Die Lebensfrage der Civilisation. ( Fortsetzung .) Oder: Ueber das Verderben auf den deutschen Universitaͤten . Dritter Beitrag zur Loͤsung der Aufgabe dieser Zeit . Von Dr. F. A. W. Diesterweg. „Die Licht- und Schattenseiten des Alten und des Neuen soll man erforschen, entwickeln, reformiren; aber weder rückwärts noch vor- wärts revolutioniren.“ v. Raumer , England im Jahre 1835. S. 168. Essen , bei G. D. Bädeker . 1836. Vorwort . D ie naͤchste Veranlassung zur Abfassung der vorlie- genden kleinen Schrift brachte „ Franz Theremin’s Wort uͤber die deutschen Universitaͤten“. So sehr ich den Vorschlag des Hrn. Verfassers billigen muß, so kann ich doch die fuͤr nothwendig erklaͤrte Verbesserung oder Umgestaltung der Universitaͤten von einem so verein- zelten, partiellen Mittel nicht erwarten. Wie kann eine einzige Maßregel so große Dinge thun? Die Maͤngel und Gebrechen auf den deutschen Universitaͤten sind dafuͤr viel zu zahlreich, zu umfassend. Man muß sie, sollen sie weichen, von vielen Seiten angreifen; sonst flickt man mit einem neuen Lappen ein Gewand, das sehr alt ist. Vor dreihundert Jahren hat man es angefertigt. Der Riß koͤnnte noch aͤrger werden. Die Zeit, in der wir leben, kommt mir wie eine ungeheure Zeit vor; ungeheuer wegen ihrer Wich- tigkeit fuͤr die naͤchsten Jahrhunderte, weil sie an dem 1* Fundament fuͤr dieselben arbeitet; ungeheuer wegen der Kraͤfte, die ihr zu Gebote stehen, wenn man sie fuͤr die Grundlegung und fuͤr die Anbahnung einer wirklich neuen Zeit zu benutzen verstehen moͤchte; un- geheuer wegen der Verantwortung, die diejenigen un- ter uns, deren Finger den langen Hebel der morali- schen und physischen Kraͤfte der Gegenwart lenkt, zu uͤbernehmen haben. Es kommt mir vor, als waͤre jeder Tag, jede Stunde von schwerem Gewicht. Die- ses Gefuͤhl beherrscht mich oft in solchem Grade, daß mir der Leichtsinn der Zeitgenossen wie eine ungeheure Ironie des Schicksals erscheint. Wir sollten, meine ich, Tag und Nacht darauf sinnen, wie wir die Auf- gabe der Zeit, ich meine jene Fundamentirung fuͤr Jahrhunderte, loͤsen koͤnnten; wir sollten nur den schweren Ernst auf der Stirne, die Gediegenheit auf der Zunge, die Gewissenhaftigkeit im Herzen haben und — der Leichtsinn ist den Zeitgenossen auf die Stirne geschrieben, ihre Zunge theilt nur Anekdoten und Witzworte mit, und ihr Herz haͤngt an den sinn- lichen Freuden der Welt, die voruͤberrauschen wie ein Gastmahl, eine Carnevalslust und ein Ballet, und nichts in dem Herzen zuruͤcklassen als eine schauerliche Oede, die man durch neue raffinirte Lust zu verscheu- chen sucht. Als haͤtte das Horn des Huͤon alle im Sinnenrausch mit sich fortgerissen, oder Mephistophe- les durch die sophistischen Lehren des praktischen Ma- terialismus und verfeinerten Epikuraͤismus alle ver- nuͤnftige Besinnung den Zeitgenossen geraubt, so ren- nen sie, die ich meine, in Leichtsinn, Besinnungslo- sigkeit und Hast den kommenden Zeiten entgegen, daß man fuͤrchten muß, die Besinnung wird erst kommen, daruͤber, was man haͤtte thun sollen, wenn es zu spaͤt ist. Dieses furchtbare Wort: „es ist zu spaͤt!“ wird es ertoͤnen? Gott wolle uns davor bewahren. Ungeachtet des Leichtsinnes der Zeit, dieser so weit verbreiteten Pest, waͤhnet man, ihm zu entgehen oder es auf ewig hinauszuschieben, gleich Carl X. , der am Whisttische saß, waͤhrend des Ablaufes der letzten 24 Stunden seiner Herrschaft. Als diese verflossen waren und er sich besinnen wollte, mußte er von seinen Un- tergebenen das gewichtige Wort hoͤren: „Sire, es ist zu spaͤt!“ Sire — es ist zu spaͤt ! kann eine groͤ- ßere Ironie des Schicksals gedacht werden? Moͤchte es fuͤr uns nie zu spaͤt werden! Darum thue man bei Zeiten, was die Zeit fordert, man bessere an sich, man gestalte um, was schlecht ist. Ich erinnere darum hier nochmals an zwei der — nach meinem Ermessen — dringendsten Zeitbeduͤrfnisse: Bildung corporativer Institutionen durch alle Staͤnde des Vol- kes hindurch, und geregelte, gesetzliche Sorge fuͤr die unteren Klassen, in physisch-oͤkonomischer, wie in moralisch-intellectueller Hinsicht. Das Erste habe ich in den beiden vorhergehenden Broschuͤren angedeutet , das Zweite darin als begruͤndet nachgewiesen. Das Dritte , das ich nun vorschlage, ist weniger wichtig, weniger weit greifend, aber wichtig genug. Es ist ein trauriges Geschaͤft, den Anklaͤger der Zeit zu machen. Wie viel gluͤcklicher sind diejenigen, welche aus Ueberzeugung die Zeit, in der sie le- ben, loben, die Personen, die als bewegende Factoren dastehen, als die Heroen der Zeit preisen koͤnnen! Der Beifall der Welt entgeht ihnen nicht, und die Guͤter derselben sammeln sich bei ihnen zu Hauf. Nach die- sem Gluͤcke kann ich nicht streben; meine Ueberzeugung laͤßt es nicht zu. Mir faͤrbt sich Vieles, was Andern schneeweiß leuchtet, grau in grau oder grau in schwarz. Das Alles zu nennen und zu bezeichnen, verbieten Umstaͤnde und Verhaͤltnisse. Aber was man sagt, es sei wahr, d. h. der subjectiven Ueberzeugung gemaͤß: fuͤr mehr kann der irrende Sterbliche nicht einstehen. Es ist ein reales Ungluͤck fuͤr jeden Menschen, wenn sein Interesse ihn auf Gegenstaͤnde hinlenkt, de- ren richtige Beurtheilung uͤber (unter) seinem Hori- zonte liegt. Denn Nicht-Wissen ist besser als Irr- thum, und Schweigen besser als Reden des Schiefen oder Falschen. Ob dieses Ungluͤck mir begegnet ist, es ist moͤglich. Ich wuͤrde es dem danken, der mich davon uͤberzeugte. Ich wuͤrde mein Nachdenken dann andern Gegenstaͤnden, in denen ich gluͤcklicher zu sein hoffen duͤrfte, zuwenden. Ich war einst auf Universitaͤten. Ich habe in den Vorlesungen nicht viel gelernt, nicht viel mehr mitgenommen, als ich mit hingebracht. Sie waren darnach. Monotoner Vortrag, mechanischer Pedantis- mus, geistloses Wesen! Aber ich liebe die Universitaͤ- ten, weil es deutsche Institute sind; unsere Hochschu- len, weil ich Erziehung und Bildung uͤber Alles schaͤtze. Aber die Liebe verbirgt mir ihre Fehler nicht. Ver- nuͤnftige Eltern sind nicht blind gegen die Fehler ihrer Kinder, vielmehr kennen sie dieselben am besten. Gleich ihnen will ich diese Fehler besehen, aufdecken, bespre- chen. Nicht aus Liebe zum Tadel, sondern aus Liebe zur Sache sage ich, daß die Universitaͤten mir nicht viel gebracht, weil sie darnach waren, meinend, daß sie An- dern, wenn man sie danach einrichtete, viel mehr lei- sten koͤnnten. Dazu will ich nach meinen Kraͤften und Einsichten beitragen. „Was geht es Dich an?“ moͤgen Einige wieder sprechen. Ich lasse mich nicht schrecken. Es geht mich an, weil es meine Seele beruͤhrt. Wenn es falsch ist, daß der Freund des Vaterlandes, der thaͤtige Genosse seiner Freuden und Leiden, von Allem, was das Vaterland betrifft, beruͤhrt werde; so weiß ich nicht mehr, was wahr ist. Auf diesem Stand- punkte kann ich nur wuͤnschen, daß Alle an Allem Theil nehmen moͤchten. Dann staͤnde es besser um die Gemeinschaft, als bei den herrschenden Maximen, un- ter deren Herrschaft sich der Einzelne nur bekuͤmmert um die Seinigen und um den Acker, der ihm zur Bearbeitung uͤbergeben ist, unbekuͤmmert um die Ge- meinschaft. Nach meinem Beduͤnken sind die Universitaͤten ver- altete Institute. Sie beduͤrfen einer Reform. Ich suche die Nothwendigkeit derselben nachzuweisen. Ich erhebe zum Theil eine Anklage gegen sie, in ernster, directer Rede. Waͤre auch der Humor mir eigen, ich wuͤrde seinen Gebrauch im vorliegenden Falle verschmaͤ- hen. Er paßt nicht zu einer so ernsten Sache. Ich will nicht unterhalten, nicht belustigen, strebe nicht nach der Eitelkeit, daß man sich einige Abende von den Histoͤrchen, die ich mittheile, unterhalte — ich will nuͤtzen. Ich wuͤnsche, daß man die inhaltschwere Sa- che, von der die Rede ist, wie eine centnerschwere Masse fuͤhle, wie einen Alp, der uns zu erdruͤcken droht, wie ein Gift, daß unser reinstes Herzblut, die Bluͤthe der Nation, vergiften kann. Die schwerste Anklage, die auf Sokrates ruhte, war: er verderbe die Jugend. Dieselbe Anklage erhebe ich gegen unsre Universitaͤten. Sie werden sich schwerlich so rein wa- schen koͤnnen, als jener es konnte. Ich habe Staatswissenschaften nicht studirt, mich auf Politik nicht gelegt. Darum traue ich mir kein sicheres Urtheil uͤber allgemeine Angelegenheiten zu. Es sind dieß sehr schwere Dinge. Aber ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß in ihnen Manches schlecht bestellt sein muͤsse, weil ein Institut wie die Universitaͤt, das von den oͤffentlichen Angelegenheiten bestimmt und geregelt wird, an so großen Gebrechen leidet. Ich meine, daß wenn jene Quelle reines Was- ser lieferte, sich hier nicht so viel Schlamm abgesetzt haben koͤnnte. Denn von den oͤffentlichen Angelegen- heiten gilt doch auch als Maßstab das Wort: „an ihren Werken sollt ihr sie erkennen!“ Darum und auch aus einigen andern Gruͤnden, deren Aufzaͤhlung nicht dieses Ortes ist, schließe ich, daß das Verderben eine groͤßere Sphaͤre habe, als die Universitaͤten. Dies sage ich offen, weil ich es denke. Wenn Jemand, so wuͤnschte ich , daß es anders sich verhalten, daß ich im Irrthum befangen sein moͤchte. Denn ich wuͤnsche das Bessere, und dieses Verlangen fuͤhrt mir die Fe- der. Es ist schmerzlich, Wunden beruͤhren, und sich der Gefahr preis geben zu muͤssen, sich, trotz des lau- teren Willens, Feinde zu erwecken. Aber die Ueber- zeugung ist maͤchtiger als alle diese Hindernisse. Es ist moͤglich, daß man mir, wenn ich von der Noth- wendigkeit der Umaͤnderung der Universitaͤten und des- sen, was seitwaͤrts und daruͤber hinaus liegt, rede, demagogische Absichten zutraut. Aber meine Rede ist ja der Censur unterworfen. Streiche sie, was ihr nicht gefaͤllt! Ich will nichts sagen, was Schaden stiften kann; ich will nuͤtzen. Und die Censur soll mir eine Buͤrgschaft fuͤr die Meinung sein, daß meine Worte nicht fuͤr eitel unnuͤtz und nichtig erklaͤrt werden. In dem Abschnitte, in welchem ich von den Uni- versitaͤtslehrern rede, sage ich: sie, die Professo- ren , d. h. ich rede so, als wenn ich alle meinte . Aber das ist nicht meine Meinung. Wie koͤnnte ich die trefflichen, hochstehenden, ver- ehrungswuͤrdigen Maͤnner mit Vorwuͤrfen belasten wol- len, die wir noch zu besitzen das Gluͤck haben? Ich beuge mich vor ihnen, ich verehre sie, ihr Streben und Wirken. Mit jenem „ sie “ meine ich nur die, die es trifft, diejenigen, die zu der Kategorie, die ich charakterisire, gehoͤren. Darum mißverstehe, verdrehe man meine Worte, meine Absicht nicht! Ob — wenn anders die Anklage, die ich erhebe, wahr ist, ganz, oder auch nur zum Theil — die Ur- sache dieser Verdorbenheit in ihrer letzten Ableitung den Lehrern selbst zugeschrieben werden muͤsse, oder ob sie Einfluͤssen unterliegen, die zu maͤchtig sind, als daß sie ihnen zu widerstehen vermoͤchten; ob das Uebel in den Universitaͤten selbst liegt, oder ob es ein tiefer lie- gendes, allgemeineres, in der sonderbaren Sprache der neuesten Schule ein geschichtlich nothwendiges ist, — dieses zu beurtheilen uͤberlasse ich dem Beobachter der Lebenserscheinungen, demjenigen, der es weiß, daß es keine isolirte Erscheinung im Leben eines Volkes giebt. Ich halte das Verderbliche auf den Universitaͤten fuͤr das Symptom eines viel allgemeineren Verderbens. In dieser Ansicht finde ich eine Entschuldigung der an- geklagten Anstalt, aber keine Rechtfertigung. Denn die Professoren sind die natuͤrlichen Vertreter der hohen Interessen, die ihrer Fuͤrsorge anvertraut sind. Von ihnen fordert man es mit Recht, auf die Abstellung der Maͤngel und Gebrechen zu dringen, die innerhalb und außerhalb ihrer Sphaͤre liegen. Vom Leben oder vom Zeitgeiste sind auch die Ge- lehrten zum Theil abhaͤngig. Was die Zeit nicht hat, kann man auch von ihnen nicht fordern. Aber mit Recht erwartet man, daß sie, bekannt und vertraut mit dem Besten aller Zeiten, und wegen ihrer Be- stimmung, das Musterguͤltige und Klassische festzuhal- ten und in die Gegenwart einzufuͤhren, am letzten den falschen Richtungen und Bestrebungen der Zeit huldi- gen, und durch Intelligenz und Beispiel einen Damm bilden gegen das Verderben in Wissenschaft und Kunst, Religion und Sitte. Das Amt eines akademischen Lehrers ist bis heute von der deutschen Nation fuͤr ein Ehrenamt gehalten worden. Darum erklaͤrt man es auch mit Recht fuͤr sie fuͤr eine Ehrensache, hinter den Anforderungen der Zeit nicht zuruͤckzubleiben und zu Reformen die Hand zu bieten, deren Erspießlichkeit und Nothwendigkeit nicht laͤnger wird geleugnet wer- den koͤnnen. Nun empfehle ich dem Leser noch vorurtheillose, unpartheiische Betrachtungsweise — sine ira et stu- dio! — — — „Thue nichts, als was du wuͤnschest, daß Andre dir wieder thun!“ Nach diesem Grundsatze handle ich, bei der Veroͤffentlichung dieses Aufsatzes. Spraͤche Einer so uͤber die Schullehrer-Seminarien, wie ich uͤber die Universitaͤten spreche, ich wuͤrde es ihm dan- ken, und wenn ich nur eine einzige Wahrheit, die mir unbekannt geblieben, darin entdeckte. Dieselbe Ge- sinnung wuͤnsche ich meinen Lesern. Amicus Plato etc. Uebrigens aber hoffe ich vertreten zu koͤnnen, was ich gesagt habe. Der Verfasser. I. Der an die deutschen Universitäten anzulegende Maßstab. V or allen Dingen wird anzugeben sein, welches die Vor- stellungen seien, nach denen wir das Wesen und den Werth unserer Hochschulen beurtheilen — welche Bedingungen wir fuͤr die gluͤckliche Wirksamkeit derselben voraussetzen — welche Anforderungen wir an sie machen — nach welchem Maß- stabe wir sie messen. Alles dieses koͤnnte zwar auch in die Beurtheilung selbst verwoben werden; aber es beseitigt, wenn es vorausgeschickt wird, allzu viele Wiederholungen, und es foͤrdert die Klarheit, wenn ich mich speciell daruͤber erklaͤre. Ich frage daher: Welche allgemeine Anforderungen muͤs- sen an die Anstalten gemacht werden, welche die Aufgabe ha- ben, die Maͤnner zu bilden, durch welche sich vorzugsweise der Geist einer Nation fortpflanzen soll, oder welche als die Lenker und Vertreter der Intelligenz und der Humanitaͤt an- zusehen sind? Der letzte Theil dieser Frage deutet schon auf die Ant- wort hin, die ich im Sinne habe. Denn auch hier geht es, wie wohl sonst: die Antwort war fruͤher da als die Frage, die nur zur Einkleidung dient. Ich verlange zweierlei von einer Hochschule: 1) aͤchte Wissenschaftlichkeit ; 2) paͤdagogische Bildung oder Erziehung . 1. Unsre Universitaͤten sind nicht Kunst-, sondern wissenschaft- liche Anstalten, und selbst wenn sie uͤber Kunst handeln, so verbreiten sie das Wissen uͤber die Kunst, die Theorie, nicht das Koͤnnen. Darum schließe ich die Kunst von ihrer prakti- schen Seite von den Zwecken einer Universitaͤt aus, und be- zeichne ihren ersten, wenn auch nicht hoͤchsten, Zweck durch das Wort: Wissenschaftlichkeit, hier einerlei mit Gruͤndlichkeit des Lehrens und Lernens. Der Zusatz „ aͤchte “, deutet so- wohl auf den Mißbrauch des Wortes Wissenschaftlich- keit , als auch auf die falsche Richtung, in welcher die Gruͤndlichkeit faͤlschlich gesucht worden ist und gesucht wird, hin. Ich muß mich daher naͤher uͤber diesen Gegenstand er- klaͤren. Zuerst sage ich in negativer Hinsicht: 1) Der wissenschaftliche Geist, das wahre Wissen, die Gruͤndlichkeit der Erforschung des Lehrens und Lernens ist nicht zu suchen in der Masse des Wissens, nicht in historischer Erschoͤpfung, nicht in so- genannter Gelehrsamkeit . Zur eigentlichen Gelehrsamkeit gehoͤrt nicht bloß die Wis- senschaft, sondern auch eine gruͤndliche Kenntniß der geschicht- lichen Entwicklung derselben; je genauer und tiefer, desto gelehrter. Je weniger einem Gelehrten irgend eine Notiz, ir- gend eine literarische Erscheinung der Geschichte seiner Wissen- schaft entgangen ist, desto mehr gebuͤhrt ihm in herkoͤmmlicher Bezeichnung der Name eines Gelehrten. Ein Solcher muß nach einem moͤglichst erschoͤpfenden Wissen streben, im guten Sinne des Wortes ein Viel-, wo moͤglich (auf seinem Ge- biete) ein Alleswisser sein. Den Zweck, solche Gelehrte zu bilden, haben die Univer- sitaͤten vorzugsweise nicht . Schon darum nicht, weil er sich nicht mit Sicherheit erreichen laͤßt. Zu einem Gelehr- ten wird man nicht gebildet, sondern man bildet sich selbst dazu. Die Bestimmung zum Gelehrten muß man sich selbst geben. Auch hat der Staat oder die Gesellschaft kein unmit- telbares Interesse daran, ob sich unter den Staatsangehoͤrigen viele große Gelehrte befinden. Als Solche gehoͤren sie auch nicht eigentlich dem Staate an, sondern der Menschheit. Eigentliche Gelehrte leben nicht dem Leben, sondern der Wis- senschaft, und sie bilden die europaͤische oder allgemein mensch- liche (cosmopolitische) Gelehrten-Republik. Ein Gelehrter ist kein Englaͤnder, Franzose, Deutscher, sondern ein Gelehrter, kein Staatsdiener, sondern ein Priester der Wissenschaft. Wohl macht es der Intelligenz eines auf Bildung Anspruch machen- den Staates Ehre, wenn er auch die Gelehrsamkeit, die Er- forschung der Wissenschaft foͤrdert und Opfer dafuͤr bringt; auch fungiren unsre heutigen (großen) Uuiversitaͤten fuͤr diesen Zweck; aber ihr Hauptzweck ist es nicht. Von 100 Studen- ten widmen sich in der Regel kaum 5, oft nicht Einer der eigentlichen Gelehrsamkeit. Aber alle sollen zu gruͤndlich wis- senschaftlicher Bildung gelangen. Wenn diese nun nicht in historischer Erschoͤpfung ihrer Wissenschaft, nicht in gelehrtem Kram oder Wuste, nicht in der Unendlichkeit des Wissens, dessen Unfruchtbarkeit fast zum Sprichworte geworden, besteht, so sage ich positiv: 2) Die aͤchte Wissenschaftlichkeit besteht in der (von den Akademikern) errungenen Selbstthaͤtigkeit des Denkens . Natuͤrlich ist sie ohne Wissen, ohne Gruͤndlichkeit des Wissens gar nicht moͤglich; aber dennoch thut es noth, daran zu erinnern, daß die Gruͤndlichkeit nicht objectiv in der histo- rischen Erschoͤpfung, sondern subjectiv in der Hoͤhe und Energie der entwickelten Denkkraft besteht. In dem Maße und Grade, als die Universitaͤten diesen Zweck erreichen, in demselben Grade erreichen sie ihre Bestimmung; und je