Der deutsche Christus . Fünfzehn Canzonen von Karl Candidus . Leipzig Verlag von S. Hirzel . 1854. Meinen getreuen Freunden Theodor Kugler, Gustav Mühl, August Nefftzer zur Erinnerung an entschwundener Jugendzeit trauliche Weihestunden gewidmet. Nancy , den 29. Mai 1853. K. C. Ich könnte es überhoben sein, diese von Lothrin¬ gen her uns dargereichte innige und seelenvolle dich¬ tung mit meinen worten zu begleiten, da unfehlbar ihr reines, zartgefaltetes gewand den blick von selbst auf sich ziehen wird. ihre überschrift mahnt mich an Otfried, der, bald sind es nun schon tausend jahre, im kloster Weiszenburg, also auch jenseit Rheines, seinen evangeliono deil den stolzen Franken laut er¬ schallen liesz, thaz wir Kriste sungun in unsera zungun; fast um dieselbe zeit, wo eines armen im walde hütenden hirten stimme, dessen name verschollen ist, durch ein nachtgesicht plötzlich zur poesie entzündet, den Alt¬ sachsen ihren Heiland sang. so begierig waren diese Deutschen, ihres frischen glaubens inhalt aus dem rö¬ mischen kleid zu ziehen und in ein heimisches, dem volke gefüges zu gieszen; sie folgten den evangelischen berichten auf dem fusze, Otfried mehr aushebend, er¬ bauliche, geistliche gedanken zwischen einstreuend, der Sachse voller, epischer, in seiner mildeindringenden sprache klingen heidnische weisen nach. welchen eindruck diese werke auf ihre zeitgenossen hinter¬ lieszen, wissen wir nicht, beide dichter hätten aber nicht zu ahnen vermocht, wie zu danke sie späten ge¬ schlechtern geschrieben haben, denen nichts höher an¬ lag, als aus dem schutte langer vergessenheit die sie¬ benschläfer zu wecken, und an ihrer unverwitterten gestalt, als lautersten denkmälern, die regel und den ganzen wollaut unserer alten sprache zu erforschen. solange deutsche zunge dauert, werden diese ehrwür¬ digen gedichte gelesen werden und nimmer untergehn. O des wandels! eine edle hehre dichtung, die vor erst hundert jahren in allen händen war, und mit mäch¬ tigem ruck durch ihren angebornen adel unsere gesamte poesie empor gehoben hat, beginnt, wer wollte es sich verbergen?, ungelesen zu sein und zu versinken. Klop¬ stocks Messias, nachdem er so grosze, in ihm und zu¬ gleich auszer ihm gelegene Wirkung auf seine zeit her¬ vorgebracht hatte, hört fortzuleben auf, und wir müssen ihn heute für ein verfehltes werk erklären. sein dichter wähnte dadurch, dasz er in der evangelisten heilige berichterstattung eine reihe englischer, menschlicher und teuflischer wesen schaltete, ein wahrhaftes epos zu er¬ zeugen, da doch die zwischentretenden gestalten immer nur scheinthätig sind, d. h. alles was geschieht eben¬ so wol auch ohne sie geschehen müste oder geschehen wäre. diese schwebenden und betenden cherubim und seraphim bis auf unser überempfindsames urelternpaar herab halten nicht wider, sie sind lauter fünfte räder am wagen und werden durch ihre erdichtung und unwahr¬ heit uns auf die länge unerträglich, jedes epos aber fordert ungestörten glauben. Klopstocks Christus selbst, so erhaben und gefühlvoll er gehalten sei, ist doch we¬ der geistig fein genug, noch menschlich blühend, dasz beide naturen einander tief durchdrängen. Christus ist gar nicht episch darzustellen, nur lyrisch, denn aller mythischen auffassung entgegen strebt die unverrückbare bestimmtheit unserer religion. wer aber sehen will, wie lyrisch er aufzunehmen und wiederzugeben sei, lese, dünkt mich, unsern neuen dichter, der vom boden menschlicher und irdischer gefühle aus dem innersten seiner brust ausgehend auf in geistige höhe klimmt und sich von ihr herabsenkt, um von seinem fluge zu ruhen und zum aufschwung neue stärke zu sammeln. diese mit dichterischer be¬ sonnenheit überall gepaarte schwärmerei scheint sein eigenstes kennzeichen, und steigender funken art ist es zu schwärmen, ja alle lyrische begeisterung, mag sie gott, den sieg oder die liebe zum gegenstand haben, musz schwärmerisch sein. Des dichters deutschen Christus dürfte man so nehmen, als ob heimwehvoll und im bewustsein der ihm ungeschwächt einwohnenden muttersprache er seine lieder entsende. vielmehr aber ist offenbar die meinung, dasz er einen Christus in deutschem sinn aufstelle, wie ihn deutsche gemütsart und gedankenerhebung ge¬ funden, gehegt und erkannt hat, seit durch die reforma¬ tion herz und glaube gelöst und frei gemacht und jener kalte, allgemeine Christus der katholischen kirche aufgehoben wurde. als echten protestanten gibt den verfasser schon seine äuszere stellung kund, und schöne, warme worte, die jeder finden wird, verbürgen ihn. Er wählte sich eine der geschmeidigsten italieni¬ schen formen aus, die vollen gedankenreichthum wal¬ ten läszt und in ungezwungne reime einschlieszt; unter allen würde ich der vierten canzone und der zwölften den preis zuerkennen, worin er seines sohnes taufe feiert, den an die hergegebnen weihetropfen dereinst zu mahnen er alle gewässer lieblich aufruft. Mir verargt es keiner, wenn ich ein paar wort¬ bemerkungen beifüge. Candidus bedient sich einiger ungewöhnlichen ausdrücke, die er vielleicht einführt, wie neustets für stets von neuem, er setzt im conjunctiv das praeteritum statt des praesens, wie seite 69 entböte, 75 sprösse, was aber mit einem empfindlichen mangel unserer sprache zusammenhängt, seite 7 möchte man lesen hatt es für hat es. schneuse für schneise seite 87 kann gestattet werden. herse seite 64 für egge, im reim auf ferse schwer zu meiden, ist das einzige ent¬ schlüpfte französische wort (aus irpex, ital. erpice, harpago). die schreibung ortnung sucht bezüge auf ort, spitze, ecke, wovon doch schon in der alten sprache orde, ordnung fern steht, wol aber könnte tief¬ einschlagende etymologie die verhüllte verwandtschaft zwischen sohn und sühne (goth. sunus und saun) an den tag bringen. Berlin 26 dec. 1853. Jacob Grimm . Der deutsche Christus . Canzone I . Unendliches in Endlichem zu schauen Ersannen ihre Götter die Hellenen, Weil himmelher gottmenschliches Gebaren Dem Sinn entgegendämmerte bei Jenen. Es lag die Welt in heil'gem Morgengrauen. Doch mächtig wollte Gott sich offenbaren, Und als erfüllet waren Die Zeiten und sein Vollglanz nun hervortrat Im Mittler Jesus, sanken hin die Götter Ein traurig Spiel der Spötter, Hinsank das Fatum und zurück der Chor trat. Des dunkeln Ahnens Zeichen und Umhüllung Schwand vor der Klarheit wirklicher Erfüllung. 1 * Nicht konnten die olympischen Gestalten Dem Gottesmenschenthume sich vergleichen Deß der da sprach: „wer mich sieht, sieht den Vater.“ Kein Phidias entlockt des Meißels Streichen So warmes Leben und so hohes Walten. In Fleisch und Blut, als wahrer Mensch, auftrat er Und angelweit aufthat er Die Thore des Unendlichen für Jeden Der seines Gottbewußtseins theilhaft werden Und Ewiges auf Erden Darstellen mochte so in Thun wie Reden. Er heiligte für Alle sich daß Alle Zu Göttern würden bei der Götter Falle. Und war das Fatum attischer Tragöden Erschütternd wie bei sittlichen Gesetzen Erhabne Unverbrüchlichkeit und Sühne? Ergreift euch nicht ein schauderndes Entsetzen Wenn in den Schuldzusammenhang des blöden Geschlechts eintretend untergeht der Kühne Dort auf des Lebens Bühne, Daß seiner Unschuld theilhaft das Geschlecht sei? Ist die Heroenwelt doch nur ein Ahnen Der wundervollen Bahnen Worauf der Geist uns führt zu dem was recht sei! Vom Kreuz erst dunkelt schrecklich das Verhängniß, Erst jene Sühne tilgt der Welt Bedrängniß. Die ihr aus Schutt nun grabet Götterbilder, Mit euch will schwelgen ich im Werk der Musen, Doch ob auch vor dem Donnerer durchfähret Gotthaftes Ahnen der Beschauer Busen, Gotthafter däucht mir, trauter auch und milder Ein lebend Menschenantlitz das verkläret Als Spiegel sich bewähret Der Herrlichkeit die sich vom Kreuz ergossen. Doch ferner Zukunft bleibt, ach! vorbehalten Das Leben zu gestalten, Denn dies Geschlecht hat Flügel nicht noch Flossen. Sie haben nicht und sind auch keine Götter, Und noch die Besten sind fürwahr die Spötter. Sie wenigstens doch zeigen durch ihr Höhnen Vorhandnen Sinn, Beregniß, zeigen Feindschaft, Und oft ist Feindschaft mißverstand'ne Liebe. Mißbildern kniet der Frömmlinge Gemeinschaft Anstatt der Urbildung, der hohen, schönen, Zerrbildern, wert zermalmungsvollster Hiebe. In seinem dunkeln Triebe Dient da der Gottheit mancher Lästrer Gottes Weit besser als die dumpfigen Gesellen, Die nie die Brust erschwellen Sich fühlten bei dem freien Hauch des Spottes. Wol gilt manch Nein als Ja hoch ob den Sternen. Doch Theilnahmlosigkeit mag nichts erlernen. Den Heiden werde drum das Wort gepredigt Die gläubig noch zu ihrem Fetisch beten! Gepredigt denen die vor Graungestalten Uralter Götzen opferblutig treten! Vielleicht erkennen diese daß erledigt Was sie gesucht in ihrem dunkeln Walten. Laßt Indern sich entfalten Der guten Botschaft tiefsinnschweres Drama. Vielleicht wird sich denselben offenbaren Im unsichtbar-sichtbaren Gottmenschen die Bedeutung ihres Brahma. Da wo nur irdisches Beregniß schaltet, Sind wahrer Gott und wahrer Mensch veraltet. Ich kenne meine Zeit. Mir aber zucket Der Meißel, was auch immer sei die Glocke, Ein Bild des großen Stillen auszuhauen Aus der Betrachtung reinstem Marmorblocke, Für hochstrebsame Jugend, die, entrucket Gemeiner Welt, es gerne mag erschauen. Ein heilig süßes Grauen Will vor dem hohen Steine mich erfassen, „Als knieten Viele ungesehn“ —, wie's heißet Im frommen Lied. Mir reißet Das Eisen in der Hand, ich kann's nicht lassen, Ich muß hinan. Eh' sich das Jahr mag neigen Muß aus sich selbst der deutsche Christus steigen. Canzone II . Tag unter allen Tagen mir gesegnet, An dem der Heiland geistig mir erschienen, O Tag des Heils, dein werd' ich stets gedenken! Ich fuhr dahin auf blanken Eisenschienen, Längs den Vogesen hat es fern geregnet, Ich kam von Straßburgs hoher Schule Bänken Und ließ in sich versenken Den Geist sich zu erinnernder Betrachtung. Da war's, da sah ich ihn, den großen Stillen, Da trat er, mir zu Willen, Hervor aus ringsaufdämmernder Umnachtung, Und die ihn da umstralt, die hellen Stralen, Sie blitzten gleich Türkisen und Opalen. Kein bloßes Bild war's, was sie Bild so nennen, Kein Sinnbild, nein, Selbstdarstellung des Lebens, Das Leben selbst, er selbst war's. Wonneschauer Strebt zu erregen leere Form vergebens. Mir aber schauerte. Mag Freunde trennen Ein äußeres Geschick, besieh's genauer, Sie sind in Lust und Trauer Doch ungetrennt, denn wessen Leib natürlich, Der hat auch einen geist'gen Leib, und nimmer Kann solchen Leibes Schimmer, Der wirkend lebt, mir gelten als figürlich In jenem dürft'gen Sinne wie sie's meinen, Weil ihnen Schein und Sein sich nie vereinen. Nicht nach dem Fleisch, nein, wie er in uns wohnet, So ist der Heiland damals mir erschienen, Und seine Hände träuften Glutverlangen, Demütig treu dem Himmlischen zu dienen, Der mir im eignen Busen wohnt und thronet. Denn wie Corregio war es mir ergangen Der vor dem Farbenprangen Des Sanzio ausrief: „ich auch bin ein Maler!