Philosophisch-Medicinische Untersuchungen uͤber Natur und Kunst im kranken und gesunden Zustande des Menschen. Von F. Joseph Gall , der Weltweisheit und Arzneywissenschaft Doktor ausuͤbendem Arzte in Wien. Erster Band. WJEN , bey Rudolph Graͤffer und Comp . 1791 . Decet Sapientiam traducere ad Medicinam, et Medicinam ad Sapientiam. Medicus enim Philosophus Deo æqualis. Hipp. de decenti Habitu. Vorrede . S eit dem Hippokrates gruͤndeten alle grossen Aerzte ihr Verfahren auf das Verfahren der Natur. Unsere Urvaͤter wurden uns darinn zu unsterblichen Gesetzgebern. Sie folgten der Natur in ihr geheimstes Heiligthum, und ver- ehrten in ihr ein ewig sich selbst gleiches, un- verbesserliches Muster, worauf sie all ihr Wis- sen, und alle ihre Unternehmungen einschraͤnk- ten. Auf diesem Weege erschien der Arzt sehr oft in der Rolle des Zuschauers; noch oͤfter in )( 2 jener Vorrede . jener des Nachahmers; nur selten trat er als Alleinherrscher auf. Dadurch aber wurden dem Forschungsgeiste gewisse Grenzen vorgeschrieben, die dem Kitzel der Selbstthaͤtigkeit und der Eitelkeit zur Last wa- ren. Auch ist es unendlich viel leichter und schmeichelhafter, sich eine eigne Welt von Krank- heiten und ihren Ursachen zu schaffen, als die wirklichen, oft so versteckten Erscheinungen der Natur zu beobachten, sie von ihrer richtigen Seite zu beurtheilen, und eine vernuͤnftige Heilart darauf zu gruͤnden. Man suchte zu erst zu erklaͤren, und ersann eine Meinung nach der andern. Die Lieblingshypothesen der Jahrhun- derte wurden in die Arzneywissenschaft uͤber- tragen, in der folglich, je nachdem die physi- schen Kenntniße waren, mehr oder weniger Un- sinn herrschte, bis hie und da ein Mann her- vorkam, der die Natur wieder in ihre Rechte einsetzte. Dieser Vorrede . Dieser Mann muste mit durchdringendem Scharfsinne und mit gleich grosser Empfindungs- und Einbildungskraft ausgeruͤstet seyn, um von den kleinsten Dingen eben so sehr geruͤhrt zu werden, als von den grossen. Sein Geistes- blick muste schnell seyn, um keine Gelegenheit entschluͤpfen zu lassen; seine Beurtheilungskraft streng, um von keinem Schein betrogen zu wer- den; er muste Geschmack an der Natur haben, das ist, er muste zum Beobachter nicht durch Kunst gebildet, sondern von der Natur geboh- ren seyn. — Aber wie wenige gelangen zu dem, zu was sie gebohren sind! Durchblaͤttern wir die Schriften der un- verdrossensten Beobachter, so schwindelt uns zwar vor der ungeheuren Menge von Beobach- tungen; und dennoch sind solche, die ein voll- kommener, ungekuͤnstelter und unverfaͤlschter Abdruck der Natur waͤren, so selten! Wer kann jede Thatsache als Ursache, als Wirkung, als Folge, von allen Seiten, in allen Verhaͤlt- nissen so untersuchen, daß nicht zuweilen die behut- Vorrede . behutsamste Erfahrung ein Trugschluß seye? Setz- ten uns Zeitalter, Hilfswissenschaften und Vorbegriffe, die gewoͤhnte Gedankenreihe, kal- ter, aber ernster Beobachtungstrieb, scharfer, geuͤbter Beobachtungsgeist, Selbstbeherrschung, Anhaltsamkeit und Langmuth im Pruͤfen, Drang an Kenntnißen zu wachsen, Wahrheitsliebe und Wahrheitssinn; — die Abwesenheit mancher- ley Hinderniße, als: Uebereilung, unruhige Be- gierde etwas Bestimmtes zu beobachten, Satt- weisheit, Allgenuͤgsamkeit, Vorurtheil ꝛc. — Setzten uns endlich Laune, Temperament, die unentbehrliche Beguͤnstigung von Seiten der Organisation, und die wiederholten Gelegen- heiten in den Stand, richtig zu erfahren, und das Erfahrne zu berichtigen? — — In der That eben so viele Ursachen, warum man alle Hoffnung aufgeben sollte, je zu einer vollstaͤndi- gen Kenntniß des kranken und gesunden Zustan- des des Menschen zu gelangen. Dazu koͤmmt noch, daß durch die man- nigfaltigen Zerruͤttungen der menschlichen Na- tur Vorrede . tur, durch die Folgen der Weichlichkeit und des zunehmenden Sittenverderbnisses, durch die Ausbreitung und unsichtbare Fortpflanzung zerstoͤbrender Gifte nicht allein die Erkenntniß der Krankheiten, sondern jede arzneywissenschaft- liche Erfahrung unendlich erschwert wird. Die Krankheiten erscheinen, besonders in grossen Staͤdten, nur selten mehr in ihrer einfachen Gestalt; die von so vielen Seiten gekraͤnkte Natur wirkt ohne Ordnung, ohne Stetigkeit, ohne