nach- dem ein akademischer Lehrer dazu die akademische Jugend er- regt und veranlaßt, je nachdem erfuͤllt er die Zwecke seines hohen Berufes. Er soll nicht die Gelehrsamkeit verbreiten, sondern wissenschaftlichen Geist. Diese beiden Bedingungen, jene negative und diese posi- tive, muͤssen in ihrer Zusammengehoͤrigkeit betrachtet werden; sonst geraͤth man auf Irrwege. Ich sage daher: der akademische Lehrer braucht als solcher kein Forscher , aber er muß ein Lehrer sein. Vereinigt sich Beides in derselben Person, desto besser; aber es ist nicht noͤthig, so wie es auch sehr selten ist. In den meisten Faͤllen schließen beide Richtungen einander aus. Der gelehrte For- scher liebt die Einsamkeit des Denkens, die stille Betrachtung, indem er die Graͤnzen des menschlichen Erkennens zu erweitern strebt. Er hat es mit der Sache, nicht mit der Form, nicht mit der Art der Entwicklung des Geistes zu thun, er denkt nicht an die Methode. Der Lehrer dagegen richtet sein Hauptaugenmerk auf die Gesetze der Entfaltung des jugendlichen Geistes, auf die Art und Weise, wie derselbe erregt und gerichtet werden muß, damit er zur selbststaͤndigen, freien Entwickelung gelange. Er liebt daher das laute Denken, und er sucht die Gemeinschaft mit strebenden Juͤnglingen, die das Beduͤrfniß der Entwick- lung lebendig in sich empfinden. Die Umgebung, in welcher das Geschaͤft des Forschens allein gedeiht, ist die abgeschiedene Stille, ein einsames Landhaus oder eine Buͤcherburg; das Geschaͤft des Lehrens dagegen gedeiht nur in dem Lehr- und Hoͤrsaale bei der lauten, moͤglichst lebendigen Rede und Ge- genrede. Zur Erweiterung der Wissenschaften wird eine Samm- lung des Geistes und eine Muße erfordert, wie sie dem in lebendigem Verkehr mit heiteren Juͤnglingen stehenden Lehrer nicht zu Theil wird. Darum ziehen sich alle eigentlichen ge- lehrten Forscher gern vom Leben zuruͤck, und darum sind die tuͤchtigsten akademischen Lehrer selten oder nie in demselben Maße, als sie Lehrer sind, zugleich wissenschaftliche Forscher. Offenbar hat man diese meist entgegengesetzten Bestimmun- gen nicht immer gehoͤrig von einander geschieden. Man hat die Gelehrsamkeit mit der Lehrkunst verwechselt, und den Mann fuͤr den besten akademischen Lehrer gehalten, der der gelehrteste war. Ich wiederhole es, es giebt keinen guten Lehrer ohne gruͤndliches Wissen; aber dieses allein stempelt keinen zum Lehrer. In der Regel fuͤhrt es allein von der Lehrkunst ab. Denn sie ist ein Koͤnnen, zu dem sich der Ge- lehrte bei seiner ausschließlich theoretischen, unpraktischen und abstrakten Richtung nicht gern herablaͤßt. Die groͤßten Ge- lehrten sind darum meist unwillige, ungeschickte, ungewissen- hafte d. h. schlechte Lehrer, und die tuͤchtigsten Lehrer darum meist keine Forscher. Das Erforschen des Neuen erfordert Genie, das Lehren Talent. Der akademische Lehrer braucht daher kein Genie zu sein, aber er darf des (Lehr-) Talents nicht entbehren. 2 Zur Befestigung dieses hoͤchst wichtigen Unterschiedes hat, wenn ich nicht irre, Jemand den Vorschlag gethan, die Aka- demien von den Universitaͤten zu scheiden, jenen die eigentlichen gelehrten Forscher , diesen die eigentlichen Leh- rer der Wissenschaften zuzuweisen. Ein Vorschlag, welcher im hoͤchsten Grade der weiteren Ueberlegung wuͤrdig ist. Vie- len großen Uebeln der heutigen Universitaͤten wuͤrde dadurch vorgebeugt werden. Ich mache nur auf folgende aufmerksam: 1) Es wuͤrden nicht Maͤnner zum akademischen Lehramte berufen werden, die weder inneren Beruf, noch aͤußeres Talent zum Lehren be- sitzen . Welche Marter ist es fuͤr die Studenten, tagtaͤglich zu den Fuͤßen eines Mannes zu sitzen, der die Gabe des Lehrens nicht besitzt, selbst wenn er der ausgezeichneteste, beruͤhmteste Gelehrte sein sollte. Sie sitzen da mit lernbegierigen Ohren, sie schreiben die Worte nach, die sie hoͤren, aber sie verstehen den Mann nicht. Leider gilt dieß in Deutschland noch fuͤr den Beweis der Meisterschaft, fuͤr einen untruͤglichen Beweis der Gruͤndlichkeit und der Tiefe. Von Hegel hat man ge- sagt, daß ihn Einer verstanden habe. Doch wir wollen hof- fen, daß ihn in jedem Semester zehn verstanden haben. Aber stets hoͤrten ihn Hunderte! Was ist nun aus diesen gewor- den? Welchen Gewinn haben sie gezogen von den Stunden, die sie aufopferten, von der Geistesqual, die sie empfunden? Oder wird man etwa dadurch fuͤr die Wissenschaften, fuͤr die Wissenschaft der Wissenschaften, die Philosophie, oder fuͤr phi- losophische Behandlung gewonnen, wenn man nichts versteht? So viel ist gewiß, Hegel mag ein tiefer Forscher gewesen sein, er war einer der schlechtesten Lehrer, die es jemals gegeben hat. Jenes kann ich nicht beurtheilen, denn ich gehoͤre auch zu denen, die ihn nicht verstanden haben, und ich verstehe auch die nicht, die ihn verstanden zu haben behaupten; aber dieses weiß ich aus Erfahrung. Im Jahre 1825 hospitirte ich bei ihm einige Stunden. Er quaͤlte sich damit ab, den Unterschied des Discursiven und Intuitiven deutlich zu ma- chen. Aber von ihm konnte man diesen Unterschied, den man einem Secundaner leicht deutlich machen kann, nicht lernen. Wer ihn vorher nicht kannte, lernte ihn gewiß durch ihn nicht kennen. Hegel gehoͤrte daher in die Akademie, d. h. in die stille Kammer, nicht auf den Lehrstuhl. Denn die Deutlich- keit ist die erste Eigenschaft jedes Lehrers. Ohne sie giebt es keine Lehrergroͤße. Wer ein Lehrer Anderer sein will und fuͤr Andere berufen ist, hat sich zu diesen hinabzulassen und sie von ihrem Standpunkte aus zu seiner Hoͤhe hinaufzuziehen. Dieses ist seine Pflicht, und darin besteht sein Ruhm. Mag er sich fuͤr seine neuen Begriffe einen neuen Sprachgebrauch waͤhlen, er hat diesen an die Begriffe und den allgemeinen Sprachgebrauch, die er ohne Unbilligkeit bei den ihm uͤber- wiesenen Schuͤlern voraussetzen kann, anzuschließen. Kann er dieses nicht, so paßt er nicht zum Lehrer, und will er es nicht, so handelt er gewissenlos. Es giebt einen falschen und einen wahren Scharfsinn. Der wahre ist gerichtet auf die Erforschung des Wahren; dem falschen ist es nicht um die Wahrheit, sondern um die Aufspuͤ- rung bisher uͤbersehener Verhaͤltnisse und Beziehungen und um den Schein der Consequenz zu thun. Nicht das (scheinbar) scharfsinnigste System verdient den Vorzug, sondern das wahrste. Der Scharfsinn, geuͤbt und angewandt auf falsche Vordersaͤtze, und im Besitz blendender Consequenzmacherei ist fuͤr Juͤnglinge, die nicht pruͤfen koͤnnen, wahrhaft gefaͤhrlich. Dieser falsche Scharfsinn liebt das Gewand der Dunkelheit; 2* er huͤllt sich in Unverstaͤndlichkeit ein, dem Wahne huldigend, daß sie ein Merkmal der Tiefe der Forschung sei. Aber die wahre Tiefe ist klar und, weil sie klar ist, verstaͤndlich und dem aufmerksamen Bewußtsein Gebildeter zugaͤnglich. Die Unklarheit ist entweder ein Mangel tiefer Forschung, oder der Methode, oder der Verschrobenheit der Sprache, also jederzeit ein Fehler. Wohin ist nicht unsre Philosophie gerathen, die Philosophie, von der es bis zum heutigen Tage ungewiß ist, ob ein Mensch sie verstanden, ja die vielleicht der Erfinder selbst nicht ganz verstand! Gestand doch schon Fichte spaͤter in seiner Offenheit selbst, daß er manchen Satz seiner Wissen- schaftslehre nicht mehr verstehe, und der mit der Sprachwis- senschaft vertraute, wissenschaftliche Bernhardi, daß er, ungeachtet siebenmaligen Hoͤrens und Studirens der Fichte’ - schen Wissenschaftslehre, sie nicht verstanden habe. Und diese Philosophie, der sogar ein Schelling, der Schoͤpfer der Naturphilosophie, dem man das Praͤdicat der durchsichti- gen, lichten Verstaͤndlichkeit, wie Lessing und Kant sie be- saßen, nicht beilegen kann, den Vorwurf der Unverstaͤndlich- keit macht, traͤgt man unsern unphilosophischen Juͤnglingen vor! Wohin sind wir in dieser Beziehung gerathen, wohin werden wir noch gerathen, wenn es so fortgeht in die Unklar- heit, Unverstaͤndlichkeit, Mystik hinein! 2) Man wuͤrde es nicht erleben, daß akademi- sche Lehrer ungepruͤfte Neuerungen ihren Schuͤlern als ewige Wahrheit vorlegten . Es ist eine sehr merkwuͤrdige Erscheinung, daß man Dinge duldet, wie sie alle Tage auf unseren Universitaͤten passiren. Es sind Staatsanstalten unsre Universitaͤten, ihre Lehrer vom Staate berufen, reifenden Juͤnglingen die Wahrheit der Wissenschaft vorzutragen und ihren Geist durch die Erforschung dieser Wahrheit zu bilden. Was ist Wahrheit? fragen wir heute noch wie vor Jahrtausenden. Das ist ganz richtig. Aber daraus kann doch nur die hoͤchste Sophistik oder die stumpfeste Gleichguͤltigkeit gegen das durch Jahrhunderte hin- durch erbeutete Gemeingut der Wahrheit den Schluß ziehen, daß es recht und billig oder auch nur erlaubt oder wohl gar zweckmaͤßig sei, unsern akademischen Juͤnglingen, d. h. Leuten, denen man in der Regel die Gabe tieferer Pruͤfung nicht zu- trauen kann, funkelnagelneue Wahrheiten, wie sie vielleicht in der vorhergehenden Nacht in einem, wenn auch noch so begeisterten Hirne entsprungen sind, vorzutragen und vorzule- gen — als ewige Wahrheit. Unsre akademischen Juͤnglinge sind in den Wissenschaften Neulinge, die wenigsten sind zur freien Forschung befaͤhigt, ihre Lehrer, besonders die mit Ruhm umgebenen, gefeierten, sind fuͤr sie Autoritaͤten. Sie nehmen an, was man ihnen sagt, sie sprechen nach, was sie hoͤren, sie lernen, was man sie lehrt. Die natuͤrlichste Forderung waͤre daher doch wohl die, daß man sie zuerst mit dem bishe- rigen Ertrage der Wissenschaft, mit dem, was in ihr als all- gemein guͤltig angesehen wird, bekannt mache, nicht aber ihren Kopf mit Saͤtzen anfuͤlle, die vielleicht unmittelbar nachher als grundlos und falsch nachgewiesen werden. Wohl, auch von Jenem bleibt ihnen der formale Gewinn, wenn nur die Lehrmethode geistweckend gewesen; aber wie selten ist dieß! Und wenn es ist, ist es dann nicht viel besser, daß die bil- dende Methode sich mit festem, bleibenden Inhalt beschaͤftige? Nein, es ist ein unverzeihlicher, in der That fast unbegreifli- cher Mißgriff, daß man jungen Leuten von 18—20 Jahren Dinge vortraͤgt, welche noch gar keine Pruͤfung bestanden, oft nur in der Einbildung ihres Urhebers Grund haben, aber in dem Nebel der Einkleidung oder in der Unverstaͤndlichkeit der Darstellung den Schein der Wahrheit gewinnen. Das Neue gehoͤrt vor das Forum urtheilsfaͤhiger, ruhig erwaͤgender Maͤn- ner, nicht vor die Ohren unreifer Juͤnglinge, in die Akademie, nicht in den Hoͤrsaal der Studenten. Darum muß ich den Begriff der Lehrfreiheit in der Ausdehnung, die man ihm gegeben hat, bekaͤmpfen. Ver- steht man darunter die Freiheit, jedes Ergebniß wissenschaftli- cher Forschung vor das Publikum uͤberhaupt bringen zu duͤrfen, ich stimme bei. Denn den Geist soll man nicht ban- nen. Dasselbe gilt, wenn man verlangt, daß der akademische Lehrer nicht sclavisch an die bisherige Ausbeute fruͤherer For- schungen gebunden sei. Daß ein Solcher aber vor Juͤnglingen lehren duͤrfe, was er fuͤr wahr haͤlt, im Widerspruche mit Allem, was bisher fuͤr allgemein guͤltig angesehen wurde, das ist offenbar recht eigentlich ein Extrem. Nur bis dahin darf der Begriff der akademischen Lehrfreiheit ausgedehnt werden, daß der Lehrer, besonders der einer positiven Wissenschaft, die Einwendungen gegen dieselbe, die Andere zu machen haben oder er selbst, auch mittheile, mit den tieferen Gruͤnden pro und contra. Eine Verpflichtung auf symbolische Buͤcher kann kein die freie Entwickelung Liebender wollen; aber eine unbe- schraͤnkte Ausdehnung des vagen Begriffs der Lehrfreiheit kann auch eine Willkuͤr erzeugen, welche eine Erscheinung her- beifuͤhrt, von der wir heut zu Tage in der Philosophie nicht sehr fern sind, die, daß junge Philosophen wohl die aller- neueste Philosophie kennen oder zu kennen glauben, aber mit dem Inhalte des philosophischen Bewußtseins aus allen fruͤ- heren Jahrhunderten fast durchweg unbekannt sind. Zuerst muß man den Lernenden auf den Standpunkt zu stellen su- chen, auf dem man in Betreff einer Wissenschaft im Allge- meinen steht. Dann ist er fuͤr seine Zeit gebildet. Ist dann noch ein Ueberfluß von Zeit und Kraft vorhanden, dann strebe er weiter. Aber nur bei sehr Wenigen wird diese Be- dingung eintreten. Man wird gegen diesen Vorschlag den Einwand erheben, daß eben der Ertrag der bisherigen Erforschung der Wissen- schaften nicht fest stehe, und derselbe zu den bestrittenen Din- gen gehoͤre. Aber daruͤber ist eine Vereinigung im Allge- meinen moͤglich. Ich erinnere nur, um ein Beispiel aus dem schwankendsten Gebiete, der Philosophie, zu waͤhlen, an die platonisch-aristotelische Philosophie und ihre Fortbildung durch Kant. Diese ist zur Kenntniß jeder Philosophie unent- behrlich; sie muͤßte daher auch zuerst, als allgemeine Basis, dem Philosophie Studirenden zur Kenntniß gebracht werden. Endlich darf die Lehrfreiheit auch nicht bis dahin, wie es auf mancher Universitaͤt der Fall ist, ausgedehnt werden, daß die Herren Professoren lesen duͤrfen, woruͤber sie wollen, in dem ganzen Umfange ihrer Facultaͤt. Diese freie Wahl pflegt natuͤrlich nicht immer nach dem Beduͤrfniß der Schuͤler zu geschehen, sondern aus andern, oft sehr unreinen Beweg- gruͤnden. Dabei kommen denn die Studenten schlecht weg. Drei, vier, und mehr Docenten lesen uͤber denselben Gegen- stand, und andere, vielleicht an und fuͤr sich viel wichtigere Vorlesungen bleiben unangekuͤndigt, weil ein falscher Zeitge- schmack nicht eine Masse von Zuhoͤrern hineintreibt. So ist auf einer norddeutschen Universitaͤt die philosophische Moral fast ganz aus den Lectionscatalogen verschwunden, eins der wichtigsten, einflußreichsten Collegien, weil die Mystik in der Philosophie und in der Naturkunde die Moral mit dem Ver- stand und der ganzen Reflexion in (sicherlich voruͤbergehenden) Mißkredit gebracht hat. Darum darf man den Professoren allein es nicht uͤberlassen, was sie zu lesen Lust haben. Das ist nicht Freiheit, das ist Willkuͤr. Wahre Freiheit richtet sich nach hoͤheren Gesetzen. So ist demnach der falsch verstandene Begriff der Lehr- freiheit sowohl in Betreff des Gegenstandes als in Betreff des Inhaltes aus dem Gesichtspunkte der wahren Bildung der Schuͤler in angemessener Weise zu beschraͤnken. Der Lehrfreiheit steht die Lernfreiheit gegenuͤber, die Befugniß der Studenten, die Vorlesungen, die sie besuchen, die Lehrer, die sie hoͤren wollen, sich auszuwaͤhlen. Mit Grund laͤßt sich nach meinem Ermessen gegen diese Freiheit nichts sagen. Sind saͤmmtliche Lehrer tuͤchtige Maͤn- ner, nun so lasse man in der Auswahl das Gesetz der Sym- pathie walten. Es wird den Lehrer noͤthigen, sich um die Zuneigung der Herren Commilitonen zu bewerben und ein in mancher Beziehung heilsamer Wettstreit entstehen. Freilich hat es auch seine Bedenklichkeiten. Aber der Vortheil, daß der Student sich frei fuͤhlt und reine Zuneigung zu dem Leh- rer die Schritte leitet, erscheint als uͤberwiegend. Nur wird eine wohlwollende Staatsbehoͤrde oder jede Facultaͤt die Rei- henfolge der Vorlesungen fuͤr die 6 oder 8 auf einander fol- genden Semester, zwar nicht als eine unabaͤnderliche Norm, aber als wohlzuuͤberlegenden Rathschlag und Fuͤhrer oͤffentlich bekannt machen, damit der Juͤngling oder dessen Vater nicht in Gefahr gerathe, ganz zu irren. In gewissen Facultaͤten giebt es auch Collegia, die Jeder, der sich zum Staatsexamen meldet, gehoͤrt haben muß. Ein Zeugniß vom Professor ist daruͤber nachzuweisen. Dergleichen Bestimmungen koͤnnen sehr heilsam sein; nur muß man dann auch darauf halten, daß die vorgeschriebenen Collegien nicht bloß testirt, sondern auch wirklich besucht worden seien, d. h. nicht ein oder einige Mal, sondern anhaltend. Denn nichts ist schaͤdlicher, verderblicher fuͤr den Charakter in’s Leben tretender, ihrer Selbststaͤndigkeit sich bewußt werdender junger Maͤnner, als wenn sie erfahren und lernen, daß zwar Gesetze bestehen, dieselben aber nicht gehalten werden, weder von den Lehrern noch von den Schuͤ- lern. Diese Erfahrung und die Meisterschaft, die Einige oder Viele darin erlangen, wirkt auf die Gesinnung und den Cha- rakter junger Leute wie ein Gift. Die, welche dergleichen dulden, laden eine schwere Verantwortung auf sich. Sie un- tergraben das Fundament der Achtung gegen die gesetzgebenden Behoͤrden und den Staat. 