“ Mir hatte Göttliches der Gott gewecket, Und freudig bang erschrecket Erkannte ich als Stral mich vor dem Straler. Mein Auge war, nachdem es erst geblendet, Den morgenländ'schen Augen zugewendet. Und seine Gottesmenschheit die er zeugte, Die in ihm ist und lebt und webt bewußtvoll Weil sie mit ihm verselbigt hat der Glaube, Die seines Leidens ist und seiner Lust voll, Die tausend Kreuzen ihren Nacken beugte Und dennoch nimmer ward dem Tod zum Raube, Und Jene die am Staube, Ach! weithin zahllos wie der Sand am Meere In trauriger Gebundenheit noch kleben Und immer noch nicht leben Obschon sein Blut für sie auch troff vom Speere, Der Menschheit sämmtliche Geschlechter malten In jenen Augen sich die mild erstralten. Und was uns fördern mag im rechten Handeln, Was als Erkenntniß kräftig im Gedanken Sich fortbewegt, und was da lieblich scheinet Als Schönheit in der Sinne holden Schranken, Des Tages Glanz, der Nächte stilles Wandeln, Und Schmerz und Wonne die das Leben weinet, Und was der Künstler meinet, Das All mit Allem was uns in ihm hebet, In ihm beglückt, was da gevestet aufliegt, Was grünt, was läuft und auffliegt, Was flammt und strömt und frohes Leben lebet, Im Spiegel jener Augen war's zu lesen, War Eins mit Ihm durch seiner Liebe Wesen. Es war der Welterlöser der da schwebte, Der Hochverklärte, frei von Zeitbeschränkniß, Der Zeiten und Geschichte Herr und Meister, Und gleich galt ob er lebte als Erdenkniß, Ob anders, gleich galt wann und wo er lebte, Er war es wie er wirket auf die Geister. Mir war, wenn ihn ein dreister Apostel schöpferisch hervorgerufen, Er hätte dann geschichtlich auch gelebet, Geblutet und gebebet Im Volk und im Apostel die ihn schufen, Und diese wären selber dann gewesen Des fleischgeword'nen Gottes wirklich Wesen. Aus Gott nur kann ja Göttliches uns kommen Und er nur heiligt jegliche Erscheinung. Den Punkt aus welchem Gott die Welt beweget Zur Rückkehr aus der Endlichkeit Verneinung, Ihn sah ich im Gekreuzigten, im Frommen, Der liebend des Geschlechtes Sünde träget Und uns zu Füßen leget Hochher entstammte reiche Gottesfülle, Daß wir uns Gold und Perlen eignen können. Ein gnadenreiches Gönnen, Das sah ich in des Menschensohnes Hülle, Wie langersehnten Regens Niederrauschen Dem wolig rings die Creaturen lauschen. Drum in die Zeit hin bergglasglockentönig Sing' ich das Rolandslied des Christenthumes. Mir mochte freilich stets auch klarer werden Daß ihm nur Rauschgoldkronen ird'schen Ruhmes Sein Volk schuf, nicht ihn selbst, den Geisterkönig, Daß er im Wesentlichen war auf Erden Wie sonder viel Beschwerden Mir Vater sagte in der Kindheit Tagen: Mir mochte das Geschichtliche begründen Theilweise sich und ründen, Doch darnach durfte nicht mein Glaube fragen. Der Glaube hat ganz anderes Verlangen: Ihm gnügt daß er das Ew'ge hält umfangen. O daß doch nicht mit Weisheit manche Weisen, Nein, ganz wie aberkluge Kinder streiten Ob die Geschichte wahr sei ! Gibt doch Wahrheit Allein der Geist dem Reich der Wirklichkeiten! O heller stralt aus tausend Fabelkreisen Sie als aus eures Daseins armer Baarheit! Mir sitzt in Himmelsklarheit Zur Rechten Gottes ewiglich der Mittler, Hoch über jenen grausen Finsternissen Worin sich wißbeflissen Abmühen ernste Forscher wie auch Krittler. Wie ruhig kann ich forschen, leben, sterben! Er lebt mir ja und läßt mich nicht verderben. Canzone III . Wie uns ihr eignes Licht die Sichtbarkeiten Auf wunderbarer Kunst Jodsilber malet, So malt dein Bild auf schlichter Seelen Grunde Die Klarheit, welche dir, o Herr, entstralet Und lieblich fällt in Schmerzes Dunkelheiten, Wenn du den Schieber hebst zur rechten Stunde. O stets mit Herz und Munde Will ich dem heilig hehren Künstler danken, Der mir durch seiner Weltanschauung Normen Und Grundempfindungsformen Hat umgebildet gänzlich die Gedanken! Die christliche Bestimmtheit der Gemüter Ist Kraft als Geist , ist Heil als Geistes Güter . Dein Geist ist deine Weise Gott zu haben, Ist deine Demut und dein Selbstbewußtsein, Denn weil du endlich , ist der Vater größer, Doch gleichermaßen mußt' in deiner Brust sein Ein Selbstgefühl unnennbar, hehr, erhaben, Eins ja mit Gotte warst du, mein Erlöser! Wenn du mich nun, Entblößer Von allen Mosisdecken, mir bewährest Als tief von deiner Herrlichkeit durchdrungen, Und wie durch Spiegelungen Mich in ein dir verwandtes Bild verklärest, Ja mich zur Brudergleichheit willst erwählen, Muß Demut nicht und Stolz auch mich beseelen? Du wolltest niemals gut geheißen werden, „Nur Gott ist gut,“ so sprachst du groß bescheiden, Doch warst du Eins mit Gott, weil nur als nichtig Du dich von Gotte konntest unterscheiden, Und ob du als ein Mensch zwar an Geberden Und mannichfacher Schwachheit warst ersichtig, Warst du doch nimmer pflichtig Noch unterworfen dem Gesetz der Sünden, Denn über die persönlich enge Schranke Hinaus war dein Gedanke, Gott mochtest du als wahres Selbst verkünden. Zu gleicher Reinheit drängst du nun die Geister. So wardst du dienend unser Aller Meister. Und Quelle deiner Demut war dein Lieben, So auch dein Lieben Quelle deiner Hoheit. Sind dies denn nicht der Liebe beide Pole? O wie beklagenswert ist jene Rohheit, Die an des Stolzes und der Demut Trieben Nur Streit hat, leere Strebungen, gleich hohle! O wenn zu Eurem Wole Ihr liebtet und begriffet! Elend scheinen Müßt ihr mir vollends wo ihr vor mögt wenden Das Selbstvergegenständen . Angeblich schuft ihr Gott und seinen Reinen, Und könnt das eigne Werk nicht menschlich lieben? O wo sind Stolz und Demut euch geblieben ?! Du bist in mich und ich in dich gestaltet Und nichts kann mich, mein Heiland! von dir scheiden, Kann ich doch von mir selbst nicht sein geschieden! In meinen Freuden wie in meinen Leiden Hast göttlich groß du immerdar gewaltet, Und nur in dir gewurzelt ist mein Frieden. Daß unser Bund hienieden, Ach, nicht so innig ist wie er wol sein soll, Dies regt mir oft geheimer Wehmut Thränen, Doch dieses heiße Sehnen, Es kommt von dir, als das mir Ernst verleih'n soll, Und jener Blick der bitterlich macht weinen, Läßt lauter Huld und Liebe ja erscheinen. Gefühl der Selbigkeit im Unterschiede, Gefühl des Unterschiedes in der Einheit, Ist heißer Durst und frischer Trunk der Liebe, Ist ihrer Demut, ihres Stolzes Reinheit, Ist ew'ger Schmerz für sie und ew'ger Friede, Ist Pendelschwung und Schwerkraft frommer Triebe, Ich, wo ich immer bliebe. Starb schon und du, o Herr, bist meine Wahrheit, Mein wahres Ich, dieweil mich ließ ererben Dein demutvolles Sterben, Das zahllos ist, die Fülle deiner Klarheit. Ich lebe, doch nicht ich, es lebt die Liebe In mir, drum schrecken mich nicht Todeshiebe. Sie schrecken zwar, doch nur das Fleisch. So nannte Der Beter von Gethsemane den Anhalt Des Unterschiedgefühls der heil'gen Minne. Beklag' ich mich? Sieh, du hast wolgethan halt Der Demut Born mir, als ich dich erkannte, Nicht flammend zu verzehren. Sacht verrinne Den Brüdern zum Gewinne Die heil'ge Flut, mir selber zum Ergetzen. Aus Fleischesschwachheit quillt ja neustets Demut, Und Hochgefühl aus Wehmut Und so erscheinet als ein göttlich Setzen Der Liebesortnung was mir schien ein Schade. Was liegt so tief daß drunter nicht die Gnade? In meiner Schwachheit gnügt mir deine Gnade. Laß mich in deinen Anblick ganz versinken! Mir selbst entfliehen ganz in deinen Armen! Vollkommenheit aus deinen Zügen trinken! O laß in deiner Reinheit Wonnenbade Zu neuverjüngtem Leben mich erwarmen! Was böte Trost mir armen Befleckten Seele wenn nicht dein Gedulden? Ach! kann ich mich denn anders wiederfinden Als wenn bis zum Erblinden Ich mich verliere ganz in deinen Hulden? Nur so, nicht anders, kann ich mich erringen Und eigne Bildung dir entgegenbringen. Stets ist aus Nichts das Sein hervorgegangen. So will ich neustets mich in dir vernichten, Neustets verfälschter Selbigkeit neu sterben, Auf falsches eignes Sein und Thun verzichten, Daß ich von dir das wahre mag empfangen, So oft an mir das Weltjoch geht in Scherben. In Demut will ich werben, In stets erneuter Demut um das Größte, Damit das Größte stets sich mir erneue, Und ewig mich erfreue Dein Lieben, das mich von mir selbst erlöste Um neugebildet mich mir selbst zu geben. Machst du mich klein, ist göttlich groß mein Leben. Aus Freiheit dient die Gottheit. Alles Wandeln Ist der Verlauf des ew'gen Opfers Gottes, Des Opfers seiner selbst zum Heil der Welten. Gebilde selbst des Zornes und des Spottes Bezeugen seiner Liebe treues Handeln. Sein Andres nur mag als sein Selbst ihm gelten. Aus seinen ew'gen Zelten Kommt er als Stral in meinem Blick zu sterben, Als Hauch in meiner Brust, als Wein und Aehre, Als Muttersorgezähre, Als Held und Märtrer, die um Liebe werben, Und daß er sich nur ja ganz treu bezeuge, Als Mittler Jesus, dem die Welt sich beuge. So wie er Seligkeit im Dienen findet, Will er daß mich auch Demut nur beglücke. Hat Wolgefallen Gott an meiner Kleinheit, Daß er mich seinethalben niederdrücke? Aus Freiheit liebt er und aus Liebe bindet Er dienend sich an mich als Allgemeinheit, Zurück zu seiner Reinheit Mich durch Erkenntniß meines Nichts zu führen, Zurück durch Liebe mich zu seiner Freiheit. O wundersel'ge Zweiheit Die sich als Einigung aus Eins mag spüren! Aus Gnaden bin ich ledig jedes Zwistes, O nicht aus mir, nein, Gottes Gabe ist es. Das Handeln Gottes in mir und nach außen, Als „zierlich Denken“ und als „süß Erinnern,“ Als künstlerisches Bilden und Gestalten, Als Leben in und aus dem „tiefsten Innern,“ So wie als hohen Mutes Donnerbrausen, Als heil'gen Mitgefühles brünstig Walten Und angemeßnes Schalten, Dann Gottes Handeln in den Wesen allen, Vom höchsten Geiste bis herab zum Staube, Dies Handeln glaubt der Glaube, Dies Handeln, und nur dies, mag mir gefallen, Das Gnadenhandeln Gottes. Seine Werke Besel'gen mich, nicht eigne Lügenstärke. Geselle dich aus süßer Herzensstille, Die Gott mir schuf, o Lied! den hohen Chören Die allstets dem, der Freiheit heißt, erklungen. Ach, sollte, der das Ohr gepflanzt, nicht hören? Zu denken Solches strebt umsonst der Wille Und auf zur Freiheit lallen tausend Zungen. Doch nur in sich bezwungen Ist Freiheit Freiheit, nur an Endlichkeiten Unendliches unendlich, und der Vater, Vor mein Bewußtsein trat er Stets nur im Sohn, und Ew'ges nur an Zeiten, Und Alles schlingt sich wunderbar zum Kreise. Das ist, traun! des lebend'gen Gottes Weise. Das ist der Sohn und jenes Wort das That ist, Wodurch die Welt gemacht und was darinnen, Das ist der Gottheit Glanz der glänzt und scheinet In allem Endlichen, wenn unsern Sinnen Dies selbe Wort ein inn'res Licht und Rat ist, Wie das an allen Gläubigen erscheinet, Die wonniglich vereinet Mit Jesu, mit dem Bräut'gam ihrer Seelen, Im schwebenden Gewölk, in Meerespsalmen, In Blütenzier und Halmen Ihn schau'n und haben, und sich innig quälen Wenn irgend etwas, sei es was es möge, Des Herzens fromme Sehnsucht je betröge. Was wüßten wir von höchsten Eigenschaften, Von Allmacht und Allgegenwart und Liebe Und Weisheit, glänzten solche nicht im Sohne? Das Dasein Gottes ganz zu Staub zerriebe Der Winzigste von unsern „ Wesenhaften ,“ Wär's nicht ein heller Stein der Sohneskrone. Der Sohn nur schirmt vor Hohne Den alten deutschen Glauben an den Vater? Ha! dächte ich den Sohn nicht, es verschlänge Mir der Gedanken Menge So wie sich selbst des Gottgedankens