Spreeland. Beeskow-Storkow und Barnim-Teltow. Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Vierter Theil. Spreeland. Beeskow-Storkow und Barnim-Teltow. Von Theodor Fonlane. Berlin. Verlag von Wilhelm Hertz. (Bessersche Buchhandlung.) 1882. Vorwort. Wie sich Band II und III der Oder und Havel zuwendet, so wendet sich dieser IV. Band der Spree zu, dem Laufe des Flusses von Ost nach Westen hin folgend. In dem der Lausitz angehörigen Spreewalde beginnend, verweilt Band IV , nach einem kurzen Abstecher ins Beeskow- Storkowsche , zu größrem Theil auf jener nur wenige Meilen messenden Strecke, wo die Spree die Grenze zwischen dem Barnim und dem Teltow zieht und schildert hier eine nicht unbeträchtliche Zahl der im östlichen Halbkreis um Berlin herum gelegenen Ort- schaften. Und so wird sich auch in Bezug auf diesen vierten Band sagen lassen, daß sich der Inhalt desselben in allem Wesent- lichen seinem Titel anschließt. Als Ausnahme könnte nur der Schluß-Abschnitt „An der Nuthe“ gelten, aber auch dieser mehr dem Schein als der Wirklichkeit nach, insoweit die Nuthe vor- wiegend einen Spreel and’s-Charakter hat, vorwiegend unsern Spree -Territorien angehört, und erst im letzten Moment ihren bis dahin ausschließlich nordwärts gerichteten Lauf in plötzlich nord westlicher Biegung zu Gunsten der Havel abändert, fast als wär ihr die Spree, nachdem diese Berlin passirt, nicht mehr anheimelnd genug. Die Kapitel auch dieses IV. Bandes entstanden zu sehr ver- schiedener Zeit, weshalb einige der älteren und ältesten einer ein- gehenden Umarbeitung unterzogen wurden, allerdings immer nur in dem Falle, daß etwas thatsächlich Neues geboten werden konnte, wie beispielsweise bei Saalow, Friedrichsfelde (Gabriel Lucas Woltersdorf) und Großbeeren. Am meisten in dem Kapitel Buch , wo die mittlerweile publicirten Tagebücher der Gräfin Voß, geb. v. Pannewitz, einen völligen Umguß der alten Form erheischten. Auf Hervorhebung blos baulicher Veränderungen, insonderheit wenn sie das in den betreffenden Kapiteln Erzählte gar nicht oder nur sehr nebensächlich berührten, hab’ ich meistens verzichtet und immer nur angedeutet, daß dieselben überhaupt stattgefunden hätten. Ein Abweichen von dieser Regel würde mich gezwungen haben und auch in alle Zukunft weiter zwingen, immer neue Control-Reisen eintreten zu lassen. Was sich selbstverständlich verbietet. Es gilt eben auch hier wieder, was ich schon im Vorworte zu Band III über diesen Punkt geäußert habe. Die Dinge geben sich einfach so, wie sie sich mir zu dieser oder jener ganz bestimmten Zeit darstellten, weshalb ich denn auch vorhabe, falls eine neue Auflage mir die Gelegenheit dazu bieten sollte, jedem Einzelkapitel seine besondere Jahreszahl zu geben. In einem Abschiedswort am Schlusse dieses Bandes hab’ ich noch einen Rückblick und in diesem Rückblick eine Darlegung dessen versucht, was diese „Wanderungen“ wollen und nicht wollen, und bitt’ ich deshalb diej enigen meiner Leser, die sich für einen solchen Rechenschaftsbericht interessiren, auch diesem Abschiedswort ihre Aufmerksamkeit zuwenden zu wollen. Berlin, 15. November 1881. Th. F. Inhalt . In den Spreewald. Seite In den Spreewald 3 Lübbenau 3 Lehde 6 „Die Leber ist von einem Hecht“ 9 In Käthner Post’s Garten 11 Zwischen Spreewald und wendischer Spree. Eine Osterfahrt in das Land Beeskow-Storkow 17 Rauen und die Markgrafensteine 18 Am Schermützel 25 Groß-Rietz 33 Blossin 43 Die wendische Spree. An Bord der Sphinx 57 Vor Anker in Cöpenick 58 Von Cöpenick bis Dolgenbrod 65 Der Fischer von Kahniswall 68 Von Dolgenbrod bis Teupitz 76 An der Spree. Schloß Cöpenick 89 Die Zeit des Kurprinzen Friedrich von 1682 bis 1688 95 Die Zeit Friedrich Wilhelms I. 96 Seite Die Zeit Henriette Marie’s von 1749 bis 1782 98 Die Zeit des Grafen Schmettau von 1804 bis 1806 101 Die Müggelsberge 107 Der Müggelsee 114 Rahnsdorf 118 Alexander Anderssen, Fähnrich im 4. Ulanen-Rgt. 119 Friedrichsfelde 130 Friedrichsfelde bis 1700 131 Friedrichsfelde von 1700 bis 1731 (Markgraf Albrecht) 133 Friedrichsfelde von 1731 bis 62 (Markgraf Karl) 134 Friedrichsfelde von 1762 bis 85 (Prinz Ferdinand) 136 Friedrichsfelde von 1785 bis 99 (Herzogin Dorothea) 139 Friedrichsfelde von 1800 bis 10 (Prinzessin von Holstein-Beck) 143 Friedrichsfelde von 1812 bis 16 (König von Sachsen) 146 Friedrichsfelde seit 1816 148 Ernst Gottlieb Woltersdorf 151 Gabriel Lucas Woltersdorf 151 Ernst Gottlieb Woltersdorf 154 Rechts der Spree. Buch 165 Die Roebels 167 Julie von Voß 176 Falkenberg 187 Blumberg 189 Philipp Ludwig v. Canstein 191 Johann v. Loeben und Frau v. Burgsdorf 193 Freiherr v. Canitz 199 Werneuchen 211 Schmidt von Werneuchen 219 Malchow. Eine Weihnachts-Wanderung 231 Paul v. Fuchs 238 Kienbaum 242 Links der Spree. Eine Pfingstfahrt in den Teltow 251 Königs-Wusterhausen 252 Teupitz 261 Mittenwalde 270 Klein-Machenow oder Machenow auf dem Sande 282 Groß-Beeren 291 Die Schlacht bei Großbeeren 292 Geist von Beeren 302 Berlin in den Tagen der Schlacht von Großbeeren 311 Löwenbruch 319 Friedrich Wilhelm Ludwig v. d. Knesebeck 322 Seite Schloß Beuthen 329 Saalow. Ein Kapitel vom alten Schadow 336 Groeben und Siethen. Groeben und Siethen 355 Groeben und Siethen unter den alten Schlabrendorfs 356 Aus dem Groebener Kirchenbuch 357 Aufzeichnungen des Pastors Joh. Thile I. 358 Aufzeichnungen der Pastoren Fr. Zander ꝛc. 360 Aufzeichnungen des Pastors Redde 363 Groeben und Siethen unter den neuen Schlabrendorfs 369 Graf Heinrich Schlabrendorf 371 Graf Leo Schlabrendorf 376 Gräfin Emilie Schlabrendorf 380 Frau von Scharnhorst 383 Johanna v. Scharnhorst 386 Groeben und Siethen jetzt 396 Groeben jetzt 397 Siethen jetzt 402 Der Scharnhorst-Begräbnißplatz auf dem Berliner Inv.-Kirchhof 408 An der Nuthe. Saarmund und die Nutheburgen 417 Blankensee 423 Trebbin 431 Wilhelm Hensel 435 Schlußwort 449 * In den Spreewald. Fontane , Wanderungen. IV. 1 In den Spreewald. Und daß dem Netze dieser Spree-Kanäle Nichts von dem Zauber von Venedig fehle, Durchfurcht das endlos wirre Flußrevier In seinem Boot der Spreewalds-Gondolier . E ine Nachtpost fährt oder fuhr wenigstens zwischen Berlin und Lübbenau. Mit Tagesanbruch haben wir Lübben, die letzte Station erreicht und fahren nunmehr am Rande des hier beginnenden Spreewaldes hin, der sich anscheinend endlos, und nach Art einer mit Heuschobern und Erlen bestandenen Wiese, zur Linken unseres Weges dehnt. Ein vom Frühlicht umglühter Kirchthurm wird sichtbar und spielt eine Weile Versteckens mit uns; aber nun haben wir ihn wirklich und fahren durch einen hochgewölbten Thorweg in Lübbenau „die Spreewald-Hauptstadt“ ein. 1. Lübbenau . Es ist Sonntag, und die Stille, die wir vorfinden, verräth nichts von dem sonst hier herrschenden lebhaften Verkehre. Die Spreewald-Produkte haben nämlich in Lübbenau ihren vorzüglichsten Stapelplatz und gehen erst von hier aus in die Welt. Unter diesen Producten stehen die Gurken obenan. In einem der Vor- jahre wurden seitens eines einzigen Händlers 800 Schock pro 1* Woche verkauft. Das würde nichts sagen in Hamburg oder Liver- pool, wo man gewohnt ist nach Lasten und Tonnen zu rechnen, aber „jede Stelle hat ihre Elle“, was erwogen für diese 800 Schock eine gute Reputation ergiebt. Im Uebrigen verweilt Lübbenau nicht einseitig bei dem Verkauf eines Artikels, der schließlich doch vielleicht den Spott herausfordern könnte, Kürbis und Meerrettig Ueber Meerrettig -Produktion und Meerrettig-Verkauf stehe hier noch das folgende. Der Herbst ist die Zeit der Lübbenauer Meerrettigmärkte. Jeden Sonnabend, so lange das Wasser eisfrei bleibt, bringen die Spree- wäldler, namentlich die von Burg, ihre Waare zu Markt, und es bedecken dann 2 bis 300 mit Meerrettig beladene Kähne den Ausladeplatz an der Spree. Groß- und Kleinhändler aus vielen Städten und Ländern erscheinen um diese Zeit, um ihren Einkauf zu machen. In der Regel werden in Lübbenau 20,000 Centner verkauft, was einer Einnahme von 600,000 Mark gleichkommt. Ich gebe diese Zahlen ohne Gewähr, wie ich sie finde. schließen sich ebenbürtig an und vor allem die Sellerie, hinsicht- lich deren Vorzüge die Meinungen nicht leicht auseinandergehen. Wir halten nun vor dem geräumigen Gasthofe „Zum brau- nen Hirsch“, darin das Amt eines Kellners noch ausschließlich durch eine Spreewalds-Schönheit verwaltet wird, und nachdem wir Toilette gemacht und einen Imbiß genommen haben, brechen wir auf, um keine der spärlich zugemessenen Stunden zu verlieren. Ein Leichenzug kommt über den Platz und acht Träger tragen den Sarg, über den eine schwarze, tief herabhängende Sammet- decke gebreitet ist, aus dem Kirchenportal aber, daran der Zug eben vorüberzieht, erklingt Orgel und Gesang, und wir treten ein, um eine wendische Gemeinde, lauter Spreewalds -Leute, ver- sammelt zu sehen. Es bot sich uns ein guter Uebersichtsplatz; Männer und Frauen saßen getrennt, und nur die Frauen, so viel ich wahr- nehmen konnte, trugen noch ihr specielles Spreewald-Costüm. In jedem Einzelpunkte das Spezielle darin nachzuweisen, ist eine Aufgabe, der ich mich nicht gewachsen fühle. Der kurze falten- reiche Friesrock, das knappe Mieder, das Busentuch, die Schnallen- schuhe, selbst die bunten seidenen Bänder, die, mit großem Luxus gewählt, über die Brust fallen, sind aller Orten in wenigstens ähnlicher Weise vorkommende Dinge, wogegen mir der Kopfputz und die Halskrause von dem sonst Herkömmlichen abweichend erschienen. Die Halskrause wird nicht allgemein getragen; wo sie sich findet, erinnert sie lebhaft an die getollten Ringkragen auf alten Pastorenbildern: steife Jabots, die dem, der sie trägt, immer etwas von dem Ansehen eines kollernden Truthahns geben. All- gemein aber ist der spreewäldlerische Kopfputz, und ich versuche seine Beschreibung. Eine zugeschrägte Papier- oder Papphülse bildet das Gestell, darüber legen sich Tüll und Gaze, Kanten und Bänder, und stellen eine Art Spitzhaube her. Ist die Trägerin eine Jung- frau, so schließt die Kopfbekleidung hiermit ab, ist sie dagegen verheirathet, so schlingt sich noch ein Kopftuch um die Haube herum und verdeckt sie, je nach Neigung, halb oder ganz. Diese Kopftücher sind ebenso von verschiedenster Farbe wie von ver- schiedenstem Werth. Junge, reiche Frauen schienen schwarze Seide zu bevorzugen, während sich ärmere und ältere mit krapprothem Zitz und selbst mit ockerfarbenem Kattun begnügten. Die wendische Predigt entzieht sich unserer Controle, das Schluchzen aber, das laut wird, ist wenigstens ein Beweis für die gute Praxis des Geistlichen. Er steht zudem in der Liebe seiner Gemeinde, und wo diese Liebe waltet, ist auch unschwer das Wort gefunden, das eine Mutter die den Sohn, oder eine Wittwe die den Mann begrub, zu den ehrlichsten Thränen hinreißt. Und nun schweigt die Predigt, und eine kurze Pause tritt ein, während welcher der Geistliche langsam und sorglich in seinen Papieren blättert. Endlich hat er beisammen, was er braucht, und beginnt nun die Aufgebote, die Geburts- und Todesanzeigen zu lesen, alles in deutscher Sprache. Bemerkenswerth genug. Die Predigt, die mehr dem Ideale dient, durfte noch wendisch sein; aber so wie sich’s um ausschließlich praktische Dinge zu handeln beginnt, sowie festgestellt werden soll, was im Spreewalde lebt und stirbt, wer darin heirathet und getauft wird, so geht es mit dem Wendischen nicht länger. Der Staat, der blos mit deutschem Ohre hört und nicht Zeit hat in aller Eil auch noch wendisch zu lernen, tritt mit der nüchternsten Geschäftsmiene da- zwischen und verlangt deutsches Aufgebot und deutsche Tauf- scheine. Wer wollt’ ihm das Recht dazu bestreiten? Und nun ist der Gottesdienst aus, und steif und stattlich gehen die Männer und Frauen an uns vorüber. Ihre Köpfe sind charaktervoll, aber nicht hübsch; ihre Haltung voll Würde. Wir warteten die letzten ab und kehrten dann erst in unsern Gasthof zurück, wo wir uns eine halbe Stunde später durch Cantor Klinge- stein — eine Spreewalds-Autorität, an die wir von Berlin her empfohlen waren — begrüßt sahen. Er übernahm unsere Führung. 2. Lehde . Er übernahm unsere Führung sagt’ ich, und nach kurzem Gange durch Stadt und Park erreichten wir den Haupt-Spreearm, auf dem die für uns bestimmte Gondel bereits im Schatten eines Buchenganges lag. Drei Bänke mit Polster und Rücklehne ver- sprachen möglichste Bequemlichkeit, während ein Flaschenkorb von bemerkenswerthem Umfang — aus dem, so oft der Wind das Decktuch ein wenig zur Seite wehte, verschiedene roth und gelb gesiegelte Flaschen hervorlugten — auch noch für mehr als bloße Bequemlichkeit sorgen zu wollen schien. Am Stern des Bootes, das lange Ruder in der Hand, stand Christian Birkig, ein Funf- ziger mit hohen Backenknochen und eingedrückten Schläfen, dem für gewöhnlich die nächtliche Sicherheit Lübbenaus, heut aber der Ruder- und Steuermannsdienst in unserem Spreeboot oblag. Wir stiegen ein und die Fahrt begann. Gleich die erste halbe Meile ist ein landschaftliches Kabinetstück und wird in so- weit durch nichts Folgendes übertroffen, als es die Besonderheit des Spreewaldes: seinen Netz- und Insel-Charakter, am deut- lichsten zeigt. Dieser Netz- und Insel-Charakter ist freilich überall vorhanden, aber er verbirgt sich vielfach, und nur Derjenige, der in einem Luftballon über das vieldurchschnittene Terrain hinweg- flöge, würde die zu Maschen geschlungenen Flußfäden allerorten in ähnlicher Deutlichkeit wie zwischen Lübbenau und Lehde zu seinen Füßen sehen. Der Boden dieses Inselgewirrs ist fast überall eine Garten- erde. Der reiche Viehstand der Dörfer schuf hier von Alters her einen Dünger-Untergrund, auf dem dann die Mischungen und Verdünnungen vorgenommen werden konnten, wie sie dieses oder jenes Produkt des Spreewaldes erforderte. Die Wassergewächse, die von beiden Seiten her uns strom- aufwärts begleiten, bleiben dieselben; Butomus und Sagittaria lösen sich unter einander ab und nur hier und da gesellt sich, unter dem überhängenden Rande geborgen, eine wuchernde Vergiß- meinnicht-Einfassung hinzu. Es ist Sonntag, die Arbeit ruht und die große Fahrstraße zeigt sich verhältnißmäßig leer; nur selten treibt ein mit frischem Heu beladener Kahn an uns vorüber und Bursche handhaben das Ruder mit großem Geschick. Sie sitzen weder auf der Ruderbank noch schlagen sie taktmäßig das Wasser, vielmehr stehen sie grad’ auf- recht am Hindertheile des Boots, das sie nach Art der Gondoliere vorwärts bewegen. Dies Aufrechtstehen und mit ihm zugleich ein beständiges Anspannen all’ ihrer Kräfte, hat dem ganzen Volks- stamm eine Haltung und Straffheit gegeben, die man bei der Mehrzahl unserer sonstigen Dorfbewohner vermißt. Und zwar in den armen Gegenden am meisten. Der Knecht, der vornüber im Sattel hängt oder auf dem Strohsack seines Wagens sitzend mit einem schläfrigen „Hoi“ das Gespann antreibt, kommt kaum je dazu seine Brust und Schulterblätter zurecht zu rücken oder sein halb krummgebogenes Rückgrat wieder gerade zu biegen, der Spree- wäldler aber, dem weder Pferd noch Wagen ein Sitzen und Aus- ruhen gönnt, befindet sich eigentlich immer auf dem Qui vive. Das Ruder in der Hand steht er wie auf Posten und kennt nicht Hindämmern und Halb-Arbeit. Wenn es schon ein reizender Anblick ist, diese schlanken und stattlichen Leute in ihren Booten vorüberfahren zu sehn, so steigert sich dieser Reiz im Winter, wo jeder Bootfahrer ein Schlittschuh- läufer wird. Das ist dann die eigentliche Schaustellung ihrer Kraft und Geschicklichkeit. Dann sind Fluß und Inseln eine gemeinschaftliche Eisfläche, und ein paar Bretter unter den Füßen, die halb Schlitten halb Schlittschuh sind, dazu eine sieben Fuß lange Eisstange in der Hand, schleudert sich jetzt der Spreewäldler mit mächtigen Stößen über die blinkende Fläche hin. Dann tragen sie auch ihr nationales Kostüm: kurzen Leinwandrock und leinene Hose, beide mit dickem Fries gefuttert, und Spreewald- Stiefel, die fast bis an die Hüfte reichen. Es ist Sonntag, sagt’ ich, und die Arbeit ruht. Aber an Wochentagen ist die Straße, die wir jetzt still hinauffahren, von früh bis spät belebt, und alles nur Denkbare, was sonst auf Knüppeldamm oder Landstraße seines Weges zieht, das zieht dann auf dieser Wasserstraße hinab und hinauf. Selbst die reichen Herden dieser Gegenden wirbeln keinen Staub auf, sondern werden ins Boot getrieben und gelangen in ihm von Stall zu Stall oder von Wiese zu Wiese. Der tägliche Verkehr bewegt sich auf diesem endlosen Flußnetz und wird nur momentan unterbrochen, wenn auf blumengeschmücktem Kahn, Musik vorauf, die Braut zur Kirche fährt, oder wenn still und einsam, von Leidtragenden in zehn und zwanzig Kähnen gefolgt, ein schwarzverhangenes Boot stromabwärts gleitet. Einzelne Häuser werden sichtbar; wir haben Lehde , das erste Spreewalds-Dorf, erreicht. Es ist die Lagunenstadt in Taschenformat, ein Venedig, wie es vor 1500 Jahren gewesen sein mag, als die ersten Fischerfamilien auf seinen Sumpf-Eilanden Schutz suchten. Man kann nichts Lieblicheres sehn als dieses Lehde, das aus eben so vielen Inseln besteht, als es Häuser hat. Die Spree bildet die große Dorfstraße, darin schmalere Gassen von links und rechts her einmünden. Wo sonst Heckenzäune sich ziehn, um die Grenzen eines Grundstückes zu markiren, ziehen sich hier vielgestaltige Kanäle, die Höfe selbst aber sind in ihrer Grund- anlage meistens gleich. Dicht an der Spreestraße steht das Wohn- haus, ziemlich nahe daran die Stallgebäude, während klafterweis aufgeschichtetes Erlenholz als schützender Kreis um das Inselchen herläuft. Obstbäume und Düngerhaufen, Blumenbeete und Fisch- kasten theilen sich im Uebrigen in das Terrain und geben eine Fülle der reizendsten Bilder. Das Wohnhaus ist jederzeit ein Blockhaus mit kleinen Fenstern und einer tüchtigen Schilfdach- Kappe; das ist das Wesentliche; seine Schönheit aber besteht in seiner reichen und malerischen Einfassung von Blatt und Blüthe: Kürbis rankt sich auf, und Geisblatt und Comvolvulus schlingen sich mit allen Farben hindurch. Endlich zwischen Haus und Ufer breitet sich ein Grasplatz aus, an den sich ein Brückchen oder ein Holzsteg schließt und um ihn herum gruppiren sich die Kähne, kleiner und größer, immer aber dienstbereit, sei es um bei Tag einen Heuschober in den Stall zu schaffen oder am Abend einem Liebespaare bei seinem Stelldichein behilflich zu sein. 3. „ Die Leber ist von einem Hecht .“ Die letzten Häuser von Lehde liegen hinter uns, und wieder dehnen sich Wiesen zu beiden Seiten aus, nur hier und da durch Erlengruppen oder ein paar einzelnstehende Eichen unterbrochen. In südöstlicher Richtung geht es stroman, eine Biegung noch und jetzt eine zweite, bis sich unser Flach-Kahn durch allerlei Tang und Kraut in einen schmalen und gradlinigen Kanal einschiebt, der die Verbindungsstraße zwischen den zwei Hauptarmen der Spree bildet. Dieser Kanal, eine halbe Meile lang, zählt mit zu den be- sonderen Schönheiten des Spreewaldes. Im Allgemeinen wird sich sagen lassen, daß eine mit dem Lineal gezogene Linie land- schaftlich ohne Reiz sei, jede Regel aber hat ihre Ausnahme (ge- wißlich hat sie sie hier) und ein Vergleich mag diese Wasserstraße beschreiben. Jeder kennt die langgestreckten Laubgänge, die sich unter dem Namen der „Poetensteige“ in allen altfranzösischen Park- anlagen vorfinden. Ein solcher Poetensteig ist nun der Kanal, der eben jetzt in seiner ganzen Länge vor uns liegt und ein niedriges und dicht gewölbtes Laubdach über uns, so gleiten wir im Boot die Straße hinauf, die nach Art einer Tute sich zuspitzend an ihrem äußersten Ausgang ein phantastisch-verkleinertes und nur noch halb erkennbares Pflanzengewirre zeigt. Alles in einem wunderbaren Licht. Endlich erreichen wir diesen Ausgang und fahren in aber- maliger scharfer Biegung in einen breiten, aber überall mit Schlangenkraut überwachsenen Flußarm ein, der uns in weniger als einer Stunde nach der „Eiche“, einem mitten im Spreewald gelegenen und von der Frau Schenker in gutem Ansehen erhaltenen Wirthshause führt. Dasselbe zeigt den echten Spreewaldsstil und unterscheidet sich in nichts von den wendischen Blockhäusern des Dorfes Lehde. Nichtsdestoweniger scheinen statt Sorben oder Wenden eingewanderte Sachsen von Anfang an an dieser Stelle heimisch gewesen zu sein, denn nicht nur daß die fast allzu ger- manisch klingenden „Schenkers“ in dritter Generation schon in diesem Hause haushalten, auch ein alter, mühsam zu entziffernder Spruch über dem Eingange läßt über den deutschen Ursprung der ganzen Anlage keine Zweifel aufkommen. Der Spruch aber lautet: Wir bauen oftmals feste Und sind nur fremde Gäste; Wo wir sollten ewig sein Da bauen wir ja wenig ein. Frau Schenker ist eine freundliche Wirthin und eine stattliche Großmutter; ob deutsch oder wendisch, sie hängt am Spreewald und schreibt der Spree, neben allem sonstigen Guten, auch wirkliche Heil- und Wunderkräfte zu, worüber wir uns in einen scherzhaften Streit mit ihr verwickeln. Inzwischen ist die Tafel gedeckt worden, und wir blicken auf eine reizende Scenerie. Der Tisch mit dem weißen Linnen steht unter einer mächtigen und prächtigen Linde, zwischen uns und dem Fluß aber wölbt sich eine hohe Laube von Pfeifenkraut, vor derem Eingange — wie Puck auf seinem Pilz — Frau Schenker’s jüngste Enkelin auf einem Baumstumpf sitzt und das lachende Gesicht unter dem rothen Kopftuch halb verborgen in Neugier auf die fremden Gäste herüberblickt. Und nun das Mahl selber! Das wäre kein ächtes Spree- walds-Mahl, wenn nicht ein Hecht auf dem Tische stünde. Die Leber ist von einem Hecht und nicht von einem Schleie, Der Fisch will trinken, gebt ihm ’was, daß er vor Durst nicht schreie. Und mit diesem zeitgemäßen Leberreime ging es an die Ent- puppung des Korbes, der bereits während der Fahrt mehr als einen interessirten Blick auf sich gezogen hatte. Das erste Glas galt wie billig der Wirthin, andere folgten, bis zuletzt die Mahl- zeit und die lange Reihe der Toaste mit dem Jubelhymnus abschloß: Die Leber ist von einem Hecht und nicht von einem Störe, Es lebe Lehrer Klingestein, der Cantor der Cantöre. 4. In Käthner Post’s Garten . Es war inzwischen Nachmittag geworden und wir schickten uns zur Weiterfahrt an. Noch viel war zu sehen: Die Dörfer Burg und Leipe, und in der Nähe des ersteren ein Stück Hügel- land, darauf das Schloß des letzten Wendenkönigs gestanden haben soll. Die Kanäle vor und neben uns wurden immer flacher und seichter, endlich saßen wir fest. „Es geht nicht“, murmelte Boot- führer Birkig. „Es muß gehn“, erwiderte der Cantor wie Blücher auf dem Marsche nach Waterloo. Und siehe da, es ging. Aber nicht auf lange, die Richtung war uns verloren ge- gangen, und wir wären mit unserem „frisch Wasser unterm Kiel“ um nichts gebessert gewesen, wenn nicht der Cantor — unser Columbus jetzt — unerschütterlich gegen Westen gezeigt und einer beinah meuternden Mannschaft gegenüber auf seinem Willen be- standen hätte. Zwar war es zunächst ein allerschlimmster Platz, an den wir gelangten, ein Wasser-Kreuzweg von dem aus Kanälchen und kleine Flußarme nach den verschiedensten Seiten hin abzweigten, aber dieser Moment äußerster Noth und Verwirrung bezeichnete doch auch zugleich den Moment unserer Rettung. Just an der Stelle wo zwei Flußarme fast in spitzem Winkel einander be- rührten, stand ein Bauern- oder Käthnerhaus, dessen weißge- tünchtes Fachwerk aus Geisblatt und Fischernetzen freundlich hervorblickte, während sich uns in Front des Hauses, in einem halb ans Ufer gezogenen Kahn, ein streng und doch zugleich auch freundlich aussehender Mann präsentirte, der, von eben diesem Kahn aus, dem Treiben seiner im Flusse badenden und nach allen Seiten hin jubelnd umherplätschernden Kinder zusah. Es waren ihrer sieben, das älteste elf, das jüngste kaum vier Jahr alt, und aus Lachen und Kinder-Unschuld wob sich hier ein Bild, das uns auf Augenblicke glauben machte, wir sähen in eine feenhafte Welt. Und daß wir diese Welt nicht störten, das war ihr höchster Zauber. Ungeängstigt und von keiner Scham überkommen, spielten die Kinder weiter und tauchten unter und prusteten das Wasser in die Höh’ wie junge Delphine. Das älteste Mädchen war eine Schönheit; ihre Augen lachten und das lange, aufgelöste Haar schwamm wie Sonnenschein neben ihr her. Bootführer Birkig recolligirte sich zuerst und rief das uns sowohl wie das Bild auf einen Schlag entzaubernde Wort über das Wasser hin: „ob man uns einen Kaffee kochen wolle?“ Das bereitwilligste „Ja“ klang zurück, und einige Minuten später sprangen wir ans Ufer, hinter dessen Büschen jetzt die Kinder in allen Stadien der Toilette standen und lagen, eines, das jüngste, noch platt im Sande. Der im Kahne stehende Häusler oder Käthner aber, der sich uns bald danach als Käthner Post vor- stellte, war uns um ein paar Schritt entgegengekommen und bat uns, in seine Wohnung einzutreten. Wir zogen indeß einen Platz im Freien vor und machten es uns auf einem von Kirschbäumen beschatteten Rasenplatze bequem. Was an Tisch und Bänken im Hause war, stand bald draußen, und zuletzt erschien auch ein blau- gemustertes Kaffeeservice, das unverkennbar einer besseren Zeit angehörte. Der Käthner entstammte nämlich einer alten Spree- walds-Honoratioren-Familie, daraus selbst Geistliche hervorge- gangen waren, und ein leiser Unmuth über ein gewisses Zurück- gebliebensein hinter diesen historischen Rangverhältnissen, lag auf seinem Gesicht. Er sprach dies auch unumwunden aus und verrieth überhaupt eine Nervosität, wie man ihr bei Leuten seines Standes nur selten begegnet. Ich nahm ihn darauf hin von Anfang an für einen Conventikler und fand es bestätigt, als er eine Weile danach anfrug, ob es uns vielleicht genehm sein würde, seine Kinder ein mehrstimmiges Lied singen zu hören, auf das sie leidlich einge- übt seien? Wir bejahten die Frage natürlich und alsbald klang es mit jener unwiderstehlichen Innigkeit, wie sie nur Kinderstimmen eigen zu sein pflegt, durch die sommerstille Luft: Jesu geh voran Auf der Lebensbahn, Und wir wollen nicht verweilen Dir getreulich nachzueilen. Führ’ uns an der Hand Bis in’s Vaterland. Eine Pause trat ein, und erst als Käthner Post uns gemustert und sich über unsere Theilnahme vergewissert hatte, gab er aufs Neue das Zeichen und sang nun selber mit: Solls uns hart ergehn Laß uns feste stehn, Und auch in den schwersten Tagen Niemals über Lasten klagen, Denn durch Trübsal hier Geht der Weg zu Dir. Rühret eigner Schmerz Irgend unser Herz, Kümmert uns ein fremdes Leiden, O so gieb Geduld zu beiden, Richte unsren Sinn Auf das Ende hin. Ordne unsren Gang, Jesu, lebenslang; Führst Du uns durch rauhe Wege, Gieb uns auch die nöthge Pflege, Thu uns nach dem Lauf Deine Thüre auf. Das Lied hätte die doppelte Zahl von Strophen haben können, wir wären willig gefolgt. Es hatte jeden von uns ergriffen, am meisten den Nestor unseres Kreises, der fast verlegen vor sich niedersah und auf unsere wiederholte Frage nach dem „warum“ endlich antwortete: „Sie sind alle bewegt durch das Lied. Ich bin es doppelt und muß es sein. Daß Ihnen dieses Lied hier begegnet, ist zu bescheidenem Theile mein Verdienst. Es sind jetzt gerade fünf Jahre, daß ich auf einer ähnlichen Reise, wie diese, in eine Dorfschule trat und das schöne Zinzendorf’sche Lied in jener rythmischen Form singen hörte, darin Sie’s eben vernommen haben. In dieser Form wirkte das längst Bekannte wie neu auf mich und riß mich nicht nur fort durch seine Kraft und Innig- keit, sondern veranlaßte mich auch, es nach meiner Rückkehr in einem mir zu Gebote stehenden Fachblatte zu veröffentlichen. Ich weiß, daß es seitdem vielfach Eingang gefunden hat; hier aber trat es mir zum ersten Male wieder lebendig entgegen und bestätigte mir die Lehre: man streue nur gute Körner aus und sorge nicht was aus ihnen wird; irgendwo gehen sie auf, und wenn es im stillsten Winkel des Spreewalds wäre.“ Die Sonne neigte sich und mahnte zum Aufbruch. Noch reizende Partieen kamen, aber der Höhepunkt des Festes lag hinter uns. In Dorf Leipe, das wir auf unserem Rückweg passirten, trafen wir hauptstädtische Gesellschaft, die der wachsende Schön- heitsruf des Spreewaldes herbeigelockt hatte. Wir schlossen uns ihnen an, und Boot an Boot ging es nunmehr wieder auf Lübbenau zu. Wort und Lachen klang herüber und hinüber, und ein kalter Grog, der als die Sonne nieder war, aus Rum und Spreewald-Wasser gebraut wurde, hielt die Kühle des Abends von uns fern. Aber nicht auf lange; Plaid und Paletot forderten endlich ihr Recht und lautlos glitten die beiden Boote nebeneinander her. In die Stille hinein klang nichts mehr als der taktmäßige Ruck der Ruder und das leise Plätschern des Wassers. Es schlug zehn von dem am Abendhimmel aufdunkelnden Thurm, als wir im Schatten der Lynarschen Parkbäume wieder anlegten. Der „braune Hirsch“ nahm uns eine Viertelstunde später in seine gastlichen Betten auf, Bootführer Birkig aber ging seinem Dienste nach, um mit Horn und Spieß für Lübbenau und seine Spree- wald-Gäste zu wachen. Zwischen Spreewald und wendischer Spree. Eine Osterfahrt in das Land Beeskow-Storkow. Arm oder reich, Im Ersten und Letzten ist es gleich, Und wo zwei Hütten zusammenstehn, Gab es Lieb und Haß und — ist ’was geschehn. Z wischen dem Spreewald und der wendischen Spree (der Dahme) liegt das Land Beeskow-Storkow, ein wenig gekannter Winkel, der nichtsdestoweniger seine Schönheit und seine Geschichte hat. Beiden beschloß ich nachzugehen und wählte dazu die Woche vor Ostern, eine Zeit, in deren greller, oft schattenloser Beleuchtung ich die märkische Landschaft noch nicht gesehen hatte. Von den alten Familien dieses ehemalig lausitzischen Landestheiles interessirten mich am meisten die Löschebrands, in Betreff deren ich nur wußte, daß sie seit vielen hundert Jahren um den großen Schermützel-See herum ihre Sitze hatten. Ihr Name schon klang mir prächtig im Ohr und ich sah eigentlich alles was Löschebrand hieß, hoch zu Roß irgend einen Brand mit geweihter Lanze löschend. Jeder ein Ritter Sankt Georg. O das mußte ein himmlischer Tag werden, und ich gab mich dieser Vorstellung um so voller und sicherer hin, als ich, ein paar Notizen abgerechnet, keinen „Wissenskram“ in mir beherbergte, der meine Phantasie hätte zügeln können. Der Abend vorher schon hatte mich nach Fürstenwalde ge- führt, von wo die Fahrt in aller Morgenfrühe beginnen sollte. Diese Morgenfrühe war nun da, der Wagen kam und hielt, und über das holprige Pflaster der ehemaligen Bischofsstadt hin ging Fontane , Wanderungen. IV. 2 es in das „romantische Land“ hinein. In das romantische Land Beeskow-Storkow. 1. Rauen und die Markgrafensteine . Es ging, weil die Spree hier sieben Arme hat, über sieben Brücken, und als die letzte Brücke hinter uns lag, lag auch schon die weite Landschaft vor uns, hell und klar und sonnig, und so trocken, daß der Staub aufwirbelte, wie zur Sommerzeit. Aber ein Blick auf die Bäume zeigte zur Genüge, daß der Sommer noch ausstand, und daß nichts heraus war als ein paar ärmliche Palmsonntagskätzchen. Ich hatte gleich anfangs meinen Platz neben dem Kutscher genommen, der eigentlich kein Kutscher war, sondern ein Fuhrherr, und durch gute Haltung in jedem Augenblicke den Beweis führte, daß er bei den Potsdammer Ulanen gestanden. Er hieß Moll , entsprach durchaus seinem Namen, und gab was auf Bildung, Bücher und Zeitungen. Aber er hatte sich seinen guten Verstand und sein eigenes Urtheil nicht weggelesen und hielt vielmehr um- gekehrt mit einem gewissen Eigensinn an seinen einmal gefaßten Ansichten fest. Selbstverständlich immer unter Wahrung artiger Formen. Er war gesprächig und mittheilsam, aber doch zugleich auch reservirt und lächelte viel. Als wir aus der Flußniederung auf die Höhe gekommen waren, wies ich auf einen Hügelzug, der sich in geringer Ent- fernung vor uns ausdehnte: „Was sind das für Berge?“ „Die Rauenschen?“ „I, die Rauenschen. Wo die Braunkohlen herkommen?“ Er stimmte zu. „Das ist mir lieb, die mal zu sehen, obwohl ich keine brenne; sie stauben zu sehr. Dann ist wohl auch Rauen selbst hier ganz in der Nähe?“ „Versteht sich. Der dicke Thurm da. Das is es.“ „Na, dann vorwärts. Aber in Rauen müssen wir einen Augenblick halten. Ich glaube, da gibt es was.“ Er war einverstanden und zeigte nur dann und wann mit dem Peitschenstock auf das eigenthümliche Treiben an dem uns immer näher kommenden Hügelabhang. Ein einziges Pferd zog eine lange Reihe von Wagen und ließ mich erkennen, daß dort ein aus irgend einem Bergstollen herausführendes Schienengeleise liegen mußte. Von der entgegengesetzten Seite her kamen leere Wagen zurück, und in einem dem Höhenzuge vorgelegenen Sumpf- stücke stand ein Storch und sah sich ernst und nachdenklich um. Es war, als such’ er nach einem Wahr- und Erkennungszeichen und könne nicht einig mit sich werden, ob es auch die rechte Gegend sei. Moll, dem ich meine Bemerkung mittheilte, fand es auch und verbreitete sich dann eingehender über Störche, namentlich aber darüber, daß es doch eigentlich ein merkwürdiger und zugleich auch höchst anspruchsloser Vogel sei, der immer wieder ins Beeskow- Storkowsche komme, während ihm doch die ganze Welt offen stehe. All das sprach er in sehr gebildetem Deutsch, mit einem Dialektanklange, der weder märkisch noch berlinisch war, obwohl er von beiden einen Beisatz hatte. Dies fiel mir natürlich auf und ich sagte: „Sie sprechen so anders, Moll; wo sind Sie eigentlich her?“ „Ich? Ich bin aus Hinterpommern.“ „Ist es möglich?“ „Ja, was will man machen.“ „Und von wo denn?“ „Von Cöslin. Das heißt ein bischen ab, so nach’m Gollen- berg zu.“ „Da sind Sie ja Nachbar von Bismarck.“ „Nei, der liegt mehr rechts weg, so zwischen Rummelsburg und Schlawe. Meine Gegend ist doch noch anders. Und ich sag’ Ihnen, eine propre Gegend.“ „Ich dacht immer, es wäre da nicht viel los.“ „Ja, das haben mir schon Viele gesagt. Aber es is nicht so. Da is mehr los als hier. Denn was haben Sie denn hier? Eine Kussel und dann wieder ’ne Kussel. Und mal ’ne Kräh und wenn’s hochkommt ’ne Bockmühle.“ „Nu gut. Aber was haben Sie denn? Ist es denn besser bei Ihnen? 2* „Nu, besser is es schon, denn schlechter is nich möglich. Und das macht alles der Charakter. Der Charakter is immer die Hauptsache. Sehen Sie, bei uns gibt es lauter orntliche Menschen.“ „Und alle zehn Schritt ’nen Edelmann.“ „Ach, lieber Herr, ein Edelmann is gar nicht so schlimm. Ich bin auch für Freiheit; aber was so’n richtiger Edelmann is, na, viel thut er woll freilich auch nich, aber er thut doch immer was Und der Bauer is auch janz anders bei uns.“ „Ich hab’ immer gefunden, der Bauer ist überall derselbe. Der Bauer ist überall hart.“ „Is schon richtig. Aber doch alles mit’n Unterschied. Un warum is er hier so hart, ich meine so schlimm-hart? Weil er selber nichts hat. Es is ja die reine Hungerleiderei. Sehen Sie sich doch diesen Weg und diese Schonung an. Der reine gelbe Sand. Und wo der reine gelbe Sand is, is auch immer der reine gelbe Neid. Und gönnt keiner dem andern was. Und von was geben oder helfen steht nu schon garnichts drin.“ „Hören Sie, Moll, ich bin zwar selber ein Märker, aber ich glaube wahrhaftig, Sie haben ein bischen Recht.“ „I, freilich hab’ ich Recht. Es is alles pauvre hier und von’s Pauvre-sein is noch nie nich was Gutes gekommen.“ Unter solchen Gesprächen waren wir bis in Rauen selbst hineingefahren. Auch dieses, wie der Hügelabhang draußen, zeigte den Bergwerkscharakter; alle Häuser sahen rußig und schmucklos aus, und nur eine modische Petroleumlampe mit blauem Ständer und weißer Milchglasglocke war überall als einziges Zierstück in die Fenster gestellt. In der Kirche, die für das Fest geputzt und gesäubert wurde, trafen wir einen Ortsangesessenen, an den ich mich alsbald mit der Frage wandte: „was die Rauen’sche Kirche denn wohl habe?“ „Wir haben gar nichts als den alten Grabstein vorm Altar. Alles was in Schnörkelbuchstaben daraufstand, ist weggetreten; aber die Rauener sagen, es wär ein Bischof gewesen. Und ich denke mir, es wird wohl ein Bischof gewesen sein.“ „Ein Bischof? Hören Sie …“ „Ja, warum soll es kein Bischof gewesen sein? Es waren ihrer ja so viele. Welche liegen in Fürstenwalde, welche liegen in Beeskow, und warum soll nicht wenigstens einer in Rauen liegen? Er kann ja ’ne Vorliebe für Rauen gehabt haben.“ „Glauben Sie?“ Diese letzten Worte waren schon vor dem vorerwähnten Altar gesprochen worden, und wir schoben jetzt eine längliche Strohdecke fort, unter der der angebliche Bischofsstein gelegen war. Er war wirklich ganz abgetreten, bis auf eine einzige den Schriftzügen oder Buchstaben nach aus der Wende des 15. und 16. Jahr- hunderts herstammende Zeile, die durch einen schmalen, nur etwa zwei Zoll breiten Vorsprung der Altarstufe geschützt und gerettet worden war. Diese Zeile lautete: „v. Wulffen, Tempelb ....“ Es war also ein Tempelberger Wulffen, der hier begraben lag und kein Bischof dieses Namens. Wie denn solcher überhaupt nicht existirt hat, was sich aus dem vollständigen, uns von Wohl- brück in seinem Geschichtswerke gegebenen Verzeichnisse der Lebuser Bischöfe mit Sicherheit ersehen läßt. Aus dem Dorfe Rauen fuhren wir abermals in eine Schonung ein, zwischen deren Krüppelkiefern eine Fahrstraße sich ängstlich hin und her schlängelte, fast als ob jeder einzelne Baum zu schonen gewesen wäre. Wo so wenig ist, ist auch eine Kiefer etwas. Endlich aber passirten wir eine halb offne Stelle, die durch mehrere hier sich kreuzende Waldwege gebildet wurde. „Das ist er,“ sagte Moll, und hielt sein Fuhrwerk an. „Wer?“ „Der große Stein.“ „Der Markgrafenstein?“ Er nickte blos und überließ mich meinem Staunen, das weniger an den rechten Flügel der Bewunderung als an den linken der Enttäuschung grenzte. Wirklich, ich war enttäuscht und würde wenn es Moll vorgezogen hätte schlechtweg daran vorüber zu fahren, im günstigsten Falle gedacht haben: „ei, ein großer Stein.“ Und das sollte nun einer der berühmten Markgrafen- steine sein, eines der sieben märkischen Weltwunder! Ich hatte mir diese Steine halb memnonssäulenartig oder doch wenigstens als ein paar von der Natur gebildete Riesen-Obelisken gedacht und sah nun etwas Zusammengekauertes daliegen, das genau den Eindruck eines todten Elephauten auf mich machte. Nun sind Elephanten ja unzweifelhaft große Thiere, wenn ihnen aber obliegt, als Berg- und Felstrümmer landschaftlich zu functioniren, so kommt die Landschaft und kommen sie selber zu kurz. „Ist er es denn wirklich?“ bracht’ ich endlich heraus. „Es ist wohl blos der kleine; es sollen ja zwei sein.“ „Ja zwei sind es, und der andre war auch größer. Aber den haben sie ja zersprengt, und was nu noch davon da is, das is nich viel, un is blos Scheibenständer und Kugelfang, wenn die Rauener ihr Freischießen haben.“ „Aber im Granit kann sich doch keine Kugel fangen.“ „Is schon richtig. Aber das ist ja gerade das Gute. Sehen Sie, so’n richtiger Kugelfang is eigentlich gar kein Kugelfang. Das heißt, er is es zu sehr.“ „Wie denn?“ „Ja, wie soll ich es sagen? Es is damit wie mit dem Schiffsjungen, dem der silberne Theekessel ins Meer gefallen war, und der dann ängstlich und pfiffig fragte: „Is das verloren, wovon man weiß, wo’s is?“ Und so kann man auch beim richtigen Kugelfang fragen. In’n Sand stecken sie drin, und jeder weiß ganz genau, wo sie sind. Aber weg sind sie doch. Und nun sehen Sie sich die klugen Rauener an! An den Granit schlägt die Kugel und klatsch, da liegt sie. Und wenn sie mit Schießen fertig sind, suchen sie die platten Kugeln wieder auf. Und liegen alle da wie die Pflaumenkerne.“ „Hören Sie, Moll, das gefällt mir. Können wir diesen Kugelfang nicht sehen? Ich meine den Stein.“ „O gewiß. Er liegt ja hier gleich nebenan. Und ich brauch’ auch nicht abzusträngen. In den Sand hier stehen die Pferde wie’ne Mauer.“ Diese prusteten und rieben sich vergnügt und wie zum Zeichen des Einverständnisses die Köpfe, Moll und ich aber gingen nach rechts in das Gehölz hinein, wo wir alsbald auch den andern Stein fanden, der mal der größere gewesen war. In seiner Front erkannt’ ich leicht die beiden Erdwandungen einer mehr als hundert Schritt langen Schieß-Allee, während sich am Stein selber unzählige Kugelspuren zeigten. „Und dies ist also der große Stein. War er viel größer als der andre?“ „Nein, ich hab’ ihn zwar nicht mehr gesehn, aber die Leute sagen es ja.“ „Was?“ „Nu, daß er nich viel größer war .. Und so um die 20er Jahre rum wurd’ er in drei Stücke gesprengt, gerad so wie Sie ’ne Birn’ in drei Stücke schneiden: links ’ne Backe un rechts ’ne Backe, und in der Mitte das Mittelstück. Un aus ’s Mittelstück haben sie ja nu die große Schale gemacht, die jetzt auf’n Berliner Lustgarten steht, und die linke Backe, das is das Stück, das wir hier sehen, un die rechte Backe, die werd’ ich Ihnen nachher zeigen.“ „Ist es nöthig, sie zu sehen?“ „Ja, die müssen Sie sehen. Ich zeig Ihnen alles, wie sich’s gehört. Und es heißt auch die „Schöne Aussicht“.“ Alsbald saßen wir wieder in unsrem Wagen und fuhren jetzt im Zickzack auf eine sandige Höhe hinauf. An höchster Stelle hielten die Pferde wie von selbst und Moll sagte: „Hier ist es. Dies ist die „Schöne Aussicht“.“ „Und die Backe?“ „Die liegt hier .“ Und dabei wies er auf ein sonderbares Granitmobiliar, das mich, auf den ersten Blick wenigstens, an Stonehenge erinnerte, jenen alten Druidenplatz in der Nähe von Salisbury, den man in Kunstatlassen und illustrirten Architektur- geschichten abgebildet findet. Im Quadrat standen vier Steinbänke, dazwischen präsentirte sich ein großer, runder Steintisch, alles aus dem Granitstück gefertigt, das man von dem Stein unten abge- sprengt hatte. Der Wagenplatz, auf dem ich saß, war höher als das Stein- mobiliar und gönnte mir einen freieren Umblick. Alles in der Welt aber hat sein Gesetz, und wer auf der „Schönen Aussicht“ ist, hat nun mal die Pflicht sich auf den Steintisch zu stellen, um von ihm aus und nur von ihm aus die Landschaft zu mustern. Und so that ich denn wie mir geboten und genoß auch von diesem niedrigeren Standpunkt aus, eines immer noch entzückenden Rund- blicks, ein weitgespanntes Panorama. Die Dürftigkeiten verschwanden, alles Hübsche drängte sich zusammen und nach Westen hin traten die Thürme Berlins aus einem Nebelschleier hervor. Aber mehr als die Fernsicht interessirte mich, was in ver- hältnißmäßiger Nähe gelegen war und ich rief Moll, auf daß er mir die Namen der bunt umhergestreuten Ortschaften nenne. „Da der Thurm hier hinter dem Rauenschen,“ hob er cicerone- haft an, „is der von Markgraf-Piesk, und der hier unten über die Pieskesche Haide weg, das ist der von Schermeusel-Piesk.“ „Ich glaube, Sie spaßen.“ „I, wie werd’ ich denn! Es gibt hier lauter solche Namen, un is einem orntlich ein bischen genirlich.“ „Und hier links der Thurm zwischen den zwei Pappeln?“ „Das is Pfaffendorf; na das geht noch. Aber das andere, gleich dicht daneben, das is Sauen, und hier rechts weg is ’ne Colonie von des alten Fritzen Zeiten her und heißt Schweinebraten!“ „Aber Moll, ist es denn möglich?“ „Ach Gott, hier is alles möglich. Und warum heißt es so? Weil sie keinen haben. Und wollen sich wenigstens einen vorstellen oder dran erinnern.“ „Aber warum sich erinnern an das , was man nicht haben kann. Ich finde, das ist gegen die Lebensweisheit. Freilich jeder hat so seine eigne. Und nun sagen Sie mir, das große Wasser hier vor uns, was ist das ?“ „Das ist der Schermützel.“ „Ah, das ist schön. Und das daneben, das sind wohl die Güter, die die Löschebrands hier hatten?“ Er bejahte. „Nun sehen Sie, da müssen wir hin. Ich denke mir, daß ich da vielerlei finden werde: Gräber und Türkenglocken, und Denkmäler und Inschriften. Und vielleicht auch einen Pfeiler mit ein paar eingemauerten Nonnen, oder ’ne Sacristei mit ’nem vergrabenen Schatz.“ Er lachte. „Nei, so viel finden Sie nich. Un ’nen ver- grabenen Schatz erst recht nich. O, du meine Güte …“ „Nun, wir wollen sehen, Moll.“ Und damit fuhren wir weiter auf den Schermützel zu. 2. Am Schermützel . Nur von dem höchsten Punkte der „Schönen Aussicht“ aus hatten wir den See vor Augen gehabt, als wir nun aber, am Hügelabhange hin, ihm direkt zufuhren, verschwand er wieder und überließ mich auf eine halbe Stunde nicht nur dem mahlenden Sande, sondern auch allerhand philosophischen Betrachtungen, in denen Moll so stark war. Er sprach unter anderm eingehend über das Glücksrad und den Wechsel aller Dinge, wovon auch der Schermützel, übrigens zu seinem und der Anwohner Vortheil, ein Lied zu singen wisse. Jetzt bring er zum Beispiel 2000 Thaler Pacht und werd’ es bald noch höher bringen, um die Zeit aber, als die Franzosen im Lande gewesen seien, sei der ganze See, der damals dem Fiskus gehört, um die Summe von 2000 Thaler an einen Meistbietenden verkauft worden. Und noch dazu wie ? Der Meistbietende sei nämlich ein Herr von Löschebrand auf Saarow gewesen (nicht der alte Rittmeister, der jetzt auf dem Reichenwalder Kirchhof liege, sondern sein Vater oder Großvater), ein pfiffiger alter Junker, der sich denn auch einen richtigen Junker-Spaß gemacht und die ganzen 2000 Thaler in lauter ihm selber aufgezwungenen Bons und Lieferungsscheinen ausgezahlt habe. Natürlich seien die Scheine von dem Beamten untersucht und nachgezählt worden, und als sich bei der Gelegen- heit ergeben, daß es nur 1998 Thaler seien, habe der alte Saarowsche mit einem Gesicht, als ob es ihm nicht drauf an- komme, noch zwei blanke Thaler zugelegt und dabei herzlich ge- lacht. Und so sei denn der ganze See damals für zwei Thaler oder den tausendsten Theil von dem was er jetzt Pacht bringe, verkauft worden. Unter solchem Geplauder waren wir, immer noch am Hügel- abhange, bis an ein halb pavillon- halb tempelartiges und zu- gleich völlig einsames Gebäude gekommen, das zwischen Kiefern und Laubholz hindurch auf den hier plötzlich wieder sichtbar wer- denden See sah. Ich erfuhr, daß ein Herr von Bonseri dies Mausoleum (denn ein solches war es) errichtet habe, war aber unaufmerksam auf alles Weitre, weil die Schönheit des Scher- mützel und seiner Dörfer mich ausschließlich zu fesseln begann. Das nach rechts hin gelegene mußte Saarow sein. Ich er- kannte deutlich das hohe rothe Herrenhaus-Dach, das über die Wirthschaftsgebäude wegragte, während ihm gegenüber, alles Pappel- gestrüpps unerachtet, der kleine Pieskower Kirchthurm immer deutlicher hervortrat. Beide Dörfer lockten mich, das eine wie das andere, da das Fuhrwerk aber geschont werden mußte, so berieth ich mit Moll und proponirte, daß er mit den Pferden unmittelbar auf das an unsrer eigentlichen Reise-Linie gelegene Pieskow fahren solle, während ich meinerseits erst nach Saarow marschiren und von dort aus in einem kleinen „Seelenverkäufer“ über den See herüberkommen wolle. Das fand denn auch seine Zustimmung, wie jede den Weg kürzende Proposition, und während er sofort auf einem Schlängelwege bergab und auf die linke Schermützel- Seite zufuhr, hielt ich mich rechts, um auf einem am See hin- laufenden Wiesenpfade bis an den Fahrdamm und demnächst auf die große Saarower Dorfstraße zu kommen. Es war ein wundervoller Weg; über dem blauen Wasser wölbte sich der blauere Himmel und zwischen den spärlichen Binsen, die das Ufer hier einfaßten, hing ein eben so spärlicher Schaum, der in dem scharfen Ostwinde beständig hin und her zitterte. Holz und Borkestücke lagen über den Weg hin zerstreut, andre dagegen tanzten noch auf dem flimmernden See, der im Uebrigen, all diesem Flimmern und Schimmern zum Trotz, einen tiefen Ernst und nur Einsamkeit und Stille zeigte. Nirgends ein Fischer- boot, das Netze zog oder Reusen steckte, ja kaum ein Vogel, der über die Fläche hinflog. Oft hielt ich an, um zu horchen, aber die Stille blieb und ich hörte nichts als den Windzug in den Binsen und das leise Klatschen der Wellen. Und endlich auch die Schläge, die vom Pieskower Thurm her zu mir herüber klangen. Ich zählte zwölf, es war also Mittag, und ehe der letzte noch ausgesummt hatte, war ich auch schon bis an die Stelle heran, wo mein Fußweg in die vorerwähnte Saa- rower Dorfgasse mündete. Dicht am Eingange saß ein Mütterchen auf einem Strauch- und Reisigbündel, das sie sich aus der Heide geholt, und grüßte mich. Alte Weiber sollen kein Glück bringen, aber wenn sie freundlich sind und einem einen Guten-Tag bieten, so hat es mit der ganzen Jägerweisheit nicht viel auf sich. Und so blieb ich denn auch stehen und sagte: „Na Mutterchen, is wohl ein bischen schwer? Und die Sonne sticht heut so. Sie müssen die Kinder in den Wald schicken. Oder haben Sie keine?“ „Woll, Kinner hebb ick, un Enkelkinner ook. Awers se wulln joa nich. Un se künn’ ook nich. Se möten joa all in de School.“ „Ja, ja. Alles muß in die Schule. Haben Sie denn auch ’ne Kirche in Saarow?“ „Nei. Wi möten nach Reichenwald.“ „Richtig. Ich erinnre mich. Das ist da, wo sie den alten Rittmeister begraben haben. Haben Sie den noch gekannt?“ „O wat wihr ick nich? He wihr joa so in mine Joahr. Woll hebb ick em kennt.“ „Und wie war er denn?“ „Na, he wihr joa so wiet janz goot. Bloot man en beeten schnaaksch un wunnerlich, un ok woll en beeten to sihr för de Fruenslüd. Awers nu is he joa dod.“ „Und hat wohl ein Denkmal? Ich meine so was von Stein oder Eisen. Eine Figur oder einen Engel mit ’nem Spruch oder Gesangbuchvers.“ „Ne. För so wat wihr he nich.“ „Und is sonst noch was in Saarow zu sehn?“ „Ick glöw nich. Veel is hier nich in Saarow. En nijen Koh-Stall …“ „Aber drüben in Pieskow?“ „Joa in Pieskow. O woll, versteiht sich. In Pieskow da möt wat sinn.“ „Na, dann werd’ ich mal sehn. Ich dank’ auch schön, Mutterchen.“ Und damit ging ich weiter in das Dorf hinein. Wirklich in Saarow war nicht viel, und als ich mich genug- sam davon überzeugt hatte, hielt ich mich auf den See zu, wo nach meiner Meinung eine Fähre sein mußte. Nach einigem Suchen sah ich ein angeketteltes Boot liegen, und dicht daneben ein Häuschen, an das drei, vier Ruder angelehnt waren. Also hier war es muthmaßlich. Ich trat denn auch ein und fand eine Frau, die sich, auf eine Stuhllehne gestützt, von hinten her über ihren etwa zwölfjährigen Jungen bog und ein Exempel mit ihm rechnete, das diesem blutsauer zu werden schien. Als ich ihr mein Anliegen vorgetragen hatte, sagte sie kurz aber nicht unfreundlich, „sie habe nur den Jungen zu Haus, ob ich mit dem fahren wolle?“ „Gewiß.“ Und so stieg ich denn ins Boot und setzte mich so, daß ich dem Jungen, der rückwärts saß, grad’ in die Augen sah. Als wir schon abstießen, kam auch noch seine jüngere Schwester, nahm rasch ein zweites Ruder und setzte sich neben ihn. Ich sah bald, daß der Junge seiner Sache vollkommen sicher war und den Schermützel ohne sonderliche Mühe bezwingen würde, trotzdem uns der Wind entgegenwehte. Dieser, anstatt stärker zu werden, wurde schwächer, aber je mehr er sich legte, desto blendender wurde die Sonne, so daß ich im Sonnenlicht, das überall hinflimmerte, bald nichts weiter sah, als das Eingreifen der Ruder und die klugen und energischen Köpfe der beiden Kinder. Es entging ihnen auch nicht, daß sie mir gefielen, aber ich sagte nichts, und wir waren schon bis über die Mitte des See’s, als ich endlich fragte: „Wie tief ist denn eigentlich Euer See?“ „Na, wie uns’ Huus.“ „O, mihr, mihr,“ flüsterte die Schwester. „Und könnt’ ihr denn auch schwimmen? Oder Du wenigstens?“ „Nei.“ „Ja, da kannst Du ja mal ertrinken.“ „O, ick wihr doch nich.“ „Nu nimm mal an, wenn euer Boot umkippt.“ „Uns’ Boot kippt nich.“ Und dabei sahen sie sich an und kicherten und ruderten weiter. Eine Weile verging so, während der Junge nachzusinnen schien, was nun er wohl zur Unterhaltung beisteuern könne. Dann sah er mit eins in die Höh’ und sagte: „Dat ’s ’ne Möw’.“ „Freilich. Ich kenne Möven. Aber woher kennst Du sie? Sie sind ja nur selten hier.“ „Wi hebben een.“ „Lebendig.“ „Ne, utstoppt. Und wi hebben ook en Reiger, un is ook ut- stoppt un hatt ’ne Schlang in’t Muul.“ „Aber Vögel ausstopfen ist nicht leicht. Wer macht denn das hier?“ „Mien’ Vader sien Vader. De künn’ all so wat.“ „Ist er todt?“ Er nickte. Da wir aber bereits in der Nähe des dichten Schilf-Ufers waren, an dem er den Einfahrtspunkt nicht verfehlen durfte, so schwieg er jetzt, und sah bei jedem Ruderschlage nach rückwärts. Und nun war er heran, gab dem Boote geschickt eine Wendung und glitt zwischen dem knisternden Schilf hin auf die Pieskower Landungsstelle zu. Das Ufer war nicht hoch und erkletterte sich leicht. Als ich oben war, grüßt’ ich noch einmal zurück und schlenderte dann zwischen zwei Heckzäunen hin auf einen Grasplatz zu, der allem Anscheine nach die Mitte des Dorfes bildete. Häuser und Ge- höfte faßten ihn ein, unter denen ich gerade der Kirche gegenüber auch ein preußisches Schulhaus in seiner eigenthümlichen Mischung von Backstein-Sauberkeit und Stil-Jammer erkannte. Die Nach- mittagssonne stand prall auf die Scheiben und sah stechend und inspektionsmäßig in die langweilig leeren Räume hinein. Es kam niemand als ich klopfte. „Wohnt hier der Lehrer?“ fragt’ ich endlich eine vorübergehende Frau. „Geihen’s man in’n Goarden.“ Und richtig, da stand er in Front eines Bienenschobers und grub ein von ein paar kleinen Kirschbäumen eingefaßtes Stück Land um. Ich fand einen freundlichen Mann, der auch gleich bereit war, mir das zu zeigen, um was sich’s einzig und allein für mich handeln konnte: die Kirche. Diese war keine von den alt-ehr- würdigen aus Feldstein, die stets einen Reiz und eine Schönheit haben, sondern ein Neubau, den man hier unter Benutzung der alten Fundamente vor länger oder kürzer errichtet hatte. Von rechts her lehnte sich ein Thurm an, eigentlich nur ein Thürmchen von der Art, wie man ihnen auf Weinbergen und Wirthschafts- höfen als Eingang in Sprit- oder Eiskeller begegnet. Es war also mit nur geringen Erwartungen, daß ich die Kirche betrat. Aber freilich auch dies Wenige sollte kaum erfüllt werden. An der einen Wand hingen ein paar Todtenkronen und Immortellenkränze, während über dem Altar ein Abendmahlsbild paradirte, darauf Judas um kein Haar breit schlimmer aussah als die zwölf andern, Christus mit eingerechnet. Ich übersah rasch, daß hier wenig zu machen sei, wollt’ aber das Meine ge- than haben und sagte: „Sie wissen doch, daß es früher eine Löschebrandsche Kirche war und daß viele Löschebrands hier be- graben wurden?“ „Ich habe davon gehört, unser alter Emeritus …“ „Und da wundert es mich, hier nichts als kahle Wände zu finden. Einer aus der Familie war mit Feldmarschall Illo ver- schwägert, ein andrer fiel bei Fehrbellin, und ein dritter soll sich gegen die Türken ausgezeichnet und dem Kuprili die große Pro- phetenfahne mit eigner Hand entrissen haben. Ich nenne nur diese drei. Nach meinen Erfahrungen nun auf diesem Gebiete geht man in unsren märkischen Familien über solche Dinge nicht gleichgültig fort, und wenn auch selbstverständlich die großen Ge- schichtsbücher nicht Zeit und Platz haben, ein Aufhebens davon zu machen, so thuen es doch die Kirchen und Krypten überall da, wo solche Schwertmagen und Kriegsgurgeln zu Hause waren. Und da gibt es denn immer allerlei Fahnenfetzen und zerbröckelte Feld- marschallsstäbe, Kettenkugeln und Stulpstiefel, und unter Um- ständen auch wohl rostige Degen, mit denen ein Bruder den andern über den Haufen gestochen. Ist denn garnicht so was hier? Es ist doch eigentlich g ê nable für eine berühmte alte Fa- milie, wenn all dergleichen bei Todten und Lebendigen fehlt. Es darf nicht fehlen. Es muß dergleichen geben.“ „Und es hat auch dergleichen gegeben. Hier in dieser Kirche. Wenn ich sage „dergleichen“, so mein’ ich nicht Degen mit Bruder- mord, denn ich will mir nichts an den Hals reden. Aber Grab- steine mit Inschriften und Engelsköpfen, und einen kupfernen Sarg mit einem Kuckfenster oben, all das und manch andres noch war da. Darüber ist kein Zweifel. „Und Sie haben das alles selber noch gesehn?“ „O, nein. Es war das alles lange vor meiner Zeit, und das Wenige, was ich davon weiß, weiß ich von unserm alten Emeritus und von der Mutter Rentschen, die noch die frühere Steinkirche gekannt hat und mal mit unten in der Gruft war, als sie die Särge schoben und zusammenrückten, um Platz für den letzten zu schaffen. Denn die Pieskowschen gingen eher ein als die Saarowschen. Und der mit dem Kuckfenster habe ganz bös ausgesehn und den Kopf geschüttelt, als ob er’s nicht leiden wolle. Denn er sei schon bei Lebzeiten immer sehr stolz gewesen und habe sich nicht gerne bei Seite schieben lassen. Es ist natürlich alles Dummheit und ungebildet, aber die Leute machen sich nun mal solche Geschichten.“ „Und thuen auch Recht daran. Es liegt doch immer was drin. Und ist denn die Gruft nicht mehr da? Den mit dem Kuckfenster säh’ ich gerne.“ „Nein, die Gruft ist nicht mehr da, sie haben sie zugeschüttet. Aber hier rechts neben dem Altar, wenn Sie mit Ihrem Stock aufklopfen wollen, da können Sie’s noch deutlich hören. Es klingt alles hohl.“ Ich ließ auf diese Weisung hin meinen Stock auch wirklich fallen, und als ich mich überzeugt hatte, daß er Recht habe, dankt ich ihm und verließ die Kirche mit dem Hoch- und Vollgefühle, die Löschebrandsche Gruftstelle nicht blos hypothetisch ermuthmaßt, sondern sie mit Hülfe des „hohlen Klanges“ über jeden Zweifel hinaus historisch festgestellt zu haben. Es war nun Zeit, mich nach unsrem Wagen umzusehn, und ich hatt’ auch nicht lange danach zu suchen. Er hielt drüben an der andern Seite des Kirchplatzes, vor einem sehr niedrigen Hause, von dessen Dache sich das Moos mit der Hand wegfegen ließ. Es war ganz ersichtlich der Krug, auch ein Schild schimmerte herüber, aber die Pferde waren nicht ausgespannt und fraßen ein- fach aus einer Stehkrippe. Neben der Thür bemerkt’ ich Moll, und als er mich kommen sah, kam er mir entgegen und lüpfte melancholisch den Hut. „Ich dachte, Sie wollten ausspannen, Moll.“ „Ich wollt’ auch. Man blos es ging nicht. Is das eine Gegend! In Saarow is nichts, das kenn’ ich, und hier in Pies- kow is garnichts.“ „Aber die Leute werden hier doch einen Stall haben?“ „Is schon richtig. Aber keinen Pferdestall. Alles, was sie haben, is ’ne Zieg’ un wenn’s hoch kommt ’ne Kuh. Und wer ein paar Pferde hat, na, der hat auch ein bischen Acker, und krügert nich und hat nich Lust zu dienern und zu katzenbuckeln und einem groben Knecht einen doppelten Bittern einzuschenken.“ „Ich versteh. Aber wissen Sie, mich friert hier trotz aller Sonne. Kommen Sie, Moll, wir wollen es drin versuchen. Es wird doch wohl warm sein.“ Und so traten wir in die Krugstube. Drinnen war es auch wirklich warm. Aber außer der dicken Luft rührte sich nichts, trotzdem sich drei Menschen in der Stube befanden. Auf einer Ofenbank, die Füße weit vorgestreckt, saß eine Frau von vierzig oder mehr und hatte beide Hände hoch unter ihre Schürze gelegt, als verberge sie was. Es war aber nur Angewohnheit. Ihr zur Seite räckelte sich ihre vierzehnjährige Tochter, ein hübsches, schlank aufgeschossenes Ding, und beschäftigte sich damit, einen blauen Wollfaden um ihren Zeigefinger herum und dann wieder abzuwickeln. Am erfreulichsten war das jüngste Mitglied der Familie, das auf einer Hutsche ritt und einem höl- zernen Pferde das wenige von Haaren auszog, womit des Bild- ners Hand es an Hals und Hintertheil ausgestattet hatte. Mein „Guten-Tag“ war nicht unfreundlich aber doch gleich- gültig beantwortet worden, und es schien in der That nicht als ob wir weiter kommen sollten. Endlich faßt’ ich mir ein Herz und sagte: „Die Sonne will auch gar kein Ende nehmen. Ich glaube Regen wäre gut.“ „J, Sünn is ook goot.“ „Oh gewiß. Aber alles zu seiner Zeit. Wir haben die Sonne nun schon vier Wochen, und nichts kommt ’raus und eigentlich müßte doch alles schon in Blüthe stehn.“ „Joa. Man blot in Pieskow nich.“ „Aber das klingt ja, liebe Frau, wie wenn hier überhaupt nichts blühte.“ „Na, binoah is et ook so.“ Moll mischte sich hier in’s Gespräch und entwickelte seine Lieblings-Ideen über den Segen des Kapitals und den Unsegen der Kapitalisten. Geld sei gut, das sei keine Frage, ja Geld sei sogar sehr gut. Ohne Geld ging’ es eben nicht. Aber die reichen Leute, die blos reich wären und kein Herz und kein Gewissen hätten und blos immer reicher werden wollten, die verdürben alles und plünderten alles, und eh nicht ein richtiger Edelmann hier wieder in’s Pieskow’sche käm’ …“ „J wo,“ unterbrach ihn die Frau heftig und zog ihre Hände von der Schürze weg. „J wo. Wat salln wi mit’n Edelmann? Wat is Edelmann! In olle Tiden, na doa gung dat un doa wihr dat nicht anners. Awers nu? Du mien Jott, de hebben joa alleen nix. Un wenn se wat hebben, na denn hebben se wat, und denn sinn se groad so, as de annern sinn, de wat hebben.“ Moll wollte repliciren. Aber sie ließ ihn nicht dazu kommen und sagte: „Nei, nei, loaten’s man, wi weeten dat; t’is all dumm Tüg; un man blot Geld hebben, is nich dumm Tüg. Un wenn wi so wat Adligs herkreegen, wat ook man ümmer upp Mosess’n passen deiht, na dat helpt uns nich. De schinn uns blot. Glöwens man, ick weet dat .. Een von mine Schwistern is dröwen …“ „In Saarow?“ „J wo. Dröwen in Amirika. Doa verstoahn se’t. Un worümm? Wiehl se wat hebben. Un wo se wat hebben, doa künn se ook wat. Und ick woll, ick wihr ook all doa. Joa, min Seel. Un et kümmt ook noch so. Man blot, dat man ihrst röwer wihr. Nei, nei, mit Pieskow is nich veel.“ Und dabei steckte sie die Hände wieder unter die Schürze. 3. Groß-Rietz . Eine halbe Stunde später verabschiedeten wir uns und fuhren aus dem unwirthlichen Pieskow, in dem nicht mal mehr ein Grab- Fontane , Wanderungen. IV. 3 stein von besseren Zeiten redete ( wenn es bessere Zeiten waren) in die sandig hügelige Feldmark hinaus. „Hören Sie, Moll,“ hob ich an, „das war ’ne forsche Frau.“ „Woll, forsch war sie. Man blos zu sehr, un eigentlich wüthig; un nahm ja gar keine Raison an.“ „Ja hören Sie, das sagen Sie wohl; Sie sind ein behäbiger Mann. Aber solch armes Volk, das jeden Tag seine Noth fühlt, das wird eben wüthend und mucksch und starrt vor sich hin. Uebrigens lassen wir’s, und sagen Sie mir lieber, was ist das mit dem alten Emeritus? Der Pieskowsche Lehrer konnte ja gar nicht von ihm los. Ist er denn noch bei Wege?“ „Freilich. Und wir kommen sogar an dem kleinen Hause vorbei, das er sich aus Feldstein hat aufmauern lassen. Und hat selber mitgeholfen. Und wenn ich es so liegen seh’ in Kapper- folium und Epheu, muß ich immer an Robinson und Freitag denken.“ „Und da wohnt er? Und ist schon sehr alt?“ „Sehr alt und weiß alles. Er hat noch den Kaiser Napoleon gesehn, als er aus Rußland kam, und als Studente war er mit in Griechenland und ist auch mal mit in die Luft geflogen. Aber sie haben ihn wieder ’rausgefischt. Und ich hab’ ihn öfter sagen hören: Ein jeder hat so sein Schicksal, und wer Pastor in Pies- kow werden soll, an den kann kein Türke ’ran. Und Feuer und Wasser auch nich.“ „Ei, das muß ja ein reizender alter Herr sein, und wohl sehr aufgeklärt und freisinnig. Oder vielleicht auch ein bischen zu sehr. Ist es so was? He?“ Moll lächelte vor sich hin und schien ausdrücken zu wollen: auf eine so feine Frage laß ich mich nicht ein. Eine kleine Weile danach erreichten wir einen Wald, über dessen schmalen Fahrweg von rechts und links her eine Menge Wurzelwerk gewachsen war. Das gab nun ein entsetzliches Ge- holper und Gestolper, und ich flog hin und her, aber ich freute mich doch, aus Wind und Sonne heraus zu sein. Es waren hochstämmige Kiefern und Tannen gewesen, womit der Wald begonnen hatte; bald aber kam Laubholz und inmitten desselben eine moorige Lichtung, auf deren höher gelegenen Stellen allerlei vertrocknete Büsche von Besen- und Haidekraut standen. Auch Elsen- und Birkenholz lag hier in Klaftern am Wege hin, und auf einer dieser Klaftern, die schon bis auf wenige Kloben abgefahren war, saß ein alter Herr mit Käpsel und Staarbrille, neben sich ein Kind, eine zehnjährige Kleine, während ein großer Bastard-Neufundländer, dem die Schäferspitzkreuzung noch ein Erhebliches an Intelligenz und Entschlossenheit zugelegt hatte, zu Füßen beider sich ausstreckte. Die Kleine war reizend und schien dem Alten etwas zuzuflüstern. Als wir vorüber waren, sagte Moll mit halblauter Stimme: „Das war er.“ „Wer?“ „Nu, der Emeritus. Er geht hier öfter …“ Aber eh’ er noch aussprechen konnte, war ich schon vom Sitz herunter und lief die paar Schritt zurück, um dem Unbekannten und doch bereits so Bekannten unter Entschuldigungen über meine Zudringlichkeit einen Platz auf dem Wagen anzubieten, immer vorausgesetzt, daß er denselben Weg mit mir habe. „Danke,“ sagte der Alte. „Das Aufsteigen ist mir zu schwer und zu gefährlich; ich sehe schlecht, und die scharfe Brille hilft auch nicht viel. Aber die Beine sind noch in Ordnung. Ist es Ihnen recht, so gehen wir ein Stück zusammen und plaudern ein bischen. Ich plaudere gern. Irme steigt auf den Bock, das Kind kennt nichts Lieberes, und wir marschiren auf dem Fahrdamm hinterher.“ Er schien meine Zustimmung als selbstverständlich voraus- zusetzen, erhob sich also und nahm meinen Arm, und als gleich danach auch Irme zu dem artig bei Seite rückenden Moll hinauf- geklettert war, setzte sich unser Zug in eine langsame Bewegung. Eine Fühlung zwischen dem Emeritus und mir war rasch ge- wonnen, und so nannt’ ich ihm meinen Namen und den Zweck meiner Fahrt. „Ah, das freut mich, daß jemand in unsere wenig gekannte Gegend kommt. Es ist ein eigen Land, ich kenn es und lieb es, und möcht’ es für die Tage, die mir noch beschieden, mit keinem andern vertauschen; aber es ist arm und unfruchtbar in jedem 3* Betracht und ich fürchte fast, daß es auch an Historischem Ihnen nicht viel herausgeben wird.“ „Es ist leider, wie Sie sagen. Ich war ein paar Stunden in Pieskow und dachte da wenigstens von den Löschebrands allerlei zu hören. Aber die Gruft ist zugeschüttet und die Grabsteine sind fort. Und es muß doch seinerzeit eine berühmte Familie ge- wesen sein.“ „Gewiß, gewiß, und ich habe sie selber noch in guten Um- ständen gekannt, wenigstens unsre Pieskowsche Linie, trotzdem es schon auf die Neige ging. Und das alles seit Anno 93.“ „Ei, das klingt ja gerad’ als ob wir in Frankreich wären. In Frankreich, wie Sie wissen, datirt alles von Quatre-vingt-treize. Steht es damit in irgend einem Zusammenhange?“ Nicht in dem geringsten. Es handelt sich bei diesem Anno 93 um nichts mehr und nichts weniger als um die Pieskowsche Glocke, von der eine alte Prophezeihung sagte: „so lange die klingt, so lange dauert der Löschebrandten Glück.“ Und die Prophezeihung hielt auch Wort, und die Löschebrands waren nicht blos die Herren hier um den Schermützel herum, sie waren auch große Herren überhaupt und galten bei Hof und waren versippt und verschwägert mit allem, was reich und vornehm im Lande war. Ihr Liebstes aber war der „Dienst“, und weil es immer schöne, stattliche Leute waren, so waren ihnen auch die schönsten und stattlichsten Regi- menter immer nur gerade gut genug, und alles, was als Lösche- brand in der Sarrow-Pieskowschen Taufliste stand, stand zwanzig Jahre später in der Rangliste der Garde du Corps und Gens- darmes. Es waren ächte Junkers, eigensinnig und hochmüthig, und ließen die Leute reden, und trotzdem sie nach Sitte jener Zeit über ihre Mittel hinaus lebten und eine wunderliche Wirth- schaft führten, erhielten sie sich doch in einem guten und zuletzt wenigstens in einem leidlichen Vermögens-Zustande, weil sich in alten Familien immer wieder was zusammenerbt.“ „Aber freilich ..“ „.. Der Krug geht so lange zu Wasser bis er bricht, und als Pfingsten 93 kam und am Abend vorher das Fest eingeläutet werden sollte, da klapperte die Glocke, die beim Volke seit lange nur „der Löschebrandten Glück“ hieß und sieben Menschenalter lang über den Schermützel hin geklungen hatte. Das gab nun ein Kopfschütteln im Dorf und allerlei Sorg’ und Furcht im Schloß, aber Sorg’ und Furcht konnte den Spuk nicht bannen, und ob- wohlen der alte Gottlob Ernst von Löschebrand, der erst Anno 19 starb und den ich selber noch gekannt habe, die Glocke mit sechs Pferden und einer schwarzen Decke darüber (als ob es ein Leichen- zug wäre) nach Berlin fahren und einen frommen Spruch mit- eingießen ließ — einen frommen Spruch an den er nicht recht glaubte — so war es doch von dem Tag an vorbei mit der „Löschebrandten Glück“ und ist seitdem auch nicht mehr aufge- kommen.“ All die Zeit über war mir der Neufundländer unausgesetzt zur Seite gewesen und nur ein paar Mal bis an den Wagen vorgesprungen, um nach Irme zu sehn. Der Emeritus aber öffnete mir immer mehr das Schatzkästlein seiner Erinnerungen, und als er hörte, daß ich zunächst nach Groß-Rietz wollte, rieth er mir bei seinem alten Freunde dem Cantor vorzusprechen und ihm Grüße zu bringen, „der werde mir mit Rath und That be- hülflich sein und mir zeigen, was zu zeigen sei.“ Dabei waren wir aus dem Walde heraus und bis in die Front eines etwas zurückgelegenen und hinter Epheu halbversteckten Steinhäuschens gekommen, über dessen Heckenzaun fort ein kleiner Pfirsichbaum blühte. „Wie schön,“ sagt ich. „Wem gehört dies Idyll an der Heer- straße?“ Der Alte lächelte vor sich hin. „Es wird wohl das des alten Emeritus sein.“ Und wirklich, es war es. Eine Minute später schritten Großvater und Enkelin auf das Häuschen zu. Der Neufundländer folgte, verstimmt über die zu rasch abgebrochene Bekanntschaft. Irme drehte sich noch einmal um und nickte; dann verschwanden alle drei hinter dem Heckenzaun und Moll und ich waren wieder allein. „Er ist auch nur arm,“ sagte mein Philosoph in ernster Be- trachtung. „Und dabei neunundsiebzig. Es is doch eigentlich eine traurige Geschichte.“ „Warum? Er sah ja nicht traurig aus. Ganz und gar nicht. Aber Sie sind ein Mammonsjäger, Moll; Ihr drittes Wort ist immer Geld, und da kann ich schließlich nicht mehr mit. Ich hab Ihnen heute früh Recht gegeben, aber sie gehen ja viel zu weit und vergessen, daß ein Unterschied ist zwischen Pauvre- sein und Arm-sein. Arm-sein ist nicht so schlimm. Achten Sie mal darauf, immer die, denen das Leben das Leben schwer macht, das sind die tüchtigsten und klügsten. War nicht die Pieskowsche Wirthin eine kluge Frau?“ „Ja, ja.“ „Nun sehen Sie, so viel Schneit ist immer nur bei der Armuth. Die Noth lehrt beten, sagt das Sprüchwort, aber sie lehrt auch denken, und wer immer satt ist, der betet nicht viel und denkt nicht viel.“ „Ich bin aber doch lieber satt.“ „Ehrlich gestanden, ich auch. Darin stimmen wir nun wieder zusammen. Aber es ist doch auch was mit der Armuth, oder wenn man so will, sie hat auch ihre Vorzüge.“ „Man blos nich viele …“ „Nein, viele nicht. Aber doch welche. Sehen Sie, Sie haben viel gelesen und sind eigentlich, wenn es nicht grad ihre schwache Stelle trifft (Sie wissen schon welche) für einen gebildeten Fort- schritt. Und nun frag ich Sie, wo säßen wir noch und wo wären wir noch, wenn es keine Noth in der Welt gäbe. Die Noth ist der große Treiber oder der eigentliche „Motor“, wie manche sagen, und daß ich hier jetzt mit Ihnen herumkutschire trotz Ostwind und dieser Stichsonne (fühlen Sie mal wie mir die Haut schon abschülbert) ist eigentlich auch blos aus Noth.“ „J nu ja, man kann es auch so sagen. Aber ich bin doch mehr fürs Amoene. Sehen Sie den hübschen Thurm da vor uns? Das ist Groß-Rietz; da kann man doch wieder ein Glas Bier kriegen und ein Rührei mit Schinken.“ „Und da finden wir auch was in Schloß oder Kirche. Ja, Sie lachen Moll und denken, „ach das sagt er schon den ganzen Tag“; aber Sie sollen sehen, hier gibt es was. In Groß-Rietz nämlich hat der Minister Woellner gewohnt, freilich erst als er in Ungnade gefallen war und ist auch bald nachher gestorben. Wer in Ungnade fällt, heißt es, der lebt nicht mehr lange. Nu mir könnt’ es nicht passiren; in Ungnade-fallen und Pensionirt- werden ist eigentlich immer mein Ideal gewesen. Aber der eine denkt so und der andre so … Haben Sie schon mal von dem Minister Woellner gehört?“ „Nein. Wer war er denn? Ich habe blos noch von die Manteuffels gehört. Und einer hieß der kleine Manteuffel. Es muß also wohl schon vorher gewesen sein.“ „O lange vorher. Er war Minister bei Friedrich Wilhelm II. , oder wie die Leute sagen beim dicken König. Und sie sagen auch, er hätt’ ihm immer Hocuspocus vorgemacht und Geister und Ge- spenster, und alles immer mit Weihrauch und Glasharmonika. Na, vielleicht war es nicht so schlimm. Und das können Sie glauben, Moll, er war gescheidter als manche, die jetzt über ihn lachen. Is auch gar nicht zu verwundern. Denn wie ging es denn? Erst war er blos Hauslehrer und soll auch ein paar Mal gepredigt haben und noch dazu ganz gut; aber zuletzt dacht’ er doch wohl „es käme nicht viel dabei heraus“ und heirathete lieber ein junges Fräulein von Itzenplitz. Auch die Mutter, heißt es, war ihm nicht unhold. „Nicht unhold“ darf man am Ende sagen und ist ein statthafter Ausdruck. Und als er nun das junge Fräulein geheirathet hatte (die Mutter nahm es alles in die Hand) da wurd’ er Minister und regierte den preußischen Staat. Und das kann doch schließlich nicht all und jeder.“ Ich hatte hierbei Molls unbedingte Zustimmung erwartet, aber diese blieb aus, und während er es vorzog hin und her zu diplomatisiren, fuhren wir bereits in Groß-Rietz ein und hielten alsbald vor einem Häuschen, das uns als das des Herrn Cantors bezeichnet worden war. Ich stieg ein paar Stufen hinauf bis in den Flur und wollte klopfen, aber ein Choral der eben auf einem kleinen Klavier gespielt wurde, hielt mich davon ab. Endlich schwieg es drin und ich trat ein. Ein alter würdiger Herr empfing mich und hörte wohlwollend aber verlegen meinem Vortrage zu, was mich schließlich selber ver- legen machte. So sehr, daß ich, wie gewöhnlich in solcher Lage, vom hundertsten aufs tausendste kam. In diesem Momente höchster Bedrängniß erschien die Frau Cantorin und sah mit dem den Frauen eigenen Scharfblick auf der Stelle, daß es sich hier un- möglich um etwas Bedenkliches handeln könne. Sie lud mich also zum Sitzen ein, was seitens ihres Mannes noch nicht ge- schehen war, und stellte nun ihre Fragen so geschickt und so freund- lich, daß ich mich rasch wieder zurecht fand. „Ich fürchte nicht, Ihre Zeit allzu lang in Anspruch nehmen zu müssen, eine Stunde wenns hoch kommt. Ohnehin hängt die Sonne schon über den Dächern drüben und wenn wir auch Mondschein und sogar Voll- mond haben, so lassen sich doch alte Bilder in solcher Beleuchtung nicht allzu gut studiren, die Fenster mögen so hoch und breit sein wie sie wollen. Oder irr’ ich mich, wenn ich annehme, daß sich die beiden Woellner-Portraits in Ihrer Kirche befinden?“ „Eines war in der Kirche, das in rother Uniform. Aber der Herr v. d. Marwitz hat es, als er das letzte Mal hier war, ins Schloß bringen lassen, und da hängen sie nun alle zu- sammen.“ „Ich wußte nur von zweien.“ „Ja, zwei Woellner -Bilder … Ede, Du könntest ins Schloß gehen und um den Saal-Schlüssel bitten; es wär’ ein Herr da, der die Bilder sehen wollte .... Ja, zwei Woellner- Bilder, eines als Minister und eines aus seiner Hauslehrer-Zeit, als er noch in Groß-Behnitz war. Ach du lieber Himmel, Groß- Behnitz! Wie sich doch alles ändert im Leben. Das war das Itzenplitzische Lieblingsgut, und nun hat es Borsig, und der hat es auch nicht mehr, und ist blos noch Sommersitz und Villa für seine Wittwe. Kennen Sie Groß-Behnitz?“ Ich nickte. „Das also sind die beiden Woellner-Bilder. Und auf dem zweiten, in einem Talar oder Roquelaur, sieht er eigentlich aus, als ob er ein Beichtvater wär oder sonst was Katholisches. Und auch sehr hübsch. Es sind aber außerdem noch zwei Bilder da, die mit dazu gehören, zwei Frauen-Bilder, und die Leute sagen, das eine sei die Frau Generalin v. Itzenplitz, die ja so große Stücke von ihm hielt, und das andre sei das Fräulein v. Itzenplitz (die Tochter der Gnädigen), die dann der Hauslehrer Woellner, oder vielleicht war er auch schon Domainenrath, geheirathet hat. Aber da kommt Ede. Bringst Du die Schlüssel?“ „Nein. Aber es sei schon gut. Und der Herr solle nur kommen.“ Auf diese Zusage hin erhoben wir uns, die Frau Cantorin und ich, und gingen nunmehr auf das Schloß zu, das mir seiner großen Renaissance-Treppe nach aus der Zeit König Friedrichs I. zu stammen schien. Ein Diener wartete schon und schloß einen Hochparterre-Saal auf, aus dessen Fenstern ich einen Blick auf einen von Treibhäusern eingefaßten Garten hatte. Dieser Blick war hübsch, aber der Saal selber zeigte nichts als eine Steh-Uhr, eine Portrait-Büste Friedrich Wilhelms II. und jene vier Bilder, über die mir die Frau Cantorin einen vorläufigen kurzen Bericht gegeben hatte. Der letzte Gluthschein der untergehenden Sonne fiel auf drei Bilder; das vierte (kleinere) hing an einer Schmalwand un- mittelbar daneben und war das Woellner-Bild aus seiner Minister- zeit. Er trägt auf demselben gepudertes Haar, einen rothen Uniformrock und einen blauen mit Silber gestickten Kragen. Eben solche Rabatten und Aufschläge. Die Nase dicklich, die Lippen wulstig, die Augen groß und hervortretend. Alles in allem ent- schlossen und charaktervoll, aber ohne Wohlwollen. Auf diesem kleineren Portrait ist er ein mittlerer Fünfziger; auf dem größeren, im rechten Winkel daneben hängenden aber erscheint er als ein jugendlicher und in der That schöner abb é - hafter Mann, wie man ihnen auch heute noch innerhalb der katholischen Geistlichkeit in Oestreich und Süddeutschland zu be- gegnen pflegt. Er zeigt sich, seinen damaligen Studien ent- sprechend, mit einem Mikroskop beschäftigt, zwischen dessen Gläser er eben einen zu beobachtenden Gegenstand gelegt zu haben scheint. Eine Verwandtschaft zwischen den beiden Bildern ist unverkennbar: derselbe sinnliche Mund, dazu dieselben großen Voll-Augen. Und doch welch ein Unterschied! Auf dem Minister-Portrait alles ab- stoßend, hier alles anziehend bis zum Verführerischen. Dazu gut und soweit meine Kenntniß reicht in einzelnen Partien sogar vor- trefflich gemalt. Von welcher Hand, würde sich durch Kunstver- ständige leicht feststellen lassen, da, nach Antoine Pesnes Tode, wohl nur wenige Maler in Berlin existirten, die so zu malen im Stande waren. Die beiden Itzenplitzischen Frauen-Portraits, die dieselbe Wand schmücken, sind in Ausdruck und Vortragsweise nur Durchschnitt. Alles Interesse verbleibt also ihm , und wer die Geschichte dieses vielfach verkannten und unterschätzten Mannes dermaleinst zu schreiben gedenkt, wird an diesen Groß-Rietzer Bildnissen nicht vorübergehen dürfen. Sie lehren uns manches in seinem Leben und Charakter verstehn. Inzwischen war die Sonne gesunken, und als wir jetzt aus dem Saal auf die große Freitreppe hinaustraten, stand der Voll- mond bereits in aller Klarheit am Himmel. Ihn als Leuchte zur Seite, gingen wir auf die nahgelegene Kirche zu, hinter deren Fenstern ich ein paar Epithaphien und Trophäen in ihrem flimmernden Schmucke von Waffen und Goldbuchstaben erkannte. Dieser flimmernde Schmuck aber war nicht das, was meine Schritte hierher gelenkt hatte, vielmehr hielt ich mich jetzt auf die Mitte des Kirchhofs zu, wo von einer Gruppe von Ahorn-Platanen umstellt, ein großer Granit, ein Doppel -Grabstein lag, auf dem einfach die Namen standen: „J. C. v. Woellner und C. A. C. v. Woellner, geb. von Itzenplitz. Sonst nichts, weder Spruch, noch Inschrift. Um die Stätte her war braunes Laub hoch zu- sammengefegt und predigte wie der Stein selber von der Ver- gänglichkeit irdischer Dinge. Moll war uns auf den Kirchhof gefolgt. Er schien einen Augenblick zu Reflexionen in dem eben angedeuteten Sinne ge- neigt, gab es aber doch auf und begnügte sich schließlich mit einer einfachen Wetterbetrachtung: „Ich dachte der Wind würd’ uns einen Regen zusammenfegen. Aber es is nichts. Sehen Sie sich blos den Mond an; er hat nich mal ’nen Hof und steht so blank da wie’n Zehnmarkstück.“ „Es is richtig. Aber Moll, warum sagen Sie blos Zehn - markstück?“ „Jott, ich dachte, vor die Gegend …“ Und damit gingen wir auf das Gasthaus zu, wo mein Mammon- und Adelsfreund schon ein Zimmer für mich und zwar „auf der rechten Giebelseite“ bestellt hatte. „Gott, Moll, das ist ja die Mondseite.“ „Na, denn tauschen wir. Ich hab es gern, wenn er mir so prall aufs Deckbett scheint.“ 4. Blossin . In aller Frühe brachen wir auf und machten den Weg vom Tage vorher wieder zurück, einzig und allein mit dem Unter- schiede, daß wir statt um die Nordspitze des Schermützel um seine Südspitze herum fuhren. Es waren dieselben Bilder, und Wagen und Gespräche mahlten ruhig und unverändert weiter. Aus der Reihe der letztern war eins über Zahnweh unbedingt das wichtigste, weil Moll ein Mittel angab, wie diesem Urfeinde der Menschheit bei- zukommen sei. Man müsse sich nämlich alle Morgen beim Waschen erst die Hände trocknen und dann das Gesicht; das sei probat und er wenigstens habe seitdem Ruhe. Gegen Mittag erreichten wir Storkow, eine der beiden Hauptstädte dieser Gegenden, und fuhren eine Stunde später um den großen Wolziger See herum, an dessen Westufer ich in einiger Entfernung unser eigentliches Reiseziel erkannte: Dorf Blossin . Dieses, trotzdem es nur klein und bloßes Filial zu Frieders- dorf ist, ist doch nichtsdestoweniger als der Punkt im Beeskow- Storkowschen anzusehn, dem der Ruhm einer eminent historischen Oertlichkeit in erster Reihe zukommt. Es wohnten hier nämlich die Queiße, von deren Schloß oder Herrnhaus aus die berühmte Fehde des Nickel Minckwitz ihren Ursprung nahm, ein Fehde, die mit der derselben Epoche zugehörigen des Michel Kohlhaas eine gewisse Verwandtschaft hat. Ich schildre nunmehr diese Minckwitz-Fehde nach den Auf- zeichnungen Wohlbrücks und Engels. Ursach der Fehde. Heinrich Queiß auf Plössin (jetzt Blossin) führt Beschwer über seinen Schäfer und erhält kein Recht . Der beinah achtzigjährige Heinrich v. Queiß, Gerichtsherr zu Plössin und Lehnsträger des Bischofes von Lebus, war aus einem unbekannt gebliebenen Grunde mit seinem Schäfer in Streit ge- rathen, so daß dieser letztre sich an seines Guts- und Gerichts- herrn Familie thätlich vergriff. Aber nicht genug damit, er ging in seiner Rache weiter, überfiel — nachdem er vorher die Flucht ergriffen und in Friedersdorf und Dolgenbrod einen Bauern- haufen um sich versammelt hatte — Dorf und Feldmark Plössin und trieb seines Herren Schafe fort. Heinrich von Queiß ver- klagte nunmehr den Aufrührer bei dem Bischofe von Lebus, der denn auch seinem zu Storkow ansässigen Amtshauptmann Ordre zugehen ließ, nicht nur die weggetriebenen Schafe wieder herbei- sondern auch den Schäfer selbst vor seines Grundherrn Gericht zu schaffen. Der Amtshauptmann aber erwies sich als säumig in seiner Pflicht und da mittlerweile von Seiten des rachsüchtigen Schäfers wiederholentlich versucht worden war Plössin in Feuer aufgehn zu lassen, so wurde der von Queiß immer dringlicher in seinen Vorstellungen beim Bischofe. Dieser, so wenigstens scheint es, war anfänglich zu helfen aufrichtig bereit und sandte Befehl über Befehl an seinen Stor- kower Amtshauptmann; als dieser letztre jedoch in seiner Säumig- keit beharrte, schob es der v. Queiß auf Unaufrichtigkeit und bösen Willen beim Bischofe selbst und wandte sich deshalb an Heinrich Tunckel, obersten Münzmeister des Königreichs Böhmen und der- zeitigen Landvogt der Niederlausitz, der in dieser seiner letztren Eigenschaft unstreitig die nächste höhere Behörde war. Und der Landvogt unterzog sich denn auch seiner Pflicht und ersuchte selbigen Tages noch den Bischof „sich seines Vasallen, des v. Queiß, mit größrem Nachdruck annehmen und ihn gegen den Uebermuth und die Schädigungen des rachsüchtigen Schäfers schützen zu wollen“. Der Brief, in dem dies Ersuchen gestellt wurde, war, wie die Chronisten melden „in schicklichster Weise“ geschrieben, nichtsdestoweniger empfand der stolze Bischof einen Groll darüber und äußerte sich einmal über das andre „daß er dem Queiß den gethanen Schritt nicht vergessen und ihn seiner- zeit zu züchtigen wissen werde“. „Der stolze Bischof“ nennt ihn die Geschichte der Bischöfe von Lebus, und es mag hier eingeschaltet werden, wer dieser stolze Bischof war. Georg v. Blumenthal , geb. 1490 auf dem Rittergute Horst in der Priegnitz, war nach dem Ableben des Bischofs Dietrich v. Waldow seitens der Lebusischen Domherrn einstimmig zum Nachfolger v. Waldow’s erwählt worden, was als eine durch- aus gerechtfertigte Wahl gelten konnte. Denn in früher Jugend schon hatte sich der nunmehr Erwählte durch Klugheit und Charakter hervorgethan. Er war mit 17 Jahren Secretair im Dienste seines Vorgängers, mit 23 Jahren Rector an der Universität zu Frankfurt gewesen, und hielt als solcher eine Rede, darin er die Studirenden zu Fleiß und gutem Betragen ermahnte. Bald da- nach empfing er den Grad eines Doctors beider Rechte. 1520 erwählte man ihn, den erst Dreißigjährigen, zum Bischofe von Havelberg , in welche Wahl jedoch Kurfürst Joachim, als Landesherr nicht willigte, trotzdem die Wahl bereits die päpst- liche Bestätigung erfahren hatte. Dies führte zu Weiterungen, aus denen der Kurfürst anscheinend als Sieger, in Wahrheit aber als Besiegter hervorging, indem er dem Erwählten und durch die Curie Bestätigten zum Ausgleich für einen freiwilligen Verzicht auf Havelberg nicht blos das alsbald zur Erledigung stehende Bisthum Lebus zusagte, sondern ihm nebenher auch noch seine geflissentlichste Verwendung für das mecklenburgische Bisthum Ratzeburg in Aussicht stellte. Der Verzicht geschah, ebenso hielt der Kurfürst Wort, und wenige Jahre später war Georg v. Blumen- thal ein Doppel-Bischof geworden: ein Bischof von Lebus und Ratzeburg. Heinrich Queiß verbindet sich mit Nickel Minckwitz und Otto v. Schlieben und rächt sich an dem Bischofe, der ihm sein Recht verweigert . Aus solchen Erfolgen und solchem Besitzstande konnte schon ein „stolzer Bischof“ geboren werden, und Georg v. Blumenthal in seinem nur zu begreiflichen Unmuth über die Kränkung, die der Appell an den niederlausitzischen Landvogt ihm bereitet hatte, beschloß jetzt den kleinen Vasallen, der ihm diesen Tort angethan, seine starke Hand fühlen zu lassen. Bis dahin war alles mehr oder weniger unverschuldete Säumniß gewesen, wenigstens so weit der Bischof in Person mitspielte, nunmehr aber schob auch dieser die Rechtsgebung absichtlich hinaus, behauptete daß den Angaben des Queiß nicht ohne Weitres Glauben zu schenken sei, und ver- langte von ihm (dem Queiß), daß er sich dem Gerichts-Zuge nach Friedersdorf, allwo der Schäfer einen Unterschlupf gefunden, anschließen solle, damit gleich an Ort und Stelle Kläger und Beklagter einander gegenüber gestellt und ihre Sache gehört werden könne. Dieser Aufforderung aber, weil er dem Bischof nicht traute, widerstrebte der v. Queiß, und verlangte nur immer ein- dringlicher und hartnäckiger eine Verhaftung des Schäfers. Eine Folge davon war, daß der Zug selbst unterblieb. Erbittert über dies Verfahren, entschloß sich Queiß „wegen ihm verweigerten Rechtes“ Rache zu nehmen und wandte sich an Otto v. Schlieben auf Baruth und den Ritter Nickel v. Minckwitz auf Sonnenwalde, mit welchen beiden er übereinkam, den wegen seines Stolzes überall im Lande wenig geliebten Bischof in seiner Stadt Fürstenwalde heimzusuchen und nach Sonnenwalde hin ge- fangen zu setzen. Alle drei: Minckwitz, Schlieben und Queiß (welcher letztre von jetzt ab zurücktritt) hatten in Kürze 60 Reiter beisammen, mit denen sie den 7. Juli 1528 aufbrachen. Unterwegs aber vergrößerte sich ihr Zug bis auf 400 Berittene, darunter auch ein Kracht von Lindenberg und die beiden Löschebrands von Saarow und Pieskow. In der Nacht vom 8. auf den 9. Juli hielten sie vor Fürsten- walde. Die Thore waren selbstverständlich geschlossen, und Minck- witz ersann eine List, um ohne Lärm und Gefahr in die Stadt hinein zu kommen. Er hatte nämlich erkundschaftet, daß einige polnische Frachtfuhrleute, die zu früher Morgenstunde weiter öst- lich auf Frankfurt und die Oder zu wollten, in einer Vorstadts- Ausspannung Quartier genommen hätten, und schickte deshalb den Herrmann Schnipperling, einen v. Schliebenschen Diener, in eben diese Vorstadts-Ausspannung ab, um sich daselbst den Fuhrleuten als einer der ihrigen anzuschließen. Es gelang auch über Er- warten, und der Schliebensche, der durch Geld und gute Worte die Polacken leicht zu gewinnen gewußt hatte, war mit unter den Ersten, die bei Tagesanbruch in das eben geöffnete Thor einritten. Unmittelbar hinter dem Thore floß ein breiter und sumpfiger Spree-Graben, und als der Schliebensche des hier seines Dienstes wartenden Thorwächters ansichtig wurde, ritt er an diesen heran und bat ihn, ihm den Sattelgurt etwas fester zu schnallen. Der Thorwächter war auch bereit, eh er aber den Riemen fassen und scharf anziehen konnte, stieß ihn der böse Schnipperling ins Wasser und schoß im selben Augenblick ein Pistol ab. Das war das ver- abredete Zeichen für die bis dahin in einem Kussel-Busch versteckt gehaltenen Reiter, die nun in raschem Trabe das Thor passirten und über die lange Holzbrücke in die Stadt eindrangen. Anfangs versuchten hier die grade bei der Frühsuppe sitzenden Bürger einen Widerstand und schlugen sich tapfer mit dem Reitervolk herum, als ihnen Minckwitz aber zurief: „es gelte dem Bischof und nicht ihnen“ ließen sie vom Kampf ab und gaben den Weg nach der bischöflichen Burg hin frei. Freilich ohne daß man auf Minck- witzischer Seite noch irgend einen Vortheil davon gezogen hätte, denn als die Rotte bald danach in die Burg einstürmte, fand sie nur noch das leere Nest. Der Bischof hatte Zeit gefunden seine Flucht zu bewerkstelligen, und nur wenige Dienstleute wurden zu Gefangenen gemacht, darunter Matthias v. Blumenthal, des Bi- schofs Bruder. Das däuchte nun den Minckwitzischen zu wenig, und wenn es ihnen anfänglich unzweifelhaft nur um die Person des Bi- schofs zu thun gewesen war, so ließ sie jetzt der Aerger alle guten Vorsätze vergessen, und Minckwitz selber ertheilte Befehl oder ge- stattete doch wenigstens, daß das bischöfliche Schloß; die Domkirche, das Rathhaus und das Domherrn-Viertel geplündert werde. Was sich denn auch unverzüglich ins Werk setzte. Selbst die kirchlichen Gefäße, die Patenen und Abendmahlskelche, wurden nicht verschont und das Zerstörungswerk geschah um so gründlicher und rücksichts- loser, als sich unter den Plünderern bereits sehr viele befanden, die Gegner und Verächter der katholischen Kirche waren. Im Kreise der Anführer aber richtete sich das Hauptaugenmerk auf ihre beim Domkapitel aufbewahrten Verschreibungen und Schuld- scheine, die nun, soweit sie zur Stelle waren, entweder vernichtet oder mitgenommen wurden. Weniger glücklich war Minckwitz in Person, der den im Dom aufbewahrten Domschatz in seine Gewalt zu bringen hoffte. Die Sakristei, darin er ihn muthmaßte, wurde bis unter den Fußboden untersucht, aber ein Fleckchen übersah er: den durch die geöffnete Sakristei-Thür gebildeten Winkel. Und gerade hier stand der Kasten, der den Domschatz bewahrte. Zuletzt richtete sich die Stimmung, wie man kaum anders erwarten konnte, gegen die Stadt selbst, und als einer aus der Rotte bemerkte, „daß die Bürgerschaft an dem Scheitern ihres Anschlages eigentlich Schuld sei, weil ihr Widerstand dem Bischofe Zeit zur Flucht gegeben habe“ fiel man ohne Weitres über die Bürger her. Einer, der sich widersetzen wollte, verlor sein Leben, und nur zwei Häuser entgingen der allgemeinen Plünderung: eines dadurch, daß der Brauer, der es bewohnte, die heiße Malz- brühe den Anstürmenden auf die Köpfe goß, ein andres dadurch, daß man von innen her ein langes weißes Laken aushängte, wie wenn ein Todter im Hause sei. Nach ein paar Stunden endlich hatte sich das Unwesen ausgetobt, und der ganze Zug zog wieder heimwärts und nahm des Bischofs Bruder gefangen nach Sonnenwalde mit. Der Bischof Georg von Blumenthal sucht Schutz beim Kurfürsten und Nickel von Minckwitz wird flüchtig . Der geflüchtete Bischof eilte geraden Weges nach der Grimnitz, wo sich Kurfürst Joachim eben aufhielt. Dieser, nach empfangenem Bericht, befahl einem seiner Diener, dem Martin Böhme, mit acht Reitern den Räubern nachzusetzen, um wenigstens in Erfahrung zu bringen, wo sie den Raub zu bergen gedächten. Dies märkische Detachement aber, das für seine Aufgabe viel zu schwach war, wurde zu Dobrilug von den Minckwitzischen überrascht, und Martin Böhme selbst fiel, als er eben sein Pferd besteigen wollte, durch einen Dolchstoß von Schliebens Hand. Seine Reiter wurden gefangen genommen und erst nach Jahresfrist von Sonnenwalde wieder entlassen. All dies machte den größten Lärm, und als Luther in Wittenberg davon hörte, war er höchst unzufrieden und schrieb an einen Freund: „Ich habe hier weiter Nichts erfahren, als daß Nikolaus von Minckwitz mit einer zusammengebrachten Schaar die Stadt Fürstenwalde, den Sitz des lebusischen Bischofs, über- fallen hat. Ich weiß nicht, aus welchem Grunde und zu welchem Zweck. Es mißfällt mir aber außerordentlich, wenn gleich es heißt, daß Alles ohne Mord und Brand geschehen und daß vielmehr nur geplündert worden sei. Wenn ich von Mißfallen spreche, so heg’ ich ein solches nicht blos darum, weil sich das Unternehmen gegen die staatliche Gewalt richtete, sondern namentlich deshalb, weil es das Evangelium mit einer neuen großen Gehässigkeit belastet. So zwingt man uns, die Unschuldigen, für die Frevelthaten anderer zu büßen. Gäbe doch Christus, daß dem ein Ende sei, vor allem aber, daß jener Minckwitz nicht noch Schlimmeres begehe. Was übrigens den Lebuser Bischof betrifft, so soll er in der ganzen Mark überall verhaßt sein.“ In dieser Annahme „von dem allgemeinen Verhaßtsein des Bischofs“ mochte Luther im Großen und Ganzen Recht haben; andrerseits aber war es nicht minder gewiß, daß er, der Bischof, beim Kurfürsten Joachim in hohen Gnaden stand. Ungesäumt ließ dieser letztre denn auch einen Befehl ergehen, in welchem er das ganze märkische Land aufforderte, seine Kraft einzusetzen, um vor Sonnenwalde zu ziehn und das alte Minckwitzen-Schloß zu zerstören. Es fehlte nicht an Geneigtheit, diesem Befehle nachzu- kommen, und blos aus der Stadt Wittstock erschienen 140 wohl- bewaffnete Bürger, die der Havelberger Bischof in Person dem Kurfürsten und seinem Heere zuführte, welches letztre sich bei Berlin zusammenzog und nach der Angabe mehrerer in dem spätern Prozeß als Zeugen auftretenden Edelleute, aus 6000 Reitern und 40,000 Mann Fußvolk bestand. Aber auch Minckwitz war nicht müßig. Er suchte nicht blos sein Schloß, das ohnehin für fast uneinnehmbar galt, in noch besseren Vertheidigungszustand zu setzen, sondern ging auch außer Landes, um Truppen anzuwerben, mit denen er, wenn Joachim vor Sonnenwalde zöge, seinerseits in die Mark einfallen wollte. Keinenfalls war Minckwitz gefährdeter als der Kurfürst, eine Fontane , Wanderungen. IV. 4 Meinung, die Luther theilte. „Dem Anscheine nach,“ so schrieb er, „befindet sich der Markgraf in größerer Gefahr, als Minckwitz, denn dieser hat seine Burg befestigt und ist bereit den Angriff des Markgrafen auszuhalten. Er selbst soll jedoch außer Landes gereist sein und will vielleicht, während der Markgraf belagert, allerlei anderes in’s Werk setzen. Und wer weiß, ob nicht Gott damit anfängt, den Markgrafen heimzusuchen wegen seiner scham- losen Pläne, deren er so viele hegt und so ohne Ende. Ich bitte Gott um Frieden, und hätte dem Markgrafen alles andre als den Krieg gerathen. Alle Leute sagen, die Burg des Minckwitz sei nicht einzunehmen, wenn die Soldaten sie treu vertheidigen wollen.“ Dieser Ansicht schien sich schließlich der Kurfürst selber zuzu- neigen, denn anstatt das erwähnte stattliche Heer, dessen Zusammen- ziehung ihm 50,000 Gulden gekostet hatte, gegen Sonnenwalde marschiren zu lassen, ließ er es nach 14tägigem Zusammensein wieder auseinandergehn und entschloß sich, zu Minckwitzens Be- strafung, einen andern, ungefährlicheren Weg einzuschlagen. Er reichte nämlich Klage gegen ihn als Landfriedensbrecher beim Reichs- kammergericht zu Wetzlar ein und hatte denn auch die Genugthuung die Reichsacht über denselben ausgesprochen zu sehn. Der Verklagte war nun vogelfrei, dem Anschein und dem Wortlaute nach ein todter Mann. Aber über bloße Worte kam es nicht recht hinaus. Der Bischof Georg von Blumenthal dringt in den Kurfürsten Joachim auf energisches Einschreiten gegen Nickel Minckwitz . Nickel Minckwitz, während die Reichsacht über ihn verhängt war, trieb sich in deutschen Landen umher und suchte bald hier bald dort Sicherheit vor den Nachstellungen des Kurfürsten und des Bischofs von Lebus. Im Jahre 1532 durchzog er Nieder- sachsen und Holstein. Eine Zeitlang hielt er sich bei dieser Ge- legenheit in Lübeck auf, dessen Magistrat ihn aber auf ein von Cölln an der Spree her erhaltenes Warnungsschreiben „einem bekannten Aechter keinen Aufenthalt gestatten zu wollen“ zu schleuniger Ab- reise veranlaßte. Minckwitz begab sich nun ins Mecklenburgische, woselbst ihn Eggert von Quitzow auf Vogtshagen und die Parken- thine zu Dossow in Schutz nahmen. Einst sah er sich hier durch den bischöflich Ratzeburgischen Hauptmann — der als solcher in direkten Diensten des Bischofs Georg stand — in der Gegend von Vogtshagen überrascht, war aber glücklich genug, uneingeholt das Schloß erreichen zu können, dessen Brücke nun hinter ihm aufgezogen wurde. So viel Glück dies einerseits war, so war doch andrerseits des Minckwitzen Aufenthalt durch eben diesen Vorfall verrathen worden, und Bischof Georg forderte, sobald er davon gehört hatte, des Kurfürsten ernste Verwendung bei den Herzögen Albrecht und Heinrich von Mecklenburg. Joachim zeigte sich auch willig und alsbald wurde der Hauptmann zu Ruppin, Matthias v. Oppen, ferner der Hauptmann zu Zehdenick, Hans v. Hake, und der kur- fürstliche Rath Franz Neumann an den Mecklenburgischen Hof abgesandt, nicht um Minckwitzens direkte Verhaftung und Aus- lieferung, sondern nur um einen Befehl an den Eggert Quitzow und die Parkenthine „den Geächteten nicht länger bei sich hausen zu lassen“ auszuwirken. Aber aller angewandten Mühen unge- achtet, gelang es der Gesandtschaft nicht , die Herzöge nach Wunsch umzustimmen, die sich vielmehr einer um den andern aus der Residenz entfernten. Als sich die kurfürstlichen Räthe schließlich überzeugen mußten, daß sie den Zweck ihrer Sendung nicht erreichen würden, entschlossen sie sich ebenfalls zur Abreise. Joachim benach- richtigte nunmehr den Georg v. Blumenthal von diesem entschiedenen Mißerfolg, empfing aber nur ein in herben und doch zugleich klug berechneten Ausdrücken abgefaßtes Antwortschreiben, worin er seitens des Bischofs zu ferneren und kräftigeren Maßregeln in dieser Angelegenheit aufgefordert wurde. „So nun Herzog Heinrich,“ schrieb der Bischof, „nicht begnügig Antwort gibt, so achten wir dafür, daß statt seiner wenigstens Herzog Albrecht etwas thu, auf daß Eure churfürstliche Durchlaucht nicht in Schimpf besitzen bleib und bei die Leut verachtet werd, dieweil der eine Parkenthin zu unserm Hauptmann gesagt hat: „er acht’ Eure churfürstliche Durch- laucht nicht besser als seine Bauern“.“ 4* Nickel Minckwitz demüthigt sich vor dem Kurfürsten und der Streit wird geschlichtet . Es war dies Schreiben, wie schon angedeutet, auf die Schwächen und Empfindlichkeiten des Kurfürsten sehr geschickt be- rechnet, und wohl möglich, daß es in dem gewünschten Sinne gewirkt und energischere Schritte veranlaßt hätte, wenn nicht eben jetzt von andrer Seite her ein Ausgleich gekommen wäre. Die Zeit war nämlich nun da, wo der seit Jahren beim Reichskammer- gericht schwebende Prozeß, über die bereits stattgehabte Reichsachts- Erklärung hinaus, einer endgültigen Entscheidung entgegensah, einer Entscheidung, von der nicht blos Nickel Minckwitz, sondern, was wichtiger war, auch die verschiedenen Freunde, die sich für ihn verbürgt, allerlei zu befürchten hatten. Und dies wurde schließlich Grund, daß man Minckwitz bestimmte, sich vor dem Kurfürsten zu demüthigen. Es geschah dies ceremoniös, im Stil einer Staatsaction, und am 22. October 1534 erschien Beklagter auf dem Schlosse zu Cölln an der Spree vor großer und feierlicher Versammlung, um zunächst vor dem Kurfürsten einen Fußfall und gleich danach vor dem Bischof und der Gesammtheit der Stände „demüthiglich Abbitte zu thun“. Und nachdem dies vorüber, erklärten Minckwitzens in Person anwesende Freunde: Graf Mans- feld, Graf Eberstein-Naugard, vier Grafen Schlick, Johann Burg- graf zu Dohna auf Königsbrück, ein Herr von Biberstein, Jan von Schönburg zu Hoyerswerda, acht Ritter und fünfundzwanzig andre angesehene Edelleute „daß sie sich verpflichteten, dem Kur- fürsten mit zweihundert wohlgerüsteten Pferden auf ihre Kosten und Gefahr vier Monate lang getreue Kriegsdienste leisten zu wollen, eine Verpflichtung, die durch Minckwitzens Tod nicht aufgehoben werden solle“. Zugleich verbürgten sie sich für diesen letzteren dahin, daß er (Minckwitz) sich an Niemanden rächen, auch alle Orte, wo der Kurfürst verweile, desgleichen auch die Stadt Fürstenwalde für immer meiden solle. Die Handlung schloß damit, daß der Kurfürst und der Bischof ihm Verzeihung angedeihen ließen und ihn wieder in Gnaden annahmen. Ja Joachim, so wenigstens wird erzählt, soll entzückt von der klugen Art, die der Beklagte während all dieser Vorgänge gezeigt, ihn schließlich zur Tafel gezogen haben. Und als sie nun becherten und der Kurfürst ihn fragte: „was er denn wohl gethan haben würde, wenn ihm die geplante Gefangennehmung des Bischofs geglückt wäre“, soll er im Uebermuthe geantwortet haben: Si pervenisset in meam potestatem testiculos episco- pales ipsi amputassem, — eine Antwort, die, nach Sitte der Zeit, unter allgemeinem Ergötzen, und nicht zum wenigsten des Kurfürsten selbst, entgegen genommen wurde. So verlief die Fehde. Der alte Queiß war längst vorher hingestorben, und längst hingestorben seitdem ist der Queißen altes Geschlecht. Auch von dem Herrenhause, darin der Streit entstand, ist nichts mehr da; was jetzt diesen Namen führt, ist ein verhältnißmäßig moderner Bau, wahrscheinlich aus der Zeit Friedrich Wilhelms I. Alles, was auch nur entfernt an Mittelalter und Ritterthum und Auflehnung erinnern könnte, hat die Zeit getilgt und nichts ist mehr vorhanden, als ein „Institut“, in Betreff dessen ich in einem Nachschlagebuche das Folgende fand: „Das für weibliche Erziehung strebsame Fräulein Michelsen hat 1856 in Blossin eine Näh- und Strickschule errichtet.“ Tempora mutantur. Die wendische Spree. An Bord der „Sphinx“. Daß ich des Großen Werdepunkt erseh’, Hinauf zur Quelle denn der wendschen Spree, Die, räthselvoll, in Sumpf und Sandes mitten Im Dunkel ruht, bezweifelt und bestritten. A m 6. Juli Vormittags empfing ich folgende vom Tage vorher datirten Zeilen: „Sehr geehrter Herr. Es würde mich außer- ordentlich freuen, Sie an einer Bootexpedition theilnehmen zu sehen, die Seitens der „Sphinx“ am 7. früh von Cöpenick aus unternommen und bis Teupitz ausgedehnt werden soll. Es handelt sich, nach vorgängiger Passirung befahrenerer Wasserstraßen, um ein Vordringen bis zu den See- und Quellgebieten der „wendischen Spree“, Gebiete, die selbst Ihnen vielleicht auf ihren märkischen Wanderungen unerschlossen geblieben sind. Einer brieflichen Rück- äußerung bedarf es nicht; ich und einige Freunde sehen Ihrem Eintreffen am 6. Abends mit Bestimmtheit entgegen. Sie finden uns an Bord. Ihr Backhusen.“ — In einer Nachschrift war hin- zugefügt, daß die „Sphinx“ bereits im Laufe des Tages an der Südspitze der Cöpenicker Schloßinsel vor Anker gehen werde. Diese Zeilen versetzten mich in eine Aufregung, als ob es sich um ein Vordringen bis zu den See- und Quellgebieten des Nils gehandelt hätte. Und so wird es immer sein. Die Erfüllung eines Lieblingswunsches, sei der Wunsch selber wie er wolle, be- rührt uns wie Weihnachtsfreude. Das Herz bleibt ein Kind. Ich war sofort entschlossen, an der Expedition Theil zu nehmen, breitete den „Kreis Teltow“ vor mir aus, und schwelgte vorweg in den blauen Seeflächen, die, auf der bunten Rappard’schen Karte, den ganzen Weg zwischen Cöpenick und Teupitz ausfüllen. Hand in Hand mit dem Kartenstudium ging ein Studium des Berghaus , Abschnitt: „Hydrographische Beschaffenheit des Spreeflusses“. Was ich dadurch an Orientirung gewann, sei auch dem Leser nicht vorenthalten. An der Brücke von Cöpenick treffen zwei Flüsse beinahe recht- winklig zusammen: die eigentliche Spree und die wendische Spree, letztere auch „die Dahme“ geheißen. Die wendische Spree, mehr noch als die eigentliche, bildet eine große Anzahl prächtiger Seeflächen, die durch einen dünnen Wasserfaden verbunden sind. Ein Befahren dieses Flusses bewegt sich also in Gegensätzen, und während eben noch haff-artige Breiten passirt wurden, auf denen eine Seeschlacht geschlagen werden könnte, drängt sich das Boot eine Viertelstunde später durch so schmale Defil é s, daß die Ruder- stangen nach rechts und links hin die Ufer berühren. Und wie die Breite, so wechselt auch die Tiefe. An einer Stelle Erdtrichter und Krater, wo die Leine des Senkbleis den Dienst versagt, und gleich daneben Pfuhle und Tümpel, wo auch das flachgehendste Boot durch den Sumpfgrund fährt. So diese Wasserstraße. An ihren Ufern hin, ähnlich wie im Spreewald, hielten sich, bis in unsere Tage hinein, die wendischen Elemente. Wer die Gegend kennt, nennt sie deshalb die „Wendei“. Sie hat wenig Dörfer, keine Städte; selbst der Eisenbahnzug geht nur wie eine Erscheinung durch sie hin. So ungefähr waren die Resultate, die mir Buch und Karte bei flüchtigem Studium an die Hand gaben. Vor Anker in Cöpenick. (Reise-Vorabend.) Am 6. Abends war ich in Cöpenick. Ich hatte die Wahl, ob ich von der Land- oder Wasserseite her an Bord gehen wollte, entschied mich aber für Letzteres. Alle Dinge haben ihr Gesetz. Wer zu einer Parforcejagd geladen ist, muß in einem rothen Frack kommen oder wegbleiben. Also zu Wasser. Ein Boot führte mich um die Schloßinsel herum bis an die Ankerbucht, in der die „Sphinx“ still und friedlich unter einem Dach weit vorgestreckter Ulmenzweige lag. Ein leiser Rauch stieg anheimelnd aus ihrem Küchenschornstein auf. Nach kurzem Anruf faßte ich eines der zwischen Mast und Schiffswandung straff ausgespannten Taue und kletterte die Stufen, bloße angenagelte Brettstücke, hinauf. Ich fand die Reisegesellschaft bereits versammelt. Es waren: Capitän Backhusen, Lieutenant Apitz, Supercargo Nettermann. Zu diesen drei Herren, die sich als Mitglieder des Seglerclubs bereits bei mancher Regatta bewährt hatten, gesellte sich, als ein- ziger Nicht-Gentleman an Bord, das Factotum Mudy. Er ver- einigte in sich alle niedrigeren Schiffsgrade vom Vollmatrosen bis zum Cajütenjungen, und führte jeden dieser Titel nicht nur als scherzhaften nom de guerre, sondern mit allervollster Berechtigung. Mit dem Stoßruder in der Hand hatte er sein halbes Leben auf Rüdersdorfer Kalk- und Linumer Torfkähnen zugebracht. Seine Dienste, wie immer die der Subalternen, waren unentbehrlich. Er war auch Koch. Nach Begrüßung und Vorstellung durch den Capitän, baten alle drei Herren, sich auf eine gute halbe Stunde verabschieden zu dürfen, da eine, meine eigenen Interessen mitberührende Frage, die der Verproviantirung, noch zum Abschluß zu bringen sei. Mudy werde mittlerweile die Honneurs machen, wenn ich es nicht vorzöge, mich im Cöpenicker Schloßpark zu ergehen. Ich entschied mich für den Park. Mudy blieb mir immer noch; man hat nirgends so viel Zeit zu Personalstudien, wie an Bord eines Schiffes. Eine schmale Falltreppe führte mich an’s Ufer; dann, meine Richtung auf das Schloß zu nehmend, erreichte ich ein großes, von einem Kiesweg eingefaßtes Wiesenrondeel. Um diesen Kiesweg herum, in weiter gespanntem Bogen, wuchsen Buschwerk und Unterholz auf, aus deren dichtem Gewirr einzelne alte Bäume, Eichen und Akazien, emporstiegen. Die Akazien füllten die Luft mit Wohlgeruch. Es war ein köstlicher Abend. In den Nischen des Buschwerkes standen halbzerbrochene Sandsteinfiguren, Urnen und trauernde Engel, anzeigend, daß hier in halbvergessenen Tagen irgend ein prinzeßlicher Vorleser, irgend ein Mitglied von Hofstaat oder Capelle begraben worden sei. Nun schlugen die Nachtigallen darüber. Eine dieser Begräbnißstätten — nicht aus Pietät, sondern aus Gärtnerlaune — war von einem Blumenbeet umgeben. Alles Grün fehlte; nur Lilien, weiße und rothe, drängten sich dicht durcheinander. Diese prätentiöse Pracht wirkte beinah unheimlich. Ein junges Cöpenicker Paar ging an mir vorüber, das vielleicht Auskunft geben konnte. „Wer liegt hier?“ fragt’ ich. „Da liegt der Flötenspieler,“ lautete die Antwort. Und dabei kicherten Beide. Ich schlenderte noch den Kiesweg auf und ab, als ich meine Reisegefährten von der Schloßbrücke her zurückkommen sah. Es folgten ihnen drei paar Träger mit großen Deckelkörben, die den angekündigten Proviant herantrugen. Die Körbe, über den schmalen Steg hin direct an Bord zu schaffen, war unmöglich; ihr Inhalt mußte also vom Ufer aus in Einzelstücken herübergereicht werden, etwa wie sich Bauarbeiter die Steine zureichen. Dies gab mir Gelegenheit die Verproviantirung der „Sphinx“ im Detail kennen zu lernen. Der Eindruck, den ich davon empfing, war ein ge- mischter, denn alles Tröstliche, was er mit sich brachte, wurde durch ebensoviel Beängstigendes balancirt. Durch welche Gegenden mußten wir kommen, um zu solchen Vorsichtsmaßregeln gezwungen zu sein! Es wurden eingeschifft: 120 Flaschen Tivolibier, 120 Flaschen Sodawasser, 30 Flaschen Bordeaux, 3 Filets, 2 Schock Eier, 1 Butterfaß, 1 Zuckerhut, 1 Baumkuchen, 6 Flaschen Scharlach- berger und 1 Dutzend Flaschen Champagner. Mehr noch als diese durch Zahl oder Gewicht bemerkenswerthen Quantitäten im- ponirte mir die Liste der „Kleinigkeiten“; sie füllte einen halben Bogen und wies über hundert Nummern auf. Ich citire daraus nur folgendes: eine Muscatnuß, ein kleines Reibeisen dazu, Salvei- blätter um Aal und Dilldolden um Schlei zu kochen. Alle diese Dinge, groß oder klein, verschwanden ohne Schwierigkeit in dem Rumpf des Schiffes; die Butter, das Fleisch erhielten ihren Platz auf großeu Eisblöcken, und eh eine halbe Stunde um war, war auch die letzte Flasche „gestaut“. Damit hatten die Vorbereitungen ihr Ende erreicht; Ruhe trat an die Stelle der Arbeit, und während Mudy im Vorderraum des Schiffes sich um den Thee bemühte, saßen wir auf der Rundbank zwischen dem Steuer und dem Cajüteneingang und plauderten. Es war um die elfte Stunde; in der dunklen breiten Wasser- fläche spiegelten sich die Sterne, zugleich auch die Lichter aus Häusern und Villen, die, im Grünen halbversteckt, das Ufer des Flusses einfassen. Ich fragte nach dem Schiff, nach seiner Bauart, nach seinen Schicksalen, vor allem auch nach dem Seglerclub, dem die „Sphinx“ als eines der schönsten Boote angehört. Capitän Backhusen, im Allgemeinen kein Mann der Rede, war plötzlich in seinem Element und nahm gern das Wort. „Ich weiß nicht, um welche Zeit der Club in’s Leben trat, aber seit einer Reihe von Jahren ist er da. Er hat wohl an hundert Mitglieder oder mehr, und die Zahl seiner Boote wird nicht geringer sein. Zwischen Treptow und dem Eierhäuschen ankert seine Flotille, die eine Musterkarte schöner und lieblicher Namen aufweist: Sturmvogel und Greif, Komet und Blitz, Libelle und Forelle, Undine und Albatros. Wir haben Corsos und Re- gatten, Preisrichter und Preisvertheilungen! Chronometer, Flaggen und Becher. Der große Ehrenbecher muß von Jahr zu Jahr immer ueu erworben werden; da dies selten glückt, so wandert er meist von Hand zu Hand. Aber das weckt keinen Neid; es herrscht eben ein kameradschaftlicher Geist.“ „Die Folge gemeinschaftlich überstandener Gefahren.“ „Was Sie scherzhaft aussprechen, trifft doch schließlich im Ernste zu. Aller Sport, der sonst nur Spiel wäre, hat seine Ge- fahr, aber keiner mehr als der Segelsport. Ob es an uns liegt oder an der Perfidie unserer Gewässer, lass ich dahin gestellt sein; nur so viel, es vergeht kaum ein Jahr, wo nicht die Spree hier herum ihr Opfer fordert. Und immer nimmt sie uns die Besten. Ein solcher war auch Heinecke, der auf Neu-Spreeland wohnte, unser Segler-Veteran. Dazu aller Menschen Freund. Er hatte ein neues Boot bauen lassen, fuhr hinaus, kenterte und ertrank. Das machte einen großen Eindruck. „„Wenn das Dem passiren konnte““ sagte sich Jeder und sah einen Augenblick mißtrauisch auf die eigene Kraft.“ „Und der Unfall ereignete sich hier, auf der Spree selbst?