Christliche Leich-Predigt uͤber die thewre werthe Wort S. Pauli/ die Er uns in seiner ersten Epistel an Timotheum Cap. 1/ 12. seqq. hinterlassen hat/ bey Volckreicher Versamlung/ als der abgelebte Coͤrper/ Des weiland zwar armen und ge- brechlichen; nunmehr aber der Seelen nach in Christo reichen und seligen/ Michael Neubers/ welcher am Fuͤrstl. Saͤchs. Hoffe zu Altenburg viel Jahr lang unterhalten worden/ und den 11. Dec. 1648. im HErrn selig entschlaffen/ auff dem Gottes-Acker bey- gesetzet worden/ in der Stadt-Kirchen daselbst den 14. Dec. gehalten/ und auf Begehren in den Druck gegeben/ von Martino Caselio , der H. Schrifft Doctorn, Fuͤrstl. Saͤchs. General-Superint. Hoffpredi- gern und Assessorn des Con. sistorii. Gedruckt zu Altenburg in der Fuͤrstl. Saͤchs. Officin, im Jahr 1649. Das walte der Fuͤrst des Lebens Christus Je- sus/ welcher nicht allein durch seinen Todt die Macht genommen hat dem/ der des Todes Gewalt hatte/ nemblich dem Teuffel/ und erloͤset hat die/ so durch Furcht des Todes/ im gantzen Leben Knechte sèyn musten: sondern auch uns ingesambt die Gerech- tigkeit und das ewige Leben hat erworben/ dem sambt Gott dem himlischen Vater/ und dem wer- then Heiligen Geist dafuͤr sey Lob/ Ehr/ Preiß und Danck gesagt/ anietzo und zu ewigen Zeiten/ Amen; A Ndaͤchtige und Außerwehlte in dem HErrn/ wenn der Hocherleuchte Apostel Paulus an seine Corinther unter andern also schreibet: Sehet an/ lieben Bruͤder/ ewern Beruff/ nicht viel Weisen nach dem Fleisch/ nicht viel Gewaltige/ nicht viel Ed- le sind beruffen/ sondern was thoͤricht ist fuͤr der Welt/ das hat Gott erwehlet/ daß Er die Weisen zu schanden machet. Vnd was schwach ist fuͤr der Welt/ das hat Gott erwehlet/ daß Er zu schanden machet/ was starck ist. Vnd das Vn- edle fuͤr der Welt/ und das verachte hat Gott erwehlet/ und daß da nichts ist/ daß Er zu nichte machet/ was etwas ist/ auff daß sich fuͤr Jhm kein Fleisch ruͤhme: 1. Cor. 1/26. seqq so lehret Er Sie und uns allerseits/ was fuͤr Leute von Gott dem HErrn zum Reich Christi beruffen seyn/ und zu seinem Eigenthumb erwehlet/ auch solchen Goͤttlichen Be- ruff angenommen haben/ nemlich/ nicht viel/ die mit hoher Mensch- und Weltlicher Weißheit begabet/ oder ihrer gros- A ij sen 4 Christliche Leich-Predigt. sen Macht und fuͤrnehmen Standes und Geschlechts hal- ben an sehnliche und hochberuͤhmte Leute vor der Welt sind; Denn dieselbe fast in gemein sich auff ihre Weißheit/ Ge- walt und Adelichen Geschlecht und Stand zuverlassen/ und sich fuͤr der Welt derselben zuruͤhmen/ und darmit zu prangen; hingegen aber das Evangelium vom Christo/ welches ist das Wort vom Creutz/ fuͤr eine Thorheit zu ach- ten pflegen: Cor. 1/ 17. 18 . Sondern was thoͤricht/ swach/ unedel/ veracht und gleichsam fuͤr Gott ruͤhmen koͤn- ne/ als wenn Er die wahre seligmachende Erkentnis Got- tes durch seine weltliche Weißheit/ Macht/ und Adelichen Stand erlanget haͤtte/ sondern sich iederman des HErrn Christi ruͤhme/ und bekenne/ daß Er aus Gnaden/ durch sein Erkentnis/ gerecht worden sey/ Es. 53/ 11. und durch den Glauben an Jhn die ewige Seeligkeit erlangen werde. Hab. 2/ 4 Rom. 1/ 17. Gal. 3/ 11. Heb. 10/ 38. Daß nun dem also/ dessen haben wir nicht allein unter andern/ ein au- genscheinlich Exempel an dem armen/ gebrechlichen und siechen Lazaro/ welcher zwar vor der Welt nicht Weise/ Gewaltig und Edel ist gewesen/ sondern von iederman fuͤr thoͤricht/ schwach/ unedel/ und veracht; ja fuͤr nichts gehal- ten; und dennoch von Gott beruffen/ und zu seinem Eigen- thumb erwehlet/ auch den Goͤttlichen Beruff mit demuͤti- gen Danck angenom̃en/ und durch den Glauben an Chri- stum Gerecht und Selig worden: Da hingegen der reiche/ und in der Welt hochgeachte Schlemmer/ alldieweil Er sich auff sein Reichthumb/ Macht/ und Gewalt verlassen/ derselben vielfaͤltig mißgebrauchet/ und darbey Mosen und die Propheten hat verachtet/ zum Hoͤllen-Brande und ver- dammet Christliche Leich-Predigt. 5 dammet worden ist: Sondern wir haben auch dessen ein Ex- empel an dem weiland zwar armen und Gebrechlichen; nun mehr aber der Seelen nach in Christo reichen und seli- gen/ Michael Neubern/ welcher an dem Fuͤrstl. Hoffe al- hier viel Jahr lang unterhalten worden/ und vor wenig Ta- gen durch Gottes Gnade in Christo selig ist entschlaffen. Deñ ob gleich derselbe Jhm bey seinem Leben grosse Weiß- heit/ Macht und Hoheit eingebildet/ und nicht allein fuͤr Edel/ sondern fuͤr einen Gewaltigen Herrn und Potenta- ten dieser Welt hat wollen angesehen und gehalten seyn: so wissen wir doch in gesambt/ daß Er ein rechter Thore/ und armer/ gebrechlicher/ vor der Welt verachter Mensch gewe- sen. Dennoch aber hat Gott der HErr Jhm vor seinem Ende die grosse Gnade erwiesen/ daß wir nunmehr gewiß versichert seyn/ daß Er auch von seiner Goͤetlichen Maje- staͤt zum Eigenthumb erwehlet/ und der Seelen nach schon allbereit in einem Seligen Zustand sich mit Lazaro befinde. Wenn wir deñ anietzo im Hause des allerhoͤchsten mit ein- ander versammlet und zusammen kommen seyn/ unter an- dern die vielfaͤltige grosse Gnade/ so der grundguͤtige Gott dem selig verstorbenen im Leben und im Sterben hat erwie- sen/ nach Anleitung seines allerheilichsten Worts zube- trachten; solches aber aus unsern eigenen Kraͤfften nicht geschehen kan: Als bitten wir den Vater aller Gnaden und Barmhertzigkeit/ daß er uns hierzu von obenherab des heiligen Geistes Beystand mildiglich verleihen wolle Sol- ches von Goͤttlicher Majestaͤt und Allmacht zu erlangen/ so erhebet mit mir ewer Hetzen hinnauff gen Himmel/ und sprechet im wahren Glauben/ ein heiliges Vater unser. A iij Hierauff 6 Christliche Leich-Predigt. Hierauff wolle Ewre Christliche Liebe mit in- bruͤnstiger Andacht und Begierde anhoͤren einen schoͤnen Apostolischen Text/ welchen uns S. Paulus in seiner ersten Epistel an den Timotheum hinterlassen/ und wir auff begeh- ren zu erklaͤren fuͤr uns genommen haben. Desselben Wort lauten auff unser Deutschen Sprach/ wie folgt: 1. Tim. 1, 12. seqq. danach handschriftlich eingefügt: usq̕ ad V. 17 inclus.\> I ch dancke unserm HErꝛn Christo Jesu/ der mich starck gemacht/ uñ trew geachtet hat/ und gesetzt in das Ampt/ der ich zuvor war ein Laͤsterer und ein Verfolger/ und ein Schmeher. Aber mir ist Barmhertzigkeit wieder fahrẽ/ deñ Jch habe es unwissend gethan im Vnglauben. Es ist aber desto reicher gewesen die Gnade unsers HErrn/ sambt dem Glauben und der Liebe/ die in Christo Jesu ist. Denn das ist ie ge- wißlich war/ und ein thewer werthes Wort/ daß Christus Jesus kommen ist in die Welt/ die Suͤnder selig zu ma- chen/ unter welchen Jch der fuͦrnehm- ste bin. Aber darumb ist mir Barm- hertzigkett wiederfahren/ auff daß an mir Christliche Leich-Predigt. 7 mir fuͦrnemlich Jesus Christus erzeig- te alle Gedult/ zum Exempel denen/ die an Jhn glaͤuben sollen/ zum ewigen Leben. Aber Gott dem ewigen Koͤnige/ dem Vnvergenglichen und Vnsichtba- ren/ und allein Weisen/ sey Ehre/ und Preiß in Ewigkeit/ Amen! Erklaͤrung. I N unserm abgelesenen Text/ Andaͤch- tige und Außerwehlte in dem HErrn / ruͤhmet nicht allein S. Pau- lus die vielfaͤltige Grosse Gnade/ so der grundguͤtige Gott Jhm erwiesen/ son- dern erzehlet auch darneben/ wie Er sich darauff gegen Goͤttliche Majestaͤt erzeiget und verhalten habe. Dannen hero wir bey Erklaͤrung dieses Texts/ die Gedancken unser Hertzen auff zwey Hauptpunct mit ein- ander zurichten/ und zwar anfaͤnglich Gottes grosse Gna- de und Guͤtigkeit; hernach aber des Apostel Pauli Danck- barkeit zu betrachten haben. Den ersten Punct belangend/ ist zu wissen/ das der liebe Gott Saulo/ so bißher ein grawsamer Verfolger der Christlichen Kirchen gewesen/ nicht geringe; auch nicht ei- nerley: sondern grosse und vielerley Gnade erzeiget und erwiesen habe. Denn eine grosse Gnade ists 1. Daß Er Jhn starck gemacht/ trew geachtet/ und das Aposto- lische Ampt Jhm anvertrawet hat. Jch dancke/ spricht 8 Christliche Leich-Predigt. spricht Er/ unserm HErrn Christo Jesu/ der mich starck gemacht/ und trew geachtet hat/ und gesetzet in das Ampt/ der ich zuvor war ein Laͤsterer und ein Verfolger/ und ein Schmeher. Fuͤr drey Gnaden-Stuͤ- cke/ Gottergebene Hertzen / dancket Er in diesen seinen Worten dem HErrn Christo/ so doch inge- sambt zu seinem Apostel Ampt gehoͤren. Das erste ist/ daß Er ihn starck gemacht hat/ das ist/ so viel Krafft und Ver- moͤgen hat gegeben/ daß Er das herrliche Evangelium des seligen Gottes/ welches Jhm anvertrawet gewesen/ uner- schrocken Juͤden und Heyden/ hohes und niedriges Stand- des Personen vortragen und erklaͤren koͤnnen/ welches nicht Menschen/ sondern Gottes Werck ist. Das ander ist/ daß Er Jhn trew gemacht/ und nicht allein zuvor gesehen/ daß Er durch seine Gnade Jhm trew in seinem Ampt ver- bleiben/ keines Weges aber/ wie Judas der Verraͤther an Jhm trewloß werden wuͤrde/ sondern auch trew geachtet hat. Das dritte ist/ daß Er Jhm das Apostolische Ampt/ welches in der Christlichen streitenden Kirchen das aller fuͤrnehmste ist/ 1.Cor. 12/ 28. Eph. 4/ 11. neben andern an- vertrawet hat. Daß zeiget Er an/ wenn Er sagt: Jch dan- cke unserm HErrn Christo Jesu/ der mich gesetzet in das Ampt/ und verstehet dadurch kein ander/ als das hochheili- ge Apostolische Ampt/ zu welchem Er nicht von Menschen auch nicht durch Menschen/ sondern durch Jesum Christ/ und Gott den Vatter/ der Jhn aufferwecket hat von den Todten/ war beruffen und erhaben worden. Gal. 1/ 1. Da- hero Er sich auch im ersten Capitel der ersten Epistel an Timotheum/ daraus unser Text genommen/ einen Apo- stel Jesu Christi alsobald im ersten verßlein nennet. Das koͤnnen wir wol auff gewisse Maß und Weise auff unserm selig Christliche Leich-Predigt. 