Deutsche Zeit- und Streit-Fragen. Flugschriften zur Kenntniß der Gegenwart. Herausgegeben von Fr. v. Holtzendorff und W. Oncken. Jahrgang III. (Heft 33–48 umfassend). Heft 36. Kosmopolitismus und Patriotismus. Von Dr . Edmund Pfleiderer, Professor in Kiel. Berlin 1874. C. G. Lüderitz'sche Verlagsbuchhandlung Carl Habel. 33. Wilhelm-Staße 33. Die beiden inneren Seiten des Umschlages enthalten den Prospect über den neuen dritten Jahrgang. Kosmopolitismus und Patriotismus. Von Dr . Edmund Pfleiderer, Professor in Kiel. Berlin 1874. C. G. Lüderitz 'sche Verlagsbuchhandlung. Carl Habel. Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen wird vorbehalten. E s ist, nach dem wissenschaftlichen Ort oder Quellpunkt angesehen, eine Frage der philosophischen Moral , was wir im Folgenden zu behandeln unternehmen. Nun wirft man freilich der Philosophie besonders in unserer, zur Abwechselung auch einmal recht wenig philosophisch gestimmten Zeit oft vor, daß sie ihren volltönenden Namen Welt- oder Lebensweisheit sehr mit Unrecht und fast nur wie zur ironischen Selbstkritik trage. Denn in allen möglichen Sphären sich bewegend, über dieß und das im Himmel und auf Erden verhandelnd wisse sie nirgends weniger Bescheid oder kenne sich überall besser aus, als in der wirklichen Welt, im realen Leben; gleich nebligen Wolken ziehen ja ihre abstrakten Sätze in ferner Höhe dahin und verdunkeln das Licht der natürlichen Erkenntniß eher, als daß sie es fördern. — Mag dieser, wiewohl vielfach einseitig übertriebene Tadel einzelne Gebiete jener Wissenschaft oder noch eher einzelne Formen ihrer Ausprägung und Vertretung am Ende auch treffen, wir hoffen ihm mit unserem Problem zu entgehen, das in mediam rem unsres realistischen Jahrhunderts greift, als Zeit- und Streitfrage im Vordergrund des Interesses steht und eben die Gegenwart aufs Lebhafteste bewegt. Kosmopolitismus und Patriotismus , Weltbürger¬ lichkeit und Vaterlandsliebe — wohl sind sie nicht selbst und unmittelbar der Zankapfel unserer kämpfereichen Zeit; ihrer Natur nach können sie es auch nicht sein. Denn wie schon ihre kunst¬ mäßige Wortform andeutet, haben wir an ihnen überhaupt nichts III . 36. 1* gegenständlich Greifbares, keine in sich abgeschlossenen, fertigen Ziele und Interessen, für oder wider die man sich erhitzen könnte. Sie sind vielmehr Beide nur begleitende, eine gemeinschaftliche Richtung Vieler ausdrückende Stimmungen für andere Bestrebungen, von denen sie den Inhalt empfangen, während sie jenen dafür Form und Feuer, vielleicht auch vielfach nur den Vorwand oder den blendenden, auf die Masse berechneten Schein verleihen. Als dieß aber sind sie dennoch der Grundton, auf welchen in dem oft wenig harmonischen Konzert unserer Tage alle Variationen der Melodie hüben und drüben stets wieder zurückkommen; sie sind die Fahne, um welche sich die Kämpfer beider Lager in dem Rin¬ gen schaaren, das trotz des schon versuchten Spöttelns der Blasirten jeder Ernstere und Einsichtige rundweg „unseren modernen Kultur¬ kampf“ nennen und für Einen der Wendepunkte in der Geschichte erklären wird. Unter dem bauschig flatternden Banner des Kosmopoli ¬ tismus kämpft die Internationale , besser Antinationale schwarzer und rother Observanz, trotzig überzeugt, weil sie ja Massen ins Feuer zu führen hat, „unter diesem Zeichen zu siegen“, — als stünde die Welt noch vor derselben geschichtlichen Aufgabe, an derselben wahren Grenzscheide zweier Zeitalter, wie einst Kon¬ stantin vor den Mauern Roms im Kampfe gegen Maxentius, wo immerhin die universale Religion gegenüber einem krampfhaft und krankhaft zu restauriren versuchten Heidenthum ihre innere Siegesgewißheit selbst im Spiegelbilde der Wolken schauen mochte. — Des alten in seiner Art kosmopolitischen Weltreichs stolze Losung und Marke: » Civis Romanus sum «, ein Bürger Roms bin ich — sie wird von Neuem angewandt, um die näher liegende nationale Bürgerpflicht abzuschütteln und excentrischen Sinnes sein Centrum, seinen Schwerpunkt „jenseits der Berge“ zu finden. — Das andere Motto eines geistigen Weltbürgersinns neben dem politischen: » Homo sum, nil humani a me alienum puto ; ich bin ein Mensch und erachte nichts Menschliches als mir fremd!“ heutigen Tags ist es travestirt zur trotzigen Forderung der „Men¬ schenrechte“, welche dem angeblichen Haupttheil der Menschheit angeblich vorenthalten seien und die sich zu erkämpfen die Gleich¬ gesinnten aller Orte, jeder Zunge als Eine rücksichtslose Partei zusammenstehen müssen, den Fluch der ganzen seitherigen Geschichte mit sehnigem Arm und nerviger Faust zu brechen. Freilich „Ich erachte nichts Menschliches als ein alienum “ — im Munde des Kommunismus hat es eine ganz neue Bedeutung und Prägung erhalten! Gegen diese Legionen schaart sich auf der andern Seite, sonstigen Hader vergessend oder doch zurückstellend, unter der Fahne des Patriotismus , was irgend seinen Standort nicht über der Erde haben will in hierarchischen Höhen, nicht unter der Erde bei den Maulwürfen der Geschichte und Gesellschaftsordnung, sondern fest und klar auf der Erde, auf heimischem Boden, dessen lange von den Besten ersehnte Einheit und Macht, der endlich verwirklichte Traum der Jahrhunderte nicht sein soll „wie ge¬ wonnen, so zerronnen“, eine kurze Blüthe, sogleich wieder von den Würmern zernagt und zerfressen. Und wie nach der sinnigen alten Sage Antäus, schwach in freier Luft, durch die Berührung mit seiner Mutter Erde stets neue Kraft gewann, so gibt in unserem Kampf die Vaterlandsliebe ihren treuen Streitern Muth und Siegeszuversicht selbst gegen die Heeresmassen der Welt¬ bürgerlichen. Diese beiden Losungen, welche als Sinnesweisen zwar im Hintergrund der greifbaren Bestrebungen stehen, aber doch ein so mächtiges Wort in unseren Tagen mitreden, haben wir gegen einander zu prüfen und zu messen an den Naturgesetzen der Seele, sowie an den Grundlinien der Moral, indem wir uns immer leiten oder das Gefundene weiter bestätigen lassen durch die großen Schriftzüge der Geschichte, dieser besten Lehrmeisterin unseres Denkens über die Dinge des menschlichen Lebens. Den Vortritt möge diejenige Richtung und Gesinnung haben, welche den Mund selbst auch am vollsten zu nehmen und sich der Oeffentlichkeit am meisten anzupreisen pflegt, der Kosmopoli¬ tismus . Gewiß, er hat viel Blendendes an sich, eine recht ansprechende und einschmeichelnde Miene, zumal wenn er in so liebenswürdiger Gestalt sich naht, wie in dem berühmten Hohelied einer freudigen Humanität bei unserem Schiller, diesem edlen Sohn seiner gefühlswarmen Zeit: „Seid umschlungen Millionen, Diesen Kuß der ganzen Welt!“ Wer möchte gegen dieß Motto des besten Kosmopolitismus viel haben, als etwa gleich an der Schwelle einige prosaisch¬ nüchterne Bedenken, wie man sich denn die Ausführung dieses frommen Wunsches eigentlich vorstellen solle — das böse Aber aller dieser überschwänglichen Flüge in die Weite! — Immerhin jedoch mag es sein, daß der gleichgesinnte moderne Mensch mit einem gewissen Gefühl mitleidigen Bedauerns, froh dagegen im Bewußtsein der erreichten eigenen Höhe herabsieht auf einen Stand¬ punkt, wie z. B. den der alten Griechen und Römer . Was steckten doch, wird er sagen, diese vielgerühmten „klassischen“ Völker mit bornirtester Befangenheit in ihren Stäätchen oder Staaten, was waren sie, wie auf anderen, so auch auf diesem Gebiet so ganz versunken in bloße Naturbestimmungen, daß sie dieß ihr Wesen gar auch noch als höchste Mannestugend ausgaben! Selbst ihre größten Geister, hierin wenigstens scheinen sie dem Kosmo¬ politen herzlich schwach gewesen zu sein und eben den unvermeid¬ lichen Tribut an ihre unvollkommene Zeit bezahlt zu haben, welche auch die Stärksten nicht auf einmal und ganz losließ. Sogar der sonst so entschieden und rühmlich auf das Idealfreie gerichtete Plato macht als ächter Hellene ein gewaltiges Aufheben aus dem Staat, ohne doch dabei an etwas Andres zu denken, als an dorisch-ly¬ kurgisch zugeschnittene Stadtrepubliken von Griechenland. Diese sollen nun „der Mensch im Großen“ sein, in der Gliederung der Stände und Institutionen nicht sowohl Ab-, als Vorbild der Einzelseele, die erst in diesem weiteren Rahmen ihre eigene Bestimmung er¬ reiche und die Kardinaltugenden voll zu erweisen vermöge. Und jener minutiöse Staatsmoloch wird so hoch gestellt, daß ihm rück¬ sichtslos als Opfer dargebracht wird, was den Menschen im Pri¬ vatleben oder in der wissenschaftlichen Thätigkeit recht eigentlich zum freien geistigen Wesen macht — vorausgesetzt, daß keinerlei äußere Omnipotenz seine Lebensregungen im Keim erstickt oder ver¬ giftet, wie es hier geschähe! — Sein Schüler Aristoteles, sonst so vielfach abweichend, hierin stimmt auch er überwiegend mit dem Meister zusammen und bezeichnet die Anlage für das Staatsleben als das dem Menschen Grundwesentliche, dessen Verwirklichung die Blüthe der Entwicklung sei. Kein Wunder, daß die Masse ihres Volks unter dem Banne solcher beschränkten Anschauungen befangen blieb und z. B. Verbannung aus dem Vaterland als schwerstes, dem Tode beinah gleich zu achtendes Loos betrachtete. Denn » hic ego barbarus sum, quia non intelligor ulli «! In anderen Völ¬ kern und Sprachen sah man ja mit altkluger Selbstgenügsamkeit nur barbarische Gebilde, physisch und