“ „Nein, weiter aufwärts auf der Müggel. Sie ist das tückischste unter allen Wässern. Gerade so tückisch, wie sie unschuldig aussieht. Plötzlich springt ein Wind auf, wirft sich in die Segel und legt das Boot auf die Seite. Wer sich dann an Mast und Planke hält, der mag gerettet werden; wer es aber durch eigene Kunst ertrotzen will, der ist verloren. Er verfitzt sich im Kraut und geht in die Tiefe. Die guten Schwimmer und die guten Segler, gerade sie sind es, die der Müggeltücke verfallen.“ „Aber muß es denn immer die Müggel sein?“ „Nein. Es ist freilich die schönste Wasserfläche weit und breit, nicht zu sprechen davon, daß die Gefahr ebenso anzieht, wie sie schreckt. Aber dennoch ist das Ansehen der Müggel im Nieder- gehen. Sie muß mindestens die Herrschaft theilen. Wir bevor- zugen jetzt die wendische Spree. Dort finden auch unsererseits die Regatten statt, deren ich schon flüchtig gegen Sie erwähnte.“ „Man hört so selten davon.“ „Gewiß. Die Berliner haben keinen Sinn dafür. Man merkt ihnen nicht an, daß sie von den Fischerwenden abstammen. Aber was sie in ihrer Totalität vermissen lassen, das suchen die Einzelnen wieder auszugleichen. Und diese Einzelnen sind wir. Ich wollte, Sie wären einmal zugegen, wenn der Mai anbricht und an unseren Ankerplätzen Alles Leben und Erwartung ist. Wir sind dann in derselben Erregung, wie wenn Oxford und Cambridge an der Brücke von Twickenham ihren Wettkampf führen.“ „Und der Schauplatz dieser Wettkämpfe ist jetzt die wendische Spree?“ „Ja, oder doch zumeist. Es ist dasselbe Terrain, das Sie morgen kennen lernen werden. Trotz der Müggel eine pompöse Wasserfläche; die Themse bietet nichts Aehnliches. Bei Caf é Lubow, halben Wegs zwischen Cöpenick und Grünau, beginnt unsere Segelbahn, durchschneidet der Länge nach den Langen See und läuft dann an der Crampenbaude vorbei auf unser Flaggenschiff zu, das, weithin sichtbar, im breiten Seddin-See das ersehnte Ziel aller unserer Anstrengungen bildet. Das Ziel und den Drehpunkt. Jetzt, mit seitwärts gedrücktem Steuer, die Biegung um das Flaggenschiff herum, und mit verdoppeltem Eifer geht es die Segel- bahn bis Caf é Lubow zurück. Eine Strecke von rund drei Meilen. Ich darf sagen, es wird dabei mehr Kunst gezeigt, als mancher von uns Spreefahrern erwarten möchte.“ „Und wer entscheidet über Sieg und Preis?“ „Die Schiedsrichter. Und dieses Schiedsrichteramt ist nun freilich das Schwerste von Allem. Es handelt sich nämlich immer wieder darum, durch minutiöseste Rechnungen festzustellen, wie viele halbe und viertel Secunden Vergütigung jedes Boot im Verhältniß zu seiner Größe zu empfangen oder zu gewähren hat. Nur nach dem Resultat dieser Berechnung werden die Preise vertheilt, so daß es vorkommen kann, daß das drittschnellste Boot leer ausgeht und das drittlangsamste gewinnt.“ „Es würde mich freuen, an einer dieser Regatten Theil nehmen zu dürfen.“ „Da lad’ ich Sie auf nächstes Jahr an Bord der „Sphinx“. Sie sollen uns willkommen sein. Ja, es ist ein Vergnügen, wie es kein größeres gibt, solche Wettfahrt mit vollen Segeln, zumal wenn es stark windet, und nun allerhand Unberechenbarkeiten hier zu Havarien führen, dort Boot und Mannschaft mit Niederlage bedrohen. So das letzte Mal. Wir musterten 31 Fahrzeuge, ein wundervoller Anblick; aber nur 25 erreichten das Ziel. Die anderen sechs hatten Schiffbruch gelitten. Der „Elektra“, unserem schönsten und größten Boot, brach der Mast glatt über Deck ab und stürzte sammt der Takelage in den Seddin-See; der „Styx“ rannte fest; der „Forelle“ platzte von dem mächtigen Segeldruck die Wanten- verbolzung und hob sich aus dem Schiffskörper heraus; der „Sturmvogel“ zog Wasser und mußte Gummiplatten auf die Lecks nageln, um sich zu halten. Ein nicht geringerer Unfall traf die „Undine“. Ihr riß der Leitwagen aus, der das Segel hält und zwar gerad’ in dem kritischen Moment des Lavirens. Aber Willy Krüger, der sie führte, setzte sich als lebender Ballast auf den Leit- wagen und ließ sich halb durch die Wellen schleppen. So glückte es ihm, die Regatta wenn nicht siegreich, so doch ruhmreich mit auszusegeln.“ „Das klingt gut. Es würde mich nach dem Allen kaum Wunder nehmen, Ihren Seglerclub zu einer Vorschule für unsere Flotte heranwachsen zu sehen.“ „Ich sage dazu nicht nein. Ein Jeder nach seinen Kräften. Wie Sie wissen, haben die Mittel-Grafschaften Englands ihren vollen Antheil an dem Flottenruhm der Nation. Lord Nelson war ein Predigerssohn. Das Binnenland hat die Sehnsucht nach der See, und aus dieser Sehnsucht erwächst immer das Beste. Nicht aus der alltäglichen Routine. Wollen Sie glauben, daß wir zwischen Caf é Lubow und der Crampenbaude mehr als einen Chinafahrer ausgebildet haben?“ „Sie scherzen.“ „Durchaus nicht. Ich nenne Namen. Einer dieser China- fahrer war Victor von Gräfe, der, zu Mehrung des von Vater und Bruder her ererbten Ruhmes, das Seine getreulich beigetragen hat. Wenigstens nach unserer Vorstellung.“ „Und zwar als Chinafahrer?“ „Gewiß. Es mögen jetzt zwanzig Jahre sein, daß er in Stettin eine Brigg bauen ließ, sie befrachtete und mit ihr nach England ging. Er war Schiffsrheder und Capitain zugleich. Mit ihm war unser alter Eichmann, ein Freund und Clubgenosse, der die Dienste eines Steuermanns versah. In England wurde die Fracht gewechselt; dann ging es in großer Tour erst bis Ceylon, dann von Ceylon bis Hongkong. In den ostasiatischen Gewässern verblieben die Freunde längere Zeit, wurden für die Linie Singapore-Calcutta gechartert, und befuhren dieselbe eine Reihe von Malen. Ihre Ladung war abwechselnd Thee und Reis. Sie verdienten ein bedeutendes Stück Geld und trafen nach Ablauf von dritthalb Jahren wohlbehalten an unserer pommerschen Küste wieder ein. Ihre Studien zu solcher Weltumsegelung aber — denn ich glaube fast, daß sie ihren Rückweg um das Cap Horn nahmen — hatten sie auf der Müggel und dem Seddin-See gemacht.“ Unter solchem Geplauder war Mitternacht herangekommen; die Lichter am Ufer hin erloschen, Nichts leuchtete mehr als die Johanniskäfer im Gebüsch und die Sterne zu unseren Häupten. Die Frische des Abends steigerte sich zu nächtlicher Kühle und ein Frösteln überlief uns, trotzdem längst energischere Getränke an die Stelle des von Mudy präsentirten Thees getreten waren. Capitain Backhusen mahnte zum Aufbruch. In der Cajüte drückte noch die Schwüle des Tages, so daß wir übereinkamen, die Thür nicht zu schließen. Zum Schutze gegen Mücken und Motten wurde dicht am Steuer ein Windlicht aufgestellt, das wir unmittelbar darauf von all den Unholden umschwärmt sahen, die ohne diese Vorsichts- maßregel unsere Nachtruhe gestört haben würden. So aber schliefen wir unbelästigt unserem ersten Reisetag entgegen. Von Cöpenick bis Dolgenbrod. ( Erster Reisetag .) Als ich erwachte, war es heller Tag; die schon ziemlich hoch- stehende Sonne füllte die Cajüte mit Licht und an dem Lärm auf Deck, nicht minder an einer leichten Schaukelbewegung, ließ sich unschwer erkennen, daß unsere „Sphinx“ bereits unter vollen Segeln war. Und so war es wirklich. Schloß Cöpenick, selbst das preis- richternde „Caf é Lubow“, das am Abend vorher so oft genannt worden war, lagen längst hinter uns, und die Müggelberge links, die Spree-Haide rechts, fuhren wir mit scharfer Morgenbrise den Langen See hinauf. Der Nordwest, der blies, so sehr er unserer Fahrt zu Statten kam, ließ es doch wünschenswerth erscheinen, unser Frühstück in der Cajüte zu nehmen, deren etwa nur zehn Fuß im Quadrat messen- der Raum schnell gelüftet war. Mudy trug auf, ein Riesentablet vor uns niedersetzend. Wir verfügten noch über all jene Herrlich- keiten, die auf Seereisen trotz ihrer Einfachheit die größten Luxus- artikel bilden: frisches Wasser, frische Milch und — frische Semmeln. Mit letzteren hatte uns Cöpenick noch in aller Frühe versorgt. Eine heitere halbe Stunde leitete den Tag ein, heiter und schönheitsvoll. In den Rahmen der offenstehenden Cajütenthür stellten sich camera-obscura -artig die Veduten dieser Spree- und Müggel-Gegenden. Ruhig ging die Unterhaltung; wenn sie schwieg, vernahmen wir deutlich jenen unbeschreiblichen Gluck- und Murmel- ton, womit sich ein scharfdurchschnittener Strom in nur halb ge- hobenen und unfertig bleibenden Wellen an die Planken eines Schiffes schmiegt. Unser Auge richtete sich zumeist auf die wechselnden und doch dieselben bleibenden Landschaftsbilder, die jetzt in immer heller Fontane , Wanderungen. IV. 5 werdender Beleuchtung durch unsere Thür hereinschienen; nur von Zeit zu Zeit wandte sich der Blick auch unserer nächsten Umgebung, vor Allem der Cajüte selber und ihrer compendiösen Einrichtung zu. Es fehlte Nichts. Von der in Zapfen hängenden, alle Be- wegungen des Bootes mitmachenden Lampen-Vorrichtung an bis zu der kleinen Druckmaschine herab, die die Cigarrenspitzen ab- schneidet, war Alles da. Flaschen, Gläser und Flacons standen eingepaßt in ihren Behältern; überall Polster und Kissen, jeder Gegenstand des Comforts und der Toilette vertreten. Eß- und Spieltische konnten aufgeklappt oder ausgezogen werden. Das Ganze beständig an jene Carlsbader Etuis erinnernd, die in zwei zusammenpassenden Nußschalen eine Scheere, einen Fingerhut, einen Bindlochstecher und eine Nadelbüchse enthalten, während man doch annehmen sollte, daß der Fingerhut allein schon ausreichen müßte, das Etui zu füllen. Nach dem Frühstück, dem namentlich unser Supercargo durch allerhand culinarische Aper ç us eine höhere Weihe zu geben wußte, stiegen wir auf Deck, und hatten nun die Wald- und Wasser- Landschaft, die wir, während der letzten Stunde, nur in Ausschnitten kennen gelernt hatten, in ihrer Totalität vor uns. Ein klarer, lichter Tag; blauer Himmel und Sonne, und doch ein feiner grauer Nebelschleier, der, über Wasser und Landschaft liegend, Alles milderte und dämpfte. An den Ufern hin — ein seltener An- blick im norddeutschen Flachland — standen hochaufgeschichtete Holzmeiler, bestimmt, zu Kohle verbrannt zu werden. Wie mir versichert wurde, eine Folge des Raupenfraßes, der nur noch diese Verwendung der geschädigten Kiefernwaldungen gestattet, oder sie doch als die vortheilhafteste erscheinen läßt. Zwischen den Holz- meilern, und auf eine weite Strecke hin mit ihnen abwechselnd, erhoben sich die Kolossalbauten der Berliner Eiswerke, die, halb wie Riesenschuppen einer Fabrik-Anlage, halb wie die Gradir- wände einer Saline dreinschauten. Zu meiner Ueberraschung erfuhr ich, daß auch zu Zeiten Feuer in ihnen ausbricht. Eingesprenkelt in diese Meiler und Eiswerke, die auf weithin die Ufer beherrschen und ihnen den Charakter geben, präsentirten sich auch Villen-Anlagen, die in allen erdenklichen Spielarten, namentlich im italienischen und englischen Castell-Stil, zu uns sprachen. Dicke und schlanke Flachthürme, mit Pfeilern, Sims und Balustrade. Alles in Allem ein wunderbarer Anblick, der, nach mehr als einer Seite hin, zu denken gibt. Geflissentlich an den unübertroffenen Vorbildern Schinkel’s und seiner Schule vorübergehend, wie sie die Villenstraßen des Thiergartens auf- weisen, gefällt sich der Bourgeois unserer östlichen Stadtreviere darin, seinen „Donjon“, und, wenn es sein kann, selbst seinen „Belfroi“ zu haben. Und dieser Schiefheit des Gedankens ent- spricht die Ausführung, die er erfährt. Eine geschäftsbefreundete „Firma“, die ein Ignoriren nicht wohl gestattet, empfängt den Bau in Entreprise, und todt und steif werden nun die Rund- und Spitzbögen aus dem Nürnberger Spielkasten genommen. Eben wieder lag ein reichgegliederter „Tudorthurm“, dessen hochaufgehißtes Banner allem Stolz von York und Lancaster zu trotzen schien, glücklich hinter uns, als die Wasserfläche des Langen See’s sich verbreiterte, und unseren Architektur-Unmuth, soweit er überhaupt an Bord unseres Schiffes getheilt wurde, in dem Im- posanten des landschaftlichen Bildes untergehen ließ. Wir waren in das eigentliche Regatta-Terrain eingefahren und befanden uns in Nähe jener haffartigen Stelle, wo sich, Angesichts der Schmöck- witzer Brücke, vier über Kreuz gestellte Seeflächen: der Lange See, der Seddin-See, die Crampe und der Zeuthener-See, ein Rendez- vous geben. Der Nordwester wuchs, rascher ging die Fahrt, feuchter und erquicklicher wurde die Luft. Das Bild nahm uns gefangen: wir waren begierig, es von einer Hochstellung aus besser überblicken zu können. Eine Strick- leiter war nicht da, die wir hätten erklettern können; so festigten wir, rechts und links, ein Klammer- und Hakenbrett an die zwischen Mast und Wanten straffgespannten Schrägtaue, und nahmen auf diesen Brettern hüben und drüben unseren Stand. Capitain Backhusen, den Tubus in der Hand, gab nicht nur die Ordres, sondern auch die Informationen. „Das ist die Crampenbaude, das ist Philippshütte, das ist der Schmöckwitzer Thurm; hier in Front aber, wo sie die Rohrinsel schwimmen sehen, das ist „Robins- Eiland“, wo unser Flaggenschiff an den Regatta-Tagen zu liegen 5* pflegt. Dahinter steigt der Müggelsheimer Forst an, und wo er sich wieder senkt, das ist Kahniswall. „Kahniswall?“ fragte ich einigermaßen überrascht. „Gewiß, Kahniswall. Kennen Sie es? Eine Colonisten-An- lage; früher ein Fischerhaus.“ „Ja, dann kenn’ ich es. Nicht von Ansehn, aber aus einer Erzählung. Und Robins-Eiland, das dort im Rohrgehege mit den drei Pappelweiden schwimmt, muß dann just die Insel sein, wo meine Robinsonade spielt.“ Wir stiegen wieder auf Deck, und die Aufforderung erging an mich zu erzählen, wobei es nicht an Zweifeln und scherzhaften Vorwürfen fehlte, ihnen, „den Halb-Autochthonen dieser Gegenden“, etwas Neues über die nördliche Wendei verrathen zu wollen. „Wir wissen hier Bescheid, wie in unserer eigenen Tasche; wir könnten Civilstandsregister führen und Chroniken schreiben, und nun kommen Sie, um uns auf unserem eigenen Terrain eine Nieder- lage zu bereiten. Kahniswall, eine Robinsonade; was ist es damit?“ „Ich habe vor Jahren, als ich Geschichten aus dem Teltow sammelte, durch Güte eines Freundes davon erfahren. Es war eine briefliche Mittheilung und trug die Ueberschrift: „der Fischer von Kahniswall“. „Nun so lassen Sie hören.“ „Gut denn.“ Der Fischer von Kahniswall. „Fischer Kahnis hielt eine Fähre, da, wo der Rahnsdorfer Spreearm in den Seddin-See eintritt. Das Häuschen, das er be- wohnte, war des sumpfigen Untergrundes halber von ihm selber auf einem eigens hergerichteten Damm oder Wall aufgeführt worden, und weil Alles damals noch ohne feste Bezeichnung war, erhielt diese Wallstrecke, wo sein Häuschen stand, den Namen Kahniswall. Die Colonisten von Gosen und Neu-Zittau , seine nächsten Nachbarn, vergaßen über diesen Ortsnamen sehr bald den Namen dessen, der Wall und Häuschen erst geschaffen hatte, und nannten ihn, nach seiner Schöpfung, den „Fischer von Kahniswall“. Diese Bezeich- nung verblieb ihm auch sein Lebelang, trotzdem er, bei jungen Jahren schon, die nach ihm benannte Heimstätte verließ. In der Geschichte jedoch, die Sie nun hören sollen, werd’ ich ihn, der Kürze halber, einfach bei seinem Namen nennen. Kahnis hatte eine junge Frau, eine Kossäthentochter aus Schmöckwitz, die sehr blond und sehr hübsch war, viel hübscher als man nach ihrem Geburtsort hätte schließen sollen. Er war, bei Beginn unserer Erzählung, drei Jahre mit ihr verheirathet und hatte zwei Kinder, Krausköpfe, die er über die Maßen liebte. Seine Hanne aber liebte er noch viel mehr. Hatte sie doch, allem Dreinreden unerachtet, aus bloßer Neigung zu ihm — er war ein stattlicher Spreewende — eine Art Mesalliance geschlossen. So kam der Oktober 1806. Eh’ der Unglücks-Monat zu Ende war, waren die Schelmen-Franzosen in Berlin, und drei Tage später auch in Cöpenick. Hier sah sie nun unser Kahnis. Es waren Kürassiere von der Division Nansouty. Als er hörte, daß ein paar Schwadronen auch auf die umliegenden Dörfer ge- legt werden sollten, überkam ihn ein eigenthümlich schreckhaftes Gefühl, eine Eifersuchts-Ahnung, ein Etwas, das er bis dahin nicht gekannt hatte. Wer wollt’ es ihm verargen? Er war ge- rade gescheidt genug, um zu wissen, daß die Weiber, in ihrer ewigen Neugier, das Fremde und Aparte lieben, und so sehr er seiner Hanne unter gewöhnlichen Verhältnissen traute, so wenig glaubte er ihrer sicher zu sein, wenn es sich um einen Wettstreit mit den Nansouty’schen Kürassieren handelte, die alle sechs Fuß maßen und einen drei Fuß langen Roßschweif am Helme hatten. Ich muß sagen, daß er sich hierin, wie in vielen anderen Stücken, als ein einfacher, aber sehr verständiger Mann bewies.“ Capitain Backhusen nickte zustimmend. „Kahnis sann also nach, wie er der Gefahr entgehen könne, überschlief es und sagte dann anderen Tages früh: „Hanne, komm’; ich mag die Kerls nicht sehen. Sie haben keinen Herrgott und stehlen Kinder. Hier an der Straße sind wir nicht sicher vor ihnen. Ich weiß aber einen guten Platz, wo sie uns nicht finden sollen. Ewig wird es ja nicht dauern.“ Daß er aus eifersüchtiger Furcht seinen Vorschlag machte, davon schwieg er. Er verfuhr wie immer die Ehemänner in ihrer Bedrängniß und that Alles „um der Kinder willen“. Hanne war eine gute Frau und zärtliche Mutter; zudem hielt ihre Erkenntniß gerade die Höhe von Schmöck- witz. Sie gab also unserem Kahnis einen herzhaften Kuß, zum Zeichen, daß sie mit Allem einverstanden sei. Und das ist immer das Beste was Frauen thun können.“ Capitain Backhusen nickte abermals zustimmend. „Gesagt, gethan. Viel Zeit war ohnehin nicht zu verlieren. Unsere Fährleute gingen rasch an’s Werk, und das Einschiffen ihrer Habseligkeiten begann. Das große Fährboot hatte ja Platz vollauf. Betten und Wiege, die Bibel und die Kuckucksuhr, die Kinder und die Ziege wurden geladen, und ehe die Sonne unter war, fuhren alle Insassen von Kahniswall, nichts weiter als die kahlen Wände zurücklassend, nach der Insel im Seddin-See hin- über. Da der Seddin-See nur eine Insel hat, so muß es Robins- Eiland gewesen sein. Hier bezogen sie zunächst ein Camp, in dessen Mitte Kahnis aus Balken und Bohlen eine Wohnstätte zusammen- nagelte, die halb Blockhaus, halb Bretterhütte war. Der Winter setzte alsbald hart ein; aber wer wie Kahnis drei Jahre lang von dem Fährpfennig der Gosener Colonisten und dem Markt-Ertrage seines Fischkastens gelebt hatte, der war eben nicht verwöhnt. Zudem verstand er sich darauf, den Unbilden der Witterung zu begegnen. Schilf, das er in dichten Bündeln auf sein Block- und Bretterhaus packte, dazu ein darüber gebreitetes altes Segeltuch, gaben Schutz gegen Regen und Kälte; eine Feuerstelle war bald aufgemauert, und lange bevor die Ostersonne im Seddin-See sich spiegelte, fand Kahnis, daß die alte Kuckucks-Wanduhr auf der Insel gerade so gut schlüge, wie daheim auf Kahniswall. Die Ziege gab Milch; an Fischen und Sumpfvögeln war Ueberfluß, und als die Brutzeit heran kam, lagen die Enten- und Kibitzeier zu vielen Hunderten rings um die Insel her. Allsonnabendlich brachte er seine Fische nach Cöpenick, kaufte Wochenbrot, und beobachtete das politische Wetterglas, vor Allem die Cöpenicker und ihre Ein- quartierung. Was er da sah und hörte, machte ihn nur fester in seinem Entschluß, das Kriegswetter erst vorüber ziehen zu lassen; das Franzosenzeug war gerade so, wie er es sich gedacht hatte, aber das Weiberzeug war viel schlimmer. Er beglückwünschte sich deshalb zu seiner Insel-Einsamkeit, und fuhr jedesmal fröhlich wieder heim. Im Spätsommer anno 8 hieß es: „jetzt ziehen sie ab“. Kahnis aber schüttelte den Kopf und sagte: „sie sind noch da; und wenn sie nicht mehr da sind, so kommen sie wieder; Hanne, wir wollen bleiben, wo wir sind“. Und darin war unser Robinson auf Robins-Eiland klüger als mancher Allerklügste. Denn sie kamen wirklich wieder. Kahnis freilich, als er so sprach, hatte nicht seine Klugheit, sondern nur seine Neigung befragt. Das Wahre von der Sache war: er wollte nicht mehr fort. Aus dem Schlupfwinkel, den er zwei Jahre früher als ein Flüchtling betreten und zunächst nur wie einen Lagerplatz eingerichtet hatte, war längst ein ansehnliches Gehöft mit Stube und Stall, mit Kammer und Keller geworden, das nicht mehr inmitten einer schilfüberwachsenen Insel, sondern im Centrum eines von Garten- und Ackerstreifen durchzogenen und von einem Schilfgürtel nur eben noch eingefaßten Wiesen-Rondeeles lag. Hier gruben und pflanzten Mann und Frau wie die ersten Menschen, und als endlich, nach zweimaliger Entscheidung, nach Leipzig und Waterloo, wirklich der große Frieden kam, und Kahnis nun ehrenhalber sagen mußte: „Hanne, jetzt ist es Zeit“, da senkte diese den Kopf und erklärte, daß sie bleiben wolle. Das war es was er zu hören gewünscht hatte. Nun gestand er ihr auch, daß er nicht aus allgemeiner Franzosenfurcht, sondern aus ganz beson- derer eifersüchtiger Sorge vor den Nansouty’schen Kürassieren auf die Insel gezogen sei. Hanne machte kein Aufhebens von diesem Geständniß. Sie nahm nur das Schmeichelhafte heraus und ent- schlug sich aller tugendlichen Empfindsamkeit. Viel Nachdenken war überhaupt nicht ihre Sache. So gingen die Jahre. Die Kinder wuchsen heran, verließen Haus und Insel; endlich starb auch die Frau. Kahnis stellte den Sarg auf sein bestes Boot und fuhr quer über den See, um der Todten auf dem Schmöckwitzer Kirchhof ein christliches Begräbniß zu geben. Denn in Lutheri Catechismo von Jugend auf fest, war er, der seit langen Jahren mehr mit Gott als mit den Menschen gelebt hatte, in seinem Glauben immer lebendiger geworden. Am Ufer warteten die Träger, Schmöckwitzer Kossäthen. Als sie den Sarg niederließen, da, zum ersten Male, kam ein Schwanken in sein Herz, und er erschrak, wenn er an die Oede von Robins-Eiland dachte; denn er war nun ganz allein. Aber die Anhänglichkeit an den Boden, den er sich errungen hatte, siegte auch diesmal, und gutes Muthes kehrte er in seine Einsamkeit zurück. Die Insel war seine Welt geworden. Sein Leben blieb dasselbe: allwöchentlich fuhr er zu Markt und bot seine Fische feil, wie er es vierzig Jahre lang gethan hatte. Er war wohl gelitten in Cöpenick; sie kannten ihn alle; und nur zu Zeiten blieb er aus. Dann lebte er mit den Cöpe- nickern in Fehde. Oft um kleiner Dinge willen, aber auch um großer. 1848 ließ er sich ein halbes Jahr lang nicht sehen und kam erst wieder, als „Vater Wrangel“, dessen Bild er damals mit einer breiten Goldborte an die Stubenthür klebte, seinen siegreichen Einzug gehalten hatte. Die Cöpenicker, als sie ihn wiedersahen, vergaßen allen politischen Hader und sagten nur: „alte Leute sind wunderlich“. Meine Geschichte geht zu Ende. — Es war am ersten Sonn- abend des Monats October 1850. Kahnis blieb aus. Die Cöpenicker rechneten nach, worin sie’s wohl wieder versehen haben könnten, konnten aber Nichts finden. Daß Kahnis einmal eines von ihm und seiner Laune ganz unabhängigen Zwischenfalles halber fehlen könne, das fiel Niemanden ein. Darin waren die Schmöckwitzer klüger. Diese, als er Tages darauf in ihrer Kirche fehlte, wußten, was geschehen war. Sie fuhren hinüber und fanden ihn neben der Schwelle seiner Thür, auf einem Bündel Schilf sitzend, das er sich seit lange, als seine Altersbank, zurecht gelegt hatte. Es war ersichtlich, daß er, die warme Herbstsonne suchend, an dieser Stelle eingeschlafen war, um nicht wieder zu erwachen. Die Verwandtschaft der Frau richtete ihm ein groß Begräbniß her; der Schmöckwitzer Küster schrieb an die beiden Söhne, die mit sieben Enkeln und anderthalbhandbreitem Krepp um den Hut, von Berlin und Rathenow herüber kamen, die ganze Cöpenicker Fischer- zunft aber, die, schon zwei Stunden vor Beginn der Feierlichkeit, bei der Insel angefahren war, folgte jetzt in dreißig Booten nach Schmöckwitz hinüber. Der Prediger, der den alten Mann sehr geliebt, und seiner Gemeinde als das Bild eines schlichten und frommen Christen oft empfohlen hatte, sprach über das Schriftwort „ei Du frommer und getreuer Knecht, Du bist über Wenigem getreu gewesen, ich will Dich über Viel setzen; gehe ein zu Deines Herren Freude.“ Und denselben Spruch hat auch der Schmöckwitzer Tischler auf das Grabkreuz unseres Freundes geschrieben.“ „Dies Grab müssen wir besuchen,“ rief jetzt Capitain Back- husen mit Emphase; „das ist mein Mann; allein sein, Nichts von der Welt wollen!“ Und Lieutenant Apitz und unser Supercargo, trotzdem sie als Typen ausgesprochenster Gesellschafts-Neigung gelten konnten, stimmten begeistert bei. Denn mit Nachdruck aus- gesprochene Sätze sind ihres Einflusses immer sicher. Wir waren inzwischen bis in unmittelbare Nähe der Schmöck- witzer Brücke gekommen. Capitain Backhusen gab ein Zeichen mit Horn und Sprachrohr, und gleich darauf, während die halbe Dorf- jugend herzudrängte, hob sich eine der Brückenklappen und gestattete uns, unter Salut und Zoll, die Einfahrt aus dem Seddin-See in den Zeuthener-See zu machen. Unsere erste Station war er- reicht: Schmöckwitz . Die „Sphinx“ legte an; wir stiegen an’s Ufer, um auf eine halbe Stunde wieder terra firma unter den Füßen zu haben. Schmöckwitz, eine Art Capitale dieser Gegenden, wirkt doch ganz nur wie ein Dünendorf an der Ostseeküste. Oed und ärmlich. Hinter Sandhügeln versteckt, in tiefen Löchern und Einschnitten liegen einzelne Häusergruppen, während sich alte und junge Kiefern, oft mehr wagerecht als aufrecht stehend, an den sandigen mit Strandhafer überwachsenen Abhängen entlang ziehen. Inmitten des Ganzen die Kirche, ein trister Bau, aus dem Anfang dieses oder vielleicht auch des vorigen Jahrhunderts. So wenig einladend nun das Aeußere derselben war, so drang ich doch, nach vielfacher auch auf diesem Gebiete gemachter Erfahrung, die jedes Vorweg-Urtheil verpönt, auf Besuch des Inneren. Denn die trivialste märkische Dorfkirche kann immer noch das Rührendste und die häßlichste immer noch das Schönste verbergen. Hier freilich war ein solcher Ausnahmefall nicht ge- geben. An weißgestrichenen Wänden hingen die üblichen Gedächt- nißtafeln; unter der Kanzel stand ein bestaubter Altar, beiden gegenüber aber, dicht gedrückt unter der Decke hin, blinkten die dünnen Röhren eines Harmoniums, dieses verkümmerten Enkel- kindes der Orgel. In der Mitte der Kirche paradirte ein Kron- leuchter, zum Andenken an die Jahre 13, 14 und 15 gestiftet. Er zeigte die Form einer Kosackenmütze und war mit einem in Blech geschnittenen Eisernen Kreuz geschmückt. Derselben Zeit ge- hörte auch eine Landsturmfahne an, die auf ihrem rothen Flanell- lappen einen schwarzen Adler und die Bezeichnung: „1. Division, 1. Brigade“ trug. Was hier so niederdrückend wirkte, war die melancholische Abwesenheit alles Freien und Selbständigen; die Armuth kann poetisch sein, die Armseligkeit nie. Wir traten auf den Kirchhof hinaus, dessen Gräber, wie die Häuser des Dorfes, gruppenweise versteckt in den Senkungen des Hügels lagen. Nur hier und dort ein Busch, ein Blumenbeet. Um den Eindruck zu bannen, den das Innere der Kirche auf uns gemacht hatte, forschten wir nach Kahnis’ Grab, freilich zu- nächst umsonst. Der Küster, der erst wenige Monate im Dorfe war, hatte den Namen nie gehört, zeigte sich indessen beflissen, in seiner Schulklasse zu fragen. Als er wieder zu uns trat, war er in Begleitung eines halbwachsenen Mädchens, dessen flachs- blonde Zöpfe zu einer dichten Krone zusammengelegt waren. Sie begrüßte uns unbefangen, schritt auf einen abseits gelegenen, halb- verwilderten Fliederbusch zu und sagte dann, indem sie die Zweige auseinander bog: „das ist Kahnis’ Grab“. Auf einem eingefallenen Hügel, der mehr mit Moos als mit Gras überwachsen war, lag ein halbumgestürztes Kreuz; die Inschrift war längst vom Regen abgewaschen. Als wir neugierig fragten, „woher sie die Stelle so gut kenne“, zeigte sie, statt jeder anderen Antwort, auf ein Hänf- lingsnest, das sich in dem Gezweig versteckte. Die beiden Alten flogen auf, umkreisten aber die Stätte. Capitain Backhusen, als er des geängstigten Pärchens ansichtig wurde, lüpfte den Hut und sagte dann: „das sind wir dem Andenken Kahnis’ schuldig, den Frieden dieses glücklichen Haushaltes nicht länger zu stören.“ Und damit traten wir unseren Rückzug an. Eine Viertelstunde später waren wir wieder an Bord der „Sphinx“ und fuhren nun, unseren Cours wechselnd, auf die Süd- spitze des Zeuthener-Sees zu. Auch hier noch ist der Segelclub zu Haus, dessen anwesende Mitglieder nicht ermangelten, mir „Hankel’s Ablage“, „Hache’s Gruß“, den „Gingang-Berg“ und ähnlich wunderlich benannte Punkte vorzustellen. Aber der Zeu- thener-See ist doch schon Vorterrain; die Villen hören auf, der Einfluß der Hauptstadt schwindet und die eigentliche „ Wendei “ beginnt. Die Ufer, still und einförmig. Nur dann und wann ein Gehöft, das sein Strohdach unter Eichen versteckt; dahinter ein Birkicht, ein zweites und drittes, coulissenartig in die Land- schaft gestellt. Am Horizonte der schwarze Strich eines Kiefern- waldes. Sonst nichts als Rohr und Wiese, und ein schmaler Gerstenstreifen dazwischen; ein Habichtpaar in Lüften, das im Spiel sich jagt; von Zeit zu Zeit ein Angler, der von seinem Boot oder einem halbverfallenen Steg aus die Schnur in’s Wasser wirft. Wenig Menschen, noch weniger Geschichte. Selbst der Feind mied diese Stelle. Darum fehlen hier auch die Schlacht- felder auf viele Meilen hin. In einer alten Chronik heißt es: „Der 30 jährige Krieg kam nicht hieher, weil ihm die Gegend zu arm und abgelegen war.“ Er wußte wohl, was er that. Wie ein Feuer ohne Nahrung, wär’ er in diesem See- und Spree- gebiet erloschen. Der Grundzug der Wendei, wenigstens an dieser Stelle, ist Trauer und Einsamkeit. Um Mittag hatten wir die Südspitze des Zeuthener-Sees erreicht; von fern her blickte der Königs-Wusterhausener Thurm zu uns herüber. Dann fuhren wir in die Neumühler-Schmalung ein, die den Zeuthener-See mit dem Krüpel-See verbindet, endlich aus dieser Schmalung in den Krüpel-See selbst. Die Landschaftsbilder blieben dieselben und wechselten erst, als wir, bei Dorf Cablow, aus der bis dahin befahrenen Seen- Kette der wendischen Spree in diese selbst gelangten. Nicht viel breiter als ein Torfgraben, zieht sie hier die Grenze zwischen dem Teltow’schen und dem Beeskow-Storkow’schen Kreis, bis sie, nach einer Wegstrecke von kaum einer Meile, bei dem Dorfe Gussow abermals zu einem See sich breitet, dem Dolgen-See. Unsere Fahrt verlangsamte sich jetzt, da mittlerweile beinahe völlige Windstille eingetreten war; erst eine bei Sonnenuntergang auf- springende Brise führte uns glücklich über den See bis Dolgenbrod. Es war völlig dunkel geworden, und nur der Schein weniger Lichter bezeichnete die Stelle, wo, hinter Bäumen und Rohrgehegen, das Dorf zu suchen sei. Wir selber warfen Anker inmitten dreier Torfkähne, die schon vor uns an diesem Platz ein Unterkommen gesucht hatten. Zugleich wurde die Sturmlaterne ausgehängt. Als ich mein Befremden über diese Vorsichtsmaßregel ausdrückte, zeigte Capitän Backhusen auf eine dunkle sternlose Stelle am Horizont, die ihm Sturm zu bedeuten schien, zum zweiten aber auf die Torfkähne, zwischen denen wir allerdings wie eingeklemmt lagen. „Zieht ein Wetter herauf und diese drei „großen Christoph’s“ reißen sich los, so werden wir zerquetscht wie ein Polarschiff im Eismeer. Die Laterne thut nicht Alles, aber viel. Zum Mindesten zeigt sie uns die Stelle, wo wir untergehen.“ Um diesen Trost reicher, suchten wir unser Lager. Müde von des Tages Last und Hitze, schliefen wir unbekümmert ein. Von Dolgenbrod bis Teupitz. ( Zweiter Reisetag .) Mit dem Frühesten war ich auf, zwischen 3 und 4; die Sonne kündigte sich erst durch einzelne Strahlen an, die von Zeit zu Zeit am Horizonte aufschossen. Aber so früh ich war, so war ich doch nicht der Frühste. Lieutenant Apitz war mir zuvorgekommen und hatte, da er die Angel-Passion mit der Segel-Passion glücklich zu vereinigen wußte, seine Schnur seit länger als einer halben Stunde ausgeworfen. Mit ihm Mudy. Ein guter Frühfang hatte ihre Anstrengungen belohnt. In einer neben ihnen stehenden Wanne zappelte es bereits von Schlei und Hecht, von Giesen und Karauschen, die für unser Mittagsmahl einen vorzüglichen zweiten Gang in Aussicht stellten. Es war ein erquicklicher Morgen; in dem fallenden Thau gab sich die Natur wie gebadet. Ein Flachboot strich hart an uns vorüber, in dem ein junger Dolgenbroder, mit angehängtem Fisch- kasten, stromabwärts fuhr. Er sah ziemlich spöttisch zu unserer Angelruthe auf und grüßte. Lieutenant Apitz aber war nicht der Mann, sich verwirren zu lassen. „Eingeborner Wende, was gelten die Fische?“ Der Angeredete nannte eine beliebige Summe. „Da lasse ich sie billiger und gebe noch eine Bleiflinke zu.“ Damit griff Apitz in die Wanne und warf ihm die angekündigte Flinke in’s Boot. In diesem Augenblicke stieg der Gluthball der Sonne auf und durchleuchtete die dünnen Nebel. Wir sahen nun erst, wo wir waren. Am Wasser hin zog sich eine schmale Wiese, von Huflattig eingefaßt, der hier und dort in grotesken Blattbildungen kleine vorspringende Inseln schuf. Hinter dem Wiesenstreifen, immer den Windungen des Flusses folgend, stand eine Reihe von Häusern, jedes einzelne durch ein blühendes Mohnfeld von dem Nachbarhause geschieden. Die Bewohner schliefen noch oder hantirten in Küche und Kammer; nur ein paar Blondköpfe waren aus dem Bett in den Garten gesprungen und spielten in ihren rothen Friesröcken unter dem weißen Mohn umher. Im Rücken der Häuser stieg das Erdreich an, fast einen Damm bildend, auf dessen Höhe der Hanf in dichten Stauden stand. Hinter dem Damm aber lief die Dorfstraße hin, wenigstens klang von dort her ein leises Läuten herüber. Ich glaubte die Heerde zu sehen, trotzdem sie meinem Auge verborgen war. Einsamkeit auch hier. Aber wenn sie am Tage vorher, an den Ufern des Zeuthener-Sees, wie ein wendisches Volkslied elegisch geklungen hatte, so klang sie hier wie ein Idyll aus alten Zeiten und schuf dem Herzen ein süßes Glück, wo jene nur ein süßes Weh geschaffen hatte. Ich wurde des stillen Lebens, das aus diesen Bildern zu mir sprach, nicht müde. Immer Neues erschloß sich mir, das mein Herz bewegte. In Front jedes Hauses stand ein uralter Birnbaum, in der einen Hälfte abgestorben, aber in der anderen noch frisch und mit Früchten überdeckt. In dem hohlen Hauptast bauten die Bienen, an dem Stamm lehnte die Sense, zwischen den Zweigen hing das Netz; und in dieser Drei- heit lag ersichtlich das Dasein dieser einfachen Menschen beschlossen. Das Sammeln des Honigs, das Mähen der Wiese, das Fischen im Fluß, in so engem Kreislauf vollendete sich tagtäglich ihre Welt. Und so war es immer an dieser Stelle. Wie die Menschen hier, in Pfahlbauzeiten, im Gezweige ge- wohnt hatten, so wohnten sie jetzt unter dem Gezweig; aber in ihm oder unter ihm, sie blieben wie die Vögel, die Nester bauen. Und in diesem Berührtwerden von etwas Unwandelbarem, in der Wahrnehmung von dem ewigen Eingereihtsein des Menschen in den Haushalt der Natur, liegt der Zauber dieser Einsamkeits- dörfer. Schon vor 6 Uhr war die „Sphinx“ unter Segel. Aber der Wind ließ bald nach, so daß wir froh waren, inmitten einer eben zu passirenden Schmalung die großen Stoßruder benutzen zu können. Wir schoben uns nur noch von der Stelle. Dies dauerte Stunden. Erst bei Prierosbrück machte sich der Wind wieder auf und trieb uns nun in die „Schmölte“ hinein, einen buchtenreichen, durch Schiebungen und Waldcoulissen ausgezeichneten See, der, zugleich mit dem ihm anliegenden Duberow -Forst (gemeinhin kurz „die Duberow“ geheißen) den inneren Zirkel der Wuster- hausener Herrschaft , dieses großen, an die 13 Quadratmeilen umfassenden, und namentlich während der Regierungszeit Friedrich Wilhelms I. aus adligen Gütern der Schlieben, Oppen und Schenken v. Teupitz zusammengekauften Jagdrevieres bildet. Mit der Einfahrt in die „Schmölte“ waren wir, um es zu wiederholen, in den „inneren Zirkel“ dieses Revieres eingetreten. Eine ausgestellte Schildwacht, wie sie nicht charakteristischer sein konnte, ließ uns keinen Zweifel darüber. Inmitten des Sees, auf einer wenig überspülten Sandbank, stand ein großer, ziemlich fremdartig dreinschauender Grauvogel, und salutirte auf seine Weise, durch eingezogenen Hals und Fuß. Wir erwiderten seinen Gruß, das Geringste, was wir thun konnten; denn wir waren im selben Augenblicke, wo wir ihn in seiner Schildwachtstellung passirten, zu einem fremden Volke gekommen, zu dem Volke der Reiher , das in der „Schmölte“ seinen Fang und in der „Duberow“ seine Nester hat. Der ganze innere Zirkel der Wusterhausener Herrschaft, eine große Reiherherrschaft ! Diese kennen zu lernen, war seit lange mein Wunsch. In einer Bucht, die von zwei bastions- artig vorspringenden Waldstücken gebildet wird, gingen wir vor Anker. Ein Besuch des nahegelegenen Reiherhorstes entsprach unserem Programm. Nur der einzuschlagende Weg, den Lieutenant Apitz „quer durch“ genommen wissen wollte, führte zu einer lebhaften Debatte. Während diese noch schwankt, erzähl’ ich dem Leser von alten und neuen Reiherjagden, wie sie die „Duberow“ sah. Die Duberow, von der Natur dazu vorgezeichnet, ist alter Reihergrund. Alle Elemente sind da: Eichen, Sumpf und See. Schon der Große Kurfürst jagte hier, aber erst unter dem „Sol- datenkönig“, der all sein Lebtag seiner Wusterhausener Herrschaft die noch aus kronprinzlichen Tagen herstammende Liebe bewahrte, erst unter König Friedrich Wilhelm I. kamen die Duberow-Reiher- jagden, die damals Reiherbeitzen waren, zu Flor und Ansehen. Bei einem zeitgenössischen Schriftsteller, der selber diese Jagden mitmachte, finde ich folgende Schilderung: „Im Frühling und im Herbst vergnüget sich der Hof, neben manchem Anderen, auch mit der Reiherbeitze , an der die Königin nicht selten Theil nimmt. Der Schauplatz dieser Vergnügungen ist verschieden, zumal aber ist es Wusterhausen und der Duberow-Wald, oder „die Duberow“, wie die Leute, der Kürze halber, den Wald zu nennen pflegen. Ich habe solchen Reiherbeitzen öfter beigewohnt. Ist dergleichen angesaget, so begiebt sich der König auf eine Höhe, die einen weiten Umblick gestattet. Seine Majestät reiten gemeiniglich, und werden auch von vielen Anderen zu Pferde begleitet. Zudem werden zwei Wurstwagen angespannt, und es sitzen auf jedem derselben 16 bis 20 Personen. Auf der Waldhöhe ist ein Herd errichtet, auf dem ein gewaltiges Feuer brennt. Dieser ganze Herd ist rings herum umgraben, so daß man sich dabei niedersetzen, und wer frieret, zur Genüge wärmen kann. Auch ist der Platz, an dem sich Herd und Feuer befinden, mit Maien umstecket. Unten in der Ebene halten die Falkoniers mit ihren Falken, und sind an unterschiedene Posten vertheilt. Wenn sich nun ein Reiher reget und in der Luft daher spazieret kommt, so lässet man einen, zwei, auch drei und vier Falken steigen. Sobald der Reiher des Falken, oder ihrer mehr, gewahr wird, fänget er entsetzlich an zu schreien, und schwinget sich so hoch, als er nur immer kann. Aber der Falke machet dennoch, daß er weit über dem Reiher in der Luft zu stehen kommt. Alsdann schießet er wie ein Pfeil herab, gibet dem Reiher den Stoß, bringet ihn auf die Erde und hält den- selben so lange, bis die Falkoniere kommen und ihn aufnehmen. Die Falkoniere aber bringen den Reiher dem Ober- oder Hof- Jägermeister, und dieser präsentiret ihn dem Könige, von dem er mit einem Ring gebeitzet und sodann wieder in die freie Luft ge- lassen wird. Manchmal geschiehet es, daß der Reiher von zwei, drei und vier Falken in der Luft gestoßen und angefallen, da- durch aber die Lust desto größer wird. Ist der Tag glücklich, so werden fünf, sechs und noch mehr Reiher gefangen und gebeitzet. So war es in den Tagen Friedrich Wilhelm’s I. An die Stelle dieser „Reiherbeitzen“ ist jetzt ein ebenfalls dem Mittelalter entstammendes Reiherschießen getreten, das weniger eine Jagd als eine Zielübung ist, und im Bereiche moderner Erscheinungen am besten mit dem Taubenschießen auf unseren Schützenfesten verglichen werden kann. Nur mit dem nicht unwesentlichen Unterschiede, daß die Taube, wenigstens heutzutage, von Holz, der Reiher aber lebendig ist. Diese Reiherjagden, die, statt mit dem Falken, mit der Büchse in der Hand unternommen werden, finden jetzt alljährlich in der zweiten Hälfte des Juli statt. Dann ist die junge Brut groß ge- nug, um einen jagdbaren Vogel von wünschenswerther Schußfläche abzugeben und doch wiederum nicht groß, d. h. nicht flügge genug, um sich, gleich den Alten, der drohenden Gefahr durch Flucht ent- ziehen zu können. So stehen sie dann aufrecht in den hohen Nestern, kreischen und schreien, und werden herunter geschossen. Ein sonderbarer, dem Gefühle des Nicht-Jägers widersprechender Sport, über den indeß andererseits, wie über manches Aehnliche aus der Sphäre des high life , ohne Sentimentalitäten hinwegge- gangen werden muß. Es sind dies eben Ueberbleibsel aus ver- gangenen Jahrhunderten her, mit denen, weil sie einem ganzen System von Anschauungen angehören, nicht ohne Weiteres aufge- räumt werden kann, Dinge des Herkommens, zum Theil auch der praktischen Bewährung, nicht des persönlichen Geschmacks. Tradi- tion und Repräsentation schreiben immer noch, innerhalb des Hof- lebens, die Gesetze. Uebrigens mag hier eingeschaltet sein, daß unser Kronprinz, ein passionirter Reiherjäger, das bequeme Schießen aus dem Neste verschmäht und es vorzieht, den um die Herbstzeit völlig flügge gewordenen Jungvogel aus der Luft herunterzuholen. Hier, wie in manch’ Anderem, eine Modelung des Ueberlieferten. Der Streit, welcher Weg uns am besten zu dem nahegelegenen Reiherhorst führen würde, war mittlerweile zu Gunsten von Lieutenant Apitz entschieden worden. Also „quer durch“. Wir erkletterten zunächst das Ufer-Bastion, in dessen Schutze wir lagen, hielten kurze Umschau und schlugen uns dann, immer die Höhe haltend, waldeinwärts. Nach längerem Suchen und Irren, das zu den üblichen Bemerkungen über „Richtwege“ führte, hatten wir endlich die Reiher-Colonie, ihre Wohn- und Brutstätte vor uns, und schritten ihr zu. Dieser Reiherhorst, wie jeder andere, befindet sich in den Wipfeln alter Eichbäume, die, zu mehreren Hunderten, auf der plattformartigen Kuppe einer abermaligen Ansteigung des Waldes stehen. Eine Anzahl dieser Eichen, vielleicht die Hälfte, war noch intact, die andere Hälfte aber zeigte jeden Grad des Verfalls, und zwar um so mehr, je länger sie des zweifelhaften Vorzuges ge- nossen, im Reiherdienste zu stehen, das heißt also ein Reihernest in ihren Wipfeln zu tragen. Die Zahl dieser Nester wechselt. Manche Bäume haben eins, andere drei und vier. Das letztere ist das gewöhnlichere. Aber ob eins oder mehrere, über kurz oder lang trifft sie dasselbe Schicksal: sie sterben ab, unter dem Einfluß der Reiher-Wirthschaft, namentlich der Reiher-Kinderstube, deren Details sich jeder Mittheilungsmöglichkeit entziehen. Erst Mitte Juli pflegen die Jungen flügge zu werden. In diesem Jahre jedoch mußten sie kräftiger oder gelehriger gewesen sein; jedenfalls fanden wir Alles ausgeflogen und sahen uns in der angenehmen Lage, jede einzelne Wohnstätte auf’s genaueste mustern zu können. Was die Wipfel der Bäume angeht, so bleibt dem Gesagten an dieser Stelle Nichts hinzuzufügen; aber auch der Untergrund erzählt noch manche Geschichte. Hier und dort lag zu Füßen einer wie geschält aussehenden, ihrer Rinde halb entkleideten Eiche das Federwerk eines Jung-Vogels. Das erklärt sich so. Fällt ein junger Reiher vor dem Flüggewerden aus dem Nest, so ist er verloren. Ein freies, selbstständiges Leben zu führen, dazu ist er noch zu jung, ihn wieder in das Nest hinauf zu schaffen, dazu ist er zu schwer. So bleibt er liegen, wo er liegt, und stirbt den Fontane , Wanderungen. IV. 6 allerbittersten Tod unter den Unbilden seiner nächsten Verwandten, die, ohne ihre Lebens- und Anstandsformen im Geringsten zu ändern, erbarmungslos zu seinen Häupten sitzen. Unter anderen Bäumen lagen herabgestürzte Nester. Sie gaben uns Veranlassung, ein solches zu untersuchen. Es ist einem Storchennest ähnlich, aber noch gröber im Gefüge, und besteht aus angetriebenem Holz der verschiedensten Arten: Kiefern-, Elsen- und Weidenzweige. Dazu viel trockenes Stechapfelkraut, lange Stengel, mit aufgesprungenen Kapseln daran. Ob sie für dies Kraut um Gerucheswillen, vielleicht auch als Arznei-Drogue, eine Vorliebe haben, oder ob es ihnen lediglich als Bindemittel zu festerer Ver- schlingung der dicken Holzstäbe dient, muß dahin gestellt bleiben. Ueberall aber, wo ein solches Nest lag, sproßte wuchernd aus hundert Samenkörnern ein ganzer Giftgarten von weißblühender Datura auf, der übrigens, jede Ausschließlichkeit vermeidend, auch anderem Blumenvolk den Zutritt gestattete. Nur „von Familie“ mußten die Zugelassenen sein: Wolfsmilch, Bilsenkraut, Nacht- schatten. Das Harmloseste, was sich eingeschlichen hatte, war Brennessel. Ein Erinnerungsblatt hier mitzunehmen, verbot sich; so mußten die umherliegenden Federn aushelfen. Ein paar der schönsten an unsere Mützen steckend, kehrten wir, nunmehr des Weges kundig, in kürzester Frist an Bord unseres Schiffes zurück. Hier hatte sich mittlerweile Mudy nach mehr als einer Seite hin legitimirt. Der Tisch war unter einer ausgespannten Lein- wand gedeckt; der weißeste Damast, das blinkendste Silber lachten uns entgegen. Selbst an Tafel-Aufsätzen gebrach es nicht. Neben dem großen Cöpenicker Baumkuchen paradirten zwei präch- tige, in hundert Blüthen stehende Heidekrautbüschel, die Mudy, sammt dem Erdreich, ausgeschnitten, und in zwei reliefgeschmückte Weinkühler eingesetzt hatte. Aber Größeres war uns vorbehalten, was sich erst offenbaren sollte, als die Reihe der vorschriftsmäßigen Gänge, unter denen sich besonders das Fischgericht „Schlei mit Dill“ auszeichnete, beendet war. Ob aus Nachklang oder In- spiration, aus Erinnerung oder geoffenbarter Weisheit, gleichviel, in Mudy’s Seele hatte die Vorstellung gedämmert, daß „das Dessert die Krone jedes Mahles sei.“ Und dieser Vorstellung Ausdruck zu geben, hatte er sich beflissen gezeigt. Daß er dabei, in materiell eng gezogenen Grenzen verbleibend, über einen bloßen symbolischen Act nicht hinausgekommen war, steigerte nur den Effect. Der Leser urtheile selbst. In eben demselben Augenblicke, in dem der Kreis des Möglichen nach unser aller Ansicht geschlossen schien, und auch in dem begehrlichsten Herzen nur noch Wunsch und Raum für Cigarette und Kaffee vorhanden war, erschien Mudy mit einem auf dem Menu-Zettel ungenannt gebliebenen Ueberraschungs-Ge- richt. Geheimnißvoll genug in seiner Einkleidung. Eine Glas- schale war mit Kraut und Blüthenzweigen gefüllt; in der Mitte dieser Schale aber, wie ein Ei in einem Neste liegt, lag ein Thee- sieb, in dem unser dienender Bruder, während wir auf der Suche nach dem Reiher-Horste waren, aus dem spärlichen Vorrath der nächsten Wald- und Uferstellen eine halbe Hand voll Erd- und Blaubeeren mühsam gesammelt hatte. Die Wirkung dieser Auf- merksamkeit war eine enthusiastische, und rang nach entsprechendem Ausdruck. Capitain Backhusen fand ihn. Einen vor ihm stehen- den Römer bis an den Rand mit Scharlachberger füllend, schüttete er den Inhalt des Schälchens hinein und sprach dann kurz: „Perle der Kleopatra, armselige Renommisterei; hier , in Erd- und Blau- beeren, spricht bescheiden eine schönere That. Es lebe Mudy.“ Die Luft stand. Es war noch zu früh zum Aufbruch; so beschlossen wir eine Wald-Siesta, und unsere Plaids an schattiger Stelle ausbreitend, suchte sich jeder eine Ruhestätte. Libellen flogen, Käfer summten, und in mir klang es aus einem meiner Lieblingsdichter: Hier an der Bergeshalde Verstummet ganz der Wind: Die Zweige hängen nieder, Die blauen Fliegen summen Und blitzen durch die Luft. Einmal, zweimal wiederholte ich diese Zeilen, die den Klang eines Nachmittags-Schlummerliedes haben; dann schlief ich ein. Die Genossen hatten weniger gezögert. Es war 6 Uhr und die Sonne streifte schon von der Seite her die Wipfel des Waldes, als uns die Schiffsglocke, rasch an- schlagend, mit zur Eile mahnendem Tone wieder an Bord rief. 6* Capitain Backhusen hatte früher als seine Gäste den Nachmittags- schlaf abgeschüttelt. Ein paar Commandoworte und die „Sphinx“ löste sich leicht und gefällig von der Uferstelle, in deren Schatten sie sechs Stunden geankert hatte. Die Landzungen schoben uns immer neue, von Minute zu Minute prächtiger beleuchtete Cou- lissen in den Weg; in Schängellinien umfuhren wir sie, ein paar geleitgebende Reiher hoch über uns in Lüften. So kamen wir aus der Schmölte in den Hölzernen See. Alles war bis dahin gut gegangen, und zu endgültiger Be- währung der „Sphinx“ fehlte nur noch ein Zwischenfall, ein „Accident“. Auch dieser sollte nicht ausbleiben. Kaum in den Hölzernen See, nomen et omen, eingefahren, so saßen wir fest. Aber die Führung unseres Schiffs hätte nicht die sein müssen, die sie war, wenn sie sich in solchem Momente hätte rathlos er- weisen sollen. Capitain Backhusen, mit dem Tubus auslugend, erkannte hinter Schilf und Werft versteckt, in nicht allzuweiter Entfernung ein Brückenwärterhäuschen, an das jetzt Mudy, die Schiffsjolle herablassend, mit der Anfrage deputirt wurde, ob man bereit sei, unseren aus dicken Eisenplatten bestehenden Ballast, auf zwei, drei Tage zu beherbergen. In kürzester Frist war die be- jahende Antwort da, die großen Barren wanderten aus dem Rumpf in die Jolle und nach dreimaliger Fahrt zwischen Schiff und Zollhaus war unsere Sphinx wieder flott und frei. Unter dankbarem Hüteschwenken ging es, eine Viertelstunde später, an dem Brückenzollhaus vorüber. Aber dieses Hüteschwenken genügte uns nicht. Unserer Freude einen lauteren Ausdruck zu geben, holten wir aus der Waffenkammer ein paar Vogelflinten herbei, und auf unendliche Entfernungen hin, zwischen Dümpler und Krick-Enten hineinfeuernd, weckten wir das Echo, das, offenbar verdrießlich über die Störung, mit nur halber Stimme antwortete. Wir empfanden es und stellten die Flinten an ihren alten Platz. Es begann zu dunkeln, als wir, zwischen Groß- und Klein- Köris, in ein schwieriges, aus mehreren flachen Becken bestehendes Seegebiet einfuhren, das in seiner Gesammtheit den wenig klang- vollen aber bezeichnenden Namen der „Modder-See“, führt. Die Karten unterscheiden einen großen und kleinen. Das Wasser in diesen Becken stand nur etwa fußhoch über einem aus gelbgrünen Pflanzenstoffen bestehenden Untergrund, der so weich war, wie ein mit Hülfe von Reagentien eben gefällter Niederschlag. Unser Schiff durchschnitt diese reizlosen, aber für die Wissenschaft der Torf- und Moor-Bildungen vielleicht nicht unwichtigen Wassertümpel, die, vor uns, unaufgerüttelt, in smaragdner Klarheit, hinter uns in graugelber Trübe, wie ein Quirlbrei von Lehm und Humus lagen Es wurde still und stiller an Bord. Jene Schweigelust über- kam uns, die nach einem schönen, an Bildern und Eindrücken reichen Reise-Tage, auch den Heitergesprächigsten anzuwandeln pflegt und weder in Ermüdung, noch in Verstimmung wurzelnd, ihren Grund in dem plötzlichen Berührtwerden von dem Ausgehen alles Glückes, von der Endlichkeit aller Dinge hat. Auch wir hatten diesen Tribut zu zahlen, stärker als bei mancher anderen Gelegen- heit, da Nichts da war, uns dieser Stimmung zu entreißen. Die Dörfer hörten auf; nur in einiger Entfernung lag Sputendorf . Es klang wie eine Mahnung und wir ließen sie uns gegeben sein. Ein neues Segel bei! Der Wind setzte sich hinein und plötzlich, wie aufathmend, fuhren wir aus einem Gewirr von Tümpeln und Schmalungen, die wir während der letzten zwei Stunden zu passiren gehabt hatten, in ein imposantes und beinah’ haffartig wirkendes Wasserbecken ein. Nur in sehr unbestimmten Umrissen erkannten wir die Ufer. Nach links hin, in langer Linie, blitzten Lichter und spiegelten sich in dem dunkelen See. An Bord drängte Alles zu neuer Thätigkeit. Lieutenant Apitz, mit eigner Hand, feuerte den landeinwärts gerichteten Böller ab; Mudy, auf Befehl des Capi- tains, ließ eine Rakete in den Nachthimmel aufsteigen. In weni- gen Minuten sahen wir unseren Zweck erreicht: Gestalten, hin- und herlaufend, sammelten sich an einer Stelle, die ein Landungs- platz, eine Anlegebrücke sein mochte. Stimmen klangen herüber. Gleich darauf fiel der Anker. Im Angesicht von Teupitz, dunkel und räthselvoll, lag die „Sphinx“. An der Spree. Schloß Cöpenick. „Wo liegt Schloß Cöpenick?“ An der Spree; Wasser und Wald in Fern und Näh’, Die Müggelberge, der Müggelsee. S chloß Cöpenick ist eines der vielen hohenzollerschen Schlösser, die sich unter den mannigfachsten deutschen und französischen Namen im Spree- und Havellande vorfinden und von deren Nochvorhandensein die wenigsten unter uns eine Kenntniß haben. Wir entsinnen uns in der Regel von diesem und jenem Schloß in diesem oder jenem Geschichtsbuch gelesen zu haben und knüpfen die Vorstellung oft auch die Hoffnung daran, daß dasselbe mit all seinen ihm Leben leihenden Personen zugleich vom Schauplatz abgetreten sei. In der That, die Bemühungen unserer Phantasie, wenn wir von Königlichen Schlössern sprechen oder sprechen hören, gehen gemeinhin nicht viel über die Bilder von Sanssouci, Rheinsberg und Charlottenburg hinaus und einem glücklichen Zufalle bleibt es vorbehalten, uns durch den Augenschein zu belehren, daß auch Schwedt und Küstrin, und Wusterhausen und Oranienburg noch ihre wirklichen Schlösser haben. Zu diesen seitab gelegenen und verschollenen Existenzen gehört auch Schloß Cöpenick, in Betreff dessen wir ein altes, ein mittleres und ein neues unterscheiden. Das alte Schloß Cöpenick stand schon, als die Deutschen unter Albrecht dem Bären ins Land kamen. Jatzko oder Jasso, der letzte Wendenfürst, an dessen Bekehrung die schöne Schild- hornsage anknüpft, residirte daselbst Nach seiner Unterwerfung wurde seine Residenz, eine Wenden-Veste, zur markgräflichen Burg, aber weder Bild noch Beschreibung sind auf uns gekommen, aus denen wir ersehen könnten, wie Schloß Cöpenick zur Zeit der Askanier oder Baiern oder ersten Hohenzollern war. Es muß uns genügen, daß wir von seiner Existenz wissen. Auch seine Ge- schichte verschwimmt in blassen, characterlosen Zügen und alles was mit bestimmterem Gepräg an uns herantritt ist das eine, daß es in diesem alten Schlosse zu Cöpenick war, wo der v. Otterstedt an die Thüre seines kurfürstlichen Herren schrieb: Jochimken, Jochimken höde Dy, Wo wi di krigen do hängen wi Dy. Das alte Schloß stand bis 1550. Kurfürst Joachim II. , ein leidenschaftlicher Jäger, dessen Waidmannslust ihn oft in die dichten Forsten um Cöpenick herum führte, ließ den alten Bau niederreißen und ein Jagdschloß an Stelle desselben aufführen. Dies Jagdschloß Joachim’s II. oder das mittlere Schloß Cöpenick stand wenig über 100 Jahr, aber seine Geschichte spricht schon in deutlicheren Zügen und die Merian’sche Topographie hat uns ein Bild desselben (etwa aus dem Jahre 1640) aufbewahrt. Nach diesem Bilde war es ein regelmäßiges Viereck, das zur einen Hälfte aus zwei rechtwinklig auf einander stoßenden Flügeln, zur andern Hälfte aus zwei niedrigen, eben jenes Viereck herstellenden Mauern bestand; der ganze Bau von fünf Thürmen überragt, vier an den Außenecken, der fünfte innerhalb des Schloßhofs, in dem von den beiden Flügeln gebildeten rechten Winkel. Joachim II. weilte gern in Schloß Cöpenick. Sein Hof- und Jagdgesinde war dann um ihn her, auch die Söhne wohl, die ihm Anna Sydow „die schöne Gießerin“, geboren hatte. In früheren Jahren hatte diese selbst bei den jedesmal stattfindenden Lustbarkeiten nicht gefehlt, bis ein an und für sich geringfügiger Vorfall einen tiefen Eindruck auf des Kurfürsten Herz machte. Die Bauern sahen Anna Sydow sammt ihren Kindern neben dem Kurfürsten stehen und fragten sich unter einander: „ist das unsres gnädigsten Herrn unrechte Frau? sind das die unrechten Kinder? wie darf er’s thun und wir nicht ?“ Der Kurfürst hörte alles und flüsterte der Gießerin zu: „Du solltest bei Seite gehn.“ Seitdem mied sie die öffentlichen Feste. In diesem Jagdschlosse zu Cöpenick starb Joachim II. am 3. Januar 1571. Eine Wolfsjagd sollte abgehalten werden, trotz der bittren Kälte die herrschte, und der fünfundsechzigjährige Joachim freute sich noch einmal des edlen Waidwerks, dran zeit- lebens sein Herz gehangen hatte. Gegen Abend kehrte er aus den Müggelsee-Forsten nach Schloß Cöpenick zurück und versammelte seine Räthe und Diener um sich her. Distelmeier der Kanzler Mathias von Saldern, Albrecht von Thümen, der General- Superintendent Musculus, alle waren zugegen. Man setzte sich zu Tisch und speis’te in christlicher Fröhlichkeit. Der Diskurs ging bald von geistlichen Dingen und der Page wurde beauftragt, Dr. Lutheri Predigt über die Weissagung des alten Simeon vorzulesen. Nach der Vorlesung wurde viel von Christi Tod und Auferstehung gesprochen, von seiner großen Liebe und seinen bittren Leiden; dabei zeichnete der Kurfürst ein Crucifix auf den Tisch, betrachtete es andächtiglich und ging dann zu Bett. Als er einige Stunden geruht, überfiel ihn eine Pressung auf der Brust, mit einer starken Ohnmacht. Der Kanzler und die Räthe wurden geweckt, aber das Uebel wuchs rasch und nach einigen Minuten verschied der Kurfürst mit den Worten: „das ist gewißlich wahr.“ Nicht im Schlosse zu Cöpenick, aber freilich nur eine halbe Meile da- von entfernt, in unmittelbarer Nähe des reizend gelegenen Dörfchens Grünau, starb am 18. Juli 1608 der Enkel Joachims II. , Kurfürst Joachim Friedrich, derselbe, dem die Marken die Gründung des Joachimsthal’schen Gymnasiums verdanken. Er kam von Storkow und war auf dem Wege nach Berlin, als ihn der Tod im Wagen überraschte. An der Stelle, wo er muthmaßlich ge- storben ist, hat man jetzt ein einfaches, aber eigenthümliches Denkmal errichtet. Es ist ein Steinbau, eine Art offner Grabkapelle, deren auf vier Pfeilern ruhendes Dach sich über einem Grabstein wölbt. Zu Häupten dieses Steins, in der einen Schmalwand der Kapelle (die beiden Breitseiten sind offen und haben nur ein Gitter) befindet sich ein gußeisernes Kreuz, das einen Kurhut und darunter die wenigen Worte trägt: „Hier starb den 18. Juli 1608 Joachim Friedrich, Kurfürst von Brandenburg.“ Der Anblick des Denkmals, namentlich um die Sommerzeit, wenn man durch den offenen Rundbogen hindurch die jungen Eichen grünen sieht, die das Kapellchen umstehn, ist über- aus reizend und malerisch. Wir hören danach von dem Joachimischen Jagdschloß erst 1631 wieder, als König Gustav Adolph sein Hauptquartier darin nahm und an den schwankenden Kurfürsten George Wilhelm die Aufforderung schickte, ihm die Festungen Cüstrin und Spandau ohne Weiteres einzuräumen. Dieser Brief führte zu jener be- kannten Zusammenkunft im Gehölz bei Cöpenick, die von dem entschlossenen, keine Halbheit duldenden Gustav Adolph mit den Worten abgebrochen wurde: „Ich rathe Eurer churfürstlichen Durchlaucht Ihre Parthei zu ergreifen, denn ich muß Ihnen sagen, die Meinige ist schon ergriffen.“ Neun Jahre später machte der Regierungsantritt des „großen Kurfürsten“ dem Elend des Landes ein Ende, aber Schloß Cöpe- nick sank an Ansehn und Bedeutung. Eine neue Zeit und ein neuer Geschmack waren gekommen; die Zeit des französischen Ein- flusses begann, und die alten Jagdschlösser mit gothischen Thürmen und Giebeln, mit schmalen Treppen und niedrigen Zimmern, konnten sich neben der Pracht und Stattlichkeit der Renaissance nicht länger behaupten. 1658 ward ein alchymistisches Labora- torium, eine Goldmache-Werkstatt in denselben Zimmern einge- richtet, drin Kurfürst Joachim einst den selbsterlegten Hirsch auf reichbesetzter Tafel gehabt hatte, und endlich 1677 fiel das alte Jagdschloß gänzlich, um einem Neubau, dem dritten also, Platz zu machen. Diesem dritten, noch existirenden Schloß Cöpenick, einer Schöpfung Rütger’s von Langenfeld, der es um die ange- gebene Zeit für den Kurprinzen Friedrich erbaute, gilt nunmehr unser Besuch. Wir benutzen den Omnibus, der zwischen Berlin und Cöpenick fährt, haben ein sauberes, sorglich gepflegtes Gehölz zu beiden Seiten und rollen an einem klaren Herbsttage die Chaussee entlang, an Plätzen voll historischer Erinnerung vorüber. Zu- nächst an jener Waldwiese, wo einige Heißsporne vom schwer be- leidigten märkischen Adel den jugendlichen Joachim aufzuheben gedachten, danach aber um jene Begegnungsstelle herum, wo Gustav Adolph und Kurfürst George Wilhelm nach kurzer Unter- redung so wenig befriedigt von einander schieden. In raschem Trabe geht es dahin, die Pferde werfen die Köpfe und zeigen ein Behagen, als freuten sie sich mit uns der Herbstesfrische. Die Eichen und Birken, die eingesprengt im Tannicht stehn, lassen die Landschaft in allen Farben schillern und der herbe Duft des Eichenlaubes dringt bis zu uns in den Wagen hinein. Jetzt aber trifft uns ein Luftzug mit jener feuchten Kühle, die dem Reisenden ein Wasser ankündigt, und im nächsten Augenblicke haben wir ein breites Strombett vor uns, an dessen jenseitigem Ufer, aus hohen Pappeln hervor, ein graugelber Schloßbau ragt. Ueber die Brücke hin rollt der Wagen und hält jetzt auf einem unregelmäßigen, ziemlich geräumigen Platze, der zwischen dem Schloß und der Stadt Cöpenick liegt. Wir steigen aus, werfen nach links hin einen Blick in eine leis’ gebogene Straße, deren beschnittene Lindenbäume dem Ganzen ein freundliches Ansehn leihn und schreiten über den Schloßgraben dem Schloßhofe zu, den von zwei Seiten her die Bäume des Parks überragen. Das gegenwärtige Schloß Cöpenick hat drei Stockwerke, seine Fa ç aden sind einfach und schmucklos und nur einzelne Theile zeigen sich mit Reliefs und Statuen geschmückt. Um das um mehrere Fuß zurücktretende Dach ist eine stattliche Balustrade gezogen. Im Schlosse heißt es, daß der mit Bohlen gedeckte, zwischen Dach und Balustrade hinlaufende Gang im vorigen Jahrhundert als Kegelbahn gedient habe. Trifft dies zu, so darf man kühnlich behaupten, daß, wenigstens in den Marken, an keiner schöneren Stelle jemals Kegel gespielt worden ist. Der einen Kreis von fast vier Meilen umfassende Blick ist entzückend: Wald und Wasser soweit das Auge reicht und mitten im Bilde die Müggelsberge. Und dieser Stattlichkeit begegnen wir überall, am meisten freilich in der inneren Einrichtung, in der Anlage der Zimmer, Treppen und Corridore, die den Eindruck machen, als habe der Baumeister nichts so ängstlich vermeiden wollen, als die Gedrückt- heit der Thurm- und Erkerstuben, die sonst hier heimisch waren. Nirgends ein Geizen mit dem Raum, aber auch nirgends ein Geizen mit dem, was erheitert und schmückt. Wohin wir blicken, eine Fülle reizendster Details, die vielleicht wie Ueberladung wirken würden, wenn nicht die Dimensionen ein sich Vordrängen des Einzelnen verhinderten. All diese Karyatiden und Pfeiler und Säulen mit reichgegliedertem Capitell treten dienend in den Hintergrund zurück und die schweren Stuck-Orna- mente verlieren anscheinend ihre Schwere. Zu diesen Stuck- Ornamenten gesellten sich auch noch allerlei Plafond-Bilder, die durch die Säle des Schlosses hin abwechselnd den Jagdzug der Diana, ihren Zorn über Aktäon und ihre Liebe zum Endymion darstellten, aber nur wenige dieser Gemälde sind bis auf unsere Zeit gekommen und diese wenigen verbergen sich hinter einer sorg- lich aufgetragenen Bekleidung von Mörtel und Gips. Sie war- ten auf die Stunde, wo das alte Schloß, das seit 70 Jahren immer nur der Prosa hat dienen müssen, die poetischen Tage königlicher Pracht wieder erblicken wird, um dann auch ihrer- seits aus ihrer Hülle heraustreten und den neuen Glanz in altem Glanze begrüßen zu können. Dies gilt namentlich von dem im ersten Stockwerk gelegenen „Königssaal“, der eine Fülle der schönsten Bilder und Plafond-Ornamente hinter einer Ueberklei- dung verbergen soll. Wir haben in dem Bestehen Schloß Cöpenick’s drei Perioden unterschieden und in Erinnerung an die wechselnden Bauten, die hier standen, von einem alten, einem mittleren und einem neuen Schloß Cöpenick gesprochen. Aber auch dies neue Schloß Cöpenick theilt sein 200jähriges Leben wieder in verschiedene Stadien, unter denen wir, mit Umgehung gleichgültigerer Jahr- zehnte, vier Hauptepochen unterscheiden. Diese vier Hauptepochen des neuen Schloß Cöpenick’s sind die folgenden: Erstens die Zeit des Kurprinzen Friedrich von 1682—1688; zweitens die Zeit Friedrich Wilhelms I. , in- sonderheit das Jahr 1730; drittens die Zeit Henriette Ma- ria’s, gebornen Markgräfin von Brandenburg-Schwedt, von 1749—1782, und viertens die Zeit des Grafen von Schmet- tau, von 1804—1806. An eine Besprechung dieser vier Haupt- epochen wird sich schließlich noch eine kurze Darstellung der Schick- sale zu knüpfen haben, die Schloß Cöpenick seitdem erfuhr. Die Zeit des Kurprinzen Friedrich von 1682 bis 1688. In welchem Jahre Kurprinz Friedrich seinen Einzug in Schloß Cöpenick hielt, ist nicht genau mehr festzustellen, wahr- scheinlich um 1680. Der Schloßbau wurde zwar vor 1681 nicht beendet, ja, das Sandsteinportal, durch das wir in den Schloß- hof eintraten, trägt sogar erst die Jahreszahl 1682, es ist indeß eher wahrscheinlich als nicht, daß Kurprinz Friedrich die Vollen- dung des ganzen Bau’s nicht erst abwartete und sich bereits zwei Jahre früher mit dem begnügte, was fertig war. Die Verhält- nisse zwangen ihn fast dazu. Seiner alten Feindschaft mit seiner Stiefmutter, der holsteinischen Dorothea, war im Jahre 1679, bei Gelegenheit seiner Vermählung mit der hessischen Prinzessin, zwar eine Versöhnungsscene gefolgt, aber diese Versöhnung hatte die Abneigung der Mutter und das Mißtrauen des Sohnes um nichts gebessert. Plötzliche Erkrankungen, auch Todesfälle, regten den alten Verdacht wieder an und nachdem Kurprinz Friedrich selbst und zwar bei Gelegenheit eines Festmahls, das ihm die Stiefmutter gab, von einem heftigen Kolikanfall heimgesucht wor- den war, steigerten sich seine Befürchtungen bis zu solchem Grade, daß er seinen Vater um die Erlaubniß bat, sich nach Schloß Cöpe- nick zurückziehen zu dürfen. Nicht in Freuden zog er in die schö- nen Räume ein, die zum Theil noch ihrer Vollendung entgegen sahen; das Schloß war ihm mehr ein rettendes Asyl als eine Stätte heitrer Flitterwochen, und in Bangen und Einsamkeit vergingen ihm die Tage selbstgewählter Verbannung. Sein schwacher Körper verbot ihm die Freuden der Jagd, und die Decken-Gemälde, (die Jagdzüge Diana’s) die um ihn her entstanden, erinnerten ihn nur an das, was ihm gebrach. Gleichförmig öde spannen sich die Wochen ab und was diese Gleichförmigkeit von Zeit zu Zeit unter- brach, waren meist frostige Feste, die dem Tode zu Ehren ge- feiert wurden. Am 7. Juli 1683 starb des Kurprinzen Gemahlin und immer dunkler und schwerer hing es über Schloß Cöpenick. Da endlich kam Sonnenschein. Das Trauerjahr war um, der Flor fiel, Hochzeit gab es wieder und Sophie Charlotte „die philosophische Königin“ hielt ihren Einzug in die Marken. Zwanzig Jahre lang stand von jenem Tag an die helle Sonne dieser Frau über dem dunklen Tannen-Lande und gab ihm eine Heiterkeit, die es bis dahin nicht gekannt hatte. Aber ihr lachendes Auge, das über so Vielem leuchtete, leuchtete nicht über Schloß Cöpenick. Waren ihr die Zimmer zu hoch, die Bäume zu dunkel, die Tra- ditionen zu trist, — gleichviel, sie vermied die Stätte, darin die hessische Prinzessin, des Kurprinzen erste Gemahlin, ihre Tage hin- weg geängstigt hatte, und die sonnenbeschienenen Abhänge des Dorfes Lützow entsprachen mehr ihrem heitern Sinn. Schloß Cöpenick verödete, wurde stiller und verlassener als es je gewesen, und Schloß Charlottenburg mit funkelnder Kuppel und goldnen Figuren wuchs statt seiner empor. Die Zeit Friedrich Wilhelms I. Schloß Cöpenick war todt, bis es der soldatische Sohn Sophie Charlottens zu neuem Leben erweckte. Die Jagdpassion kam wieder zu Ehren, und Tage brachen wieder an, wie sie Kurfürst Joachim nicht wilder und waidmännischer gekannt hatte. Jene Dianen- bilder an Plafonds und Simsen, die dreißig Jahre lang ein Hohn gewesen waren, sie kamen jetzt zum ersten Male seit Rütger von Langenfeld die Säle und Corridore mit ihnen geschmückt hatte, zu ihrer Bedeutung und ihrem Recht. Jagd tobte wieder um Schloß Cöpenick her und Fangeisen und Hörner waren wieder in ihm zu Haus. Diese Jagden zeichneten sich durch Gefahren aus, die mehr aufzusuchen als zu vermeiden für guten Ton galt. Züge von Ritterlichkeit machten sich geltend, die an den Hof Franz I. er- innert haben würden, wenn nicht, an Stelle galanten Minne- dienstes, jene kurbrandenburgische Derbheit vorgeherrscht hätte, der zu allen Zeiten ein Kraftwort weit über ein Liebesgedicht oder ein Wortspiel ging. Bei diesen Jagden, wie Schloß Cöpenick sie da- mals häufig sah, wurde fast jedesmal der eine oder andere schwer verwundet, wenn nicht getödtet. In ein viereckiges Gehege von 600 bis 700 Schritten, das von Leinen eingeschlossen war, ließ man oft zwei- oder dreihundert wilde Schweine von jedem Alter und jeder Größe ein. Hier erwarteten sie die Jäger, je zwei und zwei, um die wild hereinbrechenden auflaufen zu lassen. Verfehlten sie das Thier oder zerbrach das Fangeisen, so wurden sie oft über den Haufen gestoßen und von dem verwundeten Wildschwein übel zugerichtet. Zuweilen nöthigte der König auch wohl seine Jäger und Pagen die größten Keiler bei den Ohren zu fassen und mit Gefahr ihres Lebens so lange festzuhalten, bis er selbst herbei kam, um sie abzufangen. Wer sich zu solchem Dienste weigerte, galt für feige. Der König selbst ward auf einer dieser Jagdpartieen, in unmittelbarer Nähe von Cöpenick, stark verwundet, und würde sein Leben eingebüßt haben, wenn ihm nicht einer seiner Jäger rechtzeitig beigesprungen wäre. Blutend schaffte man ihn nach Cöpenick. Es war am 15. Januar 1729. Das nächste Jahr brachte gewichtigere Tage, Tage, die den Namen Schloß Cöpenick’s mit einer der interessantesten Episoden unserer Geschichte für immer verwoben haben. Am 28. October 1730 trat hier das Kriegsgericht zusammen, das über den Lieutenant Katt vom Regiment Gensd’armes, so wie über den „desertirten Obristlieutenant Fritz “ Urtheil sprechen sollte. Diese höchst denkwürdige Sitzung fand in dem sogenannten Wap- pensaale statt. Unter den vielen Sälen des Schlosses ist er nicht nur der historisch interessanteste, sondern auch dadurch vor allen andern bemerkenswerth, daß er in seiner Einrichtung und Aus- schmückung weder bedeutend gelitten hat, noch auch hinter einer Gips- und Mörtelverkleidung seine Vorzüge verborgen hält. Dieser Wappensaal (wegen einer in ihm aufgestellten Orgel auch der „Orgelsaal“ geheißen) ist zwei Treppen hoch gelegen und blickt mit seinen Fenstern auf die Spree hinaus. Im Verhältniß zu seiner Tiefe hängt die Decke zu niedrig und würde bei ihrer reichen Ornamentik noch viel mehr den Eindruck davon machen, wenn nicht die hellen Farbentöne, weiß und lila, die durch den ganzen Saal hin vorherrschen, eine gewisse Luftigkeit wieder herstellten. Die völlig weiß gehaltene Decke wird von etwa zwanzig Karyatiden gestützt, die alle vier Seiten des Saales umstehen und auf ihrer Brust die Wappenschilde der verschiedenen preußischen Gebietstheile jener Epoche tragen. Eine bestimmte Reihenfolge, nach den Pro- vinzen, ist bei Aufstellung derselben nicht beobachtet worden und Fontane , Wanderungen. IV. 7 Cassuben und Wenden, Jägerndorf und Minden, Ravensberg und Gützkow, dazu Ruppin, Camin, Mark, Crossen, Barth, Pommern, Cleve u. s. w. folgen bunt auf einander. An den beiden Längs- wänden befinden sich auch ein paar große Kamine, reich verziert mit allerhand Emblemen und Wappenfiguren; alles weißer Stuck, wie der ganze Rest der Ausschmückung überhaupt. Das Ganze, weniger schön als von entschieden historischem Gepräge, macht es einem glaublich, daß hier an langer Tafel das Kriegsgericht saß, das über Tod und Leben eines Prinzen und seiner Mitschul- digen aburtheilen sollte. Der Tag, an dem die Kriegsgerichtssitzung im „ Wappen- saale zu Cöpenick “ stattfand, war, wie bereits erwähnt, der 28. October 1730. In dem Kapitel „ Küstrin “ (Band II. , Oderland) hab ich ausführlich darüber berichtet. Hier nur noch ein- mal das: die das Kriegsgericht bildenden 16 Offiziere lehnten einen Rechtsspruch über den Kronprinzen einfach ab und verurtheilten den Lieutenant v. Katte zu lebenslänglichem Festungsarrest. Der König stieß dies Urtheil um. Manche Punkte hinsichtlich dieser Vorgänge waren bis in die neueste Zeit hinein nicht völlig aufgeklärt, das aber hat immer festgestanden, daß jene denkwür- dige Kriegsgerichtssitzung im großen Wappensaale zu Cöpenick statt- fand. Vielleicht wär’ es angebracht, wenn nicht ein historisches Bild, so doch wenigstens eine Gedächtnißtafel aufzurichten, die die Erinnerung an jenen Tag an eben dieser Stelle lebendig hält. Die Zeit Henriette Marie’s von 1749—1782. Henriette Marie geb. Prinzessin von Brandenburg-Schwedt, hatte sich mit 14 Jahren bereits an den Herzog von Würtemberg- Teck vermählt und war mit 29 Jahren Wittwe geworden. Als solche lebte sie zunächst in Berlin und erschien während der letzten Regierungsjahre Friedrich Wilhelms I. bei allen Hoffesten. Auch noch unter dem großen Könige. So gingen die Dinge bis 1749, um welche Zeit ihr Schloß Cöpenick als Wittwensitz ange- wiesen wurde. Es hieß damals, „sie sei verbannt“, auch scheint sie von jenem Zeitpunkt ab am Berliner Hofe nicht länger er- schienen zu sein. Welche Gründe den König zu dieser Verbannung veranlaßten, ist nur zu muthmaßen, nicht nachzuweisen. Es heißt, daß Friedrich II. an dem wenig correkten Lebenswandel der Prinzessin Anstoß genommen habe, doch ist es nicht unwahrschein- lich, daß andere Dinge mit in’s Spiel kamen und den Ausschlag gaben. Die Seitenlinie Brandenburg-Schwedt wurde vom großen Könige mit derselben Abneigung betrachtet, die schon sein Vater und namentlich sein Großvater Friedrich I. gegen dieselbe gehegt hatte und — „wie’s in den Wald hinein schallt, so schallt es auch wieder heraus.“ So bedeutend jene Zeit in vielen Stücken war, so war sie’s doch keineswegs in allen, und Klatsch, Intrigue und Chronique scandaleuse hatten ein unglaublich großes Feld. Wir werden kaum irren, wenn wir annehmen, daß Prinzessin Henriette Marie ihre Zunge weniger als wünschenswerth im Zaum gehalten habe, und daß dieser Umstand mit zur unfreiwilligen Muße von Cöpenick führte. Daß die Prinzessin in Folge davon dreißig Jahre lang die Kunst des Schweigens geübt habe, haben wir allerdings nicht die geringste Ursach anzunehmen, es scheint vielmehr, daß man sich die Langeweile durch aller pikanteste Plaudereien nach Möglichkeit ver- trieben und alle Mesquinerieen eines kleinen Hofes, als bestes Mittel die Zeit hinzubringen, mit wahrer Meisterschaft cultivirt habe. Ueber das damalige Leben im Cöpenicker Schlosse geben einige Notizen Aufschluß, denen wir in einer Biographie des Freiherrn von Krohne, der sich Königlich Polnischer wirklicher Geheimerath nannte, begegnen. Dieser Abenteurer, der überall im Trüben zu fischen und an kleinen Höfen sein „Fortune“ zu machen suchte, kam auch an den Hof des Markgrafen Friedrich Wilhelm von Schwedt, des regierenden Bruders unsrer Henriette Marie, deren Hofstaat der Markgraf aus den Revenuen seines Schwedter Markgrafenthums zu unterhalten hatte. Prinzessin- Schwester brauchte mehr als Markgraf-Bruder zu zahlen liebte und so wurde denn Freiherr von Krohne, nachdem er eben seine Dienste angeboten, an den Cöpenicker Hof geschickt, angeblich um der Prinzessin als Kammerherr zu Diensten zu sein, in Wahrheit aber um die Ausgaben, zu denen ihre Freigebigkeit oder ihre Ver- schwendung führte, zu controliren. Freiherr von Krohne traf ein, debütirte mit Geschick, wußte einen Hofrath, der ihm in 7* Schwedt als Hauptträger des Verschwendungs-Systems bezeichnet worden war, glücklich zu entfernen und stand bereits auf dem Punkte, sich als erster Minister und Plenipotentiaire am Hofe zu Cöpenick zu etabliren, als die beiden alten Günstlinge der Prinzessin, die bis dahin auf gegnerischem Fuße gestanden und ihre Macht balancirt hatten, sich zum Untergange des Eindringlings verschworen. Kam- merherr von Wangenheim und Hofprediger St. Aubin Hofprediger St. Aubin erhielt von der Prinzessin die kleine reizende, dicht bei Cöpenick gelegene Besitzung als Geschenk, die den Namen „Bellevue“ führt. Dies Bellevue ist ein Garten mitten im märkischen Sand, eine Oase in mehr als einer Beziehung. Mr. St. Aubin erbaute sich daselbst ein Herrenhaus, ein „Schlößchen“ mit Speisehalle und Gartensaal, mit Bibliothek und Empfangszimmern. Es wechselte oft die Besitzer. Um 1850 besaß es Bernhard von Lepel, der hier, in poetischer Zurückgezogenheit, einige seiner besten Sachen dichtete, z. B. „die Zauberin Kirke“. 1852 war „Bellevue“ der Sommeraufenthalt Franz Kuglers und Paul Heyse’s . Einige Jahre später ging es in den Besitz des Pastor Pabst über, der, früher Gesandt- schaftsprediger in Rom, zu dem Bonmot Veranlassung gab „in Rom seien jetzt zwei Päbste“. Comfort, Kunst und Dichtung waren immer an dieser Stelle zu Haus und niemand gewann Hausrecht hier, der nicht zuvor in Rom ge- wesen war. Ich selbst habe die Zimmer des Schlößchens nie anders gesehen als im Schmuck italienischer Bilder, und oft lagen mehr Pinienäpfel auf den Schränken und Kommoden des Gartensaals umher, als Tannäpfel in den Steigen des Gartens draußen. schlossen Frieden, entlarvten den immer mächtiger werdenden Frei- herrn als eine Kreatur des Schwedter Markgrafen und stürzten ihn auf der Stelle. Kammerherr von Wangenheim, von dem eigenes hervorgehoben wird, daß er ein sehr starker Mann gewesen, übernahm zu größerer Sicherheit die Executive seiner eigenen Maß- regeln und schaffte den gestürzten Nebenbuhler bis vor das Portal des Schlosses. So lebte man damals in Schloß Cöpenick. Klein und be deutungslos vergingen die Tage, die selbst in der überkommenen Ausstattung und Einrichtung nicht das Geringste geändert zu ha- ben scheinen. Wie konnten sie auch! Der prinzeßliche Hof zu Cöpenick war ein bloßes Filial des markgräflichen Hofes zu Schwedt, der doch seinerseits auch nur wieder ein Filial, eine bedeutungs- lose Abzweigung des Berlin-Potsdamschen Hofes war. Das dreißigjährige Leben der Prinzessin hat keine Spur zu- rückgelassen, aber was ihrem Leben nicht gelang, das gelang ihrem Tode. Henriette Marie starb in Schloß Cöpenick und ist in der Schloßkapelle daselbst begraben worden. In der jedem Be- sucher zugänglichen Gruft dieser Kapelle steht ein schwerer Eichen- sarg, der auf seinem obersten Brett ein vergilbtes seidenes Kissen und auf dem Kissen eine Krone von dünnem, verbogenen Gold- blech trägt. Hebt man den Deckel vom Sarg, so erblickt man in diesem die in ihrem achtzigsten Jahre verstorbene Prinzessin als Mumie. Tüllhaube und Seidenband legen sich noch um Stirn und Kinn und das schwere gelbe Brokatkleid zeigt noch seine Falten und raschelt und knistert, als wär’ es gestern gemacht. Wir schließen den Sargdeckel wieder und steigen aus der Gruft in die Kapelle zurück. Eine hohe, reich verzierte Decke wölbt sich über uns und macht den Eindruck des Freundlichen ohne den des Feierlichen vermissen zu lassen, links vom Altar aber, in einen Fensterpfeiler eingefügt, gewahren wir eine prächtige Tafel von polirtem schwarzen Marmor, auf der wir in Goldbuchstaben fol- gende Worte lesen: „Diese Gruft umschließt die verweslichen Ueber- reste der durchlauchtigsten Fürstin und Frau, Henriette Marie, geborene Prinzessin von Preußen und Brandenburg, vermählte Erbprinzessin und Herzogin von Würtemberg und Teck. Sie war geboren den 11. März 1702, vermählt den 8. December 1716 mit dem Erbprinzen Friedrich Ludwig von Würtemberg, ward Wittwe den 23. November 1731, entschlief in dem Herrn den 7. Mai 1782. Dieses Denkmal setzet ihr ihre einzige Tochter Louise Friederike, Herzogin von Mecklenburg-Schwerin, geborne Herzogin von Würtemberg und Teck.“ Die Zeit des Grafen Schmettau von 1804—1806. Nach dem Tode Henriette Marie’s wurde Schloß Cöpenick völlig vernachlässigt und endlich im Jahre 1804 an den Grafen Friedrich Wilhelm Carl von Schmettau verkauft. Dieser Graf Schmettau, ein besonderer Liebling Friedrich’s II. , ist derselbe, der von Seiten des großen Königs zum Adjutanten seines jüngsten Bruders, des Prinzen Ferdinand von Preußen, ernannt ward und in dieser intimen Stellung zu einer Fülle pikanter Anekdoten und on dit’s Veranlassung gab, an denen das preußische Hofleben jener Zeit so reich war. Zu untersuchen, wie viel Wahrheit oder überhaupt ob irgendwelche Wahrheit diesen anekdotischen Ueber- lieferungen zu Grunde liegt, liegt jenseits unserer Aufgabe; wir begnügen uns damit, das zu constatiren, worüber Freunde und Feinde des Grafen, wenn er Feinde hatte, zu jeder Zeit einig waren: seine Gelehrsamkeit und seine weltmännische Bildung, seine militärischen Kenntnisse und seine Tapferkeit. Als der Krieg mit Frankreich mehr und mehr unvermeidlich zu werden drohte, gehörte er zu denen, denen Armee und Volk das meiste Vertrauen ent- gegentrugen. Beim Ausbruch der Feindseligkeiten führte er als Generallieutenant seine Division nach Thüringen und trat unter den Oberbefehl des Herzogs von Braunschweig. Beide theilten wenige Tage später dasselbe Schicksal. Bei unserem heutigen Besuch in Schloß Cöpenick indeß lernen wir den Grafen Schmettau weder als Cavalier und Weltmann, noch als Soldat und Heerführer kennen; sinnig, ein heitrer Philosoph, ein Freund der Wissenschaften und aller Künste des Friedens, so tritt er an uns heran. Nur zwei kurze Jahre waren ihm an dieser Stelle gegönnt, aber sie genügten ihm, um überall eine Spur seines Wirkens zurückzulassen. Wir übergehen Urnen und Inschriften, wie sie sich in den schattigen Gängen des Parkes vorfinden und treten im ersten Stock des Schlosses in ein nach Süd-Osten hin gelegenes Eckzimmer, dessen eines Fenster auf den Park, das andere auf die wendische Spree herniederblickt. Es ist nicht leicht möglich, beim Durchstöbern alter Schlösser einem überraschenderen Anblick zu begegnen. Der ganze Raum ist zelt- artig mit einem weißen und gelben Gaze-Stoff ausgeschlagen und zwar so, daß die Decken-Drapirung den Plafond in zwei gleiche Hälften theilt. An jeder der beiden Stellen nun, wo die Gaze zu einer Art Betthimmel zusammengefaltet ist, befindet sich ein Deckengemälde allegorischen Inhalts. Auf dem ersten, mehr dem Fenster zu gelegenen, bringt Mercur der Minerva eine Pergament- rolle, auf der der Name Roßbach steht; Minerva ihrerseits hält einen Lorbeerkranz in der Rechten, bereit ihn gegen die Sieges- botschaft auszutauschen. Das zweite Bild, ungleich besser in Composition und Farbe, stellt eine Apotheose des großen Königs dar. Auf einer Felsenburg zur Linken stehen Krieger und blicken einer Anzahl davon eilender Genien nach, die das gold- umrahmte Bildniß Friedrichs in ihrer Mitte tragen und mit dieser ihrer Last dem Tempel des Ruhmes zuschweben. Zur Rechten ragt der Tempel selber auf, auf dessen oberster Stufe die hohe Göttin steht und sich anschickt das Bildniß des Königs mit ihrem Sternen- Diadem zu krönen. Von Mobiliar keine Spur in diesem Raume, der seit anno 6 überhaupt unbewohnt geblieben ist, und dessen Durcheinander von Spinnweb und Gaze, von Farbenglanz und blinden Fensterscheiben, von Ruhmesverherrlichung und Staub, eine Wirkung macht, der sich wenige Besucher werden entziehen können. Alles Mobiliar, so sagt’ ich, fehlt, aber ein eigenthümlicher Zimmer- schmuck ist dennoch diesen Mull- und Gazewänden geblieben. Die ganze hintere Hälfte des Zimmers ist mit großen Schlacht- plänen dekorirt, die wohl ziemlich unzweifelhaft von der Hand des Grafen selbst herrühren. Derselbe gesellte nämlich zu seinen übrigen Gaben auch das Talent eines ausgezeichneten Topographen und Kartenzeichners, und die berühmte General-Karte des preußischen Staats, die bis diesen Augenblick in dem Kartensaale des Kriegs- ministeriums aufbewahrt wird, bewahrt gleichzeitig den Namen Schmettau’s in ehrendem Andenken. Die Aufschrift dieser General-Karte, die auch schlechtweg die Schmettau’sche Karte heißt, lautet wie folgt: „ Tableau aller durch den Königlich Preußischen Obersten Grafen von Schmettau von 1767 bis 1787 aufgenommenen und zusammengetragenen Länder.“ Die- selbe geschickte Hand, die dieses berühmte „Tableau“ zusammentrug, hat sehr wahrscheinlich auch die sieben Schlachtpläne gezeichnet, denen wir in diesem abgelegensten und ungekanntesten Zimmer des Cöpenicker Schlosses begegnen. Nur die Siegess chlachten des großen Königs haben hier Aufnahme gefunden und die Inschriften der verschiedenen Blätter lauten wie folgt: Bataille und Belage- rung von Prag; Schlacht bei Roßbach; Bataille bei Lowositz; Schlacht bei Zorndorf; Schlacht bei Liegnitz; Schlacht bei Torgau und Schlacht bei Leuthen. Die einzelnen Tableaux sind von ver- schiedener Größe, namentlich die Bataille und Belagerung von Prag sehr ausgeführt und größer als die übrigen, aber alle ver- rathen dieselbe Meisterhand und tragen sämmtlich statt der üblichen Holzeinfassung einen künstlichen Lorbeerkranz als Umrahmung. Es drängt sich dem Besucher Schloß Cöpenicks die Frage auf: was war die Bedeutung dieses Zimmers? Die Antwort ist nicht schwer. Es war die Stätte eines loyalen Cultus, ein Andachts- platz, an den sich in Zeitläuften, die jeden anderen Stempel eher als den des großen Königs trugen, die schwärmerische Verehrung für den Hingeschiedenen zurückzog, um einer großen Zeit zu ge- denken, die nicht mehr war . In diesem Zimmer war es auch wohl, daß Graf Schmettau die letzten Augenblicke zubrachte, bevor ihn das Jahr 1806 aus der Stille von Schloß Cöpenick wieder in den Lärm des Krieges rief. Und was er an dieser Stelle gelobt hatte, das hielt er. Am Unglückstage von Auerstädt, unglücklich nicht durch seine Schuld, erstürmte er, an der Spitze seiner Bataillone, die Höhen von Hassenhausen, die der Feind unter’m Schutz eines herbstlichen Morgennebels schon vor ihm besetzt hatte. Zweimal nahm er sie und zweimal war er gezwungen, sie wieder aufzugeben. Als er sich zum dritten Angriff anschickte, um den entscheidenden Stoß zu thun und die mehr und mehr in Unordnung gerathenden Fran- zosen in das Saalethal hinabzudrängen, traf ihn eine Kartätschen- kugel und warf ihn tödtlich verwundet vom Pferde. Vier Tage nach der Schlacht verschied er, am 18. Oktober 1806. So starb Friedrich Wilhelm Karl Graf von Schmettau, nicht an Glück aber an jeglichen Gaben des Herzens und Verstandes jenen Schmettau’s gleich, die unter Eugen und Marlborough zuerst die Schlachtfelder Europa’s betraten und unter dem großen Könige siegreich kämpfend, den Ruhm ihrer Familie begründet hatten. Schloß Cöpenick war wieder verwaist. Die Krone kaufte den Besitz zurück, aber Zimmer und Treppen blieben öde. Das Laub an Ulmen und Ahornplatanen kam und ging, ohne daß die Gänge des Parks ein anderes Leben gesehen hätten, als die laute Heiter- keit der Cöpenicker Schuljugend, die hier ein prächtiges, von Ge- strüpp durchwachsenes Terrain fand für „Hirsch und Jäger“ und „Wanderer und Stadtsoldat.“ Jahrzehnte vergingen so. Da zog wieder Leben ein in Schloß Cöpenick, aber welch ein Leben! Die Fenster, die nach dem Wasser hinaus lagen, wurden mit Holz bekleidet, und nur ein schmaler Streifen blieb offen, der dem Lichtstrahl von oben her einen Ein- gang gestattete. Geschlossene Wagen rollten über die Brücke, Alles war in Dunkel und Geheimniß gehüllt; es ging „ein finstrer Geist durch dieses Haus.“ Die hohen Schwarzpappeln, die alten Wäch- ter am Portal, standen unheimlicher da denn je zuvor und drinnen und draußen war kein Spielen und Lachen mehr. Hunderte saßen hinter den Gitterfenstern, die doch keine Fenster mehr waren, und nichts unterbrach die finstre Stille des Orts; wie das Licht, so schien auch der Klang von seinen Mauern ausgeschlossen. Eine trübe Zeit. Uebermuth hatte gefehlt, und Mangel an Muth hatte zu Gericht gesessen; waghalsige Schwärmerei, mißleitete Begeiste- rung büßten hart für den eitlen Irrthum einer Stunde In Schloß Cöpenick befanden sich damals die „Demagogen“ in Unter- suchungshaft. — Jetzt ist es Seminar. . Und wieder andre Zeiten kamen. Wie einen schweren Traum schüttelte Schloß Cöpenick seine jüngste Vergangenheit ab. Die Fenster blitzten wieder, wenn die Morgensonne darauf fiel, und auf dem Platze, der zwischen Schloß und Schloßkapelle liegt, ent- stand ein Garten. Blumen blühten wieder und eine heitere Jugend hielt ihren Einzug. Eine heitere, denn sie kam nicht, um für Eitelkeit und Uebermuth über Gebühr zu büßen, sie kam, um in Demuth und Bescheidenheit zu lernen. Und diese Jugend weilt noch darin. Allabendlich um die Dämmerstunde, wenn die Orgel zu Gesang und Andacht ruft und Lehrer und Schüler sich im alten Wappensaale des Schlosses versammeln, ist es wohl als ging’ es wieder um und als husch’ es in den Corridoren auf und nieder, aber die leisen Klageworte des Kurprinzen, der hier Schutz und Zuflucht suchte, das Kriegsgerichtsurtheil, das hier gesprochen wurde, die Seufzer derer, die hier nach Licht und Freiheit rangen — Alles verklingt doch als überwundene Dissonanz in dem vollen Brausen des Orgelchors, der eben jetzt das große Vertrauenslied in die Rathschlüsse Gottes anstimmt: Ein’ feste Burg ist unser Gott . Die Müggelsberge. Es rührt kein Blatt sich, alles schläft und träumt, Nur je zuweilen knistert’s in den Föhren, Die Nadel fällt, — es ruht der Wald. Scherenberg. I nmitten des quadratmeilengroßen Wald- und Inseldreiecks, das Spree und Dahme kurz vor ihrer Vereinigung bei Schloß Cöpe- nick bilden, steigen die „Müggelsberge“ beinah unvermittelt aus dem Flachland auf. Sie liegen da wie der Rumpf eines fabel- haften Wasserthieres, das hier in sumpfiger Tiefe zurückblieb, als sich die großen Fluthen der Vorzeit verliefen. Die Müggelsberge sind alter historischer Grund und Boden und waren schon das „hohe Schloß“ dieser Lande, lange bevor die Wendenfürsten in die Spree-Gegenden kamen und lange bevor sich Brennibor an der Havel erhob. In vors lawischer Zeit, in Zeiten, die noch keine Burgen kannten, waren sie die naturge- baute, wasserumgürtete Veste die von germanischen Häuptlingen jener Epoche bewohnt wurde — der Sumpf ihr Schutz, der Wald ihr Haus. Carl Blechen, „der Vater unsrer märkischen Landschaftsmalerei“, wie er gelegentlich genannt worden ist, hat in einem seiner bedeu- tendsten Bilder die Müggelsberge zu malen versucht. Und sein Versuch ist glänzend geglückt. In feinem Sinn für das Charakte- ristische, ging er über das blos Landschaftliche hinaus und schuf hier, in die Tradition und Sage der Müggelsberge zurückgreifend, eine historische Landschaft. Die höchste Kuppe zeigt ein Sem- nonen-Lager. Schilde und Speere sind zusammengestellt, ein Feuer flackert auf, und unter den hohen Fichtenstämmen, angeglüht von dem Dunkelroth der Flamme, lagern die germanischen Urbewohner des Landes mit einem wunderbar gelungenen Mischausdruck von Wildheit und Behagen. Wer die Müggelsberge gesehen hat, wird hierin ein richtiges und geniales Empfinden unsres Malers be- wundern — er gab dieser Landschaft die Staffage, die ihr einzig gebührt. Ein Reifrock und ein Abb é in die verschnittenen Gänge eines Roccoco-Schlosses, eine Procession in das Portal einer go- thischen Kirche, aber ein Semnonen-Lager in das Waldrevier der Müggelsberge! Ihnen gilt jetzt unser Besuch. Wir kommen von Schloß Cöpenick, haben Stadt und Vor- stadt glücklich passirt und schreiten nunmehr dem Gehölze zu, das bis über die Müggelsberge hinaus das ganze Terrain bedeckt. Es ist ein Forst und eine Haide wie andere mehr; Moos und Fichten- nadeln haben dem Weg eine elastische Weiche gegeben und nur die Baumwurzeln, die grotesk überall hervorlugen und uns wie bös- willige Gnomen ein Bein zu stellen suchen, mahnen zur Vorsicht. Eine rechte Herbstesfrische weht durch den Wald. Der herbe Duft des Eichenlaubs mischt sich mit dem Harzgeruch der Tannen, und anheimelnd klingt es, wenn die Eichkätzchen von einem Baum zum andern springen und die Zweige mit leisem Knick zerbrechen. Dann und wann hören wir, vom Fahrweg her, den eigenthüm- lichen Klinker- und Klankerton, an dem ein märkischer Bauern- wagen auf hundert Schritt schon erkennbar ist. Die Halskette der beiden magern Braunen rasselt am Deichselhaken, die Sprossen klappern in den Leiterbäumen, die Leiterbäume wieder an den vier Wagenrungen und gegen die Wagenrungen schrammt das Rad. Dazwischen das Hüh! und Hoh! des Kutschers, und Schwamm-anpinken und Tabacksqualm — und das Begegnungs- bild ist fertig, das die Märkische Haide zu bieten pflegt. Schon mehrere solcher Fuhrwerke sind an uns vorüber- gekommen und ihre Insassen haben jedesmal unsern Gruß erwiedert in trägen, unverständlichen Lauten, wie einer der aus dem Schlafe spricht. Jetzt aber verlassen wir den Fußweg, der neben der großen Fahrstraße hinlief, und biegen nach rechts hin in einen schmaleren Pfad ein, der leise bergan steigend, uns immer tiefer in die weiten und unmittelbar an den Fuß der Müggelsberge sich anlehnenden Waldreviere führt. Bald ist völlige Stille um uns her; wir haben in unseren Gedanken von Men- schen und Menschenantlitz Abschied genommen und fahren drum erschreckt zusammen, als wir plötzlich dreier Frauengestalten an- sichtig werden, die mit halbem Auge von ihrer Arbeit aufblicken und dann langsam-geschäftig fortfahren das abgefallene Laub zu- sammen zu harken. Die grauen Elsen, unter denen sie auf- und abschreiten, sehen aus wie die Frauen selbst, und ein banges, gespenstisches Gefühl überkommt uns, als wäre kein Unterschied zwischen ihnen und als rasteten die einen nur, um über kurz oder lang die andern bei ihrer Arbeit abzulösen. Wir fragen endlich, „ob dies der Weg nach den Müggelsbergen sei“, worauf sie mit nichts andrem als mit einer gemeinschaftlichen Handbewegung antworten. Einen Augenblick stutzen wir in Erinnerung an die wohlbekannten Drei von der Schottischen Haide, deren Wink oder Zuruf immer nur in die Irre führt; aber uns schnell vergegen- wärtigend, daß die Thürme Berlins nur ein paar Meilen in unserem Rücken liegen, folgen wir unter Dank und scheuem Kopf- nicken der uns angedeuteten Richtung. Und siehe da, noch hundert Schritt und es lichtet sich der Wald und vereinzelte Tannen und Eichen umzirken einen Platz, in dessen Mittelpunkt ein Teich, ein See ruht. Dieser See heißt der „Teufelssee“. Er hat den unheimlichen Charakter aller jener stillen Wasser, die sich an Bergabhängen ab- lagern und ein Stück Moorland als Untergrund haben. Die leuchtend-schwarze Oberfläche ist kaum gekräuselt und verwaschenes Sternmoos überzieht den Sumpfgürtel, der uns den Zugang zum See zu verwehren scheint. Er will ungestört sein und nichts aufnehmen als das Bild, das die dunkle Bergwand auf seinen Spiegel wirft. Der Teufelssee hat auch seine Sage von einem untergegange- nen Schloß und einer Prinzessin, die während der Johannisnacht aufsteigt und die gelben Teichrosen des See’s an den Saum ihres schwarzen Kleides steckt. Die Kuhjungen aus Müggelsheim, die hier herum ihre Heerden durch Wald und Sumpf treiben, haben das Alles mehr denn einmal gesehen und das Knistern ihres Seidenkleides gehört; wir aber, die wir die Johannisnacht sträflich versäumt haben und erst um die Mitte Oktober in diese Gegenden kommen, müssen uns begnügen den drei harkenden Frauen be- gegnet zu sein, die so trefflich zur Herbstlandschaft stimmten und spukhaft genug waldeinwärts zeigten. Unmittelbar hinter dem Teufelssee erheben sich die Müggels- berge. Wir verschmähen den bequemen Weg, der sich hinaufschlängelt, und nehmen den Berg auf geradestem Wege wie im Sturm. Oft zurückgleitend, wo die abgefallenen Kiennadeln am dichtesten liegen, und im Zurückgleiten einen Birkenstrauch oder eine junge Tanne fassend, so dringen wir muthig vor, jede Stelle preisend, an der raschelndes Eichenlaub statt der glatten Nadeln zu unsern Füßen liegt. Nun aber haben wir’s überwunden, das Erdreich wird feuchter, Treppeneinschnitte und Rasenbänke gönnen uns abwech- selnd einen Halt und eine Rast, und endlich eine dichte Hecke durchbrechend, die fast schon am Grat des Berges entlang läuft, haben wir das Ziel unserer Wanderschaft erreicht — die Höhe der Müggelsberge. Diese Müggelsberge repräsentiren ein höchst eigenthümliches Stück Natur, abweichend von dem, was wir sonst wohl in unserem Sand- und Flachlande zu sehen gewohnt sind. Unsere Märkischen Berge (wenn man uns diese stolze Bezeichnung gestatten will) sind entweder einfache Kegel oder Plateau-Abhänge. Nicht so die Müggelsberge. Diese machen den Eindruck eines Gebirgs- modells , etwa als hab’ es die Natur in heiterer Laune versuchen wollen, ob nicht auch eine Urgebirgsform aus Märkischem Sande herzustellen sei. Alles en miniature, aber doch nichts vergessen. Ein Stock des Gebirges, ein langgestreckter Grat, Ausläufer, Schluchten, Kulme, Kuppen, Alles ist nach Art einer Reliefkarte vor die Thore Berlins gelegt, um die flachländische Residenzjugend hinausführen und ihr über Gebirgs- Formationen Einiges ad oculos demonstriren zu können. Wir haben den Grat ohngefähr in seiner Mitte erreicht, wo er mehr eine muldenartige Vertiefung als eine Erhöhung zeigt. Die Kuppen befinden sich an den vorgeschobeneren Punkten, so daß der ganze Berg einem ausgedehnten alten Schloßbau gleicht, der hohe Erker und Altane, vor Allem aber ein paar abgestutzte Eck- thürme an seinen zwei Giebelseiten trägt. Diese West- und Ost- kuppe der Müggelsberge gestatten die weiteste Aussicht in’s Land hinein. Besonders die Westkuppe. Ueber den Rücken des Berges hin schreiten wir dieser letzteren zu. Der Weg führt durch dichtes Gehölz, das wie ein grüner Wandschirm dasteht und nach keiner Seite hin einen Durchblick gestattet. Die Bäume selbst sind noch jung, und nur alle funfzig Schritte begegnen wir einigen halberstorbenen Eichen, von denen es schwer zu sagen ist, was sie vor der Axt des Holzschlägers ge- rettet haben mag, ihr hohes Alter, ihre malerische Schönheit, oder eine abergläubisch-pietätsvolle Rücksicht gegen das Geschlecht der Spechte, die darin wohnen und auf den Müggelsberg-Kuppen in ähnlicher Weise heimisch sind, wie die Raben und Dohlen auf den Kirchthürmen alter Städte. Sie zimmern sich mit geschäftigem Schnabel ihre soliden Nester in das harte Holz und machen, viel- leicht aus Geselligkeitstrieb, jeden einzelnen Stamm zu einer Art Familienhaus. Oft fünfzig Nester in einem Baum. Ueberall huscht es heraus und hinein, pickt und kreischt, und im Vorüber- gehen grüßen wir ein paar alte Spechte, die aus ihren Löchern hervorlugen und neugierig sind zu erfahren, ob Freund oder Feind im Anzuge sei. So erreichen wir nach kurzem Gang unser Ziel, eine kahle, kreisrunde Plattform. In der Mitte liegen verkohlte Scheite von einem Feuer, das erst gestern gebrannt zu haben scheint; sonst Alles Sand und Kiennadeln und dicht am Abhang eine einzige Distel. Die Kiefern und Fichten, die bis dahin als dichtes Ge- büsch zu beiden Seiten des Weges standen, hier haben sie sich abwärts gezogen und ragen nur noch mit ihren Gipfeln über das Plateau hinweg. In einem Riesenkranze von dunklen Nadeln be- wegt sich’s um uns her und nur eine einzige Kiefer, ein schlanker, hellrother Stamm, der stolz wie eine Pinie dasteht, ragt noch hoch auf, als ob es ein Flaggenstock wär’, nnd streckt seine grüne Krone wie ein Wahrzeichen weit in’s Land hinein. Wir lehnen uns an den Stamm des schönen Baumes und blicken westlich auf die Bilder modernen Lebens und lachender Gegenwart. Aus der Sand- und Sumpfwüste früherer Jahr- hunderte wurde hier längst ein Park- und Gartenland und Dörfer und Städte wachsen heiter mit ihren rothen Dächern und Giebeln aus allen Schattirungen des Grün hervor. Die Thürme der Haupt- stadt, die graugelben Wände des Cöpnicker Schlosses, beide leuchten im Schein der untergehenden Sonne. Fabrikschornsteine begleiten den Lauf des Flusses, und hoch über den weißen Segeln der Kähne, die geräuschlos stromabwärts ziehen, steht bewegungslos die schwarze Wolke der Essen und Schlote. Leben überall, kein Fuß breit Landes, der nicht die Pflege der Menschenhand verriethe. Wir haben das heitere Bild in Aug und Seele aufgenommen und wenden uns jetzt, um, nach der entgegengesetzten Seite hin, in die halb im Dämmer liegende östliche Landschaft hinein zu blicken. Welch Gegensatz! Die Spree zieht den Müggelsee wie einen breiten Spiegelkrystall an ihrem schmalen, blauen Bande auf, und die Dahme buchtet sich immer weiter und breiter landeinwärts und schafft Inseln und Halbinseln, so weit unser Auge reicht. Auf Quadratmeilen hin nur Wasser und Wald. Nichts, was an die Hand der Cultur erinnerte. Nicht Weg, nicht Steg und keine andere Fahrstraße sichtbar, als das verwirrende Flußnetz, das sich durch die scheinbar endlosen Forstreviere zieht. Kein Hüttenrauch steigt auf, keine Heerde weidet an den Ufern entlang und nur eine Fischmöve schwebt satt und langsam über dem Müggelsee. Sand und Sumpf, und Wasser und Wald; es ist hier wie es immer war, und während jetzt die Abendnebel von den Seeen her auf- steigen und ihre Schleier auch um den Rand der Kuppe legen, auf der wir stehen, ist es, als stiege die alte Zeit mit aus der Tiefe herauf, und die Müggelsberge sind wieder wie sie die künstlerische Phantasie gesehn. An den knorrigen Aesten hängen wieder Schilde, wie Mulden geformt, und lange Speere von Eschenholz stehen daneben, einzeln und in Gruppen zusammengestellt. Die ver- kohlten Scheite vor uns sind nicht länger mehr verkohlt, sie treiben wieder Flammen, und um die brennenden Scheite herum lagern, ihre Leiber mit Fellen leicht geschürzt, die Gestalten unsers mär- kischen Malers und Meisters — die Semnonen. Wie gebannt hält uns das Bild, bis ein Geräusch uns weckt. Ein Vogel, der in dem Zweigwerk der Fichte gesessen hatte, war aufgestiegen, und sein Geschrei von Zeit zu Zeit wiederholend, flog er jetzt dem dichteren Gehölz des Berges zu. Es war ein Pirol, der nordische Wundervogel. Sein gelbes Gefieder fing die letzten Strahlen der Abendsonne auf; dann stieg er in das unter ihm liegende Dunkel der Tannen nieder. Das Nebelbild war hin, die Aussicht wieder frei, die Scheite wieder verkohlt; von den Dörfern her aber klang die Betglocke, die den Abend einläutete. Fontane , Wanderungen. IV. 8 Der Müggelsee. Glatt ist der See, stumm liegt die Fluth So still als ob sie schliefe, Der Abend ruht wie dunkles Blut Rings auf der finstern Tiefe; Die Binsen im Kreise nur leise Flüstern verstohlener Weise. Schnezler. D ie Spree, sobald sie sich angesichts der Müggelsberge befindet, bildet oder durchfließt ein weites Wasserbecken: die Müggel oder den Müggelsee , der mit zu den größten und schönsten unter den märkischen Seen zählt. Da wo die Spree den Müggelsee betritt und ebenso da, wo sie ihn wieder verläßt — also durch die ganze Länge des See’s von einander getrennt — erheben sich die beiden einzigen Dörfer dieser Gegenden: Rahnsdorf und Friedrichshagen , jenes ein altes Dorf, das muthmaßlich bis in die Wendenzeit zurückreicht, dies eine Colonie aus der Zeit des großen Königs, der es sich zur Aufgabe stellte, die bis dahin unbewohnten Müggelforsten oder was dasselbe sagen will die große Waldinsel zwischen der deutschen und wendischen Spree zu colonisiren. Rahnsdorf und Friedrichshagen blicken mit ihren schmucken rothen Dächern auf den See hinaus, aber es sind nicht eigentliche See-Dörfer; sie liegen am Ufer der Spree, nicht am Ufer der Müggel. Am Müggelsee selber, den nichts wie Sandstreifen und ansteigende Fichtenwaldungen einfassen, erhebt sich oder erhob sich wenigstens in den 60er Jahren, als ich den See zum ersten Male sah, ein einziges Haus: die Müggelbude . Auf einer vor- springenden Sanddüne gelegen, die sich vom Westufer aus in die Müggel hinein erstreckt, ist sie oder war sie der geeignetste Punkt, um den See und seine Ufer zu überblicken. Eben diese Müggelbude, nach der von Cöpenick aus ein reizender Spaziergang durch den Wald führt Parallel mit diesem Wege, der sich durch die Haide zieht, läuft die Spree, hinter Bäumen verborgen. An einigen Stellen des Weges, und zwar in der Richtung auf den Fluß zu, hat man den Wald gelichtet und nur gerade noch Bäume genug am Ufer hin stehen lassen, um als grüner Schirm für die Spree zu dienen. Diese stehen gebliebenen Bäume sind ziem- lich hoch, aber die Masten der Spreekähne sind doch noch höher und so wachsen denn die Oberseegel der vorüberkommenden Schiffe weit über die grünen Kronen hinaus. Was diesen Anblick doppelt schön macht, ist, daß die Kiefern am jenseitigen Ufer etwas höher stehn und nun wiederum ihrerseits einen dunklen Hintergrund für die Segel bilden. Wer im Zwielicht hier des Weges kommt, glaubt weiße Riesenvögel langsam und geräuschlos über und an den Wipfeln hinschweben zu sehn. , ist Leuchthurm, Fischerwohnung und Fährhaus zugleich, aber vor allem ist sie doch Gasthaus . Sie ist es nach jenem überall hervortretenden Gesetze, welches in unwirthbaren Gegenden ein jedes einzeln stehende Haus zum Gasthause macht. Die oft angerufene und oft gewährte Hülfe führt schließlich dazu die Hülfe zu einem Geschäft zu machen. So auch die Müggelbude. Freilich ist es ein wild-verwogenes Geschlecht, das hier anpocht, um Unterkommen oder Hülfe zu finden, und der Fährmann, der erfahren haben mag, daß uns das Unglück nicht blos zu seltsamen Schlafkameraden führt, sondern uns auch umgekehrt ebenso seltsame Schlafkameraden bringt , hat wohlweislich Vorkehrungen getroffen, um sein eigentliches Haus vor ihnen sicher zu stellen. Seine Müggelbude repräsentirt ein „Gasthaus erster Klasse“; für die Unbekannten und Schlecht-Legitimirten aber hat er abwärts auf dem untersten schmalen Uferstreifen eine Art Schiffer-Ghetto aufgeführt. Hier auf einem Terrain, das sich See und Sand beständig streitig machen, erheben sich flachgewölbte Holzhütten, die sich bei näherer Besichtigung als ausrangirte Schiffs- kajüten erweisen. Durch die halb offen stehende Thür gewinnt man Einblick in das Innere derselben: auf vier hohen Pfosten ruht ein roh zusammengenagelter Kasten, groß genug für zwei 8* oder drei Schläfer, und mit nichts ausgestattet, als mit etwas niedergelegenem Stroh. Das ist Alles, was die Gastlichkeit der „Dependance“ der Müggelbude bietet. Und doch muß es hier ein wunderbares Schlafen sein, wenn in Winternächten die glitzernden Sterne durch die halbhandbreiten Ritzen in dies Schlafgemach hineinblicken und der See, als woll’ er sich warm schlagen, seine Wellen bis an die hoch aufgezimmerte Bettlade treibt. Schade nur, die Schifferknechte, die hier einen Unterschlupf suchen und finden, sind wohl die letzten sich dieses Zaubers zu freun. Die Müggelbunde steht hoch, ihr zu Füßen aber zieht sich ein Sandgürtel, der nach vorn hin aufs Neue steil abfallend, den See in seiner ganzen Ausdehnung umzirkt. Auf diesem Sand- gürtel nehmen wir Platz und eine knorrige Kiefer im Rücken, deren vorgebeugter Schirm schon halb über dem Wasser schwebt, sitzen wir jetzt auf einer Art Moos- oder Erdbank und blicken auf die weite Wasserfläche hinaus, die, leise brandend, ihre Wellchen bis unter unsre Füße schickt. Der See gleicht hier einem Haff und so oft die Wellen zurückrinnen, blinken die weißen Muscheln, die das bewegte Wasser an’s Ufer geworfen. Es freut das Herz so an der Müggel zu sitzen und die leise Musik von Wald und Wasser um sich her, die Stunden zu ver- träumen. Die Sonne sinkt und das Bild, das beim ersten An- blick, aller eigenthümlichen Schönheit unerachtet, eine gewisse Mono- tonie zeigte, gewinnt mehr und mehr Gewalt über uns und spinnt uns in den alten Müggel-Zauber ein. Die Kähne mit ihrer weißen Kalksteinladung, deren aufgeschichtete Blöcke das Kajüten- dach in ein kleines Kastell verwandeln, ziehen geräuschlos vorüber, die Dächer des gegenüberliegenden Rahnsdorf glühen noch einmal auf und der See selber wechselt von Minute zu Minute seine Stimmung und seine Farbe. Aber mit halbem Auge nur ver- folgen wir das Farbenspiel; unser Auge richtet sich immer wieder nach rechts hin, wo die Müggelberge steil aufsteigen und ihre wach- senden Schatten bis weit in den See hineinwerfen. Ein dünner Nebel zieht um den Berg und wenn es dann und wann aufblitzt, fahren wir zusammen und blicken nach der Prinzessin aus, der zweiten Prinzessin dieser Gegenden, von der es heißt, sie käm’ allabendlich mit vier goldfarbenen Pferden von den Müggelbergen herab, um die Durstigen im See zu tränken. Sie kommt freilich nicht und auch der große Heuwagen bleibt aus, der von vier weißen Mäusen gezogen der Prinzessin entgegenfährt um ihr den Weg zu sperren, aber eingewiegt in phantastisches Träumen könnte jetzt eine ganze Zauberwelt vor uns ausgeschüttet werden, wir würden ihre Wunder ohne Verwunderung entgegennehmen. Die Müggel und ihre Ufer sind Märchenland. Noch einmal fährt ein Gluthstreifen über den See; nun aber schwindet die Sonne, beinah plötzlich bricht die Dämmerung herein und bleifarben liegt die weite Wasserfläche da. In seiner Mitte beginnt es wie ein Kreisen, wie ein Quirlen und Tanzen; sind es Nebel, die aufsteigen? oder sind es die alten Müggelhexen, die lebendig werden sobald das Licht aus der Welt ist. Der Fährmann von der Müggelbude hat sich zu mir gesetzt und ich dringe jetzt in ihn mich über den See zu fahren, aber statt jeder Antwort zeigt er nur auf eine grauweiße Säule, die mit wachsender Hast auf uns zukommt. Wie geängstigte Schwäne fahren die Wellen der Müggel vor ihr her und während ich meinen Arm fester um die Fichte lege, bricht vom See her ein Wind- stoß in Schlucht und Wald hinein und jagt mit Geklaff und Ge- pfeif durch die Kronen der Bäume hin. Einen Augenblick nur und die Ruh’ ist wieder da, — aber die Bäume zittern noch nach, und auf dem See, der den Anfall erst halb überwunden, jagen und haschen sich noch die Wellen. Die Müggel ist bös. Es ist als wohnten noch die alten Heiden-Götter darin, deren Bilder einst die Hand der Mönche von den Müggelbergen herab in den See warf. Die alten Mächte sind besiegt, aber nicht todt, und in der Dämmerstunde steigen sie herauf und denken ihre Zeit sei wieder da. Rahnsdorf. Gestern noch auf stolzen Rossen, Heute durch die Brust geschossen, Morgen in das kühle Grab. R ahnsdorf liegt der Müggelbude gegenüber, ziemlich nah jener malerischen Stelle, wo die Spree von Osten her in die Müggel eintritt. Die frühesten Nachrichten über dies Dorf giebt das Land- buch vom Jahre 1375, nach welchem Rahnsdorf an Schloß Cöpe- nick einen Schoß oder Zins für die Fischerei-Gerechtigkeit auf dem See zu zahlen hatte. So ging es durch Jahrhunderte hin. Erst 1722 kam es durch Tausch an den damals alle Territorien an der Nordost-Ecke der Müggel innehabenden Geheimen Ober-Finanz- rath v. Marschall , bei dessen Nachkommen es bis 1832 verblieb. In letztgenanntem Jahr erwarb es Heinrich v. Treskow auf Dahlwitz, in dessen oder seiner Familie Besitz es sich auch gegen- wärtig noch befindet. Rahnsdorf hatte, seiner schönen Lage halber, immer eine Anziehungskraft für die Residenzler, die hier, in einer zerstreuten Villencolonie, die heiße Jahreszeit, insonderheit auch die Ferien- wochen ihrer Kinder zuzubringen liebten. Im Geleite solcher Sommergäste befand sich in den letzten 50er Jahren auch ein hübscher, hoch aufgeschossener Blondkopf, von dem ich in Nachstehendem erzählen möchte. Er war ein Wildfang, eitel und übermüthig, und über den See schwimmen oder bei heraufziehendem Unwetter einen Kahn nehmen und wind-an rudern, all das zählte so recht eigentlich zu seinem Ferienglück. Einmal wollte man’s verbieten, aber einer der’ zufällig anwesenden Freunde des Hauses legte sich in’s Mittel und sagte: „Wozu verbieten? Glauben Sie mir, es ist gleichgültig was wir thun. Es giebt keine Sicherheiten und eigentlich auch keine Unsicherheiten. Unser Schicksal findet uns und faßt uns zu bestimmter Zeit und an bestimmter Stelle.“ Dies sollte sich in Leben und Tod Alexander Anderssens bewähren. Alexander Anderssen. Fähnrich im 4. Ulanenregiment . Erschossen zu Thionville am 29. Oktober 1870. Alexander Anderssen, der Blondkopf dessen die vorstehenden Zeilen erwähnten, ward am 19. November 1847 zu Berlin ge- boren. Mit dem zehnten Jahre kam er auf das Werdersche Gym- nasium. Von früh auf zeigte er den Charakter, dem er bis zu seiner letzten Stunde treu blieb: er war nervös und energisch, lebhaft und verschlossen zugleich. „Nur nichts verrathen“ bildete die Devise seines Lebens und Diskretion war die vornehmste seiner Tugenden. Gleichgiltig gegen Lob, war ihm der Tadel beinah erwünscht, sicherlich dann , wenn er ihm eingebildet oder wirklich das Gefühl seiner Unschuld entgegensetzen konnte. Mit Passion nahm er Dinge auf sich, die seine Commilitonen verschuldet hat- ten; kam Strafe, so desto besser. Man kann von ihm sagen, daß er von Jugend auf die Leidenschaft des Martyriums besaß. All’ das kleidete ihm aber, weil es nichts Angeflogenes, sondern der Ausdruck seiner Natur war. Was vollends versöhnte, war, daß er nie feige umkehrte oder vor den Folgen seiner Handelsweise erschrak. 