß ich auf der Stelle. Ich will nicht laͤnger zoͤgern, ich will so bald als moͤglich das Land sehen, das den trockensten Philister so sehr in Extase bringen kann, daß er bei dessen Erwaͤhnung ploͤtzlich wie eine Wachtel schlaͤgt. Waͤhrend ich zu Hause meinen Koffer packte, klang mir der Ton jenes Tirilys noch immer in den Ohren, und mein Bruder, Maximilian Heine, der mich den andern Tag bis Tyrol begleitete, konnte nicht begreifen, warum ich auf dem ganzen Wege kein vernuͤnftiges Wort sprach und bestaͤndig tirilirte. Capitel VI . Tirily! Tirily! ich lebe! Ich fuͤhle den suͤßen Schmerz der Existenz, ich fuͤhle alle Freuden und Qualen der Welt, ich leide fuͤr das Heil des ganzen Menschengeschlechts, ich buͤße dessen Suͤn¬ den, aber ich genieße sie auch. Und nicht blos mit den Menschen, auch mit den Pflanzen fuͤhle ich, ihre tausend gruͤnen Zungen erzaͤhlen mir allerliebste Geschichten, sie wissen, daß ich nicht menschenstolz bin, und mir den niedrigsten Wiesenbluͤmchen eben so gern spreche, wie mit den hoͤchsten Tannen. Ach, ich weiß ja, wie es mit solchen Tannen beschaffen ist! Aus der Tiefe des Thals schießen sie himmel¬ hoch empor, uͤberragen fast die kuͤhnsten Felsen¬ berge — Aber wie lange dauert diese Herrlichkeit? Hoͤchstens ein paar lumpige Jahrhunderte, dann krachen sie altersmuͤd zusammen und verfaulen auf dem Boden. Des Nachts kommen dann die haͤmischen Kaͤutzlein aus ihren Felsenspalten her¬ vorgehuscht, und verhoͤhnen sie noch obendrein: Seht, Ihr starken Tannen, Ihr glaubtet Euch mit den Bergen messen zu koͤnnen, jetzt liegt Ihr gebrochen da unten, und die Berge stehen noch immer unerschuͤttert. Einem Adler, der auf seinem einsamen Lieb¬ lingsfelsen sitzt, und solcher Verhoͤhnung zuhoͤrt, muß recht mitleidig zu Muthe werden. Er denkt dann an das eigene Schicksal. Auch er weiß nicht, wie tief er einst gebettet wird. Aber die Sterne funkeln so beruhigend, die Waldwasser rauschen so trostvoll, und die eigene Seele uͤber¬ braust so stolz all' die kleinmuͤthigen Gedanken, daß er sie bald wieder vergißt. Steigt gar die Sonne hervor, so fuͤhlt er sich wieder wie sonst, und fliegt zu ihr hinauf, und wenn er hoch ge¬ nug ist, singt er ihr entgegen seine Lust und Qual. Seine Mitthiere, besonders die Menschen, glauben, der Adler koͤnne nicht singen, und sie wissen nicht, daß er dann nur singt, wenn er aus ihrem Bereich ist, und daß er aus Stolz nur von der Sonne gehoͤrt seyn will. Und er hat Recht; es koͤnnte irgend einem von der gefie¬ derten Sippschaft da unten einfallen, seinen Ge¬ sang zu rezensiren. Ich habe selbst erfahren, wie solche Kritiken lauten: das Huhn stellt sich dann auf ein Bein und gluckt, der Saͤnger habe kein Gemuͤth; der Truthahn kullert, es fehle ihm der wahre Ernst; die Taube girrt, er kenne nicht die wahre Liebe; die Gans schnattert, er sey nicht wissenschaftlich; der Kapaun kikert, er sey nicht moralisch; der Dompfaff zwitschert, er habe leider keine Religion; der Sperling piepst, er sey nicht produktiv genug; Wiedehoͤpchen, Elster¬ chen, Schuhuchen, Alles kraͤchzt und aͤchzt und schnarrt — Nur die Nachtigall stimmt nicht ein in diese Kritiken, unbekuͤmmert um die ganze Mitwelt, ist nur die rothe Rose ihr ein¬ ziger Gedanke und ihr einziges Lied, sehnsuͤchtig umflattert sie die rothe Rose, und stuͤrzt sich be¬ geistert in die geliebten Dornen, und blutet und singt. Capitel VII . Es giebt einen Adler im deutschen Vater¬ lande, dessen Sonnenlied so gewaltig erklingt, daß es auch hier unten gehoͤrt wird, und sogar die Nachtigallen aufhorchen, trotz all' ihren me¬ lodischen Schmerzen. Das bist Du, Karl Immermann, und Deiner dacht ich gar oft in dem Lande, wovon Du so schoͤn gesungen. Wie konnte ich durch Tyrol reisen, ohne an das „Trauerspiel“ zu denken? Nun freilich, ich habe die Dinge in anderer Faͤrbung gesehen; aber ich bewundere doch den Dichter, der aus der Fuͤlle des Gemuͤthes das¬ jenige, was er nie gesehen hat, der Wirklichkeit so aͤhnlich schafft. Am meisten ergoͤtzte mich, daß “Das Trauerspiel in Tyrol„ in Tyrol ver¬ boten ist. Ich gedachte der Worte, die mir mein Freund Moser schrieb, als er mir meldete daß der zweite Band der Reisebilder verboten sey: “Die Regierung haͤtte aber das Buch gar nicht zu verbieten brauchen, es waͤre dennoch gelesen worden.„ Zu Insbruck im goldenen Adler, wo An¬ dreas Hofer logirt hatte, und noch jede Ecke mit seinen Bildnissen und Erinnerungen an ihn beklebt ist, fragte ich den Wirth, Herrn Nieder¬ kirchner, ob er mir noch viel von dem Sandwirth erzaͤhlen koͤnne? Da war der alte Mann uͤber¬ fließend von Redseligkeit, und vertraute mir mit klugen Augenzwinken, daß jetzt die Geschichte auch ganz gedruckt heraus sey, aber auch ganz geheim verboten; und als er mich nach einem dunkeln Stuͤbchen gefuͤhrt, wo er seine Reliquien aus dem Tyrolerkrieg aufbewahrt, wickelte er ein schmutzig blaues Papier von einem schon zerlesenen gruͤnen Buͤchlein, das ich zu meiner Verwunderung als Immermanns “Trauerspiel in Tyrol„ erkannte. Ich sagte ihm, nicht ohne er¬ roͤthenden Stolz, der Mann, der es geschrieben, sey mein Freund. Herr Niederkirchner wollte nun so viel als moͤglich von dem Manne wissen, und ich sagte ihm, es sey ein gedienter Mann, von fester Statur, sehr ehrlich und sehr geschickt in Schreibsachen, so daß er nur wenige seines Gleichen finde. Daß er aber ein Preuße sey, wollte Herr Niederkirchner durchaus nicht glauben, und rief mit mitleidigem Laͤcheln: Warum nicht gar! Er ließ sich nicht ausreden, daß der Immermann ein Tyroler sey und den Tyroler Krieg mitgemacht habe, — „wie koͤnnte er sonst alles wissen?„ Seltsame Grille des Volkes! Es verlangt seine Geschichte aus der Hand des Dichters und nicht aus der Hand des Historikers. Es ver¬ langt nicht den treuen Bericht nackter That¬ sachen, sondern jene Thatsachen wieder aufgeloͤst in die urspruͤngliche Poesie, woraus sie hervor¬ gegangen. Das wissen die Dichter, und nicht ohne geheime Schadenlust modeln sie willkuͤhrlich die Voͤlkererinnerungen, vielleicht zur Verhoͤh¬ nung stolztrockner Historiographen und perga¬ mentener Staatsarchivare. Nicht wenig ergoͤzte es mich, als ich in den Buden des letzten Jahr¬ markts die Geschichte des Belisars in grell kolo¬ rirten Bildern ausgehaͤngt sah, und zwar nicht nach dem Procop, sondern ganz treu nach Schenk's Tragoͤdie. „So wird die Ge¬ schichte verfaͤlscht„ — rief der gelahrte Freund, der mich begleitete, — „sie weiß nichts von jener Rache einer beleidigten Gattin, von jenem ge¬ fangenen Sohn, von jener liebenden Tochter, und dergleichen modernen Herzensgeburten!„ Ist denn dies aber wirklich ein Fehler? soll man den Dichtern wegen dieser Faͤlschung gleich den Prozeß machen? nein, denn ich laͤugne die An¬ klage. Die Geschichte wird nicht von den Dich¬ tern verfaͤlscht. Sie geben den Sinn derselben ganz treu, und sey es auch durch selbsterfundene Gestalten und Umstaͤnde. Es giebt Voͤlker, denen nur auf diese Dichterart ihre Geschichte uͤberliefert worden, z. B. die Indier. Dennoch geben Gesaͤnge wie der Maha Baratha den Sinn indischer Geschichte viel richtiger als irgend ein Compendienschreiber mit all' seinen Jahr¬ zahlen. In gleicher Hinsicht moͤchte ich behaupten, Walter Scotts Romane gaͤben zuweilen den Geist der englischen Geschichte weit treuer als Hume; wenigstens hat Sartorius sehr Recht, wenn er in seinen Nachtraͤgen zu Spittler jene Ro¬ mane zu den Quellen der englischen Geschichte rechnet. 4 Es geht den Dichtern wie den Traͤumern, die im Schlafe dasjenige innere Gefuͤhl, welches ihre Seele durch wirkliche aͤußere Ursachen emp¬ findet, gleichsam maskiren, indem sie an die Stelle dieser letzteren ganz andere aͤußere Ur¬ sachen ertraͤumen, die aber in so fern ganz adaͤquat sind, als sie dasselbe Gefuͤhl hervorbringen. So sind auch in Immermanns „Trauerspiel“ manche Außendinge ziemlich willkuͤhrlich geschaffen, aber der Held selbst, der Gefuͤhlsmittelpunkt, ist identisch getraͤumt, und wenn diese Traumgestalt selbst traͤumerisch erscheint, so ist auch dieses der Wahrheit gemaͤß. Der Baron Hormayr, der hierin der kompetenteste Richter seyn kann, hat mich, als ich juͤngst das Vergnuͤgen hatte ihn zu sprechen, auf diesen Umstand aufmerksam ge¬ macht. Das mystische Gemuͤthsleben, die aber¬ glaͤubische Religiositaͤt, das Epische des Mannes, hat Immermann ganz richtig angedeutet. Er gab ganz treu jene treue Taube, die, mit dem blanken Schwert im Schnabel, wie die kriege¬ rische Liebe, uͤber den Bergen Tyrols so helden¬ muͤthig umherschwebte, bis die Kugeln von Mantua ihr treues Herz durchbohrten. Was aber dem Dichter am meisten zur Ehre gereicht, ist die eben so treue Schilderung des Gegners, aus welchem er keinen wuͤthenden Geßler gemacht, um seinen Hofer desto mehr zu heben; wie dieser eine Taube mit dem Schwerte, so ist jener ein Adler mit dem Oelzweig. 4 * Capitel VIII . In der Wirthshausstube des Herrn Nieder¬ kirchner zu Insbruck haͤngen eintraͤchtig neben ein¬ ander die Bilder von Andreas Hofer, Napoleon Bonaparte und Ludwig von Bayern. Insbruck selbst ist eine unwoͤhnliche, bloͤde Stadt. Vielleicht mag sie im Winter etwas geistiger und behaglicher aussehen, wenn die hohen Berge, wovon sie eingeschlossen, mit Schnee bedeckt sind, und die Lawinen droͤhnen und uͤberall das Eis kracht und blitzt. Ich fand die Haͤupter jener Berge mit Wol¬ ken, wie mit grauen Turbanen, umwickelt. Man sieht dort die Martinswand, den Schauplatz der lieblichsten Kaisersage; wie denn uͤberhaupt die Erinnerung an den ritterlichen Max in Tyrol noch immer bluͤht und klingt. In der Hofkirche stehen die oft besprochenen Standbilder der Fuͤrsten und Fuͤrstinnen aus dem Hause Oestreich und ihrer Ahnen, worunter mancher gerechnet worden, der gewiß bis auf den heutigen Tag nicht begreift, wie er zu dieser Ehre gekommen. Sie stehen in gewaltiger Lebens¬ groͤße, aus Eisen gegossen, um das Grabmahl des Maximilian. Da aber die Kirche klein und das Dach niedrig ist, so kommts einem vor, als saͤhe man schwarze Wachsfiguren in einer Marktbude. Am Fußgestell der meisten liest man auch den Namen derjenigen hohen Personen, die sie vor¬ stellen. Als ich jene Statuen betrachtete, traten Englaͤnder in die Kirche; ein hagerer Mann mit aufgesperrtem Gesichte, die Daumen eingehakt in die Armoͤffnungen der weißen Weste, und im Maul einen ledernen guide des voyageurs ; hinter ihm seine lange Lebensgefaͤhrtin, eine nicht mehr ganz junge, schon etwas abgeliebte, aber noch immer hinlaͤnglich schoͤne Dame; hinter dieser ein rothes Portergesicht mit puderweißen Aufschlaͤgen, steif einhertretend in einem dito Rock, und die hoͤlzernen Haͤnde vollauf befrach¬ tet mit Myladys Handschuhen, Alpenblumen und Mops. Das Kleeblatt stieg schnurgerade nach dem obern Ende der Kirche, wo der Sohn Albions seiner Gemahlin die Statuen erklaͤrte, und zwar nach seinem Guide des voyageurs , in welchem ausfuͤhrlich zu lesen war: Die erste Statue ist der Koͤnig Clodevig von Frankreich, die andere ist der Koͤnig Arthur von England, die dritte ist Rudolph von Habsburg u. s. w. Da aber der arme Englaͤnder die Reihe von oben anfing, statt von unten, wie es der Guide des voya¬ geurs voraussetzte, so gerieth er in die ergoͤtz¬ lichsten Verwechselungen, die noch komischer wur¬ den, wenn er an eine Frauenstatue kam, die er fuͤr einen Mann hielt, und umgekehrt, so daß er nicht begriff, warum man Rudolph von Habs¬ burg in Weibskleidern dargestellt, dagegen die Koͤnigin Maria mit eisernen Hosen und einem allzulangen Barte. Ich, der ich gerne mit meinem Wissen nachhelfe, bemerkte beilaͤufig: dergleichen habe wahrscheinlich das damalige Kostuͤm erfordert, auch koͤnne es besonderer Wille der hohen Personen gewesen seyn, so, und bei Leibe nicht anders, gegossen zn werden. So koͤnne es ja dem jetzigen Kaiser einfallen, sich in einem Reifrock oder gar in Windeln gießen zu lassen; — wer wuͤrde was dagegen ein¬ wenden? Der Mops bellte kritisch, der Lakay glotzte, sein Herr putzte sich die Nase, und Mylady sagte: a fine exhibition, very fine in¬ deed ! — Capitel IX . Brixen war die zweite, groͤßere Stadt Tyrols wo ich einkehrte. Sie liegt in einem Thal, und als ich ankam, war sie mit Dampf und Abend¬ schatten uͤbergossen. Daͤmmernde Stille, melan¬ cholisches Glockengebimmel, die Schafe trippelten nach ihren Staͤllen, die Menschen nach den Kirchen; uͤberall beklemmender Geruch von haͤ߬ lichen Heiligenbildern und getrocknetem Heu. “Die Jesuiten sind in Brixen„ hatte ich kurz vorher im Hesperus gelesen. Ich sah mich auf allen Straßen nach ihnen um; aber ich habe Niemanden gesehen, der einem Jesuiten glich, es sey denn jener dicke Mann mit geistlich drey¬ eckigem Hut und pfaͤffisch geschnittenem, schwar¬ zen Rock, der alt und abgetragen war, und mit den glaͤnzend neuen schwarzen Hosen gar auf¬ fallend kontrastirte. Das kann auch kein Jesuit seyn, sprach ich endlich zu mir selber; denn ich habe mir immer die Jesuiten etwas mager gedacht. Ob es wirk¬ lich noch Jesuiten giebt? Manchmal will es mich beduͤnken, als sey ihre Existenz nur eine Chimaͤre, als spuke nur die Angst vor ihnen noch in unseren Koͤpfen, nachdem laͤngst die Gefahr voruͤber, und alles Eifern gegen Jesuiten mahnt mich dann an Leute, die, wenn es laͤngst aufge¬ hoͤrt hat zu regnen, noch immer mit aufgespann¬ ten Regenschirmen umhergehen. Ja, mich duͤnkt zuweilen, der Teufel, der Adel und die Jesuiten existiren nur so lange als man an sie glaubt. Vom Teufel koͤnnten wir es wohl ganz bestimmt behaupten; denn nur die Glaͤubigen haben ihn bisher gesehen. Auch in Betreff des Adels werden wir im Laufe einiger Zeit die Erfahrung machen, daß die bonne société aufhoͤren wird die bonne société zu seyn, sobald der gute Buͤrgersmann nicht mehr die Guͤte hat, sie fuͤr die bonne société zu halten. Aber die Jesui¬ ten? Wenigstens haben sie doch nicht mehr die alten Hosen an! Die alten Jesuiten liegen im Grabe mit ihren alten Hosen, Begierden, Welt¬ plaͤnen, Raͤnken, Distinctionen, Reservazionen und Giften, und was wir jetzt in neuen, glaͤn¬ zenden Hosen durch die Welt schleichen sehen, ist nicht sowohl ihr Geist, als vielmehr ihr Ge¬ spenst, ein albernes, bloͤdsinniges Gespenst, das uns taͤglich durch Wort und That zu beweisen sucht, wie wenig es furchtbar sey; und wahrlich es mahnt uns an die Geschichte von einem aͤhn¬ lichen Gespenste im Thuͤringer Walde, das einst die Leute, so sich vor ihm fuͤrchteten, von ihrer Furcht befreyte, indem es, vor Aller Augen, seinen Schaͤdel von den Schultern herabnahm, und jedem zeigte, daß er inwendig ganz hohl und leer sey. Ich kann nicht umhin nachtraͤglich zu erzaͤh¬ len, daß ich Gelegenheit fand, den dicken Mann mit den glaͤnzend neuen Hosen genauer zu beob¬ achten, und mich zu uͤberzeugen, daß er kein Jesuit war, sondern ein ganz gewoͤhnliches Vieh Gottes. Ich traf ihn nemlich in der Gaststube meines Wirthshauses, wo er zu Nacht speiste, in Gesellschaft eines langen, magern Excellenz ge¬ nannten Mannes, der jenem alten, hagestolz¬ lichen Landjunker, den uns Shakespear geschil¬ dert, so aͤhnlich war, daß es schien, als habe die Natur ein Plagiat begangen. Beide wuͤrzten ihr Mahl, indem sie die Aufwaͤrterin mit Ca¬ ressen bedraͤngten, die das liebe, bildschoͤne Maͤd¬ chen nicht wenig anzuekeln schienen, so daß sie sich mit Gewalt losriß, wenn der Eine sie hinten klaͤtschelte, oder der Andere sie gar zu embrassiren suchte. Dabey rissen sie ihre rohesten Zoten, die das Maͤdchen, wie sie wußten, nicht umhin konnte anzuhoͤren, da sie zur Aufwartung der Gaͤste und auch um mir den Tisch zu decken, im Zimmer bleiben mußte. Als jedoch die Un¬ gebuͤhr ganz unleidlich wurde, ließ die junge Person ploͤtzlich alles stehen und liegen, eilte zur Thuͤr hinaus, und kam erst nach einigen Minu¬ ten ins Zimmer zuruͤck, mit einem kleinen Kinde auf dem Arm, das sie die ganze Zeit auf dem Arm behielt, waͤhrend sie im Gastzimmer ihre Geschaͤfte besorgte, obgleich ihr diese da¬ durch um so beschwerlicher wurden. Die beiden Cumpane aber, der geistliche und der adlige Herr, wagten keine einzige Belaͤstigung mehr gegen das Maͤdchen, das jetzt ohne Unfreundlichkeit, jedoch mit seltsamen Ernst, sie bediente;— das Gespraͤch nahm eine andere Wendung, beide schwatzten jetzt das gewoͤhnliche Geschwaͤtz von der großen Ver¬ schwoͤrung gegen Thron und Altar, sie verstaͤn¬ digten sich uͤber die Nothwendigkeit strenger Maaßregeln, und reichten sich mehrmals die hei¬ ligen Allianzhaͤnde. Capitel X . Fuͤr die Geschichte von Tyrol sind die Werke des Joseph von Hormayr unentbehrlich; fuͤr die neueste Geschichte ist er selbst die beste, oft die einzige Quelle. Er ist fuͤr Tyrol was Johannes von Muͤller fuͤr die Schweiz ist; eine Parallele dieser beiden Historiker draͤngt sich uns von selbst auf. Sie sind gleichsam Wandnachbaren, beide in ihrer Jugend gleich begeistert fuͤr ihre Ge¬ burtsalpen, beide fleißig, forschsam, von historischer Denkweise und Gefuͤhlsrichtung; Johannes von Muͤller, epischer gestimmt, den Geist wiegend in den Geschichten der Vergangenheit, Joseph von Hormayr, hastiger fuͤhlend, mehr in die Gegen¬ wart hineingerissen, uneigennuͤtzig das Leben wagend fuͤr das was ihm lieb war. Bartholdys „Krieg der Tyroler Landleute im Jahr 1809“ ist ein geistreich und schoͤn ge¬ schriebenes Buch, und wenn Maͤngel darin sind, so entstanden sie nothwendigerweise dadurch, weil der Verfasser, wie es edlen Gemuͤthern eigen ist, fuͤr die unterdruͤckte Parthey eine sichtbare Vor¬ liebe hegte, und weil noch Pulverdampf die Be¬ gebenheiten umhuͤllte, als er sie beschrieb. Viele merkwuͤrdige Ereignisse jener Zeit sind gar nicht aufgeschrieben, und leben nur im Ge¬ daͤchtnisse des Volkes, das jetzt nicht gern mehr davon spricht, da die Erinnerung mancher ge¬ taͤuschten Hoffnung dabey auftaucht. Die armen Tyroler haben nemlich auch allerley Erfahrungen machen muͤssen, und wenn man sie jetzt fragt, ob sie, zum Lohne ihrer Treue, Alles erlangt, was man ihnen in der Noth versprochen, so zucken sie gutmuͤthig die Achsel, und sagen naiv: es war vielleicht so ernst nicht gemeint, und der Kaiser hat viel zu denken, und da geht ihm manches durch den Kopf. Troͤstet Euch, arme Schelme! Ihr seyd nicht die Einzigen, denen etwas versprochen worden. Passirt es doch oft auf großen Sklavenschiffen, daß man bey großen Stuͤrmen und wenn das Schiff in Gefahr geraͤth, zu den schwarzen Menschen seine Zuflucht nimmt, die unten im dunkeln Schiffsraum zusammengestaut liegen. Man bricht dann ihre eisernen Ketten, und ver¬ spricht heilig und theuer, ihnen die Freyheit zu schenken, wenn durch ihre Thaͤtigkeit das Schiff gerettet werde. Die bloͤden Schwarzen jubeln nun hinauf ans Tageslicht, Hurrah! sie eilen zu den Pumpen, stampfen aus Leibeskraͤften, 5 helfen, wo nur zu helfen ist, klettern, springen, kappen die Masten, winden die Taue, kurz ar¬ beiten so lange bis die Gefahr voruͤber ist. Als¬ dann werden sie, wie sich von selbst versteht, wieder nach dem Schiffsraum hinabgefuͤhrt, wie¬ der ganz bequem angefesselt, und in ihrem dunkeln Elend machen sie demagogische Betrachtungen uͤber Versprechungen von Seelenverkaͤufern, deren ganze Sorge, nach uͤberstandener Gefahr, da¬ hin geht, noch einige Seelen mehr einzutauschen. O navis, referent in mare te novi Fluctus? etc. Als mein alter Lehrer diese Ode des Horaz, worin der Staat mit einem Schiffe verglichen wird, explizirte, hatte er allerlei politische Be¬ trachtungen zu machen, die er bald einstellte, als die Schlacht bei Leipzig geschlagen worden, und die ganze Classe auseinander ging. Mein alter Lehrer hat alles voraus gewußt. Als wir die erste Nachricht dieser Schlacht er¬ hielten, schuͤttelte er das graue Haupt. Jetzt weiß ich was dieses Schuͤtteln bedeutete. Bald kamen die genaueren Berichte, und heimlich zeigte man einander die Bilder, wo gar bunt und erbaulich abkonterfeit war: wie die hohen Heerfuͤhrer auf dem Schlachtfelde knieten und Gott dankten. Ja, sie konnten Gott danken — sagte mein Lehrer und laͤchelte, wie er zu laͤcheln pflegte, wenn er den Salust explicirte — der Kaiser Napoleon hat sie so oft geklopft, daß sie es ihm doch am Ende ablernen konnten. Nun kamen die Allirten und die schlechten Befreyungsgedichte, Hermann und Thusnelda, Hurrah, und der Frauenverein und die Vater¬ landseicheln, und das ewige Pralen mit der 5 * Schlacht bey Leipzig, und wieder die Schlacht bey Leipzig, und kein Aufhoͤren davon. Es geht diesen Leuten, bemerkte mein Lehrer, wie den Thebanern, als sie bei Leuktra endlich einmal jene unbesiegbaren Spartaner geschlagen, und bestaͤndig mit dieser Schlacht pralten, so daß Anthistenes von ihnen sagte: sie machen es wie die Knaben, die vor Freude sich nicht zu lassen wissen, wenn sie einmal ihren Schulmeister aus¬ gepruͤgelt haben. Liebe Jungens, es waͤre besser gewesen, wir haͤtten selbst die Pruͤgel bekommen. Bald darauf ist der alte Mann gestorben. Auf seinem Grabe waͤchst preußisches Gras, und es weiden dort die adeligen Rosse unserer reno¬ virten Ritter. Capitel IX . Die Tyroler sind schoͤn, heiter, ehrlich, brav, und von unergruͤndlicher Geistesbeschraͤnktheit. Sie sind eine gesunde Menschenraçe, vielleicht weil sie zu dumm sind, um krank seyn zu koͤnnen. Auch eine edle Raçe moͤchte ich sie nennen, weil sie sich in ihren Nahrungsmitteln sehr waͤhlig und in ihren Gewoͤhnungen sehr reinlich zeigen; nur fehlt ihnen ganz und gar das Gefuͤhl von der Wuͤrde der Persoͤnlichkeit. Der Tyroler hat eine Sorte von laͤchelndem humoristischen Ser¬ vilismus, der fast eine ironische Faͤrbung traͤgt, aber doch grundehrlich gemeint ist. Die Frauen¬ zimmer in Tyrol begruͤßen Dich so zuvorkommend freundlich, die Manner druͤcken Dir so derb die Hand, und gebehrden sich dabei so putzig herzlich, daß du fast glauben solltest, sie behandelten Dich wie einen nahen Verwandten, wenigstens wie ihres Gleichen; aber weit gefehlt, sie verlieren dabei nie aus dem Gedaͤchtniß, daß sie nur ge¬ meine Leute sind, und daß Du ein vornehmer Herr bist, der es gewiß gern sieht, wenn gemeine Leute ohne Bloͤdigkeit sich zu ihm herauflassen. Und darin haben sie einen naturrichtigen In¬ stinkt; die starrsten Aristokraten sind froh, wenn sie Gelegenheit finden zur Herablassung, denn dadurch eben fuͤhlen sie, wie hoch sie gestellt sind. Zu Hause uͤben die Tyroler diesen Servi¬ lismus gratis, in der Fremde suchen sie auch noch dadurch zu lukriren. Sie geben ihre Per¬ soͤnlichkeit preis, ihre Nationalitaͤt. Diese bun¬ ten Deckenverkaͤufer, diese muntern Tyroler Bua, die wir in ihrem Nationalkostuͤm herumwandern sehen, lassen gern ein Spaͤschen mit sich treiben, aber Du mußt ihnen auch etwas abkaufen. Jene Geschwister Rainer, die in England gewesen, haben es noch besser verstanden, und sie hatten noch obendrein einen guten Rathgeber, der den Geist der englischen Nobility gut kannte. Daher ihre gute Aufnahme im Foyer der europaͤischen Aristokratie, in the west end of the town . Als ich vorigen Sommer in den glaͤnzenden Konzertsaͤlen der Londoner fashionablen Welt diese Tyroler Saͤnger, gekleidet in ihre heimath¬ liche Volkstracht, das Schaugeruͤst betreten sah, und von da herab jene Lieder hoͤrte, die in den Tyroler Alpen so naiv und fromm gejodelt werden, und uns auch ins norddeutsche Herz so lieblich hinabklingen — da verzerrte sich Alles in meiner Seele zu bitterem Unmuth, das gefaͤllige Laͤcheln vornehmer Lippen stach mich wie Schlangen, es war mir, als saͤhe ich die Keuschheit des deut¬ schen Wortes auf's Roheste beleidigt, und die suͤßesten Mysterien des deutschen Gemuͤthlebens vor fremdem Poͤbel profanirt. Ich habe nicht mitklatschen koͤnnen bei dieser schamlosen Ver¬ schacherung des Verschaͤmtesten, und ein Schwei¬ zer, der gleich fuͤhlend mit mir den Saal ver¬ ließ, bemerkte ganz richtig: wir Schwyzer geben auch viel fuͤr's Geld, unsere besten Kaͤse und unser bestes Blut, aber das Alphorn koͤnnen wir in der Fremde kaum blasen hoͤren, vielweniger es selbst blasen fuͤr Geld. Capitel XII . Tyrol ist sehr schoͤn, aber die schoͤnsten Land¬ schaften koͤnnen uns nicht entzuͤcken, bei truͤber Witterung und aͤhnlicher Gemuͤthsstimmung. Diese ist bei mir immer die Folge von jener, und da es draußen regnete, so war auch in mir schlechtes Wetter. Nur dann und wann durfte ich den Kopf zum Wagen hinausstrecken, und dann schaute ich himmelhohe Berge, die mich ernsthaft ansahen, und mir mit den ungeheuern Haͤuptern und langen Wolkenbaͤrten eine gluͤck¬ liche Reise zunickten. Hie und da bemerkte ich auch ein fernblaues Berglein, das sich auf die Fußzehen zu stellen schien, und den anderen Bergen recht neugierig uͤber die Schultern blickte, wahrscheinlich um mich zu sehen. Dabei kreisch¬ ten uͤberall die Waldbaͤche, die sich wie toll von den Hoͤhen herabstuͤrzten und in den dunkeln Thalstrudeln versammelten. Die Menschen steckten in ihren niedlichen, netten Haͤuschen, die uͤber der Halde, an den schroffsten Abhaͤngen und bis auf die Bergspitzen zerstreut liegen; niedliche, nette Haͤuschen, gewoͤhnlich mit einer langen, balkonartigen Gallerie, und diese wieder mit Waͤsche, Heiligenbildchen, Blumentoͤpfen und Maͤdchengesichtern ausgeschmuͤckt. Auch huͤbsch bemalt sind diese Haͤuschen, meistens weiß und gruͤn, als truͤgen sie ebenfalls die Tyroler Landestracht, gruͤne Hosentraͤger uͤber dem weißen Hemde. Wenn ich solch' Haͤuschen im einsamen Regen liegen sah, wollte mein Herz oft ausstei¬ gen und zu den Menschen gehen, die gewiß trocken und vergnuͤgt da drinnen saßen. Da drinnen, dacht' ich, muß sich's recht lieb und innig leben lassen, und die alte Großmutter er¬ zaͤhlt gewiß die heimlichsten Geschichten. Waͤhrend der Wagen unerbittlich vorbeifuhr, schaut' ich noch oft zuruͤck, um die blaͤulichen Rauchsaͤulen aus den kleinen Schornsteinen steigen zu sehen, und es regnete dann immer staͤrker, außer mir und in mir, daß mir fast die Tropfen aus den Augen herauskamen. Oft hob sich auch mein Herz, und trotz dem schlechten Wetter klomm es zu den Leuten, die ganz oben auf den Bergen wohnen, und vielleicht kaum einmal im Leben herabkommen, und wenig erfahren von dem, was hier unten geschieht. Sie sind deshalb um nichts minder fromm und gluͤcklich. Von der Politik wissen sie nichts, als daß sie einen Kaiser haben, der einen weißen Rock und rothe Hosen traͤgt; das hat ihnen der alte Ohm erzaͤhlt, der es selbst in Insbruck ge¬ hoͤrt von dem schwarzen Sepperl, der in Wien gewesen. Als nun die Patrioten zu ihnen hin¬ aufkletterten und ihnen beredtsam vorstellten, daß sie jetzt einen Fuͤrsten bekommen, der einen blauen Rock und weiße Hosen trage, da griffen sie zu ihren Buͤchsen, und kuͤßten Weib und Kind, und stiegen von den Bergen hinab, und ließen sich todtschlagen fuͤr den weißen Rock und die lieben alten rothen Hosen. Im Grunde ist es auch dasselbe, fuͤr was man stirbt, wenn nur fuͤr etwas Liebes gestorben wird, und so ein warmer, treuer Tod ist besser, als ein kaltes, treuloses Leben. Schon allein die Lieder von einem solchen Tode, die suͤßen Reime und lichten Worte erwaͤrmen unser Herz, wenn feuchte Nebelluft und zudringliche Sorgen es be¬ truͤben wollen. Viel solcher Lieder klangen durch mein Herz, als ich uͤber die Berge Tyrols dahinfuhr. Die traulichen Tannenwaͤlder rauschten mir so manch' vergessenes Liebeswort ins Gedaͤchtniß zuruͤck. Besonders wenn mich die großen blauen Berg¬ seen so unergruͤndlich sehnsuͤchtig anschauten, dann dachte ich wieder an die beiden Kinder, die sich so lieb gehabt und zusammen gestorben sind. Es ist eine veraltete Geschichte, die auch jetzt Niemand mehr glaubt, und die ich selbst nur aus einigen Liederreimen kenne. „Es waren zwey Koͤnigskinder, Die hatten einander so lieb, Sie konnten beisammen nicht kommen, Das Wasser war viel zu tief —“ Diese Worte fingen von selbst wieder an in mir zu klingen, als ich, bei einem von jenen blauen Seen, am jenseitigen Ufer einen kleinen Knaben und am diesseitigen ein kleines Maͤdchen stehen sah, die beide in der bunten Volkstracht, mit bebaͤnderten, gruͤnen Spitzhuͤtchen auf dem Kopfe, gar wunderlieblich gekleidet waren, und sich hinuͤber und heruͤber gruͤßten — Sie konnten beisammen nicht kommen, Das Wasser war viel zu tief. Capitel XIII . Im suͤdlichen Tyrol klaͤrte sich das Wetter auf, die Sonne von Italien ließ schon ihre Naͤhe fuͤhlen, die Berge wurden waͤrmer und glaͤnzender, ich sah schon Weinreben, die sich daran hinaufrankten, und ich konnte mich schon oͤfter zum Wagen hinauslehnen. Wenn ich mich aber zum Wagen hinauslehne, so lehnt sich mein Herz mit mir hinaus, und mit dem Herzen all' seine Liebe, seine Wehmuth und seine Thorheit. Es ist mir oft geschehen, daß das arme Herz dadurch von den Dornen zerrissen wurde, wenn es sich nach den Rosenbuͤschen, die am Wege bluͤhten, hinauslehnte, und die Rosen Tyrols sind nicht haͤßlich. Als ich durch Steinach fuhr und den Markt besah, worauf Immermann den Sandwirth Hofer mit seinen Gesellen auftreten laͤßt, da fand ich, daß der Markt fuͤr eine In¬ surgenten-Versammlung viel zu klein waͤre, aber noch immer groß genug ist, um sich darauf zu verlieben. Es sind da nur ein Paar weiße Haͤuschen, und aus einem kleinen Fenster guckte eine kleine Sandwirthin und zielte und schoß aus ihren großen Augen; — waͤre der Wagen nicht schnell voruͤbergerollt, und haͤtte sie Zeit gehabt noch einmal zu laden, so waͤre ich gewiß geschossen. Ich rief: Kutscher, fahr' zu, mit einer solchen Schoͤn-Elsy ist nicht zu spaßen; die steckt einem das Haus uͤber dem Kopf in Brand. Als gruͤndlicher Reisender muß ich auch anfuͤhren, daß die Frau Wirthin in Sterzing zwar selbst eine alte Frau ist, aber dafuͤr zwei junge Toͤch¬ terlein hat, die einem das Herz, wenn es aus¬ gestiegen ist, durch ihren Anblick recht wohlthaͤtig erwaͤrmen. Aber Dich darf ich nicht vergessen, Du Schoͤnste von allen, Du schoͤne Spinnerin an den Marken Italiens! O haͤttest Du mir, wie Ariadne dem Theseus, den Faden Deines Gespinnstes gegeben, um mich zu leiten durch das Labyrinth dieses Lebens, jetzt waͤre der Mino¬ taurus schon besiegt, und ich wuͤrde Dich lieben und kuͤssen und niemals verlassen! Es ist ein gutes Zeichen, wenn die Weiber laͤcheln, sagt ein chinesischer Schriftsteller, und ein deutscher Schriftsteller war eben dieser Mei¬ nung, als er in Suͤdtyrol, wo Italien beginnt, einem Berge vorbeykam, an dessen Fuße, auf einem nicht sehr hohen Steindamm, eines von jenen Haͤuschen stand, die mit ihrer trau¬ lichen Gallerie und ihren naiven Malereien uns so lieblich ansehen. Auf der einen Seite stand ein großes hoͤlzernes Kruzifix, das einem jungen Weinstock als Stuͤtze diente, so daß es fast schaurig heiter aussah, wie das Leben den Tod, die saftig gruͤnen Reben den blutigen Leib und die gekreuzigten Arme und Beine des Heilands umrankten. Auf der anderen Seite des Haͤus¬ chens stand ein runder Taubenkofen, dessen gefie¬ dertes Voͤlkchen flog hin und her, und eine ganz besonders anmuthig weiße Taube saß auf dem huͤbschen Spitzdaͤchlein, das, wie die fromme Steinkrone einer Heiligennische, uͤber dem Haupte der schoͤnen Spinnerin hervorragte. Diese saß auf der kleinen Gallerie und spann, nicht nach der deutschen Spinnradmethode, sondern nach jener uralten Weise, wo ein flachsumzogener Wocken unter dem Arme gehalten wird, und der abgesponnene Faden an der freihaͤngenden Spin¬ del hinunterlaͤuft. So spannen die Koͤnigstoͤchter in Griechenland, so spinnen noch jetzt die Parzen und alle Italienerinnen. Sie spann und laͤchelte, unbeweglich saß die Taube uͤber ihrem Haupte, und uͤber dem Hause selbst ragten hinten die hohen Berge, deren Schneegipfel die Sonne beschien, daß sie aussahen wie eine ernste Schutz¬ wache von Riesen mit blanken Helmen auf den Haͤuptern. Sie spann und laͤchelte, und ich glaube, sie hat mein Herz festgesponnen, waͤhrend der Wagen etwas langsamer vorbeifuhr, wegen des breiten Stromes der Eisach, die auf der andern Seite des Weg's dahinschoß. Die lieben Zuͤge kamen mir den ganzen Tag nicht aus dem Gedaͤchtniß, uͤberall sah ich jenes holde Antlitz, das ein grie¬ chischer Bildhauer aus dem Dufte einer weißen Rose geformt zu haben schien, ganz so hinge¬ haucht zart, so uͤberselig edel, wie er es vielleicht einst als Juͤngling getraͤumt in einer bluͤhenden Fruͤhlingsnacht. Die Augen freilich haͤtte kein Grieche ertraͤumen und noch weniger begreifen koͤnnen. Ich aber sah sie und begriff sie, diese 6 * romantischen Sterne, die so zauberhaft die antike Herrlichkeit beleuchteten. Den ganzen Tag sah ich diese Augen, und ich traͤumte davon in der folgenden Nacht. Da saß sie wieder und laͤchelte, die Tauben flatterten hin und her wie Liebes¬ engel, auch die weiße Taube uͤber ihrem Haupte bewegte mystisch die Fluͤgel, hinter ihr hoben sich immer gewaltiger die behelmten Waͤchter, vor ihr hin jagte der Bach, immer stuͤrmischer und wilder, die Weinreben umrankten mit aͤngst¬ licher Hast das gekreuzigte Holzbild, das sich schmerzlich regte, und die leidenden Augen oͤffnete und aus den Wunden blutete — sie aber spann und laͤchelte, und an dem Faden ihres Wockens, gleich einer tanzenden Spindel, hing mein eige¬ nes Herz. Capitel XIV . Waͤhrend die Sonne immer schoͤner und herr¬ licher aus dem Himmel hervorbluͤhte, und Berg und Burgen mit Goldschleyern umkleidete, wurde es auch in meinem Herzen immer heißer und leuchtender, ich hatte wieder die ganze Brust voll Blumen, und diese sproßten hervor und wuchsen mir gewaltig uͤber den Kopf, und durch die eignen Herzblumen hindurch laͤchelte wieder himmlisch die schoͤne Spinnerin. Befangen in solchen Traͤumen, selbst ein Traum, kam ich nach Italien, und da ich waͤhrend der Reise schon ziemlich vergessen hatte, daß ich dorthin reiste, so erschrack ich fast, als mich all die großen italie¬ nischen Augen ploͤtzlich ansahen, und das bunt¬ verwirrte italienische Leben mir leibhaftig, heiß und summend, entgegenstroͤmte. Es geschah dieses aber in der Stadt Trient, wo ich an einem schoͤnen Sonntag des Nachmit¬ tags ankam, zur Zeit, wo die Hitze sich legt und die Italiener aufstehen und in den Straßen auf- und ab spatzieren. Diese Stadt liegt alt und gebrochen in einem weiten Kreise von bluͤhend gruͤnen Bergen, die, wie ewig junge Goͤtter, auf das morsche Menschenwerk herabsehen. Ge¬ brochen und morsch liegt daneben auch die hohe Burg, die einst die Stadt beherrschte, ein aben¬ teuerlicher Bau aus abenteuerlicher Zeit, mit Spitzen, Vorspruͤngen, Zinnen und mit einem breitrunden Thurm, worin nur noch Eulen und oͤstreichische Invaliden hausen. Auch die Stadt selbst ist abenteuerlich gebaut, und wundersam wird einem zu Sinn bey'm ersten Anblick dieser uralterthuͤmlichen Haͤuser mit ihren verblichenen Freskos, mit ihren zerbroͤckelten Heiligenbildern, mit ihren Thuͤrmchen, Erkern, Gitterfensterchen, und jenen hervorstehenden Giebeln, die estraden¬ artig auf grauen alterschwachen Pfeilern ruhen, welche selbst einer Stuͤtze beduͤrften. Solcher Anblick waͤre allzu wehmuͤthig, wenn nicht die Natur diese abgestorbenen Steine mit neuem Leben erfrischte, wenn nicht suͤße Weinreben jene gebrechlichen Pfeiler, wie die Jugend das Alter, innig und zaͤrtlich umrankten, und wenn nicht noch suͤßere Maͤdchengesichter aus jenen truͤben Bogenfenstern hervorguckten, und uͤber den deut¬ schen Fremdling laͤchelten, der, wie ein schlaf¬ wandelnder Traͤumer, durch die bluͤhenden Rui¬ nen einherschwankt. Ich war wirklich wie im Traum, wie in einem Traume, wo man sich auf irgend etwas besinnen will, was man ebenfalls einmal getraͤumt hat. Ich betrachtete abwechselnd die Haͤuser und die Menschen, und ich meinte fast, diese Haͤuser haͤtte ich einst in ihren besseren Tagen gesehen, als ihre huͤbschen Malereien noch farbig glaͤnzten, als die goldenen Zierrathen an den Fensterfriesen noch nicht so geschwaͤrzt waren, und als die marmorne Madonna, die das Kind auf dem Arme traͤgt, noch ihren wunderschoͤnen Kopf auf¬ hatte, den jetzt die bilderstuͤrmende Zeit so poͤbel¬ haft abgebrochen. Auch die Gesichter der alten Frauen schienen mir so bekannt, es kam mir vor, als waͤren sie herausgeschnitten aus jenen alt¬ italienischen Gemaͤlden, die ich einst als Knabe in der Duͤsseldorfer Gallerie gesehen habe. Eben¬ falls die alten Maͤnner schienen mir so laͤngst vergessen wohlbekannt, und sie schauten mich an mit ernsten Augen, wie aus der Tiefe eines Jahr¬ tausends. Sogar die kecken jungen Maͤdchen hatten so etwas jahrtausendlich Verstorbenes und doch wieder bluͤhend Aufgelebtes, daß mich fast ein Grauen anwandelte, ein suͤßes Grauen, wie ich es einst gefuͤhlt, als ich in der einsamen Mitternacht meine Lippen preßte auf die Lippen Marias, einer wunderschoͤnen Frau, die damals gar keinen Fehler hatte, außer daß sie todt war. Dann aber mußt' ich wieder uͤber mich selbst laͤcheln, und es wollte mich beduͤnken, als sey die ganze Stadt nichts anderes als eine huͤbsche Novelle, die ich einst einmal gelesen, ja, die ich selbst gedichtet, und ich sey jetzt in mein eigenes Gedicht hineingezaubert worden, und erschraͤcke vor den Gebilden meiner eigenen Schoͤpfung. Vielleicht auch, dacht' ich, ist das Ganze wirklich nur ein Traum, und ich haͤtte herzlich gern einen Thaler fuͤr eine einzige Ohrfeige gegeben, blos um dadurch zu erfahren, ob ich wachte oder schlief. Wenig fehlte, und ich haͤtte diesen Artikel noch wohlfeiler eingehandelt, als ich an der Ecke des Marktes uͤber die dicke Obstfrau hinstolperte. Sie begnuͤgte sich aber damit, mir einige wirkliche Feigen an die Ohren zu werfen, und ich gewann dadurch die Ueberzeugung, daß ich mich in der wirklichsten Wirklichkeit befand, mitten auf dem Marktplatz von Trient, neben dem großen Brun¬ nen, aus dessen kupfernen Tritonen und Delphi¬ nen die silberklaren Wasser gar lieblich ermunternd emporsprangen. Links stand ein alter Pallazzo, dessen Waͤnde mit buntallegorischen Figuren be¬ malt waren, und auf dessen Terrasse einige grau oͤstreichische Soldaten zum Heldenthume abge¬ richtet wurden. Rechts stand ein gothisch-lom¬ bardisch kaprizioses Haͤuslein, in dessen Innerm eine suͤße, flatterhafte Maͤdchenstimme so keck und lustig trillerte, daß die verwitterten Mauern vor Vergnuͤgen oder Baufaͤlligkeit zitterten, waͤhrend oben aus dem Spitzfenster eine schwarze, laby¬ rinthisch gekraͤuselte, komoͤdiantenhafte Frisur herausguckte, worunter ein scharfgezeichnetes, duͤnnes Gesicht hervortrat, das nur auf der linken Wange geschminkt war, und daher aus¬ sah wie ein Pfannkuchen, der erst auf einer Seite gebacken ist. Vor mir aber, in der Mitte, stand der uralte Dom, nicht groß, nicht duͤster, sondern wie ein heiterer Greis, recht bejahrt zutraulich und einladend. Capitel XV . Als ich den gruͤnseidenen Vorhang, der den Eingang des Doms bedeckte, zuruͤckschob und eintrat in das Gotteshaus, wurde mir Leib und Herz angenehm erfrischt von der lieblichen Luft, die dort wehte, und von dem besaͤnftigend magi¬ schen Lichte, das durch die buntbemalten Fenster auf die betende Versammlung herabfloß. Es waren meistens Frauenzimmer, in lange Reihen hingestreckt auf den niedrigen Betbaͤnken. Sie beteten bloß mit leiser Lippenbewegung, und faͤcherten sich dabei bestaͤndig mit großen gruͤnen Faͤchern, so daß man nichts hoͤrte als ein unauf¬ hoͤrlich heimliches Wispern, und nichts sah als Faͤcherschlag und wehende Schleier. Der knar¬ rende Tritt meiner Stiefeln stoͤrte manche schoͤne Andacht, und große katholische Augen sahen mich an, halb neugierig, halb liebwillig, und mochten mir wohl rathen, mich ebenfalls hinzustrecken und Seelensieste zu halten. Wahrlich, ein solcher Dom mit seinem ge¬ daͤmpften Lichte und seiner wehenden Kuͤhle ist ein angenehmer Aufenthalt, wenn draußen greller Sonnenschein und druͤckende Hitze. Davon hat man gar keinen Begriff in unserem prote¬ stantischen Norddeutschland, wo die Kirchen nicht so komfortabel gebaut sind, und das Licht so frech durch die unbemalten Vernunftscheiben hin¬ einschießt, und selbst die kuͤhlen Predigten vor der Hitze nicht genug schuͤtzen. Man mag sagen was man will, der Katholizismus ist eine gute Sommerreligion. Es laͤßt sich gut liegen auf den Baͤnken dieser alten Dome, man genießt dort die kuͤhle Andacht, ein heiliges Dolce far niente, man betet und traͤumt und suͤndigt in Gedanken, die Madonnen nicken so verzeihend aus ihren Nischen, weiblich gesinnt verzeihen sie sogar, wenn man ihre eignen holden Zuͤge in die suͤndigen Gedanken verflochten hat, und zum Ueberfluß steht noch in jeder Ecke ein brauner Nothstuhl des Gewissens, wo man sich seiner Suͤnden ent¬ ledigen kann. In einem solchen Stuhle saß ein junger Moͤnch mit ernster Miene; das Gesicht der Dame, die ihm ihre Suͤnden beichtete, war mir aber theils durch ihren weißen Schleyer, theils durch das Seitenbrett des Beichtstuhls verborgen. Doch kam außerhalb desselben eine Hand zum Vor¬ schein, die mich gleichsam festhielt. Ich konnte nicht aufhoͤren diese Hand zu betrachten; das blaͤuliche Geaͤder und der vornehme Glanz der weißen Finger war mir so befremdlich wohl¬ bekannt, und alle Traumgewalt meiner Seele kam in Bewegung, um ein Gesicht zu bilden, das zu dieser Hand gehoͤren konnte. Es war eine schoͤne Hand, und nicht wie man sie bei jungen Maͤdchen findet, die halb Lamm, halb Rose, nur gedankenlose, vegetabil animalische Haͤnde haben, sie hatte vielmehr so etwas Gei¬ stiges, so etwas geschichtlich Reizendes, wie die Haͤnde von schoͤnen Menschen, die sehr gebildet sind oder viel gelitten haben. Diese Hand hatte dabei auch so etwas ruͤhrend Unschuldiges, daß es schien, als ob sie nicht mitzubeichten brauche, und auch nicht hoͤren wolle was ihre Eigenthuͤmerin beichtete, und gleichsam draußen warte, bis diese fertig sey. Das dauerte aber lange; die Dame mußte viele Suͤnden zu erzaͤhlen haben. Ich konnte nicht laͤnger warten, meine Seele druͤckte einen unsichtbaren Abschiedskuß auf die schoͤne Hand, diese zuckte in demselben Momente, und zwar so eigenthuͤmlich, wie die Hand der todten Maria zu zucken pflegte, wenn ich sie beruͤhrte. Um Gotteswillen, dacht' ich, was thut die todte Maria in Trient? — und ich eilte aus dem Dome. Capitel XVI . Als ich wieder uͤber den Marktplatz ging, gruͤßte mich an der Ecke die bereits erwaͤhnte Obstfrau, recht freundlich und recht zutraulich, als waͤren wir alte Bekannte. Gleichviel, dacht' ich, wie man eine Bekanntschaft macht, wenn man nur mit einander bekannt wird. Ein Paar an die Ohren geworfene Feigen sind zwar nicht immer die beste Introduction; aber ich und die Obstfrau sahen uns jetzt doch so freundlich an, als haͤtten wir uns wechselseitig die besten Empfeh¬ lungsschreiben uͤberreicht. Die Frau hatte auch keineswegs ein uͤbles Aussehn. Sie war freilich 7 schon etwas in jenem Alter, wo die Zeit unsere Dienstjahre mit fatalen Chevets auf die Stirne anzeichnet, jedoch dafuͤr war sie auch desto kor¬ pulenter, und was sie an Jugend eingebuͤßt, das hatte sie an Gewicht gewonnen. Dazu trug ihr Gesicht noch immer die Spuren großer Schoͤn¬ heit, und wie auf alten Toͤpfen stand darauf geschrieben: “lieben und geliebt zu werden, ist das groͤßte Gluͤck auf Erden.