Wilhelm Meisters Lehrjahre . Ein Roman . Herausgegeben von Goethe . Erster Band . Berlin . Bey Johann Friedrich Unger . 1795 . Wilhelm Meisters Lehrjahre . Erstes Buch . W. Meisters Lehrj. A Erstes Capitel. D as Schauspiel dauerte sehr lange. Die alte Barbara trat einigemal ans Fenster und horchte, ob die Kutschen nicht rasseln wollten. Sie erwartete Marianen, ihre schöne Gebie¬ terin, die heute im Nachspiele, als junger Officier gekleidet, das Publikum entzückte, mit größerer Ungedult, als sonst, wenn sie ihr nur ein mäßiges Abendessen vorzusetzen hatte; diesmal sollte sie mit einem Packet überrascht werden, das Norberg, ein junger reicher Kaufmann, durch den Postwagen ge¬ schickt hatte, um zu zeigen, daß er auch in der Entfernung seiner Geliebten gedenke. A 2 Barbara war als alte Dienerin, Ver¬ traute, Rathgeberin, Unterhändlerin und Haushälterin im Besitz, die Siegel zu er¬ öffnen und auch diesen Abend konnte sie ihrer Neugierde um so weniger widerstehen, als ihr die Gunst des freygebigen Liebhabers mehr als selbst Marianen am Herzen lag. Zu ihrer größten Freude hatte sie in dem Packete ein feines Stück Nesseltuch und die neusten Bänder für Marianen, für sich aber ein Stück Kattun, Halstücher und ein Röll¬ chen Geld gefunden. Mit welcher Neigung, welcher Dankbarkeit erinnerte sie sich des abwesenden Norbergs! wie lebhaft nahm sie sich vor, auch bey Marianen seiner im besten zu gedenken, sie zu erinnern, was sie ihm schuldig sey und was er von ihrer Treue hof¬ fen und erwarten müsse. Das Nesseltuch, durch die Farbe der halb¬ aufgerollten Bänder belebt, lag wie ein Christgeschenk auf dem Tischchen; die Stel¬ lung der Lichter erhöhte den Glanz der Gabe, alles war in Ordnung, als die Alte den Tritt Marianens auf der Treppe vernahm, und ihr entgegen eilte. Aber wie sehr ver¬ wundert trat sie zurück, als das weibliche Officierchen, ohne auf ihre Liebkosungen zu achten, sich an ihr vorbey drängte, mit un¬ gewöhnlicher Hast und Bewegung in das Zimmer trat, Federhut und Degen auf den Tisch warf, unruhig auf und nieder ging und den feyerlich angezündeten Lichtern kei¬ nen Blick gönnte. Was hast du, Liebchen? rief die Alte verwundert aus. Ums Himmelswillen, Töch¬ terchen, was giebts? Sieh hier diese Geschen¬ ke! Von wem können sie seyn, als von dei¬ nem zärtlichsten Freunde? Norberg schickt dir das Stück Mousselin zum Nachtkleide, bald ist er selbst da; er scheint mir eifriger und freygebiger als jemals. Die Alte kehrte sich um, und wollte die Gaben, womit er auch sie bedacht, vorwei¬ sen, als Mariane, sich von den Geschenken wegwendend, mit Leidenschaft ausrief: fort! fort! heute will ich nichts von allem diesen hören, ich habe dir gehorcht, du hast es ge¬ wollt, es sey so! Wenn Norberg zurückkehrt, bin ich wieder sein, bin ich dein, mache mit mir was du willst, aber bis dahin will ich mein seyn, und hättest du tausend Zungen, du solltest mir meinen Vorsatz nicht ausre¬ den. Dieses ganze Mein will ich dem ge¬ ben, der mich liebt und den ich liebe. Keine Gesichter! Ich will mich dieser Leidenschaft überlassen, als wenn sie ewig dauern sollte. Der Alten fehlte es nicht an Gegenvor¬ stellungen und Gründen; doch da sie in fer¬ nerem Wortwechsel heftig und bitter ward, sprang Mariane auf sie los und faßte sie bey der Brust. Die Alte lachte überlaut. Ich werde sorgen müssen, rief sie aus, daß sie wieder bald in lange Kleider kommt, wenn ich meines Lebens sicher seyn will. Fort, zieht euch aus! Ich hoffe das Mädchen wird mir abbitten, was mir der flüchtige Junker Leids zugefügt hat; herunter mit dem Rock und immer so fort alles herunter, es ist eine unbequeme Tracht, und für euch ge¬ fährlich wie ich merke. Die Achselbänder be¬ geistern euch. Die Alte hatte Hand an sie gelegt, Ma¬ riane riß sich los. Nicht so geschwind! rief sie aus: ich habe noch heute Besuch zu er¬ warten. Das ist nicht gut, versetzte die Alte. Doch nicht den jungen, zärtlichen, unbefiederten Kaufmannssohn? Eben den, versetzte Ma¬ riane. Es scheint, als wenn die Großmuth eure herrschende Leidenschaft werden wollte, er¬ wiederte die Alte spottend: ihr nehmt euch der Unmündigen, der Unvermögenden mit großem Eifer an. Es muß reizend seyn, als uneigennützige Geberinn angebetet zu wer¬ den. — Spotte wie du willst. Ich lieb’ ihn! ich lieb’ ihn! Mit welchem Entzücken sprech ich zum erstenmal diese Worte aus! Das ist diese Leidenschaft, die ich so oft vorgestellt habe, von der ich keinen Begriff hatte. Ja, ich will mich ihm um den Hals werfen! ich will ihn fassen, als wenn ich ihn ewig halten wollte. Ich will ihm meine ganze Liebe zei¬ gen, seine Liebe in ihrem ganzen Umfang ge¬ nießen. — Mäßigt euch, sagte die Alte gelassen: mäßigt euch! Ich muß eure Freude durch Ein Wort unterbrechen: Norberg kommt! in vierzehn Tagen kommt er! Hier ist sein Brief, der die Geschenke begleitet hat. — Und wenn mir die Morgensonne meinen Freund rauben sollte, will ich mirs verber¬ gen. Vierzehn Tage! Welche Ewigkeit! In vierzehn Tagen, was kann da nicht vorfal¬ len, was kann sich da nicht verändern! Wilhelm trat herein. Mit welcher Leb¬ haftigkeit flog sie ihm entgegen! mit wel¬ chem Entzücken umschlang er die rothe Uni¬ form! drückte er das weiße Atlaßwestchen an seine Brust! Wer wagte hier zu beschreiben, wem geziemt es, die Seeligkeit zweyer Lie¬ benden auszusprechen. Die Alte ging mur¬ rend bey Seite, wir entfernen uns mit ihr und lassen die Glücklichen allein. Zweytes Capitel. A ls Wilhelm seine Mutter des andern Mor¬ gens begrüßte, eröffnete sie ihm, daß der Vater sehr verdrießlich sey, und ihm den täglichen Besuch des Schauspiels nächstens untersagen werde. Wenn ich gleich selbst, fuhr sie fort, manchmal gern ins Theater gehe; so möchte ich es doch oft verwünschen, da meine häusliche Ruhe durch deine un¬ mäßige Leidenschaft zu diesem Vergnügen ge¬ stört wird. Der Vater wiederholt immer, wozu es nur nütze sey? Wie man seine Zeit nur so verderben könne? — Ich habe es auch schon von ihm hören müssen, versetzte Wilhelm: und habe ihm vielleicht zu hastig geantwortet; aber ums Himmelswillen Mutter! ist denn alles un¬ nütz, was uns nicht unmittelbar Geld in den Beutel bringt, was uns nicht den allernäch¬ sten Besitz verschafft? Hatten wir in dem alten Hause nicht Raum genug? und war es nöthig ein neues zu bauen? Verwendet der Vater nicht jährlich einen ansehnlichen Theil seines Handelsgewinnes zur Verschöne¬ rung der Zimmer? Diese seidenen Tapeten, diese englischen Mobilien sind sie nicht auch unnütz? Könnten wir uns nicht mit geringe¬ ren begnügen? Wenigstens bekenne ich, daß mir diese gestreiften Wände, diese hundert¬ mal wiederholten Blumen, Schnörkel, Körb¬ chen und Figuren einen durchaus unangeneh¬ men Eindruck machen. Sie kommen mir höchstens vor wie unser Theatervorhang. Aber wie anders ists vor diesem zu sitzen! Wenn man noch so lange warten muß, so weiß man doch, er wird in die Höhe gehen, und wir werden die mannigfaltigsten Gegen¬ stände sehen, die uns unterhalten, aufklären und erheben. — Mach' es nur mäßig, sagte die Mutter: der Vater will auch Abends unterhalten seyn, und dann glaubt er, es zerstreue dich, und am Ende trag ich, wenn er verdrießlich wird, die Schuld. Wie oft mußte ich mir das verwünschte Puppenspiel vorwerfen lassen, das ich euch vor zwölf Jahren zum heiligen Christ gab, und das euch zuerst Geschmack am Schauspiele beybrachte! Schelten Sie das Puppenspiel nicht, las¬ sen Sie sich Ihre Liebe und Vorsorge nicht gereuen. Es waren die ersten vergnügten Augenblicke, die ich in dem neuen leeren Hause genoß, ich sehe es diesen Augenblick noch vor mir, ich weiß, wie sonderbar es mir vorkam, als man uns, nach Empfang der gewöhnlichen Christgeschenke, vor einer Thüre niedersitzen hieß, die aus einem andern Zimmer herein ging. Sie eröffnete sich; al¬ lein nicht wie sonst zum hin und wiederlau¬ fen, der Eingang war durch eine unerwarte¬ te Festlichkeit ausgefüllt. Es baute sich ein Portal in die Höhe, das von einem mysti¬ schen Vorhang verdeckt war. Erst standen wir alle von ferne, und wie unsre Neugierde größer ward, um zu sehen was wohl blin¬ kendes und rasselndes sich hinter der halb durchsichtigen Hülle verbergen möchte, wieß man jedem sein Stühlchen an und gebot uns in Geduld zu warten. So saß nun alles und war still; eine Pfeife gab das Signal, der Vorhang rollte in die Höhe, und zeigte eine hochroth gemahl¬ te Aussicht in den Tempel. Der Hoheprie¬ ster Samuel erschien mit Jonathan, und ihre wechselnden wunderlichen Stimmen kamen mir höchst ehrwürdig vor. Kurz darauf be¬ trat Saul die Scene, in großer Verlegenheit über die Impertinenz des schwerlöthigen Kriegers, der ihn und die seinigen herausge¬ fordert hatte. Wie wohl ward es mir da¬ her als der zwerggestaltete Sohn Isai mit Schäferstab, Hirtentasche und Schleuder her¬ vorhüpfte und sprach: Grosmächtigster Kö¬ nig und Herr Herr! es entfalle keinem der Muth um deßwillen; wenn Ihro Majestät mir erlauben wollen, so will ich hingehen und mit dem gewaltigen Riesen in den Streit treten. — Der erste Akt war geendet und die Zuschauer höchst begierig zu sehen was nun weiter vorgehen sollte, jedes wünschte die Musik möchte nur bald aufhören. Endlich ging der Vorhang wieder in die Höhe. Da¬ vid weihte das Fleisch des Ungeheuers den Vögeln unter dem Himmel und den Thieren auf dem Felde, der Philister sprach Hohn, stampfte viel mit beyden Füßen, fiel endlich wie ein Klotz und gab der ganzen Sache einen herrlichen Ausschlag. Wie dann nach¬ her die Jungfrauen sangen: Saul hat Tau¬ send geschlagen, David aber Zehntausend! der Kopf des Riesen vor dem kleinen Über¬ winder hergetragen wurde, und er die schöne Königstochter zur Gemahlinn erhielt; ver¬ droß es mich doch bey aller Freude, daß der Glücksprinz so zwergmäßig gebildet sey. Denn nach der Idee vom großen Goliath und kleinen David hatte man nicht verfehlt beyde recht charakteristisch zu machen. Ich bitte Sie, wo sind die Puppen hingekom¬ men? Ich habe versprochen, sie einem Freun¬ de zu zeigen, dem ich viel Vergnügen machte, indem ich ihn neulich von diesem Kinderspiel unterhielt. Es wundert mich nicht, daß du dich die¬ ser Dinge so lebhaft erinnerst: denn du nahmst gleich den größten Antheil daran. Ich weiß, wie du mir das Büchelchen entwendetest und das ganze Stück auswendig lerntest, ich wur¬ de es erst gewahr, als du eines Abends dir einen Goliath und David von Wachs mach¬ test, sie beyde gegen einander peroriren lies¬ sest, dem Riesen endlich einen Stoß gabst und sein unförmliches Haupt auf einer gro¬ ßen Stecknadel mit wächsernem Griff dem kleinen David in die Hand klebtest. Ich hatte damals so eine herzliche mütterliche Freude über dein gutes Gedächtniß und dei¬ ne pathetische Rede, daß ich mir sogleich vor¬ nahm, dir die hölzerne Truppe nun selbst zu übergeben. Ich dachte damals nicht, daß es mir so manche verdrießliche Stunde machen sollte. — Lassen Sie sich’s nicht gereuen, versetzte Wilhelm: denn es haben uns diese Scherze manche vergnügte Stunde gemacht. Und mit diesem erbat er sich die Schlüs¬ sel, eilte, fand die Puppen und war einen Au¬ Augenblick in jene Zeiten versetzt, wo sie ihm noch belebt schienen, wo er sie durch die Leb¬ haftigkeit seiner Stimme, durch die Bewe¬ gung seiner Hände zu beleben glaubte. Er nahm sie mit auf seine Stube und verwahr¬ te sie sorgfältig. W. Meisters Lehrj. B Drittes Capitel . W enn die erste Liebe, wie ich allgemein be¬ haupten höre, das Schönste ist, was ein Herz früher oder später empfinden kann; so müs¬ sen wir unsern Helden dreyfach glücklich prei¬ sen, daß ihm gegönnt ward, die Wonne die¬ ser einzigen Augenblicke in ihrem ganzen Umfange zu genießen. Nur wenig Men¬ schen werden so vorzüglich begünstigt, indeß die meisten von ihren frühern Empfindungen nur durch eine harte Schule geführt werden, in welcher sie, nach einem kümmerlichen Ge¬ nuß, gezwungen sind, ihren besten Wünschen entsagen, und das, was ihnen als höchste Glückseligkeit vorschwebte, für immer entbeh¬ ren zu lernen. Auf den Flügeln der Einbildungskraft hatte sich Wilhelms Begierde zu dem reizen¬ den Mädchen erhoben, nach einem kurzen Umgange hatte er ihre Neigung gewonnen, er fand sich im Besitz einer Person, die er so sehr liebte, ja verehrte: denn sie war ihm zuerst in dem günstigen Lichte theatralischer Vorstellung erschienen, und seine Leidenschaft zur Bühne verband sich mit der ersten Liebe zu einem weiblichen Geschöpfe. Seine Ju¬ gend ließ ihn reiche Freuden genießen, die von einer lebhaften Dichtung erhöht und er¬ halten wurden. Auch der Zustand seiner Ge¬ liebten gab ihrem Betragen eine Stimmung, welche seinen Empfindungen sehr zu Hülfe kam; die Furcht, ihr Geliebter möchte ihre übrigen Verhältnisse vor der Zeit entdecken, verbreitete über sie einen liebenswürdigen Anschein von Sorge und Schaam, ihre Lei¬ denschaft für ihn war lebhaft, selbst ihre Un¬ B 2 ruhe schien ihre Zärtlichkeit zu vermehren; sie war das lieblichste Geschöpf in seinen Armen. Als er aus dem ersten Taumel der Freu¬ de erwachte, und auf sein Leben und seine Verhältnisse zurückblickte, erschien ihm alles neu, seine Pflichten heiliger, seine Liebhabe¬ reyen lebhafter, seine Kenntnisse deutlicher, seine Talente kräftiger, seine Vorsätze ent¬ schiedener. Es ward ihm daher leicht, eine Einrichtung zu treffen, um den Vorwürfen seines Vaters zu entgehen, seine Mutter zu beruhigen und Marianens Liebe ungestört zu genießen. Er verrichtete des Tags seine Ge¬ schäfte pünktlich, entsagte gewöhnlich dem Schauspiel, war Abends bey Tische unterhal¬ tend, und schlich, wenn alles zu Bette war, in seinen Mantel gehüllt, sachte zu dem Garten hinaus und eilte, alle Lindors und Leanders im Busen, unaufhaltsam zu seiner Geliebten. Was bringen Sie? fragte Mariane, als er eines Abends ein Bündel hervorwies, das die Alte, in Hoffnung angenehmer Geschenke, sehr aufmerksam betrachtete. Sie werden es nicht errathen, versetzte Wilhelm. Wie verwunderte sich Mariane, wie ent¬ setzte sich Barbara, als die aufgebundene Serviette einen verworrnen Haufen spannen¬ langer Puppen sehen ließ. Mariane lachte laut, als Wilhelm die verworrenen Dräte auseinander zu wickeln und jede Figur ein¬ zeln vorzuzeigen bemühet war. Die Alte schlich verdrüßlich bey Seite. Es bedarf nur einer Kleinigkeit, um zwey Liebende zu unterhalten, und so vergnügten sich unsre Freunde diesen Abend aufs beste. Die kleine Truppe wurde gemustert, jede Fi¬ gur genau betrachtet und belacht. König Saul im schwarzen Sammtrocke mit der gol¬ denen Krone wollte Marianen gar nicht ge¬ fallen; er sähe ihr, sagte sie, zu steif und pe¬ dantisch aus. Desto besser behagte ihr Jo¬ nathan, sein glattes Kinn, sein gelb und ro¬ thes Kleid und der Turban. Auch wußte sie ihn gar artig am Drate hin und her zu drehen, ließ ihn Reverenzen machen und Liebeserklärungen hersagen. Dagegen wollte sie dem Propheten Samuel nicht die mindeste Aufmerksamkeit schenken, wenn ihr gleich Wilhelm das Brustschildchen anpries und er¬ zählte, daß der Schillertaft des Leibrocks von einem alten Kleide der Großmutter ge¬ nommen sey. David war ihr zu klein, und Goliath zu groß, sie hielt sich an ihren Jo¬ nathan. Sie wußte ihm so artig zu thun, und zuletzt ihre Liebkosungen von der Puppe auf unsern Freund herüber zu tragen, daß auch dießmal wieder ein geringes Spiel die Einleitung glücklicher Stunden ward. Aus der Süßigkeit ihrer zärtlichen Träu¬ me wurden sie durch einen Lerm geweckt, welcher auf der Straße entstand. Mariane rief der Alten, die, nach ihrer Gewohnheit noch fleißig, die veränderlichen Materialien der Theatergarderobe zum Gebrauch des nächsten Stückes anzupassen beschäftigt war. Sie gab die Auskunft, daß eben eine Ge¬ sellschaft lustiger Gesellen aus dem Italiäner Keller neben an heraus taumle, wo sie bey frischen Austern, die eben angekommen, des Champagners nicht geschont hätten. Schade, sagte Mariane: daß es uns nicht früher eingefallen ist, wir hätten uns auch was zu Gute thun sollen. Es ist wohl noch Zeit, versetzte Wilhelm und reichte der Alten einen Louisdor hin: verschaft Sie uns, was wir wünschen, so soll Sie’s mit genießen. Die Alte war behend, und in kurzer Zeit stand ein artig bestellter Tisch mit einer wohlgeordneten Collation vor den Liebenden. Die Alte mußte sich dazu setzen, man aß, trank und ließ sich’s wohl seyn. In solchen Fällen fehlt es nie an Unter¬ haltung. Mariane nahm ihren Jonathan wieder vor, und die Alte wußte das Ge¬ spräch auf Wilhelms Lieblingsmaterie zu wenden. Sie haben uns schon einmal, sagte sie, von der ersten Aufführung eines Pup¬ penspiels am Weihnachtsabend unterhalten, es war lustig zu hören. Sie wurden eben unterbrochen, als das Ballet angehen sollte. Nun kennen wir das herrliche Personal, das jene großen Wirkungen hervorbrachte. Ja, sagte Mariane: erzähle uns weiter, wie war dir’s zu Muthe? Es ist eine schöne Empfindung, liebe Ma¬ riane, versetzte Wilhelm: wenn wir uns al¬ ter Zeiten und alter unschädlicher Irrthümer erinnern, besonders wenn es in einem Au¬ genblicke geschieht, da wir eine Höhe glück¬ lich erreicht haben, von welcher wir uns um¬ sehen und den zurückgelegten Weg über¬ schauen können. Es ist so angenehm, selbst¬ zufrieden, sich mancher Hindernisse zu erin¬ nern, die wir oft mit einem peinlichen Ge¬ fühle für unüberwindlich hielten, und dasje¬ nige, was wir jetzt entwickelt sind , mit dem zu vergleichen, was wir damals unentwickelt waren . Aber unaussprechlich glücklich fühl’ ich mich jetzt, da ich in diesem Augenblicke mit dir von dem Vergangnen rede, weil ich zugleich vorwärts in das reizende Land schaue, das wir zusammen Hand in Hand durchwandern können. Wie war es mit dem Ballet? fiel die Alte ihm ein. Ich fürchte, es ist nicht alles abgelaufen, wie es sollte. O ja, versetzte Wilhelm: sehr gut! Von jenen wunderlichen Sprüngen der Mohren und Mohrinnen, Schäfer und Schäferinnen, Zwerge und Zwerginnen, ist mir eine dunkle Erinnerung auf mein ganzes Leben geblie¬ ben. Nun fiel der Vorhang, die Thüre schloß sich und die ganze kleine Gesellschaft eilte wie betrunken und taumelnd zu Bette; ich weiß aber wohl, daß ich nicht einschlafen konnte, daß ich noch etwas erzählt haben wollte, daß ich noch viele Fragen that, und daß ich nur ungern die Wärterin entließ, die uns zur Ruhe gebracht hatte. Den andern Morgen war leider das ma¬ gische Gerüste wieder verschwunden, der my¬ stische Schleyer weggehoben, man ging durch jene Thüre wieder frey aus einer Stube in die andere, und so viel Abentheuer hatten keine Spur zurückgelassen. Meine Geschwi¬ ster liefen mit ihren Spielsachen auf und ab, ich allein schlich hin und her, es schien mir unmöglich, daß da nur zwo Thürpfosten seyn sollten, wo gestern noch so viel Zauberey ge¬ wesen war. Ach wer eine verlorne Liebe sucht, kann nicht unglücklicher seyn, als ich mir damals schien! Ein freudetrunkner Blick, den er auf Ma¬ rianen warf, überzeugte sie, daß er nicht fürchtete, jemals in diesen Fall kommen zu können. Viertes Capitel . M ein einziger Wunsch war nunmehr, fuhr Wilhelm fort, eine zweyte Aufführung des Stücks zu sehen. Ich lag der Mutter an, und diese suchte zu einer gelegenen Stunde den Vater zu bereden; allein ihre Mühe war vergebens. Er behauptete, nur ein sel¬ tenes Vergnügen könne bey den Menschen einen Werth haben, Kinder und Alte wü߬ ten nicht zu schätzen, was ihnen Gutes täg¬ lich begegnete. Wir hätten auch noch lange, vielleicht bis wieder Weihnachten, warten müssen, hät¬ te nicht der Erbauer und heimliche Director unsers Schauspiels selbst Lust gefühlt, die Vorstellung zu wiederholen und dabey in einem Nachspiele einen ganz frisch fertig ge¬ wordenen Hanswurst zu produziren. Ein junger Mann von der Artillerie, mit vielen Talenten begabt, besonders in mecha¬ nischen Arbeiten geschickt, der dem Vater während des Baues viele wesentliche Dienste geleistet hatte und von ihm reichlich beschenkt worden war, wollte sich am Christfeste der kleinen Familie dankbar erzeigen, und machte dem Hause seines Gönners ein Geschenk mit diesem ganz eingerichteten Theater, das er eh¬ mals in müßigen Stunden zusammen ge¬ baut, geschnitzt und gemahlt hatte. Er war es, der mit Hülfe eines Bedienten selbst die Puppen regierte und mit verstellter Stimme die verschiedenen Rollen hersagte. Ihm ward nicht schwer, den Vater zu bereden, der einem Freunde aus Gefälligkeit zugestand, was er seinen Kindern aus Überzeugung abgeschla¬ gen hatte. Genug, das Theater ward wie¬ der aufgestellt, einige Nachbarskinder gebe¬ ten und das Stück wiederhohlt. Hatte ich das erstemal die Freude der Ueberraschung und des Staunens, so war zum zweytenmale die Wollust des Aufmer¬ kens und Forschens groß. Wie das zugehe? war jetzt mein Anliegen. Daß die Puppen nicht selbst redeten, hatte ich mir schon das erstemal gesagt, daß sie sich nicht von selbst bewegten, vermuthete ich auch; aber warum das alles doch so hübsch war? und es doch so aussah, als wenn sie selbst redeten und sich bewegten? und wo die Lichter und die Leute seyn möchten? diese Räthsel beunru¬ higten mich um desto mehr, je mehr ich wünschte, zugleich unter den Bezauberten und Zauberern zu seyn, zugleich meine Hände verdeckt im Spiel zu haben und als Zu¬ schauer die Freude der Illusion zu genießen. Das Stück war zu Ende, man machte Vorbereitungen zum Nachspiel, die Zuschauer waren aufgestanden und schwatzten durchein¬ ander. Ich drängte mich näher an die Thü¬ re und hörte inwendig am Klappern, daß man mit Aufräumen beschäftigt sey. Ich hub den untern Teppich auf und guckte zwi¬ schen dem Gestelle durch. Meine Mutter bemerkte es und zog mich zurück; allein ich hatte doch so viel gesehen, daß man Freunde und Feinde, Saul und Goliath und wie sie alle heißen mochten, in Einen Schiebkasten packte, und so erhielt meine halbbefriedigte Neugierde frische Nahrung. Dabey hatte ich zu meinem größten Erstaunen den Lieu¬ tenant im Heiligthume sehr geschäftig erblickt. Nunmehr konnte mich der Hanswurst, so sehr er mit seinen Absätzen klapperte, nicht unterhalten. Ich verlohr mich in tiefes Nachdenken und war nach dieser Entdeckung ruhiger und unruhiger als vorher. Nach¬ dem ich etwas erfahren hatte, kam es mir erst vor, als ob ich gar nichts wisse, und ich hatte Recht: denn es fehlte mir der Zu¬ sammenhang, und darauf kommt doch eigent¬ lich alles an. Fünf¬ Fünftes Capitel. D ie Kinder haben, fuhr Wilhelm fort, in wohleingerichteten und geordneten Häusern eine Empfindung, wie ungefähr Ratten und Mäuse haben mögen: sie sind aufmerksam auf alle Ritzen und Löcher, wo sie zu einem verbotenen Naschwerk gelangen können; sie genießen es mit einer solchen verstohlnen wollüstigen Furcht, die einen großen Theil des kindischen Glücks ausmacht. Ich war vor allen meinen Geschwistern aufmerksam, wenn irgend ein Schlüssel stek¬ ken blieb. Je größer die Ehrfurcht war, die ich für die verschlossenen Thüren in meinem Herzen herumtrug, an denen ich Wochen und Monate lang vorbeygehen mußte, und in die ich nur manchmal, wenn die Mutter das W. Meisters Lehrj. C Heiligthum öfnete, um etwas heraus zu ho¬ len, einen verstohlnen Blick that; desto schnel¬ ler war ich, einen Augenblick zu benutzen, den mich die Nachlässigkeit der Wirthschafterin¬ nen manchmal treffen ließ. Unter allen Thüren war, wie man leicht erachten kann, die Thüre der Speisekammer diejenige, auf die meine Sinne am schärfsten gerichtet waren. Wenig ahndungsvolle Freu¬ den des Lebens glichen der Empfindung, wenn mich meine Mutter manchmal hinein¬ rief, um ihr etwas heraustragen zu helfen, und ich denn einige gedörrte Pflaumen ent¬ weder ihrer Güte oder meiner List zu dan¬ ken hatte. Die aufgehäuften Schätze über¬ einander umfingen meine Einbildungskraft mit ihrer Fülle, und selbst der wunderliche Geruch, den so mancherley Spezereyen durch¬ einander aushauchten, hatte so eine leckere Wirkung auf mich, daß ich niemals ver¬ säumte, so oft ich in der Nähe war, mich wenigstens an der eröfneten Atmosphäre zu weiden. Dieser merkwürdige Schlüssel blieb eines Sonntag Morgens, da die Mutter von dem Geläute übereilt ward, und das ganze Haus in einer tiefen Sabbathstille lag, stecken. Kaum hatte ich es bemerkt, als ich etlichemal sachte an der Wand hin und her ging, mich endlich still und fein andrängte, die Thüre öfnete, und mich mit Einem Schritt in der Nähe so vieler langgewünsch¬ ter Glückseligkeit fühlte. Ich besah Kästen, Säcke, Schachteln, Büchsen, Gläser mit ei¬ nem schnellen zweifelnden Blicke, was ich wählen und nehmen sollte? griff endlich nach den vielgeliebten gewelkten Pflaumen, versah mich mit einigen getrockneten Äpfeln, und nahm genügsam noch eine eingemachte Pomeranzenschaale dazu: mit welcher Beute ich meinen Weg wieder rückwärts glitschen C 2 wollte, als mir ein paar nebeneinanderste¬ hende Kasten in die Augen fielen, aus deren einem Dräte, oben mit Häkchen versehen, durch den übel verschlossenen Schieber her¬ aushingen. Ahndungsvoll fiel ich darüber her; und mit welcher überirdischen Empfin¬ dung entdeckte ich, daß darin meine Helden- und Freudenwelt aufeinander gepackt sey? Ich wollte die obersten aufheben, betrachten, die untersten hervorziehen; allein gar bald verwirrte ich die leichten Dräte, kam darüber in Unruhe und Bangigkeit, besonders da die Köchin in der benachbarten Küche einige Be¬ wegungen machte, daß ich alles, so gut ich konnte, zusammendrückte, den Kasten zuschob, nur ein geschriebenes Büchelchen, worin die Comödie von David und Goliath aufgezeich¬ net war, das oben aufgelegen hatte, zu mir steckte, und mich mit dieser Beute leise die Treppe hinauf in eine Dachkammer rettete. Von der Zeit an wandte ich alle verstoh¬ lenen einsamen Stunden darauf, mein Schau¬ spiel wiederholt zu lesen, es auswendig zu lernen, und mir in Gedanken vorzustellen, wie herrlich es seyn müßte, wenn ich auch die Gestalten dazu mit meinen Fingern be¬ leben könnte. Ich ward darüber in meinen Gedanken selbst zum David und zum Go¬ liath. In allen Winkeln des Bodens, der Ställe, des Gartens, unter allerley Umstän¬ den, studierte ich das Stück ganz in mich hinein, ergriff alle Rollen, und lernte sie aus¬ wendig, nur daß ich mich meist an den Platz der Haupthelden zu setzen pflegte, und die übrigen wie Trabanten nur im Gedächtnisse mitlaufen ließ. So lagen mir die großmü¬ thigen Reden Davids, mit denen er den über¬ müthigen Riesen Goliath herausforderte, Tag und Nacht im Sinne; ich murmelte sie oft vor mich hin, niemand gab Acht darauf, als der Vater, der manchmal einen solchen Aus¬ ruf bemerkte, und bey sich selbst das gute Gedächtniß seines Knabens prieß, der von so wenigem Zuhören so mancherley habe behal¬ ten können. Hierdurch ward ich immer verwegener, und rezitirte eines Abends das Stück zum grö߬ ten Theile vor meiner Mutter, indem ich mir einige Wachsklümpchen zu Schauspielern bereitete. Sie merkte auf, drang in mich, und ich gestand. Glücklicher Weise fiel diese Entdeckung in die Zeit, da der Lieutenant selbst den Wunsch geäussert hatte, mich in diese Geheimnisse einweihen zu dürfen. Meine Mutter gab ihm sogleich Nachricht von dem unerwarte¬ ten Talente ihres Sohnes, und er wußte nun einzuleiten, daß man ihm ein Paar Zimmer im obersten Stocke, die gewöhnlich leer standen, überließ, in deren einem wieder die Zuschauer sitzen, in dem andern die Schauspieler seyn, da denn das Proscenium abermals die Öfnung der Thüre ausfüllen sollte. Der Vater hatte seinem Freunde das alles zu veranstalten erlaubt, er selbst schien nur durch die Finger zu sehen, nach dem Grundsatze, man müsse den Kindern nicht merken lassen, wie lieb man sie habe, sie griffen immer zu weit um sich; er meynte, man müsse bey ihren Freuden ernst scheinen, und sie ihnen manchmal verderben, damit ihre Zufriedenheit sie nicht übermäßig und übermüthig mache. Sechstes Capitel. D er Lieutenant schlug nunmehr das Theater auf, und besorgte das Übrige. Ich merkte wohl, daß er die Woche mehrmals zu unge¬ wöhnlicher Zeit ins Haus kam, und vermu¬ thete die Absicht. Meine Begierde wuchs unglaublich, da ich wohl fühlte, daß ich vor Sonnabends keinen Theil an dem, was zu¬ bereitet wurde, nehmen durfte. Endlich er¬ schien der gewünschte Tag. Abends fünfe kam mein Führer, und nahm mich mit hin¬ auf. Zitternd vor Freude trat ich hinein, und erblickte auf beyden Seiten des Gestel¬ les die herabhängenden Puppen in der Ord¬ nung, wie sie auftreten sollten; ich betrachtete sie sorgfältig, stieg auf den Tritt, der mich über das Theater erhub, so daß ich nun über der kleinen Welt schwebte. Ich sah nicht ohne Ehrfurcht zwischen die Bretchen hinunter, weil die Erinnerung, welche herrli¬ che Wirkung das Ganze von aussen thue, und das Gefühl, in welche Geheimnisse ich eingeweiht sey, mich umfaßten. Wir mach¬ ten einen Versuch, und es ging gut. Den andern Tag, da eine Gesellschaft Kinder geladen war, hielten wir uns trefflich, ausser daß ich in dem Feuer der Aktion mei¬ nen Jonathan fallen ließ, und genöthigt war, mit der Hand hinunter zu greifen, und ihn zu holen: ein Zufall, der die Illusion sehr unterbrach, ein großes Gelächter verursachte, und mich unsäglich kränkte. Auch schien die¬ ses Versehn dem Vater sehr willkommen zu seyn, der das große Vergnügen, sein Söhn¬ chen so fähig zu sehen, wohlbedächtig nicht an den Tag gab, nach geendigtem Stücke sich gleich an die Fehler hing, und sagte, es wäre recht artig gewesen, wenn nur dies oder das nicht versagt hätte. Mich kränkte das innig, ich ward trau¬ rig für den Abend, hatte aber am kommen¬ den Morgen allen Verdruß schon wieder verschlafen, und war in dem Gedanken selig, daß ich, ausser jenem Unglück, trefflich ge¬ spielt habe. Dazu kam der Beyfall der Zu¬ schauer, welche durchaus behaupteten: ob¬ gleich der Lieutenant in Absicht der groben und feinen Stimme sehr viel gethan habe, so perorire er doch meist zu affektirt und steif; dagegen spreche der neue Anfänger sei¬ nen David und Jonathan vortrefflich, be¬ sonders lobte die Mutter den freymüthigen Ausdruck, wie ich den Goliath herausgefor¬ dert, und dem Könige den bescheidenen Sie¬ ger vorgestellt habe. Nun blieb zu meiner größten Freude das Theater aufgeschlagen, und da der Frühling herbeykam, und man ohne Feuer bestehen konnte, lag ich in meinen Frey- und Spiel¬ stunden in der Kammer, und ließ die Pup¬ pen wacker durch einander spielen. Oft lud ich meine Geschwister und Kameraden hin¬ auf; wenn sie aber auch nicht kommen woll¬ ten, war ich allein. Meine Einbildungskraft brütete über der kleinen Welt, die gar bald eine andere Gestalt gewann. Ich hatte kaum das erste Stück, wozu Theater und Schauspieler geschaffen und ge¬ stempelt waren, etlichemal aufgeführt, als es mir schon keine Freude mehr machte. Dage¬ gen waren mir unter den Büchern des Gro߬ vaters die deutsche Schaubühne und verschie¬ dene italienisch–deutsche Opern in die Hände gekommen, in die ich mich sehr vertiefte und jedesmal nur erst vorne die Personen über¬ rechnete, und dann sogleich, ohne weiters, zur Aufführung des Stückes schritt. Da mußte nun König Saul in seinem schwarzen Sammt¬ kleide den Chaumigrem, Cato und Darius spielen; wobey zu bemerken ist, daß die Stücke niemals ganz, sondern meistentheils nur die fünften Akte, wo es an ein Todtste¬ chen ging, aufgeführt wurden. Auch war es natürlich, daß mich die Oper mit ihren manichfaltigen Veränderungen und Abenteuern mehr als alles anziehen mußte. Ich fand darin stürmische Meere, Götter, die in Wolken herabkommen, und, was mich vorzüglich glücklich machte, Blitz und Don¬ ner. Ich half mir mit Pappe, Farbe und Papier, wußte gar trefflich Nacht zu machen, der Blitz war fürchterlich anzusehen, nur der Donner gelang nicht immer, doch das hatte so viel nicht zu sagen. Auch fand sich in den Opern mehr Gelegenheit, meinen David und Goliath anzubringen, welches im regel¬ mäßigen Drama gar nicht angehen wollte. Ich fühlte täglich mehr Anhänglichkeit für das enge Plätzchen, wo ich so manche Freu¬ de genoß; und ich gestehe, daß der Geruch, den die Puppen aus der Speisekammer an sich gezogen hatten, nicht wenig dazu bey¬ trug. Die Dekorationen meines Theaters wa¬ ren nunmehr in ziemlicher Vollkommenheit; denn, daß ich von Jugend auf ein Geschick gehabt hatte, mit dem Zirkel umzugehen, Pappe auszuschneiden, und Bilder zu illu¬ miniren, kam mir jetzt wohl zu statten. Um desto weher that es mir, wenn mich gar oft das Personal an Ausführung großer Sachen hinderte. Meine Schwestern, indem sie ihre Pup¬ pen aus- und ankleideten, erregten in mir den Gedanken, meinen Helden auch nach und nach bewegliche Kleider zu verschaffen. Man trennte ihnen die Läppchen vom Leibe, setzte sie, so gut man konnte, zusammen, sparte sich etwas Geld, kaufte neues Band und Flit¬ tern, bettelte sich manches Stückchen Taft zusammen, und schaffte nach und nach eine Theater-Garderobe an, in welcher besonders die Reifröcke für die Damen nicht vergessen waren. Die Truppe war nun wirklich mit Klei¬ dern für das größte Stück versehen, und man hätte denken sollen, es würde nun erst recht eine Aufführung der andern folgen; aber es ging mir, wie es den Kindern öfter zu gehen pflegt, sie fassen weite Plane, ma¬ chen große Anstalten, auch wohl einige Ver¬ suche, und es bleibt alles zusammen liegen. Dieses Fehlers muß ich mich auch anklagen. Die größte Freude lag bey mir in der Er¬ findung, und in der Beschäftigung der Ein¬ bildungskraft. Dieß oder jenes Stück inter¬ essirte mich um irgend einer Scene willen, und ich ließ gleich wieder neue Kleider dazu machen. Über solchen Anstalten waren die ursprünglichen Kleidungsstücke meiner Helden in Unordnung gerathen und verschleppt wor¬ den, daß also nicht einmal das erste große Stück mehr aufgeführt werden konnte. Ich überließ mich meiner Phantasie, probirte und bereitete ewig, baute tausend Luftschlösser, und spürte nicht, daß ich den Grund des kleinen Gebäudes zerstört hatte. Während dieser Erzählung hatte Maria¬ ne alle ihre Freundlichkeit gegen Wilhelm aufgeboten, um ihre Schläfrigkeit zu verber¬ gen. So scherzhaft die Begebenheit von ei¬ ner Seite schien, so war sie ihr doch zu ein¬ fach, und die Betrachtungen dabey zu ernst¬ haft. Sie setzte zärtlich ihren Fuß auf den Fuß des Geliebten, und gab ihm scheinbare Zeichen ihrer Aufmerksamkeit und ihres Bey¬ falls. Sie trank aus seinem Glase, und Wil¬ helm war überzeugt, es sey kein Wort sei¬ ner Geschichte auf die Erde gefallen. Nach einer kleinen Pause rief er aus: es ist nun an dir, Mariane, mir auch deine ersten ju¬ gendlichen Freuden mitzutheilen. Noch wa¬ ren wir immer zu sehr mit dem Gegenwärti¬ gen beschäftigt, als daß wir uns wechselsei¬ tig um unsere vorige Lebensweise hätten be¬ kümmern können, sage mir: unter welchen Umständen bist du erzogen? Welche sind die ersten lebhaften Eindrücke, deren du dich er¬ innerst? Diese Fragen würden Marianen in große Verlegenheit gesetzt haben, wenn ihr die Alte nicht sogleich zu Hülfe gekommen wäre. Glauben Sie denn, sagte das kluge Weib, daß wir auf das, was uns früh begegnet, so aufmerksam sind, daß wir so artige Be¬ gebenheiten zu erzählen haben, und, wenn wir sie zu erzählen hätten, daß wir der Sache Sache auch ein solches Geschick zu geben wüßten? Als wenn es dessen bedürfte! rief Wil¬ helm aus. Ich liebe dieses zärtliche, gute, liebliche Geschöpf so sehr, daß mich jeder Au¬ genblick meines Lebens verdrießt, den ich oh¬ ne sie zugebracht habe. Laß mich wenigstens durch die Einbildungskraft Theil an deinem vergangenen Leben nehmen! erzähle mir al¬ les, ich will dir alles erzählen. Wir wollen uns wo möglich täuschen, und jene für die Liebe verlorne Zeiten wieder zu gewinnen suchen. Wenn Sie so eifrig darauf bestehen, kön¬ nen wir Sie wohl befriedigen, sagte die Al¬ te. Erzählen Sie uns nur erst, wie Ihre Liebhaberey zum Schauspiele nach und nach gewachsen sey, wie Sie Sich geübt, wie Sie so glücklich zugenommen haben, daß Sie nunmehr für einen guten Schauspieler gelten W. Meisters Lehrj. D können? Es hat Ihnen dabey gewiß nicht an lustigen Begebenheiten gemangelt. Es ist nicht der Mühe werth, daß wir uns zur Ru¬ he legen, ich habe noch eine Flasche in Re¬ serve; und wer weiß, ob wir bald wieder so ruhig und zufrieden zusammensitzen? Mariane schaute mit einem traurigen Blick nach ihr auf, den Wilhelm nicht be¬ merkte, und in seiner Erzählung fortfuhr. Siebentes Capitel . D ie Zerstreuungen der Jugend, da meine Gespannschaft sich zu vermehren anfing, tha¬ ten dem einsamen stillen Vergnügen Eintrag. Ich war wechselsweise bald Jäger, bald Sol¬ dat, bald Reuter, wie es unsre Spiele mit sich brachten; doch hatte ich immer darin ei¬ nen kleinen Vorzug vor den andern, daß ich im Stande war, ihnen die nöthigen Geräth¬ schaften schicklich auszubilden. So waren die Schwerter meistens aus meiner Fabrik, ich verzierte und vergoldete die Schlitten, und ein geheimer Instinkt ließ mich nicht ru¬ hen, bis ich unsre Miliz ins Antike umge¬ schaffen hatte. Helme wurden verfertiget, mit papiernen Büschen geschmückt, Schilde, D 2 sogar Harnische wurden gemacht, Arbeiten, bey denen die Bedienten im Hause, die etwa Schneider waren, und die Nätherinnen man¬ che Nadel zerbrachen. Einen Theil meiner jungen Gesellen sah ich nun wohlgerüstet, die übrigen wurden auch nach und nach, doch geringer, ausstaf¬ firt, und es kam ein stattliches Korps zu¬ sammen. Wir marschirten in Höfen und Gärten, schlugen uns brav auf die Schilde und auf die Köpfe; es gab manche Mißhel¬ ligkeit, die aber bald beygelegt war. Dieses Spiel, das die andern sehr unter¬ hielt, war kaum etlichemal getrieben worden, als es mich schon nicht mehr befriedigte. Der Anblick so vieler gerüsteten Gestalten mußte in mir nothwendig die Ritterideen aufreizen, die seit einiger Zeit, da ich in das Lesen al¬ ter Romane gefallen war, meinen Kopf an¬ füllten. Das befreyte Jerusalem, davon mir Kop¬ pens Übersetzung in die Hände fiel, gab mei¬ nen herumschweifenden Gedanken endlich ei¬ ne bestimmte Richtung. Ganz konnte ich zwar das Gedicht nicht lesen; es waren aber Stellen, die ich auswendig wußte, deren Bilder mich umschwebten. Besonders fesselte mich Chlorinde mit ihrem ganzen Thun und Lassen. Die Mannweiblichkeit, die ruhige Fülle ihres Daseyns, thaten mehr Wirkung auf den Geist, der sich zu entwickeln anfing, als die gemachten Reize Armidens, ob ich gleich ihren Garten nicht verachtete. Aber hundert und hundertmal, wenn ich Abends auf dem Altan, der zwischen den Giebeln des Hauses angebracht ist, spazierte, über die Gegend hinsah, und von der hinab¬ gewichenen Sonne ein zitternder Schein am Horizont heraufdämmerte, die Sterne hervor¬ traten, aus allen Winkeln und Tiefen die Nacht hervordrang, und der klingende Ton der Grillen durch die feierliche Stille schrillte, sagte ich mir die Geschichte des traurigen Zweykampfs zwischen Tancred und Chlorin¬ den vor. So sehr ich, wie billig, von der Partey der Christen war, stand ich doch der heidni¬ schen Heldin mit ganzem Herzen bey, als sie unternahm, den großen Thurm der Belagerer anzuzünden. Und wie nun Tancred dem vermeynten Krieger in der Nacht begegnet, unter der düstern Hülle der Streit beginnt, und sie gewaltig kämpfen! — Ich konnte nie die Worte aussprechen: Allein das Lebensmaß Chlorindens ist nun voll, Und ihre Stunde kommt, in der sie sterben soll! daß mir nicht die Thränen in die Augen kamen, die reichlich flossen, wie der unglück¬ liche Liebhaber ihr das Schwert in die Brust stöst, der Sinkenden den Helm löst, sie er¬ kennt, und zur Taufe bebend das Wasser holt. Aber wie ging mir das Herz über, wenn in dem bezauberten Walde Tancredens Schwert den Baum trifft, Blut nach dem Hiebe fließt, und eine Stimme ihm in die Ohren tönt, daß er auch hier Chlorinden ver¬ wunde, daß er vom Schicksal bestimmt sey, das was er liebt überall unwissend zu ver¬ letzen! Es bemächtigte sich die Geschichte meiner Einbildungskraft so, daß sich mir, was ich von dem Gedichte gelesen hatte, dunkel zu einem Ganzen in der Seele bildete, von dem ich dergestalt eingenommen war, daß ich es auf irgend eine Weise vorzustellen gedachte. Ich wollte Tancreden und Reinalden spielen, und fand dazu zwey Rüstungen ganz bereit, die ich schon gefertiget hatte. Die eine von dunkelgrauem Papier mit Schuppen sollte den ernsten Tancred, die andre von Silber- und Goldpapier den glänzenden Reinald zieren. In der Lebhaftigkeit meiner Vorstellung er¬ zählte ich alles meinen Gespannen, die da¬ von ganz entzückt wurden, und nur nicht wohl begreifen konnten, daß das alles aufge¬ führt, und zwar von ihnen aufgeführt wer¬ den sollte. Diesen Zweifeln half ich mit vieler Leich¬ tigkeit ab. Ich disponirte gleich über ein paar Zimmer in eines benachbarten Gespie¬ len Haus, ohne zu berechnen, daß die alte Tante sie nimmermehr hergeben würde; eben so war es mit dem Theater, wovon ich auch keine bestimmte Idee hatte, ausser daß man es auf Balken setzen, die Coulissen von ge¬ theilten spanischen Wänden hinstellen und zum Grund ein großes Tuch nehmen müsse. Woher aber die Materialien und Geräth¬ schaften kommen sollten, hatte ich nicht bedacht. Für den Wald fanden wir eine gute Aus¬ kunft: wir gaben einem alten Bedienten aus einem der Häuser, der nun Förster geworden war, gute Worte, daß er uns junge Birken und Fichten schaffen möchte, die auch wirk¬ lich geschwinder als wir hoffen konnten her¬ beygebracht wurden. Nun aber fand man sich in großer Verlegenheit, wie man das Stück, eh die Bäume verdorrten, zu Stande bringen könne. Da war guter Rath theuer, es fehlte an Platz, am Theater, an Vorhän¬ gen. Die spanischen Wände waren das einzi¬ ge was wir hatten. In dieser Verlegenheit gingen wir wie¬ der den Lieutenant an, dem wir eine weit¬ läuftige Beschreibung von der Herrlichkeit machten, die es geben sollte. So wenig er uns begriff, so behülflich war er, schob in ei¬ ne kleine Stube, was sich von Tischen im Hause und der Nachbarschaft nur finden woll¬ te an einander, stellte die Wände darauf, machte eine hintere Aussicht von grünen Vor¬ hängen, die Bäume wurden auch gleich mit in die Reihe gestellt. Indessen war es Abend geworden, man hatte die Lichter angezündet, die Mägde und Kinder saßen auf ihren Plätzen, das Stück sollte angehn, die ganze Heldenschaar war angezogen; nun spürte aber jeder zum er¬ stenmal, daß er nicht wisse, was er zu sagen habe. In der Hitze der Erfindung, da ich ganz von meinem Gegenstande durchdrungen war, hatte ich vergessen, daß doch jeder wis¬ sen müsse, was und wo er es zu sagen habe; und in der Lebhaftigkeit der Ausführung war es den übrigen auch nicht beygefallen: sie glaubten sie würden sich leicht als Helden darstellen, leicht so handeln und reden kön¬ nen, wie die Personen, in deren Welt ich sie versetzt hatte. Sie standen alle erstaunt, fragten sich einander, was zuerst kommen sollte? und ich, der ich mich als Tancred vorne an gedacht hatte, fing, allein auftre¬ tend, einige Verse aus dem Heldengedichte herzusagen an. Weil aber die Stelle gar zu bald ins Erzählende überging, und ich in meiner eignen Rede endlich als dritte Person vorkam, auch der Gottfried, von dem die Sprache war, nicht herauskommen wollte; so mußte ich eben unter großem Gelächter meiner Zuschauer wieder abziehen, ein Un¬ fall, der mich tief in der Seele kränkte. Ver¬ unglückt war die Expedition; die Zuschauer saßen da, und wollten etwas sehen. Geklei¬ det waren wir, ich raffte mich zusammen, und entschloß mich kurz und gut, David und Go¬ liath zu spielen. Einige der Gesellschaft hat¬ ten ehemals das Puppenspiel mit mir aufge¬ führt, alle hatten es oft gesehn, man theilte die Rollen aus, es versprach jeder sein Be¬ stes zu thun, und ein kleiner drolliger Junge mahlte sich einen schwarzen Bart, um, wenn ja eine Lücke einfallen sollte, sie als Hans¬ wurst mit einer Posse auszufüllen. Eine Anstalt, die ich, als dem Ernste des Stük¬ kes zuwider, sehr ungern geschehen ließ. Doch schwur ich mir, wenn ich nur einmal aus dieser Verlegenheit gerettet wäre, mich nie, als mit der größten Überlegung, an die Vorstellung eines Stücks zu wagen. Achtes Capitel. M ariane, vom Schlaf überwältigt, lehnte sich an ihren Geliebten, der sie fest an sich drückte und in seiner Erzählung fortfuhr, in¬ deß die Alte den Überrest des Weins mit gutem Bedachte genoß. Die Verlegenheit, sagte er, in der ich mich mit meinen Freunden gefunden hatte, indem wir ein Stück das nicht existirte zu spielen unternahmen, war bald vergessen. Meiner Leidenschaft, jeden Roman, den ich las, jede Geschichte die man mich lehrte, in einem Schauspiele darzustellen, konnte selbst der unbiegsamste Stoff nicht widerstehen. Ich war völlig überzeugt, daß alles was in der Erzählung ergötzte, vorgestellt eine viel grö¬ ßere Wirkung thun müsse; alles sollte vor meinen Augen, alles auf der Bühne vorge¬ hen. Wenn uns in der Schule die Weltge¬ schichte vorgetragen wurde, zeichnete ich mir sorgfältig aus, wo einer auf eine besondere Weise erstochen oder vergiftet wurde, und meine Einbildungskraft sah über Exposition und Verwicklung hinweg und eilte dem inte¬ ressanten fünften Akte zu; so fing ich auch wirklich an, einige Stücke von hinten hervor zu schreiben, ohne daß ich auch nur bey ei¬ nem einzigen bis zum Anfange gekommen wäre. Zu gleicher Zeit las ich, theils aus eig¬ nem Antrieb, theils auf Veranlassung mei¬ ner guten Freunde, welche in den Geschmack gekommen waren Schauspiele aufzuführen, einen ganzen Wust theatralischer Productio¬ nen durch, wie sie der Zufall mir in die Hände führte. Ich war in den glücklichen Jahren, wo uns noch alles gefällt, wo wir in der Menge und Abwechslung unsre Be¬ friedigung finden. Leider aber ward mein Urtheil noch auf eine andere Weise bestochen. Die Stücke gefielen mir besonders, in denen ich zu gefallen hoffte, und es waren wenige, die ich nicht in dieser angenehmen Täuschung durchlas; und meine lebhafte Vorstellungs¬ kraft, da ich mich in alle Rollen denken konnte, verführte mich zu glauben, daß ich auch alle darstellen würde: gewöhnlich wähl¬ te ich daher bey der Austheilung diejenigen, welche sich gar nicht für mich schickten, und wenn es nur einigermaßen angehn wollte, wohl gar ein paar Rollen. Kinder wissen beym Spiele aus allem al¬ les zu machen; ein Stab wird zur Flinte, ein Stückchen Holz zum Degen, jedes Bün¬ delchen zur Puppe, und jeder Winkel zur Hütte. In diesem Sinne entwickelte sich un¬ ser Privattheater. Bey der völligen Unkennt¬ niß unsrer Kräfte unternahmen wir alles, bemerkten kein qui pro quo , und waren über¬ zeugt, jeder müsse uns dafür nehmen, wofür wir uns gaben. Leider ging alles einen so gemeinen Gang, daß mir nicht einmal eine merkwürdige Albernheit zu erzählen übrig bleibt. Erst spielten wir die wenigen Stücke durch, in welchen nur Mannspersonen auf¬ treten; dann verkleideten wir einige aus un¬ serm Mittel, und zogen zuletzt die Schwe¬ stern mit ins Spiel. In einigen Häusern hielt man es für eine nützliche Beschäfti¬ gung und lud Gesellschaften darauf. Unser Artillerielieutenant verließ uns auch hier nicht. Er zeigte uns, wie wir kommen und gehen, deklamiren und gestikuliren sollten; allein er erntete für seine Bemühung mei¬ stens wenig Dank, indem wir die theatralischen Künste schon besser als er zu verstehen glaubten. Wir Wir verfielen gar bald auf das Trauer¬ spiel: denn wir hatten oft sagen hören, und glaubten selbst, es sey leichter eine Tragödie zu schreiben und vorzustellen, als im Lust¬ spiele vollkommen zu seyn. Auch fühlten wir uns beym ersten tragischen Versuche ganz in unserm Elemente, wir suchten uns der Höhe des Standes, der Vortreflichkeit der Charaktere, durch Steifheit und Affectation zu nähern, und dünkten uns durchaus nicht wenig; allein vollkommen glücklich waren wir nur, wenn wir recht rasen, mit den Füßen stampfen und uns wohl gar vor Wuth und Verzweiflung auf die Erde wer¬ fen durften. Knaben und Mädchen waren in diesen Spielen nicht lange beysammen, als die Na¬ tur sich zu regen, und die Gesellschaft sich in verschiedene kleine Liebesgeschichten zu thei¬ len anfing, da denn meistentheils Comödie W. Meisters Lehrj. E in der Comödie gespielt wurde. Die glückli¬ chen Paare drückten sich hinter den Theater¬ wänden die Hände auf das zärtlichste; sie verschwammen in Glückseligkeit, wenn sie einander, so bebändert und aufgeschmückt, recht idealisch vorkamen, indeß gegen über die unglücklichen Nebenbuhler sich vor Neid verzehrten, und mit Trutz und Schadenfreude allerley Unheil anrichteten. Diese Spiele, obgleich ohne Verstand un¬ ternommen und ohne Anleitung durchgeführt, waren doch nicht ohne Nutzen für uns. Wir übten unser Gedächtniß und unsern Körper, und erlangten mehr Geschmeidigkeit im Spre¬ chen und Betragen, als man sonst in so frü¬ hen Jahren gewinnen kann. Für mich aber war jene Zeit besonders Epoke, mein Geist richtete sich ganz nach dem Theater, und ich fand kein größer Glück, als Schauspiele zu lesen, zu schreiben und zu spielen. Der Unterricht meiner Lehrer dauerte fort, man hatte mich dem Handelsstand gewidmet, und zu unserm Nachbar auf das Comptoir gethan; aber eben zu selbiger Zeit entfernte sich mein Geist nur gewaltsamer von allem, was ich für ein niedriges Geschäft halten mußte. Der Bühne wollte ich meine ganze Thätigkeit widmen, auf ihr mein Glück und meine Zufriedenheit finden. Ich erinnere mich noch eines Gedichtes, das sich unter meinen Papieren finden muß, in welchem die Muse der tragischen Dicht¬ kunst und eine andere Frauensgestalt, in der ich das Gewerbe personifizirt hatte, sich um meine werthe Person recht wacker zanken. Die Erfindung ist gemein, und ich erinnere mich nicht, ob die Verse etwas taugen; aber Ihr sollt es sehen, um der Furcht, des Abscheues, der Liebe und der Leidenschaft willen, die darin herrschen. Wie ängstlich E 2 hatte ich die alte Hausmutter geschildert mit dem Rocken im Gürtel, mit Schlüsseln an der Seite, Brillen auf der Nase, immer fleißig, immer in Unruhe, zänkisch und haus¬ hältisch, kleinlich und beschwerlich! Wie kümmerlich beschrieb ich den Zustand dessen, der sich unter ihrer Ruthe bücken und sein knechtisches Tagewerk im Schweiße des An¬ gesichtes verdienen sollte! Wie anders trat jene dagegen auf! Wel¬ che Erscheinung ward sie dem bekümmerten Herzen! Herrlich gebildet, in ihrem Wesen und Betragen als eine Tochter der Freyheit anzusehen. Das Gefühl ihrer selbst gab ihr Würde ohne Stolz; ihre Kleider ziemten ihr, sie umhüllten jedes Glied, ohne es zu zwän¬ gen, und die reichlichen Falten des Stoffes wiederholten, wie ein tausendfaches Echo, die reizenden Bewegungen der Göttlichen. Welch ein Contrast! Und auf welche Seite sich mein Herz wandte, kannst du leicht denken. Auch war nichts vergessen, um meine Muse kennt¬ lich zu machen. Kronen und Dolche, Ketten und Masken, wie sie mir meine Vorgänger überliefert hatten, waren ihr auch hier zuge¬ theilt. Der Wettstreit war heftig, die Reden beider Personen kontrastirten gehörig, da man im vierzehnten Jahre gewöhnlich das Schwarze und Weiße recht nah an einander zu mahlen pflegt. Die Alte redete, wie es einer Person geziemt, die eine Stecknadel aufhebt, und jene, wie eine, die Königreiche verschenkt. Die warnenden Drohungen der Alten wurden verschmäht; ich sah die mir versprochenen Reichthümer schon mit dem Rücken an: enterbt und nackt übergab ich mich der Muse, die mir ihren goldnen Schleyer zuwarf und meine Blöße bedeckte. — Hätte ich denken können, o meine Ge¬ liebte! rief er aus, indem er Marianen fest an sich drückte, daß eine ganz andere, eine lieblichere Gottheit kommen, mich in meinem Vorsatz stärken, mich auf meinem Wege be¬ gleiten würde; welch eine schönere Wendung würde mein Gedicht genommen haben, wie interessant würde nicht der Schluß desselben geworden seyn! Doch es ist kein Gedicht, es ist Wahrheit und Leben, was ich in deinen Armen finde; laß uns das süße Glück mit Bewußtseyn genießen! Durch den Druck seines Armes, durch die Lebhaftigkeit seiner erhöhten Stimme, war Mariane erwacht, und verbarg durch Lieb¬ kosungen ihre Verlegenheit: denn sie hatte auch nicht ein Wort von dem letzten Theile seiner Erzählung vernommen, und es ist zu wünschen, daß unser Held für seine Lieblings¬ geschichten aufmerksamere Zuhörer künftig finden möge. Neuntes Capitel . S o brachte Wilhelm seine Nächte im Ge¬ nusse vertraulicher Liebe, seine Tage in Er¬ wartung neuer seliger Stunden zu. Schon zu jener Zeit, als ihn Verlangen und Hoff¬ nung zu Marianen hinzog, fühlte er sich wie neu belebt, er fühlte, daß er ein anderer Mensch zu werden beginne; nun war er mit ihr vereinigt, die Befriedigung seiner Wün¬ sche ward eine reizende Gewohnheit. Sein Herz strebte, den Gegenstand seiner Leiden¬ schaft zu veredlen, sein Geist, das geliebte Mädchen mit sich empor zu heben. In der kleinsten Abwesenheit ergriff ihn ihr Anden¬ ken. War sie ihm sonst nothwendig gewe¬ sen, so war sie ihm jetzt unentbehrlich, da er mit allen Banden der Menschheit an sie ge¬ knüpft war. Seine reine Seele fühlte, daß sie die Hälfte, mehr als die Hälfte seiner selbst sey. Er war dankbar und hingegeben ohne Gränzen. Auch Mariane konnte sich eine Zeitlang täuschen, sie theilte die Empfindung seines lebhaften Glücks mit ihm. Ach! wenn nur nicht manchmal die kalte Hand des Vor¬ wurfs ihr über das Herz gefahren wäre! Selbst an dem Busen Wilhelms war sie nicht sicher davor, selbst unter den Flügeln seiner Liebe. Und wenn sie nun gar wieder allein war, und aus den Wolken, in denen seine Leidenschaft sie emportrug, in das Be¬ wußtseyn ihres Zustandes herabsank; dann war sie zu bedauern. Denn Leichtsinn kam ihr zu Hülfe, so lange sie in niedriger Ver¬ worrenheit lebte, sich über ihre Verhältnisse betrog, oder vielmehr sie nicht kannte; da erschienen ihr die Vorfälle, denen sie ausge¬ setzt war, nur einzeln: Vergnügen und Ver¬ druß lösten sich ab, Demüthigung wurde durch Eitelkeit, und Mangel oft durch au¬ genblicklichen Überfluß vergütet; sie konnte Noth und Gewohnheit sich als Gesetz und Rechtfertigung anführen, und so lange ließen sich alle unangenehme Empfindungen von Stund zu Stunde, von Tag zu Tage ab¬ schütteln. Nun aber hatte das arme Mäd¬ chen sich Augenblicke in eine bessere Welt hinüber gerückt gefühlt, hatte, wie von oben herab, aus Licht und Freude ins öde, ver¬ worfene ihres Lebens herunter gesehen, hatte gefühlt, welche elende Creatur ein Weib ist, das mit dem Verlangen nicht zugleich Liebe und Ehrfurcht einflöst, und fand sich äußer¬ lich und innerlich um nichts gebessert. Sie hatte nichts, was sie aufrichten konnte. Wenn sie in sich blickte und suchte, war es in ihrem Geiste leer, und ihr Herz hatte kei¬ nen Widerhalt. Je trauriger dieser Zustand war, desto heftiger schloß sich ihre Neigung an den Geliebten fest; ja die Leidenschaft wuchs mit jedem Tage, wie die Gefahr, ihn zu verlieren, mit jedem Tage näher rückte. Dagegen schwebte Wilhelm glücklich in höheren Regionen, ihm war auch eine neue Welt aufgegangen, aber reich an herrlichen Aussichten. Kaum ließ das Uebermaaß der ersten Freude nach, so stellte sich das hell vor seine Seele, was ihn bisher dunkel durch¬ wühlt hatte. Sie ist dein! Sie hat sich dir hingegeben! Sie, das geliebte, gesuchte, an¬ gebetete Geschöpf, dir auf Treu und Glau¬ ben hingegeben; aber sie hat sich keinem Un¬ dankbaren überlassen. Wo er stand und ging, redete er mit sich selbst, sein Herz floß beständig über, und er sagte sich in einer Fülle von prächtigen Worten die erhabensten Gesinnungen vor. Er glaubte den hellen Wink des Schicksals zu verstehen, das ihm durch Marianen die Hand reichte, sich aus dem stockenden, schleppenden bürgerlichen Le¬ ben heraus zu reißen, aus dem er schon so lange sich zu retten gewünscht hatte. Sei¬ nes Vaters Haus, die Seinigen zu verlassen, schien ihm etwas leichtes. Er war jung und neu in der Welt, und sein Muth, in ihren Weiten nach Glück und Befriedigung zu ren¬ nen, durch die Liebe erhöht. Seine Bestim¬ mung zum Theater war ihm nunmehr klar; das hohe Ziel, das er sich vorgesteckt sah, schien ihm näher, indem er an Marianens Hand hinstrebte, und in selbstgefälliger Be¬ scheidenheit erblickte er in sich den trefflichen Schauspieler, den Schöpfer eines künftigen National–Theaters, nach dem er so vielfäl¬ tig hatte seufzen hören. Alles, was in den innersten Winkeln seiner Seele bisher ge¬ schlummert hatte, wurde rege. Er bildete aus den vielerley Ideen mit Farben der Lie¬ be ein Gemählde auf Nebelgrund, dessen Gestalten freylich sehr in einander flossen; dafür aber auch das Ganze eine desto rei¬ zendere Wirkung that. Zehntes Capitel. E r saß nun zu Hause, kramte unter seinen Papieren, und rüstete sich zur Abreise. Was nach seiner bisherigen Bestimmung schmeckte, ward bey Seite gelegt, er wollte bey seiner Wanderung in die Welt auch von jeder un¬ angenehmen Erinnerung frey seyn. Nur Werke des Geschmacks, Dichter und Critiker wurden als bekannte Freunde unter die Er¬ wählten gestellt; und da er bisher die Kunst¬ richter sehr wenig genutzt hatte, so erneuerte sich seine Begierde nach Belehrung, als er seine Bücher wieder durchsah und fand, daß die theoretischen Schriften noch meist unauf¬ geschnitten waren. Er hatte sich, in der völ¬ ligen Überzeugung von der Nothwendigkeit solcher Werke, viele davon angeschaft, und mit dem besten Willen in keines auch nur bis in die Hälfte sich hinein lesen können. Dagegen hatte er sich desto eifriger an Beyspiele gehalten, und in allen Arten die ihm bekannt worden waren, selbst Versuche gemacht. Werner trat herein, und als er seinen Freund mit den bekannten Heften beschäftigt sah, rief er aus: Bist du schon wieder über diesen Papieren? Ich wette, du hast nicht die Absicht, eins oder das andere zu vollen¬ den! Du siehst sie durch und wieder durch, und beginnst allenfalls etwas neues. — Zu vollenden ist nicht die Sache des Schülers, es ist genug, wenn er sich übt — Aber doch fertig macht, so gut er kann. Und doch ließe sich wohl die Frage auf¬ werfen: ob man nicht eben gute Hoffnung von einem jungen Menschen fassen könne, der bald gewahr wird, wenn er etwas Unge¬ schicktes unternommen hat, in der Arbeit nicht fortfährt, und an etwas, das niemals einen Werth haben kann, weder Mühe noch Zeit verschwenden mag. Ich weiß wohl, es war nie deine Sache, etwas zu Stande zu bringen, du warst im¬ mer müde, eh’ es zur Hälfte kam. Da du noch Direktor unsers Puppenspiels warst, wie oft wurden neue Kleider für die Zwerg¬ gesellschaft gemacht? neue Dekorationen aus¬ geschnitten? Bald sollte dieses, bald jenes Trauerspiel aufgeführt werden, und höchstens gabst du einmal den fünften Akt, wo alles recht bunt durch einander ging, und die Leu¬ te sich erstachen. Wenn du von jenen Zeiten sprechen willst, wer war denn Schuld, daß wir die Kleider, die unsern Puppen angepaßt und auf den Leib fest genäht waren, herunter trennen ließen, und den Aufwand einer weit¬ läuftigen und unnützen Garderobe machten? Warst du’s nicht, der immer ein neues Stück Band zu verhandeln hatte, der meine Lieb¬ haberey anzufeuern und zu nutzen wußte?— Werner lachte und rief aus: Ich erinnere mich immer noch mit Freuden, daß ich von euern theatralischen Feldzügen Vortheil zog, wie Lieferanten vom Kriege. Als Ihr euch zur Befreyung Jerusalems rüstetet, machte ich auch einen schönen Profit, wie ehemals die Venetianer im ähnlichen Falle. Ich fin¬ de nichts vernünftiger in der Welt, als von den Thorheiten anderer Vortheil zu ziehen. Ich weiß nicht, ob es nicht ein edleres Vergnügen wäre, die Menschen von ihren Thorheiten zu heilen. — Wie ich sie kenne, möchte das wohl ein eitles Bestreben seyn. Es gehört schon et¬ was dazu, wenn ein einziger Mensch klug und und reich werden soll, und meistens wird er es auf Unkosten der Andern. Es fällt mir eben recht der Jüngling am Scheidewege in die Hände, versetzte Wilhelm, indem er ein Heft aus den übrigen Papieren herauszog: das ist doch fertig geworden, es mag übrigens seyn wie es will. Leg es bey Seite, wirf es ins Feuer! ver¬ setzte Werner. Die Erfindung ist nicht im ge¬ ringsten lobenswürdig; schon vormals ärger¬ te mich diese Composition genug, und zog dir den Unwillen des Vaters zu. Es mögen ganz artige Verse seyn; aber die Vorstel¬ lungsart ist grundfalsch. Ich erinnere mich noch deines personifizirten Gewerbes, deiner zusammengeschrumpften erbärmlichen Sybille. Du magst das Bild in irgend einem elenden Kramladen aufgeschnappt haben. Von der Handlung hattest du damals keinen Begriff; ich wüßte nicht, wessen Geist ausgebreiteter W. Meisters Lehrj. F wäre, ausgebreiteter seyn müßte, als der Geist eines ächten Handelsmanns. Welchen Überblick verschaft uns nicht die Ordnung, in der wir unsre Geschäfte führen! Sie läßt uns jederzeit das Ganze überschauen, ohne daß wir nöthig hätten, uns durch das Ein¬ zelne verwirren zu lassen. Welche Vortheile gewährt die doppelte Buchhaltung dem Kauf¬ manne! Es ist eine der schönsten Erfindun¬ gen des menschlichen Geistes, und ein jeder guter Haushalter sollte sie in seiner Wirth¬ schaft einführen. Verzeih mir, sagte Wilhelm lächelnd, du fängst von der Form an, als wenn das die Sache wäre; gewöhnlich vergeßt ihr aber auch über eurem Addiren und Bilanciren das eigentliche Facit des Lebens. Leider siehst du nicht, mein Freund, wie Form und Sache hier nur eins ist, eins ohne das andere nicht bestehen könnte. Ordnung und Klarheit vermehrt die Lust zu sparen und zu erwerben. Ein Mensch, der übel haushält, befindet sich in der Dunkelheit sehr wohl, er mag die Posten nicht gerne zusam¬ men rechnen, die er schuldig ist. Dagegen kann einem guten Wirthe nichts angenehmer seyn, als sich alle Tage die Summe seines wachsenden Glückes zu ziehen. Selbst ein Unfall, wenn er ihn verdrießlich überrascht, erschreckt ihn nicht; denn er weiß sogleich, was für erworbene Vortheile er auf die an¬ dere Waagschale zu legen hat. Ich bin überzeugt, mein lieber Freund, wenn du nur einmal einen rechten Geschmack an unsern Geschäften finden könntest, so würdest du dich überzeugen, daß manche Fähigkeiten des Geistes auch dabey ihr freyes Spiel haben können. Es ist möglich, daß mich die Reise, die ich vorhabe, auf andere Gedanken bringt. F2 O gewiß! Glaube mir, es fehlt dir nur der Anblick einer großen Thätigkeit, um dich auf immer zu dem unsern zu machen; und wenn du zurück kommst, wirst du dich gern zu denen gesellen, die durch alle Arten von Spedition und Spekulation einen Theil des Geldes und Wohlbefindens, das in der Welt seinen nothwendigen Kreislauf führt, an sich zu reißen wissen. Wirf einen Blick auf die natürlichen und künstlichen Producte aller Welttheile, betrachte wie sie wechselsweise zur Nothdurft geworden sind! Welch eine angenehme geistreiche Sorgfalt ist es, alles, was in dem Augenblicke am meisten gesucht wird, und doch bald fehlt, bald schwer zu haben ist, zu kennen, jedem, was er verlangt, leicht und schnell zu verschaffen, sich vorsich¬ tig in Vorrath zu setzen, und den Vortheil jedes Augenblickes dieser großen Cirkulation zu genießen! Dieß ist, dünkt mich, was je¬ dem, der Kopf hat, eine große Freude ma¬ chen wird. Wilhelm schien nicht abgeneigt, und Wer¬ ner fuhr fort: Besuche nur erst ein paar große Handelsstädte, ein paar Häfen, und du wirst gewiß mit fortgerissen werden. Wenn du siehst, wie viele Menschen beschäf¬ tiget sind, wenn du siehst, wo so manches herkommt, wo es hingeht, so wirst du es ge¬ wiß auch mit Vergnügen durch deine Hände gehen sehen. Die geringste Waare siehst du im Zusammenhange mit dem ganzen Handel, und eben darum hältst du nichts für gering, weil alles die Cirkulation vermehrt, von wel¬ cher dein Leben seine Nahrung zieht. Werner, der seinen richtigen Verstand in dem Umgange mit Wilhelmen ausbildete, hatte sich gewöhnt, auch an sein Gewerbe, an seine Geschäfte mit Erhebung der Seele zu denken, und glaubte immer, daß er es mit mehrerem Rechte thue, als sein sonst ver¬ ständiger und geschätzter Freund, der, wie es ihm schien, auf das unreellste von der Welt einen so großen Werth, und das Gewicht seiner ganzen Seele legte. Manchmal dachte er, es könne gar nicht fehlen, dieser falsche Enthusiasmus müsse zu überwältigen, und ein so guter Mensch auf den rechten Weg zu bringen seyn. In dieser Hoffnung fuhr er fort: Es haben die Großen dieser Welt sich der Erde bemächtiget, sie leben in Herr¬ lichkeit und Überfluß. Der kleinste Raum unsers Welttheils ist schon in Besitz genom¬ men, jeder Besitz befestiget, Ämter und ande¬ re bürgerliche Geschäfte tragen wenig ein; wo giebt es nun noch einen rechtmäßigeren Erwerb, eine billigere Eroberung als den Handel? Haben die Fürsten dieser Welt die Flüsse, die Wege, die Häfen in ihrer Ge¬ walt, und nehmen von dem, was durch und vorbey geht, einen starken Gewinn: sollen wir nicht mit Freuden die Gelegenheit er¬ greifen, und durch unsere Thätigkeit auch Zoll von jenen Artikeln nehmen, die theils das Bedürfniß, theils der Übermuth den Menschen unentbehrlich gemacht hat? Und ich kann dir versichern, wenn du nur deine dichterische Einbildungskraft anwenden woll¬ test, so könntest du meine Göttin als eine unüberwindliche Siegerin der deinigen kühn entgegenstellen. Sie führt freylich lieber den Ölzweig als das Schwert; Dolch und Ket¬ ten kennt sie gar nicht: aber Kronen theilet sie auch ihren Lieblingen aus, die, es sey ohne Verachtung jener gesagt, von ächtem aus der Quelle geschöpftem Golde und von Perlen glänzen, die sie aus der Tiefe des Meeres durch ihre immer geschäftigen Die¬ ner geholt hat. Wilhelmen verdroß dieser Ausfall ein we¬ nig, doch verbarg er seine Empfindlichkeit; denn er erinnerte sich, daß Werner auch sei ¬ ne Apostrophen mit Gelassenheit anzuhören pflegte. Übrigens war er billig genug, um gerne zu sehen, wenn jeder von seinem Hand¬ werk aufs beste dachte; nur mußte man ihm das seinige, dem er sich mit Leidenschaft ge¬ widmet hatte, unangefochten lassen. Und dir, rief Werner aus, der du an menschlichen Dingen so herzlichen Antheil nimmst, was wird es dir für ein Schauspiel seyn, wenn du das Glück, das muthige Un¬ ternehmungen begleitet, vor deinen Augen den Menschen wirst gewährt sehen! Was ist reizender als der Anblick eines Schiffes, das von einer glücklichen Fahrt wieder anlangt, das von einem reichen Fange frühzeitig zu¬ rückkehrt! Nicht der Verwandte, der Bekann¬ te, der Theilnehmer allein, ein jeder fremder Zuschauer wird hingerissen, wenn er die Freu¬ de sieht, mit welcher der eingesperrte Schiffer ans Land springt, noch ehe sein Fahrzeug es ganz berührt, sich wieder frey fühlt, und nunmehr das, was er dem falschen Wasser entzogen, der getreuen Erde anvertrauen kann. Nicht in Zahlen allein, mein Freund, erscheint uns der Gewinn; das Glück ist die Göttin der lebendigen Menschen, und um ihre Gunst wahrhaft zu empfinden, muß man leben und Menschen sehen, die sich recht le¬ bendig bemühen und recht sinnlich genießen. Eilftes Capitel . E s ist nun Zeit, daß wir auch die Väter unsrer beiden Freunde näher kennen lernen; ein paar Männer von sehr verschiedener Den¬ kungsart, deren Gesinnungen aber darin über¬ einkamen, daß sie den Handel für das edel¬ ste Geschäft hielten, und beide höchst auf¬ merksam auf jeden Vortheil waren, den ihnen irgend eine Spekulation bringen konnte. Der alte Meister hatte gleich nach dem Tode sei¬ nes Vaters eine kostbare Sammlung von Gemählden, Zeichnungen, Kupferstichen und Antiquitäten ins Geld gesetzt, sein Haus nach dem neusten Geschmacke von Grund aus auf¬ gebaut und möblirt, und sein übriges Ver¬ mögen auf alle mögliche Weise gelten ge¬ macht. Einen ansehnlichen Theil davon hat¬ te er dem alten Werner in die Handlung gegeben, der als ein thätiger Handelsmann berühmt war, und dessen Spekulationen ge¬ wöhnlich durch das Glück begünstigt wurden. Nichts wünschte aber der alte Meister so sehr, als seinem Sohne Eigenschaften zu ge¬ ben, die ihm selbst fehlten, und seinen Kin¬ dern Güter zu hinterlassen, auf deren Besitz er den größten Werth legte; so war er ein besonderer Freund vom Prächtigen, von dem was in die Augen fällt, was aber auch zu¬ gleich einen innern Werth und eine Dauer hat. In seinem Hause mußte alles solid und massiv seyn, der Vorrath reichlich, das Silbergeschirr schwer, das Tafelservice kost¬ bar; dagegen waren die Gäste selten, denn eine jede Mahlzeit ward ein Fest, das so¬ wohl wegen der Kosten als wegen der Un¬ bequemlichkeit nicht oft wiederholt werden konnte. Sein Haushalt ging einen gelasse¬ nen und einförmigen Schritt, und alles was sich darin bewegte und erneuerte, war gerade das, was niemanden einigen Genuß gab. Ein ganz entgegengesetztes Leben führte der alte Werner in einem dunkeln und fin¬ stern Hause. Hatte er seine Geschäfte in der engen Schreibstube am uralten Pulte vollen¬ det; so wollte er gut essen, und wo möglich noch besser trinken, auch konnte er das Gute nicht allein genießen: neben seiner Familie mußte er seine Freunde, alle Fremde, die nur mit seinem Hause in einiger Verbindung standen, immer bey Tische sehen, seine Stüh¬ le waren uralt, aber er lud täglich jemanden ein, darauf zu sitzen. Die guten Speisen zogen die Aufmerksamkeit der Gäste auf sich, und niemand bemerkte, daß sie in gemeinem Geschirr aufgetragen wurden. Sein Keller hielt nicht viel Wein, aber der ausgetrunke¬ ne ward gewöhnlich durch einen bessern ersetzt. So lebten die beiden Väter, welche öfter zusammen kamen, sich wegen gemeinschaftli¬ cher Geschäfte berathschlagten, und eben heu¬ te die Versendung Wilhelms in Handelsan¬ gelegenheiten beschlossen. Er mag sich in der Welt umsehen, sagte der alte Meister, und zugleich unsre Geschäf¬ te an fremden Orten betreiben; man kann einem jungen Menschen keine größere Wohl¬ that erweisen, als wenn man ihn zeitig in die Bestimmung seines Lebens einweiht. Ihr Sohn ist von seiner Expedition so glücklich zurück gekommen, hat seine Geschäfte so gut zu machen gewußt, daß ich recht neugierig bin, wie sich der meinige beträgt; ich fürchte, er wird mehr Lehrgeld geben, als der Ihrige. Der alte Meister, welcher von seinem Sohne und dessen Fähigkeiten einen großen Begriff hatte, sagte diese Worte in Hoffnung, daß sein Freund ihm widersprechen und die vortrefflichen Gaben des jungen Mannes herausstreichen sollte. Allein hierin betrog er sich; der alte Werner, der in praktischen Dingen niemanden traute, als dem, den er geprüft hatte, versetzte gelassen: Man muß alles versuchen, wir können ihn eben densel¬ ben Weg schicken, wir geben ihm eine Vor¬ schrift, wornach er sich richtet; es sind ver¬ schiedene Schulden einzukassiren, alte Be¬ kanntschaften zu erneuern, neue zu machen. Er kann auch die Spekulation mit der ich Sie neulich unterhielt, befördern