gehoͤrigen Nachdruck, so, daß man nicht weiß, ob ein Umstand von guter oder schlim- mer Bedeutung, ob er die Wirkung der Na- tur oder der Kunst seye. Dadurch wird das Beduͤrfniß, aͤchte, einfache Grundsaͤtze der praktischen Heilkunde fest zu setzen, alle Tage dringender. Wenn das Verfahren der Aerzte mit jenem der Natur uͤber- einstimmt; wenn sie die Regungen der Natur richtig zu beurtheilen und zu benuͤtzen wissen; wenn sie die Quellen vom Ursprung, von der Natur Vorrede . Natur und der Erkenntniß der Krankheiten er- forschet haben: so hat ihre Kunst den hoͤchsten Grad der Vollkommenheit erreicht, und der grosse Wunsch eines Haller und Tissot , die Rechte der Natur geltend zu machen, ist erfuͤllet. Auf diesen Zweck hin bestrebte ich mich, den ganzen Umfang der praktischen Arzneywis- senschaft zu bearbeiten, und das Wichtigste und Wesentlichste derselben auf einfache, sichere, aus der Natur selbst, welche ich jederzeit der Kunst zur Seite stelle, hergeleitete Grundsaͤtze zuruͤck zu fuͤh- ren, und so diese schwere Kunst sowohl in Ruͤcksicht der Erkenntniß als der Heilung der Krankheiten gegen das Blendwerk scharfsinniger Hypothesen, und gegen die Gefahr und die Vorwuͤrfe des Schwankenden und des Ungefaͤhrs zu beschuͤtzen. Ich hoffe diese Absicht in acht besondern Adhandlungen zu erreichen. Diese werde ich einander so unterordnen, daß immer die eine aus der andern zu fließen scheine, und dadurch desto mehr an Klarheit und Zuverlaͤßigkeit gewinne. Vor Vorrede . Vor allem ist es billig und nothwendig, daß sowohl der Arzt als der Philosoph richtige Begrif- fe von einem belebten Mechanismus, und von der Natur des Menschen zu erhalten suchen. Dieses ist der Gegenstand des 1 Kapitels dieses 1 Ban- des. Schon Hippokrates behauptete, daß we- der der Weltweise noch der Gesetzgeber etwas Richtiges ohne Beyhilfe der Arzneywissenschaft von der Natur des Menschen erkennen koͤnne; so wie von der andern Seite immer diejenigen die gr oͤ sten Aerzte geworden sind, welche zu- gleich grosse Philosophen waren. Die ganze Abhandlung kann als eine medizinische Psycho- logie angesehen werden. Die ersten 28 Seiten sind um der angefuͤhrten Hypothesen willen et- was schwer. Wem indessen an den Hypothe- sen nichts gelegen ist, dem ist eine fluͤchtige Uebersicht zur Verstaͤndniß des Folgenden hin- reichend. Im zweyten Kapitel werden die Heilan- zeigen, welche man durchgaͤngig in allen Krank- heiten Vorrede . heiten ohne Ruͤcksicht auf ihre eigentliche Na- tur befolgen muß, auseinander gesetzt. Im dritten handle ich von dem Ursprung, der Natur und der Erkenntniß der Krankheiten. Meine Absicht ist nicht, die eigentlichen Zeichen einer jeden Krankheit, sondern weit wesentli- chere und allgemeinere Quellen ihrer Erkennt- niß anzugeben. Im vierten suche ich den Unterschied zwi- schen Krankheit und Zufall fest zu setzen. Im fuͤnften handle ich zwar von den Krank- heiten der verschiedenen Alter und Geschlechter; aber nur insofern mir dieses noͤthig ist, um ihre stete Verbindung unter einander zu zeigen, die Zufaͤlle der Entwicklung vollstaͤndig anzuge- ben, und sie genau von den Krankheiten selbst zu trennen. Das sechste entwickelt die Maßregeln und die Faͤlle, wie und wo der Arzt die Natur nach- ahmen soll. Im Vorrede . Im siebenten handle ich umstaͤndlich vom Fieber und von den Entscheidungen. Das achte ist eine Folge der vorhergehen- den, und hat die Dauer der Krankheiten, je nachdem sie der Natur uͤberlassen, oder auf verschiedene Weise kuͤnstlich behandelt werden, zum Gegenstande. Was ich im zweyten, dritten, fuͤnften und siebenten Kap. umstaͤndlicher seyn muß, werde ich in den uͤbrigen desto kuͤrzer seyn koͤnnen. Das ausgenommen, was ich mich alle Tage zu vervollkommnen hoffe, werde ich durch- gaͤngig das Verfahren, welches ich im zweyten Kapitel beobachtet habe, beybehalten. Siste- matische Ordnung ohne Gewaltthaͤtigkeit, ein- leuchtende Beyspiele, im strengsten Sinne prak- tische Maßregeln ꝛc., sollen immer mein Haupt- augenmerk seyn, weil mir nicht so viel daran gelegen ist, Wahrheiten gesagt, als sie meinen juͤngern Lesern faßlich, nuͤtzlich und bleibend ge- macht zu haben. Um Vorrede . Um der zahllosen Menge der Gegenstaͤn- de willen wird man mir