9 selig verstorbenen Michael Neubern appliciren. Denn Gott der Allerhoͤchste Jhn in seiner letzten Kranckheit nicht allein an seinem Verstande gestaͤrcket/ daß Er sich desselben vielmehr und besser als in vorigen Zeiten gebrau- chen koͤnnen/ sondern Er hat Jhn auch drch seine unaus- sprechliche Gnade im Glauben starck gemacht/ und verlie- hen/ daß Er Jhn biß an sein E nde trew verblieben/ und auff seinen Nahmen/ in warem Glauben selig von dieser Welt abgeschieden ist. Vnd ob gleich den Buchstaben nach von unsern selig verstorbenen nicht kan gesaget werden/ daß derselbe entweder in der Christlichen Kirchen ein Apostolisch oder ander Geistliches Ampt: oder auch in dem Gemeinen Welt-Wesen ein vornehmes Officium bedienet: sondern iederman bekant/ daß Er in einem geringen/ und vor der Welt sehr veraͤchtlichen Stande gelebet: so ist doch dieses eine grosse Gnade/ daß sein und unser aller Heyland Chri- stus Jesus sein Hertz zbd Verstand vor seinem Abschied also erleuchtet hat/ daß Er ab Jhn geglaͤubet/ von Jhm geredet/ gesungen/ viel schoͤne Gebet und Hertzens-Seuff- tzer zu Jhm gen Himmel abgeschicket/ Jhn mit den armen des Glaubens gefasset/ und nicht gelassen hat/ biß Er Jhn mit einem seligen Abschied gesegnet; auch Jhm schon all- bereit das Ampt anvertrawet hat/ daß Er nunmehr in der Himlischen HoffKirchen das schoͤne newe Lied der Seelen nach mit singet/ und Er zu Jhm als dem rechten Lamb Gottes mit den vier und zwantzig Eltesten spricht: HErr/ du bist wirdig/ zu nehmen Preiß/ und E hre/ und Krafft! Denn du hast alle Ding geschaffen/ uñ durch deinen Willen haben sie das Wesen/ und sind geschaffen. Offenb. 4/ 11. Jtem: Du bist wirdig/ zu nehmen das Buch/ und auff zu thun seine Siegel/ denn du bist erwuͤrget/ und hast uns er- B kaufft 10 Christliche Leich-Predigt. kaufft mit deinem Blut/ aus allerley Geschlecht und Zun- gen und Volck/ und Heyden/ und hast uns unserm Gotte zu Koͤnigen und Priestern gemacht/ und wir werden Koͤni- ge seyn auff Erden/ cap. 5. v. 9. 10. Nemlich auff der newen Erden/ die Gott schaffen wird: Es. 65/ 17. c. 66/ 22. 2. Pet. 3/ 13. Offenb 21/ 1. Darinnen wir uns alle Außerwehlte vollkommen werden herrschen. Aus welchen allen denn er- scheinet/ daß Er sich nunmehr der Seelen nach in einem recht seligen/ heiligen und hochherrlichen Stande befinde/ und ein solches Ampt bedien/ welches allen Emptern die- ser Welt weit vorzuziehen ist. Eine grosse Gnade ists II. daß Christus Je- sus S. Paulo und uns allen zu gut in die Welt kom- men ist. Das zeiget Er an/ wenn Er schreibet/ daß Chri- stus Jestus kommen sey in die Welt/ die Suͤnder selig zu machen. In diesen Worten/ Andaͤchtige in dem HErrn / ist wol zu mercken/ wer derselbe sey/ der uns und al- len armen Suͤndern zu gut un die Welt kommen ist? S. Paulus nennet Jhn Christum Jesum. Derselbe wird uns in Gottes Wort und unsern Catechisino beschrieben/ daß Er sey warhafftiger Gott/ vom Vater von Ewigkeit ge- born/ und auch warhafftiger Mensch/ von der Jungfrawen Maria geborn. E r wird genennet Christus/ das ist/ der Gesalbte/ weil Er mit dem Frewdenoͤl des Heiligen Gei- stes/ Ps. 45/ 8. als der grosse Prophet/ den Moses verheis- en/ 5. B. Mos. 18/ 15. Apost. 3/ 22. Vnd der rechte Hohe- priester des Newen Testaments; Heb. 8/ 6. c. 9/ 11. 12. 15. wie auch der rechte Koͤnig zu Zion/ Ps. 2. 6. ist gesalbet wor- den/ welches alles durch die Proheten/ 1. Koͤn 19/ 16. den Koͤnig David/ 1. Sam. 16. v. 12. 13. Vnd die Priester des alten Testaments ist fuͤrgebildet worden. 2. B. Mos. 30/ 30. c. 40/ 1095 Christliche Leich-Predigt. 11 30. c. 40/ 13. 14. Jesus heist so viel/ als ein Heyland/ oder Seligmacher/ dieweil Er uns selig gemacht hat von allen unsern Suͤnden. Matth. 1/ 21. Dessen wir uns ingesambt zu getroͤsten und anzunehmen haben. Denn Er ist das Lamb Gottes/ welches der gantzen Welt Suͤnde hat getragen. Joh. 1/ 29. Es ist einer fuͤr uns alle gestorben/ nemlich Christus. 2. Cor. 5/ 15. Er hat sich selbst fuͤr alle zur Erloͤ- sung gegeben/ 1. Tim. 2/ 6. und ist die Versoͤhnung fuͤr unser Suͤnde/ nicht allein aber fuͤr die unsere/ sondern auch fuͤr der gantzen Welt. 1. Joh. 2/ 2. Dannenhero Er von S. Paulo aller Menschen Heyland wird genennet. 1. Tim. 4/ 10. Dessen hat auch sich auff seinem Lager unser selig Verstorbene durch Gottes Gnade hertzlich getroͤstet/ und ietzt erzehlte und dergleichen Evangelische Trostspruͤche nicht allein mit sonderbarer Andacht nachgesprochen/ son- dern auch bisweilen aus eigenem bewegnis/ darzu Er zweif- fels ohne vom Heiligen Geist angetrieben worden/ selbst angefuͤhret/ das die Vmbstehenden sich druͤber offtermals verwundert haben. Eine grosse Gnade ists III. daß Er Saulum also erleuchtet hat/ daß Er das Evange- lium von Christo angenommen/ und dasselbe fuͤr ein gewißlich wahres/ tewres und werthes Wort hat gehalten. Denn also redet Er in unserm Text: Das ist ie gewißlich war/ und ein tewer werthes Wort/ daß Christus Jesus kommen ist in die Welt/ die Suͤnder selig zu machen. Erstlich nennet Ers ein ge- wißlich wahres/ das ist/ ein solches Wort/ welches es gar nicht in zweiffel zu ziehen/ viel weniger fuͤr ein Gedicht/ wie die Fabeln und unnuͤtzen Geschwetze der Juͤden/ vers. 4. 7. und viel Legenden der Papisten/ zu halten: Sondern das warhafftig und gewiß ist/ wie der Sohn Gottesselbst Hier wurden zwei Wörter versehentlich zusammengeschrieben. bezeu- B ij get/ 1096 12 Christliche Leich-Predigt. get/ Offenb. 21/5. daß iederman demselben sichern Glau- ben zustellen kan und soll. Darneben so ruͤhmet Er dasselbe als ein thewres werthes Wort. Nach der Haupt-Sprache lautet es eigentlich also/ daß es ein solches Wort sey/ wel- ches wirdig/ daß es billich approbirt/ und mit Danck ange- nommen/ und also thewer und werth gehalten werde. Darbey einfaͤltige Hertzen in acht zu nehmen haben/ daß thewer allhier nicht so viel heisse/ als seltzam/ gleich wie 1. Sam. 3/ 1. wird gemeldet/ daß zu des Priesters Eli zeiten das Wort des HErrn thewer/ und wenig Weissagung ge- wesen/ alldieweil nicht Prediger oder Pfarrer gnug im Lan- de gewesen/ sondern die Bibel unter der Banck gelegen/ und fast niemand studieret/ biß Samuel kommen/ und dieselbe wieder herfuͤr gezogen hat/ wie es der Herr Lutherus/ Christseligen Angedenckens/ erklaͤret: sondern es bedeutet so viel/ als koͤstlich und herrlich/ in welchem Verstande auch Gottes Guͤte/ Ps. 36/ 8. Ephraim/ Jer. 31/ 20. Vnd das rosinfarbene Blut unsers HErrn und Heylands Christi Jesu thewer wird genennet. 1. Pet. 1/ 18. 19. Ja freylich/ Gott ergebene Hertzen/ ist das Evangelium von Christo ein thewres/ das ist ein koͤstliches und herrli- ches Wort/ welches aller Fuͤrsten/ Koͤnigen und anderer Potentanten Worten/ die doch an Eides statt auff- und an- genommen werden/ weit fuͤrzuzihen ist. Denn es ist ja nicht von Menschen/ oder auch von einem Engel erfunden/ son- dern von Gott selbst gegeben worden. Dannenhero es Gottes Wort/ 1. Thes. 2/ 13. 1. Pet. 4/ 11. Das Wort der Warheit/ 2. Tim. 2/ 15. Ein festes Prophetisches Wort/ 2. Pet. 1/ 19. Ein Wort des Lebens/ Phil. 2/ 16. Des Heils/ Apost. 13/ 26. Vnd des ewigen Lebens/ Joh. 6/ 68. wie auch eine Krafft Gottes wird genennet/ selig zu machen/ alle/ die daran gleuben. Rom. 1/ 16. Thewer ist es auch zu achteu / 1097 Christliche Leich-Predigt. 13 achten/ weil es von heiligen und hohen Personen/ den Pa- triarchen/ Propheten/ Gottseligen Fuͤrsten und Koͤnigen/ S. Johanne dem Taͤuffer/ und den Aposteln; wie auch den heiligen Engeln; ja dem Sohn Gottes selbst geprediget/ ausgebreitet und fortgepflantzet/ uñ von den Heiligen Got- tes grosse Vnkosten auff desselben Außbreitung und Fort- pflantzung sind gewendet worden. Denn allein der Koͤnig David 6000. Tonnen zum Hause des HErrn geschafft/ 1. Chron. 23/ 14 und von seinem eigenen Gut 180. Ton- nen; c. 30/ 4 seine Fuͤrsten aber 300. Tonnen Goldes/ und 10000. Vngerische Goldguͤlden darzu gegeben haben; cap. 30/ 7. (a) Sein Sohn Salomon auch zu dessel- (a) Vid. M. Hennrici Bun. tingi lib. de ponderibus et monetis, cap. de Supputat. monetarum Vet. Testam. p. m. 94. ben Einweihung 22000. Ochsen und 120000. Schaf- fe hat geopffert. 1. Koͤn. 8/ 63. Zugeschweigen/ daß zuvor die Kinder Jsreal ein ansehnliches/ und zwar mehr/ als noͤtig gewesen ist/ zu Auffbawung des Heiligthumbs/ oder der Wonung der Huͤtten des Stiffts willig gebracht haben/ daß auch der Mann Gottes Moses durchs Lager hat muͤs- sen ausruffen lassen/ daß niemand etwas mehr zur Hebe des Heiligthumbs solte bringen lassen. 