2. Paͤdagogische Bildung oder Erziehung. Ich komme nun zum zweiten Requisit an eine Anstalt, welche die Bluͤthe der Nation zu erziehen die Aufgabe hat. Ich sage zu erziehen . Eine Universitaͤt ist eine paͤdago- gische Anstalt, und alle ihre Maßregeln muͤssen von dem paͤdagogischen, nicht von dem polizeilichen, juridischen, finan- ziellen oder anderm Standpunkte aus beurtheilt werden. Wir verlangen daher von der Hochschule nicht bloß Entwickelung der Intelligenz in den ihr Uebergebenen, Wissenschaftlichkeit und Ausbildung der Selbstthaͤtigkeit im Denken, sondern in hoͤherem und umfassenderem Sinne Vollendung der Erziehung der zu Maͤnnern heranreifenden Juͤnglinge. Diese Anforde- rung wird Jedermann gerecht und nothwendig finden. Sie ist die hoͤchste, umfassendste, und die Foͤrderung der Wissenschaft- lichkeit ist nur ein Zweig derselben, nur in dem Maße schaͤtz- bar, als sie die allgemeine Aufgabe der Hochschule, Vollen- dung der Erziehung der kuͤnftigen ersten Maͤnner des Staats, einleitet und beguͤnstigt. Welche Anforderungen sind in dieser Beziehung an eine Hochschule zu machen? Wir nennen die wesentlichsten Stuͤcke. 1) Zuerst negativ: Wegraͤumung aller die Sitt- lichkeit junger Maͤnner gefaͤhrdenden Dinge, Personen, Einrichtungen, Sitten u. s. w. Im guten Verlauf der fruͤheren Erziehung, der hier vor- ausgesetzt werden muß, ist der zur Universitaͤt abgehende Juͤng- ling von seinen Eltern und auf dem Gymnasien behuͤtet und bewacht worden. Als ein reiner Juͤngling wird er von allen Seiten mit Segenswuͤnschen entlassen. Hoch schlaͤgt beim Ab- schiede dem Vater, der Mutter das Herz und Thraͤnen fuͤllen das Auge. Wird der behuͤtete, reine, edle Mensch aus dem versuchungsvollen Leben eben so rein und lauter zuruͤckkommen? Oder — oder? Gewiß, es ist erklaͤrlich, treue Eltern entlas- sen mit Zittern und Zagen den Liebling des Herzens. Acht- zehn und mehr Jahre der treuen Sorgfalt und unendlicher Muͤhen, die schoͤne Aussicht fuͤr den Mittag oder Abend ihres Lebens — vielleicht sehen sie Alles versinken, und was bis dahin ihnen roth und gruͤn erschien, verwandelt sich in Nacht und Graus. Schwarz steht die Moͤglichkeit vor den Augen der Eltern: unser Sohn kann ein Wuͤstling werden. Die Leidenschaften werden ihn ergreifen, boͤses Beispiel ihn ver- locken, die grassirenden Vorurtheile von Ehre sich seiner be- meistern, sein Koͤrper wird durch wildes Leben verwuͤstet, seine Seele vergiftet werden. Es ist entsetzlich, aber es ist wahr! Denken wir uns nur den kraftvollen Juͤngling! Mark und Saft in den Knochen, Lebhaftigkeit der Phantasie, gluͤ- hend erwachende, fruͤher ungekannte Triebe, aufstrebender Sinn, der Besitz aͤußerer Mittel aller Art, die goldene Frei- heit, und diesen gegenuͤber — lustige Kameraden, bemooste Bursche, heiteres Wirthshausleben und Kneipen, Duellwuth und liederliche Dirnen — nein, wenn diese Verhaͤltnisse die Aufmerksamkeit der Staatsbehoͤrden nicht schaͤrfen, sie nicht bis zur Gewissenhaftigkeit und Wachsamkeit steigern, es waͤre nicht zu verantworten. Nur die Gleichguͤltigkeit gegen alles Reine und Edle kann hier von den strengsten Forderungen ab- gehen. Der ungepruͤfte Juͤngling kommt an den Scheideweg, er muß ihn betreten und sich entscheiden, sonst wird er kein Mann; aber die Versuchungen des Lebens steigern durch ver- suchende Haͤuser und Menschen, durch mittelalterliche Vorur- theile von Ehre und Tuͤchtigkeit, durch eine Freiheit, wie sie kein Mann genießet — das ist vor Gott und Menschen nicht zu verantworten. Der Staat richtet die Universitaͤten ein, und es giebt keinen andern Weg, sich zum hoͤheren geistigen Leben emporzuschwingen — dieß legt ihm die große Pflicht auf, dafuͤr zu sorgen, daß als Regel angenommen werden muß: der seiner Anstalt vertrauensvoll uͤbergebene Juͤngling werde nicht an Leib und Seele verdorben, sondern veredelt zuruͤckkehren. Darum ist die strenge Forderung, daß verlok- kende und verfuͤhrerische Dinge auf der Universitaͤt nicht ge- duldet werden, das Minimum, was im Namen der Mensch- heit gefordert werden muß. Dieses ist schon sehr viel, aber es reicht nicht hin. Denn auf dem Acker waͤchst noch kein Weizen, wenn man nichts weiter thut, als daß man ihn von boͤsem Unkraut reinigt und Suͤmpfe und Kloaken entfernt. Positive Einrichtungen muͤssen hinzukommen. Nicht von selbst macht sich eine tuͤchtige Er- ziehung. Es gehoͤren Potenzen dazu, machtvoll erregende, energisch ergreifende. Welches sind sie? Fuͤrchte man nicht, wir werden die Strenge der Schul- disciplin fordern. Nur in der Freiheit reift man zur Freiheit. Und es ist besser, daß Einer zu Grund gehe, als daß alle unter kleinlicher Bewachung klein bleiben. Aber man unter- scheide auch zwischen vernuͤnftiger Freiheit, die man leiden- schaftlichen Juͤnglingen gestattet, und Libertinage. Darum positive Hebel und Kraͤfte. Von ihnen nennen wir zuerst: 2) Entwicklung der Selbstthaͤtigkeit des Den- kens . Oben ist diese schon namhaft gemacht worden; hier muß sie wieder auftreten, weil der Wille, der Charakter durch das Denken bemeistert und geleitet werden soll bei intelligenten Wesen. Weg darum mit aller Passivitaͤt im Lernen und Den- ken, mit blind todtem Annehmen gegebener Stoffe des Wissens! Nicht das Wissen kraͤftigt, sondern das Verstehen; nicht die Aufsammlung im Gedaͤchtniß, sondern das Verarbeiten mit dem Verstande; nicht das Aufspeichern der Massen, sondern das Assimiliren; nicht das Betrachten, sondern das Suchen; nicht das Glauben, sondern das Pruͤfen; nicht das Lernen, sondern das Ueben; nicht das Fertige, sondern das Zuberei- ten; nicht das Vorkauen, sondern das Zergliedern; nicht das Nehmen, sondern das Machen. Die darin liegende Wahrheit ist laͤngst von den Elementarlehrern eingesehen und angenom- men worden; sie muß nun auch mit Strenge und Unbedingt- heit unsern Hochschullehrern gepredigt werden. Veraͤchtlich blicken sie meist auf das Wissen und die Kuͤnste der Schul- meister hinab; aber, beim Jupiter, sehr viele koͤnnen von die- sen verachteten, oft hungernden Schulmeistern Etwas lernen, die große Wahrheit: daß es bei der Geistes- und Charakter- bildung weit mehr ankommt auf das Wie als das Was, weit mehr auf die Form als den Inhalt, Alles auf die Me- thode . Darum verlangen wir eine geistweckende, geistbildende Lehrmethode. 3) Die zweite Forderung in dem Gebiete der positiven Veranstaltungen der akademischen Jugend verlangt als hoͤchsten Inhalt der Vortraͤge belebende Ideen — Hochbilder, Hochgedanken, Ideale. Mit der Gruͤndlichkeit des Unterrichts, mit einer geist- staͤhlenden Methode ist es nicht genug. Die Form muß er- fuͤllt werden von dem rechten Gehalt. Der reifende Juͤngling strebt nach dem Realen, das sich in seiner Phantasie zum Idealen, Hoͤchsten, Vollendetesten verklaͤrt. Das eigentliche, innere Gluͤck dieser Zeit besteht in dem Ergriffensein von Ideen, darin, daß dem Juͤngling die hoͤchsten Gedanken in ihrer Er- habenheit erscheinen, und daß er so von ihnen gefaßt wird, daß er nicht nur auf Augenblicke, sondern fuͤr immer von dem großen Entschlusse, der Verwirklichung derselben sein Le- ben zu widmen, sich beseelt und begeistert fuͤhlt. Wohl, das Leben streift von diesen Hochgedanken und Hochgefuͤhlen Man- ches ab; aber in dem wahrhaft durch das akademische Leben Verklaͤrten halten sie das Leben hindurch vor, nimmer ver- schwindend. Die Hochschule hat die Bestimmung, diese Hoch- gedanken, dieses hoͤhere Leben in ihren Zoͤglingen zu begruͤn- den, den Geist der Juͤnglinge fuͤr die Ideale reif zu machen. Die wichtigsten sind: wissenschaftliche Ausbildung, Foͤrderung geistiger Interessen der Nation, die erhabenen Gedanken der Tugend- und Pflicht- uͤbung in geistigem Berufsleben, Entwicklung der Nationalitaͤt in Aufopferungsfaͤhigkeit, Ehre und Freiheit . Dem aͤchten Juͤngling brauchen diese Worte nur um’s Ohr zu klingen, und seine Brust fuͤhlt sich gehoben und seine Pulse schlagen rascher. Wehr dem tageloͤhnernden Heftschreiber, der nur lernt, um sein jaͤmmerliches Leben zu fristen, und durch das Amt eine versorgende Milchkuh sich zu verschaffen. Unwerth, aus der Quelle der Wissenschaften zu trinken, schoͤpft er aus abgeleiteten Brunnen, und anstatt frei zu werden durch die Forschung nach Wahrheit, schleppt er die Ketten des Geistes muͤhsam durch das Leben. Sehet, werthe Leser, das ist das Ziel, der Preis und der Ruhm einer Hochschule und ihrer Lehrer, wenn sie es ver- stehen, in den Juͤnglingen die Funken des Geistes zu wecken, in ihnen eine Reihe von Alles belebenden und begeisternden Ideen aufsteigen zu lassen und sie fuͤr Alles, was die Vor- und Mitwelt Großes hervorgebracht hat in Religion, Wissen- schaft und Leben, fuͤr alle kuͤnftigen Tage des Wirkens nach- haltigst zu begeistern. Ein Lehrer, der Solches versteht, nicht weil er sich in kuͤnstliche, ekstatische Begeisterung auf Augen- blicke zu versetzen weiß, sondern weil er selbst in Ideen lebt, und Alles, was er sagt oder verschweigt, die Juͤnglinge mit belebendem Hauche anweht, ein Solcher ist wahrhaft ein Leh- rer der hohen Schule. Jeder Andere aber ist ein banausischer Sacktraͤger, unwuͤrdig der hohen Wuͤrde, ein Priester der Ideen zu sein. 4) Aber der Mensch ist nicht bloß Geist, er ist auch Leib, und als Sinnenwesen ist seine Entwickelung und seine Wirksamkeit an irdische Bedingungen geknuͤpft. Wir verlangen darum von der Hochschule nicht bloß Pflege des Geistes, sondern auch Pflege des Leibes, nicht bloß Erhaltung der Gesundheit, sondern Entwick- lung und Ausbildung des Leibes zum freien Dienst fuͤr den Geist . Scheuen wir uns nicht, mißdeutete Woͤrter zu gebrau- chen, deren Bedeutung aber einen guten Klang hat, wir mei- nen Gymnastik und Turnkunst . Nicht bloß in die Reitbahn, sondern auch auf die Renn- bahn gehoͤrt der Juͤngling. Seinen Leib soll er nach altgrie- chischem Ideale tuͤchtig machen in allerhand Kuͤnsten und Uebungen. Es ist nicht genug, daß er fechten, hauen oder stechen lerne, oft nur um eitler Ehre willen, sondern er soll seinen Leib uͤberhaupt gewandt und stark machen. Auch der einjaͤhrige Kriegsdienst bringt nicht, was wir verlangen: freie gesellig-gymnastische Uebungen und Spiele. Wie, Ihr glaubt, das sei gesunde, allseitige Bildung, wenn Ihr den Juͤngling taͤglich vier, sechs, acht Stunden auf die Bank in dem Hoͤrsaale fesselt, wenn er keine andre Waffe ergreift als die Feder, und seine Kraft nur uͤbt in dem Tra- gen der Mappe? Unselig sind die Folgen koͤrperlicher Verwahrlosung in den Jahren, in welchen der Leib seiner Vollendung entgegen reift, strotzend von gaͤhrenden Saͤften. Einen Ausweg, eine An- wendung verlangen, suchen und finden sie. Sollen sie sich auf’s Gehirn, in den Unterleib werfen, dort Ueberreizung und Nervenschwaͤche, hier Entmannung bewirken? Tretet Ihr nicht mit Euch selbst in Widerspruch, wenn Ihr in den Bil- dungsanstalten der Jugend fuͤr die Entwickelung der Leiber in keiner Art Sorge traget? Denn wir sagen es Euch, eine Hochschule, die nicht fuͤr die Koͤrperbildung vollkommene Ver- anstaltungen trifft, leidet und siecht an einem unverzeihlichen Mangel. Nicht um ihrer selbst willen verlangen wir Gym- nastik, Turnkunst und heitere maͤnnliche Spiele, sondern um der Allseitigkeit der Bildung willen. Wahre Geistesbildung, d. h. Mannhaftigkeit der Gesinnung und des Charakters ge- deiht und reift nur in gekraͤftigten Leibern. 5) Wir verlangen ferner Anstalten zur gesell- schaftlichen Entwicklung und Bildung unse- rer Juͤnglinge . Ueberall, wo junge Leute auf sich selbst beschraͤnkt sind, nur mit einander umgehen, reißt ein Geist der Rohheit ein, rohe Sitten, Verachtung aͤußerlicher, feiner Sitte und Erschei- nung. Solches kann man sogar in den Schullehrer- und Priester-Seminarien lernen. Natuͤrlich. Der junge, kraͤftige, frei sich fuͤhlende Mensch durchschaut bald die Leere aͤußerer Ceremonien und gesellschaftlicher Uebertreibungen. Indem sein Sinn auf das Wesen gerichtet ist, verwirft er, was ihm ein hohler Schemen zu sein duͤnkt, und gerade der Tuͤchtigste ge- faͤllt sich leicht in der Verachtung aͤußerer Freiheit und schoͤ- ner Sitte. Um solcher rohen Erscheinungsweise vorzubeugen, hat man in manche Schullehrer- und Priester-Seminarien die Mystik, den Pietismus eingefuͤhrt. Gewiß, ein herrliches Mittel fuͤr diesen Zweck! Denn aller Orten auf dem weiten Erdenrund gleichen die Froͤmmler sich in aͤußerer Ehrbarkeit und stiller Gesittung. Der Schein soll das Wesen ersetzen. Aber unsre Leser werden es uns nicht zutrauen, daß wir die- ses Mittel geistiger Entmannung anempfehlen. Den wildesten, wuͤstesten Burschencomment ziehen wir dem Heuchler- und Froͤmmlerwesen vor. Aber wir wuͤnschen daneben, daß den Juͤnglingen feine Sitten und Gesittung angebildet werde. Denn auch sie gehoͤren zur Bildung, und mancher Juͤngling hat in seinem fruͤheren Leben keine Gelegenheit gehabt, sie von ihrer schoͤnen und edlen Seite kennen zu lernen. Unmoͤglich ist die Erreichung dieses Zweckes, wenn man die Juͤnglinge sich selbst uͤberlaͤßt. Auch erzielen die Thee- kraͤnzchen einzelner Professoren mit ihren Disputationen uͤber scholastische Spitzfindigkeiten nicht, was wir meinen. Fuͤr Einzelne ist gesorgt, die so gluͤcklich sind, in der Universitaͤts- stadt Eintritt in gebildete Familien zu finden. Aber dieser gluͤcklichen sind wenige. Die meisten sind beschraͤnkt auf das Besuchen der Hoͤrsaͤle, der Stubenburschen, der Restauratio- nen und Kneipen. Nur in geselligen Kreisen gemischter Gesellschaft, d. h. von Maͤnnern und Frauen, lernt sich feine, zarte Sitte und liebliche Erscheinung. Von Courtoisie und Schmeichelkuͤnsten ist nicht die Rede. Die Turnkunst wird unsre Juͤnglinge da- von fern halten. Aber Gewandtheit im Umgange und Liebe zu edler Geselligkeit in erheiternden Gespraͤchen, in Spielen des Witzes und der Laune, wie in den Bewegungen des Tan- zes sollen unsre Juͤnglinge lieben und uͤben lernen. Wahrlich mancher edle Juͤngling ist dadurch allein zu Grund gegangen, daß es ihm an dem Hebel, der in dem Umgange und in der Achtung edler Frauen liegt, fehlte. Sein Herz verlangte mehr, als der Fechtsaal oder der Commersch ihm brachte, und er fiel, oder — was noch schlimmer ist — er sank. Wie dieses zu veranstalten, solches anzugeben, ist nicht unsre Aufgabe. Wir nennen die Bedingungen, unter welchen die Bildung auf der Universitaͤt eine allseitige werden kann. Die Ausfuͤhrung liegt denen ob, die zu Leitern und Lehrern der Hochschulen bestellt sind. Einzelnes ist auf einzelnen in schoͤner Weise schon geleistet. So in Heidelberg, dieser be- 3 geisternden, in mancher Hinsicht einzigen Universitaͤtsstadt, durch das dortige Museum. Es geht Alles, wenn man nur will. Nur auf das deutsche Theater weise man nicht hin als auf eine Schule der Hoͤflichkeit und der Gesittung. Ja da- mals, als man noch den großen Gedanken eines deutschen Nationaltheaters verfolgte, damals hoffte man, es wuͤrde werden und es haͤtte werden koͤnnen. Bei der jetzigen Entar- tung der Buͤhne aber muß man eher den Wunsch aussprechen, daß die Juͤnglinge es nicht kennen lernen. Oder sollte wirklich in den gewoͤhnlichen Lustspielen, in den Opern und Balleten eine geheim bildende Kraft liegen? Ja wohl, wir vermuthen und — fuͤrchten es. Denn es bedarf des Beweises nicht, daß das Theater gesunken ist. Diese Wahrheit liegt klar vor Jedermanns Augen da. Verloren gegangen ist seine hohe Bestimmung, darin bestehend, den Sinn fuͤr ideale Schoͤnheit und Kunst in den Zuhoͤrern zu wecken, und die ideale Groͤße menschlicher Charactere mit lebendigeren Farben in die Einbil- dungskraft hinein zu legen, als die Geschichte es vermag. Dieses fuͤr aͤchte, hoͤhere Cultur unendlich wichtige Institut ist zu einer Anstalt fuͤr Unterhaltung und Amuͤsement hinab- gesunken, und nicht bloß den Puritanern, sondern selbst frei- sinnigen Menschen draͤngt sich die Frage auf, ob das heutige Theater nicht mehr schade als nuͤtze, und ob es nicht an der Zeit sei, ein so zweideutiges Institut ganz aufzuheben. Je- denfalls aber wird der haͤufige Besuch des Theaters einem Studenten kein guͤnstiges Vorurtheil erwecken. Wie jeder Mensch in der Achtung von Personen, die ihm achtungswuͤrdig erscheinen, einen Talisman besitzt, der ihn von dem Schlechten und Gemeinen abhaͤlt, so zumal der Juͤngling, der ja noch nicht, wie der gereifte Mann, auf der festen Basis thatenreich zuruͤckgelegter Jahre oder oͤffentlichen Ruhmes steht, darum vor Allen der Stuͤtzen durch so edle Hebel, als Achtung und Vertrauen sind, bedarf. In dieser Hinsicht ist das Leben der Studenten in großen Staͤdten nicht zu loben. Man bedenke sich daher wohl, ehe man die Uni- versitaͤten aus kleinen in große Staͤdte verlegt. Hier ver- schwindet der Einzelne, in kleinen ist Jeder gekannt. Freilich, in großen Staͤdten gelangt der Corporationsgeist der Studen- ten zu keiner Macht, und wenn er der Uebel groͤßtes ist, so darf man sich nicht besinnen; aber es bedarf dieses einer ern- sten Untersuchung. So viel bleibt gewiß, in kleinen Staͤdten geht der Einzelne nicht so leicht zu Grund, als in großen, wo er mit seinen Schandthaten verschwindet. Wir gehen wei- ter. Das Wort Corporationsgeist weckt den naͤchsten Gedanken. 6) Zur Erziehung und Bildung der akademischen Jugend gehoͤren Genossenschaften, Corpo- rationen . Der regierende Geist der juͤngsten Vergangenheit und Ge- genwart und seine absolute Unfaͤhigkeit zum Zeugen und Ge- baͤren zeigt sich auch in der Aufhebung und Vernichtung aller geschlossenen Gemeinschaften und Verbruͤderungen unter den Studenten. Wir wollen zugeben, Ungehoͤrigkeiten mancherlei Art hat- ten sich in sie eingeschlichen, man mußte einschreiten. Aber daß Alles dieser Art aufgehoͤrt hat, bleibt im hoͤchsten Grade zu bedauern. Man wird nicht einmal dadurch den Zweck er- reichen, den man anstrebte. Das Schlechte vertilgt man nicht dadurch, daß man es verbietet, sondern dadurch, daß man das Bessere hervorruft. Mit einer reinen Negation und einer tabula rasa ist es nicht gethan. Es entsteht gleich, wo Le- ben und Bewegung ist, ein Anderes, oft ein Schlimmeres. 3* Zusammenschaarung und Vereinigung des Gleichartigen ift ein allgemeines Gesetz der lebenden Natur, in dem Thier- reiche wie unter den Menschen. Ohne sie ist eine Organisation undenkbar. Sie verlangt nicht Aufhebung des Differenten und Ununterscheidbarmachung desselben. — Das waͤre die heillose Maxime der Gleichmacherei — sondern sie verlangt Vereini- gung des Gleichartigen zur Verrichtung einer Function in dem organisch zu gliedernden Koͤrper und Ergaͤnzung derselben durch alle uͤbrigen. Man hat alle Corporationsverhaͤltnisse und da- mit alle Staͤnde der buͤrgerlichen Gesellschaft aufgehoben, so weit solches von Menschen abhing — zu wahrem Unsegen fuͤr das Ganze v. Raumer, England 1856, I. S. 550: „Die Wichtigkeit und Nothwendigkeit des Corporativen macht sich in einer Zeit wieder geltend, welche demselben viel zu uͤbereilt einen allgemeinen Krieg erklaͤrt hatte Mißbraͤuche der Zuͤnfte, der geschlossenen Buͤrgerschaften, der monopolisirenden Universitaͤten ꝛc. liegen so deutlich zu Tage, daß kein Unbefan- gener sie leugnen kann; hieraus folgt aber auf keine Weise, ein Staat bestehe lediglich aus einer hoͤchsten, centralisirten Regie- rung, und dann aus lauter Einzelheiten, welche man, zusam- men addirt, Volk zu nennen beliebe. Es folgt eben so wenig, daß alle zahlreichen Vereine der Einzelnen zu einem groͤßeren Ganzen schaͤdliche Staaten im Staate waͤren. Umgekehrt; jeder hoͤher entwickelte Staat bedarf mannigfaltiger, groͤßerer Organe: also Genossenschaften der Handwerker, Kuͤnstler, Gelehrten, Geist- lichen, Doͤrfer, Staͤdte, Landschaften ꝛc. Und wie sich auch die Zeit, wie sich auch die Gestaltung und der Zweck aͤndern moͤgen: es wird das Corporative, diese Wahlverwandtschaft und Wech- selwirkung immer wieder hervortreten, und wie ein Phoͤnix aus der Asche des Fruͤheren wieder hervorwachsen.