Reden an die deutsche Nation durch Johann Gottlieb Fichte. Berlin , 1808 . In der Realschulbuchhandlung. Vorrede . D ie folgenden Reden sind zu Berlin im Winter 1807–8, in einer Reihe von Vorlesungen, und als Fortsetzung der im Winter 1804–5, eben daselbst vor¬ getragenen Grundzuͤge des gegenwaͤr¬ tigen Zeitalters (in derselben Ver¬ lagshandlung abgedruckt 1806) gehalten worden. Was bei ihnen und durch sie dem Publikum zu sagen war, ist in ih¬ nen selbst ausgesprochen, und es bedurfte sonach keiner Vorrede. Da inzwischen, durch die Weise des Abdrucks dieser Re¬ A 2 den ein auszufuͤllender leerer Raum sich ergeben hat, so fuͤlle ich denselben mit etwas, zum Theil schon anderwaͤrts die Censur paßirten und abgedruckten, an welches die Veranlassung der entstandenen Luͤcke erinnert, und das im allgemeinen auch hier Anwendung finden duͤrfte, in¬ dem ich im besonderen noch an den, den¬ selben Gegenstand betreffenden Schluß der zwoͤlften Rede, verweise. Berlin , im April 1808. Fichte . Aus einer Abhandlung uͤber Machiavell als Schriftsteller, und Stellen aus seinen Schriften. I . Aus dem Beschlusse jener Abhandlung . Z unaͤchst fallen uns zwei Gattungen von Menschen ein, gegen die wir uns ver¬ wahren moͤchten, wenn wir es koͤnnten. Zufoͤrderst solche, welche, so wie sie selbst mit ihren Gedanken niemals uͤber die neueste Zeitung hinaus kommen, annehmen, daß dies auch kein andrer koͤnne, daß demnach alles, was geredet oder geschrieben werde, eine Beziehung auf diese Zeitung habe, und derselben zum Kommentar dienen solle. Diese bitte ich zu bedenken, daß keiner sa¬ gen koͤnne: siehe, da ist dieser gemeint, und dieser! — der nicht vorher bei sich selbst geurtheilt habe, daß dieser, und die¬ ser wirklich und in der That also sei, daß er hier gemeint seyn koͤnne; daß daher kei¬ ner einen im Allgemeinen bleibenden Schrift¬ steller, der in der, alle Zeit umfassenden Regel, jede besondre Zeit vergißt, der Sa¬ tyre beschuldigen koͤnne, ohne erst selbst, als urspruͤnglicher und selbststaͤndiger Urheber, diese Satyre gemacht zu haben, und so hoͤchst thoͤrichter Weise seine eignen geheim¬ sten Gedanken zu verrathen. Sodann giebt es solche, die vor keinem Dinge Scheu haben, wohl aber vor den Worten zu den Dingen, und vor diesen eine unmaͤßige. Du magst sie unter die Fuͤße treten, und alle Welt mag zuse¬ hen; dabei ist fuͤr sie weder Schande noch Uebel: wenn aber darauf ein Gespraͤch erho¬ ben wuͤrde, vom Treten mit Fuͤßen, so waͤre dies ein unleidliches Aergerniß, und nun erst hoͤbe das Uebel an; da doch auch uͤber¬ dies kein Vernuͤnftiger und Wohlwollender ein solches Gespraͤch erheben wird, aus Scha¬ denfreude, sondern lediglich, um die Mittel ausfindig zu machen, daß der Fall nicht wieder eintrete. Eben so mit den zukuͤnftigen Uebeln; sie wollen nicht gestoͤrt seyn in ih¬ rem suͤßen Traume, und schließen drum fest zu ihr Auge vor der Zukunft. Da aber da¬ durch andre, welche die Augen offen behal¬ ten, nicht verhindert werden, zu sehen, was herannaht, und in Versuchung kommen koͤnn¬ ten, zu sagen, und mit Namen zu benen¬ nen, was sie sehen, so duͤnkt ihnen gegen diese Gefahr das sicherste Mittel dieses, daß sie den Sehenden dieses Sagen und Benen¬ nen verkuͤmmern; als ob nun, in umgekehr¬ ter Ordnung mit der Wirklichkeit, aus dem Nichtsagen das Nichtsehen, und aus dem Nichtsehen das Nichtseyn, erfolgen wuͤrde. So schreitet der Nachtwandler einher am Rande des Abgrundes; aus Barmherzigkeit, ruft ihm nicht zu, jetzt sichert ihn sein Zu¬ stand, wenn er aber erwacht, so stuͤrzt er herab. Moͤchten nur auch die Traͤume jener die Gabe, die Vorrechte und die Sicherheit des Nachtwandels mit sich fuͤhren, damit es ein Mittel gaͤbe, sie zu retten, ohne ihnen zuzurufen, und sie zu erwecken. So sagt man, daß der Strauß die Augen vor dem auf ihn zukommenden Jaͤger verschließe, eben auch, als ob die Gefahr, die ihm nicht mehr sichtbar sei, uͤberhaupt nicht mehr da sei. Der waͤre kein Feind des Straußen, der ihm zurufte: oͤffne deine Augen, siehe, da kommt der Jaͤger, fliehe nach jener Seite hin, damit du ihm entrinnest. II . Große Schreibe- und Preß-Freiheit in Machiavells Zeitalter. Es duͤrfte auf Veranlassung des vorigen Abschnittes, und indem vielleicht einer oder der andere unsrer Leser sich wundert, wie dem Machiavell das so eben gemeldete habe hingehen koͤnnen, der Muͤhe werth seyn, zu Anfange des 19ten Jahrhunderts, aus den Laͤndern, die sich der hoͤchsten Denkfreiheit ruͤhmen, einen Blick zu werfen auf die Schreibe- und Preß-Freiheit, die zu An¬ fange des 16ten Jahrhunderts in Italien, und in dem paͤbstlichen Sitze Rom, statt fand. Ich fuͤhre von tausenden nur Ein Beispiel an. Machiavells Florentinische Geschichte ist auf die Aufforderung des Pabstes Cle¬ mens VII . geschrieben, und an denselben uͤberschrieben. In derselben befindet sich gleich im ersten Buche folgende Stelle: „So „wie bis auf diese Zeit keine Meldung ge¬ „schehen ist von Nepoten oder Verwandten „irgend eines Pabstes, so wird von nun an „von solchen die Geschichte voll seyn, bis „wir sodann auch auf die Soͤhne kommen „werden; und so ist denn den kuͤnftigen Paͤb¬ „sten keine Steigerung mehr uͤbrig, als daß „sie, so wie sie bisher diese ihre Soͤhne in „Fuͤrstenthuͤmer einzusetzen gesucht haben, „denselben auch den paͤbstlichen Stuhl erb¬ „lich hinterlassen.“ Dieser Florentinischen Geschichte, nebst dem Buche vom Fuͤrsten, und den Diskursen, stellt derselbe Clemens, honesto Antonii (so hieß der Drucker) desiderio annuere volens , ein Privilegium aus, in welchem allen Chri¬ sten bei Strafe der Exkommunikation, den paͤbstlichen Unterthanen noch uͤberdies bei Konfiskation der Exemplare, und 25 Duka¬ ten Strafe, verboten wird, diese Schriften nachzudrucken. Zu erklaͤren ist dies allerdings. Die Paͤbste und die Großen der Kirche betrachte¬ ten selber ihr ganzes Wesen lediglich als ein Blendwerk fuͤr den niedrigsten Poͤbel, und, wenn es seyn koͤnnte, fuͤr die Ultramonta¬ ner, und sie waren liberal genug, jedem fei¬ nen und gebildeten Italiaͤnischen Manne zu erlauben, daß er uͤber diese Dinge eben so daͤchte, redete und schriebe, wie sie selbst un¬ ter sich daruͤber redeten. Den gebildeten Mann wollten sie nicht betruͤgen, und der Poͤbel las nicht. Eben so leicht ist zu erklaͤ¬ ren, warum spaͤterhin andere Maasregeln noͤthig wurden. Die Reformatoren lehrten das dentsche Volk lesen, sie beriefen sich auf solche Schriftsteller, die unter den Augen der Paͤbste geschrieben hatten, das Beispiel des Lesens wurde ansteckend fuͤr die andern Laͤn¬ der, und jetzt wurden die Schriftsteller eine furchtbare, und eben darum unter strengere Aufsicht zu nehmende Macht. Auch diese Zeiten sind voruͤber, und es werden dermalen, zumal in protestantischen Staaten , manche Zweige der Schrifstellerei, z. B. philosophische Aufstellung allgemeiner Grundsaͤtze jeder Art, gewiß nur darum der Censur unterworfen, weil es so hergebracht ist. Da sich nun hiebei findet, daß denen, welche nichts zu sagen wissen, als das was jedermann auch schon auswendig weiß, in alle Wege erlaubt wird, so viel Papier zu verwenden, als sie irgend wollen; wenn aber einmal wirklich etwas neues gesagt werden soll, der Censor, der das nicht so¬ gleich zu fassen vermag, und vermeinend, es koͤnne doch ein nur ihm verborgen bleibendes Gift darin liegen, um ganz sicher zu gehen, es lieber unterdruͤcken moͤchte; so waͤre es vielleicht manchem Schriftsteller vom Anfange des 19ten Jahrhunderts in protestantischen Laͤndern nicht zu verdenken, wenn er sich einen schicklichen und bescheidenen Theil von derjenigen Preßfreiheit wuͤnschte, welche die Paͤbste zu Anfange des 16ten ohne Beden¬ ken allgemein zugestanden haben. III . Aus der Vorrede zu einigen unge¬ druckt gebliebenen Gespraͤchen uͤber Vaterlandsliebe, und ihr Gegentheil. Innerhalb dieser Beschraͤnkungen nun, welche die Gerechtigkeit und die Billigkeit erfordern, koͤnnten uns, sollte ich denken, jene sehr wohl erlauben, daß wir ohne Scheu sagen, was sie selber sich nicht scheuen in wirklicher That zu thun; indem ja offenbar die That, welche auch ohne unser Sagen ohne Zweifel in die Augen fallen wird, ein weit groͤßeres Aergerniß anrichtet, als unser nachheriges Sagen von der That. Und ob¬ gleich durchaus nichts verhindert, daß dieje¬ nigen, welche von Amts wegen die Aufsicht uͤber den oͤffentlichen Buͤcherdruck fuͤhren, fuͤr ihre Personen zu einer von den beiden der¬ malen im Streite liegenden Hauptpartheien in der Geisterwelt gehoͤren, so koͤnnen sie doch das Interesse dieser ihrer Parthei nur sodann wahrnehmen, wenn sie etwa selbst einmal als Schriftsteller auftreten sollten; als oͤffentliche Personen aber haben sie gar keine Parthei, und sie muͤssen dem Verstan¬ de, der ohnedies weit seltner bei ihnen das Wort nachsucht, denn der Unverstand, das¬ selbe eben sowohl geben, wie sie dem leztern taͤglich erlauben, nach aller Lust seiner Noth¬ durft zu pflegen; keinesweges aber sind sie befugt, irgend einem Tone deswegen zu ver¬ wehren, laut zu werden, weil er an ihre Ohren fremd und paradox anschlaͤgt Geschrieben zu Berlin, im Julius 1806. Erste Rede . Vorerinnerungen und Uebersicht des Ganzen . A ls eine Fortsetzung der Vorlesungen, die ich im Winter vor drei Jahren allhier an der¬ selben Staͤtte gehalten, und welche unter dem Titel: Grundzuͤge des gegenwaͤrtigen Zeital¬ ters, gedruckt sind, habe ich die Reden, die ich hiermit beginne, angekuͤndigt. Ich hatte in jenen Vorlesungen gezeigt, daß unsere Zeit in dem dritten Hauptabschnitte der gesammten Weltzeit stehe, welcher Abschnitt den bloßen sinnlichen Eigennutz zum Antriebe aller seiner lebendigen Regungen und Bewegungen habe; daß diese Zeit in der einzigen Moͤglichkeit des genannten Antriebes sich selbst auch vollkom¬ men verstehe und begreife; und daß sie durch diese klare Einsicht ihres Wesens in diesem ih¬ ren lebendigen Wesen, tief begruͤndet und un¬ erschuͤtterlich befestiget werde. Mit uns gehet, mehr als mit irgend einem Zeitalter, seitdem es eine Weltgeschichte gab, die Zeit Riesenschritte. Innerhalb der drei Jahre, welche seit dieser meiner Deutung des laufenden Zeitabschnitts verflossen sind, ist irgendwo dieser Abschnitt vollkommen abgelau¬ fen und beschlossen. Irgendwo hat die Selbst¬ sucht durch ihre vollstaͤndige Entwickelung sich selbst vernichtet, indem sie daruͤber ihr Selbst, und dessen Selbststaͤndigkeit, verloren; und ihr, da sie gutwillig keinen andern Zwek, denn sich selbst, sich setzen wollte, durch aͤußerliche Ge¬ walt ein solcher anderer und fremder Zwek auf¬ gedrungen worden. Wer es einmal unter¬ nommen hat, seine Zeit zu deuten, der muß mit seiner Deutung auch ihren Fortgang beglei¬ ten, falls sie einen solchen Fortgang gewinnt; und so wird es mir denn zur Pflicht, vor dem¬ selben Publikum, vor welchem ich etwas als als Gegenwart bezeichnete, dasselbe als ver¬ gangen anzuerkennen, nachdem es aufgehoͤrt hat, die Gegenwart zu seyn. Was seine Selbststaͤndigkeit verloren hat, hat zugleich verloren das Vermoͤgen einzugrei¬ fen in den Zeitfluß, und den Inhalt desselben frei zu bestimmen; es wird ihm, wenn es in diesem Zustande verharret, seine Zeit, und es selber mit dieser seiner Zeit, abgewickelt durch die fremde Gewalt, die uͤber sein Schiksal ge¬ bietet; es hat von nun an gar keine eigne Zeit mehr, sondern zaͤhlt seine Jahre nach den Be¬ gebenheiten und Abschnitten fremder Voͤlker¬ schaften und Reiche. Es koͤnnte sich erheben aus diesem Zustande, in welchem die ganze bisherige Welt seinem selbstthaͤtigen Eingreifen entruͤckt ist, und in dieser ihm nur der Ruhm des Gehorchens uͤbrig bleibt, lediglich unter der Bedingung, daß ihm eine neue Welt auf¬ ginge, mit deren Erschaffung es einen neuen und ihm eigenen Abschnitt in der Zeit begoͤnne, und mit ihrer Fortbildung ihn ausfuͤllte; doch muͤßte, da es einmal unterworfen ist fremder Gewalt, diese neue Welt also beschaffen seyn, B daß sie unvernommen bliebe jener Gewalt, und ihre Eifersucht auf keine Weise erregte, ja, daß diese durch ihren eignen Vortheil bewegt wuͤr¬ de, der Gestaltung einer solchen kein Hinder¬ niß in den Weg zu legen. Falls es nun eine also beschaffene Welt, als Erzeugungsmittel eines neuen Selbst und einer neuen Zeit, geben sollte, fuͤr ein Geschlecht, das sein bisheriges Selbst, und seine bisherige Zeit und Welt ver¬ loren hat, so kaͤme es einer allseitigen Deu¬ tung selbst der moͤglichen Zeit zu, diese also be¬ schaffene Welt anzugeben. Nun halte ich meines Orts dafuͤr, daß es eine solche Welt gebe, und es ist der Zweck die¬ ser Reden, Ihnen das Daseyn und den wah¬ ren Eigenthuͤmer derselben nachzuweisen, ein lebendiges Bild derselben vor Ihre Augen zu bringen, und die Mittel ihrer Erzeugung an¬ zugeben. In dieser Weise demnach werden diese Reden eine Fortsetzung der ehemals ge¬ haltenen Vorlesungen uͤber die damals gegen¬ waͤrtige Zeit seyn, indem sie enthuͤllen werden das neue Zeitalter, das der Zerstoͤrung des Reichs der Selbstsucht durch fremde Gewalt unmittelbar folgen kann und soll. Bevor ich jedoch dieses Geschaͤft beginne, muß ich Sie ersuchen vorauszusetzen, also daß es Ihnen niemals entfalle, und einverstanden zu seyn mit mir, wo und inwiefern dies noͤ¬ thig ist, uͤber die folgenden Punkte: 1) Ich rede fuͤr Deutsche schlechtweg, von Deutschen schlechtweg, nicht anerkennend, son¬ dern durchaus bei Seite setzend und wegwer¬ fend alle die trennenden Unterscheidungen, wel¬ che unseelige Eraͤugnisse seit Jahrhunderten in der einen Nation gemacht haben. Sie, E. V., sind zwar meinem leiblichen Auge die er¬ sten und unmittelbaren Stellvertreter, welche die geliebten Nationalzuͤge mir vergegenwaͤrti¬ gen, und der sichtbare Brennpunkt, in wel¬ chem die Flamme meiner Rede sich entzuͤndet; aber mein Geist versammlet den gebildeten Theil der ganzen deutschen Nation, aus allen den Laͤndern, uͤber welche er verbreitet ist, um sich her, bedenkt und beachtet unser aller ge¬ meinsame Lage und Verhaͤltnisse, und wuͤn¬ schet, daß ein Theil der lebendigen Kraft, mit B 2 welcher diese Reden vielleicht Sie ergreifen, auch in dem stummen Abdrucke, welcher allein nuter die Augen der Abwesenden kommen wird, verbleibe, und aus ihm athme, und an allen Orten deutsche Gemuͤther zu Entschluß und That entzuͤnde. Bloß von Deutschen und fuͤr Deutsche schlechtweg sagte ich. Wir werden zu seiner Zeit zeigen, daß jedwede andere Ein¬ heitsbezeichnung oder Nationalband entweder niemals Wahrheit und Bedeutung hatte, oder, falls es sie gehabt haͤtte, daß diese Vereini¬ gungspunkte durch unsre dermalige Lage ver¬ nichtet, und uns entrissen sind, und niemals wiederkehren koͤnnen; und daß es lediglich der gemeinsame Grundzug der Deutschheit ist, wo¬ durch wir den Untergang unsrer Nation im Zu¬ sammenfließen derselben mit dem Auslande, abwehren, und worin wir ein auf ihm selber ruhendes, und aller Abhaͤngigkeit durchaus unfaͤhiges Selbst, wiederum gewinnen koͤnnen. Es wird, so wie wir dieses leztere einsehen werden, zugleich der scheinbare Widerspruch dieser Behauptung mit anderweitigen Pflichten, und fuͤr heilig gehaltenen Angelegenheiten, den vielleicht dermalen mancher fuͤrchtet, vollkom¬ men verschwinden. Ich werde darum, da ich ja nur von Deut¬ schen uͤberhaupt rede, manches, das von den allhier versammelten nicht zunaͤchst gilt, aus¬ sprechen, als dennoch von uns geltend, so wie ich anderes, das zunaͤchst nur von Uns gilt, aussprechen werde, als fuͤr alle Deutsche gel¬ tend. Ich erblicke in dem Geiste, dessen Aus¬ fluß diese Reden sind, die durch einander ver¬ wachsene Einheit, in der kein Glied irgend ei¬ nes andern Gliedes Schiksal, fuͤr ein ihm frem¬ des Schiksal haͤlt, die da entstehen soll und muß, wenn wir nicht ganz zu Grunde gehen sollen, — ich erblicke diese Einheit schon als entstanden, vollendet, und gegenwaͤrtig da¬ stehend. 2) Ich setze voraus solche deutsche Zuhoͤ¬ rer, welche nicht etwa mit allem was sie sind, rein aufgehen in dem Gefuͤhle des Schmerzes uͤber den erlittenen Verlust, und in diesem Schmerze sich wohlgefallen, und an ihrer Un¬ troͤstlichkeit sich weiden, und durch dieses Ge¬ fuͤhl sich abzufinden gedenken mit der an sie er¬ gehenden Aufforderung zur That; sondern sol¬ che, die selbst uͤber diesen gerechten Schmerz zu klarer Besonnenheit und Betrachtung sich schon erhoben haben, oder wenigstens faͤhig sind, sich dazu zu erheben. Ich kenne jenen Schmerz, ich habe ihn gefuͤhlt wie einer, ich ehre ihn; die Dumpfheit, welche zufrieden ist, wenn sie Speise und Trank findet, und kein koͤrperlicher Schmerz ihr zugefuͤgt wird, und fuͤr welche Ehre, Freiheit, Selbststaͤndigkeit leere Namen sind, ist seiner unfaͤhig: aber auch er ist lediglich dazu da, um zu Besinnung, Entschluß und That uns anzuspornen; dieses Endzweks verfehlend, beraubt er uns der Be¬ sinnung, und aller uns noch uͤbrig gebliebenen Kraͤfte, und vollendet so unser Elend; indem er noch uͤberdies, als Zeugniß von unsrer Traͤg¬ heit und Feigheit, den sichtbaren Beweis giebt, daß wir unser Elend verdienen. Keinesweges aber gedenke ich Sie zu erheben uͤber diesen Schmerz, durch Vertroͤstungen auf eine Huͤlfe, die von außen her kommen solle, und durch Verweisungen auf allerlei moͤgliche Ereignisse, und Veraͤnderungen, die etwa die Zeit herbei¬ fuͤhren koͤnne: denn, falls auch nicht diese Denk¬ art, die lieber in der wankenden Welt der Moͤglichkeiten schweifen, als auf das Noth¬ wendige sich heften mag, und die ihre Rettung lieber dem blinden Ohngefaͤhr, als sich selber, verdanken will, schon an sich von dem straͤflich¬ sten Leichtsinne, und der tiefsten Verachtung seiner selbst zeugte, so wie sie es thut, so ha¬ ben auch noch uͤberdies alle Vertroͤstungen und Verweisungen dieser Art durchaus keine An¬ wendung auf unsre Lage. Es laͤßt sich der strenge Beweis fuͤhren, und wir werden ihn zu seiner Zeit fuͤhren, daß kein Mensch, und kein Gott, und keines von allen im Gebiete der Moͤglichkeit liegenden Eraͤngnissen uns helfen kann, sondern daß allein wir selber uns helfen muͤssen, falls uns geholfen werden soll. Viel¬ mehr werde ich Sie zu erheben suchen uͤber den Schmerz, durch klare Einsicht in unsre Lage, in unsre noch uͤbrig gebliebene Kraft, in die Mittel unsrer Rettung. Ich werde darum allerdings einen gewissen Grad der Besinnung, eine gewisse Selbstthaͤtigkeit, und einige Auf¬ opferung anmuthen, und rechne darum auf Zuhoͤrer, denen sich soviel anmuthen laͤßt. Uebrigens sind die Gegenstaͤnde dieser Anmu¬ thung insgesammt leicht, und setzen kein groͤ¬ ßeres Maaß von Kraft voraus, als man, wie ich glaube, unserm Zeitalter zutrauen kann; was aber die Gefahr betrift, so ist dabei durch¬ aus keine. 3) Indem ich eine klare Einsicht der Deut¬ schen, als solcher, in ihre gegenwaͤrtige Lage hervorzubringen gedenke; setze ich voraus Zu¬ hoͤrer, die da geneigt sind, mit eignen Augen die Dinge dieser Art zu sehen, keinesweges aber solche, die es bequemer finden, ein frem¬ des und auslaͤndisches Seh-Werkzeug, das entweder absichtlich auf Taͤuschung berechnet ist, oder das auch natuͤrlich, durch seinen an¬ dern Standpunkt, und durch das geringere Maaß von Schaͤrfe, niemals auf ein deutsches Auge paßt, bei Betrachtung dieser Gegenstaͤn¬ de sich unterschieden zu lassen. Ferner setze ich voraus, daß diese Zuhoͤrer in dieser Betrach¬ tung mit eigenen Augen den Muth haben, redlich hin zu sehen, auf das, was da ist, und redlich sich zu gestehen, was sie sehen, und daß sie jene haͤufig sich zeigende Neigung, uͤber die eignen Angelegenheiten sich zu taͤuschen, und ein weniger unerfreuliches Bild von den¬ selben, als mit der Wahrheit bestehen kann, sich vorzuhalten, entweder schon besiegt haben, oder doch faͤhig sind, sie zu besiegen. Jene Neigung ist ein feiges Entfliehen vor seinen eignen Gedanken, und kindischer Sinn, der da zu glauben scheint, wenn er nur nicht sehe sein Elend, oder wenigstens sich nicht gestehe, daß er es sehe, so werde dieses Elend dadurch auch in der Wirklichkeit aufgehoben, wie es, aufgehoben ist in seinem Denken. Dagegen ist es mannhafte Kuͤhnheit, das Uebel fest ins Auge zu fassen, es zu noͤthigen, Stand zu hal¬ ten, es ruhig, kalt und frei zu durchdringen, und es aufzuloͤsen in seine Bestandtheile. Auch wird man nur durch diese klare Einsicht des Uebels Meister, und geht in der Bekaͤm¬ pfung desselben einher mit sicherem Schritte, indem man, in jedem Theile das Ganze uͤber¬ sehend, immer weiß, wo man sich befinde, und durch die einmal erlangte Klarheit seiner Sache gewiß ist, dagegen der andere, ohne festen Leitfaden, und ohne sichere Gewißheit, blind und traͤumend herumtappt. Warum sollten wir denn auch uns scheuen vor dieser Klarheit? Das Uebel wird durch die Unbekanntschaft damit nicht kleiner, noch durch die Erkenntniß groͤßer; es wird nur heil¬ bar durch die leztere; die Schuld aber soll hier gar nicht vorgeruͤkt werden. Zuͤchtige man durch bittere Straf-Rede, durch beissenden Spott, durch schneidende Verachtung die Traͤg¬ heit und die Selbstsucht, und reize sie, wenn auch zu nichts besserem, doch wenigstens zum Hasse und zur Erbitterung gegen den Erinnerer selbst, als doch auch einer kraͤftigen Regung, an, — so lange die nothwendige Folge, das Uebel, noch nicht vollendet ist, und von der Besserung noch Rettung oder Milderung sich erwarten laͤßt. Nachdem aber dieses Uebel also vollendet ist, daß es uns auch die Moͤglichkeit auf diese Weise fortzusuͤndigen benimmt, wird es zweklos, und sieht aus wie Schadenfreude, gegen die nicht mehr zu begehende Suͤnde noch ferner zu schelten; und die Betrachtung faͤllt sodann ans dem Gebiete der Sittenlehre in das der Geschichte, fuͤr welche die Freiheit vor¬ uͤber ist, und die das Geschehene als nothwen¬ digen Erfolg aus dem Vorhergegangenen an¬ sieht. Es bleibt fuͤr unsere Reden keine andere Ansicht der Gegenwart uͤbrig, als diese lezte, und wir werden darum niemals eine andere nehmen. Diese Denkart also, daß man sich als Deutschen schlechtweg denke, daß man nicht gefesselt sey selbst durch den Schmerz, daß man die Wahrheit sehen wolle, und den Muth habe ihr ins Auge zu blicken, setze ich voraus, und rechne auf sie bei jedem Worte, das ich sagen werde, und so jemand eine andere in diese Versammlung mitbraͤchte, so wuͤrde derselbe die unangenehmen Empfindungen, die ihm hier gemacht werden koͤnnten, lediglich sich selbst zuzuschreiben haben. Dies sey hiemit gesagt fuͤr immer, und abgethan; und ich gehe nun an das andre Geschaͤft, Ihnen den Grundinhalt aller folgenden Reden in einer allgemeinen Uebersicht vorzulegen. Irgendwo, sagte ich im Eingange meiner Rede, habe die Selbstsucht durch ihre vollstaͤn¬ dige Entwikelung sich selbst vernichtet, indem sie daruͤber ihr Selbst, und das Vermoͤgen, sich selbststaͤndig ihre Zwecke zu setzen, verloren habe. Diese nunmehro erfolgte Vernichtung der Selbstsucht war der von mir angegebne Fortgang der Zeit, und das durchaus neue Eraͤugniß in derselben, das nach mir eine Fortsetzung meiner ehemaligen Schilderung der Zeit so moͤglich wie nothwendig machte; diese Vernichtung waͤre somit unsre eigentliche Gegenwart, an welche unser neues Leben in einer neuen Welt, deren Daseyn ich gleichfalls behauptete, unmittelbar angeknuͤpft werden muͤßte, sie waͤre daher auch der eigentliche Ausgangspunkt meiner Reden; und ich haͤtte vor allen Dingen zu zeigen, wie und warum eine solche Vernichtung der Selbstsucht aus ihrer hoͤchsten Entwiklung nothwendig erfolge. Bis zu ihrem hoͤchsten Grade entwickelt ist die Selbstsucht, wenn, nachdem sie erst mit unbedeutender Ausnahme die Gesammtheit der Regierten ergriffen, sie von diesen aus sich auch der Regierenden bemaͤchtigt, und deren alleiniger Lebenstrieb wird. Es entsteht einer solchen Regierung zufoͤrderst nach außen die Vernachlaͤssigung aller Bande, durch welche ihre eigne Sicherheit an die Sicherheit anderer Staaten geknuͤpft ist, das Aufgeben des Gan¬ zen, dessen Glied sie ist, lediglich darum, da¬ mit sie nicht aus ihrer traͤgen Ruhe aufge¬ stoͤrt werde, und die traurige Taͤuschung der Selbstsucht, daß sie Frieden habe, so lange nur die eignen Graͤnzen nicht angegriffen sind; sodann nach innen jene weichliche Fuͤhrung der Zuͤgel des Staats, die mit auslaͤndischen Wor¬ ten sich Humanitaͤt, Liberalitaͤt und Populari¬ taͤt nennt, die aber richtiger in deutscher Spra¬ che Schlaffheit und ein Betragen ohne Wuͤrde zu nennen ist. Wenn sie auch der Regierenden sich bemaͤch¬ tigt, habe ich gesagt. Ein Volk kann durchaus verdorben seyn, d. i. selbstsuͤchtig, denn die Selbstsucht ist die Wurzel aller andern Verderbt¬ heit, — und dennoch dabei nicht nur bestehen, sondern sogar aͤußerlich glaͤnzende Thaten ver¬ richten, wenn nur nicht seine Regierung eben also verdirbt; ja die leztere sogar kann auch nach außen treulos und pfticht- und ehrvergessen han¬ deln, wenn sie nur nach innen den Muth hat, die Zuͤgel des Regiments mit straffer Hand an¬ zuhalten, und die groͤßere Furcht fuͤr sich zu ge¬ winnen. Wo aber alles eben genannte sich vereiniget, da gehet das gemeine Wesen bei dem ersten ernstlichen Angriffe, der auf dasselbe geschieht, zu Grunde, und so, wie es selbst erst treulos sich abloͤste von dem Koͤrper, des¬ sen Glied es war, so loͤsen jetzo seine Glieder, die keine Furcht vor ihm haͤlt, und die die groͤßere Furcht vor dem Fremden treibt, mit derselben Treulosigkeit sich ab von ihm, und gehen hin, ein jeder in das Seine. Hier er¬ greift die nun vereinzelt stehenden abermals die groͤßere Furcht, und sie geben in reichli¬ cher Spende, und mit erzwungen froͤlichem Gesichte dem Feinde, was sie kaͤrglich und aͤu¬ ßerst unwillig dem Vertheidiger des Vaterlan¬ des gaben; bis spaͤterhin auch die von allen Seiten verlassenen, und verrathenen Regie¬ renden genoͤthigt werden, durch Unterwerfung und Folgsamkeit gegen fremde Plane ihre Fort¬ dauer zu erkaufen; und so nun auch diejeni¬ gen, die im Kampfe fuͤr das Vaterland die Waffen wegwarfen, unter fremden Panieren lernen, dieselben gegen das Vaterland tapfer zu fuͤhren. So geschieht es, daß die Selbst¬ sucht durch ihre hoͤchste Entwiklung vernichtet, und denen, die gutwillig keinen andern Zwek, denn sich selbst, sich setzen wollten, durch frem¬ de Gewalt ein solcher anderer Zwek aufgedrun¬ gen wird. Keine Nation, die in diesen Zustand der Abhaͤngigkeit herabgesunken, kann durch die gewoͤhnlichen und bisher gebrauchten Mittel sich aus demselben erheben. War ihr Wider¬ stand fruchtlos, als sie noch im Besitze aller ihrer Kraͤfte war, was kann derselbe sodann fruchten, nachdem sie des groͤßten Theils der¬ selben beraubt ist? Was vorher haͤtte helfen koͤnnen, naͤmlich wenn die Regierung dersel¬ ben die Zuͤgel kraͤftig und straff angehalten haͤtte, ist nun nicht mehr anwendbar, nachdem diese Zuͤgel nur noch zum Scheine in ihrer Hand ruhen, und diese ihre Hand selbst durch eine fremde Hand gelenkt und geleitet wird. Auf sich selbst kann eine solche Nation nicht laͤnger rechnen; und eben so wenig kann sie auf den Sieger rechnen. Dieser muͤßte eben so unbesonnen, und eben so feige und verzagt seyn, als jene Nation selbst erst war, wenn er die errungenen Vortheile nicht fest hielte, und sie nicht auf alle Weise verfolgte. Oder wenn er einst im Verlauf der Zeiten, doch so unbe¬ sonnen und feige wuͤrde, so wuͤrde er zwar eben also zu Grunde gehen, wie wir, aber nicht zu unserm Vortheile, sondern er wuͤrde die Beute eines neuen Siegers, und wir wuͤr¬ den die sich von selbst verstehende, wenig be¬ deutende Zugabe zu dieser Beute. Sollte eine so gesunkene Nation dennoch sich retten koͤn¬ nen, so muͤßte dies durch ein ganz neues, bis¬ her noch niemals gebrauchtes Mittel, vermit¬ telst der Erschaffung einer ganz neuen Ordnung der Dinge, geschehen. Lassen Sie uns also sehen, welches in der bisherigen Ordnung der Dinge der Grund war, warum es mit dieser Ordnung irgend einmal nothwendig ein Ende nehmen mußte, damit wir an dem Gegentheile dieses Grundes des Untergangs das neue Glied finden, welches in die Zeit eingefuͤgt werden muͤßte, muͤßte, damit an ihm die gesunkne Nation sich aufrichte zu einem neuen Leben. Man wird in Erforschung jenes Grundes finden, daß in allen bisherigen Verfassungen die Theilnahme am Ganzen geknuͤpft war an die Theilnahme des Einzelnen an sich selbst, vermittelst solcher Bande, die irgendwo so gaͤnzlich zerrissen, daß es gar keine Theilnahme fuͤr das Ganze mehr gab, — durch die Bande der Furcht und Hoffnung fuͤr die Angelegenheit des Einzelnen aus dem Schiksale des Ganzen, in einem kuͤnftigen, und in dem gegenwaͤrtigen Leben. Aufklaͤrung des nur sinnlich berech¬ nenden Verstandes war die Kraft, welche die Verbindung eines kuͤnftigen Lebens mit dem gegenwaͤrtigen durch Religion, aufhob, zugleich auch andere Ergaͤnzungs- und stellvertretende Mittel der sittlichen Denkart, als da sind Liebe zum Ruhm, und National-Ehre, als taͤuschende Trugbilder begriff; die Schwaͤche der Regie¬ gierungen war es, welche die Furcht fuͤr die Angelegenheiten des Einzelnen aus seinem Be¬ tragen gegen das Ganze, selbst fuͤr das gegen¬ waͤrtige Leben, durch haͤufige Straflosigkeit der C Pflichtvergessenheit aufhob, und eben so auch die Hoffnung unwirksam machte, indem sie dieselbe gar oft, ohne alle Ruͤksicht auf Ver¬ dienste um das Ganze, nach ganz andern Re¬ geln und Bewegungsgruͤnden, befriedigte. Bande solcher Art waren es, die irgendwo gaͤnzlich zerrissen, und durch deren Zerreißung das gemeine Wesen sich aufloͤs'te. Immerhin mag von nun an der Sieger, das, was allein auch er kann, emsiglich thun, naͤmlich den lezten Theil des Bindungsmittels, die Furcht und Hoffnung fuͤr das gegenwaͤrtige Leben, wie¬ derum anknuͤpfen, und verstaͤrken; damit ist nur ihm geholfen, keinesweges aber uns, denn so gewiß er seinen Vortheil versteht, knuͤpft er an dieses erneute Band zu allererst nur seine Angelegenheit, die unsrige aber nur in so weit, inwiefern die Erhaltung unsrer, als Mittel fuͤr seine Zweke, ihm selbst zur Angelegenheit wird. Fuͤr eine so verfallne Nation ist von nun an Furcht und Hoffnung voͤllig aufgehoben, in¬ dem deren Leitung ihrer Hand entfallen ist, und sie zwar selber zu fuͤrchten hat und zu hof¬ fen, vor ihr aber von nun an kein Mensch sich weiter fuͤrchtet, oder von ihr etwas hofft; und es bleibt ihr nichts uͤbrig, als ein ganz ande¬ res und neues, uͤber Furcht und Hoffnung er¬ habenes Bindungsmittel zu finden, um die Angelegenheit ihrer Gesammtheit an die Theil¬ nahme eines jeden aus ihr fuͤr sich selber an¬ zuknuͤpfen. Ueber den sinnlichen Antrieb der Furcht oder Hoffnung hinaus, und zunaͤchst an ihn angraͤnzend, liegt der geistige Antrieb der sittli¬ chen Billigung, oder Mißbilligung, und der hoͤhere Affekt des Wohlgefallens oder Mißfal¬ lens an unserer und anderer Zustande. So wie das an Reinlichkeit und Ordnung gewoͤhnte aͤußere Auge durch einen Fleken, der ja unmit¬ telbar dem Leibe keinen Schmerz zufuͤgt, oder durch den Anblik verworren durch einander liegender Gegenstaͤnde dennoch gepeinigt, und geaͤngstet wird, wie vom unmittelbaren Schmer¬ ze, indeß der des Schmuzes und der Unord¬ nung Gewohnte sich in denselben recht wohl be¬ findet; eben also kann auch das innere geistige Auge des Menschen so gewoͤhnt und gebildet werden, daß der bloße Anblik eines verworre¬ C 2 nen und unordentlichen, eines unwuͤrdigen und ehrelosen Daseyns seiner selbst und seines verbruͤderten Stammes, ohne Ruͤksicht auf das, was davon fuͤr sein sinnliches Wohlseyn zu fuͤrchten oder zu hoffen sey, ihm innig wehe thue, und daß dieser Schmerz dem Besitzer ei¬ nes solchen Auges, abermals ganz unabhaͤngig von sinnlicher Furcht oder Hoffnung, keine Ruhe lasse, bis er, so viel an ihm ist, den ihm mi߬ faͤlligen Zustand aufgehoben, und den, der ihm allein gefallen kann, an seine Stelle gesezt ha¬ be. Im Besitzer eines solchen Auges ist die Angelegenheit des ihn umgebenden Ganzen, durch das treibende Gefuͤhl der Billigung oder Mißbilligung, an die Angelegenheit seines eig¬ nen erweiterten Selbst, das nur als Theil des Ganzen sich fuͤhlt, und nur im gefaͤlligen Gan¬ zen sich ertragen kann, unabtrennbar ange¬ knuͤpft; die Sichbildung zu einem solchen Auge waͤre somit ein sicheres und das einzige Mit¬ tel, das einer Nation, die ihre Selbststaͤndig¬ keit, und mit ihr allen Einfluß auf die oͤffent¬ liche Furcht und Hoffnung verloren hat, uͤbrig bliebe, um aus der erduldeten Vernichtung sich wieder ins Daseyn zu erheben, und dem ent¬ standenen neuen und hoͤheren Gefuͤhle ihre National Angelegenheiten, die seit ihrem Un¬ tergange kein Mensch und kein Gott weiter be¬ denkt, sicher anzuvertrauen. So ergiebt sich denn also, daß das Rettungsmittel, dessen An¬ zeige ich versprochen, bestehe in der Bildung zu einem durchaus neuem, und bisher vielleicht als Ausnahme bei Einzelnen, niemals aber als allgemeines und nationales Selbst, dagewe¬ senem Selbst, und in der Erziehung der Na¬ tion, deren bisheriges Leben erloschen, und Zugabe eines fremden Lebens geworden, zu einem ganz neuen Leben, das entweder ihr ausschließendes Besitzthum bleibt, oder, falls es auch von ihr aus an andere kommen sollte, ganz und unverringert bleibt bei unendlicher Thei¬ lung; mit Einem Worte, eine gaͤnzliche Ver¬ aͤnderung des bisherigen Erziehungswesens ist es, was ich, als das einzige Mittel die deut¬ sche Nation im Daseyn zu erhalten, in Vor¬ schlag bringe. Daß man den Kindern eine gute Erziehung geben muͤsse, ist auch in unserm Zeitalter oft genug gesagt, und bis zum Ueberdrusse wieder¬ holt worden, und es waͤre ein geringes, wenn auch wir unseres Ortes dies gleichfalls einmal sagen wollten. Vielmehr wird uns, so wir ein anderes zu vermoͤgen glauben, obliegen, genau und bestimmt zu untersuchen, was ei¬ gentlich der bisherigen Erziehung gefehlt habe, und anzugeben, welches durchaus neue Glied die veraͤnderte Erziehung der bisherigen Men¬ schenbildung hinzufuͤgen muͤsse. Man muß, nach einer solchen Untersuchung, der bisherigen Erziehung zugestehen, daß sie nicht ermangelt, irgend ein Bild von religioͤser, sittlicher, gesezlicher Denkart, und von aller¬ hand Ordnung und guter Sitte vor das Auge ihrer Zoͤglinge zu bringen, auch daß sie hier und da dieselben getreulich ermahnt habe, jenen Bildern in ihrem Leben einen Abdruck zu ge¬ ben; aber mit hoͤchst seltnen Ausnahmen, die somit nicht durch diese Erziehung begruͤndet waren, indem sie sodann an allen durch diese Bildung hindurch gegangenen, und als die Re¬ gel, haͤtten eintreten muͤssen, sondern die durch andere Ursachen herbeigefuͤhrt worden, — mit diesen hoͤchstseltenen Ausnahmen, sage ich, ha¬ ben die Zoͤglinge dieser Erziehung insgesammt nicht jenen sittlichen Vorstellungen und Ermah¬ nungen, sondern sie haben den Antrieben ih¬ rer, ihnen natuͤrlich, und ohne alle Beihuͤlfe der Erziehungskunst, erwachsenden Selbstsucht, gefolgt; zum unwidersprechlichen Beweise, daß diese Erziehungskunst zwar wohl das Gedaͤcht¬ niß mit einigen Worten, und Redensarten, und die kalte und theilnehmungslose Phantasie mit einigen matten und blassen Bildern anzu¬ fuͤllen vermocht, daß es ihr aber niemals ge¬ lungen, ihr Gemaͤlde einer sittlichen Weltord¬ nung bis zu der Lebhaftigkeit zu steigern, daß ihr Zoͤgling von der heißen Liebe und Sehn¬ sucht dafuͤr, und von dem gluͤhenden Affekte, der zur Darstellung im Leben treibt, und vor welchem die Selbstsucht abfaͤllt, wie welkes Laub, ergriffen worden; daß somit diese Er¬ ziehung weit davon entfernt gewesen sey, bis zur Wurzel der wirklichen Lebensregung und Bewegung durchzugreifen, und diese zu bilden, indem diese vielmehr, unbeachtet von der blin¬ den und ohnmaͤchtigen, allenthalben wild aufgewachsen sey, wie sie gekonnt habe, zu guter Frucht bei wenigen durch Gott begeister¬ ten, zu schlechter bei der großen Mehrzahl. Auch ist es dermalen vollkommen hinlaͤnglich, diese Erziehung durch diesen ihren Erfolg zu zeichnen, und kann man fuͤr unsern Behuf sich des muͤhsamen Geschaͤfts uͤberheben, die innern Saͤfte und Adern eines Baumes zu zer¬ gliedern, dessen Frucht dermalen vollstaͤndig reif ist, und abgefallen, und vor aller Welt Augen liegt, und hoͤchst deutlich und verstaͤnd¬ lich ausspricht die innere Natur ihres Erzeu¬ gers. Der Strenge nach waͤre, dieser Ansicht zu Folge, die bisherige Erziehung auf keine Weise die Kunst der Bildung zum Menschen gewesen, wie sie sich denn dessen auch eben nicht geruͤhmt, sondern gar oft ihre Ohnmacht, durch die Federung, ihr ein natuͤrliches Talent, oder Genie, als Bedingung ihres Erfolgs vor¬ aus zu geben, freimuͤthig gestanden; sondern es waͤre eine solche Kunst erst zu erfinden, und die Erfindung derselben waͤre die eigentliche Aufgabe der neuen Erziehung. Das erman¬ gelnde Durchgreifen bis in die Wurzel der Le¬ bens Regung und Bewegung haͤtte diese neue Erziehung der bisherigen hinzu zu fuͤgen, und wie die bisherige hoͤchstens etwas am Menschen, so hatte diese den Menschen selbst zu bilden, und ihre Bildung keinesweges, wie bisher, zu einem Besitzthume, sondern vielmehr zu einem per¬ soͤnlichen Bestandtheile des Zoͤglings zu ma¬ chen. Ferner wurde bisher diese also beschraͤnkte Bildung nur an die sehr geringe Minderzahl der eben daher gebildet genannten Staͤnde ge¬ bracht, die große Mehrzahl aber, auf welcher das gemeine Wesen recht eigentlich ruht, das Volk, wurde von der Erziehungskunst fast ganz vernachlaͤßigt, und dem blinden Ohnge¬ faͤhr uͤbergeben. Wir wollen durch die neue Erziehung die Deutschen zu einer Gesamtheit bilden, die in allen ihren einzelnen Gliedern getrieben und belebt sey durch dieselbe Eine An¬ gelegenheit; so wir aber etwa hierbei abermals einen gebildeten Stand, der etwa durch den neu entwikelten Antrieb der sittlichen Billigung belebt wuͤrde, absondern wollten von einem ungebildeten, so wuͤrde dieser lezte, da Hoff¬ nung und Furcht, durch welche allein noch auf ihn gewirkt werden koͤnnte, nicht mehr fuͤr uns sondern gegen uns dienen, von uns abfallen, und uns verloren gehen. Es bleibt sonach uns nichts uͤbrig, als schlechthin an alles ohne Ausnahme, was deutsch ist, die neue Bildung zu bringen, so daß dieselbe nicht Bildung eines besondern Standes, sondern daß sie Bildung der Nation schlechthin als solcher, und ohne alle Ausnahme einzelner Glieder derselben, wer¬ de, in welcher, in der Bildung zum innigen Wohlgefallen am Rechten naͤmlich, aller Unter¬ schied der Staͤnde, der in andern Zweigen der Entwiklung auch fernerhin statt finden mag, voͤllig aufgehoben sey, und verschwinde; und daß auf diese Weise unter uns, keinesweges Volks-Erziehung, sondern eigenthuͤmliche deut¬ sche National-Erziehung entstehe. Ich werde Ihnen darthun, daß eine solche Erziehungskunst, wie wir sie begehren, wirk¬ lich schon erfunden ist, und ausgeuͤbt wird, so daß wir nichts mehr zu thun haben, als das sich uns darbietende anzunehmen, welches, so wie ich dies oben von dem vorzuschlagenden Rettungsmittel versprach, ohne Zweifel kein groͤßeres Maaß von Kraft erfordert, als man bei unserm Zeialter billig voraussetzen kann. Ich fuͤgte diesem Versprechen noch ein anderes bei, daß naͤmlich, was die Gefahr anbelange, bei unserm Vorschlage durchaus keine sey, in¬ dem es der eigene Vortheil der uͤber uns ge¬ bietenden Gewalt erfordere, die Ausfuͤhrung jenes Vorschlags eher zu befoͤrdern, als zu hin¬ dern. Ich finde zwekmaͤßig, sogleich in dieser ersten Rede uͤber diesen Punkt mich deutlich auszusprechen. Zwar sind so in alter wie in neuer Zeit gar haͤufig die Kuͤnste der Verfuͤhrung und der sitt¬ lichen Herabwuͤrdigung der Unterworfenen, als ein Mittel der Herrschaft mit Erfolg gebraucht worden; man hat durch luͤgenhafte Erdichtun¬ gen, und durch kuͤnstliche Verwirrung der Be¬ griffe und der Sprache, die Fuͤrsten vor den Voͤlkern, und diese vor jenen verlaͤumdet, um die entzweiten sicherer zu beherrschen, man hat alle Antriebe der Eitelkeit und des Eigen¬ nutzes listig aufgereizt und entwikelt, um die Unterworfenen veraͤchtlich zu machen, und so mit einer Art von gutem Gewissen sie zu zer¬ treten: aber man wuͤrde einen sicher zum Ver¬ derben fuͤhrenden Irrthum begehen, wenn man mit uns Deutschen diesen Weg einschlagen woll¬ te. Das Band der Furcht und der Hoffnung abgerechnet beruht der Zusammenhang desje¬ nigen Theils des Auslandes, mit dem wir der¬ malen in Beruͤhrung gekommen, auf den An¬ trieben der Ehre und des Nationalruhms; aber die deutsche Klarheit hat vorlaͤngst bis zur un¬ erschuͤtterlichen Ueberzeugung eingesehen, daß dieses leere Trugbilder sind, und daß keine Wunde, und keine Verstuͤmmelung des Einzel¬ nen durch den Ruhm der ganzen Nation ge¬ heilt wird; und wir duͤrften wohl, so nicht eine hoͤhere Ansicht des Lebens an uns gebracht wird, gefaͤhrliche Prediger dieser sehr begreifli¬ chen und manchen Reiz bei sich fuͤhrenden Lehre werden. Ohne darum noch neues Verderben an uns zu nehmen, sind wir schon in unsrer natuͤrlichen Beschaffenheit eine unheilbringende Beute; nur durch die Ausfuͤhrung des gemach¬ ten Vorschlages koͤnnen wir eine heilbringende werden: und so wird denn, so gewiß das Aus¬ land seinen Vortheil versteht, dasselbe durch diesen selbst bewegt, uns lieber auf die lezte Weise haben wollen, denn auf die erste. Insbesondere nun wendet mit diesem Vor¬ schlage meine Rede sich an die gebildeten Staͤn¬ de Deutschlands, indem sie diesen noch am er¬ sten verstaͤndlich zu werden hofft, und traͤgt zu allernaͤchst ihnen an, sich zu den Urhebern die¬ ser neuen Schoͤpfung zu machen, und dadurch theils mit ihrer bisherigen Wirksamkeit die Welt auszusoͤhnen, theils ihre Fortdauer in der Zukunft zu verdienen. Wir werden im Fortgange dieser Reden ersehen, daß bis hie¬ her alle Fortentwiklung der Menschheit in der deutschen Nation vom Volke ausgegangen, und daß an dieses immer zuerst die großen Na¬ tionalangelegenheiten gebracht, und von ihnen besorgt, und weiter befoͤrdert worden; daß es somit jetzo zum erstenmale geschieht, daß den gebildeten Staͤnden die urspruͤngliche Fortbil¬ dung der Nation angetragen wird, und daß, wenn sie diesen Antrag wirklich ergriffen, auch dies das erstemal geschehen wuͤrde. Wir wer¬ den ersehen, daß diese Staͤnde nicht berechnen koͤnnen, auf wie lange Zeit es noch in ihrer Gewalt stehen werde, sich an die Spitze dieser Angelegenheit zu stellen, indem dieselbe bis zum Vortrage an das Volk schon beinahe vor¬ bereitet und reif sey, und an Gliedern aus dem Volke geuͤbt werde, und dieses nach kurzer Zeit ohne alle unsere Beihuͤlfe sich selbst werde helfen koͤnnen, woraus fuͤr uns bloß das er¬ folgen werde, daß die jetzigen Gebildeten und ihre Nachkommen zum Volke werden, aus dem bisherigen Volke aber ein anderer hoͤher gebil¬ deter Stand emporkomme. Nach allem ist es der allgemeine Zwek die¬ ser Reden, Muth und Hoffnung zu bringen in die Zerschlagenen, Freude zu verkuͤndigen in die tiefe Trauer, uͤber die Stunde der groͤßten Bedraͤngniß leicht und sanft hinuͤber zu leiten. Die Zeit erscheint mir wie ein Schatten, der uͤber seinem Leichname, aus dem so eben ein Heer von Krankheiten ihn heraus getrieben, steht, und jammert, und seinen Blik nicht loszureissen vermag von der ehedem so gelieb¬ ten Huͤlle, und verzweifelnd alle Mittel versucht, um wieder hinein zu kommen in die Behausung der Seuchen. Zwar ha¬ ben schon die belebenden Luͤfte der andern Welt, in die die abgeschiedene eingetreten, sie aufgenommen in sich, und umgeben sie mit warmem Liebeshauche, zwar begruͤßen sie schon freudig heimliche Stimmen der Schwe¬ stern, und heißen sie willkommen, zwar regt es sich schon und dehnt sich in ihrem Innern nach allen Richtungen hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachsen soll, zu entwik¬ keln; aber noch hat sie kein Gefuͤhl fuͤr diese Luͤste, oder Gehoͤr fuͤr diese Stimmen, oder wenn sie es haͤtte, so ist sie aufgegangen in Schmerz uͤber ihren Verlust, mit welchem sie zugleich sich selbst verloren zu haben glaubt. Was ist mit ihr zu thun? Auch die Morgen¬ roͤthe der neuen Welt ist schon angebrochen, und vergoldet schon die Spitzen der Berge, und bildet vor den Tag, der da kommen soll. Ich will, so ich es kann, die Strahlen dieser Morgenroͤthe fassen, und sie verdichten zu einem Spiegel, in welchem die trostlose Zeit sich erblicke, damit sie glaube, daß sie noch da ist, und in ihm ihr wahrer Kern sich ihr darstelle, und die Entfaltungen und Gestal¬ tungen desselben in einem weißagenden Gesichte vor ihr voruͤber gehen. In diese Anschauung hinein wird ihr denn ohne Zweifel auch das Bild ihres bisherigen Lebens versinken, und verschwinden, und der Todte wird ohne uͤber¬ maͤßiges Wehklagen zu seiner Ruhestaͤtte ge¬ bracht werden koͤnnen. Zweite Zweite Rede . Vom Wesen der neuen Erziehung im Allgemeinen . D as von mir vorgeschlagene Erhaltungs- Mittel einer deutschen Nation uͤberhaupt, zu dessen klarer Einsicht diese Reden zunaͤchst Sie, und nebst Ihnen, die ganze Nation fuͤhren moͤchten, gehet als ein solches Mittel hervor aus der Beschaffenheit der Zeit, so wie der deutschen National-Eigenthuͤmlichkeiten, so wie dieses Mittel wiederum eingreifen soll in Zeit und Bildung der National-Eigen¬ thuͤmlichkeiten. Es ist somit dieses Mittel nicht eher vollkommen klar und verstaͤndlich gemacht, als bis es mit diesen, und diese mit ihm zusammen gehalten, und beide in vollkommner gegenseitiger Durchdringung dar¬ gestellt sind, welche Geschaͤfte einige Zeit er¬ fordern, und so die vollkommne Klarheit nur am Ende unsrer Reden zu erwarten ist. Da D wir jedoch bei irgend einem einzelnen Theile an¬ fangen muͤssen, so wird es am zweckmaͤßigsten seyn, zufoͤrderst jenes Mittel selbst, abgeson¬ dert von seinen Umgebungen in Zeit und Raum, fuͤr sich in seinem innern Wesen zu betrachten, und so soll denn diesem Geschaͤfte unsere heutige und naͤchstfolgende Rede ge¬ widmet seyn. Das angegebene Mittel war eine durch¬ aus neue, und vorher noch nie also bei ir¬ gend einer Nation dagewesene National-Er¬ ziehung der Deutschen. Diese neue Erzie¬ hung wnrde schon in der vorigen Rede zur Unterscheidung von der bisher uͤblichen also bezeichnet: die bisherige Erziehung habe zu guter Ordnung und Sittlichkeit hoͤchstens nur ermahnt, aber diese Ermahnungen seyen un¬ fruchtbar gewesen fuͤr das wirkliche Leben, welches nach ganz andern, dieser Erziehung durchaus unzugaͤnglichen Gruͤnden sich gebil¬ det habe. Im Gegensatze mit dieser muͤsse die neue Erziehung die wirkliche Lebens-Re¬ gung und Bewegung ihrer Zoͤglinge, nach Regeln sicher und ohnfehlbar bilden, und bestimmen koͤnnen. So nun etwa hierauf jemand also gesagt haͤtte, wie denn auch wirklich diejenigen, welche die bisherige Erziehung leiten, fast ohne Aus¬ nahme also sagen: Wie koͤnnte man denn auch irgend einer Erziehung mehr anmuthen, als daß sie dem Zoͤglinge das Rechte zeige, und ihn getreulich zu demselben anmahne; ob er diesen Ermahnungen folgen wolle, das sey seine eigne Sache, und wenn er es nicht thue, seine eigne Schuld; er habe freien Wil¬ len, den keine Erziehung ihm nehmen koͤnne: so wuͤrde ich hierauf, um die von mir ge¬ dachte neue Erziehung noch schaͤrfer zu be¬ zeichnen, antworten; daß gerade in diesem Anerkennen, und in diesem Rechnen auf einen freien Willen des Zoͤglings der erste Irrthum der bisherigen Erziehung, und das deutliche Bekenntniß ihrer Ohnmacht, und Nichtigkeit liege. Denn indem sie bekennt, daß nach aller ihrer kraͤftigsten Wirksamkeit der Wille dennoch frei, d. i. unentschieden schwankend zwischen gutem und boͤsem bleibe, bekennt sie, daß sie den Willen, und da dieser die eigentliche Grund-Wurzel des Menschen selbst ist, den Menschen selbst zu bilden durchaus D 2 weder vermoͤge, noch wolle oder begehre, und daß sie dies uͤberhaupt fuͤr unmoͤglich halte. Dagegen wuͤrde die neue Erziehung gerade darin bestehen muͤssen, daß sie auf dem Bo¬ den, dessen Bearbeitung sie uͤbernaͤhme, die Freiheit des Willens gaͤnzlich vernichtete, und dagegen strenge Nothwendigkeit der Entschlies¬ sungen, und die Unmoͤglichkeit des entgegen¬ gesezten in dem Willen hervorbraͤchte, auf welchen Willen man nunmehro sicher rechnen und auf ihn sich verlassen koͤnnte. Alle Bildung strebt an die Hervorbrin¬ gung eines festen bestimmten und beharrli¬ chen Seyns, das nun nicht mehr wird, son¬ dern ist, und nicht anders seyn kann, denn so wie es ist. Strebte sie nicht an ein sol¬ ches Seyn, so waͤre sie nicht Bildung, son¬ dern irgend ein zweckloses Spiel; haͤtte sie ein solches Seyn nicht hervorgebracht, so waͤre sie eben noch nicht vollendet. Wer sich noch ermahnen muß, und ermahnt werden, das Gute zu wollen, der hat noch kein bestimm¬ tes, und stets bereit stehendes Wollen, son¬ dern er will sich dieses erst jedesmal im Falle des Gebrauches machen; wer ein solches festes Wollen hat, der will, was er will, fuͤr alle Ewigkeit, und er kann in keinem moͤglichen Falle anders wollen, denn also, wie er eben immer will; fuͤr ihn ist die Freiheit des Wil¬ lens vernichtet, und aufgegangen in der Nothwendigkeit. Dadurch eben hat die bis¬ herige Zeit gezeigt, daß sie von Bildung zum Menschen weder einen rechten Begriff, noch die Kraft hatte, diesen Begriff darzustellen, daß sie durch ermahnende Predigten die Men¬ schen bessern wollte, und verdrießlich ward, und schalt, wenn diese Predigten nichts fruch¬ teten. Wie konnten sie doch fruchten? Der Wille des Menschen hat schon vor der Er¬ mahnung vorher, und unabhaͤngig von ihr, seine feste Richtung; stimmt diese zusammen mit deiner Ermahnung, so koͤmmt die Er¬ mahnung zu spaͤt, und der Mensch haͤtte auch ohne dieselbe gethan, wozu du ihn ermah¬ nest, steht sie mit derselben im Widerspruche, so magst du ihn hoͤchstens einige Augenblicke betaͤuben; wie die Gelegenheit kommt, vergißt er sich selbst und deine Ermahnung, und folgt seinem natuͤrlichen Hange. Willst du etwas uͤber ihn vermoͤgen, so mußt du mehr thun, als ihn bloß anreden, du mußt ihn machen, ihn also machen, daß er gar nicht anders wollen koͤnne, als du willst, daß er wolle. Es ist vergebens zu sagen, fliege — dem der keine Fluͤgel hat, und er wird durch alle deine Ermahnungen nie zwei Schritte uͤber den Boden empor kommen; aber entwikle, wenn du kannst, seine geistigen Schwungfedern, und lasse ihn dieselben uͤben, und kraͤftig machen, und er wird ohne alle dein Ermah¬ nen gar nicht anders mehr wollen, oder koͤn¬ nen, denn fliegen. Diesen festen, und nicht weiter schwan¬ kenden Willen muß die neue Erziehung her¬ vorbringen nach einer sichern, und ohne Aus¬ nahme wirksamen Regel; sie muß selber mit Nothwendigkeit erzeugen die Nothwendigkeit, die sie beabsichtiget. Was bisher gut gewor¬ den ist, ist gut geworden durch seine natuͤr¬ liche Anlage, durch welche die Einwirkung der schlechten Umgebung uͤberwogen wurde; kei¬ nesweges aber durch die Erziehung, denn sonst haͤtte alles durch dieselbe hindurch gegan¬ gene gut werden muͤssen: was da verdarb, verdarb eben so wenig, durch die Erziehung, denn sonst haͤtte alles durch sie hindurch ge¬ hende verderben muͤssen, sondern durch sich selber, und seine natuͤrliche Anlage; die Er¬ ziehung war in dieser Ruͤcksicht nur nichtig, keinesweges verderblich, das eigentliche bil¬ dende Mittel war die geistige Natur. Aus den Haͤnden dieser dunklen, und nicht zu be¬ rechnenden Kraft nun soll hinfuͤhro die Bil¬ dung zum Menschen unter die Bothmaͤßig¬ keit einer besonnenen Kunst gebracht werden, die an allem ohne Ausnahme, was ihr an¬ vertraut wird, ihren Zweck sicher erreiche, oder, wo sie ihn etwa nicht erreichte, wenig¬ stens weiß, daß sie ihn nicht erreicht hat, und daß somit die Erziehung noch nicht ge¬ schlossen ist. Eine sichere und besonnene Kunst einen festen, und unfehlbaren guten Willen im Menschen zu bilden, soll also die von mir vorgeschlagene Erziehung seyn, und dieses ist ihr erstes Merkmal. Weiter — der Mensch kann nur dasjenige wollen, was er liebt; seine Liebe ist der ein¬ zige, zugleich auch der unfehlbare Antrieb seines Wollens, und aller seiner Lebens- Regung, und Bewegung. Die bisherige Staatskunst, als selbst Erziehung des gesell¬ schaftlichen Menschen, setzte als sichere, und ohne Ausnahme geltende Regel voraus, daß jedermann sein eigenes sinnliches Wohlseyn liebe, und wolle, und sie knuͤpfte an diese natuͤrliche Liebe durch Furcht und Hofnung kuͤnstlich den guten Willen, den sie wollte, das Interesse fuͤr das gemeine Wesen. Ab¬ gerechnet, daß bei dieser Erziehungs-Weise der aͤußerlich zum unschaͤdlichen oder brauch¬ baren Buͤrger gewordene dennoch innerlich ein schlechter Mensch bleibt, denn darin eben besteht die Schlechtigkeit, daß man nur sein sinnliches Wohlseyn liebe, und nur durch Furcht, oder Hofnung fuͤr dieses, sey es nun im gegenwaͤrtigen, oder in einem kuͤnftigen Leben, bewegt werden koͤnne; — dieses ab¬ gerechnet, haben wir schon oben ersehen, daß diese Maaßregel fuͤr uns nicht mehr anwend¬ bar ist, indem Furcht und Hofnung nicht mehr fuͤr uns, sondern gegen uns dienen, und die sinnliche Selbstliebe auf keine Weise in unsern Vortheil gezogen werden kann. Wir sind daher sogar durch die Noth gedrun¬ gen, innerlich, und im Grunde gute Menschen bilden zu wollen, indem nur in solchen die deutsche Nation noch fortdauern kann, durch schlechte aber nothwendig mit dem Auslande zusammenfließt. Wir muͤssen darum an die Stelle jener Selbstliebe, an welche nichts gutes fuͤr uns sich laͤnger knuͤpfen laͤßt, eine andere Liebe, die unmittelbar auf das Gute, schlechtweg als solches, und um sein selbst willen gehe, in den Gemuͤthern aller, die wir zu unsrer Nation rechnen wollen, setzen, und begruͤnden. Die Liebe fuͤr das Gute schlechtweg als solches, und nicht etwa um seiner Nuͤzlichkeit willen fuͤr uns selber, traͤgt, wie wir schon ersehen haben, die Gestalt des Wohlgefallens an demselben: eines so innigen Wohlgefal¬ lens, daß man dadurch getrieben werde, es in seinem Leben darzustellen. Dieses innige Wohlgefallen also waͤre es, was die neue Erziehung als festes und unwandelbares Seyn ihres Zoͤglings hervorbringen muͤßte; worauf denn dieses Wohlgefallen durch sich selbst den unwandelbar guten Willen desselben Zoͤglings als nothwendig begruͤnden wuͤrde. Ein Wohlgefallen, das da treibet, einen gewissen Zustand der Dinge, der in der Wirk¬ lichkeit nicht vorhanden ist, hervorzubringen in derselben, sezt voraus ein Bild dieses Zu¬ standes, das vor dem wirklichen Seyn dessel¬ ben vorher dem Geiste vorschwebt, und jenes zur Ausfuͤhrung treibende Wohlgefallen auf sich ziehet. Somit sezt dieses Wohlgefallen in der Person, die von ihm ergriffen wer¬ den soll, voraus, das Vermoͤgen, selbstthaͤtig dergleichen Bilder, die unabhaͤngig seyen von der Wirklichkeit, und keinesweges Nachbilder derselben, sondern vielmehr Vorbilder, zu ent¬ werfen. Ich habe jetzt zu allernaͤchst von diesem Vermoͤgen zu sprechen, und ich bitte, waͤhrend dieser Betrachtung ja nicht zu ver¬ gessen, daß ein durch dieses Vermoͤgen her¬ vorgebrachtes Bild eben als bloßes Bild, und als dasjenige, worin wir unsre bildende Kraft fuͤhlen, gefallen koͤnne, ohne doch dar¬ um genommen zu werden als Vorbild einer Wirklichkeit, und ohne in dem Grade zu ge¬ fallen, daß es zur Ausfuͤhrung treibe; daß dies letztere ein ganz anderes, und unser eigentlicher Zweck ist, von dem wir spaͤter zu reden nicht unterlassen werden, jenes naͤchste aber lediglich die vorlaͤufige Bedingung ent¬ haͤlt zu Erreichung des wahren letzten Zwecks der Erziehung. Jenes Vermoͤgen, Bilder, die keinesweges bloße Nachbilder der Wirklichkeit seyen, son¬ dern die da faͤhig sind, Vorbilder derselben zu werden, selbstthaͤtig zu entwerfen, waͤre das erste, wovon die Bildung des Geschlechts durch die neue Erziehung ausgehen muͤßte. Selbstthaͤtig zu entwerfen, habe ich gesagt, und also, daß der Zoͤgling durch eigne Kraft sie sich erzeuge, keinesweges etwa, daß er nur faͤhig werde, das durch die Erziehung ihm hingegebne Bild, leidend aufzufassen, es hinlaͤnglich zu verstehen, und es, also wie es ihm gegeben ist, zu wiederholen, als ob es nur um das Vorhandenseyn eines solchen Bildes zu thun waͤre. Der Grund dieser Forderung der eignen Selbstthaͤtigkeit in die¬ sem Bilden ist folgender: nur unter dieser Bedingung kann das entworfene Bild das thaͤtige Wohlgefallen des Zoͤglings an sich ziehen. Es ist nemlich ganz etwas anderes, sich etwas nur gefallen zu lassen, und nichts dagegen zu haben, dergleichen leidendes Ge¬ fallenlassen allein hoͤchstens aus einem leiden¬ den Hingeben entstehen kann; wiederum aber etwas anderes, von dem Wohlgefallen an etwas also ergriffen werden, daß dasselbe schoͤpferisch werde, und alle unsre Kraft zum Bilden anrege. Von dem ersten, das in alle¬ wege in der bisherigen Erziehung wohl auch vorkam, sprechen wir nicht, sondern von dem lezten. Dieses lezte Wohlgefallen aber wird allein dadurch angezuͤndet, daß die Selbst¬ thaͤtigkeit des Zoͤglings zugleich angereizt, und an dem gegebnen Gegenstande ihm offenbar werde, und so dieser Gegenstand nicht bloß fuͤr sich, sondern zugleich auch als ein Ge¬ genstand der geistigen Kraftaͤußerung gefalle, welche leztere unmittelbar, nothwendig, und ohne alle Ausnahme wohlgefaͤllt. Diese im Zoͤglinge zu entwickelnde Thaͤ¬ tigkeit des geistigen Bildens ist ohne Zweifel eine Thaͤtigkeit nach Regeln, welche Regeln dem Thaͤtigen kund werden, bis zur Einsicht ihrer einzigen Moͤglichkeit in unmittelbarer Erfahrung an sich selber; also, diese Thaͤtig¬ keit bringt hervor Erkenntniß, und zwar, allgemeiner, und ohne Ausnahme geltender Gesetze. Auch in dem von diesem Punkte aus sich anhebenden freien Fortbilden ist un¬ moͤglich, was gegen das Gesetz unternommen wird, und es erfolgt keine That, bis das Gesetz befolgt ist; wenn daher auch diese freie Fortbildung anfangs von blinden Versuchen ausginge, so muͤßte sie doch enden mit erwei¬ terter Erkenntniß des Gesetzes. Diese Bil¬ dung ist daher in ihrem lezten Erfolge Bil¬ dung des Erkenntnißvermoͤgens des Zoͤglings, und zwar keinesweges die historische an den stehenden Beschaffenheiten der Dinge, sondern die hoͤhere, und philosophische, an den Ge¬ setzen, nach denen eine solche stehende Be¬ schaffenheit der Dinge nothwendig wird. Der Zoͤgling lernt. Ich setze hinzu: der Zoͤgling lernt gern, und mit Lust, und er mag, so lange die Spannung der Kraft vorhaͤlt, gar nichts lie¬ ber thun, denn lernen, denn er ist selbstthaͤ¬ tig, indem er lernt, nnd dazu hat er unmit¬ telbar die allerhoͤchste Lust. Wir haben hier¬ an ein aͤußeres theils unmittelbar ins Auge fallendes theils untruͤgliches Kennzeichen der wahren Erziehung gefunden, dies, daß ohne alle Ruͤcksicht auf die Verschiedenheit der na¬ tuͤrlichen Anlagen und ohne alle Ausnahme jedweder Zoͤgling, an den diese Erziehung gebracht wird, rein um des Lernens selbst willen, und aus keinem andern Grunde, mit Lust und Liebe lerne. Wir haben das Mit¬ tel gefunden, diese reine Liebe zum Lernen anzuzuͤnden, dies, die unmittelbare Selbst¬ thaͤtigkeit des Zoͤglings anzuregen, und diese zur Grundlage aller Erkenntniß zu machen, also, daß an ihr gelernt werde, was gelernt wird. Diese eigne Thaͤtigkeit des Zoͤglings in irgend einem uns bekannten Punkte nur erst anzure¬ gen, ist das erste Hauptstuͤck der Kunst. Ist die¬ ses gelungen, so kommt es nur noch darauf an, die angeregte von diesem Punkte aus immer im frischen Leben zu erhalten, welches allein durch regelmaͤßiges Fortschreiten moͤglich ist, und wo jeder Fehlgriff der Erziehung auf der Stelle durch Mißlingen des Beabsichtigten sich entdeckt. Wir haben also auch das Band gefunden, wodurch der beabsichtigte Erfolg unabtrennlich angeknuͤpft wird an die ange¬ gebene Wirkungsweise, das ewige und ohne alle Ausnahme waltende Grundgesez der gei¬ stigen Natur des Menschen, daß er geistige Thaͤtigkeit unmittelbar anstrebe. Sollte jemand, durch die gewoͤhnliche Er¬ fahrung unserer Tage irre geleitet, sogar ge¬ gen das Vorhandenseyn eines solchen Grund¬ gesetzes Zweifel hegen, so merken wir fuͤr einen solchen zum Ueberflusse an, daß der Mensch von Natur allerdings bloß sinnlich und selbstsuͤchtig ist, so lange die unmittel¬ bare Noth, und das gegenwaͤrtige sinnliche Beduͤrfniß ihn treibt, und daß er durch kein geistiges Beduͤrfniß, oder irgend eine scho¬ nende Ruͤcksicht sich abhalten laͤßt, dieses zu befriedigen; daß er aber, nachdem nur die¬ sem abgeholfen ist, wenig Neigung hat, das schmerzhafte Bild desselben in seiner Phantasie zu bearbeiten, und es sich gegenwaͤrtig zu erhalten, sondern daß er es weit mehr liebt, den losgebundenen Gedanken auf die freie Betrachtung dessen, was die Aufmerksamkeit seiner Sinne reizt, zu richten, ja daß er auch einen dichterischen Ausflug in ideale Welten gar nicht verschmaͤht, indem ihm von Natur ein leichter Sinn beiwohnt fuͤr das Zeitliche, damit sein Sinn fuͤr das Ewige einigen Spiel- Raum zur Entwickelung erhalte. Das letzte wird bewiesen durch die Geschichte aller alten Voͤlker, und die mancherlei Beobachtungen und Entdeckungen, die von ihnen auf uns gekom¬ men sind; es wird bewiesen bis auf unsere Tage durch die Beobachtung der noch uͤbri¬ gen wilden Voͤlker, falls nemlich sie von ih¬ rem Klima nur nicht gar zu stiefmuͤtterlich behandelt werden, und durch die unsrer eig¬ nen Kinder; es wird sogar bewiesen durch das freimuͤthige Gestaͤndniß unserer Eiferer gegen Ideale, welche sich beklagen, daß es ein weit verdrießlicheres Geschaͤft sey, Na¬ men und Jahrszahlen zu lernen, denn auf¬ zufliegen in das, wie es ihnen vorkommt, leere Feld der Ideen, welche sonach selber, wie es scheint, lieber das zweite thaͤten, wenn sie sichs erlauben duͤrften, denn das erste. Daß an die Stelle dieses naturgemaͤßen Leicht¬ sinns der schwere Sinn trete, wo auch dem Gesaͤttigten der kuͤnftige Hunger, und die ganzen langen Reihen alles moͤglichen kuͤnf¬ tigen Hungers, als das einzige seine Seele fuͤllende, vorschweben, und ihn immerfort sta¬ cheln cheln und treiben, wird in unserm Zeitalter durch Kunst bewirkt, beim Knaben durch Zuͤch¬ tigung seines natuͤrlichen Leichtsinns, beim Manne durch das Bestreben fuͤr einen klugen Mann zu gelten, welcher Ruhm nur demje¬ nigen zu Theil wird, der jenen Gesichtspunkt keinen Augenblick aus den Augen laͤßt; es ist daher dies keinesweges Natur, auf die wir zu rechnen haͤtten, sondern ein der widerstre¬ benden Natur mit Muͤhe aufgedrungenes Ver¬ derben, das da wegfaͤllt, so wie nur jene Muͤhe nicht mehr angewendet wird. Diese unmittelbar die geistige Selbstthaͤtig¬ keit des Zoͤglings anregende Erziehung, erzeugt Erkenntniß, sagten wir oben; und dies giebt uns Gelegenheit, die neue Erziehung im Ge¬ gensatze mit der bisherigen, noch tiefer zu bezeichnen. Eigentlich nemlich, und unmit¬ telbar geht die neue Erziehung nur auf Anre¬ gung regelmaͤßig fortschreitender Geistesthaͤtig¬ keit. Die Erkenntniß ergiebt sich, wie wir oben gesehen haben, nur neben bei, und als nicht außenbleibende Folge. Ob es daher, nun zwar wohl diese Erkenntniß ist, in wel¬ cher allein das Bild fuͤr das wirkliche Leben, E das die kuͤnftige ernstliche Thaͤtigkeit unsers zum Manne gewordenen Zoͤglings anregen soll, erfaßt werden kann; die Erkenntniß da¬ her allerdings ein wesentlicher Bestandtheil der zn erlangenden Bildung ist, so kann man dennoch nicht sagen, daß die neue Erziehung diese Erkenntniß unmittelbar beabsichtige, son¬ dern die Erkenntniß faͤllt derselben nur zu. Im Gegentheile beabsichtigte die bisherige Er¬ ziehung geradezu Erkenntniß, und ein ge¬ wisses Maaß eines Erkenntnißstoffes. Ferner ist ein großer Unterschied zwischen der Art der Erkenntniß, welche der neuen Erziehung nebenbei entsteht, und derjenigen, welche die bisherige Erziehung beabsichtigte. Jener entsteht die Erkenntniß der die Moͤglichkeit aller geistigen Thaͤtigkeit bedingenden Gesetze dieser Thaͤtigkeit. Z. B. wenn der Zoͤgling in freier Phantasie durch gerade Linien einen Raum zu begrenzen versucht, so ist dies die zuerst angeregte geistige Thaͤtigkeit desselben. Wenn er in diesen Versuchen findet, daß er mit weniger denn drei geraden Linien keinen Raum begrenzen koͤnne, so ist dieses letztere die neben bei entstehende Erkenntniß einer zweiten ganz andern Thaͤtigkeit des, das zuerst angeregte freie Vermoͤgen, beschraͤnkenden Er¬ kenntnißvermoͤgens. Dieser Erziehung ent¬ steht sonach gleich bei ihrem Beginnen eine wahrhaft uͤber alle Erfahrung erhabene, uͤber¬ sinnliche, streng nothwendige, und allgemeine Erkenntniß, die alle nachher moͤgliche Erfah¬ rung schon im voraus unter sich befaßt. Da¬ gegen ging der bisherige Unterricht in der Re¬ gel nur auf die stehenden Beschaffenheiten der Dinge, wie sie eben ohne daß man dafuͤr einen Grund angeben koͤnne, seyen, und geglaubt, und gemerkt werden muͤßten; also auf ein bloß leidendes Auffassen durch das lediglich im Dienste der Dinge stehende Ver¬ moͤgen des Gedaͤchtnisses, wodurch es uͤber¬ haupt gar nicht zur Ahndung des Geistes, als eines selbststaͤndigen, und uranfaͤng¬ lichen Princips der Dinge selber, kommen konnte. Es vermeine die neuere Paͤdagogik ja nicht durch die Berufung auf ihren oft bezeugten Abscheu gegen mechanisches Aus¬ wendiglernen, und auf ihre bekannten Mei¬ sterstuͤcke in sokratischer Manier, gegen diesen Vorwurf sich zu decken; denn hierauf hat sie E 2 schon laͤngst wo anders den gruͤndlichen Be¬ scheid erhalten, daß diese sokratischen Raͤson¬ nements gleichfals nur mechanisch auswendig gelernt werden, und daß dies ein um so ge¬ faͤhrlicheres Auswendiglernen ist, da es dem Zoͤglinge, der nicht denkt, dennoch den Schein giebt, daß er denken koͤnne; daß dies bei dem Stoffe, den sie zur Entwickelung des Selbstdenkens anwenden wollte, nicht an¬ ders erfolgen konnte, und daß man fuͤr die¬ sen Zweck mit einem ganz andern Stoffe an¬ heben muͤsse. Aus dieser Beschaffenheit des bisherigen Unterrichts erhellet, theils warum in der Regel der Zoͤgling bisher ungern, und darum langsam und spaͤrlich lernte, und in Ermangelung des Reizes aus dem Lernen selber, fremdartige