2. B. Mos. 36/ 3. seqq. Thewer ist es endlich zu halten/ weil es nicht allein mit der heiligen Maͤrterer/ derer Todt werth geachtet fuͤr dem HErrn/ Psal. 116/ 15. Sondern mit dem thewren Blut Christi/ als des unschuldigen und unbefleckten Lammes Gottes/ confirmirt und bestetiget ist. 1. Pet. 1/ 19. Derowe- gen wir ingesampt dasselbe thewer und werth halten sollen. Von dem Koͤnig Alexandro , dem Grossen dieses Na- mens/ lesen wir/ daß/ da Er ein Guͤldenes Kaͤstlein bekom- men/ Er sich verlauten lassen/ Er wolle darein das koͤstliche Buch/ den Homernm legen. Wir/ Außerwehlte in dem HErrn/ haben anietzo gehoͤret und vernom̃en/ daß das Ev- angelinm von Christo ein koͤstliches Buch/ oder ein thewres B iij werthes/ 1098 14 Christliche Leich-Predigt. werthes Wort sey: Derowegen wir dasselbe/ dieweil des Heidnischen Poeten Homeri Schrifften mit diesem Him- mels-Schatz/ dem Wort des Lebens/ gar nicht zu verglei- chen/ vielmehr hochhalten/ in das Kaͤstlein unser Hertzen legen/ wol bewaren/ und zusehen sollen/ daß wir durch Got- tes Gnade viel Frucht in Gedult bringen moͤgen. Werden wir das thun/ so sind wir recht selige Leute: allhier selig in Hoffnung/ Rom. 8/ 24. und koͤnnen uns der ewigen Frewd und Seligkeit gar gewiß versichern. Denn selig sind/ die das Wort Gottes hoͤren und bewahren/ wie der Mund der Warheit/ Christus Jessus selbst bezeuget. Luc. 11/ 28. Nun solche grosse Gnade hat der grundguͤtige Gott/ auch unserm nunmehr seligen Michael Neubern erzeiget/ Denn Er durch das Heiligen Geistes sonderbare Erleuch- tung und Regierung auch zum oͤfftern in seiner waͤrenden Kranckheit hat bekennet/ daß in seinem Hertzen Er ver sichert sey/ daß das Evangelium von seinem und unser aller Heyland Christo Jesu ein gewißlich wares und thewer werthes Wort sey/ welches denn auch in seiner Schwach- heit seiner Seelen Trost Labsal ist gewesen. Eine gros- se Gnade ists V. daß Er Saulum zur Erkentnis sei- ner Suͤnden/ und waren Busse hat gebracht. Das giebt Er uns ingesambt zu vernehmen/ wenn Er gestehet und bekennet/ daß Er unter denen Suͤndern/ welchen Christus zu Gut in die Welt kommen ist/ der fuͤr- nemste sey. Jn der Griechischen und der Vulgata oder Gemeinen/ und von den Paͤpsten zu Rom Canoni sirten Lateinischen Version stehet ein solches Woͤrtlein/ welches sonsten beydes den ersten in der Ordnung/ und denn auch/ nach Gelegenheit der Vmbstaͤnde eines Texts/ den vor- nembsten kan bedeuten. Dannenhero etliche/ wie Thomas Aqvinas Christliche Leich-Predigt. 15 Aqvinas erwehnet/ in diese Naͤrrische Gedancken gerathen/ daß die Seele unser aller Ertzvaters/ Adams/ in S. Pau- li Leib gewandert sey/ welches Er andeute/ wenn Er beken- ne/ daß Er primus, oder der erste unter den Suͤndern sey: Aber das ist Gottes klarem Wort zu wider. Denn die Seelen nicht aus einem Leibe in den andern wandern: son- dern der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand/ und kei- ne Qvaal ruhret Sie an/ wie der Meister des Buͤchleins der Weißheit cap. 3/ 1. bezeuget. Vnd cap. 4/ 7. saget Er/ Der Gerechte/ ob Er gleichzeitlich stirbt/ so ist Er doch in der Ruhe. Jn der Haupt-Sprachen stehet ein solches Woͤrt- lein/ das nicht eine blosse/ sondern solche Ruhe bedeutet/ darbey einer zugleich gelabet/ erfrischet und erqvicket wird. Ja freylich/ Allerliebsten Freunde in dem HErrn/ ruhen also die Gleubigen/ die in Christo selig von dieser Welt abgeschieden/ daß sie zugleich der Seelen nach/ also- bald Himlische Labsal und Erqvickung empfinden. Denn Sie werden von den Engeln getragen in Abrahams Schoß/ da Sie also ruhen/ daß Sie zugleich auch verbali- ter und realiter getroͤstet werden/ das ist beydes Trost- und Frewdenreiche Wort hoͤren/ und darneben unaussprechli- cher Himmlischer Frewden und Seligkeit wircklich genies- sen. 1. Cor. 2/ 9. Sie kommen in das Reich des HERRN Christi/ oder in den Paradeiß: Luc. 23/ 43. da nicht allein gewuͤndschte Ruhe/ sondern Friede und Frewde die fuͤlle und liebliches Wesen zur rechten Gottes immer und ewig- lich ist. Ps. 16/ 11. Dieses gibt uns auch S. Johannes zu- vernehmen/ wenn Er bezeuget, daß Er eine Stimme vom Himmel gehoͤret/ die gesagt habe: Schreibe/ selig sind die Todten/ die in dem HERRN sterben von nun an! Ja/ der Geist spricht/ daß Sie ruhen von ihrer Arbeit: Denn ihre Wercke 16 Christliche Leich-Predigt. Wercke folgen Jhnen nach. Offenb. 14/13. Wie sind aber/ moͤchte alhier ein Christliches Hertz fragen/ die Wort des Apostels zuverstehen? Solte denn S. Paulus/ der zu- vor Saulus geheissen/ der fuͤrnehmste Suͤnder gewesen sein? Solte denn Judas/ so den HErrn Christum verrah- ten/ Hannas und Caiphas , die Jhn dem Heidnischen Land- pfleger uͤberantwortet/ Herodes , so Jhn verspottet/ Pon- tius Pilatus , welcher Jhn wider besser Wissen und Gewis- sen zum Todte des Creutzes hat verurtheilet/ und andere/ so zu desselben Leiden aus des Satans Antrieb geholffen/ nicht groͤsser Suͤnder gewesen seyn? Antwort: Ja freylich sind diese groͤsser oder fuͤrnehmer Suͤnder gewesen/ dieweil Sie nicht allein des HErrn Christi Gliedmassen/ wie Saulus/ sondern auch denselben in Person verfolget habẽ. Dannenhero etliche aus den Papisten die Wort des Apo- stel also erklaͤren/ daß Er aus tieffer Demut sich den fuͤr- nehmsten Suͤnder soll genennet haben: Gleich wie etwa ihr Canoni sirter Heiliger Franileus hab zu sagen pflegen/ sepeccatorũ esse maximum , Er sey der allergroͤste Suͤn der/ wie Cornelius à Lapide gedencket. Tomas Aqvinas ist in den Gedancken/ daß S. Paulus sich den fuͤrnehmsten Suͤnder nenne/ weil Er der fuͤrnehmste sey unter den Juͤ- den/ so zuvor den HErrn Christum verfolget/ und hernach durch seine Gnade sich zu Jhm bekehret haben/ und an Jhn glaͤubig worden sind. Andere haben es also erklaͤret/ daß S. Paulus sich den fuͤrnehmsten Suͤnder genennet/ weil Er nicht so wol auff anderer Leute/ als auff seine Suͤn- (b) Vid. Cor- nel. à Lap. in h.l. de gesehen/ dieselbe am meisten gefuͤhlet und berewet habe. ( b ) Die beste Meynung ist/ daß die Wort des lieben Apostels nicht also zu verstehen/ als wenn Er absolutè und schlechter Dinge Christliche Leich-Predigt. 17 Dinge unter allen Menschen/ so iemals gelebt haben/ oder auch unter den Feinden und Verfolgern des HErrn Christi und seiner Glaͤubigen Gliedmassen/ der allergroͤste gewesen were: Sondern daß Er fast der fuͤrnehmste Verfolger seiner Zeit/ und also einer unter den fuͤrnehmsten sey. Das hat nun auch unser selig Verstorbener vor seinem Ende erkant und bekant. Denn ob Er gleich in vorigen Zeiten/ aus mangel des Verstandes/ bißweilen nicht gestehen wollen/ daß Er ein armer Suͤnder sey/ so hat Er doch in seiner Kranckheit/ solches alles willig und gerne bekant/ hertzliche Rewe und Leid spuͤren lassen/ sich fuͤr der fuͤrnehmsten Suͤnder einen auch gehalten/ und den Grundguͤtigen Gott umb aller- gnaͤdigste vergebung der Suͤnden bittlich und demuͤtig er- suchet. Wir aber haben uns darbey zuerinnern/ daß ein ieder mehrlauff seine/ als anderer Leute Suͤnde sehen/ und zu foͤrderst darnach trachten solle/ wie Er derselben loß werden/ und sein Hertz und Gewissen darvon reinigen/ und hinfuͤro frey behalten moͤge; immassen uns dessen der HErr Chri- stus selbst erinnert/ wenn Er spricht: Was sihestu den Splitter in deines Bruders Auge/ und wirst nicht gewar des Balcken in deinem Auge? Oder wie darffstu sagen zu deinem Bruder: Halt/ ich wil dir den Splitter aus deinem Auge zihen/ und sihe/ wie du den Splitter aus deines Bruders Auge zihest. Matth. 7. v. 3. 4. 5. Werden wir das mit S. Paulo ingesambt thun/ wird viel boͤses unterbleiben und verhuͤtet werden/ damit wir bißher wider Gott und unsern Nechsten schwerlich uns verschuldet haben. Endlich und zu VI. so ists auch eine grosse Gnade/ daß Saulus aus des Heiligen Geistes Antrieb und Erleuchtung/ Gottes C Gnade 18 Christliche Leich-Predigt. Gnade und Barmhertzigkeit/ wie auch des HErrn Christi Verdienst Jhm applici ret hat. Das bedeutet Er an/ wenn Er sagt: Aber mir ist Barmhertzigkeit wiederfah- ren. Wenn Gott der HErr durch seinen Heiligen Geist Saulum nicht also erleuchtet und regieret haͤtte/ were Er endlich mit Ahitophel/ Juda dem Verraͤther/ Francisco Sleidanus lib. 21. Histor. Spiera , und anderen Verzweifflern/ ganz und gar/ wegen seiner grossen und uͤberhaͤufften Suͤnden/ in verzweiffelung gefallen. Daß aber solches nicht geschehen/ sondern Er sich der Barmhertzigkeit des Vaters/ und des Advents und Ankunfft des HErrn Christi in wahrem Glauben hat ge- troͤstet/ ist ein Gnaden-Werck des Allerhoͤchsten/ welches Er auch die Zeit seines Lebens mit Danck erkant/ und bey seinen Zuhoͤrern hochgeruͤhmet hat. Wie Er denn an seine Galatter unter andern schreibet: Christus hat auch mich geliebet/ und Sich selbst fuͤr mich dahin gegeben. Gl.2/20. Diese grosse Gnade ist auch unserm selig verstorbenẽ wieder- fahren. Denn derselbe in seiner Kranckheit auch zum off- tern Gottes Barmhertzigkeit und Gnade hoch gepriesen/ und es HErrn Christi hochthewres Verdienst Jhm in waren Glauben applici ret/ und mit S. Paulo hat gesagt: Mir ist Barmhertzigkeit wiederfahren/ und es ist gewißlich war/ das Christus Jesus auch mir zu gut in die Welt kom- men sey; Jch bin auch gewiß/ daß weder Todt noch Leben weder Engel/ noch Fuͤrstenthumb/ noch Gewalt/ weder Gegenwertiges/ noch Zukuͤnfftiges/ weder Hohes/ noch Niedriges/ noch keine andere Creatur/ mich scheiden mag von der Liebe Gottes/ die da ist in Christo Jesu/ unserm HErrn. Rom. 8/38.39 Und mit dem lieben Hiob hat Er geseufftzet und gesagt: Jch weiß das mein Erloͤser lebt/ und Er wird mich hernach aus der Erden aufferwecken/ und werde Christliche Leich-Predigt. 