“ , zur Verzweiflung fuͤr die Einzelnen, in denen ein organisirender Geist lebt; wenn man in gleicher Richtung auch die landsmannschaftlichen Genossenschaften der Studen- ten aufgehoben hat, so moͤchte der augenblickliche Vortheil fuͤr die aͤußere Ruhe auf den Universitaͤten leicht durch den dauern- den Nachtheil fuͤr das innere Lebensprincip in den gebildeten Staͤnden der buͤrgerlichen Gesellschaft uͤberwogen werden. Was ist natuͤrlicher, als daß sich in fremder Stadt die Heimaths- genossen zusammenschaaren, die sich durch dasselbe Gefuͤhl, dieselbe Sitte, dieselben Erinnerungen angezogen fuͤhlen? Man will nicht einmal die Verbindung der Commilitonen derselben Facultaͤt. Man will ein reines Nichts, Isolirung des Ein- zelnen von allen Andern. Die Feindschaft gegen das Cor- porative erstreckt sich sogar auf die Kleidung und die Farben. Alles sei eine Masse, Jeder gleiche dem Andern, Nichts steche hervor. So wird das Leben eine Wuͤste, die Langweiligkeit fuͤhrt das Scepter. Denn was ist langweiliger als die Unter- schiedslosigkeit! Ehemals kannte man an der Kleidung und den Manieren den Handarbeiter, den Handwerker, den Kaufmann, den Ge- lehrten, den Studenten. Und warum soll der Student sich nicht anders tragen, geberden als der Philister? Oder soll er auch nur ein Philister sein? — Liebt man ja bei den Solda- ten die Verschiedenheit der Jacken und Tressen. Die Solda- ten sind aber die Menschenwelt nicht allein. Auch wir sind Menschen, auch wir haben Launen, auch in uns leben Eigen- thuͤmlichkeiten. Der hollaͤndische Geschmack der Gartenkunst, der allen Gewaͤchsen unter der Scheere dieselbe Gestalt gab, ist laͤngst in seiner Unnatur anerkannt. In der Erziehung der Menschen ist man so weit noch nicht vorgeruͤckt. Wenn die Burschenschaft die Burschenschaft ist, so ist und bleibt auch der Student ein Student. Man lasse ihm seine unschaͤdlichen Eigenthuͤmlichkeiten, man leite und regle sie. Nur der Schlechte sondert sich ab; der Gute schaart sich mit Gleichgesinnten zu- sammen. Ohne dieß keine Freude, kein Gluͤck. Es giebt zwei Principien, nach denen man die Studen- ten vereinigen kann: das fachmaͤßige und das lands- mannschaftliche . Beide muͤssen in Anwendung gebracht werden. Jeder tuͤchtige Student lebt in zwei Richtungen und Strebungen: die eine geht nach dem Wissen, die andere nach dem Leben. Jene zieht ihn zu Juͤnglingen desselben Fachs, dieses vereinigt ihn mit seinen Landsleuten. Von beiden Trie- ben ist der von lebendigen Kraͤften Erregte influencirt. In rechter Weise benutzt fuͤhren sie, wie alle Triebe der Menschen- natur, zum Guten. Der wissenschaftliche Trieb findet seine Befriedigung durch geistige Beruͤhrung des Theologen mit den Theologen, des Juristen mit den Juristen u. s. w. Der ge- sellige schaart zusammen: die Schlesier, die Pommern, die Sachsen, die Wuͤrtemberger, die Baiern u. s. w. Der studirende Juͤngling ist kein Kind mehr, das Gesetz behandelt ihn wie einen Muͤndigen, Freien, und der Lehrer nennt ihn einen Herrn. Darum ist ihm der Staat eine oͤffent- liche Stellung im Leben schuldig, sie gebuͤhrt ihm, und zu allen Zeiten strebt der Student, dieselbe zu gewinnen. Er fuͤhlt sich einen Andern, als die uͤbrigen, die er Philister be- namset, er will auch aͤußerlich ein Anderer erscheinen. Diese Bestrebungen sind natuͤrlich, folglich heilsam und gut. Man befriedige sie! Darum Vereinigung der Strebenden nach dem Princip des Faches, der Lebenden nach dem Eintheilungsgrund der Heimath! Soll das geistige Princip erscheinen, so treten die Theologen, die Juristen, die Mediciner, die Philosophen zusammen auf, die ersten etwa in schwarzer, die zweiten in rother, die dritten in gruͤner, die vierten in blauer Farbe. Soll das Leben des Gefuͤhls und der Gesinnung zur Erscheinung kommen, so sieht man zusammen die derben Pommern, die gutmuͤthigen Sachsen, die breitschulterigen Westphalen, die hei- teren Rheinlaͤnder, die schweren Baiern. So verlangt es das Leben, das auf den Hochschulen herrschen soll, nicht der Tod, der durch die Isolirung entsteht. Dieß fuͤhrt uns zur folgenden Bedingung, die wir zu stellen haben: 7) Bewegung und Erregung durch den Geist des oͤffentlichen Lebens und lebendige Theil- nahme an demselben . Wo oͤffentliches Leben ist und ein Geist desselben, da wird von selbst jeder Einzelne von ihm erregt und ergriffen. Es wirkt wie der Odem Gottes, der alle Kreatur durchdringt. Fuͤr diese Erregung bedarf es keiner besonderen Veranstaltung. Das oͤffentliche Leben bedarf bestimmter Organe und Ver- richtungen, hervorgerufen durch die Organisation der Massen, wie ich sie im „ zweiten Beitrag zur Lebensfrage“ verlangt habe. Die Organisation geschieht nach doppeltem Princip, weil Jeder von zwiefachem Interesse bestimmt wird. Die In- teressen naͤmlich sind zu vertreten. Das erste ist das Stan- desinteresse, das zweite ist das der Heimath, des Wohnortes, des Viertels, der Straße u. s. w. Die Beschaͤftigung des Mannes bestimmt den Stand, dem er angehoͤrt, nichts Anderes. Er gehoͤrt zu den Genossen desselben Standes, zur Erreichung der Zwecke desselben und zur Vertretung seiner Interessen gegen die uͤbrigen Staͤnde. So wie in der Natur die Pappeln zusammengehoͤren und die Eichen, so die Handwerker, die Kaufleute und die Gelehrten u. s. w. Und so wie die Arten der Pappeln und der Eichen eine Unterabtheilung unter sich bilden, so die Arten der Hand- werker, der Kaufleute, der Gelehrten. Dadurch entsteht der compacte Corporationsgeist der Staͤnde, der ohnedieß da ist, aber auch seine Anerkennung, seine Constitution verlangt. Noth- wendig ist er ein einseitiger. Seine Ergaͤnzung, Verallgemei- nerung und Beschraͤnkung findet er durch das zweite Princip der Gliederung, durch die Zusammenschaarung aller Maͤnner, die denselben Wohnort haben, oder in großen Staͤdten dasselbe Viertel bewohnen. Hier wird jeder Einzelne durch die allge- meinen Interessen Aller influencirt, und die Einseitigkeit wird durch die Allseitigkeit, der moͤgliche Standesegoismus durch die universelle patriotische Gesinnung Aller verklaͤrt. Natuͤr- lich entstehen zur Durchfuͤhrung dieser Organisation Versamm- lungen der Genossen desselben Standes und derselben Heimath. Die Glieder sollen durch persoͤnliche Gemeinschaft, durch Rede und That in Wechselwirkung treten, und alle bewegt werden von dem Geiste der Gemeinschaft des oͤffentlichen Lebens. Den Studenten gebuͤhrt, sagte ich oben, eine bestimmte Stellung im Leben. Sie bilden den Stand der Studenten, und man gewaͤhrt ihnen, in weiser Abmessung ihrer Beduͤrf- nisse und Zwecke, bestimmte Rechte. Auf die Freiheit der uͤbrigen Staͤnde haben sie keinen Anspruch, denn sie produci- ren noch nicht, sondern sie lernen. Aber damit sie lernen, muß man sie sich ausleben und sich uͤben lassen. Darum fuͤgt man den Stand der Studenten zu dem der Gelehrten als einem Appendix, die Theologen in abgesonderter Gliede- rung zu der Kategorie der Professoren der theologischen Facul- taͤt u. s. w. Auch sollen die Einzelnen Zutritt haben zu den allgemeinen Vereinen derer, mit welchen sie zusammenwohnen. Der Juͤngling muß von dem Geist des oͤffentlichen Lebens er- regt und ergriffen werden. Denn nur dadurch entsteht fuͤr die in ihm erregten Hochgedanken eine Staͤtte praktischer Wirk- samkeit. Ohne diese Beziehung der Ideen auf das Leben glei- chen jene — hohlen Schemen, oder sie spuken gleich Gespen- stern in dem Gehirne der Menschen. Die Glanzpunkte des Lebens sind die vaterlaͤndischen Feste, großen geschichtlichen Begebenheiten, Epochen und Ideen, und der erhabenen Natur und ihrem Schoͤpfer geweiht. Ohne großartige Nationalfeste ist kein erregtes, kein gehobenes Volksleben denkbar. Wir besitzen kaum noch einen Schatten von ihnen. Ein sicheres Zeichen, daß das Volk als Volk oder lebendige Nation zu existiren aufgehoͤrt hat. Es vegetirt, oder der Einzelne spinnt sein Netz in seiner stillen Behausung, gleich der Spinne in ihrem Fangwinkel. Aber Geduld, die Furcht vor dem Mißbrauche wird verschwinden, die deutsche Nation wird wieder erwachen und die Regierungen werden dieses Erwachen gern befoͤrdern, wenn aus der gaͤhrenden Masse der verderbliche Stoff ausgeschieden sein wird. Die deutsche Nation in voller Reinheit der Gesinnung ist nicht zur Leiche erstarrt; der Puls geht zwar langsam, aber das Herz schlaͤgt noch, und wenn frische Lebensluft sie anhaucht, wird sie ihren vegetirenden Zustand verlassen und aus dem Winterschlafe zu neuem Leben erstehen. Diese Entwicklungs- zeit wird vor Allen der Jugend zu gut kommen, der Hoff- nung fuͤr kuͤnftige bessere Zeiten. Man wird dann mit Freu- den die frische Kraft in ihren Armen und den Glanz ihrer funkelnden Augen wahrnehmen, und ihr die Stelle im oͤffent- lichen Leben anweisen, die ihr gebuͤhrt. Und bei den Festen wird sie in ihrer Einheit und ihrer bunten Mannigfaltigkeit erscheinen, und je nachdem das Fest vorzugsweise eine geistige oder eine national-geschichtliche Bedeutung hat, je nachdem wird sie in den Farben der Facultaͤten oder in den landsmann- schaftlichen erscheinen. Ein goldener Morgen fuͤr die Univer- sitaͤten und fuͤr die ganze Nation! 8) Ich komme zur letzten Bedingung, an welche das Heil der Erziehung der hoͤheren Jugend geknuͤpft ist: die Tuͤchtigkeit der akademischen Lehrer in gei- stiger, sittlicher und patriotischer Hinsicht . Von einem Lehrer der Hochschule, der eins der ersten Ehrenaͤmter des Staats bekleidet, daher seine Loͤhnung auch nicht Biergeld, sondern mit Recht Ehrensold (Honorar) genannt wird, verlange ich drei Eigenschaften: Geist (Lehr- talent), ethische Gesinnung und Patriotismus , da- mit er als Lehrer, als Mensch, als Glied der Nation den Juͤnglingen, die ihn umgeben, als strahlendes Muster vor- leuchte. Denn das lebendige Beispiel wirkt maͤchtiger als Lehre und Unterricht. Die erste Eigenschaft des akademischen Lehrers ist das Lehrtalent, welches in einem durchgebildeten Verstand, in hel- len Einsichten, in der Kenntniß der menschlichen Natur und ihrer Entwicklungsgesetze und in der Faͤhigkeit, Andere zu geistiger Thaͤtigkeit machtvoll und energisch anzuregen, besteht. Das eigentliche Lehrgeschaͤft ist ein stilles, innerliches, unhoͤr- bares und unsichtbares Geschaͤft. Die Worte sind es nicht, die gesprochen werden, die Saͤtze nicht, die mitgetheilt wer- den, die Mienen und Geberden auch nicht; es ist vergleichbar dem Lichte des Himmels und dem Thau der Erde, und das Lernen ist das Wurzeln der Pflanze in die Tiefe und ihr stilles Wachsthum. Wie der Odem Gottes weht uͤber den Wassern, so haucht der Geist eines wahren Lehrers die schlummernden Geister der Schuͤler an, und sie erwachen und freuen sich. Es ist belebend und erheiternd, wenn zuweilen von des Leh- rers Geist Raketen in die Luft steigen und Leuchtkugeln die schwarze Nacht recht sichtbar machen; aber noͤthig ist es nicht; wenn er nur, gleich dem Diamanten, mit eignem Lichte leuch- tet. In geheimer Anziehung beruͤhren sich die Geister, und es sind selige, geheimnißvolle Augenblicke, wo die Fluͤgelschlaͤge und Schwingen des Geistes des Lehrers und der Schuͤler sich beruͤhren. Solch Lehren ist ein stilles, heiliges Geschaͤft der Zeugung und Befruchtung, und die Nachkommen erfreuen sich, wenn der lehrende Geist laͤngst heimgegangen, der un- endlichen Erndte. Solche tiefe Innerlichkeit besteht nicht ohne Tugendgesin- nung, ohne die geheime Freude an dem Edeln und Rechten. Sie ist selbst eine der groͤßten Tugenden. Aber uͤberhaupt sei jeder Lehrer, zumal der der Hochschule, ein sittlich ernster, tugendhafter Mann, der das Gleiche wirkt in seiner Umge- bung, ohne daß er spricht und ohne daß er es will, bloß weil er ist. „Worte sind gut, aber sie sind nicht das Beste; das Beste wird nicht klar durch Worte.“ ( Goͤthe .) Und dann verlangen wir vom Lehrer, daß er sich eng im Herzen anschließe an das Vaterland, das ihn geboren, sein Weh mitfuͤhlend in des Herzens Geist und Empfindung und fuͤr sein Theil mitwirkend zu seiner Erneuerung und frischen Bluͤthe. Wie sind unsere Juͤnglinge — darum die Hoffnung des Vaterlandes — empfaͤnglich fuͤr die Selbststaͤndigkeit und Ehre des Vaterlandes, wie hell erklingen ihre patriotischen Gesaͤnge und mit welcher Begeisterung singen sie den „Lan- desvater“. Ja, wuͤßtet ihr diese Keime zu befruchten, und truͤget ihr, Hochschullehrer! den Geist des Vaterlandes und die Ehre der Nation in eurem Charakter, wahrlich wir wuͤr- den bald die Fruͤchte davon aͤrndten, und eine Zeit entstehen, von der man nur mit Schmerz scheiden wuͤrde. Gott hat das deutsche Land auch dadurch gesegnet, daß er seine Juͤnglinge mit tiefen Grundanlagen und mit dem Keime heiliger Liebe zum Vaterlande begabte. Dieß sind die Bedingungen, an welche die Bluͤthe deut- scher Universitaͤten nach meinem Ermessen geknuͤpft ist; dieses die Forderungen, die ich an sie mache; dieß der Maßstab, mit dem ich sie messe. Nicht engherzigen Schuͤlergeist will ich in die Juͤnglinge gepflanzt wissen, nicht spaͤhende, auflauernde Bewachung, sondern freie, heitere Entwicklung und weite Rennbahn zur Entwicklung aller Kraͤfte. Darum aber noch nicht Nichtsthun, Vernichtung aller positiv wirkenden Insti- tute, sondern Anlegung machtvoller Hebel und Kraͤfte, deren Einfluß sich zu entziehen Jedem schwer werden wird. Fallen und sinken muß auch der akademischen Jugend moͤglich sein, aber man muß es ihr erschweren, nicht durch Befehle, Macht- gebote und Strafen, die sich uͤberall in ihrer Ohnmaͤchtigkeit erweisen, sondern durch innere Factoren und Kraͤfte. Darum — um zusammenzufassen — Entfernung aller gefaͤhrlichen Verlockungen und Reize von dem Sitze der Uni- versitaͤt; denn da Gott Niemand versuchet, so sollen auch die Menschen einander nicht versuchen, und wir wissen es, wer die Jugend verfuͤhrt, oder zugiebt, daß sie verfuͤhrt werde, dem waͤre es besser, daß man ihn mit einem Muͤhlsteine im Meere ersaͤufe; und neben dieser negativen Wirksamkeit ener- gische Potenzen zur Entwicklung des positiv Guten, darum: Entwicklung der selbstthaͤtigen Kraft im Denken, Belebung des Geistes durch erhabene Ideen, koͤrperliche Gewandtheit und Staͤrke, Ausbildung zu feiner Geselligkeit und edler Sitte, sichere Gliederung und Organisation, wie des ganzen Volkes, so der akademischen Jugend zur Entwicklung eines charakte- ristisch bestimmten Corporationsgeistes, Gemeingeist und Kraft des oͤffentlichen Lebens und Lehrer voll Geist, Tugendgesin- nung und Patriotismus. II. Würdigung unserer Universitäten nach dem vorgelegten Maßstabe. I ch glaube nicht, daß es noͤthig waͤre, die Rede weiter fort- zusetzen, naͤmlich nicht fuͤr diejenigen, welche die deutschen Universitaͤten kennen. Fuͤr Solche schreibe ich eigentlich nur. Denn die sie nicht kennen, werden auch durch das Nachfol- gende nur eine einseitige Kenntniß von ihnen erlangen. Aber auch fuͤr jene ist zwischen kennen und kennen ein Unterschied. Der Eine betrachtet dieselbe Sache von ganz anderer Seite als der Andere. Beide sehen in und an demselben Dinge Verschiedenes. So muß denn auch ich sagen, was ich sehe. Ich werde es mit der Offenheit und mit der Ruͤckhaltlosigkeit thun, die eine so wichtige Sache Jedem, der daruͤber sprechen will, zur Pflicht macht. Ich werde die Sache bei ihrem Namen nennen, von dem Schlechten nicht mit beschoͤnigenden Worten sprechen. Aber ich werde mich kurz fassen und nicht von Allem reden. Beides verlangt meine Neigung und meine Lage. Zu einer gruͤndlichen Erschoͤpfung fehlt mir die Zeit und die Kraft. Statt daher die einzelnen Seiten des oben vorgezeichneten Maßstabes an die Universitaͤten anzulegen, hebe ich nur einige Hauptseiten hervor. Jenes waͤre langwei- lig, und die Langweiligkeit ist auch bei einer Schrift einer der schlimmsten Fehler. Jede Art, sagt ein franzoͤsisches Sprich- wort, ist gut, mit Ausnahme der langweiligen Art. Ich be- schraͤnke mich auf die Besprechung der Lehrer und einige oͤffentliche Verhaͤltnisse . Daraus wird dann hervor- gehen, ob die Universitaͤten das Lob verdienen —, das An- dere ihnen gespendet haben. A. Die Universitätslehrer . Was ich von ihnen zu sagen habe, will ich unter den drei Rubriken zusammenstellen: wissenschaftliche Rich- tung, Lehrmethode, Gesinnung . 