„ Was ihr aber den koͤstlichsten Reiz verlieh, das war die Frisur, die gekraͤuselten Locken, kreideweiß gepudert, mit Pommade reichlich geduͤngt, und idyllisch mit weißen Glockenblumen durchschlungen. Ich be¬ trachtete diese Frau mit derselben Aufmerksam¬ keit, wie irgend ein Antiquar seine ausgegrabenen Marmortorsos betrachtet, ich konnte an jener lebenden Menschenruine noch viel mehr studieren, ich konnte die Spuren aller Civilisationen Ita¬ liens an ihr nachweisen, der etruskischen, roͤmi¬ schen, gothischen, lombardischen, bis herab auf die gepudert moderne, und recht interessant war mir das civilisirte Wesen dieser Frau im Kontrast mit Gewerb und leidenschaftlicher Gewoͤhnung. Nicht minder interessant waren mir die Gegen¬ staͤnde ihres Gewerbes, die frischen Mandeln, die ich noch nie in ihrer urspruͤnglich gruͤnen Schale gesehn, und die duftig frischen Feigen, die hochaufgeschuͤttet lagen, wie bei uns die Birnen. Auch die großen Koͤrbe mit frischen Citronen und Orangen ergoͤtzten mich; und wun¬ derlieblicher Anblick! in einem leeren Korbe da¬ neben lag ein bildschoͤner Knabe, der ein kleines Gloͤckchen in den Haͤnden hielt, und waͤhrend jetzt die große Domglocke laͤutete, zwischen jedem Schlag derselben mit seinem kleinen Gloͤckchen klingelte, und dabei so weltvergessen selig in den blauen Himmel hineinlaͤchelte, daß mir selbst wieder die drolligste Kinderlaune im Gemuͤthe aufstieg, und ich mich, wie ein Kind, vor die lachenden Koͤrbe hin¬ stellte und naschte und mit der Obstfrau diskurirte. 7 * Wegen meines gebrochenen Italienischsprechens hielt sie mich im Anfang fuͤr einen Englaͤnder; aber ich gestand ihr, daß ich nur ein Deutscher sey. Sie machte sogleich viele geographische, oͤkonomische, hortologische, klimatische Fragen uͤber Deutschland, und wunderte sich, als ich ihr ebenfalls gestand, daß bei uns keine Citronen wachsen, daß wir die wenigen Citronen, die wir aus Italien bekommen, sehr pressen muͤssen, wenn wir Punsch machen, und daß wir dann aus Verzweiflung desto mehr Rum zugießen. Ach liebe Frau! sagte ich ihr, in unserem Lande ist es sehr frostig und feucht, unser Sommer ist nur ein gruͤnangestrichener Winter, sogar die Sonne muß bey uns eine Jacke von Flanell tragen, wenn sie sich nicht erkaͤlten will; bei diesem gelben Flanell¬ sonnenschein koͤnnen unsere Fruͤchte nimmermehr gedeihen, sie sehen verdrießlich und gruͤn aus, und unter uns gesagt, das einzige reife Obst, das wir haben, sind gebratene Aepfel. Was die Feigen betrifft, so muͤssen wir sie ebenfalls, wie die Citronen und Orangen, aus fremden Laͤndern beziehen, und durch das lange Reisen werden sie dumm und mehlig; nur die schlechteste Sorte koͤnnen wir frisch aus der ersten Hand bekommen, und diese ist so bitter, daß, wer sie umsonst be¬ kommt, noch obendrein eine Realinjurienklage anstellt. Von den Mandeln haben wir blos die geschwollenen. Kurz, uns fehlt alles edle Obst, und wir haben nichts als Stachelbeeren, Birnen, Haselnuͤsse, Zwetschen und dergleichen Poͤbel. Capitel XVII . Ich freute mich wirklich, schon gleich bei meiner Ankunft in Italien eine gute Bekannt¬ schaft gemacht zu haben, und haͤtten mich nicht wichtige Gefuͤhle nach Suͤden gezogen, so waͤre ich vor der Hand in Trient geblieben, bei der guten Obstfrau, bei den guten Feigen und Man¬ deln, bei dem kleinen Gloͤckner, und soll ich die Wahrheit sagen, bei den schoͤnen Maͤdchen, die rudelweise vorbeistroͤmten. Ich weiß nicht, ob andere Reisende hier das Beiwort “schoͤn„ billigen werden; mir aber gefielen die Trienterin¬ nen ganz ausnehmend gut. Es war just die Sorte, die ich liebe: — und ich liebe diese blassen, elegischen Gesichter, wo die großen, schwarzen Augen so liebeskrank herausstrahlen; ich liebe auch den dunkeln Teint jener stolzen Haͤlse, die schon Phoͤbos geliebt und braun gekuͤßt hat; ich liebe sogar jene uͤberreife Nacken, worin purpurne Puͤnktchen, als haͤtten luͤsterne Voͤgel daran ge¬ pickt; vor allem aber liebe ich jenen genialen Gang, jene stumme Musik des Leibes, jene Glie¬ der, die sich in den suͤßesten Rhythmen bewegen, uͤppig, schmiegsam, goͤttlich liederlich, sterbefaul, dann wieder aͤtherisch erhaben, und immer hoch¬ poetisch. Ich liebe dergleichen, wie ich die Poesie selbst liebe, und diese melodisch bewegten Gestal¬ ten, dieses wunderbare Menschenkonzert, das an mir voruͤberrauschte, fand sein Echo in meinem Herzen, und weckte darin die verwandten Toͤne. Es war jetzt nicht mehr die Zaubermacht der ersten Ueberraschung, die Maͤhrchenhaftigkeit der wildfremden Erscheinung, es war schon der ruhige Geist, der, wie ein wahrer Kritiker ein Gedicht liest, jene Frauenbilder mit entzuͤckt besonnenem Auge betrachtete. Und bei solcher Betrachtung entdeckt man viel, viel Truͤbes, den Reichthum der Vergangenheit, die Armuth der Gegenwart und den zuruͤckgebliebenen Stolz. Gern moͤchten die Toͤchter Trients sich noch schmuͤcken wie zu den Zeiten des Konziliums, wo die Stadt bluͤhte in Sammt und Seide; aber das Konzilium hat wenig ausgerichtet, der Sammt ist abgeschabt, die Seide zerfetzt, und den armen Kindern blieb nichts als kuͤmmerlicher Flitterstaat, den sie in der Woche aͤngstlich schonen, und womit sie sich nur noch des Sonntags putzen. Manche aber entbehren auch dieser Reste eines verschollenen Luxus, und muͤssen sich mit allerlei ordinairen und wohlfeilen Fabrikaten unsers Zeitalters be¬ helfen. Da giebt es nun gar ruͤhrende Contraste zwischen Leib und Kleid; der feingeschnittene Mund scheint fuͤrstlich gebieten zu duͤrfen, und wird hoͤhnisch uͤberschattet von einem armseligen Basthut mit zerknitterten Papierblumen, der stolzeste Busen wogt in einer Krause von plump falschen Garnspitzen, und die geistreichsten Huͤften umschließt der duͤmmste Kattun. Wehmuth, dein Name ist Kattun, und zwar braungestreifter Kattun! Denn ach! nie hat mich etwas weh¬ muͤthiger gestimmt, als der Anblick einer Trien¬ terin, die an Gestalt und Gesichtsfarbe einer marmornen Goͤttin glich, und auf diesem antik edlen Leib ein Kleid von braungestreiftem Kattun trug, so daß es aussah, als sey die steinerne Niobe ploͤtzlich lustig geworden, und habe sich maskirt in unsere moderne Kleintracht, und schreite bettelstolz und grandios unbeholfen durch die Straßen Trients. Capitel XVIII . Als ich nach der Lokanda dell' Grande Eu¬ ropa, zuruͤckkehrte, wo ich mir ein gutes Pranzo bestellt hatte, war mir wirklich so wehmuͤthig zu Sinn daß ich nicht essen konnte, und das will viel sagen. Ich setzte mich vor die Thuͤre der nachbarlichen Botega, erfrischte mich mit Sorbet und sprach in mich hinein: Grillenhaftes Herz! jetzt bist du ja in Ita¬ lien — warum tirilirst du nicht? Sind vielleicht die alten deutschen Schmerzen, die kleinen Schlangen, die sich tief in dir verkrochen, jetzt mit nach Italien gekommen, und sie freuen sich jetzt, und eben ihr gemeinschaftlicher Jubel erregt nun in der Brust jenes pitoreske Weh, das darin so seltsam sticht und huͤpft und pfeift? Und warum sollten sich die alten Schmerzen nicht auch einmal freuen? Hier in Italien ist es ja so schoͤn, das Leiden selbst ist hier so schoͤn, in diesen gebrochenen Marmorpallazzos klingen die Seufzer viel romantischer, als in unseren netten Ziegelhaͤuschen, unter jenen Lorbeerbaͤumen laͤßt sich viel wolluͤstiger weinen als unter unseren muͤrrisch zackigen Tannen, und nach den idealischen Wol¬ kenbildern des himmelblauen Italiens laͤßt sich viel suͤßer hinaufschmachten als nach dem aschgrau deutschen Werkeltagshimmel, wo sogar die Wol¬ ken nur ehrliche Spießbuͤrgerfratzen schneiden und langweilig herabgaͤhnen! Bleibt nur in meiner Brust, Ihr Schmerzen! ihr findet nir¬ gends ein besseres Unterkommen. Ihr seyd mir lieb und werth, und keiner weiß Euch besser zu hegen und zu pflegen als ich, und ich gestehe Euch, Ihr macht mir Vergnuͤgen. Und uͤber¬ haupt, was ist denn Vergnuͤgen? Vergnuͤgen ist nichts als ein hoͤchst angenehmer Schmerz. Ich glaube, die Musik, die, ohne daß ich darauf achtete, vor der Botega erklang, und einen Kreis von Zuschauern schon um sich gezogen, hatte melodramatisch diesen Monolog begleitet. Es war ein wunderliches Trio, bestehend aus zwey Maͤnnern und einem jungen Maͤdchen, das die Harfe spielte. Der eine von jenen beiden, winterlich gekleidet in einen weißen Flausrock, war ein staͤmmiger Mann, mit einem dickrothen Banditengesicht, das aus den schwarzen Haupt- und Barthaaren, wie ein drohender Comet, her¬ vorbrannte, und zwischen den Beinen hielt er eine ungeheure Baßgeige, die er so wuͤthend strich, als habe er in den Abruzzen einen armen Reisenden, niedergeworfen und wolle ihm ge¬ schwinde die Gurgel abfiedeln; der andre war ein langer, hagerer Greis, dessen morsche Gebeine in einem abgelebt schwarzen Anzuge schlotterten, und dessen schneeweiße Haare mit seinem Buffo¬ gesang und seinen naͤrrischen Capriolen gar klaͤg¬ lich contrastirten. Ist es schon betruͤbend, wenn ein alter Mann die Ehrfurcht, die man seinen Jahren schuldig ist, aus Noth verkaufen, und sich zur Possenreißerey hergeben muß; wie viel truͤbseliger ist es noch, wenn er solches in Gegenwart oder gar in Gesellschaft seines Kindes thut! und jenes Maͤdchen war die Tochter des alten Buffo, und sie akkompagnirte mit der Harfe die unwuͤrdigsten Spaͤße des greisen Vaters, oder stellte auch die Harfe bei Seite und sang mit ihm ein komisches Duett, wo er einen verliebten alten Gecken, und sie seine junge neckische Amante vorstellte. Oben¬ drein schien das Maͤdchen kaum aus den Kinder¬ jahren getreten zu seyn, ja es schien, als habe man das Kind, ehe es noch zur Jungfraͤulichkeit gelangt war, gleich zum Weibe gemacht, und zwar zu keinem zuͤchtigen Weibe. Daher das bleichsuͤchtige Welken und der zuckende Mißmuth des schoͤnen Gesichtes, dessen stolzgeschwungene Formen jedes ahnende Mitleid gleichsam verhoͤhn¬ ten; daher die verborgene Kuͤmmerlichkeit der Augen, die unter ihren schwarzen Triumphbogen so herausfordernd leuchteten; daher der tiefe Schmerzenston, der so unheimlich kontrastirte mit den lachend schoͤnen Lippen, denen er ent¬ schluͤpfte; daher die Krankhaftigkeit der uͤber¬ zarten Glieder, die ein kurzes, aͤngstlich violettes Seidenkleidchen so tief als moͤglich umflutterte . Dabei flaggten grellbunte Atlasbaͤnder auf dem verjaͤhrten Strohhut und die Brust zierte gar sinnbildlich eine offne Rosenknospe, die mehr gewaltsam aufgerissen als in eige¬ ner Entfaltung aus der gruͤnen Huͤlle her¬ vorgebluͤht zu seyn schien. Indessen, uͤber dem ungluͤcklichen Maͤdchen, diesem Fruͤhling, den der Tod schon verderblich angehaucht, lag eine unbeschreibliche Anmuth, eine Grazie, die sich in jeder Miene, in jeder Bewegung, in jedem Tone kund gab, und selbst dann nicht ganz sich verlaͤugnete, wenn sie mit vorgeworfenem Leibchen und ironischer Luͤsternheit dem alten Vater ent¬ gegen taͤnzelte, der eben so unsittsam, mit vorge¬ strecktem Bauchgerippe zu ihr heranwackelte. Je frecher sie sich gebehrdete, desto tieferes Mit¬ leiden floͤßte sie mir ein, und wenn ihr Gesang dann weich und wunderbar aus ihrer Brust hervorstieg und gleichsam um Verzeihung bat, dann jauchzten in meiner Brust die kleinen Schlangen, und bissen sich vor Vergnuͤgen in den Schwanz. Auch die Rose schien mich dann wie bittend anzusehen, einmal sah ich sie sogar zittern, erbleichen — aber in demselben Augen¬ blick schlugen die Triller des Maͤdchens um so lachender in die Hoͤhe, der Alte meckerte noch verliebter, und das rothe Cometgesicht marterte seine Bratsche so grimmig, daß sie die ent¬ setzlich drolligsten Toͤne von sich gab und die Zuhoͤrer noch toller jubelten. Capitel XIX . Es war ein aͤcht italienisches Musikstuͤck, aus irgend einer beliebten Opera Buffa, jener wundersamen Gattung, die dem Humor den freyesten Spielraum gewaͤhrt, und worin er sich all' seiner springenden Lust, seiner tollen Empfin¬ deley, seiner lachenden Wehmuth, und seiner lebenssuͤchtigen Todesbegeisterung uͤberlassen kann. Es war ganz Rossinische Weise, wie sie sich im Barbier von Sevilla am lieblichsten offenbart. Die Veraͤchter italienischer Musik, die auch dieser Gattung den Stab brechen, werden einst in der Hoͤlle ihrer wohlverdienten Strafe nicht 8 entgehen, und sind vielleicht verdammt, die lange Ewigkeit hindurch nichts anderes zu hoͤren, als Fugen von Sebastian Bach. Leid ist es mir um so manchen meiner Collegen, z. B. um Rellstab, der ebenfalls dieser Verdammniß nicht entgehen wird, wenn er sich nicht vor seinem Tode zu Rossini bekehrt. Rossini, divino Maestro , Helios von Italien, der du deine klingenden Stralen uͤber die Welt verbreitest! verzeih meinen armen Landsleuten, die dich laͤstern auf Schreibpapier und auf Loͤschpapier! Ich aber erfreue mich deiner goldenen Toͤne, deiner melodischen Lichter, deiner funkelnden Schmetterlingstraͤume, die mich so lieblich umgaukeln, und mir das Herz kuͤssen, wie mit Lippen der Grazien! Divino Maestro , verzeih meinen armen Landsleuten, die deine Tiefe nicht sehen, weil du sie mit Rosen bedeckst, und denen du nicht gedankenschwer und gruͤndlich genug bist, weil du so leicht flatterst, so gottbe¬ fluͤgelt! — Freylich, um die heutige italienische Musik zu lieben und durch die Liebe zu verstehn, muß man das Volk selbst vor Augen haben, seinen Himmel, seinen Charakter, seine Mienen, seine Leiden, seine Freuden, kurz seine ganze Geschichte, von Romulus, der das heilige roͤmische Reich gestiftet, bis auf die neueste Zeit, wo es zu Grunde ging, unter Romulus Augustulus II . Dem armen geknechteten Italien ist ja das Sprechen verboten, und es darf nur durch Musik die Gefuͤhle seines Herzens kund geben. All sein Groll gegen fremde Herrschaft, seine Begeistrung fuͤr die Freyheit, sein Wahnsinn uͤber das Gefuͤhl der Ohnmacht, seine Wehmuth bey der Erinne¬ rung an vergangene Herrlichkeit, dabey sein leises Hoffen, sein Lauschen, sein Lechzen nach Huͤlfe, alles dieses verkappt sich in jene Melodien, die von grotesker Lebenstrunkenheit zu elegischer Weichheit herabgleiten, und in jene Pantominen, die von schmeichelnden Caressen zu drohendem Ingrimm uͤberschnappen. 8* Das ist der esoterische Sinn der Opera Buffa. Die exoterische Schildwache, in deren Gegenwart sie gesungen und dargestellt wird, ahnt nimmer¬ mehr die Bedeutung dieser heiteren Liebesge¬ schichten, Liebesnoͤthen und Liebesneckereyen, wor¬ unter der Italiener seine toͤdlichsten Befreyungs¬ gedanken verbirgt, wie Harmodius und Aristogiton ihren Dolch verbargen in einem Kranze von Myrthen. Das ist halt naͤrrisches Zeug, sagt die exoterische Schildwache, und es ist gut, daß sie nichts merkt. Denn sonst wuͤrde der Im¬ pressario, mitsammt der Prima Donna und dem Primo Uomo, bald jene Bretter betreten, die eine Festung bedeuten; es wuͤrde eine Unter¬ suchungskommission niedergesetzt werden, alle staatsgefaͤhrliche Triller und revoluz rische Colloraturen kaͤmen zu Protokoll, man wuͤrde eine Menge Arlekine, die in weiteren Verzwei¬ gungen verbrecherischer Umtriebe verwickelt sind, auch den Tartaglia, den Brighella, sogar den alten bedaͤchtigen Pantalon arretiren, dem Dottore von Bologna wuͤrde man die Papiere versiegeln, er selbst wuͤrde sich in noch groͤßeren Verdacht hinein¬ schnattern, und Columbine muͤßte sich, uͤber dieses Familienungluͤck, die Augen roth weinen. Ich denke aber, daß solches Ungluͤck noch nicht uͤber diese guten Leute hereinbrechen wird, indem die italienischen Demagogen pfiffiger sind als die armen Deutschen, die, Aehnliches beabsichtigend, sich als schwarze Narren mit schwarzen Narren¬ kappen vermummt hatten, aber so auffallend truͤb¬ selig aussahen und bey ihren gruͤndlichen Narren spruͤngen, die sie Turnen nannten, sich so ge¬ faͤhrlich anstellten und so ernsthafte Gesichter schnitten, daß die Regierungen endlich aufmerksam werden nnd sie einstecken mußten. Capitel XX . Die kleine Harfenistin mußte wohl bemerkt haben, daß ich, waͤhrend sie sang und spielte, oft nach ihrer Busenrose hinblickte, und als ich nachher auf den zinnernen Teller, womit sie ihr Honorar einsammelte, ein Geldstuͤck warf, das nicht allzuklein war, da laͤchelte sie schlau, und frug heimlich: ob ich ihre Rose haben wolle? Nun bin ich aber der hoͤflichste Mensch von der Welt, und um die Welt! moͤchte ich nicht eine Rose beleidigen, und sey es auch eine Rose, die sich schon ein bischen verduftet hat. Und wenn sie auch nicht mehr, so dacht' ich, ganz frisch riecht, und nicht mehr im Geruͤche der Tugend ist, wie etwa die Rose von Saron, was kuͤmmert es mich, der ich ja doch den Stockschnupfen habe! Und nur die Menschen nehmens so genau. Der Schmetterling fragt nicht die Blume: hat schon ein Anderer dich gekuͤßt? Und diese fragt nicht: hast du schon eine Andere umflattert? Dazu kam noch, daß die Nacht hereinbrach, und des Nachts, dacht' ich, sind alle Blumen grau, die suͤndigste Rose eben so gut wie die tugend¬ hafteste Petersilie. Kurz und gut, ohne allzu langes Zoͤgern sagte ich zu der kleinen Harfe¬ nistin: Si Signora —— — Denk nur nichts Boͤses, lieber Leser. Es war dunkel geworden, und die Sterne sahen so klar und fromm herab in mein Herz. Im Her¬ zen selbst aber zitterte die Erinnerung an die todte Maria. Ich dachte wieder an jene Nacht, als ich vor dem Bette stand, worauf der schoͤne, blasse Leib lag, mit sanften stillen Lippen — Ich dachte wieder an den sonderbaren Blick, den mir die alte Frau zuwarf, die bey der Leiche wachen sollte und mir ihr Amt auf einige Stunden uͤberließ — Ich dachte wieder an die Nachtviole, die im Glase auf dem Tische stand und so seltsam duftete — Auch durchschauerte mich wieder der Zweifel: ob es wirklich ein Windzug war, wovon die Lampe erlosch? Ob wirklich kein Dritter im Zimmer war? Capitel XXI . Ich ging bald zu Bette, schlief bald ein und verwickelte mich in naͤrrische Traͤume. Ich traͤumte mich nemlich wieder einige Stunden zuruͤck, ich kam wieder an in Trient, ich staunte wieder wie vorher, und jetzt um so mehr, da lauter Blu¬ men statt Menschen in den Straßen spatzieren gingen. Da wandelten gluͤhende Nelken, die sich wol¬ luͤstig faͤcherten, kokettirende Balsaminen, Hya¬ zinthen mit huͤbschen leeren Glockenkoͤpfchen, hinterher ein Troß von schnurrbaͤrtigen Narzissen und toͤlpelhaften Rittersporen. An der Ecke zankten sich zwey Masliebchen. Aus dem Fen¬ ster eines alten Hauses von krankhaftem Aus¬ sehen guckte eine gesprenkelte Levkoje, gar naͤrrisch buntgeputzt, und hinter ihr erklang eine niedlich duftende Veilchenstimme. Auf dem Bal¬ kon des großen Palazzos am Markte war der ganze Adel versammmelt , die hohe Noblesse, nemlich jene Liljen, die nicht arbeiten und nicht spinnen und sich doch eben so praͤchtig duͤnken wie Koͤnig Salomon in all seiner Herrlichkeit. Auch die dicke Obstfrau glaubte ich dort zu sehen; doch als ich genauer hinblickte, war es nur eine verwinterte Ranunkel, die gleich auf mich los¬ keifte: „Was wollen Sie unreife Blithe? Sie saure Jurke? Sie ordinaͤre Blume mit man eenen Stoobfaden? Ich will Ihnen schon be¬ gießen!“ Vor Angst eilte ich in den Dom, und uͤberrannte fast ein altes hinkendes Stiefmuͤtter¬ chen, das sich von einem Gaͤnsebluͤmchen das Gebetbuch nachtragen ließ. Im Dome aber war es wieder recht angenehm; in langen Reihen saßen da Tulpen von allen Farben und bewegten andaͤchtig die Koͤpfe. Im Beichtstuhl saß ein schwarzer Rettig, und vor ihm kniete eine Blume, deren Gesicht nicht zum Vorschein kam. Doch sie duftete so wohlbekannt schauerlich, daß ich seltsamerweise wieder an die Nachtviole dachte, die im Zimmer stand, wo die todte Maria lag. Als ich wieder aus dem Dome trat, begeg¬ nete mir ein Leichenzug von lauter Rosen mit schwarzen Floͤren und weißen Taschentuͤchern, und ach! auf der Bahre lag die fruͤhzerrissene Rose, die ich am Busen der kleinen Harfenistin kennen gelernt. Sie sah jetzt noch viel anmuthiger aus, aber ganz kreideblaß, eine weiße Rosenleiche. Bey einer kleinen Capelle wurde der Sarg nie¬ dergesetzt; da gab es nichts als Weinen und Schluchzen, und endlich trat eine alte Klatschrose hervor und hielt eine lange Leichenpredigt, worin sie viel schwatzte von den Tugenden der Hinge¬ schiedenen, von einem irdischen Katzenjammerthal, von einem besseren Seyn, von Liebe, Hoffnung und Glaube, Alles in einem naͤselnd singenden Tone, eine breitgewaͤsserte Rede, und so lang und langweilig, daß ich davon erwachte. Capitel XXII . Mein Vetturin hatte fruͤher denn Helios seine Gaͤule angeschirrt, und schon um Mittags¬ zeit erreichten wir Ala. Hier pflegen die Vet¬ turine einige Stunden zu halten, um ihre Wagen zu wechseln. Ala ist schon ein aͤcht italienisches Nest. Die Lage ist pittoresk, an einem Berghang, ein Fluß rauscht vorbey, heitergruͤne Weinreben um¬ ranken hie und da die uͤbereinanderstolpernden, zusammengeflickten Bettlerpallaͤste. An der Ecke des windschiefen Marktes, der so klein ist wie ein Huͤnerhof, steht mit großmaͤchtigen, giganti¬ schen Buchstaben : Piazza di San Marco . Auf dem steinernen Bruchstuͤck eines großen, altadli¬ gen Wappenschilds, saß dort ein kleiner Knabe und nothduͤrftelte. Die blanke Sonne beschien seine naive Ruͤckseite, und in den Haͤnden hielt er ein papiernes Heiligenbild, das er vorher in¬ bruͤnstig kuͤßte. Ein kleines, bildschoͤnes Maͤdchen stand betrachtungsvoll daneben, und blies zu¬ weilen akkompagnirend in eine hoͤlzerne Kinder¬ trompete. Das Wirthshaus, wo ich einkehrte und zu Mittag speiste, war ebenfalls schon von aͤcht italienischer Art. Oben, auf dem ersten Stock¬ werk, eine freye Estrade mit der Aussicht nach dem Hofe, wo zerschlagene Wagen und sehnsuͤchtige Misthaufen lagen, Truthaͤhne mit naͤrrisch rothen Schnabellappen und bettelstolze Pfauen einher¬ spatzierten, und ein halb Dutzend zerlumpter, sonnverbrannter' Buben sich nach der Bell- und Lankasterschen Methode lausten. Auf jener Estrade, laͤngs dem gebrochenen Eisengelaͤnder, gelangt man in ein weites hallendes Zimmer. Fußboden von Marmor, in der Mitte ein breites Bett, worauf die Floͤhe Hochzeit halten; uͤberall großartiger Schmutz. Der Wirth sprang hin und her, um meine Wuͤnsche zu vernehmen. Er trug einen hastig gruͤnen Leibrock und ein vielfaͤltig bewegtes Gesicht, worin eine lange hoͤckerige Nase, mit einer haarigen rothen Warze, die mitten darauf saß, wie ein rothjaͤckiger Affe auf dem Ruͤcken eines Kameels. Er sprang hin und her, und es war dann, als ob das rothe Aeffchen auf seiner Nase ebenfalls hin und her spraͤnge. Es dauerte aber eine Stunde, ehe er das Mindeste brachte, und wenn ich deshalb schalt, so be¬ theuerte er, daß ich schon sehr gut Italienisch spreche. Ich mußte mich lange mit dem lieblichen Bra¬ tenduft begnuͤgen, der mir entgegenwogte aus der thuͤrlosen Kuͤche gegenuͤber, wo Mutter und Tochter neben einander saßen und sangen und Huͤhner rupf¬ ten. Erstere war remarkabel korpulent; Bruͤste, die sich uͤberreichlich hervorbaͤumten, die jedoch noch immer klein waren im Vergleich mit dem kolossalen Hintergestell, so daß jene erst die In¬ stituzionen zu seyn schienen, dieses aber ihre er¬ weiterte Ausfuͤhrung als Pandekten. Die Tochter, eine nicht sehr große, aber stark geformte Person, schien sich ebenfalls zur Korpulenz hinzuneigen; aber ihr bluͤhendes Fett war keineswegs mit dem alten Talg der Mutter zu vergleichen. Ihre Gesichtszuͤge waren nicht sanft, nicht jugendlich liebreizend, jedoch schoͤn gemessen, edel, antik; Locken und Augen brennend schwarz. Die Mutter hingegen hatte flache, stumpfe Gesichtszuͤge, eine rosenrothe Nase, blaue Augen, wie Veilchen in Milch gekocht, und liljenweiß gepuderte Haare. Dann und wann kam der Wirth, il Signor padre , herangesprungen, und fragte nach irgend einem Geschirr oder Geraͤthe, und im Rezitativ bekam er die ruhige Weisung, es selbst zu suchen. Dann schnalzte er mit der Zunge, kramte in den Schraͤnken, kostete aus den kochenden Toͤpfen, verbrannte sich das Maul und sprang wieder fort, und mit ihm sein Nasenkameel und das rothe Aeffchen. Hinter ihnen drein schlugen dann die lustigsten Triller, wie liebreiche Ver¬ hoͤhnung und Familienneckerey. Aber diese gemuͤthliche, fast idyllische Wirth¬ schaft unterbrach ploͤtzlich ein Donnerwetter; ein vierschroͤtiger Kerl mit einem bruͤllenden Mordgesicht stuͤrzte herein, und schrie etwas, das ich nicht verstand. Als beide Frauenzimmer ver¬ neinend die Koͤpfe schuͤttelten, gerieth er in die tollste Wuth und spie Feuer und Flamme, wie ein kleiner Vesuv, der sich aͤrgert. Die Wirthin 9 schien in Angst zu gerathen, und fluͤsterte beguͤti¬ gende Worte, die aber eine entgegengesetzte Wir¬ kung hervorbrachten, so daß der rasende Mensch eine eiserne Schaufel ergriff, einige ungluͤckliche Teller und Flaschen zerschlug, und auch die arme Frau geschlagen haben wuͤrde, haͤtte nicht die Tochter ein langes Kuͤchenmesser erfaßt und ihn niederzustechen gedroht, im Fall er nicht sogleich abzoͤge. Es war ein schoͤner Anblick, das Maͤdchen stand da blaßgelb und vor Zorn erstarrend, wie ein Marmorbild, die Lippen ebenfalls bleich, die Augen tief und toͤdlich, eine blaugeschwollene Ader quer uͤber der Stirn, die schwarzen Locken wie flatternde Schlangen, in den Haͤnden ihr blutiges Messer — Ich schauerte vor Lust, denn leibhaftig sah ich vor mir das Bild der Medea, wie ich es oft getraͤumt in meinen Jugendnaͤch¬ ten, wenn ich entschlummert war an dem lieben Herzen Melpomene's, der finster schoͤnen Goͤttin. Waͤhrend dieser Scene kam der Signor Padre nicht im mindesten aus dem Geleise, mit geschaͤf¬ tiger Seelenruhe raffte er die Scherben vom Boden auf, suchte die Teller zusammen, die noch am Leben geblieben, brachte mir darauf: Zuppa mit Parmesankaͤse, einen Braten derb und fest wie deutsche Treue, Krebse roth wie Liebe, gruͤnen Spinat wie Hoffnung mit Eyer, und zum Dessert gestovte Zwiebeln, die mir Thraͤnen der Ruͤhrung aus den Augen lockten. Das hat nichts zu be¬ deuten, das ist nun mal Pietro's Methode, sprach er, als ich verwundert nach der Kuͤche zeigte; und wirklich, nachdem der Urheber des Zanks sich entfernt hatte, schien es, als ob dort gar nichts vorgefallen sey, Mutter und Tochter saßen wieder ruhig nach wie vor, und sangen und rupften Huͤhner. Die Rechnung uͤberzeugte mich, daß auch der Signor Padre sich aufs Rupfen verstand, 9 * und als ich ihm dennoch, außer der Zahlung, etwas fuͤr die gute Hand gab, da nieste er so vergnuͤgt stark, daß das Aeffchen beynah von seinem Sitze herabgefallen waͤre. Hierauf winkte ich freundlich hinuͤber nach der Kuͤche, freundlich war der Gegengruß, bald saß ich in dem einge¬ tauschten Wagen, fuhr rasch hinab in die lom¬ bardische Ebene, und erreichte gegen Abend, die uralte, weltberuͤhmte Stadt Verona. Capitel XXIII . Die bunte Gewalt der neuen Erscheinungen bewegte mich in Trient nur daͤmmernd und ahn¬ dungsvoll, wie Maͤhrchenschauer; in Verona aber erfaßte sie mich wie ein maͤchtiger Fieber¬ traum voll heißer Farben, scharfbestimmter For¬ men, gespenstischer Trompetenklaͤnge und fernen Waffengeraͤusches. Da war manch' verwitterter Pallast, der mich so stier ansah, als wollte er nur ein altes Geheimniß anvertrauen, und er scheuete sich nur vor dem Gewuͤhl der zudringlichen Tagesmenschen, und baͤte mich zur Nachtzeit wieder zu kommen. Jedoch trotz dem Gelaͤrm des Volkes und trotz der wilden Sonne, die ihr rothes Licht hineingoß, hat doch hie und da ein alter dunkler Thurm mir ein bedeutendes Wort zugeworfen, hie und da vernahm ich das Ge¬ fluͤster gebrochener Bildsaͤulen, und als ich gar uͤber eine kleine Treppe ging, die nach der Piazza de' Signori fuͤhrte, da erzaͤhlten mir die Steine eine furchtbar blutige Geschichte, und ich las an der Ecke die Worte: Scala mazzati . Verona, die uralte, weltberuͤhmte Stadt, gelegen auf beiden Seiten der Etsch, war immer gleichsam die erste Stazion fuͤr die germanischen Wandervoͤlker, die ihre kaltnordischen Waͤlder verließen und uͤber die Alpen stiegen, um sich im guͤldenen Sonnenschein des lieblichen Italiens zu erlustigen. Einige zogen weiter hinab, anderen gefiel es schon gut genug am Orte selbst, und sie machten es sich heimathlich bequem, und zogen seidne Hausgewaͤnder an, und ergingen sich fried¬ lich unter Blumen und Zypressen, bis neue An¬ koͤmmlinge, die noch ihre frischen Eisenkleider anhatten, aus dem Norden kamen und sie ver¬ draͤngten, — eine Geschichte, die sich oft wieder¬ holte, und von den Historikern die Voͤlkerwan¬ derung genannt wird. Wandelt man jetzt durch das Weichbild Verona's, so findet man uͤberall die abenteuerlichen Spuren jener Tage, so wie auch die Spuren der aͤlteren und der spaͤteren Zeiten. An die Roͤmer mahnt besonders das Amphitheater und der Triumphbogen; an die Zeit des Theoderichs, des Ditrichs von Bern, von dem die Deutschen noch singen und sagen, erinnern die fabelhaften Reste so mancher byzan¬ tinisch vorgothischen Bauwerke; tolle Truͤmmer erinnern an Koͤnig Alboin und seine wuͤthenden Longobarden; sagenreiche Denkmale mahnen an Carolum Magnum, dessen Paladine an der Pforte des Doms eben so fraͤnkisch roh gemeißelt sind, wie sie gewiß im Leben gewesen — es will uns beduͤnken, als sey die Stadt eine große Voͤlkerherberge, und gleich wie man in Wirths¬ haͤusern seinen Namen auf Wand und Fenster zu schreiben pflegt, so habe dort jedes Volk die Spuren seiner Anwesenheit zuruͤckgelassen, freylich oft nicht in der leserlichsten Schrift, da mancher deutsche Stamm noch nicht schreiben konnte, und sich damit behelfen mußte, zum Andenken etwas zu zertruͤmmern, welches auch hinreichend war, da diese Truͤmmer noch deutlicher sprechen, als zierliche Buchstaben. Die Barbaren, welche jetzt die alte Herberge bezogen haben, werden nicht ermangeln, eben solche Denkmaͤler ihrer holden Gegenwart zu hinterlassen, da es ihnen an Bild¬ hauern und Dichtern fehlt, um sich durch mildere Mittel im Andenken der Menschen zu erhalten. Ich blieb nur einen Tag in Verona, in be¬ staͤndiger Verwunderung ob des nie Gesehenen, anstarrend jetzt die alterthuͤmlichen Gebaͤude, dann die Menschen, die in geheimnißvoller Hast dazwischen wimmelten, und endlich wieder den gottblauen Himmel, der das seltsame Ganze wie ein kostbarer Rahmen umschloß, und dadurch gleichsam zu einem Gemaͤlde erhob. Es ist aber eigen, wenn man in dem Gemaͤlde, das man eben betrachtet hat, selbst steckt, und hie und da von den Figuren desselben angelaͤchelt wird, und gar von den weiblichen, wie's mir auf der Piazza delle Erbe so lieblich geschah. Das ist nemlich der Gemuͤsemarkt, und da gab es vollauf ergoͤtz¬ liche Gestalten, Frauen und Maͤdchen, schmach¬ tend großaͤugige Gesichter, suͤße woͤhnliche Leiber, reizend gelb, naiv schmutzig, geschaffen viel mehr fuͤr die Nacht als fuͤr den Tag. Der weiße oder schwarze Schleyer, den die Stadtfrauen auf dem Haupte tragen, war so listig um den Busen geschlagen, daß er die schoͤnen Formen mehr verrieth als verbarg. Die Maͤgde trugen Chignons, durchstochen mit einem oder mehreren goldnen Pfeilen, auch wohl mit einem eichel¬ koͤpfigen Silberstaͤbchen. Die Baͤurinnen hatten meist kleine, tellerartige Strohhuͤtchen mit koket¬ tirenden Blumen an die eine Seite des Kopfes gebunden. Die Tracht der Maͤnner war minder abweichend von der unsrigen, und nur die unge¬ heuern schwarzen Backenbaͤrte, die aus der Cra¬ vatte hervorbuschten, waren mir hier, wo ich diese Mode zuerst bemerkte, etwas auffallend. Betrachtete man aber genauer diese Men¬ schen, die Maͤnner wie die Frauen, so ent¬ deckte man, in ihren Gesichtern und in ihrem ganzen Wesen, die Spuren einer Civilisazion, die sich von der unsrigen in sofern unterscheidet, daß sie nicht aus der Mittelalter-Barbarey her¬ vorgegangen, sondern noch aus der Roͤmerzeit herruͤhrt, nie ganz vertilgt worden ist, und sich nur nach dem jedesmaligen Charakter der Landesherrscher modifizirt hat. Die Civilisazion hat bey diesen Menschen keine so auffallend neue Politur wie bey uns, wo die Eichenstaͤmme erst gestern gehobelt worden sind, und alles noch nach Firniß riecht. Es scheint uns, als habe dieses Menschengewuͤhl auf der Piazza delle Erbe im Laufe der Zeiten nur allmaͤhlig Roͤcke und Redens¬ arten gewechselt, und der Geist der Gesittung habe sich dort wenig veraͤndert. Die Gebaͤude aber, die diesen Platz umgeben, moͤgen nicht so leicht im Stande gewesen seyn mit der Zeit fort¬ zuschreiten; doch schauen sie darum nicht minder anmuthig, und ihr Anblick bewegt wunderbar unsre Seele. Da stehen hohe Pallaͤste im vene¬ zianisch-lombardischen Styl, mit unzaͤhligen Bal¬ konen und lachenden Freskobildern; in der Mitte erhebt sich eine einzelne Denksaͤule, ein Spring¬ brunnen und eine steinerne Heilige; hier schaut man den launig roth- und weißgestreiften Podesta, der hinter einem maͤchtigen Pfeilerthor emporragt; dort wieder erblickt man einen altviereckigen Kirchthum , woran oben der Zeiger und das Zifferblatt der Uhr zur Haͤlfte zerstoͤrt ist, so daß es aussieht, als wolle die Zeit sich selber ver¬ nichten — uͤber dem ganzen Platz liegt derselbe romantische