19 werde darnach mit dieser meiner Haut umbgeben werden/ und werde in meinem Fleisch Gott sehen/ denselben werde ich mir sehen/ und meine Augen werden Jhn schawen/ und kein frembder. Joh. 19/25.26.27. Wer ist aber Saulus gewesen/ moͤcht alhier ein Andaͤchtiges Hertz nicht unbil- lich dencken/ oder sagen? Jst Er denn etwa bißher ein so grosser Heiliger/ und umb die Kirche Gottes wolverdienter Mann gewesen/ daß Jhm Gott der HErr so grosse und vielfaͤltige Gnade und Barmhertzigkeit erwiesen hat? Nein/ keines weges/ sondern Saulus ist vor seiner Bekeh- rung ein grosser Suͤnder/ und recht elender Mensch gewe- sen. Denn Er ja in unserm Text selbst gestehet und bekent/ daß Er ein Laͤsterer/ ein Verfolger/ und ein Schmeher des HErrn Christi gewesen/ wiewol Ers unwissend/ und im Unglauben gethan habe. Da hoͤren wir das Saulus vor seiner Bekehrung nicht unter die Gottselige/ fromme/ und heiligen gezehlet werden koͤnne; viel weniger Engel- rein; sondern ein Laͤsterer gewesen sey/ welch er den ewigen Sohn Gottes/ seines und unser aller Heyland/ mit seinen Munde gelaͤstert und geschendet; auch bey dem Laͤstern es nicht habe bleiben lassen: sondern uͤber diß den Unschuldi- gen HErrn Jesum in seinen Gliedmassen grawsam ver- folget habe. Wie wir denn wissen/ daß/ als der heilige Mann Gottes Stephanus/ gantz unverdienter Weise/ gesteinigt worden/ Er nicht allein wolgefallen an seinem Tode gehat: Apostelg. 8/ 1. sondern auch wider die andern Juͤnger des HErrn mit draͤwen und morden geschnaubet habe/ und zum Hohenpriester gegangen sey/ und Jhn umb Brieffe gebeten habe/ gen Damascon an die Schule/ auff daß / so Er etliche Juͤnger dieses Weges fuͤnde/ Er sie ge- bunden gen Jerusalem fuͤhren moͤchte. Cap. 9. v. 1. 2. Dan- C ij nenhero 20 Christliche Leich-Predigt. nenhero Jhm der HErr Christus vom Himmel zugeruf- fen: Saul/ Saul/ was verfolgstu mich? und als er gesagt: HErr/ wer bistu? Jhm zur Antwort hat gegeben: Jch bin Jesus/ den du verfolgest! Es wird dir schwer werden/ wider den Stachel zu lecken. Ja Er hat es bey dem Laͤstern und Verfolgen nicht bleiben lassen: sondern Er hat wie ein Tyrann mit Gewalt zu unterruͤcken/ und den Nahmen des HErrn Christi gantz und gar auszurotten uñ zuvertilgen in den Sinn genom̃en. Denn Er selbst gestehet/ Er sey gewesen , welches zwar einen Schmeher heist/ wie es der Herr Lutherus hat gegeben; Aber zugleich auch einen sol- chen Menschen/ der andere mit Gewalt unterdruͤcket/ welche Deutung dann alhier auch gar wol statt finden kan/ alldie- weil Er sich schon zuvor einen Laͤsterer genennet hat. Daß alles aber hat Er nicht wissendlich/ sondern unwissend und im Unglauben gethan. Denn Er damals noch nicht ge- glaͤubet hat/ daß der gecreutzigte Jesus von Nazareth der HErr Messias were/ sondern Sich von den Hohenprie- stern/ Phariseern und Schrifftgelehrten bethoͤren und ver- fuͤhren lassen/ daß Er Jhn vor einen Verfuͤhrer des Volcks geachtet/ und aus blindem Eyver mit denselben uͤber das Gesetz Mosis/ und den Levitischen Gottesdienst fest und steiff gehalten. Daß koͤnnen wir auch zum theil/ auff gewisse Maß und Weise/ auff unserm selig verstorbenen ap- plici ren. Denn Er ja auch den HErrn Christum/ seine heilige Wunden/ und hochwuͤrdige Sacrament in vorigen Zeiten offtermals grausam gelaͤstert/ geschendet und ge- schmehet/ sonderlich wenn Er etwa von andern zum Zorn bewogen/ und beleidigt worden ist. Aber Er hat es auch un- wissend und im Unglauben gethan. Denn ja gnugsam be- kant/ daß Er seiner Vernunfft sich allzeit nicht recht gebrau- chen Christliche Leich-Predigt. chen koͤnnen/ und dahero selbst nicht allezeit verstanden/ was e geredet und gethan. Daher leicht zuerachten/ daß es groͤsser Suͤnde werden haben/ so Jhm Vrsach darzu ge- geben/ und Jhn zum Zorn gereitzet haben. Er aber hat nicht unbillich vor seinem Ende die grosse und vielfaͤltige Gnade Gottes hoch geruͤhmet/ so Er Jhm erwiesen/ da Er doch ein Laͤsterer/ Schmeher/ und recht elender blinder Mensch gewesen. Es hats aber der gruͤndguͤtige Gott bey ober- zehlten Gnadenstuͤcken nicht bleiben lassen/ sondern unserm selig verstorbenen uͤber dieselben auch viel andere Woltha- ten uud Gnaden-Werck erzeiget. Denn eine grosse Gnade ists/ daß Er Jhn in der waren Evangelischen Lu- therischen Kirchen von Christlichen vornehmen Eltern hat geboren werden/ in der heiligen Tauffe von sei- nen Suͤnden waschen/ in der heiligen Tauffe von sei- nen Suͤnden waschen/ in freyen Kuͤnsten und Sprachen aufferziehen/ und zufoͤrderst aus seinem allerheiligsten Wort unterrichten lassen. Eine grosse Gnade ists / daß/ als Er von etlichen boͤsen Buben und Belias-Kindern umb seine Gesundheit und Verstand gebracht worden/ Er Jhn nicht im Zorn und andern Suͤnden durch einem ploͤtz- lichen Todt von dieser Welt abgefordert/ sondern Jhm sein Leben hat gefristet/ und so viel Gedaͤchtnis gegeben/ und und gnadiglich erhalten hat/ daß Er viel schoͤne Lateini- sche und Deutsche Spruͤche/ verse, Psalmen nnd Geist- liche liebliche Lieder behalten/ die Er zum theil offermals hergesagt und gesungen/ sonderlich aber Zeit seiner Kranck- heit/ in grosser Anzahl/ mit grosser verwunderung der Vmbstehenden wiederholet hat. Eine grosse Gnade ists / daß Er Jhm auch bißweilen zuvor/ und fast beharlich in seiner Kranckheit/ seinen Verstand also erleuchtet/ daß Er vernuͤnfftige/ Christliche und hochtroͤstliche Reden fuͤhren/ C iij und Christliche Leich-Predigt. und sich selbst mit herrlichen Spruͤchen und Psalmen wider den Todt uñ alle Anfechtung troͤsten und auffrichten koͤñen. Man lieset sonst in den Historien von unterschiedlichen ar- men gebrechlichen Leuten/ daß dieselbe bißweilen vernuͤnff- tige/ kluge/ und weitaufsehende/ wie auch Christliche Reden gefuͤhret haben. Aso erzehlet der Herr Lutherus von einem Narren/ so zu/ oder umb Wurtzen sich sol auffgehalten ha- ben/ daß Er in den Fastnachten sich trawrit gekleidet/ uͤbel gehabt/ und klaͤglich gestellet; in der Marter-Wochen aber schoͤne Kleider angethan habe/ und froͤlich und guter Dinge sey gewesen: Als Er aber dermaleins gefraget worden sey/ warumb Er das thete/ zur Antwort gegeben habe: Jn der Fastnacht geschehen viel Suͤnden/ da sol man billich trawrig seyn: Aber in der Marter-Woche predigt man/ wie Christus fuͤr die arme Suͤnder gestorben/ (c) B. Luth. in den Tisch- reden sol. m. 444. daruͤmb soll man froͤlich seyn. Welches warlich eine recht Christliche und kluge Rede ist/ so wir billich ingesambt/ sonderlich aber Schwelger und Fastnacht-Bruͤder/ in acht nehmen sollen/ wo sie anders von diesen damals armen ge- brechlichen Menschen vor Christi Richter-Stuel nicht wol- len angeklaget werden/ daß sie die heilige Fastnachtzeit/ un- angesehen/ sie bey guter Vernunfft gewesen/ auch fuͤr gute Evangelische Christen habẽ willen angesehen seyn/ mit ih- rem suͤndlichen Sawleben verunheiliget/ und Bacho gedie- net: da sie doch auff Christum getaufft seyn/ und demselben versprochen habẽ/ daß sie die zeit ihres Lebens in aller Gott- seligkeit und Erbarkeit Jhm dienen wolten. Vnd von einem andern armen gebrechlichen Menschen/ so Johann Stock geheissen/ und an des Ertzhertzogs Leopoldi, des Ersten dieses Nahmens/ Hoffe sich auffgehalten hat/ erzehlet Stumpfius Christliche Leich-Predigt. Stumpfius und mit demselben Zvvingerus / daß dersel- (d) In Thea- tro vol 7. lib. 1. p. 1636. b. be/ als hochgedachter Ertzhertzog zu Oesterreich mit seinen Raͤthen und Offici rern berathschlaget/ wie Er seinen Fein- den/ den Schweitzern/ in das Land fallen wolte/ gantz un- verhofft/ wider seinen Gebrauch/ zu ruffen angefangen ha- be: Jhr gedencket nur/ wie Jhr den Feinden in das Land fallen wollet: Aber niemand rathschlaget dar- von/ wie Jhr wieder aus ihrem Lande kommen moͤ- get. Daß aber diese Rede nicht vergeblich/ sondern bedenck- lich gewesen sey/ hat der Ausgangn bewiesen/ dieweil bald darauff mehr Hochermelten Ertzhertzogs Reuterey ge- schlagen worden. Dergleichen vernuͤnfftige/ Christliche und nachdenckliche Reden hat auch unser selig Verstorbener bißweilen/ sonderlich aber in seiner letzten Kranckheut gefuͤh- ret/ wir den jenigen bewust/ so um und bey Jhm sind gewe- sen/ oder Jhn besuchet haben; immassen in seinem Lebens- Lauffe/ so nach der Predigt wird abgelesen werden/ dersel- ben etliche werden angefuͤhret