1. Die wissenschaftliche Richtung der Univer- sitätslehrer . Sie geht aus auf die Allheit des Wissens. Moͤglichst vollstaͤndige Erschoͤpfung der Wissenschaft, der sie sich widmen, ist ihr Ziel, Gelehrsamkeit mit einem Worte. In diese setzen sie ihre Bestimmung, sie ist ihre Ehre, ihr Triumph. Sie wuͤrdigen die Wissenschaften selten nach ihrem Einfluß auf den menschlichen Geist oder auf die socialen Verhaͤltnisse, sondern die Wissenschaft ist ihnen Zweck. Einmal das objec- tive Wissen an sich, dann seine systematische Gliederung. Das Letztere ist sehr wichtig und nothwendig, aber es ist nicht das Hoͤchste, und die dadurch entstehende Richtung ist eine einsei- tige. Nirgends soll das Wissen Zweck an sich sein, sondern nur Mittel. Wo es als Zweck aufgestellt wird, da herrscht eine verkehrte Ansicht, und es entsteht Goͤtzendienst des Wis- sens, der auf unsern Universitaͤten herrscht. Der eigentliche Zweck des Wissens ist die durch dasselbe zu erzielende geistige Bildung. Natuͤrlich existirt keine Geistesbildung ohne Wissen, und jede Uebung der Kraͤfte geschieht an einem Stoffe. Aber diesen Stoff vollkommen zu beherrschen, die Geisteskraͤfte all- seitig an ihnen zu uͤben, das ist der wahre Zweck der Be- schaͤftigung mit den Wissenschaften. Auf Sammlung von Kenntnißmassen, Aufspeicherung gelehrter und subtiler Begriffe kommt es daher nicht an. Sucht der Gelehrte darin seine Bestimmung, so entsteht die unfruchtbare, todte Gelehrsamkeit. Als Lehrer wird er dann in der Mittheilung eines moͤglichst reichen Materials seine Vollendung erblicken. Er wird nicht fragen, was das Wissen, das er vortraͤgt, nuͤtzt, was fuͤr Fruͤchte es dem Geiste oder dem Leben bringt, in wie weit es zur Befreiung und Erstarkung des Geistes und zur Be- herrschung der Natur beitraͤgt, er setzt seinen Zweck in das Wissen selbst. Diese Richtung ist bei vielen, bei den meisten unsrer Gelehrten vorherrschend. Daher die unendliche Verbreitung uͤber denselben Gegen- stand, daher die Masse unfruchtbaren historischen Wissens, daher die Belastung und Erdruͤckung der Juͤnglinge mit Lern- stoffen, daher die Knechtschaft der jugendlichen Geister, statt ihrer Befreiung, daher ihre Anstrengung vor dem ihnen bevor- stehenden Examen und ihre Ermuͤdung nach demselben, daher die Erscheinung, daß das Studiren bei den Meisten aufhoͤrt, wenn sie die Universitaͤt verlassen. Sie fuͤhlen sich erdruͤckt, getoͤdtet. Darum ist die Wahrheit laut zu predigen, daß Bildung und Wissen zweierlei Dinge sind; daß die Bildung nicht ein- mal mit dem Wissen congruirt, welches Tiefe und Umfang mit einander verbindet; vielmehr hat es nur in so weit Werth, als es beitraͤgt zur Kraͤftigung des Geistes, zur Befestigung des Willens im Guten, zur Veredlung der Persoͤnlichkeit, zur Richtung auf das Hoͤhere. Unsere Zeit hat dieses vergessen, sie verwechselt das Mittel mit dem Zwecke, hat vergessen, daß die Richtung und das Streben nach dem Hoͤheren, das keiner weiteren Charakterisirung bedarf, die Grundlage und der Gipfel aller wahren Bildung ist, daß diese Richtung den Werth des Characters des Einzelnen und einer ganzen Zeit bestimmt. Man kann unendlich viel wissen, und doch ein ungeschlachter, roher und gemeiner Mensch sein. 2. Die Lehrmethode . Die einseitige Richtung auf das Wissen und die Gelehr- samkeit fuͤhrt zu der Lehrmethode, die unsere akademischen Lehrer uͤben. Es ist die akroamatische. Der Lehrer spricht, die Schuͤler schweigen, hoͤren zu und schreiben nach. Jener traͤgt vor, er lies’t ab, oder er bedient sich des freien Vortra- ges. Natuͤrlich ist Letzteres das Bessere, weil es das Leben- digere, Anregendere ist, vorausgesetzt, daß Ordnung in dem Vortrage herrscht. Ueber diesen Gegenstand habe ich mich in der Rede uͤber die Lehrmethode Schleiermacher’s ausgesprochen. Ich kann mich daher um so kuͤrzer fassen. Mit Franz Theremin halte ich sie fuͤr verkehrt. Denn sie ist toͤdtend. Besteht der akroamatische Vortrag in Ent- wicklung, Zergliederung, Widerlegung, giebt er eine Genesis der Gedanken, ist es ein freier Denkproceß, wie bei dem un- erreichten Schleiermacher , so leistet er, was er zu leisten vermag. Aber der Entwicklungsproceß verlangt gemeinschaft- liche Thaͤtigkeit des Lehrers und des Schuͤlers. In diesem soll die Entwicklung geschehen. Daß der Lehrer den Proceß fuͤr sich durchgemacht habe, muß vorausgesetzt werden. Nun besteht sein Geschaͤft darin, daß er seine Schuͤler dazu befaͤhige. Dazu reicht nicht hin, daß er den Denkproceß ihnen vormache; er muß denselben in ihnen erzeugen. Ob Solches der Fall sei, ob die Schuͤler ihn angefangen haben und fortsetzen, Solches kann man nur erfahren, wenn die Schuͤler ihre Gedanken aͤußern. Folglich darf dieses nicht fehlen. Mit Recht fordert daher Theremin als vorherr- schende Lehrform den Dialog . Dem muß ich vollkommen beistimmen, obgleich ich von ihm allein die Wirkungen nicht erwarte, die er sich davon verspricht, naͤmlich die Vernichtung aller Maͤngel und Gebrechen des Universitaͤtswesens. Es muß nach dem Fruͤheren noch viel Anderes hinzukommen. Aber ich steigere seine Forderung und verlange nicht bloß dia- logische Unterhaltung, sondern strenge, sokratische Entwicklung, besonders der Grundideen und alles Wesentlichen, das solcher Behandlung faͤhig ist. Alles Wissen zerfaͤllt in zwei Arten. Entweder ist es historisch positiver Art, oder es stammt aus dem Geiste. Bei- des muß scharf gesondert werden. Nach der Verschiedenheit des Ursprunges ist es verschieden zu behandeln. Das Erste muß gegeben werden und der Schuͤler hat es zu lernen und in seinem Gebrauche sich zu uͤben, bis zur vollkommenen Fer- tigkeit. Das Zweite dagegen soll er suchen und finden. Dazu bedarf er der Leitung, der Erregung. Jenes soll gar nicht Gegenstand des Lehrvortrages in den Hoͤrsaͤlen der Universitaͤ- ten sein, es gehoͤrt in das Buch, das der Schuͤler sich anzu- schaffen hat, um die Materialien sich anzueignen. Solches kann man ihm, da er ein gereifter Juͤngling, kein Kind mehr ist, uͤberlassen, und man muß es ihm zumuthen. Das aus 4 dem Geiste stammende Wissen dagegen, das Rationale ist aus- schließlich der Gegenstand der Beschaͤftigung. Dieß ist meine Grundansicht. Durch diese Scheidung des historischen Wissens von dem rationalen reducirt sich der in einer Vorlesung zu behandelnde Lehrinhalt auf ein Viertel, ein Achtel oder in noch mehr ab- nehmenden Exponenten. Dieses ist ein unendlicher Gewinn. Der Rest kann nun vollstaͤndig verarbeitet werden, worauf Alles ankommt. Ich denke mir die Ausfuͤhrung so: Dreißig bis fuͤnfzig Studenten sitzen im Halbkreise, der Lehrer mitten zwischen ihnen. Mit der historischen Grundlage haben sie sich bereits bekannt gemacht. Nun beginnt der Leh- rer die Entwicklung in freiem Gespraͤche, nach der Weise der Alten, aber zugleich mit Benutzung aller seitdem in der Me- thodik gemachten Fortschritte. Ob die Schuͤler einen kurzen Leitfaden als Wegweiser, der Haltpunkte, Fingerzeige enthaͤlt, in der Hand haben oder nicht, ist gleichguͤltig. Es kann sein, kann auch nicht sein. Darauf kommt nichts an. Auch darauf kommt nichts an, ob viel oder ob wenig Stoff verarbeitet wird. Aber daß verarbeitet werde, das ist’s. Der Student soll das philosophische Denken lernen. Ist dieses geschehen, so braucht er den Lehrsaal nicht mehr zu besuchen. Er hat ausstudirt, d. h. er wird das Studiren ewig fortsetzen. Denn der Geist ist in ihm zum Leben gekommen. Und der (lebendig gewordene) Geist laͤßt sich nicht bannen. Gleich wird man mit Einwendungen bei der Hand sein, aͤußere Schwierigkeiten aufzaͤhlend. Man wird die Menge der Studenten nennen. Freilich wird nicht leicht ein Lehrer Hunderte zugleich im Denkproceß zu erhalten faͤhig sein. Aber Hunderte gehoͤren auch nicht zusammen. Sollten sie nicht abzuhalten sein, nun, so ist es doch tausendmal besser, daß alle der Entwicklung, an der Zwanzig bis Dreißig sprechend Theil nehmen, zuhoͤren, die Fragen als an sich gerichtet betrachten und still mit antwor- ten, als daß Keiner antwortet und redet. So viele Lehrer man zur Erreichung des Hauptzweckes noͤthig hat, so viele sind anzustellen. Aber ich sagte ja schon, daß die Masse des bisherigen Lehrstoffes sich außerordentlich vermindere, ja daß es auf die Masse gar nicht ankomme. Man wird sagen, die Herren Studenten lieben das Ant- worten, Reden, Selbstdenken nicht. Wirklich nicht? Sehet, wenn das wahr ist, dann habt Ihr uͤber Eure bisherige Weise selbst den Stab gebrochen. Gewinnen sie durch das bisher uͤblich gewesene Verfahren keine Liebe zu selbstthaͤtigem Den- ken, so folgt daraus, daß man die verkehrte Weise abschaffe. Aber ich gebe Euch in der Behauptung recht. Unsere heuti- gen Studenten sitzen am liebsten still da, nachschreibend wie die Maschinen, und die Masse nach Hause schleppend, wie die Lastthiere. Man wird sagen, die meisten unserer Professoren seien der dialektischen Entwicklung nicht maͤchtig. Solches gebe ich auch zu, ja ich behaupte es entschieden. Aber wer ein Pro- fessor sein will, hat dieses Schwerste zu lernen. Wer es nicht vermag, der paßt weder zum Hoch- noch zum Dorfschulleh- rer. In ihr liegt das Wesentliche des Lehrgeschaͤfts. Diese und andere Einwuͤrfe sind nichtig. Zaͤhlen wir dage- gen nur einige der Vortheile, der Folgen dieser Lehrmethode auf. 1) Es verschwindet der Tod aus den Lehrsaͤlen, sie wer- den aus Hoͤrs aͤlen Uebungssaͤle, Denkstaͤtten. Unsere Juͤng- linge werden geistig selbststaͤndig, sie gelangen zur intellectuellen Emancipation. 4* 2) Alle impotente, ohnmaͤchtige Menschen werden von dem Katheder abgehalten; nur die geistig kraͤftigsten werden Hochschullehrer. Man wird keine gelehrten Kameele, wie die Herren Studenten gewisse Leute zu nennen pflegen, mehr an- stellen. Wer nicht seiner ganzen Wissenschaft maͤchtig ist, nicht jeden Einwurf zu widerlegen oder zu behandeln versteht, nicht selbst zum Denken jeden Augenblick aufgelegt ist — er wird es nicht wagen, sich mit der geistgeweckten deutschen Ju- gend einzulassen. Ein unendlicher Gewinn! Nur die tuͤchtig- sten werden zur Wuͤrde eines akademischen Lehrers gelangen. Dafuͤr ist dann bleibend und sicher gesorgt. 3) Aufhoͤren wird mit einem Male das Prunken mit gelehrtem abgelernten Krame, verschwinden der historische Wust, der wie ein Ballast den aufstrebenden Geist erdruͤckt. Nicht mehr anstellen wird man junge unreife Maͤnner, die, selbst erst Neulinge im Denken und im Leben, meinen, man koͤnne ein akademischer Lehrer sein, wenn man ein Heft zu- sammenzuschreiben und vorzulesen verstehe. Man wird die, welche sich auf niederen Posten als denkende, zur entwickeln- den, geisterregenden Lehrart faͤhige Koͤpfe bewaͤhrt haben, zu Hochschullehrern berufen. Doch genug; die Sache spricht fuͤr sich. Halten wir nur noch den Gegensatz, die jetzt bestehende Einrichtung dage- gen, zur gegenseitigen Beleuchtung. Da sitzen die Juͤnglinge, welche die beste Vorbildung ge- nossen haben, die es bis jetzt auf Erden giebt, oft zu Hun- derten stumm vor dem einen Mann auf der Hitsche. In monotonem geistlosen Vortrage lesen die Meisten ihre Weisheit aus dem Hefte, oder, um den Stumpfsinn zu verewigen, kommen sie der Faulheit durch Diktiren zu Huͤlfe. Machen die Herren, sagte der alte N. N. , weiland Professor in Marburg, gefaͤlligst ein Kommachen. Nichts wird gehoͤrt, als das Kritzeln der Federn. In gekruͤmmter Stellung legen sie so taͤglich vier oder mehr Stunden sich Sammlungen von Heften an. Mit Berserkerwuth schreiben sie Sachen auf, die in tausend Buͤ- chern stehen, historischen Wust, gelehrten Kram, Minutien und Quisquilien. Mit einem zerreißenden Gefuͤhl, aus Mit- leid und Abscheu gemischt, betrachte ich diesen staunenswuͤrdi- gen Vorgang. Mit Mitleiden — diese armen Leute sind zur abschwaͤchendsten Sclavenarbeit verdammt; mit Abscheu, denn sie haͤtten doch durch die Gymnasialbildung zu hoͤherem Sinn und hoͤherem Streben gelangen koͤnnen. Freilich wirft die Denkscheu der Meisten und der Umstand, daß sie sich so all- gemein das Vorsagen und das Diktiren gefallen lassen, ja oft es verlangen, kein guͤnstiges Licht auf die Leistungen der Gym- nasien. Mit den Gymnasien wird es nicht eher gut, bis man für die Bildung der Gymnasiallehrer solche Anstalten errichtet, wie für die Elementarlehrer bestehen. Diese Wahrheit bedarf keines Be- weises. Gebe Gott, daß mein Heimathland Preußen sich den Ruhm erwirbt, auch in diesem Stücke voranzugehen! Dazu möchte ich noch mitwirken. Auch dort erliegen die armen Jungen oft dem ge- lehrten Wuste. Aber auch mit Staunen betrachte ich das Schauspiel. Ungeheure Fortschritte hat die Methodik des Un- terrichts gemacht, seit drei Jahrhunderten; Tausende von Dorf- schulen erfreuen sich einer belebenden Lehrmethode, — unsere Universitaͤten haben keine Notiz davon genommen, sie haben sich unveraͤndert erhalten trotz aller Reformen und Revolutio- nen in dem Leben. Es ist eine lehrreiche Geschichte. Soll es so fortgehen? — Vernehmen wir uͤber den geistigen Zu- stand der Studirenden die Versicherungen eines Mannes, der aus langer Erfahrung spricht. „Man blicke“, sagt der Professor Beneke Siehe dessen Erziehungs- und Unterrichtslehre, Berlin bei Mitt- ler, 1836, 2 Bände, ein geistvolles Werk, allen Lehrern an Gymnasien und allen Docenten sehr zu empfehlen! , „auf die Universitaͤt. Statt in den Geist der vorgetragenen Wissen- schaften einzudringen und das Geistige geistig zu fassen, fassen in allen Facultaͤten die meisten Studirenden dasselbe bloß aͤu- ßerlich und dem todten Buchstaben nach, bleiben auch hier an der Sprache, als dem Inbegriff aͤußerer Zeichen, oder an hi- storischem Nebenwerk, oder an leeren Formeln, haͤngen, weß- halb sie sich denn auch auf die sogenannten Brotwissenschaften beschraͤnken, und keinen Trieb fuͤhlen, dieselben durch umfas- sendere historische und phisophische Erkenntnisse tiefer lebendig zu machen. Wenn obige Schilderung wahr ist, so taugt unsere Gymnasial- bildung nicht. An den Früchten erkennt man auch sie. Obige Schilderung ist, leider! nur zu wahr. Die Gymnasien sind an zwei Uebeln krank, oder machen krank: 1) sie überfüllen den Schüler mit Massen des verschiedenartigsten Wissens; 2) sie sor- gen nicht für eine tüchtige Verarbeitung. Der erste Fehler ent- steht aus der wunderlichen Angst vor Einseitigkeit, und doch zieht jeder verständige Mensch eine tüchtige, d. h. eine gesunde und kräftige Einseitigkeit, mit Lust und Liebe zur Sache, jeder mit- telmäßigen Universalität vor, wozu unter 100 Gymnasiasten 90 genöthigt werden, zu unermeßlichem Schaden für die ge- sunde Stärke ihres Leibes und die Frische ihres Geistes. Manche unserer Gymnasiasten betreten als junge Greise die Universität. Natürlich können sie keine andere Erscheinungen darbieten, als die obigen im Texte. Die Verdauung und Verarbeitung des mannigfaltigsten Wissens wäre noch eher zu erwarten, wenn alle Gymnasiallehrer Meister der Methodik wären. Aber hic haerat aqua. Dann könnte man auch auf eine Verminderung der Lectionen dringen. Was würde dadurch überhaupt nicht schon an physi- scher Gesundheit und Kräftigkeit gewonnen! Diese und geistige Frische sind nur dann zu erwarten: Werden sie aͤußerlich, oder auch durch eine zufaͤllig und fluͤchtig begruͤndete Neigung zu diesen gefuͤhrt, so sehen wir sie beinahe gaͤnzlich unfaͤhig, sich daruͤber zu orien- tiren und auch nur die leichtesten Beispiele zu finden fuͤr die Veranschaulichung des abstract Vorgetragenen; und sie geben sich entweder einem abstracten Formelwesen oder den unstaͤt schweifenden Phantasien poetisirender Speculation hin. — Ein nicht geringer Theil thut in dem ersten Universitaͤtsjahre so gut wie gar nichts; die Meisten kommen wenigstens nicht uͤber ein treues Nachschreiben der Vorlesungen und eine todte Wie- derholung derselben hinaus; ein angestrengtes Selbstarbeiten tritt bei Vielen erst in der letzten Zeit vor dem Examen und aus Furcht vor demselben ein (auch dann also nur von mehr mechanischer Art und als Gedaͤchtnißwerk), und wird mit die- ser Furcht wieder abgeworfen, so daß sie ihr ganzes Leben hindurch nur durch ihre nothwendigen Berufsgeschaͤfte mit dem allgemeinen geistigen Erwerbe der Menschheit in Verbindung bleiben. Allerdings giebt es hiervon viele ehrende Ausnahmen; aber sie sind doch nur ein kleiner Theil des Ganzen, und es moͤchte nicht zu berechnen sein, wie viel Unheil, auch fuͤr alle Zweige des praktischen Lebens, aus diesem laͤssigen, todten, buchstabenartigen Treiben der Wissenschaften auf der Univer- sitaͤt hervorgehen.“ Dieses sind die Folgen der Lehrmethode, die auf den Gymnasien und Universitaͤten herrscht. 1) wenn man nur Hauptgegenstände und diese vollständig er- lernt; 2) wenn es in heiterer Anstrengung geschieht, was von der Methode abhängt; 3) wenn man dem Leib sein volles Recht wiederfahren läßt. Ist dieses in der Regel, d. h. in zehn Fällen neunmal, als Resultat unserer Schulbildung zu erwarten??? Am allerwenigsten paßt sie fuͤr die, welche selbst Lehrer werden wollen, sei es an oͤffentlichen Schulen, oder Religions- lehrer. Denn wie sie gelehrt worden sind, so lehren sie wie- der, und so pflanzt sich die vorsagende, vordenkende, diktirende Methode oder vielmehr Unmethode bis in alle Ewigkeit fort. Auf keiner deutschen Universitaͤt kann der kuͤnftige Lehrer die geistbildende Methode kennen und uͤben lernen. Natuͤrlich faͤngt der Anfaͤnger im Lehramte so an, wie er auf der Uni- versitaͤt gelernt hat. Denn wie laͤßt sich mit Billigkeit von ihm fordern, daß er das Schwerere, was er nicht geuͤbt hat, nicht hat uͤben sehen, beginne? Daher noch immer die Sel- tenheit einer geistbildenden Methode in den Gymnasien, daher die Ursache der gerechten Klagen, die Beneke fuͤhrt, daher auch, wenigstens zum Theil, die Gemeinheit vieler Menschen, deren Geist, ungeachtet der Beschaͤftigung mit den Gegenstaͤn- den, von welchen man ruͤhmt, daß sie die Humanitaͤt verbrei- ten, nicht zu rechter Erkenntniß gelangt ist. Denn die Ge- meinheit der Menschen entspringt aus der Gemeinheit der Arbeit, und zwar weniger in der objectiven Beschaffenheit der- selben, als in der Art und Weise, wie sie vollzogen wird. Leider kann man sich selbst mit Wissenschaften auf eine ge- meine, handwerksmaͤßige Art beschaͤftigen, so daß sie den Geist nur in rein aͤußerlicher Art in Anspruch nehmen. Zu dem Innern der Wissenschaften dringt man nur durch die rechte Methode. Ich muß es daher wiederholen, daß alle Kenntniß nur in so weit wahren Werth fuͤr die menschliche Bildung hat, als sie mit Erkenntniß verbunden ist, d. h. mit der Erkennt- niß der den Thatsachen zu Grunde liegenden Ursachen, Mo- tive, Gruͤnde, Gesetze. Nicht in der Kenntniß des Einzelnen ruht die intellectuelle Bildung, sondern in der Erkenntniß des Allgemeinen. Darum bewegt sich die wahre Methode von der Kenntniß des Einzelnen zur Erkenntniß des Allgemeinen, Tie- fen, in entwickelnder, heuristischer Art und Weise. Diese entwickelnde Methode macht endlich auch die „hei- lige Unverstaͤndlichkeit“ unmoͤglich, in welche manche Docen- ten, besonders der philosophischen Facultaͤt, ihre Weisheit ein- huͤllen. Denn bei ihrer Anwendung wird der Fortschritt nicht von dem Hefte, nicht von der Laune des Lehrers, sondern von den Fortschritten der Lernenden bedingt, wie es sein muß. Nicht das semesterweise, regelmaͤßige Abkanzeln des Heftes ist der Zweck des Vortrages, sondern die geistige Bildung der Lernenden. Aus allen diesen Gruͤnden muͤssen wir von den akademi- schen Docenten diese geistbildende Methode fordern . 