helfen, denn ohne genaue Nachrichten an Ort und Stelle zu sammeln, läßt sich dabey wenig thun. Er mag sich vorbereiten, versetzte der alte Meister, und sobald als möglich aufbrechen. Wo nehmen wir ein Pferd für ihn her, das sich zu dieser Expedition schickt? Wir werden nicht weit darnach suchen. Ein Krämer in H***, der uns noch einiges schuldig, aber sonst ein guter Mann ist, hat mir eins an Zahlungsstatt angeboten; mein Sohn kennt es, es soll ein recht brauchbares Thier seyn. Er mag es selbst hohlen, mag mit dem Postwagen hinüber fahren, so ist er über¬ morgen bey Zeiten wieder da, man macht ihm indessen den Mantelsack und die Briefe zurechte, und so kann er zu Anfang der künftigen Woche aufbrechen. Wilhelm wurde gerufen und man machte ihm den Entschluß bekannt. Wer war fro¬ her als er, da er die Mittel zu seinem Vor¬ haben in seinen Händen sah, da ihm die Gelegenheit ohne sein Mitwirken zubereitet worden! So groß war seine Leidenschaft, so rein seine Überzeugung, er handle voll¬ kommen recht, sich dem Drucke seines bisheri¬ gen Lebens zu entziehen, und einer neuen ed¬ lern Bahn zu folgen, daß sein Gewissen sich nicht im mindesten regte, keine Sorge in ihm entstand, ja daß er vielmehr diesen Betrug für heilig hielt. Er war gewiß, daß ihn Eltern und Verwandte in der Folge für die¬ sen Schritt preisen und segnen sollten, er er¬ kannte den Wink eines leitenden Schicksals an diesen zusammentreffenden Umständen. Wie lang ward ihm die Zeit bis zur Nacht, bis zur Stunde, in der er seine Ge¬ liebte wieder sehen sollte! Er saß auf seinem Zimmer und überdachte seinen Reiseplan. Wie ein künstlicher Dieb oder Zauberer in der Gefangenschaft manchmal die Füße aus den festgeschlossenen Ketten herauszieht, um die Überzeugung bey sich zu nähren, daß seine Rettung möglich, ja noch näher sey als kurzsichtige Wächter glauben. Endlich schlug die nächtliche Stunde; er entfernte sich aus seinem Hause, schüttelte al¬ len Druck ab, und wandelte durch die stillen Gassen Gassen. Auf dem großen Platze hub er sei¬ ne Hände gen Himmel, fühlte alles hinter und unter sich, er hatte sich von allem los gemacht. Nun dachte er sich in den Armen seiner Geliebten, dann wieder mit ihr auf dem blendenden Theatergerüste, er schwebte in einer Fülle von Hoffnungen, und nur manchmal erinnerte ihn der Ruf des Nacht¬ wächters, daß er noch auf dieser Erde wandle. Seine Geliebte kam ihm an der Treppe entgegen, und wie schön! wie lieblich! In dem neuen weißen Negligee empfing sie ihn, er glaubte sie noch nie so reizend gesehen zu haben. So weihte sie das Geschenk des ab¬ wesenden Liebhabers in den Armen des ge¬ genwärtigen ein, und mit wahrer Leiden¬ schaft verschwendete sie den ganzen Reich¬ thum ihrer Liebkosungen, welche ihr die Na¬ tur eingab, welche die Kunst sie gelehrt hat¬ W. Meisters Lehrj. G te, an ihren Liebling, und man frage, ob er sich glücklich, ob er sich selig fühlte? Er entdeckte ihr was vorgegangen war, und ließ ihr im allgemeinen seinen Plan, seine Wünsche sehen. Er wolle unter zu kommen suchen, sie alsdann abhohlen, er hoffe, sie werde ihm ihre Hand nicht versa¬ gen. Das arme Mädchen aber schwieg, ver¬ barg ihre Thränen und drückte den Freund an ihre Brust, der, ob er gleich ihr Verstum¬ men auf das günstigste auslegte, doch eine Antwort gewünscht hätte, besonders da er sie zuletzt auf das bescheidenste, auf das freund¬ lichste fragte: ob er sich denn nicht Vater glauben dürfe? Aber auch darauf antwortete sie nur mit einem Seufzer, einem Kusse. Zwölftes Capitel. D en andern Morgen erwachte Mariane nur zu neuer Betrübniß; sie fand sich sehr allein, mochte den Tag nicht sehen, blieb im Bette und weinte. Die Alte setzte sich zu ihr, such¬ te ihr einzureden, sie zu trösten; aber es ge¬ lang ihr nicht, das verwundete Herz so schnell zu heilen. Nun war der Augenblick nahe, dem das arme Mädchen wie dem letzten ihres Lebens entgegen gesehen hatte. Konnte man sich auch in einer ängstlichern Lage füh¬ len? Ihr Geliebter entfernte sich, ein unbe¬ quemer Liebhaber drohte zu kommen, und das größte Unheil stand bevor, wenn beide, wie es leicht möglich war, einmal zusammen¬ treffen sollten. Beruhige dich, Liebchen, rief die Alte: verweine mir deine schönen Augen nicht! Ist G 2 es denn ein so großes Unglück, zwey Liebha¬ ber zu besitzen? Und wenn du auch deine Zärtlichkeit nur dem einen schenken kannst; so sey wenigstens dankbar gegen den andern, der, nach der Art wie er für dich sorgt, ge¬ wiß dein Freund genannt zu werden ver¬ dient. Es ahndete meinem Geliebten, versetzte Mariane dagegen mit Thränen, daß uns eine Trennung bevorstehe; ein Traum hat ihm entdeckt, was wir ihm so sorgfältig zu verbergen suchen. Er schlief so ruhig an meiner Seite. Auf einmal höre ich ihn ängst¬ liche, unvernehmliche Töne stammeln. Mir wird bange, und ich wecke ihn auf. Ach! mit welcher Liebe, mit welcher Zärtlichkeit, mit welchem Feuer umarmt’ er mich! O Mariane! rief er aus, welchem schrecklichen Zustande hast du mich entrissen! Wie soll ich dir danken. daß du mich aus dieser Hölle befreyt hast? Mir träumte, fuhr er fort, ich befände mich, entfernt von dir, in einer un¬ bekannten Gegend; aber dein Bild schwebte mir vor; ich sah dich auf einem schönen Hü¬ gel, die Sonne beschien den ganzen Platz, wie reizend kamst du mir vor! Aber es währte nicht lange, so sah ich dein Bild hin¬ unter gleiten, immer hinunter gleiten, ich streckte meine Arme nach dir aus, sie reich¬ ten nicht durch die Ferne. Immer sank dein Bild und näherte sich einem großen See, der am Fuße des Hügels weit ausgebreitet lag, eher ein Sumpf als ein See. Auf einmal gab dir ein Mann die Hand, er schien dich hinaufführen zu wollen, aber leitete dich seit¬ wärts, und schien dich nach sich zu ziehen. Ich rief, da ich dich nicht erreichen konnte, ich hoffte dich zu warnen. Wollte ich gehen, so schien der Boden mich fest zu halten; konnt’ ich gehen, so hinderte mich das Was¬ ser, und sogar mein Schreyen erstickte in der beklemmten Brust. So erzählte der Arme, indem er sich von seinem Schrecken an mei¬ nem Busen erholte, und sich glücklich pries, einen fürchterlichen Traum durch die seligste Wirklichkeit verdrängt zu sehen. Die Alte suchte so viel möglich durch ihre Prose die Poesie ihrer Freundin ins Gebiet des gemeinen Lebens herunter zu locken, und bediente sich dabey der guten Art, welche Vogelstellern zu gelingen pflegt, indem sie durch ein Pfeifchen die Töne derjenigen nach¬ zuahmen suchen, welche sie bald und häufig in ihrem Garne zu sehen wünschen. Sie lobte Wilhelmen, rühmte seine Gestalt, seine Augen, seine Liebe. Das arme Mädchen hörte ihr gerne zu, stand auf, ließ sich an¬ kleiden, und schien ruhiger. Mein Kind, mein Liebchen, fuhr die Alte schmeichelnd fort, ich will dich nicht betrüben, nicht beleidigen, ich denke dir nicht dein Glück zu rauben. Darfst du meine Absicht verkennen, und hast du vergessen, daß ich jederzeit mehr für dich als für mich gesorgt habe? Sag mir nur was du willst, wir wollen schon sehen, wie wir es ausführen. Was kann ich wollen? versetzte Mariane; ich bin elend, auf mein ganzes Leben elend, ich liebe ihn, der mich liebt, sehe, daß ich mich von ihm trennen muß, und weiß nicht, wie ich es überleben kann. Norberg kommt, dem wir unsere ganze Existenz schuldig sind, den wir nicht entbehren können. Wilhelm ist sehr eingeschränkt, er kann nichts für mich thun. — Ja, er ist unglücklicherweise von denen Liebhabern, die nichts als ihr Herz bringen, und eben diese haben die meisten Präten¬ sionen. Spotte nicht! der Unglückliche denkt sein Haus zu verlassen, auf das Theater zu ge¬ hen, mir seine Hand anzubieten. Leere Hände haben wir schon vier. Ich habe keine Wahl, fuhr Mariane fort, entscheide du! Stoße mich da oder dort hin, nur wisse noch eins: wahrscheinlich trag’ ich ein Pfand im Busen, das uns noch mehr an einander fesseln sollte, das bedenke und ent¬ scheide, wen soll ich lassen? wem soll ich folgen? Nach einigem Stillschweigen rief die Alte: daß doch die Jugend immer zwischen den Extremen schwankt! Ich finde nichts natürli¬ cher, als alles zu verbinden, was uns Ver¬ gnügen und Vortheil bringt. Liebst du den Einen, so mag der Andere bezahlen, es kommt nur darauf an, daß wir klug genug sind, sie beide auseinander zu halten. — Mache was du willst, ich kann nichts denken; aber folgen will ich. Wir haben den Vortheil, daß wir den Eigensinn des Directors, der auf die Sitten seiner Truppe stolz ist, vorschützen können. Beide Liebhaber sind schon gewohnt, heimlich und vorsichtig zu Werke zu gehen. Für Stunde und Gelegenheit will ich sorgen, nur mußt du hernach die Rolle spielen, die ich dir vorschreibe. Wer weiß welcher Umstand uns hilft. Käme Norberg nur jetzt, da Wil¬ helm entfernt ist! Wer wehrt dir, in den Ar¬ men des einen an den andern zu denken? Ich wünsche dir zu einem Sohne Glück, er soll einen reichen Vater haben. Mariane war durch diese Vorstellungen nur für kurze Zeit gebessert. Sie konnte ihren Zustand nicht in Harmonie mit ihrer Empfindung, ihrer Ueberzeugung bringen; sie wünschte diese schmerzlichen Verhältnisse zu vergessen, und tausend kleine Umstände mu߬ ten sie jeden Augenblick daran erinnern. Dreyzehntes Capitel. W ilhelm hatte indessen die kleine Reise vol¬ lendet, und überreichte, da er seinen Han¬ delsfreund nicht zu Hause fand, das Em¬ pfehlungsschreiben der Gattin des Abwesen¬ den. Aber auch diese gab ihm auf seine Fra¬ gen wenig Bescheid; sie war in einer hefti¬ gen Gemüthsbewegung, und das ganze Haus in großer Verwirrung. Es währte jedoch nicht lange, so vertrau¬ te sie ihm (und es war auch nicht zu ver¬ heimlichen) daß ihre Stieftochter mit einem Schauspieler davon gegangen sey, mit einem Menschen, der sich von einer kleinen Gesell¬ schaft vor kurzem los gemacht, sich im Orte aufgehalten, und im Französischen Unterricht gegeben habe. Der Vater, ausser sich vor Schmerz und Verdruß, sey ins Amt gelau¬ fen, um die Flüchtigen verfolgen zu lassen. Sie schalt ihre Tochter heftig, schmähte den Liebhaber, so daß an beiden nichts Lobens¬ würdiges übrig blieb, beklagte mit vielen Worten die Schande, die dadurch auf die Familie gekommen, und setzte Wilhelmen in nicht geringe Verlegenheit, der sich und sein heimliches Vorhaben durch diese Sibylle gleichsam mit prophetischem Geiste voraus getadelt und gestraft fühlte. Noch stärkern und innigern Antheil mußte er aber an den Schmerzen des Vaters nehmen, der aus dem Amte zurückkam, mit stiller Trauer und hal¬ ben Worten seine Expedition der Frau er¬ zählte, und, indem er, nach eingesehenen Briefe, das Pferd Wilhelmen vorführen ließ, seine Zerstreuung und Verwirrung nicht ver¬ bergen konnte. Wilhelm gedachte sogleich das Pferd zu besteigen, und sich aus einem Hause zu ent¬ fernen, in welchem ihm, unter den gegebenen Umständen, unmöglich wohl werden konnte; allein der gute Mann wollte den Sohn ei¬ nes Hauses, dem er so viel schuldig war, nicht unbewirthet und ohne ihn eine Nacht unter seinem Dache behalten zu haben, ent¬ lassen. Unser Freund hatte ein trauriges Abend¬ essen eingenommen, eine unruhige Nacht aus¬ gestanden, und eilte frühmorgens sobald als möglich sich von Leuten zu entfernen, die, ohne es zu wissen, ihn mit ihren Erzählun¬ gen und Äusserungen auf das empfindlichste gequält hatten. Er ritt langsam und nachdenkend die Straße hin, als er auf einmal eine Anzahl gewaffneter Leute durchs Feld kommen sah, die er an ihren weiten und langen Röcken, großen Aufschlägen, unförmlichen Hüten und plumpen Gewehren, an ihrem treuherzigen Gange und dem bequemen Tragen ihres Körpers sogleich für ein Commando Land¬ miliz erkannte. Unter einer alten Eiche hiel¬ ten sie stille, setzten ihre Flinten nieder, und lagerten sich bequem auf dem Rasen, um eine Pfeife zu rauchen. Wilhelm verweilte bey ihnen, und ließ sich mit einem jungen Menschen, der zu Pferde herbeykam, in ein Gespräch ein. Er mußte die Geschichte der beiden Entflohenen, die ihm nur zu sehr be¬ kannt war, leider noch einmal und zwar mit Bemerkungen, die weder dem jungen Paare noch den Eltern sonderlich günstig waren, vernehmen. Zugleich erfuhr er, daß man hieher gekommen sey, die jungen Leute wirk¬ lich in Empfang zu nehmen, die in dem be¬ nachbarten Städtchen eingehohlt und ange¬ halten worden waren. Nach einiger Zeit sah man von ferne einen Wagen herbeykom¬ men, der von einer Bürgerwache mehr lä¬ cherlich als fürchterlich umgeben war. Ein unförmlicher Stadtschreiber ritt voraus, und komplimentirte mit dem gegenseitigen Aktua¬ rius (denn das war der junge Mann, mit dem Wilhelm gesprochen hatte) an der Grän¬ ze mit großer Gewissenhaftigkeit und wun¬ derlichen Gebärden, wie es etwa Geist und Zauberer, der eine inner- der andere außer¬ halb des Kreises, bey gefährlichen nächtlichen Operationen thun mögen. Die Aufmerksamkeit der Zuschauer war indeß auf den Bauerwagen gerichtet, und man betrachtete die armen Verirrten nicht ohne Mitleiden, die auf ein paar Bündeln Stroh bey einander saßen, sich zärtlich an¬ blickten, und die Umstehenden kaum zu be¬ merken schienen. Zufälligerweise hatte man sich genöthigt gesehen, sie von dem letzten Dorfe auf eine so unschickliche Art fort zu bringen, indem die alte Kutsche, in welcher man die Schöne transportirte, zerbrochen war. Sie erbat sich bey dieser Gelegenheit die Gesellschaft ihres Freundes, den man, aus Ueberzeugung, er sey auf einem capita¬ len Verbrechen betroffen, bis dahin mit Ket¬ ten beschwert nebenher gehen lassen. Diese Ketten trugen denn freylich nicht wenig bey, den Anblick der zärtlichen Gruppe interessanter zu machen, besonders weil der junge Mann sie mit vielem Anstand beweg¬ te, indem er wiederholt seiner Geliebten die Hände küßte. Wir sind sehr unglücklich! rief sie den Umstehenden zu; aber nicht so schuldig wie wir scheinen. So belohnen grausame Men¬ schen treue Liebe, und Eltern, die das Glück ihrer Kinder gänzlich vernachlässigen, reissen sie mit Ungestüm aus den Armen der Freu¬ de, die sich ihrer nach langen trüben Tagen bemächtigte! Indeß die Umstehenden auf verschiedene Weise ihre Theilnahme zu erkennen gaben, hatten die Gerichte ihre Zeremonien absol¬ virt, der Wagen ging weiter, und Wilhelm, der an dem Schicksal der Verliebten großen Theil nahm, eilte auf dem Fußpfade voraus, um mit dem Amtmanne, noch ehe der Zug ankäme, Bekanntschaft zu machen. Er er¬ reichte aber kaum das Amthaus, wo alles in Bewegung und zum Empfang der Flüchtlin¬ ge bereit war, als ihn der Aktuarius einhol¬ te, und durch eine umständliche Erzählung, wie alles gegangen, besonders aber durch ein weitläuftiges Lob seines Pferdes, das er erst gestern vom Juden getauscht, jedes andere Gespräch verhinderte. Schon hatte man das unglückliche Paar aussen am Garten, der durch eine kleine Pforte mit dem Amthause zusammenhing, abgesetzt, und sie in der Stille hineingeführt. Der Der Aktuarius nahm über diese schonende Behandlung von Wilhelmen ein aufrichtiges Lob an, ob er gleich eigentlich dadurch nur das vor dem Amthause versammelte Volk necken, und ihm das angenehme Schauspiel einer gedemüthigten Mitbürgerin entziehen wollte. Der Amtmann, der von solchen außeror¬ dentlichen Fällen kein sonderlicher Liebhaber war, weil er meistentheils dabey einen und den andern Fehler machte, und für den be¬ sten Willen gewöhnlich von fürstlicher Regie¬ rung mit einem derben Verweise belohnt wurde, ging mit schweren Schritten nach der Amtsstube, wohin ihm der Aktuarius, Wil¬ helm und einige angesehene Bürger folgten. Zuerst ward die Schöne vorgeführt, die, ohne Frechheit, gelassen und mit Bewußtseyn ihrer selbst hereintrat. Die Art, wie sie ge¬ kleidet war und sich überhaupt betrug, zeigte, W. Meisters Lehrj. H daß sie ein Mädchen sey, die etwas auf sich halte. Sie fing auch, ohne gefragt zu wer¬ den, über ihren Zustand nicht unschicklich zu reden an. Der Aktuarius gebot ihr zu schweigen, und hielt seine Feder über dem gebrochenen Blatte. Der Amtmann setzte sich in Fassung, sah ihn an, räusperte sich, und fragte das arme Kind, wie ihr Nahme heiße und wie alt sie sey? Ich bitte Sie, mein Herr, versetzte sie, es muß mir gar wunderbar vorkommen, daß Sie mich um meinen Nahmen und mein Al¬ ter fragen, da Sie sehr gut wissen, wie ich heiße, und daß ich so alt wie Ihr ältester Sohn bin. Was Sie von mir wissen wol¬ len, und was Sie wissen müssen, will ich gern ohne Umschweife sagen. Seit meines Vaters zweiter Heirath wer¬ de ich zu Hause nicht zum besten gehalten. Ich hätte einige hübsche Parthien thun kön¬ nen, wenn nicht meine Stiefmutter aus Furcht vor der Ausstattung sie zu vereiteln gewußt hätte. Nun habe ich den jungen Melina kennen lernen, ich habe ihn lieben müssen, und da wir die Hindernisse voraus¬ sahen, die unserer Verbindung im Wege stun¬ den, entschlossen wir uns mit einander in der weiten Welt ein Glück zu suchen, das uns zu Hause nicht gewährt schien. Ich habe nichts mitgenommen, als was mein eigen war, wir sind nicht als Diebe und Räuber entflohen, und mein Geliebter verdient nicht, daß er mit Ketten und Banden belegt her¬ umgeschleppt werde. Der Fürst ist gerecht, er wird diese Härte nicht billigen. Wenn wir strafbar sind, so sind wir es nicht auf diese Weise. Der alte Amtmann kam hierüber doppelt und dreyfach in Verlegenheit. Die gnädig¬ H 2 sten Ausputzer summten ihm schon um den Kopf, und die geläufige Rede des Mädchens hatte ihm den Entwurf des Protokolls gänz¬ lich zerrüttet. Das Übel wurde noch größer, als sie bey wiederholten ordentlichen Fragen sich nicht weiter einlassen wollte, sondern sich auf das, was sie eben gesagt, standhaft berief. Ich bin keine Verbrecherin, sagte sie. Man hat mich auf Strohbündeln zur Schan¬ de hierher geführt; es ist eine höhere Gerech¬ tigkeit, die uns wieder zu Ehren bringen soll. Der Aktuarius hatte indessen immer ihre Worte nachgeschrieben, und flüsterte dem Amtmanne zu: er solle nur weiter gehen, ein förmliches Protokoll würde sich nachher schon verfassen lassen. Der Alte nahm wieder Muth, und fing nun an, nach den süßen Geheimnissen der Liebe mit dürren Worten und in hergebrach¬ ten trockenen Formeln sich zu erkundigen. Wilhelmen stieg die Röthe ins Gesicht, und die Wangen der artigen Verbrecherin belebten sich gleichfalls durch die reizende Farbe der Schamhaftigkeit. Sie schwieg und stockte, bis die Verlegenheit selbst zuletzt ihren Muth zu erhöhen schien. Seyn Sie versichert, rief sie aus, daß ich stark genug seyn würde, die Wahrheit zu bekennen, wenn ich auch gegen mich selbst sprechen müßte; sollte ich nun zaudern und stocken, da sie mir Ehre macht? Ja, ich habe ihn von dem Augenblicke an, da ich seiner Neigung und seiner Treue gewiß war, als meinen Ehemann angesehen, ich habe ihm alles gerne gegönnt, was die Liebe fordert, und was ein überzeugtes Herz nicht versa¬ gen kann. Machen Sie nun mit mir, was Sie wollen. Wenn ich einen Augenblick zu gestehen zauderte, so war die Furcht, daß mein Bekenntniß für meinen Geliebten schlim¬ me Folgen haben könnte, allein daran Ur¬ sache. Wilhelm faßte, als er ihr Geständniß hörte, einen hohen Begriff von den Gesin¬ nungen des Mädchens, indeß sie die Ge¬ richtspersonen für eine freche Dirne erkann¬ ten, und die gegenwärtigen Bürger Gott dankten, daß dergleichen Fälle in ihren Fa¬ milien entweder nicht vorgekommen oder nicht bekannt geworden waren. Wilhelm versetzte seine Mariane in die¬ sem Augenblicke vor den Richtstuhl, legte ihr noch schönere Worte in den Mund, ließ ihre Aufrichtigkeit noch herzlicher und ihr Be¬ kenntniß noch edler werden. Die heftigste Leidenschaft, beiden Liebenden zu helfen, be¬ mächtigte sich seiner. Er verbarg sie nicht, und bat den zaudernden Amtmann heimlich, er mögte doch der Sache ein Ende machen, es sey ja alles so klar als möglich, und be¬ dürfe keiner weiteren Untersuchung. Dieses half so viel, daß man das Mäd¬ chen abtreten, dafür aber den jungen Men¬ schen, nachdem man ihm vor der Thüre die Fesseln abgenommen hatte, hereinkommen ließ. Dieser schien über sein Schicksal mehr nachdenkend. Seine Antworten waren ge¬ setzter, und wenn er von einer Seite weni¬ ger heroische Freymüthigkeit zeigte, so em¬ pfahl er sich hingegen durch Bestimmtheit und Ordnung seiner Aussage. Da auch dieses Verhör geendiget war, welches mit dem vorigen in allem überein¬ stimmte, nur daß er, um das Mädchen zu schonen, hartnäckig läugnete, was sie selbst schon bekannt hatte, ließ man auch sie end¬ lich wieder vortreten, und es entstand zwi¬ schen beiden eine Scene, welche ihnen das Herz unsers Freundes gänzlich zu eigen machte. Was nur in Romanen und Komödien vorzugehen pflegt, sah er hier in einer unan¬ genehmen Gerichtsstube vor seinen Augen: den Streit wechselseitiger Großmuth, die Stärke der Liebe im Unglück. Ist es denn also wahr, sagte er bey sich selbst, daß die schüchterne Zärtlichkeit, die vor dem Auge der Sonne und der Men¬ schen sich verbirgt, und nur in abgesonderter Einsamkeit, in tiefem Geheimnisse zu genießen wagt, wenn sie durch einen feindseligen Zu¬ fall hervorgeschleppt wird, sich alsdann mu¬ thiger, stärker, tapferer zeigt, als andere brausende und großthuende Leidenschaften? Zu seinem Troste schloß sich die ganze Handlung noch ziemlich bald. Sie wurden beide in leidliche Verwahrung genommen, und wenn es möglich gewesen wäre, so hätte er noch diesen Abend das Frauenzimmer zu ihren Eltern hinüber gebracht. Denn er setz¬ te sich fest vor, hier ein Mittelsmann zu werden, und die glückliche und anständige Verbindung beider Liebenden zu befördern. Er erbat sich von dem Amtmanne die Erlaubniß, mit Melina allein zu reden, wel¬ che ihm denn auch ohne Schwierigkeit ver¬ stattet wurde. Vierzehntes Capitel . D as Gespräch der beiden neuen Bekannten wurde gar bald vertraut und lebhaft. Denn als Wilhelm dem niedergeschlagnen Jüng¬ ling sein Verhältniß zu den Eltern des Frauenzimmers entdeckte, sich zum Mittler anbot, und selbst die besten Hoffnungen zeig¬ te, erheiterte sich das traurige und sorgen¬ volle Gemüth des Gefangnen, er fühlte sich schon wieder befreyt, mit seinen Schwieger¬ eltern versöhnt, und es war nun von künfti¬ gem Erwerb und Unterkommen die Rede. Darüber werden Sie doch nicht in Verle¬ genheit seyn, versetzte Wilhelm; denn Sie scheinen mir beiderseits von der Natur be¬ stimmt, in dem Stande, den Sie gewählt haben, Ihr Glück zu machen. Eine ange¬ nehme Gestalt, eine wohlklingende Stimme, ein gefühlvolles Herz! können Schauspieler besser ausgestattet seyn? Kann ich Ihnen mit einigen Empfehlungen dienen, so wird es mir viel Freude machen. Ich danke Ihnen von Herzen, versetzte der andere; aber ich werde wohl schwerlich davon Gebrauch machen können, denn ich denke, wo möglich, nicht auf das Theater zurück zu kehren. Daran thun Sie sehr übel, sagte Wil¬ helm nach einer Pause, in welcher er sich von seinem Erstaunen erholt hatte, denn er dachte nicht anders, als daß der Schauspie¬ ler, so bald er mit seiner jungen Gattin be¬ freyt worden, das Theater aufsuchen werde. Es schien ihm eben so natürlich und noth¬ wendig, als daß der Frosch das Wasser sucht. Nicht einen Augenblick hatte er dar¬ an gezweifelt, und mußte nun zu seinem Er¬ staunen das Gegentheil erfahren. Ja, versetzte der andere, ich habe mir vorgenommen, nicht wieder auf das Theater zurück zu kehren, vielmehr eine bürgerliche Bedienung, sie sey auch welche sie wolle, an¬ zunehmen, wenn ich nur eine erhalten kann. Das ist ein sonderbarer Entschluß, den ich nicht billigen kann; denn ohne besondere Ursache ist es niemals rathsam, die Lebensart, die man ergriffen hat, zu verändern, und überdieß wüßte ich keinen Stand, der so viel Annehmlichkeiten, so viel reizende Aussichten darböte, als den eines Schauspielers. Man sieht, daß Sie keiner gewesen sind, versetzte jener. — Darauf sagte Wilhelm: mein Herr, wie selten ist der Mensch mit dem Zustande zu¬ frieden, in dem er sich befindet, er wünscht sich immer den seines Nächsten, aus welchem sich dieser gleichfalls heraussehnt! — Indeß bleibt doch ein Unterschied, versetz¬ te Melina, zwischen dem schlimmen und dem schlimmern; Erfahrung, nicht Ungeduld, macht mich so handeln. Ist wohl irgend ein Stückchen Brot kümmerlicher, unsicherer und mühseliger in der Welt? Beynahe wäre es eben so gut, vor den Thüren zu betteln. Was hat man von dem Neide seiner Mit¬ genossen, von der Partheylichkeit des Dire¬ ctors, von der veränderlichen Laune des Pu¬ blikums auszustehen? Wahrhaftig, man muß ein Fell haben wie ein Bär, der in Gesell¬ schaft von Affen und Hunden an der Kette herumgeführt und geprügelt wird, um bey dem Tone eines Dudelsacks vor Kindern und Pöbel zu tanzen. Wilhelm dachte allerley bey sich selbst, was er jedoch dem guten Menschen nicht ins Gesicht sagen wollte. Er ging also nur von ferne mit dem Gespräch um ihn herum. Je¬ ner ließ sich desto aufrichtiger und weitläuf¬ tiger heraus. — Thäte es nicht Noth, sagte er, daß ein Director jedem Stadtrathe zu Füßen fiele, um nur die Erlaubniß zu ha¬ ben, vier Wochen zwischen der Messe ein paar Groschen mehr an einem Orte cirkuli¬ ren zu lassen. Ich habe den unsrigen, der so weit ein guter Mann war, oft bedauret, wenn er mir gleich zu anderer Zeit Ursache zu Mißvergnügen gab. Ein guter Akteur steigert ihn, die schlechten kann er nicht los werden; und wenn er seine Einnahme eini¬ germaßen der Ausgabe gleich setzen will; so ist es dem Publikum gleich zu viel, das Haus steht leer, und man muß, um nur nicht gar zu Grunde zu gehen, mit Schaden und Kummer spielen. Nein, mein Herr, da Sie sich unsrer, wie Sie sagen, annehmen mögen; so bitte ich Sie, sprechen Sie auf das ernstlichste mit den Eltern meiner Ge¬ liebten! Man versorge mich hier, man gebe mir einen kleinen Schreiber- oder Einneh¬ mer-Dienst, und ich will mich glücklich schätzen. Nachdem sie noch einige Worte gewech¬ selt hatten, schied Wilhelm mit dem Verspre¬ chen, Morgen ganz früh die Eltern anzuge¬ hen und zu sehen, was er ausrichten könne. Kaum war er allein, so mußte er sich in fol¬ genden Ausrufungen Luft machen: unglückli¬ cher Melina, nicht in deinem Stande, son¬ dern in dir liegt das armselige, über das du nicht Herr werden kannst! Welcher Mensch in der Welt, der ohne innern Beruf ein Handwerk, eine Kunst oder irgend eine Le¬ bensart ergriffe, müßte nicht wie du seinen Zustand unerträglich finden? Wer mit ei¬ nem Talente zu einem Talente gebohren ist, findet in demselben sein schönstes Daseyn! Nichts ist auf der Erde ohne Beschwerlich¬ keit, nur der innre Trieb, die Lust, die Liebe helfen uns Hindernisse überwinden, Wege bahnen, und uns aus dem engen Kreise, wo¬ rin sich andere kümmerlich abängstigen, empor¬ heben. Dir sind die Breter nichts als Bre¬ ter, und die Rollen, was einem Schulknaben sein Pensum ist. Die Zuschauer siehst du an, wie sie sich selbst an Werkeltagen vor¬ kommen. Dir könnte es also freylich einer¬ ley seyn, hinter einem Pult über liniirten Büchern zu sitzen, Zinsen einzutragen und Reste herauszustochern. Du fühlst nicht das zusammenbrennende, zusammentreffende Gan¬ ze, das allein durch den Geist erfunden, be¬ griffen und ausgeführt wird, du fühlst nicht, daß in den Menschen ein besserer Funke lebt, der, wenn er keine Nahrung erhält, wenn er nicht geregt wird, von der Asche täglicher Bedürfnisse und Gleichgültigkeit tie¬ fer bedeckt, und doch so spät und fast nie erstickt wird. Du fühlst in deiner Seele kei¬ ne ne Kraft ihn aufzublasen, in deinem eignen Herzen keinen Reichthum, um dem erweckten Nahrung zu geben. Der Hunger treibt dich, die Unbequemlichkeiten sind dir zuwider, und es ist dir verborgen, daß in jedem Stande diese Feinde lauren, die nur mit Freudigkeit und Gleichmuth zu überwinden sind. Du thust wohl, dich in jene Gränzen einer ge¬ meinen Stelle zu sehnen; denn welche wür¬ dest du wohl ausfüllen, die Geist und Muth verlangt? Gieb einem Soldaten, einem Staatsmanne, einem Geistlichen deine Ge¬ sinnungen, und mit eben so viel Recht wird er sich über das Kümmerliche seines Standes beschweren können. Ja, hat es nicht sogar Menschen gegeben, die von allem Lebensge¬ fühl so ganz verlassen waren, daß sie das ganze Leben und Wesen der Sterblichen für ein Nichts, für ein kummervolles und staub¬ gleiches Daseyn erklärt haben? Regten sich W. Meisters Lehrj. J lebendig in deiner Seele die Gestalten wür¬ kender Menschen, wärmte deine Brust ein theilnehmendes Feuer, verbreitete sich über deine ganze Gestalt die Stimmung, die aus dem innersten kommt, wären die Töne dei¬ ner Kehle, die Worte deiner Lippen lieblich anzuhören, fühltest du dich genug in dir selbst, so würdest du dir gewiß Ort und Ge¬ legenheit aufsuchen, dich in andern fühlen zu können. Unter solchen Worten und Gedanken hat¬ te sich unser Freund ausgekleidet, und stieg mit einem Gefühle des innigsten Behagens zu Bette. Ein ganzer Roman, was er an der Stelle des Unwürdigen morgenden Ta¬ ges thun würde, entwickelte sich in seiner Seele, angenehme Phantasien begleiteten ihn in das Reich des Schlafes sanft hinüber, und überließen ihn dort ihren Geschwistern, den Träumen, die ihn mit offenen Armen aufnahmen, und das ruhende Haupt unsers Freundes mit dem Vorbilde des Himmels umgaben. Am frühen Morgen war er schon wieder erwacht, und dachte seiner vorstehenden Un¬ terhandlung nach. Er kehrte in das Haus der verlaßnen Eltern zurück, wo man ihn mit Verwundrung aufnahm. Er trug sein Anbringen bescheiden vor, und fand gar bald mehr und weniger Schwierigkeiten, als er sich vermuthet hatte. Geschehen war es ein¬ mal, und wenn gleich außerordentlich strenge und harte Leute sich gegen das Vergangene und Nichtzuändernde mit Gewalt zu setzen, und das Übel dadurch zu vermehren pflegen, so hat dagegen das Geschehene auf die Ge¬ müther der meisten eine unwiderstehliche Ge¬ walt, und was unmöglich schien, nimmt so¬ gleich, als es geschehen ist, neben dem Ge¬ meinen seinen Platz ein. Es war also bald I 2 ausgemacht, daß der Herr Melina die Toch¬ ter heirathen sollte, dagegen sollte sie wegen ihrer Unart kein Heirathsgut mitnehmen und versprechen, das Vermächtniß einer Tante, noch einige Jahre, gegen geringe Interessen, in des Vaters Händen zu lassen. Der zwey¬ te Punkt, wegen einer bürgerlichen Versor¬ gung fand schon größere Schwierigkeiten. Man wollte das ungerathene Kind nicht vor Augen sehen, man wollte die Verbindung eines hergelaufenen Menschen mit einer so angesehenen Familie, welche sogar mit einem Superintendenten verwandt war, sich durch die Gegenwart nicht beständig aufrücken las¬ sen, man konnte eben so wenig hoffen, daß die fürstlichen Collegien ihm eine Stelle an¬ vertrauen würden. Beide Eltern waren gleich stark dagegen, und Wilhelm, der sehr eifrig dafür sprach, weil er dem Menschen, den er geringschätzte, die Rückkehr auf das Theater nicht gönnte, und überzeugt war, daß er eines solchen Glückes nicht werth sey, konnte mit allen seinen Argumenten nichts ausrichten. Hätte er die geheimen Triebfe¬ dern gekannt, so würde er sich die Mühe gar nicht gegeben haben, die Eltern überre¬ den zu wollen. Denn der Vater, der seine Tochter gerne bey sich behalten hätte, haßte den jungen Menschen, weil seine Frau selbst ein Auge auf ihn geworfen hatte, und diese konnte in ihrer Stieftochter eine glückliche Nebenbuhlerin nicht vor Augen leiden. Und so mußte Melina wider seinen Willen mit seiner jungen Braut, die schon größere Lust bezeigte, die Welt zu sehen, und sich der Welt sehen zu lassen, nach einigen Tagen abreisen, um bey irgend einer Gesellschaft ein Unterkommen zu finden. Funfzehntes Capitel. G lückliche Jugend! glückliche Zeiten des er¬ sten Liebesbedürfnisses! Der Mensch ist dann wie ein Kind, das sich am Echo stundenlang ergötzt, die Unkosten des Gespräches allein trägt, und mit der Unterhaltung wohl zufrie¬ den ist, wenn der unsichtbare Gegenmann auch nur die letzten Sylben der ausgerufe¬ nen Worte wiederholt. So war Wilhelm in den frühern, beson¬ ders aber in den spätern Zeiten seiner Lei¬ denschaft für Marianen, als er den ganzen Reichthum seines Gefühls auf sie hinüber¬ trug, und sich dabey als einen Bettler an¬ sah, der von ihren Almosen lebte. Und wie uns eine Gegend reizender, ja allein reizend vorkommt, wenn sie von der Sonne beschie¬ nen wird, so war auch alles in seinen Augen verschönert und verherrlicht, was sie umgab, was sie berührte. Wie oft stand er auf dem Theater hin¬ ter den Wänden, wozu er sich das Privile¬ gium von dem Direktor erbeten hatte! Dann war freylich die perspectivische Magie ver¬ schwunden, aber die viel mächtigere Zaube¬ rey der Liebe fing erst an zu wirken. Stun¬ denlang konnte er am schmutzigen Lichtwagen stehen, den Qualm der Unschlitt-Lampen ein¬ ziehen, nach der Geliebten hinaus blicken, und, wenn sie wieder hereintrat und ihn freundlich ansah, sich in Wonne verloren dicht an dem Balken- und Latten-Gerippe, in einen paradiesischen Zustand versetzt füh¬ len. Die ausgestopften Lämmchen, die Was¬ serfälle von Zindel, die pappenen Rosenstöcke und die einseitigen Strohhütten erregten in ihm liebliche dichterische Bilder uralter Schä¬ ferwelt. Sogar die in der Nähe häßlich er¬ scheinenden Tänzerinnen waren ihm nicht immer zuwider, weil sie auf Einem Brete mit seiner Vielgeliebten standen. Und so ist es gewiß, daß Liebe, die Rosenlauben, Myr¬ thenwäldchen und Mondschein erst beleben muß, auch sogar Hobelspänen und Papier¬ schnitzeln einen Anschein belebter Naturen ge¬ ben kann. Sie ist eine so starke Würze, daß selbst schaale und ekle Brühen davon schmack¬ haft werden. Solch einer Würze bedurft es freylich, um jenen Zustand leidlich, ja in der Folge angenehm zu machen, in welchem er gewöhn¬ lich ihre Stube, ja gelegentlich sie selbst an¬ traf. In einem feinen Bürgerhause erzogen, war Ordnung und Reinlichkeit das Element, worin er athmete, und indem er von seines Vaters Prunkliebe einen Theil geerbt hatte, wußte er, in den Knabenjahren, sein Zim¬ mer, das er als sein kleines Reich ansah, stattlich auszustaffiren. Seine Bettvorhänge waren in große Falten aufgezogen und mit Quasten befestigt, wie man Thronen vorzu¬ stellen pflegt, er hatte sich einen Teppich in die Mitte des Zimmers, und einen feinern auf den Tisch anzuschaffen gewußt, seine Bü¬ cher und Geräthschaften legte und stellte er fast mechanisch so, daß ein niederländischer Mahler gute Gruppen zu seinen Still-Leben hätte heraus nehmen können. Eine weiße Mütze hatte er wie einen Turban zurecht ge¬ bunden, und die Ermel seines Schlafrocks nach orientalischen Costüme kurz stutzen las¬ sen. Doch gab er hiervon die Ursache an, daß die langen weiten Ermel ihn im Schrei¬ ben hinderten. Wenn er Abends ganz allein war, und nicht mehr fürchten durfte, gestört zu werden, trug er gewöhnlich eine seidene Schärpe um den Leib, und er soll manchmal einen Dolch, den er sich aus einer alten Rüstkammer zugeeignet, in den Gürtel ge¬ steckt, und so die ihm zugetheilten tragischen Rollen memorirt und probirt, ja in eben dem Sinne sein Gebet kniend auf dem Tep¬ pich verrichtet haben. Wie glücklich prieß er daher in früheren Zeiten den Schauspieler, den er im Besitz so mancher majestätischen Kleider, Rüstungen und Waffen, und in steter Übung eines ed¬ len Betragens sah, dessen Geist einen Spie¬ gel des herrlichsten und prächtigsten, was die Welt an Verhältnissen, Gesinnungen und Lei¬ denschaften