Antriebe untergelegt wer¬ den mußten, theils geht daraus hervor der Grund von bisherigen Ausnahmen von der Regel. Das Gedaͤchtniß, wenn es allein, und ohne irgend einem andern geistigen Zwecke dienen zu sollen, in Anspruch genommen wird, ist vielmehr ein Leiden des Gemuͤths, als eine Thaͤtigkeit desselben, und es laͤßt sich ein¬ sehen, daß der Zoͤgling dieses Leiden hoͤchst ungern uͤbernehmen werde. Auch ist die Be¬ kanntschaft mit ganz fremden, und nicht das mindeste Interesse fuͤr ihn habenden Dingen, und mit ihren Eigenschaften, ein schlechter Ersatz fuͤr jenes ihm zugefuͤgte Leiden; des¬ wegen mußte seine Abneigung durch die Ver¬ troͤstung auf die kuͤnftige Nuͤtzlichkeit dieser Er¬ kenntnisse, und daß man nur vermittelst ihrer Brod und Ehre finden koͤnne, und sogar durch unmittelbar gegenwaͤrtige Strafe und Beloh¬ nung uͤberwunden werden; — daß somit die Erkenntniß gleich von vorn herein als Diene¬ rin des sinnlichen Wohlseyns aufgestellt wurde, und diese Erziehung, welche in Absicht ihres Inhalts oben als bloß unkraͤftig fuͤr Ent¬ wicklung einer sittlichen Denkart aufgestellt wurde, um nur an den Zoͤgling zu gelangen, das moralische Verderben desselben sogar pflanzen und entwickeln, und ihr Interesse an das Interesse dieses Verderbens anknuͤpfen mußte. Man wird ferner finden, daß das natuͤrliche Talent, welches als Ausnahme von der Regel, in der Schule dieser bisherigen Erziehung gern lernte, und deswegen gut, und durch diese in ihm waltende hoͤhere Liebe das moralische Verderben der Umgebung uͤberwand, und seinen Sinn rein erhielt, durch seinen natuͤrlichen Hang, jenen Gegen¬ staͤnden ein praktisches Interesse abgewann, und daß es, von seinem gluͤcklichen Instinkte geleitet, vielmehr darauf ausging, dergleichen Erkenntnisse selbst hervorzubringen, denn dar¬ auf, sie bloß aufzufassen: sodann, daß in Ab¬ sicht der Lehrgegenstaͤnde, mit denen, als Ausnahme von der Regel, es dieser Erzie¬ hung noch am allgemeinsten und gluͤcklichsten gelang, dieses insgesammt solche sind, die sie thaͤtig ausuͤben ließ, so wie z. B. diejenige gelehrte Sprache, in der bis aufs Schreiben und Reden derselben ausgegangen wurde, beinah allgemein ziemlich gut, dagegen die¬ jenige andere, in der die Schreibe- und Rede- Uebungen vernachlaͤssigt wurden, in der Re¬ gel sehr schlecht und oberflaͤchlich gelernt, und in reiferen Jahren vergessen worden. Daß daher auch aus der bisherigen Erfahrung hervorgeht, daß es allein die Entwickelung der geistigen Thaͤtigkeit durch den Unterricht sey, die da Lust an der Erkenntniß, rein als solcher, hervorbringe, und so auch das Ge¬ muͤth der sittlichen Bildung offen erhalte, da¬ gegen das bloß leidende Empfangen eben so die Erkenntniß laͤhme und toͤdte, wie es ihr Beduͤrfniß sey, den sittlichen Sinn in Grund und Boden hinein zu verderben. Um wieder zuruͤckzukehren zum Zoͤglinge der neuen Erziehung: es ist klar, daß der¬ selbe, von seiner Liebe getrieben, viel, und da er alles in seinem Zusammenhange faßt, und das gefaßte unmittelbar durch ein Thun uͤbt, dieses viele richtig und unvergeßlich ler¬ nen werde. Doch ist dieses nur Nebensache. Bedeutender ist, daß durch diese Liebe sein Selbst erhoͤhet, und in eine ganz neue Ord¬ nung der Dinge, in welche bisher nur we¬ nige von Gott beguͤnstigte von ohngefaͤhr ka¬ men, besonnen, und nach einer Regel ein¬ gefuͤhrt wird. Ihn treibt eine Liebe, die durchaus nicht auf irgend einen sinnlichen Genuß ausgeht, indem dieser, als Antrieb, fuͤr ihn gaͤnzlich schweigt, sondern auf geistige Thaͤtigkeit, um der Thaͤtigkeit willen, und auf das Gesetz derselben, um des Gesetzes willen. Ob nun zwar nicht diese geistige Thaͤtigkeit uͤberhaupt es ist, auf welche die Sittlichkeit geht, sondern dazu noch eine be¬ sondere Richtung jener Thaͤtigkeit kommen muß, so ist dennoch jene Liebe die allgemeine Beschaffenheit und Form des sittlichen Wil¬ lens; und so ist denn diese Weise der geisti¬ gen Bildung, die unmittelbare Vorbereitung zu der sittlichen; die Wurzel der Unsittlichkeit aber rottet sie, indem sie den sinnlichen Ge¬ nuß durchaus niemals Antrieb werden laͤßt, gaͤnzlich aus. Bisher war dieser Antrieb der erste, der da angeregt, und ausgebildet wurde, weil man außerdem den Zoͤgling gar nicht bearbeiten, und einigen Einfluß auf densel¬ ben gewinnen zu koͤnnen glaubte; sollte hin¬ terher der sittliche Antrieb entwickelt werden, so kam derselbe zu spaͤt, und fand das Herz schon eingenommen und angefuͤllt von einer andern Liebe. Durch die neue Erziehung soll umgekehrt die Bildung zum reinen Wollen das erste werden, damit, wenn spaͤterhin doch die Selbstsucht innerlich erwachen, oder von außen angeregt werden sollte, diese zu spaͤt komme, und in dem schon von etwas an¬ derm eingenommenen Gemuͤthe keinen Platz fuͤr sich finde. Wesentlich ist schon fuͤr diesen ersten, so wie fuͤr den demnaͤchst anzugebenden zweiten Zweck, daß der Zoͤgling von Anbeginn an ununterbrochen, und ganz unter dem Einflusse dieser Erziehung stehe, und daß er von dem Gemeinen gaͤnzlich abgesondert, und vor aller Beruͤhrung damit verwahrt werde. Daß man um seiner Erhaltung und seines Wohlseyns willens im Leben sich regen und bewegen koͤnne, muß er gar nicht hoͤren, und eben so wenig, daß man um deswillen lerne, oder daß das Lernen dazu etwas helfen koͤnne. Es folgt daraus, daß die geistige Entwicke¬ lung in der oben angegebenen Weise, die ein¬ zige seyn muͤsse, die an ihn gebracht werde, und daß er mit derselben ohne Unterlaß be¬ schaͤftigt werden muͤsse, daß aber keinesweges diese Weise des Unterrichts mit demjenigen, der des entgegengesezten sinnlichen Antriebs bedarf, abwechseln duͤrfe. Ob nun aber wohl diese geistige Ent¬ wickelung die Selbstsucht nicht zum Leben kommen laͤßt, und die Form eines sittlichen Willens giebt, so ist dies doch darum noch nicht der sittliche Wille selbst; und falls die von uns vorgeschlagene neue Erziehung nicht weiter ginge, so wuͤrde sie hoͤchstens trefliche Bearbeiter der Wissenschaften erziehen, deren es auch bisher gegeben hat, und deren es nur wenige bedarf, und die fuͤr unsern eigentlichen menschlichen, und nationalen Zweck, nicht mehr vermoͤgen wuͤrden, als dergleichen Maͤn¬ ner auch bisher vermocht haben; ermahnen, und wieder ermahnen, und sich anstaunen und nach Gelegenheit schmaͤhen zu lassen. Aber es ist klar, und ist auch schon oben gesagt, daß diese freie Thaͤtigkeit des Geistes in der Absicht entwickelt worden, damit der Zoͤgling mit derselben frei das Bild einer sittlichen Ordnung des wirklich vorhandenen Lebens entwerfe, dieses Bild mit der in ihm gleichfalls schon entwickelten Liebe fasse, und durch diese Liebe getrieben werde, dasselbe in und durch sein Leben wirklich darzustellen. Es fragt sich, wie die neue Erziehung sich den Beweis fuͤhren koͤnne, daß sie diesen ihren eigentlichen und letzten Zweck an ihrem Zoͤglinge erreicht habe? Zufoͤrderst ist klar, daß die schon fruͤher an andern Gegenstaͤnden geuͤbte geistige Thaͤ¬ tigkeit des Zoͤglings angeregt werden muͤsse, ein Bild von der gesellschaftlichen Ordnung der Menschen, so wie dieselbe nach dem Ver¬ nunftgesetze schlechthin seyn soll, zu entwerfen. Ob dieses, vom Zoͤglinge entworfene Bild richtig sey, ist von einer Erziehung, die nur selbst im Besitze dieses richtigen Bildes sich befindet, am leichtesten zu beurtheilen; ob dasselbe durch die eigne Selbstthaͤtigkeit des Zoͤglings entworfen, keinesweges aber nur leidend aufgefaßt, und der Schule glaͤubig nachgesagt werde, ferner ob es zur gehoͤrigen Klarheit, und Lebhaftigkeit gesteigert sey, wird die Erziehung auf dieselbe Weise beurtheilen koͤnnen, wie sie fruͤher in derselben Ruͤcksicht bei andern Gegenstaͤnden ein treffendes Ur¬ theil gefaͤllt hat. Alles dies ist noch Sache der bloßen Erkenntniß, und verbleibt auf dem in dieser Erziehung sehr zugaͤnglichen Gebiete dieser. Eine ganz andere aber und hoͤhere Frage ist die, ob der Zoͤgling also von trennender Liebe fuͤr eine solche Ordnung der Dinge ergriffen sey, daß es ihm, der Leitung der Erziehung entlassen, und selbststaͤndig hin¬ gestellt, schlechterdings unmoͤglich seyn werde, diese Ordnung nicht zu wollen, und nicht aus allen seinen Kraͤften fuͤr die Befoͤrderung derselben zu arbeiten; uͤber welche Frage ohne Zweifel nicht Worte, und in Worten anzu¬ stellende Pruͤfungen, sondern allein der An¬ blick von Thaten entscheiden koͤnnen. Ich loͤse die durch diese lezte Betrachtung uns gestellte Aufgabe also: Ohne Zweifel wer¬ den doch die Zoͤglinge dieser neuen Erziehung, obwohl abgesondert von der schon erwachse¬ nen Gemeinheit, dennoch untereinander selbst in Gemeinschaft leben, und so ein abgeson¬ dertes und fuͤr sich selbst bestehendes Gemein- Wesen bilden, das seine genau bestimmte, in der Natur der Dinge gegruͤndete, und von der Vernunft durchaus geforderte Verfassung habe. Das allererste Bild einer geselligen Ord¬ nung, zu dessen Entwerfung der Geist des Zoͤglings angeregt werde, sey dieses der Ge¬ meine, in der er selber lebt, also, daß er in¬ nerlich gezwungen sey, diese Ordnung Punkt fuͤr Punkt gerade also sich zu bilden, wie sie wirklich vorgezeichnet ist, und daß er dieselbe in allen ihren Theilen, als durchaus noth¬ wendig aus ihren Gruͤnden verstehe. Dies ist nun abermals bloßes Werk der Erkennt¬ niß. In dieser gesellschaftlichen Ordnung muß nun im wirklichen Leben jeder Einzelne um des Ganzen willen immerfort gar vieles unterlassen, was er, wenn er sich allein be¬ faͤnde, unbedenklich thun koͤnnte; und es wird zweckmaͤßig seyn, daß in der Gesezgebung, und in dem darauf zu bauenden Unterrichte uͤber die Verfassung, jedem Einzelnen alle die uͤb¬ rigen mit einer zum Ideal gesteigerten Ordnungs¬ liebe vorgestellt werden, welche also vielleicht kein einziger wirklich hat, die aber alle haben sollten; und daß somit diese Gesezgebung einen hohen Grad von Strenge erhalte, und der Un¬ terlassungen gar viele auflege. Diese, als etwas das schlechthin seyn muß, und auf welchem das Bestehen der Gesellschaft beruht, sind auf den Nothfall sogar durch Furcht vor gegenwaͤrtiger Strafe zu erzwingen; und muß dieses Strafge¬ sez schlechthin ohne Schonung oder Ausnahme vollzogen werden. Der Sittlichkeit des Zoͤg¬ lings geschieht durch diese Anwendung der Furcht, als eines Triebes, gar kein Eintrag, in¬ dem hier ja nicht zum Thun des Guten, sondern nur zu Unterlassung des in dieser Verfassung Boͤ¬ sen getrieben werden soll; uͤberdieß muß im Un¬ terrichte uͤber die Verfassung vollkommen ver¬ staͤndlich gemacht werden, daß der, welcher der Vorstellung von der Strafe, oder wohl gar der Anfrischung dieser Vorstellung durch die Erdul¬ dung der Strafe selbst noch beduͤrfe, auf einer sehr niedrigen Stufe der Bildung stehe. Jedennoch ist bei allem diesen klar, daß, da man niemals wissen kann, ob, da wo gehorcht wird, aus Liebe zur Ordnung, oder aus Furcht vor der Strafe gehorcht werde, in diesem Umkreise der Zoͤgling seinen guten Willen nicht aͤußerlich darthun, noch die Erziehung ihn ermessen koͤnne. Dagegen ist der Umkreis, wo ein solches Er¬ messen moͤglich ist, der folgende. Die Verfassung muß nemlich ferner also eingerichtet seyn, daß der Einzelne fuͤr das Ganze, nicht bloß unter¬ lassen muͤsse, sondern daß er fuͤr dasselbe auch thun, und handelnd leisten koͤnne. Außer der geistigen Entwicklung im Lernen finden in die¬ sem Gemein-Wesen der Zoͤglinge auch noch koͤr¬ perliche Uebungen, und die mechanischen aber hier zum Ideale veredelten Arbeiten des Acker¬ baues, und die von mancherlei Handwerken statt. Es sey Grundregel der Verfassung, daß jedem, der in irgend einem dieser Zweige sich hervorthut, zugemuthet werde, die andern darin unterrichten zu helfen, und mancherlei Aufsich¬ ten, und Verantwortlichkeiten zu uͤbernehmen; jedem, der irgend eine Verbesserung findet, oder die von einem Lehrer vorgeschlagene zuerst, und am klaͤrsten begreift, dieselbe mit eigner Muͤhe auszufuͤhren, ohne daß er doch darum von sei¬ nen ohnedies sich verstehenden persoͤnlichen Auf¬ gaben des Lernens und Arbeitens losgesprochen sey; daß jeder dieser Anmuthung freiwillig ge¬ nuͤge, und nicht aus Zwang, indem es dem Nicht¬ wollenden auch frei steht, sie abzulehnen; daß er dafuͤr keine Belohnung zu erwarten habe, indem in dieser Verfassung alle in Beziehung auf Ar¬ beit und Genuß ganz gleich gesezt sind, nicht einmal Lob, indem es die herrschende Denkart ist in der Gemeine, daß daran jeder eben nur seine Schuldigkeit thue, sondern daß er allein genieße die Freude an seinem Thun und Wir¬ ken fuͤr das Ganze, und an dem Gelingen des¬ selben, falls ihm dieses zu Theil wird. In dieser Verfassung wird sonach aus erworbener groͤßerer Geschiklichkeit, und aus der hierauf verwendeten Muͤhe, nur neue Muͤhe und Ar¬ beit folgen, und gerade der Tuͤchtigere wird oft wachen muͤssen, wenn andere schlafen, und nachdenken muͤssen, wenn andere spielen. Die Zoͤglinge welche, ohnerachtet ihnen die¬ ses alles vollkommen klar, und verstaͤndlich ist, dennoch fortgesezt, und also, daß man mit Sicherheit auf sie rechnen koͤnne, jene erste Muͤhe, und die aus ihr folgenden weiteren Muͤhen, freudig uͤbernehmen, und in dem Ge¬ fuͤhle ihrer Kraft und Thaͤtigkeit stark bleiben und staͤrker werden, — diese kann die Erzie¬ hung ruhig entlassen in die Welt; an ihnen hat sie diesen ihren Zweck erreicht; in ihnen ist die Liebe angezuͤndet, und brennt bis in die Wur¬ zel ihrer lebendigen Regung hinein, und sie wird von nun an weiter alles ohne Ausnahme ergreifen, was an diese Lebens-Regung gelan¬ gen wird; und sie werden in dem groͤßeren Gemein-Wesen, in das sie von nun an eintre¬ ten, niemals etwas anderes zu seyn vermoͤgen, denn dasjenige, was sie in dem kleinen Ge¬ mein-Wesen, das sie jetzo verlassen, unverruͤckt, und unwandelbar waren. Auf diese Weise ist der Zoͤgling vollendet fuͤr die naͤchsten, und ohne Ausnahme eintre¬ tenden Anforderungen der Welt an ihn, und es ist geschehen, was die Erziehung im Namen dieser Welt von ihm verlangt. Noch aber ist er nicht in sich und fuͤr sich selber vollendet, und es ist noch nicht geschehen, was er selbst von der Erziehung fordern kann. So wie auch diese Forderung erfuͤllt wird, wird er zugleich tuͤchtig, den Anforderungen, die eine hoͤhere Welt im Namen der gegenwaͤrtigen in beson¬ dern Faͤllen an ihn machen duͤrfte, zu genuͤgen. Dritte Rede. Fortsetzung der Schilderung der neuen Erziehung. D as eigentliche Wesen der in Vorschlag gebrachten neuen Erziehung, inwiefern die¬ selbe in der vorigen Rede beschrieben wor¬ den, bestand darin, daß sie die besonnene und sichere Kunst sey, den Zoͤgling zu reiner Sitt¬ lichkeit zu bilden. Zu reiner Sittlichkeit, sagte ich; die Sittlichkeit, zu der sie erziehet, stehet als ein erstes, unabhaͤngiges, und selbststaͤndi¬ ges da, das aus sich selber lebet sein eigenes Leben; keinesweges aber, so wie die bisher oft beabsichtigte Gesetzmaͤßigkeit angeknuͤpft ist, und eingeimpft, einem andern nicht sittlichen Triebe, dessen Befriedigung es diene. Sie ist die besonnene und sichere Kunst dieser sittlichen Erziehung, sagte ich. Sie schreitet nicht F planlos und auf gutes Gluͤck, sondern nach einer festen, und ihr wohl bekannten Regel einher, und ist ihres Erfolges gewiß. Ihr Zoͤgling geht zu rechter Zeit als ein festes, und unwandelbares Kunstwerk dieser ihrer Kunst hervor, das nicht etwa auch anders gehen koͤnne, denn also, wie es durch sie gestellt wor¬ den, und das nicht etwa einer Nachhuͤlfe be¬ duͤrfe, sondern das durch sich selbst nach sei¬ nem eignen Gesetze fortgeht. Zwar bildet diese Erziehung auch den Geist ihres Zoͤglings; und diese geistige Bildung ist sogar ihr erstes, mit welchem sie ihr Geschaͤft anhebt. Doch ist diese geistige Entwicklung nicht erster, und selbststaͤndiger Zweck, sondern nur das bedingende Mittel, um sittliche Bil¬ dung an den Zoͤgling zu bringen. Inzwischen bleibt auch diese nur gelegentlich erworbene geistige Bildung ein aus dem Leben des Zoͤg¬ lings unaustilgbarer Besitz, und die ewig fort¬ brennende Leuchte seiner sittlichen Liebe. Wie groß auch, oder wie geringfuͤgig die Summe der Erkenntnisse seyn moͤge, die er aus der Erzie¬ hung mitgebracht; einen Geist, der sein gan¬ zes Leben hindurch jedwede Wahrheit, deren Erkenntniß ihm nothwendig wird, zu fassen vermag, und welcher eben so der Belehrung durch andere empfaͤnglich, als des eignen Nachdenkens faͤhig ohn' Unterlaß bleibt, hat er von derselben sicherlich mit davon ge¬ bracht. Soweit waren wir in der Beschreibung dieser neuen Erziehung in der vorigen Rede ge¬ kommen. Wir bemerkten am Schlusse dersel¬ ben, daß durch dieses alles sie dennoch noch nicht vollendet sey, sondern noch eine andere, von den bis jetzt aufgestellten verschiedene Auf¬ gabe zu loͤsen habe; und wir gehen jetzt an das Geschaͤft, diese Aufgabe naͤher zu bezeichnen. Der Zoͤgling dieser Erziehung ist ja nicht bloß Mitglied der menschlichen Gesellschaft hier auf dieser Erde, und fuͤr die kurze Spanne Le¬ ben, die ihm auf derselben vergoͤnnt ist, son¬ dern er ist auch, und wild ohne Zweifel von der Erziehung anerkannt fuͤr ein Glied in der ewigen Kette eines geistigen Lebens uͤberhaupt, unter einer hoͤhern gesellschaftlichen Ordnung. Ohne Zweifel muß auch zur Einsicht in diese hoͤhere Ordnung eine Bildung, die sein ganzes Wesen zu umfassen sich vorgenommen hat, ihn F 2 anfuͤhren, und so wie sie ihn leitete, ein Bild jener sittlichen Welt-Ordnung, die da niemals ist, sondern ewig werden soll, durch eigne Selbstthaͤtigkeit sich vorzuzeichnen, eben so muß sie ihn leiten, ein Bild jener uͤbersinnli¬ chen Welt-Ordnung, in der nichts wird, und die auch niemals geworden ist, sondern die da ewig nur ist, in dem Gedanken, zu entwerfen, mit gleicher Selbstthaͤtigkeit, und also, daß er innigst verstehe und einsehe, daß es nicht an¬ ders seyn koͤnne. Er wird, richtig geleitet, mit den Versuchen eines solchen Bildes zu Ende kommen, und an diesem Ende finden, daß da nichts wahrhaftig da sey, außer das Leben, und zwar das geistige Leben, das da lebet in dem Gedanken; und daß alles uͤbrige nicht wahrhaftig da sey, sondern nur dazuseyn scheine, welches Scheines aus dem Gedanken hervorgehenden Grund er gleichfalls, sey es auch nur im allgemeinen, begreifen wird. Er wird ferner einsehen, daß jenes allein wahr¬ haft daseyende geistige Leben, in den mannig¬ faltigen Gestaltungen, die es nicht durch ein Ohngefaͤhr, sondern durch ein in Gott selber gegruͤndetes Gesetz erhielt, wiederum Eins sey, das goͤttliche Leben selber, welches goͤttliche Leben allein in dem lebendigen Gedanken da ist, und sich offenbar macht. So wird er sein Leben, als ein ewiges Glied in der Kette der Offenbarung des goͤttlichen Lebens, und jed¬ wedes andere geistige Leben, als eben ein sol¬ ches Glied, erkennen, und heilig halten ler¬ nen; und nur in der unmittelbaren Be¬ ruͤhrung mit Gott und dem nicht vermittelten Ausstroͤmen seines Lebens aus jenem, Leben, und Licht, und Seeligkeit; in jeder Entfernung aber aus der Unmittelbarkeit, Tod, Finsterniß und Elend finden. Mit Einem Worte: diese Entwickelung wird ihn zur Religion bilden; und diese Religion des Einwohnens unsers Lebens in Gott soll allerdings auch in der neuen Zeit herrschen, und in derselben sorgfaͤltig gebildet werden. Dagegen soll die Religion der alten Zeit, die das geistige Leben von dem goͤttli¬ chen abtrennte, uud dem erstern nur vermit¬ telst eines Abfalls von dem zweiten das abso¬ lute Daseyn zu verschaffen wußte, das sie ihm zugedacht hatte, und welche Gott als Faden brauchte, um die Selbstsucht noch uͤber den Tod des sterblichen Leibes hinaus in andere Welten einzufuͤhren, und durch Furcht und Hofnung in diesen die fuͤr die gegenwaͤrtige Welt schwach gebliebene, zu verstaͤrken, — diese Religion, die offenbar eine Dienerin der Selbstsucht war, soll allerdings mit der alten Zeit zugleich zu Grabe getragen werden; denn in der neuen Zeit bricht die Ewigkeit nicht erst jenseits des Grabes an, sondern sie kommt ihr mitten in ihre Gegenwart hinein, die Selbstsucht aber ist so¬ wohl des Regiments, als des Dienstes entlas¬ sen, und zieht demnach auch ihre Dienerschaft mit ihr ab. Die Erziehung zur wahren Religion ist so¬ mit das letzte Geschaͤft der neuen Erziehung. Ob in der Entwerfung eines hiezu erforderli¬ chen Bildes der uͤbersinnlichen Welt-Ordnung der Zoͤgling wahrhaft selbstthaͤtig verfahren sey; und ob das entworfene Bild allenthalben richtig, und durchaus klar, und verstaͤndlich sey, wird die Erziehung leicht, auf dieselbe Weise wie bei den uͤbrigen Gegenstaͤnden der Erkenntniß, beurtheilen koͤnnen; denn auch dies bleibt auf dem Gebiete der Erkennt¬ niß. Bedeutender aber ist auch hier die Frage, wie die Erziehung ermessen, und sich die Ge¬ waͤhrschaft leisten koͤnne, daß diese Religions¬ kenntnisse nicht tod und kalt bleiben, sondern daß sie sich ausdruͤcken werden im wirklichen Leben ihres Zoͤglings; welcher Frage die Be¬ antwortung einer andern Frage vorauszu¬ schicken ist, der folgenden: wie, und auf welche Weise zeigt sich die Religion uͤberhaupt im Leben. Unmittelbar, im gewoͤhnlichen Leben, und in einer wohlgeordneten Gesellschaft, bedarf es der Religion durchaus nicht, um das Leben zu bilden, sondern es reicht fuͤr diese Zwecke die wahre Sittlichkeit vollkommen hin. In die¬ ser Ruͤcksicht ist also die Religion nicht prak¬ tisch, und kann und soll gar nicht praktisch wer¬ den, sondern sie ist lediglich Erkenntniß: sie macht bloß den Menschen sich selber vollkom¬ men klar, und verstaͤndlich, beantwortet die hoͤchste Frage die er aufwerfen kann, loͤset ihm den letzten Widerspruch auf, und bringt so vollkommne Einigkeit mit sich selbst, und durchgefuͤhrte Klarheit in seinen Verstand. Sie ist seine vollstaͤndige Erloͤsung und Be¬ freiung von allem fremden Bande; und so ist sie ihm denn die Erziehung, als etwas, das ihm schlechtweg, und ohne weitern Zweck gebuͤhrt, schuldig. Ein Gebiet, um als Antrieb zu wirken, erhaͤlt die Religion nur entweder in einer hoͤchst unsittlichen, und verdorbenen Ge¬ sellschaft, oder wenn die Wirkungssphaͤre des Menschen nicht innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung, sondern uͤber dieselbe hinaus liegt, und dieselbe vielmehr immerfort neu zu erschaffen, und zu erhalten hat, wie beim Regenten, welcher in vielen Faͤllen ohne Religion sein Amt gar nicht mit gutem Gewissen fuͤhren koͤnnte. Von dem letztern Falle ist in einer auf alle, und auf die ganze Nation berechneten Erziehung nicht die Rede. Wo in der ersten Ruͤcksicht bei klarer Einsicht des Verstandes in die Unver¬ besserlichkeit des Zeitalters dennoch unablaͤs¬ sig fortgearbeitet wird an demselben; wo muthig der Schweiß des Saͤens erduldet wird, ohne einige Aussicht auf eine Erndte; wo wohlgethan wird auch den Undankbaren, und geseegnet werden mit Thaten, und Guͤtern diejenigen, die da fluchen, und in der klaren Vorhersicht, daß sie abermals fluchen werden; wo nach hundertfaͤltigem Mißlingen dennoch ausgeharret wird im Glauben, und in der Liebe: da ist es nicht die bloße Sittlichkeit, die da treibt, denn diese will einen Zweck, sondern es ist die Religion, die Ergebung in ein hoͤhe¬ res uns unbekanntes Gesez, das demuͤthige Verstummen vor Gott, die innige Liebe zu sei¬ nem in uns ausgebrochnen Leben, welches allein und um sein selbst willen gerettet wer¬ den soll, wo das Auge nichts anderes zu retten sieht. Auf diese Weise kann die erlangte Reli¬ gions-Einsicht der Zoͤglinge der neuen Erzie¬ hung in ihrem kleinen Gemein-Wesen, in dem sie zunaͤchst aufwachsen, nicht praktisch wer¬ den, noch soll sie es auch. Dieses Gemein- Wesen ist wohlgeordnet, und in ihm gelingt das geschickt unternommene immer; auch soll das noch zarte Alter des Menschen erhalten werden in der Unbefangenheit, und im ruhi¬ gen Glauben an sein Geschlecht. Die Erkennt¬ niß seiner Tuͤcken bleibe vorbehalten der eig¬ nen Erfahrung des gereiften, und befestigtern Alters. Nur in diesem gereifteren Alter sonach, und in dem ernstlich gemeinten Leben, nachdem die Erziehung laͤngst ihn sich selber uͤberlassen hat, koͤnnte der Zoͤgling derselben, falls seine gesell¬ schaftlichen Verhaͤltnisse aus der Einfachheit zu hoͤhern Stufen fortschreiten sollten, seiner Religionskenntniß, als eines Antriebes, be¬ duͤrfen. Wie soll nun die Erziehung, welche uͤber diesen Punkt den Zoͤgling, so lange er unter ihren Haͤnden ist, nicht pruͤfen kann, dennoch sicher seyn koͤnnen, daß, wenn nur dieses Beduͤrfniß eintreten werde, auch dieser Antrieb ohnfehlbar wirken werde? Ich ant¬ worte: dadurch, daß ihr Zoͤgling uͤberhaupt so gebildet ist, daß keine Erkenntniß, die er hat, in ihm todt und kalt bleibt, wenn die Moͤglichkeit eintritt, daß sie ein Leben be¬ komme, sondern jedwede nothwendig sogleich eingreift in das Leben, so wie das Leben der¬ selben bedarf. Ich werde diese Behauptung sogleich noch tiefer begruͤnden, und dadurch den ganzen in dieser und der vorigen Rede behandelten Begriff erheben, und einfuͤgen in ein groͤßeres Ganzes der Erkenntniß, welchem groͤßeren Ganzen selber ich aus diesem Be¬ griffe ein neues Licht, und eine hoͤhere Klar¬ heit geben werde, nachdem ich nur vorher das wahre Wesen der neuen Erziehung, deren allgemeine Beschreibung ich so eben geschlossen habe, bestimmt werde angegeben haben. Diese Erziehung erscheint nun nicht mehr, so wie im Anfange unsrer heutigen Rede, bloß als die Kunst den Zoͤgling zu reiner Sitt¬ lichkeit zu bilden, sondern sie leuchtet vielmehr ein, als die Kunst, den ganzen Menschen durch¬ aus und vollstaͤndig zum Menschen zu bilden. Hierzu gehoͤren zwei Hauptstuͤcke, zuerst in Absicht der Form, daß der wirkliche lebendige Mensch, bis in die Wurzel seines Lebens hin¬ ein, keinesweges aber der bloße Schatten und Schemen eines Menschen gebildet werde, so¬ dann in Absicht des Inhalts, daß alle noth¬ wendige Bestandtheile des Menschen ohne Ausnahme und gleichmaͤßig ausgebildet wer¬ den. Diese Bestandtheile sind Verstand, und Willen, und die Erziehuug hat zu beabsichtigen die Klarheit des ersten, und die Reinheit des zweiten. Zur Klarheit des ersten aber sind zu erheben zwei Hauptfragen: zuerst was es sey, das der reine Wille eigentlich wolle, und durch welche Mittel dieses Gewollte zu er¬ reichen sey, durch welches Hauptstuͤck die uͤbri¬ gen dem Zoͤglinge beizubringenden Erkennt¬ nisse befaßt werden; sodann, was dieser reine Wille in seinem Grunde und Wesen selber sey, wodurch die Religions - Erkenntniß befaßt wird. Die genannten Stuͤcke nun, entwickelt bis zum Eingreifen ins Leben, fordert die Erzie¬ hung schlechtweg, und gedenkt keinem das min¬ deste davon zu erlassen, denn jeder soll eben ein Mensch seyn; was jemand nun noch wei¬ ter werde, und welche besondre Gestalt die allgemeine Menschheit in ihm annehme, oder erhalte, geht der allgemeinen Erziehung nichts an, und liegt außerhalb ihres Kreises. — Ich gehe jezt fort zu der versprochenen tiefern Be¬ gruͤndung des Satzes, daß im Zoͤglinge der neuen Erziehung gar keine Erkenntniß todt bleiben koͤnne, und zu dem Zusammenhange, in den ich alles gesagte erheben will, vermittelst folgender Saͤtze. 1) Es giebt zufolge des Gesagten zwei durchaus verschiedene und voͤllig entgegengesezte Klassen unter den Menschen in Absicht ihrer Bildung. Gleich zufoͤrderst ist alles, was Mensch ist, und so auch diese beiden Klassen, darin, daß den mannigfaltigen Aeußerungen ihres Lebens ein Trieb zum Grunde liegt, der in allem Wechsel unveraͤndert beharret, und sich selbst gleich bleibt. — Im Vorbeigehen; daß Sichverstehn dieses Triebes, und die Ue¬ bersetzung desselben in Begriffe erzeugt die Welt, und es giebt keine andere Welt, als diese auf diese Weise in dem, jedoch keineswe¬ ges freien, sondern nothwendigen Gedanken sich erzeugende Welt. Dieser, immer in ein Bewußtseyn zu uͤbersetzende Trieb, worin so¬ mit abermals die beiden Klassen einander gleich sind, kann nun auf eine doppelle Weise, nach den zwei verschiedenen Grundarten des Be¬ wußtseyns, in dasselbe uͤbersezt werden, und in dieser Weise der Uebersetzung und des sich selbst Verstehens sind die beiden Klassen ver¬ schieden. Die erste, zu allererst der Zeit nach sich entwickelnde Grundart des Bewußtseyns ist die des dunklen Gefuͤhls. Mit diesem Gefuͤhle wird am gewoͤhnlichsten und in der Regel der Grundtrieb erfaßt als Liebe des Einzelnen zu sich selbst, und zwar giebt das dunkle Gefuͤhl dieses Selbst zunaͤchst nur als ein solches, das da leben will, und wohl seyn. Hieraus ent¬ steht die sinnliche Selbstsucht, als wirklicher Grundtrieb und entwickelnde Kraft eines sol¬ chen, in dieser Uebersetzung seines urspruͤng¬ lichen Grundtriebes befangenen Lebens. So lange der Mensch fortfaͤhrt, also sich zu ver¬ stehen, so lange muß er selbstsuͤchtig handeln, und kann nicht anders; und diese Selbstsucht ist das einige beharrende, sich gleichbleibende, und sicher zu erwartende in dem unaufhoͤrlichen Wandel seines Lebens. Als außergewoͤhnliche Ausnahme von der Regel kann dieses dunkle Gefuͤhl auch das persoͤnliche Selbst uͤbersprin¬ gen, und den Grundtrieb erfassen, als ein Verlangen nach einer dunkel gefuͤhlten andern Ordnung der Dinge. Hieraus entspringt das, an andern Orten von uns sattsam beschrie¬ bene Leben, das da, erhaben uͤber die Selbst¬ sucht, durch Ideen, die zwar dunkel sind, aber dennoch Ideen, getrieben wird, und in welchem die Vernunft als Instinkt waltet. Dieses Erfassen des Grundtriebes, uͤberhaupt nur im dunklen Gefuͤhle, ist der Grundzug der ersten Klasse unter den Menschen, die nicht durch die Erziehung, sondern durch sich selbst gebildet wird, und welche Klasse wie¬ derum zwei Unterarten in sich faßt, die durch einen unbegreiflichen, der menschlichen Kunst durchaus unzugaͤnglichen Grund geschieden werden. Die zweite Grundart des Bewußtseyns, welche in der Regel sich nicht von selbst ent¬ wikelt, sondern in der Gesellschaft sorgfaͤltig gepflegt werden muß, ist die klare Erkennt¬ niß. Wuͤrde der Grundtrieb der Menschheit in diesem Elemente erfaßt, so wuͤrde dies eine zweite, von der erstern ganz verschiedene Klasse von Menschen geben. Eine solche, die Grundliebe selbst erfassende Erkenntniß laͤßt nun nicht, wie eine andere Erkenntniß dies wohl kann, kalt, und untheilnehmend, son¬ dern der Gegenstand derselben wird geliebt uͤber alles, da dieser Gegenstand ja nur die Deutung und Uebersetzung unserer urspruͤng¬ lichen Liebe selbst ist. Andere Erkenntniß er¬ faßt fremdes, und dieses bleibt fremd, und laͤßt kalt; diese erfaßt den Erkennenden selbst und seine Liebe, und diese liebt er. Ohner¬ achtet es nun bei beiden Klassen dieselbe urspruͤngliche nur in anderer Gestalt erschei¬ nende Liebe ist, die sie treibt, so kann man dennoch, von jenem Umstande absehend, sa¬ gen, daß dort der Mensch durch dunkle Ge¬ fuͤhle, hier durch klare Erkenntniß getrieben werde. Daß nun eine solche klare Erkenntniß un¬ mittelbar antreibend werde im Leben, und man hierauf sicher zaͤhlen koͤnne, haͤngt, wie gesagt, davon ab, daß es die wirkliche und wahre Liebe des Menschen sey, die durch die¬ selbe gedeutet werde, auch daß ihm unmittel¬ bar klar werde, daß es also sey, und mit der Deutung zugleich das Gefuͤhl jener Liebe in ihm angeregt und von ihm empfunden werde, daß daher niemals die Erkenntniß in ihm ent¬ wikelt werde, ohne daß zugleich die Liebe es werde, indem im entgegengesezten Falle er kalt bleiben wuͤrde, und niemals die Liebe, ohne daß die Erkenntniß zugleich es werde, indem im Gegentheile sein Antrieb ein dunk¬ les Gefuͤhl werden wuͤrde; daß daher mit jedem Schritte seiner Bildung der ganze ver¬ einigte Mensch gebildet werde. Ein von der Erziehung also als ein untheilbares Ganzes immer¬ immerfort behandelter Mensch wird es auch fernerhin bleiben, und jede Erkenntniß wird ihm nothwendig Lebensantrieb werden. 2) Indem auf diese Weise statt des dun¬ keln Gefuͤhls die klare Erkenntniß zu dem allerersten, und zu der wahren Grundlage, und Ausgangspunkte des Lebens gemacht wird, wird die Selbstsucht ganz uͤbergangen, und um ihre Entwiklung betrogen. Denn nur das dunkle Gefuͤhl giebt dem Menschen sein Selbst als ein Genußbeduͤrftiges, und Schmerz¬ scheuendes; keinesweges aber giebt es ihm also der klare Begriff, sondern dieser zeigt es als Glied einer sittlichen Ordnung, und es giebt eine Liebe dieser Ordnung, welche bei der Entwiklung des Begriffs zugleich mit an¬ gezuͤndet und entwickelt wird. Mit der Selbst¬ sucht bekommt diese Erziehung gar nichts zu thun, weil sie die Wurzel derselben, das dunkle Gefuͤhl, durch Klarheit erstickt; sie bestreitet sie nicht, eben so wenig als sie dieselbe entwik¬ kelt, sie weiß gar nicht von ihr. Waͤre es moͤg¬ lich, daß diese Sucht spaͤter dennoch sich regen sollte, so wuͤrde sie das Herz schon angefuͤllt G finden von einer hoͤhern Liebe, die ihr den Platz versagt. 3) Dieser Grundtrieb des Menschen nun, wenn er in klare Erkenntniß uͤbersezt wird, geht nicht auf eine schon gegebene und vorhandene Welt, welche ja nur leidend genommen wer¬ den kann, wie sie eben ist, und in der eine zu urspruͤnglich schoͤpferischer Thaͤtigkeit trei¬ bende Liebe keinen Wirkungskreis fuͤr sich faͤnde; sondern er geht, zur Erkenntniß gestei¬ gert, auf eine Welt die da werden soll, eine apriorische, eine solche, die da zukuͤnftig ist, und ewig fort zukuͤnftig bleibt. Das aller Er¬ scheinung zu Grunde liegende goͤttliche Leben tritt darum niemals ein als ein stehendes, und gegebenes Seyn, sondern als etwas, das da werden soll, und nachdem ein solches, das da werden sollte, geworden ist, wird es aber¬ mals eintreten als ein werden sollendes in alle Ewigkeit, daß daher jenes goͤttliche Leben niemals eintritt in den Tod des stehenden Seyns, sondern immerfort bleibet in der Form des fortfließenden Lebens. Die unmittelbare Erscheinung und Offenbarung Gottes ist die Liebe; erst die Deutung dieser Liebe durch die Erkenntniß sezt ein Seyn, und zwar ein sol¬ ches, das ewig fort nur werden soll, und die¬ ses, als die einige wahre Welt, in wiefern an einer Welt uͤberhaupt Wahrheit ist. Dage¬ gen ist die zweite gegebene und von uns als vorhanden vorgefundene Welt nur der Schat¬ ten, und Schemen, aus welchem die Erkennt¬ niß ihrer Deutung der Liebe eine feste Ge¬ stalt, und einen sichtbaren Leib erbaut; diese zweite Welt das Mittel und die Bedingung der Anschaulichkeit der fuͤr sich selbst unsicht¬ baren hoͤhern Welt. Nicht einmal in diese letztere hoͤhere Welt tritt Gott unmittelbar ein, sondern auch hier nur vermittelt durch die Eine, reine, unwandelbare und gestaltlose Liebe, in welcher Liebe allein er unmit¬ telbar erscheint. Zu dieser Liebe tritt hinzu die anschauende Erkenntniß, welche aus sich selber ein Bild mitbringt, in das sie den an sich unsichtbaren Gegenstand der Liebe kleidet; widersprochen jedoch jedesmal von der Liebe, und darum fortgetrieben zu neuer Gestaltung, welcher abermals eben also widersprochen G 2 wird; wodurch allein nun die Liebe, welche rein fuͤr sich Eins ist, des Fortfließens, der Unendlichkeit und der Ewigkeit durchaus un¬ faͤhig, in dieser Verschmelzung mit der An¬ schauung auch ein ewiges, und unendliches wird, so wie diese. Das so eben erwaͤhnte aus der Erkenntniß selbst hergegebene Bild, fuͤr sich allein und noch ohne Anwendung auf die deutlich erkannte Liebe dasselbe genom¬ men, ist die stehende, und gegebene Welt, oder die Natur. Der Wahn, daß in diese Natur Gottes Wesen auf irgend eine Weise unmit¬ telbar, und anders, als durch die angegebe¬ nen Zwischenglieder vermittelt, eintrete, stammt aus Finsterniß im Geiste, und aus Unheiligkeit im Willen. 4) Daß nun das dunkle Gefuͤhl, als Aufloͤ¬ sungsmittel der Liebe, in der Regel ganz uͤber¬ sprungen, und an die Stelle desselben die klare Erkenntniß als das gewoͤhnliche Aufloͤsungsmit¬ tel gesezt werde, kann, wie schon erinnert, nur durch eine besonnene Kunst der Erziehung des Menschen geschehen, und ist bisher nicht also ge¬ schehen. Da nun, wie wir gleichfalls ersehen haben, auf die lezte Weise eine von den bis¬ herigen gewoͤhnlichen Menschen durchaus ver¬ schiedene Menschen Art eingefuͤhrt, und als die Regel gesezt wird, so wuͤrde durch eine solche Erziehung allerdings eine ganz neue Ordnung der Dinge, und eine neue Schoͤpfung begin¬ nen. Zu dieser neuen Gestalt wuͤrde nun die Menschheit sich selber durch sich selbst, eben in¬ dem sie als gegenwaͤrtiges Geschlecht, sich selbst, als zukuͤnftiges Geschlecht, erzieht, er¬ schaffen; auf die Weise, wie sie allein dies kann, durch die Erkenntniß, als das einzige gemeinschaftliche, und frei mitzutheilende, und das wahre, die Geisterwelt zur Einheit ver¬ bindende Licht, und Luft dieser Welt. Bisher wurde die Menschheit, was sie eben wurde, und werden konnte; mit diesem Werden durch das Ohngefaͤhr ist es vorbei: denn da, wo sie am allerweitesten sich entwickelt hat, ist sie zu Nichts worden. Soll sie nicht bleiben in die¬ sem Nichts, so muß sie von nun an zu allem, was sie noch weiter werden soll, sich selbst machen. Dies sey die eigentliche Bestimmung des Menschengeschlechts auf der Erde, sagte ich in den Vorlesungen, deren Fortsetzung diese sind, daß es mit Freiheit sich zu dem mache, was es eigentlich urspruͤnglich ist. Dieses Sichselbstmachen, im allgemeinen mit Besonnenheit, und nach einer Regel, muß nun irgendwo, und irgendwann, im Raum und in der Zeit einmal anheben, wodurch ein zweiter Haupt-Abschnitt der freien und be¬ sonnenen Entwiklung des Menschengeschlechts an die Stelle des ersten Abschnitts einer nicht freien Entwiklung treten wuͤrde. Wir sind der Meinung, daß, in Absicht der Zeit, diese Zeit eben jetzt sey, und daß dermalen das Geschlecht in der wahren Mitte seines Lebens auf der Erde, zwischen seinen beiden Haupt- Epochen stehe; in Absicht des Raums aber glauben wir, daß zu allernaͤchst den Deut¬ schen es anzumuthen sey, die neue Zeit, vor¬ angehend und vorbildend fuͤr die uͤbrigen, zu beginnen. 5) Dennoch wird auch sogar diese ganz neue Schoͤpfung nicht durch einen Sprung er¬ folgen aus dem vorhergehenden, sondern sie ist die wahre natuͤrliche Fortsetzung, und Folge der bisherigen Zeit, ganz besonders unter den Deutschen. Sichtbar, und wie ich glaube, all¬ gemein zugestanden, ging ja alles Regen und Streben der Zeit darauf, die dunklen Gefuͤhle zu verbannen, und allein der Klarheit und der Erkenntniß die Herrschaft zu verschaffen. Dieses Streben ist auch insofern vollkommen gelungen, daß das bisherige Nichts vollkom¬ men enthuͤllt ist. Keinesweges soll nun die¬ ser Trieb nach Klarheit ausgerottet, oder das dumpfe Beruhen beim dunkeln Gefuͤhle wieder herrschend werden; jener Trieb soll nur noch weiter entwikelt, und in hoͤhere Kreise einge¬ fuͤhrt werden, also, daß nach der Enthuͤllung des Nichts auch das Etwas, die bejahende und wirklich etwas setzende Wahrheit, eben¬ falls offenbar werde. Die aus dem dunklen Gefuͤhle stammende Welt des gegebnen und sich durch sich selbst machenden Seyns ist ver¬ sunken, und sie soll versunken bleiben; dage¬ gen soll die aus der urspruͤnglichen Klarheit stammende Welt des ewig fort aus dem Geiste zu entbindenden Seyns aufstralen und an¬ brechen in ihrem ganzen Glanze. Zwar duͤrfte die Weissagung eines neuen Lebens in solchen Formen, der Zeit sonderbar duͤnken, und es duͤrfte diese kaum den Muth haben, diese Verheißung sich zuzueignen; wenn sie lediglich auf den ungeheuren Abstand ih¬ rer herrschenden Meinungen uͤber die so eben zur Sprache gebrachten Gegenstaͤnde von dem, was als Grundsaͤtze der neuen Zeit ausgesprochen worden, sehen sollte. Ich will von der Bildung, welche, jedoch als ein nicht gemein zu machendes Vorrecht, bisher in der Regel nur die hoͤhern Staͤnde erhielten, die von einer uͤbersinnlichen Welt ganz schwieg, und lediglich einige Geschicklichkeit fuͤr die Geschaͤfte der sinnlichen zu bewirken strebte, als von der offenbar schlechteren, nicht reden; sondern nur auf diejenige sehen, welche Volks-Bildung war, und, in einem gewissen sehr beschraͤnkten Sinne auch National-Erzie¬ hung genannt werden koͤnnte, die uͤber eine uͤbersinnliche Welt nicht durchaus Stillschwei¬ gen beobachtete. Welches waren die Lehren dieser Erziehung? Wenn wir, als allererste Voraussetzung der neuen Erziehung aufstel¬ len, daß in der Wurzel des Menschen ein reiner Wohlgefallen am Guten sey, und daß dieser Wohlgefallen so sehr entwikelt wer¬ den koͤnne, daß es dem Menschen unmoͤglich werde, das fuͤr gut erkannte zu unterlassen, und statt dessen das fuͤr boͤs erkannte zu thun; so hat dagegen die bisherige Erziehung nicht bloß angenommen, sondern auch ihre Zoͤglinge von fruͤher Jugend an belehrt, theils, daß dem Menschen eine natuͤrliche Abnei¬ gung gegen Gottes Gebote beiwohne, theils, daß es ihm schlechthin unmoͤglich sey, die¬ selben zu erfuͤllen. Was laͤßt von einer sol¬ chen Belehrung, wenn sie fuͤr Ernst genom¬ men wird, und Glauben findet, anderes sich erwarten, als daß jeder Einzelne sich in seine nun einmal nicht abzuaͤndernde Natur ergebe, nicht versuche zu leisten, was ihm nun als einmal unmoͤglich vorgestellt ist, und nicht besser zu seyn begehre, denn er und alle uͤbrigen zu seyn vermoͤgen; ja, daß er sich sogar die ihm angemuthete Niedertraͤchtigkeit gefallen lasse, sich selbst in seiner radikalen Suͤndhaftigkeit, und Schlechtigkeit anzuer¬ kennen; indem diese Niedertraͤchtigkeit vor Gott ihm als das einzige Mittel vorgestellt wird, mit demselben sich abzufinden: und daß er, falls etwa eine solche Behauptung, wie die unsrige, an sein Ohr trift, nicht anders denken koͤnne, als daß man bloß einen schlechten Scherz mit ihm treiben wolle, indem er allgegenwaͤrtig fuͤhlt in seinem Innern, und mit den Haͤnden greift, daß dieses nicht wahr, sondern das Gegentheil davon allein wahr sey? Wenn wir eine von allem gegebenen Seyn ganz unabhaͤngige und vielmehr diesem Seyn selbst das Gesez ge¬ bende Erkenntniß annehmen, und in diese gleich vom Anbeginn jedes menschliche Kind eintauchen, und es von nun an in dem Gebiete derselben immerfort erhalten wol¬ len, wogegen wir die nur historisch zu er¬ lernende Beschaffenheit der Dinge als eine geringfuͤgige Nebensache, die von selbst sich ergiebt, betrachten; so treten die reifsten Fruͤchte der bisherigen Bildung uns entge¬ gen, und erinnern uns, daß es ja bekann¬ termaaßen gar keine a priorische Erkennt¬ niß gebe, und daß sie wohl wissen moͤchten, wie man erkennen koͤnne, außer durch Er¬ fahrung. Und damit diese uͤbersinnliche, und a priorische Welt auch sogar an derjenigen Stelle sich nicht verrathe, wo es gar nicht zu vermeiden schien — an der Moͤglichkeit einer Erkenntniß von Gott, und selbst an Gotte nicht die geistige Selbstthaͤtigkeit sich erhoͤbe, sondern das leidende Hingeben alles in allem bliebe, hat gegen diese Gefahr die bisherige Menschenbildung das kuͤhne Mittel gefunden, das Daseyn Gottes zu einem historischen Fak¬ tum zu machen, dessen Wahrheit durch ein Zeugenverhoͤr ausgemittelt wird. So verhaͤlt es sich wohl freilich; dennoch aber wolle das Zeitalter darum nicht an sich sel¬ ber verzagen. Denn diese, und alle andere aͤhn¬ liche Erscheinungen sind selber nichts selbst¬ staͤndiges, sondern nur Bluͤthen und Fruͤchte der wilden Wurzel der alten Zeit. Gebe nur das Zeitalter sich ruhig hin der Ein¬ impfung einer neuen edlern und kraͤftigern Wurzel, so wird die alte ersticken, und die Bluͤthen und Fruͤchte derselben, denen aus jener keine weitere Nahrung zugefuͤhrt wird, werden von selbst verwelken und abfallen. Jetzt vermag es das Zeitalter noch gar nicht, unsern Worten zu glauben, und es ist noth¬ wendig, daß ihm dieselben vorkommen, wie Maͤhrchen. Wir wollen auch diesen Glau¬ ben nicht; wir wollen nur Raum zum Schaffen und Handeln. Nachmals wird es sehen, und es wird glauben seinen eigenen Augen. So wird z. B. jedermann, der mit den Erzeugungen der letzten Zeit bekannt ist, schon laͤngst bemerkt haben, daß hier abermals die Saͤtze und Ansichten ausgesprochen werden, welche die neuere deutsche Philosophie seit ihrer Entstehung geprediget hat, und wie¬ derum geprediget, weil sie eben nichts weiter vermochte, denn zn predigen. Daß diese Predigten fruchtlos verhallet sind in der lee¬ ren Luft, ist nun hinlaͤnglich klar, auch ist der Grund klar, warum sie also verhallen mußten. Nur auf Lebendiges wirkt Lebendi¬ ges; in dem wirklichen Leben der Zeit aber ist gar keine Verwandschaft zu dieser Philo¬ sophie, indem diese Philosophie ihr Wesen treibet in einem Kreise, der fuͤr jene noch gar nicht aufgegangen, und fuͤr Sinnenwerk¬ zeuge, die jener noch nicht erwachsen sind. Sie ist gar nicht zu Hause in diesem Zeit¬ alter, sondern sie ist ein Vorgriff der Zeit, und ein schon im Voraus fertiges Lebens- Ele¬ ment eines Geschlechts, das in demselben erst zum Lichte erwachen soll. Auf das ge¬ gegenwaͤrtige Geschlecht muß sie Verzicht thun, damit sie aber bis dahin nicht muͤßig sey, so uͤbernehme sie dermalen die Aufgabe, das Geschlecht, zu welchem sie gehoͤrt, sich zu bil¬ den. Erst wie dies ihr naͤchstes Geschaͤft ihr klar geworden, wird sie friedlich und freund¬ lich zusammen leben koͤnnen mit einem Ge¬ schlechte, das uͤbrigens ihr nicht gefaͤllt. Die Erziehung, die wir bisher beschrieben haben, ist zugleich die Erziehung fuͤr sie; wiederum kann in einem gewissen Sinn nur sie die Er¬ zieherin seyn in dieser Erziehung; und so mußte sie ihrer Verstaͤndlichkeit und Annehmbarkeit zuvoreilen. Aber es wird die Zeit kommen, in der sie verstanden und mit Freuden ange¬ nommen werden wird; und darum wolle das Zeitalter nicht an sich selbst verzagen. Hoͤre dieses Zeitalter ein Gesicht eines al¬ ten Sehers, das auf eine wohl nicht weni¬ ger beklagenswerthe Lage berechnet war. So sagt der Seher am Wasser Chebar, der Troͤ¬ ster der Gefangenen nicht im eigenen sondern im fremden Lande: „Des Herrn Hand kam uͤber mich, und fuͤhrte mich hinaus im Gei¬ ste des Herrn, und stellte mich auf ein weit Feld, das voller Gebeine lag, und er fuͤhrte mich allenthalben herum, und siehe, des Ge¬ beines lag sehr viel auf dem Felde, und siehe, sie waren sehr verdorret. Und der Herr sprach zu mir: du Menschenkind, mei¬ nest du wohl, daß diese Gebeine werden wie¬ der lebendig werden? Und ich sprach: Herr das weißest nur du wohl. Und er sprach zu mir: Weissage von diesen Gebeinen, und sprich zu ihnen: ihr verdorrten Gebeine, hoͤ¬ ret des Herrn Wort. So spricht der Herr von euch verdorrten Gebeinen, ich will euch durch Flechsen und Sehnen wieder verbinden, und Fleisch lassen uͤber euch wachsen; und euch mit Haut uͤberziehen, und will euch Odem geben, daß ihr wieder lebendig wer¬ det, und ihr sollet erfahren, daß ich der Herr sey. Und ich weissagte, wie mir befoh¬ len war, und siehe, da rauschte es, als ich weissagte, und regte sich, und die Gebeine fuͤgten sich wieder aneinander, ein jegliches an seinen Ort, und es wuchsen darauf Adern und Fleisch, und er uͤberzog sie mit Haut; noch aber war kein Odem in ihnen. Und der Herr sprach zu mir: Weissage zum Win¬ de, du Menschenkind, und sprich zum Win¬ de: so spricht der Herr: Wind komm herzu aus den vier Winden, und blase an diese Getoͤdteten, daß sie wieder lebendig werden. Und ich weissagete, wie er mir befohlen hat¬ te. Da kam Odem in sie, und sie wurden wieder lebendig, und richteten sich auf ihre Fuͤße, und ihrer war ein sehr großes Heer.“ Lasset immer die Bestandtheile unsres hoͤ¬ hern geistigen Lebens eben so ausgedorret, und eben darum auch die Bande unserer Na¬ tional-Einheit eben so zerrissen, und in wil¬ der Unordnung durcheinander zerstreut herum¬ liegen, wie die Todtengebeine des Sehers; lasset unter Stuͤrmen, Regenguͤssen, und sen¬ gendem Sonnenscheine mehrerer Jahrhunderte dieselben gebleicht und ausgedorrt haben; — der belebende Odem der Geisterwelt hat noch nicht aufgehoͤrt zu wehen. Er wird auch unsers Nationalkoͤrpers erstorbene Gebeine ergreifen, und sie aneinanderfuͤgen, daß sie herrlich dastehen in neuem und verklaͤrtem Leben. Vierte Rede. Hauptverschiedenheit zwischen den Deut¬ schen und den uͤbrigen Voͤlkern Germa¬ nischer Abkunft. D as in diesen Reden vorgeschlagene Bil¬ dungsmittel eines neuen Menschengeschlechts muͤsse zu allererst von Deutschen an Deutschen angewendet werden, und es komme dasselbe ganz eigentlich und zunaͤchst unsrer Nation zu, ist gesagt worden. Auch dieser Satz be¬ darf eines Beweises, und wir werden auch hier, so wie bisher, anheben von dem hoͤch¬ sten, und allgemeinsten, zeigend, was der Deutsche an und fuͤr sich, unabhaͤngig von dem Schicksale, das ihn dermalen betroffen hat, in seinem Grundzuge sey, und von jeher gewesen sey, seitdem er ist; und darlegend, daß schon in diesem Grundzuge die Faͤhigkeit H und Empfaͤnglichkeit einer solchen Bildung, ausschließend vor allen andern Europaͤischen Nationen, liege. Der Deutsche ist zuvoͤrderst ein Stamm der Germanier uͤberhaupt, uͤber welche leztere hier hinreicht die Bestimmung anzugeben, daß sie da waren, die im alten Europa errichtete gesellschaftliche Ordnung mit der im alten Asien aufbewahrten wahren Religion zu ver¬ einigen, und so an und aus sich selbst eine neue Zeit, im Gegensatze des untergegange¬ nen Alterthums, zu entwickeln. Ferner reicht es hin den Deutschen insbesondre nur im Gegensatze mit den andern neben ihm ent¬ standenen Germanischen Voͤlkerstaͤmmen zu bezeichnen; indem andere Neueuropaͤische Nationen, als z.B. die von Slavischer Ab¬ stammung, sich vor dem uͤbrigen Europa noch nicht so klar entwickelt zu haben scheinen, daß eine bestimmte Zeichnung von ihnen moͤg¬ lich sey, andere aber von der gleichen Germa¬ nischen Abstammung, von denen der sogleich anzufuͤhrende Haupt-Unterscheidungs-Grund nicht gilt, wie die Skandinavier, hier unbe¬ zweifelt fuͤr Deutsche genommen werden, und unter allen den allgemeinen Folgen unsrer Betrachtung mit begriffen sind. Vor allem voraus aber ist der jezt ins¬ besondre anzustellenden Betrachtung folgende Bemerkung voranzusenden. Ich werde als Grund des erfolgten Unterschiedes in dem urspruͤnglich Einen Grundstamme eine Bege¬ benheit angeben, die bloß als Begebenheit klar und unwidersprechlich vor aller Augen liegt; ich werde sodann einzelne Erscheinun¬ gen dieses erfolgten Unterschiedes aufstellen, welche als bloße Begebenheiten wohl eben so einleuchtend duͤrften gemacht werden koͤnnen. Was aber die Verknuͤpfung der letztern, als Folgen, mit dem ersten, als ihrem Grunde, und die Ableitung der Folge aus dem Grunde betrift, kann ich im allgemeinen nicht auf dieselbe Klarheit und uͤberzeugende Kraft fuͤr alle rechnen. Zwar spreche ich auch in dieser Ruͤcksicht nicht eben ganz neue, und bisher unerhoͤrte Saͤtze aus, sondern es giebt un¬ ter uns viele einzelne, die fuͤr eine solche An¬ sicht der Sache entweder sehr gut vorberei¬ tet, oder auch wohl mit derselben schon ver¬ traut sind. Unter der Mehrheit aber sind H 2 uͤber den anzuregenden Gegenstand Begriffe im Umlaufe, die von den unsrigen sehr ab¬ weichen, und welche zu berichtigen, und alle, von solchen, die keinen geuͤbten Sinn fuͤr ein Ganzes haben, aus einzelnen Faͤllen bei¬ zubringenden Einwuͤrfe zu widerlegen, die Grenze unsrer Zeit, und unsers Plans bei weitem uͤberschreiten wuͤrde. Den leztern muß ich mich begnuͤgen das in dieser Ruͤcksicht zu sagende, das in meinem gesammten Denken nicht so einzeln und abgerissen, und nicht ohne Begruͤndung bis in die Tiefe des Wissens, dastehen duͤrfte, wie es hier sich giebt, nur als Gegenstand ihres weitern Nachdenkens hinzulegen. Ganz uͤbergehen durfte ich es, noch abgerechnet die fuͤr das Ganze nicht zu er¬ lassende Gruͤndlichkeit, auch schon nicht in Ruͤcksicht der wichtigen Folgen daraus, die sich im spaͤtern Verlaufe unsrer Reden erge¬ ben werden, und die ganz eigentlich zu un¬ serm naͤchsten Vorhaben gehoͤren. Der zu allererst, und unmittelbar der Be¬ trachtung sich darbietende Unterschied zwischen den Schicksalen der Deutschen und der uͤbri¬ gen aus derselben Wurzel erzeugten Staͤmme ist der, daß die ersten in den urspruͤnglichen Wohnsitzen des Stammvolks blieben, die lez¬ ten in andere Sitze auswanderten, die ersten die urspruͤngliche Sprache des Stammvolks behielten und fortbildeten, die lezten eine fremde Sprache annahmen, und dieselbe all¬ maͤhlig nach ihrer Weise umgestalteten. Aus dieser fruͤhesten Verschiedenheit muͤssen erst die spaͤter erfolgten, z. B. daß im urspruͤnglichen Vaterlande, angemessen Germanischer Ursitte, ein Staatenbund unter einem beschraͤnkten Oberhaupte blieb, in den fremden Laͤndern mehr auf bisherige Roͤmische Weise, die Ver¬ fassung in Monarchien uͤberging, u. dergl. erklaͤrt werden, keinesweges aber in umgekehr¬ ter Ordnung. Von den angegebnen Veraͤnderungen ist nun die erste, die Veraͤnderung der Heimath, ganz unbedeutend. Der Mensch wird leicht unter jedem Himmelsstriche einheimisch, und die Volkseigenthuͤmlichkeit, weit entfernt durch den Wohnort sehr veraͤndert zu werden, be¬ herrscht vielmehr diesen, und veraͤndert ihn nach sich. Auch ist die Verschiedenheit der Natureinfluͤsse in dem von Germaniern be¬ wohnten Himmelsstriche nicht sehr groß. Eben so wenig wolle man auf den Umstand ein Gewicht legen, daß in den eroberten Laͤn¬ dern die Germanische Abstammung mit den fruͤhern Bewohnern vermischt worden; denn Sieger, und Herrscher, und Bildner des aus der Vermischung entstehenden neuen Volks waren doch nur die Germanen. Ueberdies erfolgte dieselbe Mischung, die im Auslande mit Galliern, Kantabriern, u. s. w. geschah, im Mutterlande mit Slaven wohl nicht in geringerer Ausdehnung; so daß es keinem der aus Germaniern entstandenen Voͤlker heut zu Tage leicht fallen duͤrfte, eine groͤßere Reinheit seiner Abstammung vor den uͤbrigen darzuthun. Bedeutender aber, und wie ich dafuͤr halte, einen vollkommnen Gegensatz zwischen den Deutschen, und den uͤbrigen Voͤlkern Germa¬ nischer Abkunft begruͤndend, ist die zweite Veraͤnderung, die der Sprache; und kommt es dabei, welches ich gleich zu Anfange be¬ stimmt aussprechen will, weder auf die be¬ sondre Beschaffenheit derjenigen Sprache an, welche von diesem Stamme beibehalten, noch auf die der andern, welche von jenem andern Stamme angenommen wird, sondern allein darauf, daß dort eigenes behalten, hier frem¬ des angenommen wird; noch kommt es an auf die vorige Abstammung derer, die eine ur¬ spruͤngliche Sprache fortsprechen, sondern nur darauf, daß diese Sprache ohne Unterbrechung fort gesprochen werde, indem weit mehr die Menschen von der Sprache gebildet werden, denn die Sprache von den Menschen. Um die Folgen eines solchen Unterschiedes in der Voͤlkererzeugung, und die bestimmte Art des Gegensatzes in den Nationalzuͤgen, die aus dieser Verschiedenheit nothwendig er¬ folgt, klar zu machen, so weit es hier moͤg¬ lich, und noͤthig ist, muß ich Sie zu einer Betrachtung uͤber das Wesen der Sprache uͤberhaupt einladen. Die Sprache uͤberhaupt, und besonders die Bezeichnung der Gegenstaͤnde in derselben durch das Lautwerden der Sprachwerkzeuge haͤngt keinesweges von willkuͤhrlichen Be¬ schluͤssen, und Verabredungen ab, sondern es giebt zufoͤrderst ein Grundgesez, nach welchem jedweder Begriff in den menschlichen Sprach¬ werkzeugen zu diesem, und keinem andern Laute wird. So wie die Gegenstaͤnde sich in den Sinnenwerkzeugen des Einzelnen mit die¬ ser bestimmten Figur, Farbe, u. s. w. abbil¬ den, so bilden sie sich im Werkzeuge des ge¬ sellschaftlichen Menschen, in der Sprache, mit diesem bestimmten Laute ab. Nicht eigentlich redet der Mensch, sondern in ihm redet die menschliche Natur, und verkuͤndiget sich an¬ dern seines Gleichen. Und so muͤßte man sagen: die Sprache ist eine einzige, und durch¬ aus nothwendige. Nun mag zwar, welches das zweite ist, die Sprache in dieser ihrer Einheit fuͤr den Men¬ schen schlechtweg, als solchen, niemals, und nirgend hervorgebrochen seyn, sondern allent¬ halben weiter geaͤndert und gebildet durch die Wirkungen, welche der Himmelsstrich, und haͤufigerer, oder seltnerer Gebrauch, auf die Sprachwerkzeuge, und die Aufeinanderfolge der beobachteten und bezeichneten Gegenstaͤnde, auf die Aufeinanderfolge der Bezeichnung hat¬ ten. Jedoch findet auch hierin nicht Will¬ kuͤhr oder Ohngefaͤhr, sondern strenges Gesez statt; und es ist nothwendig, daß in einem durch die erwaͤhnten Bedingungen also be¬ stimmten Sprachwerkzeuge, nicht die Eine und reine Menschensprache, sondern daß eine Ab¬ weichung davon, und zwar, daß gerade diese bestimmte Abweichung davon hervorbreche. Nenne man die unter denselben aͤußern Einfluͤssen auf das Sprachwerkzeug stehenden, zusammenlebenden, und in fortgesezter Mit¬ theilung ihre Sprache fortbildenden Men¬ schen ein Volk, so muß man sagen: die Sprache dieses Volks ist nothwendig so wie sie ist, und nicht eigentlich dieses Volk spricht seine Erkenntniß aus, sondern seine Erkennt¬ niß selbst spricht sich aus aus demselben. Bei allen im Fortgange der Sprache durch dieselben oben erwaͤhnten Umstaͤnde er¬ folgten Veraͤnderungen bleibt ununterbrochen diese Gesezmaͤßigkeit; und zwar fuͤr alle, die in ununterbrochner Mittheilung bleiben, und wo das von jedem einzelnen ausgesprochene Neue an das Gehoͤr aller gelangt, dieselbe Eine Gesezmaͤßigkeit. Nach Jahrtausenden, und nach allen den Veraͤnderungen, welche in ihnen die aͤußere Erscheinung der Sprache dieses Volks erfahren hat, bleibt es immer dieselbe Eine, urspruͤnglich also ausbrechen¬ muͤssende lebendige Sprachkraft der Natur, die ununterbrochen durch alle Bedingungen herab geflossen ist, und in jeder so werden mußte, wie sie ward, am Ende derselben so seyn mußte, wie sie jezt ist, und in einiger Zeit also seyn wird, wie sie sodann muͤssen wird. Die reinmenschliche Sprache zusam¬ mengenommen zufoͤrderst mit dem Organe des Volks, als sein erster Laut ertoͤnte; was hieraus sich ergiebt, ferner zusammengenom¬ men mit allen Entwiklungen, die dieser erste Laut unter den gegebnen Umstaͤnden gewin¬ nen mußte, giebt als letzte Folge die gegen¬ waͤrtige Sprache des Volks. Darum bleibt auch die Sprache immer dieselbe Sprache. Lasset immer nach einigen Jahrhunderten die Nachkommen die damalige Sprache ihrer Vorfahren nicht verstehen, weil fuͤr sie die Uebergaͤnge verloren gegangen sind, dennoch giebt es vom Anbeginn an einen stetigen Uebergang, ohne Sprung, immer unmerklich in der Gegenwart, und nur durch Hinzufuͤ¬ gung neuer Uebergaͤnge bemerklich gemacht, und als Sprung erscheinend. Niemals ist ein Zeitpunkt eingetreten, da die Zeitgenossen aufgehoͤrt haͤtten sich zu verstehen, indem ihr ewiger Vermittler und Dollmetscher die aus ihnen allen sprechende gemeinsame Naturkraft immerfort war und blieb. So verhaͤlt es sich mit der Sprache als Bezeichnung der Gegenstaͤnde unmittelbar sinnlicher Wahrneh¬ mung, und dieses ist alle menschliche Sprache anfangs. Erhebt von dieser das Volk sich zu Erfassung des uͤbersinnlichen, so vermag dieses uͤbersinnliche zur beliebigen Wieder¬ holung und zur Vermeidung der Verwirrung mit dem sinnlichen fuͤr den ersten Einzelnen, und zur Mittheilung und zwekmaͤßigen Lei¬ tung fuͤr andere, zufoͤrderst nicht anders fest gehalten zu werden, denn also, daß ein Selbst als Werkzeug einer uͤbersinnlichen Welt, be¬ zeichnet, und von demselben Selbst, als Werk¬ zeug der sinnlichen Welt, genau unterschieden werde — eine Seele, Gemuͤth und dergl. einem koͤrperlichen Leibe entgegengesetzt werde. Ferner koͤnnten die verschiedenen Gegenstaͤnde dieser uͤbersinnlichen Welt, da sie insgesammt nur in jenem uͤbersinnlichen Werkzeuge er¬ scheinen, und fuͤr dasselbe da sind, in der Sprache nur dadurch bezeichnet werden, daß gesagt werde, ihr besonderes Verhaͤltniß zu ihrem Werkzeuge sey also, wie das Verhaͤlt¬ niß der und der bestimmten sinnlichen Ge¬ genstaͤnde zum sinnlichen Werkzeuge, und daß in diesem Verhaͤltniß ein besonderes uͤbersinn¬ liches einem besondern sinnlichen gleichgesezt, und durch diese Gleichsetzung sein Ort im uͤbersinnlichen Werkzeuge durch die Sprache angedeutet werde. Weiter vermag in diesem Umkreise die Sprache nichts; sie giebt ein sinnliches Bild des Uebersinnlichen bloß mit der Bemerkung, daß es ein solches Bild sey; wer zur Sache selbst kommen will, muß nach der durch das Bild ihm angegebenen Regel sein eigenes geistiges Werkzeug in Bewegung setzen. — Im allgemeinen erhellet, daß diese sinnbildliche Bezeichnung des Uebersinnlichen jedesmal nach der Stuffe der Entwiklung des sinnlichen Erkenntnißvermoͤgens unter dem gegebenen Volke sich richten muͤsse; daß da¬ her der Anfang und Fortgang dieser sinnbild¬ lichen Bezeichnung in verschiedenen Spra¬ chen sehr verschieden ausfallen werde, nach der Verschiedenheit des Verhaͤltnisses, das zwischen der sinnlichen, und geistigen Ausbil¬ dung des Volkes, das eine Sprache redet, statt gefunden, und fortwaͤhrend statt findet. Wir beleben zufoͤrderst diese in sich klare Be¬ merkung durch ein Beispiel. Etwas, das zufolge der in der vorigen Rede erklaͤrten Erfassung des Grundtriebes nicht erst durch das dunkle Gefuͤhl, sondern sogleich durch klare Erkenntniß entsteht, dergleichen jedes¬ mal ein uͤbersinnlicher Gegenstand ist, heißt mit einem griechischen, auch in der deutschen Sprache haͤufig gebrauchten Worte, eine Idee , und dieses Wort giebt genau dasselbe Sinnbild, was in der deutschen das Wort Gesicht , wie dieses in folgenden Wendun¬ gen der lutherischen Bibeluͤbersetzung: ihr werdet Gesichte sehen, ihr werdet Traͤume haben, vorkommt. Idee oder Gesicht in sinn¬ licher Bedeutung waͤre etwas, das nur durch das Auge des Leibes, keinesweges aber durch einen andern Sinn, etwa der Betastung, des Gehoͤrs u. s. w. erfaßt werden koͤnnte, so wie etwa ein Regenbogen, oder die Gestal¬ ten, welche im Traume vor uns voruͤber ge¬ hen. Dasselbe in uͤbersinnlicher Bedeutung hieße zufoͤrderst, zufolge des Umkreises in dem das Wort gelten soll, etwas, das gar nicht durch den Leib, sondern nur durch den Geist erfaßt wird, sodann, das auch nicht durch das dunkle Gefuͤhl des Geistes, wie manches andere, sondern allein durch das Auge desselben, die klare Erkenntniß, erfaßt werden kann. Wollte man nun etwa ferner annehmen, daß den Griechen bei dieser sinn¬ bildlichen Bezeichnung allerdings der Regen¬ bogen, und die Erscheinungen der Art, zum Grunde gelegen, so muͤßte man gestehen, daß ihre sinnliche Erkenntniß schon vorher sich zur Bemerkung des Unterschiedes zwischen den Dingen, daß einige sich allen oder mehrern Sinnen, einige sich bloß dem Auge offenba¬ ren, erhoben haben muͤsse, und daß außerdem sie den entwickelten Begriff, wenn er ihnen klar geworden waͤre, nicht also, sondern an¬ ders haͤtten bezeichnen muͤssen. Es wuͤrde so¬ dann auch ihr Vorzug in geistiger Klarheit erhellen etwa vor einem andern Volke, das den Unterschied zwischen sinnlichem und uͤber¬ sinnlichem nicht durch ein aus dem besonne¬ nen Zustande des Wachens hergenommenes Sinnbild habe bezeichnen koͤnnen, sondern zum Traume seine Zuflucht genommen, um ein Bil d fuͤr eine andere Welt zu finden; zugleich wuͤrde einleuchten, daß dieser Unterschied nicht etwa durch die groͤßere oder geringere Staͤrke des Sinns fuͤrs Uebersinnliche in den beiden Voͤlkern, sondern daß er lediglich durch die Verschiede n¬ heit ihrer sinnlichen Klarheit, damals, als sie Ue¬ bersinnliches bezeichnen wollten, begruͤndet sey. So richtet alle Bezeichnung des Uebersin n¬ lichen sich nach dem Umfange und der Klarheit der sinnlichen Erkenntniß desjenigen, der da bezeichnet. Das Sinnbild ist ihm klar, und druͤckt ihm das Verhaͤltniß des Begriffenen zum geistigen Werkzeuge vollkommen verstaͤnd¬ lich aus, denn dieses Verhaͤltniß wird ihm er¬ klaͤrt durch ein anderes unmittelbar lebendiges Verhaͤltniß zu seinem sinnlichen Werkzeuge. Diese also entstandene neue Bezeichnung, mit aller der neuen Klarheit, die durch diesen er¬ weiterten Gebrauch des Zeichens die sinnliche Erkenntniß selber bekommt, wird nun nieder¬ gelegt in der Sprache; und die moͤgliche kuͤnf¬ tige uͤbersinnliche Erkenntniß wird nun nach ihrem Verhaͤltnisse zu der ganzen in der ge¬ sammten Sprache niedergelegten uͤbersinnlichen und sinnlichen Erkenntniß bezeichnet; und so geht es ununterbrochen fort; und so wird denn die unmittelbare Klarheit und Verstaͤndlichkeit der Sinnbilder niemals abgebrochen, sondern sie bleibt ein stetiger Fluß. — Ferner, da die Sprache nicht durch Willkuͤhr vermittelt, son¬ dern als unmittelbare Naturkraft aus dem ver¬ staͤndigen Leben ausbricht, so hat eine ohne Abbruch nach diesem Gesetze fortentwickelte Sprache auch die Kraft, unmittelbar einzu¬ greifen in das Leben, und dasselbe anzuregen. Wie die unmittelbar gegenwaͤrtigen Dinge den Menschen bewegen, so muͤssen auch die Worte einer solchen Sprache den bewegen, der sie ver¬ steht, denn auch sie sind Dinge, keinesweges willkuͤhrliches Machwerk. So zunaͤchst im Sinn¬ lichen. Nicht anders jedoch auch im Uebersinn¬ lichen. Denn obwohl in Beziehung auf das leztere der stetige Fortgang der Naturbeobach¬ tung durch freie Besinnung und Nachdenken unterbrochen wird, und hier gleichsam der un¬ bildliche Gott eintritt; so versezt dennoch die Bezeichnung durch die Sprache das unbildliche auf der Stelle in den stetigen Zusammenhang des des bildlichen zuruͤck; und so bleibt auch in dieser Ruͤcksicht der stetige Fortgang der zuerst als Naturkraft ausgebrochenen Sprache un¬ unterbrochen, und es tritt in den Fluß der Be¬ zeichnung keine Willkuͤhr ein. Es kann darum auch dem uͤbersinnlichen Theile einer also stetig fortentwickelten Sprache seine Leben anregende Kraft auf den, der nur sein geistiges Werkzeug in Bewegung sezt, nicht entgehen. Die Worte einer solchen Sprache in allen ihren Theilen sind Leben, und schaffen Leben. — Machen wir auch in Ruͤcksicht der Entwiklung der Sprache fuͤr das uͤbersinnliche die Voraussetzung, daß das Volk dieser Sprache in ununterbrochener Mittheilung geblieben, und daß, was Einer gedacht, und ausgesprochen, bald an alle ge¬ kommen, so