Zauber, der uns so lieblich anweht aus den phantastischen Dichtungen des Ludovico Ariosto oder des Ludovico Tieck. Nahe bey diesem Platze steht ein Haus, das man, wegen eines Hutes, der uͤber dem inneren Thor in Stein gemeißelt ist, fuͤr den Pallast der Capulets haͤlt. Es ist jetzt eine schmutzige Kneipe fuͤr Fuhrleute und Kutscher, und als Herberge¬ schild haͤngt davor ein rother, durchloͤcherter Blechhut. Unfern, in einer Kirche, zeigt man auch die Capelle, worin der Sage nach, das ungluͤckliche Liebespaar getraut worden. Ein Dich¬ ter besucht gern solche Orte, wenn er auch selbst laͤchelt uͤber die Leichtglaͤubigkeit seines Herzens. Ich fand in dieser Capelle ein einsames Frauen¬ zimmer, ein kuͤmmerlich verblichenes Wesen, das, nach langem Knieen und Beten, seufzend auf¬ stand, aus kranken, stillen Augen mich befremdet ansah, und endlich, wie mit gebrochenen Gliedern, fortschwankte. Auch die Grabmaͤler der Scaliger sind unfern der Piazza delle Erbe. Sie sind so wundersam praͤchtig wie dieses stolze Geschlecht selbst, und es ist Schade, daß sie in einem engen Winkel stehen, wo sie sich gleichsam zusammendraͤngen muͤssen, um so wenig Raum als moͤglich einzu¬ nehmen, und wo auch dem Beschauer nicht viel Platz bleibt, um sie ordentlich zu betrachten. Es ist, als saͤhen wir hier die geschichtliche Erscheinung dieses Geschlechtes vergleichnißt; diese fuͤllt eben¬ falls nur einen kleinen Winkel in der allgemeinen italienischen Geschichte, aber dieser Winkel ist gedraͤngt voll von Thatenglanz, Gesinnungspracht und Uebermuthsherrlichkeit. Wie in der Geschichte, so sieht man sie auch auf ihren Monumenten, stolze, eiserne Ritter auf eisernen Rossen, vor allen herrlich Can Grande, der Oheim, und Mastino, der Neffe. Capitel XXIV . Ueber das Amphitheater von Verona haben viele gesprochen; man hat dort Platz genug zu Betrachtungen, und es giebt keine Betrachtun¬ gen, die sich nicht in den Kreis dieses beruͤhm¬ ten Bauwerks einfangen ließen. Es ist ganz in jenem ernsten, thatsaͤchlichen Styl gebaut, dessen Schoͤnheit in der vollendeten Soliditaͤt besteht und, wie alle oͤffentlichen Gebaͤude der Roͤmer, einen Geist ausspricht, der nichts anders ist als der Geist von Rom selbst. Und Rom? Wer ist so gesund unwissend, daß nicht heimlich bey diesem Namen sein Herz erbebte, und nicht wenigstens eine tradizionelle Furcht seine Denk¬ kraft aufruͤttelte? Was mich betrifft, so gestehe ich, daß mein Gefuͤhl mehr Angst als Freude enthielt, wenn ich daran dachte, bald umherzu¬ wandeln auf dem Boden der alten Roma. Die alte Roma ist ja jetzt todt, beschwichtigte ich die zagende Seele, und du hast die Freude, ihre schoͤne Leiche ganz ohne Gefahr zu betrachten. Aber dann stieg wieder das Falstaffsche Bedenken in mir auf: wenn sie aber doch nicht ganz todt waͤre, und sich nur verstellt haͤtte, und sie staͤnde ploͤtzlich wieder auf — es waͤre entsetzlich! Als ich das Amphitheater besuchte, wurde just Comoͤdie darin gespielt; eine kleine Holzbude war nemlich in der Mitte errichtet, darauf ward eine italienische Posse aufgefuͤhrt, und die Zuschauer saßen unter freyem Himmel, theils auf kleinen Stuͤhlchen, theils auf den hohen Steinbaͤnken des alten Amphitheaters. Da saß ich nun und sah Brighellas und Tartaglias Spiegelfechtereyen auf derselben Stelle, wo der Roͤmer einst saß und seinen Gladiatoren und Thierhetzen zusah. Der Himmel uͤber mir, die blaue Krystallschale, war noch derselbe wie damals. Es dunkelte all¬ maͤhlig, die Sterne schimmerten hervor, Truffal¬ dino lachte, Smeraldina jammerte, endlich kam Pantalone und legte ihre Haͤnde in einander. Das Volk klatschte Beyfall und zog jubelnd von dannen. Das ganze Spiel hatte keinen Tropfen Blut gekostet. Es war aber nur ein Spiel. Die Spiele der Roͤmer hingegen waren keine Spiele, diese Maͤnner konnten sich nimmermehr am bloßen Schein ergoͤtzen, es fehlte ihnen dazu die kindliche Seelenheiterkeit, und ernsthaft wie sie waren, zeigte sich auch in ihren Spielen der baarste, blutigste Ernst. Sie waren keine große Menschen, aber durch ihre Stellung waren sie groͤßer als andre Erdenkinder, denn sie standen auf Rom. So wie sie von den sieben Huͤgeln 10 herabstiegen, waren sie klein. Daher die Klein¬ lichkeit, die wir da entdecken, wo ihr Privatleben sich ausspricht; und Herkulanum und Pompeji, jene Palimpsesten der Natur, wo jetzt wieder der alte Steintext hervorgegraben wird, zeigen dem Reisenden das roͤmische Privatleben in klei¬ nen Haͤuschen mit winzigen Stuͤbchen, welche so auffallend kontrastiren gegen jene kolossalen Bau¬ werke, die das oͤffentliche Leben aussprachen, jene Theater, Wasserleitungen, Brunnen, Landstraßen, Bruͤcken, deren Ruinen noch jetzt unser Stau¬ nen erregen. Aber das ist es ja eben; wie der Grieche groß ist durch die Idee der Kunst, der Hebraͤer durch die Idee eines heiligsten Got¬ tes, so sind die Roͤmer groß durch die Idee ihrer ewigen Roma, groß uͤberall wo sie in der Be¬ geisterung dieser Idee gefochten, geschrieben und gebaut haben. Je groͤßer Rom wurde, je mehr erweiterte sich diese Idee, der Einzelne verlor sich darin, die Großen, die noch hervorragen, sind nur getragen von dieser Idee, und sie macht die Kleinheit der Kleinen noch bemerkbarer. Die Roͤmer sind deßhalb zugleich die groͤßten Helden und die groͤßten Satyriker gewesen, Helden wenn sie handelten, waͤhrend sie an Rom dachten, Satyriker wenn sie an Rom dachten, waͤhrend sie die Handlungen ihrer Genossen beurtheilten. Ge¬ messen mit solchem ungeheuren Maßstab, der Idee Rom, mußte selbst die groͤßte Persoͤnlichkeit zwerghaft erscheinen und somit der Spottsucht anheim fallen. Tacitus ist der grausamste Mei¬ ster in dieser Satyre, eben weil er die Groͤße Roms und die Kleinheit der Menschen am tief¬ sten fuͤhlte. Recht in seinem Elemente ist er jedesmal wenn er berichten kann, was die mali¬ zioͤsen Zungen auf dem Forum uͤber irgend eine imperiale Schandthat raisonnirten; recht ingrimmig gluͤcklich ist er, wenn er irgend eine senatorische Blamage, etwa eine verfehlte Schmeicheley, zu erzaͤhlen hat. 10 * Ich ging noch lange umher spatzieren auf den hoͤheren Baͤnken des Amphitheaters, zuruͤcksinnend in die Vergangenheit. Wie alle Gebaͤude im Abendlichte ihren inwohnenden Geist am anschau¬ lichsten offenbaren, so sprachen auch diese Mauern zu mir, in ihrem fragmentarischen Lapidarstyl, tiefernste Dinge; sie sprachen von den Maͤnnern des alten Roms, und mir war dabey, als saͤhe ich sie selber umher wandeln, weiße Schatten unter mir im dunkeln Cirkus. Mir war, als saͤhe ich die Grachen, mit ihren begeisterten Maͤrtyrer¬ augen. Tiberius Sempronius, rief ich hinab, ich werde mit dir stimmen fuͤr das Agrarische Gesetz! Auch Caͤsar sah ich, Arm in Arm wan¬ delte er mit Marcus Brutus — Seyd Ihr wieder versoͤhnt? rief ich. Wir glaubten Beide Recht zu haben — lachte Caͤsar zu mir herauf — ich wußte nicht, daß es noch einen Roͤmer gab, und hielt mich deßhalb fuͤr berechtigt, Rom in die Tasche zu stecken, und weil mein Sohn Marcus eben dieser Roͤmer war, so glaubte er sich berechtigt, mich deßhalb umzubringen. Hin¬ ter diesen Beiden schlich Tiberius Nero, mit Nebelbeinen und unbestimmten Mienen. Auch Weiber sah ich dort wandeln, darunter Agrippina, mit ihrem schoͤnen herrschsuͤchtigen Gesichte, das wundersam ruͤhrend anzusehen war, wie ein altes Marmorbild, in dessen Zuͤgen der Schmerz wie versteinert erscheint. Wen suchst du, Tochter des Germanicus? Schon hoͤrte ich sie klagen — da ploͤtzlich erscholl das dumpfsinnige Gelaͤute einer Betglocke und das fatale Getrommel des Zapfen¬ streichs. Die stolzen roͤmischen Geister verschwan¬ den, und ich war wieder ganz in der christlich oͤstreichischen Gegenwart. Capitel XXV . Auf dem Platze La Bra spatziert, sobald es dunkel wird, die schoͤne Welt von Verona, oder sitzt dort auf kleinen Stuͤhlchen vor den Caffeebuden, und schluͤrft Sorbet und Abendkuͤhle und Musik. Da laͤßt sich gut sitzen, das traͤumende Herz wiegt sich auf suͤßen Toͤnen und erklingt im Wiederhall. Manchmal, wie schlaftrunken, taumelt es auf wenn die Trompeten erschallen und es stimmt ein mit vollem Orchester. Dann ist der Geist wieder sonnig ermuntert, großblumige Gefuͤhle und Erinnerungen mit tiefen schwarzen Augen bluͤhen hervor, und druͤber hin ziehen die Gedanken, wie Wolkenzuͤge, stolz und langsam und ewig. Ich wandelte noch bis spaͤt nach Mitternacht durch die Straßen Veronas, die allmaͤhlich men¬ schenleer wurden und wunderbar wiederhallten. Im halben Mondlicht daͤmmerten die Gebaͤude und ihre Bildwerke, und bleich und schmerzhaft sah mich an manch' marmornes Gesicht. Ich eilte schnell den Grabmaͤlern der Scaliger vor¬ uͤber; denn mir schien, als wolle Can Grande, artig wie er immer gegen Dichter war, von seinem Rosse herabsteigen und mich als Weg¬ weiser begleiten. Bleib du nur sitzen, rief ich ihm zu, ich bedarf deiner nicht, mein Herz ist der beste Cicerone und erzaͤhlt mir uͤberall die Geschichten, die in den Haͤusern passirt sind, und bis auf Namen und Jahrzahl erzaͤhlt es sie treu genug. Als ich an den roͤmischen Triumphbogen kam, huschte eben ein schwarzer Moͤnch hindurch, und fernher erscholl ein deutsch brummendes Werda? Gut Freund! greinte ein vergnuͤgter Diskant. Welchem Weibe aber gehoͤrte die Stimme, die mir so suͤß unheimlich in die Seele drang, als ich uͤber die Scala Mazzati stieg? Es war Ge¬ sang wie aus der Brust einer sterbenden Nachti¬ gall, todtzaͤrtlich, und wie Huͤlferufend an den steinernen Haͤusern wiederhallend. Auf dieser Stelle hat Antonio della Scala seinen Bruder Bartholomeo umgebracht, als dieser eben zur Geliebten gehen wollte. Mein Herz sagte mir, sie saͤße noch immer in ihrer Kammer, und er¬ warte den Geliebten, und saͤnge nur, um ihre ahnende Angst zu uͤberstimmen. Aber bald schienen mir Lied und Stimme so wohlbekannt, ich hatte diese seidnen, schaurigen, verblutenden Toͤne schon fruͤher gehoͤrt, sie umstrickten mich wie weiche flehende Erinnerungen, und — O du dummes Herz, sprach ich zu mir selber, kennst du denn nicht mehr das Lied vom kranken Mohrenkoͤnig, das die todte Maria so oft gesungen? Und die Stimme selbst — kennst du denn nicht mehr die Stimme der todten Maria? Die langen Toͤne verfolgten mich durch alle Straßen, bis zum Gasthof Due Torre, bis ins Schlafgemach, bis in den Traum — Und da sah ich wieder mein suͤßes gestorbenes Leben schoͤn und regungslos liegen, die alte Wachfrau entfernte sich wieder mit raͤthselhaftem Seitenblick, die Nachtviole duftete, ich kuͤßte wieder die lieb¬ lichen Lippen, und die holde Leiche erhob sich langsam um mir den Gegenkuß zu bieten. Wuͤßte ich nur wer das Licht ausgeloͤscht hat. Capitel XXVI . “Kennst Du das Land, wo die Zitronen bluͤhen?„ Kennst du das Lied? Ganz Italien ist darin geschildert, aber mit den seufzenden Farben der Sehnsucht. In der italienischen Reise hat es Goethe etwas ausfuͤhrlicher besungen, und wo er malt, hat er das Original immer vor Augen und man kann sich auf die Treue der Umrisse und der Farbengebung ganz verlassen. Ich finde es daher bequem, hier ein fuͤr allemal auf Goe¬ thes italienische Reise hinzudeuten, um so mehr da er, bis Verona, dieselbe Tour, durch Tyrol, gemacht hat. Ich habe schon fruͤherhin uͤber jenes Buch gesprochen, ehe ich den Stoff den es behandelt, gekannt habe, und ich finde jetzt mein ahnendes Urtheil vollauf bestaͤtigt. Wir schauen nemlich darin uͤberall thatsaͤchliche Auffassung und die Ruhe der Natur. Goethe haͤlt ihr den Spiegel vor, oder, besser gesagt, er ist selbst der Spiegel der Natur. Die Natur wollte wissen, wie sie aussieht, und sie erschuf Goethe. Sogar die Gedanken, die Intenzionen der Natur ver¬ mag er uns wiederzuspiegeln, und es ist einem hitzigen Goethianer, zumahl in den Hundstagen, nicht zu verargen, wenn er uͤber die Identitaͤt der Spiegelbilder mit den Objekten selbst so sehr erstaunt, daß er dem Spiegel sogar Schoͤpfungs¬ kraft, die Kraft, aͤhnliche Objecte zu erschaffen, zutraut. Ein Herr Eckermann hat mahl ein Buch uͤber Goethe geschrieben, worin er ganz ernsthaft versichert: haͤtte der liebe Gott bey Erschaffung der Welt zu Goethe gesagt “lieber Goethe, ich bin jetzt Gottlob fertig, ich habe jetzt Alles erschaffen, bis auf die Voͤgel und die Baͤume, und du thaͤtest mir eine Liebe, wenn du statt meiner diese Bagatellen noch erschaffen woll¬ test„ — so wuͤrde Goethe, eben so gut wie der liebe Gott, diese Thiere und Gewaͤchse ganz im Geiste der uͤbrigen Schoͤpfung, nemlich die Voͤgel mit Federn, und die Baͤume gruͤn erschaffen haben. Es liegt Wahrheit in diesen Worten, und ich bin sogar der Meinung, daß Goethe manch¬ mal seine Sache noch besser gemacht haͤtte, als der liebe Gott selbst, und daß er z. B. den Herrn Eckermann viel richtiger, ebenfalls mit Federn und gruͤn erschaffen haͤtte. Es ist wirk¬ lich ein Schoͤpfungsfehler, daß auf dem Kopfe des Herrn Eckermann keine gruͤne Federn wach¬ sen, und Goethe hat diesem Mangel wenigstens dadurch abzuhelfen gesucht, daß er ihm einen Doktorhut aus Jena verschrieben und eigenhaͤn¬ dig aufgesetzt hat. Naͤchst Goethe's italienischer Reise, ist Frau von Morgan's „Italien“ und Frau von Staël's „Corinna“ zu empfehlen. Was diesen Frauen an Talent fehlt, um neben Goethe nicht unbe¬ deutend zu erscheinen, das ersetzen sie durch maͤnn¬ liche Gesinnungen, die jenem mangeln. Denn, Frau v. Morgan hat wie ein Mann gesprochen, sie sprach Scorpionen in die Herzen frecher Soͤldner, und muthig und suͤß waren die Triller dieser flatternden Nachtigall der Freiheit. Eben so, wie maͤnniglich bekannt ist, war Frau v. Staël eine liebenswuͤrdige Marketenderin im Heer der Liberalen, und lief muthig durch die Reihen der Kaͤmpfenden mit ihrem Enthusias¬ musfaͤßchen, und staͤrkte die Muͤden, und focht selber mit, besser als die Besten. Was uͤberhaupt italienische Reisebeschreibungen betrifft, so hat W. Muͤller vor geraumer Zeit im Hesperus eine Uebersicht derselben gegeben. Ihre Zahl ist Legion. Unter den aͤltern deutschen Schrift¬ stellern in diesem Fache sind, durch Geist oder Eigenthuͤmlichkeit, am ausgezeichnetsten: Moritz, Archenholz, Bartels, der brave Seume, Arndt, Meyer, Benkowitz und Rehfus. Die neueren kenne ich weniger, und nur wenige davon haben mir Vergnuͤgen und Belehrung gewaͤhrt. Un¬ ter diesen nenne ich des allzufruͤh verstorbenen W. Muͤller's “Rom, Roͤmer und Roͤmerinnen“ — ach, er war ein deutscher Dichter! — dann die Reise von Kephalides, die ein bischen trocken ist, ferner Leßmanns “cisalpinische Blaͤtter„ die etwas zu fluͤssig sind, und endlich die “Reisen in Italien seit 1822, von Friedrich Thiersch, Lud. Schorn, Eduard Gerhardt und Leo v. Klenze„ von diesem Werke ist erst ein Theil erschienen, und er enthaͤlt meistens Mittheilungen von mei¬ nem lieben, edlen Thiersch, dessen humanes Auge aus jeder Zeile hervorblickt. Capitel XXVII . Kennst Du das Land, wo die Zitronen bluͤhn? Im dunkeln Laub die Goldorangen gluͤhn, Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht, Kennst Du es wohl? Dahin! dahin Moͤcht' ich mit Dir, o mein Geliebter, ziehn. — Aber reise nur nicht im Anfang August, wo man des Tags von der Sonne gebraten, und des Nachts von den Floͤhen verzehrt wird. Auch rathe ich dir, mein lieber Leser, von Ve¬ rona nach Mayland nicht mit dem Postwagen zu fahren. Ich fuhr, in Gesellschaft von sechs Banditen, in einer schwerfaͤlligen Carrozza, die, wegen des allzugewaltigen Staubes, von allen Seiten so sorgfaͤltig verschlossen wurde, daß ich von der Schoͤnheit der Gegend wenig bemerken konnte. Nur zweymal, ehe wir Brescia erreichten, luͤf¬ tete mein Nachbar das Seitenleder, um hinaus zu spucken. Das eine mal sah ich nichts als einige schwitzende Tannen, die in ihren gruͤnen Winterroͤcken von der schwuͤlen Sonnenhitze sehr zu leiden schienen; das andere mal sah ich ein Stuͤck von einem wunderklaren blauen See, worin die Sonne und ein magerer Grenadier sich spiegelten. Letzterer, ein oͤstreichischer Nar¬ ziß, bewunderte mit kindischer Freude, wie sein Spiegelbild ihm alles getreu nachmachte, wenn er das Gewehr praͤsentirte oder schulterte, oder zum Schießen auslegte. Von Brescia selbst weiß ich ebenfalls wenig zu erzaͤhlen, indem ich die Zeit meines dortigen Aufenthalts dazu benutzte, ein gutes Pranzo einzunehmen. Man kann es einem armen Rei¬ senden nicht verdenken, wenn er den Hunger des Leibes fruͤher stillt als den des Geistes. Doch war ich gewissenhaft genug, ehe ich wieder in den Wagen stieg, einige Notizen uͤber Brescia vom Cameriere zu erfragen; und da erfuhr ich unter anderen: die Stadt habe 40,000 Ein¬ wohner, ein Rathhaus, 21 Kaffeehaͤuser, 20 katho¬ lische Kirchen, ein Tollhaus, eine Synagoge, eine Menagerie, ein Zuchthaus, ein Krankenhaus, ein eben so gutes Theater, und einen Galgen fuͤr Diebe, die unter 100,000 Thaler stehlen. Um Mitternacht arrivirte ich in Mayland, und kehrte ein bey Herrn Reichman, einem 11 Deutschen, der sein H ô tel ganz nach deutscher Weise eingerichtet. Es sey das beste Wirths¬ haus in ganz Italien, sagten mir einige Bekannte, die ich dort wiederfand, und die uͤber italienische Gastwirthe und Floͤhe sehr schlecht zu sprechen waren. Da hoͤrte ich nichts als aͤrgerliche Histoͤr¬ chen von italienischen Prellereyen, und besonders Sir William fluchte und versicherte: wenn Eu¬ ropa der Kopf der Welt sey, so sey Italien das Diebesorgan dieses Kopfes. Der arme Baronet hat in der Locanda Croce bianca zu Padua nicht weniger als zwoͤlf Francs fuͤr ein mageres Fruͤhstuͤck bezahlen muͤssen, und zu Vicenza hat ihm jemand ein Trinkgeld abgefordert, als er ihm einen Handschuh aufhob, den er beim Ein¬ steigen in den Wagen fallen lassen. Sein Vetter Tom sagte: alle Italiener seyen Spitzbuben bis auf den einzigen Umstand, daß sie nicht stehlen. Haͤtte er liebenswuͤrdiger ausgesehen, so wuͤrde er auch die Bemerkung gemacht haben, daß alle Italienerinnen Spitzbuͤbinnen sind. Der Dritte im Bunde war ein Mister Liver, den ich in Brighton als ein junges Kalb verlassen hatte, und jetzt in Mayland als einen boeuf à la mode wiederfand. Er war ganz als Dandy gekleidet, und ich habe nie einen Menschen gesehen, der es besser verstanden haͤtte, mit seiner Figur lauter Ecken hervorzubringen. Wenn er die Daumen in die Aermelausschnitte der Weste einkrempte, machte er auch mit der Handwurzel und mit jedem Finger einige Ecken; ja sein Maul war sogar viereckig aufgesperrt. Dazu kommt ein eckiger Kopf, hinten schmal, oben spitz, mit kurzer Stirn und sehr langem Kinn. Unter den englischen Bekannten, die ich in Mayland wiedersah, war auch Liver's dicke Tante; gleich einer Fettlawine war sie von den Alpen herab¬ gekommen, in Gesellschaft zweyer schneeweißen, schneekalten Schneegaͤnschen, Miß Polly und Miß Molly. 11 * Beschuldige mich nicht der Anglomanie, lieber Leser, wenn ich in diesem Buche sehr haͤufig von Englaͤndern spreche; sie sind jetzt in Italien zu zahlreich, um sie uͤbersehen zu koͤnnen, sie durch¬ ziehen dieses Land in ganzen Schwaͤrmen, lagern in allen Wirthshaͤusern, laufen uͤberall umher, um Alles zu sehen, und man kann sich keinen italienischen Zitronenbaum mehr denken, ohne eine Englaͤnderin, die daran riecht, und keine Galerie ohne ein Schock Englaͤnder, die, mit ihrem Guide in der Hand, darin umherrennen, und nachsehen, ob noch alles vorhanden, was in dem Buche als merkwuͤrdig erwaͤhnt ist. Wenn man jenes blonde, rothbaͤckige Volk mit seinen blanken Kutschen, bunten Lakayen, wiehernden Rennpferden, gruͤnverschleierten Kammerjungfern und sonstig kostbaren Geschirren, neugierig und geputzt, uͤber die Alpen ziehen und Italien durch¬ wandern sieht, glaubt man eine elegante Voͤlker¬ wanderung zu sehen. Und in der That, der Sohn Albions, obgleich er weiße Waͤsche traͤgt und alles baar bezahlt, ist doch ein civilisirter Barbar, in Vergleichung mit dem Italiener, der vielmehr eine in Barbarey uͤbergehende Civi¬ lisazion bekundet. Jener zeigt in seinen Sitten eine zuruͤckgehaltene Rohheit, dieser eine ausge¬ lassene Feinheit. Und gar die blassen italienischen Gesichter, in den Augen das leidende Weiß, die Lippen krankhaft zaͤrtlich, wie heimlich vornehm sind sie gegen die steif brittischen Gesichter, mit ihrer poͤbelhaft rothen Gesundheit! Das ganze italienische Volk ist innerlich krank, und kranke Menschen sind immer wahrhaft vor¬ nehmer als Gesunde; denn nur der kranke Mensch ist ein Mensch, seine Glieder haben eine Leidens¬ geschichte, sie sind durchgeistet. Ich glaube so¬ gar, durch Leidenskaͤmpfe koͤnnten die Thiere zu Menschen werden; ich habe mal einen sterben¬ den Hund gesehen, der in seinen Todesqualen mich fast menschlich ansah. Der leidende Gesichtsausdruck wird bei den Italienern am sichtbarsten, wenn man mit ihnen vom Ungluͤck ihres Vaterlandes spricht, und dazu giebts in Mayland genug Gelegenheit. Das ist die schmerzlichste Wunde in der Brust der Italiener, und sie zucken zusammen, sobald man diese nur leise beruͤhrt. Sie haben alsdann eine Bewegung der Achsel, die uns mit sonderbarem Mitleid erfuͤllt. Einer meiner Britten hielt die Italiener fuͤr politisch indifferent, weil sie gleichguͤltig zuzu¬ hoͤren schienen, wenn wir Fremde uͤber die katho¬ lische Emanzipazion und den Tuͤrkenkrieg politi¬ sirten; und er war ungerecht genug, gegen einen blassen Italiener mit pechschwarzem Barte sich daruͤber spoͤttisch zu aͤußern. Wir hatten den Abend vorher eine neue Oper in der Scala auf¬ fuͤhren sehen, und den Mordspecktakel gehoͤrt, der, wie gebraͤuchlich, bey solchen Anlaͤssen statt findet. Ihr Italiener, sagte der Britte zu dem Blassen, scheint fuͤr alles abgestorben zu seyn, außer fuͤr Musik, und nur noch diese vermag Euch zu begeistern. Sie thun uns Unrecht, sagte der Blasse und bewegte die Achsel. Ach! seufzte er hinzu, Italien sitzt elegisch traͤumend auf seinen Ruinen, und wenn es dann manchmal bey der Melodie irgend eines Liedes ploͤtzlich er¬ wacht und stuͤrmisch emporspringt, so gilt diese Begeisterung nicht dem Liede selbst, sondern viel¬ mehr den alten Erinnerungen und Gefuͤhlen, die das Lied ebenfalls geweckt hat, die Italien immer im Herzen trug, und die jetzt gewaltig hervorbrausen, — und das ist die Bedeutung des tollen Laͤrms, den Sie in der Scala gehoͤrt haben. Vielleicht gewaͤhrt dieses Bekenntniß auch einigen Aufschluß uͤber den Enthusiasmus, den jenseits der Alpen Rossinis oder Mayerbeers Opern uͤberall hervorbringen. Habe ich jemals menschliche Raserey gesehen, so war es bey einer Auffuͤhrung des Crociato in Egitto , wenn die Musik manchmal aus dem weichen, wehmuͤthigen Ton ploͤtzlich in jauchzenden Schmerz uͤbersprang. Jene Raserey heißt in Italien: furore . Capitel XXVIII . Obgleich ich, lieber Leser, jetzt schon Gelegen¬ heit haͤtte, bey Erwaͤhnung der Brera und Ambrosiana Dir meine Kunsturtheile aufzutischen, so will ich doch diesen Kelch an Dir voruͤber gehen lassen, und mich mit der Bemerkung be¬ gnuͤgen, daß ich das spitze Kinn, das den Bil¬ dern der lombardischen Schule einen Anstrich von Sentimentalitaͤt giebt, auch auf den Straßen von Mayland bey mancher schoͤnen Lombardin gesehen habe. Es war mir immer außerordentlich belehrend, wenn ich mit den Werken einer Schule auch die Originale vergleichen konnte', die ihr als Modelle gedient haben; der Character der Schule kam mir dann klarer zur Anschauung. So ist mir auf dem Jahrmarkt zu Rotterdam der Jan Steen in seiner goͤttlichsten Heiterkeit ploͤtzlich verstaͤndlich geworden; so habe ich spaͤ¬ terhin am Long-Arno die Formenwahrheit und den tuͤchtigen Geist der Florentiner, und auf dem San Marco die Farbenwahrheit und die traͤumerische Oberflaͤchlichkeit der Venezianer be¬ greifen lernen. Geh' nach Rom, liebe Seele, und vielleicht schwingst Du Dich dort hinauf zur Anschauung der Idealitaͤt und zum Verstaͤndniß des Raphael. Indessen eine Merkwuͤrdigkeit Maylands, die in jeder Hinsicht die groͤßte ist, kann ich nicht unerwaͤhnt lassen — Das ist der Dom. In der Ferne scheint es, als sey er aus weißem Postpapier geschnitzelt, und in der Naͤhe erschrickt man, daß dieses Schnitzwerk aus un¬ widerlegbarem Marmor besteht. Die unzaͤhligen Heiligenbilder, die das ganze Gebaͤude bedecken, die uͤberall unter den gothischen Krondaͤchlein her¬ vorgucken, und oben auf allen Spitzen gepflanzt stehen, dieses steinerne Volk verwirrt einem fast die Sinne. Betrachtet man das ganze Werk etwas laͤnger, so findet man es doch recht huͤbsch, kolossal niedlich, ein Spielzeug fuͤr Riesenkinder. Im mitternaͤchtlichen Mondschein gewaͤhrt es noch den besten Anblick, dann kommen all die weißen Steinmenschen aus ihrer wimmelnden Hoͤhe herabgestiegen, und gehen mit einem uͤber die Piazza, und fluͤstern einem alte Geschichten in's Ohr, putzig heilige, ganz geheime Geschichten von Galeazzo Visconti, der den Dombau be¬ gonnen, und von Napoleon Buonaparte, der ihn spaͤterhin fortgesetzt. Siehst du — sagte mir ein gar seltsamer Heiliger, der in der neuesten Zeit aus dem neue¬ sten Marmor verfertigt war, — siehst du, meine aͤlteren Kamaraden koͤnnen nicht begreifen, warum der Kaiser Napoleon den Dombau so eifrig betrieben hat. Aber ich weiß es sehr gut, er hat eingesehen, daß dieses große Steinhaus auf jeden Fall ein sehr nuͤtzliches Gebaͤude seyn wuͤrde, und auch dann noch brauchbar, wenn einst das Christenthum voruͤber ist. Wenn einst das Christenthum voruͤber ist — Ich war schier erschrocken, als ich hoͤrte, daß es Heilige in Italien giebt, die eine solche Sprache fuͤhren, und dazu auf einem Platze, wo oͤstreichische Schildwachen, mit Baͤrenmuͤtzen und Tornistern, auf und abgehen. Indessen der steinerne Kauz hat gewissermaßen Recht, das In¬ nere des Domes ist huͤbsch kuͤhl im Sommer, und heiter und angenehm, und wuͤrde auch bey veraͤnderter Bestimmung seinen Werth behalten. Die Vollendung des Domes war einer von Napoleons Lieblingsgedanken, und er war nicht weit vom Ziele entfernt, als seine Herrschaft gebrochen wurde. Die Oestreicher vollenden jetzt das Werk. Auch an dem beruͤhmten Triumph¬ bogen, der die Simplonstraße beschließen sollte, wird weiter gebaut. Freylich, Napoleons Stand¬ bild wird nicht, wie fruͤher bestimmt war, auf die Spitze jenes Bogens gestellt werden. Immer¬ hin, der große Kaiser hat ein Standbild hinter¬ lassen, das viel besser ist und dauerhafter als Marmor, und das kein Oestreicher unseren Blicken entziehen kann. Wenn wir Anderen laͤngst von der Sense der Zeit niedergemaͤht und wie Spreu des Feldes verweht seyn werden, wird jenes Standbild noch unversehrt dastehen; neue Ge¬ schlechter werden aus der Erde hervorwachsen, werden schwindelnd an jenes Bild hinaufsehen, und sich wieder in die Erde legen; — und die Zeit, unfaͤhig solch Bild zu zerstoͤren, wird es in sagenhafte Nebel zu huͤllen suchen, und seine ungeheure Geschichte wird endlich ein Mythos. Vielleicht, nach Jahrtausenden, wird ein spitzfindiger Schulmeister, in einer grundgelehrten Dissertazion, unumstoͤßlich beweisen: daß der Na¬ poleon Bonaparte ganz identisch sey mit jenem andern Titane, der den Goͤttern das Licht raubte und fuͤr dieses Vergehen auf einem einsamen Felsen, mitten im Meere, angeschmiedet wurde, preißgegeben einem Geyer, der taͤglich sein Herz zerfleischte. Capitel XXIX . Ich bitte Dich, lieber Leser, halte mich nicht fuͤr einen unbedingten Bonapartisten; meine Huldigung gilt nicht den Handlungen, sondern nur dem Genius des Mannes. Unbedingt liebe ich ihn nur bis zum achtzehnten Brumaire — da verrieth er die Freyheit. Und er that es nicht aus Nothwendigkeit, sondern aus geheimer Vorliebe fuͤr Aristokratismus. Napoleon Bonaparte war ein Aristokrat, ein adeliger Feind der buͤrger¬ lichen Gleichheit, und es war ein kolossales Mi߬ verstaͤndniß, daß die europaͤische Aristokratie, repraͤ¬ sentirt von England, ihn so todtfeindlich be¬ kriegte; denn wenn er auch in dem Personal dieser Aristokratie einige Veraͤnderungen vorzu¬ nehmen beabsichtigte, so haͤtte er doch den groͤ߬ ten Theil derselben und ihr eigentliches Princip erhalten, er wuͤrde diese Aristokratie regenerirt haben, statt daß sie jetzt darnieder liegt durch Alterschwaͤche, Blutverlust und Ermuͤdung von ihrem letzten, gewiß allerletzten Sieg. Lieber Leser! wir wollen uns hier ein fuͤr allemal verstaͤndigen. Ich preise nie die That, sondern nur den menschlichen Geist, die That ist nur dessen Gewand, und die Geschichte ist nichts anders als die alte Garderobe des menschlichen Geistes. Doch die Liebe liebt zuweilen alte Roͤcke, und so liebe ich den Mantel von Marengo. „Wir sind auf dem Schlachtfelde von Ma¬ rengo.“ Wie lachte mein Herz, als der Postillon diese Worte sprach! Ich war in Gesellschaft eines sehr artigen Lieflaͤnders, der vielmehr den Russen spielte, des Abends von Mayland abge¬ reist, und sah des folgenden Morgens die Sonne aufgehn uͤber das beruͤhmte Schlachtfeld. Hier that der General Buonaparte einen so starken Zug aus dem Kelch des Ruhmes, daß er im Rausche Consul, Kaiser, Welteroberer wurde, und sich erst zu St. Helena ernuͤchtern konnte. Es ist uns selbst nicht viel besser ergangen; wir waren mitberauscht, wir haben alles mitgetraͤumt, sind ebenfalls erwacht, und im Jammer der Nuͤchternheit machen wir allerley verstaͤndige Re¬ flexionen. Es will uns da manchmal beduͤnken, als sey der Kriegsruhm ein veraltetes Vergnuͤ¬ gen, die Kriege bekaͤmen eine edlere Bedeutung und Napoleon sey vielleicht der letzte Eroberer. Es hat wirklich den Anschein, als ob jetzt mehr geistige Interessen verfochten wuͤrden als 12 materielle, und als ob die Welthistorie nicht mehr eine Raͤubergeschichte, sondern eine Geistergeschichte seyn solle. Der Haupthebel, den ehrgeizige und habsuͤchtige Fuͤrsten zu ihren Privatzwecken sonst so wirksam in Bewegung zu setzen wußten, nem¬ lich die Nazionalitaͤt mit ihrer Eitelkeit und ihrem Haß, ist jetzt morsch und abgenutzt; taͤg¬ lich verschwinden mehr und mehr die thoͤrigten Nazionalvorurtheile, alle schroffen Besonderheiten gehen unter in der Allgemeinheit der europaͤischen Civilisation, es giebt jetzt in Europa keine Na¬ zionen mehr, sondern nur Partheyen, und es ist ein wundersamer Anblick, wie diese, trotz der mannigfaltigsten Farben sich sehr gut erkennen, und trotz der vielen Sprachverschiedenheiten sich sehr gut verstehen. Wie es eine materielle Staatenpolitik giebt, so giebt es jetzt auch eine geistige Partheypolitik; und wie die Staaten¬ politik auch den kleinsten Krieg, der zwischen den zwey unbedeutendsten Maͤchten ausbraͤche, gleich zu einem allgemeinen europaͤischen Krieg machen wuͤrde, worin sich alle Staaten, mit mehr oder minderem Eifer, auf jeden Fall mit Interesse, mischen muͤßten: so kann jetzt in der Welt auch nicht der geringste Kampf vorfallen, bey dem, durch jene Partheypolitik, die allgemein geistigen Bedeutungen nicht sogleich erkannt, und die entferntesten und heterogensten Partheyen nicht gezwungen wuͤrden, pro oder contra Antheil zu nehmen. Vermoͤge dieser Partheypolitik, die ich, weil ihre Interessen geistiger und ihre Ultimae Rationes nicht von Metall sind, eine Geister¬ politik nenne, bilden sich jetzt, eben so, wie vermittelst der Staatenpolitik, zwey große Massen, die feindselig einander gegenuͤber stehen und mit Reden und Blicken kaͤmpfen. Die Lo¬ sungsworte und Repraͤsentanten dieser zwey großen Partheymassen wechseln taͤglich, es fehlt nicht an Verwirrung, oft entstehen die groͤßten Mißverstaͤndnisse, diese werden durch die Diplo¬ 12 * maten dieser Geisterpolitik, die Schriftsteller, eher vermehrt als vermindert; doch, wenn auch die Koͤpfe irren, so fuͤhlen die Gemuͤther nichts desto weniger was sie wollen, und die Zeit draͤngt mit ihrer großen Aufgabe. Was ist aber diese große Aufgabe unserer Zeit? Es ist die Emanzipazion. Nicht bloß die der Irlaͤnder, Griechen, Frankfurter Juden, Westindischen Schwarzen und dergleichen gedruͤck¬ ten Volkes, sondern es ist die Emanzipazion der ganzen Welt, absonderlich Europas, das muͤndig geworden ist, und sich jetzt losreißt von dem eisernen Gaͤngelbaͤnde der Bevorrechteten, der Ari¬ stokratie. Moͤgen immerhin einige philosophische Renegaten der Freyheit die feinsten Kettenschluͤsse schmieden, um uns zu beweisen, daß Millionen Menschen geschaffen sind als Lastthiere einiger tausend privilegirter Ritter; sie werden uns den¬ noch nicht davon uͤberzeugen koͤnnen, so lange sie uns, wie Voltaire sagt, nicht nachweisen, daß jene mit Saͤtteln auf dem Ruͤcken und diese mit Sporen an den Fuͤßen zur Welt gekommen sind. Jede Zeit hat ihre Aufgabe und durch die Loͤsung derselben ruͤckt die Menschheit weiter. Die fruͤhere Ungleichheit, durch das Feudalsystem in Europa gestiftet, war vielleicht nothwendig, oder nothwendige Bedingung zu den Fortschritten der Civilisation; jetzt aber hemmt sie diese, em¬ poͤrt sie die civilisirten Herzen. Die Franzosen, das Volk der Gesellschaft, hat diese Ungleichheit, die mit dem Prinzip der Gesellschaft am unleidlichsten collidirt, nothwendigerweise am tiefsten erbittert, sie haben die Gleichheit zu erzwingen gesucht, in¬ dem sie die Haͤupter derjenigen, die durchaus hervorragen wollten, gelinde abschnitten, und die Revoluzion ward ein Signal fuͤr den Befrey¬ ungskrieg der Menschheit. Laßt uns die Franzosen preisen! sie sorgten fuͤr die zwey groͤßten Beduͤrfnisse der menschlichen Gesellschaft, fuͤr gutes Essen und buͤrgerliche Gleichheit, in der Kochkunst und in der Freyheit haben sie die groͤßten Fortschritte gemacht, und wenn wir einst alle, als gleiche Gaͤste, das große Versoͤhnungsmahl halten, und guter Dinge sind, — denn was gaͤbe es Besseres als eine Gesell¬ schaft von Pairs an einem gutbesetzten Tische? — dann wollen wir den Franzosen den ersten Toast darbringen. Es wird freylich noch einige Zeit dauern, bis dieses Fest gefeyert werden kann, bis die Emanzipazion durchgesetzt seyn wird; aber sie wird doch endlich kommen, diese Zeit, wir werden, versoͤhnt und allgleich, um denselben Tisch sitzen; wir sind dann vereinigt, und kaͤmpfen vereinigt gegen andere Weltuͤbel, vielleicht am Ende gar gegen den Tod — dessen ernstes Gleichheits¬ system uns wenigstens nicht so sehr beleidigt, wie die lachende Ungleichheitslehre des Aristokratismus. Laͤchle nicht, spaͤter Leser. Jede Zeit glaubt, ihr Kampf sey vor allen der wichtigste, dieses ist der eigentliche Glaube der Zeit, in diesem lebt sie und stirbt sie, und auch wir wollen leben und sterben in dieser Freyheitsreligion, die vielleicht mehr den Namen Religion verdient, als das hohle ausgestorbene Seelengespenst, das wir noch so zu benennen pflegen — unser heiliger Kampf duͤnkt uns der wichtigste, wofuͤr jemals auf dieser Erde gekaͤmpft worden, obgleich historische Ahnung uns sagt, daß einst unsre Enkel auf diesen Kampf herabsehen werden, vielleicht mit demselben Gleich¬ guͤltigkeitsgefuͤhl, womit wir herabsehen auf den Kampf der ersten Menschen, die gegen eben so gierige Ungethuͤme, Lindwuͤrmer und Raub¬ riesen, zu kaͤmpfen hatten. Capitel XXX . Auf dem Schlachtfelde von Marengo kommen einem die Betrachtungen so schaarenweis ange¬ flogen, daß man glauben sollte, es waͤren die¬ selben, die dort so mancher ploͤtzlich aufgeben mußte, und die nun, wie herrenlose Hunde, um¬ herirren. Ich liebe Schlachtfelder, denn so furcht¬ bar auch der Krieg ist, so bekundet er doch die geistige Groͤße des Menschen, der seinem maͤchtig¬ sten Erbfeinde, dem Tode, zu trotzen vermag. Und gar dieses Schlachtfeld wo die Freyheit auf Blutrosen tanzte, den uͤppigen Brauttanz! Frank¬ reich war damals Braͤutigam, hatte die ganze Welt zur Hochzeit geladen, und, wie es im Liede heißt, Heida! am Polterabend, Zerschlug man statt der Toͤpfe Aristokratenkoͤpfe. Aber ach! jeder Zoll, den die Menschheit weiter ruͤckt, kostet Stroͤme Blutes; und ist das nicht etwas zu theuer? Ist das Leben des Individuums nicht vielleicht eben so viel werth wie das des ganzen Geschlechtes? Denn jeder einzelne Mensch ist schon eine Welt, die mit ihm geboren wird und mit ihm stirbt, unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte — Still davon, so wuͤrden die Todten sprechen, die hier gefallen sind, wir aber leben und wollen weiter kaͤmpfen im heiligen Befreyungskriege der Menschheit. Wer denkt jetzt noch an Marengo! — sagte mein Reisegefaͤhrte, der Lieflaͤndische Russe, als wir uͤber das Brachfeld fuhren — jetzt sind alle Augen gerichtet nach dem Balkan, wo mein Landsmann Diebitsch den Tuͤrken die Turbane zurechtsetzt, und wir werden noch dieses Jahr Constantinopel einnehmen. Sind Sie gut russisch? Das war eine Frage, die ich uͤberall lieber beantwortet haͤtte als auf dem Schlachtfelde von Marengo — Ich sah im Morgennebel den Mann mit dem dreieckigen Huͤtchen und dem grauen Schlachtmantel, er jagte dahin wie ein Gedanke, geisterschnell, in der Ferne erscholl es wie ein schaurig suͤßes allons enfans de la patrie — Und dennoch antwortete ich: ja, ich bin gut russisch. Und in der That, bey dem wunderlichen Wechsel der Losungsworte und Repraͤsentanten in dem großen Kampfe, hat es sich jetzt so gefuͤgt, daß der gluͤhendste Freund der Revoluzion nur im Siege Rußlands das Heil der Welt sieht, und den Kaiser Nikolas als den Gonfaloniere der Freyheit betrachten muß. Seltsamer Wechsel! noch vor zwey Jahren bekleideten wir mit diesem Amte einen englischen Minister, das Geheul des hochtoryschen Hasses gegen George Canning lei¬ tete damals unsre Wahl, in den adlig unedlen Kraͤnkungen, die er erlitt, sahen wir die Ga¬ rantieen seiner Treue, und als er des Maͤrtyrer¬ todes starb, da legten wir Trauer an, und der achte August wurde ein heiliger Tag im Kalender der Freyheit. Die Fahne aber nahmen wir wie¬ der fort von Downingstreet, und pflanzten sie auf die Petersburg, und waͤhlten zu ihrem Traͤ¬ ger den Kaiser Nikolas, den Ritter von Europa, der die griechischen Wittwen und Waisen schuͤtzte gegen asiatische Barbaren, und in solchem guten Kampfe seine Sporen verdiente. Wieder hatten sich die Feinde der Freyheit zu sehr verrathen‚ und wir benutzten wieder den Scharfsinn ihres Hasses, um unser eignes Beste zu