hervorgebracht, darzustellen schien. Eben so dachte sich Wilhelm auch das häus¬ liche Leben eines Schauspielers als eine Reihe von würdigen Handlungen und Beschäfti¬ gungen, davon die Erscheinung auf dem Theater die äusserste Spitze sey. Etwa wie ein Silber, das vom Läuter-Feuer lange her¬ um getrieben worden, endlich farbig schön vor den Augen des Arbeiters erscheint, und ihm zugleich andeutet, daß das Metall nun¬ mehr von allen fremden Zusätzen gereiniget sey. Wie sehr stutzte er daher Anfangs, wenn er sich bey seiner Geliebten befand, und durch den glücklichen Nebel, der ihn umgab, neben aus auf Tische, Stühle und Boden sah. Die Trümmer eines augenblicklichen, leichten und falschen Putzes lagen wie das glänzende Kleid eines abgeschuppten Fisches zerstreut in wilder Unordnung durch einander. Die Werk¬ zeuge menschlicher Reinlichkeit, als Kämme, Seife, Tücher und Pomade waren mit den Spuren ihrer Bestimmung gleichfalls nicht versteckt. Musik, Rollen und Schuhe, Wä¬ sche und italienische Blumen, Etuis, Haar¬ nadeln, Schminktöpfchen und Bänder, Bü¬ cher und Strohhüte, keines verschmähte die Nachbarschaft des andern, alle waren durch ein gemeinschaftliches Element, durch Puder und Staub, vereinigt. Jedoch da Wilhelm in ihrer Gegenwart wenig von allem andern bemerkte, ja vielmehr ihm alles, was ihr ge¬ hörte, sie berührt hatte, lieb werden mußte; so fand er zuletzt in dieser verworrnen Wirth¬ schaft einen Reiz, den er in seiner stattlichen Prunkordnung niemals empfunden hatte. Es war ihm — wenn er hier ihre Schnürbrust wegnahm, um zum Klavier zu kommen, dort ihre Röcke aufs Bette legte, um sich setzen zu können, wenn sie selbst mit unbefangener Freymüthigkeit manches Natürliche, das man sonst gegen einen andern aus Anstand zu verheimlichen pflegt, vor ihm nicht zu ver¬ bergen suchte — es war ihm, sag’ ich, als wenn er ihr mit jedem Augenblicke näher würde, als wenn eine Gemeinschaft zwi¬ schen ihnen durch unsichtbare Bande befestigt würde. Nicht eben so leicht konnte er die Auf¬ führung der übrigen Schauspieler, die er bey seinen ersten Besuchen manchmal bey ihr an¬ traf, mit seinen Begriffen vereinigen. Ge¬ schäftig im Müssiggange schienen sie an ihren Beruf und Zweck am wenigsten zu denken, über den poetischen Werth eines Stücks hör¬ te er sie niemals reden, und weder richtig noch unrichtig darüber urtheilen; es war immer nur die Frage: was wird das Stück machen ? Ist es ein Zugstück? Wie lange wird es spielen? Wie oft kann es wohl ge¬ geben werden? und was Fragen und Bemer¬ kungen dieser Art mehr waren. Dann ging es gewöhnlich auf den Director los, daß er mit der Gage zu karg, und besonders gegen den einen und den andern ungerecht sey, dann auf das Publikum, daß es mit seinem Beyfall selten den rechten Mann belohne, daß das deutsche Theater sich täglich verbes¬ sere, daß der Schauspieler nach seinen Ver¬ diensten immer mehr geehrt werde, und nicht genug geehrt werden könne. Dann sprach man viel von Kaffeehäusern und Weingär¬ ten, und was daselbst vorgefallen, wieviel irgend ein Camerad Schulden habe und Ab¬ zug leiden müsse, von Disproportion der wöchentlichen Gage, von Cabalen einer Ge¬ genparthey, wobey denn doch zuletzt die große und verdiente Aufmerksamkeit des Publikums wieder in Betracht kam, und der Einfluß des Theaters auf die Bildung einer Nation und der Welt nicht vergessen wurde. Alle diese Dinge, die Wilhelmen sonst schon manche unruhige Stunde gemacht hat¬ ten, kamen ihm gegenwärtig wieder ins Ge¬ dächtniß, als ihn sein Pferd langsam nach Hause trug, und er die verschiedenen Vor¬ fälle, die ihm begegnet waren, überlegte. Die Bewegung, welche durch die Flucht ei¬ nes Mädchens in eine gute Bürgerfamilie, ja in ein ganzes Städtchen gekommen war, hatte er mit Augen gesehen, die Scenen auf der Landstraße und im Amthause, die Gesin¬ nungen Melinas, und was sonst noch vor¬ gegangen war, stellten sich ihm wieder dar, und brachten seinen lebhaften, vordringenden Geist in eine Art von sorglicher Unruhe, die er nicht lange ertrug, sondern seinem Pferde die Sporen gab und nach der Stadt zueilte. Allein auch auf diesem Wege rannte er nur neuen Unannehmlichkeiten entgegen. Werner, sein Freund und vermuthlicher Schwager, wartete auf ihn, um ein ernsthaf¬ tes, bedeutendes und unerwartetes Gespräch mit ihm anzufangen. Werner war einer von den geprüften, in ihrem Daseyn bestimmten Leuten, die man gewöhnlich kalte Leute zu nennen pflegt, weil sie bey Anlässen weder schnell noch sichtlich auflodern; auch war sein Umgang mit Wil¬ helmen ein anhaltender Zwist, wodurch sich ihre Liebe aber nur desto fester knüpfte: denn ungeachtet ihrer verschiedenen Den¬ kungsart fand jeder seine Rechnung bey dem andern. Werner that sich darauf etwas zu gute, daß er dem vortrefflichen, obgleich ge¬ legentlich ausschweifenden Geist Wilhelms mit unter Zügel und Gebiß anzulegen schien, und Wilhelm fühlte oft einen herrlichen Triumph, wenn er seinen bedächtlichen Freund in warmer Aufwallung mit sich fortnahm. So übte sich einer an dem andern, sie wur¬ den gewohnt sich täglich zu sehen, und man hätte sagen sollen, das Verlangen einander zu finden, sich mit einander zu besprechen, sey durch die Unmöglichkeit, einander ver¬ ständlich zu werden, vermehrt worden. Im Grun¬ Grunde aber gingen sie doch, weil sie beide gute Menschen waren, neben einander, mit einander nach Einem Ziel, und konnten nie¬ mals begreifen, warum denn keiner den an¬ dern auf seine Gesinnung reduciren könne. Werner bemerkte seit einiger Zeit, daß Wilhelms Besuche seltner wurden, daß er in Lieblingsmaterien kurz und zerstreut abbrach, daß er sich nicht mehr in lebhafte Ausbil¬ dung seltsamer Vorstellungen vertiefte, an welcher sich freylich ein freyes, in der Gegen¬ wart des Freundes Ruhe und Zufriedenheit findendes Gemüth am sichersten erkennen läßt. Der pünktliche und bedächtige Wer¬ ner suchte anfangs den Fehler in seinem eig¬ nen Betragen, bis ihn einige Stadtgespräche auf die rechte Spur brachten, und einige Unvorsichtigkeiten Wilhelms ihn der Gewi߬ heit näher führten. Er ließ sich auf eine Untersuchung ein, und entdeckte gar bald, W. Meisters Lehrj. K daß Wilhelm vor einiger Zeit eine Schauspiele¬ rin öffentlich besucht, mit ihr auf dem Thea¬ ter gesprochen und sie nach Hause gebracht habe; er wäre trostlos gewesen, wenn ihm auch die nächtlichen Zusammenkünfte bekannt geworden wären; denn er hörte, daß Ma¬ riane ein verführerisches Mädchen sey, die seinen Freund wahrscheinlich ums Geld brin¬ ge, und sich noch nebenher von dem unwür¬ digsten Liebhaber unterhalten lasse. Sobald er seinen Verdacht so viel mög¬ lich zur Gewißheit erhoben, beschloß er einen Angriff auf Wilhelmen, und war mit allen Anstalten völlig in Bereitschaft, als dieser eben verdrießlich und verstimmt von seiner Reise zurückkam. Werner trug ihm noch denselbigen Abend alles, was er wußte, erst gelassen, dann mit dem dringenden Ernste einer wohldenkenden Freundschaft vor, ließ keinen Zug unbestimmt, und gab seinem Freunde alle die Bitterkei¬ ten zu kosten, die ruhige Menschen an Lie¬ bende mit tugendhafter Schadenfreude so freygebig auszuspenden pflegen. Aber wie man sich denken kann, richtete er wenig aus. Wilhelm versetzte mit inniger Bewegung, doch mit großer Sicherheit: du kennst das Mädchen nicht, der Schein ist vielleicht nicht zu ihrem Vortheil, aber ich bin ihrer Treue und Tugend so gewiß als meiner Liebe. Werner beharrte auf seiner Anklage, und erbot sich zu Beweisen und Zeugen. Wil¬ helm verwarf sie, und entfernte sich von sei¬ nem Freunde verdrießlich und erschüttert, wie einer, dem ein ungeschickter Zahnarzt einen schadhaft festsitzenden Zahn gefaßt und vergebens daran geruckt hat. Höchst unbehaglich fand sich Wilhelm, das schöne Bild Marianens erst durch die Grillen der Reise, dann durch Werners Un¬ K 2 freundlichkeit in seiner Seele getrübt und beynahe entstellt zu sehen. Er griff zum sichersten Mittel, ihm die völlige Klarheit und Schönheit wieder herzustellen, indem er Nachts auf den gewöhnlichen Wegen zu ihr hineilte. Sie empfing ihn mit lebhafter Freude; denn er war bey seiner Ankunft vor¬ bey geritten, sie hatte ihn diese Nacht erwar¬ tet, und es läßt sich denken, daß alle Zwei¬ fel bald aus seinem Herzen vertrieben wur¬ den. Ja ihre Zärtlichkeit schloß sein ganzes Vertrauen wieder auf, und er erzählte ihr, wie sehr sich das Publikum, wie sehr sich sein Freund an ihr versündiget. Mancherley lebhafte Gespräche führten sie auf die ersten Zeiten ihrer Bekanntschaft, de¬ ren Erinnerung eine der schönsten Unterhal¬ tungen zweyer Liebenden bleibt. Die ersten Schritte, die uns in den Irrgarten der Liebe bringen, sind so angenehm, die ersten Aus¬ sichten so reizend, daß man sie gar zu gern in sein Gedächtniß zurück ruft. Jeder Theil sucht einen Vorzug vor dem andern zu be¬ halten; er habe früher, uneigennütziger ge¬ liebt, und jedes wünscht in diesem Wettstreite lieber überwunden zu werden, als zu über¬ winden. Wilhelm wiederholte Marianen, was sie schon so oft gehört hatte, daß sie bald seine Aufmerksamkeit von dem Schauspiel ab und auf sich allein gezogen habe, daß ihre Ge¬ stalt, ihr Spiel, ihre Stimme ihn gefesselt, wie er zuletzt nur die Stücke, in denen sie gespielt, besucht habe, wie er endlich aufs Theater geschlichen sey, oft, ohne von ihr be¬ merkt zu werden, neben ihr gestanden habe; dann sprach er mit Entzücken von dem glück¬ lichen Abende, an dem er eine Gelegenheit gefunden, ihr eine Gefälligkeit zu erzeigen, und ein Gespräch einzuleiten. Mariane dagegen wollte nicht Wort haben, daß sie ihn so lange nicht bemerkt hätte; sie behauptete, ihn schon auf dem Spaziergange gesehen zu haben, und bezeichnete ihm zum Beweis das Kleid, das er am selbigen Tage angehabt; sie behauptete, daß er ihr damals vor allen andern gefallen, und daß sie seine Bekanntschaft gewünscht habe. Wie gern glaubte Wilhelm das alles! wie gern ließ er sich überreden, daß sie zu ihm, als er sich ihr genähert, durch einen unwiderstehlichen Zug hingeführt worden, daß sie absichtlich zwischen die Coulissen ne¬ ben ihn getreten sey, um ihn näher zu sehen, und Bekanntschaft mit ihm zu machen, und daß sie zuletzt, da seine Zurückhaltung und Blödigkeit nicht zu überwinden gewesen, ihm selbst Gelegenheit gegeben, und ihn gleichsam genöthigt habe, ein Glas Limonade herbey¬ zuholen. Unter diesem liebevollen Wettstreit, den sie durch alle kleine Umstände ihres kurzen Romans verfolgten, vergingen ihnen die Stunden sehr schnell, und Wilhelm verließ völlig beruhigt seine Geliebte, mit dem festen Vorsatze, sein Vorhaben unverzüglich ins Werk zu richten. Sechszehntes Capitel . W as zu seiner Abreise nöthig war, hatten Vater und Mutter besorgt, nur einige Klei¬ nigkeiten, die an der Equipage fehlten, ver¬ zögerten seinen Aufbruch um einige Tage. Wilhelm benutzte diese Zeit, um an Maria¬ nen einen Brief zu schreiben, wodurch er die Angelegenheit endlich zur Sprache bringen wollte, über welche sie sich mit ihm zu un¬ terhalten bisher immer vermieden hatte. Folgendermaßen lautete der Brief: „Unter der lieben Hülle der Nacht, die mich sonst in deinen Armen bedeckte, sitze ich und denke und schreibe an dich, und was ich sinne und treibe, ist nur um dei¬ netwillen. O Mariane! mir, dem glück¬ lichsten unter den Männern, ist es wie einem Bräutigam, der ahndungsvoll, welch’ eine neue Welt sich in ihm und durch ihn entwickeln wird, auf den festlichen Teppi¬ chen steht, und, während der heiligen Ze¬ remonien, sich gedankenvoll lüstern vor die geheimnißreichen Vorhänge versetzt, woher ihm die Lieblichkeit der Liebe entgegen säu¬ selt. Ich habe über mich gewonnen, dich in einigen Tagen nicht zu sehen, es war leicht in Hoffnung einer solchen Entschädigung, ewig mit dir zu seyn, ganz der deinige zu bleiben! Soll ich wiederholen was ich wünsche? und doch ist es nöthig; denn es scheint, als habest du mich bisher nicht verstanden. Wie oft habe ich mit leisen Tönen der Treue, die, weil sie alles zu halten wünscht, wenig zu sagen wagt, an deinem Herzen geforscht nach dem Verlangen einer ewi¬ gen Verbindung, Verstanden hast du mich gewiß, denn in deinem Herzen muß eben der Wunsch keimen; vernommen hast du mich in jedem Kusse, in der anschmiegen¬ den Ruhe jener glücklichen Abende. Da lernt ich deine Bescheidenheit kennen, und wie vermehrte sich meine Liebe! Wo eine andere sich künstlich betragen hätte, um durch überflüssigen Sonnenschein einen Entschluß in dem Herzen ihres Liebhabers zur Reife zu bringen, eine Erklärung her¬ vor zu locken, und ein Versprechen zu be¬ festigen, eben da ziehst du dich zurück, schließest die halbgeöffnete Brust deines Geliebten wieder zu, und suchst durch eine anscheinende Gleichgültigkeit deine Bey¬ stimmung zu verbergen; aber ich verstehe dich! Welch ein Elender müßte ich seyn, wenn ich an diesen Zeichen die reine, un¬ eigennützige, nur für den Freund besorgte Liebe nicht erkennen wollte! Vertraue mir und sey ruhig. Wir gehören einander an, und keins von beiden verläßt oder ver¬ liert etwas, wenn wir für einander leben. Nimm sie hin, diese Hand! feyerlich noch dieß überflüssige Zeichen. Alle Freu¬ den der Liebe haben wir empfunden, aber es sind neue Seligkeiten in dem bestätig¬ ten Gedanken der Dauer. Frage nicht wie? Sorge nicht! Das Schicksal sorgt für die Liebe, und um so gewisser, da Lie¬ be genügsam ist. Mein Herz hat schon lange meiner Eltern Haus verlassen, es ist bey dir, wie mein Geist auf der Bühne schwebt. O meine Geliebte! ist wohl einem Menschen so gewährt, seine Wünsche zu verbinden, wie mir? Kein Schlaf kömmt in meine Augen, und wie eine ewige Morgenröthe steigt deine Liebe und dein Glück vor mir auf und ab. Kaum daß ich mich halte, nicht auffah¬ re, zu dir hinrenne und mir deine Einwil¬ ligung erzwinge, und gleich morgen frühe weiter in die Welt nach meinem Ziele hin¬ strebe. — Nein, ich will mich bezwingen! ich will nicht unbesonnen thörigte, verwe¬ gene Schritte thun; mein Plan ist entwor¬ fen, und ich will ihn ruhig ausführen. Ich bin mit Director Serlo bekannt, meine Reise geht gerade zu ihm, er hat vor einem Jahre oft seinen Leuten etwas von meiner Lebhaftigkeit und Freude am Theater gewünscht, und ich werde ihm ge¬ wiß willkommen seyn; denn bey eurer Truppe möchte ich aus mehr als einer Ur¬ sache nicht eintreten, auch spielt Serlo so weit von hier, daß ich anfangs meinen Schritt verbergen kann. Einen leidlichen Unterhalt finde ich da gleich, ich sehe mich in dem Publiko um, lerne die Gesellschaft kennen, und hole dich nach. Mariane du siehst, was ich über mich gewinnen kann, um dich gewiß zu haben; denn dich so lange nicht zu sehen, dich in der weiten Welt zu wissen! recht lebhaft darf ich mir’s nicht denken. Wenn ich mir dann aber wieder deine Liebe vorstelle, die mich vor allem sichert, wenn du meine Bitte nicht verschmähst, ehe wir uns schei¬ den, und du mir deine Hand vor dem Priester reichst; so werde ich ruhig gehen. Es ist nur eine Formel unter uns, aber eine so schöne Formel, der Seegen des Himmels zu dem Seegen der Erde. In der Nachbarschaft, im ritterschaftlichen, geht es leicht und heimlich an. Für den Anfang habe ich Geld genug, wir wollen theilen, es wird für uns beide hinreichen; ehe das verzehrt ist, wird der Himmel weiter helfen. Ja, Liebste, es ist mir gar nicht bange. Was mit so viel Fröhlichkeit begonnen wird, muß ein glückliches Ende erreichen. Ich habe nie gezweifelt, daß man sein Fortkommen in der Welt finden könne, wenn es einem Ernst ist, und ich fühle Muth genug für zwey, ja für mehrere einen reichlichen Unterhalt zu gewinnen. Die Welt ist undankbar, sagen viele, ich habe noch nicht gefunden, daß sie undank¬ bar sey, wenn man auf die rechte Art et¬ was für sie zu thun weiß. Mir glüht die ganze Seele bey dem Gedanken, endlich einmal aufzutreten und den Menschen in das Herz hinein zu reden, was sie sich so lange zu hören sehnen. Wie tausendmal ist es freylich mir, der ich von der Herr¬ lichkeit des Theaters so eingenommen bin, bang durch die Seele gegangen, wenn ich die elendesten gesehen habe sich einbilden, sie könnten uns ein großes treffliches Wort ans Herz reden. Ein Ton, der durch die Fistel gezwungen wird, klingt viel besser und reiner; es ist unerhört, wie sich diese Bursche in ihrer groben Ungeschicklichkeit versündigen. Das Theater hat oft einen Streit mit der Kanzel gehabt, sie sollten, dünkt mich, nicht mit einander hadern. Wie sehr wäre zu wünschen, daß an beiden Orten nur durch edle Menschen Gott und Natur ver¬ herrlicht würden! Es sind keine Träume, meine Liebste. Wie ich an deinem Herzen habe fühlen können, daß du in Liebe bist; so ergreife ich auch den glänzenden Ge¬ danken und sage — ich wills nicht aussa¬ gen, aber hoffen will ich, daß wir einst als ein Paar gute Geister den Menschen erscheinen werden, ihre Herzen aufzuschlies¬ sen, ihre Gemüther zu berühren, und ihnen himmlische Genüsse zu bereiten, so gewiß mir an deinem Busen Freuden gewährt waren, die immer himmlisch genennt wer¬ den müssen, weil wir uns in jenen Augen¬ blicken aus uns selbst gerückt, über uns selbst erhaben fühlen. Ich kann nicht schließen, ich habe schon zu viel gesagt, und weiß nicht, ob ich dir schon alles gesagt habe, alles was dich angeht; denn die Bewegung des Rades, das sich in meinem Herzen dreht, sind kei¬ ne Worte vermögend auszudrücken. Nimm dieses Blatt indeß, meine Liebe, ich habe es wieder durchgelesen und finde, daß ich von vorne anfangen sollte, doch enthält es alles, was du zu wissen nöthig hast, was dir Vorbereitung ist, wenn ich bald mit Fröhlichkeit der süßen Liebe an dei¬ deinen Busen zurückkehre. Ich komme mir vor wie ein Gefangener, der in einem Kerker lauschend seine Fesseln abfeilt; ich sage gute Nacht meinen sorglos schlafen¬ den Eltern. — Lebe wohl, Geliebte! Lebe wohl! Für dießmal schließ ich; die Augen sind mir zwey, dreymal zugefallen, es ist schon tief in der Nacht.» W. Meisters Lehrj. L Siebzehntes Capitel. Der Tag wollte nicht endigen, als Wilhelm, seinen Brief schön gefaltet in der Tasche, sich zu Marianen hinsehnte, auch war es kaum düster geworden, als er sich wider seine Ge¬ wohnheit nach ihrer Wohnung hinschlich. Sein Plan war: sich auf die Nacht anzu¬ melden, seine Geliebte auf kurze Zeit wieder zu verlassen, ihr, eh’ er wegginge, den Brief in die Hand zu drücken, und bey seiner Rück¬ kehr in tiefer Nacht ihre Antwort, ihre Ein¬ willigung zu erhalten, oder durch die Macht seiner Liebkosungen zu erzwingen. Er flog in ihre Arme, und konnte sich an ihrem Bu¬ sen kaum wieder fassen. Die Lebhaftigkeit seiner Empfindungen verbarg ihm anfangs, daß sie nicht wie sonst mit Herzlichkeit ant¬ wortete; doch konnte sie einen ängstlichen Zustand nicht lange verbergen, sie schützte eine Krankheit, eine Unpäßlichkeit vor, sie beklagte sich über Kopfweh, sie wollte sich auf den Vorschlag, daß er heute Nacht wie¬ der kommen wolle, nicht einlassen. Er ahn¬ dete nichts Böses, drang nicht weiter in sie; fühlte aber, daß es nicht die Stunde sey, ihr seinen Brief zu übergeben. Er behielt ihn bey sich, und da verschiedene ihrer Be¬ wegungen und Reden ihn auf eine höfliche Weise wegzugehen nöthigten, ergriff er im Taumel seiner ungenügsamen Liebe eines ihrer Halstücher, steckte es in die Tasche, und verließ wider Willen ihre Lippen und ihre Thüre. Er schlich nach Hause, konnte aber auch da nicht lange bleiben, kleidete sich um, und suchte wieder die freye Luft. Als er einige Straßen auf und abgegan¬ gen war, begegnete ihm ein Unbekannter, der L 2 nach einen gewissen Gasthofe fragte; Wil¬ helm erbot sich, ihm das Haus zu zeigen; der Fremde erkundigte sich nach dem Nah¬ men der Straße, nach den Besitzern verschie¬ dener großer Gebäude, vor denen sie vorbey gingen, sodann nach einigen Polizey–Ein¬ richtungen der Stadt, und sie waren in ei¬ nem ganz interessanten Gespräche begriffen, als sie am Thore des Wirthshauses anka¬ men. Der Fremde nöthigte seinen Führer hinein zu treten, und ein Glas Punsch mit ihm zu trinken, zugleich gab er seinen Nah¬ men an und seinen Geburtsort, auch die Ge¬ schäfte, die ihn hierher gebracht hätten, und ersuchte Wilhelmen um ein gleiches Ver¬ trauen. Dieser verschwieg eben so wenig sei¬ nen Nahmen, als seine Wohnung. Sind Sie nicht ein Enkel des alten Mei¬ sters, der die schöne Kunstsammlung besaß? fragte der Fremde. Ja, ich bins, ich war zehn Jahre als der Großvater starb, und es schmerzte mich leb¬ haft, die schönen Sachen verkaufen zu sehen. Ihr Vater hat eine große Summe Gel¬ des dafür erhalten. Sie wissen also davon? O ja, ich habe diesen Schatz noch in Ih¬ rem Hause gesehen. Ihr Großvater war nicht blos ein Sammler, er verstand sich auf die Kunst, er war in einer frühern glückli¬ chen Zeit in Italien gewesen, und hatte Schätze von dort mit zurück gebracht, welche jetzt um keinen Preis mehr zu haben wären. Er besaß treffliche Gemählde von den besten Meistern, man traute kaum seinen Augen, wenn man seine Handzeichnungen durchsah; unter seinen Marmorn waren einige un¬ schätzbare Fragmente; von Bronzen besaß er eine sehr instructive Suite; so hatte er auch seine Münzen für Kunst und Geschichte zweck¬ mäßig gesammelt, seine wenigen geschnitte¬ nen Steine verdienten alles Lob; auch war das Ganze gut aufgestellt, wenn gleich die Zimmer und Säle des alten Hauses nicht symmetrisch gebaut waren. Sie können denken, was wir Kinder ver¬ loren, als alle die Sachen herunter genom¬ men und eingepackt wurden. Es waren die ersten traurigen Zeiten meines Lebens. Ich weiß noch, wie leer uns die Zimmer vorka¬ men, als wir die Gegenstände nach und nach verschwinden sahen, die uns von Jugend auf unterhalten hatten, und die wir eben so un¬ veränderlich hielten, als das Haus und die Stadt selbst. Wenn ich nicht irre, so gab Ihr Vater das gelöste Capital in die Handlung eines Nachbars, mit dem er eine Art Gesellschafts- Handel einging? Ganz richtig! und ihre gesellschaftlichen Speculationen sind ihnen wohl geglückt; sie haben in diesen zwölf Jahren ihr Vermögen sehr vermehrt, und sind beide nur desto hef¬ tiger auf den Erwerb gestellt; auch hat der alte Werner einen Sohn, der sich viel besser zu diesem Handwerke schickt, als ich. Es thut mir leid, daß dieser Ort eine solche Zierde verloren hat, als das Cabinet Ihres Großvaters war. Ich sah es noch kurz vorher, ehe es verkauft wurde, und ich darf wohl sagen, ich war Ursache, daß der Kauf zu Stande kam. Ein reicher Edel¬ mann, ein großer Liebhaber, der aber bey so einem wichtigen Handel sich nicht allein auf sein eigen Urtheil verließ, hatte mich hierher geschickt, und verlangte meinen Rath. Sechs Tage besah ich das Cabinet, und am sieben¬ ten rieth ich meinem Freunde, die ganze ge¬ forderte Summe ohne Anstand zu bezahlen. Sie waren als ein munterer Knabe oft um mich herum; Sie erklärten mir die Gegen¬ stände der Gemählde, und wußten überhaupt das Cabinet recht gut auszulegen. Ich erinnere mich einer solchen Person, aber in Ihnen hätte ich sie nicht wieder er¬ kannt. Es ist auch schon eine Zeit, in der wir uns mehr oder weniger verändern. Sie hat¬ ten, wenn ich mich recht erinnere, ein Lieb¬ lings-Bild darunter, von dem Sie mich gar nicht weglassen wollten. Ganz richtig, es stellte die Geschichte vor, wie der kranke Königssohn sich über die Braut seines Vaters in Liebe verzehrt. Es war eben nicht das beste Gemählde, nicht gut zusammengesetzt, von keiner sonder¬ lichen Farbe, und die Ausführung durchaus manierirt. Das verstand ich nicht, und versteh es noch nicht; der Gegenstand ist es, der mich an einem Gemählde reizt, nicht die Kunst. Da schien Ihr Großvater anders zu den¬ ken; denn der größte Theil seiner Samm¬ lung bestand aus trefflichen Sachen, in denen man immer das Verdienst ihres Meisters be¬ wunderte, sie mochten vorstellen was sie woll¬ ten; auch hing dieses Bild in dem äussersten Vorsaale, zum Zeichen, daß er es wenig schätzte. Da war es eben, wo wir Kinder immer spielen durften, und wo dieses Bild einen unauslöschlichen Eindruck auf mich machte, den mir selbst Ihre Kritik, die ich übrigens verehre, nicht auslöschen könnte, wenn wir auch jetzt vor dem Bilde stünden. Wie jam¬ merte mich, wie jammert mich noch ein Jüng¬ ling, der die süßen Triebe, das schönste Erb¬ theil, das uns die Natur gab, in sich ver¬ schließen, und das Feuer, das ihn und ande¬ re erwärmen und beleben sollte, in seinem Busen verbergen muß, so daß sein Innerstes unter ungeheuren Schmerzen verzehrt wird. Wie bedaure ich die Unglückliche, die sich einem andern widmen soll, wenn ihr Herz schon den würdigen Gegenstand eines wah¬ ren und reinen Verlangens gefunden hat. Diese Gefühle sind freylich sehr weit von jenen Betrachtungen entfernt, unter denen ein Kunstliebhaber die Werke großer Meister anzusehen pflegt; wahrscheinlich würde Ihnen aber, wenn das Cabinet ein Eigenthum Ih¬ res Hauses geblieben wäre, nach und nach der Sinn für die Werke selbst aufgegangen seyn, so daß Sie nicht immer nur sich selbst und Ihre Neigung in den Kunstwerken gese¬ hen hätten. Gewiß that mir der Verkauf des Cabi¬ nettes gleich sehr leid, und ich habe es auch in reifern Jahren öfters vermißt; wenn ich aber bedenke, daß es gleichsam so seyn mu߬ te, um eine Liebhaberey, um ein Talent in mir zu entwickeln, die weit mehr auf mein Leben wirken sollten, als jene leblosen Bil¬ der je gethan hätten; so bescheide ich mich denn gern, und verehre das Schicksal das mein Bestes und eines jeden Bestes einzulei¬ ten weiß. Leider höre ich schon wieder das Wort Schicksal von einem jungen Manne ausspre¬ chen, der sich eben in einem Alter befindet, wo man gewöhnlich seinen lebhaften Neigun¬ gen den Willen höherer Wesen unterzuschie¬ ben pflegt. So glauben Sie kein Schicksal? Keine Macht, die über uns waltet, und alles zu unserm Besten lenkt? Es ist hier die Rede nicht von meinem Glauben, noch der Ort auszulegen, wie ich mir Dinge, die uns allen unbegreiflich sind, einigermaßen denkbar zu machen suche; hier ist nur die Frage, welche Vorstellungsart zu unserm Besten gereicht. Das Gewebe dieser Welt ist aus Nothwendigkeit und Zufall ge¬ bildet, die Vernunft des Menschen stellt sich zwischen beide, und weiß sie zu beherrschen, sie behandelt das Nothwendige als den Grund ihres Daseyns, das Zufällige weiß sie zu lenken, zu leiten und zu nutzen, und nur, indem sie fest und unerschütterlich steht, ver¬ dient der Mensch ein Gott der Erde genannt zu werden. Wehe dem, der sich von Jugend auf gewöhnt, in dem Nothwendigen etwas Willkürliches finden zu wollen, der dem Zu¬ fälligen eine Art von Vernunft zuschreiben möchte, welcher zu folgen sogar eine Religion sey. Heißt das etwas weiter, als seinem eignem Verstande entsagen, und seinen Nei¬ gungen unbedingten Raum geben? Wir bil¬ den uns ein, fromm zu seyn, indem wir ohne Überlegung hinschlendern, uns durch ange¬ nehme Zufälle determiniren lassen, und end¬ lich dem Resultate eines solchen schwanken¬ den Lebens den Nahmen einer göttlichen Führung geben. Waren Sie niemals in dem Falle, daß ein kleiner Umstand Sie veranlaßte, einen gewissen Weg einzuschlagen, auf welchem bald eine gefällige Gelegenheit Ihnen entge¬ gen kam, und eine Reihe von unerwarteten Vorfällen Sie endlich ans Ziel brachte, das Sie selbst noch kaum ins Auge gefaßt hat¬ ten? Sollte das nicht Ergebenheit in das Schicksal, Zutrauen zu einer solchen Leitung einflößen? — Mit diesen Gesinnungen könnte kein Mädchen ihre Tugend, niemand sein Geld im Beutel behalten; denn es giebt Anlässe genug, beides los zu werden. Ich kann mich nur über den Menschen freuen, der weiß, was ihm und andern nütze ist, und seine Willkür zu beschränken arbeitet. Jeder hat sein eigen Glück unter den Händen, wie der Künstler eine rohe Materie, die er zu einer Gestalt umbilden will. Aber es ist mit die¬ ser Kunst wie mit allen, nur die Fähigkeit dazu wird uns angeboren, sie will gelernt und sorgfältig ausgeübt seyn. Dieses und mehreres wurde noch unter ihnen abgehandelt; endlich trennten sie sich, ohne daß sie einander sonderlich überzeugt zu haben schienen, doch bestimmten sie auf den folgenden Tag einen Ort der Zusammenkunft. Wilhelm ging noch einige Straßen auf und nieder; er hörte Clarinetten, Waldhörner und Fagotte, es schwoll sein Busen. Durch¬ reisende Spielleute machten eine angenehme Nachtmusik. Er sprach mit ihnen, und um ein Stück Geld folgten sie ihm zu Maria¬ nens Wohnung. Hohe Bäume zierten den Platz vor ihrem Hause, darunter stellte er seine Sänger, er selbst ruhte auf einer Bank in einiger Entfernung, und überließ sich ganz den schwebenden Tönen, die in der labenden Nacht um ihn säuselten. Unter den holden Sternen hingestreckt war ihm sein Daseyn wie ein goldner Traum. — Sie hört auch diese Flöten, sagte er in seinem Herzen; sie fühlt, wessen Andenken, wessen Liebe die Nacht wohlklingend macht, auch in der Ent¬ fernung sind wir durch diese Melodien zu¬ sammen gebunden, wie in jeder Entfernung durch die feinste Stimmung der Liebe. Ach zwey liebende Herzen, sie sind wie zwey Magnetuhren, was in der einen sich regt, muß auch die andere mit bewegen, denn es ist nur Eins, was in beiden wirkt, Eine Kraft, die sie durchgeht. Kann ich in ihren Armen eine Möglichkeit fühlen, mich von ihr zu trennen? und doch, ich werde fern von ihr seyn, werde einen Heilort für unsere Liebe suchen, und werde sie immer mit mir haben. Wie oft ist mirs geschehen, daß ich ab¬ wesend von ihr, in Gedanken an sie verlo¬ ren, ein Buch, ein Kleid oder sonst etwas berührte, und glaubte ihre Hand zu fühlen, so ganz war ich mit ihrer Gegenwart um¬ kleidet. Und jener Augenblicke mich zu erin¬ nern, die das Licht des Tages wie das Auge des kalten Zuschauers fliehen, die zu genies¬ sen Götter den schmerzlosen Zustand der rei¬ nen Seligkeit zu verlassen sich entschließen dürften. — Mich zu erinnern? — Als wenn man den Rausch des Taumelkelchs in der Erinnerung erneuern könnte, der unsere Sin¬ ne an himmlischen Stricken gebunden aus aller ihrer Fassung reißt. — Und ihre Ge¬ stalt — — Er verlor sich im Andenken an sie, seine Ruhe ging in Verlangen über, er umfaßte einen Baum, kühlte seine heiße Wan¬ Wange an der Rinde, und die Winde der Nacht saugten begierig den Hauch auf, der aus dem reinen Busen bewegt hervordrang. Er fühlte nach dem Halstuch, das er von ihr mitgenommen hatte, es war vergessen, es steckte im vorigen Kleide. Seine Lippen lechz¬ ten, seine Glieder zitterten vor Verlangen. Die Musik hörte auf, und es war ihm, als wär’ er aus dem Elemente gefallen, in dem seine Empfindungen bisher empor getra¬ gen wurden. Seine Unruhe vermehrte sich, da seine Gefühle nicht mehr von den sanften Tönen genährt und gelindert wurden. Er setzte sich auf ihre Schwelle nieder, und war schon mehr beruhigt. Er küßte den messin¬ genen Ring, womit man an ihre Thüre pochte, er küßte die Schwelle, über die ihre Füße aus und ein gingen, und erwärmte sie durch das Feuer seiner Brust. Dann saß er wieder eine Weile stille, und dachte sie hin¬ W. Meisters Lehrj. M ter ihren Vorhängen, im weißen Nachtkleide mit dem rothen Band um den Kopf in süßer Ruhe, und dachte sich selbst so nahe zu ihr hin, daß ihm vorkam, sie müßte nun von ihm träumen. Seine Gedanken waren lieblich, wie die Geister der Dämmerung; Ruhe und Verlangen wechselten in ihm, die Liebe lief mit schaudernder Hand tausendfältig über alle Saiten seiner Seele, es war, als wenn der Gesang der Sphären über ihm stille stünde, um die leisen Melodien seines Her¬ zens zu belauschen. Hätte er den Hauptschlüssel bey sich ge¬ habt, der ihm sonst Marianens Thüre öffne¬ te, er würde sich nicht gehalten haben, wür¬ de ins Heiligthum der Liebe eingedrungen seyn. Doch er entfernte sich langsam, schwankte halb träumend unter den Bäumen hin, woll¬ te nach Hause, und ward immer wieder um¬ gewendet; endlich als er’s über sich vermoch¬ te, ging, und an der Ecke noch einmal zurück sah, kam es ihm vor, als wenn Marianens Thüre sich öffnete, und eine dunkle Gestalt sich heraus bewegte. Er war zu weit, um deutlich zu sehen, und eh er sich faßte und recht aufsah, hatte sich die Erscheinung schon in der Nacht verloren, nur ganz weit glaub¬ te er sie wieder an einem weißen Hause vor¬ bey streifen zu sehen. Er stund und blinzte, und ehe er sich ermannte und nacheilte, war das Phantom verschwunden. Wohin sollt’ er ihm folgen? Welche Straße hatte den Menschen aufgenommen, wenn es einer war? Wie einer, dem der Blitz die Gegend in einem Winkel erhellte, gleich darauf mit ge¬ blendeten Augen die vorigen Gestalten, den Zusammenhang der Pfade in der Finsterniß vergebens sucht, so war’s vor seinen Augen, so war’s in seinem Herzen. Und wie ein Gespenst der Mitternacht, das ungeheure M 2 Schrecken erzeugt, in folgenden Augenblicken der Fassung für ein Kind des Schreckens ge¬ halten wird, und die fürchterliche Erscheinung Zweifel ohne Ende in der Seele zurück läßt; so war auch Wilhelm in der größten Un¬ ruhe, als er an einen Eckstein gelehnt, die Helle des Morgens und das Geschrey der Hähne nicht achtete, bis die frühen Gewer¬ be lebendig zu werden anfingen, und ihn nach Hause trieben. Er hatte, wie er zurück kam, das uner¬ wartete Blendwerk mit den triftigsten Grün¬ den beynahe aus der Seele vertrieben; doch die schöne Stimmung der Nacht, an die er jetzt auch nur wie an eine Erscheinung zu¬ rück dachte, war auch dahin. Sein Herz zu letzen, ein Siegel seinem wiederkehrenden Glauben aufzudrücken, nahm er das Hals¬ tuch aus der vorigen Tasche. Das Rauschen eines Zettels, der herausfiel, zog ihm das Tuch von den Lippen; er hob auf und las: »So hab ich dich lieb, kleiner Narre, was war dir auch gestern? Heute Nacht komm ich zu dir. Ich glaube wohl, daß dir’s leid thut, von hier wegzugehen; aber habe Geduld, auf die Messe komm ich dir nach. Höre, thu mir nicht wieder die schwarz–grün–braune Jacke an, du siehst drin aus wie die Hexe von Endor. Hab’ ich dir nicht das weiße Neglige darum ge¬ schickt, daß ich ein weißes Schäfchen in meinen Armen haben will. Schick mir deine Zettel immer durch die alte Sibylle, die hat der Teufel selbst zur Iris bestellt.» Wilhelm Meisters Lehrjahre . Zweytes Buch . Erstes Capitel . Jeder, der, mit lebhaften Kräften, vor un¬ sern Augen, eine Absicht zu erreichen strebt, kann, wir mögen seinen Zweck loben oder tadeln, sich unsre Theilnahme versprechen; sobald über die Sache entschieden ist, wen¬ den wir unser Auge sogleich von ihm weg; alles was geendigt, was abgethan da liegt, kann unsre Aufmerksamkeit keineswegs fes¬ seln, besonders wenn wir schon frühe der Un¬ ternehmung einen übeln Ausgang prophe¬ zeiht haben. Deswegen sollen unsre Leser nicht um¬ ständlich mit dem Jammer und der Noth unsers verunglückten Freundes unterhalten werden, die ihn befielen, als er seine Hoff¬ nungen und Wünsche, auf eine so unerwar¬ tete Weise, zerstört sah. Wir überspringen vielmehr einige Jahre, und suchen ihn erst da wieder auf, wo wir ihn in einer Art von Thätigkeit und Genuß zu finden hoffen, wenn wir vorher nur kürzlich so viel, als zum Zusammenhang der Geschichte nöthig ist, vorgetragen haben. Die Pest, oder ein böses Fieber rasen in einem gesunden, vollsaftigen Körper, den sie anfallen, schneller und heftiger, und so ward der arme Wilhelm unvermuthet von einem unglücklichen Schicksale überwältigt, daß in Einem Augenblicke