gilt, was bisher im allgemeinen gesagt worden, fuͤr Alle, die diese Sprache reden. Allen, die nur denken wollen, ist das in der Sprache niedergelegte Sinnbild klar; allen, die da wirklich denken, ist es lebendig, und anregend ihr Leben. So verhaͤlt es sich, sage ich, mit einer Spra¬ che, die von dem ersten Laute an, der in dem¬ selben Volke ausbrach, ununterbrochen aus dem wirklichen gemeinsamen Leben dieses Volks I sich entwickelt hat, und in die niemals ein Be¬ standtheil gekommen, der nicht eine wirklich er¬ lebte Anschauung dieses Volks, und eine mit allen uͤbrigen Anschauungen desselben Volks im allseitig eingreifenden Zusammenhange stehende Anschauung ausdruͤckte. Lasset dem Stamm¬ volke dieser Sprache noch so viel Einzelne an¬ dern Stammes, und anderer Sprache einver¬ leibt werden; wenn es diesen nur nicht verstat¬ tet wird, den Umkreis ihrer Anschauungen zu dem Standpunkte, von welchem von nun an die Sprache sich fortentwickle, zu erheben, so bleiben diese stumm in der Gemeine, und ohne Einfluß auf die Sprache, so lange, bis sie selbst in den Umkreis der Anschauungen des Stamm¬ volkes hineingekommen sind, und so bilden nicht sie die Sprache, sondern die Sprache bil¬ det sie. Ganz das Gegentheil aber von allem bis¬ her gesagten erfolgt alsdann, wenn ein Volk, mit Aufgebung seiner eignen Sprache eine fremde, fuͤr uͤbersinnliche Bezeichnung schon sehr gebildete, annimmt; und zwar nicht also, daß es sich der Einwirkung dieser fremden Sprache ganz frei hingebe, und sich bescheide sprachlos zu bleiben, so lange, bis es in den Kreis der Anschauungen dieser fremden Sprache hineingekommen; sondern also, daß es seinen eignen Anschauungskreis der Sprache aufdrin¬ ge, und diese, von dem Standpunkte aus, wo sie dieselbe fanden, von nun an in diesem An¬ schauungskreise sich fortbewegen muͤsse. In Absicht des sinnlichen Theils der Sprache zwar ist diese Begebenheit ohne Folgen. In jedem Volke muͤssen ja ohnedies die Kinder diesen Theil der Sprache, gleich als ob die Zeichen willkuͤhrlich waͤren, lernen, und so die ganze fruͤhere Sprachentwiklung der Nation hierin nachholen; jedes Zeichen aber in diesem sinn¬ lichen Umkreise kann durch die unmittelbare Ansicht, oder Beruͤhrung des Bezeichneten voll¬ kommen klar gemacht werden. Hoͤchstens wuͤrde daraus folgen, daß das erste Geschlecht eines solchen seine Sprache aͤndernden Volks als Maͤnner wieder in die Kinderjahre zuruͤckzuge¬ hen genoͤthigt gewesen; mit den nachgebornen aber und an den kuͤnftigen Geschlechtern war alles wieder in der alten Ordnung. Dagegen ist diese Veraͤnderung von den bedeutendsten Folgen in Ruͤcksicht des uͤbersinnlichen Theils der Sprache. Dieser hat zwar fuͤr die ersten Eigenthuͤmer der Sprache sich gemacht auf die I 2 bisher beschriebene Weise; fuͤr die spaͤtern Er¬ oberer derselben aber enthaͤlt das Sinnbild eine Vergleichung mit einer sinnlichen Anschau¬ ung, die sie entweder schon laͤngst, ohne die beiliegende geistige Ausbildung, uͤbersprungen haben, oder die sie dermalen noch nicht gehabt haben, auch wohl niemals haben koͤnnen. Das hoͤchste, was sie hiebei thun koͤnnen, ist, daß sie das Sinnbild und die geistige Bedeutung des¬ selben sich erklaͤren lassen, wodurch sie die flache und todte Geschichte einer fremden Bildung, keinesweges aber eigene Bildung erhalten, und Bilder bekommen, die fuͤr sie weder unmittel¬ bar klar, noch auch Lebenanregend sind, son¬ dern voͤllig also willkuͤhrlich erscheinen muͤssen, wie der sinnliche Theil der Sprache. Fuͤr sie ist nun, durch diesen Eintritt der bloßen Ge¬ schichte, als Erklaͤrerin, die Sprache in Absicht des ganzen Umkreises ihrer Sinnbildlichkeit tod, abgeschlossen, und ihr stetiger Fortfluß abgebrochen; und obwohl uͤber diesen Umkreis hinaus sie nach ihrer Weise, und in wiefern dies von einem solchen Ausgangspunkte aus moͤglich ist, diese Sprache wieder lebendig fort¬ bilden moͤgen; so bleibt doch jener Bestandtheil die Scheidewand an welcher der urspruͤngliche Ausgang der Sprache, als eine Naturkraft, aus dem Leben, und die Ruͤckkehr der wirkli¬ chen Sprache in das Leben, ohne Ausnahme sich bricht. Obwohl eine solche Sprache auf der Oberflaͤche durch den Wind des Lebens be¬ wegt werden, und so den Schein eines Lebens von sich geben mag, so hat sie doch tiefer einen todten Bestandtheil, und ist, durch den Ein¬ tritt des neuen Anschauungskreises, und die Abbrechung des alten, abgeschnitten von der lebendigen Wurzel. Wir beleben das so eben gesagte durch ein Beispiel; indem wir zum Behuf dieses Bei¬ spiels noch beilaͤufig die Bemerkung machen, daß eine solche im Grunde todte und unver¬ staͤndliche Sprache sich auch sehr leicht verdre¬ hen, und zu allen Beschoͤnigungen des mensch¬ lichen Verderbens mißbrauchen laͤßt, was in einer niemals erstorbenen nicht also moͤglich ist. Ich bediene mich als solchen Beispiels der drei beruͤchtigten Worte, Humanitaͤt, Popula¬ ritaͤt, Liberalitaͤt. Diese Worte, vor dem Deut¬ schen, der keine andere Sprache gelernt hat, ausgesprochen, sind ihm ein voͤllig leerer Schall, der an nichts ihm schon bekanntes durch Ver¬ wandschaft des Lautes erinnert, und so aus dem Kreise seiner Anschauung, und aller moͤg¬ lichen Anschauung ihn vollkommen herausreißt. Reizt nun doch etwa das unbekannte Wort durch seinen fremden, vornehmen, und wohl¬ toͤnenden Klang seine Aufmerksamkeit, und denkt er, was so hoch toͤne, muͤsse auch etwas hohes bedeuten; so muß er sich diese Bedeutung ganz von vorn herein, und als etwas ihm ganz neues, erklaͤren lassen, und kann dieser Erklaͤ¬ rung eben nur blind glauben, und wird so still¬ schweigend gewoͤhnt, etwas fuͤr wirklich da¬ seyend, und wuͤrdig anzuerkennen, das er, sich selbst uͤberlassen, vielleicht niemals des Erwaͤh¬ nens werth gefunden haͤtte. Man glaube nicht, daß es sich mit den neulateinischen Voͤlkern, welche jene Worte, vermeintlich als Worte ih¬ rer Muttersprache aussprechen, viel anders verhalte. Ohne gelehrte Ergruͤndung des Al¬ terthums, und seiner wirklichen Sprache, ver¬ stehen sie die Wurzeln dieser Woͤrter eben so wenig, als der Deutsche. Haͤtte man nun etwa dem Deutschen statt des Worts Humanitaͤt das Wort Menschlichkeit, wie jenes woͤrtlich uͤber¬ sezt werden muß, ausgesprochen, so haͤtte er uns ohne weitere historische Erklaͤrung verstan¬ den; aber er haͤtte gesagt: da ist man nicht eben viel, wenn man ein Mensch ist, und kein wildes Thier. Also aber, wie wohl nie ein Roͤmer gesagt haͤtte, wuͤrde der Deutsche sagen, deswegen, weil die Menschheit uͤberhaupt in seiner Sprache nur ein sinnlicher Begriff ge¬ blieben, niemals aber wie bei den Roͤmern zum Sinnbilde eines uͤbersinnlichen geworden; in¬ dem unsere Vorfahren vielleicht lange vorher die einzelnen menschlichen Tugenden bemerkt, und sinnbildlich in der Sprache bezeichnet, ehe sie darauf gefallen, dieselben in einem Einheits¬ begriffe, und zwar als Gegensatz mit der thie¬ rischen Natur, zusammenzufassen, welches denn auch unsern Vorfahren den Roͤmern gegenuͤber zu gar keinem Tadel gereicht. Wer nun den Deutschen dennoch dieses fremde und roͤmische Sinnbild kuͤnstlich in die Sprache spielen wollte, der wuͤrde ihre sittliche Denkart offenbar her¬ unterstimmen, indem er ihnen als etwas vor¬ zuͤgliches und lobenswuͤrdiges hingaͤbe, was in der fremden Sprache auch wohl ein solches seyn mag, was er aber, nach der unaustilgbaren Natur seiner National- Einbildungskraft nur faßt, als das bekannte, das gar nicht zu erlas¬ sen ist. Es ließe sich vielleicht durch eine naͤhere Untersuchung darthun, daß dergleichen Herab¬ stimmungen der fruͤhern sittlichen Denkart durch unpassende und fremde Sinnbilder den germa¬ nischen Staͤmmen, die die Roͤmische Sprache an¬ nahmen, schon zu Anfange begegnet; doch wird hier auf diesen Umstand nicht gerade das groͤßte Gewicht gelegt. Wuͤrde ich ferner dem Deutschen statt der Woͤrter Popularitaͤt, und Liberalitaͤt, die Aus¬ druͤcke Haschen nach Gunst beim großen Hau¬ fen, und, Entfernung vom Sklavensinn, wie jene woͤrtlich uͤbersezt werden muͤssen, sagen, so bekaͤme derselbe zufoͤrderst nicht einmal ein klares und lebhaftes sinnliches Bild, derglei¬ chen der fruͤhere Roͤmer allerdings bekam. Dieser sahe alle Tage die schmiegsame Hoͤflich¬ keit des ehrgeizigen Kandidaten gegen alle Welt, so wie die Ausbruͤche des Sklavensinns vor Augen, und jene Worte bildeten sie ihm wieder lebendig vor. Durch die Veraͤnderung der Regierungsform und die Einfuͤhrung des Christenthums waren schon dem spaͤtern Roͤ¬ mer diese Schauspiele entrissen; wie denn uͤber¬ haupt diesem, besonders durch das fremdartige Christenthum, das er weder abzuwehren, noch sich einzuverleiben vermochte, die eigne Sprache guten Theils abzusterben anfing im eignen Munde. Wie haͤtte diese, schon in der eignen Heimath halbtodte Sprache, lebendig uͤberlie¬ fert werden koͤnnen an ein fremdes Volk? Wie sollte sie es jezt koͤnnen an uns Deutsche? Was ferner das in jenen beiden Ausdruͤcken liegende Sinnbild eines geistigen betrift, so liegt in der Popularitaͤt schon urspruͤnglich eine Schlechtigkeit, die durch das Verderben der Nation und ihrer Verfassung in ihrem Munde zur Tugend verdreht wurde. Der Deutsche geht in diese Verdrehung, so wie sie ihm nur in seiner eignen Sprache dargeboten wird, nimmer ein. Zur Uebersetzung der Liberalitaͤt aber dadurch, daß ein Mensch keine Sklaven- Seele, oder, wenn es in die neue Sitte ein¬ gefuͤhrt wird, keine Lakayen-Denkart habe, antwortet er abermals, daß auch dies sehr we¬ nig gesagt heiße. Nun hat man aber noch ferner in diese, schon in ihrer reinen Gestalt bei den Roͤmern auf einer tiefen Stufe der sittlichen Bildung entstandene, oder geradezu eine Schlechtigkeit bezeichnenden Sinnbilder in der Fortentwiklung der neulateinischen Sprachen den Begriff von Mangel an Ernst uͤber die gesellschaftlichen Verhaͤltnisse, den des sich Wegwerfens, den der gemuͤthlosen Lockerheit, hineingespielt, und die¬ selben auch in die Deutsche Sprache gebracht, um durch das Ansehen des Alterthums und des Auslandes, ganz in der Stille, und ohne daß jemand so recht deutlich merke, wovon die Rede sey, die leztgenannten Dinge auch unter uns in Ansehen zu bringen. Dies ist von jeher der Zweck und der Erfolg aller Einmischung gewe¬ sen; zufoͤrderst aus der unmittelbaren Verstaͤnd¬ lichkeit und Bestimmtheit, die jede urspruͤngliche Sprache bei sich fuͤhrt, den Hoͤrer in Dunkel und Unverstaͤndlichkeit einzuhuͤllen; darauf an den dadurch erregten blinden Glauben desselben sich mit der nun noͤthig gewordenen Erklaͤrung zu wenden, in dieser endlich Laster und Tugend also durcheinander zu ruͤhren, daß es kein leich¬ tes Geschaͤft ist, dieselben wieder zu sondern. Haͤtte man das, was jene drei auslaͤndischen Worte eigentlich wollen muͤssen, wenn sie uͤber¬ haupt etwas wollen, dem Deutschen in seinen Worten, und in seinem sinnbildlichen Kreise also ausgesprochen: Menschenfreundlichkeit, Leutseeligkeit, Edelmuth, so haͤtte er uns ver¬ standen; die genannten Schlechtigkeiten aber haͤtten sich niemals in jene Bezeichnungen einschieben lassen. Im Umfange Deutscher Rede entsteht eine solche Einhuͤllung in Un¬ verstaͤndlichkeit, und Dunkel, entweder aus Ungeschicktheit, oder aus boͤser Tuͤcke, sie ist zu vermeiden, und die Uebersetzung in rechtes wahres Deutsch liegt als stets fertiges Huͤlfsmittel bereit. In den neulateinischen Sprachen aber ist diese Unverstaͤndlichkeit na¬ tuͤrlich und urspruͤnglich, und sie ist durch gar kein Mittel zu vermeiden, indem diese uͤberhaupt nicht im Besitze irgend einer lebendigen Spra¬ che, woran sie die todte pruͤfen koͤnnten, sich be¬ finden, und, die Sache genau genommen, eine Muttersprache gar nicht haben. Das an diesem einzelnen Beispiele darge¬ legte, was gar leicht durch den ganzen Umkreis der Sprache sich wuͤrde hindurch fuͤhren lassen, und allenthalben also sich wieder finden wuͤrde, soll Ihnen das bis hieher gesagte so klar ma¬ chen, als es hier werden kann. Es ist vom uͤbersinnlichen Theile der Sprache die Rede, vom sinnlichen zunaͤchst und unmittelbar gar nicht. Dieser uͤbersinnliche Theil ist in einer immerfort lebendig gebliebenen Sprache sinn¬ bildlich, zusammenfassend bei jedem Schritte das ganze des sinnlichen und geistigen, in der Sprache niedergelegten Lebens der Nation in vollendeter Einheit, um einen, ebenfalls nicht willkuͤhrlichen, sondern aus dem ganzen bishe¬ rigen Leben der Nation nothwendig hervorge¬ henden Begriff zu bezeichnen, aus welchem, und seiner Bezeichnung, ein scharfes Auge die ganze Bildungsgeschichte der Nation ruͤckwaͤrts¬ schreitend wieder muͤßte herstellen koͤnnen. In einer todten Sprache aber, in der dieser Theil, als sie noch lebte, dasselbige war, wird er durch die Ertoͤdtung zu einer zerrissenen Sammlung willkuͤhrlicher, und durchaus nicht weiter zu erklaͤrender Zeichen eben so willkuͤhrlicher Be¬ griffe, wo mit beiden sich nichts weiter anfan¬ gen laͤßt, als daß man sie eben lerne. Somit ist unsre naͤchste Aufgabe, den unter¬ scheidenden Grundzug des Deutschen vor den andern Voͤlkern Germanischer Abkunft zu fin¬ den, geloͤst. Die Verschiedenheit ist sogleich bei der ersten Trennung des gemeinschaftlichen Stamms entstanden, und besteht darin, daß der Deutsche eine bis zu ihrem ersten Ausstroͤmen aus der Naturkraft lebendige Sprache redet, die uͤbrigen Germanischen Staͤmme eine nur auf der Oberflaͤche sich regende, in der Wurzel aber todte Sprache. Allein in diesen Umstand, in die Lebendigkeit, und in den Tod, setzen wir den Unterschied; keinesweges aber lassen wir uns ein auf den uͤbrigen innern Werth der Deutschen Sprache. Zwischen Leben und Tod findet gar keine Vergleichung statt, und das erste hat vor dem lezten unendlichen Werth; darum sind alle unmittelbare Vergleichungen der Deutschen und der Neulateinischen Spra¬ chen durchaus nichtig, und sind gezwungen von Dingen zu reden, die der Rede nicht werth sind. Sollte vom innern Werthe der Deutschen Sprache die Rede entstehen, so muͤste wenig¬ stens eine von gleichem Range, eine ebenfalls urspruͤngliche, als etwa die Griechische, den Kampfplatz betreten; unser gegenwaͤrtiger Zweck aber liegt tief unter einer solchen Vergleichung. Welchen unermeßlichen Einfluß auf die ganze menschliche Entwicklung eines Volks die Beschaffenheit seiner Sprache haben moͤge, der Sprache, welche den Einzelnen bis in die ge¬ heimste Tiefe seines Gemuͤths bei Denken, und Wollen begleitet, und beschraͤnkt oder befluͤgelt, welche die gesammte Menschenmenge, die die¬ selbe redet, auf ihrem Gebiete zu einem einzi¬ gen gemeinsamen Verstande verknuͤpft, welche der wahre gegenseitige Durchstroͤmungspunkt der Sinnenwelt, und der der Geister ist, und die Enden dieser beiden also in einander ver¬ schmilzt, daß gar nicht zu sagen ist, zu welcher von beiden sie selber gehoͤre; wie verschieden die Folge dieses Einflusses ausfallen moͤge, da, wo das Verhaͤltniß ist, wie Leben, und Tod, laͤßt sich im Allgemeinen errathen. Zu¬ naͤchst bietet sich dar, daß der Deutsche ein Mittel hat seine lebendige Sprache durch Ver¬ gleichung mit der abgeschloßnen Roͤmischen Sprache, die von der seinigen im Fortgange der Sinnbildlichkeit gar sehr abweicht, noch tiefer zu ergruͤnden, wie hinwiederum jene auf demselben Wege klarer zu verstehen, welches dem Neulateiner, der im Grunde in dem Um¬ kreise derselben Einen Sprache gefangen bleibt, nicht also moͤglich ist; daß der Deutsche, in¬ dem er die Roͤmische Stammsprache lernt, die abgestammten gewissermaßen zugleich mit er¬ haͤlt, und falls er etwa die erste gruͤndlicher lernen sollte, denn der Auslaͤnder, welches er aus dem angefuͤhrten Grunde gar wohl ver¬ mag, er zugleich auch dieses Auslaͤnders eigene Sprachen weit gruͤndlicher verstehen und weit eigenthuͤmlicher besitzen lernt, denn jener selbst, der sie redet; daß daher, der Deutsche, wenn er sich nur aller seiner Vortheile bedient, den Auslaͤnder immerfort uͤbersehen, und ihn voll¬ kommen, sogar besser, denn er sich selbst, ver¬ stehen, und ihn, nach seiner ganzen Ausdeh¬ nung uͤbersetzen kann; dagegen der Auslaͤn¬ der, ohne eine hoͤchst muͤhsame Erlernung der Deutschen Sprache, den wahren Deutschen niemals verstehen kann, und das aͤcht Deut¬ sche ohne Zweifel unuͤbersetzt lassen wird. Was in diesen Sprachen man nur vom Aus¬ laͤnder selbst lernen kann, sind meistens aus Langeweile und Grille entstandene neue Mo¬ den des Sprechens, und man ist sehr beschei¬ den, wenn man auf diese Belehrungen ein¬ geht. Meistens wuͤrde man statt dessen ihnen zeigen koͤnnen, wie sie der Stammsprache und ihrem Verwandlungsgesetze gemaͤß, sprechen sollten, und daß die neue Mode nichts tauge, und gegen die althergebrachte gute Sitte ver¬ stoße. — Jener Reichthum an Folgen uͤber¬ haupt, so wie die besondere zulezt erwaͤhnte Folge ergeben sich, wie gesagt, von selbst. Unsere Absicht aber ist es diese Folgen ins¬ gesammt im Ganzen, nach ihrem Einheits¬ bande, und aus der Tiefe zu erfassen, um da¬ durch eine gruͤndliche Schilderung des Deut¬ schen im Gegensatze mit den uͤbrigen Germa¬ nischen Staͤmmen zu geben. Ich gebe diese Fol¬ gen vorlaͤufig in der Kuͤrze also an: 1) Beim Volke der lebendigen Sprache greift die Gei¬ stesbildung ein ins Leben; beim Gegentheile geht geistige Bildung, und Leben jedes seinen Gang fuͤr sich fort. 2) Aus demselben Grunde ist es einem Volke der ersten Art mit aller Gei¬ stesbildung rechter eigentlicher Ernst, und es will, daß dieselbe ins Leben eingreife; dage¬ gen einem von der letztern Art diese vielmehr ein genialisches Spiel ist, mit dem sie nichts weiter wollen. Die leztern haben Geist; die erstern haben zum Geiste auch noch Gemuͤth. 3) Was aus dem zweiten folgt; die erstern haben redlichen Fleiß und Ernst in allen Din¬ gen, und sind muͤhsam, dagegen die leztern sich im Geleite ihrer gluͤcklichen Natur gehen lassen. 4) Was aus allem zusammen folgt: In einer Nation von der ersten Art ist das große Volk bildsam, und die Bildner einer solchen erproben ihre Entdeckungen an dem Volke, und wollen auf dieses einfließen; da¬ gegen in einer Nation von der zweiten Art die gebildeten Staͤnde vom Volke sich scheiden, und des leztern nicht weiter, denn als eines blinden Werkzeugs ihrer Plaͤne achten. Die weitere Eroͤrterung dieser angegebnen Merk¬ male behalte ich der folgenden Stunde vor. Fuͤnfte Rede. Folgen aus der aufgestellten Verschie¬ denheit . Z um Behuf einer Schilderung der Eigen¬ thuͤmlichkeit der Deutschen ist der Grund-Un¬ terschied zwischen diesen und den andern Voͤl¬ kern Germanischer Abkunft angegeben worden, daß die erstern in dem ununterbrochenen Fort¬ flusse einer aus wirklichem Leben sich fortent¬ wickelnden Ursprache geblieben, die letztern aber eine ihnen fremde Sprache angenommen, die unter ihrem Einflusse ertoͤdtet worden. Wir haben zu Ende der vorigen Stunde andre Er¬ scheinungen an diesen also verschiedenen Volks¬ staͤmmen angegeben, welche aus jenem Grund- Unterschiede nothwendig erfolgen mußten; und werden heute diese Erscheinungen weiter ent¬ wickeln, und fester auf ihrem gemeinsamen Boden begruͤnden. K Eine Untersuchung, die sich der Gruͤndlich¬ keit befleißiget, kann manches Streites, und der Erregung von mancherlei Scheelsucht sich uͤberheben. Wie wir ehemals, in der Unter¬ suchung, von der die gegenwaͤrtige die Fort¬ setzung ist, thaten, so werden wir auch hier thun. Wir werden Schritt vor Schritt ablei¬ ten, was aus dem aufgestellten Grund Unter¬ schiede folgt, und nur darauf sehen, daß diese Ableitung richtig sey. Ob nun die Verschie¬ denheit der Erscheinungen, die dieser Ableitung zufolge seyn sollte, in der wirklichen Erfahrung eintrete oder nicht, dies zu entscheiden, will ich lediglich Ihnen, und jedem Beobachter uͤber¬ lassen. Zwar werde ich, was insbesondere den Deutschen betrift, zu seiner Zeit darlegen, daß er sich wirklich also gezeigt habe, wie er unsrer Ableitung zufolge seyn mußte. Was aber den Germanischen Auslaͤnder betrift, so werde ich nichts dagegen haben, wenn einer unter ihnen wirklich versteht, wovon eigentlich hier die Rede sey, und wenn diesem hernach auch der Beweis gelingt, daß seine Landsleute eben auch dasselbe gewesen seyen, was die Deut¬ schen, und wenn er sie von den entgegengesetz¬ ten Zuͤgen, voͤllig loszusprechen vermag. Im allgemeinen wird unsre Beschreibung auch in diesen gegentheiligen Zuͤgen keinesweges in das nachtheilige und grelle hin zeichnen, was den Sieg leichter macht denn ehrenvoll, sondern nur das nothwendig erfolgende angeben, und dieses so ehrbar ausdruͤcken, als es mit der Wahrheit bestehen kann. Die erste Folge von dem aufgestellten Grund- Unterschiede, die ich angab, war die: beim Volke der lebendigen Sprache greife die Gei¬ stesbildung ein in das Leben: beim Gegen¬ theile gehe geistige Bildung und Leben jedes fuͤr sich seinen Gang fort. Es wird nuͤz¬ lich seyn, zufoͤrderst den Sinn des aufgestellten Satzes tiefer zu erklaͤren. Zufoͤrderst, indem hier vom Leben, und von dem Eingreifen der geistigen Bildung in dasselbe geredet wird, so ist darunter zu verstehen das urspruͤngliche Le¬ ben, und sein Fortfluß aus dem Quell alles geistigen Lebens, aus Gott, die Fortbildung der menschlichen Verhaͤltnisse nach ihrem Urbilde, und so die Erschaffung eines neuen, und vorher nie dagewesenen; keinesweges aber ist die Rede von der bloßen Erhaltung jener Verhaͤltnisse K 2 auf der Stufe, wo sie schon stehen, gegen Her¬ absinken, und noch weniger, vom Nachhelfen einzelner Glieder, die hinter der allgemeinen Ausbildung zuruͤckgeblieben. Sodann, wenn von geistiger Bildung die Rede ist, so ist dar¬ unter zu allererst die Philosophie, — wie wir dies mit dem auslaͤndischen Namen bezeichnen muͤs¬ sen, da die Deutschen sich den vorlaͤngst vorge¬ schlagenen Deutschen Namen nicht haben ge¬ fallen lassen, — die Philosophie, sage ich, ist zu allererst darunter zu verstehen; denn diese ist es, welche das ewige Urbild alles geistigen Lebens wissenschaftlich erfasset. Von dieser und von aller auf sie gegruͤndeten Wissenschaft wird nun geruͤhmt, daß beim Volke der lebendigen Sprache sie einfließe in das Leben. Nun aber ist, in scheinbarem Widerspruche mit dieser Behaup¬ tung oftmals und auch von den unsern, gesagt worden, daß Philosophie, Wissenschaft, schoͤne Kunst, und dergleichen, Selbstzwecke seyen, und dem Leben nicht dienten, und daß es Herabwuͤrdigung derselben sey, sie nach ihrer Nuͤzlichkeit in diesem Dienste zu schaͤtzen. Es ist hier der Ort diese Ausdruͤcke naͤher zu bestimmen, und vor aller Mißdeutung zu verwahren. Sie sind wahr in folgendem doppelten aber beschraͤnkten Sinne; zufoͤrderst, daß Wissenschaft oder Kunst dem Leben auf einer gewissen niedern Stufe, z. B. dem irrdischen und sinnlichen Leben, oder der gemeinen Erbaulich¬ keit, wie einige gedacht haben, nicht muͤsse die¬ nen wollen; sodann, daß ein Einzelner, zufolge seiner persoͤnlichen Abgeschiedenheit vom Gan¬ zen einer Geisterwelt, in diesen besondern Zwei¬ gen des allgemeinen goͤttlichen Lebens, voͤllig aufgehen koͤnne, ohne eines außer ihnen lie¬ genden Antriebes zu beduͤrfen, und volle Be¬ friedigung in ihnen finden koͤnne. Keines¬ weges aber sind sie wahr in strenger Bedeutung, denn es ist eben so unmoͤglich, daß es mehrere Selbstzwecke gebe, als es unmoͤglich ist, daß es mehrere Absolute gebe. Der einige Selbst¬ zweck, außer welchem es keinen andern geben kann, ist das geistige Leben. Dieses aͤußert sich nun zum Theil und erscheint als ein ewiger Fortfluß aus ihm selber, als Quell, d. i. als ewige Thaͤtigkeit. Diese Thaͤtigkeit erhaͤlt ewig fort ihr Musterbild von der Wissenschaft, die Geschicklichkeit, nach diesem Bilde sich zu gestalten, von der Kunst, und in soweit koͤnnte es scheinen, daß Wissenschaft und Kunst da seyen, als Mittel fuͤr das thaͤtige Leben, als Zweck. Nun aber ist in dieser Form der Thaͤ¬ tigkeit das Leben selber niemals vollendet, und zur Einheit geschlossen, sondern es geht fort ins Unendliche. Soll nun doch das Leben als eine solche geschloßne Einheit da seyn, so muß es also da seyn in einer andern Form. Diese Form ist nun die des reinen Gedankens, der die in der dritten Rede beschriebene Religions-Ein¬ sicht giebt; eine Form, die als geschloßne Ein¬ heit mit der Unendlichkeit des Thuns schlecht¬ hin auseinander faͤllt, und in dem leztern, dem Thun, niemals vollstaͤndig ausgedruͤckt werden kann. Beide demnach, der Gedanke, so wie die Thaͤtigkeit, sind nur in der Erscheinung aus¬ einanderfaltende Formen, jenseit der Erschei¬ nung aber sind sie, eine wie die andere, das¬ selbe Eine absolute Leben; und man kann gar nicht sagen, daß der Gedanke um des Thuns, oder das Thun um des Gedankens willen sey, und also sey, sondern daß beides schlechthin seyn solle, indem auch in der Erscheinung das Leben ein vollendetes Ganzes seyn solle, also, wie es dies ist jenseit aller Erscheinung. In¬ nerhalb dieses Umkreises demnach und zufolge dieser Betrachtung, ist es noch viel zu wenig gesagt, daß die Wissenschaft einfließe aufs Le¬ ben; sie ist vielmehr selber, und in sich selbst¬ bestaͤndiges Leben. — Oder, um dasselbe an eine bekannte Wendung anzuknuͤpfen. Was hilft alles Wissen, hoͤrt man zuweilen sagen, wenn nicht darnach gehandelt wird? In diesem Aus¬ spruche wird das Wissen als Mittel fuͤr das Handeln, und dieses leztere als der eigentliche Zweck angesehen. Man koͤnnte umgekehrt sa¬ gen; wie kann man doch gut handeln, ohne das Gute zu kennen? und es wuͤrde in diesem Ausspruche das Wissen, als das bedingende des Handelns betrachtet. Beide Ausspruͤche aber sind einseitig; und das wahre ist, daß beides, Wissen so wie Handeln, auf dieselbe Weise unabtrennliche Bestandtheile des ver¬ nuͤnftigen Lebens sind. In sich selbst bestaͤndiges Leben aber, wie wir so eben uns ausdruͤckten, ist die Wissenschaft nur alsdann, wenn der Gedanke der wirkliche Sinn, und die Gesinnung des Denkenden ist, also daß er, ohne besondere Muͤhe, und sogar ohne dessen sich klar bewußt zu seyn, alles an¬ dre was er denkt, ansieht, beurtheilt, zufolge jenes Grundgedankens ansieht, und beurtheilt, und falls derselbe aufs handeln einfließt, nach ihm eben so nothwendig handelt. Keineswe¬ ges aber ist der Gedanke Leben und Gesinnung, wenn er nur als Gedanke eines fremden Le¬ bens gedacht wird; so klar und vollstaͤndig er auch als ein solcher bloß moͤglicher Gedanke be¬ griffen seyn mag; und so hell man sich auch denken moͤge, wie etwa jemand also denken koͤnne. In diesem leztern Falle liegt zwischen unserm gedachten Denken, und zwischen unserm wirklichen Denken ein großes Feld von Zufall, und Freiheit, welche lezte wir nicht vollziehen moͤgen; und so bleibt jenes gedachte Denken von uns abstehend, und ein bloß moͤgliches, und ein von uns frei gemachtes, und immer¬ fort frei zu wiederholendes Denken: In jenem ersten Falle hat der Gedanke unmittelbar durch sich selbst unser Selbst ergriffen, und es zu sich selbst gemacht, und durch diese also entstandene Wirklichkeit des Gedankens fuͤr uns geht unsre Einsicht hindurch zu dessen Nothwendigkeit. Daß nun das leztere also erfolge, kann, wie eben gesagt, keine Freiheit erzwingen, sondern es muß eben sich selbst machen, und der Ge¬ danke selber muß uns ergreifen, und uns nach sich bilden. Diese lebendige Wirksamkeit des Gedan¬ kens wird nun sehr befoͤrdert, ja, wenn das Denken nur von der gehoͤrigen Tiefe und Staͤrke ist, sogar nothwendig gemacht, durch Denken, und Bezeichnen in einer lebendigen Sprache. Das Zeichen in der lezten ist selbst unmittelbar lebendig, und sinnlich, und wie¬ der darstellend das ganze eigene Leben, und so dasselbe ergreifend, und eingreifend in dasselbe; mit dem Besitzer einer solchen Sprache spricht unmittelbar der Geist, und offenbart sich ihm, wie ein Mann dem Manne. Dagegen regt das Zeichen einer todten Sprache unmittel¬ bar nichts an; um in den lebendigen Fluß desselben hineinzukommen, muß man erst historisch erlernte Kenntnisse aus einer abge¬ storbenen Welt sich wiederholen, und sich in eine fremde Denkart hineinversetzen. Wie uͤberschwenglich wohl muͤßte der Trieb des eignen Denkens seyn, wenn er in diesem langen und breiten Gebiete der Historie nicht ermattete, und nicht zulezt auf dem Felde dieser bescheiden sich begnuͤgte. So eines Be¬ sitzers der lebendigen Sprache Denken nicht lebendig wird, so kann man einen solchen ohne Bedenken beschuldigen, daß er gar nicht ge¬ dacht, sondern nur geschwaͤrmt habe. Den Besitzer einer todten Sprache kann man in demselben Falle dessen nicht sofort beschuldi¬ gen; gedacht mag er allerdings haben nach seiner Weise, die in seiner Sprache niederge¬ legten Begriffe sorgfaͤltig entwikelt; er hat nur das nicht gethan, was, falls es ihm gelaͤnge, einem Wunder gleich zu achten waͤre. Es erhellet im Vorbeigehen, daß beim Volke einer todten Sprache im Anfange, wie die Sprache noch nicht allseitig klar genug ist, der Trieb des Denkens noch am kraͤftigsten wal¬ ten, und die scheinbarsten Erzeugnisse hervor¬ bringen werde; daß aber dieser, so wie die Sprache klarer und bestimmter wird, in den Fesseln derselben immermehr ersterben; und daß zulezt die Philosophie eines solchen Volks mit eignem Bewußtseyn sich bescheiden wird, daß sie nur eine Erklaͤrung des Woͤrterbuchs, oder wie undeutscher Geist unter uns dies hochtoͤ¬ nender ausgedruͤckt hat, eine Metakritik der Sprache sey; zu allerlezt, daß ein solches Volk etwa ein mittelmaͤßiges Lehrgedicht uͤber die Heuchelei in Komoͤdien-Form fuͤr ihr groͤßtes philosophisches Werk anerkennen wird. In dieser Weise, sage ich, fließt die geistige Bil¬ dung, und hier insbesondre das Denken in einer Ursprache nicht ein in das Leben, sondern es ist selbst Leben des also Denkenden. Doch strebt es nothwendig aus diesem also denkenden Leben einzufließen auf anderes Leben außer ihm, und so auf das vorhandene allgemeine Leben, und dieses nach sich zu gestalten. Denn eben weil jenes Denken Leben ist, wird es gefuͤhlt von seinem Besitzer mit innigem Wohlgefallen, in seiner belebenden, verklaͤrenden, und befreien¬ den Kraft. Aber jeder, dem Heil aufgegangen ist in seinem Innern, will nothwendig, daß allen andern dasselbe Heil wiederfahre, und er ist so getrieben, und muß arbeiten, daß die Quelle, aus der ihm sein Wohlseyn aufging, auch uͤber andre sich verbreite. Anders derje¬ nige, der bloß ein fremdes Denken, als ein moͤgliches begriffen hat. So wie ihm selber dessen Inhalt weder Wohl noch Wehe giebt, sondern es nur seine Muße angenehm beschaͤf¬ tigt, und unterhaͤlt, so kann er auch nicht glau¬ ben, daß es einem andern Wohl oder Wehe machen koͤnne, und haͤlt es zulezt fuͤr einerlei, woran jemand seinen Scharfsinn uͤbe, und womit er seine muͤßigen Stunden ausfuͤlle. Unter den Mitteln, das Denken, das im einzelnen Leben begonnen, in das allgemeine Leben einzufuͤhren, ist das vorzuͤglichste die Dichtung, und so ist denn diese der zweite Hauptzweig der geistigen Bildung eines Vol¬ kes. Schon unmittelbar der Denker, wie er seinen Gedanken in der Sprache bezeichnet, welches nach obigem nicht anders denn sinn¬ bildlich geschehen kann, und zwar uͤber den bisherigen Umkreis der Sinnbildlichkeit hinaus neu erschaffend, ist Dichter; und falls er dies nicht ist, wird ihm schon beim ersten Gedanken die Sprache, und beim Versuche des zweiten das Denken selber ausgehen. Diese durch den Denker begonnene Erweiterung und Ergaͤnzung des sinnbildlichen Kreises der Sprache durch dieses ganze Gebiet der Sinnbilder zu ver¬ floͤßen, also daß jedwedes an seiner Stelle den ihm gebuͤhrenden Antheil von der neuen geisti¬ gen Veredlung erhalte, und so das ganze Le¬ ben bis auf seinen letzten sinnlichen Boden her¬ ab in den neuen Lichtstral getaucht erscheine, wohlgefalle, und in bewußtloser Taͤuschung wie von selbst sich veredle, dieses ist das Geschaͤft der eigentlichen Dichtung. Nur eine lebendige Sprache kann eine solche Dichtung haben, denn nur in ihr ist der sinnbildliche Kreis durch erschaffendes Denken zu erweitern, und nur in ihr bleibt das schon Geschaffne lebendig, und dem Einstroͤmen verschwisterten Lebens offen. Eine solche Sprache fuͤhrt in sich Vermoͤgen un¬ endlicher, ewig zu erfrischender, und zu ver¬ juͤngender Dichtung, denn jede Regung des le¬ bendigen Denkens in ihr eroͤfnet eine neue Ader dichterischer Begeisterung; und so ist ihr denn diese Dichtung das vorzuͤglichste Verfloͤßungs¬ mittel der erlangten geistigen Ausbildung in das allgemeine Leben. Eine todte Sprache kann in diesem hoͤhern Sinne gar keine Dich¬ tung haben, indem alle die angezeigten Bedin¬ gungen der Dichtung in ihr nicht vorhanden sind. Dagegen kann eine solche auf eine Zeit¬ lang einen Stellvertreter der Dichtung haben auf folgende Weise. Die in der Stammsprache vorhandenen Ausfluͤsse der Dichtkunst werden die Aufmerksamkeit reizen. Zwar kann das neu entstandene Volk nicht fortdichten auf der angehobnen Bahn, denn diese ist ihrem Leben fremd; aber sie kann ihr eignes Leben, und die neuen Verhaͤltnisse desselben in den sinnbildlichen und dichterischen Kreis, in welchem ihre Vor¬ welt ihr eignes Leben aussprach, einfuͤhren, und z. B. ihren Ritter ankleiden, als Heros und umgekehrt, und die alten Goͤtter mit den neuen das Gewand tauschen lassen. Gerade durch diese fremde Einhuͤllung des gewoͤhnli¬ chen wird dasselbe einen dem idealisirten aͤhnli¬ chen Reiz erhalten, und es werden ganz wohl¬ gefaͤllige Gestalten hervorgehen. Aber beides, sowohl der sinnbildliche und dichterische Kreis der Stammsprache, als die neuen Lebens- Verhaͤltnisse, sind endliche und beschraͤnkte Groͤ¬ ßen, ihre gegenseitige Durchdringung ist ir¬ gendwo vollendet; da aber wo sie vollendet ist, feyert das Volk sein goldnes Zeitalter, und der Quell seiner Dichtung ist versiegt. Irgendwo giebt es nothwendig einen hoͤchsten Punkt des Anpassens der geschloßnen Woͤrter an die ge¬ schloßnen Begriffe, und der geschloßnen Sinn¬ bilder an die geschloßnen Lebens-Verhaͤltnisse. Nachdem dieser Punkt erreicht ist, kann das Volk nicht mehr, denn entweder seine gelun¬ gensten Meisterstuͤcke veraͤndert wiederholen, also, daß sie aussaͤhen, als ob sie etwas neues seyen, da sie doch nur das wohlbekannte alte sind; oder, wenn sie durchaus neu seyn wol¬ len, zum unpassenden und unschicklichen ihre Zuflucht nehmen, und eben so in der Dichtkunst das Haͤßliche mit dem Schoͤnen zusammenmi¬ schen, und sich auf die Karrikatur, und das Humoristische legen, wie sie in der Prosa genoͤ¬ thigt sind, die Begriffe zu verwirren, und La¬ ster und Tugend mit einander zu vermengen, wenn sie in neuen Weisen reden wollen. Indem auf diese Weise in einem Volke gei¬ stige Bildung und Leben jedes fuͤr sich seinen besondern Gang fortgehen, so erfolgt von selbst, daß die Staͤnde, die zu der ersten keinen Zu¬ gang haben; und an die auch nicht einmal, wie in einem lebendigen Volke, die Folgen die¬ ser Bildung kommen sollen, gegen die gebil¬ deten Staͤnde zuruͤckgesetzt, und gleichsam fuͤr eine andere Menschenart gehalten werden, die an Geisteskraͤften urspruͤnglich, und durch die bloße Geburt den ersten nicht gleich seyen; daß darum die gebildeten Staͤnde gar keine wahr¬ haft liebende Theilnahme an ihnen, und keinen Trieb haben, ihnen gruͤndlich zu helfen, indem sie eben glauben, daß ihnen, wegen urspruͤng¬ licher Ungleichheit, gar nicht zu helfen sey, und daß die Gebildeten vielmehr gereizt werden, dieselben zu brauchen, wie sie sind, und sie also brauchen zu lassen. Auch diese Folge der Er¬ toͤdtung der Sprache kann beim Beginnen des neuen Volkes durch eine menschenfreundliche Religion, und durch den Mangel an eigner Gewandheit der hoͤhern Staͤnde gemildert wer¬ den, im Fortgange aber wird diese Verach¬ tung des Volkes immer unverholner und grau¬ samer. Mit diesem allgemeinen Grunde des Sicherhebens und Vornehmthuns der gebilde¬ ten Staͤnde hat noch ein besonderer sich verei¬ nigt, welcher, da er auch selbst auf die Deut¬ schen einen sehr verbreiteten Einfluß gehabt, hier nicht uͤbergangen werden darf. Nemlich die Roͤmer, welche anfangs den Griechen ge¬ genuͤber, sehr unbefangen jenen nachsprechend, sich selbst Barbaren, und ihre eigne Sprache barbarisch nannten, gaben nachher die auf sich geladene Benennung weiter, und fanden bei den den Germaniern dieselbe glaͤubige Treuherzig¬ keit, die erst sie selbst den Griechen gezeigt hat¬ ten. Die Germanier glaubten der Barbarei nicht anders los werden zu koͤnnen, als wenn sie Roͤmer wuͤrden. Die auf ehemaligem roͤmi¬ schen Boden Eingewanderten wurden es nach allem ihren Vermoͤgen. In ihrer Einbildungs¬ kraft bekam aber barbarisch gar bald die Ne¬ benbedeutung gemein, poͤbelhaft, toͤlpisch, und so ward das Roͤmische im Gegentheil gleichgel¬ tend mit vornehm. Bis in das allgemeine und besondere ihrer Sprachen geht dieses hinein, in¬ dem, wo Anstalten zur besonnenen und bewu߬ ten Bildung der Sprache getroffen wurden, diese darauf gingen, die germanischen Wur¬ zeln auszuwerfen, und aus roͤmischen Wurzeln die Woͤrter zu bilden, und so die Romance, als die Hof- und gebildete Sprache zu erzeu¬ gen; im besondern aber, indem fast ohne Aus¬ nahme bei gleicher Bedeutung zweier Worte das aus germanischer Wurzel das unedle und schlechte, das aus roͤmischer Wurzel aber das edlere und vornehmere bedeutet. Dieses, gleich als ob es eine Grundseuche des ganzen germanischen Stammes waͤre, faͤllt L auch im Mutterlande den Deutschen an, falls er nicht durch hohen Ernst dagegen geruͤstet ist. Auch unsern Ohren toͤnt gar leicht Roͤmischer Laut vornehm, auch unsern Augen erscheint Roͤmische Sitte edler, dagegen das Deutsche gemein; und da wir nicht so gluͤcklich waren, dieses alles aus der ersten Hand zu erhalten, so lassen wir es uns auch aus der zweiten, und durch den Zwischenhandel der neuen Roͤmer, recht wohl gefallen. So lange wir deutsch sind, erscheinen wir uns als Maͤnner, wie an¬ dre auch; wenn wir halb oder auch uͤber die Haͤlfte undeutsch reden, und abstechende Sit¬ ten, und Kleidung an uns tragen, die gar weit herzukommen scheinen, so duͤnken wir uns vornehm; der Gipfel aber unsers Triumphs ist es, wenn man uns gar nicht mehr fuͤr Deutsche, sondern etwa fuͤr Spanier oder Englaͤnder haͤlt, je nachdem nun einer von diesen gerade am meisten Mode ist. Wir ha¬ ben recht. Naturgemaͤßheit von Deutscher Seite, Willkuͤhrlichkeit und Kuͤnstelei von der Seite des Auslandes sind die Grund-Unter¬ schiede; bleiben wir bei der ersten, so sind wir eben, wie unser ganzes Volk, dieses begreift uns, und nimmt uns als seines Gleichen; nur wie wir zur lezten unsre Zuflucht nehmen, wer¬ den wir ihm unverstaͤndlich, und es haͤlt uns fuͤr andere Naturen. Dem Auslande kommt diese Unnatur von selbst in sein Leben, weil es urspruͤnglich und in einer Hauptsache von der Natur abgewichen; wir muͤssen sie erst auf¬ suchen, und an den Glauben, daß etwas schoͤn, schiklich, und bequem sey, das natuͤrlicherweise uns nicht also erscheint, uns erst gewoͤhnen. Von diesem allen ist nun beim Deutschen der Hauptgrund sein Glaube an die groͤßere Vor¬ nehmigkeit des romanisirten Auslandes, nebst der Sucht, eben so vornehm zu thun, und auch in Deutschland die Kluft zwischen den hoͤhern Staͤnden, und dem Volke, die im Auslande natuͤrlich erwuchs, kuͤnstlich aufzubauen. Es sey genug, hier den Grundquell dieser Auslaͤn¬ derei unter den Deutschen angegeben zu ha¬ ben; wie ausgebreitet diese gewirkt, und daß alle die Uebel, an denen wir jezt zu Grunde gegangen, auslaͤndischen Ursprungs sind, welche freilich nur in der Vereinigung mit Deutschem Ernste, und Einfluß aufs Leben, L 2 das Verderben nach sich ziehen mußten, wer¬ den wir zu einer andern Zeit zeigen. Außer diesen beiden aus dem Grund-Unter¬ schiede erfolgenden Erscheinungen, daß geistige Bildung ins Leben eingreife, oder nicht, und daß zwischen den gebildeten Staͤnden und dem Volke eine Scheidewand bestehe, oder nicht, fuͤhrte ich noch die folgende an, daß das Volk der lebendigen Sprache Fleiß und Ernst haben, und Muͤhe anwenden werde, in allen Dingen, dagegen das der todten Sprache die geistige Beschaͤftigung mehr fuͤr ein genialisches Spiel halte, und im Geleite seiner gluͤcklichen Natur sich gehen lasse. Dieser Umstand ergiebt aus dem oben Gesagten sich von selbst. Beim Volke der lebendigen Sprache geht die Untersuchung aus von einem Beduͤrfnisse des Lebens, welches durch sie befriedigt werden soll, und erhaͤlt so alle die noͤthigenden Antriebe, die das Leben selbst bei sich fuͤhrt. Bei dem der todten will sie weiter nichts, denn die Zeit auf eine ange¬ nehme, und dem Sinne fuͤrs Schoͤne angemes¬ sene Weise hinbringen, und sie hat ihren Zweck vollstaͤndig erreicht, wenn sie dies gethan hat. Bei den Auslaͤndern ist das lezte fast nothwen¬ dig; beim Deutschen, wo diese Erscheinung sich einstellt, ist das Pochen auf Genie, und gluͤck¬ liche Natur, eine seiner unwuͤrdige Auslaͤnderei, die, so wie alle Auslaͤnderei, aus der Sucht vornehm zu thun, entsteht. Zwar wird in kei¬ nem Volke der Welt ohne einen urspruͤnglichen Antrieb im Menschen, der, als ein uͤbersinnli¬ ches, mit dem auslaͤndischen Namen mit Recht Genius genannt wird, irgend etwas trefliches entstehen. Aber dieser Antrieb fuͤr sich allein regt nur die Einbildungskraft an, und entwirft in ihr uͤber dem Boden schwebende, niemals vollkommen bestimmte Gestalten. Daß diese bis auf den Boden des wirklichen Lebens her¬ ab vollendet, und bis zur Haltbarkeit in diesem bestimmt werden, dazu bedarf es des fleißigen, besonnenen, und nach einer festen Regel ein¬ hergehenden Denkens. Genialitaͤt liefert dem Fleiße den Stoff zur Bearbeitung, und der lezte wuͤrde ohne die erste entweder nur das schon bearbeitete, oder nichts, zu bearbeiten haben. Der Fleiß aber fuͤhret diesen Stoff, der ohne ihn ein leeres Spiel bleiben wuͤrde, ins Leben ein; und so vermoͤgen beide nur in ihrer Ver¬ einigung etwas, getrennt aber sind sie nichtig. Nun kann uͤberdies im Volke einer todten Sprache gar keine wahrhaft erschaffende Ge¬ nialitaͤt zum Ausbruche kommen, weil es ihnen am urspruͤnglichen Bezeichnungsvermoͤgen fehlt, sondern sie koͤnnen nur schon angehobnes fort¬ bilden, und in die ganze schon vorhandene und vollendete Bezeichnung verfloͤßen. Was insbesondere die groͤßere Muͤhe anbe¬ langt, so ist natuͤrlich, daß diese auf das Volk der lebendigen Sprache falle. Eine lebendige Sprache kann in Vergleichung mit einer an¬ dern auf einer hohen Stufe der Bildung ste¬ hen, aber sie kann niemals in sich selber die¬ jenige Vollendung und Ausbildung erhalten, die eine todte Sprache gar leichtlich erhaͤlt. In der lezten ist der Umfang der Woͤrter ge¬ schlossen, die moͤglichen schicklichen Zusammen¬ stellungen derselben werden allmaͤhlich auch er¬ schoͤpft, und so muß der, der diese Sprache reden will, sie eben reden, so wie sie ist; nach¬ dem er dieses aber einmal gelernt hat, redet die Sprache in seinem Munde sich selbst, und denkt, und dichtet fuͤr ihn. In einer lebendi¬ gen Sprache aber, wenn nur in ihr wirklich gelebt wird, vermehren und veraͤndern die Worte, und ihre Bedeutungen sich immerfort, und eben dadurch werden neue Zusammenstel¬ lungen moͤglich, und die Sprache, die niemals ist, sondern ewig fort wird, redet sich nicht selbst, sondern wer sie gebrauchen will, muß eben selber nach seiner Weise, und schoͤpferisch fuͤr sein Beduͤrfniß, sie reden. Ohne Zweifel erfordert das lezte weit mehr Fleiß und Uebun¬ gen, denn das erste. Eben so gehen, wie schon oben gesagt, die Untersuchungen des Volks einer lebendigen Sprache bis auf die Wurzel der Ausstroͤmung der Begriffe aus der geistigen Natur selbst; dagegen die einer tod¬ ten Sprache nur einen fremden Begriff zu durchdringen, und sich begreiflich zu machen suchen, und so in der That nur geschichtlich, und auslegend, jene ersten aber wahrhaft phi¬ losophisch sind. Es begreift sich, daß eine Untersuchung von der lezten Art eher, und leichter abgeschlossen werden moͤge, denn eine von der ersten. Nach allem wird der auslaͤndische Genius die betretenen Heerbahnen des Alterthums mit Blumen bestreuen, und der Lebensweisheit, die leicht ihm fuͤr Philosophie gelten wird, ein zierliches Gewand weben; dagegen wird der deutsche Geist neue Schachten eroͤfnen, und Licht und Tag einfuͤhren in ihre Abgruͤnde, und Felsmassen von Gedanken schleudern, aus denen die kuͤnftigen Zeitalter sich Wohnungen erbauen. Der auslaͤndische Genius wird seyn ein lieblicher Sylphe, der mit leichtem Fluge uͤber den seinem Boden von selbst entkeimten Blumen hinschwebt, und sich niederlaͤßt auf dieselben, ohne sie zu beugen, und ihren er¬ quikenden Thau in sich zieht; oder eine Biene, die aus denselben Blumen mit geschaͤftiger Kunst den Honig sammlet, und ihn in regel¬ maͤßig gebauten Zellen zierlich geordnet nieder¬ legt; der deutsche Geist ein Adler, der mit Ge¬ walt seinen gewichtigen Leib emporreißt, und mit starkem, und vielgeuͤbten Fluͤgel viel Luft unter sich bringt, um sich naͤher zu heben der Sonne, deren Anschauung ihn entzuͤkt. Um alles bisher Gesagte in Einen Haupt¬ gesichtspunkt zusammenzufassen. In Bezie¬ hung auf die Bildungsgeschichte uͤberhaupt eines Menschengeschlechts, das historisch in ein Alterthum und in eine neue Welt zerfallen ist, werden zur urspruͤnglichen Fortbildung dieser neuen Welt im großen und ganzen die beiden beschriebenen Hauptstaͤmme sich also verhalten. Der auslaͤndisch gewordene Theil der frischen Nation hat durch seine Annahme der Sprache des Alterthums eine weit groͤßere Verwand¬ schaft zu diesem erhalten. Es wird diesem Theile anfangs weit leichter werden, die Sprache desselben auch in ihrer ersten und un¬ veraͤnderten Gestalt zu erfassen, in die Denkmale ihrer Bildung einzudringen, und in dieselben ohngefaͤhr so viel frisches Leben zu bringen, daß sie sich an das entstandene neue Leben anfuͤ¬ gen koͤnnen. Kurz es wird von ihnen das Studium des klassischen Alterthums uͤber das neuere Europa ausgegangen seyn. Von den ungeloͤßt gebliebenen Aufgaben desselben begei¬ siert, wird es dieselben fortbearbeiten, aber freilich nur also, wie man eine, keinesweges durch ein Beduͤrfniß des Lebens, sondern durch bloße Wißbegier gegebene Aufgabe bearbeitet, leicht sie nehmend, nicht mit ganzem Gemuͤthe sondern nur mit der Einbildungskraft sie er¬ fassend, und lediglich in dieser zu einem lufti¬ gen Leibe sie gestaltend. Bei dem Reichthume des Stoffs, den das Alterthum hinterlassen, bei der Leichtigkeit, mit der in dieser Weise sich arbeiten laͤßt, werden sie eine Fuͤlle solcher Bilder in den Gesichtskreis der neuen Welt einfuͤhren. Diese schon in die neue Form ge¬ stalteten Bilder der alten Welt, angekommen bei demjenigen Theile des Urstamms, der durch beibehaltne Sprache im Flusse urspruͤnglicher Bildung blieb, werden auch dessen Aufmerk¬ samkeit, und Selbstthaͤtigkeit reizen, sie, welche vielleicht, wenn sie in der alten Form geblieben waͤren, unbeachtet, und unvernommen vor ihm voruͤbergegangen waͤren. Aber er wird, so gewiß er sie nur wirklich erfaßt, und nicht etwa nur sie weiter giebt von Hand in Hand, die¬ selben erfassen gemaͤß seiner Natur, nicht im bloßen Wissen eines fremden, sondern als Bestandtheil eines Lebens; und so sie aus dem Leben der neuen Welt nicht nur ableiten, son¬ dern sie auch in dasselbe wiederum einfuͤhren, verkoͤrpernd die vorher bloß luftigen Gestalten zu gediegenen, und im wirklichen Lebens- Elemente haltbaren Leibern. In dieser Verwandlung, die das Ausland selbst ihm zu geben niemals vermocht haͤtte, erhaͤlt nun dieses es von ihnen zuruͤck, und ver¬ mittelst dieses Durchganges allein wird eine Fortbildung des Menschengeschlechts auf der Bahn des Alterthums, eine Vereinigung der beiden Haupthaͤlften, und ein regelmaͤßiger Fortfluß der menschlichen Entwiklung moͤglich. In dieser neuen Ordnung der Dinge wird das Mutterland nicht eigentlich erfinden, son¬ dern im kleinsten, wie im groͤßten, wird es immer bekennen muͤssen, daß es durch irgend einen Wink des Auslandes angeregt worden, welches Ausland selbst wieder angeregt wurde durch die Alten; aber das Mutterland wird ernsthaft nehmen, und ins Leben einfuͤhren, was dort nur obenhin, und fluͤchtig entwor¬ fen wurde. An treffenden und tiefgreifenden Beispielen dieses Verhaͤltniß darzulegen, ist, wie schon oben gesagt, hier nicht der Ort, und wir behalten es uns vor auf die kuͤnf¬ tige Rede. Beide Theile der gemeinsamen Nation blieben auf diese Weise Eins, und nur in dieser Trennung und Einheit zugleich sind sie ein Pfropf-Reis auf dem Stamme der al¬ terthuͤmlichen Bildung, welche leztere außer¬ dem durch die neue Zeit abgebrochen seyn, und die Menschheit ihren Weg von vorn wie¬ der angefangen haben wuͤrde. In diesen ih¬ ren, beim Ausgangspunkte verschiedenen, am Ziele zusammenlaufenden Bestimmungen muͤssen nun beide Theile, jeder sich selbst, und den andern, erkennen, und denselben gemaͤß ein¬ ander benutzen; besonders aber jeder den an¬ deren zu erhalten, und in seiner Eigenthuͤm¬ lichkeit unverfaͤlscht zu lassen, sich bequemen: wenn es mit allseitiger, und vollstaͤndiger Bildung des Ganzen einen guten Fortgang haben soll. Was diese Erkenntniß anbelangt, so duͤrfte dieselbe wohl vom Mutterlande, als welchem zunaͤchst der Sinn fuͤr die Tiefe ver¬ liehen ist, ausgehen muͤssen. Wenn aber in seiner Blindheit fuͤr solche Verhaͤltnisse, und fortgerissen von oberflaͤchlichem Scheine, das Ausland jemals darauf ausgehen sollte, sein Mutterland der Selbststaͤndigkeit zu berauben, und es dadurch zu vernichten und aufzuneh¬ men in sich, so wuͤrde dasselbe, wenn ihm dieser Vorsatz gelaͤnge, dadurch fuͤr sich selbst die lezte Ader zerschneiden, durch die es bisher noch zusammenhing mit der Natur und dem Leben, und es wuͤrde gaͤnzlich anheim fallen, dem geistigen Tode, der ohne dies im Fort¬ gange der Zeiten immer sichtbarer als sein Wesen sich offenbart hat; sodann waͤre der bisher noch stetig fortgegangene Fluß der Bildung unsers Geschlechts in der That be¬ schlossen, und die Barbarei muͤßte wieder be¬ ginnen, und ohne Rettung fortschreiten, so lange, bis wir insgesammt wieder in Hoͤhlen lebten, wie die wilden Thiere, und gleich ih¬ nen uns untereinander aufzehrten. Daß dies wirklich also sey, und nothwendig also erfol¬ gen muͤsse, kann freilich nur der Deutsche einsehen, und er allein soll es auch: Dem Auslaͤnder, der, da er keine fremde Bildung kennt, unbegraͤnztes Feld hat sich in der sei¬ nigen zu bewundern, muß es, und mag es immer erscheinen als eine abgeschmakte Laͤste¬ rung der schlecht unterrichteten Unwissenheit. Das Ausland ist die Erde, aus welcher fruchtbare Duͤnste sich absondern, und sich em¬ porheben zu den Wolken, und durch welche auch noch die in den Tartarus verwiesenen alten Goͤtter zusammenhaͤngen mit dem Umkreise des Lebens. Das Mutterland ist der jene umge¬ bende ewige Himmel, an welchem die leich¬ ten Duͤnste sich verdichten zu Wolken, die, durch des Donnerers aus andrer Welt stam¬ menden Blitzstrahl geschwaͤngert, herabfallen als befruchtender Regen, der Himmel und Erde vereinigt, und die im ersten einheimi¬ schen Gaben auch dem Schooße der letztern entkeimen laͤßt. Wollen neue Titanen aber¬ mals den Himmel erstuͤrmen? Er wird fuͤr sie nicht Himmel seyn, denn sie sind Erdge¬ borne; es wird ihnen bloß der Anblick und die Einwirkung des Himmels entruͤckt wer¬ den, und nur ihre Erde als eine kalte fin¬ stere und unfruchtbare Behausung ihnen zu¬ ruͤckbleiben. Aber was vermochte, sagt ein roͤmischer Dichter, was vermoͤchte ein Ty¬ phoͤus, oder der gewaltige Mimas, oder Por¬ phyrion in drohender Stellung, oder Rhoͤ¬ tus, oder der kuͤhne Schleuderer ausgerisse¬ ner Baumstaͤmme, Enceladus, wenn sie sich stuͤrzen gegen Pallas toͤnenden Schild. Die¬ ser selbige Schild ist es, der ohne Zweifel auch uns decken wird, wenn wir es verste¬ hen, uns unter seinen Schutz zu begeben. Anmerkung zu S. 162. Auch uͤber den groͤßern oder geringern Wohllaut einer Sprache, sollte, unsers Erachtens, nicht nach dem unmittelbaren Eindrucke, der von so vielen Zu¬ faͤlligkeiten abhaͤngt, entschieden werden, sondern es muͤßte sich auch ein solches Urtheil auf feste Grundsaͤtze zuruͤckfuͤhren lassen. Das Verdienst einer Sprache in dieser Ruͤcksicht wuͤrde ohne Zweifel darein zu setzen seyn, daß sie zufoͤrderst das Vermoͤgen des menschli¬ chen Sprachwerkzeugs erschoͤpfte, und umfassend dar¬ stellte, sodann, daß sie die einzelnen Laute desselben zu einer naturgemaͤßen, und schiklichen Verfließung in einander verbaͤnde. Es geht schon hieraus hervor, daß Nationen, die ihre Sprachwerkzeuge nur halb und einseitig ausbilden, und gewisse Laute, oder Zu¬ sammensetzungen, unter Vorwand der Schwierigkeit oder des Uebelklanges vermeiden, und denen leicht¬ lich nur das, was sie zu hoͤren gewohnt sind, und her¬ vorbringen koͤnnen, wohl klingen duͤrfte, bei einer solchen Untersuchung keine Stimme haben. Wie nun, jene hoͤheren Grundsaͤtze vorausgesetzt, das Urtheil uͤber die Deutsche Sprache in dieser Ruͤk¬ sicht ausfallen werde, mag hier unentschieden bleiben. Die Roͤmische Stammsprache selbst wird von jeder Neu-Europaͤischen Nation ausgesprochen nach dersel¬ ben eignen Mundart, und ihre wahre Aussprache duͤrfte sich nicht leicht wieder herstellen lassen. Es bliebe demnach nur die Frage uͤbrig, ob denn, den Neulatei¬ nischen Sprachen gegen uͤber, die Deutsche so uͤbel, hart, und rauh toͤne, wie einige zu glauben geneigt sind? Bis einmal diese Frage gruͤndlich entschieden wer¬ de, mag wenigstens vorlaͤufig erklaͤrt werden, wie es komme, daß Auslaͤndern, und selbst Deutschen, auch wenn sie unbefangen sind, und ohne Vorliebe oder Haß, dieses also scheine. — Ein noch ungebildetes Volk von sehr regsamer Einbildungskraft, bei großer Kind¬ lichkeit des Sinnes, und Freiheit von National-Eitel¬ keit (die Germanier scheinen dieses alles gewesen zu seyn) wird angezogen durch die Ferne, und versetzt gern in diese, in entlegene Laͤnder, und ferne Inseln, die Gegenstaͤnde seiner Wuͤnsche, und die Herrlichkei¬ ten, die es ahnet. Es entwickelt sich in ihm ein Ro¬ mantischer Sinn (das Wort erklaͤrt sich selbst, und koͤnnte nicht passender gebildet seyn). Laute und Toͤne aus jenen Gegenden treffen nun auf diesen Sinn, und regen seine ganze Wunderwelt auf, und darum gefallen sie. Daher mag es kommen, daß unsre ausgewander¬ ten Landsleute so leicht die eigne Sprache fuͤr die fremde aufgaben, und daß noch bis jetzt uns, ihren sehr entfernten Anverwandten, jene Toͤne so wunder¬ bar gefallen. Sechste Rede . Darlegung der deutschen Grundzuͤge in der Geschichte . W elche Haupt-Unterschiede seyn wuͤrden zwi¬ schen einem Volke, das in seiner urspruͤngli¬ chen Sprache sich fortgebildet, und einem sol¬ chen, das eine fremde Sprache angenommen, ist in der vorigen Rede auseinander gesezt. Wir sagten bei dieser Gelegenheit: was das Ausland betreffe, so wollten wir dem eignen Urtheile jedweden Beobachters die Entschei¬ dung uͤberlassen, ob in demselben diejenigen Erscheinungen wirklich eintraͤten, die zufolge unsrer Behauptungen darin eintreten muͤßten; M was aber die Deutschen betrift, machten wir uns anheischig darzulegen, daß diese sich wirk¬ lich also geaͤußert, wie unsern Behauptungen zufolge das Volk einer Ursprache sich aͤußern muͤsse. Wir gehen heute an die Erfuͤllung un¬ sers Versprechens, und zwar legen wir das zu erweisende zunaͤchst dar an der lezten gro¬ ßen, und in gewissem Sinne, vollendeten Welt- That des deutschen Volkes, an der kirchlichen Reformation. Das aus Asien stammende, und durch seine Verderbung erst recht asiatisch gewordene, nur stumme Ergebung und blinden Glauben pre¬ digende Christenthum war schon fuͤr die Roͤ¬ mer etwas fremdartiges, und auslaͤndisches; es wurde niemals von ihnen wahrhaft durchdrun¬ gen, und angeeignet, und theilte ihr Wesen in zwei nicht an einander passende Haͤlften; wobei jedoch die Anfuͤgung des fremden Theils durch den angestammten schwermuͤthigen Aber¬ glauben vermittelt wurde. An den eingewan¬ derten Germaniern erhielt diese Religion Zoͤg¬ linge, in denen keine fruͤhere Verstandesbil¬ dung ihr hinderlich war, aber auch kein ange¬ stammter Aberglaube sie beguͤnstigte, und so wurde sie denn an dieselben gebracht, als ein zum Roͤmer, das sie nun einmal seyn wollten, eben auch gehoͤriges Stuͤk, ohne sonderlichen Einfluß auf ihr Leben. Daß diese christlichen Erzieher von der alt Roͤmischen Bildung, und dem Sprachverstaͤndnisse, als dem Behaͤlter derselben, nicht mehr an diese Neubekehrten kommen ließen, als mit ihren Absichten sich vertrug, versteht sich von selbst; und auch hierin liegt ein Grund des Verfalls und der Ertoͤdtung der Roͤmischen Sprache in ihrem Munde. Als spaͤterhin die aͤchten und unverfaͤlschten Denk¬ male der alten Bildung in die Haͤnde dieser Voͤlker fielen, und dadurch der Trieb, selbst¬ thaͤtig zu denken, und zu begreifen, in ihnen angeregt wurde, so mußte, da ihnen theils die¬ ser Trieb neu und frisch war, theils kein ange¬ stammtes Erschrecken vor den Goͤttern ihm das Gegengewicht hielt, der Widerspruch eines blinden Glaubens, und der sonderbaren Dinge, welche im Verlaufe der Zeiten zu Gegenstaͤnden desselben geworden waren, dieselben weit haͤr¬ ter treffen, denn sogar die Roͤmer, als an diese M 2 zuerst das Christenthum kam. Einleuchten des vollkommnen Widerspruchs aus demjeni¬ gen, woran man bisher treuherzig geglaubt hat, erregt Lachen; die welche das Raͤthsel ge¬ loͤßt hatten, lachten, und spotteten, und die Priester selbst, die es ebenfalls geloͤst hatten, lachten mit, gesichert dadurch, daß nur sehr wenigen der Zugang zur alterthuͤmlichen Bil¬ dung, als dem Loͤsungsmittel des Zaubers, offen stehe. Ich deute hiemit vorzuͤglich auf Italien, als den damaligen Hauptsiz der neu- Roͤmischen Bildung, hinter welchem die uͤbri¬ gen neu Roͤmischen Staͤmme in jeder Ruͤksicht noch sehr weit zuruͤk waren. Sie lachten des Truges, denn es war kein Ernst in ihnen, den er erbittert haͤtte; sie wur¬ den durch diesen ausschließenden Besitz einer ungemeinen Erkenntniß um so sicherer ein vor¬ nehmer und gebildeter Stand, und mochten es wohl leiden, daß der große Haufe, fuͤr den sie kein Gemuͤth hatten, dem Truge ferner Preiß gegeben, und so auch fuͤr ihre Zwecke folgsamer erhalten bliebe. Also nun, daß das Volk be¬ trogen werde, der Vornehmere den Betrug nuͤtze, und sein lache, konnte es fortbestehen: und es wuͤrde wahrscheinlich, wenn in der neuen Zeit nichts vorhanden gewesen waͤre, außer Neu-Roͤmer, also fortbestanden haben bis ans Ende der Tage. Sie sehen hier einen klaren Beleg zu dem, was fruͤher uͤber die Fortsetzung der alten Bil¬ dung durch die neue, und uͤber den Antheil, den die Neu-Roͤmer daran zu haben vermoͤgen, gesagt wurde. Die neue Klarheit gieng aus von den Alten, sie fiel zuerst in den Mittelpunkt der neu Roͤmischen Bildung, sie wurde daselbst nur zu einer Verstandes-Einsicht ausgebildet, ohne das Leben zu ergreifen, und anders zu gestalten. Nicht laͤnger aber konnte der bisherige Zustand der Dinge bestehen, sobald dieses Licht in ein in wahrem Ernste und bis auf das Leben herab religioͤses Gemuͤth fiel, und, wenn die¬ ses Gemuͤth von einem Volke umgeben war, dem es seine ernstere Ansicht der Sache leicht mittheilen konnte, und dieses Volk Haͤupter fand, welche auf sein entschiedenes Beduͤrfniß etwas gaben. So tief auch das Christenthum herabsinken mochte, so bleibt doch immer in ihm ein Grundbestandtheil, in dem Wahrheit ist, und der ein Leben, das nur wirkliches und selbststaͤndiges Leben ist, sicher anregt; die Frage: was sollen wir thun, damit wir seelig werden. War diese Frage auf einen erstorbe¬ nen Boden gefallen, wo es entweder uͤberhaupt an seinen Ort gestellt blieb, ob wohl so etwas, wie Seeligkeit im Ernste moͤglich sey, oder, wenn auch das erste angenommen worden waͤre, dennoch gar kein fester und entschiedener Wille, selbst auch seelig zu werden, vorhanden war, so hatte auf diesen, Boden die Religion gleich anfangs nicht eingegriffen in Leben, und Willen, sondern sie war nur als ein schwan¬ kender und blasser Schatten im Gedaͤchtnisse, und in der Einbildungskraft behangen geblie¬ ben; und so mußten natuͤrlich auch alle fernere Aufklaͤrungen uͤber den Zustand der vorhande¬ nen Religionsbegriffe gleichfalls ohne Einfluß auf das Leben bleiben. War hingegen jene Frage in einen urspruͤnglich lebendigen Boden gefallen, so daß im Ernste geglaubt wurde, es gebe eine Seeligkeit, und der feste Wille da war, seelig zu werden, und die von der bishe¬ rigen Religion angegebnen Mittel zur Seelig¬ keit mit innigem Glauben, und redlichem Ern¬ ste in dieser Absicht gebraucht worden waren, so mußte, wenn in diesen Boden, der gerade durch sein Ernstnehmen dem Lichte uͤber die Be¬ schaffenheit dieser Mittel sich laͤnger verschloß, dieses Licht zulezt dennoch fiel, ein graͤßliches Entsetzen sich erzeugen vor dem Betruge um das Heil der Seele, und die treibende Unruhe, dieses Heil auf andere Weise zu retten, und was als in ewiges Verderben stuͤrzend erschien, konnte nicht scherzhaft genommen werden. Ferner konnte der Einzelne, den zuerst diese Ansicht ergriffen, keinesweges zufrieden seyn, etwa nur seine eigne Seele zu retten, gleich¬ guͤltig uͤber das Wohl aller uͤbrigen unsterbli¬ chen Seelen, indem er, seiner tiefern Religion zufolge, dadurch auch nicht einmal die eigne Seele gerettet haͤtte; sondern mit der gleichen Angst, die er um diese fuͤhlte, mußte er rin¬ gen, schlechthin allen Menschen in der Welt das Auge zu oͤffnen uͤber die verdammliche Taͤuschung. Auf diese Weise nun fiel die Einsicht, die lange vor ihm sehr viele Auslaͤnder wohl in groͤßerer Verstandesklarheit gehabt hatten, in das Gemuͤth des Deutschen Mannes, Luther. An alterthuͤmlicher, und feiner Bildung, an Ge¬ lehrsamkeit, an andern Vorzuͤgen uͤbertrafen ihn nicht nur Auslaͤnder, sondern sogar viele in seiner Nation. Aber ihn ergriff ein all¬ maͤchtiger Antrieb, die Angst um das ewige Heil, und dieser ward das Leben in seinem Leben, und sezte immerfort das lezte in die Waage, und gab ihm die Kraft und die Ga¬ ben, die die Nachwelt bewundert. Moͤgen an¬ dere bei der Reformation irdische Zwecke ge¬ habt haben, sie haͤtten nie gesiegt, haͤtte nicht an ihrer Spitze ein Anfuͤhrer gestanden, der durch das Ewige begeistert wurde; daß dieser, der immerfort das Heil aller unsterblichen See¬ len auf dem Spiel stehen sah, allen Ernstes allen Teufeln in der Hoͤlle furchtlos entgegen gieng, ist natuͤrlich, und durchaus kein Wun¬ der. Dies nun ist ein Beleg von Deutschem Ernst und Gemuͤth. Daß Luther mit diesem rein menschlichen, und nur durch jeden selbst zu besorgenden, An¬ liegen an alle, und zunaͤchst an die Gesammt¬ heit seiner Nation sich wendete, lag, wie ge¬ sagt, in der Sache. Wie nahm nun sein Volk diesen Antrag auf? Blieb es in seiner dumpfen Ruhe, gefesselt an den Boden durch irdische Geschaͤfte, und ungestoͤrt fortgehend den ge¬ wohnten Gang, oder erregte die nicht alltaͤg¬ liche Erscheinung gewaltiger Begeisterung bloß sein Gelaͤchter? Keinesweges, sondern es wurde wie durch ein fortlaufendes Feuer ergriffen von derselben Sorge fuͤr das Heil der Seele, und diese Sorge eroͤfnete schnell auch ihr Auge der vollkommnen Klarheit, und sie nahmen auf im Fluge das ihnen Dargebotene. War diese Be¬ geisterung nur eine augenblickliche Erhebung der Einbildungskraft, die im Leben, und gegen dessen ernsthafte Kaͤmpfe und Gefahren nicht Stand hielt? Keinesweges, sie entbehrten al¬ les, und trugen alle Martern, und kaͤmpften in blutigen zweifelhaften Kriegen, lediglich damit sie nicht wieder unter die Gewalt des verdammlichen Papstthums geriethen, sondern ihnen und ihren Kindern fort das allein seelig¬ machende Licht des Evangeliums schiene; und es erneuten sich an ihnen in spaͤter Zeit alle Wunder, die das Christenthum bei seinem Be¬ ginnen an seinen Bekennern darlegte. Alle Aeußerungen jener Zeit sind erfuͤllt von dieser allgemein verbreiteten Besorgtheit um die See¬ ligkeit. Sehen Sie hier einen Beleg von der Eigenthuͤmlichkeit des Deutschen Volkes. Es ist durch Begeisterung zu jedweder Begeiste¬ rung, und jedweder Klarheit, leicht zu erheben, und seine Begeisterung haͤlt aus fuͤr das Leben, und gestaltet dasselbe um. Auch fruͤher, und anderwaͤrts hatten Re¬ formatoren Haufen des Volks begeistert, und sie zu Gemeinen versammelt, und gebildet; dennoch erhielten diese Gemeinen keinen festen, und auf dem Boden der bisherigen Ver¬ fassung gegruͤndeten Bestand, weil die Volks¬ haͤupter und Fuͤrsten der bisherigen Ver¬ fassung nicht auf ihre Seite traten. Auch der Reformation durch Luther schien Anfangs kein guͤnstigeres Schicksal bestimmt. Der weise Churfuͤrst, unter dessen Augen sie be¬ gann, schien mehr im Sinne des Auslandes als in dem deutschen weise zu seyn; er schien die eigentliche Streitfrage nicht sonderlich ge¬ faßt zu haben, einem Streite zwischen zwei Moͤnchsorden, wie ihm es schien, nicht viel Gewicht beizulegen, und hoͤchstens bloß um den guten Ruf seiner neu errichteten Uni¬ versitaͤt besorgt zu seyn. Aber er hatte Nach¬ folger, die, weit weniger weise, denn er, von derselben ernstlichen Sorge fuͤr ihre Seelig¬ keit ergriffen wurden, die in ihren Voͤlkern lebte, und vermittelst dieser Gleichheit mit ihnen verschmolzen bis zu gemeinsamen Le¬ ben oder Tod, Sieg oder Untergange. Sehen Sie hieran einen Beleg zu dem oben angegebnen Grundzuge der Deutschen, als einer Gesammtheit, und zu ihrer durch die Natur begruͤndeten Verfassung. Die großen National- und Welt-Angelegenheiten sind bisher durch freiwillig auftretende Red¬ ner an das Volk gebracht worden, und bei diesem durchgegangen. Mochten auch ihre Fuͤrsten anfangs aus Auslaͤnderei, und aus Sucht vornehm zu thun und zu glaͤnzen, wie jene, sich absondern von der Nation, und diese verlassen oder verrathen, so wurden sie doch spaͤter leicht wieder fortgerissen zur Ein¬ stimmigkeit mit derselben, und erbarmten sich ihrer Voͤlker. Daß das erste stets