werden. Eine grosse Gnade ists auch / das Gott der H e rr Jhn/ nach dem Er seine Ge- sundheit und Verstand verlohren/ an diesen Fuͤrstl . Saͤchs. Hoff gebracht hat: Da Er denn von Jhren Fuͤrstl. Gn. Gn. allerseits lieb und werth gehalten/ mit Speise/ Tranck und Kleidung; wie auch in seiner Kranckheit mit Artzney und Labsal/ und denn mit Vnterricht und Seelen- Trost durch die Diener des Goͤttlichen Worts trewlich und fleissig ist versehen worden. Welches alles vielleicht unter- blieben were/ wenn Gott der H e rr Jhn nicht an diesen Fuͤrstl. Hoff gebracht/ sondern in seinem Vaterland gelas- sen haͤtte. Das hat Er selbst in seiner Kranckheut so wol/ als seine Gebrechligkeit erkant/ da Er doch zuvor nicht ge- stehen wollen/ daß Er ein armer gebrechlicher Mensche were/ sondern Christliche Leich-Predigt. sondern Jhm fest eingebildet/ und zum oͤfftern fuͤrgegeben hat/ daß Er ein grosser H e rr und Potentat dieser Welt were/ welcher dem gantzen Fuͤrstl. Hoff/ und vielen andern zu commendi ren haͤtte. Noch eine groͤssere Wolthat ists / daß Er Jhn in seiner Kranckheit durch den Diener des Goͤttlichen Worts/ nach abgelegter Christlicher Beich- te/ an Christi statt/ und aus desselben Befehl/ von seinen angebornen und darzu gethanen Suͤnden hat absolvi ren und loßzehlen/ auch darauff mit dem hochheiligen Abend- mal speisen und traͤncken lassen; immassen Er denn solches auch mit hertzlicher Andacht und Begierde empfangen/ darauff Gott dem Allerhoͤchsten fuͤr solche grosse Gnade mit Mund und Hertzen gedancket/ und seiner Goͤttlichen Majestaͤt zu Ehren mit lauter Stimme frewdig mit gesun- gen hat: Nun lob mein Seel den H e rren/ was in mir ist den Nahmen seyn / und darauff den Segen angenom- men und empfangen. Jn vorigen Zeiten zwar haben wir und unsere Vorfahren/ so in der Fuͤrstl . Saͤchs. Schloß Kirchen das Ampt des Geistes gefuͤhret/ nach fleissiger Vnterredung und Erwegung/ nicht befinden koͤnnen/ wie unser nunmehr seliger Michael Neuber zur Beicht und Tisch des HErrn koͤnte zugelassen werden/ dieweil seine An- docht nicht lang gewaͤret/ sondern stette Wechselung fuͤrge- gangen. Weil Er aber in seiner Kranckheit meistentheis bey ziemlichen Verstanden gewesen/ ein hertzlich verlangen nach der heiligen Absolution und dem hochwuͤrdigen A- bendmal getragen/ auch daruͤmb anfaͤnglich bey der Durchlauchtigen/ Hochgebornen Fuͤrstin und Frawen/ Frawen Dorotheen/ Gebornen und Vermaͤhlten Hertzogin zu Sachsen/ Juͤlich/ Cleve und Berg/ Witwen/ so damals allein bey der Fuͤrst- lichen Christliche Leich-Predigt. lichen Hoffstadt alhier gewesen/ Vnterthaͤnig/ und hernach bey uns/ den Dienern des Worts/ zu unter- schiedlichen mahlen beweglich angehalten/ haben wir/ nach dem wir alle Vmbstende in der Furcht des HERRN fleissig erwogen/ Jhm seine Bitte nicht ab- schlagen wollen/ bevorab weil wir sein hertzliches verlangen/ seine Andacht im Gebet/ seinen Eyver im singen/ seinen Glaube und Hoffnung/ aus vielen gewissen Zeichen gnugsam gespuͤret/ auch Er seines Glaubens richtige und gruͤndliche rechenschafft nach der lenge gegeben/ und viel herrliche Spruͤche aus Gottes Wort/ schoͤne Reim-Ge- betlein und Gesaͤnge selbst angefangen/ hinaus gebetet/ und sich darmit also getroͤstet/ daß solches die Vmbstehen- den mit verwunderung/ und zum theil nicht ohne Thraͤnen angehoͤret haben: sondern wir haben uns erinnert/ was S. Petrus gesagt/ als Er in das Hauß Corneln gekom- Apostel. cap. 10, 47. men/ und nach gethaner Predigt vernommen/ daß Er mit seinen Haußgenossen an Christum glaͤubig worden/ mit Zungen geredet/ und Gott hochgepreiset/ in dem Er aus- geruffen: Mag anch iemand das Wasser wegen/ daß diese nicht getaufft werden/ die den Heiligen Geist empfangen haben/ gleich wie auch wir? Weil wir demnach aus vielen Zeichen augenscheinlich und gewiß wargenommen/ daß der Heilige Geist in und mit unserm seligen Michael Neubern gewesen/ und durch Jhn gewirc- ket/ haben wir mit S. Petro angefangen: Wer mag uns wehren/ daß dieser nicht von Suͤnden absolvi ret werde? Ja wer mag das Brodt und den Wein wehren/ daß dieselbe nach des HERRN Christi Einsetzung nicht gesegnet/ und unter und mit denselben diesem Patienten sein warer Leib und sein rosinfarbenes Blut mit getheilet wer- D den/ Christliche Leich-Predigt. den/ damit Er in seinem Glauben noch mehr gesterc- ket/ der Goͤttlichen Gnaden versichert/ und zu dem ewigen Leben moͤge erhalten werden/ weil wir sehen/ daß Er den Heiligen Geist so wol empfangen habe/ als wir/ oder andere Bußfertige Glaͤubige Hertzen? Darauff denn die Vmbstehenden einen Abtritt genommen/ Er aber bey seinem Beichtvater seine Beichte nach der laͤn- ge/ ohne allen Anstoß/ mit sonderbarer devotion und An- dacht gethan/ und kein Stuͤck ausgelassen oder uͤbergan- gen/ so zu einer Christlichen Beichte gehoͤret; und endlich Beyseyn vieler Christlichen Hertzen/ die wieder hinein ge- lassen worden/ nach geschehener Consecration und Einse- gnung/ das hochheilige Abendmal mit grosser Andacht und Begierde empfangen/ wie darvon in seinen Lebenslauff ewer Christl. Liebe mit mehrem wird berichtet werden. Die allergroͤste Gnade aber ists / daß der Grundguͤtige Gott/ Jhn biß an sein seliges Ende in wahrem Glauben/ Christlicher Andacht/ grosser Gedult und bestendiger Hoff- nung des ewigen Lebens erhalten/ und mit einem sanfften und seligen Simeons-Stuͤndlein hat gesegnet. Warumb und zu welchem Ende aber hat Gott der Herr Saulo so grosse und vielerley Gnade erwiesen? Daß fuͤhret er selbsten an/ weun er spricht: Darumb ist mir Barmhertzigkeit widerfahren/ auff daß an mir fuͤr- nehmlich Jesus Christus erzeigete alle Gedult/ zum Exempel denen die an ihn gleuben. Hier hoͤren wir/ das es der liebe Gott gethan nicht alleine/ auff daß Er fuͤr- nehmlich an Saulo/ als einem sehr grossen Suͤnder/ alle seine Gedult/ oder Langmuth/ wie es nach der Haupt- sprachen kan gegeben werden/ sehen liesse/ sondern auch an- dere ein Exempel/ oder vielmehr ein lebendiges Muster und Bey- Christliche Leich-Predigt. Beyspiel haͤtten/ welches sie allzeit fuͤr Augen haben/ und also nicht in ihren Suͤnden verzagen/ sondern sich mit Saulo bekehren lassen moͤchten/ gleich wie sie zuvor mit demselbem gesuͤndiget und mißgehandelt haͤtten. Dannen- hero S. Chrystostomus spricht: Si impius es, cogita (e) homil. 2. in Psal. 50. publicanum; si immundus es, attende meretricem; si homicida es, perspice latronem; sie iniqvus es, cogita blasphemum: considera Paulum, priùs persecutorem, posteà annuntiatorem. Nolo mihi dicas: Blasphemus sum ! Nolo dicas: persecutor sum! Immundus sum! Ha- bes omnium ostensiones: in qvem volueris portum confugio. Vis in novum ? Vis in veterem ? In veteri David, in novo Paulus! Et infrà : Qvid est peccatum ad Domini Misericordiam? Tela araneæ, qvæ vento flan- te nusqvam comparet. Das ist: Bistu Gottloß/ so ge- dencke an den Bußfertigen Zoͤlner; Bistu unrein/ so sihe an die grosse Suͤnderin; Bistu ein Moͤrder/ so schawe an den Bußfertigen Schecher; Bistu ein Laͤ- sterer/ so nimm fuͤr dich das Exempel Pauli/ wel- cher zuvor ein Laͤsterer und Verfolger gewesen7 und hernach ein Prediger des Evangelii worden ist. Sage mir doch ja nicht: Ach! Jch bin ein Laͤsterer ! Sage mir nicht: Jch bin ein Verfolger! Jch bin ein Vnreiner Mensch ! Du hast allerley beweiß/ du kanst deine Zufkucht nehmen wohin du wilst. Wilstu ein Exempel aus dem Newen/ oder dem Alten Testa- ment haben? Jm Alten ist Koͤnig David/ im Newen der Apostel Paulus. Vnd hernach spricht Er: Was ist die Suͤnde gegen Gottes Barhmhertzigkeit zu- rechnen? Eine Spinnenwebe/ welche/ so der Wind (f) in 1. Tim. 1. wehet/ nirgend zufinden ist. Anshelmus schreibet D ij mit Christliche Leich-Predigt. (g) Serm. 9. de Verbi Apo- stoli: mit S. Augustino auch gar schon darvon. Si Saulus, inqvit, sanatus est, ego qvare despero? Si à tanto medi- co tam desperatus æger sanatus est, ego vulneribus me- is illas manus non optabo? ad illas manus non festina- bo? Ut hoc dicerent homines, ideò factus est Saulus ex persecutore Apostolus: Qvia cum venit medicus, vo- lens sibi famam comparare, infirmum qværit aliqvem desperatum, \& ipsum sanat; \& si pauperrimnm inveni- at, non ibi qværit mercedem, sed commendat artem. Ita \& Christus potentiam specialis Medicinæ Spiritua- lis suæ ostendit in Saulo, ut omnes deinceps nossent, eum sanare posse cunctas infirmitates omnium confu- gientium ad se. So Saul / spricht er/ (welcher ein graw- samer Verfolger/ und Schmaͤher des HErrn Christi ge- wesen) an seiner Seelen geheilet worden ist/ warumb wil ich denn verzagen? Warumb wil Jch nicht von diesem vortrefflichen Seelen-Artzt/ (Christo Jesu) weil von Jhm ein solcher Patient/ bey dem fuͤr Menschen/ ist curiret und bekehret worden/ wuͤnd- schen/ daß er meinen Wunden seine gesegnete Haͤn- de aufflege? Warumb wil ich nicht zu seinen Haͤn- den eilen? Auff daß die Leute diese Reden fuͤhren moͤchten/ so ist Saulus aus einem Verfolger ein Apostel worden: Denn wenn ein Artzt ankoͤmmet/ welcher ihm einen grossen Nahmen wil zuwege- bringen/ so suchet er einen solchen Krancken/ da alle Hoffnung des Lebens auszuseyn scheinet/ und heilet denselben und so er einen gantz armen antrifft/ so begehret er keine Vergeltung/ sondern er commen- dirt und lobet seine Kunst und Artzney. Also thut auch Christliche Leich-Predigt. auch Christus! Er beweiset die Krafft seiner Goͤtt- lichen Artzney (welche ist sein allerheiligstes Wort) an Saulo/ damit alle hernach wissen koͤnten/ daß Er de- rer aller Seelen-Kranckheiten und Gebrechlig- keiten heilien koͤnte/ welche (mit bußfertigen/ glaͤubi- gen und demuͤtigen Hertzen) zu Jhm flihen wuͤrden. Dannenhero auch unser nunmehr seliger Michael Neuber auff Christum seine Hoffnung und Zuflucht gesetzet/ und sich versichert/ daß weil Er Saulum zu Gnaden auff und angenommen/ Er sich auch seiner werde erbarmen/ und Jhn nicht Huͤlff und Trostloß von seinem Angesicht ver- stossen; bevorab weil Er Jhm und uns ingesambt zuruffe/ und spreche: Kommet herzu Mir alle/ die Jhr muͤhselig und beladen seyd/ Jch wil Euch erqvicken; Matth. 