sein ganzes Wesen zer¬ rüttet war. Wie wenn von ohngefähr unter der Zurüstung ein Feuerwerk in Brand ge¬ räth, und die künstlich gebohrten und gefüll¬ ten Hülsen, die, nach einem gewissen Plane geordnet und abgebrannt, prächtig abwech¬ selnde Feuer-Bilder in die Luft zeichnen soll¬ ten, nunmehr unordentlich und gefährlich durch einander zischen und sausen; so gingen auch jetzt in seinem Busen Glück und Hoff¬ nung, Wollust und Freuden, Wirkliches und Geträumtes auf einmal scheiternd durch ein¬ ander. In solchen wüsten Augenblicken er¬ starrt der Freund, der zur Rettung hinzu eilt, und dem, den es trift, ist es eine Wohl¬ that, daß ihn die Sinne verlassen. Tage des lauten, ewig wiederkehrenden und mit Vorsatz erneuerten Schmerzens folg¬ ten darauf; doch sind auch diese für eine Gnade der Natur zu achten. In solchen Stunden hatte Wilhelm seine Geliebte noch nicht ganz verloren; seine Schmerzen waren unermüdet erneuerte Versuche, das Glück, das ihm aus der Seele entfloh, noch fest zu hal¬ ten, die Möglichkeit desselben in der Vor¬ stellung wieder zu erhaschen, seinen auf im¬ mer abgeschiedenen Freuden ein kurzes Nach¬ leben zu verschaffen. Wie man einen Kör¬ per, so lange die Verwesung dauert, nicht ganz todt nennen kann, so lange die Kräfte, die vergebens nach ihren alten Bestimmun¬ gen zu wirken suchen, an der Zerstörung der Theile, die sie sonst belebten, sich abar¬ beiten; nur dann, wenn sich alles an einan¬ der aufgerieben hat, wenn wir das Ganze in gleichgültigen Staub zerlegt sehen, dann entsteht in uns das erbärmliche, leere Ge¬ fühl des Todes, nur durch den Athem des Ewiglebenden zu erquicken. In einem so neuen, ganzen, lieblichen Gemüthe war viel zu zerreissen, zu zer¬ stören, zu ertödten, und die schnellheilende Kraft der Jugend gab selbst der Gewalt des Schmerzens neue Nahrung und Heftigkeit. Der Streich hatte sein ganzes Daseyn an der Wurzel getroffen. Werner, aus Noth sein Vertrauter, griff voll Eifer zu Feuer und Schwert, um einer verhaßten Leiden¬ schaft, dem Ungeheuer, ins innerste Leben zu dringen. Die Gelegenheit war so glücklich, das Zeugniß so bey der Hand, und wieviel Geschichten und Erzählungen wußt’ er nicht zu nutzen. Er trieb’s mit solcher Heftigkeit und Grausamkeit Schritt vor Schritt, ließ dem Freunde nicht das Labsal des mindesten augenblicklichen Betruges, vertrat ihm jeden Schlupfwinkel, in welchen er sich vor der Verzweiflung hätte retten können, daß die Natur, die ihren Liebling nicht wollte zu Grunde gehen lassen, ihn mit Krankheit an¬ fiel, um ihm von der andern Seite Luft zu machen. Ein lebhaftes Fieber mit seinem Gefolge, den Arzeneyen, der Überspannung und der Mattigkeit; dabey die Bemühungen der Fa¬ milie, die Liebe der Mitgebohrnen, die durch Mangel und Bedürfnisse sich erst recht fühl¬ bar macht, waren so viele Zerstreuungen ei¬ nes veränderten Zustandes, und eine küm¬ merliche Unterhaltung. Erst als er wieder besser wurde, das heißt, als seine Kräfte er¬ schöpft waren, sah Wilhelm, mit Entsetzen, in den qualvollen Abgrund eines dürren Elendes hinab, wie man in den ausgebrann¬ ten hohlen Becher eines Vulkans hinunter blickt. Nunmehr machte er sich selbst die bitter¬ sten Vorwürfe, daß er, nach so großem Ver¬ lust, noch einen schmerzlosen, ruhigen, gleich¬ gültigen Augenblick haben könne. Er ver¬ achtete sein eigen Herz, und sehnte sich nach dem Labsal des Jammers und der Thränen. Um diese wieder in sich zu erwecken, brachte er vor sein Andenken alle Scenen des vergangnen Glücks. Mit der größten Lebhaftigkeit mahlte er sie sich aus, strebte wieder in sie hinein, und wenn er sich zur möglichsten Höhe hinauf gearbeitet hatte, wenn ihm der Sonnenschein voriger Tage wieder die Glieder zu beleben, den Busen zu heben schien, sah er rückwärts auf den schrecklichen Abgrund, labte sein Auge an der zerschmetternden Tiefe, warf sich hinunter, und erzwang von der Natur die bittersten Schmerzen. Mit so wiederholter Grausam¬ keit zerriß er sich selbst, denn die Jugend, die so reich an eingehüllten Kräften ist, weiß nicht, was sie verschleudert, wenn sie dem Schmerz, den ein Verlust erregt, noch so vie¬ le erzwungene Leiden zugesellt, als wollte sie dem Verlornen dadurch noch erst einen rech¬ ten Werth geben. Auch war er so über¬ zeugt, daß dieser Verlust der Einzige, der erste und letzte sey, den er in seinem Leben empfinden könne, daß er jeden Trost verab¬ scheute, der ihm diese Leiden als endlich vor¬ zustellen unternahm. Zweytes Capitel. G ewöhnt, auf diese Weise sich selbst zu quä¬ len, griff er nun auch das übrige, was ihm nach der Liebe und mit der Liebe die größten Freuden und Hoffnungen gegeben hatte, sein Talent als Dichter und Schauspieler, mit hämischer Kritik von allen Seiten an. Er sah in seinen Arbeiten nichts als eine geist¬ lose Nachahmung einiger hergebrachten For¬ men, ohne innern Werth; er wollte darin nur steife Schulexercitien erkennen, denen es an jedem Funken von Naturell, Wahrheit und Begeisterung fehle. In seinen Gedich¬ ten fand er nur ein monotones Sylbenmaaß, in welchem, durch einen armseligen Reim zu¬ sammen gehalten, ganz gemeine Gedanken und Empfindungen sich hinschleppten, und so so benahm er sich auch jede Aussicht, jede Lust, die ihn von dieser Seite noch allenfalls hätte wieder aufrichten können. Seinem Schauspieler-Talente ging es nicht besser. Er schalt sich, daß er nicht frü¬ her die Eitelkeit entdeckt, die allein dieser Anmaßung zum Grunde gelegen. Seine Fi¬ gur, sein Gang, seine Bewegung und Dekla¬ mation mußten herhalten, und so sprach er sich jede Art von Vorzug, jedes Verdienst, das ihn über das Gemeine empor gehoben hätte, entscheidend ab, und vermehrte seine stumme Verzweiflung dadurch auf den höch¬ sten Grad. Denn, wenn es hart ist, der Liebe eines Weibes zu entsagen, so ist die Empfindung nicht weniger schmerzlich, von dem Umgange der Musen sich los zu reissen, sich ihrer Gemeinschaft auf immer unwürdig zu erklären, und auf den schönsten und näch¬ sten Beyfall, der unsrer Person, unserm Be¬ W. Meisters Lehrj. N tragen, unsrer Stimme öffentlich gegeben wird, Verzicht zu thun. Auf diese Weise hatte sich unser Freund völlig resignirt, und sich zugleich mit großen Eifer den Handelsgeschäften gewidmet. Zum Erstaunen seines Freundes und zur größten Zufriedenheit seines Vaters war niemand auf dem Comtoir und der Börse, im Laden und Gewölbe thätiger, als er; Correspondenz und Rechnungen, und was ihm aufgetragen wur¬ de, besorgte und verrichtete er mit größten Fleiß und Eifer. Freylich nicht mit dem heitern Fleiße, der zugleich dem Geschäftigen Belohnung ist, wenn wir dasjenige, wozu wir geboren sind, mit Ordnung und Folge verrichten, sondern mit dem stillen Fleiße der Pflicht, der den besten Vorsatz zum Grunde hat, der durch Überzeugung genährt und durch ein innres Selbstgefühl belohnt wird; der aber doch oft, selbst dann, wenn ihm das schönste Bewußtseyn die Krone reicht, einen vordringenden Seufzer kaum zu ersticken vermag. Auf diese Weise hatte Wilhelm eine Zeit¬ lang sehr emsig fortgelebt und sich überzeugt, daß jene harte Prüfung vom Schicksale zu seinem Besten veranstaltet worden. Er war froh, auf dem Wege des Lebens sich bey Zeiten, obgleich unfreundlich genug, gewarnt zu sehen, anstatt daß andere später und schwerer die Mißgriffe büßen, wozu sie ein jugendlicher Dünkel verleitet hat. Denn ge¬ wöhnlich wehrt sich der Mensch so lange als er kann, den Thoren, den er im Busen hegt, zu verabschieden, einen Hauptirrthum zu be¬ kennen, und eine Wahrheit einzugestehen, die ihn zur Verzweiflung bringt. So entschlossen er war, seinen liebsten Vorstellungen zu entsagen, so war doch eini¬ ge Zeit nöthig, um ihn von seinem Unglücke N 2 völlig zu überzeugen. Endlich aber hatte er jede Hoffnung der Liebe, des poetischen Her¬ vorbringens und der persönlichen Darstellung, mit triftigen Gründen, so ganz in sich ver¬ nichtet, daß er Muth faßte, alle Spuren sei¬ ner Thorheit, alles, was ihn irgend noch dar¬ an erinnern könnte, völlig auszulöschen. Er hatte daher an einem kühlen Abende ein Kaminfeuer angezündet, und holte ein Reli¬ quienkästchen hervor, in welchem sich hun¬ derterley Kleinigkeiten fanden, die er in be¬ deutenden Augenblicken von Marianen er¬ halten, oder derselben geraubt hatte. Jede vertrocknete Blume erinnerte ihn an die Zeit, da sie noch frisch in ihren Haaren blühte, jedes Zettelchen an die glückliche Stunde, wozu sie ihn dadurch einlud, jede Schleife an den lieblichen Ruheplatz seines Hauptes, ihren schönen Busen. Mußte nicht auf diese Weise jede Empfindung, die er schon lange getödtet glaubte, sich wieder zu bewegen an¬ fangen? Mußte nicht die Leidenschaft, über die er, abgeschieden von seiner Geliebten, Herr geworden war, in der Gegenwart die¬ ser Kleinigkeiten wieder mächtig werden? Denn wir merken erst, wie traurig und un¬ angenehm ein trüber Tag ist, wenn ein ein¬ ziger, durchdringender Sonnenblick uns den aufmunternden Glanz einer heitern Stunde darstellt. Nicht ohne Bewegung sah er daher diese so lange bewahrten Heiligthümer nach ein¬ ander in Rauch und Flamme vor sich aufge¬ hen. Einigemal hielt er zaudernd inne, und hatte noch eine Perlenschnur und ein flohr¬ nes Halstuch übrig, als er sich entschloß, mit den dichterischen Versuchen seiner Jugend das abnehmende Feuer wieder aufzufrischen. Bis jetzt hatte er alles sorgfältig aufge¬ hoben, was ihm, von der frühsten Entwick¬ lung seines Geistes an, aus der Feder ge¬ flossen war. Noch lagen seine Schriften in Bündel gebunden auf dem Boden des Kof¬ fers, wohin er sie gepackt hatte, als er sie auf seiner Flucht mitzunehmen hoffte. Wie ganz anders eröffnete er sie jetzt, als er sie damals zusammen band! Wenn wir einen Brief, den wir unter gewissen Umständen geschrieben und gesiegelt haben, der aber den Freund, an den er ge¬ richtet war, nicht antrift, sondern wieder zu uns zurück gebracht wird, nach einiger Zeit eröffnen, überfällt uns eine sonderbare Em¬ pfindung, indem wir unser eignes Siegel erbrechen, und uns mit unsern veränderten Selbst wie mit einer dritten Person unter¬ halten. Ein ähnliches Gefühl ergriff mit Heftigkeit unsern Freund, als er das erste Paquet eröffnete, die zertheilten Hefte ins Feuer warf, die eben gewaltsam aufloderten, als Werner hereintrat, sich über die lebhafte Flamme verwunderte, und fragte, was hier vorgehe? Ich gebe einen Beweis, sagte Wilhelm, daß es mir ernst sey, ein Handwerk aufzu¬ geben, wozu ich nicht geboren ward; und mit diesen Worten warf er das zweyte Pa¬ quet in das Feuer. Werner wollte ihn ab¬ halten, allein es war geschehen. Ich sehe nicht ein, wie du zu diesem Ex¬ trem kommst, sagte dieser. Warum sollen denn nun diese Arbeiten, wenn sie nicht vor¬ trefflich sind, gar vernichtet werden? Weil ein Gedicht entweder vortrefflich seyn, oder gar nicht existiren soll. Weil jeder, der keine Anlage hat, das Beste zu leisten, sich der Kunst enthalten, und sich vor jeder Verführung dazu ernstlich in Acht nehmen sollte. Denn freylich regt sich in jedem Menschen ein gewisses unbestimmtes Verlangen, dasjenige was er sieht, nachzu¬ ahmen; aber dieses Verlangen beweist gar nicht, daß auch in uns die Kraft wohne, mit dem, was wir unternehmen, zu Stande zu kommen. Sieh nur die Knaben an, wie sie jedesmal, so oft Seiltänzer in der Stadt ge¬ wesen, auf allen Planken und Balken hin und wieder gehen und balanciren, bis ein anderer Reiz sie wieder zu einem ähnlichen Spiele hinzieht. Hast du es nicht in dem Zirkel unsrer Freunde bemerkt? So oft sich ein Virtuose hören läßt, finden sich immer einige, die sogleich dasselbe Instrument zu lernen anfangen. Wie viele irren auf die¬ sem Wege herum; glücklich wer den Fehl¬ schluß von seinen Wünschen auf seine Kräfte bald gewahr wird! Werner widersprach; die Unterredung ward lebhaft, und Wilhelm konnte nicht ohne Bewegung die Argumente, mit denen er sich selbst so oft gequält hatte, gegen sei¬ nen Freund wiederholen. Werner behaupte¬ te, es sey nicht vernünftig, ein Talent, zu dem man nur einigermaßen Neigung und Geschick habe, deswegen, weil man es nie¬ mals in der größten Vollkommenheit aus¬ üben werde, ganz aufzugeben. Es finde sich ja so manche leere Zeit, die man dadurch ausfüllen, und nach und nach etwas hervor¬ bringen könne, wodurch wir uns und andern ein Vergnügen bereiten. Unser Freund, der hierin ganz anderer Meynung war, fiel ihm sogleich ein, und sagte mit großer Lebhaftigkeit: Wie sehr irrst du, lieber Freund, wenn du glaubst, daß ein Werk, dessen erste Vor¬ stellung die ganze Seele füllen muß, in un¬ terbrochenen, zusammen gegeizten Stunden könne hervorgebracht werden. Nein, der Dichter muß ganz sich , ganz in seinen ge¬ liebten Gegenständen leben. Er, der vom Himmel innerlich auf das köstlichste begabt ist, der einen, sich immer selbst vermehrenden Schatz im Busen bewahrt, er muß auch von aussen ungestört mit seinen Schätzen in der stillen Glückseligkeit leben, die ein Reicher vergebens mit aufgehäuften Gütern um sich hervorzubringen sucht. Sieh die Menschen an, wie sie nach Glück und Vergnügen ren¬ nen! Ihre Wünsche, ihre Mühe, ihr Geld jagen rastlos, und wornach? Nach dem, was der Dichter von der Natur erhalten hat, nach dem Genuß der Welt, nach dem Mit¬ gefühl seiner selbst in andern, nach einem har¬ monischen Zusammenseyn mit vielen oft un¬ vereinbaren Dingen. Was beunruhiget die Menschen, als daß sie ihre Begriffe nicht mit den Sachen ver¬ binden können, daß der Genuß sich ihnen unter den Händen wegstiehlt, daß das ge¬ wünschte zu spät kommt, und daß alles er¬ reichte und erlangte auf ihr Herz nicht die Wirkung thut, welche die Begierde uns in der Ferne ahnden läßt. Gleichsam wie einen Gott hat das Schicksal den Dichter über dieses alles hinüber gesetzt. Er sieht das Gewirre der Leidenschaften, Familien und Reiche sich zwecklos bewegen, er sieht die unauflöslichen Räzel der Mißverständnisse, denen oft nur ein einsylbiges Wort zur Ent¬ wicklung fehlt, unsäglich verderbliche Ver¬ wirrungen verursachen. Er fühlt das Trau¬ rige und das Freudige jedes Menschenschick¬ sals mit. Wenn der Weltmensch in einer abzehrenden Melancholie über großen Ver¬ lust seine Tage hinschleicht, oder in ausge¬ lassener Freude seinem Schicksale entgegen geht, so schreitet die empfängliche leichtbe¬ wegliche Seele des Dichters, wie die wan¬ delnde Sonne, von Nacht zu Tag fort, und mit leisen Übergängen stimmt seine Harfe zu Freude und Leid. Eingeboren auf den Grund seines Herzens wächst die schöne Blu¬ me der Weisheit hervor, und wenn die an¬ dern wachend träumen, und von ungeheuren Vorstellungen aus allen ihren Sinnen ge¬ ängstiget werden, so lebt er den Traum des Lebens als ein wachender, und das seltenste, was geschieht, ist ihm zugleich Vergangenheit und Zukunft. Und so ist der Dichter zugleich Lehrer, Wahrsager, Freund der Götter und der Menschen. Wie! willst du, daß er zu einem kümmerlichen Gewerbe herunter steige, er, der wie ein Vogel gebaut ist, um die Welt zu überschweben, auf hohen Gipfeln zu nisten, und seine Nahrung von Knospen und Früchten, einen Zweig mit dem andern leicht verwechselnd, zu nehmen, der sollte zu¬ gleich wie der Stier am Pfluge ziehen, wie der Hund sich auf eine Fährte gewöhnen, oder vielleicht gar an die Kette geschlossen einen Meyerhof durch sein Bellen sichern? Werner hatte, wie man sich denken kann, mit Verwunderung zugehört. Wenn nur auch die Menschen, fiel er ihm ein, wie die Vögel gemacht wären, und ohne daß sie spinnen und weben, holdselige Tage in be¬ ständigem Genuß zubringen könnten. Wenn sie nur auch bey Ankunft des Winters sich so leicht in ferne Gegenden begäben, dem Mangel auszuweichen, und sich vor dem Froste zu sichern. So haben die Dichter in Zeiten gelebt, wo das Ehrwürdige mehr erkannt ward, rief Wilhelm aus, und so sollten sie immer leben. Genugsam in ihrem Innersten ausgestattet bedurften sie wenig von aussen; die Gabe, schöne Empfindungen, herrliche Bilder den Menschen in süßen, sich an jeden Gegenstand anschmiegenden, Worten und Melodien mit¬ zutheilen, bezauberte von jeher die Welt, und war für den Begabten ein reichliches Erbtheil. An der Könige Höfen, an den Tischen der Reichen, vor den Thüren der Verliebten horchte man auf sie, indem sich das Ohr und die Seele für alles andere ver¬ schloß; wie man sich selig preist und ent¬ zückt stille steht, wenn aus den Gebüschen, durch die man wandelt, die Stimme der Nachtigall gewaltig rührend hervordringt! Sie fanden eine gastfreye Welt, und ihr nie¬ drig scheinender Stand erhöhte sie nur desto mehr; der Held lauschte ihren Gesängen, und der Überwinder der Welt huldigte einem Dichter, weil er fühlte, daß, ohne diesen, sein ungeheures Daseyn nur wie ein Sturmwind vorüberfahren würde; der Liebende wünschte sein Verlangen und seinen Genuß so tausend¬ fach und so harmonisch zu fühlen, als ihn die beseelte Lippe zu schildern verstand, und selbst der Reiche konnte seine Besitzthümer, seine Abgötter nicht mit eigenen Augen so kostbar sehen, als sie ihm vom Glanze des, allen Werth fühlenden und erhöhenden Gei¬ stes beleuchtet erschienen. Ja, wer hat, wenn du willst, Götter gebildet, uns zu ihnen er¬ hoben, sie zu uns herniedergebracht, als der Dichter? Mein Freund, versetzte Werner nach eini¬ gem Nachdenken, ich habe schon oft bedauert, daß du das, was du so lebhaft fühlst, mit Gewalt aus deiner Seele zu verbannen strebst. Ich müßte mich sehr irren, wenn du nicht besser thätest, dir selbst einigermaßen nachzugeben, als dich durch die Widersprüche eines so harten Entsagens aufzureiben, und dir mit der Einen unschuldigen Freude den Genuß aller übrigen zu entziehen. Darf ich dir’s gestehen, mein Freund, ver¬ setzte der andre, und wirst du mich nicht lä¬ cherlich finden, wenn ich dir bekenne, daß jene Bilder mich noch immer verfolgen, so sehr ich sie fliehe, und daß, wenn ich mein Herz untersuche, alle frühen Wünsche fest, ja noch fester als sonst darin haften? Doch was bleibt mir Unglücklichen gegenwärtig übrig? Ach wer mir vorausgesagt hätte, daß die Arme meines Geistes sobald zerschmettert werden sollten, mit denen ich ins Unendliche griff, und mit denen ich doch gewiß ein Großes zu umfassen hofte. Wer mir das vorausgesagt hätte, würde mich zur Ver¬ zweiflung gebracht haben. Und noch jetzt, da das Gericht über mich ergangen ist, jetzt, da ich die verloren habe, die anstatt einer Gottheit mich zu meinen Wünschen hinüber führen sollte, was bleibt mir übrig, als mich den bittersten Schmerzen zu überlassen? O mein Bruder, fuhr er fort, ich leugne nicht, sie war mir bey meinen heimlichen Anschlä¬ gen gen der Kloben, an den eine Strickleiter be¬ festigt ist; gefährlich hoffend schwebt der Abentheurer in der Luft, das Eisen bricht, und er liegt zerschmettert am Fuße seiner Wünsche. Es ist auch nun für mich kein Trost, keine Hofnung mehr! Ich werde, rief er aus, indem er aufsprang, von diesen un¬ glückseligen Papieren keines übrig lassen. Er faßte abermals ein Paar Hefte an, riß sie auf und warf sie ins Feuer. Werner wollte ihn abhalten, aber vergebens. Laß mich! rief Wilhelm, was sollen diese elenden Blät¬ ter? Für mich sind sie weder Stufe noch Aufmunterung mehr. Sollen sie übrig blei¬ ben, um mich bis ans Ende meines Lebens zu peinigen? Sollen sie vielleicht einmal der Welt zum Gespötte dienen, anstatt Mitlei¬ den und Schauer zu erregen? Weh über mich und über mein Schicksal! Nun verstehe ich erst die Klagen der Dichter, der aus W. Meisters Lehrj. O Noth weise gewordnen Traurigen. Wie lan¬ ge hielt ich mich für unzerstörbar, für un¬ verwundlich, und ach! nun seh ich, daß ein tiefer früher Schade nicht wieder auswach¬ sen, sich nicht wieder herstellen kann; ich fühle, daß ich ihn mit ins Grab nehmen muß. Nein! keinen Tag des Lebens soll der Schmerz von mir weichen, der mich noch zu¬ letzt umbringt, und auch ihr Andenken soll bey mir bleiben, mit mir leben und sterben, das Andenken der Unwürdigen — ach, mein Freund! wenn ich von Herzen reden soll — der gewiß nicht ganz Unwürdigen ! Ihr Stand, ihre Schicksale haben sie tausendmal bey mir entschuldigt. Ich bin zu grausam gewesen, du hast mich in deine Kälte, in dei¬ ne Härte unbarmherzig eingeweiht, meine zerrütteten Sinne gefangen gehalten und mich verhindert, das für sie und für mich zu thun, was ich uns beiden schuldig war. Wer weiß, in welchen Zustand ich sie ver¬ setzt habe, und erst nach und nach fällt mir’s auf's Gewissen, in welcher Verzweiflung, in welcher Hülflosigkeit ich sie verließ. War’s nicht möglich, daß sie sich entschuldigen konn¬ te? War’s nicht möglich? Wieviel Mißver¬ ständnisse können die Welt verwirren, wie¬ viel Umstände können dem größten Fehler Vergebung erflehen? — Wie oft denke ich mir sie, in der Stille für sich sitzend, auf ihren Ellenbogen gestützt. — Das ist, sagt sie, die Treue, die Liebe, die er mir zu¬ schwur! Mit diesem unsanften Schlag das schöne Leben zu endigen, das uns verband! — Er brach in einen Strom von Thränen aus, indem er sich mit dem Gesichte auf den Tisch warf, und die übergebliebenen Papiere benetzte. Werner stand in der größten Verlegen¬ heit dabey. Er hatte sich dieses rasche Auf¬ O 2 lodern der Leidenschaft nicht vermuthet. Et¬ lichemal wollte er seinem Freunde in die Rede fallen, etlichemal das Gespräch wo an¬ ders hinlenken, vergebens! er widerstand dem Strome nicht. Auch hier übernahm die ausdauernde Freundschaft wieder ihr Amt. Er ließ den heftigsten Anfall des Schmer¬ zens vorüber, indem er, durch seine stille Ge¬ genwart, eine aufrichtige reine Theilnehmung am besten sehen ließ, und so blieben sie die¬ sen Abend; Wilhelm ins stille Nachgefühl des Schmerzens versenkt, und der andere erschreckt durch den neuen Ausbruch einer Leidenschaft, die er lange bemeistert und durch guten Rath und eifriges Zureden über¬ wältigt zu haben glaubte. Drittes Capitel . N ach solchen Rückfällen pflegte Wilhelm meist nur desto eifriger sich den Geschäften und der Thätigkeit zu widmen, und es war der beste Weg, dem Labyrinthe, das ihn wie¬ der anzulocken suchte, zu entfliehen. Seine gute Art, sich gegen Fremde zu betragen, sei¬ ne Leichtigkeit, fast in allen lebenden Spra¬ chen Correspondenz zu führen, gaben seinem Vater und dessen Handelsfreunde immer mehr Hoffnung, und trösteten sie über die Krankheit, deren Ursache ihnen nicht bekannt geworden war, und über die Pause, die ihren Plan unterbrochen hatte. Man beschloß Wilhelms Abreise zum zweytenmal, und wir finden ihn auf seinem Pferde, den Mantel¬ sack hinter sich, erheitert durch freye Luft und Bewegung, dem Gebirge sich nähern, wo er einige Aufträge ausrichten sollte. Er durchstrich langsam Thäler und Berge mit der Empfindung des größten Vergnü¬ gens. Überhangende Felsen, rauschende Was¬ serbäche, bewachsene Wände, tiefe Gründe sah er hier zum erstenmal, und doch hatten seine frühsten Jugendträume schon in solchen Gegenden geschwebt. Er fühlte sich bey die¬ sem Anblicke wieder verjüngt, alle erduldete Schmerzen waren aus seiner Seele wegge¬ waschen, und mit völliger Heiterkeit sagte er sich Stellen aus verschiedenen Gedichten, be¬ sonders aus dem Pastor fido vor, die an diesen einsamen Plätzen schaarenweis seinem Gedächtnisse zuflossen. Auch erinnerte er sich mancher Stellen aus seinen eigenen Liedern, die er mit einer besondern Zufriedenheit rezi¬ tirte. Er belebte die Welt, die vor ihm lag, mit allen Gestalten der Vergangenheit, und jeder Schritt in die Zukunft war ihm voll Ahndung wichtiger Handlungen und merk¬ würdiger Begebenheiten. Mehrere Menschen, die, auf einander fol¬ gend, hinter ihm herkamen, an ihm mit ei¬ nem Gruße vorbeygingen, und den Weg ins Gebirge, durch steile Fußpfade, eilig fortsetz¬ ten, unterbrachen einigemal seine stille Unter¬ haltung, ohne daß er jedoch aufmerksam auf sie geworden wäre. Endlich gesellte sich ein gesprächiger Gefährte zu ihm, und erzählte die Ursache der starken Pilgerschaft. Zu Hochdorf, sagte er, wird heute Abend eine Comödie gegeben, wozu sich die ganze Nachbarschaft versammlet. Wie, rief Wilhelm, in diesen einsamen Gebirgen, zwischen diesen undurchdringlichen Wäldern hat die Schauspielkunst einen Weg gefunden, und sich einen Tempel aufgebaut? und ich muß zu ihrem Feste wallfahrten? Sie werden sich noch mehr wundern, sag¬ te der andere, wenn Sie hören, durch wen das Stück aufgeführt wird. Es ist eine große Fabrik in dem Orte, die viel Leute ernährt. Der Unternehmer, der so zu sagen von aller menschlichen Gesellschaft entfernt lebt, weiß seine Arbeiter im Winter nicht besser zu beschäftigen, als daß er sie veran¬ laßt hat, Comödie zu spielen. Er leidet kei¬ ne Karten unter ihnen, und wünscht sie auch sonst von rohen Sitten abzuhalten. So bringen sie die langen Abende zu, und heu¬ te, da des Alten Geburtstag ist, geben sie ihm zu Ehren eine besondere Festlichkeit. Wilhelm kam zu Hochdorf an, wo er übernachten sollte, und stieg bey der Fabrik ab, deren Unternehmer auch als Schuldner auf seiner Liste stand. Als er seinen Nahmen nannte, rief der Alte verwundert aus: ey, mein Herr, sind Sie der Sohn des braven Mannes, dem ich so viel Dank und bis jetzt noch Geld schul¬ dig bin? Ihr Herr Vater hat so viel Ge¬ duld mit mir gehabt, daß ich ein Bösewicht seyn müßte, wenn ich nicht eilig und fröhlich bezahlte. Sie kommen eben zur rechten Zeit, um zu sehen, daß es mir Ernst ist. Er rief seine Frau herbey, welche eben so erfreut war, den jungen Mann zu sehen; sie versicherte, daß er seinem Vater gleiche, und bedauerte, daß sie ihn wegen der vielen Fremden die Nacht nicht beherbergen könne. Das Geschäft war klar und bald berich¬ tigt, Wilhelm steckte ein Röllchen Gold in die Tasche, und wünschte, daß seine übrigen Geschäfte auch so leicht gehen möchten. Die Stunde des Schauspiels kam heran, man erwartete nur noch den Oberforstmeister, der endlich auch anlangte, mit einigen Jä¬ gern eintrat, und mit der größten Verehrung empfangen wurde. Die Gesellschaft wurde nunmehr ins Schauspielhaus geführt, wozu man eine Scheune eingerichtet hatte, die gleich am Garten lag. Haus und Theater waren, ohne sonderlichen Geschmack, munter und ar¬ tig genug angelegt. Einer von den Mah¬ lern, die auf der Fabrik arbeiteten, hatte bey dem Theater in der Residenz gehandlangt, und hatte nun Wald, Straße und Zimmer, freylich etwas roh, hingestellt. Das Stück hatten sie von einer herumziehenden Truppe geborgt, und nach ihrer eigenen Weise zu¬ recht geschnitten. So wie es war, unterhielt es. Die Intrigue, daß zwey Liebhaber ein Mädchen ihrem Vormunde und wechselsweise sich selbst entreissen wollen, brachte allerley interessante Situationen hervor. Es war das erste Stück, das unser Freund nach ei¬ ner so langen Zeit wieder sah; er machte mancherley Betrachtungen; es war voller Handlung, aber ohne Schilderung wahrer Charactere. Es gefiel und ergötzte. So sind die Anfänge aller Schauspielkunst. Der rohe Mensch ist zufrieden, wenn er nur etwas vorgehen sieht: der gebildete will empfinden, und Nachdenken ist nur dem ganz ausgebil¬ deten angenehm. Den Schauspielern hätte er hie und da gerne nachgeholfen; denn es fehlte nur we¬ nig, so hätten sie um vieles besser seyn können. In seinen stillen Betrachtungen störte ihn der Tabacksdampf, der immer stärker und stärker wurde. Der Oberforstmeister hatte bald nach Anfang des Stücks seine Pfeife angezündet, und nach und nach nahmen sich mehrere diese Freyheit heraus. Auch mach¬ ten die großen Hunde dieses Herrn schlimme Auftritte. Man hatte sie zwar ausgesperrt; allein sie fanden bald den Weg zur Hinter¬ thüre herein, liefen auf das Theater, rann¬ ten wider die Acteurs, und gesellten sich end¬ lich durch einen Sprung über das Orchester zu ihrem Herrn, der den ersten Platz im Parterr eingenommen hatte. Zum Nachspiel ward ein Opfer darge¬ bracht. Ein Portrait, das den Alten in sei¬ nem Bräutigamskleide vorstellte, stand auf einem Altar mit Kränzen behangen. Alle Schauspieler huldigten ihm in demuthsvollen Stellungen. Das jüngste Kind trat, weiß gekleidet, hervor, und hielt eine Rede in Versen, wodurch die ganze Familie und so¬ gar der Oberforstmeister, der sich dabey an seine Kinder erinnerte, zu Thränen bewegt wurde. So endigte sich das Stück, und Wilhelm konnte nicht umhin, das Theater zu besteigen, die Actricen in der Nähe zu besehen, sie wegen ihres Spiels zu loben, und ihnen auf die Zukunft einigen Rath zu geben. Die übrigen Geschäfte unsers Freundes, die er nach und nach in größeren und klei¬ neren Gebirgsorten verrichtete, liefen nicht alle so glücklich, noch so vergnügt ab. Man¬ che Schuldner baten um Aufschub, manche waren unhöflich, manche leugneten. Nach seinem Auftrage sollte er einige verklagen; er mußte einen Advokaten aufsuchen, diesen instruiren, sich vor Gericht stellen, und was dergleichen verdrießliche Geschäfte noch mehr waren. Eben so schlimm erging es ihm, wenn man ihm eine Ehre erzeigen wollte. Nur wenig Leute fand er, die ihn einigermaßen unterrichten konnten; wenige, mit denen er in ein nützliches Handelsverhältniß zu kom¬ men hofte. Da nun auch unglücklicherweise Regentage einfielen, und eine Reise zu Pferd in diesen Gegenden mit unerträglichen Be¬ schwerden verknüpft war; so dankte er dem Himmel, als er sich dem flachen Lande wie¬ der näherte, und am Fuße des Gebirges, in einer schönen und fruchtbaren Ebene, an ei¬ nem sanften Flusse, im Sonnenscheine, ein heiteres Landstädtchen liegen sah, in welchem er zwar keine Geschäfte hatte, aber eben des¬ wegen sich entschloß, ein Paar Tage daselbst zu verweilen, um sich und seinem Pferde, das von dem schlimmen Wege sehr gelitten hatte, einige Erholung zu verschaffen. Viertes Capitel. A ls er in einem Wirthshause auf dem Mark¬ te abtrat, ging es darin sehr lustig, wenig¬ stens sehr lebhaft zu. Eine große Gesell¬ schaft Seiltänzer, Springer und Gaukler, die einen starken Mann bey sich hatten, waren mit Weib und Kindern eingezogen, und mach¬ ten, indem sie sich auf eine öffentliche Er¬ scheinung bereiteten, einen Unfug über den andern. Bald stritten sie mit dem Wirthe, bald unter sich selbst, und wenn ihr Zank unleidlich war, so waren die Äusserungen ihres Vergnügens ganz und gar unerträglich. Unschlüssig, ob er gehen oder bleiben sollte, stand er unter dem Thore, und sah den Ar¬ beitern zu, die auf dem Platze ein Gerüst aufzuschlagen anfingen. Ein Mädchen, das Rosen und andere Blumen herumtrug, bot ihm ihren Korb dar, und er kaufte sich einen schönen Strauß, den er mit Liebhaberey anders band und mit Zufriedenheit betrachtete, als das Fenster ei¬ nes, an der Seite des Platzes stehenden, an¬ dern Gasthauses sich aufthat, und ein wohl¬ gebildetes Frauenzimmer sich an demselben zeigte. Er konnte ohngeachtet der Entfer¬ nung bemerken, daß eine angenehme Heiter¬ keit ihr Gesicht belebte. Ihre blonden Haare fielen nachlässig aufgelößt um ihren Nacken, sie schien sich nach dem Fremden umzusehen. Einige Zeit darauf trat ein junger Mensch, der eine Frisirschürze umgegürtet, und ein weißes Jäckchen an hatte, aus der Thüre jenes Hauses, ging auf Wilhelmen los, be¬ grüßte ihn und sagte, das Frauenzimmer am Fenster läßt Sie fragen, ob Sie ihr nicht einen Theil der schönen Blumen abtreten wol¬ wollen? — Sie stehn ihr alle zu Diensten, versetzte Wilhelm, indem er dem leichten Bo¬ ten das Bouquet überreichte, und zugleich der Schönen ein Kompliment machte, wel¬ ches sie mit einem freundlichen Gegengruß erwiederte, und sich vom Fenster zurückzog. Nachdenkend über dieses artige Aben¬ theuer ging er nach seinem Zimmer die Trep¬ pe hinauf, als ein junges Geschöpf ihm ent¬ gegen sprang, das seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein kurzes seidnes Westchen mit geschlitzten spanischen Ermeln, knappe, lange Beinkleider mit Puffen standen dem Kinde gar artig. Lange schwarze Haare waren in Locken und Zöpfen um den Kopf gekräuselt und gewunden. Er sah die Gestalt mit Ver¬ wunderung an, und konnte nicht mit sich ei¬ nig werden, ob er sie für einen Knaben oder für ein Mädchen erklären sollte. Doch ent¬ schied er sich bald für das letzte, und hielt W. Meisters Lehrj. P sie auf, da sie bey ihm vorbey kam, bot ihr einen guten Tag, und fragte sie, wem sie angehöre? ob er schon leicht sehen konnte, daß sie ein Glied der springenden und tan¬ zenden Gesellschaft seyn müsse. Mit einem scharfen, schwarzen Seitenblick sah sie ihn an, indem sie sich von ihm losmachte, und in die Küche lief, ohne zu antworten. Als er die Treppe hinauf kam, fand er auf dem weiten Vorsaale zwey Mannsper¬ sonen, die sich im Fechten übten, oder viel¬ mehr ihre Geschicklichkeit an einander zu ver¬ suchen schienen. Der eine war offenbar von der Gesellschaft, die sich im Hause befand, der andere hatte ein weniger wildes Ansehn. Wilhelm sah ihnen zu, und hatte Ursache, sie beide zu bewundern, und als nicht lange dar¬ auf der schwarzbärtige nervige Streiter den Kampfplatz verließ, bot der andere, mit vie¬ ler Artigkeit, Wilhelmen das Rappier an. Wenn Sie einen Schüler, versetzte dieser, in die Lehre nehmen wollen, so bin ich wohl zufrieden, mit Ihnen einige Gänge zu wa¬ gen. Sie fochten zusammen, und obgleich der Fremde dem Ankömmling weit überlegen war, so war er doch höflich genug zu versi¬ chern, daß alles nur auf Übung ankomme, und wirklich hatte Wilhelm auch gezeigt, daß er früher von einem guten und gründli¬ chen deutschen Fechtmeister unterrichtet wor¬ den war. Ihre Unterhaltung ward durch das Ge¬ töse unterbrochen, mit welchem die bunte Ge¬ sellschaft aus dem Wirthshause auszog, um die Stadt von ihrem Schauspiel zu benach¬ richtigen, und auf ihre Künste begierig zu machen. Einem Tambour folgte der Entre¬ preneur zu Pferde, hinter ihm eine Tänzerin auf einem ähnlichen Gerippe, die ein Kind vor sich hielt, das mit Bändern und Flin¬ P 2 tern wohl herausgeputzt war. Darauf kam die übrige Truppe zu Fuß, wovon einige auf ihren Schultern Kinder, in abentheuerlichen Stellungen, leicht und bequem daher trugen, unter denen die junge, schwarzköpfige, düstere Gestalt Wilhelms Aufmerksamkeit aufs neue erregte. Pagliasso lief unter der andringenden Menge drollig hin und her, und theilte mit sehr begreiflichen Späßen, indem er bald ein Mädchen küßte, bald einen Knaben pritschte, seine Zettel aus, und erweckte unter dem Volke eine unüberwindliche Begierde, ihn nä¬ her kennen zu lernen. In den gedruckten Anzeigen waren die mannichfaltigen Künste der Gesellschaft, be¬ sonders eines Monsieur Narciß und der Demoiselle Landrinette herausgestrichen, wel¬ che beide, als Hauptpersonen, die Klugheit gehabt hatten, sich von dem Zuge zu ent¬ halten, sich dadurch ein vornehmeres Ansehn zu geben, und größre Neugier zu erwecken. Während des Zuges hatte sich auch die schöne Nachbarin wieder am Fenster sehen lassen, und Wilhelm hatte nicht verfehlt, sich bey seinem Gesellschafter nach ihr zu erkun¬ digen. Dieser, den wir einstweilen Laertes nennen wollen, erbot sich, Wilhelmen zu ihr hinüber zu begleiten. Ich und das Frauen¬ zimmer, sagte er lächelnd, sind ein paar Trümmer einer Schauspielergesellschaft, die vor kurzem hier scheiterte. Die Anmuth des Orts hat uns bewogen, einige Zeit hier zu bleiben, und unsre wenige gesammelte Baar¬ schaft in Ruhe zu verzehren, indeß ein Freund ausgezogen ist, ein Unterkommen für sich und uns zu suchen. Laertes begleitete sogleich seinen neuen