erkennen. Wieder zeigte sich diesmal die gewoͤhnliche Er¬ scheinung, daß wir unsre Repraͤsentanten vielmehr der Stimmenmehrheit unserer Feinde als der eignen Wahl verdanken, und indem wir die wunderlich zusammengesetzte Gemeinde betrachte¬ ten, die fuͤr das Heil der Tuͤrkey und den Un¬ tergang Rußlands ihre frommen Wuͤnsche gen Himmel sandte, so merkten wir bald, wer unser Freund oder vielmehr das Schrecken unserer Feinde ist. Wie mußte der liebe Gott im Him¬ mel lachen, als er zu gleicher Zeit Wellington, den Großmufti, den Pabst, Rothschild I ., Metternich, und einen ganzen Troß von Rit¬ terlingen, Stockjobbern, Pfaffen und Tuͤrken, fuͤr dieselbe Sache, fuͤr das Heil des Halb¬ monds, beten hoͤrte! Was die Alarmisten bisher uͤber die Gefahr gefabelt, der wir durch die Uebergroͤße Rußlands ausgesetzt sind, ist thoͤricht. Wenigstens wir Deutsche haben nichts zu riskiren, etwas mehr oder weniger Knechtlichkeit, darauf darf es uns nicht ankommen, wo das Hoͤchste, die Befreyung von den Resten des Feudalismus und Clerikalis¬ mus, zu gewinnen ist. Man droht uns mit der Herrschaft der Knute, aber ich will gern etwas Knute aushalten, wenn ich sicher weiß, daß unsre Feinde sie mitbekommen. Ich wette aber, sie werden, wie sie immer gethan, der neuen Macht entgegen wedeln, und grazioͤse laͤcheln, und zu den schandbarsten Diensten sich darbieten, und sich dafuͤr, da doch einmal geknutet werden muß, das Privilegium einer Ehrenknute ausbedingen, so wie der Adlige in Siam, der, wenn er be¬ straft werden soll, in einen seidenen Sack gesteckt und mit parfuͤmirten Stoͤcken gepruͤgelt wird, statt daß der straffaͤllige Buͤrgerliche nur einen leinenen Sack und keine so wohlriechende Pruͤgel bekoͤmmt. Nun, dieses Privilegium, da es das einzige ist, wollen wir ihnen goͤnnen, wenn sie nur Pruͤgel bekommen, besonders die englische Nobility. Mag man noch so eifrig erinnern, daß es eben diese Nobility sey, die dem Despotismus die Magna Charta abgezwungen, und daß Eng¬ land, bey aller Aufrechthaltung der buͤrgerlichen Standesungleichheit doch die persoͤnliche Freyheit gesichert, daß England der Zufluchtsort fuͤr freye Geister war, wenn der Despotismus den ganzen Continent unterdruͤckte; — das sind tempi passati ! England mit seinen Aristokraten gehe jetzt immerhin zu Grunde, freye Geister haben jetzt im Nothfall einen noch bessern Zufluchtsort, wuͤrde auch ganz Europa ein einziger Kerker, so gaͤbe es jetzt noch immer ein anderes Loch zum Entschluͤpfen, das ist Amerika, und Gott¬ lob! das Loch ist noch groͤßer als der Kerker selbst. Aber das sind alles laͤcherliche Grillen, ver¬ gleicht man in freyheitlicher Hinsicht England mit Rußland, so bleibt auch dem Besorglichsten kein Zweifel uͤbrig, welche Parthey zu erfassen sey. Die Freyheit ist in England aus historischen Begebenheiten, in Rußland aus Prinzipien her¬ vorgegangen. Wie jene Begebenheiten selbst, so tragen auch ihre geistigen Resultate das Ge¬ praͤge des Mittelalters, ganz England ist erstarrt in unverjuͤngbaren, mittelalterlichen Instituzionen, wohinter sich die Aristokratie verschanzt und den Todeskampf erwartet. Jene Prinzipien aber, woraus die russische Freyheit entstanden ist, oder vielmehr taͤglich sich weiter entfaltet, sind die liberalen Ideen unserer neuesten Zeit; die russische Regierung ist durchdrungen von diesen Ideen, ihr unumschraͤnkter Absolutismus ist vielmehr Diktatur, um jene Ideen unmittelbar ins Leben treten zu lassen; diese Regierung hat nicht ihre Wurzel im Feudalismus und Clerikalismus, sie ist der Adel- und Kirchengewalt direkt entgegen¬ strebend; schon Catharina hat die Kirche einge¬ schraͤnkt und der russische Adel entsteht durch Staats¬ dienste; Rußland ist ein demokratischer Staat, ich moͤchte es sogar einen christlichen Staat nennen, wenn ich dieses oft mißbrauchte Wort in seinem suͤßesten, weltbuͤrgerlichsten Sinne anwen¬ den wollte: denn die Russen werden schon durch den Umfang ihres Reichs von der Engherzigkeit eines heidnischen Nazionalsinnes befreyt, sie sind Cosmopoliten, oder wenigstens Sechstel-Cosmopo¬ liten, da Rußland fast den sechsten Theil der bewohnten Welt ausmacht — Und wahrlich, wenn irgend ein Deutschrusse, wie mein Lieflaͤndischer Reisegefaͤhrte, pralerisch patriotisch thut, und von unserem Rußland und unserem Diebitsch spricht, so ist mir als hoͤrte ich einen Haͤring, der das Weltmeer fuͤr sein Vaterland und den Wallfisch fuͤr seinen Lands¬ mann ausgiebt. Capitel XXXI . Ich bin gut russisch — sagte ich auf dem Schlachtfelde von Marengo, und stieg fuͤr einige Minuten aus dem Wagen, um meine Morgen¬ andacht zu halten. Wie unter einem Triumphbogen von kolossalen Wolkenmassen zog die Sonne herauf, siegreich, heiter, sicher, einen schoͤnen Tag verheißend. Mir aber war zu Muthe wie dem armen Monde, der verbleichend noch am Himmel stand. Er hatte seine einsame Laufbahn durchwandelt, in oͤder Nachtzeit, wo das Gluͤck schlief und nur 13 Gespenster, Eulen und Suͤnder ihr Wesen trie¬ ben; und jetzt, wo der junge Tag hervorstieg, mit jubelnden Strahlen und flatterndem Morgen¬ roth, jetzt mußte er von dannen — noch ein wehmuͤthiger Blick nach dem großen Weltlicht, und er verschwand wie duftiger Nebel. Es wird ein schoͤner Tag werden! rief mein Reisegefaͤhrte aus dem Wagen mir zu. Ja, es wird ein schoͤner Tag werden, wiederholte leise mein betendes Herz, und zitterte vor Wehmuth und Freude. Ja, es wird ein schoͤner Tag werden, die Freyheitssonne wird die Erde gluͤck¬ licher waͤrmen, als die Aristokratie saͤmmtlicher Sterne; emporbluͤhen wird ein neues Geschlecht, das erzeugt worden in freyer Wahlumarmung, nicht im Zwangsbette und unter der Controlle geistlicher Zoͤllner; mit der freyen Geburt werden auch in den Menschen freye Gedanken und Ge¬ fuͤhle zur Welt kommen, wovon wir geborenen Knechte keine Ahnung haben — O! sie werden eben so wenig ahnen, wie entsetzlich die Nacht war, in deren Dunkel wir leben mußten, und wie grauenhaft wir zu kaͤmpfen hatten, mit haͤßlichen Gespenstern, dumpfen Eulen und scheinheiligen Suͤndern! O wir armen Kaͤmpfer! die wir unsre Lebenszeit in solchem Kampfe vergeuden mußten, und muͤde und bleich sind, wenn der Siegestag hervorstrahlt! Die Glut des Sonnen¬ aufgangs wird unsre Wangen nicht mehr roͤthen und unsre Herzen nicht mehr waͤrmen koͤnnen, wir sterben dahin wie der scheidende Mond — allzu kurz gemessen ist des Menschen Wanderbahn, an deren Ende das unerbittliche Grab. Ich weiß wirklich nicht, ob ich es verdiene, daß man mir einst mit einem Lorbeerkranze den Sarg verziere. Die Poesie, wie sehr ich sie auch liebte, war mir immer nur heiliges Spiel¬ zeug, oder geweihtes Mittel fuͤr himmlische 13 * Zwecke. Ich habe nie großen Werth gelegt auf Dichter-Ruhm, und ob man meine Lieder preiset oder tadelt, es kuͤmmert mich wenig. Aber ein Schwert sollt Ihr mir auf den Sarg legen; denn ich war ein braver Soldat im Be¬ freyungskriege der Menschheit. Capitel XXXII . Waͤhrend der Mittagshitze suchten wir Ob¬ dach in einem Franziskanerkloster, das auf einer bedeutenden Anhoͤhe lag, und mit seinen duͤstern Zypressen und weißen Moͤnchen, wie ein Jagd¬ schloß des Glaubens, hinabschaute in die heiter gruͤnen Thaͤler des Appenins. Es war ein schoͤ¬ ner Bau; wie ich denn, außer der Karthause zu Monza, die ich nur von außen sah, noch sehr merkwuͤrdigen Kloͤstern und Kirchen vorbey ge¬ kommen bin. Ich wußte oft nicht, sollte ich mehr die Schoͤnheit der Gegend bewundern, oder die Groͤße der alten Kirchen, oder die eben so große, steinfeste Gesinnung ihrer Erbauer, die wohl voraussehen konnten, daß erst spaͤte Urenkel im Stande seyn wuͤrden, solch ein Bauwerk zu vollenden, und die dessen ohngeachtet ganz ruhig den Grundstein legten, und Stein auf Stein trugen, bis der Tod sie von der Arbeit abrief, und andere Baumeister das Werk fortsetzten und sich nachher ebenfalls zur Ruhe begaben — alle im festen Glauben an die Ewigkeit der katholi¬ schen Religion und im festen Vertrauen auf die gleiche Denkweise der folgenden Geschlechter, die weiter bauen wuͤrden wo die Vorfahren auf¬ gehoͤrt. Es war der Glaube der Zeit, und die alten Baumeister lebten und entschliefen in diesem Glauben. Da liegen sie nun vor den Thuͤren jener alten Kirchen, und es ist zu wuͤnschen, daß ihr Schlaf recht fest sey, und das Lachen der neuen Zeit sie nicht erwecke. Absonderlich fuͤr solche, die vor einem von den alten Domen lie¬ gen, die nicht fertig geworden sind, fuͤr solche waͤre es sehr schlimm, wenn sie des Nachts ploͤtzlich erwachten, und im schmerzlichen Mond¬ schein ihr unvollendetes Tagewerk saͤhen, und bald merkten, daß die Zeit des Weiterbauens aufgehoͤrt hat und daß ihr ganzes Leben nutzlos war und dumm. So spricht die jetzige neue Zeit, die eine andere Aufgabe hat, einen anderen Glauben. Ich hoͤrte einst in Coͤlln, wie ein kleiner Bube seine Mutter frug: warum man die hal¬ ben Dome nicht fertig baue? Es war ein schoͤner Bube, und ich kuͤßte ihm die klugen Augen, und da die Mutter ihm keine rechte Antwort geben konnte, so sagte ich ihm: daß jetzt die Menschen ganz etwas anderes zu thun haͤtten. Unfern von Genua, auf der Spitze der Appeninen, sieht man das Meer, zwischen den gruͤnen Gebirgsgipfeln kommt die blaue Fluth zum Vorschein, und Schiffe, die man hie und da erblickt, scheinen mit vollen Segeln uͤber die Berge zu fahren. Hat man aber diesen Anblick zur Zeit der Daͤmmerung, wo die letzten Son¬ nenlichter mit den ersten Abendschatten ihr wun¬ derliches Spiel beginnen, und alle Farben und Formen sich nebelhaft verweben: dann wird einem ordentlich maͤrchenhaft zu Muthe, der Wagen rasselt bergab, die schlaͤfrig suͤßesten Bil¬ der der Seele werden aufgeruͤttelt und nicken wieder ein, und es traͤumt einem endlich, man sey in Genua. Capitel XXXIII . Diese Stadt ist alt ohne Alterthuͤmlichkeit, eng ohne Traulichkeit, und haͤßlich uͤber alle Maßen. Sie ist auf einem Felsen gebaut, am Fuße von amphitheatralischen Bergen, die den schoͤnsten Meerbusen gleichsam umarmen. Die Genueser erhielten daher von der Natur den besten und sichersten Hafen. Da, wie gesagt, die ganze Stadt auf einem einzigen Felsen steht, so mußten, der Raum-Ersparniß wegen, die Haͤuser sehr hoch und die Straßen sehr eng gebaut werden, so daß diese fast alle dunkel sind, und nur auf zweyen derselben ein Wagen fahren kann. Aber die Haͤuser dienen hier den Einwohnern, die meistens Kaufleute sind, fast nur zu Waarenlagern, und des Nachts zu Schlafstellen; den schachernden Tag uͤber laufen sie umher in der Stadt oder sitzen vor ihrer Hausthuͤre, oder vielmehr in der Hausthuͤre, denn sonst wuͤrden sich die Gegen¬ uͤberwohnenden einander mit den Knieen beruͤhren. Von der Seeseite, besonders gegen Abend, gewaͤhrt die Stadt einen bessern Anblick. Da liegt sie am Meere, wie das gebleichte Skelett eines ausgeworfenen Riesenthiers, dunkle Amei¬ sen, die sich Genueser nennen, kriechen darin herum, die blauen Meereswellen bespuͤlen es plaͤtschernd wie ein Ammenlied, der Mond, das blasse Auge der Nacht, schaut mit Wehmuth darauf hinab. Im Garten des Palazzo Doria steht der alte Seeheld als Neptun in einem großen Wasser¬ bassin. Aber die Statue ist verwittert und ver¬ stuͤmmelt, das Wasser ausgetrocknet, und die Moͤven nisten in den schwarzen Zypressen. Wie ein Knabe, der immer seine Komoͤdien im Kopf hat, dachte ich bey dem Namen Doria gleich an Friedrich Schiller, den edelsten, wenn auch nicht groͤßten Dichter der Deutschen. Obgleich meistens im Verfall, sind die Pallaͤste der ehemaligen Machthaber von Genua, der Nobili, dennoch sehr schoͤn, und mit Pracht uͤber¬ laden. Sie stehen meistens auf den zwey großen Straßen, genannt Strada nuova und Balbi. Der Pallast Durazzo ist der merkwuͤrdigste. Hier sind gute Bilder und darunter Paul Veronese's Christus, dem Magdalena die gewaschenen Fuͤße abtrocknet. Diese ist so schoͤn, daß man fuͤrchten sollte, sie werde gewiß noch einmal verfuͤhrt werden. Ich stand lange vor ihr— ach, sie schaute nicht auf! Christus steht da wie ein Religionshamlet: go to a nunnery . Hier fand ich auch einige Hollaͤnder und vorzuͤgliche Bilder von Rubens; letztere ganz durchdrungen von der kolossalen Heiterkeit dieses niederlaͤndischen Titanen, dessen Geistesfluͤgel so stark waren, daß er bis zur Sonne emporflog, obgleich hundert Centner hol¬ laͤndischer Kaͤse an seinen Beinen hingen. Ich kann dem kleinsten Bilde dieses großen Malers nicht voruͤbergehen ohne den Zoll meiner Bewun¬ drung zu entrichten. Um so mehr, da es jetzt Mode wird, ihn, ob seines Mangels an Ideali¬ taͤt, nur mit Achselzucken zu betrachten. Die historische Schule zu Muͤnchen zeigt sich besonders groß in solcher Betrachtung. Man sehe nur mit welcher vornehmen Geringschaͤtzung der langhaarige Cornelianer durch den Rubenssaal wandelt! Viel¬ leicht aber ist der Irrthum der Juͤnger erklaͤrlich, wenn man den großen Gegensatz betrachtet, den Peter Cornelius zu Peter Paul Rubens bildet. Es laͤßt sich fast kein groͤßerer Gegensatz ersin¬ nen — und nichts destoweniger ist mir biswei¬ len zu Sinn, als haͤtten beide dennoch Aehn¬ lichkeiten, die ich mehr ahnen als anschauen koͤnne. Vielleicht sind landsmannschaftliche Ei¬ genheiten in ihnen verborgen, die den dritten Landsmann, nemlich mich, wie leise heimische Laute ansprechen. Diese geheime Verwandtschaft besteht aber nimmermehr in der niederlaͤndischen Heiterkeit und Farbenlust, die uns aus allen Bildern des Rubens entgegenlacht, so daß man meynen sollte, er habe sie im freudigen Rhein¬ weinrausch gemalt, waͤhrend tanzende Kirmes¬ musik um ihn her jubelte. Wahrlich die Bilder des Cornelius scheinen eher am Charfreytage ge¬ malt zu seyn, waͤhrend die schwermuͤthigen Leidens¬ lieder der Prozession durch die Straßen zogen und im Atelier und Herzen des Malers wieder¬ hallten. In der Produktivitaͤt, in der Schoͤpfungs¬ kuͤhnheit, in der genialen Urspruͤnglichkeit, sind sich beide aͤhnlicher, beide sind geborne Maler, und gehoͤren zu dem Cyklus großer Meister, die groͤßtentheils zur Zeit des Raphael bluͤhten, einer Zeit, die auf Rubens noch ihren unmittelbaren Einfluß uͤben konnte, die aber von der unsrigen so abgeschieden ist, daß wir ob der Erscheinung des Peter Cornelius fast erschrecken, daß er uns manchmal vorkommt, wie der Geist eines jener großen Maler aus raphaelscher Zeit, der aus dem Grabe hervorsteige, um noch einige Bilder zu malen, ein todter Schoͤpfer, selbstbeschworen durch das mitbegrabene, inwohnende Lebens¬ wort. Betrachten wir seine Bilder, so sehen sie uns an, wie mit Augen des funfzehnten Jahr¬ hunderts, gespenstisch sind die Gewaͤnder, als rauschten sie uns vorbey um Mitternacht, zau¬ berkraͤftig sind die Leiber, traumrichtig gezeichnet, gewaltsam wahr, nur das Blut fehlt ihnen, das pnlsirende Leben, die Farbe. Ja, Cornelius ist ein Schoͤpfer, doch betrachten wir seine Geschoͤpfe, so will es uns beduͤnken, als koͤnnten sie alle nicht lange leben, als seyen sie alle eine Stunde vor ihrem Tode gemalt, als truͤgen sie alle die wehmuͤthige Ahnung des Sterbens. Trotz ihrer Heiterkeit erregen die Gestalten des Rubens ein aͤhnliches Gefuͤhl in unserer Seele, diese scheinen ebenfalls den Todeskeim in sich zu tragen, und es ist uns, als muͤßten sie eben durch ihre Lebens¬ uͤberfuͤlle, durch ihre rothe Vollbluͤtigkeit, ploͤtzlich vom Schlage geruͤhrt werden. Das ist sie viel¬ leicht, die geheime Verwandschaft, die wir in der Vergleichung beider Meister so wundersam ahnen. Die hoͤchste Lust in einigen Bildern des Rubens und der tiefste Truͤbsinn in denen des Cornelius erregen in uns vielleicht dasselbe Ge¬ fuͤhl. Woher aber dieser Truͤbsinn bey einem Niederlaͤnder? Es ist vielleicht eben das schaurige Bewußtseyn, daß er einer laͤngst verklungenen Zeit angehoͤrt und sein Leben eine mystische Nach¬ sendung ist — denn ach! er ist nicht bloß der einzige große Maler, der jetzt lebt, sondern viel¬ leicht auch der letzte, der auf dieser Erde malen wird; vor ihm, bis zur Zeit der Caraccis, ist ein langes Dunkel, und hinter ihm schlagen wieder die Schatten zusammen, seine Hand ist eine lichte, einsame Geisterhand in der Nacht der Kunst, und die Bilder, die sie malt, tragen die unheimliche Trauer solcher ernsten, schroffen Ab¬ geschiedenheit. Ich habe diese letzte Malerhand nie ohne geheimen Schauer betrachten koͤnnen, wenn ich den Mann selbst sah, den kleinen scharfen Mann mit den heißen Augen; und doch wieder erregte diese Hand in mir das Gefuͤhl der traulichsten Pietaͤt, da ich mich erinnerte, daß sie mir einst liebreich auf den kleinen Fingern lag, und mir einige Gesichtskonturen ziehen half, als ich, ein kleines Buͤbchen, auf der Akademie zu Duͤsseldorf zeichnen lernte. Capitel XXXIV . Die Sammlung von Portraits schoͤner Ge¬ nueserinnen, die im Pallast Durazzo gezeigt wird, darf ich nimmermehr unerwaͤhnt lassen. Nichts auf der Welt kann unsre Seele trauriger stimmen, als solcher Anblick von Portraits schoͤner Frauen, die schon seit einigen Jahrhunder¬ ten todt sind. Melancholisch uͤberkriecht uns der Gedanke: daß von den Originalen jener Bilder, von all jenen Schoͤnen, die so lieblich, so kokett, so witzig, so schalkhaft und so schwaͤrmerisch waren, von all jenen Maykoͤpfchen mit April¬ launen, von jenem ganzen Frauenfruͤhling nichts 14 uͤbrig geblieben ist, als diese bunten Schatten, die ein Maler, der gleich ihnen laͤngst vermodert ist, auf ein morsch Stuͤckchen Leinwand gepinselt hat, das ebenfalls mit der Zeit in Staub zer¬ faͤllt und verweht. So geht alles Leben, das Schoͤne eben so wie das Haͤßliche, spurlos vor¬ uͤber, der Tod, der duͤrre Pedant, verschont die Rose eben so wenig wie die Distel, er vergißt auch nicht das einsame Haͤlmchen in der fernsten Wildniß, er zerstoͤrt gruͤndlich und unaufhoͤrlich, uͤberall sehen wir, wie er Pflanzen und Thiere, die Menschen und ihre Werke, zu Staub zer¬ stampft, und selbst jene egyptischen Pyramiden, die seiner Zerstoͤrungswuth zu trotzen scheinen, sie sind nur Trophaͤen seiner Macht, Denkmaͤler der Vergaͤnglichkeit, uralte Koͤnigsgraͤber. Aber noch schlimmer als dieses Gefuͤhl eines ewigen Sterbens, einer oͤden gaͤhnenden Vernich¬ tung, ergreift uns der Gedanke, daß wir nicht einmal als Originale dahinsterben, sondern als Copien von laͤngstverschollenen Menschen, die geistig und koͤrperlich uns gleich waren, und daß nach uns wieder Menschen geboren werden, die wieder ganz aussehen und fuͤhlen und denken werden wie wir, und die der Tod ebenfalls wie¬ der vernichten wird — ein trostlos ewiges Wieder¬ holungsspiel, wobey die zeugende Erde bestaͤndig hervorbringen und mehr hervorbringen muß, als der Tod zu zerstoͤren vermag, so daß sie, in solcher Noth, mehr fuͤr die Erhaltung der Gattungen als fuͤr die Originalitaͤt der Individuen sorgen kann. Wunderbar erfaßten mich die mystischen Schauer dieses Gedankens, als ich im Pallast Durazzo die Portraits der schoͤnen Genueserinnen sah, und unter diesen ein Bild, das in meiner Seele einen suͤßen Sturm erregte, wovon mir noch jetzt, wenn ich daran denke, die Augenwimpern zittern — Es war das Bild der todten Maria. 14 * Der Aufseher der Gallerie meinte zwar, das Bild stelle eine Herzogin von Genua vor, und im ciceronischen Tone setzte er hinzu: es ist ge¬ malt von Giorgio Barbarelli da Castelfranco nel Trevigiano, genannt Giorgione, er war einer der groͤßten Maler der venezianischen Schule, wurde geboren im Jahr 1477 uud starb im Jahr 1511. Lassen Sie das gut seyn, Signor Cusdode. Das Bild ist gut getroffen, mag es immerhin ein Paar Jahrhunderte im voraus gemalt seyn, das ist kein Fehler. Zeichnung richtig, Farbenge¬ bung vorzuͤglich, Faltenwurf des Brustgewandes banz vortrefflich. Haben Sie doch die Guͤte, das Bild fuͤr einige Augenblicke von der Wand herabzu¬ nehmen, ich will nur den Staub von den Lippen abblasen und auch die Spinne, die in der Ecke des Ramens sitzt, fortscheuchen — Maria hatte immer einen Abscheu vor Spinnen. Excellenza scheinen ein Kenner zu seyn. Daß ich nicht wuͤßte, Signor Cusdode. Ich habe das Talent, bey manchen Bildern sehr ge¬ ruͤhrt zu werden, und es wird mir dann etwas feucht in den Augen. Aber was sehe ich! von wem ist das Portrait des Mannes im schwarzen Mantel, das dort haͤngt? Es ist ebenfalls von Giorgione, ein Meisterstuͤck. Ich bitte Sie, Signor, haben Sie doch die Guͤte, es ebenfalls von der Wand herabzunehmen und einen Augenblick hier neben dem Spiegel zu halten, damit ich vergleichen kann ob ich dem Bilde aͤhnlich sehe. Excellenza sind nicht so blaß. Das Bild ist ein Meisterstuͤck von Giorgione; er war Rival des Tiziano, wurde geboren im Jahr 1477 und starb im Jahr 1511. Lieber Leser, der Giorgione ist mir weit lieber als der Tiziano, und ich bin ihm besonders Dank schuldig, daß er mir die Maria gemalt. Du wirst gewiß eben so gut wie ich einsehen, daß Gior¬ gione fuͤr mich das Bild gemalt hat, und nicht fuͤr irgend einen alten Genueser. Und es ist sehr gut getroffen, todtschweigend getroffen, es fehlt nicht einmal der Schmerz im Auge, ein Schmerz der mehr einem getraͤumten als einem erlebten Leide galt, und sehr schwer zu malen war. Das ganze Bild ist wie hingeseufzt auf die Leinwand. Auch der Mann im schwarzen Mantel ist gut gemalt, und die malizioͤs senti¬ mentalen Lippen sind gut getroffen, sprechend ge¬ troffen, als wollten sie eben eine Geschichte er¬ zaͤhlen — Es ist die Geschichte von dem Ritter, der seine Geliebte aus dem Tode aufkuͤssen wollte, und als das Licht erlosch — — II. Die Baͤder von Lukka . Ich bin wie Weib dem Manne — — Graf August v. Platen Hallermuͤnde . Will der Herr Graf ein Taͤnzchen wagen, So mag ers sagen, Ich spiel ihm auf. Figaro . Karl Immermann, dem Dichter, widmet diese Blaͤtter, als ein Zeichen freudigster Verehrung, der Verfasser. Capitel I . Als ich zu Mathilden ins Zimmer trat, hatte sie den letzten Knopf des gruͤnen Reitkleides zugeknoͤpft, und wollte eben einen Hut mit weißen Federn aufsetzen. Sie warf ihn rasch von sich, sobald sie mich erblickte, mit ihren wallend gol¬ nen Locken stuͤrzte sie mir entgegen — Doktor des Himmels und der Erde! rief sie, und nach alter Gewohnheit ergriff sie meine beiden Ohr¬ lappen und kuͤßte mich mit der drolligsten Herz¬ lichkeit. Wie gehts, Wahnsinnigster der Sterblichen! Wie gluͤcklich bin ich Sie wiederzusehen! Denn ich werde nirgends auf dieser weiten Welt einen verruͤckteren Menschen finden. Narren und Dummkoͤpfe giebt es genug, und man erzeigt ihnen oft die Ehre, sie fuͤr verruͤckt zu halten; aber die wahre Verruͤcktheit ist so selten wie die wahre Weisheit, sie ist vielleicht gar nichts anderes als Weisheit, die sich geaͤrgert hat, daß sie alles weiß, alle Schaͤndlichkeiten dieser Welt, und die deshalb den weisen Entschluß gefaßt hat, verruͤckt zu werden. Die Orientalen sind ein gescheutes Volk, sie verehren einen Ver¬ ruͤckten wie einen Propheten, wir aber halten jeden Propheten fuͤr verruͤckt. Aber, Mylady, warum haben Sie mir nicht geschrieben? Gewiß, Doktor, ich schrieb Ihnen einen lan¬ gen Brief, und bemerkte auf der Adresse: abzu¬ geben in Neu-Bedlam. Da Sie aber, gegen alle Vermuthung nicht dort waren, so schickte man den Brief nach St. Luze, und da sie auch hier nicht waren, so ging er weiter nach einer aͤhnlichen Anstalt, und so machte er die Ronde durch alle Tollhaͤuser Englands, Schottlands und Irlands, bis man ihn mir zuruͤckschickte mit der Bemerkung, daß der Gentleman, den die Adresse bezeichne, noch nicht eingefangen sey. Und in der That, wie haben Sie es angefangen, daß Sie immer noch auf freyen Fuͤßen sind? Hab's pfiffig angefangen, Mylady. Ueberall, wohin ich kam, wußt' ich mich um die Tollhaͤuser herumzuschleichen, und ich denke, es wird mir auch in Italien gelingen. O, Freund, hier sind Sie ganz sicher; denn erstens ist gar kein Tollhaus in der Naͤhe, und zweitens haben wir hier die Oberhand. Wir? Mylady! Sie zaͤhlen sich also zu den Unseren? Erlauben Sie, daß ich Ihnen den Bruderkuß auf die Stirne druͤcke. Ach! ich meyne wir Badegaͤste, worunter ich wahrlich noch die Vernuͤnftigste bin — Und nun machen Sie sich leicht einen Begriff von der Verruͤcktesten, nemlich von Julie Maxfield, die bestaͤndig behauptet, gruͤne Augen bedeuten den Fruͤhling der Seele; dann haben wir noch zwey junge Schoͤnheiten — Gewiß englische Schoͤnheiten, Mylady — Doktor, was bedeutet dieser spoͤttische Ton? Die gelbfettigen Makaronigesichter in Italien muͤssen Ihnen so gut schmecken, daß Sie keinen Sinn mehr haben fuͤr brittische — Plumpuddings mit Rosinenaugen, Rostbeef¬ busen festonirt mit weißen Meerrettig-Streifen, stolze Pasteten — Es gab eine Zeit, Doktor, wo Sie jedes¬ mal in Verzuͤckung geriethen, wenn Sie eine schoͤne Englaͤnderin sahen — Ja, das war damals! Ich bin noch immer nicht abgeneigt Ihren Landsmaͤnninnen zu huldi¬ gen; sie sind schoͤn wie Sonnen, aber Sonnen von Eis, sie sind weiß wie Marmor, aber auch marmorkalt — auf ihren kalten Herzen erfrieren die armen — Oho! ich kenne einen — der dort nicht erfroren ist, und frisch und gesund uͤbers Meer gesprungen, und es war ein großer, deutscher, impertinenter — Er hat sich wenigstens an den brittisch frosti¬ gen Herzen so stark erkaͤltet, daß er noch jetzt davon den Schnupfen hat. Mylady schien piquirt uͤber diese Antwort, sie ergriff die Reitgerte, die zwischen den Blaͤttern eines Romans, als Lesezeichen, lag, schwang sie um die Ohren ihres weißen Jagdhundes, der leise knurrte, hob hastig ihren Hut von der Erde, setzte ihn keck aufs Lockenhaupt, sah ein paar mal wohlgefaͤllig in den Spiegel, und sprach stolz: Ich bin noch schoͤn! Aber ploͤtzlich, wie von einem dunkeln Schmerzgefuͤhl durchschauert, blieb sie sinnend stehen, streifte langsam ihren weißen Handschuh von der Hand, reichte sie mir, und meine Gedanken pfeilschnell ertappend, sprach sie: Nicht wahr, diese Hand ist nicht mehr so schoͤn, wie in Ramsgate? Mathilde hat unter¬ dessen viel gelitten! Lieber Leser, man kann es den Glocken selten ansehen, wo sie einen Riß haben, und nur an ihrem Tone merkt man ihn. Haͤttest du nun den Klang der Stimme gehoͤrt, womit obige Worte gesprochen wurden, so wuͤßtest du gleich, Myladys Herz ist eine Glocke vom besten Metall, aber ein verborgener Riß daͤmpft wunderbar ihre heitersten Toͤne, und umschleiert sie gleichsam mit heimlicher Trauer. Doch ich liebe solche Glocken, sie finden immer ein gutes Echo in meiner eignen Brust; und ich kuͤßte Myladys Hand fast inniger als ehemals, obgleich sie minder vollbluͤhend war und einige Adern, etwas allzublau hervortretend, mir ebenfalls zu sagen schienen: Mathilde hat unterdessen viel gelitten. Ihr Auge sah mich an wie ein wehmuͤthig einsamer Stern am herbstlichen Himmel, und weich und innig sprach sie: Sie scheinen mich wenig mehr zu lieben, Doktor! Denn nur mit¬ leidig fiel eben Ihre Thraͤne auf meine Hand, fast wie ein Almosen. Wer heißt Sie die stumme Sprache meiner Thraͤnen so duͤrftig ausdeuten? Ich wette, der weiße Jagdhund, der sich jetzt an Sie schmiegt, versteht mich besser; er schaut mich an, und dann wieder Sie, und scheint sich zu wundern, daß die Menschen, die stolzen Herren der Schoͤpfung, innerlich so tief elend sind. Ach, Mylady, nur der verwandte Schmerz entlockt uns die Thraͤne, und jeder weint eigentlich fuͤr sich selbst. Genug, genug, Doktor. Es ist wenigstens gut, daß wir Zeitgenossen sind und in demselben Erdwinkel uns gefunden mit unseren naͤrrischen Thraͤnen. Ach des Ungluͤcks ! wenn Sie vielleicht zweyhundert Jahre fruͤher gelebt haͤtten, wie es 15 mir mit meinem Freunde Michael de Cervantes Savedra begegnet, oder gar wenn Sie hundert Jahre spaͤter auf die Welt gekommen waͤren als ich, wie ein anderer intimer Freund von mir, dessen Namen ich nicht einmal weiß, eben weil er ihn erst bey seiner Geburt, Anno 1900, er¬ halten wird! Aber, erzaͤhlen Sie doch, wie haben Sie gelebt seit wir uns nicht gesehen? Ich trieb mein gewoͤhnliches Geschaͤft, My¬ lady; ich rollte wieder den großen Stein. Wenn ich ihn bis zur Haͤlfte des Berges gebracht, dann rollte er ploͤtzlich hinunter, und ich mußte wieder suchen ihn hinaufzurollen, — und dieses Bergauf- und Bergabrollen wird sich so lange wiederholen, bis ich selbst unter dem großen Steine liegen bleibe, und Meister Steinmetz mit großen Buch¬ staben darauf schreibt: Hier ruht in Gott — Bey Leibe, Doktor, Ich lasse Ihnen noch keine Ruhe — Seyn Sie nur nicht melan¬ cholisch! Lachen Sie, oder ich — Nein, kitzeln Sie nicht; ich will lieber von selbst lachen. So recht. Sie gefallen mir noch, eben so gut wie in Ramsgate, wo wir uns zuerst nahe kamen — Und endlich noch naͤher als nah. Ja, ich will lustig seyn. Es ist gut, daß wir uns wieder¬ gefunden, und der große deutsche — wird sich wieder ein Vergnuͤgen daraus machen, sein Leben bey Ihnen zu wagen. Myladys Augen lachten wie Sonnenschein nach leisem Regenschauer, und ihre gute Laune brach wieder leuchtend hervor, als John her¬ eintrat, und mit dem steifsten Lakayen-Pathos Seine Excellenz den Markese Christophoro di Gumpelino anmeldete. Er sey willkommen! Und Sie, Doktor, wer¬ den einen Pair unseres Narrenreichs kennen lernen. Stoßen Sie sich nicht an sein Aeußeres, besonders nicht an seine Nase. Der Mann be¬ 15 * sitzt vortreffliche Eigenschaften, z. B. viel Geld, gesunden Verstand, und die Sucht alle Narr¬ heiten der Zeit in sich aufzunehmen; dazu ist er in meine gruͤnaͤugige Freundin Julie Maxfield verliebt und nennt sie seine Julia und sich ihren Romeo, und deklamirt und seufzt — und Lord Maxfield, der Schwager, dem die treue Julia von ihrem Manne anvertraut worden, ist ein Ar¬ gus — Schon wollte ich bemerken, daß Argus eine Kuh bewachte, als die Thuͤre sich weit oͤffnete und, zu meinem hoͤchsten Erstaunen, mein alter Freund, der Banquier Christian Gumpel, mit seinem wohlhabenden Laͤcheln und gottgefaͤlligem Bauche, hereinwatschelte. Nachdem seine glaͤnzenden breiten Lippen sich an Myladys Hand genugsam ge¬ scheuert und uͤbliche Gesundheitsfragen hervorge¬ brockt hatten, erkannte er auch mich — und in die Arme sanken sich die Freunde. Capitel II . Mathildens Warnung, daß ich mich an die Nase des Mannes nicht stoßen solle, war hinlaͤnglich gegruͤndet, und wenig fehlte, so haͤtte er mir wirklich ein Auge damit ausgestochen. Ich will nichts Schlimmes von dieser Nase sagen; im Gegentheil, sie war von der edelsten Form, und sie eben berechtigte meinen Freund sich wenigstens einen Markese-Titel beyzulegen. Man konnte es ihm naͤmlich an der Nase ansehen, daß er von gutem Adel war, daß er von einer uralten Welt¬ familie abstammte, womit sich sogar einst der liebe Gott, ohne Furcht vor Mesallianz, ver¬ schwaͤgert hat. Seitdem ist diese Familie freylich etwas heruntergekommen, so daß sie seit Carl dem Großen, meistens durch den Handel mit alten Hosen und hamburger Lotteriezetteln, ihre Sub¬ sistenz erwerben mußte, ohne jedoch im mindesten von ihrem Ahnenstolze abzulassen oder jemals die Hoffnung aufzugeben, einst wieder ihre alten Guͤter, oder wenigstens hinreichende Emigranten¬ Entschaͤdigung zu erhalten, wenn ihr alter legi¬ timer Souverain sein Restaurationsversprechen erfuͤllt, ein Versprechen, womit er sie schon zwey Jahrtausende an der Nase herumgefuͤhrt. Sind vielleicht ihre Nasen eben durch dieses lange an der Nase Herumgefuͤhrtwerden, so lang gewor¬ den? Oder sind diese langen Nasen eine Art Uniform, woran der Gottkoͤnig Jehovah seine alten Leibgardisten erkennt, selbst wenn sie desertirt sind? Der Markese Gumpelino war ein solcher Deserteur, aber er trug noch immer seine Uniform, und sie war sehr brillant, besaͤet mit Kreuzchen und Sternchen von Rubinen, einem rothen Adlerorden in Miniatur, und ande¬ ren Decorazionen. Sehen Sie, sagte Mylady, das ist meine Lieblingsnase, und ich kenne keine schoͤnere Blume auf dieser Erde. Diese Blume, schmunzlaͤchelte Gumpelino, kann ich Ihnen nicht an den schoͤnen Busen legen, ohne daß ich mein bluͤhendes Antlitz hinzulege, und diese Beylage wuͤrde Sie vielleicht in der heutigen Hitze etwas geniren. Aber ich bringe Ihnen eine nicht minder koͤstliche Blume, die hier selten ist — Bey diesen Worten oͤffnete der Markese die fließpapierne Tuͤte, die er mitgebracht, und mit langsamer Sorgfalt zog er daraus hervor eine wunderschoͤne Tulpe. Kaum erblickte Mylady diese Blume, so schrie sie aus vollem Halse: Morden! morden! wollen Sie mich morden? Fort, fort mit dem schrecklichen Anblick! Dabey gebehrdete sie sich, als wolle man sie umbringen, hielt sich die Haͤnde vor die Augen, rannte unsinnig im Zimmer umher, verwuͤnschte Gumpelinos Nase und Tulpe, klin¬ gelte, stampfte den Boden, schlug den Hund mit der Reitgerte, daß er laut aufbellte, und als John hereintrat, rief sie, wie Kean als Koͤnig Richard: Ein Pferd! ein Pferd! Ein Koͤnigthum fuͤr ein Pferd! und stuͤrmte, wie ein Wirbelwind, von dannen. Eine kuriose Frau! sprach Gumpelino, vor Erstaunen bewegungslos und noch immer die Tulpe in der Hand haltend, so daß er einem jener Goͤtzenbilder glich, die mit Lotosblumen in den Haͤnden, auf altindischen Denkmaͤlern zu schauen sind. Ich aber kannte die Dame und ihre Idio¬ synkrasie weit besser, mich ergoͤtzte dieses Schau¬ spiel uͤber alle Maßen, ich oͤffnete das Fenster nnd rief: Mylady, was soll ich von Ihnen denken? Ist das Vernunft, Sitte — besonders ist das Liebe? Da lachte herauf die wilde Antwort: Wenn ich zu Pferd bin, so will ich schwoͤren Ich liebe Dich unendlich. Capitel III . Eine kuriose Frau! wiederholte Gumpelino, als wir uns auf den Weg machten seine beiden Freundinnen, Signora Laͤtizia und Signora Franscheska, deren Bekanntschaft er mir verschaffen wollte, zu besuchen. Da die Wohnung dieser Damen auf einer etwas entfernten Anhoͤhe lag, so erkannte ich um so dankbarer die Guͤte meines wohlbeleibten Freundes, der das Bergsteigen etwas beschwerlich fand, und auf jedem Huͤgel athemschoͤpfend stehen blieb, und O Jesu! seufzte. Die Wohnungen in den Baͤdern von Lukka nemlich sind entweder unten in einem Dorfe, das von hohen Bergen umschlossen ist, oder sie liegen auf einem dieser Berge selbst, unfern der Haupt¬ quelle, wo eine pittoreske Haͤusergruppe in das reitzende Thal hinabschaut. Einige liegen aber auch einzeln zerstreut an den Bergesabhaͤngen, und man muß muͤhsam hinaufklimmen durch Weinreben, Myrtengestraͤuch, Geisblatt, Lorbeer¬ buͤsche, Oleander, Geranikum und andre vornehme Blumen und Pflanzen, ein wildes Paradies. Ich habe nie ein reizenderes Thal gesehen, be¬ sonders wenn man von der Terasse des oberen Bades, wo die ernstgruͤnen Zypressen stehen, ins Dorf hinabschaut. Man sieht dort die Bruͤcke, die uͤber ein Fluͤßchen fuͤhrt, welches Lima heißt, und das Dorf in zwey Theile durchschneidend, an beiden Enden in maͤßigen Wasserfaͤllen, uͤber Felsenstuͤcke dahinstuͤrzt, und ein Geraͤusch her¬ vorbringt, als wolle es die angenehmsten Dinge sagen und koͤnne vor dem allseitig plaudernden Echo nicht zu Worten kommen. Der Hauptzauber dieses Thals liegt aber ge¬ wiß in dem Umstand, daß es nicht zu groß ist und nicht zu klein, daß die Seele des Beschauers nicht gewaltsam erweitert wird, vielmehr sich eben¬ maͤßig mit dem herrlichen Anblick fuͤllt, daß die Haͤupter der Berge selbst, wie die Appeninen uͤberall, nicht abentheuerlich gothisch erhaben mi߬ gestaltet sind, gleich den Bergkarikaturen, die wir eben sowohl wie die Menschenkarikaturen, in germanischen Laͤndern finden: sondern, daß ihre edelgeruͤndeten, heiter gruͤnen Formen fast eine Kunstcivilisazion aussprechen, und gar melodisch mit dem blaßblauen Himmel zusammenklingen. O Jesu! aͤchzte Gumpelino, als wir, muͤhsamen Steigens und von der Morgensonne schon etwas stark gewaͤrmt, oberwaͤhnte Zypressenhoͤhe erreich¬ ten, und, ins Dorf hinabschauend, unsere englische Freundin, hoch zu Roß, wie ein romantisches Maͤhrchenbild, uͤber die Bruͤcke jagen, und eben so traumschnell wieder verschwinden sahen. O Jesu! welch eine kuriose Frau, wiederholte einigemal der Markese. In meinem gemeinen Leben ist mir noch keine solche Frau vorgekommen. Nur in Comoͤdien findet man dergleichen, und ich glaube z. B. die Holzbecher wuͤrde die Rolle gut spielen. Sie hat etwas von einer Nixe. Was denken Sie? Ich denke, Sie haben Recht, Gumpelino. Als ich mit ihr von London nach Rotterdam fuhr, sagte der Schiffskapitain, sie gliche einer mit Pfeffer bestreuten Rose. Zum Dank, fuͤr diese pikante Vergleichung, schuͤttete sie eine ganze Pfefferbuͤchse auf seinen Kopf aus, als sie ihn einmal in der Kajuͤte eingeschlummert fand, und man konnte sich dem Manne nicht mehr naͤhern ohne zu niesen. Eine kuriose Frau! sprach wieder Gumpelino. So zart wie weiße Seide und eben so stark, und sitzt zu Pferde eben so gut wie ich. Wenn sie nur nicht ihre Gesundheit zu Grunde reitet. Sahen Sie nicht eben den langen, magern Eng¬ laͤnder, der auf seinem magern Gaul, hinter ihr herjagte, wie die galoppirende Schwindsucht? Das Volk reitet zu leidenschaftlich, giebt alles Geld in der Welt fuͤr Pferde aus. Lady Max¬ fields Schimmel kostet dreyhundert goldne, leben¬ dige Louisdore — ach! und die Louisdore stehen so hoch und steigen noch taͤglich. Ja, die Louisd'or werden noch so hoch stei¬ gen, daß ein armer Gelehrter, wie unser einer, sie gar nicht mehr wird erreichen koͤnnen. Sie haben keinen Begriff davon, Herr Doktor, wie viel Geld ich ausgeben muß, und dabey be¬ helfe ich mich mit einem einzigen Bedienten, und nur wenn ich in Rom bin, halte ich mir einen Kapellan fuͤr meine Hauskapelle. Sehen Sie, da kommt mein Hyazinth. Die kleine Gestalt, die in diesem Augenblick bey der Winduug eines Huͤgels zum Vorschein kam, haͤtte vielmehr den Namen einer Feuerlilje verdient. Es war ein schlotternd weiter Schar¬ lachrock, uͤberladen mit Goldtressen, die im Son¬ nenglanze strahlten, und aus dieser rothen Pracht schwitzte ein Koͤpfchen hervor, das mir sehr wohl¬ bekannt zunickte. Und wirklich, als ich das blaͤßlich besorgliche Gesichtchen und die geschaͤftig zwinkenden Aeuglein naͤher betrachtete, erkannte ich jemanden, den ich eher auf dem Berg Sinai als auf den Appeninen erwartet haͤtte, und das war kein anderer als Herr Hirsch, Schutzbuͤrger in Hamburg, ein Mann, der nicht bloß immer ein sehr ehrlicher Lotteriekollecteur gewesen, son¬ dern sich auch auf Huͤhneraugen und Juwelen versteht, dergestalt, daß er erstere von letzteren nicht bloß zu unterscheiden weiß, sondern auch die Huͤhneraugen ganz geschickt auszuschneiden und die Juwelen ganz genau zu taxiren weiß. Ich bin guter Hoffnung — sprach er, als er mir naͤher kam — daß Sie mich noch kennen, ob¬ gleich ich nicht mehr Hirsch heiße. Ich heiße jetzt Hyazinth und bin der Kammerdiener des Herrn Gumpel. Hyacinth! rief dieser, in staunender Aufwal¬ lung uͤber die Indiskrezion des Dieners. Seyn Sie nur ruhig, Herr Gumpel, oder Herr Gumpelino, oder Herr Markese, oder Eure Excellenza, wir brauchen uns gar nicht vor die¬ sem Herrn zu geniren, der kennt mich, hat manches Loos bey mir gespielt, und ich moͤcht' sogar drauf schwoͤren, er ist mir von der letzten Renovirung noch sieben Mark neun Schilling schuldig — Ich freue mich wirklich, Herr Doktor, Sie hier wieder zu sehen. Haben Sie hier ebenfalls Vergnuͤgungs-Geschaͤfte? Was sollte man sonst hier thun, in dieser Hitze, und wo man noch dazu Bergauf und Bergab steigen muß. Ich bin hier des Abends so muͤde, als waͤre ich zwanzig mal vom Altonaer Thore nach dem Steinthor gelaufen, ohne was dabey verdient zu haben. O Jesu! — rief der Markese — schweig, schweig! Ich schaffe mir einen andern Bedienten an. Warum schweigen? — versetzte Hirsch Hya¬ zinthos — Ist es mir doch lieb, wenn ich mal wieder gutes Deutsch sprechen kann mit einem Gesichte, das ich schon einmal in Hamburg gesehen, und denke ich an Hamburg — Hier, bey der Erinnerung an sein kleines Stiefvaterlaͤndchen, wurden des Mannes Aeuglein flimmernd feucht, und seufzend sprach er: Was ist der Mensch! Man geht vergnuͤgt vor dem Altonaer Thore, auf dem Hamburger Berg, spatzieren, und besieht dort die Merkwuͤrdigkeiten, die Loͤwen, die Gevoͤgel, die Papagoyim, die Affen, die ausgezeichneten Menschen, und man laͤßt sich Caroussel fahren oder elektrisiren, und man denkt was wuͤrde ich erst fuͤr Vergnuͤgen haben an einem Orte, der noch zweyhundert Meilen von Hamburg weiter entfernt ist, in dem Lande wo die Zitronen und Orangen wachsen, in Italien! Was ist der Mensch! Ist er vor dem Altonaer Thore, so moͤchte er gern in Italien seyn, und ist er in Italien, so moͤchte er wieder vor dem Altonaer Thore seyn! Ach staͤnde ich dort wieder und saͤhe wieder den Michaelisthurm, und oben daran die Uhr mit den großen goldnen Zahlen auf dem Zifferblatt, die großen goldnen Zahlen, die ich so oft des Nachmittags betrachtete, wenn sie so freundlich in der Sonne glaͤnzten — ich haͤtte sie oft kuͤssen moͤgen. Ach, ich bin jetzt in Italien, wo die Zitronen und Orangen wachsen; wenn ich aber die Zitronen und Orangen wachsen sehe, so denk' ich an den Steinweg zu Hamburg, wo sie, ganzer Karren voll, gemaͤchlich aufgestapelt liegen, und wo man sie ruhig genießen kann, ohne daß man noͤthig hat so viele Gefahr-Berge zu be¬ steigen und so viel Hitzwaͤrme auszustehen. So wahr mir Gott helfe, Herr Markese, wenn ich es nicht der Ehre wegen gethan haͤtte und wegen der Bildung, so waͤre ich Ihnen nicht hierher gefolgt. Aber das muß man Ihnen nachsagen, man hat Ehre bey Ihnen und bildet sich. Hyazinth! — sprach jetzt Gumpelino, der durch diese Schmeicheley etwas besaͤnftigt worden, — Hyazinth geh jetzt zu — Ich weiß schon — Du weißt nicht, sage ich dir, Hyacinth — Ich sag' Ihnen, Herr Gumpel, ich weiß. Ew. Excellenz schicken mich jetzt zu der Lady Maxfield — Mir braucht man gar nichts zu sagen. Ich weiß Ihre Gedanken, die Sie noch gar nicht gedacht, und vielleicht Ihr Lebtag gar nicht denken wer¬ den. Einen Bedienten wie mich, bekommen Sie nicht so leicht — und ich thu es der Ehre wegen, und der Bildung wegen, und wirklich, man hat Ehre bei Ihnen und bildet sich — Bei diesem Worte putzte er sich die Nase mit einem sehr weißen Taschentuche. 