Krater, Wo in der Dichtung zierlich leichtem Laube Nun üppig schwillt der Wahrheit volle Traube. Der Mensch, als Eins gesetzt, lebt mir im Andern. Ist dieses Andre Gott, so ist Erhebung In's ew'ge Leben liebendes Versenken, Und tief, tief unter dir bebt Todesbebung Wie bei der luft'gen Geister Gipfelwandern Das sinnig anmutvolle Dichter denken. Ist, dran wir uns verschenken, Das Andre Christus, was ist unser Wesen Dann wenn nicht Gottes? Nur des Mittlers Weben Beut uns ja ew'ges Leben Und Weseneinsicht denen die verwesen. Drum freut mich kindlich jedes Tages Scheinen. Lust ward mein heimliches Kohelethweinen. O Firmament wo meine Sterne glänzen, Wie hast du meiner Sehnsucht Schloß erschlossen! Wie thut dein tiefes Blau so wol den Blicken! O dunkler Grund draus meine Blumen sprossen, Wie heimlich unterbreitest bunten Kränzen Du dich zu überschwänglichem Erquicken! Ach, wer kann je ersticken Der Gottessehnsucht ewig rohe Wunde? Doch ewig blutet sie nur Wonneschmerzen Wenn aufging tief im Herzen Erkenntnißglanz vom höchsten Liebesbunde. Nur wie der Wollust Uebermaß in Thränen Seufzt, seufzt hochüberfülltes frommes Sehnen. Triumph! Triumph! mein Glück ist seine Liebe. Ha, eine Liebe nur sich selbst vergleichbar! Unwandelbar! fromm! ewig! überschwänglich! Mir ist das Höchste nimmer unerreichbar, Das Höchste ist und bleibt ja diese Liebe. Warum doch, meine Seele, wärst du bänglich? Was dürfte dir bedränglich Noch dünken wenn dich Christusarme halten? Mein Freund ist mein und ich bin sein beständig, Er ist in mir inwendig Mit seines Reiches herrlichem Entfalten. Er lebt in mir, ich bin in ihm vollkommen, Durch ihn gerecht. Frohlockt ihm, alle Frommen! Laßt mich in meiner Brust Abgründe steigen, Die Fülle meines Glückes zu genießen, Und jauchzen wenn er fehlt an keinen Orten Mein Heißgeliebter, dem die Locken fließen Bekränzt mit aller Anmut holden Zweigen, Ein Held, Hosanna! unter Siegespforten, Das Wort in allen Worten Die mir mein Denken und mein Fühlen tragen, Weil was da endlich ist und was unendlich, Mir ewig unabwendlich Nur im Unendlich-Endlichen kann tagen. Soll lebenswarm ich fühlen, sicher denken, Muß in der Worte Wort ich mich versenken. Er war schon vordem als Vernunftanstreben In mir, gab meiner Jugend Freiheitsliebe Und eignen Gang, gab heil'ger Ortnung Ahnen, Und brachte Maß in's Spiel der dunkeln Triebe, Und leitete mir unbewußt mein Leben Lang eh' das Ziel ich kannte meiner Bahnen. Er war im hehren Mahnen Der Stimme des Gewissens und der Glocken, (Bewußtsein war's der Menschheit) als, ein Knabe, Ich schluchzt' an deinem Grabe, Lieb Schwesterlein du mit den Engelslocken, Weil ich dir einmal, da wolmeinend strenge Zu sein ich glaubte, hart war, roh und enge. Ja eh' ich ward, ist er in mir gewesen Und ich in ihm, doch wußt' ich Solches nimmer Bis ich als den Gekreuzigten ihn kannte, Bis er in seiner Liebe hohem Schimmer Still vor mich hintrat, als ich zu genesen Von herber Sehnsucht mich umsonst ermannte. O wie mein Herz da brannte Als neu sich auf des geist'gen Auges Netze Sein Bild herstellte und ich mich erinnernd Und immer mehr erinnernd Ihn vor mir sah, und Edens Freudenplätze, Aeonenlang verschüttet und vergessen, Sich breiteten zu reuigem Ermessen! Doch schnell aussüßend jeglich Bittres wollte Der Freund in seinen Frieden mich versenken, Und seit dem Säuseln jener Himmelsstunde Ist er in allem meinem Schau'n und Denken. Sagt mir wohin das Endliche verrollte. Ertheilet vom Beweglichen mir Kunde. Im weiten Weltenrunde Seh' ich nur Eins, das Reich der heil'gen Minne, Das unbewegliche, das wir empfangen. Ha! mir ist aufgegangen — Nach dieses Wortes schönem Doppelsinne — Im Bilde des Geliebten alles Andre, Wo immer auch, wie weit, wie lang ich wandre. Er ist Allgegenwart der Gottesfülle In Geist wie in Natur, da er zur Einheit Mit diamantnem Band verbindet Beides, Und Selbstdurchdrungensein ist seine Reinheit Womit er meine endlich-schlechte Hülle Durchdringt daß ich vergesse jedes Leides. Des endlich-schlechten Kleides Drum will ich mich nicht schämen und es spreiten Auf des Geliebten Pfade hin in Demut. Wie dort, voll Liebeswehmut, Wird dann mein Herr und König drüber reiten. Gelobt sei der da kommt von Gotteswegen Im Lichtreif seines Haubts auf allen Stegen! Canzone IV . Schmückt mir das Saitenspiel mit roten Rosen: Heut will ich froh dem eignen Herzen leben, Heut will dem Genius bekränzt ich warten, Sind doch vom Herrn mir Sinn und Herz gegeben. Heut will ich harmlos wie ein Kindlein kosen Mit allen bunten Blümelein im Garten. O sende mir den zarten Gespielen, du Unendlicher, den Sohn her, Der uns versöhnt und darum Sohn mag heißen! O sende mit den weißen Maiwolken ihn von deinem Stralenthron her! Ihn sende her aus meines Herzens Tiefen Wo dieser Sabbathfeier Wonnen schliefen! Was wären Augen wo nicht Stralen flögen? Was wäre Licht wenn es kein Auge gäbe? Was wären Töne da wo keine Hörer? Was wären Hörer ohne Klangesschwebe? So Geistbegriff auch sonder Sinnvermögen Und Weltbild sonder Geist sind Selbstzerstörer. Wie liebliche Verschwörer Sind höchster Einheit Zeugen alle Dinge, Und Jedes ist so Darstellung des Ganzen Daß auch in Stäubleins Tanzen Uroffenbarung schwingt die Feuerschwinge. Hat der von Nazareth uns erst erkoren, Ist er uns plötzlich überall geboren. Mag Stumpfsinn dich im Kripplein nur erblicken, Und Blindheit dich erkennen, ach! selbst dort nicht, Stillsteht der Weisen Stern mir allenthalben Wo trennbar von Allgegenwart der Ort nicht. Du Glanz der Gottheit willst mein Herz erquicken Und mir mit Freudenöl die Augen salben, Sei's daß die holden Schwalben Nun kommen oder flieh'n, daß Winterstürme Herschneien oder Sommerfriede lächle, Ein warmer Wind herfächle Und südwärts schau'n die Hähne deiner Thürme. Doch seliger wird deine Näh' empfunden Im Schweben solcher goldnen Blütestunden. 2 Wer ruft mir? Ist's die Stimme nicht der süßen Gespielin meines Freundes? nicht die Stimme Der Nachtigall? An seinem Busen hegt er Die Kleine, wenn ein Sturm hersaust im Grimme Und toll ihm Ast und Laubschmuck wirft zu Füßen; Doch wenn sein Frühlingsmond hold steigt, da trägt er Die Flatternde, bewegt er Sie auf dem Zeigefinger oder setzt sie In dunkelstes Gebüsch, in traute Wipfel, Und zu der Flüstergipfel Chorliede schlagend jedes Ohr ergetzt sie. Er lebt und webt in ihr und mag sich freuen Des Vögleins wie der Hoheit seiner Leuen. Mir neige deine Zweige, Lila-Flieder! Er ist der Thau womit du mich besprengest, Er ist dein Würzeduft und deine Schöne Womit du dich in alle Herzen drängest. Er kommt in dir holdselig anders wieder Und streut umher was aller Not entwöhne. Beim frohen Lenzgetöne Entblühest du der Wesenortnung Tiefen, Trittst vor uns hin mit eigenem Gebaren, Ein süßes Offenbaren Der Huld davon dir alle Dolden triefen. Wie du so dastehst an der alten Mauer, Erfassen mich geheime, süße Schauer. Dort flammen Tulpen aus der schwarzen Erde, Doch sieh! die wahre Wurzel ihrer Prachten Ruht im Zusammenhang der Weltortnungen, Und Himmelshauche sind's die sie entfachten. Des allgemeinen schöpferischen Werde Sind sie ein Ausdruck in besondern Zungen, Aus Gottes Mund entsprungen Und darum also schön und wunderprächtig. O Wort, das uns in Jesu ist erschienen, Du bist's, du brennst in ihnen! An heil'ger Stätte steh' ich tiefandächtig Gleich jenem Frommen, dem du glutentzündet Erschienst im Dornbusch, wie die Vorwelt kündet. Ihr kleinen weißen Erdbeerblüten wecket Erinnern das wie Himmelblau erheitert. Hat nicht dem Bernardin de St. Pierre Ein Erdbeerstock zum Weltall sich erweitert Und jenes Ueberschwängliche entdecket, Das Mittelpunkt ist jeder Wesensphäre? Ist schwerer Herzensleere Dies arme Kraut zum Mittler nicht geworden? Anbetung dir, Sohn Gottes, eingeborner, In Allem unverlorner! Du strömst einher in alles Lebens Borden! Wo Schönes unsern Blicken sich entfaltet, Ist's das Unendliche das endlich waltet. 2 * Ist nicht die ganze Sichtbarkeit der Himmel Selbst nur ein Erdbeerstock im großen Ganzen, Ein einzler Theil im All wie wir es denken, Des göttlichen Gedichts nur ein paar Stanzen, Ein Endliches ? Doch dieses Glanzgewimmel, Dies Weltbild will die Welt aufschließend schenken Und sich vor uns versenken In's Uebersinnliche, wie es die Welt ist, Denn ihr ist keine Vorstellung gewachsen Und ihren Riesenaxen Gibt Raum nur der Begriff der Gottes Zelt ist. So tönet im Erhabnen wie in allen Gebilden uns des ew'gen Sohnes Lallen. Ihr aber, allverbreitete Bestände Jedwelcher Bildung, reine Wesenheiten, Die ihr in Paargestalten hochher steiget Um euern Liebesstreit nie auszustreiten, Euch flieht und hascht und wieder flieht behende Und euch im Fliehen zur Umarmung neiget, So ernst im Spiel euch zeiget Als wär' es gottesdienstliche Verrichtung, So spielend frei im Ernst als wär's ein Scherz nur, Mit unbegriffnem Schmerz nur Schaut Mancher euer Werk und sieht Vernichtung. Doch ihr schwebt lächelnd und dem Frommen leise Vertrauet ihr daß dies des Wortes Weise. Nur wo Natur in frommem Geist sich spiegelt, Als einem zu vermittelnden Gemüte, Tritt auf der Mittler, daß er sich ihm eine, Und da und dann nur treibt solch ew'ge Blüte, Die, aus beschränkter Anschauung entsiegelt. Im holden Duftkelch beut das Allgemeine. Doch ist das große Eine In der Natur dem Frommen allzugänglich, Weil es in Allem, was da endlich heißet, Uns mächtiglich ergleißet Als eben so beschränkt wie überschwänglich, Ein kleines Kind, ein großer Gott desgleichen, Der Weihrauch, Gold und Myrrhen uns will reichen. Grün-golden ruht ein Käfer mir zu Füßen Wie Spielzeug liegt in einer Kinderstube. Rings blinken tausend zarte Lieblichkeiten Und jeder Stein scheint eine Demantgrube. Es ist so deine Art, mit wundersüßen Geschenken, Jesuskind, Lust zu bereiten. So kommt ans blauen Weiten In jenem sinnig webenden Gedichte Ein himmlisch hoher Gast zu armen Hirten, Sobald die Lerchen schwirrten, Mit fremder Welten Offenbarungslichte, Doch sieh: all deine holde Wunderhabe Die bist du selbst, du lichter Himmelsknabe! Canzone V . Die schnackischen Gemälde welche weinen Und lachen und, o Pfaffenspuk! Blut schwitzen, Auch Erben vom Haus Israel bekehren, Zerhauen mögt ihr die mit scharfen Witzen, Ihr Geister die ihr dastellt das Verneinen, Doch Wunderwerke sollt ihr nicht versehren Draus Jesu Geist mit Speeren, Mit Balsamölgetränkten, heilkraftschwangern, Die Brust durchbohrt der Hörer und Beschauer, Daß wonnevolle Trauer, Wie Christenkunst sie hoch auf Himmelsangern Mag pflücken, still ein Jeder trägt von dannen Und solchen Spuk der Wahrheit nicht kann bannen. Denn nicht die ausgespannte bunte Leinwand, Die Steine nicht, auch Holz nicht noch Metalle, Nicht Luft- und Gliedbewegung mögen wecken Mit also gotthaft lautem Donnerhalle, Beseitigen der Sünde letzten Einwand Und tief erschüttern wie mit sel'gem Schrecken. Die sich drin will verstecken, Die Künstlerseele thut's, die, gotterfüllet, Uns ihr Unendliches zu offenbaren, In solch durchsichtig klaren Gebilden und Getönen sich enthüllet. Es ist das Wort der Worte das da webet Und wie ein Gotteslichtblitz uns durchbebet. Selbst dann wenn in der heil'gen Jungfrau Bilde Das