psychisch auf halbmensch¬ licher Stufe — ein Zeugniß der eigenen bornirten Unwissenheit, wenn man dieß Urteil über solche fällte, welche in modernem Lichte gesehen sich als nächste Verwandte und in sofern völlig Ebenbürtige der „klassischen“ Völker erweisen. Einen Schritt der Wahrheit näher scheint schon das spätere caesarisch-römische Weltreich . Wie es toleranten Sinnes in seinem Pantheon allerlei Göttern eine Stätte anwies, so ver¬ einigte es im weiten Rahmen seiner profanen Jurisdiction unter¬ schiedslos soviele Völker, als seine Macht zu erreichen, sein impe¬ ratorisches Schwert und organisatorisches Geschick zu bewältigen vermochte. Wenn von seinem Kaiser ein Edikt, z. B. zu jener biblisch berichteten Schatzung ausgieng, so glaubte sich „alle Welt“ (πᾶδα οἰκουμένη) zum Gehorsam verpflichtet. In das Erbe dieser urbs-orbis , dieser ächt geschichtlichen Weltstadt (und nicht etwa, wie die Sage hinterher das Welt¬ lichpolitische theologisch verbrämt, in das » patrimonium «, die Erbschaft Petri) trat weislich und klüglich der kirchliche Ro¬ manismus. Innere Gründe der Sache, meinethalb zu ihrer Zeit vollberechtigte Ideen, waren immerhin das treibende Mo¬ tiv; aber doch gehörte gerade auch dieser historische Boden als äußere Bedingung dazu, um in elastischer, den Vorfahren ab¬ gelernter Anbequemung an Zeit und Umstände den weltherr¬ schenden mittelalterlichen Katholizismus zu entfalten und ein universales halb Himmels- halb Weltbürgerthum zu begründen. (Mit feinstem Instinkt für die Wurzeln seiner Kraft hängt de߬ halb noch heute das Pabstthum an seiner „ewigen Stadt“, die¬ sem für eine phantastische Phantasie beinahe wie übergeschicht¬ lichen Punkt mitten in der Geschichte; denn es weiß wohl, wie viel von seinem Nimbus schwände, wenn es den sieben Hügeln den Rücken kehrte, wie es dann nicht bloß in Avignon, sondern überall sonst im Exil leben würde, außerhalb von Roma , dem » Amor « der Völker!) Aber all dieß war in den Augen des modernen Kosmopoliten erst die Anbahnung und Ahnung des Wahren. Denn nur für eine glückliche Unwissenheit, welche die Grenzen nicht kannte oder übersah, deckte sich ja das alte Römerreich und wiederum die Kirche selbst in ihrem höchsten theokratischen Glanz mit der ganzen, die Erde erfüllenden Menschheit: das stolze Wort „katholisch“ d. i. allgemein war so gut wie heutigen Tags nur entweder trotziger Wahn oder frommer Wunsch, nicht aber Wirklichkeit. Und soweit es dieß je war, herrschte bloß mechanisch-gewaltsame Einerleiheit, nicht die freie suveräne Wahl des Geistes oder Herzens, das sich selbst seine Stätten und Formen zum Heimischsein beliebig aussucht. So ist es trotz mancher Ansätze doch schließlich erst das Werk, die Großthat der Neuzeit , sich auf diese Geisteshöhe geschwun¬ gen zu haben, wo die Schranken von Raum und Zeit als über¬ wundene Elemente der Anfänge, als die Windeln der Menschenkind¬ heit erscheinen. Die Entdeckungen und Erfindungen vom vierzehn¬ ten Jahrhundert an, vor denen das Mittelalter zuletzt morsch in sich zusammenbrach und von der freieraufathmenden Brust der Menschheit jener hierarchische Alpdruck wich, sie sind eben darauf gerichtet, die seitherigen Grenzen auf den verschiedensten Gebieten wenn nicht ganz aufzuheben, so doch nach Möglichkeit hinauszu¬ rücken. Des Kopernikus geistig großer Gedanke macht der geo¬ centrischen Selbstsucht, jenem partikularistisch eingebildeten Wahn des Menschen ein Ende, als ob Sonne, Mond und Sterne sich just nur höfisch um ihn und seine Selbstherrlichkeit zu drehen hätten. Er erkennt sich und seinen Wohnort als Glied nur im Ganzen, ja als verschwindendes Atom im unendlichen Weltraum, zu dessen Höhe und Ferne das Telescop siegreich nebelzerstreuend dringt, wäh¬ rend das Mikroscop ungeahnte Wunder der Welt im Kleinen er¬ schließt, Kühne Reisen, nach den phantastischen Kreuzzügen nüch¬ ternen Sinnes unternommen, offenbaren eine ganz neue Geogra¬ phie; das Wiederaufleben der klassischen Wissenschaften, von der List der Idee durch die Ueberfluthung von Byzanz durch die rohen Türken gewirkt, zieht den Vorhang vom Theater großer vergangener Geistes¬ entwicklung und Geschichte. Expansiv und fernwirkend sind end¬ lich auch jene zwei Erfindungen, welche im Krieg und damit im Staatswesen einerseits, im Frieden andererseits der Neuzeit kräf¬ tig zum Durchbruch verhalfen, nemlich Schießpulver und Buch¬ druckerkunst. Noch ehe also unsere Gegenwart mit deren stärkeren Geschwistern, Dampf und Telegraph, Länder und Meere umspannt oder in hochgesteigerter Wissenschaft nicht nur der fernen Welt¬ körper Stoffe beinahe chemisch analysirend prüft, der entlegensten Erdzeiten Dunkel durch ihre Fackel erhellt, aus Wort- oder Sach¬ trümmern die Urgeschichte unseres Planeten und Geschlechts zu entziffern vermag, noch vor All dem ist es die schönste Blüthe schon jener früheren, Welt und Blick erweiternden Errungenschaften, daß endlich einmal auch der Menschengeist aufhört, an der Scholle zu kleben, wo er zufällig geboren, als träge Raupe langsam in ärm¬ lichem Bezirk dahinzukriechen, statt dem Schmetterling gleich sich frei in den Lüsten von Blume zu Blume zu wiegen und nieder¬ zulassen, wo es ihm gefällt. Jene alle engherzige und kurzsichtige Beschränktheit ist überwunden; es ist die Zeit gekommen, daß des Geistes allein wahres Wesen, der freie Zug zum großen Ganzen, der Blick und Sinn fürs Allgemeine der Welt ausschließlich zum Recht komme, wie es ihm gebührt, nachdem er solange geschlum¬ mert oder nur dürftige Befriedigung gefunden hat. Einen höchst schlagenden Ausdruck findet diese modernkosmo¬ politische Geistesaristokratie in einer früheren Schrift des so stark politischen Philosophen Fichte , welche als Repräsentation der ganzen damaligen Zeitstimmung namentlich in Deutschland ange¬ sehen werden mag. Fast als wollte er das Arndt'sche Vaterlands¬ lied anticipirend parodiren, fragt er nemlich hier: „Was ist denn das Vaterland des wahrhaft ausgebildeten christlichen Europäers? Im Allgemeinen ist es Europa; insbesondre in jedem Zeitalter derjenige europäische Staat, welcher auf der Höhe der Kultur steht. Jener Staat, welcher gefährlich fehl greift, wird mit der Zeit untergehen; aber ebendarum kommen andre und unter diesen vorzüglich Einer herauf. Mögen doch die Erdgeborenen, welche in der Scholle, dem Fluß, dem Berg ihr Vaterland erkennen, Bürger des gesunkenen Staates bleiben; sie behalten, was sie wollten und was sie beglückt. Der sonnenverwandte Geist wird unwiderstehlich angezogen werden und sich hinwenden, wo Licht ist und Recht. Und in diesem Weltbürgersinn können wir dann über die Handlungen und Schicksale der Staaten uns beruhigen für uns selbst und unsere Nachkommen bis ans Ende der Tage.“ Allen Respekt vor Entwickelung und Fortschritt, dieser Ehre der strebenden Menschheit, vor den Errungenschaften der Wissen¬ schaft und Technik, welche als Pionniere des Geistes das Ferne uns nahe rücken, das Fremde bekannt und beinahe heimisch machen. Alle Achtung namentlich auch vor einem solchen offenen Geistesblick, der das Weiteste umspannt und nicht etwa trägen Sinnes sich eine voreilige Grenze als Ruheplatz setzt, indem er seine Beschränkt¬ heit für Tugend und Wahrheit ausgibt! Aber jene überschwängliche Werthschätzung des Zugs in die Ferne, jene einseitige und aus¬ schließliche Betonung des Allgemeinen und Ganzen — ob sie nicht vielleicht mindestens ebenso bedenklich ist, als das bornirte Kleben am Nächsten und Einzelnen; ob eine derartige kühne Verlegung des Standpunkts für Gefühl und Interesse, für ruhende oder thä¬ tige Sympathie in Freud' und Leid, eine Verlegung weg vom festen Boden und hinein ins Blaue, nicht im innersten Grund trotz aller schönen Redensarten Schwindel ist und Schwindel pro¬ duzirt, im stolzen Wahn der hohen Bildung doch nur eine krank¬ hafte Ueber- und Verbildung der gesunden Natur? Lassen wir uns zuerst von der Geschichte belehren, wo sich in ihr der Kosmopolitismus vornehmlich zeigt. Derselbe ist ein geborener großer Phraseur und hat uns bis jetzt nur seine Licht¬ seiten gewiesen. Aber wir müssen doch auch einmal den Revers beschauen und ihm hinter die Kulissen sehen, ob sein Glanz nicht am Ende eitel Flittergold und Theaterherrlichkeit ist! In dem sonst so hochpatriotischen Alterthum tritt er mit größerer Stärke erst gegen das absterbende Ende desselben in der Moralphilosophie der Stoischen Schule auf. Statt des Bar¬ barenthums vorher wird jetzt gar viel Schönes und Erbauliches von der Menschheit in ihrem einheitlichen, pantheistisch begründe¬ ten Zusammenhang, und statt der autochthonisch eingebildeten Ab¬ sperrung über die allgemeinen Menschlichkeitspflichten abgehandelt — abgehandelt sage ich, oder noch besser, deklamirt; denn sehr viel mehr als Redeübung, als Schönthun mit Tugenden und erhabe¬ nen Gefühlen vor sich selbst und Anderen war jene Moral im innersten Kern doch nicht: trotz aller forcirten Härte weichlich und eitel, bei großen Worten thatlos (und gerne geneigt, durch den Selbstmord sich eine wohlfeile Hinterthüre aus allen Drangsalen zu öffnen), kurz, bei vielem Bombast doch hohl im Kern. Das auf diesem Boden gedeihende Wort: „Welt! dich liebe ich!“ mag wohl gerade soviel Naturwahrheit besessen haben, als das bekannte: „Schmerz, ich verachte dich!