16 * Hyazinth, sprach der Markese, du gehst jetzt zu der Lady Julie Maxfield, zu meiner Julia, und bringst ihr diese Tulpe — nimm sie in Acht, denn sie kostet fuͤnf Paoli — und sagst ihr — Ich weiß schon — Du weißt nichts. Sag' ihr: die Tulpe ist unter den Blumen — Ich weiß schon. Sie wollen Ihr etwas durch die Blume sagen. Ich habe fuͤr so manches Lotterieloos in meiner Collecte selbst eine Devise gemacht — Ich sage dir, Hyacinth, ich will kein Devise von dir. Bringe diese Blume an Lady Maxfield, und sage ihr: Die Tulpe ist unter den Blumen Was unter den Kaͤsen der Strachino; Doch mehr als Blumen und Kaͤse Verehrt Dich Gumpelino! So wahr mir Gott alles Gut's gebe, das ist gut! — rief Hyacinth — Winken Sie mir nicht, Herr Markese, was Sie wissen, das weiß ich, und was ich weiß, das wissen Sie. Und Sie, Herr Doktor, leben Sie wohl! Um die Kleinigkeit mahne ich Sie nicht. — Bey diesen Worten stieg er den Huͤgel wieder hinab, und murmelte bestaͤndig: Gumpelino Strachino — Strachino Gumpelino — Es ist ein treuer Mensch — sagte der Mar¬ kese — sonst haͤtte ich ihn laͤngst abgeschafft, wegen seines Mangels an Etikette. Vor Ihnen hat das nichts zu bedeuten. Sie verstehen mich. Wie gefaͤllt Ihnen seine Livree? Es sind noch fuͤr vierzig Thaler mehr Tressen dran als an der Livree von Rothschild's Bedienten. Ich habe innerlich mein Vergnuͤgen, wie sich der Mensch bey mir perfekzionirt. Dann und wann gebe ich ihm selbst Unterricht in der Bildung. Ich sage ihm oft: Was ist Geld? Geld ist rund und rollt weg, aber Bildung bleibt. Ja, Herr Doktor, wenn ich, was Gott verhuͤte, mein Geld verliere, so bin ich doch noch immer ein großer Kunstken¬ ner, ein Kenner von Malerey, Musik und Poesie. Sie sollen mir die Augen zubinden und mich in der Gallerie zu Florenz herumfuͤhren, und bey jedem Gemaͤlde, vor welches Sie mich hinstellen, will ich Ihnen den Maler nennen, der es ge¬ malt hat, oder wenigstens die Schule, wozu dieser Maler gehoͤrt. Musik? Verstopfen Sie mir die Ohren und ich hoͤre doch jede falsche Note. Poesie? Ich kenne alle Schauspielerinnen Deutschlands und die Dichter weiß ich aus¬ wendig. Und gar Natur! Ich bin zwey hun¬ dert Meilen gereist, Tag und Nacht durch, um in Schottland einen einzigen Berg zu sehen. Italien aber geht uͤber alles. Wie gefaͤllt Ihnen hier diese Naturgegend? Welche Schoͤpfung! Sehen Sie mal die Baͤume, die Berge, den Himmel, da unten das Wasser — ist nicht alles wie gemalt? Haben Sie es je im Theater schoͤner gesehen? Man wird so zu sagen ein Dichter! Verse kommen einem in den Sinn und man weiß nicht woher: — Schweigend, in der Abenddaͤmmrung Schleyer Ruht die Flur, das Lied der Haine stirbt; Nur daß hier, im alternden Gemaͤuer Melancholisch noch ein Heimchen zirpt. Diese erhabenen Worte deklamirte der Mar¬ kese mit uͤbelschwellender Ruͤhrung, indem er, wie verklaͤrt, in das lachende, morgenhelle Thal hin¬ abschaute. Capitel IV . Als ich einst an einem schoͤnen Fruͤhlingstage unter den Berliner Linden spatzieren ging, wan¬ delten vor mir zwey Frauenzimmer, die lange schwiegen, bis endlich die Eine schmachtend auf¬ seufzte: ach, die jrine Beeme! Worauf die Andre, ein junges Ding, mit naiver Verwundrung fragte: Mutter, was gehn Ihnen die jrine Beeme an? Ich kann nicht umhin zu bemerken, daß beide Personen zwar nicht in Seide gekleidet gingen, jedoch keineswegs zum Poͤbel gehoͤrten, wie es denn uͤberhaupt in Berlin keinen Poͤbel giebt, außer etwa in den hoͤchsten Staͤnden. Was aber jene naive Frage selbst betrifft, so kommt sie mir nie aus dem Gedaͤchtnisse. Ueberall, wo ich un¬ wahre Naturempfindung und dergleichen gruͤne Luͤgen ertappe, lacht sie mir ergoͤtzlich durch den Sinn. Auch bey der Deklamazion des Markese wurde sie in mir laut, und den Spott auf meinen Lippen errathend, rief er verdrießlich: Stoͤren Sie mich nicht — Sie haben keinen Sinn fuͤr reine Natuͤrlichkeit — Sie sind ein zerrissener Mensch, ein zerrissenes Gemuͤth, so zu sagen, ein Byron. Lieber Leser, gehoͤrst Du vielleicht zu jenen frommen Voͤgeln, die da einstimmen in das Lied von byronischer Zerrissenheit, das mir schon seit zehn Jahren, in allen Weisen, vorgepfiffen und vorgezwitschert worden, und sogar im Schaͤdel des Markese, wie Du oben gehoͤrt hast, sein Echo gefunden? Ach, theurer Leser, wenn Du uͤber jene Zerrissenheit klagen willst, so beklage lieber, daß die Welt selbst mitten entzwey ge¬ rissen ist. Denn da das Herz des Dichters der Mittelpunkt der Welt ist, so mußte es wohl in jetziger Zeit jaͤmmerlich zerrissen werden. Wer von seinem Herzen ruͤhmt, es sey ganz geblieben, der gesteht nur, daß er ein prosaisches weitabge¬ legenes Winkelherz hat. Durch das meinige ging aber der große Weltriß, und eben deswegen weiß ich, daß die großen Goͤtter mich vor vielen Anderen hochbegnadigt und des Dichtermaͤrtyrthums wuͤr¬ dig geachtet haben. Einst war die Welt ganz, im Alterthum und im Mittelalter, trotz der aͤußeren Kaͤmpfe gab's doch noch immer eine Welteinheit, und es gab ganze Dichter. Wir wollen diese Dichter ehren und uns an ihnen erfreuen; aber jede Nach¬ ahmung ihrer Ganzheit ist eine Luͤge, eine Luͤge, die jedes gesunde Auge durchschaut und die dem Hohne dann nicht entgeht. Juͤngst, mit vieler Muͤhe, verschaffte ich mir in Berlin die Gedichte eines jener Ganzheitdichter, der uͤber meine byronische Zerrissenheit so sehr geklagt, und bey den erlogenen Gruͤnlichkeiten, den zarten Natur¬ gefuͤhlen, die mir da, wie frisches Heu, ent¬ gegendufteten, waͤre mein armes Herz, das schon hinlaͤnglich zerrissen ist, fast auch vor Lachen ge¬ borsten, und unwillkuͤrlich rief ich: Mein lieber Herr Intendanturrath Wilhelm Neumann, was gehn Ihnen die jrine Beeme an? Sie sind ein zerrissener Mensch, so zu sagen ein Byron — wiederholte der Markese, sah noch immer verklaͤrt hinab ins Thal, schnaltzte zuweilen mit der Zunge am Gaumen vor andaͤchtiger Be¬ wunderung — Gott! Gott! Alles wie gemalt! Armer Byron! solches ruhige Genießen war Dir versagt! War dein Herz so verdorben, daß du die Natur nur sehen, ja sogar schildern, aber nicht von ihr beseligt werden konntest? Oder hat Bishy Shelley Recht, wenn er sagt: du habest die Natur in ihrer keuschen Nacktheit be¬ lauscht und wurdest deshalb, wie Aktaͤon, von ihren Hunden zerrissen! Genug davon; wir kommen zu einem besseren Gegenstande, nemlich zu Signora Laetizia's und Franscheska's Wohnung, einem kleinen weißen Gebaͤude, das gleichsam noch im Neglig é zu seyn scheint, und vorn zwey große runde Fenster hat, vor welchem die hochaufgezogenen Weinstoͤcke ihre langen Ranken herabhaͤngen lassen, daß es aussieht als fielen gruͤne Haare, in lockiger Fuͤlle, uͤber die Augen des Hauses. An der Thuͤre schon klingt es uns bunt entgegen, wirbelnde Triller, Guitarrentoͤne und Gelaͤchter. Capitel V . Signora Laetizia, eine funfzigjaͤhrige junge Rose, lag im Bette und trillerte und schwatzte mit ihren beiden Galans, wovon der eine auf einem niedrigen Schemel vor ihr saß und der andre, in einem großen Sessel lehnend, die Guitarre spielte. Im Nebenzimmer flatterten dann und wann ebenfalls die Fetzen eines suͤßen Liedes oder eines noch wundersuͤßeren Lachens. Mit einer gewissen wohlfeilen Ironie, die den Markese zuweilen anwandelte, praͤsentirte er mich der Signora und den beiden Herren, und be¬ merkte dabey: ich sey derselbe Johann Heinrich Heine, Doktor Juris, der jetzt in der deutschen juristischen Litteratur beruͤhmt sey. Zum Ungluͤck war der eine Herr ein Professor aus Bologna, und zwar ein Jurist, obgleich sein wohlgewoͤlb¬ ter, runder Bauch ihn eher zu einer Anstellung bey der sphaͤrischen Trionometrie zu qualifiziren schien. Einigermaßen in Verlegenheit gesetzt, be¬ merkte ich, daß ich nicht unter meinem eigenen Namen schriebe, sondern unter dem Namen Jarke; und das sagte ich aus Bescheidenheit, indem mir zufaͤllig einer der wehmuͤthigsten In¬ sektennamen unserer juristischen Litteratur ins Gedaͤchtniß kam. Der Bologneser beklagte zwar, diesen beruͤhmten Namen noch nicht gehoͤrt zu haben — welches auch bey dir, lieber Leser, der Fall seyn wird — doch zweifelte er nicht, daß er bald seinen Glanz uͤber die ganze Erde verbreiten werde. Dabey lehnte er sich zuruͤck in seinem Sessel, griff einige Akkorde auf der Guitarre und sang aus Axur: O maͤchtiger Brama! Ach laß Dir das Lallen Der Unschuld gefallen, Das Lallen, das Lallen — Wie ein lieblich neckendes Nachtigall-Echo schmetterte im Nebenzimmer eine aͤhnliche Me¬ lodie. Signora Laetizia aber trillerte dazwi¬ schen im feinsten Diskant: Dir allein gluͤht diese Wange, Dir nur klopfen diese Pulse; Voll von suͤßem Liebesdrange Hebt mein Herz sich dir allein! Und mit der fettigsten Prosastimme setzte sie hinzu: Bartolo, gieb mir den Spucknapf. Von seinem niedern Baͤnkchen erhob sich jetzt Bartolo mit seinen duͤrren hoͤlzernen Beinen, und praͤsentirte ehrerbietig einen etwas unreinlichen Napf von blauem Porzelan. Dieser zweite Galan, wie mir Gumpelino auf deutsch zufluͤsterte, war ein sehr beruͤhmter Dichter, dessen Lieder, obgleich er sie schon vor zwanzig Jahren gedichtet, noch jetzt in ganz Italien klingen, und mit der suͤßen Liebesgluth, die in ihnen flammt, Alt und Jung berauschen; — derweilen er selbst jetzt nur ein armer, veralteter Mensch ist, mit blassen Augen im welken Ge¬ sichte, duͤnnen weißen Haͤrchen auf dem schwan¬ kenden Kopfe, und kalter Armuth im kuͤmmer¬ lichen Herzen. So ein armer, alter Dichter mit seiner kahlen Hoͤlzernheit, gleicht den Weinstoͤcken, die wir im Winter, auf den kalten Bergen stehen sehen, duͤrr und laublos, im Winde zitternd und von Schnee bedeckt, waͤhrend der suͤße Moost, der ihnen einst entquoll, in den fernsten Landen gar manches Zecherherz erwaͤrmt und zu ihrem Lobe berauscht. Wer weiß, wenn einst die Kelter der Gedanken, die Druckerpresse, auch mich ausge¬ preßt hat, und nur noch im Verlagskeller von Hoffmann und Campe der alte, abgezapfte Geist zu finden ist, sitze ich selbst vielleicht eben so duͤnn und kuͤmmerlich, wie der arme Bartolo, auf dem Schemel neben dem Bette einer alten Inamorata, und reiche ihr auf Verlangen den Napf des Spuckes. Signora Laetizia entschuldigte sich bey mir, daß sie zu Bette liege und zwar baͤuchlings, in¬ dem ein Geschwuͤr an der Legitimitaͤt, das sie sich durch vieles Feigen-Essen zugezogen, sie jetzt hindere, wie es einer ordentlichen Frau zieme, auf dem Ruͤcken zu liegen. Sie lag wirklich ungefaͤhr wie eine Sphinx; ihr hochfrisirtes Haupt staͤmmte sie auf ihre beiden Arme, und zwischen diesen wogte ihr Busen wie ein rothes Meer. Sie sind ein Deutscher? frug sie mich. Ich bin zu ehrlich, es zu laͤugnen, Sig¬ nora! entgegnete meine Wenigkeit. Ach, ehrlich genug sind die Deutschen! — seufzte sie — aber was hilft es, daß die Leute ehrlich sind, die uns berauben! sie richten Italien zu Grunde. 17 Meine besten Freunde sitzen eingekerkert in Mi¬ lano; nur Sklaverey — Nein, nein, rief der Markese, beklagen Sie sich nicht uͤber die Deutschen, wir sind uͤberwun¬ dene Ueberwinder, besiegte Sieger, sobald wir nach Italien kommen; und Sie sehen Signora, Sie sehen und Ihnen zu Fuͤßen fallen, ist das¬ selbe — Und indem er sein gelbseidenes Taschen¬ tuch ausbreitete und darauf niederkniete, setzte er hinzu: Hier kniee ich und huldige Ihnen im Namen von ganz Deutschland. Christophoro di Gumpelino! — seufzte Sig¬ nora tiefgeruͤhrt und schmachtend — stehen Sie auf und umarmen Sie mich! Damit aber der holde Schaͤfer nicht die Frisur und die Schminke seiner Geliebten verduͤrbe, kuͤßte Sie ihn nicht auf die gluͤhenden Lippen, sondern auf die holde Stirne, so daß sein Ge¬ sicht tiefer hinabreichte, und das Steuer desselben, die Nase, im rothen Meere herumruderte. Signor Bartolo! rief ich, erlauben Sie mir, daß auch ich mich des Spucknapfes bediene. Wehmuͤthig laͤchelte Signor Bartolo, sprach aber kein einziges Wort, obgleich er, naͤchst Mezzophante, fuͤr den besten Sprachlehrer in Bo¬ logna gilt. Wir sprechen nicht gern, wenn Sprechen unsre Profession ist. Er diente der Signora als ein stummer Ritter, und nur dann und wann mußte er das Gedicht rezitiren, das er ihr vor fuͤnf und zwanzig Jahren aufs Theater geworfen, als sie zuerst in Bologna, in der Rolle der Ariadne, auftrat. Er selbst mag zu jener Zeit wohlbe¬ laubt und gluͤhend gewesen seyn, vielleicht aͤhnlich dem heiligen Dionysos selbst, und seine Laetizia¬ Ariadne stuͤrzte ihm gewiß bachantisch in die bluͤhenden Arme — Evoe Bacche! Er dichtete damals noch viele Liebesgedichte, die, wie schon erwaͤhnt, sich in der italienischen Litteratur erhal¬ ten haben, nachdem der Dichter und die Geliebte selbst schon laͤngst zu Makulatur geworden. 17 * Fuͤnf und zwanzig Jahre hat sich seine Treue bereits bewaͤhrt, und ich denke, er wird auch bis an sein seliges Ende auf dem Schemel sitzen, und auf Verlangen seine Verse rezitiren oder den Spucknapf reichen. Der Professor der Juris¬ prudenz schleppt sich fast eben so lange schon in den Liebesfesseln der Signora, er macht ihr noch immer so eifrig die Cour wie im Anfang dieses Jahrhunderts, er muß noch immer seine aka¬ demischen Vorlesungen unbarmherzig vertagen, wenn sie seine Begleitung nach irgend einem Orte verlangt, und er ist noch immer belastet mit allen Servituten eines aͤchten Patito. Die treue Ausdauer dieser beiden Anbeter einer laͤngst ruinirten Schoͤnheit, mag vielleicht Gewohnheit seyn, vielleicht Pietas gegen fruͤhere Gefuͤhle, vielleicht nur das Gefuͤhl selbst, das sich von der jetzigen Beschaffenheit seines ehe¬ maligen Gegenstandes ganz unabhaͤngig gemacht hat, und diesen nur noch mit den Augen der Erinnerung betrachtet. So sehen wir oft alte Leute an einer Straßenecke, in katholischen Staͤd¬ ten, vor einem Madonnenbilde knieen, das so verblaßt und verwittert ist, daß nur noch wenige Spuren und Gesichtsumrisse davon uͤbrig geblie¬ ben sind, ja, daß man dort vielleicht nichts mehr sieht als die Nische, worin es gemalt stand, und die Lampe, die etwa noch daruͤber haͤngt; aber die alten Leute, die, mit dem Rosenkranz in den zitternden Haͤnden, dort so andaͤchtig knieen, haben schon seit ihren Jugendjahren dort gekniet, Ge¬ wohnheit treibt sie immer, um dieselbe Stunde, zu demselben Fleck, sie merkten nicht das Er¬ loͤschen des geliebten Heiligenbildes, und am Ende macht das Alter ja doch so schwachsichtig und blind, daß es ganz gleichguͤltig seyn mag, ob der Gegenstand unserer Anbetung uͤberhaupt noch sichtbar ist oder nicht. Die da glauben ohne zu sehen sind auf jeden Fall gluͤcklicher als die Scharfaͤugigen, die jede hervorbluͤhende Runzel auf dem Antlitz ihrer Madonnen gleich bemerken. Nichts ist schrecklicher als solche Bemerkungen! Einst freylich, glaubte ich, die Treulosigkeit der Frauen sey das Schrecklichste, und um dann das Schrecklichste zu sagen, nannte ich sie Schlangen. Aber, ach! jetzt weiß ich, das Schrecklichste ist, daß sie nicht ganz Schlangen sind; denn die Schlan¬ gen koͤnnen jedes Jahr die alte Haut von sich abstreifen und neugehaͤutet sich verjuͤngen. Ob einer von den beiden antiken Seladons daruͤber eifersuͤchtig war, daß der Markese, oder vielmehr dessen Nase, oberwaͤhntermaßen in Wonne schwamm, das konnte ich nicht bemerken. Bar¬ tolo saß gemuͤthsruhig auf seinem Baͤnkchen, die Beinstoͤckchen uͤber einander geschlagen, nnd spielte mit Signoras Schooßhuͤndchen, einem jener huͤb¬ schen Thierchen, die in Bologna zu Hause sind und die man auch bey uns unter dem Namen Bologneser kennt. Der Professor ließ sich durchaus nicht stoͤren in seinem Gesange, den zuweilen die kichernd suͤßen Toͤne im Nebenzim¬ mer parodistisch uͤberjubelten; dann und wann unterbrach er auch selbst seinen Singsang, um mich mit juristischen Fragen zu behelligen. Wenn wir in unserem Urtheil nicht uͤbereinstimmten, griff er hastige Akkorde und klimperte Bewei߬ stellen. Ich aber unterstuͤtzte meine Meinung immer durch die Autoritaͤt meines Lehrers, des großen Hugo, der in Bologna unter dem Namen Ugone, auch Ugolino, sehr beruͤhmt ist. Ein großer Mann! rief der Professor und klimperte dabey und sang: Seiner Stimme sanfter Ruf Toͤnt noch tief in deiner Brust, Und die Qual, die sie dir schuf, Ist Entzuͤcken, suͤße Lust. Auch Thibaut, den die Italiener Tibaldo nennen, wird in Bologna sehr geehrt; doch kennt man dort nicht sowohl die Schriften jener Maͤn¬ ner, als vielmehr ihre Hauptansichten und deren Gegensatz. Gans und Savigny fand ich eben¬ falls nur dem Namen nach bekannt. Letzteren hielt der Professor fuͤr ein gelehrtes Frauen¬ zimmer. So, so — sprach er, als ich ihn aus diesem leichtverzeihlichen Irrthum zog — wirklich kein Frauenzimmer. Man hat mir also falsch be¬ richtet. Man sagte mir sogar, der Signor Gans habe dieses Frauenzimmer einst, auf einem Balle, zum Tanze aufgefordert, habe einen Refuͤs be¬ kommen, und daraus sey eine literaͤrische Feind¬ schaft entstanden. Man hat Ihnen in der That falsch berichtet, der Signor Gans tanzt gar nicht, schon aus dem menschenfreundlichen Grunde, damit nicht ein Erdbeben entstehe. Jene Aufforderung zum Tanze ist wahrscheinlich eine mißverstandene Allegorie. Die historische Schule und die philosophische werden als Taͤnzer gedacht, und in solchem Sinne denkt man sich vielleicht eine Quadrille von Ugone, Tibaldo, Gans und Savigny. Und vielleicht in solchem Sinne, sagt man, daß Signor Ugone, obgleich er der Diable boiteux der Jurisprudenz ist, doch so zierliche Pas tanze wie die Lemiere, und daß Signor Gans, in der neuesten Zeit, einige große Spruͤnge versucht, die ihn zum Hoguet der philosophischen Schule gemacht haben. Der Signor Gans — verbesserte sich der Professor — tanzt also bloß allegorisch, so zu sagen metaphorisch — Doch ploͤtzlich, statt weiter zu sprechen, griff er wieder in die Saiten der Guitarre, und bey dem tollsten Geklimper sang er wie toll: Es ist wahr, sein theurer Name Ist die Wonne aller Herzen. Stuͤrmen laut des Meeres Wogen, Droht der Himmel schwarz umzogen, Hoͤrt man stets Tarar nur rufen, Gleich als beugten Erd' und Himmel Vor des Helden Namen sich. Von Herrn Goͤschen wußte der Professor nicht einmal, daß er existire. Dies aber hatte seine natuͤrlichen Gruͤnde, indem der Ruhm des großen Goͤschen noch nicht bis Bologna gedrungen ist, sondern erst bis Poggio, welches noch vier deutsche Meilen davon entfernt ist, und wo er sich zum Vergnuͤgen noch einige Zeit aufhalten wird. — Goͤttingen selbst ist in Bologna lange nicht so bekannt, wie man schon, der Dankbarkeit wegen, erwarten duͤrfte, indem es sich das deutsche Bo¬ logna zu nennen pflegt. Ob diese Benennung treffend ist, will ich nicht untersuchen; auf jeden Fall aber unterscheiden sich beide Universitaͤten durch den einfachen Umstand, daß in Bologna die kleinsten Hunde und die groͤßten Gelehrten, in Goͤttingen hingegen die kleinsten Gelehrten und die groͤßten Hunde zu finden sind. Capitel VI . Als der Markese Christophoro di Gumpelino seine Nase hervorzog aus dem rothen Meere, wie weiland Koͤnig Pharao, da glaͤnzte sein Ant¬ litz in schwitzender Selbstwonne. Tief geruͤhrt gab er Signoren das Versprechen, sie, sobald sie wieder sitzen koͤnne, in seinem eignen Wagen nach Bologna zu bringen. Nun wurde verab¬ redet, daß alsdann der Professor vorausreisen, Bartolo hingegen im Wagen des Markese mit¬ fahren solle, wo er sehr gut auf dem Bock sitzen und das Huͤndchen im Schooße halten koͤnne, und daß man endlich in vierzehn Tagen zu Flo¬ renz eintreffen wolle, wo Signora Franscheska, die mit Milady nach Pisa reise, unterdessen eben¬ falls zuruͤckgekehrt seyn wuͤrde. Waͤhrend der Markese an den Fingern die Kosten berechnete, summte er vor sich hin di tanti palpiti . Sig¬ nora schlug dazwischen die lautesten Triller, und der Professor stuͤrmte in die Saiten der Guitarre und sang dabey so gluͤhende Worte, daß ihm die Schweißtropfen von der Stirne und die Thraͤnen aus den Augen liefen, und sich auf seinem rothen Gesichte zu einem einzigen Strome vereinigten. Waͤhrend dieses Singens und Klin¬ gens ward ploͤtzlich die Thuͤre des Nebenzimmers aufgerissen und herein sprang ein Wesen — Euch, Ihr Musen der alten und der neuen Welt, Euch sogar Ihr noch unentdeckten Musen, die erst ein spaͤteres Geschlecht verehren wird, und die ich schon laͤngst geahnet habe, im Walde und auf dem Meere, Euch beschwoͤr' ich, gebt mir Farben, womit ich das Wesen male, das naͤchst der Tugend das Herrlichste ist auf dieser Welt. Die Tugend, das versteht sich von selbst, ist die erste von allen Herrlichkeiten, der Weltschoͤpfer schmuͤckte sie mit so vielen Reizen, daß es schien, als ob er nichts eben so Herrliches mehr hervor¬ bringen koͤnne; da aber nahm er noch einmal alle seine Kraͤfte zusammen, und in einer guten Stunde schuf er Signora Franscheska, die schoͤne Taͤnzerin, das groͤßte Meisterstuͤck, das er nach Erschaffung der Tugend hervorgebracht, und wo¬ bey er sich nicht im mindesten wiederholt hat, wie irdische Meister, bey deren spaͤteren Werken die Reize der fruͤheren wieder geborgterweise zum Vorschein kommen — Nein, Signora Fran¬ scheska ist ganz Original, sie hat nicht die min¬ deste Aehnlichkeit mit der Tugend, und es giebt Kenner, die sie fuͤr eben so herrlich halten, und der Tugend, die fruͤher erschaffen worden, nur den Vorrang der Anciennitaͤt zuerkennen. Aber ist das ein großer Mangel, wenn eine Taͤnzerin einige sechstausend Jahre zu jung ist? Ach, ich sehe sie wieder, wie sie, aus der aufgestoßenen Thuͤre bis zur Mitte des Zimmers hervorspringt, in demselben Momente sich unzaͤhlige Mal auf einem Fuße herumdreht, sich dann der Laͤnge nach auf das Sopha hinwirft, sich die Augen mit beiden Haͤnden verdeckt haͤit , und athemlos ausruft: ach, ich bin so muͤde vom Schlafen! Nun naht sich der Markese und haͤlt eine lange Rede, in seiner ironisch breit ehrerbietigen Ma¬ nier, die mit seinem kurzabbrechenden Wesen, bey praktischen Geschaͤftserinnerungen, und mit seiner faden Zerflossenheit, bey sentimentaler Anre¬ gung, gar raͤthselhaft kontrastirte. Dennoch war diese Manier nicht unnatuͤrlich, sie hatte sich viel¬ leicht dadurch natuͤrlich in ihm ausgebildet, daß es ihm an Kuͤhnheit fehlte, jene Obmacht, wozu er sich durch Geld und Geist berechtigt glaubte, unumwun¬ den kund zu geben, weshalb er sie feigerweise in die Worte der uͤbertriebensten Demuth zu verkappen suchte. Sein breites Laͤcheln bey solchen Gelegenhei¬ ten hatte etwas unangenehm Ergoͤtzliches, und man wußte nicht, ob man ihm Pruͤgel oder Beyfall zollen sollte. In solcher Weise hielt er seine Morgenrede vor Signora Franscheska, die, noch halb schlaͤfrig, ihn kaum anhoͤrte, und als er zum Schluß um die Erlaubniß bat, ihr die Fuͤße, wenigstens den linken Fuß, kuͤssen zu duͤrfen, und zu diesem Geschaͤfte, mit großer Sorgfalt, sein gelbseidnes Taschentuch uͤber den Fußboden ausbreitete und darauf niederkniete: streckte sie ihm gleichguͤltig den linken Fuß entgegen, der in einem allerliebsten rothen Schuh steckte, im Ge¬ gensatz zu dem rechten Fuße, der einen blauen Schuh trug, eine drollige Coketterie, wodurch die zarte niedliche Form der Fuͤße noch bemerklicher werden sollte. Als der Markese den kleinen Fuß ehrfurchtsvoll gekuͤßt, erhob er sich mit einem aͤchzenden O Jesu! und bat um die Erlaubniß, mich, seinen Freund, vorstellen zu duͤrfen, welches ihm ebenfalls gaͤhnend gewaͤhrt wurde, und wo¬ bey er es nicht an Lobspruͤchen auf meine Vor¬ trefflichkeit fehlen ließ, und auf Cavalier-Parole betheuerte, daß ich die ungluͤckliche Liebe ganz vortrefflich besungen habe. Ich bat die Dame ebenfalls um die Ver¬ guͤnstigung ihr den linken Fuß kuͤssen zu duͤrfen, und in dem Momente, wo ich dieser Ehre theilhaftig wurde, erwachte sie wie aus einem daͤmmernden Traume, beugte sich laͤchelnd zu mir herab, be¬ trachtete mich mit großen verwunderten Augen, sprang freudig empor bis in die Mitte des Zim¬ mers, und drehte sich wieder unzaͤhlige Mal auf einem Fuße herum. Ich fuͤhlte wunderbar, wie mein Herz sich bestaͤndig mitdrehte, bis es fast schwindelig wurde. Der Professor aber griff da¬ bey lustig in die Saiten seiner Guitarre und sang: Eine Opern-Signora erwaͤhlte Zum Gemahl mich, ward meine Vermaͤhlte, Und geschlossen war bald unsre Eh'. Wehe mir Armen! weh! Bald befreiten von ihr mich Corsaren, Ich verkaufte sie an die Barbaren, Ehe sie sich es konnte versehn. Bravo, Biskroma! schoͤn! schoͤn! Noch einmal betrachtete mich Signora Fran¬ scheska scharf und musternd, vom Kopf bis zum Fuße, und mit zufriedener Miene dankte sie dann dem Markese, als sey ich ein Geschenk, das er ihr aus Artigkeit mitgebracht. Sie fand wenig daran auszusetzen: nur waren ihr meine Haare zu hellbraun, sie haͤtte sie dunkler gewuͤnscht, wie die Haare des Abbate Cecco, auch meine Augen fand sie zu klein und mehr gruͤn als blau. Zur Vergeltung, lieber Leser, sollte ich jetzt Signora Franscheska eben so maͤkelnd schildern; aber ich habe wahrhaftig an dieser lieblichen, fast leicht¬ sinnig geformten Graziengestalt nichts auszusetzen. Auch das Gesicht war ganz goͤttermaͤßig, wie man es bey griechischen Statuen findet, Stirne und Nase gaben nur eine einzige senkrecht gerade Linie, einen suͤßen rechten Winkel bildete damit 18 die untere Nasenlinie, die wundersam kurz war, eben so schmal war die Entfernung von der Nase zum Munde, dessen Lippen an beiden Enden kaum ausreichten und von einem traͤumerischen Laͤcheln ergaͤnzt wurden; darunter woͤlbte sich ein liebes volles Kinn, und der Hals — Ach! frommer Leser, ich komme zu weit, und außerdem habe ich bey dieser Inauguralschilderung noch kein Recht von den zwey schweigenden Blumen zu sprechen, die wie weiße Poesie hervorleuchteten, wenn Signora die silbernen Halsknoͤpfe ihres schwarz¬ seidnen Kleides enthaͤkelte — Lieber Leser! laß uns wieder emporsteigen zu der Schilderung des Ge¬ sichtes, wovon ich nachtraͤglich noch zu berichten habe, daß es klar und blaßgelb wie Bernstein war, daß es von den schwarzen Haaren, die in glaͤnzend glatten Ovalen die Schlaͤfe bedeckten, eine kindliche Ruͤndung empfing, und von zwey schwarzen ploͤtzlichen Augen, wie von Zauberlicht, beleuchtet wurde. Du siehst, lieber Leser, daß ich dir gern eine gruͤndliche Lokalbeschreibung meines Gluͤckes lie¬ fern moͤchte, und, wie andere Reisende ihren Wer¬ ken noch besondere Karten von historisch wichtigen oder sonst merkwuͤrdigen Bezirken beyfuͤgen, so moͤchte ich Franscheska in Kupfer stechen lassen. Aber ach! was hilft die todte Copie der aͤußern Umrisse bey Formen, deren goͤttlichster Reiz in der lebendigen Bewegung besteht. Selbst der beste Maler kann uns diesen nicht zur Anschauung bringen; denn die Malerey ist doch nur eine platte Luͤge. Eher vermoͤchte es der Bildhauer; durch wechselnde Beleuchtung koͤnnen wir bey Statuen uns einigermaßen eine Bewegung der Formen denken, und die Fackel, die ihnen nur aͤußeres Licht zuwirft, scheint sie auch von innen zu beleben. Ja, es giebt eine Statue, die dir, lieber Leser, einen marmornen Begriff von Franscheska's Herrlichkeit zu geben vermoͤchte, und das ist die Venus des großen Canova, die 18 * du in einem der letzten Saͤle des Pallazzo Pitti zu Florenz finden kannst. Ich denke jetzt oft an diese Statue, zuweilen traͤumt mir, sie laͤge in meinen Armen, und belebe sich allmaͤhlig und fluͤstere endlich mit der Stimme Fran¬ scheska's. Der Ton dieser Stimme war es aber, der jedem ihrer Worte die lieblichste, unendlichste Bedeutung ertheilte, und wollte ich dir ihre Worte mittheilen, so gaͤbe es bloß ein trocknes Herbarium von Blumen, die nur durch ihren Duft den groͤßten Werth besaßen. Auch sprang sie oft in die Hoͤhe, und tanzte waͤhrend sie sprach, und vielleicht war eben der Tanz ihre eigentliche Sprache. Mein Herz aber tanzte immer mit und exekutirte die schwierigsten Pas, und zeigte dabey so viel Tanztalent, wie ich ihm nie zugetraut haͤtte. In solcher Weise erzaͤhlte Franscheska auch die Geschichte von dem Abbate Cecco, einem jungen Burschen, der in sie verliebt war, als sie noch im Arno-Thal Strohhuͤte strickte, und sie versicherte, daß ich das Gluͤck haͤtte ihm aͤhnlich zu sehen. Dabey machte sie die zaͤrtlich¬ sten Pantominen, druͤckte ein uͤber's andere Mal die Fingerspitzen an's Herz, schien dann mit ge¬ hoͤhlter Hand die zaͤrtlichsten Gefuͤhle hervorzu¬ schoͤpfen, warf sich endlich schwebend, mit voller Brust, aufs Sopha, barg das Gesicht in die Kissen, streckte hinter sich ihre Fuͤße in die Hoͤhe und ließ sie wie hoͤlzerne Puppen agiren. Der blaue Fuß sollte den Abbate Cecco und der rothe die arme Franscheska vorstellen, und indem sie ihre eigene Geschichte parodirte, ließ sie die beiden verliebten Fuͤße von einander Abschied nehmen, und es war ein ruͤhrend naͤrrisches Schauspiel, wie sich beide mit den Spitzen kuͤßten, und die zaͤrtlichsten Dinge sagten — und dabey weinte das tolle Maͤdchen ergoͤtzlich kichernde Thraͤnen, die aber dann und wann etwas unbewußt tiefer aus der Seele kamen, als die Rolle verlangte. Sie ließ auch, im drolligen Schmerzensuͤbermuth den Abbate Cecco eine lange Rede halten, worin er die Schoͤnheit der armen Franscheska mit pe¬ dantischen Metaphern ruͤhmte, und die Art wie sie auch, als arme Franscheska, Antwort gab und ihre eigene Stimme, in der Sentimentalitaͤt einer fruͤheren Zeit, kopirte, hatte etwas Puppenspiel¬ wehmuͤthiges, das mich wundersam bewegte. Ade Cecco! Ade Franscheska! war der bestaͤndige Refrain, die verliebten Fuͤßchen wollten sich nicht verlassen — und ich war endlich froh, als ein unerbittliches Schicksal sie von einander trennte, indem suͤße Ahnung mir zufluͤsterte, daß es fuͤr mich ein Mißgeschick waͤre, wenn die beiden Lie¬ benden bestaͤndig vereinigt blieben. Der Professor applaudirte mit possenhaft schwirrenden Guitarrentoͤnen, Signora trillerte, das Huͤndchen bellte, der Markese und ich klatschten in die Haͤnde wie rasend, und Signora Franscheska stand auf und verneigte sich dankbar. Es ist wirklich eine schoͤne Comoͤdie, sprach sie zu mir, aber es ist schon lange her, seit sie zuerst aufgefuͤhrt worden, und ich selbst bin schon so alt — rathen Sie mahl wie alt? Sie erwartete jedoch keineswegs meine Ant¬ wort, sprach rasch: achtzehn Jahr — und drehte sich dabey wohl achtzehnmal auf einem Fuß herum. Und wie alt sind Sie, Dottore? Ich, Signora, bin in der Neujahrsnacht Achtzehnhundert geboren. Ich habe Ihnen ja schon gesagt, bemerkte der Markese, es ist einer der ersten Maͤnner unseres Jahrhunderts. Und wie alt halten Sie mich? rief ploͤtzlich Signora Laetizia, und ohne an ihr Eva-Kostuͤm, das bis jetzt die Bettdecke verborgen hatte, zu denken, erhob sie sich bey dieser Frage so leiden¬ schaftlich in die Hoͤhe, daß nicht nur das rothe Meer, sondern auch ganz Arabien, Syrien und Mesopotamien zum Vorschein kam. Indem ich, ob dieses graͤßlichen Anblicks, er¬ schrocken zuruͤckprallte, stammelte ich einige Redens¬ arten uͤber die Schwierigkeiten, eine solche Frage zu loͤsen, indem ich ja Signora erst zur Haͤlfte ge¬ sehen haͤtte; doch da sie noch eifriger in mich drang, gestand ich ihr die Wahrheit, nemlich daß ich das Verhaͤltniß der italienischen Jahre zu den deut¬ schen noch nicht zu berechnen wisse. Ist der Unterschied groß? frug Signora Lae¬ tizia. Das versteht sich, antwortete ich ihr, da die Hitze alle Koͤrper ausdehnt, so sind die Jahre in dem warmen Italien viel laͤnger als in dem kalten Deutschland. Der Markese zog mich besser aus der Ver¬ legenheit, indem er galant behauptete, ihre Schoͤnheit habe sich jetzt erst in der uͤppigsten Reife entfaltet. Und Signora! setzte er hinzu, so wie die Pomeranze, je aͤlter sie wird, auch desto gelber wird, so wird auch Ihre Schoͤnheit mit jedem Jahre desto reifer. Die Dame schien mit dieser Vergleichung zufrieden zu seyn, und gestand ebenfalls, daß sie sich wirklich reifer fuͤhle als sonst, beson¬ ders gegen damals, wo sie noch ein duͤnnes Ding gewesen und zuerst in Bologna auf¬ getreten sey, und daß sie noch jetzt nicht begreife, wie sie in solcher Gestalt so viel Furore habe machen koͤnnen. Und nun erzaͤhlte sie ihr Debuͤt als Ariadne, worauf sie, wie ich spaͤ¬ ter entdeckte, sehr oft zuruͤckkam, bey welcher Gelegenheit auch Signor Bartolo das Gedicht deklamiren mußte, das er ihr damals aufs Theater geworfen. Es war ein gutes Gedicht, voll ruͤh¬ render Trauer uͤber Theseus Treulosigkeit, voll blinder Begeisterung fuͤr Bachus und bluͤhender Ver¬ herrlichung Ariadne's. Bella cosa! rief Signora Laetizia bey jeder Strophe, und auch ich lobte die Bilder, den Versbau und die ganze Be¬ handlung jener Mythe. Ja, sie ist sehr schoͤn, sagte der Professor, und es liegt ihr gewiß eine historische Wahrheit zum Grunde, wie denn auch einige Autoren uns ausdruͤcklich erzaͤhlen, daß Oneus, ein Priester des Bachus, sich mit der trauernden Ariadne vermaͤhlt habe, als er sie verlassen auf Naxos angetroffen; und, wie oft geschieht, ist in der Sage, aus dem Priester des Gottes, der Gott selbst gemacht worden. Ich konnte dieser Meinung nicht beystimmen, da ich mich in der Mythologie mehr zur historischen Ausdeutung hinneige, und ich entgegnete: In der ganzen Fabel, daß Ariadne, nachdem The¬ seus sie auf Naxos sitzen lassen, sich dem Bachus in die Arme geworfen, sehe ich nichts anderes als die Allegorie, daß sie sich, in jenem verlassenen Zustande, dem Trunk ergeben hat, eine Hypothese, die noch mancher Gelehrte meines Vaterlandes mit mir theilt. Sie, Herr Markese, werden wahrscheinlich wissen, daß der selige Banquier Bethmann, im Sinne dieser Hypothese, seine Ariadne so zu beleuchten wußte, daß sie eine rothe Nase zu haben schien. Ja, ja, Bethmann in Frankfurt war ein großer Mann! rief der Markese; jedoch im selben Augenblick schien ihm etwas Wichtiges durch den Kopf zu laufen, seufzend sprach er vor sich hin: Gott, Gott, ich habe vergessen nach Frankfurt an Rothschild zu schreiben! Und mit ernstem Geschaͤftsgesicht, woraus aller parodistische Scherz verschwunden schien, empfahl er sich kurzweg, ohne lange Ceromonien, und versprach gegen Abend wiederzukommen. Als er fort war und ich im Begriff