Endliche verherrlicht und gekrönt wird, Als „Ewig-Weibliches das uns hinanzieht“ Und Reue pflegt bis alle Schuld versöhnt wird, Als Mutter Jesu, deren zarte Milde Aufwärts der Schönheit lichte Himmelsbahn zieht Und uns aus blut'gem Wahn zieht, Ist Mutter ewiglich sie nur im Sohne, Ist nur die Liebe, die sie Gott vereinet Und die im Sohn erscheinet, Ihr Sternenkranz und thront auf ihrem Throne. Nur des unendlich-endlichen Seins Einheit Ist ewiglich des schönen Scheines Reinheit. Und wagt die freie Kunst, was kaum zu wagen, Ein Bild des Widerspiels der Endlichkeiten, Wo borgt, wenn nicht vom Mittler, sie die Züge Der menschlichen und jeder anderweiten Gestalt? Da mag sich einer ewig plagen, Es wird zur Wahrheit allfort ihm die Lüge, Und alle höchsten Flüge Des Genius beweisen daß untrennbar Der Vater ist vom Sohn und Gott vom Worte, Weil an des Aufschwungs Orte Gott schon das Wort ist und als Wort nur kennbar. Nur als unendlich-endlichen Seins Einheit Ist auch ein Kunstvorwurf die Allgemeinheit. Der reinen Kunst ist rein was sie berühret. Sie übt Vermittelung auch durch Gewande Und durch die Hochpracht flammender Kronleuchter. Den Reichthum heiligt sie und schlingt die Bande Wodurch das Wort auch ihn als Schall sich küret Und, wie er selbst anzeucht, zu Gott hin zeucht er. Sie füllt mit wollustfeuchter Sehnsucht den Blick der weichlich holden Liebe, Und sündigt nicht wenn, was nur finstrer Wahn ist, Sie dem nicht unterthan ist, Die Heuchelei verschmähend feiger Diebe. Dem Satyr zeigt sie frei von Feigenblättern Das Wort der Allmacht das ihn mag zerschmettern. Vermittelung schon war es was sie meinte Auf Elephanta und an Niles Ufern Wie bei den gottgesegneten Hellenen Und Israels erhabnen Zukunftrufern, Erst also daß nur Sternenblick vereinte Die Nacht dem Lichtreich welchem galt ihr Sehnen, Dann morgenhell in jenen Maßvollen Werken griechisch edler Musen, Und als die Geistersonne nun gekommen Im sittlich freien Frommen, Als Gottmensch, und entzündete die Busen, Rang auch die Kunst daß Jesus sie durchdringen, Sie ihn darstellen möchte, dar ihn bringen. Dich aber, hehre Tonkunst, dich vor Allen Will ich mit allen Deutschen heilig preisen Als goldnen Kern der Gabe wol der Zungen. Wer trennt vom Kreuz der Orgel Himmelsweisen? Und soll ein Name mir im Lied erschallen, Wem hat Beethoven Sonnenklang geklungen? Wo Kunst sich selbst durchdrungen, Durchdrang sie aller Gottesfülle Sphären Und waltet christlich, denn ihr ganzes Streben Ist nur das ew'ge Leben Des Schönen und Erhabnen zu verklären, Und ihr ist gar das Niedliche und Lose Ein liebstes Kind in Vaters ew'gem Schoose. Ihr scheint das Urbild oftmals unerreichbar, Doch ist's erreicht sobald es in ihr scheinet, Und priesterlich vom Ewigen durchdrungen Das sie verkündigt, ist sie ihm vereinet, Ist sie, Allmittler, gänzlich dir vergleichbar. Vergleichbar nur? Die frommen Huldigungen Womit sie hält umschlungen Allewig deine Kniee, mag wol schulden Die Jüngerin, denn ihrer Liebe Demut Ist deine eigne Demut, Ihr Werk dein Werk, die deinen ihre Hulden, Denn nur dein eignes Thun vergegenständet Ist sie, und nichtig wo dir abgewendet. Wenn Himmelsschönheit je für Augenblicke Die Sterblichen befreit von Gram und Sorgen, Gespannten Schmerz gelöst, Schwermut gelichtet, Daß wie ein Kind im Mutterarm geborgen Der Aermste frei sich fühlte vom Geschicke, Weil ihm auf Ewiges der Sinn gerichtet, Verschlungen und vernichtet Des Todes Trägheit und des Lebens Bürde, Warst du nicht der Erlöser und Befreier? Du nicht der schwachen Leier Gesittungskraft und himmlisch hohe Würde? Du bist der wahre Schenke, traun! der Seelen, Den preisen mögen göttliche Gaselen. Kunst ist dein Thun und Wesen allerwegen. Löst sich vom Ei Gegliedertes, zeigt Mitte Und Seitenmaß das Ewig-Ungezeugte, Erstrebet Selbstbildung ein Mann und Sitte, Hat einer Wissen, kann er dar es legen, Stets ist es deine Kunst die sich bezeugte. Wenn schön herüberbeugte Zur Auflösung der Mißklang der Geschichte, Wenn göttlich reine Stimmen thun hervor sich Und voller hebt der Chor sich, Wer fragt noch ob dies deine Kunst verrichte? Der Muse Thun ist nur ein Wiederscheinen Des deinigen, des großen, ganzen, einen. Stets sind's für dich, du Himmlischer! sechs Tage Vor Ostern, weil sie stets auf's Neu dich töten Durch anders stets gestaltete Gemeinheit. Da naht die Muse, naht, ach! mit Erröten Und tiefgeheimer stummer Totenklage, Mariagleich, und, fühlend ihre Kleinheit Vor deiner Groß- und Reinheit, Kniet sie vor dir und geußt demütig holde Die Narde, köstlich, unverfälscht, duftsüße Auf deine heil'gen Füße, Und trocknet die mit ihrer Haare Golde. Das Haus des Glaubens aber allenthalben Wird lieblich voll von dem Geruch der Salben! Canzone VI . Was sich als Wahrheit tröstend senkt in Weh her Und was als Irrthum sich um Wahrheit windet, Was fertig scheint und was sich zeigt als Strich nur, Was irrend schweift und was zurecht sich findet, Was irgend ist, birgt dich, o Wort, von jeher Und Alles Endliche besteht durch dich nur. Sieh! was dir scheu entwich nur, Bleibt Größe noch und ist als solche du stets, Und dich nicht schauen sollt' ich da wo Fülle In bildungsreger Hülle Den Sinn erfreut und nimmt fortwährend zu stets? Im Menschen Jesus aber stralt und brennet Dein Licht daß nur, wer blind ist, es verkennet. Aufging der Menschheit Sonne voller Klarheit Im Galiläer der als dich sich wußte, Als das Unendlich-Endliche sich kannte, Und Solches klar und redlich, wie er mußte, Auch aussprach und bezeugte als die Wahrheit. Sein Lieben das die Gottheit Vater nannte Und mild das All umspannte War Ursach, Werk und Wesen höchster Einheit. Das war nicht jenes kalte, stolze, arme „Brahma bin Ich!“ nein, warme Gemütserweiterung zur Allgemeinheit. Fortan hieß Jesus jedes höchste Lieben Und bist von ihm untrennbar du geblieben. Er war's, der dich zuerst in sich erkannte Und dir Gestalt und Name mochte geben So wie du ihm, denn du bist er, er du ja. Des menschlichen Bewußtseins Licht und Leben, Und wie bisher ihm unser Weihrauch brannte, So tönet ihm der Zukunft Halleluja. Der Welt Unruh und Ruh ja, Sie sind in ihm nur. Schlichtgroß prophezeite Er Solches selbst mit wahrhaft göttlich klarer Und ewig wunderbarer Bestimmtheit dem schwerfassenden Geleite. Am Bergquell aber schöpften die Genossen Bis Lebensströme auch von ihnen flossen. Ein Tropfen dieser Fluten ward gefangen In ärmlich ird'nem Krüglein. Welch ein Wunder! Ein Brunnen ward's, der wie er floß und fließet, Doch nie versieget noch verarmt bei runder Umlagerung des Volks, das mit Verlangen Die Flut schöpft, die sich fort und fort ergießet. Der Born der also schießet In Kraft und Frische, tiefher, klar und klingend, Das ist das höchste Schrift gewordne Leben, Das neustets sich erheben Und Leben werden will, die Welt durchdringend; Das ist die Schrift die unter allen Schriften Bestimmt ist ein Weltschriftenthum zu stiften. Hier sind in staunenswürdig festen Zügen So Wissenschaft wie Glauben uns begründet Und im Unendlich-Endlichen gesetzet, Als wo sich Denken und Gefühl entzündet Und Jegliches Bestand hat und Genügen, Wenn außerhalb sich Alles morsch zerfetzet. Von Himmelsthau benetzet Grünt hier ein Musterbild den schönen Künsten Im Sprößling Isai's. Hier geußt die Liebe Der sittlich reinen Triebe Stromurne silberblinkend her aus Dünsten. Der Gottmenschheit Gesammterscheinungsformen Blüh'n hier in unvergänglich hohen Normen. Und wunderbar! es weissagt groß die Bibel Im Selbstvergehn ihr ewiges Bestehen. Aufhebt all Jugendliches in der reifen Vollendung sich des Mannes, und versehen Soll deß die Kirche sich, daß sie, wie Fibel Und Flügelkleid, ab alles Stückwerk streife. Doch was der Geist ergreife, Durchdrungener nur wird es sein das Alte, Er selbst, die Liebe, die im Wandel bleibet , Jetzt aber mächtig treibet Daß Schauen und Vollendung sich gestalte. Bis dahin bleibt uns Glauben, bleibt uns Hoffen Und soll die Liebe mildern alle Schroffen. Auch andre Schrift mag Gottes Wort wol heißen; Wie aber in vergilbten Jugendbriefen Ein Etwas wohnt, was heilig man verehret, So von ureigner Lebensfrische triefen Und einfach treuer Innigkeit die weißen Pfingstblumen, wie die Bibel sie bescheeret. Auch wird, so lang man lehret, Dies Buch, was Lüge sammeln mag, zerstreuen Und, auf den Weinstock zeigend, niederschlagen Der Dornen stolzes Wagen, Die Weinberg sich zu nennen sich nicht scheuen. Als Prüfstein liegt es auf dem Altar oben Daß sich der Lehre Gold dran mag erproben. Ein Volksbuch, ein Gewaltsbuch. Wie ein Erdstoß War's doch, als Doctor Martin es emporhob. Daß weithin leuchtend Himmelsworte stammten, Die rings der Kirche Finsterniß hervorhob. Rom's Gottentfremdung war die That ein Schwertstoß Voll grimmer Schmerzen die von oben stammten, Doch freundlich der gesammten Westlichen Christenheit ging, wie ein Sternbild, Auf das Unendlich-Endliche, daß Viele Erkannten Gottes Ziele Und huldigend sich neigten vor des Herrn Bild. Und heute noch erprobet sich als Heiland Für Viele dieses Schriftenthum wie weiland. Wahr ist es, hundert Gegensätze schweben Gebunden und gelöst in diesem Buche Und Jedem beut es Jedes, wie sie sagen, Doch wurzelt nur im heil'gen Widerspruche Stets alle Wahrheit ja und alles Leben, Und lösen mag der Geist euch alle Fragen. An solchem Buch zerschlagen Sich alle toten Formeln drin die Toten Das Leben bannen möchten und ersticken. Ein himmlisches Erquicken Wird aller Welt in diesem Buch geboten. Kühn ragt da, voller Früchte, voller Düfte, Des Kreuzes Dialektik in die Lüfte. Der Knechte Knecht im Vatikane blitzet Gezackten Blitz umsonst. Es mühen Krittler, Buchstabenknechte, Feinde so wie Freunde Umsonst sich. Stets bewähret sich als Mittler Das Wort im Kanon, den die Welt besitzet, Und übet für und für die welterneu'nde, Bedräu'nde und erfreu'nde, Maßgebende Gewalt. Soll je einst kommen Die Zeit wo Keiner mehr den Andern lehret, Weil Allen den verkehret Schlecht endlichen Verstand Gott hat benommen Und Wahrheit mild gestreut in alle Brüste, Dann geht die Bibel — eher nicht — zur Rüste. Canzone VII . Freut euch! aus allem Nacht- und Licht-Umstoßnen Rückstralet Himmelshuld euch Aufmerksamen. Kann euch doch Jegliches zum Mittler werden! Und lernt ihr dann begreifen jenen Namen Und jenes Bild des freventlich Verstoßnen, Der Mitte der Vermittlung ward auf Erden, Dann auf den Opferherden Der Gottesmenschheit flammt auch eure Gabe. Dem wird zum Mittler Weltgeräusch, Dem Schweigen, Dem der Gestirne Reigen, Dem irgendwer, Dem Schmerz an einem Grabe, Und Jenem schauert Heilgefühlserregung Aus reinen Denkens hoher Selbstbewegung. Wo immer ich, mein Heiland, dich mag schauen, In Schrift und Kunst, in mir und auf der Straßen. Erscheinst du mir als Fließendes und Vieles Und auch als Eins und Vestes gleichermaßen Wie Einheit wol in heil'gem Münsterbauen Benebst Vielartigkeit des Arbeitspieles. Laß Jeden seines Zieles Besonderheit, o Herr, stets klarer fassen Und kräftiger erstreben, auf daß alle Werkleute sich im Schwalle Des Bildens dahin stellen wo sie bassen, Und Allen laß im einzeln Thun Bewußtsein Des großen Ganzen stets die höchste Lust sein. Denn