1867 verließ er Berlin, um in Heidelberg Jura zu studiren. Es waren die ersten Semester, und sie verliefen wie erste Heidel- berger Semester zu verlaufen pflegen. Pedelle und Nachtwächter wußten alsbald von ihm zu erzählen, mehr noch die Schauspiele- rinnen, insonderheit die , denen er sich gemüßigt sah, seine Gunst zu entziehn. In einem allerschlimmsten Falle, der ihn dann schließlich auch bis an die Grenze der Relegation brachte, ging er soweit, sich auf die Brüstung des ersten Ranges zu schwingen und höhnisch in den Applaus des enthusiastischen Hauses einstimmend, mit seinen Füßen Beifall zu klatschen. Eine weitere Unterbrechung, die seine Studien erlitten, wenn von Unterbrechung überhaupt die Rede sein konnte, waren die Duelle, die gelegentlich in etwas zeitraubender Weise vor sich gingen. So ward eins derselben, das zwischen Königsberg und Heidelberg con- trahirt worden war, halben Weges und zwar in Berlin ausge- fochten. Jeder Partner machte per Schnellzug 80 Meilen; Rendez- vous: Hasenheide. Man rieb sich den Schlaf aus den Augen und schoß sich. Die Kugeln gingen in die Luft. Aber wenn er seinen Gegner auch nicht getroffen hatte, so traf er dafür — eine Stunde später Unter den Linden — seinen Vater, der einiger- maßen überrascht war, den im Heidelberger Colleg Vermutheten an dieser Stelle zu finden. Ein anderes Vorkommniß dieses Studienjahres mag hier noch erzählt werden, weil es das heitere Gegenstück zu jenem Unter- nehmen ist, das zwei Jahre später seinem Leben ein Ende machte. Wer sich der Müh unterziehen will, zwischen den beiden Fällen zu vergleichen, wird sie bis in die kleinsten Züge hinein gleich finden. Nur die Zeitläufte waren anders geworden. Und daran ging er zu Grunde. Der Sommer 1868 war der Pariser Ausstellungs-Sommer. Ende Juni, an der Table d’h ô te eines Heidelberger H ô tels sitzend, hörte er, wie der in den Salon tretende Oberkellner mit lauter Stimme anfragte: „Ein Zwei-Tage-Billet für Paris: Wer der Herren .....“ „Ich“, klang es von der entgegengesetzten Seite der Tafel her und eine Viertelstunde später (es war höchste Zeit) saß unser Studiosus juris bereits im Coup é und dampfte auf Paris zu. Wie er ging und stand, hatte er die Reise angetreten. Auch ohne Geld. Die paar Gulden, die er bei sich führte, waren schon verausgabt, eh er noch in den Pariser Ostbahnhof einfuhr. Er liebte es, Alles vom Moment und seinem guten Glück ab- hängen zu lassen. Und siehe da, in Paris ließ es ihn nicht im Stich. Einer der ersten, denen er auf dem Boulevard des Italiens begegnete, war ein Heidelberger Freund, Sohn eines reichen In- dustriellen, der willfährig mit seiner Reisekasse aushalf, muthmaß- lich auch seine Wohnung zur Verfügung stellte. Die erborgte Geldsumme wurde gewissenhaft getheilt, und die eine Hälfte in Wäsche, Hut und Handschuhen, die andere in Cab-Fahrten und Soupers bei Very und den Fr è res Provencaux angelegt. Ob er die Ausstellung besuchte, ist mindestens zweifelhaft. Am zweiten Tage war er pünktlich am Bahnhof, um die Rückreise anzutreten; plötzlich aber, ganz nach Art eines kühnen Hazardeurs, von der unbezwinglichen Neigung erfaßt sein Glück noch einmal zu ver- suchen, trat er an das Schalter, ließ sein Billet abstempeln und blieb. Er mochte — und nicht ganz mit Unrecht — davon aus- gehen, daß nur von Seiten des Kassenmannes eine exakte Prüfung des Billets zu gewärtigen, von dem im Momente der Abfahrt aber die Controle führenden Schaffner nicht allzu viel böses zu befürch- ten sei. Auf diesen Calcül hin, dehnte er seinen Pariser Aufent- halt um weitere drei Tage, will sagen bis zur Erschöpfung der letzten Resourcen aus, sah auch in Bezug auf Conducteur- Controle seine Berechnungen glänzend gerechtfertigt, und ge- langte glücklich bis Straßburg. Hier erst von der französischen auf die deutsche Bahn übergehend, wurde die Sache bemerkt und die Weiterfahrt verweigert. Aber so nah am Hafen, wollt’ unser Freund sein Schiff nicht scheitern lassen. Er verließ den Perron, stellte sich auf die entgegengesetzte Seite der Wagenreihe, riß im Moment der Abfahrt eine Coup é thür auf und sprang hinein. So kam er nach Karlsruhe, hungrig und keinen Kreuzer in der Tasche. Gleichviel, bis hierher reichten die Heidelberger Beziehungen und — terra firma war wieder unter seinen Füßen. Noch im selben Jahre, Herbst 1868, ging er, behufs Absol- virung seines Militärjahres, in die Heimath zurück. Er trat bei den Fürstenwalder Ulanen ein. Das kavalleristische Leben, das Reiten und Pistolenschießen, das Straffe des Dienstes und da- neben die kecke, mit der Gefahr spielende Ungebundenheit der freien Stunden, das alles entsprach so recht dem Hange seiner Natur. Kein Wunder also, daß er am Schluß seines Volontairjahres erklärte, das Rechtsstudium aufgeben und die Frische des Daseins weiter genießen zu wollen. Er blieb Soldat, trat von den 3. (Fürsten- walder) zu den 4. (Schneidemühler) Ulanen über, machte seine Avantageur-Zeit durch und war bei Ausbruch des 70er Krieges Fähnrich im letztgenannten Regiment. Anfänglich bei der Ersatz- Schwadron verblieben, traf er erst am 15. September in der Metzer Cernirungslinie ein, machte Anfang Oktober eins der im Norden stattfindenden Gefechte mit, zeichnete sich durch Bravour aus und sollte am 16. Oktober vor der Front belobt und zum Offizier ernannt werden, als auf den Anruf des Regiments-Com- mandeurs: „Fähnrich Anderssen!“ die Antwort gegeben werden mußte: „fehlt seit gestern.“ Jener Schritt war geschehen, der nicht mehr zurückgethan werden konnte und mit dem Tode endete. Im Uebrigen sei dem noch zu Erzählenden voraufgeschickt, daß er auch hier wieder auf dem Punkte stand, der leichtsinnig heraufbe- schworenen Gefahr, voll echten Spielerglücks, zu entgehen. Eine Bagatelle entschied schließlich zu seinen Ungunsten. Hören wir wie. Das Regiment lag mit einigen Escadrons in Garsch, zwischen Metz und Thionville. Hier befand sich auch Anderssen, der in dem Hause des Maires ein gutes Quartier gefunden hatte. Auch ein angenehmes, denn er stand auf bestem Fuß mit dem Wirth und allen Insassen des Hauses, besonders mit den Kindern, mit denen er, gütig und lebhaft wie er war, zu spielen und zu scherzen liebte. Am 15. Oktober fuhr Mr. Bauer (Name des Maires) mit einem leichten Ackerwagen aus seinem Gehöft auf die Dorfstraße, und unsres Fähnrichs ansichtig werdend, der, rittlings auf einem Reisigbündel sitzend, eben Spielzeug für die Kinder schnitzte, rief er demselben zu: Wollen Sie mit? „Wohin?“ Thionville. „Gewiß!“ Ehe zwei Minuten um waren, hatte der Angerufene, mit der ihm eigenen Raschheit des Entschlusses die Kleider gewechselt und fuhr nun in blauer Blouse, neben seinem Quartiergeber sitzend, plaudernd und rauchend auf Thionville zu. Ohne Aufenthalt oder Schwierigkeit ging es über die Festungsbrücke fort, in das Thor hinein, bis der Wagen inmitten der Stadt vor dem vielbe- suchten Caf é Luxembourg hielt. Das Publikum desselben, so wenigstens haben später eingezogene Erkundigungen ergeben, scheint unsern Anderssen gleich von Anfang an in seiner Verkleidung er- kannt, an dieser Entdeckung aber nicht den mindesten Anstoß ge- nommen zu haben. Im Gegentheil. Mit Vorliebe wandte man sich ihm zu, eine Mittheilung, die alle diejenigen am wenigsten überraschen wird, die persönlich in der einen oder andern Eigen- schaft auf dem Kriegsschauplatz anwesend waren. Denn gerade diese werden aus eigener Anschauung wissen, daß Heitres und friedlich Freundliches beständig in den furchtbaren Ernst des Krieges hineinwuchs und nur allzu oft in geradezu verführerischer Weise den einen oder Andern Theil vergessen lassen konnte: dort steht Dein Feind. Die Vorposten beispielsweise lebten sich kame- radschaftlich mit einander ein, tranken sich zu, erwiesen sich kleine Dienste, bis dann plötzlich wieder — oft launenhaft und nach dem Voraufgegangenen durchaus unmotivirt — eine Gewehrsalve da- zwischen fuhr und die Situation auf’s Neue klar legte. So ähnlich scheinen die Dinge an jenem 15. Oktober auch in Thionville verlaufen zu sein. Der Nachtheil, der der Stadt aus einem mit scharfen Appetit frühstückenden und mit der Dame du comtoir lebhaft plaudernden Prussien erwachsen konnte, war gering, der Vortheil aber lag auf der Hand, denn man hörte doch dies und das und sah das ewige Einerlei der Tage durch einen Zwischenfall unterbrochen, der in seinem keck- abenteuerlichen Aufstutz nur um so unterhaltender wirkte. Die Nachrichten hierüber mögen nicht in allen Stücken zuverlässig sein, aber so viel wenigstens wird mit Bestimmtheit erzählt, daß die Caf é -Luxembourg-Gäste unter scherzhaftem Hinweis auf seine Blouse, unsrem Fähnrich zugerufen hätten: „Passen Sie auf“. Er nahm es aber leicht, und mocht’ es leichtnehmen, denn in der That, das Glück schien gewillt, für seinen Liebling noch einmal all und jedes zu thun. Nichts Störendes intervenirte, der Wagen fuhr wieder vor, Wirth und Einquartierung nahmen auf dem Vordersitz ihren alten Platz und nach dem Caf é zurückgrüßend, fuhren beide die Straße hinunter auf das Metzer Thor zu, um noch vor Dunkel- werden Garsch zu erreichen. Alles ging gut; erst im letzten Mo- ment gebar sich das Unheil. Hart am Thor, da, wo nach rechts hin die Straße in eine schmale, halb von der Stadtmauer ge- bildete Gasse abbiegt, stand ein Wirthshaus, aus dem der Lärm heiterer Gäste herüberklang. Einige standen an den offenen Fen- stern und grüßten mit den Deckelkrügen. „Noch einen Abschiedstrunk“, rief Anderssen und legte die Hand auf die Leine. Der Maire war gutmüthig genug nachzugeben, man hielt und im nächsten Moment waren beide mit unter den Gästen. Was hier nun ge- schah, ist unaufgeklärt geblieben; zehn Minuten später aber sah sich Anderssen als preußischer Spion und Mr. Bauer als sein Complice verhaftet. Die Bierhaus-Bevölkerung war eben eine andere, als die im Caf é Luxembourg. Im Allgemeinen wird man sagen können: Alles wohl etablirt Imperialistische trug uns im Stillen Sympathien entgegen. Alles gambettistisch Republikanische stand gegen uns. Unter dem Jubel Hunderter, die mit jedem Schritt anwuch- sen, wurden die beiden Gefangenen nach dem Arresthause gebracht. Am 24. trat ein Kriegsgericht zusammen, das über den Fall aburtheilen sollte. Trotzdem diesseitig ein die „excentrische Natur“ des Angeklagten ebenso wahrheitsgemäß wie geflissentlich hervor- hebendes Schreiben an den Kommandanten von Thionville, Oberst Turnier, gerichtet worden war, sah sich das Kriegsgericht dennoch nicht veranlaßt, eine mildere Beurtheilung des Falles eintreten zu lassen. Es konnt ’ es nicht, weder nach Lage des Gesetzes noch der Situation. Am 29. früh, am Tage nach der Capitulation von Metz, wurde das auf „Tod durch Erschießung“ lautende Ur- theil vollstreckt. Das gleiche Loos traf seinen Wirth, Mr. Bauer. Alles, was noch zu erzählen bleibt, ergiebt sich am besten aus einzelnen Schriftstücken, die vorliegen: zwei Briefe Anderssen’s an seinen Vater und ein amtliches Schreiben des Obersten Turnier an den Kommandanten des 4. Ulanen-Regiments. Ich gebe diese Schriftstücke: „Lieber Papa! Ich schreibe Dir und wünsche, daß Du zuerst diesen Brief liest, um Mama vorbereiten zu können. Das Kriegs- gericht hat gesprochen. Ich bin zum Tode verurtheilt. Ich kann mir Deinen Kummer denken; ich fühle es recht, mein lieber Papa. Du bist stets so gut zu mir gewesen! Ich hab es Dir nie ge- nügend gedankt. Es ging mir zu gut. Jetzt, wo ich in meiner Zelle sitze und diesen Brief auf den Knieen schreibe, fühl’ ich erst, was ich an Euch verliere. Jetzt, wo es zu spät ist, erkenn ich, was Ihr mir gewesen seid. Es rührt mich, wenn ich daran denke, mit welcher Freude Du mir den geringsten Wunsch erfüllt hast, und wie Mama für mich gesorgt. Wer hätte das gedacht, lieber Papa, als wir uns zuletzt auf dem Bahnhof in Berlin sahen, daß wir uns nie wiedersehen würden. Das ist eine schreckliche Strafe für mich! … Ich bin hier allein, ohne einen Menschen, der ein Herz für mich hat; welche Sehnsucht hab’ ich, Euch zu sehen. Ich hab’ an den Prokurator der Republik geschrieben, daß mir das Medaillon und zwei Briefe von Euch, die ich bei mir hatte, im Gefängniß gelassen würden. Man hat sie mir geschickt. … Die Stadt ist cernirt. … Es ist mir räthselhaft, wie ich auf diese Tollkühnheit gekommen bin. Der Kommissar der Republik, ein Offizier der Garde mobile, besucht mich alle Tage, und hat mir versprochen, Briefe, die ich verschlossen abschicken will (d. h. ohne daß sie Jemand vorher liest), für mich zu besorgen. Auch wird er die Sachen, die ich mitge- bracht habe, Euch zukommen lassen. Es sind dies: Uhr, Kette mit Petschaft, Medaillon und Compaß, eine Brieftasche, Notizbuch, Cigarrentasche und mein Taschenmesser, der vielgenannte „Rippe- speer“. Wenn es nicht früher geht, werdet Ihr sie nach dem Kriege bekommen. Da das Geld, was ich mitgebracht habe, nicht reichen wird, so werd’ ich eine Bescheinigung zurücklassen, für das, was man für mich ausgelegt hat. Sei so gut, und gieb meinen kleinen Revolver an Dr. Stich. Er soll ihn als Andenken be- halten, den „Rippespeer“ auch. Meine andern Sachen werden Euch wohl vom Regimente zugeschickt oder später gegeben werden. Meinen letzten Brief hab’ ich am 15. geschrieben und Dich ge- beten, mir eine neue Uniform zu schicken. Als ich den Brief schrieb, hab’ ich nicht gedacht, daß ich drei Stunden später in Thionville sein würde. Es ist merkwürdig, wie dieses Geschick so plötzlich über mich hereingebrochen ist. Wenn ich wenigstens vor- her mir Zeit genommen hätte, nachzudenken und mich auf die Folgen gefaßt zu machen. Ich könnte wenigstens sagen, es sei meine Schuld. Es wär’ aber dann gar nicht passirt. Ich wundre mich selbst, daß ich keinen Menschen um Rath gefragt habe; man hätte mir doch entschieden abgerathen. Es ist aber auch möglich, daß ich es trotzdem gethan hätte; dann würd’ ich mir noch mehr Vorwürfe machen. Ich kann mir nicht klar werden darüber. Das Ganze ist nicht weniger sonderbar, als wenn ich jetzt plötzlich bei Euch sein würde. Was man nur bei meinem Regimente davon denkt! Auf alle Fälle wär’ ich noch vor das preußische Kriegs- gericht gekommen. Es wär’ aber doch besser gewesen, ich hätte Euch wenigstens wieder gesehen. Ich bin verurtheilt worden nach dem Artikel 207, der wört- lich lautet: Est puni de mort tout ennemi, qui s’introduit déguisé dans une place de guerre etc. Man hat keine mildernde Umstände anerkannt. Ich nehme jetzt Abschied von Euch, meine lieben Eltern. Es ist mir recht traurig zu Muthe. Ich weiß, daß Ihr mir verzeihen werdet. Es wäre so schön, wenn wir uns wiedersähen! Wenn ich aus dieser Lage gerettet worden wäre, ich hätte mich bemüht, mich stets dankbar gegen Euch zu bezeugen. Es wird mir so schwer um’s Herz, daß ich so weit von Euch auf so traurige Weise aus dem Leben scheiden muß. Dieser Brief ist wahrscheinlich der letzte, den Ihr von mir empfangt. Grüße alle Bekannte, Stich, Wilhelm, Wally und Anna. Es ist mir so schmerzlich, wenn ich Eure Bilder in dem Medaillon betrachte! Ich danke Euch, für alles Gute und alle Liebe, die Ihr mir bewiesen habt. Tröstet Euch, meine lieben Eltern. Ich habe noch 2 Briefe von Mama; ich lese sie oft; es giebt mir Trost. Nach dem Kriege werdet Ihr das Medaillon erhalten. Ich weiß noch, lieber Papa, als Du es mir gabst, sagtest Du: „Es sollte mir ein Talisman sein.“ Ich habe stets eine große Anhänglichkeit daran gehabt. Mama soll es behalten. Lebt wohl, lieber Papa und Mama, vergebt mir. Tröstet Euch. Seid gegrüßt von Eurem Sohn Alexander Anderssen .“ Kurz vor seinem Tode schrieb er noch Folgendes: „Liebe Eltern! Das Urtheil wird morgen, Sonnabend den 29., vollstreckt. Es ist jetzt die Nacht vom 28. zum 29. Ich habe vor drei Stunden einen Brief an Euch geschrieben; der Kommissar der Republik hat ihn abgeholt. Ich danke Euch noch- mals für Eure große Liebe zu mir. Herrn v. S. habe ich gebeten, dafür zu sorgen, daß Ihr meine Sachen bekommt. Den kleinen Ring schenke ich Wally. Es ist der Stein aber verloren. Nachschrift : Es ist Sonnabend, 29. Oktober, Morgens 5½ Uhr. Um 6½ Uhr ist die Exekution. Ich sage Euch noch einmal, eine Stunde vor meinem Tode, Lebewohl und bitte Euch, Euch bald zu trösten. Lebt wohl. Euer Sohn Alexander Anderssen .“ Ich muß hier den Gang der Erzählung einen Augenblick unterbrechen. Diese Schriftstücke, in ihrer schlichten und tief-inner- lichen Abfassung, berühren mich auch heute wieder, wo ich sie zum Druck gebe, als wahre Musterstücke schönen Menschenthums. Gleich schön in ihrem Kampf, wie in ihrem Sieg. In dem ersten, längeren Brief noch ein Ringen, der Schmerz des sich Losreißen- Müssens; in dem zweiten Brief und seiner Nachschrift die ganze Ruhe dessen, der überwunden hat. Von Heldenkomödie und Feigheits-Winselei gleich fern, gönnen uns diese Zeilen einen Ein- blick in ein nobles und durch Todesbitterkeit geläutertes Herz. Um 6½ Uhr hielt der Wagen vor dem Maison d’Arr ê t. Anderssen war fertig. Eine Cigarrette anzündend, ein paar andere zu sich steckend, stieg er rasch in den Fiacker hinein. Angesichts des Todes hatte er ganz jene elastische Nervosität, jene Be- herrschungskraft wiedergewonnen, die ihn von Jugend auf so sehr ausgezeichnet hatte. Die Aussagen des Gefangenwärters, des Executions-Kommandos, endlich des Kommandanten selbst, lassen darüber keinen Zweifel. In dem Wallgraben angekommen, wo die Execution stattfinden sollte, lehnte er Niederknien und Augenver- binden ab. Aufrecht stellte er sich vor die Gewehrläufe. „Gut schießen“, wandt’ er sich an die Mobilegarden-Section; „hierher“ und dabei legte er die Hand auf die Brust. Dann warf er mit der Linken die Cigarrette in die Luft und rief: „Es lebe der König“. Von neun Kugeln durchbohrt, brach er zusammen. Oberst Turnier richtete noch am selben Tage folgendes Schreiben an den Kommandeur des 4. Ulanen-Regiments: „Mein Herr Oberst! Ich habe die Ehre, Sie wissen zu lassen, daß Fähnrich Anderssen vom 4. Ulanen-Regiment durch ein am 24. d. M. zusammengetretenes Kriegsgericht, und zwar gestützt auf Artikel 207 unsres Code militaire, zum Tode verurtheilt worden ist. Mit ihm Mr. Bauer, der den Eintritt des jungen Offiziers in diese unsre Festung Thionville begünstigt hatte. Jede Vorschrift unsrer Militair-Gerichtsbarkeit ist innegehalten und heute früh das Urtheil vollstreckt worden. Wie ich schon die Ehre hatte, in einem Schreiben vom 21. d. M. Ihnen zu melden, ist Fähnrich Anderssen durch den Chef- arzt unseres Militär-Hospitals sowohl im Gefängniß wie vor dem Kriegsgericht, dazu auch in den von ihm geschriebenen Briefen auf das Aufmerksamste untersucht worden. Das Resultat dieser Untersuchung hat ergeben, daß der junge Offizier von dem Tag an wo er seinen Fehltritt beging, bis zu dem wo er dafür büßte, bei völligster und ruhigster Ueberlegung gewesen ist. Fähnrich Anderssen hat im Uebrigen all die Zeit hindurch eine vorzügliche, eben so passende wie würdige Haltung bewiesen und ist gestorben wie ein ächter Soldat ( il est mort en vrai soldat ). Ich bedaure, daß meine überaus schwierige Lage und die Macht der Umstände mir nicht gestattet haben, den Gang dieser furchtbaren Angelegenheit ( de cette terrible affaire ) aufzuhalten. Empfangen Sie, mein Herr Oberst, die Versicherung meiner auszeichnendsten Gefühle. Thionville, am 29. Oktober 70. Turnier , Oberst und erster Kommandant.“ Ende Februar — der Präliminarfriede war inzwischen ge- schlossen — wurde die Leiche ausgegraben, um nach Berlin über- geführt zu werden. Thionville hatte um diese Zeit bereits eine preußische Besatzung, vom 30. Regiment wenn ich nicht irre. Die Erinnerung an den so jung und so brav Gestorbenen war noch in aller Herzen lebendig, und als der Conduct durch die Straßen der Stadt ging, dem Eisenbahnhofe zu, schloß sich die ganze männ- liche Bevölkerung dem Militär-Kommando an, alle Frauen und Mädchen aber standen an den offenen Fenstern und folgten theil- nahmevoll dem langen Zuge. Tugend und Tapferkeit erobern jedes Herz, auch das des Feindes. Am 10. März traf der Sarg hier ein und wurd’ in der Leichenhalle des Jerusalemer Kirchhofes niedergesetzt. Am 13. erfolgte die Bestattung. Das 2. Garde-Ulanen-Regiment gab das Ehren- und Geleits-Kommando und über den niedergesenkten Sarg hin feuerten die Karabiner. Dann schloß sich das Grab. Jetzt steht es dicht in Epheu und Blumen, Cypressen rings umher, und auf dem schräg liegenden, halb überwachsenen Marmorkreuze lesen wir: „Hier ruhet in Gott unser geliebter einziger Sohn, der Port é p é e-Fähnrich Alexander Anderssen, geb. den 19. No- vember 1847, vom Feinde erschossen in Thionville den 29. Ok- tober 1870.“ Ruh’ aus tapfres Herz. Fontane , Wanderungen. IV. 9 Friedrichsfelde. 1. Und nahe hör’ ich, wie ein rauschend Wehr, Die Stadt, die völkerwimmelnde, ertosen. Braut von Messina. Gegrüßet seid mir, edle Herrn, Gegrüßt ihr, schöne Damen! Göthe. W en ein Sommer-Nachmittag ausnahmsweise vor die Thore der östlichen Stadttheile, beispielsweise nach Friedrichsfelde führt, dem werden sich daselbst in Landschaft und Genre die gefälligsten und in ihrer heitern Anmuth vielleicht auch unerwartetsten Bilder erschließen. Friedrichsfelde darf als das Charlottenburg des Ost- ends gelten und allsonntäglich wandern Hunderte von Residenz- lern hinaus, um sich „Unter den Eichen“ daselbst zu divertiren. Es sind meist Vorstadt-Berliner, jener Schicht entsprossen, wo die Steifheit aufhört und der Cynismus noch nicht anfängt, ein leicht- lebiges Völkchen, das alles gelten läßt, nur nicht die Spielver- derberei, ein wenig eitel, ein wenig kokett, aber immer munter und harmlos. Wie das lacht und glücklich ist im Schweiße seines Angesichts! Jetzt „Bäumchen, Bäumchen verwechselt euch,“ jetzt Anschlag, jetzt Zeck, jetzt Ringelreihn und Gänsedieb, bis endlich unter den weitschattigen Parkbäumen sich Alles lagert und auf umgestülpten Körben und Kobern die Mahlzeit nimmt. Die Fahrt nach Friedrichsfelde, wenn man zu den „West- endern“ zählt, erfordert freilich einen Entschluß. Es ist eine Reise und durch die ganze Steinmasse des alten und neuen Berlins hin sich muthig durchzuschlagen, um dann schließlich in einem fuchs- rothen Omnibus mit Hauderer-Traditionen die Fahrt zu Ende zu führen, ist nicht jedermanns Sache. Wer es aber an einem grauen Tage wagen will, wo die Sonne nicht sticht und der Staub nicht wirbelt, der wird seine Mühe reichlich belohnt finden. Er wird auch überrascht sein durch das reiche Stück Geschichte, das ihm an diesem Ort entgegentritt. Wir erzählen davon. Friedrichsfelde bis 1700. Friedrichsfelde war bis zum Jahre 1700 gar kein Friedrichs- felde, sondern führte statt dessen den poetischen, an Idyll und Schäferspiele mahnenden Namen Rosenfelde . Und doch griff dieser Name bis auf Zeiten zurück (erstes Vorkommen 1288), wo hierlandes an alles Andere eher gedacht wurde, als an Schäfer- spiele. Kaum Schäfer mocht’ es damals geben. 1319, im letzten Regierungsjahre des Markgrafen Waldemar, wurden die Rathmannen von Berlin und Cölln die Herren des schon damals ansehnlichen Besitzes und beinahe drei Jahrhunderte lang trug es die alte Patrizierfamilie der Rykes von den Rath- mannen zu Lehn. 1590, so scheint es, wurde das Gut dann landesherrlich, wenigstens zu größrem Theile, bis es unter dem Großen Kurfürsten in den Besitz Joachim Ernst von Grumb- kow’s Joachim Ernst v. Grumbkow starb in der Nähe von Wesel (im Reisewagen) auf einer Reise des Hofes nach Cleve, am zweiten Weihnachts- feiertage 1690. Der Hofpoet Besser sprach in seinem an die Wittwe gerich- teten Trauergedicht „von dem zwar nicht seligen , aber doch sanften Tod“ des Hingeschiedenen. Grumbkow hatte nämlich am Abend vorher zu viel ge- trunken. Pöllnitz in seinen Memoiren sagt von ihm: „Er liebte die großen Unternehmungen und war kühn in ihrer Ausführung. Man würde seinen Charakter großartig haben nennen können, wenn ihm die Beförderung seiner Familie weniger am Herzen gelegen hätte, für die er große Schätze mit Leich- und 1695 in den Benjamin Raule’s kam. 9* Benjamin Raule — ein Holländer von Geburt, General- director des Seewesens, dessen Name in „ Raule’s Hof ,“ wo sich die Admiralität damals befand, bis auf den heutigeu Tag fortlebt — verblieb nur wenige Jahre im Besitz von Rosenfelde. So kurz diese Zeit war, so war sie doch ausreichend, um dem herrschaftlichen Gut im Wesentlichen die Ausdehnung und Anlage zu geben, die dasselbe noch heute zeigt. Bis dahin hatte Rosen- felde ein Jagdschloß gehabt, wahrscheinlich aus der Joachimischen Zeit. Dies überließ Raule seinem Schicksale, baute statt dessen ein Lusthaus, einen Sommer-Pavillon, an derselben Stelle, wo jetzt das Schloß steht, und ließ durch holländische Gartenkünstler den jetzigen Park In seinen Anfängen soll derselbe schon 15 Jahre früher vorhanden ge- wesen sein. — 1672, was hier eine Stelle finden mag, gab es nur elf Parks in der Mark Brandenburg, die nach Beispiel und Vorbild des großen Kur- fürsten und vielleicht auch auf Wunsch desselben angelegt waren. Es waren die folgenden: 1) der Sparr’sche zu Prenden, 2) der Dohna’sche zu Schön- hausen, 3) der Otto v. Schwerin’sche zu Alt-Landsberg, 4) der Löben’sche zu Schenkendorf, 5) der Raban v. Canstein’sche zu Lindenberg, 6) der B. v. Pöllnitz’sche zu Buch, 7) der Caspar v. Blumenthal’sche zu Stavenow (Priegnitz), 8) der v. Götz’sche zu Rosenthal, 9) der v. Börstell’sche zu Hohen-Finow, 10) der Heydekamp’sche zu Rudow und 11) der Franz v. Meinders’sche zu Berlin, vor dem (damaligen) Stralauer Thore. anlegen. Raule war sehr reich. Er bewirthete tigkeit zusammenhäufte. Man fand ihn eines Tages todt in seinem Wagen, als er von einem Fest in der Nähe von Wesel zurückkehrte, wo der Wein nicht gespart worden war.“ — Wohin man seine Leiche schaffte, oder ob er in Wesel selbst beigesetzt wurde, hab ich nicht erfahren können. In dem inten- dirten Erbbegräbniß der Grumbkow’s zu Blankenfelde , anderthalb Meilen von Berlin, steht er nicht . In der Kirche letztgenannten Dorfes, die, wie eine lateinische Inschrift über der Kirchthür angiebt, von v. Grumbkow erbaut wurde, befindet sich eine schon bei Lebzeiten desselben ausgemauerte Gruft und ein großer Grabstein darüber. Die Inschrift dieses Grabsteines lautet: Erbbegräbniß des Wohlgebornen H. H. Joachim Ernst’s v. Grumb- kow , Sr. churfürstlichen Durchlaucht zu Brandenburg höchst ansehnlichen, wirklichen Geheimen Etats- und Kriegs-Raths, Oberhof-Marschalls, General- Kriegscommissarii und Schloßhauptmann, Erbherr auf Grumbkow, Runo, Cuno, Darlin, Nieder-Schönhausen, Blankenfelde und Charo.“ Hiermit schließt die Inschrift. Der freigelassene Raum zeigt, daß die Daten von Geburt und Tod hier angegeben werden sollten. Dies geschah aber nicht, weil der Be- wohner ausblieb. verschiedentlich den Kurfürsten sammt seinem ganzen Hof im Rosen- felder Lustschloß, und der Poet von Canitz konnte damals singen: Der Churfürst und was fürstlich heißt, Haben jüngst beim Raule gespeist Mittags zu Rosenfelde. Aber Glück und Ehre waren von kurzer Dauer. Raule, wie so viele Personen aus der Regierungszeit Friedrichs III. , wurde der Unterschlagung bezichtigt und fiel in Ungnade, während man seinen Besitz confiscirte. Rosenfelde war nun landesherrlich. Zwei Jahre später (1700) wechselte es den Namen und wurde Friedrichsfelde . Friedrichsfelde von 1700—1731. Markgraf Albrecht . Friedrichsfelde war nun also landesherrlich und blieb es bis zum 25. November 1717, unter welchem Datum König Friedrich Wilhelm I. seinem Stiefonkel, dem Markgrafen Albrecht von Schwedt, das Schloßgut zum Geschenk machte. Markgraf Albrecht der damalige Herrenmeister des Johanniter- Ordens, scheint aber schon vorher unter Gutheißung des Königs seinen gelegentlichen Sommeraufenthalt daselbst genommen zu haben; denn die Ordensbücher sprechen von einem Capitel, das bereits am 10. September 1717 in Friedrichsfelde abgehalten wurde. Der Markgraf ließ sich die Verschönerung seines Besitzes an- gelegen sein. Schon 1719 wurde durch Böhme ein neues Schloß an Stelle des alten aufgeführt, dessen Grundmauern, trotz viel- facher sonstiger Veränderungen, seitdem dieselben geblieben sind. Er legte auch die sogenannte „Prinzen-Allee“ an, die von einer bestimmten Stelle der Friedrichsfelder Chaussee „Diese Prinzen-Allee“ ist nicht mit der großen gradlinigen Allee zu verwechseln, die als Hauptverkehrs-Straße von Berlin nach Friedrichsfelde führt. Diese letztere ist erheblich älter und soll als eine Pön, die dem Schlächter- gewerk auferlegt wurde, von diesem gebaut und bepflanzt worden sein. Die abzweigend, auf einem näheren Wege bis unmittelbar vor das Schloß führt. Markgraf Albrecht scheint mit Vorliebe in Friedrichsfelde residirt zu haben; vielleicht auch war es sein einziger Besitz. Nur die Hoffeste und die Inspectionen riefen ihn ab. Die Kriegs- Epoche lag vor 1717. Während des spanischen Erbfolgekrieges hatte er sich nicht nur ausgezeichnet, sondern auch dem Könige, seinem Neffen, ein neues Infanterie-Regiment errichtet, das — der Markgraf war damals schon Herrenmeister — auf seinen Fahnen und Trommeln das Johanniterkreuz trug. Ob dies Re- giment Markgraf Albrecht diese Abzeichen beibehielt, als es später zu Soldin und Königsberg i. d. Neum. garnisonirte, hab ich nicht in Erfahrung bringen können. Markgraf Albrecht starb am 21. Juni 1731 zu Friedrichs- felde. Er war seines edlen Charakters halber in der Hauptstadt sehr geliebt, und so weckte sein Hinscheiden allgemeine Theilnahme. Am 25. Juni erschien der ganze Hof im Trauerhause, von dem aus Tags darauf die markgräfliche Leiche durch 60 Mann vom Regiment Gensdarmes nach Berlin übergeführt wurde. Da die Vermögensverhältnisse des Verstorbenen nicht glänzend waren und der König sich weigerte, die Kosten zu einem standesgemäßen Leichenbegängnisse herzugeben, so wurde der Sarg in dem alten, 1749 abgebrochenen Dom, ohne jedes Gepränge still beigesetzt. In Beckmann’s Geschichte des Johanniter-Ordens, Frank- furt a. O., 1726, findet sich als Titelkupfer ein Bild des Mark- grafen. Es macht einen guten Eindruck. Er sieht stattlich, wohl- wollend aus, aber nicht klug; ein des Geistigen entkleidetes Großes- Kurfürsten-Gesicht. (Der große Kurfürst war sein Vater.) Friedrichsfelde von 1731—62. Markgraf Karl . Markgraf Albrecht hinterließ drei Söhne, von denen der älteste, Markgraf Karl , succedirte. Er erbte Friedrichsfelde, er- Veraulassung ist nicht bekannt. Die Allee bestand ursprünglich aus sechs Reihen Lindenbäume. Bei Anlegung der Chaussee, vor etwa 70 Jahren, wurde der Mittelweg verbreitert und die betreffenden zwei Reihen Linden fielen und wurden durch Pappeln ersetzt. hielt das Regiment des Vaters, nunmehr Regiment Markgraf Karl, und wurde seitens des Johanniter-Ordens zum Herren- meister erwählt. Die beiden jüngeren Brüder fielen in den Kämpfen der schlesischen Kriege, der eine 1741 bei Mollwitz, der andere 1744 vor Prag. Markgraf Karl lebte viel in Friedrichsfelde und begann das 1719 durch Böhme aufgeführte Schloß, namentlich in seinem In- nern, auszubauen und zu schmücken. Dies geschah zumeist 1735. Die Stuckarbeiten in den Zimmern des ersten Stocks datiren aus dieser Zeit; sie sind, insonderheit die Wandreliefs und Friese, von bemerkenswerther Schönheit und zeigen, wie glänzend die Schule war, die Schlüter herangebildet hatte. Auch mit Bildern be- gannen die Räume sich zu füllen und wurden mehr und mehr zu einer berühmten Collection. Diese führte den Namen: Galerie des Markgrafen Karl. Er sammelte mit Neigung und Verständ- niß, aber eben so sehr aus gutem Herzen. Daher war nicht Alles ersten Ranges. Einen Theil seiner Bilder mocht’ er nicht in Friedrichs- felde, sondern im Johanniter-Ordenspalais haben, das, in den letzten Regierungsjahren Friedrich Wilhelms I. , nur aus Rücksicht gegen diesen und gewiß ganz gegen die Wünsche des Ordens, am Wilhelmsplatz errichtet worden war. Es war, wie so viele Bauten damals, ein völliger Zwangsbau . Der General-Major v. Truchseß hatte die Herstellung eines ansehnlichen Hauses be- gonnen, an dessen Vollendung ihn der Tod hinderte. Da befahl der König dem Herrenmeister, Markgraf Karl, die Fertigstellung des Baus aus Ordensmitteln zu übernehmen. Dies geschah denn auch. König Friedrich Wilhelm I. war eben nicht gewohnt auf Widerspruch zu stoßen. In diesem Palais, das Markgraf Karl zeitweilig bewohnte, befand sich, wie schon angedeutet, aller Wahrscheinlichkeit nach ein Theil seiner Galerie, vielleicht sogar der größere Theil. Nach seinem Tode wurde die Sammlung versteigert und die Bilder zer- streuten sich überall hin. Einige, die sich auf den alten Zieten beziehen, sah ich in Wustrau. In Friedrichsfelde finden sich noch einige Rudera vor, die beim Verkauf lediglich aus Indifferenz oder Bequemlichkeit zurückgelassen wurden, vielleicht erstand sie auch Prinz Ferdinand , der nach dem Markgrafen Karl in Friedrichsfelde einzog. Es sind: 2 alte Köpfe, höchst vorzüglich, im Stil von Gerard Dow; außerdem ein anderer Niederländer: Christus als Knabe predigt im Tempel. Markgraf Karl starb am 22. Juni 1762 zu Breslau. Er war, wie sein Vater Markgraf Albrecht, theils um seiner Herzensgüte theils um der Pflege willen, die er der heimischen Kunst bezeigt, eine in Berlin sehr beliebte Persönlichkeit gewesen. Für viele war sein Hinscheiden ein herber Verlust. Er hinterließ keine männliche Descendenz. Friedrichsfelde fiel an seine Tochter, die Herzogin von An- halt-Bernburg , deren Bevollmächtigter schon im November desselben Jahres Schloß, Park und Pertinenzien an den Prinzen Ferdinand von Preußen verkaufte. Friedrichsfelde von 1762—85. Prinz Ferdinand . Prinz Ferdinand, der jüngste Bruder des großen Königs, hatte von 1744 an in Ruppin residirt, wo das Regiment, das seinen Namen führte, in Garnison lag; von 1756—63 war er mit den andern Prinzen im Kriegslager gewesen. Der Hubertsburger Friede und der Erwerb von Friedrichsfelde fielen fast zusammen und mit einer Art von Ausschließlichkeit ge- hörte der Prinz von 1763—85 diesem anmuthigen Lustschloß an, das nun schon zweien Herrenmeistern des Johanniter-Ordens als Residenz gedient hatte. Er war der dritte. Von 1785 an wurde Schloß Bellevue (im Berliner Thiergarten) der Aufent- halt des Prinzen, bis 1802 nach dem Tode seines Bruders, des Prinzen Heinrich, Rheinsberg an die Stelle von Bellevue trat. Wir haben also, von dem 7 jährigen Kriegsinterregnum ab- gesehen, vier Epochen im Leben des Prinzen Ferdinand zu unter- scheiden: Ruppin, Friedrichsfelde, Bellevue, Rheinsberg, von denen die Friedrichsfelder Epoche die wichtigste und die längste ist. Sie umfaßt 22 Jahre und zeigt, nach dem bescheidenen Maße von Geist und Gaben, das speciell diesem Prinzen zu Theil geworden war, wenigstens Leben und Farbenfrische, wenn auch nichts von Eigenart. An dieser gebrach es durchaus. Man darf sagen, daß er in allem seinen Bruder Heinrich copirte; der Friedrichsfelder Hof war Seitenstück und Nachahmung des Rheinsberger. Zunächst wurde die Hofhaltung im weitesten Sinne ganz nach dem dor- tigen Muster eingerichtet. Cavalierhäuser, Stall- und Wachtge- bäude, Tempel und Grotten wurden aufgeführt, alles wie in Rheinsberg. Wie Prinz Heinrich einige 40 Kammerhusaren hielt, die die Rheinsberger Garnison bildeten und den Wachtdienst im Schlosse hatten, so hatte Prinz Ferdinand eine Art Invaliden- Colonie in Friedrichsfelde, die ihren Zuzug aus seinem Ruppiner Regiment empfing. Diese alten Soldaten bestellten ihr Stück Garten- und Ackerland und nur immer einige wenige von ihnen mußten abwechselnd auf Wache ziehn. Kam dann aber hoher Besuch, Prinz Heinrich oder gar der König selbst, so mußten sie sämmtlich auf- marschiren um die militärischen Verhältnisse von Friedrichsfelde in möglichst günstigem Licht erscheinen zu lassen. Das Wachtlocal ist noch da, und erinnert mit seinen Holzsäulchen, die das obere Stock- werk tragen, an die früheren Wachthäuser am Halleschen Thor. Natürlich war auch das Friedrichsfelder Leben dem Rheins- berger verwandt, nur blasser, insipider. Wir müssen hinzu- setzen, zu seinem Glück. Es hatte wohl auch seine „Chronique,“ seine Flüsterungen, seine Geheimnisse, aber es fehlte doch der eigenthümliche Parfum, der in dem stillen, abgelegenen Schloß am Grineritz-See alle Dinge durchdrang. In Friedrichsfelde gab es Frauen , das sagt Alles. Ihre Gegenwart bedingte nicht immer Tugend, aber doch wenigstens Natur . Und davon hatte der Friedrichsfelder Hof sein volles Maaß. Die durchlauchtigste Dame, die demselben vorstand, war eine Prinzessin von Schwedt, gehörte mithin einem Frauenzirkel an, von dem man sagen konnte, daß er der Natur noch um einen Schritt näher stand, als Frauen ihr gewöhnlich zu stehen pflegen. Ihren Bildern und Büsten in alten Galerien (am besten in der Schwerder selbst) zu begegnen, ist eine wahre Herzensfreude. Welche Fülle von Leben, welche Gesundheit in Formen und Farben! Ihre Ehen waren nicht immer normal, nicht immer das, was Ehen sein sollen, aber es waren gute Frauen, und — die Männer waren glücklich. Ueberraschend zu sagen, die Hauptfestlichkeiten in Friedrichs- felde waren Taufen! Namentlich um jene Zeit herum, wo die gesammte hohenzollernsche Descendenz auf zwei Augen stand. Am 11. November 1771 wurd’ im Friedrichsfelder Schloß ein Prinz geboren, bei der damaligen Sachlage durchaus ein „Ereigniß.“ Der Prinz erhielt die Namen Friedrich Christian Heinrich Ludwig. Der König, die Königin, Prinz Heinrich, wohnten der Tauffeierlichkeit bei; von auswärtigen Mitgliedern der Familie war die verwitt- wete Königin von Schweden, Louise Ulrike, geladen. Im Kirchen- buche finden sich von der Hand des Pastors Lindenberg, Dieser Pastor Lindenberg starb 1774 an den Folgen eines Schrecks, dem ihn eine Spuk-Erscheinung verursacht hatte. Als er nämlich, kurz vor seinem Tode, von einem Besuch im Schloß in seine Pfarre zurückwollte, sah er eine weibliche Gestalt, die vor ihm herging und auf sein Anrufen keine Antwort gab. Als sie bis dicht vor der Kirche waren, wies sie mit der Hand auf eine Stelle neben einem Eckpfeiler und verschwand dann. Der Pastor kam in äußerster Erregung in seiner Wohnung an, erzählte was er ge- sehen und starb den dritten Tag danach. Er wurde neben dem Eckpfeiler an eben der Stelle begraben, auf die die Gestalt gezeigt hatte. der die Taufe vollzog, folgende Bemerkungen eingetragen: „Diese glückliche Entbindung war um so viel freudiger, weil der theuerste Vater seit einigen Wochen an einer sehr gefährlichen Krankheit darnieder lag, so daß man verschiedene Tage sein Ab- leben befürchtete; Umstände, welche bei der nahen Entbindung die geliebte Gemahlin äußerst geängstigt und elend gemacht hatten, so daß man wegen ihres Lebens besorget war. … Es war auch, bei der äußersten Gefahr des Prinzen, von Seiner Fürstlichen Ge- mahlin und zwar vor Ihrer Entbindung dem Prediger aufge- tragen worden, eine Betstunde in dero Zimmer zu halten, welches denn auch in aller Stille, in Gegenwart der Prinzessin, der Prin- zessin Philippine und zween Dames geschah. Es war rührend, dabei so viel Andacht und Wehmuth an so hohen Personen wahrzunehmen.“ Ueber die anderweiten Aufzeichnungen des Kirchenbuches gehen wir schneller hinfort, trotzdem dieselben an zwei Namen an- knüpfen, die es in der Geschichte Preußens, in Glück und Un- glück, zu hohem Ansehen gebracht haben. Am 18. November 1772 wurde Prinz Louis Ferdinand , der „Saalfelder,“ am 19. Sep- tember 1779 Prinz August , der Reorganisator der preußischen Artillerie, geboren. Sechs Jahre später verließ der Ferdinandsche Hof Fried- richsfelde. Es scheint nicht, daß er, trotz langen Aufenthalts da- selbst, in der Einrichtung des Schlosses Erhebliches zu ändern vorfand. Am 21. Juni 1785 wurden Schloß und Park an den Herzog von Kurland verkauft. Friedrichsfelde von 1785—99. Herzogin Dorothea von Kurland . Am 21. Juni 1785 wurden Schloß und Park von Fried- richsfelde für den Herzog von Kurland gekauft; er selbst befand sich um diese Zeit noch in Italien, wohin er das Jahr zuvor eine Reise angetreten hatte. Im Herbst 1785 aber traf er in Be- gleitung seiner Gemahlin, der vielgefeierten Herzogin Dorothea , geb. Reichsgräfin von Medem, wieder in Berlin ein und bezog auch Friedrichsfelde . Daran reihte sich 1786 ein zweiter, 1791 und 93 ein dritter und vierter Aufenthalt, von denen jedoch nur der letztere durch eine längere Zeit hin dauerte. Fast ein Jahr. Die anderen Anwesenheiten waren bloße Besuche und zählten nur nach Wochen. Wir betonen dies, weil man mannigfach der Ansicht be- gegnet, Friedrichsfelde sei während seiner „kurländischen Epoche“ abermals eine Stätte der Kunst, ein Sammelplatz schöngeistigen Lebens geworden, etwa wie zur Zeit des Markgrafen Karl. Um das zu werden, dazu fehlte jedoch 1785, 86 und 91 die Zeit und von 1793 bis 94 die Stimmung . Ein Blick in die damals geschriebenen Tagebücher und Briefe zeigt uns in der That genugsam, daß es sich all die Zeit über um high life und politisch-diplomatische Actionen und jedenfalls viel viel weniger um Kunst und Wissenschaft gehandelt hat. Nicht, als ob der Sinn dafür gefehlt hätte. Im Gegentheil. Aber die Zeiten waren durchaus nicht dazu angethan, sich einer mußevollen Kunstbetrachtung hinzugeben. Man suchte dem heimischen Wirr- sal zu entfliehen und entfloh ihm zuletzt wirklich, aber dies Wirrsal drängte nach und gestattete keine reine Freude, keinen ungestörten Genuß. Ueberall hin warf es seine Schatten. Einige Stellen aus dem Tiedge’schen Buche: „Dorothea, letzte Herzogin von Kur- land,“ dem selbst wieder jene vorerwähnten Tagebücher und Briefe zu Grunde liegen, werden am besten die Beweisführung über- nehmen. Wir lassen die Stellen in chronologischer Ordnung folgen. 1785. Es waren des großen Friedrich letzte Tage. Die sanfte fürstliche Frau hatte den Beifall des Königs gewonnen; er sandte ihr wiederholentlich niedliche Körbchen mit den feinsten und seltensten Früchten gefüllt, mit den erlesensten Blumen geschmückt und jedesmal von einigen freundlichen Zeilen begleitet. Bei Ge- legenheit der ersten dieser Sendungen beklagt er sich, daß seine Krankheit ihn des Vergnügens beraube, sie selbst zu bewirthen; er müsse es seinem Neffen überlassen, ihren und ihres Gemahls Auf- enthalt in Potsdam und Berlin so angenehm als möglich zu machen … Im Herbst fanden Truppenversammlungen statt, Paraden und kriegerische Uebungen zu Ehren des Fürstenpaares … Auch von den übrigen Höfen der königlichen Familie (Prinz Hein- rich, Prinz Ferdinand) wurde dem Herzog und seiner Gemahlin ein Empfang zu Theil, der sich zu einer herzlichen Verbindung entwickelte. Mit der Prinzessin Luise, der Tochter des Prinzen Ferdinand, knüpfte die Herzogin eine Freundschaft an, die sich in einem ununterbrochenen Briefwechsel durch das ganze Leben fortsetzte. 1786. Im Herbste, nach beinah halbjähriger Abwesenheit, trafen der Herzog und seine Gemahlin wieder in Friedrichsfelde ein. Der große König war inzwischen gestorben. Friedrich Wil- helm II. erwies dem herzoglichen Paare eine besondere Auszeich- nung, so daß allgemein die Sage ging, es seien bereits Verab- redungen für die künftige Vermählung der Töchter des Herzogs mit den Prinzen des königlichen Hauses getroffen. Diese Tage waren kurz, schon im December trat die Herzogin ihre Rückreise nach Kurland an. 1791. Während ihres Aufenthaltes in Warschau (wohin sie sich im April begeben) erhielt sie von der preußischen Prinzessin Friederike eine schmeichelhafte Einladung zur Vermählung eben dieser Prinzessin mit dem Herzoge von York, wie auch zu der ihrer Schwester mit dem ältesten Prinzen des Erbstatthalters in Holland, welche beide Vermählungen im September gleichzeitig in Berlin vollzogen werden sollten. Sie nahm die Einladung an … Der Empfang von Seiten der königlichen Familie war ein aus- zeichnender … Bei der Anordnung der Vermählungsfeierlich- keiten befahl der König, daß der Herzogin ihr Platz an der Tafel der königlichen Familie angewiesen werden solle. Der Oberkammer- herr remonstrirte „die Hausgesetze würden es nicht zulassen, die Herzogin von Kurland bei einer so feierlichen Gelegenheit an die königliche Familientafel zu ziehen und an dem Fackeltanze Theil nehmen zu lassen.“ Friedrich Wilhelm antwortete: „Lassen wir es bei der ersten Anordnung; ich hoffe es beim Könige und bei den Hausgesetzen verantworten zu können.“ … Bei Gelegenheit dieser Feierlichkeiten gab auch die Erbstatthalterin ihrem lebhaften Wunsche Ausdruck, ihren zweiten Prinzen mit der ältesten Tochter der Herzogin, der Prinzessin Wilhelmine, die damals 10 Jahre alt war, dereinst vermählt zu sehen. Der König unterstützte diesen Wunsch und bot sogar seine Verwendung an, um, wenn der Herzog ohne männliche Nachkommen sterben sollte, die Erbfolge in Kur- land und Semgallen für den künftigen Gemahl der Prinzessin zu vermitteln … Dieser Plan wurde geraume Zeit hindurch fest- gehalten … Vierzehn Tage nach Vollziehung der vorerwähnten Vermählungsfeierlichkeiten verließ die Herzogin Berlin (es ist fraglich, ob sie während dieser Besuchstage überhaupt in Fried- richsfelde war) und kehrte über Warschau nach Kurland zurück. 1793. Im April dieses Jahres trat die Herzogin ihre Reise nach Berlin an; die Dinge in Kurland hatten bereits einen solchen Charakter angenommen, daß es gut war, einen Zufluchtsort zu haben. … In stiller Zurückgezogenheit lebte sie in Fried- richsfelde , wo sie den 21. August 1793 ihren Gemahl mit einer Tochter beschenkte, die den Namen Dorothea erhielt. … Diese zu Friedrichsfelde geborene Tochter Dorothea war die nachmalige Herzogin von Sagau , vermählt mit Edmund Talleyrand von Perigord, In Kurland rückte inzwischen das Ende der herzoglichen Herr- schaft immer näher. Die Herzogin verblieb in Berlin und Friedrichsfelde bis in das nächste Jahr hinein; dann ging sie nach Leipzig, wo sie sich noch stiller einrichtete als in Berlin, 1795 nach Sagan, an welchem Orte sie mit ihrem Gemahl zusammentraf. .. Kurland war inzwischen eine russische Provinz geworden; der Herzog hatte resignirt. So etwa die Aufzeichnungen, die wir, wie vorerwähnt, zu größerem Theile dem Tiedgeschen Buche, zu kleinerem Theile dem Werke Cruses „Kurland unter den Herzögen“ entnommen haben. Nirgends ist davon die Rede, daß in Friedrichsfelde ein besonderes Kunstleben sich aufgethan hätte, ein Schweigen, das um so be- merkenswerther ist, als der alte Tiedge gerade diese Seite in dem Leben der Herzogin mit besonderer Vorliebe hervorhebt und jedes- mal genau verzeichnet, wenn in Königsberg mit Kant, Hamann, Hippel, in Neapel mit Hackert, in Herrenhut mit dem alten Spangenberg ꝛc. ein lebhafterer Verkehr angeknüpft wurde. Man darf füglich daraus den Schluß ziehen, daß das Friedrichsfelder Leben, während seiner kurländischen Zeit wenig Hervorragendes auf dem Gebiete von Kunst und Wissenschaft geboten haben muß und daß es sich, wie wir Eingangs bereits andeuteten, bei den verschiedenen Anwesenheiten in Berlin-Friedrichsfelde sehr wahr- scheinlich immer nur um Prinzen und Prinzessinnen, um „Gesell- schaft“ und Politik, um Eheschließungen und Güterkäufe handelte. Gewiß ging ein Verkehr mit den literarischen Größen jener Zeit (Nicolai, Ramler, Engel, Mendelssohn werden eigens genannt) nebenher, aber doch eben nur nebenher . Unter diesen Besuchern werden natürlich auch Maler gewesen sein und das eine oder andere Bild, ganz abgesehen von den Kunstschätzen, die man aus Italien mitbrachte, wird damals seine Stätte in Friedrichsfelde ge- funden haben. Eins, aus jener Zeit her, ist dem Schlosse verblieben, ein Aquarellbild „Vue de Friedrichsfelde“ mit den Widmungsworten: Dedié à Son Altesse Serenissime Madame la Duchesse de Curlande et de Semigalles. Das Bild ist aus dem Jahre 1787 (Schwarz feeit ) und zeigt das Schloß in seiner damaligen, von der gegenwärtigen nur wenig verschiedenen Gestalt. Geistig hoch beanlagt, Herzog von Talleyrand und von Dino, durch welche Vermählung sie die Nichte des berühmten Talleyrand wurde. Sie starb am 19. September 1862. konnte namentlich die Herzogin auf einen Umgang, der ihrer ästhetischen Natur Bedürfniß war, nie ganz verzichten, aber es scheint nach den Citaten, die wir gegeben, festzustehen, daß der ohnehin immer nur nach Monaten zählende Friedrichsfelder Auf- enthalt von dieser Seite her nicht seinen Charakter und seine Signatur empfing. Friedrichsfelde von 1800—1810. Prinzessin von Holstein-Beck . 1799 kam Friedrichsfelde an den Geheimen Ober-Hof-Buch- drucker George Jacob Decker , der es aber schon, vor Ablauf eines Jahres, am 29. März 1800, an die Herzogin Catharina von Holstein-Beck wieder verkaufte. Diese bewohnte es bis zu ihrem Tode, der am 20. Dezember 1811 erfolgte. Prinzessin Catharina von Holstein-Beck ward am 23. Februar 1750 geboren. Ihre Mutter war eine Gräfin oder Fürstin Golowin, ihr Vater aber Peter August , Herzog von Holstein- Beck, russischer General-Feldmarschall und Gouverneur von Esth- land. Prinzessin Catharina vermählte sich am 8. Januar 1767 zu Reval mit dem Fürsten Iwan Bariatinski , der damals russischer Oberst war. Ihre Ehe wurde geschieden, oder man lebte wenigstens getrennt. Die Kinder verblieben in Rußland, indessen begegnen wir 1802 einem Fürsten Iwan von Bariatinski als Taufzeugen in Friedrichsfelde. Es scheint also, daß der älteste Sohn zur Mutter stand. Diese war 50 Jahr, eine kluge, heitere, noch hübsche Frau, als sie in Schloß Friedrichsfelde einzog. Es lebten bis vor Kurzem noch Personen, die sie gekannt hatten. Den Mittheilungen dieser verdanke ich das Nachstehende. Die Prinzessin von Holstein-Beck kam 1800 oder vielleicht auch erst 1801 zu uns. Was zu einer Trennung vom Fürsten Bariatinski geführt hatte, war nie in Erfahrung zu bringen. Sie war aber voll so tiefer Abneigung gegen ihn, daß sie seinen Namen nicht tragen wollte und in Preußen, unter Gutheißung des Königs, ihren Geburtsnamen Holstein-Beck wieder angenommen hatte. Sie lebte ganz auf großem Fuß und unterhielt intime Be- ziehungen zum preußischen Hofe, besonders nachdem dieser 1809 von Königsberg und Memel wieder in Berlin eingetroffen war. Leicht erklärlich. Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise waren in Petersburg gewesen und hatten angenehme Bilder und Ein- drücke von dorther heimgebracht; Kaiser Alexander stand den Herzen Beider nahe, Freundschafts-Gelübde waren geleistet worden; alles Heil konnte, der allgemeinen Annahme nach, nur von Ruß- land kommen. Unter diesen Verhältnissen mochten die Beziehungen zur Prinzessin einen doppelten Werth haben; vielleicht daß sie ein Glied in der Kette damaliger politischer Verbindungen war. Gleichviel, der Hof war mannichfach bei der Prinzessin in Friedrichsfelde zu Besuch, auch schon in der voraufgegangenen Epoche von 1801 bis 6. Königin Luise erschien dann mit Pagen und Hofdamen, der Militair-Adel schloß sich an und über hundert Equipagen hielten in langer Reihe vor dem Schlosse. Mit Fackeln ging es spät Abends wieder heim. Sie selbst (die Prinzessin), wenn sie nach Berlin fuhr, fuhr immer mit sechsen ; da sie aber keinen Marstall unterhielt, so wurden drei Paar der besten Bauerpferde genommen und die Bauern selbst ritten das Leinepferd. Später, aus gleich zu erzählenden Gründen, wurde das anders. Ihr Vertrauter nämlich, ein Franzose niederen Standes, dessen Erhebung zum „Chevalier“ sie durchzusetzen gewußt hatte, machte Unterschleife, floh und wurde verfolgt. Man wurde seiner habhaft, bracht’ ihn vor die Gerichte, und eine strenge Strafe war bereits verhängt, als ein Fußfall der Prinzessin, deren alte Neigung wieder wach geworden war, inter- venirte. Die Strafe wurde nun niedergeschlagen und der „Chevalier,“ als wäre nichts vorgefallen, zog wieder in allen Ehren in Friedrichs- felde ein. Aber eine Sühne blieb doch zu leisten: die Prinzessin mußte versprechen, von nun ab statt mit sechsen nur noch mit vieren zu fahren. Das geschah denn auch, und alle Theile hatten ihren Frieden. Das Leben in Friedrichsfelde war um diese Zeit das heiterste. Eine ernstere Pflege der Kunst fiel Niemandem ein, aber man divertirte sich so oft und so viel wie möglich. Es gab Schau- und Schäferspiele theils in geschlossenen Räumen, theils im Freien. Das „Theater im Grünen,“ ähnlich dem Rheinsberger, ist noch deutlich zu erkennen, trotzdem das Strauchwerk jener Jahre mittler- weile zu stattlichen Weißbuchen aufgewachsen ist. Das Ganze eine wieder freigewordene, aus Zwang und Fesseln erlöste Natur! Die Dorfbevölkerung nahm theils zuschauend, theils activ an diesen Scenen Theil, was auf den ersten Blick viel Anheimelndes und Bestechendes hatte. Sehr bald indessen stellte sich’s heraus, daß Arbeitslust und Sitte zurückgingen und daß dem Dorfe kein Segen daraus erwuchs, als Landschaft und Staffage für das Ver- gnügen vornehmer Leute gedient zu haben. Harmloser war der alljährlich wiederkehrende „ Erntekranz .“ Dann wurd’ ein Jahrmarkt abgehalten, unter den Bäumen des Parks gegessen und getanzt, und an den Buden, natürlich ohne Einsatz, gewürfelt und gewonnen. Ein kleines, sehr hübsches Mädchen aus dem Dorfe war das Pathchen und der Liebling der Prinzessin, die Puppe, mit der sie spielte. War die Prinzessin bei Tafel allein, so wurd’ an einem kleinen Tische daneben für das Kind gedeckt und kam Besuch, so war „Pathchen“ — wie der Kakadu oder der Bologneser — der immer beachtete Gegenstand, an den sich alle Zärtlichkeiten der Gäste richteten. Die Prinzessin galt für sehr reich; es hieß, daß sie täglich 1500 Thlr. verausgabe. War dem wirklich so, so war es Bariatinski- sches Vermögen. Außer Friedrichsfelde besaß sie, in Berlin selbst, ein Haus am Pariser Platz, das jetzige französische Gesandtschafts- Hotel. Sie starb, wie schon Eingangs hervorgehoben, im Winter 1811 auf 12 und ihre Leiche sollte nach Rußland, entweder auf die Bariatinskischen oder die Holstein-Beckschen Güter geschafft werden. Die Friedrichsfelder waren zum Transport um so lieber bereit, als ihnen für die Fahrt bis Memel (dort wartete russisches Fuhr- werk) 400 Thlr. geboten wurden. Es zerschlug sich aber wieder und kam statt dessen zu einem Pakt mit jener moskau-astrachani- schen Karawane , die damals alljährlich, in den ersten Winter- Monaten, Caviar nach Berlin zu bringen pflegte. Dies waren in der Regel 50 Schlitten, jeder mit einem Pferd und am Hals jedes Pferdes ein Glöckchen. Auf den vordersten dieser Schlitten wurde, bei der Rückfahrt, der Sarg gestellt, und die lange Karawane Fontane , Wanderungen. IV. 10 hinter sich, ging es nun im Schritt bis an die russische Grenze, — die Winterstille nur durch den Ton der Glöckchen unterbrochen. Friedrichsfelde von 1812—16. König Friedrich August von Sachsen . Nach dem Tode der Prinzessin v. Holstein-Beck wurde Friedrichs- felde durch einen Bevollmächtigten der Bariatinskischen Familie verwaltet. In diese Administrationszeit fällt der Aufenthalt, bez. die Staatsgefangenschaft des Königs von Sachsen an dieser Stelle. Wir finden darüber Folgendes: Der König von Sachsen, nach der Einnahme Leipzigs durch die Verbündeten, war deren Gefangener. Am 23. October 1813 erfolgte seine Abreise nach Berlin; am 26., Morgens 4 Uhr, traf er in der preußischen Hauptstadt ein und wurde daselbst mit „vielen Ehren“ (so sagt das Tagebuch eines sächsischen Cavaliers) empfangen. Von Leipzig aus hatten 100 Kosaken mit 3 Offizieren den Wagen des Königs umgeben. Außerdem begleiteten ihn Fürst Galizin und Baron Anstetten. Der König bezog Wohnung im Berliner Schloß und ver- blieb daselbst bis zum Sommer 1814. Um diese Zeit aber wurd’ ihm die preußische Hauptstadt unbequem, denn das „Berliner Volk“ zeigte sich wenig respectvoll; die Tage von Großbeeren und Dennewitz stimmten es zum Groll und die altfränkische Art des sächsischen Hofes zum Spott. Beidem wollte der König entgehn. Er suchte daher nach, das dem russischen Fürsten Bariatinski zugehörige Schloß Friedrichsfelde, selbstverständlich gegen eine Mieths- oder Entschädigungssumme, beziehen zu dürfen. Dies wurde gewährt. Am 26. Juli 1814 erfolgte der Umzug, wobei 1 Unteroffizier und 10 Mann preußischer Garde als Ehrenwache dienten. Diese blieben in Friedrichsfelde und wurden aus der sächsischen Hofküche beköstigt. Bis zum 24. März 1814 hatten Berliner Bürger- gardisten die Wache beim Könige gehabt. In den „ Denkwürdigkeiten aus dem kriegerischen und politischen Leben eines alten Offiziers “ wird erzählt, der König Friedrich August habe von Friedrichsfelde aus fliehen wollen, sei aber eingeholt und zurückgebracht worden. Diese Mit- theilung ist mindestens unwahrscheinlich. An Ort und Stelle wird nichts derart berichtet. Der König, während seines Friedrichsfelder Aufenthaltes, empfing viel Besuch und Deputationen aus seinem Lande, darunter den jungen Grafen Hohenthal, den Baron von Houwald (Vater des Dichters) und eine Deputation des Freiberger Bergbaues. Unter den Personen von Rang, die ihn dauernd umgaben, haben wir in erster Reihe Generalmajor v. Watzdorf zu nennen; doch war dieser oft monatelang auf Special-Missionen, z. B. in London, abwesend. Am 13. Oktober 1814 trat Generallieutenant Sahrer v. Sahr an Watzdorfs Stelle und blieb beim Könige, bis dieser Friedrichsfelde verließ. Es war die Sahrsche Division, die bei Großbeeren vorzugsweise tapfer gefochten hatte. Der Aufwand, den der König in Friedrichsfelde machte, wurde theils aus den Geldern seiner Chatouille, theils durch eine An- leihe bei dem Berliner Banquierhause Benecke bestritten. Am 9. Februar 1815 endlich war in Wien das Protokoll unterzeichnet worden, das über das Schicksal Sachsens entschied; — am 22. Februar verließ der sächsische Hof Friedrichsfelde und begab sich, auf Einladung des Kaisers von Oesterreich: „doch in seinen Landen Residenz nehmen zu wollen,“ durch Schlesien über Wien nach Preßburg, wo der König den Palast des Primas bezog. So viel hab ich aus Aufzeichnungen, die damals gemacht wurden, zn entnehmen vermocht. In Friedrichsfelde selbst wird noch Folgendes erzählt: Der König lebte ganz als König. Sehr viel Dienerschaft, altfränkisch gekleidet, blau und gelb, war um ihn her; die Kutscher immer in Kanonenstiefeln. Vormittags zwischen 11 und 12 ging er im Park spazieren; Nachmittags wurd’ auf die benachbarten Dörfer gefahren, namentlich auf solche, wo ein Park oder ein Fluß war, also nach Stralau, Lichtenberg, Biesdorf und vorzugs- weise nach Schönhausen. Er war bei den Friedrichsfeldern sehr 10* populär, weil er herablassend und wohlwollend war und die Haupt- sache nicht zu vergessen, ihnen viel zu verdienen gab. Der zahl- reiche Besuch, der untergebracht werden mußte, schaffte den Bauern eine gute Einnahme; dazu die Berliner, die Sonntags aus purer Neugier in Schaaren herbeiströmten. Ihren Hauptvortheil aber zogen die Bauern aus den vielen Holz-Fuhren, die sie leisteten, und aus der Stallung, die sie ver- mietheten. Tag um Tag wurd’ ein Haufen Holz im Schloß ver- brannt, und der königliche Marstall befand sich, gespannweise, auf den einzelnen Bauerhöfen. Friedrichsfelde seit 1816. Am 22. Februar 1815 verließ der sächsische Hof Friedrichs- felde; ein Jahr später gingen Schloß und Gut in den Besitz von Carl Sigismund v. Treskow über. Eine ganz neue Zeit brach jetzt für Friedrichsfelde an: aus dem Lustschloß, das es bis dahin gewesen war, wurd’ ein Gut . Es handelte sich nicht mehr um ein dolce far niente, das hier ein Jahrhundert lang seine Stätte ge- habt hatte, sondern um Arbeit , nicht mehr um Zurückgezogenheit und Stille, sondern um Heraustreten, um Verkehr und Concurrenz. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, insonderheit unter dem gegenwär- tigen Besitzer (Carl v. Treskow) wuchs die Complicirtheit der Auf- gabe. Beständige Meliorationen, auch Ankäufe, steigerten den Werth, was aber vor allem das Gut auf seine jetzige Höhe hob, das war die Erkenntniß, daß mit Rücksicht einerseits auf die Bedürfnisse der Hauptstadt, andererseits auf die Betriebs- Erleichterungen , die dieselbe gewährt, eine ganz aparte Art der Wirthschaftsführung eingeleitet werden müsse. Hier galt es nicht, Lehrbücher zu befragen und Regeln zu befolgen, son- dern der beständig wechselnden Situation ein neues System immer neu anzupassen. In irgendwelche Details an dieser Stelle einzugehen, würde weit über unsere Aufgabe hinausführen, daher nur so viel, daß Milchwirthschaft und Gartenculturen mehr und mehr die frühere Felderbestellung zurückdrängten. Der Sieg des Spargelbeets über das Roggen- und Kartoffelfeld! So haben Eifer, Wissen, Intelligenz, aus dem Sommerhause Raules einen großen und noch mehr einen werthvollen Besitz ge- schaffen; aus dem Zehrer ist ein Nährer geworden, aus der Drohne die Biene. Aber diese Umwandelung hat sich vollzogen, ohne dem Fried- richsfelder Schloß, das so vieles sterben und geborenwerden sah, das Geringste von seinem historischen Zauber zu nehmen. Die- selbe Sorglichkeit und Pflege, die draußen waltete, zeigte sich auch drinnen; auf den Feldern erneuerte sie praktisch, im Hause con- servirte sie pietätvoll; nichts ist verloren gegangen von dem ge- schichtlichen Material, in dessen Besitz der gegenwärtige Besitzer eintrat. Das eichengeschnitzte Treppengeländer, der Stucksaal, den Markgraf Karl baute, die Büsten und Bilder, von denen beinahe jeder der Vorbesitzer ein einzelnes, wie ein Erinnerungsstück, zurück- gelassen hat, — sie befinden sich an altem Platz und nur erweitert und hinzugefügt wurde vielfach. Unter diesen Hinzufügungen nennen wir in erster Reihe fünf Arbeiten Schinkels , von denen drei seiner allerfrühsten Epoche, zwei muthmaßlich dem Jahre 1814 angehören. Es sind die fol- genden: Schloß Owinsk (Architekturbild in Tuschfarben ausgeführt), Schloß Owinsk , von der Tiefe aus gesehen, Schloß Owinsk , von der Höhe aus gesehen, Ein See in Tirol, von hohen Bergen umgeben, ein Fisch- zug im Vordergrund (Morgenbeleuchtung), Ein See von hohen Gebirgen umgeben, Gondeln im Vorder- grund (Abendbeleuchtung). Von keinem dieser fünf Bilder, mit Ausnahme des Architekturbildes, läßt sich behaupten, daß es nachweisbar von Schinkel herrühre; doch ist es von allen in hohem Maße wahrscheinlich. Schinkel war bei Aufführung des Schlosses Owinsk, Provinz Posen, als Bauführer thätig. Es war dies 1801. Die Vereinigung von Architekt und Landschaftsmaler, die sonst in hundert Fällen kaum einmal vorkommt, war eben bei Schinkel charakteristisch und es ist nicht anzunehmen, daß sich damals — und noch dazu in Owinsk — ein anderer Architekt an seiner Seite befunden habe, der dies alles auch ver- mocht hätte. — Was die beiden andern Bilder (Gebirgsseen, Morgen- und Abendbeleuchtung, Pendants) angeht, so stellen sie genau dasselbe dar, wie die Das letztgenannte Bild zählt zu Schinkels gelungensten Ar- beiten. In der Mitte — wir erweitern die kurze Beschreibung, die wir eben gegeben — eine Insel mit einem weitläufigen Schloß; eine Bogenbrücke führt zu dem zunächst liegenden Felsenufer hinüber. Rechts ein ländliches Fest. Der See ist mit Barken erfüllt, denen Musikchöre folgen. Eine rothe Abendbeleuchtung liegt auf dem See. Ein stimmungsreiches Bild! Aber das Bild, das sich eben jetzt, von der Gartenthüre des Schlosses eingerahmt, vor unseren Blicken aufthut, thut es ihm gleich. Eine Parkwiese voll blühender Linden, zwischen den Kronen ein Streifen blauer Himmel und an dem Himmelsstreifen ein Volk weißer Tauben, das, die letzten Sonnenstrahlen einsaugend, sich oben in den Lüften wiegt. Die nahe Hauptstadt sammt ihrem Lärm, wir empfinden sie wie hundert Meilen weit. Hier ist Friede! betreffenden beiden Bilder auf der Wagnerschen Galerie, die die Bezeichnung tragen: nach Schinkelschen Originalen von Ahlborn 1823 copirt Die Frage entsteht, sind nun diese beiden Friedrichsfelder die Originale? Wolzogen in seinem „Leben Schinkels“ schreibt: Der Besitzer des einen Bildes (Abendbeleuchtung) ist Banquier Brose, der Besitzer des andern (Morgenbe- leuchtung) unbekannt. Das eine Bild scheint also die Annahme zu rechtfer- tigen, das andere sie zu verbieten. Eine Entscheidung in dieser Frage, die ohne exacte technische Kenntniß nicht zu geben ist, liegt außerhalb unserer Kraft; wir geben deshalb einfach die Thatsache, daß sich zwei solche Bilder in Frie- drichsfelde befinden und überlassen andern den Beweis der Aechtheit, oder — des Gegentheils. 2. Ernst Gottlieb Woltersdorf. Verfolgt, verlassen und verflucht, Doch von dem Herrn hervorgesucht; Ein Narr vor aller klugen Welt, Bei dem die Weisheit Lager hält; Verdrängt, verjagt, besiegt und ausgefegt, Und doch ein Held, der Palmen trägt. E. G. Woltersdorf. P rinz Louis Ferdinand, Prinz August — sie waren Friedrichs- felder Schloß -Kinder; aber auch die Pfarre stellte ihren Mann: am 31. Mai 1725 wurde Ernst Gottlieb Woltersdorf in ihr ge- boren. Auch ein Streiter, auch gefallen (wie der Saalfelder Prinz) auf dem Felde der Ehren. Ein Weltkind der eine, ein Gotteskind der andre. Ernst Gottliebs Vater war Gabriel Lucas Woltersdorf . Ueber ihn zunächst ein kurzes Wort. Gabriel Lucas Woltersdorf . Gabriel Lucas W., der neunzehn Jahre lang das Frie- drichsfelder Pfarramt bekleidete, wurde den 10. November 1687 zu Kyritz geboren, wo sein Vater als Rektor amtirte. Gleich einem alten Edelmann konnte Gabriel Lucas Namen und Stand seiner Familie bis ins siebente Glied hinauf verfolgen. Es waren sämmtlich Priegnitz-Ruppiner. Und zwar: Anton Woltersdorf (damals noch Woltersdorp), geboren 1430. Johann Woltersdorf, Potinken- oder Pantinenmacher, ge- boren 1460. Joachim Woltersdorf, Goldschmied in Ruppin, geboren 1496. Joachim Woltersdorf II. , Tuchmacher, Gildemeister und Vorsteher der Klosterkirche zu Ruppin, geboren 1530. Gabriel Woltersdorf I. , Pastor und Inspector zu Ruppin. Gabriel Woltersdorf II. , Pastor und Inspector zu Zehdenick. Gabriel Woltersdorf III. , Pastor und Rector zu Kyritz. Unser Gabriel Lucas , des Letztgenannten Sohn, studirte von 1711 an in Halle, das um jene Zeit „das Herz war, dessen Schläge man weit und breit fühlte.“ August Hermann Francke stand eben damals in der Blüthe seines Wirkens, „dieser Mann der Demuth und Wahrhaftigkeit, der sich rühmen durfte, daß von den 6000 Studenten, die während zweimal zehn Jahren in Halle studirt hatten, Tausende von erweckten Predigern ins deutsche Vaterland ausgegangen seien.“ Unter diesen erweckten Predigern war auch Gabriel Lucas Woltersdorf. Er blieb bis zuletzt eine Leuchte für seine Kinder und seine Gemeinde. 1716 erhielt er durch einen vom Könige gutgeheißenen Macht- spruch des kirchlichgesinnten Markgrafen Albrecht die Friedrichsfelder Pfarre, die bis dahin der alte Samuel Donner innegehabt hatte. Samuel Donner war schon 45 Jahr im Amt und wollte von Adjunktur oder gar Entlassung nichts wissen. Er remonstrirte deshalb und glaubte dies um so mehr zu dürfen, als er die Frie- drichsfelder Pfarre als eine Erb-Pfarre betrachtete. Denn schon sein Vater und Großvater waren Prediger ebendaselbst gewesen. Er wurd aber durch den Markgrafen energisch abgewiesen. Der Entscheid lautete: „Da sich so wol bei der Lokal-Visitation, als auch sonsten mehr als zuviel erwiesen hat, wie schlecht Supplikant bis dahero seinem Amte vorgestanden und wie wenig die ihm anvertraute Gemeinde durch ihn erbauet worden, so stehet ihm auch gar nicht an, eine dergleichen ungegründete Vorstellung gegen die von S. K. Majestät so nöthig gefundene Bestimmung zu thun. Und wie er damit gäntzlich abgewiesen, ihm sein Unfug auch nachdrücklich hiermit verwiesen wird, so hat er es außerdem noch einzig und allein der Königlichen Gnade zu danken, daß er wegen seiner in der ihm anvertrauten Amt- und Seelen-Sorge bezeigten straf- baren Nachlässigkeit nicht noch schärfer angesehen wird.“ Dieser Bescheid, wie sich denken läßt, ging dem armen Samuel Donner sehr zu Herzen und er starb wenige Tage später in Berlin am Schlagfluß. In seine Stelle rückte nunmehr Gabriel Lucas Woltersdorf ein. Das wichtigste kirchliche Vorkommniß innerhalb seiner Frie- drichsfelder Amtsjahre war die Einführung des sogenannten „ Simultaneums “, also der Gleichberechtigung der Reformirten in Benutzung der lutherischen Kirche. Hiergegen scheint sich nun Gabriel Lucas in Gemeinschaft mit seinem Berliner Propste Roloff anfänglich aufgelehnt zu haben, welcher letztere nicht nur vorstellig wurde, sondern auch von „unüberwind- lichen Schwierigkeiten“ sprach. Auf diese Vorstellung erhielt er einen zweifachen Bescheid, einen amtlichen und einen königlich- persönlichen . Der amtliche Bescheid lautete: „Wohlehrwürdiger, lieber, Getreuer. Ich habe Eure Vorstellung vom 8. dieses, in der Ihr meint, daß das Simultaneum in der Kirche zu Frie- drichsfelde nicht könne introduzirt werden, erhalten, und ist Euch darauf in Antwort, daß Ich Euer Einwenden nur vor Possen halte. Ich halte beide Religionen einerlei zu sein und finde keinen Unterschied. Will also, daß es bei meiner Ordre verbleiben soll.“ Der Erlaß ist datirt „Wusterhausen, den 10. Sept. 1726“ und hinzugefügt war von des Königs eigner Hand: „Der Un- terschied zwischen unseren beiden Evangelischen Religionen ist wahr- lich ein Pfaffengezänk, denn äußerlich ist wohl ein großer Unter- schied, wenn man es aber examiniret, so ist es derselbige Glaube in allen Stücken, sowohl in der Gnadenwahl, als im heiligen Abendmahl. Nur auf die Canzel, da machen sie eine Sauce, eine saurer als die andere. Gott verzeih allen Pfaffen, denn die werden Rechenschaft geben am Gericht Gottes, daß sie Schulratzen aufwiegeln, um das wahre Werk Gottes in Uneinigkeit zu bringen. Was aber wahrhaft geistliche Prediger sind, solche die sagen, daß man sich soll einer den andern dulden und nur Christi Ruhm ver- mehren, die werden gewiß selig. Denn es wird nicht heißen: bist du lutherisch oder bist du reformirt? sondern es wird heißen: hast du meine Gebote gehalten, oder bist du blos ein braver Disputator gewesen? Es wird heißen: weg mit die letzten zum Teufel in’s Feuer, aber die meine Gebote gehalten, kommt zu mir in mein Reich. Gott geb uns allen seine Gnade und geb allen seinen evangelischen Kindern, daß sie mögen seine Gebote halten und daß Gott möge zum Teufel schicken alle die, die Uneinigkeit verur- sachen. Friedrich Wilhelm.“ Es braucht wohl nicht erst versichert zu werden, daß diesem Königlichen Erlaß die Einführung des Simultaneums auf dem Fuße folgte. Dies war 1726. Im Jahre 1735 erhielt Gabriel Lucas W. eine Vocation nach Berlin und wurde Prediger an der St. Georgen Kirche daselbst, während der Prediger eben dieser St. Georgen Kirche nach Friedrichsfelde hin versetzt wurde. Natür- lich empfand letzterer dies als eine Degradation und führte sich deshalb mit folgenden Worten in Friedrichsfelde ein: Gott grüß Euch, Ihr lieben Bauern, Ich werd hier nicht lange dauern, Drum seht mich nur mit Rechten an — Ich heiße Daniel Schoenemann . Er hielt auch Wort und legte im selben Jahre noch sein Friedrichsfelder Pfarramt nieder. Ernst Gotttlieb Woltersdorf . Ernst Gottlieb W. wurde, wie schon Eingangs hervorge- hoben, am 31. Mai 1725 in Friedrichsfelde geboren. Er blieb daselbst bis zur Uebersiedlung seines Vaters nach Berlin, also bis zu seinem zehnten Lebensjahre, besuchte danach das graue Kloster und ging mit 17 Jahren zum Studium der Theologie nach Halle. „Es war dort eben noch — so schreibt Pastor Besser — das letzte der sieben fetten Jahre. Man konnte den Samen reiner Lehre noch ziemlich reichlich einsammeln. Die Hungerzeit des Rationalis- mus meldete sich eben erst durch ihre vordersten Posten.“ Be- sonders war es Baumgarten (Kirchengeschichte), der das Herz unseres jungen Theologen mit Liebe und Verehrung füllte; Unter- richt, den er in den unteren Schulen des Franckeschen Waisen- hauses ertheilte, sicherte ihm den Unterhalt. Sein Christenthum, nach seinem eigenen Bekenntniß, blieb indessen damals ein rein äußer- liches. „Ich hatte noch keinen Geschmack an der Erlösung durchs Blut Christi; … Gott kam mir aber zu Hilfe und warf mich in ein sehr tiefes Gefühl meines unergründlichen Seelenverderbens. Da saß ich an den Wassern zu Babel und weinete, wenn ich an Zion gedachte.“ 1744 im Frühjahr, erst neunzehn Jahr alt, hatte er seine Studien beendigt. Er trat — durch viele Arbeit körperlich er- schüttert — eine Reise an, suchte christliche Prediger und Gottes- männer auf und zeigte damals eine große Neigung, zu den Her- renhutern überzutreten. Dies unterblieb jedoch. 1744 im Spät- herbst wurd er Vikar in Zerrenthiu bei Prenzlau, wo er empfinden lernte, „wie schwer sichs predigt, wenn niemand hören will.“ Zwei Jahre später (1746) kam er als Hauslehrer des jungen Grafen von Promnitz nach Drehna in der Niederlausitz, wo er nunmehr mit großem Erfolge zu predigen begann. Sein Prediger-Eifer und die ihm daraus entspringende Kraft waren so groß, daß er in verhältnißmäßig kurzer Zeit die wendische Sprache lernte, um den Spreewaldwenden das Evangelium pre- digen zu können. 1748 erhielt er einen Ruf nach Bunzlau. Es hieß anfänglich: er sei zu jung. Am 20. Sonntage nach Trinitatis aber predigte er über den Text: „Der Herr sprach zu mir, sage nicht, ich bin zu jung , sondern Du sollst gehen, wohin ich Dich sende, und pre- digen, was ich Dir heiße“ mit solcher Gewalt, daß er die ganze Gemeinde mit sich fort riß. Bald hatte die Kirche nicht Raum genug für die die kamen und unter freiem Himmel, im Bunz- lauer Stadtwald, mußt er nunmehr predigen. „Es schien, als ob das Feuer Christi die ganze Stadt anzünden wollte.“ Dabei blieb er voll körperlicher und geistiger Frische. 1749 verlobte er sich mit Johanna Sabina, Tochter des Pastors Zietelmann zu Flieth bei Prenzlau; im Mai trafen sich die jungen Brautleute in Berlin, wo neun Söhne (darunter bereits drei Pastoren) eine Tochter und drei Schwiegertöchter des alten Pastors Woltersdorf sich zur Hochzeitsfeier versammelt hatten. Der Vater segnete das Paar ein, das bald darauf in die Bunzlauer Pfarrwohnung einzog. Die junge Frau brachte Glück und empfig es. Aber die Flitterwochen müssen doch anders gewesen sein, wie heutzutage Flitterwochen zu sein pflegen. Alles junge Glück der Liebe schloß eine immer wachsende geistliche und geistige Thätigkeit so wenig aus, daß im Jahre 1751 bereits zwei starke Bände „Evangelische Psalmen“ vorlagen, die Zeugniß ablegten von dem schöpferischen Drang des jungen Geistlichen. Sie waren, beinah 200 an der Zahl, mit nur wenig Ausnahmen ein Product der letzten drei Jahre. Ueber die Art, wie dieselben entstanden, lassen wir ihn selber sprechen: „Was den Ursprung dieser Lieder betrifft, so kann ich wohl mit Wahrheit sagen: ich habe sie von dem Herrn empfangen . Sonst würd ich auch in meinem Gewissen keine Freiheit haben sie drucken zu lassen … Gott hat mir von Natur eine Neigung zur Poesie gegeben. Schon in meiner Kindheit fing ich an Verse zu machen. Aber erst als ich des seligen Lehr und nach einiger Zeit auch des seligen Lau Leben und letzte Stunden in die Hände bekam, ging etwas in mir vor. Von dieser Zeit an ist der Trieb, dem Herrn Lieder zu dichten, in mir recht aufgewachet. Ja er ist von Zeit zu Zeit immer stärker worden, daß er sich auch beson- ders in meinem Amt, in welchem ihn die vielen überhäuften Ge- schäfte sonst hätten ersticken müssen, so vermehret hat, daß ich oft selbst nicht gewußt, wie es zugegangen. Ich kann nichts anders sagen, als daß ich’s für eine augenscheinliche Erhöhung meines Gebets ansehen muß. „Oft hab ich an nichts weniger gedacht, als Verse zu machen. Aber es fiel mir plötzlich ins Gemüth, und regte sich ein Trieb, daß ich die Feder ergreifen mußte. Ein andermal hatt ich keine Lust; aber es war, als müßt ich wider Willen schreiben. Zuwei- len war ich von vieler Arbeit ganz entkräftet, allein es wurde mir eine Materie so lebendig und floß so ungezwungen und ohne Müh in die Feder, daß es schien, ich könnte das Schreiben nicht lassen. Ja ich muß gestehen, daß mir’s oft wie ein Brand im Herzen gewesen, und mehrmalen mußt ich mich mit Gewalt zurück- ziehen, damit ich mich nicht übernähme oder meine Natur zu sehr schwächete. Wollt ich zuweilen 3 Verse schreiben, so wurden gleich 12, 15 oder gar 30 daraus. Manchesmal konnte die Feder dem schnellen Zuflusse nicht einmal folgen. Oft mußt ich’s, wenn ich so hintereinander geschrieben, erst überlesen, um zu wissen, was es wär, und mich dann selbst wundern, daß das da stund, was ich fand. Und so sind diese langen Lieder der ersten Sammlung ent- standen. Ich nahm mir vor, ein Lied in gewöhnlicher Größe zu schreiben, aber wenn ich hineinkam, sind oft 40, 50, 100, 200 und mehr Verse fertig geworden.“ Er fährt dann fort: „Was ich in so großer Geschwindigkeit niedergeschrieben, ich hab es hinterher vielmal durchgelesen, einiges oft umgeschmolzen, anderes lange liegen lassen; aber das ist wahr, daß ich anderes, das so recht aus dem Herzen gequollen, nie geändert habe. Die Ursach ist, weil das am ersten und natürlichsten wieder in die Herzen hineinfließet, was ohne Zwang heraus geströmet ist .... Fraget nur die Dichter dieser Welt, ob sich nicht Aehnliches bei ihnen findet, wenn sich ein poetisches Feuer bei ihnen reget. Und was soll nicht erst der herrliche Geist des lebendigen Gottes thun, wenn er die natürlichen Triebe zur Dichtkunst mit seinen Kräften anfeuert! „Es bleibt mir eine unumstößliche Wahrheit, daß alle ver- nünftigen Regeln der Dichtkunst sehr gut sind und von einem Dichter nach seiner Gelegenheit mit großem Nutzen gebraucht wer- den können, daß aber dennoch das Göttliche in der Dichtkunst nicht anders als auf den Knieen gelernt werden kann. Denn wenn der Geist aller Geister das Herz des Poeten nicht entflammt, so weiß ich nicht, ob ich die erhabenste Poesie überhaupt noch eine göttliche nennen kann .... Die Heiden haben von ihren todten Götzen treulich gesungen. Aber so viele Dichter unter den Christen wissen von ihrem lebendigen Gott, von dem Gott aller Götter, ja von ihrem menschgewordenen Gott, der am Kreuz in seinem Blute für sie gestorben, nichts zu sagen. Sie holen lieber vermoderte Stücke von den verfaulten Götzen der Heiden und schmücken sie dem Gott Israels zum Hohn .... Ein berühmter Günther will lieber der Venus zu Ehren, als zum Ruhm des Kreuzes singen; aber die Reime Hans Sachsens machen alle Werke Gün- thers zu Schanden, weil doch so manche Seele daran seelig glau- ben kann.“ So weit er selbst. Man muß es ihm lassen, daß er seine Sache gut zu führen weiß; bescheiden und bewußt — jedes an rechter Stelle. Dabei kann einem aufmerksamen Leser nicht ent- gehen, daß er in dieser Rechenschaftsablegung alle die Punkte in den Vordergrund stellt, über die die Meinungen auseinander gehen können. Er war eben ein christlicher „Improvisator,“ ja, in allen Ehren sei es gesagt, eine Art von Psychographendichter und ließ die Feder laufen. Wir kommen an anderer Stelle darauf zurück. Alles, was wir aus ihm citirt haben, ist einer Vorrede ent- nommen, die er im Jahre 1750 schrieb. Er war damals 25 Jahr alt, predigte seit sechs Jahren und war im Amte seit drei, hatte Frau und Kind und konnt auf eine literarische Thätigkeit zurückblicken, die bereits damals über 200 Lieder umfaßte, mehrere davon über 200 Strophen lang. Eine Productionskraft, die wohl kein an- derer deutscher Dichter aufzuweisen hat, auch nicht die Meister- sänger, an deren Dichtungsart die didaktische Weise Woltersdorf’s am meisten erinnert. Seine poetische Thätigkeit war übrigens im Großen und Ganzen mit 1750 abgeschlossen. Es waren ihm noch elf Lebens- jahre beschieden, aber die Muhen und Sorgen des Amtes wurden doch so übermächtig, daß selbst sein lebendiger Strom versiegte. Er trat 1755 an die Spitze des nach dem Halleschen Vorbild errichteten Bunzlauer Waisenhauses und wirkte daran noch eine Zeitlang in Segen, bis sein schwacher Körper unter der Last zu- sammenbrach. Sein Biograph schreibt: „Man darf sagen, er hatte sich im Dienst des Herrn verzehrt.“ Der 17. December 1761 war sein letzter Tag. Die Schmer- zen nahmen zu, seine Klagen ab. Als seine Frau mit einem sei- ner Kinder weinend am Bette stand, sagte er mit Glaubensfreudig- keit: „Wenn Du keinen anderen Kummer hast, als diesen!“ Und dann lag er still. Abends aber redete er viel, jedoch so leise, daß sich nur einzelne Liedesworte verstehen ließen. Um die sechste Stunde war er todt. Er war sanft eingeschlafen. Das Waisenhaus verlor viel und der Jammer der eben zum Confirmanden-Unterricht versammelten Kinder erfüllte das Pfarr- haus. In allen Häusern der Stadt war Wehklagen. Am 22. December hielt ihm sein Herzensfreund, David Gottlieb Seidel, die Leichenpredigt und sprach „von der gegründeten Hoffnung eines Lehrers, der einen lautern Sinn beweiset, wenn er auch über Macht beschweret ist .“ „Ueber Macht“ war Woltersdorf beschweret gewesen; nun war er frei. Für seine Wittwe und seine sechs Kinder sorgte der Herr, indem er Seelen erweckte, die sich ihrer Dürftigkeit annahmen. Es wurde seine Zuversicht erfüllet, die er oft aus- sprach, wenn er sein letztes Stück Brod mit den Armen theilte . So starb Woltersdorf, erst 36 Jahr alt. Er hatte ein äußer- lich armes, innerlich desto reicheres Leben geführt. Wie in vielem, so war er auch in der Anspruchslosigkeit und Stille seines Lebens- ganges, in dem Fehlen alles dessen, was man als romantisch- frappant bezeichnen kann, den Herrenhutern verwandt. Er protestirt zwar gegen diese Gemeinschaft und sagt „allen Dingen, die in Leben und Lehre dem Worte Gottes zuwider sind, bin ich von Herzen feind, weshalb ich den Plan der herrnhutischen Gemeine, wie er jetzt ist, nimmermehr werde billigen können.“ Aber trotz dieses Protestes, der gewiß aufrichtig gemeint und wohlbegründet ist, ist doch unverkennbar, daß seine Dichtung unter Zinzendorf- schem Einfluß heranwuchs. Er gebraucht wie dieser die starksinn- lichen Reden von Turteltauben und Nachtigallen, von dem süßen Blut des Erlösers und von der Herrlichkeit seiner Blutrubinen. Er vertheidigt auch diese Ausdrucksweise: „Die Herzen sollen durch die Sinne bewegt werden, und nur das eine ist zu fordern, daß kein schwulstiges, unanständiges oder gar lächerliches Wesen dabei zu Tage komme.“ Im Uebrigen scheint er sich selber nur eine Durchschnitts-Begabung zugeschrieben zu haben. „Ich habe, so schreibt er, nicht eine große Zierlichkeit und Pracht, sondern eine fließende und bewegliche Deutlichkeit erwählet, damit mich Jedermann, auch zur Noth ein Kind, verstehen möchte. Das macht zwar kein sonderliches Ansehen, ist aber desto nutzbarer . Wir sollen unserm Erlöser nicht allein die Gelehrten und Großen zu- führen, sondern unter den Geringen und Einfältigen wuchert sein Evangelium am meisten. Allzu hohe Lieder nutzen Niemandem, oder doch nur wenigen.“ So er selbst. Die Urtheile Neurer über den Werth seiner Dichtungen weichen erheblich von einander ab. Koch schreibt: „Woltersdorf ist ein lebendiges Zeugniß der dichtenden Kraft des heiligen Geistes in der lutherischen Kirche,“ wogegen Hagenbach nicht nur an der Weitschweifigkeit seiner Lieder, die wegen ihrer Länge nie gesungen werden können, Anstoß nimmt, sondern auch „Fluß und Guß, mit einem Wort die rechte Rundung und Voll- endung in ihnen vermißt.“ Selbst R. Besser, in seinem „Leben E. G. Woltersdorfs“ kann nicht umhin auf eine gewisse Unselbst- ständigkeit Woltersdorfs hinzuweisen und sagt in seiner anschau- lichen Ausdrucksweise: „er suchte wie eine Hopfenrebe stets gern einen tragenden Halt für seine Dichtungen.“ Wir selbst haben die besten seiner Dichtungen mit Freudig- keit und nicht ohne Erhebung gelesen. Wie schön beispielsweise sind folgende Strophen: Wer ist der Braut des Lammes gleich? Wer ist so arm? und wer so reich? Wer ist so häßlich und so schön? Wem kanns so wohl und übel gehn? Lamm Gottes, du und deine seelge Schaar Sind Mensch’ und Engeln wunderbar. Verfolgt, verlassen und verflucht, Doch von dem Herrn hervorgesucht; Ein Narr vor aller klugen Welt Bei dem die Weisheit Lager hält; Verdrängt, verjagt, besiegt und ausgefegt, Und doch ein Held, der Palmen trägt. Das ist der Gottheit Wunderwerk Und seines Herzens Augenmerk: Ein Meisterstück aus nichts gemacht, So weit hat’s Christi Blut gebracht; Hier forscht und betet an ihr Seraphim, Bewundert uns und danket ihm. Auch in diesen Strophen mag sich ein starkes Anlehnen an einzelne Vorbilder aus dem hallensisch-pietistischen Dichterkreise nachweisen lassen, aber der Laie wird dadurch wenig gestört werden. Seine Laienschaft kommt ihm und dem Dichter zu Statten. Das Maaß unseres Wissens bestimmt auch das unsrer Ansprüche. Je lebendiger Jemand die großen Originale , die Kraft- und Kern- lieder deutscher Nation gegenwärtig hat, desto ablehnender wird er sich gegen Lieder verhalten, die für sein geübtes Ohr eben nur ein Wiederklang sind. Wer indessen weniger bewandert darin ist, wird leichter befriedigt sein. In der weltlichen Dichtung sehen wir Aehnliches. Wer den Heine nicht kennt, erfreut sich auch an den Nachbildungen desselbeu , wer ihn kennt, verhält sich gegensätzlich gegen Alles, was heinisirt. Gewiß — und damit schließen wir — ist Woltersdorf nicht den großen Gestalten unter unsren Kirchenlied-Dichtern zuzuzählen, dazu war er zu wenig eine Kraftnatur. Im Gegentheil, etwas Krankhaftes zieht sich durch sein Leben und spiegelt sich auch in seiner dichterischen Hyperproduction. Aber zweierlei muß ihm verbleiben, und während er immer als ein Musterbeispiel für den wunderbaren Einfluß „des geistigen Fluidums über die träge Masse“ dastehen wird, wird er andrerseits, wenigstens provinziell und local, eine hervorragende Bedeutung auf seinem speziellen Gebiete beanspruchen dürfen. Mark Brandenburg hat auf dem Gebiete des Kirchenliedes keinen besseren aufzuweisen, auch wohl keinen, der sich neben ihm behaupten könnte. Schloß Friedrichsfelde steht noch, wie es 1719 und 1735 aufgeführt wurde, das alte Pfarrhaus aber, abgelöst durch einen unmittelbar neben ihm entstandenen Neubau, ist längst hinüber. Ein Garten füllt jetzt den Platz, wo das alte stand, und ein Birn- baum blüht jeden 31. Mai an derselben Stelle, wo Woltersdorf der Dichter geboren wurde. Fontane , Wanderungen. IV. 11 Rechts der Spree. 11* Buch. Was sonst in Ehren stünde, Nun ist es worden Sünde, Was fang’ ich an! Th. Storm. Z wei Meilen nördlich von Berlin liegt das Dorf Buch , reich an Landschaftsbildern aller Art, aber noch reicher an historischen Erinnerungen. Einer unserer Lustgarten-Omnibusse führt den Reiselustigen über Pankow und Schönhausen bis an die Grenze von Französisch-Buchholtz, etwa halber Weg; wir aber, in jenem stolzen Wandergefühl, das sich nach Strapatzen sehnt, haben den Omnibus verschmäht und treffen erst mit der untergehenden Sonne vor Buch ein. Gleich der Eintritt in’s Dorf ist malerisch. Eine Feldstein- brücke wölbt sich über ein Wässerchen, das schäumend einen Berg- abhang hernieder kommt, die Häuser steigen in leiser Schlängel- linie bergan und nach links hin, als woll’ er das Dorf in seinen Arm nehmen, zieht sich, waldartig, ein ausgedehnter Park. Anders nach rechts hin, wo sich Wiesen und Felder dehnen, deren Stille nur von Zeit zu Zeit das Rasseln eines vorüberfahrenden Eisen- bahnzuges unterbricht. Wir haben die Feldsteinbrücke passirt und die Mitte des Dorfes erreicht. Hier begegnen wir endlich einem seit einer halben Stunde herangesehnten Bilde. Krippen lehnen sich an die Wand, ein Plan- wagen steht zur Seite, drauf ein Spitz die Wache hält, und von über der Thür des Hauses her grüßt uns das Wörtchen „Gasthaus“. Einige Stufen führen uns in den Flur und der Flur wieder in die Küche, drin ein Dutzend Hände geschäftig ist und das über- kochende Wasser eben in die Herdflamme zischt. Unbestimmte Vorstellungen von einem „hier ist es gut sein“ erfüllen unser Herz; aber alle Zimmer im Hause sind bereits vergeben (eine Hochzeit ist im Dorf) und so haben wir uns schließlich noch zu beglück- wünschen, uns von der freundlichen Frau Wirthin ein Abendbrod und ein Strohlager sammt ein paar Decken zugestanden zu sehn Und nun beurlauben wir uns, um unsern ersten Gang in den Park zu machen. Die Zeit des Sonnenuntergangs ist die geeignetste dazu — die grauen Schleier des Abends sind es, die diesem Parke kleiden. Wo Springquellen hoch in die Luft steigen und des Lichts bedürfen um in allen Farben zu schillern, wo Blumenvierecks in den Rasen eingewoben sind oder Statuen in den grünen Nischen stehen, da mag es gerathen sein um Morgen- oder Mittagszeit auf und ab zu schreiten. Aber ein solcher Park ist nicht der , in den wir eben eingetreten sind. Nicht Cascaden und Fontainen sind hier zu Haus, kein Bach rieselt und plätschert über Steine hinweg, als liefen spielende Kinder durch den Garten, ein stiller und breiter Graben nur durchschneidet ihn und dehnt sich aus als wär es ein Teich. Die Buche hängt ihr Gezweige tief in das Wasser nieder und die Tanne streut ihre Schuppenäpfel über die Kiesgänge hin. Alles Bunte fehlt. Die Rüsternalleen, die sich wie Kirchenschiffe wölben, erscheinen nicht wie Weg und Steg in die freie Natur hinaus, sondern wie Gitter und Spaliere gegen die- el be. Dieser Park hat zu lachen verlernt. Wenn das Sonnen- licht auf ihn fällt und ihn erheitern will, ist es wie eine Wittwe, die man mit Bändern und Blumen schmückt. Es war neun als wir aus dem Park in das Wirthshaus zurückkehrten und uns an den gedeckten Tisch setzten, der unsrer schon wartete. Bald danach erschien auch die Magd, um unser Nachtlager herzurichten. Ein paar nach oben gekehrte Stühle gaben die Schrägung, eine Schütte Stroh ward ausgebreitet und zwei große rothe Deckbetten, deren jedes mich an eine dicke, wulstige Paeonie gemahnte, vollendeten den Hoch- und Tiefbau, darin wir eine halbe Stunde später versanken. Müdigkeit sorgte für Schlaf, und statt unsrer Träume sei hier die Geschichte Buchs und seiner vier alten Familien: der Roebel, Poellnitz, Viereck und Voß erzählt. Zunächst ein Wort über die Roebels . Die Roebels . Die Roebels kamen etwa gleichzeitig mit den Askaniern in die Mark und gehörten einem Geschlecht an, das sehr wahrschein- lich von der am Müritz-See gelegenen Stadt Roebel (im Mecklen- burgischen) seinen Namen führte. Schon im Landbuche von 1375 genannt, waren sie später im Norden und Nordosten von Berlin ansehnlich begütert und besaßen allda die sammt und sonders im jetzigen Nieder-Barnimfchen Kreise gelegenen Ortschaften: Schön- fließ und Schöneiche, Birkholz und Blankenburg, Wartenberg, Hohen-Schönhausen und Buch . In theilweisem Besitze dieses letztren finden wir sie schon vor Beginn der hohenzollerschen Zeit, aber erst um 1541 kam das ganze Dorf Buch in ihre Hände. Das war unter Hans von Roebel . Derselbe war kur- brandenburgischer Rath und gehörte mit zu den eifrigsten Anhängern und Beförderern der Reformation. Eben desselben Geistes waren seine zwei Söhne Joachim und Zacharias v. Roebel, von denen der erstere, der mit einer Hedwig von Krummensee vermählte Joachim, die freundschaft- lichsten Beziehungen zu Philipp Melanchthon unterhielt. Diese Beziehungen waren derart, daß der Reformator (und zwar allem Anscheine nach wiederholentlich) auf Besuch nach Buch kam und zwei Kinder Joachims v. R. über die Taufe hielt. Er machte bei dieser Gelegenheit der Kirche zu Buch ein aus den Werken Luthers bestehendes Geschenk, 10 Bände, in deren zehnten Band er einen Paulinischen Spruch aus dem Brief an die Colosser: „Lasset das Wort Christi unter euch reichlich wohnen in aller Weisheit, lehret und vermahnet euch selbst mit Psalmen und Lob- gesängen und geistlichen lieblichen Liedern, und singet dem Herrn in eurem Herzen“ eigenhändig eingetragen hat. Darunter die Jahreszahl 1559. Dieses Geschenk ist bis diesen Tag das Werth- stück und die Zierde des Bucher Kirchen-Archivs. Allerdings scheinen nicht alle Mitglieder der damaligen Roebels chen Familie von gleich ausgesprochener Kirchlichkeit gewesen zu sein. Einige waren Lebemänner, insonderheit Andreas von Roebel, ein am Hofe zu Cölln a. d. Spree hochangesehener Gast. Und zwar hochangesehen wegen seines „adligen Zechens“. Erst um 1577, als er zur Bekleidung eines geistlichen Ehrenamtes an den Havelberger Dom berufen wurde, schien es nöthig, ihn einen Enthalt- samkeits-Revers unterzeichnen zu lassen. In diesem hieß es: „.. Und so will ich denn bei jeder Mahlzeit mit zwei ziemlichen Bechern Biers und Weins zu- frieden sein. Sollt’ ich das aber übertreten und einmal trunken befunden werden, so will ich mich in der Küche einstellen und mir vierzig Streiche weniger eins (wie dem heiligen Apostel Paulus geschehen ist) von denen so Ihro Kurf. Gnaden dazu verordnen werden, mit der Ruthe geben lassen. Andreas von Roebel.“ Joachim v. Roebel war aber auch ein Kriegsheld und bracht’ es zu den höchsten militärischen Ehren in brandenburgischen, sächsischen und zuletzt auch in kaiserlichen Diensten. Er zeichnete sich namentlich in der blutigen Schlacht bei Sievershausen aus, in der Moritz von Sachsen fiel. Im Jahre 1572 besuchte er, als kaiser- licher Feldmarschall, seinen Bruder Zacharias v. Roebel, der da- mals in der Festung Spandau commandirte. Bei dieser Anwesen- heit verschied er im 57. Jahre seines Alters und ward in der Spandauer Nicolaikirche beigesetzt. Drei Jahre später, 1575, starb auch sein Bruder. Ein Beiden errichtetes Denkmal bewahrt ihre Namen in ebengenannter Kirche. Beide sind gleich gewaffnet, in Platten- rüstung mit Schwert und Morgenstern. Dazu folgende die Kriegs- thaten Joachims v. Roebel verherrlichenden Reime: Der edel und viel kühne Held, Joachim von Röbell , ich dir meld’, Von Jugend auf mit gutem Rath Gar manche Schlacht besuchet hat. In Holstein, Fühnen, Koppenhagen, In Ungarn, Frankreich that er’s wagen, Der Graf von Oldenburg sein’ Muth Gespürt; der Sachs’ ihm auch war gut: Zum Wacht- und Rittmeister ihn macht; Feldmarschall ihn vor Magd’burg bracht. Clauß Die „Klaus“ in Tirol, um deren Besitz sich auf Kurfürst Moritz Zuge nach Innsbruck ein heftiger Kampf entspann. er auch half nehmen ein, In Ungarn Feldmarschall sollt’ sein. Feldmarschall im Braunschweiger Land War er, braucht ritterlich sein’ Hand; Da Herzog Moritz fiel der Held Feldmarschall er war kühn im Feld. Feldmarschall er vor Gotha kam Kurfürst August ihn mit sich nahm. Ein Sohn dieses Feldmarschalls Joachim von R. war Ehrentreich v. Roebel, der neben Stipendien und anderen zahl- reichen Stiftungen, auch ein „Roebelsches Erbbegräbniß“ und zwar in der Marienkirche zu Berlin errichtete. Dasselbe zeigt die vor einem Crucifix knieenden lebensgroßen Figuren Ehrentreich’s selbst und seiner Gemahlin Anna von Göllnitz, gestorbrn 1630. Jener — ein wohlbeleibter Herr mit stattlichem Bart — trägt die Ritterrüstung des 17. Jahrhunderts, diese , die kleidsame Frauen- tracht jener Zeit: ein langes Gewand mit weiten, faltigen Aermeln und eine Flügelhaube. Auch eines andern Roebel noch, der sich im 17. Jahrhundert aus- zeichnete, möcht’ ich hier flüchtig und in einer Anmerkung wenigstens erwähnen dürfen. Es war dies der Oberst Dietrich von Roebel auf Hohen-Schön- hausen , der „durch den sächsischen Kurfürsten Johann Georg III. mit Führung eines Regiments zu Fuß begnadigt, an der Spitze dieses Regiments mit vor Wien und Ofen war und unterschiedenen Kampagnen und Battalgen beiwohnte.“ Des Krieges endlich müde, zog er sich um 1690 oder doch nicht viel später auf sein väterliches Gut (Hohen-Schönhausen) zurück und begann daselbst die kleine Steinkirche zu schmücken. Zu Helm und Schild einer muthmaßlich längst zurück- liegenden Epoche, hing er die Fahnen und Feldzeichen seines sächsischen Regiments und bekleidete die Wandung der Empore mit den Wappenschildern aller ihm durch Heirath verwandt gewordenen Familien: der Sparrs und Flanß, der Pfuels und Arnims und insonderheit der jetzt ausgestorbenen, aber im 17. Jahr- hundert über den ganzen Barnim hin reich begüterten Krummensee’s . Soviel über die Roebels. Von den andern drei Familien an andrer Stelle. Die Sonne weckt uns bei guter Zeit. Das rothe Deckbett hat uns mit all seiner Schwere nicht sonderlich gedrückt, und auf- springend eilen wir an’s Fenster und lassen den Sommermorgen ein. Auch das Frühstück kommt und die Lindenbäume draußen sorgen für Duft und Klang. Ein Blick noch auf das Strohlager, den Schauplatz unseres stillen Muths, und wir treten in die Dorfgasse hinaus, um zunächst dem Schlosse drüben unsern Früh- besuch zu machen. Das Schloß zu Buch ist ein Flügelbau von jener einfachen Art, wie das vorige Jahrhundert ihrer so viele auf unsern märkischen Rittergütern entstehen sah. Sie haben einen gemeinsamen Familien- zug und wenn sich das vor uns liegende Schloß von ähnlichen Bauten unterscheidet, so ist es durch nichts als durch eine noch größere Einfachheit. Aller Schmuck scheint geflissentlich vermieden. Keine Säulen, kein Fries, kein Fenstersims; nicht Thurm, nicht Erker, ja selbst die Rampe fehlt, die sonst wohl den Eindruck der Statt- lichkeit schafft oder steigert. Ein paar Arabesken schnörkeln sich um die Thür und ein halbes Dutzend Orangenbäume fassen den Kiesplatz ein. Alles schlicht, und doch hat man das bestimmte Gefühl, daß hier Reichthum und Vornehmheit ihre Stätte haben. Das Haus gleicht einem einfachen Kleid, einfach und altmodisch, aber der Park, der es einfaßt, ist wie ein reicher Mantel, der die Frage nach dem Schnitt des Kleides verstummen macht. Und dieser Eindruck wiederholt sich im Innern. Aller bürgerliche Comfort fehlt, ebenso die kleinen Niedlichkeiten, in deren Hervor- bringung die Neuzeit so verschwenderisch gewesen; aber diese Nippes fehlen nur, weil das Herz des Besitzers an andern Dingen hing oder weil er in feinem Sinn empfand, daß das Moderne zu dem historisch Ueberlieferten nicht passen würde. Wir haben unsern Umgang vollendet und treten wieder in den Park hinaus. Einer der vielen Laubengänge desselben führt uns bis an die nahe gelegene Kirche. Diese Kirche zu Buch ist ein ziemlich auffälliges Bauwerk. In einer alten Beschreibung Berlins und seiner Umgegend wird sie die „schöne Kirche“ genannt, ein Ausspruch, der wohl nur in Zeiten möglich war, in denen man aufrichtig glaubte, durch Laternen- und Butterglocken-Thürme die gothischen Formen unsrer alten Feldsteinkirchen ersetzen oder gar noch verbessern zu können. Alles was dieser Bucher Kirche zugestanden werden darf, ist Stattlichkeit und ein gewisser malerischer Reiz. Ihre Grundform bildet ein griechisches Kreuz, aus dessen Mitte sich eine merkwürdige Mischung von gegliedertem Kuppel- und Etagenthurm erhebt. Ver- such’ ich eine Beschreibung. Jeder kennt jene Garten- und Speise- pavillons, die sich in den Parkanlagen des vorigen Jahrhunderts so vielfach vorfinden und meist aus sechs oder acht ein gewölbtes Dach tragenden korinthischen Säulen bestehn. Denke man sich nun drei solcher Pavillons in Verjüngung übereinander gestellt und den untersten Pavillon kreuzartig erweitert, so hat man im Wesentlichen ein Bild der Bucher Kirche. Nur eines kommt noch hinzu: rothgetünchte Wandflächen füllen den Raum zwischen den weißen Säulen und Pfeilern aus und stellen dadurch ein gestreiftes Ganze her, das am ehesten vielleicht an die holländischen Bauten aus dem Anfange des 18. Jahrhunderts erinnert. Ehe wir in die Kirche selbst eintreten, steigen wir einige Treppen- stufen hinab in die Gruft, die sich unter dem Ostflügel der Kirche befindet und in mehr als einer Beziehung ein Interesse verdient. Diese Gruft oder doch wenigstens ein Theil derselben ist wahr- scheinlich ein Ueberrest der alten Kirche, die hier stand, eine Vor- aussetzung, die sich darauf stützt, daß ein Sarg aus dem Jahr 1679 vorhanden ist, während die gegenwärtige Kirche nicht vor 1727 beendigt war. Die Gruft besteht aus zwei gewölbten Räumen, die durch eine offene Thür mit einander in Verbindung stehen. Der hintere Raum ist wahrscheinlich älter und empfängt so wenig Licht, daß man eine Kerze anzünden muß, um irgend etwas sehen zu können. Alles was mehr in Front liegt, ist hell und geräumig. Beide Theile haben übrigens das gemeinsam, daß die darin aufgestellten Todten zu Mumien werden. Die hintere Gruftkammer beher- bergt nur einen einzigen Sarg, in dem vorderen Gewölbe dagegen befinden sich einundzwanzig Särge, von denen vierzehn zur Linken und sieben zur Rechten stehen; dazwischen ein Gang. In den vierzehn Särgen zur Linken sind Mitglieder der Familie Viereck (darunter der Minister und seine beiden Frauen) beige- setzt, die sieben Särge zur Rechten aber umschließen Mitglieder der Familie Voß . Wodurch die Mumificirung erfolgt, ist noch nicht aufgeklärt. Vielleicht ist es die Trockenheit und mehr noch eine beständige leise Bewegung der Luft, was diese Erscheinung hervorruft. Die mumifi- cirten Körper sehen weiß aus, sind verhältnißmäßig wenig eingedörrt und zeigen noch eine gewisse Elasticität von Haut und Fleisch. Der hier zuletzt Beigesetzte ist der Staatsminister Otto Karl Friedrich von Voß . In den Sargdeckel ist eine Metalltafel ein- gelegt, die einfach die Namen und Daten (geb. den 8. Juni 1755 ꝛc.) giebt. Es ist dies derselbe Otto Karl Friedrich von Voß, der zur Zeit der Hardenbergschen Verwaltung, insonderheit aber in den Jahren die den Befreiungskriegen folgten, aufs ent- schiedenste die Principien und Interessen einer conservativen Politik vertrat. Unmittelbar nach dem Tode Hardenbergs wurde Voß Präsident des Staatsraths und des Staatsministeriums. Er überarbeitete sich, erkältete sich während einer Feuersbrunst, die gerade damals in Buch ausbrach, und zog sich einen Rückfall zu, als er nach längerer Zeit wieder seinen ersten Vortrag beim Könige hielt, zu dem er nicht anders als in Schuhen und Strümpfen hatte gehen wollen . Sein Tod war die Folge davon. Er starb am 30. Januar 1823. Der schwere eichene Sarg, der sich in dem älteren lichtlosen Gewölbe befindet, steht gemeinhin offen. Der daneben liegende Deckel ist mit einer Unmenge von schwarzen Nägelchen beschlagen, die sich bei näherer Untersuchung zugleich als Inschrift des Sarges erweisen. Die Entzifferung ist aber so schwierig, daß ich nur für an- nähernde Richtigkeit bürgen kann. Die Inschrift lautet: „Der Hoch-Hochwohlgeborne Herr Herr Gerhard Bernhard Freiherr von Poellnitz , Erbherr auf Reschau in Preußen, auf Buch, Caro und Birkholz in der Mark, churfürstlich brandenburgischer Geheimer Kriegsrath, General-Wachtmeister und Oberstallmeister, Oberster im Dragoner-Regiment Moerner, residirte in Berlin, Cöln und Friedrichswerder; geboren 1617, gestorben den 2. August 1679.“ Der völlig mumificirte Körper, der am ehesten einem mit einer elastischen Ledermasse überzogenen Skelette gleicht, ist völlig unbe- kleidet und nur mit einem graumelirten Domino zugedeckt, an dem noch hunderte von aufgenähten Silberschuppen glitzern. Der Schädel ist groß und prächtig geformt, das Gesicht aber klein und auf feine Formen deutend. Die Stirn zeigt eine Fraktur des Schädel- knochens, wie es heißt in Folge eines Säbelhiebes, den der Frei- herr in einer der Schlachten des dreißigjährigen Krieges empfing. Das Nasenbein ist lädirt. Das geschah bei folgender Ge- legenheit. Die Franzosen, kurze Zeit nach der Jenaer Schlacht, kamen auch nach Buch und drangen in die Kirche. Voll Ueber- muth schleppten sie den Mumienkörper des Freiherrn aus der Gruft nach oben und begannen allerlei frivole Spiele mit ihm. Bei der Gelegenheit fiel er um und brach das Nasenbein. In einem andern märkischen Dorfe (Campehl, in der Grafschaft Rup- pin) kam eine ähnliche Geschichte vor. Uebermüthige Franzosen schafften die Mumie des Herrn von Kalbutz aus der Gruft in die Kirche und begannen, in höllischer Blasphemie, ihn als Gekreuzigten auf den Altar zu stellen. Einem der Uebelthäter indeß mochte das Herz dabei schlagen. Als er beschäftigt war, die linke Hand festzunageln, fiel der erhobene Mumienarm zurück und gab dem unten stehenden Franzosen einen Backenstreich. Dieser fiel leblos um; Schreck und Gewissen hatten ihn getödtet. (Ich bin seitdem in der Campehler Kirche gewesen und kann diese Geschichte leider nicht bestätigen. Herr v. Kalbutz liegt mit gefalteten Händen da, die Finger beider Hände wie in eins zusammenge- wachsen. Im Uebrigen erzählte mir der Küster von der großen Popularität dieser Mumie; Handwerksburschen aus aller Herren Länder, die durch Campehl zögen, ermangelten nicht, sich den Herrn v. Kalbutz anzusehn, den sie alle als ein Curiosum der Mark Brandenburg kennen.) In der That, es ist ein mehr denn fragliches Glück, in dieser Form der Nachwelt erhalten zu werden, und wir begreifen völlig die- jenigen Mitglieder der Voß’schen Familie, die sich ein Begraben- werden in „ihrer Mumiengruft“ eigens verbaten. Gerhard Bernhard von Poellnitz ist übrigens nicht, wie gelegentlich geschieht, mit dem Touristen, Kammerherrn und Memoirenschreiber Karl Ludwig von Poellnitz zu verwechseln, den Friedrich der Große durch die Worte: „ein infamer Kerl, dem man nicht trauen muß; divertissant beim Essen, hernach einsperren,“ zu charakterisiren versucht hat und dessen Memoiren gegenüber es doch wahr bleibt „daß sie leichter zu tadeln als zu entbehren sind“. Gerhard Bernhard von Poellnitz war der Großvater des Memoirenschreibers und, wie es sich für einen General und Oberstallmeister geziemt, mehr ausgezeichnet mit dem Degen als mit der Feder. Ein Zweifel, den nichts desto weniger der Freiherr Truchseß von Waldburg gegen den Muth und die soldatische Ehre des Oberstallmeisters erhob, führte zu einem der seltsamsten Duelle, die je gefochten wurden. Die beiden Gegner trafen sich (1664) auf dem sogenannten „Ochsengrieß,“ einer Wiese in der Nähe von Wien. Diese weite Reise war nöthig, weil die vielen Duelle, die damals am brandenburgischen Hofe vorkamen, zu den allerschärfsten Erlassen gegen den Zweikampf geführt hatten. Das Duell sollte zu Pferde stattfinden und die Kugeln in möglichster Nähe a tempo gewechselt werden. Der Oberstallmeister ritt an den Freiherrn Truchseß heran und fragte ihn, ob er gesagt habe: er habe ihn (den Poellnitz) coujonirt und keine Satisfaction bekommen können. Truchseß antwortete: „Ja, das habe ich gesagt.“ Darauf wurden die Pistolen abgefeuert und in Gegenwart der Secundanten frisch geladen. Poellnitz fragte voll Courtoisie: „ob man die Pferde wechseln wolle,“ was Truchseß ablehnte. Man ritt nun in leb- haftem Schritt an einander heran und schoß auf nächste Distance. Die Kugel des Truchseß streifte den Oberstallmeister über den Bauch, die Kugel des letzteren aber traf den Truchseß tödtlich. Er sank zur Seite und hielt sich mühsam im Sattel. Poellnitz fragte ihn jetzt: „Müsset Ihr nunmehro nicht zugestehen, daß Ihr mir Unrecht gethan und meine Ehre ohne Grund gekränket habt?“ worauf Truchseß erwiederte: „Ich hab Euch Unrecht gethan und bitte, daß Ihr mir vergeben wollt.“ Man nahm den Truchseß aus dem Sattel und legte ihn auf den Rasen. Der Oberstall- meister kniete an seiner Seite nieder und sprach dem Sterbenden aus Gottes Wort christlichen Trost zu, bis er verschied. Wir verlassen nun die Gruft und treten in die Kirche. Sie zeigt sich geräumig, lichtvoll und von einer Einfachheit, die nach der Ueberladenheit der Fa ç aden angenehm überrascht. Es fehlt aller vergoldete Zierrath, aber das Eichenschnitzwerk an Kanzel und Altar ersetzt ihn mehr als genügend. In der Mitte wölbt sich die Kuppel und nur der Bilderschmuck, den man an dieser Stelle wenigstens versucht hat, hebt die gute Totalwirkung der inneren Kirche zum Theil wieder auf. Ein Moses mit den zwei Sinai- tafeln auf seinen Knien und eine büßende Magdalena, die den Fuß auf Drachen und Todtenkopf setzt, sind Leistungen, die auf eine wenig ruhmreiche Stufe vaterländischer Kunst zurückweisen. Der Ostflügel bildet einen „hohen Chor“. Altar und Kanzel trennen ihn von dem Haupttheile der Kirche völlig ab und nur zwei Treppen zur Rechten und Linken unterhalten die nöthige Verbindung. Es scheint, daß es Absicht des Baumeisters war, hier Raum für ein Campo Santo, für eine marmorne Gedächtnißhalle zu schaffen, eine Vermuthung, die dadurch be- stätigt wird, daß sich die bereits beschriebene Gruft gerad’ unter diesem Theile der Kirche befindet. Den Intentionen des Bau- meisters ist aber nur einmal entsprochen worden. Ein einziges, allerdings sehr reiches und prächtiges Grabmonument erhebt sich an dieser Stelle: das von Glume herrührende Marmordenkmal des Ministers von Viereck . Zieht man den Geschmack jener Zeit in Erwägung, der in dem Hange nach geistreicher Symbolik vielleicht etwas zu weit ging, so muß man zugestehen, daß es eine ganz vortreffliche Arbeit ist. Die Gestalten, aus denen sich das Ganze zusammensetzt, sind folgende: der Tod mit der Sichel und ein Engel mit dem Palmzweig, wozu sich dann, von der andern Seite her, eine weibliche Figur mit einer weit geöff- neten Leuchte gesellt, unzweifelhaft um das „Licht der Aufklärung“ anzudeuten, das wenigstens zu der Zeit, als das Denkmal ange- fertigt ward — etwa ein Jahrzehnt nach dem Tode v. Vierecks — als unerläßliches Requisit eines preußischen Cultusministers angesehen wurde. Die Büste des Ministers krönt das Ganze; darunter sein und seiner beiden Frauen Wappen, und unter diesen wiederum eine lateinische Inschrift in Goldbuchstaben, die, wie sich denken läßt, nur bei den Verdiensten des illustren Mannes ver- weilt und keinen Nachklang enthält von jener Reprimande König Friedrich Wilhelms I. , die da lautete: „Geheimer Rath von Viereck soll sich meritiret machen, nicht zu viel à l’Hombre spielen, diligent und prompt in seiner Arbeit sein, nicht so langsam und faul, wie er bisher gewesen .“ Der Unterschied zwischen preußischen Cabinetsordres und Grabschriften war immer groß. Noch eine Stelle bleibt, an die wir heran zu treteu haben. Unter der Kuppel, inmitten der Kirche, bemerken wir eine Ver- tiefung, als seien hier die Ziegel, womit der Fußboden gepflastert ist, zu einem bestimmten Zweck herausgenommen und später wieder eingemauert worden. Es wirkt, als habe die Absicht bestanden, einen Grabstein in diese Vertiefung einzulegen. Und in der That, wir stehen hier an einer Gruft. An eben dieser Stelle wurde die schöne Julie von Voß , bekannt unter dem Namen der Gräfin Ingenheim, beigesetzt. Eine Darstellung ihres Lebens oder doch wenigstens ihrer Beziehungen zu König Friedrich Wilhelm II. ermöglicht sich seit 1876, seit welchem Jahre die Tagebuchblätter vorliegen, die durch die Gräfin von Voß, Oberhofmeisterin am preußischen Hof und Tante Juliens, während eines Zeitraums von beinah siebzig Jahren, von 1745 bis 1814 niedergeschrieben wurden. Julie von Voß . Julie v. Voß, Tochter des Geheimen Justizraths und ehe- maligen Gesandten am K. dänischen Hofe, Friedrich Christoph Hieronymus v. Voß, Herrn auf Buch, Carow ꝛc., wurde den 24. Juli 1766 zu Buch geboren. Nach dem Kirchenbuche zu Buch. In eben diesem Kirchenbuche wird sie jedoch nicht Julie v. Voß, sondern Elisabeth Amalie v. Voß genannt. Diese Namen finden sich zwei -mal vor, bei Gelegenheit ihrer Geburt (1766) und ihres Todes (1789). Woher es kommt, daß sie trotzdem als Julie v. Voß fortlebt, ist bis zur Zeit nicht aufgeklärt. Ich würde, gestützt auf das Kirchenbuch, im Texte den Namen Amalie wieder hergestellt haben, wenn sich nicht in den Tagebuchblättern ihrer Tante, der Oberhofmeisterin, der Name Julie beständig wiederholte. Ueber ihre Jugend und Erziehung verlautet nichts und wir hören erst von ihr, als sie 1783 auf den Wunsch der alten Königin Elisabeth Christine, Gemahlin Friedrichs des Großen, an den Schönhauser Hof eben dieser alten Königin kam. Julie v. Voß war eine Schönheit im Genre Tizians, schlank und voll zugleich, von schönen Formen und feinen Zügen, blendend, aber von einer marmorähnlichen Blässe, die noch durch ein über- aus reiches röthlich blondes Haar gehoben wurde. Bei Hofe hatte sie den Beinamen Ceres, sehr wahrscheinlich um dieses üppigen goldnen Haares willen, in dessen Schmuck auch die Bilder Eins dieser Bilder befindet sich im Schloß zu Buch , ein anderes im Ingenheimschen Schlosse zu Seeburg , im Mansfelder Seekreise. Ein sie darstellen, die noch von ihr erhalten sind. Es paßte zu dieser ihrer Erscheinung, daß sie eine Vorliebe für alles Englische und eine Abneigung gegen alles Französische hatte, was ihr denn auch seitens der französischen Memoiren- Schriftsteller jener Epoche, Mirabeau an der Spitze, nachgetragen wurde. Der ihr oft gemachte Vorwurf der „Anglomanie“ traf sie jedoch durchaus nicht; sie vermied es nur nach Möglichkeit sich der damals allgemein üblichen französischen Sprache zu bedienen. Der Prinz von Preußen, später König Friedrich Wilhelm II. , zeigte sich allem Anscheine nach gleich vom ersten Augenblick an enchantirt, denn schon wenige Monate nach dem Erscheinen Juliens am Hofe begegnen wir im Tagebuch ihrer Tante den folgenden Auf- zeichnungen. 