Bekannten zu Philinens Thüre, wo er ihn einen Augenblick stehen ließ, um in einem benachbarten Laden Zuckerwerk zu holen. Sie werden mir es gewiß danken, sagte er, indem er zurück kam, daß ich Ihnen diese artige Bekanntschaft verschaffe. Das Frauenzimmer kam ihnen auf ein paar leichten Pantöffelchen mit hohen Ab¬ sätzen aus der Stube entgegen getreten. Sie hatte eine schwarze Mantille über ein weißes Negligee geworfen, das, eben weil es nicht ganz reinlich war, ihr ein häusliches und bequemes Ansehn gab; ihr kurzes Röckchen ließ die niedlichsten Füße von der Welt sehen. Seyn Sie mir willkommen! rief sie Wil¬ helmen zu, und nehmen Sie meinen Dank für die schönen Blumen. Sie führte ihn mit der einen Hand ins Zimmer, indem sie mit der andern den Strauß an die Brust drückte. Als sie sich niedergesetzt hatten, und in gleichgültigen Gesprächen begriffen waren, denen sie eine reizende Wendung zu geben wußte, schüttete ihr Laertes gebrannte Man¬ deln in den Schooß, von denen sie sogleich zu naschen anfing. Sehn Sie, welch ein Kind dieser junge Mensch ist! rief sie aus, er wird Sie überreden wollen, daß ich eine große Freundin von solchen Näschereyen sey, und er ist’s, der nicht leben kann, ohne ir¬ gend etwas Leckeres zu genießen. Lassen Sie uns nur gestehn, versetzte Laertes, daß wir hierin, wie in mehrerem, einander gern Gesellschaft leisten. Zum Bey¬ spiel, sagte er, es ist heute ein sehr schöner Tag, ich dächte wir führen spatzieren und nähmen unser Mittagsmahl auf der Müh¬ le. — Recht gern, sagte Philine, wir müssen unserm neuen Bekannten eine kleine Verän¬ derung machen. Laertes sprang fort, denn er ging niemals, und Wilhelm wollte einen Augenblick nach Hause, um seine Haare, die von der Reise noch verworren aussahen, in Ordnung bringen zu lassen. Das können Sie hier, sagte sie, rief ihren kleinen Diener, nöthigte Wilhelmen auf die artigste Weise, seinen Rock auszuziehn, ihren Pudermantel anzulegen, und sich in ihrer Gegenwart fri¬ siren zu lassen. Man muß ja keine Zeit versäumen, sagte sie, man weiß nicht, wie lange man beysammen bleibt. Der Knabe, mehr trotzig und unwillig als ungeschickt, benahm sich nicht zum Be¬ sten, raufte Wilhelmen, und schien so bald nicht fertig werden zu wollen. Philine ver¬ wies ihm einigemal seine Unart, stieß ihn endlich ungeduldig hinweg, und jagte ihn zur Thüre hinaus. Nun übernahm sie selbst die Bemühung, und kräuselte die Haare unsers Freundes mit großer Leichtigkeit und Zierlichkeit, ob sie gleich auch nicht zu eilen schien, und bald dieses bald jenes an ihrer Arbeit auszusetzen hatte, indem sie nicht vermeiden konnte mit ihren Knieen die seini¬ gen zu berühren, und Strauß und Busen so nahe an seine Lippen zu bringen, daß er mehr als einmal in Versuchung gesetzt ward, einen Kuß darauf zu drücken. Als Wilhelm mit einem kleinen Puder¬ messer seine Stirne gereinigt hatte, sagte sie zu ihm: stecken Sie es ein, und gedenken Sie meiner dabey. Es war ein artiges Mes¬ ser; der Griff von eingelegten Stahl zeigte die freundlichen Worte: gedenkt mein . Wilhelm steckte es zu sich, dankte ihr, und bat um die Erlaubniß, ihr ein kleines Ge¬ gengeschenk machen zu dürfen. Nun war man fertig geworden. Laertes hatte die Kutsche gebracht, und nun begann eine sehr lustige Fahrt. Philine warf jedem Armen, der sie anbettelte, etwas zum Schla¬ ge hinaus, indem sie ihm zugleich ein mun¬ teres und freundliches Wort zurief. Sie waren kaum auf der Mühle ange¬ kommen, und hatten ein Essen bestellt, als eine Musik vor dem Hause sich hören ließ. Es waren Bergleute, die, zu Zitter und Tri¬ angel, mit lebhaften und grellen Stimmen, verschiedene artige Lieder vortrugen. Es dauerte nicht lange, so hatte eine herbeyströ¬ mende Menge einen Kreis um sie geschlossen, und die Gesellschaft nickte ihnen ihren Bey¬ fall aus den Fenstern zu. Als sie diese Auf¬ merksamkeit gesehen, erweiterten sie ihren Kreis, und schienen sich zu ihren wichtigsten Stückchen vorzubereiten. Nach einer Pause trat ein Bergmann mit einer Hacke hervor, und stellte, indeß die andern eine ernsthafte Melodie spielten, die Handlung des Schür¬ fens vor. Es währte nicht lange, so trat ein Bauer aus der Menge, und gab jenem pantomi¬ misch drohend zu verstehen, daß er sich von hier hinwegbegeben solle. Die Gesellschaft war darüber verwundert, und erkannte erst den, in einen Bauer verkleideten, Bergmann, als er den Mund aufthat, und in einer Art von Rezitativ den andern schalt, daß er wage, auf seinem Acker zu handthieren. Je¬ ner kam nicht aus der Fassung, sondern fing an, den Landmann zu belehren, daß er Recht habe hier einzuschlagen, und gab ihm dabey die ersten Begriffe vom Bergbau. Der Bauer, der die fremde Terminologie nicht verstand, that allerley alberne Fragen, worüber die Zuschauer, die sich klüger fühl¬ ten, ein herzliches Gelächter aufschlugen. Der Bergmann suchte ihn zu rectificiren, und bewies ihm den Vortheil, der zuletzt auch auf ihn fließe, wenn die unterirrdischen Schätze des Landes herausgewühlt würden. Der Bauer, der jenem zuerst mit Schlägen gedroht hatte, ließ sich nach und nach be¬ sänftigen, und sie schieden als gute Freunde von einander; besonders aber zog sich der Bergmann auf die honorabelste Art aus die¬ sem Streite. Wir haben, sagte Wilhelm bey Tische, an diesem kleinen Dialog das lebhafteste Beyspiel, wie nützlich allen Ständen das Theater seyn könnte, wie vielen Vortheil der Staat selbst daraus ziehen müßte, wenn man die Handlungen, Gewerbe und Unter¬ nehmungen der Menschen von ihrer guten, lobenswürdigen Seite und in dem Gesichts¬ punkte auf das Theater brächte, aus wel¬ chem sie der Staat selbst ehren und schützen muß. Jetzt stellen wir nur die lächerliche Seite der Menschen dar; der Lustspieldichter ist gleichsam nur ein hämischer Controlleur, der auf die Fehler seiner Mitbürger überall ein wachsames Auge hat, und froh zu seyn scheint, wenn er ihnen eins anhängen kann. Sollte es nicht eine angenehme und würdige Arbeit für einen Staatsmann seyn, den na¬ türlichen, wechselseitigen Einfluß aller Stän¬ de zu überschauen, und einen Dichter, der Humor genug hätte, bey seinen Arbeiten zu leiten? Ich bin überzeugt, es könnten auf diesem Wege manche sehr unterhaltende, zu¬ gleich nützliche und lustige Stücke ersonnen werden. So viel ich, sagte Laertes, überall wo ich herumgeschwärmt bin, habe bemerken kön¬ nen, weiß man nur zu verbieten, zu hindern und abzulehnen; selten aber zu gebieten, zu befördern und zu belohnen. Man läßt alles in der Welt gehn, bis es schädlich wird, dann zürnt man und schlägt drein. Laßt mir den Staat und die Staatsleute weg, sagte Philine, ich kann mir sie nicht anders als in Perücken vorstellen, und eine Perücke, es mag sie aufhaben wer da will erregt in meinen Fingern eine krampfhafte Bewegung; ich möchte sie gleich dem ehr¬ würdigen Herrn herunter nehmen, in der Stube herumspringen und den Kahlkopf aus¬ lachen. Mit einigen lebhaften Gesängen, welche sie sehr schön vortrug, schnitt Philine das Gespräch ab, und trieb zu einer schnellen Rückfahrt, damit man die Künste der Seil¬ tänzer am Abende zu sehen nicht versäumen möchte. Drollig bis zur Ausgelassenheit, setzte sie ihre Freygebigkeit gegen die Armen auf dem Heimwege fort, indem sie zuletzt, da ihr und ihren Reisegefährten das Geld ausging, einem Mädchen ihren Strohhut und einem alten Weibe ihr Halstuch zum Schlage hinaus warf. Philine lud beide Begleiter zu sich in ihre Wohnung, weil man, wie sie sagte, aus ihren Fenstern das öffentliche Schauspiel besser als im andern Wirthshause sehen könne. Als sie ankamen, fanden sie das Gerüst aufgeschlagen, und den Hintergrund mit auf¬ gehängten Teppichen geziert. Die Schwung¬ breter waren schon gelegt, das Schlappseil an die Pfosten befestigt, und das straffe Seil über die Böcke gezogen. Der Platz war ziemlich mit Volk gefüllt, und die Fen¬ ster mit Zuschauern einiger Art besetzt. Pagliaß bereitete erst die Versammlung mit einigen Albernheiten, worüber die Zu¬ schauer immer zu lachen pflegen, zur Auf¬ merksamkeit und guten Laune vor. Einige Kinder, deren Körper die seltsamsten Verren¬ kungen darstellten, erregten bald Verwunde¬ rung, bald Grausen, und Wilhelm konnte sich des tiefen Mitleidens nicht enthalten, als er das Kind, an dem er beym ersten Anblicke Theil genommen, mit einiger Mühe, die sonderbaren Stellungen hervorbringen sah. Doch bald erregten die lustigen Sprin¬ ger ein lebhaftes Vergnügen, wenn sie erst einzeln, dann hinter einander und zuletzt alle zusammen sich vorwärts und rückwärts in der Luft überschlugen. Ein lautes Hände¬ klatschen und Jauchzen erscholl aus der gan¬ zen Versammlung. Nun aber ward die Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand gewendet. Die Kinder, eins nach dem andern, mußten das Seil betreten, und zwar die Lehrlinge zuerst, damit sie durch ihre Übungen das Schauspiel verlängerten, und die Schwierigkeit der Kunst ins Licht setzten. Es zeigten sich auch einige Männer und erwachsene Frauenspersonen mit ziemlicher Geschicklichkeit; allein es war noch nicht Monsieur Narciß, noch nicht De¬ moiselle Landrinette. Endlich traten auch diese aus einer Art von von Zelt, hinter aufgespannten rothen Vor¬ hängen hervor, und erfüllten durch ihre an¬ genehme Gestalt und zierlichen Putz die bis¬ her glücklich genährte Hoffnung der Zu¬ schauer. Er , ein munteres Bürschchen von mittlerer Größe, schwarzen Augen und einem starken Haarzopf; sie , nicht weniger niedlich doch stark gebildet; beide zeigten sich nach einander auf dem Seile mit leichten Bewe¬ gungen, Sprüngen und seltsamen Posituren. Ihre Leichtigkeit, seine Verwegenheit, die Genauigkeit, womit beide ihre Kunststücke ausführten, erhöhten mit jedem Schritt und Sprung das allgemeine Vergnügen. Der Anstand, womit sie sich betrugen, die anschei¬ nende Bemühungen der andern um sie, ga¬ ben ihnen das Ansehn, als wenn sie Herr und Meister der ganzen Truppe wären, und jedermann hielt sie des Ranges werth. Die Begeisterung des Volks theilte sich W. Meisters Lehrj. Q den Zuschauern an den Fenstern mit, die Damen sahen unverwandt nach Narcissen, die Herrn nach Landrinetten. Das Volk jauchzte, und das feinere Publikum enthielt sich nicht des Klatschens, kaum daß man noch über Pagliassen lachte. Wenige nur schlichen sich weg, als einige von der Truppe, um Geld zu sammlen, sich mit zinnernen Tellern durch die Menge drängten. Sie haben ihre Sache, dünkt mich, gut gemacht, sagte Wilhelm zu Philinen, die bey ihm am Fenster lag, ich bewundere ihren Verstand, womit sie auch geringe Kunststück¬ chen, nach und nach und zur rechten Zeit an¬ gebracht, gelten zu machen wußten, und wie sie aus der Ungeschicklichkeit ihrer Kinder und aus der Virtuosität ihrer Besten ein Ganzes zusammen arbeiteten, das erst unsre Aufmerk¬ samkeit erregte, und dann uns auf das an¬ genehmste unterhielt. Das Volk hatte sich nach und nach ver¬ laufen, und der Platz war leer geworden, indeß Philine und Laertes über die Gestalt und die Geschicklichkeit Narcissens und Lan¬ drinettens in Streit geriethen, und sich wech¬ selsweise neckten. Wilhelm sah das wunder¬ bare Kind auf der Straße bey andern spie¬ lenden Kindern stehen, machte Philinen dar¬ auf aufmerksam, die sogleich, nach ihrer leb¬ haften Art, dem Kinde rief und winkte, und da es nicht kommen wollte, singend die Treppe hinunter klapperte und es herauf¬ führte. Hier ist das Räthsel, rief sie, als sie das Kind zur Thüre herein zog. Es blieb am Eingange stehen, eben als wenn es gleich wieder hinaus schlüpfen wollte, legte die rechte Hand vor die Brust, die linke vor die Stirn, und bückte sich tief. Fürchte dich nicht, liebe Kleine, sagte Wilhelm, indem er Q 2 auf sie los ging. Sie sah ihn mit unsicherm Blick an, und trat einige Schritte näher. Wie nennst du dich? fragte er. — Sie heißen mich Mignon. — Wie viel Jahre hast du? — Es hat sie niemand gezählt. — Wer war dein Vater? — Der große Teufel ist todt. — Nun das ist wunderlich genug! rief Phi¬ line aus. Man fragte sie noch einiges; sie brachte ihre Antworten in einem gebrochnen Deutsch und mit einer sonderbar feyerlichen Art vor, dabey legte sie jedesmal die Hände an Brust und Haupt, und neigte sich tief. Wilhelm konnte sie nicht genug ansehen. Seine Augen und sein Herz wurden unwi¬ derstehlich von dem geheimnißvollen Zustan¬ de dieses Wesens angezogen. Er schätzte sie zwölf bis dreyzehn Jahre; ihr Körper war gut gebaut, nur daß ihre Glieder einen stär¬ kern Wuchs versprachen, oder einen zurück¬ gehaltenen ankündigten. Ihre Bildung war nicht regelmäßig aber auffallend; ihre Stirne geheimnißvoll, ihre Nase ausserordentlich schön, und der Mund, ob er schon für ihr Alter zu sehr geschlossen schien, und sie manch¬ mal mit den Lippen nach einer Seite zuckte, noch immer treuherzig und reizend genug. Ihre bräunliche Gesichtsfarbe konnte man durch die Schminke kaum erkennen. Diese Gestalt prägte sich Wilhelmen sehr tief ein; er sah sie noch immer an, schwieg und ver¬ gaß der Gegenwärtigen über seinen Betrach¬ tungen. Philine weckte ihn aus seinem Halb¬ traume, indem sie dem Kinde etwas übrigge¬ bliebenes Zuckerwerk reichte, und ihm ein Zeichen gab, sich zu entfernen. Es machte seinen Bückling, wie oben, und fuhr blitz¬ schnell zur Thüre hinaus. Die Zeit kam nunmehr herbey, daß unse¬ re neue Bekannten sich für diesen Abend trennen sollten, und redeten vorher noch eine Spatzierfahrt auf den morgenden Tag ab. Sie wollten abermals an einem andern Orte, auf einem benachbarten Jägerhause, ihr Mit¬ tagsmahl einnehmen. Wilhelm sprach diesen Abend noch manches zu Philinens Lobe, wor¬ auf Laertes nur kurz und leichtsinnig ant¬ wortete. Den andern Morgen, als sie sich aber¬ mals eine Stunde im Fechten geübt hatten, gingen sie nach Philinens Gasthofe, vor wel¬ chem sie die bestellte Kutsche schon hatten an¬ fahren sehen. Aber wie verwundert war Wilhelm, als die Kutsche verschwunden, und wie noch mehr, als Philine nicht zu Hause, anzutreffen war. Sie hatte sich, so erzählte man, mit ein paar Fremden, die diesen Mor¬ gen angekommen waren, in den Wagen ge¬ setzt, und war mit ihnen davon gefahren. Unser Freund, der sich in ihrer Gesellschaft eine angenehme Unterhaltung versprochen hatte, konnte seinen Verdruß nicht verbergen. Dagegen lachte Laertes, und rief: so gefällt sie mir! das sieht ihr ganz ähnlich! Lassen Sie uns nur gerade nach dem Jagdhause gehen, sie mag seyn, wo sie will, wir wollen ihretwegen unsere Promenade nicht ver¬ säumen. Als Wilhelm unterweges diese Inconse¬ quenz des Betragens zu tadeln fortfuhr, sag¬ te Laertes: ich kann nicht inconsequent fin¬ den, wenn jemand seinem Character treu bleibt. Wenn sie sich etwas vornimmt oder jemanden etwas verspricht, so geschieht es nur unter der stillschweigenden Bedingung, daß es ihr auch bequem seyn werde, den Vorsatz auszuführen oder ihr Versprechen zu halten. Sie verschenkt gern, aber man muß immer bereit seyn, ihr das Geschenkte wieder zu geben. Dieß ist ein seltsamer Character, versetzte Nichts weniger als seltsam, nur daß sie keine Heuchlerin ist. Ich liebe sie deswegen, ja ich bin ihr Freund, weil sie mir das Ge¬ schlecht so rein darstellt, das ich zu hassen so viel Ursache habe. Sie ist mir die wahre Eva, die Stammmutter des weiblichen Ge¬ schlechts; so sind alle, nur wollen sie es nicht Wort haben. Unter mancherley Gesprächen, in welchen Laertes seinen Haß gegen das weibliche Ge¬ schlecht sehr lebhaft ausdruckte, ohne jedoch die Ursache davon anzugeben, waren sie in den Wald gekommen, in welchen Wilhelm sehr verstimmt eintrat, weil die Äusserungen des Laertes ihm die Erinnerung an sein Ver¬ hältniß zu Marianen wieder lebendig ge¬ macht hatten. Sie fanden nicht weit von einer beschatteten Quelle, unter herrlichen al¬ ten Bäumen, Philinen allein, an einem stei¬ nernen Tische, sitzen. Sie sang ihnen ein lustiges Liedchen entgegen, und als Laertes nach ihrer Gesellschaft fragte, rief sie aus: ich habe sie schön angeführt, ich habe sie zum Besten gehabt, wie sie es verdienten. Schon unterwegs setzte ich ihre Freygebigkeit auf die Probe, und da ich bemerkte, daß sie von den kargen Näschern waren, nahm ich mir gleich vor, sie zu bestrafen. Nach unsrer Ankunft fragten sie den Kellner, was zu ha¬ ben sey? der mit der gewöhnlichen Geläufig¬ keit seiner Zunge alles, was da war, und mehr als da war, hererzählte. Ich sah ihre Verlegenheit, sie blickten einander an, stot¬ terten, und fragten nach dem Preise. Was bedenken Sie sich lange, rief ich aus, die Tafel ist das Geschäft eines Frauenzimmers, lassen Sie mich dafür sorgen. Ich fing dar¬ auf an, ein unsinniges Mittagmahl zu be¬ stellen, wozu noch manches durch Boten aus der Nachbarschaft geholt werden sollte. Der Kellner, den ich durch ein paar schiefe Mäu¬ ler zum Vertrauten gemacht hatte, half mir endlich, und so haben wir sie durch die Vor¬ stellung eines herrlichen Gastmahls dergestalt geängstigt, daß sie sich kurz und gut zu ei¬ nem Spatziergange in den Wald entschlos¬ sen, von dem sie wohl schwerlich zurück kom¬ men werden. Ich habe eine Viertelstunde auf meine eigene Hand gelacht, und werde lachen, so oft ich an die Gesichter denke. Bey Tische erinnerte sie Laertes an ähnliche Fälle; sie kamen in den Gang, lustige Ge¬ schichten, Mißverständnisse und Prellereyen zu erzählen. Ein junger Mann, von ihrer Bekannt¬ schaft aus der Stadt, kam mit einem Buche durch den Wald geschlichen, setzte sich zu ihnen, und rühmte den schönen Platz. Er machte sie auf das Rieseln der Quelle, auf die Bewegung der Zweige, auf die einfallen¬ den Lichter und auf den Gesang der Vögel aufmerksam. Philine sang ein Liedchen vom Kuckuk, welches dem Ankömmling nicht zu behagen schien; er empfahl sich bald. Wenn ich nur nichts mehr von Natur und Naturscenen hören sollte, rief Philine aus, als er weg war, es ist nichts unerträg¬ licher, als sich das Vergnügen vorrechnen zu lassen, das man genießt. Wenn schön Wet¬ ter ist, geht man spatzieren, wie man tanzt, wenn aufgespielt wird. Wer mag aber nur einen Augenblick an die Musik, wer an’s schöne Wetter denken? Der Tänzer interes¬ sirt uns, nicht die Violine, und in ein paar schöne schwarze Augen zu sehen, thut einem paar blauen Augen gar zu wohl. Was sol¬ len dagegen Quellen und Brunnen, und alte morsche Linden! Sie sah, indem sie so sprach, Wilhelmen, der ihr gegenüber saß, mit ei¬ nem Blick in die Augen, dem er nicht weh¬ ren konnte, wenigstens bis an die Thüre sei¬ nes Herzens vorzudringen. Sie haben Recht, versetzte er mit einiger Verlegenheit, der Mensch ist dem Menschen das Interessanteste, und sollte ihn vielleicht ganz allein interessiren. Alles andere, was uns umgiebt, ist entweder nur Element, in dem wir leben, oder Werkzeug, dessen wir uns bedienen. Jemehr wir uns dabey auf¬ halten, jemehr wir darauf merken und Theil daran nehmen, desto schwächer wird das Ge¬ fühl unsers eignen Werthes und das Gefühl der Gesellschaft. Die Menschen, die einen großen Werth auf Gärten, Gebäude, Klei¬ der, Schmuck oder irgend ein Besitzthum le¬ gen, sind weniger gesellig und gefällig; sie verlieren die Menschen aus den Augen, wel¬ che zu erfreuen und zu versammlen nur sehr wenigen glückt. Sehn wir es nicht auch auf dem Theater? Ein guter Schauspieler macht uns bald eine elende, unschickliche Dekoration vergessen, dahingegen das schönste Theater den Mangel an guten Schauspielern erst recht fühlbar macht. Nach Tische setzte Philine sich in das be¬ schattete hohe Gras. Ihre beiden Freunde mußten ihr Blumen in Menge herbeyschaf¬ fen. Sie wand sich einen vollen Kranz, und setzte ihn auf; sie sah unglaublich reizend aus. Die Blumen reichten noch zu einem andern hin, auch den flocht sie, indem sich beide Männer neben sie setzten. Als er un¬ ter allerley Scherz und Anspielungen fertig geworden war, drückte sie ihn Wilhelmen mit der größten Anmuth auf’s Haupt, und rückte ihn mehr als einmal anders, bis er recht zu sitzen schien. Und ich werde, wie es scheint, leer ausgehen? sagte Laertes. Mit nichten, versetzte Philine. Ihr sollt Euch keinesweges beklagen. Sie nahm ihren Kranz vom Haupte, und setzte ihn Laertes auf. Wären wir Nebenbuhler, sagte dieser, so würden wir sehr heftig streiten können, wel¬ chen von beiden du am meisten begünstigst. Da wär’t ihr rechte Thoren, versetzte sie, indem sie sich zu ihm hinüberbog, und ihm den Mund zum Kuß reichte; sich aber so¬ gleich umwendete, ihren Arm um Wilhelmen schlang, und einen lebhaften Kuß auf seine Lippen drückte. Welcher schmeckt am besten? fragte sie neckisch. Wunderlich! rief Laertes. Es scheint als wenn so etwas niemals nach Wermuth schmek¬ ken könne. So wenig, sagte Philine, als irgend eine Gabe, die jemand ohne Neid und Eigensinn genießt. Nun hätte ich, rief sie aus, noch Lust, eine Stunde zu tanzen, und dann müs¬ sen wir wohl wieder nach unsern Springern sehen. Man ging nach dem Hause, und fand Musik daselbst. Philine, die eine gute Tän¬ zerin war, belebte ihre beiden Gesellschafter. Wilhelm war nicht ungeschickt, allein es fehl¬ te ihm an einer künstlichen Übung. Seine beiden Freunde nahmen sich vor, ihn zu un¬ terrichten. Man verspätete sich. Die Seiltänzer hatten ihre Künste schon zu produziren an¬ gefangen. Auf dem Platze hatten sich viele Zuschauer eingefunden, doch war unsern Freunden, als sie ausstiegen, ein Getümmel merkwürdig, das eine große Anzahl Men¬ schen nach dem Thore des Gasthofes, in welchem Wilhelm eingekehrt war, hingezo¬ gen hatte. Wilhelm sprang hinüber, um zu sehen, was es sey, und mit Entsetzen erblickte er, als er sich durch's Volk drängte, den Herrn der Seiltänzergesellschaft, der das in¬ teressante Kind bey den Haaren aus dem Hause zu schleppen bemüht war, und mit einem Peitschenstiel unbarmherzig auf den kleinen Körper losschlug. Wilhelm fuhr wie ein Blitz auf den Mann zu, und faßte ihn bey der Brust. Laß das Kind los! schrie er wie ein Rasen¬ der, oder einer von uns bleibt hier auf der Stelle. Er faßte zugleich den Kerl mit einer Gewalt, die nur der Zorn geben kann‚ bey der Kehle, daß dieser zu ersticken glaubte, das Kind losließ, und sich gegen den An¬ greifenden zu vertheidigen suchte. Einige Leute, die mit dem Kinde Mitleiden fühlten‚ aber Streit anzufangen nicht gewagt hat¬ ten, fielen dem Seiltänzer sogleich in die Arme, entwaffneten ihn, und drohten ihm mit vielen Schimpfreden. Dieser, der sich jetzt jetzt nur auf die Waffen seines Mundes re¬ duzirt sah, fing gräßlich zu drohen und zu fluchen an, die faule unnütze Kreatur wolle ihre Schuldigkeit nicht thun; sie verweigere den Eiertanz zu tanzen, den er dem Publiko versprochen habe; er wolle sie todtschlagen, und es solle ihn niemand daran hindern. Er suchte sich los zu machen, um das Kind, das sich unter der Menge verkrochen hatte, aufzusuchen. Wilhelm hielt ihn zurück, und rief: du sollst nicht eher dieses Geschöpf we¬ der sehen noch berühren, bis du vor Gericht Rechenschaft giebst, wo du es gestohlen hast; ich werde dich auf’s äusserste treiben, du sollst mir nicht entgehen. Diese Rede, wel¬ che Wilhelm in der Hitze, ohne Gedanken und Absicht, aus einem dunklen Gefühl, oder wenn man will, aus Inspiration ausgespro¬ chen hatte, brachte den wüthenden Menschen auf einmal zur Ruhe. Er rief: was hab’ W. Meisters Lehrj. R ich mit der unnützen Kreatur zu schaffen! Zahlen Sie mir, was mich ihre Kleider ko¬ sten, und Sie mögen sie behalten, wir wol¬ len diesen Abend noch einig werden. Er eilte darauf, die unterbrochene Vorstellung fortzusetzen, und die Unruhe des Publikums durch einige bedeutende Kunststücke zu be¬ friedigen. Wilhelm suchte nunmehr, da es stille ge¬ worden war, nach dem Kinde, das sich aber nirgends fand. Einige wollten es auf dem Boden, andere auf den Dächern der benach¬ barten Häuser gesehen haben. Nachdem man es aller Orten gesucht hatte, mußte man sich beruhigen, und abwarten, ob es nicht von selbst wieder herbey kommen wolle. Indeß war Narciß nach Hause gekom¬ men, welchen Wilhelm über die Schicksale und die Herkunft des Kindes befragte. Die¬ ser wußte nichts davon, denn er war nicht lange bey der Gesellschaft; erzählte dagegen mit großer Leichtigkeit und vielem Leichtsinne seine eigenen Schicksale. Als ihm Wilhelm zu dem großen Beyfall Glück wünschte, des¬ sen er sich zu erfreuen hatte, äusserte er sich sehr gleichgültig darüber. Wir sind gewohnt, sagte er, daß man über uns lacht, und unsre Künste bewundert; aber wir werden durch den ausserordentlichen Beyfall um nichts ge¬ bessert. Der Entrepreneur zahlt uns, und mag sehen, wie er zurechte kömmt. Er beur¬ laubte sich darauf, und wollte sich eilig ent¬ fernen. Auf die Frage, wo er so schnell hin wol¬ le? lächelte der junge Mensch, und gestand, daß seine Figur und Talente ihm einen soli¬ dern Beyfall zugezogen, als der des großen Publikums sey. Er habe von einigen Frauen¬ zimmern Botschaft erhalten, die sehr eifrig verlangten, ihn näher kennen zu lernen, und R 2 er fürchte, mit den Besuchen, die er abzule¬ gen habe, vor Mitternacht kaum fertig zu werden. Er fuhr fort mit der größten Auf¬ richtigkeit seine Abentheuer zu erzählen, und hätte die Namen, Straßen und Häuser an¬ gezeigt, wenn nicht Wilhelm eine solche In¬ discretion abgelehnt und ihn höflich entlassen hätte. Laertes hatte indessen Landrinetten unter¬ halten, und versicherte, sie sey vollkommen würdig, ein Weib zu seyn und zu bleiben. Nun ging die Unterhandlung mit dem Entrepreneur wegen des Kindes an, das un¬ serm Freunde für dreyßig Thaler überlassen wurde, gegen welche der schwarzbärtige hef¬ tige Italiener seine Ansprüche völlig abtrat; von der Herkunft des Kindes aber weiter nichts bekennen wollte, als daß er solches nach dem Tode seines Bruders, den man, wegen seiner ausserordentlichen Geschicklich¬ keit, den großen Teufel genannt, zu sich ge¬ nommen habe. Der andere Morgen ging meist mit Auf¬ suchen des Kindes hin. Vergebens durchkroch man alle Winkel des Hauses und der Nach¬ barschaft; es war verschwunden, und man fürchtete, es mögte in ein Wasser gesprun¬ gen seyn, oder sich sonst ein Leid angethan haben. Philinens Reize konnten die Unruhe un¬ sers Freundes nicht ableiten. Er brachte ei¬ nen traurigen nachdenklichen Tag zu. Auch des Abends, da Springer und Tänzer alle ihre Kräfte aufboten, um sich dem Publiko auf’s Beste zu empfehlen, konnte sein Ge¬ müth nicht erheitert und zerstreut werden. Durch den Zulauf aus benachbarten Ort¬ schaften hatte die Anzahl der Menschen aus¬ serordentlich zugenommen, und so wälzte sich auch der Schneeball des Beyfalls zu einer ungeheuren Größe. Der Sprung über die Degen und durch das Faß mit papiernen Böden machte eine große Sensation. Der starke Mann ließ zum allgemeinen Grausen, Entsetzen und Erstaunen, indem er sich mit dem Kopf und den Füßen auf ein Paar aus¬ einander geschobene Stühle legte, auf seinen hohlschwebenden Leib einen Ambos heben und auf demselben, von einigen wackern Schmiedegesellen, ein Hufeisen fertig schmie¬ den. Auch war die sogenannte Herkules-Stär¬ ke, da eine Reihe Männer auf den Schul¬ tern einer ersten Reihe stehend, abermals Frauen und Jünglinge trägt, so daß zuletzt eine lebendige Pyramide entsteht, deren Spitze ein Kind auf den Kopf gestellt, als Knopf und Wetterfahne ziert, in diesen Gegenden noch nie gesehen worden, und endigte wür¬ dig das ganze Schauspiel. Narciß und Lan¬ drinette ließen sich in Tragsesseln auf den Schultern der übrigen durch die vornehmsten Straßen der Stadt unter lautem Freuden¬ geschrey des Volks tragen. Man warf ihnen Bänder, Blumensträuße und seidene Tücher zu, und drängte sich, sie ins Gesicht zu fas¬ sen. Jedermann schien glücklich zu seyn, sie anzusehn, und von ihnen eines Blicks gewür¬ digt zu werden. Welcher Schauspieler, welcher Schriftstel¬ ler, ja welcher Mensch überhaupt würde sich nicht auf dem Gipfel seiner Wünsche sehen, wenn er durch irgend ein edles Wort oder eine gute That einen so allgemeinen Ein¬ druck hervorbrächte? Welche köstliche Em¬ pfindung müßte es seyn, wenn man gute, edle, der Menschheit würdige Gefühle eben so schnell durch einen elektrischen Schlag ausbreiten, ein solches Entzücken unter dem Volke erregen könnte, als diese Leute durch ihre körperliche Geschicklichkeit gethan haben; wenn man der Menge das Mitgefühl alles Menschlichen geben, wenn man sie mit der Vorstellung des Glücks und Unglücks, der Weisheit und Thorheit, ja des Unsinns und der Albernheit entzünden, erschüttern, und ihr stockendes Innere in freye, lebhafte und reine Bewegung setzen könnte! So sprach unser Freund, und da weder Philine noch Laertes gestimmt schienen, einen solchen Dis¬ kurs fortzusetzen, unterhielt er sich allein mit diesen Lieblingsbetrachtungen, als er bis spät in die Nacht um die Stadt spazierte, und seinen alten Wunsch, das Gute, Edle, Große durch das Schauspiel zu versinnlichen, wie¬ der einmal mit aller Lebhaftigkeit und aller Freyheit einer losgebundenen Einbildungs¬ kraft verfolgte. Fünftes Capitel. D es andern Tages, als die Seiltänzer mit großem Geräusch abgezogen waren, fand sich Mignon sogleich wieder ein, und trat hinzu, als Wilhelm und Laertes ihre Fechtübungen auf dem Saale fortsetzten. Wo hast du ge¬ steckt? fragte Wilhelm freundlich, du hast uns viel Sorge gemacht. Das Kind ant¬ wortete nichts, und sah ihn an. Du bist nun unser, rief Laertes, wir haben dich ge¬ kauft. — Was hast du bezahlt? fragte das Kind ganz trocken. — Hundert Dukaten, ver¬ setzte Laertes, wenn du sie wieder giebst, kannst du frey seyn. — Das ist wohl viel? fragte das Kind. — O ja, du magst dich nur gut aufführen. — Ich will dienen, ver¬ setzte sie. Von dem Augenblicke an merkte sie ge¬ nau, was der Kellner den beiden Freunden für Dienste zu leisten hatte, und litt schon des andern Tages nicht mehr, daß er ins Zimmer kam. Sie wollte alles selbst thun, und machte auch ihre Geschäfte zwar lang¬ sam und mit unter unbehülflich, doch genau und mit großer Sorgfalt. Sie stellte sich oft an ein Gefäß mit Wasser, und wusch ihr Gesicht mit so großer Emsigkeit und Heftigkeit, daß sie sich fast die Backen aufrieb, und Laertes erfuhr durch Fragen und Necken, daß sie die Schminke von ihren Wangen auf alle Weise los zu werden suche, und über dem Eifer, womit sie es that, die Röthe, die sie durchs Reiben hervorgebracht hatte, für die hartnäckigste Schminke halte. Man bedeutete sie, und sie ließ ab, und nachdem sie wieder zur Ruhe gekommen war, zeigte sich eine schöne brau¬ ne, obgleich nur von wenigem Roth erhöhte Gesichtsfarbe. Durch die frevelhaften Reize Philinens, durch die geheimnißvolle Gegenwart des Kin¬ des, mehr als er sich selbst gestehen durfte, unterhalten, brachte Wilhelm verschiedene Tage in dieser sonderbaren Gesellschaft zu, und rechtfertigte sich bey sich selbst durch eine fleißige Übung in der Fecht- und Tanz- Kunst, wozu er so leicht nicht wieder Gele¬ genheit zu finden glaubte. Nicht wenig verwundert, und gewisser¬ maßen erfreut war er, als er eines Tages Herrn und Frau Melina ankommen sah, welche, gleich nach dem ersten frohen Gruße, sich nach der Directrice und den übrigen Schauspielern erkundigten, und mit großem Schrecken vernahmen, daß jene sich schon lange entfernt habe, und diese bis auf weni¬ ge zerstreut seyen. Das junge Paar hatte sich nach ihrer Verbindung, zu der, wie wir wissen, Wil¬ helm behülflich gewesen, an einigen Orten nach Engagement umgesehen, keines gefun¬ den, und war endlich in dieses Städtchen gewiesen worden, wo einige Personen, die ihnen unterwegs begegneten, ein gutes Thea¬ ter gesehen haben wollten. Philinen wollte Madam Melina, und Herr Melina dem lebhaften Laertes, als sie Bekanntschaft machten, keinesweges gefallen. Sie wünschten die neuen Ankömmlinge gleich wieder los zu seyn, und Wilhelm konnte ihnen keine günstige Gesinnungen beybrin¬ gen, ob er ihnen gleich wiederholt versicherte, daß es recht gute Leute seyen. Eigentlich war auch das bisherige lustige Leben unsrer drey Abentheurer durch die Er¬ weiterung der Gesellschaft auf mehr als eine Weise gestört; denn Melina fing im Wirths¬ hause (er hatte in eben demselben, in wel¬ chem Philine wohnte, Platz gefunden) gleich zu markten und zu quängeln an. Er wollte für weniges Geld besseres Quartier, reichli¬ chere Mahlzeit und promptere Bedienung haben. In kurzer Zeit machten Wirth und Kellner verdrießliche Gesichter, und wenn die andern, um froh zu leben, sich alles gefallen ließen, und nur geschwind bezahlten, um nicht länger an das zu denken, was schon verzehrt war; so mußte die Mahlzeit, die Melina regelmäßig sogleich berichtigte, jeder¬ zeit von vorn wieder durchgenommen wer¬ den, so daß Philine ihn, ohne Umstände, ein wiederkäuendes Thier nannte. Noch verhaßter war Madam Melina dem lustigen Mädchen. Diese junge Frau war nicht ohne Bildung, doch fehlte es ihr gänzlich an Geist und Seele. Sie deklamir¬ te nicht übel, und wollte immer deklamiren; allein man merkte bald, daß es nur eine Wortdeklamation war, die auf einzelne Stel¬ len lastete, und die Empfindung des Ganzen nicht ausdruckte. Bey diesem allen war sie nicht leicht jemanden, besonders Männern, unangenehm. Vielmehr schrieben ihr diejeni¬ gen, die mit ihr umgingen, gewöhnlich einen schönen Verstand zu; denn sie war, was ich mit Einem Worte eine Anempfinderinn nennen möchte; sie wußte einem Freunde, um dessen Achtung ihr zu thun war, mit einer besondern Aufmerksamkeit zu schmei¬ cheln, in seine Ideen so lange als möglich einzugehen; so bald sie aber ganz über ihren Horizont waren, mit Extase eine solche neue Erscheinung aufzunehmen. Sie verstand zu sprechen und zu schweigen, und ob sie gleich kein tückisches Gemüth hatte, mit großer Vor¬ sicht aufzupassen, wo des andern schwache Seite seyn möchte. Sechstes Capitel. M elina hatte sich indessen nach den Trüm¬ mern der vorigen Direction genau erkundigt. Sowohl Dekorationen als Garderobe waren an einige Handelsleute versetzt, und ein No¬ tarius hatte den Auftrag von der Directrice erhalten, unter gewissen Bedingungen, wenn sich Liebhaber fänden, in den Verkauf aus freyer Hand zu willigen. Melina wollte die Sachen besehen, und zog Wilhelmen mit sich. Dieser empfand, als man ihnen die Zimmer eröffnete, eine gewisse Neigung dazu, die er sich jedoch selbst nicht gestand. In so einem schlechten Zustande auch die geklecksten Dekorationen waren, so wenig scheinbar auch türkische und heidnische Kleider, alte Karika¬ tur–Röcke für Männer und Frauen, Kutten für Zauberer, Juden und Pfaffen seyn moch¬ ten; so konnt’ er sich doch der Empfindung nicht erwehren, daß er die glücklichsten Au¬ genblicke seines Lebens in der Nähe eines ähnlichen Trödelkrams gefunden hatte. Hät¬ te Melina in sein Herz sehen können, so würde er ihm eifriger zugesetzt haben, eine Summe Geldes auf die Befreyung, Aufstel¬ lung und neue Belebung dieser zerstreuten Glieder zu einem schönen Ganzen herzuge¬ ben. Welch ein glücklicher Mensch, rief Melina aus, könnte ich seyn, wenn ich nur zwey hundert Thaler besäße, um zum An¬ fange den Besitz dieser ersten theatralischen Bedürfnisse zu erlangen. Wie bald wollt’ ich ein kleines Schauspiel beysammen haben, das uns in dieser Stadt, in dieser Gegend gewiß sogleich ernähren sollte. Wilhelm schwieg, und beide verließen nachdenklich die wieder eingesperrten Schätze. Me¬ Melina hatte von dieser Zeit an keinen andern Diskurs als