3. Die Gesinnung . Ist das Werk verdorben, das Product der Menschen — so koͤnnen die Arbeiter, die Verfertiger, die Kuͤnstler nicht un- verdorben geblieben sein. Die Kunst verfaͤllt durch die Kuͤnst- ler, die Schule durch die Lehrer, die Studenten durch die Professoren. Dieß ist — ich kann es nicht bergen — meine Meinung, das Verderben hat auch viele Professoren ergriffen. Eben darum koͤnnen sie allein das Verderben der Univer- sitaͤten nicht in seiner Groͤße, seinem Umfange aufdecken. Denn sie stecken mit darin. Worin besteht ihre Schuld? 1) Sie Vergl. die Vorrede. haben keine Heimath , kein Heimathsge- fuͤhl, keine Anhaͤnglichkeit an ein Land, sie sind Kosmopoliten, d. h. sie gehen der Ehre nach und dem Gelde. Wer ihnen am meisten bietet, der hat sie. So wandern sie von einer deutschen Universitaͤt zur andern. Hat sich Einer Ruhm, einen glaͤnzenden oder wenigstens blendenden Namen erwor- ben, so treibt er bei einem Rufe nach auswaͤrts sein Gehalt nach Moͤglichkeit in die Hoͤhe. Alles wird angewandt, um die rufende Behoͤrde zu schrauben. Kein Heimaths- oder Va- terlandsgefuͤhl legt ein Gewicht in die Wagschale. Sie sind Makler geworden; auch die kaufmaͤnnischen Cursberechnungen findet man bei ihnen, und wenn z. B. die Philosophie, zu der sie sich im Vortrage bekennen, hoch im Curse steht, so weiß nicht nur jeder Adept derselben, daß er hohe Procente fordern darf, sondern er thut es auch. In den alten guten Zeiten wog ein „Geheimer Rath“ oder ein „Geheimer Hof- rath“ noch etwas auf; aber heut zu Tage schlagen selbst die Maͤnner des Absoluten und des Unbedingten den Werth des Realen hoͤher an, als Titel und Orden. Wie viele Regierungsbeamten ihre Thaͤtigkeit nach der Zahl der Nummern, die in ihrem Notizbuche stehen, abmessen und nach deren Hoͤhe berechnen, so schaͤtzen unsere Professo- ren ihre Wichtigkeit, ihren Einfluß und den Grad, in dem sie ihre Bestimmung erreicht haben, nach der Zahl ihrer Zu- hoͤrer. Wohl, sie ist in dem Punkte ein Maßstab, daß man daraus ersehen kann, was junge Leute fuͤr wichtig oder noth- wendig erachten und fuͤr interessant halten. Aber mit der Zahl der Zuhoͤrer steigt die Zahl der „Fritze“, wie die Herren Stu- denten sagen, oft nach dem Doppelten oder noch hoͤher. Hier liegt eine Quelle des Grundverderbens. Denn das Zahlen des Honorars verfuͤhrt sie, darnach zu trachten, den Juͤnglingen zu gefallen; sie speculiren auf die Kuͤnste , welche den Hoͤr- saal fuͤllen. Und gelingt dieses nicht gar haͤufig? Folgen sie, die groͤßtentheils Urtheillosen, nicht sehr oft dem lockenden Schein, den taͤuschenden Kuͤnsten, der wortreichen Suade? Wirkt der, der einen gefuͤllten Hoͤrsaal hat, wirklich besser, tuͤchtiger, bildender, als der, der von einer kleineren Schaar von Juͤngern umgeben ist? Ihr Alle sprechet nein, denn Jedermann weiß: Auch unter den Studenten giebt es Fuͤhrer und Leithaͤmmel und Macher; die uͤbrige Masse folgt, versteht nichts und lernt nichts, aber sie stimmt ein in das Lob der Chorfuͤhrer. Nein, das Beziehen des Honorars von dem Einzelnen ist ein Grundverderben der Universitaͤt. Ihr denkt, und Ihr habt den Einwand bei der Hand: wenn wir die Honorare abschaffen, wird dann der und jener auch noch mit Eifer und Fleiß lesen? Wie, im Ernste, Ihr denkt wirklich so? Nun sehet: dann habt Ihr ein viel haͤrte- res und schaͤrferes Urtheil uͤber die Professoren ausgesprochen, als ich es auf hundert Bogen vermag. Aber ich glaube es, ich weiß es, Ihr denkt es wirklich. So weit sind wir ge- kommen, d. h. gesunken, daß wir Impulse, die man bei Dorf- schullehrern nicht mehr fuͤr noͤthig erklaͤrt, und die man an vielen Orten abgeschafft hat, und zwar so unreine und gemeine Impulse, wie Gold und Silber, noch fuͤr noͤthig erklaͤrt, um unsere Akademiker, die Maͤnner, die mit dem Geiste der alten und mit dem Mark der neuen Zeit aufgenaͤhrt sind, auf eine oder zwei Stunden am Tage in Thaͤtigkeit zu erhalten! Vernehmt doch die Urtheile, die unsere Studenten daruͤ- ber faͤllen und welche Anekdoͤtchen sie erzaͤhlen! Doch no- mina sunt odiosa. Sie thun auch nichts zur Sache, weil so viele von dieser Pest des Geizes und der Habsucht ange- steckt sind. Andern verzeihen wir es, weil auch die Wissen- schaft leider oft nach Brot gehen muß, indem man selbst auf den Universitaͤten eine nicht nur bedenkliche, sondern offen- bar hoͤchst schaͤdliche Concurrenz zugiebt oder veranlaßt. Von Monopolen kann keine Rede sein, aber auch nicht von dem andern Extrem, einer allgemeinen Gewerbefreiheit. Schon in materiellen Dingen fuͤhrt sie in der Regel zu unleugbaren Nachtheilen, noch mehr in geistigen. Denn sie erzeugt unter den Lehrern derselben Facultaͤt Neid und Eifersucht, Rang- streit und alle die gehaͤssigen Rancuͤnen, von welchen selbst die Studenten so viel zu erzaͤhlen wissen. Ein College sucht dem andern den Rang abzulaufen und das Heer der Akade- miker auf seine Seite zu ziehen, in seinen Hoͤrsaal zu locken, oft vielleicht durch unwuͤrdige, aͤußerliche Kuͤnste, welche die Menge bestechen. So sehen wir unsere Professoren den Goͤtzen des Tages huldigen, nach Ergoͤtzung, Schein und Belustigung der Zuhoͤrer haschen, das Glaͤnzende dem Ernsten und Tiefen vorziehen, das Pikante und sogenannte Geistreiche dem Ein- fachen und Wahren. Die Gebrechen der Tagesliteratur drin- gen so in die Hoͤrsaͤle und verderben den Geschmack der Juͤng- linge an der schlichten, nackten Wahrheit. Der akademische Lehrer muß ohne aͤußere Sorgen seinem geistigen Berufe leben koͤnnen, damit man mit Recht ihm die Forderung stellen koͤnne, nach der Wissenschaft und Wahrheit zu trachten, und nicht nach den Dingen, die von dieser Welt sind. Auch die akade- mischen Lehrer koͤnnen nicht zugleich Gott dienen und dem Mammon. 2) Sie achten nicht den Gehorsam , nicht die Sub- ordination — sie, die fuͤr den Staat sdienst erziehen sollen. Es ist weltbekannt, sie ruͤhmen sich dieses Sinnes, als eines Zeichens selbststaͤndiger Kraft und des Bewahrens cor- porativer Staͤrke, selbst gegen ihre Studenten. Die bis zu 10 und 12 Wochen mißbraͤuchlich ausgedehnten Herbstferien, nachdem das Sommersemester oft nur 12 Wochen gedauert hat, — sie sind ein Mißbrauch und ein Uebel. Denn was soll der gewoͤhnliche Student in dieser langen Zeit machen? Schon die lange Weile, das Nichtsthun, das leere Herum- ziehen und Herumliegen macht die Baͤuche faul. Die den Universitaͤten vorgesetzten Behoͤrden sehen dieses sehr wohl ein, sie befehlen: Kuͤnftig darf Keiner vor dem 15. September schließen. Aber schon den 15. August stehen die Hoͤrsaͤle leer. In dem Kataloge ist der Anfang der Wintervorlesungen auf den 18. October angesetzt; selten lies’t Einer vor dem 1. No- vember, Mancher nicht vor dem 10ten. Daß in jedem Semester alle Hauptcollegien eines Faches gelesen werden, es ist, besonders auf einer großen Universitaͤt, die billigste Forderung. Das Ministerium befiehlt daher, die Professoren einer Facultaͤt sollen sich daruͤber verstaͤndigen. Aber Jeder lies’t nach wie vor seine Lieblingsgegenstaͤnde, d. h. diejenigen, die am ersten ein volles Auditorium liefern. So wird dieselbe Disciplin oft von drei bis sechs Docenten an- gezeigt, waͤhrend andere, vielleicht eben so wichtige, leer aus- gehen. Sie kennen den Gehorsam gegen die Vorgesetzten nicht. Wie die Franzosen aller Parteien darin einig sind, daß das linke Rheinufer ihnen gehoͤre, so stimmen auch Professoren aller Richtungen darin uͤberein, sich von alten Vorrechten nichts nehmen zu lassen, sollte es auch Gesetz und Ordnung verlangen. 3) Sie interessiren sich nicht fuͤr das Indi- viduum . Was fuͤr herrliche Bande umschlossen ehemals den Mei- ster und seine Juͤnger, damals, als jeder Hochbegabte eine Schule bildete: gegenseitige Liebe, die vaͤterliche von oben, die auf Hochachtung gegruͤndete von unten — die Pietaͤt . Der Juͤnger zehrte lebenslang daran und sie war das Hochgefuͤhl seines Alters. Heut zu Tage gelten die Zuhoͤrer gleich den Nummern. Wie in den Lankasterschulen haben sie ihre Individualitaͤt ver- loren, sie zaͤhlen nur, und sie werden gezaͤhlt, weil sie die Hoͤhe des Honorars bezeichnen. Wahrlich auch ein woͤchent- liches Theekraͤnzchen, mit Einigen gehalten, ist kein Ersatz fuͤr die persoͤnliche Gemeinschaft der alten Zeiten. Unsere Professoren lesen, unbekuͤmmert um das, was die Anwesenden treiben, ob sie schreiben und aufmerksam sind, oder ob sie in Buͤchern lesen, oder inzwischen die Tische zer- schneiden, oder schlafen. Gar Vielen, den Meisten kommt es ungelegen, wenn ein Einzelner sich noch privatim diesen oder jenen Aufschluß erbittet. Er wird so empfangen, daß er nicht wieder kommt. Darum gehoͤrt es zu den seltenen Ausnahmen, wenn Einer das Gluͤck hat, dem Professor persoͤnlich bekannt zu werden. Die Studenten wissen es, wie gleichguͤltig gegen ihre Persoͤn- lichkeit die Meisten ihrer Lehrer sind. Darum vergelten sie auch Gleiches mit Gleichem — natuͤrlich zu ihrem eignen Schaden. Aber wie kann es anders sein. Bleibt auch eine Ursache ohne ihre natuͤrliche Wirkung? — Einen, ich moͤchte sagen, unerhoͤrten, ja schauderhaften Beweis von der Gleich- guͤltigkeit der Professoren gegen das Wohl und die Achtung ihrer selbst vor den Studenten legen sie ab durch die Leichtfer- tigkeit, mit der sie amtliche Zeugnisse ausstellen, den Besuch der Collegien testiren. Wohl, im Leben lernt man es, in unbedeutenden Dingen das eine oder das andere Wort zu sa- gen, was mit der strengen Wahrheit nicht uͤbereinstimmt. Aber, wenn man etwas der Art schreiben soll, besinnt man sich doch. Das Geschriebene hat eine hoͤhere Bedeutung, als das fluͤchtig verhallende Wort. Diese Ueberlegung wird auch bei sonst nicht allzu streng moralisch gesinnten Personen zur Gewissenhaftigkeit, wenn sie ein Zeugniß , besonders ein amtliches, ausstellen sollen. Nichts von allem dem bei unse- ren Professoren. Sie testiren: „fleißig“, „mit lobenswerthem Fleiße“, „theilnehmend“ u. s. w. frisch zu, wenn sie nur wissen, daß das Colleg belegt gewesen und sie den Inhaber ein oder einige Mal gesehen haben. Ja oft moͤgen sie ihn gar nicht gesehen haben. Es waͤren manche schoͤne Geschichtchen daruͤber zu erzaͤhlen, wenn hier der Raum dazu waͤre. Aber ist das nicht eine wahre Depravation? Koͤnnen gewissen- hafte Juͤnglinge vor solchem Unwesen Respekt haben? — — 4) Sie stehen feindselig einander gegenuͤber . Will man Orte bezeichnen, wo Gelehrsamkeit, Kenntniß- reichthum, Bildung zu finden sind, wo sie eigentlich residiren, so nennt man die Universitaͤten. Natuͤrlich. In ihnen verei- nigen sich alle Umstaͤnde, welche die Bluͤthe der Intelligenz befoͤrdern. Sie heißen daher auch Musensitze; denn die Musen haben hier stabilen Aufenthalt. Nur die an Geist ausgezeich- netsten Juͤnglinge — dieß darf angenommen, muß vorausgesetzt werden — widmen sich dem akademischen Lehramte. Sie ha- ben auf Gymnasien die humaniora studirt, die artes , welche sich mit rohen Sitten nicht vertragen, nicht nur kennen gelernt, sondern sich zu eigen gemacht, die Humanitaͤtsstudien auf Uni- versitaͤten fortgesetzt, und betreten nun die Bahn zu dem Tem- pel der Wissenschaften und des Ruhmes. Wer sollte es darum nicht natuͤrlich finden, daß Jeder- mann in dem Leben, in der Gesinnung der Professoren als strahlende Tugend die Humanitaͤt sucht, die Vereinigung Aller, wenigstens aller fuͤr dieselbe Wissenschaft Hinarbei- tenden, in großartigem, begeisterndem, treu verbundenem Stre- ben, sich selbst vergessend uͤber der erhabenen Goͤttin, der sie dienen, gleich jenem Juͤngling, der die Theilung der Erde uͤbersehen hatte. Ja, die Humanitaͤt verlangen, fordern wir mit Recht von denen, die sich ruͤhmen, humaniora zu lehren. Aber — nun sehe man einmal zu, wie diese Humani- taͤts-Professoren zum Theil zu einander stehen, mit einander leben, sich gegen einander betragen, ob es einem nicht ist, als wenn man aus den Wolken fiele, und ob nicht Mancher recht hat, der sich von ihnen und ihrer Sache wegwendet. Es ist oft ein Skandal. Katzbalgereien, haͤmische Angriffe, kritische Bosheiten, weibische Klatschsucht, hinterlistige Ver- laͤumdung, nie aufhoͤrende Parteisucht und gemeine Unsrigkeit und Vornehmigkeit — und wie alle die heillosesten Tuͤcke des menschlichen Gemuͤthes heißen moͤgen, sie herrschen — nicht unter Staͤnden niederer Bildung, sondern unter unseren Ge- lehrten. Kaum gleicht eine Wuth der eines Gelehrten, wenn ein Anderer ihm die Bloͤßen, die er gegeben, aufdeckt, die Boͤcke, die er geschossen, verewigt. Kaum streiten boͤse Wei- ber mit solcher Verwuͤnschung mit einander, wie zwei Philo- logen uͤber verschiedene Lesarten und Auslegungen. Sie ver- folgen einander auf ewig. Gerade hier erkennt man nicht nur die Unwahrheit der alten Behauptung, daß das Wissen noth- wendig veredle, sondern auch die ungeheure Verirrung in der uͤbertriebenen Werthschaͤtzung des oft so eitlen, so unnuͤtzen Wissens. Abgoͤttisch verehren wir alten, todten Kram, beloh- nen die Aufspuͤrung einer unentzifferten Schrift an einem alten Stein mit Schaͤtzen und mit Ehre, und bewundern kleinlichen Scharfsinn, wo wir, wenn wir jenem Alexander glichen, so eitle Kuͤnste mit einem Scheffel Linsen anerkennen, d. h. ver- achten sollten. Ja, offen sprechen wir es aus, und erwarten den auf offenem Felde, der es unternimmt, uns zu widerlegen: nir- gends auf Erden herrscht unter Gebildeten die Humanitaͤt we- niger, als unter den Gelehrten. Das Volkssprichwort charak- terisirt viele in Wahrheit: „Je gelehrter, desto verkehrter“, in Gesinnung, im Leben. Nirgends findet man mehr Scheel- sucht und Neid als unter denen, die aus der Cultur der Wis- senschaften Profession machen. Nirgends weniger Aneinander- schließen, nirgends so viel gegenseitiges Isoliren als unter ihnen. Die Maͤnner derselben Facultaͤt sind in der Regel — gegen einander. Man sollte denken: da sie einer Sache, z. B. der Philosophie, der Medicin, der Theologie ꝛc. dienen, also unter einer Fahne fechten, so wuͤrden sie in gemein- schaftlichem Eifer fuͤr die Wissenschaft und aus Liebe zu den fuͤr sie zu gewinnenden Juͤnglingen zusammenhalten und nicht durch kleinliche Persoͤnlichkeiten auseinander gehalten werden. Aber, aber — lauter Parteisucht, Anfeindung, Haß. Der Alloͤopath steht dem Homoͤopathen, der Hegelianer dem Kan- tianer, der Supranaturalist dem Rationalisten, der Altdeutsche dem Neudeutschen diametral gegenuͤber. Als Parteimenschen kennen sie keine Humanitaͤt, Christenthum, Liebe, Gemein- geist, und wie diese hohen Dinge heißen; suchet sie uͤberall, wo ihr wollt, nur nicht in den Orten, die sie Musensitze benamset haben. Und solche Parteimaͤnner sollen der Bluͤthe der deutschen Nation als Vorbilder dienen! 5) Sie leben nicht in Ideen . Die Ideen, die das wuͤrdige maͤnnliche Leben uͤberhaupt beleben muͤssen, sind: der Hochgedanke der Tugend und Pflicht , die Ausbildung des Berufskreises , dem man sich gewidmet hat, und die Fortentwicklung 5 der allgemeinen Zustaͤnde der Nation oder der Menschheit uͤberhaupt . Ohne den ersten fehlt dem Da- sein des Einzelnen die Wuͤrde, und Gemeinheit der Gesinnung und Richtung tritt an deren Stelle; ohne den zweiten ist kein tuͤchtiges, edles Streben des Mannes moͤglich; ohne den drit- ten kann wohl energische Tuͤchtigkeit im engern Kreise bestehen, aber ohne ihn fehlt dennoch dem Streben die hoͤchste, allge- meinste Beziehung. Wer von ihnen gehoben und beseelt wird, lebt ein Leben in Ideen; wer sie entbehrt, ist ein ideenloser Mensch. Wie es in dieser Beziehung mit so vielen unserer Zeitge- nossen, auch mit vielen unserer Universitaͤtslehrer steht, es ist schmerzlich, davon zu reden, schon darum, weil man dabei der Gefahr der eignen Ueberhebung oder der Eitelkeit ausge- setzt ist. Aber es darf nicht verhehlt werden — wen lehrte es nicht jeder Tag? — daß die Ideen uns sehr abhanden ge- kommen. Die Verkehrtheit der Richtung zeigt sich am schla- gendsten in denen, die die Fuͤhrer zu sein den Beruf haben und darum an der Spitze stehen. Tugend und Pflicht — sie begeisterten den großen, unsterblichen Kant ; unser deutsch gesinnter Lessing und der alte Voß widmeten ihnen ihr thatenreiches Leben. Wir gehen in dem Gewaͤsser der Lob- sucht und der Schmeichelei unter, oder ersticken in dem Dunste mystischer Nebel. Aufopferung in edlem Berufe — ach es giebt sogar unter den Hochschullehrern welche, und nicht unberuͤhmten Namens, die nicht nur gerne moͤglichst wenig, sondern lieber gar nicht lesen, ja wohl gar durch Grobheiten die wenigen Zuhoͤrer aus dem Hoͤrsaale verscheuchen. Theil- nahme an der allgemeinen Fortentwicklung des oͤffentlichen Lebens und seiner Zustaͤnde — wo ist sie und wer bezeugt sie? Was die Lehrer nicht haben, fehlt auch den Schuͤlern. Und wenn etliche von diesen, in reinerer Luft aufgewachsen, ihrer lauteren Gesinnung folgen wollen, aber keinen Fuͤhrer, kein Vorbild finden, und darum vielleicht sich verirren, wen nimmt Solches Wunder, der die Zeit kennt und die Menschen! Kenntnisse besitzen wir in Ueberfluß, es fehlen die Ideen. Dieß ist die Klage, die ich erhebe. Es giebt Professoren, welche diesen Mangel durch einen sogenannten geistreichen Vortrag, durch augenblicklich rei- zende, die Einbildungskraft erregende, pikante Darstellungs- weise zu ersetzen suchen; aber vergebens und verkehrter Weise. Dadurch, wie ich schon einmal bemerkt, verdirbt der Sinn fuͤr das Einfache, Gerade, Natuͤrliche, Tiefe, Klassische, kurz der wahrhaft wissenschaftliche Geist, der an dem Ernst, der Strenge, der Schaͤrfe seine Freude hat. Es ist ein ganz verderblicher Wahn, zu meinen, das von der Wahrheit und Schaͤrfe des Gedankens entbloͤßte Geistreiche habe noch irgend welchen Werth; es ruinirt den Geist, verdirbt ihn fuͤr die Wissenschaft, wie Marzipan den Magen verdirbt. Wo findet man in den Werken, die aus den alt-klassischen Zeiten stam- men und die mit Recht fuͤr alle Zeiten als Muster gelten, wo findet sich in Lessing’s oder Kant’s geistvollen Schrif- ten auch nur eine Spur von der geruͤhmten geistreichen Art, selbst unserer poetischen Naturphilosophen, ihrem Haschen nach Gegensaͤtzen, witzigen Combinationen und frappanten Verglei- chungen, die den Beweis eines geistreichen