vergeben, daß ich in Nebenbeweisen oft sehr eingeschraͤnkt bleibe, auch bey Gegenstaͤnden, die eine umstaͤndlichere Eroͤrterung verdient haͤtten. Ich glaubte bes- ser zu thun, wenn ich meinen Hauptgegenstand nie zu weit von mir entfernte, und dem Leser selbst uͤberließ, sich zu meinen Beweggruͤnden auch die seinigen hinzu zu denken. Ich kenne die Groͤße meines Unterneh- mens, und die Grenzen meiner Kenntniße. Aber ich weiß auch, daß ein solches Werk nur in den Jahren der Thaͤtigkeit, der Forschungs- sucht, der Ehrbegierde und des Muthes unter- nommen werden kann. Wenn das Muͤhsame uͤberwaͤltigt ist, so mag der gepruͤftere und ru- hige Verstand zur Reife bringen, was der fruchtbarere und jugendliche Geist erzeuget hat. Erstes Kapitel . Von der Natur des Menschen. Censeo vero, quod de natura hominis manifestum quidpiam cognoscere non aliunde poßibile sit, quam ex arte me- dica; quod quidem facile erit penitus nosse, si quis ip- sam Medicinam universam probe complexus iuerit. Hipp. de Veter. Med. Cap. XI. Erstes Kapitel . Von der Natur des Menschen. Erster Abschnitt . §. 1 Erscheinungen des menschlichen Koͤrpers. S obald man das menschliche Leben nur mit mittel- maͤßiger Aufmerksamkeit zu beobachten anfieng, mußte man auch uͤber die Erscheinungen desselben stau- nen. Der Mensch wird durch eine Reihe von Wun- der n erzeugt, gebildet, und gebohren. Sein ganzes Leben ist ein unablaͤßliches Geschaͤft von Wirken und Gegenwirken; er zerstoͤrt sich immer selbst, und stellt sich wieder her; er nutzt sich ab, und verschoͤnert sich Galls I. Band. A wie- wieder; er verliert immer, und empfaͤngt immer; ist ein ewiges Streben, Arbeiten, Kaͤmpfen, Einschraͤn- ken, Aufloͤsen, Vermischen, Laͤutern, Scheiden, ein unuͤbersehbares reges Gesilde von Leben und Kraft. §. 2 Anstalten zu dessen Erhaltung. Hunger und Durst, das grosse Geschaͤft der Verdauung und Einsaugung, die Absoͤnderungen und Ausleerungen, das Gefuͤhl der Saͤttigung, Drang zur Ruhe und Bewegung, der ununterbrochene Um- lauf der Saͤfte, das Athmen u. s. w. sind eben so viele unzertrennbare Anstalten zu seiner Erhaltung. §. 3. Krankheitsursachen. Man sehe auch, was Rousseau und Frank in seiner me- dizinischen Polizey von der Wirkung des Luxus auf die Vermehrung des Menschen sagt: 2te Auflage 1ter Theil S. 19. In folgendem Theile Artikel Unveraͤnderlich- keit der Krankheiten werde ich diesen Gegenstand naͤher berichtigen. Zu diesem Endzwecke mußte er mit allem, was ihn umgiebt, in Beziehung und Verhaͤltniß gesezt werden. Seine Haut und sein Fleisch mußten weich, nachgiebig und verwundbar, seine Knochen hart, steif und zerbrechlich seyn; die Luft mit ihren Mischungen, Eigenschaften und Abwechslungen, Nahrung, Him- melsstrich, Jahrszeit, Alter, Geschlecht, Ruhe und Bewegung, Licht, Finsterniß, Gestirne u. s. w. muß- ten auf ihn wirken. Der Der Mensch sollte an Faͤhigkeiten die uͤbrigen Erdengeschoͤpfe uͤbertreffen; sein Bau mußte also der vollkommenste, und die moͤglichen Veraͤnderungen dessel- ben die zahlreichesten seyn. Seine Gesundheit und sein Wohlbehagen waren auf die gleichmaͤßige Einwirkung der festen und fluͤssigen Theile gegruͤndet; je vielfacher diese sind, je mehr ihre Festigkeit und Mischung ver- aͤndert werden koͤnnen; desto vielfacher kann auch ihre gegenseitige Wirkung von der einzigen gleichmaͤssigen abweichen, und desto mehr Verletzungen und Zerruͤt- tungen der Gesundheit sind moͤglich gemacht worden. Weil er lachen konnte, so sollte er auch weinen; und weil er das Verflossene und die Zukunft durchschauen sollte, so sollte er auch zum Wahnsinn herab sinken koͤnnen. Ueberdenken wir noch das Heer der Krankheits- ursachen, welche vom gesellschaftlichen Leben entsprin- gen: die unendliche Verschiedenheit seiner Lebensart, Gewerbe, Ueppigkeit, strenge Vorurtheile, Mangel, Ueberfluß, Traͤgheit, unmaͤßige Anstrengung des Koͤr- pers und des Geistes, Auswanderung, Erziehung, Ansteckung, Afteraͤrzte u. s. w.: so sollte man an der Moͤglichkeit verzweifeln, daß man jemals gesund seyn koͤnnte. §. 