nichts und ewig auch die Menschheit kann nicht Aus sich heraus, kann im Verhältniß stehen Zu nichts das nicht zugleich ihr angehörig, Sei's Wollen, Fühlen, Ahnen, sei's Verstehen, Selbst dann, wenn sie von Grenzen spricht, selbst dann nicht, Und Gott trennt man, Natur von Menschheit thörig. Mag säuselndes Geröhrig Wol als ein Fremdes anseh'n Strom und Flur sich? Horcht ihm! es wird sein Credo euch verkünden. Dem Geiste muß verbünden Als Geist sich alles Sein, und als Natur sich Natürlichem. Du aber, Bild der Reinheit, Bist Geist und bist Natur als höchste Einheit. Du bist das königliche Allgemeine, Bist das Unendliche, die ew'ge Freiheit, Bist selbstbewußtes All, in Gott aussagbar, Und dennoch bist du nicht die Einerleiheit, Nein, das Hocheigenthümliche, weil deine Freiheit bei Selbstbeschränkung ist erfragbar. Der unser Aller Tag war, Ist als das fleischgewordne Wort so Alles In Allem wie er Alles ist im einen Charakterbild, dem reinen, Das Eckstein ward des ird'schen Tempelwalles. Und wir auch, die belebten Steine, fassen In's Ganze uns nach eignen Gottesmaßen. In dir sind alle Bildungen der Gattung Wie sie in Raum und Zeit vertheilt erscheinen. Stets bist, als Einzler, Ganzes du geblieben, Nicht zwar als ob du Buntestes vereinen Im Einzeln möchtest, dir in Vollausstattung An einem Punkt gesammte Keime trieben, Nein, durch dein hohes Lieben Wodurch du, was als Einzlem dir nicht reifte, In Andern reif siehst und als dein, aus Gnaden, Der Einzel-Myriaden Ursprüngliche Entwickelungsverläufte. Denn Alle hat der Vater dir gegeben, Daß sie mit dir in Eins vollendet leben. Es ist das Schöne stets das Allgemeine In hochbestimmter Form. Du aber bist ja Des Schönen voller Inbegriff zu nennen Und anders nicht erschaut dich jeder Christ ja. Zum Musterbild fromm aufblickt die Gemeine Weil Jedem Sinn und Liebe da entbrennen. So muß er bald erkennen In sich und Andern eigenes Gestalten. Denn gleichwie in der Kunst so ist im Leben Nie knechtisches Ankleben Der Nachahmung gedeihliches Entfalten. An reiner Eigenthümlichkeit entzünde Sich andere Befreiung von der Sünde. Wo sich der Gottgesalbte mag erzeigen, Weil er ja Alles uns in Allem sein muß, In Menschen und vermenschheiteten Dingen, Ist's das Unendliche das er verleih'n muß, Doch endliche Bestimmtheit, neu und eigen, Muß er nicht minder, wo er aufstralt, bringen. Wo irgend sind die Schwingen Der Jordanstaube über Hochgebilden Gespannt, wird Gottes Liebling eigenthümlich Neu sein wie als er rühmlich Zuerst auftrat in irdischen Gefilden, Und wird in Andern Anderes anregen Und ewig selbst sein jeglich Selbstbewegen. Und Völker so wie Einzle werden allzeit, Wenn selbstbeschränkend Einzles sie erlesen, Als Glieder sich des großen Ganzen wissen. Seht da des Sprachthums Heiligkeit und Wesen! Uns vor dem Fluche gänzlicher Verfallzeit Zu retten ist das ew'ge Wort beflissen. O in den Finsternissen Der Jetztwelt haltet fest an solchem Horte! Mag mehr und mehr die Gegenwart verrotten Und mag der Fremde spotten, Die deutsche Zukunft blüht im deutschen Worte. Hat Luthers Hammer denn schon ausgewuchtet? Noch hat ja deutscher Geist nicht ausgefruchtet. Wie spielst du wechselreich und vielgestaltig. O Herr, allstets derselbe und ein andrer, Im Menschen vor mir und im Menschenwerke! Ein erdgebildet hoher Himmelswandrer, Als Theil beschränkt, als Ganzes frei-gewaltig, Ein schwaches Rohr stets wie ein Gott der Stärke! Doch wo ich dich vermerke, Allmittler! schmilzt mir alles dein Erscheinen Am liebsten stets in jenes Bild zurücke, Das wir in Schmerz und Glücke Am Fuß des Kreuzes dankerfüllt beweinen. Vom Kreuz auf Golgatha kommt uns das Leben, Wie mannigfaltig du es mochtest geben. Dein Kreuz ist Mittelpunkt uns der Geschichte, Und jene deine Knechtsgestalt bleibt allen Zeitaltern ew'ger Huld erhöhtes Zeichen, Und ob stets neue Namen heilig schallen, Dein erster ird'scher Name bleibt im Lichte Bis alle Erdensprachen einst erbleichen. Es sind im ganzen reichen Sprachschatz der Menschheit keinerlei Juwelen Bedeutender als diese deines Lebens Und Todes und Aufstrebens Bezeugungen an alle Menschenseelen, Und, eingefasset in die Sacramente, Sind sie des höchsten Styls Grundelemente. Vor jenem Kreuze muß die Erde küssen Der Dagon derer die nach Weisheit fragen, Unächter Weisheit, welche nichts mag würzen. Vor jener Knechtsgestalt, die wir umklagen, Vor jener herrlichen, erhabnen, müssen In Staub hin alle falschen Heil'gen stürzen. In jenem Namen schürzen Sendboten sich, beseligende Kunde Zu künden, und versteh'n sich die da glauben. Ein solch Palladium rauben Läßt sich die Gottmenschheit zu keiner Stunde. Wie möchte sie? Es thun nur, was sie sollen, Die Glieder, und dem Haubt gebührt das Wollen. Und ist dereinst der letzte Feind bezwungen, Wenn jemals in der Zeit dies ganz gescheh'n soll, Und ist der Tod durchaus zu Grund gerichtet, Weil überall der Geist des Grundes weh'n soll, Und ist dein Leben allwärts durchgedrungen Und Unform wie Verbildung ganz vernichtet, Und überall gelichtet Die Aussicht in's Unendliche, daß Alles Gott ist in Allem, Alles Wort der Worte Und Alles Himmelspforte Für Alle, wird bis zu des Erdenballes Sturz doch der Erdgeist seiner Wiege denken Und jenem Kripplein fromme Liebe schenken. Unendlich-Endliches, Wort aller Worte, Wie andre Welten doch dich mögen nennen, Besitzen, fühlen, wissen und gestalten, Gedenk' ich oftmals, wenn erfunkelnd brennen Der Nacht Gestirne. Doch an jedem Orte Ist dir, wie unterschiedlich du magst walten, Die Selbigkeit erhalten Im Vater, im Unendlichen, im Einen, Und jauchzend taucht sich in den Hochgedanken Mein Herz, daß keine Schranken Gesetzt dem eigenthümlichen Erscheinen. Ja wahrlich, wer nur „fühlt“! Ein bloßer „ Schall “ sind Mir „Namen“, weil sie mehr mir überall sind. Canzone VIII . Gefühl des Sollens und ein dunkles Sehnen, Obzwar ein immerwährend unerfülltes, Empfänglichkeit und wechselvolles Spüren Nach dem Unendlichen, das ein Verhülltes, Wer mag das Endliche damit belehnen Im Sündenirrsal, wenn nicht heil'ges Führen? So stralt, den sie mag küren, Der unfindbare Freund der Frauenseele Als Urbild, wie in Endlichkeit herscheinet Ein Gott, bis ihm vereinet, Nun kennend öftrer herber Täuschung Fehle, Sie volle Gnüge hat und süßes Feiern In heilig stillen Lebens holden Schleiern. 3 Und wie ein Jüngling wirbt um zartes Danken, So das Unendliche. Wie auf der Stirne Der Liebe ruht ihr Traumbild unabtrennbar, Ob steigen, ob sich neigen die Gestirne, Ist ewiglich der göttliche Gedanken Im Sorgen nur um's Endliche erkennbar. Und stets durch solch unnennbar Allstetes Ineinanderscheinen schwanden Die Beiden ineinander, und mit Klarheit Ist so, als ihre Wahrheit, In irdischem Bewußtsein auch erstanden Urew'ger Liebeseinheit Bild und Wesen, Der Sohn, der „ ist eh Abraham gewesen “. Judäas Berge schweigen jede Kunde Vom Anfang des Bewußtseins höchster Würde, Als dankend auf zum Vater mochte beten Der Sohn und frei erkor die Mittlerbürde. O höchster Himmelsoffenbarung Stunde! O feierlichste Stunde des Planeten! Ha! Lebensschauer wehten Aus den Unendlichkeiten her der Himmel, Aus den Unendlichkeiten her der Seele, Und dessen was er wähle Bewußt, groß stand, fernab vom Weltgewimmel, Der erste freie Mensch. Es singt's mit Zaudern Die Muse, ja! und denkt's mit süßem Schaudern Nun lag die Wahrheit offen jenes Bundes Von Jehovah und dem erwählten Volke. Nun war erfüllt Gesetz und Prophezeiung. Das Sollen war erreicht. Die Feuerwolke Schmolz und der Sohn stand da. Vor seines Mundes Anlächeln schwieg die Klage der Entzweiung. Fortan war's um Kasteiung Und Opferdienst und Satzungen geschehen. Des Sohnes sich zu freu'n schien süße Pflicht nur. Ihn sah im Ahnungslicht nur Die Väterwelt. Ihr Traumbild muß vergehen Vor übertreffender Erfüllungsfülle. Den Kern entlassend fällt die Tempelhülle. O wie mit salomonischem Gerölle, O wie mit Zebaoth und Zehngeboten Mögt ihr nun stets die Kirche noch verplundern? Das Alles ging ja längst schon zu den Toten, Auch längst schon sind die Cherubim zur Hölle, Und eure Zionswacht muß ich bewundern. Ja wahrlich! nassen Zundern Vergleich' ich dies Geschlecht. Nur schwer mag fangen Ein Himmelsfunken, und das schönste Feuer Erlischt bald. Neustets theuer Ist Toten nur was tot und was vergangen. Tot sind die leben. Möchte Leben sprühen Aus heil'ger Aschenkrüge ew'gem Glühen! 3 * Des Judenchristenthumes Petrusheucheln Und Petrusschwachheit, ach! umstrickt uns Alle Mehr oder minder bis zum Selbstbetrügen. O rette deine Kirche vom Verfalle, Denn deine Diener sind es, die sie meucheln, O Herr, durch wahngewiegtes Selbstbelügen! Auf alle Paulusrügen, Wenn je ich sie verdiene, laß mich achten Und kühn wie Paulus jeden Flor zerreißen Wohinter falsches Gleißen Verläugnet deines Geistes neue Machten. So laß mich dienen dir in allen Treuen, Der du einherfährst Alles zu erneuen. Canzone IX . Nun freue ich mich in meinem Leiden, daß ich für euch leide, und erstatte an meinem Fleische, was noch mangelt an Trübsalen in Christo, für seinen Leib, welcher ist die Gemeinde. Paulus an die Kolosser I, 24. Die Länder auf und ab zu Tod und Leben Gesellt das Bild sich des geliebten Mannes, Der durch sein Lieben Höchstes offenbarte, Ein Retter uns, ein Tilger jedes Bannes. Es ragt das Kreuz wo Menschentritte schweben Bedeutungsvoll als ewige Standarte. Ach, wo sich ja die zarte Lichtblüte höhern Lebens mag entfalten, Allstets muß ringen sie mit wilden Wettern Und traurig sich entblättern, Soll gold'ne Frucht die Folgezeit erhalten. Nur sterbend wirst du jedes Ziel erreichen, Drum ist das Kreuz der Weltgeschichte Zeichen. Frei ist der Geist, doch ist bestimmt sein Wirken, Ist — also will er's — strengem Maß verfallen‚ Und weil er Liebe sein will, himmelsglutig Erwählend demutvolles Erdenwallen, Muß er in ihm entfremdeten Bezirken Gesammte Schuld der Erde sühnen blutig. So nahmen auf sich mutig Ihr Kreuz der Menschheit Helden und Befreier, Die mit dem Griffel, die mit frommen Thaten, Die mit dem Pflug und Spaten, Die mit des Schwertes Wucht, die mit der Leier, Denn alle sind des Mittlers, wie sie kamen, Die, ihn verklärend, von dem Seinen nahmen. Und sein sind, durch sein Lieben, alle Schmerzen Der Welt, von Blute Abels des Gerechten Bis zu der Weltgeschichte letzten Plagen‚ Daß eine Dornenkrone mochte flechten Der Heilige daraus in seinem Herzen, Weit blutiger als die sein Haubt getragen. Er klagte unsre Klagen Und weinte unsre Thränen eh' wir waren‚ Damit hinfort wir seine Thränen weinen, Erhebend so zur reinen Natur des Mitgefühls den rohen, baaren, Unfrommen Schmerz, wo seiner Liebe Walten Alsbald uns trösten mag und neugestalten. So geht ein Mann gebeugt von schwerem Kummer Ob seiner Kinder frevlem Thun. Ihn peinigt, Ihn, der da rein ist, foltert das Gewissen Der Schuldigen mehr als sie selbst. Es steinigt Ihn auf der Straße und ihn flieht der Schlummer Der Nacht. Krank, arm durch ihre Schuld, beflissen Nur ihren Finsternissen Ein Licht zu sein, ach! schleppt er noch sein Leben. Jetzt mit dem greisen Vater fühlt Erbarmen Sein jüngstes Kind. Umarmen Darf er das weinend und zu sich erheben. Da stralt sein Blick: „laßt mich von hinnen fliehen! Es wird mein Tod sie alle zu mir ziehen!