1784 und 85. „Julie gefällt dem Prinzen mehr als mir lieb ist. Er spricht viel von ihr. Ich fürchte, sie ist nicht unempfindlich für seine Bewundrung, und sie wird sich durch ein solches Gefühl nur selbst unglücklich machen.“ Einige Wochen später: „Die Prin- zessin von Preußen ist eifersüchtig auf Julie.“ Endlich im December 84. „Ich hatte eine lange Unterredung mit dem Prinzen und hielt ihm sein Unrecht vor, Julie mit seiner Leiden- schaft zu verfolgen; ich sagte ihm, daß er sie dadurch nur un- glücklich machen werde, ja, ich sagte ihm meine ganze Meinung und die ganze Wahrheit mit allem Ernst. Er versprach mir sein Benehmen zu ändern und Alles zu thun, was ich wollte. Er hatte später noch eine Explikation mit Juli selbst und ich weiß, daß sie ihm Vorwürfe gemacht hat und mit Recht, daß er ihrem Ruf auf eine unverzeihliche Weise schade. Auch kam er sehr traurig und niedergeschlagen von ihr zurück. Ich sagte ihm noch einmal ernstlich, er müsse dieser Sache ein Ende machen und er gelobte es mir.“ drittes Bild, in Pastell ausgeführt, besaß eine vor Kurzem in dem hohen Alter von über 90 Jahren verstorbene Frau v. Häseler. Im Hause derselben hab ich es oft gesehen. Die Gräfin trug auf demselben ein Morgenkostüm, eine Art Tüllspenser mit vielen krausgetollten Kragen. Durch die Fülle blonden Haares zog sich ein schwarzes Sammtband. Augen und Teint sehr schön. Dies Portrait rührte von Frau v. Sydow, einer Freundin der Ingenheim, her. Fontane , Wanderungen. IV. 12 Eine gewisse Zeit scheint der Prinz sein Versprechen auch wirklich gehalten zu haben, aber nicht auf lange. Schon im Frühjahr 85 ist die Oberhofmeisterin aufs Neue beunruhigt und schreibt: „Der Prinz spricht wieder mehr mit Julie; das muß auf- hören. Im Grunde fürcht’ ich vor Allem, daß sie selbst sich innerlich nicht recht von ihm frei machen kann.“ Und einige Wochen später: „Der Prinz kommt ewig zur alten Königin nach Schönhausen und ich weiß, das Alles geschieht doch nur wegen Julie. Ich besorge, er giebt sie noch nicht ganz auf und sinnt nur darüber nach, ob es gar keine Hoffnung mehr für ihn gebe. Wenn nur nicht, trotz all seiner Versprechungen, diese Sache sich doch noch zum Unheil wendet! Man müßte Julie durchaus vom Hofe entfernen.“ 1786. Das Jahr 86 war das entscheidende. Hier sind auch die Tagebuch-Aufzeichnungen am zahlreichsten. Es werden wieder- holentlich von Seiten des Prinzen Rückzugsversprechungen gemacht, aber nur um sie gleich darauf durch die That zu widerlegen. März 86. Der Prinz thut mir leid; aber trotz seiner Leidenschaft für Julie macht er sich doch von der Liaison mit seiner sogenannten Freundin (der Rietz, späteren Lichtenau) nicht los. — Der Prinz ist unglaublich zerstreut; seine Neigung nimmt seine Gedanken ganz gefangen. — Der Prinz kam zum Diner nach Schönhausen und schien nichts zu sehen als Julie. — Ich habe das Gefühl, als finge die Sache da wieder an, wo sie mit Mühe zum Abschluß gekommen war. April 86. Der Prinz kam zu Tische, nachher machte er es möglich mit ihr zu sprechen. Nach einigen Worten verlor sie die Fassung und brach in Thränen aus. Ich verstehe das Alles nicht mehr. — Der Prinz weiß sich nicht recht zu be- herrschen, er ist eifersüchtig und aufgeregt, sobald Julie einmal nicht da ist oder sich ihr Jemand nähert. — Ich habe den Prinzen an das erinnert, was er seit einiger Zeit zu vergessen scheint, und er versprach es von Neuem. Er ist doch sehr gut! Gott gebe, daß es so bleibt, wenn er erst König ist. Mai 86. Der arme Prinz, er ist schrecklich unglücklich. Heute am er wieder und als er Julie sah, schien er so glücklich! — Der Prinz kommt ewig zur Königin; was soll man thun? Es wird immer schlimmer mit ihm, und Julie dauert mich furchtbar. — Mir scheint seine Leidenschaft täglich zu steigen. Er kommt jetzt oft für den ganzen Tag nach Schönhausen und hat nur das Einzige im Kopf. — Die Oberhofmeisterin, davon ausgehend, daß eine Trennung vielleicht helfen werde, setzte nunmehr einen dreimonatlichen Urlaub für ihre Nichte durch und diese verließ Berlin. Aber es führte zu nichts. Der Prinz und Julie correspondirten und als der Ur- laub abgelaufen und Julie wieder zurück war, schrieb die Ober- hofmeisterin in ihr Tagebuch: „Es ist alles beim Alten.“ Diese Notiz ist vom 15. August 1786. Zwei Tage später starb Friedrich und der Prinz von Preußen war nun König . Hul- digungen, Feste, Geschäfte dringen auf ihn ein, aber seine Ge- fühle für Julie v. Voß bleiben dieselben. Schon eine Woche nach dem Regierungsantritt verkehrt er wieder in Schönhausen und setzt seine Bewerbungen fort. August 86. Der König kommt so oft er kann zur Königin- Wittwe nach Schönhausen und geht dann mit Julie im Garten spazieren. Sie ist still und zurückhaltend, was mich freut und in etwas beruhigt. — Die Prinzessinnen thun dem König einen sehr un- erlaubten Gefallen, indem sie ihn immer mit Julie zusammen- bringen. Sie schicken die Königin voraus und beschäftigen sie, nur damit er mit meiner Nichte gehen und mit ihr sprechen kann. Das ist ein schlechtes Spiel. — Der König hat der Prinzessin Friederike eine Zulage und ihr außerdem noch die kleine Viereck zur Hofdame gegeben, einzig und allein um Julien eine Freude zu machen, deren Freundin sie ist. October 86. Der König kam und wollte mit mir sprechen, aber er ist so ganz voll von dem einzigen Gedanken, daß er nichts weiter hört und sieht. Ich gestehe, daß ich jetzt alle Geduld mit ihm verliere und diesen Zustand unerlaubt und unverzeihlich finde. — Die Königin will gern in die Stadt zurück; der König will aber, sie soll noch in Schönhausen bleiben, blos wegen seiner geliebten Spaziergänge mit Julie. Ich bin 12* ganz rathlos und unglücklich über dies immer erneute Anknüpfen einer ganz unmöglichen Sache! November 86. Alles bemächtigt sich dieser unglücklichen Angelegenheit; so möchte man, um nur eins zu nennen, Julie zum Schein verheirathen. Es ist schrecklich, wie Alles bemüht ist, sie zu ihrem Verderben zu drängen. Sie thut mir furcht- bar leid. — Ich seh’ es jetzt deutlich, sie liebt den König trotz all ihres Läugnens; sie kann nicht mehr von ihm lassen und ist, was auch geschehen mag, nicht mehr von ihm loszureißen. Es grämt mich schrecklich. — Heute kam er en surprise zum Essen. Er verfolgt seinen Zweck ohne Rast und Ruh. — Ich fürchte den Einfluß dieser ewigen Gespräche des Königs mit ihr, er will und will sie bestricken und immer setzt er sich an ihren Tisch. Das mißfällt mir ganz unbeschreiblich von ihm. — Meine arme Nichte hat mir ihr Herz ausgeschüttet; ach, ich fürchte, es ist eine unaufhaltsame Sache. — Der König geht heute nach Pots- dam. Er kam vorher zu uns und war unruhig, weil er Julie nicht zu sehen bekam. Er liebt sie toller und leidenschaftlicher als je. Dezember 86. Nach Tisch sprach der König lange mit meiner Nichte; ach, ich fürchte, es nimmt ein trauriges Ende für sie und für die Ehre der Familie. — Ich hab’ es immer und immer gesagt: man hätte sie nicht bei Hofe lassen sollen. — Der König compromittirt sich aufs höchste. Um seiner selbst willen möcht’ ich, er könnt’ ein Mann sein und sich besinnen. — Wie immer setzt der König sich beim Thee neben Julie; könnte dies ewige Zusammensein doch abgewendet werden. — Mit dem König in der Kirche. Die Predigt von Spalding war so schön, so ganz wie für meine Nichte gemacht. Aber es scheint, sie will nichts mehr hören, was sie zur Pflicht zurückruft. Ich habe keinen Einfluß mehr auf sie. Die Kannenberg Gräfin Kannenberg war die fungirende Oberhofmeisterin, während Frau v. Voß , zu dieser Zeit wenigstens, nur in ihrer Eigenschaft als Ge- mahlin des Oberhofmeisters par courtoisie diesen Titel führte. läßt sie gewähren, die ihr am Nächsten steht, und ich habe leider nicht das Recht und die Macht einzugreifen. — Julie scheint sehr traurig; ihr Bruder ist angekommen und hat wohl noch einen letzten Versuch gemacht, ihr in’s Gewissen zu reden. — Der König scheint nur glücklich zu sein, wenn er sie sieht. Wo sie ist, sieht er Niemand als sie, spricht nur mit ihr und hat nichts Anderes mehr im Kopf als seine Leidenschaft. Ich sehe die Sache dem schlimmsten Ende mit Gewalt zugehen, muß dabei stehen und kann sie nicht aufhalten. — Auch die Prinzessin Friederike scheint jetzt das nahende Unglück zu ahnen und ist sehr traurig. Sie ist jetzt 20 Jahr alt und steht dem Vater am nächsten. Sie fühlt ganz wie seine und unsre Ehre bedroht ist. — Der König klagte mir, meine Nichte behandle ihn schlecht; er sei fast mit ihr brouillirt; aber dennoch spricht er leider immer- fort mit ihr. — Er saß allein mit ihr im Kabinet der alten Königin; sie scheint in Wahrheit nicht mehr sehr grausam zu sein; das empört mich und Gott allein weiß, wie unglücklich und trostlos ich über diese Sache bin. — Sack predigte heute schön, aber schwermüthig. Die Sache mit Julie, und die Wendung, die sie nimmt, zehrt an ihm. — Heut war Hofconcert. Der König verließ das Concert, um zur kranken Prinzessin zu gehen, weil meine Nichte dort war. Diese Leidenschaft läßt ihn alles Andere vergessen und jede Rücksicht verlieren. — Das Benehmen des Königs ist unverzeihlich. Immer verfolgt er sie mit den Augen und spricht nur mit ihr . Es wäre besser, sie verließe auch jetzt noch den Hof. — Gott weiß, bis zu welchem Grade es mich bekümmert und grämt, den König auf dem directen Wege zu einem so großen Unrecht zu sehn, zu einem Unrecht, das unsere Familie überdem so entehrt. — Heute kam nun endlich, was ich lange gefürchtet hatte: meine Nichte warf sich in meine Arme um mir zu sagen, daß ihr Schicksal entschieden sei; sie wolle dem König angehören, aus Pflicht für ihn und aus Liebe zu ihm. Ich gesteh’, ich finde sie so furchtbar zu beklagen, daß ich kein Wort mehr habe, sie zu verdammen; sie wird bald genug namenlos unglücklich sein, denn ihr Gewissen wird sie nie mehr Ruh und Frieden finden lassen.“ So zogen sich die Dinge noch eine Weile hin. In den Tage- buchblättern immer dieselben Klagen. Eine Zeitlang spielte der König den Gleichgültigen, oder war es wirklich, und ein Eifersuchts- gefühl, das dadurch in des Fräuleins Seele geweckt wurde, be- schleunigte den Liebesroman. Sie zeigte sich von dieser Zeit an weniger ablehnend und drang nur noch auf Erfüllung einzelner Be- dingungen. Diese Bedingungen waren: die regierende Königin giebt ihre schriftliche Einwilligung zu der Verbindung; zweitens Antrauung zur linken Hand, und drittens die Rietz sammt ihren Kindern verläßt Berlin für immer. In die beiden ersten Punkte willigte der König sofort, aber den dritten Punkt wollt’ er nicht zugestehn. Die Rietz blieb. Am 25. oder 26. Mai 1787 erfolgte die Trauung zur linken Hand und wurde wahrscheinlich durch Johann Friedrich Zöllner, damals Diakonus an St. Marien, in der Charlottenburger Schloßkapelle vollzogen. In der Regel wird bei dieser Gelegenheit versichert, „diese Trauung sei seitens des Berliner Consistoriums und zwar unter Berufung auf die von Melanchthon erlaubte Doppelehe Philipps des Großmüthigen von Hessen für zulässig erklärt worden.“ Die stete Wiederkehr dieser Versicherung hat den Consistorial-Präsidenten Hegel veranlaßt, unterm 27. April 1876 eine Erklärung abzugeben, in der ausgesprochen wird, „daß weder die gründlichsten Recherchen in der Registratur des Königlichen Consistoriums, im Geheimen Staats-Archiv, im Geheimen Ministerial-Archiv und Königlichen Haus-Archiv, noch auch ander- weite Forschungen und Erkundigungen irgend etwas zur Begründung obiger Ansicht (Gutheißung der Trauung durch das Consistorium) ergeben haben.“ Es läßt sich in der That annehmen, daß Leopold v. Ranke das Richtige ge- troffen hat, als er in seinem Werke: „Die deutschen Mächte und der Fürstenbund. Deutsche Geschichte von 1780 bis 1790“ wörtlich sagte: „In neueren Zeiten ist die Behauptung aufgetaucht, das Consistorium habe in aller Form seine Einwilligung zu dieser Verbindung ausgesprochen; vergeblich hat man nach einem Actenstück dieser Art gesucht; wahrscheinlich ist dabei der Kreis privater Besprechung nicht überschritten worden .’ 1787. Juni 87. Meine Nichte sagte mir heute unter Thränen, seit 8 Tagen sei sie mit dem Könige heimlich getraut , bat mich aber es zu verschweigen. Es betrübt mich tief und ich kann mich mit dem besten Willen eines Gefühls von Abscheu und Widerwillen gegen eine Sache nicht erwehren, die so un- erlaubt ist, man mag an Scheingründen dafür angeben, was man will. Ihr Gewissen wird es ihr schon genugsam sagen und wird nicht wieder ruhig werden. — Sie hat lange widerstanden, aber sie liebt den König leidenschaftlich, und nachdem sie ihm ihr Herz gegeben hatte, ließ sie sich vollends von ihm überreden. Trotz ihres schweren Fehltritts bleibt sie dennoch ein edler, der Achtung nicht unwerther Charakter, und ich weiß wohl, sie ist zu rechtschaffen, als daß sie nach einem solchen Fall jemals wieder glücklich sein könnte. August 87. Der König ist nach Schlesien abgereist und Julie sagt mir, sie wolle morgen nach Berlin, um zu communi- ciren, dann zu ihren Verwandten auf das Land gehen, von dort aus aber um ihre Entlassung bitten und nicht wieder kommen. Sie könne es nicht länger aushalten, auf diese Art weiter zu leben. Eben dasselbe hat sie dem Könige geschrieben. — Julie reiste heut ab, was mich sehr ergriff. — Sie schreibt, daß sie sich eine Stiftsstelle kaufen wolle, und bittet um 14 Tage Nach- urlaub. Die alte Königin weiß nicht, was sie davon denken soll. Trotz allem Vorgefallenen ahnt sie nichts. — Ich sah heute Julie in Berlin; sie hatte Antwort vom König, der sehr zu- frieden damit ist, daß sie den Hof verlassen will. Aber das Ganze bleibt doch schrecklich traurig und das arme Kind jammert mich sehr. — Ich fürchte, die Enke (Rietz-Lichtenau) wird Julie noch viel Kummer bereiten. Julie ist heute mit ihren Ver- wandten aufs Land abgereist. Am Hof ahnt man nicht, daß sie nicht wieder kommt. September 87. Ein heut eingetroffner Brief meiner armen Nichte an die Königin-Wittwe bittet um ihren Abschied und sagt: „sie habe eine Stelle im Stift Wolmirstädt gekauft.“ Die Königin gewährte die Entlassung sogleich und nahm es sehr gut auf. Julie hat auch an die Kannenberg geschrieben. Gräfin Kannen- berg las mir den Brief meiner Nichte vor, in welchem sie zu ver- stehen giebt, warum sie geht. Die Kannenberg ist ihre Tante und jammert nun sehr. Aber ich wiederhole nur das Eine: man hätte sie retten können , wenn man es zur rechten Zeit gewollt hätte. All mein Reden damals war aber umsonst. — Meine Nichte schreibt mir aus Brandenburg: sie gehe den 9. nach Potsdam und bäte Gott ihr beizustehn in dem neuen Leben, das sie erwarte. Gott wolle sich ihrer annehmen; es ist ein schwerer Schritt, den sie jetzt thun muß, die Sache vor der Welt zu braviren. November 87. Julie hat den Namen einer Gräfin In- genheim bekommen. Sie war nun Gräfin Ingenheim . Aber es war dadurch wenig für sie gewonnen, trotzdem man sie, dem Könige zu Liebe, mit Auszeichnungen überschüttete. Bitterkeiten gingen nebenher. „Die Arme schreibt mir: sie fühle sich sehr unglücklich. Die Enke thut ihr tausend Herzleid an und hat denselben Einfluß wie früher auf den König.“ December 87. Julie ist unwohl und kann das Bett nicht verlassen, die Prinzessin Friederike und die Prinzessin von Braun- schweig haben mit dem König in ihrem Zimmer an ihrem Bett gegessen. Das ist doch stark! — 1788. Januar 88. Ball beim König, wo der Kronprinz Julie zum ersten Mal als Gräfin Ingenheim sah, was für Beide ein sehr unangenehmer Augenblick war. Die Unglückliche, welche peinliche Stellung für sie. — Alle Höfe (es gaben deren, außer dem eigentlichen, wenigstens noch vier: den der alten Königin, der regierenden Königin, des Prinzen Heinrich, des Prinzen Ferdinand) sehen sie. Sie ist überall. Ich begreife das nicht. Februar 88. Die alte Königin hatte großes Diner und frug den König, ob sie die Ingenheim einladen solle? Natürlich sagte er ja, und so kam sie zum Diner. Ich find es höchst un- recht von der Königin, sie einzuladen, blos um dem Könige damit zu schmeicheln. Abends aber spielte sie doch nicht Lotto mit den Herrschaften, sondern mit dem Hofstaat im vorderen Zimmer. Bei Tafel wurde sie dem König gegenübergesetzt. — Die alte Königin lud wieder die Ingenheim ein. Ich finde, sie benimmt sich in dieser Sache so unwürdig und schwach wie nur möglich. In den letzten Tagen des Jahres (am 21. December 88) heißt es: „Die Ingenheim bat mich sehr, ihr in der nun nahen Stunde beizustehn. Auch der König bat mich den folgenden Tag darum, und ich brachte es nicht übers Herz nein zu sagen.“ 1789. Am 2. Januar 1789 genas die Ingenheim eines Sohnes. Der König war sehr erfreut. Unterm 4. Januar heißt es im Tage- buch: „Das Kind wurde heute getauft. Der König hielt es selbst über die Taufe und es empfing die Namen Gustav Adolf Wilhelm . Juliens Bruder (der spätere Minister), der Minister v. Bischofswerder und ich waren die Pathen. Der König selbst war fast den ganzen Tag bei der Kranken. Es ist wahr, er ist wirklich der beste Prinz, den man auf der ganzen Welt finden kann. Leider nur, daß er so willensschwach, so ohne Energie und zuweilen so heftig ist.“ Im Anfang ging alles gut mit der jungen Wöchnerin; aber sie schonte sich nicht genug, verließ das Bett zu früh und erkältete sich aufs heftigste. Dabei war der Einfluß der Rietz ihre beständige Sorge, trotzdem es nicht an Aufmerksamkeiten und Geschenken von Seiten des Königs fehlte. So sandte er ihr ein kleines Etui mit 50,000 Thalern und sein mit den schönsten Brillanten besetztes Portrait. Zum 5. Februar war eine große Cour angesagt und Julie wollte dabei nicht fehlen. „Ich fürchte, daß sie sich schadet“ schreibt die Oberhofmeisterin am selben Tage. Am 24. Februar heißt es dann: „Julie hat Fieber und Husten“ und schon am 5. März: „Ich kann nicht sagen, wie weh es mir thut. Man fürchtet die galopirende Schwindsucht. Der König ist außer sich.“ Am 25. starb sie. „Welch ein Tag des Unglücks! Um 8 Uhr Abend verschied die arme Julie. Kein Mensch ahnte die nahe Gefahr. Ich ging erst am Abend zu ihr, aber die Prinzessin Friederike, die bei ihr war, redete mir ab, „sie sei zu angegriffen.“ Und so hab ich sie nicht mehr gesehn. Ich beweine sie recht von Herzen und alle beweinen sie mit mir. Es ist furchtbar rasch ge- gangen. Sie starb im Schloß, in demselben Zimmer, in dem ihr Kind geboren wurde.“ Der König war in Verzweiflung und konnte sich nicht trösten und beruhigen. Auch gebrach es nicht an allgemeiner Theilnahme, ja das Volk wollte sichs nicht ausreden lassen, daß sie durch ein Glas Limonade vergiftet worden sei, weshalb der König, als er von diesem Verdachte hörte, die Obduction befahl. Diese bewies die Grundlosigkeit des Gerüchtes; ihre Lunge war krank und daran war sie gestorben. Am 1. April erfolgte die Ueberführung der Leiche nach Buch . Ihr letzter Wunsch war gewesen „nicht in der Mumien -Gruft der Familie beigesetzt zu werden“ und so bereitete man ihr das Grab unter der Kirchenkuppel, in der Nähe des Altars. Ueberall in Buch begegnet man den Spuren der schönen Gräfin, aber nirgends ihrem Namen . Wie in Familien, wo das Lieblingskind starb, Eltern und Geschwister übereinkommen, den Namen desselben nie mehr auszusprechen, so auch hier. Eine Gruft ist da, aber es fehlt der Stein; aus reichem goldenen Rahmen heraus blickt ein Frauenbild, aber die Kastellanin nennt den Namen nicht und nur das Wappen zu Füßen des Bildes giebt einen wenigstens andeutungsweisen Aufschluß. Und nun treten wir von dem Bilde hinweg und noch ein- mal in den Park hinaus. Eine seiner dunkeln Alleen führt an einen abgeschiedenen Platz, auf dem Edeltannen ein Oval bilden. Inmitten desselben erhebt sich ein Monument mit einem Reliefbild in Front: der Engel des Todes hüllt eine Sterbende in sein Gewand und ihr Antlitz lächelt, während ein Kranz von Rosen ihrer Hand entsinkt. „Soror optima, amica patriae,“ so lautet die Inschrift. Aber der Name der geliebten Schwester fehlt. Falkenberg. I n der Kirche zu Falkenberg, anderthalb Meile von Berlin, stehen die Särge des Majors George v. Humboldt und der Frau Majorin v. Humboldt, verwittweten v. Hollwede, geb. v. Colomb, — der Eltern des Bruderpaares Wilhelm und Alexander v. Humboldt . Frau v. Humboldt, geb. v. Colomb, ließ im Jahre 1795, wo sie Falkenberg besaß, an Stelle des hölzernen Kirchthurms daselbst einen massiven Thurm aufführen und setzte fest, daß der untere Theil desselben als Leichenhalle hergerichtet werde, worin die sterb- lichen Ueberreste der Mitglieder ihrer Familie beigesetzt werden könnten. Dies geschah, und stehen nunmehr in der Thurmhalle zu Falkenberg folgende vier Todte: 1) Frau Majorin v. Humboldt , verwittwete v. Hollwede, geb. v. Colomb. 2) Hauptmann v. Hollwede , Gemahl erster Ehe der ge- bornen v. Colomb. 3) Eine Tochter aus dieser ersten Ehe. (Kindersarg.) 4) Major v. Humboldt , Gemahl in zweiter Ehe. Die drei Hauptsärge (1. 2. und 4.) haben Inschriften. Diese lauten: Zu 1. „Marie Elisabeth Colomb ; zuerst vermählte v. Hollwede, nachher vermählte v. Humboldt. Geboren den 8. Dezember 1741, gestorben den 4. November 1796. „Es ist in einem höhren Leben, für große Tugend großer Lohn.“ Zu 2. „Allhier ruhet in Gott der weiland Hochwohlgeborne Herr, Herr Friedrich Ernst von Hollwede , Baron, Erb- und Gerichts- herr auf Ringenwalde, Crummecavel und Schloß Tegel, Canonicus des St. Sebastian Stifts zu Magdeburg, geboren den 12. März 1723. Trat in Kriegsdienste 1743 unter das Hochlöbliche König- liche Prinz Ferdinandsche Infanterie Regiment, wo er bis zum Capitain avanciret, nahm 1756 seine Demission und verheirathete sich anno 1760 mit der jetzt hinterlassenen Frau Wittwe Frau Marie Elisabeth, geb. Colomb, aus welcher Ehe zwei Kinder, ein Sohn und eine Tochter gezeuget. Starb den 26. Januar 1765, seines Alters 41 Jahr 10 Monat 14 Tage.“ Zu 4. „George v. Humboldt , Königlich Preußischer Kammerherr und Major von der Cavallerie, Erb- und Gerichtsherr auf Ringen- walde, Crummecavel und Schloß Tegel. Er ward im Jahre 1720 den 27. September zu Zames in Pommern geboren, und nach- dem er verschiedenen Feldzügen mit aller Distinction beigewohnt, wurd’ er wegen seiner kränklichen Umstände genöthigt, seinen Ab- schied zu nehmen. Er vermählte sich hernach mit Marie Elisabeth geb. Colomb, verwittwete Freifrau v. Hollwede, im Jahre 1766 den 27. October und hinterläßt aus dieser Ehe zwei Söhne, Wilhelm und Alexander . Er starb, nachdem er sein Leben durch die rühmlichsten Handlungen bezeichnet, von allen Recht- chaffenen bedauert, im Jahre 1779 den 6. Januar zu Berlin, wo er Allen unvergeßlich sein wird. Horaz, Ode 24.“ Blumberg. Die alten Namen, die alten Herrn, Sind all’ hinüber, sind alle fern. Die Loeben, die Burgsdorf wurden stumm Aber Frühling ist wieder und jubelt ringsum. Zu Blumberg ist mein Sitz, wo nach der alten Weise, Mit dem, was Gott bescheert, ich mich gesegnet preise. Canitz an Eusebius von Brand (1692.) E in Frühlingstag führt uns nach Blumberg hinaus, einem Arnimschen Gut in der Nähe von Berlin, und nach rascher Fahrt, an lachenden Dörfern vorbei, biegen wir aus der staubigen Pappel- Allee in die windgeschützte, stille Dorfgasse ein. Es ist Mittags- stunde, der Sonnenschein liegt blendend auf den neugedeckten, rothen Dächern, die Bäume stehen im ersten Grün und neben dem hohen Schornstein des Herrenhauses, aus dessen Seitenöffnungen der weiße Rauch phantastisch emporwirbelt, erhebt sich eben ein Storchenpaar in seinem Nest und unterbricht die Mittagsstille durch sein eifriges Geklapper. Es klingt als würd’ eine Sense gewetzt, oder als ging’ eine Mühle unten im Garten. Blumberg ist ein freundliches Dorf, fast so freundlich wie sein Name und gerade groß genug, um uns die Versicherung alter Urkunden glauben zu machen „daß Blumberg vordem ein Städtchen, ein oppidum gewesen sei.“ Ein großes Dorf war es gewiß und vor allem auch wohl reich genug, um das in solchen Dingen immer scharf blickende Auge der Kirche auf sich zu ziehen. So geschah denn, was sich erwarten ließ und nachdem sich die Nachfolger Albrecht des Bären zu Herren im Teltow und Barnim gemacht hatten, wurde Blumberg Kirchengut und zwar Besitzthum der reichen Bischöfe zu Brandenburg. Blumberg blieb bischöflich bis zur Reformationszeit, bis zu jenen Tagen, wo Joachim II. den Kampf in seinem Herzen aus- gekämpft und sein christlich Gewissen über das Versprechen gesetzt hatte, das er seinem Vater auf dem Todbette hatte leisten müssen. Manches wurde nun anders im Lande; die Einziehung der Kirche ngüter drohte von Tag zu Tag und die klugen Herren zu Branden- burg, die nicht Lust hatten, sich überraschen zu lassen, veräußerten rechtzeitig allerlei Besitzthum, das über kurz oder lang doch zer- rinneu mußte. Viele Güter wurden verkauft, darunter auch Blumberg. Der Käufer war Hans von Krummensee . Die Krum- mensees waren damals eine der reichsten Familien und besaßen unter anderm die Stadt Alt-Landsberg, die ziemlich in der Mitte des Gesammt-Areales lag, das sie durch Kauf und Erbschaft im Laufe von Jahrhunderten an sich gebracht hatten. Jetzt, durch Erwerb von Blumberg, dehnten sie ihren Besitz bis an die Bernauer Feldmark und bis an die Grenze jenes andern großen Güterkomplexes aus, der — ebenfalls nordöstlich von Berlin — sich in den Händen der Familie von Roebel Im 17. Jahrhundert war die große Mehrzahl (17) aller im zwei- meiligen Umkreis nördlich von Berlin gelegenen Güter in Händen von nur drei Familien: Roebel, Krummensee, Loeben. Vgl. das Kapitel Buch . befand. Aber mit dieser Erwerbung von Blumberg war plötzlich dem wachsenden Reichthume der Krummensee ein Ziel gesteckt, rasch ging es rück- wärts und der 30jährige Krieg that das Seine. Gut auf Gut ging verloren, 1701 das letzte — Schöneiche. Ihrem reichen Besitz ist seitdem das Geschlecht selbst gefolgt. Der letzte war Carl Aegidius Ludwig von Krummensee, gestorben 1827 als Canonikus zu St. Nicolai in Magdeburg. Blumberg besaßen die Krummensee nur etwa 80 Jahre. Eine Sandsteinplatte vor dem Altar der alten Blumberger Kirche bewahrt ihren Namen. Die Inschrift des Steines lautet in der schlichten, herzhaften Sprache jener Zeit: „Im 58ten Jahre und 3 Wochen ist meine liebe Hausfrau Katarina Moerner allhier begraben und ist mein, Hans Krummensee’s allerliebst Gemahl gewest . 1596.“ 1602 verkaufte Hans von Krummen see sein Gut Blumberg so wie die Güter Dahlwitz, Eiche und Helmsdorf an den kurfürst- lichen Kanzler Hans von Loeben , bei dessen Nachkommen Blum- berg ein volles Jahrhundert blieb. Die Kirche, darin wir eben eingetreten, und an deren Wänden wir eine beträchtliche An- zahl alter Bildwerke erblicken, giebt uns die beste Gelegenheit die zum Theil historischen Gestalten jenes Jahrhunderts in rascher Reihenfolge vorüberziehen zu lassen. Unser erster Blick aber gehört der Kirche selbst. Es ist ein alter Bau, an dem auch das Auge des Laien zwei verschiedene Zeitläufte leicht unterscheiden kann: einen älteren Theil mit Pfeilern und Kreuzgewölben aus der Branden- burger Bischofszeit und einen Anbau mit Altar und Kanzel aus der Zeit etwa des ersten Königs. Die sich vorfindenden Bilder und Denkmäler sind im Einklange damit gruppirt: alles was älter ist als der Anbau, befindet sich auch in dem alten Theile der Kirche, was später hinzugekommen schmückt die Wände des Anbaus. Der Anbau der Kirche. Philipp Ludwig von Canstein und seine „hochbetrübteste Wittwe.“ Diese Bildwerke des Anbaues, theils Grabdenkmäler, theils Oelbilder und Reliefs, sind nicht eigentlich das , was uns nach Blumberg geführt hat; dennoch verweilen wir einen Augenblick bei denselben, wenigstens bei den hervorragendsten. Da haben wir zunächst das Denkmal des Obersten Philipp Ludwig von Canstein , eines jüngeren Bruders Carl Hilde- brandt’s von Canstein, jenes frommen Mitarbeiters am Werke Francke’s und Spener’s, dessen Wirken und Name vor allem in der Canstein ’schen Bibelanstalt zu Halle fortlebt. Der Oberst von Canstein ererbte Blumberg bei jungen Jahren, aber der Be- sitz des schönen Gutes war ihm nur kurze Zeit gegönnt. Der spanische Erbfolgekrieg, der in Italien und den Niederlanden auch brandenburgischerseits so schwere Opfer heischte, nahm ihn hinweg. Das Denkmal aber, das ihm von Seiten seiner Wittwe noch im Jahre seines Todes errichtet ward, ist ganz im Geschmack jener Zeit ausgeführt und erweist sich auf seinen Kunstwerth geprüft als eine mit Munificenz hergestellte Dutzendarbeit. Auf dem Stein- sarkophage steht wie immer die Büste des Hingeschiedenen und Kriegs- trophäen und Wappenschilde gruppiren sich drum herum; ein Genius preßt den Lorbeerkranz auf die Allongenperrücke, während die vergoldete Front des Marmorsarges in Schnörkelschrift die herkömm- lich stilisirte Inschrift trägt. Diese Inschrift wiederzugeben, ist hier nöthig, weil sie eine irrthümliche Angabe über den Todestag des tapferen Obersten beseitigt. Er fiel nämlich nicht bei Mal- plaquet, wie immer gedruckt wird, sondern ein Jahr früher bei Oudenarde. Die Inschrift lautet: Dem Hochwohlgebornen Herrn, Herrn Philipp Ludwig Frei- herrn von Canstein, Herrn der Herrschaft Canstein, Schönberg, Neukirch, Blumberg, Eiche und Helmsdorf, Seiner Königlichen Majestät in Preußen Obristen zu Roß der Gensdarmes, welcher geboren A. D. 1669 den 11. April durch Geschlecht und Tugend, durch Gottesfurcht und Tapferkeit Ehr’ und Lob verdienet und erworben, und im Treffen bei Oudenarde wider die Franzosen im Lauf des glücklich erfolgten Sieges durch einen tödtlichen Schuß rühmlich und auf dem Bette der Ehren verstorben im Jahre des Heils 1708 den 11. Juli des Alters 39 Jahr und drei Monat, — hat dieses Denkmal zum Zeichen beständiger Liebe und Treue setzen lassen dessen hochbetrübteste Wittwe Ehren- gard Maria Freifrau von Canstein, geborne v. d. Schulen- burg, 1708. Die „hochbetrübteste Wittwe“ indeß war ein Kind ihrer Zeit, d. h. sie verheirathete sich wieder und zwar in kürzester Frist. Sie wurde dann abermals eine Wittwe, aber nur um sich bald darauf zum dritte Male zu vermählen. Das war damals Landesbrauch in den Marken, und wir werden noch im Laufe dieses Aufsatzes die Bekanntschaft eines hervorragenden Mannes jener Epoche machen, der außer seinem Vater und Schwiegervater zwei Stief- väter und zwei Stiefschwiegerväter hatte, also sechs Väter im Ganzen. Es war, als ob Alles was lebte, sich einen Zustand der Ehelosigkeit nicht wohl denken konnte. Man hielt das Trauerjahr und war in aller Aufrichtigkeit ein tief betrübter Wittwer oder eine „hochbetrübteste Wittwe.“ Aber sobald die Trauerkleider fielen, gehörte man wieder dem Leben; das Blut, das voll zum Herzen drang, forderte sein Recht. Das sinnliche Leben überwog noch das geistige, und die Welt feinen Empfindens war noch wenig er- schlossen. Aber freilich auch die Irrwege nicht, zu denen die Fein- heit der Empfindung so leicht verführt. Wie von unserem tapferen Obristen selbst, so findet sich auch von seiner betrübten Gattin ein Bildwerk im Anbau der Kirche vor, aber kein Grabdenkmal, nichts von Sensenmann und Sarko- phag, sondern ihr Oelporträt in ganzer Figur, frisch, blühend, voll . Es ist ein durchaus interessantes Bild, einmal als künstlerische Leistung überhaupt, ungleich mehr aber durch die ingeniöse Art, wie der Maler es verstanden hat, die drei Ehemänner der noch stattlichen Frau halb huldigend halb decorativ zu verwenden. Wie Macbeth in der bekannten Hexenkessel-Scene die Könige Schottlands an sich vorüber ziehen sieht und zwar so, daß die der Zeit nach am weitesten von ihm entfernten immer kleiner und blasser wer- den, so hier die drei Ehemänner. Den noch lebenden hält sie als Medaillonporträt mit dem Ausdruck ruhigen Besitzes fest in ihrer Rechten; der zweite, noch klar erkennbar, zieht sich bereits in den Hintergrund des Bildes zurück; unser Freund der Oberst aber, dessen ganze Schuld darin bestand, einige 20 Jahre vor Entstehung dieses Bildes den Heldentod gestorben zu sein, verliert sich völlig in nebelhafter Ferne und wirkt nur noch mit um das Ensemble und die symmetrische Anordnung des Ganzen nicht zu stören. Möglich, daß solche Bilder öfter sich vorfinden, mir war es das erste der Art. Der alte Theil der Kirche. Johann v. Loeben und Frau v. Burgsdorf . Der Anbau weist noch manches andere von Bildwerken und Denkmälern auf, wir treten aber von dem Bildniß der stattlichen Fontane , Wanderungen. IV. 13 Frau hinweg in den alten Theil der Kirche zurück, darin wir, genau an der Stelle wo des Anbaus halber die alte Giebelwand durch- brochen ward und zwar an ein paar pfeilerartig stehen gebliebenen Mauerresten einigen Bildnissen aus dem Anfang und Schluß des 17. Jahrhunderts begegnen, Porträts, die, wenn man den An- druck gestatten will, der eigentlichen Zeit Blumbergs ange- hören. Diese Bilder geleiten uns durch drei oder vier Gene- rationen einer und derselben Familie, doch ist es weibliche Descendenz und so wechseln die Namen: Loeben, Burgsdorf, Canitz . [ Johann von Loeben .] Da haben wir zunächst, halb ver- steckt unter einem Behang von Spinnweb, die Bildnisse Johann von Loebens und seines Ehegemahls. Er ist ein alter Herr und die spanische Tracht von schwarzem Sammt, dazu die goldne Kanzlerkette, würden keinen Zweifel über die Vornehmheit des Mannes lassen, wenn auch die Züge weniger Entschlossenheit und die großen hellen Augen weniger Leutseligkeit und Würde ver- riethen. Die Umschrift des Bildes lautet: „Johann von Loeben, Kurfürstlich Brandenburgischer Geheimer Rath und Kanzler hat 1602 die Güter Blumberg, Eiche, Dalwitz und Helmsdorf erkauft, christlich und weislich solchen vorgestanden und regieret 34 Jahr, und ist gewesen ein weiser und vortrefflicher Mann von seinem Geschlecht.“ Unmittelbar vor dem Bilde hängt das alte Banner der Familie von der Decke herab, das in goldner Schrift die An- gaben des Bildes theils bestätigt, theils erweitert: „Der hochedle, gestrenge und hochbenannte Herr Johann von Loeben, Ihrer Chur- fürstlichen Durchlaucht zu Brandenburg, Joachim Friedrich, hoch- löbseligsten Gedächtnisses, vornehmer Geheimer Rath und Kanzler, Herr auf Blumberg, Dalwitz, Eiche und Falkenberg, ist allhier zu Blumberg selig im Herrn entschlafen, den 26. Juli anno 1636, seines Alters 75 Jahr.“ Ueber dieser Inschrift, stark nachgedunkelt aber immer noch deutlich erkennbar, zeigt sich das alte Loeben’sche Wappen: ein Schachbrett mit der Prinzessin aus Mohrenland. Schon 723 war ein Loeben in die üble Lage gekommen, mit einer Prinzessin aus Mohrenland auf Tod und Leben Schach spielen zu müssen. Glück- licherweise gewann er, und Schachbrett und Prinzessin kamen seit- dem in’s Loeben’sche Wappen. Ob die edle Kunst des Schachspiels seitdem in der Familie gehegt und gepflegt wurde, mag dahingestellt bleiben, unser alter Kanzler aber war jedenfalls in so weit seines Ur-Ahnen werth, als er manchen guten Zug auf dem diplomatischen Schachbrett zu thun wußte. Dabei liebte er ehrlich Spiel, keine Finten und Hinterhalte. Der Kurfürst setzte ein unbegrenztes Vertrauen in seine Klugheit und Redlichkeit, und als die Gründung eines per- manenten „Geheimen Rathes“ Dieser „Geheime Rath“ bestand aus 8 Mitgliedern, darunter 3 Dok- toren der Rechte, die, meist auch später noch, aus bürgerlichem Stande ge- nommen wurden. Die 8 Mitglieder waren: Hironymus Graf v. Schlick, Präsident; Johann v. Loeben, Kanzler; von Benkendorf, Vice-Kanzler; Christoph Friedrich von Wallenfels; Hironymus von Dieskau; Friedrich Pruckmann; Simon Ulrich Pistorius; Johann Hübner. für nöthig erachtet wurde — die nächste Veranlassung dazu gab eine längere Anwesenheit des Kurfürsten im Herzogthume Preußen — war es selbstverständlich, daß Johann von Loeben als erster Rath in diesen Regentschafts- Körper berufen wurde. Aus diesem damals gegründeten „Gehei- men Rath“ ging später der „Staats-Rath“ hervor. Johann von Loeben wurde Kanzler bei jungen Jahren und stieg so hoch wie ein Diener steigen mag im Dienst und in der Liebe seines Herrn; aber Leid und Bitterkeit des Lebens erreichten auch ihn . Als er die höchste fürstliche Gnade kennen gelernt hatte, kam Un- gnade über ihn, wie der Dieb in der Nacht. Fast unmittelbar nach Joachim Friedrichs Tode (1609) schied er aus dem Staats- dienst, um „procul negotiis“ in Blumberg und seiner Umgebung die Freuden und Leiden glänzenderer Tage zu vergessen. 1629 inmitten der Wirren des 30jährigen Krieges, wurd’ er noch ein- mal auf den Schauplatz berufen, um der schwachen und haltlosen Politik George Wilhelms Halt und Richtung zu geben, aber wo keine Kraft der Ausführung war, da wogen der Rath des Weisen und das Wort des Thoren gleich schwer und nach kurzem Ver- weilen am kurfürstliche Hofe zog er sich zum zweiten Mal in die Stille seines Landguts zurück. Nur als Beobachter folgte er noch den Begebenheiten, und die letzten Jahre seines Lebens, im Uebrigen verbittert durch so manche Erfahrung, brachten ihm wenigstens das Eine noch, daß es ihm vergönnt war den Stern 13* seines Schwiegersohns Conrads von Burgsdorf glänzend auf- gehen zu sehn. [ Frau von Burgsdorf .] Die Bildnisse des alten Kanz- lers und seines Ehegemahls blicken, dem Anbau und der Kanzel abgewandt, in das alte Kirchenschiff hinein; an der Innen-Seite der beiden Pfeiler aber, so daß sie sich einander in’s Auge blickten, hingen bis vor Kurzem zwei andre interessante Bildnisse: das der alten Frau von Burgsdorf, einer Tochter Johanns von Loeben, und das ihres Enkels des Poeten Canitz. Dieses tête à tête zwischen Großmutter und Enkel ist neuerdings gestört worden; die Kirchenvorstände haben das Bildniß des Poeten, ich weiß nicht aus welchem Grunde, für eine kaum nennenswerthe Summe ver- kauft. Es ist dies um so beklagenswerther, als die Kirche jedes andere Bild eher entbehrt haben könnte als dieses eine. Denn nicht nur die Glanzzeit Blumbergs fällt in die Tage, wo Canitz hier heitre Gastfreundschaft übte, nein, das Dasein des Dorfs überhaupt würde kaum jemals über seine nächste Umgebung hinaus bekannt geworden sein, wenn ihm nicht die Alexandriner des märkischen Poeten (Canitz) zu einem Plätzchen in der Literatur- Geschichte und zu einem ähnlich guten Klange wie Wandsbeck oder Gohlis oder Alten-Gleichen verholfen hätten. Das Bildniß der alten Frau von Burgsdorf, dem wir uns jetzt zuwenden, ist wohl erhalten und trägt folgende Inschrift: „Die Verwittwete Frau Oberkammerherrin von Burgsdorf, geborne von Loeben, bekommt nach Absterben ihrer Frau Mutter alle Güter, so ihr Herr Vater, der Herr Kanzler von Loeben in Besitz gehabt; stehet solchen mit besondrem Ruhm und Leutseligkeit vor; aus Liebe für die Blumberg’schen und Eichischen Unterthanen legirt sie in ihrem Testament den Armen von beiden Gütern ein Capital von 500 Thalern. Sie setzet annoch bei ihrem Leben den klugen Staatsminister Freiherrn von Canitz als ihren einzigen Enkel, zum Erben ihrer Güter ein. Erlanget von dem Höchsten die Verheißung langen Lebens und bringet solches auf 77 Jahr.“ Der lebensvolle Kopf, der aus dem schlichten Holzrahmen heraus uns anblickt, ist aber nicht der Kopf einer 77jährigen Greisin, sondern der Kopf einer Frau in den besten Jahren, deren Embonpoint sie siegreich schützte gegen die verrätherische Furchen- schrift einer beginnenden Funfzigerin und deren lang herabhängende dunkle Locken noch den Vorsatz der Trägerin aussprechen, nicht alt sein zu wollen . Ihr Kostüm erinnert vielfach an unsre heutige Mode. Das Kleid ist weit ausgeschnitten, aber ein reiches Kantenhemd umschließt den Nacken bis hoch herauf, und allerhand Borten und Schnüre ziehen sich decent über den gestickten Brustlatz hin. Die Aermel sind kurz und weit und überdecken kaum zur Hälfte den reichen Unterärmel von Brüsseler Spitzen. Der Gesichtsaus- druck entspricht dem einer selbstbewußten, herrschgewohnten Frau, deren natürliche Gutmüthigkeit sich gegen die Regungen des Stolzes eben so sehr wie gegen die harten Schläge des Schicksals behauptet hat. An diesen war kein Mangel gewesen. Wenn das Leben ihres Vaters Gegensätze geboten hatte, so bot das ihre deren mehr. Sie hatte Tage seltenen Glückes gesehen, aber auch Tage tiefen Falls. Ihr Ehgemahl, eine genialische Natur, halb Held, halb Libertin, hatte sich nicht begnügt, wie ihr Vater, der Kanzler, als erster Diener neben dem Thron seines Fürsten zu stehn, er war, eine Zeitlang wenigstens, seines Herren Herr ge- wesen, und daß er es unausgesetzt hatte bleiben wollen, das hatte ihn gestürzt. Was Kurfürst Friedrich Wilhelm ertragen konnte, als er, fast ein Knabe noch, in’s Land kam, in ein Land, das ihm der schlaue Muth Konrad von Burgsdorfs erst schrittweis erschließen mußte, das mußte nothwendig zur Verstimmung und endlich zum Bruche führen, als der jugendliche Fürst „der große Kurfürst“ zu werden begann. Der kluge Günstling, der so Vieles sah, sah diesen Wechsel nicht, wollt ihn nicht sehen, und an diesem Irrthum oder Eigensinn ging er zu Grunde. Seine Gegner hatten leichtes Spiel. Die Wüstheit seines Lebens kam ihnen zu Hülfe, und die Ver- bannung vom Hofe ward ausgesprochen. Er ging nach Blum- berg . Aber der Haß seiner Feinde schwieg auch jetzt noch nicht. Man bangte vor seiner Rückkehr, und hundert geschäftige Zungen erinnerten immer wieder daran „daß der eben gestürzte Günstling 18 Maß Wein tagtäglich bei Tafel getrunken habe, zugleich auch ein gewaltiger Courmacher und Serenadenbringer gewesen sei.“ Man wußte wohl, was man that, daß man gerad’ an diese Dinge beständig erinnerte; Kurfürstin Henriette Louise war eine fromme Frau, der alles Lasterleben ein Greuel war, und nachdem Unzucht und Völlerei so lang ihr wüstes Haupt auf den Tisch gelegt hatten, wurd’ eben damals die Sitte wieder erstes Gebot. Konrad von Burgsdorf starb bald, nachdem er in Ungnade gefallen war. Es heißt, daß er sinn- und trostlos geendet habe; sein ehlich Ge- mahl aber, deren Bild jetzt eben von der Pfeilerwand auf uns niederblickt, überlebte den Sturz ihres Mannes um fast volle dreißig Jahre. Blumberg, der Ort ihrer Kindheit, wo vordem ihr Vater und dann ihr Gatte vor der schneidend kalten Hofluft Zu- flucht gesucht hatten, blieb ihr lieb, weil die Geschichte ihres Lebens mit ihm verwachsen und die Stille seiner Felder ihr mehr und mehr ein Bedürfniß geworden war. Aber freilich der Frieden des Gemüths, nach dem sie rang, blieb ihr versagt, wie er ihr schon in ihrer Jugend versagt gewesen war. Neue Kränkungen gesellten sich zu alter Bitterkeit, Kränkungen, die dadurch nicht geringer wurden, daß sie unbeabsichtigt waren. Den Kummer ihres Alters schuf ihr ihre eigene Tochter. Diese schien ganz ihres Vaters Kind zu sein, der, wie wir eben citirt haben „ein ge- waltiger Courmacher und Serenadenbringer“ gewesen war. Drei- mal verheirathete sich diese Tochter. Ihr erster Mann, ein Frei- herr von Canitz, starb, — das war ein Unglück; von ihrem zweiten Gemahl, einem General v. d. Goltz, ließ sie sich scheiden — das war erträglich; daß sie sich aber zum dritten Male nicht blos ver- verheirathete, sondern diesen dritten Mann, den sie nie gesehen, von Paris her sich schicken ließ , das war mehr, als die Oberkammerherrin von Burgsdorf, die funfzig Jahre lang erst als die Tochter und dann als die Gattin des vornehmsten Mannes in Kurmark Brandenburg gelebt hatte, ruhig ertragen konnte. Diese Heirath zehrte an ihrem Herzen und vergällte ihr das letzte Jahrzehnt ihres Lebens. Die Ehe selbst aber, die zu dieser Verbitterung Anlaß gab, bildet einen zu charakteristischen Zug für die Sittengeschichte jener Zeit, als daß ich es mir versagen könnte, den Hergang ausführlicher zu erzählen. Frau von der Goltz (geborene von Burgsdorf, verwittwete von Canitz) war kaum von ihrem zweiten Manne, dem General von der Goltz getrennt, als sie den Vorsatz faßte, sich zum dritten Male zu vermählen, und zwar coûte que coûte mit einem Franzosen. Bei ihrer Schwärmerei für alles Französische, kam es ihr auf eine Wahl im Besonderen nicht an. Sie schrieb deshalb ihrem Pariser Commissionär, der sich bis dahin durch seinen feinen und guten Ge- schmack in der Uebersendung von Coiffüren und Modeartikeln be- währt hatte, ihr einen Mann zum Heirathen zu schicken, der rüstig, fein und geistvoll und selbstverständlich auch von Adel sei. Der Auftrag wurde prompt ausgeführt. Nach etwa vier Wochen traf in Berlin ein Franzose von über fünfzig Jahren ein und meldete sich bei Frau von der Goltz als derjenige, den sie gewünscht habe. Sein Name war Peter von Larrey, Baron von Brunbosc, aus einer alten Familie in der Normandie. Die Ehe kam wirklich zu Stande, und war glücklich . Frau von Burgsdorf indeß konnte die Kränkung, die ihr dieser abenteuerliche Vorgang bereitet hatte, nicht verwinden. Die Partie mit dem normannischen Baron, der vielleicht keiner war, zehrte an ihrem Leben und sie starb nachdem sie längst vorher mit Umgehung ihrer Tochter, den Sohn dieser Tochter aus erster Ehe, den Freiherrn von Canitz, zum Erben all ihrer Güter, das schöne Blumberg mit eingeschlossen, einge- setzt hatte. Freiherr von Canitz . Und diesem Freiherrn von Canitz wenden wir uns nunmehr ausführlicher zu. Sein Bildniß fehlt zwar an dem breiten Mauerpfeiler, an dem es früher hing, und Großmutter und Enkel, das Lächeln des einen und der herbe Gesichtsausdruck der andern, begegnen sich nicht länger mehr an dieser Stelle; das Totalbild des „Poeten“ aber, seinen Charakter wie seine Erscheinung, hat uns eine zeitgenössische Feder aufbewahrt und mit Hülfe dieser Aufzeichnungen erneuern wir auf Momente das Bild und führen es an des Lesers Auge vorüber. „Canitz, der Poet, war von mittlerer, wohlgewachsener Ge- stalt, in den späteren Jahren etwas untersetzt und stark; sein Ge- sicht voll, offen, wohlgebildet, seine blauen Augen lebhaft, sein Ansehn männlich. Bei einer weißen Haut und freien Stirn hatte er einen freundlichen Mund, der sich nur manchmal eines spötti- schen Lächelns nicht erwehren und seine angeborene Neigung zur Satire nicht ganz verbergen konnte.“ So schildert ihn sein Biograph, und dem entsprechende Züge mocht auch das Bildniß zeigen, das einst hier hing. Aber an jenem Sonntage des Monats Juni 1699, als er zum letzten Mal in diesen Chor- stuhl uns unmittelbar zur Rechten eintrat, um andächtiglich der Rede des Geistlichen zu folgen, zuckte kein spöttisches Lächeln mehr um seinen Mund und die „angeborene Neigung zur Satire“ hatte längst einem Besseren Platz gemacht. Er wußte, daß ein anderes Leben seiner harre, und von Todesgewißheit erfüllt, hatte er in tiefer Rührung zu Spener die Worte gesprochen: „wenn Gott mich wieder aufrichtet, so will ich dem eitlen Wesen dieser Welt mich ganz entziehn und mich dem widmen, was das allein Nothwendige ist.“ Canitz wußte, daß er nur noch Wochen zu leben habe (die Aerzte hatten es ihm gesagt, weil er es zu wissen verlangt hatte), und die Textesworte, die eben jetzt gelesen wurden, trafen sein Herz. „Es wird gesäet verweslich und wird auferstehen unverwes- lich; es wird gesäet in Unehre und wird auferstehen in Herrlich- keit.“ Diese Worte, sagt’ ich, trafen sein Herz; aber die Bilder des Todes, die vor ihn hintraten, erschreckten ihn nicht. Ruhig folgte er dem Gange der Predigt. Und nun ist die Predigt vorüber und an der Sakristeithüre dem Geistlichen freundlich und zustimmend die Hand drückend, schreitet er über die Gräber hinweg und durch das hollunderüber- wachsene Kirchhofsthor dem Herrenhause zu. Der Junimorgen, so frisch und so warm zugleich, läßt ihn aufathmen wie in alter Lust und Fülle des Lebens, und statt in die Kühle des Hauses einzutreten, tritt er in den lachenden Park. Wir schreiten ihm leise nach. An dem Birkenwäldchen vorbei, den erhöhten Kiesweg entlang, der bald die Windungen des Baches begleitet, bald sie kreuzt und überbrückt, hat er endlich die hochgelegene Lieblingsbank am Rande des Parks erreicht, die von Buchenzweigen weit überschattet nach vorn hin einen Blick gönnt auf Felder und wogendes Korn. Er läßt sich nieder hier und Figuren in den Sand zeichnend, ziehen die wechselnden Bilder seines Lebens an ihm vorüber. Das sind die sonnigen Tage seiner Jugend. Die krainischen Alpen liegen hinter ihm, eine kurze Meerfahrt ist überstanden und um die Spitze des Lido herum, biegt er ein in die Lagunenstadt. Welche Welt thut sich vor ihm auf; die Kuppeln und die Thürme blinken im Sonnenlicht, und als zöge man hinaus, um festlich einen Fürsten einzuholen, so schwimmt ihm die Meeres-Königin auf hundert Barken entgegen. Aber was wie Wunder und Märchen erscheint, ist nur ein glückliches Ohngefähr; die heiteren Reisegötter führen ihn in die Lagunenstadt just am Tage der Meervermählung, wo der Doge sammt seinen Senatoren im Bucentauro hinausgleitet, um den Ring, das Zeugniß und die Besieglung des Bundes, in das Meer zu senken. Die Bilder Venedigs schwinden, aber der Kahn des Traumes führt ihn weiter, jetzt zurück auf die hohe See, jetzt an dem Küstenbogen entlang, der zwischen Sorrent und Neapel sich spannt, und jetzt den Rhein hinunter und jetzt die Themse hinauf, hinauf bis an die Londonbrücke, wo die Barken den Strom sperren und die hundert Masten der Schiffe seinen Blick bezaubern und verwirren. Die Treppe steigt er hinan, die halb ausge- waschen zum Quai hinaufführt, und das Geräusch der City nimmt ihn auf. Immer wachsenderes Gedränge umwogt ihn hier, und endlich Stand nehmend auf der Hügelkuppe von Ludgate Hill, wo eben die Quadersteine geschnitten werden, aus denen dereinst die neue Paulskirche sich aufrichten soll, sieht er jetzt, von einem der hohen Steinblöcke aus, die Lordmayors-Prozession in alterthüm- lichem Pomp an sich vorüberziehen. Die Themseschiffer in rothen Röcken eröffnen den Zug, dann schmettern Pauken und Trom- peten, bis endlich aller andre Lärm in dem Jubelgeschrei des Volkes erstickt, denn schwerfällig, aus Eichenholz geschnitzt, schwankt eben die vergoldete Kutsche heran und der erwählte Cityherrscher grüßt mit gravitätischem Kopfnicken nach rechts und links. Vereinzelte Kuckuksrufe klingen jetzt leis und wie aus weiter Ferne her herüber und siehe da, der kranke Poet unterbricht sich in seinem Figurenzeichen und horcht auf. Aber wie die Seele gern wieder anknüpft an das, was ihr lieb geworden, so fällt er alsbald auch in altes Sinnen und Träumen zurück. Immer lachendere Bilder ziehen herauf. Es ist wieder ein Festzug, eine Prozession, aber diesmal auf heimischem Grund und Boden und der Gefeierte ist er selbst. Ein Junitag ist’s wie heute, nur um so viel heiterer und schöner, als die Augen damals heller in den Tag hineinsahen: denn neben ihm auf dem breiten Sitze des Wagens auf dem er eben einfährt in die festgeschmückte, mit Laubgewinden überspannte Dorfgasse, sitzt seine heißgeliebte Braut, seit gestern sein Gemahl. Sie zählt nicht zu den leuch- tenden Schönheiten, aber sie hat jenen blendenden Teint, der der Schönheit nahe kommt. Ihre blühenden Wangen wurden rosiger von der Fahrt und das rothblonde Scheitelhaar flattert halb aufgelöst im Winde. Bauern zu Pferd und mit bebän- dertem Hute folgen dem Zuge, Frauen im Sonntagsstaat stehn in den Thüren oder am Heck und heben die Kinder in die Höh, die Störche klappern auf allen Dächern, als hätten sie mit zu reden bei solchem Einzug, und die Feldlerchen begleiten von draußen her den Zug und erzählen sich hoch oben von dem Glück, das sie drunten gesehn. Und ein volles Glück war es, das sie sahn, nicht spärlich zu- gemessen wie sonst wohl. Denn nicht über kurze Tage hin dehnte sich die Zeit der Flitterwochen, und Blumberg, wie es der tägliche Zeuge vollkommener Eintracht und innigsten Zusammenlebens wurde, wurd’ auch ein gefeierter Sitz edler Gastfreundschaft, ein Mittelpunkt geistigen Lebens, dichterischen Schaffens , wie damals kein zweiter in Mark Brandenburg zu finden war. Johann von Besser, Eusebius von Brand waren oft und gern gesehene Gäste und von hier aus ergingen an den vielbewährten Jugendfreund und Studiengenossen unsres Poeten, an den Kirchenrath Zapfe in Zeitz, oft wiederholte Einladungen, „das Harfenspiel aufs Neu von der Wand zu nehmen und das Hoflager in Blumberg zu beziehen.“ Briefe wurden mit einer ge- wissen Regelmäßigkeit gewechselt, und als die Schilderungen ehe- lichen Glücks die Canitz regelmäßig mit einem „nun gehe hin und thue desgleichen“ zu schließen pflegte, endlich ihren Einfluß geübt und den ehrbaren Magister und Kirchenrath auch an den Altar geführt hatten, da ging von Blumberg ein Gratulationsbrief fol- genden Inhalts nach Zeitz: „Deine Heirath und die Art derselben gefällt mir sehr wohl; weil Du mir aber Dein Sach’ ohne sonder- liche Umstände schlechthin berichtet hast, so will auch ich Dir in Kürze nur, aber doch immer von Herzen, Glück und Vergnügen wünschen und daß Deine Liebste, wo nicht ein fruchtbarer Weinstock, so doch ein immergrüner Tannenbaum sei, dem es an Zapfen niemals fehlen möge.“ So gingen die Tage. Ein volles Glück war es, ein Glück über Jahre hin und doch zu kurz für das beneidete Paar, das in seltnem Gleichklang zusammenstimmte. Der alte Neider Tod trat zwischen sie, mittleidslos und unerbittlich, und in Erinnerung an jene Tage schwindet ihm jetzt der heitre Traum und trübe Bilder ziehen in seiner Seele herauf. An dem Lager einer Sterbenden kniet er. „O daß Du bleiben könntest!“ klingt es bittend von seinen Lippen; sie aber schüttelt den Kopf und spricht: „Du bist so oft von mir gegangen, nun geh ich von Dir; sieh, ich schlafe schon.“ Und danach entschlief sie wirklich, ohne Zucken und ohne Schmerz. Das einförmige Rufen des Kuckuks klang lauter und näher jetzt und Canitz richtete sich auf, als woll’ er die Rufe zählen. Da schwieg der Kuckuk. Ein wehmüthiges Lächeln umspielte seine Lippe; dann schritt er durch die Gänge des Parks in das Herrenhaus und seine Stille zurück. Das war am letzten Junisonntage 1699. Am 11. August desselben Jahres begegnen wir ihm noch einmal. Seine Kräfte waren schwächer geworden, und das heitere Poetenherz, das einst mit tausend Wünschen an das Leben gekettet war, es hatte nur noch einen Wunsch: zu sterben, wie die theure Heimge- gangene vor ihm gestorben war. Und dieser letzte Wunsch ward ihm erfüllt. Am frühen Morgen des genannten Tages stand er auf, ließ sich völlig ankleiden und trat an das Fenster, das er öffnete, um frische Luft zu schöpfen. Die Sonne ging eben auf, und mit freudigem Staunen genoß er ihrer Pracht. Als er eine Weile hineingeblickt, rief er mit erhobener Stimme: „Wie schön ist heut’ der Himmel“ und sank von einem Schlagfluß ge- troffen todt zur Erde. So starb „Canitz, der Poet.“ Schon am Tage darauf wurd’ er in der Marienkirche beigesetzt. Eine Woche später hielt ihm Spener in der Nikolaikirche die Gedächtnißpredigt; den Inhalt seines Lebens aber stellen wir zu folgender Grabschrift zusammen: „Friedrich Rudolf von Canitz, Sr. churfürstlichen Durchlaucht zu Brandenburg wohlbestallter Geheime-Rath und Staats- minister, geb. zu Berlin (nach anderen zu Lindenberg bei Berlin) den 27. November 1654, gest. den 11. August 1699, im 45. Jahre seines Alters. Was das Leben erhöht und verschönt, das übte und pflegte er. Er liebte die Kunst und die Menschen; die Freundschaft hielt er hoch, die Treue am höchsten. Er war klug ohne Arg; ein männlicher Sinn, ein kindliches Herz. Er liebte die Welt, aber er empfand ihre Eitelkeit; Glaube und Sehnsucht wuchsen in seinem Herzen und trugen ihn aufwärts.“ Canitz und seine erste Gemahlin Doris v. Arnim, deren Grabmäler ich in der obengenannten Marienkirche zu Berlin lange vergeblich suchte, sind nichtsdestoweniger in derselben wirklich beigesetzt worden, aber in dem Roebel- schen Erbbegräbniß, dessen ich in dem Kapitel Buch bereits eingehender erwähnt habe. Da dies Erbbegräbniß, in dem, laut Stadtrath Klein’s Geschichte der Marienkirche, die Todten dreier Familien: der Roebels, Canstein und Canitz beigesetzt wurden, seit etwa 40 Jahren zugemauert ist, so ist es nicht mehr möglich, die Särge um ihre Inschriften zu befragen. Möglich, daß dieselben, z. B. über den Geburtsort Canitz’s, einen bestimmten Aufschluß geben würden. Ich hab in Vorstehendem den Menschen Canitz als eine lie- benswürdige, fein und innerlich angelegte Natur zu schildern ver- sucht; es bleibt noch die Frage übrig nach seiner politischen Bedeutung und nach seinem poetischen Werth. War er ein Staatsmann? war er ein Poet? Das Erstere gewiß, das Zweite kaum minder. Die Natur schien ihn für die diplomatische Laufbahn im Voraus geschaffen zu haben, und die complicirten Verwandtschafts- grade darin er stand (auch die Mutter seiner Frau war drei- mal verheirathet gewesen) hatten von Jugend auf dahin ge- wirkt, diese seine natürliche Beanlagung auszubilden. Eine uns aufbewahrte Charakteristik seines Wesens zeigt am besten, wie außerordentlich er sich für seine Laufbahn eignete, darin da- mals ungleich mehr noch als jetzt, alles an dem Erkennen und der richtigen Benutzung von Persönlichkeiten gelegen war. „Er war gesprächig, höflich, frei von Eigensinn und Wider- spruchsgeist , für Jedermann gefällig und aufmerksam, Fähig- keiten und Neigungen leicht durchschauend, jedem Gegenstande wie jedem Verhältnisse sich leicht bequemend — ein vollkommener Mann von Welt . Seine Rechtschaffenheit, sein Haß gegen Lüge und Zweideutigkeit unterstützten ihn eher, als daß sie sein Auftreten gehemmt, seine Erfolge behindert hätten. Bei großer Leichtigkeit war er von vorsichtiger Haltung; er wußte Ernst und Sanftmuth zu vereinen, um zu überreden und zu gewinnen. Im Friedenstiften, Vermitteln und Versöhnen besaß er ein einziges Talent .“ Die Inschrift unter dem Bildniß der alten Frau von Burgsdorf hatte also völlig Recht, von ihm als von dem „ klugen Staatsminister von Canitz“ zu sprechen; aber er suchte, wie schon angedeutet, diese Klugheit nicht in jener Kunst der Täuschung, am wenigsten in jenem Intriguenspiel, das da- mals an den Höfen blühte. Er kannte dies Spiel und war ihm gewachsen, aber sein redlicher und reiner Sinn lehnte sich gegen diese Kampfesweise auf. Deshalb zog es ihn immer wieder in die Stille und Unabhängigkeit des Landlebens und in einfach natürliche Verhältnisse zurück. „Der Hof — so schrieb er bald nach dem Tode des großen Kurfürsten — hat wenig Reiz für mich, und ich betrachte die Würden und Aemter, die Andere so eifrig suchen, nur als eben so viele Fesseln, die mich am Genusse meiner Freiheit hindern, der Freiheit, die über alle Schätze der Erde geht und deren echten Werth zu würdigen, den gemeinen Seelen versagt ist.“ Er kannte diesen „echten Werth der Freiheit“ wohl, aber die Verhältnisse gestatteten ihm nicht, sich dieser Frei- heit so völlig zu freuen, wie es seinen Wünschen entsprochen hätte. Es geschah, was so oft geschieht, man suchte die Dienste des- jenigen, der, im Gefühl seines Werths, diese Dienste anzubieten verschmähte, und wie oft er auch, um seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen, die Erfahrung gemacht haben mochte, „ daß Andere die goldenen Aepfel auflasen, während er beim heißen Lauf sich abmühte ,“ so war doch Gehorsam und Nachgiebigkeit in allen jenen Fällen geboten, wo Weigerung den Vorwurf des Undanks oder doch der Gleichgültigkeit gegen die allgemeinen In- teressen auf sich geladen hätte. Canitz drängte sich nicht zu Diensten, aber so oft er sie übernahm, zeigte er sich ihnen gewachsen. Leicht und gewissenhaft zugleich ging er an die Lösung empfangener Aufgaben und die graziöse Hand, mit der er die Fragen be- rührte, pflegte zugleich eine glückliche Hand zu sein. Fast an allen deutschen Höfen war er eine wohlgekannte und wohlgelittene Per- sönlichkeit und Kaiser Leopold bezeugte ihm vielfach seine Gnade und sein besonderes Wohlwollen. Canitzen’s letztes und vielleicht bedeutendstes diplomatisches Auftreten war im Haag, wo damals die Minen gelegt wurden, um den Ryßwicker Friedensschluß, der so viele Interessen verletzte und so viele Gefahren heraufbeschwor, wieder zu sprengen. Canitz zeichnete sich auch hier durch jene Klugheit und feine Besonnenheit aus, die, weil sie geflissentlich leise die Fäden zu schürzen oder zu entwirren sucht, gemeinhin auf den Beifall zu verzichten hat, der so leicht in all jenen Fällen sich einstellt, wo ein Diplomat so undiplomatisch wie möglich den Knoten zerhaut. Das heraus- fordernde Wort eines Rücksichtslosen, dessen Punktum bereits ein erster Kanonenschuß ist, wird jubelnd aufbewahrt, während die kluge Haltung Dessen, der eine heranziehende Gefahr beschwört, gemeinhin unbeachtet bleibt. Alles, was sich vor aller Welt Augen zu einem bestimmten Bilde abrundet, ist immer im Vortheil über das Unplastische, das sich in vertraulichem Rath oder gar in einer bloßen Aktenstückszeile vollzieht, und jener Erich Christoph v. Plotho, der zu Regensburg mit jenem berühmt gewordenen: „was! insinuiren??“ den kaiserlichen Notar, Dr. April, die Treppe hinunterwarf, hat ein ganzes Dutzend Diplomaten in Schatten gestellt. Ich hätte hier statt des v. Plothoschen auch ein anderes Beispiel citiren können, ein Beispiel aus der Canitz ’schen Zeit und noch dazu ein Vor- kommniß, in dem der Spezialfreund unseres Poeten, der schon an anderer Stelle genannte Johann von Besser , die Hauptrolle spielt. Besser war 1686 kurbrandenburgischer Gesandter in London, und es handelte sich, nach erfolgtem Tode Karl’s II. für das ganze diplomatische Corps darum, dem nun- mehrigen Könige Jacob II. die Glückwünsche ihrer resp. Höfe zu überreichen. Der alte venetianische Gesandte Vignola verlangte den Vortritt vor Besser; Besser aber Ueberall da, wo das Wort Friedrichs des Großen gilt: „Mach’ Er nur, ich stehe mit 200,000 Mann hinter Ihm!“ ist es nicht schwer, dem guten Rufe der Kraft auch den der Klug- heit hinzuzufügen, und das Achselzucken, das unsere preußischen Diplomaten in vorbismarckschen Tagen oft hinnehmen mußten, hat in ganz anderen Dingen seinen Grund, als in Mangel an Ein- sicht und staatsmännischer Bildung. Canitz Verdienste als Diplomat sind unbestritten, seine Ver- dienste als Poet, so sagt’ ich schon, sind kaum geringer. Wer auf gut Glück hin und ohne den Vorsatz liebevolleren Eingehens, den Band seiner Dichtungen aufschlägt und in einem, übrigens an Schönheiten keineswegs armen Gedichte folgende Anfangsstrophe findet: Laß, mein beklemmtes Herz, der Regung nur den Zügel, Begeuß mit einer Fluth von Thränen diesen Hügel, Weil ihn mein treuster Freund mit seinem Blut benetzt, Auf dieser Stelle sank der tapfre Dohna nieder, Hier war sein Kampf und Fall, hier starrten seine Glieder, Als ein verfluchtes Blei die theure Stirn verletzt, Das, eh’ der Sonne Rad den andern Morgen brachte, Ihn leider, ach zu bald zu einer Leiche machte Der Titel des Gedichtes lautet: „ Elegie ; letzte Pflicht der Freund- schaft, dem sel. Grafen von Dohna auf derjenigen Stelle abgestattet, wo derselbe, wenig Wochen zuvor, den tödtlichen Schuß empfangen hatte.“ (Es — verweigerte dies. Man einigte sich endlich dahin, daß der den Vortritt haben solle, der zuerst auf dem Platz erscheinen würde. Der alte Italiener kam früh, aber Besser kam früher; er hatte sich nämlich die Nacht über in eins der königlichen Vorzimmer einschließen lassen, und stand nun bereits da, als Vignola eintrat. Dieser war unklug genug, nach wie vor auf den Vortritt zu bestehen. Besser warnte ihn. Als der Ceremonienmeister die Thür öffnete, sprang Vignola vor, Besser aber, der von großer Körperkraft war, packte im selben Augenblicke den alten Schelm hinten am Hosenbund und schnellte ihn mit ge- übter Ringerkunst mehrere Schritte hinter sich. Ohne eine Miene zu verziehen, trat er darauf, völlig fest und gesammelt, an die Stufen des Thrones und hielt seine Ansprache. Alles war entzückt, der König nichts weniger als be- leidigt und der spanische Gesandte sagte ruhig zum alten Vignola: „Caro vecchio, avete fatto una grande cacata.“ Der Vorfall machte in ganz Europa Sensation und wurde wie ein neuer Sieg Brandenburgs gefeiert, nicht viel geringer, als sei eine zweite Schlacht von Fehrbellin geschlagen und gewonnen worden. wer, sag’ ich, solche und ähnliche Strophen findet, wird freilich zunächst den Kopf schütteln und seine Ungläubigkeit ausdrücken, daß es mit so zopfigen Alexandrinern irgend etwas auf sich habe. Und in gewissem Sinne mit Recht. Wir dürfen diese Dinge aber nicht mit einem Maßstabe messen, den wir dem gegenwärtigen Stande unserer Literatur entnehmen, sondern müssen uns viel- mehr die Frage vorlegen: was waren diese Gedichte in und zu ihrer Zeit? Und zu ihrer Zeit waren sie sehr viel . Wenn ihnen jetzt, wie das gelegentlich geschieht, mit herablassender Miene zu- gestanden wird, daß sie das Verdienst der gewählten Sprache, der Reinheit und Eleganz hätten, so genügt diese Anerkennung keineswegs; denn es ist das ein Zugeständniß, das so ziemlich allen modernen Dichtern gemacht werden kann, während unter diesen doch nur wenige sind, die für ihre Zeit das Maß von Bedeutung beanspruchen dürfen, das Canitz für die seinige besitzt. Er war einer von denen, denen die Aufgabe zufiel, uns erst eine Sprache und innerhalb derselben ein Gesetz zu geben. Dies Ge- schenk, diese Hinterlassenschaft ist nicht hoch genug zu schätzen. Wir stehen auf den Schultern derer, die damals thätig waren, und wenn Canitz auch nicht in die Reihe der epochemachenden, literarischen Reformatoren jener Zeit gehört, die sich, wie nament- lich Opitz, für die Gesamm tentwicklung deutscher Sprache und Dichtung von nachhaltiger Bedeutung erwiesen haben, so war er doch wenigstens für unsre Mark das, was andre für weiter ge- zogene Kreise waren. Er zeigte zuerst, daß die Mark und die Musen nicht völlige Gegensätze seien. Aber die Verdienste Canitz’ sind keineswegs nur sprach- licher Natur; seine Gedichte haben auch ihren dichterischen Werth. Es ist wahr, daß er das Dichten zum Theil wie andre angenehme Unterhaltung trieb und er selber nannt’ es in seinen Briefen „die Kurzweil des Reimens,“ aber wir würden ihm doch sehr Unrecht thun, wenn wir nach jenen zahlreichen Reime- reien, wie sie bei Festspielen, den sogenannten „Wirthschaften“ da- geschah dies bei dem berühmten Sturm auf Ofen 1686; die Brandenburger, von den Türken die „Feuermänner“ geheißen, wurden von General v. Schö- ning geführt.) mals Mode waren, den Werth seiner Dichtung überhaupt ab- schätzen wollten. Gewiß, er trieb das Dichten wie Tagewerk, aber er trieb es auch, und zwar im besten Sinne, wie man ein poetisches Tagebuch führt, darin er Allem zu einem dichterischen Ausdruck verhalf, was der Lauf des Tages brachte. Der Tag brachte Vieles, Großes und Kleines, Absonderliches und Alltägliches, und diesen Wechsel zeigen auch seine Dichtungen, aber sie sind einig in dem einen, daß sie, ob groß ob klein, ein Erlebtes wiederspiegeln; sie sind nicht Fiktion, sie sind wirklich, sie haben einen realen In- halt; dieser Inhalt ist nicht immer poetisch, weder in sich, noch in der Art, wie er sich giebt, aber es fehlt auch überall die Ge- fahr, sich in’s Nichts zu verflüchtigen. Der alte Bodmer sagte von diesen Gedichten: „Canitz legete nichts Fremdes in dieselben, was nicht zuvor in seinem Sinn und Herzen gewesen wäre.“ Das ist sehr richtig und der Stempel des Aechten, Wahrhaftigen, an sich selbst Erfahrenen, auch da noch wo es sich um bloße Re- flexionen handelt, hält schadlos für den fehlenden Hochflug, auch für einen gewissen Mangel an Kraft, Originalität und Tiefe, den wir nicht in Abrede stellen wollen. Ein einziges Gedicht rührt von ihm her, das an Sprache, Form und namentlich auch an Innerlichkeit Alles weit zurück- läßt, was er außerdem geschrieben hat, und nicht nur einen rela- tiven, sondern einen vollen und unbedingten poetischen Werth beanspruchen darf. Es ist dies das Gedicht: „An Doris,“ oder: „Ueber den Tod seiner ersten Gemahlin“, wie es in einer älteren Ausgabe genannt wird. Es gilt von diesem Gedicht etwas Aehn- liches, wie Schlegel von Bürger’s „Leonore“ gesagt hat: „daß es allein schon ausreichen würde, den Namen des Dichters der Nach- welt zu überliefern.“ Die Zeiten ändern sich freilich und es wird Manchem jetzt pedantisch erscheinen, 27 Trauerstrophen, noch dazu die Arbeit von Jahren, auf den Tod einer hingeschiedenen, ge- liebten Frau gedichtet zu sehn. Aber das Lächeln über die alt- fränkische Mode ist unberechtigt. Es ist mit einem solchen Ge- dicht, wie mit einem Bildhauer, der seine Frau verliert und ihr ein Monument errichten will. Er hat sie selbst am besten ge- kannt, trägt ihr Bild am treusten im Herzen und geht freudig und gutes Muthes an die Arbeit . Die Arbeit ist mühe- Fontane , Wanderungen. IV. 14 voll und kostet ihm Zeit, aber endlich hat er’s erreicht, und Nie- mand tritt jetzt heran und wundert sich, daß er Jahre gebraucht hat zu einer Schöpfung der Pietät und Liebe. So muß man auch eine solche „Trauer-Ode“ auffassen, die damals gemeißelt wurde wie in Stein. Wir gestatten jetzt nur noch eine hingeworfene Skizze, einen lyrischen Ausruf als Ausdruck des Gefühls. Aber Beides kann neben einander bestehen, jedes ist eine berechtigte Art und es ist einfach falsch zu sagen, die alten Poeten von damals, weil sie weder in Desperation noch in Melancholie dichteten, hätten überhaupt nichts empfunden. Man lese die Dinge ohne Vorur- theil, und man wird an der Wirkung auf das eigene Herz wahr- nehmen, daß ein Herz in diesen zopfigen Strophen schlägt. Werneuchen. Wenn vor des Pfarrhofs kleinen Zellen Nun bald die Lindenknospen schwellen, Wenn Vögel in den Ahorn-Hecken Die weißen Eierchen verstecken, Dann kommst Du, unsres Glückes froh Im Hute von geflochtnem Stroh, Zu athmen hier voll Veilchenduft Werneuchen’s reine Frühlingsluft. Schmidt von Werneuchen. I nmitten des Barnim, halben Wegs zwischen Berlin und Ebers- walde, liegt das Städtchen Werneuchen. Ich sage Städtchen, um dem Local-Patriotismus einzelner seiner Bewohner nicht zu nahe zu treten, die das Beiwort „Stadt“ für ironische Uebertreibung und die Bezeichnung „Flecken“ als Mangel an Respect ansehen möchten. Ich hüte mich weislich vor jeder Partei-Ergreifung und verweigere nicht minder an dem über die Herstammung des Wortes „Werneuchen“ ausgebrochenen Kampfe Theil zu nehmen. Alles was an Erbitterung auf dem Felde der vergleichenden Sprach- forschung nur jemals zu Tage getreten ist, ist auch hier wieder sichtbar geworden, und die Partei „Bernau“, wiewohl mehrmals geschlagen, steht der Partei „Warnow“ immer noch voll unge- brochenen Muthes gegenüber. Werneuchen ist Klein-Bernau sagen die Einen und deduciren etwa wie folgt: Klein-Bernau = Ber- näuchen und Bernäuchen = Werneuchen. Mit nichten, erwidern die Andern; Werneuchen ist Klein-Warnow, Klein-Warnow = Warnowichen und Warnowichen = Werneuchen. 14* Werneuchen gehörte wie Zossen, Trebbin, Baruth u. a. m. zu jenen bevorzugten Oertern, die sich ohne besonderes Verdienst, in jener kurzen Epoche die zwischen dem Sandweg und dem Schienenweg lag und die man das Chaussee-Interregnum nennen könnte, zu einer gewissen Reputation emporarbeiteten. Und viel- leicht wurde dies Grund und Ursach, daß man, als das eherne Zeitalter der Eisenbahnen wirklich anbrach, den Ruin Werneuchens für gekommen hielt und vor seiner Zukunft (denn die Bahn nahm eine andere Richtung) erzitterte. Man hatte sich daran gewöhnt, Werneuchen und Passagierstube für identisch anzusehen; nun be- seitigte man diese mit einem Federstrich und die Frage trat bang an jedes Herz: „was bleibt noch übrig? was wird?“ Aber die Dinge kamen anders, als man gedacht hatte; die Furcht war, wie immer, schlimmer gewesen als die Sache selbst, und Werneuchen blieb im Wesentlichen was es vorher gewesen war. Die Frucht- barkeit der Aecker und der Fleiß der Bewohner deckten alsbald das Deficit, wenn überhaupt ein solches entstand, und der freund- lichen Häuschen mit Ziegeldach und grünen Jalousieen wurden nicht weniger, sondern mehr. In der That, Werneuchen gewährt den Anblick eines sauberen und an Wohlhabenheit immer wachsenden Städtchens. Aber es ist doch nicht das heutige Klein-Warnow oder Klein-Bernau, wohin ich den Leser zu führen gedenke, vielmehr gehen wir um 70 Jahr in seiner Geschichte zurück und rüsten uns zu einem Be- such in dem alten Werneuchen, wie es zu Anfang dieses Jahrhunderts war. Auch damals war es ein freundlicher Ort, aber die Chaussee, die noch gar nicht vorhanden oder doch erst im Bau begriffen war, hatte noch nicht Zeit gehabt, die Fensterladen mit dem rothen Anstrich und den eingeschnittenen Herzen zu verdrängen, und die Strohdächer mit ihrem Storchennest und ihren schief stehenden Schornsteinen überhoben den Besucher — trotz der zwei Bürgermeister die Werneuchen damals hatte — der jetzt so heikel gewordenen Frage von „Dorf oder Stadt.“ Keine Schützengilde paradirte zu jener Zeit mit Sang und Klang durch die Straßen, und wenn draußen in Wald oder Feld ein Schuß fiel, so wußte man, daß es die Büchse des Försters sei, der am Gamen-Grunde, hart an der Stelle wo der Weg nach Freienwalde hin abzweigt, sein unter Tannen geborgenes Häuschen hatte. Keine Schützengilde gab es, auch keinen Veteranen-Verein, aber etwas Anderes, eine Curiosität, ein Restchen Mittelalter und Vehmgericht, das sich aus unvordenklicher Zeit, allen Einflüssen des nivellirenden 18. Jahrhunderts zum Trotz, an diesem stillen Ort erhalten hatte. Dies Vehmgericht im Kleinen war die soge- nannte „Wröh.“ Zu festgesetzten Zeiten, aber immer nur im Sommer, versammelten sich die Bürger-Bauern auf einem von alten Linden überschatteten Platze, der ziemlich in der Mitte zwischen dem Pfarrhaus und der Kirchhofsmauer gelegen war. Unter den Bäumen dieses Platzes, nach der Kirchhofs-Seite hin, lagen vier abgeplattete Feldsteine, die man durch aufgelegte Bretter in eben so viele Bänke verwandelte, wenn eine „Wröh“ abgehalten werden sollte. Was in alten Zeiten in diesen Geschwornen-Ge- richten besprochen und bestimmt ward, ob jemals ein Werneuchener Bürger-Bauer das bekannte Messer in den Baum am Kreuzweg gebohrt oder nicht, wird wohl nie mehr zur Kunde der Nachwelt gelangen, unsere Kenntniß über die Sitzungen der Werneuchener „Wröh“ datirt erst aus den unromantischen Zeiten des Allge- meinen Landrechts, wo ganz Werneuchen und natürlich auch die „Wröh“ unter die stille Superintendenz eines Magistrats und der schon vorerwähnten Doppel-Bürgermeisterei gekommen war. Die Gerichtsbarkeit der „Wröh“ war eine durchaus enge geworden und beschränkte sich darauf, in wöchentlichen oder monatlichen Sitzungen den Schadenersatz festzustellen, den das Vieh des einen Bürgers oder Bauern den Feldern oder sonstigem Besitzthum des andern zugefügt hatte. Stimmenmehrheit entschied und ohne Streit oder weiteren Appell wurden die Dinge geregelt. Die letzten dreißig Jahre haben uns in den „Schiedsgerichten“ etwas Aehn- liches wiedergebracht, aber was dieser trefflichen Neuschöpfung im Vergleich zu jener alten fehlt, ist die fremd und mystisch klingende Bezeichnung und wir begreifen vollkommen den Stolz eines Wer- neucheners, der von den Zeiten der „Wröh“ spricht, wie ein Lübecker von der Hansa und ihrer Ostsee-Herrschaft. Im Sommer 1809 hatte Werneuchen noch seinen Lindenplatz zwischen Pfarrhaus und Kirchhof und was mehr sagen will auch noch die vier Feldsteine und seine „Wröh“. Wir kommen aber nicht in heißer Junischwüle von Berlin, um einer Sitzung des letzten Aus- läufers der Vehme voll Schweigen und Ehrerbietung beizuwohnen, — wir haben ein andres Ziel vor Augen: einen Besuch in der Pfarre. Dorf Blumberg liegt längst hinter uns und nun auch Seefeld und Löhme, zwei Zwillingsdörfer, die von hüben und drüben ihre völlig gleichen Kirchthurmspitzen im Wasser des Lohme-See’s spiegeln. Aber der Werneuchner Kirchthurm neckt uns noch immer und ermüdet vom langen Marsche halten wir inne, stützen uns nach hinten übergebogen auf unseren Stock und lüften mit der Linken den Hut, um uns die Stirne vom Winde kühlen zu lassen. Da plötz- lich ist es, als hörten wir etwas wie Peitschenknall und Pferde- schnaufen, und zurückblickend bemerken wir einen offenen Wagen, der den Sand des Weges aufwirbelnd, in raschem Trab uns folgt. Und im nächsten Augenblicke schon ist er so nahe, daß wir seine Insassen bequemlichst zählen können. Es sind ihrer fünf. Vorne der Kutscher mit zwei blondköpfigen Jungen und dahinter auf dem eigentlichen Sitze des Wagens — der in vier Lederriemen hängt und bei jeder Bewegung hin- und herschaukelt — ein wohl- genährtes Ehepaar, allem Anscheine nach zwischen dreißig und vierzig. Die Frau hält einen aufgespannten Regenschirm, den sie mit vielem Geschick à deux mains zu gebrauchen weiß, indem sie das rothe Dach als Schutz gegen die Sonne, den Griff aber als Krückstock benutzt, um die beiden Jungen in Ordnung zu halteu, die des engzugemessenen Raumes halber in beständiger Fehde sind und aller Controle zum Trotz ihren still erbitterten Kampf mit den Ellenbogen fortsetzen. Zwischen der Sitzbank und dem schrägen Hintertheile des Wagenkorbs ist noch ein leerer Raum und unsere Kenntniß ähnlicher Fuhrwerke läßt uns errathen, daß hier ein Häcksel- oder Futtersack verborgen sein müsse, der schließlich nichts dagegen haben würde, wenn wir uns entschlössen, die letzte Viertelmeile des Wegs auf seinem Polster zurückzu- legen. Und wirklich wir schwingen uns hinein, und unsere Tarn- kappe hervorziehend, unser selbstverständliches und aller wichtigstes Reise-Necessaire, sitzen wir jetzt unbemerkt auf dem Häckselsack und werden zu glücklichen Zeugen all der kleinen Erziehungs- und Unterhaltungs-Scenen, die sich mehr und mehr zu einer gemüth- lichen Familien-Komödie gestalten. Unmittelbar vor uns, auf einer für unsere Füße frei ge- bliebenen Stelle, liegt ein Spielzeug, jenes mit Glöckchen und Schellen behängte Blech-Instrument, das unter dem Namen der „Janitschar“ das Entzücken aller Kinderherzen bildet. Der Raum ist so eng, daß wir’s trotz äußerster Vorsicht nicht vermeiden können die Glöckchen gelegentlich zu berühren, und jedesmal wenn es klingelt und tingelt drehen sich alle fünf Köpfe nach uns um, in leiser Ahnung, daß es auf dem Häckselsacke nicht ganz richtig sei. Diese Kopfwendungen, die der starken Frau jedesmal äußerst schwer werden, geben uns eine gute Gelegenheit unsere bis dahin nur von Rücken und Seite her gesehene Reisegesellschaft auch en face kennen zu lernen und uns über den Ausdruck des Behagens als eines charakteristischen Familienzuges zu vergewissern. Die beiden Jungen sind unzweifelhaft Zwillinge; der Mutter, einer hübschen blonden Frau, rollen die Schweißtropfen wie Freuden- thränen von der Stirn und ihr Ehegemahl zur Rechten zeigt uns jenes wohlbekannte, aus Würdigkeit und Sonnenbrand zusammengesetzte Gesicht, das alle ländliche Beamte zu haben pflegen, denen der Dienst in der Amts- und Gerichtsstube die Zeit zu Schnepfen- und Entenjagd nicht allzu sehr verkürzt. Und so fehlt denn nichts mehr als die namentliche Vorstellung: Amts-Actuarius Bernhard aus Löhme, nebst Frau und Familie, die sich gleich nach Tisch auf den Weg gemacht haben, um dem befreundeten Pfarrhause zu Werneuchen, wo heute Geburtstag ist, einen Besuch abzustatten. Die beiden Braunen traben tüchtig weiter, der kleine Streit zwischen dem Ehepaar, ob „Päth Ulrich“ heute 9 oder erst 8 Jahre geworden sei, ist endlich selbstverständlich zu Gunsten der Frauen- ansicht entschieden, und der seit einer Viertelstunde seine Peitsche „Gewehr bei Fuß“ habende Kutscher nimmt sie jetzt wieder in die Hand, um angethan mit allen Abzeichen seiner Würde in Werneuchen einzufahren. Schon holpert und stolpert der Wagen auf dem tiefausgefahrenen Steinpflaster, der Kutscher knallt oder streicht mit bemerkenswerther Eleganz die Stechfliegen von dem Hals der Pferde, das rothe Dach des Regenschirms wird einge- zogen und nur einmal noch fährt die Schirmkrücke mit einem energischen „sitz gerade,“ in den Rücken des linken Jungen. In demselben Augenblick aber wo der Getroffene zusammenfährt, hält auch der Wagen schon vor der Werneuchener Pfarre. Von unserm Versteck her haben wir Zeit das Haus zu mustern. Es ist ein Fachwerkbau mit gelbem Anstrich und kleinen Fenstern, sein einziger Schmuck der geräumige Vordergiebel und ein paar alte Kastanienbäume, deren hohe Kronen das ganze Haus in Schutz zu nehmen scheinen. Die Hausthüre steht offen und gönnt einen Blick auf den kühlen fliesengedeckten Flur; aber Niemand erscheint auf ihm um die Gäste willkommen zu heißen. Die beiden Jungen haben endlich das Terrain recognoscirt und kommen mit einer barfüßigen alten Frau zurück, die sie hinten im Garten mit Unkrautjäten beschäftigt fanden. In ziemlich dienstlichem Tone poltert der Amtsactuarius ein paar seiner Fragen heraus; aber bald ergiebt sich’s, daß die Jätefrau taub ist und es am ge- rathensten sein dürfte, die Gesammtkosten der Unterhaltung ihr zuzuschieben. „Alles ausgeflogen .. Alles in’n Wald .. Ulekens Geburtstag.“ Diese Worte genügen völlig. Unser Amtsactuarius ist lange genug in dem Werneuchener Pfarrhaus aus- und einge- gangen, um zu wissen wo der Pfarrer seine Lieblingsplätze hat und der Alten zum Zeichen völligen Eingeweihtseins einen kurzen Gruß zunickend, läßt er im nächsten Augenblicke weiter traben. Als der Wagen etwas heftig anrückt, fall’ ich nach hinten über und stoße so stark an die Janitschar, daß sämmtliche Glocken zu klingen anfangen. Aber Alles ist bereits in solcher Aufregung, daß Niemand mehr darauf achtet, welcher Mittagsspuk da hinten sein Wesen treibt. Bis zum Gamen-Grund ist eine halbe Stunde. Wir sind eben in den Fahrweg eingebogen, der nach Freienwalde hin ab- zweigt, und halten alsbald an einem Waldpfade, den wir in seinen Windungen durch das Gehölz hin deutlich verfolgen können. Quellen sickern im Moos. Elsen und anderes Laubholz mischt sich unter die Tannen und erfrischende Kühle weht uns an. „O, da singen sie schon. Wußt’ ich doch, daß wir sie finden würden“ — mit diesen Worten, die fast wie Selbstgratulation klingen, eilt der Amts-Actuar von rechts her auf die linke Seite hinüber, um bei der bevorstehenden Landung seiner Ehe- hälfte nach Kräften behülflich zu sein. Im Vertrauen auf die Gutgeartetheit der Pferde wird statt des directen Weges über das linke Vorderrad der Umweg über den Deichseltritt gewählt; wir aber, als wir diese Vorkehrungen glücklich getroffen sehn, schwingen uns, die linke Hand auf dem Wagenkorbe, mit raschem Ruck in den Fahrweg hinein und eilen der Actuar-Familie voraus in die Waldestiefe hinein. Da haben wir sie. Mitten auf einem Rain, den hochstämmige Tannen einschließen, scheinen die Elfen an hellem Nachmittag ihre Spiele zu treiben. Ein Dutzend Kinder, groß und klein, und mit allerhand Kränzen im Haar tanzen den Ringelreihen, während inmitten ihres Kreises ein Blondkopf steht und mit seiner Weidenruthe hierhin und dorthin zeigt, als wär’ es ein Zauber- stab. Abwärts davon, in einer Vertiefung unter den Bäumen, qualmt und knistert ein Feuer, an dessen Rande, neben anderem Topfwerk, eine jener weitbauchigen braunen Kannen steht, die den Namen ihrer schlesischen Vaterstadt ruhmreich über die Welt getragen haben; dahinter aber, auf einer natürlichen Bank, sitzt pastor loci , kenntlich durch Haltung und Sammetkäpsel, und reicht seiner neben ihm stehenden jungen Frau die Hand. „Es ist gut so,“ scheint seine freundliche Miene zu sagen, und die Glückliche, glücklich in seinem Besitze, neigt sich und küßt ihm die Stirn, auf einen kurzen Augenblick unbekümmert um Kannen und Kinder und um das brodelnde Wasser, das eben zischend in die Flamme fährt. Wir stehen noch im Bann dieser reizenden Scene, da knickt es dicht neben uns im Unterholz, und das rasche, laut-ängstliche Athmen einer Asthmatischen läßt keinen Zweifel darüber, wer im Anzuge sei. Wirklich, ihre Zwillinge vorauf, den Ehgemahl mit der Janitschar unmittelbar hinter sich, ist die Frau Amtsactuar auf die Waldwiese getreten. Und vor ihrer Erscheinung ist der Zauber entflohen. Der Ringel- reihen schweigt, die Werneuchner Dorfjugend hat ihr Elfenthum abgestreift und das gesammte junge Volk stürzt mit Jubelgeschrei den Ankommenden entgegen. Wir sind nicht Zeugen der Begrüßungsscene, die nun folgt, sehen nicht, wie der reizende Blondkopf, der noch eben auf einem Elsenstumpfe stand, das bewunderte Geschenk aus den Händen seines Pathen entgegennimmt und betheiligen uns noch weniger an „Hirsch und Jäger“ oder gar an dem Wettkampfe der abschließend zwischen den Horatiern und Curiatiern von Werneuchen und Loehme zur Aufführung kommt — wir gönnen den Alten am Feuer ihr Geplauder und den Kindern im Wald ihre Lust und gesellen uns ihnen erst wieder, als sie gegen Abend, uner- müdet vom Singen und Springen, ihren Heimmarsch antreten. Halben Weges zwischen dem Gamen-Grund und Werneuchen be- gegnen wir ihnen und lassen den phantastischen Zug an uns vorüberziehn. Voran Klein-Ulrich, der Held des Tages. Un- mittelbar hinter ihm die Zwillinge, von denen einer auf einem Kaffeetrichter bläst. Und nun der Fahnenträger, einen Birken- busch vor sich. Andre folgen mit zinnernen Bechern und blechernen Löffeln — alles in allem ein Bacchuszug aus jenen Regionen, wo das Besingkraut an die Stelle des Weinlaubs tritt. Neben dem Zuge her mahlt der Loehmer Amtswagen. Unsere stattliche Freundin, die seit dem Abendgange durchs Korn, auf dem sie sich verlobte, nie mehr einen Spazierngang wagte, thront mit dem Ausdruck wachsenden Behagens auf ihrem Wagensitz, und gelegentliche Zurufe, die sich auch jetzt noch auf nicht abzu- reichende Distance der Erziehung ihrer Zwillinge widmen, geben ihr mehr Befriedigung als Verdruß. Eine kurze Strecke hinter dem Zuge folgen die Männer in lebhaftem Gespräch und der Amts-Actuar, der die Berliner Zeitung hält, rectificirt die rechte Flügel-Aufstellung bei Wagram, „ein Fehler, den er dem Erzherzog Karl nie zugetraut hätte“. Neben ihnen her aber, gleich unan- gefochten durch die Fehler bei Wagram, wie durch die Correkturen des Amts-Actuars, trottet Boncoeur, aller Liebling und Vertraute, mit einem so ehrlichen Pudelgesicht, als hab er’s jedem Einzelnen versprochen, für verlorene Tücher und Schuhbänder mit seiner Person aufkommen zu wollen. Dämmerung liegt auf der Dorfstraße. Die Spielgefährten schlüpfen rechts und links in Hof und Thüre, während unsere Freunde vor der Pfarre halten. Die Sterne ziehen herauf und es wird still in Dorf und Haus. So sah es im Sommer 1809 in Werneuchen aus, allwo der vielgenannte „Pastor Schmidt von Werneuchen “ damals im Amte war. Ich glaubte den Mann, dem diese Darstellung gilt, nicht besser einführen zu können, als durch ein Bild, das ihn uns in Wald und Feld und im Kreise der Seinen zeigt. Eine kindliche Natur, hing sein Herz an dem Stillleben der Familie. Bevor ich seine Charakteristik versuche, schick’ ich eine Zu- sammenstellung des biographischen Materials vorauf, das ich über den äußerlichen Gang seines Lebens erhalten konnte. Friedrich Wilhelm August Schmidt, genannt Schmidt von Werneuchen, wurde den 23. März ( nicht Mai) 1764 in dem reizend gelegenen Dorfe Fahrland Vergl. „Fahrland“ und „die Fahrlander Chronik“ in Band III der „Wanderungen“. Diese Fahrland-Kapitel wurden später geschrieben als das vorstehende Werneuchner und enthalten allerlei Details über die Schmidt von Werneuchenschen Eltern. bei Potsdam geboren. Sein Vater war Pfarrer daselbst. Von den glücklichen Tagen seiner Kindheit erzählt uns eine seiner gelungensten Idyllen: „ An das Dorf Fahrland “: Ach, ich kenne dich noch, als hätt’ ich dich gestern verlassen; Kenne das hangende Pfarrhaus noch mit verwittertem Rohrdach, Wo die treu’ste der Mütter die erste Nahrung mir schenkte. Es scheint, daß er den Vater frühzeitig verlor, denn er kam schon um 1775 auf das Schindler’sche Waisenhaus nach Berlin, wo der spätere, gleichfalls als Dichter ausgezeichnete Staatsrath Friedrich August v. Staegemann, eines Uckermärkischen Predigers Sohn, sein Mitschüler war. Ob er, wie dieser, auf dem „grauen Kloster“ oder aber auf einer anderen Schule seine Gymnasial- Bildung vollendete, konnt’ ich nicht ersehen. Etwa um 1785 ging er nach Halle, daselbst Theologie zu studiren. Seine Lage muß um jene Zeit eine ziemlich bedrängte gewesen sein, wie die Anfangs- zeilen einer poetischen Epistel an seinen Freund Christian Heinrich Schultze, Prediger in Döbritz, vermuthen lassen. Diese lauten: Du mir theuer, seit bei magrer Krume Und beim Wasserglas der Freundschaft Band Uns umschlungen an der Saale Strand ꝛc. Anfang der 90er Jahre scheint er die Stellung als Prediger am Berliner Invalidenhause erhalten zu haben. In diese Zeit fällt auch seine Verlobung mit seiner geliebten, in vielen Liedern gefeierten Henriette, mit der er dann 1795 die glücklichste Ehe schloß. 1796 erhielt er die Werneuchner Pfarre. Die Jahre vor und kurz nach seiner Verheirathung bilden auch die Epoche seines frischesten poetischen Schaffens. Die Lieder an „Henriette“ ge- hören selbstverständlich dieser Zeit an, aber auch seine Vorliebe für das Beschreibende zeigte sich schon damals, vor allem der ihn charakterisirende Hang für das Abmalen jener Natur, die ihm vor der Thür lag, die er stündlich um ihre Eigenart befragen konnte. Den Wunsch, seine Werneuchner Pfarre mit einer anderen zu vertauschen, scheint er nie gehabt zu haben. Sein Wesen war Genügsamkeit, Zufriedenheit mit dem Loose, das ihm gefallen. Eine Reihe von Kindern ward ihm geboren; sie waren der Son- nenschein des Hauses. Den jüngsten Knaben, Ulrich, verlor er frühzeitig; kurz vorher oder nachher starb auch die Mutter. Mit ihr begrub er die Freudigkeit seines Herzens. Eine Reihe von Liedern verräth uns, wie tief er ihren Tod beklagte. Später ver- mählte er sich zum zweiten Male. Seine zweite Gattin überlebte ihn und errichtete ihm das Denkmal, ein gußeisernes Kreuz, auf dem Werneuchner Kirchhof, das, von einem schlichten Holzgitter eingefaßt, folgende Inschrift trägt: „F. W. A. Schmidt, Prediger zu Werneuchen und Freudenberg, geb. den 23. März 1764, gest. den 26. April 1838. Rückseite: „Ich will euch wiedersehen und euer Herz soll sich freuen und eure Freude soll Niemand von euch nehmen.“ Ihm zur Seite ruhen, unter überwachsenen Epheuhügeln, seine erste Gattin (Henriette) und sein Lieblingssohn Ulrich. Diesen kurzen biographischen Notizen laß ich eine Reihe mir zugegangener kleiner Mittheilungen folgen, ohne weitere Zuthat von meiner Seite. Den Pfarracker hatte er verpachtet, weil er, wie er sagte, nicht „verbauern“ wollte. Aber wenn er auch seine Ehre und seine Aufgabe darin setzte, nicht selbst ein Bauer zu werden, so liebte er doch die Landleute sehr und sprach gern und eingehend mit ihnen. Die Landwirthschaft, als ein Großes und Ganzes, hatte er bei Seit’ gethan, aber sein Garten war seine beständige Freude. Er hätte ohne diese tägliche Berührung mit dem Leben der Natur nicht sein können. Der Garten lag unmittelbar hinter dem Hause, rechts von der Kirchhofsmauer über die die Grabkreuze hinwegragten, links von Nachbarsgärten eingefaßt; nach hinten zu ging der Blick in’s Feld. Schneeball- und Hollunder-Bosquets empfingen den Be- sucher, der aus der geräumigen Küche mit ihren blank gescheuerten Kesseln in den unmittelbar dahinter gelegenen Garten eintrat. Die besondere Sehenswürdigkeit darin war ein alter Birnbaum, der noch jetzt existirt und schon damals als einer der ältesten in den Brandenburgischen Marken galt; der größte Schmuck des Gartens aber waren seine vier Lauben. Drei davon, die dem Hause zunächst lagen, waren Fliederlauben in denen je nach der Tageszeit und dem Stand der Sonne, der Besuch empfangen und der Kaffee getrunken wurde, die vierte dagegen, die mehr eine hohe, kreisrunde Blühdornhecke, als eine eigentliche Laube war, erhob sich auf einer kleinen Anhöhe am äußersten Ende des Gartens und führte den Namen „Sieh dich um.“ In diese Hecke waren kleine Fensteröffnungen eingeschnitten, die nun, je nachdem man seine Wahl traf, die reizendsten Aussichten auf Kirch- hof, Gärten oder blühende Felder gestatteten. Rothe und weiße Rosen faßten überall die Steige ein, eine der Lauben aber, und zwar die, die sich an die Kirchhofsmauer lehnte, führte deutungs- reich den Namen „Henrietten’s Ruh.“ In diesem Garten arbeiten war unseres Freundes Lust. Mit einer Art von Befriedigung pflegte er sich aufrichten und seinem Sohne zurufen: „Heut thut mir der Rücken weh vom Bücken.“ Hühner und Sperlinge vom Garten abzuhalten, war die stets gern erfüllte Pflicht der Kinder. Der Sommer war schön, aber der schönste Monat des Jah- res war doch der December. „Das Weihnachtsgefühl, die hohe Vorfreude des Festes in uns zu wecken“ so schrieb mir der Sohn „verstand er vortrefflich. Er that es in lockender, die Einbil- dungskraft anregender Weise, theils durch Töne von Kinderinstru- menten, theils durch Proben von Weihnachtsgebäck, welches von bepelzter Hand durch die knapp geöffnete und im Hui wieder ge- schlossene Thür in die Kinderstube geworfen wurde. Ließ einmal Knecht Ruprecht gar nichts von sich hören und sehen, so baten wir singend an der hoffnungsreichen Pforte um sein Erscheinen und seine Gaben. Waren wir artig gewesen, so gewährte er; an- dernfalls prasselten Nußschalen oder faule Aepfel durch die Thüröffnung herein.“ Den Jubel am heiligen Abend hat er in einem seiner populärsten Gedichte selbst beschrieben: Nußknacker steh’n mit dickem Kopf Bei Jud’ und Schornsteinfeger; Hier hängt ein Schrank mit Kell’ und Topf, Dort hetzt den Hirsch der Jäger. Hier ruft ein Kuckuck, horch! Und dort spaziert ein Storch, Mit Aepfeln prangt der Taxusbaum Und blinkt von Gold und Silberschaum. Zu Pferde paradirt von Blei Ein Regiment Soldaten; Ein Sansfa ç on sitzt frank und frei Gekrümmt und münzt Ducaten. Und Alles schmaust und knarrt, Trompet’ und Fiedel schnarrt; Fern steh’n die Alten still erfreut Und denken an die alte Zeit. Das Leben auf der Pfarre war ein ziemlich bewegtes. Mit einigen Predigern in der Umgegend war er von früher her be- kannt und diese besuchte er, wenn er auf geistige Anknüpfungs- punkte rechnen konnte; sonst schwerlich. Unter den befreundeten Amtsbrüdern befand sich auch der Probst Gloerfeld in dem be- nachbarten Bernau. Dieser würdige und allgemein hochgeachtete Geistliche hatte einen schönen Tod. Er war ein großer Garten- freund, wie die meisten Geistlichen in jener geldarmen Zeit, und empfing dann und wann Besuche von Personen, die seinen schönen Garten sehen wollten. Einmal erschien auch eine junge, durch- reisende Dame und als er sich bücken wollte, um ihr eine Rose zu pflücken, sank er todt zwischen die Blumenbeete nieder. Schmidt’s Gedichte geben über den Kreis seiner Bekanntschaft die beste Auskunft. Es lag in der Natur seiner Muse, die einen durchaus häuslichen Charakter hatte und das Leben mehr erheitern als auf seine Höhen treiben wollte, daß er Dinge, die sich in Prosa eben so gut hätten sagen lassen, in Versen abmachte. Bei- spielsweis Einladungen und Gratulationen. So lernen wir denn beim Lesen seiner Dichtungen auch seine Freunde und Bekannte kennen und zwar aus Näh’ und Ferne: Pastor Schultz aus Dö- britz im Havelland, Amtsactuarius Bernhard aus Loehme (unser alter Freund aus dem Gamen-Grund her), Prediger Dapp in Klein-Schöneberg, Rudolf Agrikola, Frau Oberst von Valentini, Maler Heusinger und Andere mehr, meist Personen, die mit mehr oder minder Dringlichkeit aufgefordert werden, der Werneuchner Pfarre „die im Grunde genommen viel hübscher sei als die Ber- liner Paläste“ ihren Besuch zu machen. Besonders nah stand ihm der Pastor Ahrendts in dem nur eine Meile entfernten Beyers- dorf. Mit diesem hatte er zusammen studirt, beide waren in un- mittelbarer Aufeinanderfolge Prediger im Berliner Invalidenhause gewesen, beide hatten zu Ende des vorigen Jahrhunderts ihre benachbarten Landpfarren erhalten und verblieben darauf bis zu ihrem Tode, nachdem beide kurz vorher ihr 50jähriges Jubiläum gefeiert hatten, Schmidt 1837, Ahrendts 1838. Unter den gelegentlich Einsprechenden waren auch einzelne Berliner Geistliche von der strengeren Richtung, wie Held und Hennefuß. Er theilte die Ansichten dieser Herren nicht und hatte dessen kein Hehl, war aber in der Art, wie er ernste Gespräche führte, von so feinen und anziehenden Formen, daß die Besuche weit öfter wiederholt wurden, als man hätte muthmaßen sollen. All dieser Zuspruch, weil er ihm geistige Nahrung und Anregung bot, er- freute ihn lebhaft, aber höchst unbequem waren ihm die affectirten Leute aus der großen Stadt, die sich aus Neugier oder aus Senti- mentalität bei ihm blicken ließen, um hinterher von den „hohen Vorzügen des Landlebens“ schwärmen zu können, und eines seiner humoristischen Gedichte, nachdem er diese Zudringlichen zuvor be- schrieben, schließt denn auch mit dem Anruf an Fortuna: Send’, o Göttin, naht ein solcher Schwall, Uns zum Schutze Regen her in Bächen! Thürm’ ein Wetter auf mit Blitz und Knall, Oder laß ein Wagenrad zerbrechen. Es erinnnert dies an ähnliche Niedlichkeiten Mörike’s, dessen Humor freilich um vieles mächtiger war. Unter den classischen Dichtern war ihm neben Homer, Virgil der liebste; seine Bukolika standen ihm außerordentlich hoch und mögen sein eigenes Dichten beeinflußt haben. Als der größte Dichter aller Zeiten aber erschien ihm Shakespeare , den er mit Passion las und dessen kühne und erhabene Bilder ihn immer wieder begeisterten. Die Angriffe, die sein eigenes Dichten erfuhr, machten gar keinen Eindruck auf ihn, ergötzten ihn vielmehr. Es lag wohl darin, daß er eine durch und durch bescheidene Natur und niemals von dem eitlen Vermessen erfüllt war, neben den Heroen jener Zeit auch nur annähernd als ebenbürtig dastehen zu wollen. Er wollte wenig sein, aber daß er dies Wenige auch wirklich war, davon war er fest überzeugt ; er hielt den Beweis davon, wenn er auf die Natur hinausblickte, gleichsam in Händen, und diese Ueberzeugung, die nebenher wissen mochte, daß ein kleines Blättchen vom Lorbeerkranz ihm früher oder später nothwendig zufallen müsse, nahm seinem Auftreten jede Empfindlichkeit. Das bekannte gegen ihn gerichtete Goethe- sche Spottgedicht: O wie freut es mich, mein Liebchen, Daß du so natürlich bist, Unsre Mädchen, unsre Bübchen Spielen künftig auf dem Mist, las er seinen Kindern vor und scherzte darüber mit ihnen. Seine Hochschätzung Goethe’s wurde durch diesen Angriff in nichts ge- mindert, und seine Kinder mußten um dieselbe Zeit, als jenes Spottgedicht erschienen war, Goethe’sche Lieder und Balladen aus- wendig lernen. Bis hierher hat uns, auch da noch wo wir aus ihm citirten, der Mensch beschäftigt; wir wenden uns nun dem Dichter zu. War er ein solcher überhaupt? Gewiß, und trotz einer starken prosaischen Beimischung, weit mehr als gemeinhin geglaubt wird. Der Ton, in dem man ihn anerkannte, pflegte dem zu gleichen, in dem in Vor-Claus-Grothschen Tagen von unseren plattdeutschen Dichtern, zumal auch von unserem Altmärkischen Landsmann Bornemann gesprochen wurde. In den Dichtungen des Einen wie des Anderen vermißte man Idealität und ließ um eben deshalb beide nur als Dichter-Abarten gelten, als heitere, derbe, humoristische Erzählertalente, die zufällig in Reim statt in Prosa erzählten. Es liegt darin, auch namentlich in dem Zusammenwerfen Schmidt’s von Werneuchen mit den plattdeutschen Dichtern der alten Schule, viel Wahres und Richtiges; viel Wahres, in das sich nur insoweit eine gewisse Unbilligkeit gegen unseren Wer- neuchener Deskriptiv-Poeten mit einmischt, als er anderer Klänge wie die sind, die zumeist aus ihm citirt werden, sehr wohl fähig war. Die unbestreitbare Popularität der Zeilen: Die Tafel ist gedeckt, Wo nun der Schüsseln Duft die Lebensgeister weckt; Schweinbraten, ach, nach dir, nach euch, geback’ne Pflaumen, Sehnt sich die Braut schon längst! ihr glänzen beide Daumen — ich sage, die Popularität dieser und ähnlicher Zeilen hat unser Dichter mit dem besseren Theil seines Ruhmes bezahlen müssen. Dieser Aufsatz soll kein literar-historischer sein, er würde sich sonst die Aufgabe stellen, eine gewisse Verwandtschaft Schmidt’s von Werneuchen mit der späteren Platen’schen und namentlich Freili- grath’schen Schule nachzuweisen. Schmidt von Werneuchen handhabte Vers und Reim mit großer Leichtigkeit und zählte zu den productivsten Lyrikern jener Epoche. Man muß freilich hinzusetzen, er that des Guten zu viel. Fontane , Wanderungen. IV. 15 In dem kurzen Zeitraume von sechs Jahren erschien er mit fünf Bänden „Gedichte“ vor dem Publicum, Gedichte, die sich unter einander zum Theil so ähnlich sehen, daß es schwer hält, sie in der Vorstellung von einander zu trennen. Sie erschienen in fol- gender Reihenfolge: „ Kalender der Musen und Grazien ,“ 1796; „ Gedichte ,“ erster Band, bei Haude und Spener, 1797; , Gedichte ,“ zweiter Band, bei Oehmigke jun. , 1798; „ Roman- tisch-ländliche Gedichte ,“ bei Oehmigke jun. , 1798; „ Alma- nach der Musen und Grazien “ (Fortsetzung des „Kalenders der Musen und Grazien“), bei Oehmigke jun. , 1802. Dies ist Alles, was ich aus der Epoche von 1796 bis 1802 von seinen Veröffentlichungen in Händen gehabt habe; doch möcht ich fast bezweifeln, daß die gegebene Aufzählung die Gesammtheit seiner damaligen Production umfaßt. Die Kluft zwischen 1798 und 1802 ist zu weit. Nach dem Jahre 1802 scheint er sein Harfenspiel an die Wand gehängt zu haben; nur aus dem Jahre 1815 begegnen wir noch schließlich einem schmalen Büchelchen, das den Titel „ Neueste Gedichte “ führt und in zwei Sonettenkränzen, eine Form, in der er sich auch früher schon versuchte, den Tod seiner ersten Gattin Henriette und das frühe Hinscheiden seines Lieblingssohnes Ulrich beklagt. Ich erwähnte dieser Lieder schon weiter oben. Sehen wir von dem Jahrgange des Erscheinens ab und be- trachten wir seine Dichtung als ein Ganzes, das wir nicht äußer- lich nach Namen und Datum, sondern nach seinem inneren Ge- halt zu theilen und zu trennen haben, so ergeben sich drei Haupt- gruppen: Sonette, Balladen und Naturbeschreibungen, letztre vom kurzen Lied an bis zum ausgeführten Idyll. Ueber die erste und zweite Gruppe (Sonette und Balladen) gehen wir so schnell wie möglich hinweg. Er hatte weder von dem Einen noch von dem Andern auch nur eine Ahnung, und während ihm im Sonett, all seiner Reimgewandtheit unerachtet, alle Grazie der Form und des Gedankens fehlte, suchte er — die schwächeren und schwächsten Sachen Bürger’s zum Vorbild nehmend — das Wesen der Ballade theils im Mordhaft-schauer- lichen, theils in einem Gespenster-Apparate, der schon deshalb Niemanden in Schrecken setzen konnte, weil er selber keinen Augenblick an das wirkliche Lebendigsein dieser seiner Figuren glaubte. So kam es, daß er in dieser Dichtungsart beständig den bekannten einen Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen that und uns statt erschütternder Gestalten bloße Karrikaturen vorführte. Um wenigstens eine Belagsstelle für dies mein Urtheil zu citiren, laß ich hier die erste Strophe der Spuk-Ballade „Graf Königs- mark und sein Verwalter“ folgen: Graf Königsmark hatt’ irgendwo In Sachseu an der Saale Ein Gut, wohin er gern entfloh Der höfischen Kabale. Die Wirthschaft dort besorgt ein treuer Verständiger und frommer Meier. Dies genüge. Dieselbe Ballade weist übrigens viel schlimmere Strophen auf. Keine Dichtungsart vielleicht kann die Verwechs- lung von Einfach-natürlichem mit Hausbacken-pro- saischem so wenig ertragen wie die Ballade. Schmidt von Werneuchen war kein Sonettist und noch weni- ger ein Minstrel, der es verstanden hätte, bei den Festmahlen alter Häuptlinge die heroischen Sagen des Clan’s zu singen, aber er war ein Naturbeobachter und Naturbeschreiber trotz einem. Nicht die Geßner’sche Idylle war seine Stärke, bei den Niederländern schien er in die Schule gegangen zu sein, und wenn Friedrich Wilhelm I. einmal ausrufen durfte: „ich hab’ ein treu-Holländisch Herz,“ so durfte Schmidt von Werneuchen sagen: „ich hab ein gut-Hollländisch Aug’.“ Und wirklich, jetzt, wo man es liebt, die Künstler dadurch zu charakterisiren, daß man sie mit hervorragenden Erscheinungen einer verwandten Kunst vergleicht, möcht’ es gestattet sein, Schmidt von Werneuchen einen märkischen Adrian von Ostade zu nennen. Beide haben in „Bauernhochzeiten“ excellirt. Aber diese „Bauernhochzeiten“ unsers märkischen Poeten waren doch, der Gesammtheit seines Schaffens gegenüber, nur die Staf- fage ; er konnte ein Genremaler sein, wenn ihm der Sinn danach stand, vor Allem indeß war er ein Landschafter , oft freilich nur ein grober Realist der die Natur rein äußerlich abschrieb, oft aber auch ein feinfühliger Künstler, der sich auf die leisesten land- schaftlichen Stimmungen, auf den Ton und alle seine Nüancen ver- 15* stand. Er war nicht immer der gereimte Prosaiker, der mit Freud’ und Behagen niederschreiben konnte: Die Küchlein ziepen; Nestvögel piepen Im Fliedergrün, Und Frauen zieh’n Mit Milch in Kiepen Barfüßig hin Zur Städterin — er konnte sich auch sehr wesentlich über diese Spielereien, über dies rein äußerlich Beschreibende erheben, und trotz eines leisen An- klangs an Bürger’s „Pfarrerstochter zu Taubenhayn“ zähl’ ich doch beispielsweise folgende Strophe zu den gelungensten Schilderungen einer herbstlichen Landschafts-Stimmung: Es sauste der Herbstwind durch Felder und Busch, Der Regen die Blätter vom Schlehdorn wusch, Es flohen die Schwalben von dannen, Es zogen die Störche weit über das Meer, Da ward es im Lande öd und leer Und die traurigen Tage begannen. Am vorzüglichsten war er da, wo er in classischer Einfach- heit und in nie zu bekrittelnder Aechtheit die märkische Natur beschrieb und den Ton schlichter Gemüthlichkeit traf ohne in Trivialität oder Sentimentalität zu verfallen . Unter seinen früheren Sachen finden sich nicht wenige, die diesen Charakter tragen, und wer sich der Arbeit unterziehen wollte, die Spreu vom Weizen zu sondern, der würd’ im Stande sein, dem Publicum ein Büchelchen zu bieten, das die gäng und geben An- sichten über den Dorfpoeten von Werneuchen sehr wesentlich modi- ficiren würde. Ich gebe nur eine solche Stelle und zwar aus dem schon früher erwähnten Gedichte: „An das Dorf Fahrland,“ jenes Dorf in dem er geboren war. Ach, ich kenne dich noch, als hätt’ ich dich gestern verlassen, Kenne das hangende Pfarrhaus noch mit verwittertem Rohrdach, Kenne die Balken des Giebels, wo längst der Regen den Kalk schon Losgewaschen, die Thür mit großen Nägeln beschlagen, Kenne das Gärtchen vorn mit dem spitzen Stacket, und die Laube Schräg mit Latten benagelt, und rings vom Samen der dicken Ulme des Nachbars umstreut, den gierig die Hühner sich pickten. Und weiter dann: O, wie warst du so schön, wenn die Fliegen der Stub’ im September Starben, und roth die Ebreschen am Hause des Jägers sich färbten; Wenn die Reiher zur Flucht, im einsam schwirrenden See-Rohr, Ahnend den Sturm, sich versammelten, — wenn er am Gitter der Pfarre Heulend die braunen Kastanien aus platzenden Schalen zur Erde Warf und die schüchternen Krammetsvögel vom Felde zu Busch trieb; Froher alsdann als der Sperling im Dach, dem von hinten die Federn Ueber’s Köpfchen der Sturmwind blies, unterhielt ich so gerne In dem rothen Kamine die Gluth mit knisternden Spähnen. Dies genüge. Wer den Sinn für Naturbeschreibung hat wird in diesen wenigen Zeilen Züge von ganz ungewöhnlicher Feinheit finden (z. B. die Schilderung des Sperlings in der zweit- und drittletzten Zeile) und nicht länger Lust haben, den Schmidt von Werneuchen zu den bloßen Reimschmieden zu werfen. Uebrigens muß er zu seiner Zeit, trotz aller Gegnerschaft, auch zahlreiche Freunde und Verehrer gehabt haben; selbst die Goethe’schen Spottverse, die wohl nicht geschrieben worden wären, wenn nicht der Dichter, gegen den sie sich richteten, einer gewissen Popularität genossen hätte, deuten durch ihr bloßes Vorhandensein darauf hin. Deutlicher spricht dafür die äußere Ausstattung, in der seine Gedichte damals vor das Publicum traten: beneidenswerth schöner Druck und die beiden ersten Sammlungen von der Hand Chodowiecki’s und seiner besten Schüler illustrirt. Solche kostspie- lige Ausstattung wagten die Verleger wohl nur, wo das Ansehen des Poeten, oder wenigstens seine locale Popularität, einen sichern Absatz in Aussicht stellte. Diese locale Popularität hatte er zweifellos, und wer das Wesen der Märker, insonderheit auch der Berliner, näher kennt, wird sich darüber nicht wundern. Die Märker lieben es, hinter ironischen Neckereien ihre Liebe zu verstecken, und während sie nicht müde werden über die eigene Heimath, über die „Streusand- büchse“ und die kahlen Plateau’s die „nichts als Gegend“ sind die spöttischsten und übertriebensten Bemerkungen zu machen, horchen sie doch mit innerlicher Befriedigung auf, wenn Jemand den Muth hat für „Sumpf und Sand“ und für die Schönheit des Mär- kischen Föhrenwalds in die Schranken zu treten. Und dies hat Schmidt von Werneuchen ehrlich gethan. Er that es zuerst und that es immer wieder . Sein ganzes Dichten, Kleines und Großes, Gelungenes und Mißlungenes, einigt sich in dem einen Punkte, daß es überall die Liebe zur Heimath athmet und diese Liebe wecken will. Und deshalb ein Hoch auf den alten Schmidt von Werneuchen! Malchow. Eine Weihnachtswanderung . Staub wird zu Staub Und Ruhm und Name der Zeiten Raub. Der Deutsche lügt, wenn er höflich ist. D er Herbst färbte schon die Blätter, und die Störche mochten sich eben auf die Lehmhütten der Fellahs niedergelassen haben, als mir ein gelbes Buch zu Händen kam, das auf seinem Umschlag, außer dem zum Licht emporstrebenden Adler der Firma Duncker u. Humblot, auch noch den Titel führte: „ Paul von Fuchs , ein brandenburgisch-preußischer Staatsmann vor zweihundert Jahren. Biographischer Essay von F. v. Salpius.“ Und am Schlusse dieses Buches hieß es nicht dem Wortlaute, wohl aber dem wesent- lichen Inhalte nach, wie folgt: „Am 7. August 1704 verschied Paul von Fuchs, Geheimrath und Etatsminister, auf seinem Gute Malchow bei Berlin, das er schon 1684 durch Tausch an sich gebracht und allwo er ein „artiges Haus“ für sich und seine Familie hergerichtet hatte. Der König pflegte ihn von dem nahe gelegenen Nieder-Schönhausen aus häufiger auf diesem seinem Landsitze zu besuchen. Auch an jenem 7. August war ein solcher Besuch beabsichtigt, aber unterwegs schon erfuhren Ihre Majestät den Tod Ihres treuen Dieners. Paul v. Fuchs war in seinem 64. Jahre verstorben. Johann Porst, dazumalen Pfarrer zu Malchow — später Domprobst und Beichtvater der Königin, bekannt als Herausgeber des Porst’schen Gesangbuches — hielt eine Predigt zum Gedächtniß des Heimge- gangenen, darinnen es hieß, daß er „seine dauerhaften Kräfte und beständige Gesundheit zum Heil des Landes und Wohlsein der Kirche aufgeopfert habe.“ Bald darauf wurde der Sarg in der Gruft zu Malchow beigesetzt und steht ebendaselbst zwischen den Särgen seiner vor ihm gestorbenen Schwiegertochter und seiner zweiten Frau „née de Friedeborn“. Das Fuchs’sche Wappen aber befand sich noch bis 1874 am herrschaftlichen Stuhl der Kirche.“ Wer sich auf Urnen und Todtentöpfe versteht und überhaupt nur ein Aederchen von einem Sammler oder Alterthümler in sich hat, begreift daß diese Notiz eine gewisse Malchow-Sehnsucht in mir wecken und eine „Wanderung“ dahin zu einer bloßen Frage der Zeit machen mußte. Mit dem ersten Maienschein, an grünen Saaten vorbei, hofft’ ich den Ausflug unternehmen und nach „manch verborgenem Schatz“ ausschauen zu können. Aber es war anders beschlossen und aus einer Wanderung bei Finkenschlag und Apfelblüthe wurd’ eine Wanderung bei Nordwest und Schneege- stöber: eine Weihnachtswanderung . Eine Wanderung nach Malchow, so kurz sie ist, gliedert sich nichtsdestoweniger in drei streng geschiedene Theile: Omnibusfahrt bis auf den Alexanderplatz, Pferdebahn bis Weißensee, und per pedes apostolorum bis nach Malchow selbst. Und so vollzog es sich auch. Auf dem Alexanderplatz regierten bereits die fliegenden Söhlkes mit dem „Schäfchen“ und dem „Schaukelmann,“ dessen Birnen sich noch gerade so gelb und roth gesprenkelt zeigten wie vor funfzig Jahren in den Tagen meiner eigenen Kindheit; in dem Pferdebahnwagen aber in den ich einstieg, war es als wäre der Weihnachtsmann mit oder vor mir eingestiegen und gedenke seinen Einzug in Weißensee zu halten. Alle Plätze voller Kinder mit ihren Schulmappen auf dem Rücken, und hinten und vorn im Wagen, und vor allem obenauf, ganze Büsche von Weihnachtsbäumen. Das war das Vergnügen an der Fahrt, viel vergnüglicher als die Vergnügungslokale, die mit ihren grasgrünen Staketenzäunen halbverschneit am Wege lagen. Endlich hielten wir am Ende des Dorfes und der Um- spannungs-Moment war nun für mich da: Schusters Rappen mußt’ aus dem Stall. Er war’s auch zufrieden, und willig und guter Dinge zog ich „fürbaß,“ unangefochten von der Oede der Land- schaft. Aus den Schneemassen, die die Felder zu beiden Seiten deckten, wuchsen nur ein paar vertrocknete Grashalme auf und zitterten im Winde, während die Chaussee-Pappeln wie nach oben gekehrte Riesenbesen dastanden. Aber so trist und öde die Land- schaft war, so voller Leben war die große Straße darauf ich ging, denn in langer Reihe folgten sich die Gespanne, die von den benachbarten Seeen her hochaufgethürmte Eismassen zur Stadt fuhren. „Nach Malchow?