4. Anstalten gegen die Krankheitsursachen. Indessen ist doch immer der kranke Theil des Menschengeschlechtes verhaͤltnißmaͤssig unendlich klein; man hat alltaͤgliche Beyspiele von sehr alten Leuten, A 2 wel- welche nie eine betraͤchtliche Unpaͤßlichkeit erlitten ha- ben; solche ungluͤckliche Wesen, deren kranken Tage die gesunden uͤbertreffen, sind aͤusserst selten; man kennt ganze Voͤlker, welche nur von sehr wenigen Krankhei- ten und von diesen nur selten heimgesucht werden: denn der Mensch war zu hoͤheren Dingen geboren, als daß er sein Leben in immerwaͤhrender Sorge fuͤr seine Ge- sundheit hinseufzen sollte. Sein Schoͤpfer mußte also dafuͤr gesorgt haben, daß alle Gefahren so lange beseitigt oder entkraͤftet wuͤrden, bis der Mensch wieder hinkehren sollte, wo er herkam. Und in der That beweisen dieses unzaͤhli- ge Erscheinungen: Ist irgend eine Verrichtung der thie- rischen Haushaltung in Gefahr, es sey aus Uebermaß der Gesundheit, oder daß sonst eine feindliche Ursache einen zu maͤchtigen Einfluß habe; so empoͤren sich die Triebfedern des Lebens; es entsteht ein Fieber, hef- tige Fieberbewegungen, Ausleerungen, Blutfluͤsse, Schweise, Erbrechen, Bauchfluͤsse, haͤufiger Harn, Hautausschlaͤge, Verwerfungen, Schmerz, Kitzel, Zuckungen, Angst, Geschrey, angestrengtes Athmen, Roͤcheln, Stoͤhnen, ausgelassene Verdrehungen des Koͤrpers, Jauchzen, Springen, Geschlechtsbegierde, Leidenschaften u. s. w., lauter absichtliche Anstalten der menschlichen Natur, die wir so oft unter dem Namen der Krankheiten verkennen, da sie uns unterdessen allermeist zur Wohlthat werden. 〟Alle Natur, sagt Cicero, bringt die Selbsterhaltung mit sich, und hat sich dieses zum aͤussersten Ziel und Zwecke gesetzt, sich in dem bestmoͤglichsten Zustande ihrer Art zu bewahren.〟 §. 5. §. 5. Erforschung der Grundursachen dieser Anstalten. Es waͤre genug gewesen, wenn man sich um die Natur und die Graͤnzen dieser guͤtigen Vorkehrungen bekuͤmmert haͤtte; allein die Forscher der Grundursa- chen wagten auch da wieder einen zu kuͤhnen Schwung, dessen Erfolg bestaͤttigt hat, daß der Mensch umsonst nach Dingen strebe, fuͤr welche er keine Sinne hat, und die folglich schlechterdings nicht in das Gebiet sei- ner Erkenntniß gehoͤren. Man hatte im Menschen wesentliche Eigenschaf- ten entdeckt, die ihm vor dem uͤbrigen Thierreiche einen unstreitigen Vorzug geben. Der Mensch erhoͤhet und vervielfaͤltiget seine Sinnlichkeit durch seine Vernunft; er unterscheidet das Zukuͤnftige und Gegenwaͤrtige vom Vergangenen; er erkennet mit inniger Lust die Schoͤn- heiten und die Gesetze der Natur und der Kunst; er sehnt sich nach Wahrheit, und findet in ihr Genug- thuung; er erforschet und ergruͤndet die Ursachen und den Zusammenhang der Dinge; er wird durch die Er- fahrung und die Geschichte belehrt und kluͤger; nimmt Antheil an Gespraͤchen und Witz; freuet sich uͤber eigene und fremde Vollkommenheiten; er zweifelt und wird uͤberfuͤhrt; seine Faͤhigkeiten und die Begierde seines Willens zu einer immer hoͤhern Vollkommenheit sind unbeschraͤnkt; er erkennet Recht und Unrecht; Verstand und Religion verheißen ihm Unsterblichkeit; er sieht und verehrt uͤberall den Urheber alles dessen, was ober und unter ihm ist. Der Der Koͤrperwelt hingegen hatte man lange alle Bewegung und Thaͤtigkeit abgesprochen; man uͤbersah die Erscheinungen, welche die Erden, die Gewaͤchse, die unvernuͤnftigen Thiere und die Welten mit dem Menschen gemein haben; riß ihn daher vom Naturall ab; und da man ihn nimmer in der Verbindung mit der uͤbrigen Schoͤpfung untersuchte: so ist es kein Wunder, daß man als die Grundursache aller Er- scheinungen eine Sache angab, welche ihn so sehr uͤber die Koͤrper- und Thierwelt erhob. Dieses war die menschliche Seele. Man schrieb ihr die Klugheit und Willkuͤhr einer Baumeisterin zu, und beehrte sie mit dem Namen einer Erhalterin und Vermittlerin ihrer koͤrperlichen Huͤlle. §. 