stand, wie es in der Welt gebraͤuchlich ist, meine Glossen uͤber eben den Mann zu machen, durch dessen Guͤte ich die angenehmste Bekanntschaft gewon¬ nen, da fand ich zu meiner Verwunderung, daß alle ihn nicht genug zu ruͤhmen wußten, und daß alle besonders seinen Enthusiasmus fuͤr das Schoͤne, sein adelig feines Betragen, und seine Uneigen¬ nuͤtzigkeit in den uͤbertriebensten Ausdruͤcken prie¬ sen. Auch Signora Franscheska stimmte ein in diesen Lobgesang, doch gestand sie, seine Nase sey etwas beaͤngstigend und erinnere sie immer an den Thurm von Pisa. Beim Abschied bat ich sie wieder um die Ver¬ guͤnstigung, ihren linken Fuß kuͤssen zu duͤrfen; worauf sie, mit laͤchelndem Ernst, den rothen Schuh auszog, so wie auch den Strumpf; und indem ich niederkniete, reichte sie mir den weißeu , bluͤhenden Liljenfuß, den ich vielleicht glaͤubiger an die Lippen preßte, als ich es mit dem Fuß des Pab¬ stes gethan haben moͤchte. Wie sich von selbst ver¬ steht, machte ich auch die Kammerjungfer, und half den Strumpf und den Schuh wieder anziehen. Ich bin mit Ihnen zufrieden, — sagte Sig¬ nora Franscheska, nach verrichtetem Geschaͤfte, wobey ich mich nicht zu sehr uͤbereilte, obgleich ich alle zehn Finger in Thaͤtigkeit setzte, — ich bin mit Ihnen zufrieden, Sie sollen mir noch oͤfter die Struͤmpfe anziehen. Heute haben Sie den linken Fuß gekuͤßt, morgen soll Ihnen der rechte zu Gebot stehen. Uebermorgen duͤrfen Sie mir schon die linke Hand kuͤssen, und einen Tag nachher auch die rechte. Fuͤhren Sie sich gut auf, so reiche ich Ihnen spaͤterhin den Mund, u. s. w. Sie sehen, ich will Sie gern avan¬ ziren lassen, und da Sie jung sind, koͤnnen Sie es in der Welt noch weit bringen. Und ich habe es weit gebracht in dieser Welt! Deß seyd mir Zeugen, toskanische Naͤchte, du hell¬ blauer Himmel mit großen silbernen Sternen, Ihr wilden Lorbeerbuͤsche und heimlichen Myrten, und Ihr, o Nympfen des Appennins, die Ihr mit braͤutlichen Taͤnzen uns umschwebtet, und Euch zuruͤcktraͤumtet in jene besseren Goͤtterzeiten, wo es noch keine gothische Luͤge gab, die nur blinde, tappende Genuͤsse im Verborgenen erlaubt und jedem freyen Gefuͤhl ihr heuchlerisches Feigen¬ blaͤttchen vorklebt. Es beduͤrfte keiner besonderen Feigenblaͤtter; denn ein ganzer Feigenbaum mit vollen ausge¬ breiteten Zweigen rauschte uͤber den Haͤuptern der Gluͤcklichen. Capitel VIl . Was Pruͤgel sind, das weiß man schon; was aber die Liebe ist, das hat noch keiner her¬ ausgebracht. Einige Naturphilosophen haben behauptet, es sey eine Art Elektrizitaͤt. Das ist moͤglich; denn im Momente des Verliebens ist uns zu Muthe, als habe ein elektrischer Strahl aus dem Auge der Geliebten ploͤtzlich in unser Herz eingeschlagen. Ach! diese Blitze sind die verderblichsten, und wer gegen diese einen Ablei¬ ter erfindet, den will ich hoͤher achten als Frank¬ lin. Gaͤbe es doch kleine Blitzableiter, die man auf dem Herzen tragen koͤnnte, und woran eine Wetterstange waͤre, die das schreckliche Feuer an¬ derswo hin zu leiten vermoͤchte. Ich fuͤrchte aber, dem kleinen Amor kann man seine Pfeile nicht so leicht rauben, wie dem Jupiter seinen Blitz und den Tyrannen ihr Zepter. Außerdem wirkt nicht jede Liebe blitzartig; manchmal lauert sie, wie eine Schlange unter Rosen, und erspaͤht die erste Herzensluͤcke, um hineinzuschluͤpfen; manchmal ist es nur ein Wort, ein Blick, die Erzaͤhlung einer unscheinbaren Handlung, was wie ein lichtes Samenkorn in unser Herz faͤllt, eine ganze Winterzeit ruhig darin liegt, bis der Fruͤhling kommt, und das kleine Samenkorn auf¬ schießt zu einer flammenden Blume, deren Duft den Kopf betaͤubt. Dieselbe Sonne, die im Nil¬ thal Egyptens Krokodilleneyer ausbruͤtet, kann zu¬ gleich zu Potsdam an der Havel die Liebessaat in einem jungen Herzen zur Vollreife bringen — dann giebt es Thraͤnen in Egypten und Pots¬ dam. Aber Thaͤnen sind noch lange keine Erklaͤ¬ rungen — Was ist die Liebe? Hat keiner ihr Wesen ergruͤndet? hat keiner das Raͤthsel geloͤst? Vielleicht bringt solche Loͤsung groͤßere Qual als das Raͤthsel selbst, und das Herz erschrickt und erstarrt darob, wie beim Anblick der Medusa. Schlangen ringeln sich um das schreckliche Wort, das dieses Raͤthsel aufloͤst — O, ich will dieses Aufloͤsungswort niemals wissen, das brennende Elend in meinem Herzen ist mir immer noch lieber als kalte Erstarrung. O, sprecht es nicht aus, Ihr gestorbenen Gestalten, die Ihr schmerz¬ los wie Stein, aber auch gefuͤhllos wie Stein durch die Rosengaͤrten dieser Welt wandelt, und mit bleichen Lippen auf den thoͤrigten Gesellen herablaͤchelt, der den Duft der Rosen preist und uͤber Dornen klagt. Wenn ich dir aber, lieber Leser, nicht zu sagen vermag, was die Liebe eigentlich ist, so koͤnnte ich dir doch ganz ausfuͤhrlich erzaͤhlen, wie man sich gebehrdet und wie einem zu Muth 18 ist, wenn man sich auf den Appeninen verliebt hat. Man gebehrdet sich nemlich wie ein Narr, man tanzt uͤber Huͤgel und Felsen und glaubt, die ganze Welt tanze mit. Zu Muthe ist einem dabey, als sey die Welt erst heute erschaffen worden, und man sey der erste Mensch. Ach, wie schoͤn ist das Alles! jauchzte ich, als ich Franscheskas Wohnung verlassen hatte. Wie schoͤn und kostbar ist diese neue Welt! Es war mir, als muͤßte ich allen Pflanzen und Thieren einen Namen geben, und ich benannte Alles nach seiner innern Natur und nach meinem eignen Gefuͤhl, das mit den Außendingen so wunderbar verschmolz. Meine Brust war eine Quelle von Offenbarung, und ich verstand alle Formen und Gestaltungen, den Duft der Pflanzen, den Ge¬ sang der Voͤgel, das Pfeifen des Windes und das Rauschen der Wasserfaͤlle. Manchmal hoͤrte ich auch die goͤttliche Stimme: Adam, wo bist du? Hier bin ich, Franscheska, rief ich dann, ich bete dich an, denn ich weiß ganz gewiß, du hast Sonne, Mond und Sterne erschaffen und die Erde mit allen ihren Creaturen! Dann kicherte es aus den Myrthenbuͤschen, und heimlich seufzte ich in mich hinein: O suͤße Thorheit, ver¬ laß mich nicht! Spaͤterhin, als die Daͤmmerungszeit herankam, begann erst recht die verruͤckte Seligkeit der Liebe. Die Baͤume auf den Bergen tanzten nicht mehr einzeln, sondern die Berge selbst tanzten mit schweren Haͤuptern, die von der scheidenden Sonne so roth bestrahlt wurden, als haͤtten sie sich mit ihren eignen Weintrauben berauscht. Unten der Bach schoß hastiger von dannen, und rauschte angstvoll, als fuͤrchte er, die entzuͤckt taumelnden Berge wuͤrden zu Boden stuͤrzen. Dabey wetterleuchtete es so lieblich, wie lichte Kuͤsse. Ja, rief ich, der lachende Himmel kuͤßt die geliebte Erde — O Franscheska, schoͤner Himmel, laß mich deine Erde seyn! Ich bin so 19 * ganz irdisch, und sehne mich nach dir, mein Himmel! So rief ich und streckte die Arme flehend empor, und rannte mit dem Kopfe gegen manchen Baum, den ich dann umarmte statt zu schelten, und meine Seele jauchzte vor Liebes¬ trunkenheit, — als ploͤtzlich ich eine glaͤnzende Scharlachgestalt erblickte, die mich aus allen meinen Traͤumen gewaltsam herausriß, und der kuͤhlsten Wirklichkeit zuruͤckgab. Capitel VIll . Auf einem Rasenvorsprung, unter einem brei¬ ten Lorbeerbaume, saß Hyazinthos, der Diener des Markese, und neben ihm Apollo, dessen Hund. Letzterer stand vielmehr, indem er die Vorder¬ pfoten auf die Scharlachkniee des kleinen Mannes gelegt hatte, und neugierig zusah, wie dieser, eine Schreibtafel in den Haͤnden haltend, dann und wann etwas hineinschrieb, wehmuͤthig vor sich hinlaͤchelte, das Koͤpfchen schuͤttelte, tief seufzte und sich dann vergnuͤgt die Nase putzte. Was Henker, rief ich ihm entgegen, Hirsch Hyazinthos! machst du Gedichte? Nun, die Zeichen sind guͤnstig, Apollo steht dir zur Seite und der Lorbeer haͤngt schon uͤber deinem Haupte! Aber ich that dem armen Schelme Unrecht. Liebreich antwortete er: Gedichte? Nein, ich bin ein Freund von Gedichten, aber ich schreibe doch keine. Was sollte ich schreiben? Ich hatte eben nichts zu thun, und zu meinem Vergnuͤgen machte ich mir eine Liste von den Namen der¬ jenigen Freunde, die einst in meiner Collekte ge¬ spielt haben. Einige davon sind mir sogar noch etwas schuldig — Glauben Sie nur nicht, Herr Doktor, ich wollte Sie mahnen — das hat Zeit, Sie sind mir gut. Haͤtten Sie nur zuletzt 1365 statt 1364 gespielt, so waͤren Sie jetzt ein Mann von Hundert tausend Mark Banko, und brauchten nicht hier herumzulaufen, und koͤnnten ruhig in Hamburg sitzen, ruhig und vergnuͤgt, und koͤnnten sich auf dem Sopha erzaͤhlen lassen, wie es in Italien aussieht. So wahr mir Gott helfe! ich waͤre nicht hergereist, haͤtte ich es nicht Herrn Gumpel zu Liebe gethan. Ach, wie viel Hitz' und Gefahr und Muͤdigkeit muß ich ausstehen, und wo nur eine Ueberspannung ist oder eine Schwaͤrmerey, ist auch Herr Gumpel dabey, und ich muß alles mitmachen. Ich waͤre schon laͤngst von ihm gegangen, wenn er mich missen koͤnnte. Denn wer soll nachher zu Hause erzaͤhlen, wie viel Ehre und Bildung er in der Fremde genossen? Und soll ich die Wahrheit sagen, ich selbst fang' an, viel auf Bildung zu geben. In Hamburg hab' ich sie Gottlob nicht noͤthig; aber man kann nicht wissen, man kommt einmal nach einem ande¬ ren Ort. Es ist eine ganz andere Welt jetzt. Und man hat Recht; so ein bischen Bildung ziert den ganzen Menschen. Und welche Ehre hat man davon! Lady Maxfield zum Beyspiel, wie hat sie mich diesen Morgen aufgenommen und honorirt! Ganz paralel wie ihres Gleichen. Und sie gab mir einen Franceskoni Trinkgeld, obschon die Blume nur fuͤnf Paoli gekostet hatte. Außer dem ist es auch ein Vergnuͤgen, wenn man den kleinen, weißen Fuß von schoͤnen Damenpersonen in Haͤnden hat. Ich war nicht wenig betreten uͤber diese letzte Bemerkung, und dachte gleich: ist das Sticheley? Wie konnte aber der Lump schon Kenntniß haben von dem Gluͤcke, das mir erst denselben Tag be¬ gegnet, zu derselben Zeit, als er auf der ent¬ gegengesetzten Seite des Bergs war? Gab's dort etwa eine aͤhnliche Scene und offenbarte sich darin die Ironie des großen Weltbuͤhnendichters da dro¬ ben, daß er vielleicht noch tausend solcher Scenen, die gleichzeitig eine die andere parodiren, zum Vergnuͤgen der himmlischen Heerschaaren auffuͤh¬ ren ließ? Indessen beide Vermuthungen waren ungegruͤndet, denn nach langen wiederholten Fragen, und nachdem ich das Versprechen ge¬ leistet, dem Markese nichts zu verrathen, gestand mir der arme Mensch: Lady Maxfield habe noch zu Bette gelegen, als er ihr die Tulpe uͤber¬ reicht, in dem Augenblick, wo er seine schoͤne Anrede halten wollen, sey einer ihrer Fuͤße nackt zum Vorschein gekommen, und da er Huͤhner¬ augen daran bemerkt, habe er gleich um die Er¬ laubniß gebeten, sie ausschneiden zu duͤrfen, wel¬ ches auch gestattet und nachher, zugleich fuͤr die Ueberreichung der Tulpe, mit einem Franceskoni belohnt worden sey. Es ist mir aber immer nur um die Ehre zu thun, — setzte Hyacinth hinzu — und das habe ich auch dem Baron Rothschild gesagt, als ich die Ehre hatte, ihm die Huͤhneraugen zu schneiden. Es geschah in seinem Kabinett; er saß dabey auf seinem gruͤnen Sessel, wie auf einem Thron, sprach wie ein Koͤnig, um ihn herum standen seine Courtiers, und er gab seine Ordres, und schickte Stafetten an alle Koͤnige; und wie ich ihm waͤhrend dessen die Huͤhneraugen schnitt, dacht' ich im Herzen: du hast jetzt in Haͤnden den Fuß des Mannes, der selbst jetzt die ganze Welt in Haͤnden hat, du bist jetzt ebenfalls ein wichtiger Mensch, schneidest du ihn unten ein bischen zu scharf, so wird er verdrießlich, und schneidet oben die groͤßten Koͤnige noch aͤrger — Es war der gluͤcklichste Moment meines Lebens! Ich kann mir dieses schoͤne Gefuͤhl vorstellen, Herr Hyazinth. Welchen aber von der Roth¬ schildschen Dynastie haben Sie solchermaßen am¬ putirt? War es etwa der hochherzige Britte, der Mann in Lombardstreet, der ein Leihhaus fuͤr Kaiser und Koͤnige errichtet hat? Versteht sich, Herr Doktor, ich meyne den großen Rothschild, den großen Nathan Roth¬ schild, Nathan den Weisen, bey dem der Kaiser von Brasilien seine diamantene Krone versetzt hat. Aber ich habe auch die Ehre gehabt, den Baron Salomon Rothschild in Frankfurt kennen zu lernen, und wenn ich mich auch nicht seines intimen Fußes zu erfreuen hatte, so wußte er mich doch zu schaͤtzen. Als der Herr Markese zu ihm sagte, ich sey einmal Lotteriekollekteur gewesen, sagte der Baron sehr witzig: ich bin ja selbst so etwas, ich bin ja der Oberkollekteur der rothschildschen Loose, und mein College darf bey Leibe nicht mit den Be¬ dienten essen, er soll neben mir bey Tische sitzen — Und so wahr wie mir Gott alles Guts geben soll, Herr Doktor, ich saß neben Salomon Rothschild, und er behandelte mich ganz wie sei¬ nes Gleichen, ganz famillionaͤr. Ich war auch bey ihm auf dem beruͤhmten Kinderball, der in der Zeitung gestanden. So viel Pracht bekomme ich mein Lebtag nicht mehr zu sehen. Ich bin doch auch in Hamburg auf einem Ball gewesen, der 1500 Mark und 8 Schilling kostete, aber das war doch nur wie ein Huͤhnerdreckchen gegen einen Misthaufen. Wie viel Gold und Silber und Dia¬ manten habe ich dort gesehen! Wie viel Sterne und Orden! Den Falkenorden, das goldne Vlies, den Loͤwenorden, den Adlerorden — sogar ein ganz klein Kind, ich sage Ihnen, ein ganz klein Kind trug einen Elephantenorden. Die Kinder waren ger schoͤn maskirt und spielten Anleihe, und waren angezogen wie die Koͤnige, mit Kro¬ nen auf den Koͤpfen, ein großer Junge aber war angezogen praͤzise wie der alte Nathan Roth¬ schild. Er machte seine Sache sehr gut, hatte beide Haͤnde in der Hosentasche, klimperte mit Geld, schuͤttelte sich verdrießlich, wenn einer von den kleinen Koͤnigen was geborgt haben wollte, und nur dem kleinen mit dem weißen Rock und den rothen Hosen streichelte er freundlich die Backen, und lobte ihn: du bist mein Plaisir, mein Liebling, mein' Pracht, aber dein Vetter Michel soll mir vom Leib' bleiben, ich werde die¬ sem Narrn nichts borgen, der taͤglich mehr Menschen ausgiebt, als er jaͤhrlich zu verzehren hat, es kommt durch ihn noch ein Ungluͤck in die Welt, und mein Geschaͤft wird darunter leiden. So wahr mir Gott alles Guts gebe, der Junge machte seine Sache sehr gut, besonders wenn er das dicke Kind, das in weißen Atlas mit aͤchten silbernen Liljen gewickelt war, im Gehen unter¬ stuͤtzte und bisweilen zu ihm sagte: na, na, du, du, fuͤhr' dich nur gut auf, ernaͤhr' dich redlich, sorg' daß du nicht wieder weggejagt wirst, da¬ mit ich nicht mein Geld verliere. Ich ver¬ sichere Sie, Herr Doktor, es war ein Vergnuͤgen, den Jungen zu hoͤren; und auch die anderen Kinder, lauter liebe Kinder, machten ihre Sache sehr gut — bis ihnen Kuchen gebracht wurde, und sie sich um das beste Stuͤck stritten, und sich die Kronen vom Kopf rissen, und schrieen und weinten, und einige sich sogar — — Capitel IX . Es giebt nichts Langweiligeres auf dieser Erde, als die Lektuͤre einer italienischen Reise¬ beschreibung — außer etwa das Schreiben dersel¬ ben — und nur dadurch kann der Verfasser sie einigermaßen ertraͤglich machen, daß er von Ita¬ lien selbst so wenig als moͤglich darin redet. Trotz dem, daß ich diesen Kunstkniff vollauf anwende, kann ich dir, lieber Leser, in den naͤchsten Capi¬ teln nicht viel Unterhaltung versprechen. Wenn du dich bey dem ennuyanten Zeug, das darin vorkommen wird, langweilst, so troͤste dich mit mir, der all dieses Zeug sogar schreiben mußte. Ich rathe dir, uͤberschlage dann und wann einige Seiten, dann koͤmmst du mit dem Buche schneller zu Ende — ach, ich wollt', ich koͤnnt es eben so machen! Glaub' nur nicht, ich scherze; wenn ich dir ganz ernsthaft meine Her¬ zensmeinung uͤber dieses Bnch gestehen soll, so rathe ich dir, es jetzt zuzuschlagen, und gar nicht weiter darin zu lesen. Ich will dir naͤch¬ stens etwas Besseres schreiben, und wenn wir in einem folgenden Buche, in der Stadt Lukka, wieder mit Mathilden und Franscheska zusam¬ mentreffen, so sollen dich die lieben Bilder viel anmuthiger ergoͤtzen, als gegenwaͤrtiges Capitel und gar die folgenden. Gottlob, vor meinem Fenster erklingt ein Leyerkasten mit lustigen Melodien! Mein truͤber Kopf bedarf solcher Aufheiterung, besonders da ich jetzt meinen Besuch bey Seiner Excellenz dem Markese Christophoro di Gumpelino zu beschrei¬ ben habe. Ich will diese ruͤhrende Geschichte, ganz genau, woͤrtlich treu, in ihrer schmutzigsten Reinheit, mittheilen. Es war schon spaͤt, als ich die Wohnung des Markese erreichte. Als ich in's Zimmer trat, stand Hyazinth allein und putzte die goldenen Sporen seines Herrn, welcher, wie ich durch die halbgeoͤffnete Thuͤre seines Schlafkabinets sehen konnte, vor einer Madonna und einem großen Kruzifixe, auf den Knieen lag. Du mußt nemlich wissen, lieber Leser, daß der Markese, dieser vornehme Mann, jetzt ein guter Katholik ist, daß er die Ceremonien der alleinseligmachenden Kirche streng ausuͤbt, und sich, wenn er in Rom ist, sogar einen eignen Capellan haͤlt, aus demselben Grunde, weshalb er in England die besten Wettrenner und in Paris die schoͤnste Taͤnzerin unterhielt. Herr Gumpel verrichtet jetzt sein Gebet — fluͤsterte Hyacinth mit einem wichtigen Laͤcheln, und indem er nach dem Cabinette seines Herrn deutete, fuͤgte er noch leiser hinzu: so liegt er alle Abend zwey Stunden auf den Knieen vor der Prima Donna mit dem Jesuskind. Es ist ein praͤchtiges Kunstbild, und es kostet ihm sechs¬ hundert Franceskonis. Und Sie, Herr Hyazinth, warum knieen Sie nicht hinter ihm? Oder sind Sie etwa kein Freund von der katholischen Religion? Ich bin ein Freund davon, und bin auch wieder kein Freund davon, antwortete jener mit bedenklichem Kopfwiegen. Es ist eine gute Reli¬ gion fuͤr einen vornehmen Baron, der den ganzen Tag muͤssig gehen kann, und fuͤr einen Kunst¬ kenner; aber es ist keine Religion fuͤr einen Hamburger, fuͤr einen Mann, der sein Geschaͤft hat, und durchaus keine Religion fuͤr einen Lot¬ toriekollekteur. Ich muß jede Nummer, die ge¬ zogen wird, ganz exakt aufschreiben, und denke ich dann zufaͤllig an Bum! Bum! Bum! an eine katholische Glock', oder schwebelt es mir 19 vor den Augen, wie katholischer Weihrauch, und ich verschreib mich, und ich schreibe eine unrechte Zahl, so kann das groͤßte Ungluͤck daraus ent¬ stehen. Ich habe oft zu Herren Gumpel gesagt: Ew. Ex. sind ein reicher Mann und koͤnnen katholisch seyn so viel Sie wollen, und koͤnnen sich den Verstand ganz katholisch einraͤuchern lassen, und koͤnnen so dumm werden, wie eine katholische Glock', und Sie haben doch zu essen; ich aber bin ein Geschaͤftsmann, und muß meine sieben Sinne zusammen halten, um was zu verdienen. Herr Gumpel meint freylich, es sey noͤthig fuͤr die Bildung, und wenn ich nicht katholisch wuͤrde, verstaͤnde ich nicht die Bilder, die zur Bildung gehoͤ¬ ren, nicht den Johann v. Viehesel, den Corretschio, den Carratschio, den Carravatschio — aber ich habe immer gedacht, der Corretschio und Carratschio und Caravatschio koͤnnen mir alle nichts helfen, wenn niemand mehr bey mir spielt, und ich komme dann in die Patschio. Dabey muß ich Ihnen auch gestehen, Herr Doktor, daß mir die katholische Religion nicht einmal Vergnuͤgen macht, und als ein vernuͤnftiger Mann muͤssen Sie mir Recht geben. Ich sehe das Plaisir nicht ein, es ist eine Religion als wenn der liebe Gott, gottbe¬ wahre, eben gestorben waͤre, und es riecht dabey nach Weihrauch, wie bey einem Leichenbegaͤngniß, und dabey brummt eine so traurige Begraͤbni߬ musik, daß man die Melancholik bekoͤmmt — ich sage Ihnen, es ist keine Religion fuͤr einen Hamburger. Aber, Herr Hyacinth, wie gefaͤllt Ihnen denn die protestantische Religion? Die ist mir wieder zu vernuͤnftig, Herr Dok¬ tor, und gaͤbe es in der protestantischen Kirche keine Orgel, so waͤre sie gar keine Religion. Unter uns gesagt, diese Religion schadet nichts und ist so rein wie ein Glas Wasser, aber, sie hilft auch nichts. Ich habe sie probirt und diese Probe kostet mich vier Mark vierzehn Schilling — 19 * Wie so, mein lieber Herr Hyacinth? Sehen, Herr Doktor, ich habe gedacht: das ist freylich eine sehr aufgeklaͤrte Religion, und es fehlt ihr an Schwaͤrmerey und Wunder; indessen, ein bischen Schwaͤrmerey muß sie doch haben, ein ganz klein Wunderchen muß sie doch thun koͤnnen, wenn sie sich fuͤr eine honette Religion ausgeben will. Aber wer soll da Wunder thun, dacht' ich, als ich mal in Hamburg eine protestan¬ tische Kirche besah, die zu der ganz kahlen Sorte gehoͤrte, wo nichts als braune Baͤnke und weiße Waͤnde sind, und an der Wand nichts als ein schwarz Taͤfelchen haͤngt, worauf ein halb Dutzend weiße Zahlen stehen. Du thust dieser Religion vielleicht Unrecht, dacht' ich wieder, vielleicht koͤnnen diese Zahlen eben so gut ein Wunder thun wie ein Bild von der Mutter Gottes oder wie ein Knochen von ihrem Mann, dem heiligen Joseph, und um der Sache auf den Grund zu kommen, ging ich gleich nach Altona, und besetzte eben diese Zahlen in der Altonaer Lotterie, die Ambe besetzte ich mit acht Schilling, die Terne mit sechs, die Quaterne mit vier, und die Quin¬ terne mit zwey Schilling — Aber, ich versichere Sie auf meine Ehre, keine einzige von den pro¬ testantischen Nummern ist herausgekommen. Jetzt wußte ich was ich zu denken hatte, jetzt dacht' ich, bleibt mir weg mit einer Religion die gar nichts kann, bey der nicht einmal eine Ambe her¬ auskoͤmmt — werde ich so ein Narr seyn, auf diese Religion, worauf ich schon vier Mark und vierzehn Schilling gesetzt und verloren habe, noch meine ganze Gluͤckseligkeit zu setzen? Die altjuͤdische Religion scheint Ihnen gewiß viel zweckmaͤßiger, mein Lieber? Herr Doktor, bleiben Sie mir weg mit der altjuͤdischen Religion; die wuͤnsche ich nicht mei¬ nem aͤrgsten Feind. Man hat nichts als Schimpf und Schande davon. Ich sage Ihnen, es ist gar keine Religion, sondern ein Ungluͤck. Ich vermeide alles, was mich daran erinnern koͤnnte, und weil Hirsch ein juͤdisches Wort ist und auf Deutsch Hyazinth heißt, so habe ich sogar den alten Hirsch laufen lassen, und unterschreibe mich jetzt: Hyazinth, Collekteur, Operateur und Taxa¬ tor. Dazu habe ich noch den Vortheil, daß schon ein H. auf meinem Petschaft steht und ich mir kein neues stechen zu lassen brauche. Ich ver¬ sichere Ihnen, es kommt auf dieser Welt viel darauf an wie man heißt; der Name thut viel. Wenn ich mich unterschreibe: „Hyazinth, Collek¬ teur, Operateur und Taxator“ so klingt das ganz anders als schriebe ich Hirsch schlechtweg, und man kann mich dann nicht wie einen gewoͤhn¬ lichen Lump behandeln. Mein lieber Herr Hyazinth! Wer koͤnnte Sie so behandeln! Sie scheinen schon so viel fuͤr Ihre Bildung gethan zu haben, daß man in Ihnen den gebildeten Mann schon erkennt, ehe Sie den Mund aufthun, um zu sprechen. Sie haben Recht, Herr Doktor, ich habe in der Bildung Fortschritte gemacht wie eine Riesin. Ich weiß wirklich nicht, wenn ich nach Hamburg zuruͤckkehre, mit wem ich dort umgehn soll; und was die Religion anbelangt, so weiß ich was ich thue. Vor der Hand aber kann ich mich mit dem neuen israelitischen Tempel noch behelfen; ich meine den reinen Mosaik-Gottesdienst, mit orthographischen deutschen Gesaͤngen und geruͤhr¬ ten Predigten, und einigen Schwaͤrmereychen, die eine Religion durchaus noͤthig hat. So wahr mir Gott alles Guts gebe, fuͤr mich verlange ich jetzt keine bessere Religion, und sie verdient, daß man sie unterstuͤtzt. Ich will das meinige thun, und bin ich wieder in Hamburg, so will ich alle Sonnabend, wenn kein Ziehungstag ist, in den neuen Religion-Tempel gehen. Es giebt leider Menschen, die diesem neuen israelitischen Gottesdienst einen schlechten Namen machen, und behaupten, er gaͤbe, mit Respekt zu sagen, Ge¬ legenheit zu einen Schisma — aber ich kann Ihnen versichern, es ist eine gute reinliche Reli¬ gion, noch etwas zu gut fuͤr den gemeinen Mann, fuͤr den die altjuͤdische Religion vielleicht noch immer sehr nuͤtzlich ist. Der gemeine Mann muß eine Dummheit haben, worin er sich gluͤcklich fuͤhlt, und er fuͤhlt sich gluͤcklich in seiner Dumm¬ heit. So ein alter Jude mit einem langen Bart und zerrissenem Rock, und der kein orthographisch Wort sprechen kann und sogar ein bischen grin¬ dig ist, fuͤhlt sich vielleicht innerlich gluͤcklicher als ich mich mit all meiner Bildung. Da wohnt in Hamburg, im Baͤckerbreitengang, auf einem Sahl, ein Mann, der heißt Moses Lump, man nennt ihn auch Moses Luͤmpchen, oder kurzweg Luͤmp¬ chen; der laͤuft die ganze Woche herum, in Wind und Wetter, mit seinem Packen auf dem Ruͤcken, um seine paar Mark zu verdienen; wenn der nun Freytag Abends nach Hause koͤmmt, findet er die Lampe mit sieben Lichtern angezuͤndet, den Tisch weiß gedeckt, und er legt seinen Packen und seine Sorgen von sich, und setzt sich zu Tisch mit seiner schiefen Frau und noch schieferen Tochter, ißt mit ihnen Fische, die gekocht sind in angenehm weißer Knoblauchsauce, singt dabey die praͤchtigsten Lieder vom Koͤnig David, freut sich von ganzem Herzen uͤber den Auszug der Kinder Israel aus Egypten, freut sich auch, daß alle Boͤsewichter, die ihnen Boͤses gethan, am Ende gestorben sind, daß Koͤnig Pharao, Nebukadnezar, Haman, Antiochus, Titus und all' solche Leute todt sind, daß Luͤmpchen aber noch lebt und mit Frau und Kind Fisch ißt — Und ich sage Ihnen, Herr Doktor, die Fische sind delikat und der Mann ist gluͤcklich, er braucht sich mit keiner Bildung abzuquaͤlen, er sitzt vergnuͤgt in seiner Religion und seinem gruͤnen Schlafrock, wie Diogenes in seiner Tonne, er betrachtet vergnuͤgt seine Lichter, die er nicht einmahl selbst putzt — Und ich sage Ihnen, wenn die Lichter etwas matt brennen, und die Schabbesfrau, die sie zu putzen hat, nicht bey der Hand ist, und Rothschild der Große kaͤme jetzt herein, mit all seinen Maklern, Diskonteuren, Spediteuren und Chefs de Comp¬ toir, womit er die Welt erobert, und er spraͤche: Moses Lump, bitte dir eine Gnade aus, was du haben willst, soll geschehen — Herr Doktor, ich bin uͤberzeugt, Moses Lump wuͤrde ruhig antworten: „putz' mir die Lichter!“ und Roth¬ schild der Große wuͤrde mit Verwunderung sagen: waͤr' ich nicht Rothschild, so moͤchte ich so ein Luͤmpchen seyn! Waͤhrend Hyazinth solchermaßen, episch breit, nach seiner Gewohnheit, seine Ansichten entwickelte, erhob sich der Markese von seinem Betkissen, und trat zu uns, noch immer einige Paternoster durch die Nase schnurrend. Hyazinth zog jetzt den gruͤnen Flor uͤber das Madonnenbild, das oberhalb des Betpultes hing, loͤschte die beiden Wachskerzen aus, die davor brannten, nahm das kupferne Cruzifix herab, kam damit zu uns zuruͤck, und putzte es mit demselben Lappen und mit derselben spuckenden Gewissenhaftigkeit, wo¬ mit er eben auch die Sporen seines Herrn geputzt hatte. Dieser aber war wie aufgeloͤst in Hitze und weicher Stimmung; statt eines Oberklei¬ des trug er einen weiten, blauseidenen Domino mit silbernen Frangen, und seine Nase schimmerte wehmuͤthig, wie ein verliebter Louisd'or. O Jesus! — seufzte er, als er sich in die Kissen des Sophas sinken ließ — finden Sie nicht, Herr Doktor, daß ich heute Abend sehr schwaͤr¬ merisch aussehe? Ich bin sehr bewegt, mein Gemuͤth ist aufgeloͤst, ich ahne eine hoͤhere Welt, Das Auge sieht den Himmel offen, Es schwelgt das Herz in Seligkeit! Herr Gumpel, Sie muͤssen einnehmen — un¬ terbrach Hyazinth die pathetische Deklamazion — das Blut in Ihren Eingeweiden ist wieder schwin¬ delig, ich weiß was Ihnen fehlt — Du weißt nicht — seufzte der Herr. Ich sage Ihnen, ich weiß — erwiederte der Diener, und nickte mit seinem gutmuͤthig bethaͤ¬ tigenden Gesichtchen — ich kenne Sie ganz durch und durch, ich weiß. Sie sind ganz das Gegen¬ theil von mir, wenn Sie Durst haben, habe ich Hunger, wenn Sie Hunger haben, habe ich Durst; Sie sind zu korpulent und ich bin zu mager, Sie haben viel Einbildung und ich habe desto mehr Geschaͤftssinn, ich bin ein Praktikus und Sie sind ein Diarrhetikus, kurz und gut, Sie sind ganz mein Antipodex. Ach Julia! — seufzte Gumpelino — waͤr' ich der gelblederne Handschuh doch auf deiner Hand und kuͤßte deine Wange! Haben Sie, Herr Doktor, jemals die Crelinger in Romeo und Julia gesehen? Freylich, und meine ganze Seele ist noch da¬ von entzuͤckt — Nun dann — rief der Markese begeistert, und Feuer schoß aus seinen Augen und beleuch¬ tete die Nase — dann verstehen Sie mich, dann wissen Sie was es heißt, wenn ich Ihnen sage: ich liebe! Ich will mich Ihnen ganz decouvriren. Hyazinth, geh mal hinaus — Ich brauche gar nicht hinaus zu gehen — sprach dieser verdrießlich — Sie brauchen sich vor mir nicht zu geniren, ich kenne auch die Liebe, und ich weiß schon — Du weist nicht! rief Gumpelino. Zum Beweise, Herr Markese, daß ich weiß, brauche ich nur den Namen Julia Maxfield zu nennen. Beruhigen Sie sich. Sie werden wie¬ der geliebt — aber es kann Ihnen alles nichts helfen. Der Schwager Ihrer Geliebten laͤßt sie nicht aus den Augen, und bewacht sie Tag und Nacht wie einen Diamant. O ich Ungluͤcklicher — jammerte Gumpelino — ich liebe und bin wieder geliebt, wir druͤcken uns heimlich die Haͤnde, wir treten uns unter'm Tisch auf die Fuͤße, wir winken uns mit den Augen, und wir haben keine Gelegenheit! Wie oft stehe ich im Mondschein auf dem Balkon, und bilde mir ein ich waͤre selbst die Julia, und mein Romeo oder mein Gumpelino habe mir ein Ren¬ dezvous gegeben, und ich deklamire, ganz wie die Crelinger: Komm Nacht! Komm Gumpelino, Tag in Nacht! Denn du wirst ruhn auf Fittigen der Nacht, Wie frischer Schnee auf eines Raben Ruͤcken. Komm milde, liebevolle Nacht! Komm, gieb Mir meinen Romeo, oder Gumpelino — Aber ach! Lord Maxfield bewacht uns bestaͤndig, und wir sterben beide vor Sehnsuchtsgefuͤhl! Ich werde den Tag nicht erleben, daß eine solche Nacht kommt, wo Jedes reiner Jugend Bluͤthe zum Pfande setzt, gewinnend zu verlieren! Ach! so eine Nacht waͤre mir lieber, als wenn ich das große Loos in der Hamburger Lotterie ge¬ woͤnne — Welche Schwaͤrmerey! — rief Hyazinth — das große Loos, 100,000 Mark! Ja, lieber als das große Loos — fuhr Gum¬ pelino fort — waͤr' mir so eine Nacht, und ach! sie hat mir schon oft eine solche Nacht versprochen, bey der ersten Gelegenheit, und ich hab' mir schon gedacht, daß sie dann des Morgens dekla¬ miren wird, ganz wie die Crelinger: Willst du schon gehn? Der Tag ist ja noch fern. Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, Die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang. Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort. Glaub, Lieber, mir, es war die Nachtigall. Das große Loos fuͤr einzige Nacht! — wie¬ derholte unterdessen mehrmals Hyazinth, und konnte sich nicht zufrieden geben — Ich habe eine große Meinung, Herr Markese, von Ihrer Bildung, aber daß Sie es in der Schwaͤrmerey so weit gebracht, hatte ich nicht geglaubt. Die Liebe sollte einem lieber seyn als das große Loos! Wirklich, Herr Markese, seit ich mit Ihnen Um¬ gang habe, als Bedienter, habe ich mir schon viel Bildung angewoͤhnt; aber so viel weiß ich, nicht einmal ein Achtelchen vom großen Loos gaͤbe ich fuͤr die Liebe! Gott soll mich davor bewahren! Wenn ich auch rechne fuͤnfhundert Mark Abzugs¬ dekort, so bleiben doch noch immer zwoͤlftausend Mark! Die Liebe! Wenn ich alles zusammen¬ rechne was mich die Liebe gekostet hat, kommen nur zwoͤlf Mark und dreyzehn Schilling heraus. Die Liebe! Ich habe auch viel Umsonstgluͤck in der Liebe gehabt, was mich gar nichts gekostet hat; nur dann und wann habe ich mal meiner Geliebten par Complaisanz die Huͤhneraugen ge¬ schnitten. Ein wahres, gefuͤhlvoll leidenschaftliches Attachement hatte ich nur ein einziges mal, und das war die dicke Gudel vom Dreckwall. Die Frau spielte bey mir, und wenn ich kam, ihr das Loos zu renoviren, druͤckte sie mir immer ein Stuͤck Kuchen in die Hand, ein Stuͤck sehr guten Kuchen; — auch hat sie mir manchmal etwas Eingemachtes gegeben, und ein Likoͤrchen dabey, und als ich ihr einmal klagte, daß ich mit Gemuͤthsbeschwerden behaftet sey, gab sie mir das Rezept zu den Pulvern, die ihr eigner Mann braucht. Ich brauche die Pulver noch bis zur heutigen Stunde, sie thun immer ihre Wirkung — weitere Folgen hat unsere Liebe nicht gehabt. Ich daͤchte, Herr Markese, Sie brauchten mal eins von diesen Pulvern. Es war mein Erstes, als ich nach Italien kam, daß ich in Mayland nach der Apotheke ging, und mir die Pulver machen ließ, und ich trage sie bestaͤndig bey mir. Warten Sie nur, ich will sie suchen, und wenn ich suche so finde ich sie, und wenn ich sie finde so muͤssen sie Ew. Excel¬ lenz einnehmen. Es waͤre zu weitlaͤuftig, wenn ich den Com¬ mentar wiederholen wollte, womit der geschaͤftige 21 Sucher jedes Stuͤck begleitete, das er aus sei¬ ner Tasche kramte. Da kam zum Vorschein: 1° ein halbes Wachslicht, 2° ein silbernes Etui, worin die Instrumente zum Schneiden der Huͤh¬ neraugen, 3° eine Zitrone, 4° eine Pistole, die obgleich nicht geladen, dennoch mit Papier umwickelt war, vielleicht damit ihr Anblick keine gefaͤhrliche Traͤume verursache, 5° eine gedruckte Liste von der letzten Ziehung der großen Hamburger Lotte¬ rie, 6° ein schwarzledernes Buͤchlein, worin die Psalmen Davids und die ausstehenden Schulden, 7° ein duͤrres Weidenstraͤußchen, wie zu einem Knoten verschlungen, 8° ein Paͤckchen, das mit verblichenem Rosataffet uͤberzogen war und die Quitung eines Lotterielooses enthielt, das einst funfzigtausend Mark gewonnen, 9° ein plattes Stuͤck Brod, wie weißgebackner Schiffszwieback, mit einem kleinen Loch in der Mitte, und endlich 10° die oben erwaͤhnten Pulver, die der kleine Mann mit einer gewissen Ruͤhrung und mit seinem verwundert wehmuͤthigen Kopfschuͤtteln betrachtete. Wenn ich bedenke — seufzte er — daß mir vor zehn Jahren die dicke Gudel dies Rezept gegeben, und daß ich jetzt in Italien bin und dasselbe Rezept in Haͤnden habe, und wieder die Worte lese: sal mirabile Glauberi , das heißt auf deutsch extra feines Glaubensalz von der besten Sorte — ach, da ist mir zu Muth, als haͤtte ich das Glaubensalz selbst schon eingenom¬ men und als fuͤhlte ich die Wirkung. Was ist der Mensch! Ich bin in Italien und denke an die dicke Gudel vom Dreckwall! Wer haͤtte das gedacht! Ich kann mir vorstellen, sie ist jetzt auf dem Lande, in ihrem Garten, wo der Mond scheint, und gewiß auch eine Nachtigall singt oder eine Lerche — Es ist die Nachtigall und nicht die Lerche! seufzte Gumpelino dazwischen, und deklamirte vor sich hin: 21 * Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort; Glaub, Lieber, mir, es war die Nachtigall. Das ist ganz einerley — fuhr Hyacinth fort — meinethalben ein Kanarienvogel, die Voͤgel die man im Garten haͤlt, kosten am we¬ nigsten. Die Hauptsache ist das Treibhaus, und die Tapeten im Pavillon und die Staatsfiguren, die davor stehen, und da stehen, zum Beyspiel, ein nackter General von den Goͤttern und die Venus Urinia, die beide drey hundert Mark kosten. Mitten im Garten hat sich die Gudel auch eine Fontenelle anlegen lassen — Und da steht sie vielleicht jetzt und puhlt sich die Nase, und macht sich ein Schwaͤrmereyvergnuͤgen, und denkt an mich — Ach! Nach diesem Seufzer erfolgte eine sehnsuͤch¬ tige Stille, die der Markese endlich unterbrach, mit der schmachtenden Frage: Sage mir auf deine Ehre, Hyazinth, glaubst du wirklich, daß dein Pulver wirken wird? Es wird auf meine Ehre wirken, erwiederte jener. Warum soll es nicht wirken? Wirkt es doch bei mir! Und bin ich denn nicht ein leben¬ diger Mensch so gut wie Sie? Glaubensalz macht alle Menschen gleich; und wenn Rothschild Glau¬ bensalz einnimmt, fuͤhlt er dieselbe Wirkung wie das kleinste Maklerchen. Ich will Ihnen alles voraussagen: Ich schuͤtte das Pulver in ein Glas, gieße Wasser dazu, ruͤhre es, und so wie Sie das hinuntergeschluckt haben, ziehen Sie ein saures Gesicht und sagen Prr! Prr! Hernach hoͤren Sie selbst wie es in Ihnen herumkullert, und es ist Ihnen etwas kurios zu Muth und Sie legen sich zu Bett, und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Sie stehen wieder auf, und Sie legen sich wieder, und stehen wieder auf, und so fort, und den andern Morgen fuͤhlen Sie sich leicht wie ein Engel mit weißen Fluͤgeln, und Sie tanzen vor Gesundeswohlheit, nur ein bis¬ chen blaß sehen Sie dann aus; aber ich weiß, Sie sehen gern schmachtend blaß aus, und wenn Sie schmachtend blaß aussehen, sieht man Sie gern. Obgleich Hyazinth solchermaßen zuredete, und schon das Pulver bereitete, haͤtte das doch wenig gefruchtet, wenn nicht dem Markese ploͤtzlich die Stelle, wo Julia den verhaͤngnißvollen Trank einnimmt, in den Sinn gekommen waͤre. Was halten Sie Doktor — rief er — von der Muͤller in Wien? Ich habe sie als Julia gesehen, und Gott! Gott! wie spielt sie! Ich bin doch der groͤßte Enthusiast fuͤr die Crelinger, aber die Muͤller, als sie den Becher austrank, hat mich hingerissen. Sehen Sie — sprach er, indem er mit tragischer Geberde das Glas, worin Hya¬ zinth das Pulver geschuͤttet, zur Hand nahm — sehen Sie, so hielt sie den Becher und schauderte, daß man Alles mitfuͤhlte wenn sie sagte: Kalt rieselt matter Schau'r durch meine Adern, Der fast die Lebenswaͤrm' erstarren macht! Und so stand sie, wie ich jetzt stehe, und hielt den Becher an die Lippen, und bey den Worten: Weile, Tybalt! Ich komme Romeo! Dies trink ich Dir. Da leerte sie den Becher — Wohl bekomme es Ihnen, Herr Gumpel! sprach Hyazinth mit feyerlichem Tone; denn der Markese hatte in nachahmender Begeisterung das Glas ausgetrunken, und sich, erschoͤpft von der Deklamazion, auf das Sopha hingeworfen. Er verharrte jedoch nicht lange in dieser Lage; denn es klopfte ploͤtzlich jemand an die Thuͤre, und herein trat Lady Maxfields kleiner Jokey, der dem Markese, mit laͤchelnder Verbeu¬ gung, ein Billet uͤberreichte und sich gleich wieder empfahl. Hastig erbrach jener das Billet; waͤh¬ rend er las, leuchteten Nase und Augen vor Entzuͤcken, jedoch ploͤtzlich uͤberflog eine Geister¬ blaͤsse sein ganzes Gesicht, Bestuͤrzung zuckte in jeder Muskel, mit Verzweiflungsgeberden