“ — Und wie ähnlich in mehr als Einer Beziehung, ähnlich besonders in dieser unmoralischen, erst von Kant kategorisch zurechtgewiesenen Tugendhaftigkeit war jener alten stoischen Zeit der zweite (wenigstens human-profane) Kulmi¬ nationspunkt des Kosmopolitismus, das vorige Jahrhundert , vornehmlich in Deutschland, mit seiner überfließenden Stimmungs- und Gefühlsseligkeit, in welcher man so vielfach die Kraft zum energischen Handeln verpuffte! Nein, alle diese Weltbürgerlichkeit, wir möchten sie die enthu¬ siastisch-schwärmende nennen, war in der That besten Falls doch nur ein windiges Theaterpathos. Sie vergaß ganz, daß alle Naturkräfte, wie Licht und Wärme, mit der Entfernung stetig ab¬ nehmen; was Wunder, daß dasselbe Gesetz sich auch an der Seele erwies, daß jene Alleweltssympathie von bloßer Expansionskraft getrieben und keine natürlichen Grenzen mehr anerkennend sich zu leerem Dunst verflüchtigte und nirgends mehr einen gesundgedie¬ genen Kern besaß, in dem sie thatkräftig hätte fußen können. Doch es wäre zu wenig, wollten wir nur stehen bleiben bei dieser am Ende noch ziemlich harmlosen, halb komischen halb liebenswürdigen Ueberschwänglichkeit. Auf einer schiefen Ebene geht es weiter, ehe man es sich versieht. Wie leicht wird aus der Ueber-, also Unnatur die Unwahrheit, eine mehr oder weniger bewußte Heuchelei! Das zeigt sich auch hier: die Extreme berühren sich, die Ueberspannung wird zur Abspannung und der hochklingende Sinn fürs Große entpuppt sich gar vielfach als Deckmantel be¬ schränkter Selbstsucht . Zunächst ist es der träge Egoismus, welcher gerne die nächst¬ liegenden Pflichten von sich abwälzt, indem er sich mit scheinbar Größerem, aber Fernerem und schon darum Leichterem entschuldigt. Die hohe Weisheit unserer Sprüchwörter, dieser naturwüchsigen Moral, kennt in kleineren Kreisen dieses oder doch ein verwand¬ tes Uebel wohl, wenn sie drastisch von manchen Menschen als Ge¬ sellschaftsengeln und Hausteufeln redet. Oder wie Viele rennen in allerlei frommen wie profanen Vereinen herum und vernach¬ lässigen über solchen vermeintlich „guten Werken“ die unschein¬ bareren, weil stillen Pflichten daheim, deren Erfüllung kein Extra¬ verdienst verleiht. Daß dieß eine Modekrankheit gerade unserer, zuweilen auch übermäßig auf Assoziation bedachten Zeit ist, können uns selbst Romane und Novellen als keineswegs gering¬ zuschätzende Zeitspiegel reichlich belehren. Insbesondere dürfte es mit dem leichten Katholisiren der weiblichen Natur zusammen¬ hängen, deren normale Tugend eine mehr pflanzenartige und still¬ verborgene ist, daß namentlich die modernen Emanzipationsgelüste — außer dem psychologisch motivirten Reiz der „Präsidentschaft“ in solchen Vereinen — sich durch solche keineswegs immer nur löbliche und ersprießliche Sachen eine gewisse künstliche Ueberver¬ dienstlichkeit beizulegen suchen. Vornehmlich die in jenen Kreisen viel traktirte „äußere Mission“ hat solange nur erst ein zweifel¬ haftes oder doch sehr beschränktes Recht, als die „innere“ noch nicht weiter gediehen ist. Ganz dem zur Seite zu stellen ist im Großen gar häufig der prätenziöse Kosmopolitismus. Mag der vorübergehende studenti¬ sche Frohsinn in heiterer Laune auch einmal singen: „Ueberall bin ich zu Hause, Ueberall bin ich bekannt; Wo mir's gut geht, ist mein Vaterland!“ — das spätere und ernste Leben stellt an¬ dere Forderungen. Besonders kann es das nicht für zulässig er¬ klären, wenn die Unbefriedigung mit dem Eigenen und Nahen, statt Hand zur allmähligen Besserung mitanzulegen, sich mit dem wohl¬ feilen Weltbürgertro st aus der Enge zieht und in diesen Flittermantel gehüllt die Stürme der Zeit an sich vorüberbrausen läßt. Es liegt ja auf platter Hand, wie eben unsre deutschen Geistesgrößen des vorigen Jahrhunderts in dieser Weise nur aus der Noth der Gegenwart eine Tugend machten und in der idealen Flucht zum Welt- oder Menschheitsganzen sich zu trösten suchten über die er¬ bärmliche Kleinlichkeit der reellen heimischen Zustände, die mit der Größe ihres eigenen Genius um so greller kontrastirte. Wir füh¬ len uns von Ferne nicht berufen, deßhalb einen Stein auf die sonst so hellglänzenden Namen des eigenen Volks zu werfen oder altklugen Sinnes jene gewaltigen Hero ë n zu tadeln, denen wir ja trotzdem so unendlich Vieles und Großes auf den mannigfachsten Gebieten zu danken haben, soweit es ein deutsches Volk gibt. Nur soviel dürfen wir immerhin aus jenem geschichtlichen Ver¬ ständniß lernend entnehmen, daß selbige Stimmung lange nicht die allein geisteswürdige, modernklassische und auch für uns noch muster¬ gültige sei, da sie ja nur als Ausfluß ungesunder Zustände und de߬ halb pessimistischer Verzweiflung an der Wirklichkeit sich erweist. Aehnlich, bloß mit viel schwächerer, wo nicht ganz mangeln¬ der äußerer Berechtigung erklärt sich die bekannte Erscheinung, daß die krankhaft unzufriedene, eudämonistisch-weichliche Modephi¬ losophie unserer Tage, welche sich an den Vorgang des Frankfurter Einsiedlers knüpft, mit besonderer Vorliebe aufs Weltganze reflek¬ tirt und dafür ihre kritisch-ätzende Schärfe so gerne auch gegen die nationalen Errungenschaften der Gegenwart richtet, um, Lust oder Schmerz als einzige Angelpunkte des Lebens anerkennend, in pein¬ lichem A bwägen herauszurechnen, ob Gewinn oder nicht vielmehr auch hier Verlust das Facit sei. Die üble Laune richtet sich ihrer psychologischen Natur nach immer zuerst und vornehmlich gegen das Nächste und Eigene (mit Ausnahme freilich des lieben Ich!); so bleibt als positiveres Moment nur eine verschwommene Sym¬ pathie mit dem Universum, oder verdüstert auch diese sich schlie߬ lich zu einem mitleidsvollen Weltschmerz über ein abstrakt all¬ gemeines » je ne sais quoi «. In gleicher Art ist es meist nur schwach verkappte Selbst¬ sucht, wenn der Kosmopolitismus als Haupthebel umtriebigen Parteiwesens von geistlicher oder weltlicher Art gebraucht wird, indem man die Mittel und Genossen zu diesem Einen ausschlie߬ lichen Zweck ohne alle andre Rücksicht sucht, wo man sie ir¬ gend in der Welt und dem Umkreis der Nationen findet. Sehen wir hier ab von dem eigenen inhaltlichen Werth solcher Tendenzen, die auf umfassende Propaganda auszugehen pflegen. Sie können ja möglicher Weise ganz recht und achtungswürdig sein, nur müs¬ sen sie es nicht; denn Quantität und Masse, Zahl und weite Ver¬ breitung imponirt uns schon nicht mehr, da wir wissen, wie auch des Unkrauts Brauch es ist, in zahllosen, überall sich einnistenden Exemplaren üppig zu wuchern. Nicht minder auf geistigem Gebiet waren die » testes veritis «, die Träger richtiger Einsicht von jeher in der Minderzahl und der Appell an das » suffrage universel « daher eine „Entwürdigung der Vernunft“, wie Leibniz seinen Gegnern aus dem Lager des englischen Empirismus treffend bemerkt. Wenn wir hier nur auf das Formelle eines solchen möglichst weit gedehnten Parteiwesens achten, so liegt offenbar die Ge¬ fahr bedenklich nahe, hiemit geradewegs in den Jesuitis mus hin¬ einzugerathen, welcher die Mittel unbesehen durch den Zweck hei¬ ligt. Wie Manches muß „um der guten Parteidisciplin willen“ in den Kauf genommen werden, wogegen sich die individuelle Ue¬ berzeugung sträubt, oder auch gegen wie Vieles muß man pflicht¬ schuldigst die Augen der Anerkennung verschließen, bloß weil es just nicht in die Parteischablone paßt, während es Einem priva¬ tim ganz zusagen würde. Je einseitiger aber der Parteizweck ist, um so weniger Spielraum bleibt für die Abweichung, um so här¬ ter wird erfahrungsmäßig die Tyrannei und das Joch für die persönliche Freiheit. Und noch mehr! Die Bornirung auf ein einziges Ziel mit rücksichtslosester Mißachtung aller anderen Inter¬ essen ist für die kosmopolitische Faction unerläßlich; denn wie fände sie bei reicherem Inhalt von mannigfaltigerer Art sonst ihre Gesinnungsgenossen in Nord und Süd, in Ost und West? Ueber¬ einstimmung der sonst Verschiedensten trifft sich nur in sehr we¬ nigen, dürr und abstrakt gehaltenen Punkten. Wie muß dann aber Dieß trotz scheinbarer Weltbürgerlichkeit Herz und Sinn aufs Engste zusammenziehen, wie muß die vielseitiger angelegte Men¬ schennatur auf so magerer Waide verkümmern, statt sich harmo¬ nisch durchgebildet zu entfalten! Die Ausdehnung geschieht auf Kosten des inneren Reichthums; die Partei wird zur Kaste, und in deren Mitte thront allemal je das liebe Ich, das für den Despotismus des Systems doch auch seine persönliche Entschädigung haben will. Es kann nicht anders sein, als daß Geschichts- und Lebens¬ betrachtung uns an dem vielgepriesenen Kosmopolitismus über¬ wiegend Hohlheit oder gar schnöde Unwahrheit aufweist. Denn wenn wir von der Sphäre der Erscheinung hinabsteigen zur ent¬ scheidenden Quelle, in die Tiefe der Menschenseele , so sehen wir bald, wie jene Einseitigkeit deren Naturgesetze schwer verletzt. Die Ueberbildung meint, es sei die Richtung aufs Ganze und die aufs Einzelne, der universale und der partikulare Trieb, um welche Zweiheit es sich hier handelt, nur anzusehen als zwei Stufen des Vollkommenen und Unvollkommenen, von denen das Letztere na¬ türlich zu weichen hätte, wenn das Erstere eintritt. Hierin aber liegt ein schwerer Irrthum, wie so oft, wo eine gewaltsam auf Auseinanderentwicklung bedachte Anschauungsweise verschiedene na¬ türliche Potenzen in solcher schulmäßigen Art rangiren will, um in der doch unendlich viel reicheren Natur Eine gerade Linie des dialektischen Fortschritts von Unten nach Oben herauszubekommen. So repräsentiren in Wahrheit auch hier jene Triebe zwei gleich¬ geordnete, wenigstens fortdauernd neben einander berechtigte Stre¬ bungen des Gemüths. Man könnte sie den centrifugalen und cen¬ tripetalen Zug nennen (nur freilich nicht im Sinn des gegenwär¬ tigen deutschen Reichstags!) und dürfte etwa mit einer geistvoll¬ kühn intuitiven Naturphilosophie daran erinnern, wie schon im vorbildenden niedersten Sein der Materie sich als Anziehung und Abstoßung die gleiche Doppelheit der natürlichen Kraftrichtung spüren lasse, in deren Gleichgewicht der Bestand der körperlichen Gebilde beruhe. In unserem Seelenleben jedenfalls kehren sie über¬ all wieder und sind mit ihrem gegenseitigen Verhältniß für so Vieles (z. B. für das spekulative Verständniß des Guten und Bö¬ sen) entscheidend. Nun versucht es eben der Kosmopolitismus, die Eine Seite abzutödten, als wäre sie ganz zu überwinden, weil sie immerhin untergeordnet sein soll. Ein solches Unterfangen aber kann als gewaltsame Meisterung und Korrektion der Natur selbst nur Ver¬ III . 