“ O wunderbar Geheimniß du der Liebe, Und dennoch allen kündlich die da lieben, Wie die Gemeinschaft, welche sie begründet, So Schuld wie Unschuld theilt, des Sünders Trieben Des Reinen Reinheit eignet, und im Siebe Der Schuld den Edeln umwirft, daß verbündet Sich Beider Herz entzündet Zu neuen doppelt süßen Himmelsflammen! Anbetungswürdiges Gesetz der Liebe Das alle Todeshiebe Ausheilet und das Weltall hält zusammen! Zwar frommer Wehmut magst du Ursach werden, Doch die hat niemand noch gereut auf Erden. Mit dem gekreuzigten Erlöser büßen, Sein Leiden ihm nachfühlend, die Erlösten, Durch Mitleid selbst mit ihm gekreuzigt sterben Der bösen Lust sie, das nur kann sie trösten, Hat doch die Sünde, ach! zu Aller Füßen Den besten Freund verschlungen in's Verderben, Weil um den Tod zu werben, In dem die Welt liegt, Mitleid ihn getrieben. So stirbt und lebt der Heiligen Gemeine In läuterndem Vereine Mit dem der sie vermittelt durch sein Lieben. So ist Gesammteinstand des Kreuzes Mahnen. Nicht kann es für der Deutung falsche Bahnen. Doch euch will noch was längst der Geist geehret Ein Aergerniß und eine Thorheit däuchten. Die Kreuze wollt ihr „aus der Erde reißen!“ Euch blendet des Jahrhunderts Wetterleuchten Daß ihr nicht seht wie es die Kreuze mehret, Die ihr zu tragen selber seid geheißen. Hinauf tragt bis zu weißen Berghäubtern euer Kreuz, ja bis zur Wolke, Bis euch das Herz bricht! O nur solche Sühne Kann von der Alp zur Düne Erlösung endlich bringen allem Volke! Der Edeln Arbeit, nicht die Lust der Bösen, Kann uns im Himmel und auf Erden lösen. So sei mir denn gegrüßt, zum Trutz Verächtern, O Zeichen das uns Opferweihe lehret, Bis einst aus Männerernst und Frauenthränen Des Volkes Seele reingewaschen kehret Und Heil erblüht den künftigen Geschlechtern! Du Menschheitswappen, wie auch alles Wähnen Und mißverstand'ne Sehnen Der Sterblichen dich mag entgeistet haben, Sei mir gegrüßt, wo ich dich immer schaue, Gegrüßt, wie ich vertraue, O Kreuz, all deinen süßen Himmelslaben! Wie bist du streng und dunkelst ernste Schauer! Wie bist du mild und lichtest jede Trauer! Wie tief das Leid war, also hoch wird Lust sein, Und wie die Klage war, wird sein Frohlocken Wenn Gottes Reich mit festlichem Gesumme Dereinst verkünden aller Lande Glocken. Still sagt dann Jedem seliges Bewußtsein Daß heilumflutet letztes Weh verstumme. Denn gleich ist ja die Summe Die Gott uns wog der Schmerzen und der Wonnen Und enden muß die sühnende Geschichte In höchster Hulden Lichte Wie sie mit tiefem Falle hat begonnen. Laß mich, o Kreuz! in deines Kelches Schrecken Der Heilvollendung Maß und Umfang schmecken. Und bricht zuletzt der Erde Bau zusammen Weil schlaff der Bogen, weil der Pfeil am Ziele, Und schmiegt der Erdgeist andrer Ströme Wogen Sich an, zu spielen ew'gen Lebens Spiele, Nur rettungsthätig neustets wird entflammen Sich ew'ge Liebe, neustets angezogen Wird heil'gen Streites Bogen, Bei immer neuem Ziel wirft unverwendlich Aus Schmerzensnacht das Mittlerthum die Pfeile Nach glanzumstraltem Heile, Und Kranz um Kranz erblutet es unendlich. Sprich's aus und wenn dich Schauer überliefen: Ich sah das Kreuz in allen Himmelstiefen. Canzone X . Daß Jegliches an seinem Ort erscheine, Darin besteht der Ortnung heilig Wesen. Wenn in der Schöpfung Schooß die Rose pranget Sind Primel und Viole längst gewesen, Und blühen herbstlich Astern im Vereine, Ist, traun! ein Thor wer Tulpen noch verlanget. Wenn so in Angeln hanget, Die unverrückbar sind, der Zeiten Kreislauf, Wenn bei der glanzumhauchten Sommerhitze Mit allem eurem Witze Vergeblich ihr beriethet einen Eislauf, Warum doch soll des Geistes Flügelspreiten Nicht auch erfolgen zu bestimmten Zeiten? Wer schafft von seinem Ort den Himalaya Und macht ihn gleich der kleinsten Hügelkette? Wer zieht in Grönland süße Rebenblüten? Wer kann dem Palmbaum ändern seine Stätte Daß er nicht schatte mehr dem stolzen Raja? Kann auch das Nordland Straußeneier brüten? So mögt ihr nicht verhüten Daß jedem Geist gemessen sei der Schauplatz. Doch ob von jedem Stein wir hätten Kunde Wo und zu welcher Stunde Er einst erschienen auf der Menschheit Bauplatz, Ihr gönnt in Zeit und Raum dem keine Stelle Den laut zum Eckstein schlug des Bauherrn Kelle. Nach zeitmaßvollem Reigenschritt der Horen Erglühte jedes Aufschwungs Morgenröte Stets wo und wann des Cynthiers Gespann kam. Ihr billigt wol daß Hegel und daß Göthe Gerade da und dann uns ward geboren? Doch daß das Wort, was uns als Gottesmann kam, Gerade da und dann kam, Das Rätselwort darob die Völker schwitzen, Der Menschheit und Geschichte Wort, daß Stunden Und Räume das gebunden, Ein rechtes Ziel däucht Solches euern Witzen. Indeß wo Ewiges auf Erden auftrat War es ein Mensch der in der Zeiten Lauf trat. Weil ihr in abgezogner Allgemeinheit Das Ewige nur wähnet, ist ein Gräuel Die herrlichste Gestalt euch der Geschichte. Die Wahrheit seht ihr nur wie einen Knäuel. Versucht's und schaut des Nazareners Reinheit Mit uns in seines Mittlerthumes Lichte Worin er treu und schlichte Fortlebt, fortstirbt und sühnt durch seine Söhne Bis daß er Alles einverleibt dem Einen, Deß Minnen und deß Meinen Das seine war und ist als höchstes Schöne. Vielleicht erfaßt ihr doch in engsten Schranken Zuletzt noch reinster Reinheit Reingedanken. Du aber, o mein Heiland, den im Leben Ein klares und prophetisches Bewußtsein Bei Wahl von Zeit und Ort allstets geleitet, Laß solch Verständniß auch in meiner Brust sein! Nur wer durch angemessen weises Streben Sich wirkungsvoll in seine Welt verbreitet Und nicht im Nebel streitet, Nur der ja ist zur rechten Zeit geboren, Nur der ist immer auch am rechten Orte Und wandelt durch die Pforte Des Daseins gleich erkürend wie erkoren. Die Ortnung die sein Lebenseintritt spiegelt Hat er durch freie Lebensthat besiegelt . Canzone XI . Der Welt will dünken daß zweitausend Jahre Der Trauer und der Treue mehr als schicklich. Ihr bist du tot, ja längst tot, und sie findet Dein zu gedenken nimmermehr erquicklich. Ich aber weiß, Geliebter! daß die Bahre Dich nicht erbeutet und kein Grab dich bindet. Du lebst und nimmer schwindet In deinen Freundesarmen mein Gedenken An alle Todesqual die du gelitten Als du mich dir erstritten Und neustets muß ich mich darein versenken. Welch roher Sinn, wenn dein ich je vergäße Und meine Dankbarkeit nach Jahren mäße! Der Menschheit hast du Ewiges erblutet, Und unser Dank, nicht darf er sein vergänglich. Ach, wäre doch Einbuße sein Erkalten, Verlust des Heils womit du überschwänglich Uns ringsum wie mit einem Meer umflutet! Darum erkor ja Tod dein klares Walten, Daß du uns seist erhalten In brennendem, erkennendem Gedächtniß. Wie heilig, wenn der Kirche Glocken rufen Zu deines Tisches Stufen, Wie heilig soll mir sein, Herr, dein Vermächtniß! Stets möge da in stillem Liebestrauern Ein neues Maß des Heils mich überschauern. Da will ich alles deines Bluts gedenken Das uns zu gut geflossen gleich dem Weine. Das Ahnen der Propheten aller Völker, Du warst's ja selbst, und ihr Blut war das deine. Von Anbeginn ja wolltest du uns lenken. Allbildungswort, selbst All, Gottheitsentwölker, Selbst Gott, du Ziel der Völker, Du bist auch Schwung und Anlauf der Geschichte. Dein Blut von Alters her sind die Entdecker, Erfinder und Erwecker Die durch ihr Leuchten zeugten von dem Lichte. Du blutetest so oft sie mochten leiden, Sie alle darf ich nicht vom Mittler scheiden. Im Menschen Jesus dann zertratst der Schlange Den Kopf du und sie stach dich in die Ferse, Und purpurn quoll, derweil die Knechte flohen, Des Sämanns Blut in's Feld bei Pflug und Herse. O eine Nacht der Hölle, eine bange Nacht des Verrats erfaßte meinen Hohen Und gab ihn preis der rohen Gottlosigkeit des Pöbels aller Stände! Wer kann den Qualkelch singen den du trankest, O Herr, und wie du trankest! Das Kreuz war deiner Marter nur das Ende. Erhabner! dein gedenk' ich voller Demut Wie du gewünscht in menschlich schöner Wehmut. Du wardst, du wardst getauft mit jener Taufe Die du voraussahst, wähltest und ersehntest. Und auch das Schwert, gewürgt hat's bis es trunken, Das wilde Schwert womit du uns belehntest. Wer sagt wie groß des Feuers Aschenhaufe Das angezündet deine Himmelsfunken? Und Alle die gesunken Als Opfer ihres Glaubens, dir sich schenken Ja wollten sie, ihr Lieben war das deine. Drum bei dem Altarweine Will ich auch dieses deines Bluts gedenken, Vor Allen dein, o Huß! du Reigenführer Der Zeugen deren Staub noch glimmt dem Spürer. War Galiläi nicht ein Galiläer Als er der Wahrheit wegen ward geplaget? Du bist ja alle Wahrheit, hoher Meister, Und warst das Licht wo immer es getaget. Von dem was dein ist nahm der Himmelsspäher Als er zu neuem Schauen rief die Geister. Dein sind die großen Leister Beim Werke der Vermenschheitung der Erde, Die da bewältigen die Aussendinge Daß mehr und mehr durchdringe Sein Leibliches der Mensch und König werde, Und ach! den meisten flocht die Welt zum Lohne Nach heißem Tagwerk eine Dornenkrone. Als Schleiermachers göttliche Erscheinung. Den rohen Sinn der Zeitgenossen strafend, Mit wunderbarem Licht dein Bild erhellte, Vesthielt was wankend, weckte was da schlafend, Ja Selbstverneinung abzwang der Verneinung, Und deine Freiheit, die die Brust ihm schwellte, Der Welt entgegenstellte, Den Mittler neuvermittelnd an die Neuen, Warst du es nicht der diesen Mann beseelte Und in ihm war? Ihn quälte Jedoch die Welt, statt seiner sich zu freuen, Die Buchstabselige! und schwache Fliegen, Doch böse, mußt' er mühevoll besiegen. So will ich ernst und trauernd überlegen Was maßen ward dein Leib für mich gebrochen, Und freudig wird alsbald mein Sinn sich heben Und liebender mein Herz und reiner pochen. Ist doch, weil nur dein Tod es zu erregen Vermocht, mir doppelt wert das höchste Leben, Und wenn uns tief durchbeben, Beim heil'gen Mahle deine tausend Schmerzen, Wird gleichsehr, deine Ziele zu erjagen So lang es uns will tagen, Ein hoher Mut befeuern alle Herzen. Und also wird dein Leib auf geist'ge Weise In Wahrheit Himmelsstärkung uns und Speise. Ihr aber wollt das Abendmahl ja rein nur Vom blutgeschichtlich tragischen Geschmacke. Als „ Liebesmahl “ nur mögt ihr es „ mitmachen .“ Traun! ist wo Gold, so wollt ihr's ohne Schlacke. Nun ist zwar Leiden ohne Leib ein Schein nur, Und Christi Leiden Stärkung für mich Schwachen, Doch sei's! Spitzfindig flachen Lehrwust gar selbst nicht mag ich alter Zeiten. Nur sagt mir auch, ihr Guten! wie man könnte, Wenn Undank es begönnte, Zu einem Liebesmahle sich bereiten. Wie mag ich euch doch meine Liebe schenken Wenn ich des großen Freunds nicht soll gedenken? Ist's Thorheit nicht, für Menschenheil zu sterben Wenn keine Thräne unsern Hügel feuchtet? Geschlechter opfern sich und gehn zur Ruhe Und denken: „Also lang die Sonne leuchtet Wird unsre Liebe Liebe sich erwerben.