Projecte und Vorschlä¬ ge, wie man ein Theater einrichten, und da¬ bey seinen Vortheil finden könnte. Er such¬ te Philinen und Laertes zu interessiren, und man that Wilhelmen Vorschläge, Geld her¬ zuschießen, und Sicherheit dagegen anzuneh¬ men. Diesem fiel aber erst bey dieser Gele¬ genheit recht auf, daß er hier so lange nicht hätte verweilen sollen; er entschuldigte sich, und wollte Anstalten machen, seine Reise fortzusetzen. Indessen war ihm Mignons Gestalt und Wesen immer reizender geworden. In allem seinem Thun und Lassen hatte das Kind et¬ was sonderbares. Es ging die Treppe we¬ der auf noch ab, sondern sprang; es stieg auf den Geländern der Gänge weg, und eh' man sich’s versah, saß es oben auf dem Schranke, und blieb eine Weile ruhig. Auch W. Meisters Lehrj. S hatte Wilhelm bemerkt, daß es für jeden eine besondere Art von Gruß hatte. Ihn grüßte sie, seit einiger Zeit, mit über die Brust geschlagenen Armen. Manche Tage war sie ganz stumm, zu Zeiten antwortete sie mehr auf verschiedene Fragen, immer son¬ derbar, doch so, daß man nicht unterscheiden konnte, ob es Witz oder Unkenntniß der Sprache war, indem sie ein gebrochnes mit französisch und italienisch durchflochtenes Deutsch sprach. In seinem Dienste war das Kind unermüdet, und früh mit der Sonne auf; es verlor sich dagegen Abends zeitig, schlief in einer Kammer auf der nackten Erde, und war durch nichts zu bewegen, ein Bette oder einen Strohsack anzunehmen. Er fand sie oft, daß sie sich wusch. Auch ihre Klei¬ der waren reinlich, obgleich alles fast doppelt und dreyfach an ihr geflickt war. Man sag¬ te Wilhelmen auch, daß sie alle Morgen ganz früh in die Messe gehe, wohin er ihr einmal folgte, und sie in der Ecke der Kirche mit dem Rosenkranze knien und andächtig beten sah. Sie bemerkte ihn nicht, er ging nach Hause, machte sich vielerley Gedanken über diese Gestalt, und konnte sich bey ihr nichts bestimmtes denken. Neues Andringen Melinas um eine Sum¬ me Geldes, zur Auslösung der mehr erwähn¬ ten Theatergeräthschaften, bestimmte Wil¬ helmen noch mehr, an seine Abreise zu den¬ ken. Er wollte den Seinigen, die lange nichts von ihm gehört hatten, noch mit dem heuti¬ gen Posttage schreiben, er fing auch wirklich einen Brief an Wernern an, und war mit Erzählung seiner Abenteuer, wobey er, ohne es selbst zu bemerken, sich mehrmal von der Wahrheit entfernt hatte, schon ziemlich weit gekommen, als er, zu seinem Verdruß, auf der hintern Seite des Briefblatts schon eini¬ S 2 ge Verse geschrieben fand, die er für Ma¬ dam Melina aus seiner Schreibtafel zu co¬ piren angefangen hatte. Unwillig zerriß er das Blatt und verschob die Wiederholung seines Bekenntnisses auf den nächsten Post¬ tag. Siebentes Capitel . U nsre Gesellschaft befand sich abermals bey¬ sammen, und Philine, die auf jedes Pferd, das vorbey kam, auf jeden Wagen, der an¬ fuhr, äusserst aufmerksam war, rief mit gro¬ ßer Lebhaftigkeit: unser Pedant! da kommt unser allerliebster Pedant! Wen mag er bey sich haben? Sie rief und winkte zum Fenster hinaus, und der Wagen hielt stille. Ein kümmerlich armer Teufel, den man an seinem verschabten, graulich-braunem Rocke und an seinen übelconditionirten Un¬ terkleidern für einen Magister, wie sie auf Akademien zu vermodern pflegen, hätte hal¬ ten sollen, stieg aus dem Wagen, und ent¬ blößte, indem er Philinen zu grüßen den Hut abthat, eine übelgepuderte, aber übri¬ gens sehr steife Perrücke, und Philine warf ihm hundert Kußhände zu. So wie sie ihre Glückseligkeit fand, einen Theil der Männer zu lieben und ihrer Liebe zu genießen; so war das Vergnügen nicht viel geringer, das sie sich so oft als möglich gab, die übrigen, die sie eben in diesem Au¬ genblicke nicht liebte, auf eine sehr leichtfer¬ tige Weise zum Besten zu haben. Über den Lärm, womit sie diesen alten Freund empfing, vergaß man auf die übri¬ gen zu achten, die ihm nachfolgten. Doch glaubte Wilhelm die zwey Frauenzimmer und einen ältlichen Mann, der mit ihnen hereintrat, zu kennen. Auch entdeckte sich’s bald, daß er sie alle drey, vor einigen Jah¬ ren, bey der Gesellschaft, die in seiner Vater¬ stadt spielte, mehrmals gesehen hatte. Die Töchter waren seit der Zeit heran gewach¬ sen; der Alte aber hatte sich wenig verän¬ dert. Dieser spielte gewöhnlich die gutmü¬ thigen, polternden Alten, wovon das deut¬ sche Theater nicht leer wird, und die man auch im gemeinen Leben nicht selten antrift. Denn da es der Character unsrer Landsleute ist, das Gute ohne viel Prunk zu thun und zu leisten; so denken sie selten daran, daß es auch eine Art gebe, das Rechte mit Zier¬ lichkeit und Anmuth zu thun, und verfallen vielmehr, von einem Geiste des Widerspruchs getrieben, leicht in den Fehler, durch ein mürrisches Wesen, ihre liebste Tugend im Contraste darzustellen. Solche Rollen spielte unser Schauspieler sehr gut, und er spielte sie so oft und aus¬ schließlich, daß er darüber eine ähnliche Art sich zu betragen im gemeinen Leben ange¬ nommen hatte. Wilhelm gerieth in große Bewegung, so¬ bald er ihn erkannte, denn er erinnerte sich, wie oft er diesen Mann neben seiner gelieb¬ ten Mariane auf dem Theater gesehen hat¬ te; er hörte ihn noch schelten, er hörte ihre schmeichelnde Stimme, mit der sie seinem rauhen Wesen in manchen Rollen zu be¬ gegnen hatte. Die erste lebhafte Frage an die neuen Ankömmlinge, ob ein Unterkommen aus¬ wärts zu finden und zu hoffen sey? ward leider mit nein beantwortet, und man mußte vernehmen, daß die Gesellschaften, bey denen man sich erkundigt, besetzt, und einige davon sogar in Sorgen seyen, wegen des bevorste¬ henden Krieges auseinander gehen zu müs¬ sen. Der polternde Alte hatte mit seinen Töchtern aus Verdruß und Liebe zur Ab¬ wechselung ein vortheilhaftes Engagement aufgegeben, hatte mit dem Pedanten, den er unterwegs antraf, einen Wagen gemiethet, um hieher zu kommen, wo denn auch, wie sie fanden, guter Rath theuer war. Die Zeit, in welcher sich die übrigen über ihre Angelegenheiten sehr lebhaft unterhiel¬ ten, brachte Wilhelm nachdenklich zu. Er wünschte den Alten allein zu sprechen, wünschte und fürchtete von Marianen zu hören, und befand sich in der größten Un¬ ruhe. Die Artigkeiten der neuangekommenen Frauenzimmer konnten ihn nicht aus seinem Traume reissen; aber ein Wortwechsel, der sich erhub, machte ihn aufmerksam. Es war Friedrich, der blonde Knabe, der Philinen aufzuwarten pflegte, sich aber diesmal leb¬ haft widersetzte, als er den Tisch decken und Essen herbeyschaffen sollte. Ich habe mich verpflichtet, rief er aus, Ihnen zu dienen, aber nicht allen Menschen aufzuwarten. Sie geriethen darüber in einen heftigen Streit. Philine bestand darauf, er habe seine Schul¬ digkeit zu thun, und als er sich hartnäckig widersetzte, sagte sie ihm ohne Umstände, er könne gehn, wohin er wolle. Glauben Sie etwa, daß ich mich nicht von Ihnen entfernen könne? rief er aus, ging trotzig weg, machte seinen Bündel zu¬ sammen, und eilte sogleich zum Hause hin¬ aus. Geh, Mignon, sagte Philine, und schaff uns, was wir brauchen; sag es dem Kellner, und hilf aufwarten. Mignon trat vor Wilhelm hin, und frag¬ te in seiner lakonischen Art: soll ich? darf ich? und Wilhelm versetzte: thu mein Kind, was Mademoiselle dir sagt. Das Kind besorgte alles, und wartete den ganzen Abend mit großer Sorgfalt den Gästen auf. Nach Tische suchte Wilhelm mit dem Alten einen Spatziergang allein zu machen; es gelang ihm, und nach mancher¬ ley Fragen, wie es ihm bisher gegangen? wendete sich das Gespräch auf die ehmalige Gesellschaft, und Wilhelm wagte zuletzt nach Marianen zu fragen. Sagen Sie mir nichts von dem abscheu¬ lichen Geschöpf! rief der Alte, ich habe ver¬ schworen, nicht mehr an sie zu denken. Wil¬ helm erschrak über diese Äußerung, war aber noch in größerer Verlegenheit, als der Alte fortfuhr, auf ihre Leichtfertigkeit und Lieder¬ lichkeit zu schmählen. Wie gern hätte unser Freund das Gespräch abgebrochen; allein er mußte nun einmal die polternden Ergießun¬ gen des wunderlichen Mannes aushalten. Ich schäme mich, fuhr dieser fort, daß ich ihr so geneigt war. Doch hätten Sie das Mädchen näher gekannt, Sie würden mich gewiß entschuldigen. Sie war so artig, na¬ türlich und gut, so gefällig und in jedem Sinne leidlich. Nie hätt’ ich mir vorgestellt, daß Frechheit und Undank die Hauptzüge ihres Characters seyn sollten. Schon hatte sich Wilhelm gefaßt gemacht, das Schlimmste von ihr zu hören, als er auf einmal mit Verwunderung bemerkte, daß der Ton des Alten milder wurde, seine Rede endlich stockte, und er ein Schnupftuch aus der Tasche nahm, um die Thränen zu trock¬ nen, die zuletzt seine Rede völlig unter¬ brachen. Was ist Ihnen? rief Wilhelm aus. Was giebt Ihren Empfindungen auf einmal eine so entgegengesetzte Richtung? Verbergen Sie mir es nicht, ich nehme an dem Schicksale dieses Mädchens mehr Antheil als Sie glau¬ ben, nur lassen Sie mich alles wissen. Ich habe wenig zu sagen, versetzte der Alte, indem er wieder in seinen ernstlichen, verdrießlichen Ton überging ich werde es ihr nie vergeben, was ich um sie geduldet habe. Sie hatte, fuhr er fort, immer ein gewisses Zutrauen zu mir; ich liebte sie wie meine Tochter, und hatte, da meine Frau noch lebte, den Entschluß gefaßt, sie zu mir zu nehmen, und sie aus den Händen der Alten zu retten, von deren Anleitung ich mir nicht viel Gutes versprach. Meine Frau starb, das Project zerschlug sich. Gegen das Ende des Aufenthalts in Ihrer Vaterstadt, es sind nicht gar drey Jahre, merkte ich ihr eine sichtbare Traurig¬ keit an; ich fragte sie, aber sie wich aus. Endlich machten wir uns auf die Reise. Sie fuhr mit mir in Einem Wagen, und ich be¬ merkte, was sie mir auch bald gestand, daß sie guter Hoffnung sey, und in der größten Furcht schwebe, von unserm Director ver¬ stoßen zu werden. Auch dauerte es nur kur¬ ze Zeit, so machte er die Entdeckung, kün¬ digte ihr den Contract, der ohnedies nur auf sechs Wochen stand, sogleich auf, zahlte was sie zu fordern hatte, und ließ sie, aller Vorstellungen ungeachtet, in einem kleinen Städtchen, in einem schlechten Wirthshause zurück. Der Henker hole alle liederliche Dirnen! rief der Alte mit Verdruß, und besonders diese, die mir so manche Stunde meines Le¬ bens verdorben hat. Was soll ich lange er¬ zählen, wie ich mich ihrer angenommen, was ich für sie gethan, was ich an sie gehängt, wie ich auch in der Abwesenheit für sie ge¬ sorgt habe. Ich wollte lieber mein Geld in den Teich werfen, und meine Zeit anwenden, räudige Hunde zu erziehen, als nur jemals wieder auf so ein Geschöpf die mindeste Auf¬ merksamkeit zu wenden. Was war’s? Im Anfang erhielt ich Danksagungsbriefe, Nach¬ richt von einigen Orten ihres Aufenthalts, und zuletzt kein Wort mehr, nicht einmal Dank für das Geld, das ich ihr zu ihren Wochen geschickt hatte. O die Verstellung und der Leichtsinn der Weiber ist so recht zusammengepaart, um ihnen ein bequemes Leben, und einem ehrlichen Kerl manche ver¬ drießliche Stunde zu schaffen! Achtes Capitel. M an denke sich Wilhelms Zustand, als er von dieser Unterredung nach Hause kam. Alle seine alten Wunden waren wieder auf¬ gerissen, und das Gefühl, daß sie seiner Liebe nicht ganz unwürdig gewesen, wieder lebhaft geworden; denn in dem Interesse des Alten, in dem Lobe, das er ihr wider Willen geben mußte, war unserm Freunde ihre ganze Lie¬ benswürdigkeit wieder erschienen; ja selbst die heftige Anklage des leidenschaftlichen Mannes enthielt nichts, das sie vor Wil¬ helms Augen hätte herabsetzen können. Denn dieser bekannte sich selbst als Mitschuldigen ihrer Vergehungen, und ihr Schweigen zu¬ letzt schien ihm nicht tadelhaft, er machte sich vielmehr nur traurige Gedanken darüber, sah sah sie als Wöchnerin, als Mutter in der Welt ohne Hülfe herumirren, wahrscheinlich mit seinem eigenen Kinde herumirren. Vor¬ stellungen, welche das schmerzlichste Gefühl in ihm erregten. Mignon hatte auf ihn gewartet, und leuchtete ihn die Treppe hinauf. Als sie das Licht niedergesetzt hatte, bat sie ihn, zu erlauben, daß sie ihm heute Abend mit einem Kunststücke aufwarten dürfe. Er hätte es lieber verbeten, besonders da er nicht wußte, was es werden sollte. Allein er konnte die¬ sem guten Geschöpfe nichts abschlagen. Nach einer kurzen Zeit trat sie wieder herein. Sie trug einen Teppich unter dem Arme, den sie auf der Erde ausbreitete. Wilhelm ließ sie gewähren. Sie brachte darauf vier Lichter, stellte eins in jeden Winkel des Teppichs. Ein Körbchen mit Eiern, das sie darauf hol¬ te, machte die Absicht deutlicher. Künstlich W. Meisters Lehrj. T abgemessen schritt sie nunmehr auf dem Tep¬ pich hin und her, und legte in gewissen Maaßen die Eier auseinander, dann rief sie einen Menschen herein, der im Hause auf¬ wartete und die Violine spielte. Er trat mit seinem Instrumente in die Ecke, sie verband sich die Augen, gab das Zeichen, und fing zugleich mit der Musik, wie ein aufgezoge¬ nes Räderwerk, ihre Bewegungen an, indem sie Takt und Melodie mit dem Schlage der Castagnetten begleitete. Behende, leicht, rasch, genau führte sie den Tanz. Sie trat so scharf und so sicher zwischen die Eier hinein, bey den Eiern nie¬ der, daß man jeden Augenblick dachte, sie müsse eins zertreten, oder bey schnellen Wen¬ dungen das andre fortschleudern. Mit nich¬ ten! Sie berührte keines, ob sie gleich mit allen Arten von Schritten, engen und wei¬ ten, ja sogar mit Sprüngen, und zuletzt halb kniend sich durch die Reihen durch¬ wand. Unaufhaltsam, wie ein Uhrwerk, lief sie ihren Weg, und die sonderbare Musik gab dem immer wieder von vorne anfangenden und losrauschenden Tanze bey jeder Wieder¬ holung einen neuen Stoß. Wilhelm war von dem sonderbaren Schauspiele ganz hin¬ gerissen, er vergas seiner Sorgen, folgte je¬ der Bewegung der geliebten Creatur, und war verwundert, wie in diesem Tanze sich ihr Charakter vorzüglich entwickelte. Streng, scharf, trocken, heftig, und in sanften Stellungen mehr feyerlich als ange¬ nehm, zeigte sie sich. Er empfand, was er schon für Mignon gefühlt, in diesem Augen¬ blicke auf einmal. Er sehnte sich, dieses ver¬ lassene Wesen an Kindesstatt seinem Herzen einzuverleiben, es in seine Arme zu nehmen, T 2 und mit der Liebe eines Vaters Freude des Lebens in ihm zu erwecken. Der Tanz ging zu Ende; sie rollte die Eier mit den Füßen sachte zusammen auf ein Häufchen, ließ keines zurück, beschädigte keines, und stellte sich dazu, indem sie die Binde von den Augen nahm, und ihr Kunst¬ stück mit einem Bücklinge endigte. Wilhelm dankte ihr, daß sie ihm den Tanz, den er zu sehen gewünscht, so artig und unvermuthet vorgetragen habe. Er streichelte sie, und bedauerte, daß sie sich’s habe so sauer werden lassen. Er versprach ihr ein neues Kleid, worauf sie heftig ant¬ wortete: deine Farbe! Auch das versprach er ihr, ob er gleich nicht deutlich wußte, was sie darunter meyne. Sie nahm die Eier zu¬ sammen, den Teppich unter den Arm, fragte ob er noch etwas zu befehlen habe, und schwang sich zur Thüre hinaus. Von dem Musicus erfuhr er, daß sie sich seit einiger Zeit viele Mühe gegeben, ihm den Tanz, welches der bekannte Fandango war, so lange vorzusingen, bis er ihn habe spielen können. Auch habe sie ihm für seine Bemühungen etwas Geld angeboten, das er aber nicht nehmen wollen. Neuntes Capitel. N ach einer unruhigen Nacht, die unser Freund theils wachend, theils von schweren Träumen geängstigt, zubrachte, in denen er Marianen bald in aller Schönheit, bald in kümmerlicher Gestalt, jetzt mit einem Kinde auf dem Arm, bald desselben beraubt sah, war der Morgen kaum angebrochen, als Mignon schon mit einem Schneider herein¬ trat. Sie brachte graues Tuch und blauen Taffet, und erklärte nach ihrer Art, daß sie ein neues Westchen und Schifferhosen, wie sie solche an den Knaben in der Stadt gese¬ hen, mit blauen Aufschlägen und Bändern haben wolle. Wilhelm hatte seit dem Verlust Maria¬ nens alle muntere Farben abgelegt. Er hat¬ te sich an das Grau, an die Kleidung der Schatten, gewöhnt, und nur etwa ein him¬ melblaues Futter oder ein kleiner Kragen von dieser Farbe belebte einigermaßen jene stille Kleidung. Mignon, begierig seine Far¬ be zu tragen, trieb den Schneider, der in kurzem die Arbeit zu liefern versprach. Die Tanz– und Fecht–Stunden, die un¬ ser Freund heute mit Laertes nahm, wollten nicht zum Besten glücken. Auch wurden sie bald durch Melinas Ankunft unterbrochen, der umständlich zeigte, wie jetzt eine kleine Gesellschaft beysammen sey, mit welcher man schon Stücke genug aufführen könne. Er erneuerte seinen Antrag, daß Wilhelm eini¬ ges Geld zum Etablissement vorstrecken solle, wobey dieser auch wie vormals seine Unent¬ schlossenheit zeigte. Philine und die Mädchen kamen bald hierauf mit Lachen und Lärmen herein. Sie hatten sich abermals eine Spatzierfahrt aus¬ gedacht. Denn Veränderung des Orts und der Gegenstände war eine Lust, nach der sie sich immer sehnten. Täglich an’ einem an¬ dern Orte zu essen, war ihr höchster Wunsch. Diesmal sollte es eine Wasserfahrt werden. Das Schiff, womit sie die Krümmungen des angenehmen Flusses hinunterfahren woll¬ ten, war schon durch den Pedanten bestellt. Philine trieb, die Gesellschaft zauderte nicht, und war bald eingeschifft. Was fangen wir nun an? sagte Philine, indem sich alle auf die Bänke niedergelassen hatten. Das Kürzeste wäre, versetzte Laertes, wir extemporirten ein Stück. Nehme jeder eine Rolle, die seinem Character am angemessen¬ sten ist, und wir wollen sehen, wie es uns gelingt. Fürtrefflich! sagte Wilhelm, denn in einer Gesellschaft, in der man sich nicht verstellt, in welcher jedes nur seinem Sinne folgt, kann Anmuth und Zufriedenheit nicht lange wohnen, und wo man sich immer verstellt, dahin kommen sie gar nicht. Es ist also nicht übel gethan, wir geben uns die Ver¬ stellung gleich von Anfange zu, und sind nachher unter der Maske so aufrichtig, als wir wollen. Ja, sagte Laertes, deswegen geht sich’s so angenehm mit Weibern um, die sich nie¬ mals in ihrer natürlichen Gestalt sehen lassen. Das macht, versetzte Madam Melina, daß sie nicht so eitel sind wie Männer, wel¬ che sich einbilden, sie seyen schon immer lie¬ benswürdig genug, wie sie die Natur her¬ vorgebracht hat. Indessen war man zwischen angenehmen Büschen und Hügeln, zwischen Gärten und Weinbergen hingefahren, und die jungen Frauenzimmer, besonders aber Madam Me¬ lina, druckten ihr Entzücken über die Gegend aus. Letztre fing sogar ein artiges Gedicht von der beschreibenden Gattung über eine ähnliche Naturscene feyerlich herzusagen an allein Philine unterbrach sie, und schlug ein Gesetz vor, daß sich niemand unterfangen solle, von einem unbelebten Gegenstande zu sprechen; sie setzte vielmehr den Vorschlag zur extemporirten Komödie mit Eifer durch. Der polternde Alte sollte einen pensionirten Officier, Laertes einen vacirenden Fechtmei¬ ster, der Pedant einen Juden vorstellen; sie selbst wolle eine Tyrolerin machen, und über¬ ließ den übrigen sich ihre Rollen zu wählen. Man sollte fingiren, als ob sie eine Gesell¬ schaft weltfremder Menschen seyen, die so eben auf einem Marktschiffe zusammen komme. Sie fing sogleich mit dem Juden ihre Rolle zu spielen an, und eine allgemeine Heiterkeit verbreitete sich. Man war nicht lange gefahren, als der Schiffer stille hielt, um mit Erlaubniß der Gesellschaft noch jemand einzunehmen, der am Ufer stand, und gewinkt hatte. Das ist eben noch, was wir brauchten, rief Philine, ein blinder Passagier fehlte noch der Reisegesellschaft. Ein wohlgebildeter Mann stieg in das Schiff, den man an seiner Kleidung und sei¬ ner ehrwürdigen Miene wohl für einen Geist¬ lichen hätte nehmen können. Er begrüßte die Gesellschaft, die ihm nach ihrer Weise dankte, und ihn bald mit ihrem Scherz be¬ kannt machte. Er nahm darauf die Rolle eines Landgeistlichen an, die er zur Verwun¬ derung aller auf das artigste durchsetzte, in¬ dem er bald ermahnte, bald Histörchen er¬ zählte, einige schwache Seiten blicken ließ, und sich doch im Respekt zu erhalten wußte. Indessen hatte jeder, der nur ein einzi¬ gesmal aus seinem Character herausgegan¬ gen war, ein Pfand geben müssen. Philine hatte sie mit großer Sorgfalt gesammlet, und besonders den geistlichen Herrn mit vielen Küssen bey der künftigen Einlösung bedroht, ob er gleich selbst nie in Strafe genommen ward. Melina dagegen war völlig ausge¬ plündert, Hemdenknöpfe und Schnallen, und alles was Bewegliches an seinem Leibe war‚ hatte Philine zu sich genommen. Denn er wollte einen reisenden Engländer vorstellen, und konnte auf keine Weise in seine Rolle hineinkommen. Die Zeit war indeß auf das angenehmste vergangen, jedes hatte seine Einbildungskraft und seinen Witz auf’s möglichste angestrengt, und jedes seine Rolle mit angenehmen und unterhaltenden Scherzen ausstaffirt. So kam man an dem Orte an, wo man sich den Tag über aufhalten wollte, und Wilhelm ge¬ rieth mit dem Geistlichen, wie wir ihn, sei¬ nem Aussehn und seiner Rolle nach, nennen wollen, auf dem Spatziergange bald in ein interessantes Gespräch. Ich finde diese Übung, sagte der Unbe¬ kannte, unter Schauspielern, ja in Gesell¬ schaft von Freunden und Bekannten, sehr nützlich. Es ist die beste Art, die Menschen aus sich heraus und durch einen Umweg wie¬ der in sich hinein zu führen. Es sollte bey jeder Truppe eingeführt seyn, daß sie sich manchmal auf diese Weise üben müßte, und das Publikum würde gewiß dabey gewinnen, wenn alle Monate ein nicht geschriebenes Stück aufgeführt würde, worauf sich freylich die Schauspieler in mehreren Proben mü߬ ten vorbereitet haben. Man dürfte sich, versetzte Wilhelm, ein extemporirtes Stück nicht als ein solches den¬ ken, das aus dem Stegreife sogleich compo¬ nirt würde, sondern als ein solches, wovon zwar Plan, Handlung und Scenen-Einthei¬ lung gegeben wären, dessen Ausführung aber dem Schauspieler überlassen bliebe. Ganz richtig, sagte der Unbekannte, und eben was diese Ausführung betrifft, würde ein solches Stück, sobald die Schauspieler nur einmal im Gang wären, ausserordentlich gewinnen. Nicht die Ausführung durch Worte, denn durch diese muß freylich der überlegende Schriftsteller seine Arbeit zieren, sondern die Ausführung durch Gebährden und Minen, Ausrufungen und was dazu ge¬ hört; kurz das stumme, halblaute Spiel, welches nach und nach bey uns ganz verlo¬ ren zu gehen scheint. Es sind wohl Schau¬ spieler in Deutschland, deren Körper das zeigt, was sie denken und fühlen, die durch Schweigen, Zaudern, durch Winke, durch zarte anmuthige Bewegungen des Körpers eine Rede vorzubereiten, und die Pausen des Gesprächs durch eine gefällige Pantomime mit dem Ganzen zu verbinden wissen; aber eine Übung, die einem glücklichen Naturell zu Hülfe käme, und es lehrte, mit dem Schriftsteller zu wetteifern, ist nicht so im Gange, als es zum Troste derer, die das Theater besuchen, wohl zu wünschen wäre. Sollte aber nicht, versetzte Wilhelm, ein glückliches Naturell, als das erste und letzte, einen Schauspieler, wie jeden andern Künst¬ ler, ja vielleicht wie jeden Menschen, allein zu einem so hochaufgesteckten Ziele bringen? Das erste und letzte, Anfang und Ende möchte es wohl seyn und bleiben; aber in der Mitte dürfte dem Künstler manches feh¬ len, wenn nicht Bildung das erst aus ihm macht, was er seyn soll, und zwar frühe Bildung; denn vielleicht ist derjenige, dem man Genie zuschreibt, übler daran als der, der nur gewöhnliche Fähigkeiten besitzt; denn jener kann leichter verbildet und viel hefti¬ ger auf falsche Wege gestoßen werden, als dieser. Aber, versetzte Wilhelm, wird das Genie sich nicht selbst retten, die Wunden, die es sich geschlagen, selbst heilen? Mit nichten, versetzte der andere, oder wenigstens nur nothdürftig; denn niemand glaube die ersten Eindrücke der Jugend ver¬ winden zu können. Ist er in einer löblichen Freyheit, umgeben von schönen und edlen Gegenständen, in dem Umgange mit guten Menschen aufgewachsen, haben ihn seine Meister das gelehrt, was er zuerst wissen mußte, um das übrige leichter zu begreifen, hat er gelernt, was er nie zu verlernen braucht, wurden seine ersten Handlungen so geleitet, daß er das Gute künftig leichter und bequemer vollbringen kann, ohne sich ir irgend etwas abgewöhnen zu müssen; so wird dieser Mensch ein reineres, vollkomm¬ neres und glücklicheres Leben führen, als ein anderer, der seine ersten Jugendkräfte im Widerstand und im Irrthum zugesetzt hat. Es wird so viel von Erziehung gesprochen und geschrieben, und ich sehe nur wenig Menschen, die den einfachen aber großen Begriff, der alles andere in sich schließt, fassen und in die Ausführung übertragen können. Das mag wohl wahr seyn, sagte Wil¬ helm, denn jeder Mensch ist beschränkt ge¬ nug, den andern zu seinem Ebenbild erzie¬ hen zu wollen. Glücklich sind diejenigen da¬ her, deren sich das Schicksal annimmt, das jeden nach seiner Weise erzieht! Das Schicksal, versetzte lächelnd der an¬ dere, ist ein vornehmer, aber theurer Hof¬ meister. Ich würde mich immer lieber an W. Meisters Lehrj. U die Vernunft eines menschlichen Meisters hal¬ ten. Das Schicksal, für dessen Weisheit ich alle Ehrfurcht trage, mag an dem Zufall, durch den es wirkt, ein sehr ungelenkes Or¬ gan haben. Denn selten scheint dieser genau und rein auszuführen, was jenes beschlossen hatte. Sie scheinen einen sehr sonderbaren Ge¬ danken auszusprechen, versetzte Wilhelm. Mit nichten! Das meiste, was in der Welt begegnet, rechtfertigt meine Meinung. Zeigen viele Begebenheiten im Anfange nicht einen großen Sinn, und gehen die meisten nicht auf etwas albernes hinaus? Sie wollen scherzen. Und ist es nicht, fuhr der andere fort, mit dem, was einzelnen Menschen begegnet, eben so? Gesetzt, das Schicksal hätte einen zu einem guten Schauspieler bestimmt, (und warum sollt’ es uns nicht auch mit guten Schauspielern versorgen?) unglücklicherweise führte der Zufall aber den jungen Mann in ein Puppenspiel, wo er sich früh nicht ent¬ halten könnte, an etwas Abgeschmackten Theil zu nehmen, etwas Albernes leidlich, wohl gar interessant zu finden, und so die jugend¬ lichen Eindrücke, welche nie verlöschen, denen wir eine gewisse Anhänglichkeit nie entziehen können, von einer falschen Seite zu em¬ pfangen. Wie kommen Sie auf’s Puppenspiel? fiel ihm Wilhelm mit einiger Bestürzung ein. Es war nur ein willkürliches Beyspiel; wenn es Ihnen nicht gefällt, so nehmen wir ein anderes. Gesetzt das Schicksal hätte ei¬ nen zu einem großen Mahler bestimmt, und dem Zufall beliebte es, seine Jugend in schmutzige Hütten, Ställe und Scheunen zu verstoßen, glauben Sie, daß ein solcher Mann sich jemals zur Reinlichkeit, zum U 2 Adel, zur Freyheit der Seele erheben werde? Mit je lebhafterm Sinne er das Unreine in seiner Jugend angefaßt, und nach seiner Art veredelt hat, desto gewaltsamer wird es sich in der Folge seines Lebens an ihm rächen, indem es sich, inzwischen daß er es zu über¬ winden suchte, mit ihm auf's innigste ver¬ bunden hat. Wer früh in schlechter unbe¬ deutender Gesellschaft gelebt hat, wird sich, wenn er auch später eine bessere haben kann, immer nach jener zurücksehnen deren Ein¬ druck ihm, zugleich mit der Erinnerung ju¬ gendlicher, nur selten zu wiederholender Freu¬ den, geblieben ist. Man kann denken, daß unter diesem Ge¬ spräche sich nach und nach die übrige Gesell¬ schaft entfernt hatte. Besonders war Phili¬ ne gleich vom Anfang auf die Seite getre¬ ten. Man kam durch einen Seitenweg zu ihnen zurück. Philine brachte die Pfänder hervor, welche auf allerley Weise gelöst werden mußten, wobey der Fremde sich durch die artigsten Erfindungen und durch eine ungezwungene Theilnahme der ganzen Gesellschaft, und besonders den Frauenzim¬ mern, sehr empfahl, und so flossen die Stun¬ den des Tages unter Scherzen, Singen, Küs¬ sen und allerley Neckereyen auf das ange¬ nehmste vorbey. Zehntes Capitel. A ls sie sich wieder nach Hause begeben woll¬ ten, sahen sie sich nach ihrem Geistlichen um; allein er war verschwunden, und an keinem Orte zu finden. Es ist nicht artig von dem Manne, der sonst viel Lebensart zu haben scheint, sagte Madam Melina, eine Gesellschaft, die ihn so freundlich aufgenommen, ohne Abschied zu verlassen. Ich habe mich die ganze Zeit her schon besonnen, sagte Laertes, wo ich diesen sonder¬ baren Mann schon ehemals möchte gesehen haben. Ich war eben im Begriff, ihn beym Abschiede darüber zu befragen. Mir ging es eben so, versetzte Wilhelm, und ich hätte ihn gewiß nicht entlassen, bis er uns etwas Näheres von seinen Umstän¬ den entdeckt hätte. Ich müßte mich sehr ir¬ ren, wenn ich ihn nicht schon irgendwo ge¬ sprochen hätte. Und doch könntet ihr euch, sagte Philine, darin wirklich irren. Dieser Mann hat ei¬ gentlich nur das falsche Ansehn eines Be¬ kannten, weil er aussieht wie ein Mensch, und nicht wie Hans oder Kunz. Was soll das heißen, sagte Laertes, sehen wir nicht auch aus wie Menschen? Ich weiß, was ich sage, versetzte Philine, und wenn ihr mich nicht begreift, so laßt’s gut seyn. Ich werde nicht am Ende noch gar meine Worte auslegen sollen. Zwey Kutschen fuhren vor. Man lobte die Sorgfalt des Laertes, der sie bestellt hat¬ te. Philine nahm neben Madam Melina Wilhelmen gegenüber Platz, und die übrigen richteten sich ein, so gut sie konnten. Laertes selbst ritt auf Wilhelms Pferde, das auch mit heraus gekommen war, nach der Stadt zurück. Philine saß kaum in dem Wagen, als sie artige Lieder zu singen und das Gespräch auf Geschichten zu lenken wußte, von denen sie behauptete, daß sie mit Glück dramatisch behandelt werden könnten. Durch diese klu¬ ge Wendung hatte sie gar bald ihren jungen Freund in seine beste Laune gesetzt, und er komponirte aus dem Reichthum seines leben¬ digen Bildervorraths sogleich ein ganzes Schauspiel mit allen seinen Akten, Scenen, Characteren und Verwicklungen. Man fand für gut, einige Arien und Gesänge einzuflech¬ ten; man dichtete sie und Philine, die in al¬ les einging, paßte ihnen gleich bekannte Me¬ lodien an, und sang sie aus dem Stegreife. Sie hatte eben heute ihren schönen, sehr schönen Tag, sie wußte mit allerley Necke¬ reyen unsern Freund zu beleben; es ward ihm wohl, wie es ihm lange nicht gewesen war. Seitdem ihn jene grausame Entdeckung von der Seite Marianens gerissen hatte, war er dem Gelübde treu geblieben, sich vor der zusammenschlagenden Falle einer weibli¬ chen Umarmung zu hüthen, das treulose Ge¬ schlecht zu meiden, seine Schmerzen, seine Neigung, seine süßen Wünsche in seinem Busen zu verschließen. Die Gewissenhaftig¬ keit, womit er dieß Gelübde beobachtete, gab seinem ganzen Wesen eine geheime Nahrung, und wenn sein Herz nicht ohne Theilneh¬ mung bleiben konnte, so ward eine liebevolle Mittheilung nun zum Bedürfnisse. Er ging wieder wie von dem ersten Jugendnebel be¬ gleitet umher, seine Augen faßten jeden rei¬ zenden Gegenstand mit Freuden auf, und nie war sein Urtheil über eine liebenswürdige Gestalt schonender gewesen. Wie gefährlich ihm in einer solchen Lage das verwegene Mädchen werden mußte, läßt sich leider nur zu gut einsehen. Zu Hause fanden sie auf Wilhelms Zim¬ mer schon alles zum Empfang bereit, die Stühle zu einer Vorlesung zurechte gestellt, und den Tisch in die Mitte gesetzt, auf wel¬ chem der Punschnapf seinen Platz nehmen sollte. Die deutschen Ritterstücke waren damals eben neu, und hatten die Aufmerksamkeit und Neigung des Publikums an sich gezo¬ gen. Der alte Polterer hatte eines dieser Art mitgebracht, und die Vorlesung war be¬ schlossen worden. Man setzte sich nieder. Wilhelm bemächtigte sich des Exemplars, und fing zu lesen an. Die geharnischten Ritter, die alten Bur¬ gen, die Treuherzigkeit, Rechtlichkeit und Redlichkeit, besonders aber die Unabhängig¬ keit der handelnden Personen wurden mit großem Beyfall aufgenommen. Der Vorle¬ ser that sein Möglichstes, und die Gesell¬ schaft kam ganz ausser sich. Zwischen dem zweyten und dritten Akte kam der Punsch in einem großen Napfe, und da in dem Stücke selbst sehr viel getrunken und ange¬ stoßen wurde; so war nichts natürlicher, als daß die Gesellschaft, bey jedem solchen Falle, sich lebhaft an den Platz der Helden versetz¬ te, gleichfalls anstieß, und die Günstlinge unter den handelnden Personen hoch leben ließ. Jedermann war von dem Feuer des edel¬ sten Nationalgeistes entzündet. Wie sehr ge¬ fiel es dieser deutschen Gesellschaft, sich, ihrem Character gemäß, auf eignem Grund und Boden poetisch zu ergötzen! Besonders tha¬ ten die Gewölbe und Keller, die verfallenen Schlösser, das Moos und die hohlen Bäume, über alles aber die nächtlichen Zigeunerscenen und das heimliche Gericht eine ganz un¬ glaubliche Wirkung. Jeder Schauspieler sah nun, wie er bald in Helm und Harnisch, jede Schauspielerin, wie sie mit einem großen stehenden Kragen ihre Deutschheit vor dem Publiko produziren werde. Jeder wollte sich sogleich einen Namen aus dem Stücke oder aus der deutschen Geschichte zueignen, und Madam Melina betheuerte, Sohn oder Toch¬ ter, wozu sie Hoffnung hatte, nicht anders als Adelbert oder Mathilde taufen zu lassen. Gegen den fünften Akt ward der Beyfall lärmender und lauter, ja zuletzt, als der Held wirklich seinem Unterdrücker entging, und der Tyrann gestraft wurde, war das Entzücken so groß, daß man schwur, man habe nie so glückliche Stunden gehabt. Melina, den der Trank begeistert hatte, war der lauteste, und da der zweyte Punschnapf geleert war, und Mitternacht herannahete, schwur Laertes hoch und theuer, es sey kein Mensch würdig, an diese Gläser jemals wieder eine Lippe zu setzen, und warf mit dieser Betheuerung sein Glas hinter sich und durch die Scheiben auf die Gasse hinaus. Die übrigen folgten sei¬ nem Beyspiele, und ohnerachtet der Protesta¬ tionen des Wirthes, der herbeylief, wurde der Punschnapf selbst, der nach einem solchen Feste durch unheiliges Getränk nicht wieder entweiht werden sollte, in tausend Stücke ge¬ schlagen. Philine, der man ihren Rausch am wenigsten ansah, indeß die beiden Mäd¬ chen nicht in den anständigsten Stellungen auf dem Kanape lagen, reizte die andern mit Schadenfreude zum Lärm. Madam Me¬ lina rezitirte einige erhabene Gedichte, und ihr Mann, der im Rausche nicht sehr liebens¬ würdig war, fing an auf die schlechte Berei¬ tung des Punsches zu schelten, versicherte, daß er ein Fest ganz anders einzurichten ver¬ stehe, und ward zuletzt, als Laertes Still¬ schweigen gebot, immer gröber und lauter, so daß dieser, ohne sich lange zu bedenken, ihm die Scherben des Napfs an den Kopf warf, und dadurch den Lärm nicht wenig vermehrte. Indessen war die Schaarwache herbey ge¬ kommen, und verlangte ins Haus eingelassen zu werden. Wilhelm, vom Lesen sehr erhitzt, ob er gleich nur wenig getrunken, hatte ge¬ nug zu thun, um mit Beyhülfe des Wirths die Leute durch Geld und gute Worte zu be¬ friedigen, und die Glieder der Gesellschaft in ihren mißlichen Umständen nach Hause zu schaffen. Er warf sich, als er zurück kam, vom Schlafe überwältigt, voller Unmuth, unausgekleidet auf’s Bette, und nichts glich der unangenehmen Empfindung, zu der er des andern Morgens erwachte, und, als er die Augen aufschlug, mit düsterm Blick auf die Verwüstungen des vergangenen Tages, den Unrath und die bösen Wirkungen hin¬ sah, die ein geistreiches, lebhaftes und wohl¬ gemeyntes Dichterwerk hervorgebracht hatte. Eilftes Capitel . N ach einem kurzen Bedenken