“ fragt’ ich, um mich des Weges zu ver- gewissern. „Joa; ’t nächste Dörp.“ Und in der That, nicht lange so wurd auch der kurze Laternen- thurm zwischen den Pappelweiden sichtbar und unter einem Schlag- baume fort, der hier noch aus den Tagen der Hebestellen her sein Dasein fristete, hielt ich meinen Einzug. „Wo wohnt der Lehrer?“ Ein junges Frauenzimmer, an das ich die Frage gerichtet hatte, trat mit einer für märkische Verhältnisse bemerkenswerthen Raschheit von der Hausschwelle her auf den Damm und sagte: „Da; das rothe Haus.“ „„Gegenüber der Kirche?““ „Ja.“ Und damit schloß unser Gespräch. Ich dankte für gütigen Bescheid und schritt auf das rothe Haus zu, freudig gehoben in meinem Gemüth und wie Ibykus „des Gottes voll.“ Nicht ge- rade von Liedern, aber doch von Hoffnungen und Bildern. Ich sah schon die verfallene Grufttreppe sammt den drei Särgen vor mir und las dem alten Minister seine mit ins Grab genommenen Geheimnisse von der Stirn herunter. Entdeckungen schossen auf wie die Knospen nach einem Frühlingsregen. Und so stand ich vor maison rouge. „Kann ich den Herrn Cantor sprechen?“ Ich griff absichtlich nach dieser höheren Titulatur. Ein Hin- und Herlaufen entstand in Folge meiner Frage, zuletzt aber erschien ein kleiner Herr mit intelligenten Augen und milzfarbenem Teint, um nach meinem Begehr zu fragen. „Es handelt sich für mich“ hob ich, den Hut ziehend, mit aller mir zuständigen Artigkeit an „um den Staatsminister von Fuchs. In der Gruft Ihrer Kirche …“ „Ist zugeschüttet.“ Ich war einen Augenblick decontenancirt, mehr noch durch den Ton als durch den Inhalt dieser zwei Donnerworte. Wer aber weiß, daß das Menschenherz nicht gerne von Lieblingsvor- stellungen läßt und nach dem Hinschwinden von Dingen und Er- eignissen sich schließlich auch mit Betrachtung ihres bloßen Schau- platzes zufrieden giebt, der wird es begreiflich finden, daß ich nicht ohne Weiteres das Feld zu räumen Lust hatte. Konnt’ ich nicht die Gruft haben, so wollt’ ich wenigstens die Gruft- Stelle haben, und so recolligirt’ ich mich und sagte: „Wie Schade. Dann bitt’ ich Sie, mir wenigstens die Kirche zeigen zu wollen.“ „Ich kann nur wiederholen,“ klang es jetzt unter immer sicht- barer werdenden Zeichen von Ungeduld „daß die Gruft zugeschüttet ist. In der Kirche selbst befindet sich nichts. Ein Besuch würde mithin ohne Resultat für Sie verlaufen. Auch hab’ ich Schule.“ „Sie mißverstehen mich. Es liegt mir fern, Sie persönlich incommodiren zu wollen. Aber ich komme bei Wind und Wetter von Berlin und bitte Sie deshalb mir durch irgend Jemand die Kirchenthür aufschließen zu lassen.“ „Durch wen?“ „Vielleicht durch ein Kind oder eine Magd.“ „Hab ich nicht.“ Und nach dieser Schlußbemerkung zog er sich intelligenter und milzfarbener als vorher in seine Schulstube zurück. Mein Erstes war ein heißes Dankgefühl dafür, zu keiner Zeit, am wenigsten aber in der jetzigen, auf der Malchower Schul- bank gesessen zu haben; mein Zweites : Haß und Rache. Die ganze Reihe der Schulmeister durchgehend, deren Bekanntschaft ich in Leben oder Dichtung je gemacht hatte, konnt’ ich doch keinen finden, der mir — mit alleiniger Ausnahme des maître d’école in den „Geheimnissen von Paris“ — gleich verabscheuungswürdig erschienen wäre. Ja, meine Neigung zu generalisiren und vom Einzelfall auf’s Ganze zu gehen, ließ mich augenblicks wieder die Frage stellen, ob ein solches, aus bloßem verschrobenen Dünkel hervorgegangenes Benehmen unter andern Völkern überhaupt möglich sei? „Nein,“ sagt’ ich mir, „unter den Romanen gewiß nicht.“ Aber inmitten all meiner Verwünschungen mußt’ ich doch plötzlich der Auslassungen eines alle Wechselfälle des Lebens unter die statistisch-philosophische Loupe nehmenden Freundes gedenken, der mir einmal gesagt hatte: „Sehen Sie, Freund, auch in den Zufällen und Unglücksfällen waltet ein Gesetz. So ver- folg’ ich beispielsweise die Theaterbrände. Alle funfzehn Jahre brennt ein großes Theater ab. Nicht öfter, aber auch nicht weniger oft.“ Und nun entsann ich mich des wenigstens für mich kaum minder interessanten und kaum minder wichtigen Punktes, gerade funfzehn Jahre lang immer nur an freundliche Schulhäuser an- geklopft zu haben. Was war es denn also groß? Der Aus- nahmefall war in sein geheimnißvolles Recht getreten; das Gesetz vollzog sich. Die funfzehn Jahre waren um, und mein „Theater- brand“ war da. Das gab mir die gute Laune wieder, und ich beschloß „in Sachen der Gruft“ einfach an die höhere Instanz des Pfarrhauses zu appelliren. Wenige Schritte führten mich auf den Hof desselben. Ein kleiner braunhaariger, übrigens ebenfalls intelligent aussehender Spitz, der um meine Stiefelschäfte herumbiß, ließ mich anfänglich in erzitterndem Herzen eine Wiederholung der Schulhaus-Scene fürchten, aber kaum daß ich an dem kleinen, seiner dienstlichen Pflicht etwas zu streng obliegenden Wachtposten vorüber war, als mich auch schon das selten täuschende Gefühl durchdrang, in einen guten und sichern Hafen eingelaufen zu sein. Der Pfarrflur, des nahen Festes halber, war in eine große Plättkammer umgewandelt worden, in der eben die Bügeleisen über breite Gardinenflächen geschäftig hin und her gingen und den Raum mit einem warmen Wrasen füllten. Alles wirthschaftlich und wohlthuend, vor allem auch die Temperatur. Ich fragte nach dem Pfarrer und schickte meine Karte hinein. Sehr bald kam Antwort, daß er beim Con- firmanden-Unterricht sei, mich aber bitten lasse, derweilen in sein Zimmer einzutreten. Und hier war ich denn nun und wartete. Unter Umständen nichts angenehmer als solche Warte-Viertel- stunden, in denen man die Geschichte des Hauses oder den Cha- rakter seiner Bewohner von den Wänden liest. Denn nichts spricht deutlicher als Zimmer-Einrichtungen und selbst die nichtssagenden und modisch-indifferenten machen keine Ausnahme. Sie weisen dann eben auf nichtssagende und modisch-indifferente Leute hin. In der Studirstube zu Malchow aber war nichts indifferent, und die Grec-Borte der Gardinen, der gothisch geschnitzte Schlüsselkasten mit Bild und Spruch, dazu der über dem Sopha thronende Thor- waldsensche Christus inmitten der abgestuften Schaar seiner Jünger, alles stimmte zu den hohen Bücher-Realen, auf denen die theolo- gischen und die Fritz Reuterschen Schriften in aller Friedlichkeit beisammenstanden. Und dazu die Kreuzzeitung auf dem Tisch, und ein Luftton, in welchem die Morgen-Cigarre nachdämmerte. Das märkische Pfarrhaus in seiner anspruchslosen und doch zugleich von Kunst und Schönheit leise berührten Behaglichkeit hatte nie lebendiger zu mir gesprochen. Und so sollt’ ich’s bestätigt finden. Eine halbe Stunde später und der freundliche Pfarrer und seine noch freundlichere Frau saßen mit mir um den Kaffeetisch, und wieder noch ein Weilchen und jener bekannte Begegnungspunkt war gefunden, wo plötzlich von sieben Seiten her alle Wege zusammenlaufen und man nur noch ver- wundert ist, sich nicht vorher schon getroffen und die Hände ge- schüttelt zu haben. Und dazu die tiefere Lebensbetrachtung: „Wie klein ist doch die Welt.“ Ich glaube fast, ich war es selbst, der sich bis zu diesem Satze verstieg, und wer weiß, welche weiteren Stufen der Er- kenntniß und Weisheit ich noch erklommen hätte, wenn nicht der Pfarrer eben jetzt auf die hinter den kahlen Kirchbäumen nieder- gehende Sonne gedeutet und mich dadurch an den Kirchgang und die v. Fuchs’sche Familiengruft erinnert hätte. So verabschiedeten wir uns denn bei der Frau Pfarrin und schlugen einen Richtweg ein, der uns erst über Gartenbeete, dann über verschneite Gräber fort bis an einen Seiteneingang der Kirche führte. Und nun öffnete sich die Thür und der Zugwind trieb über unsre Köpfe weg einen breiten Schneestreifen in die Kirche hinein. Ein fahles Roth stand noch in den Scheiben, gerade hell genug, um uns alles rundum erkennen zu lassen. Die Wände zeigten sich frisch ge- tüncht, Orgel und Altar blank, und die Pfeiler mit vielen Bibel- sprüchen bedeckt, aber das erste Gefühl, das ich angesichts dieser Herrlichkeit hatte, war doch das einer gewissen Beschämung und einer halben Aussöhnung mit dem maître d’école drüben. „Ihr Be- such würde resultatlos verlaufen,“ waren seine gebildeten Worte gewesen, und er schien Recht behalten zu sollen. Es mochte sich etwas von Enttäuschung in meinem Gesichte spiegeln, weshalb der Prediger, als wir den Mittelgang halb hinauf waren, in freundlichstem Tone zu mir sagte: „hier war die Gruft.“ Ich meinerseits hielt es für angezeigt dieser Freundlichkeit durch eine gleiche zu begegnen und erwiederte: „Ja, hier muß es gewesen sein. Man kann noch deutlich die neuen Fliesen von den alten unterscheiden.“ Eigentlich aber war es nicht der Fall. „Und“ fuhr der Prediger fort, „hier war auch das Fuchs’sche Wappen.“ Und dabei wies er mit dem Zeigefinger auf einen Punkt in der Luft, etwa vier Fuß hoch über der Brüstung eines niedrigen Chorstuhls. Es hatte durchaus etwas Gespenstisch- Visionäres, wie wenn Macbeth den Dolch sieht, und das be- stimmt ausgesprochene „hier“ ließ mich auf eine Sekunde ganz ernsthaft nach der Erscheinung suchen. Aber es blieb alles un- sichtbar und ich fröstelte nur noch die Frage heraus: „Dies ist also alles?“ „Ich fürchte, ja. Wenn Sie sich nicht vielleicht für einen Spruch interessiren, den des alten Johann Porst’s Nachfolger an die Sakristeithür geschrieben hat.“ „O, ich interessire mich sehr für Sprüche …“ Und so las ich denn: Printz Markgraff Ludewig Stiff’t hier zu Gottes Ehren Kirch’fenster, Sakristei Nebst zweien neuen Chören. Gott sei sein Schild, sein Lohn, Sein Schutz, sein Eigenthum, Er laß es feste stehn Zu seinem ewgen Ruhm. Das Feuer, das aus diesem Spruch auflohte, schien mir un- ausreichend die Kirchentemperatur zu verbessern, und so schlug ich einen raschen Rückzug an die Herdplätze menschlicher Wohnungen vor. Der Pfarrer schien von demselben Verlangen erfüllt, und ehe fünf Minuten um waren, waren wir wieder daheim und stampften auf der Strohmatte seines Flurs den Schnee von unseren Füßen. Drinnen brannte jetzt Licht, aus der Nebenstube klangen Kinderstimmen und vom Flur her hörten wir das Klappern der Plätteisen, wenn neue Bolzen eingeschüttet wurden. An Wand und Decke hin aber huschten die Schatten der draußen an unserem Fenster Vorbeipassirenden. Der Thorwaldsensche Christus über dem Sopha schien in dem Widerspiel von Licht und Schatten zu wachsen und während die Gestalten seiner Jünger mehr und mehr zurücktraten, war es als stünd’ er freundlich segnend uns zu Häupten, der gute Hirt einer allerkleinsten Gemeinde. Die Kreuz- Zeitung war inzwischen sorgfältig zusammengefaltet worden und statt ihrer lag das Malchower Kirchenbuch auf dem Tisch. Es waren Blätter von 1698 bis 1704 die wir nun überflogen, um vielleicht an der Hand des alten Porst, damaligen Predigers zu Malchow, einen Blick in die von Fuchs’sche Herrschaft jener Epoche thun zu können. Aus allem ging hervor, daß es der alte Gesangbuchmann mit Predigt und Seelsorge sehr ernst genommen haben mußte, was aber die Fuchsiana betraf, so schien uns leider auch diese Quelle versagen zu wollen. Ich beschloß deshalb auch vor dem Letzten nicht zurückzuschrecken und die Taufregister auf Namen und Titel hin gewissenhaft durchzulesen. Und siehe da, der Mosesstab, der den Quell aus dem Stein weckt, war auf der Stelle gefunden. Es tröpfelte zwar nur, aber die Kühle frischen Wassers labte doch meine Zunge. Sieben Jahre lang hatte Johannes Porst an eben dieser Stelle fungirt und in jedem dieser sieben Jahre siebenmal getauft; — auch darin also vollzog sich ein Gesetz. Und als ich nun mit allen 49 Taufen glücklich durch war, kannt’ ich Malchow in seinem damaligen Besitz- und Personalbestande so genau, wie wenn ich ein Kataster-Beamter unter König Friedrich I. oder wohl gar der Dorfschulmeister von Anno 1704 gewesen wäre. Denn die Malchower, kluge Leute schon damals, hatten sich in den seltensten Fällen bei der Auswahl ihrer Pathen auf sich und ihresgleichen beschränkt, sondern waren immer bestrebt gewesen in den christlichen Schutz des Herrenhauses, am liebsten und häufigsten in den des Beamten- und Dienstper- sonals zu treten. Aus der Reihe der betreffenden Personen aber mögen hier, unter Anlehnung an die Taufregister, folgende Namen und Titulaturen stehn: Herr Schlichting „Lustgärtner“; Mon- sieur Ernst , Lakai bei des Freiherrn von Fuchs Excellenz; Mon- sieur Abraham Luckold , Koch bei Sr. Excellenz; Monsieur Peter Schultze , Kammerdiener bei Sr. Excellenz; Mademoiselle Jo- hanna Zollikoferin , Kammermädchen bei Madame la Baronne de Fuchs; Jungfer Anna Dorothea Philitzin , Mädchen bei der Freifrau v. Fuchs; Jungfer Anna Maria Löschin , Mädchen bei der Frau Baronin. Alle diese Personen finden sich wiederholentlich. Der eigentlich große Taufakt jener Epoche scheint aber der im Hause des Dorf-Krügers gewesen zu sein. Hier begegnen wir allen möglichen „ großen Namen“ aus der Zeit von 1698 bis 1704. Und zwar: Paul Freiherr von Fuchs , Geheimer Etats- und Kriegsrath; Baron von Hertefeld , Oberforstmeister in Cleve; Johann Paul Freiherr v. Fuchs , Hof- und Ravensbergischer Appellationsgerichtsrath; Madame Louise de Fuchs, née de Friede- born; Madame la Baronne de Hertefeld, née de Bozelar; Madame de Fuchs née Bozelar. Nehmen wir noch die sich an andrer Stelle findenden Namen der Frau von Barfus aus dem benachbarten Blankenburg, der Frau Apotheker Zornin aus Berlin und des Christoph Hammer , Leibkutschers bei Seiner Durchlaucht dem Markgrafen Albrecht von Brandenburg hinzu, so wird es uns unschwer gelingen ein Bild des Malchower Lebens aus seinen historischen sieben Jahren aufzubauen. Es waren eben Umgangs- und Gesellschafts-Formen, auf die genau die Schil- derung paßt, die F. v. Salpius in seiner Eingangs erwähnten Paul v. Fuchs’schen Monographie von dem Leben der damaligen regierenden Klassen entworfen hat. „Man kann“ so schreibt er „von den brandenburgischen Landen jener Epoche behaupten, daß die Regierenden zu den Besitzenden gehörten und daß die Besitzenden wiederum in der Regierung saßen. Die Mit- glieder des geheimen Rathes scheinen durchgängig im Wohlstande gewesen zu sein. Der Wege zu solchem gab es, abgesehen von Geburt und Heirath, verschiedene: Ausstattung mit heimgefallenen Lehngütern seitens des Kurfürsten, sogenannte Dotationen; in andern Fällen bedeutender Kriegsgewinn (wie denn beispielsweise dem General v. Schöning eine auf 40,000 Thaler Lösegeld zu veranschlagende Anzahl gefangener Juden zufiel) und endlich Ver- einigung mehrerer Aemter in einer Person. So bezog Fuchs , als Oberpostdirektor, eine jährliche Zulage zu seinem anderweitigen Gehalt und außerdem den zwanzigsten Theil aller in Berlin auf- kommenden Postgelder. Aus eben diesen Erträgen war es, daß er in den Besitz von Malchow gelangte.“ So F. v. Salpius. Und noch eingehender dann an anderer Stelle: „Der höhere Staatsdienst, und zwar aus den vorange- führten Gründen, war ein mehr lohnender Beruf als jetzt , und die Geheimräthe vergaßen über den staatlichen Interessen nicht die ihrigen. Dazu gewährte der Fürsten- und Staatsdienst ein größeres Ansehen als heutzutage, wo der Ehrgeiz auch anderweitig sein Feld der Bethätigung findet. Aber mit der Wahrnehmung des eigenen Vortheils ging doch immer zugleich auch die strengste Pflichter- füllung Hand in Hand. Sie lebten, wie der Große Churfürst selbst, der Ueberzeugung, daß sie vor allem zur Erhaltung der Machtstellung des Staates das Ihrige beizutragen hätten. Neben diesem Zuge springt vor allem ihre Vielseitigkeit und Findigkeit ins Auge. Dieselbe beruhte zum Theil auf der verhältnißmäßigen Einfachheit der damaligen Zustände, nicht minder aber auf ihrer persönlichen Vorbildung, Spannkraft und Beweglichkeit. Die Mitglieder des geheimen Raths hatten schon als Jünglinge auf Reisen mannigfache Kenntnisse gesammelt; im Staatsdienste tum- melten sie sich bald hier bald dort, arbeiteten sich bald in dieses, bald in jenes Fach ein. Das bewahrte sie vor jeder geistigen Verkümmerung, sie blieben stets frisch und erfreuten sich fast immer eines guten Humors . Hierfür sprechen ihre lebens- vollen, mit anschaulichen Bildern durchwobenen amtlichen Berichte und Reden, welche den Charakter der Ursprünglichkeit, oft den der Naivität tragen. Ihren Gemeinsinn bewiesen sie nicht nur durch treue Arbeit, sondern auch als fröhliche Geber . In ihrer Heimath, in der Gemeinde ihres Wohnorts oder Gutes, verwandten sie beträchtliche Summen für gemeinnützige Zwecke. Der Feld- marschall von Sparr baute Kirchen und Thürme, schenkte Glas- malereien und Glocken, Derfflinger ließ eine stattliche Dorf- kirche aufführen, der ältere Schwerin that ein gleiches. Joachim Ernst v. Grumbkow gründete ein Kloster für zwölf Jungfrauen, der jüngere Jena bestimmte 60,000 Thaler für ein Fräuleinstift und ein Hospital. Aehnlich verfuhr auch unser Paul v. Fuchs . Er ließ in Malchow ein Predigerwittwen-, sowie ein Armen- und Waisenhaus herstellen.“ Ob diese Stiftungen noch existiren, hab’ ich an Ort und Stelle nicht in Erfahrung gebracht. Der Abend war mittlerweile hereingebrochen und mein freund- licher Wirth begleitete mich eine gute Strecke, bis die Lichter von Weißensee hell auf meinen Weg fielen. Dann schieden wir, hoffentlich nicht für immer, und abermals anderthalb Stunden später lagen die Schneefelder und die grünen Staketenzäune, la maison rouge und der maître d’école, das warme Pfarrhaus und die kalte Kirche, die Grec-Borten und das gespenstische Wappen derer v. Fuchs — alles traumhaft hinter mir. Ein entzückender Tag. Die Gruft hatte nichts herausgegeben, aber das Leben hatte bunt und vielgestaltig zu mir gesprochen. Und das bedeutet das Beste. Fontane , Wanderungen. IV. 16 Kienbaum. Ich hatt als Kind eine Tanne lieb, Die groß und einsam übrig blieb An flachem Wiesensaume. Laufkäfer hasten durchs Gesträuch In ihren goldnen Panzerröckchen, Die Bienen hängen Zweig um Zweig Sich an der Edelhaide Glöckchen; Die Kräuter blühn; der Haideduft Steigt in die blaue Sommerluft. Th. Storm. A m Ausgange der Liebenberger Haide, zur Linken des Flüßchens Loecknitz, das hier die Grenze zwischen dem Lande Lebus und dem Nieder-Barnim zieht, liegt das Dorf Kienbaum . Seinen Namen hat es, allgemeiner Annahme nach, von einem Kienbaum , der ehedem inmitten des Dorfes stand und bis in die früheste Zeit deutscher Colonisirung zurückreichte. Man ließ ihn damals bei der Ausrodung der Waldstelle stehn und während der Baum selber immer neue Jahresringe anlegte, legten sich neue Häuser und Hütten um den ursprünglichen Ansiedlungs-Kern herum. Jahrhunderte lang hielt man ihn als Pathen, der dem Dorfe den Namen gegeben, in besonderen Ehren und kaum 40 Jahre mögen vergangen sein, daß er umgehauen wurde. Das ganze Dorf sträubte sich dagegen, aber die selbstsüchtige Beharr- lichkeit des Hofbesitzers, auf dessen Grundstück die „Kiehne“ stand, blieb doch Sieger und so fiel denn schließlich das Wahrzeichen des Dorfes. Einige von den Alten haben mir den Baum noch beschrieben und empfinden es als eine Schuld, daß er nicht mehr existirt. Es war eine alte knorrige Kiefer, eben noch aus der Zeit her, wo man die Bäume nicht schwächlich-schlank heranzog , sondern es lieber hatte, sie sich knorrig-original entwickeln zu lassen. Der Stamm war nur wenig über mannshoch, aber von mehr als drei Ellen Umfang; dabei lag er schräg und sein flaches, ineinan- der geflochtenes Gezweige schuf einen korbartigen grünen Schirm. Im Innern war er hohl, nur die Kienstellen hatten sich gehalten und als man ihn endlich der Länge nach durchsägte, bildete jede Hälfte eine Art Trog oder Mulde. Dorf Kienbaum hat sein Wahrzeigen verloren, aber es ist doch immer noch ein interessantes Dorf. Es bewahrt jenes anheimelnde Stück Romantik, das in Abgeschiedenheit und Oede, vor allem aber in einem gewissen Hospiz-Charakter begründet liegt. All diese Haidedörfer sind wie Bergungsplätze, wie Stationen in der Wildniß und jeder, den sein Weg irgend einmal an einem naß- kalten Spätherbst-Nachmittag über Wald und Haide geführt hat, wird diesen Zauber an sich selbst empfunden haben. Es ist im November, der Nebel sprüht und die Haide, so dünkt Dir’s, nimmt kein Ende. Kusseln und Kiefern und dann wieder Kusseln. Ein jedes Streifen an Baum oder Busch schüttet ein Schauerbad über Dich aus und das nasse, vergilbte Haidekraut, durch das Du hindurch mußt, spottet der festesten Sohlen und macht Dich frieren bis auf’s Mark. Nichts begegnet Dir außer einem schiefstehenden Wegweiser, der seine müden Arme schlaff zu Boden hängen läßt oder eine Krähe, die den Kopf in das nasse Gefieder einzieht und sich trübselig matt besinnt, ob sie auffliegen soll oder nicht. So geht es stundenlang. Endlich lichtet sich’s und Du trittst auf eine offne Stelle hinaus, die freilich wenig mehr als hundert Schritt mißt und hinter der Du die dunkle Kiefernwand auf’s Neue ansteigen siehst. Aber auf dem freien Stückchen Feld, unter Ebreschenbäumen an denen noch die letzten rothen Büschel hängen, steht doch ein Dutzend Lehm- und Fachwerkhäuser, um die herum sich ein Sandweg mit tief ausgefah- renem Geleise zieht. Und das erste Haus ist eine Schmiede. Dein fröstelnd Herz sieht wie mit hundert Augen in die sprühende 16* Gluth hinein und das durch die nebelfeuchte Luft gedämpfte Picken und Hämmern klingt märchenhaft-leise zu Dir herüber. Ein Gefühl beschleicht Dich, als wär’ alles ein Wunderland oder als läge die Insel der Glücklichen vor Dir. Das ist der Zauber eines „Dorfes in der Haide.“ Und solch ein Dorf ist auch Kienbaum . Grund genug, ihm einen kurzen Besuch zu machen. Was uns aber heut und noch um die Sommerzeit diesem Haidedorfe zuführt, das ist nicht die Poesie seiner stillen Häuschen, das ist einfach die Thatsache, daß Dorf Kienbaum vor hundert Jahren oder noch weiter zurück ein Con- greßort war, wo die märkischen Bienenzüchter oder doch jedenfalls die Bienenwirthe von Lebus und Barnim zu Berathung ihrer Angelegenheiten zusammenkamen. Was diesem kleinen Dörflein solche Ehre einbrachte, ist nicht mehr mit Bestimmtheit zu sagen. Wahrscheinlich wirkte Ver- schiednes zusammen, unter anderm auch wohl seine günstige Lage ziemlich inmitten der Provinz. Gleichviel indeß was es war, all- jährlich im Monat August oder September kamen hier die „Beut- ner und Zeidler“ zusammen und alle Höfe, besonders aber der Schulzenhof (der durch Jahrhunderte hin ein Hauptbienenhof war) öffneten dann gastlich ihre Thore. Darüber, was auf diesem Convent verhandelt wurde, hört man an Ort und Stelle nur wenig noch und was man hört, widerspricht sich unter ein- ander. „Ja wenn die alte Kettlitzen noch lebte“ heißt es im Tone halb des Bedauerns und halb der Entschuldigung. Aber die „Kettlitzen“ ist bei solchen Anfragen allemal todt. Stell’ ich nachstehend zusammen, was ich mündlich erfahren oder aus Büchern ersehen konnte, so find’ ich, daß der Charakter dieses Bienenconvents im Laufe der Jahrhunderte wechselte. Wäh- rend es sich in alten Zeiten, allem Anscheine nach, um ausschließlich geschäftliche Regulirungen handelte, war dieser Convent unter König Friedrich Wilhelm I. eine halbwissenchaftliche Fachmänner- Versammlung geworden, auf der man sich Producte zeigte, Resul- tate mittheilte und über Verbesserungen in der Bienenzucht nach inzwischen gemachten Erfahrungen berieth. Dieser totale Wechsel hatte wohl darin seinen Grund, daß zu Beginn des vorigen Jahrhunderts der Honigbau ein freies, nach Wunsch der Regierung von jedem Bauer und Kossäthen zu betreibendes Gewerbe geworden war, während er bis dahin als ein Special-Recht an einem bestimmten Grund und Boden gehaftet und alle Honigbautreibenden Pächter in ein eigenthümliches und oft ziemlich complicirtes Abhängigkeits-Verhältniß von dem be- treffenden Grundherrn gebracht hatte. Besprechung und Regelung dieser Zins- und Pacht-Verhält- nisse war es sehr wahrscheinlich, was, wie schon angedeutet, in früheren Jahrhunderten, in denen man nur die Waldbienenzucht kannte, die märkischen Interessenten in diesem Grenzdorfe zwischen Lebus und Barnim zusammenführte. Neben dem Allgemeinen aber waren es auch wohl die besonderen und allerlokalsten Ver- hältnisse Kienbaums, die zur Sprache kamen, und mit diesen beschäftigen wir uns hier ausschließlich. Kienbaum gehörte in alten Zeiten zu Kloster Zinna, später, nach der Säkularisation, zu Amt Rüdersdorf. Amt Rüdersdorf war also Grundherr . Dieser Grundherr nun, der in andern Dörfern allerlei Viehweide verpachtete, verpachtete dem Bienen- dorfe Kienbaum allerlei Bienenweide , d. h. einen Wald, auf dem die Bienen der Kienbaumschen kleinen Leute weiden konnten. Selbstverständlich schloß sich daran auch das Recht, das Resultat dieser Weide, den Honig , auf hergebrachte Weise zu „beuten.“ Diese Beutner nun stellten sich, allem Anscheine nach, an einem bestimmten Tage bei dem Lehnschulzen ein, der als ein Beauf- tragter des „Amts“ mit ihnen handelte. Sie kündigten oder er- neuten ihre Pacht, äußerten ihre Beschwerden (oder nahmen solche entgegen) und bezahlten ihrerseits ihren Zins in Geld und Honig, wogegen das Amt seinerseits die Pflicht hatte, sie mit einem Hammel, einer Tonne Bier und einem Scheffel Brod zu verpflegen. Später wurde der Pachtzins ausschließlich in Geld geleistet, von welcher Zeit an wir von einer auf dem Schulzenhofe befindlichen Kasse sprechen hören. Diese glich einer kleinen oder Filial-Rentamtskasse , deren Erträge von Zeit zu Zeit an das Amt selber abgeführt wurden. Daneben aber scheint sie zngleich auch und vielleicht kaum minder eine Darlehns - und Prämien-Kasse gewesen zu sein. Wer den besten Honig vorzeigen konnte, der wurde prämiirt, und wer die nöthigen Garantien bot, der erhielt ein Darlehn, um irgend etwas Neues, von dem man sich Resultate versprach, in’s Werk zu setzen. Das ist alles, was ich aus Mund und Schrift über den Kien- baumer Bienenconvent in Erfahrung bringen konnte. So wenig es ist, so spricht sich doch Leben, Eifer und ein gewisses Organi- sationstalent darin aus. Die Bienenzucht in Kienbaum, darüber scheint kein Zweifel, war von besonderer Vorzüglichkeit und diese Vorzüglichkeit hin- wiederum war das natürliche Resultat einer vorzüglichen Bienen- Lokalität , d. h. einer andauernden, nie erschöpften Bienenweide. Solche Lokalitäten, wenn man die höchsten Anforderungen stellt, sind nicht eben allzuhäufig, da sich’s darum handelt, den Bienen eine blühende Pflanzenwelt zu bieten, aus der sie fast sechs Monate lang unausgesetzt ihren Bedarf einsammeln können. Wo der Raps blüht da ist freilich für den Mai und Juni und wo die Linden blühn, für den Juli gesorgt; aber erst aus dem Vorhandensein mannig- fachster Pflanzen und Bäume, die sich im Blühn unter einan- der ablösen und vom April bis in den September hinein eine immer wechselnde Bienennahrung bieten, erst aus dem Vorhandensein einer derartigen Vegetation ergiebt sich das eigentliche Bienen und Honig-Terrain. Ein solches Terrain nun war Kienbaum. Ein quadratmeilen-großer Forst schloß es ein und durch eben diesen Forst hin schlängelte sich die zu beiden Seiten von üppigen breiten Wiesenstreifen eingefaßte Löcknitz Die Löcknitz ist eines jener vielen Wässerchen in unsrer Mark, die plötz- lich aus einem Luch oder See tretend, auf eine kurze Strecke hin einen Park- streifen durch unser Sand- und Haideland ziehn. Keines unter all diesen Wässerchen aber ist vielleicht reizvoller und unbekannter zugleich als die Löck- nitz, die, aus dem rothen Luche kommend, in einem der Seen zwischen „Erk- ner“ und den Rüdersdorfer Kalkbergen verschwindet. Immer dieselben Requi- siten, gewiß; und doch, wer an dieser Stelle Spätnachmittags an der Grenzlinie zwischen Wald und Wiese hinfährt, dem eröffnet sich eine Reihe der anmuthigsten Landschaftsbilder. Hier dringt der Wald von beiden Seiten vor und schafft eine Schmälung, dort tritt er zurück und der schmale Wiesen- streifen wird entweder ein Feld oder das Flüßchen selber ein Teich, auf dem im Schimmer der untergehenden Sonne die stillen Nymphaeen schwim- men. Dann und wann ein rauschendes Wehr, eine Sägemühle, dazwischen . Unmittelbar das Flüßchen ent- lang zogen sich Werft und Haselbüsche, die den Bienen im April schon eine bevorzugte Nahrung boten; im Mai dann begannen sommerlang die Wiesen zu blühn, bis endlich, von Monat August an, die weiten Haidekrautstrecken — gelegentlicher weißer Kleefelder ganz zu geschweigen — eine fast nicht auszunutzende Bezugs- und Nahrungsquelle schufen. Und wirklich, die daraus resultirenden Erträge waren zu Zeiten sehr bedeutend, und das Dorf, das fast aus lauter Zeidlern und Beutnern bestand, erfreute sich, trotz seiner Ackerarmuth, einer gewissen Wohlhabenheit. Der Schulzenhof hatte 99 Stöcke und so im Verhältniß bis zum Büdner und Tagelöhner herab. Ein Stock entsprach in guten Jahren einem Eimer Honig und den Eimer zu 10 Quart gerechnet, hätte der Schulzenhof in guten Jahren 990 Quart Honig gewonnen. Von dieser Höhe nun ist Kienbaum freilich längst herabge- stiegen. Der Bienenconvent tagt nicht mehr inmitten des Dorfs und der Schulzenhof, der es sonst bis auf 99 Körbe brachte, be- gnügt sich jetzt mit 9. Der gewonnene Honig hat längst aufge- hört ein Handelsartikel zu sein und spielt nur noch die Rolle des Surrogats. Er vertritt die Butter, die (beinah mehr noch als der Zucker) in einem armen Sand- und Haidedorfe, das seinen Viehstand schwer über eine Schafheerde hinaus bringt, begreiflicher- weise zu den Luxusartikeln zählt. Das alte Wahrzeichen Kienbaum’s ist hin und seine Bienen- herrlichkeit nicht minder, aber an die letztre erinnert noch man- cherlei. Die Lokalität ist eben im Wesentlichen dieselbe geblieben. Noch steht der Wald, noch blüht das Haidekraut roth über die Haide hin und noch schlängelt sich die Löcknitz durch üppige Wiesen, deren größte und bunteste bis diesen Tag den Namen der Zei- delwiese führt. Vielleicht, daß auch dies bald anders wird. Aber wenn auch Nam’ und Sache ganz hinschwinden sollte, das Brücken, die den bequemen Wald- und Wiesenweg vom rechten auf’s linke und dann wieder vom linken auf’s rechte Ufer führen. Selbst die Namen werden poetisch: Alt-Buchhorst und Liebenberg, Klein-Wall und Gottesbrück und der Werl- und Mölln-See dazwischen. Unmittelbar dahinter aber beginnt wieder die Prosa und schon die nächste große Wasserfläche heißt „der Dämeritz“. Dorf in der Haide, das abseits liegt und in seiner Armuth nie- manden auffordert es in den großen Verkehr hineinzuziehn, es wird noch auf langhin ein Plätzchen bleiben, dessen still aufsteigen- der Rauch den über die Haide Wandernden anheimeln und dessen erstes Mütterchen am Zaun ihn freudig und dankbar empfinden lassen wird: Wie wohl thut Menschenangesicht Mit seiner stillen Wärme. Links der Spree. Eine Pfingstfahrt in den Teltow. E s reist sich schön an einem Pfingstsonnabend in die Welt hinein, es sei wohin es sei. Die Natur lacht und die Menschen auch; die Sonne geht in Strahlen unter, die Rapsfelder blühn und selbst die Windmühlenflügel schwenken einen grünen Maienbusch in die Luft. Rixdorf rüstete sich zum Fest. Die Mägde, kurzärmlig und aufgeschürzt, standen auf den Höfen und wuschen und scheuer- ten, die kupfernen Kessel blinkten wie Gold und ein paar Kinder, die gerad’ aus dem Tümpelbade kamen, liefen nackt über den Weg und wirbelten den Staub auf. Der Tümpel blieb ja für ein zweites Bad. In Rudow schnitten die Jungen Kalmus; über Waltersdorf spannten die Linden ihren Schirm; Kiekebusch aber, als schäm’ es sich seines Namens, kuckte nicht mehr aus Busch und Haide son- dern aus hohen Roggenfeldern hervor. Und nun Haidereviere; dann wieder freies Feld, bis plötzlich die Höhe, darauf wir fahren, steil abfällt und ein von Waldungen eingefaßtes Kesselthal vor uns liegt in das wir hinunterrollen. Die Postillone blasen (wir haben drei Beichaisen) einzelne Häuser schimmern hinter Bäumen und Sträuchern hervor, jetzt werden ihrer mehr, die Leute vor den Thüren richten sich auf und die Straßen- jugend wirft ihre Mützen in die Luft und schreit Hurrah. Es ist ein Lärm, der einer Residenz zur Ehre gereichen würde, und doch ist es nur Wusterhausen in das wir einfahren. Freilich Wuster- hausen zu Pfingsten . 1. Königs-Wusterhausen. Finstrer Ort und finstrer Sinn, Nun blühen die Rosen drüber hin. Wir halten vor einem Gasthofe, darin alles reich und großstädtisch ist und während mir zwei Lichter auf den Tisch gesetzt werden, richt’ ich unwillkürlich die Frage an mich: ist dies dasselbe Wusterhausen, von dem wir jene klassische, wenn auch wenig schmei- chelhafte Beschreibung haben, die eine der besten Seiten in den Memoiren der Markgräfin von Baireuth, der Lieblingsschwester Friedrichs des Großen füllt? Laß doch sehen, was die Markgräfin in ihrem berühmten Buche, dem so zu sagen „ältesten Frem- denführer von Wusterhausen“ erzählt. Und ich las wie folgt: „Mit unsäglicher Mühe hatte der König an diesem Ort einen Hügel aufführen lassen, der die Aussicht so gut begrenzte, daß man das verzauberte Schloß nicht eher sah, als bis man herabgestiegen war. Dieses sogenannte Palais bestand aus einem sehr kleinen Hauptgebäude, dessen Schönheit durch einen alten Thurm erhöht wurde, zu dem hinauf eine hölzerne Wendeltreppe führte. Der Thurm selber war ein ehemaliger Diebswinkel, von einer Bande Räuber erbaut, denen dies Schloß früher gehört hatte. Das Ge- bäude war von einem Erdwall und einem Graben umgeben, dessen schwarzes und fauliges Wasser dem Styxe glich. Drei Brücken verbanden es mit dem Hof in Front des Schlosses, mit dem Garten zur Seite desselben und mit einer gegenüberliegenden Mühle. Der nach vornhin gelegene Hof war durch zwei Flügel flankirt, in denen die Herren von des Königs Gefolge wohnten. Am Eingang in den Schloßhof hielten zwei Bären Wacht, sehr böse Thiere, die auf ihren Hintertatzen umherspazierten, weil man ihnen die vorderen abgeschnitten hatte. Mitten im Hofe befand sich ein kleiner Born, aus dem man mit vieler Kunst einen Spring- brunnen gemacht hatte. Er war mit einem eisernen Geländer um- geben, einige Stufen führten hinauf, und dies war der Platz, den sich der König Abends zum Tabackrauchen auszuwählen pflegte. Meine Schwester Charlotte (später Herzogin von Braunschweig) und ich, hatten für uns und unser ganzes Gefolge nur zwei Zimmer oder vielmehr zwei Dachstübchen. Wie auch das Wetter sein mochte, wir aßen zu Mittag immer im Freien unter einem Zelte, das unter einer großen Linde aufgeschlagen war. Bei starkem Regen saßen wir bis an die Waden im Wasser, da der Platz vertieft war. Wir waren immer 24 Personen zu Tisch, von denen drei Viertel jederzeit fasteten, denn es wurden nie mehr als sechs Schüsseln aufgetragen und diese waren so schmal zugeschnitten, daß ein nur halbwegs hungriger Mensch sie mit vieler Bequemlichkeit allein aufzehren konnte Prinzessin Wilhelmine (die Markgräfin) erzählt an einer andern Stelle ihrer Memoiren: „ich war all die Zeit über so leidend, daß ich versichern darf, zwei Jahre lang von nichts anderem als Wasser und trocken Brot gelebt zu haben.“ Aehnliche Klagen wiederholen sich. Es ist aber aller Sparsamkeit oder meinetwegen auch alles Geizes des Königs unerachtet, nicht sehr wahr- scheinlich, daß es so knapp in Wusterhausen hergegangen sein sollte. Der König war ein sehr starker Esser, und alle Personen von gutem Appetit haben die Maxime: „leben und leben lassen.“ Außerdem liegen glaubhafte Berichte vor, aus denen sich ganz genau ersehen läßt, was an Königs Tisch gespeist wurde. Es gab: Suppe, gestovtes Fleisch, Schinken, eine Gans, Fisch, dann Pastete. Dazu sehr guten Rheinwein und Ungar. In Wusterhausen kamen noch, weil es die Jahreszeit mit sich brachte, Krammetsvögel, Leipziger Lerchen und Rebhühner hinzu, besonders auch Früchte zum Dessert, darunter die schönsten Weintrauben. Das klingt schon einladender, als die Beschreibung der Prinzessin. .... In Berlin hatte ich das Feg- feuer, in Wusterhausen aber die Hölle zu erdulden.“ So die Markgräfin, die frühere Prinzessin Wilhelmine. Ich schlug das Buch zu und trat an das offene Fenster, durch das der heitere Lärm schwatzender Menschen zu mir herauf drang. Das Zimmer lag im ersten Stock und die Kronen der abgestutzten Lindenbäume ragten bis zur Fensterbrüstung auf, so daß ich meinen Kopf in ihrem Blattwerk verstecken konnte. Drüben, an der andern Seite der Straße, zog sich einer der Cavalierflügel des Schlosses entlang. Er war ganz in weiß und rothen Rosen ge- borgen und seine Oberfenster geöffnet; Licht und Musik drangen hell und einladend zu mir herüber. In schräger Richtung dahinter standen Pappeln und hohe Baumgruppen und zwischen ihrem Laubwerk wurd’ ich des alten Schloßthurms ansichtig, „des Diebswinkels, von einer Räuberbande erbaut.“ War es wirklich so arg mit ihm? Er stand da, mondbeschienen, mit der friedlichsten Miene von der Welt, eher an Idyll und goldene Zeit als an Fegfeuer und Hölle gemahnend. Es war noch nicht spät und der Weg nicht zwei Minuten weit. So beschloß ich noch einen Abendbesuch zu machen und die jetzt freilich von holdem Dämmer umwobene Wirklichkeit des Schlosses mit der Beschreibung seiner ehemaligen Bewohnerin zu vergleichen. Ich trat in den weiten Vorhof ein. Da lagen die Flügel rechts und links, vor mir Brück’ und Graben, und dahinter, großentheils versteckt, das Schloß selbst. Die Bären fehlten, der Springbrunnen auch. Keine Stufen zeigten sich mehr, auf denen irgend wer seine Abendpfeife hätte rauchen können; nur ein weiße Pumpe stand inmitten eines Fliederbosquets und nahm sich besser aus, als Pumpen sonst wohl pflegen. Ich näherte mich der Brücke, von der aus ich die Funda- mente des Schlosses in dunklen Umrissen, die Giebel aber, auf die das Mondlicht fiel, in scharfen Linien erkennen konnte. Was zwischen Giebel und Grundmauer lag, blieb hinter Bäumen versteckt. Der „Styx“ existirte nicht mehr; halb zugeschüttet war aus dem Graben ein breiter Streifen Wiesenland geworden. Allerlei blühende Kräuter würzten die Luft und im Rücken des Schlosses, wo die Notte fließt, hört’ ich deutlich wie das Wasser des Flüßchens über ein Wehr fiel. Ich kehrte nun in die Straße zurück und setzte mich unter die Linden des Gasthauses. Das war keine „Hölle,“ was ich ge- sehn, oder aber die Beleuchtung hatte Wunder gethan. Der Wirth setzte sich zu mir, und angesichts des Schlosses dessen Thurmdach uns argwöhnisch zu belauschen schien, plauderten wir von Wusterhausen . In alten wendischen Zeiten stand hier ein Dorf Namens „Wustrow“, eine hierlandes sich häufig findende Lokalbezeichnung. Als die Deutschen ins Land kamen, gründeten sie das noch existirende Deutsch -Wustrow zum Unterschiede von Wendisch - Wustrow, schließlich aber wurden beide Worte durch ein ange- hängtes „hausen“ germanisirt und Deutsch- und Wendisch-Wuster- hausen waren fertig. Wendisch-Wusterhausen, nur mit diesem haben wir es zu thun, wurd’ eine märkgräfliche Burg. Sie vertheidigte — wie „Schloß Mittenwalde“ von dem wir in einem der nächsten Kapitel sprechen werden — den Notte-Uebergang und war eine der vielen Grenzburgen zwischen der Mark und der Lausitz. Wendisch-Wusterhausen blieb markgräfliche Burg bis gegen 1370 und es ist eher wahrscheinlich als nicht, daß der alte, von der Prinzessin als „Diebswinkel“ bezeichnete Thurm bis in jene markgräfliche Zeit zurückdatirt. Etwa 1375 kamen die Schlieben in den betreffenden Besitz, eine Familie, die damals in der Umgegend reich begütert war. Sie besaßen es ein Jahrhundert lang, auch während der Quitzow -Zeit, ohne daß besondere „Räuberthaten“ aus dieser ihrer Besitz-Epoche bekannt geworden wären. 1475 kauften es die Schenken von Landsberg, da- malige Besitzer der Herrschaft Teupitz, aus deren Händen es, kleiner Mittelglieder zu geschweigen, 1683 an den Kurprinzen Friedrich, den späteren König Friedrich I. kam. Dieser aber überließ es 1698 seinem damals erst zehn Jahr alten Sohne, dem späteren König Friedrich Wilhelm I. Friedrich Wilhelm I. nahm Wendisch-Wusterhausen von Anfang an in seine besondere Affection und hielt bei dieser Be- vorzugung aus bis zu seinem Tode. Was es jetzt ist, verdankt es ihm, dem „Soldatenkönig;“ Straßen- und Park-Anlagen entstanden und mit Recht wechselte der Flecken seinen Namen und erhob sich aus einem Wendisch-Wusterhausen zu einem Königs- Wusterhausen. Königs-Wusterhausen ist vieleicht mehr als irgend ein anderer Ort, nur Potsdam ausgeschlossen, mit der Lebens- und Regierungs- Geschichte König Friedrich Wilhelms I. verwachsen. Hier ließ er als Knabe seine „Kadetten“ und einige Jahre später seine „Leib- Compagnie“ exerciren. Hier übte und stählte er seinen Körper, um sich wehr- und mannhaft zu machen und hier, nach erfolgtem Regierungsantritte, fanden jene waidmännischen Festlichkeiten statt, die Wusterhausen recht eigentlich zum Jagdschloß par excellence erhoben. Hier auf dem Schloßhof, den jetzt die friedliche Pumpe ziert, war es wo jedesmal nach abgehaltener Jagd den Hunden ihr „Jagdrecht“ wurde. Das war die Nachfeier zum eigentlichen Fest. Der zerlegte Hirsch ward wieder mit seiner Haut bedeckt, an der sich noch der Kopf sammt dem Geweih befinden mußte. So lag der Hirsch auf dem Hof, während hundert und mehr Parforce- Hunde, die durch ein Gatter von ihrer Beute getrennt waren, laut heulten und winselten und nur durch Karbatschen in Ordnung gehalten wurden. Endlich erschien der König, der Jägerbursche zog die Haut des Hirsches fort, das Gatter öffnete sich und die Meute fiel über ihr „Jagdrecht“ her, während die Piqueurs im Kreise standen und auf ihren Hörnern bliesen. Wenigstens zwei Monat alljährlich wohnte König Friedrich Wilhelm I. in Wusterhausen. Spätestens am 24. August traf er ein und frühestens am 4. oder 5. November brach er auf. Die ersten 8 Tage gehörten der Rebhuhnjagd, vorzüglich auf der Groß- Machenower Feldmark; später dann folgten die Jagden auf Roth- und Schwarzwild. Zwei Festlichkeiten im größeren Stil gab es herkömmlich während der Wusterhausener Saison: die Jahres- feier der Schlacht bei Malplaquet am 11. September und das Hubertusfest am 3. November. Bei Malplaquet war der König, damals noch Kronprinz, zum ersten Mal im Feuer gewesen; das erheischte, wie billig, ein Erinnerungsfest. Das Hubertusfest war zugleich das Abschiedsfest von Wusterhausen. Nur einmal fiel es aus, am 3. November 1730. Am 28. Oktober, sechs Tage vor dem Hubertustag, hatte das Kriegsgericht in Schloß Cöpenick gesessen, das über Kronprinz Friedrich und Katte befinden sollte. Hier in Wusterhausen spielten später die Hof- und Heiraths- Intriguen und hier schwankte die Wage bis zuletzt, ob der Erbprinz von Baireuth oder der Prinz von Wales (wie so sehr gewünscht wurde) die Braut heimführen würde; hier endlich, nachdem die Ungewitter sich verzogen und ruhigeren Tagen Platz gemacht hatten, theilte der früh alternde König, wenn Gicht und Podagra das Jagen verboten, seine Zeit zwischen Thonpfeife und Palette, zwischen Rauchen und Malen. Der andere Morgen war Pfingstsonntag. Ich brach früh auf, um das „verzauberte Schloß“, das damals (1862) noch keine Restaurirung erfahren hatte, bei hellem Tageslichte zu sehn. Ich fragte nach dem Kastellan, — todt; nach der Kastellanin — auch todt; endlich erschien ein Mann mit einem großen alten Schlüssel, der mir als der Herr „Exekutor“ vorgestellt wurde. Dies ängstigte mich ein wenig. Es war ein ziemlich mürrischer Alter, der von nichts wußte, vielleicht auch nichts wissen wollte . Wir traten durch eine Seitenthür auf den Schloßhof. Es war schon heiß, trotz der frühen Stunde; die Sonne schien blendend hell und die Bosquets sammt der weißen Pumpe waren nicht ganz mehr, was sie den Abend vorher gewesen waren. Wir umschritten zunächst das Schloß, dann nahm ich einen guten Stand, um mir die Architectur desselben einzuprägen. Es ist gewiß ein ziemlich häßliches Gebäude, aber doch noch mehr originell als häßlich, und in seiner Apartheit nicht ohne Interesse. Der ganze Bau, bis zu beträchtlicher Höhe, ist aus Feldstein aufgeführt, woraus ich den Schluß ziehe, daß der König die dem 14. oder 15. Jahrhundert angehörige Grundform des Schlosses: ein Viereck mit vorspringendem Rundthurm, einfach bei- behielt und nur die Gliederung und Einrichtung völlig veränderte. Der Rundthurm wurde Treppenthurm. Von diesem aus zog er eine Mauerlinie mitten durch das Feldstein-Viereck hindurch und theilte dadurch den Bau in zwei gleiche Hälften. Jede Hälfte er- hielt ein Giebeldach, so daß wer sich dem Schlosse jetzt nähert, zwei Häuser zu sehen glaubt, die mit ihren Giebeln auf die Straße blicken. In Front beider Giebel und an beide sich lehnend, steht der Thurm. Dieser Thurm ist sehr alt; König Friedrich Wilhelm I. aber hat ihm einen modernen Eingang gegeben, ein Portal in Manns- höhe, dessen Giebelfeld etwa ein Dutzend in Holz geschnittene Amoretten zeigt. Einige sind wurmstichig geworden, andere haben sonstigen Schaden genommen. Beim Eintreten erblickt man zuerst ein paar verließartige Keller- Fontane , Wanderungen. IV. 17 räume, darin etwas Stroh liegt, als wären es eben verlassene Lager- stätten. Von hier aus führt eine Treppe von zehn oder zwölf Stufen in’s Hochparterre, danach eine zweite höhere Treppe bis in’s erste Stockwerk. Wir verweilen hier einen Augenblick. Ein schmaler Gang scheidet zwei Reihen Zimmer von einander, deren Thüren, etwa in Mittelhöhe (muthmaßlich des besseren Luftzugs halber) kleine Gitterfenster haben, in Folge dessen die Zimmer aus- sehen wie Gefängnißzellen. Es sind dies ersichtlich dieselben Räume, darin die Prinzessinnen schlafen mußten, wenn sie nicht in den kleinen Giebelstuben untergebracht wurden. Die Gitterfenster gönnen überall einen Einblick. In einem der Zimmer lagen Akten- bündel ausgebreitet, weiße, grüne, blaue, wohl 80 oder 100 an der Zahl. Muthmaßlich eine alte Registratur der Herrschaft Königs-Wusterhausen. Wir stiegen nun in’s Hochparterre zurück. Hier befindet sich die ganze Herrlichkeit des Schlosses auf engstem Raum zusammen. Man tritt zuerst in eine mit Hirschgeweihen ausgeschmückte Jagd- halle, die, wie der Flurgang oben, zwischen zwei Reihen Zimmern hinläuft. Die frühere große Sehenswürdigkeit darin ist derselben ver- loren gegangen. Es war dies das 532 Pfund schwere Geweih eines Riesenhirsches, der 1636, also zur Regierungszeit George Wilhelms, in der Köpnicker Forst, 4 Meilen von Fürstenwalde, erlegt worden war. Ueber dies Geweih ist auch in neuerer Zeit noch viel gestritten und obige Gewichtsangabe wie billig belächelt worden. Nichtsdestoweniger muß das Geweih etwas ganz Enormes gewesen sein, da Friedrich August II. von Sachsen dem Könige Friedrich Wilhelm I. eine ganze Compagnie langer Gre- nadiere zum Tausch dafür anbot, ein Anerbieten, das natürlich angenommen wurde. Das Geweih existirt noch und soll sich auf dem Jagdschloß Moritzburg bei Dresden befinden. Rechts von der Halle sind zwei Thüren. An der einen, zu- nächst der Treppe, standen mit Kreide die Worte: „Wachtstube der Artillerie.“ Bei Manövern, Mobilmachungen ꝛc. muß nämlich das Wusterhausener Schloß wohl oder übel mit aushelfen und er- hält vorübergehend eine kleine Garnison. Auch stehen in der That die meisten dieser Räume, wenigstens in der Gestalt in der ich sie noch sah, auf der Stufe von Kasernenstuben. Das erste Zimmer hinter der mit Kreide beschriebenen Thür war ehedem das Schlafzimmer Friedrich Wilhelms I. Es befindet sich in demselben das große Waschbecken des Königs, etwas höchst Primitives, eine Art festgemauertes Waschfaß . Aus Gips gefertigt, gleicht es den Abgußsteinen, die man in unseren Küchen findet, und hat in der That eine Oeffnung zum Abfluß des Wassers, in der ein steinerner Stöpsel steckt, halb so lang wie ein Arm und halb so dick. Beim Anblick dieses Waschfasses glaubt man ohne weitere Zweifel was vom Soldatenkönig berichtet wird, daß er einer der reinlichsten Menschen war und „sich wohl zwanzigmal des Tages wusch.“ Die andere Thür, ebenfalls zur Rechten der Halle, führt in den Speisesaal . Er mißt 15 Schritt im Quadrat. In der Mitte desselben ist ein hölzerner Pfeiler angebracht, der vielleicht mehr schmücken als stützen soll. Ein großer Kamin, neben dessen einem Vorsprung einst eine Treppe direkt in die Küche führte, voll- endet die Herrichtung. Es ist dies derselbe Saal, in dem, wie schon hervorgehoben, an jedem 11. September der Tag von Mal- plaquet und an jedem 3. November das Hubertusfest gefeiert ward. Es ging dann viel heitrer hier her, als man jetzt wohl beim An- blick dieser weißgetünchten Oede glauben möchte. Frauen waren ausgeschlossen. Es war ein Männerfest. Zwanzig bis dreißig Offiziers, meist alte Generale, die unter Eugen und Marlborough mitgefochten hatten, saßen dann um den Tisch herum und Rhein- wein und Ungar wurden nicht gespart. Der „starke Mann“ mußte kommen und seine Kunststücke machen; zuletzt, während die Lichter flackerten und qualmten und die Piqueurs auf ihren Jagdhörnern bliesen, packte der König den alten General- lieutenant von Pannewitz, der von Malplaquet her eine breite Schmarre im Gesicht hatte, und begann mit ihm den Tanz. Dazwischen Taback, Brettspiel und Puppentheater, bis das Ver- gnügen an sich selbst erstarb. Wir treten nun aus diesem Eßsaal wieder in die Halle zurück. Zur Linken derselben befinden sich ebenfalls zwei Zimmer, die Zimmer der Königin . Sie sind verhältnißmäßig noch wohl er- halten und geben einem ein deutliches Bild von der „Elegance“ 17* jener Tage. Beide Zimmer sind durch eine Thür von Eichenholz mit einander verbunden, wie denn auch niedrige Eichenholz-Paneele die Wände bekleiden, während in den vier Ecken oben vier Lyras angebracht sind, die so genirt dreinsehen, als befänden sie sich lieber wo anders. Und doch haben sie wenigstens Gesellschaft: zwei Bas- reliefs (in jedem Zimmer eins) die sich als Wandschmuck zwischen Kamin und Decke schieben. Das eine stellt eine „Toilette der Venus,“ das andere eine „Venusfeier“ dar. Auf jenem erblicken wir nichts als die herkömmlichen Amoretten, schnäbelnde Tauben, Rosen-Guirlanden ꝛc., das zweite dagegen thut ein Uebriges und nackte Gestalten von ganz unglaublichen Formen umtanzen eine Venusstatue, während ein Satyr von hinten her eine Bacchantin umklammert und die Widerstrebende zum Tanze zwingt. An anderem Orte würde dieser lustige Heidenspuk wenig bedeuten, hier im Schlosse zu Wusterhausen aber nimmt er sich wunderlich genug aus und paßt seltsam zu dem Waschbecken drüben mit dem dicken steinernen Stöpsel. Das erste dieser Zimmer, das sich mit der „Toilette der Venus“ begnügt, führt durch eine Seitenthür auf eine Art Rampe, die ziemlich steil nach dem Park hin abfällt. Diesen Weg machte wahrscheinlich der König, wenn er in seinem Gichtstuhl in den Garten hinein und wieder zurückgerollt wurde. Bekanntlich war Treppensteigen nicht seine Sache. Wir aber treten jetzt ebenfalls in’s Freie hinaus und athmen auf im Sonnenlicht und in dem Wiesendufte, den eine Luftwelle herüber trägt. Eine mächtige alte Linde, hart zu Füßen der Rampe, ladet uns ein unter ihrem Zweigwerk Platz zu nehmen und wir sitzen nun muthmaßlich unter demselben Blätterdach „unter dem die Damen, wenns regnete, bis an die Waden im Wasser saßen“. Die Parkwiese liegt vor uns, Hummel und Käfer summen darüber hin und das Mühlenfließ uns zur Rechten fällt leis über das Wehr. Träume nehmen den Geist gefangen und führen ihn weit weit fort in südliche Lande, zu Tempeltrümmern und Götterbil- dern. Aber ein Satyr lauscht plötzlich daraus hervor. Es ist derselbe, der der tanzenden Bacchantin da drinnen im Nacken sitzt und siehe, die Prosa-Bilder von Schloß Wusterhausen schieben sich plötzlich wieder vor die Bilder klassischer Schönheit. Hatte die Memoirenschreiberin doch Recht? Ja und Nein. Ein prächtiger Platz für einen Waidmann und eine starke Natur, aber freilich ein schlimmer Platz für ästhetischen Sinn und einen weiblichen esprit fort. 2. Teupitz. Winde hauchen hier so leise Räthselstimmen tiefer Trauer. Lenau. Teupitz verlohnt eine Nachtreise, wiewohl diese Hauptstadt des „Schenkenländchens“ nicht das mehr ist, als was sie mir geschildert worden war. All diese Schilderungen galten seiner Armuth. „Die Poesie des Verfalls liegt über dieser Stadt“, so hieß es voll dichte- rischen Ausdrucks, und die pittoresken Armuthsbilder, die mein Freund und Gewährsmann vor mir entrollte, wurden mir zu einem viel größeren Reiseantrieb, als die gleichzeitig wiederholten Versicherungen: „aber Teupitz ist schön.“ Diesen Refrain über- hört’ ich oder vergaß ihn, während ich die Worte nicht wieder loswerden konnte: „das Plateau um Teupitz herum heißt „der Brand“, und das Wirthshaus darauf führt den Namen „der todte Mann“. Ich hörte noch allerhand Anderes. Ein früherer Geistlicher in Teupitz sollte blos deshalb unverheiratyet geblieben sein, „weil die Stelle einen Hausstand nicht tragen könne“, und ein Gutsbe- sitzer, so hieß es weiter, habe Jedem erzählt: „ein Teupitzer Bettel- kind, wenn es ein Stück Brod kriegt, ißt nur die Hälfte davon; die andere Hälfte nimmt es mit nach Haus. So rar ist Brod in Teupitz“. All diese Geschichten hatten einen Eindruck auf mich gemacht. Zu gleicher Zeit erfuhr ich, König Friedrich Wilhelm IV. habe gelegentlich halb in Scherz und halb in Theilnahme gesagt: „die Teupitzer sind doch meine Treusten; wären sie’s nicht, so wären sie längst ausgewandert“. Dies und noch manches der Art rief eine Sehnsucht in mir wach, Teupitz zu sehen, das Ideal der Armuth, von dem ich in Büchern nur fand, daß es vor hundert Jahren 258 und vor fünfzig Jahren 372 Einwohner gehabt habe, daß das Personal der Gesundheitspflege (wörtlich) „auf eine Hebamme beschränkt sei“, und daß der Ertrag seiner Aecker 1¼ Sgr. pro Morgen betrage. Angedeutet hab’ ich übrigens schon, und es sei hier eigens noch wiederholt, daß ich die Dinge doch anders fand, als ich nach diesen Schilderungen erwarten mußte. Wie es Familien giebt, die, trotzdem sie längst leidlich wohlhabend geworden sind, den guten und ihnen bequemen Ruf der Armuth durch eine gewisse Passivität geschickt aufrecht zu erhalten wissen, so auch die Teu- pitzer. Solche vielbedauerten „kleinen Leute“ leben glücklich-ange- nehme Tage, und unbedrückt von den Mühsalen der Gastlichkeit oder der Repräsentation, lächeln sie still und vergnügt in sich hinein, wenn sie dem lieben, alten Satze begegnen, daß „geben seliger sei denn nehmen“. Um 12 Uhr Nachts geht oder ging wenigstens die Post, die die Verbindung zwischen Teupitz und Zossen und dadurch mit der Welt überhaupt unterhielt. Zossen ist der Paß für Teupitz: „es führt kein andrer Weg nach Küßnacht hin“. Während der ersten anderthalb Meilen haben wir noch Chaussee, deren Pappeln, soviel die Mitternacht eine Musterung gestattet, nicht anders aussehen als andern Orts, und erst bei Morgengrauen biegen wir nach links hin in die tiefen Sandgeleise der recht eigent- lichen Teupitzer Gegend ein. Es ist ein ausgesprochenes Haideland, mehr oder weniger unsern Wedding-Parthien verwandt, wie sie vor hundert oder auch noch vor fünfzig Jahren waren. Selbst die Namen klingen ähnlich: „Sandkrug, Spiesberg“ und „der hungrige Wolf“. Immer dieselben alten und wohlbekannten Elemente: See und Sand und Kiefer und Kussel; aber so gleichartig die Dinge selber sind, so apart ist doch ihre Gruppirung in dieser Teupitzer Ge- gend. Die Kiefer, groß und klein, tritt nirgends in geschlossenen Massen auf, nicht en colonne steht sie da, sondern aufgelöst in Schützenlinien. Und die Dämmerung unterstützt diese Vorstellung eines Heerlagers. Auf der Kuppe drüben stehen drei Vedetten und lugen aus, am Abhang lagert eine Feldwacht und eine lange Postenkette von Kusseln zieht sich am See hin und reicht einem andern Lagertrupp die Hand. Dazwischen Sand und Moos und dann und wann ein Aehrenfeld, dünn und kümmerlich, ein bloßer Versuch, eine Anfrage bei der Natur. Inzwischen ist es am Horizont immer heller geworden. Das Grau wurde weiß, das Weiß isabell- und dann rosenfarben, und nun schießt es wie Feuerlilien auf. Der Sand verschwindet, Wasser- und Morgenkühle wehen uns an, und während der Sonnenball hinter einem alten Schloßthurm aufsteigt, fahren wir in die noch stille Straße von Teupitz ein. Der Wagen hält vor dem „goldnen Stern“, an dessen Lauben- vorbau der Wirth sich lehnt, seines Zeichens ein Bäcker. Ich nehm’ es als eine gute Vorbedeutung, denn unter allen Gewerks- meistern steht doch der Bäcker unserm innern Menschen am nächsten. Er weist mich auch freundlich zurecht; ein Lager ist leicht gefunden und dem Müden noch leichter gebettet. Durch das Gazefenster zieht die Luft, die Akazie draußen bewegt sich hin und her, und die Tauben auf dem eingerahmten Geburtstagswunsch am Bett- ende werden immer größer. Und nun fliegen sie fort und — meine Träume fliegen ihnen nach. Aber nicht auf lange. Das Picken des Nagelschmieds von der Ecke gegenüber weckt mich, und während die Frühstücksstunde kommt und die braunen Semmeln neben die noch braunere Kanne gestellt werden, setzt sich die Sternen-Wirthin zu mir und unterhält mich von Teupitz und dem Teupitzer See. „Ja“, so sagt sie, „was wäre Teupitz ohne den See. Wir wären längst ein Dorf, wenn wir das Wasser nicht hätten. Frei- lich wir dürfen nicht mehr drin fischen, die Fischereigerechtigkeit ist verpachtet, aber das Wasser ist uns mehr als alles was drin schwimmt. Mit gutem Winde fahren wir in sechs Stunden nach Berlin und alles was wir kaufen und verkaufen, es kommt und geht auf dem See. Wir bringen keine Fische mehr zu Markte, denn wir haben keine mehr, aber Garten- und Feldfrüchte, Weintrauben und Obst, und Holz und Torf. Das giebt so was wie Handel und Wandel, mehr als Mancher denkt und mehr als wir selber ge- dacht haben. Große Spreekähne kommen und gehen jetzt täglich, das machen die neuen Ziegeleien. Ueberall hier herum liegt fetter Thon unterm Sand, und wenn Sie Nachts über Groß-Köris hin- aus bis an den Motzner See fahren, da glüht es und qualmt es rechts und links, als brennten die Dörfer. Oefen und Schorn- steine wohin Sie sehen. Meiner Mutter Bruder ist auch dabei. Er wird reich, und Alles geht nach Berlin. Viele hunderttausend Steine. Immer liegt ein Kahn an dem Ladeplatz, aber er kann nicht genug schaffen, so viel wie gebraucht wird. Ich weiß es ganz bestimmt, daß er reich wird, und Andere werden’s auch. Aber daß sie’s werden können, das macht der See “. Die Sternwirthin verrieth hier eine bemerkenswerthe Nei- gung, sich über die Vermögensverhältnisse von „ihrer Mutter Bruder“ ausführlicher auszulassen, weshalb ich, ohne jede Neugier nach dieser Seite hin, die Frage zwischenwarf: wem denn eigentlich der See gehöre, was er Pacht trage und wer ihn ge- pachtet habe? „Der See gehört zum Gut. Zum Gut gehören überhaupt 32 Seen, aber der Teupitz-See ist der größte. Der Fischgroß- händler in Berlin, der ihn vom Gut gepachtet hat, zahlt 800 Thaler und die Teupitzer Fischer, die hier fischen und die Fische zu Markte bringen, sind nicht vielmehr als die Tagelöhner und Dienstleute des reichen Händlers. Meiner Mutter Bruder ....“ „Achthundert Thaler“ unterbrach ich „ist eine große Summe. Ich kenne Seen, die nur vier Thaler Pacht bezahlen. Ist der Teupitz-See so reich an Fischen?“ „Ob er’s ist! Die Stadt führt nicht umsonst einen Karpfen im Wappen. Unser See hat viel Fische und schöne Fische; freilich wenn der Zander-Zug fehlschlägt —“ „Der Zander-Zug? “ „Ja. Er ist nur einmal im Jahr und von seinem Ausfall hängt Alles ab. In der Regel bringt er 600 oft 1500 Thaler, mitunter freilich auch gar nichts. Dann muß das nächste Jahr den Schaden decken. Aber weil es unsicher ist, was der Zan- derzug bringen wird, deshalb können unsere Fischer den See nicht pachten.“ „Wann ist der Zug?“ „Im Januar und Februar. Immer im Winter, denn die Netze werden unterm Eis gespannt und gezogen. Es ist jedesmal ein Festtag für Teupitz.“ Die Sternwirthin begann nun mit vieler Lebhaftigkeit mir die verschiedenen Phasen des Zander-Zuges zu beschreiben, dabei mehr ermuthigt als gestört durch meine Fragen, die ganz ernsthaft darauf aus waren, das Verfahren nach Möglichkeit kennen zu lernen. Die Handgriffe beim Spannen und Ziehen der Netze blieben mir aber unklar und nur so viel sah ich, daß es die größte Aehnlichkeit mit einer Treibjagd und zwar mit einem Kesseltreiben haben müsse. Die Fischer, wohl vertraut mit dem See, fegen mittelst weit- gespannter Netze den Zander in ihnen bekannte Kesselvertiefungen hinein, umstellen ihn hier und schöpfen ihn dann, wie man Gold- fischchen aus einem Bassin schöpft, aus der fischgefüllten Tiefe heraus. Inzwischen erfuhr ich, daß das Boot bereit läge, das mich laut Verabredung auf den See fahren sollte. Gleich vom gold- nen Stern aus, läuft ein schmaler Gang auf die Anlegestelle zu. Rechts und links standen Hof- und Gartenzäune, sämmtlich in jenen seltsamen Biegungen und Wellenlinien, die bemoostes Zaun- werk im Lauf der Jahre zu zeigen pflegt. Ueber die Zäune hinweg wuchsen die Kronen der Bäume von hüben und drüben zusammen, was sich namentlich in Nähe des Wassers überaus malerisch ausnahm, wo zugleich der See bis zwischen das Planken- werk vordrang und mal höher mal tiefer mit seinem gelblichen Schaum eine Grenzmarke zog. An dieser Stelle lag auch das Boot. Ein Fischermädchen vom andern Ufer stand in der Mitte desselben und während ihr weißes Kopftuch im Winde flatterte, stießen wir ab. Der Teupitz-See ist fast eine Meile lang und eine Viertel- meile breit, an einigen Stellen, wo er sich buchtet, auch breiter. Sein Wasser ist hellgrün, frisch und leichtflüssig; Hügel mit Fel- dern und Hecken fassen ihn ein, und außer der schmalen Halb- insel, die das „Schloß“ trägt und sich bis tief in den See hinein erstreckt, schwimmen große und kleine Inseln auf der schönen Wasserfläche umher. Die kleinen Inseln sind mit Rohr bestanden, die größeren aber, auch Werder geheißen, sind bebaut und tragen die Namen der beiden Seedörfer, Egsdorf und Schwerin, denen sie zunächst gelegen sind. Also der Egsdorfer und der Schweriner Werder. Wir fuhren von Insel zu Insel, von Ufer zu Ufer; abwech- selnd mit Ruder und Segel ging es auf und ab, planlos, ziellos. Die Teupitzer Kirche, der alte Schloßthurm hinter Pappeln, die rothen Dächer der Stadt, das Schilf, die Hügel — alles spiegelte sich in dem klaren Wasser, aber, so schön es war, ich hatte doch ein Gefühl all dies schon einmal gesehn zu haben, nur schöner, märchenhafter, und diese Märchenbilder sucht’ ich nun in Näh und Ferne. Lächelnd gestand ich mir endlich, daß ich sie nicht finden würde. Noch einmal umfuhr der Kahn die Halbinsel, auf der die Ueberreste des alten Teupitz-Schlosses gelegen sind; dann trieben wir, durch den Schilfgürtel hindurch, den Kahn wieder an’s Land. Die Stelle, wo wir landeten, lag in dem Winkel, den Ufer und Landzunge bilden, und das alte Teupitz-Schloß oder mit seinem vollen Namen „das alte Schloß der Schenken von Landsberg und Teupitz“ stieg fast unmittelbar vor uns auf. Ich schritt ihm zu. Das alte Teupitz-Schloß, das in frühe Jahrhunderte zurück- reicht, galt ehedem für sehr fest. Es lag an der Grenze zwischen Mark und Lausitz und scheint abwechselnd eine märkische oder sächsische Grenzfestung gewesen zu sein, je nachdem die Waffen oder die Verträge zu Gunsten des einen oder andern Theils entschieden hatten. Im 13. sowie in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts waren die Plötzke’s Herren von Teupitz, um 1350 aber kam die Herrschaft Tupitz oder Tuptz, wie sie damals genannt ward, in Besitz der Schenken von Landsberg und nahm seitdem den Namen des „Schenkenländchens“ an. Dies Ländchen umfaßte 4 Qu.-Meilen; in seiner Mitte lag Teupitz die Stadt, mit See und Burg. Die Lehnsverhältnisse des „Schenkenländchens“ blieben noch geraume Zeit hindurch verwickelter und schwankender Natur, bis endlich der Einfall der Hussiten in die Mark den Ausschlag gab und die Schenken von Landsberg und Teupitz veranlaßte, sich in den Schutz des Brandenburgischen Kurfürsten (Friedrich I. ) zu begeben. Zwar geschah dies zunächst noch mit der Bemerkung: „unbeschadet unserer Unterthänigkeitsverpflichtung gegen den Kaiser und den Herzog von Sachsen“, diese Hinzufügung indeß scheint nicht allzu ernsthaft gemeint gewesen zu sein, da Schenk Heinrich von Landsberg schon wenige Jahre später erklärte, „daß, sintemalen der Kurfürst, sein gnädiger Herr, mit den Herzögen von Sachsen in Fehde stehe, auch er (Schenk Heinrich) mit seinen Helfern und Knechten ihnen, den Herzögen, den Krieg erklären müsse.“ Die Schenken von Landsberg und Teupitz blieben nah an 400 Jahr im Besitz der Herrschaft. Nachdem aber Schloß und Land in Folge des 30jährigen Krieges sehr vernachlässigt, die Wein- berge verwildert, die Haiden verwüstet waren, ging das ganze Schenkenländchen im Jahre 1718 durch Kauf an König Friedrich Wilhelm I. über. Er bezahlte dafür die geringe Summe von 54,000 Thaler, kaufte verloren gegangene Güter zurück, machte das Schloß zu einem „Amt“ und stellte das gesammte Schenkenländchen, als Außenwerk der Herrschaft Königs-Wusterhausen, unter die Ver- waltung einer Amtskammer. Seit einer Reihe von Jahren ist Schloß Teupitz in die Hände von Privaten übergegangen. Der vorige Besitzer war Herr von Treskow, der gegenwärtige ist Herr von Pappart. Es giebt kein Schloß Teupitz mehr, nur noch ein Amt gleiches Namens. Zu diesem Amt, sehr malerisch an der Stelle des alten Schlosses gelegen, gehört auch selbstverständlich alles was noch von Resten einer frühren Zeit vorhanden ist. Es ist dies mehr, als auf den ersten Blick erscheint. Alle Wirthschaftsgebäude der linken Hofseite ruhen auf alten hochaufgemauerten Fundamenten, in denen sich mächtige Kellergewölbe bis diese Stunde vorfinden, während der Eingang in den Amtshof durch einen viereckigen Thurm, einen sogenannten Donjon, in mittelalterlicher Weise flankirt wird. Dieser Backsteinthurm hat noch eine beträchtliche Höhe, was seinem An- blick aber einen ganz besonderen Zauber leiht, ist, daß seine Plat- form zu einem völligen Garten geworden. In das Erdreich, das der Regen im Laufe der Jahrhunderte hier niedergeschlagen hat, haben theils die höheren Baumkronen ihre Keime niederfallen lassen, theils haben Wind und Staubwirbel aus dem zu Füßen gelegenen Garten die Samenkörner bis zur Höhe des Thurmes emporgetragen. Ein Ebreschenbaum stand in der Mitte desselben und zwischen den Rosensträuchern wuchs „Unserer lieben Frauen Bettstroh“ in großen gelben Büscheln über die Mauerkrone fort. Das alte Schloß, erzählen einige, habe früher auf einer völligen Insel gestanden, und erst die Anschwemmungen hätten im Lauf der Zeit aus der Insel eine Halbinsel gemacht. Es ist dies möglich, aber nicht wahr- scheinlich. Man sieht nirgends eine Bodenbeschaffenheit oder über- haupt Terrain-Eigenthümlichkeiten, die darauf hindeuteten, und alles läßt vielmehr umgekehrt annehmen, daß es stets eine Halb- insel war, die freilich absichtlich und zwar mittelst eines durch die Landenge gestochenen Grabens, zu einer Insel gemacht wurde. Außer Thurm und Fundamenten ist an dieser Schloßstelle nichts mehr vorhanden, was an die alten Schenken von Teupitz erinnerte. Noch weniger fast bietet die Kirche, die zwischen dem Schloß und der Stadt, am Nordrande der letzteren gelegen ist. Vor fünfzig Jahren hätte die Forschung noch manches hier gefunden, jetzt aber, nach stattgehabter Restaurirung. ist alles hin, oder doch so gut wie Alles. Die Grundform der Kirche hat zwar wenig unter diesen Neuerungen gelitten, alle Details im Innern aber, alle jene Bilder, Gedächtnißtafeln und Ornamente, die vielleicht im Stande gewesen wären, der ziemlich grau in grau gemalten Geschichte der Schenken von Teupitz etwas Licht und Farbe zu leihen, sie sind zerstört oder verloren gegangen. Bei Oeffnung der jetzt zugeschütteten Gruft unter der Sakristei der Kirche, fand man eine bedeutende Anzahl Särge, viele mit Messing- täfelchen, auf denen neben den üblichen Namen- und Zahlen-An- gaben auch einzelne historische Daten verzeichnet waren. Diese Täfelchen, in die Pfarre gebracht, sind später in dem Wirr- warr von Umzug und Neubau verloren gegangen. Der gegen- wärtige Geistliche hat nur mit Mühe noch eine kleine Glasmalerei gerettet, die, dem Anscheine nach, einen von der Kanzel predigenden Mönch darstellt. Sonst ist der Kirche aus der „Schenken-Zeit“ her nichts geblieben, als ein einziger Backstein am Hintergiebel, der die eingebrannte Inschrift trägt: nobil. v. Otto Schenk v. Landsb. (nobilis vir Otto Schenk von Landsberg.) Wahrscheinlich war er es, unter dem eine frühere Restauration der Kirche (1566) stattfand. Wir haben den See befahren, das Schloß und die Kirche besucht, es bleibt uns nur noch der Jeesenberg, ein Hügel am Südrande der Stadt gelegen, von dem aus man das gesammte Schenkenländchen überblickt. Wir erreichen seinen höchsten Punkt und haben in weitgespanntem Bogen eine Kessellandschaft vor und unter uns. Wohin wir blicken, vom Horizonte her dieselbe Reihen- folge von Hügel, See und Haideland und in der Mitte des Bildes wir selbst und der Berg, auf dem wir stehen. Das Panorama ist schön; schöner aber wird das Bild, wenn wir auf den Rundblick verzichten und uns damit begnügen, in die nach Osten hin sich dehnende Hälfte der Landschaft hineinzublicken. Es ist dies die Hälfte, wo Teupitz und sein See gelegen sind. Der Wind weht scharf vom Wasser her, aber eine wilde Pflaumbaum- Hecke giebt uns Schutz, während Einschnitte, wie Schießscharten, uns einen Blick in Näh und Ferne gestatten. Ein Kornfeld läuft vor uns am Abhang nieder, am Fuße des Hügels zieht sich ein Feldweg hin und dahinter breiten sich Gärten und Wiesen; hinter den Wiesen aber steigt die Stadt auf und hinter dieser der See mit seinen Inseln und seinen Hügeln am andern Ufer. Und auch Leben hat das Bild. Wie losgelöste Schollen treiben die In- seln den See entlang (oder scheinen doch zu treiben), ein satter Fischreiher fliegt landeinwärts und die Tücher der Mägde, die beim Heuen beschäftigt sind, flattern lustig im Winde. Vom nächsten Dorf her kommen Kinder des Wegs und verkürzen sich die Zeit mit Spiel und Neckereien. In Büscheln reißen die Jungen den rothen Mohn aus dem Kornfeld und immer wenn sie die Mädchen zu haschen und mit den Büscheln zu treffen suchen, stäuben die rothen Blätter nach allen Seiten hin durch die Luft. So liegen und träumen wir hinter der Pflaumbaumhecke, ducken uns vor dem Wind, wenn er zu scharf bergan fährt, und lugen wieder aus, wenn er pausirt und zu neuem Angriff sich rüstet. In diesem Augenblick aber trägt er die Klänge der Mittags- glocke laut und vernehmbar herüber und mahnt uns zur Rückkehr in die Stadt. Im goldenen Stern erwartet uns ein gedeckter Tisch; ich eile damit und spring’ in’s Boot, um noch einmal über den See zu fahren. Und diesmal allein. Die kurzen Wellen tanzen um mich her, das Wasser zeigt eine leichte Trübe, der Himmel ist grau. Ein Gefühl beschleicht mich wieder, stärker noch als zuvor, als ruhe hier etwas, das sprechen wolle, — ein Geheimniß, eine Geschichte. Ich ziehe die Ruder ein und horche. Die Wellen klatschen an den Kiel und der Wind biegt das Rohr knisternd nieder. Sonst alles stumm. Die Wolken sinken immer tiefer; nun öffnen sie sich und hinter der grauen Wand, die der niederfallende Regen nach allen Seiten hin aufrichtet, verschwindet die Landschaft, Stadt und Schloß. So sah ich den Teupitz-See zuletzt und ich habe Sehnsucht ihn wieder zu sehn. Ist es seine Schönheit allein, oder zieht mich der Zauber, den das Schweigen hat? Jenes Schweigen, das etwas verschweigt. 3. Mittenwalde. „Befiehl Du Deine Wege Und was das Herze kränkt Der allertreusten Pflege Deß, der den Himmel lenkt“ .... Und kaum das Lied vernommen, Ist über sie gekommen Der Friede Gottes aus der Höh’. Schmidt von Lübeck. Teupitz war der äußerste Punkt unserer Pfingstfahrt; auf dem Rückwege lassen wir es uns angelegen sein, an Mittenwalde nicht ohne Ansprache vorüber zu gehn. Im Allgemeinen darf man fragen: wer reist nach Mitten- walde? Niemand. Und doch ist es ein sehenswerther Ort, der Anspruch hat auf einen Besuch in seinen Mauern. Nicht als ob es eine schöne Stadt wäre, nein; aber schön oder nicht, es ist sehenswerth, weil es alt genug ist um eine Geschichte zu haben. Es hat sogar eine Vorg eschichte: Sagen und Traditionen von einem Alt -Mittenwalde, das, in unmittelbarer Nähe der jetzigen Stadt, auf der westlichen Feldmark derselben gelegen war. Und in der That, unter Wiesen- und Ackerland finden sich an dieser Stelle noch allerlei Steinfundamente vor, und während das Auge des Fremden über Felder und Schläge zu blicken glaubt, sprechen die Mittenwalder vom „Vogelsang“, vom „Pennigsberg“, vom „Burgwall“ ꝛc., als ob all diese Dinge noch sichtbarlich vor ihnen stünden. Daß hier früher und zwar in einem enggezogenen Halbkreis um die jetzige Stadt her ein anderes Mittenwalde stand, scheint unzweifelhaft. Es finden sich beispielsweis allerlei Münzen am „Pfennigsberg,“ und als Ende der 50er Jahre Canalbauten und Erdarbeiten am „Burgwall“ zur Ausführung kamen, stieß man auf Eichenbohlen, die wohl drei Fuß hoch mit Feldsteinen überschüttet waren. Ersichtlich ein Damm, der früher — mitten durch den Sumpf hindurch — erst nach dem Burg- wall und von diesem aus nach der inmitten desselben gelegenen Burg führte. So die Traditionen, und so das Thatsächliche, das jene Traditionen unterstützt. Aber so gewiß dadurch der Beweis ge- führt ist, daß auf der westlichen Feldmark ein anderer längst untergegangener Ort existirte, so wenig ist dadurch bewiesen, welcher Art der Ort war und in welchem Verhältniß er zu der Burg und dem Pennigsberge stand. Wie verhielt es sich damit? War die Burg ein Schutz der Stadt oder umgekehrt ein Trutz derselben? Waren Stadt und Burg wendisch oder waren sie deutsch? Befehdeten sie einen gemeinschaftlichen Feind, oder befehdeten sie sich untereinander? Alle diese Fragen drängen sich auf, ohne daß eine Lösung bisher gefunden wäre. Die Tra- dition scheint geneigt, einen alten Wendenort anzunehmen, der in- mitten des „Burgwalls“ seine Burg und auf dem „Pennigsberg“ seine Begräbnißstätte hatte. Bevor Besseres geboten ist, ist es vielleicht am besten, dabei zu verharren. Ausgrabungen auf dem westlichen Stadtfelde würden gewiß zu wirklichen Aufschlüssen führen, aber diese Ausgrabungen werden in unbegreiflicher Weise vernachlässigt. Die Communen entbehren in der Regel des nöthigen Interesses und unsere Vereine der nöthigen Mittel. Indessen lassen wir das vorgeschichtliche Mittenwalde und wenden wir uns lieber dem mittelalterlichen zu, das, aller Verheerungen unge- achtet, in einzelnen Baulichkeiten immer noch existirt. Da haben wir die Mauer mit ihren Thorthürmen, da haben wir die Propstei- kirche und da haben wir vor allem auch den „Hausgrabenberg“, von dessen Höhe herab, nach allgemeiner Annahme „Schloß Mittenwald“ in die Mark und die Lausitz hineinblickte. Die Lage dieses „Hausgrabenberges“ im Norden des zu vertheidigenden Notte-Flüßchens, dazu das Fortifikatorische der an andere Hügel- befestigungen jener Zeit erinnernden Anlage, würden es wie zur Gewißheit erheben, daß das Schloß an diesem Punkt und nur an diesem gestanden haben müsse, wenn nicht der eine Umstand, daß, so viel ich weiß, keine Spur von Stein- fundamenten innerhalb des Berges gefunden worden ist, das Ur- theil wieder schwankend machte. Gleichviel indeß was auf seiner Höhe gestanden haben mag, jetzt steht ein Häuschen auf demselben, das sich in Weinlaub versteckt und über dessen Dach hin, als ob es doppelt geschützt werden solle, sich die Wipfel alter Birnbäume wölben. Im Spät- sommer, wenn die blauen Trauben an allen Wänden hängen und die goldgelben Birnen entweder vom Wind oder der eigenen Schwere gelöst polternd über das Dach hin rollen, muß es schön sein an dieser Stelle. Der „ Hausgrabenberg “ hat ein reizendes Haus. Aber ein baulich größeres Interesse bietet doch der alte Thorthurm der Stadt, dem wir uns jetzt zuwenden. Er liegt nach Norden hin, auf dem Wege nach Cöpnick und Berlin, und führt deshalb den Namen: das Cöpnicker oder Berliner Thor. In alter Zeit, als Mittenwalde noch „fest“ war, war dieser Thorbau von ziemlich zusammengesetzter Natur und bestand aus einem quer durch den Stadtgraben führenden Steindamm, dessen Mauer- lehnen hüben und drüben in einen Außen- und Innen-Thurm aus- liefen. Von jenem, dem Außen -Thor, steht noch die Front, ein malerisch gothisches Ueberbleibsel, das in seiner Stattlichkeit und reichen Gliederung mehr noch an die berühmten Thorbauten altmärkischer Städte (beispielsweise Salzwedels und Tanger- mündes) als an verwandte Bauten der Mittelmark erinnert. Es scheint, daß es ein geräumiges und beinah würfelförmiges Viereck war, das an jedem Eck einen Rundthurm und zwischen diesen vier Rundthürmen — und zugleich über sie hinauswachsend — ebenso viele mit den zierlichsten Rosetten geschmückte Giebel trug. Aus dem 13. Jahrhundert stammt die Mittenwalder Probstei - oder St. Moritz-Kirche . Die Kreuzgewölbe sind später. Man sieht deutlich, wie die mächtigen alten Pfeiler in bestimmter Höhe weg- gebrochen und die alten Tonnengewölbe durch neue, von eleganterer Construktion ersetzt wurden. Um vieles moderner ist der Thurm, dem übrigens mit Rücksicht auf das Jahr seiner Entstehung (1781) alles mögliche Lob gespendet werden muß. Er paßt nicht zur Kirche, nimmt sich aber nichtsdestoweniger gut genug aus. Aehn- lich wie die schweren alten Steinpfeiler, die jetzt die Kreuzgewölbe tragen, unverändert dieselben geblieben sind, hat auch der Bau- meister von 1781 die früheren Thurmwände bis zu bestimmter Höhe hin als Unterbau fortbestehen lassen. Dadurch ist etwas ziemlich Stilloses, aber nichtsdestoweniger etwas Anziehendes und Malerisches entstanden. Die sich verjüngenden Etagen erheben sich auf dem mächtigen alten Feldsteinfundamente nach Art einer Statue auf ihrem Piedestal, und die Hagerosen und Hollunderbüsche, die zu Füßen dieses aufgesetzten Thurmes auf der Plattform des Unter- baues blühn, erfreuen und fesseln den Blick. Und nun treten wir in das Innere der Kirche, die reich ist an Bildern und Grabsteinen und noch reicher an Erinnerungen. An den Wänden ziehen sich, chorstuhlartig, 45 Kirchenstühle der alten Gewerks- und Innungsmeister hin, jeder einzelne Stuhl an seiner Rückenlehne mit den Gewerks-Emblemen geschmückt. Vor dem Altare liegen die Grabsteine von Burgemeister und Rath, der Altar selbst aber, ein Schnitzwerk aus katholischer Zeit und mit Bildern auf der Kehrseite seiner Thüren, ist muthmaßlich ein Ge- schenk, das von Kurfürst Joachim I. der Mittenwalder Kirche ge- macht wurde. Zwischen Altarwand und Altartisch, auf schmalem Raume, begegnen wir noch einem Christuskopf auf dem Schweiß- tuche der heiligen Veronica, die Theilnahme jedoch die wir diesem Bilde zuwenden, erlischt vor dem größeren Interesse mit dem wir eines Portraits ansichtig werden, das vom Seitenschiffe her Fontane , Wanderungen. IV. 18 und zwischen den Pfeilern hindurch in Lebensgröße herüberblickt. Es ist nicht das Bild als solches, das uns fesselt, es ist der , den es darstellt: neben der schmalen Sakristeithür, in schlichter Umrahmung, hängt das Bildniß Paul Gerhardt’s . Paul Gerhardt war Probst zu Mittenwalde von 1651 bis 1657. Vor etwa 50 Jahren wurde dieses Bildniß Paul Gerhardt’s nach einem in der Kirche zu Lübben befindlichen Original ange- fertigt und der Mittenwalder Kirche, zur Erinnerung an die Zeit seines Wirkens allhier, zum Geschenk gemacht. Es ist ein gutes Bild; die Züge verrathen viel Milde, doch nichts Weichliches, und die Unterschrift, ebenfalls dem Lübbener Original entnommen, lautet wie folgt: Paulus Gerhardus Theologus in Cribro Satanae tentatus et devotus postea, obiit Lubbenae anno 1676, aetate 70. Rechts daneben befinden sich folgende Distichen: Sculpta quidem Pauli viva est ut imago Gerhardi, Cujus in ore fides, spes, amor usque fuit, Hie docuit nostris Assaph redivivus in oris Et cecinit laudes Christe benigne tuas: Spiritus aethereis veniet tibi sedibus hospes, Haec ubi saepe canes carmina sacra Deo. Also etwa: Ganz wie er lebte sind hier Paul Gerhard’s Züge zu schauen, Draus nur Glaube allein, Hoffnung und Liebe gestrahlt; Ja, er lehrte bei uns, ein wiedererstandener Assaph, Und er erhob im Gesang, güt’ger Erlöser, Dein Lob. Hoch von den himmlischen Höh’n steigt nieder der heilige Geist uns, Singen die Lieder wir oft, die er gesungen dem Herrn. Probst Straube (1841 †), ein Amtsnachfolger Paul Gerhardt’s an der Mittenwalder Kirche, hat die lateinischen Distichen in folgenden Alexan- drinern wiederzugeben versucht: Wie lebend siehst Du hier Paul Gerhardt’s theures Bild, Der ganz von Glaube, Lieb und Hoffnung war erfüllt. In Tönen voller Kraft, gleich Assaphs Harfenklängen, Erhob er Christi Lob in himmlischen Gesängen. Sing’ seine Lieder oft, o Christ, in seliger Lust, So dringet Gottes Geist durch sie in Deine Brust. Paul Gerhardt, wie schon hervorgehoben, war sechs Jahre lang Probst an der Mittenwalder Kirche und es ist höchst wahr- scheinlich, daß einige der schönsten Lieder, die wir diesem volks- thümlichsten unsrer geistlichen Liederdichter verdanken, während seines Mittenwalder Aufenthaltes, in Leid und Freud’ des Hauses und des Amtes gedichtet wurden. Begleiten wir ihn auf seinem Ein- und Ausgang. Paul Gerhardt kam spät in’s Amt. Er war bereits 46 Jahr alt, als die Kirchenvorstände von Mittenwalde, wo der Propst Goede eben gestorben war, sich an das Ministerium der St. Nicolai- kirche zu Berlin wandten mit dem Ersuchen, einen geeigneten Mann für die Mittenwalder Probstei-Kirche in Vorschlag zu bringen. Die Kirchenbehörden von St. Nicolai waren schnell entschieden; sie kannten Paul Gerhardt, der seit einer Reihe von Jahren als Lehrer und Erzieher im Hause des Kammergerichts-Advokaten Andreas Berthold thätig war und durch Lieder und Vorträge längst die Aufmerksamkeit aller Kirchlichen auf sich gezogen hatte. Diesen empfahlen sie. Nach zwanzigjährigem Harren sah sich Paul Ger- hardt am Ziele seiner innigsten Sehnsucht und mit dem Dankes- lied: „Auf den Nebel folgt die Sonn’, Auf das Trauern Freud’ und Wonn’,“ empfing er die Vocation und trat mit dem neuen Kirchenjahr 1651 in’s Amt. Freudig begann er es und voll guten Muths all der Gegner- schaften und Widerwärtigkeiten Herr zu werden, an denen es von Anfang an nicht ermangelte. Neid, verletztes Interesse, gekränkte Eigenliebe — der seit Jahren an der Mittenwalder Kirche predigende Diaconus Allborn hatte darauf gerechnet Propst zu werden — erschwerten ihm Amt und Leben, aber wenn er dann Abends an dem offenen Hinterfenster seiner Arbeitsstube saß und über die Stadtmauer hinweg in die dunkler werdenden Felder blickte, während von der Probstei-Kirche her der Abend eingeläutet und eine alte Volksweise vom Thurm geblasen wurde, dann ward ihm das Herz weit, und den Athem Gottes lebendiger fühlend, kam ihm selber ein Lied und mit dem Liede Glück und Erhebung. Es war die Volksweise: „Innsbruck, ich muß Dich lassen,“ die vom Thurm herab allabendlich erklang, dieselbe alte Weise, von der Sebastian Bach später zu sagen pflegte: „er gäb’ all seine Werke 18* darum hin“, und der fromme P. Gerhardt, der wohl wissen mochte, wie seine Gemeinde daran hing, trachtete jetzt danach, der schönen alten Melodie tiefere Textesworte zu Grunde zu legen. So entstand das „Abendlied“: Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städt’ und Felder, Es schläft die gauze Welt — jenes Musterstück einfachen Ausdrucks und lyrischer Stimmung, das durch einzelne daran anknüpfende Spöttereien (z. B. die ganze Welt könne nie schlafen, weil die Antipoden Tag hätten, wenn wir zur Ruhe gingen) an Volksthümlichkeit nur noch gewonnen hat. Glaub’ und Liebe richteten ihn wohl auf, wenn die Kümmer- nisse des Lebens ihn niederdrücken wollten, aber ein Gefühl der Einsamkeit blieb ihm, und sein Herz sehnte sich nach Genossenschaft, nach einem Herd. Im vierten Jahre seines Amts bewarb er sich um die Hand Maria Bertholds, der ältesten Tochter jenes from- men Hauses, in dem er so viele Jahre glücklich gewesen war, und Probst Vehr von St. Nicolai, der beide seit lange gekannt und geliebt hatte, legte beider Hände ineinander. Um die Mitte Februar 1655 zog Maria Berthold in die Mittenwalder Probstei- wohnung ein. Innige Liebe hatte das Band geschlossen und Paul Gerhardt glaubte nun den Segen um sich zu haben, der alle bösen Geister von seiner Schwelle fernhalten würde. Neu gekräftigt in seinem Glauben und neu gestimmt zur Dankbarkeit, war es um diese Zeit wohl, daß er den hohen Freudensang anstimmte: Warum sollt’ ich mich denn grämen? Hab’ ich doch Christum noch, Wer will mir den nehmen? Wer will mir den Himmel rauben, Den mir schon Gottes Sohn Beigelegt im Glauben? Aber es war anders bestimmt. Die Freudigkeit des Gemüths sollt’ ihm nicht zufallen , er sollte sie sich erringen in immer schwerer werdenden Kämpfen. Ein Töchterlein, das ihm geboren wurde, starb bald, und die Kränkungen, die das Auftreten Allborns im Geleite hatte, zehrten immer mehr an Gesundheit und Leben seiner nur zart gearteten Frau. Nicht frohe Tage waren diese Mittenwalder Tage, selbst äußere Noth gesellte sich, und als der auch jetzt noch in seinem Glauben und Hoffen unerschüttert Blei- bende jenes Vertrauenslied anstimmte, das von Strophe zu Strophe die Worte wiederholt: „Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb’ in Ewigkeit“ da war das Herz der sonst frommen Frau bereits klein und ängstlich genug geworden, um sich mißgestimmt und bitter fast von einer Glaubenskraft abzuwenden, die weit über die Kraft ihres eigenen schwachen Herzens hinausging. Tiefe Schwermuth ergriff sie. Paul Gerhardt selbst aber, in jener Freudigkeit der Seele, wie sie das Vorgefühl eines nahen Sieges und endlicher Erhö- rung leiht, schlug seine Bibel auf und las die Worte des Psal- misten: „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn: er wird’s wohl machen“. Und einem Funken gleich fiel das Wort in seine Brust. Er mußte freier aufathmen, die Stube ward ihm zu eng, und auf- und abschreitend in den Gängen des alten Probstei- gartens, entquollen ihm die ersten Strophen zu jenem großen Trostes- und Vertrauensliede: „Befiehl Du Deine Wege“. Bewegt aber auch erhoben ging er in das Haus zurück, em- pfand er sich doch als Träger einer Botschaft, der kein Herz wider- stehen könne. Und siehe da, an der schwermüthigen Stimmung seiner Frau erprobte das Lied zum ersten Male seine wunderbare Kraft. Alles Leid floß hin in Thränen, alle Trübsal wurde Licht, und eh’ noch der Rausch gehobenster Empfindung vorüber war, war auch schon die Hülfe da — ein Abgesandter, ein Brief, der den Mittenwalder Probst als Diaconus an die Berliner Nicolai- kirche berief. Er reichte seiner Hausfrau das Schreiben und sagte ruhig: „Siehe wie Gott sorget. Befiehl dem Herrn Deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohl machen .“ Paul Gerhardt verließ Mittenwalde im Juli 1657. Dem weitern Gange seines Lebens folgen wir an dieser Stelle nicht, aber die Frage drängt sich auf: was ist der Stadt, in der einige seiner schönsten Lieder entstanden, aus der Zeit seines Lebens und Wirkens erhalten geblieben? sind noch Plätze da, die von ihm er- zählen, und welche sind es? Die Stadt bietet nichts. Das Probsteigebäude, das noch vor einigen fünfzig Jahren bewohnt war, ist seitdem abgebrochen und selbst der Garten, in dessen Gängen er muthmaßlich das „Befiehl Du Deine Wege“ dichtete, liegt, wüst geworden, ohne Zaun und Ein- fassung zwischen zwei Nachbargärten. Die Stadt bietet nichts mehr, wohl aber die Kirche . Dicht unter seinem Bildniß, dessen ich bereits ausführlicher erwähnte, sehen wir eine Steintafel in die Wand des Seitenschiffes einge- lassen, die folgende Inschrift trägt: Maria Elisabeth — Pauli Gerhardt’s, damaligen Probstes allhier zu Mittenwalde und Anna Maria Bertholds erstgebohrnes, herzliebes Töchterlein, so zur Welt kommen d. 19. Mai Anno 1656 und wieder abgeschieden d. 14. Januar Anno 1657 — hat allhier ihr Ruhebettlein und dieses Täfflein von ihren lieben Eltern. Genesis 47. V. 9. „Wenig und böse ist die Zeit meines Lebens.“ Ein grüner Kranz faßt die Inschrift ein und Engelsköpfe schmücken die vier Ecken. Neben Bildniß und Stein ist die Sakristeithür. In der Sakristei selbst finden wir das alte Mittenwalder Kirchenbuch, ein großes, nach Art der Bilderbibeln in Leder gebundenes Buch, etwa dreihundert Jahr alt. Die Registrirungen in diesem Buch aus der Zeit von 1651 bis Neujahr 1657 rühren alle von Paul Gerhardt selber her. Seine Handschrift ist fest, dabei voll Schwung und Schönheit. Seine Aufzeichnungen schließen mit dem 28. December 1656. Bild und Stein und Buch, sie mahnen an sein Wandeln und Wirken an dieser Stätte; fehlten aber auch diese Dinge, die seinen Namen oder die Züge seiner Hand tragen, die Kirche selber — im Großen und Ganzen dieselbe geblieben — sie würde da- stehn zu seinem ehrenden Gedächtniß, der protestantischen Welt mehr eine Paul Gerhardts- als eine Sankt Moritz-Kirche. Wenig Modernes hat sich seit zweihundert Jahren hinzugesellt und wohin das Auge sich wenden mag, sein Auge hat darauf geruht. Veränderungen sollen vorgenommen werden; mögen sie mit Pietät geschehen. Paul Gerhardt ist unbestritten der Glanzpunkt in der Ge- schichte Mittenwalde’s, aber es hat der historischen Erinnerungen auch uoch andre. Den 31. August 1730 traf Kronprinz Friedrich unter starker Bedeckung, von Wesel aus, über Treuenbrietzen (wo er die Nacht vorher gewesen war) in Mittenwalde ein, um daselbst, vor seiner Abführung nach Küstrin, ein erstes Verhör zu bestehen. Das Truppenkommando, das ihn bis Mittenwalde geführt hatte, stand unter Befehl des Generalmajors von Buddenbrock , desselben tapferen Ofsiziers, der zwei Monate später dem mit der Todes- strafe drohenden König mit den Worten entgegentrat: „Wenn Ew. Majestät Blut verlangen, so nehmen Sie meines; jenes be- kommen Sie nicht, so lang ich noch sprechen darf.“ Aehnliche Worte hatte Generalmajor von Mosel am 14. August in Wesel gesprochen. Als der König mit dem Degen auf den Kronprinzen ein- drang, warf sich M. dazwischen und rief: „Sire, durchboren Sie mich, aber schonen Sie Ihres Sohnes“. Ueberhaupt zeigen die Vorgänge jener Zeit, daß hoher Muth an gefährlicher Stelle am besten gedeiht. Kronprinz Friedrich blieb zwei Tage in Mittenwalde, vom 31. August bis 2. September. Das Verhör fand muthmaßlich am 1. statt. Er bestand es vor Generallieutenant von Grumbkow, Generalmajor von Glasenapp, Oberst von Sydow und den Geh. Räthen Mylius und Gerbett und behauptete während desselben eine „kecke und beleidigende Zürückhaltung“. Als Grumbkow ihm seine Verwunderung darüber bezeugte, antwortete er: „Ich bin auf alles gefaßt, was kommen kann, und hoffe, mein Muth wird grö- ßer sein, als mein Unglück.“ — Garnison stand damals noch nicht in Mittenwalde; die Stadt war überhaupt noch klein und zählte (1730) nur 952 Einwohner. In welchem Hause der Prinz bewacht wurde, hab ich nicht mehr ermitteln können; das „Schloß“ existirte längst nicht mehr. Das Verhör fand muthmaßlich auf dem Rathhause statt. Das war im September 1730. Fast siebenzig Jahre später, am Sylvesterabend 1799, tritt noch einmal eine historische Figur auf die bescheidene Mittenwalder Bühne, um ihr sechs Jahre lang in Leid und Freud’ anzugehören. Sechs Jahre lang, wie Paul Gerhardt. Ein Kämpfer wie dieser, nicht mit mächtigeren, aber mit derberen Waffen. Es genügt seinen Namen zu nennen: Major von York, der spätere „alte York.“ Unterm 6. November hatte der König an den damals in Johannisburg stehenden Major von York geschrieben: „Mein lieber Major von York. Da die jetzt verfügte Versetzung des Major von Uttenhoven vom Regiment Fußjäger als Commandeur zum dritten Bataillon des Regiments von Zenge es nothwendig macht, dem Jägerregiment (in Mittenwalde) einen ganz capablen Commandeur zu geben und Ich Mich überzeuge, daß Ihr die zu diesem wichtigen Posten erforderlichen Eigenschaften in Euch ver- bindet, so will ich Euch hierdurch zum Commandeur des Jäger- regiments ernennen ꝛc.“ Am Sylvesterabend 1799, an der Neige des Jahrhunderts, traf Major von York in seiner neuen Garnison ein und über- raschte seine Herren Offiziers auf dem Sylvesterball. Die erste Begegnung war gemüthlich genug, der dienstliche Ernst kam nach. Das seit 1780 in Mittenwalde stehende Jägerregiment war ver- wahrlost; er gab ihm einen neuen Geist, und dieser Geist war es, der sich sieben Jahre später erfolgreich in jenen kleinen Kämpfen bewährte, die dem Tage von Jena folgten. Bei Altenzaun am 26. Oktober, dreiviertel Meile südlich der Sandauer Fähre, waren es die Mittenwalder Jäger, die den Elbübergang des Blücher’schen Corps zu decken hatten. Sie thaten es mit Ruhm und Geschick. Die Jäger kehrten nicht nach Mittenwalde zurück. York selbst nur auf wenige Tage, Januar 1807. Droysen erzählt: „Als York in das Zimmer trat, ward er von seiner Frau und seinen Kindern nicht wieder erkannt. Aber das Vögelchen im Käfig flatterte wie vor Freuden hoch auf und sank dann todt hin.“ Dann rief ihn die Noth des Vaterlandes dorthin, wo damals allein noch Preußen war, — nach Königsberg. Die Mittenwalder aber waren stolz auf ihren York, und als nach schweren Jahren der Erniedrigung alles Volk in Preußenland zu Gewehr und Lanze griff und „Landwehr“ wurde, da griffen die Mittenwalder zur Büchse und wurden — Jäger . Wenigstens deutet darauf die Gedächtnißtafel in der Kirche hin, wo die Namen der Gefallenen fast ausnahmelos die Bezeichnung J., F.-J. und G.-J., d. h. also Jäger, Freiwilliger Jäger und Garde-Jäger tragen. Das Haus, das Major von York bewohnte, existirt noch. Es ist jetzt ein Gasthaus, in der Hauptstraße der Stadt gelegen, und führt wie billig den Namen „ Hotel York .“ Ueber der Hausthür erblicken wir eine Nische und an derselben Stelle, wo sonst wohl ein „Mohr“ oder ein „Engel“ zu stehen pflegt, steht hier eine Büste des alten York. Auch in den Zimmern findet sich sein Bild. Die Lokalität ist im Großen und Ganzen noch dieselbe, wie sie vor 70 Jahren war: hinter dem Hause der Hof und hinter dem Hof ein Garten, beide von Stall- und Wirth- schaftsgebäuden umstellt, an deren Außenwänden sich allerlei Treppen und Stiegen im Zickzack entlang ziehen. Im Innern des Hauses hat sich natürlich viel verändert und nur das Zimmer, das er selbst zu bewohnen pflegte, zeigt noch ein paar der alten, übrigens höchst einfachen Stuckverzierungen. Ueber dem Sopha hängt der Kaulbach-Muhr’sche Jeremias und von der Decke herab eine Kam- phinlampe. — Beides Kinder einer andern Zeit. Wer reist nach Mittenwalde? Tausende wallfahrten nach Gohlis, um das Haus zu sehen, darin Schiller das Lied „an die Freude“ dichtete. Mittenwalde besucht niemand, und doch war es in seinem Probstei-Garten, daß ein anderes, größeres Lied an die Freude gedichtet wurde, das große deutsche Tröstelied: „Befiehl Du Deine Wege“. Klein-Machenow oder Machenow auf dem Sande. Bei Warschau, bei Wien, Bei Fehrbellin, Ob Friedrich Wilhelm, ob alter Fritz, Ob Leuthen, Lützen, Dennewitz, Ein alter märkischer Edelmann Ist immer dabei, ist immer voran. K lein-Machenow ist ein reizend gelegenes Dorf, das sich an einem vom Teltefließ gebildeten See hinzieht. Die Häuser sind ärmlich, aber schöne Kastanienalleen, wie sie während des vorigen Jahrhunderts fast überall in den Nachbardörfern Berlins ent- standen, geben dem Ganzen ein sehr malerisches Ansehn. Das Dorf ist alter Besitz der v. Hakes. Diese Familie, die 3 Gemshörner (Haken) im Wappen führt, war früher wie im Havellande so auch im Teltow reich begütert, besitzt aber in letztrem Kreise, nach Einbuße von Genshagen und Heinersdorf, nur noch Klein-Machenow und das Patronat über das angren- zende Stahnsdorf. Am Nordufer des schon genannten See’s er- hebt sich der Seeberg, von dessen westlichem Abhang aus man einen prächtigen Blick ins Land hat, die Thürme von Potsdam am Horizont. Bevor wir uns im Dorfe selbst und zumal in seiner alten Kirche umsehn, sei noch ein orientirendes Vorwort gestattet über die Hake’s und Hacke’s . Hinsichtlich dieser beiden Familien herrscht nämlich, was die Rechtschreibung ihrer Namen angeht, eine große Verwirrung, die schließlich zu Verwechselungen aller Art ge- führt hat. Erst neuerdings scheint man sich dahin geeinigt zu haben, nicht abwechselnd und nach Laune Hake, Haake, Haacke, Hacke ꝛc. zu schreiben, sondern im Einklange damit, daß es zwei bestimmt geschiedene Familien giebt, auch zwei bestimmt geschiedene Namen anzunehmen: die Hake’s und die Hacke’s . Die Hacke’s sind aller Wahrscheinlichkeit nach aus Franken und zwar in verhältnißmäßig später Zeit in die Mark gekommen. Ihnen gehört vor allem Hans Christoph Friedrich v. Hacke, ge- nannt der „lange Hacke“, der bekannte Liebling Friedrich Wil- helms I. an. Er war Oberst und Generaladjutant des Königs und derselbe, an den sich der bereits sterbende Monarch, als er die Stallbedienten unten im Hof auf einem groben Fehler ertappte, mit der bekannten Aufforderung wandte: „Gehen Sie doch hinunter Hacke Ueber ihn, diesen Obersten v. H., ein paar biographische Notizen, wie sie mir von befreundeter Hand zugehen. „ Hans Christoph v. Hacke wurde 1699 zu Staßfurt geboren. Er war ein besonderer Günstling König Friedrich Wilhelms I. , der ihn, seiner Größe wegen, 1715 bei den Grenadiereu in Potsdam anstellte. So war der Anfang. Er erhob ihn dann 1728 zum Drosten von Speremberg, 1732 zum Hofjägermeister, 1734 zum General- adjutanten und vermählte ihn mit der Erbtochter des Ministers v. Creutz , Sophie Albertine, die ihn in Pommern große Besitzungen zubrachte, darunter namentlich Pencun und Amt Radewitz. v. Hacke blieb bis zuletzt in der Gunst und Umgebung des Königs, der ihm in seiner Sterbestunde noch Auf- träge für seinen Sohn, den Kronprinzen ertheilte. Der Regierungswechsel änderte wenig in seiner intimen Stellung bei Hofe. Friedrich II. erhob ihn schon im Juli 1740 in den Grafenstand; ebenso war er unter den ersten, die den neugestifteten Orden pour le mérite aus der Hand des jungen Königs empfingen. In der Schlacht bei Mollwitz (1741) wurd’ er verwundet und stieg nun rasch von Stufe zu Stufe: 1743 Generalmajor, 1747 General- lieutenant, 1748 Ritter des schwarzen Adlerordens, 1749 Commandant von Berlin. Von 1750 an dirigirte er den Bau der „Spandauer Vorstadt“ und gründete den nach ihm genannten Haackschen eigentlich Hackes chen Markt. Er starb am 17. August 1754.“ Dieser gräflich v. Hackeschen Familie gehören an: Edwin Graf v. H. auf Alt-Ranft im Oderbruch, Editha Gräfin v. H. ehmals Hofdame der Königin Elisabeth, Adelaide Gräfin v. H. Palast- dame J. M. der Kaiserin Augusta, Virginie Gräfin v. H. Hofdame. und prügeln Sie die Schurken.“ In gar keiner Beziehung zu diesen Hacke’s stehen die Hake’s . Die Hake’s sind die einzige Familie, die wir, seit länger als 400 Jahren, ununterbrochen im Teltow sehn. Ihnen folgen die seit etwa 250 Jahren ebendaselbst angesessenen Goertzke’s . Die wenigen adligen Familien (darunter die v. Knesebeck und v. Haeseler) die sich außerdem noch im Teltow vorfinden, gehören diesem Landestheil erst seit Kurzem an, während die alten Teltow-Familien: von Beeren, v. d. Liepe, v. Britzke (in Britz), v. Wilmersdorf, v. Otterstedt, v. Boytin, v. Groeben, v. Flanß, v. Thümen, v. Schlabrendorf theils ausgestorben, theils in andern Landestheilen seßhaft ge- worden sind. In keinem Theile der Mark hat der Güterbesitz so oft gewechselt als in Teltow und Barnim. Der Einfluß der Hauptstadt ist dabei unverkennbar. Sie haben seit 500 Jahren immer als einfache Edelleute in der Mark gelebt und seit dreihundert Jahren das Erbschenken-Amt der Kurmark Brandenburg bekleidet. In allen Kriegen, die wir seit den Tagen des großen Kurfürsten geführt haben, haben zahlreiche Mitglieder dieser Familie auf unsern Schlachtfeldern gekämpft und geblutet, besonders zahlreich zur Zeit der Türkenkriege und des spanischen Erbfolgekrieges. Ein General der Infanterie und zwei General-Lieutenants gingen aus ihr hervor. Von den General- Lieutenants machte Ernst Ludwig v. Hake, geboren 1651 zu Klein-Machenow, den spanischen Erbfolgekrieg als Oberst bei der Leibgarde mit; Levin Friedrich v. Hake, geb. zu Genshagen, focht in den schlesischen und im 7jährigen Kriege ; endlich Albrecht George Ernst Carl v. Hake, geb. am 8. August 1769 zu Flatow, zeichnete sich während der Befreiungskriege aus, wurde 1819 Kriegsminister und 1825 General der Infanterie. Er starb 1835 zu Castelamare. Diese drei Hake’s repräsentiren, wie die drei großen Kriegsepochen unserer Geschichte, so auch drei verschiedene Zweige ihres eignen Geschlechts und zwar die Häuser: Klein- Machenow, Genshagen, Flatow. Alle drei waren unverheirathet oder kinderlos und zwei von ihnen Ritter des schwarzen Adler- Ordens. Sie alle aber, brav und ruhmreich wie sie waren, werden muthmaßlich von einem ihrer ersten Vorfahren, von Hans v. Hake , gemeinhin Hake von Stülpe genannt, überlebt werden. Dieser Hake von Stülpe war es, der auf der Golm-Haide zwischen Jüterbogk und Trebbin den Ablaßkrämer Tetzel überfiel und ihm, unter der höhnischen Vorhaltung „den Ablaßzettel für erst noch zu begehende Sünden gestern von ihm gekauft zu haben“ die ganze Barschaft abnahm und den Kasten bergab in den Schnee rollte. Dieser Kasten befindet sich bis auf den heutigen Tag in der Kirche zu Jüterbogk, Hake von Stülpe selbst aber (auch Willibald Alexis hat ihm in seinem Roman der „Wärwolf“ einen Abschnitt ge- widmet) wird als eine jener Figuren wie sie das Volk gern hat, in unsrer Landesgeschichte fortleben. Der gute Humor, der Ueber- muth und der Streich der dem ganzen Ablaßkram dadurch gespielt wurde, haben von jeher dafür gesorgt, daß man die That mehr auf ihre humoristische Derbheit als auf ihren sittlichen Gehalt ge- prüft hat. Wir kehren nach diesen Vorbemerkungen in unser Dorf zurück und schreiten, immer den laubholzumstandenen, stillen See zu unsrer Rechten, die blühende Kastanien-Allee hinauf. An Bemerkens- werthem finden wir das Herrenhaus, das alte Schloß, die Wassermühle und die Kirche . Das Herrenhaus ist ein moderner Bau aus den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts. Nach der Gartenseite hin hat es einen halbkreisförmigen, von hohen ionischen Säulen getragenen Vorbau, der dem Ganzen etwas Stattliches leiht. Die Auffahrt auf den sehr geräumigen Hof erfolgt durch ein altes Sandstein- portal, das nach außen hin einen Medusenkopf und auf diesem eine Minerva zeigt. Die Dorfleute betrachten den Medusenkopf als das Portrait eines hartherzigen Vorbesitzers, der schließlich von den Schlangen verzehrt worden sei. Nichts scheint das Volk in seinem poetischen Hange so schöpferisch zu stimmen als der Anblick von Kunstwerken, die es nicht versteht. Es ruht nicht eher, als bis es eine Deutung gefunden hat, wobei es zugleich eine Neigung und ein Geschick zeigt, schon vorhandene Sagen oder Geschichten dem gegebenen, räthselhaften Etwas anzupassen. Es gilt dies beispielsweis auch von der „Adonis-Statue mit dem Eberkopf“ im Schloßparke zu Coepenick. Das alte Schloß , in unmittelbarer Nähe des jetzigen Herrenhauses, ist eins der wenigen alten Schloßgebäude, die sich bis auf diesen Tag in unserer Mark erhalten haben. Es besteht aus einem schmucklosen Viereck, an dessen Nordseite sich ein sechs- eckiger Treppenthurm lehnt. Dieser Thurm überragt das Haupt- gebäude nur um wenige Fuß und trägt ein Dach von eigenthüm- licher und schwer zu beschreibender Form; in der Mitte des eigent- lichen Schloßbaus aber und zwar in seinem Erdgeschosse befindet sich ein starker sechs- oder achteckiger Pfeiler, der das Obergeschoß zu tragen scheint. Welcher Zeit dieser Pfeiler angehört, mag dahin- gestellt bleiben. Bei der Seltenheit derartiger baulicher Ueber- bleibsel in unsrer Mark ist es vielleicht gerechtfertigt, die Aufmerk- samkeit unserer Archäologen darauf hinzulenken. Von historischen Erinnerungen knüpft sich nichts an diesen Bau. Gemeinhin hat hierlandes die Orts- Geschichte den Ort selbst überdauert; wir wissen von der Existenz dieser oder jener Burg, von diesem oder jenem was drin geschah, und nur die Burg selbst ist hin ; in Klein- Machenow ist es umgekehrt, die Burg existirt, aber die Geschichte fehlt. Dies hat zum Theil wohl seinen Grund darin, daß Klein- Machenow nach dem Aussterben der Machenow’schen Hakes, etwa Die Sage, die sich daran knüpft, ist die folgende: Einem Jäger Joachims II. träumt, er werde bei der nächsten Jagd von einem Eber getödtet werden. Er erzählt seinen Traum am andren Morgen und man läßt ihn im Schloß zurück. Die andren kehren mit reicher Jagdbeute heim und der zurückgebliebene Jäger packt nun einen todten Eber um ihn in die Küche zu ziehn, fällt aber dabei und reißt sich an einem der Hauer den Schenkel auf. Daran stirbt er andren Tags. Diese Geschichte mag sich einmal ereignet haben, irgendwo vielleicht, aber schwerlich in Coepenick, und sie würd über das alte Spree-Schloß immer hinweggezogen sein, wenn nicht beim Neubau des Schlosses die Errichtung der Adonis-Statue mit dem Eberkopf die Sage plötzlich fixirt und ihr Anlehnung und eine neue Heimath geboten hätte. So kommt es, daß man an den ver- schiedensten Orten denselben Geschichten begegnet; die meisten dieser Orte sind gleichsam nur Filial und der Mutter-Sagenort ist oft schwer zu bestimmen. — Der Medusenkopf am Portal alter Schlösser hat gewiß schon oft als schlangen- umwundnes Porträt hartherziger Schloßherrn gelten müssen, und der alte Herr von Hake hat unzweifelhaft Kameraden in allen Ländern. Der Satz, den ich aufstellen möchte, ist der: das Volk hat eine Neigung Allgemeines oder wenigstens an vielen Orten sich Findendes zu lokalisiren , sobald gewisse Bedingungen erfüllt, gewisse äußerliche Anhaltepunkte für diese Lokalisirung gegeben sind. um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, in Besitz einer Neben- linie kam: der Hake’s von Flatow im Havellande, wodurch die lebendige Tradition unterbrochen wurde. Die Wassermühle . Ein schöner, massiver Bau, durch die Gebrüder von Hake im Jahre 1856 neu aufgeführt. Eine In- schriftstafel der alten Mühle hat man in die Frontwand des Neu- baues wieder eingefügt. Die alte Inschrift lautet: „ Anno 1695 hat Herr Ernst Ludwig v. Hake, Seiner churfürstlichen Durch- laucht zu Brandenburg Friderici III Oberster bei der Garde zu Fuß, diese adlige Freymühle hinwiederumb ganz neue aus dem Grunde erbauet, weilen die alte gantz zerfallen.“ Dieser Mache- now’schen oder Hake’schen Wassermühle wird in alten Urkunden oft erwähnt, doch ist sie nicht mit der noch älteren Wassermühle bei Potsdam, kurz vor’m Einfluß der Nuthe in die Havel zu ver- wechseln, die eigens den Namen Hakemühle (früher Hackenmohle) führt. Sie ist viel älter als die Hake’s und wird schon 993 ge- nannt, in welchem Jahre König Otto III. seiner Tante, der Aeb- tissin Mathilde von Quedlinburg, den Ort Potsdam schenkte. Die alte Kirche . Gegenüber der Einfahrt mit dem Medu- senkopf liegt die Kirche. Eh wir sie erreichen, passiren wir ein Steinkreuz, hart an der Straße, zum Andenken eines Schlabern- dorf errichtet, der hier in einem Duell mit einem v. Hake auf offener Dorfstraße getödtet wurde. Sporen und Degen des Ge- fallenen sind in der Kirche aufgehängt. Nicht immer übrigens waren die Hake’s Sieger bei solchen Vorfällen. Auf einem anderen Familien- Gute kam es zu einem Duell zwischen einem Hake und einem v. Bornstaedt. Man schoß sich in der großen Halle des Hauses und Hake fiel. Ursach war ein Stückchen niedergetretenes Erbsen- feld. Man war damals rasch bei der Hand. Wir sind nun an die Kirche herangetreten. Es ist ein über- raschend gefälliger, beinah feinstilisirter Backsteinbau aus dem 16. Jahrhundert (vielleicht auch schon aus bem 15.) reizend zwischen Bäumen und Epheugräbern gelegen und von einer Steinmauer eingefaßt. Die eine Kirchenwand trägt zwar deutlich die Inschrift: „Casparus Jacke, Maurermeister zu Potsdam 1597“, doch hat er die Kirche sehr wahrscheinlich nur restaurirt. Der Unterbau, bis zum Beginn der Fenster, ist jedenfalls viel älter und die be- stimmt zu Tage tretende Verschiedenheit der Steine hat denn auch zu der Sage geführt, daß zwei Schwestern die Kirche gebaut und helle und dunkle Ziegel genommen hätten, um ihren Antheil unterscheiden zu können. Unter den verschiedenen Grabsteinen und Denkmälern, die die Kirche besitzt, ist vorzugsweis einer Gedenktafel zu erwähnen, die Ernst Ludwig von Hake , obengenannter Oberster in Frie- drichs III. Leibgarde zu Fuß, im Jahre 1696 zu ehrendem Ge- dächtniß seiner Eltern und Geschwister hat errichten lassen. Diese Gedenktafel giebt zuvörderst die Namen seiner Eltern — Otto von Hake † 1682 und Anna Maria von Pfuhlin † 1682 — und demnächst die seiner 14 Geschwister: 9 Brüder und 5 Schwestern. Aus der langen Reihe von Namen und Daten mögen hier folgende stehn: Gürge Bertram von Hake . Geb. 1641; Leutnant im K. K. hochlöblichen spanischen Regiment zu Fuß; gefallen am 20. Juni 1662 bei Erstürmung von Serimvar durch die Türken. Otto Sigismund v. H. Geboren 1643; Kaiserlicher Ca- pitain-Leutnant im Götzschen Dragoner-Regiment, gefallen 1664 im Passe Kirment in Ungarn. Heino Friedrich v. H. Geboren 1644; gestorben im Zipser Land 1667, war Leutnant im spanischen Regiment zu Fuß. Adolph Heinrich v. H. Geboren 1652; Leutnant im Terzky’schen Regiment zu Fuß, gestorben zu Zwoll in Holland. Christoph Ehrenreich v. H. Geboren 1656; Capitain im brandenburgischen Leibregiment Dragoner, gefallen 1686 bei Be- stürmung und Eroberung der Festung Ofen. Die einfachen Angaben dieser Gedenktafel zeigen deutlich den Geist, der damals in der Familie lebendig war. Die Mark ge- hörte noch zum „Reich“ und die Kämpfe Habsburgs waren noch die Kämpfe Brandenburgs. Vier der Otto v. Hakeschen Söhne dienten in östreichischen Regimentern, zwei fielen im Türkenkrieg, zwei erlagen der Krankheit. Der fünfte und jüngste war Capitain in einem brandenburgischen Regiment, focht aber, in dem vom General v. Schöning kommandirten Contingent, für dieselbe Sache und fiel im Kampfe gegen den Erbfeind. Der mehrerwähnte Ernst Ludwig v. Hake scheint übrigens gleichzeitig zu ehrendem Gedächtniß seiner vor ihm heimgegangenen Brüder die Kirche zu Machenow mit zehn Fahnen ausgeschmückt zu haben, von denen jede einen Banner- oder Sinnspruch trug, dessen Anfangsbuchstaben dem Tauf- und Familien-Namen des zu Feiernden entsprachen. Drei von diesen Fahnen existiren noch, die andern sieben sind zerfetzt und zeigen wenig mehr als die Stöcke. Die Sinnsprüche der noch vorhandenen 3 Fahnen sind die folgenden: Ornat Virtus Heroem ( O tto V on H ake). Coelum Est Vera Habitatio ( C hristoph E hrenreich V on H ake). Abimus Hinc Veluti Hospites ( A dolph H einrich V on H ake). Außerdem befindet sich noch ein Denkmal des 1704 bei Höch- städt auf den Tod verwundeten und zu Nördlingen begrabenen Ehrenreich von Hake, so wie ferner ein elftes Banner in der Kirche, das Hedwig Margarethe v. Hake, eine Schwester der oben angeführten kaiserlichen und churbrandenburgischen Offiziere, zu Ehren ihres bei Fehrbellin gefallenen Bräutigams aufrichten ließ. Dies Banner führt folgende Inschrift: „Dem Herrn Ernst von Schlabrendorf , Obrist-Wachtmeister in des Obristleutnants von Grumkow Esquadron-Dragoner, gefallen 1675 bei Fehrbellin und in der Dalim’schen Kirche beigesetzt.“ Die Forsten von Klein-Machenow grenzen an den Grunewald und das Potsdamer Jagdrevier. Es war deshalb den jagdlieben- den Hohenzollern von jeher daran gelegen, die Jagdgerechtigkeit auf dem Machenow’schen Territorium zu haben und die Hakes besitzen denn auch aus dem Ende des 17. und dem Anfange des 18. Jahr- hunderts eine ziemliche Anzahl von Verpachtungs-Urkunden, in denen das Verhältniß zwischen den eigentlichen Besitzern und dem fürstlichen Jagdpächter geregelt wird. In einer dieser Urkunden heißt es: „Seine Kurfürstliche Durchlaucht (Friedrich III. ) wollen Ihnen, Denen von Hake und ihren Successoribus, bei vorfallen- den „ Ausrichtungen “, als Hochzeiten, Kindtaufen und Begräb- nissen, etwas an rothem Wildbret auf ihr unterthänigstes Ansuchen ohne Entgelt reichen lassen.