6. Darstellung der Stahlischen Hypothese. Kaum beruͤhrte der Same des Mannes den Keim des kuͤnftigen Menschen; so ordnete die Seele die La- ge der Theile und ihre Mischung: sie sah die Geburt und alle dabey obwaltenden Umstaͤnde vor; daher senk- te sie gegen das Ende der Schwangerschaft den Kopf auf den Eingang des Beckens; brachte in gemeinschaft- licher Wirkung mit der Seele der Mutter das nun reife Kind zur Welt; erweiterte ihm die Brusthoͤhle; fieng das Geschaͤft des Athmens an, und wieß den Saͤften einen andern Lauf an, weil die Gemeinschaft mit der Mutter nun aufgehoben ist; jezt hieß sie es, sich nach der Milch in den Bruͤsten sehnen; dieser praͤgte sie die Kraft ein, den zaͤhen Stoff, den sie bisher von von den Saͤften abgeschieden, und in den Darmkanal abgesezt hatte, auszufuͤhren. Sobald der Magen und die Gedaͤrme eine staͤrkere Nahrung verarbeiten konn- ten, so verlaͤngerte sie nach und nach die Zaͤhne; weil sie aber bey diesem Unternehmen nicht jeden gefaͤhrlichen Umstand vermeiden konnte, so reinigte sie den Koͤr- per theils durch einen Bauchfluß, theils schuͤtzte sie ihn dadurch und durch das reichliche Geifern eines scharfen Speichels gegen die von Schmerz und Krampf zu besorgenden waͤsserichten Ergiessungen in die Hirn- hoͤhlen; wenn das jezt noch unvermeidliche Misverhaͤlt- niß der Theile und derselben Schwaͤche den verwege- nen Gaͤngler zu Boden wirft, so hatte sie ihm den Hin- tern mit derbem Fleische gefuͤttert, oder streckte ihm eil- fertigst die Haͤnde aus, und bewahrte so die edleren Theile; sie schloß das Auge, dem sich etwas naͤherte, und schlemmte den eingefallenen Splitter mit Thraͤ- nen aus; dem zu lebhaften Lichte setzte sie Schranken, indem sie den Augenstern verengerte; reizte ein fremder Koͤrper die Luftroͤhre oder die innere Nasen- haut, so erregte sie ein heftiges Niessen oder einen Husten, und warf ihn durch den Luftstoß heraus; dem Schwelger kehrte sie den Magen um, und befreiete ihn dadurch von der unausstehlichen Bangigkeit und den Folgen der Unverdaulichkeit; die unterdruͤckte schaͤdliche Ausduͤnstungsmaterie fuͤhrte sie durch haͤufi- gen Harn oder waͤsserichte Stuͤhle weg; die Wirkung des Feuers, der Aezmittel und anderer Schaͤrfen ent- kraͤftete sie, indem sie dieselben augenblicklich mit Lymphe verduͤnnte, das Oberhaͤutel aufhob, und so den den Reiz von den Nerven entfernte; erregte eine ver- schluͤckte Nadel den schmerzhaftesten Krampf, der alle Hilfe von oben und unten gewaltthaͤtig abwendete, der den verletzten Darm heftig entzuͤndete, und unter schrecklichen Martern das Leben durch den Brand zer- stoͤrte; so hatte zwar die Seele die beste Absicht; al- lein sie konnte, wie alle erschaffenen Dinge, nicht uͤber- all und allzeit gute Wirkungen hervorbringen. — In der Wasserscheue stemmte sie sich, so lange sie konnte, gegen den heftigen Trieb zu beißen; sie warnte die Umstehenden, ließ die Gliedmassen bereitwillig in Fes- seln legen, bis sie endlich vom unseeligen Drang uͤber- waͤltigt die koͤrperlichen Bewegungen nimmer einhalten konnte. Albrecht de Thaer de actione Systematis nervosi in febribus §. X. p. 25. So prieß und entschuldigte man sie in al- lem, was im gesunden und kranken Zustande des Men- schen bis zum Tode vorgieng. Dieser Meinung war vorzuͤglich Stahl , der unter seinen Schuͤlern einen grossen Anhang bekam. Die Bewegungen der thierischen Werkzeuge, als: den Umlauf der allgemeinen Saͤfte sowohl durch die Schlag- als Blutadern in Verbindung mit der Bewegung des Herzens und der Athemwerkzeuge, als auch durch das System der Lymphengefaͤße; alle Absonderungen und Ausfuͤhrungen, welche theils in den schlauchfoͤrmigen Absonderungswerkzeugen, in dem Magen, in den Ge- daͤrmen u. s. w. theils in den Druͤsen und druͤsenarti- gen Eingeweiden geschehen, betrachtete er als Thaͤ- tigkeiten der Seelenkraft, welche, mittelst der den Ner- Nerven beygebrachten und bis zur Seele fortgepflanz- ten Reize, erregt werden; eben so, wie die willkuͤhr- lichen Bewegungen, obwohl ohne Bewußtseyn. Plattner neue Antropologie §. 271. — Hier bediente sich noch die Seele der Werkzeuge des Koͤrpers als Mittel zu ihrem Endzwecke. §. 7. Aber, so wie alle Meinungen grosser Maͤnner von nachahmungssuͤchtigen oder geringfuͤgigen Gei- stern bis zur widersinnigst en Ausschweifung verkruͤppelt werden, so leugneten auch einige vorgebliche Anhaͤn- ger nicht nur die wechselseitige Einwirkung der Orga- ne, sondern sogar alles Daseyn eines kuͤnstlichen, ab- sichtlichen Baues, und die Seele mußte selbst un- mittelbar alle Bewegungen seyn. Lippert de Mechanismi in corpore humano absentia. Er- fordiæ 1738. Lippert behaup- tete gerade zu, daß weder die Anordnung, noch die Gestalt, noch die Einrichtung der Theile mechanisch waͤren; der Mechanismus waͤre sogar ganz unnuͤtz, und im ganzen Koͤrper traͤfe man keine Spur davon an; die Absonderungen und Ausleerungen gaͤben keine Beweise gegen ihn ab; die Muskeln bewegten weder die durch sie verbundenen Knochen, noch koͤnnten sie dieselben jemals bewegen; im §. 