11/ 28. auch gar troͤstlich Sich verlauten lasse/ daß wer zu Jhm mit Bußfertigen/ Glaͤubigen und Demuͤtigen Hertzen komme/ den wolle und werde Er nicht von Sich hinaus stossen. Joh. 6/ 37. Weil denn Gott der HErr auch auff arme gebrech- liche Leute ein wachsames Auge hat/ sollen wir dieselben nicht verachten/ sondern vielmehr ein Mitleiden mit Jhnen haben/ bevorab weil wir wissen/ daß sie von Gott auch ge- schaffen/ 2. B. Mos. 4/ 11. und von dem HErrn Christo erloͤset sind/ ja auch wol in die Zahl der Außerwehlten gehoͤ- ren/ und Gottes liebe Kinder seyn koͤnnen/ wie an jenem ge- brechlichen Weibe zusehen/ Luc. 13/ 11. und S. Paulus erinnert/ wenn Er schreibt: Was thoͤricht ist fuͤr der Welt/ das hat Gott erwehlet. 1. Cor . 1/ 27. Wir sollen auch diesel- be nicht vexi ren und zum Zorn und andern Suͤnden irriti- ren und reitzen. Denn so man den Tauben nicht fluchen/ und den Blinden keinen Anstoß setzen/ sondern sich fuͤr dem D iij Herrn Christliche Leich-Predigt. Herrn seinem Gott fuͤrchten soll/ 3. B. Mos. 19/ 14. wird keines weges zu verantworten seyn/ wenn man solche Leute vexi ret und zum Zorn und andere Suͤnden beweget/ welche ihrer Vernunfft nicht recht gebrauchen koͤnnen. Wer aber das thut/ der macht sich aller solcher Suͤnden theilhafftig7 1. Tim. 5/ 22. und wird es dermal eins viel schwerer zuverantworten haben/ als die jenigen/ welche von Jhnen alhier vexi ret und agi ret worden sind: dieweil sie es viel besser wissen und verstehen/ und dennoch ihres Ver- standes weder Gott zu Ehren/ noch dem armen und Ge- brechlichen Nechsten zum besten/ sondern vielmehr beyden zuwider anwenden und gebrauchen. Vielweniger aber sollen wir solche Leute/ die entweder ihren Vollkommenen/ oder doch noch etlicher Massen einen guten Verstand ha- ben/ zu Narren machen/ oder machen helffen/ wie an vor- nehmer Herren Hoͤffen von Vnchristlichen Hoffleuten pfleget zugeschehen. Denn wer das thut/ der verdirbt/ oder hilfft/ so viel an Jhm ist/ eine Edel Creatur und Kind Got- tes verderben/ welches seine Goͤttliche Majestaͤt/ so wenig/ und viel weniger ungestrafft hingehen lassen wird/ als Christ- und Ehrliebende Eltern leiden koͤnnen/ daß ihr leib- liches Kind vexi ret/ geschendet/ und zu einem Thoren ge- macht werde. Es ist auch kein zweiffel/ daß solche Spaͤtter und Suͤnden-Knechte dermaleins von Juncker Satanas wider verspottet/ und als Thoren und Narren/ wie in Warheit alle Gottlosen sind/ und von dem Heiligen Geiste selbst ansdruͤcklich genennet werden/ Ps. 14/ 1. nicht allein tractiret/ sondern auch in Ewigkeit werden gefoltert und ge- martert werden. Ja solche Gottlose Leute werden dermal- eins selbst offentlich gestehen und bekennen muͤssen/ daß sie gantz naͤrrisch gehandelt/ und sich als Thoren erwiesen ha- ben/ Christliche Leich-Predigt. ben/ die unsern selig verstorbenen bey seinem Leben vexi ret und zum Zorn/ fluchen/ Gottslaͤstern und andern Suͤnden in diesem Leben verursacht haben/ wenn sie nicht in der Zeit der Gnaden ware Busse thun/ und Gott auch diese ihre Suͤnde demuͤtig abbitten. Denn es wird der Gerechte (am herbeynahenden Juͤngsten Tage) mit grosser Freydigkeit stehen wider die/ so Jhn geaͤngstiget haben. Wenn diesel- be denn solches sehen/ werden sie grausam erschrecken/ fuͤr solcher Seligkeit/ der sie sich nicht versehen haͤtten/ und wer- den untereinander reden mit rewe/ und fuͤr Angst des Gei- stes seufftzen: Das ist der/ welchen wir etwa fuͤr ein Spott hatten/ und fuͤr ein hoͤnisch Beyspiel. Wir Narren hielten sein Leben fuͤr Vnsinnig/ und sein Ende fuͤr eine Schande/ wie ist Er nun gezehlet un- ter die Kinder Gottes/ und sein Erbe ist unter den Heiligen? Daruͤmb so haben wir des rechten We- ges gefehlet/ wir haben eitel unrechte und schaͤdliche Wege gegangen/ und haben gewandelt wuͤste Vn- wege/ ꝛc. W e ißheit 5/ 1. seqq. Ach wolte Gott/ das alle die jenigen/ so andere vexi ren und zu Narren helffen machen/ solche erbaͤrmliche Klage zu Ohren und zu Hertzen fassen/ von ihrem Gottlostn Wesen abstehen/ und rechtschaffene Busse thun moͤchten ! Am allerwenigsten aber werdens die jeniger verantworten koͤnnen/ so die edle Gabe des Ver- standes von unserm HErren Gott aus Gnaden zwar em- pfangen haben/ und sich derselben so wol Gott zu Ehren/ und dem Nechsten zu nutz/ als der gesunden Glieder ihres Leibes koͤnten gebrauchen: Aber umb einer Gelben Hoff- Suppen und eines guten Truncks willen/ oder auch umb Finantzen und Geschencke/ sich selbst zu Narren gleichsam machen/ und wissentlich dafuͤr halten und gebrauchen las- sen/ Christliche Leich-Predigt. sen/ welches nicht der geringsten/ sondern der groͤsten Suͤn- de eine ist. Sintemal sie ja Gott ihren Schoͤpffer dadurch mutwillig verunehren/ daß man sie wol aus den Schirfften Mosis anreden moͤchte: Danckestu also dem HErrn deinem Gott/ du toll nnd thoͤrichter Mensch? Jst Er nicht dein Vater und der HErr? Jsts nicht Er allein/ der dich zu einem vernuͤnfftigen Menschen ge- macht und bereitet / und mit Verstand begabet hat? 5. B. Mos. 32/ 6. Dannenhero auch der Allerhoͤchste/ als ein Gerechter Richter/ mit solchen mutwilltgen Narren auffs wunderlichste/ und viel anders umbzugehen pflegt/ als mit denselben/ welche etwa von Natur bloͤde sind/ oder durch einen unverhofften Zufall umb ihren Verstand kommen/ immassen wir solches anch allhier erfahren haben. Denn Er ja sich unsers verstorbenen Michael Neubers in Gna- den erbarmet/ uͤnd ihn also erleuchtet hat/ daß er bey ziem- lichen Verstande und beharrlicher Andacht in Christo se- „lig verschieden: Da hingegen nicht unbekandt/ daß der Ge- „rechte Gott uͤber andere/ so umb fressens und sauffens wil- „len sich bey Fuͤrst- und Adelichen Hoͤfen offt eingeschlichen/ „die Adelichen Hochzeiteu / Kindteuͤffen/ und andere Zu- „sammenkunfften unerfodert besuchet/ und sich fuͤr Stock- „narren gutwillig gebrauchen lassen/ ein schrecklich Gericht „ergehen/ und geschehen lassen/ daß einer voller weise zu to- „de gefallen/ ein ander aber ersoffen/ und im Wasser jaͤm- „merlich umbkommen ist. Darumb alle andere Stocknar- „ren sich an denselben billich spiegeln/ und Gott dem HErrn besser fuͤr ihren verliehenen Verstand dancken/ auch denselben recht anwenden uud gebrauchen sollen. Wer Ohren hat zu hoͤren/ der hoͤre/ was der Geist der Gemei- nen sagt! Weil Christliche Leich-Predigt. Weil denn der HErr Christus Saulo so grosse und vielfaͤltige Gnade hat erwiesen/ so fragt sichs vors ander nicht unbillich/ wie er sich darauff erzeiget und verhalten? Hat er sich denn auch mit jenem Samariter danckbar ge- gen Jhm erwiesen/ oder gehoͤret er in die Zunfft und Gesell- schafft jener neun Außsetzigen/ welche weder mit Worten/ noch mit Wercken ihre Danckbarkeit spuͤren lassen? Luc. 17/ 17. 