der Fall gewesen sey, werden wir tiefer unten noch an andern Belegen darthun; daß das leztere fortdauernd der Fall bleiben moͤge, koͤnnen wir nur mit heißer Sehnsucht wuͤnschen. Ohnerachtet man nun bekennen muß, daß in der Angst jenes Zeitalters um das Heil der Seelen, eine Dunkelheit und Unklarheit blieb, indem es nicht darum zu thun war, den aͤußeren Vermittler zwischen Gott und den Menschen nur zu veraͤndern, sondern gar keines aͤußern Mittlers zu beduͤrfen, und das Band des Zusammenhanges in sich sel¬ ber zu finden; so war es doch vielleicht nothwendig, daß die religioͤse Ausbildung der Menschen im Ganzen durch diesen Mittel¬ zustand hindurch ginge. Luthern selbst hat sein redlicher Eifer noch mehr gegeben, denn er suchte, und ihn weit hinausgefuͤhrt uͤber sein Lehrgebaͤude. Nachdem er nur die ersten Kaͤmpfe der Gewissensangst, die ihm sein kuͤhnes Losreißen von dem ganzen bisherigen Glauben verursachte, bestanden hatte, sind alle seine Aeußerungen voll eines Jubels und Triumphs uͤber die erlangte Freiheit der Kinder Gottes, welche die Seeligkeit gewiß nicht mehr außer sich und jenseit des Gra¬ bes suchten, sondern der Ausbruch des un¬ mittelbaren Gefuͤhls derselben waren. Er ist hierin das Vorbild aller kuͤnftigen Zeitalter geworden, und hat fuͤr uns alle vollendet. — Sehen Sie auch hier einen Grundzug des deutschen Geistes. Wenn er nur sucht, so findet er mehr, als er suchte; denn er geraͤth hinein in den Strom lebendigen Lebens, das durch sich selbst fortrinnt, und ihn mit sich fortreißt. Dem Pabstthume, dieses nach seiner eig¬ nen Gesinnung genommen, und beurtheilt, geschahe durch die Weise, wie die Reforma¬ tion dasselbe nahm, ohne Zweifel unrecht. Die Aeußerungen desselben waren wohl groͤ߬ tentheils aus der vorliegenden Sprache blind herausgerissen, asiatisch rednerisch uͤbertrei¬ bend, gelten sollend, was sie koͤnnten, und rechnend, daß mehr als der gebuͤhrende Ab¬ zug wohl ohne dies werde gemacht werden, niemals aber ernstlich ermessen, erwogen, oder gemeint. Die Reformation nahm mit deut¬ schem Ernste sie nach ihrem vollen Gewichte; und sie hatte recht, daß man Alles also neh¬ men solle, unrecht, wenn sie glaubte, jene haͤtten es also genommen, und sie noch an¬ derer Dinge, denn ihrer natuͤrlichen Flachheit und Ungruͤndlichkeit, bezuͤchtigte. Ueberhaupt ist dies die stets sich gleich bleibende Erschei¬ nung in jedem Streite des deutschen Ernstes gegen das Ausland, ob dieses sich nun außer Landes oder im Lande befinde, daß das lez¬ tere gar nicht begreifen kann, wie man uͤber so gleichguͤltige Dinge, als Worte und Re¬ densarten sind, ein so großes Wesen erheben moͤge, und daß sie, aus deutschem Munde es wieder hoͤrend, nicht gesagt haben wollen, was sie doch gesagt haben, und sagen, und immerfort sagen werden, und uͤber Verlaͤum¬ dung, die sie Konsequenzmacherei nennen, klagen, wenn man ihre Aeußerungen in ih¬ rem buchstaͤblichen Sinne, und als ernstlich gemeint, nimmt, und dieselben betrachtet als Bestandtheile einer folgebestaͤndigen Denk- Reihe, die man nun ruͤkwaͤrts nach ihren Grundsaͤtzen, und vorwaͤrts nach ihren Fol¬ gen herstellt; indeß man doch vielleicht sehr entfernt ist, ihnen fuͤr die Person klares Be¬ wußtseyn dessen, was sie reden, und Folge¬ bestaͤndigkeit, beizumessen. In jener Anmu¬ thung, man muͤsse eben jedwedes Ding neh¬ men, wie es gemeint sey, nicht aber etwa noch daruͤber hinaus das Recht zu meinen, und laut zu meinen, in Frage ziehen, ver¬ raͤth sich immer die noch so tief versteckte Auslaͤnderei. Dieser Ernst, mit welchem das alte Reli¬ gionslehrgebaͤude genommen wurde, noͤthigte dieses selbst zu einem groͤßeren Ernste, als es bisher gehabt hatte, und zu neuer Pruͤ¬ fung, Umdeutung, Befestigung der alten Lehre, so wie zu groͤßerer Behutsamkeit in Lehre und Leben fuͤr die Zukunft: und die¬ ses, so wie das zunaͤchstfolgende, sey Ihnen ein Beleg von der Weise, wie Deutschland auf das uͤbrige Europa immer zuruͤkgewirkt hat. Hierdurch erhielt fuͤr das allgemeine die alte Lehre wenigstens diejenige unschaͤd¬ liche Wirksamkeit, die sie, nachdem sie nun einmal nicht aufgegeben werden sollte, haben konnte; insbesondere aber ward sie fuͤr die Vertheidiger derselben Gelegenheit und Auf¬ forderung zu einem gruͤndlicheren und folge¬ gemaͤßeren Nachdenken, als bisher statt gehabt hatte. Davon, daß die in Deutsch¬ land verbesserte Lehre auch in das neulatei¬ nische Ausland sich verbreitet, und daselbst denselben Erfolg hoͤherer Begeisterung her¬ vorgebracht, wollen wir hier, als von einer voruͤbergehenden Erscheinung schweigen: wie¬ wohl es immer merkwuͤrdig ist, daß die neue Lehre in keinem eigentlich neulateinischen Lande zu einem vom Staate anerkannten Bestande gekommen; indem es scheint, daß es deutscher Gruͤndlichkeit bei den Regieren¬ den, und deutscher Gutmuͤthigkeit beim Volke, bedurft habe, um diese Lehre vertraͤglich mit der Obergewalt zu finden, und sie also zu machen. In In einer andern Ruͤksicht aber, und zwar nicht auf das Volk, sondern auf die gebilde¬ ten Staͤnde, hat Deutschland durch seine Kirchen-Verbesserung einen allgemeinen und dauernden Einfluß auf das Ausland gehabt; und durch diesen Einfluß dieses Ausland wieder zum Vorgaͤnger fuͤr sich selbst, und zu seinem eignen Anreger zu neuen Schoͤpfun¬ gen sich zubereitet. Das freie und selbstthaͤ¬ tige Denken, oder die Philosophie, war schon in den vorhergehenden Jahrhunderten unter der Herrschaft der alten Lehre haͤufig ange¬ regt und geuͤbt worden, keinesweges aber, um aus sich selbst Wahrheit hervorzubringen, sondern nur, um zu zeigen, daß und auf welche Weise die Lehre der Kirche wahr sey. Dasselbe Geschaͤft in Beziehung auf ihre Lehre erhielt zunaͤchst die Philosophie auch bei den deutschen Protestanten, und ward bei diesen Dienerin des Evangeliums, so wie sie bei den Scholastikern die der Kirche gewesen war. Im Auslande, das entweder kein Evangelium hatte, oder daß dasselbe nicht mit unvermischt deutscher Andacht und Tiefe N des Gemuͤths gefaßt hatte, erhob das durch den erhaltenen glaͤnzenden Triumph ange¬ feuerte freie Denken sich leichter, und hoͤher, ohne die Fessel eines Glaubens an Ueber¬ sinnliches; aber es blieb in der sinnlichen Fessel des Glaubens an den natuͤrlichen, ohne Bildung und Sitte aufgewachsenen Verstand; und weit entfernt, daß es in der Vernunft die Quelle auf sich selbst beruhender Wahr¬ heit entdeckt haͤtte, wurden fuͤr dasselbe die Ausspruͤche dieses rohen Verstandes dasje¬ nige, was fuͤr die Scholastiker die Kirche, fuͤr die ersten protestantischen Theologen das Evangelium war; ob sie wahr seyen, dar¬ uͤber regte sich kein Zweifel, die Frage war bloß, wie sie diese Wahrheit gegen bestrei¬ tende Anspruͤche behaupten koͤnnten. Indem nun dieses Denken in das Gebiet der Vernunft, deren Gegenstreit bedeutender gewesen seyn wuͤrde, gar nicht hineinkam, so fand es keinen Gegner, außer der historisch vorhandenen Religion, und wurde mit dieser leicht fertig, indem es sie an den Maaßstab des vorausgesezten gesunden Verstandes hielt, und sich dabei klar zeigte, daß sie demselben eben widerspraͤche; und so kam es denn, daß, so wie dieses alles vollkommen ins Reine gebracht wurde, im Auslande die Be¬ nennung des Philosophen und die des Ir¬ religioͤsen und Gotteslaͤugners, gleichbedeu¬ tend wurden, und zu gleicher ehrenvoller Auszeichnung gereichten. Die versuchte gaͤnzliche Erhebung uͤber allen Glauben an fremdes Ansehen, welche in diesen Bestrebungen des Auslandes das richtige war, wurde den Deutschen, von de¬ nen sie vermittelst der Kirchen-Verbesserung erst ausgegangen war, zu neuer Anregung. Zwar sagten untergeordnete und unselbststaͤn¬ dige Koͤpfe unter uns diese Lehre des Aus¬ landes eben nach — lieber die des Aus¬ landes, wie es scheint, als die eben so leicht zu habende ihrer Landsleute, darum, weil ihnen das erste vornehmer duͤnkte — und diese Koͤpfe suchten, so gut es gehen wollte, sich selber davon zu uͤberzeugen; wo aber selbststaͤndiger deutscher Geist sich regte, da genuͤgte das sinnliche nicht, sondern es ent¬ N 2 stand die Ausgabe das, freilich nicht auf fremdes Ansehen zu glaubende, Uebersinn¬ liche in der Vernunft selbst aufzusuchen, und so erst eigentliche Philosophie zu erschaffen, indem man, wie es seyn sollte, das freie Denken zur Quelle unabhaͤngiger Wahrheit machte. Dahin strebte Leibniz, im Kampfe mit jener auslaͤndischen Philosophie; dies erreichte der eigentliche Stifter der neuen deutschen Philosophie, nicht ohne das Gestaͤndniß, durch eine Aeußerung des Auslandes, die inzwi¬ schen tiefer genommen worden, als sie ge¬ meint gewesen, angeregt worden zu seyn. Seitdem ist unter uns die Aufgabe vollstaͤn¬ dig geloͤßt, und die Philosophie vollendet wor¬ den, welches man indessen sich begnuͤgen muß, zu sagen, bis ein Zeitalter kommt, das es begreift. Dies vorausgesezt, so waͤre abermals durch Anregung des durch das Neuroͤmische Ausland hindurch gegangenen Alterthums im Deutschen Mutterlande die Schoͤpfung eines vorher durchaus nicht dage¬ wesenen neuen erfolgt. Unter den Augen der Zeitgenossen hat das Ausland eine andere Aufgabe der Ver¬ nunft und der Philosophie an die neue Welt, die Errichtung des vollkommnen Staats, leicht, und mit feuriger Kuͤhnheit ergriffen, und kurz darauf dieselbe also fallen lassen, daß es durch seinen jetzigen Zustand genoͤ¬ thiget ist, den bloßen Gedanken der Aufgabe als ein Verbrechen zu verdammen, und alles anwenden muͤßte, um, wenn es koͤnnte, jene Bestrebungen aus den Jahrbuͤchern seiner Geschichte auszutilgen. Der Grund dieses Erfolgs liegt am Tage: Der vernunftge¬ maͤße Staat laͤßt sich nicht durch kuͤnstliche Vorkehrungen aus jedem vorhandenen Stoffe aufbauen, sondern die Nation muß zu dem¬ selben erst gebildet, und herauferzogen wer¬ den. Nur diejenige Nation, welche zufoͤr¬ derst die Aufgabe der Erziehung zum voll¬ kommnen Menschen, durch die wirkliche Aus¬ uͤbung, geloͤßt haben wird, wird sodann auch jene des vollkommnen Staats loͤsen. Auch die zulezt genannte Aufgabe der Er¬ ziehung ist seit unsrer Kirchen-Verbesserung vom Auslande geistvoll, aber im Sinne seiner Philosophie, mehrmals in Anregung gebracht worden, und diese Anregungen ha¬ ben unter uns fuͤrs erste Nachtreter und Uebertreiber gefunden. Bis zu welchem Punkte endlich in unsern Tagen abermals deutsches Gemuͤth diese Sache gebracht, werden wir zu seiner Zeit ausfuͤhrlicher berichten. Sie haben an dem Gesagten eine klare Uebersicht der gesammten Bildungsgeschichte der neuen Welt, und des sich immer gleich bleibenden Verhaͤltnisses der verschiedenen Bestandtheile der lezten zur ersten. Wahre Religion, in der Form des Christenthums, war der Keim der neuen Welt, und ihre Gesammt-Aufgabe die, diese Religion in die vorhandene Bildung des Alterthums zu verfloͤßen, und die lezte dadurch zu vergei¬ stigen, und zu heiligen. Der erste Schritt auf diesem Wege war, das die Freiheit rau¬ bende aͤußere Ansehen der Form dieser Re¬ ligion von ihr abzuscheiden, und auch in sie das freie Denken des Alterthums ein¬ zufuͤhren. Es regte an zu diesem Schritte das Ausland, der Deutsche that ihn. Der zweite, der eigentlich die Fortsetzung und Vollendung des ersten ist, der, diese Reli¬ gion, und mit ihr alle Weisheit in uns sel¬ ber aufzufinden. Auch ihn vorbereitete das Ausland, und vollzog der Deutsche. Der dermalen in der ewigen Zeit an der Tages- Ordnung sich befindende Fortschritt ist die vollkommne Erziehung der Nation zum Men¬ schen. Ohnedies wird die gewonnene Philo¬ sophie nie ausgedehnte Verstaͤndlichkeit, viel¬ weniger noch allgemeine Anwendbarkeit im Leben finden; so wie hinwiederum ohne Philosophie die Erziehungskunst niemals zu vollstaͤndiger Klarheit in sich selbst gelangen wird. Beide greifen daher in einander, und sind, eins ohne das andere, unvollstaͤndig und unbrauchbar. Schon allein darum, weil der Deutsche bisher alle Schritte der Bil¬ dung zur Vollendung gebracht, und er eigent¬ lich dazu aufbewahrt worden ist in der neuen Welt, kommt ihm dasselbe auch mit der Erziehung zu; wie aber diese einmal in Ordnung gebracht ist, wird es sich mit den uͤbrigen Angelegenheiten der Menschheit leicht ergeben. In diesem Verhaͤltnisse also hat wirklich die Deutsche Nation zur Fortbildung des menschlichen Geschlechts in der neuen Zeit bisher gestanden. Noch ist uͤber eine schon zweimal fallen gelassene Bemerkung uͤber den naturgemaͤßen Hergang, den diese Nation hiebei genommen, daß nemlich in Deutschland alle Bildung vom Volke ausgegangen, mehr Licht zu verbreiten. Daß die Angelegenheit der Kirchen-Verbesserung zuerst an das Volk gebracht worden, und allein dadurch, daß es desselben Angelegenheit geworden, gelungen sey, haben wir schon ersehen. Aber es ist ferner darzuthun, daß dieser einzelne Fall nicht Ausnahme, sondern daß er die Regel gewesen. Die im Mutterlande zuruͤckgebliebenen Deutschen hatten alle Tugenden, die ehemals auf ihrem Boden zu Hause waren, beibe¬ halten, Treue, Biederkeit, Ehre, Einfalt; aber sie hatten von Bildung zu einem hoͤhern und geistigen Leben nicht mehr erhalten, als das damalige Christenthum, und seine Leh¬ rer, an zerstreut wohnende Menschen bringen konnten. Dies war wenig, und sie standen so gegen ihre ausgewanderten Stammver¬ wandten zuruͤk, und waren in der That zwar brav und bieder, aber dennoch halb Barba¬ ren. Es entstanden unter ihnen indessen Staͤdte, die durch Glieder aus dem Volke errichtet wurden. In diesen entwickelte sich schnell jeder Zweig des gebildeten Lebens zur schoͤnsten Bluͤthe. In ihnen entstanden, zwar auf Kleines berechnete, dennoch aber trefliche buͤrgerliche Verfassungen, und Ein¬ richtungen, und von ihnen aus verbreitete sich ein Bild von Ordnung und eine Liebe derselben erst uͤber das uͤbrige Land. Ihr ausgebreiteter Handel half die Welt ent¬ decken. Ihren Bund fuͤrchteten Koͤnige. Die Denkmaͤler ihrer Baukunst dauern noch, haben der Zerstoͤrung von Jahrhunderten ge¬ trozt, die Nachwelt steht bewundernd vor ihnen, und bekennt ihre eigene Ohnmacht. Ich will diese Buͤrger der deutschen Reichsstaͤdte des Mittelalters nicht verglei¬ chen mit den andern ihnen gleichzeitigen Staͤnden, und nicht fragen, was indessen der Adel that, und die Fuͤrsten; aber in Vergleich mit den uͤbrigen Germanischen Nationen, einige Striche Italiens abgerech¬ net, hinter welchen selbst jedoch in den schoͤnen Kuͤnsten die Deutschen nicht zuruͤck¬ blieben, in den nuͤzlichen sie uͤbertrafen, und ihre Lehrer wurden, — diese abgerechnet waren nun diese deutschen Buͤrger die gebil¬ deten, und jene die Barbaren. Die Ge¬ schichte Deutschlands, deutscher Macht, deut¬ scher Unternehmungen, Erfindungen, Denk¬ male, Geistes, ist in diesem Zeitraume ledig¬ lich die Geschichte dieser Staͤdte, und alles uͤbrige, als da sind Laͤnderverpfaͤndun¬ gen, und Wiedereinloͤsungen, und derglei¬ chen, ist nicht des Erwaͤhnens werth. Auch ist dieser Zeitpunkt der einzige in der Deutschen Geschichte, in der diese Nation glaͤnzend und ruhmvoll, und mit dem Range, der ihr als Stammvolk gebuͤhrt, dasteht; so wie ihre Bluͤthe durch die Habsucht und Herrsucht der Fuͤrsten zerstoͤrt, und ihre Frei¬ heit zertreten wird, sinkt das Ganze allmaͤh¬ lich immer tiefer herab, und geht entge¬ gen dem gegenwaͤrtigen Zustande; wie aber Deutschland herabsinkt, sieht man das uͤbrige Europa eben also sinken, in Ruͤksicht dessen, was das Wesen betrifft, und nicht den blo¬ ßen aͤußern Schein. Der entscheidende Einfluß dieses in der That herrschenden Standes auf die Entwik¬ lung der deutschen Reichsverfassung, auf die Kirchen-Verbesserung, und auf alles, was je¬ mals die deutsche Nation bezeichnete, und von ihr ausgieng in das Ausland, ist al¬ lenthalben unverkennbar, und es laͤßt sich nachweisen, daß alles, was noch jezt ehrwuͤr¬ diges ist unter den Deutschen, in seiner Mitte entstanden ist. Und mit welchem Geiste brachte hervor, und genoß dieser Deutsche Stand diese Bluͤ¬ the? Mit dem Geiste der Froͤmmigkeit, der Ehrbarkeit, der Bescheidenheit, des Gemein¬ sinnes. Fuͤr sich selbst bedurften sie wenig, fuͤr oͤffentliche Unternehmungen machten sie unermeßlichen Aufwand. Selten steht irgend¬ wo ein einzelner Name hervor, und zeichnet sich aus, weil alle gleichen Sinnes waren, und gleicher Aufopferung fuͤr das Gemein¬ same. Ganz unter denselben aͤußern Bedin¬ gungen, wie in Deutschland, waren auch in Italien freie Staͤdte entstanden. Man ver¬ gleiche die Geschichten beider; man halte die fortwaͤhrenden Unruhen, die innern Zwiste, ja Kriege, den bestaͤndigen Wechsel der Ver¬ fassungen, und der Herrscher, in den ersten, gegen die friedliche Ruhe, und Eintracht in den leztern. Wie konnte klaͤrer sich ausspre¬ chen, daß ein innerlicher Unterschied in den Gemuͤthern der beiden Nationen gewesen seyn muͤsse? Die Deutsche Nation ist die einzige unter den Neu-Europaͤischen Nationen, die es an ihrem Buͤrgerstande schon seit Jahr¬ hunderten durch die That gezeigt hat, daß sie die Republikanische Verfassung zu ertra¬ gen vermoͤge. Unter den einzelnen, und besondern Mit¬ teln den Deutschen Geist wieder zu heben, wuͤrde es ein sehr kraͤftiges seyn, wenn wir eine begeisternde Geschichte der Deutschen aus diesem Zeitraume haͤtten, die da National- und Volks-Buch wuͤrde, so wie Bibel, oder Gesangbuch es sind, so lange, bis wir selbst wiederum etwas des Aufzeichnens werthes hervorbraͤchten. Nur muͤßte eine solche Ge¬ schichte nicht etwa chronikenmaͤßig die Tha¬ ten und Ereignisse aufzaͤhlen, sondern sie muͤßte uns, wunderbar ergreifend, und ohne unser eigenes Zuthun oder klares Bewußtseyn, mitten hinein versetzen in das Leben jener Zeit, so daß wir selbst mit ihnen zu gehen, zu stehen, zu beschließen, zu handeln schie¬ nen, und dies nicht durch kindische und taͤn¬ delnde Erdichtung, wie es so viele historische Romane gethan haben, sondern durch Wahr¬ heit; und aus diesem ihren Leben muͤßte sie die Thaten und Ereignisse, als Belege des¬ selben, hervorbluͤhen lassen. Ein solches Werk koͤnnte zwar nur die Frucht von aus¬ gebreiteten Kenntnissen seyn, und von For¬ schungen, die vielleicht noch niemals ange¬ stellt sind, aber die Ausstellung dieser Kennt¬ nisse und Forschungen muͤßte uns der Ver¬ fasser ersparen, und nur lediglich die gereifte Frucht uns vorlegen in der gegenwaͤrtigen Sprache, auf eine jedwedem Deutschen ohne Ausnahme verstaͤndliche Weise. Außer jenen historischen Kenntnissen wuͤrde ein solches Werk auch noch ein hohes Maaß philosophi¬ schen Geistes erfordern, der eben so wenig sich zur Schau ausstellte; und vor allem ein treues, und liebendes Gemuͤth. Jene Zeit war der jugendliche Traum der Nation in beschraͤnkten Kreisen von kuͤnfti¬ gen Thaten, Kaͤmpfen, und Siegen: und die Weißagung, was sie einst bei vollendeter Kraft seyn wuͤrde. Verfuͤhrerische Gesell¬ schaft, und die Lokkung der Eitelkeit hat die heranwachsende fortgerissen in Kreise die nicht die ihrigen find, und indem sie auch da glaͤn¬ zen wollte, steht sie da mit Schmach bedeckt, und ringend sogar um ihre Fortdauer. Aber ist sie denn wirklich veraltet, und entkraͤftet? Hat ihr nicht auch seitdem immerfort, und bis auf diesen Tag, die Quelle des urspruͤng¬ lichen Lebens fortgequollen, wie keiner andern Nation? Koͤnnen jene Weißagungen ihres ju¬ gendlichen Lebens, die durch die Beschaffen¬ heit der uͤbrigen Voͤlker, und durch den Bil¬ dungsplan der ganzen Menschheit bestaͤtigt werden, — koͤnnen sie unerfuͤllt bleiben? Nimmermehr. Bringe man diese Nation nur zufoͤrderst zuruͤk von der falschen Richtung, die sie ergriffen, zeige man ihr in dem Spie¬ gel jener ihrer Jugendtraͤume, ihren wahren Hang, und ihre wahre Bestimmung, bis un¬ ter diesen Betrachtungen sich ihr die Kraft entfalte, diese ihre Bestimmung maͤchtig zu ergreifen. Moͤchte diese Aufforderung etwas dazu beitragen, daß recht bald ein dazu aus¬ geruͤsteter deutscher Mann diese vorlaͤufige Aufgabe loͤse! Siebente Rede. Noch tiefere Erfassung der Urspruͤnglich¬ keit, und Deutschheit eines Volkes. E s sind in den vorigen Reden angegeben, und in der Geschichte nachgewiesen die Grundzuͤge der Deutschen, als eines Urvolks, und als ei¬ nes solchen, das das Recht hat, sich das Volk schlechtweg, im Gegensatze mit andern von ihm abgerissenen Staͤmmen zu nennen, wie denn auch das Wort Deutsch in seiner eigentlichen Wortbedeutung das so eben gesagte bezeichnet. Es ist zweckmaͤßig, daß wir bei diesem Gegen¬ stande noch eine Stunde verweilen, und uns auf den moͤglichen Einwurf einlassen, daß, wenn dies deutsche Eigenthuͤmlichkeit sey, man werde bekennen muͤssen, daß dermalen unter den Deut¬ schen selber wenig Deutsches mehr uͤbrig sey. In¬ dem auch wir diese Erscheinung keinesweges laͤugnen koͤnnen, sondern sie vielmehr anzuerken¬ nen, und in ihren einzelnen Theilen sie zu uͤberse¬ hen gedenken, wollen wir mit einer Erklaͤrung derselben anheben. Das war im ganzen das Verhaͤltniß des Urvolks der neuen Welt zum Fortgange der Bildung dieser Welt, daß das erstere durch unvollstaͤndige und auf der Oberflaͤche verblei¬ bende Bestrebungen des Auslandes erst ange¬ regt werde zu tiefern aus seiner eignen Mitte heraus zu entwikelnden Schoͤpfungen. Da von der Anregung bis zur Schoͤpfung es ohne Zweifel seine Zeit dauert, so ist klar, daß ein solches Verhaͤltniß Zeitraͤume herbei fuͤhren werde, in welchem das Urvolk fast ganz mit dem Auslande verflossen, und demselben gleich erscheinen muͤsse, weil es nemlich gerade im Zustande des bloßen Angeregtseyns sich befin¬ det, und die dabei beabsichtigte Schoͤpfung noch nicht zum Durchbruche gekommen ist. In einem solchen Zeitraume befindet sich nun ge¬ rade jezt Deutschland in Absicht der großen Mehrzahl seiner gebildeten Bewohner, und daher ruͤhren die durch das ganze innere We¬ sen und Leben dieser Mehrzahl verflossenen Er¬ scheinungen der Auslaͤnderei. Die Philosophie, als freies, von allen Fesseln des Glaubens an fremdes Ansehen erledigtes Denken, sey es, wo¬ durch dermalen das Ausland sein Mutterland O anrege, haben wir in der vorigen Rede ersehen. Wo es nun von dieser Anregung aus nicht zur neuen Schoͤpfung gekommen, welches, da die lezte von der großen Mehrzahl unvernommen geblieben, bei aͤußerst wenigen der Fall ist: da gestaltet sich theils noch jene, schon fruͤher be¬ zeichnete Philosophie des Auslandes selber zu andern und andern Formen; theils bemaͤchtiget sich der Geist derselben auch der uͤbrigen an die Philosophie zunaͤchst graͤnzenden Wissenschaf¬ ten, und sieht an dieselben aus seinem Gesichts¬ punkte; endlich, da der Deutsche seinen Ernst, und sein unmittelbares Eingreifen in das Le¬ ben doch niemals ablegen kann, so fließt diese Philosophie ein auf die oͤffentliche Lebensweise, und auf die Grundsaͤtze und Regeln derselben. Wir werden dies Stuͤck fuͤr Stuͤck darthun. Zufoͤrderst und vor allen Dingen: der Mensch bildet seine wissenschaftliche Ansicht nicht etwa mit Freiheit und Willkuͤhr, so oder so, sondern sie wird ihm gebildet durch sein Le¬ ben, und ist eigentlich die zur Anschauung ge¬ wordene innere, und uͤbrigens ihm unbekannte Wurzel seines Lebens selbst. Was du so recht innerlich eigentlich bist, das tritt heraus vor dein aͤußeres Auge, und du vermoͤchtest niemals etwas anderes zu sehen. Solltest du anders sehen, so muͤßtest du erst anders werden. Nun ist das innere Wesen des Auslandes, oder der Nichturspruͤnglichkeit, der Glaube an irgend ein leztes, festes, unveraͤnderlich stehendes, an eine Grenze, diesseit welcher zwar das freie Leben sein Spiel treibe, welche selbst aber es niemals zu durchbrechen, und durch sich fluͤßig zu machen, und sich in dieselbe zu verfloͤßen vermoͤge. Diese undurchdringliche Grenze tritt ihm darum irgendwo nothwendig auch vor die Augen, und es kann nicht anders denken oder glauben, außer unter Voraussetzung einer sol¬ chen, wenn nicht sein ganzes Wesen umgewan¬ delt, und sein Herz ihm aus dem Leibe gerissen werden soll. Es glaubt nothwendig an den Tod, als das urspruͤngliche, und lezte, den Grundquell aller Dinge, und mit ihnen des Lebens. Wir haben hier nur zunaͤchst anzugeben, wie dieser Grundglaube des Auslandes unter den Deutschen dermalen sich ausspreche. Er spricht sich aus zufoͤrderst in der eigent¬ lichen Philosophie. Die dermalige deutsche O 2 Philosophie, in wiefern dieselbe hier der Er¬ waͤhnung werth ist, will Gruͤndlichkeit und wis¬ senschaftliche Form, ohnerachtet sie dieselbe nicht zu erschwingen vermag, sie will Einheit, auch nicht ohne fruͤhern Vorgang des Auslandes, sie will Realitaͤt, und Wesen — nicht bloße Er¬ scheinung, sondern eine in der Erscheinung er¬ scheinende Grundlage dieser Erscheinung, und hat in allen diesen Stuͤcken recht, und uͤbertrift sehr weit die herrschenden Philosophien des der¬ maligen auswaͤrtigen Auslandes, indem sie in der Auslaͤnderei weit gruͤndlicher, und folge¬ bestaͤndiger ist, denn jenes. Diese der bloßen Erscheinung unterzulegende Grundlage ist ih¬ nen nun, wie sie sie auch etwa noch fehlerhafter weiter bestimmen moͤgen, immer ein festes Seyn, das da ist, was es eben ist, und nichts weiter, in sich gefesselt, und an sein eigenes Wesen ge¬ bunden; und so tritt denn der Tod, und die Entfremdung von der Urspruͤnglichkeit, die in ihnen selbst sind, auch heraus vor ihre Augen. Weil sie selbst nicht zum Leben schlechtweg, aus sich selber heraus, sich aufzuschwingen vermoͤ¬ gen, sondern fuͤr freien Aufflug stets eines Traͤ¬ gers und einer Stuͤtze beduͤrfen, darum kom¬ men sie auch mit ihrem Denken, als dem Ab¬ bilde ihres Lebens, nicht uͤber diesen Traͤger hinaus: das, was nicht Etwas ist, ist ihnen nothwendig Nichts, weil, zwischen jenem in sich verwachsenen Seyn, und dem Nichts, ihr Auge nichts weiter sieht, da ihr Leben da nichts wei¬ ter hat. Ihr Gefuͤhl, worauf auch allein sie sich berufen koͤnnen, erscheint ihnen als un¬ truͤglich; und so jemand diesen Traͤger nicht zugiebt, so sind sie weit entfernt von der Vor¬ aussetzung, daß er mit dem Leben allein sich begnuͤge, sondern sie glauben, daß es ihm nur an Scharfsinn fehle, den Traͤger, der ohne Zweifel auch ihn trage, zu bemerken, und daß er der Faͤhigkeit, sich zu ihren hohen Ansichten aufzuschwingen, ermangle. Es ist darum ver¬ geblich, und unmoͤglich, sie zu belehren; machen muͤßte man sie, und anders machen, wenn man koͤnnte. In diesem Theile ist nun die derma¬ lige deutsche Philosophie nicht deutsch, sondern Auslaͤnderei. Die wahre in sich selbst zu Ende gekommene und uͤber die Erscheinung hinweg wahrhaft zum Kerne derselben durchgedrungene Philosophie hingegen geht aus von dem Einen, reinen, goͤttli¬ chen Leben,—als Leben schlechtweg, welches es auch in alle Ewigkeit, und darin immer Eines bleibt, nicht aber als von diesem oder jenem Leben; und sie sieht, wie lediglich in der Erschei¬ nung dieses Leben unendlich fort sich schließe und wiederum oͤfne, und erst diesem Gesetze zufolge es zu einem Seyn und zu einem Etwas uͤberhaupt komme. Ihr entsteht das Seyn, was jene sich vorausgeben laͤßt. Und so ist denn diese Philosophie recht eigentlich nur deutsch, d. i. urspruͤnglich; und umgekehrt, so jemand nur ein wahrer Deutscher wuͤrde, so wuͤrde er nicht anders denn also philosophiren koͤnnen. Jenes, obwohl bei der Mehrzahl der deutsch philosophirenden herrschende, dennoch nicht eigentlich deutsche Denksystem greift, ob es nun mit Bewußtseyn als eigentliches philoso¬ phisches Lehrgebaͤude aufgestellt sey, oder ob es nur unbewußt unserm uͤbrigen Denken zum Grunde liege, — es greift, sage ich, ein, in die uͤbrigen wissenschaftlichen Ansichten der Zeit; wie denn dies ein Hauptbestreben unsrer durch das Ausland angeregten Zeit ist, den wissen¬ schaftlichen Stoff nicht mehr bloß, wie wohl unsere Vorfahren thaten, in das Gedaͤchtniß zn fassen, sondern denselben auch selbstdenkend und philosophirend zu bearbeiten. In Absicht des Bestrebens uͤberhaupt hat die Zeit recht; wenn sie aber, wie dies zu erwarten ist, in der Ausfuͤhrung dieses Philosophirens von der tod¬ glaͤubigen Philosophie des Auslandes ausgeht, wird sie unrecht haben. Wir wollen hier nur auf die unserm ganzen Vorhaben am naͤchsten liegenden Wissenschaften einen Blick werfen, und die in ihnen verbreiteten auslaͤndischen Begriffe und Ansichten aufsuchen. Daß die Errichtung und Regierung der Staaten als eine freie Kunst angesehen werde, die ihre festen Regeln habe, darin hat ohne Zweifel das Ausland, es selbst nach dem Mu¬ ster des Alterthums, uns zum Vorgaͤnger ge¬ dient. Worein wird nun ein solches Ausland, das schon an dem Elemente seines Denkens und Wollens, seiner Sprache, einen festen ge¬ schlossenen, und todten Traͤger hat, und alle, die ihm hierin folgen, diese Staatskunst setzen? Ohne Zweifel in die Kunst, eine, gleichfalls feste und todte Ordnung der Dinge, zu finden, aus welchem Tode das lebendige Regen der Gesell¬ schaft hervorgehe, und also hervorgehe, wie sie es beabsichtigt; alles Leben in der Gesellschaft zu einem großen und kuͤnstlichen Druck und Raͤder¬ werke zusammen zu fuͤgen, in welchem jedes einzelne durch das Ganze immerfort genoͤthigt werde, dem Ganzen zu dienen; ein Rechen- Exempel zu loͤsen aus endlichen und benannten Groͤßen zu einer nennbaren Summe, aus der Voraussetzung, jeder wolle sein Wohl, zu dem Zwekke, eben dadurch jeden wider seinen Dank und Willen zu zwingen, das allgemeine Wohl zu befoͤrdern. Das Ausland hat vielfaͤltig die¬ sen Grundsatz ausgesprochen, und Kunstwerke jener gesellschaftlichen Maschinen-Kunst gelie¬ fert; das Mutterland hat die Lehre angenom¬ men, und die Anwendung derselben zu Hervor¬ bringung gesellschaftlicher Maschinen weiter bearbeitet, auch hier, wie immer, umfassender, tiefer, wahrer, seine Muster bei weitem uͤber¬ treffend. Solche Staatskuͤnstler wissen, falls es etwa mit dem bisherigen Gange der Gesell¬ schaft stokt, dies nicht anders zu erklaͤren, als daß etwa eines der Raͤder derselben ausgelau¬ fen seyn moͤge, und kennen kein anderes Hei¬ lungsmittel, denn dies, die schadhaften Raͤder heraus zu heben, und neue einzusetzen. Je eingewurzelter Jemand in diese mechanische An¬ sicht der Gesellschaft ist, je mehr er es versteht, die¬ sen Mechanismus zu vereinfachen, indem er alle Theile der Maschine so gleich als moͤglich macht, und alle als gleichmaͤßigen Stoff behan¬ delt, fuͤr einen desto groͤßern Staatskuͤnstler gilt er, mit Recht in dieser unsrer Zeit; — denn mit den unentschieden schwankenden, und gar keiner festen Ansicht faͤhigen ist man noch uͤbler daran. Diese Ansicht der Staatskunst praͤgt durch ihre eiserne Folgegemaͤßheit, und durch einen Anschein von Erhabenheit, der auf sie faͤllt, Achtung ein; auch leistet sie, besonders wo alles nach monarchischer, und immer reiner werden¬ der monarchischer Verfassung draͤngt, bis auf einen gewissen Punkt gute Dienste. Angekom¬ men aber bei diesem Punkte, springt ihre Ohn¬ macht in die Augen. Ich will nemlich anneh¬ men, daß ihr eurer Maschine die von euch be¬ absichtigte Vollkommenheit durchaus verschafft haͤttet, und daß in 'ihr jedwedes niedere Glied unausbleiblich, und unwiderstehlich gezwungen werde durch ein hoͤheres, zum Zwingen gezwun¬ genes Glied, und sofort dis an den Gipfel; wodurch wird denn nun euer leztes Glied, von dem aller in der Maschine vorhandene Zwang ausgeht, zu seinem Zwingen gezwungen? Ihr sollt schlechthin allen Widerstand, der aus der Reibung der Stoffe gegen jene lezte Triebfeder entstehen koͤnnte, uͤberwunden, und ihr eine Kraft gegeben haben, gegen welche alle andere Kraft in Nichts verschwinde, was allein ihr auch durch Mechanismus koͤnnt, und sollt also die allerkraͤftigste monarchische Verfassung er¬ schaffen haben; wie wollt ihr denn nun diese Triebfeder selbst in Bewegung bringen, und sie zwingen, ohne Ausnahme das Rechte zu sehen, und zu wollen? Wie wollt ihr denn in euer zwar richtig berechnetes und gefuͤgtes, aber stillstehendes Raͤderwerk das ewig bewegliche einsetzen? Soll etwa, wie ihr dies auch zuwei¬ len in eurer Verlegenheit aͤußert, das ganze Werk selbst zuruͤkwirken, und seine erste Trieb¬ feder anregen? Entweder geschieht dies durch eine selbst aus der Anregung der Triebfeder stammende Kraft, oder es geschieht durch eine solche Kraft, die nicht aus ihr stammt, sondern die in dem Ganzen selbst, unabhaͤngig von der Triebfeder, statt findet; und ein Drittes ist nicht moͤglich. Nehmet ihr das erste an, so befindet ihr euch in einem alles Denken, und allen Mechanismus aufhebenden Zirkel; das ganze Werk kann die Triebfeder zwingen, nur, in wiefern es selbst von jener gezwungen ist, sie zu zwingen, also, in wiefern die Triebfeder, nur mittelbar, sich selbst zwingt; zwingt sie aber sich selbst nicht, welchem Mangel wir ja eben abhelfen wollten, so erfolgt uͤberhaupt keine Bewegung. Nehmt ihr das zweite an, so be¬ kennt ihr, daß der Ursprung aller Bewegung in eurem Werke von einer in eurer Berechnung, und Anordnung gar nicht eingetretenen und durch euren Mechanismus gar nicht gebunde¬ nen Kraft ausgehe, die ohne Zweifel, ohne euer Zuthun, nach ihren eignen euch unbekannten Gesetzen, wirkt, wie sie kann. In jedem der beiden Faͤlle muͤßt ihr euch als Stuͤmper, und ohnmaͤchtige Praler bekennen. Dies hat man denn auch gefuͤhlt, und in diesem Lehrgebaͤude, das, auf seinen Zwang rechnend, um die uͤbrigen Buͤrger unbesorgt seyn kann, wenigstens den Fuͤrsten, von welchem alle gesellschaftliche Bewegung ausgeht, durch al¬ lerlei gute Lehre und Unterweisung erziehen wollen. Aber, wie will man sich denn ver¬ sichern, daß man auf eine der Erziehung zum Fuͤrsten uͤberhaupt faͤhige Natur treffen werde; oder, falls man auch dieses Gluͤk haͤtte, daß dieser, den kein Mensch noͤthigen kann, gefaͤl¬ lig, und geneigt seyn werde, Zucht annehmen zu wollen? Eine solche Ansicht der Staats¬ kunst ist nun, ob sie auf auslaͤndischem oder deutschem Boden angetroffen werde, immer Aus¬ laͤnderei. Es ist jedoch hiebei zur Ehre deut¬ schen Gebluͤts, und Gemuͤths anzumerken, daß, so gute Kuͤnstler wir auch in der bloßen Lehre dieser Zwangsberechnungen seyn mochten, wir dennoch, wenn es zur Ausuͤbung kam, durch das dunkle Gefuͤhl, es muͤsse nicht also seyn, gar sehr gehemmt wurden, und in diesem Stuͤcke gegen das Ausland zuruͤkblieben. Sollten wir also auch genoͤthigt werden, die uns zugedachte Wohlthat fremder Formen, und Gesetze anzunehmen, so wollen wir uns dabei wenigstens nicht uͤber die Gebuͤhr schaͤmen, als ob unser Witz unfaͤhig gewesen waͤre, diese Hoͤ¬ hen der Gesezgebung auch zu erschwingen. Da, wenn wir bloß die Feder in der Hand ha¬ ben, wir auch hierin keiner Nation nachstehen, so moͤchten fuͤr das Leben wir wohl gefuͤhlt ha¬ ben, daß auch dies noch nicht das Rechte sey, und so lieber das Alte haben stehen lassen wol¬ len, bis das Vollkommne an uns kaͤme, anstatt bloß die alte Mode mit einer neuen eben so hinfaͤlligen Mode zu vertauschen. Anders die aͤcht deutsche Staatskunst. Auch sie will Festigkeit, Sicherheit, und Unab¬ haͤngigkeit von der blinden und schwankenden Natur, und ist hierin mit dem Auslande ganz einverstanden. Nur will sie nicht, wie diese, ein festes und gewisses Ding, als das erste, durch welches der Geist, als das zweite Glied, erst gewiß gemacht werde, sondern sie will gleich von vorn herein, und als das allererste und einige Glied, einen festen und gewissen Geist. Dieser ist fuͤr sie die aus sich selbst lebende, und ewig bewegliche Triebfeder, die das Leben der Gesellschaft ordnen und fortbewegen wird. Sie begreift, daß sie diesen Geist nicht durch Straf¬ reden an die schon verwahrloste Erwachsenheit, sondern nur durch Erziehung des noch unver¬ dorbenen Jugend-Alters hervorbringen koͤnne; und zwar will sie mit dieser Erziehung sich nicht, wie das Ausland, an die schroffe Spitze, den Fuͤrsten, sondern sie will sich mit derselben an die breite Flaͤche, an die Nation wenden, indem ja ohne Zweifel auch der Fuͤrst zu dieser gehoͤ¬ ren wird. So wie der Staat an den Perso¬ nen seiner erwachsenen Buͤrger die fortgesezte Erziehung des Menschengeschlechts ist, so muͤsse, meint diese Staatskunst, der kuͤnftige Buͤrger selbst erst zur Empfaͤnglichkeit jener hoͤher Erziehung herauferzogen werden. Hierdurch wird nun diese deutsche, und allerneueste Staatskunst wiederum die alleraͤlteste; denn auch diese bei den Griechen gruͤndete das Buͤr¬ gerthum auf die Erziehung, und bildete Buͤr¬ ger, wie die folgenden Zeitalter sie nicht wie¬ der gesehen haben. In der Form dasselbe, in dem Gehalte mit nicht engherzigem, und aus¬ schließendem, sondern allgemeinem und welt¬ buͤrgerlichem Geiste, wird hinfuͤhro der Deut¬ sche thun. Derselbe Geist des Auslandes herrscht bei der großen Mehrzahl der unsrigen auch in ih¬ rer Ansicht des gesammten Lebens eines Men¬ schengeschlechts, und der Geschichte, als dem Bilde jenes Lebens. Eine Nation, die eine geschlossene und erstorbene Grundlage ihrer Sprache hat, kann es, wie wir zu einer an¬ dern Zeit gezeigt haben, in allen Rede-Kuͤnsten nur bis zu einer gewissen von jener Grundlage verstatteten Stuffe der Ausbildung bringen, und sie wird ein goldenes Zeitalter erleben. Ohne die groͤßte Bescheidenheit und Selbstver¬ leugnung kann eine solche Nation von dem gan¬ zen Geschlechte nicht fuͤglich hoͤher denken, denn sie selbst sich kennt; sie muß daher voraussetzen, daß es auch fuͤr dieses ein leztes, hoͤchstes, und niemals zu uͤbertreffendes Ziel der Ausbildung geben werde. So wie das Thiergeschlecht der Biber, oder Bienen noch jetzo also baut, wie es vor Jahrtausenden gebaut hat, und in die¬ sem langen Zeitraume in der Kunst keine Fort¬ schritte gemacht hat, eben so wird es nach die¬ sen sich mit dem Thiergeschlechte, Mensch ge¬ nannt, in allen Zweigen seiner Ausbildung verhalten. Diese Zweige, Triebe, und Faͤhig¬ keiten werden sich erschoͤpfend uͤbersehen, ja vielleicht an ein paar Gliedmaaßen sogar dem Auge darlegen lassen, und die hoͤchste Entwik¬ lung einer jeden wird angegeben werden koͤn¬ nen. Vielleicht wird das Menschengeschlecht darin noch weit uͤbler daran seyn, als das Bi¬ ber- oder Bienengeschlecht, daß das leztere, wie es zwar nichts zulernt, dennoch auch in seiner Kunst nicht zuruͤkkommt, der Mensch aber, wenn er auch einmal den Gipfel erreichte, wiederum zuruͤkgeschleudert wird, und nun Jahrhunderte oder Tausende sich anstrengen mag, um wiederum in den Punkt hinein zn gerathen, in welchem man ihn lieber gleich haͤtte lassen sollen. Dergleichen Scheitel- Punkte seiner Bildung und goldene Zeitalter wird, diesen zu Folge, das Menschengeschlecht ohne Zweifel auch schon erreicht haben; diese in der Geschichte aufzusuchen, und nach ihnen alle Bestrebungen der Menschheit zu beurthei¬ len, und auf sie sie zuruͤkzufuͤhren, wird ihr eif¬ rigstes Bestreben seyn. Nach ihnen ist die Ge¬ schichte laͤngst fertig, und ist schon mehrmals fertig gewesen; nach ihnen geschieht nichts neues unter der Sonne, denn sie haben unter und uͤber der Sonne den Quell des ewigen Fortlebens ausgetilgt, und lassen nur den im¬ mer wiederkehrenden Tod sich wiederholen und mehrere male setzen. Es ist bekannt, daß diese Philosophie der Ge¬ Geschichte vom Auslande aus an uns gekom¬ men ist, wiewohl sie dermalen auch in diesem verhallet, und fast ausschließend deutsches Eigenthum geworden ist. Aus dieser tiefern Verwandschaft erfolgt es denn auch, daß diese unsre Geschichtsphilosophie die Bestrebungen des Auslandes, welches, wenn es auch diese Ansicht der Geschichte nicht mehr haͤufig aus¬ spricht, noch mehr thut, indem es in derselben handelt, und abermals ein goldnes Zeitalter verfertigt, so durch und durch zu verstehen, und ihnen sogar weissagend den fernern Weg vor¬ zuzeichnen, und sie so aufrichtig zu bewundern vermag, wie es der deutsch denkende nicht eben also von sich ruͤhmen kann. Wie koͤnnte er auch? Goldene Zeitalter in jeder Ruͤksicht sind ihm eine Beschraͤnktheit der Erstorbenheit. Das Gold moͤge zwar das edelste seyn im Schooße der erstorbenen Erde, meint er, aber des lebendigen Geistes Stoff sey jenseit der Sonne, und jenseit aller Sonnen, und sey ihre Quelle. Ihm wikelt sich die Geschichte, und mit ihr das Menschengeschlecht, nicht ab nach dem verborgenen und wunderlichen Ge¬ setze eines Kreistanzes, sondern nach ihm macht der eigentliche und rechte Mensch sie selbst, nicht P etwa nur wiederholend das schon dagewesene, sondern in die Zeit hinein erschaffend das durchaus neue. Er erwartet darum niemals bloße Wiederholung, und wenn sie doch erfol¬ gen sollte, Wort fuͤr Wort, wie es im alten Buche steht, so bewundert er wenigstens nicht. Auf aͤhnliche Weise nun verbreitet der er¬ toͤdtende Geist des Auslandes, ohne unser deutliches Bewußtseyn, sich uͤber unsre uͤbrigen wissenschaftlichen Ansichten, von denen es hin¬ reichen moͤge, die angefuͤhrten Beispiele beige¬ bracht zu haben; und zwar erfolgt dies deswegen also, weil wir gerade jezt die vom Auslande fruͤ¬ her erhaltenen Anregungen nach unsrer Weise bearbeiten, und durch einen solchen Mittelzu¬ stand hindurch gehen. Weil dies zur Sache gehoͤrte, habe ich diese Beispiele beigebracht; nebenbei auch noch darum, damit niemand glaube, durch Folgesaͤtze aus den angefuͤhrten Grundsaͤtzen den hier geaͤußerten Behauptun¬ gen widersprechen zu koͤnnen. Weit entfernt, daß etwa jene Grundsaͤtze uns unbekannt ge¬ blieben waͤren, oder daß wir zu der Hoͤhe der¬ selben uns nicht aufzuschwingen vermocht haͤt¬ ten, kennen wir sie vielmehr recht gut, und duͤrften vielleicht, wenn wir uͤberfluͤssige Zeit haͤtten, faͤhig seyn, dieselben in ihrer ganzen Folgemaͤßigkeit ruͤkwaͤrts und vorwaͤrts zu ent¬ wikeln; wir werfen sie nur eben gleich von vorn herein weg, und so auch alles, was aus ihnen folgt, dessen mehreres ist in unserm hergebrach¬ ten Denken, als der oberflaͤchliche Beobachter leicht glauben duͤrfte. Wie in unsre wissenschaftliche Ansicht, eben so fließt dieser Geist des Auslandes auch ein in unser gewoͤhnliches Leben, und die Regeln desselben; damit aber dieses klar, und das vorhergehende noch klaͤrer werde, ist es noͤthig, zufoͤrderst das Wesen des urspruͤnglichen Le¬ bens, oder der Freiheit, mit tieferm Blicke zu durchdringen. Die Freiheit im Sinne des unentschiedenen Schwankens zwischen mehreren gleich moͤgli¬ chen genommen, ist nicht Leben, sondern nur Vorhof und Eingang zu wirklichem Leben. Endlich muß es doch einmal aus diesem Schwanken heraus zum Entschlusse, und zum Handeln kommen, und erst jezt beginnt das Leben. Nun erscheint unmittelbar und auf den er¬ sten Blik jedweder Willensentschluß als erstes, keinesweges als zweites, und Folge aus einem P 2 ersten, als seinem Grunde — als schlechthin durch sich daseyend, und so daseyend, wie er es ist; welche Bedeutung, als die einzig moͤg¬ liche verstaͤndige des Worts Freiheit, wir fest¬ setzen wollen. Aber es sind, in Absicht auf den innern Gehalt eines solchen Willensentschlus¬ ses, zwei Faͤlle moͤglich; entweder nemlich er¬ scheint in ihm nur die Erscheinung abgetrennt vom Wesen, und ohne daß das Wesen auf ir¬ gend eine Weise in ihrem Erscheinen eintrete, oder das Wesen tritt selbst erscheinend ein in dieser Erscheinung eines Willensentschlusses: und zwar ist hiebei sogleich mit anzumerken, daß das Wesen nur in einem Willensentschlusse, und durchaus in nichts anderem, zur Erschei¬ nung werden kann, wiewohl umgekehrt es Wil¬ lensentschluͤsse geben kann, in denen keineswe¬ ges das Wesen, sondern nur die bloße Erschei¬ nung heraustritt. Wir reden zunaͤchst von dem letzten Falle. Die bloße Erscheinung, bloß als solche, ist durch ihre Abtrennung, und durch ihren Gegen¬ satz mit dem Wesen, sodann dadurch, daß sie faͤhig ist, selbst auch zu erscheinen und sich darzu¬ stellen, unabaͤnderlich bestimmt, und sie ist darum nothwendig also, wie sie eben ist und ausfaͤllt. Ist daher, wie wir voraussetzen, irgend ein gegebener Willensentschluß in seinem Inhalte bloße Erscheinung, so ist er insofern in der That nicht frei, erstes und urspruͤngliches, sondern er ist nothwendig, und ein zweites, aus einem hoͤhern Ersten, dem Gesetze der Erscheinung uͤberhaupt, also wie es ist, hervorgehendes Glied. Da nun, wie auch hier mehrmals erinnert wor¬ den, das Denken des Menschen denselben also vor ihn selber hinstellt, wie er wirklich ist, und im¬ merfort der treue Abdruk und Spiegel seines Innern bleibt, so kann ein solcher Willens¬ entschluß, obwohl er auf den ersten Blik, da er ja ein Willensentschluß ist, als frei erscheint, dennoch dem wiederholten, und tiefern Denken keinesweges also erscheinen, sondern er muß in diesem als nothwendig gedacht werden, wie er es denn wirklich und in der That ist. Fuͤr solche, deren Willen sich noch in keinen hoͤhern Kreis aufgeschwungen hat, als in den, daß an ihnen ein Wille bloß erscheine, ist der Glaube an Freiheit allerdings Wahn und Taͤuschung eines fluͤchtigen, und auf der Oberflaͤche behan¬ gen bleibenden Anschauens; im Denken allein, das ihnen allenthalben nur die Fessel der stren¬ gen Nothwendigkeit zeigt, ist fuͤr sie Wahrheit. Das erste Grundgesez der Erscheinung, schlechthin als solcher, (den Grund anzugeben unterlassen wir um so fuͤglicher, da es ander¬ waͤrts zur Gnuͤge geschehen ist) ist dieses, daß sie zerfalle in ein Mannigfaltiges, das in einer gewissen Ruͤksicht ein unendliches, in einer ge¬ wissen andern Ruͤksicht ein geschlossenes Gan¬ zes ist, in welchem geschlossenen Ganzen des Mannigfaltigen jedes einzelne bestimmt ist, durch alle uͤbrige, und wiederum alle uͤbrige bestimmt sind durch dieses einzelne. Falls daher in dem Willensentschlusse des Einzelnen nichts weiter herausbricht in die Erscheinung, als die Erscheinbarkeit, Darstellbarkeit, und Sichtbarkeit uͤberhaupt, die in der That die Sichtbarkeit von Nichts ist; so ist der Inhalt eines solchen Willensentschlusses bestimmt durch das geschloßne Ganze aller moͤglichen Willens¬ entschluͤsse dieses, und aller moͤglichen uͤbrigen einzelnen Willen, und er enthaͤlt nichts weiter, und kann nichts weiter enthalten, denn dasje¬ nige, was nach Abziehung aller jener moͤglichen Willensentschluͤsse zu wollen uͤbrig bleibt. Es ist darum in der That in ihm nichts selbststaͤn¬ diges, urspruͤngliches, und eigenes, sondern er ist die bloße Folge, als zweites, aus dem all¬ gemeinen Zusammenhange der ganzen Erschei¬ nung in ihren einzelnen Theilen, wie er denn dafuͤr auch stets von allen, die auf dieser Stuffe der Bildung sich befanden, dabei aber gruͤnd¬ lich dachten, erkannt worden, und diese ihre Erkenntniß auch mit denselben Worten, deren wir uns so eben bedienten, ausgesprochen wor¬ den ist; alles dieses aber darum, weil in ihnen nicht das Wesen, sondern nur die bloße Erschei¬ nung eintritt in die Erscheinung. Wo dagegen das Wesen selber, unmittelbar, und gleichsam in eigner Person, keinesweges durch einen Stellvertreter, eintritt in der Er¬ scheinung eines Willensentschlusses, da ist zwar alles das oben erwaͤhnte, aus der Erscheinung, als einem geschlossenen Ganzen erfolgende, gleichfalls vorhanden, denn die Erscheinung er¬ scheint ja auch hier; aber eine solche Erschei¬ nung geht in diesem Bestandtheile nicht auf, und ist durch denselben nicht erschoͤpft, sondern es findet sich in ihr noch ein Mehreres, ein anderer, aus jenem Zusammenhange nicht zu erklaͤrender, sondern nach Abzug des erklaͤrba¬ ren uͤbrig bleibender Bestandtheil. Jener erste Bestandtheil findet auch hier statt, sagte ich; jenes Mehr wird sichtbar, und vermittelst dieser seiner Sichtbarkeit, keinesweges vermittelst sei¬ nes innern Wesens, tritt es unter das Gesez und die Bedingungen der Ersichtlichkeit uͤber¬ haupt; aber es ist noch mehr denn dieses aus irgend einem Gesetze hervorgehendes, und darum nothwendiges, und zweites, und es ist in Absicht dieses Mehr durch sich selbst was es ist, ein wahrhaftig erstes, urspruͤngliches, und freies, und da es dieses ist, erscheint es auch also dem tiefsten, und in sich selber zu Ende gekommenen Denken. Das hoͤchste Ge¬ sez der Ersichtlichkeit ist wie gesagt dies, daß das erscheinende sich spalte in ein unendliches Mannigfaltiges. Jenes Mehr wird sichtbar, jedesmal als Mehr, denn das nun und eben jezt aus dem Zusammenhange der Erscheinung hervorgehende, und so ins unendliche fort; und so erscheint denn dieses Mehr selber als ein un¬ endliches. Aber es ist ja sonnenklar, daß es diese Unendlichkeit nur dadurch erhaͤlt, daß es jedesmal sichtbar, und denkbar, und zu entdek¬ ken ist, allein durch seinen Gegensaz mit dem ins Unendliche fort aus dem Zusammenhange erfolgenden, und durch sein Mehrseyn denn dies. Abgesehen aber von diesem Beduͤrfnisse des Denkens desselben ist es ja dieses Mehr, denn alles ins unendliche fort sich darstellen moͤgende unendliche, von Anbeginn in reiner Einfachheit und Unveraͤnderlichkeit, und es wird in aller Unendlichkeit nicht Mehr, denn dieses Mehr, noch wird es minder; und nur seine Ersichtlichkeit, als Mehr denn das Un¬ endliche, — und auf andere Weise kann es in sei¬ ner hoͤchsten Reinheit nicht sichtbar werden, — er¬ schafft das Unendliche, und alles, was in ihm zu erscheinen scheint. Wo nun dieses Mehr wirklich, als ein solches ersichtliches Mehr ein¬ tritt, aber es vermag nur in einem Wollen ein¬ zutreten, da tritt das Wesen selbst, das allein ist, und allein zu seyn vermag, und das da ist von sich und durch sich, das goͤttliche Wesen, ein in die Erscheinung, und macht sich selbst un¬ mittelbar sichtbar ; und daselbst ist eben darum wahre Urspruͤnglichkeit und Freiheit, und so wird denn auch an sie geglaubt. Und so findet denn auf die allgemeine Frage, ob der Mensch frei sey oder nicht, keine allge¬ meine Antwort statt; denn eben weil der Mensch frei ist, in niederm Sinne, weil er bei unentschiedenem Schwanken, und Wanken an¬ hebt, kann er frei seyn, oder auch nicht frei, im hoͤhern Sinne des Worts. In der Wirk¬ lichkeit ist die Weise, wie jemand diese Frage beantwortet, der klare Spiegel seines wahren inwendigen Seyns. Wer in der That nicht mehr ist, als ein Glied in der Kette der Erschei¬ nungen, der kann wohl einen Augenblik sich frei waͤhnen, aber seinem strengern Denken haͤlt dieser Wahn nicht Stand; wie er aber sich selbst findet, eben also denkt er nothwendig sein gan¬ zes Geschlecht. Wessen Leben dagegen ergrif¬ fen ist von dem wahrhaftigen, und Leben un¬ mittelbar aus Gott geworden ist, der ist frei, und glaubt an Freiheit in sich und andern. Wer an ein festes beharrliches, und todtes Seyn glaubt, der glaubt nur darum daran, weil er in sich selbst tod ist; und, nachdem er einmal tod ist, kann er nicht anders, denn also glauben, sobald er nur in sich selbst klar wird. Er selbst und seine ganze Gattung von Anbe¬ ginn bis ans Ende wird ihm ein zweites, und eine nothwendige Folge aus irgend einem vor¬ auszusetzenden ersten Gliede. Diese Voraus¬ setzung ist sein wirkliches, keinesweges ein bloß gedachtes Denken, sein wahrer Sinn, der Punkt, wo sein Denken unmittelbar selbst Leben ist; und ist so die Quelle alles seines uͤbrigen Denkens, und Beurtheilens seines Geschlechts, in seiner Ver¬ gangenheit, der Geschichte, seiner Zukunft, den Erwartungen von ihm, und seiner Gegenwart, im wirklichen Leben an ihm selber, und andern. Wir haben diesen Glauben an den Tod, im Ge¬ gensatze mit einem urspruͤnglich lebendigen Volke Auslaͤnderei genannt. Diese Auslaͤnderei wird somit, wenn sie einmal unter den Deutschen ist, sich auch im wirklichen Leben derselben zeigen, als ruhige Ergebung in die nun einmal unab¬ aͤnderliche Nothwendigkeit ihres Seyns, als Aufgeben aller Verbesserung unsrer selbst oder andrer durch Freiheit, als Geneigtheit sich selbst, und alle, so zu verbrauchen, wie sie sind, und aus ihrem Seyn den moͤglichst groͤßten Vortheil fuͤr uns selbst zu ziehen; kurz, als das in allen Lebensregungen immerfort sich abspiegelnde Be¬ kenntniß des Glaubens an die allgemeine und gleichmaͤßige Suͤndhaftigkeit aller, den ich an einem andern Orte hinlaͤnglich geschildert habe, M. s. die Anweisung zum seeligen Leben; 11te Vorlesung. welche Schilderung selbst nachzulesen, auch zu beurtheilen, in wiefern dieselbe auf die Gegen¬ wart passe, ich Ihnen uͤberlasse. Diese Denk- und Handelsweise entsteht der inwendigen Er¬ storbenheit, wie oft erinnert worden, nur da¬ durch, daß sie uͤber sich selbst klar wird, dage¬ gen sie, so lange sie im Dunkeln bleibt, den Glauben an Freiheit, der an sich wahr, und nur in Anwendung auf ihr dermaliges Seyn Wahn ist, beibehaͤlt. Es erhellet hier deutlich der Nachtheil der Klarheit bei innerer Schlech¬ tigkeit. So lange diese Schlechtigkeit dunkel bleibt, wird sie durch die fortdauernde Anfor¬ derung an Freiheit immerfort beunruhigt, ge¬ stachelt, und getrieben, und bietet den Versu¬ chen sie zu verbessern, einen Angriffspunkt dar. Die Klarheit aber vollendet sie, und rundet sie in sich selbst ab; sie fuͤgt ihr die freudige Erge¬ bung, die Ruhe eines guten Gewissens, das Wohlgefallen an sich selber hinzu; es geschieht ihnen, wie sie glauben, sie sind von nun an in der That unverbesserlich, und hoͤchstens, um bei den Besseren den unbarmherzigen Abscheu gegen das Schlechte, oder die Ergebung in den Willen Gottes rege zu erhalten, und außerdem zu keinem Dinge in der Welt nuͤtze. Und so trete denn endlich in seiner vollen¬ deten Klarheit heraus, was wir in unsrer bis¬ herigen Schilderung unter Deutschen verstan¬ den haben. Der eigentliche Unterscheidungs¬ grund liegt darin, ob man an ein absolut erstes und urspruͤngliches im Menschen selber, an Freiheit, an unendliche Verbesserlichkeit, an ewiges Fortschreiten unsers Geschlechts glaube, oder ob man an alles dieses nicht glaube, ja wohl deutlich einzusehen, und zu begreifen ver¬ meine, daß das Gegentheil von diesem allen statt finde. Alle, die entweder selbst, schoͤpfe¬ risch, und hervorbringend das neue, leben, oder, die, falls ihnen dies nicht zu Theil geworden waͤre, das nichtige wenigstens entschieden fallen lassen, und aufmerkend da stehen, ob irgendwo der Fluß urspruͤnglichen Lebens sie ergreifen werde, oder die, falls sie auch nicht so weit waren, die Freiheit wenigstens ahnden, und sie nicht hassen, oder vor ihr erschrecken, sondern sie lieben: alle diese sind urspruͤngliche Men¬ schen, sie sind, wenn sie als ein Volk betrachtet werden, ein Urvolk, das Volk schlechtweg, Deut¬ sche. Alle, die sich darein ergeben ein zweites zu seyn, und abgestammtes, und die deutlich sich also kennen und begreifen, sind es in der That, und werden es immer mehr durch diesen ihren Glauben, sie sind ein Anhang zum Leben, das vor ihnen, oder neben ihnen, aus eignem Triebe sich regte, ein vom Felsen zuruͤktoͤnender Nachhall einer schon verstummten Stimme, sie sind, als Volk betrachtet, außerhalb des Urvolks, und fuͤr dasselbe Fremde, und Auslaͤnder. In der Nation, die bis auf diesen Tag sich das Volk schlechtweg, oder Deutsche nennt, ist in der neuen Zeit wenigstens bis jezt urspruͤngliches, an den Tag hervorgebrochen, und Schoͤpferkraft des neuen hat sich gezeigt; jezt wird endlich die¬ ser Nation durch eine in sich selbst klar gewordene Philosophie der Spiegel vorgehalten, in welchem sie mit klarem Begriffe erkenne, was sie bisher ohne deutliches Bewußtseyn durch die Natur ward, und wozu sie von derselben bestimmt ist; und es wird ihr der Antrag gemacht, nach die¬ sem klaren Begriffe, und mit besonnener und freier Kunst, vollendet und ganz, sich selbst zu dem zu machen, was sie seyn soll, den Bund zu erneuern, und ihren Kreis zu schließen. Der Grundsaz, nach dem sie diesen zu schließen hat, ist ihr vorgelegt; was an Geistigkeit, und Frei¬ heit dieser Geistigkeit glaubt, und die ewige Fortbildung dieser Geistigkeit durch Freiheit will, das, wo es auch geboren sey, und in wel¬ cher Sprache es rede, ist unsers Geschlechts, es gehoͤrt uns an und es wird sich zu uns thun. Was an Stillstand, Ruͤkgang, und Zirkeltanz glaubt, oder gar eine todte Natur an das Ruder der Weltregierung sezt, dieses, wo auch es ge¬ boren sey, und welche Sprache es rede, ist un¬ deutsch, und fremd fuͤr uns, und es ist zu wuͤn¬ schen, daß es je eher je lieber sich gaͤnzlich von uns abtrenne. Und so trete denn bei dieser Gelegenheit, gestuͤzt auf das oben uͤber die Freiheit gesagte, endlich auch einmahl vernehmlich heraus, und wer noch Ohren hat zu hoͤren, der hoͤre, was diejenige Philosophie, die mit gutem Fuge sich die deutsche nennt, eigentlich wolle, und worin sie jeder auslaͤndischen, und todglaͤubigen Phi¬ losophie mit ernster, und unerbittlicher Strenge sich entgegensetze; und zwar trete dieses heraus keinesweges darum, damit auch das todte es verstehe, was unmoͤglich ist, sondern damit es diesem schwerer werde, ihr die Worte zu ver¬ drehen, und sich das Ansehn zu geben, als ob es selbst eben auch ohngefaͤhr dasselbe wolle und im Grunde meine. Diese deutsche Philosophie erhebt sich wirklich und durch die That ihres Denkens, keinesweges prahlt sie es bloß, zu¬ folge einer dunklen Ahndung, daß es so seyn muͤsse, ohne es jedoch bewerkstelligen zu koͤn¬ nen, — sie erhebt sich zu dem unwandelbaren „Mehr denn alle Unendlichkeit,“ und findet allem in diesem das wahrhafte Seyn. Zeit, und Ewigkeit, und Unendlichkeit erblikt sie in ihrer Entstehung aus dem Erscheinen und Sichtbar¬ werden jenes Einen, das an sich schlechthin un¬ sichtbar ist, und nur in dieser seiner Unsichtbarkeit erfaßt, richtig erfaßt wird. Schon die Unend¬ lichkeit ist, nach dieser Philosophie, nichts an sich, und es kommt ihr durchaus kein wahrhaf¬ tes Seyn zu: sie ist lediglich das Mittel, woran das einzige, das da ist, und das nur in seiner Unsichtbarkeit ist, sichtbar wird, und woraus ihm ein Bild, ein Schemen und Schatten sei¬ ner selbst, im Umkreise der Bildlichkeit erbaut wird. Alles, was innerhalb dieser Unendlich¬ keit der Bilderwelt noch weiter sichtbar werden mag, ist nun vollends ein Nichts des Nichts, ein Schatten des Schatten, und lediglich das Mittel, woran jenes erste Nichts der Unendlich¬ keit und der Zeit selber sichtbar werde, und dem Gedanken der Aufflug zu dem unbildlichen, und unsichtbaren Seyn sich eroͤfne. Innerhalb dieses einzig moͤglichen Bildes der Unendlichkeit tritt nun das unsichtbare unmittel¬ bar heraus nur als freies und urspruͤngliches Leben des Sehens; oder als Willens-Entschluß eines vernuͤnftigen Wesens, und kann durch¬ aus nicht anders heraustreten und erscheinen. Alles als nicht geistiges Leben erscheinende be¬ harrliche Daseyn ist nur ein aus dem Sehen hingeworfener, vielfach durch das Nichts ver¬ mittelter, leerer Schatten, im Gegensatze mit welchem, und durch dessen Erkenntniß als viel¬ fach vermitteltes Nichts, das Sehen selbst sich eben erheben soll zum Erkennen seines eignen Nichts Nichts und zur Anerkennung des unsichtbaren, als des einzigen wahren. In diesen Schatten von den Schatten der Schatten bleibt nun jene todtglaͤubige Seyns- Philosophie, die wohl gar Natur-Philosophie wird, die erstorbenste von allen Philosophien, behangen, und fuͤrchtet, und betet an ihr eige¬ nes Geschoͤpf. Dieses Beharren nun ist der Ausdruk ihres wahren Lebens, und ihrer Liebe, und in diesem ist dieser Philosophie zu glauben. Wenn sie aber noch weiter sagt, daß dieses von ihr als wirklich sey¬ endes vorausgesezte Seyn, und das Absolute, Eins sey, und eben dasselbe, so ist ihr hierin, so vielmal sie es auch betheuern mag, und wenn sie auch manchen Eidschwur hinzufuͤgte, nicht zu glauben; sie weiß dies nicht, sondern sie sagt es nur auf gutes Gluͤk hin, einer andern Philosophie, der sie dies nicht abzustreiten wagt, es nachbetend. Sollte sie es wissen, so muͤßte sie nicht von der Zweiheit, die sie durch jenen Machtspruch nur aufhebt, und dennoch stehen laͤßt, als einer unbezweifelten Thatsache ausge¬ hen, sondern sie muͤßte von der Einheit ausge¬ hen, uud aus dieser die Zweiheit, und mit ihr alle Mannigfaltigkeit verstaͤndlich und einleuch¬ Q tend abzuleiten vermoͤgen. Hierzu bedarf es aber des Denkens, der durchgefuͤhrten, und mit sich selbst zu Ende gekommene Reflexion. Die Kunst dieses Denkens hat sie theils nicht gelernt, und ist derselben uͤberhaupt unfaͤhig, sie ver¬ mag nur zu schwaͤrmen, theils ist sie diesem Den¬ ken feind, und mag es gar nicht versuchen, weil sie dadurch in der geliebten Taͤuschung ge¬ stoͤrt werden wuͤrde. Dies ist es nun, worin unsere Philosophie sich jener Philosophie ernstlich entgegen sezt, und dies haben wir bei dieser Veranlassung einmal so veruehmlich als moͤglich, aussprechen, und bezeugen wollen. Achte Rede. Was ein Volk sei, in der hoͤhern Bedeutung des Worts, und was Vaterlandsliebe. D ie vier lezten Reden haben die Frage be¬ antwortet: was ist der Deutsche im Gegen¬ satze mit andern Voͤlkern Germanischer Ab¬ kunft? Der Beweiß, der durch dieses alles fuͤr das Ganze unsrer Untersuchung gefuͤhrt werden soll, wird vollendet, wenn wir noch die Untersuchung der Frage hinzufuͤgen: was ist ein Volk: welche leztere Frage gleich ist einer andern, und zugleich mit beantwortet diese andere, oft aufgeworfene, und auf sehr verschiedene Weisen beantwortete Frage, diese: was ist Vaterlandsliebe, oder, wie man sich O 2 richtiger ausdruͤcken wuͤrde, was ist Liebe des Einzelnen zu seiner Nation? Sind wir bisher im Gange unsrer Unter¬ suchung richtig verfahren, so muß hiebei zu¬ gleich erhellen, daß nur der Deutsche — der ur¬ spruͤngliche, und nicht in einer willkuͤhrlichen Satzung erstorbene Mensch, wahrhaft ein Volk hat, und auf eins zu rechnen befugt ist, und daß nur er der eigentlichen und vernunftgemaͤßen Liebe zu seiner Nation faͤhig ist. Wir bahnen uns den Weg zur Loͤsung der gestellten Aufgabe durch folgende, fuͤrs erste außer dem Zusammenhange des bisherigen zu liegen scheinende Bemerkung. Die Religion, wie wir dies schon in unsrer dritten Rede angemerkt haben, vermag durch¬ aus hinweg zu versetzen uͤber alle Zeit, und uͤber das ganze gegenwaͤrtige, und sinnliche Leben, ohne darum der Rechtlichkeit, Sittlich¬ keit, und Heiligkeit des von diesem Glauben ergriffenen Lebens den mindesten Abbruch zu thun. Man kann, auch bei der sichern Ueber¬ zeugung, daß alles unser Wirken auf dieser Erde nicht die mindeste Spur hinter sich lassen, und nicht die mindeste Frucht bringen werde, ja, daß das goͤttliche sogar verkehrt, und zu einem Werkzeuge des Boͤsen und noch tieferer sittlicher Verderbniß werde gebraucht werden, dennoch fortfahren in diesem Wirken, lediglich, um das in uns ausgebrochene goͤttliche Leben aufrecht zu erhalten, und in Beziehung auf eine hoͤhere Ordnung der Dinge in einer kuͤnf¬ tigen Welt, in welcher nichts in Gott geschehe¬ nes zu Grunde geht. So waren z. B. die Apostel, und uͤberhaupt die ersten Christen, durch ihren Glauben an den Himmel, schon im Leben gaͤnzlich uͤber die Erde hinweggesezt, und die Angelegenheiten derselben, der Staat, irdisches Vaterland, und Nation, waren von ihnen so gaͤnzlich aufgegeben, daß sie dieselben auch sogar ihrer Beachtung nicht mehr wuͤrdigten. So moͤglich dieses nun auch ist, und so leicht auch, dem Glauben, und so freudig auch man sich darein ergeben muß, wenn es einmal unabaͤn¬ derlich der Wille Gottes ist, daß wir kein irdi¬ sches Vaterland mehr haben, und hienieden ausgestoßne, und Knechte seyen: so ist dies dennoch nicht der natuͤrliche Zustand, und die Regel des Weltganges, sondern es ist eine seltne Ausnahme; auch ist es ein sehr verkehr¬ ter Gebrauch der Religion, der unter andern auch sehr haͤufig vom Christenthume gemacht wor¬ den, wenn dieselbe gleich von vorn herein, und ohne Ruͤksicht auf die vorhandenen Umstaͤnde, darauf ausgeht, diese Zuruͤkziehung von den Angelegenheiten des Staates, und der Nation, als wahre religioͤse Gesinnung zu empfehlen. In einer solchen Lage, wenn sie wahr und wirk¬ lich ist, und nicht etwa bloß durch religioͤse Schwaͤrmerei herbeigefuͤhrt, verliert das zeit¬ liche Leben alle Selbstbestaͤndigkeit, und es wird lediglich zu einem Vorhofe des wahren Lebens, und zu einer schweren Pruͤfung, die man bloß aus Gehorsam, und Ergebung in den Willen Gottes ertraͤgt, und dann ist es wahr, daß, wie es von vielen vorgestellt worden, un¬ sterbliche Geister nur zu ihrer Strafe in irdische Leiber, als in Gefaͤngnisse, eingetaucht sind. In der regelmaͤßigen Ordnung der Dinge hin¬ gegen soll das irdische Leben selber wahrhaftig Leben seyn, dessen man sich erfreuen, und das man, freilich in Erwartung eines hoͤhern, dank¬ bar genießen koͤnne; und obwohl es wahr ist, daß die Religion auch der Trost ist des wider¬ rechtlich zerdruͤckten Sklaven, so ist dennoch vor allen Dingen dies religioͤser Sinn, daß man sich gegen die Sklaverei stemme, und, so man es verhindern kann, die Religion nicht bis zum bloßen Troste der Gefangenen herab¬ sinken lasse. Dem Tyrannen sieht es wohl an, religioͤse Ergebung zu predigen, und die, de¬ nen er auf Erden kein Plaͤzgen verstatten will, an den Himmel zu verweisen; wir andern muͤssen weniger eilen, diese von ihm empfohlne Ansicht der Religion uns anzueignen, und, falls wir koͤnnen, verhindern, daß man die Erde zur Hoͤlle mache, um eine desto groͤßere Sehnsucht nach dem Himmel zu erregen. Der natuͤrliche, nur im wahren Falle der Noth aufzugebende Trieb des Menschen ist der, den Himmel schon auf dieser Erde zu finden, und ewig dauerndes zu verstoͤßen in sein irdi¬ sches Tagewerk; das unvergaͤngliche im zeitli¬ chen selbst zu pflanzen, und zu erziehen, — nicht bloß auf eine unbegreifliche Weise, und allein durch die, sterblichen Augen undurch¬ dringbare Kluft mit dem ewigen zusammen¬ haͤngend, sondern auf eine dem sterblichen Auge selbst sichtbare Weise. Daß ich bei diesem gemeinfaßlichen Bei¬ spiele anhebe: Welcher edeldenkeude will nicht, und wuͤnscht nicht, in seinen Kindern und wie¬ derum in den Kindern dieser, sein eigenes Leben von neuem, auf eine verbesserte Weise, zu wie¬ derholen, und in dem Leben derselben veredelt, und vervollkommnet, auch auf dieser Erde, noch fortzuleben, nachdem er laͤngst gestorben ist; den Geist, den Sinn, und