36. 2 stümmelung, nur Pfuscherei ergeben. Wie bei der hierin verwand¬ ten Ascese einer überschwänglichen Geistigkeit und ihrem Streben, durch erbarmungsloses Ertödten der Sinne (als des vermeintlichen Sitzes und Quellpunkts für das Böse) Heiligkeit zu produziren und künstlich zu destilliren, wird das Ende vom Lied immer nur das alte längstbekannte sein, daß die Natur, gewaltsam ausgetrieben, bloß um so gewaltthätiger und krankhafter (Hallucinationen der „Heili¬ gen“!) zurückkehrt und sich für ihre versuchte Nichtanerkennung durch um so einseitigeres und despotischeres Auftreten rächt. — Warum sollte also nicht auch — da „Worte, Worte, Worte!“ nichts helfen — der herrliche Kosmopolitismus ganz überwiegend nach eben diesen Gesetzen den Rückschlag in schnöden Egoismus erleben? Wahr und ächt ist überall nur das Natürliche, zwar nicht schon das Rohe, wie es unmittelbar vorliegt, aber das durch den Geist treu Bewahrte und Verklärte. Für das Feld des mensch¬ lichen Zusammenlebens stellt sich nun die allein ersprießliche Kul¬ tur des Natürlichen dar als Sache betrachtet in der Form des Nationalstaats statt der Welt oder Menschheit in blauer All¬ gemeinheit; als Gesinnung dazu angesehen oder als Seele jenes Körpers ist es eben der Patriotismus an der Stelle des zer¬ fahrenen Weltbürgersinnes. Der angemessenste Ort oder Gegenstand des Patriotismus ist aus inneren Gründen der Nationalstaat. Staat für sich allein ist eine zu abstrakte und allgemeine Form, für die man sich doch nur künstlich erwärmen könnte. Dieß gilt jedenfalls von der über¬ wiegenden Mehrzahl der Bürger, deren Staatssinn sich bekannt¬ lich noch viel sinnlich-individueller als persönliche Anhänglichkeit an das Fürstenhaus zu schematisiren liebt. Nation für sich allein aber wäre zu stoffmäßig und zerflossen, daher wenig greifbar. Am naturgemäßesten gehören Beide zusammen, wie es in der Haupt¬ sache die Entwicklung selbst, ob auch zuweilen auf langen Irr- und Umwegen geordnet hat. Gegenüber dem seltsamen, erst aus späteren Kulturzeiten ent¬ lehnten Wahn des » bellum omnium contra omnes «, des wilden Kriegs als Urstands, hat die Natur schon durch die geschlechtliche Differenz die ursprünglichsten Einheitsbande zwischen den, hienach bereits nicht mehr atomistisch vereinzelten Individuen geknüpft. Die Familienkreise erweitern sich zum patriarchalischen Zusammen¬ leben, zur Horde; allmählig giebt man das nomadische „überall und nirgends“ auf und wird seßhaft. Hieran schließt sich wie dem Wort, so der Sache nach Sitte, Sittlichkeit und Gesetz (ἕζω, ἔϑος, ἦϑος — νέμω, νόμος; Gewohnheit u. s. w.); da¬ her feierte Hellas einst in den Thesmophorien die Götter, welche den Ackerbau gelehrt, zugleich als Gründer der Rechtsordnung. In solch stetigem Prozeß, der durch äußere Anstöße immerhin beschleunigt oder sonst modifizirt werden mag, wird das zuerst nur Instinktive und sich von selbst Machende, Gewohnheitsmäßige und Traditionelle in das Licht des klaren Bewußtseins und ver¬ nünftigen Wollens aufgenommen. Es erhält jetzt, zwar nicht erst sein Dasein in künstlicher Macherei, wie der seltsame Mangel an wirk¬ lich geschichtlichem Sinn im vorigen Jahrhundert so vielfach wähnte, wohl aber seine reinigende, Auswüchse beschneidende, Lücken ergän¬ zende Sanctionirung und greifbare Festsetzung als Niederschlag des praktischen Geistes in einem physisch und psychisch zusammengehöri¬ gen Menschenkomplex. Damit formt sich die Volksmasse zur ge¬ gliederten Nation, zum Staat. Nunmehr erhält der gemeinsame Boden eine höhere geweihte Bedeutung als Ort der gemeinsamen Geschichte und ihrer Denkmäler. Dieß ist das „ Vaterland “ — ein ander Ding in der That, als wie Fichte es früher so geringschätzig nur in den materiellen Massen von Erdschollen, Flüssen und Bergen sah! Für das sinnige, ge¬ 2* schichtspietätsvolle Auge schweben ja um jene Stätten die Geister der Vergangenheit und lassen uns das an sich Bedeutungslose in einem neuen Lichte erscheinen. Selbst die „zerfallenen Schlösser auf unsrem Kontinent, dem alten“ sind nicht bloß dekorativer Schmuck für das ästhetische Auge, wenn sie sich z. B. spiegeln in den grünen Fluthen unseres Rheins, sondern Malzeichen unserer wechselvollen Vergangenheit, mit welcher ihre stumme Sprache, aus der doch „klingt ein hoher Klang,“ uns sympathisch in Ver¬ bindung setzt und allerlei, über die Schranke der Jahrhunderte springende Gedanken wach ruft, in denen man sich so recht als Volksganzes zu fühlen lernt. — Dazu kommt das identischmitlebende, im Verfluß der Zeiten sich selbst weiter webende Geisterhand, die „ Muttersprache ,“ des Nationalgeists Grund-Symbol und Organ, darum die Hauptscheide der Völker, die einzig wirklich natürliche Grenze. Wohl giebt es durch den schwankenden Lauf der Geschichte auch künstliche Gebilde d. h. Staaten, die verschiedene Nationali¬ täten umfassen, oder Nationen, die sich nicht bloß fragmentarisch auf mehrere Staaten vertheilen. Aber auch in solchem Zusam¬ menleben muß sich durchaus eine Art von Nationalbewußtsein zwei¬ ten Grads bilden. Je kürzer oder dürftiger die verkittende Ge¬ schichte hier ist, desto energischer, ja beinahe ängstlich klammert man sich an das Wenige, was sie bietet, und wäre es selbst ein zweifelhafter Kern, vom Epheu reichster Mythologie umrankt, oder reichte, den fremden Ereignissen der Gegenwart lange nicht mehr ebenbürtig, in eine graue Vergangenheit naiv einfacher Verhält¬ nisse zurück. So lebhaft ist der Geschichtsdrang eines jeden ge¬ sellschaftlichen Organismus. Aber ohne mächtigen äußeren Zu¬ sammenhalt, sei es nun der gewölbbauartige Gegendruck der rings¬ umgebenden Nachbarn, oder die wesentliche Einheit stark ausge¬ bildeter materieller Interessen, ist hier doch die Gefahr innerer „Sonderbunds- und Secessionsgelüste“ mehr oder weniger immer vorhanden. Deßhalb bleibt trotzdem stets das Gesündeste, wo Staat und Nation sich im Wesentlichen decken. Das Gemeingefühl der Glieder in einem solchen Ganzen, der vom Gedanken stärker oder leichter verklärte natürliche und lebens¬ kräftige Instinkt der Zusammengehörigkeit, oder die Pietät gegen Vaterland und Muttersprache sammt Allem, was sie einschließend repräsentiren — das eben ist Patriotismus . Auch seine Wiege steht daher, wie die von allem Guten, im häuslichen Kreis der Familie, im Hort des elterlich-geschwisterlichen Zusammenlebens. Wie sich dieses einst sachlich zum Volksstaat erweiterte, so dehnt sich in mikrokosmischer Wiederholung bei gesunder Entwicklung die anhängliche Liebe, der treue Gehorsam vom häuslichen Heerde in immer weitere Kreise als ächter Bürgersinn aus, um an seinem Platz im Leben zu üben, was er in jener Pflanzschule gelernt hat. In der That, eine Gesinnung von hohem sittlichem Werth und Gehalt ! Stellen wir frischweg in erste Linie, daß sie eine ernste Pflicht ist. Denn wie gerne übersehen die Menschen aller Zeiten dieß Moment des Moralischen, weil sie nur ein Auge ha¬ ben für ihre trotzig reklamirten Rechte. Wie wenn Rechte in der Stellung des Endlichen zum Unendlichen oder sogar des Einzelnen zu einem größeren Ganzen überhaupt anders einen Sinn und selbst ein Recht hätten, denn als Basis oder Ermöglichung der Pflicht, dieses weit höher stehenden Faktors. Der schlaffe Eudämo¬ nismus, der wie ein nervenlähmender Föhn durch unsre Zeit geht, will freilich, und zwar nicht bloß als begehrlicher Sozialismus, da¬ von Nichts wissen; was Wunder, daß er sich überall als gekränkte und verkürzte Unschuld fühlt, daß er zum philosophischen und praktischen Pessimismus wird, der mit Gott und Welt hadert! Aber freilich, wie alles Sittliche läßt sich auch die patriotische Pflicht nicht beweisen, sondern nur darlegen und nachfühlen, schlie߬ lich aber Jedermann zumuthen. Dieß schon als schuldige Dankbar¬ keit für das reiche Erbe, welches Geschichte und Gesammtheit er¬ ziehend jedem Einzelnen als unverdiente Mitgift fürs Leben in den Schoos schütten. Erinnern wir in dieser Hinsicht nur an die Geistes¬ schatzkammer der Sprache, „die für uns dichtet und denkt,“ die dem Kinde in den paar ersten Lebensjahren schon wie eine gütige Fee eine Fülle gemünzter Weisheit in die Hand drückt, daß es sie als Mann verstehend genieße und mit dem Reichthum jenes „objek¬ tiven Geists“ den subjektiven nähre. — So gilt es, dankbaren Sinnes das hierin und sonst Empfangene nicht nur unverfälscht zu bewahren, sondern auch weiterbauend zu fördern und solidarisch Eins mit der Geschichte es der Nachwelt mit Zinsen zu überliefern. Es ist interessant, wie sich auch geschichtlich an diesem tiefsten moralischen Gedanken der Pflicht der deutsche Kosmopolitismus des vorigen Jahrhunderts zum Patriotismus aufgerafft hat. Wohl hat Schiller zuerst als frohgemuther Sänger weltbürgerliche Weitherzigkeit gepriesen oder abstraktstürmische Weltverbesserungs¬ ideen gepredigt. Aber er war doch eine tiefethische Dichternatur, nicht angelegt zu ästhetischweicher Beschaulichkeit; er ging na¬ mentlich durch die ernste Schule der Kantischen Philosophie und Sittenlehre; so sah er mehr und mehr trotz allen treubewahrten Idealismus das Leben mit anderen Augen an. Seine Weltge¬ stalten verdichten sich allmählig zu nationalen Gebilden, zu vater¬ ländischen Meisterstücken; denn „es wächst der Mensch mit seinem höhern Zweck.