sprang er auf, lachte grimmig, rannte im Zimmer um¬ her, uud schrie: Weh mir, ich Narr des Gluͤcks! Was ist? Was ist? frug Hyazinth mit zit¬ ternder Stimme, und indem er krampfhaft das Kruzifix, woran er wieder putzte, in zitternden Haͤnden hielt — Werden wir diese Nacht uͤber¬ fallen? Was ist Ihnen, Herr Markese, frug ich, eben¬ falls nicht wenig erstaunt. Les't! les't! — rief Gumpelino, indem er uns das empfangene Billet hinwarf, und immer noch verzweiflungsvoll im Zimmer umherrannte, wobey sein blauer Domino ihn wie eine Sturm¬ wolke umflatterte — Weh mir, ich Narr des Gluͤcks! In dem Billete aber lasen wir folgende Worte: Suͤßer Gumpelino! Sobald es tagt, muß ich nach England abreisen. Mein Schwager ist indessen schon vorangeeilt und erwartet mich in Florenz. Ich bin jetzt unbeobachtet, aber leider nur diese einzige Nacht — Laß uns diese benutzen, laß uns den Nektarkelch, den uns die Liebe kredenzt, bis auf den letzten Tropfen leeren. Ich harre, ich zittere — Julia Maxfield. Weh mir, ich Narr des Gluͤcks! jammerte Gumpelino — die Liebe will mir ihren Nektar¬ kelch kredenzen, und ich, ach! ich Hansnarr des Gluͤcks, ich habe schon den Becher des Glauben¬ salzes geleert! Wer bringt mir den schrecklichen Trank wieder aus dem Magen? Huͤlfe! Huͤlfe! Hier kann kein irdischer Lebensmensch mehr helfen, seufzte Hyazinth. Ich bedauere Sie von ganzem Herzen, kon¬ dolirte ich ebenfalls. Statt eines Kelchs mit Nektar ein Glas mit Glaubersalz zu genießen, das ist bitter! Statt des Thrones der Liebe harrt Ihrer jetzt der Stuhl der Nacht! O Jesus! O Jesus! — schrie der Markese noch immer — Ich fuͤhle, wie es durch alle meine Adern rinnt — O wackerer Apotheker! dein Trank wirkt schnell — aber ich lasse mich doch nicht dadurch abhalten, ich will zu ihr eilen, zu ihren Fuͤßen will ich niedersinken, und da ver¬ bluten! Von Blut ist gar nicht die Rede — beguͤtigte Hyazinth — Sie haben ja keine Homeriden. Seyn Sie nur nicht leidenschaftlich — Nein, nein! ich will zu ihr hin, in ihren Armen — o Nacht! o Nacht — Ich sage Ihnen — fuhr Hyazinth fort mit philosophischer Gelassenheit — Sie werden in ihren Armen keine Ruhe haben, Sie werden zwanzig¬ mahl aufstehen muͤssen. Seyn Sie nur nicht leidenschaftlich. Je mehr Sie im Zimmer auf- und abspringen und je mehr sie sich alteriren, desto schneller wirkt das Glaubensalz. Ihr Ge¬ muͤth spielt der Natur in die Haͤnde. Sie muͤssen wie ein Mann tragen, was das Schicksal uͤber Sie beschlossen hat. Daß es so gekommen ist, ist vielleicht gut, und es ist vielleicht gut, daß es so gekommen ist. Der Mensch ist ein irdisches Wesen und begreift nicht die Fuͤgung der Goͤtt¬ lichkeit. Der Mensch meint oft, er ginge seinem Gluͤck entgegen, und auf seinem Wege steht viel¬ leicht das Ungluͤck mit einem Stock, und wenn ein buͤrgerlicher Stock auf einen adeligen Ruͤcken kommt, so fuͤhlt's der Mensch, Herr Markese. Weh mir, ich Narr des Gluͤcks! tobte noch immer Gumpelino, sein Diener aber sprach ruhig weiter: Der Mensch erwartet oft einen Kelch mit Nektar, und er kriegt eine Pruͤgelsuppe, und ist auch Nektar suͤß, so sind doch Pruͤgel desto bitterer; und es ist noch ein wahres Gluͤck, daß der Mensch, der den Andern pruͤgelt, am Ende muͤde wird, sonst koͤnnte es der andere wahrhaftig nicht aushalten. Gefaͤhrlicher ist aber noch, wenn das Ungluͤck mit Dolch und Gift, auf dem Wege der Liebe, dem Menschen auflauert, so daß er seines Lebens nicht sicher ist. Vielleicht, Herr Markese, ist es wirklich gut, daß es so gekommen ist, denn vielleicht waͤren Sie in der Hitze der Liebe zu der Geliebten hingelaufen, und auf dem Wege waͤre ein kleiner Italiener mit einem Dolch, der sechs Brabanter Ellen lang ist, auf Sie los¬ gerannt, und haͤtte Sie — ich will meinen Mund nicht zum Boͤsen aufthun — blos in die Wade gestochen. Denn hier kann man nicht, wie in Hamburg, gleich die Wache rufen, und in den Appeninen giebt es keine Nachtwaͤchter. Oder vielleicht gar — fuhr der unerbittliche Troͤster fort, ohne durch die Verzweiflung des Markese sich im mindesten stoͤren zu lassen — vielleicht gar, wenn Sie bey Lady Maxfield ganz wohl und warm saͤßen, kaͤme ploͤtzlich der Schwager von der Reise zuruͤck und setzte Ihnen die geladene Pistole auf die Brust, und ließe Sie einen Wech¬ sel unterschreiben von hundert tausend Mark. Ich will meinen Mund nicht zum Boͤsen auf¬ thun, aber ich setze den Fall: Sie waͤren ein schoͤner Mensch, und Lady Maxfield waͤre in Verzweiflung, daß sie den schoͤnen Menschen ver¬ lieren soll, und eifersuͤchtig, wie die Weiber sind, wollte sie nicht, daß eine Andre sich nachher an Ihnen begluͤcke — Was thut sie? Sie nimmt eine Zitrone oder eine Orange, und schuͤttet ein klein weiß Puͤlverchen hinein, und sagt: kuͤhle dich, Geliebter, du hast dich heiß gelaufen — und den andern Morgen sind Sie wirklich ein kuͤhler Mensch. Da war ein Mann, der hieß Pieper und der hatte eine Leidenschaftsliebe mit einer Maͤdchenperson, die das Posaunenengelhan¬ chen hieß, und die wohnte auf der Kaffemacherey und der Mann wohnte in der Fuhlentwiete — Ich wollte, Hirsch — schrie wuͤthend der Markese, dessen Unruhe den hoͤchsten Grad er¬ reicht hatte — ich wollt', dein Pieper von der Fuhlentwiete, und sein Posaunenengel von der Kaffemacherey, und du und die Gudel, Ihr haͤttet mein Glaubensalz im Leibe! Was wollen Sie von mir, Herr Gumpel? — versetzte Hyazinth, nicht ohne Anflug von Hitze — Was kann ich dafuͤr, daß Lady Maxfield just heut Nacht abreisen will und Sie just heute invitirt? Konnt' ich das voraus wissen? Bin ich Aristo¬ teles? Bin ich bey der Vorsehung angestellt? Ich habe blos versprochen, daß das Pulver wirken soll, und es wirkt so sicher, wie ich einst selig werde, und wenn Sie so disparat und leidenschaflich mit solcher Raserey hin und her laufen, so wird es noch schneller wirken — So will ich mich ruhig hinsetzen! aͤchzte Gum¬ pelino, stampfte den Boden, warf sich ingrimmig auf's Sopha, unterdruͤckte gewaltsam seine Wuth und Herr und Diener sahen sich lange schweigend an, bis jener endlich nach einem tiefen Seufzer und fast kleinlaut ihn anredete: Aber Hirsch, was soll die Frau von mir denken, wenn ich nicht komme? Sie wartet jetzt auf mich, sie harrt sogar, sie zittert, sie gluͤht vor Liebe — Sie hat einen schoͤnen Fuß — sprach Hya¬ zinth in sich hinein und schuͤttelte wehmuͤthig sein Koͤpflein. In seiner Brust aber schien es sich gewaltig zu bewegen, unter seinem rothen Rocke arbeitete sichtbar ein kuͤhner Gedanke — Herr Gumpel — sprach es endlich aus ihm ihm hervor — Schicken Sie mich! Bey diesen Worten zog eine hohe Roͤthe uͤber das blaͤßliche Geschaͤftsgesicht. Capitel X . Als Candide nach Eldorado kam, sah er auf der Straße mehrere Buben, die mit großen Gold¬ klumpen statt mit Steinen spielten. Dieser Luxus machte ihn glauben, es seyen das Kinder des Koͤnigs, und er war nicht wenig verwundert, als er vernahm, daß in Eldorado die Goldklumpen eben so werthlos sind, wie bey uns die Kiesel¬ steine, und daß die Schulknaben damit spielen. Einem meiner Freunde, einem Auslaͤnder, ist etwas Aehnliches begegnet, als er nach Deuschland kam und zuerst deutsche Buͤcher las, und uͤber den Gedankenreichthum, welchen er darin fand, sehr erstaunte; bald aber merkte er, daß Gedanken in Deutschland so haͤufig sind, wie Goldklumpen in Eldorado, und daß jene Schriftsteller, die er fuͤr Geistesprinzen gehalten, nur gewoͤhnliche Schulknaben waren. Diese Geschichte kommt mir immer in den Sinn, wenn ich im Begriff stehe, die schoͤnsten Reflexionen uͤber Kunst und Leben niederzuschrei¬ ben, und dann lache ich, und behalte lieber meine Gedanken in der Feder, oder kritzele statt dieser irgend ein Bild oder Figuͤrchen auf das Papier, und uͤberrede mich, solche Tapeten seyen in Deutschland, dem geistigen Eldorado, weit brauch¬ barer als die goldigsten Gedanken. Auf der Tapete, die ich Dir jetzt zeige, lieber Leser, siehst Du wieder die wohlbekannten Ge¬ sichter Gumpelino's und seines Hirsch-Hyazinthos, und wenn auch jener mit minder bestimmten Zuͤgen dargestellt ist, so hoffe ich doch, Du wirst scharfsinnig genug seyn, einen Negazionscharakter 22 ohne allzu positive Bezeichnungen zu begreifen. Letztere koͤnnten mir einen Injurienprozeß zu Wege bringen, oder gar noch bedenklichere Dinge. Denn der Markese ist maͤchtig durch Geld und Verbindungen. Dabey ist er der natuͤrliche Alliirte meiner Feinde, er unterstuͤtzt sie mit Subsidien, er ist Aristokrat, Ultra-Papist, nur etwas fehlte ihm noch — je nun, auch das wird er sich schon anlehren lassen — er hat das Lehrbuch dazu in den Haͤnden, wie Du auf der Tapete sehen wirst. Es ist wieder Abend, auf dem Tische stehen zwey Armleuchter mit brennenden Wachskerzen, ihr Schimmer spielt uͤber die goldenen Rahmen der Heiligenbilder, die, an der Wand haͤngend, durch das flackernde Licht und die beweglichen Schatten zu leben scheinen. Draußen, vor dem Fenster, stehen im silbernen Mondschein, unheim¬ lich bewegungslos, die duͤstern Zypressen, und in der Ferne ertoͤnt ein truͤbes Marienliedchen, in abgebrochenen Lauten und wie von einer kranken Kinderstimme. Es herrscht eine eigene Schwuͤle im Zimmer, der Markese Christophoro di Gum¬ pelino sitzt, oder vielmehr liegt wieder, nachlaͤßig vornehm, auf den Kissen des Sophas, der edle schwitzende Leib ist wieder mit dem duͤnnen, blau¬ seidenen Domino bekleidet, in den Haͤnden haͤlt er ein Buch, das in rothes Saffianpapier mit Goldschnitt gebunden ist, und deklamirt daraus laut und schmachtend. Sein Auge hat da¬ bey einen gewissen klebrigten Lustre, wie er verliebten Katern eigen zu seyn pflegt, und seine Wangen, sogar die beiden Seitenfluͤgel der Nase, sind etwas leidend blaß. Jedoch, lieber Leser, diese Blaͤsse ließe sich wohl philosophisch antropologisch erklaͤren, wenn man bedenkt, daß der Markese den Abend vorher ein ganzes Glas Glaubersalz verschluckt hat. Hirsch-Hyazinthos aber kauert am Boden des Zimmers, und mit einem großen Stuͤck weißer Kreide zeichnet er auf das braune 22 * Estrich, in großem Maßstabe ungefaͤhr folgende Charaktere: ⏑⏑—⏑⏑—⏑⏑—⏔ ⏑⏑—⏑⏑—⏑⏑—⏔ ⏑⏑—⏑⏑—⏑⏑—⏔ ⏑⏑—⏑⏑—⏔ ⏔ Dieses Geschaͤft scheint dem kleinen Manne ziemlich sauer zu werden; keuchend, bey dem jedesmaligen Buͤcken, murmelt er verdrießlich: Spondeus, Trochaͤus, Jambus, Antispaß, Ana¬ paͤst und die Pest! Dazu hat er, um der beque¬ meren Bewegung willen, den rothen Oberrock abgelegt, und zum Vorschein kommen zwey kurze, demuͤthige Beinchen in engen Scharlachhosen, und zwey etwas laͤngere abgemagerte Arme in weißen, schlotternden Hemdaͤrmeln. Was sind das fuͤr sonderbare Figuren, frug ich ihn, als ich diesem Treiben eine Weile zugesehen. Das sind Fuͤße in Lebensgroͤße — aͤchzte er zur Antwort — und ich geplagter Mann muß diese Fuͤße im Kopf behalten, und meine Haͤnde thun mir schon weh von all den Fuͤßen, die ich jetzt aufschreiben muß. Es sind die wahren, aͤchten Fuͤße von der Poesie. Wenn ich es nicht meiner Bildung wegen thaͤte, so ließe ich die Poesie laufen mit allen ihren Fuͤßen. Ich habe jetzt bey dem Herrn Markese Privatunter¬ richt in der Poesiekunst. Der Herr Markese liest mir die Gedichte vor, und explizirt mir, aus wie viel Fuͤßen sie bestehen, und ich muß sie no¬ tiren und dann nachrechnen, ob das Gedicht richtig ist. Sie treffen uns — sprach der Markese, didak¬ tisch pathetischen Tones — wirklich in einer poetischen Beschaͤftigung. Ich weiß wohl, Dok¬ tor, Sie gehoͤren zu den Dichtern, die einen eigensinnigen Kopf haben, und nicht einsehen, daß die Fuͤße in der Dichtkunst die Hauptsache sind. Ein gebildetes Gemuͤth wird aber nur durch die gebildete Form angesprochen, diese koͤn¬ nen wir nur von den Griechen lernen und von neueren Dichtern, die griechisch streben, griechisch denken, griechisch fuͤhlen, und in solcher Weise ihre Gefuͤhle an den Mann bringen. Versteht sich an den Mann, nicht an die Frau, wie ein unklassischer romantischer Dichter zu thun pflegt — bemerkte meine Wenigkeit. Herr Gumpel spricht zuweilen wie ein Buch, fluͤsterte mir Hyazinth von der Seite zu, preßte die schmalen Lippen zusammen, blinzelte mit stolz vergnuͤgten Aeuglein, und schuͤttelte das wunder¬ staunende Haͤuptlein. Ich sage Ihnen — setzte er etwas lauter hinzu — wie ein Buch spricht er zuweilen, er ist dann so zu sagen kein Mensch mehr, sondern ein hoͤheres Wesen, und ich werde dann wie dumm, je mehr ich ihn anhoͤre. Und was haben Sie denn jetzt in den Haͤnden? frug ich den Markese. Brillanten! antwortete er und uͤberreichte mir das Buch. Bey dem Wort „Brillanten“ sprang Hya¬ zinth in die Hoͤhe; doch als er nur ein Buch sah, laͤchelte er mitleidigen Blicks. Dieses brillante Buch aber hatte auf dem Vorderblatte folgenden Titel: „Gedichte von August Grafen von Platen; Stuttgard und Tuͤbingen. Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung. 1828.“ Auf dem Hinterblatte stand zierlich geschrieben: „Geschenk warmer bruͤderlicher Freundschaft.“ Dabey roch das Buch nach jenem seltsamen Par¬ fum, der mit Eau de Cologne nicht die mindeste Verwandschaft hat, und vielleicht auch dem Um¬ stande beyzumessen war, daß der Markese die ganze Nacht darin gelesen hatte. Ich habe die ganze Nacht kein Auge zuthun koͤnnen — klagte er mir — ich war so sehr be¬ wegt, ich mußte eilf mal aus dem Bette steigen, und zum Gluͤck hatte ich dabey diese vortreffliche Lektuͤre, woraus ich nicht blos Belehrung fuͤr die Poesie, sondern auch Trost fuͤr das Leben geschoͤpft habe. Sie sehen, wie sehr ich das Buch geehrt, es fehlt kein einziges Blatt, und doch, wenn ich so saß wie ich saß, kam ich manchmal in Versuchung — Das wird Mehreren passirt seyn, Herr Markese. Ich schwoͤre Ihnen bei unserer lieben Frau von Loretto und so wahr ich ein ehrlicher Mann bin — fuhr jener fort — diese Gedichte haben nicht ihres Gleichen. Ich war, wie Sie wissen, gestern Abend in Verzweiflung, so zu sagen, au Desespoir, als das Fatum mir nicht vergoͤnnte, meine Julia zu besitzen — da las ich diese Ge¬ dichte, jedesmal ein Gedicht wenn ich aufstehen mußte, und eine solche Gleichguͤltigkeit gegen die Weiber war die Folge, daß mir mein eigener Liebesschmerz zuwider wurde. Das ist eben das Schoͤne an diesem Dichter, daß er nur fuͤr Maͤn¬ ner gluͤht, in warmer Freundschaft; er giebt uns den Vorzug vor dem weiblichen Geschlechte, und schon fuͤr diese Ehre sollten wir ihm dankbar seyn. Er ist darin groͤßer als alle andern Dich¬ ter, er schmeichelt nicht dem gewoͤhnlichen Ge¬ schmack des großen Haufens, er heilt uns von unserer Passion fuͤr die Weiber, die uns so viel Ungluͤck zuzieht — O Weiber! Weiber! wer uns von Euren Fesseln befreit, der ist ein Wohl¬ thaͤter der Menschheit. Es ist ewig Schade, daß Shakespeare sein eminentes theatralisches Talent nicht dazu benutzt hat, denn er soll, wie ich hier zuerst lese, nicht minder großherzig gefuͤhlt haben als der große Graf Platen, der in seinen So¬ netten von Shakespeare sagt: Nicht Maͤdchenlaunen stoͤrten deinen Schlummer, Doch stets um Freundschaft sehn wir warm dich ringen: Dein Freund errettet dich aus Weiberschlingen, Und seine Schoͤnheit ist dein Ruhm und Kummer. Waͤhrend der Markese diese Worte mit war¬ mem Gefuͤhl deklamirte, und der glatte Mist ihm gleichsam auf der Zunge schmolz, schnitt Hyazinth die widersprechendsten Gesichter, zugleich verdrie߬ lich und beyfaͤllig, und endlich sprach er: Herr Markese, Sie sprechen wie ein Buch, auch die Verse gehen Ihnen wieder so leicht ab wie diese Nacht, aber ihr Inhalt will mir nicht gefallen. Als Mann fuͤhle ich mich geschmeichelt, daß der Graf Platen uns den Vorzug giebt vor den Weibern, und als Freund von den Weibern bin ich wieder ein Gegner von solch einem Manne. So ist der Mensch! Der Eine ißt gern Zwiebeln, der Andere hat mehr Gefuͤhl fuͤr warme Freundschaft, und ich, als ehrlicher Mann, muß aufrichtig gestehen, ich esse gern Zwiebeln, und eine schiefe Koͤchin ist mir lieber als der schoͤnste Schoͤnheitsfreund. Ja, ich muß gestehen, ich sehe nicht so viel Schoͤnes am maͤnnlichen Geschlecht, daß man sich darin verlieben sollte. Diese letzteren Worte sprach Hyazinth, waͤh¬ rend er sich musternd im Spiegel betrachtete, der Markese aber ließ sich nicht stoͤren und deklamirte weiter: „Der Hoffnung Schaumgebaͤude bricht zusammen, Wir muͤh'n uns, ach! und kommen nicht zusammen: Mein Name klingt aus deinem Mund melodisch, Doch reih'st du selten dies Gedicht zusammen; Wie Sonn' und Mond uns stets getrennt zu halten, Verschworen Sitte sich und Pflicht zusammen, Laß Haupt an Haupt uns lehnen, denn es taugen Dein dunkles Haar, mein hell Gesicht zusammen! Doch ach! ich traͤume, denn du ziehst von hinnen, Eh' noch das Gluͤck uns brachte dicht zusammen: Die Seelen bluten, da getrennt die Leiber, O waͤren's Blumen, die man flicht zusammen!“ Eine komische Poesie! — rief Hyazinth, der die Reime nachmurmelte — Sitte sich und Pflicht zusammen, Gesicht zusammen, dicht zusammen, flicht zusammen! komische Poesie! Mein Schwa¬ ger, wenn er Gedichte liest, macht oft den Spaß, daß er am Ende jeder Zeile die Worte “von vorn„ und “von hinten„ abwechselnd hinzusetzt; und ich habe nie gewußt, daß die Poesiegedichte, die dadurch entstehen, Gaselen heißen. Ich muß einmal die Probe machen, ob das Gedicht, das der Herr Markese deklamirt hat, nicht noch schoͤ¬ ner wird, wenn man nach dem Wort “zusam¬ men„ jedesmal, mit Abwechslung “von vorn„ und “von hinten„ setzt; die Poesie davon wird gewiß zwanzig Prozent staͤrker. Ohne auf dieses Geschwaͤtz zu achten, fuhr der Markese fort im Deklamiren von Gaselen und Sonetten, worin der Liebende seinen Schoͤn¬ heitsfreund besingt, ihn preist, sich uͤber ihn be¬ klagt, ihn des Kaltsinns beschuldigt, Plaͤne schmie¬ det, um zu ihm zu gelangen, mit ihm aͤugelt, eifersuͤchtelt, schmaͤchtelt, eine ganze Scala von Zaͤrtlichkeiten durchliebelt, und zwar so warmselig, betastungssuͤchtig und anleckend, daß man glauben sollte, der Verfasser sey ein manntolles Maͤgdlein — Nur muͤßte es dann einigermaßen befremden, daß dieses Maͤgdlein bestaͤndig jammert, ihre Liebe sey gegen die „Sitte“ daß sie gegen „diese trennende Sitte“ so bitter gestimmt ist, wie ein Taschendieb gegen die Polizey, daß sie liebend „die Lende“ des Freundes umschlingen moͤchte, daß sie sich uͤber „Neider“ beklagt, „die sich schlau ver¬ einen, um uns zu hindern und getrennt zu hal¬ ten“ daß sie uͤber verletzende Kraͤnkungen klagt von Seiten des Freundes, daß sie ihm versichert, sie wolle ihn nur fluͤchtig erblicken, ihm betheuert „Nicht eine Sylbe soll dein Ohr erschrecken!“ und endlich gesteht: „Mein Wunsch bey Andern Widerstreben, Du hast ihn nicht erhoͤrt, doch abgeschlagen Hast du ihn auch nicht, o mein suͤßes Leben!“ Ich muß dem Markese das Zeugniß ertheilen, daß er diese Gedichte gut vortrug, hinlaͤnglich dabey seufzte, aͤchzte und auf dem Sopha hin und herrutschend gleichsam mit dem Gesaͤße ko¬ kettirte. Hyazinth versaͤumte keineswegs, immer die Reime nachzuplappern, wenn er auch unge¬ hoͤrige Bemerkungen dazwischen schwaͤtzte. Den Oden schenkte er die meiste Aufmerksamkeit. Man kann bey dieser Sorte, sagte er, weit mehr ler¬ nen als bey Saunetten und Gaselen; da bey den Oden die Fuͤße oben ganz besonders abge¬ druckt sind, kann man jedes Gedicht mit Be¬ quemlichkeit nachrechnen. Jeder Dichter sollte, wie der Graf Platen, bey seinen schwierigsten Poesiegedichten, die Fuͤße oben drucken und zu den Leuten sagen: Seht ich bin ein ehrlicher Mann, ich will Euch nicht betruͤgen, diese krum¬ men und geraden Striche, die ich vor jedes Ge¬ dicht setze, sind so zu sagen ein Conto finto von jedem Gedicht, und Ihr koͤnnt nachrechnen, wie viel Muͤhe es mich gekostet, sie sind, so zu sagen, das Ellenmaß von jedem Gedichte, und Ihr koͤnnt nachmessen, und fehlt daran eine einzige Sylbe, so sollt Ihr mich einen Spitzbuben nen¬ nen, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin. Aber eben durch diese ehrliche Miene, kann das Pu¬ blikum betrogen werden. Eben wenn die Fuͤße vor dem Gedichte angegeben sind, denkt man: ich will kein mißtrauischer Mensch seyn, wozu soll ich dem Manne nachzaͤhlen, er ist gewiß ein ehr¬ licher Mann und man zaͤhlt nicht nach und wird betrogen. Und kann man immer nachrechnen? Wir sind jetzt in Italien und da habe ich Zeit, die Fuͤße mit Kreide auf die Erde zu schreiben und jede Ode zu kollazioniren. Aber in Ham¬ burg, wo ich mein Geschaͤft habe, fehlt mir die Zeit dazu, und ich muͤßte dem Grafen Platen un¬ gezaͤhlt trauen, wie man traut bey den Geld¬ beuteln von der Courantkasse, worauf geschrieben steht, wie viel Hundert Thaler darin enthalten — sie gehen versiegelt von Hand zu Hand, jeder traut dem Andern, daß so viel darin enthalten ist, wie darauf steht, und es giebt doch Beyspiele, daß ein Muͤssiggaͤnger, der nicht viel zu thun hatte, so einen Beutel geoͤffnet und nachgezaͤhlt und ein paar Thaler zu wenig darin gefunden hat. So kann auch in der Poesie viel Spitzbuͤberey vor¬ fallen. Besonders wenn ich an Geldbeutel denke, werde ich mißtrauisch. Denn mein Schwager hat mir erzaͤhlt: im Zuchthaus zu Odensee sitzt — ein ge¬ wisser Jemand, der bey der Post angestellt war, und die Geldbeutel, die durch seine Haͤnde gingen, unehrlich geoͤffnet und unehrlich Geld herausge¬ nommen, und sie wieder kuͤnstlich zugenaͤht und weiter geschickt hat. Hoͤrt man von solcher Ge¬ schicklichkeit, so verliert man das menschliche Zu¬ trauen und wird ein mißtrauischer Mensch. Es giebt jetzt viel Spitzbuͤberey in der Welt, und es ist gewiß in der Poesie wie in jedem anderen Geschaͤft. Die Ehrlichteit — fuhr Hyacinth fort, waͤh¬ rend der Markese weiter deklamirte, ohne unserer zu achten, ganz versunken in Gefuͤhl — die Ehr¬ lichkeit, Herr Doktor ist die Hauptsache, und wer kein ehrlicher Mann ist, den betrachte ich wie einen Spitzbuben, und wen ich wie einen Spitz¬ buben betrachte, von dem kaufe ich nichts, von dem lese ich nichts, kurz ich mache kein Geschaͤft mit ihm. Ich bin ein Mann, Herr Doktor, der sich auf nichts etwas einbildet, wenn ich mir aber etwas einbilden wollte auf etwas, so wuͤrde ich mir etwas darauf einbilden, daß ich ein ehr¬ licher Mann bin. Ich will Ihnen einen edlen Zug von mir erzaͤhlen, und Sie werden staunen — ich sag' Ihnen, Sie werden staunen, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin. Da wohnt ein Mann in Hamburg auf dem Speersort, und der ist ein Krautkraͤmer, und heißt Kloͤtzchen, das heißt, ich heiße den Mann Kloͤtzchen, weil wir gute Freunde sind, sonst heißt der Mann Herr Klotz. Auch seine Frau muß man Madam Klotz nennen, und sie hat nie leiden koͤnnen, daß ihr Mann 23 bey mir spielte, und wenn ihr Mann bey mir spielen wollte, so durfte ich mit dem Lotterieloos nicht zu ihm in's Haus kommen, und er sagte mir immer auf der Straße: die und die Nummer will ich bey dir spielen und hier hast du das Geld, Hirsch! Und ich sagte dann: gut, Kloͤtz¬ chen! Und kam ich nach Hause, so legte ich die Nummer kouvertirt fuͤr ihn aparte, und schrieb auf das Kouvert mit deutschen Buchstaben: fuͤr Rechnung des Herrn Christian Hinrich Klotz. Und nun hoͤren Sie und staunen Sie: Es war ein schoͤner Fruͤhlingstag, und die Baͤume an der Boͤrse waren gruͤn, und die Zephyrluͤfte waren angenehm, und die Sonne glaͤnzte am Himmel, und ich stand an der Hamburger Bank. Da kommt Kloͤtzchen, mein Kloͤtzchen, und hat am Arm seine dicke Madam Klotz, und gruͤßt mich zuerst, und spricht von der Fruͤhlingspracht Got¬ tes, macht auch einige patriotische Bemerkungen uͤber das Buͤrgermilitair, und er fragt mich wie die Geschaͤfte gehen, und ich erzaͤhle ihm, daß vor einigen Stunden wieder einer am Pranger ge¬ standen, und so im Gespraͤch sagt er mir: gestern Nacht habe ich getraͤumt, Nummero 1538 wird als das große Loos herauskommen — und in demselben Moment, waͤhrend Madame Klotz die Kaiserstatisten vor dem Rathhaus betrachtet, druͤckt er mir dreyzehn vollwichtige Stuͤck Louisd'or in die Hand — ich meyne ich fuͤhle sie noch jetzt — und ehe Madam Klotz sich wieder herumdreht, sag' ich: gut, Kloͤtzchen! und gehe weg. Und ich gehe directement, ohne mich umzusehen, nach der Hauptkollekte und hole mir Nummero 1538, und kouvertire sie sobald ich nach Hanse komme, und schreibe auf das Kouvert: fuͤr Rechnung des Herrn Christian Hinrich Klotz. Und was thut Gott? Vierzehn Tage nachher, um meine Ehr¬ lichkeit auf die Probe zu stellen, laͤßt er Num¬ mero 1538 herauskommen mit einem Gewinn von 50,000 Mark. Was thut aber Hirsch, der¬ 23 * selbe Hirsch, der jetzt vor Ihnen steht? Dieser Hirsch zieht ein reines weißes Oberhemdchen und ein reines weißes Halstuch an, und nimmt sich eine Droschke, und holt sich bey der Hauptkollekte seine 50,000 Mark und faͤhrt damit nach dem Speersort — Und wie mich Kloͤtzchen sieht, fragt er: Hirsch warum bist du heut' so geputzt? Ich aber antworte kein Wort, und setze einen großen Ueberraschungsbeutel mit Gold auf den Tisch, und rede ganz feyerlich: Herr Christian Hinrich Klotz! die Nummero 1538, die Sie so guͤtig waren bey mir zu bestellen, hat das Gluͤck gehabt 50,000 Mark zu gewinnen, in diesem Beutel habe ich die Ehre Ihnen das Geld zu praͤsentiren, und ich bin so frey mir eine Quitung auszu¬ bitten! Wie Kloͤtzchen das hoͤrt, faͤngt er an zu weinen, wie Madam Klotz die Geschichte hoͤrt, faͤngt sie an zu weinen, die rothe Magd weint, der krumme Ladendiener weint, die Kinder wei¬ nen, und ich? ein Ruͤhrungsmensch, wie ich bin, konnte ich doch nicht weinen, und fiel erst in Ohnmacht, und erst nachher kamen mir die Thraͤ¬ nen aus den Augen wie ein Wasserbach, und ich weinte drey Stunden. Die Stimme des kleinen Menschen bebte als er dieses erzaͤhlte, und feyerlich zog er ein schon erwaͤhntes Paͤckchen aus der Tasche, wickelte da¬ von den schon verblichenen Rosataffet, und zeigte mir den Schein, worin Christian Hinrich Klotz den richtigen Empfang der 50,000 Mark quitirte. Wenn ich sterbe — sprach Hyazinth, eine Thraͤne im Auge — soll man mir diese Quitung mit in's Grab legen, und wenn ich einst dort oben, am Tage des Gerichts, Rechenschaft geben muß von meinen Thaten, dann werde ich mit dieser Quitung in der Hand vor den Stuhl der All¬ macht treten, und wenn mein boͤser Engel die boͤsen Handlungen, die ich auf dieser Welt began¬ gen habe, vorgelesen, und mein guter Engel auch die Liste von meinen guten Handlungen ablesen will, dann sag ich ruhig: Schweig! — ich will nur wissen, ist diese Quitung richtig? ist das die Handschrift von Christian Hinrich Klotz? Dann kommt ein ganz kleiner Engel herangeflogen, und sagt, er kenne ganz genau Kloͤtzchens Handschrift, und er erzaͤhlt zugleich die merkwuͤrdige Geschichte von der Ehrlichkeit, die ich mahl begangen habe. Der Schoͤpfer der Ewigkeit aber, der Allwissende der Alles weiß, erinnert sich an diese Geschichte, und er lobt mich in Gegenwart von Sonne, Mond und Sternen, und berechnet gleich im Kopf, daß wenn meine boͤsen Handlungen von 50,000 Mark Ehrlichkeit abgezogen werden, mir noch ein Saldo zu Gut kommt, und er sagt dann: Hirsch! ich ernenne dich zum Engel erster Klasse, und du darfst Fluͤgel tragen mit roth und weißen Federn. Capitel XI . Wer ist denn der Graf Platen, den wir im vorigen Kapitel als Dichter und warmen Freund kennen lernten? Ach, lieber Leser, diese Frage las ich schon lange auf deinem Gesichte, und nur zaudernd gehe ich an die Beantwortung. Das ist ja eben das Mißgeschick deutscher Schriftsteller, daß sie jeden guten oder boͤsen Narrn, den sie auf's Tapet bringen, erst durch trockne Charakter¬ schilderung und Personalbeschreibung bekannt machen muͤssen, damit man erstens wisse daß er existirt, und zweitens den Ort kenne, wo die Geißel ihn trifft, ob unten oder oben, vorn oder hinten. Anders war es bey den Alten, anders ist es noch jetzt bey neueren Voͤlkern, z. B. den Englaͤndern und Franzosen, die ein Volksleben, und daher public characters haben. Wir Deutschen aber, wir haben zwar ein ganzes naͤr¬ risches Volk, aber wenig ausgezeichnete Narren, die bekannt genug waͤren, um sie als allgemein verstaͤndliche Charaktere in Prosa oder Versen gebrauchen zu koͤnnen. Die wenigen Maͤnner dieser Art, die wir besitzen, haben wirklich Recht, wenn sie sich wichtig machen. Sie sind von un¬ schaͤtzbarem Werthe und zu den hoͤchsten An¬ spruͤchen berechtigt. So z.B. der Herr Geheimrath Schmalz, Professor der Berliner Universitaͤt, ist ein Mann, der nicht mit Geld zu bezahlen ist; ein humoristischer Schriftsteller kann ihn nicht entbehren, und er selbst fuͤhlt diese persoͤnliche Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit in so hohem Grade, daß er jede Gelegenheit ergreift, um humoristischen Schriftstellern Stoff zur Satyre zu geben, daß er Tag und Nacht gruͤbelt, wie er sich als Staatsmann, Servilist, Dekan, Antihegelianer und Patriot laͤcherlich machen kann, und somit die Litteratur, fuͤr die er sich gleichsam aufopfert, thatkraͤftig zu befoͤrdern. Den deut¬ schen Universitaͤten muß man uͤberhaupt nach¬ ruͤhmen, daß sie den deutschen Schriftsteller, mehr als jede andere Zunft, mit allerley Narren versorgen, und besonders Goͤttingen habe ich immer in dieser Hinsicht zu schaͤtzen gewußt. Dies ist auch der geheime Grund, weßhalb ich mich fuͤr die Erhaltung der Universitaͤten erklaͤre, obgleich ich stets Gewerbefreyheit und Vernich¬ tung des Zunftwesens gepredigt habe. Bey solchem fuͤhlbaren Mangel an ausgezeichneten Narren, kann man mir nicht genug danken, wenn ich neue aufs Tapet bringe und allgemein brauch¬ bar mache. Zum Besten der Litteratur will ich daher jetzt vom Grafen August von Platen Hallermuͤnde etwas ausfuͤhrlicher reden. Ich will dazu beytragen, daß er zweckmaͤßig bekannt, und gewissermaßen beruͤhmt werde, ich will ihn litterarisch gleichsam herausfuͤttern, wie die Irokesen thun mit den Gefangenen, die sie bey spaͤteren Festmahlen verspeisen wollen. Ich werde ganz treu ehrlich verfahren und uͤberaus hoͤflich, wie es einem Buͤrgerlichen ziemt, ich werde das Materielle, das sogenannt Persoͤnliche, nur in so weit beruͤhren, als sich geistige Er¬ scheinungen dadurch erklaͤren lassen, und ich werde immer ganz genau den Standpunkt, von wo aus ich ihn sah, und sogar manchmal die Brille, wo¬ durch ich ihn sah, angeben. Der Standpunkt, von wo ich den Grafen Platen zuerst gewahrte, war Muͤnchen, der Schauplatz seiner Bestrebungen, wo er, bey allen die ihn kennen, sehr beruͤhmt ist, und wo er ge¬ wiß, so lange er lebt, unsterblich seyn wird. Die Brille, wodurch ich ihn sah, gehoͤrte einigen Insas¬ sen Muͤnchens, die uͤber seine aͤußere Erscheinung dann und wann, in heiteren Stunden, ein heite¬ res Wort hinwarfen. Ich habe ihn selbst nie gesehen, und wenn ich mir seine Person denken will, erinnere ich mich immer an die drollige Wuth, womit einmal mein Freund der Doktor Lautenbacher uͤber Poetennarrheit im Allgemeinen loszog, und insbesondere eines Grafen Platen erwaͤhnte, der mit einem Lorbeerkranze auf dem Kopfe, sich auf der oͤffentlichen Promenade zu Erlangen den Spaziergaͤngern in den Weg stellte und, mit der bebrillten Nase gen Himmel star¬ rend, in poetischer Begeisterung zu seyn vorgab. Andere haben besser von dem armen Grafen ge¬ sprochen, und beklagten nur seine beschraͤnkten Mittel, die ihn, bey seinem Ehrgeiz, sich wenig¬ stens als ein Dichter auszuzeichnen, uͤber die Gebuͤhr zum Fleiße noͤthigten, und sie lobten be¬ sonders seine Zuvorkommenheit gegen Juͤngere, bey denen er die Bescheidenheit selbst gewesen sey, indem er mit der liebreichsten Demuth ihre Erlaubniß erbeten, dann und wann zu ihnen aufs Zimmer kommen zu duͤrfen, und sogar die Gut¬ muͤthigkeit so weit getrieben habe, immer wieder zu kommen, selbst wenn man ihn die Laͤstigkeit seiner Visiten aufs deutlichste merken lassen. Der¬ gleichen Erzaͤhlungen haben mich gewissermaßen geruͤhrt, obgleich ich diesen Mangel an Personal¬ beyfall sehr natuͤrlich fand. Vergebens klagte oft der Graf: — Deine blonde Jugend, suͤßer Knabe, Verschmaͤht den melancholischen Genossen. So will in Scherz ich mich ergehn, in Possen, Anstatt ich jetzt mich bloß an Thraͤnen labe, Und um der Froͤhlichkeit mir fremde Gabe, Hab' ich den Himmel anzuflehn beschlossen. Vergebens versicherte der arme Graf, daß er einst der beruͤhmteste Dichter werde, daß schon der Schatten eines Lorbeerblattes auf seiner Stirne sichtbar sey, daß er seine suͤßen Knaben ebenfalls unsterblich machen koͤnne, durch unver¬ gaͤngliche Gedichte. Ach! eben diese Celebritaͤt war Keinem lieb, und in der That, sie war keine beneidenswerthe. Ich erinnere mich noch, mit welchem unterdruͤckten Laͤcheln ein Candidat solcher Celebritaͤt von einigen lustigen Freunden, unter den Arkaden zu Muͤnchen, betrachtet wurde. Ein scharfsichtiger Boͤsewicht meinte sogar, er saͤhe zwischen den Rockschoͤßen desselben den Schatten eines Lorbeerblattes. Was mich betrifft, lieber Leser, so bin ich nicht so boshaft, wie du denkst, ich bemitleide den armen Grafen, wenn ihn Andere verhoͤhnen, ich zweifle, daß er sich an der verhaßten “Sitte„ thaͤtlich geraͤcht habe, obgleich er in seinen Liedern schmachtet, sich solcher Rache hinzugeben; ich glaube viel¬ mehr an die verletzenden Kraͤnkungen, beleidigen¬ den Zuruͤcksetzungen und Abweisungen, wovon er selbst so ruͤhrend singt. Ich bin uͤberzeugt, er betrug sich gegen die Sitten uͤberhaupt weit loͤb¬ licher, als ihm selber lieb war, und er kann vielleicht, wie General Tilly, von sich ruͤhmen: Ich war nie berauscht, ich habe nie ein Weib beruͤhrt und habe nie eine Schlacht verloren. Deshalb gewiß sagt von ihm der Dichter: Du bist ein nuͤchterner, modester Junge. Der arme Junge, oder vielmehr der arme alte Junge — denn er hatte schon einige Lustren hinter sich — hockte damals, wenn ich nicht irre, auf der Bibliothek in Erlangen, wo man ihm einige Beschaͤftigung angewiesen hatte; doch da diese seinem hochstrebenden Geiste nicht genuͤgte, da mit den Lustren auch die Luͤstern¬ heit nach illuͤstrer Lust ihn mehr und mehr stachelte, und der Graf von seiner kuͤnftigen Herrlichkeit taͤglich mehr und mehr begeistert wurde, gab er jenes Geschaͤft auf, und beschloß, von der Schrift¬ stellerei, von gelegentlichen Gaben von oben und einigen sonstigen Verdiensten zu leben. Die Graf¬ schaft des Grafen liegt nemlich im Monde, von wo er, wegen der schlechten Communikazion mit Bayern, nach Gruithuisens Berechnung, erst in 20,000 Jahren, wenn der Mond dieser Erde naͤher kommt, seine ungeheuern Revenuen bezie¬ hen kann. Schon fruͤher hatte Don Platen de Collibra¬ dos Hallermuͤnde, bey Brockhaus in Leipzig, eine Gedichtesammlung mit einer Vorrede, betitelt: „lyrische Blaͤtter Nummer 1.“ herausgegeben, die freylich nicht bekannt wurde, obgleich, wie er uns versichert, die sieben Weisen dem Verfasser ihr Lob gespendet. Spaͤter gab er, nach Tieck¬ schem Muster, einige dramatisirte Maͤhrchen und Erzaͤhlungen heraus, die ebenfalls das Gluͤck hatten, daß sie der unweisen großen Menge un¬ bekannt blieben, und nur von den sieben Weisen gelesen wurden. Indessen um, außer den sieben Weisen, noch einige Leser zu gewinnen, legte sich der Graf auf Polemik und schrieb eine Satyre gegen beruͤhmte Schriftsteller, vornemlich gegen Muͤllner, der damals schon allgemein gehaßt und moralisch vernichtet war, so daß der Graf eben zur rechten Zeit kam, um dem todten Hofrath Oerindur noch einen Hauptstich, nicht ins Haupt, sondern, nach Fallstaffscher Weise, in die Wade zu versetzen. Der Widerwille gegen Muͤllner hatte jedes edle Herz erfuͤllt; der Mensch ist uͤber¬ haupt schwach; die Polemik des Grafen mißfiel daher nicht, und “die verhaͤngnißvolle Gabel„ fand hie und da eine bereitwillige Aufnahme, nicht beym großen Publikum, sondern bey Litte¬ ratoren und bey den eigentlichen Schulleuten, bey letztern hauptsaͤchlich weil jene Satyre nicht mehr dem romantischen Tieck, sondern dem klassi¬ schen Aristophanes nachgeahmt war. Ich glaube, es war um diese Zeit, daß der Herr Graf nach Italien reis'te; er zweifelte nicht mehr, von seiner Poesie leben zu koͤnnen, Cotta hatte die gewoͤhnliche prosaische Ehre, fuͤr Rech¬ nung der Poesie das Geld herzugeben; denn die Poesie, die Himmelstochter, die Hochgeborene, hat selbst nie Geld und wendet sich, bey solchem Beduͤrfniß, immer an Cotta. Der Graf versifi¬ zirte jetzt Tag und Nacht, er blieb nicht bey dem Vorbilde Tiecks und des Aristophanes, son¬ dern er ahmte auch den Goethe nach im Liede, dann den Horaz in der Ode, dann den Petrarcha in Sonetten, dann den Dichter Hafis in persi¬ schen Gaselen — kurz er gab uns solchermaßen eine Blumenlese, der besten Dichter und zugleich seine eigenen Lyrischen Blaͤtter unter dem Titel: „Gedichte des Grafen Platen ꝛc.