die Sitte, mit denen er vielleicht in seinen Tagen abschreckend war fuͤr die Verkehrtheit, und das Verderben, be¬ festigend die Rechtschaffenheit, aufmunternd die Traͤgheit, erhebend die Niedergeschlagen¬ heit, der Sterblichkeit zu entreißen, und sie, als sein bestes Vermaͤchtniß an die Nachwelt, niederzulegen in den Gemuͤthern seiner Hinter¬ lassenen, damit auch diese sie einst eben also, verschoͤnert und vermehrt, wieder niederlegen? Welcher Edeldenkende will nicht durch Thun oder Denken, ein Saamenkorn streuen zu unend¬ licher immerfortgehender Vollkommnung seines Geschlechts, etwas neues, und vorher nie da gewesenes hineinwerfen in die Zeit, das in ihr bleibe, und nie versiegende Quelle werde neuer Schoͤpfungen; seinen Plaz auf dieser Erde, und die ihm verliehene kurze Spanne Zeit bezahlen mit einem auch hienieden ewig dauernden, so, daß er, als dieser Einzelne, wenn auch nicht ge¬ nannt durch die Geschichte, (denn Durst nach Nachruhm ist eine veraͤchtliche Eitelkeit) den¬ noch in seinem eignen Bewußtseyn und seinem Glauben offenbare, Denkmale hinterlasse, daß auch Er da gewesen sey? Welcher Edeldenkende will das nicht, sagte ich; aber nur nach den Beduͤrfnissen der also denkenden, als der Re¬ gel, wie alle seyn sollten, ist die Welt zu be¬ trachten und einzurichten, und um ihrer willen allein ist eine Welt da. Sie sind der Kern der¬ selben, und die anders denkenden sind, als selbst nur ein Theil der vergaͤnglichen Welt, so lange sie also denken, auch nur um ihrer wil¬ len da, und muͤssen sich nach ihnen bequemen, so lange, bis sie geworden sind, wie sie. Was koͤnnte es nun seyn, das dieser Auf¬ forderung und diesem Glauben des Edlen an die Ewigkeit und Unvergaͤnglichkeit seines Wer¬ kes, die Gewaͤhr zu leisten vermoͤchte? Offenbar nur eine Ordnung der Dinge, die er fuͤr selbst ewig, und fuͤr faͤhig, ewiges in sich aufzuneh¬ men, anzuerkennen vermoͤchte. Eine solche Ordnung aber ist die, freilich in keinem Be¬ griffe zu erfassende, aber dennoch wahrhaft vor¬ handne, besondere geistige Natur der menschli¬ chen Umgebung, aus welcher er selbst mit allem seinen Denken, und Thun und mit seinem Glauben an die Ewigkeit desselben hervorge¬ gangen ist, das Volk, von welchem er ab¬ stammt, und unter welchem er gebildet wurde, und zu dem, was er jezt ist, heraufwuchs. Denn so unbezweifelt es auch wahr ist, daß sein Werk, wenn er mit Recht Anspruch macht auf dessen Ewigkeit, keinesweges der bloße Er¬ folg des geistigen Naturgesetzes seiner Nation ist, und mit diesem Erfolge rein aufgeht, son¬ dern daß es ein Mehreres ist, denn das, und insofern unmittelbar ausstroͤmt aus dem ur¬ spruͤnglichen und goͤttlichen Leben; so ist es dennoch eben so wahr, daß jenes mehrere, so¬ gleich bei seiner ersten Gestaltung zu einer sicht¬ baren Erscheinung, unter jenes besondere gei¬ stige Naturgesez sich gefuͤgt, und nur nach dem¬ selben sich einen sinnlichen Ausdruk gebildet hat. Unter dasselbe Naturgesetz nun werden, so lange dieses Volk besteht, auch alle fernere Offenbarungen des goͤttlichen in demselben ein¬ treten, und in ihm sich gestalten. Dadurch aber, daß auch er da war, und so wirkte, ist selbst dieses Gesez weiter bestimmt, und seine Wirksamkeit ist ein stehender Bestandtheil des¬ selben geworden. Auch hiernach wird alles folgende sich fuͤgen, und an dasselbe sich an¬ schließen muͤssen. Und so ist er denn sicher, daß die durch ihn errungene Ausbildung bleibt in seinem Volke, so lange dieses selbst bleibt, und fortdauernder Bestimmungsgrund wird aller fernern Entwiklung desselben. Dies nun ist in hoͤherer vom Standpunkte der Ansicht einer geistigen Welt uͤberhaupt ge¬ nommener Bedeutung des Worts, ein Volk: das Ganze der in Gesellschaft mit einander fortlebenden, und sich aus sich selbst immerfort natuͤrlich und geistig erzeugenden Menschen, das insgesammt unter einem gewissen beson¬ dern Gesetze der Entwiklung des goͤttlichen aus ihm steht. Die Gemeinsamkeit dieses beson¬ dern Gesetzes ist es, was in der ewigen Welt, und eben darum auch in der zeitlichen, diese Menge zu einem natuͤrlichen, und von sich selbst durchdrungenen Ganzen verbindet. Dieses Ge¬ sez selbst seinem Inhalte nach, kann wohl im Ganzen erfaßt werden, so wie wir es an den Deutschen, als einem Urvolke, erfaßt haben; es kann sogar durch Erwaͤgung der Erscheinun¬ gen eines solchen Volkes noch naͤher in man¬ chen seiner weitern Bestimmungen begriffen werden; aber es kann niemals von irgend einem, der ja selbst immerfort unter desselben ihm unbewußten Einflusse bleibt, ganz mit dem Begriffe durchdrungen werden; obwohl im All¬ gemeinen klar eingesehen werden kann, daß es ein solches Gesez gebe. Es ist dieses Gesez ein Mehr der Bildlichkeit, daß mit dem Mehr der unbildlichen Urspruͤnglichkeit, in der Erscheinung unmittelbar verschmilzt; und so sind denn, in der Erscheinung eben, beide nicht wieder zu trennen. Jenes Gesez bestimmt durchaus und vollendet das, was man den National-Cha¬ rakter eines Volks genannt hat; jenes Gesez der Entwiklung des urspruͤnglichen, und goͤtt¬ lichen. Es ist aus dem leztern klar, daß Men¬ schen, welche so wie wir bisher die Auslaͤnderei beschrieben haben, an ein urspruͤngliches, und an eine Fortentwiklung desselben gar nicht glauben, sondern bloß an einen ewigen Kreis¬ lauf des scheinbaren Lebens, und welche durch ihren Glauben werden, wie sie glauben, im hoͤhern Sinne gar kein Volk sind, und da sie in der That eigentlich auch nicht da sind, eben so wenig einen Nationalcharakter zu haben vermoͤgen. Der Glaube des edlen Menschen an die ewige Fortdauer seiner Wirksamkeit auch auf dieser Erde gruͤndet sich demnach auf die Hof¬ nung der ewigen Fortdauer des Volks, aus dem er selber sich entwickelt hat, und der Eigen¬ thuͤmlichkeit desselben, nach jenem verborgenen Gesetze; ohne Einmischung und Verderbung durch irgend ein fremdes, und in das Ganze dieser Gesezgebung nicht gehoͤriges. Diese Eigenthuͤmlichkeit ist das ewige, dem er die Ewigkeit seiner selbst und seines Fortwirkens anvertraut, die ewige Ordnung der Dinge, in die er sein ewiges legt; ihre Fortdauer muß er wollen, denn sie allein ist ihm das entbin¬ dende Mittel, wodurch die kurze Spanne seines Lebens hienieden zu fortdauerndem Leben hie¬ nieden ausgedehnt wird. Sein Glaube, und sein Streben, unvergaͤngliches zu pflanzen, sein Begriff, in welchem er sein eignes Leben als ein ewiges Leben erfaßt, ist das Band, welches zunaͤchst seine Nation, und vermittelst ihrer das ganze Menschengeschlecht, innigst mit ihm selber verknuͤpft, und ihrer aller Beduͤrf¬ nisse, bis ans Ende der Tage, einfuͤhrt in sein erweitertes Herz. Dies ist seine Liebe zu sei¬ nem Volke, zuvoͤrderst achtend, vertrauend, desselben sich freuend, mit der Abstammung daraus sich ehrend. Es ist goͤttliches in ihm erschienen, und das urspruͤngliche hat dasselbe gewuͤrdigt, es zu seiner Huͤlle, und zu seinem unmittelbaren Verfloͤßungsmittel in die Welt zu machen; es wird darum auch ferner goͤttliches aus ihm hervorbrechen. Sodann thaͤtig, wirk¬ sam, sich aufopfernd fuͤr dasselbe. Das Leben, bloß als Leben, als Fortsetzen des wechselnden Daseyns, hat fuͤr ihn ja ohne dies nie Werth gehabt, er hat es nur gewollt als Quelle des dauernden; aber diese Dauer, verspricht ihm allein die selbststaͤndige Fortdauer seiner Na¬ tion; um diese zu retten, muß er sogar sterben wollen, damit diese lebe, und er in ihr lebe das einzige Leben, das er von je gemocht hat. So ist es. Die Liebe, die wahrhaftig Liebe sey, und nicht bloß eine voruͤbergehende Be¬ gehrlichkeit, haftet nie auf vergaͤnglichem, son¬ dern sie erwacht, und entzuͤndet sich, und ruht allein in dem ewigen. Nicht einmal sich selbst vermag der Mensch zu lieben, es sey denn, daß er sich als ewiges erfasse: außerdem vermag er sich sogar nicht zu achten, noch zu billigen. Noch weniger vermag er etwas außer sich zu lieben, außer also, daß er es aufnehme in die Ewigkeit seines Glaubens und seines Gemuͤths, und es anknuͤpfe an diese. Wer nicht zufoͤr¬ derst sich als ewig erblikt, der hat uͤberhaupt keine Liebe, und kann auch nicht lieben ein Vaterland, dergleichen es fuͤr ihn nicht giebt. Wer zwar vielleicht sein unsichtbares Leben, nicht aber eben also sein sichtbares Leben, als ewig erblikt, der mag wohl einen Himmel ha¬ ben, und in diesem sein Vaterland, aber hie¬ nieden hat er kein Vaterland, denn auch die¬ ses wird nur unter dem Bilde der Ewigkeit, und zwar der sichtbaren, und versinnlichten Ewigkeit erblikt, und er vermag daher auch nicht sein Vaterland zu lieben. Ist einem sol¬ chen keins uͤberliefert worden, so ist er zu be¬ klagen; wem Eins uͤberliefert worden ist, und in wessen Gemuͤthe Himmel und Erde, unsicht¬ bares, und sichtbares sich durchdringen, und so erst einen wahren und gediegenen Himmel erschaffen, der kaͤmpft bis auf den lezten Blutstropfen, um den theuren Besitz unge¬ schmaͤlert wiederum zu uͤberliefern an die Folgezeit. So ist es auch von jeher gewesen, ohnerachtet es nicht von jeher mit dieser Allgemeinheit, und mit dieser Klarheit ansgesprochen worden. Was begeisterte die edlen unter den Roͤmern, deren Gesinnungen und Denkweise noch in ih¬ ren Denkmalen unter uns leben, und athmen, zu Muͤhen und Aufopferungen, zum Dulden und Tragen fuͤrs Vaterland? Sie sprechen es selbst oft und deutlich aus. Ihr fester Glaube war es an die ewige Fortdaner ihrer Roma, und ihre zuversichtliche Aussicht, in dieser Ewigkeit selber ewig mit fortzuleben im Strome der Zeit. Inwiefern dieser Glaube Grund hatte, und sie selbst, wenn sie in sich selber vollkommen klar gewesen waͤren, denselben gefaßt haben wuͤrden, hat er sie auch nicht getaͤuscht. Bis auf diesen Tag lebet das, was wirklich ewig war in ihrer ewigen Roma, und sie mit dem¬ selben, in unsrer Mitte fort, und wird in sei¬ nen Folgen fortleben bis ans Ende der Tage. Volk Volk und Vaterland in dieser Bedeutung, als Traͤger, und Unterpfand der irdischen Ewig¬ keit, und als dasjenige, was hienieden ewig seyn kann, liegt weit hinaus uͤber den Staat, im gewoͤhnlichen Sinne des Worts, — uͤber die gesellschaftliche Ordnung, wie dieselbe im blo¬ ßen klaren Begriffe erfaßt, und nach Anleitung dieses Begriffs errichtet und erhalten wird. Dieser will gewisses Recht, innerlichen Frie¬ den, und daß jeder durch Fleiß seinen Unter¬ halt, und die Fristung seines sinnlichen Daseyns finde, so lange Gott sie ihm gewaͤhren will. Dieses alles ist nur Mittel, Bedingung, und Geruͤst dessen, was die Vaterlandsliebe eigent¬ lich will, des Ausbluͤhens des ewigen, und goͤttlichen in der Welt, immer reiner, voll¬ kommner und getroffener im unendlichen Fort¬ gange. Eben darum muß diese Vaterlands¬ liebe den Staat selbst regieren, als durchaus oberste, lezte, und unabhaͤngige Behoͤrde, zu¬ foͤrderst, indem sie ihn beschraͤnkt in der Wahl der Mittel fuͤr seinen naͤchsten Zwek, den inner¬ lichen Frieden. Fuͤr diesen Zwek muß freilich die natuͤrliche Freiheit des Einzelnen auf man¬ R cherlei Weise beschraͤnkt werden, und wenn man gar keine andere Ruͤksicht und Absicht mit ihnen haͤtte, denn diese, so wuͤrde man wohl thun, dieselbe so eng, als immer moͤglich, zu be¬ schraͤnken, alle ihre Regungen unter eine ein¬ foͤrmige Regel zu bringen, und sie unter im¬ merwaͤhrender Aufsicht zu erhalten. Gesezt diese Strenge waͤre nicht noͤthig, so koͤnnte sie wenigstens fuͤr diesen alleinigen Zwek nicht schaden. Nur die hoͤhere Ansicht des Men¬ schengeschlechts, und der Voͤlker, erweitert diese beschraͤnkte Berechnung. Freiheit, auch in den Regungen des aͤußerlichen Lebens, ist der Bo¬ den, in welchem die hoͤhere Bildung keimt; eine Gesezgebung, welche diese leztere im Auge be¬ haͤlt, wird der ersteren einen moͤglichst ausge¬ breiteten Kreis lassen, selber auf die Gefahr hin, daß ein geringerer Grad der einfoͤrmigen Ruhe und Stille erfolge, und daß das Regie¬ ren ein wenig schwerer, und muͤhsamer werde. Um dies an einem Beispiele zu erlaͤutern: man hat erlebt, daß Nationen ins Angesicht gesagt worden, sie beduͤrften nicht so vieler Frei¬ heit, als etwa manche andere Nation. Diese Rede kann sogar eine Schonung und Milde¬ rung enthalten, indem man eigentlich sagen wollte, sie koͤnnte so viele Freiheit gar nicht er¬ tragen, und nur eine hohe Strenge koͤnne ver¬ hindern, daß sie sich nicht unter einander selber aufrieben. Wenn aber die Worte also genom¬ men werden, wie sie gesagt sind, so sind sie wahr unter der Voraussetzung, daß eine solche Nation des urspruͤnglichen Lebens, und des Triebes nach solchem, durchaus unfaͤhig sey. Eine solche Nation, falls eine solche, in der auch nicht wenige edlere eine Ausnahme von der allgemeinen Regel machten, moͤglich seyn sollte, beduͤrfte in der That gar keiner Freiheit, denn diese ist nur fuͤr die hoͤhere uͤber den Staat hinaus liegenden Zweke; sie bedarf bloß der Bezaͤhmung, und Abrichtung, damit die Ein¬ zelnen friedlich neben einander bestehen, und damit das Ganze zu einem tuͤchtigen Mittel fuͤr willkuͤhrlich zu setzende außer ihr liegende Zweke zubereitet werde. Wir koͤnnen unent¬ schieden lassen, ob man irgend einer Nation dies mit Wahrheit sagen koͤnne; so viel ist klar, daß ein urspruͤngliches Volk der Freiheit be¬ R 2 darf, daß diese das Unterpfand ist seines Be¬ harrens als urspruͤnglich, und daß es in seiner Fortdauer einen immer hoͤher steigenden Grad derselben ohne alle Gefahr ertraͤgt. Und dies ist das erste Stuͤk, in Ruͤksicht dessen die Vater¬ landsliebe den Staat selbst regieren muß. Sodann muß sie es seyn, die den Staat darin regiert, daß sie ihm selbst einen hoͤhern Zwek sezt, denn den gewoͤhnlichen der Erhal¬ tung des innern Friedens, des Eigenthums, der persoͤnlichen Freiheit, des Lebens, und des Wohlseyns aller. Fuͤr diesen hoͤhern Zwek allein, und in keiner andern Absicht bringt der Staat eine bewafnete Macht zusammen. Wenn von der Anwendung dieser die Rede entsteht, wenn es gilt, alle Zweke des Staats im bloßen Begriffe, Eigenthum, persoͤnliche Freiheit, Leben, und Wohlseyn, ja die Fortdauer des Staats selbst, auf das Spiel zu setzen; ohne einen klaren Verstandesbegriff von der sichern Erreichung des beabsichtigten, dergleichen in Dingen dieser Art nie moͤglich ist, urspruͤnglich und Gott allein verantwortlich, zu entscheiden: dann lebt am Ruder des Staates erst ein wahrhaft urspruͤngliches und erstes Leben, und an dieser Stelle erst treten ein die wahren Ma¬ jestaͤtsrechte der Regierung, gleich Gott um hoͤhern Lebens willen das niedere Leben daran zu wagen. In der Erhaltung der hergebrachten Verfassung, der Gesetze, des buͤrgerlichen Wohlstandes, ist gar kein rechtes eigentliches Leben, und kein urspruͤnglicher Entschluß. Umstaͤnde, und Lage, laͤngst vielleicht verstor¬ bene Gesezgeber, haben diese erschaffen; die fol¬ genden Zeitalter gehen glaͤubig fort auf der an¬ getretenen Bahn, und leben so in der That nicht ein eignes oͤffentliches Leben, sondern sie wiederholen nur ein ehemaliges Leben. Es be¬ darf in solchen Zeiten keiner eigentlichen Re¬ gierung. Wenn aber dieser gleichmaͤßige Fort¬ gang in Gefahr geraͤth, und es nun gilt, uͤber neue, nie also da gewesene Faͤlle zu entschei¬ den; dann bedarf es eines Lebens, das aus sich selber lebe. Welcher Geist nun ist es, der in solchen Faͤllen sich an das Ruder stellen duͤrfe, der mit eigner Sicherheit und Gewißheit, und ohne unruhiges Hin- und Herschwanken zu entscheiden vermoͤge, der ein unbezweifeltes Recht habe, jedem, den es treffen mag, ob er nun selbst es wolle oder nicht, gebietend an¬ zumuthen, und den Widerstrebenden zu zwin¬ gen, daß er alles, bis auf sein Leben, in Ge¬ fahr setze? Nicht der Geist der ruhigen buͤr¬ gerlichen Liebe der Verfassung, und der Gesetze, sondern die verzehrende Flamme der hoͤheren Vaterlandsliebe, die die Nation als Huͤlle des ewigen umfaßt, fuͤr welche der Edle mit Freu¬ den sich opfert, und der Unedle, der nur um des ersten willen da ist, sich eben opfern soll. Nicht jene buͤrgerliche Liebe der Verfassung ist es; diese vermag dies gar nicht, wenn sie bei Verstande bleibt. Wie es auch ergehen moͤge, da nicht umsonst regiert wird, so wird sich im¬ mer ein Regent fuͤr sie finden. Lasset den neuen Regenten sogar die Sklaverei wollen (und wo ist Sklaverei, außer in der Nichtachtung, und Unterdruͤckung der Eigenthuͤmlichkeit eines ur¬ spruͤnglichen Volkes, dergleichen fuͤr jenen Sinn nicht vorhanden ist?) — Lasset ihn auch die Sklaverei wollen, — da aus dem Leben der Sklaven, ihrer Menge, sogar ihrem Wohl¬ stande sich Nutzung ziehen laͤßt, so wird, wenn er nur einigermaßen ein Rechner ist, die Skla¬ verei unter ihm ertraͤglich ausfallen. Leben und Unterhalt wenigstens werden sie immer fin¬ den. Wofuͤr sollten sie denn also kaͤmpfen? Nach jenen beiden ist es die Ruhe, die ihnen uͤber alles geht. Diese wird durch die Fort¬ dauer des Kampfes nur gestoͤrt. Sie werden darum alles anwenden, daß dieser nur recht bald ein Ende nehme, sie werden sich fuͤgen, sie werden nachgeben, und warum sollten sie nicht? Es ist ihnen ja nie um mehr zu thun gewesen, und sie haben vom Leben nie etwas weiteres gehofft, denn die Fortsetzung der Gewohn¬ heit dazuseyn unter erleidlichen Bedingungen. Die Verheißung eines Lebens auch hienieden uͤber die Dauer des Lebens hienieden hinaus, — allein diese ist es, die bis zum Tode fuͤrs Vaterland begeistern kann. So ist es auch bisher gewesen. Wo da wirklich regiert worden ist, wo bestanden wor¬ den sind ernsthafte Kaͤmpfe, wo der Sieg er¬ rungen worden ist gegen gewaltigen Wider¬ stand, da ist es jene Verheißung ewigen Lebens gewesen, die da regierte, und kaͤmpfte, und siegte. Im Glauben an diese Verheißung kaͤmpften die in diesen Reden fruͤher erwaͤhn¬ ten deutschen Protestanten. Wußten sie etwa nicht, daß auch mit dem alten Glauben Voͤlker regiert, und in rechtlicher Ordnung zusammen¬ gehalten werden koͤnnten, und daß man auch bei diesem Glauben seinen guten Lebensunter¬ halt finden koͤnne? Warum beschlossen denn also ihre Fuͤrsten bewafneten Widerstand, und warum leisteten ihn mit Begeisterung die Voͤl¬ ker? — Der Himmel war es, und die ewige See¬ ligkeit, fuͤr welche sie willig ihr Blut vergossen. — Aber welche irdische Gewalt haͤtte denn auch in das innere Heiligthum ihres Gemuͤths eindrin¬ gen, und den Glauben, der ihnen ja nun ein¬ mal aufgegangen war, und auf welchen allein sie ihrer Seeligkeit Hofnung gruͤndeten, darin austilgen koͤnnen? Also, auch ihre eigne See¬ ligkeit war es nicht, fuͤr die sie kaͤmpften; dieser waren sie schon versichert: die Seeligkeit ihrer Kinder, ihrer noch ungebornen Enkel, und aller noch ungebornen Nachkommenschaft war es; auch diese sollten auferzogen werden in dersel¬ ben Lehre, die ihnen als allein heilbringend er¬ schienen war, auch diese sollten theilhaftig wer¬ den des Heiles, das fuͤr sie angebrochen war; diese Hofnung allein war es, die durch den Feind bedroht wurde, fuͤr sie, fuͤr eine Ord¬ nung der Dinge, die lange nach ihrem Tode uͤber ihren Graͤbern bluͤhen sollte, versprizten sie mit dieser Freudigkeit ihr Blut. Geben wir zu, daß sie sich selbst nicht ganz klar wa¬ ren, daß sie in der Bezeichnung des edelsten, was in ihnen war, mit Worten sich vergriffen, und mit dem Munde ihrem Gemuͤthe unrecht thaten; bekennen wir gern, daß ihr Glaubens¬ bekenntniß nicht das einige, und ausschließende Mittel war, des Himmels jenseits des Grabes theilhaftig zu werden: so ist doch dies ewig wahr, daß mehr Himmel diesseits des Grabes, ein muthigeres und froͤhlicheres Emporblicken von der Erde, und eine freiere Regung des Geistes, durch ihre Aufopferung, in alles Leben der Folgezeit gekommen ist, und die Nachkom¬ men ihrer Gegner eben so wohl, als wir selbst, ihre Nachkommen, die Fruͤchte ihrer Muͤhen bis auf diesen Tag genießen. In diesem Glauben sezten unsre aͤltesten gemeinsamen Vorfahren, das Stammvolk der neuen Bildung, die von den Roͤmern Germa¬ nier genannten Deutschen, sich der herandrin¬ genden Weltherrschaft der Roͤmer muthig ent¬ gegen. Sahen sie denn nicht vor Augen den hoͤhern Flor der Roͤmischen Provinzen neben sich, die feinern Genuͤsse in denselben, dabei Gesetze, Richterstuͤhle, Ruthenbuͤndel, und Beile in Ueberfluß? Waren die Roͤmer nicht bereit¬ willig genug, sie an allen diesen Seegnungen Theil nehmen zu lassen? Erlebten sie nicht an mehrern ihrer eigenen Fuͤrsten, die sich nur bedeuten ließen, daß der Krieg gegen solche Wohlthaͤter der Menschheit Rebellion sei, Be¬ weise der gepriesenen Roͤmischen Klemenz, in¬ dem sie die Nachgiebigen mit Koͤnigstiteln, mit Anfuͤhrerstellen in ihren Heeren, mit Roͤ¬ mischen Opferbinden auszierten, ihnen, wenn sie etwa von ihren Landsleuten ausgetrieben wurden, einen Zufluchtsort, und Unterhalt in ihren Pflanzstaͤdten gaben? Hatten sie keinen Sinn fuͤr die Vorzuͤge Roͤmischer Bildung, z.B. fuͤr die bessere Einrichtung ihrer Heere, in denen sogar ein Arminius das Kriegshandwerk zu erlernen nicht verschmaͤhte? Keine von allen diesen Unwissenheiten, oder Nichtbeachtungen ist ihnen aufzuruͤkken. Ihre Nachkommen ha¬ ben sogar, sobald sie es ohne Verlust fuͤr ihre Freiheit konnten, die Bildung derselben sich angeeignet, in wie weit es ohne Verlust ihrer Eigenthuͤmlichkeit moͤglich war. Wofuͤr haben sie denn also mehrere Menschenalter hindurch gekaͤmpft im blutigen, immer mit derselben Kraft sich wieder erneuernden Kriege? Ein Roͤmischer Schriftsteller laͤßt es ihre Anfuͤhrer also aussprechen: „ob ihnen denn etwas ande¬ „res uͤbrig bleibe, als entweder die Freiheit „zu behaupten, oder zu sterben, bevor sie Skla¬ „ven wuͤrden.“ Freiheit war ihnen, daß sie eben Deutsche blieben, daß sie fortfuͤhren ihre Angelegenheiten selbststaͤndig, und urspruͤng¬ lich, ihrem eignen Geiste gemaͤß, zu entscheiden, und diesem gleichfalls gemaͤß auch in ihrer Fortbildung vorwaͤrts zu ruͤkken, und daß sie diese Selbststaͤndigkeit auch auf ihre Nachkom¬ menschaft fortpflanzten: Sklaverei hießen ih¬ nen alle jene Segnungen, die ihnen die Roͤ¬ mer antrugen, weil sie dabei etwas anderes, denn Deutsche, weil sie halbe Roͤmer werden muͤßten. Es verstehe sich von selbst, sezten sie voraus, daß jeder, ehe er dies werde, lieber sterbe, und daß ein wahrhafter Deutscher nur koͤnne leben wollen, um eben Deutscher zu seyn, und zu bleiben, und die seinigen zu eben solchen zu bilden. Sie sind nicht alle gestorben, sie haben die Sklaverei nicht gesehen, sie haben die Freiheit hinterlassen ihren Kindern. Ihrem beharr¬ lichen Widerstande verdankt es die ganze neue Welt, daß sie da ist, so wie sie da ist. Waͤre es den Roͤmern gelungen, auch sie zu unter¬ jochen, und, wie dies der Roͤmer allenthalben that, sie als Nation auszurotten, so haͤtte die ganze Fortentwiklung der Menschheit eine an¬ dere, und man kann nicht glauben erfreulichere Richtung genommen. Ihnen verdanken wir, die naͤchsten Erben ihres Bodens, ihrer Sprache, und ihrer Gesinnung, daß wir noch Deutsche sind, daß der Strom urspruͤnglichen und selbst¬ staͤndigen Lebens uns noch traͤgt, ihnen verdan¬ ken wir alles, was wir seitdem als Nation ge¬ wesen sind, ihnen, falls es nicht etwa jetzo mit uns zu Ende ist, und der lezte von ihnen ab¬ gestammte Blutstropfen in unsern Adern ver¬ siegt ist, ihnen werden wir verdanken, alles, was wir noch ferner seyn werden. Ihnen verdanken selbst die uͤbrigen, uns jezt zum Auslande gewordenen Staͤmme, in ihnen unsre Bruͤder, ihr Daseyn; als jene die ewige Roma besiegten, war noch keins aller die¬ ser Voͤlker vorhanden; damals wurde zugleich auch ihnen die Moͤglichkeit ihrer kuͤnftigen Ent¬ stehung mit erkaͤmpft. Diese, und alle andere in der Weltge¬ schichte, die ihres Sinnes waren, haben ge¬ siegt, weil das Ewige sie begeisterte, und so siegt immer und nothwendig diese Begeisterung uͤber den, der nicht begeistert ist. Nicht die Gewalt der Arme, noch die Tuͤchtigkeit der Waffen, sondern die Kraft des Gemuͤths ist es, welche Siege erkaͤmpft. Wer ein begrenztes Ziel sich sezt seiner Aufopferungen, und sich nicht weiter wagen mag, als bis zu einem gewissen Punkte, der giebt den Widerstand auf, sobald die Gefahr ihm an diesen durchaus nicht aufzugebenden noch zu entbehrenden Punkt kommt. Wer gar kein Ziel sich gesezt hat, sondern alles, und das hoͤchste, was man hienieden verlieren kann, das Leben, daran sezt, giebt den Widerstand nie auf, und siegt, so der Gegner ein begrenzteres Ziel hat, ohne Zweifel. Ein Volk, das da faͤhig ist, sey es auch nur in seinen hoͤchsten Stellvertretern, und Anfuͤhrern, das Gesicht aus der Geister¬ welt, Selbststaͤndigkeit, fest ins Auge zu fassen, und von der Liebe dafuͤr ergriffen zu werden, wie unsre aͤltesten Vorfahren, siegt gewiß uͤber ein solches, das nur zum Werkzeuge fremder Herrschsucht, und zu Unterjochung selbststaͤndiger Voͤlker gebraucht wird, wie die Roͤmischen Heere; denn die erstern haben alles zu verlie¬ ren, die leztern bloß einiges zu gewinnen. Ueber die Denkart aber, die den Krieg als ein Gluͤksspiel ansieht, um zeitlichen Gewinn oder Verlust, und bei der schon, ehe sie das Spiel anfaͤngt, fest steht, bis zu welcher Summe sie auf die Charten setzen wolle, siegt sogar eine Grille. Denken sie sich z. B. einen Maho¬ met, — nicht den wirklichen der Geschichte, uͤber welchen ich kein Urtheil zu haben bekenne, sondern den eines bekannten franzoͤsischen Dich¬ ters, — der sich einmal fest in den Kopf ge¬ sezt habe, er sey eine der ungemeinen Natu¬ ren, die da berufen sind, das dunkle, das ge¬ meine Erdenvolk zu leiten, und dem, zufolge dieser ersten Voraussetzung, alle seine Einfaͤlle, so duͤrftig und so beschraͤnkt sie auch in der That seyn moͤgen, dieweil es die seinigen sind, nothwendig erscheinen muͤssen, als große und erhabene und beseeligende Ideen, und alles, was denselben sich widersezt, als dunkles ge¬ meines Volk, Feinde ihres eignen Wohls, uͤbelgesinnte, und hassenswuͤrdige; der nun, um diesen seinen Eigenduͤnkel vor sich selbst als goͤttlichen Ruf zu rechtfertigen, und ganz aufgegangen in diesem Gedanken mit all sei¬ nem Leben, alles daran setzen muß, und nicht ruhen kann, bis er alles, das nicht eben so groß von ihm denken will, denn er selbst, zer¬ treten hat, und bis aus der ganzen Mitwelt sein eigner Glaube an seine goͤttliche Sendung ihm zuruͤckstrale; ich will nicht sagen, wie es ihm ergehen wuͤrde, falls wirklich ein geistiges Gesicht, das da wahr ist und klar in sich selbst, gegen ihn in die Kampfbahn traͤte, aber jenen beschraͤnkten Gluͤksspielern gewinnt er es sicher ab, denn er sezt alles, gegen sie, die nicht alles sezen; sie treibt kein Geist, ihn aber treibt allerdings ein schwaͤrmerischer Geist, — der sei¬ nes gewaltigen und kraͤftigen Eigenduͤnkels. Aus allem gehet hervor, daß der Staat, als bloßes Regiment des im gewoͤhnlichen fried¬ lichen Gange fortschreitenden menschlichen Le¬ bens, nichts erstes, und fuͤr sich selbst seyendes, sondern daß er bloß das Mittel ist fuͤr den hoͤhern Zweck der ewig gleichmaͤßig fortgehen¬ den Ausbildung des rein menschlichen in dieser Nation; daß es allein das Gesicht, und die Liebe dieser ewigen Fortbildung ist, welche im¬ merfort auch in ruhigen Zeitlaͤuften die hoͤhere Aufsicht uͤber die Staatsverwaltung fuͤhren soll, und welche, wo die Selbststaͤndigkeit des Volks in Gefahr ist, allein dieselbe zu retten vermag. Bei den Deutschen, unter denen, als einem urspruͤnglichen Volke, diese Vaterlands¬ liebe moͤglich, und, wie wir fest zu wissen glau¬ ben, bis jezt auch wirklich war, konnte dieselbe bis jezt mit einer hohen Zuversicht auf die Sicher¬ Sicherheit ihrer wichtigsten Angelegenheit rech¬ nen. Wie nur noch bei den Griechen in der alten Zeit, war bei ihnen der Staat und die Nation sogar von einander gesondert, und jedes fuͤr sich dargestellt, der erste in den be¬ sondern deutschen Reichen, und Fuͤrstenthuͤ¬ mern, die lezte sichtbar im Reichsverbande, unsichtbar, nicht zufolge eines niedergeschrie¬ benen aber eines in aller Gemuͤther lebenden Rechtes geltend, und in ihren Folgen allent¬ halben in das Auge springend, in einer Menge von Gewohnheiten, und Einrichtungen. So weit die deutsche Zunge reichte, konnte jeder, dem im Bezirke derselben das Licht anbrach, sich doppelt betrachten als Buͤrger, theils sei¬ nes Geburtsstaates, dessen Fuͤrsorge er zunaͤchst empfohlen war, theils des ganzen gemeinsa¬ men Vaterlandes Deutscher Nation. Jedem war es verstattet, uͤber die ganze Oberflaͤche dieses Vaterlandes hin sich diejenige Bildung, die am meisten Verwandschaft zu seinem Geiste hatte, oder den demselben angemessensten Wir¬ kungskreis aufzusuchen, und das Talent wuchs nicht hinein in seine Stelle, wie ein Baum S sondern es war ihm erlaubt, dieselbe zu suchen. Wer durch die Richtung, die seine Bildung nahm, mit seiner naͤchsten Umgebung entzweit wurde, fand leicht anderwaͤrts willige Auf¬ nahme, fand neue Freunde statt der verlohr¬ nen, fand Zeit und Ruhe, um sich naͤher zu erklaͤren, vielleicht die erzuͤrnten selbst zu ge¬ winnen und zu versoͤhnen, und so das Ganze zu einigen. Kein deutschgebohrner Fuͤrst hat es je uͤber sich vermocht, seinen Unterthanen das Vaterland innerhalb der Berge, oder Fluͤsse, wo er regierte, abzustekken, und diesel¬ ben zu betrachten, als gebunden an die Erd¬ scholle. Eine Wahrheit, die an einem Orte nicht laut werden durfte, durfte es an einem andern, an welchem vielleicht im Gegentheile diejenigen verboten waren, die dort erlaubt wurden; und so fand denn, bei manchen Ein¬ seitigkeiten und Engherzigkeiten der besondern Staaten, dennoch in Deutschland, dieses als ein Ganzes genommen, die hoͤchste Freiheit der Erforschung und der Mittheilung statt, die jemals ein Volk besessen; und die hoͤhere Bil¬ dung war und blieb allenthalben der Erfolg aus der Wechselwirkung der Buͤrger aller deut¬ schen Staaten, und diese hoͤhere Bildung kam denn in dieser Gestalt auch allmaͤhlig herab zum groͤßern Volke, das somit immer fortfuhr sich selber durch sich selbst im Großen, und Ganzen zu erziehen. Dieses wesentliche Un¬ terpfand der Fortdauer einer deutschen Nation, schmaͤlerte, wie gesagt, kein am Ruder der Regierung sitzendes deutsches Gemuͤth; und wenn auch in Absicht andrer urspruͤnglichen Entscheidungen nicht immer geschehen seyn sollte, was die hoͤhere deutsche Vaterlandsliebe wuͤnschen mußte, so ist wenigstens der Angele¬ genheit desselben nicht geradezu entgegen ge¬ handelt worden, man hat nicht gesucht, jene Liebe zu untergraben, sie auszurotten, und eine entgegengesezte Liebe an ihre Stelle zu bringen. Wenn nun aber etwa die urspruͤngliche Lei¬ tung sowohl jener hoͤhern Bildung, als der Nationalmacht, die allein fuͤr jene und ihre Fortdauer als Zwek gebraucht werden darf, die Verwendung deutschen Gutes, und deut¬ schen Blutes, aus der Botmaͤßigkeit deutschen S 2 Gemuͤths in eine andere kommen sollte, was wuͤrde sodann nothwendig erfolgen muͤssen? Hier ist der Ort, wo es der in unsrer ersten Rede in Anspruch genommenen Geneigtheit, sich uͤber die eignen Angelegenheiten nicht taͤu¬ schen zu wollen, und des Muthes, die Wahr¬ heit sehen zu wollen, und sie sich zu gestehen, vorzuͤglich bedarf; auch ist es, so viel mir be¬ kannt, noch immer erlaubt, in deutscher Sprache mit einander vom Vaterlande zu re¬ den, wenigstens zu seufzen, und wir wuͤrden, glaube ich, nicht wohl thun, wenn wir aus unsrer eignen Mitte heraus ein solches Verbot verfruͤhten, und dem Muthe, der ohne Zwei¬ fel uͤber das Wagniß schon vorher mit sich zu Rathe gegangen seyn wird, die Fessel der Zag¬ haftigkeit Einzelner anlegen wollten. Mahlen Sie sich also die vorausgesezte neue Gewalt so guͤtig, und so wohlwollend vor, als Sie irgend wollen, machen Sie sie gut, wie Gott; werden Sie ihr auch goͤttlichen Ver¬ stand einsetzen koͤnnen? Mag sie alles Ernstes das hoͤchste Gluͤck und Wohlsein aller wollen, wird das hoͤchste Wohlseyn, das sie zu fassen vermag, wohl auch deutsches Wolseyn seyn? So hoffe ich uͤber den Hauptpunkt, den ich Ihnen heute vorgetragen, von Ihnen recht wohl verstanden worden zu seyn, ich hoffe, daß meh¬ rere hiebei gedacht und gefuͤhlt haben: ich druͤkke nur deutlich aus und spreche aus mit Worten, wie es ihnen von jeher im Gemuͤthe gelegen; ich hoffe, daß es auch mit den uͤbri¬ gen Deutschen, die einst dieses lesen werden, sich also verhalten werde; auch haben vor mir mehrere Deutsche ohngefaͤhr dasselbe gesagt; und dem immerfort bezeugten Widerstreben ge¬ gen eine bloß mechanische Einrichtung und Be¬ rechnung des Staats, hat dunkel jene Gesin¬ nung zum Grunde gelegen. Und nun fordre ich alle, die mit der neuen Literatur des Aus¬ landes bekannt sind, auf, mir nachzuweisen, welcher neuere Weise, Dichter, Gesezgeber der¬ selben eine diesem aͤhnliche Ahndung, die das Menschengeschlecht als ein ewig fortschreiten¬ des betrachte, und alles sein Regen in der Zeit nur auf diesen Fortschritt beziehe, jemals verrathen habe; ob irgend einer, selbst in dem Zeitpunkte, als sie am kuͤhnsten zu politischer Schoͤpfung sich emporschwangen, mehr, als nur nicht Ungleichheit, inneren Frieden, aͤußern Nationalruhm, und, wo es aufs hoͤchste getrie¬ ben wurde, haͤusliche Gluͤkseeligkeit vom Staate gefordert habe? Ist, wie man aus allen diesen Anzeigen schließen muß, dieses ihr hoͤchstes, so werden sie auch uns keine hoͤ¬ heren Beduͤrfnisse, und keine hoͤheren Forderun¬ gen an das Leben beimessen, und, immer jene wohlthaͤtigen Gesinnungen gegen uns und die Abwesenheit alles Eigennutzes, und aller Sucht mehr seyn zu wollen denn wir, vorausgesezt, treflich fuͤr uns gesorgt zu haben glauben, wenn wir alles das finden, was sie allein als begeh¬ rungswuͤrdig kennen; dasjenige aber, warum der edlere unter uns allein leben mag, ist sodann ausgetilgt aus dem oͤffentlichen Leben, und das Volk, das fuͤr die Anregungen des Edleren sich stets empfaͤnglich gezeigt hat, und welches man sogar nach seiner Mehrheit zu jenem Adel em¬ porzuheben hoffen durfte, ist, so wie es behan¬ delt wird, wie jene behandelt seyn wollen, her¬ abgesezt unter seinen Rang, entwuͤrdigt, aus¬ getilgt aus der Reihe der Dinge, indem es zu¬ sammenfließt mit dem von niederer Art. In wem nun jene hoͤheren Anforderungen an das Leben, nebst dem Gefuͤhle ihres goͤtt¬ lichen Rechts, dennoch lebendig und kraͤftig bleiben, der fuͤhlt mit tiefem Unwillen sich zu¬ ruͤkgedraͤngt in jene ersten Zeiten des Christen¬ thums, zu denen gesagt ist: „Ihr sollt nicht „widerstreben dem Uebel, sondern, so dir je¬ „mand einen Streich giebt auf den rechten „Bakken, dem biete den andern auch dar, und „so jemand deinen Rok nehmen will, dem laß „auch den Mantel;“ mit Recht das lezte, denn so lange er noch einen Mantel an dir sieht, sucht er einen Handel an dich, um dir auch diesen zu nehmen, erst wie du ganz nakkend bist, entgehst du seiner Aufmerksamkeit und hast vor ihm Ruhe. Eben sein hoͤherer Sinn, der ihn ehrt, macht ihm die Erde zur Hoͤlle, und zum Ekel, er wuͤnscht, nicht geboren zu seyn, er wuͤnscht, daß sein Auge je eher je lieber sich dem Anblicke des Tages verschließe, unversiegbare Trauer bis an das Grab erfaßt seine Tage; dem, was ihm lieb ist, kann er keine bessere Gabe wuͤn¬ schen, denn einen dumpfen, und genuͤgsamen Sinn, damit es mit weniger Schmerz einem ewigen Leben jenseits des Grabes entgegen lebe. Diese Vernichtung jeder etwa ins kuͤnftige unter uns ausbrechenden edlern Regung, und diese Heruntersetzung unsrer ganzen Nation, durch das einzige, nachdem die andern vergeb¬ lich angewendet worden sind, noch uͤbrig blei¬ bende Mittel zu verhindern, tragen Ihnen diese Reden an. Sie tragen Ihnen an die wahre und allmaͤchtige Vaterlandsliebe, in der Er¬ fassung unsers Volks als eines ewigen, und als Buͤrgen unsrer eignen Ewigkeit, durch die Erziehung in aller Gemuͤther recht tief, und unausloͤschlich zu begruͤnden. Welche Erzie¬ hung dies vermoͤge, und auf welche Weise, werden wir in den folgenden Reden ersehen. Neunte Rede. An welchen in der Wirklichkeit vorhande¬ nen Punkt die neue National-Erziehung der Deutschen anzuknuͤpfen sey. D urch unsere lezte Rede sind mehrere schon in der ersten versprochene Beweise gefuͤhrt, und vollendet worden. Es sey dermalen nur davon die Rede, sagten wir, und dies sey die erste Aufgabe, das Daseyn und die Fortdauer des Deutschen schlechtweg zu retten; alle andere Unterschiede seyen dem hoͤhern Ueberblicke ver¬ schwunden; und es wuͤrde durch jenes den be¬ sondern Verbindlichkeiten, die etwa jemand zu haben glaube, kein Eintrag geschehen. Es ist, wenn uns nur der gemachte Unterschied zwi¬ schen Staat, und Nation gegenwaͤrtig bleibt, klar, daß auch schon fruͤher die Angelegenheiten dieser beiden niemals in Widerstreit gerathen konnten. Die hoͤhere Vaterlandsliebe fuͤr das gemeinsame Volk der deutschen Nation mußte und sollte ja ohnedies die oberste Leitung in jedem besondern deutschen Staate fuͤhren; keiner von ihnen durfte ja diese hoͤhere Angele¬ genheit aus den Augen verlieren, ohne alles edle und tuͤchtige von sich abwendig zu machen, und so seinen eignen Untergang zu beschleuni¬ gen: je mehr daher jemand von jener hoͤheren Angelegenheit ergriffen, und belebt war, ein desto besserer Buͤrger war er auch fuͤr den be¬ sondern deutschen Staat, in den sein unmittel¬ barer Wirkungskreis fiel. Deutsche Staaten konnten mit deutschen Staaten in Streit gera¬ then, uͤber besondere hergebrachte Gerechtsame. Wer die Fortdauer des hergebrachten Zustandes wollte, und jeder verstaͤndige ohne Zweifel mußte um der ferneren Folgen willen diese wol¬ len, der mußte wuͤnschen, daß die gerechte Sache siege, in wessen Haͤnden sie auch seyn moͤchte. Hoͤchstens haͤtte ein besonderer deutscher Staat darauf ausgehen koͤnnen, die ganze deutsche Nation unter seiner Regierung zu vereinigen, und statt der hergebrachten Voͤlker-Republik Alleinherrschaft einzufuͤhren. Wenn es wahr ist, wie ich z.B. es allerdings dafuͤr halte, daß gerade diese republikanische Verfassung bisher die vorzuͤglichste Quelle deutscher Bildung, und das erste Sicherungsmittel ihrer Eigenthuͤm¬ lichkeit gewesen, so waͤre, falls die vorausge¬ sezte Einheit der Regierung nicht etwa selbst die republikanische, sondern die monarchische Form getragen haͤtte, in der es dem Gewalt¬ haber doch moͤglich gewesen waͤre, irgend einen Sproß urspruͤnglicher Bildung uͤber den gan¬ zen deutschen Boden hinweg fuͤr seine Lebens¬ zeit zu zerdruͤcken; — wenn dieses wahr ist, sage ich, so waͤre in diesem Falle es allerdings ein großes Mißgeschik fuͤr die Angelegenheit deut¬ scher Vaterlandsliebe gewesen, wenn dieser Vorsatz gelungen waͤre, und jeder edle uͤber die ganze Oberflaͤche des gemeinsamen Bodens hinweg haͤtte dagegen sich stemmen muͤssen. Dennoch auch in diesem schlimmsten Falle waͤ¬ ren es doch immer Deutsche geblieben, die uͤber Deutsche regiert, und ihre Angelegenheiten ur¬ spruͤnglich geleitet haͤtten, und wenn auch auf eine voruͤbergehende Zeit der eigenthuͤmliche deutsche Geist vermißt worden waͤre, so waͤre doch die Hofnung geblieben, daß er wieder er¬ wachen werde, und jedes kraͤftigere Gemuͤth uͤber den ganzen Boden hinweg haͤtte sich ver¬ sprechen koͤnnen, Gehoͤr zu finden, und sich ver¬ staͤndlich zu machen; es waͤre doch immer eine deutsche Nation im Daseyn verblieben, und haͤtte sich selbst regiert, und sie waͤre nicht un¬ tergegangen in einem andern von niederer Ordnung. Immer bleibt hier das wesentliche in unserer Berechnung, daß die deutsche Natio¬ nal-Liebe selbst an dem Ruder des deutschen Staats entweder sitze, oder doch mit ihrem Einflusse dahin gelangen koͤnne. Wenn aber, zufolge unsrer fruͤhern Voraussetzung, dieser deutsche Staat, — ob er nun als einer oder meh¬ rere erscheine, thut nichts zur Sache, in der That ist es dennoch Einer, — uͤberhaupt aus deutscher Leitung in fremde fiele, so ist sicher, und das Gegentheil davon waͤre gegen alle Natur, und schlechterdings unmoͤglich, es ist sicher, sage ich, daß von nun an nicht mehr deutsche Angelegenheit, sondern eine fremde entscheiden wuͤrde. Wo die gesammte Natio¬ nal-Angelegenheit der Deutschen bisher ihren Sitz hatte, und dargestellt wurde, am Ruder des Staats, da waͤre sie verwiesen. Soll sie nun hiemit nicht ganz ausgetilgt seyn von der Erde, so muß ihr ein anderer Zufluchtsort be¬ reitet werden, und zwar in dem, was allein uͤbrig bleibt, bei den Regierten, in den Buͤr¬ gern. Waͤre sie aber bei diesen, und ihrer Mehr¬ heit schon, so waͤren wir in den Fall, uͤber wel¬ chen wir uns dermals berathschlagen, gar nicht gekommen; sie ist daher nicht bei ihnen, und muß erst in sie hineingebracht werden: das heißt mit andern Worten, die Mehrheit der Buͤrger muß zu diesem vaterlaͤndischen Sinne erzogen werden, und, damit man der Mehr¬ heit sicher sey, diese Erziehung muß an der All¬ heit versucht werden. Und so ist denn zugleich, unumwunden und klar, der gleichfalls ehemals versprochene Beweiß gefuͤhrt worden, daß es schlechthin nur die Erziehung, und kein ande¬ res moͤgliches Mittel sey, das die deutsche Selbststaͤndigkeit zu retten vermoͤge; und es waͤre ohne Zweifel nicht unsre Schuld, wenn man selbst bis jezt noch nicht den eigentlichen Inhalt, und die Absicht dieser unsrer Reden, und den Sinn, in welchem alle unsere Aeuße¬ rungen zu nehmen sind, zu fassen vermoͤchte. Um es noch kuͤrzer zu fassen: immer unter unsrer Voraussetzung, sind den unmuͤndigen ihre vaͤterlichen, und blutsverwandten Vor¬ muͤnder abgegangen, und Herren an ihre Stelle getreten; sollen jene unmuͤndige nicht gar Sklaven werden, so muͤssen sie eben der Vormundschaft entlassen, und, damit sie dieses koͤnnen, zu allererst zur Muͤndigkeit erzogen werden. Die deutsche Vaterlandsliebe hat ihren Sitz verloren; sie soll einen andern brei¬ tern, und tiefern erhalten, in welcher sie in ru¬ higer Verborgenheit sich begruͤnde und staͤhle, und zu rechter Zeit in jugendlicher Kraft hervor¬ breche, und auch dem Staate die verlorne Selbststaͤndigkeit wieder gebe. Wegen des lez¬ tern koͤnnen nun, sowohl das Ausland als die kleinlichen und engherzigen Truͤbseeligkeiten unter uns selbst, in Ruhe verbleiben; man kann zu ihrer aller Troste sie versichern, daß sie es insgesammt nicht erleben werden, und daß die Zeit, die es erleben wird, anders denken wird, denn sie. Ob nun, so streng auch die Glieder dieses Beweises an einander schließen moͤgen, der¬ selbe auch andere ergreifen, und sie zur Thaͤ¬ tigkeit aufregen werde, haͤngt zu allererst davon ab, ob es so etwas, wie wir deutsche Eigen¬ thuͤmlichkeit, und deutsche Vaterlandsliebe geschildert haben, uͤberhaupt gebe, und ob diese der Erhaltung und des Strebens dafuͤr werth sey, oder nicht. Daß der — auswaͤrtige oder einheimische — Auslaͤnder diese Frage mit Nein beantwortet, versteht sich; aber dieser ist auch nicht mit zur Berathschlagung berufen. Uebrigens ist hiebei anzumerken, daß die Ent¬ scheidung uͤber diese Frage keinesweges auf einer Beweisfuͤhrung durch Begriffe beruht, welche hierin zwar klar machen, keinesweges aber uͤber wirkliches Daseyn oder Werth Auskunft zu geben vermoͤgen, sondern daß die leztern lediglich durch eines jeglichen unmittelbare Erfahrung an ihm selber bewaͤhrt werden koͤnnen. In einem sol¬ chen Falle moͤgen Millionen sagen: es sey nicht, so kann dadurch niemals mehr gesagt seyn, denn daß es nur in ihnen nicht sey, kei¬ nesweges, daß es uͤberhaupt nicht sey, und wenn ein einziger gegen diese Millionen auf¬ tritt und versichert, daß es sey, so behaͤlt er gegen sie alle recht. Nichts verhindert, daß, da ich nun gerade rede, ich in dem angegebe¬ nen Falle dieser einzige sey, der da versichert, daß er aus unmittelbarer Erfahrung an sich selbst wisse, daß es so etwas, wie deutsche Va¬ terlandsliebe gebe, daß er den unendlichen Werth des Gegenstandes derselben kenne, daß diese Liebe allein ihn getrieben habe, auf jede Gefahr zu sagen, was er gesagt hat, und noch sagen wird, indem uns dermalen gar nichts uͤbrig geblieben ist, denn das Sagen, und so¬ gar dieses auf alle Weise gehemmt und ver¬ kuͤmmert wird. Wer dasselbe in sich fuͤhlt, der wird uͤberzeugt werden; wer es nicht fuͤhlt, kann nicht uͤberzeugt werden, denn allein auf jene Voraussetzung stuͤtzt sich mein Beweis; an ihm habe ich meine Worte verloren, aber wer wollte nicht so etwas so geringfuͤgiges, als Worte sind, auf das Spiel setzen? Diejenige bestimmte Erziehung, von der wir wir uns die Rettung der deutschen Nation ver¬ sprechen, ist in unsrer zweiten und dritten Rede im allgemeinen beschrieben worden. Wir haben sie als eine gaͤnzliche Umschaffung des Men¬ schengeschlechts bezeichnet, und es wird pas¬ send seyn, an diese Bezeichnung eine wiederholte Uebersicht des Ganzen anzuknuͤpfen. In der Regel galt bisher die Sinnenwelt fuͤr die rechte eigentliche, wahre, und wirklich bestehende Welt, sie war die erste, die dem Zoͤglinge der Erziehung vorgefuͤhrt wurde; von ihr erst wurde er zum Denken, und zwar meist zu einem Denken uͤber diese, und im Dienste derselben angefuͤhrt. Die neue Erziehung kehrt diese Ordnung geradezu um. Ihr ist nur die Welt, die durch das Denken erfaßt wird, die wahre, und wirklich bestehende Welt; in diese will sie ihren Zoͤgling, sogleich wie sie mit dem¬ selben beginnt, einfuͤhren. An diese Welt allein will sie seine ganze Liebe, und sein ganzes Wohlgefallen binden; so daß ein Leben allein in dieser Welt des Geistes bei ihm nothwendig entstehe, und hervorkomme. Bisher lebte in der Mehrheit allein das Fleisch, die Materie, die Natur; durch die neue Erziehung soll in T der Mehrheit, ja gar bald in der Allheit, allein der Geist leben, und dieselbe treiben; der feste und gewisse Geist, von welchem fruͤher, als von der einzigmoͤglichen Grundlage eines wohlein¬ gerichteten Staats gesprochen worden, soll im allgemeinen erzeugt werden. Durch eine solche Erziehung wird ohne Zweifel der Zwek, den wir zunaͤchst uns vor¬ gesezt haben, und von dem unsre Reden aus¬ gegangen sind, erreicht. Jener zu erzeugende Geist fuͤhrt die hoͤhere Vaterlandsliebe, das Erfassen seines irdischen Lebens als eines ewi¬ gen, und des Vaterlandes, als des Traͤgers dieser Ewigkeit, und, falls er in den Deutschen aufgebauet wird, die Liebe fuͤr das deutsche Vaterland, als einen seiner nothwendigen Be¬ standtheile unmittelbar in sich selber; und aus dieser Liebe folgt der muthige Vaterlandsver¬ theidiger, und der ruhige und rechtliche Buͤrger von selbst. Es wird durch eine solche Erziehung sogar noch mehr erreicht, als dieser naͤchste Zwek; wie das allemal der Fall ist, wo ein großes Ziel durch ein durchgreifendes Mittel gewollt wird; der ganze Mensch wird nach allen seinen Theilen vollendet, in sich selbst abgerun¬ det, nach außen zu allen seinen Zweken in Zeit und Ewigkeit mit vollkommner Tuͤchtigkeit aus¬ gestattet. Mit unsrer Genesung fuͤr Nation und Vaterland hat die geistige Natur unsre vollkommene Heilung von allen Uebeln, die uns druͤken, unzertrennlich verknuͤpft. Mit der stumpfen Verwunderung, daß eine solche Welt des bloßen Gedankens behauptet, und sogar als die einzig moͤgliche Welt behaupt¬ tet, dagegen die Sinnenwelt ganz weggewor¬ fen werde, so wie mit der Ablaͤugnung der erstern entweder uͤberhaupt, oder nur der Moͤg¬ lichkeit, daß selbst die Mehrheit des großen Volks in dieselbe eingefuͤhrt werden koͤnne, haben wir es hier nicht mehr zu thun, sondern haben dieselben schon fruͤher gaͤnzlich von uns weggewiesen. Wer noch nicht weiß, daß es eine Welt des Gedankens gebe, der mag in¬ dessen anderwaͤrts durch die vorhandenen Mit¬ tel sich davon belehren, wir haben hier zu dieser Belehrung nicht Zeit; wie aber sogar die Mehrheit des großen Volks zu derselben emporgehoben werden koͤnne, dies wollen wir eben zeigen. Indem nun, unserm eignen wohlbedachten T 2 Sinne nach, der Gedanke einer solchen neuen Erziehung keinesweges als ein bloßes zur Ue¬ bung des Scharfsinns oder der Streitfertigkeit aufgestelltes Bild zu betrachten ist, sondern der¬ selbe vielmehr zur Stunde ausgeuͤbt, und ins Leben eingefuͤhrt werden soll, so kommt uns zufoͤrderst zu, anzugeben, an welches in der wirklichen Welt schon vorliegende Glied diese Ausfuͤhrung sich anknuͤpfen solle. Wir geben auf diese Frage zur Antwort: an den von Johann Heinrich Pestalozzi er¬ fundenen, vorgeschlagenen, und unter dessen Augen schon in gluͤklicher Ausuͤbung befind¬ lichen Unterrichtsgang soll sie sich anschließen. Wir wollen diese unsre Entscheidung tiefer be¬ gruͤnden und naͤher bestimmen. Zufoͤrderst, wir haben die eignen Schriften des Mannes gelesen, und durchdacht, und aus diesen unsern Begriff seiner Unterrichts- und Erziehungskunst uns gebildet; gar keine Kunde aber haben wir genommen von dem, was die ge¬ lehrten Neuigkeitsblaͤtter daruͤber berichtet, und gemeint, und uͤber die Meinungen wieder ge¬ meint haben. Wir merken dies darum an, um jedem, der uͤber diesen Gegenstand gleich¬ falls einen Begriff zu haben begehrt, denselben Weg, und die durchgaͤngige Vermeidung des entgegengesezten, zu empfehlen. Eben so wenig haben wir bis jezt etwas von der wirklichen Ausuͤbung sehen wollen, keinesweges aus Nichtachtung, sondern weil wir uns erst einen festen und sichern Begriff von der wahren Ab¬ sicht des Erfinders, hinter welcher die Aus¬ uͤbung oft zuruͤckbleiben kann, verschaffen woll¬ ten, aus diesem Begriffe aber der Begriff von der Ausuͤbung und dem nothwendigen Erfolge, ohne alles Probiren, sich von selbst ergiebt, und man, nur mit diesem ausgestattet, die Ausuͤbung wahrhaftig verstehen, und richtig beurtheilen kann. Sollte, wie einige glauben, auch dieser Unterrichtsgang schon hier und da in ein blindes empirisches Zutappen, und in leere Spielerei, und Schauauslegerei aus¬ geartet seyn, so ist meines Erachtens der Grund¬ begriff des Erfinders wenigstens daran ganz unschuldig. Fuͤr diesen Grundbegriff nun buͤrgt mir zu¬ erst die Eigenthuͤmlichkeit des Mannes selber, wie er diese in seinen Schriften mit der treu¬ sten und gemuͤthvollsten Offenheit darlegt. An ihm haͤtte ich eben so gut, wie an Luther, oder falls es noch andere diesen gleichende gegeben hat, an irgend einem andern, die Grundzuͤge des deutschen Gemuͤths darlegen, und den er¬ freuenden Beweis fuͤhren koͤnnen, daß dieses Gemuͤth in seiner ganzen wunderwirkenden Kraft in dem Umkreise der deutschen Zunge noch bis auf diesen Tag walte. Auch er hat ein muͤhvolles Leben hindurch, im Kampfe mit allen moͤglichen Hindernissen, von innen mit eigner hartnaͤkiger Unklarheit und Unbehol¬ fenheit, und selbst hoͤchst spaͤrlich ausgestattet mit den gewoͤhnlichsten Huͤlfsmitteln der ge¬ lehrten Erziehung, aͤußerlich mit anhalten¬ der Verkennung, gerungen nach einem bloß geahndeten ihm selbst durchaus unbewu߬ ten Ziele, aufrecht gehalten und getrieben durch einen unversiegbaren, und allmaͤch¬ tigen und deutschen Trieb, die Liebe zu dem armen verwahrlosten Volke. Diese all¬ maͤchtige Liebe hatte ihn, eben so wie Luthern, nur in einer andern und seiner Zeit angemeßne¬ ren Beziehung, zu ihrem Werkzeuge gemacht, und war das Leben geworden in seinem Leben, sie war der ihm selbst unbekannte feste und unwan¬ delbare Leitfaden dieses seines Lebens, der es hindurchfuͤhrte durch alle ihn umgebende Nacht, und der den Abend desselben — denn es war unmoͤglich daß eine solche Liebe unbelohnt von der Erde abtrete — kroͤnte mit seiner wahrhaft geistigen Erfindung, die weit mehr leistete, denn er je mit seinen kuͤhnsten Wuͤnschen be¬ gehrt hatte. Er wollte bloß dem Volke helfen; aber seine Erfindung, in ihrer ganzen Ausdeh¬ nung genommen, hebt das Volk, hebt allen Unterschied zwischen diesem und einem gebilde¬ ten Stande, auf, giebt, statt der gesuchten Volks- Erziehung, National-Erziehung, und haͤtte wohl das Vermoͤgen den Voͤlkern, und dem ganzen Menschengeschlechte, aus der Tiefe sei¬ nes dermaligen Elendes emporzuhelfen. Dieser sein Grundbegriff sieht in seinen Schriften mit vollkommener Klarheit, und un¬ verkennbarer Bestimmtheit da. Zufoͤrderst will er in Absicht der Form nicht die bisherige Will¬ kuͤhr und das blinde Herumtappen, sondern er will eine feste und sicher berechnete Kunst der Erziehung, wie auch wir es wollen, und wie deutsche Gruͤndlichkeit es nothwendig wollen muß; und er erzaͤhlt sehr unbefangen, wie eine franzoͤsische Phrase, daß er nemlich die Erziehung mechanisiren wolle, ihm uͤber diesen seinen Zwek aus dem Traume geholfen habe. In Absicht des Inhalts ist es der erste Schritt der von mir beschriebenen neuen Erziehung, daß sie die freie Geistesthaͤtigkeit des Zoͤglings, sein Denken, in welchem spaͤterhin die Welt seiner Liebe ihm aufgehen soll, anrege, und bilde; mit diesem ersten Schritte beschaͤftigen sich Pestalozzis Schriften vorzuͤglich, und auf diesen Gegenstand geht unsre Pruͤfung seines Grundbegriffs zu allererst. In dieser Ruͤksicht ist nun desselben Tadel des bisherigen Unter¬ richts, daß derselbe den Schuͤler nur in Nebel und Schatten eingetaucht, und denselben nie¬ mals zur wirklichen Wahrheit und Realitaͤt habe gelangen lassen, gleichbedeutend mit dem unsrigen, daß dieser Unterricht nicht vermocht habe, in das Leben einzugreifen, noch die Wur¬ zel desselben zu bilden; und Pestalozzis dage¬ gen vorgeschlagenes Huͤlfsmittel, den Zoͤgling in die unmittelbare Anschauung einzufuͤhren, ist gleichbedeutend mit dem unsrigen, die Gei¬ stesthaͤtigkeit desselben zum Entwerfen von Bil¬ dern anzuregen, und nur an diesem freien Bilden ihn lernen zu lassen, alles, was er lernt: denn nur von dem freientworfenen ist An¬ schauung moͤglich. Daß der Erfinder es wirk¬ lich also meint, und keinesweges unter An¬ schauung jene blindtappende und betastende Wahrnehmung versteht, beweist die nachher angegebene Ausuͤbung. Gleichfalls ganz rich¬ tig wird dieser Anregung der Anschauung des Zoͤglings durch die Erziehung das allgemeine, und sehr tief eingreifende Gesez gegeben, hier¬ in mit dem Anfange und Fortschritte der zu entwikelnden Kraͤfte des Kindes genau Schritt zu halten. Dagegen haben die gesammten Mißgriffe dieses Pestalozzischen Unterrichts-Plans in Ausdruͤken und Vorschlaͤgen die Eine gemein¬ schaftliche Quelle, daß der duͤrftige und be¬ grenzte Zwek, auf welchen anfangs ausgegan¬ gen wurde, aͤußerst vernachlaͤssigten Kindern aus dem Volke, unter der Voraussetzung, daß das Ganze bliebe, so wie es ist, die nothduͤrf¬ tigste Huͤlfe zu leisten, von einer Seite, und von der andern, das zu einem weit hoͤhern Zweke fuͤhrende Mittel, in Vermengung und Widerstreit mit einander gerathen; und man wird vor allem Irthume gesichert, und erhaͤlt einen mit sich vollkommen uͤbereinstimmenden Begriff, wenn man das erstere, und alles, was aus dessen Beachtung gefolgt ist, fallen laͤßt, und sich bloß an das leztere haͤlt, und es fol¬ gegemaͤß durchfuͤhrt. Ohne Zweifel entstand lediglich aus dem Wunsche, jene Kinder der aͤußersten Armuth sobald als moͤglich aus der Schule zum Broderwerb zu entlassen, und den¬ noch sie mit einem Mittel zu versehen, wodurch sie den abgebrochenen Unterricht nachholen koͤnnten, in Pestalozzis liebendem Gemuͤthe die Ueberschaͤtzung des Lesens und Schreibens, die Aufstellung dieser beinahe als Ziel und Gipfel des Volksunterrichts, sein unbefangener Glaube an die Aussage der abgelaufenen Jahrtausende, daß dieses die besten Huͤlfsmittel der Belehrung seyen; da er ja außerdem gefunden haben wuͤrde, daß gerade dieses Lesen und Schreiben bisher die eigentlichen Werkzeuge gewesen, um die Menschen in Nebel und Schatten einzuhuͤl¬ len, und sie uͤberklug zu machen: daher auch ruͤhren ohne Zweifel mehrere andere mit seinem Grundsatze der unmittelbaren Anschauung im Widerspruche stehende Vorschlaͤge, und beson¬ ders seine durchaus irrige Ansicht der Sprache, als eines Mittels unser Geschlecht von dunkler Anschauung zu deutlichen Begriffen zu erheben. Wir unsres Orts haben nicht von Erziehung des Volks im Gegensatze hoͤherer Staͤnde ge¬ redet, indem wir Volk in diesem Sinne, nie¬ dern und gemeinen Poͤbel, gar nicht laͤnger ha¬ ben wollen, noch er fuͤr die deutschen Natio¬ nalangelegenheiten ferner ertragen werden kann, sondern wir haben von Nationalerzie¬ hung geredet. Soll es jemals zu dieser kom¬ men, so muß der armseelige Wunsch, daß die Erziehung doch ja recht bald vollendet seyn, und das Kind wieder hinter die Arbeit gestellt werden moͤge, gar nicht mehr zu Odem kom¬ men, sondern sogleich an der Schwelle der Be¬ rathung uͤber diese Angelegenheit abgelegt wer¬ den. Zwar wird meines Erachtens diese Er¬ ziehung nicht kostspielig seyn, die Anstalten werden guten Theils sich selbst erhalten koͤn¬ nen, und es wird der Arbeit kein Eintrag ge¬ schehen; und ich werde meine Gedanken hier¬ uͤber zu seiner Zeit darlegen: aber wenn dies auch nicht so waͤre, so muß unbedingt und auf jede Gefahr der Zoͤgling in der Erziehung so lange bleiben, bis sie vollendet ist, und vollen¬ det seyn kann; jene halbe Erziehung ist um nichts besser, denn gar keine; sie laͤßt es eben beim Alten, und wenn man dies will, so er¬ spare man sich lieber auch das Halbe, und er¬ klaͤre gleich von vorn herein geradezu, daß man nicht wolle, daß der Menschheit geholfen werde. Unter jener Voraussetzung nun kann in der bloßen National-Erziehung, so lange dieselbe dauert, Lesen und Schreiben zu nichts nuͤtzen, wohl aber kann es sehr schaͤdlich werden, in¬ dem es von der unmittelbaren Anschauung zum bloßen Zeichen, und von der Aufmerksamkeit, die da weiß, daß sie nichts fasse, wenn sie es nicht jezt und zur Stelle faßt, zur Zerstreutheit, die sich ihres Niederschreibens troͤstet, und ir¬ gend einmal vom Papiere lernen will, was sie wahrscheinlich nie lernen wird, und uͤberhaupt zu der den Umgang mit Buchstaben so oft be¬ gleitenden Traͤumerei leichtlich verleiten koͤnnte, so wie es dieses auch bisher gethan hat. Erst am voͤlligen Schlusse der Erziehung, und als das lezte Geschenk derselben mit auf den Weg, koͤnnten diese Kuͤnste mitgetheilt, und der Zoͤg¬ ling geleitet werden durch Zergliederung der Sprache, die er schon laͤngst vollkommen be¬ sizt, die Buchstaben zu erfinden und zu ge¬ brauchen; welches ihm bei der uͤbrigen Bil¬ dung, die er schon erlangt hat, ein Spiel seyn wuͤrde. So in der bloßen, und allgemeinen Na¬ tional-Erziehung. Etwas anderes ist es mit dem kuͤnftigen Gelehrten. Dieser soll einst nicht bloß uͤber das allgemeingeltende sich aus¬ sprechen, wie es ihm ums Herz ist, sondern er soll auch in einsamen Nachdenken die verbor¬ gene, und ihm selber unbewußte eigenthuͤmliche Tiefe seines Gemuͤths in das Licht der Sprache er¬ heben, und er muß darum fruͤher an der Schrift das Werkzeug dieses einsamen und dennoch lauten Denkens in die Haͤnde bekommen, und bilden lernen; doch wird auch mit ihm weniger zu eilen seyn, als es bisher geschehen. Es wird dies zu seiner Zeit bei der Unterscheidung der bloßen National-Erziehung von der ge¬ lehrten deutlicher erhellen. In Gemaͤßheit dieser Ansicht ist alles, was der Erfinder uͤber Schall und Wort, als Ent¬ wiklungsmittel der geistigen Kraft spricht, zu berichtigen, und zu beschraͤnken. In das Ein¬ zelne zu gehen, erlaubt mir nicht der Plan die¬ ser Reden. Nur noch die folgende tief in das Ganze greifende Bemerkung. Die Grundlage seiner Entwiklung aller Erkenntniß enthaͤlt sein Buch fuͤr Muͤtter; indem er unter andern gar sehr auf haͤusliche Erziehung rechnet. Was zufoͤrderst diese, die haͤusliche Erziehung, selbst anbelangt, so wollen wir zwar mit ihm keines¬ weges uͤber die Hofnungen, die er sich von den Muͤttern macht, streiten; was aber unsern hoͤ¬ hern Begriff einer National-Erziehung anbe¬ langt, so sind wir fest uͤberzeugt, daß diese, be¬ sonders bei den arbeitenden Staͤnden, im Hause der Eltern, und uͤberhaupt ohne gaͤnzliche Ab¬ sonderung der Kinder von ihnen, durchaus weder angefangen, noch fortgesetzt, oder voll¬ endet werden kann. Der Druk, die Angst um das taͤgliche Auskommen, die kleinliche Ge¬ nauigkeit, und Gewinnsucht, die sich hierzu¬ fuͤgt, wuͤrde die Kinder nothwendig anstecken, herabziehen, und sie verhindern, einen freien Aufflug in die Welt des Gedankens zu nehmen. Dies ist auch eine der Voraussetzungen, die bei der Ausfuͤhrung unsers Plans unbedingt ist, und auf keine Weise zu erlassen. Was daraus wird, wenn die Menschheit im Ganzen in jedem folgenden Zeitalter sich also wiederholt, wie sie im vorhergehenden war, haben wir nun zur Genuͤge ersehen; soll eine gaͤnzliche Umbildung mit derselben vorgenommen werden, so muß sie einmal ganz losgerissen werden von sich sel¬ ber, und ein trennender Einschnitt gemacht werden in ihr hergebrachtes Fortleben. Erst nachdem ein Geschlecht durch die neue Erziehung hindurch gegangen seyn wird, wird sich berath¬ schlagen lassen, welchen Theil von der National- Erziehung man dem Hause anvertrauen wolle. — Dies nun abgerechnet, und das Pestaloz¬ zische Buch fuͤr die Muͤtter lediglich als erste Grundlage des Unterrichts betrachtet, ist auch der Inhalt desselben, der Koͤrper des Kindes, ein vollkommner Mißgriff. Er geht von dem sehr richtigen Satze aus, der erste Gegenstand der Erkenntniß des Kindes muͤsse das Kind selbst seyn, aber ist denn der Koͤrper des Kindes das Kind selbst? waͤre, wenn es doch ein mensch¬ licher Koͤrper seyn sollte, der Koͤrper der Mut¬ ter ihm nicht weit naͤher, und sichtbarer? und wie kann doch das Kind eine anschauliche Er¬ kenntnis von seinem Koͤrper bekommen, ohne zuerst gelernt zu haben, denselben zu gebrau¬ chen? Jene Kenntniß ist keine Erkenntniß, son¬ dern ein bloßes Auswendiglernen von willkuͤhr¬ lichen Wortzeichen, das durch die Ueberschaͤz¬ zung des Redens herbei gefuͤhrt wird. Die wahre Grundlage des Unterrichts und der Er¬ kenntniß waͤre, um es in der Pestalozzischen Sprache zu bezeichnen, ein ABC der Empfin¬ dungen. Wie das Kind anfaͤngt, Sprachtoͤne zu vernehmen, und selbst nothduͤrftig zu bilden, muͤßte es geleitet werden, sich vollkommen deut¬ lich zu machen, ob es hungere, oder schlaͤfrig sey, ob es die mit dem oder dem Ausdrucke bezeichnete ihm gegenwaͤrtige Empfindung sehe, oder ob es vielmehr dieselbe hoͤre, u. s. f. oder ob es wohl gar etwas bloß hinzudenke; wie die verschiedenen durch besondere Woͤrter bezeich¬ neten Eindruͤcke auf denselben Sinn, z. B die Farben, die Schalle der verschiedenen Koͤrper u. s. f. verschieden seyen, und in welchen Ab¬ stufungen; alles dies in richtiger, und das Em¬ pfindungsvermoͤgen selbst regelmaͤßig entwik¬ kelnder Folge. Hiedurch erhaͤlt das Kind erst ein Ich, das es im freien, und besonnenen Begriffe absondert, und mit demselben durch¬ dringt, dringt, und gleich bei seinem Erwachen ins Le¬ ben wird dem Leben ein geistiges Auge einge¬ setzt, das von nun an wohl nicht wieder von demselben lassen wird. Hiedurch erhalten auch fuͤr die nachfolgenden Uebungen der Anschau¬ ung die an sich leeren Formen des Maaßes und der Zahl ihren deutlich erkannten innern Ge¬ halt, der bei der Pestalozzischen Verfahrungs¬ weise doch nur durch dunklen Hang und Zwang ihnen hinzugesetzt werden kann. Es kommt in den Pestalozzischen Schriften ein in dieser Ruͤk¬ sicht merkwuͤrdiges Gestaͤndniß eines seiner Leh¬ rer vor, der in dieses Verfahren eingeweiht, anfing nur noch ausgeleerte geometrische Koͤr¬ per zu erblicken. So muͤßte es allen Zoͤglingen dieses Verfahrens ergehen, wenn nicht unver¬ merkt die geistige Natur dagegen sicherte. Hier auch, bei diesem deutlichen Erfassen dessen, was eigentlich empfunden wird, ist der Ort, wo, zwar nicht das Sprachzeichen, aber das Reden selbst, und das Beduͤrfniß sich fuͤr andere aus¬ zusprechen, den Menschen bildet, und ihn aus der Dunkelheit und Verworrenheit zur Klar¬ heit und Bestimmtheit erhebt. Auf das zuerst zum Bewußtseyn erwachende Kind dringen alle U Eindruͤcke der dasselbe umgebenden Natur zu¬ gleich ein, und vermischen sich zu einem dum¬ pfen Chaos, in welchem nichts einzelnes aus dem allgemeinen Gewuͤhl hervorsteht. Wie soll es jemals herauskommen aus dieser Dumpf¬ heit? Es bedarf der Huͤlfe anderer; es kann diese Huͤlfe auf keine andere Weise an sich brin¬ gen, denn dadurch, daß es sein Beduͤrfniß be¬ stimmt ausspreche, mit den Unterscheidungen von aͤhnlichen Beduͤrfnissen, die schon in der Sprache niedergelegt sind. Es wird genoͤthigt, nach Anleitung jener Unterscheidungen, mit Zu¬ ruͤckziehung und Sammlung auf sich zu mer¬ ken, das, was es wirklich fuͤhlt, zu vergleichen, und zu unterscheiden von anderem, das es wohl auch kennt, aber gegenwaͤrtig nicht fuͤhlt. Hier¬ durch sondert sich erst ab in ihm ein besonne¬ nes, und freies Ich. Diesen Weg nun, den Noth, und Natur mit uns anhebt, soll die Er¬ ziehung mit besonnener und freier Kunst fort¬ setzen. Im Felde der objektiven Erkenntniß, die auf aͤußere Gegenstaͤnde geht, fuͤgt die Be¬ kanntschaft mit dem Wortzeichen der Deutlich¬ keit und Bestimmtheit der innern Erkenntniß fuͤr den Erkennenden selbst durchaus nichts hin¬ zu, sondern sie erhebt dieselbe bloß in den voͤl¬ lig verschiedenen Kreis der Mittheilbarkeit fuͤr andere. Die Klarheit jener Erkenntniß beruht gaͤnzlich auf der Anschauung, und dasjenige, was man nach Belieben in allen seinen Thei¬ len, gerade so wie es wirklich ist, in der Ein¬ bildungskraft wieder erzeugen kann, ist voll¬ kommen erkannt, ob man nun dazu ein Wort habe, oder nicht. Wir sind sogar der Ueberzeu¬ gung, daß jene Vollendung der Anschauung, der Bekanntschaft mit dem Wortzeichen, vorausge¬ hen muͤsse, und daß der umgekehrte Weg gerade in jene Schatten- und Nebel-Welt, und zu dem fruͤhen Maulbrauchen, welche beide Pestaloz¬ zi'n mit Recht so verhaßt sind, fuͤhre, ja, daß der, der nur je eher je lieber das Wort wissen will, und der seine Erkenntnisse fuͤr vermehrt haͤlt, so bald er es weiß, eben in jener Nebel¬ welt lebt, und bloß um deren Erweiterung be¬ kuͤmmert ist. Des Erfinders Denkgebaͤude im Ganzen erfassend, glaube ich, daß es gerade dieses ABC der Empfindung war, was er, als erste Grundlage der geistigen Entwiklung, und als Inhalt seines Buchs der Muͤtter, anstrebte, U 2 und was ihm dunkel, bei allen seinen Aeuße¬ rungen uͤber die Sprache, vorschwebte, und daß allein der Mangel an philosophischen Studien ihn verhinderte, in diesem Punkte sich selber vollkommen klar zu werden. Diese Entwiklung nun des erkennenden Subjekts selbst, an der Empfindung, vorausge¬ sezt, und der National-Erziehung, die wir be¬ absichtigen, als allererste Grundlage unterge¬ legt, ist das Pestalozzische A B C der Anschauung, die Lehre von den Zahl- und Maaß-Verhaͤlt¬ nissen, die vollkommen zwekmaͤßige, und vor¬ trefliche Folge. An diese Anschauung kann ein beliebiger Theil der Sinnenwelt geknuͤpft werden, sie kann eingefuͤhrt werden in das Ge¬ biet der Mathematik, so lange, bis an diesen Voruͤbungen der Zoͤgling hinlaͤnglich gebildet sey, um zur Entwerfung einer gesellschaftlichen Ordnung der Menschen, und zur Liebe dieser Ordnung, als dem zweiten und wesentlichen Schritte seiner Bildung, angefuͤhrt zu werden. Noch ist, gleich beim ersten Theile der Erzie¬ hung ein anderer von Pestalozzi gleichfalls in Anregung gebrachter Gegenstand nicht zu uͤber¬ gehen; die Entwiklung der koͤrperlichen Fertig¬ keit des Zoͤglings, die mit der geistigen noth¬ wendig Hand in Hand gehend fortschreiten muß. Erfordert ein ABC der Kunst, d.h. des koͤrperlichen Koͤnnens. Seine hervor¬ stechendsten Aeußerungen hieruͤber sind fol¬ gende: „Schlagen, Tragen, Werfen, Stoßen, „Ziehen, Drehen, Ringen, Schwingen u. s. f. „seien die einfachsten Uebungen der Kraft. Es „gebe eine naturgemaͤße Stuffenfolge von den „Anfaͤngen in diesen Uebungen bis zu ihrer „vollendeten Kunst, d.i. bis zum hoͤchsten Grade „des Nerventaktes, der Schlag und Stoß, „Schwung und Wurf, in hundertfachen Ab¬ „wechselungen sichere, und Hand und Fuß „gewiß mache.