Kopfes liefern sollen, und alles Andere enthalten, nur keine Wahrheit! Nim- mermehr vertraͤgt sich dieses eitle Streben mit dem Tiefen und Hohen. Diese sogenannten Geistreichen verderben den Ge- schmack der jungen Maͤnner, die zu ihren Fuͤßen sitzen. Diese verlieren, an das kuͤnstliche Leuchten der Blitze in schwarzer 5* Nacht gewoͤhnt, und durch die Raketen und Leuchtkugeln ge- blendet, die Faͤhigkeit, das reine Sonnenlicht der Wahrheit und die Einfachheit des Gedankens hochzuschaͤtzen, und das Wohlgefallen an einfacher, schmuckloser Darstellung. Darum sollte jeder Professor diese verderbliche Darstellungsweise den Neu-Romantikern und den Novellisten uͤberlassen. Eine Universitaͤt ist um der Studirenden willen da. Ihr Werth beruht auf der Wirkung auf dieselben. Diese laͤßt sich erkennen aus dem Verhaͤltniß der Gesinnung der Studirenden gegen die Lehrer. Und diese geht hervor aus den Aeußerungen jener uͤber diese. Wer weiß es nicht, wie oft sie ohne Ach- tung, meist ohne Dankbarkeit, ohne Pietaͤt, ohne Vertrauen, an den Professoren eine bittere Kritik uͤben, Witz und Spott uͤber sie ergehen lassen. Manches Anekdoͤtchen waͤre davon zu erzaͤhlen, paßte es zu dem Ernste des Gegenstandes. Aber sicherlich ist keine Kritik schaͤrfer und — niederschlagender (fuͤr den, der es weiß, worauf daraus zu schließen ist, und daß die paͤdagogische Wirkung eines Menschen auf einen Andern von der Achtung abhaͤngt, in der er bei ihm steht) als die der Studenten uͤber die Lehrer. Ohne Scheu wird da in oͤffentli- cher Gesellschaft und an Wirthstafeln erzaͤhlt, wie der und der sein altes Heft bereits seit zwei und mehreren Jahrzehnten ablieset und an bestimmten Stellen Witze reißet; wie ein An- derer bei der Bitte um Erlassung oder Stundung des Hono- rars sich schmutzig knickerig zeigt; was Frau Fama von dem Privatleben eines Dritten zu erzaͤhlen weiß. Nein, es ist mir oft weh um’s Herz geworden, wenn sich mir bei solchen Erscheinungen die Betrachtung aufdraͤngte, was fuͤr unselige Folgen diese von einzelnen Erfahrungen nur zu leicht auf die Gesammtheit gerichtete Ansicht von dem geistigen Streben, der Gesinnung und dem Leben der Professoren auf die Richtung der Juͤnglinge haben muß, die in diesen ihren Lehrern Vor- bilder fuͤr das Leben finden sollen. Denn unendlich wichtig ist es fuͤr den heranreifenden Mann, ob er zu Hochbildern hinaufschaut, oder ob ihn die, die aͤußerlich hochgestellt sind und in mancher Beziehung, wenigstens in der Ferne glaͤnzen, in der Naͤhe als Menschen erscheinen, die dieser Achtung un- werth sind. Jene bittere Kritik ist auf der einen Seite die Rachegoͤttin, welche die Professoren verfolgt, wenn sie nicht sind, wie sie sein sollten; auf der andern Seite ein Zeichen der (durch natuͤrliche Ursachen herbeigefuͤhrten) Verderbtheit der Gesinnung der Studenten, durch deren Mittheilung sie das Hochgefuͤhl der auf der Universitaͤt Ankommenden vernichten. Denn wie man von den Menschen denkt, so wirken sie auf uns. Wie kann der, der uns Nichtachtung, wo nicht gar Verachtung einfloͤßt, veredelnd auf uns wirken? — Sinkt unsere Meinung von den Menschen, besonders von hochstehen- den, so sinken wir mit. Darum sind im Leben nicht geach- tete, verachtete Lehrer, auch wenn sie durch Gelehrsamkeit glaͤnzen, die Verderber der Jugend. Die Schwaͤche, die Bodenlosigkeit des sittlichen und er- ziehlichen Verhaͤltnisses zwischen Professoren und Studenten haben die heillosen demagogischen Umtriebe der Studenten vollends mir aufgedeckt, und wer bis hieher der Meinung geblieben, daß die Klage, die ich gegen die Lehrer erhebe, des realen Grundes entbehre, der wird weiterhin nicht bei seiner Meinung beharren koͤnnen. Ich habe Politisch-Angeklagte in der hiesigen Hausvoigtei besucht, Soͤhne alter Freunde und Bekannten (— denn Chri- stus spricht: „Ich bin gefangen gewesen, und du hast mich besuchet!“ —), ich habe auf ihren Wangen die Wirkungen der Kerkerluft, in ihren Augen die Folgen moralischer Verir- rungen gesehen. Es ist mir nahe gegangen; ich habe gezittert, als ich die verbauten Fenster erblickte, hinter welchen die Juͤnglinge schmachten, um welche Vaͤter, Muͤtter, Bruͤder, Schwestern und alle Freunde des Vaterlandes und der Jugend Thraͤnen vergießen. Ich habe an die Ursachen gedacht, die Solches herbeigefuͤhrt; an die Maͤnner, die vor Allen es haͤtten verhindern koͤnnen; an die, welchen die Eltern, der Staat, Amtspflicht und Eid die Juͤnglinge zur Bildung und Erziehung uͤbergeben haben. Haben diese nicht gewollt, oder haben sie nicht gekonnt? Liegt es an ihrer Willen-, oder an ihrer Machtlosigkeit ? An dem Einen oder dem Andern, von denen schwer ist, zu sagen, welches das Schlimmere sei, muß es liegen, oder an Beiden. Sollten sie nicht gewollt haben, so verdienten sie eine weit haͤrtere Strafe, als die Juͤnglinge. Haben sie nicht ge- konnt , entweder weil sie nicht wußten, was die ihrer Pflege Empfohlenen, wenn auch im Verborgenen, doch unter ihren Augen trieben, oder weil ihr Einfluß auf dieselben gleich Null ist, welches beides zusammen wir um der Milde willen an- nehmen wollen, nun so erkenne man die Schwaͤche und Bo- denlosigkeit des Verhaͤltnisses zwischen Professoren und Stu- denten! Aus dieser kurzen Betrachtung folgt Zweierlei: 1) So darf es nicht bleiben; 2) den unter solchen Umstaͤnden verirr- ten Juͤnglingen, dieser hirtenlosen Schaar, kann unser Mitleid nicht entgehen. Diese milden Worte uͤber einen Gegenstand von solcher Schwere verdienen — das wird jeder Leser erkennen — das Lob der Maͤßigung. Ich habe mich selbst bezwungen. Aber man wird zugeben, daß der Gedanke: sechshundert deutsche Juͤnglinge haben sich in verbotene, zum Theil in verbrecheri- sche Verbindungen eingelassen, und solche Plane geschmiedet, die das Gesetz mit schwerem Arrest und mit dem Tode bestraft, und sie buͤßen nun ihre Verirrungen und Verbrechen in den Kerkern — ich sage, dieser Gedanke rechtfertigt auch den gluͤ- hendsten Zorn uͤber die, welche, wenn auch nur in negativer Weise, davon die Schuld tragen. Ob die Universitaͤtslehrer mit Recht damit beladen werden koͤnnen, wir lassen es dahin gestellt, wir wollen hoffen, daß es nicht sei; aber das haͤtte ihnen Ehre gebracht, wenn sie von allen Seiten und auf alle moͤgliche Weise, wenigstens mehr als es geschehen, sich der verirrten und verfuͤhrten Juͤnglinge angenommen und Vor- schlaͤge gethan haͤtten, welche dieses Unheil mit der Wurzel von den Universitaͤten haͤtte entfernen koͤnnen. Ein treuer Hirte bewacht die Heerde, damit der Wolf sie nicht fresse, und wenn sich eins von hundert Schafen verirrt, so geht er ihm in die Wuͤste nach, damit es nicht verloren gehe. Der ver- irrten Juͤnglinge sind aber sechshundert ! — — Diese schreckliche Wahrheit sollte in der Seele jedes Lehrers derselben wie ein Mordbrand wirken. Aber sie schweigen und lehren ruhig fort ihren alten, abstracten Kram. Sind sie Mieth- linge? Ist es Abgestorbenheit und Gleichguͤltigkeit, oder Feig- heit ? Ihnen aͤhnlich verharren auch die Gymnasiallehrer in absolutem Stillschweigen, bis die Steine daruͤber schreien wer- den, daß manchem ihrer Schuͤler psychisch und physisch der Geist ausgeht uͤber den Massen, die zu lernen sind. — Unsere Juͤnglinge beduͤrfen — dafuͤr sprechen Thatsachen — der Leitung . Alle, ihre Verhaͤltnisse erkennenden, strebenden Juͤnglinge wuͤnschen sie, wuͤrden dankbar sie annehmen. Wie viele bedauern und betrauern nicht tief die Isolirung, die Entfernung von den Professoren, wozu sie sich, besonders in großen Staͤdten, genoͤthigt sehen! Mit welcher Freude wuͤr- den sie eine Einrichtung begruͤßen, die nur dem Museum in Tuͤbingen gliche, was doch gewiß nicht viel sagen will! Aber es ist Zeit! Oder soll das Land noch einmal den Schmerz erleben, verbrecherische Verbindungen und deren Folgen ent- stehen zu sehen, falls es dem gallischen Hahne einfallen sollte, zum dritten Male zu kraͤhen? Ist es schon verderblich, in den ruhigsten Zeiten die Kraft der deutschen Juͤnglinge nicht in jeder Weise zu erregen und zu uͤben, so erreicht solches Verderben den Gipfel in Zeiten, in welchen die Wogen der Voͤlkerbewegungen an die Graͤnzen des deutschen Landes an- schlagen, wenn die Winde neuer Ansichten aus allen Welt- gegenden blasen, wenn die Sterne des Himmels zu erblassen anfangen, eine neue Sonne aufgeht, und die Pole der Welt- geschichte sich aͤndern! Nur gebe man — es ist nicht genug zu wiederholen — sich dem Wahne nicht hin, als koͤnne man den bewegten Strom durch bloße Machtgebote und Befehle, durch Verbote aller Art oder durch kleinliche Bevormundung in sein Bett wieder hineinlenken! Man braucht unsere Jugend nicht zu kennen, man braucht nur zu sehen und zu hoͤren, um sich von der Gefahr, die dieser Wahn herbeifuͤhren koͤnnte, zu uͤberzeugen. Doch der Eintritt dieser Gefahr ist nicht zu besorgen. An den Universitaͤtslehrern selbst findet das Gegen- theil seine Vertheidiger. Denn eine streng paͤdagogische Beauf- sichtigung der Studenten wuͤrde doch — das fuͤhlen sie — zu- letzt von ihnen selbst gefordert werden. Vor nichts aber haben sie eine groͤßere Scheu, als vor positiven Leistungen. Sie lie- ben das Dociren uͤber die Maßen; alles Andere ist ihnen ein Greuel. Auch wir verabscheuen die Knechtung freier Maͤnner durch Aufladung von kleinlicher Controlle und Anfertigung von Listen; aber was der Zweck des Amtes erheischt, das zu uͤber- nehmen, darf sich kein Gewissenhafter weigern. Dociren und Buͤcher schreiben ist auch bei dem Universitaͤtslehrer nicht ge- nug; er soll in’s Leben eingreifen dadurch, daß er sich um das Gesammtwohl seiner Schuͤler bekuͤmmert, sage bekuͤm- mert, im eigentlichen Sinne des Wortes, damit nicht ihrer Hunderte zu Verbrechern werden, und damit die Thraͤnen- fluthen, die um diese geweint werden, versiegen. Gott gebe es! Dazu etwas beigetragen zu haben, wuͤrde mir noch in der letzten Stunde ein Trost sein. So, wie ich sie geschildert habe, sind viele oder manche unserer Professoren — ein Spiegel des Verderbens der Zeit. Die Groͤße desselben ist darnach zu bemessen, daß sie, die Hochgestellten selbst, ihm nicht zu entrinnen vermochten. Es waren bessere Zeiten und die Hochschulen bluͤheten mehr, als die Gelehrten sich noch fern hielten von der Naͤhe der Großen und den Gelagen der Reichen, und als Keiner mit der Eitel- keit behaftet war, sein Knopfloch mit bunten Baͤndern zu ver- sehen, jene Zeiten, in welchen der Gelehrte der Wissenschaft diente und den Juͤnglingen, die sich ihr widmen wollten. Man konnte sie in mehrfacher Hinsicht beschraͤnkte Zeiten nen- nen; aber sie kannten nicht die Entartung derer, welche die Wissenschaften und ihren Geist erniedrigen unter die Goͤtzen des Tages. Wenn es nun wahr ist, daß ein Theil unserer Professo- ren die Anklage, die ich gegen ihre Gesinnung erhebe, nicht von sich zuruͤckweisen kann, wie muß solche Gesinnungslosig- keit auf die Zoͤglinge des Hochschulen wirken? Welche Aerndte haben wir, unsere Nachkommen, davon zu erwarten? Ver- bessert die Lehrmethode, die Institutionen, es ist wichtig! Bildet schlechte Gesinnungen um, und ihr habt Wichtigeres, ja Ihr habt das Wichtigste fuͤr die Erziehung und Bildung kommender Geschlechter vollbracht! Soll, darf es so fortgehen, wie es bisher gegangen? Ist Hoffnung vorhanden, daß die Sache sich von selbst zum Bessern wenden, daß die Umgestaltung von den Lehrern, die ihre Kraͤfte den Hochschulen widmen, ausgehen werde? Liegt die Grundursache dessen, was als verderblich nachgewiesen worden, in den Personen, oder in den Institutionen? Sie liegt in den Institutionen. Darum Reform der Uni- versitaͤten ! B. Die übrigen Verhältnisse auf den Universitäten . Nachdem wir die Lehrer geschildert, wie es ihrer giebt, gehen wir zu den uͤbrigen Verhaͤltnissen, die den Studenten umfangen, uͤber. Es ist nicht noͤthig, daß wir dabei eine logische Gliederung festhalten; wir haben nur die Zustaͤnde zu uͤbersehen, in welchen unsere Hochschuͤler leben. Es sind die Hoͤrsaͤle und was daneben ist, vor und nach dem Besuch derselben geschieht. Wir werden sehen, daß große Staͤdte die schlimmeren Orte sind. Wenn der von dem Gymnasium Entlassene den Raum der Hochschule betreten hat, so ist sein erstes Bemuͤhen, sich ein Quartier zu suchen. — An haͤusliches Leben, an die Fa- milie gewoͤhnt, wuͤnscht er sich einen theilnehmenden Haus- wirth, gefaͤllige, gutmuͤthige Hausleute. Denn das Anschlie- ßen an Menschen ist ihm Beduͤrfniß. Aber es ist mehr, es ist ein Nagel, der seine Sittlichkeit befestigt. In kleineren Staͤdten findet er dieses Beduͤrfniß leicht befriedigt, nicht in den großen oder groͤßten. Hier stehen die Menschen einander uͤberhaupt fern; in den großen Haͤusern wohnen oft Hunderte zusammen — der Mensch faͤllt in seinem Preise; enges An- schließen, genaues Kennenlernen ist nicht mehr moͤglich; Jeder laͤßt den Andern gehen; der Juͤngling ist sich selbst uͤberlassen; die Bande, die ihn an den Buͤrger anschließen, werden locke- rer, die Moͤglichkeit zum leichten Leben, zum Libertinismus groͤßer. Es ist Sitte geworden, daß der Student sein Quartier monatweise miethe. Ehemals geschah es auf Semester , als noch die akademischen Uhren ganze halbe Jahre liefen. Seitdem sie aber oft schon in drei oder vier Monaten abge- laufen sind, findet der Student seinen Vortheil bei kuͤrzeren Terminen. Gefaͤllt es ihm nicht, gefaͤllt er nicht, er zieht weiter. Natuͤrlich ist unter solchen Conjuncturen an ein ge- genseitiges Anschließen von Student und Buͤrger gar nicht zu denken. Jener macht unbedingte Forderungen, dieser sucht von der kurzen Frist des Zusammenlebens moͤglichst hohen Ge- winn zu ziehen. Egoismus hier, Egoismus da, natuͤrlich am potenzirtesten in großen Staͤdten. Eine zweite Quelle des Li- bertinismus. Nachdem er sich eingemiethet, sucht er sich eine Restau- ration. In den besten Faͤllen tritt er mit einer Gesellschaft von Studenten zusammen, die regelmaͤßig zusammen essen. Denn dadurch entsteht ein gegenseitiges Anschließen, eine Zu- sammengehoͤrigkeit. Aber in vielen Faͤllen fehlt es den Einzel- nen dazu an Bekanntschaft, Gelegenheit. Mancher liebt auch die Willkuͤr. Heute moͤchte er um Zwoͤlf, morgen um Drei, uͤbermorgen gar nicht essen. Auch ist das Auswaͤhlen der Speisen, und der Wechsel uͤberhaupt angenehm. Darum ge- hen Viele in die Restauration, wo à la carte gespeist wird, heute in diese, morgen in jene. Die Gesellschaft, die hier zusammenkommt, ist sich fremd, bleibt sich fremd. Sie ist gemischt. Keine eigentliche Gesellschaft, kein erheiterndes Ge- spraͤch. Natuͤrlich am wenigsten in großen Staͤdten. Eine dritte Quelle des Libertinismus. Alles geschieht nach Laune und Gefallen: Wahl des Quartiers, Wechsel desselben, wenn es sein muß, allmonat- lich; Veraͤnderung des Speisewirthes taͤglich, der Speisezeit, wie es kommt — Alles ad libitum — libertin — libertinage. Nun ist es Zeit, sich die Matrikel zu verschaffen. Er meldet sich bei dem Quaͤstor, dann beim Rector. Die Uni- versitaͤt ist groß, zahlreich besucht; der sich Meldenden sind viele; Persoͤnlichkeiten verschwinden, die Immatriculanden wer- den nach Stuͤcken gezaͤhlt, wie in dem Schnellwagen: „Drei- zehn Stuͤck, Schwager fahr’ zu! In 2 Stunden 49 Minu- ten mußt du auf der Station sein.“ Rector magnificus ist ein viel beschaͤftigter, geplagter Mann. Die Herren Commili- tonen werden en masse citirt, en masse eingeschrieben, en masse aufgefordert, zugesprochen, die akademischen strengen Gesetze nun auch wirklich zu halten. Sie thun es. In 2 Stunden sind ihrer 70—80 abgefertigt. Es geht, merkt der Neuling, Alles sehr leicht und schnell. Sein Gesichtskreis erweitert sich; er merkt mit freudigem Ge- fuͤhl, er ist ein freier Mann, er ist in einem Grade frei, wie er sich Solches nicht haͤtte traͤumen lassen; die guten Eltern, Papa und Mama, sind weit; der Hausphilister bekuͤmmert sich nicht um ihn und versorgt ihn mit einem Hausschluͤssel; der Restaurateur ist immer bereit; die gefuͤllte Boͤrse gewaͤhrt ihm einen passe par tout. Die akademische Freiheit, es ist ein herrlich Ding, vivat hoch! Die Collegien sollen beginnen. So steht im Katalog. Aber es eilt nicht so. Die Herren Professoren fangen noch nicht an. Es ist noch Zeit, daß sich Bruder Studio vorher mit andern Dingen auf der Universitaͤt gruͤndlich bekannt mache. Die aͤlteren Bruͤder weisen den „Fuchs“ zurecht, und weihen ihn guͤtig und liebreich ein. Er fuͤhlt sich uͤbergluͤcklich durch die Freundschaft eines „fidelen Hauses“, durch den Smollis mit einem „bemoosten Haupte“. Inzwischen durchmustert er das Lectionsverzeichniß, na- tuͤrlich an der Hand und mit dem Beirath seiner erworbenen Freunde. Der Vater oder der Rector Gymnasii, das er ver- lassen, hat ihm gerathen, die und die Vorlesungen zu hoͤren, so und so seinen Studienplan einzurichten. Aber die erfahre- nen Freunde wissen es besser. Das empfohlene Collegium ist zwar nuͤtzlich, unter Umstaͤnden wichtig, aber der Mann, der es lies’t, ist ein „gruͤndlich langweiliger Gesell“. Doch, das Collegium gehoͤrt zu denen, woruͤber dereinst, nach drei oder vier, d. h. nach vielen Jahren, ein testimonium beigebracht werden muß. Also belegt muß es werden; dann ist der Herr Professor auch stets freudig bereit, zu testiren. Man geht darum einige Mal hinein, nachher aber besucht man andere Lehrer, die interessanter lesen. Ueberall zu belegen, wo man hoͤren will, ist nicht noͤthig. Es ist zwar Gesetz, aber die Masse der Zuhoͤrer ist sehr groß, Controle unmoͤglich. Liber- tinage in dem Besuchen der Vorlesungen, Libertinage in dem Bezahlen derselben. Doch wir setzen den besten Fall: Der angehende Student hat feste Grundsaͤtze, er ist gewissenhaft und fleißig, er schwaͤnzt nicht. Auch vergißt er Mappe und Dintenfaß nicht. Letztes ist absolut noͤthig, denn die Vorlesungen sind zwar nicht wohl- feil, aber das Honorar reicht nicht hin, ihn von Universitaͤts- wegen mit Dinte zu versorgen. Er muß sie sich selbst mit- bringen, es ist nicht anders, moͤgen auch die Beinkleider darunter leiden. Dafuͤr aber