“ Der Wortlaut dieser Urkunde — die 150 Jahre lang unbeachtet im Familien-Archiv gelegen haben mochte — ward 1848 von dem Assessor v. Hake zu einer Eingabe an die Potsdamer Regierung benutzt und zwar unter Hinweis darauf, Fontane , Wanderungen. IV 19 daß der vorgesehene Fall eingetreten und ihm ein Töchterchen geboren sei. Die Regierung beeilte sich auch wirklich dem wohlbe- gründeten Gesuch nachzukommen und ein tüchtiger Hirsch wurde zur Taufe des kleinen Fräulein v. Hake in die gutsherrliche Küche geliefert. „Leider — so erzählte mir Herr v. Hake — hat es bei diesem einen Hirsch sein Bewenden gehabt; noch andre Kinder sind mir seitdem geboren worden, aber in Folge der Aufhebung des Jagdrechts ist mittlerweile meine alte Wildbrets-Urkunde zu einem todten Stück Papier geworden.“ Machenow auf dem Sande ist nur eine gute halbe Stunde vom Wann - und Schlachten-See und all jenen andern im Grunewald gelegenen Wald- und Wasser-Parthieen entfernt, die, wenn längst gehegte Wünsche sich erfüllen (erfüllten sich seit- dem) über kurz oder lang vor die Thore Berlins gerückt sein werden. Dann wenn die steil abfallende Hügelreihe, die das weite Becken des Wannsee von Osten her umfaßt, zu einem Quai für heitre, von wildem Wein umlaubte Villen geworden sein und Forst und Fluß nach allen Seiten hin durchstreift werden wird, dann wird auch das hübsche Dorf am Telte-Fließ seine Besucher und seine Verehrer gefunden haben. Mögen diese dann an der alten, epheuversteckten Kirche und an dem Steinkreuz des gefallenen Schlabrendorf nicht vorübergehn. Groß-Beeren. „Unsre Gebeine sollen diesseits Berlin bleichen, nicht jenseits.“ General v. Bülow. Z wei Meilen südlich von Berlin liegen die berühmten Felder von Groß-Beeren . Wer häufiger die Eisenbahn benutzt, die daran vorüber in’s Anhaltische und Sächsische führt, wird es nicht selten erlebt haben, daß Fremde, die bis dahin lesend oder plaudernd in der Ecke saßen, plötzlich sich aufrichten und mit dem Finger auf die weite Ebene deutend halb zuversichtlich halb frageweise die Worte sprechen: Ah c’est le champ de betaille de Gross- Beeren ! Und wie die Fremden davon wissen, so natürlich vor allem auch die Berliner, die den „Tag von Großbeeren“ an jedem 23. August in pflichtschuldiger Dankbarkeit feiern. Aber sie feiern ihn, ohne sich zu vergegenwärtigen, wie der Sieg errungen wurde. Niemand weiß mehr von den Einzelnheiten oder gar von dem Ge- sammtgange der Schlacht zu berichten und was von den Berlinern gilt, gilt auch von den Bewohnern des Dorfes selbst. Ich trieb mühevoll einen Tagelöhner auf, der den Schlachttag noch mit erlebt und aus seinem Versteck heraus ein paar Czakos oder Bajonettspitzen gesehen hatte. Das war Alles. Ueber die gleich- gültigsten Details hinaus war seinem Gedächtniß nichts ver- blieben. Vollends verloren aber ist der oder war es wenigstens früher, der von den beiden in Nähe der Kirche stationirten 19* Invaliden irgend welchen Aufschluß erwartete. Sie wußten absolut nichts von jenem Schlachtfelde, das jahraus jahrein zu ihren Füßen lag und dessen bestellte Wächter sie waren, und nichts von jenem Kirchhof, um dessen Besitz einst so heiß gestritten ward. Und so mag sich denn im Nachstehenden ein Ueberblick über die damalige politisch-militairische Situation und daran anschließend eine kurze Beschreibung der „Bataille“ geziemen. Die Schlacht bei Großbeeren. am 23. August 1813. Napoleon, als der Waffenstillstand abgelaufen und Oesterreich dem Bündnisse Rußlands und Preußens beigetreten war, richtete sein Hauptaugenmerk auf Berlin. Er beschloß, sich desselben zu bemächtigen und ordnete zu diesem Zwecke die Bildung einer aus dem 4., 7. und 12. Corps bestehenden Armee an, an deren Spitze er den Marschall Oudinot stellte. „Sie werden mit einer solchen Armee“, hieß es in einer dem Marschall um die Mitte des August zugehenden General-Ordre „den Feind rasch zurückdrängen, Berlin einnehmen, die Einwohner entwaffnen, die Landwehr auflösen und die Haufen schlechter Truppen zerstreuen.“ In Folge dieser Ordre betrat Oudinot’s Armee, deren Sammelplatz Luckau gewesen war, am 19. die Mark, rückte gegen Baruth, und stand am 22. Abends in dreimeiliger Entfernung von Berlin: das 4. Corps Bertrand bei Jühnsdorf, das 7. Corps Reynier bei Wietstock, das 12. Corps Oudinot zwischen Trebbin und Thyrow. Oudinot nämlich, wie gleich hier hervorgehoben werden mag, hatte nicht blos den Ober- befehl über das Ganze, sondern auch noch den Specialbefehl über das letztgenannte 12. Corps. Am andern Tage sollte der Vormarsch gegen Berlin fort- gesetzt werden, zu dessen Schutze die vom Kronprinzen von Schweden ( Bernadotte ) kommandirte Nordarmee zwischen Ruhlsdorf, Hei- nersdorf und Blankenfelde Stellung genommen hatte. Der nächste Tag mußte voraussichtlich einen ernsten, vielleicht sogar den ent- scheidenden Zusammenstoß bringen. Und dieser Zusammenstoß fand auch wirklich statt. Eh’ ich jedoch eine Darstellung desselben gebe, versuch ich eine Schilderung der sich gegenüberstehenden Streitkräfte. Die Oudinot’sche Armee, 70,000 Mann stark, bestand aus neun Divisionen, von denen fünf fremden Nationalitäten ange- hörten: zwei waren sächsisch, eine bayerisch, eine württembergisch und eine italienisch. Aber auch die verbleibenden vier französischen Divisionen ließen an Zuverlässigkeit allerlei vermissen, da man bei der letzten Aushebung auf das ersatzpflichtige Alter keine Rück- sicht genommen, vielmehr blutjunge Leute, die fast noch im Knaben- alter standen, mit herangezogen hatte. Besonders unzuverlässig war die zum 7. Corps Reynier gehörige Division Durutte, die zum größten Theil aus Refractairs, d. h. aus solchen, die sich der Aushebung bis dahin zu entziehen gewußt hatten, aus Deserteurs und Verbrechern gebildet war. Von den Befehlshabern kamen nur Oudinot und Reynier in Betracht, aber auch hinsichtlich ihrer blieb manches zu wünschen. Oudinot machte den Oberbefehl nicht genügend geltend, ja vermied sogar die persönliche Berührung mit seinen Unter-Generalen, während Reynier unlustig und erbit- tert über die Zurücksetzung war, die Napoleon ihn beständig erfah- ren ließ. Die diesseitige Nordarmee war viel stärker und umfaßte bis gegen 100,000 Mann. Aber auch die dieser zugehörigen Truppentheile waren von gemischter Nationalität und unterstanden, was der Hauptübelstand war, einem Oberbefehlshaber, der, ohne jedes Herz für die Sache, nur seinem persönlichen Interesse nach- hing „Bernadotte“, so schreibt ein Offizier aus dem Jahre 13, „entwarf beständig Pläne, die durch Kühnheit in Erstaunen setzten, und gedachte bei- spielsweise Magdeburg und Stettin mit Sturmleitern zu ersteigen, kam aber der Entscheidungsmoment heran, so nahm er rückwärts Stellungen. Er wurd’ in Allem nur durch eine Rücksicht bestimmt: sich und seine schwedische Hilfstruppe keiner Niederlage auszusetzen.“ — ein Uebelstand, der noch schwerer ins Gewicht gefallen wäre, wenn nicht der Geist der beiden preußischen Heerführer Bülow und Tauentzin , und kaum minder der in ihren Land- wehren aller mangelhaften Ausbildung und Bewaffnung unerachtet anzutreffende preußische Kampfesmuth, eine Balance geschaffen hätte. Jedenfalls standen wir hinter der Oudinotschen Armee nicht zurück und hatten keinen Anspruch darauf, von Napoleon als „schlechte Truppe“ und sogar als „Gesindel“ bezeichnet zu werden. Der nächste Tag sollte denn auch zeigen, daß er die Rechnung ohne den Wirth gemacht und „l’Enfanterie prussienne“ sehr unterschätzt hatte. Beginn der Schlacht . Der rechte französische Flügel, das 4. Corps Bertrand, diri- girte sich am 23. in aller Frühe schon von Jühnsdorf gegen Blankenfelde, das bereits am voraufgegangenen Tage durch das diesseitige IV. Corps unter General Tauentzin besetzt worden war. Es entspann sich alsbald ein leichtes Gefecht, das bis gegen die Mittags- stunde fortgeführt wurde. Zu dieser Zeit wandte sich Bertrand an den links neben ihm stehenden Reynier und ließ ihn wissen, „daß er auf hartnäckigen Widerstand gestoßen sei, weshalb er Blankenfelde nur dann nehmen könne, wenn im Centrum ener- gischer vorgegangen und er (Bertrand) dadurch degagirt würde.“ Da sich Reynier zu solchem „energischen Vorgehn“ nicht bereit er- klärte, ja mit Rücksicht auf das noch weit zurück befindliche Linke- flügel-Corps Oudinot auch kaum erklären konnte , so schlief das Gefecht am rechten Flügel (Blankenfelde) ein und ward auch im ganzen Laufe des Tages nicht wieder aufgenommen. Bertrand’s Forderung „im Centrum energischer vorzugehn“ war unerfüllt geblieben, aber ein Vorgehen überhaupt hatte nichts destoweniger stattgefunden und zur Wegnahme des durch drei diesseitige Bataillone besetzten Dorfes Grooß-Beeren geführt. In Folge davon war das Centrum der vorgeschobenste Punkt der französischen Angriffs-Linie geworden; der rechte Flügel bei Jühnsdorf stand um eine Meile, der linke, zwischen Trebbin und Thyrow, um anderthalb Meilen zurück. An eben diesem lin- ken Flügel befand sich auch das Obercommando. Die Stellung bei Freund und Feind war um 5 Uhr die folgende: Die Entscheidung . Von 5 bis 7. General Reynier, als ihm gemeldet wurde, daß die preußische Vorhut auf Heinersdorf zurückgezogen sei, ließ seine Truppen auf einem Hügelzuge, der sich in Front Groß-Beerens von der Kirche bis zur Windmühle und von dieser wieder bis nach dem Vor- werke Neu -Beeren zieht, ins Bivouak rücken. Er gewärtigte keines Angriffs mehr, der ihm ebenso sehr der vorgerückten Stunde wie des in Strömen fallenden Regens halber unwahrscheinlich, ja beinah unmöglich erschien und antwortete dem sächsischen Divi- sions-General, der ihn vor der List und Entschlossenheit der Preußen warnte: „Sie kommen nicht.“ Aber sie kamen doch. Um dieselbe Stunde nämlich, als unsere dreibataillonsstarke Vorhut aus Großbeeren abmarschirt und zum Ueberfluß auch noch Ordre von Ruhlsdorf her eingetroffen war, „bis in die Verschan- zungen vor Berlin und demnächst bis über die Spree zurückzu- gehen “, entschloß sich General Bülow, den ihm gegenüberstehenden Reynier anzugreifen und das verloren gegangene Großbeeren zurück- zuerobern. Er rief seine Brigade-Generale zusammen, um ihnen den von ihm gefaßten Entschluß mitzutheilen. Er habe sich schon am Tage vorher von der Aktionsunlust des Oberkommandirenden überzeugen können, der seinen Mangel an Eifer mit seinem Miß- trauen in den Werth der ihm unterstellten „neuen Truppen“ zu begründen versucht habe. Diese „neuen Truppen“ aber seien, was ihnen in diesem und jenem auch fehlen möge, vom besten Geiste beseelt und bedürften nur einer entschlossenen Führung, um sich aufs Neue zu bewähren, wie sie sich schon vor dem Waffenstill- stand und neuerdings wieder bei Luckau bewährt hätten . Jeden- falls sei es sein Wille, nicht ohne ein vorgängiges ernstes Gefecht das Feld zu räumen. „Unsere Gebeine“, so schloß er, „sollen diesseits Berlin bleichen, nicht jenseits.“ Alle Generale stimmten ihm zu, wonach er ohne Weiteres nach Ruhlsdorf hin melden ließ: „er werde mit dem III. Corps avanciren und Groß-Beeren inner- halb einer Stunde wiedernehmen.“ Als die Truppen von diesem Entschlusse hörten, erfüllte sie plötzlich ein Geist der Zuversicht, und wiewohl sie durch 24 Stunden hin nicht Holz und nicht Stroh, kaum Kommisbrot und Brannt- wein und eigentlich nichts als Regen und wieder Regen gehabt hatten, verlangte doch jeder nach Kampf und brach in hellen Jubel aus, als es hieß: an die Gewehre! Die Dispositionen zum Angriff waren schnell getroffen und lauteten: Die Brigade Krafft , gefolgt von der Brigade Thümen , avancirt gegen die Hügelposition zwischen Kirche und Windmühle. Die Brigade Prinz von Hessen-Homburg avancirt gegen die Position zwischen der Windmühle und dem Vorwerk Neu- Beeren. Die Brigade von Borstell endlich führt eine Seitenbewe- gung aus und sucht den Front-Angriff auf Groß-Beeren aus der diesseitigen linken Flanke zu souteniren. Es war 6 Uhr, als sich die genannten Brigaden in drei Linien von Heinersdorf her in Bewegung setzten. Mit Erstaunen hörte Reynier die Meldung, daß das ge- sammte Bülow’sche Corps gegen Groß-Beeren heranrücke. Rasch indessen fand er sich zurecht und bevor noch unsere Colonnen auf halbem Wege heran waren, hatten die Truppentheile seines Corps folgende gutgewählte Stellungen inne: Sächsische Division v. Sahr : Grenadier-Bataillon v. Sperl in Groß-Beeren selbst; Brigade v. Bose (mit dem Regiment v. Low in Front) zwischen Kirche und Windmühle; Brigade v. Ryssel zwischen Windmühle und Neu-Beeren. Sächsische Division v. Lecocq : im Rücken von Groß-Beeren zwischen diesem und der Gens- hagenschen Haide. Französische Division Durutte : rechts neben der Division Lecocq, also zwischen dieser Division und der nach Genshagen führenden Straße. Sämmtliche Geschütze des Reynier’schen Corps, 60 an der Zahl, waren in die Front gezogen worden und erwiderten sofort das Feuer, das Oberst von Holtzendorff aus 64 preußisch- russischen Sechs- und Zwölfpfündern auf eine Distance von 1800 Schritt eröffnet hatte. Zunächst schien das feinliche Feuer im Vortheil bleiben zu sollen: mehrere preußische Geschütze waren demontirt und eine zerschossene Batterie mußte zurückgenommen werden; als aber um eben diese Zeit die schwedische reitende Bat- terie von Cardell in die diesseitige Geschützfront einrückte, gab Oberst von Holtzendorff Befehl bis auf 1200 Schritt zu avan- ciren. Alle Batterien jagten vor und im selben Augenblicke fast, wo sich die Wirkung dieses Vorgehens erkennen ließ, ließ General v. Bülow die bis dahin in Deckung zurückgehaltenen Brigaden Krafft und Thümen im Sturmschritte gegen Dorf und Kirche vorbrechen. Ein erbitterter Kamf entspann sich. Das 1. Bataillon Kol- berg griff Großbeeren in der Front an, während rechts daneben Major v. Gagern an der Spitze des 5. Reserve-Regiments auf die den Kirchhofshügel vertheidigenden Sachsen eindrang und das hier stehende Regiment v. Low zersprengte. Bei diesem Kampfe ging die alte Kirche von Groß-Beeren in Flammen auf und wurd’ erst in den 20er Jahren durch eine neue, nach einem Schin- kelschen Plan erbaute, ersetzt. In Nähe derselben erhebt sich auch das guß- eiserne Monument, das zu direkter Erinnerung an den 23. August 1813 errichtet wurde. Es trägt die Inschrift: „Die gefallenen Helden ehrt dankbar König und Vaterland.“ Neue Bataillone, die Reynier aus der hinter dem Dorfe haltenden Division Lecocq in die Front zog, stellten das Gefecht zwar wieder her, und ein Vorbrechen sächsischer Ulanen parirte sogar siegreich einen dies- seitigen Reiterangriff. Aber dies war auch der letzte glückliche Moment auf gegnerischer Seite. Denn in demselben Augenblicke fast, wo sich die sächsische Kavallerie dieses Erfolges rühmen durfte, wurde die gesammte feindliche Position von zwei Seiten her um- faßt, indem die gerade jetzt den Lilobach passirende Vorhut der Borstell’schen Brigade Großbeeren von Osten her, die Brigade Prinz von Hessen-Homburg aber die mehr nach Westen hin gelegene Hügelposition zwischen der Windmühle und dem Vorwerk Neu-Beeren erstürmte. Durch diese Bewegung von links und rechts her, war die ganze in Front stehende Division Sahr abge- schnitten und hatte nur noch für ihren Rückzug zu kämpfen. Diesen bewerkstelligte sie geschickt und ging in guter Haltung, wenn auch unter erheblichen Verlusten, auf die Genshagensche Haide zurück. Hiermit war die Wiedereroberung Groß-Beerens ausgeführt. Allerdings, da von den neun Divisionen der Oudinot’schen Armee nur drei wirklich engagirt gewesen waren, lag es in der Möglich- keit unsern Erfolg wieder bestritten zu sehen, und in der That wurde der Versuch dazu gemacht, als bei Dunkelwerden die Spitze des noch vollkommen intakten 12. Corps in verhältnißmäßiger Nähe des Schlachtfeldes erschien. Aber auch dieser Versuch, an dem sich namentlich Kavallerie betheiligte, schlug fehl, und um 9 Uhr schwieg das Gefecht. Ueber dies abendliche Kavalleriegefecht find’ ich das Folgende: „Der Marschall Oudinot, als er mit dem 12. Corps von Trebbin her in Ahrens- dorf eingetroffen war, schickte die leichte Kavallerie-Division Fournier vor, um Reynier, von dessen Rückzug er noch keine Kenntniß hatte, zu souteniren. Diese Division Fournier stieß in der Dunkelheit auf das bei Neu-Beeren stehende Leibhusaren-Regiment, das sich nunmehr seinerseits ohne Weiteres auf die Vorhut ebengenannter Division stürzte. Diese, völlig überrascht und unkundig des Weges, wurde von den Husaren immer am Waldrande hin, auf Groß-Beeren zu getrieben. Aber den Husaren folgte wieder das Gros der französischen Kavallerie-Division, und so ging es in wilder Jagd in den bunten Haufen der am Windmühlenberge stehenden Bataillone hinein. An dieser Stelle schloß sich ein diesseitiges Ulanen-Regiment und den Ulanen wiederum eine Husaren-Abtheilung an, die sammt und sonders die Hetze mitmachten, ohne zu wissen, wem es galt und wohin es ging. Oberstlieutenant v. Zastrow und Major v. Reckow wurden umgeritten, und als letzterer am Boden lag, schrie nachstürmende Landwehr-Kavallerie: „schlagt ihn todt“. Er war für einen Fronzosen gehalten worden, und nur die Dazwischenkunft des Majors Friccius entriß ihn der Gefahr und rettete sein Leben.“ Unbehelligt gingen alle drei Divi- sionen vom Corps Reynier auf Löwenbruch und Wietstock, die Corps Bertrand und Oudinot aber auf Saalow und Trebbin zurück. Der erste Versuch Napoleon’s, sich Berlins zu bemächtigen, — der zweite führte zur Schlacht bei Dennewitz, — war gescheitert und hatte dem Corps Reynier, insonderheit den beiden sächsischen Divisionen, einen starken Verlust bereitet. Allein diese letztge- nannten verloren 28 Offiziere und 2096 Mann an Todten, Ver- wundeten und Gefangenen. 14 Kanonen und 52 Munitions- wagen waren außerdem eingebüßt worden. Unser Verlust bezifferte sich auf nicht mehr als 1100 Mann, alle vom Bülow’schen Corps. Auf Seite der Schweden war nur ein Offizier verwundet worden. Berlin jubelte und bethätigte seinen Jubel. Elf Wagenreihen mit Brod und Tabak, mit Bier und Branntwein beladen, setzten sich nach dem Bivouac von Heinersdorf hin in Bewegung. Auch von Eberswalde, Charlottenburg und Oranienburg erschienen Transporte. Der Kronprinz von Schweden erließ anderen Tages aus dem Lager von Ruhlsdorf ein Bulletin, in welchem er mit nicht allzu- großer historischer Treue die Begebenheiten der letzten Tage be- kannt machte. Hinsichtlich des Generals von Bülow und seines Corps hieß es wörtlich: „General v. Bülow erhielt Befehl, den Feind anzugreifen . Er führte diesen Befehl mit der- jenigen Entschlossenheit aus, die den geschickten General bekundet. Seine Truppen marschirten mit eben jener Ruhe, die während des siebenjährigen Krieges die Soldaten des großen Friedrich aus- zeichnete.“ General von Bülow selbst enthielt sich begreiflicher- weise jedes Hinweises auf die „Soldaten des großen Friedrich“, unterließ aber nicht, das Thatsächliche richtig zu stellen. „Ich faßte“, so heißt es in seinem Bericht an den König, „den Ent- schluß, den Feind anzugreifen und wurde dazu durch einen nach- träglichen Befehl des Kronprinzen autorisirt. Unter Einschluß der mir zugetheilten russischen Batterien, sowie der Kosaken, haben die Truppen Ew. Majestät allein gefochten.“ Im Uebrigen war es keine große Schlacht gewesen. Einem energischen, aber wie gewöhnlich erfolglosen Artilleriekampfe war eine Dorf-Erstürmung gefolgt, welcher es, aller Tapferkeit uner- achtet, doch insoweit an allem Heldischen gebrach, als wir den Schlüssel der Position: die Kirchhofs -Stellung, in erheblicher Ueberzahl angriffen. Es bleiben aber solche vor den Thoren einer Hauptstadt geschlagenen Schlachten immer ganz besonders im Ge- dächtnisse der Menschheit, einfach deshalb, weil die Zahl der durch solche Kämpfe zu direkter Dankbarkeit Verpflichteten um Vieles größer ist als bei Provinzial- oder gar Auslands-Schlachten. Und so kommt es denn auch, daß Groß-Beeren — beispielsweise weit über das im Uebrigen sehr verwandte Dennewitz hinaus — ein Lieblingstag in unserer berlinisch-brandenburgischen Geschichte ge- blieben ist, fast so beliebt und gefeiert wie Fehrbellin . Als ein gefälliges Spiel des Zufalls mag dabei noch hervor- gehoben werden, daß es, wie bei Fehrbellin so auch bei Großbeeren ein Prinz von Hessen-Homburg war, der durch einen im ent- scheidenden Moment geschickt ausgeführten Angriff zum Siege mitwirkte. Geist von Beeren. Von allen Geistern die verneinen Ist mir der Schalk am wenigsten verhaßt. D er Groß-Beerener Kirche schräg gegenüber, an der anderen Seite der Dorfgasse, werden wir, über eine Feldsteinmauer hin- weg, eines sauberen und gut erhaltenen Wohnhauses sichtbar, in dem zur Zeit der Groß-Beerener Schlacht, oder doch noch kurz vorher, der „Geist von Beeren“ hauste. Das klingt gespenstisch und darf so klingen, wenn zwischen Gespenstern und Kobolden irgend welche Verwandtschaft ist. „Geist von Beeren“ war ein Kobold, nebenher auch Besitzer von Groß- und Klein-Beeren und der Letzte aus jenem alten Geschlecht der Beeren oder Berne , das vier Jahr- hunderte lang die genannten beiden Güter inne hatte. Von diesem Hans Heinrich Arnold v. Beeren will ich erzählen. Um’s Jahr 1785 hatte er beim Könige die Erlaubniß nach- gesucht, seinem alten Namen „v. Beeren“ den Namen „ Geist “ hinzufügen zu dürfen. Die Erlaubniß war auch ertheilt worden und seitdem hieß er der „Geist v. Beeren“ oder kürzer „der tolle Geist.“ Er war ein kleiner, schmächtiger, lebhafter Mann, witzig, sarkastisch, hämisch. Zwietracht anstiften, zanken, streiten und opponiren war seine Lust. Von seinen unzähligen Schnurren, In- jurien und Processen lebt noch Einzelnes in der Erinnerung des Volkes und ich erzähle, was ich davon erfahren konnte. Die meisten dieser Geschichten setzen sich freilich blos aus Albernheit, Uebermuth und Chicane zusammen, manches indeß ist wirklich gut und treffend, und jedenfalls entsprach all und jedes dem nicht sehr verfeinerten Bedürfniß seiner Zeit und seiner Umgebung. Zwei Gruppen von Personen waren es besonders, mit denen der streitlustige Geist eine unausgesetzte Fehde unterhielt: seine Gutsnachbarn und die Regierungsbeamten. Unter den Ersteren hatte er sich besonders den Herrn v. Hake auf Genshagen zum Gegenstand nicht enden wollender Anzüglichkeiten und Verhöhnungen ausersehen. Die Correspondenz, die er mit diesem seinem Nachbar in einem Zeitraum von 25 Jahren geführt hat, soll ein wahrer Anekdotenschatz und für die Freunde des Hake’schen Hauses seiner- zeit eine unerschöpfliche Quelle der Erheiterung gewesen sein. Leider ist diese Correspondenz verbrannt. Zwei Geschichten indeß aus der langen Reihe dieser gutsnachbarlichen Rancünen und Streitig- keiten existiren noch. Geist , im Uebrigen kein Freund der Jagd, ließ sich eine Jagd- und Schießhütte bauen, wenig Schritte von dem Punkt entfernt, wo seine eigene Feldmark mit der Gens- hagener Forst zusammenstieß. Die Front der Hütte ging auf feindliches Gebiet hinaus, und die Absicht lag klar zu Tage. Hier saß er halbe Nächte lang und schoß von seinem Territorium aus dem Herrn v. Hake die Rehe todt — ein Wilddieb aus purer Malice. Als Hake Beschwerde führte und auf Abbrechen der Hütte antrug, antwortete Geist: Die Hütte habe keinen offensiven Charakter; er (Geist) habe von Jugend auf immer rückwärts geschossen und müsse es ablehnen, in seinen alten Tagen nach einem neuen Princip auf Jagd zu gehen. Bei anderer Gelegenheit beschwerte sich Herr v. Hake, daß er bei Passirung einer Brücke, für deren Instandhaltung Geist Sorge tragen mußte, mit seinem Justitiarius Buchholz eingebrochen sei. Geist replicirte: „über die Brücke würden täglich 26 seiner schwersten Ochsen getrieben, und niemals hab er gehört, daß einer derselben irgendwie Schaden genommen; es sei mindestens eine auffallende Erscheinung, daß gerade Herr v. Hake mit seinem Ju- stitiarius durchgebrochen sei.“ Herr v. Hake hatte nicht Lust, den Streit ruhen zu lassen und ging an die Gerichte. Als Geist eine Vorladung empfing, ließ er den Brückensteg ohne Weiteres ab- tragen und auf einen Holzwagen setzen und erschien nun damit vorm Kammergericht in Berlin, die Räthe desselben allergehorsamst er- suchend, sich durch Ocular-Inspection von der Richtigkeit seiner Aussagen und der Haltbarkeit des Brückenstegs überzeugen zu wollen. Einen viel lebhafteren Groll unterhielt er gegen Alles, was sich „Regierung“ oder „Behörde“ nannte und mit der Miene der Autorität gegen ihn auftreten wollte. Die alte Registratur des Kammergerichts, das er in seinen Eingaben gelegentlich „hoch- preisliches Jammergericht“ anzureden liebte, soll davon zu erzählen wissen. Seine Fehden mit dem Pupillen-Collegium , dessen Namen er nicht müde ward in der wunderlichsten Weise zu kürzen oder zu verunstalten, sind theils allgemeiner bekannt geworden, theis liegen sie jenseit aller Mittheilungsmöglichkeit — wiewohl man dem humoristischen Uebermuth gegenüber, der sich in allen seinen Schnurren ausspricht, eigentlich jedes Anstandsbedenken auf- geben und der derben Laune sich freuen sollte. Neben dem Pupillen-Collegium hatte Niemand mehr als die Potsdamer Regierung unter seinen Sarkasmen zu leiden. Jede Schwäche, jedes Versehen fand einen unerbittlichen Kritiker in ihm. Bei Abschätzung des Gutes waren Werth und Ertragsfähigkeit desselben zu hoch oder zu niedrig taxirt worden und die Regierung, den Streit endlich zu schlichten, schickte eine Untersuchungs- und Begutachtungs-Commission. Die Zeit, Mitte December, war allerdings nicht allzu günstig gewählt, und Geist faßte nunmehr in seinem nächsten Schreiben an die Regierung alles was er zu sagen hatte in folgendem Reim zusammen: Gerechter Gott des Himmels und der Erden, Was soll aus Deiner heiligen Justitia werden? Die Erde ist bedeckt mit Eis und Schnee, Da untersuchen sie die Bonit é ! O weh, o weh, o weh! — Unter den Personen, gegen die seine Spöttereien sich richteten, war unter andern auch der Reformator unserer Landwirthschaft, der berühmte Thaer . Die Prinzipien, die dieser einzuführen trachtete, hatten nicht die Zustimmung unseres Geist von Beeren, vielmehr machte letztrer seinem Unmuth in einer kleinen Brochüre Luft, die den Titel führte: „die preußische Landwirthschaft ohne Theer .“ Alles lachte. Der kleine Tückebold hatte sich aber diesmal verrechnet und es erschien eine Gegenschrift unter dem Titel: „die preußische Landwirthschaft ohne Geist .“ Solchem Reparti war er nicht gewachsen und er gab die Fortsetzung des Kampfes auf. Sein bester weil treffendster Streich, war vielleicht der fol- gende. Wir hatten ein Kienraupenjahr und die Forsthaiden der Mark befanden sich in einem allertraurigsten Zustande. Die Pots- damer Regierung sah sich deshalb veranlaßt eine Verfügung zu treffen, in der sie mittheilte wie den Raupen am besten beizu- kommen und weiterer Schaden zu vermeiden sei. Die Verfügung schmeckte freilich etwas nach „grünem Tisch“ und war unpraktisch. Geist antwortete wenige Tage später: „Probatum est! Ich bin in den Wald gegangen, habe den Kienraupen das Rescript einer Königl. Regierung vorgelesen und siehe da, die Raupen haben sich sämmtlich todt gelacht .“ Solche Repliken gingen alsbald von Mund zu Mund und machten ihn beim Landvolk, auch wohl bei manchem Gutsbesitzer beliebt, die, um solcher Abfertigungen und Verhöhnungen willen, gern vergaßen, was sonst wohl gegen den „tollen Geist“ zu sagen war. Denn der Landmann unterhält eine natürliche Feindschaft gegen den Städter, dessen überhebliches Wesen ihn verdrießt und dessen Erlassen und Gesetzen er mißtraut. „Der Städter weiß nichts vom Land,“ das ist ein Satz, der sich von Vater auf Sohn vererbt. Bis in sein hohes Mannesalter blieb Geist v. Beeren un- verheirathet und führte ein wüstes, sittenloses Leben. Er hielt einen völligen Harem um sich her. Von seiner „Favoritin“ hatte er einen Sohn, der des Vaters würdig war und zwei Mal das ganze Gehöft anzündete und in Asche legte. Geist v. Beeren indeß nahm keinen Anstoß daran, vielleicht weil er sein Abbild darin sah, und ging damit um diesen Sohn zu adoptiren. Dazu ge- Fontane , Wanderungen. IV. 20 hörte jedoch die Einwilligung seines (des alten Geist) einzigen Bruders, der als General in preußischen Diensten stand und in Erscheinung und Sinnesart das volle Gegentheil unseres Helden und Kobolds war. Er kommandirte die spätern brandenburger Kürassiere, die nach ihm damals die „von Beeren-Kürassiere“ hießen. Der Ge- neral verweigerte die Zustimmung. Geist von Beeren seinerseits war natürlich nicht der Mann, dergleichen ruhig hinzunehmen und beschloß sich zu verheirathen, lediglich seinem Bruder zum Tort. Der Harem wurde mit großen Kosten von ihm aufgelöst und gleich danach erfolgte seine Vermählung mit einem Fräulein v. Eyssenhardt. Es währte jedoch nur kurze Zeit. Er starb 1812 und hinterließ eine einzige Tochter. Auch diese schied jung aus dem Leben. Das plötzliche Erlöschen der Familie, wie aller Unsegen überhaupt, der theils vor theils nach dem Tode des alten Geist die Zugehörigen des Hauses traf, wird mit der Familiensage vom „ Allerhühnchen “ in Ver- bindung gebracht. Es ist dies die folgende. Vor mehreren Hundert Jahren war eine Frau von Beeren eines Kindleins glücklich genesen. In einem großen Himmelbett, dessen Gardinen halb geöffnet waren, lag die junge Frau, neben sich die Wiege mit dem Kind, und verfolgte in träumerischem Spiel die Schatten, die in dem spärlich erleuchteten Zimmer an Wand und Decke auf und ab tanzten. Plötzlich bemerkte sie, daß es unter dem Kachelofen, der auf vier schweren Holzfüßen stand, hell wurde, und als sie sich aufrichtete, sah sie deutlich, daß ein Theil der Diele wie eine kleine Kellerthür aufgehoben war. Aus der Oeffnung stiegen alsbald allerhand zwergenhafte Gestalten, von denen die vordersten kleine Lichtchen trugen, während andere die Honneurs machten und die nach ihnen Kommenden willkommen hießen. Alle waren geputzt. Ehe sich die Wöchnerin von ihrem Staunen erholen konnte, ordneten sich die Kleinen zu einem Zuge und marschirten zu zwei und zwei vor das Bett der jungen Frau. Die zwei Vordersten baten um die Erlaubniß, ein Familienfest feiern zu dürfen, zu dem sie sich unter dem Ofen versammelt hätten. Frau v. Beeren war eine liebenswürdige Natur, ihr guter Humor gewann die Oberhand und sie nickte bejahend mit dem Kopf. Alsbald kehrten die Kleinen unter den Ofen zurück und begannen ihr Fest. Aus der Kelleröffnung wurden Tischchen herauf- gebracht, andere deckten weiße Tücher darüber, Lichterchen wurden aufgestellt, und ehe viele Minuten um waren, saßen die Kleinen an ihren Tischen und ließen sich’s schmecken. Frau von Beeren konnte die Züge der Einzelnen nicht unterscheiden, aber sie sah die lebhaften Bewegungen und erkannte deutlich, daß alle sehr heiter waren. Nach dem Essen wurde getanzt. Eine leise Musik, wie wenn Violinen im Traum gespielt würden, klang durch das ganze Zimmer. Als der Tanz vorüber war, ordneten sich alle wieder zu einem Zuge und erschienen abermals vor dem Bett der Wöchnerin und dankten für freundliche Aufnahme. Zu- gleich legten sie ein Angebinde nieder und baten die Mutter, des Geschenkes wohl Acht zu haben: die Familie werde blühen, so lange man das Geschenk in Ehren halte, werd’ aber vergehen und verderben, sobald man es mißachte. Dann kehrten sie unter den Ofen zurück, die Lichterchen erloschen und alles war wieder dunkel und still. Als Frau v. Beeren, unsicher ob sie gewacht oder geträumt habe, nach dem Angebinde sich umsah, lag es in aller Wirklichkeit auf der Wiege des Kindes. Es war eine kleine Bernsteinpuppe mit menschenähnlichem Kopf, etwa zwei Zoll lang und der untere Theil in einen Fischschwanz auslaufend. Dieses Püppchen, das Leute, die zu Anfang dieses Jahrhunderts lebten, noch gesehen haben wollen, führte den Namen „Allerhühnchen“ (Alräunchen) und galt als Talisman der Familie. Es vererbte sich von Vater auf Sohn und wurde ängstlich bewahrt und gehütet. Geist von Beeren indessen kümmerte sich wenig um das wunderliche Fami- lien-Erbstück; war er doch kein Freund von Sagen und Geschichten, von Tand und Märchenschnack, und was seiner Seele so ziem- lich am meisten fehlte, war Pietät und der Sinn für das Ge- heimnißvolle. Allerhühnchen hatte lang im Schrank gelegen, ohne daß seiner erwähnt worden wäre. Da führte das Weihnachtsfest eine lustige Gesellschaft bei Geist v. Beeren zusammen und der Zufall wollte, daß einer der Gäste vom „Allerhühnchen“ sprach. „Was ist es damit?“ hieß es von allen Seiten, und kaum daß die Frage ge- stellt worden war, so wurd’ auch schon die Geschichte zum Besten gegeben und das Allerhühnchen herbeigeholt. Geist von Beeren 20* ließ es rundum gehen, witzelte und spöttelte und — warf es dann in’s Feuer. Von dem Augenblick an brach das Unheil herein und jene Schläge kamen, deren ich theilweis schon erwähnte. Zweimal brach Feuer aus, Krieg und Mißwachs zerstörten die Ernten und rasche Todesfälle rafften die Glieder der Familie fort. Der General starb plötzlich, bald darauf die beiden Söhne desselben, endlich Geist v. Beeren selbst. Die junge Wittwe, welche Geist hinter- ließ, verlobte sich zwei Jahre später mit dem Hauptmann Willmer Nach einer andern Lesart war ihr Verlobter ein französischer Of- fizier, der, in der Schlacht bei Groß-Beeren verwundet, in’s Herrenhaus ge- schafft und von Frau v. Beeren gepflegt wurde. Diese Pflege schloß dann, wie gewöhnlich, mit einer Verlobung. Diese Version läßt sich übrigens mit der im Text erzählten in Einklang bringen. Capitain Willmer, wie sein Name ergiebt, war ein Deutscher; da aber bei Großbeeren zwei sächsische Divisionen auf französischer Seite fochten, so ist es wohl möglich, daß er als verwundeter sächsischer Offizier die Bekanntschaft der Frau v. Beeren machte. , einem liebenswürdigen Mann, und die Hochzeit stand nahe bevor. Da gerieth Willmer in Streit mit einem Kameraden, einem Herrn v. Dolfs von den Garde-Kürassieren, und in der Haide von Wulkow kam es zum Duell. Willmer ward erschossen. Sein Grab befindet sich auf dem Kirchhofe von Groß-Beeren. Neben ihm ruht die Tochter des „tollen Geist,“ die ebenfalls auf räthsel- hafte Weise starb. Sie war in Berlin im Pensionat und fuhr nach Groß-Beeren hinaus, um ihre Mutter zu besuchen. Als der Wagen vor dem Hause hielt, schien das Fräulein fest und ruhig zu schlafen — sie war todt . Frau v. Geist verkaufte schließlich die Besitzung, aber der Unsegen dauerte fort. Nichts gedieh, nichts wollte vorwärts. Der nächste Besitzer verlor sein Ver- mögen, der ihm folgende führte ein wüstes, unstätes Leben und verscholl, der dritte hielt sich, aber Streit und Hader verbitterten ihm die Tage. Der Unsegen blieb; aber es blieb auch ein Geist ’sches Element an dieser Stelle lebendig, ein halb räthselhaftes Verlan- gen es ihm an Tollheiten nachzuthun. Man kann hieran Studien machen über die Macht und die nachwirkende Kraft eines Origi- nals. Alle Nachfolger des „tollen Geist“ hatten einen Zug von ihm, der letzte Besitzer, ein Rittmeister Briesen , am meisten. Sein größter Verehrer aber und ebenso sein begeistertster Nach- ahmer in allen Dingen, die sich nachahmen ließen, war ein Herr von Beier , der Groß-Beeren von 1827 bis 1837 besaß. Als eines Abglanzes ehemaliger Geist ’scher Herrlichkeit sei seiner am Schluß dieser Skizze gedacht. Es lag ihm daran, dem Herren- hause zu Groß-Beeren den Ruf von etwas Apartem zu erhalten, und kaum daß er von der Existenz eines in Zossen lebenden alten Mannes gehört hatte, der zur Zeit des „tollen Geist“ eine Art Kammerdiener bei diesem gewesen, so ließ er sich’s angelegen sein, denselben zu engagiren. Der alte Mann kam auch und wurd ausgefragt, wie sein Gehalt, seine Beschäftigung und vor Allem seine Kleidung gewesen sei. Kniehosen, Puderperrücke, Silberborten und Schuhschnallen, Alles wurde genau beschafft, wie’s in alten Zeiten gewesen war, und wenn Besuch kam, präsentirte man den Diener des tollen Geist, als ob es dieser selbst gewesen wäre. Herr von Beier war verheirathet; seine Ehe zeigte sich jedoch nicht glücklich und wurde getrennt. Bald nach der Trennung verließ er Groß-Beeren, bestellte vorläufig einen Verwalter und ging nach Oesterreich. Hier trat er als Lieutenant bei Walmoden-Kürassieren ein. Das Regiment garnisonirte damals in Ungarn und Beier verliebte sich sofort in eine vornehme ungarische Dame. Da der Vater der- selben die Partie nicht wünschte, so sah sich der Liebhaber veranlaßt, die liebeskrank werdende Dame in der Rolle eines berühmten Arztes zu besuchen. Und ihr Leiden wurd auch wirklich ge- hoben, aber doch so , daß des Vaters „ja“ schließlich nicht wohl aus- bleiben konnte. Nun nahm v. Beier seinen Abschied und führte die junge Frau im Triumph nach Groß-Beeren. Wenn bis dahin Alles im Stil des „tollen Geist“ gewesen war, so wurde nun Alles ungarisch eingerichtet und nicht nur Pferde, Tabak und Wein, auch Diener, Koch und Kammermädchen kamen aus Ungarn. Die Dorfleute sagten, ihr Herr sei ein Türke geworden. Alles ging ungrisch und die Wirthschaft polnisch dazu. 1837 verkaufte er das Gut und ging in die Welt. Seitdem ist er verschollen. In der Erinnerung der Dörfler hat er nur schwache Spuren zurückgelassen, aber das Bild des alten „Neck- und Feuerteufels“, der vor ihm da war, lebt fort von Geschlecht zu Geschlecht. Auch das Volk hat künstlerische Instincte und unterscheidet Copie und Original. Und wenn Jung und Alt Abends beim Biere sitzen und von alten Zeiten plaudern, verweilen sie gern bei dem kleinen Kobold, „der keine Furcht kannte,“ und erzählen sich mit immer gleichem Behagen die Schnurren und Schabernack-Streiche vom tollen „Geist von Beeren.“ Berlin in den Tagen der Schlacht von Großbeeren. E s war am 19. August 1813 — so entnehm’ ich alten, durch Friedrich Tietz Friedrich Tietz , ein halbes Jahrhundert lang Berliner Publicist und Mitarbeiter an einer großen Zahl unsrer Blätter (Vossische, Fremden-Blatt, Kreuz- Zeitung) wurde den 24. Sept. 1803 zu Königsberg i. Pr. geboren und starb am 6. Juli 1879 zu Berlin. Alles Beste was er geschrieben, sind Theater- und Lebens-Erinnerungen. Mitunter gelang ihm auch ein Gelegenheits- gedicht ꝛc. Eins derselben — bei Gelegenheit der Geburt des Prinzen Wil- helm (27. Januar 1859) gedichtet — ist so gut, daß es in glücklichem Ein- fall und graziösem Humor der Ausführung als Musterstück gelten kann. Ich setz es hier her und bin der Meinung, daß der Verfasser desselben in nichts Besserem fortleben kann. Preußischer Frühling im Januar 1859. Noch ist es lang hin bis zum Frühlingsgrün, Bis zu Blüthenduft und Blumenblüh’n, Bis zum Jubel der kleinen Waldvögelein, Bis zum Fluge der Schwalben im Sonnenschein. Und dennoch aus fernem, aus warmem Land, Wohin der Winter den Flücht’gen verbannt, Ist heimgekehrt ein verfrühter Gast, Ein allbekannter zu erneuter Rast. Er sucht sich die höchsten Giebel wohl aus Und baut dort sein Nest auf der Menschen Haus, Und wo er es thut, tönt’s ihm entgegen: „Willkommen! Du bringst dem Hause Segen!“ Wer mag noch fragen zu dieser Stund’, Welchen Gast wir meinen? Des Volkes Mund veröffentlichten Aufzeichnungen — als an den Straßenecken Berlins und zugleich auch in der Vossischen und Spenerschen Zeitung folgende Bekanntmachung erschien: „Wir eilen, die treuen Unterthanen Sr. Maj. des Königs hierdurch zu unterrichten, daß in der Nacht vom 10. zum 11. d. M. die Kriegserklärung Oesterreichs gegen Frankreich erfolgt und der Waffenstillstand ebenso kaiserlich russischer wie unsrer- seits gekündigt worden ist. Die Zeit der Waffenruhe ist mit- hin überstanden und der gerechteste Krieg, der jemals geführt worden, hat wieder begonnen. Berlin, 18. August 1813. Allerhöchstverordnetes Militair-Gouvernement für das Land zwischen der Elbe und Oder. v. L’Estocq. — Sack.“ Ruft jubelnd aus: „Nun ist er da! Der Storch ist gekommen! Victoria!“ Und Alle schau’n herzfreudigen Blicks Hinauf zur erwählten Stätte des Glücks, Zum Königspalast, deß’ höchste Spitze Der schwarzweiße Vogel erwählt zum Sitze. Der Adler daneben dehnt majestätisch Die Fittiche aus und spricht gravitätisch: „Weil Du, mein beflügelter Herr Kumpan, Am Preußenland so was Braves gethan, So will ich Dich ehren fortan als Freund, Und hoff’, wir seh’n uns hier oft noch vereint!“ Der Storch beugt sein langbeschnäbeltes Haupt Und spricht: „Wenn’s gnädigst mir ist erlaubt, So bring’ ich alljährlich, was heut’ ich gebracht.“ Da hat der preußische Adler gelacht: „Herr Vogel-Bruder, ich halt’ Dich beim Wort! Vermehre Du fleißig der Preußen Hort; Der Storch bringt den Segen, ihn hütet der Aaar Und Gott schützt das Haus jetzt und immerdar!“ So haben die beiden Luftsegler da oben Es abgesprochen, — wir können’s nur loben. Und drinnen im Haus singt in’s Land hinein Sein erstes Lied unser Prinzlein klein. — „Gott laß Dich wachsen, Du kleiner Mann, Bis Du reichst zum Großen Fritze hinan!“ Schaarenweise standen die Berliner an den Ecken, um diese Bekanntmachung zu lesen. Enthusiastisch und mit Hurrah wurde sie begrüßt, aber es muß doch auch zugestanden werden, daß es nicht an Vorsichtigen, um nicht zu sagen an Aengstlichen fehlte. So wurden beispielsweise viele Frauen und Kinder, die man nach Pommern und Mecklenburg hin in Sicherheit bringen wollte, von den zurückbleibenden Hausvätern zum Frankfurter- und Oranien- burger Thor hinausbegleitet. Andre waren geschäftig, ihre silbernen Löffel im Garten ein- zugraben oder ein paar alte noch von irgend einem Pathen her- stammende Schaumünzen unter der Zimmerdiele zu verstecken. Unterdessen hatten wir seltsame Hilfe gegen den Feind erhalten. Wallenstein’s eben damals oft von Mattausch auf der könig- lichen Bühne gehörte Worte: „Wir werden mit den Schweden uns verbinden, gar wackre Leute sind’s und gute Freunde“, hatten sich als Prophezeihung erwiesen. In der Nähe von Charlotten- burg standen die blonden Nordlandssöhne im Lager, zu denen alle Welt hinausging und ihnen bundesfreundlich die Hand schüttelte. Nur zu ihrem Führer, dem neuen Kronprinzen von Schweden, wollte bei den Berlinern ein rechtes Vertrauen nicht Wurzel fassen, weil man sich seiner noch zu gut als Bernadotte erinnerte, der früher kein Preußenfreund gewesen war. Außer den Schweden waren auch die Russen bei der Hand, von denen wir aber meistens nur das langspießige Volk der Kosacken zu sehen bekamen. Am 21. August gab man im königlichen Schauspielhause Kapell- meister Himmel’s „ Fanchon .“ Das Haus war voll, wie man sich denn überhaupt an allen öffentlichen Orten zusammendrängte, blos um Neuigkeiten zu hören. Der korpulente Kapellmeister stand dirigirend an seinem Pult, und als Gern (der Vater) in der Rolle des Abb é das Lied „Auf alle Namenstag’ im Jahr“ anzu- stimmen begann und zuletzt auch zu dem auf die verewigte Königin Louise bezüglichen Couplet kam, erscholl ein donnernder Jubel im ganzen Hause. Himmel ’s rothes Angesicht glühte vor Erregung. „Tusch, Tusch!“ rief er dem Orchester zu, die Trompeten schmetterten und die Vivats wollten kein Ende nehmen. Als ich das Theater verließ, begegnete ich draußen einer ähn- lichen Exaltation: Truppen marschirten dem Hallischen Thore zu, von Bürgern unter fortwährendem Hurrahrufe begleitet. Am folgenden Tage wurd’ uns das unmittelbare Bevorstehn einer Schlacht so gut wie zur Gewißheit: die Truppenmärsche steigerten sich und im schwedischen Lager sah man die Vorbereitungen zum Aufbruch. Am Abend war ich, wie herkömmlich, wieder im Theater, aber ich konnte nicht recht in Stimmung kommen und noch weniger lachen, trotzdem Wurm , unser erster Komiker damals, den Rochus Pumpernickel spielte. Iffland hatte klüglich immer nur lustige Stücke aufs Repertoir gesetzt „um die Stimmung zu paralysiren.“ Recht gut erinnere ich mich noch, daß ich in der Nacht „die der Großbeerener Aktion vorherging“ nur sehr wenig und sehr schlecht geschlafen habe. Schon in aller Morgenfrühe des 23. stand ich auf; aber ein grauer Regenwolkenhimmel war nicht geeignet, eine heitere Stim- mung in mir hervorzurufen. Um 9 wurde mir’s endlich „zu eng im Schloß“ und ich ging die Leipziger Straße hinunter auf den Thiergarten und die Bellevue- straße zu, wo Gubitz in einer Giebelstube des Georgeschen Kaffee- gartens oder „bei George’s“ wie die Berliner kurzweg sagten, eine kleine Wohnung hatte. Glücklicherweise traf ich ihn noch zu Haus und wir machten nunmehr einen langen, langen Spaziergang, der uns auf einem Umweg endlich bis Unter die Linden führte. In dem Hause No. 46, jetzt Victoria-Hotel, wohnte Freund Himmel eine Treppe hoch, zwei Treppen hoch der Kammermusikus Seidler (der spätere Gatte der berühmten Sängerin) und in der dritten der dünne Labes , der Komiker vom Hoftheater. Einigermaßen müde, wie wir waren, beschlossen wir bei Himmel vorzusprechen und fanden ihn denn auch mit Seidler und Labes beim Rheinwein, den der lebenslustige Kapellmeister außerordentlich liebte. Himmel war wie gewöhnlich in exaltirter Stimmung, zu der der Wein das Seinige beitrug. Auch hier bildete natürlich die bevorstehende Schlacht das Thema der Unterhaltung und ehe wir’s uns versahen, stürzte der berühmte Fanchon-Componist ins Nebenzimmer und kehrte mit zwei Pistolen zurück. „ Diese für den ersten Franzosen, der mir heut ins Zimmer tritt, und diese — für mich.“ Beide waren wahrscheinlich nicht geladen, die zweite gewiß nicht. Gleichviel indeß, Gubitz versicherte mit Emphase: „wir würden siegen, ja sein Glaube daran sei so fest, daß er gleich eine kleine Fest- Cantate niederschreiben wolle; Himmel solle sie componiren — sie könne dann am andern Tage schon im Theater gesungen werden. Und gesagt, gethan. Gubitz setzte sich sofort an den Schreibtisch und in einer halben Stunde war die kleine Dichtung fertig. Aber freilich der , der sie componiren sollte, war nicht mehr unter den Lebenden oder doch nicht mehr unter den Zurechnungs- und Leistungsfähigen. Er schlief in einem mit einer Tüllgardine ver- hängten Alkoven seinen Rausch aus und zwang uns dadurch aus der „ Himmlischen Wohnung“, wie seine kleine chambre garnie damals allgemein hieß, in die triviale Wirklichkeit der Straß zurück- zukehren. Es mochte jetzt Mittag sein oder doch nicht viel mehr, und der Weg, den ich einschlug, führte mich am Schauspielhause vorüber. Ange- klebte Zettel kündigten an: „Heute zum ersten Male wiederholt: Die deutsche Hausfrau , Drama in 3 Akten von Herrn v. Kotzebue. Hierauf: Das Geheimniß , Operette in 1 Akt von Soli é .“ Einer der Büreaubeamten stand in der Thüre. „Wird denn heute gespielt?“ fragt’ ich. „Ei, natürlich, der Herr General- director Iffland haben’s eigens befohlen.“ Ein dumpfer Knall, dem ein zweiter und gleich darauf noch ein paar andre folgten, bezeugte daß draußen ein blutiges Drama beginne. Vorübergehende standen wie gebannt und der Theaterbeamte zeigte mir ein blasses Gesicht; aber doch muthmaßlich nicht blasser als das meinige war. Von diesem Augenblick an kamen wir eigentlich nicht mehr zur Besinnung. Auf den Straßen lief Alles durcheinander und zu den Fenstern hinaus fragte man sich wie’s stünde? Viele ließen sich nicht abhalten und gingen trotz des strömenden Regens bis nach Tempelhof oder doch wenigstens bis auf den Tempelhofer Berg hinaus, um dem Aktionsfeld um eine halbe Stunde näher zu sein. Um 7 macht’ ich mich auf ins Theater. Es waren mehr Leute darin, als man hätte vermuthen sollen. Nur Damen fehlten. Eigentlich hatte man sich im Parterre blos zusammengefunden, um sich gegen einander auszusprechen und doch wurde jede patriotische Beziehung, die in der „Deutschen Hausfrau“ vorkam, lebhaft beklatscht. Die Bethmann , die die Hauptrolle gab, wußte die Pointen und Schlagwörter geschickt hervorzuheben. Auch den andern Mit- spielenden: Beschort und Maurer und der anmuthigen Demoiselle Fleck (nachmaligen Frau Professor Gubitz) vor allem aber der Demoi- selle Doebelin , welche eine böse Alte spielte, sah man es nicht an, daß Berlin einschließlich des Schauspielhauses so zu sagen auf einem Pulverfasse stand. Am Schlusse des 2. Akts eilt’ ich auf eine gute halbe Stunde hinaus, um zu sehn ob man etwas Neues wisse. Der Kriegsjammer zeigte sich schon. Bauerwagen mit Verwundeten kamen langsam vom Halleschen Thore her. Man fuhr sie nach den Lazarethen; alle leichter Blessirten aber nahmen die Bürger mit Herzlichkeit in ihren Häusern auf. Ich hielt mich wieder auf die Linden zu, denn ich war hungerig und gedachte mich in der Habelschen Weinstube zu restauriren. In dem Lokale selbst war ein beständiges Kommen und Gehn. Am letzten Fenster links saßen einige meiner Bekannte: Herklots der Theaterdichter, der Kunstkenner Hofrath Hirt — damals einer der schönsten Männer Berlins — und der Maler Hummel , ein unzertrennliches Habelsches Trifolium. In der Mitte des Zimmers aber hatte man einen Husaren umringt, der einen Transport Verwundeter eingebracht und selbst einen tüchtigen Hieb über das Gesicht bekommen hatte. Von ihm erfuhren wir einiges Nähere, vor allem, daß die Franzosen sich auf Trebbin zurückzögen und daß unser Sieg so gut wie gewiß sei. „Noch kann das Theater nicht aus sein“ enthusiasmirte sich Herklots „ich muß die Nachricht dorthin bringen.“ Und im selben Augenblick ergriff er seinen großen rothseidenen Regenschirm und war’s auch zufrieden, daß ich ihn begleitete. Wir langten auf der Bühne kurz vor dem Schlusse des Singspiels: „Das Ge- heimniß “ an und theilten Unzelmann der den Bedienten Thomas spielte, die Siegesbotschaft mit. Er ergriff sofort den dreieckigen Bedientenhut und trat auf die Bühne hinaus, obgleich seine Scene nicht an der Reihe war. Die Schauspielerin, welche die Hofräthin gab, sah ihn befremdet an, er aber extempo- rirte sofort im Tone seiner Rolle: „Wollte der Frau Hof- räthin und den Herrschaften da unten (aufs Publikum zeigend) nur melden, daß wir heute keine französische Einquar- tierung mehr bekommen.“ Und nun muß ich hier zu besserem Verständniß des folgenden einschalten, daß Unzelmann eine ganz frappante Aehnlichkeit mit dem im Winter 1812 auf 13 in Berlin commandirenden französischen General Augereau hatte. Diese Aehnlichkeit glücklich benutzend, stülpte der gefeierte Komiker, als er die vorstehende Meldung gemacht hatte, seinen dreieckigen Hut in derselben schiefen Richtung auf den Kopf, wie ihn die französischen Generale zu tragen pflegten und fügte, Augereau kopirend, hinzu: „Wir begeben uns rückwärts nach Trebbin!“ Dabei machte er Kehrt; im Publikum aber brach ein Freudenhalloh aus, daß die Coulissen ins Zittern kamen. Die Vorstellung war aus und Alles stürmte nach Hause. Draußen war ein Leben und Gedränge wie bei hellem Tage, denn fortwährend brachte man Verwundete und Gefangene zur Stadt. Wagen aller Art, bepackt mit Lebensmitteln, Decken, Mänteln und allem was den ermüdeten hungrigen Kriegern nur irgendwie zu Gute kommen konnte, rollten zum Thore hinaus, dem Schlacht- felde zu. Wir, denen Wagen und Pferde nicht zu Gebote standen, thaten an den in die Stadt gebrachten Verwundeten, was in unsern Kräften stand. Von zu Bette gehen war natürlich nicht die Rede. Gegen Morgen traf ich mit einem Offizier in der „Sonne“ oder bei Jagor’s (wo jetzt die Passage ist) zusammen, der im Begriff war zu seinem Regimente zurückzukehren und sich nur noch mit einer Tasse Kaffe stärkte. Der ergänzte die bruchstück- weisen Nachrichten, die wir bis dahin von der Schlacht erhalten hatten. Auf der Straße traf ich bald danach einen mir von alter Zeit her bekannten und damals zu den populärsten Figuren Berlins gehörenden Hofschlächtermeister, der mich einlud auf seinem mit Wurst, Schinken und Brod beladenen Wägelchen Platz zu nehmen und mit ihm hinaus zu fahren. Und ich ließ mir das nicht zwei- mal sagen. Aber freilich den Anblick des Schlachtfelds werd’ ich all mein Lebtag nicht vergessen. Unfern der Mühle lag ein blutjunger französischer Offizier, die Brust von einer Kartätschenkugel zerschmettert. Aus der zerrissenen Uniform blickte vorne zwischen den Knöpfen ein rothes Portefeuille hervor. Wir öffneten es und fanden unter mehreren Briefen einen, der noch nicht gesiegelt aber bereits mit einer Aufschrift in französischer Sprache versehen war: „An Herrn Capuzzo , Mitglied des Criminalgerichts zu Genua .“ Der sollte, wie aus dem Briefe hervorging, der Schwiegervater des Todten werden, und beigelegt war ein verschlossenes Briefchen an die Braut: Es schloß mit den Worten: „Ich hoffe, diesen Brief heut Abend auf die Post in Berlin zu geben.“ Nun thaten wir es. Abends am 24. aber sang man im Theater die Sieges- Cantate, die Gubitz am Tage vorher gedichtet und Himmel , als er seinen Rausch ausgeschlafen, in eine vortreffliche Musik ge- setzt hatte. Löwenbruch. „Wie heißt Er?“ Knesebeck. „Was ist sein Vater gewesen?“ Lieutnant in Ew. Majestät Garde. „Ah, der Knesebeck.“ E ine Meile hinter Großbeeren, seine hochgelegenen fruchtbaren Aecker an einem Stücke Bruchland entlang ziehend, liegt das Dorf Löwenbruch . Wir finden hier, durch die Jahrhunderte hindurch, eine Reihenfolge guter Namen: die von Thümen, von Otterstedt, von Boytin, von Alvensleben, von Gröben und v. d. Knesebeck. Die Boytin’s (ein ausgestorbenes Geschlecht) haben auf dem Kirchhofe noch ein paar große Grabsteine mit allerhand Figuren und Inschriften, die freilich unter der Kruste von Moos und Flechten kaum noch zu entziffern sind. Eins dieser Gräber ist leer geblieben. Mit Schaudern erzählte mir der Küster des Dorfes, wie er, eines Abends über die Grabsteine hinschreitend, den einen Stein unter seinen Füßen nachgeben und sich selber in die leere Gruft versinken fühlte. Er kam indessen mit dem bloßen Schrecken davon. Von den Alvenslebens , die ihren Gutsantheil im Jahre 1749 an die Gröbens verkauften, findet sich noch dies und das. Es existirt unter Anderm das jetzt wirthschaftlichen Zwecken dienende Haus, das sie bewohnten, ein schlichter Fachwerkbau, der am besten zeigt, wie gering, wenigstens nach dieser Seite hin, die Ansprüche waren, die der märkische Adel vor hundert Jahren noch erhob. Jeder wohlhabende Bauer wohnt jetzt besser. Es scheint, man legte damals Gewicht auf andres, auch auf andere Aeußerlich- keiten , und ein höchst interessantes Sopha , das sich in den Damenzimmern des jetzigen Herrenhauses vorfindet, übernimmt den Beweis dafür. Als vor einem Vierteljahrhundert das Alvens- lebensche Fachwerkhaus ausgebessert werden sollte, fand man auf einem der spinnwebverhangenen Böden einen alten Deckelkasten, der sich alsbald als eine Truhe zu erkennen gab. Dieser Fund erschien Anfangs gleichgültig genug; nachdem man indeß den Kasten an’s Licht gebracht und von der Verstaubung eines Jahrhunderts gesäubert hatte, gewahrte man ein wahres Prachtstück, das es mit den aller modernsten Weißzeugspinden unserer Möbelmagazine kühn- lich aufnehmen dürfe. Die Vorderseite des Kastens war in vier Felder getheilt und jedes Feld bestand aus allerhand buntem, reich vergoldetem Schnitzwerk, in dessen Mitte sich ein sorglich gemaltes Wappenbild zeigte. Es waren die vier Wappen der Alvensleben, Redern, Bredow und Hake. Der gegenwärtige Besitzer Löwen- bruchs wußte diesen Fund aufs glücklichste zu benutzen. Er ließ von geschickter Hand, die das Schnitzwerk der Truhe zum Muster nahm, eine Rückenlehne anfertigen, schmückte diese Lehne mit seinem eigenen Wappen und erzielte dadurch ein Sopha, das nach Erscheinung und Entstehungs-Geschichte nicht leicht ein Seiten- stück finden wird. Und was ist der Schluß, den ich daraus ziehe? Die Alvenslebens hatten ein schlichtes Haus, aber eine reiche, adlige Truhe, und der Inhalt derselben blieb muthmaßlich hinter dem vergoldeten Schnitzwerk nicht zurück. Ihren Reichthum be- kundet auch die schöngeschnitzte Kanzel, die Achatz v. Alvensleben der Löwenbrucher Kirche zum Geschenk machte. Die Gröbens führen uns bis in dies Jahrhundert hinein. Die letzten dieser Familie, die Löwenbruch besaßen, waren zwei Brüder, die ohne männliche Descendenz verstarben. Der jüngere von beiden, der unter Friedrich dem Großen Rittmeister im Re- giment Gensdarmes gewesen war, war der eigentliche Besitzer. Er that viel zur Hebung des Guts, baute das jetzige Herrenhaus, starb aber früher als sein älterer Bruder, dem nun, da keine Kinder da waren, die schöne Besitzung zufiel. Dieser Bruder war ein Original, gescheidt, tapfer, nüchtern und phantastisch zugleich. Er war Major bei den „gelben Reitern“ gewesen, die damals in Zehde- nick standen, hatte jedoch den Dienst quittirt, theils seiner schweren Blessuren, insonderheit aber seiner Studien halber, denen er sich ruhiger und ausschließlicher widmen wollte. Er studirte Kant und correspondirte mit ihm. 1800 übernahm er Löwenbruch. Er war die absolute Bedürfnißlosigkeit, eine völlig auf das Geistige ge- stellte Natur, und unsere Tage des Materialismus würden ihm schwerlich gefallen haben. Er trug jahraus jahrein einen Lein- wand-Anzug (auch der alte Zieten in Wustrau war so gekleidet), den er nur ablegte, wenn er sich auf Besuch nach Berlin begab. Dies geschah alle Jahr ein Mal und zwar auf vier Wochen. Er stieg dann in Krause’s Kaffeehaus ab, dem jetzigen Hotel de Brandebourg, und verbrachte die ganze Zeit mit Conversation und Schachspiel. Nach dieser Berührung mit der Welt, zu der er sich eigentlich immer nur entschloß, um sein großes Geschick im Schach- spiel nicht einrosten zu lassen, begab er sich wieder in seine Ein- samkeit zurück, um sich an Büchern und — Wasser auf’s Neue zu stählen. Er war ein Vorläufer der Hydropathie. Personen, die ihn noch gekannt haben, sagen aus, daß er sich in Wasser, incredibile dictu, berauscht habe. Vielleicht nahm man gewisse Excentricitäten für Rausch. Er hatte eine trunkene Seele. Auch eine Mischung von Donquichoterie und Eulenspiegelei ließ sich an ihm wahrnehmen. Als er vom Ausbruch des Krieges hörte, be- fahl er den Thurm abzutragen, damit das Dorf von vorüberzie- henden Kriegsschaaren nicht bemerkt werden möge. Mit leiden- schaftlichem Eifer verfolgte er die Napoleonischen Kriegs- und Siegeszüge. Als der Krieg von 1805 begann, der mit dem Tage von Austerlitz endigte, sagte er den Ausgang des Kampfes vorher, auch den herannahenden Sturz der preußischen Monarchie. Dieser eine Gedanke beschäftigte ihn Tag und Nacht und quälte ihn zu- letzt bis zum Unerträglichen. Er wollte das Unwetter sich nicht entladen sehen und — erschoß sich in bloßer Vorahnung dessen, was kommen würde, nachdem er zuvor die Angelegenheiten seines Hauses mit philosophischer Ruhe geordnet hatte. Fontane , Wanderungen. IV. 21 Von den Gröbens kam das Gut an die Knesebecks . Diese besitzen es noch. Der erste von ihnen, der sich hier heimisch ein- richtete, war Friedrich Wilhelm Ludwig von dem Knesebeck, Halbbruder des Feldmarschalls. Von diesem Friedrich Wilhelm Ludwig von dem Knesebeck gedenk’ ich zu erzählen. Sein Leben erscheint zwar als eine bloße Skizze neben dem farbenreichen Bilde seines berühmten Bruders, es bedarf indessen keines langen Suchens und Forschens, um wahrzunehmen, daß beide Brüder Zweige des- selben Stammes waren. Sie wirkten in verschiedenen Kreisen: der eine in der beschränkten Sphäre einer kleinen Stadt, der andere in dem weitgezogenen Kreise des staatlichen Lebens; aber der Pulsschlag beider war derselbe, und wie verschieden auch ihr Leben sich gestaltete, an Mannesmuth und adliger Gesinnung, an Vaterlandsliebe, Ge- meinsinn und Opferfreudigkeit standen sich Beide gleich. Beide — märkische Edelleute von Kopf bis zu Fuß. Nur gesellte der ältere Bruder zu dem ihnen im Charakter Gemeinsamen auch noch hohe Gaben des Geistes und das schuf einen Unterschied. Der kühne Kopf, der den Gedanken gebären konnte: den unbesiegbaren Imperator durch die bloße Macht des Raumes, d. h. durch Ruß- land zu vernichten, stand so hoch, daß er die Nebenbuhlerschaft eines andern Geistes nicht leicht zu fürchten hatte. Die Talente waren verschieden. Friedrich Wilhelm Ludwig von dem Knesebeck wurde den 29. März 1775 zu Carwe geboren. Er trat als Lieutenant in das zu Ruppin garnisonirende Regiment Prinz Ferdinand ein und machte als solcher die Rhein-Campagne mit. Ein Duell und eine Verwundung, die er empfing, veranlaßten ihn im Jahre 1800 seinen Abschied zu nehmen. Ruppin war ihm lieb geworden und er verblieb als Bürger in einem städtischen Kreise, darin er als Offizier eine Reihe glücklicher Jahre verlebt hatte. So kamen die Tage von Jena und Auerstädt; unsere Truppen, so viel oder so wenig ihrer noch waren, retteten sich über die Oder und das Land lag offen und widerstandslos vor dem nachrückenden Feinde da. Am Tage Aller Heiligen traf in Ruppin die Nachricht ein, daß die Franzosen im Anzuge seien. Was thun? Wer hatte den Muth und die Fähigkeit, die Stadt zu vertreten? Eine Wahl war bald getroffen, wo nur Einer gewählt werden konnte. Alle Stimmen vereinigten sich auf Knesebeck; man gab ihm eine Art dictatorischer Gewalt und vertraute das Wohl der Stadt seiner Geschicklichkeit und dem Glück seiner Hand. Der Abend dämmerte und Pistolenschüsse verkündeten die Nähe französischer Chasseurs. Knesebeck ging ihnen entgegen. „Qui vive?“ „Un citoyen du bourg“, antwortete Knesebeck und verlangte den commandirenden Offizier zu sprechen. Dies war ein Marquis de Custine. Knesebeck eröffnete ihm, daß die Stadt offen, ohne Besatzung und arm, trotz ihrer Armuth aber zu einem „douceur“ bereit sei. Das wirkte. „Ah, Monsieur sait bien com- ment traiter avec les soldats“, erwiederte der Marquis lächelnd mit befriedigtem Gesicht und man einigte sich alsbald über 100 Louisd’or. Die Franzosen zogen ein und die Summe wurde gezahlt. War auf diese Weise Plünderung und Gewaltthat glücklich abgewandt, so sicherte Knesebeck’s Geistesgegenwart wenige Wochen später die Stadt vor einer noch drohenderen Gefahr. Das Ge- rücht hatte sich verbreitet: „die Franzosen seien geschlagen worden“ und siehe da, den guten Ruppinern begann der Kamm zu schwellen. Detachements französischer Truppen, darunter auch Personen von Rang, passirten gelegentlich die Stadt; warum sollte man sie ruhig und ungehindert ziehen lassen? waren es nicht Feinde? So be- schloß man denn den „kleinen Krieg“ zu organisireu und wegzufangen was wegzufangen sei. Die Sache war gut gemeint, aber sie hatte mehr Herz als Verstand und kaum daß solche Pläne in den Köpfen der Menge spukten, als sich auch schon Gelegenheit bot, sie aus- zuführen. Bei leisem Schneegestöber kam Anfang December ein Schlitten durch’s Thor, dessen Insasse sich — trotz des weiten Mantels, der ihn verhüllte — leicht als ein höherer französischer Offizier erkennen ließ. Da hatte man wen im Garn! Und mit Geschrei drang ein Dutzend Bürger, von allerlei Volk unter- stützt, auf den Unbekannten ein, zunächst um ihn zu insultiren, vielleicht auch um ihn niederzuschlagen, wenn er Widerstand ver- suchen sollte. Knesebeck eilte herzu, stellte den Angreifenden das Unedle, ja das Gefährliche ihrer Handlungsweise vor und trieb den Haufen aus einander. Der Offizier aber setzte seine Reise fort. Alles schien vergessen, als etwa drei oder vier Tage später Knesebeck 21* in den Gasthof zur Krone gerufen wurde. Ein eben von Berlin her eingetroffener französischer Gendarmerie-Oberst — ein Abge- sandter Savary’s, in dessen Händen damals die oberste Polizei- leitung war — trat ihm in brüsker Weise entgegen und machte ihn verantwortlich für die Insulten, die sich die Stadt gegen einen französischen Offizier erlaubt habe. „Ich werde Sie füsiliren lassen.“ Knesebeck erwiederte kalt: „contre la force il n’y a point de résistance.“ Der Oberst Meine Quelle giebt an, dieser Oberst sei Savary selbst gewesen, was aber aus vielen Gründen unmöglich ist. Savary war seit 1804 Divisions- general und wurde bereits 1807, also wenige Monate nach den hier ge- schilderten Vorgängen, zum Herzog von Rovigo ernannt. Ein so hoch- gestellter Offizier konnte durch Caulaincourt, der an Rang kaum über ihm stand, nicht gut persönlich zu einer Untersuchungsreise nach Ruppin veranlaßt, am allerwenigsten aber mit einem „taisez vous“ zur Ruhe verwiesen werden. , durch die Ruhe dieser Entgegnung einigermaßen decontenancirt, fuhr eben mit neuen und immer heftiger werdenden Schmähungen heraus, als eine dritte Gestalt, die bis dahin halbverborgen in der Fensternische gestanden hatte, zu den Streitenden herantrat und dem lärmenden Offizier zurief: „Taisez vous! cet homme a agi comme chevalier; il n’y a rien à lui reprocher.“ Knesebeck erkannte jetzt in dem Sprecher denselben französischen Offizier, den er der Volkswuth entrissen hatte. Es war Napoleon’s Oberstallmeister, Caulaincourt, Herzog von Vicenza. Caulaincourt hatte keine Ahnung davon gehabt, daß dieselbe Stadt-Autorität, der er an dem Vorfalle Schuld gab und deren Verfolgung er in Berlin (bei Savary) beantragt hatte, genau derselbe Mann war, dessen rechtzeitigem Einschreiten er seine Rettung verdankte. Die Sache wurde beigelegt, auf Bestrafung der Schuldigen nicht weiter gedrungen und Knesebeck mit den ver- bindlichsten Worten entlassen. Einquartierungen und Truppen-Durchmärsche dauerten fort. Endlich kam Frieden, aber er entsprach nirgends im Lande den daran geknüpften Hoffnungen, und die Franzosen , anstatt die Mark zu verlassen, wurden nur innerhalb derselben dislocirt. Um diese Dislocirungen für die Grafschaft Ruppin einzuleiten, wurde Knesebeck im August 1807 nach Liebenwalde geschickt, wo sich da- mals die Division Vilatte befand. Nachdem er die nöthigen Notizen über Zahl und Gattung der unterzubringenden Truppen erhalten und dem französischen General die vollständigste Auskunft über die vorzunehmende Dislocation ertheilt hatte, forderte Vilatte ihn auf, die Vorbereitungen zu dem nahe bevorstehenden Napoleons- tage (15. August) zu treffen. Knesebeck that wie befohlen. Als er andern Tages meldete, daß Alles angeordnet sei, lud ihn der General ein in Liebenwalde zu bleiben und an der Feier theilzu- nehmen. „General“ erwiederte Knesebeck „Sie haben zu befehlen; wenn ich bleiben muß , so werd ich bleiben; aber kein preußischer Offizier wird sich aus freien Stücken dazu entschließen, bei solchem Feste zugegen zu sein.“ Ein prüfender Blick traf den Sprecher. Dann trat Vilatte an ihn heran und schüttelte ihm herzlich die Hand. Später, als das Generalcommando von Liebenwalde nach Ruppin hin verlegt worden war, entspann sich ein immer freund- licheres Verhältniß zwischen Knesebeck und dem französischen Ge- neral. Vilatte war ein Ehrenmann, ein Soldat von ritterlichem Sinn. Dasselbe galt von seinem Adjutanten, dem Hauptmann Denoyer, einem Kreolen von Martinique, der im Hause Knese- beck’s eine Wohnung bezog und in liebenswürdiger Weise die Be- ziehungen zwischen diesem und dem General zu fördern wußte. Die Mußestunden, die der Dienst gönnte, wurden verplaudert; man verweilte gern bei früheren Aktionen und fühlte sich doppelt zu einander hingezogen, als sich bei diesen Gesprächen herausstellte, daß man sich während der Rhein-Campagne gegenüber gestanden und auf der Mainzer Schanze Kugeln mit einander gewechselt hatte. Mittlerweile wüthete der Krieg in Spanien fort, wo im Juli 1808 die Capitulation von Baylen eingetreten war. Knesebeck wußte davon, nicht aber Vilatte, der vielmehr umgekehrt von neuen Siegen und einem nahen Frieden träumte, mit Vorliebe von dem baldigen Abmarsch der französischen Truppen sprach und daran eine Ein- ladung an Knesebeck knüpfte, ihn auf seinem „chateau“ in der Um- gegend von Nancy zu besuchen. Knesebeck erwiederte: „General, Sie werden uns bald ver- lassen, aber nicht um in die Heimath zu ziehen. Der Frieden ist ferner denn je.“ „Sie irren, Knesebeck; unsere Affairen in Spanien stehen gut; der Krieg geht auf die Neige.“ „Ich bezweifle es, General. Darf ich mich offen zu Ihnen aussprechen?“ „Eh bien, parlez!“ „General, man hintergeht Sie. Die Bulletins Ihres Kaisers sind Täuschungen; es geht nicht gut; General Dupont hat bei Baylen capitulirt, 17,000 Franzosen sind kriegsgefangen.“ „Sind Sie dessen so sicher?“ „Ganz sicher.“ „Eh bien, nous verrons . In acht Tagen sprechen wir weiter davon.“ Die acht Tage verstrichen und brachten die einfache Bestätigung der Capitulation. Vilatte gerieth in die höchste Aufregung, ließ Knesebeck zu sich entbieten, schüttete ihm sein Herz aus über die endlosen Kriege, wiederholte aber dennoch seine Einladung. Beide Männer waren bewegt. Knesebeck antwortete endlich: „Ich nehme Ihre Einladung an, General; ich werde kommen. Aber wenn wir uns wiedersehn, wird es in großer Gesellschaft sein .“ Das war 1808. Die französischen Truppen marschirten ab aber nicht in die Heimath, vielmehr — nach Spanien. Fünf Jahre später, als auch für Preußen der Tag der Er- lösung anbrach, jubelte Knesebeck. Er hoffte den großen Kampf mitkämpfen zu können, aber eine Cabinetsordre berief ihn als ständischen Commissar nach Potsdam, wo ihm die Aufgabe zufiel, bei der Organisation der kurmärkischen Landwehr thätig zu sein. So blieb es ihm versagt, mit in’s Feld zu rücken und an den Ehren jener großen Zeit unmittelbar Theil zu nehmen, bis endlich, im Jahre darauf, die Rückkehr Napoleon’s und das rasche Vorrücken der Preußen um dem drohenden Stoße so früh wie möglich zu begegnen, ihm auch diesen Wunsch erfüllte. Er erhielt eine Compagnie im 6. kurmärkischen Landwehrregiment, marschirte mit nach Flandern und focht bei Ligny, Sombref und Wavre. So kam er auch nach Paris . Sein erster Gang war zu Vilatte , damals Chef der Gendarmerie der Hauptstadt. „Bon jour, Général! da bin ich; erkennen Sie mich wieder?“ — „Mon Dieu, Knesebeck, c’est vous“, — und die alten Gegner und Freunde schüttelten sich die Hand. Knesebeck hatte sein Wort ge- löst; er war gekommen, aber „in großer Gesellschaft“ wie er pro- phezeit hatte. Weihnachten 1815 kehrte er heim, ererbte bald danach Löwenbruch und zog sich 1829 nach dem benachbarten Jühnsdorf zurück. Unter allen Tagen seines Lebens blieb ihm der Sylvestertag 1807 der theuerste, wo die Stadt Ruppin ihm in festlicher Versammlung die Bürgerkrone überreicht hatte. Und in der That, mit freudigem Stolze mocht er sich der Worte erinnern, die damals, in noch frischer Dankbarkeit, an ihn gerichtet worden waren: Als in den Tagen des Grams die blöden Gemüther erstarrten Und dem nahenden Sturm jegliche Seele erlag, Tratest Du kühnlich hervor, gesetzt und weis’ und besonnen, Zu beschwören den Sturm, der uns Verderben gedroht. Er hatte wohl Anspruch auf diese Huldigung. Der Kreis, in dem ihm zu wirken vergönnt war, war nur ein kleiner und begrenzter, aber innerhalb desselben hatte er sich bewährt. Den größern Kreis sich zu schaffen, lag außerhalb seiner Macht, indessen wo immer er stand, stand er da — ein ganzer Mann. Er starb hochbetagt am 11. Juli 1860. Wir sitzen im Herrenhause zu Löwenbruch . Die Thüre des Gartensaals steht offen und Duft und Frische dringen ein. Die Sonne scheidet eben und nur ein rother Streifen liegt noch über dem Schwarzgrün der Edeltannen. Alles ist sabbathstill und geräuschlos zieht ein Schwarm Tauben durch die Luft. Erdbeer- schalen schmücken den Tisch und lachen uns an, heiter und behaglich fließt das Gespräch. Aber auch das , was uns umgiebt, führt seine Sprache. Jegliches was seit Jahrhunderten hier war und wuchs, es ist nicht todt, es lebt, und schafft und wirkt ein geheimniß- volles Band zwischen dem Vergangenen und dem Gegenwärtigen. Auf dem Tische vor uns steht ein Serpentin-Krug, der das Wappen der Otterstedts auf seinem Silberdeckel trägt; durch die zurückgeschlagene Sammt-Porti è re gewahren wir im Neben- zimmer die nun als Sopha dienende v. Alvensleben ’sche Truhe, vor uns der Hollunderbaum, der über die Gartenmauer ragt, mahnt uns an den alten v. Gröben , der im Leinwandkittel unter diesem Blätterdache saß und phantastische Schlachten auf seinem Schachbrett schlug, und neben uns an der Wand tickt die Pendeluhr, die Knesebeck dem Feldmarschall über seinem Ar- beitstische die Stunden schlug, als der Friedens-Congreß die Fürsten Europa’s in der heitern alten Kaiserstadt versammelt hatte. Wie viele Denkschriften, Gutachten und Entwürfe entstanden bei dem Tick- tack dieser gedrungenen Ebenholz-Pendule, die so diskret und in sich zurückgezogen dasteht, als wisse sie was einem Zeugen schickt, der ernste Dinge gehört und gesehn. Der letzte rothe Streifen über den Tannen ist hin und das leise Singen des Kessels im Nebenzimmer kündet uns die Thee- stunde. Niemand spricht mehr, aber es ist als flüsterten die Stim- men derer, die nicht mehr sind. Schloß Beuthen. Kühnlich darf mein Haupt ich legen Jedem Unterthan in Schooß. Kerner. A n der Nuthe, die die Grenze zieht zwischen dem Teltow und der Zauche, stand in alten Zeiten Schloß Beuthen und beherrschte den Fluß-Uebergang. Vgl. die Kapitel „ Groeben und Siethen “ und „ Saarmund und die Nutheburgen .“ Rings von Wasser umflossen und aus grauem Feldstein zusammengefugt, erhob sich die Burg wie ein Felseck und blickte steil und trotzig in die Niederung hinein. Ja, Schloß Beuthen war trotzig. Die Quitzow’s hielten es und gedachten es zu behaupten gegen den Nürnberger Burggrafen, der wie ein Herr in’s Land kam und den man doch nicht gelten lassen mochte. Man mocht’ eben denken, „die Herren wechseln rasch in der Mark; sie finden sich ein, wie Kaiserliche Noth oder Kaiser- liche Laune sie schickt; es giebt aber nur einen bleibenden Herrn in der Mark und das sind wir .“ Und sie hatten so unrecht nicht. Sie hatten nicht Unrecht in der Sache ; desto mehr aber ver- kannten sie die Person , die’s jetzt mit ihnen und der Mark ver- suchen wollte. Das war kein Herr wie die andern, die nur ge- kommen waren um wieder zu gehn; dieser kam um zu bleiben und nahm Platz mit dem Behagen und dem Nachdruck eines, der sich auf lange hin einzurichten gedenkt. Die Quitzow’s hatten kein Auge dafür; sie trotzten und traten kühnlich mit ihrem Trotz heraus. Da galt es denn diesen Trotz zu brechen und unterschiedliche Heerhaufen zogen vor die Schlösser der Quitzow’s und Rochow’s. Und zwar drei vor Plaue, Friesack und Golzow. Der vierte Heer- haufen aber, der aus Bürgern von Jüterbogk und Treuenbrietzen und aus Lehnsleuten der Klöster Lehnin und Zinna bestand, rückte vor Schloß Beuthen . Ein kurfürstlicher Vogt, Hans von Tor- gau mit Namen, führte diesen Heerhaufen an und forderte die Beuthensche Besatzung auf, sich zu ergeben. Goswin von Breder- low aber, der die Burg für die Quitzow’s hielt, antwortete guten Muths: „er wolle sich die Sache noch ein paar Jahr überlegen.“ Das war am 14. Februar 1414. Hans von Torgau meldete den Bescheid an seinen gnädigsten Herrn Kurfürsten und die Bürger von Jüterbogk und Treuenbrietzen bezogen ein Lager an der Nuthe hin und warteten auf den zugesagten Bundesgenossen, von dessen Kriegsruhm die Marken damals voll waren. Und siehe da, sie warteten nicht lang. Erst am 24. Februar war Schloß Plaue gefallen und schon am 25. erschien die „faule Grete,“ von sechs und dreißig Pferden gezogen vor Burg Beuthen . Andern Morgens mit dem Frühesten schlug eine 30 Pfund schwere Steinkugel an den- selben Thurm, hinter dem Goswin von Brederlow eben beim Frühstück saß, und gab der alten Burg einen solchen Ruck, daß es schwer zu sagen war was mehr zitterte, die Mauern oder die Herzen der Besatzung. Und auch Goswin von Brederlow fing jetzt an mit sich handeln zu lassen. Es schien, er hatte Tage gemeint, nicht Jahre und am 26. Abends schon war Schloß Beuthen eine hohenzollersche Burg. Und Gut-Hohenzollersch ist sie geblieben, so lange sie von jenem Tag’ an noch gestanden hat. Das Meiste von ihr ver- schwand kurz vor der Schlacht von Großbeeren, als preußische Artillerie, welche den Uebergang über die Nuthe decken sollte, die Feld- steinmauern großentheils einriß und statt ihrer einen Erdwall auf- führte. Nur die von Gräben oder Flußwindungen eingefaßte Stelle , wo Burg Beuthen stand, ist noch deutlich erkennbar, ein Stück Inselland, auf dem sich ebenso Mittelthurm und Außenwall immer noch ersichtlich markiren. Ein paar Weiden und Akazien überschatten jetzt den Rasen, der ein Stück märkischer Ge- schichte deckt und einzelne Fischernetze spannen sich zwischen den Baumstämmen aus. Im Uebrigen ist alles hinüber und ein Kahn, ohne Bank und Steuer, der halb verborgen im Schilfe liegt, unter- hält die Verbindung zwischen dem Inselchen und der Welt. Es war im Februar 1414, daß die Quitzow-Burgen fielen. Damals waren die Hohenzollern fremd im märkischen Land und beinah feindlich betraten sie dasselbe. Das ist anders geworden seitdem. Dieselben Familien, die damals am festesten widerstanden, haben sich inzwischen als die treuesten bewährt und die alten Rittersitze, vor denen die „faule Grete“ das letzte Wort sprechen mußte, sind längst zu Stätten unwandelbarer Loyalität geworden. Auch Schloß Beuthen . Die Burg ist hin, aber zu Füßen der- selben sind Dörfer entstanden, die den alten Namen tragen (Groß- und Klein-Beuthen) und die Goertzke’s , die diese Dörfer an die dreihundert Jahre nun ihr eigen nennen, sind Alles, nur keine Goswin von Brederlows mehr, die sich’s erst „überlegen wollen,“ wenn ein Hohenzoller Einlaß begehrt. Und es sind nun einige zwanzig Jahre, daß ein Hohenzoller wieder ’mal darum ansprach und gleich danach seinen Einzug hielt in Groß-Beuthen . Versuch’ ich, diesen Tag zu beschreiben. Die Augustsonne fällt auf das am Dorfausgange gelegene Herrenhaus. Der alte Thorweg, der von der Straße her auf den Hof führt, ist eine Blumenpforte geworden und auf den Steinpfeilern rechts und links wehen die preußischen Fahnen. Ebenso hat sich das an sich einfache Herrenhaus verändert und ist kaum noch das alte. Seine weißgetünchten Wände blicken nur hier und da noch aus der Umrahmung von Festons und Guirlanden her- vor und die Vorbau-Treppe verbirgt ihr schlichtes Geländer hinter einem Walde von hohem Schilf. Aus der weit offen stehenden Thüre lugt von Zeit zu Zeit ein Mädchenkopf hervor und fragt mit jedem Blick über den Hof hin „ob sie kommen?“ Auf dem Corridor aber schreiten befrackte Herren auf und ab und vergleichen mechanisch die Taschenuhr mit der Wanduhr, dem einzigen Schlagwerk im Hause, das in unbeirrter Ruhe seinen Gang fortsetzt, während alle Herzen rascher und höher schlagen. Die Tauben sitzen den Dachfirst entlang, als warteten sie mit, und der Hahn, der sonst wohl im Schatten unter dem Vordach um diese Stunde zu meditiren pflegt, heut schüttelt er seine Federn und scheint sich in den Honneurs zu üben, so oft er auf einem Fuße steht. Jetzt aber meldet sein lauter Schrei, daß Freund oder Feind im Anzuge, die Tauben flattern auf und die Mädchen auf dem Hausflur rufen was Jeder weiß: Sie kommen ! Im Nu sprengen jetzt Vorreiter auf den Hof, der erste Wagen hält und die Pferde schnaufen und werfen den Schaum von den Nüstern; eine lange Reihe von Equipagen folgt; aber ehe sie heran sind, öffnet ein Jäger den Schlag und den Tritt hinab, der sich beim Oeffnen der Wagenthür wie von selber ausbreitet, steigen König und Königin . Sie haben sich anmelden lassen in Groß-Beuthen, haben um Quartier gebeten für die Tage des Manövers, das die Garden auf dem Sandplateau des Teltow eben heute begonnen haben, und da sind sie nun, um ihren Einzug zu halten. Liebe empfängt sie und Ehre geben sie. Die Schilftreppe hinauf schreitet das hohe Paar, und nach Worten herzlicher Begrüßung treten König und Königin in die für sie bereit gehaltenen Zimmer. Und nun eine Stunde später. Im Freien ist das Mahl angerichtet unter ein paar mächtigen Kastanien, die das weiße Linnen des Tisches überschatten. Und was alles hat der Wunsch, ein Schönstes und Bestes zu thun, aus diesem schlichten Platze gemacht! Der Staketenzaun, dessen Holzwerk längst die Zeichen gereifter Jahre trägt, hat seine Moos- und Flechten-Patina hinter Pyramiden von Riesenmais versteckt und was im Garten noch Duft und Farbe hatte, scheint jetzt hier versammelt zu sein. Die Treibhäuser haben ihre Blumen- töpfe bis auf den letzten Mann gestellt und selbst der Landsturm der Astern ist aufgeboten worden. Terrassenförmig stehen sie rechts und links und blicken einander über die Köpfe fort, als wären sie nicht nur erschienen, um gesehen zu werden, sondern auch um selber zu sehn. Die trotzigen Tage liegen weit zurück — König und Königin sind zu Gast in Groß-Beuthen. Die vollen Blätterschirme geben Schatten und doch liegt ein Sonnenschein über der Tafel und das Singen der Vögel klingt als wollten sie denen draußen er- zählen von dem Feste, das hier gefeiert wird. Das Auge der Königin hängt an dem reizenden Bilde, der König aber, der den Zauber mehr fühlt als sieht, strömt über von jener gemüth- und geistgebornen Heiterkeit, die so viele Herzen eroberte, selbst abgeneigtere als die Herzen derer, die hier unterm Kastaniendache versammelt sind. Das Mahl ist vorüber und unter den Bäumen wird es schwül; aber der offene, luftige Garten liegt ausgebreitet vor ihnen und seine breiten Steige laden zu einem Spaziergang ein. Die Obst- baum-Allee hinauf, an der Akazienlaube vorüber, am Weinspalier zurück, so schreitet der König in raschem Geplauder auf und ab und unterbricht sich nur, wenn aus Näh’ oder Ferne die Glocken her- überklingen, die den Abend einläuten. Die Dämmerstunde kommt und der Thee wird auf der Gartentreppe servirt. In der Luft ist kaum ein Zittern. Zwei das Haus schützende hohe Platanen breiten ihr Gezweig über die Gruppe hin und ein paar Schwarzpappeln die weitab am Aus- gange des Gartens stehn, stehen jetzt wie Schatten vor dem letzten Streifen der Abendröthe. Stiller wird’s und nur ein Hauch, der sich eben regt, zieht über die Levkojen-Beete hin und trägt ihren Duft bis zu der Gartentreppe hinauf. „Wie schön es bei Ihnen ist“ wendet sich der König an die Dame des Hauses und athmet höher und voller, als bad’ er sich in der duftigen Frische des Abends. Aber diese Frische wird allmählich zur Kühle; Jung und Alt beginnen zu frösteln, und der Schutz und Wärme bietende Garten- saal empfängt die hohen Gäste. „Was lesen wir?“ fragt der König. „Ehre, dem Ehre gebührt; ich dächte, wir hörten ein Kapitel heut aus der Geschichte der Goertzke’s .“ Und der Vorleser verbeugt sich und rückt an den Tisch. Be- schämt und gehoben zugleich sitzen die Goertzke’s umher und horchen auf jedes Wort. Sie kennen Alles, aber das Bekannteste selbst klingt ihnen heute neu, wo der König dem Berichte lauscht. Von ihrem Eltervater wird gelesen, von Joachim Ernst v. Goertzke , dem „alten Goertzke“ par excellence . Nichts wird vergessen: wie er als Page Marie Eleonoren’s in schwedische Dienste kam; wie er unter dem Schwedenkönig bei Leipzig focht; wie ihn die Kaiserlichen bei Lützen zum Hinkefuß und Krüppel schossen und wie ihm das alte märkische Herz endlich wieder lebendig ward und er zurücktrat in den kurbrandenburgischen Dienst. Und weiter dann: wie er ein großer Feldoberst wurde, der bei Rathenow und Fehrbellin dem alten Feldmarschall Wrangel, dem „Gustav Wrangel“ zeigte, daß aus dem Schüler ein Meister geworden. All das und wie der Kurfürst ihn seinen „Paladin“ genannt, es wurde gelesen heut und noch viel mehr. Und auch wie seine letzten Tage waren. In Friedersdorf, das er gekauft und aus Trümmern und Asche wieder aufgebaut hatte, saß der Alte vor seinem Schloß und freute sich der Sonne, die herniederschien und des Wohlstands und Segens um ihn her. Und von Zeit zu Zeit kam auch Besuch: ein alter Weißbart, gefolgt von Töchtern und Enkeln, als wär es der Winter und brächte den Frühling mit. Das war Gusower Be- such und der alte Weißbart der kam, war der alte Derff- linger . Unter einer weitzweigigen Rothbuche setzte man sich daun und die beiden alten Kämpen, die jederzeit Nachbarn gewesen waren, auf ihren Schlachtfeldern sonst und mit ihren Ackerfeldern jetzt , sie gedachten der alten Zeit und der alten Namen. Und auch am 30. März 1682 hielt der Gusower Wagen auf der Rampe von Friedersdorf. Aber nicht zu frohem Besuche; Glocken klangen und Kanonen wurden gelöst und der Achtzigjährige war nur gekommen, um den Siebzigjährigen in die Gruft zu senken. In der Frieders- dorfer Kirche ruht die leibliche Hülle des „Paladin“; neben dem Altar aber steht hochaufgerichtet sein steinern Bild und schaut fromm und muthig drein, wie’s einem brandenburgischen Kriegs- manne geziemt. — Der Vorleser schwieg. „Ich weiß, daß die Goertzke’s noch immer die alten sind“ sagte der König. „Der Erfolg steht bei Gott; aber Muth und Treue stehen bei uns.“ Im Gartensaale wurd es still und bald auch im Hause. Der König schlief inmitten seiner Treuen wie jener „reichste Fürst,“ den die Dichter besungen, und wenn Segenswünsche Macht haben über die Träume, so war sein Traum wie der Sommer der zieht oder wie Gesang der Abends vom See her an’s Ufer klingt. Ein klarer Octoberhimmel lacht, in die Platanenblätter mischt sich das erste Gelb und die Birnbäume, die hoch über das Wein- spalier wegragen, stehen in voller Frucht. Im Gartensaal aber ist es, als wäre schon December, jene schönste Zeit im Jahr, wo’s auf Flur und Treppe nach Tannenbaum und Wachsstock duftet und wo die Geschenke kommen von nah und fern. Und wirklich an der ganzen Länge des Tisches hin stehen die Groß-Beuthenschen Hausinsassen und blicken auf allerlei wohlverpackte Kisten , als wären es Zauber-Commoden, aus deren Fächern in jedem Augen- blick ein Wundervogel auffliegen könne. Mit einer Feierlichkeit, die Niemand merkt, weil Jeder sie theilt, werden endlich die Deckel geöffnet und der sonst so wenig anmuthige knarrende Ton mit dem die Nägel sich langsam aus dem Holze ziehn — er hat seinen Reiz heut in dieser erwartungsvollen Stunde. Die See- gras-Hülle fällt und nun blinkt es und blitzt es hell herauf! Es sind Geschenke von Sanssouci : Gold und Porzellan, und Bilder und Gemmen, alles werthvolle Dinge wie sie die Hand eines Königs und sinnige Dinge wie sie nur die Hand eines solchen Königs schenkt. Ein jeder blickt auf die Zeichen über- großer Huld und während das Haupt der Familie mit bewegter Stimme die Königlichen Worte liest, die diese reichen Gaben be- gleiten, fallen die Thränen allertreuster Menschen zwischen die Gemmen und Edelsteine nieder, als gehörten sie dorthin. Schloß Beuthen ist längst keine Veste mehr, die Goswin von Brederlow gegen die Hohenzollern hält. Thür und Thor stehen ihnen weit offen und die Herzen der Goertzke’s dazu. Saalow. Ein Kapitel vom alten Schadow. Ihr wolltet lebend nicht einander weichen, Im Tode hat nun jeder seine Krone; Verbrüdert mögt ihr euch die Hände reichen. Platen. A uf dem Plateau des Teltow, ziemlich halben Weges zwischen Trebbin und Zossen, liegt das Dörfchen Saalow . Elsbruch, Kiefernwald und sandige Höhen fassen es ein, und die letzteren, die den grotesken Namen der „Höllenberge“ führen, bilden neben einem benachbarten See, der „Sprotter Lache“, so ziemlich die ganze Poesie des Orts. Wir kommen von Großbeeren her, haben eben das Dorf Schünow passirt, und zwischen Wald und Bruchland unsern Weg verfolgend, erreichen wir zuletzt eine kurze Maulbeerbaum-Allee, die bis an den Eingang des Döfchens führt, dem unsre heutige Wanderung gilt. Eben Saalow. Eine Kirche fehlt, ein Her- renhaus auch, und ein paar Dutzend Häuser und Gehöfte, sauber gehalten und meist mit Ziegeln gedeckt, bilden die Dorf- straße, die sich alsbald platzartig erweitert. In der Mitte dieses Platzes dehnt sich der übliche Wassertümpel, ohne den geringsten An- spruch auf die sinnige Bezeichnung „Auge der Landschaft.“ Die Schwalben unter’m Sims und das Storchnest auf dem Dache sorgen für die nöthige Dorf-Gemüthlichkeit, die Hähne krähen, der Balken am Ziehbrunnen steigt auf und ab, und über den Pfuhl hin schnattert und segelt das Entenvolk in komischer Gravität. So ist Dorf Saalow jetzt , schlicht und einfach genug; aber doch ein Platz voll einladender Heiterkeit, verglichen mit dem , was es um die Mitte des vorigen Jahrhunderts war, wo der, der es zufällig passirte, nur Strohdächer sah, alte Stroh- dächer, die längst zu Moosdächern geworden waren. Unter einem derselben wohnte der Dorfschneider, Hans Schadow mit Namen, der trotzdem er schon in die Jahre ging und viel Anhang und Vetterschaft im Dorfe hatte, doch noch immer ledigen Standes war. Als ihm aber endlich das Allein-sein nicht länger mehr ge- fallen wollte, gefiel ihm auch Saalow selbst nicht mehr und er gab es auf, um zunächst nach dem benachbarten Zossen und dann von Zossen aus nach Berlin zu ziehn. Da fand er, was er suchte, verheirathete sich gerad’ in demselben Winter 63 wo der Krieg auf die Neige ging, und nahm eine kleine Wohnung in der Lindenstraße, nicht weit vom Halleschen Thore. Sieben Jahre sind seitdem vergangen und wir treten heut in die Werkstatt des ehemalig Saalowschen und nunmehro Ber- linischen Schneidermeisters ein. An dem Zuschneidetische, dessen weit vorspringende Holzplatte bis in die Mitte des Zimmers reicht, steht ein knochiger und breitschultriger Mann, dessen Figur eher an Hammer und Ambos, als an Nadel und Scheere ge- mahnt und blickt auf das vor ihm ausgerollte Stück Tuch. Er hält zugleich auch ein Stück Kreide zwischen Daumen und Zeige- finger, und wie ein Baumeister, der seinen Plan entwirft und die Distancen absteckt, tupft er bald hierhin bald dorthin auf das ausgerollte Tuchstück, mustert die weißen Tüpfelchen und zieht dann, zwischen eben diesen Punkten, die geraden und die geschweiften Linien, je nachdem es Schooß oder Rückenstück erfordert. Rings- um völlige Stille; der Zeisig im Bauer singt weder, noch springt er auf den Sprossen auf und ab, selbst die Fliegen gönnen sich Ruh und nur aus dem halbdunklen Ofenwinkel hervor klingt es Fontane , Wanderungen. IV. 22 und schrammt es leise, wie wenn Jemand geschäftig mit einem Griffel über die Schiefertafel fährt. Und dem ist auch so. Auf der niedrigen Ofenbank hockt ein sechsjähriger Blondkopf, und die beiden Beinchen wie ein schräges Pult vor sich, tupft er, ganz nach Art des Vaters, allerhand Tüpfelchen auf die Tafel und zieht dann, zwischen den Punkten, die geraden und die geschweiften Linien. Aber diese Linien und Punkte beziehen sich nicht auf Schooß und nicht auf Rückenstück, sondern auf das Gesicht des Vaters, dessen markirtes Profil er in aller Deutlichkeit vor sich hat. Den vorspringenden Stirnbuckel, die römisch geschwungene Nase, den tiefen Mundwinkel, Alles hat er getroffen — und einen Augenblick haftet der freudig erregte Blick des Knaben an dem von ihm geschaffenen Bilde. Plötzlich aber klingt es „ Gottfried “ vom Arbeitstische her, das Klappern eines Deckelkruges be- gleitet den strengen Ruf des Vaters, und im selben Moment, als fühl’ er sich auf einem Unrecht ertappt, fährt die Hand des Knaben rasch über Tafel und Zeichnung hin. Und nun erst springt er auf und nimmt den Krug, den ihm der Vater entgegen hält. Das war im Sommer 1770. Und siehe da, rasch wechseln Zeit und Ort: statt der 70er Jahre des vorigen, liegen die 40er Jahre dieses Jahrhunderts vor uns und statt in die kleine Schneiderstube blicken wir in den großen Actsaal der Berliner Akademie. Die Schüler sind bereits versammelt und jedes Einzelnen Ernst und Aufmerksamkeit ist eine ge- steigerte, denn der „Alte“ ist eben eingetreten, um nach dem Rechten zu sehen. Dieser „Alte“, ein Achtziger schon, aber immer noch ein Mann aus dem Vollen, schreitet langsam von Platz zu Platz und nur dann und wann bleibt er stehen und blickt musternd über die Schulter der Zeichnenden. „Det is jut“, sagt er dem Einen und klopft ihm, als Zoll der Anerkennung, mit seiner mächtigen Hand auf den Kopf. „Det is nischt“, sagt er zu dem Andern und geht weiter. Ein Dritter müht sich eben den Umriß einer mensch- lichen Figur auf dem Papiere festzuhalten, aber die Linien sind nicht sicher gezogen und die Proportionen sind falsch. Der Alte heißt ihn aufstehen, nimmt seinerseits Platz auf dem leer gewor- denen Stuhl und sagt dann lakonisch: „Nu pass’ uff. Ich mach’ det so.“ Dabei nimmt er des Schülers Kreidestift, tupft Punkte mit fester Hand auf das graue, grobkörnige Zeichenpapier, und während er diese Punkte mittelst sicher gezogener Linien unter einander verbindet, brummt er vor sich hin: „Det hab’ ich von meinen Vater. Der war’n Schneider.“ Gottfried Schadow der Schneiderssohn, ist Gottfried Schadow der Akademie-Director geworden, ein berühmter Mann, ein Name, der Klang hat von einem Ende Europa’s bis zum andern. Derselbe Gottfried, der dienstfertig aufsprang, wenn der strenge Vater mit dem Deckelkruge klappte, derselbe Gottfried ist jetzt seinerseits ein strenger Hausherr geworden, vielleicht nicht strenger als der Vater, aber mächtiger und gefürchteter. Sein Haus ist die Akademie, darin waltet er als König und Herr und hat seine Macht längst als einen unerschütterlichen rocher de bronze stabilirt. Die Zeiten, wo er Beispiele statuiren mußte, liegen hinter ihm und nach Art eines alt und milde gewordenen Autokraten spielt er nur noch mit dem Zügel seiner Herrschaft. Aller Abzeichen seiner Würde, jedes repräsentativen Flitters, hat er sich längst entkleidet; er regiert durch sich selbst, kraft seiner Kraft. Ob das Sacktuch, das er aus seinem taschenreichen Rocke zieht, von Kattun ist oder von Seide; ob er riesige Filzschuhe trägt, oder kalblederne Stiefel (in die, der Ballen und Zehen halber, immer große Löcher geschnitten sind) ob er hochdeutsch spricht, oder in einem Berliner Platt — es kümmert ihn nicht und kümmert Andre nicht, denn weder er noch Andre vergessen es, daß er „der alte Schadow“ ist. Herrschergewohnheit und das Bewußtsein völliger Ueberlegenheit haben seinem Auftreten längst jede Spur von Scheu genommen, und was er denkt und fühlt, das spricht er aus. Sein Wille ist Gesetz; seine Laune nicht minder. Eine kleine Scene mag schildern, wie er das Scepter führt. Es ist eine Abendsitzung. Der akademische Senat hat sich versammelt: berühmte Maler und Bildhauer; keiner fehlt. Der Saal ist hell erleuchtet und das Licht fällt auf die schönen Blechen’schen Zeichnungen, die ringsum an den Ständern und Wandschirmen befestigt sind. Am obern Ende des Ovaltisches aber, dessen grüne Decke mit vielen hundert Goldnägelchen an der Tischplatte befestigt 22* ist, sitzt der alte Schadow, die Arme bequem auf die Seitenpolster eines Lehnstuhls gelegt, während seine Füße in hohen Pelzstiefeln stecken und ein mächtiger grüner Augenschirm uns die obere Hälfte seines Gesichtes verbirgt. Es ist heut ein wichtiger Tag: Annahme neuer Schüler, und am entgegengesetzten Saal-ende steht Professor Stabfuß und controlirt alle sich zur Aufnahme meldenden. Wessen Zeugnisse nicht in Ordnung sind, wer zu jung ist oder zu alt, wird unerbittlich zurückgewiesen und heitre und verblüffte Gesichter wechseln untereinander ab. Da tritt ein junges Bürschchen ein, ein ächtes Berliner Kind, dessen kraus aufrecht stehendes Haar gegen alle Aengstlichkeit in der Welt zu protestiren scheint. Am besten, ich stell’ ihn vor: Richard Lucae , später selber ein Direktor (der Bau-Akademie). Die Sicherheit seines Auftretens, auf daß nichts verschwiegen werde, hat freilich noch seine besonderen Gründe: der alte Schadow ist Hausfreund bei des blonden Krauskopfs Eltern und kein Geburtstag ist seit funfzehn Jahren vergangen, wo nicht die Mutter des eben Eingetretenen, eine heitre thüringische Frau, dem „Herrn Nachbar und Gevatter“ einen Quarkfladen als Geburts- tagsgeschenk übermittelt hätte. Das Berliner Kind kennt natürlich die Welt; die Macht der Connexion ist ihm kein Geheimniß mehr und auf Professor Stabfuß’s wiederholte Frage nach Zeugnissen und allerhand andern Papieren, erklärt er mit äußerster Unbe- fangenheit, daß er weder Zeugnisse noch andere Papiere habe. Die Ruhe, mit der diese Erklärung abgegeben wird, hat etwas Provokatorisches und Stabfuß beginnt seinem Aerger Luft zu machen. Richard Lucae replicirt ebenso, der Lärm wird immer größer nnd der alte Schadow, dessen schläfrig scheinender Aufmerksamkeit in Wahrheit nichts entgangen ist, ruft endlich über den Tisch hin: „Wat is denn los?“ Statt aber eine directe Antwort zu geben, tritt der Professor vom andern Saal-ende her an den Alten heran, zeigt auf das Jüngelchen, das ihm gefolgt ist, und sagt in gereiztestem Tone „Herr Director, hier ist einer von den Lucaes nebenan; er will in die Gipsklasse; aber nichts ist in Ordnung.“ „So, so“ brummelt der Alte, hebt den Augenschirm halb in die Höh, mustert den jungen Aspiranten der Gipsklasse und sagt dann: „J det is ja Richard.“ Der Angeredete verbeugt sich zustimmend. „Höre Richard, sage doch Muttern, der letzte Kuchen war wieder sehr jut. Aber vergiß’t nich. In der Regel wurde dieser Dank brieflich abgestattet und ein paar dieser Dankesbriefe liegen mir vor: „Berlin, 17. April 1843. Meine vor- treffliche Frau Gevatterin. Ihr wahrscheinlich mit eigenen Händen gebackener Osterfladen hat mich um so unerwarteter angenehm überrascht, als ich an- nehmen konnte, daß Sie mich altes Exemplar vergessen hätten. Ich kann weite Wege nicht mehr mit Annehmlichkeit machen und Besuche werden mir schwer, weil ich immer eine lästige Begleitung dabei nöthig habe; sonst käm ich, Ihnen persönlich meinen Dank zu bringen. Von dem Kuchen habe ich nichts abgegeben und so eben das letzte Stück zum zweiten Frühstück ge- nossen. Grüßen Sie von mir alles um sich herum. Ihnen einen Rest vergnügter Feiertage wünschend, verbleibe Ihr alter Getreuer Gevatter J. G. Schadow , Direktor.“ Und zwei Jahre später: „Berlin, 29. Mai 1845. Meine Frau Nachbarin, Gevatterin und Freundin hat meiner wieder gedacht und nach alter Sitte mir um diese Jahreszeit wieder einen Quarkfladen gebacken. War dies- mal vorzüglich! Auch hab’ ich Anderen wenig davon abgegeben, gestern Abend das letzte davon verzehrt und bin heute mit dem gebührenden Dankgefühl er- wacht. Hierbei ist mir wieder lebhaft in Erinnerung gekommen Ihre Mutter, die auch eine so angenehme Erscheinung war. Das häusliche Glück sei stets mit und bei Ihnen! Zu fernerem Wohlwollen empfiehlt sich Ihnen Ihr alter ergebner Freund J. G. Schadow , Direktor.“ “ Die Professoren, längst an Intermezzos dieser und ähnlicher Art gewöhnt, lächeln behaglich vor sich hin, wie wenn sie sagen wollten „ganz im Stil des Alten“ und nur Stabfuß beißt sich auf die Lippen, denn er ahnt, daß seinem Ansehn eine neue große Niederlage bevorstehe. „Na Richard“ fährt der Alte fort. „Du wist also in de Gipsklasse?“ „Ja, Herr Direktor.“ „Haste denn ooch Lust?“ „Ja, Herr Direktor.“ „Hast’ ooch schon gezeechnet?“ „Ja, Herr Direktor.“ „Na, denn zeechne mal’n Ohr; aber aus’n Kopp . Stab- fuß, jeben se mal Papier her un’n Bleistift.“ Der Angeredete gehorcht mit süßsaurem Gesicht. „So. Na nu setzt’de Dir hier an’n Disch un zeechenst.“ Unser junger Aspirant thut wie befohlen, zeichnet ein Ohr und überreicht es dem neben ihm stehenden Stabfuß. Dieser, in begreiflicherweise höchst kritischer Laune, beginnt zu mäkeln, aber seine Geschicke vollziehen sich unabwendlich. „Geben Se mal her“ unterbricht ihn der Alte, klappt den grünen Schirm abermals in die Höh, befühlt und bekuckt das Papier von allen vier Seiten und sagt dann: „Stabfuß, bedenken Se — aus’n Kopp . Det Ohr is jut. Schreiben Se’n man in.“ Und so kam Richard Lucae in die Gipsklasse. Und so war der alte Schadow, setzen wir hinzu. Ein Zwie- spalt ging durch sein Leben: Griechenthum und Märkerthum hielten sich das Gleichgewicht oder verbanden sich zu einem wunderbar humoristischen Gemisch. Wenn er in den Saal tapste oder das Taschentuch zog (was viel öfter geschah, als schön war), war er ganz der Sohn seines Vaters aus Dorf Saalow, wenn er den Stift in die Hand nahm, war er das Kind einer glücklicheren Zone. Mark Brandenburg und Athen erschienen abwechselnd als seine Heimath. Sein Körper und seine Seele lebten mit einander wie Venus und Vulkan. Diese Zwiespältigkeit wurde zuletzt sein Stolz, und er machte das Beste draus, was sich draus machen ließ, ein Original . Und wirklich, immer nur solche Derbheits- Gestalten sind bei unserm Volke populär geworden: der alte Dessauer, Friedrich der Große, Blücher. Auch unser großer Kanzler gehört hierher. Alles Patente wird beargwohnt, oder ist einfach lächerlich. Das ganze Auftreten Schadow’s erinnerte vielfach an die Meister des 15. und 16. Jahrhunderts. Er war ein Peter Vischer in’s märkisch-Berlinische übersetzt und hielt noch auf’s Hand- werk , immer davon ausgehend, daß es besser sei, das Handwerk zur Kunst, als die Kunst zum Handwerk zu machen. Von Bürger- sinn und Bürgertrotz war ihm ein gerüttelt und geschüttelt Maß geworden und gegenüber modernen Künstlerprätensionen, hielt er’s ganz mit der alten Schule, die sich mehr um’s Sein als um’s Scheinen kümmerte. Das Schwierige des bloßen, äußer- lichen Machen-könnens betonte er gern, und in ähnlicher Weise wie Ludwig Tieck zu sagen pflegte: „es ist immerhin eine Arbeit , einen dreibändigen Roman zu schreiben, gleichviel ob er gut oder schlecht ist“, so sagte auch Schadow, wenn Skizzen über Gebühr und auf Kosten ausgeführter Arbeiten gelobt wurden: „Papier is weech, aber Steen is hart.“ In einem gewissen Zusammenhange mit diesem Betonen des Handwerklichen in der Kunst war es auch, daß er mit Vorliebe citirte: „Der Arbeiter ist seines Lohnes werth“, und sich jedesmal ärgerte, wenn einem Künstler zugemuthet wurde, vom himmlischen Lichte leben zu sollen. Er forderte für den Maler und Bild- hauer, wie für jeden andern Menschen, das tägliche Brot und bekannte sich sogar zu dem in der Kunst vielleicht anfechtbaren Satze, daß sich Art und Werth der Arbeit nach dem Lohn zu bestimmen habe. Sein gemünztes Wort in solchem Falle war: „kuppern bezahlt, kuppern gemalt.“ Er hatte, wie alle volksthümlichen Figuren unseres Landes, eine Vorliebe für den Dialekt , Von berufener Seite her ist mir hiergegen eingwandt worden: „es sei dies nicht richtig; der alte Schadow habe nicht im Dialekt gesprochen.“ Auf diesen Einwand hin hielt ich es für angezeigt, mich mit einer ganzen Anzahl der aus der Schadow-Zeit her noch lebenden Maler und Bildhauer in brief- liche Verbindung zu setzen. Ich erhielt auf meine Briefe funfzehn Antwort- schreiben, die sich in drei Gruppen theilen: sechs erklären rund und nett „er sprach berlinisch“, zwei bestreiten es, und sieben halten einen Mittelkurs. Die letzteren werden wohl Recht haben und aus der Reihe dieser citir’ ich deshalb folgende Stellen: „Er sprach berlinisch wenn er sich gehen ließ, aber nicht das specifische Berlinisch, sondern ein Berlinisch, das durch das märkische Platt stark beein- flußt war. Professor C. G. P.“ — „Er sprach nicht speciell berlinisch, aber höchst originell, ich möchte sagen schadow’sch , und streifte dabei stark das Plattdeutsche. Was ja auch ganz erklärlich. Professor A. H.“ — „Er sprach nicht eigentlich berlinisch, aber hatte doch eine Redeweise, die stark daran er- innerte, wie z. B. „Na, denn haste Recht“ oder „Na, des is ooch nich die richtige Intention. Professor A. E.“ — „Er sprach, wie Ihnen Professor H. sehr richtig geschrieben hat, vor allem schadow’sch . Außerdem aber liebte er es ganz besonders französische Wörter und Floskeln einzuflechten: chef wiewohl er ihn eben so leicht bei Seite thun und namentlich in Aufsätzen und Abhandlungen — deren höchst vortreffliche von ihm existireu — eine durchaus mustergültige Sprache führen konnte. Lakonisch war er immer, wie fast alle Leute hevorragenden Könnens. Er trieb diese Kürze des Ausdrucks gelegentlich bis zur Unverständlichkeit, und nur Ein- geweihte konnten ihm in solchem Falle folgen. Ein Jugenderleb- niß, von dem er gerne sprach und das ihm so recht deutlich gezeigt hatte, mit wie wenig Worten sich durchkommen lasse, schien eine Nachwirkung auf sein ganzes Leben ausgeübt zu haben. Als er 1791 über Schweden nach Petersburg reiste, fand er an der russischen Grenzstation Kymen einen ehemaligen russischen Cor- poral als Posthalter vor. Schadow fror bitterlich und hatte Hunger und Durst. Er wußte kein Wort russisch und um sich so gut wie möglich zu introduciren, sagte er bloß: Tottleben, Tschernitscheff, Zarewna. Der Corporal antwortete: Belling, Zieten, Fridericus Rex. So wurde mit Hülfe des siebenjährigen Krieges Freundschaft geschlossen. Man fand sich und schüttelte sich die Hände. Der Russe schaffte Speisen und Thee herbei und trat dann unserm Schadow sein Bett ab, das das einzige in der ganzen Gegend war. Er hatte hier practisch erfahren, daß es nur darauf ankomme, das rechte Wort zu treffen! — Voller Selbstbewußtsein, war er doch frei von jeder klein- lichen Eitelkeit. Ja, er erwies sich nach dieser Seite hin als eine echte und große Künstlernatur. Die Autobiographie, die er hinter- lassen hat, zeigt uns in erhebender Weise die Beispiele davon. d’oeuvre, Carnation, Attitude, Traktation des Marmors etc. Professor G. L.“ — „Ich entsinne mich nicht, daß er regelmäßig berlinisch gesprochen hätte, dagegen weiß ich ganz bestimmt, daß er mir bei gewissen Anlässen im Berliner Dialekt antwortete. Mal fragt’ ich ihn, wie man’s wohl einzurichten habe, um beim Modelliren nach dem lebenden Akt am schnellsten und sichersten zum Ziele zu gelangen. „Ich fang’ beim kleeneu Zehen an, un das is meine Manier, un das is de beste.“ Ein ander Mal fragt’ ich ihn, ob man bei Statuen, die hoch gestellt würden und sich gegen die Luft abhöben, die natür- lichen Proportionen ändern müsse. Er antwortete: „Wat richtig is, muß ooch richtig aussehen. Professor A. W.“ — Und nun zum Schluß. Einer aus der Gruppe der „Entschiedenen“ schrieb mir: „Alle drei Direktoren meiner Lebenszeit sprachen prononcirt berlinisch. Die Reihenfolge würde sein: Herbig, Werner, Schadow. Herbig „am dollsten.“ Nirgends ein Verkleinern Anderer, nirgends ein Vordrängen des eigenen Ich, nirgends ein Verkennen oder wohl gar ein Grollen über die Fortschritte, die Zeit und Kunst um ihn her gemacht hatten. Selten mag ein Künstler mit größerer Unbefangenheit über seine Werke zu Gericht gesessen haben. „Es kann dies Denk- mal Tauentziens — so schreibt er selbst — nicht zu den Kunst- werken gezählt werden, die als Vorbilder dienen dürfen“, und über die Statue Friedrich’s II. in Stettin, die von vielen Seiten seinen besten Arbeiten zugezählt und über das Rauch’sche Kolossal-Werk gestellt worden ist, läßt er sich selber in abwehrender Weise vernehmen: „Ich zähl auch diese Arbeit nicht zu den ge- lungenen; die Drapirung des Mantels war ein mühseliges Unter- nehmen.“ Von den Reliefs am Berliner Münzgebäude sagt er in heiterer Anspruchslosigkeit: „Wer diese Arbeiten als meine besten gepriesen hat, mag es vor sich und vor der Welt verantworten.“ Solcher Aussprüche finden sich viele. Eine ungeheure Pro- ductionskraft und eine bis in’s späte Alter hinein dem entsprechende Leichtigkeit des Schaffens machten ihn gleichgültig dagegen, ob das ein’ oder andre seiner Werke verloren ging oder nicht. Immer das Ganze vor Augen, war er nicht ängstlich bei jedem Einzelnen auf Ruhm und Unsterblichkeit bedacht, auch wenn das Einzelne wirklichen Werth besaß. Eine kleine Anekdote mag das zeigen. Unter den vielen Statuetten, die in seinem Zimmer auf Consolen und Simsen umherstanden, be- fanden sich auch die Modell-Figuren zweier Grazien, die er in grüner Wachsmasse ausgeführt hatte. Es waren Arbeiten aus seiner besten Zeit, kleine Meisterwerke, die mehr als einmal die Bewunderung eintretender Künstler und Kenner erregt hatten. Durch eine Unvorsichtigkeit indeß waren während des Winters 1840 beide Figuren in die Nähe des Ofens gestellt worden und hatten, weil das Wachs an der Oberfläche schmolz, eine wie mit Pickeln übersäte Haut bekommen. Ein Tausendkünstler aus der Scha- dow’schen Bekanntschaft erbot sich, mit Hülfe von Naphta oder Aether, die alte normale Schönheit wiederherzustellen. „Na, na,“ hatte der Alte kopfschüttelnd abgewehrt, sich aber schließlich doch bestimmen lassen. Leider sehr zur Unzeit, und in einem Zustande merkwürdiger Schlankheit kehrten nach kaum acht Tagen die Aether- gebadeten in das Schadow’sche Haus zurück. Der Alte ging einen Augenblick musternd und schmunzelnd um seine Lieblingsge- stalten herum und sagte dann ruhig zu dem erwartungsvoll Da- stehenden: „Ja, de Pickeln sind weg, aber de Pelle ooch.“ Wenige hätten gleich ihm die Beherrschung gehabt, mit einer humoristischen Bemerkung von einer so werthvollen und allgemein als muster- giltig angesehenen Arbeit Abschied zu nehmen. Ein solches, von einem leichten Humor getragenes Abschied- nehmen war nun freilich nicht immer seine Sache. Mußt ’ es sein, wie in dem vorerzählten Falle, so fand er sich darin; aber freiwillig — nein. Auch hierfür ein Beispiel. Einer seiner Schüler, der spätere Professor F., hatte sich durch Ausführung einer ihm im Interesse Schadow’s übertragenen Ar- beit die ganz besondere Zufriedenheit des Alten erworben, so daß dieser in guter Laune sagte: „Nu höre, F., nu könntest Du Dir woll eijentlich so zu sagen ne Gnade bei mir ausbitten. Na, sage mal, was möchtst Du denn woll.“ „Ja, Herr Direktor …“ „Na, genire Dir nich. Sage man janz dreiste ..“ „Ja, Herr Direktor, wenn Sie denn wirklich so viel Güte für mich haben wollen, dann möcht ich Sie wohl um die beiden kleinen Modellfiguren bitten die da oben stehen.“ „Um welche denn?“ „Um den alten Dessauer und den alten Zieten .“ „J süh!. Höre F., Du bist nich dumm. Aber ich werde Dir doch lieber fünfundzwanzig Dhaler geben.“ Und so geschah es. Er war auch ein Repräsentant der berliner Ironie, der trost- losesten aller Blüthen, die der Geist dieser Landestheile je ge- trieben hat. Aber er war ein Repräsentant derselben auf seine Weise. Man hat, wenn solche Abschweifung an dieser Stelle gestattet ist, dies ironische Wesen auf den märkischen Sand, auf die Dürre des Bodens, auf den Voltairianismus König Friedrich’s II. oder auch auf die eigenthümliche Mischung der ursprünglichen berliner Be- völkerung mit französischen und jüdischen Elementen zurückführen wollen, — aber, wie ich glaube, mit Unrecht. Alles das mag eine bestimmte Form geschaffen haben, nicht die Sache selbst . Die Sache selbst war Nothwehr, eine natürliche Folge davon, daß einer An- sammlung bedeutender geistiger Kräfte die großen Schauplätze des öffentlichen Lebens über Gebühr verschlossen blieben. Das freie Wort ist endlich der Tod der Ironie geworden und wird es täglich mehr. Zu Schadow’s Zeiten aber blühte sie noch, und da es für den Einzelnen immer mehr oder weniger unmöglich sein wird, sich gegen einen die Gesellschaft beherrschenden Ton abzuschließen, so adoptirte denn auch Schadow diese Sprechweise, freilich erst, nach- dem er sich dieselbe nach seinen eigenen Bedürfnissen zurecht gemacht hatte. Er versetzte sie nämlich mit einem Element, von dem sie in der Regel wenig zu haben pflegt: mit humoristischer Derbheit, und erzielte dadurch ein ganz eigenartiges Endresultat. Ein paar illustrirende Beispiele, herausgenommen aus einer großen Zahl ähnlicher Anekdoten und Ueberlieferungen, mögen hier Platz finden. Vom Professor Stabfuß, der freilich alles Andre eher war als ein Maler, pflegte der Alte lächelnd zu sagen: „Ja, der Stabfuß, der hat sich det Malen angewöhnt,“ und einer Depu- tation von Bildhauern, deren Gesammtheit ihm am Abend vorher einen Fackelzug gebracht hatte, bemerkte er, ohne sich groß auf Dankesworte einzulassen: „Na, det hat euch woll viel Spaß ge- macht.“ Verhaßt waren ihm alle diejenigen, die durch Unter- würfigkeit und schöne Redensarten ausgleichen wollten, was ihnen an Kraft und Können abging, und auf einschmeichlerische Gesuche wie etwa: „der Herr Director könnten das ja mit Leichtigkeit thun,“ pflegte er regelmäßig zu antworten: „Ja, dhun könnt’ ich et; aber ich dhu et lieber nich.“ Anmaßung und Dünkel ließ er nicht aufkommen, auch da nicht, wo ein entschiedenes Talent die Aeußerungen der Eitelkeit allenfalls verzeihlich gemacht hätte. Nahm er dergleichen wahr, so entstanden Gespräche wie das fol- gende: Schadow : Haste det alleene gemacht? Schüler : Ja wohl, Herr Director. Schadow : Janz alleene? Schüler (fast beleidigt): Ja wohl, Herr Director. Schadow : Na, denn kannst Du Töpper werden. — Er hatte von solchen Ausdrücken und Vergleichen eine ganze Scala zur Verfügung. Am niedrigsten stand ihm der Zinngießer. Nicht besser ging es denen, die als „Amateurs“ in Reih und Glied eintreten und die Kunst nebenbei erlernen wollten. Einem jungen Offizier, der talentirt war und aus „ Liebhaberei “ zu malen vorhatte, antwortete er trocken: „Ne, ne, Herr Leutnant. Bleiben Se man lieber bei Ihr Mächen.