“ Alles kommt hiebei auf die naturgemaͤße Stuffenfolge an, und es reicht nicht hin, daß man mit blinder Willkuͤhr hin¬ eingreife, und irgend eine Uebung einfuͤhre, da¬ mit doch von uns gesagt werden koͤnne, wir haͤtten auch, etwa wie die Griechen, koͤrperliche Erziehung. In dieser Ruͤcksicht ist nun noch alles zu thun, denn Pestalozzi hat kein ABC der Kunst geliefert. Dieses muͤßte erst geliefert werden, und zwar bedarf es dazu eines Man¬ nes, der, in der Anatomie des menschlichen Koͤrpers, und in der wissenschaftlichen Mecha¬ nik auf gleiche Weise zu Hause, mit diesen Kenntnissen ein hohes Maaß philosophischen Geistes verbaͤnde, und der auf diese Weise faͤhig waͤre, in allseitiger Vollendung diejenige Ma¬ schine zu finden, zu der der menschliche Koͤrper angelegt ist, und anzugeben, wie diese Ma¬ schine allmaͤhlig, also daß jeder Schritt in der einzig moͤglichen richtigen Folge geschaͤhe, durch jeden alle kuͤnftigen vorbereitet, und erleichtert, und dabei die Gesundheit, und Schoͤnheit des Koͤrpers, und die Kraft des Geistes nicht nur nicht gefaͤhrdet, sondern sogar gestaͤrkt und erhoͤht wuͤrde, wie, sage ich, auf diese Weise diese Maschine aus jedem gesunden menschlichen Koͤrper entwikelt werden koͤnne. Die Unerla߬ lichkeit dieses Bestandtheils fuͤr eine Erziehung, die den ganzen Menschen zu bilden verspricht, und die besonders fuͤr eine Nation sich be¬ stimmt, welche ihre Selbststaͤndigkeit, wieder her¬ stellen, und fernerhin erhalten soll, faͤllt ohne weitere Erinnerung in die Augen. Was fuͤr naͤhere Bestimmung unsers Be¬ griffs von deutscher National-Erziehung noch ferner zu sagen ist, behalten wir vor der naͤchst¬ kuͤnftigen Rede. Zehnte Rede. Zur naͤhern Bestimmung der deutschen National-Erziehung. D ie Anfuͤhrung des Zoͤglings, zuerst seine Empfindungen, sodann seine Anschauungen sich klar zu machen, mit welcher eine folgegemaͤße Kunstbildung seines Koͤrpers Hand in Hand gehen muß, ist der erste Haupttheil der neuen deutschen National-Erziehung. Was die Bil¬ dung der Anschauung betrift, haben wir eine zwekmaͤßige Anleitung von Pestalozzi; die noch ermangelnde zur Bildung des Empfindungs- Vermoͤgens wird derselbe Mann, und seine Mitarbeiter, die zur Loͤsung dieser Aufgabe zu¬ naͤchst berufen sind, leicht geben koͤnnen. Eine Anweisung zur folgegemaͤßen Ausbildung der koͤrperlichen Kraft fehlt noch: es ist angegeben, was zu Loͤsung dieser Aufgabe erfordert werde, und es ist zu hoffen, daß, wenn die Nation Begierde nach dieser Loͤsung bezeugen sollte, dieselbe sich finden werde. Dieser ganze Theil der Erziehung ist nur Mittel und Voruͤbung zu dem zweiten wesentlichen Theile derselben, der buͤrgerlichen und religioͤsen Erziehung. Was hier¬ uͤber im allgemeinen zu sagen dermalen Noth thut, ist in unsrer zweiten, und dritten Rede schon beigebracht, und wir haben in dieser Ruͤksicht nichts hinzuzusetzen. Eine bestimmte Anwei¬ sung zur Kunst dieser Erziehung zu geben ist, — immer wie sich versteht in Berathung und Ruͤk¬ sprache mit der Pestalozzischen eigentlichen Er¬ ziehungskunst — die Sache derselben Philo¬ sophie, die eine deutsche National-Erziehung uͤberhaupt in Vorschlag bringt; und diese Phi¬ losophie wird, wenn nur erst das Beduͤrfniß einer solchen Anweisung durch vollendete Aus¬ uͤbung des ersten Theils eintritt, nicht saͤumen, dieselbe zu liefern. Wie es moͤglich seyn werde, daß jedweder Zoͤgling, auch aus dem niedrig¬ sten Stande gebohren, indem der Stand der Geburt wahrhaftig keinen Unterschied in den Anlagen macht, den Unterricht uͤber diese Ge¬ genstaͤnde, der allerdings, wenn man so will, die allertiefste Metaphysik enthaͤlt, und die Ausbeute der abgezogensten Spekulation ist, und welche zu fassen dermalen sogar Ge¬ lehrten und selbst spekulirenden Koͤpfen so unmoͤglich faͤllt, fassen, und sogar leicht fassen werde; daruͤber ermuͤde man sich nur vor¬ laͤufig nicht im Hin- und Herzweifeln: wenn man nur in Absicht der ersten Schritte folgen will, so wird dies spaͤterhin die Erfahrung leh¬ ren. Nur darum, weil unsre Zeit uͤberhaupt in der Welt der leeren Begriffe gefesselt, und an keiner Stelle in die Welt der wahrhaftigen Realitaͤt, und Anschauung hineingekommen ist, ist es ihr nicht anzumuthen, daß sie gerade bei der allerhoͤchsten und geistigsten Anschauung, und nachdem sie schon uͤber alles Maaß klug ist, das Anschauen anfange. Ihr muß die Philosophie anmuthen ihre bisherige Welt auf¬ zugeben, und eine ganz andere sich zu verschaf¬ fen, und es ist kein Wunder, wenn eine solche Anmuthung ohne Erfolg bleibt. Der Zoͤgling unsrer Erziehung aber ist gleich von Anbeginn an einheimisch geworden in der Welt der An¬ schauung, und hat niemals eine andere gese¬ hen; er soll seine Welt nicht veraͤndern, son¬ dern sie nur steigern, und dieses ergiebt sich von selbst. Jene Erziehung ist zugleich, wie wir schon oben darauf deuteten, die einzig moͤgliche Erziehung fuͤr Philosophie, und das einige Mittel, diese leztere allgemein zu machen. Mit dieser buͤrgerlichen, und religioͤsen Er¬ ziehung nun ist die Erziehung beschlossen, und der Zoͤgling zu entlassen, und so waͤren wir denn fuͤrs erste in Absicht des Inhalts der vorgeschlagenen Erziehung im Reinen. Es muͤsse niemals das Erkenntnißvermoͤgen des Zoͤglings angeregt werden, ohne daß die Liebe fuͤr den erkannten Gegenstand es zugleich werde, indem außerdem die Erkenntniß todt, und eben so niemals die Liebe, ohne daß sie der Erkenntniß klar werde, indem außerdem die Liebe blind bleibe: ist einer der Hauptgrund¬ saͤtze der von uns vorgeschlagnen Erziehung, mit welchem auch Pestalozzi seinem ganzen Denk¬ gebaͤude zufolge einverstanden seyn muß. Die Anregung und Entwiklung dieser Liebe nun knuͤpft sich an den folgegemaͤßen Lehrgang am Faden der Empfindung, und der Anschauung, von selbst, und kommt, ohne allen unsern Vor¬ satz, oder Zuthun. Das Kind hat einen na¬ tuͤrlichen Trieb nach Klarheit, und Ordnung; dieser wird in jenem Lehrgange immerfort be¬ friedigt, und erfuͤllt so das Kind mit Freude und Lust; mitten in der Befriedigung aber wird er, durch die neuen Dunkelheiten, die nun zum Vorschein kommen, wiederum ange¬ regt, und so ferner befriediget, und so geht das Leben hin in Liebe, und Lust am Lernen. Dies ist die Liebe, wodurch jeder einzelne an die Welt des Gedankens geknuͤpft wird, das Band der Sinnen- und Geisterwelt uͤberhaupt. Durch diese Liebe entsteht, in dieser Erziehung sicher und berechnet, so wie bisher durch das Ohn¬ gefaͤhr, bei wenigen vorzuͤglich beguͤnstigten Koͤpfen, die leichte Entwiklung des Erkennt¬ nißvermoͤgens, und die gluͤckliche Bearbeitung der Felder der Wissenschaft. Noch aber giebt es eine andere Liebe, die¬ jenige, welche den Menschen an den Menschen bindet, und alle Einzelne zu einer einigen Ver¬ nunftgemeine der gleichen Gesinnung verbindet. Wie jene die Erkenntniß, so bildet diese das handelnde Leben, und treibt an, das erkannte in sich und andern darzustellen. Da es fuͤr unsern eigentlichen Zwek wenig helfen wuͤrde, bloß die Gelehrten-Erziehung zu verbessern, und die von uns beabsichtigte National-Erzie¬ hung zunaͤchst nicht darauf ausgeht, Gelehrte, sondern eben Menschen zu bilden, so ist klar, daß neben jener ersten auch die Entwiklung der zweiten Liebe unerlaͤßliche Pflicht dieser Er¬ ziehung ist. Pestalozzi redet Ansichten , Erfahrungen und Mittel zur Befoͤrderung einer der Menschen¬ natur angemessenen Erziehungsweise . Leipzig 1807, bei Graͤff. von diesem Gegenstande mit herzerhebender Begeisterung; dennoch aber muͤssen wir bekennen, daß alles dieses uns nicht im mindesten klar geschienen hat, und am allerwenigsten so klar, daß es einer kunst¬ maͤßigen Entwiklung jener Liebe zur Grundlage dienen koͤnne. Es ist darum noͤthig, daß wir unsre eigenen Gedanken zu einer solchen Grund¬ lage mittheilen. Die gewoͤhnliche Annahme, daß der Mensch von Natur selbstsuͤchtig sey, und auch das Kind mit dieser Selbstsucht gebohren werde, und daß es allein die Erziehung sey, die dem¬ selben eine sittliche Triebfeder einpflanze, gruͤn¬ det sich auf eine sehr oberflaͤchliche Beobach¬ tung, und ist durchaus falsch. Da aus nichts sich nicht etwas machen laͤßt, die noch so weit fortgesezte Entwiklung eines Grundtriebes aber ihn doch niemals zu dem Gegentheile von sich selbst machen kann; wie sollte doch die Erzie¬ hung vermoͤgen, jemals Sittlichkeit in das Kind hineinzubringen, wenn diese nicht urspruͤng¬ lich, und vor aller Erziehung vorher in dem¬ selben waͤre? So ist sie es denn auch wirklich, in allen menschlichen Kindern, die zur Welt ge¬ bohren werden; die Aufgabe ist bloß die ur¬ spruͤnglichste, und reinste Gestalt, in der sie zum Vorschein kommt, zu ergruͤnden. Durchgefuͤhrte Spekulation sowohl, als die gesammte Beobachtung stimmen uͤberein, daß diese urspruͤnglichste, und reinste Gestalt der Trieb nach Achtung sey, und daß diesem Triebe erst das sittliche, als einzig moͤglicher Gegen¬ stand der Achtung, das Rechte, und Gute, die Wahrhaftigkeit, die Kraft der Selbstbeherr¬ schung, in der Erkenntniß aufgehe. Beim Kinde zeigt sich dieser Trieb zuerst als Trieb auch geachtet zu werden, von dem, was ihm die hoͤchste Achtung einstoͤßt; und es richtet sich dieser Trieb, zum sichern Beweise, daß keines¬ weges aus der Selbstsucht die Liebe stamme, in der Regel weit staͤrker, und entschiedener auf den ernsteren, oͤfter abwesenden, und nicht un¬ mittelbar als Wohlthaͤter erscheinenden Vater, denn auf die mit ihrer Wohlthaͤtigkeit stets gegenwaͤrtige Mutter. Von diesem will das Kind bemerkt seyn, es will seinen Beifall ha¬ ben; nur inwiefern dieser mit ihm zufrieden ist, ist es selbst mit sich zufrieden: dies ist die natuͤrliche Liebe des Kindes zum Vater; keines¬ weges als zum Pfleger seines sinnlichen Wohl¬ seyns, sondern als zu dem Spiegel, aus wel¬ chem ihm sein eigner Werth oder Unwerth ent¬ gegenstralt; an diese Liebe kann nun der Va¬ ter selbst schweren Gehorsam, und jede Selbst¬ verlaͤugnung leicht anknuͤpfen; fuͤr den Lohn seines herzlichen Beifalls gehorcht es mit Freu¬ den. Wiederum ist dies die Liebe, die es vom Vater begehrt, daß dieser bemerke sein Bestre¬ ben, gut zu seyn, und es anerkenne, daß er sich merken lasse, es mache ihm Freude, wenn er bil¬ ligen koͤnne, und thue ihm herzlich wehe, wenn er mißbilligen muͤsse, er wuͤnsche nichts mehr, als immer mit demselben zufrieden seyn zu koͤnnen, und alle seine Forderungen an dasselbe haben nur die Absicht, das Kind selbst immer besser und achtungswuͤrdiger zu machen; deren Anblik wiederum die Liebe des Kindes fort¬ dauernd belebt, und verstaͤrkt, und ihm zu allen seinen fernern Bestrebungen neue Kraft giebt. Dagegen wird diese Liebe ertoͤdtet durch Nicht¬ beachtung, oder anhaltendes unbilliges Verken¬ nen, ganz besonders aber erzeugt sogar Haß, wenn man in der Behandlung desselben Eigen¬ nuͤzigkeit blicken laͤßt, und z. B. einen durch die Unvorsichtigkeit desselben verursachten Ver¬ lust als ein Hauptverbrechen behandelt. Es sieht sich sodann als ein bloßes Werkzeug be¬ trachtet, und dies empoͤrt sein zwar dunkles, aber dennoch nicht abwesendes Gefuͤhl, daß es durch sich selbst einen Werth haben muͤsse. Um dies an einem Beispiele zu belegen. Was ist es doch, daß dem Schmerze der Zuͤch¬ tigung beim Kinde noch die Schaam hinzufuͤgt, und was ist diese Schaam? Offenbar ist sie das Gefuͤhl der Selbstverachtung, die es sich zufuͤgen muß, da ihm das Mißfallen seiner Eltern, und Erzieher bezeugt wird. Daher denn auch in einem Zusammenhange, wo die Bestrafung von keiner Schaam begleitet wird, es mit der Erziehung zu Ende ist, und die Be¬ strafung erscheint als eine Gewaltthaͤtigkeit, uͤber die der Zoͤgling mit hohem Sinne sich hin¬ wegsezt, und ihrer spottet. Dies also ist das Band, was die Menschen zur Einheit des Sinnes verknuͤpft, und dessen Entwiklung ein Hauptbestandtheil der Erzie¬ hung zum Menschen ist, — keinesweges sinnliche Liebe, sondern Trieb zu gegenseitiger Achtung. Dieser Trieb gestaltet sich auf eine doppelte Weise: im Kinde, ausgehend von unbedingter Achtung fuͤr die erwachsene Menschheit außer sich, zu dem Triebe, von dieser geachtet zu werden, und an ihrer wirklichen Achtung, als seinem Maaßstabe, abzunehmen, inwiefern es auch selbst sich achten duͤrfe. Dieses sich Ver¬ trauen auf einen fremden, und außer uns be¬ findlichen Maaßstab der Selbstachtung ist auch der eigenthuͤmliche Grundzug der Kindheit, und Unmuͤndigkeit, auf dessen Vorhandenseyn ganz allein die Moͤglichkeit aller Belehrung, und aller Erziehung der nachwachsenden Jugend zu vollendeten Menschen sich gruͤndet. Der muͤndige Mensch hat den Maaßstab seiner Selbstschaͤtzung in ihm selber, und will von andern geachtet seyn, nur inwiefern sie selbst erst seiner Achtung sich wuͤrdig gemacht haben; und bei ihm nimmt dieser Trieb die Gestalt des Verlangens an, andere achten zu koͤnnen, und achtungswuͤrdiges außer sich hervorzubringen. Wenn es nicht einen solchen Grundtrieb im Menschen gaͤbe, woher kaͤme doch die Erschei¬ nung, daß es dem auch nur ertraͤglich guten Menschen wehe thut, die Menschen schlechter zu finden, als er sie sich dachte, und daß es ihn tief schmerzt, sie verachten zu muͤssen; da es ja der Selbstsucht im Gegentheile wohl thun muͤßte, uͤber andere sich hochmuͤthig erheben zu koͤnnen? Diesen lezten Grundzug der Muͤn¬ digkeit nun soll der Erzieher darstellen, so wie auf den ersten bei dem Zoͤglinge sicher zu rech¬ nen ist. Der Zweck der Erziehung in dieser Ruͤksicht ist es eben, die Muͤndigkeit, in dem von uns angegebenen Sinne, hervorzubringen, und nur, nachdem dieser Zwek erreicht ist, ist die Erziehung wirklich vollendet, und zu Ende ge¬ bracht. Bisher sind viele Menschen ihr gan¬ zes Leben hindurch Kinder geblieben; diejeni¬ X gen, welche zu ihrer Zufriedenheit des Beifalls der Umgebung bedurften, und nichts rechtes geleistet zu haben glaubten, als wenn sie dieser gefielen. Ihnen hat man entgegengesezt, als starke und kraͤftige Charaktere, die wenigen, die uͤber fremdes Urtheil sich zu erheben, und sich selbst zu genuͤgen vermochten, und hat diese in der Regel gehaßt, indeß man jene zwar nicht achtete, aber dennoch sie liebenswuͤrdig fand. Die Grundlage aller sittlichen Erziehung ist es, daß man wisse, es sey ein solcher Trieb im Kinde, und ihn festiglich voraussetze, so¬ dann, daß man ihn in seiner Erscheinung er¬ kenne, und ihn durch zwekmaͤßige Aufregung, und durch Darreichung eines Stoffs, woran er sich befriedige, allmaͤhlich immer mehr entwikle. Die allererste Regel, daß man ihn auf den ihm allein angemessenen Gegenstand richte, auf das sittliche, keinesweges aber etwa in einem ihm fremdartigen Stoffe ihn abfinde. Das Lernen z.B. fuͤhrt seinen Reiz, und seine Belohnung in sich selber; hoͤchstens koͤnnte angestrengter Fleiß, als eine Uebung der Selbstuͤberwindung, Bei¬ fall verdienen; aber dieser freie, und uͤber die Forderung hinaus gehende Fleiß wird wenig¬ stens in der bloßen, allgemeinen National-Er¬ ziehung kaum eine Stelle finden. Daß da¬ her der Zoͤgling lerne, was er soll, muß be¬ trachtet werden, als etwas, das sich eben von selbst versteht, und wovon nicht weiter geredet wird; selbst das schnellere, und bessere Lernen des faͤhigern Kopfs muß betrachtet werden eben als ein bloßes Naturereigniß, das ihm selber zu keinem Lobe oder Auszeichnung dient, am allerwenigsten aber andere Maͤngel verdekt. Nur im sittlichen soll diesem Triebe sein Wir¬ kungskreis angewiesen werden; aber die Wur¬ zel aller Sittlichkeit ist die Selbstbeherrschung, die Selbstuͤberwindung, die Unterordnung sei¬ ner selbstsuͤchtigen Triebe unter den Begriff des Ganzen. Nur durch diese, und schlechthin durch nichts anderes, sey es dem Zoͤglinge moͤglich, den Beifall des Erziehers zu erhalten, dessen fuͤr seine eigne Zufriedenheit zu beduͤr¬ fen er von seiner geistigen Natur angewiesen, und durch die Erziehung gewoͤhnt ist. Es giebt, wie wir schon in unsrer zweiten Rede er¬ innert haben, zwei sehr verschiedene Weisen jener Unterordnung des persoͤnlichen Selbst un¬ X 2 ter das Ganze. Zufoͤrderst diejenige, die schlechthin seyn muß, und keinem in keinem Stuͤcke erlassen werden kann, die Unterwerfung unter das, um der bloßen Ordnung des Gan¬ zen willen entworfene, Gesez der Verfassung. Wer gegen dieses sich nicht vergeht, den trift nur nicht Mißfallen, keinesweges aber wird ihm Beifall zu Theil; so wie den, der sich dagegen verginge, wirkliches Mißfallen und Tadel treffen wuͤrde, der, da wo oͤffentlich ge¬ fehlt worden, auch oͤffentlich ergehen muͤßte, und, wo er fruchtlos bliebe, sogar durch hin¬ zugefuͤgte Strafe geschaͤrft werden koͤnnte. Sodann giebt es eine Unterordnung des Ein¬ zelnen unter das Ganze, die nicht gefordert, sondern nur freiwillig geleistet werden kann: daß man durch eigne Aufopferung den Wohl¬ stand desselben steigere, und vermehre. Um das Verhaͤltniß der bloßen Gesezmaͤßigkeit, und dieser hoͤhern Tugend, zu einander den Zoͤglin¬ gen gleich von Jugend auf recht einzupraͤgen, wird es zwekmaͤßig seyn, nur demjenigen, ge¬ gen den einen gewissen Zeitraum hindurch in der ersten Ruͤksicht keine Klage gewesen, solche freiwillige Aufopferungen, gleichsam als den Lohn der Gesezmaͤßigkeit, zu gestatten, dem aber, der in Regelmaͤßigkeit und Ordnung seiner selbst noch nicht ganz sicher ist, die Erlaubniß dazu zu versagen. Die Gegenstaͤnde solcher freiwilligen Leistungen sind im allgemeinen schon oben angezeigt, und werden tiefer unten sich noch naͤher ergeben. Dieser Art der Auf¬ opferung werde zu Theil thaͤtige Billigung, wirkliche Anerkennung ihrer Verdienstlichkeit, keinesweges zwar oͤffentlich, als Lob, was das Gemuͤth verderben, und eitel machen, und es von der Selbststaͤndigkeit ableiten koͤnnte, son¬ dern in geheim und mit dem Zoͤglinge allein. Diese Anerkennung soll nichts mehr seyn, als das eigne, dem Zoͤglinge auch aͤußerlich darge¬ stellte, gute Gewissen desselben, und die Bestaͤ¬ tigung seiner Zufriedenheit mit sich selbst, sei¬ ner Selbstachtung, und die Ermunterung, sich auch ferner zu vertrauen. Die hiebei beabsich¬ tigten Vortheile wuͤrde folgende Einrichtung vortreflich befoͤrdern. Wo mehrere Erzieher und Erzieherinnen sind, wie wir denn dies als die Regel voraussetzen, da waͤhle jedes Kind, frei, und so wie sein Vertrauen und sein Gefuͤhl dasselbe treibt, einen darunter zum besondern Freunde, und gleichsam Gewissens-Rathe. Bei diesem suche es Rath, in allen Faͤllen, wo es ihm schwer wird, recht zu thun; er helfe ihm durch freundliche Zusprache nach; er sey der Vertraute der freiwilligen Leistungen, die es uͤbernimmt; und er sey endlich derjenige, der das trefliche mit seinem Beifalle kroͤnt. In den Personen dieser Gewissensraͤthe nun muͤßte die Erziehung, jedem einzelnen nach seiner Weise, folgegemaͤß zu immer groͤßerer Staͤrke in der Selbstuͤberwindung, und Selbstbeherr¬ schung, emporhelfen; und so wird allmaͤhlig Festigkeit, und Selbststaͤndigkeit entstehen, durch deren Erzeugung die Erziehung sich selbst abschließt, und fuͤr die Zukunft aufhebt. Durch eignes Thun und Handeln schließt sich uns am klaͤrsten der Umfang der sittlichen Welt auf, und wem sie also aufgegangen ist, dem ist sie wahrhaftig aufgegangen. Ein solcher weiß nun selbst, was in ihr enthalten ist, und be¬ darf keines fremden Zeugnisses mehr uͤber sich, sondern vermag es, selbst ein richtiges Ge¬ richt uͤber sich zu halten, und ist von nun an muͤndig. Wir haben durch das so eben gesagte, eine Luͤcke, die in unserm bisherigen Vortrage blieb, geschlossen, und unsern Vorschlag erst wahr¬ haftig ausfuͤhrbar gemacht. Das Wohlgefal¬ len am Rechten und Guten um sein selbst wil¬ len, soll durch die neue Erziehung an die Stelle der bisher gebrauchten sinnlichen Hofnung oder Furcht gesezt werden, und dieses Wohlgefallen soll, als einzig vorhandene Triebfeder, alles kuͤnftige Leben in Bewegung setzen: Dies ist die Hauptsache unsers Vorschlags. Die erste hie¬ bei sich aufdringende Frage ist: aber, wie soll denn nun jenes Wohlgefallen selbst erzeugt wer¬ den? Erzeugt werden, im eigentlichen Sinne des Worts, kann es nun wohl nicht; denn der Mensch vermag nicht aus Nichts Etwas zu machen. Es muß, wenn unser Vorschlag irgend ausfuͤhrbar seyn soll, dieses Wohlgefallen ur¬ spruͤnglich vorhanden seyn, und schlechthin in allen Menschen ohne Ausnahme vorhanden seyn, und ihnen angebohren werden. So ver¬ haͤlt es sich denn auch wirklich. Das Kind ohne alle Ausnahme will recht, und gut seyn, keinesweges will es, so wie ein junges Thier, bloß wohl seyn. Die Liebe ist der Grundbe¬ standtheil des Menschen; diese ist da, so wie der Mensch da ist, ganz und vollendet, und es kann ihr nichts hinzugefuͤgt werden; denn diese liegt hinaus uͤber die fortwachsende Er¬ scheinung des sinnlichen Lebens, und ist unabhaͤn¬ gig von ihm. Nur die Erkenntniß ist es, woran sich dieses sinnliche Leben knuͤpft, und welche mit demselben entsteht, und fortwaͤchst. Diese entwikelt sich nur langsam, und allmaͤhlig, im Fortlaufe der Zeit. Wie soll nun, so lange, bis ein geordnetes Ganzes von Begriffen des Rechten und Guten entstehe, an welches das treibende Wohlgefallen sich knuͤpfen koͤnne, jene angebohrne Liebe uͤber die Zeiten der Unwissen¬ heit hinwegkommen, sich entwikeln, und uͤben? Die vernuͤnftige Natur hat ohne alles unser Zuthun der Schwierigkeit abgeholfen. Das dem Kinde in seinem Innern abgehende Be¬ wußtseyn stellt sich ihm aͤußerlich und verkoͤr¬ pert dar an dem Urtheile der erwachsenen Welt. Bis in ihm selbst ein verstaͤndiger Richter sich entwikle, wird es durch einen Naturtrieb an diese verwiesen, und so ihm ein Gewissen außer ihm gegeben, bis in ihm selber sich eins erzeuge. Diese bis jetzt wenig bekannte Wahr¬ heit soll die neue Erziehung anerkennen, und sie soll die ohne ihr Zuthun vorhandene Liebe auf das Rechte leiten. Bis jezt ist in der Re¬ gel diese Unbefangenheit und diese kindliche Glaͤubigkeit der Unmuͤndigen an die hoͤhere Vollkommenheit der Erwachsenen zum Verder¬ ben derselben gebraucht worden; ihre Unschuld gerade, und ihr natuͤrlicher Glauben an uns, machte es uns moͤglich, ihnen statt des Guten, das sie innerlich wollten, unser Verderbniß, das sie verabscheut haben wuͤrden, wenn sie es zu erkennen vermocht haͤtten, einzupflanzen, noch ehe sie Gutes, und Boͤses unterscheiden konnten. Dies ist eben die allergroͤßte Vergehung, die unsrer Zeit zur Last faͤllt; und es wird hier¬ durch auch die taͤglich sich darbietende Erschei¬ nung erklaͤrt, daß in der Regel der Mensch um so schlechter, selbstsuͤchtiger, fuͤr alle guten Re¬ gungen erstorbener, und zu jedem rechten Werke untauglicher wird, je mehrere Jahre er zaͤhlt, und um je weiter daher er sich von den ersten Tagen seiner Unschuld, die fuͤrs erste noch im¬ mer in einigen Ahnungen des Guten leise nach¬ klingen, entfernt hat; es wird dadurch ferner bewiesen, daß das gegenwaͤrtige Geschlecht, wenn es nicht einen durchaus trennenden Ab¬ schnitt in sein Fortleben macht, eine noch ver¬ dorbnere Nachkommenschaft, und diese eine abermals verdorbnere, nothwendig hinterlassen werde. Von solchen sagt ein verehrungswuͤr¬ diger Lehrer des Menschengeschlechts mit tref¬ fender Wahrheit, daß es besser sey, wenn ihnen bei Zeiten ein Muͤhlstein an den Hals ge¬ haͤngt wuͤrde, und sie ersaͤuft wuͤrden im Meere, da wo es am tiefsten ist. Es ist eine abge¬ schmakte Verlaͤumdung der menschlichen Natur, daß der Mensch als Suͤnder gebohren werde; waͤre dies wahr, wie koͤnnte doch jemals an ihn auch nur ein Begriff von Suͤnde kommen, der ja nur im Gegensatze mit einer Nichtsuͤnde moͤglich ist? Er lebt sich zum Suͤnder; und das bisherige menschliche Leben war in der Re¬ gel eine im steigenden Fortschritte begriffene Entwiklung der Suͤndhaftigkeit. Das Gesagte zeigt in einem neuen Lichte die Nothwendigkeit, ohne Verzug Anstalt zu einer wirklichen Erziehung zu machen. Koͤnnte nur die nachwachsende Jugend ohne alle Be¬ ruͤhrung mit den Erwachsenen und voͤllig ohne Erziehung aufwachsen, so moͤchte man ja im¬ mer den Versuch machen, was sich hieraus er¬ geben wuͤrde. Aber, wenn wir sie auch nur in unsrer Gesellschaft lassen, macht ihre Erzie¬ hung, ohne allen unsern Wunsch oder Willen, sich von selbst; sie selbst erziehen sich an uns: unsre Weise zu seyn dringt sich ihnen auf, als ihr Muster, sie eifern uns nach, auch ohne daß wir es verlangen, und sie begehren nichts anderes, denn also zu werden, wie wir sind. Nun aber sind wir in der Regel und nach der großen Mehrheit genommen, durchaus verkehrt, theils ohne es zu wissen, und indem wir selbst, eben so unbefangen wie unsre Kinder, unsere Verkehrtheit fuͤr das rechte halten; oder, wenn wir es auch wuͤßten, wie vermoͤchten wir doch in der Gesellschaft unsrer Kinder ploͤzlich das, was ein langes Leben uns zur zweiten Natur gemacht hat, abzulegen, und unsern ganzen alten Sinn und Geist mit einem neuen zu ver¬ tauschen? In der Beruͤhrung mit uns muͤssen sie verderben, dies ist unvermeidlich; haben wir einen Funken Liebe fuͤr sie, so muͤssen wir sie entfernen aus unserm verpestenden Dunst¬ kreise, und einen reinern Aufenthalt fuͤr sie er¬ richten. Wir muͤssen sie in die Gesellschaft von Maͤnnern bringen, welche, wie es auch uͤbri¬ gens um sie stehen moͤge, dennoch durch anhal¬ tende Uebung, und Gewoͤhnung wenigstens die Fertigkeit sich erworben haben, sich zu besinnen, daß Kinder sie beobachten, und das Vermoͤgen, wenigstens so lange sich zusammenzunehmen, und die Kenntniß, wie man vor Kindern er¬ scheinen muß; wir muͤssen aus dieser Gesell¬ schaft in die unsrige sie nicht eher wieder zuruͤk¬ lassen, bis sie unser ganzes Verderben gehoͤrig verabscheuen gelernt haben, und vor aller An¬ stekung dadurch voͤllig gesichert sind. So viel haben wir uͤber die Erziehung zur Sittlichkeit im allgemeinen hier beizubringen fuͤr noͤthig erachtet. Daß die Kinder in gaͤnzlicher Absonderung von den Erwachsenen mit ihren Lehrern und Vorstehern allein zusammenleben sollen, ist mehrmals erinnert. Es versteht sich ohne un¬ ser besonderes Bemerken, daß beiden Geschlech¬ tern diese Erziehung auf dieselbe Weise zu Theil werden muͤsse. Eine Absonderung dieser Ge¬ schlechter in besondere Anstalten fuͤr Knaben, und Maͤdchen, wuͤrde zwekwidrig seyn, und mehrere Hauptstuͤke der Erziehung zum voll¬ kommnen Menschen aufheben. Die Gegen¬ staͤnde des Unterrichts sind fuͤr beide Geschlech¬ ter gleich; der in den Arbeiten statt findende Unterschied kann, auch bei Gemeinschaftlichkeit der uͤbrigen Erziehung, leicht beobachtet werden. Die kleinere Gesellschaft, in der sie zu Menschen gebildet werden, muß, eben so wie die groͤßere, in die sie einst als vollendete Menschen eintreten sollen, aus einer Vereinigung beider Geschlechter bestehen; beide muͤssen erst gegenseitig in ein¬ ander die gemeinsame Menschheit anerkennen, und lieben lernen, und Freunde haben, und Freundinnen, ehe sich ihre Aufmerksamkeit auf den Geschlechtsunterschied richtet, und sie Gat¬ ten, und Gattinnen werden. Auch muß das Verhaͤltniß der beiden Geschlechter zu einander im Ganzen, starkmuͤthiger Schutz von der einen, liebevoller Beistand von der andern Seite, in der Erziehungsanstalt dargestellt, und in den Zoͤglingen gebildet werden. Wenn es zur Ausfuͤhrung unsers Vorschlags kommen sollte, wuͤrde das erste Geschaͤft seyn, ein Gesez fuͤr die innere Verfassung dieser Erziehungsanstalten zu entwerfen. Wenn der von uns aufgestellte Grundbegriff nur gehoͤrig durchdrungen ist, so ist dies eine sehr leichte Arbeit, und wir wollen uns hier dabei nicht aufhalten. Ein Haupt Erforderniß dieser neuen Natio¬ nal-Erziehung ist es, daß in ihr Lernen, und Ar¬ beiten vereinigt sey, daß die Anstalt durch sich selbst sich zu erhalten den Zoͤglingen wenigstens scheine, und daß jeder in dem Bewußtseyn erhal¬ ten werde, zu diesem Zweke nach aller seiner Kraft beizutragen. Dies wird, durchaus noch ohne alle Beziehung auf den Zwek der aͤußern Aus¬ fuͤhrbarkeit, und der Sparsamkeit hiebei, die man unserm Vorschlage ohne Zweifel anmu¬ then wird, schon unmittelbar durch die Auf¬ gabe der Erziehung selbst gefordert; theils darum, weil alle, die bloß durch die allgemeine National-Erziehung hindurch gehen, zu den ar¬ beitenden Staͤnden bestimmt sind, und zu deren Erziehung die Bildung zum tuͤchtigen Arbeiter ohne Zweifel gehoͤrt; besonders aber darum, weil das gegruͤndete Vertrauen, daß man sich stets durch eigne Kraft werde durch die Welt bringen koͤnnen, und fuͤr seinen Unterhalt kei¬ ner fremden Wohlthaͤtigkeit beduͤrfe, zur per¬ soͤnlichen Selbststaͤndigkeit des Menschen ge¬ hoͤrt, und die sittliche, weit mehr als man bis jetzt zu glauben scheint, bedingt. Diese Bil¬ dung wuͤrde einen andern, bis jetzt auch in der Regel dem blinden Ohngefaͤhr Preis gegebenen Theil der Erziehung abgeben, den man die wirthschaftliche Erziehung nennen koͤnnte, und der keinesweges aus der duͤrftigen, und be¬ schraͤnkten Ansicht, uͤber welche einige unter Benennung der Oekonomie spotten, sondern aus dem hoͤhern sittlichen Standpunkte ange¬ sehen werden muß. Unsere Zeit stellt es oft als einen uͤber alle Gegenrede erhabenen Grund¬ satz auf, daß man eben schmeicheln, kriechen, sich zu allem gebrauchen lassen muͤsse, wenn man leben wolle, und daß es auf keine andere Weise angehe. Sie besinnt sich nicht, daß, wenn man sie auch mit dem heroischen, aber durchaus wahren Gegenspruche verschonen wollte, daß wenn es so ist, sie eben nicht leben, sondern sterben solle, noch die Bemerkung uͤbrig bleibt, daß sie haͤtte lernen sollen, mit Eh¬ ren leben zu koͤnnen. Man erkundige sich nur naͤher nach den Personen, die durch ehrloses Betragen sich auszeichnen; immer wird man finden, daß sie nicht arbeiten gelernt haben, oder die Arbeit scheuen, und daß sie noch uͤber¬ dies uͤble Wirthschafter sind. Darum soll der Zoͤgling unsrer Erziehung an Arbeitsamkeit ge¬ woͤhnt werden, damit er der Versuchung zur Unrechtlichkeit durch Nahrungssorgen uͤberho¬ ben sey, und tief, und als allererster Grundsatz der Ehre, soll es in sein Gemuͤth gepraͤgt wer¬ den, daß es schaͤndlich sey, seinen Lebensunter¬ halt einem andern, denn seiner Arbeit ver¬ danken zu wollen. Pestalozzi will waͤhrend des Lernens zugleich allerlei Handarbeiten treiben lassen. Indem wir die Moͤglichkeit dieser Vereinigung unter der von ihm angegebenen Bedingung, daß das Kind die Handarbeit schon vollkommen fertig koͤnne, nicht leugnen wollen, scheint uns den¬ noch dieser Vorschlag aus der Duͤrftigkeit des ersten Zweks hervorzugehen. Der Unterricht muß meines Erachtens, als so heilig und ehrwuͤrdig dargestellt werden, daß er der ganzen Aufmerksamkeit und Sammlung beduͤrfe, und nicht neben einem andern Geschaͤfte empfangen werden koͤnne. Sollen in Jahreszeiten, welche die Zoͤglinge ohnedies ins Zimmer einschließen, in den Arbeitsstunden dergleichen Arbeiten, als da da ist Stricken, Spinnen u. dergl. getrieben werden, so wird es, damit der Geist in Thaͤ¬ tigkeit bleibe, sehr zwekmaͤßig seyn, gemein¬ schaftliche Geistesuͤbungen unter Aufsicht damit zu verknuͤpfen; dennoch ist jetzt die Arbeit die Hauptsache, und diese Uebungen sind nicht zu betrachten als Unterricht, sondern bloß als ein erheiterndes Spiel. Alle Arbeiten dieser niedern Art muͤssen uͤberhaupt nur als Nebensache, keinesweges als die Hauptarbeit, vorgestellt werden. Diese Hauptarbeit ist die Ausuͤbung des Acker- und Gartenbau's, der Viehzucht, und derjenigen Handwerke, deren sie in ihrem kleinen Staate beduͤrfen. Es versteht sich, daß der Antheil hieran, der einem zugemuthet wird, mit der koͤrperlichen Kraft seines Alters in Gleichge¬ wicht zu bringen, und die abgehende Kraft durch neu zu erfindende Maschinen, und Werk¬ zeuge zu ersetzen ist. Die Hauptruͤksicht hiebei ist die, daß sie, so weit moͤglich, in seinen Gruͤnden verstehen muͤssen, was sie treiben, daß sie die zu ihren Geschaͤften noͤthigen Kennt¬ nisse von der Erzeugung der Pflanzen, von den Eigenschaften, und Beduͤrfnissen des thierischen Y Koͤrpers, von den Gesetzen der Mechanik, schon erhalten haben. Auf diese Art wird theils ihre Erziehung schon ein folgegemaͤßer Unterricht uͤber die Gewerbe, die sie kuͤnftig zu treiben haben, und es wird der denkende und verstaͤn¬ dige Landwirth in unmittelbarer Anschauung gebildet, theils wird schon jetzt ihre mechanische Arbeit veredelt, und vergeistiget, sie ist in eben dem Grade Beleg in der freien Anschauung dessen, was sie begriffen haben, als sie Arbeit um den Unterhalt ist, und auch in Gesellschaft mit dem Thiere und der Erdscholle bleiben sie dennoch im Umkreise der geistigen Welt, und sinken nicht herab zu den leztern. Das Grundgesez dieses kleinen Wirth¬ schaftsstaates sey dieses, daß in ihm kein Arti¬ kel zu Speise, Kleidung, u.s.w. noch, so weit dies moͤglich ist, irgend ein Werkzeug, gebraucht werden duͤrfe, das nicht in ihm selbst erzeugt, und verfertiget sey. Bedarf diese Haushaltung einer Unterstuͤtzung von außen, so werden ihr die Gegenstaͤnde in Natur, aber keine anderer Art, als die sie auch selbst hat, gereicht, und zwar, ohne daß die Zoͤglinge erfahren, daß ihre eigne Ausbeute vermehrt worden, oder, daß sie, wo das leztere zwekmaͤßig ist, es nur als Darlehn erhalten, und es zu bestimmter Zeit wieder zuruͤk erstatten. Fuͤr diese Selbst¬ staͤndigkeit, und Selbstgenuͤgsamkeit des Gan¬ zen arbeite nun jeder einzelne aus aller seiner Kraft, ohne daß er doch mit demselben ab¬ rechne, oder fuͤr sich auf irgend ein Eigenthum Anspruch mache. Jeder wisse, daß er sich dem Ganzen ganz schuldig ist, und genieße nur, oder darbe, wenn es sich so fuͤgt, mit dem Ganzen. Dadurch wird die ehrgemaͤße Selbst¬ staͤndigkeit des Staats, und der Familie, in die er einst treten soll, und das Verhaͤltniß ih¬ rer einzelnen Glieder zu ihnen, der lebendigen Anschauung dargestellt, und wurzelt unaus¬ tilgbar ein in sein Gemuͤth. Hier, bei dieser Anfuͤhrung zur mechanischen Arbeit ist der Ort, wo die in der allgemeinen National-Erziehung liegende und auf sie ge¬ stuͤzte Gelehrten-Erziehung von der erstern sich absondert, und wo von derselben zu sprechen ist. Die in der allgemeinen National-Erzie¬ hung liegende Gelehrten-Erziehung, habe ich gesagt. Ob es nicht auch fernerhin jedem, der eigenes Vermoͤgen genug zu haben glaubt, um Y 2 zu studiren, oder der sich aus irgend einem Grunde zu den bisherigen hoͤhern Staͤnden rechnet, frei stehen werde, den bisher uͤblichen Weg der Gelehrten-Erziehung zu beschreiten, lasse ich dahin gestellt seyn: wie, wenn es nur einmal zur National-Erziehung kommen sollte, die Mehrheit dieser Gelehrten, ich will nicht sagen gegen den in der neuen Schule gebilde¬ ten Gelehrten, sondern sogar gegen den aus ihr hervorgehenden gemeinen Mann, mit ihrer erkauften Gelehrsamkeit, bestehen werde, wird die Erfahrung lehren: ich aber will jetzt nicht davon, sondern von der Gelehrten-Erziehung in der neuen Weise reden. In den Grundsaͤtzen derselben muß auch der kuͤnftige Gelehrte durch die allgemeine Na¬ tional-Erziehung hindurch gegangen seyn, und den ersten Theil derselben, die Entwiklung der Erkenntniß an Empfindung, Anschauung, und dem, was an die leztere geknuͤpft wird, voll¬ staͤndig, und klar erhalten haben. Nur dem Knaben, der eine vorzuͤgliche Gabe zum Ler¬ nen, und eine hervorstechende Hinneigung nach der Welt der Begriffe zeigt, kann die neue Na¬ tional-Erziehung erlauben, diesen Stand zu er¬ greifen; jedem aber, der diese Eigenschaften zeigt, wird sie es ohne Ausnahme, und ohne Ruͤksicht auf einen vorgeblichen Unterschied der Geburt, erlauben muͤssen; denn der Gelehrte ist es keinesweges zu seiner eignen Bequemlichkeit, und jedes Talent dazu ist ein schaͤzbares Eigen¬ thum der Nation, das ihr nicht entrissen wer¬ den darf. Der Ungelehrte ist bestimmt, das Menschen¬ geschlecht auf dem Standpunkte der Ausbil¬ dung, die es errungen hat, durch sich selbst zu erhalten, der Gelehrte, nach einem klaren Be¬ griffe, und mit besonnener Kunst, dasselbe wei¬ ter zu bringen. Der leztere muß mit seinem Begriffe der Gegenwart immer voraus seyn, die Zukunft erfassen, und dieselbe in die Gegen¬ wart zu kuͤnftiger Entwiklung hinein zu pflan¬ zen vermoͤgen. Dazu bedarf es einer kla¬ ren Uebersicht des bisherigen Weltzustandes, einer freien Fertigkeit im reinen und von der Erscheinung unabhaͤngigen Denken, und, damit er sich mittheilen koͤnne, des Besitzes der Sprache bis in ihre lebendige und schoͤpfe¬ rische Wurzel hinein. Alles dieses erfordert geistige Selbstthaͤtigkeit ohne alle fremde Lei¬ tung, und einsames Nachdenken, in welchem darum der kuͤnftige Gelehrte, von der Stunde an, da sein Beruf entschieden ist, geuͤbt werden muß, keinesweges bloß, wie beim Ungelehrten, ein Denken unter dem Auge des stets gegen¬ waͤrtigen Lehrers; es erfordert eine Menge Huͤlfskenntnisse, die dem Ungelehrten fuͤr seine Bestimmung durchaus unbrauchbar sind. Die Arbeit des Gelehrten, und das Tagwerk seines Lebens, wird eben jenes einsame Nachdenken seyn; zu dieser Arbeit ist er nun sogleich anzu¬ fuͤhren, die andere mechanische Arbeit ihm da¬ gegen zu erlassen. Indeß also die Erziehung des kuͤnftigen Gelehrten zum Menschen uͤber¬ haupt mit der allgemeinen National-Erziehung wie bisher fortginge, und er dem dahin ein¬ schlagenden Unterrichte mit allen uͤbrigen bei¬ wohnte, wuͤrden ihm nur diejenigen Stunden, die fuͤr die andern Arbeitsstunden sind, gleich¬ falls zu Lehrstunden gemacht werden muͤssen in demjenigen, was sein einstiger Beruf eigen¬ thuͤmlich erfordert; und dieses waͤre der ganze Unterschied. Die allgemeinen Kenntnisse des Akerbaues, andrer mechanischen Kuͤnste, und der Handgriffe dabei, die schon dem bloßen Menschen anzumuthen sind, wird er ohne Zwei¬ fel schon bei seinem Durchgange durch die erste Klasse gelernt haben, oder diese Kenntnisse waͤ¬ ren, falls dies nicht der Fall seyn sollte, nach¬ zuholen. Daß er, weit weniger denn irgend ein anderer, von den eingefuͤhrten koͤrperlichen Uebungen losgesprochen werden koͤnne, versteht sich von selbst. Die besondern Lehrgegenstaͤnde aber, die in den gelehrten Unterricht fallen wuͤrden, so wie den dabei zu beobachtenden Lehrgang noch anzugeben, liegt außerhalb des Planes dieser Reden. Eilfte Rede. Wem die Ausfuͤhrung dieses Erziehungs- Planes anheim fallen werde. Der Plan der neuen deutschen National-Er¬ ziehung ist fuͤr unsern Zwek hinreichend dar¬ gelegt. Die naͤchste Frage, die sich nun auf¬ dringt, ist die: wer soll sich an die Spitze der Ausfuͤhrung dieses Plans stellen, auf wen ist dabei zu rechnen, und auf wen haben wir ge¬ gerechnet? Wir haben diese Erziehung als die hoͤchste, und dermalen sich einzig aufdringende Angele¬ genheit der deutschen Vaterlandsliebe aufge¬ stellt, und wollen an diesem Bande die Ver¬ besserung und Umschaffung des gesammten Menschengeschlechts zuerst in die Welt einfuͤh¬ ren. Jene Vaterlandsliebe aber soll zunaͤchst den deutschen Staat, allenthalben wo Deutsche regiert werden, begeistern, und den Vorsitz haben, und die treibende Kraft seyn bei allen seinen Beschluͤssen. Der Staat also waͤre es, auf welchen wir zuerst unsere erwartenden Blicke zu richten haͤtten. Wird dieser unsere Hoffnungen erfuͤllen? Welches sind die Erwartungen, die wir, immer wie sich versteht, auf keinen besondern Staat, sondern auf ganz Deutschland sehend, nach dem bisherigen von ihm fassen koͤnnen. Im neuern Europa ist die Erziehung ausge¬ gangen nicht eigentlich vom Staate, sondern von derjenigen Gewalt, von der die Staaten meistens auch die ihrige hatten, von dem himm¬ lischgeistigen Reiche der Kirche. Diese betrachtete sich nicht sowohl als ein Bestandtheil des irdi¬ schen Gemein-Wesens, sondern vielmehr als eine demselben ganz fremde Pflanzstatt aus dem Himmel, die abgesandt sey, diesem auswaͤrti¬ gen Staate allenthalben, wo sie Wurzel fassen konnte, Buͤrger anzuwerben; ihre Erziehung ging auf nichts anders, denn daß die Menschen in der andern Welt keinesweges verdammt, sondern seelig wuͤrden. Durch die Reforma¬ tion wurde diese kirchliche Gewalt, die uͤbrigens fortfuhr sich eben so anzusehen, wie bisher, mit der weltlichen Macht, mit der sie bisher gar oft sogar im Widerstreite gelegen hatte, nur vereinigt; dies war der ganze Unterschied, der in dieser Ruͤcksicht aus jener Begebenheit erfolgte. Es blieb daher auch die alte Ansicht des Erziehungswesens. Auch in den neue¬ sten Zeiten, und bis auf diesen Tag, ist die Bildung der vermoͤgendern Staͤnde betrach¬ tet worden, als eine Privat-Angelegenheit der Eltern, die sie nach eignem Gefallen ein¬ richten moͤchten, und die Kinder dieser wurden in der Regel nur dazu angefuͤhrt, daß sie sich selbst einst nuͤzlich wuͤrden; die einzige oͤffent¬ liche Erziehung aber, die des Volks, war ledig¬ lich Erziehung zur Seeligkeit im Himmel; die Hauptsache war ein wenig Christenthum, und Lesen, und falls es zu erschwingen war, Schreiben, alles um des Christenthums willen. Alle andere Entwicklung der Menschen wurde dem ohngefaͤhren und blind wirkenden Ein¬ flusse der Gesellschaft, in welcher sie aufwuch¬ sen, und dem wirklichen Leben selbst, uͤberlassen Sogar die Anstalten zur gelehrten Erziehung, waren vorzuͤglich auf die Bildung von Geistli¬ chen berechnet; dies war die Haupt-Fakultaͤt, zu der die uͤbrigen nur den Anhang bildeten, und meistens auch nur den Abgang von jener abgetreten erhielten. So lange diejenigen, die an der Spitze des Regiments standen, uͤber den eigentlichen Zweck desselben im Dunkeln blieben, und selbst fuͤr ihre eigne Person ergriffen waren von jener ge¬ wissenhaften Sorge fuͤr ihre und anderer See¬ ligkeit, konnte man auf ihren Eifer fuͤr diese Art der oͤffentlichen Erziehung, und auf ihre ernstlichen Bemuͤhungen dafuͤr, sicher rechnen. Sobald sie aber uͤber den ersten ins Klare ka¬ men, und begriffen, daß der Wirkungskreis des Staates innerhalb der sichtbaren Welt liege, so mußte ihnen einleuchten, daß jene Sorge fuͤr die ewige Seeligkeit ihrer Untertha¬ nen ihnen nicht zur Last fallen koͤnne, und daß, wer da seelig werden wolle, selbst sehen moͤge, wie er es mache. Sie glaubten von nun an genug zu thun, wenn sie nur die aus gottseli¬ gern Zeiten herruͤhrenden Stiftungen und An¬ stalten ihrer ersten Bestimmung fernerhin uͤberließen; so wenig angemessen und ausrei¬ reichend dieselben auch fuͤr die ganz veraͤnder¬ ten Zeiten seyn mochten, ihnen mit Ersparung an ihren anderweitigen Zwecken selbst zuzule¬ gen, hielten sie sich nicht fuͤr verbunden, thaͤ¬ tig einzugreifen, und das zweckmaͤßige neue an die Stelle des veralteten, und unbrauch¬ baren zu setzen, nicht fuͤr berechtigt, und auf alle Vorschlaͤge dieser Art war die stets fertige Antwort: hierzu habe der Staat kein Geld. Wurde ja einmal eine Ausnahme von dieser Regel gemacht, so geschah es zum Vortheile der hoͤhern Lehranstalten, die einen Glanz weit umher verbreiten, und ihren Befoͤrderern Ruhm bereiten; die Bildung derjenigen Klas¬ se aber, die der eigentliche Boden des Men¬ schengeschlechts ist, aus welcher die hoͤhere Bildung sich immerfort ergaͤnzt, und auf wel¬ che die leztere fortdauernd zuruͤckwirken muß, die des Volks, blieb unbeachtet, und befindet sich, seit der Reformation, bis auf diesen Tag, im Zustande des steigenden Verfalles. Sollen wir nun fuͤr die Zukunft, und von Stund an, fuͤr unsre Angelegenheit vom Staa¬ te eine bessere Hoffnung faßen koͤnnen, so waͤre noͤthig, daß derselbe den Grundbegriff vom Zwecke der Erziehung, den er bisher gehabt zu haben scheint, mit einem ganz andern ver¬ tauschte; daß er einsehe, er habe mit seiner bisherigen Ablehnung der Sorge fuͤr die ewige Seeligkeit seiner Mitbuͤrger vollkommen recht, indem es fuͤr diese Seeligkeit gar keiner beson¬ dern Bildung beduͤrfe, und eine solche Pflanz¬ schule fuͤr den Himmel, wie die Kirche, deren Gewalt zulezt ihm uͤbertragen worden, gar nicht statt finde, aller tuͤchtigen Bildung nur im Wege stehe, und des Dienstes entlassen werden muͤße; daß es dagegen gar sehr beduͤr¬ fe der Bildung fuͤr das Leben auf der Erde, und daß aus der gruͤndlichen Erziehung fuͤr dieses, sich die fuͤr den Himmel, als eine leichte Zugabe, von selbst ergebe. Der Staat scheint bisher, je aufgeklaͤrter er zu seyn meinte, desto fester geglaubt zu haben, daß er, auch ohne alle Religion und Sittlichkeit seiner Buͤrger, durch die bloße Zwangsanstalt, seinen eigent¬ lichen Zweck erreichen koͤnne, und daß in Ab¬ sicht jener, diese es halten moͤchten, wie sie koͤnnten. Moͤchte er aus den neuen Erfahrun¬ gen wenigstens dies gelernt haben, daß er das nicht vermag, und daß er gerade durch den Mangel der Religion und der Sittlichkeit da¬ hin gekommen ist, wo er sich dermalen befin¬ det. Moͤchte man ihn, in Absicht seines Zwei¬ fels, ob er auch wohl das Vermoͤgen habe, den Aufwand einer National-Erziehung zu bestreiten, uͤberzeugen koͤnnen, daß er durch diese einzige Ausgabe, seine meisten uͤbrigen auf die wirthschaftlichste Weise besorgen, und daß, wenn er diese nur uͤbernimmt, er bald nur diese einzige Hauptausgabe haben werde. Bis jetzt ist der bei weitem groͤßte Theil der Einkuͤnfte des Staats auf die Unterhaltung stehender Heere gewendet worden. Den Er¬ folg dieser Verwendung haben wir gesehen; dies reicht hin; denn tiefer in die besondern Gruͤnde dieses Erfolgs, aus der Einrichtung dieser Heere, hinein zu gehen, liegt außerhalb unsers Plans. Dagegen wuͤrde der Staat, der die von uns vorgeschlagene National-Er¬ ziehung allgemein einfuͤhrte, von dem Augen¬ blicke an, da ein Geschlecht der nachgewachse¬ nen Jugend durch sie hindurch gegangen waͤre, gar keines besondern Heeres beduͤrfen, son¬ dern er haͤtte an ihnen ein Heer, wie es noch keine Zeit gesehen. Jeder einzelne ist zu je¬ dem moͤglichen Gebrauche seiner koͤrperlichen Kraft vollkommen geuͤbt, und begreift sie auf der Stelle, zu Ertragung jeder Anstrengung, und Muͤhseeligkeit gewoͤhnt, sein in unmittel¬ barer Anschauung aufgewachsener Geist ist immer gegenwaͤrtig, und bei sich selbst, in sei¬ nem Gemuͤthe lebt die Liebe des Ganzen, dessen Mitglied er ist, des Staats, und des Vater¬ landes, und vernichtet jede andere selbstische Regung. Der Staat kann sie rufen, und sie unter die Waffen stellen, so bald er will, und kann sicher seyn, daß kein Feind sie schlaͤgt. Ein andrer Theil der Sorgfalt und der Ausgaben in weise regierten Staaten, ging bisher auf die Verbesserung der Staatswirthschaft, im ausgedehntesten Sinne, und in allen ihren Zweigen, und es ist hierbei, durch die Unge¬ lehrigkeit, und Unbehuͤlflichkeit der niedern Staͤnde, manche Sorgfalt und mancher Auf¬ wand vergebens gemacht worden, und die Sache hat allenthalben nur geringen Fortgang gehabt. Durch unsere Erziehung erhaͤlt der Staat arbeitende Staͤnde, die des Nachden¬ kens uͤber ihr Geschaͤft von Jugend auf gewohnt sind, und die schon sich selbst durch sich selbst zu helfen Vermoͤgen und Neigung haben; ver¬ mag nun noch uͤberdies der Staat ihnen auf eine zweckmaͤßige Weise unter die Arme zu greifen, so werden sie ihn auf das halbe Wort verstehen, und seine Belehrung sehr dankbar aufnehmen. Alle Zweige der Haushaltung werden, ohne viele Muͤhe in kurzer Zeit einen Flor gewinnen, den auch noch keine Zeit ge¬ sehen hat, und dem Staate wird, wenn er ja rechnen will, und wenn er etwa bis dahin nebenbei auch noch den wahren Grundwerth der Dinge kennen lernen sollte, seine erste Aus¬ lage tausendfaͤltige Zinsen tragen. Bisher hat der Staat fuͤr Gerichts- und Policey-Anstal¬ ten vieles thun muͤßen, und doch niemals ge¬ nug fuͤr sie thun koͤnnen; Zucht- und Verbesse¬ rungs-Haͤuser haben ihm Ausgaben gemacht, die Armenanstalten endlich erforderten, je mehr auf sie gewendet wurde, einen um so groͤßern Aufwand, und erschienen, in der ganzen bisherigen Lage, eigentlich als Anstal¬ ten Arme zu machen. Die erstern werden in einem Staate, der die neue Erziehung allge¬ mein macht, sehr verringert werden, die lez¬ tern gaͤnzlich wegfallen. Fruͤhe Zucht sichert vor vor der spaͤtern sehr mißlichen Zucht und Ver¬ besserung; Arme aber giebt es unter einem also erzognen Volke gar nicht. Moͤchte der Staat, und alle, die densel¬ ben berathen, es wagen, seine eigentliche der¬ malige Lage ins Auge zu fassen, und sie sich zu gestehen; moͤchte er lebendig einsehen, daß ihm durchaus kein anderer Wirkungskreis uͤbrig gelassen ist, in welchem er als ein wirk¬ licher Staat, urspruͤnglich und selbststaͤndig, sich bewegen, und etwas beschließen koͤnne, außer diesem, der Erziehung der kommenden Geschlechter; daß, wenn er nicht uͤberhaupt nichts thun will, er nur noch dieses thun kann; daß man aber auch dieses Verdienst ihm un¬ geschmaͤlert und unbeneidet uͤberlassen werde. Daß wir es nicht mehr vermoͤgen, thaͤtigen Widerstand zu leisten, ist, als in die Augen springend, und von jedermann zugestanden, schon fruͤher von uns vorausgesezt worden. Wie koͤnnen wir nun die Fortdauer unsers da¬ durch verwirkten Daseyns, gegen den Vor¬ wurf der Feigheit, und einer unwuͤrdigen Lie¬ be zum Leben, rechtfertigen? Auf keine an¬ Z dere Weise, als wenn wir uns entschließen, nicht fuͤr uns selbst zu leben, und dieses durch die That darthun; wenn wir uns zum Saa¬ menkorne einer wuͤrdigern Nachkommenschaft machen, und lediglich um dieserwillen uns so lange erhalten wollen, bis wir sie hingestellt haben. Jenes ersten Lebenszweks verlustig, was koͤnnten wir denn noch anderes thun? Un¬ sere Verfassungen wird man uns machen, un¬ sere Buͤndnisse, und die Anwendung unserer Streitkraͤfte wird man uns anzeigen, ein Ge¬ sezbuch wird man uns leihen, selbst Gericht, und Urtheilsspruch, und die Ausuͤbung dersel¬ ben, wird man uns zuweilen abnehmen; mit diesen Sorgen werden wir auf die naͤchste Zu¬ kunft verschont bleiben. Bloß an die Erzie¬ hung hat man nicht gedacht; suchen wir ein Geschaͤft, so laßt uns dieses ergreifen! Es ist zu erwarten, daß man in demselben uns un¬ gestoͤrt lassen werde. Ich hoffe, — vielleicht taͤusche ich mich selbst darin, aber da ich nur um dieser Hoffnung willen noch leben mag, so kann ich es nicht lassen, zu hoffen; — ich hof¬ fe, daß ich einige Deutsche uͤberzeugen, und sie zur Einsicht bringen werde, daß es allein die Erziehung sey, die uns retten koͤnne von allen Uebeln, die uns druͤcken. Ich rechne besonders darauf, daß die Noth uns zum Aufmerken, und zum ernsten Nachdenken ge¬ neigter gemacht habe. Das Ausland hat an¬ dern Trost, und andere Mittel; es ist nicht zu erwarten, daß es diesem Gedanken, falls er je an dasselbe kommen sollte, einige Aufmerk¬ samkeit schenken, oder einigen Glauben bei¬ messen werde; ich hoffe vielmehr, daß es zu einer reichen Quelle von Belustigung, fuͤr die Leser ihrer Journale gedeihen werde, wenn sie je erfahren, daß sich jemand von der Erzie¬ hung so große Dinge verspreche. Moͤge der Staat und diejenigen, die den¬ selben berathen, sich nicht laͤßiger machen las¬ sen, in Ergreifung dieser Aufgabe, durch die Betrachtung, daß der gehoffte Erfolg in der Entfernung liege. Wollte man unter den man¬ nigfaltigen, und hoͤchst verwickelten Gruͤnden, die unser dermaliges Schicksal zur Folge ge¬ habt haben, das, was allein und eigenthuͤm¬ lich den Regierungen zur Last faͤllt, absondern, Z 2 so wuͤrde sich finden, daß diese, die vor allen andern verbunden sind, die Zukunft ins Auge zu fassen, und zu beherrschen, beim Andrange der großen Zeitbegebenheiten auf sie immer nur gesucht, sich aus der unmittelbar gegenwaͤrti¬ gen Verlegenheit zu ziehen, so gut sie es ver¬ mocht; in Absicht der Zukunft aber nicht auf ihre Gegenwart, sondern auf irgend einen Gluͤckszufall, der den stetigen Faden der Ursa¬ chen und Wirkungen abschneiden sollte, gerech¬ net haben. Aber dergleichen Hofnungen sind betruͤglich. Eine treibende Kraft, die man einmal in die Zeit hinein kommen lassen, treibt fort, und vollendet ihren Weg, und, nach¬ dem einmal die erste Nachlaͤssigkeit begangen worden, kann die zu spaͤt kommende Besin¬ nung sie nicht aufhalten. Des ersten Falles, bloß die Gegenwart zu bedenken, hat fuͤrs naͤchste unser Schicksal uns uͤberhoben; die Gegenwart ist nicht mehr unser. Moͤgen wir nur nicht den zweiten beibehalten, eine bessere Zukunft von irgend etwas anderem zu hoffen, denn von uns selber. Zwar kann keinen unter uns, der zum Leben noch etwas mehr bedarf, denn Nahrung, die Gegenwart uͤber die Pflicht zu leben troͤsten; die Hoffnung einer bessern Zukunft allein ist das Element, in dem wir noch athmen koͤnnen. Aber nur der Traͤumer kann diese Hoffnung auf etwas anderes gruͤn¬ den, denn auf ein solches, das er selbst fuͤr die Entwicklung einer Zukunft, in die Gegen¬ wart zulegen vermag. Vergoͤnnen diejenigen, die uͤber uns regieren, daß wir eben so gut auch von ihnen denken, als wir unter uns von einander denken, und als der Bessere sich fuͤhlt; stellen sie sich an die Spitze des, auch uns ganz klaren Geschaͤfts, damit wir noch vor un¬ sern Augen dasjenige entstehen sehen, was die, dem deutschen Namen vor unsern Augen zu¬ gefuͤgte Schmach, einst von unserm Andenken abwaschen wird! Uebernimmt der Staat die ihm angetra¬ gene Aufgabe, so wird er diese Erziehung all¬ gemein machen, uͤber die ganze Oberflaͤche sei¬ nes Gebiets, fuͤr jeden seiner nachgebornen Buͤrger, ohne alle Ausnahme; auch ist es allein diese Allgemeinheit, zu der wir des Staats beduͤrfen, indem zu einzelnen Anfaͤn¬ gen und Versuchen, hier und da, auch wohl das Vermoͤgen von wohlgesinnten Privatper¬ sonen hinreichen wuͤrde. Nun ist allerdings nicht zu erwarten, daß die Eltern allgemein willig seyn werden, sich von ihren Kindern zu trennen, und sie dieser neuen Erziehung, von der es schwer seyn wird ihnen einen Begriff beizubringen, zu uͤberlassen; sondern es ist nach der bisherigen Erfahrung darauf zu rech¬ nen, daß jeder, der noch etwa das Vermoͤgen zu haben glaubt, seine Kinder im Hause zu naͤhren, gegen die oͤffentliche Erziehung, und besonders gegen eine so scharf trennende, und so lange dauernde oͤffentliche Erziehung, sich setzen wird. In solchen Faͤllen ist man nun, bei zu erwartender Widersezlichkeit, von den Staats¬ maͤnnern bisher gewohnt, daß sie den Vor¬ schlag mit der Antwort abweisen: der Staat habe nicht das Recht, fuͤr diesen Zwek Zwang anzuwenden. Indem sie nun warten wollen, bis die Menschen im allgemeinen den guten Willen haben, ohne Erziehung aber es niemals zu allgemeinem guten Willen kommen kann, so sind sie dadurch gegen alle Verbesserung ge¬ schuͤzt, und koͤnnen hoffen, daß es beim Alten bleiben wird, bis an das Ende der Tage. In¬ wiefern dies nun etwa solche sind, welche ent¬ weder uͤberhaupt die Erziehung fuͤr einen ent¬ behrlichen Luxus halten, in Ruͤcksicht dessen man sich so spaͤrlich einrichten muͤsse, als moͤg¬ lich, oder, die in unserm Vorschlage nur ei¬ nen neuen wagenden Versuch mit der Mensch¬ heit erblicken, der da gelingen koͤnne, oder auch nicht, ist ihre Gewissenhaftigkeit zu loben; sol¬ chen, die von der Bewunderung des bisherigen Zustandes der oͤffentlichen Bildung, und von dem Entzuͤcken, zu welcher Vollkommenheit dieselbe unter ihrer Leitung emporgewachsen sey, eingenommen sind, laͤßt sich nun vollends gar nicht anmuthen, daß sie auf etwas, das sie nicht auch schon wissen, eingehen sollten; mit diesen insgesammt ist fuͤr unsern Zweck nichts zu thun, und es waͤre zu beklagen, wenn die Entscheidung uͤber diese Angelegen¬ heit ihnen anheim fallen sollte. Moͤchten sich aber Staatsmaͤnner finden, und hiebei zu Ra¬ the gezogen werden, welche vor allen Dingen, durch ein tiefes und gruͤndliches Studium der Philosophie und der Wissenschaft uͤberhaupt, sich selbst Erziehung gegeben haben, denen es ein rechter Ernst ist mit ihrem Geschaͤfte, die ei¬ nen festen Begriff vom Menschen und seiner Bestimmung besitzen, die da faͤhig sind, die Gegenwart zu verstehen, und zu begreifen, was eigentlich der Menschheit dermalen unausbleib¬ lich Noth thut; haͤtten diese aus jenen Vorbe¬ griffen etwa selbst eingesehen, daß nur Erzie¬ hung vor der, außerdem unaufhaltsam uͤber uns hereinbrechenden, Barbarei und Verwilde¬ rung uns retten koͤnne, schwebte ihnen ein Bild vor von dem neuen Menschengeschlechte, das durch diese Erziehung entstehen wuͤrde, waͤren sie selbst innig uͤberzeugt von der Unfehlbarkeit und Untruͤglichkeit der vorgeschlagenen Mittel; so ließe von solchen sich auch erwarten, daß sie zugleich begriffen, der Staat, als hoͤchster Verweser der menschlicheu Angelegenheiten, und als der Gott und seinem Gewissen allein verantwortliche Vormund der Unmuͤndigen, habe das vollkommene Recht, die lezteren zu ihrem Heile auch zu zwingen. Wo giebt es denn dermalen einen Staat, der da zweifle, ob er auch wohl das Recht habe, seine Unter¬ thanen zu Kriegsdiensten zu zwingen, und den Eltern fuͤr diesen Behuf die Kinder wegzuneh¬ men, ob nun eins von beiden, oder beide, wol¬ len, oder nicht wollen? Und dennoch ist dieser Zwang, zu Ergreifung einer dauernden Le¬ bensart wider den eignen Willen, weit bedenk¬ licher, und haͤufig von den nachtheiligsten Fol¬ gen fuͤr den sittlichen Zustand, und fuͤr Ge¬ sundheit und Leben der Gezwungenen; da hin¬ gegen derjenige Zwang, von dem wir reden, nach vollendeter Erziehung, die ganze persoͤn¬ liche Freiheit zuruͤck giebt, und gar keine an¬ dern, denn die heilbringendsten Folgen haben kann. Wohl hat man fruͤher auch die Ergrei¬ fung der Kriegsdienste dem freien Willen uͤber¬ lassen; nachdem sich aber gefunden, daß dieser fuͤr den beabsichtigten Zweck nicht ausreichend war, hat man kein Bedenken getragen, ihm durch Zwang nachzuhelfen; darum, weil die Sache uns wichtig genug war, und die Noth den Zwang gebot. Moͤchten nur euch in dieser Ruͤcksicht uns die Augen aufgehen uͤber unsere Noth, und der Gegenstand uns gleichfalls wichtig werden, so wuͤrde jene Bedenklichkeit von selbst wegfallen; da zumal es nur in dem ersten Geschlechte des Zwanges beduͤrfen, und derselbe in den folgenden, selber durch diese Erziehung hindurch gegangenen, hinweg faͤllt, auch jener erste Zwang zum Kriegsdienste da¬ durch aufgehoben wird, indem die also erzoge¬ nen alle gleich willig sind, die Waffen fuͤr das Vaterland zu fuͤhren. Will man ja, um An¬ fangs des Geschreies nicht zu viel zu haben, diesen Zwang zur oͤffentlichen National-Erzie¬ hung, auf dieselbe Weise beschraͤnken, wie bis¬ her der Zwang zum Kriegsdienste beschraͤnkt ge¬ wesen, und die von den leztern befreiten Staͤn¬ de auch von jenem ausnehmen, so ist dies von keinen bedeutenden nachtheiligen Folgen. Die verstaͤndigen Eltern unter den ausgenom¬ menen werden freiwillig ihre Kinder dieser Erziehung uͤbergeben; die, gegen das ganze unbedeutende Anzahl der Kinder unverstaͤndi¬ ger Eltern aus diesen Staͤnden, mag immer auf die bisherige Weise aufwachsen, und in das zu erzeugende bessere Zeitalter hineinrei¬ chen, brauchbar, lediglich als ein merkwuͤrdi¬ ges Andenken der alten Zeit, und um die neue zur lebhaften Erkenntniß ihres hoͤheren Gluͤcks anzufeuern. Soll nun diese Erziehung National-Er¬ ziehung der Deutschen schlechtweg seyn, und soll die große Mehrheit aller, die die deutsche Sprache reden, keinesweges aber etwa nur die Buͤrgerschaft, dieses oder jenes besonderen deutschen Staates, dastehen, als ein neues Menschengeschlecht, so muͤssen alle deutsche Staaten, jeder fuͤr sich, und unabhaͤngig von allen andern, diese Aufgabe ergreifen. Die Sprache, in der diese Angelegenheit zuerst in Anregung gebracht worden, in der die Huͤlfs¬ mittel verfaßt sind, und ferner werden verfaßt werden, in der die Lehrer geuͤbt werden, der durch alles dieses hindurchgehende Eine Gang der Sinnbildlichkeit, ist allen Deutschen ge¬ meinsam. Ich kann mir kaum denken, wie, und mit welchen Umwandlungen, diese Bil¬ dungsmittel insgesammt, besonders in derje¬ nigen Ausdehnung, die wir dem Plane gege¬ ben haben, in irgend eine Sprache des Aus¬ landes uͤbertragen werden koͤnnten, also, daß es nicht als fremdes und uͤberseztes Ding, son¬ dern als einheimisch, und aus dem eignen Le¬ ben ihrer Sprache hervorgehend, erschiene. Fuͤr alle Deutschen ist diese Schwierigkeit auf die gleiche Weise gehoben; fuͤr sie ist die Sache fertig, und sie duͤrfen nur dieselbe ergreifen. Wohl uns hiebei, daß es noch verschie¬ dene und von einander abgetrennte deutsche Staaten giebt! Was so oft zn unserem Nach¬ theile gereicht ist, kann bei dieser wichtigen Na¬ tionalangelegenheit vielleicht zu unserm Vor¬ theile dienen. Vielleicht kann Nacheiferung der mehreren, und die Begirde, einander zuvor zu kommen, bewirken, was die ru¬ hige Selbstgenuͤgsamkeit des Einzelnen nicht hervorgebracht haͤtte; denn es ist klar, daß derjenige unter allen deutschen Staaten, der in dieser Sache den Anfang machen wird, an Achtung, an Liebe, an Dankbarkeit des Ganzen fuͤr ihn, den Vorrang gewinnen wird, daß er dastehen wird als der hoͤchste Wohlthaͤ¬ ter, und der eigentliche Stifter der Nation. Er wird den uͤbrigen Muth machen, ihnen ein belehrendes Beispiel geben, und ihr Muster werden; er wird Bedenklichkeiten, in denen die andern haͤngen blieben, beseitigen; aus seinem Schooße werden die Lehrbuͤcher, und die ersten Lehrer ausgehen, und den andern geliehen werden; und wer nach ihm der zweite seyn wird, wird den zweiten Ruhm erwerben. Zum erfreulichen Zeugnisse, daß unter den Deutschen ein Sinn fuͤr das hoͤhere noch nie ganz ausgestorben, haben bisher mehrere deut¬ sche Staͤmme und Staaten mit einander um den Ruhm groͤßerer Bildung gestritten; diese haben ausgedehntere Preßfreiheit, freiere Hin¬ wegsetzung uͤber die hergebrachte Meinung, andere besser eingerichtete Schulen und Univer¬ sitaͤten, andere ehemaligen Ruhm, und Ver¬ dienste, andere etwas anders fuͤr sich ange¬ fuͤhrt, und der Streit hat nicht entschieden werden koͤnnen. Bei der gegenwaͤrtigen Ver¬ anlassung wird er es werden. Diejenige Bil¬ dung allein, die da strebt, und die es wagt, sich allgemein zu machen, und alle Menschen ohne Unterschied zu erfassen, ist ein wirkliches Bestandtheil des Lebens; und ist ihrer selbst sicher. Jede andere ist eine fremde Zuthat, die man bloß zum Prunk anlegt, und die man nicht einmal mit recht gutem Gewissen an sich traͤgt. Es wird sich bei dieser Gelegenheit verrathen muͤssen, wo etwa die Bildung, de¬ ren man sich ruͤhmt, nur bei wenigen Personen des Mittelstandes statt findet, die dieselbe in Schriften darlegen, dergleichen Maͤnner alle deutsche Staaten aufzuweisen haben; und wo hingegen dieselbe auch zu den hoͤhern Staͤnden, welche den Staat berathen, hinaufgestiegen sey. Es wird sich sodann auch zeigen, wie man den hier und da gezeigten Eifer fuͤr die Errich¬ tung und den Flor hoͤherer Lehranstalten zu beurtheilen habe, und ob demselben reine Liebe zur Menschenbildung, die ja wohl jedweden Zweig, und besonders die allererste Grundlage derselben, mit dem gleichen Eifer ergreifen wuͤrde, oder ob ihm bloß Sucht zu glaͤnzen, und vielleicht duͤrftige Finanzspekulationen, zu Grunde gelegen haben. Welcher deutsche Staat in Ausfuͤhrung dieses Vorschlags der erste seyn wird, der wird den groͤßten Ruhm davon haben, sagte ich. Aber ferner, es wird dieser deutsche Staat nicht lange allein stehen, sondern ohne allen Zweifel bald Nachfolger und Nacheiferer fin¬ den. Daß nur der Anfang gemacht werde, ist die Hauptsache. Waͤre es auch nichts an¬ deres, so wird Ehrgefuͤhl, Eifersucht, die Be¬ gierde, auch zu haben, was ein Anderer hat, und, wo moͤglich, es noch besser zu haben, ei¬ nen nach dem andern treiben, dem Beispiele zu folgen. Auch werden sodann die oben von uns beigebrachten Betrachtungen uͤber den eig¬ nen Vortheil des Staats, die vielleicht derma¬ len manchem zweifelhaft vorkommen duͤrften, in der lebendigen Anschauung bewaͤhrt, ein¬ leuchtender werden. Waͤre zu erwarten, daß sogleich jezt und von Stund an alle deutsche Staaten ernstliche Anstalt machten, jenen Plan auszufuͤhren, so koͤnnte schon nach fuͤnf und zwanzig Jahren das bessere Geschlecht, dessen wir beduͤrfen, da¬ stehen, und wer hoffen duͤrfte, noch so lange zu leben, koͤnnte hoffen, es mit seinen Augen zu sehen. Sollte aber, wie wir denn freilich auch auf diesen Fall rechnen muͤssen, unter allen dermalen bestehenden deutschen Staaten, kein einziger seyn, der unter seinen hoͤchsten Bera¬ thern einen Mann haͤtte, der da faͤhig waͤre, alles, das