“ Niemand in Deutschland ist gegen poetische Erzeugnisse billiger als ich, und ich goͤnne einem armen Menschen, wie Platen, sein Stuͤckchen Ruhm, das er im Schweiße seines Angesichts so sauer erwirbt, gewiß herzlich gern. Keiner ist mehr geneigt, als ich, seine Bestrebungen zu ruͤhmen, seinen Fleiß und seine Belesenheit in der Poesie zu loben, und seine sylbenmaͤßigen Verdienste anzuerkennen. Meine eignen Versuche befaͤhigen mich, mehr als jeden Andern, die metri¬ 25 schen Verdienste des Grafen zu wuͤrdigen. Die bittere Muͤhe, die unsaͤgliche Beharrlichkeit, das winternaͤchtliche Zaͤhneklappern, die ingrimmigen Anstrengungen, womit er seine Verse ausgearbei¬ tet, entdeckt unser Einer weit eher als der ge¬ woͤhnliche Leser, der die Glaͤtte, Zierlichkeit und Politur jener Verse des Grafen fuͤr etwas Leich¬ tes haͤlt, und sich an der glatten Wortspielerey gedankenlos ergoͤtzt, wie man sich bey Kunstsprin¬ gern, die auf dem Seile balanciren, uͤber Eyer tanzen und sich auf den Kopf stellen, ebenfalls einige Stunden amuͤsirt, ohne zu bedenken, daß jene armen Wesen, nur durch jahrelangen Zwang und grausames Hungerleiden, solche Gelenkigkeitskuͤnste, solche Metrik des Leibes erlernt haben. Ich, der ich mich in der Dichtkunst nicht so sehr ge¬ plagt, und sie immer in Verbindung mit gutem Essen ausgeuͤbt habe, ich will den Grafen Platen, dem es saurer und nuͤchterner dabey ergangen, um so mehr preisen, ich will von ihm ruͤhmen daß kein Seiltaͤnzer in Europa so gut wie er auf schlaffen Gaselen balancirt, daß keiner den Eyertanz uͤber ⏑ ⏑ – ⏑ ⏑ ⏑ – – – ⏑ ⏑ – – – ⏑ ⏑ ⏑ ⏑ u. s. w. so gut executirt wie er, daß keiner sich so gut wie er auf den Kopf stellt. Wenn ihm auch die Musen nicht hold sind, so hat er doch den Genius der Sprache in seiner Gewalt, oder vielmehr er weiß ihm Gewalt anzuthun; — denn die freye Liebe dieses Genius fehlt ihm, er muß auch diesem Jungen beharrlich nachlaufen, und er weiß nur die aͤußeren Formen zu erfassen, die trotz ihrer schoͤnen Ruͤndung sich nie edel aussprechen. Nie sind tiefe Naturlaute, wie wir sie im Volks¬ liede, bey Kindern und anderen Dichtern finden, aus der Seele eines Platen hervorgebrochen oder offenbarungsmaͤßig hervorgebluͤht; den beaͤngsti¬ genden Zwang, den er sich anthun muß, um etwas zu sagen, nennt er eine “große That 25 * in Worten„— so gaͤnzlich unbekannt mit dem Wesen der Poesie, weiß er nicht einmal, daß das Wort nur bey dem Rhetor eine That ist, bey dem wahren Dichter aber ein Ereigniß. Ungleich dem wahren Dichter, ist die Sprache nie Meister geworden in ihm, er ist dagegen Meister gewor¬ den in der Sprache oder vielmehr auf der Sprache, wie ein Virtuose auf einem Instrumente. Je weiter er es solcherart im Technischen brachte, desto groͤßere Meinung bekam er von seiner Vir¬ tuositaͤt; er wußte ja in allen Weisen zu spielen, er versifizirte ja die schwierigsten Passagen, er dichtete, so zu sagen, manchmal nur auf der G-Saite, und aͤrgerte sich, wenn das Publikum nicht klatschte. Wie alle Virtuosen, die solch ein¬ saitiges Talent ausgebildet, strebte er nur nach Applaudissement, sah er mit Ingrimm auf den Ruhm Anderer, beneidete er seine Collegen um ihren Gewinnst, wie z. B. den Clauren, schrieb er gleich fuͤnfaktige Pasquille, wenn er nur eine einzige Xenie des Tadels auf sich beziehen konnte, kontrollirte er alle Recensionen, worin Andere gelobt wurden, und schrie er bestaͤndig: ich werde nicht genug gelobt, nicht genug belohnt, denn Ich bin der Poet, der Poet der Poeten u. s. w. So hungerig und lechzend nach Lob und Spenden zeigte sich nie ein wahrer Dichter, niemals Klop¬ stock, niemals Goethe, zu deren Drittem der Graf Platen sich selbst ernennt, obgleich jeder ein¬ sieht, daß er nur mit Ramler und etwa A. W. v. Schlegel ein Triumvirat bildet. Der große Ram¬ ler, wie man ihn zu seiner Zeit hieß, als er, zwar ohne Lorbeerkranz auf dem Haupte, aber mit desto groͤßerem Zopf und Haarbeutel, das Auge gen Himmel gehoben und den steifleinenen Regenschirm unter'm Arm, im Berliner Thier¬ garten skandirend wandelte, hielt sich damals fuͤr den Repraͤsentanten der Poesie auf Erden. Seine Verse waren die vollendetesten in deutscher Sprache, und seine Verehrer, worunter sogar ein Lessing sich verirrte, meynten, weiter koͤnne man es in der Poesie nicht bringen. Fast dasselbe war spaͤterhin der Fall bey A. W. v. Schlegel, dessen poetische Unzulaͤnglichkeit aber sichtbar wird, seitdem die Sprache weiter ausgebildet worden, so daß sogar diejenigen, die einst den Saͤnger des Arion fuͤr einen gleichfallsigen Arion gehalten, jetzt nur noch den verdienstlichen Schul¬ lehrer in ihm sehen. Ob aber der Graf Platen schon befugt ist, uͤber den sonst ruͤhmenswerthen Schlegel zu lachen, wie dieser einst uͤber Ramler lachte, das weiß ich nicht. Aber das weiß ich, in der Poesie sind alle drey sich gleich, und wenn der Graf Platen noch so huͤbsch in den Gaselen seine schaukelnden Balanzirkuͤnste treibt, wenn er in seinen Oden noch so vortrefflich den Eyertanz exekutirt, ja, wenn er, in seinen Lust¬ spielen, sich auf den Kopf stellt — so ist er doch kein Dichter. Er ist kein Dichter, sagt sogar die undankbare maͤnnliche Jugend, die er so zaͤrtlich besingt. Er ist kein Dichter, sagen die Frauen, die vielleicht — ich muß es zu seinem Besten andeuten — hier nicht ganz unpartheyisch sind, und vielleicht wegen der Hingebung, die sie bey ihm entdecken, etwas Eifersucht empfin¬ den, oder gar durch die Tendenz seiner Gedichte ihre bisherige vortheilhafte Stellung in der Ge¬ sellschaft gefaͤhrdet glauben. Strenge Kritiker, die mit scharfen Brillen versehen sind, stimmen ein in dieses Urtheil, oder aͤußern sich noch lako¬ nisch bedenklicher. Was finden Sie in den Ge¬ dichten des Grafen von Platen Hallermuͤnde? frug ich juͤngst einen solchen Mann. Sitzfleisch! war die Antwort. Sie meynen in Hinsicht der muͤh¬ samen, ausgearbeiteten Form? entgegnete ich. Nein, erwiederte jener, Sitzfleisch auch in Betreff des Inhalts. Was nun den Inhalt der Platenschen Ge¬ dichte betrifft, so moͤchte ich den armen Grafen dafuͤr zwar nicht loben, aber ihn auch nicht unbedingt der Censorischen Wuth Preis geben, womit unsere Catonen davon sprechen oder gar schweigen. Chacun a son goût , dem einen ge¬ faͤllt der Ochs, dem andren Wasischtas Kuh. Ich tadele sogar den furchtbaren rhadamantischen Ernst womit uͤber jenen Inhalt der Platenschen Ge¬ dichte in den Berliner Jahrbuͤchern fuͤr wissen¬ schaftliche Kritik gerichtet worden. Aber so sind die Menschen, es wird ihnen sehr leicht, in Eifer zu gerathen, wenn sie uͤber Suͤnden sprechen, die ihnen kein Vergnuͤgen machen wuͤrden. Im Morgen¬ blatte las ich kuͤrzlich einen Aufsatz, uͤberschrieben “Aus dem Journal eines Lesers„ worin der Graf Platen gegen solche strenge Tadler seiner Freundschaftsliebe, mit jener Bescheidenheit sich ausspricht, die er nie zu verlaͤugnen weiß, und woran man ihn auch hier erkennt. Wenn er sagt, daß “das Hegelsche Wochenblatt„ ihn eines geheimen Lasters mit “laͤcherlichem Pathos„ beschuldige, so will er, wie leicht zu errathen ist, nur der Ruͤge anderer Leute zuvorkommen, deren Gesinnung er durch dritte Hand erfor¬ schen lassen. Indessen, man hat ihm schlecht berichtet, ich werde mir nie in dieser Hinsicht einen Pathos zu Schulden kommen lassen, der edle Graf ist mir vielmehr eine ergoͤtzliche Er¬ scheinung, und in seiner erlauchten Liebhaberey sehe ich nur etwas Unzeitgemaͤßes, nur die zag¬ haft verschaͤmte Parodie eines antiken Uebermuths. Das ist es ja eben, jene Liebhaberey war im Alterthum nicht in Widerspruch mit den Sitten, und gab sich kund mit heroischer Oeffentlichkeit. Als z. B. der Kaiser Nero, auf Schiffen, die mit Gold und Elfenbein ausgelegt waren, ein Gastmahl hielt, das einige Millionen kostete, ließ er sich mit Einem aus dem Juͤnglingsserail, Na¬ mens Pythagoras, feyerlich einsegnen, ( cuncta denique spectata quae etiam in femina nox operit ) und steckte nachher mit der Hochzeits¬ fackel die Stadt Rom in Brand, um bey den prasselnden Flammen desto besser den Untergang Trojas besingen zu koͤnnen. Das war noch ein Gaselendichter, uͤber den ich mit Pathos sprechen koͤnnte; doch nur laͤcheln kann ich uͤber den neuen Pythagoraͤer, der im heutigen Rom, die Pfade der Freundschaft duͤrftig und nuͤchtern und aͤngst¬ lich dahinschleicht, mit seinem hellen Gesichte von liebloser Jugend abgewiesen wird, und nach¬ her bey kuͤmmerlichem Oehllaͤmpchen sein Gaselchen ausseufzt. Interessant, in solcher Hinsicht, ist die Vergleichung der Platenschen Gedichtchen mit dem Petron. Bey diesem ist schroffe, antike, plastisch heidnische Offenheit: Graf Platen hingegen, trotz seinem Pochen auf Classizitaͤt, behandelt seinen Gegenstand vielmehr romantisch, verschleyernd, sehnsuͤchtig, pfaͤffisch, — ich muß hinzusetzen: heuchlerisch. Denn der Graf vermummt sich manchmal in fromme Gefuͤhle, er vermeidet die genaueren Geschlechtsbezeichnungen; nur die Ein¬ geweihten sollen klar sehen; gegen den großen Haufen glaubt er sich genugsam versteckt zu haben, wenn er das Wort Freund manchmal auslaͤßt, und es geht ihm dann wie dem Vogel Strauß, der sich hinlaͤnglich verborgen glaubt, wenn er den Kopf in den Sand gesteckt, so daß nur der Steiß sichtbar bleibt. Unser erlauchter Vogel haͤtte besser gethan, wenn er den Steiß in den Sand versteckt und uns den Kopf gezeigt haͤtte. In der That, er ist mehr ein Mann von Steiß als ein Mann von Kopf, der Name Mann uͤber¬ haupt paßt nicht fuͤr ihn, seine Liebe hat einen passiv pythagoraͤischen Charakter, er ist in seinen Gedichten ein Patikos, er ist ein Weib, und zwar ein Weib, das sich an gleich Weibischem ergoͤtzt, er ist gleichsam eine maͤnnliche Tribade. Diese aͤngstlich schmiegsame Natur duckt durch alle seine Liebesgedichte, er findet immer einen neuen Schoͤnheitsfreund, uͤberall in diesen Gedichten sehen wir Polyandrie, und wenn er auch senti¬ mentalisirt: „Du liebst und schweigst — O haͤtt' ich auch ge¬ schwiegen, Und meine Blicke nur an dich verschwendet! O haͤtt' ich nie ein Wort dir zugewendet, So muͤßt' ich keinen Kraͤnkungen erliegen! Doch diese Liebe moͤcht' ich nie besiegen, Und weh dem Tag, an dem sie frostig endet! Sie ward aus jenen Raͤumen uns gesendet, Wo selig Engel sich an Engel schmiegen —“ so denken wir doch gleich an die Engel, die zu Loth, dem Sohne Harans, kamen und nur mit Noth und Muͤhe den zaͤrtlichsten Anschmiegungen entgingen, wie wir lesen im Pentateuch, wo lei¬ der die Gaselen und Sonette nicht mitgetheilt sind, die damals vor Loths Thuͤre gedichtet wur¬ den. Ueberall in den Platenschen Gedichten sehen wir den Vogel Strauß, der nur den Kopf ver¬ birgt, den eiteln ohnmaͤchtigen Vogel, der das schoͤnste Gefieder hat und doch nicht fliegen kann, und zaͤnkisch humpelt uͤber die polemische Sand¬ wuͤste der Litteratur. Mit seinen schoͤnen Federn ohne Schwungkraft, mit seinen schoͤnen Versen ohne poetischen Flug, bildet er den Gegensatz zu jenem Adler des Gesanges, der minder glaͤnzende Fluͤgel hat, aber sich damit zur Sonne erhebt — ich muß wieder auf den Refrain zuruͤckkommen: der Graf Platen ist kein Dichter. Von einem Dichter verlangt man zwey Dinge; in seinen lyrischen Gedichten muͤssen Naturlaute, in seinen epischen oder dramatischen Gedichten muͤssen Gestalten seyn. Kann er sich in dieser Hinsicht nicht legitimiren, so wird ihm der Dichtertitel abgespro¬ chen, selbst wenn seine uͤbrigen Familienpapiere und Adelsdiplome in der groͤßten Ordnung sind. Daß letzteres bey dem Grafen Platen der Fall seyn mag, daran zweifle ich nicht, und ich bin uͤber¬ zeugt, er wuͤrde mitleidig heiter laͤcheln, wenn man seinen Grafentitel verdaͤchtig machen wollte; aber wagt es nur, uͤber seinen Dichtertitel, mit einer einzigen Xenie, den geringsten Zweifel zu verrathen — gleich wird er sich ingrimmig nieder¬ setzen und fuͤnfaktige Satyren gegen Euch drucken. Denn die Menschen halten um so eifriger auf einen Titel, je zweydeutiger und ungewisser der Titulus ist, der sie dazu berechtigt. Vielleicht aber wuͤrde der Graf Platen ein Dichter seyn, wenn er in einer anderen Zeit lebte, und wenn er außerdem auch ein anderer waͤre, als er jetzt ist. Der Mangel an Naturlauten in den Ge¬ dichten des Grafen ruͤhrt vielleicht daher, daß er in einer Zeit lebt, wo er seine wahren Gefuͤhle nicht nennen darf, wo dieselbe Sitte, die seiner Liebe immer feindlich entgegensteht, ihm sogar verbietet, seine Klage daruͤber unverhuͤllt auszu¬ sprechen, wo er jede Empfindung aͤngstlich ver¬ kappen muß, um so wenig das Ohr des Publi¬ kums, als das eines “sproͤden Schoͤnen„ durch eine einzige Silbe zu erschrecken. Diese Angst laͤßt bey ihm keine eignen Naturlaute aufkommen, sie verdammt ihn, die Gefuͤhle anderer Dichter, gleichsam als untadelhaften, vorgefundenen Stoff, metrisch zu bearbeiten, und noͤthigenfalls zur Vermummung seiner eigenen Gefuͤhle zu gebrau¬ chen. Unrecht geschieht ihm vielleicht, wenn man, solche ungluͤckliche Lage verkennend, behauptet hat, daß Graf Platen auch in der Poesie sich als Graf zeigen und auf Adel halten wolle, und uns daher nur Gefuͤhle von bekannter Familie, Gefuͤhle die schon ihre 64 Ahnen haben, vor¬ fuͤhre. Lebte er in der Zeit des roͤmischen Pytha¬ goras, so wuͤrde er vielleicht seine eigenen Gefuͤhle freyer hervortreten lassen und er wuͤrde vielleicht fuͤr einen Dichter gelten. Es wuͤrden dann we¬ nigstens die Naturlaute in seinen lyrischen Ge¬ dichten nicht vermißt werden — doch der Mangel an Gestalten in seinen Dramen wuͤrde noch immer bleiben, so lange sich nicht auch seine sinnliche Natur veraͤnderte, und er gleichsam ein Anderer wuͤrde. Die Gestalten, die ich meyne, sind nem¬ lich jene selbstaͤndigen Geschoͤpfe, die aus dem schaffenden Dichtergeiste, wie Pallas Athene aus dem Haupte Kronions, vollendet und geruͤstet her¬ vortreten, lebendige Traumwesen, deren mystische Geburt, mehr als man glaubt, in wundersam bedingender Beziehung steht mit der sinnlichen Natur des Dichters, so daß solches geistige Ge¬ baͤhren demjenigen versagt ist, der selbst nur, als ein unfruchtbares Geschoͤpf, sich gaselig hingiebt in windiger Weichheit. Indessen, das sind Privatmeinungen eines Dichters, und ihr Gewicht haͤngt davon ab, wie weit man an die Competenz desselben glauben will. Ich kann nicht umhin zu erwaͤh¬ nen, daß der Graf Platen, gar oft dem Publikum versichert, daß er erst spaͤterhin das Bedeutendste dichten werde, wovon man jetzt noch keine Ahnung habe, ja, daß er Iliaden und Odysseen, Classizitaͤtstragoͤdien und sonstige Un¬ sterblichkeitskolossalgedichte erst dann schreiben werde, wenn er sich nach so und so viel Lustren gehoͤrig vorbereitet habe. Du hast, lieber Leser, diese Ergießungen des Selbstbewußtseyns, in muͤhsam gefeilten Versen vielleicht selbst gelesen, und das Versprechen solcher schoͤnen Zukunft war dir viel¬ leicht um so erfreulicher, als der Graf zu gleicher Zeit alle Dichter Deutschlands, außer dem ganz alten Goethe, wie einen Schwarm schlechter Sudler geschildert, die ihm nur im Wege stehen, auf der Bahn des Ruhmes, und die so unverschaͤmt seyen, jene Lorbeeren und Belohnungen zu pfluͤcken, die nur ihm gebuͤhrten. Was ich in Muͤnchen daruͤber sprechen hoͤrte, will ich uͤbergehen; aber, der Chronologie wegen, muß ich anfuͤhren, daß zu jener Zeit der Koͤnig von Bayern die Absicht aussprach, irgend einem deutschen Dichter ein Jahrgehalt zu ertheilen, ohne damit ein Amt zu verbinden, welches unge¬ woͤhnliche Beyspiel fuͤr die ganze deutsche Littera¬ tur von schoͤner Folge seyn konnte. Man sagte mir — Doch ich will mein Thema nicht verlassen, ich sprach von den Prahlereyen des Grafen Platen, 25 der bestaͤndig rief: ich bin der Poet, der Poet der Poeten! ich werde Iliaden uud Odysseen dich¬ ten u. s. w. Ich weiß nicht was das Publi¬ kum von solchen Prahlereyen haͤlt, aber ganz genau weiß ich, was ein Dichter davon denkt, nemlich ein wahrer Dichter, der die verschaͤmte Suͤßigkeit und die geheimen Schauer der Poesie schon empfunden hat, und von der Seligkeit dieser Empfindungen, wie ein gluͤcklicher Page, der die verborgene Gunst einer Prinzessin genießt, gewiß nicht auf oͤffentlichem Markte prahlen wird. Man hat schon oͤfter den Grafen Platen, wegen solcher Prahlhansereyen, weidlich gehaͤnselt und er wußte immer, wie Fallstaff, sich zu ent¬ schuldigen. Bey solchen Entschuldigungen kommt ihm ein Talent zu statten, das außerordentlich in seiner Art ist und das eine besondere Aner¬ kennung verdient. Der Graf Platen weiß nem¬ lich von jedem Flecken, der in seiner eignen Brust ist, auch bey irgend einem großen Manne eine Spur, und sey sie noch so klein, zu entdecken, und sich wegen solcher Wahlfleckenverwandschaft mit ihm zu vergleichen. Z. B. von Shakespeares Sonetten weiß er, daß sie an einen jungen Mann und nicht an ein Weib gerichtet sind, und ob solcher verstaͤndigen Wahl preist er Shakespeare, vergleicht sich mit ihm — und das ist das einzige was er von ihm zu sagen hat. Man koͤnnte negativ eine Apologie des Grafen Platen schrei¬ ben, und behaupten, daß er sich die und die Ver¬ irrung noch nicht zu Schulden kommen lassen, weil er sich mit dem oder dem großen Manne, dem sie nachgeredet worden, noch nicht verglichen habe. Am genialsten aber und bewunderungswuͤr¬ digsten zeigte er sich in der Wahl des Mannes, in dessen Leben er unbescheidene Reden entdeckt, und durch dessen Beyspiel er seine eigene Prahle¬ rey beschoͤnigen will. Wahrlich, zu einem solchen Zwecke sind die Worte dieses Mannes noch nie zitirt worden — denn es ist kein Geringerer als 25 * Jesus Christus selbst, der uns bisher immer fuͤr ein Muster der Demuth und Bescheidenheit ge¬ golten. Christus haͤtte jemals geprahlt? der be¬ scheidenste der Menschen, um so bescheidener als er der goͤttlichste war? Ja, was bisher allen Theologen entgangen ist, das entdeckte der Graf Platen, denn er insinuirt uns: Christus, als er vor Pilatus gestanden, sey ebenfalls nicht beschei¬ den gewesen, und habe nicht bescheiden geantwor¬ tet, sondern als jener ihn frug, bist du der Koͤnig der Juden? habe er gesprochen: du sagst es. Und so sage auch Er, der Graf Platen: Ich bin es, ich bin der Poet! — Was nie dem Hasse eines Veraͤchters Christi gelungen ist, das gelang der Exegese selbstverliebter Eitelkeit. Wie wir wissen, was wir davon zu halten, wenn Einer solchermaßen bestaͤndig schreit: Ich bin der Poet! so wissen wir auch, was es fuͤr eine Bewandtniß hat mit den ganz außerordent¬ lichen Gedichten, die der Graf, wenn er die ge¬ hoͤrige Reife erlangt, noch dichten will, und die seine bisherigen Meisterstuͤcke an Bedeutung so unerhoͤrt uͤbertreffen sollen. Wir wissen ganz ge¬ nau, daß die spaͤteren Werke des wahren Dichters keineswegs bedeutender sind als die fruͤheren, eben so wenig wie ein Weib, je oͤfter sie gebaͤhrt, desto vollkommenere Kinder zur Welt bringt; nein, das erste Kind ist schon eben so gut wie das zweite — nur das Gebaͤhren wird leichter. Die Loͤwin wirft nicht erst ein Kaninchen, dann ein Haͤschen, dann ein Huͤndchen und endlich einen Loͤwen. Madame Goethe warf gleich ihren jun¬ gen Leu, und dieser gab uns, im ersten Wurf, seinen Loͤwen von Berlichingen. Eben so warf auch Schiller gleich seine Raͤuber, an deren Tatze man schon die Loͤwenart erkannte. Spaͤter kam erst die Politur, die Glaͤtte, die Feile, die natuͤr¬ liche Tochter und die Braut von Messina. Nicht so begab es sich mit dem Grafen Platen, der mit der aͤngstlichsten Kuͤnsteley anfing und von dem der Dichter singt: Du, der du sprangst so fertig aus dem Nichts, Geleckten und lackirten Angesichts, Gleichst einer Spielerey, geschnitzt aus Korke. Indessen, wenn ich meine geheimsten Gedan¬ ken aussprechen soll, so gestehe ich, daß ich den Grafen Platen fuͤr keinen so großen Narrn halte, wie man wegen jener Prahlsucht und bestaͤndigen Selbstberaͤucherung glauben sollte. Ein Bischen Narrheit, das versteht sich, gehoͤrt immer zur Poesie; aber es waͤre entsetzlich, wenn die Natur eine so betraͤchtliche Porzion Narrheit, die fuͤr hundert große Dichter hinreichen wuͤrde, einem einzigen Menschen aufgebuͤrdet, und von der Poesie selbst ihm nur eine so unbedeutend geringe Dosis gegeben haͤtte. Ich habe Gruͤnde zu ver¬ muthen, daß der Herr Graf an seine eigne Prah¬ lerey nicht glaubt, und daß er, duͤrftig im Leben wie in der Litteratur, vielmehr fuͤr das Beduͤrfniß des Augenblicks sein eigner anpreisender Ruffiano seyn mußte, in der Litteratur wie im Leben. Da¬ her in beiden die Erscheinungen, von denen man sagen konnte, daß sie mehr ein psychologisches als aesthetisches Interesse gewaͤhrten, daher zu gleicher Zeit die weinerlichste Seelenerschlaffung und der erlogene Uebermuth, daher das klaͤgliche Duͤnne¬ thun mit baldigem Sterben, und das drohende Dickthun mit kuͤnftiger Unsterblichkeit, daher der auflodernde Bettelstolz und die schmachtende Un¬ terthaͤnigkeit, daher das bestaͤndige Klagen „daß ihn Cotta verhungern lasse“ und wiederum Kla¬ gen „daß ihn Cotta verhungern lasse“ daher die Anfaͤlle von Katholizismus u. s. w. Ob's dem Grafen mit dem Katholizismus Ernst ist, daran zweifle ich. Ob er uͤberhaupt katholisch geworden ist, wie einige seiner Hochge¬ borenen Freunde, das weiß ich nicht. Daß er es werden wolle, erfuhr ich zuerst aus oͤffent¬ lichen Blaͤttern, die sogar hinzufuͤgten, der Graf Platen werde Moͤnch und ginge in's Kloster. Boͤse Zungen meinten, daß ihm das Geluͤbde der Armuth und die Enthaltung von Weibern nicht schwer fallen wuͤrde. Wie sich von selbst versteht, in Muͤnchen klangen, bey solchen Nachrichten, die frommen Gloͤcklein in den Herzen seiner Freunde. Mit Kyrie Eleison und Hallelujah wurden seine Gedichte gepriesen in den Pfaffenblaͤttern; und in der That, die heiligen Maͤnner des Coͤlibats mußten erfreut seyn uͤber jene Gedichte, wodurch die Enthaltung vom weiblichen Geschlechte befoͤr¬ dert wird. Leider haben meine Gedichte eine andere Tendenz, und daß Pfaffen und Knaben¬ saͤnger nicht davon angesprochen werden, konnte mich zwar betruͤben, aber nicht befremden. Eben so wenig befremdete es mich, als ich den Tag vor meiner Abreise nach Italien, von meinem Freunde dem Doktor Kolb vernahm, daß der Graf Platen sehr feindselig gegen mich gestimmt sey, und mir mein Verderben schon bereitet habe in einem Lustspiele Namens “Koͤnig Oedipus„ das bereits zu Augsburg, bey einigen Fuͤrsten und Grafen, deren Namen ich vergessen habe oder vergessen will, angelangt sey. Auch Andere er¬ zaͤhlten mir, daß mich der Graf Platen hasse und und sich mir als Feind entgegenstelle; — und das war mir auf jeden Fall angenehmer, als haͤtte man mir nachgesagt: daß mich der Graf Platen als Freund hinter meinem Ruͤcken liebe. Was die heiligen Maͤnner betrifft, deren fromme Wuth sich zu gleicher Zeit gegen mich kund gab, und nicht bloß meiner anticoͤlibatischen Gedichte wegen, sondern auch wegen der politischen Annalen, die ich damals herausgab, so konnte ich ebenfalls nur gewinnen, wenn man deutlich sah, daß ich keiner der Ihrigen sey. Wenn ich hiermit andeute, daß man nichts Gutes von ihnen sagt, so sage ich darum noch nichts Boͤses von ihnen. Ich bin sogar der Meinung, daß sie, nur aus Liebe zum Guten, durch frommen Betrug und gottgefaͤllige Verlaͤumdung das Wort der Boͤsen entkraͤftigen moͤchten, und daß sie diesen, nur fuͤr einen solchen edlen Zweck, der jedes Mittel heiligt, nicht blos die geistigen Lebensquellen, sondern auch die ma¬ teriellen zu verschuͤtten suchen. Man hat jene guten Leute, die sich in Muͤnchen sogar oͤffentlich als Congregazion praͤsentirten, thoͤrigterweise mit den Namen Jesuiten beehrt. Sie sind wahrlich keine Jesuiten, sonst haͤtten sie eingesehen, daß z. B. ich, einer von den Boͤsen, schlimmsten Falls die litterarisch alchimistische Kunst verstehe, aus meinen Feinden selbst Dukaten zu schlagen, dergestalt daß ich dabey die Dukaten bekomme und meine Feinde die Schlaͤge; — sie haͤtten eingesehen, daß solche Schlaͤge nichts von ihrem Gehalte verlieren, wenn man auch den Na¬ men des Schlagenden avilirt, wie der arme Suͤnder den Staupbesen nicht minder stark fuͤhlt, obgleich der Scharfrichter, der ihn er¬ theilt, fuͤr unehrlich erklaͤrt wird; — und, was die Hauptsache ist, sie haͤtten eingesehen, daß etwas Vorliebe fuͤr den antiaristokratischen Voß und einige arglose Muttergotteswitze, weßhalb sie mich zuerst mit Koth und Dummheit angriffen, nicht aus protestantischem Eifer hervorgegangen. Wahr¬ lich, sie sind keine Jesuiten, sondern nur Misch¬ linge von Koth und Dummheit, die ich, eben so wenig wie eine Mistkarre und den Ochsen der sie zieht, zu hassen vermag, und die mit allen ihren Anstrengungen nur das Gegentheil ihrer Absicht erreichen, und mich nur dahin bringen koͤnnten: daß ich ihnen zeige wie sehr ich Protestant bin, daß ich mein gutes protestantisches Recht, in seiner weitesten Ermaͤchtigung ausuͤbe, und die gute protestantische Streitaxt mit Her¬ zenslust handhabe. Sie koͤnnten dann immerhin, um den Plebs zu gewinnen, die alten Weiber¬ legenden von meiner Unglaͤubigkeit durch ihren Leibpoeten in Verse bringen lassen — an den wohlbekannten Schlaͤgen sollten sie schon den Glaubensgenossen eines Luthers, Lessings und Voß erkennen. Freylich, ich wuͤrde nicht mit dem Ernste dieser Heroen die alte Axt schwingen — denn der Anblick der Gegner bringt mich leicht zum Lachen, und ich bin ein Bischen Eulenspie¬ geliger Natur und liebe eine Beymischung von Spaß — aber ich wuͤrde jenen Mistochsen nicht minder stark vor den Kopf schlagen, wenn ich auch vorher mit lachenden Blumen meine Axt umkraͤnzte. Doch ich will mein Thema nicht zu weit ver¬ lassen. Ich glaube, es war um jene Zeit, daß der Koͤnig von Bayern, in schon erwaͤhnter Ab¬ sicht, dem Grafen Platen ein Jahrgehalt von sechshundert Gulden gab, und zwar nicht aus der Staatskasse, sondern aus der koͤniglichen Pri¬ vatkasse, wie es sich der Graf als besondere Gnade gewuͤnscht hatte. Letzteren Umstand, der die Caste charakterisirt, so geringfuͤgig er auch erscheint, erwaͤhne ich nur als Notiz fuͤr den Naturforscher, der vielleicht Beobachtungen uͤber den Adel macht. In der Wissenschaft ist alles wichtig. Wer mir vorwerfen moͤchte, daß ich den Grafen Platen zu wichtig nehme, der gehe nach Paris und sehe, wie sorgfaͤltig der feine, zierliche Cuvier, in seinen Vorlesungen, das unreinste Insekt, mit dem genauesten Detail schildert. Es ist mir des¬ halb auch sogar Leid, daß ich das Datum jener 600 Gulden nicht genauer constatiren kann; so viel weiß ich aber, daß der Graf Platen den Koͤnig Oedipus fruͤher verfertigt hatte, und daß dieser nicht so bissig geworden waͤre, wenn der Verfasser mehr zu beißen gehabt haͤtte. In Norddeutschland, wohin mich ploͤtzlich der Tod meines Vaters zuruͤckrief, erhielt ich endlich das ungeheure Geschoͤpf, das dem großen Ey, woruͤber unser schoͤngefiederter Vogel Strauß so lange gebruͤtet, endlich entkrochen war, und das die Nachteulen der Congregazion mit from¬ mem Gekraͤchze und die adeligen Pfauen mit freudigem Radschlagen schon lange im voraus begruͤßt hatten. Es sollte nichts Minderes als ein verderblicher Basilisk seyn. Kennst du, lieber Leser, die Sage von dem Basilisk? Das Volk erzaͤhlt: wenn ein maͤnnlicher Vogel, wie ein Weib, ein Ey gelegt, so entstaͤnde daraus ein giftiges Geschoͤpf, dessen Hauch die Luft verpeste, und das man nur dadurch toͤdten koͤnne, daß man ihm einen Spiegel vorhalte, indem es alsdann uͤber den Anblick seiner eigenen Scheußlichkeit vor Schrecken sterbe. Heilige Schmerzen, die ich nicht entweihen wollte, erlaubten es mir erst zwey Monat spaͤter, als ich auf der Insel Helgoland badete, den Koͤnig Oedipus zu lesen, und dort, großgestimmt von dem bestaͤndigen Anblick des großen, kuͤhnen Meers, mußte mir die kleinliche Gesinnung und die Altflickerey des hochgeborenen Verfassers recht anschaulich werden. Jenes Meisterwerk zeigte mir ihn endlich ganz wie er ist, mit all seiner bluͤhenden Welkheit, seinem Ueberfluß an Geistes¬ mangel, seiner Einbildung ohne Einbildungskraft, ganz wie er er ist, forcirt ohne Force, pikirt ohne pikant zu seyn, eine trockne Wasserseele, ein trister Freudenjunge. Dieser Troubadour des Jammers, geschwaͤcht an Leib und Seele, ver¬ suchte es, den gewaltigsten, phantasiereichsten und witzigsten Dichter der jugendlichen Griechenwelt nachzuahmen! Nichts ist wahrlich widerwaͤrtiger als diese krampfhafte Ohnmacht, die sich wie Kuͤhnheit aufblasen moͤchte, diese muͤhsam zu¬ sammengetragenen Invektiven, denen der Schim¬ mel des verjaͤhrten Grolls anklebt, und dieser silbenstecherisch aͤngstlich nachgeahmte Geistestau¬ mel. Wie sich von selbst versteht, zeigt sich in des Grafen Werk keine Spur von einer tiefen Welt¬ vernichtungsidee, die jedem aristophanischen Lust¬ spiele zum Grunde liegt, und die darin, wie ein phantastisch ironischer Zauberbaum, emporschießt mit bluͤhendem Gedankenschmuck, singenden Nachti¬ gallnestern und kletternden Affen. Eine solche Idee, mit dem Todesjubel und dem Zerstoͤrungsfeuer¬ werk, das dazu gehoͤrt, durften wir freilich von dem armen Grafen nicht erwarten. Der Mittel¬ punkt, die erste und letzte Idee, Grund und Zweck seines sogenannten Lustspiels, besteht, wie bey der verhaͤngnißvollen Gabel, wieder in geringfuͤgig litterarischen Haͤndeln, der arme Graf konnte nur einige Aeußerlichkeiten des Aristophanes nachah¬ men, nemlich die feinen Verse und die groben Worte. Ich sage grobe Worte, weil ich keinen groͤbern Ausdruck brauchen will. Wie ein kei¬ fendes Weib, gießt er ganze Blumen-Toͤpfe von Schimpfreden auf die Haͤupter der deutschen Dichter. Ich will dem Grafen herzlich gern seinen Groll verzeihen, aber er haͤtte doch einige Ruͤcksichten beobachten muͤssen. Er haͤtte wenig¬ stens das Geschlecht in uns ehren sollen, da wir keine Weiber sind, sondern Maͤnner, und folglich zu einem Geschlechte gehoͤren, das nach seiner Meinung das schoͤne Geschlecht ist, und das er so sehr liebt. Es bleibt dieses immer ein Man¬ gel an Delicatesse, mancher Juͤngling wird des¬ halb an seinen Huldigungen zweifeln, da jeder fuͤhlt, daß der Wahrhaftliebende auch das ganze Geschlecht verehrt. Der Saͤnger Frauenlob war gewiß nie grob gegen irgend ein Weib, und ein Platen sollte daher mehr Achtung zeigen gegen Maͤnner. Aber der Undelikate! ohne Scheu er¬ zaͤhlt er dem Publikum: Wir Dichter in Nord¬ deutschland haͤtten alle die “Kraͤtze, wofuͤr wir leider eine Salbe brauchten, die als mephitisch er vor vielen schaͤtze.„ Der Reim ist gut. Am unzartesten ist er gegen Immermann. Schon im Anfang seines Gedichts, laͤßt er diesen hinter einer spanischen Wand Dinge thun, die ich nicht nennen darf, und die dennoch nicht zu widerlegen sind. Ich halte es sogar fuͤr wahrscheinlich, daß Immermann schon solche Dinge gethan hat. Es ist aber charakteristisch, daß die Phantasie des Gra¬ 26 fen Platen sogar seine Feinde a posteriori zu belauschen weiß. Er schonte nicht einmal Houwald, diese gute Seele, sanft wie ein Maͤdchen — ach vielleicht eben dieser holden Weiblichkeit wegen, haßt ihn ein Platen. Muͤllner, den er, wie er sagt, schon laͤngst “durch wirklichen Witz urkraͤftig erlegt„ dieser Todte wird wieder aus dem Grabe gescharrt. Kind und Kindeskind bleiben nicht unangetastet. Raupach ist ein Jude, “Das Juͤdchen Raupel — Das jetzt als Raupach traͤgt so hoch die Nase„ “schmiert Tragoͤdien im Katzenjammer.„ Noch weit schlimmer ergeht es dem “getauften Heine.„ Ja, ja, du irrst dich nicht, lieber Leser, das bin Ich, den er meint, und im Koͤnig Oedipus kannst du lesen, wie ich ein wahrer Jude bin, wie ich, wenn ich einige Stunden Liebeslieder geschrieben, gleich darauf mich niedersetze und Dukaten be¬ schneide, wie ich am Sabbath mit langbaͤrtigen Mauscheln zusammenhoke und den Talmud singe, wie ich in der Osternacht einen unmuͤndigen Christen schlachte und aus Malize immer einen ungluͤcklichen Schriftsteller dazu waͤhle — Nein, lieber Leser, ich will dich nicht beluͤgen, solche gute ausgemalte Bilder stehen nicht im Koͤnig Oedipus, und daß sie nicht darin stehen, das nur ist der Fehler, den ich tadele. Der Graf Platen hat zuweilen die besten Motive und weiß sie nicht zu benutzen. Haͤtte er nur ein bischen mehr Phantasie, so wuͤrde er mich wenigstens als geheimen Pfaͤnderverleiher geschildert haben; welche komische Scenen haͤtten sich dargeboten! Es thut mir in der Seele weh, wenn ich sehe, wie sich der arme Graf jede Gelegenheit zu guten Witzen vorbeygehen lassen! Wie kostbar haͤtte er Raupach benutzen koͤnnen als Tragoͤdien- Rothschild, bey dem die koͤniglichen Buͤhnen ihre Anleihen machen! Den Oedipus selbst, die Haupt¬ person seines Lustspiels, haͤtte er, durch einige Modifikationen in der Fabel des Stuͤckes, eben¬ 26 * falls besser benutzen koͤnnen. Statt daß er ihn den Vater Lajus toͤdten, und die Mutter Jokaste heyrathen ließ, haͤtte er es im Gegentheil so ein¬ richten sollen, daß Oedipus seine Mutter toͤdtet und feinen Vater heyrathet. Das dramatische pDrastische in einem solchen Gedichte haͤtte einem Platen meisterhaft gelingen muͤssen, seine eigene Gefuͤhlsrichtung waͤre ihm dabey zu Statten gekommen, er haͤtte manchmal, wie eine Nachti¬ gall, nur die Regungen der eignen Brust zu be¬ singen gebraucht, er haͤtte ein Stuͤck geliefert, das wenn der gaselige Iffland noch lebte, gewiß in Berlin gleich einstudirt worden waͤre, und das man auch jetzt auf Privatbuͤhnen geben wuͤrde. Ich kann mir nichts Vollendeteres denken als den Schauspieler Wurm in der Rolle eines sol¬ chen Oedipus. Er wuͤrde sich selbst uͤbertreffen. Dann finde ich es auch nicht politisch vom Gra¬ fen, daß er in seinem Lustspiele versichert, er habe „wirklichen Witz.“ Oder arbeitet er viel¬ leicht auf den Ueberraschungs-Effect, auf den Theatercoup, daß dadurch das Publikum bestaͤn¬ dig Witz erwarten, und dieser am Ende doch nicht erscheinen soll? Oder will er vielmehr das Publikum aufmuntern, den Wirkl. Geh. Witz im Stuͤcke zu suchen, und das Ganze waͤre nur ein Blindekuhspiel, wo der Platensche Witz so schlau ist, sich nie ertappen zu lassen? Deshalb viel¬ leicht ist auch das Publikum, das sonst bey Lust¬ spielen zu lachen pflegt, bey der Lektuͤre des Platenschen Stuͤcks so verdrießlich, es kann den versteckten Witz nicht finden, vergebens piept der versteckte Witz, und piept immer lauter: hier bin ich! hier bin ich wirklich! — vergebens, das Publikum ist dumm und macht ein ernsthaftes Gesicht. Ich aber, der ich weiß wo der Witz steckt, habe herzlich gelacht, als ich von dem „graͤflichen, herrschsuͤchtigen Dichter“ las, der sich in einen aristokratischen Nimbus huͤllt, der von sich ruͤhmt, „daß jeder Hauch, der zwischen seine Zaͤhne komme, eine Zermalmung sey „und der zu allen deutschen Dichtern sagt: „Ja, gleichwie Nero, wuͤnscht” ich euch nur Ein Gehirn, Durch einen einzigen Witzeshieb zu spalten es —“ Der Vers ist schlecht. Der versteckte Witz aber besteht darin: daß der Graf eigentlich wuͤnscht, wir waͤren alle lauter Neronen und er, im Gegen¬ theil, unser einziger lieber Freund Pythagoras. Vielleicht wuͤrde ich zum Besten des Grafen noch manchen anderen versteckten Witz hervorloben, doch da er mir in seinem Koͤnig Oedipus das Liebste angegriffen — denn was koͤnnte mir lieber seyn als mein Christenthum? — so ist es mir nicht zu verdenken, wenn ich, menschlich gesinnt, den Oedipus, diese „große That in Worten“ minder ernstlich als die fruͤheren Thaͤtigkeiten wuͤrdige. Indessen, das wahre Verdienst hat immer seinen Lohn gefunden, und dem Verfasser des Oedipus wird der seinige nicht entgehen, obgleich er sich auch hier, wie immer, nur dem Einfluß seiner adeligen und geistlichen Hintersassen hingab. Ja, es geht eine uralte Sage unter den Voͤlkern des Orients und Occidents, daß jede gute oder boͤse That ihre naͤchsten Folgen hab fuͤr den Thaͤter. Und kommen wird der Tag, wo sie kommen — mach' dich darauf gefaßt, lieber Leser, daß ich jetzt etwas in Pathos gerathe und schauerlich werde — kommen wird der Tag, wo sie dem Tartaros entsteigen die furchtbaren Toͤchter der Themis, „die Eumeniden.“ Bey'm Styx! — bey diesem Flusse schwoͤren wir Goͤtter nie¬ mals falsch — kommen wird der Tag, wo sie erscheinen, die dunkeln, urgerechten Schwe¬ stern, sie werden erscheinen mit schlangen¬ gelockten, rotherzuͤrnten Gesichtern, mit denselben Schlangengeißeln, womit sie einst den Orestes gegeißelt, den unnatuͤrlichen Suͤnder, der die Mutter gemordet, die tyndaridische Clytaͤmnestra. Vielleicht hoͤrt der Graf schon jetzt die Schlan¬ gen zischen — Ich bitte dich, lieber Leser, denk' dir jetzt die Wolfsschlucht und Samielmusik — Vielleicht erfaßt den Grafen schon jetzt das ge¬ heime Suͤndergrauen, der Himmel verduͤstert sich, Nachtgevoͤgel kreischt, ferne Donner rollen, es blitzt, es riecht nach Colophonium, Wehe! Wehe! die erlauchten Ahnen steigen aus den Graͤbern, sie rufen noch drey bis vier mal Wehe! Wehe! uͤber den klaͤglichen Enkel, sie beschwoͤren ihn ihre alten Eisenhosen anzuziehen, um sich zu schuͤtzen vor den entsetzlichen Ruthen — denn die Eumeniden werden ihn damit zerfetzen, die Geißelschlangen werden sich ironisch an ihm ver¬ gnuͤgen, und wie der buhlerische Koͤnig Rodrigo, als man ihn in den Schlangenthurm gesperrt, wird auch der arme Graf am Ende wimmern und winseln: Ach! sie fressen, ach! sie fressen, Womit meistens ich gesuͤndigt. Entsetze dich nicht, lieber Leser, es ist ja alles nur Scherz. Diese furchtbaren Eumeniden sind nichts als ein heiteres Lustspiel, das ich, nach eini¬ gen Lustren, unter diesem Titel schreiben werde, und die tragischen Verse, die dich eben erschreckt, ste¬ hen in dem allerlustigsten Buche von der Welt, im Don Quixote von la Mancha, wo eine alte, an¬ staͤndige Hofdame sie in Gegenwart des ganzen Hofes rezitirt. Ich sehe, du laͤchelst wieder. Laß uns heiter und lachend von einander Abschied nehmen. Wenn dieses letzte Capitel etwas langweilig war, so lag's nur an dem Ge¬ genstande; auch schrieb ich es mehr zum Nutzen als zur Lust, und wenn es mir gelungen ist, einen neuen Narrn auch fuͤr die Litteratur brauchbar gemacht zu haben, wird mir das Vaterland Dank schuldig seyn. Ich habe das Feld urbar gemacht, worauf geistreichere Schriftsteller saͤen und ernd¬ ten werden. Das bescheidene Bewußtseyn dieses Verdienstes ist mein schoͤnster Lohn. Fuͤr etwaige Koͤnige, die mir dafuͤr noch extra eine Tabatiere schicken wollen, bemerke ich, daß die Buch¬ handlung “Hoffmann und Campe in Ham¬ burg„ Ordre hat, dergleichen fuͤr mich in Em¬ pfang zu nehmen. Geschrieben im Spaͤtherbst des Jahres 1829. Errata . S. 14 Zeile 2 von unten statt großen lies alten . " 22 " 4 " oben " ungesehen lies ungeschehen . " 68 " 7 " " " Anthistenes lies Antisthenes . " 134 " 9 " " " mazzati lies mazzanti . " 152 " 7 " " " mazzati lies mazzanti . " 148 " 10 " unten " Grachen lies Gracchen . " 157 " 1 " " " Hesperus lies Hermes . " 212 " 7 " " " bang lies ganz . " 254 " 6 " oben " Trionometrie l. Trigonometrie . " 270 " 6 " " " haͤit lies haͤlt . " 282 " 7 " unten " Ceromonien l. Ceremonien . " 288 " 1 " " " Thaͤnen Thraͤnen . " 300 " 3 " oben " ger lies gar . " 339 " 6 " unten " antropologisch lies anthropo¬ logisch . " 366 " 8 " oben " Bibliothek lies Universitaͤt . " 366 " 6 " unten " jenes lies jedes . " 379 " 8 " " " Patikos lies Pathikos " 395 " 5 " oben " protestantischen lies antika¬ tholischen . " 407 " 9 " unten " Themis lies Nacht. Gedruckt bei Conrad Muͤller Wwe.