“ Ihr Thoren, ihr! was Einer immer thue, Schläft er in dunkler Truhe, So mag er schlafen, sein gedenkt man nimmer. So sei uns denn das Höchste das Genießen! Laßt uns mit Spott begießen Wer uns noch spricht von hoher Liebe Schimmer! Laßt unser Alles wilde, schnöde Lust sein! Die Menschheit ist kein Ganzes voll Bewußtsein! Erkennet doch! In lobenswertem Streben Spannt ihr durch Land und Meer die Eisendrähte. Was hilft's? Fortglüht der Herrn und Knechte Feindschaft. Die Lebenden vereint solch Hochgeräte Dann erst wenn ihre Toten ihnen leben Und Herzenselectricität Verein schafft. Die geistige Gemeinschaft, O kennet sie, die Zeit wie Raum besieget Und, so Jahrhunderte wie Länderstrecken Vernichtend, Schmerz mag wecken Daß uns in heil'gem Kampf ein Freund erlieget! Als Ganzes muß die Menschheit sich begreifen, Soll sie nicht ewig ratlos kreisend schweifen. Faßt und begreift die tragische Bedeutung Der Handlung wie wir pflegen sie zu halten. Da steht uns Christus mit den Wundenmalen Und um ihn her die blutenden Gestalten All derer die des Menschenheils Erbeutung Mit ihm und durch ihn heldengroß bezalen. In heil'gen Opferschalen, Als frommen Marterthumes Darstellnisse, Sind da des Weinstocks und der Aehre Gaben, Damit wir Zeugen haben Wie edle Liebe groß zu sterben wisse. Tiefernst fühlt Jeder die Gemeinverpflichtung Wie vor sich geht die heilige Verrichtung. So muß den Tod des Herrn sein Volk verkünden Und allgemeine Todesweihe fodern Bis daß er kommt, bis daß er siegreich kehret Aus weltenalterlangem Kampfeslodern. Dann wird der ganzen Menschheit sich entzünden Sein Leben wie sie seinen Tod geehret. Dem Friedefürsten wehret Alsdann kein Feind mehr und im Erdengaden Verbreiten seines Geistes Anortnungen Bei Völkern aller Zungen Erkenntniß als Kanäle höchster Gnaden. Dein Leib ward nicht umsonst dahin gegeben, Mein Heiland! dieses Glaubens laß mich leben. Canzone XII . Den Tauftag meines Sohnes grüßet munter Mit lautem Chor der Kirchenspatzen Völklein Wie tiefer thurmab gleitet Sonnenröte Und sacht verglimmen wangenglühe Wölklein. Ein frischer Morgenwind weht sanft herunter Daß er zum Festtag seinen Gruß entböte. Wenn innerlich erhöhte Gemütsstimmung das Leben uns begeistet, Wie ist die Erde schön! Und sie wär' schöner Wenn nicht wie Tagelöhner Die Menschen, ach! ihr Königswerk geleistet. Es bleibt die Schönheit der Natur verhüllet So lang der Lügengeist die Welt erfüllet. O Gottentfremdung, einzig Eine Sünde, Wie hast du mein Geschlecht mir zugerichtet! Verfinstert der Verstand! Verstockt die Herzen! Und der Gesellschaft Grundortnung vernichtet! Wer ist so klug daß Einklang er ergründe Wo üppig wuchern Millionen Schmerzen? Ach! selbst die Himmelskerzen Des Lichtes leuchten nicht den „Ewigblinden“ Und „äschern Stadt und Land ein“ zum Beweise Daß sich im Jammerkreise Drehn muß die Menschheit bis sie Gott mag finden. Das ist die Wahrheit jener alten Lehre Daß erblich stets die Sünde wiederkehre. Denn innerstes und äußeres Verderben Erzeugen für und für sich wechselseitig Und graunvoll hoffnungslose Doppelknechtschaft Macht was da Mensch heißt sich als Beute streitig. Gesteigert muß dies Elend stets vererben Die Lügenschöpfung welche das Geschlecht schafft. Weh! niemand ist der recht schafft. Gesammtbeziehungslos hinschwirrend spielen Der menschlichen Natur verkannte Triebe. Erkenntniß gibt die Liebe Von Sonderkräften und gemeinen Zielen Allein ja und die Liebe ward zum Spotte. Es schaut der Mensch den Menschen außer Gotte. Da ist von Menschenachtung kein Gedanke, Kein Sinn für eigenthümliche Entfaltung, Kein Ahnen daß darin die Grundbestände Vorhanden göttlicher Gesammtgestaltung. Da wuchert widrig wild der Frechheit Ranke Wenn nicht an toter Formeln starre Wände Sie binden plumpe Hände. Wer weiß von Einem Gott und vielen Kräften? Wer weiß von Einem Leib und vielen Gliedern Und ehret auch die niedern Und weiß von Aller nützlichen Geschäften? Durch Gottentfremdung fiel der Menschheit Ganzes Wie Blumen auseinander eines Kranzes. O nehmt mein Kind und bringt's dem Kinderfreunde Der einer neuen Menschheit Vater worden! Da wo er steht ist eine reine Stelle, Da kann die Sünde nicht mein Würmlein morden, Da herzt und segnet es die welterneu'nde Hehrheil'ge Hand und streut ihm Himmelshelle Hold auf des Lebens Schwelle Und stellt es hin als groß im Gottesreiche, Obgleich auch über ihm schon schwebt Verdammung Daß die Gesammtverschlammung Sein Füßlein, wie es wandeln lernt, erreiche. Ein Kind ist ja nur mögliches Entfalten. Wird mir's die arge Welt nicht arg gestalten? O nimm hinweg, den Schatten weg, den kalten, Der schon die junge Stirn bestreicht, mein Heiland! Laß deine Taufe meines Kindes Wiege Umströmen wie ein unnahbares Eiland Wo deine Heiligen Gemeinschaft halten Als Himmelsvolk das da die Welt besiege. In Jüngerarmen liege Und wachse es als Glied der Neugesellschaft, Wo sich das Heil vererbt wie dort das Kranken Und wo der Gottgedanken Aus Allem leuchtet wie er Alles hell schafft. Da wird es heiliger Gemeingeist lehren Und Wassertauf' in Feuertaufe kehren. Wol weiß ich, ach! daß nicht am gleichen Ort lebt, Daß dünn zerstreut das Häuflein deiner Söhne, Doch so nur zeigt es allwärts das Verderben Und zeigt es allwärts deine Himmelsschöne Und jeder Christ, in dem dein Geist und Wort lebt, Muß die Genossen, die er wünscht, erst werben. Sollt' ich drum frühe sterben, Wirst in Gestalt erleuchtet frommer Männer Du meinem Kinde da und dort erscheinen Und dir den Jüngling einen Als einsichtsvoll lebendigen Bekenner. Mein Kind, wenn Gott das Leben ihm verleihet, Der unsichtbaren Kirche sei's geweihet. Sei denn getauft im Namen des Dreieinen, Den wir als Ausgang, Weg und Heimkunft kennen, Und der als jedes Dieses alle Drei ist, Wie Größe sich und Grenze niemals trennen, Und sollte Solches dir einst dunkel scheinen, Mein Sohn, wenn deine Kindeszeit vorbei ist, So wisse daß da frei ist Und bleibt in Gott wer in der Liebe bleibet, Und habe Christum lieb in allem Leben, Und selig süßes Beben Wird dir bezeugen daß der Geist dich treibet Und daß an dir erfüllt ist was dem Glauben Verheißen und kein Schicksal dir wird rauben. Ihr aber, Murmelquellen dieser Erde, Ihr Brunnen Gottes, sel'ger Ruhe Stätten, Ihr Ströme die ihr hohe Rede tauschet, Ihr Alpenseeen in den Felsenbetten Wo stolz euch bettete der Allmacht Werde, Und du o Weltmeer das da tiefaufrauschet, Wenn einst mein Jüngling lauschet Dem Zauber eurer ew'gen Melodeien, Dann laßt ihn still sich in sich selbst versenken Und kindlich fromm gedenken Der Tropfen die ihr gabet ihn zu weihen. Erzählt ihm von der Menschen Wehethume Das ihr gesehen, und von Jesu Ruhme. 4 Denn Jesus ist der Herr und wird's vollenden, Wie er's begonnen und geführt bis hieher. Den Kopf zertrat er ja der alten Schlange Als in sich selbst er stellte Harmonie her Und die nicht schweigte, nein, für alle Enden Der Welt ausgoß in säuselnd sanftem Klange. Was ringreich uns so bange Umwindet, ist nur mehr des Schlangenleibes Graunvolles Qualgeschling und Todeszucken, Das uns noch will erdrucken. Fahr hin! dich traf der Same längst des Weibes. Es gibt der Geist uns Zeugniß deines Falles. Der auf dem Stuhl sitzt spricht: „sieh! neu wird Alles!“ Canzone XIII . Von Menschheit hör' ich sagen viel und singen Und von dem Heil der Massen durch die Massen. Die Menschheit aber ist wo Jesu Geist ist‚ Und dieser mag zwar bildend wol erfassen Die Menge, doch sie ihn hervor nicht bringen, Weil das Geschlecht von solcher Kraft verwaist ist. Wenn das Gefild enteist ist, Pfropft still ein Wundergast und sieh! nach Jahren Beugt süße Fruchtlast seine Himmelsschösse Derweil, wie stark es sprösse, Allstets nur herbe Holzfrucht läßt gewahren Das ungepfropfte Astwerk, das daneben Derselbe Thau, dasselbe Licht umschweben. 4 * Der Geist allein ist ewig machtvollkommen. Die Massen in Pallästen und in Hütten, Am Webstuhl und im Lehrstuhl und auf Thronen, Sie können, was zerrüttet, mehr zerrütten, Doch schaffen nichts, nichts was da möchte frommen, Nichts was der Mühe wahrhaft möchte lohnen. Laß blitzen deine Kronen, Du königliches Volk der Geistbetrauten, Du Mittlerschaft die sich der Herr erküret, Denn dir allein gebühret Zu bauen neuer Menschheit Himmelsbauten. Der Geist allein vermag aus Sündenketten So Könige wie Völker zu erretten. Die löblichste Gewohnheit ist unlöblich, Ist Sünde, weil gedankenloses Treiben. Wie fänden der Gewohnheit ew'ge Knechte, Sie die in altgewohntem Schlendern leiben Und leben, Gottes Thun verkennend gröblich, Wie fänden sie das Gute und das Rechte? Vom Pantherthiergeschlechte Und Mohren fordert ihr kein Hautverwandeln. Weiß auch ein Baum wo der Veredlung Spur ist? So mag, was nur Natur ist, Niemals aus Freiheit und für Freiheit handeln. Doch Gottes Huld sind alle Dinge möglich. Ihm ist das Unbewegliche beweglich. Von Sünde frei ist wer da kommt zum Vater. Wer aber führt zu ihm als die ihn kennen? Wer auch versteht der Menschen Sinn zu leiten Daß sie für das Unendliche entbrennen? Wer ist der Künste Meister und Berater Die äußerlich den Menschen gern befreiten, Ihm Muße zu bereiten Aus Not und, ach! geistloser Arbeit Fluche? Wer weiß, wer ahnt zum Mindesten, die Mittel Die uns aus diesem Spittel Erlösen möchten, wie dort steht im Buche? Wer schafft und gründet? gibt uns Hoffnungsschimmer? Nur Einzle sind's, die Massen sind es nimmer. Das Christenthum ist sel'ger Spiele Spiegel Und Festlust der Gesalbten heißt sein Name. Des Meisters heitrer Geist mag niemand gönnen Zweckloser Lustentsagung Uebernahme. Doch ob ihm offen alle Himmelsriegel Und er wol hätte Freude haben können, Ward er, daß wir entrönnen Der Armut, selbst arm, wählte Schmach statt Ehren. So mag auch nur, wen gleiche Liebe spornet, Des Menschenheils bedornet Schmerzreichen, rauhen Pfad zu gehn begehren. Kein Mühsal scheut, zu bahnen höchstem Wandeln, Wen Eins nur freut: zu schauen Gottes Handeln. Wohlthätig, Kranke heilend, lehrend wallte Der Meister und so mögen auch die Seinen Der Leiber wie der Geister sich erbarmen. Wie Sünde sich und Uebel gern vereinen, So mögen wir daß, wo die Predigt schallte, Auch leiblich werde Linderung den Armen. Uns will das Herz erwarmen Beim Anblick des verkommenen Geschlechtes. Und so wie zweierlei ist unsrer Liebe Segen, So ist auch allerwegen Stets zweierlei der Lohn den wir als ächtes Beglaubigen empfangen unsrer Uebniß: Leibliche Not und geistliche Betrübniß. Ach! süßer ist es freilich still zu blühen Am Gottesbaume als mit scharfem Stale Gelöst, noch heimwehträufend, fern von Eden, Verpflanzt zu werden in die Erdenthale. Weit süßer als Prophetenamtes Mühen Ist mit den Vögelein beschaulich reden. Doch zu des Lebens Fehden Drängt unerbittlich fort aus Hirtenruhe, Getreue Jünger, euch des Meisters Liebe, Auf daß ihr nicht wie Diebe Des Heiles Schatz verhehlt in toter Truhe. So lang Geheimgut letzte Herrlichkeiten, Heißt Mittlerthum das Heilswort aller Zeiten. Mag stumpf die Welt dem alten Joch sich beugen Das längst den Nacken blutig ihr gerieben, Ihr blöder Blick soll uns nicht niederschlagen, Die schöne Hoffnung soll uns nicht zerstieben. Als treue Wächter wollen wir bezeugen Den Gang der Nacht und das gewisse Tagen. Hoch sei einhergetragen Das Glaubensbanner das da spricht erfreulich Von dem was man nicht sieht. Denn nur der Glaube Läßt uns nicht sein zum Raube Der Trägheit und nur er führt uns