“ Und wie er an der Grenzscheide des Jahrhun¬ derts nur dunkle schwere Wetterwolken über Europa geballt sieht, da mahnt er dringend im Tell als seinem letzten Vermächtniß, ein Schirmdach vor dem Sturm zu suchen durch Anschluß ans Vaterland und dessen Wurzeln der Kraft. Auch Fichte , diese grundgediegene Eichennatur, Iäßt sich noch rechtzeitig aus den kosmopolitischen Schlummerträumen aufwecken durch den grellen „Tag von Jena“ und sich nicht, wie er zuerst leicht¬ hin gemeint, als sonnenverwandter Geist durch die „Sonne von Austerlitz“ geblendet anziehen. Für ihn lag allmählig nur noch der zu kräftiger Befehdung aufrufende Zauber der Antipathie in der dämonisch-großen Gestalt des kleinen Mannes, in welchem „der Zeitgeist selbst verkörpert zu Pferd zu sitzen schien“, wenn man ihn mit zwar genialen und für das Gewaltigsubstantielle begeister¬ ten, aber noch zu jungen und durchs ernste Leben noch nicht ge¬ feiten Augen ansah. Fichte dagegen, der Rousseau'sche Radikalist und Kosmopolit, wird dem zerstörenden Cäsar gegenüber zum feurigen „Redner an die deutsche Nation“, dem selbst Davousts Trommelwirbel durch Berlins Straßen die Mannesworte des be¬ ginnenden, vor dem Ausbruch dumpf grollenden nationalen Sturms nicht zu übertäuben vermochten. Ueberhaupt, die patriotisch-nationale Idee, in Deutschland wenigstens tief versunken und verborgen gewesen, sprang plötzlich wie Minerva aus dem Haupte Jupiters in voller Rüstung als das „Volk in Waffen“ von 1813 hervor, nachdem der Hephästus¬ hammer des Korsen die alten, mürbgewordenen Formen klirrend zerschlagen; die Noth der Zeit war es, was die weichmüthigen Alleweltsgefühlsseelen zu starken patriotischen Karakteren unter Männern und Frauen umschmiedete. Durch diesen gewaltigen äußeren Anstoß kam aber nur zum Durchbruch, was ohne allen künstlichen Zwang im Lauf und Ge¬ setz der vernünftigen Entwicklung selber lag. Das siebenzehnte Jahrhundert als Erbe des sechszehnten war durchtobt gewesen vom mannigfachsten Kampf wiederstreitender Parteien und Interessen auf weltlichem und geistlichem, auf materiellem und ideellem Ge¬ biet. Eine solche Zeit des » bellum omnium contra omnes «, wie ein wackerer Zeitgenosse sie schmerzlich empfindet, trägt nothwendig die Signatur des krassen Egoismus. Im achtzehnten Jahrhun¬ dert hatte man sich im Wesentlichen arrangirt und „vertragen“ gelernt; so konnte als Gegendruck jener gefühlssatte Kosmopoli¬ tismus die herrschende Stimmung werden, in welche auch die Deutschen, nur sie ohne wirklichen Grund, sich versenkten. Im neun¬ zehnten Jahrhundert endlich war es Zeit, die Vereinigung von Beiden, vorzunehmen. Eine Richtung durch die andere zu binden, im Nationalitätsgedanken und Patriotismus Einzelnes und Allge¬ meines zu verknüpfen. Daher eben die bewußt-ausdrückliche Macht, der staatenumbildende Einfluß, welchen diese Idee in unserem Zeit¬ alter gewonnen hat, nicht ein Fündlein einzelner kluger Köpfe oder ein Machwerk der schlauen Berechnung, sondern ein Kind der Geschichte selbst, an dessen Wiege „Poros und Penia“, wie Plato von der Geburt alles Großen sagt, die Roth der Zeit und das dadurch aufgebotene Pflichtgefühl standen. Wie aber das Gute beim Licht betrachtet sich doch immer selbst belohnt, so ist ein solcher pflichtmäßige Anschluß zunächst ans eigene Vaterland gleichzeitig die allerersprießlichste und fruchtbringendste Stellung. In naturgemäßer, also innerlich wahrer und auch auf die Dauer möglicher Weise erweitert sie die einzelne Seele des In¬ dividuums . Dasselbe lernt in Blick und Interesse über das Schneckenhaus egoistischer Selbstsucht, diesen tiefsten Kern alles Bösen, sich erheben. Es bereichert durch warme Sympathie mit einem noch menschlich-umspannbaren und verständnißnahen Ganzen sein eigenes geistiges Leben, statt in der dürren Oede des Isolir¬ standpunkts zu vertrocknen. In der Hingabe an seinen Staat und dessen Gesetze, die schließlich auch seines höheren Willens innerster Kern sind, erwirbt es in größerem Maßstab die edlen Tugenden der Hingebung und Treue, und wenn es sein muß auch die mensch¬ liche Kardinaltugend der Opferwilligkeit bis in den Tod. Der nationale Krieg — er ist von jeher ein Hauptscandalon des Elihu-Burrit'schen Kosmopolitismus, von dem man nicht recht weiß, ob er die Abneigung gegen jenen zur Wirkung oder Ursache habe. Gewiß, Schlachtfelder und ihre Trümmerstätten dürfen wir nicht mit abstrakt-idealen Augen betrachten; da kann das Urteil nur in Einem Sinn ausfallen. Wir müssen vielmehr Leben und Menschen nehmen, wie sie sind und allezeit bis zum Anbruch des „ewigen Friedens“ bleiben werden, keine Engel, sondern Menschen mit allerlei Leidenschaften, die in ihnen selbst wider einander streiten und dieß unvermeidlich zuweilen auch nach Außen spielen lassen. Aber von diesem festen Standort der Beurteilung aus hat doch das vielverrufene Wort des männlichen Hegel auch eine wahre Seite, wenn er meint, derartige Gewitter im Völker¬ leben wirken nicht bloß zerstörend, sondern auch luftreinigend und nervenstärkend; sie fegen aus mit der dumpfen Schwüle einer nur ins Materielle versunkenen Gesinnung; sie lassen jeden Einzelnen die Nichtigkeit und Vergänglichkeit der Güter erkennen, welche als endliche nicht das Recht auf unser ganzes Herz haben; sie reißen damit das Wurzelwerk aus, mit welchem er sich in ruhigen und gemächlichen Tagen seiner höheren Bestimmung zuwider an die Scholle partikularistischer Interessen verklammert. Und so könne oft ein Volk nur durch eine derartige Blut- und Feuertaufe vor dem geistigen Tod, diesem größten Schaden, errettet werden; denn „wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren“. Freilich, Derartiges hat nur Sinn für Einen, der zuvor über¬ haupt menschenwürdigen Sinn hat für den überwiegenden Werth des Idealen , wie es in jeder Lage und socialen Stellung seine Stätte haben kann und keineswegs bloß bei einer bevorzugten Spitze der Gesellschaft. Treffend schildert der spätere Fichte den ideelosen Gegensatz dieses persönlichen, sittlich erhebenden und stärkenden Patriotismus, wenn er die Staatsanschauung der kosmo¬ politischen Manchesterseelen also darstellt: „Dem ordinären natür¬ (165) lichen Menschen ist das rein empirische Leben die Hauptsache, letzter Zweck. Hierauf kommen die Mittel, es zu erhalten, es so angenehm und bequem als möglich zu machen, Hab und Gut, Gewerbfleiß und Handel. Diese Mittel des Lebens, Eigenthum genannt, wie sie auch zusammengebracht seien, gegen gewaltsamen Raub jeder Art zu schützen, dazu ist der Staat als bloßes Mittel da, somit schon Mittel zweiten Grades, Ihn halten sich die Eigen¬ thümer, wie der Herr sich einen Bedienten hält. Der Staat ist somit nur ein nothwendiges Uebel, das Geld kostet. Hiebei ist, diese Ideelosigkeit besonders zu karakterisiren, den Besitzenden durch¬ aus gleichgültig, wer sie schützt, wenn sie nur geschützt werden. Das einzige Augenmerk dabei ist: so wohlfeil als möglich! Der Krieg ist diesem Krämersinn nur ein Streit zwischen zwei Herrscher¬ familien über die Frage, welche von Beiden einen gewissen Distrikt vertheidigen solle. Sobald der Feind — nicht der des Besitzenden, sondern der seines vorigen Herrn — sich seines Landes bemächtigt und die Söldner des Andern vertrieben hat, ist Alles wieder in Ordnung und geht seinen alten Gang: die Habe ist gesichert, die Geschäfte gehen vor wie nach — Herz, was willst du mehr? — Der wahren Ansicht besteht das Höchste, nemlich Selbständigkeit und Freiheit einer Nation darin, ihre Geschichte, die sie vereint, organisch aus sich selber fortzuentwickeln zu einem Reich nach ihrer bestimmten volksthümlichen Idee oder Aufgabe. Darin durch fremde Gewalt gestört, eingeimpft einem fremden Leben, wäre ein Volk getödtet, vernichtet, ausgestrichen. Da ist aber ein eigent¬ licher Krieg, nicht der Herrscherfamilien, sondern des Volks; die allgemeine Freiheit und eines Jeden besondre ist bedroht; ohne sie kann er gar nicht leben wollen, ohne sich für einen Nichtswürdigen zu bekennen. Es ist darum Jedem für seine Per¬ son und ohne Stellvertretung aufgegeben der Kampf auf Leben und Tod!