oben vorausgesezte, einzusehen, und davon ergriffen zu werden, und in wel¬ chem die Mehrheit der Berather, diesem einen sich wenigstens nicht widersetzte; so wuͤrde frei¬ lich diese Angelegenheit wohlgesinnten Privat¬ personen anheim fallen, und es waͤre nun von diesen zu wuͤnschen, daß sie einen Anfang mit der vorgeschlagenen neuen Erziehung machten. Zufoͤrderst haben wir hiebei im Auge große Gutsbesitzer, die auf ihren Landguͤtern derglei¬ chen Erziehungsanstalten fuͤr die Kinder ihrer Unterthanen errichten koͤnnten. Es gereicht Deutschland zum Ruhme, und zur sehr ehren¬ vollen Auszeichnung vor den uͤbrigen Nationen des neuern Europa, daß es unter dem genann¬ ten Stande, immerfort hier und da mehrere gegeben hat, die sichs zum ernstlichen Geschaͤfte machten, fuͤr den Unterricht und die Bildung der Kinder auf ihren Besitzungen zu sorgen, und und die gern das Beste, was sie wußten, dafuͤr thun wollten. Es ist von diesen zu hoffen, daß sie auch jezt geneigt seyn werden, uͤber das vollkommene, das ihnen angetragen wird, sich zu belehren, und das groͤßere, und durch¬ greifende eben so gern zu thun, als sie bisher das kleinere und unvollstaͤndige thaten. Wohl mag hier und da die Einsicht dazu beigetragen haben, daß es vortheilhafter fuͤr sie selbst sey, gebildete Unterthanen zu haben, denn unge¬ bildete. Wo etwa der Staat durch Aufhebung des Verhaͤltnisses der Unterthaͤnigkeit, diesen lezten Antrieb weggenommen hat, — moͤge er da desto ernstlicher seine unerlaßliche Pflicht bedenken, nicht zugleich das einzige Gute, das bei wohldenkenden an dieses Verhaͤltniß geknuͤpft wurde, mit aufzuheben, und moͤge er in diesem Falle ja nicht versaͤumen, zu thun, was ohnedies seine Schuldigkeit ist, nachdem er diejenigen, die es freiwillig statt seiner tha¬ ten, dessen erledigt hat. Wir richten ferner in Absicht der Staͤdte, hiebei unsre Augen auf freiwillige Verbindungen gutgesinnter Buͤrger fuͤr diesen Zweck. Der Hang zur Wohlthaͤtig¬ keit ist noch immer, so weit ich habe bliken A a koͤnnen, unter keinem Druke der Noth, in deutschen Gemuͤthern erloschen. Durch eine Anzahl von Maͤngeln in unsern Einrichtungen, die sich insgesammt unter der Einheit der ver¬ nachlaͤßigten Erziehung wuͤrden zusammenfas¬ sen lassen, hilft diese Wohlthaͤtigkeit der Noth dennoch selten ab, sondern scheint oft sie noch zu vermehren. Moͤchte man jenen treflichen Hang endlich vorzuͤglich auf diejenige Wohl¬ that richten, die aller Noth, und aller fernern Wohlthaͤtigkeit ein Ende macht, auf die Wohl¬ that der Erziehung. — Noch aber beduͤrfen wir, und rechnen wir auf eine Wohlthat, und Aufopferung anderer Art, die nicht in Geben, sondern in Thun und Leisten besteht. Moͤchten angehende Gelehrte, denen es ihre Lage ver¬ stattet, den Zeitraum, der ihnen zwischen der Universitaͤt, und ihrer Anstellung in einem oͤf¬ fentlichen Amte, uͤbrig bleibt, dem Geschaͤfte, uͤber diese Lehrweise an diesen Anstalten sich zu belehren, und an denselben selbst zu lehren, widmen! Abgerechnet, daß sie sich hierdurch hoͤchst verdient um das Ganze machen werden, kann man ihnen noch uͤberdies versichern, daß sie selbst den allerhoͤchsten Gewinn davon tra¬ gen werden. Ihre gesammten Kenntnisse, die sie aus dem gewoͤhnlichen Universitaͤts-Unter¬ richte oft so erstorben mit hinweg tragen, wer¬ den im Elemente der allgemeinen Anschaung, in welches sie hier hinein kommen, Klarheit und Lebendigkeit erhalten, sie werden lernen, dieselben mit Fertigkeit wiederzugeben, und zu gebrauchen, sie werden sich, da im Kinde die ganze Fuͤlle der Menschheit unschuldig und of¬ fen da liegt, einen Schatz von der wahren Menschenkenntniß, die allein diesen Namen verdient, erwerben, sie werden zu der großen Kunst des Lebens und Wirkens angeleitet wer¬ den, zu welcher in der Regel die hohe Schule keine Anweisung giebt. Laͤßt der Staat die ihm angetragene Auf¬ gabe liegen, so ist es fuͤr die Privatpersonen, welche dieselbe aufnehmen, ein desto groͤßerer Ruhm. Fern sey es von uns, der Zukunft durch Muthmaaßungen vorzugreifen, oder den Ton des Zweifels und des Mangels an Ver¬ trauen selber anzuheben; worauf unsere Wuͤn¬ sche zunaͤchst gehen, haben wir deutlich ausge¬ sprochen; nur dies sey uns erlaubt anzumer¬ ken, daß, wenn es wirklich also kommen soll¬ A a 2 te, daß der Staat und die Fuͤrsten die Sache Privatpersonen uͤberließen, dies dem bisheri¬ gen, schon oben angemerkten, und mit Bei¬ spielen belegten Gange der deutschen Entwik¬ lung und Bildung gemaͤß seyn, und dieser bis ans Ende sich gleich bleiben wuͤrde. Auch in diesem Falle wuͤrde der Staat zu seiner Zeit nachfolgen, fuͤrs erste wie ein Einzelner, der den auf seinen Theil fallenden Beitrag eben auch leisten will, bis er sich etwa spaͤter be¬ sinnt, daß er kein Theil, sondern das Ganze sey, und daß das Ganze zu besorgen er so Pflicht als Recht habe. Von Stund an fallen alle selbststaͤndige Bemuͤhungen der Privatper¬ sonen weg, und unterordnen sich dem allgemei¬ nen Plane des Staats. Sollte die Angelegenheit diesen Gang neh¬ men, so wird es mit der beabsichtigten Verbes¬ serung unsers Geschlechts freilich nur lang¬ sam, und ohne eine sichere und feste Ueber¬ sicht und moͤgliche Berechnung des Ganzen, vorwaͤrts schreiten. Aber lasse man sich ja da¬ durch nicht abhalten, einen Anfang zu machen! Es liegt in der Natur der Sache selbst, daß sie niemals untergehen koͤnne, sondern, nur ein¬ mal ins Werk gesezt, durch sich selbst fortlebe, und immer weiter um sich greifend sich verbrei¬ te. Jeder, der durch diese Bildung hindurch¬ gegangen ist, wird ein Zeuge fuͤr sie, und ein eifriger Verbreiter; jeder wird den Lohn der erhaltnen Lehre dadurch abtragen, daß er selbst wieder Lehrer wird, und so viele Schuͤler, die einst auch wieder Lehrer werden, macht, als er kann; und dies geht nothwendig so lange fort, bis das Ganze ohne alle Ausnahme er¬ griffen sey. Im Falle der Staat sich mit der Sache nicht befassen sollte, so haben Privatunterneh¬ mungen zu befuͤrchten, daß alle nur irgend vermoͤgende Eltern, ihre Kinder dieser Erzie¬ hung nicht uͤberlassen werden. Wende man sich sodann in Gottes Namen und mit voller Zuversicht an die armen Verwaisten, an die im Elende auf den Straßen herumliegenden, an Alles, was die erwachsene Menschheit aus¬ gestoßen und weggeworfen hat! So wie bis¬ her, besonders in denjenigen deutschen Staa¬ ten, in denen die Froͤmmigkeit der Vorfahren, die oͤffentlichen Erziehungsanstalten sehr ver¬ mehrt und reichlich ausgestattet hatte, eine Menge von Eltern den ihrigen den Unterricht angedeihen ließen, weil sie dabei zugleich, wie bei keinem andern Gewerbe, den Unterhalt fanden; so laßt es uns, nothgedrungen, um¬ kehren, und Brod geben, denen, denen kein anderer es giebt, damit sie mit dem Brode zu¬ gleich auch Geistesbildung annehmen. Be¬ fuͤchten wir nicht, daß die Armseeligkeit, und die Verwilderung ihres vorigen Zustandes un¬ serer Absicht hinderlich seyn werde! Reißen wir sie nur ploͤzlich und gaͤnzlich heraus aus dem¬ selben, und bringen sie in eine durchaus neue Welt; lassen wir nichts an ihnen, das sie an das alte erinnern koͤnnte, so werden sie ihrer selbst vergessen, und dastehen, als neue so eben erst erschaffene Wesen. Daß in diese frische und reine Tafel nur das Gute eingegraben werde, dafuͤr muß unser Unterrichtsgang buͤrgen, und unsre Hausordnung. Es wird ein fuͤr alle Nachwelt warnendes Zeugniß seyn, uͤber unsre Zeit, wenn gerade diejenigen, die sie ausgesto¬ ßen hat, durch diese Ausstoßung allein das Vorrecht erhalten, ein besseres Geschlecht an¬ zuheben ; wenn diese den Kindern derer, die mit ihnen nicht zusammen seyn mochten, die beseeligende Bildung bringen, und wenn sie die Stammvaͤter werden unsrer kuͤnftigen Helden, Weisen, Gesezgeber, Heilande der Menschheit. Fuͤr die erste Errichtung bedarf es zufoͤrderst tauglicher Lehrer und Erzieher. Dergleichen hat die Pestalozzische Schule gebildet, und ist stets erboͤtig, mehrere zu bilden. Ein Haupt¬ augenmerk wird anfangs seyn, daß jede An¬ stalt der Art sich zugleich betrachte als eine Pflanzschule fuͤr Lehrer, und daß außer den schon fertigen Lehrern um diese herum sich eine Menge junger Maͤnner versammle, die das Lehren lernen, und ausuͤben zu gleicher Zeit, und in der Ausuͤbung es immer besser lernen. Dies wird auch, falls diese Anstalten anfangs mit der Duͤrftigkeit zu ringen haben sollten, die Erhaltung der Lehrer sehr erleichtern. Die meisten sind doch in der Absicht gegenwaͤrtig, um selbst zu lernen; dafuͤr moͤgen sie denn auch ohne anderweitige Entschaͤdigung das Gelernte eine Zeitlang zum Vortheil der Anstalt, wo sie es lernten, anwenden. Ferner bedarf eine solche Anstalt Dach und Fach, die erste Ausstattung, und ein hinlaͤng¬ liches Stuͤk Land. Daß im weitern Fortgange dieser Einrichtungen, wenn die verhaͤltnißmaͤßige Menge von schon herangewachsener Jugend in den Jahren, wo sie nach der bisherigen Einrich¬ tung als Dienstboten nicht bloß ihren Unterhalt, sondern zugleich auch ein Jahrlohn erwerben, sich in diesen Anstalten befinden wird, diese die schwaͤchere Jugend uͤbertragen, und bei der ohnedies nothwendigen Arbeitsamkeit, und weisen Wirthschaft, diese Anstalten sich groͤßten¬ theils selbst werden erhalten koͤnnen, scheint einzuleuchten. Fuͤrs erste, so lange die erstge¬ nannte Art der Zoͤglinge noch nicht vorhanden ist, duͤrften dieselben groͤßerer Zuschuͤsse beduͤr¬ fen. Es ist zu hoffen, daß man sich zu Beitraͤ¬ gen, deren Ende man absieht, williger finden werde. Sparsamkeit, die dem Zwecke Eintrag thut, bleibe fern von uns; und ehe wir diese uns erlauben, ist es weit besser, daß wir gar nichts thun. Und so halte ich denn dafuͤr, daß, bloß guten Willen vorausgesezt, bei der Ausfuͤhrung dieses Plans keine Schwierigkeit ist, die nicht durch Vereinigung mehrerer, und durch die Richtung aller ihrer Kraͤfte auf diesen einigen Zwek, leichtlich sollte uͤberwunden werden koͤnnen. Zwoͤlfte Rede. Ueber die Mittel, uns bis zur Erreichung unsers Hauptzweks aufrecht zu erhalten. D iejenige Erziehung, die wir den Deutschen zu ihrer kuͤnftigen National-Erziehung vor¬ schlagen, ist nun sattsam beschrieben. Wird das Geschlecht, das durch dieselbe gebildet ist, nur einmal dastehen, dieses lediglich durch seinen Geschmak am rechten und guten, und schlechthin durch nichts anderes, getriebene, dieses mit einem Verstande, der fuͤr seinen Standpunkt ausreichend, das rechte allemal sicher erkennt, versehene, dieses mit jeder gei¬ stigen und koͤrperlichen Kraft, das gewollte alle¬ mal durchzusetzen, ausgeruͤstete Geschlecht, so wird alles, was wir mit unsern kuͤhnsten Wuͤn¬ schen begehren koͤnnen, aus dem Daseyn des¬ selben von selbst sich ergeben, und aus ihm natuͤrlich hervorwachsen. Diese Zeit bedarf unserer Vorschriften so wenig, daß wir viel¬ mehr von derselben zu lernen haben wuͤrden. Da inzwischen dieses Geschlecht noch nicht gegenwaͤrtig ist, sondern erst herauferzogen werden soll, und, wenn auch alles uͤber unser Erwarten trefflich gehen sollte, wir dennoch eines betraͤchtlichen Zwischenraums beduͤrfen werden, um in jene Zeit hinuͤber zu kommen, so entsteht die naͤherliegende Frage, wie sollen wir uns auch nur durch diesen Zwischenraum hindurch bringen? Wie sollen wir, da wir nichts besseres koͤnnen, uns erhalten, wenig¬ stens als den Boden, auf dem die Verbesse¬ rung vorgehen, und als den Ausgangspunkt an welchen dieselbe sich anknuͤpfen koͤnne? Wie sollen wir verhindern, daß, wenn einst das also gebildete Geschlecht aus seiner Absonderung hervor unter uns traͤte, es nicht an uns eine Wirklichkeit vor sich finde, die nicht die min¬ deste Verwandschaft habe zu der Ordnung der Dinge, welche es als das rechte begriffen, und in welcher niemand dasselbe verstehe, oder den mindesten Wunsch und Beduͤrfniß einer solchen Ordnung der Dinge hege, sondern das vorhandene als das ganz natuͤrliche, und das einzig moͤgliche ansehe? Wuͤrden nicht diese eine andere Welt in Busen tragenden gar bald irre werden, und wuͤrde so nicht die neue Bil¬ dung eben so unnuͤtz fuͤr die Verbesserung des wirklichen Lebens verhallen, wie die bisherige Bildung verhallt ist? Geht die Mehrheit in ihrer bisherigen Un¬ achtsamkeit, Gedankenlosigkeit und Zerstreut¬ heit so ferner hin, so ist gerade dieses, als das nothwendig sich ergebende, zu erwarten. Wer sich, ohne Aufmerksamkeit auf sich selbst, gehen laͤßt, und von den Umstaͤnden sich ge¬ stalten, wie sie wollen, der gewoͤhnt sich bald an jede moͤgliche Ordnung der Dinge. So sehr auch sein Auge durch etwas beleidiget werden mochte, als er es das erstemal erblikte, laßt es nur taͤglich auf dieselbe Weise wiederkehren, so gewoͤhnt er sich daran, und findet es spaͤter¬ hin natuͤrlich, und als eben so seyn muͤssend, gewinnt es zulezt gar lieb, und es wuͤrde ihm mit der Herstellung des erstern bessern Zustan¬ des wenig gedient seyn, weil dieser ihn aus seiner nun einmal gewohnten Weise zu seyn herausrisse. Auf diese Weise gewoͤhnt man sich sogar an Sklaverei, wenn nur unsre sinn¬ liche Fortdauer dabei ungekraͤnkt bleibt, und gewinnt sie mit der Zeit lieb; und dies ist eben das gefaͤhrlichste an der Unterworfenheit, daß sie fuͤr alle wahre Ehre abstumpft, und sodann ihre sehr erfreuliche Seite hat fuͤr den Traͤgen, indem sie ihn mancher Sorge und manches Selbstdenkens uͤberhebt. Laßt uns auf der Hut seyn gegen diese Ueberraschung der Suͤßigkeit des Dienens, denn diese raubt sogar unsern Nachkommen die Hoffnung kuͤnftiger Befreiung. Wird unser aͤußeres Wirken in hemmende Fesseln geschla¬ gen, laßt uns desto kuͤhner unsern Geist erhe¬ ben zum Gedanken der Freiheit, zum Leben in diesem Gedanken, zum Wuͤnschen und Begehren nur dieses einigen. Laßt die Freiheit auf eini¬ ge Zeit verschwinden aus der sichtbaren Welt; geben wir ihr eine Zuflucht im innersten unsrer Gedanken, so lange, bis um uns herum die neue Welt emporwachse, die da Kraft habe, diese Gedanken auch aͤußerlich darzustellen. Machen wir uns mit demjenigen, was ohne Zweifel unserm Ermessen frei bleiben muß, mit unserm Gemuͤthe, zum Vorbilde, zur Weissa¬ gung, zum Buͤrgen desjenigen, was nach uns Wirklichkeit werden wird. Lassen wir nur nicht mit unserm Koͤrper zugleich auch unsern Geist niedergebeugt und unterworfen, und in die Gefangenschaft gebracht werden! Fragt man mich, wie dies zu erreichen sey, so ist darauf die einzige alles in sich fassende Antwort diese: wir muͤssen eben zur Stelle werden, was wir ohnedies seyn sollten, Deut¬ sche. Wir sollen unsern Geist nicht unterwer¬ fen: so muͤssen wir eben vor allen Dingen ei¬ nen Geist uns anschaffen, und einen festen und gewissen Geist; wir muͤssen ernst werden in allen Dingen, und nicht fortfahren bloß leichtsinni¬ ger Weise und nur zum Scherze dazuseyn; wir muͤssen uns haltbare und unerschuͤtterliche Grundsaͤtze bilden, die allem unsern uͤbrigen Denken, und unserm Handeln zur festen Richtschnur dienen, Leben und Denken muß bei uns aus einem Stuͤcke seyn, und ein sich durchdringendes und gediegenes Ganzes; wir muͤssen in beiden der Natur und der Wahrheit gemaͤß werden, und die fremden Kunststuͤcke von uns werfen; wir muͤssen, um es mit ei¬ nem Worte zu sagen, uns Charakter anschaf¬ fen; denn Charakter haben, und deutsch seyn, ist ohne Zweifel gleichbedeutend, und die Sache hat in unsrer Sprache keinen beson¬ dern Namen, weil sie eben, ohne alle unser Wissen und Besinnung, aus unserm Seyn un¬ mittelbar hervorgehen soll. Wir muͤssen zufoͤrderst uͤber die großen Er¬ eignisse unsrer Tage, ihre Beziehung auf uns, und das, was wir von ihnen zu erwarten ha¬ ben, mit eigner Bewegung unsrer Gedanken nachdenken, und uns eine klare, und feste An¬ sicht von allen diesen Gegenstaͤnden, und ein entschiednes und unwandelbares Ja oder Nein uͤber die hieherfallenden Fragen, verschaffen; jeder, der den mindesten Anspruch auf Bil¬ dung macht, soll das. Das thierische Leben des Menschen laͤuft in allen Zeitaltern ab nach denselben Gesetzen, und hierin ist alle Zeit sich gleich. Verschiedene Zeiten sind da nur fuͤr den Verstand, und nur derjenige, der sie mit den Begriffe durchdringt, lebt sie mit, und ist da zu dieser seiner Zeit; ein andres Leben ist nur ein Thier- und Pflanzenleben. Alles, was da geschieht, unvernommen an sich vor¬ uͤbergehen zu lassen, gegen dessen Andrang wohl gar geflissentlich Auge und Ohr zu ver¬ stopfen, sich dieser Gedankenlosigkeit wohl gar noch als großer Weisheit zu ruͤhmen, mag an¬ staͤndig seyn einem Felsen, an den die Meeres¬ wellen schlagen, ohne daß er es fuͤhlt, oder einem Baumstamme, den Stuͤrme hin und her reissen, ohne daß er es bemerkt, keinesweges aber einem denkenden Wesen. — Selbst das Schweben in hoͤhern Kreisen des Denkens spricht nicht los von dieser allgemeinen Ver¬ bindlichkeit, seine Zeit zu verstehen. Alles hoͤhere muß eingreifen wollen auf seine Weise in die unmittelbare Gegenwart, und wer wahr¬ haftig in jenem lebt, lebt zugleich auch in der leztern; lebte er nicht auch in dieser, so waͤre dies der Beweis, daß er auch in jenem nicht lebte, sondern in ihm nur traͤumte. Jene Achtlosigkeit auf das, was unter unsern Au¬ gen vorgeht, und die kuͤnstliche Ableitung der allenfalls entstandenen Aufmerksamkeit auf an¬ dere Gegenstaͤnde, waͤre das erwuͤnschteste, was einem Feinde unsrer Selbststaͤndigkeit begegnen koͤnnte. Ist er sicher, daß wir uns bei keinem Dinge etwas denken, so kann er eben, wie mit leblosen Werkzeugen, alles mit uns vor¬ nehmen, was er will; die Gedankenlosigkeit eben ist es, die sich an Alles gewoͤhnt, wo aber der klare, und umfassende Gedanke, und in diesem, das Bild dessen, was da seyn sollte, immerfort wachsam bleibt, da kommt es zu keiner Gewoͤhnung. Diese Reden haben zunaͤchst Sie eingela¬ den, und sie werden einladen die ganze deut¬ sche Nation, in wie weit es dermalen moͤglich ist, dieselbe durch den Buͤcherdruck um sich zu versammlen, bei sich selbst eine feste Entschei¬ dung zu fassen, und innerlich mit sich einig zu werden uͤber folgende Fragen: 1) ob es wahr sey, oder nicht wahr, daß es eine deutsche Nation gebe, und daß deren Fortdauer in ih¬ rem eigenthuͤmlichen und selbststaͤndigen Wesen dermalen in Gefahr sey. 2) ob es der Muͤhe werth sey, oder nicht werth sey, dieselbe zu erhalten. 3) ob es irgend ein sicheres und durchgreifendes Mittel dieser Erhaltung gebe, und welches dieses Mittel sey. Vorher war die hergebrachte Sitte unter uns diese, daß, wenn irgend ein ernsthaftes Wort, muͤndlich, oder im Drucke, sich verneh¬ men men ließ, das taͤgliche Geschwaͤz sich desselben bemaͤchtigte, und es in einen spaßhaften Un¬ terhaltungsstoff seiner druͤkenden Langeweile verwandelte. Zunaͤchst um mich herum habe ich dermalen nicht, so wie ehemals, bemerkt, daß man von meinen gegenwaͤrtigen Vortraͤ¬ gen denselben Gebrauch gemacht haͤtte; von dem zeitigen Tone aber der geselligen Zusam¬ menkuͤnfte auf dem Boden des Buͤcherdrucks, ich meine die Litteraturzeitungen, und anderes Journalwesen, habe ich keine Kunde genom¬ men, und weiß nicht, ob von diesem sich Scherz oder Ernst erwarten lassen. Wie dies sich verhalten moͤge, meine Absicht wenigstens ist es nicht gewesen, zu scherzen, und den be¬ kannten Witz, den unser Zeitalter besizt, wie¬ der in den Gang zu bringen. Tiefer unter uns eingewurzelt, fast zur andern Natur geworden, und das Gegentheil beinahe unerhoͤrt, war unter den Deutschen die Sitte, daß man alles, was auf die Bahn gebracht wurde, betrachtete, als eine Auffor¬ derung an jeden, der einen Mund haͤtte, nur geschwind und auf der Stelle sein Wort auch dazu zu geben, und uns zu berichten, ob er B b auch derselben Meinung sey, oder nicht; nach welcher Abstimmung denn die ganze Sache vorbei sey, und das oͤffentliche Gespraͤch zu einem neuen Gegenstande eilen muͤsse. Auf diese Weise hatte sich aller literarische Verkehr unter den Deutschen verwandelt, so wie die Echo der alten Fabel, in einen bloßen reinen Laut, ohne allen Leib, und koͤrperlichen Ge¬ halt. Wie in den bekannten schlechten Gesell¬ schaften des persoͤnlichen Verkehrs, so kam es auch in dieser nur darauf an, daß die Men¬ schenstimme fort halle, und daß jeder ohne Stocken sie aufnehme, und sie dem Nachbar zuwerfe, keinesweges aber darauf, was da ertoͤnte. Was ist Charakterlosigkeit und Un¬ deutschheit, wenn es das nicht ist? Auch dies ist nicht meine Absicht gewesen, dieser Sitte zu huldigen, und nur das oͤffentliche Gespraͤch rege zu erhalten. Ich habe, eben auch, indem ich etwas anderes wollte, meinen persoͤnlichen Antheil zu dieser oͤffentlichen Unterhaltung schon vorlaͤngst hinlaͤnglich abgetragen, und man koͤnnte mich endlich davon lossprechen. Ich will nicht gerade auf der Stelle wissen, wie dieser oder jener uͤber die in Anregung ge¬ brachten Fragen denke, d. h. wie er bisher daruͤber gedacht, oder auch nicht gedacht habe. Er soll es bei sich selbst uͤberlegen, und durch¬ denken, so lange bis sein Urtheil fertig ist, und vollkommen klar, und soll sich die noͤthige Zeit dazu nehmen, und gehen ihm etwa die gehoͤri¬ gen Vorkenntnisse, und der ganze Grad der Bildung, der zu einem Urtheile in diesen Ange¬ legenheiten erfordert wird, noch ab, so soll er sich auch dazu die Zeit nehmen, sich dieselben zu erwerben Hat nun einer auf diese Weise sein Urtheil fertig, und klar, so wird nicht ge¬ rade verlangt, daß er es auch oͤffentlich ab¬ gebe; sollte dasselbe mit dem hier gesagten uͤbereinstimmen, so ist dieses eben schon ge¬ sagt, und es bedarf nicht eines zweiten Sa¬ gens, nur wer etwas anderes, und besseres sagen kann, ist aufgefordert zu reden; dage¬ gen aber soll es jeder in jedem Falle nach seiner Weise und Lage wirklich leben und treiben. Am allerwenigsten endlich ist es meine Ab¬ sicht gewesen, an diesen Reden unsern deutschen Meistern in Lehre und Schrift eine Schreibe¬ uͤbung vorzulegen, damit sie dieselbe verbes¬ sern, und ich bei dieser Gelegenheit erfahre, B b 2 was sich etwa von mir hoffen laͤßt. Auch in dieser Ruͤcksicht ist guter Lehre und Rathes schon sattsam an mich gewendet worden, und es muͤßte sich schon jezt gezeigt haben, wenn Besserung zu erwarten waͤre. Nein, das war zunaͤchst meine Absicht, aus dem Schwarme von Fragen und Unter¬ suchungen, und aus dem Heere widersprechen¬ der Meinungen uͤber dieselben, in welchem die gebildeten unter uns bisher herumgeworfen worden sind, so viele derselben ich koͤnnte, auf einen Punkt zu fuͤhren, bei welchem sie sich selbst Stand hielten, und zwar auf denjeni¬ gen, der uns am allernaͤchsten liegt, den unserer eignen gemeinschaftlichen Angelegenheiten; in diesem einigen Punkte sie zu einer festen Mei¬ nung, bei der es nun unverruͤckt bleibe, und zu einer Klahrheit, in der sie wirklich sich zu¬ recht finden, zu bringen; so viel anderes auch zwischen ihnen streitig seyn moͤge, wenigstens uͤber dieses Eine sie zur Einmuͤthigkeit des Sin¬ nes zu verbinden; auf diese Weise endlich ei¬ nen festen Grundzug des Deutschen hervorzu¬ bringen, den, daß er es gewuͤrdigt habe, sich uͤber die Angelegenheit der Deutschen eine Mei¬ nnng zu bilden; dagegen derjenige, der uͤber diesen Gegenstand nichts hoͤren, und nichts denken moͤchte, von nun an mit Recht angesehen werden koͤnnte, als nicht zu uns gehoͤrend. Die Erzeugung einer solchen festen Mei¬ nung, und die Vereinigung, und das gegen¬ seitige sich Verstehen mehrerer, uͤber diesen Ge¬ genstand, wird, so wie es unmittelbar die Ret¬ tung ist unsers Charakters aus der unserer un¬ wuͤrdigen Zerflossenheit, zugleich auch ein kraͤf¬ tiges Mittel werden, unsern Hauptzwek, die Einfuͤhrung der neuen National-Erziehung, zu erreichen. Besonders darum, weil wir sel¬ ber, so wohl jeder mit sich, als alle unterein¬ ander, niemals einig waren, heute dieses, und morgen etwas anderes wollten, und jeder an¬ ders hineinschrie in das dumpfe Geraͤusch, sind auch unsre Regierungen, die allerdings, und oft mehr als rathsam war, auf uns hoͤrten, irre gemacht worden, und haben hin und her ge¬ schwankt, eben so wie unsre Meinung. Soll endlich einmal ein fester und gewisser Gang in die gemeinsamen Angelegenheiten kommen; was verhindert, daß wir zunaͤchst bei uns selbst anfangen, und das Beispiel der Entschieden¬ heit und Festigkeit geben? Lasse sich nur ein¬ mal eine uͤbereinstimmende und sich gleichblei¬ bende Meinung hoͤren, lasse ein entschiedenes und als allgemein sich ankuͤndigendes Beduͤrfniß sich vernehmen, das der National-Erziehung, wie wir voraussetzen; ich halte dafuͤr, unsre Regie¬ rungen werden uns hoͤren, sie werden uns helfen, wenn wir die Neigung zeigen, uns helfen zu lassen. Wenigstens wuͤrden wir im entgegengesezten Falle sodann erst das Recht haben, uns uͤber sie zu beklagen; dermalen, da unsre Regierungen ohngefaͤhr also sind, wie wir sie wollen, steht uns das Klagen uͤbel an. Ob es ein sicheres und durchgreifendes Mittel gebe zur Erhaltung der deutschen Na¬ tion, und welches dieses Mittel sey, ist die bedeutendste unter den Fragen, die ich dieser Nation zur Entscheidung vorgelegt habe. Ich habe diese Frage beantwortet, und die Gruͤn¬ de meiner Art der Beantwortung dargelegt, keinesweges um das Endurtheil vorzuschreiben, was zu nichts helfen koͤnnte, indem jeder der in dieser Sache Hand anlegen soll, in seinem eignen Innern durch eigne Thaͤtigkeit sich uͤber¬ zeugt haben muß, sondern nur, um zum eig¬ nen Nachdenken und Urtheilen anzuregen. Ich muß von nun an jeden sich selbst uͤberlassen. Nur warnen kann ich noch, daß man durch seichte und oberflaͤchliche Gedanken, die auch uͤber diesen Gegenstand sich im Umlaufe befin¬ den, sich nicht taͤuschen, vom tiefern Nachden¬ ken sich nicht abhalten, und durch nichtige Vertroͤstungen sich nicht abfinden lasse. Wir haben z. B. schon lange vor den lezten Ereignissen, gleichsam auf den Vorrath, hoͤ¬ ren muͤssen, und es ist uns seitdem haͤufig wie¬ derholt worden, daß, wenn auch unsre poli¬ tische Selbstaͤndigkeit verloren sey, wir dennoch unsre Sprache behielten, und unsre Litteratur, und in diesen immer eine Nation blieben, und damit uͤber alles andere uns leichtlich troͤsten koͤnnten. Worauf gruͤndet sich denn zufoͤrderst die Hoffnung, daß wir auch ohne politische Selbst¬ staͤndigkeit dennoch unsre Sprache behalten werden? Jene, die also sagen, schreiben doch wohl nicht ihrem Zureden und ihren Ermahnun¬ gen, auf Kind und Kindeskind hinaus, und auf alle kuͤnftigen Jahrhunderte, diese wun¬ derwirkende Kraft zu? Was von den jeztle¬ benden und gemachten Maͤnnern sich gewoͤhnt hat, in deutscher Sprache zu reden, zu schrei¬ ben, zu lesen, wird ohne Zweifel also fortfah¬ ren; aber was wird das naͤchstkuͤnftige Ge¬ schlecht thun, und was erst das dritte? Wel¬ ches Gegengewicht gedenken wir denn in diese Geschlechter hineinzulegen, das ihrer Begierde, demjenigen, bei welchem aller Glanz ist, und das alle Beguͤnstigungen austheilt, auch durch Sprache und Schrift zu gefallen, die Waage halte? Haben wir denn niemals von einer Sprache gehoͤrt, welche die erste der Welt ist, ohnerachtet bekannt wird, daß die ersten Wer¬ ke in derselben noch zu schreiben sind, und se¬ hen wir nicht schon jezt unter unsern Augen, daß Schriften, durch deren Inhalt man zu ge¬ fallen hofft, in ihr erscheinen? Man beruft sich auf das Beispiel zweier andern Sprachen, eine der alten, eine der neuen Welt, welche, ohnerachtet des politischen Unterganges der Voͤlker, die sie redeten, dennoch als lebendige Sprachen fortgedauert. Ich will in die Weise dieser Fortdauer nicht einmal hineingehen; so viel aber ist auf den ersten Blik klar, daß bei¬ de Sprachen etwas in sich hatten, das die unsrige nicht hat, wodurch sie vor den Ueber¬ windern Gnade fanden, welche die unsrige niemals finden kann. Haͤtten diese Vertroͤster besser um sich geschaut, so wuͤrden sie ein an¬ deres, unseres Erachtens hier durchaus passen¬ des Beispiel gefunden haben, das der wendi¬ schen Sprache. Auch diese dauert seit der Rei¬ he von Jahrhunderten, daß das Volk dersel¬ ben seine Freiheit verloren hat, noch immer fort, in den aͤrmlichen Huͤtten des an die Scholle gebundenen Leibeignen naͤmlich, da¬ mit er in ihr, unverstanden von seinem Be¬ druͤcker, sein Schiksal beklagen koͤnne. Oder setze man den Fall, daß unsre Spra¬ che lebendig und eine Schriftstellersprache blei¬ be, und so ihre Litteratur behalte; was kann denn das fuͤr eine Litteratur seyn, die Litte¬ ratur eines Volkes ohne politische Selbststaͤn¬ digkeit? Was will denn der vernuͤnftige Schriftsteller, und was kann er wollen? Nichts anderes, denn eingreifen in das allge¬ meine und oͤffentliche Leben, und dasselbe nach seinem Bilde gestalten und umschaffen; und wenn er dies nicht will, so ist alles sein Reden leerer Laut, zum Kitzel muͤßiger Ohren. Er will urspruͤnglich und aus der Wurzel des gei¬ stigen Lebens heraus denken, fuͤr diejenigen, die eben so urspruͤnglich wirken, d. i. regieren. Er kann deswegen nur in einer solchen Spra¬ che schreiben, in der auch die Regierenden den¬ ken, in einer Sprache, in der regiert wird, in der eines Volkes, das einen selbststaͤndigen Staat ausmacht. Was wollen denn zulezt alle unsre Bemuͤhungen selbst um die abgezo¬ gensten Wissenschaften? Lasset seyn, der naͤch¬ ste Zwek dieser Bemuͤhungen sei der, die Wissen¬ schaft fortzupflanzen von Geschlecht zu Ge¬ schlecht, und in der Welt zu erhalten; warum soll sie denn auch erhalten werden? Offenbar nur, um zu rechter Zeit das allgemeine Leben, und die ganze menschliche Ordnung der Dinge zu gestalten. Dies ist ihr lezter Zwek; mit¬ telbar dient sonach, sey es auch erst in einer spaͤtern Zukunft, jede wissenschaftliche Bestre¬ bung dem Staate. Giebt sie diesen Zwek auf, so ist auch ihre Wuͤrde, und ihre Selbststaͤndig¬ keit verloren. Wer aber diesen Zwek hat, der muß schreiben in der Sprache des herrschenden Volkes. Wie es ohne Zweifel wahr ist, daß allent¬ halben, wo eine besondere Sprache angetroffen wird, auch eine besondere Nation vorhanden ist, die das Recht hat, selbststaͤndig ihre Ange¬ legenheiten zu besorgen, und sich selber zu re¬ gieren; so kann man umgekehrt sagen, daß, wie ein Volk aufgehoͤrt hat, sich selbst zu re¬ gieren, es eben auch schuldig sey, seine Spra¬ che aufzugeben, und mit den Ueberwindern zu¬ sammen zu fließen, damit Einheit, innerer Friede, und die gaͤnzliche Vergessenheit der Verhaͤltnisse, die nicht mehr sind, entstehe. Ein nur halbverstaͤndiger Anfuͤhrer einer sol¬ chen Mischung muß hierauf dringen, und wir koͤnnen uns sicher darauf verlassen, daß in un¬ serm Falle darauf gedrungen werden wird. Bis diese Verschmelzung erfolgt sey, wird es Ueber¬ setzungen der verstatteten Schulbuͤcher in die Sprache der Barbaren geben, d. i. derjenigen, die zu ungeschikt sind, die Sprache des herr¬ schenden Volkes zu lernen, und die eben da¬ durch von allem Einflusse auf die oͤffentlichen Angelegenheiten sich ausschließen, und sich zur lebenslaͤnglichen Unterwuͤrfigkeit verdammen; auch wird es diesen, die zur Stummheit uͤber die wirkichen Begebenheiten sich selbst verur¬ theilt haben, verstattet werden, an erdichte¬ ten Welthaͤndeln ihre Redefertigkeit zu uͤben, oder ehemalige und alte Formen sich selber nachzuahmen, wo man fuͤr das erste an der zum Beispiel angefuͤhrten alten, fuͤr das lezte¬ re an der neuen Sprache, die Belege aufsuchen mag. Eine solche Litteratur moͤchten wir viel¬ leicht noch auf einige Zeit behalten, und mit derselben mag sich troͤsten der, der keinen bes¬ sern Trost hat; daß aber auch solche, die wohl faͤhig waͤren, sich zu ermannen, die Wahrheit zu sehen, und aufgeschrekt zu werden durch ih¬ ren Anblik zu Entschluß und That, durch sol¬ chen nichtigen Trost, mit welchem einem Fein¬ de unsrer Selbststaͤndigkeit recht eigentlich ge¬ dient seyn wuͤrde, in dem traͤgen Schlummer erhalten werden, dieses moͤchte ich verhindern, wenn ich es koͤnnte. Man verheißt uns also die Fortdauer einer deutschen Litteratur auf die kuͤnftigen Geschlech¬ ter. Um die Hoffnungen die wir hieruͤber fas¬ sen koͤnnen, naͤher zu beurtheilen, wuͤrde es sehr zutraͤglich seyn, sich umzusehen, ob wir denn auch nur bis auf diesen Augenblik eine deutsche Litteratur im wahren Sinne des Wor¬ tes noch haben. Das edelste Vorrecht und das heiligste Amt des Schriftstellers ist dies, seine Nation zu versammlen, und mit ihr uͤber ihre wichtigsten Angelegenheiten zu berathschla¬ gen; ganz besonders aber ist dies von jeher das ausschliessende Amt des Schriftstellers ge¬ wesen in Deutschland, indem dieses in meh¬ rere abgesonderte Staaten zertrennt war, und als gemeinsames Ganzes fast nur durch das Werkzeug des Schriftstellers, durch Sprache und Schrift, zusammen gehalten wurde; am eigentlichsten und dringendsten wird es sein Amt in dieser Zeit, nachdem das lezte aͤussere Band, das die Deutschen vereinigte, die Reichsverfassung, auch zerrissen ist. Sollte es sich nun etwa zeigen — wir sprechen hieran nicht etwa aus, was wir wuͤßten, oder be¬ fuͤrchteten, sondern nur einen moͤglichen Fall, auf den wir jedoch ebenfalls im voraus Be¬ dacht nehmen muͤssen — sollte es sich, sage ich, etwa zeigen, daß schon jetzo Diener besonderer Staaten von Angst, Furcht, und Schreken so eingenommen waͤren, daß sie solchen, eine Nation eben noch als daseyend voraussetzenden, und an dieselbe sich wendenden Stimmen, zuerst das Lautwerden, oder durch Verbote die Verbrei¬ tung versagten; so waͤre dies ein Beweis, daß wir schon jezt keine deutsche Schriftstellerei mehr haͤtten, und wir wuͤßten, wie wir mit den Aussichten auf eine kuͤnftige Litteratur da¬ ran waͤren. Was koͤnnte es doch seyn, daß diese fuͤrch¬ teten? Etwa, daß dieser und jener derglei¬ chen Stimmen nicht gern hoͤren werde? Sie wuͤrden fuͤr ihre zarte Besorgtheit wenigstens die Zeit uͤbel gewaͤhlt haben. Schmaͤhungen und Herabwuͤrdigungen des Vaterlaͤndischen, abgeschmackte Lobpreisungen des Auslaͤndischen, koͤnnen sie ja doch nicht verhindern; seyn sie doch nicht so strenge gegen ein dazwischen toͤ¬ nendes vaterlaͤndisches Wort! Es ist wohl moͤglich, daß nicht alle alles gleich gern hoͤren; aber dafuͤr koͤnnen wir zur Zeit nicht sorgen, uns treibt die Noth, und wir muͤssen eben sa¬ gen, was diese zu sagen gebietet. Wir ringen ums Leben; wollen sie, daß wir unsre Schritte abmessen, damit nicht etwa durch den erregten Staub irgend ein Staatskleid bestaͤubt werde? Wir gehen unter in den Fluthen; sollen wir nicht um Huͤlfe rufen, damit nicht irgend ein schwachnerviger Nachbar erschrekt werde? Wer sind denn diejenigen, die es nicht gern hoͤren koͤnnten, und unter welcher Bedingung koͤnnten sie es denn nicht gern hoͤren? Allent¬ halben ist es nur die Unklarheit und die Fin¬ sterniß, die da schrekt. Jedes Schrekbild ver¬ schwindet, wenn man es fest ins Auge faßt Lasset uns mit derselben Unbefangenheit und Unumwundenheit, mit der wir bisher jeden in diese Vortraͤge fallenden Gegenstand zerlegt haben, auch diesem Schreknisse unter die Au¬ gen treten. Man nimmt an, entweder, daß das We¬ sen, dem dermalen die Leitung eines großen Theils der Weltangelegenheiten anheim gefal¬ len ist, ein wahrhaft großes Gemuͤth sey, oder man nimmt das Gegentheil an, und ein drit¬ tes ist nicht moͤglich. Im ersten Falle, worauf beruht denn alle menschliche Groͤße, ausser auf der Selbststaͤndigkeit und Urspruͤnglichkeit der Porson, und daß sie nicht sey ein erkuͤnsteltes Gemaͤchte ihres Zeitalters, sondern ein Ge¬ waͤchs aus der ewigen und urspruͤnglichen Gei¬ sterwelt, ganz so wie es ist, hervorgewachsen, daß ihr eine neue und eigenthuͤmliche Ansicht des Weltganzen aufgegangen sey, und daß sie festen Willen habe, und eiserne Kraft, diese ihre Ansicht einzufuͤhren in die Wirklichkeit? Aber es ist schlechthin unmoͤglich, daß ein sol¬ ches Gemuͤth nicht auch außer sich, an Voͤl¬ kern und Einzelnen, ehre, was in seinem In¬ nern seine eigne Groͤße ausmacht, die Selbst¬ staͤndigkeit, die Festigkeit, die Eigenthuͤmlich¬ keil des Daseyns. So gewiß es sich in seiner Groͤße fuͤhlt, und derselben vertraut, ver¬ schmaͤht es uͤber armseeligen Knechtssinn zu herrschen, und groß zu seyn unter Zwergen; es verschmaͤht den Gedanken, daß es die Menschen erst herabwuͤrdigen muͤsse, um uͤber sie zu gebieten: es ist gedruͤckt durch den Anblik des dasselbe umgebenden Verderbens, es thut ihm weh, die Menschen nicht achten zu koͤnnen; Alles aber, was sein verbruͤdertes Geschlecht erhebt, veredelt, in ein wuͤrdigeres Licht sezt, thut wohl seinem selbst edlen Geiste, und ist sein hoͤchster Genuß. Ein solches Gemuͤth soll¬ te ungern vernehmen, daß die Erschuͤtterungen, die die Zeiten herbei gefuͤhrt haben, benuzt werden, um eine alte ehrwuͤrdige Nation, den Stamm Stamm der mehresten Voͤlker des neuen Euro¬ pa, und die Bildnerin aller, aus dem tiefen Schlummer aufzuregen, und dieselbe zu bewe¬ gen, daß sie ein sicheres Verwahrungsmittel ergreifen, um sich zu erheben aus dem Verder¬ ben, welches dieselbe zugleich sichert, nie wieder herabzusinken, und mit sich selbst zugleich alle uͤbrige Voͤlker zu erheben? Es wird hier nicht angeregt zu ruhestoͤrenden Auf¬ tritten; es wird vielmehr vor diesen, als sicher zum Verderben fuͤhrend, gewarnt, es wird eine feste unwandelbare Grundlage an¬ gegeben, worauf endlich in einem Volke der Welt die hoͤchste, reinste, und noch niemals also unter den Menschen gewesene Sittlichkeit aufgebaut, fuͤr alle folgende Zeiten gesichert, und von da aus uͤber alle andere Voͤlker ver¬ breitet werde; es wird eine Umschaffung des Menschengeschlechts angegeben aus irdischen und sinnlichen Geschoͤpfen, zu reinen und ed¬ len Geistern. Durch einen solchen Vorschlag, meint man, koͤnne ein Geist, der selbst rein ist, und edel und groß, oder irgend jemand, der nach ihm sich bildet, beleidiget werden? C c Was wuͤrden dagegen diejenigen, welche diese Furcht hegten, und dieselbe durch ihr Han¬ deln zugestaͤnden, annehmen, und laut vor aller Welt bekennen, daß sie es annehmen? Sie wuͤrden bekennen, daß sie glaubten, daß ein menschenfeindliches, und ein sehr kleines und niedriges Princip uͤber uns herrsche, dem jede Regung selbststaͤndiger Kraft bange mache, der von Sittlichkeit, Religion, Veredlung der Gemuͤther nicht ohne Angst hoͤren koͤnne, in¬ dem allein in der Herabwuͤrdigung der Men¬ schen, in ihrer Dumpfheit, und ihren Lastern, fuͤr ihn Heil sey, uud Hoffnung, sich zu erhalten. Mit diesem ihren Glauben, der unsern andern Uebeln noch die druͤckende Schmach hinzufuͤgen wuͤrde, von einem solchen beherscht zu seyn, sollen wir nun ohne weiteres, und ohne die vorhergegangene einleuchtende Beweißfuͤhrung, einverstanden seyn, und in demselben handeln? Den schlimmsten Fall gesezt, daß sie recht haͤtten, keinesweges aber wir, die wir das erstere durch unsere That annehmen, soll denn nun wirklich, einem zu gefal¬ len, dem damit gedient ist, und ihnen zu ge¬ fallen, die sich fuͤrchten, das Menschenge¬ schlecht herabgewuͤrdiget werden, und versin¬ ken, und soll keinem, dem sein Herz es gebie¬ tet, erlaubt seyn, sie vor dem Verfalle zu warnen! Gesezt, daß sie nicht bloß recht haͤt¬ ten, sondern daß man sich auch noch entschlies¬ sen sollte, im Angesichte der Mitwelt und der Nachwelt ihnen recht zu geben, und das eben hingelegte Urtheil uͤber sich selbst laut auszu¬ sprechen, was waͤre denn nun das hoͤchste und lezte, das fuͤr den unwillkommnen Warner dar¬ aus erfolgen koͤnnte? Kennen sie etwas hoͤhe¬ res, denn den Tod? Dieser erwartet uns oh¬ ne dies alle, und es haben vom Anbeginn der Menschheit an edle um geringerer Angelegen¬ heiten willen — denn wo gab es jemals eine hoͤhere, als die gegenwaͤrtige? — der Gefahr desselben getrozt. Wer hat das Recht zwischen ein Unternehmen, das auf diese Gefahr begon¬ nen ist, zu treten? Sollte es, wie ich nicht hoffe, solche unter uns Deutschen geben, so wuͤrden diese unge¬ beten, ohne Dank, und, wie ich hoffe, zuruͤck¬ gewiesen, ihren Hals dem Joche der geistigen C c 2 Knechtschaft darbieten; sie wuͤrden, bitter schmaͤhend, indem sie staatsklug zu schmeicheln glauben, weil sie nicht wissen, wie wahrer Groͤße zu Muthe ist, und die Gedanken der¬ selben nach denen ihrer eignen Kleinheit messen, sie wuͤrden die Litteratur, mit der sie nichts anderes anzufangen wissen, gebrauchen, um durch die Abschlachtung derselben als Opfer¬ thier ihren Hof zu machen. Wir dagegen prei¬ sen durch die That unsers Vertrauens und un¬ sers Muthes, weit mehr, denn Worte es je vermoͤchten, die Groͤße des Gemuͤthes, bei dem die Gewalt ist. Ueber das ganze Gebiet der ganzen deutschen Zunge hinweg, wo irgend hin unsere Stimme frei und unaufgehalten er¬ toͤnt, ruft sie durch ihr bloßes Daseyn den Deutschen zu: niemand will eure Unterdruͤk¬ kung, euren Knechtssinn, eure sklavische Un¬ terwuͤrfigkeit, sondern eure Selbststaͤndigkeit, eure wahre Freiheit, eure Erhebung und Ver¬ edlung will man, denn man hindert nicht, daß man sich oͤffentlich mit euch daruͤber berath¬ schlage, und euch das unfehlbare Mittel dazu zeige. Findet diese Stimme Gehoͤr, und den beabsichtigten Erfolg, so sezt sie ein Denkmal dieser Groͤße, und unsers Glaubens an diesel¬ be, ein in den Fortlauf der Jahrhunderte, welches keine Zeit zu zerstoͤren vermag, sondern das mit jedem neuen Geschlechte hoͤher waͤchst, und sich weiterverbreitet. Wer darf sich gegen den Versuch setzen ein solches Denkmal zu errichten? Anstatt also mit der zukuͤnftigen Bluͤthe unsrer Litteratur uͤber unsre verlorne Selbst¬ staͤndigkeit uns zu troͤsten, und von der Aufsu¬ chung eines Mittels, dieselbe wieder herzu¬ stellen, uns durch dergleichen Trost abhalten zu lassen, wollen wir lieber wissen, ob dieje¬ nigen Deutschen, denen eine Art von Bevor¬ mundung der Litteratur zugefallen ist, den uͤbrigen selbst schreibenden oder lesenden Deut¬ schen, eine Litteratur im wahren Sinne des Wors noch bis diesen Tag erlauben, und ob sie dafuͤr halten, daß eine solche Litteratur der¬ malen in Deutschlaud noch erlaubt sey, oder nicht; wie sie aber wirklich daruͤber denken, das wird sich demnaͤchst entscheiden muͤssen. Nach allem ist das naͤchste, was wir zu thun haben, um bis zur voͤlligen und gruͤndlichen Verbesserung unsers Stammes uns auch nur aufzubehalten, dies, daß wir uns Charakter anschaffen, und diesen zunaͤchst dadurch bewaͤh¬ ren, daß wir uns durch eignes Nachdenken eine feste Meinung bilden uͤber unsere wahre Lage, und uͤber das sichere Mittel dieselbe zu verbessern. Die Richtigkeit des Trostes aus der Fortdauer unsrer Sprache, und Litteratur ist gezeigt. Noch aber giebt es andere, in diesen Reden noch nicht erwaͤhnte Vorspiege¬ lungen, welche die Bildung einer solchen fe¬ sten Meinung verhindern. Es ist zwekmaͤßig, daß wir auch auf diese Ruͤksicht nehmen; je¬ doch behalten wir dieses Geschaͤft vor der naͤch¬ sten Stunde. Inhaltsanzeige der dreizehnten Rede Warum von dieser Rede nur die Inhaltsanzeige, nicht aber die Rede selbst geliefert werde, dar¬ uͤber sehe man die am Ende dieser Anzeige be¬ findliche Anmerkung. . Fortsetzung der angefangenen Betrachtung. E s seye noch ein mehreres von nichtigen Ge¬ danken, und taͤuschenden Lehrgebaͤuden uͤber die Angelegenheiten der Voͤlker unter uns im Umlaufe, welches die Deutschen verhindere, eine ihrer Eigenthuͤmlichkeit gemaͤße feste An¬ sicht uͤber ihre gegenwaͤrtige Lage zu fassen, aͤußerten wir am Ende unserer vorigen Rede. Da diese Traumbilder gerade jezt mit groͤßerem Eifer zur oͤffentlichen Verehrung herumgeboten werden, und, nachdem so vieles andere wan¬ kend geworden, von manchem lediglich zur Ausfuͤllung der entstandenen leeren Stellen aufgefaßt werden koͤnnten, so scheint es zur Sache zu gehoͤren, dieselben mit groͤßerem Ernste, als außerdem ihre Wichtigkeit verdie¬ nen duͤrfte, einer Pruͤfung zu unterwerfen. Zufoͤrderst und vor allen Dingen — Die ersten, urspruͤnglichen, und wahrhaft natuͤr¬ lichen Grenzen der Staaten sind ohne Zweifel ihre innern Grenzen. Was dieselbe Sprache redet, das ist schon vor aller menschlichen Kunst vorher durch die bloße Natur mit einer Menge von unsichtbaren Banden an einander geknuͤpft; es versteht sich unter einander, und ist faͤhig, sich immerfort klaͤrer zu verstaͤndigen, es gehoͤrt zusammen, und ist natuͤrlich Eins, und ein unzertrennliches Ganzes. Ein solches kann kein Volk anderer Abkunft und Sprache in sich aufnehmen und mit sich vermischen wollen, ohne wenigstens fuͤrs erste sich zu verwirren, und den gleichmaͤßigen Fortgang seiner Bil¬ dung maͤchtig zu stoͤren. Aus dieser innern, durch die geistige Natur des Menschen selbst gezogenen Grenze ergiebt sich erst die aͤußere Be¬ grenzung der Wohnsitze, als die Folge von jener, und in der natuͤrlichen Ansicht der Dinge sind keinesweges die Menschen, welche inner¬ halb gewisser Berge und Fluͤsse wohnen, um deswillen Ein Volk, sondern umgekehrt wohnen die Menschen beisammen, und wenn ihr Gluͤk es so gefuͤgt hat, durch Fluͤsse und Berge ge¬ dekt, weil sie schon fruͤher durch ein weit hoͤhe¬ res Naturgesez Ein Volk waren. So saß die deutsche Nation, durch gemein¬ schaftliche Sprache und Denkart sattsam unter sich vereinigt, und scharf genug abgeschnitten von den andern Voͤlkern, in der Mitte von Europa da, als scheidender Wall nicht ver¬ wandter Staͤmme, zahlreich und tapfer genug, um ihre Grenzen gegen jeden fremden Anfall zu schuͤtzen, sich selbst uͤberlassen durch ihre ganze Denkart wenig geneigt, Kunde von den be¬ nachbarten Voͤlkerschaften zu nehmen, in der¬ selben Angelegenheiten sich zu mischen, und durch Beunruhigungen sie zur Feindseligkeit aufzureizen. Im Verlaufe der Zeiten bewahrte sie ihr guͤnstiges Geschik vor dem unmittelba¬ ren Antheile am Raube der andern Welten; dieser Begebenheit, durch welche vor allen andern die Weise der Fortentwiklung der neuern Weltgeschichte, die Schiksale der Voͤl¬ ker, und der groͤßte Theil ihrer Begriffe und Meinungen, begruͤndet worden sind. Seit die¬ ser Begebenheit erst zertheilte sich das christ¬ liche Europa, das vorher, auch ohne sein eige¬ nes deutliches Bewußtseyn, Eins gewesen war, und als solches in gemeinschaftlichen Unterneh¬ mungen sich gezeigt hatte, in mehrere abgeson¬ derte Theile; seit jener Begebenheit erst war eine gemeinschaftliche Beute aufgestellt, nach der jeder auf die gleiche Weise begehrte, weil alle sie auf die gleiche Weise brauchen konnten, und die jeder mit Eifersucht in den Haͤnden des andern erblikte; erst nun war ein Grund vorhanden zu geheimer Feindschaft und Kriegs¬ lust Aller gegen Alle. Auch wurde es nun erst zum Gewinne fuͤr Voͤlker, Voͤlker auch anderer Abkunft und Sprachen durch Eroberung, oder, wenn dies nicht moͤglich waͤre, durch Buͤnd¬ nisse, sich einzuverleiben, und ihre Kraͤfte sich zuzueignen. Ein der Natur treu gebliebnes Volk kann, wenn seine Wohnsitze ihm zu enge werden, dieselben durch Eroberung des benach¬ barten Bodens erweitern wollen, um mehr Raum zu gewinnen, und es wird sodann die fruͤhern Bewohner vertreiben; es kann einen rauhen und unfruchtbaren Himmelsstrich gegen einen mildern und gesegnetern vertauschen wollen, und es wird in diesem Falle abermals die fruͤhern Besitzer austreiben; es kann, wenn es auch ausartet, bloße Raubzuͤge unterneh¬ men, auf denen es, ohne des Bodens oder der Bewohner zu begehren, bloß alles Brauchba¬ ren sich bemaͤchtigt, und die ausgeleerten Laͤn¬ der wieder verlaͤßt; es kann endlich die fruͤhern Bewohner des eroberten Bodens, als eine gleichfalls brauchbare Sache, wie Sklaven der Einzelnen unter sich vertheilen: aber daß es die fremde Voͤlkerschaft, so wie dieselbe besteht, als Bestandtheile des Staats sich anfuͤge, da¬ bei hat es nicht den geringsten Gewinn, und es wird niemals in Versuchung kommen, dies zu thun. Ist aber der Fall der, daß einem gleich starken, oder wohl noch staͤrkern Neben¬ buhler eine reizende gemeinschaftliche Beute abgekaͤmpft werden soll, so steht die Rechnung anders. Wie auch uͤbrigens sonst das uͤber¬ wundne Volk zu uns passen moͤge, so sind we¬ nigstens seine Faͤuste zur Bekaͤmpfung des von uns zu beraubenden Gegners brauchbar, und jederman ist uns, als eine Vermehrung der oͤffentlichen Steitkraft, willkommen. So nun irgend einem Weisen, der Friede und Ruhe ge¬ wuͤnscht haͤtte, uͤber diese Lage der Dinge die Augen klar aufgegangen waͤren, wovon haͤtte derselbe Ruhe erwarten koͤnnen? Offenbar nicht von der natuͤrlichen Beschraͤnkung der menschlichen Habsucht dadurch, das das Ueber¬ fluͤssige keinem nuͤtze; denn eine Beute, wodurch alle versucht werden, war vorhanden: und eben so wenig haͤtte er sie erwarten koͤnnen von dem sich selbst eine Grenze setzenden Willen, denn unter solchen, von denen jedweder alles an sich reißt, was er vermag, muß der sich selbst Beschraͤnkende nothwendig zu Grunde gehen. Keiner will mit dem andern theilen, was er dermalen zu eigen besizt; jeder will dem andern das seinige rauben, wenn er irgend kann. Ruht einer, so geschieht dies nur dar¬ um, weil er sich nicht fuͤr stark genug haͤlt, Streit anzufangen; er wird ihn sicher anfan¬ gen, sobald er die erforderliche Staͤrke in sich verspuͤrt. Somit ist das einzige Mittel die Ruhe zu erhalten dieses, daß niemals einer zu der Macht gelange, dieselbe stoͤren zu koͤnnen, und daß jedweder wisse, es sey auf der andern Seite gerade so viel Kraft zum Widerstande, als auf seiner Seite sey zum Angriffe; daß also ein Gleichgewicht, und Gegengewicht der gesammten Macht entstehe, wodurch allein, nachdem alle andere Mittel verschwunden sind, jeder in seinem gegenwaͤrtigen Besizstande, und alle in Ruhe, erhalten werden. Diese beiden Stuͤke demnach: einen Raub, auf den kein ein¬ ziger einiges Recht habe, alle aber nach ihm die gleiche Begierde, sodann die allgemeine, immerfort thaͤtig sich regende wirkliche Raub¬ sucht, sezt jenes bekannte System eines Gleich¬ gewichts der Macht in Europa voraus; und unter diesen Voraussetzungen wuͤrde dieses Gleichgewicht freilich das einzige Mittel seyn die Ruhe zu erhalten, wenn nur erst das zweite Mittel gefunden waͤre, jenes Gleichgewicht hervorzubringen, und es aus einem leeren Gedanken in ein wirkliches Ding zu ver¬ wandeln. Aber waren denn auch jene Voraussetzun¬ gen allgemein, und ohne alle Ausnahme, zu machen. War nicht im Mittelpunkte von Eu¬ ropa die uͤbermaͤchtige deutsche Nation rein geblieben von dieser Beute, und von der An¬ steckung mit der Lust darnach, und fast ohne Vermoͤgen, Anspruch auf dieselbe zu machen? Waͤre nur diese zu Einem gemeinschaftlichen Willen, und Einer gemeinschaftlichen Kraft vereinigt geblieben; haͤtten doch dann die uͤbri¬ gen Europaͤer sich morden moͤgen in allen Mee¬ ren, und auf allen Inseln und Kuͤsten: in der Mitte von Europa haͤtte der feste Wall der Deutschen sie verhindert an einander zu kom¬ men, — hier waͤre Friede geblieben, und die Deutschen haͤtten sich, und mit sich zugleich einen Theil der uͤbrigen Europaͤischen Voͤlker, in Ruhe und Wohlstand erhalten. Es war dem nur den naͤchsten Augenblik berechnenden Eigennutze des Auslandes nicht gemaͤß, daß es also bliebe. Sie fanden die deutsche Tapferkeit brauchbar, um durch sie ihre Kriege zu fuͤhren, und die Haͤnde derselben, um mit ihnen ihren Nebenbuhlern die Beute zu entreißen; es mußte ein Mittel gefunden wer¬ den, um diesen Zwek zu erreichen, und die auslaͤndische Schlauheit siegte leicht uͤber die deutsche Unbefangenheit und Verdachtlosigkeit. Das Ausland war es, welches zuerst der uͤber Religionsstreitigkeiten entstandenen Entzweiung der Gemuͤther in Deutschland sich bediente, um diesen Inbegrif des gesammten christlichen Europa im Kleinen aus der innig verwachse¬ nen Einheit eben so in abgesonderte und fuͤr sich bestehende Theile kuͤnstlich zu zertrennen, wie erst jenes, uͤber einen gemeinsamen Raub, sich na¬ tuͤrlich zertrennt hatte; das Ausland wußte diese also entstandenen besondern Staaten im Schooße der Einen Nation, die keinen Feind hatte, denn das Ausland selbst, und keine Angelegenheit, denn die gemeinsame, gegen die Verfuͤhrungen und die Hinterlist dieses mit vereinigter Kraft sich zu setzen, — es wußte diese einander gegen¬ seitig vorzustellen, als natuͤrliche Feinde, gegen die jeder immerfort auf der Hut seyn muͤsse, sich selbst dagegen darzustellen als die natuͤrlichen Verbuͤndeten gegen diese von den eignen Lands¬ leuten drohende Gefahr; als die Verbuͤndeten, mit denen allein sie selbst staͤnden, oder fielen, und die sie daher gleichfalls in ihren Unterneh¬ mungen mit aller ihrer Macht unterstuͤtzen muͤßten. Nur durch dieses kuͤnstliche Bin¬ dungsmittel wurden alle Zwiste, die uͤber ir¬ gend einen Gegenstand in der alten oder neuen Welt sich entspinnen mochten, zu eignen Zwi¬ sten der deutschen Staͤmme unter einander; jeder aus irgend einem Grunde entstandene Krieg mußte auf deutschem Boden und mit deutschem Blute ausgefochten werden, jede Verruͤkung des Gleichgewichts in derjenigen Nation, der der ganze Urquell dieser Verhaͤlt¬ nisse fremd war, ausgeglichen werden, und die deutschen Staaten, deren abgesondertes Da¬ seyn schon gegen alle Natur und Vernunft stritt, mußten, damit sie doch etwas waͤren, zu Zu¬ lagen gemacht werden zu den Hauptgewichten in der Wage des Europaͤischen Gleichgewichts, deren Zuge sie blind und willenlos folgten. So wie man in manchem auslaͤndischen Staate die Buͤrger bezeichnet dadurch, daß sie von dieser oder einer andern fremden Parthey seyen, und fuͤr dieses oder jenes auswaͤrtige Buͤndniß stim¬ stimmten, solche aber, die von der vaterlaͤn¬ dischen Parthey seyen, nicht nahmhaft zu machen weiß; so waren die Deutschen schon laͤngst nur fuͤr irgend eine fremde Parthey, und man traf selten auf einen, der die Partey der Deutschen gehalten, und gemeint haͤtte, daß dieses Land sich mit sich selbst verbuͤnden sollte. Dies also ist der wahre Ursprung und die Bedeutung, dies der Erfolg fuͤr Deutschland und fuͤr die Welt von dem beruͤchtigten Lehrgebaͤude eines kuͤnstlich zu erhaltenden Gleichgewichts der Macht unter den Europaͤischen Staaten. Waͤre das christliche Europa Eins geblieben, wie es sollte, und wie es urspruͤnglich war, so haͤtte man nie Veranlassung gehabt, einen sol¬ chen Gedanken zu erzeugen; das Eine ruht auf sich selbst, und traͤgt sich selbst, und zertheilt sich nicht in streitende Kraͤfte, die mit einander in ein Gleichgewicht gebracht werden muͤßten; nur fuͤr das unrechtlich gewordene, und zertheilte Europa erhielt jener Gedanke eine nothduͤrftige Bedeutung. Zu diesem unrechtlich gewordenen, und zer¬ D d theilten Europa gehoͤrte Deutschland nicht. Waͤre nur wenigstens dieses Eins geblieben, so haͤtte es auf sich selbst geruht im Mittel¬ punkte der gebildeten Erde, so wie die Sonne im Mittelpunkte der Welt; es haͤtte sich in Ruhe erhalten, und durch sich seine naͤchste Umge¬ bung, und haͤtte, ohne alle kuͤnstliche Vorkeh¬ rung, durch sein bloßes natuͤrliches Daseyn, allem das Gleichgewicht gegeben. Nur der Trug des Auslandes mischte dasselbe in seine Unrechtlichkeit und seine Zwiste, und brachte ihm jenen hinterlistigen Begriff bei, als eins der wirksamsten Mittel, dasselbe uͤber seinen wahren Vortheil zu taͤuschen, und es in der Taͤuschung zu erhalten. Dieser Zweck ist nun hinlaͤnglich erreicht, und der beabsichtigte Er¬ folg liegt vollendet da vor unsern Augen. Koͤn¬ nen wir nun auch diesen nicht aufheben; warum sollen wir nicht wenigstens die Quelle desselben in unserm eignen Verstande, der fast noch das einzige ist, das unsrer Botmaͤßigkeit uͤberlassen geblieben, austilgen? Warum soll das alte Traumbild noch immer uns vor die Augen gestellt werden, nachdem das Uebel uns aus dem Schlafe gewekt hat? Warum sollen wir nicht wenigstens jezt die Wahrheit sehen, und das einzige Mittel, das uns haͤtte retten koͤn¬ nen, erblicken — ob vielleicht unsre Nachkommen thun moͤchten, was wir einsehen; so wie wir jezo leiden, weil unsre Vaͤter traͤumten. Las¬ set uns begreifen, daß der Gedanke eines kuͤnst¬ lich zu erhaltenden Gleichgewichts zwar fuͤr das Ausland ein troͤstender Traum seyn konnte bei der Schuld und dem Uebel, welche dasselbe druͤkten; daß er aber, als ein durchaus auslaͤn¬ disches Erzeugniß, niemals in dem Gemuͤthe eines Deutschen haͤtte Wurzel fassen, und die Deutschen niemals in die Lage haͤtten kommen sollen, daß er bei ihnen Wurzel fassen gekonnt haͤtte; daß wir wenigstens jezt in seiner Nich¬ tigkeit ihn durchdringen, und daß wir einsehen muͤssen, daß nicht bei ihm, sondern allein bei der Einigkeit der Deutschen unter sich selber, das allgemeine Heil zu finden sey. Eben so fremd ist dem Deutschen die in unsern Tagen so haͤufig gepredigte Freiheit der Meere; ob nun wirklich diese Freiheit, oder ob bloß das Vermoͤgen, daß man selbst alle D d 2 anderen von derselben ausschließen koͤnne, be¬ absichtiget werde. Jahrhunderte hindurch, waͤhrend des Wetteifers aller andern Nationen, hat der Deutsche wenig Begierde gezeigt, an derselben in einem ausgedehnten Maaße Theil zu nehmen, und er wird es nie. Auch bedarf er derselben nicht. Sein reichlich ausgestatte¬ tes Land, und sein Fleiß gewaͤhrt ihm alles, dessen der gebildete Mensch zum Leben bedarf; an Kunstfertigkeit, dasselbe fuͤr den Zwek zu verarbeiten, gebricht es ihm auch nicht: und um den einigen wahrhaften Gewinn, den der Welthandel mit sich fuͤhrt, die Erweiterung der wissenschaftlichen Kenntniß der Erde und ihrer Bewohner, an sich zu bringen, wird es sein eigner wissenschaftlicher Geist ihm nicht an einem Tauschmittel fehlen lassen. — O moͤchte doch nur den Deutschen sein guͤnstiges Geschik eben so vor dem mittelbaren Antheile an der Beute der andern Welten bewahrt haben, wie es ihm vor dem unmittelbaren bewahrte! Moͤchte Leichtglaͤubigkeit, und die Sucht, auch fein und vornehm zu leben, wie die andern Voͤlker, uns nicht die entbehrlichen Waaren, die in fremden Welten erzeugt werden, zum Beduͤrf¬ nisse gemacht haben; moͤchten wir in Absicht der weniger entbehrlichen lieber unserm freien Mitbuͤrger ertraͤgliche Bedingungen haben machen, als von dem Schweiße und Blute eines armen Sklaven jenseit der Meere Ge¬ winn ziehen wollen; so haͤtten wir wenigstens nicht selbst den Vorwand geliefert zu unserm dermaligen Schiksale, und wuͤrden nicht be¬ kriegt, als Abkaͤufer, und zu Grunde gerichtet, als ein Marktplaz. Fast vor einem Jahr¬ zehend, ehe irgend jemand voraussehen konnte, was seitdem sich ereignet, ist den Deutschen gerathen worden, vom Welthandel sich unab¬ haͤngig zu machen, nnd als Handelsstaat sich zu schließen. Dieser Vorschlag verstieß gegen unsere Gewoͤhnungen, besonders aber gegen unsre abgoͤttische Verehrung der ausgepraͤgten Metalle, und wurde leidenschaftlich angefein¬ det, und bei Seite geschoben. Seitdem lernen wir, durch fremde Gewalt genoͤthigt, und mit Unehre, das, und noch weit mehr, entbehren, was wir damals mit Freiheit, und zu unserer hoͤchsten Ehre nicht entbehren zu koͤnnen ver¬ sicherten. Moͤchten wir diese Gelegenheit, da der Genuß wenigstens uns nicht besticht, ergrei¬ fen, um auf immer unsre Begriffe zu berichti¬ gen! Moͤchten wir endlich einsehen, daß alle jene schwindelnden Lehrgebaͤude uͤber Welt¬ handel, und Fabrikation fuͤr die Welt, zwar fuͤr den Auslaͤnder passen, und gerade unter die Waffen desselben gehoͤren, womit er von jeher uns bekriegt hat, daß sie aber bei den Deut¬ schen keine Anwendung haben, und daß, naͤchst der Einigkeit dieser unter sich selber, ihre innere Selbststaͤndigkeit und Handels-Unabhaͤngigkeit das zweite Mittel ist ihres Heils, und durch sie, des Heils von Europa. Wage man es endlich auch noch das Traum¬ bild einer Universal-Monarchie, das an die Stelle des seit einiger Zeit immer unglaublicher werdenden Gleichgewichts der oͤffentlichen Ver¬ ehrung dargeboten zu werden anfaͤngt, in sei¬ ner Hassenswuͤrdigkeit und Vernunftlosigkeit zu erblicken! Die geistige Natur vermochte das Wesen der Menschheit nur in hoͤchst mannigfal¬ tigen Abstufungen an Einzelnen, und an der Einzelnheit im Großen, und Ganzen, an Voͤl¬ kern, darzustellen. Nur wie jedes dieser lez¬ ten, sich selbst uͤberlassen, seiner Eigenheit ge¬ maͤß, und in jedem derselben, jeder Einzelne jener gemeinsamen, so wie seiner besondern Eigenheit gemaͤß, sich entwickelt, und gestaltet, tritt die Erscheinung der Gottheit in ihrem eigentlichen Spiegel heraus, so wie sie soll; und nur der, der entweder ohne alle Ahnung fuͤr Gesezmaͤßigkeit, und goͤttliche Ordnung, oder ein verstockter Feind derselben waͤre, koͤnnte einen Eingriff in jenes hoͤchste Gesez der Gei¬ sterwelt wagen wollen. Nur in den unsicht¬ baren, und den eignen Augen verborgenen Ei¬ genthuͤmlichkeiten der Nationen, als demjeni¬ gen, wodurch sie mit der Quelle urspruͤnglichen Lebens zusammen haͤngen, liegt die Buͤrgschaft ihrer gegenwaͤrtigen und zukuͤnftigen Wuͤrde, Tugend, Verdienstes; werden diese durch Ver¬ mischung und Verreibung abgestumpft, so ent¬ steht Abtrennung von der geistigen Natur, aus dieser Flachheit, aus dieser die Verschmelzung al¬ ler zu dem gleichmaͤßigen und an einander han¬ genden Verderben. Sollen wir es den Schrift¬ stellern, die uͤber alle unsre Uebel uns mit der Aussicht troͤsten, daß wir dafuͤr auch Unter¬ thanen der beginnenden neuen Universal-Mo¬ narchie seyn werden, glauben, daß irgend je¬ mand eine solche Zerreibung aller Keime des Menschlichen in der Menschheit beschlossen ha¬ be, um den zerfließenden Teig in irgend eine Form zu druͤcken; und daß eine so ungeheure Rohheit oder Feindseligkeit gegen das mensch¬ liche Geschlecht in unserm Zeitalter moͤglich sey. Oder wenn wir uns auch entschließen wollten, dieses durchaus unglaubliche fuͤrs erste zu glau¬ ben, durch welches Werkzeug soll denn ferner ein solcher Plan ausgefuͤhrt werden; welche Art von Volk soll es denn seyn, die bei dem gegenwaͤrtigen Bildungszustande von Europa fuͤr irgend einen neuen Universal-Monarchen die Welt erobere? Schon seit einer Reihe von Jahrhunderten haben die Voͤlker Europens aufgehoͤrt, Wilde zu seyn, und einer zerstoͤ¬ renden Thaͤtigkeit um ihrer selbst willen sich zu freuen. Alle suchen hinter dem Kriege einen endlichen Frieden; hinter der Anstrengung die Ruhe, hinter der Verwirrung die Ordnung; und alle wollen ihre Laufbahn mit dem Frieden eines haͤuslichen und stillen Lebens gekroͤnt sehen. Auf eine Zeitlang mag selbst ein nur vorgebildeter National-Vortheil sie zum Kriege begeistern; wenn die Aufforderung immer auf dieselbe Weise zuruͤkkehrt, verschwindet das Traumbild, und die Fieberkraft, die dasselbe gegeben hat; die Sehnsucht nach ruhiger Ord¬ nung kehrt zuruͤk, und die Frage: fuͤr welchen Zwek thue und trage ich denn nun dies alles, erhebt sich. Diese Gefuͤhle alle muͤßte zuvoͤr¬ derst ein Welt-Eroberer unsrer Zeit austilgen, und in dieses Zeitalter, das durch seine Natur ein Volk von Wilden nicht giebt, mit besonne¬ ner Kunst eins hineinbilden. Aber noch mehr. Dem von Jugend auf an einen gebildeten An¬ bau der Laͤnder, an Wohlstand, und Ordnung gewoͤhnten Auge, thut, wenn man den Men¬ schen nur ein wenig zur Ruhe kommen laͤßt, der Anblik derselben allenthalben, wo er ihn an¬ trift, wohl, indem er ihm den Hintergrund sei¬ ner eignen, doch niemals ganz auszurottenden Sehnsucht, darstellt, und es schmerzt ihn selbst, denselben zerstoͤren zu muͤssen. Auch gegen die¬ ses dem gesellschaftlichen Menschen tief einge¬ praͤgte Wohlwollen, und gegen die Wehmuth uͤber die Uebel, die der Krieger uͤber die erober¬ ten Laͤnder bringt, muß ein Gegengewicht ge¬ funden werden. Es giebt kein anderes, denn die Raubsucht. Wird es zum herrschenden An¬ triebe des Kriegers, sich einen Schaz zu machen, und wird er gewoͤhnt, bei Verheerung bluͤhen¬ der Laͤnder an nichts anderes mehr zu denken, denn daran, was er fuͤr seine Person bei dem all¬ gemeinen Elende gewinnen koͤnne, so ist zu er¬ warten, daß die Gefuͤhle des Mitleids, und des Erbarmens in ihm verstummen. Außer je¬ ner barbarischen Rohheit muͤßte demnach ein Welt-Eroberer unsrer Zeit die Seinigen auch noch zur kuͤhlen und besonnenen Raubsucht bil¬ den; er muͤßte Erpressungen nicht bestrafen, sondern vielmehr aufmuntern. Auch muͤßte die Schande, die natuͤrlich auf der Sache ruht, erst wegfallen, und Rauben muͤßte fuͤr ein eh¬ renvolles Zeichen eines feinen Verstandes gel¬ ten, zu den Grosthaten gezaͤhlt werden, und den Weg zu allen Ehren und Wuͤrden bahnen. Wo ist eine Nation im neuern Europa also ehr¬ los, daß man sie auf diese Weise abrichten. koͤnnte? Oder setzet, daß ihm selbst diese Umbil¬ dung gelaͤnge, so wird nun gerade durch sein Mittel die Erreichung seines Zweks vereitelt werden. Ein solches Volk erblikt von nun an in eroberten Menschen, Laͤndern, und Kunster¬ zeugungen nichts mehr, denn ein Mittel, in hoͤchster Eil Geld zu machen, um weiter zu ge¬ hen, und abermals Geld zu machen; es er¬ preßt schnell, und wirft das Ausgesogene weg auf jedes moͤgliche Schiksal; es haut ab den Baum, zu dessen Fruͤchten es gelangen will: wer mit solchen Werkzeugen handelt, dem werden alle Kuͤnste der Verfuͤhrung, der Ueberredung, und des Truges vereitelt; nur aus der Entfer¬ nung koͤnnen sie taͤuschen, wie man sie in der Naͤhe erblikt, faͤllt die thierische Rohheit, und die schamlose und freche Raubsucht selbst dem Bloͤdsinnigsten in die Augen, und der Abscheu des ganzen menschlichen Geschlechts erklaͤrt sich laut. Mit solchen kann man die Erde zwar auspluͤndern und wuͤste machen, und sie zu einem dumpfen Chaos zerreiben, nimmer¬ mehr aber sie zu einer Universal-Monarchie ordnen. Die genannten Gedanken, und alle Gedan¬ ken dieser Art sind Erzengnisse eines bloß mit sich selber spielenden, und in seinem Gespinnste zuweilen auch haͤngen bleibenden Denkens, un¬ werth deutscher Gruͤndlichkeit und Ernstes. Hoͤchstens sind einige dieser Bilder, wie z. B. das eines politischen Gleichgewichts, taugliche Huͤlfslinien, um in einem ausgedehnten und verworrenen Mannigfaltigen der Erscheinung sich zurecht zu finden, und es zu ordnen; aber an das natuͤrliche Vorhandenseyn dieser Dinge zu glauben, oder ihre Verwirklichung anzustre¬ ben, ist eben so, als ob jemand die