rief er sogleich den Wirth herbey, und ließ sowohl den Schaden als die Zeche auf seine Rechnung schreiben. Zugleich vernahm er nicht ohne Verdruß, daß sein Pferd von Laertes gestern bey dem Hereinreiten dergestalt angegriffen worden, daß es wahrscheinlich, wie man zu sagen pflegt, verschlagen habe, und daß der Schmidt wenig Hoffnung zu seinem Aufkom¬ men gebe. Ein Gruß von Philinen, den sie ihm aus ihrem Fenster zuwinkte, versetzte ihn dagegen wieder in einen heitern Zustand, und er ging sogleich in den nächsten Laden, um ihr ein kleines Geschenk, das er ihr gegen das Pu¬ dermesser noch schuldig war, zu kaufen, und wir wir müssen bekennen, er hielt sich nicht in den Grenzen eines proportionirten Gegenge¬ schenks. Er kaufte ihr nicht allein ein Paar sehr niedliche Ohrringe, sondern nahm dazu noch einen Hut und Halstuch, und einige andere Kleinigkeiten, die er sie den ersten Tag hatte verschwenderisch wegwerfen sehen. Madam Melina, die ihn eben als er seine Gaben überreichte, zu beobachten kam, suchte noch vor Tische eine Gelegenheit, ihn sehr ernstlich über die Empfindung für dieses Mädchen zur Rede zu setzen, und er war um so erstaunter, als er nichts weniger als diese Vorwürfe zu verdienen glaubte. Er schwur hoch und theuer, daß es ihm keines¬ wegs eingefallen sey, sich an diese Person, deren ganzen Wandel er wohl kenne, zu wenden, er entschuldigte sich so gut er konnte über sein freundliches und artiges Betragen gegen sie, und befriedigte Madam Melina W. Meisters Lehrj. X auf keine Weise, vielmehr ward diese immer verdrießlicher, da sie bemerken mußte, daß die Schmeicheley, wodurch sie sich eine Art von Neigung unsers Freundes erworben hat¬ te, nicht hinreiche, diesen Besitz gegen die Angriffe einer lebhaften, jüngern und von der Natur glücklicher begabten Person zu vertheidigen. Ihren Mann fanden sie gleichfalls, da sie zu Tische kamen, bey sehr üblem Humor, und er fing schon an, ihn über Kleinigkeiten auszulassen, als der Wirth hereintrat und einen Harfenspieler anmeldete. Sie werden, sagte er, gewiß Vergnügen an der Musik und an den Gesängen dieses Mannes finden, es kann sich niemand, der ihn hört, enthal¬ ten, ihn zu bewundern, und ihm etwas we¬ niges mitzutheilen. Lassen Sie ihn weg, versetzte Melina, ich bin nichts weniger als gestimmt einen Leyer¬ mann zu hören, und wir haben allenfalls Sänger unter uns, die gern etwas verdien¬ ten. Er begleitete diese Worte mit einem tückischen Seitenblicke, den er auf Philinen warf. Sie verstand ihn, und war gleich be¬ reit, zu seinem Verdruß, den angemeldeten Sänger zu beschützen. Sie wendete sich zu Wilhelmen, und sagte, sollen wir den Mann nicht hören, sollen wir nichts thun, um uns aus der erbärmlichen Langenweile zu retten? Melina wollte ihr antworten, und der Streit wäre lebhafter geworden, wenn nicht Wilhelm den im Augenblick hereintretenden Mann begrüßt und ihn herbeygewinkt hätte. Die Gestalt dieses seltsamen Gastes setzte die ganze Gesellschaft in Erstaunen, und er hatte schon von einem Stuhle Besitz genom¬ men, ehe jemand ihn zu fragen oder sonst etwas vorzubringen das Herz hatte. Sein kahler Scheitel war von wenig grauen Haa¬ X 2 ren umkränzt, große blaue Augen blickten sanft unter langen weißen Augenbraunen hervor. An eine wohlgebildete Nase schloß sich ein langer weißer Bart an, ohne die ge¬ fällige Lippe zu bedecken, und ein langes dunkelbraunes Gewand umhüllte den schlan¬ ken Körper vom Halse bis zu den Füßen, und so fing er auf der Harfe, die er vor sich genommen hatte, zu präludiren an. Die angenehmen Töne, die er aus dem Instrumente hervorlockte, erheiterten gar bald die Gesellschaft. Ihr pflegt auch zu singen, guter Alter, sagte Philine. Gebt uns etwas, das Herz und Geist zu¬ gleich mit den Sinnen ergötze, sagte Wil¬ helm. Das Instrument sollte nur die Stim¬ me begleiten; denn Melodien, Gänge und Läufe ohne Worte und Sinn, scheinen mir Schmetterlingen oder schönen bunten Vögeln ähnlich zu seyn, die in der Luft vor unsern Augen herum schweben, die wir allenfalls haschen und uns zueignen mögten; da sich der Gesang dagegen wie ein Genius gen Himmel hebt, und das bessere Ich in uns ihn zu begleiten anreizt. Der Alte sah Wilhelmen an, alsdann in die Höhe, that einige Griffe auf der Harfe, und begann sein Lied. Es enthielt ein Lob auf den Gesang, pries das Glück der Sän¬ ger, und ermahnte die Menschen, sie zu ehren. Er trug das Lied mit so viel Leben und Wahrheit vor, daß es schien, als hätte er es in diesem Augenblicke und bey diesem An¬ lasse gedichtet. Wilhelm enthielt sich kaum, ihm um den Hals zu fallen, nur die Furcht, ein lautes Gelächter zu erregen, zog ihn auf seinen Stuhl zurück; denn die übrigen mach¬ ten schon halb laut einige alberne Anmer¬ kungen, und stritten, ob es ein Pfaffe oder Jude sey. Als man nach dem Verfasser des Liedes fragte, gab er keine bestimmte Antwort, nur versicherte er, daß er reich an Gesängen sey, und wünsche nur, daß sie gefallen möchten. Der größte Theil der Gesellschaft war fröh¬ lig und freudig, ja selbst Melina nach seiner Art offen geworden, und indem man unter einander schwatzte und scherzte, fing der Alte das Lob des geselligen Lebens auf das geist¬ reichste zu singen an. Er pries Einigkeit und Gefälligkeit mit einschmeichelnden Tönen. Auf einmal ward sein Gesang trocken, rauh und verworren, als er gehässige Verschlossen¬ heit, kurzsinnige Feindschaft und gefährlichen Zwiespalt bedauerte, und gern warf jede Seele diese unbequemen Fesseln ab, als er, auf den Fittigen einer vordringenden Melo¬ die getragen, die Friedensstifter prieß, und das Glück der Seelen, die sich wieder finden, sang. Kaum hatte er geendigt, als ihm Wil¬ helm zurief: wer du auch seyst, der du als ein hülfreicher Schutzgeist mit einer segnen¬ den und belebenden Stimme zu uns kommst, nimm meine Verehrung und meinen Dank, fühle, daß wir alle dich bewundern, und ver¬ trau uns, wenn du etwas bedarfst. Der Alte schwieg, ließ erst seine Finger über die Saiten schleichen, dann griff er sie stärker an, und sang: Was hör’ ich draußen vor dem Thor? Was auf der Brücke schallen? Laßt den Gesang zu unserm Ohr Im Saale wiederhallen! Der König sprach's, der Page lief, Der Knabe kam, der König rief: Bring ihn herein den Alten. Gegrüßet seyd ihr hohe Herrn, Gegrüßt ihr schöne Damen! Welch reicher Himmel! Stern bey Stern! Wer kennet ihre Namen? Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit Schließt Augen euch, hier ist nicht Zeit Sich staunend zu ergötzen. Der Sänger drückt die Augen ein, Und schlug die vollen Töne, Der Ritter schaute muthig drein, Und in den Schoos die Schöne. Der König, dem das Lied gefiel, Ließ ihm, zum Lohne für sein Spiel, Eine goldne Kette holen. Die goldne Kette gieb mir nicht, Die Kette gieb den Rittern, Vor deren kühnem Angesicht Der Feinde Lanzen splittern. Gieb sie dem Kanzler, den du hast, Und laß ihn noch die goldne Last Zu andern Lasten tragen. Ich singe, wie der Vogel singt, Der in den Zweigen wohnet. Das Lied, das aus der Kehle dringt, Ist Lohn, der reichlich lohnet; Doch darf ich bitten, bitt’ eins, Laßt einen Trunk des besten Weins In reinem Glase bringen. Er setzt es an, er trank es aus. O Trank der süßen Labe! O! dreymal hochbeglücktes Haus Wo das ist kleine Gabe! Ergeht’s euch wohl, so denkt an mich, Und danket Gott, so warm als ich Für diesen Trunk euch danke. Da der Sänger nach geendigtem Liede ein Glas Wein, das für ihn eingeschenkt da stand, ergriff, und es mit freundlicher Mie¬ ne, sich gegen seine Wohlthäter wendend, austrank, entstand eine allgemeine Freude in der Versammlung. Man klatschte, und rief ihm zu, es möge dieses Glas zu seiner Ge¬ sundheit, zur Stärkung seiner alten Glieder gereichen. Er sang noch einige Romanzen, und erregte immer mehr Munterkeit in der Gesellschaft. Kannst du die Melodie, Alter, rief Phi¬ line, der Schäfer putzte sich zum Tanz? O ja, versetzte er, wenn Sie das Lied singen und aufführen wollen, an mir soll es nicht fehlen. Philine stand auf, und hielt sich fertig. Der Alte begann die Melodie, und sie sang ein Lied, das wir unsern Lesern nicht mit¬ theilen können, weil sie es vielleicht abge¬ schmackt oder wohl gar unanständig finden könnten. Inzwischen hatte die Gesellschaft, die im¬ mer heiterer geworden war, noch manche Flasche Wein ausgetrunken, und fing an sehr laut zu werden. Da aber unserm Freunde die bösen Folgen ihrer Lust noch in frischen Andenken schwebten, suchte er abzubrechen, steckte dem Alten für seine Bemühung eine reichliche Belohnung in die Hand, die andern thaten auch etwas, man ließ ihn abtreten und ruhen, und versprach sich auf den Abend eine wiederholte Freude von seiner Geschick¬ lichkeit. Als er hinweg war, sagte Wilhelm zu Philinen, ich kann zwar in Ihrem Leibge¬ sange weder ein dichterisches noch sittliches Verdienst finden; doch wenn Sie mit eben der Naivität, Eigenheit und Zierlichkeit et¬ was schickliches auf dem Theater jemals aus¬ führen, so wird Ihnen allgemeiner lebhafter Beyfall gewiß zu Theil werden. Ja, sagte Philine, es müßte eine recht angenehme Empfindung seyn, sich am Eise zu wärmen. Überhaupt, sagte Wilhelm, wie sehr be¬ schämt dieser Mann manchen Schauspieler. Haben Sie bemerkt, wie richtig der dramati¬ sche Ausdruck seiner Romanzen war? Gewiß es lebte mehr Darstellung in seinem Gesang, als in unsern steifen Personen auf der Büh¬ ne; man sollte die Aufführung mancher Stücke eher für eine Erzählung halten, und diesen musikalischen Erzählungen eine sinnli¬ che Gegenwart zuschreiben. Sie sind ungerecht, versetzte Laertes, ich gebe mich weder für einen großen Schauspie¬ ler noch Sänger; aber das weiß ich, daß, wenn die Musik die Bewegungen des Kör¬ pers leitet, ihnen Leben giebt, und ihnen zu¬ gleich das Maaß vorschreibt; wenn Decla¬ mation und Ausdruck schon von dem Com¬ positeur auf mich übertragen werden: so bin ich ein ganz anderer Mensch, als wenn ich im prosaischen Drama das alles erst erschaf¬ fen, und Takt und Declamation mir erst er¬ finden soll, worin mich noch dazu jeder Mit¬ spielende stören kann. So viel weiß ich, sagte Melina, daß uns dieser Mann in Einem Punkte gewiß be¬ schämt, und zwar in einem Hauptpunkte. Die Stärke seiner Talente zeigt sich in dem Nutzen, den er davon zieht. Uns, die wir vielleicht bald in Verlegenheit seyn werden, wo wir eine Mahlzeit hernehmen, bewegt er, unsre Mahlzeit mit ihm zu theilen. Er weiß uns das Geld, das wir anwenden könnten, um uns in einige Verfassung zu setzen, durch ein Liedchen aus der Tasche zu locken. Es scheint so angenehm zu seyn, das Geld zu verschleudern, womit man sich und andern eine Existenz verschaffen könnte. Das Gespräch bekam durch diese Bemer¬ kung nicht die angenehmste Wendung. Wil¬ helm, auf den der Vorwurf eigentlich gerich¬ tet war, antwortete mit einiger Leidenschaft, und Melina, der sich eben nicht der größten Feinheit befliß, brachte zuletzt seine Beschwer¬ den mit ziemlich trocknen Worten vor. Es sind nun schon vierzehn Tage, sagte er, daß wir das hier verpfändete Theater und die Garderobe besehen haben, und beides konn¬ ten wir für eine sehr leidliche Summe haben. Sie machten mir damals Hoffnung, daß Sie mir so viel creditiren würden, und bis jetzt habe ich noch nicht gesehen, daß Sie die Sache weiter bedacht oder sich einem Ent¬ schluß genähert hätten. Griffen Sie damals zu, so wären wir jetzt im Gange. Ihre Ab¬ sicht zu verreisen haben Sie auch noch nicht ausgeführt, und Geld scheinen Sie mir diese Zeit über auch nicht gespart zu haben; we¬ nigstens giebt es Personen, die immer Gele¬ genheit zu verschaffen wissen, daß es geschwin¬ der weggehe. Dieser nicht ganz ungerechte Vorwurf traf unsern Freund. Er versetzte einiges darauf mit Lebhaftigkeit, ja mit Heftigkeit, und er¬ griff, da die Gesellschaft aufstund und sich zerstreute, die Thüre, indem er nicht undeut¬ lich zu erkennen gab, daß er sich nicht lange mehr bey so unfreundlichen und undankba¬ ren Menschen aufhalten wolle. Er eilte ver¬ drießlich hinunter, sich auf eine steinerne Bank zu setzen, die vor dem Thore seines Gasthofs stand, und bemerkte nicht, daß er halb aus Lust, halb aus Verdruß mehr als gewöhnlich getrunken hatte. Zwölftes Capitel. Nach einer kurzen Zeit, die er, beunruhigt von mancherley Gedanken, sitzend und vor sich hinsehend zugebracht hatte, schlenderte Philine singend zur Hausthüre heraus, setzte sich zu ihm, ja man dürfte beynahe sagen, auf ihn, so nahe rückte sie an ihn heran, lehnte sich auf seine Schultern, spielte mit seinen Locken, streichelte ihn, und gab ihm die besten Worte von der Welt. Sie bat ihn, er mögte ja bleiben, und sie nicht in der Gesellschaft allein lassen, in der sie vor langer Weile sterben müßte; sie könne es nicht mehr mit Melina unter Einem Dache ausdauern, und habe sich deswegen herüber quartirt. Ver¬ Vergebens suchte er sie abzuweisen, ihr begreiflich zu machen, daß er länger weder bleiben könne noch dürfe. Sie ließ mit Bit¬ ten nicht ab, ja unvermuthet schlang sie ihren Arm um seinen Hals, und küßte ihn mit dem lebhaftesten Ausdrucke des Verlangens. Sind Sie toll, Philine? rief Wilhelm aus, indem er sich loszumachen suchte. Die öffentliche Straße zum Zeugen solcher Lieb¬ kosungen zu machen, die ich auf keine Weise verdiene. Lassen Sie mich los, ich kann nicht und ich werde nicht bleiben. Und ich werde dich fest halten, sagte sie, und ich werde dich hier auf öffentlicher Gasse so lange küssen, bis du mir versprichst, was ich wünsche. Ich lache mich zu Tode, fuhr sie fort; nach dieser Vertraulichkeit halten mich die Leute gewiß für deine Frau von vier Wochen, und die Ehemänner, die eine so anmuthige Scene sehen, werden mich ihren W. Meisters Lehrj. Y Weibern als ein Muster einer kindlich un¬ befangenen Zärtlichkeit anpreisen. Eben gingen einige Leute vorbey, und sie liebkoste ihn auf das anmuthigste, und er, um kein Skandal zu geben, war gezwungen, die Rolle des geduldigen Ehemannes zu spie¬ len. Dann schnitt sie den Leuten Gesichter im Rücken, und trieb voll Übermuth aller¬ hand Ungezogenheiten, bis er zuletzt verspre¬ chen mußte, noch heute und morgen und übermorgen zu bleiben. Sie sind ein rechter Stock, sagte sie dar¬ auf, indem sie von ihm abließ, und ich eine Thörin, daß ich so viel Freundlichkeit an Sie verschwende. Sie stand verdrießlich auf und ging einige Schritte; dann kehrte sie lachend zurück, und rief: ich glaube eben, daß ich darum in dich vernarrt bin, ich will nur gehen und meinen Strickstrumpf holen, daß ich etwas zu thun habe. Bleibe ja, da¬ mit ich den steinernen Mann auf der steiner¬ nen Bank wieder finde. Dießmal that sie ihm unrecht; denn so sehr er sich von ihr zu enthalten strebte, so würde er doch in diesem Augenblicke, hätte er sich mit ihr in einer einsamen Laube be¬ funden, ihre Liebkosungen wahrscheinlich nicht unerwiedert gelassen haben. Sie ging, nachdem sie ihm einen leicht¬ fertigen Blick zugeworfen, in das Haus. Er hatte keinen Beruf, ihr zu folgen, vielmehr hatte ihr Betragen einen neuen Widerwillen in ihm erregt; doch hob er sich, ohne selbst recht zu wissen warum, von der Bank, um ihr nachzugehen. Er war eben im Begriff in die Thüre zu treten, als Melina herbeykam, ihn beschei¬ den anredete, und ihn wegen einiger im Wortwechsel zu hart ausgesprochener Aus¬ drücke um Verzeihung bat. Sie nehmen mir Y 2 nicht übel, fuhr er fort, wenn ich in dem Zustande, in dem ich mich befinde, mich viel¬ leicht zu ängstlich bezeige; aber die Sorge für eine Frau, vielleicht bald für ein Kind, verhindert mich von einem Tag in dem an¬ dern, ruhig zu leben, und meine Zeit mit dem Genuß angenehmer Empfindungen hin¬ zubringen, wie Ihnen noch erlaubt ist. Über¬ denken Sie, und wenn es Ihnen möglich ist, so setzen Sie mich in den Besitz der theatra¬ lischen Geräthschaften, die sich hier vorfin¬ den. Ich werde nicht lange Ihr Schuldner und Ihnen dafür ewig dankbar bleiben. Wilhelm, der sich ungern auf der Schwel¬ le aufgehalten sah, über die ihn eine unwi¬ derstehliche Neigung in diesem Augenblicke zu Philinen hinüberzog, sagte mit einer über¬ raschten Zerstreuung und eilfertigen Gutmü¬ thigkeit: wenn ich Sie dadurch glücklich und zufrieden machen kann, so will ich mich nicht länger bedenken. Gehn Sie hin, machen Sie alles richtig. Ich bin bereit, noch die¬ sen Abend oder morgen früh das Geld zu zahlen. Er gab hierauf Melina'n die Hand zur Bestätigung seines Versprechens, und war sehr zufrieden, als er ihn eilig über die Straße weggehen sah; leider aber wurde er von seinem Eindringen ins Haus zum zwey¬ tenmal und auf eine unangenehmere Weise zurück gehalten. Ein junger Mensch mit einem Bündel auf dem Rücken kam eilig die Straße her, und trat zu Wilhelmen, der ihn gleich für Friedrichen erkannte. Da bin ich wieder! rief er aus, indem er seine großen blauen Augen freudig umher und hinauf an alle Fenster gehen ließ; wo ist Mamsell? Der Henker mag es länger in der Welt aushalten, ohne sie zu sehen! Der Wirth, der eben dazu getreten war, versetzte, sie ist oben, und mit wenigen Sprüngen war er die Treppe hinauf, und Wilhelm blieb wie auf der Schwelle einge¬ wurzelt stehen. Er hätte in den ersten Au¬ genblicken den Jungen bey den Haaren rück¬ wärts die Treppe herunterreissen mögen; dann hemmte der heftige Kampf einer ge¬ waltsamen Eifersucht auf einmal den Lauf seiner Lebensgeister und seiner Ideen, und da er sich nach und nach von seiner Erstar¬ rung erholte, überfiel ihn eine Unruhe, ein Unbehagen, dergleichen er in seinem Leben noch nicht empfunden hatte. Er ging auf seine Stube, und fand Mi¬ gnon mit Schreiben beschäftigt. Das Kind hatte sich eine Zeit her mit großem Fleiße bemüht, alles, was es auswendig wußte, zu schreiben, und hatte seinem Herrn und Freund das Geschriebene zu korrigiren gegeben. Sie war unermüdet, und faßte gut; aber die Buchstaben blieben ungleich, und die Linien krumm. Auch hier schien ihr Körper dem Geiste zu widersprechen. Wilhelm, dem die Aufmerksamkeit des Kindes, wenn er ruhigen Sinnes war, große Freude machte, achtete dießmal wenig auf das, was sie ihm zeigte; sie fühlte es, und betrübte sich darüber nur destomehr, als sie glaubte, dießmal ihre Sache recht gut gemacht zu haben. Wilhelms Unruhe trieb ihn auf den Gän¬ gen des Hauses auf und ab, und bald wie¬ der an die Hausthüre. Ein Reiter sprengte vor, der ein gutes Ansehn hatte, und der bey gesetzten Jahren noch viel Munterkeit verrieth. Der Wirth eilte ihm entgegen, reichte ihm als einem bekannten Freunde die Hand, und rief: ey, Herr Stallmeister, sieht man Sie auch einmal wieder? Ich will nur hier füttern, versetzte der Fremde, ich muß gleich hinüber auf das Gut, um in der Geschwindigkeit allerley einrichten zu lassen. Der Graf kömmt mor¬ gen mit seiner Gemahlin, sie werden sich eine Zeitlang drüben aufhalten, um den Prinzen von * * * auf das Beste zu bewirthen, der in dieser Gegend wahrscheinlich sein Hauptquar¬ tier aufschlägt. Es ist Schade, daß Sie nicht bey uns bleiben können, versetzte der Wirth, wir ha¬ ben gute Gesellschaft. Der Reitknecht, der nachsprengte, nahm dem Stallmeister das Pferd ab, der sich unter der Thüre mit dem Wirth unterhielt, und Wilhelmen von der Seite ansah. Dieser, da er merkte, daß von ihm die Rede sey, begab sich weg, und ging einige Straßen auf und ab. Dreyzehntes Capitel. I n der verdrießlichen Unruhe, in der er sich befand, fiel ihm ein, den Alten aufzusuchen, durch dessen Harfe er die bösen Geister zu verscheuchen hofte. Man wies ihn, als er nach dem Manne fragte, an ein schlechtes Wirthshaus in einem entfernten Winkel des Städtchens, und in demselben die Treppe hinauf bis auf den Boden, wo ihm der süße Harfenklang aus einer Kammer entgegen schallte. Es waren herzrührende, klagende Töne, von einem traurigen, ängstlichen Ge¬ sange begleitet. Wilhelm schlich an die Thü¬ re, und da der gute Alte eine Art von Phan¬ tasie vortrug, und wenige Strophen theils singend theils recitirend immer wiederholte, konnte der Horcher, nach einer kurzen Aufmerksamkeit, ungefähr folgendes ver¬ stehen : Wer nie sein Brod mit Thränen as, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend sas, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte. Ihr führt ins Leben uns hinein, Ihr laßt den Armen schuldig werden, Dann überlaßt ihr ihn der Pein; Denn alle Schuld rächt sich auf Erden. Die wehmüthige herzliche Klage drang tief in die Seele des Hörers. Es schien ihm, als ob der Alte manchmal von Thränen ge¬ hindert würde fortzufahren; dann klangen die Saiten allein, bis sich wieder die Stim¬ me leise in gebrochenen Lauten dazwischen mischte. Wilhelm stand an dem Pfosten, sei¬ ne Seele war tief gerührt, die Trauer des Unbekannten schloß sein beklommenes Herz auf; er widerstand nicht dem Mitgefühl, und konnte und wollte die Thränen nicht zu¬ rück halten, die des Alten herzliche Klage endlich auch aus seinen Augen hervorlockte. Alle Schmerzen, die seine Seele drückten, lösten sich zu gleicher Zeit auf, er überließ sich ihnen ganz, stieß die Kammerthüre auf, und stand vor dem Alten, der ein schlechtes Bette, den einzigen Hausrath dieser armseli¬ gen Wohnung, zu seinem Sitze zu nehmen genöthigt gewesen. Was hast du mir für Empfindungen rege gemacht, guter Alter? rief er aus: Alles, was in meinem Herzen stockte, hast du los gelöst; laß dich nicht stören, sondern fahre fort, indem du deine Leiden linderst, einen Freund glücklich zu machen. Der Alte woll¬ te aufstehen und etwas reden, Wilhelm ver¬ hinderte ihn daran; denn er hatte zu Mit¬ tage bemerkt, daß der Mann ungern sprach; er setzte sich vielmehr zu ihm auf den Stroh¬ sack nieder. Der Alte trocknete seine Thränen, und fragte mit einem freundlichen Lächeln: wie kommen Sie hierher? Ich wollte Ihnen die¬ sen Abend wieder aufwarten. Wir sind hier ruhiger, versetzte Wilhelm, singe mir, was du willst, was zu deiner Lage paßt, und thue nur, als ob ich gar nicht hier wäre. Es scheint mir, als ob du heute nicht irren könntest, ich finde dich sehr glücklich, daß du dich in der Einsamkeit so angenehm beschäftigen und unterhalten kannst, und da du überall ein Fremdling bist, in deinem Herzen die angenehme Bekanntschaft findest. Der Alte blickte auf seine Saiten, und nachdem er sanft präludirt, stimmte er an und sang: Wer sich der Einsamkeit ergiebt Ach! der ist bald allein, Ein jeder lebt, ein jeder liebt, Und läßt ihn seiner Pein. Ja! laßt mich meiner Qual! Und kann ich nur einmal Recht einsam seyn, Dann bin ich nicht allein. Es schleicht ein Liebender lauschend sacht, Ob seine Freundin allein? So überschleicht bey Tag und Nacht Mich Einsamen die Pein, Mich Einsamen die Qual. Ach werd’ ich erst einmal Einsam im Grabe seyn, Da läßt sie mich allein! Wir würden zu weitläuftig werden, und doch die Anmuth der seltsamen Unterredung nicht ausdrucken können, die unser Freund mit dem abentheuerlichen Fremden hielt. Auf alles, was der Jüngling zu ihm sagte, ant¬ wortete der Alte mit der reinsten Überein¬ stimmung durch Anklänge, die alle verwand¬ te Empfindungen rege machten, und der Ein¬ bildungskraft ein weites Feld eröffneten. Wer einer Versammlung frommer Men¬ schen, die sich, abgesondert von der Kirche, reiner, herzlicher und geistreicher zu erbauen glauben, beygewohnt hat, wird sich auch ei¬ nen Begriff von der gegenwärtigen Scene machen können; er wird sich erinnern, wie der Liturg seinen Worten den Vers eines Gesanges anzupassen weiß, der die Seele da¬ hin erhebt, wohin der Redner wünscht, daß sie ihren Flug nehmen möge, wie bald dar¬ auf ein anderer aus der Gemeinde, in einer andern Melodie, den Vers eines andern Lie¬ des hinzufügt, und an diesen wieder ein drit¬ ter einen dritten anknüpft, wodurch die ver¬ wandten Ideen der Lieder, aus denen sie entlehnt sind, zwar erregt werden, jede Stelle aber durch die neue Verbindung neu und individuell wird, als wenn sie in dem Augenblicke erfunden worden wäre; wodurch denn aus einem bekannten Kreise von Ideen, aus bekannten Liedern und Sprüchen, für diese besondere Gesellschaft, für diesen Au¬ genblick ein eigenes Ganze entsteht, durch dessen Genuß sie belebt, gestärkt und erquickt wird. So erbaute der Alte seinen Gast, in¬ dem er, durch bekannte und unbekannte Lie¬ der und Stellen, nahe und ferne Gefühle, wachende und schlummernde, angenehme und schmerzliche Empfindungen in eine Zirkula¬ tion brachte, von der in dem gegenwärtigen Zustande unsers Freundes das Beste zu hof¬ fen war. Vierzehntes Capitel . D enn wirklich fing er auf dem Rückwege über seine Lage lebhafter, als bisher gesche¬ hen, zu denken an, und war mit dem Vor¬ satze, sich aus derselben heraus zu reissen, nach Hause gelangt, als ihm der Wirth so¬ gleich im Vertrauen eröffnete, daß Made¬ moiselle Philine an dem Stallmeister des Grafen eine Eroberung gemacht habe, der, nachdem er seinen Auftrag auf dem Guthe ausgerichtet, in höchster Eile zurück gekom¬ men sey, und ein gutes Abendessen oben auf ihrem Zimmer mit ihr verzehre. In eben diesem Augenblicke trat Melina mit dem Notarius herein; sie gingen zusam¬ men auf Wilhelms Zimmer, wo dieser, wie¬ wohl mit einigem Zaudern, seinem Verspre¬ chen chen Genüge leistete, dreyhundert Thaler, auf Wechsel, an Melina auszahlte, welche dieser sogleich dem Notarius übergab, und dage¬ gen das Document über den geschlossenen Kauf der ganzen theatralischen Geräthschaft erhielt, welche ihm morgen früh übergeben werden sollte. Kaum waren sie auseinander gegangen, als Wilhelm ein entsetzliches Geschrey in dem Hause vernahm. Er hörte eine jugend¬ liche Stimme, die, zornig und drohend, durch ein unmäßiges Weinen und Heulen, durch¬ brach. Er hörte diese Wehklage von oben herunter an seiner Stube vorbey nach dem Hausplatze eilen. Als die Neugierde unsern Freund herun¬ ter lockte, fand er Friedrichen in einer Art von Raserey. Der Knabe weinte, knirschte, stampfte, drohte mit geballten Fäusten, und stellte sich ganz ungebährdig vor Zorn und W. Meisters Lehrj. Z Verdruß. Mignon stand gegenüber und sah mit Verwunderung zu, und der Wirth er¬ klärte einigermaßen diese Erscheinung. Der Knabe sey nach seiner Rückkunft, da ihn Philine gut aufgenommen, zufrieden, lustig und munter gewesen, habe gesungen und gesprungen bis zur Zeit, da der Stall¬ meister mit Philinen Bekanntschaft gemacht. Nun habe das Mittelding zwischen Kind und Jüngling angefangen, seinen Verdruß zu zeigen, die Thüren zuzuschlagen, und auf und nieder zu rennen. Philine habe ihm befohlen, heute Abend bey Tische aufzuwar¬ ten, worüber er nur noch mürrischer und trotziger geworden; endlich habe er eine Schüssel mit Ragout, anstatt sie auf den Tisch zu setzen, zwischen Mademoiselle und den Gast, die ziemlich nahe zusammen geses¬ sen, hineingeworfen, worauf ihm der Stall¬ meister ein paar tüchtige Ohrfeigen gegeben, und ihn zur Thüre hinausgeschmissen. Er, der Wirth, habe darauf die beiden Personen säubern helfen, deren Kleider sehr übel zuge¬ richtet gewesen. Als der Knabe die gute Wirkung seiner Rache vernahm, fing er laut zu lachen an, indem ihm noch immer die Thränen die Bak¬ ken herunter liefen. Er freute sich einige Zeit herzlich, bis ihm der Schimpf, den ihm der Stärkere angethan, wieder einfiel, da er denn von neuem zu heulen und zu drohen anfing. Wilhelm stand nachdenklich und beschämt vor dieser Scene. Er sah sein eignes In¬ nerstes, mit starken und übertriebenen Zügen dargestellt, auch er war von einer unüber¬ windlichen Eifersucht entzündet, auch er, wenn ihn der Wohlstand nicht zurückgehal¬ ten hätte, würde gern seine wilde Laune be¬ friedigt, gern, mit tückischer Schadenfreude, Z 2 den geliebten Gegenstand verletzt, und seinen Nebenbuhler ausgefordert haben; er hätte die Menschen, die nur zu seinem Verdrusse da zu seyn schienen, vertilgen mögen. Laertes, der auch herbey gekommen war, und die Geschichte vernommen hatte, bestärk¬ te schelmisch den aufgebrachten Knaben, als dieser betheuerte und schwur, der Stallmei¬ ster müsse ihm Satisfaction geben, er habe noch keine Beleidigung auf sich sitzen lassen; weigere sich der Stallmeister, so werde er sich zu rächen wissen. Laertes war hier gerade in seinem Fache. Er ging ernsthaft hinauf, den Stallmeister im Namen des Knaben heraus zu fordern. Das ist lustig, sagte dieser, einen solchen Spaß hätte ich mir heut Abend kaum vor¬ gestellt. Sie gingen hinunter, und Philine folgte ihnen. Mein Sohn, sagte der Stall¬ meister zu Friedrichen, du bist ein braver Junge, und ich weigere mich nicht, mit dir zu fechten; nur da die Ungleichheit unsrer Jahre und Kräfte die Sache ohnehin etwas abentheuerlich macht, so schlag ich statt an¬ derer Waffen ein Paar Rappiere vor, wir wollen die Knöpfe mit Kreide bestreichen, und wer dem andern den ersten, oder die meisten Stöße auf den Rock zeichnet, soll für den Überwinder gehalten, und von dem andern mit dem besten Weine, der in der Stadt zu haben ist, tractirt werden. Laertes entschied, daß dieser Vorschlag angenommen werden könnte; Friedrich ge¬ horchte ihm als seinem Lehrmeister. Die Rap¬ piere kamen herbey. Philine setzte sich hin, strickte, und sah beiden Kämpfern mit großer Gemüthsruhe zu. Der Stallmeister, der sehr gut focht, war gefällig genug, seinen Gegner zu schonen, und sich einige Kreidenflecke auf den Rock brin¬ gen zu lassen, worauf sie sich umarmten, und Wein herbeygeschaft wurde. Der Stall¬ meister wollte Friedrichs Herkunft und seine Geschichte wissen, der denn ein Mährchen erzählte, das er schon oft wiederholt hatte, und mit dem wir ein andermal unsre Leser bekannt zu machen denken. In Wilhelms Seele vollendete indessen dieser Zweykampf die Darstellung seiner eige¬ nen Gefühle; denn er konnte sich nicht leug¬ nen, daß er das Rappier, ja lieber noch einen Degen selbst gegen den Stallmeister zu führen wünschte, wenn er schon einsah, daß ihm dieser in der Fechtkunst weit über¬ legen sey. Doch würdigte er Philinen nicht eines Blicks, hütete sich vor jeder Äusserung, die seine Empfindung hätte verrathen kön¬ nen, und eilte, nachdem er einigemal auf die Gesundheit der Kämpfer Bescheid gethan, auf sein Zimmer, wo sich tausend unange¬ nehme Gedanken auf ihn zudrängten. Er erinnerte sich der Zeit, in der sein Geist durch ein unbedingtes hoffnungsreiches Streben empor gehoben wurde, wo er in dem lebhaftesten Genusse aller Art, wie in einem Elemente schwamm. Es ward ihm deutlich, wie er jetzt in ein unbestimmtes Schlendern gerathen war, in welchem er nur noch schlürfend kostete, was er sonst mit vol¬ len Zügen eingesogen hatte; aber deutlich konnte er nicht sehen, welches unüberwindli¬ che Bedürfniß ihm die Natur zum Gesetz ge¬ macht hatte, und wie sehr dieses Bedürfniß durch Umstände nur gereizt, halb befriedigt und irre geführt worden war. Es darf also niemand wundern, wenn er bey Betrachtung seines Zustandes, und in¬ dem er sich aus demselben heraus zu denken arbeitete, in die größte Verwirrung gerieth. Es war nicht genug, daß er durch seine Freundschaft zu Laertes, durch seine Neigung zu Philinen, durch seinen Antheil den er an Mignon nahm, länger als billig an ei¬ nem Ort und in einer Gesellschaft festgehal¬ ten wurde, in welcher er seine Lieblingsnei¬ gung hegen, gleichsam verstohlen seine Wün¬ sche befriedigen, und ohne sich einen Zweck vorzusetzen, seinen alten Träumen nachschlei¬ chen konnte. Aus diesen Verhältnissen sich los zu reissen, und gleich zu scheiden, glaubte er Kraft genug zu besitzen. Nun hatte er aber vor wenigen Augenblicken sich mit Me¬ lina in ein Geldgeschäft eingelassen, er hatte den räthselhaften Alten kennen lernen, wel¬ chen zu entziffern er eine unbeschreibliche Be¬ gierde fühlte. Allein auch dadurch sich nicht zurück halten zu lassen, war er nach lang hin und her geworfenen Gedanken entschlossen, oder glaubte wenigstens entschlossen zu seyn. Ich muß fort, rief er aus, ich will fort! Er warf sich in einen Sessel, und war sehr bewegt. Mig¬ Mignon trat herein und fragte, ob sie ihn aufwickeln dürfe? Sie kam still; es schmerzte sie tief, daß er sie heute so kurz abfertigte. Nichts ist rührender, als wenn eine Liebe, die sich im Stillen genährt, eine Treue, die sich im Verborgenen befestiget hat, endlich dem, der ihrer bisher nicht werth gewesen, zur rechten Stunde nahe kommt, und ihm offenbar wird. Die lange und streng ver¬ schlossene Knospe war reif, und Wilhelms Herz konnte nicht empfänglicher seyn. Sie stand vor ihm, und sah seine Un¬ ruhe. — Herr! rief sie aus, wenn du un¬ glücklich bist, was soll Mignon werden? — Liebes Geschöpf, sagte er, indem er ihre Hän¬ de nahm, du bist auch mit unter meinen Schmerzen. — Ich muß fort. — Sie sah ihm in die Augen, die von verhaltenen Thrä¬ nen blinkten, und kniete mit Heftigkeit vor W. Meisters Lehrj. A a ihm nieder. Er behielt ihre Hände, sie legte ihr Haupt auf seine Knie, und war ganz still. Er spielte mit ihren Haaren, und war freundlich. Sie blieb lange ruhig. Endlich fühlte er an ihr eine Art Zucken, das ganz sachte anfing, und sich durch alle Glieder wachsend verbreitete — Was ist dir Mig¬ non? rief er aus, was ist dir? — Sie rich¬ tete ihr Köpfchen auf, und sah ihn an, fuhr auf einmal nach dem Herzen, wie mit einer Gebährde, die Schmerzen verbeißt. Er hub sie auf, und sie fiel auf seinen Schoos, er druckte sie an sich, und küßte sie. Sie ant¬ wortete durch keinen Händedruck, durch keine Bewegung. Sie hielt ihr Herz fest, und auf einmal that sie einen Schrey, der mit krampfigen Bewegungen des Körpers beglei¬ tet war. Sie fuhr auf, und fiel auch so¬ gleich wie an allen Gelenken gebrochen vor ihm nieder. Es war ein gräßlicher An¬ blick! — Mein Kind! rief er aus, indem er sie aufhob und fest umarmte, mein Kind, was ist dir? — Die Zuckung dauerte fort, die vom Herzen sich den schlotternden Glie¬ dern mittheilte; sie hing nur in seinen Ar¬ men. Er schloß sie an sein Herz, und be¬ netzte sie mit seinen Thränen. Auf einmal schien sie wieder angespannt, wie eins, das den höchsten körperlichen Schmerz erträgt; und bald mit einer neuen Heftigkeit wurden alle ihre Glieder wieder lebendig, und sie warf sich ihm, wie ein Ressort, das zuschlägt, um den Hals, indem in ihrem Innersten wie ein gewaltiger Riß geschah, und in dem Au¬ genblicke floß ein Strom von Thränen aus ihren geschlossenen Augen in seinen Busen. Er hielt sie fest. Sie weinte, und keine Zunge spricht die Gewalt dieser Thränen aus. Ihre langen Haare waren aufgegan¬ gen, und hingen von der Weinenden nieder, und ihr ganzes Wesen schien in einen Bach von Thränen unaufhaltsam dahin zu schmel¬ zen. Ihre starren Glieder wurden gelinde, es ergoß sich ihr Innerstes, und in der Ver¬ irrung des Augenblickes fürchtete Wilhelm, sie werde in seinen Armen zerschmelzen, und er nichts von ihr übrig behalten. Er hielt sie nur fester und fester. — Mein Kind! rief er aus, mein Kind! du bist ja mein! wenn dich das Wort trösten kann. Du bist mein! ich werde dich behalten, dich nicht ver¬ lassen! — Ihre Thränen flossen noch im¬ mer. — Endlich richtete sie sich auf. Eine weiche Heiterkeit glänzte von ihrem Gesich¬ te. — Mein Vater! rief sie, du willst mich nicht verlassen! willst mein Vater seyn! — Ich bin dein Kind! Sanft fing vor der Thüre die Harfe an zu klingen; der Alte brachte seine herzlich¬ sten Lieder dem Freunde zum Abendopfer, der, sein Kind immer fester in Armen hal¬ tend, des reinsten unbeschreiblichsten Glückes genoß.