16. spricht er im entscheidentsten Tone, es seye die Ausdehnung der Glieder vermittelst der Muskeln schlechterdings un- moͤglich. Hei- Heister schrieb das naͤmliche Jahr eine sehr ge- lehrte Streitschrift dagegen. De Medicinæ mechanicæ præstantia Helmstadii 1738. Indessen faßte die Stahlische Sekte so tiefe Wurzeln, daß sie ein Tissot aus dem Gehirne eines Sauvages nicht ausrotten konn- te. Gegen Sauvages hat Joseph Anton Pujati eine Abhand- lung geschrieben, und dessen Ursache von dem Fieber und den Entzuͤndungen widerlegt. Raccolta d’Opuscoli de P. Colagera. T. 50. In der Einleitung zu einem kleinen Werke Abhandlung uͤber die eigenmaͤchtigen Kuren der Natur: von Anton Bach, Breßlau 1790. sagt der Verfasser: “Da die Lebensbewegungen sich nach Beschaffenheit der Umstaͤnde vielfaͤltig veraͤndern, so kann man diese Veraͤnderung keineswegs maschinenmaͤßig betrachten, weil wir wissen, daß eine Maschine sogleich verdorben wird, wenn sich in ihrer Bewegung eine ungewoͤhnliche Veraͤnderung aͤußert. Mit einem Wort: Die Lebensbewegun- gen sind ausgesuchte Handlungen, und da diese nach Erfoderung des Koͤrpers veranstaltet werden, so muß man ein verstaͤndiges Wesen als die wirken- de Ursache derselben zum Grunde setzen, weil alle Maschinen nothwendiger Weise, keine aber elekti- visch wirkt. Und dieses Wesen nennt man die Na- tur. Sie bedient sich vorzuͤglich der Ab- und Aussoͤnderungen, den Koͤrper gesund zu erhalten, und wenn er krank ist, gesund zu machen.„ Im Texte sagt er: “So ist es uns bekannt, daß die Vollziehung der Ab- und Aussonderungen groͤsten- theils von der Einbildungskraft abhangen.„ Er ge- steht steht aber, daß seine Natur, sein verstaͤndiges We- sen “manchmal furchtsam, zweifelhaft und unschluͤ- ßig verfahre, z. B. wo ein ansteckendes und zum kalten Brand eilendes Wesen vorhanden ist.„ u. d. gl. Dergleichen Gesinnungen muͤssen einigen neuern Schriftstellern, welche ein Geschaͤft daraus machen, so manche unerklaͤrbare Faͤhigkeit unserer Seele theils zu erlaͤutern, theils zu erdichten, ungemein willkom- men seyn. Diese Leute sind so von ihrer Seele be- zaubert, daß sie derselben Kraft und Thaͤtigkeit in al- len Ecken zu sehen glauben. Eckartshausen sagt: “Da der Schoͤpfer in den Koͤrperbau der Thiere tausend Mittel zu ihrer Erhaltung legte; wie viel vollkomm- nere wird er nicht in die feinere Organisation des Menschen und in seine Seele gelegt haben„! — Bis daher vortrefflich — — “Einen Beweis der Thaͤtig- keit der Seele, faͤhrt er fort, haben wir an Men- schen und Geschoͤpfen, die eines Sinnes verlustigt werden. Die Seele sucht alsogleich durch einen andern Sinn den Verlust zu ersetzen, und wendet alle ihre Kraft zur Verfeinerung anderer Organe an.„ Aus Vorliebe zur Geisterwelt verwechseln sie bald das Vermoͤgen, verworrene, dunkle Begriffe unter gewissen Umstaͤnden zu entwicklen und aufzuklaͤ- ren, mit der unmittelbaren Vorhersehungskraft; bald den geheimen Gang der Gewohnheit, das Geschaͤft der Ideenvergesellschaftung, Wirkungen schwacher, entfernter, unfuͤhlbarer Ursachen, mit dem unabhaͤn- gigen Ahndungsvermoͤgen. Die Leichtglaubigkeit belegt belegt alles mit Thatsachen, welche bey strenger Pruͤ- fung allermeist verschwinden. “Es giebt Menschen, sagt der naͤmliche Schriftsteller, die die Stunde ihres Todes vorhersagen; Dieses koͤmmt von einer Faͤhigkeit ihrer Seele her, welche die Kenntniß des Maaßes ihrer koͤrperlichen Kraft hat. — — So giebt es auch Menschen, die durch das Gefuͤhl des innern Sinnes geleitet, die Kraft ihrer Ma- schine fuͤhlen, und durch das Selbstgefuͤhl ihr Auf- hoͤren eben so natuͤrlich bestimmen koͤnnen” Aufschluͤsse zur Magie. Muͤnchen 1788. §. 