“ So sehr also Heer- und Kriegsdienst fürs Vaterland störend, unter Umständen zerstörend in das unmittelbar sinnliche Ergehen des Einzelnen eingreifen mögen, auch die kriegerische Begeisterung als „der zum Kampf aufgebotene Patriotismus“ gehört sittlich und geistig betrachtet unter jene hochwichtigen Momente, in denen der Dienst des größeren Ganzen die wahrhaft menschenwürdige Er¬ weiterung und Erhebung des Individuums wirkt, also trotz aller äußeren Einbuße doch wahren Gewinn bringt. Auch für das öffentliche Wirken in größerem Gebiet und Umfang, wer Neigung und Beruf dazu in sich fühlt, liegt in der eigenen Nation so recht der „archimedische Punkt“ (δός μοι ποῦ στῶ), von dem aus die Welt in engeren oder weiteren Kreisen bewegt werden mag. Wohl ist es ein bekanntes Wort, daß „der Prophet nichts gilt in seinem Vaterland“. Ob aber dieß nicht doch nur von der näheren Umgebung in Raum und Zeit wahr ist, welche aus allerlei Gründen über der augenfälligen Schaale eines Mannes den Kern leicht übersieht? Die rein empirische Betrachtung bleibt an der Erscheinung hängen: „Ist er nicht des Zimmermanns Sohn?“ fragt sie selbst bei den größten Baumeistern der Weltgeschichte. „Kennen wir nicht seine Brüder und Schwestern?“ Darin regt sich schon der Neid, der sich vor¬ nemlich aufs Nahe und äußerlich Gleichgeordnete wirft, während er bei dem Fernen oder Allzuhohen in seiner Vergleichung ver¬ stummt. Der athenische Ostrazismus ist darum ein tief-mensch¬ licher Karakterzug, der sich bis heutigen Tags noch nicht verloren hat, sondern hie und da in dem kleinlicht-neidischen Eliminiren und Hinausdrängen der Tüchtigsten aus dem engeren jeweiligen Kreis erweist. Aber eine mäßige Entfernung im Raum, ein nicht zu langer Verfluß der Zeit genügt, um dem besseren ideali¬ sirenden Zug der Menschennatur zum Sieg zu verhelfen, den ver¬ schönernden Duft des » olim meminisse juvabit « auf das zunächst nicht Anerkannte zu werfen und große Männer als Wohlthäter und Zierden ihrer Nation erscheinen zu lassen, nachdem sie durch ein kurzes Fegfeuer der Geschichte hindurchgegangen sind. In diesem weiteren Sinn oder bei solcher Geduld, die nicht vorzeitig Früchte sucht, bleibt es doch vom Wirken unter dem eigenen Volke wahr, daß Gleiches stets von wesentlich Gleich¬ genaturtem am besten erkannt und sympathisch-kongenial gewürdigt wird. Ein glänzendes Beispiel bietet hiefür Deutschlands be¬ gabtester Kopf, der universell gebildete Philosoph Leibniz . In trübster Zeit folgte er trotz glänzender Anerbietungen nicht dem Vorgang aller damals bedeutenderen deutschen Gelehrten, sich im Ausland die Stätte seiner Wirksamkeit zu wählen. Allseitig wie nur je Einer, selbst ein » miroir de l'univers « wie seine Monade, blieb er doch dem heimischen Boden treu, den gerade in schlimm¬ ster Zeit zu verlassen er für „Desertion und feige Fahnenflucht“ gehalten hätte, wie er sie keiner Potenz im wohlgeordneten All zugestand. Und diese Treue, so aussichtslos sie schien, war nicht verschwendet, keine verlorene Mühe, „denn ihre Werke folgen ihnen nach“. Sein Volk hat ihn verstanden und durch die That gewürdigt. Jenes der Monade gestellte Gesetz rastloser Aufklärung und nie ruhender geistiger Strebsamkeit zog immer weitere Kreise. Der Vater der deutschen Aufklärung, des geistvollen deutschen acht¬ zehnten Jahrhunderts darf seine unverdrossene, patriotisch-treue Aussaat nicht bereuen, so dornig und steinigt das Ackerfeld auch zunächst scheinen mochte! Selbst für die vielfach wünschenswerthe Wirksamkeit über die Grenze des eigenen Volks hinaus ist ein fester, karakter¬ voll selbstbewußter Standort eben in dessen Lebensboden das ge¬ radezu Erforderliche. Nicht dadurch imponirt man Anderen und veranlaßt sie zu beachtender Aufmerksamkeit; daß man sich ihnen als Bedientenseele an den Hals wegwirft und um den Preis ihrer nothdürftigen Anerkennung die Selbstachtung dahingiebt. Schon die Vorbedingung weiterer Notiznahme, das Kennenlernen der Sprache eines andern Volks wird erfahrungsmäßig nur kräfti¬ gen Nationen gegenüber erfüllt, die auf sich selbst und diese ihre Sprache etwas halten; denn Niemand will sich ja mit abgeschätzter Münze weiter befassen! Und warum berichtet die Geschichte nur von einer zeitweis (nicht nur in Deutschland) herrschenden Sucht, die Italiener, später aber so lange die Franzosen nachzuäffen, warum anders, als weil diese romanischen Völker in ihrem von den Römern ererbten starken Nationalbewußtsein nicht vergaßen, zunächst und vor Allem Italiener oder Franzosen zu sein, ehe sie sich mit Weiterem befaßten. Dieß thun sie bis heutigen Tags in ihrem Katholizismus, den nur die Deutschen so gutmüthig oder blind sind, ihrerseits kosmopolitisch zu betreiben, während der Italiener seit 300 Jahren in der ununterbrochenen Linie italieni¬ scher Päbste sich sonnt und das Ganze als ideell wie reell werth¬ vollen Nationalnimbus wenigstens im innersten Herzen hegt. Wem sollte es dort nicht schmeicheln, sich in dieser Art als das geborene „heilige Volk“, als das von Natur zur geistigen Herrschaft der nordischgermanischen Barbaren berufene auserwählte Rüstzeug Got¬ tes oder der Geschichte zu betrachten, um auf diese Weise das alte » imperio regere orbem « fortzusetzen! In welchem Sinn aber besonders die modernen Franzosen ultramontan sind, das ist sattsam aus der Tagesgeschichte bekannt, und es gehörte ein gut Theil rein alemannisches Blut dazu, um einen bekannten Bischof aus dem französisch-nationalen ins kosmopolitische Lager übertreten zu machen. — Zu solchen in sich starken oder wenigstens kräftig selbstbewußten Potenzen gravitiren andere, in sich haltlosere mit Nothwendigkeit hin. Wer also einen Weltberuf erfüllen zu müssen glaubt, dürfte zuerst sein eigen Haus wohl bestellen. Den kernhaften Blick auf dieß gerichtet, hat der wackere Dichter der „geharnischten Sonette“ ganz recht, wenn er den mit ihrem Stre¬ ben vorschnell in die Weltweite Schweifenden warnend zuruft: Möge Jeder still beglückt Seiner Freuden warten! Wenn die Rose selbst sich schmückt, Schmückt sie auch den Garten. So erweist sich schon hieraus, wie durch die im Patriotismus gegebene und von der Natur selbst als pflichtmäßig gebotene Be¬ schränkung des universalen Triebs dieser keineswegs nun, um¬ gekehrt als wie im Kosmopolitismus, ertödtet, sondern nur ge¬ ordnet und abgestuft ist. „Vom Nahen zum Fernen, vom Eigenen zum Fremden, nicht sprung-, sondern schrittweise zum Ganzen!“ Das ist jetzt die Losung, nicht nur eine längst in abstracto be¬ kannte pädagogische Regel der Schule Pestalozzi's, mit der man erst in neuerer Zeit wirklicheren Ernst, z. B. für den geschichtlichen und geographischen Unterricht macht, statt immer nur in nebel¬ grauer Ferne herumzuschweifen; nein, es ist auch eine wohlzu¬ beachtende Mahnung für das größere politisch-öffentliche Leben. Unter dieser Bedingung aber ergiebt sich gerade auch das moderne, geistigweitherzige Weltinteresse als durchaus berechtigt , ja sogar als eingeschlossen in der ächten Vaterlandsliebe . Es ist zweifellos, daß wir beim einzelnen Stamm beginnen müssen, wo sich anders eine Nation in solche gliedert. Auch der sogenannte Lokal- oder Stammespatriotismus ist an seinem Platz durchaus für normal und hochberechtigt zu erklären. „Ein schlechter Vogel, der sein eigen Nest beschmutzt“; wer im Kleinen nicht treu ist, wird es nimmermehr im Großen sein; wer seinen Stamm verachtet, angeblich weil er nur und allein Sinn für die ganze Nation habe, steht bei uns im dringenden Verdacht, denselben Feh¬ ler zu begehen, welchen in größerem Maßstab der Kosmopolitismus macht. Gewiß hat eine solche reichere Verästelung oder Artikulation für ein frischeres und inhaltsvolleres Gesammtleben hohen Werth, gleichwie die Pädagogik im Kleinen wohl weiß, wie mißlich es ist, Ein Kind allein aufzuziehen, wo ihm der gesunde Sporn des Wett¬ eifers, der Anregung und Abschleifung durch andere Naturen abgeht. Indeß liegt es doch auf der Hand, wie jene stärkere Gliede¬ rung nur in der organischen Zusammenfassung der Stämme heil¬ sam ist. Der einzelne Stamm als solcher ist ein viel zu beschränktes Gebiet, um nicht mit größter Entschiedenheit auf die ergänzenden Genossen neben ihm hinzuweisen; das einzelne Glied, wo es unter¬ bunden, wo ihm der frische Blutlauf seines Ganzen abgesperrt wird, muß nothwendig kranken, verkommen und absterben; das ist Naturgesetz und wird sich darum zweifellos auch im social¬ politischen Leben erweisen. Kann man doch dasselbe schon bei vielen Individualpersönlichkeiten bemerken, die ihr Stand oder Beruf vom sonstigen Bildungsleben isolirt. Wenn auch nicht ge¬ rade „unter Larven die einzige fühlende Brust“, haben sie doch oft Mühe, sich dem schädigenden Einfluß des allein Gebildetseins unter lauter Ungebildeten zu erwehren. Wie leicht setzt sich bei diesem Mangel an Gegendruck die Einbildung des allein Weise¬ seins, die rechthaberische, keinen Widerspruch mehr vertragende Eigenliebe und Eitelkeit fest. Unter solchen Umständen wäre das sogenannte „Verbauern“ noch das geringere Uebel, als diese Schä¬ digung, welche wir kurzweg als Bornirung bezeichnen müssen. — Ich weiß wohl, daß jeder Vergleich hinkt; aber doch mag jene Parallele ein Fingerzeig