Pole, die Mittagslinie, die Wendekreise, durch die seine Betrachtung auf der Erde sich zurecht findet, an der wirklichen Erdkugel ausgedruͤkt und be¬ zeichnet aufsuchte. Moͤchte es Sitte werden in unserer Nation, nicht bloß zum Scherze und gleichsam versuchend, was dabei herauskom¬ men werde, zu denken, sondern also, als ob wahr seyn solle, und wirklich gelten im Leben, was wir denken, so wird es uͤberfluͤßig werden, vor solchen Truggestalten einer urspruͤglich aus¬ laͤndischen, und die Deutschen bloß beruͤckenden Staatsklugheit, zu warnen. Diese Gruͤndlichkeit, Ernst und Gewicht unsrer Denkweise wird, wenn wir sie einmal besitzen, auch hervorbrechen in unserm Leben. Besiegt sind wir; ob wir nun zugleich auch ver¬ achtet, und mit Recht verachtet seyn wollen, ob wir zu allem andern Verluste auch noch die Ehre verlieren wollen, das wird noch immer von uns abhaͤngen. Der Kampf mit den Waf¬ fen ist beschlossen; es erbebt sich, so wir es wollen, der neue Kampf der Grundsaͤtze, der Sitten, des Charakters. Geben wir unsern Gaͤsten ein Bild treuer Anhaͤnglichkeit an Vaterland und Freunde, un¬ bestechlicher Rechtschaffenheit, und Pflichtliebe, aller buͤrgerlichen, und haͤuslichen Tugenden, als freundliches Gastgeschenk mit in ihre Hei¬ math, zu der sie doch wohl endlich einmal zu¬ ruͤkkehren werden. Huͤten wir uns, sie zur Verachtung gegen uns einzuladen; durch nichts aber wuͤrden wir es sicherer, als wenn wir sie entweder uͤbermaͤßig fuͤrchteten, oder unsre Weise dazuseyn aufzugeben, und in der ihri¬ gen ihnen aͤhnlich zu werden strebten. Fern zwar sey von uns die Ungebuͤhr, daß der Ein¬ zelne die Einzelnen herausfordere, und reize; uͤbrigens aber wird es die sicherste Maaßregel seyn, allenthalben Unsern Weg also fortzuge¬ hen, als ob wir mit uns selber allein waͤren, und durchaus kein Verhaͤltniß anzuknuͤpfen, das uns die Nothwendigkeit nicht schlechthin auflegt; Und das sicherste Mittel hierzu wird seyn, daß jeder sich mit dem begnuͤge, was die alten vaterlaͤndischen Verhaͤltnisse ihm zu leisten vermoͤgen, die gemeinschaftliche Last nach sei¬ nen Kraͤften mit trage, jede Beguͤnstigung aber durch das Ausland fuͤr eine entehrende Schmach halte. Leider ist es beinahe allge¬ meine europaͤische, und so auch deutsche Sitte geworden, daß man im Falle der Wahl lieber sich wegwerfen, denn als das erscheinen wolle, was man imponirend nennt, und es duͤrfte viel¬ leicht das ganze Lehrgebaͤude der angenomme¬ nen guten Lebensart auf die Einheit jenes Grundsatzes sich zuruͤckfuͤhren lassen. Moͤchten wir Deutsche bei der gegenwaͤrtigen Veran¬ lassung lieber gegen diese Lebensart, denn ge¬ gen etwas hoͤheres verstoßen! Moͤchten wir, obwohl dies ein solcher Verstoß seyn duͤrfte, bleiben, so wie wir sind, ja, wenn wir es ver¬ moͤchten, noch staͤrker und entschiedener werden, also wie wir seyn sollen! Moͤchten wir der Ausstellungen, die man uns zu machen pflegt, daß es uns gar sehr an Schnelligkeit und leich¬ ter Fertigkeit gebreche, und daß wir uͤber allem zu ernst, zu schwer, und zu gewichtig werden, uns so wenig schaͤmen, daß wir uns vielmehr bestrebten, sie immer mit groͤßerem Rechte, und in weiterer Ausdehnung zu verdienen. Es be¬ festige uns in diesem Entschluße die leicht zu er¬ langende Ueberzeugung, daß wir mit aller unsrer Muͤhe dennoch niemals jenen recht seyn werden, wenn wir nicht ganz aufhoͤren wir sel¬ ber zu seyn, was dem uͤberhaupt gar nicht mehr da seyn gleich gilt. Es giebt nemlich Voͤlker, welche, indem sie selbst ihre Eigen¬ thuͤmlichkeit beibehalten, und dieselbe geehrt wissen wollen, auch den andern Voͤlkern die ihrigen zugestehen, und sie ihnen goͤnnen, und verstatten; zu diesen gehoͤren ohne Zweifel die Deutschen, und es ist dieser Zug in ihrem gan¬ zen vergangenen, und gegenwaͤrtigen Weltleben so tief begruͤndet, daß sie sehr oft, um gerecht zu seyn sowohl gegen das gleichzeitige Ausland als gegen das Alterthum, ungerecht gewesen sind gegen sich selbst. Wiederum giebt es an¬ dere Voͤlker, denen ihr eng in sich selbst ver¬ wachsenes Selbst niemals die Freiheit gestat¬ tet, sich zu kalter und ruhiger Betrachtung des fremden abzusondern, und die daher zu glauben genoͤthigt sind, es gebe nur eine einzige moͤgliche Weise als gebildeter Mensch zu bestehen, und dies sey jedesmal die, welche in diesem Zeit¬ punkte gerade ihnen irgend ein Zufall angewor¬ fen; alle uͤbrige Menschen in der Welt haͤtten keine andere Bestimmung, denn also zu wer¬ den, wie sie sind, und sie haͤtten ihnen den groͤßten Dank abzustatten, wenn sie die Muͤhe uͤber sich nehmen wollten, sie also zu bilden. Zwischen Voͤlkern der ersten Art findet eine der Ausbildung zum Menschen uͤberhaupt hoͤchst wohlthaͤtige Wechselwirkung der gegenseitigen Bildung und Erziehung statt, und eine Durch¬ dringung, bei welcher dennoch jeder, mit dem guten Willen des andern, sich selbst gleich bleibt. Voͤlker von der zweiten Art vermoͤgen nichts zu bilden, denn sie vermoͤgen nichts in seinem vor¬ vorhandenen Seyn anzufassen; sie wollen nur alles Bestehende vernichten, und außer sich al¬ lenthalben eine leere Staͤtte hervorbringen, in der sie nur immer die eigne Gestalt wiederholen koͤnnen; selbst ihr anfaͤngliches scheinbares Hin¬ eingehen in fremde Sitte, ist nur die gutmuͤ¬ thige Herablassung des Erziehers zum jezt noch schwachen, aber gute Hofnung gebenden Lehr¬ linge; selbst die Gestalten der vollendeten Vor¬ welt gefallen ihnen nicht, bis sie dieselben in ihr Gewand gehuͤllt haben, und sie wuͤrden, wenn sie koͤnnten, dieselben aus den Graͤbern aufwecken, um sie nach ihrer Weise zu erziehen. Fern zwar bleibe von mir die Vermessenheit, irgend eine vorhandene Nation im Ganzen und ohne Ausnahme, jener Beschraͤnktheit zu be¬ schuldigen. Laßt uns vielmehr annehmen, daß auch hier diejenigen, die sich nicht aͤußern, die bessern sind. Soll man aber die, die unter uns erschienen sind, und sich geaͤußert haben, nach diesen ihren Aeußerungen beurtheilen, so scheint zu folgen, daß sie in die geschilderte Klasse zu setzen sind. Eine solche Aeußerung scheint eines Beleges zu beduͤrfen, und ich fuͤhre, von den Ee uͤbrigen Ausfluͤssen dieses Geistes, die vor den Augen von Europa liegen, schweigend, nur den einigen Umstand an, den folgenden: — Wir haben mit einander Krieg gefuͤhrt; wir unsers Theils sind die Ueberwundenen, jene die Sieger; dies ist wahr, und wird zugestanden. Damit nun koͤnnten jene ohne Zweifel sich be¬ gnuͤgen. Ob nun etwa jemand unter uns fort¬ fuͤhre, dafuͤr zu halten, wir haͤtten dennoch die gerechte Sache fuͤr uns gehabt, und den Sieg verdient, und es sey zu beklagen, daß er nicht uns zu Theile geworden; waͤre denn dies so uͤbel, und koͤnnten es uns denn jene, die ja von ihrer Seite gleichfalls denken moͤgen, was sie wollen, so sehr verargen? Aber nein, jenes zu denken, sollen wir uns nicht unterstehen. Wir sollen zugleich erkennen, welch' ein Unrecht es sey, jemals anders zu wollen, denn sie, und ihnen zu widerstehen; wir sollen unsre Nieder¬ lagen als das heilsamste Ereigniß fuͤr uns selbst, und sie, als unsre groͤßten Wohlthaͤter, segnen. Anders kann es ja nicht seyn, und man hat diese Hofnung zu unserm guten Verstande. — Doch was spreche ich laͤnger aus, was beinahe vor zweitausend Jahren mit vieler Genauig¬ keit z. B. in den Geschichtsbuͤchern des Tacitus, ausgesprochen worden ist? Jene Ansicht der Roͤmer von dem Verhaͤltnisse der bekriegten Barbaren gegen sie, welche Ansicht bei diesen denn doch auf einen einige Entschuldigung verdie¬ nenden Schein sich gruͤndete, daß es verbreche¬ rische Rebellion, und Auflehnung gegen goͤtt¬ liche und menschliche Gesetze sey, ihnen Wi¬ derstand zu leisten, und daß ihre Waffen den Voͤlkern nichts anders zu bringen vermoͤchten, denn Seegen, und ihre Ketten nichts anders, denn Ehre — diese Ansicht ist es, die man in diesen Tagen von uns genommen, und mit sehr vieler Gutmuͤthigkeit uns selbst angemuthet, und bei uns vorausgesezt hat. Ich gebe der¬ gleichen Aeußerungen nicht fuͤr uͤbermuͤthigen Hohn aus; ich kann begreifen, wie man bei großem Eigenduͤnkel und Beschraͤnktheit im Ernste also glauben, und dem Gegentheile ehr¬ lich denselben Glauben zutrauen koͤnne, wie ich denn z. B. dafuͤr halte, daß die Roͤmer wirklich so glaubten; aber ich gebe nur zu bedenken, ob diejenigen unter uns, denen es unmoͤglich Ee 2 faͤllt, jemals zu jenem Glauben sich zu be¬ kehren, auf irgend eine Ausgleichung rechnen koͤnnen. Tief veraͤchtlich machen wir uns dem Aus¬ lande, wenn wir vor den Ohren desselben uns, einer den andern, deutsche Staͤmme, Staͤnde, Personen, uͤber unser gemeinschaftliches Schik¬ sal anklagen, und einander gegenseitige bittere, und leidenschaftliche Vorwuͤrfe machen. Zu¬ foͤrderst sind alle Anklagen dieser Art groͤßten¬ theils unbillig, ungerecht, ungegruͤndet. Welche Ursachen es sind, die Deutschlands leztes Schik¬ sal herbeigefuͤhrt haben, haben wir oben ange¬ geben; diese sind seit Jahrhunderten bei allen deutschen Staͤmmen ohne Ausnahme auf die gleiche Weise einheimisch gewesen; die lezten Ereignisse sind nicht die Folgen irgend eines besondern Fehltrittes eines einzelnen Stammes, oder seiner Regierung, sie haben sich lange ge¬ nug vorbereitet, und haͤtten, wenn es bloß auf die in uns selbst liegenden Gruͤnde angekommen waͤre, schon vor langem uns eben sowohl tref¬ fen koͤnnen. Hierin ist die Schuld oder Un¬ schuld aller wohl gleich groß, und die Berech¬ nung ist nicht wohl mehr moͤglich. Bei der Herbeieilung des endlichen Erfolgs hat sich gefunden, daß die einzelnen deutschen Staaten nicht einmal sich selbst, ihre Kraͤfte, und ihre wahre Lage, kannten; wie koͤnnte denn irgend einer sich anmaaßen, aus sich selbst herauszu¬ treten, und uͤber fremde Schuld ein auf gruͤnd¬ liche Kenntniß sich stuͤtzendes Endurtheil zu faͤllen? Mag es seyn, daß uͤber alle Staͤmme des deutschen Vaterlandes hinweg einen gewissen Stand ein gegruͤndeterer Vorwurf trift, nicht, weil er eben auch nicht mehr eingesehen oder vermocht, als die andern alle, was eine ge¬ meinschaftliche Schuld ist, sondern weil er sich das Ansehen gegeben, als ob er mehr einsaͤhe, und vermoͤchte, und alle uͤbrigen von der Ver¬ waltung der Staaten verdraͤngt. Waͤre nun auch ein solcher Vorwurf gegruͤndet; wer soll ihn aussprechen, und wozu ist es noͤthig, daß er gerade jezt lauter, und bitterer denn je, aus¬ gesprochen, und verhandelt werde? Wir se¬ hen, daß Schriftsteller es thun. Haben diese nun ehemals, als bei jenem Stande noch alle Macht und alles Ansehen, mit der stillschwei¬ genden Einwilligung der entschiedenen Mehr¬ heit des uͤbrigen Menschengeschlechts, sich be¬ fand, eben also geredet, wie sie jetzo reden; wer kann es ihnen verdenken, daß sie an ihre durch die Erfahrung sehr bestaͤtigte ehemalige Rede erinnern? Wir hoͤren auch, daß sie ein¬ zelne genannte Personen, die ehemals an der Spitze der Geschaͤfte standen, vor das Volks¬ gericht fuͤhren, ihre Untauglichkeit, ihre Traͤg¬ heit, ihren boͤsen Willen darlegen, und klar darthun, daß aus solchen Ursachen nothwendig solche Wirkungen hervorgehen mußten. Ha¬ ben sie schon ehemals, als bei den Angeklag¬ ten noch die Gewalt war, und die aus ihrer Verwaltung nothwendig erfolgen muͤssenden Uebel noch abzuwenden waren, eben dasselbe eingesehen, was sie jezt einsehen, und es eben so laut ausgesprochen; haben sie schon damals ihre Schuldigen mit derselben Kraft angeklagt, und kein Mittel unversucht gelassen, das Va¬ terland aus ihren Haͤnden zu erretten, und sind sie bloß nicht gehoͤrt worden; so thun sie sehr recht, an ihre damals verschmaͤhte Warnung zu erinnern. Haben sie aber etwa ihre dermalige Weisheit nur aus dem Erfolge gezogen, aus welchem seitdem alles Volk mit ihnen eben dieselbe gezogen hat, warum sagen jezt eben sie, was alle andern nun eben sowohl wissen? Oder haben sie vielleicht gar damals aus Ge¬ winnsucht geschmeichelt, oder aus Furcht ge¬ schwiegen, vor dem Stande, und den Personen, uͤber die jezt, nachdem sie die Gewalt verlohren haben, ungemaͤßigt ihre Strafrede hereinbricht; o so vergessen sie kuͤnftig nicht unter den Quel¬ len unsrer Uebel neben dem Adel, und den un¬ tauglichen Ministern und Feldherren, auch noch die politischen Schriftsteller anzufuͤhren, die erst nach gegebnem Erfolge wissen, was da haͤtte geschehen sollen, so wie der Poͤbel auch; und die den Gewalthabern schmeicheln, die Gefallenen aber schadenfroh verhoͤhnen! Oder ruͤgen sie etwa die Irrthuͤmer der Vergangenheit, die freilich durch alle ihre Ruͤge nicht vernichtet werden kann, nur darum, damit man sie in der Zukunft nicht wieder be¬ gehe; und ist es bloß ihr Eifer, eine gruͤndliche Verbesserung der menschlichen Verhaͤltnisse zu bewirken, der sie uͤber die Ruͤksichten der Klug¬ heit und des Anstandes so kuͤhn hinweg sezt? Gern moͤchten wir ihnen diesen guten Willen zutrauen, wenn nur die Gruͤndlichkeit der Ein¬ sicht, und des Verstandes sie berechtigte, in diesem Fache guten Willen zu haben. Nicht sowohl die einzelnen Personen, die von ohnge¬ faͤhr auf den hoͤchsten Plaͤtzen sich befunden ha¬ ben, sondern die Verbindung und Verwikkelung des Ganzen der ganze Geist der Zeit, die Irr¬ thuͤmer, die Unwissenheit, Seichtigkeit, Ver¬ zagtheit, und der von diesen unabtrennliche unsichere Schritt, die gesammten Sitten der Zeit sind es, die unsere Uebel herbei gefuͤhrt haben; und so sind es denn weit weniger die Personen, welche gehandelt haben, denn die Plaͤtze, und jederman, und die heftigen Tad¬ ler selbst, koͤnnen mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, daß sie, an demselben Platze sich be¬ findend, durch die Umgebungen ohngefaͤhr zu demselben Ziele wuͤrden hingedraͤngt worden seyn. Traͤume man weniger von uͤberlegter Bosheit und Verrath! Unverstand und Traͤg¬ heit reichen fast allenthalben aus, um die Bege¬ benheiten zu erklaͤren; und dies ist eine Schuld, von der keiner ohne tiefe Selbstpruͤfung sich ganz lossprechen sollte; da zumal, wo in der ganzen Masse sich ein sehr hohes Maaß von Kraft der Traͤgheit befindet, dem Einzelnen, der da durchdringen sollte, ein sehr hoher Grad von Kraft der Thaͤtigkeit beiwohnen muͤßte. Werden daher auch die Fehler der Einzelnen noch so scharf ausgezeichnet, so ist dadurch der Grund des Uebels noch keinesweges entdekt, noch wird er dadurch, daß diese Fehler in der Zukunft vermieden werden, gehoben. Blei¬ ben die Menschen fehlerhaft, so koͤnnen sie nicht anders, denn Fehler machen, und wenn sie auch die ihrer Vorgaͤnger fliehen, so werden in dem unendlichen Raume der Fehlerhaftigkeit gar leicht sich neue finden. Nur eine gaͤnzliche Umschaffung, nur das Beginnen eines ganz neuen Geistes, kann uns helfen. Werden sie auf desselben Entwiklung mit hinarbeiten, dann wollen wir ihnen neben dem Ruhme des guten Willens auch noch den des rechten und heil¬ bringenden Verstandes gern zugestehen. Diese gegenseitigen Vorwuͤrfe sind, so wie sie ungerecht sind, und unnuͤz, zugleich aͤußerst un¬ klug, und muͤssen uns tief herabsetzen in den Augen des Auslandes, dem wir zum Ueberflusse die Kunde derselben auf alle Weise erleichtern, und aufdringen. Wenn wir nicht muͤde wer¬ den, ihnen vorzuerzaͤhlen, wie verworren und abgeschmakt alle Dinge bei uns gewesen seyen, und in welchem hohen Grade wir elend regiert worden; muͤssen sie nicht glauben, daß, wie auch irgend sie sich gegen uns betragen moͤchten, sie doch noch immer viel zu gut fuͤr uns seyen, und niemals uns zu schlecht werden koͤnnten? Muͤs¬ sen sie nicht glauben, daß wir, bei unsrer gro¬ ßen Ungeschiktheit und Unbeholfenheit, mit dem demuͤthigsten Danke jedwedes Ding aufzuneh¬ men haben, das sie aus dem reichen Schatze ihrer Regierungs-Verwaltungs- und Gesezge¬ bungs-Kunst uns schon dargereicht haben, oder noch fuͤr die Zukunft uns zudenken? Bedarf es von unsrer Seite dieser Unterstuͤtzung ihrer ohne dies nicht unvortheilhaften Meinung von sich selbst, und der geringfuͤgigen von uns? Werden nicht dadurch gewisse Aeußerungen, die man außerdem fuͤr bittern Hohn halten muͤßte, als, daß sie erst deutschen Laͤndern, die vorher kein Vaterland gehabt haͤtten, eins braͤchten, oder, daß sie eine sklavische Abhaͤngigkeit der Perso¬ nen als solcher von andern Personen, die bei uns gesezlich gewesen waͤre, abschafften, zur Wiederholung unsrer eignen Ausspruͤche, und zum Nachhalle unsrer eignen Schmeichelworte? Es ist eine Schmach, die wir Deutschen mit keinem der andern Europaͤischen Voͤlker, die in den uͤbrigen Schiksalen uns gleich geworden sind, theilen, daß wir, sobald nur fremde Waf¬ fen unter uns geboten, gleich als ob wir schon lange auf diesen Augenblik gewartet haͤtten, und uns schnell, ehe die Zeit voruͤber ginge, eine Guͤte thun wollten, in Schmaͤhungen uns er¬ gossen uͤber unsre Regierungen, unsre Gewalt¬ haber, denen wir vorher auf eine geschmaklose Weise geschmeichelt hatten, und uͤber alles Va¬ terlaͤndische. Wie wenden wir andern, die wir unschul¬ dig sind, die Schmach ab von unserm Haupte, und lassen die Schuldigen allein stehen? Es giebt ein Mittel. Es werden von dem Augen¬ blike an keine Schmaͤhschriften mehr gedrukt werden, sobald man sicher ist, daß keine mehr gekauft werden, und sobald die Verfasser und Verleger derselben nicht mehr auf Leser rechnen koͤnnen, die durch Muͤßiggang, leere Neugier, und Schwazsucht, oder durch die Schaden¬ freude, gedemuͤthigt zu sehen, was ihnen einst das schmerzhafte Gefuͤhl der Achtung einfloͤßte, angelokt werden. Gebe jeder, der die Schmach fuͤhlt, eine ihm zum Lesen dargebotene Schmaͤh¬ schrift mit der gebuͤhrenden Verachtung zuruͤk; thue er es, obwohl er glaubt, er sey der einzige, der also handelt, bis es Sitte unter uns wird, daß jeder Ehrenmann also thut; und wir wer¬ den, ohne gewaltsame Buͤcherverbote, gar bald dieses schmachvollen Theils unsrer Literatur erledigt werden. Am allertiefsten endlich erniedriget es uns vor dem Auslande, wenn wir uns darauf le¬ gen, demselben zu schmeicheln. Ein Theil von uns hat schon fruͤher sich sattsam veraͤchtlich, laͤcherlich und ekelhaft gemacht, indem sie den vaterlaͤndischen Gewalthabern bei jeder Gele¬ genheit groben Weihrauch darbrachten, und weder Vernunft, noch Anstand, gute Sitte und Geschmak, verschonten, wo sie glaubten, eine Schmeichelrede anbringen zu koͤnnen. Diese Sitte ist binnen der Zeit abgekommen, und diese Lobeserhebungen haben sich zum Theil in Scheltworte verwandelt. Wir gaben indessen unsern Weihrauchwolken, gleichsam damit wir nicht aus der Uebung kaͤmen, eine andere Rich¬ tung, nach der Seite hin, wo jezt die Gewalt ist. Schon das erste, sowohl die Schmeichelei selbst, als daß sie nicht verbeten wurde, mußte jeden ernsthaft denkenden Deutschen schmerzen; doch blieb die Sache unter uns. Wollen wir jezt auch das Ausland zum Zeugen machen die¬ ser unsrer niedrigen Sucht, so wie zugleich der großen Ungeschiklichkeit, mit welcher wir uns derselben entledigen, und so der Verachtung un¬ srer Niedrigkeit auch noch den laͤcherlichen An¬ blik unsrer Ungelenkigkeit hinzufuͤgen? Es fehlt nns nemlich in dieser Verrichtung an aller dem Auslaͤnder eignen Feinheit; um doch ja nicht uͤberhoͤrt zu werden, werden wir plump und uͤbertreibend, und heben mit Vergoͤtterungen, und Versetzungen unter die Gestirne gleich an. Dazu kommt, daß es bei uns das Ansehen hat, als ob es vorzuͤglich das Schrecken und die Furcht seye, die unsre Lobeserhebungen uns auspressen; aber es ist kein Gegenstand laͤcher¬ licher, denn ein Furchtsamer, der die Schoͤnheit und Anmuth desjenigen lobpreist, was er in der That fuͤr ein Ungeheuer haͤlt, das er durch diese Schmeichelei nur bestechen will, ihn nicht zu verschlingen. Oder sind vielleicht diese Lobpreisungen nicht Schmeichelei, sondern der wahrhafte Ausdruk der Verehrung und Bewunderung, die sie dem großen Genie, das nach ihnen die Angelegen¬ heiten der Menschen leitet, zu zollen genoͤthigt sind? Wie wenig kennen sie auch hier das Gepraͤge der wahren Groͤße! Darin ist dieselbe in allen Zeitaltern und unter allen Voͤlkern sich gleich gewesen, daß sie nicht eitel war, so wie umgekehrt von jeher sicherlich klein war, und niedrig, was Eitelkeit zeigte. Der wahrhaften auf sich selber ruhenden Groͤße gefallen nicht Bildsaͤulen von der Mitwelt errichtet, oder der Beiname des Großen, und der schreiende Bei¬ fall und die Lobreisungen der Menge; vielmehr weiset sie diese Dinge mit gebuͤhrender Verach¬ tung von sich weg, und erwartet ihr Urtheil uͤber sich, zunaͤchst von dem eignen Richter in ihrem Innern, und das laute von der richten¬ den Nachwelt. Auch hat mit derselben immer der Zug sich beisammen gefunden, daß sie das dunkle, und raͤthselhafte Verhaͤngniß ehrt, und scheut, des stets rollenden Rades des Geschiks eingedenk bleibt, und sich nicht groß oder seelig preisen laͤßt vor ihrem Ende. Also sind jene Lobredner im Widerspruche mit sich selbst, und machen durch die That ihrer Worte den Inhalt derselben zur Luͤge. Hielten sie den Gegenstand ihrer vorgegebenen Verehrung wirklich fuͤr groß; so wuͤrden sie sich bescheiden, daß er uͤber ihren Beifall und ihr Lob erhaben sey, und ihn durch ehrfurchtsvolles Stillschweigen ehren. Indem sie sich ein Geschaͤft daraus machen, ihn zu lo¬ ben; so zeigen sie dadurch, daß sie ihn in der That fuͤr klein und niedrig halten, und fuͤr so eitel, daß ihre Lobpreisungen ihm gefallen koͤnn¬ ten, und daß sie dadurch irgend ein Uebel von sich zu wenden, oder irgend ein Gut sich zu ver¬ schaffen vermoͤchten. Jener begeisterte Ausruf: welch' ein erhabe¬ nes Genie, welch' eine tiefe Weisheit, welch' ein umfassender Plan! — was sagt er denn nun zulezt aus, wenn man ihn recht ins Auge faßt? Er sagt aus, daß das Genie so groß sey, daß auch wir es vollkommen begreifen, die Weisheit so tief, daß auch wir sie durchschauen, der Plan so umfassend, daß auch wir ihn voll¬ staͤndig nachzubilden vermoͤgen. Er sagt dem¬ nach aus, daß der Gelobte ohngefaͤhr von dem¬ selben Maaße der Groͤße sey, wie der Lobende, jedoch nicht ganz, indem ja der lezte den ersten vollkommen versteht, und uͤbersieht, und sonach uͤber demselben steht, und, falls er sich nur recht anstrengte, wohl noch etwas groͤßeres lei¬ sten koͤnnte. Man muß eine sehr gute Mei¬ nung von sich selbst haben, wenn man glaubt, daß man also auf eine gefaͤllige Weise seinen Hof machen koͤnne; und der Gelobte muß eine sehr geringe von sich haben, wenn er solche Huldigungen mit Wohlgefallen aufnimmt. Nein, biedere, ernste, gesezte, deutsche Maͤn¬ ner und Landsleute, fern bleibe ein solcher Un¬ verstand von unserm Geiste, und eine solche Be¬ sudelung von unsrer zum Ausdrucke des Wah¬ ren, gebildeten Sprache! Ueberlassen wir es dem Auslande, bei jeder neuen Erscheinung mit Erstau¬ nen aufzujauchzen; in jedem Jahrzehende sich ei¬ nen neuen Maaßstab der Groͤße zu erzeugen, und neue Goͤtter zu erschaffen; und Gotteslaͤsterun¬ gen zu reden, um Menschen zu preisen. Unser Maaßstab der Groͤße bleibe der alte: daß groß sey nur dasjenige, was der Ideen, die immer nur Heil uͤber die Voͤlker bringen, faͤhig sey, und von ihnen begeistert; uͤber die lebenden Menschen aber laßt uns das Urtheil der richten¬ den Nachwelt uͤberlassen! F f Anmerkung zu S. 407. Nachdem ich eine Reihe von Wochen die Hand¬ schrift dieser dreizehnten Rede, die bei meiner Cen¬ surbehoͤrde eingereicht war, zuruͤkerwartet hatte, er¬ halte ich endlich statt derselben das folgende Schrei¬ ben: „Das Manuscript der dreizehnten Rede des „Herrn Professor Fichte ist, nachdem derselben „schon das Imprimatur ertheilt worden, durch ir¬ „gend einen Zufall verlohren gegangen, und hat „aller Bemuͤhungen ohnerachtet nicht wieder auf¬ „gefunden werden koͤnnen. „Um nun den Verleger ꝛc. Reimer beim Abdruck „nicht aufzuhalten, ersuche ich des Herrn Professor „Fichte Wohlgebohrn diese Rede aus Ihren Hef¬ „ten zu ergaͤnzen, und mir zum Imprimatur zuzu¬ „schicken. „Berlin, den 13. April 1808. v. Scheve .“ Das, was dieses Schreiben unter Heften verste¬ hen mag, halte ich nicht, und was etwa bei der Aus¬ arbeitung des Textes auf Nebenblaͤttern angelegt und vorbereitet war, wurde bei einer in dieser Zeit vor¬ gefallenen Veraͤnderung der Wohnung den Flam¬ men uͤbergeben. Ich war darum genoͤthiget, darauf zu bestehen, daß die Handschrift, die verlohren seyn — nicht sollte, wieder herbeigeschafft wuͤrde. Dieses ist, wie man versichert hat, auch durch das sorgfaͤltig¬ ste Nachsuchen nicht moͤglich gewesen; es ist wenig¬ stens nicht geschehen, und ich habe die Luͤke ausfuͤl¬ len muͤssen, wie ich gekonnt. Indem ich zu meiner eigenen Rechtfertigung ge¬ noͤthigt bin, diesen Vorfall zur Kunde des auswaͤr¬ tigen Publikums zu bringen, bitte ich jedoch dasselbe, zu glauben, daß die Erscheinungen, die man sowohl in dem Vorfalle selbst, als in dem obenstehenden Schrei¬ ben daruͤber, finden duͤrfte, allhier bei uns keineswe¬ ges allgemeine Sitte sind, sondern daß dieser Vorfall nur eine hoͤchst seltene, und vielleicht nie also da ge¬ wesene Ausnahme macht, und daß sich erwarten laͤßt, es werden Vorkehrungen getroffen werden, damit ein solcher Fall nicht wieder eintreten koͤnne. Ff 2 Vierzehnte Rede . Beschluß des Ganzen . D ie Reden, welche ich hierdurch beschließe, haben freilich ihre laute Stimme zunaͤchst an Sie gerichtet, aber sie haben im Auge gehabt die ganze deutsche Nation, und sie haben in ihrer Absicht alles, was, so weit die deutsche Zunge reicht, faͤhig waͤre, dieselben zu ver¬ stehen, um sich herum versammlet, in den Raum, in dem Sie sichtbarlich athmen. Waͤre es mir gelungen, in irgend eine Brust, die hier unter meinem Auge geschlagen hat, einen Funken zu werfen, der da fortglimme, und das Leben ergreife, so ist es nicht meine Absicht, daß diese allein und einsam bleiben, sondern ich moͤchte, uͤber den ganzen gemeinsamen Bo¬ den hinweg, aͤhnliche Gesinnungen und Ent¬ schluͤsse zu ihnen sammlen, und an die ihrigen anknuͤpfen, so daß uͤber den vaterlaͤndischen Boden hinweg, bis an dessen ferneste Graͤnzen, aus diesem Mittelpunkte heraus, eine einzige fortfließende und zusammenhaͤngende Flamme vaterlaͤndischer Denkart sich verbreite und ent¬ zuͤnde. Nicht zum Zeitvertreibe muͤßiger Oh¬ ren und Augen haben sie sich diesem Zeitalter bestimmt, sondern ich will endlich einmal wis¬ sen, und jeder Gleichgesinnte soll es mit mir wissen, ob auch außer uns etwas ist, daß unse¬ rer Denkart verwandt ist. Jeder Deutsche, der noch glaubt, Glied einer Nation zu seyn, der groß und edel von ihr denkt, auf sie hofft, fuͤr sie wagt, duldet und traͤgt, soll endlich herausgerissen werden aus der Unsicher¬ heit seines Glaubens; er soll klar sehen, ob er recht habe, oder nur ein Thor und Schwaͤr¬ mer sey, er soll von nun an, entweder mit sicherem und freudigen Bewußtseyn seinen Weg fortsetzen, oder mit ruͤstiger Entschlossenheit Verzicht thun auf ein Vaterland hienieden, und sich allein mit dem himmlischen troͤsten. Ihnen, nicht als diesen und diesen Personen in unserm taͤglichen und beschraͤnkten Leben, sondern als Stellvertretern der Nation, und hindurch durch Ihre Gehoͤrswerkzeuge, der gan¬ zen Nation, rufen diese Reden also zu: Es sind Jahrhunderte herabgesunken, seit¬ dem ihr nicht also zusammen berufen worden seyd, wie heute; in solcher Anzahl; in einer so großen, so dringenden, so gemeinschaftli¬ chen Angelegenheit; so durchaus als Nation, und Deutsche. Auch wird es euch niemals wiederum also geboten werden. Merket ihr jetzo nicht auf, und gehet in euch, lasset ihr auch diese Reden wieder als einen leeren Kuͤtzel der Ohren, oder als ein wunderliches Unge¬ thuͤm an euch voruͤber gehen, so wird kein Mensch mehr auf euch rechnen. Endlich ein¬ mal hoͤret, endlich einmal besinnt euch. Geht nur dieses mal nicht von der Stelle, ohne ei¬ nen festen Entschluß gefaßt zu haben; und jed¬ weder, der diese Stimme vernimmt, fasse die¬ sen Entschluß bei sich selbst, und fuͤr sich selbst, gleich als ob er allein da sey, und alles allein thun muͤsse. Wenn recht viele einzelne so denken, so wird bald ein großes Ganzes da¬ stehen, das in eine einige eng verbundene Kraft zusammenfließe. Wenn dagegen jedwe¬ der, sich selbst ausschließend, auf die uͤbrigen hofft, und den andern die Sache uͤberlaͤßt; so giebt es gar keine anderen, und alle zusam¬ men bleiben, so wie sie vorher waren. — Fas¬ set ihn auf der Stelle, diesen Entschluß. Sa¬ get nicht, laß uns noch ein wenig ruhen, noch ein wenig schlafen und traͤumen, bis etwa die Besserung von selber komme. Sie wird nie¬ mals von selbst kommen. Wer, nachdem er einmal das Gestern versaͤumt hat, das noch bequemer gewesen waͤre zur Besinnung, selbst heute noch nicht wollen kann, der wird es morgen noch weniger koͤnnen. Jeder Verzug macht uns nur noch traͤger, und wiegt uns nur noch tiefer ein in die freundliche Gewoͤhnung an unsern elenden Zustand. Auch koͤnnen die aͤußern Antriebe zur Besinnung niemals staͤr¬ ker und dringender werden. Wen diese Ge¬ genwart nicht aufregt, der hat sicher alles Ge¬ fuͤhl verloren. — Ihr seyd zusammen beru¬ fen, einen lezten und festen Entschluß, und Beschluß, zu fassen; keinesweges etwa zu ei¬ nem Befehle, einem Auftrage, einer Anmu¬ thung, an Andere, sondern zu einer Anmuthung an euch selber. Eine Entschließung sollt ihr fassen, die jedweder nur durch sich selbst und in seiner eignen Person ausfuͤhren kann Es reicht hiebei nicht hin jenes muͤßige Vorsatz¬ nehmen, jenes Wollen, irgend einmal zu wol¬ len, jenes traͤge Sichbescheiden, daß man sich darein ergeben wolle, wenn man etwa einmal von selber besser wuͤrde; sondern es wird von euch gefordert ein solcher Entschluß, der zu¬ gleich unmittelbar Leben sey, und inwendige That, und der da ohne Wanken oder Erkaͤl¬ tung fortdaure und fortwalte, bis er am Ziele sey. Oder ist vielleicht in euch die Wurzel, aus der ein solcher in das Leben eingreifender Ent¬ schluß allein hervorwachsen kann, voͤllig aus¬ gerottet und verschwunden? Ist wirklich und in der That euer ganzes Wesen verduͤnnet, und zerflossen zu einem hohlen Schatten, ohne Saft und Blut, und eigene Bewegkraft; und zu einem Traume, in welchem zwar bunte Gesichter sich erzeugen, und geschaͤftig einander durchkreuzen, der Leib aber todtaͤhnlich und erstarrt daliegen bleibt? Es ist dem Zeitalter seit langem unter die Augen gesagt, und in jeder Einkleidung ihm wiederholt worden, daß man ohngefaͤhr also von ihm denke. Seine Wortfuͤhrer haben geglaubt, daß man dadurch nur schmaͤhen wolle, und haben sich fuͤr aufge¬ fordert gehalten, auch von ihrer Seite wieder¬ um zuruͤck zu schmaͤhen, wodurch die Sache wieder in ihre natuͤrliche Ordnung komme. Im uͤbrigen hat nicht die mindeste Aenderung oder Besserung sich spuͤren lassen. Habt ihr es vernommen, ist es faͤhig gewesen, euch zu entruͤsten; nun, so strafet doch diejenigen, die so von euch denken und reden, geradezu durch eure That der Luͤge: zeiget euch anders vor aller Welt Augen, und jene sind vor aller Welt Augen der Unwahrheit uͤberwiesen. Vielleicht, daß sie gerade in der Absicht, von euch also widerlegt zu werden, und weil sie an jedem andern Mittel, euch aufzuregen, verzweifelten, also hart von euch geredet haben. Wie viel besser haͤtten sie es sodann mit euch gemeint, als diejenigen, die euch schmeicheln, damit ihr erhalten werdet in der traͤgen Ruhe, und in der nichts achtenden Gedankenlosigkeit! So schwach und so kraftlos ihr auch immer seyn moͤget, man hat in dieser Zeit euch die klare und ruhige Besinnung so leicht gemacht, als sie vorher niemals war. Das, was eigent¬ lich in die Verworrenheit uͤber unsre Lage, in unsre Gedankenlosigkeit, in unser blindes Gehenlassen, uns stuͤrzte, wir die suͤße Selbst¬ zufriedenheit mit uns, und unsrer Weise da zu seyn. Es war bisher gegangen, und ging eben so fort; wer uns zum Nachdenken auffor¬ derte, dem zeigten wir, statt einer andern Widerlegung, triumphirend unser Daseyn und Fortbestehen, das sich ohne alles unser Nach¬ denken ergab. Es ging aber nur darum, weil wir nicht auf die Probe gestellt wurden. Wir sind seitdem durch sie hindurch gegangen. Seit dieser Zeit sollten doch wohl die Taͤuschungen, die Blendwerke, der falsche Trost, durch die wir alle uns gegenseitig verwirrten, zusam¬ men gestuͤrzt seyn? — Die angebornen Vor¬ urtheile, welche, ohne von hier oder da aus¬ zugehen, wie ein natuͤrlicher Nebel uͤber alle sich verbreiteten, und alle in dieselbe Daͤmme¬ rung einhuͤllen, sollten doch wohl nun ver¬ schwunden seyn? Jene Daͤmmerung haͤlt nicht mehr unsre Augen; sie kann uns aber auch nicht ferner zur Entschuldigung dienen. Jezt stehen wir da, rein, leer, ausgezogen von allen fremden Huͤllen und Umhaͤngen, bloß als das, was wir selbst sind. Jezt muß es sich zeigen, was dieses Selbst ist, oder nicht ist. Es duͤrfte Jemand unter euch hervortreten, und mich fragen: was giebt gerade Dir, dem einzigen unter allen deutschen Maͤnnern und Schriftstellern, den besondern Auftrag, Beruf, und das Vorrecht, uns zu versammeln und auf uns einzudringen? haͤtte nicht jeder unter den tausenden der Schriftsteller Deutschlands, eben dasselbe Recht dazu, wie du ; von denen keiner es thut, sondern du allein dich hervor¬ draͤngst? Ich antworte, daß allerdings jeder dasselbe Recht gehabt haͤtte, wie ich, und daß ich gerade darum es thue, weil keiner unter ih¬ nen es vor mir gethan hat; und daß ich schwei¬ gen wuͤrde, wenn ein anderer es fruͤher gethan haͤtte. Dies war der erste Schritt zu dem Ziele einer durchgreifenden Verbesserung; irgend ei¬ ner mußte ihn thun. Ich war der, der es zu¬ erst lebendig einsah; darum wurde ich der, der es zuerst that. Es wird nach diesem irgend ein anderer Schritt der zweite seyn; diesen zu thun haben jezt alle dasselbe Recht; wirklich thun aber wird ihn abermals nur ein einzelner. Einer muß immer der erste seyn, und wer es seyn kann, der sey es eben! Ohne Sorge uͤber diesen Umstand verweilet ein wenig mit eurem Blicke bei der Betrach¬ tung, auf die wir schon fruͤher euch gefuͤhrt haben, in welchem beneidenswuͤrdigen Zu¬ stande Deutschland seyn wuͤrde, und in wel¬ chem die Welt, wenn das erstere das Gluͤck seiner Lage zu benutzen, und seinen Vortheil zu erkennen gewußt haͤtte. Heftet darauf euer Auge auf das, was beide nunmehro sind; und lasset euch durchdringen von dem Schmerz und dem Unwillen, der jeden Edlen hiebei erfassen muß. Kehret dann zuruͤck zu euch selbst, und sehet, daß Ihr es seyd, die die Zeit von den Irrthuͤmern der Vorwelt lossprechen, von de¬ ren Augen sie den Nebel hinweg nehmen will, wenn ihr es zulaßt; daß es Euch verliehen ist, wie keinem Geschlechte vor Euch, das Gesche¬ hene ungeschehen zu machen, und den nicht ehrenvollen Zwischenraum auszutilgen aus dem Geschichtsbuche der Deutschen. Lasset vor euch voruͤbergehen die verschie¬ denen Zustaͤnde, zwischen denen ihr eine Wahl zu treffen habt. Gehet ihr ferner so hin in eurer Dumpfheit und Achtlosigkeit, so erwar¬ ten euch zunaͤchst alle Uebel der Knechtschaft, Entbehrungen, Demuͤthigungen, der Hohn und Uebermuth des Ueberwinders; ihr werdet herumgestoßen werden in allen Winkeln, weil ihr allenthalben nicht recht, und im Wege seyd, so lange, bis ihr, durch Aufopferung eurer Nationalitaͤt und Sprache, euch irgend ein un¬ tergeordnetes Plaͤtzchen erkauft, und bis auf diese Weise allmaͤhlich euer Volk ausloͤscht. Wenn ihr euch dagegen ermannt zum Aufmer¬ ken, so findet ihr zufoͤrderst eine ertraͤgliche und ehrenvolle Fortdauer, und sehet noch, un¬ ter euch, und um euch herum, ein Geschlecht aufbluͤhen, das euch und den Deutschen das ruͤhmlichste Andenken verspricht. Ihr sehet im Geiste durch dieses Geschlecht den deutschen Namen zum glorreichsten unter allen Voͤlkern erheben, ihr sehet diese Nation als Wieder¬ gebaͤhrerin und Wiederherstellerin der Welt. Es haͤngt von euch ab, ob ihr das Ende seyn wollt, und die lezten, eines nicht achtungs¬ wuͤrdigen, und bei der Nachwelt gewiß sogar uͤber die Gebuͤhr verachteten Geschlechtes, bei dessen Geschichte die Nachkommen, falls es naͤmlich in der Barbarei, die da beginnen wird, zu einer Geschichte kommen kann, sich freuen werden, wenn es mit ihnen zu Ende ist, und das Schicksal preisen werden, daß es gerecht sey; oder, ob ihr der Anfang seyn wollt, und der Entwiklungspunkt einer neuen, uͤber alle eure Vorstellungen herrlichen Zeit, und dieje¬ nigen, von denen an die Nachkommenschaft die Jahre ihres Heils zaͤhle. Bedenket, daß ihr die lezten seyd, in deren Gewalt diese große Veraͤnderung sieht. Ihr habt doch noch die Deutschen als Eins nennen hoͤren, ihr habt ein sichtbares Zeichen ihrer Einheit, ein Reich, und einen Reichsverband, gesehen, oder da¬ von vernommen, unter euch haben noch von Zeit zu Zeit Stimmen sich hoͤren lassen, die von dieser hoͤhern Vaterlandsliebe begeistert waren. Was nach euch kommt, wird sich an andere Vorstellungen gewoͤhnen, es wird fremde Formen, und einen andern Geschaͤfts- und Lebensgang, annehmen; und wie lange wird es noch dauern, daß keiner mehr lebe, der Deutsche gesehen, oder von ihnen gehoͤrt habe? Was von euch gefordert wird, ist nicht viel. Ihr sollt es nur uͤber euch erhalten, euch auf kurze Zeit zusammen zu nehmen, und zu denken, uͤber das, was euch unmittelbar und offenbar vor den Augen liegt. Daruͤber nur sollt ihr euch eine feste Meinung bilden, derselben treu bleiben, und sie in eurer naͤch¬ sten Umgebung auch aͤußern und aussprechen. Es ist die Voraussetzung, es ist unsre sichere Ueberzeugung, daß der Erfolg dieses Denkens bei euch allen auf die gleiche Weise ausfallen wer¬ de; und daß, wenn ihr nur wirklich denket, und nicht hingeht in der bisherigen Achtlosigkeit, ihr uͤbereinstimmend denken werdet, daß, wenn ihr nur uͤberhaupt Geist euch anschaffet, und nicht in dem bloßen Pflanzenleben verharren bleibt, die Einmuͤthigkeit, und Eintracht des Geistes, von selbst kommen werde. Ist es aber einmal dazu gekommen, so wird alles uͤbrige, was uns noͤthig ist, sich von selbst ergeben. Dieses Denken aber wird denn auch in der That gefordert, von jedem unter euch, der da noch denken kann, uͤber etwas, offen vor seinen Augen liegendes, in seiner eignen Person. Ihr habt Zeit dazu; der Augenblick will euch nicht uͤbertaͤuben, und uͤberraschen; die Akten der mit euch gepflogenen Unterhandlungen bleiben unter euren Augen liegen. Legt sie nicht aus den Haͤnden, bis ihr einig geworden seyd mit euch selbst. Lasset, o lasset euch ja nicht laͤs¬ sig machen durch das Verlassen auf andere, oder auf irgend etwas, das außerhalb eurer selbst liegt; noch durch die unverstaͤndige Weis¬ heit der Zeit, daß die Zeitalter sich selbst ma¬ chen, ohne alles menschliche Zuthun, vermit¬ telst irgend einer unbekannten Kraft. Diese Reden Reden sind nicht muͤde geworden, euch einzu¬ schaͤrfen, daß euch durchaus nichts helfen kann, denn ihr euch selber, und sie finden noͤthig, es bis auf den lezten Augenblik zu wiederholen. Wohl moͤgen Regen, und Than, und unfrucht¬ bare oder fruchtbare Jahre, gemacht werden, durch eine uns unbekannte, und nicht unter unsrer Gewalt stehende Macht; aber die ganz eigenthuͤmliche Zeit der Menschen, die mensch¬ lichen Verhaͤltnisse, machen nur die Menschen sich selber, und schlechthin keine außer ihnen befindliche Macht. Nur wenn sie alle insge¬ sammt gleich blind und unwissend sind, fallen sie dieser verborgenen Macht anheim: aber es steht bei ihnen, nicht blind und unwissend zu seyn. Zwar in welchem hoͤhern oder niedern Grade es uns uͤbel gehen wird, dies mag abhaͤngen theils von jener unbekannten Macht, ganz besonders aber von dem Verstande, und dem guten Willen derer, denen wir unterwor¬ fen sind. Ob aber jemals es uns wieder wohl gehen soll, dies haͤngt ganz allein von uns ab, und es wird sicherlich nie wieder irgend ein Wohlseyn an uns kommen, wenn wir nicht G g selbst es uns verschaffen: und insbesondre, wenn nicht jeder Einzelne unter uns in seiner Weise thut und wirket, als ob er allein sey, und als ob lediglich auf ihm das Heil der kuͤnf¬ tigen Geschlechter beruhe. Dies ists, was ihr zu thun habt; dies ohne Saͤumen zu thun, beschwoͤren euch diese Reden. Sie beschwoͤren euch Juͤnglinge. Ich, der ich schon seit geraumer Zeit aufgehoͤrt habe, zu euch zu gehoͤren, halte dafuͤr, und habe es auch in diesen Reden ausgesprochen, daß ihr noch faͤhiger seyd eines jeglichen uͤber das ge¬ meine hinausliegenden Gedankens, und erreg¬ barer fuͤr jedes gute, und tuͤchtige, weil euer Alter noch naͤher liegt den Jahren der kindli¬ chen Unschuld, und der Natur. Ganz anders sieht diesen Grundzug an euch an die Mehrheit der aͤltern Welt. Diese klaget euch an der Anmaßung, des vorschnellen, vermessenen, und eure Kraͤfte uͤberfliegenden Urtheils, der Recht¬ haberei, der Neuerungssucht. Jedoch laͤchelt sie nur gutmuͤthig dieser eurer Fehler. Alles dieses, meint sie, sey begruͤndet lediglich durch euren Mangel an Kenntniß der Welt, d. h. des allgemeinen menschlichen Verderbens, denn fuͤr etwas anders an der Welt haben sie nicht Au¬ gen. Jezt nur, weil ihr gleichgesinnte Gehuͤl¬ fen zu finden hostet, und den grimmigen und hartnaͤckigen Widerstand, den man euren Ent¬ wuͤrfen des Bessern entgegen setzen werde, nicht kenntet, haͤttet ihr Muth. Wenn nur das jugendliche Feuer eurer Einbildungskraft ein¬ mal verflogen seyn werde, wenn ihr nur die allgemeine Selbstsucht, Traͤgheit und Arbeits¬ scheu, wahrnehmen wuͤrdet, wenn ihr nur die Suͤßigkeit des Fortgehens in dem gewohnten Geleise selbst einmal recht wuͤrdet geschmeckt haben, so werde euch die Lust, besser und kluͤ¬ ger seyn zu wollen, denn die andern alle, schon vergehen. Sie greifen diese gute Hofnung von euch nicht etwa aus der Luft; sie haben dieselbe an ihrer eigenen Person bestaͤtigt gefun¬ den. Sie muͤssen bekennen, daß sie in den Tagen ihrer unverstaͤndigen Jugend eben so von Weltverbesserung getraͤumet haben, wie ihr jetzt; dennoch seyen sie bei zunehmender Reife so zahm, und ruhig geworden, wie ihr G g 2 sie jezo saͤhet. Ich glaube ihnen; ich habe selbst schon in meiner nicht sehr langwierigen Erfahrung erlebt, daß Juͤnglinge, die erst an¬ dere Hofnung erregten, dennoch spaͤterhin jenen wohlmeinenden Erwartungen dieses reifen Alters vollkommen entsprachen. Thut dies nicht laͤnger, Juͤnglinge, denn wie koͤnnte sonst jemals ein besseres Geschlecht beginnen? Der Schmelz der Jugend zwar wird von euch ab¬ fallen, und die Flamme eurer Einbildungskraft wird aufhoͤren, sich aus sich selber zu ernaͤhren; aber fasset diese Flamme, und verdichtet sie durch klares Denken, macht euch zu eigen die Kunst dieses Denkens, und ihr werdet die schoͤnste Ausstattung des Menschen, den Cha¬ rakter, noch zur Zugabe bekommen. An jenem klaren Denken erhaltet ihr die Quelle der ewi¬ gen Jugendbluͤthe; wie auch euer Koͤrper al¬ tere, oder eure Knie wanken, euer Geist wird in stets erneuerter Frischheit sich wiedergebaͤh¬ ren, und euer Charakter fest stehen, und ohne Wandel. Ergreift sogleich die sich hier euch dar¬ bietende Gelegenheit; denkt klar, uͤber den euch zur Berathung vorgelegten Gegenstand; die Klarheit, die in Einem Punkte fuͤr euch an¬ gebrochen ist, wird sich allmaͤhlig auch uͤber alle uͤbrige verbreiten. Diese Reden beschwoͤren euch Alte. So wie ihr eben gehoͤrt habt, denkt man von euch, und sagt es euch unter die Augen; und der Redner sezt in seiner eignen Person freimuͤthig hinzu, daß, die freilich auch nicht selten vor¬ kommenden, und um so verehrungswuͤrdigern Ausnahmen abgerechnet, in Absicht der großen Mehrheit unter euch man vollkommen recht hat. Gehe man durch die Geschichte der lez¬ ten zwei oder drei Jahrzehende; alles außer ihr selbst stimmt uͤberein, sogar ihr selbst, jeder in dem Fache, das ihn nicht unmittelbar trift, stimmt mit uͤberein, daß, immer die Ausnah¬ men abgerechnet, und nur auf die Mehrheit gesehen, in allen Zweigen, in der Wissenschaft, so wie in den Geschaͤften des Lebens, die groͤ¬ ßere Untauglichkeit und Selbstsucht sich bei dem hoͤheren Alter gefunden habe. Die ganze Mitwelt hat es mit angesehen, daß jeder, der das bessere und vollkommnere wollte, außer dem Kampfe mit seiner eigenen Unklarheit, und den uͤbrigen Umgebungen, noch den schwersten Kampf mit euch zu fuͤhren hatte; daß ihr des festen Vorsatzes waret, es muͤsse nichts auf¬ kommen, was ihr nicht eben so gemacht und gewußt haͤttet; daß ihr jede Regung des Den¬ kens fuͤr eine Beschimpfung eures Verstandes ansahet; und daß ihr keine Kraft ungebraucht ließet, um in dieser Bekaͤmpfung des Besseren zu siegen, wie ihr denn gewoͤhnlich auch wirk¬ lich siegtet. So waret ihr die aufhaltende Kraft aller Verbesserungen, welche die guͤtige Natur aus ihrem stets jugendlichen Schooße uns darbot, so lange, bis ihr versammelt wur¬ det zu dem Staube, der ihr schon vorher waret, und das folgende Geschlecht, im Kriege mit euch, euch gleich geworden war, und eure bisherige Verrichtung uͤbernahm. Ihr duͤrft nur auch jezt handeln, wie ihr bisher bei allen Antraͤgen zur Verbesserung gehandelt habt, ihr duͤrft nur wiederum eure eitle Ehre, daß zwischen Himmel und Erde nichts seyn solle, das ihr nicht schon erforscht haͤttet, dem ge¬ meinsamen Wohle vorziehen, so seyd ihr durch diesen lezten Kampf alles fernern Kaͤmpfens uͤberhoben, es wird keine Verbesserung erfol¬ gen, sondern Verschlimmerung auf Verschlim¬ merung, so daß ihr noch manche Freude erle¬ ben koͤnnt. Man wolle nicht glauben, daß ich das Al¬ ter als Alter verachte, und herabsetze. Wird nur durch Freiheit die Quelle des urspruͤngli¬ chen Lebens und seiner Fortbewegung aufge¬ nommen in das Leben, so waͤchst die Klarheit, und mit ihr die Kraft, so lange das Leben dau¬ ert. Ein solches Leben lebt sich besser, die Schlacken der irdischen Abkunft fallen immer mehr ab, und es veredelt sich herauf zum ewi¬ gen Leben, und bluͤht ihm entgegen. Die Er¬ fahrung eines solchen Alters soͤhnt nicht aus mit dem Boͤsen, sondern sie macht nur die Mittel klarer, und die Kunst gewandter, um dasselbe siegreich zu bekaͤmpfen. Die Ver¬ schlimmerung durch zunehmendes Alter ist le¬ diglich die Schuld unsrer Zeit, und allenthal¬ ben, wo die Gesellschaft sehr verdorben ist, muß dasselbe erfolgen. Nicht die Natur ist es, die uns verdirbt, diese erzeugt uns in Unschuld, die Gesellschaft ists. Wer nun der Einwirkung derselben einmal sich uͤber¬ giebt, der muß natuͤrlich immer schlechter werden, je laͤnger er diesem Einflusse ausge¬ setzt ist. Es waͤre der Muͤhe werth, die Ge¬ schichte anderer sehr verdorbener Zeitalter in dieser Ruͤcksicht zu untersuchen, und zu sehen ob nicht z. B. auch unter der Regierung der roͤmischen Imperatoren, das, was einmal schlecht war, mit zunehmendem Alter immer schlechter geworden. Euch Alte sonach und Erfahrne, die ihr die Ausnahme macht, euch zufoͤrderst beschwoͤ¬ ren diese Reden, bestaͤtigt, bestaͤrkt, berathet in dieser Angelegenheit die juͤngere Welt, die ehrfurchtsvoll ihre Blicke nach euch richtet. Euch andere aber, die ihr in der Regel seyd, beschwoͤren sie: helfen sollt ihr nicht, stoͤret nur dieses einzigemal nicht, stellt euch nicht wieder, wie bisher immer, in den Weg mit eurer Weisheit und euren tausend Bedenklich¬ keiten. Diese Sache, so wie jede vernuͤnftige Sache in der Welt, ist nicht tausendfach, son¬ dern einfach, welches auch unter die tausend Dinge gehoͤrt, die ihr nicht wißt. Wenn eure Weisheit retten koͤnnte, so wuͤrde sie uns ja fruͤher gerettet haben, denn ihr seyd es ja, die uns bisher berathen haben. Dies ist nun, so wie alles andere, vergeben, und soll euch nicht weiter vorgeruͤckt werden. Lernt nur endlich einmal euch selbst erkennen, und schwei¬ get. Diese Reden beschwoͤren euch Geschaͤfts¬ maͤnner. Mit wenigen Ausnahmen waret ihr bisher dem abgezogenen Denken und aller Wissenschaft, die fuͤr sich selbst etwas zu seyn begehrte, von Herzen feind, obwohl ihr euch die Miene gabet, als ob ihr dieses alles nur vor¬ nehm verachtetet; ihr hieltet die Maͤnner, die dergleichen trieben, und ihre Vorschlaͤge, so weit von euch weg, als ihr irgend konntet; und der Vorwurf des Wahnsinnes, oder der Rath, sie ins Tollhaus zu schiken, war der Dank, auf den sie bei euch am gewoͤhnlichsten rechnen konnten. Diese hinwiederum getrauten sich zwar nicht uͤber euch mit derselben Freimuͤ¬ thigkeit sich zu aͤussern, weil sie von euch ab¬ hingen, aber ihres innern Herzens wahrhafte Meinung war die, daß ihr mit wenigen Aus¬ nahmen seichte Schwaͤzer seyet und aufgebla¬ sene Prahler, Halbgelehrte, die durch die Schule nur hindurch gelaufen, blinde Zutap¬ per, und Fortschleicher im alten Geleise, und die sonst nichts wollten oder koͤnnten. Straft sie durch die That der Luͤge, und ergreifet hierzu die jetzt euch dargebotene Gelegenheit; legt ab jene Verachtung fuͤr gruͤndliches Den¬ ken und Wissenschaft, laßt euch bedeuten, und hoͤret und lernet, was ihr nicht wißt; außer¬ dem behalten eure Anklaͤger Recht. Diese Reden beschwoͤren euch Denker, Ge¬ lehrte, Schriftsteller, die ihr dieses Namens noch werth seyd. Jener Tadel der Geschaͤfts¬ maͤnner an euch war in gewissem Sinne nicht ungerecht. Ihr ginget oft zu unbesorgt im Gebiete des bloßen Denkens fort, ohne euch um die wirkliche Welt zu bekuͤmmern, und nachzusehen, wie jenes an diese angeknuͤpft werden koͤnne; ihr beschriebet euch eure eigene Welt, und ließet die wirkliche zu verachtet und verschmaͤhet auf der Seite liegen. Zwar muß alle Anordnung und Gestaltung des wirklichen Lebens ausgehen vom hoͤheren ordnenden Be¬ griffe, und das Fortgehen im gewohnten Geleise thuts ihm nicht; dies ist eine ewige Wahrheit, und druͤckt in Gottes Namen mit unverhohl¬ ner Verachtung jeglichen nieder, der es wagt, sich mit den Geschaͤften zu befassen, ohne die¬ ses zu wissen. Zwischen dem Begriffe jedoch, und der Einfuͤhrung desselben in jedwedes be¬ sondere Leben, liegt eine große Kluft. Diese Kluft auszufuͤllen ist sowohl das Werk des Geschaͤftsmanns, der freilich schon vorher so viel gelernt haben soll, um euch zu verstehen, als auch das eurige, die ihr uͤber der Gedan¬ kenwelt das Leben nicht vergessen sollt. Hier treft ihr beide zusammen. Statt uͤber die Kluft hinuͤber einander scheel anzusehen, und herabzuwuͤrdigen, beeifere sich vielmehr jeder Theil von seiner Seite dieselbe auszufuͤllen, und so den Weg zur Vereinigung zu bahnen. Begreift es doch endlich, daß ihr Beide unter¬ einander euch also nothwendig seyd, wie Kopf und Arm sich nothwendig sind. Diese Reden beschwoͤren noch in andern Ruͤcksichten euch Denker, Gelehrte, Schrift¬ steller, die ihr dieses Namens noch werth seyd. Eure Klagen uͤber die allgemeine Seichtigkeit, Gedankenlosigkeit, und Verflossenheit, uͤber den Klugduͤnkel, und das unversiegbare Geschwaͤz, uͤber die Verachtung des Ernstes und der Gruͤndlichkeit in allen Staͤnden moͤgen wahr seyn, wie sie es denn sind. Aber welcher Stand ist es denn, der diese Staͤnde insge¬ sammt erzogen hat, der ihnen alles wissen¬ schaftliche in ein Spiel verwandelt, und von der fruͤhsten Jugend an zu jenem Klug¬ duͤnkel und jenem Geschwaͤze sie angefuͤhrt hat? Wer ist es denn, der auch die der Schule entwachsenen Geschlechter noch immer¬ fort erzieht? Der in die Augen fallendste Grund der Dumpfheit des Zeitalters ist der, daß es sich dumpf gelesen hat, an den Schrif¬ ten, die ihr geschrieben habt. Warum laßt ihr dennoch immerforr euch so angelegen seyn, dieses muͤßige Volk zu unterhalten, ohnerach¬ tet ihr wißt, daß es nichts gelernt hat, und nichts lernen will; nennt es Publikum, schmei¬ chelt ihm als eurem Richter, hezt es auf gegen eure Mitbewerber, und sucht diesen blinden und verworrnen Haufen durch jedes Mittel auf eure Seite zu bringen; gebt endlich selbst in euren Recensier Anstalten uud Journalen ihm so Stoff wie Beispiel seiner vorschnellen Urtheilerei, indem ihr da eben so ohne Zusam¬ menhang, und so aus freier Hand in den Tag hinein urtheilt, meist eben so abgeschmackt, wie es auch der lezte eurer Leser koͤnnte? Denkt ihr nicht alle so, giebt es unter euch noch besser gesinnte, warum vereinigen sich denn nicht diese bessergesinnten, um dem Un¬ heile ein Ende zu machen? Was ins beson¬ dere jene Geschaͤftsmaͤnner anbelangt; diese sind bei euch durch die Schule gelaufen, ihr sagt es selbst. Warum habt ihr denn diesen ihren Durchgang nicht wenigstens dazu be¬ nuzt, um ihnen einige stumme Achtung fuͤr die Wissenschaften einzufloͤßen, und besonders dem hochgebornen Juͤnglinge den Eigenduͤnkel bei Zeiten zu brechen, und ihm zu zeigen, daß Stand und Geburt, in Sachen des Den¬ kens, nichts foͤrdert? Habt ihr ihm vielleicht schon damals geschmeichelt, und ihn ungebuͤhr¬ lich hervorgehoben, so traget nun, was ihr selbst veranlaßt habt! Sie wollen euch entschuldigen, diese Reden, mit der Voraussetzung, daß ihr die Wichtig¬ keit eures Geschaͤfts nicht begriffen haͤttet; sie beschwoͤren euch, daß ihr euch von Stund an bekannt macht mit dieser Wichtigkeit, und es nicht laͤnger, als ein bloßes Gewerbe treibt. Lernt euch selbst achten, und zeigt in eurem Handeln, daß ihr es thut, und die Welt wird euch achten. Die erste Probe davon werdet ihr ablegen durch den Einfluß, den ihr auf die angetragene Entschließung euch geben, und durch die Weise, wie ihr euch dabei benehmen werdet. Diese Reden beschwoͤren euch Fuͤrsten Deutsch¬ lands. Diejenigen, die euch gegenuͤber so thun, als ob man euch gar nichts sagen duͤrfte, oder zu sagen haͤtte, sind veraͤchtliche Schmeichler, sie sind arge Verlaͤumder eurer selbst; weiset sie weit weg von euch. Die Wahrheit ist, daß ihr eben so unwissend geboren werdet, als wir andern alle, und daß ihr hoͤren muͤßt, und lernen, gleichwie auch wir, wenn ihr heraus¬ kommen sollt aus dieser natuͤrlichen Unwissen¬ heit. Euer Antheil an der Herbeifuͤhrung des Schiksals, das euch zugleich mit euren Voͤl¬ kern betroffen hat, ist hier auf die mildeste, und wie wir glauben, auf die allein gerechte, und billige Weise, dargelegt worden, und ihr koͤnnt euch, falls ihr nicht etwa nur Schmei¬ chelei, niemals aber Wahrheit hoͤren wollt, uͤber diese Reden nicht beklagen. Dies alles sey vergessen, so wie wir andern alle auch wuͤn¬ schen, daß unser Antheil an der Schuld ver¬ gessen werde. Jezt beginnt, so wie fuͤr uns alle, also auch fuͤr euch, ein neues Leben. Moͤchte doch diese Stimme durch alle die Um¬ gebungen hindurch, die euch unzugaͤnglich zu machen pflegen, bis zu euch dringen! Mit stol¬ zem Selbstgefuͤhl darf sie euch sagen: ihr be¬ herrschet Voͤlker, treu, bildsam, des Gluͤks wuͤrdig, wie keiner Zeit, und keiner Nation Fuͤrsten sie beherrscht haben. Sie haben Sinn fuͤr die Freiheit und sind derselben faͤhig; aber sie sind euch gefolgt in den blutigen Krieg ge¬ gen das, was ihnen Freiheit schien, weil ihr es so wolltet. Einige unter euch haben spaͤterhin anders gewollt, und sie sind euch gefolgt in das, was ihnen ein Ausrottungskrieg scheinen mußte gegen einen der lezten Reste deutscher Unabhaͤngigkeit, und Selbststaͤndigkeit; auch weil ihr es so wolltet. Sie dulden und tragen seitdem die druͤckende Last gemeinsamer Uebel; und sie hoͤren nicht auf, euch treu zu seyn, mit inniger Ergebung an euch zu hangen, und euch zu lieben, als ihre ihnen von Gott verliehene Vormuͤnder. Moͤchtet ihr sie doch, unbemerkt von ihnen, beobachten koͤnnen; moͤchtet ihr doch, frei von den Umgebungen, die nicht im¬ mer die schoͤnste Seite der Menschheit euch darbieten, herabsteigen koͤnnen in die Haͤuser des Buͤrgers, in die Huͤtten des Landmanns, und dem stillen, und verborgenen Leben dieser Staͤnde, zu denen die in den hoͤhern Staͤnden seltner gewordene Treue und Biederkeit ihre Zuflucht genommen zu haben scheint, betrach¬ tend folgen koͤnnen; gewiß, o gewiß wuͤrde euch der Entschluß ergreifen, ernstlicher denn jemals nachzudenken, wie ihnen geholfen werden koͤnne. Diese Reden haben euch ein Mittel der Huͤlfe vorgeschlagen, das sie fuͤr sicher, durchgreifend, und entscheidend halten. Lasset eure Raͤthe sich berathschlagen, ob sie es auch so so finden, oder ob sie ein besseres wissen, nur, daß es eben so entscheidend sey. Die Ueberzeu¬ gung aber, daß etwas geschehen muͤsse, und auf der Stelle geschehen muͤsse, und etwas durch¬ greifendes und entscheidendes geschehen muͤsse, und daß die Zeit der halben Maßregeln, und der Hinhaltungsmittel, voruͤber sey; diese Ueber¬ zeugung moͤchten sie gern, wenn sie koͤnnten, bei euch selbst hervorbringen, indem sie zu eurem Biedersinne noch das meiste Vertrauen hegen. Euch Deutsche insgesammt, welchen Plaz in der Gesellschaft ihr einnehmen moͤget, be¬ schwoͤren diese Reden, daß jeder unter euch, der da denken kann, zuvoͤrderst denke uͤber den angeregten Gegenstand, und daß jeder dafuͤr thue, was gerade ihm an seinem Platze am naͤchsten liegt. Es vereinigen sich mit diesen Reden, und beschwoͤren euch eure Vorfahren. Denket, daß in meine Stimme sich mischen die Stimmen eurer Ahnen aus der grauen Vorwelt, die mit H h ihren Leibern sich entgegen gestemmt haben der heranstroͤmenden Roͤmischen Weltherrschaft, die mit ihrem Blute erkaͤmpft haben die Unabhaͤn¬ gigkeit der Berge, Ebenen, und Stroͤme, welche unter euch den Fremden zur Beute geworden sind. Sie rufen euch zu: vertretet uns, uͤber¬ liefert unser Andenken eben so ehrenvoll und unbescholten der Nachwelt, wie es auf euch ge¬ kommen ist, und wie ihr euch dessen, und der Abstammung von uns, geruͤhmt habt. Bis jezt galt unser Widerstand fuͤr edel, und groß, und weise, wir schienen die Eingeweihten zu seyn, und die Begeisterten, des goͤttlichen Weltplans. Gehet mit euch unser Geschlecht aus, so ver¬ wandelt sich unsre Ehre in Schimpf, und un¬ sre Weisheit in Thorheit. Denn sollte der deut¬ sche Stamm einmal untergehen in das Roͤmer¬ thum, so war es besser, daß es in das alte ge¬ schaͤhe, denn in ein neues. Wir standen je¬ nem, und besiegten es; ihr seyd verstaͤubt wor¬ den vor diesem. Auch sollt ihr nun, nachdem einmal die Sachen also stehen, sie nicht besie¬ gen mit leiblichen Waffen; nur euer Geist soll sich ihnen gegen uͤber erheben, und aufrecht stehen. Euch ist das groͤßere Geschik zu Theil worden, uͤberhaupt das Reich des Geistes und der Vernunft, zu begruͤnden, und die rohe koͤr¬ perliche Gewalt insgesammt, als beherrschen¬ des der Welt, zu vernichten. Werdet ihr dies thun, dann seyd ihr wuͤrdig der Abkunft von uns. Auch mischen in diese Stimmen sich die Geister eurer spaͤtern Vorfahren, die da fielen im heiligen Kampfe fuͤr Religions- und Glau¬ bens-Freiheit. Rettet auch unsere Ehre, rufen sie euch zu. Uns war nicht ganz klar, wofuͤr wir stritten; außer dem rechtmaͤßigen Ent¬ schlusse, in Sachen des Gewissens durch aͤußere Gewalt uns nicht gebieten zu lassen, trieb uns noch ein hoͤherer Geist, der uns niemals sich ganz enthuͤllte. Euch ist er enthuͤllt, dieser Geist, falls ihr eine Sehkraft habt fuͤr die Geisterwelt, und blikt euch an mit hohen klaren Augen. Das bunte und verworrene Gemisch der sinnlichen und geistigen Antriebe durch ein¬ H 2 ander soll uͤberhaupt der Weltherrschaft entsezt werden, und der Geist allein, rein, und aus¬ gezogen von allen sinnlichen Antrieben, soll an das Ruder der menschlichen Angelegenheiten treten. Damit diesem Geiste die Freiheit werde, sich zu entwickeln, und zu einem selbst¬ staͤndigen Daseyn empor zu wachsen, dafuͤr floß unser Blut. An euch ists, diesem Opfer seine Bedeutung und seine Rechtfertigung zu geben, indem ihr diesen Geist einsezt in die ihm bestimmte Weltherrschaft. Erfolgt nicht dieses, als das lezte, worauf alle bisherige Entwickelung unsrer Nation zielte, so werden auch unsre Kaͤmpfe zum voruͤberrauschenden leeren Possenspiele, und die von uns erfochtene Geistes- und Gewissensfreiheit ist ein leeres Wort, wenn es von nun an uͤberhaupt nicht laͤnger Geist oder Gewissen geben soll. Es beschwoͤren euch eure noch ungebohrne Nachkommen. Ihr ruͤhmt euch eurer Vorfah¬ ren, rufen sie euch zu, und schließt mit Stolz euch an an eine edle Reihe. Sorget, daß bei euch die Kette nicht abreiße: machet, daß auch wir uns eurer ruͤhmen koͤnnen, und durch euch, als untadeliches Mittelglied hindurch, uns anschlies¬ sen an dieselbe glorreiche Reihe. Veranlasset nicht, daß wir uns der Abkunft von euch schaͤ¬ men muͤssen, als einer niedern, barbarischen, sklavischen, daß wir unsre Abstammung verber¬ gen, oder einen fremden Namen, und eine fremde Abkunft erluͤgen muͤssen, um nicht sogleich, ohne weitere Pruͤfung, weggeworfen und zertre¬ ten zu werden. Wie das naͤchste Geschlecht, das von euch ausgehen wird, seyn wird, also wird euer Andenken ausfallen in der Geschichte; ehrenvoll, wenn dieses ehrenvoll fuͤr euch zeugt: sogar uͤber die Gebuͤhr schmaͤhlich, wenn ihr keine laute Nachkommenschaft habt, und der Sieger eure Geschichte macht. Noch niemals hat ein Sieger Neigung, oder Kunde genug gehabt, um die Ueberwundenen gerecht zu be¬ urtheilen. Je mehr er sie herabwuͤrdigt, desto gerechter steht er selbst da. Wer kann wissen, welche Grosthaten, welche trefliche Einrichtun¬ gen, welche edle Sitten, manches Volkes der Vorwelt, in Vergessenheit gerathen sind, weil die Nachkommen unterjocht wurden, und der Ueberwinder, seinen Zwecken gemaͤß, unwider¬ sprochen, Bericht uͤber sie erstattete. Es beschwoͤret euch selbst das Ausland, in wiefern dasselbe nur noch im mindesten sich selbst versteht, und noch ein Auge hat fuͤr sei¬ nen wahren Vortheil. Ja, es giebt noch unter allen Voͤlkern Gemuͤther, die noch im¬ mer nicht glauben koͤnnen, daß die großen Verheißungen eines Reichs des Rechts, der Vernunft, und der Wahrheit, an das Menschen¬ geschlecht, eitel und ein leeres Trugbild seyen, und die daher annehmen, daß die gegenwaͤr¬ tige eiserne Zeit nur ein Durchgang sey zu ei¬ nem bessern Zustande. Diese, und in ihnen die gesammte neuere Menschheit, rechnet auf euch. Ein großer Theil derselben stammt ab von uns, die uͤbrigen haben von uns Religion und jedwede Bildung erhalten. Jene beschwoͤ¬ ren uns bei dem gemeinsamen vaterlaͤndischen Boden, auch ihrer Wiege, den sie uns frei hinterlassen haben; diese bei der Bildung, die sie von uns, als Unterpfand eines hoͤhern Gluͤcks, bekommen haben, — uns selbst auch fuͤr sie, und um ihrer willen zu erhalten, so wie wir immer gewesen sind, aus dem Zusammen¬ hange des neu entsprossenen Geschlechts nicht dieses ihm so wichtige Glied herausreißen zu lassen, damit, wenn sie einst unsers Rathes, unsers Beispiels, unsrer Mitwirkung gegen das wahre Ziel des Erdenlebens hin beduͤrfen, sie uns nicht schmerzlich vermissen. Alle Zeitalter, alle Weise und Gute, die jemals auf dieser Erde geathmet haben, alle ihre Gedanken und Ahnungen eines hoͤhern, mischen sich in diese Stimmen, und umringen euch, und heben flehende Haͤnde zu euch auf; selbst, wenn man so sagen darf, die Vorseh¬ ung, und der goͤttliche Weltplan bei Erschaffung eines Menschengeschlechts, der ja nur da ist, um von Menschen gedacht, und durch Menschen in die Wirklichkeit eingefuͤhrt zu werden, be¬ schwoͤret euch, seine Ehre und sein Daseyn zu retten. Ob jene, die da glaubten, es muͤsse immer besser werden mit der Menschheit, und die Gedanken einer Ordnung und einer Wuͤrde derselben seyen kein leere Traͤume, sondern die Weissagung und das Unterpfand der einstigen Wirklichkeit, Recht behalten sollen, oder dieje¬ nigen, die in ihrem Thier- und Pflanzen-Le¬ ben hinschlummern, und jedes Auffluges in hoͤhere Welten spotten — daruͤber ein leztes Endurtheil zu begruͤnden, ist euch anheim ge¬ fallen. Die alte Welt mit ihrer Herrlichkeit und Groͤße, so wie mit ihren Maͤngeln, ist ver¬ sunken, durch die eigne Unwuͤrde, und durch die Gewalt eurer Vaͤter. Ist in dem, was in diesen Reden dargelegt worden, Wahrheit, so seyd unter allen neuren Voͤlkern ihr es, in denen der Keim der menschlichen Vervollkomm¬ nung am entschiedensten liegt, und denen der Vorschritt in der Entwiklung derselben aufgetragen ist. Gehet ihr in dieser eu¬ rer Wesenheit zu Grunde, so gehet mit euch zugleich alle Hofnung des gesammten Men¬ schengeschlechts, auf Rettung aus der Tiefe seiner Uebel zu Grunde. Hoffet nicht, und troͤstet euch nicht, mit der aus der Luft gegrif¬ fenen, auf bloße Wiederholung der schon ein¬ getretenen Faͤlle rechnenden Meinung, daß ein zweitesmal, nach Untergang der alten Bildung, eine neue, auf den Truͤmmern der ersten, aus einer halb barbarischen Nation, hervorgehen werde. In der alten Zeit war ein solches Volk, mit allen Erfordernissen zu dieser Bestim¬ mung ausgestattet, vorhanden, und war dem Volke der Bildung recht wohl bekannt, nnd ist von ihnen beschrieben; und diese selbst, wenn sie den Fall ihres Unterganges zu setzen ver¬ mocht haͤtten, wuͤrden an diesem Volke das Mittel der Wiederherstellung haben entdeken koͤnnen. Auch uns ist die gesammte Oberflaͤche der Erde recht wohl bekannt, und alle die Voͤl¬ ker, die auf derselben leben. Kennen wir denn nun ein solches, dem Stammvolke der neuen Welt aͤhnliches Volk, von welchem die gleichen Erwartungen sich fassen ließen? Ich denke, jeder, der nur nicht bloß schwaͤrmerisch meint und hofft, sondern gruͤndlich untersuchend denkt, werde diese Frage mit Nein beantworten muͤs¬ sen. Es ist daher kein Ausweg: wenn ihr versinkt, so versinkt die ganze Menschheit mit, ohne Hofnung einer einstigen Wiederherstel¬ lung. Dies war es, E. V. was ich Ihnen, als meinen Stellvertretern der Nation, und durch Sie der gesammten Nation, am Schlusse die¬ ser Reden noch einschaͤrfen wollte, und sollte. Folgende den Sinn stoͤrende Druckfehler bittet man zu verbessern: S.81. Z. 5. von unten, nach Gesezmaͤßigkeit , ein Komma. S. 129. Z. 3. v. u. st demselben l. m. derselben. S. 161. Z. 5. st. wurden l. m. wuͤrden, und st. ehe¬ maligen l m ehemaligem. S. 222 Z. 9. st. hoͤher l. m. hoͤheren. S. 231. lezte Z. nach Wesens ein Komma. S. 242. Z. 3. st. gekommene l. m. gekommenen. S. 315. Z. 12. faͤllt nach Ohngefaͤhr , das Komma weg. S. 320. Z. 8. v. u. faͤllt vor Vertrauen , sich weg. S. 374. Z. 8. l. m. befuͤrchten. Die uͤbrigen weniger bedeutenden Fehler moͤge der Leser guͤtigst entschuldigen.