getreulich. Geduld ist not. Durch Glauben und Vertrauen Läßt Gott den Tag der Zukunft uns erschauen. Es schläft die Welt den Todesschlaf wie immer Und da ist kaum was möchte Hoffnung geben, Doch durch den Glauben ist uns klar entfaltet Daß Gott in unser Nichts gepflanzt sein Leben Und daß dies All in seiner Prachten Schimmer Das bloße göttlich starke Wort gestaltet. Drum, wenn das Wort nur schaltet, Braucht's weiter nichts, noch einen schönern Himmel Und eine schön're Erde still zu bilden In deren Lustgefilden Sich regt der neuen Gottmenschheit Gewimmel. Die blöde Welt, ach! blendet solches Hoffen, Allein der Glaube sieht die Zukunft offen. Im Glauben, da Gott Abraham berufen, Ging dieser aus und wußte nicht vom Ziele Und wohnte als ein Fremdling unter Zelten. Gewärtig was zu stiften Gott gefiele. Im Glauben trat herab von Thronesstufen Ein Moses weil er ansah das Vergelten. Das kühne Donnerschelten Der heiligen Propheten kam vom Glauben. Im Glauben trank Sokrates Gift, und sandte Der Heiland ungewandte Sendlinge gen der Sünde Todesschnauben. Im Glauben stach Kolumbus in die Meere, Und scheute Luther nicht der Weltmacht Heere. Im Glauben wirkten alle Männer Gottes, Und Viele litten Bande und Gefängniß. Sie sind gesteiniget, zerhackt, zerstochen, Durch's Schwert getötet. Jeglicher Bedrängniß Und Not bloß, waren sie ein Ziel des Spottes. Sie, deren unwert war die Welt, verkrochen In Wüsten, auf Bergjochen, In Klüften sich und Höhlen. O wir haben Im Kampf noch bis auf's Blut nicht widerstanden! Uns mache nicht zu Schanden Die Schaar der Zeugen die uns stets umgaben! Seht auf den Meister, der das Widersprechen Der Welt trägt, ach! bis ihm die Augen brechen. So lang auf Erden Etwas zu erlösen, Seid ihr nicht ganz erlöst. Ihr müßt's ja fühlen! Nicht euer Ich ist euer Selbst, das wahre, Das ganze Selbst. Zwar auf des Glaubens Pfühlen Ruht selig euer Haubt, und frei vom Bösen Ist euer wahres Selbst, das volle, klare. Sich ewig offenbare, Doch neustets spielt ihr sel'ges Spiel die Liebe, Schafft Leere stets, schafft Sehnsucht nach Erfüllen, Und will, in solchen Hüllen Sich schauend, drin erlösen eigne Triebe. In euer leeres Ich kam sie hernieder, Und ist sie 's wirklich, liebt und löst ihr wieder. Es will durch euch der Herr den Geist ausgießen, Und was ihr laßt gebunden, bleibt gebunden, Und was ihr löset, ist gelöst. Die Bande Der Sündenknechtschaft an der Menschheit wunden Gliedmaßen könnet ihr , nur ihr , aufschließen. Von euch erwarten Freiheit alle Lande. Zu süßem Liebesbrande Entfache still die Welt denn euer Hauchen, Bis Liebe Wahrheit, Wahrheit Freiheit bringe, Und neuschön alle Dinge, Vom Scepter bis zum Pflug, aus Gott auftauchen. Euch ist das Amt der Schlüssel übertragen, Und eitles Klagen ist nur Selbstanklagen. Sitzt aber träg ihr auf des Geistes Thronen, Wird dumm der Erde Salz, die Leuchte dunkel, Dann seid in Wahrheit ihr nur tote Massen, Doch wißt: wie fernster Sterne Urgefunkel Herfliegt und uns erglänzet nach Aeonen, So naht, aus tiefstem Himmelsraum entlassen, Den Erdball zu erfassen, Ein Lebenswürzestrom, von Gott ersehen Eh' er den Erdball schuf, daß er die Seinen Erwecke sich aus Steinen, Wenn ihr nicht möchtet seine Huld verstehen. Erfüllt doch Christus die Unendlichkeiten Und kann sein Werk auch ohne euch bereiten. Canzone XIV . Wie heult es herzzerschneidend durch die Lüfte! Wie tost es durch den Wald! Von jenen Bäumen, Den stattlich hohen, stöhnt gewalt'ges Stöhnen. Es wirft der Sturm des Wassersturzes Schäumen Und zerrt und läßt ihn rasen in die Klüfte. Wie leuchtet neustets vor dem Donnerdröhnen Der Fels im prächtig schönen Blitzglanz! Verkehrt in Nacht ist Tag. Es fallen Die Tropfen stärker, doch mich schirmt, o Buche! Dein Laubdach. Keinem Fluche Mehr bebt dies Herz wenn wilde Stimmen schallen. Du hast ganz andre Stürme mir geleget, O Herr! und sie auch hatte Huld erreget. Bestimmungsloses Fühlen ist kein Fühlen. In Schmerz und Lust nur ist Gefühl entfaltet. Drum spannt das ewig-eine Wort und bricht sich, Als Widerspruch und Unortnung gestaltet. Und Wahn und Lüge, Haß und Tod durchwühlen Die Welt. Doch sieh! mit Finsterniß versticht sich Und zeigt der Liebe Licht sich Urstets, der Liebe Leben, denn begründet In ew'ger Einheit nur ist ew'ges Brechen. Da muß der Bruch sich rächen Durch Sehnsuchtsweh, und sel'ges Heil verbündet Treu mit Versöhnung sich und stiller Friede. Drob preist, o Herr! auch mein Herz dich im Liede. Und wird nun wer gefangen war wol sagen: Gebt nochmals Ketten daß ich freier werde? Und wer wird sprechen: laßt uns mehr erkranken Um besser zu gesunden? Mensch von Erde! Wie sollten mit der Sünde wir uns tragen Der wir gestorben sind, da in Gedanken Mit sterbensvollem Wanken Der alte Mensch in uns zum Tod begleitet Den Herrn vom Himmel, der in uns nun lebet? Wenn's von den Lippen bebet: „ O felix culpa !“ gibt's kein Fleisch das streitet. Versöhnt ist Alles. Von der Sünde Schranken, Nun sie zertrümmert, aufweint brünstig Danken. Hier haben keine Stimme, die am Satze Des Widerspruches abzugweise hangen Und deren Denkthat wirklich noch im Grauen Des Bruches und des Widerspruchs befangen. Mit Recht bezeugen sie die Teufelsfratze Die sie als Hinterhaubt des Guten schauen. Ich möcht' im bläulich grauen Helldunkel eines Tempels lieber sehen Ein Jünglingsantlitz qualverstört und trotzig, Selbst etwas läppisch-protzig, Doch immer gotthaft, während Heilsergehen Auf vord'rer Janusstirn freundselig ruhte Wie er mit Schlüssel thront und Königsrute. Licht überströmt vom Kreuze die Geschichte Rückwärts und vorwärts. Schmerzenreiches Irren Bezeichnete des Menschen erstes Wollen Auf Erden, doch in stets vermehrte Wirren Trat Wahrheit aus prophetischem Gesichte, Und dringender auftrat erhab'nes Sollen, Bis Wahrheit mit dem vollen Inhalt der Heiligkeit sich offenbarte. Dem Jugendschmerz wird Altersheil entblühen. Es läßt nach unsern Mühen Der Herr uns schau'n was er uns aufbewahrte. Einmal muß des Geschlechtes Frucht sich sonnen. Sei neuer Siegel Aufschluß dann begonnen. Wir harren einer Ortnung ird'scher Dinge Die Gottes Reich verdient genannt zu werden. Nur geistig ist sein Reich und darum eben Soll Alles geistgeortnet sein auf Erden. In Adams Reich ist Arbeit Fluches Schlinge, In Gottes muß sie sich zum Spiel erheben. In Adams Reich erstreben Sich beste Kämpfer selten heil'gen Frieden, In Gottes ist er Allen, wie dem Kinde Aus Gnaden gar geschwinde Und sonder Mühe noch Verdienst beschieden. O komm du Spiegel sel'ger Gottesklarheit, Komm bald und sei des Kreuzes äuß're Wahrheit. Wie spannt dort anmutreich der Regenbogen Sich ob der tiefen, duftig grünen Schneuse! Der Aufruhr der Natur hat ausgewütet Und freundlich schließt der Himmel seine Schleuse. So tret' ich denn heraus, euch Balsamwogen Des Waldes frisch zu trinken, denn behütet Hat seinen frohgemütet Dankbaren Knecht der Herr auch diesmal wieder. O Amselschlag, o volles, reiches Tönen! Und rings wie viel des Schönen! Erquickung strömt durch Herz und Haubt und Glieder. Mit mark'gen Knochen steht zugleich im Leben Wer wahrhaft sich dem Himmel hat ergeben. O Freudigkeit des Glaubens! Den Satan sah auch ich vom Himmel fallen Wie einen Blitz. Was bleibt vom Wetterscheine Wenn er erlosch? Das reine, Das heitre Blau wo ew'ge Sterne wallen, Wo, schöngeschmückt zu priesterlichem Handeln, Die seligen Gedanken Gottes wandeln. Canzone XV . Eins weiß ich, Andres glaub' ich nur zu wissen. Ich weiß das mein Erlöser lebt und treu ist. Im Lachen weiß ich dies und unter Thränen Weil er in Wol und Weh mir immer neu ist. Ich habe redlich mich vor ihm beflissen, Als unter seinen Augen, alles Wähnen Und mißverstand'ne Sehnen Zu ihm zu bringen als zum Vollgenügen Der Heiligkeit und Wahrheit, und ich glaube Nicht daß mein Thun zum Raube Dem Wahn, zur Beute ward dem Selbstbetrügen. Doch nur auf Eins mag leben ich und sterben: Mein Jesus lebt und läßt mich nicht verderben. So lang ich lebe, muß ich denkend leben, Und soll ich anders denken als ich denke, So wirst du, mein Erlöser, mich es lehren, Und wenn ich hier der Welt nur Irrwahn sckenke, So wirst du ihr dafür die Wahrheit geben Und wirst, die ich verführte, selbst bekehren. Ich wollte dich ja ehren, Mein Heiland, und du weißt daß ich dich liebe. Auch glaub' ich nicht daß ich mich selbst bethöre, Denn wenn ich dich verlöre, So wüßt' ich nicht was von dem Allen bliebe Was betend ich und weinend dir gesungen. Warst du Beherrscher doch auch meiner Zungen! Wie jegliches vollbrachte Werk, so mahnet Auch dieses an den Tod mich, drum erscheinet Mir so unwesentlich was ich vollbrachte. Und freilich wenn mir Alles was da scheinet, Wenn diese Welt, die du mir hast gebahnet, Wenn dieses Denken, das in dir ich dachte, Das sich in dir entfachte, Dereinst zu kleinstem Durchmaß in sich sinket. So wie die Glieder mählig mir erkalten Und nur im Herzen walten Noch mag was ew'gen Lebens Abglanz blinket, Dann ist mein Alles, bei dem Allverschwinden, In meines Herzens Herzen dich zu finden. Dem Leben was des Lebens! Weil noch dies Herz ausstralt endlose Sphären Und allwärts den Geliebten mag erschauen, So will ich, voll Vertrauen, Was ich geschaut auch vor der Welt verklären. Geht hin, o Lieder! Grüßt mir die Getreuen. Der Herr ist Gott im Alten und im Neuen. Anhang . Hymnus . Was ist das für ein Glanz und Stral? Es steht verklärt ein Todespfal. Ein kahler Kreuzesstamm schlägt aus? In einen grünen Lebensstrauß! Sagt, was belebt ihn für ein Saft? Es ist der Liebe Wort und Kraft. Was fließt in seinen Adern gut? Es ist ein dreimal heilig Blut. Wie steht der Baum so göttlich kühn! Wie rauschet uns der Aeste Grün! Des Himmels Lichter glänzen dran Und Früchte rosig angethan! O Weihnachtsbaum, o Lebensholz, O Demutsstamm, o Freiheitsstolz, Erhebe dich am Strom der Zeit Voll Kraft und Herrlichkeit! Hat nicht die Erde sich bewegt? Der Bauherr hat den Grund gelegt. Was beut sich meinen Blicken dar? Ein Münster hehr und wunderbar. Wie heißt der Grundstein? Jesus Christ. Wie heißt der Schlußstein? Jesus Christ. Wie heißt die Säule? Jesus Christ. Nennt mir den Gott auch. Jesus Christ. O Kirche Christi, Braut und Christ, Wie Priester du und Opfer bist, Gott und Gemeine allzugleich, An aller Gottesfülle reich, Du voller Mond, Abglanz des Herrn, Du selber Herr, du nah, du fern, O Münster, rage himmelhoch Und sei der Himmel doch! Was rauscht so wunderlieblich gar? In Kanaan ein Bergquell klar. Was deckt wie Meeresflut das Land? Erkenntniß Gottes wird's genannt. Wer ist die Quelle? Jesus Christ. Wer ist das Weltmeer? Jesus Christ. Wer hat besiegt den grimmen Tod? Der uns Erkenntniß Gottes bot. O du dich selbst Ergründender, Uns ew'ges Leben Spendender, Gott Vater, Sohn und heil'ger Geist, Der sich als Eines uns erweist, Alleins, Allmittler, Jesu Christ, Du aller Schönheit Umkreis bist! Auf! gestern Jesus Christ und heut', Derselb' in Ewigkeit. Ende Druck von Otto Wigand in Leipzig. Druckfehler. S. 43. Z. 2. v. o. setze nach Straßen ein Komma. S. 89. Z. 6. v. u. ist nach sinket ebenfalls ein Komma statt des Puncts zu setzen. Leipzig Verlag von S. Hirzel. 1854. Druck von Otto Wigand in Leipzig.