sein, um uns auch für das weitere Stam¬ mesleben die geistige (deßgleichen wirthschaftliche und kommerzielle) Gefahr allzu stark partikularistischer Abschließung ohne Gegendruck und Wetzstein durch Andere erkennen und meiden zu lehren. Ein solches größere Ganze ist nun die Nation , welche von der weisen Natur meist in umfassenderem Maßstab gruppirt er¬ scheint. Von der Natur selbst sage ich; denn die früher und neuerdings wieder beliebte Erklärung der Völkertypen und ihrer Unterschiede lediglich aus äußeren Zufälligkeiten der Nahrung oder doch nur aus äußeren Mitbedingungen klimatischer und überhaupt geographischer Art scheint eben doch mit Hartnäckigkeit die Ober¬ fläche für den Kern zu halten. Woher kommt es denn, daß Kin¬ der derselben Eltern, aufwachsend im gleichen Haus, unter der¬ selben Sonne, mit identischer materieller wie ideeller Nahrung dennoch sich körperlich und geistig zu scharf ausgeprägten Indi¬ viduen differenziren? Fast scheint es, als ob das Bildlungsgesetz der Natur ein ziemlich anderes wäre, als das der „naturwissen¬ schaftlichen Methode in der Geschichtsbetrachtung“. So müssen wir denn auch die Nationalitäten als derartige Individuen höheren Grads betrachten, welche je als „tellurische Kunstwerke“ (wie Schleiermacher sagt) aus der verborgenen Werk¬ statt hervorgehen, um sich ihre geographisch-geschichtlichen Verhält¬ nisse entweder zu suchen und zu machen, oder sich ihnen harmonisch anzuschmiegen, damit sie die ihnen gewordene eigenartige Geschichts¬ mission nach Kräften erfüllen. Aber eben als individuelle Aus¬ prägungen der allgemeinen Menschennatur deuten nun doch auch sie durch ihre natürlichen Schranken oder Mängel auf andere Volksindividualitäten zu ihrer nothwendigen Ergänzung hin. Ob¬ wohl der Abstand der einzelnen Stämme weit geringer ist, als der zwischen den verschiedenen Nationen, dürfen wir trotzdem hier nicht stehen bleiben, als wäre diese Kluft irgend eine absolute Scheidewand. Je besser es Einer mit seinem eigenen Volke meint, desto weniger wird er entweder in chauvinistischem Heißhunger nach Stoffüberfüllung mit fremdartigen Elementen trachten, die den eigenen Organismus nur schädigend beschweren, oder aber in bornirter Weise durch eine chinesische Mauer seine eigene Nation von Licht und Luft der Anderen abgesperrt sehen wollen. Auch im Kulturprozeß und unter den einzelnen, zu je einer Leistung berufenen Völkern herrscht Arbeitstheilung; diese fordert wiederum Assoziation oder die Anknüpfung internationaler Beziehungen. Allein die Signatur des Natürlichen ist das Maß; darum ergeben sich auch jetzt gewisse Normen und Stufen. Manche Züge des geistigen Wesens und dem entsprechend gewisse Gebiete des menschlichen Strebens tragen an sich selbst den Karakter einer überall so ziemlich identischen Allgemeinheit oder unterschiedslosen Gleichheit. Andere dagegen haben den Typus der individuellen Differenzirung; sie treten daher ordentlicher Weise nur in stark nationaler Schattirung auf. Als Beispiel für jenes mag vor Allem die kalttheoretische, leidenschaftslose Wissenschaft genannt werden. Bei ihr herrscht der Universalismus vor, der zwar die nationalen Grenzen nicht verletzt, aber auch nicht weiter zu beachten hat. Hier ist es ge¬ radezu lächerliche und ideelose Unwissenschaftlichkeit, wenn chauvi¬ nistische Empfindlichkeit dem freiesten Geistesverkehr Aller mit Allen gewaltsam Schlagbäume und Zollschranken zu setzen sucht oder die gewissermaßen unpersönliche, darum übernationale Wahr¬ heit deßwegen nicht annimmt, weil sie zufällig auf fremdem Boden gewachsen, d. h. nicht geworden, sondern erstmals ins klare Be¬ wußtsein des Menschengeistes getreten ist. Die Wissenschaft als solche ist ein Lebenszweig ganz für sich, man möchte sagen über Raum und Zeit von Natur schon erhaben. Dieß gilt im vollsten Sinn namentlich von den rein objektiven Disciplinen, die mit dem Gesammtnamen „Naturwissenschaft“ (sammt ihren technischen Ver¬ werthungen) bezeichnet werden mögen. Wenn nationale Differenzen dennoch hereinspielen (wie es ja bekannt ist, daß manche Philosophie auch die Wissenschaft für spezifische Sache des Volksgeists erklärt, indem es sich allerdings — als Einschränkung unserer Klassifikation bemerkt — in der Wirklichkeit nie um abstrakt-scharfe Grenzen, sondern nur um ein fließendes Mehr oder Weniger der Momentemischung handeln III. 36. 3 wird), so mag dieß einmal darin sich beweisen, daß hier mehr nationale Anlage für diesen, dort mehr für jenen Wissenszweig sich zeigt. Sodann wird allerdings die Volksthümlichkeit sich stär¬ ker in den sogenannten Geisteswissenschaften geltend machen, sofern bei ihnen mit Nothwendigkeit und Recht mehr subjektive Zuthat hereinkommt. Die Geschichte z. B. wird ohne alle stoffliche Fäl¬ schung oder Trübung im Spiegel des Einen Volksgeists sich etwas anders reflektiren, als in dem des andern. Aehnlich wird es sich mit den philosophischen Systemen verhalten, deren Anfangsvertreter in der Neuzeit, Bako und Kartesius, sogleich ächte Nationaltypen sind. Trotzdem bleibt auch hier das hohe Wort von Leibniz zu Recht bestehen, daß die Wahrheit » juris communis « sei wie Licht und Luft. Nur darf freilich bei aller Hingebung an die Forschung eine harmonisch ganze Menschennatur selbst in der Wissenschaft nicht total aufgehen; der Mensch, wie nicht minder der Staats¬ bürger will daneben seinen Platz! In eigenthümlicher, sozusagen gefährlicher Mitte zwischen dem identisch Allgemeinen und dem individuell Gefärbten also auch Nationalen steht die Religion . Dorthin stellt sie sich durch ihr schlechthin universales transcendentes Objekt oder Gott. Je reiner, d. h. absoluter und darum einheitlicher dieß gefaßt wird, desto größer pflegt die Expansionskraft einer Religionsform zu sein. Die Duldsamkeit der Heiden war darum doch nicht bloß Tugend, sondern zum guten Theil auch Schwäche oder polytheistische In¬ differenz. Ihnen konnte Verschiedenes gleich gelten, eben weil sie der Sache gleichgültiger gegenüberstanden. — Auf die Seite der Partikularität dagegen gehört die Religion, sofern und soweit sie menschliche Art der Auffassung oder endliche Form der Ausprägung jenes Gehalts ist, sei das nun Lehre oder Leben und Organisation. Wie schwer es hält, jene beiden Momente gleichmäßig zu würdigen, zeigt die Geschichte zumal der höchsten und darum in¬ tensivsten, im Guten wie im Bösen stärksten Religionsform. Legt man, durch den Werth der Sache veranlaßt, allen Nachdruck auf die erste Seite und setzt diese im sinnlichen Hang der Menschen¬ natur unmittelbar identisch mit der zweiten, so gibt dieß den bekannten fanatischen Eroberungsruf eines sozusagen kirchlichen Chauvinismus: „Gott will es!“, womit so vielfach nur der liebe Eigenwille sich verbrämt. Die eigene Ausprägungsform gilt um des (wenn es gut geht noch vorhandenen) Gehalts willen für die allein vollwichtige, für welche man rücksichtslos überall die An¬ erkennung fordert oder » in Dei gloriam « zu erzwingen sucht. Was wollen solchem, in der Idee erhabenen Streben gegenüber Kleinigkeiten wie Nationalgrenzen heißen, als ob sich nicht auch das Himmelszelt gleichmäßig über Alle spannte! Oder aber hält man sich wohl frei davon, das Sinnlich¬ sichtbare für die mehr oder weniger angemessene Gegenwart des Unsichtbaren zu halten; allein nun wendet man sich schwärmerisch idealen und übergeistigen Sinnes ganz von der irrationalen oder bösen Erscheinungswelt ab, um nur in jenen Höhen zu leben und zu weben. Auch für diesen Sinn hat die Erde als „Jammerthal“ wenig Bedeutung und Reiz mehr. Der Staat (und am Ende fast auch die zeitliche Kirche) ist ein nothwendiges Uebel lediglich um der Bösen willen; das Vaterland auf dieser Welt (und die ecclesia visi¬ bis ) ist eine wenigsagende Durchgangsstation zur wahren Heimath. Wenn dieser Vorwurf unerachtet materialer mustergültiger Loyali¬ tät (statt moderner „Loyolität“) bekanntlich schon die erste Christen¬ gemeinde traf, so dürfen wir nicht vergessen, wie das verwesende heidnische Alterthum ringsumher Vieles zu diesem platonisch-christ¬ lichen Idealismus, dieser ascetischen Weltflucht ( Phaedo !) beitrug. Anders könnte sich die Sache aber doch in der neuen christ¬ lichen Zeit stellen. Trotz all der bekannten unberechtigten wie be¬ rechtigten Vorwürfe sind die Staaten wenigstens sachlich und in ihren Einrichtungen tief vom Christenthum durchdrungen; der Titel „Welt“ trifft sie beim Licht betrachtet nicht viel mehr, als er auch 3* auf die verschiedenen Kirchen paßt, soweit sie eben gleichfalls zeit¬ lich-menschliche Darstellungsversuche einer Idee sind. In Anbe¬ tracht dessen ist es gewiß der Religion und Kirche wenigstens recht wohl möglich, die Klippe eines antinationalen oder doch staats¬ fremden Kosmopolitismus zu vermeiden. Gedenkend an das de¬ müthig-hohe Wort des Apostels Paulus: „Wir tragen einen himm¬ lischen Schatz in irdischen Gefässen“, wird der nüchtern besonnene Fromme bei aller Einsicht in die Nothwendigkeit der empirischen Formen (da Nichts in der Erscheinungswelt schaal- und formlos existirt) sich doch von deren Ueberschätzung frei halten und dadurch Herz und Blick offen bewahren auch für die Anerkennung anderer Organisationen weltlicher wie kirchlicher Art. In gefundem Idea¬ lismus wird er den Staat nicht bloß als