“ Interessant war sein Verhältniß zu Rauch . Es wurd ihm nach dieser Seite hin das Möglichste zugemuthet, und selbst die bittersten Gegner des alten Herrn — er hatte deren zur Genüge — werden ihm das Zeugniß nicht versagen können, daß er mit einer selten anzutreffenden Charakterhoheit dem Aufgang eines Gestirns folgte, das bestimmt war, die Sonne seines eigenen Ruhmes, wenigstens auf Decennien hin, mehr oder weniger zu verdunkeln. Aeußerungen, die ich bereits im Allgemeinen gethan, hab ich an dieser Stelle noch im Besonderen zu wiederholen. Kein bitteres Wort, kein abschmeckiges Urtheil kam über seine Lippe, selbst dann nicht, als die jugendlichere Kraft des Rivalen mit Ausführung jenes Friedrichs-Denkmals betraut wurde, das einst sein Tag- und Nachtgedanke und wie nichts andres in seinem Le- ben der Gegenstand seines Ehrgeizes und seiner höchsten künstlerischen Begeisterung gewesen war. Ueberall, wo wir dem Namen Rauch’s in seiner (Schadow’s) Autobiographie begegnen, geschieht es in einem Tone unbedingter Huldigung. „Die Figur der Königin zu Charlottenburg war sein erstes glänzendes Werk, so glänzend, daß es merkwürdig bleibt, wie seine folgenden Werke jenes noch übertreffen konnten.“ In ähnlicher Weise klingt es stets. Zum Theil mochte das, was als neidlose Bescheidenheit erschien, ein Resultat klugen Abwarten- und Schweigenkönnens sein. Er wußte, daß seine Zeit wiederkehren würde; sprachen doch inzwischen seine Werke für ihn. Wenig mehr als ein Menschenalter ist seitdem verflossen und die Wandlung der Gemüther hat sich vollzogen, rascher als er selbst erwartet haben mochte. Die Zeit ist wieder da, wo das Grabmonument des jungen Grafen von der Mark in der Dorotheenstädtischen Kirche ruhmvoll und ebenbürtig neben jenem schönen Frauenbildniß im Mausoleum zu Charlottenburg genannt wird, und der Marmorstatuen Scharnhorst’s und Bülow’s kann nicht Erwähnung geschehen, ohne daß gleichzeitig und mit immer wachsender Pietät auf die Standbilder Zieten’s und Leo- pold’s von Dessau hingewiesen würde, die wir dem erfinderischen Kopf und der muthigen Hand des Alten verdanken. Die Fach- leute zweifeln kaum noch, vor wem sie sich als vor dem größeren zu beugen haben: Rauch hatte die geschicktere Hand, aber Scha- dow’s Genius war bedeutender, selbstständiger. Er schritt voran und brach die Bahn, auf der die Gestalt des Andern, groß und leuchtend und mit dem fliegenden Haar des Olympiers ihm folgte. Es ist nicht Absicht dieser Zeilen, den Charakter Schadow’s nach allen Seiten hin zu zeichnen; aber ein Zug darf schließlich nicht vergessen sein, der entschieden in das Bild des Alten gehört: seine Loyalität, sein Herz für Preußen und die Mark. Er lebte durch ein volles halbes Jahrhundert hin als ein bevorzugter Liebling des Hofes, aber es waren nicht diese Bevorzugungen und Aus- zeichnungen, die seine Loyalität erst schufen, vielmehr wurd er ein Liebling, weil er sich in schwerer Zeit als ein Mann von Herz und Hand bewährt hatte. Er gehörte zu denen, denen gegenüber das allgemein patriarchalische Verhältniß in dem die Hohenzollern zu ihren Unterthanen stehen, den intimeren Charakter einer alten Bekanntschaft annimmt und zu einem Tone führt, in dem das Element der Scheu von der einen und der Hoheit von der andern Seite her in dem des Vertrauens völlig untergeht. Es giebt vielleicht keine zweite Fürstenfamilie, die solche beinah freundschaftlichen Verhältnisse kennt, sicherlich nicht in gleicher Zahl . An den meisten Höfen fehlt das Vertrauen, bei anderen lassen Steifheit und Formenwesen das Menschliche nicht zu voller Geltung kommen. Nur die Hohenzollern kennen jene wirkliche Humanität, die wie der Zug ihres Herzens so das Glück ihres Volkes ist. Der alte Schadow war einer von denen, die wie langbewährte Diener „mit zur Familie“ gezählt wurden, einer von denen, die das süße Gefühl nicht störten „wir sind unter uns.“ Als er Ende der dreißiger Jahre in’s Schloß ging, um bei Prinz Waldemar , dem jüngeren Sohne des Prinzen Wilhelm, Unter- richt zu geben, trat er gerad in das Zimmer als sich zwei junge Prinzessinnen lachend über den türkischen Teppich rollten; die Ge- sichter glühten und die Haarflechten hingen lang herab. Entsetzt sprangen sie auf, warfen sich aber sofort wieder hin und tollten lachend mit den Worten weiter: „’s ist ja der alte Schadow.“ Als die Friedensklasse des pour le mérite gestiftet wurde, war es selbstverständlich daß Schadow den Orden erhielt. Der König selbst begab sich in die Wohnung des Alten in der jetzigen Schadow-Straße. „Lieber Schadow, ich bring Ihnen hier den pour le mérite. “ „Ach Majestät, was soll ich alter Mann mit’n Orden?“ „Aber lieber Schadow ..“ „Jut, jut, ich nehm ihn. Aber eine Bedingung, Majestät: wenn ich dod bin, muß ihn mein Wilhelm kriegen.“ Der König willigte lachend ein und verzeichnete in dem Ordensstatut eigenhändig die Bemerkung, daß, nach des Alten Tode, der Orden auf Wilhelm Schadow, den berühmten Director der Düsseldorfer Akademie, überzugehen habe. Wunsch des Vaters und Verdienst des Sohnes fielen hier zusammen. Die letzte Begegnung, die der Alte mit König Fr. W. IV. hatte, war wohl im Herbst 1848, wo der nunmehr Vierundachtzig- jährige der Deputation angehörte, die von Berlin aus nach Potsdam ging, um dem Königspaare zur silbernen Hochzeit zu gratuliren. Als ihn der König sah, schob er ihm einen Stuhl hin. „Setzen Sie sich, Papa.“ Der ganze Vorgang an die bekannte Scene zwischen Friedrich dem Großen und dem alten Zieten erinnernd. Durch das ganze Schaffen des Alten ging, wie schon angedeutet, ein vaterländischer, ein preußisch-brandenburgischer Zug. Dies zeigte sich nicht blos auf dem Gebiete der Historie, sondern auch auf dem der Landschaft . Er freute sich jedesmal, wenn es einem oder dem andern geglückt war, etwas Hübsches aus den Gegenden der Havel und Spree darzustellen und eiferte dann halb scherzhaft halb ernsthaft gegen das „ewige Italien-malen.“ „Ich bin nich so sehr vor Italien“ hieß es dann wohl „un die Bööme gefallen mir nu schon jar nich. Immer diese Pinien un diese Pappeln. Un was is es denn am Ende damit? De eenen sehn aus wie uffgeklappte Regenschirme un die andern wie zugeklappte.“ Dinge, die sich jetzt von selbst zu verstehen scheinen, hat er das Verdienst, völlig abweichend vom Hergebrachten, zuerst gewagt und durch charakteristisch siegreiche Behandlung in die moderne Kunst einge- führt zu haben. Gegen die ausschließliche oder auch nur vorzugs- weise künstlerische Berechtigung des Vaterländischen, des alten- fritzig Zopfigen, scheint er freilich allezeit starke Bedenken unter- halten zu haben, viel stärkere, als man geneigt sein könnte bei einem Manne anzunehmen, dem es vorbehalten war eben nach dieser Seite hin epochemachend aufzutreten. Aber eben so wenig wie er den Realismus ausschließlich wollte, eben so wenig ver- kannte er sein Recht. Die alten, hergebrachten Formen reichten für ein immer reicher und selbständiger sich gestaltendes Leben nicht mehr aus. Er empfand das tiefer als Andere. Im Ein- klang mit seiner ganzen Natur erschien ihm die Kunst nicht als ein allein dastehendes, einfach dem Schönheits-Ideal nachstrebendes Ding, vielmehr sollte sie dem wirklichen Leben in der Vielheit seiner Erscheinungen und Ansprüche dienen, um es hinterher zu beherrschen. Das Loslösen der Kunst vom lebendigen Bedürfniß war ihm gleichbedeutend mit Tod der Kunst. So entstanden jene Arbeiten, die unser Stolz und unsere Freude sind. Die Ausführung dessen, woran seine Seele zumeist gehangen hatte, des Friedrichs- Monuments, blieb ihm freilich versagt, als Beweis aber wie be- scheiden und patriotisch zugleich er seine Thätigkeit auffaßte, stehe hier zum Schluß, was er selber bei Gelegenheit seines Zieten- Standbildes schrieb: „Ein zwar weniger kostbares, aber deshalb nicht minder beachtenswerthes Zieten-Denkmal als das meinige, ist die Lebensbeschreibung des alten Helden, die Frau v. Blumenthal herausgegeben hat. Sie giebt in diesem Buche das ausgeführte Bild eines frommen und tapfern Soldaten, schildert den Geist seiner Zeit und flößt, bei angenehmer Unterhaltung, die Liebe ein zu König und Vaterland.“ So schrieb der Alte und so war er . Groeben und Siethen. Fontane , Wanderungen. IV. 23 Groeben und Siethen. Ob klein, ob groß — Allüberall dasselbe Loos, Und was das Leben hält und hat, Hat aller Orten seine Statt. E ines der wichtigsten Defil é s aus dem Wittenbergischen in’s Märkische war von alter Zeit her das Nuthethal, und von alter Zeit her existirten auch feste Punkte, dieses Defil é zu vertheidigen beziehungsweise zu schließen. Unter diesen festen Punkten war das am Mittellaufe des Flüßchens gelegene Schloß Beuthen von be- sondrer Wichtigkeit, dasselbe Schloß Beuthen, das die Quitzow- Anhänger gegen den Nürnberger Burggrafen hielten und an dessen Unterwerfung sich der Sieg der Hohenzollerschen Sache knüpfte. Von diesem seiner Zeit vielgenannten Schloß aus nehmen wir heute, dem Flußlaufe folgend, unseren Ausgang und erreichen schon nach halbstündigem Marsch eine mäßige Hügelhöhe, von der aus wir zwei Seeflächen und zwei Dörfer überblicken: Groeben und Siethen . Ein märkisches Idyll. Aber auch ein Stück märkische Geschichte. Beide Dörfer entstanden sehr wahrscheinlich zu gleicher wendi- scher Zeit, im Uebrigen jedoch erfreut sich Groeben des Vorzugs, um einige Jahre früher als Siethen und zwar bereits im Jahre 1352 in einer „im Lager vor Groeben“ ausgestellten Urkunde Markgraf Ludwigs des Römers genannt zu werden. Es gehörte damals der über den ganzen Teltow hin ausgebreiteten und be- güterten Familie Groeben , die, nach der Sitte der Zeit, von 23* diesem ihrem ältesten Besitz her ihren Namen „von Groeben“ angenommen hatte. Nach 1352 aber in die Kämpfe des Deutschen Ordens mit verwickelt, entäußerte sich die Groeben-Familie (von der 20 Mitglieder in der Deutsch-Ritter-Schlacht bei Tannenberg gefallen sein sollen) ihres märkischen Besitzes und innerhalb dieses Besitzes auch ihres Stammhauses Groeben. Ihre Güter lagen von dem genannten Zeitpunkt an östlich der Weichsel, und aus der märkischen Familie dieses Namens war eine preußische geworden, die bei dem Orden zu Lehn ging. I. Groeben und Siethen unter den alten Schlabrendorfs. Von 1416—1786. Um 1416 gab es in Groeben und Siethen keine Groebens mehr; an ihre Stelle waren die lausitzischen Schlabrendorfs getreten, die sich nach dem bei Luckau gelegenen Dorfe „Schlabrendorf“ nannten, gerade so wie sich die Groebens in voraufgegangener Zeit nach dem im Teltow gelegenen Dorfe Groeben ihren Namen gegeben hatten. Aus den ersten zwei Jahrhunderten der Anwesenheit der Schlabrendorfs in Groeben und Siethen wissen wir wenig von ihnen. Es scheint nicht, daß sie sich hervorthaten, einen ausge- nommen, Johann von Schlabrendorf, der in die geistliche Laufbahn eintrat und in dem Jahrzehnte, das dem Auftreten Luthers un- mittelbar voranging, zum Bischof von Havelberg aufrückte. Wegen seiner Vorliebe für die Prämonstratenser, behielt er die Tracht derselben bis an sein Lebensende bei. „Es wird ihm nachgerühmt“, so schreibt Lentz in seiner Stifts-Historie von Havelberg, „daß er ein rechter Geistlicher gewesen, der fleißig in der Bibel gelesen und seine horas canonicas selber abgewartet, auch mit seinen Canonicis einen Vers um den andern dabei gebetet habe. Daneben hab’ er auch auf seiner Burg zu Wittstock als ein rechter Herr und Fürst zu leben und einen convenablen Hofstaat mit einem zahlreichen Gefolge von Rittern und Edelknaben zu halten gewußt. Ebenso Koppeln und Meuten und einen wohlbesetzten Marstall. Ingleichen auch hab’ er der Armen nicht vergessen und sie mit Bier und Brot allezeit reichlich versorgt.“ So Lentz in seiner Stifts-Historie. Daß dieser Bischof aber speciell dem Hause zu Groeben entsprossen gewesen, dafür spricht mit großer Wahrscheinlichkeit ein noch jetzt in der Groebener Kirche befindliches Glasfenster, das in seinem Obertheile die Bischofs- mütze sammt zwei gekreuzten Bischofsstäben, darunter aber das Schlabrendorf’sche Wappen zeigt. Aus dem Groebener Kirchenbuch. Auf dieses Vorerzählte beschränkt sich Alles, was wir durch zwei Jahrhunderte hin einerseits von den Schlabrendorfs selbst, andrer- seits von den ihren Hauptbesitz bildenden Schwesterdörfern Groeben und Siethen wissen, und erst von 1604 ab, wo Pastor Johannes Thile I. in’s Groeben-Siethener Pfarramt eintrat und das seit 1575 bestehende Kirchenbuch eifriger als seine Vorgänger zur Hand nahm, um Aufzeichnungen darin zu machen, erst von diesem Jahre 1604 an erfahren wir Eingehenderes aus dem Leben der beiden Dörfer. Um eben dieser Aufzeichnungen willen, die — mit Ausnahme der Schluß-Epoche des 30jährigen Krieges — durch alle Nachfolger Johannes Thiles I. getreulich fortgesetzt wurden, ist denn auch das Groeben-Siethener Kirchenbuch ein wahrer historischer Schatz und für die Cultur- und Sittengeschichte der Mark von um so größerem Werth, als es im Ganzen genommen in unsrem Lande doch nur wenige Kirchenbücher giebt, die bis 1604 zurückgehen. Es ist ein vollkommner Mikrokosmus, dem wir in diesem alten, wurmstichigen und selbstverständlich in Schweinsleder gebundenen Bande begegnen, und alles was das Leben, und nicht blos das Leben einer kleinen Dorfgemeinde, zu bringen vermag, das bringt es auch: Krieg und Pest und Wasser- und Feuersnoth und Mißwachs und Mißgeburten. Und daneben Unglück über Unglück, heut auf dem Groebener und morgen auf dem Siethener See. Fischer ertrinken, Brautzüge werden vom Sturm überrascht und in Winterdämmerung Verirrte brechen ein in die kaum überfrorenen Lunen oder erstarren in dem zusammengewehten Schnee. Dazu Mord und Brand, und Stäupung und Enthauptung, und auf jedem dritten Blatte das alte Lied von Ehebruch und „Illegitimitäten“ aller Art, an die sich dann regel- mäßig und wie das Amen in der Kirche die pastoralen und meist invectivenreichsten Verurtheilungen knüpfen. Aber immer im Lapidarstil. Und nun möge das Kirchenbuch sprechen: Aufzeichnungen des Pastors Johannes Thile I. Johannes Thile I. kam 1604 ins Amt und stand demselben bis zu seinem 1639 erfolgten Tode vor. Ihm folgte sein Sohn Johannes Thile II. , von dem aber alle Kirchenbuch-Aufzeichnungen fehlen, da die Führung seines Amts in das letzte Jahrzehnt des 30jährigen Krieges und die daran an- schließende Noth- und Trauerzeit fällt, in der alles wüst lag und an Ordnung und Buchführung nicht zu denken war. Johannes Thile II. starb 1669, und von der Hand eines seiner Nachfolger findet sich auf der entsprechenden Kirchen- buch-Seite die Notiz, „daß ein Sohn dieses jüngeren Johannes Thile (also des 1669 verstorbenen Johannes Thile II. ) den Kriegs- und Soldatenstand erwählet, von der Pike auf gedient und 1722 als Oberst ein Infanterie- Regiment befehligt habe. In dieser seiner Eigenschaft sei derselbe durch Se. K. Majestät in Preußen, Friedrich Wilhelm I. in den adligen Stand erhoben und dieselbe „Dignität“ alsbald auch seinem Herrn Bruder, dem Geheim-Rath Thile verliehen worden.“ — Es sind das Angaben, die mit denen in Zedlitz’ Adels-Lexikon im Wesentlichen übereinstimmen, und an die nur noch die weitere Mittheilung zu knüpfen bleibt, daß die beiden gegenwärtig in unsrer Armee stehenden Generale von Thile dieser dem Groebener Pfarrhaus ent- stammten Familie zugehören. . In diesem Jahre 1609 ist Herr Ernst von Schlabrendorf , Erbherr auf Groeben und Siethen, aus dieser Zeitlichkeit ge- schieden. Er war vermählt mit Ursula von Thümen, aus welcher Ehe demselben zwei Söhne geboren wurden: Joachim von Schlabrendorf und Melchior Ernst von Schlabrendorf. An Melchior Ernst kam Groeben und an Joachim kam Siethen, so daß wir von diesem Jahre 1609 an zwei Schlabrendorf’sche Linien haben: eine Groeben’sche und eine Siethen’sche . 1620 am 18. October hat der an der Nuthe wohnende Vogt Hans Blume seinen Stiefvater Hans Möller mit einer Büchse erschossen. Nachschrift aus dem Jahre 1622. Selbiger Hans Blume wurde von den Obrigkeiten zu keiner Strafe gezogen, viel- mehr heimlich über die Grenze geschafft. Er ging nun in den Krieg nach Böhmen. Eh er aber nach Prag kam, ward er, nach gerechter göttlicher Wiedervergeltung, auch erschossen. Hat also in seinen Sünden hinsterben müssen. Ach, weh der armen Seele. 1621 am 28. October ist in unsrer Nachbarschaft (auf Schloß Beuthen) ein Sohn geboren worden. Dieses Kind hat, salva venia, keinen podicem gehabt, so daß es seiner natürlichen Functionen unfähig gewesen ist. Wonach Meister Hans Meißner, Bader zu Trebbin, mit dem Messer den podicem hat öffnen müssen. Und ist durch Gottes Segen gut geworden und hat einen podicem gehabt. Wie wunderbar handelt Gott mit uns Menschen!“ 1629 hat Ihre Churfürstliche Hoheit Dero Küchenmeister in Königsberg in Preußen aufhenken lassen. 1631 starben in Groeben und Siethen 126 Menschen an der Pest. 1632. Bis zu diesem Jahre bin ich, Johannes Thile, 300 Mal zu Gevatter gebeten worden. 1633 wurde das 1598 gestiftete Uhrwerk reparirt. 1634 den 25. März sind Wiprecht Erdmanns Tochter Ursula, Martin Schmidts Tochter Ursula und Hans Bethekes Stieftochter Ursula in einem Kahn spazieren gefahren und als der Wind kam, auf den See getrieben worden. Wobei die zwei ersten ertrunken und zu Groeben Beide in ein Grab gelegt worden sind. Nach diesem Jahre (1634) hören die Mittheilungen, wie schon angedeutet, auf ganze Jahrzehnte hin auf und werden erst in den siebziger Jahren wieder aufgenommen. Aufzeichnungen der Pastoren Friedrich Zander, Felician Clar (auch Clarus) und Heinrich Wilhelm Voß . 1673 den 5. November ist Anna Mulisch, die schon mehrere Kinder außer der Ehe gehabt, von mir getraut worden. Und dieser „Schandsack“ hat sich in einem Kranze zur Kirche führen lassen. 1674 am 18. December ist Ursula Lehmann enthauptet worden, weil sie das mit ihrem Schwager erzeugte Kind in’s Wasser geworfen. 1675 am 3. August ist Andreas Fritze, Weinmeister hierselbst, begraben worden, der ein heftiges Gewächs gehabt hat, eines Viertels vom Scheffel groß, so ihm hinten am Halse gehangen. Ist aber doch 84 Jahr alt geworden. 1679 am 27. März sind auf unserer Feldmark zwei Soldaten begraben worden, welche den Tag vorher mit ihrer Compagnie hier einquartirt gewesen. Sie konnten keine Särrker (Särge) be- kommen, weil ihnen ihre Kameraden nichts gelassen hatten als alte Lumpen, welche denn auch ihr Sterbekleid bleiben mußten. 1697. In diesem Jahr ist der Moskowitische Czar Peter bei Sr. Churf. Durchlaucht gewesen. 1717. Hoc anno celebratum est jubilaeum evangelico- Lutheranum. Math. 22, 5. 1726 wurde wieder eine Kindesmörderin hingerichtet. 1727 starb Felician Clar, der 40 Jahr in Groeben Pastor gewesen. 1729 wurde Botho Müller wegen Gotteslästerung durch den Henker ausgepeitscht und nach Spandau condemnirt. 1738 am 15. April ist Marie Elisabeth — Christoph Penselins, gewesenen Castellans zu Rheinsberg, Wittwe — hier angekommen und hat einen Sohn zur Welt gebracht. Vater soll sein Georg Ludwig Schreiber, Gärtnergesell in Rheinsberg. 1738 am 21. November wurde dem Andreas Fausten ein Söhnlein geboren. Das Kind hatte an seiner Nasenspitze ein Gewächs und von der Oberlippe war fast nichts zu sehen. In- gleichen hatte es an jedem kleinen Finger einen Zipfel. Nota bene. Der Mann hatte seine Frau mit dem Knecht beschuldigt, worauf diese gesaget: „wenn das wahr ist, so gebe Gott ein Zeichen an dem Kinde“. Drei Stunden nach der Geburt ist es verstorben. 1741 am 10. April hat Herr Johann Christian v. Schlabren- dorf , K. preuß. Lieutenant, in der an diesem Tag um 1 Uhr Nachmittags zwischen Brieg und dem Dorfe Mollwitz vorgefallenen scharfen Aktion, durch einen Musketen-Schuß, so ihn durch den Kopf getroffen, das Ende seines Lebens gefunden, nachdem er sein Alter gebracht auf 29 Jahr nnd 4 Monat. 1743 am 12. November hat sich Gustav Albrecht von Schlabrendorf , Erb- und Gerichtsherr auf Groeben und K. preuß. Hauptmann im Dragoner-Regiment des Herrn Generalmajors v. Ro ë ll zu Tilsit in Preußen vermählt und zwar mit Fräulein Christiane Amalie Ernestine v. Ro ë ll, Tochter obengenannten General-Majors. Auf den nächsten Blättern erfolgt nun die Registrirung der Kinder, die dem Hauptmann Gustav Albrecht v. Schlabrendorf aus dieser seiner Ehe geboren wurden. Alle diese Geburten und Taufen fanden in Tilsit und Insterburg statt, wo das Ro ë ll’sche Dragoner-Regiment in Garnison lag, aber das Groebener Kirchen- buch ermangelte nicht auch seinerseits darüber zu berichten und sogar die jedesmaligen Pathen aufzuführen: den König, Prinz Heinrich, Prinz Ferdinand, Prinz Ferdinand v. Braunschweig u. s. w. Aus eben diesen Aufzeichnungen erfahren wir auch von dem je- weiligen Avancement Gustav Albrechts v. Schlabrendorf. Im Be- ginn des siebenjährigen Krieges war er Obristlieutenant, ritt mit in der berühmten Attacke bei Zorndorf und empfing überhaupt 23 Wunden. Er starb später als General in Breslau. Bei Gelegenheit seines Todes komme ich auf ihn zurück. 1751 am 31. März ist Eva Pipers uneheliches Kind getauft worden. Der Vater ist Martin Meene, ein lausiger junger Flegel. 1752 am 25. Julius ist die Christiane Mirtzen, ein Schand- sack, mit Zwillingen niedergekommeu . Der Vater ist der Schäfer- knecht Michel Pohlmann, ein Erz-Ehebrecher. Gleich zu gleich ge- sellt sich gern. 1754. In diesem Jahre, d. h. in der Zeit vom 23. Sonn- tage nach Trinitatis 1753 bis Ostern 1754, hat die Viehseuche hier so gewüthet, daß alles Vieh, jung und alt, hingefallen und keiner was behalten, ausgenommen der Prediger 3 Stück und der Küster 5 Kühe. In der ganzen Zeit ist dieser Ort einge- sperrt worden. 1755. In diesem Jahre hat allhier, wegen des überhand genommenen großen Wassers, kein Heu können gemäht werden, und sind aus eben dieser Ursach auch beide Erndten gar schlecht ausgefallen. 1755 am 21. Juni war ein entsetzliches Unwetter mit Feuer- schaden, und nur das große Wohnhaus des adligen Hofes ist gerettet worden. 1757 am 29. December ist der Weinmeisterknecht Martin Hintze mit der Dorothea Harnack getrauet worden. Erzbube mit Erzdirne. 1760 am 11., 12. und 13. Oktober ist Groeben von einigen herumschweifenden Oestreichern, nebst etlichen von der Reichsarmee, heimgesuchet worden. Bei welcher Gelegenheit dieser Ort nicht allein an 700 Thlr. Brandschatzung hat geben müssen, sondern sind auch noch die Einwohner geplündert und ihnen ihre Pferde weggenommen worden. Desgleichen ist auch die Kirche und das Pfarrhaus nicht verschont geblieben. In ersterer ist der Kirchkasten aufgebrochen und das darin von etwa 4 Jahren her befindliche Klingebeutelgeld geraubt worden. In dem Pfarrhause haben sie Jegliches unten und oben umgewühlt wodurch dem Prediger über 250 Thlr. Schaden verursacht worden. Gott behüt’ uns vor fernerem Einfall und Räuberhaufen. An anderer Stelle: „Diese grausamen Menschen haben mir und den andern Einwohnern dieses Orts nichts als das Hemd auf dem Leibe gelassen und haben auch aus dem Gotteskasten das vorhandene Kirchgeld mit weg geraubt. O tempora, o mores. “ 1761 am 7. Oktober hat sich der Kossäthe Christian Krüger, zwischen 3 und 4 Uhr Morgens, aus eingewurzelter Melancholie und Gemüthsschwachheit in seinem Garten an einem Birnbaum mit einem Strick erwürget. Er ist in der Stille, aber auf eine ehrliche Art begraben worden. Gott bewahre jeden vor solchem desperaten Weg aus der Zeit in die Ewigkeit. 1762 vom 7. bis 10. Mai hat es so stark gefroren, daß alle Weinberge hier herum erfroren sind. 1765 den 26. Oktober, in der Nacht gegen 12 Uhr, ist in Breslau der weiland hochwohlgeborene Herr Gustav Albrecht v. Schlabrendorf , Sr. K. M. in Preußen wohlbestallter General- major von der Cavallerie und Chef eines Regiments Cürassier, Erb- und Gerichtsherr zu Groeben, Jütchendorf und Waßmanns- dorf, nachdem er dem hohen K. Hause 41 Jahr und 11 Monate rühmlichst gedient und sein Alter auf 61 Jahre 10 Monate und 4 Tage gebracht hat, selig in dem Herrn entschlafen, und darauf den 10. December c. a. von Breslau nach Groeben gebracht und in dem hochadlichen Erbbegräbniß hierselbst beigesetzt worden. Der Verlust dieses würdigen Mannes und wahren Menschenfreundes, wird von dem ganzen löblichen Regiment und von allen Denen, welche den Wohlseligen und dessen rühmliche Eigenschaften und hohen Charakter gekannt haben, aufrichtig bedauert. Mit dem Tode Gustav Albrechts von Schlabrendorf, der, wiewohlen er erst in Preußen und dann in Schlesien in Garnison stand, auch aus der Ferne her ein gut Regiment geführt zu haben scheint, gerieth alles in einen raschen Verfall. Das der Neben- linie gehörige Siethen ging darin freilich voran, aber auch Groeben folgte bald. Auf den nächsten Blättern des Kirchenbuchs werden wir ausgiebig darüber unterrichtet und zwar durch Aufzeichnungen des Pastors Redde , der 1769 in’s Amt kam und sich’s angelegen sein ließ, seine verurtheilenden Sentenzen ohne Menschenfurcht in seine Todten-, Tauf- und Trau-Register einzutragen. Nur für die Nicht -Schlabrendorfs hat er noch gelegentliche Worte der Huldigung, so daß Anerkennung und Verurtheilung in seinen Aufzeichnungen wechseln. Aufzeichnungen des Pastors Redde . 1771 am 3. Januar ist hier zu Groeben der Hochwohlge- borene Herr Charles Guichard , genannt Quintus Icilius , im Kriege gewesener Chef eines Freibataillons Sr. K. Majestät in Preußen, jetzo K. Obristlieutenant bei seiner Suite, mit dem Hochwohlgeborenen Fräulein Henriette Helene Albertine v. Schlab- rendorf , des weiland Herrn Gustav Albrecht v. Schlabrendorf, königlichen Generalmajors nachgelassener Tochter, getraut worden. Alter 43 und 24. 1774. Elisabeth Habedank starb an Würmern. 1774 am 17. November ist ein sechs Monat altes Kind außer der Ehe todtgeboren und danach obduciret worden. Ich bewahre das Herz desselben in Spiritus und überlaß es meinem Nachfolger, daraus die Resultate zu seiner Pflicht zu ziehn. 1775 am 13. Mai starb in Potsdam der Hochwohlgeborene Herr Charles Guichard, genannt Quintus Icilius , Sr. Königl. Majestät Wohlbestallter Oberster von der Infanterie und Adjutant bei Dero Suite, nach einem zweitägigen Krankenlager an einer Kolik und Inflamation, nachdem er mit seiner Gemahlin, der Hochwohlgeborenen Frau Henriette Helene Albertine geb. v. Schlab- rendorf, aus dem Hause Groeben , beinah 4½ Jahr in der Ehe gelebt und mit derselben eine Tochter und einen Sohn, mit Namen Friedrich Quintus Icilius gezeuget. Er war ein Herr, der in diesem Jahrhundert seines Gleichen nicht gehabt, noch haben wird, und ein Jeder, der seine Geburt, Wissenschaften und Ehren bedenket, muß sagen: Er hat große Dinge an ihm gethan, der da mächtig ist, und Deß Name heilig ist. Seine Eltern waren bürgerlichen Standes zu Magdeburg, woselbst sein Vater das Amt eines Syndicus bei der französischen Colonie bekleidete. In seiner Jugend widmete er sich der Gelehr- samkeit und studirte zu Halle Theologie, danach auch auf einigen holländischen Universitäten und predigte mehrere Mal zu Marburg und Heilbronn. Zu gleicher Zeit erwarb er sich Kenntniß in den Antiquitäten und nützte diese zur Explication des Kriegs-Wesens der Alten, sonderlich der Griechen und Römer. Wie viel er darin vermocht, bezeugen unter anderm seine Schriften über die Taktik der Alten und sein Commentar über den Julius Caesar. Eine natürliche Folge seines Geschmacks am Militair und seiner Kenntniß desselben, war es, daß er sich diesem Stande widmete. Zuerst trat er in holländische Dienste. Bei Beginn des letzten Krieges aber ward er von Sr. Majestät in Preußen, so seine Bücher über Taktik gelesen, ins Lager und zur Armee berufen. Hier war er, soweit es der Krieg gestattete, beständig um und an der Seite des Königs, der an ihm einen Mann zu seinem Umgang und Ver- gnügen fand, einen Mann, den er als Soldaten und Philosophen und zugleich auch in politicis jederzeit gebrauchen konnte. Kurz er war der Favorit unseres großen Monarchen, und kein Tag verging, an dem er nicht um ihn gewesen wäre. So weit man Friedrichs Namen kannte, so weit kannte man auch den des Quintus Icilius , mit welchem Namen ihn der König selbst be- ehret hatte. An Königs Tafel im Lager zu Landshut, Mai 1759, wurde hin und her gestritten, welchen Namen einer der Centurios in der 10. Legion geführt habe. Der König behauptete Quintus Caecilius, Guichard aber versicherte: Quintus Icilius , und da sich Letzteres als das Richtige herausstellte, so sagte der König: „Gut. Aber Er soll nun auch zeitlebens Quintus Icilius heißen.“ Und so geschah es. Auch bei späteren Gelegenheiten erwies sich der König stets als sehr gnädig gegen Guichard und ließ sich Dinge von ihm sagen, die kein audrer wagen durfte. Nur ein Beispiel. Nach Plünderung des dem Grafen Brühl zugehörigen Schlosses Pförten in der Lausitz, die durch Guichard, auf ausdrücklichen Befehl des Königs, ausgeführt worden war, fragte dieser über Tisch: „Und wie viel hat Er denn eigentlich mitgenommen?“ „ Das müssen Ew. Majestät am besten wissen, denn wir haben ja getheilt .“ Ein ander Mal kam es freilich zu wenigstens momentaner Un- gnade. Das war 1770. Als Guichard in eben diesem Jahr die Zustimmung zu seiner Verheirathung mit Fräulein v. Schlabrendorf auf Groeben nach- suchte, verweigerte der König den Consens und zwar „weil er von zu schlechter Herkunft sei; sein Großvater sei blos Töpfer gewesen.“ Auch diesen Hieb suchte Guichard zu pariren und erwiderte: „Seine Majestät seien auch Töpfer. Die ganze Differenz bestehe darin, daß sein Großvater Fayence gebrannt habe, während der König Porzellan brenne.“ Letzterer blieb aber bei seinem ungnädigen Widerspruch und Guichard nahm den Abschied. Indeß nicht auf lange. Kein Jahr, so ließ ihn der König wieder rufen und war gnädiger als zuvor. Wer Alexander ehrte, der sah auch freundlich auf Hephästion, und als Quintus Icilius seinen Commentar zum Julius Caesar an Kaiser Joseph überreicht hatte, ward ihm ein Gegengeschenk: ein rothes Etui mit 22 goldnen Medaillen, auf deren jeder das Bildniß eines Mitgliedes der kaiserlichen Familie befindlich war. Alles in einem Gesammtwerth von mehr als 1000 Thaler. Sein Körper ward auf Befehl des Königs, der den Sitz der Krankheit und die Todesursach erfahren wollte, geöffnet und danach erst hierher nach Groeben gebracht, allwo der Sarg unter dem Kirchenstuhle, darin die Predigers Frau ihren Sitz hat, beigesetzt wurde. Charles Guichard war am 27. September 1724 geboren und 18 Jahre lang in Königs Diensten gewesen. Sein Alter hat er folglich gebracht auf fünfzig und ein halbes Jahr. Sein moralischer Charakter war gutthätig und freundlich gegen seine Nächsten, ohne Hochmuth und Geiz, übrigens aber von deistischem Glauben. 1778 am 14. April starb zu Berlin Joachim Ernst v. Schlabrendorf auf Siethen Lehns- und Gerichtsherr. Nachdem derselbe sein Gut über den doppelten Werth hinaus verschuldet und selbiges endlich seinen Creditoribus zur Administration und Sequestration überlassen, auch seine Mobilien an die Meistbietenden öffentlich verkauft hatte, hatte sich derselbe vor etwa anderthalb Jahren mit Frau und Tochter nach Berlin begeben. Und eben daselbst ist er denn auch, der sich von jeher bis an sein Ende mit nichts als Intriguen und Listen zu seinem großen Schaden be- schäftigt hatte, 63 Jahre alt an der Lungenentzündung gestorben. Er war auf dem ehemalig Schlabrendorfschen Gute Blankensee ge- boren, klein von Statur und hageren Leibes, und hat in seiner Jugend einige Zeit auf Schulen und Universitäten zugebracht. Alles was er von daher profitiret, wandte er an, um Anderen Uebles zu thun, aber freilich immer zu seinem eigenen Verderben. Vor den Augen und insonderheit vor Leuten, die seine Schliche noch nicht kannten, erschien er als ein Biedermann in Worten und Mienen, und war kein christlicherer und ehrlicherer und treu- herzigerer Mann als er in der ganzen Welt zu finden. Er zeigte sich dann immer ohne Stolz des Adels, dienstfertig gegen alle Menschen, frei, munter und offenherzig, und insonderheit milde gegen alle Bedürftigen. Aber dies Alles nur um zu blenden und Ver- trauensselige zu finden, deren Vertrauen ihm dann eine gute Ge- legenheit bot, das Vermögen von Kirchen, von Wittwen und armen Leuten an sich zu reißen. Alle diejenigen jedoch, die sich nicht blenden und zu seinem Dienste nicht wollten gebrauchen lassen, die wußt’ er mit allen Mitteln zu verfolgen und ihnen zu schaden überall. Und so konnt’ es denn freilich nicht ausbleiben, daß ihm der Haß aller rechtschaffenen Leute zu Theil wurde, wozu sich als- bald der Niedergang in seiner Wirthschaft und Haushaltung und zuletzt der vollkommenste Bankrutt gesellte, so daß er Siethen unter den kümmerlichsten Umständen aufgeben mußte. Zurück läßt er eine seit Jahren kranke Frau, sammt einer Tochter, so ihrem Vater ähnlich ist. Vor einigen Jahren zeugete er mit einigen Mägden in seinem Hause noch einige Kinder, und ergab sich endlich dem Trunke zur Stärkung und Erfrischung seines Leibes und Gemüths-Charakters. Es ist die Frage gestellt worden, „ob solche Kritik in einem Kirchen- buche zulässig sei“, was ich auf das bestimmteste bejahen möchte. So gewiß es einem Geistlichen zusteht, von der Kanzel her, oder selbst am Grabe, die besondere Verruchtheit eines Ehrlosen zu brandmarken, der — wie vielleicht erst die Stunde seines Todes aufdeckte — Witttwen und Waisen um das Ihrige betrog, so gewiß muß es ihm auch zustehen, im Kirchenbuche Dinge niederzu- schreiben, die solcher öffentlichen Anklage gleich kommen. Ich bin sogar der Ansicht, daß dies häufiger geschehen und ein derartiges Vorgehen unter die ständigen Kirchenzuchts-Mittel aufgenommen werden sollte. Denn es giebt in der That Naturen, die vor solchem auf Jahrhunderte hin unerbittlich über- liefertem Wort mehr Respect haben, ja mehr in Furcht sind, als vor einem lebzeitigen Skandal. Ein Amts-Mißbrauch ist aber um so weniger zu be- fürchten, als ein Appell von Seiten der in gewissem Sinne mitbetroffenen Verwandtschaft an die vorgesetzte kirchliche Behörde ja jederzeit offen stehn und selbstverständlich, im Falle sich ein Uebergriff heransstellen sollte, zur Entfer- nung des Geistlichen aus seinem Amt eventuell auch zu weiterer Bestrafung führen würde. — Was übrigens speciell unseren Pastor Redde betrifft, so muß ihm dieser „letzte Schlabrendorf auf Siethen“ ein ganz besondrer Dorn im Auge gewesen sein, da wir in anderweiten, einige Jahre später gemachten Kirchenbuch-Aufzeichnungen eben diesen Redde nicht nur als einen durchaus un- zelotischen, sondern sogar als einen höchst complaisanten und beinah höfischen alten Herrn kennen lernen. Es bezieht sich dies namentlich auf ein französisch abgefaßtes und an eine damals etwa 7 Jahr alte Comtesse Brandenburg (Tochter Friedrich Wilhelms II. ) gerichtetes Sinngedicht, das nach Ueberschrift und Inhalt folgendermaßen lautet: A l’anniversaire de la naissance de Mlle. Julie, Comtesse de Brandebourg, celebré le 4 Janvier à Siethen par le curé Redde. „Vos fleurs de la jeunesse — S’augementent dès ce jour — Les fruits de la sagesse — En viennent à leur tour. — O gardez tout bouton afin qu’il bien fleurisse, — Afin que toute fleur en fruit pour vous mêurisse.“ 1779 am 23. Januar starb in Siethen, wohin sie zurückge- kehrt war, Frau Sophie Margaretha, verwittwete v. Schlabren- dorf, des Vorgenannten Ehefrau, 56 Jahre alt, an einer viel- jährigen Schwindsucht und in der armseligsten Verfassung. Sie war eine Tochter des Herrn Christian Julius v. Bülow aus dem Hause Lüchfeld in der Grafschaft Ruppin. Nachschrift . Einige Jahre nach ihr starb auch, und zwar ebenfalls zu Siethen, der Letzteren Bruder, Karl Christoph Friedrich v. Bülow aus dem Hause Lüchfeld. Er war in früheren Jahren, als bei seinem Schwager und seiner Schwester noch Wohlleben war, ein Nimrod, ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn gewesen. Und es beweiset solches noch der Siethensche Thurmknopf, den er mit der Kugelbüchse vielmals durchschossen hat und an dem die Löcher noch sichtbar sind. Er war geboren den 23. Nov. 1711, besaß einen dauerhaften Körper, wurde vor einigen Jahren blind, und wohnte zuletzt arm und elend in einem Tagelöhnerhause. Starb an Entkräftung. 1783 am 1. Mai starb zu Potsdam die Hochwohlgeborene Frau und Wittwe Henriette Helene Albertine v. Schlabrendorf aus dem Hause Groeben , verwittwete Quintus Icilius an einem Friesel und 12tägigem Lager, und ward am 3. selbigen Monats in der Gruft ihres seligen Gemahls, unter dem Kirchenstuhle der Predigersfrau früh um 4 Uhr beigesetzt. Aetate 36 Jahr. 1784 am 21. Januar starb in Siethen die Wittwe Maria Catharina Schumann geb. Ebel aus Blankensee, geboren den 10. Januar 1681. Brachte dergestalt ihr Leben auf 103 Jahr. 1785 am 11. Dezember starb die verwittwete Maria Elisabeth Spiegel. Sie war vordem das Sünden-Instrument des verstor- benen von Schlabrendorf zu Siethen, der im Alter noch Christum verwarf. Starb elend. 1786 ist wieder der Groebner See mit seinem Eis nicht sicher gewesen; aber der Siethner ist über und über unsicher, weil er voll warmer Quellen ist. Seit meinem 19jährigem Hiersein sind nunmehr 10 Personen im Wasser verunglückt. 1786 am 28. April wurde des Hirten Frau zu Siethen, Maria Dorothea Ebel, glücklich entbunden. Die Mutter der Frau rief aber: „Was hast Du für ein Kind zur Welt gebracht!“ Auf welchen Zuruf die junge Mutter sofort vom Schlag gerührt wurde. Das Kind selbst war gesund und wohlgebildet. II. Groeben und Siethen unter den neuen Schlabrendorfs. Die vorstehenden Auszüge schließen mit dem Jahre 1786. In eben diesem Jahre war auch Groeben — wie Siethen schon acht Jahre früher — der alten Schlabrendorfschen Linie verloren gegangen, aber nur um im Gegensatze zu Siethen, das auf Jahrzehnte hin der Familie verloren blieb , unmittelbar auf eine andere, jüngere Linie der Schlabrendorfs überzugehen. Eine Klarstellung dieser Punkte fordert einen kleinen genealo- gischen Excurs. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatten die Groebenschen Schlabrendorfs , die bis dahin, den Bischof abgerechnet, in unsrer Landesgeschichte von nicht sonderlicher Bedeutung gewesen waren, einen Aufschwung genommen und zwar in dem Brüder- paare: Gustav Albrecht v. Schlabrendorf und Ernst Wilhelm v. Schlabrendorf. Des ersteren (Gustav Albrecht) ist in Vorstehendem bereits ausführlich Erwähnung geschehen. Er war, um in Kürze zu recapituliren, einer der Helden des siebenjährigen Krieges, com- mandirte bei Zorndorf das Alt-Platensche Dragoner-Regiment und wurde später Generalmajor und Chef der zu Breslau garnisoniren- den Cürassiere. Nach seinem 1765 erfolgtem Ableben ward er nach Groeben übergeführt und in der Kirche daselbst in unmittel- barer Nähe des Altars beigesetzt. Es würde nun dem einen oder andern seiner überlebenden drei Söhne zugestanden haben, auf dem alten Familiengute sich niederzulassen, alle drei jedoch zogen den Dienst und ihre städtischen Garnisonen einem Groebner Auf- enthalte vor und einigten sich unschwer dahin, ein ihnen aus mehr als einem Grunde wenig begehrenswerth erscheinendes Besitzthum Fontane , Wanderungen. IV. 24 an einen schlesischen Vetter, einen Sohn des vorgenannten Ernst Wilhelm v. Schlabrendorf abzutreten. Dieser Ernst Wilhelm von Schlabrendorf nun, ein jüngerer Bruder Gustav Albrechts, hatte sich, während dieser in der Armee von Stufe zu Stufe stieg, im Staatsdienste zu der hohen Stel- lung eines dirigirenden Ministers von Schlesien emporgeschwungen und blieb in dieser bis zu seinem 1770 erfolgenden Tode. Von seinen fünf Söhnen Einer dieser Söhne (der dritte) Gustav Graf Schlabrendorf, geboren 1750, preußischer Kammerherr und Stiftsherr zu Magdeburg, ist der durch seine Schriften, insonderheit auch durch seine Pariser Schicksale während der Revolutionszeit berühmt gewordene Graf Schlabrendorf. Er war ein Anhänger der Girondisten, weshalb er sich, in den Schreckenstagen, auf Antrag Robes- pierre’s eingekerkert sah. An dem Tage wo der Karren vorfuhr, um ihn und andere Verurtheilte zum Schaffot abzuholen, fehlten ihm seine Stiefel, worauf hin er erklärte: „man könne doch am Ende verlangen in Stiefeln guillotinirt zu werden.“ Es hatte das seine Wirkung, und der Scherge, der in Folge dieser Bemerkung in eine gute Laune gekommen war, antwortete: „eh bien; demain matin.“ Am andern Morgen aber, wo des Grafen Name nicht mehr auf der Liste stand, wurd’ er vergessen und bald danach, nach dem inzwischen erfolgten Sturze Robespierre’s, in Freiheit gesetzt. Unter Napoleon, obwohl dieser von Schlabrendorfs scharfer Kritik über ihn hörte, blieb er „als Son- derling“ unangefochten. Er war Philosoph und Philanthrop und verwendete seine nicht unbedeutenden Einkünfte zu wohlthätigen Zwecken, besonders für seine Landsleute. Nach den Befreiungskriegen (er blieb immer in Paris) em- pfing er das eiserne Kreuz. Er starb daselbst am 22. August 1824. In Groeben befand sich ein Portrait von ihm, Kniestück, das um seiner storren Frisur und seiner Glotzaugen willen das Entsetzen aller Kinder war, die des Bildes daselbst ansichtig wurden. Es kam später fort und befindet sich jetzt auf dem Kalkreuthschen bei Landsberg a. W. gelegenen Schloß Hohenwalde. stellten sich die vier ältesten um nichts günstiger zu der Besitzergreifungs-Frage von Groeben als ihre drei Gustav Albrechtschen Vettern und nur der jüngste, dem, wie wir in der Folge sehen werden, ein gewisser romantischer Zug innewohnte, zeigte sofort eine Neigung, das alt-schlabrendorfsche Familien-Gut auch bei den Schlabrendorfs erhalten zu sehn. Und so bracht’ er es käuflich an sich. Heinrich Graf Schlabrendorf. Dieser jüngste Sohn Ernst Wilhelms, des dirigirenden Ministers von Schlesien, war Heinrich von Schlabrendorf, der in demselben Jahre 1786, in dem er Groeben käuflich an sich ge- bracht, auch den Grafentitel erhalten hatte. Seine Mutter war ein Fräulein von Otterstedt, während seine drei ältesten Brüder, und unter ihnen Graf Gustav „der Pariser Graf“, aus der ersten Ehe seines Vaters mit einem Fräulein von Blumenthal geboren waren. Graf Heinrich trat früh in das Regiment Czettritz-Husaren, die jetzigen braunen oder Ohlau’schen Husaren, und machte als junger Officier die Bekanntschaft eines durch Schönheit, Geist und Wissen ausgezeichneten Fräuleins von Mütschephal, deren Vater in demselben Husaren-Regiment ein oberes Commando be- kleidete. Diese Bekanntschaft führte bald zu Verlobung und Ver- mählung; um welche Zeit indeß, ist nicht mit Bestimmtheit er- sichtlich. Erst um 1792, also sechs Jahre nach Ankauf von Groeben, wurde das älteste Kind geboren, und abermals zwei Jahre später (1794) ein Sohn: Graf Leopold von Schlabrendorf. Es war wohl keine Neigungsheirath gewesen, wenigstens nicht von Seiten des Fräuleins, und so wurden aus Geschmacks- und Meinungs-Verschiedenheiten alsbald Zerwürfnisse. Man mied sich, und wenn der Graf in Groeben war, war die Gräfin in Berlin und umgekehrt. Aber auch in diesem sich Meiden empfanden beide Theile noch immer einen Zwang und ihre Wünsche sahen sich erst erfüllt, als gegen Ende des Jahrhunderts aus der blos örtlichen Trennung auch eine gesetzliche geworden war. Der Sohn verblieb dem Vater, die Tochter folgte der Mutter, welche letztere, noch eine schöne Frau, bald danach einem thüringischen Herrn von Schwendler ihre Hand reichte. Doch auch Graf Heinrich ver- mählte sich bald wieder und zwar mit einem Fräulein von Meklen- burg, aus welcher Ehe demselben abermals eine Tochter: Gräfin Johanna von Schlabrendorf, geboren wurde. 24* Dies war 1803, am 22. April, nachdem bereits einige Zeit vorher das nur etwa 15 Jahre lang in erneutem Schlabrendorf- schen Besitz gewesene Groeben in nunmehr völlig fremde Hände, die des Ober-Rechnungsrathes Schmidt übergegangen war. Es blieb freilich auch diesem nicht, kehrte vielmehr, wie gleich hier be- merkt werden mag, nach Ablauf einer bestimmten Frist (und dann einige Jahre später auch Siethen) ein drittes Mal in den Be- sitzstand der Schlabrendorf’schen Familie zurück, eh ich jedoch die zu dieser dritten und letzten Schlabrendorf’schen Guts-Uebernahme führenden Verhältnisse schildere — Verhältnisse, daran Graf Heinrich , trotzdem er damals noch lebte, nicht mehr betheiligt war — versuch’ ich es zuvor dem Lebensgange des Grafen einzig und allein im Hinblick auf seine Person einen Abschluß zu geben. Unmittelbar nach dem Verkauf des Gutes, war er nach Berlin übersiedelt, um daselbst seinen oft wechselnden, im Uebrigen aber immer harmlosen Passionen leben zu können. Von Erfüllung eigentlicher ihm nahe liegender Pflichten, beispielsweis auf dem Gebiete der Erziehung, war dabei wenig die Rede, solche Pflicht- Erfüllungen fanden nur statt, wenn die Passionen, was gelegentlich vorkam, damit zusammenfielen. Ueber die Dauer seines Berliner Aufenthalts sind nur Muth- maßungen gestattet; er fand nicht, was er suchte, langweilte sich inmitten aller Zerstreuungen, oder erkannte sie wenigstens nicht als angethan, ihn alle damit verbundenen Unbequemlichkeiten ver- gessen zu lassen. Und so wandt’ er sich denn einer neuen Passion zu, der Reise -Passion, und beständiger Ortswechsel wurd’ ihm Lebensbedürfniß. Aber auch hierin verfuhr er abweichend von Andern und anstatt sich auf Alpen-Touren oder Weltfahrten ein- zulassen, wozu wenigstens Anfangs die Mittel vorhanden gewesen wären, gefiel er sich darin, Entdeckungsreisen zwischen Oder und Elbe zu machen und in praxi märkische Heimathskunde zu treiben. Aber freilich auch diese Reise-Periode schloß ab, und wahr- nehmend, daß er die gewünschte Rast in der Unrast nie finden werde, beschloß er probeweise den umgekehrten Weg einzuschlagen und die Ruhe ganz einfach in der Ruhe zu suchen. Er fing des- halb an auf Hausstand und selbstständige Wirthschaftsführung zu verzichten und sich statt dessen bei kleinen Familien auf dem Lande, denen sein Rang und sein Vermögen imponiren mochte, für länger oder kürzer in eine halb freundschaftliche halb patronisirende Pension zu geben. In der Neumark, in Pommern, in Mecklenburg, über all wiederholten sich diese Versuche, bis er endlich in dem ihm ebenbürtigen und aus alter Zeit her befreundeten General von Thümen’schen Hause zu Caput ein Ideal und die Verwirklichung aller seiner Wünsche fand. Es kam dies daher, daß der alte General v. Thümen, auch ein Original, ihn ruhig gewähren ließ und immer nur beflissen war, „ihm seine Kreise nicht zu stören“ Beide lebten denn auch ein ebenso kameradschaftliches wie zwang- loses Leben, in dem jeder seiner Lust und Laune nachhing und kein andres Haus- oder Tages-Gesetz anerkannte, wie rechtzeitiges Erscheinen am Mittags- und Abends am Boston-Tisch. In Caput war es denn auch, daß Graf Heinrich seine Tage beschloß: eh ich aber von diesem seinem Ausgang erzähle, versuch ich vorher noch eine Charakter-Skizze. Graf Heinrich hatte den Schlabrendorf’schen Familienzug, oder doch das was damals als schlabrendorfisch galt, im Extrem. Er übertraf darin noch seinen Sonderlings-Bruder in Paris. Im Grunde gut und hochherzig, dazu nicht ohne Wissen und Ver- standesschärfe, gestaltete sich sein Leben nichts destoweniger weder zum Glücke für ihn noch für andere, weil er jenes Regulators entbehrte, der allen Dingen erst das richtige Maaß und das richtige Tempo giebt. Er ging immer sprungweise vor, war launenhaft und eigensinnig, und bewegte sich sein Lebenlang in Widersprüchen. Er liebte, wie das Sprüchwort sagt, die Menschen und Dinge „bis zum Todtdrücken“ und bedauerte hinterher „es nicht gethan zu haben“. Am meisten zeigte sich dies in seinen jüngeren Jahren, wo das sehr bedeutende Vermögen, über das er damals noch Verfügung hatte, das Erkennen eines von ihm mit Vorliebe gepflegten Gegensatzes zwischen einem extremen Luxus- und einem extremen Einsiedler-Leben außerordentlich er- leichterte. In Groeben erzählt man davon bis diesen Tag. Entsann er sich beispielsweise, daß es mal wieder an der Zeit sei, gräflich Schlabrendorf’scher Repräsentation halber nach Berlin zu fahren, so wurde der alte Staatswagen aus der Remise geholt und der berühmte Trakehner-Zug, vier Isabellen, mit aller Feierlichkeit ein- gespannt; ein Jäger saß auf dem Bock, zwei Haiducken standen rechts und links auf dem Tritt und ein dritter lief als Läufer der Cavalcade vorauf. Alles in Gala. So mahlte man durch den Sand, und die Dorfleute sahen dem Zuge nach. War man aber wieder daheim, so warf er diese Repräsentationslast als un- bequem von sich, und las und las oder lud Leydener Flaschen an einer halbmannshohen Elektrisirmaschine, bis er sich eines Tages wieder all seiner Vornehmheit und Vornehmheits-Verpflichtungen entsann und nun auf’s Neue Boten über Boten schickte, die die Nachbarschaft zu großer Tafel „invitiren“ mußten. Indessen das waren Ausnahmen oder Anfälle, die Regel war und blieb, es gehen zu lassen, wie’s eben ging. Er hatte mindestens sieben Diener im Haus, aber nicht für einen gab es zu thun, so daß das Umherliegen die Leute schlecht und übermüthig machte. Das Ganze, seinem Zuschnitt und Wesen nach, mehr polnisch als preußisch. Zerschlug das Hagelwetter in den leerstehenden Ober- zimmern ein Dutzend Fenster, so wurden Lappen eingestopft, weil es sich nicht verlohnte, den Glaser kommen zu lassen; allabendlich aber, als ob es sich um die Zeit der Burgverließe gehandelt hätte, rückte, Punkt zehn Uhr, die ganze Dienerschaft in die Front, um die Parterre-Fenster zu verbolzen und den Eingang überhaupt zu verrammeln. Ein zu diesem Behuf immer bereit stehender Pallisadenpfahl wurde dann, von innen her, schräg gegen die Thür gestemmt, und in dieser primitiven Weise, selbstver- ständlich unter ungeheurem Gelärme, die Schließung und nächtliche Sicherstellung des Hauses vollzogen. Anscheinend ohne Grund, denn es war nichts da, was auf den ersten Blick hin zu Diebstahl und Einbruch hätte reizen können. Aber hierin irrte nun freilich dieser „erste Blick“, da sich vielmehr umgekehrt in den auf Flurgängen und Bodenräumen massenhaft umherstehenden Schränken und Truhen eine ganze Welt aller werthvollster Dinge barg: Spitzen und Staatsröcke, kostbare Schuhschnallen und seidene Strümpfe, des reichen Tafel- geschirrs zu geschweigen, das in Kisten und Kasten verpackt war und fleckig wurde, weil’s Niemand putzte. Welcher Art seine Beziehungen zu seinem berühmten Pariser Bruder waren, darüber verlautet nichts; sehr wahrscheinlich ähnelten sie sich zu sehr, um Gefallen an einander zu finden. Ihre Sonder- barkeiten waren nicht gleich, aber in der Art, in der sie sich gaben, zeigte sich doch die Verwandtschaft. Unter Graf Heinrichs vielen und sich immer ablösenden Passionen war eine Zeit lang auch die landwirthschaftliche, der er sich hingab, ohne nach Wissen und Erfahrung oder auch nur nach wirklicher Neigung ein Landwirth zu sein. Immer wollt’ er kaufen und meliorircn , am liebsten aber Wunder thun, und verfiel dabei regelmäßig in bloße Scurrilitäten, auch wenn er ausnahmsweise leidlich verständig begonnen hatte. Nur ein Beispiel. Unter den ihm verbliebenen Besitzungen war auch ein Gut in der Neumark, auf dem er — wohl in Folge von Anregungen, wie sie gerade damals durch Thaer und Koppe gegeben wurden — eine Förderung der Schafzucht und vor allem die Beseitigung der sogenannten Drehkrankheit erstrebte. Diese wegzuschaffen, war er nicht blos ernst und fest entschlossen, sondern lebte zuletzt auch des Glaubens, ein wirkliches Präservativ gegen dieselbe gefunden zu haben. Er gab zu diesem Behufe, so heißt es, allen Schafen täglich drei Hoffmannstropfen auf Zucker und ließ ihnen rothe Leibchen und eben solche Mützen machen, um sie gegen Erkältung und namentlich gegen „Kopfkolik“ zu schützen. Er war in allem apart, und apart wie sein Leben gewesen war, war denn endlich auch sein zu Caput, bei General v. Thümen erfolgender Tod. Im Gefolge seiner vielen Passionen befand sich auch die Bade-Passion, die bei Jemandem, der von Jugend auf über einen zu heißen Kopf geklagt und als Knabe schon nichts Schöneres gekannt hatte, als „unter die Tülle gestellt zu werden“, nicht groß überraschen konnte. Von Mai bis October, ob die Sonne stach oder nicht, schwamm er, der inzwischen ein hoher Sechsziger geworden war, in der Havel umher, und freute sich der ihn erlabenden Kühle. Mal aber gerieth er in’s Binsenge- strüpp, und als er über Mittag nicht kam und man zuletzt mit Fackeln nach ihm suchte, fand man ihn, in fast gespenstischer Weise, den Körper im Moor und nur Kinn und Kopf über dem seichten Wasser. Er wurde den dritten Tag danach auf dem Kirchhofe zu Caput begraben und sein Tod hatte noch einmal eine Theilnahme geweckt, die seinem Leben seit lange gefehlt hatte. Graf Leo Schlabrendorf. Das war 1829. Schon sieben Jahre vorher (1822) war das zu Beginn des Jahrhunderts veräußerte Groeben abermals an einen Schlabren- dorf übergegangen und zwar an Graf Heinrichs einzigen Sohn: den Grafen Leopold v. Schlabrendorf. Graf Leopold, oder „Graf Leo“ wie man ihn in Groeben in üblicher Abkürzung nannte, war um das Jahr 1794 ge- boren worden, und zwar unter Vorgängen, die nicht blos charak- teristisch an sich, sondern auch in gewissem Sinne maßgebend für den Gang seines ganzen Lebens waren. Er, Graf Leo, wies oft auf diese Vorgänge hin, und der von ihm allezeit mit Vorliebe wiederholte Satz: „Ich bin für Groeben bestimmt“ schrieb sich von diesem seinem Geburtstage her. Es hatte damit folgende Be- wandtniß. Als nämlich die Zeit herangekommen war, daß die Gräfin eines Knäbleins genesen sollte (denn auf einen Stammhalter wurde mit Sicherheit gerechnet) und sogar das Dorforakel, die „Treutschen“, in aller Bestimmtheit erklärt hatte: „es daure keine Woche mehr,“ befahl Graf Heinrich das Erscheinen der Staatskutsche, nicht ganz unrichtig davon ausgehend, daß ein junger Graf Schlabrendorf unmöglich anders als unter Assistenz des Leibmedicus und be- rühmten alten Entbindungsdoctors Dr. Ribke geboren werden könne. Die Gräfin war es zufrieden und schon zwei Stunden später erschien die Kutsche ganz in dem früher beschriebenen Auf- zuge: zwei Haiducken auf dem Wagentritt und ein Läufer in Gala vorauf. Und so ging es auf Groß-Beeren zu. Bevor aber dieses Dorf, das erst ein Drittel des Weges war, erreicht werden konnte, versicherte die Gräfin schon: „es gehe nicht weiter,“ auf welche nur allzu glaubhafte Versicherung hin der Wagen gewandt und der Läufer unter Zusicherung eines doppelten Wochenlohnes angewiesen wurde „Citissime nach Groeben zurückzukehren, um da- selbst die nunmehr wohl oder übel an die Stelle des alten Dr. Ribke tretende „Treutschen“ ins Herrenhaus zu befehlen.“ Und wirklich das heimische Dorf wurde noch gerad’ ohne Zwischenfall erreicht; aber kaum daß die Haiducken abgesprungen und die Teppiche vom Wagen aus bis zum Portale gelegt worden waren, so war auch schon die Stunde gekommen und in dem dicht am Eingange ge- legenen Wohn- und Arbeitszimmer des Grafen, in das man die Gräfin nur eben noch hatte schaffen können, genas sie wirklich eines Knäbleins, des Grafen Leo, des erwarteten Schlabrendorf- schen Stammhalters. Es hatte nicht in Berlin sein sollen; „ er war für Groeben bestimmt “. Ueber seine Kindheit verlautet nichts, auch nicht über seine Knaben- und Jünglingsjahre; sehr wahrscheinlich, daß er vor- wiegend unter Zuthun seiner Mutter — die trotz ihrer zweiten Ehe, den Kindern aus der ersten eine große Zärtlichkeit und Treue bewies — in Pension kam und nach absolvirter Schulzeit in juristisch-cameralistische Studien eintrat. Aber eh er diese voll- enden konnte, kam der Krieg und bot ihm Veranlassung als Volontair bei den Towarczis einzutreten, einem Ulanen-Regiment, das vielleicht noch aus den Tagen der „alten Armee“ her diesen etwas obsoleten und nur in den neunziger Jahren unter General Günther (der der „Vater der Towarczis“ hieß) vielgenannten Namen führte. Nach dem Kriege begegnen wir ihm alsbald als Regierungs- Assessor in Trier, wo das durch Gastlichkeit und Feinheit der Sitte sich hervorthuende Haus des Generals v. Ryssel Es gab damals zwei Generäle von Ryssel in der preußischen Armee, beide katholischer Confession und beide Divisionaire, von denen der eine zuletzt in Neisse, der andre (der im Text erwähnte) in Trier stand. Beide waren früher in sächsischen Diensten gewesen und einer derselben hatte noch bei Groß- Beeren eine sächsische Brigade gegen uns commandirt. Der Trier’sche nahm Anfang der zwanziger Jahre seinen Abschied und starb in Giebichenstein bei Halle. Der Berliner Witz gefiel sich übrigens damals, unter Ausnutzung des Namens „Ryssel“, in folgendem etwas gewagtem Wortspiele: „Welcher Unter- schied ist zwischen einem Elephanten und Friedrich Wilhelm III. ?“ „„Der Elephant hat einen Rüssel und Friedrich Wilhelm hat zwei ““. ihn anzog, am meisten aber des Generals Tochter, Fräulein Emilie v. Ryssel, mit der er sich denn auch, nach kurzem Brautstand, im Sommer 1820 vermählte. Zwei Jahre noch verblieb er in Trier, im schwiegerelterlichen Hause, bis er 1822 unter freudiger Zu- stimmung seiner jungen Frau, die die landwirthschaftliche Passion mit ihm theilte, nach Groeben hin übersiedelte, das wieder an die Schlabrendorfs zu bringen — ein von Jugend auf von ihm ge- hegter Wunsch — ihm um eben diese Zeit gelungen war. Die Verhältnisse waren ihm bei diesem Wieder-Ankauf eben so günstig gewesen, als sie sich für den Vorbesitzer und seine Nachkommen einundzwanzig Jahre lang eminent ungünstig erwiesen hatten. Alle Leiden und Nachwehen einer langen Kriegs- und Invasions-Epoche waren zu tragen gewesen und hatten zu solcher Verschuldung des Gutes geführt, daß der nunmehrige Kaufpreis desselben in nichts Weiterem bestand, als in Uebernahme der darauf eingetragenen Hypotheken, die sich freilich, wie gesagt werden muß, hoch genug beliefen. Es gab nun also wieder eine wirkliche Groebener Gutsherr- schaft und zwar eine, wie man sie lange nicht im Dorfe gekannt hatte, richtiger noch wie sie nie dagewesen war. Ordnung und Sitte waren mit dem jungen Paare gekommen, auch Beistand in Rath und That, und so weit es in Menschenhände gegeben ist dem Unglück und dem Unrecht zu wehren, so weit wurd’ ihm gewehrt. Aber nicht nur die Dorfgemeinde durfte sich der neuen Guts- herrschaft freuen, die neue Gutsherrschaft wußte mit der Erfüllung ihrer nächstliegenden Pflichten auch Schönheitssinn und Sinn für das Allgemeine zu verbinden und erreichte dadurch, daß das Groebener Herrenhaus auf drei Jahrzehnte hin ein Sammel- und Mittelpunkt geistiger Interessen wurde. Von dem Leben der großen Welt hielt man sich geflissentlich fern, aber was sich darin hervorthat, insonderheit als ein „erst Werdendes“ hervorthat, das empfing entweder aufmunternde Zustimmung oder wohl auch Pflege, so lang es solcher Pflege bedurfte. Junge Kräfte wurden unterstützt, Bilder und Büsten in Auftrag gegeben, Reise-Stipen- dien erwirkt oder persönlich bewilligt, und wie die Thüren allezeit offen standen, so standen auch die Herzen auf in dem immer son- nigen und immer gastlichen Hause. Diese Gastlichkeit enthielt sich jedes Luxus, ja, verschmähte denselben, aber so schlicht sie sich gab, so grenzenlos gab sie sich auch. Und lag schon hierin ein Zauber, so lag er viel viel mehr noch in der einfach distinguirten Lebensauffassung, die hier still und ungesucht um die Herzen warb, und in dem Ton , der der Ausdruck dieser Lebensauffassung war. Es war ganz der gute Ton jener Zeit (einer über - aber freilich auch unters chätzten Epoche), ein Ton, der das heutzutage so sehr hervortretende specialistisch Einseitige vermied und umgekehrt in dem Gelten-lassen andrer Beschäftigungen und Richtungen die Pflicht und Aufgabe der Gesellschaft erkannte. Nichts war ausge- schlossen, und Scherz und Anekdote — selbst wenn sich etwas von dem Uebermuthe der damaligen Witzweise darin spiegelte — hatten so gut ein Haus- und Tisch-Recht, wie die Fragen über Kunst und Wissenschaft oder die speciell auch in dem Groebener Kreise mit Vorliebe gepflegten altpreußischen Thematas von Armee und Verwaltung, von Staat und Kirche. Sogar Landwirthschaftliches interessirte lebhaft, am meisten freilich den Grafen selbst, der, im Gegensatz zu seinem dilettantisch und skurril herum experimentirenden Vater, eine große theoretische Kenntniß und alsbald auch ein reiches Erfahrungs-Wissen inne hatte, das ihn zu den mannigfachsten Reformen, Einrichtungen und Ankäufen gleichmäßig befähigte. Bei dieser großen Tüchtigkeit und Umsicht in praktischen Dingen konnt’ es nicht ausbleiben, daß ihm mehr als einmal, und zwar jedesmal aus Regierungskreisen her, der Antrag gemacht wurde, sich seiner Groebener Einsamkeit begeben und in die große Welt, in der er in seiner Jugend gelebt und mit der er die Fühlung nie verloren hatte, wieder eintreten zu wollen. Aber er lehnte jedes dahin zielende Wort mit der Erklärung ab: „ Ich bin für Groeben bestimmt .“ Auch das Jahr 1848, das verdoppelt die Forderung einer Rückkehr in das staatliche Leben an ihn stellte, riß ihn nicht heraus; im Gegentheil, er schloß sich inniger an die Seinen an, die seiner Treue mit Treue lohnten, und während das ganze Preußen erschüttert hin und her schwankte, wurde Groeben von keinem anderen Sturm getroffen als von einem wirklichen Orkan, der denn auch die mehrhundertjährige, vor dem Herren- hause wachehaltende Linde niederwarf. Er sah sie den Morgen darauf entwurzelt am Boden liegen und ordnete an, daß sie zu Brettern geschnitten und ein Theil derselben für seinen Sarg bei Seite gelegt werde. Lächelnd gab er diese Weisung und er durft ’ es wie Wenige, denn er sah auf das Ende der Dinge mit jener Ruhe, die nur das gute Gewissen giebt. Und wie von seltner Integrität des Charakters, so war er auch von seltner Reinheit der Sitten und von noch seltnerem Edelmuth. Ein Beispiel für viele. Bei Kauf und Uebernahme von Groeben war ein armes Fräulein, das der Vorbesitzer als Erbin eingesetzt hatte, leer aus- gegangen. Es waren eben, wie hervorgehoben, nur Schulden da. Den Grafen rührte das harte Loos der Armen, und er gab ihr aus freien Stücken 6000 Thaler als ein Geschenk, was in jener geldarmen Zeit als eine große Summe gelten konnte. Dazu war er heiter und humoristisch. Als die Brennerei, zu der man sich um besserer Gutserträge willen endlich hatte be- quemen müssen, unter Dach und Fach war, erhielt sie die Ber- liner Bibliothek-Inschrift: Nutrimentum Spiritus. Und diese gute Laune zeigte sich ganz besonders auch, als er in seine letzte Krankheit eintrat. Es fehlte selbstverständlich nicht an Aufforderungen, es, ärztlicher Behandlung halber, mit einem Berliner Aufenthalte versuchen zu wollen, aber er antwortete blos: „Ihr wißt ja, ich bin für Groeben bestimmt; ich war es im Leben und will es auch im Tode sein“. Und er hatte Recht gesprochen. Eine Woche später und Meister Schreiner hobelte schon die Lindenbretter, wie’s Graf Leo gewollt, und am 27. Juli 1851 stand sein Sarg an derselben Stelle, wo damals, als die große Kutsche von Groß-Beeren her zurückgeschwankt war, seine Wiege gestanden hatte. Viele Freunde kamen, und sie begruben ihn auf dem Groe- bener Kirchhof und gaben dem Platz ein Gitter. Eine Stelle da- neben aber ließen sie leer: eine Ruhestätte für seine Wittwe. Gräfin Emilie v. Schlabrendorf geb. v. Ryssel. Diese Wittwe war Gräfin Emilie v. Schlabrendorf geb. v. Ryssel. An sie ging jetzt Groeben über, in dem ihr noch, durch volle sieben Jahre hin, ein segensreiches Wirken gestattet war. In brieflichen Mittheilungen über sie find’ ich das Folgende: „Die Gräfin, wie sie kurzweg genannt wurde, war eine Dame von seltener Begabung und Bildung. Was Groeben durch drei Jahr- zehnte hin war, war es, ohne den mitwirkenden Verdiensten An- derer zu nahe treten zu wollen, in erster Reihe durch sie. Sie gab den Ton an, sie bildete den geistigen Mittelpunkt, und war — übrigens ohne schön zu sein — mit jener anmuthenden Vor- nehmheit ausgestattet, wie wir uns etwa die Goethe’sche Leonore denken. „Ihr Interesse wandte sich allen Gebieten des Wissens zu, was ihr aber, meines Erachtens, eine noch höhere Stellung an- wies, das war ihre mustergiltige Hausfrauenschaft und ihr unbe- grenzter, auf Näh und Ferne gerichteter Wohlthätigkeitssinn. Immer bereit zu helfen, war doch die gleichzeitig von ihr gewährte geistige Hilfe fast noch trost- und beistandsreicher als die materielle, so reichlich sie diese bot. Es konnte dies geschehen, weil ihr die seltene Gabe geworden war, den ihr aus der Fülle der Erfahrung beinahe mehr noch als aus der Fülle des Glaubens zu Gebote stehenden Rath immer nur in einer allerschonendsten Weise zu spenden. In Grundsätzen streng, war sie mild in ihrer Anwendung und überall richtete sie die Herzen auf, wo ihre vertrauenerweckende Stimme gehört wurde. „Selbstverständlich eigneten einer solchen Natur auch er- zieherische Gaben, und da ihre Ehe kinderlos geblieben war, so war nichts natürlicher, als daß sie — wie zur Erprobung ihrer pädagogischen Talente — Kinder, namentlich junge Mädchen, in’s Haus nahm. Es waren dies Töchter aus achtbaren aber einfach bürgerlichen Häusern, und ihr Erziehungstalent erwies sich in nichts so sehr, als in der Art und Weise, wie sie diese jungen Mädchen an allem was das Haus gesellschaftlich gewährte, theil- nehmen ließ und sie doch zugleich für die Lebensstellungen erzog, in die sie, früher oder später, wieder zurücktreten mußten. Es gelang ihr, ihren Pfleglingen eine Sicherheit im Auftreten und in den Formen zu geben, ohne daß in Folge davon der gefähr- liche, weil so selten zu Vortheil und Segen führende Wunsch in ihnen aufgekeimt wäre, die bescheidenere Geburtsstellung mit einer anspruchsvolleren zu vertauschen. All das, ohne jemals durch Hervorkehrung dessen, was man Standes-Vorurtheile nennt, auch nur einen Augenblick verletzt zu haben. Es war ihr eben einfach die Gabe geworden, in Liebe den Glauben zu wecken: „in Allem lebt Gottes Wille, und wie es ist, ist es am besten.“ So die Mittheilungen solcher, die die Gräfin noch persönlich gekannt haben. Aber Eines vermiss’ ich darin: ein Hervorheben dessen, was ihr, ich will nicht sagen ausschließlich oder auch nur vorzugsweis, aber doch jedenfalls mitwirkend ihren Einfluß sicherte. Dies war ihr Katholicismus . Zunächst ihr Katho- licismus als einfache Thatsache. Wer ein Auge für diese Dinge hat, dem kann es nicht ent- gehen, daß der Katholicismus, all seiner vielleicht berechtigten Klagen und Anklagen unerachtet, eine nach mehr als einer Seite hin bevorzugte Stellung unter uns einnimmt, und zwar am ent- schiedensten in dem Gesellschafts-Bruchtheile, der sich die „Gesell- schaft“ nennt. Es geht dies so weit, daß Leute, die sonst nichts bedeuten, einfach dadurch ein gewisses Ansehen gewinnen, daß sie Katholiken sind. Wie gering ihre sonstige Stellung sein mag, sie werden einer Art Religions-Aristokratie zugerechnet, einer Ge- nossenschaft, die Vorrechte hat und von der es nicht blos fest- steht, daß sie gewisse Dinge besser kennt und weiß als wir, sondern der es, in Folge dieses Besserwissens, auch zukommt, in eben diesen Dingen den Ton anzugeben. Also zu herrschen. Unserer Gräfin Herrschaft aber verdoppelte sich und wurd’ erst recht eigentlich was sie war, aus der weit über die bloße Thatsächlichkeit ihres Katholicismus hinausgehenden schönen und klugen Bethätigung desselben. Sie war eine strenge Katholikin für sich , in der Berührung mit der Außenwelt jedoch, insonderheit mit der ihr in gewissem Sinne wenigstens unterstellten Gemeinde betonte sie stets nur das , was beiden Confessionen das Gemein- schaftliche war, und übte die hohe Kunst einer Religionsäußerung, die der eignen Ueberzeugung nichts vergab und die der andern nicht kränkte. Sie hatte dies am sächsischen Hofe gelernt und zeigte sich beflissen, diesem Vorbilde schöner Toleranz in allen Stücken nachzuahmen. Es geschah dies in einer ganzen Reihe von Gutthaten und kleinen Stiftungen, am erkennbarsten in dem einem Neubau gleichkommenden Umbau der Lutherischen Groebener Kirche, den sie, von der Vorahnung erfüllt, daß sie das Ende desselben nicht mehr erleben würde, durch Capitals-Deponirungen sicher stellte. Den 2. September 1858 starb sie, sechzig Jahr alt, nnd wurde, den dritten Tag danach, ihrem ausdrücklichen Willen ge- mäß, auf dem protestantischen Kirchhofe der Gemeinde beigesetzt. Groeben selbst aber fiel an die Schwägerin der Gräfin, an die noch lebende Schwester des bereits 1851 verstorbenen Grafen Leo. Frau Johanna v. Scharnhorst, geb. Gräfin v. Schlabrendorf. Diese noch lebende Schwester des Grafen Leo war Frau Johanna von Scharnhorst, geb. Gräfin v. Schlabrendorf. Sie trat ihr Erbe (Gut Groeben) an und da sie, wie weiterhin erzählt werden wird, einige Jahrzehnte vorher auch in den Besitz von Siethen gekommen war, so waren jetzt beide altschlabrendorfschen Güter wieder in Händen einer geborenen Schlabrendorf ver- einigt. Freilich nur auf kurze Zeit. Ein Jahr nur von 1858 bis 59. Eh ich aber von diesem Wiederaufgeben des Gesammt- Besitzes spreche, sprech’ ich, zurückgreifend, über den Lebensgang der Frau von Scharnhorst bis zu jenem Zeitpunkte (1858) wo Groeben ihr zufiel. Comtesse Johanna wurde, wie schon hervorgehoben, am 22. April 1803 aus der zweiten Ehe des Grafen Heinrich v. Schlabren- dorf, die derselbe mit einem Fräulein v. Meklenburg geschlossen hatte, geboren. Es scheint, die Mutter starb früh und überließ Erziehung und Fürsorge dem excentrischen Vater, der sich dieser Aufgabe denn auch auf seine Weise, d. h. widerspruchsvoll unter- zog. Er liebte die Kleine schwärmerisch und duldete beispielsweise nicht, daß sie von jemand anderem als von ihm oder einer ihr beigegebenen Bonne berührt wurde. Sollte sie spatzierenfahren, so stand er bereit, um ihr cavaliermäßig die Hand zu reichen, oder sie, so lange sie noch klein war, in den Wagen hinein zu heben. Aber diese Galanterien erfuhren doch auch wieder Ausnahmen und waren jedenfalls von nicht allzu langer Dauer. Als die Reise- passion über ihn kam, schwand ihm die Lust, sich um das Com- teßchen noch weiter zu kümmern, und er begnügte sich von nun an damit, sie nach hierhin und dorthin in allerlei Pensionen zu geben, am liebsten in ländliche Pfarrhäuser, in denen oft die wunder- lichsten Zustände herrschten und Albernheiten und Unpassendheiten um den Vorrang stritten. Aber all dies berührte sie wenig, und glücklichere Tage kamen, als der alte Graf mehr und mehr zurück- trat, und die mütterliche Verwandtschaft der immer reizender werdenden Comtesse sich dieser anzunehmen begann. In Sommer- zeit war sie mit in den Ostseebädern, am häufigsten in Dobberan, und in einer Vierschimmel-Equipage ging es dann über die Felder hin oder auch wohl bis an den Heiligen-Damm, wo zweierlei gleich Wichtiges und gleich Großes zu sehen war: der Hof und das Meer. Aber dies Alles liegt unbestimmt zurück und klarere Bilder treten uns aus dem Jugendleben der Gräfin erst von dem Tag an entgegen, wo sich die gesammte Familie, Geschwister und Vetter- schaft, in Trier zusammenfand, um im Hause des alten General v. Ryssel die Vermählung zwischen Emilie v. Ryssel und Graf Leo von Schlabrendorf zu feiern. Unter den Schlabrendorfs, die mit erschienen waren, war auch Comtesse Johanna, damals erst 17 Jahr alt, und der alte Spruch sollte sich bei dieser Gelegenheit aufs Neue bewahrheiten „auf jeder Hochzeit eine neue Verlobung“. Ihr Tischnachbar war August v. Scharnhorst , Rittmeister in dem damals zu Trier in Garnison stehenden 8. Ulanen-Regiment, und ungefähr um dieselbe Zeit, in der Graf Leo das schwieger- elterliche Haus in Trier aufgab, um das kurz zuvor erstandene Groeben zu beziehen, erfolgte die Verlobung und bald danach auch die Verheirathung des tischnachbarlichen Paares: des Ritt- meisters August von Scharnhorst und der Comtesse Johanna v. Schlabrendorf. Aber auch die Tage dieses Paares waren in Trier gezählt. Wie Groeben so gerieth auch Siethen, das seine Besitzer innerhalb der letzten dreißig Jahre mehrfach gewechselt hatte, ’mal wieder zu Verkauf und Graf Leopold, als er davon hörte, fragte sofort bei Schwester und Schwager an, „ob sie vielleicht geneigt seien, das plötzlich wieder frei gewordene Siethen käuflich an sich zu bringen?“ Unter gewöhnlichen Verhältnissen würde die Frage wahrscheinlich mit einem „nein“ beantwortet oder noch viel wahrscheinlicher gar nicht gestellt worden sein, in Trier aber lagen die Dinge bereits außerhalb des Gewöhnlichen, indem August von Scharnhorst durch einen Sturz vom Pferde sich sehr erheblich und zwar bis zur Dienst-Unfähigkeit verletzt, auch in Folge davon sein Entlassungs- gesuch bereits eingereicht hatte. So wurde denn freudig zugestimmt und 1825 der Ankauf von Siethen bewerkstelligt, das nun — so wenigstens ging der Plan — für das junge Scharnhorstsche Paar eine gleich glückliche Heimstätte werden sollte, wie das Schwester- dorf Groeben es für das Schlabrendorfsche bereits war. Aber dieser Plan scheiterte. Des um diese Zeit bereits als Major aus dem Dienste geschiedenen Rittmeisters von Scharnhorst gesundheit- liche Störungen waren größer als geglaubt, er kränkelte viel, und schon ein halbes Jahr nach Uebernahme des Gutes, starb er in Berlin (Oktober 1826) wohin er sich in ärztliche Behandlung begeben, und ließ in Siethen ein kaum einjähriges Töchterchen und eine 23jährige Wittwe zurück. Ein hartes Loos war dieser gefallen. Und doch hatte sie dreierlei, was ihr das Leben allmälig wieder lebenswerth machte: das Kind, die Schwägerin drüben in Groeben und als Drittes den Wetteifer mit dieser in allen guten Werken. Im Beglücken Anderer erhob sie sich zu neuer Kraft und als die Tochter (auch eine Johanna) zu Jedermanns Freude heranwuchs und immer mehr das Licht ihres Lebens wurde, da kam ihr auch ein Gefühl des Glückes wieder und in und mit ihm die Hoffnung , die mehr ist als das Glück. Aber diese Hoffnung erblaßte vor der Zeit und schwand endlich hin für immer. Die Tochter erkrankte von einem hitzigen Fieber befallen, und starb im schwäbischen Wildbad, wohin sie sich in Begleitung ihrer damals noch lebenden Groebener Tante be- geben hatte. Das war im Herbst 1857. Untröstlich war die Mutter, die nun in Einsamkeit den Rest ihres Lebens durchlebte. Eh’ ich aber diesen Lebensausgang schildere, versuch’ ich zuvor ein Bild der zu früh heimgegangenen Tochter zu geben. Fontane , Wanderungen. IV. 25 Johanna von Scharnhorst . (Nach Aufzeichnungen einer Kaiserswerther Diakonissin.) Johanna von Scharnhorst war eine Marien-Natur. Ihre Erscheinung schon gewann die Herzen und war der Ausdruck selbstsuchtsloser Güte. Mutter und Tochter glichen sich in diesem Punkte vollkommen, und leben, um dieser selbstsuchtslosen Güte willen, in der Erinnerung der Groeben-Siethener Gemeinde fort. Im Oktober 1854 kam Fräulein Johanna nach Kaiserswerth, um Diakonissin zu werden. Was sie dazu bestimmte, waren zu- nächst wohl unerfüllt gebliebene Hoffnungen, Enttäuschungen, über die sie sich nur einmal, in Andeutungen wenigstens, zu mir aus- sprach; aber weit über eine solche nächste Veranlassung hinaus, ruhte der eigentliche Grund zu diesem Schritt in ihrer ganz auf Barmherzigkeit und Liebe gestellten Natur. Sie war, wie wenige, zum Diakonissendienste bestimmt. In ihrer ersten Jugend schon, so hört’ ich später, nahm sie sich der Armen und Verlassenen an, und wenn sie durch das Dorf ging und die Kinder mit stumpfem Gesichtsausdruck in der Haus- thür sitzen sah, sagte sie: „Die Kinder sehen aus, als ob sie keine Seele hätten. Wie helf ich ihnen?“ Es war wohl ein Erinnern daran, was sie jetzt, nach einem schmerzlichen Erlebniß, unsrer Kaiserswerther Anstalt, deren Ein- richtung und Dienst sie kennen lernen wollte, zuführte. Noch ent- sinn’ ich mich des Tages als sie kam. Ich empfing gleich den Eindruck von ihr, etwas so Lieblichem noch nie begegnet zu sein, und wurde nicht müde sie anzusehen. Auch weiß ich noch, daß ich in allen Briefen an die Meinigen immer nur von ihr erzählte, trotzdem sie noch kein einzig Wort zu mir gesprochen hatte. Sie trat als Pensionairin ein, beschränkte sich jedoch nicht, wie diese sonst zu thun pflegen, auf Krankenpflege, sondern griff überall ein; sie nahm Theil an den Stunden der Seminaristinnen, war in der Kleinkinder-Schule thätig und wirkte mit im Asyl. Ihre Haupt- arbeit freilich gehörte den Kranken, und hier stand sie bald einzig da. Sie war unermüdlich, daneben freundlich und fröhlich, und schon ihre bloße Nähe beglückte. Nach Ablauf eines Jahres kehrte sie von Kaiserswerth nach Siethen zurück, um daselbst ein Kinder-Asyl in’s Leben zu rufen. Ein in dem reizenden Uetz bei Potsdam befindliches Haus, darin schon zwei Kaiserswerther Diakonissinnen in Thätigkeit waren, sollte zum unmittelbaren Vorbilde genommen werden. Und dies geschah auch. Es war aber ein fchweres Beginnen, am schwersten in Folge von allerlei Kritik, die das Unternehmen gerade von be- freundeter oder doch halb befreundeter Seite her zu erfahren hatte. „Das solle Hülfe sein,“ hieß es, „aber es sei keine. Für die Tage- löhner sei nun mal das Beste, wenn ihre Kinder auch wieder auf- wüchsen wie sie selber aufgewachsen seien. Und was die Mütter angehe, so taug’ es nichts, ihnen die Sorge für ihre Kinder ab- nehmen zu wollen.“ All dies traf um so tiefer, als ihm ein Theil Alltags-Wahrheit zur Seite stand, aber sie kämpfte treu gegen alle laut werdenden Zweifel an, besonders auch gegen die eigenen, und rang sich immer wieder zu dem schönen Glauben durch, daß sich ihr Wunsch mit dem Willen Gottes vereinige. Ich hatte das Glück gehabt, ihr in den letzten Monaten ihres Kaiserswerther Aufenthaltes näher zu treten, und so kam es, daß sie mich bei sich zu sehen wünschte. Sie schrieb in diesem Sinne von Siethen aus an Pastor Fliedner und ich selbst erhielt einen Brief, aus dem ich hier folgende Stelle gebe: „Nichts ist schwerer, als in Einfalt des Herzens bleiben; es muß vor allem erbeten werden, und das wollen wir treulich für einander thun.“ In diesen wenigen Zeilen spricht sich ihr allereigenstes Wesen aus; sie hatte von dieser Herzenseinfalt mehr denn irgendwer, den ich kennen gelernt, aber freilich zugleich auch die vollkommenste Demuth und sah in sich nichts von all’ dem Schönen und Bevor- zugten, das ihr durch Gottes Gnade so reichlich zu Theil geworden war. Es war ihr eben Bedürfniß, andre Menschen höher zu stellen als sich selbst, und nichts lag ihr ferner als die Vorstellung, daß sie selber ein Vorbild sei. Ich durfte der an mich ergangenen Aufforderung folgen und traf noch zur Einweihung der Anstalt in Siethen ein. Es war zur Begründung derselben ein Müllerhaus angekauft worden, dessen Besitzer, ein streng kirchlicher Mann, einige Jahre vorher nach Amerika ausgewandert war. Alles gedieh in diesem seinem 25* ehemaligen Heim, und als er nach einiger Zeit davon hörte, schrieb er zurück: „Wie freut es mein altes Herz, daß meine vier Wände nun die Heimstätte für so viel Gutes geworden sind.“ Und er rief den ferneren Segen Gottes dafür an. Ich sagte, daß ich noch zur Einweihung eintraf. Diese fand im August statt. Es war ein schöner Tag und der Geistliche sprach über die Wichtigkeit unsres Berufes, und daß dieser „Beruf des Erziehens zu Gott“ ein Glück und eine Ehre für uns sei. Von der Gemeinde fehlte niemand und unter den erschienenen Gästen war auch Agnes v. Scharnhorst (eine Cousine Johanna’s) und der Verlobte derselben, Baron von Münchhausen. Als Schlußge- sang war Johanna’s Lieblingslied gewählt worden, und während die Kinderstimmen es intonirten, wurde sie, der es galt, tief be- wegt und sie weinte lang und schmerzlich. Gedachte sie doch, wie sie mir später in vertraulichem Gespräche mittheilte, nunmehr zurückliegender Tage, deren Schmerz sich ihr in diesem Augenblick erneuerte. Sie nahm eben Abschied von Manchem, was ihr lieb gewesen, und erbat sich Kraft und Muth und Ausdauer zu dem Wege der nun dunkel vor ihr lag. Aber er hellte sich auf, dieser Weg, und es kamen auf eine gute Weile, wenn auch freilich nicht auf lange genug, jene glück- lichen und gesegneten Tage, die der alte Müller für uns erbeten hatte. Mutter und Tochter wetteiferten alsbald und halfen überall. Es war ein frisches, fröhliches Arbeiten und ich konnte nach Haus und nach Kaiserswerth hin schreiben, „daß mir ein lieblich Loos gefallen sei“. Wir hatten vorsorglich und ängstlich fast mit einer Kleinkinder- und Sonntagsschule begonnen, aber der Feuereifer beider Scharnhorstschen Damen konnte sich kein Genüge thun, und ehe noch viel Zeit in’s Land gegangen war, war aus jenen ersten Anfängen auch schon ein Krankenhaus und bald danach auch ein Waisenhaus geworden. Unter den vielen Gaben, die Johanna für ihren Beruf mit- brachte, war auch die des Erzählens. Sie wußte Geschichten aller Art mit einer ihr eigenthümlichen, zu Herzen gehenden Einfachheit vorzutragen und dabei jeden Ton zu treffen, am glücklichsten vielleicht den humoristischen. Es war eine Lust, ihr zuzuhören, wenn sie Grimmsche Märchen oder Glaubrechts hübsche Geschichte von Küppels Michel erzählte. Dieser heitre Zug, in den sich selbst ein Anflug von Ironie mischen konnte, sprach sich auch sonst noch in ihrem Wesen aus. Einmal hatt’ ich Urlaub in meine westphälische Heimath genommen, schrieb von dort her und erhielt alsbald einige Zeilen, in denen es hieß: „Es freut mich, daß Sie so treulich an unser kleines und einsames Siethen denken, von dem ich Sie nur noch bitte, den lieben Ihrigen kein allzu sibirisches Bild entwerfen zu wollen.“ Sie kannte die komisch-falschen Vorstellungen, die man wenigstens damals noch in Süd- und Westdeutschland von der Mark Brandenburg unter- hielt, und widerstand dem Anreize nicht, diese Vorstellungen zu persifliren. Ja, sie hatte diesen humoristischen Zug, aber er streute doch nur ein Weniges von Frohsinn und Heiterkeit über ihr Leben aus, und was sie, wenn wir über Feld gingen, am liebsten sah: ein weißes Mohnfeld mit ein paar rothen Mohnblumen dazwischen — das war recht eigentlich sie selbst. Der Grundton ihrer Seele war elegisch und blieb es auch in ihrer glücklichsten Zeit. In dieser standen wir jetzt, in jenen Wochen und Monaten, die der Gründung der Anstalt unmittelbar folgten, und wie Jeg- liches um uns her gedieh, so gedieh auch Fräulein Johanna selbst. Es erschien uns oft, als ob ihr unter immer neuer Arbeit auch neue Kräfte kämen. Sie sah frisch aus, frischer als sonst, und als nach einjähriger Thätigkeit ihr Geburtstag unter Theilnahme vieler lieber Gäste gefeiert wurde, flüsterte mir eine Nachbarin zu: „Wie blühend Johanna aussieht.“ Und es war so. Freilich täuschten diese bühenden Farben und bargen recht eigentlich die Gefahr, aber noch waren wir ahnungslos und der Tag selbst ver- lief uns in ungestörter Freude. Die Kinder sangen ihre Lieder und weil Johanna selber nicht singen konnte, sagte sie scherzend: „ich könnte böse sein, keine Stimme zu haben.“ „Ach, Du willst zu viel,“ antwortete ihr ihr ehemaliger Lehrer und Erzieher in liebevollem Vorwurfe. „Man muß auch nicht Alles haben wollen.“ So vergingen die Stunden in schöner und gehobener Heiterkeit, was ihr aber im Laufe des Tages die größte Freude gemacht hatte, das waren ein paar Spät-Rosen gewesen, die man ihr, für den Geburtstagstisch, von den schon überschneiten Stämmen ge- schnitten hatte. Denn es war der 16. November. Und der Winter verging und der Frühling kam. Und als der Sommer da war, da war sie matt, so matt, daß sie, was sie sonst nicht kannte, zu klagen begann. Auch von ihrem Tode sprach sie häufiger und bestimmte welches Lied an ihrem Grabe gesungen werden solle. So ging es durch Wochen und durch Monate hin. Aber freilich auch hoffnungsreichere Stunden kamen wieder und als im Juli die Tante Schlabrendorf in Groeben auf ärztlichen Rath in’s Wildbad reiste, gehorchte Johanna gern dem Wunsche der alten Gräfin und schloß sich ihr als Be- gleiterin an. Anfangs erhielten wir nur gute Nachrichten, sehr gute sogar, und mit einer großen und beinah kindlichen Freudigkeit sprachen ihre Briefe von ihren Erlebnissen, auch von den Auszeichnungen und Ermuthigungen, die man ihr hatte zu Theil werden lassen. „Und so sehen Sie denn, wie viel Liebes mir begegnet ist.“ „Aber“, so hieß es eine Woche später, „es sind auch schwere Tage für mich angebrochen; ich habe sehen müssen, wie leicht es ist, mich aus der Sammlung heraus und in die Zerstreuung hinein zu bringen, und wie lieb ich noch die Welt habe. Die dunklen Tiefen unseres Herzens können uns ordentlich erschrecken, und ist kein anderer Trost als der einzig eine, daß Er, der diese Dunkeltiefen in aller Deutlichkeit erkennt, auch so viel Geduld und Liebe hat.“ Und daran reihten sich dann Worte der Sehnsucht nach Siethen und dem ihr lieb gewordenen Wirkungskreise. Das war Anfang September. Aber schon am 6. hörten wir allerlei Beunruhigendes über ihr Befinden, und am 9. eilte Frau von Scharnhorst an das Krankenbett ihrer Tochter. Sie fand sie besser, als zu hoffen gewesen war, und ich empfing gleich danach einen Brief, der dies bestätigte: „Johanna ist noch recht schwach, aber alles Fiebers unerachtet ruhig. Meine Pflege besteht eigentlich in nichts andrem, als sie vor Allem Störenden zu hüten. Ich sitze neben ihr und wehre die Fliegen und richte dann und wann ein beruhigendes Wort an sie. Bitten Sie Gott, daß er uns gnädig ist und seinen Willen thut nach seinem Rath und nicht nach unserem verkehrten Denken.“ Und dieser Rath und Wille war, daß sie von uns genommen werden sollte. Wenige Tage, nachdem dieser Brief geschrieben, stellten sich heftige Fieberphantasien ein, in denen die Kranke wunderbare Gesichte hatte; sie sah Gott und Christum und sprach mit ihnen, und nach einer dieser Erscheinungen sagte sie fest und freudig: „Und wenn Du gefragt wirst, ob die Herrlichkeit des Herren wirklich so groß sei, dann sage getrost und getreulich: ja.“ Wir aber waren daheim mit unseren Gedanken unausgesetzt um sie, getheilt zwischen Furcht und Hoffnung. Und auch am 13. October Abends versammelten wir uns Alt und Jung wieder in der erleuchteten Kirche zu Siethen und beteten unter vielen Thränen um Erhaltung ihres theuren Lebens. Aber um eben diese Stunde ging ihre Seele in die ewige Heimath ein. Ihre Hülle wurde nach Siethen übergeführt und im Beisein vieler Hunderte von nah und fern begraben. Auch das alte Fräulein von Goertzke kam von Groß-Beuthen her herüber und sagte bewegt: „Es war doch ein reich gesegneter Tag, an dem sie auf diese Erde kam.“ Alles, was der Mutter noch an Lebensfreude geblieben war, war nun dahin, und das einfache Haus, das seitens der Tochter vor wenig Jahren erst zum Troste Verwaister gegründet worden war, es war jetzt wie mitgegründet für sie . Denn sie war auch verwaist, eine verwaiste Mutter, und der Tochter zu folgen der einzige Wunsch noch, der ihr Herz erfüllte. Sie sehnte sich nach Wieder- vereinigung mit ihr und als der Todes-Jahrestag gefeiert werden sollte, sagte sie: „Mir ist, als ob wir heut ihren Geburtstag feierten. Ich fühle mich fremd und allein hier und möchte sie doch nicht wiedersehn auf dieser armen Erde.“ Von Aufgaben war ihr nur noch eine geblieben: Ausführung alles dessen, was der Tochter einst ein Wunsch gewesen. Und sie begann damit. Aber eh ein Jahr um war, unterbrach ein neuer Todesfall das eben erst Begonnene: die verwittwete Gräfin Schlab- rendorf starb und hinterließ ihr, der Schwägerin, das Groebener Erbe. Dies hätte nun unter Umständen eine Freude sein können, aber es entsprach wenig den Frau v. Scharnhorst’schen Ansprüchen und Neigungen, und von dem Augenblick an fast, wo sie das Erbe hatte, beschäftigte sie der Wunsch es wieder los zu sein. Sie fühlte sich durch dasselbe nicht gefördert und gehoben, sondern nur beengt und gebunden in dem , was ihr einzig und allein noch in der Seele lag, und so kam sie zu dem Entschlusse, beide Güter zu verkaufen. Aber an wen? „Nur an einen Wohlhabenden,“ so schrieb sie, „der meinen braven Leuten, wenn sie des Beistandes bedürftig sind, diesen Beistand auch leisten kann und leisten will — nur an einen wohlhabenden Mann von ehrenwerther und frommer Gesinnung will ich die Güter verkaufen, ohne Rück- sicht auf einen höheren oder geringeren Preis.“ Einen solchen Käufer glaubte sie schließlich in Herrn v. Jagow -Rühstaedt, Erb- jägermeister der Kurmark Brandenburg, gefunden zu haben, der denn auch, nach längeren Unterhandlungen, die beiden Güter für die Summe von 120,000 Thalern an sich brachte. Sie selbst er- hob nur noch den Anspruch: in Groeben das Herrenhaus beziehen und es auf Lebenszeit als ihren Wittwensitz ansehen zu dürfen. Diese Bedingung wurde gern erfüllt, und im Frühjahr 1860 er- folgte Frau v. Scharnhorsts Uebersiedlung aus dem Herrenhause zu Siethen in das zu Groeben. Es wurd’ ihr sehr schwer, dieser Umzug und Ortswechsel, und ich finde darüber in einem mir vor- liegenden Schwestern-Briefe das folgende. „Frau v. S. ließ mich rufen, und wir waren nun das letzte Mal in dem traulichen Siethner Herrenhause zusammen, in dem sie 34 Jahre lang in Segen gewirkt hatte. Sie war sehr ernst, las mit mir das 42. Hauptstück aus Thomas a Kempis Nachfolge Christi und rief dann ihre Leute herein, um sich von ihnen zu verabschieden. Alles weinte. Danach erhob sie sich, sah sich noch einmal in den alten Räumen um und ging endlich, meine Hand ergreifend, mit mir nach dem Asyl-Hause hinüber. Da legte sie sich nieder und erst als sie wieder Fassung gewonnen hatte, fuhr sie nach Groeben, das nun, wider ihren Willen, ihr neues Heim geworden war.“ In diesem lebte sie noch sieben Jahr, all jenen Aufgaben hinge- geben, die die schöne Hinterlassenschaft ihrer Tochter Johanna bildeten. An die Stelle des alten Fachwerkhauses in Siethen, das fünf Jahre lang nnd länger als Zufluchts- und Pflegestätte gedient hatte, trat ein massiver Neubau, der den Namen „Tabea-Haus“ er- hielt, auf dem Kirchhof ebendaselbst entstand eine Grabcapelle nebst einer daran anschließenden geräumigen Leichenhalle, vor allem aber wurd’ ein Capital angesammelt und deponirt, aus dem, nach Ablauf einer bestimmten Frist, ein Pfarrhaus und eine selbstständige Siethner Pfarre gegründet werden sollte. Die Durch- führung all dieser Pläne bot ihr das, was ihr ein immer ein- samer werdendes Leben überhaupt noch bieten konnte: den Trost und die Freude der Arbeit. Ebenso wuchs ihre Liebe zu den Kindern, deren Heiterkeit sie suchte, wie der Fröstelnde die Sonne sucht. Endlich aber war die Stunde da, nach der sie sich seit lange gesehnt. „Als ich von Siethen herüber kam und ihre Hand faßte, kannte sie mich nicht mehr; sie war ohne Bewußtsein. Der Geist- liche las ihr, wie sie’s in gesunden Tagen eigens gewollt hatte, Bibelsprüche vor, von denen sie den schönen Glauben unterhielt, daß dieselben auch ihren umnachteten Geist durchdringeu , ihr Herz erheben und Trost und Heil ihr spenden müßten. Und unter diesen schönsten und schlichtesten Litaneien schlief sie hinüber.“ „An geistiger Bedeutung,“ so darf ich brieflichen Mittheilungen entnehmen, „stand Frau v. Scharnhorst der Gräfin Leo Schlab- rendorf nach, aber sie war dieser an Gemüth und Zartheit über- legen. Und dieser Zartheit unerachtet auch an Originalität . Es war dies der Schlabrendorfsche Zug in ihr, etwas Geniales, Sprunghaftes und Blitzendes, das, so gemildert es auftrat, doch gelegentlich an den excentrischen Vater erinnerte. Ihrer Liebenswürdigkeit vermochte nicht leicht wer zu wider- stehn, und Personen gegenüber, zu denen sie sich hingezogen fühlte, bezeigte sie sich von einer Anmuth, von der schwer zu sagen war, ob sie mehr aus ihrer Gefühls- oder ihrer Denkart entsproß. Sie hatte den ganzen Zauber der Wahrhaftigkeit und einer christlich edlen Gesinnung. Am ausgesprochensten aber erwies sich ihr Wesen in ihrer Pflichterfüllung und Hingebung, die vielfach den Charakter absoluter Selbstverleugnung an sich trug. Es war ihr Bedürfniß, ihr eignes Glück dem andrer zum Opfer zu bringen. Vielleicht (wenn dies je möglich ist) ging sie hierin um einen Schritt zu weit.“ Ein andrer Zug ihres Charakters war ihre Gleichgültigkeit gegen irdischen Besitz, ja fast ihre Verachtung desselben, und noch ihre letzten Lebensjahre gaben einen glänzenden Beweis davon. In derselben Stunde fast, in der seitens des Herrn v. Jagow die Kaufsumme für Groeben und Siethen an sie gezahlt worden war, erschien ein Anverwandter vor ihr, um ihr seine Verlegenheiten zu schildern. Verlegenheiten, die nicht klein waren und un- gefähr wenigstens an die Höhe der eben empfangenen großen Summe heranreichten. Einen Augenblick zögerte sie, weil die Plötzlichkeit und Berechnetheit des Ueberfalls ihr eine nur zu be- greifliche Mißstimmung bereitete, dann aber holte sie mit nervöser Hast alle die kaum erst in ihren Taschen untergebrachten Päckchen aus eben diesen Taschen wieder hervor und schob sie hastig und stoßweise dem fast eben so verdutzt wie glückselig und verhimmelnd Dastehenden zu, der aus jeder dieser Bewegungen entnehmen mußte, daß sie das Geld aber freilich auch den Empfänger so bald wie möglich los zu sein wünsche. Hieran knüpf’ ich noch, was ich den Aufzeichnungen einer schon an anderer Stelle citirten Kaiserswerther Schwester ent- nehmen konnte: „Mit Frau von Scharnhorst zu verkehren oder sie zu kennen, ohne sie zu lieben, wäre für jeden Menschen unmöglich gewesen. Wenn eins unserer Kinder erkrankte, bestand sie darauf, die Nachtwachen mit uns zu theilen. Ein andermal, als Fräulein Johanna noch spät am Abend nach einem eine Stunde Wegs ent- fernten Dorfe gerufen wurde, wollte sie die Tochter bei so später Stunde den einsamen Weg nicht machen lassen, und als diese hinwiederum nicht abließ, auf die Hilfe hinzuweisen, die zu bringen ihre Pflicht sei, ging die Mutter selbst, aller Tagesmüdigkeit un- erachtet. „Unter dem vielen, was ihr oblag, war auch das Oekono- mische, die gesammte Wirthschaftsführung, und es zählte mitunter zu den allerschwierigsten Aufgaben, alle Kranken und sonstigen Hausinsassen aus ihrer, der Frau v. Scharnhorst Küche, mit zu versorgen. Als ich dann später selbst das Wirthschaftliche lernte, schien es mir mitunter, als verführe sie zu peinlich und accurat und mache mir die Lehrzeit schwerer als nöthig. Aber später hab’ ich einsehen gelernt, wie dankbar ich ihr gerade für diese strenge Schule zu sein hatte. „Schön war auch das an ihr, daß sie durch Enttäuschungen und Fälle von Vertrauensbruch — immer vorausgesetzt daß es ein Sachliches war und nicht allerunmittelbarst ihre Person traf — in ihrem Allgemein-Vertrauen nicht erschüttert wurde. Sie beklagte dann wohl das einzelne Vorkommniß, aber ließ es keinen Einfluß auf ihre nur auf Trost und Hilfe gerichteten Entschlüsse gewinnen.“ Selbstverständlich mischten sich auch menschliche Schwächen in ihr Thun, und das Nachstehende, das mir von andrer Seite her zugeht und ihrem Bildniß ein paar Schattentöne giebt, wird dasselbe nur um so sprechender und anziehender machen. „Unzweifelhaft, Frau v. S. war eine durchaus vornehme Natur und ausgerüstet mit allen Tugenden eines edlen und groß- müthigen Herzens. Aber Eines fehlte ihr: die rechte Freudigkeit der Seele, was ich doch mehr als einmal als einen wirklichen Mangel empfunden habe. Sie stand nicht nur in der Melancholie, nein, sie pflegte sie direct, und das alte Fräulein v. Görtzke traf es durchaus, als sie mal in ihrer humoristisch-treuherzigen Weise sagte: „Frau Johanna fühlt sich nur wohl, wenn sie neben ihrer alltäglichen Sorge noch ein ganz besonderes Unglück in der Tasche hat.“ In der That, es war ihr von Jugendtagen an viel aufer- legt worden, indessen doch nicht so viel, daß nicht ein glücklicheres Naturell es hätte bemeistern können. Sie wollt ’ es aber nicht und suchte nur umgekehrt nach allem Bittren des Daseins, das für sie längst das Süße geworden war. In ihrem feinen Nerven- leben auf jedes Kleinste reagirend, leicht empfindlich und verletzt, und als echte Schlabrendorf auch Stimmungen und selbst Launen unterworfen, gelang es ihr nicht zu jenem schönen Frieden der Seele durchzudringen, nach dem sie sich beständig sehnte. Sie verzieh Kränkungen völlig, aber sie vergaß sie nicht, und so blieb ihr beständig ein Stachel im Gemüthe, der sein Wesen dadurch nicht einbüßte, daß er sich zumeist und in erster Reihe gegen sie selber richtete. So wurde sie denn, alles Kämpfens und Strebens unerachtet, von Jahr zu Jahr immer bitterer, und viele kleine Züge legen Zeugniß davon ab. Einer, als besonders charakteristisch, mag hier eine Stelle finden. Es existirten zwei Bilder von ihr, die der Düsseldorfer Professor Hildebrandt in den Tagen seiner und ihrer Jugend gemalt hatte. Das eine dieser Bilder besaß sie selbst, das andere war eine Copie, die sich ihr Bruder, Graf Leo, bei demselben Maler bestellt hatte. Auch dies zweite Bild kam in ihren Besitz, als sie, nach dem Tod ihrer Schwägerin, der Gräfin Emilie von Schlabrendorf, die Groebner Erbschaft ange- treten. Aber davon ausgehend, daß ihr Andenken und Gedächtniß in keinem Herzen, ihre Siethner Gemeinde vielleicht ausgenommen, liebevoll fortleben werde, war es ihr widerwärtig, ihre Bilder in die Hände fremder und gleichgültiger Menschen übergehen zu sehen. Und so ließ sie denn im Sommer 66, in demselben Som- mer der ihrem Tode vorausging, beide Bilder wohlverpackt in eine Gondel bringen, stieg selbst hinein, fuhr mitten auf den Groebner See hinauf und versenkte sie daselbst. Mit den Bildern zugleich allerhand Briefschaften und Erinnerungen aus ihrer Jugendzeit.“ Auf dem Siethner Kirchhofe ruht sie neben der ihr voraufge- gangenen Tochter, und die Schöpfungen beider umstehen ihr Grab. An den Schluß ihrer Lebensschilderung aber stell’ ich folgende Worte: „Zu dem seltenen Glück einer harmonischen Ueberein- stimmung in Lebensauffassung, häuslichem Verkehr und Freundes- umgang gesellte sich hier als seltenste der Gnaden eine jeden Tag neu gesegnete Thätigkeit, eine Wirkungssphäre , wie sie sich einer stillen und hingebenden Liebe zwar nicht ohne Müh und Arbeit, aber doch ihrer ganzen Natur nach fast wie von selber erschloß.“ III. Groeben und Siethen jetzt. Herr Carl v. Jagow , Erbjägermeister der Kurmark, hatte, wie hervorgehoben, Groeben und Siethen im Herbst 1859 er- worben. Er blieb aber persönlich auf seiner vätertichen Besitzung Rühstaedt bei Wilsnack in der Priegnitz und übertrug die Ver- waltung der beiden Teltow-Güter einem ausgezeichneten Land- wirthe, der denn auch ohne Verzug allerlei Verbesserungen ein- leitete. Diese waren in der That nöthig geworden, da, seit dem Tode Graf Leo’s alles zurückgegangen oder doch ins Stocken ge- rathen war. Das Interesse der Frauen drehte sich eben um an- dere Fragen als landwirthschaftliche. Mit Wiesen-Culturen und Bruch-Entwässerungen, an die sich bald auch eine lohnendere Be- handlung der Forstreviere schloß, wurde begonnen und in rascher Reihenfolge folgten Wirthschaftsgebäude, Tagelöhner-Häuser und Etablissements aller Art. Auch eine neue Brennerei ward als unerläßlich hergerichtet, da das, was sich aus alter Zeit her noch so nannte, kaum noch diesen Namen verdiente. Zugleich aber war der Wunsch des Herrn v. Jagow, eines Be- sitzes wieder los und ledig zu sein, der viel Anforderungen und wenig Erträge mit sich brachte, von Jahr zu Jahr gewachsen, und er verkaufte deshalb beide Güter im Jahre 79 für die Summe von 180,000 Thalern an den Engros-Kaufmann Badewitz in Berlin. Seitens dieses Letzteren ist, der kurzen Spanne Zeit unerachtet, bereits viel geschehen und (um nur eines zu nennen) ein geschmack- volles und modernen Ansprüchen mehr entsprechendes Herrenhaus in Siethen errichtet worden. Groeben jetzt . Groeben gilt bei seinen Bewohnern und fast mehr noch bei seinen Sommerbesuchern als ein sehr hübsches Dorf. Ich kann aber dieser Auffassung, wenn es sich um mehr als seine bloße Lage handelt, nur bedingungsweise zustimmen. Groeben hat ein märkisches Durchschnitts-Ansehen, ist ein Dorf wie andre mehr, und alles was als bemerkenswerth hübsch in seiner Erschei- nung gelten kann, ist seine von einem hohen Fliedergebüsch, darin die Nachtigallen schlagen, umzirkte Kirche. Diese Kirche wurde gegen Schluß des 13. Jahrhunderts er- baut, und zwar aus Feldstein, wie die meisten unserer Dorfkirchen aus jener Epoche. Wie viele Wandlungen dieselbe während einer vielhundertjährigen Zeit erfahren hat, ist schwer festzustellen, und ich beschränke mich auf Hervorhebung der zuletzt erfolgten. Es war dies ein vollständiger Um- und Neubau, der in den fünf- ziger Jahren auf Veranlassung der Gräfin Schlabrendorf geb. v. Ryssel durch den damaligen Baumeister, jetzigen Geheimen Baurath Adler begonnen und 1860, zwei Jahre nach dem Tode der Gräfin, beendigt wurde. Baumeister Adler, bekanntlich auch Archäolog, hatte sich seiner Aufgabe pietätvoll unterzogen und nicht nur das alte Feldsteinmauerwerk aus dem 13. Jahrhundert beibe- halten, sondern auch alles Neu-herzustellende, wie Kanzel An dieser in Portlandcement ausgeführten Kanzel befinden sich die Statuetten von Luther, Melanchthon und Calvin , was, unmittelbar vor Einweihung der Kirche, eine Controverse herbeiführte. Da Groeben, von den Tagen der Reformation an, immer lutherisch gewesen war, so protestirte der Geistliche, trotz seiner intimen Stellung zur Patronin, auf’s Entschiedenste gegen die Zulassung Calvins. Aber Frau v. Scharnhorst bestand darauf und drang mit ihrem Willen durch. Es scheint mir indessen unzweifelhaft, daß der Geistliche (Pastor Henschke , Freund und Erzieher Fräulein Johanna’s) im Rechte war. Es würde doch beispielsweise sehr auffallen und dem ent- schiedensten Widerspruch aller reformirten Geistlichen begegnen, wenn seitens einer zufälligen Majorität unserer „Colonie“ plötzlich der Beschluß gefaßt werden sollte, die Statue Luthers an den Kanzeln unserer französisch-refor- mirten Kirchen anzubringen. , Altar, Taufe, dem frühgothischen Stile jener Epoche nachzubilden gewußt. In eben diesem Stile wurde zuletzt auch eine jetzt rechts neben dem Altar hängende, vom Generallieutenant Grafen zu Dohna her- rührende Tafel gestiftet, auf der wir folgender Inschrift in Goldbuchstaben auf dunklem Grunde begegnen: „Frau Gräfin Emilie v. Schlabrendorf, geb. v. Ryssel, stiftete durch Testaments- Legat den Neubau der Kirche. Frau Johanna v. Scharnhorst, geb. Gräfin v. Schlabrendorf ließ den Bau der Kirche ausführen und 1860 vollenden.“ Von so bemerkenswerther Schönheit alle diese Details sind, so werden sie doch an Interesse von dem übertroffen, was Sei- tens des Baumeisters aus der alten Kirche mit in die neue hin- über genommen wurde: Grabsteine, Glasfenster, Schildereien. An Grabsteinen war, als es an ein Abtragen und Nieder- reißen ging, eine Fülle vorhanden, die nur noch durch die Fülle von Särgen übertroffen wurde, die, dicht nebeneinander, in einer unterm Altar in Kreuzesform angelegten Gewölbe-Reihe standen. Alle diese Gewölbe, weil sie mit Einsturz drohten, mußten zuge- schüttet werden und so kam es, daß uns verschiedene mit mehr oder weniger interessanten Inschriften und Emblemen versehene Särge verloren gingen. Von den Grabsteinen dagegen sind uns an zehn oder zwölf erhalten geblieben, die, der Mehrzahl nach, in den Chor-Umgang eingemauert, eine malerische Nischenwand hinter dem Altar bilden. Alle sind vorzüglich erhalten und wenigstens eines derselben mag hier eingehender gedacht werden. Es ist dies der Grabstein eines jungen, schon in den Kirchenbuch-Auszügen erwähnten Schlabrendorfs , der bei Mollwitz fiel. Die In- schrift lautet: „Steh Sterblicher und betrachte die unvergängliche Kron’, welche erlanget hat der Hochwohlgeborene Ritter und Herr, Herr Johann Christian Siegmund v. Schlabrendarf, Sr. K. Majestät in Preußen bei Dero Infanterie unter dem hochlöblichen Regiment Sr. Excellenz des Herrn Generallieutenants v. d. Mar- witz hochverdienter Lieutenant, Herr der Güter Groeben, Beuthen, Jütchendorf und Waßmannsdorf, welcher den 20. Dezember 1711 auf dem Hause Groeben geboren und den 10. April 1741 in der zwischen der Preußischen und der Oesterreichischen Armee bei Mollwitz in Schlesien vorgefallenen scharfen Aktion, in der auf Seiten der Preußischen der Sieg geblieben, durch einen Musqueten- schuß, so ihn durch den Kopf getroffen, für Gottes, des Königs und des Vaterlandes Ehr’ und Rechte, seinen Heldengeist auf- gegeben, nachdem er sein Alter gebracht auf 29 Jahr und 4 Monat.“ Ein andrer Schlabrendorf, der 55 Jahre früher vor Ofen fiel und auch ebendaselbst begraben wurde, hat selbstverständlich keinen Grabstein in Groeben, sondern nur eine Gedächtnißtafel , mit einer Malerei darüber. Man sieht einen Fluß (die Donau), an dessen Ufer hüben und drüben zwei bastionsartige Festungs- werke: Pest und Ofen, liegen. Ueber dem einen Festungswerke steht eine große, rauchumhüllte Feuerkugel, die muthmaßlich als eine platzende Bombe gelten soll. Eine naive symbolische Dar- stellung eines durch Bombardement erlittenen Todes. Darunter steht: Der hochedelgeborene Herr, Herr Gustavus Albertus v. Schla- brendorf, ist geboren Anno 1665 den 21. Juni, sein Leben aber hat er beschlossen am 15. Juli Anno 1686 als Fähnrich und tapfrer Soldat in Sr. Churfürstlichen Durchlaucht von Branden- burg Armee vor der Festung Ofen in Ungarn. So griff der tapfre Held zugleich den Erbfeind an, Sein unerschrockner Muth ließ seine Kraft nicht fallen, Es war ihm nur zur Lust Carthaunen hören knallen, Und rühmet jedermann, was dieser Held gethan. Wohl, seine Tapferkeit nun auch sein Leben zeigt, Das er für’s Vaterland beherzt hat hingegeben, Es soll sein Nam’ und Ehr bei Mit- und Nachwelt leben, Unsterblich Der deß Ruhm bis an die Wolken steigt. So viel über die Schildereien und Grabsteine. Wichtiger ist das schon erwähnte Glasfenster mit dem Schlabrendorf’schen Wappen und der Bischofsmütze darüber, das mit großer Wahr- scheinlichkeit als ein Geschenk des Havelberger Bischofs, Johann v. Schlabrendorf, anzusehen ist. Außer seinem historischen In- teresse hat es auch ein kunsthistorisches, insoweit es uns ein Bei- spiel (deren es wohl nicht allzu viele mehr geben dürfte) von der Art und Weise der zu Beginn des 16. Jahrhunderts in unsrer Mark in Uebung gewesenen Glasmalerei giebt. Aus der Kirche schreiten wir nunmehr dem Dorfausgange zu, wohin der Kirchhof um’s Jahr 1811 verlegt wurde. Schon das Jahr darauf empfing der neue Begräbnißplatz ein Sandstein- monument, dessen auffallende Stattlichkeit sich bei der in den Kriegsjahren überall herrschenden Armuth einzig und allein aus der Aufregung erklären läßt, die damals in Veranlassung eines besonderen Unglücks- und Todes-Falles in der Groebener Ge- meinde hervorgerufen wurde. Noch jetzt lebt die Geschichte fort und wird mit muthmaßlichen Ausschmückungen wie folgt erzählt. Es war die Zeit, wo wieder, wie alljährlich, das zu drei, vier Stämmen zusammengebolzte Floßholz in langer langer Linie die Nuthe herunterkam, um erst bei Potsdam in die Havel und dann bei Havelberg in die Elbe zu gehn. Und wie gewöhnlich hatte man auch diesmal wieder allerlei Mannschaften an Bord com- mandirt, die, mit Rudern und Stangen in der Hand, durch be- ständiges Abstoßen vom Ufer das Auf- und Festfahren des Floß- holzes hindern mußten. Es waren ihrer elf, lauter junge Bursche von Trebbin und Thyrow her, darunter auch des Groebener Kiezer-Schulzen ältester Sohn. Denn Groeben, totzdem es nur ein kleines Dorf ist, hat doch ein wendisches Anhängsel, einen „Kiez“, auf dem die Fischer wohnen bis diesen Tag. Und auf dem Flosse war gute Zeit, und immer die, die nicht Dienst hatten, hatten sich’s bequem gemacht und lagen auf Strohbündeln in einer großen Bretterhütte. Da vergnügten sie sich und trieben allerlei Kurzweil und trieben es arg. Es war aber Sonntag und um die neunte Stunde zog ein Wetter herauf, wie noch keines hier gewesen, und war ein Blitzen als ob feurige Laken am Himmel hingen. Und Einer, dem es bang um’s Herz wurde, war vor die Hüttenthür getreten und betete zu Gott, daß er sich ihrer er- barmen und ein Ende machen und ihnen den erlösenden Regen schicken möge. Denn es war ein Trockengewitter und noch kein Tropfen gefallen. Des Kiezer-Schulzen Sohn aber und ein Kos- säthensohn aus Thyrow, die verspotteten ihn und luden ihn wieder hinein (hell genug sei’s ja), da wollten sie knöcheln. Und sie fingen auch an, und der Thyrower warf dreizehn, weil ihm der eine Würfel zersprang. Aber in selbem Augenblicke fuhr es auch nieder und war Blitz und Schlag und alles entsetzte sich und stob auseinander — alles was in der Hütte gelegen hatte. Nur die bei- den Spötter nicht, die lagen todt auf dem Floß und lagen da bis an den andern Morgen, wo man sie zu holen kam. Auch von Thyrow kamen welche. Des Kiezer-Schulzen Sohn aber kam auf den Groebener Kirchhof und war der erste, den sie da begru- ben, und kriegte den Stein und die Inschrift darauf. — Fast unmittelbar neben diesem Stein ist die Grabstätte Graf Leo Schlabrendorfs und seiner Gemahlin. Es ist ein umgitterter Platz und der Sockel eines in Sandstein ausgeführten Crucifixes, das zu Häupten beider Gräber steht, trägt folgende Doppel-In- schrift. Links: Ernst Leopold Graf v. Schlabrendorf zu Groeben, geb. 13. Mai 1794, gest. 27. Juli 1851. Rechts: Caroline Christiane Emilie Gräfin v. Schlabrendorf, geb. v. Ryssel, geb. 4. Oktober 1797, gest. 2. September 1858. Das Crucifix ist einer süddeutschen Arbeit nachgebildet und zeichnet sich durch Stil und Schönheit aus. Seine vergoldeten Nägelknöpfe fielen ein paar vorüberziehenden Strolchen zum Raube, Fontane , Wanderungen. IV. 26 die hier mit frecher Hand eine Verstümmlung übten; aber die Ver- stümmlung hat dem Heilandsbild in nichts geschadet, und nur ernster und ergreifender sprechen seitdem seine dunklen Male. Siethen jetzt . Auch Siethen hat nur ein märkisches Durchschnitts-Ansehen, verfügt aber, ebenso wie Groeben, über Denkmäler, alte und neue, von einem gewissen historischen Interesse. Dahin gehören die Kirche, der Kirchhof und vor allem auch die Stiftungen, die die beiden Scharnhorstschen Frauen, Mutter und Tochter, hier in’s Leben riefen. Unter diesen Stiftungen steht das 1855 interimistisch, in seiner gegenwärtigen Gestalt aber erst 1860 als Erziehungs- und Waisenhaus gegründete Tabea -Haus obenan. Es ist ein schlichtes, einstöckiges Gebäude, das baulich wenig auffällt. In einem Vorgarten spielen Kinder und überraschen ebenso sehr durch den freundlichen Ausdruck ihrer Augen, wie durch die Sauberkeit und Gleichförmigkeit ihrer Tracht. Ueber das Walten in diesem Hause, desgleichen über die Bestimmung, Einrichtung und Aus- schmückung seiner Räume, geh ich hinweg und begnüge mich eines Bildes Erwähnung zu thun, das in dem in Front gelegenen Em- pfangszimmer hängt. Es ist ein von dem Maler Professor Remy herrührendes Bildniß Fräulein Johanna’s in Diakonissen-Tracht, aus dem all das spricht, was ihr Wesen ausmachte: Güte, De- muth, frommer Sinn und eine dem Irdischen bereits abgewandte Freudigkeit. Auch jene blühenden Farben fehlen nicht, die, mehr als damals geahnt, auf eine nur kurze Pilgerschaft hindeuteten. Gegenüber dem Tabea-Hause liegt die (wie die Groeben’sche) wohl auch dem dreizehnten Jahrhundert entstammende Feldstein- kirche. Während aber die Groebner in den fünfziger Jahren einen Neubau erfuhr, erfuhr die Siethner eine bloße Renovirung. Diese richtete sich unter anderm auch auf Wiederherstellung der sehr malerischen aber zum Theil verblaßten und unscheinbar ge- wordenen Wappenschilde , die die Wandung der Emporen um- kleideten und ungefähr einer Namens-Aufzählung aller Familien, mit denen die Schlabrendorfs einst versippt und verschwägert waren, entsprachen. Aus der Reihe dieser Familien nenn’ ich nur fol- gende: Pfuel, Hake, Katte, Waldenfels, Wuthenow, Schlieben, Putlitz, Krummensee, Burgsdorff, Schulenburg, Thümen, Blumen- thal, Schöning, Arnim, Wedel, Bellin. Ueber minder gekannte geh’ ich hin und hebe nur noch hervor, daß es die beiden Cousinen: Johanna v. Scharnhorst und Agnes v. Scharnhorst waren, die sich dieser mühevollen und Jahr und Tag in Anspruch nehmenden Arbeit unterzogen. Aus der Kirche treten wir auf den schönen im Schutze präch- tiger Bäume gelegenen Kirchhof hinaus und werden an seiner nordwestlichen Einfassungsmauer eines ansehnlichen, in romani- schem Stile gehaltenen Baues ansichtig, der unsere Neugier weckt. Auf unsre Frage hören wir, daß es die schon erwähnte Grab- capelle sammt Leichenhalle sei, die Frau von Scharnhorst — auch darin einem von der Tochter geäußerten Wunsche willfahrend — um das Jahr 60 und zwar unter Aufwand ziemlich bedeutender Mittel errichtet habe. Zu Nutz und Frommen der Siethner, aber — nur in Absicht und Vorstellung. In Wirklichkeit ist noch kein Todter aus Siethen in diese Halle gestellt und noch kein Todten-Gebet über ihn hin in der unmittelbar anstoßenden Capelle gesprochen worden. Und hier ist nunmehr die Stelle gegeben, wo Kritik geübt werden muß, ich weiß nicht ob mehr an den Siethnern oder an den zwei frommen Frauen. Dieser Letzteren Thun und Wirken war unzweifelhaft in hohem Maße segensvoll und förderte nicht blos, wie sich statistisch nach- weisen ließe, jegliches Gute, sondern stimmte die Dorfbevölke- rung auch zu ganz aufrichtigem und in mehr als einem Falle zu geradezu bewunderndem Dank. An dieser erfreulichen Hauptsache wird nichts geändert. Aber andrerseits gingen beide Damen in ihrem Hochfluge gelegentlich zu weit, und wie Kaiser Joseph einst dem österreichischen Volke mehr Aufklärung gab, als es haben wollte, so gaben hier die Scharnhorstschen Damen ihren Siethnern ein Maß von Fortschritt, Wohlthat und Hilfe, das über das Ver- 26* ständniß und jedenfalls über Wunsch und Bedürfniß all derer hinausging, die dadurch beglückt werden sollten. Beide Damen verkannten die bäuerliche Natur, unterließen es, die Macht der Gewohnheit und Sitte gebührend in Rechnung zu stellen und scheiterten deshalb in allem, was über die directe persönliche Hilfe hinauslag und im besten Sinne reformatorisch gemeint, auf’s Allgemeine hin angesehen sein wollte. Dies zeigte sich bei jeder ihrer Stiftungen: bei Grabcapelle, Leichenhalle, Tabea-Haus, und zwar in immer gleicher oder doch verwandter Weise. Die Grabcapelle sammt Leichenhalle war darauf berechnet, namentlich bei Typhus-Epidemien, vor den Gefahren der An- steckung zu schützen. Aber das war lediglich im Sinne der Huma- nität und keineswegs im Sinne der Siethner gedacht. In Siethen verstieß es gegen das Herkommen, und jeder Tagelöhner und Büdner sagte: „Gefahr hin, Gefahr her. Es paßt sich nicht und ist schlecht und feige, solcher Gefahr aus dem Wege gehen zu wol- len. Unser Vater oder Kind ist nun todt, ist uns genommen nach Gottes Willen, und ob wir’s bequem haben oder nicht, dieser Todte, so lang er über der Erde, gehört in unser Haus und uns liegt es ob an seinem Sarge zu wachen, unbekümmert darum ob er uns nachzieht oder nicht.