darf er auch die Tische in dem Hoͤrsaale durchbohren, und bei langer Weile zerschneiden. Er muß den Namen der Geliebten verewigen. Unsere Hoͤrsaͤle sehen darum aus, daß man sich schaͤmen muß, wenn ein Fremder sie betritt. Unsre Juͤnglinge uͤben sich waͤhrend des Zuhoͤrens und waͤhrend der langen Pausen — denn das aka- demische Viertel oder bisweilen auch Drittel wird niemals im Eifer des Lesens vergessen — in der Zerstoͤrung des Staats- eigenthums. Sie sind in dieser Beziehung in guter Schule. Die Vorlesung beginnt nach langem Warten. Das War- ten macht muͤde. Gluͤcklich, dreimal gluͤcklich nun der Juͤng- ling, wenn er vor einem Manne sitzt, der Gedanken mittheilt, gleich einem Fixsterne mit eignem Lichte leuchtet und seine durstige Seele zum kastalischen Quell hinleitet. Nun kann er trinken in langen und tiefen Zuͤgen, wenn die Umstaͤnde, das Leben uͤberhaupt, das er seit 23 Stunden gefuͤhrt hat, es er- lauben. Gottlob, es giebt noch solcher Docenten. Sie sind zwar so haͤufig nicht, wie die Fixsterne; aber wenn nur jede Facultaͤt, wenn nur die philosophische, die allgemeine, Einen besitzt, es ist ein hohes, unschaͤtzbares, leider ein seltenes Gluͤck. Ewige Anerkennung, Ruhm und Dank einem Manne, wie Schleiermacher , der taͤglich drei Stunden hinter ein- ander in Brillantfeuer strahlte. Hier war das akademische Viertel einmal eine Wohlthat; man fuͤhlte das Beduͤrfniß, auszuruhen, die zu Tage gefoͤrderten Schaͤtze zu sammeln, zu ordnen, sich an ihrem Besitze zu weiden. Aber in den meisten Faͤllen ist es anders. Ablesen, Dic- tiren, lahmer, matter, geistloser Vortrag von der einen — Nachschreiben, Krumm- und Lahmsitzen auf der andern Seite, toͤdtliche Langeweile — gelehrter Kram, deutsche d. h. unprak- tische Gruͤndlichkeit, historischer Wust — was Wunder, daß der Juͤngling bei dem ewigen Einerlei ermuͤdet, stumpf und dumm wird, dann faullenzet, anfaͤngt zu schwaͤnzen, sein hei- ßes Blut an andern Orten abkuͤhlt und seine Kraft in andern Richtungen uͤbt. Das Leben lockt, die lustigen, fidelen Bruͤ- der, die Kneipen, die Commersche. Es ist notorisch, daß fuͤr die Meisten ein, zwei, drei oder mehr Semester verloren ge- hen. Aber was heißt hier: verloren gehen ? Ist nichts weiter verloren als Zeit und Geld? Ist die Kraft, das Mark des Juͤnglings unverbraucht geblieben? Wenn nicht in geistiger Anstrengung und leiblich staͤrkenden Leibesuͤbungen — wie dann und wo ? Nein, Ihr Guten, diese akademische Freiheit preiset Ihr allein. Kein Besonnener, kein Kenner, kein Freund der Ju- gend kann sie loben. Nicht wie Schuljungen wollen wir sie discipliniren, aber doch leiten. Die Moͤglichkeit der Verirrung muß bleiben, weil an sie die Moͤglichkeit der Entwicklung der Freiheit gebunden ist; aber die positiven Institutionen duͤrfen nicht fehlen, die die Kraft des Juͤnglings in edle Richtungen mit Sicherheit hinlenken. Saget mir doch, was fuͤr Institu- tionen Ihr in’s Leben gerufen, zur Erreichung dieses Zweckes? Was haben wir, außer der Sprachkraft und Sprachunkraft der akademischen Docenten? Zu was fuͤr Thaͤtigkeiten veran- laßt Ihr den Juͤngling außer der Bewegung der Hand beim Nachschreiben, der Passivitaͤt beim Zuhoͤren und dem Aus- wendiglernen seiner Hefte?! Gewiß, in vielen Faͤllen geschieht ein Mehr bei den besseren Juͤnglingen; aber koͤnnt Ihr in der Mehrzahl der Faͤlle darauf rechnen? Gehoͤrt es zu den Aus- nahmen , wenn dieses Mehr nicht eintritt? Wo ist die unmittelbare, geistige Wechselwirkung des Leh- rers und des Schuͤlers? Wo die Gelegenheit, die Nothwen- digkeit dazu? — Selten, oder nirgends. Wo die Institute, die den Leib der Juͤnglinge staͤhlen und kraͤftigen, damit das heiße Blut sie nicht verfuͤhre? — Sie fehlen. Wo die Veranstaltungen, daß der Juͤngling Bekanntschaft mache mit achtungswuͤrdigen Maͤnnern und edlen Frauen, und sich feine Sitte und aͤußere Bildung aneigne? — Wie bildet Ihr Kameradschaften, Zusammenschaarung des Gleichartigen, Standesgenossenschaft und Corporationen? — — Wo zeigen sich dem Juͤngling praktische Ideen in dem Leben der Maͤnner und der Staͤnde? Sehet, auf diese und viele andere Fragen nach Dingen, die, wie ich oben gezeigt habe, zur Erziehung derer, welche die Culturtraͤger und Foͤrderer der Nation zu sein berufen sind, gar nicht fehlen duͤrfen, habt Ihr gar keine Antwort. Es fehlet an Allem, uͤberall tabula rasa , Alles rasirt. Es macht sich in manchen Faͤllen das Bessere, aber das ist Euer Verdienst nicht. Und doch ist es Eure Pflicht, dafuͤr Sorge zu tragen, daß nur der Widerspenstige nicht wird, was er werden kann und soll. Am Niederreißen, Negiren, Vernich- ten hat man sein Gefallen gehabt, auch auf den Universitaͤten. Aber was ist Positives geschaffen worden? Tabula rasa. Eure Angst ist, daß etwas Ungehoͤriges geschehe; darum verhuͤtet Ihr nicht, daß nichts geschieht. Wenn sie nur kei- nen Tumult machen, wenn nur kein Skandal entsteht, wenn nur dieß nicht geschieht, nur jenes nicht, wenn nur dieses — dieses — dieses — nicht, nicht, nicht eintritt; sehet das ist das Hoͤchste, was Ihr anstrebet, eine pure Negation, ein reiner Nihilismus. Ob die Juͤnglinge in Faulheit, Passivitaͤt und geistigen Tod verfallen, ob sie in der Kneiperei und im Schuldenmachen untergehen, ob sie ihr Mark in den geheimen Winkeln vergeuden und sich entnerven, entmarken, entman- nen, dagegen habt Ihr keine durchgreifende Mittel. Es ist entsetzlich, aber es ist wahr . Als ich studirte, 1808 u. s. w., es gab auch Kneipier’s, Renommisten, Schlaͤger und solche, die in Kloaken sich her- umtrieben. Aber sie waren gekannt und — verachtet . Fra- get jetzt nach, ob Solches in .... der Fall ist! Wenn vor 25 Jahren Einer an einer schaͤndlichen Krankheit laborirte, man zeigte heimlich mit Fingern auf ihn und Jeder mied ihn. Fraget jetzt darnach! Damals war diese Krankheit, die auf Handlungen hindeutet, die Leib und Seele vergiften, unter den Studenten, wenigstens Suͤddeutschlands, eine Seltenheit. Und jetzt? Ist es eine Luͤge, eine Verleumdung, wenn ich be- haupte, daß Juͤnglinge aus den besten Familien in einer Uni- versitaͤtsstadt, deren Namen ich hier verschweige, an geheimem Gift laboriren? Fuͤr sie ist die Naͤhe einer andern groͤßern Stadt „In großen Städten verschwinden die Studenten, Alles geht vortrefflich, ruhig her, Niemand weiß von einem Skandal“, so sprecht Ihr lobpreisend, aber was in den Bier- und Schnapps- kellern, in den Winkeln und Häusern, in welche Sirenen den jungen Mann locken, was auf den Stuben geschieht, da es Dirnen giebt, welche die Studenten besuchen, ja die — ich muß es heraussagen — sie zum Abonnement reizen, das wißt Ihr nicht, und wer es weiß, sagt es nicht gern. Aber es ist! eine Moͤrdergrube. Auch dort giebt es liederliche Dirnen; aber hier werden sie geduldet, sie sind privilegirt. Dieses ist das Schreckliche. In wenigen Stunden ist der 6 Juͤngling dort, wenn der Genuß des Weines sein Blut er- hitzt hat. Ich kann es nicht beweisen , daß es auf Universitaͤ- ten, die sich in großen Staͤdten befinden, noch schlimmer steht; aber das bedarf keines Beweises. Es kann nicht anders sein. Denket z. B. an Muͤnchen, wo auf jedes eheliche Kind ein uneheliches kommt. Und diesen Graͤuel der Verwuͤstung dul- det man nicht bloß, nein, man verlegt auch eine hohe Schule in dieses Sodom und preiset es als das deutsche Athen. Wohl, es wird eine hohe Schule sein! Es ist schrecklich. Ist es ein Wunder, daß ein Vater, der Solches weiß, zittert , wenn er seinen hoffnungsvollen, behuͤteten, reinen Sohn auf die Universitaͤt entlassen will, entlassen muß? zit- tert, wenn derselbe heimkehret, ehe er ihn gesehen, weil er fuͤrchtet, es moͤchte Ungeheures geschehen sein? Als oͤffentlicher Anklaͤger koͤnnte ich im Namen der Vaͤter und Muͤtter und des Genius der Paͤdagogik gegen Euch auf- treten, die Ihr dem Uebel nicht kraͤftiger steuert, wo Ihr es koͤnnt! Aber ich thue es nicht, ich nenne nur das Verder- ben selbst und seine Quellen, damit sie verstopft werden. Weiter will ich nichts, kann ich nichts wollen. Aber es ist hohe Zeit. In vorigen Zeiten glichen die Universitaͤten einem wilden Walde in Alt-Germanien. Unter himmelhohen Eichen hause- ten wilde Thiere mancherlei Art, zottige Baͤren, heulende Woͤlfe und Auerochsen mit gekruͤmmten Hoͤrnern. Murmelnde Baͤche stroͤmten von den Bergen herab und vereinigten sich zu reißenden Stroͤmen. Frische Nordwinde strichen durch den Wald. Wer ihn betrat, siedelte sich entweder an den Baͤchen und Quellen an, um poetisch zu lustwandeln und sich an den suͤßen Liedern der Nachtigallen zu ergoͤtzen. Oder er gesellte sich in wilder Kraft zu jenen Thieren, die gemeinschaftlich kaͤmpften mit Allem, was nicht in dem Walde war, und sich auch unter einander zerrissen. Mancher blieb in dem Walde; wer wieder herauskam, war zottiger und wilder geworden. Aber das wilde Leben hatte seine Kraft gestaͤhlt und er war ein Mann geworden, dem die spaͤtere Politur die Mannhaf- tigkeit nicht mehr zu rauben vermochte. Jetzt ist der Wald ausgehauen, alle Hoͤhen sind geebnet, alles Hervorstehende, Characteristische ist nivellirt, die Quellen und Baͤche sind zu Suͤmpfen geworden, die Bewohner der sumpfigen Flaͤchen ath- men erquickende Duͤnste und nichts mangelt ihnen so sehr als die Eigenschaften kraͤftiger Maͤnner. So waren die Universitaͤten, so sind sie jetzt. Bemerkung . Ich habe oben keinmal ausdruͤcklich mit einem Worte der Religion gedacht. Gehoͤrt nicht auch sie in die Reihe der unentbehrlichsten, nothwendigsten Bildungsmittel, ist sie nicht auch das erste fuͤr die akademische Jugend? Sicher und gewiß, so gewiß, als sie die Wurzel und die Bluͤ- the alles wahren Lebens ist. Dieses ist fuͤrwahr ein schmerz- licher Gedanke, wenn wir an die Oede und Leere, welche in dieser Beziehung in der Regel unter den Studenten herrscht, denken. Sieht es nicht so aus, als waͤre die Religion, das Christenthum, die Kirche gar nicht fuͤr sie da? Erkennt man aus dem Streben und Leben der meisten, daß sie den Geist wahrer Religioͤsitaͤt in sich empfangen und fortgebildet haben? — Doch, wir wollen nicht ungerecht sein; es ist Manches im Innern verborgen, was nicht aͤußerlich in Mienen und Ge- berden erscheint; auch suchen wir nicht die Religioͤsitaͤt in Aeu- ßerem, und wir wissen es, die Form und die Aeußerung der- selben ist in jeder Altersperiode eine andere. Huͤten wir uns darum, Alles mit einer Elle, einem Maßstabe zu messen, und geben wir auch in dieser Beziehung der individuellen Ent- wicklung einen freien Spielraum! Aber bei all’ dieser libera- len Gesinnung vermissen wir unter den Studenten im Allge- meinen lebendigen Sinn fuͤr die Religion, hier gleich viel, ob er sich vorherrschend durch ein Forschen nach den religioͤsen Tie- fen, oder durch Waͤrme des Gefuͤhls, oder durch Thatkraft aͤußern moͤchte. Aber zur Aeußerung muͤßte er doch treiben, falls ein lebendiger Keim und Trieb vorhanden waͤre. Wodurch soll dieser, selbst von den edleren und feineren Gemuͤthern der Studenten schmerzlich gefuͤhlte Mangel ersetzt werden? Welche Vorschlaͤge waͤren in dieser Beziehung zu thun? Ich gestehe es, ich bin in dieser Beziehung in Verle- genheit. Soll man eigne religioͤse Vortraͤge und was sich daran anschließen moͤchte, fuͤr die Studenten vorschlagen, oder soll man sie nur hinweisen auf fleißige Theilnahme an dem allge- meinen Gottesdienste? Was hier zu thun sein moͤchte, und ob von eignen Veranstaltungen eine besondere Wirkung fuͤr Geist und Herz zu erwarten sein duͤrfte, ich weiß es nicht. Ich muß mich damit begnuͤgen, den herrschenden Mangel angedeutet zu haben, und das Weitere Andern uͤberlassen, so wie es uͤber- haupt meine Aufgabe weniger ist, radicale Heilmittel fuͤr die aufgedeckten Gebrechen in Vorschlag zu bringen, als die Uebel selbst zu bezeichnen. Das Heilen muß von denen ausgehen, welchen Amt und Gewissen Solches zur Pflicht macht. Deß- halb tadle man diese kleine Schrift nicht darum, weil die Rath- schlaͤge zur Beseitigung der Maͤngel und Gebrechen diesen nicht vollkommen entsprechen. Solches liegt in der Natur der Sache und des Standpunktes, den ich einnehme. Erkennt man nur einmal in rechtem Ernste, der ja uns Deutschen vorzuͤglich eigen sein soll, die großen Gebrechen unserer Universitaͤten, so wird man gewiß auch die Mittel entdecken, durch welche den- selben begegnet werden kann. Was der Eine nicht sieht und weiß, erkennt und versteht der Andere, und die freie Discus- sion wird die einseitigen Standpunkte der Einzelnen zu allsei- tiger Auffassung vereinigen. In großen Dingen etwas gelei- stet zu haben, selbst wenn es bei einer zeitgemaͤßen Anregung geblieben waͤre, verdient schon Anerkennung. Darum sage der , der das Bessere weiß, dieses Bessere ! Schluß . W orin ich das Verderben auf den deutschen Universitaͤten finde, habe ich gesagt, unverholen und derb. Dieß war meine Absicht. Ich stehe deßhalb am Schlusse. Auch habe ich nicht verholen, was ich fuͤr eine Verbesserung ansehen wuͤrde. Ich will Solches zusammenfassen. Vorher aber muß ich noch ein- mal auf die wichtige Wahrheit aufmerksam machen, daß es Einzelheiten sind, durch deren alleinige Einfuͤhrung eine voͤl- lige Umgestaltung in dem Grade und Maße, wie die Univer- sitaͤten sie beduͤrfen, nicht herbeigefuͤhrt werden kann. Diese haͤngt ab von der Umgestaltung anderer Lebensverhaͤltnisse, mit welchen unsere Unterrichtsanstalten verbunden sind, seit- waͤrts und jenseits derselben. Nicht die Professoren, deren Wissenschaftlichkeit und Methode u. s. w. sind die alleinige Hauptsache fuͤr die Bildung der Studirenden: es ist das Le- ben des ganzen Volkes, das ganze Leben auf der Hochschule, der Geist, der die Menschen treibt, da wo jene die ersten Schritte in’s Leben thun, die Richtung auf das Gemeine oder Hoͤhere, welche vorherrscht, die ausschließliche Beschaͤftigung mit Particularinteressen, oder die Unterordnung derselben unter allgemeine, hoͤhere. Keine Bildungsanstalt, kein Vortrag, keine Methode kann ersetzen, was in diesen wichtigsten Bezie- hungen fehlt, was nur kommen kann vom allgemeinen Leben, seinen Institutionen, seinem Geiste. Doch ich nenne Ein- zelheiten . A. 1) Nur Solche werden zu Universitaͤtslehrern berufen, die sich anderwaͤrts schon als Maͤnner von Geist und Kraft bewaͤhrt haben. Als Regel gilt: Vollendung des dreißigsten Lebensjahres als Minimum. Wer selbst noch an Jahren und Richtung ein Studiosus ist, kann Studenten nicht erziehen (in dem oben dargestellten Sinne. Darum keine Verdrehung der Ansicht wegen eines Wortes!) 2) Jeder Lehrer wird auf bestimmte Lehrfaͤcher, in be- stimmter Zeit zu behandeln, verpflichtet. Jenseits dieser Ver- pflichtung beginnt der freie Spielraum, jedoch ebenfalls inner- halb bestimmter Fachbegraͤnzung. 3) Das Historische des Lehrstoffes wird den Studen- ten gedruckt uͤberliefert. (Zweckmaͤßig ist auch die gedruckte Mittheilung eines kurzen Leitfadens des dogmatischen Gehalts, Andeutungen, Fingerzeige u. s. w.) 4) Die vorherrschende Lehrmethode ist die dialogisch- entwickelnde . Unbedingt gilt sie in allem Rationellen. Das Historische wird als bekannt vorausgesetzt, das aͤußerlich Anschauliche wird (wie bisher) vorgezeigt. 5) Die Zahl der taͤglichen Lectionen, wozu ein Lehrer verpflichtet wird, ist hoͤchstens drei; sie gilt auch als Maxi- mum fuͤr den Studenten. Dieselben sind nicht zum passiven Hoͤren, nicht zum Heftschreiben, sondern zur Erlernung des Selbstdenkens und Forschens auf der Universitaͤt. 6) Die leitende Behoͤrde macht die Reihenfolge der Vor- lesungen und ihre Vertheilung auf einzelne Semester bekannt. Es sei ein Rathschlag, kein Zwang. 7) Der Student muß sich bescheinigen lassen, ob und wie er an einer Vorlesung Theil genommen habe. Der Leh- rer darf nur bescheinigen, was er weiß — auf Amtseid und Pflicht. 8) Stipendien werden nur dem ertheit , der sich durch specielle, in jeder Hinsicht glaubwuͤrdige Zeugnisse als ein jun- ger Mann von Geist und Strebkraft ausweiset. 9) Die Lehrer stehen auf fixem Gehalt. Keiner bezieht Honorare. (Ob die Studenten eine Zahlung [und welche] an die Universitaͤtskasse zu machen haben, wird der Weisheit der Staatsbehoͤrden uͤberlassen.) U. s. w. B. 1) Der akademische Senat, d. h. das corpus aller Leh- rer ohne Ausnahme, beraͤth alle allgemeinen, jede Facultaͤt ihre besondern Angelegenheiten, und die Glieder derselben theilen sich ihre Bemerkungen uͤber die, ihrer Facultaͤt angehoͤrigen Studenten mit. 2) Angeregt werden wissenschaftliche Versammlungen un- ter ihnen. 3) Es wird ein Gesellschaftshaus fuͤr Professoren und Studenten errichtet, zu geselliger Unterhaltung, Erheiterung und Ausbildung. 4) Fuͤr Kraͤftigung des Leibes der Studenten wird ge- sorgt durch Gymnastik aller Art. U. s. w. C. 1) Auf keiner Universitaͤt, nicht in ihrem Umkreise, wird eine Hure Nicht wahr, Ihr fühlt etwas bei obigem Worte, das ich ohne Rückhalt ausspreche. Das „feine Gefühl“, das in Euch wohnet, wird durch meine Rede verletzet. — Wie, durch ein Wort ? Durch ein Wort, das die Thaten bezeichnet, die Ihr duldet und durch Duldung befördert? Aber ich gebe die Thatsache zu, Ihr seid verletzt. Wohl; nun so schließet daraus auf den Ab- schen , den Andere empfinden, wenn sie an Eure Thaten denken . geduldet. 2) Auf keiner Universitaͤt wird ein leichtsinniger, zum Zechen und Schuldenmachen verleitender Wirth geduldet. 3) Auf keiner Universitaͤt wird das Duelliren geduldet. (Eine Jury, bestehend aus Professoren und Studenten, bildet das akademische Gericht, welches schlichtet und richtet. Nur mündliches Verfahren, bei offenen Thü- ren, nach einem pädagogischen, nicht nach einem Crimi- nal-Codex.) U. s. w. D. Großen Universitaͤten wird eine Akademie beigegeben, d. h. eine Gesellschaft von gelehrten Forschern , welche die neuesten Resultate der Wissenschaften vortragen. An diesen Vortraͤgen kann jeder Student Antheil nehmen, sobald er sein Triennium absolvirt, oder sein erstes Staatsexamen gemacht hat. U. s. w. „Noch viel Verdienst ist übrig. Auf, hab’ es nur! die Welt wird’s anerkennen.“