Rechts- oder Polizei¬ anstalt, geschweige denn als Centralorgan für Gewerbe und Han¬ del, sondern vielmehr als gleichfalls göttlich verordneten Träger sittlicher Kulturideen betrachten, mit welchem er und die Kirche sich auf dem Mittelgebiet der Moral unlösbar berühren und ver¬ knüpfen. Der Gedanke, daß jedes Volk eine ihm eigenthümliche „Mission“ in der Geschichte habe, statt sich nur atomistisch verloren herumzutreiben, wird ihm Anlaß werden können, auch die Natio¬ nalitätsidee sub specie aeternitatis anzusehen, wie Spinoza redet, d. h. religiösethisch zu weihen und zu verklären. — Unter diesem Gesichtspunkt sind sogar Nationalkirchen als das naturgemäßeste und gesündeste Gebilde selbst innerhalb einer identischen Hauptre¬ ligion zu bezeichnen. Denn das, was eben die Kirche zur äußer¬ lich organisirten Kirche im Unterschied von der innerlichen Fröm¬ migkeit macht, ist durchaus von äußeren, also namentlich auch volks¬ thümlichen Momenten mitbestimmt und soll auf diese wieder zu¬ rückwirken. Wenn aber schon die Nationen profan betrachtet ein¬ ander als freundliche Ergänzung fordern, so noch vielmehr die Nationalkirchen, um damit ihrem einheitlich universalen Objekt gerecht zu werden. Gewiß, statt irrenden Sinnes die Brandfackel hochmüthiger Zwietracht zu schwingen, wäre es gerade für Kirche und Kirchen ein schöner Weltberuf, in solcher von Ueberstürzung freien Weise und ausgehend vom eigenen Heerde weiterhin die milde Flamme der Humanität stille zu hüten und zu nähren. Zu den Gebieten endlich, auf welchen sich das national Eigen¬ thümliche mit besonderem Nachdruck erweist oder doch zu erwei¬ sen hat, gehören Sprache und Kunst , Gesellschafts- und Staatsordnung . Hier kann es sich in der That nicht mehr, wie namentlich im Wissensprozeß, um ein mathematisch ergänzen¬ des Miteinanderstreben der Völker handeln, so daß die Leistung des Einen ohne alles Weitere zum andern übertragen und von diesem angenommen werden möchte. Hier ist eine abstrakte Ni¬ vellirung thöricht und werthlos; statt bloßen Imports handelt es sich vielmehr jetzt um erfrischende Anregung durch einander und um Assimilirung des Fremden ins eigene Fleisch und Blut. Wie doktrinär ist nicht z. B. die zuweilen sich regende Idee einer Alleweltssprache auf der Trümmerstätte der naturwüchsi¬ gen Volksmundarten (was freilich der Philosoph und Sprachfor¬ scher Leibniz bei seiner beabsichtigten »lingua characteristica ge¬ neralis« von Ferne nicht im Sinn hatte). Es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn man die geistige Dürre der Zeiten, welche das katholisch-todte Latein als vermeintlich allein hoffähige Sprache übten, wesentlich mit auf diese nationalphilologische Unnatur zu¬ rückführt; darum gehörte es mit zu dem frohen Erwachen der Neuzeit, wenn wir deren Bahnbrecher (z. B. Bako, Hobbes, Leib¬ niz, vor allem Luther) theoretisch und praktisch namentlich auch diesen Sprachzwang gesunden Sinnes brechen sehen. — Und so wird noch heutigen Tags der etwaige kleine Nachtheil leichter geisti¬ ger Abgrenzung durch jenen Unterschied jedenfalls für große Na¬ tionen weit überwogen durch die frische Anregung, welche das Lernen fremder Sprachen (zu fortanigem rezeptivem Gebrauch) gewährt. Wesentlich in dieser Bildungsschule lernt sich die geistes¬ freie Lösung des Gedankens von dem zunächst doch mehr zufälligen Laut und die klare Erwägung des Verhältnisses von Wort und Sache (vgl. den englischen Sprachnominalismus); hier vor Allem geht namentlich auch erst das rechte Verständniß, die würdigende Pietät für die eigene Sprache auf. Denn die grundverwerfliche, als papageimäßiges Gebahren einfach lächerlich zu nennende Sprach¬ mengerei, das Spicken des eigenen dürren Gedankens mit fetten fremden Brocken, das waarenmäßige Zurschaustellen aufgeschnapp¬ ter moderner Sprachkenntnisse ist ja immer nur ein Beweis höchst mittelmäßiger Bildung in diesem und anderen Punkten. Ein An¬ deres ist natürlich — dem früher Bemerkten zufolge — der ma߬ volle wissenschaftliche Gebrauch derartiger Kunstausdrücke beson¬ ders aus todten und darum neutralen Sprachen. Indem wir schon die Sprache gewiß mit vollem Recht als ein Kunstwerk betrachten, gilt das Gesagte auch für das weitere Gebiet des Aesthetischen . Wo es sich wesentlich um die äußere Darstellung von Gefühlen oder innersten Stimmungen handelt, wird es hochnöthig sein, daß jedes Volk aus seinem Eigenen her¬ aus arbeitet, sonst wird das Werk wohl meistens ein „gemachtes“, erkünstelt, aber nicht kunstvoll, sondern seelenlos, wie Pygmalions Bildsäule. — Hieher möchten wir auch die sogenannte Mode rech¬ nen, obwohl der Platz für sie beinahe zu ehrenvoll ist. Nachah¬ mung liegt ihr im Blut oder gehört zu ihrem Begriff; aber Alles hat, zumal in Kleidersachen, sein Maß! Eine Weltmode ohne Rücksicht auf klimatische, soziale und andre jeweils verschiedene Momente ist ebenso unästhetisch als unpraktisch. Das weibliche Geschlecht namentlich, das sich so gerne in Extremen bewegt, zeigt auch hier als Gegendruck gegen seinen sonstigen naturgemäßen Sinn fürs Partikulare wiederum einen entschieden falschen kosmo¬ politischen Hang. Doch das leitet uns, über die Gesellschaft, zur viel wichtigeren Staatsordnung . Aecht im Geist des ungeschichtlichweltbürger¬ lichen vorigen Jahrhunderts lag es, seine üppig wuchernden Staats¬ untersuchungen immer eigentlich nur über den „Staat im Allge¬ meinen“ anzustellen und Alles nach Einer Schablone zuzuschneiden. Als ob nicht gerade die Verfassung mehr als Andres Ausdruck des jeweiligen praktischen Volksgeistes wäre, in der Hauptsache im¬ mer so gut oder so schlecht, als die sonstige Bildungs- und Ent¬ wicklungsstufe eines Volks auf „dem Weg des Fortschritts im Be¬ wußtsein der Freiheit“. Das hat, trotz allen Streits innerlich ver¬ wandt mit der großen Philosophie ihrer Zeit, die „historische Rechts¬ schule“ zu Anfang unserer Aera richtig betont und damit Front gemacht gegen das schulmäßig-experimentirende Uebertragen frem¬ der Staatsordnungen, statt die Kleider auf den Leib anzumessen. Auf allen diesen Gebieten, wo der individuelle Volkskarakter das Vorrecht hat zum Ausdruck zu kommen, können wir also statt internationaler Nivellirung nur belehrende Anregung und hierauf Assimilirung zugestehen. Dann aber ist allerdings auch hier der geistesfreie Wechselverkehr der Nationen vom größten Werth, um die Vollgesundheit des Organismus „Menschheit“ darzustellen. Es sei nur daran erinnert, wie im vorigen Jahrhundert, gleich dem Königs¬ sohn im Märchen vom verzauberten Dornröschen, der Naturgenius des Engländers Shakspeare unsre deutsche Muse aus ihrem tiefen, todesähnlichen Schlaf erweckt hat. Nicht minder hat der durch polari¬ schen Gegensatz eigenthümlich verwandte Geist unserer angelsächsischen Vettern in David Hume den Philosophen Kant aus seinem „dogma¬ tischen Schlummer gerüttelt“ und zum größten Weltweisen der Neu¬ zeit, zum Anfänger einer glänzenden Reihe von Nachfolgern gemacht. Kehren wir zum Schluß noch einmal vom Allgemeinen zum Besonderen zurück und greifen mitten, hinein ins farbige Leben. Wir Deutschen galten lange Zeit förmlich als das zum Kosmopolitismus geradezu prädestinirte Volk, das zum Pa¬ triotismus weder die Fähigkeit noch eigentlich das geschichtliche Recht habe. Was jene Befähigung betrifft, so hätte freilich das Beispiel der anderen, zäh-national gesinnten Völker und Völkchen aus rein germanischem Blut die Voreiligkeit dieses Schlusses leh¬ ren und auf die fatale Geschichte als Hauptursache dieses unseres Wesens hinweisen können. Hinsichtlich des Rechts zum Patriotis¬ mus haben sogar Stimmen aus unserer eigenen Mitte in verzwei¬ felter Geschichtsphilosophie den kühnen Vergleich mit dem israë¬ litischen Volke gezogen, das seinen verwandten Hang zur Fremd¬ länderei (damals zugleich religiöse Abgötterei) schließlich mit der Zerstreuung unter alle Nationen büßte. Eine ähnliche Diaspora zur Belebung der Weltkultur, die Rolle eines Geistesguanos wollte man, in minder feinem landwirthschaftlichem Bilde, auch als unsre normale Mission bezeichnen. Vergesse man aber bei diesem flachen Vergleiche nicht, daß auch Israël, was es Großes geleistet, nicht als zerstreutes, sondern als zusammengehaltenes (im makkabäischen Heldenkampf beinahe kulminirendes) Volk für die Menschheitsge¬ schichte gethan hat. — Außerdem aber mußte doch wahrhaftig schon vor dem Jahre 1870 gegen solche jammerbare Selbstwegwerfung unserer Nationalität, gegen ein derartiges Molochsopfer an die Menschheit, energisch protestiren, wer irgend unter den Deutschen noch Aesthetik und Ehrgefühl besaß. Was am Ende, geographisch und geistig, an jener deutschen Universalität Wahres sein dürfte — dem Philosophen Fichte hat es seinerzeit die interessante Brücke bei dem Wechsel seiner An¬ schauungen gebildet — das mögen wir immerhin und gerne be¬ halten; jetzt, vom festen erkämpften Boden aus haben wir erst eigentlich ein Recht dazu. Denn in der That, um ein Wort des größten deutschen Mannes der Gegenwart leicht anzustreifen: der Kosmopolitismus ist zwar nicht gerade ein Luxus, aber doch nur ein hinzukommender Schmuck, den sich erst eine durch den Patriotismus ihrer Bürger starkgefugte und wohlbewehrte Nation erlauben darf. Druck von J. Dräger's Buchdruckerei (C. Feicht ) in Berlin.