“ Es mag dies vor dem Verstande schlecht bestehen, vor dem Herzen desto besser, und ich habe nicht den Muth einer Gemeinde zu grollen, die lieber ihre Leichenhalle zerfallen sehn als ihre Todten vor dem Begräbniß aus dem Auge lassen will. Ein Aehnliches ist es mit dem Tabea-Haus . Es kommt — darin seine Bestimmung erfüllend — allerdings Armen- und Waisenkindern zu gut, aber immer nur Waisenkindern aus dieser oder jener oft sehr entfernten Stadtgemeinde, während noch kein Siethner Kind als Pflegling in das Haus aufgenommen werden konnte, selbst dann nicht, wenn beide Eltern weggestorben waren. Es ist eben in solchem Falle der nächsten Anverwandten Amt und Ehrensache für die Verwaisten einzutreten, und sie würden sich mit einem nicht zu tilgenden Makel behaften, wenn sie sich dieser Pflicht entschlagen wollten. Und ablehnend wie gegen Tabea-Haus und Leichenhalle verhalten sich die Siethner auch gegen die Wohlthat einer selbständigen Pfarre , trotzdem ihnen, wie schon hervorgehoben, ein sehr bedeutendes und vollkommen ausreichendes Capital zu diesem Zwecke zugesichert wurde. Hier spricht nun freilich außer Gewohnheit und Pietät auch noch ein drittes und viertes mit: Argwohn und unendliche Schlauheit. Aus Tradition und eigner Erfahrung weiß der Bauer, daß sich an jedes Geschenk über kurz oder lang eine Pflicht zu knüpfen pflegt, und dieser aus dem Wege zu gehn, ist er unter allen Umständen entschlossen. Ein Pfarrhaus ist bewilligt worden, gut; aber es kann doch eine Zeit kommen, ja, sie muß kommen diese Zeit, wo die Fenster im Pfarrhause schlecht, die Staketen- zäune morsch und die Dachziegel bröcklig werden. Und wer tritt dann ein? von wem erwartet man dann die Hilfe? Natürlich von der neuen Kirchengemeinde, der der neucreirte Herr Pfarrer nunmehr vielleicht seit lange schon, seit einem Menschen- alter und länger in Ehren und Würden vorgestanden hat. Und das will der Bauer nicht. Er weiß nichts von timeo Danaos, aber er hat alle darin verborgene Weisheit und Vorsicht in seinem Gemüthe und jederzeit abgeneigt den Beutel zu ziehen, auch wenn es sich erst um weit, weit ausstehende Dinge handelt, bleibt er lieber Filial, als daß er sich der Auszeichnung eines eignen Pfarrsitzes Während der Verhandlungen, die bereits vielfach über die Pfarrgrün- dungsfrage stattgefunden haben, ist es bis jetzt ganz unmöglich gewesen, den Bauer aus dem Sattel zu heben. Auf die Bemerkung: „Und Ihr werdet dann auch nicht länger nöthig haben, Eure Kinder bei Winterwetter eine halbe Meile weit zum Confirmationsunterricht zu schicken“ antwortete man ein- müthig: „Ei, auf diese zwei Tage freuen sich ja die Kinder die ganze Woche; da haben sie Schlitterbahn und schneeballen sich und kommen immer frisch und munter nach Hause.“ erfreuen sollte. Der Kirchhof, auf den wir jetzt zurücktreten, ist reich an Steinen und Kreuzen, auf denen einzelne klangvolle Namen zu lesen sind. „Ernst Carl Leopold v. Uslar-Gleichen“ und an andrer Stelle: „Hier ruht Frau Clara v. Chaumontet, geb. Gräfin zu Dohna“. Beide waren Scharnhorst’sche Verwandte, die hier vom Tod überrascht oder doch zu früher Lebensstunde von ihm gebannt und festgehalten wurden. Aber auch solche ruhen hier, die der Tod an diese Stelle nicht unerbittlich bannte, sondern die sich’s umgekehrt als einen letzten Wunsch ausbaten, hier ruhen zu dürfen . „ Ihrem Wunsche gemäß ruht hier Sophie Elisabeth Luise Honig, ge- boren zu Berlin den 17. März 1790, gestorben ebendaselbst den 21. November 1843.“ Ihr Vater hatte Siethen bis Ende des Jahrhunderts besessen, und in Kindertagen hatte sie hier gespielt. Hier zwischen den Gräbern. Es war ihr in Erinnerung geblieben, und nun verlangte sie’s nach dieser Stelle, der einzigen vielleicht, an der sie glücklich gewesen war. Eine größre, von einem Eisengitter eingefaßte Grabstätte liegt in der Mitte des Kirchhofs, fast dem Tabeahause gegenüber. Es ist die Stätte, wo beide Johanna v. Scharnhorsts, Mutter und Tochter ruhn. Ein Stein-Crucifix, wie das Groeben’sche, steht zu Beider Häupten und nur zu Füßen des Gekreuzigten erhebt sich an dieser Stelle noch eine zweite Figur: eine betende Maria. Blumen und Epheu wachsen über die Gräber hin und Trauer- Eschen umstehen das Gitter. In den Sockel des Crucifixes aber sind folgende Namen und Daten eingetragen: „Johanna v. Scharn- horst, geborne Gräfin v. Schlabrendorf, geboren am 22. April 1803, gestorben am 6. Januar 1867.“ Und links daneben: „Johanna v. Scharnhorst, den 16. November 1825 zu Trier geboren, den 13. October 1857 zu Wildbad dem Herrn entschlafen“. Und nun nehmen wir Abschied und schreiten ohne weitre Säumniß aus dem Dorf auf die schmale Damm-Stelle zu, die, genau halbenwegs zwischen den Schwesterdörfern, eine mit wenig Bäumen bestandene Landenge bildet und nach rechts hin einen Blick auf den Siethner und nach links hin auf den Groebener See gestattet. In gleicher Schönheit breiten sich beide vor uns aus, aber während der mehr flachufrige Groebener See sich endlos auszu- dehnen und erst am Horizont inmitten einer im blauen Dämmer daliegenden Hügelkette seinen Abschluß zu finden scheint, ist der Siethner enger und dichter umstellt und die Parkbäume neigen sich über ihn und spiegeln sich darin. Auf beiden aber ruht der- selbe Frieden und dieselbe Schwermuth. Und diese Schwermuth ist ihr Zauber. Ein matter Luftzug geht und nur matter noch geht und klappert die Mühle. Die Wasserente taucht, und aus der Tannenschonung steigt ein Habicht auf, um die letzten Son- nenstrahlen einzusaugen, — jetzt aber verflimmert es roth und golden im Gewölk und im selben Augenblicke schießt er wieder in’s Dunkel seiner Jungtannen nieder. Auch die Mühle schweigt und der Wind. Und Alles ist still. Der Scharnhorst-Begräbnißplatz auf dem Berliner Invalidenkirchhof . „Grüß euch Gott, ihr theuren Helden! Kann euch frohe Zeitung melden: Unser Volk ist aufgewacht. Deutschland hat sein Recht gefunden, Schaut, ich trage Sühnungswunden Aus der heilgen Opferschlacht.“ Max v. Schenkendorf. J ohanna von Scharnhorst ruht auf dem Dorfkirchhofe zu Siethen, alle anderen v. Scharnhorsts aber, Kinder wie Enkel, ruhen auf dem Invalidenkirchhofe zu Berlin und zwar in einem Halbkreis um das ihrem berühmten Vater, beziehungsweise Groß- vater ebendaselbst errichtete Grabdenkmal her. Dies Grabdenkmal entstand in den zwanziger Jahren, einer Gegenströmung unerachtet, an der es damals nicht fehlte und auch viel früher schon nicht gefehlt hatte. Die Anfänge davon zeigten sich bereits unmittelbar nach dem Tode Scharnhorsts im Hochsommer 1813, als sich’s um Veröffentlichung eines bloßen Nachrufs handelte, den Clausewitz und Gneisenau gemeinschaftlich abgefaßt hatten. Es mag gestattet sein, bei diesem Vor -Ereigniß einen Augenblick zu verweilen. Der Nachruf lautete: „Am 28. Juni starb zu Prag an den Folgen der bei Groß- Görschen erhaltenen Wunde der K. preußische Generallieutenant von Scharnhorst. Er war einer der ausgezeichnetsten Männer unserer Zeit. Das rastlose, stetige , planvolle Wirken nach einem Ziele, die Klarheit und Festigkeit des Verstandes, die umfassende Größe der Einsichten, die Freiheit von Vorurtheilen des Her- kommens, die stolze Gleichgiltigkeit gegen äußere Auszeichnungen, der Muth in den unscheinbarsten Verhältnissen mit den schlichtesten Mitteln durch bloße Stärke des Geistes den größten Zwecken nach- zustreben, jugendlicher Unternehmungsgeist, die höchste Besonnen- heit, Muth und Ausdauer in der Gefahr, endlich die umfassendste Kenntniß des Kriegswesens machen ihn zu einem der merkwürdigsten Staatsmänner und Soldaten, auf welche Deutschland je stolz sein durfte. „Billig und gerecht im Urtheil, sanft und ruhig in allen Verhältnissen mit Anderen, freundlich, herzlich im ganzen Lebens- umgange, war er einer der liebenswürdigsten Menschen, die den Kreis des geselligen Lebens zieren. „Was er dem Staate gewesen ist und dem Volke und der ganzen deutschen Nation, mögen Viele oder Wenige er- kennen, aber es wäre unwürdig, wenn Einer davon gleichgiltig bliebe bei dem traurigen Todesfall . „Es müßte keine Wahrheit und Tiefe mehr in der mensch- lichen Natur sein, wenn dieser Mann je von denen vergessen werden könnte, die ihm nahe gestanden, ihn verehrt und geliebt haben.“ So der Nachruf, dessen staatlich- officielle Veröffentlichung von Seiten seiner Verfasser (Gneisenau und Clausewitz) im Har- denberg’schen Cabinete gefordert wurde. Dort aber stieß diese Forderung auf Widerstand, weniger bei dem Staatskanzler selbst als bei seinen Räthen J. und v. B., und weil man nicht direct ablehnen wollte, bemängelte man Einzelnes und hob in einem an Gneisenau gerichteten Antwortschreiben hervor, „daß das zweitletzte, vorstehend gesperrt gedruckte Alinea dunkel und eine Aenderung desselben wünschenswerth sei; Scharnhorsts Verdienste seien allge- mein gefühlt und anerkannt.“ Gneisenau jedoch war nicht umzustimmen und schrieb unterm 4. Juli von Patschkau aus: „In eine Abänderung der als ‚dunkel‘ bezeichneten Stelle kann ich nicht willigen. Allgemein gefühlt und anerkannt ist Scharnhorsts Verdienst keineswegs. Und wenn es nicht allgemein anerkannt ist, warum dies nicht sagen? Jeder große Mann hat seine Freunde und seine Verunglimpfer, und ge- rade darin, daß er es nicht darauf anlegte, Jedermann zu gefallen, liegt seine Größe. So etwas muß daher bei einem solchen Tode gesagt werden. Und wenn die bezweifelte Stelle, ungeachtet dessen, was ich zu ihrer Rechtfertigung anführe, nicht gedruckt werden soll, so bitte ich den ganzen Aufsatz zu unterdrücken. v. Gneisenau.“ Man mag sich zu dieser Controverse In dem Punkte, daß man im Cabinet eine gewisse Bestrittenheit der Scharnhorstschen Verdienste wegleugnen wollte, hatte man gewiß Unrecht, aber darin andererseits gewiß Recht, daß es mindestens „unopportun“ war, in solcher Zeit auf solche Meinungsverschiedenheiten oder auch Schlimmeres hinzuweisen. — (Einen eigenthümlichen Eindruck macht es außerdem, aus dem Briefwechsel zwischen den streitenden Parteien zu ersehen, daß die beiden Räthe J. und v. B. auch stilistische Vedenken hatten und damit nicht hinter dem Berge hielten. So wollte man das gesperrt gedruckte Wort „stetig“, weil es nicht deutsch sei, gern weg haben und proponirte statt seiner das Wort „an- haltend.“ Aber Gneisenau wollte auch von einer derartigen, blos sprachlichen Aenderung nichts wissen und antwortete: „Stetig“ will mehr sagen als „an- haltend“; jenes bezeichnet das Bewußtsein des Wollens und des Zweckes. Es ist das englische „steady“ und ist absichtlich gewählt“. Zuletzt wurde die Sache Hardenberg selbst zur Entscheidung vorgelegt und dieser schrieb sehr fein an den Rand: „Das Wort „stetig“ kann als eine neue Creation wohl gut sein. Ich kenn’ es aber noch nicht als deutsch.“) stellen wie man will, Eines erhellt daraus: ein Vorhandensein von Antagonismen und Gereiztheiten, über deren Ursachen ich mich an dieser Stelle nicht weiter verbreiten mag. Es war eben eine „Gegenströmung“ da, das war unzweifelhaft, und diese dauerte fort, als einige Jahre später von Seiten der Scharnhorst-Freunde der Plan angeregt wurde, seine irdischen Ueberreste von Prag her nach Berlin zu schaffen und ihm daselbst ein Denkmal zu setzen. „Anfangs,“ so schreibt Minutoli, „flossen die Beiträge reichlich; aber die Wahr- heit erfordert, einzugestehen, daß sich beim Einsammeln auch Theil- nahmlosigkeit, Engherzigkeit, ja sogar Mißgunst zu erkennen gab.“ Im Sommer 1819 hatten diese Sammlungen begonnen, in- dessen erst fünfzehn Jahre später, am 2. Mai 1834, wurde das Grabmonument, an dessen Herstellung unsere besten künstlerischen Kräfte mitgewirkt hatten, beendigt. Von Schinkel war der Ent- wurf, insonderheit auch der architektonische Aufbau des Ganzen; Rauch hatte den berühmten schlafenden Löwen und Friedrich Tieck die den Sarkophag umziehenden Reliefbilder ausgeführt. Diese Reliefs sind die folgenden: a ) Graf v. d. Lippe entlätzt den Zögling. 1777. b ) Festung Menin (Scharnhorst schlägt sich mit der han- noverschen Besatzung durch die französische Belagerungs- Truppe durch) den 30. April 1794. c ) Preußens Heer empfängt ihn den 1. Mai 1801. d ) Preußisch-Eylau den 8. Februar 1807. e ) Bewaffnung zum Kampfe von 1813. f ) Groß-Görschen den 2. Mai 1813. Dazu gesellen sich, in den Deckstein des Sarkophags einge- schnitten, folgende Daten: Linke Breitseite . Gerhard David v. Scharnhorst, K. preußischer General-Lieutenant. — Seine Ueberreste wurden im Jahre 1826 von Prag hierhergeführt, um unter diesem, seinem Andenken gestifteten Denkmale zu ruhn. Hintere Schmalseite . Geboren den 12. November 1756 zu Haemelsee Zeit und Ort ist an dieser Stelle nicht richtig angegeben. Er wurde nicht 1756, sondern 1755 und nicht in Haemelsee, sondern in Bordenau ge- boren. Ein solcher Fehler an solcher Stelle wird Manchen überraschen; wer sich aber von Metier wegen viel um Biographisches gekümmert hat, weiß, daß nichts häufiger ist, als derartig irrthümliche Angaben. Ein Befragen der Kirchenbücher unterbleibt, und auf Mittheilungen einzelner Familien- glieder hin, „die’s von Jugend auf so und nicht anders gehört haben,“ entstehen die Fehler. Erst in neuerer Zeit ist man vorsichtiger in diesem Punkte geworden. in Hannover. Vordere Schmalseite . Bei Groß-Görschen verwundet. An dieser Wunde gestorben zu Prag den 28. Junius 1813. Rechte Breitseite . (Widmung) „Scharnhorst’ die Waffen- gefährten von 1813.“ Um dies berühmte Denkmal her ruhen, wie schon Eingangs hervorgehoben, die Kinder und Enkel des Generals, auch Graf Friedrich Dohna , sein Schwiegersohn, jeder unter einer mächtigen Platte von polirtem Granit, auf welche, neben dem Namen und den Daten von Geburt und Tod, einfach ein Kreuz und ein Bibelspruch eingegraben ist. Zur Linken des Denkmals. Juliane v. Scharnhorst . Geb. den 28. Juli 1788; vermählt mit Graf Friedrich zu Dohna den 10. Nov. 1809; dem Herrn entschlafen den 20. Febr. 1827. „So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.“ Epistel Pauli an die Römer Cap. 13, Vers 10. Zur Rechten des Denkmals. August v. Scharnhorst . Geb. den 20. April 1795; dem Herrn entschlafen den 11. October 1826. „Ich will Euch wiedersehen und Euer Herz soll sich freuen und Eure Freude soll Niemand von Euch nehmen. Ev. Jo- hannes 16, Vers 22. Also je ein Stein zur Linken und Rechten des Denkmals. In Front desselben aber ruhen vier Todte. Friedrich Graf zu Dohna . Generalfeldmarschall und Oberstkämmerer Sr. M. des Königs; geb. den 4. März 1784, gest. 21. Feb. 1859. „Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben.“ Wilhelm v. Scharnhorst Wilhelm v. Scharnhorst , General der Infanterie, gest. am 13. Juni 1854 zu Ems. Er besuchte das Gymnasium zum grauen Kloster und trat in das preußische 3. Husaren-Regiment ein, ging aber bald danach (wahr- scheinlich 1809) auf Wunsch seines Vaters nach England. In der deutsch- englischen Legion focht er unter Wellington in Spanien. 1813 kam er nach Preußen zurück. 1818 vermählte er sich mit der Tochter des späteren Feld- marschalls, Grafen Gneisenau, kam in den Generalstab und wurde militärischer Zwecke halber 1827—28 nach Griechenland, später nach Holland hin ab- commandirt. Anfang der vierziger Jahre war er Inspecteur der Artillerie von Pommern und Preußen, danach in der Rheinprovinz. 1849 nahm er . Geb. d. 16. Februar 1786, gest. am 13. Juni 1854. „Das kein Auge gesehen und kein Ohr gehöret hat, und in keines Menschen Herz gekommen ist, das Gott bereitet hat Denen, die ihn lieben.“ 1. Corinther 2, Vers 9. Gerhard v. Scharnhorst . K. Preuß. Premierlieutenant im 3. Husaren Regiment; geb. 18. Sept. 1819, gest. den 9. Februar 1858. „Barmherzig und gnädig ist der Herr.“ Psalm 103, Vers 8. August v. Scharnhorst . Platzmajor von Pillau, geb. 6. April 1821, gest. 11. Nov. 1875. „Das Alte ist vergangen; siehe, es ist alles neu geworden.“ 2. Cor. 5, Vers 17. Die beiden zuletzt Genannten ( Enkel des 1813 gefallenen Generals) haben einen gemeinschaftlichen Grabstein. Der enge Raum innerhalb des nur 12 Schritt breiten und 15 Schritt langen Eisengitters gebot dies. In den vier Ecken stehen Trauer- Eschen; aller weitere Schmuck ist vermieden, selbst Blumen fehlen. Mit diesen beiden 1858 und 1875 kinderlos verstorbenen und im Laufe dieses Jahres (1881) nach Berlin hin übergeführten Enkeln des Generals: dem Premierlieutenant Gerhard v. Scharnhorst, und dem Platzmajor August v. Scharnhorst, erlosch, nach genau 120jährigem Bestehen — vom 12. November 1755 bis 11. November 1875 — das erst 1802 geadelte Haus von Scharnhorst. Von Allen, die diesen berühmten Namen einst führten, lebt nur noch der ebengenannten Brüder, Gerhard und August, jüngere Schwester: Agnes v. Scharnhorst (Cousine Johanna an dem badischen Feldzuge Theil und wurde zuletzt zum Gouverneur von Rastatt ernannt. Bald darauf erbat er seinen Abschied und übersiedelte nach Berlin, um nur noch den Wissenschaften zu leben. Namentlich war er als Geograph bedeutend und mit Ritter sehr befreundet. Eine von ihm angelegte, viele Seltenheiten enthaltende Landkarten-Collection wurde nach seinem Tode vom Staat angekauft und der königl. Bibliothek unter dem Namen der „Scharnhorst-Sammlung“ überwiesen. — Ueber den jüngeren Bruder, August v. Scharnhorst († 1826) hab’ ich in dem Capitel „Groeben und Siethen“ ausführlicher berichtet. von Scharnhorsts) seit 1855 vermählt mit Baron Karl von Münchhausen, Oberst z. D. und Schloßhauptmann in Erd- mannsdorf. Ihrer vor keiner Mühe zurückschreckenden Anregung ist es zu danken, daß, seit dem Ablaufe dieses Sommers, ihr Ahnherr Gerhard David v. Scharnhorst alle die Seinen an seiner Grab- statt um sich versammelt sieht. An der Nuthe. Saarmund und die Nutheburgen. Noch einmal hob er seinen Btick, dann sagt er dumpf: „die Spiegelung! Ein Blendwerk, ärger als der Smum, bös- artiger Geister Zeitvertreib;“ Er schwieg, das Meteor verschwand. Freiligrath (Mirage). S aarmund , ein Zauche-Städtchen, ist an dem Wiedervereinigungs- punkte zweier Nuthe-Arme gelegen, von denen der kleinere, nur auf eine kurze Strecke hin abgezweigte, den Namen der Saare führt. Daher denn also Saarmund. Die Nuthe selbst entspringt auf dem hohen Vläming bei Jüterbog in Nähe des historischen Dorfes Dennewitz, wendet sich nordwärts und fließt endlich bei Potsdam, unter Sumpf und Wiesen versteckt, in die Havel. Wer tagelang an Rhin oder Finow, an Stobber oder Löcknitz, an Nieplitz oder Notte herum- gewandert ist, der blickt, wenn er eines Flusses, wie die Havel, wieder ansichtig wird, auf ihre blauen und seenreichen Flächen, als zöge die Wolga an ihm vorüber. Der Maßstab ist eben Alles. Und zu diesen Kleinsten, denen die bescheidne Aufgabe zu- fällt, andre Kleine zu heben oder groß zu machen, gehört denn auch die Nuthe, die nur das Eine vor ihres Gleichen voraus hat, schon in weit zurückliegender Zeit (ja damals mehr denn später) ein Grenzfluß, eine Trennungslinie gewesen zu sein. Fontane , Wanderungen. IV. 27 Alles was die Nuthe trennte, hieß zwar nur Teltow und Zauche , wird mithin in den großen Büchern nicht verzeichnet stehn; aber es traf sich nichts destoweniger, daß, auf ein ganzes Jahrhundert hin, diese zwei Namen zwei Welten bedeuteten und schieden. Die Zauche , durch Albrecht den Bären unter- worfen, war christlich und deutsch, der Teltow , den alten Göttern treu verblieben, stak noch in Heiden- und Wendenthum. Das war die Zeit, als die Nuthe ihre großen historischen Tage zählte; das war das Jahrhundert der „ Nutheburgen .“ Ob diese letzteren Aggressiv- oder Defensiv-Punkte waren, ob sie die Deutschen bauten, um von der Zauche her den Teltow zu erobern, oder ob sie die Wenden bauten, um der vordringenden Eroberung einen Damm entgegenzusetzen, — diese Fragen werden nie mehr gelöst werden; alle Aufzeichnungen fehlen und die Schlüsse, die man aus diesem und jenem gezogen hat, bleiben einfach Hypothese. Die Nutheburgen jener ersten christlichen Epoche sind todt, hinge- schwunden für immer. Aber um eben deshalb vielleicht zählen sie zu den Lieblingen märkisch archäologischer Forschung. Es ist wenig mehr als ihre Namen, was man kennt. An den Flügeln lagen: Pots- dam und Trebbin, im Centrum: Beuthen und Saarmund . Saarmund, unter diesen vier Nuthe-Burgen vielleicht die verschollenste, genoß dafür des Vorzugs eines poetischen Namens. Daß er an diesem Punkt überhaupt entstehen konnte, war das Resultat einer Nuthe-Großthat. Arm aber edel, und viel- leicht auch all das Herrliche vorahnend, das hier einstens erblühen werde, zweigte die Nuthe selbstsuchtslos einen Wasserarm von sich ab und wohl zugleich auch aus eigner schmerzlicher Erfahrung wissend, was eines Namens Wohlklang bedeute, gab sie diesem abgezweigten Arme den Namen Saare mit auf den Lebensweg. Und siehe da, die Vorahnung hatte nicht getrogen. An eben der Stelle, wo (wie schon erzählt) ins alte Nuthe-bett die kaum geborene Saare wieder einmündet, erwuchs Saarmund . Im Rücken der Stadt aber, an den Südhängen der Zauche-Hügel, entstanden Weinberge über Weinberge, so daß Deutschland ein paar Jahrhunderte lang der Aus- zeichnung genoß, einen doppelten Saarwein zu produciren: einen Kur-Trierschen bei Saar brück und einen Kurmärkischen bei Saar- mund . Unbestrittner an Ruhm waren freilich die Saare- Krebse, die die Chronisten nicht müde werden zu preisen „insonder- heit auch die großen Alande, die noch angenehmer sind als Zander.“ Um Saarmund und seine Saare , so viel muß zugegeben werden, schwebt ein gefällig-romantischer Klang, aber die tiefere Poesie dieser Gegenden ist doch alte Nuthen -Poesie. Die Nuthe herrscht hier, die Nuthe giebt den Charakter und breitet ihren Ein- samkeits-Zauber über die sie begleitenden, endlosen Wiesengründe, gleichviel nun ob sie der Roth-Ampher sommerlang überblüht oder ob im November die Krähen mit naßschwerem Flügel drüberhin schweben. Hier, in den Kolken am Flusse hin, war bis vor Kurzem noch der Biber zu Haus und der Fischadler that reichen Fang. Sagen- hafte Gestalten, groß und hager, und an Jahren weit über das Gedächtniß der ältesten Leute hinausragend, zogen mit ihrem Springstock über die tiefen Moore; wie Schatten schritten sie im Nebel, der Regenvogel pfiff in langen Pausen und das dumpfe Gurgeln der Rohrdommel klang vom Flusse her. So war das Nuthe-Thal und so ist es bis diesen Tag. Zwei, drei Brücken haben wir noch auf der Saarmunder Straße zu passiren. Von der ersten aus, deren hochgewölbte Balken uns einen Blick nach rechts und links hin gestatten, schweift unser Auge das Thal hinauf und hinunter. Tiefe Stille; nur Wasser und Wiese; kein Floß, kein Kahn; nichts Lebendes, nichts als das weiße Ge- wölk, das, langsam ziehend, dem langsamen Zuge des Wassers folgt. Nichts Lebendes. Und woher auch Leben? Wenn es wahr ist, daß man eine Großstadt auf Meilen hin in beinah räthselvoller Weise vorausfühlt, so muß die Wirkung, die Saar- mund in die Ferne hin übt, eben die der Abgestorbenheit sein. Denn man kann nur mittheilen, was man hat. Und nichts Ab- gestorbneres und Stilleres als Saarmund. Ueber eine letzte Brücke hin rasselt unser Gefährt in die Stadt hinein: beschnittne Linden vor den Thüren, über die Hof- und Gartenzäune strecken Hollunderbäume die weißen Dolden und wenn dann und wann eine Hausthür sich öffnet und der eigenthümliche Klapperton einer schadhaften Klingel über die Straße klingt, so horcht die ganze Stadt. 27* Unser Wagen war ein Ereigniß. Einer stürzte halbrasirt ans Fenster und der rückwärts gewandte Gruß, den ich ihm zuschickte, traf noch seine seifenschaumene Hälfte. Weiter. Endlich mündeten wir auf einen lindenumstellten Platz, der die „Freiheit“ hieß. Wir nahmen es als selbstverständlich hin. Warum sollte hier nicht Freiheit sein? Der Eindruck des Oeden, den die ganze Stadt macht, an dieser Stelle steigert er sich, denn hier war einmal Leben. Unter den Fenstern des ersten Stockes hin, ziehen sich lange Wirthshaus- schilder „Stadt Halle,“ „Stadt Leipzig“, die sich fast wie Grab- schriften lesen über einer Zeit, die nicht mehr ist. Hier führte vor fünfzig oder hundert Jahren die große Straße von Sachsen vor- über, hier war ein Hauptzollamt, und Saarmund hatte damals eine Bedeutung, etwa wie Wittenberge heut oder irgend sonst ein Platz, an dem der Koffer untersucht und die Sprache des deutschen Biedermannes in der Mauth- und Zoll-Nüance gesprochen wird. Das ist nun alles dahin. Die geschlossenen Fenster zeigen nichts mehr als lange Rouleaux, deren in der Schräge schwebende Landschaften auf ein völlig gestörtes Roll- und Räderwerk deuten; alle Krippen stehen leer, und müde vom Warten haben sie sich an die Wand gelehnt. Die Hühner picken drum herum. Wo sie’s hernehmen, Gott weiß. Ein eignes Geschick ist um gewisse Städte, wie um gewisse Menschen her. Sie sind anmuthig, alles scheint für sie zu sprechen und sie können es nichtsdestoweniger zu nichts bringen. So Saar- mund. Einer der vielen Orte, die nicht leben und nicht sterben können und nur dazu da sind, im Herzen eines Vorüberfahrenden ein senti- mentales Gefühl zu wecken. An einem der Prellsteine von „Stadt Leipzig,“ wo der Weg nach rechts hin abbiegt, stand ein Mann in mittleren Jahren, mit einem guten, zuverlässigen Gesicht. Seine Kappe hatte den Schnitt einer alten Landwehrmütze, sein Rock aber einen Stehkragen von dunkler Farbe. Eine Art Nachtwächterblau. Mir lagen immer noch die „Nutheburgen“ im Kopf, nach denen ich meine Suche nicht ohne Weiteres aufgeben wollte. Das ist dein Mann, dacht’ ich, und ließ halten. „Sind Sie von hier?“ „Ja.“ „Das ist schön. Da kennen Sie gewiß die Nutheburgen?“ Der Ausdruck seines Gesichts ließ keinen Zweifel darüber, daß dieses Wort mit dem balladesken Doppel-U zum ersten Male sein Ohr traf. In seiner Antwort gerieth er vom Hundertsten ins Tausendste, stolperte zwischen allerhand Local-Bezeichnungen wie Burgwall und Nuthebrücke hin und her und erzählte mir Dinge, die, wie gewöhnlich, auf alles Mögliche Rücksicht nahmen, nur nicht auf den Gegenstand meiner Sehnsucht. Ich sah bald, daß der älteren märkisch-wendischen Heimathskunde hier keine Quelle floß und war denn auch rasch entschlossen durch eine Diversion jeder weiteren Verwirrung vorzubeugen. „Ist sonst nichts da, das sich verlohnte?“ „Nichts als der Galgenberg .... Da haben Sie die beste Aussicht: das ganze Nuthethal. Links Potsdam und rechts Trebbin. Es soll auch ein Schatz …“ „Gut, gut.“ Ich grüßte, gab dem Kutscher einen leisen Schlag, und im nächsten Momente ging es vom Straßendamm hinunter in den mahlenden Sand hinein. Eine kurze Strecke Weges, da stieg der Berg mit dem ominösen Namen vor uns auf. Es war ein heißer Tag und Mittagsstunde; wir hielten deshalb und stiegen aus. Die Sonne fiel glüh auf den Abhang, den wir hinanf mußten. Vor uns weideten ein paar magere Schafe, die sich ihrer Magerkeit an dieser Stelle nicht zu schämen hatten; nur halbverbranntes, moos- artig kurzes Gras zog sich über den Sand hin und nichts grünte als die Wolfsmich. Endlich oben. Es lohnte sich schon. Wie um dem Missethäter das Scheiden doppelt schwer zu machen, stellte das Mittelalter seinen Dreibaum immer auf die höchsten und schönsten Punkte. Und wieder stand ein Dreibaum dort oben vor uns, aber freilich das Kind einer anderen Zeit: ein Vermessungsinstrument spreizte seine drei mageren Beine. Das helle Licht hinderte den Blick; nur mitunter kam eine leise Trübung und das Auge konnt alsdann die Landschaft umfassen. Zu Füßen Saarmund mit seinen rothen Dächern und rothem Thurm; dahinter die Wiesen und die Nuthe; jenseits aber die stillen Dörfer des Teltow und diesseits die stilleren Berge der Zauche. Wer nach uns an diese Stelle tritt, der freue sich des Bildes und der allgemeinen Vorstellung: an diesem Wasserlauf ent- lang lagen also die Nutheburgen ! Und er nehme dies Bild und diese Vorstellung in Dankbarkeit mit heim. Aber er hüte sich auf weitere Forschungen und Entdeckungen ausziehen zu wollen. Die Nutheburgen necken ihn nur und sind wie die Fatamorgana dieser Zauche-Wüste. Wenn er sie zu haben glaubt, so hört er den Mittagsgeist lachen, das Bild zerrinnt und — die Nutheburgen sind ihm ferner denn zuvor. Blankensee. Da sagte die Mark: Eh bien , wohlan, Ich kann dasselbe wie Canaan, Und will sich’s seiner Sarah berühmen, So hab’ ich meine Frau von Thümen . E ine halbe Stunde südlich von Saarmund, immer am Ufer der Nuthe hin, fahren wir in einen schmalen, spitz auslaufenden Landestheil ein, den wir am besten als den „Thümenschen Winkel“ bezeichnen. Dieser Thümensche Winkel, in Zeiten, die nicht allzu- fern zurückliegen, hatte eine gewisse politische Bedeutung, denn er war sächsisches Land, das sich an dieser Stelle weit ins Branden- burgische hineinschob, so weit, daß die Entfernung bis Potsdam nicht voll zwei Meilen betrug. Das war denn, wie sich denken läßt, in den Tagen Friedrich Wilhelms I. eine Sache von „Im- portance,“ jeder Deserteur wußte davon, und so unbequem der Thümensche Winkel für den König lag, so bequem lag er für den Flüchtling. Von dieser „Importance“ ist dem Thümenschen Winkel begreiflicherweise nichts geblieben und er muß sich jetzt wieder mit dem begnügen, was er sonst noch aufzuweisen hat, meist Dinge, die viel weiter in unsere Geschichte zurückgehen, als die „großen Blauen“ von Potsdam. Die Residenz dieses Fleckchens Erde heißt Blankensee . Hier haben die Thümens ihr Herrenhaus, hier ihre Kirche, ihre Gruft. Auch an Sagen fehlt es nicht, in denen irgend ein Vor- besitzer, aber immer ein Thümen, seine halb spukhafte Rolle spielt. Wir werden in der Folge noch davon zu erzählen haben. Es war Mittagsstunde, als wir vor dem Gasthause hielten. Der Wagen fuhr in den breiten Schatten einer Linde, während wir uns rüsteten und mit den Augen überallhin umherfragten. Unser Erstes war ein Gang durch das Dorf. Am schönsten gelegen ist das Herrenhaus. In Front ein Elsenbruch, an den Flügeln zwei breite Seespiegel, und zwischen Schloß und Park ein Wasserlauf, der diese beiden Seeflächen verbindet, — das ist in großen Zügen die Scenerie. Das Gesträuch des Parkes wuchs weit über das Wässerchen hin und schuf einen Laubengang, unter dem die Enten auf und ab fuhren und sich’s wohl sein ließen. Inzwischen brannte die Sonne mehr und mehr und die Schatten des Parkes luden uns zum Verweilen ein. Aber es war doch schließ- lich ein anderes, was uns hierher geführt hatte, weshalb wir denn auch Park und Schloß aufgaben, um uns zunächst eines sagen- und landeskundigen Blankenseeers zu versichern. Der Zufall wollt’ uns wohl und am Dorfrande wurden wir alsbald eines Mannes ansichtig, der, in einem offenen Thorwege stehend, unserm unsichren Umhersuchen schon seit einiger Zeit gefolgt zu sein schien. Als er uns auf sich zukommen sah, kam er uns seinerseits unter artigem Gruß entgegen. Es war ein großer, schöner Mann von militärischer Haltung, dabei zugleich von jener ruhigen Sicherheit, wie sie die bibelfesten Leute zu haben pflegen. Es entspann sich folgendes Gespräch. „Wir wollen auf den Kapellenberg . Können Sie uns den Weg zeigen?“ „Ich kenn ihn nicht. Aber nach dem was ich gestern gehört, ist er nicht zu fehlen.“ „So sind Sie nicht von Blankensee?“ „Nein. Ich bin erst seit acht Tagen hier.“ „In der Schäferei?“ „Ja.“ „Der Schafmeister?“ „Nein. Ich bin sein Knecht.“ Mein Begleiter und ich sahen einander an und eine kleine Pause trat ein. Der unumwundenen Erklärung „ich bin dieses oder jenes Mannes Knecht“ begegnet man in Städten niemals und auf dem Lande nicht allzuhäufig. Man sucht sich ausweichend zu helfen, so gut es geht. „Ick bin bi Schulz’ Borchardten sine Peerd,“ so oder ähnlich wird das Wort umgangen. Was uns aber in dem vorliegenden Falle noch ganz besonders frappirte, war das correcte Deutsch und der männliche und zugleich be- scheidene Freimuth, in dem die Antwort gegeben wurde. Diese so seltene Demuth und Wahrheitsliebe verfehlte nicht eines Eindrucks auf uns und wir freuten uns als unser neuer Bekannte darum bat, uns begleiten zu dürfen. Er war, wie sich bald ergab, aus der Provinz Sachsen, hatte in der Garde gedient und war dann sechs oder sieben Jahre lang der Diener in einem altlutherischen Hause und der Pfleger eines einzigen gichtbrüchigen Sohnes gewesen. So war denn vieles erklärt. Was ihn aus der großen Stadt in dies abgelegene Dorf geführt, erfuhren wir nicht. Erst über ein breites Brachfeld hin und bald danach einen Wald- weg hinauf, erreichten wir die Kuppe des unser nächstes Ziel bildenden Kapellenb erges und betraten den alten Bau, der seinerzeit diesem Berge den Namen gegeben. Zwei Wände sind eingestürzt, zwei stehen noch, so daß es auch für den Laien ein Leichtes ist, sich alles wieder in Vollständigkeit vorzustellen. Es war eine gothische Kapelle, zehn Schritt im Quadrat, nach allen vier Seiten hin offen, genau nach Art jener Baldachine, denen man in alten Domen so oft über dem Altar begegnet. Ob dieser Bau vordem ein Wallfahrtsort war, ist schwerlich noch mit Sicherheit festzustellen, aber das scheint mir gewiß, daß er kirchlichen Zwecken und nur solchen diente. Die Consol- Nische, darauf das Muttergottesbild stand, ist noch wohl erhalten und so muß es denn einigermaßen überraschen, in selbst guten Büchern auf folgende Versicherungen zu stoßen: „Es verräth nichts hier, daß das Gebäude jemals kirchlichen Zwecken gedient haben könne. Der Zweck desselben war ein militärischer; es war eine Burgwarte . Das Gemäuer zeugt von hohem Alterthum, und es ist mindestens möglich, daß es, wenn nicht aus der Slaven- zeit, so doch aus der Zeit der deutschen Eroberung stammt. Es diente wohl als Zwischenstation für die Burgen Trebbin und Saarmund.“ So viele Zeilen, so viele Fehler. Solche Urtheile datiren noch aus einer Zeit her, wo die Kenntniß über künstlerische, speciell über architektonische Dinge gleich Null war. Kugler, Schnaase, Lübke haben eine völlig „neue Aera“ geschaffen. Während jetzt Jeder aus Rund- oder Spitzbogen, aus Tonnen- oder Kreuzgewölbe, den Stil und das Jahrhundert einer Kirche leidlich genau zu bestimmen weiß, stand man früher vor diesen Dingen wie vor einem Räthsel und unterschied das Alter zweier Gebäude oft rein nach dem Grade äußerlichen Verfalls , dabei zur Architektur eine kaum wissenschaftlichere Stellung einnehmend, wie die Kinder zur Pflanzenkunde, wenn sie die Blumen in blaue, rothe und gelbe theilen. Dies muß man immer gegenwärtig haben. In jenen Zeiten abso- luter baugeschichtlicher Unkenntniß sind durch im Uebrigen grundgescheidte Leute grundfalsche Dinge zu Papier gebracht worden, die nun, ausgerüstet mit der Autorität eines Namens, von Buch zu Buch unsterblich weiter wandern. Der ganze Bau war niemals etwas anderes, als eine rechtwinkelige Zusammen- stellung von vier offenstehenden Portalen, genau das Gegentheil von Festung, Warte, Burg. Es ist ein Kapellchen aus dem 14. oder vielleicht auch erst aus dem 15. Jahrhundert, so daß hier muthmaßlich ein Rechenfehler von dreihundert Jahren zu ver- zeichnen bleibt. An diesen Kapellenberg knüpfen sich zahlreiche Sagen, die, wie verschieden auch in ihrer Einkleidung, doch sämmtlich auf das alte, namentlich in unserer Mark beliebte Thema hinauslaufen „daß daselbst ein Schatz vergraben sei.“ Noch in diesem Jahr- hundert kam ein Herr v. Thümen ventre à terre von Berlin ge- ritten, ließ Bauern und Tagelöhner wecken, und zog in langer Colonne den Berg hinauf, um unter dem alten „Bocksdornstrauch,“ der die linke Kapellenecke mit seinem Gezweige füllt, bohren und graben zu lassen. Denn unter dem Bocksdornstrauche liegt der Schatz. Aber der Schatz kam nicht und der tolle Herr v. Thümen mußt’ es schließlich doch wieder aufgeben, gerade so wie es 100 Jahre früher (noch in der sächsischen Zeit) auch sein Ahnherr, der alte Kreisdirector v. Thümen, hatte aufgeben müssen „obwohlen der schon ganz nahe daran gewesen.“ Die Sage von diesem alten Kreisdirector aber, die noch von Mund zu Munde geht, ist die folgende: Es war wohl schon den dritten Tag und sie gruben immer noch. Da kamen sie bis an eine eiserne Thüre mit einem Schlüssel- loch, und durch das Schlüsselloch konnten sie hineinkucken und eine mit Geld aufgehäufte Braupfanne sehen. Und auf dem Gelde saß der Böse. Der alte Kreisdirector aber hat trotz alledem nicht ablassen wollen und hat angefangen zu parlamentiren und an den Bösen zu schreiben. Vorerst hat sich keiner finden wollen, um die Briefe zu bestellen, zuletzt aber hat sich doch Einer gefunden, der Ebel hieß, und hat alle Nacht einen Brief vom alten Kreisdirector auf den Kapellenberg getragen. Und immer wenn er an die rechte Stelle gekommen, um den Brief hinzulegen, hat schon ein Brief vom Bösen dagelegen und ein Münzgroschen dabei als Botenlohn. So haben sie sich geschrieben hin und her, der Böse und der Herr Kreisdirector, und immer um die zwölfte Stunde war Ebel auf dem Kapellenberg. Und der Böse schrieb zuletzt: „Der Herr Kreisdirector solle wahr und wahrhaftig Alles haben; aber den Briefträger müss’ er ihm geben und den Arm vom See, der die „Lanke“ heißt, auch.“ Das hat aber der Kreisdirector nicht ge- wollt, weil es Ebeln sein Leben und wohl auch noch andere Menschenleben gekostet hätt’. Denn wenn der Böse erst den See-Arm gehabt hätt’, so wäre Mancher mit’m Kahn verun- glückt oder im Winter auf’m Eis und hätt’ ertrinken müssen. Alle Jahr hätte wenigstens Einer ’ran gemußt. Und so ist denn die Braupfanne voll Geld nicht gehoben worden und liegt heute noch. So die Sage. Wir unsrerseits aber, als wir uns an dem Bocksdornstrauche zu schaffen gemacht, erblickten unter seinem Gezweige nichts als einen Haufen allerfleißigster Ameisen. Ein Avis an alle müßigen Schatzgräber den Schatz da zu suchen, wo er liegt. Als wir noch plauderten und nach einem Aussichtspunkte suchten, zogen einige von Blankensee kommende Kirchgänger über den Berg, ihrem Nachbardorfe zu. Der Gottesdienst war also aus und wir gingen nunmehro zurück, um auch unsrerseits unsern Be- such in der Kirche zu machen. Unser freundlicher Begleiter ver- abschiedete sich am Eingange, muthmaßlich um uns nicht länger zu behindern, vielleicht auch aus sektirerischem Geist. Im Innern bot sich uns anfänglich nichts, was sich über den Durchschnitts-Inhalt alter Dorfkirchen erhoben hätte; bei nährer Betrachtung aber zeigte sich doch mancherlei: Grabsteine, Bilder und Schildereien. Ein Epitaphium galt einem alten Kreishaupt- mann im sächsischen Kurkreise, Herrn Christian Wilhelm v. Thü- men , dessen Portrait von zwei Engeln gehalten wurde. Weiter unterwärts erblickten wir eine sich in den Schwanz beißende Schlange, mit dem inschriftlichen Zusatze, „daß seine Ehe mit Sabine Hedwig v. Schlieben durch achtzehn Kinder gesegnet worden sei. Wenn uns nun hier ein an Erzvater Jacob erinnernder Segen entgegentrat, so gemahnten dafür andre sich vorfindende Denkmäler: ein Grabstein und eine Schilderei, mehr an Abraham und Sarah. Auf dem Grabsteine lasen wir freilich nur die Worte: „daß Anna v. Schlabrendorf, Kuno v. Thümens ehelich Gemahl in Kindesge- burt gottselig entschlafen sei“ das Bildniß aber vervollständigte diese kurze Mittheilung in einem ihm angefügten Reimspruche: Hier liegt begraben ohne Qual Kuno v. Thümens ehlich Gemahl, Die tugendsame Frau Anna gut v. Schlabrendorff das edle Blut, Welche gegeben war von Gott Dem Kuno v. Thümen bis an den Tod. Als ihm eine Tochter sie gebar, Zählte sie siebenundsechzig Jahr. Am ersten Jännertag es war. Sei ihr gnädig Herr und Gott Und helf auch uns aus aller Noth. So wenig befriedigend diese Reime sein mögen, so trefflich ist das Bild, unter dem sie stehen. Es ist gute Lucas Cranach’sche Schule. Nach Sitte der Zeit Sündenfall, Gesetzgebung, eherne Schlange, Kreuzigung und Auferstehung, alles dicht neben einander stellend, giebt es auf engem Raume den Hauptinhalt der christlichen Heilslehre. Dies Bild, zum Gedächtniß Anna v. Schlabrendorfs gemalt, ist, wie das künstlerisch beste, so auch das interessanteste was die Kirche bietet. Keineswegs aber ist die Reihe der Sehenswürdig- keiten und Erinnerungsstücke damit abgeschlossen. In einer Ecke, beinah unmittelbar über dem vorerwähnten Grabstein, hängen Schwert und Sporen Schwert und Sporen hingen früher dem herrschaftlichen Chore gegenüber , zu dem eine Treppe von außen hinaufführt. Diese beiden Zufälligkeiten waren genug, um folgende Sage heranwachsen zu lassen. „Da war mal ein Edelmann, der kümmerte sich nicht um Gott und Menschen. Er dacht’, er sei Herr über Alles und in seinem Uebermuth ritt er in die Kirche, gleich die Treppe hinauf, die zu dem Chore führt. Hier aber bäumte das Pferd und überschlug sich, so daß beide in das Schiff der Kirche stürzten und Hals und Beine brachen. Zum Zeichen deß und zugleich zur Warnung sind Degen, Schwert und Sporen dem Chore gegenüber aufgehängt worden.“ — So die Sage. Schon bei früheren Gelegenheiten hab’ ich ausgeführt, wie die „mythen- bildende Kraft“ des Volkes mit Vorliebe, ja vielleicht immer, an solche rein äußerlich gegebenen Dinge anknüpft, vorausgesetzt, daß diese Dinge zugleich unklar und räthselvoll genug sind, um die Phantasie in Bewegung zu setzen und die freieste und selbst willkürlichste Auslegung zuzulassen. Aber so will- kürlich die Auslegung sein mag, sie schwebt nie ganz in der Luft und haftet immer an etwas Gegebenem. Die ganze Gruppe von Sagen, um die sich’s hier handelt, könnte man als poetische Mißverständnisse, noch richtiger als poetische Mißdeutungen bezeichnen. Mißdeutung im Sinne von irrthümlicher Deutung. eines längst heimgegangenen v. Thümen, und in der Höhe des neuerbauten Thurmes befinden sich die durch den ganzen Thümenschen Winkel hin bei Jung und Alt be- kannten „Glocken von Blankensee“, daran allerlei Sagen anknüpfen wie an den Kapellenberg. Es war um die vierte Stunde fast, als wir aus dem Kirch- hofsthor wieder in die Dorfgasse hinaustraten. Hier hatte sich inzwischen das Bild verändert: die Stille des Sonntag-Vormit- tags war hin und die Heiterkeit des Nachmittags hatte begonnen. Um die Dorflinde drehte sich das junge Volk im Ringelreihen und die Dirnen — wie immer tanzlustiger als das männliche Element — deckten jedes Deficit durch Anleihen bei sich selbst. Wir sahen auf das fröhliche Treiben und hätt’ uns Jemand die Ehre angethan, wir hätten’s wohl auf jede Gefahr hin selber noch gewagt. Aber die Versuchung blieb aus und unser Wagen fuhr vor. Und nun mahlten wir wieder durch den Sand. Eine Weile noch, wenn wir uns umsahen, sahen wir die springende Bewegung und die rothen Tücher. Dann aber kam eine Biegung des Weges, alles was Bild gewesen, war hin und nur die Posaunen mar- kirten noch den Takt und erzählten uns von dem lustigen Volk in Blankensee „der Residenz des Thümenschen Winkels.“ Trebbin. Und ein Haus mit Giebelspitzen Hat uns gastlich aufgenommen, Läßt uns freundlich niedersitzen Auf der Bank, der blanken, alten, Die, mitsammt dem schmalen Tische, Dem Jahrhundert Stand gehalten Hier in dieser Fensternische. G. Hesekiel. E in junger Jurist, ein sogenannter Garde-Assessor, war nach Trebbin verschlagen worden. Was ihn hierher geführt, ob Schuld, ob Liebe, wer sagt es? Wahrscheinlich war es einfach die lockende Nähe der Hauptstadt, ein Fehler ( un crime vaut mieux qu’une faute ) für den er nun zu büßen hatte. Tag um Tag saß er an der „Table d’hôte“ des damals einen und einzigen Gasthauses. So vergingen Monde. Die Zeit schien endlos. Einmal, an einem stillen Sommer-Sonntage, setzte man sich wieder zu Tisch. Die Fenster standen auf und man hörte nichts als den Staarmatz, der in seinem Käfig auf- und absprang und das Zusammenschlagen der Bälle vom dritten Zimmer her, wo zwei Trebbiner Commis sich im Billard und im Französischen übten. Es gab Kalbsbraten und Salat. Dem Assessor gegenüber saß die Wirthin, eine blasse Dame von 33, mit Korkzieherlocken, eine jener Hagern und Hochaufgeschossenen, die von alter Zeit her das Vorrecht haben sich „unverstanden“ zu fühlen. Und was das Schlimmste war, auch der Assessor hatte das Verständniß nicht finden können. Er schob eben eine Gartenschnecke, die sich beim Salat-nehmen durch Klappern auf dem Teller bemerkbar gemacht hatte, leise- verlegen auf den Tellerrand, sah sich um, und stellte zu besserer Cachirung (und vielleicht auch eine Vorahuung im Gemüthe) die große Wasserkaraffe zwischen sich und die Wirthin. Aber was er vermeiden wollte, beschwor er nur herauf: die Wasserkaraffe begann als Vergrößerungsglas zu wirken und die Schnecke nahm wahre Riesen-Dimensionen an. Es war „Absicht“, der Affront erwiesen. So wenigstens schien es. Alle 33 Locken (sie gingen mit der Alterszahl) begannen zu zittern und über den Tisch hin klang es in einem hohen und allerhöchsten Tone: „Herr Assessor, wenn es Ihnen bei mir nicht schmeckt, so muß ich Sie bitten, anderswo zu essen.“ Man muß an Ort und Stelle gewesen sein, um die ganze Tragweite dieses „anderswo“ zu begreifen. Dieser kleine Hergang ist mir immer als Signatur von Alt- Trebbin erschienen. Aber auch heute noch erinnert der Ort an jene Wirthin und ihre Rache, trotz Zug-Gerassel und Lokomo- tiven-Pfiff. Ich passirte die Straßen und überall bot sich dasselbe Bild: die Kirche so trist wie die Stadt und die Stadt so trist wie die Kirche. Hier und dort spreizte sich eine Toilette, das einzige, wo- ran sich die Nähe der Hauptstadt erkennen ließ; aber dieser Flitter ließ die Stadt nur um so farbloser und die farblose Stadt hin- wiederum den Flitter nur um so prahlerischer erscheinen. Menschen, Häuser, Kirche, sie gaben nichts heraus! Und doch eine Stelle hat auch der stillste, der verschwiegenste Ort, wo er zu dem Fremden sprechen muß , und erst wenn auch hier Alles schweigt, darf man mit einiger Gewißheit vom Tode der Lebendigen sprechen. Ich ging also hinaus. Links vor’m Thore dehnt sich der Friedhof, ein ummauertes Feld. Es war ein Begräbnißplatz vor 50 Jahren und länger; dann gab man ihn auf, ließ die Stätte brach liegen und die Hügel verfallen. Endlich, als Alles ein Gras- platz geworden, zog ein neues Geschlecht hier wieder ein. So ist der Friedhof ein ganz alter und ein ganz neuer. Der Interims- Friedhof liegt an anderer Stelle. Nachmittags-Sonnenschein flimmerte um die Gräber. Auf den frisch aufgeschütteten Hügeln lagen halbverwelkte Kränze, die Blumen, die vorherrschten, waren Schwertlilien, und Akazienduft von umherstehenden Bäumen zog drüber hin. Das war an- heimelnd genug. Aber nüchtern lagen die Steine, deutungslos standen die Kreuze; Nam’ an Name, Spruch an Spruch, nichts was zu Herzen ging oder die Phantasie bewegte. Todt die Gräber wie drinnen die Häuser. Und so wandt’ ich mich denn unwirsch in die Stadt zurück, um es drinnen unter den Menschen noch einmal zu versuchen. Aber wohin? Man wies mir einen Metzgerladen „dort geb’ es den besten Kaffe.“ Wohlan; ich acceptirte. Wenn man gar nichts mehr anzufangen weiß, ist das Klappern mit der Tasse noch immer das Gerathenste. Des ersten Eindrucks wurd’ ich nicht froh. An der Laden- thüre links und rechts blitzten die herkömmlichen zwei Messing- haken und an einem dieser Haken hing ein Hammel. Ich setzte mich auf eine nebenstehende Bank und bestellte, was mir als „Speciali- tät“ gerühmt worden war. Unter einer schattengebenden Pappel stand all die Zeit über der wohlwollend und distinguirt drein- schauende Besitzer von Haus und Hof, in dem sich mehr und mehr ein gewisses Unterhaltungsbedürfniß zu regen schien. Auch in mir. Aber ich konnte nicht über die Frage weg, ob ich ihn Wirth oder Meister anreden solle. Zu meinem Glücke wußt’ ich damals noch nichts von seiner „ Major ’s-schaft“, ich wäre sonst in der Etiquettenfrage stecken geblieben. Endlich entschied ich mich für Wirth. „Eine schöne reine Luft, Herr Wirth.“ Dies war nun eigentlich nicht der Fall, denn der Hammel hing viel zu nah, als daß ich wahrheitsgemäß eine solche Versicherung ab- geben durfte. Der Angeredete jedoch schien es aufrichtig zu nehmen und konnt ’ es auch vom unverwöhnten Standpunkte seines Metiers aus. Er erwiederte mir deshalb freundlich: „Eine schöne, reine Luft. Trebbin hat ein gute Luft.“ Dieser Lokalpatriotismus, was sich auch gegen das Thatsäch- liche sagen lassen mochte, that mir wohl und zwar um so wohler, als ich in Betreff der wenigstens damals noch auf meinem Programme stehenden „Nutheburgen“ allerlei Hoffnung an einen so lokal- Fontane Wanderungen. IV. 28 patriotischen Ausspruch knüpfte. „Das ist Dein Mann“, dacht’ ich. Und wirklich, was in Saarmund mißglückt war, hier konnt es gelingen. Ich fuhr also fort: „Sie haben ja wohl eine alte Burg hier? Burg Trebbin. Die vierte der Nutheburgen.“ „Nicht daß ich wüßte. Das muß vor meiner Zeit ge- wesen sein.“ „Gewiß. 700 Jahre .. Und kein Burgwall? kein unterirdischer Gang? Keine Stelle, die hohl klingt?“ „Nicht daß ich wüßte. Mit Ausnahme der Schützengilde von 1577 ....“ „Und kein Denkmal? keine Mumie?“ „Nicht daß ich wüßte. Mit Ausnahme der ..“ Es wurde mir immer klarer, auf was er mit endlich doch siegreicher Beharrlichkeit hinaus wollte. Ich ließ also den Strom seiner Rede fließen und warf erst ganz zuletzt und anscheinend ohne Zusammenhang die Frage dazwischen „ob er jemals von dem Maler Wilhelm Hensel oder doch von dessen Vater dem alten Pastor Hensel gehört habe?“ Ein Kopfschütteln war die Antwort und nur mit Mühe wurde festgestellt, daß der alte Pastor Hensel höchst wahrscheinlich schon vor seiner, des Wirths und Meisters Geburt verzogen sein müsse, eine Sache, betreffs deren ich nie den geringsten Zweifel unterhalten hatte. Das Vorfahren des Wagens und der Peitschenknips des Kutschers schnitten weitere Nachforschungen ab, wobei michs trösten mußte, schwerlich etwas anderes als die chronologische Reihenfolge der Trebbiner Schützenkönige eingebüßt zu haben. Noch ein Hut- lüpfen unsererseits, noch eine gegengrüßende militärische Handbe- wegung des „Majors“ — und unser Jagdwagen klapperte über das Pflaster hin. Die Kirchhofsthüre stand noch offen und die Schwertlilien blühten noch. Ueber „Burg Trebbin“ bin ich auch nachträglich ohne Mit- theilung geblieben, aber von Wilhelm Hensel will ich erzählen. Wilhelm Hensel. Wenn zwei Loose vor uns legt ein Beschluß der Zeit, Schwer ist’s, wirklichem Ruf folgen und falschen fliehn! … Sieh, dich lockten indeß heimische Triebe bald Fernhin (wo in des Nords Winter ein edler Fürst Aussät ein Athen des Geistes) An die scythische, kalte Spree. Platen. Wilhelm Hensel wurde den 6. Juli 1794 zu Trebbin ge- boren, wo sein Vater an der dortigen Marien-Kirche Geistlicher war. Schon einige Monate später übersiedelte man von Trebbin nach Linum, in dessen Pfarrhause wir denn auch unsern Wilhelm Hensel während seiner Knabenjahre zu suchen haben. Allen erforderlichen Unterricht gab ihm der Vater und bracht’ ihn, gut vorbereitet, auf die Bergakademie. Das war 1809. Dem schon damals geäußerten Wunsche des Sohnes, sich der Kunst widmen zu dürfen, hatte der Vater nicht nachgeben wollen. Das Talent W. Hensels war aber zu ausgesprochen, als daß die Laufbahn, auf die seine Natur ihn anwies, ihm dauernd hätte verschlossen bleiben können. Seine eigenen Vorgesetzten ermunterten ihn, in seiner Beschäftigung mit den Künsten auszuharren und als er bei bestimmter Gelegenheit ein Blatt in Wasserfarben aus- führte, das innerhalb weniger Stunden eine ganze tropische Land- schaft vor aller Augen hinzauberte, drang der Direktor des Instituts in ihn, das Bergfach aufzugeben und Maler zu werden. Dies Blatt befindet sich noch in den zahlreichen Mappen, die Sebastian Hensel aus dem reichen Nachlasse seines Vaters aufbewahrt. Ich komme weiterhin auf diesen Nachlaß zurück. Was speciell dies aquarellirte Blatt an- geht, so stellt es eine Felsenpartie dar, und Palmen und Bautrümmer fassen ein Gewässer ein, in dem Mädchen baden. Es nimmt sich aus wie eine Farbenskizze zu einem großen Tapetenbilde. Als Arbeit eines in künstlerischen Dingen ohne jede Schule aufgewachsenen jungen Mannes, mußte dieselbe damals überraschen. Heutzutage, wo jeder zeichnen und seinen Baumschlag machen kann, würde man dergleichen freilich ruhiger hinnehmen. 28* Den Widerstand des Vaters, der auch jetzt noch fortdanerte, brach endlich der Tod. Pastor Hensel starb 1811 und unser Wilhelm Hensel war nun Maler. Er studirte Anatomie und Perspektive, zeichnete nach der Antike und dem lebenden Modell und bewährte sich als so tüchtig, daß er schon 1812 die Kunst- ausstellung (die erste , die in Berlin überhaupt stattfand) beschicken konnte. Der Frühling 1813 unterbrach die kaum begonnene Laufbahn. Von Jugend auf voll patriotischen Eifers, folgte er dem „Aufruf“ und trat in das eben damals errichtete Garde-Kosaken-Regiment ein. Ein kleines Gouachebild, im Besitz der Familie, stellt ihn blondlockig unter einem schwarzen Barett in dieser phantastischen Uniform dar. Er machte in dem genannten Truppentheile, der sehr bald in Namen und Erscheinung sich borussificirte, die Schlachten bei Lützen und Bautzen mit, trat dann zu den freiwilligen Jägern über, nahm Theil an den Kämpfen des York’schen Corps und war unter denen, die zwei Mal in Paris einzogen. 1815 als Offizier. Hier war es auch, wo er in den Bildersälen des Louvre die Be- kanntschaft des Grafen Blankensee machte und den Grund zu einem Freundschaftsverhältniß legte, das bis zum Tode fortbestand. Nach dem Friedensschlusse kehrte W. Hensel zu seiner Kunst zurück, freilich auch zu seinen Bedrängnissen. Seit dem Tode des Vaters war es ihm eine Ehrenpflicht gewesen, für Mutter und Geschwister zu schaffen und zu sorgen; in diese Pflicht trat er jetzt wieder ein. Er malte Bildnisse, radirte Blätter, fertigte Zeich- nungen für Almanache und Kalender, und sah sich durch Arbeiten dieser und ähnlicher Art in seinem Studium allerdings gehemmt; sein Fleiß indeß und sein Vertrauen halfen über alles hinweg. So vergingen Jahre, bis der Winter 1821 plötzlich Wandel schaffte. Um die genannte Zeit (Januar 1821) war das russische Thronfolgerpaar, der spätere Kaiser Nicolaus und seine Gemahlin, zum Besuch in Berlin eingetroffen. Ein großes Fest sollte die Gegen- wart Beider feiern und man beschloß den eigentlichen Festes-Inhalt dem eben damals erschienenen und von aller Welt bewunderten Gedichte Thomas Moore’s: „Lallah Rukh“ zu entnehmen. Es war eine gute Wahl: der Gegenstand neu, die Situationen fesselnd, die Costüme voll orientalischer Pracht. Und so schritt man sofort zur Ausführung. Bei dem großen Interesse, das der Gegenstand damals erregte, mag es gestattet sein, bei dieser Lallah-Rukh-Feier rückblickend einen Augenblick zu verweilen. Was zunächst die Dichtung selber angeht, die bereits wieder vom Schauplatz abgetreten ist (jede Zeit hat ihre Lieblinge) so ist der Rahmen derselben der folgende. Abdallah , König der kleinen Bucharei, kommt auf einer Pilgerreise, die er nach dem Grabe des Propheten unternimmt, auch nach Delhi in Indien. Hier nimmt ihn Aurengzeb , Beherrscher von Delhi, mit großer Gastfreundschaft auf. Die Vermählung ihrer ältesten Kinder: des bucharischen Prinzen Aliris und der indischen Prinzessin Lallah Rukh wird beschlossen, und soll demnächst in Kaschmir, wo Prinz Aliris zurückgeblieben ist, voll- zogen werden. Lallah Rukh verläßt deshalb Delhi und begiebt sich mit großem Gefolge nach Kaschmir. Unterwegs wird sie durch die poetischen Erzählungen eines jungen Dichters Namens Feramors unterhalten, der sich unter den Personen befindet, die Prinz Aliris, von Kaschmir aus, zu ihrem Empfang ihr entgegengesandt hat. Vier Erzählungen sind es nun, die ganz besonders die Theilnahme der Prinzessin wecken: „Der verschleierte Prophet von Khorasan;“ „Paradies und Peri;“ die Geschichte „von den Ghebern“ und „Nurmahal und Dschehangir.“ Zuletzt fällt die Maske und Feramors erweist sich als Prinz Aliris selbst. So der Rahmen. Es ist bekannt, daß die vier poetischen Erzählungen, die wir eben nannten, den eigentlichen Inhalt der Dichtung bilden. Es wurde nun beschlossen die Aufführung dahin zu regeln, daß das Erscheinen Abdallahs am Hofe Aurengzebs durch einen großen, aus Bucharen und Indern bestehenden Fest- zug , der Inhalt der vier Erzählungen aber durch lebende Bilder , unter Vortrag eines angepaßten musikalischen Textes dargestellt werden solle. Und so geschah es. Unter den Klängen eines eigens für diese Feier komponirten Marsches setzte sich der aus 168 Personen bestehende Festzug in Bewegung, durchschritt die bekannten Paradekammern des Schlosses, trat in den weißen Saal ein und nahm hier vor der errichteten Bühne Platz. Nun ging der Vorhang auf und in rascher Reihen- folge folgte Bild auf Bild, im Ganzen zwölf. Der Erfolg war der glänzendste, wie bei den Kräften, die mitgewirkt hatten, nicht anders zu erwarten stand. Die Dekorationen waren das Werk Schinkel’s , die Musikstücke waren von Spontini componirt; bei Feststellung der Costüme waren die großen Werke von Forbes und Elphinstone benutzt worden. Alles was Berlin an glänzenden Namen und bekannten Persönlichkeiten aufzuweisen hatte, war ge- laden. Viertausend Gäste nahmen am Feste Theil. An dem aus Bucharen und Indern bestehenden Festzuge wirkten folgende Personen mit: Bucharen . Aliris, Prinz der Bucharei: Großfürst Nicolaus von Ruß- land; Abdallah, Vater des Aliris: Herzog von Cumberland; Abdallahs Ge- mahlin: Prinzessin Luise Radziwill; Bucharische Prinzen: Prinz Karl, Prinz August. — Herren im bucharischen Kostüm : Fürst Putbus. Graf Harden- berg. v. Adlerberg. v. Knobloch. v. Knobelsdorff. v. Massow. v. Bock. v. Geusau. Graf Nostitz. Graf Meerfeldt. v. Poten. v. Stapleton. Graf Pückler. Graf Wartensleben. Graf Lynar. Graf Blumenthal. Damen im bucharischen Kostüm : Gräfin Schuwaloff. Miß Rose I. Frl. v. Jagow. Frl. v. Brockhausen I. Gräfin Moltke. Miß Rose II. Frl. v. Brockhausen II. Frl. v. Kamptz. Fürstin Lynar. Fran v. Hedemann. Frau v. Asseburg. Fr. v. Bülow. Fr. v. Witzleben. Gräfin Schlieffen. Frau v. Clausewitz. Fr. v. Fouqu é . Frau v. Buddenbrock. Gräf. Haack. Fräulein v. Massow. Herren aus Kaschmir : Graf Brandenburg. v. Germann. v. Perowsky. v. Prittwitz. v. Bülow. Graf Gröben. v. Fouqu é . v. Buddenbrock. Grf. Gneisenau. Grf. Poninsky. — Damen aus Kaschmir : Frau v. Buch. Frau v. Rochow. Frau v. Ompteda. Frl. v. Viereck. Gräfin Hardenberg. Gräfin Gröben. Grf. Pappenheim. Fr. v. Tronchin. Gräfin Neale. Fräul. v. Schuckmann. Gräfin Haeseler. Inder . Aurengzeb, Großmogul: Prinz Wilhelm (Bruder Fr. W. III. ). Lallah Rukh: die Großfürstin von Rußland (früher Prinzessin Charlotte von Preußen). Dschehanara, Roschinara, Suria Banu, indische Prinzessinnen: die Herzogin von Cumberland, die Prinzessin Wilhelm, die Prinzessin Alexandrine. Bahadur Schah, Dschehander Schah, Dara, Kinder Aurengzebs: der Kronprinz (Fr. W. IV. ), Prinz Wilhelm (der jetzige Kaiser) und die Prinzessin Luise. — Herren in indischen Kostüm : Fürst Lynar. Grf. Mod è ne. v. Witzleben. v. Röder. v. Tümpling. v. Tronchin. v. L’Estocq. v. Thun. Grf. Arnim. v. Lucadou. v. Kahlden. v. Rochow. v. Hopfgarten. v. Thilau. Grf. Hompesch. v. Studnitz. v. Möllendorf. Graf Schlieffen. Graf Moltke. v. Alvensleben. v. Heister. v. Jordan. v. Kaphengst. v. Thümen. v. Pour- tales. v. Meuron. Prinz v. Rudolstadt. Prinz Solms. v. Rauch- Wir kehren nun zu unserem W. Hensel zurück. Ihm war die Aufgabe zugefallen, die lebenden Bilder zu stellen, und das Geschick, das er dabei an den Tag legte, die Virtuosität vor Allem, mit der er jeden Hauptmoment, über die Dauer des Festes hinaus, in Aquarellbildern festzuhalten wußte, verschafften ihm so viel Huld und Wohlwollen, daß man, von jenem Lallah-Rukh-Feste an, einen Wendepunkt in seinem äußern Leben datiren muß. Der König, in Bethätigung seines Dankes, gab ihm die Möglichkeit eine mehrjährige Reise nach Italien unternehmen zu können; was aber mehr als alles Andere bedeutsam und entscheidend für ihn wurde, war, daß Fanny Mendelssohn im Kreise der Ihrigen der Aufführung des Festes beigewohnt und dadurch unserem Hensel Gelegenheit zu näherer Bekanntschaft mit dem Mendelssohn’schen Hause geboten hatte. Hensel, alsbald eingeführt und mit dem Bruder (Felix) befreundet, glaubte schon im Sommer 1822 um die Hand Fanny M.’s anhalten zu dürfen; die Familie jedoch, mit Rücksicht auf die bereits feststehende Reise Hensel’s nach Italien, hielt es für besser beide Theile vorläufig nicht zu binden und ver- tagte die Entscheidung. Die Neigung des Paares überdauerte die Trennung. 1828 kehrte Hensel nach fünfjähriger Abwesenheit zurück und das Jahr darauf vermählte er sich mit seiner von ihm gefeierten Fanny. haupt. Graf Waldersee. Graf Blücher I. Graf Blücher II. Graf Bethusy. v. Schöler. Grf. Lynar. v. Massow. v. Ostau. v. Heister. — Damen im indischen Kostüm : Fürstin Putbus. Lady Rose. Fürstin Carolath. Frau v. Senden. Gräfin Brandenburg. Frl. v. Zeuner. Frau v. Tümp- ling. Gräfin Voß. Gräfin Schlippenbach. Frl. v. Arnstedt I. Frl. v. Bergh. Fräul. v. Kleist. Gräf. Haack. Frl. v. Knobelsdoff. Frl. v. Hünerbein. Gräf. v. Lottum. Frl. v. Stegemann. Frl. v. Boguslawsky. Frl. v. Schuck- mann II. Frl. v. Röder. Frl. v. Fouqu é . Fräul. v. Arnstedt II. Fräul. v. Heister I. Gräfin Kalkreuth. Frl. v. Wiedenbruch. Fr. v. Martens. Fr. v. Miaskowska. Gräf. Hardenberg I. Frl. v. Maltzahn I. Gräfin Har- denberg II. Fräulein v. Senden. Frl. v. Maltzahn II. Frl. v. Adeleps. In den im Text erwähnten vier lebenden Bildern waren die Haupt- rollen wie folgt vertheilt. Der Prophet von Khorasan: Graf Gröben; die Peri: Prinzessin Elise Radziwill; der Engel des Lichts: Gräfin Mathilde Voß; de Emir: Fürst Radziwill; Nurmahal: Frau v. Perponcher, und Dschehangir Herzog Karl von Mecklenburg. Die nun folgenden achtzehn Jahre seiner Ehe, einschließlich der ihnen voraufgegangenen fünf Jahre in Rom, wie es die Tage seines Glückes waren, so auch die seiner künstlerischen Production. Alles Vorhergehende war Vorbereitung, alles Folgende Nachklang, halb virtuoses, halb geselliges Spiel. Alle seine größeren Ar- beiten gehören der eben erwähnten Epoche seines Lebens an. Es sind die folgenden: Transfiguration. Copie nach Raphael. In Rom 1824—28 gemalt. Befindet sich im Raphaelsaal in Sanssouci. Christus und die Samariterin. Rom, 1827. Ehemals im Besitze Fr. W.’s IV. Wahrscheinlich in Schloß Bellevue. Vittoria von Albano. Berlin, 1829—30. Die Genzaneserin. Berlin, 1829—30. Christus vor Pilatus. Berlin, 1832—38. Altarbild in der Berliner Garnisonkirche. Mirjam. Berlin, 1836. Im Besitz der Königin Victoria von England. Christus in der Wüste. Berlin, 1837—38. Im Besitze König Fr. W.’s IV. Der Herzog von Braunschweig auf dem Balle in Brüssel (vor dem Treffen bei Quatrebras). Berlin. Im Besitze des Lord Egerton. Hirtin im Lande Gosen, Motiv einer Figur aus der Mirjam. Berlin, 1839. Im Besitze der Herzogin von Sutherland. Lebensgroßes Portrait des Prinzen von Wales. 1843. Zwei- mal gemalt. Das eine im Besitze König Fr. W.’s IV. , das andere im Besitze der Königin Victoria. König Wenzel. Berlin, 1844. Befindet sich im Kaisersaale des Römer, Frankfurt a. M. Römische Frauen am Brunnen. Rom, 1845. Für den Berliner Kunstverein gemalt. Betende Römerinnen. Rom, 1845. Im Besitze von Paul Mendelssohn-Bartholdy. Felix Mendelssohn. Berlin, 1845. Lebensgroßes Kniestück. Im Besitze von Sebastian Hensel. Oefter copirt. Bivouac des Herzogs von Braunschweig auf seinem berühmten Zuge nach der Nordsee, vor dem von den Franzosen besetzten Braunschweig. Die Bürger huldigen ihm. — Kolossalbild, für den Thronsaal in Braunschweig bestimmt gewesen. Unvollendet. Des Näheren auf diese Bilder einzugehen, müssen wir uns versagen. Nur wenige Worte. „Christus vor Pilatus“ pflegt als seine beste Arbeit angesehen zu werden und wird in der That, in Stil und Composition, von keinem andern seiner Bilder über- troffen; wir dürften indessen kaum fehlgreifen, wenn wir, unter voller Würdigung eines großen, ihm gewordenen Aneignungstalentes , (dies Wort im besten Sinne genommen), dennoch der Ansicht sind, daß seine vorzüglichste Begabung nach einer andern Seite hin lag. In eine spätere Zeit gestellt, die, wenigstens in vielen ihrer besten Schöpfungen, idealisirend an das reale Leben herantrat, würd er ein geeigneteres Feld für seine Thätigkeit gefunden haben. Wir kommen weiterhin auf diesen Punkt zurück. Den 14. Mai 1847 starb ihm die geliebte Frau, an der er, vom ersten Tag ihrer Bekanntschaft an, in schwärmerischer, immer wachsender Neigung gehangen hatte. Hiermit war ein neuer Wendepunkt in seinem Leben gegeben. Er nahm Abschied von jenem heiteren Reiche der Kunst in das die Lallah-Rukh-Tage ihn eingeführt, in welchem die römischen Tage ihn befestigt und die 30er Jahre ihn zu Ruhm und Ansehn erhoben hatten; er nahm Abschied von diesem heiteren Reiche, sag’ ich, wobei nur einzufügen bleibt, daß dieses Scheiden ein allmälig vorbereitetes Ereigniß war. Cornelius’ Erscheinen in Berlin, die gewaltige Thätigkeit desselben und vor allem die großartigen Entwürfe zum Campo Santo, die gerade damals entstanden, hatten ihn bereits um die Mitte der vierziger Jahre fühlen lassen, daß es vergeblich sei, neben diesem Riesen zu ringen. Ein andres Gebiet sich unterthan zu machen, dazu war es zu spät. Den Zeichenstift behielt er in der Hand, aber die Palette that er bei Seite. Die bald eintretenden 48er Vorgänge, schmerzlich wie sie für sein loyales, ganz an dem alten Preußen hängendes Herz waren, erleichterten ihm andrerseits in der Aufregung die sie schufen, den Uebergang aus einem Lebensabschnitt in den andern: aus seinem künstlerischen Schaffen in ein künstlerisches far niente. Die März- tage sahen ihn in Waffen, der alte Jäger-Offizier lebte wieder auf, und als Kommandirender stand er an der Spitze des „Berliner Künstler-Corps.“ Keiner war dazu berufener als er. Royalist und alter Mili- tair auf der einen Seite, kannt’ er doch andererseits auch die Künstlernatur genau genug, um mit diesem Faktor zu rechnen. So gelang es ihm, dem ganzen Corps, das sich aus disparaten und zum Theil auch wohl aus desperaten Elementen zusammen- setzte, einen preußisch-loyalen Charakter zu geben, und eine Truppe heran zu bilden, die wenigstens so zuverlässig war, wie’s ein solches Freicorps überhaupt zu sein vermag. Die politische Erregung Hensel’s überdauerte den Sommer 48, ja sie steigerte sich während des Reactionsf iebers und schwand erst, als auch dieses geschwunden war. Es kehrten ihm nun ruhigere Tage zurück und an dieselbe Wand, an der die Büchse des frei- willigen Jägers und die Palette des Malers bereits hingen, hing er nun auch das Rüstzeug des Parteikämpfers: die politische Brochüre, den Aufruf und das Wahlprogramm. Er war jetzt über 60 und die Zeit war da, wo man nicht mehr vorwärts und kaum noch um sich, sondern nur noch rückwärts blickt. Nur in einem blieb er ganz und gar der Alte: in seinen geselligen Beziehungen. Nicht mehr die Kämpfe der großen Stadt, auch nicht eigentlich ihre Bestrebungen bewegten ihn, aber dem Leben und Geplauder der mannigfachsten ihm befreundeten Kreise blieb er mit Vorliebe zugewandt. Er war nun ganz das gewor- den, was man eine „Figur“ nennt. Jeder kannt’ ihn, Jeder wußte Dies und Das von ihm zu erzählen: Gutthaten und Schwänke, Bonmots und Impromptus. Er war in gewissem Grade „der alte Wrangel in Civil.“ Dies Gefühl der Zugehörig- keit zu Berlin, in dem er ein volles halbes Jahrhundert gelebt hatte, überkam ihn mit immer steigender Gewalt und nahm schließ- lich fast die Form einer Krankheit an. Der Aufenthalt bei den liebsten Personen, wenn diese nicht dem hauptstädtischen Verbande zugehörten, begann ihm nach wenig Tagen schon ängstlich und be- drücklich zu werden, und durch all seine Heiterkeit hindurch er- kannte man dann eine Unruhe, die nichts Anderes war als Heimweh. Ein Gefühl, das Manchem ein Lächeln abnöthigen wird. Aber es war so. Der Gedanke von einem Provinzial-Arzt behandelt oder wohl gar auf einem ostpreußischen Dorfkirchhofe begraben zu werden, barg etwas Trostloses für ihn und sein alter, unerkünstelter Frohsinn kam ihm erst wieder, wenn er die beiden Gensd’armen- Thürme und die Schloßkuppel am Horizont auftauchen sah. So erschien der Spätherbst 1861. Hensel sollt’ ihn nicht überdauern. Schön, wie er gelebt, so starb er. Eine menschen- freundliche Handlung wurde die mittelbare Ursache seines Todes. Ein Kind aufraffend, das in Gefahr war von einem Omnibus überfahren zu werden; verletzte er sich selbst am Knie. Von da ab lag er darnieder. Am 26. November schloß sich sein Auge. Sein Tod weckte Trauer bei Vielen, Theilnahme bei Allen. So viel über den Gang seines Lebens. Wir werfen noch einen Blick auf seinen Charakter, seine Begabung, seine Arbeiten, immer nur bei dem Bemerkenswerthesten verweilend. Wilhelm Hensel gehörte ganz zu jener Gruppe märkischer Männer, an deren Spitze, als ausgeprägteste Type, der alte Schadow stand. Naturen, die man als doppellebig, als eine Ver- quickung von Derbheit und Schönheit, von Gamaschenthum und Faltenwurf, von preußischem Militarismus und klassischem Idealis- mus ansehen kann. Die Seele griechisch, der Geist altenfritzig, der Charakter märkisch. Dem Charakter entsprach dann meist auch die äußere Erscheinung. Das Eigenthümliche dieser mehr und mehr aussterbenden Schadow-Typen war, daß sich die Züge und Gegensätze ihres Charakters nebeneinander in Gleichkraft erhielten, während beispielsweise bei Schinkel und Winkelmann das Griechische über das Märkische beinah vollständig siegte. Bei Hensel blieb alles in Balance; keines dieser heterogenen Elemente drückte oder beherrschte das andre und die Neu-Uniformirung eines Garde-Regiments oder ein Witzwort des Professor Gans interes- sirten ihn ebenso lebhaft wie der Ankauf eines Raphael. Seine Begabung, wie schon hervorgehoben, war eine eminent gesellschaftliche . Das bewies sein Leben bis zuletzt. Er excellirte am Festtisch, war ein immer gerngesehener Gast, heiter, gesprächig, jedem Scherze zugeneigt, und zugleich doch voll jenes feinen Ehrgefühls, das, während es selber die Grenzlinie wahrt, die Linie des Schicklichen stillschweigend auch von anderen gewahrt zu wissen verlangt. So schrieb er, als er bei bestimmter Gelegen- heit sich verletzt glaubte, folgendes an Graf B.: „Gesellschaftliche Demüthigungen sind das verletzendste, was es giebt! Du weißt, daß ich Standes-Unterschiede ehre und liebe , ihnen auch gern die äußere Anerkennung zolle; allein der Höhere, der mich durch Annäherung ehrt, muß auch die Ueberzeugung fühlen, daß ich meine eigene unantastbare Ehre habe. Nur diesem festen Gange meines Lebens, nie andringend aber auch nie schmieg- sam zurückweichend, hab ich wohl das reiche Maß von Huld und Güte zu danken, welches mir bisher geworden ist. Und wie ich war, werd’ ich bleiben.“ Er war heiter und gesprächig, so sagt’ ich. Die Anekdote, der Toast, der Versebrief, das Gelegenheitsgedicht, — alles war ihm unterthan. Seine eigentlichste Meisterschaft aber, zugleich seine vollste Eigenart, zeigte er auf dem Gebiete des Impromptu . Hier feierte er seine größten und entschiedensten Triumphe. „Bin Onkel Bonbonkel …“ „Da kommt Abeken im Trabeken,“ — in solchen plötzlich aufschießenden Reimen war er groß und das geschickte Operiren mit einem epigrammatisch zugespitzten Calem- bourg verstand er besser als einer. Er war kein Dichter, aber man hätt ihn „Wilhelm den Reimer“ nennen können. Eine Sammlung dieser „geflügelten Worte,“ wenn es möglich wär’ eine solche noch nachträglich zu veranstalten, würd’ ein Witz- und Anekdotenbuch und zugleich eine Personen- und Charakterschilderung aus dem zweiten Viertel dieses Jahrhunderts sein. Von gesellschaftlicher Bedeutung war auch seine Kunst- weise, zumal wenn wir von der Zeit absehen, wo er noch unmittelbar unter dem Einfluß Italiens und der großen Meister stand. Was er in der Gesellschaft und für die Gesellschaft schuf, das wird unter allem, was er künstlerisch geleistet, das Dauerndste sein. Es sind dies seine, während eines Zeitraums von 40 Jahren entstandenen Portraits, die so weit meine Kenntniß reicht, eine in ihrer Art einzig dastehende Sammlung bilden. Diese Sammlung, in Händen seines Sohnes Sebastian H. befindlich, besteht aus siebenundvierzig Jahres-Mappen, die in einem alten Schildpat- oder Boule-Schranke aufbewahrt werden und die ganze obere Hälfte desselben füllen. Schon die bloßen Mappen-Deckel bilden eine Sehenswürdigkeit. Bekanntlich gab es in früheren Jahrhunderten auch eine Buchbinde- Kunst , und einer solchen halbuntergegangenen Kunst-Epoche scheinen diese Mappen anzugehören. Sie sind alle verschieden in Farbe wie Stoff; Sammt, Seide, Maroquin wechseln ab; das Vergilbte und Ver- schossene kleidet ihnen gut; die Goldverzierungen sind schön erhal- ten; einzelne tragen auf dem oberen Deckel ein Mosaikbild oder eine Gemme. Darunter ein geschnittener Onyx von der Größe einer Damenuhr, die Entführung der Europa darstellend. Ebenso schön wie werthvoll. Diese siebenundvierzig Mappen nun, die von 1815 bis 1861 reichen und je nach der Jahresausbeute dünn oder voluminös sind, enthalten nicht weniger als 1027 Portraitköpfe. Man darf sagen, alles oder doch fast alles, was in diesem langen Zeitabschnitt in ganz Mittel-Europa zu Ruhm und Ansehen gelangte, das giebt sich hier ein Rendezvous. Gruppiren wir den Gesammtinhalt nach den Nationalitäten , so finden wir, außer ungezählten Deutschen, 52 Engländer, 43 Italiener, 31 Franzosen, 17 Russen und Polen, und in Einzel-Exemplaren gesellen sich ihnen zu: Griechen, Fanarioten, Rumänier, Montenegriner, selbst ein indischer Fürst und ein Mexikaner. Lassen wir die Scheidung nach Natio- nalitäten fallen und gruppiren statt dessen nach Beruf und Lebens- stellung , so geben die Mappen, unter Ausschluß der Fürstlichkeiten, die das stärkste Contingent stellen, folgendes an Ausbeute: Dich- ter, Gelehrte, Schriftsteller 89; Architekten, Maler, Bildhauer, Componisten 62; Staatsmänner und Generale 51; Schauspieler und Sänger 21. Aus der Gruppe der Dichter, Gelehrten und Schriftsteller stehe hier etwa die Hälfte der Namen. Es sind: Bettina v. Ar- nim; Maxe, Armgard, Gisela v. Arnim; Boeckh; Clemens Bren- tano; Geh. Rath Bunsen; Michel Beer; Dr. Carl Blum; Prof. Droysen; Ehrenberg; La Motte Fouqu é ; Prof. Gans; Goethe; Jaacob Grimm; Paul Heyse; Henriette Hertz; J. T. A. Hoffmann; Alexander v. Humboldt; Klingemann; Th. Körner; Adam Müller; Wilhelm Müller; Müllner; Frau v. Paalzow; Fürst Pückler; Leopold v. Ranke; Oskar v. Redwitz; Ernst Schulze (Dichter der bezauberten Rose); Steffens; Tieck; Tiedge; Varnhagen und die Rahel. Wer unser Berliner Leben seit 50 Jahren verfolgt hat, wird hier so ziemlich jeden Namen wiederfinden, der, auf schön- wissenschaftlichem Gebiet, auf längere oder kürzere Zeit in den Vordergrund getreten ist. Man beachte: Fouqu é , Müllner, Hoff- mann, Pückler, Dr. Carl Blum, Frau von Paalzow, Redwitz, Paul Heyse. Künstler, Schauspieler und Sänger finden sich folgende: Bendemann, de Biefve, Cornelius, David d’Angers, Genelli, Ingres, Kaulbach, de Keyser, Kiß, Kopisch, F. Mendelssohn-Bartholdy, Fr. Tieck, Horac. Vernet, Beethoven, Professor Wach, Carl Maria v. Weber, Zelter, Franz Lißzt, Löwe, Magnus, Moscheles, Paganini, Chr. Rauch, der alte Schadow, Wilhelm Schadow. Schinkel (3 mal), Schnorr, Jul. Schrader, Schwind, Thorwaldsen, Eduard Devrient, Viardot Garcia, Grisi, Lablache, Lind-Goldschmidt, Milder, Clara Novello, Pasta, Rachel, Rebenstein, Pius Alex. Wolff, Schröder-Devrient, Seydelmann, Wilh. u. Aug. Stich (Crelinger.) Noch einige kurze Bemerkungen. Hensel hatte keine Feinde, aber er hatte, gerade was diese Portraits anging, Zweifler. Diese haben durch Schelmereien und übermüthige Witzworte (der alte Humboldt sei für den schönen Karlowa gehalten worden) die Be- deutung dieser Sammlung hinwegspötteln wollen. Aber sehr mit Unrecht. Alle diese Portraitköpfe sind nicht Phantasieschöpfungen, laufen auch nicht auf ein bequemes „corriger la nature“ hinaus; sie verrathen vielmehr, abgesehen von einer meisterhaften, unserem Hensel ganz eigenthümlichen Technik, vor Allem auch eine eminente Begabung für das Charakteristische. Sonderbarerweise haben wir uns neuerdings daran gewöhnt, das Charakteristische vorwiegend im Häßlichen zu suchen, anstatt uns zuzugestehen, daß das Ueber- treiben nach der einen Seite hin, also das Carrikiren und Transponiren en laid, doch mindestens ebenso verwerflich ist, als ein Zuviel en beau . Richtig geübt ist dies eben nichts anderes als der ideale Zug in der Kunst, der doch immer der siegreiche bleiben wird. Die neueste Kunst- und Weltepoche, die „lichtbildnerische,“ ist dem Ruhme der Henselschen siebenundvierzig Mappen allerdings nicht allzu günstig geworden. Aber wie immer dem sein möge, der größte Theil dieser Sammlung giebt doch Aufschluß über eine vor - lichtbildliche Zeit und wird über kurz oder lang einen Werth repräsentiren, ähnlich den Initialenbüchern des Mittelalters, aus denen oft Städte, Stände, Persönlichkeiten allein noch zu uns sprechen. Die Mappen Wilhelm Hensel’s werden dann ein Bibliothekenschatz sein trotz einem, eine Quelle voll historischer Bedeutung, und der Name des Predigersohns aus Trebbin wird zu neuen Ehren erblühen. Am 26. November 1861 war W. Hensel gestorben und am 30. trugen ihn seine Freunde hinaus. Auf dem alten Drei- faltigkeits-Kirchhof, unmittelbar links vom Halleschen Thore, be- reitete man ihm an der Seite Fanny Mendelssohn’s, deren An- denken er fast einen Kultus gewidmet hatte, die letzte Ruhestätte. Sein Grab zu besuchen, zugleich auch über die Daten seiner Geburt und seines Todes volle Gewißheit zu erlangen, bog ich, in diesen letzten Maitagen, in den dunklen, kastanienüberschatteten Gang ein, der bis an das Thor des alten Kirchhofes führt. „Ist hier der Mendelssohn’sche Begräbnißplatz?“ fragt’ ich. Ein 12jähriges, klug aussehendes Kind, an das ich die Frage gerichtet, nickte mir freundlich zu, setzte dann, als ob sichs von selbst verstünde, das ihrer Huth anvertraute Schwesterchen ins Gras nieder und sagte: „Kommen Sie nur. Es ist schwer zu finden.“ Dabei lief sie vor mir her, ein Gewirr von Gängen und Steigen passirend, und nur von Zeit zu Zeit sich umsehend, ob ich auch folge. Wirklich es war schwer zu finden, schwerer noch als ich gedacht hatte, denn drei, vier Kirchhöfe schoben sich hier mit ihren auslaufenden Spitzen so dicht und eng ineinander ein, wie die Finger zweier gefalteten Hände. Schließlich hielten wir vor einer umgitterten Stelle von mäßiger Größe. „Hier das Mittelgrab ist das Grab von Felix Mendelssohn- Bartholdy.“ Sie gab ihm seinen vollen Namen. Daß ich Wilhelm Hensel’s wegen gekommen sein könne, dieser Ge- danke lag ihr fern. Und danach knixend und meinem Danke sich entziehend, lief sie wieder im Zickzack bis zu der Stelle zurück, wo ich sie gefunden hatte. Die Mendelssohn’sche Begräbnißstätte bildet einen Staat im Staat, einen Kirchhof auf dem Kirchhof. Es sind fünf Gräber, alle gleichmäßig von Epheu überwachsen. Darunter ruhen, neben andern Mitgliedern der Familie, Felix Mendelssohn, Fanny Mendelssohn (die Gattin Wilhelm Hensel’s) und endlich Wilhelm Hensel selbst. Dem Hause, dem er im Leben anhing, ist er auch im Tode treu geblieben. Alle Arten von Immergrün fassen das Gitter ein: Epheu, Buchsbaum, Taxus, Lebensbaum und eine hohe Cypresse überragt das Ganze. Die Gräber haben Marmorkreuze; nur zu Häupten Fanny Hensel’s steht ein zugeschrägter, schön polirter Granit, der, außer Namen und Datum, die Worte trägt: Gedanken gehn und Lieder Fort bis ins Himmelreich, Fort bis ins Himmelreich. Auch die Noten der Liedeskomposition sind in Goldschrift beigefügt, was einen sehr eingenthümlichen Eindruck macht. Worin übrigens kein Tadel liegen soll. Im Gegentheil. Ich sehe nicht ein, wes- halb nur Fahnen und Kanonen das Vorrecht genießen sollen, als Denkmal- oder Grabstein-berechtigt zu gelten. Je häufiger und consequenter diese langweilige Tradition durchbrochen wird, desto besser. W. H.’s Grabschrift lautet: Wilhelm Hensel , Professor und Hofmaler; geb. zu Linum den 6. Juli 1794, gest. zu Berlin den 26. November 1861. Geboren zu Linum . Also doch! Und so bat ich denn meinem Trebbiner Schützen-Major ab, über den großen Sohn seiner Stadt, der sich nun schließlich als ein Linumer Kind herausstellte, so schlecht unterrichtet gewesen zu sein. Aber auch diese reumüthige Stimmung hatte keine Dauer und konnte sie nicht haben. Er war eben doch ein Trebbiner. Eine sich entspinnende Zeitungs-Controverse ließ mir, nach Aus- tausch einiger Pro’s und Contra’s, endlich keine Zweifel darüber, daß sich auch dieser Grabstein, in Geltendmachtung traditioneller Vorrechte, geirrt habe. Noch einmal also: W. Hensel geb. zu Trebbin ! Schlußwort. Mit diesem IV. Bande nehm’ ich — wenigstens in meiner Wanderer-Eigenschaft — Abschied vom Leser, nicht weil der Stoff erschöpft wäre, wohl aber vielleicht die Geduld. Und ein Band zuviel ist wie ein Tag zuviel, der den guten Besuchs-Eindruck wieder in Frage stellt. Ueber zwanzig Jahre sind vergangen, seit ich im Sommer 59 mit diesen Wanderungen begann. Was den Anstoß dazu gab, darüber hab’ ich mich in dem Vorworte zu Band I. ausführlicher ausgesprochen, und wiederhole hier nur in aller Kürze, daß es auf einer Tour in Schottland, angesichts eines im Leven-See sich er- hebenden alten Douglas-Schlosses war, wo mir zuerst der Gedanke kam „je nun, so viel hat Mark Brandenburg auch. Geh’ hin und zeig’ es.“ Auf einer „Tour“ sagt ich, war mir dieser erste Gedanke zu den Wanderungen gekommen und ausschließlich als „Tourist“ gedacht’ ich daheim ihn auszuführen. Jede wissenschaftliche Prä- tension lag mir fern. Es drängte mich nur, das eingewurzelte Vorurtheil von einer hierlandes auf alle Dinge sich erstreckenden Armuth und Elendigkeit zu bekämpfen und durch Hinweis auf diesen oder jenen Schönheits- beziehungsweise Berühmtheitspunkt unsrem so gern in die Ferne schweifenden Märker zu Gemüth zu führen: „Sieh, das Gute liegt so nah.“ Und so fuhr ich denn in meine specielle Heimath, ins Fontane , Wanderungen. IV. 29 Ruppin ’sche hinein und begann in seinen Luch- und Bruch- Dörfern umherzuwandern, den Rhin und die Dosse hinauf und hinunter, und gleich das erste Kapitel, das ich schrieb, ergiebt denn auch bis diese Stunde, wie lediglich touristenhaft ich meine Sache damals auffaßte. Dies erste Kapitel behandelte „Wustrau“ das am Ruppiner See gelegene Herrenhaus des alten Zieten. Es fiel mir nicht ein, unter dieser Ueberschrift irgend etwas auf historischem Gebiete Neues über den berühmten alten Husarenvater erzählen zu wollen, vielmehr lief in meinem Vorhaben alles auf etwa folgende Be- trachtung und Ansprache hinaus: „Ihr kennt alle den alten Zieten, den Zieten aus dem Busch, der auf dem Wilhemsplatze steht und zu dem der alte Fritze sagte: „Zieten setz er sich.“ Und ist auch derselbe, der den Zietenritt ausführte, den unser Scherenberg in wahren Steeple-Chase-Versen besungen hat, und ist endlich auch der, der bei Torgau nicht locker ließ und die Schlacht gewann, die der König schon verloren glaubte … Nun seht, dieser alte Zieten ist nicht so blos spurlos aus dieser Zeitlichkeit geschwunden, und sitzt auch nicht so blos, wie’s uns unser Chodowiecki glaub’ ich gezeichnet hat, oben im Himmel und regiert da mit Gott und dem alten Fritzen um die Wette, nein, nein, er ist auch noch diesseits zu finden und wenn ihr nur an den rechten Fleck Erde kommt, so wird sich euch noch allerhand aufthun, Kleines und Großes, das an ihn erinnert. Und dieser Fleck Erde liegt am Ruppiner See. Da geht nur hin, und wenn ihr erst da seid, so werdet ihr da- selbst nicht blos das Herrenhaus sehen das er gebaut und den Park den er angelegt hat, sondern zugleich auch seinen Gra bstein an der äußeren Kirchenwand und sein stattliches Gra bdenkmal im Innern der Kirche. Ja, wenn ihr Glück habt und es trefft, daß die Herrschaften oben ausgefahren oder wohl gar verreist sind, so könnt’ ihr am End’ auch den Säbel sehen, den der Alte nie zog (ein einzig Mal abgerechnet, wo’s ihm an’s Leben ging) und könnt’ auch vielleicht in den Husaren-Ahnensaal eintreten, in dem all die rothröckigen und schnauzbärtigen Zieten’schen Officiere hängen, die den 7jährigen Krieg mit durchgefochten haben. All’ das könnt ihr da sehen und nebenher auch noch dies und jenes hören, allerlei Schnurren und Anekdoten, die von Mund zu Munde gehn. Und wenn ihr dann weiterfahrt, dann werdet ihr ungefähr dasselbe denken, was ich seinerzeit gedacht habe: „Weit hinaus über alles Erwartete!“ Ja, vorfahren vor dem Krug und über die Kirchhofsmauer klettern, ein Storchennest bewundern oder einen Hagebuttenstrauch, einen Grabstein lesen oder sich einen Spinnstubengrusel erzählen lassen — so war die Sache geplant und so wurde sie begonnen. Und sehr wahrscheinlich auch, daß es dabei geblieben wäre, wenn es dabei hätte bleiben können . Allein dies verbot sich. Ein Vorgehen, wie das eben geschilderte, hatte doch immer ein be- stimmtes Maaß von Kenntniß und Interesse zur Voraussetzung und mußte von dem Augenblick an hinfällig werden, wo die Voraussetzung selbst es ward und mich im Stiche ließ. In dem Wustrau-Kapitel lagen die Dinge bequem, Wustrau war ein Idealstoff, aber solcher Stoffe gab es in ganz Mark Brandenburg eigentlich nur noch drei: Rheinsberg, Küstrin und Fehrbellin. Ueber diesen Kreis hinaus versagte sofort das Vorweg-Interesse, weil das Wissen zu versagen anfing, und schon bei Tamsel und Alt-Moeglin, bei Friedersdorf und Friedland ergaben sich arge Verlegenheiten. In ihnen waren einerseits die Schöning’s und Bar- fuß’ und andrerseits die Marwitz’ und die Lestwitz’ zu Hause. Wer aber waren die Schöning und die Barfuß’? Und wer waren die Marwitz’ und die Lestwitz’? Und das Recht zu dieser Frage nur einen Augenblick zugestanden, war auch die Pflicht zugestanden, sie zu beantworten. Eine Folge davon war, daß ich aus dem ursprünglichen Plauderton des Touristen in eine historische Vortragsweise hineinge- rieth, und Band II. (Oderland) ist denn auch mehr oder weniger ein Zeugniß und Beweis dafür geworden, indem er aus einer An- schauungs- und Arbeits-Epoche stammt, in der mir diese verän- derte Vortragsweise, will sagen das Vorherrschen des Historischen, als unerläßlich erschien. Aber nicht lange, so bemerkt ich den Irr- und Gefahrsweg auf den ich gerathen war und bestrebte mich, mich in die frühere Weise zurückzufinden, ein Bestreben, das in den beiden Schluß- bäuden, so hoff’ ich, deutlich erkennbar zu Tage tritt. Auch sie noch weisen genug des Historischen auf, aber es verbirgt sich oder 29* sucht sich wenigstens zu verbergen, und so haben denn Band III. und IV. auf dem Wege der Kritik und Reflexion etwa wieder die Form und Gestalt empfangen, die mir bei Niederschreibung der ersten Kapitel aus dem bekannten „dunklen Drange heraus“, als die richtigste, jedenfalls als die wünschenswertheste vorschwebte. Der Hinweis auf diese Dinge schien mir geboten und zwar in Abwehr gegen Bemängelungen, denen diese Reise-Feuilletons, (so vielleicht darf ich sie nennen) ausgesetzt gewesen sind. Irgend- wo hieß es einmal: „Die nach mehr als einer Seite hin über- schätzten „Wanderungen“ sind Arbeiten, an denen der Mann von Fach, also der Berufs-Historiker, achselzuckend oder doch mindestens als an etwas für ihn gleichgültigem vorübergeht.“ Es mag in diesem Satze sehr viel Richtiges enthalten sein, aber insoweit irrt er und benachtheiligt er mich, als er mir Absichten und Stre- bungen unterstellt, die mir, ein paar der von mir selber ange- deuteten Ausnahmefälle zugegeben, absolut fern gelegen haben. Er stellt mich rein willkürlich, ohne meinen Wunsch und ohne mein Zuthun, in die Prachfront der großen Grenadiere, blos um hinter- her auf eine bequemste Weise meine Füsilierschaft, meine Zuge- hörigkeit zur letzten Rotte der 12. Compagnie vor aller Welt Augen beweisen zu können. Ich hab’ aber nie mehr beansprucht als 5 Fuß 5 Strich altes Maaß. Wer sein Buch einfach „Wan- derungen“ nennt und es zu größerer Hälfte mit landschaftlichen Beschreibungen und Genrescenen füllt, in denen abwechselnd Kut- scher und Kossäthen und dann wieder Krüger und Küster das große Wort führen, der hat wohl genugsam angedeutet, daß er freiwillig darauf verzichtet, unter die Würdenträger und Groß- Cordons historischer Wissenschaft eingereiht zu werden. Ich habe „mein Stolz und Ehr’“ und zwar mit vollem Bewußtsein auf etwas anderes gesetzt, auf’s bloße Plaudern-können, und erkläre mich auch heute noch für vollkommen zufriedengestellt, wenn mir dies als ein Erreichtes und Gelungenes zugestanden werden sollte. Freilich bleibt daneben bestehen, daß in eben diesen Kapiteln, und zwar unter Zuthun und Hülfe meiner über die halbe Provinz hin zerstreuten Mitarbeiter , auch ein bestimmtes Quantum historischen Stoffes niedergelegt worden ist, das eben nur hier existirt Es liegt mir begreiflicherweise daran, einen so difficilen Punkt nach Möglichkeit klargestellt zu sehen, weshalb ich mich auch noch in diese Anmer- kung flüchte. Was an Historischem in diesen Wanderungen enthalten ist, gruppirt sich: in allgemein Gekanntes, in wenig Gekanntes und in gar nicht Gekanntes. Es ist selbstverständlich, daß der Mann von Fach an der ersten, räumlich sehr überwiegenden Gruppe vorübergehen muß und an der zweiten (in der sich übrigens einige Raritäten vorfinden) vorübergehen kann . Aber die dritte Gruppe, der beispielsweis alle Kirchenbuch-Aufzeichnungen angehören, hat Anspruch auf Beachtung auch von Seiten des Berufshistorikers. Dies im Hinblick auf Einzelheiten aussprechen, ist etwas sehr andres, als mit dem Ganzen historische Prätensionen erheben. und an dem mißachtend vorübergehen zu wollen, ein Fehler wäre, den, so mein’ ich, niemand aus freien Stücken be- gehen wird, niemand, dem neben dem exakten Contour auch das Colorit in der Kunst etwas bedeutet. Ich erwähnte meiner Mitarbeiter und möchte der haupt- sächlichsten derselben etwas eingehender gedenken dürfen. Da sind vorerst die märkischen alten Familien: der Land- und Landes-Adel aus den Tagen der Putlitz, Quitzow und Rochow her. Die Gefühle für sie sind im Laufe von vierhundert Jahren ziemlich unverändert geblieben, ziemlich unverändert wie sie selbst. Und aus gleicher Ursach die gleiche Wirkung. Wirklich, es lebt in unserm Adel nach wie vor ein naives Ueberzeugtsein von seiner Herrscherfähigkeit und Herrscherberechtigung fort, ein Ueberzeugtsein das zum Schaden ebensowohl des Ganzen wie der einzelnen Theile, noch auf lange hin das Zustandekommen einer auf Prinzipien und nicht blos auf Vorurtheil und Interesse basir- ten Tory-Partei verhindern muß. Eine solche bedarf eben durch- aus des dritten Standes. Es wird aber nur wenige bürgerliche „Honoratiores“ geben, die nicht — auch bei conservativster Schu- lung und Naturanlage — durch den Pseudo-Conservatismus unsres Adels, der schließlich nichts will als sich selbst und das was ihm dient, in peinlichste Verlegenheit und hellste Verzweiflung gebracht worden wären. Immer wieder bricht es durch, erweist eben noch gehegte Hoffnungen als eben so viele Täuschungen und macht ein herzliches Zusammengehn auf die Dauer unmöglich. Indessen es gilt politisches und gesellschaftliches Auftreten zu scheiden, und was seinerzeit vom Engländer galt und eigentlich immer noch gilt: „in der Fremde bedrückend, aber zu Haus entzückend“ eben dasselbe geflügelte Wort ist auch anwendbar auf unsren Adel. Und weshalb? Einfach deshalb, weil er sich daheim, an seinem eignen Herd, in sein volles Gegentheil zu verkehren und aus der Starrheit seines non possumus in ein alle Welt sympatisch be- rührendes laisser passer überzulenken weiß. Er ist eben über Nacht ein andrer geworden. Nicht mehr in die Defensive gestellt, nicht mehr ein kreis- oder reichstäglich Belagerter, der sich, in strikter Befolgung alter Taktik, am besten durch Ausfälle zu schützen glaubt, entäußert er sich einer ihm schließlich selbst unbequem wer- denden Stachel-Rüstung und kleidet sich in das Selbstgespinnst seiner vorvorderlichen Tugenden. Und diese Tugenden heißen: ein gut Theil Gutmüthigkeit, ein noch größeres von gesundem Menschenverstand und ein allergrößtes von Kritik. Und diese Kritik ist das Beste. Mit einem seiner Zuhörerschaft sich alsbald mittheilenden Behagen beginnt er plötzlich alles unter die Loupe seiner ihm angebornen Skepsis zu nehmen und dabei Radikalismen laut werden zu lassen, Urtheile von einer Fortgeschrittenheit, als flösse nicht die Niplitz oder die Notte, sondern mindestens der Hudson oder Potomac an seinem alten Feldsteinthurm vorüber. All das freilich nur als jeu d’esprit, ohne die geringste Neigung sich andern Tags in allernüchternster Morgenfrühe daran erinnern oder wohl gar beim Worte nehmen zu lassen, aber auch als bloßes Spiel schon erweist es sich als bemerkenswerth und verräth uns zur Genüge, daß etwas Helles und Gewitztes, etwas esprit fort- haftes in ihm steckt, und daß die Wurzel jener Selbstsucht , die so vorzugsweis an ihm mißfällt, in allem Möglichen, nur nicht in der Enge seines Geistes zu suchen ist. Er ist vielmehr umge- kehrt von einem scharfen und eindringenden, ja, so weit lediglich praktische Dinge mitsprechen, von einem umfassenden Blick, und führt seinen Existenzkampf nicht deshalb so hart und erbittert, weil er des Gegners Recht verkennte, sondern gerade deshalb weil er es erkennt. Er vermag nur nicht den einen letzten Schritt zu thun, den vom erk ennen bis zum ane rkennen. Alles in Allem: sie sind doch anders als ihr Ruf, diese so viel verklagten „Junker“, anders und besser, und es ist nur Pflicht und Wahrheit wenn ich an dieser Stelle versichere, daß ich einer langen Gesprächsreihe mit ihnen eine Zahl aller glücklichster Stunden verdanke, Stunden voller Anregung und Belehrung, in Betreff deren es gleich war, ob das Gespräch in Haus oder Haide, vor’m Kamin oder auf dem Pirschwagen geführt wurde. Zu welchem allem ich auch das noch hinzufügen möchte, daß sich mir diese liebenswürdige Verkehrsseite, diese Welt ansprechender nnd ge- fälliger Formen unter theilweis sehr erschwerenden Umständen erschloß und zwar zu Zeiten, als ich mich noch als ein absolut Fremder unter unsren ruppinisch-havelländischen und barnim- lebusischen Familien bewegte. Mit einer Dankbarkeit, in die sich etwas von Bewundrung mischt, muß ich jener ersten 60er Jahre gedenken, wo meine Besuche vollkommen überfall-artig stattfanden und ich, mal auf mal, auf gut Glück hin die herrschaftliche Rampe hinauffuhr, in der That um kein Haarbreit introducirter oder empfohlener, als irgend ein Feuer- oder Hagel-Assekuranz-Agent. Oft schlug mir das Herz, und mit nur zu gutem Grund, aber nie- mals bin ich einer Unfreundlichkeit oder Verspottung begegnet, zu der die Situation eigentlich ausnahmelos herausforderte. Vor Koeckeritz und Lüderitz, Vor Krachten und vor Itzenplitz, Bewahr uns lieber Herre Gott — das mag politisch auch noch so weiterklingen; gesellschaftlich und persönlich aber haben es die „Raubritter“ von ehedem an nichts wirklich Ritterlichem jemals fehlen lassen Wie gut es mir auf den alten Herrensitzen ergangen ist, davon legen die vier Bände Zeugniß ab. Auf Eines aber möcht’ ich eigens noch hin- weisen dürfen und zwar auf den für mich sehr wichtigen Umstand, daß ich bei den Mittheilungen die mir zu Theil wurden, niemals durch Aengstlich- keiten gequält worden bin. Es kam nie vor, daß die linke Hand wieder zu nehmen trachtete, was mir die rechte Hand eben gegeben hatte. Jene so häufigen Cautelen und Einengungen, die bekanntlich viel grausamer sind als Vorenthaltung, blieben mir sämmtlich erspart. Ich empfing alles „auf Dis- kretion“, ohne daß mir diese Diskretion jemals zur Bedingung gemacht worden wäre. Ja, was noch mehr überraschen wird, ich bin auch nach- träglich niemals eines Vertrauensbruchs oder eines faux pas oder einer Un- und alles Gegensatzes gegen den Inhalt des vorigen Jahrhunderts unerachtet, die Form und den Ton eben dieses Jahrhunderts (dem des unsrigen so sehr überlegen) immer zu wahren und immer zu treffen gewußt. Und nun ihr meine Geliebtesten, ihr meine Landpastoren und Vicars of Wakefield! Ach, auch euch lacht nicht eigentlich die Sonne der Volksgunst, und wirklich, wer euch so zur Synode ziehen sieht, angethan mit jenem Frack und jenem Blick, die zu zeitigen unsrem norddeutschen Protestantismus innerhalb seiner andren Aufgaben vorbehalten war, und wer euch dann sprechen hört über den Zeitgeist, den ihr ändern möchtet und nicht ändern könnt, und über die Juden, die bekehrt werden sollen und doch am Ende nicht wollen — der betet auch wohl wieder „bewahr uns lieber Herre Gott.“ Aber mit wie großem Unrechte! Der in die Residenz ver- schlagene Landpastor ist eben ein sich selbst Entfremdeter, der morgens vor seinem Spiegelbild erschrickt, und erst von dem Augenblick an wo die Wichtigkeit und die weiße Binde wieder von ihm abfällt und das schwarzsammtne Hauskäpselchen in sein Recht tritt, erst von diesem Augenblick an ist er wieder er selbst und kehrt zurück in den Urstand aller ihm eignenden guten Dinge. Der ex cathedra sprechende Pastor und der Lehn- und Sorgenstuhl- Pastor sind so grundverschieden wie roi Henri wenn er in die Schlacht zieht und roi Henri wenn der Dauphin auf ihm reitet. Der eine ganz Schwert und Rüstung, der andre ganz Idyll. Und nur den letztren hab’ ich kennen gelernt. Kennen und lieben, was ein und dasselbe bedeutete. Denn auch hier wieder nahm ich das Gegen- geschicklichkeit bezichtigt worden. Was alles ich nicht dankbar genug aner- kennen kann. Aber freilich, wenn es mir einerseits glückte, mich vor einem direkten in Ungnade-fallen zu schützen, so hat es mir doch andrerseits (einen einzigen Fall abgerechnet) auch nie gelingen wollen, in eine direkte Gnade zu kommen. Es war eben immer nur „a hair-breadth’s escape“. So wenigstens glaub ich aus einem gewissen elegischen Ton schließen zu dürfen, in dem diese Dinge, wenn das Kapitel schließlich vorlag, behandelt zu werden pflegten. Es kann aber auch kaum anders sein, und berühmte Historiker, wie mir ver- sichert worden ist, haben Schlimmeres erfahren müssen. theil von dem wahr, was sich l’opinion publique als das Kriterium eines Landgeistlichen herausgeklügelt hat, und wenn ich weiter oben sagen durfte, daß ich bei dem Adel auf dem Lande nie der ihm vorgeworfenen Enge der Anschauungen begegnet sei, so bei dem Pastor auf dem Lande nie der ihm vorgeworfenen Unduldsamkeit. Es wird Einzel-Fälle davon gegeben haben und noch geben, aber sie zu beobachten blieb mir erspart. Ich habe weder die Rationa- listen über die Strenggläubigen, noch die Strenggläubigen über die Rationalisten in wirklich gehässigen Worten aburtheilen hören, auch nicht in Zeiten brennendster Gegnerschaft, offenster Fehde, gleichviel nun ob Aera Mühler oder Aera Falk auf der Tages- ordnung stand. Ueberall vielmehr bekundete sich ein bestimmter guter Wille den Gegner auch in dem , was ihn zum Gegner machte, gelten zu lassen, und was abwich von dieser Regel, erwies sich schließlich immer nur als Schein, als ein Ausnahmefall, der lediglich im Temperament und nicht in der Gesinnung seine Wurzel hatte. Der Sanguiniker hielt nicht jederzeit mit sei- nem Witzwort und der Choleriker nicht jederzeit mit seinem Kraft- und Kernwort zurück, aber all das schuf nur Ausdrucks- und Disputationsformen, die hinter einer hervorblitzenden Kampfes- lust eine letzte Friedensgeneigtheit nie vermissen ließen. Ein Zug allgemeinen Wohlwollens, entsprossen aus der richtigen Würdigung einer auf Versöhnung und Liebe gestellten Berufs- und Lebensauf- gabe, bekundete sich in allem, in Großem und Kleinem, und rief mir die ganze Landpastoren-Schwärmerei meiner jungen Jahre wieder ins Leben zurück. Und aus ihren Reihen war es denn auch, daß mir meine recht eigentlichsten Mitarbeiter erwuchsen, solche , die sich’s nicht blos angelegen sein ließen mir den Stoff , sondern eben diesen Stoff auch in der ihm zuständigen Form zu geben. Und dabei welch erstaunliches Wissen im Detail. Immer neue Seiten in Historie, Natur- und Volksleben erschlossen sich mir und vergewisserten mich in der übrigens längstgehegten Ueber- zeugung, daß der Glückliche, dem es dermaleinst beschieden sein sollte, die Gesammtheit dieses in hundert Einzelforschungen eruirten und extrahirten Materials in sich zu vereinigen, der Sanspareil sein wird auf dem Gebiete märkischer Spezial-Geschichte. So viel über unsere Landpastoren. Und nun ahnt der Leser bereits, vor wem ich mich, als vor dem Dritten im Bunde, zu verneigen haben werde, natürlich vor dem Lehrer , der sich mir, unbekümmert darum ob ich ihn bei seinen Schulstunden oder bei seinen Bienen- und Rosenstöcken störte, von einem immer gleichen Entgegenkommen erwies. Einen einzigen Ausnahmefall abgerechnet, über den ich in dem Kapitel Malchow des Weiteren berichtet habe, hieß es allezeit und alle- wege: „Klopfet an, so wird euch aufgethan,“ und selbst auf brief- lich gestellte Fragen, aus denen sich mehr als einmal eine voll- ständige Correspondenz entwickelte, bin ich zu keiner Zeit ohne den gewünschten und oft sehr eingängigen Bescheid geblieben. Und mit diesen Lehrern auf dem Lande wetteiferten die Lehrer in der Stadt , aus deren Reihen ich wenigstens Eines hier unter Nennung seines Namens gedenken möchte: Garnison- schullehrer Wagener in Potsdam. Unter seinem im Anfange sowohl ihm wie mir unbewußt bleibendem Einflusse war es, daß ich mich aus der historischen Vortragsweise, wie schon Eingangs hervorgehoben, in die genre- hafte zurückfand und den ursprünglichen Plauderton in sein ihm zuständiges Recht wieder einsetzte. Die ganze Gruppe der Kapitel aus der Umgegend von Potsdam, also Bornstedt, Sakrow, Fahr- land, Falkenrehde, Marquardt, Uetz und Paretz am Nordufer der Havel und ebenso Werder, Glindow, Petzow, Caput ꝛc. am Süd- rande hin, entstanden unter seiner Führung, und was von ernsten und heitren Geschichten unter all’ diesen Kapitelüberschriften enthalten ist, entnahm ich zu sehr wesentlichem Theile seinem immer frischen und anschaulichen, weil überall aus der Erlebniß- fülle schöpfenden Unterwegs-Gespräche. Mit einer wahren Her- zensfreude denk’ ich an jene Sommer-Nachmittage zurück, wo wir von den Dörfern und Ziegelöfen am Schwilow-See heimkehrend, auf einer vor ein paar ausgebauten Häusern von Alt-Geltow liegenden Graswalze zu rasten und unser sehr verspätetes Vesper- brot aus freier Hand einzunehmen pflegten, ohne daß der Rede- strom auch nur einen Augenblick gestockt hätte. Da vergaßen wir denn der Flüchtigkeit der Stunde, bis die Mondsichel über den kleinen Giebelhäusern stand und uns erinnerte, daß es höchste Zeit sei, wenn wir, oder doch wenigstens ich , den Zug noch erpassen wollten. Und immer rascher und geängstigter ging es vorwärts, jetzt über die Gewehrfabrik und jetzt über den öden und sommer- staubigen Exercirplatz hin, und nun hörten wir das erste Läuten. O wie das ins Ohr gellte, denn die vollgestopfte Brücke lag noch zwischen uns und unsrem Ziel. Also Trab, Trab! Und ein ewiges und verzweifeltes „Pardon“ auf der Lippe, das uns freilich vor dem üblen Nachruf aller Carambolir- ten nicht schützen konnte, ging es endlich zwischen den pickenden Sperlingen hin, entlang den Droschkenstand, entlang den Perron und nun hinauf die Treppe, bis ich keuchend und athemlos und mit eingebüßtem Taschentuch in das nächstoffenstehende Coup é hinein stürzte. „Gute Nacht“. Und fort rasselte der Zug. Es war wie Dauerlauf und Turnerfahrt aus alten Schul- und Ferientagen her, und gab einem auf Augenblicke das Gefühl einer ach auch damals schon auf lange hin zurückliegenden Jugend wieder. Und schon das war ein Glück. Und von manch’ ähnlichem Tage könnt’ ich noch berichten! Aber die „Wanderungen“ selbst erzählen davon, und so brech’ ich denn ab und schließe mit dem Wunsche, den ich schon einmal und zwar bei Beginn des Werkes aussprechen durfte „daß das Lesen dieser Dinge dem Leser wenigstens einen Theil der Freude bereiten möge, den mir das Einsammeln seiner Zeit gewährte“. Berlin, 14. November 1881. Th. F. Druck von Fr. Aug. Eupel in Sondershausen. Verlag von Wilhelm Hertz (Bessersche Buchhandlung) 17. Behrenstraße in Berlin. Wanderungen durch die Mark Brandenburg. I. Theil. Die Grafschaft Ruppin von Theodor Fontane . Dritte vermehrte Auflage . 8° ( XV u. 496 S.) Preis 8 Mark. Inhalt: Am Ruppiner See. Wustrau. Carwe. Radensleben. Neu-Ruppin. Ein Gang durch die Stadt. Die Klosterkirche. Die Grafen von Ruppin. Die Zeit unter den Grafen. Andreas Fromm. Kronprinz Friedrich in Ruppin. General v. Günther. Karl Friedrich Schinkel. Michel Protzen. Gustav Kühn. Civibus aevi futuri. Am Wall. Die Ruppiner Garnison. Regiment Prinz Ferdinand. Das Regiment Nr. 24. Rheinsberg. Die Kahlenberge. Französische Colonisten- Dörfer. Einfahrt in Rheinsberg. Der Rathskeller. Unter den Linden. Das Möskefest. Die Rheinsberger Kirche. Das Schloß in Rheinsberg. Anblick vom See aus. Die Reihenfolge der Besitzer. Die Zimmer des Kronprinzen. Die Zimmer des Prinzen Heinrich. Prinz Heinrich. Der Rheinsberger Park. Herr v. Reitzenstein und der verschluckte Diamant. Der Freundschafts-Tempel. Das Theater im Grünen. Das Grabmal des Prinzen. Der große Obelisk in Rheinsberg und seine Inschriften. Zwischen Boberow-Wald und Huvenow-See. Der Rheinsberger Hof von 1786 bis 1802. Major v. Kaphengst. Graf und Gräfin La Roche-Aymon. Zernikow. Die Ruppiner Schweiz. Die Ruppiner Schweiz. Am Molcho- und Zermützel-See. Zwischen Zermützel- und Tornov-See. Die Menzer Forst und der Große Stechlin. An Rhin und Dosse. Das Wustrauer Luch. Walchow. Protzen. Garz. Das Dosse-Bruch. Neustadt a. D. Wusterhausen a. D. Trieplatz. Der Haupt- mann von Capernaum. Der Akazienbaum. Urania v. Poincy. Tramnitz. Auf dem Plateau. Gantzer. Frau v. Jürgaß. Gottberg. Krentzlin. Lindow. Gransee. Gentzrode. Gentzrode. Jo- hann Christian Gentz. Wanderungen durch die Mark Brandenburg. II. Theil. Das Oderland von Theodor Fontane . Dritte vermehrte Auflage . Preis 7 Mark. Inhalt: Von Frankfurt bis Schwedt. Das Oderbruch. Wie es in alten Zeiten war. Die Verwallung. Die alten Bewohner. Die Colonisirung und die Colonisten. Freienwalde. Von Falkenberg nach Freienwalde. Die Stadt ꝛc. Falkenberg. Das Schloß. Der Gesundbrunnen. Der Rosengarten. Der Baasee. Hans Sachs von Freienwalde. Der Schloßberg bei Freienwalde und die Uchtenhagens. Buckow. Der große und kleine Tornow-See. Moeglin. Albrecht Daniel Thaer. Quilitz oder Neu-Hardenberg. Quilitz von 1763—1814. Neu-Hardenberg seit 1814. Friedland. Cunersdorf. Hans Georg Sigismund von Lestwitz. Frau von Friedland. Graf und Gräfin Itzenplitz. Chamisso in Cunersdorf. Gusow. Der alte Derfflinger. Frieders- dorf. Joachim Ernst von Görtzke. Friedrich August Ludwig v. d. Marwitz. Alexander v. d. Mar- witz. Küstrin. Unter Markgraf Hans. Festung Küstrin und ihre Belagerungen. Die Katte- Tragödie. Tamsel I. Hans Adam von Schöning. Kronprinz Friedrich und Frau von Wreech. Tamsel II. Der Park. Die Kirche. Das Schloß. Zorndorf. „Der Blumenthal“. Predikow. Hans Albrecht von Barfus. Schloß Cossenblatt. Steinhoefel. Valentin von Massow. Von Sparren-Land und Sparren-Glocken. Prenden. Otto Christoph von Sparr. Lichterfelde. Am Werbellin. Das Pfulen-Land. Schulzendorf. Garzin. Buckow. Wilkendorf. Gielsdorf Jahnsfelde. Wanderungen durch die Mark Brandenburg. III. Theil. Havelland . Die Landschaft um Spandau, Potsdam, Brandenburg. Von Theodor Fontane . Zweite vermehrte Auflage . 8° ( VIII u. 460 Seiten). eleg. geh. Preis 7 Mark. Die Wenden und die Colonisation der Mark durch die Cistercienser. Die Wenden in der Mark. Geographisch-Historisches. Lebensweise. Sitten. Tracht. Charakter. Begabung. Cul- tus. Rhetra. Arkona. „Was ward aus den Wenden?“ Die Cistercienser in der Mark. Kloster Lehnin. Die Gründung des Klosters. Die Aebte von Lehnin. Abt Siebold von 1180—1190. Abt Herrmann von 1330—1340. Abt Heinrich Stich. (Etwa von 1399—1430). Abt Arnold. (Etwa von 1456—1467). Abt Valentin. (Etwa von 1509—1542). Kloster Lehnin, wie es war und wie es ist. Die Lehninsche Weissagung. Kloster Chorin. Kloster Mariensee. Kloster Chorin von 1272—1542. Kloster Chorin wie es ist. Spandau und Umgebung. St. Nicolai zu Spandau. Das Havellän- dische Luch. Der Brieselang. Finkenkrug. Försterei Brieselang. Die Königseiche. Der Eichenbaum. Schloß Oranienburg. Burg und Jagdhaus Bötzow von 1200—1650. Schloß Oranienburg. Die Zeit Louise Henriettens von 1650—1667. Die Zeit Friedrichs III. von 1688—1713. Die Zeit des Prinzen August Wilhelm von 1744—1758. Tegel. Die Seeschlacht in der Malche. Das Belved è re im Schloß- garten zu Charlottenburg. Potsdam und Umgebung. Die Havelschwäne. Die Pfaueninsel. Die Pfaueninsel bis 1685. Die Pfaueninsel von 1685—92. Johann Kunkel. Die Pfaueninsel unter Frie- drich Wilhelm III. 1797—1840. Die Pfaueninsel 15. Juli 1852. Frau Friedrich. Groß-Glinicke. Fahrland. Die Nedelitzer Fähre. Der Königswall. Das Hainholz und der Kirchberg. Dorf Fahr- land. Amtshaus. Kirche. Pfarre. Die Fahrlander Chronik. Bernhard Daniel Schmidt, Pastor zu Fahrland, 1751—74. Johann Andreas Moritz, Pastor zu Fahrland, 1774—94. Sakrow. Unter dem Grafen Hord von 1774—79. Unter Baron Fouqu é von 1779—87. Sakrow von 1787—94. Born- städt. Wer war er? Marquardt. Marquardt von 1795—1803. Marquardt von 1803—1833. Mar- quardt von 1833—1858. Marquardt seit 1858. Geheime Gesellschaften im 18. Jahrhundert. Schwin- del-Orden. Illuminaten und Rosenkreuzer. Uetz. Paretz. Paretz von 1796—1800. Paretz 20. Mai 1816. Paretz von 1815—40. Paretz seit 1840. Das Schloß in Paretz. Die Kirche. Der Tempel. Der „todte Kirchhof“. Etzin. Falkenrehde. Zwei heimlich Enthauptete. Graf Adam Schwarzenberg. General von Einsiedel. Wust. Geburtsdorf Hans Hermanns von Katte. Wust 1707. Wust 1730. Wust 1748. Wust 1775. Wust 1820. Wust jeit 1850. Der Schwilow und seine Umgebungen. Der Schwilow. Caput. General de Chieze von 1662—1671. Kurfürstin Dorothea von 1671—1689. Sophie Charlotte und König Friedrich I. bis 1713. Petzow. Baumgartenbrück. Alt-Geltow. Neu-Geltow. Werder. Die Insel und ihre Bevölkerung. Stadt und Kirche. „Christus als Apotheker“. Die Werderschen. „Die Werdersche“. Glindow. Gedichte von Theodor Fontane . Zweite vermehrte Auflage . gr. 8. geh. 5 M. 10 Pf. geb. 6 M. 60 Pf. Vor dem Sturm . Roman aus dem Winter 1812 auf 13. Von Theodor Fontane. 4 Bde. elegant geheftet 18 M., elegant gebunden 20 M. Grete Minde. Nach einer altmärkischen Chronik von Theodor Fontane. eleg. geh. 3 Mk. Fein gebunden 4 Mk. Ellernklipp . Nach einem Harzer Kirchenbuche von Theodor Fontane. 1882. eleg. geh. 3 M., fein gebunden 4 M.