8. Darstellung der Hallerischen Hypothese. Ehe ich alles dieses beantworte, muß ich die Stahlische Hypothese auf einige Zeit verlassen, um die Hallerische vorzunehmen. Haller betrachtet die Bewegungen der thierischen Werkzeuge blos als die Folge einer den Muskeln uͤber- haupt wesentlichen, und ihren Muskelfiebern insbeson- dere eingepflanzten Reizbarkeit; diese Reizbarkeit aber als ein 1) von der Nervenkraft und dem Ner- vengefuͤhl ganz unterschiedenes, 2) von der Seele weit entferntes und durchaus unabhaͤngiges Vermoͤgen, sich auf jeden empfangenen Reiz zusammen zu ziehen, und nach dem Reiz wieder in den Zustand der Ausdehnung herzustellen. Die Hauptsaͤze, auf welche es in Hal- lers System ankoͤmmt, sind folgende: 1) Alle 1) Alle Theile des menschlichen Koͤrpers, nur allein ausgenommen die Knochen, haben so wie meh- rere natuͤrliche, außerthierische Koͤrper, ein gewißes Bestreben, sich zu verkuͤrzen, jedoch ohne Wechsel von Anspannung und Erschlaffung. Diese vornehmlich in den Flechsen und Haͤuten auch nach dem Tode, noch sichtbare Kraft, ist die todte Zusammenziehlich- keit. 2) Von dieser todten Zusammenziehlichkeit ist unterschieden die lebendige, oder die Reizbarkeit; wel- che bloß den Muskelfiebern eigenthuͤmlich, von me- chanischen und physischen Reizen erregt wird, mit ei- nem Wechsel von Anspannung und Erschlaffung ver- bunden ist, und bald nach dem Tode aufhoͤrt. 3) Diese Reizbarkeit ist ganz etwas anders, als das Nervengefuͤhl; also auch keine Seelenwirkung; 1) weil sie ihren Sitz in den Muskelfiebern, nicht in den Nerven hat; 2) weil die Nerven, so wie das Gehirnmark selbst, keine Reizbarkeit haben; 3) weil viele Theile, wie das Gehirn und das Nervenmark, viel Gefuͤhl, und keine oder wenig Reizbarkeit, an- dere, wie das Herz, viel Reizbarkeit und wenig Ge- fuͤhl besitzen; 4) diese Reizbarkeit auch in unbeseelten Thieren gefunden wird; 5) in todten, ausgeschnit- tenen und also von der Gemeinschaft der Seele und des Gehirns ganz abgesonderten Theilen uͤbrig bleibt; 4) weil viele Dinge, welche das Nervengefuͤhl bele- ben, die Reizbarkeit vermindern, und umgekehrt an- dere welche das Nervengefuͤhl vermindern, die Reiz- barkeit beleben. 4) So 4) So ist also die Reizbarkeit, diese von dem Nervengefuͤhl und von der Nervenkraft ganz unterschie- dene, so wie von dem Einfluße der Seele ganz unab- haͤngige, ausschlußweise den Muskelfiebern inwohnen- de, lebendige Kraft, die wirkende Ursache aller Be- wegungen der thierischen Werkzeuge. Der Reiz wel- cher sie in dem lebendigen Koͤrper erweckt, ist theils die Waͤrme; theils die salzigte Bestandtheile der in den thierischen Werkzeugen befindlichen Saͤfte; in dem Herzen und in den Adern das Blut und Serum; in dem Magen und in den Gedaͤrmen die Nahrungs- materie u. s. w. Der Erfolg des Reizes ist das Zu- sammenziehen (der Gefaͤße und der schlauchfoͤrmigen Eingeweide) und die Fortbewegung der Materien, welche den Reiz erregt haben. 5) Man kann sich ohnehin keinen Begriff davon machen, wie diese Bewegungen Wirkungen der Seele seyn sollten; da sich die Seele hierbey weder eines Ge- genstandes und Zweckes, noch der Werkzeuge ihrer Thaͤtigkeit selbst, bewust ist, folglich noch viel weni- ger einige Willkuͤhr dabey statt findet. Plattner neue Antropologie §. 272. Haller suchte die Triebfedern der Reizbarkeit in dem die festen Theile bindenden Leime. Gaubius haͤlt zur Bewirkung der Reizbarkeit die bloße Struk- tur der Zasern, oder Versetzung der Elemente nicht hinreichend. Weikard Der Philosophische Arzt. rechnet die Reizbarkeit un- ter die voruͤbergehenden Eigenschaften der Koͤrper, welche durch eine gewiße Verbindung, Verhaͤltniß und und Bewegung der Theile entstehen. Nebst dem lei- tet er sie vom Phlogiston her; so wie andere von ge- wissen Luftarten, der elektrischen Materie, dem mag- netischen Strome u. s. w. §. 9. Plattners Gruͤnde gegen die Hallerische und fuͤr das Wesentliche der Stahlischen Hy- pothese. Die Widerlegung dieses Systems und die Ver- theidigung der wesentlichen Saͤtze des Stahlischen gruͤndet Plattner auf folgende Paragraphen: §. 275. Daß in einem thierischen Koͤrper die geringste lebende Bewegung, ohne Theilnehmung der Seelenkraft, bewirkt werden sollte: das ist ganz ent- gegen dem Grundbegriffe der thierischen Natur. §. 276. Daß die thierischen Werkzeuge, und namentlich die in ihrer Struktur befindlichen Mus- kelfibern, so wie alle gedenklichen Muskelfiebern, Ner- ven haben muͤssen: das ist eine unwidersprechliche von Hallern selbst nicht geleugnete Wahrheit. §. 