18. Antwort Nein / keines weges kan er unter die Zahl der Vndanckbarn gerechnet werden. Denn er in un- serm Text mit klaren Worten sein Hertz und Gemuͤth ent- decket und eroͤffnet/ wenn er spricht: Jch dancke unserm HErrn Christo Jesu. Jtem: Gott dem ewigen Koͤ- nige/ dem Vuvergaͤnglichen / und Vnsichtbarn/ und allein Weisen/ sey Ehre und Preiß in Ewigkeit/ A- men. Jn diesen Worten/ meine Allerliebste/ haben wir zu bedencken I. Wer Christo gedancket habe? Nem- lich/ der bekehrte Saulus7 welcher bißher ein Laͤsterer/ Verfolger und Schmaͤher des HErrn Christi gewesen: Hernachmals aber ein trewer Zeuge/ Juͤnger und Apo- stel desselben worden ist. Daß sollen noch heutiges Ta- ges alle die jenigen thnn / welche durch sein Wort von Jhm erleuchet/ und zu Jhm bekehret werden. Wer hat er aber II. gedancket? Christo Jesu/ welchem er unter- schiedliche Ehren-Titul giebt. Denn er Jhn ausdruͤcklich GOtt nennet/ dieweil Er nicht ein blosser Mensch ist/ son- dern ob Er gleich nach dem Fleische herkoͤmmet von den Vaͤtern/ doch zugleich Gott ist uͤber alles in Ewigkeit ge- lobet/ wie er an einem andern Ort redet und bezeuget. Rom. 9/ 5. Darneben nennet er Jhn einen Koͤnig / weil sein Himlischer Vater Jhn zum Koͤnige auff seinen heiligen Berg Zion eingesetzet hat. Ps. 2/ 6. Er leget Jhm auch E zu Christliche Leich-Predigt. zu unterschiedliche Herrliche Eigenschafften/ welche Jhm als wahrem Gott und unserm HErrn und Koͤnig zustehen und gebuͤhren. Denn er beschreibet uns denselben als einen ewigen Koͤnig / welcher weder Anfang noch En- de hat oder haben kan/ dieweil sein Ausgang vom Anfang und von Ewigkeit her ist gewesen: Mich. 5/ 2. Als einen unvergaͤnglichen Koͤnig / der von Natur ein solches Wesen hat/ so der Eitelkeit und Vergaͤngligkeit/ wie wir Menschen/ nicht unterwoffen : Als einen unsichtbarn Koͤnig / der seiner Goͤttlichen Natur nach/ mit leiblichen Augen natuͤrlicher weise nicht kan gesehen werden: Vnd denn als einen allein weisen Koͤnig: Diewiel allein die- ses Koͤniges Verstand uuausforschlich / Es. 40/ 28. Vnd unbegreifflich ist/ Wie Er so weißlich regiere; Er auch ein Brunqvell aller Weißheit ist. Wie hat er denn III. Jhm gedancket? Nicht allein mit dem Munde/ in dem er gesprochen: Jch dancke unserm HErrn Christo Jesu/ sondern von Grund des Hertzens/ und mit der That und in der Warheit/ in dem Er ihm Preiß und Ehre in Ewigkeit zugeschrieben/ einen rechten Her- tzenswundsch darzugethan/ und sich Jhm gantz und gar/ als seinem Gott und Koͤnig verobligirt und verbunden hat. Nun das hat auch unser selig Verstor- bener gethan. Sintemal derselbe auch auff seinem La- ger/ biß an sein seliges Ende/ Christo Jesu/ als seinem Gott und Koͤnige muͤnd und hertzlich/ fuͤr die vielfaͤltige grosse Gnade/ so Er ihm erwiesen/ hat gedancket/ und taͤg- lich seine Stimme mit erhaben/ und mit allerley schoͤnen Lob- und Danck-Psalmen/ und andern Geistreichen Lie- dern seinen heiligen Namen hat geruͤhmet; auch ein kraͤffti- ges Amen darauff zum oͤfftern gesprochen/ und sich nicht allein Christliche Leich-Predigt. allein Jhm gantz und gar/ als seinem HErrn und Koͤni- ge zu eigen hat gegeben/ sondern auch biß an sein Ende trew verblieben ist. Dannenhero auch der Koͤnig der Ehren Christus Jesus ihn mit Ehren hat gekroͤnet/ und die Kro- ne des Lebens ihm gegeben/ welche Er allen seinen trewen Dienern aus Gnaden zusagt und verheist/ wenn Er spricht: Sey getrew biß an den Todt/ so wil Jch dir die Kro- ne des Lebens geben. Offenb. 2/ 10. PERSONALIA . W As aber nun anlanget unsers im HErrn S. ver- storbenen Michael Neubers Lebenslauff/ so ist derselbe zu Soldin in der Newmarck Anno 1596. von Christlichen uñ Ehrlichen Eltern geboren. Sein Vater ist gewesen der weyland Ehrwuͤrdige/ Achtbare/ uñ Wolge- larte/ Herr Abraham Neuber/ trewfleissiger Diaconus uũ Diener am Wort Gottes bey der Christlichen Gemeine zu Soldin: Seine Mutter Fraw Eva/ eine Hallin/ des Ehrwuͤrdigen/ Großachtbarhn und Wolgelarten/ Herrn N. Hallens/ weyland wolverardneten Superintenden- ten zu Landsberg an der Warte sel. . hinterlassene Tochter. Von diesen seinen Eltern ist er nicht allein in reinem Ehebette gezeuget/ sondern auch darauff zur Gottesfurcht also bald angewehnet/ und Christlich aufferzogen worden/ wie denn seiner Eltern geschehene fleissige Vnterweisung auch dahero an ihme gnugsam zuvermercken gewest/ daß er die Capira pietatis richtig erlanget/ den Catechismum/ wie auch viel schoͤne Psalmen/ und trostreiche Spruͤche in grosser Menge fertig herzusagen/ und sich derselben/ vor- nemlich in seiner Kranckheit/ wolzugebrauchen gewust. E ij Nach Christliche Leich-Predigt. Nach angewendeter privat institution haben sie diesen ih- ren Sohn von sich/ und anders wohin/ als sonderlich in die damals wolbestellte Schule nach der Spandaw verschic- ket/ do er eine geraume Zeit freqventi ret/ und in seinen studiis gute fundamenta geleget. Vnd weil er auch hiernebens nicht wenige beliebung zur Music getragen/ hat ihn sein Vater bald in der Jugend darzu mit einen gu- ten præceptore versehen. Nach dem er aber Anno 1618. naher Gustraw verreiset/ in willens/ die von seiner doselbst verstorbenen Muhmen hinterlassene Erbschafft einzufor- dern/ ist er mit etlichen Schustersgesellen einsten in Zwie- tracht gerathen/ und von denenselben dermassen zerschla- gen/ mit Degen-Knoͤpffen in den Kopff sehr uͤbel gestossen/ und also zugerichtet worden/ daß er endlich seiner Ver- nunfft recht und voͤllig nicht gebrauchen koͤnnen. Wel- ches denn seinen Eltern ein grosses Hertzeleid gewesen/ als die ihn hernach bey sich behalten/ und das Elend an ihm se- hen muͤssen. Endlich/ als der General Wachtmeister Bin- dauff in der Marck zu Soldin sein Qvartier gehabt/ hat er ihn doselbst von seinem Vater zu sich genommen/ und etz- liche Jahr mit sich herumb gefuͤhret an den Chur Saͤchß. und Brandeburgischen Hoff/ biß Herr General Wacht- meister Bindauff 1629. mit demselben anhero kommen/ do der Fuͤrstl. Saͤchß. altern Frawen Witwen/ unser Gnaͤ- digen Fuͤrstin und Frawen/ Er ihn zuruͤck gelassen hat. Jst also gnaw in die 20. Jahr alhier gewesen. Jn solcher Zeit hat er zwar beym Gottesdienst sich alle- wege und fleissig befunden/ und eingestellet/ auch darbey stille/ und nach seinem Verstande/ andaͤchtig erwiesen: Jedoch haben wir in vorigen Zeiten im Predigambt/ nach unterschiedlicher gehaltener Vnterredung mit ihm von seinem Christli c he Leich-Predigt. seinem Christenthumb/ so viel befunden/ daß er sich zum wuͤrdigen Gebrauch des Hochheiligen Abendmals nicht pruͤfen/ noch gebuͤrlich bereiten moͤge/ dieweil damals seine Andacht nicht lange gewaͤret/ sondern staͤtte Wechse- lung gewesen/ sonderlich/ wenn er etwan von andern irriti - ret/ und zum Zorn bewogen ist: Darzu er denn gar leicht Anleitung und Vrsach genommen hat/ wie slche Leute zu thun pflegen. Ausser dem offentlichen Gottesdienst hat er sonst seinen Abend- und Morgen-Segen gebetet/ und Geistrei- cher Gesaͤnge sich mehrentheils gebrauchet. Derowegen auch sonderlich unsere Gnaͤdige Fuͤrstliche hohe Obrigkeit ihm gnaͤdig gewogen gewesen/ und ihn gerne umb fich lei- den koͤnnen. Seine Kranckheit betreffend/ ist er mit derselben im abgewichenen October befallen aus langwieriger Ver- schleim- und Stopffung der Miltz- und Kroeses/ wie auch endlichen aus ansamluug Scharbockischer feuchte umb die gegenden der Brust/ so gar/ das endlichen die Leber in dero Wirckung gleicher massen nicht wol bestehen koͤnnen; Worauff denn eine hefftige Cachexia erfolget/ biß endli- chen der untere Leib/ neben den angelegenen Gliedmassen/ gefaͤhrlichen geschwellet und auffgetrieben worden. Jn waͤrender seiner Kranckheit und Schwachheit haben Hochgedachte Jhre Fuͤrstl. F. F. F. G. G. G. Gnaden/ nicht weniger/ wie bey voriger guter Gesundheit/ alle Gna- de Jhm erwiesen/ auffs fleissigste fuͤr ihn gesorget/ und der- massen in achtzunehmen gnaͤdig anbefohlen/ daß sie nichts/ auch am geringsten/ was zu des Pati e nten Leibes Gesund- heit/ und zufoͤrderst zu befoͤrderung der Seele ewiger Wol- farth und Seligkeit dienlich und noͤtig/ ermangeln lassen. Vnd nach dem/ ungeacht des Herrn Medici angewende- E iij ten Christliche Leich-Predigt. ten sonderlichen Fleisses und Sorgfalt/ die Leibesgesund- heit nicht hat erfolgen wollen/ Als hat der barmhertzige Gott es an dem Gemuͤth/ Verstande/ und Seele-Ge- sundheit/ zu jedem andern bestaͤndigen ewigen Leben/ desto reichlicher an ihm ersetzet; Wie wir denn dieses Orts im Predigambt zu Hoff/ nach fleissiger warnehmung/ inner- halb zweyer Monat/ denn sich die Kranckheit im October angefangen/ an ihme verspuͤret. I. Des Heiligen Geistes Beywohnung und Er- leuchtung / bey welcher sich der natuͤrliche Verstand auch mercklich wiedergefunden. Sintemal er ja ohne eines an- dern Menschen Erinnerung/ nach dem er abgenommen/ daß die Kranckheit des Leibes sich vermehrte/ die oͤffentliche Vorbitte in der Kirchen/ und das allgemeine Gebet fuͤr ihn zu thun begehret; auch absonderlich von dem Prediger/ da er ihm nach gehaltenen Gottesdienst besuchte/ und als er vernam/ daß eben an verflossener Stunde es geschehen/ und der Anfang gemacht worden were/ sagt er darauff: Das ist recht/ denn das Gebet des Gerechten vermag viel/ wenn es ernstlich ist. Aus Antrieb des Heiligen Gei- stes/ und ohne iemands Erinnerung/ hat er nach vielem seufftzen zu dem Gebrauch des H. Abendmals/ dasselbe gleichermassen begehret und gebeten. Do er auch von uns Predigern/ und zwart von iedem absonderlich tenti ret und examini ret worden/ hat er so verstaͤndigen gnugsamen Be- recht gethan/ daß wir weiter von ihm nichts begehren/ vielweniger ihm das Abendmal verweigern koͤnnen/ son- dern ihn biß auff damals morgenden Tag vertroͤstet/ do er benn bey genommenen Abschied nochmals sagte: Habt ihr mich doch nun ex fundamento examini ret/ brin- get doch Morgen den Kelch/ und reichet mir das A- bendmal. Christliche Leich-Predigt. bendmal. Da er auch darauff des morgenden Tages von seinem Beichtvater von newem nach der lenge/ in beyseyn der Vmbstehenden examini ret wuͤrde/ und sonderlich an- fangs gefraget: Ob er noch das H. Abendmal gebrauchen wolle? Antwortet er freuͤdig und begierig/ in dem er zu- gleich mit der Hand auff seine Brust schlug also: Ja/ von Hertzen gerne. Wie freuͤdig/ wie verstaͤndig/ wie andaͤch- tig/ wie ausfuͤhrlich/ wie beharrlich er nun damals sein Bekentnis auff alle Hauptfragen/ so etwa vor der Beichte den Beicht-Kindern vorgehalten werden/ thaͤte/ mit was heiligen Geberden/ wie mit zusammen geschlossenen Haͤn- den er sich zum H. Abendmal bereitet/ das wissen und werden zeugen/ alle die damals darbey gewesen/ und es mit erfreweten Hertzen uͤber Gottes reiche Gnade/ und zugleich ncht ohne Thraͤnen und nasse Augen/ angesehen/ daß und daruͤber wol einfiel/ was Act. 10. S. Petrus sagt/ da die glaͤubigen/ so mit Petro in das Hauß Cornelii kom̃en warẽ/ hoͤreten/ daß sie mit Zungen redeten/ und Gott hoch preise- ten: Mag auch iemand das Wasser wehren/ daß die nicht getaufft werden/ die den Heiligen Geist empfangen haben/ wie auch wir? Vnd wir darauff anfiengen: Mag auch ie- mand das Brodt und den Wein wehren/ daß sie gesegnet werden/ und vermittels derselben diesem der wahre Leib und das Blut Christi nicht mitgetheilet werden/ der den Heiligen Geist empfangen hat/ gleich wie auch wir? Vnd daß dieser sein Glaube an Christum vom Heiligen Geist kaͤme/ erkante er auch selbst/ da er einsten anfieng: Ja ich glaͤube/ daß ich nicht aus eigner Vernunfft noch Krafft an Jesum Christum meinen HErrn glaͤu- be/ oder zn Jhm kommen kan: sondern der Heilige Geist hat mich durchs Evangelium beruffen/ mit seinen Christliche Leich-Predigt. seinen Gaben erleuchtet/ und im rechten Glauben erhalten. II. Den wahren Glauben/ und festes Vertrawen auff das blutige Verdienst Jesu Christi / so er aus An- fuͤhrung vieler Spruͤche/ unterschiedlich sehen ließ. Sonder- lich/ do er newlich ein newes rothes Oberkleid bekam/ uñ es von der schoͤnen rothen Farbe ihme geruͤhmet ward/ und der Prediger darauff Vrsach nam von dem Blutrothen Kleide Christi zu reden/ dessen er sich sonderlich mit Esaia erfrewen koͤnte/ und mit Jhm sprechẽ solte/ c. 61. Jch frewe mich im H e rrn/ und meine Seele ist froͤlich in meinem Gott. Denn Er hat mich angezogen mit den Kleidern des Heils/ und mit dem Rocke der Gerechtigkeit be- kleidet: sagte Er: Das ist war/ ich weis sonst von kei- nem andern/ denn das Blut Jesu Christi Gottes Sohns macht uns rein von allen unsern Suͤnden. Jtem/ do er erinnert/ was fuͤr eine gewisse Ehre wir haͤtten/ wie wir so getrost auff Christi Verdienst/ nach Gottes Willen sterben koͤnten/ sagt er freudig: Ja/ as ist ie ge- wißlich war/ und ein thewer werthes Wort/ ꝛc. Wir haben an ihm wargenommen. III. Ehrerbietung gegen das Predigampt/ und daß er eine gebuͤhrende Schew vor uns gehabt. Dahe- ro/ als einsten fruͤh Morgens der Prediger ihn besuchte/ und fragte/ Ob er auch fleissig/ und andaͤchtig/ sonderlich/ den Morgen-Segen mit gebetet/ und die Anwesenden uͤber ihn etwas klagen wolten/ gabens seine Geberde und Wort/ das er sich nicht wenig schemete/ sagte auch zu/ er wolte es nicht mehr thun. Wie wir denn auch verspuͤret/ das ihm unsere Ankunfft und Gegenwart niemals zu entgegen ge- wesen sey. IV. Ge- Christliche Leich-Predigt. IV. Gedult. Denn ob er gleich die Zeit seiner Kranck- heit mehrentheils mit steten Sitzen/ bey einem beschwerli- chen Odem hat zubringen muͤssen: so hat man doch keine sonderliche Vngedult von ihme vermercket, bevoraus und gar nicht in Worten/ da er doch sonsten bey gesunden Ta- gen gar leichtlich konte irriti ret/ und zu unchristlichen Re- den gebracht werden. Ob er auch gerne noch laͤnger ge- lebet/ so hat er doch allezeit auff der Prediger Zureden sich erklaͤret/ daß er sich Gottes Willen gehorsamlich unterge- ben wolte: auch dahero von seiner Grabstete geredet/ wo man ihn hin begraben solte/ sonderlich aber von seinem ne- wen Sterbehembde. Noch an dem Abend/ da er abtruckte/ sprache er: was ihme waͤre versprochen worden/ daß moͤchte er gerne haben. Er hat auch fleissig gesungen: Was mein Gott wil das gescheh alzeit/ ꝛc. Nun muß ich Suͤn- der von dieser Welt/ scheiden nach Gottes willen/ ꝛc. Do der Prediger einmal Abschied von ihm nam/ und sagte unter andern: Jch befehle euch der Gnaden Gottes/ ꝛc. Sprach er darauff mit Lateinischen Worten: Ego com- mendo Spiritum meum in manus Domini: Ipse rede- mit me. Vnd ein andermahl sprach er: Gott bewahre unser Leib und Seel zum ewigen Leben ! V. Christliche Andacht/ die er erwiesen/ mit Heuptneigung bey Nennung des allerheiligsten Namens Jesu/ mit zusammenfaltung der Haͤnde/ und durch fleis- sige Einstim̃ung/ so offt als gesungen wurde. Er wuͤndsche- te auch einsten/ daß er doch das Christ-Fest mit halten sol- te/ und begehrte darauff zu singen: Gelobet seystu Jesu Christ/ daß du Menschen geboren/ ꝛc. Welches auch ge- schahe. Do einsten der Herr Hoff- Diaconus mit ihm ne- nebenst andern Geistreichen Liedern/ gesungen hatte/ Hertz- F lich Christliche Leich-Predigt. lich lieb hab ich dich/ ꝛc. hat ers bey seinem Collegen als derselbe bald darauff zu ihm kommen/ hoch geruͤhmet/ und gesagt: Ach wir haben ietzo gar zu schaͤn gesungen! Das Hertz im Leibe ist mir recht frewdig daruͤber worden. Do auch der Prediger bißweilen versuchte/ ob er mit betete/ (sonderlich do die Kraͤffte zu letzt sehr abnahmen) und sich stellete/ als wuͤste ers nicht weiter hinaus zu singen/ noch zu beten/ hat er allezeit/ welches offt geschehen/ fort- gebetet/ und dem Prediger einhelffen wollen. VI. Das beste/ nemlich/ an Christum gleubi- ge Bestaͤndigkeit. Denn nach dem am vergangenen Montag zu Abend umb 7. Vhr der Prediger zu ihm kommen/ und gesehen/ das es/ allen Anzeigungen nach/ mit ihm sich zum Ende schickte/ hat er ihn desselben erin- nert/ auch darneben kuͤrtzlich alles wiederholet/ was bißhe- ro mit ihm gehandelt worden/ und gefragt: 1. Ob er sich auch noch errinnert der heiligen Tauffe/ und des Gnaden- Bundes/ welchen Gott dadurch auch mit ihm gemacht? Resp. Ja. 2. Jn wessen Namẽ er getaufft? Resp. Jm Na- men des Vaters/ ꝛc. 3. Was die Tauffe nuͤtze? Resp. Sie wircket Vergebung der Suͤnden/ erloͤset vom Todt und Teuffel/ und giebt die ewige Seligkeit. 4. Gleu- bet ihr das auch/ und troͤstet euch dessen? Resp. Ja. 5. Gleubet ihr denn auch an Gott Vater/ Sohn/ und Heili- gen Geist? Resp. Ja. 6. Durch wen koͤnnet uñ gedenckt ihr denn in den Himmel zu kommen/ und selig zu werden? Resp. Durch Jesum Christum. 7. Wer ist Jesus Chrstus ? Resp. Wahrer Gott und wahrer Mensch. 8. Jhr habt new- lich empfangen das heilige Abendmahl/ was habt ihr alda unter dem gesegnete Brodt und Wein genossen? Resp. Den Christliche Leich-Predigt. Den wahren Leib/ und das wahre Blut Jesu Christi . 9. Worzu? Resp. Zum Pfande meiner Seelen Seligkeit. 10. Glaͤubet ihr denn auch/ das Prediger Christi Diener seyn/ nñ daß sie euch an seiner statt die Suͤnde vergeben sollen und koͤnnen? Resp. Ja . 11. Glaͤubet Jhr denn auch/ daß Jch Euch an Christi statt von Suͤnden loß zuzehlen befehl und macht habe? Resp. Ja . 12. Begehret ihr/ daß Jch Euch nochmals die Absolution/ und Vergebung aller ewrer Suͤnden/ zum seligen Sterben und Hinfart/ sprechen/ und mittheilen solle? Resp. Ja: Welches auch darauff im Nah- men Gottes des Vaters/ des Sohnes/ und des Heiligen Geistes ist geschehen. Darauff hat er allerley Sterbe Lieder/ (Als: Weñ mein Stuͤndlein vorhanden ist/ ꝛc. Frew dich sehr O meine Seele/ ꝛc. Christus der ist mein Leben/ ꝛc. Von allem Vbel uns erloͤß/ ꝛc. Auff mei- nem lieben Gott/ ꝛc. HErr Jesu Christ/ war Mensch und Gott/ ꝛc. Hertzlich lieb hab ich dich O HErr/ ꝛc.) mit beharrlicher Andacht theils mit gesungen/ theils mit ge- betet. Zu den Gebetlein uñ Psalmen/ die der Prediger allein ihm vorbette/ sprache er beweglich: Amen / und hab Vrsach zu beten: Amen/ das ist/ es werde war/ staͤrck unsern Glauben immerdar/ ꝛc. Diese schoͤne Seufftzer/ HErr Jesu/ Dir lebe ich/ Dir sterbe ich! Jn deine Haͤn- de befehle ich meinen Geist/ ꝛc. HErr meinen Geist befehle ꝛc. hat Er vielmahl wiederholet. Jn dieser Andacht verharrete er auch durch Gottes Gnade biß an sein seliges Ende. Nach eilff Vhr liessen wir ihn ruhen/ weil es scheinete/ als wolte er etwas schlaffen/ doch das der Prediger ihn endlich und nochmals fragte: Ob er Den Herrn Jesum noch in seinem Hertzen haͤtte/ und auff denselben leben und sterben wolte? darauff er Christliche Leich-Predigt. er Ja antwortet. Da es auff ein Viertel nach eilffen kam/ hub er von Jhm selber an: Jch muß fort. Vnd als ge- fragt wurde: Wohin? sagte Er: Zu dem Himmlischen Vater. Zu solchen Gottseligen Gedancken ist Er auch fer- ner angehalten/ und darbey geblieben/ biß er endlich ohne Vermutung der Vmbstehendẽ/ ploͤtzlich so schwach wordẽ/ daß sich alles Gehoͤr und Verstand verloren/ und er dar- auff sanfft und selig eingeschlaffen/ unter der Anwesenden Gebet. Welches geschehen den 11. Decemb. am juͤngst ver- gangenen Montag zu Nacht/ eine halbe Stunde nach eilffen: da er alt worden Ein und Funfftzig Jahr/ ꝛc. Der grndtuͤtige Gott gebe/ daß wir auch uns zu einem Christ- lichen Abschied recht bereiten/ und dermaleins in Christo se- lig entschlaffen moͤgen/ und mit Jhm am herbeynahen- den Juͤngsten Tage zum ewigen Leben auff- erwecket werden/ umb seines Namens Ehre willen/ Amen ! ENDE .