277. Haben die Muskelfiebern der thieri- schen Werkzeuge Nerven, und diese Nerven Ner- vengeist in sich: so ist in dem lebendigen Koͤrper kein Reiz dieser Muskelfiebern moͤglich, welcher nicht die Nerven treffe, und den Nervengeist nicht in Bewe- gung setze. Da also der Nervengeist, als das thie- rische Seelenorgan entweder unmittelbar, oder auch vielleicht nur mittelbar durch das geistige mit der Seele verbunden ist: so muß jeder Nervenreiz in der Seele Seele eine Veraͤnderung, einen Eindruck, ein Ge- fuͤhl hervorbringen, und dem empfangenen Eindruck gemaͤß, abwaͤrts durch die Nerven, eine Thaͤtigkeit erregen. §. 278. Daß in der Seele leidentliche und thaͤtige Veraͤnderungen ohne Bewußtseyn entstehen koͤnnen, das bedarf keines Beweises. §. 279. Was Stahl von Absicht und Will- kuͤhr der Seele bey den Bewegungen der thierischen Werkzeuge sagt §. 273. Nro 5., das gehoͤrt nicht zu dem Wesentlichen seines Systems; auf keinen Fall zu den Behauptungen des Verfassers der Anthropologie. §. 280. Demnach ist das Zusammenziehen der gereizten Muskelfiebern nicht die unmittelbare und al- leinige Folge des ihnen fuͤr sich beygebrachten Reizes: sondern die Erscheinung einer durch das Nervengefuͤhl erregten Thaͤtigkeit der Seelenkraft. §. 281. Die Wirklichkeit unbeseelter Thiere ist noch nicht bewiesen. Thiere ohne Nerven, ohne Seelenorgan und ohne Seele, waͤren keine Thiere, sondern Pflanzen in thierischer Gestalt. §. 282. Das Zusammenziehen der Muskel- fiebern, welches in todten, ausgeschnittenen, und also von der Gemeinschaft der Seele und des Gehirns ganz abgesonderten Theilen, eine kurze Zeit wahrge- nommen wird, beweißt nur so viel: daß die einfache Substanzen des in den Nerven der Muskelfiebern ent- haltenen Nervengeistes, auch fuͤr sich selbst, und unabhaͤngig von dem Antriebe der Seele, in Thaͤ- tigkeit gesetzt werden koͤnnen: nicht aber, daß auch in dem dem lebendigen Koͤrper die Wirksamkeit dieser Mus- kelfiebern ohne Theilnehmung der Seele bestehe, wel- ches uͤberdem unmoͤglich ist, nach den obigen Grund- saͤtzen §. 277. §. 283. Wer mit Hallern behaupten will, daß der Grund der in den Muskelfiebern sich durch Zu- sammenziehen offenbarenden Reizbarkeit, nicht in dem Nervengeiste sey; dem liegt ob, dieses Zusammenzie- hen darzustellen in Muskelfiebern, welche keine Ner- ven erhalten. Fuͤr sich bestehende, von allem Ner- venwesen unterschiedene Muskelfiebern sind vielleicht gar nicht in dem menschlichen Koͤrper vorhanden. Bis diese Foderung befriedigt ist, bleibt es einleich- tend , daß die in den Erscheinungen der Reizbarkeit sich aͤußernde zusammenziehende Kraft, zunaͤchst von dem Nervengeist herruͤhre; in dem lebendigen Koͤrper abhaͤngig, in dem todten aber unabhaͤngig von dem Antriebe der Seele. §. 284. Wer in unterbundenen, oder sonst von der Gemeinschaft des Gehirns abgesonderten Theilen Wirksamkeit des Nervengeistes fuͤr unmoͤglich haͤlt, der wird getaͤuscht durch die oben widerlegte Hypothe- se von dem Abfluß des Nervengeistes aus dem Ge- hirn. §. 285. Wenn Haller dem Gehirn und den Nerven die Reizbarkeit abspricht, so schraͤnkt er den Begriff dieser Kraft etwas allzuwillkuͤhrlich ein, auf sichtbare Zusammenziehlichkeit; beweißt aber keines- wegs, daß der Grund dieser sichtbaren Zusammen- ziehlichkeit, welche allerdings nicht moͤglich ist ohne Gall I. Band. B eine eine gewisse Festigkeit der Struktur, nicht enthalten sey in der Reizbarkeit der einfachen Substanzen des Nervengeistes, der die Nerven der Muskelfiebern durchdringt. §. 286. Reizbarkeit, d. h. das Vermoͤgen sich auf einen empfangenen Reiz oder Eindruck in Thaͤ- tigkeit zu setzen, ist eine allgemeine Eigenschaft der Substanzen der materiellen Welt; wie viel mehr der- jenigen, aus welcher der Nervengeist besteht. §. 287. Wenn in einigen Theilen des mensch- lichen Koͤrpers, z. B. in dem Herzen viel sichtbare Zusammenziehlichkeit ist, ohne lebhaftes Gefuͤhl, so beweißt das nicht, daß der Reiz und die Kraft der Zusammenziehung unterschieden sey, von dem Reiz und der Kraft des Gefuͤhls. Das schwaͤchere Ge- fuͤhl des Herzens ist von Stahl sehr gut erklaͤrt wor- den, aus der Einfoͤrmigkeit und steten Fortwirkung seiner Reize, und aus einer durch den Einfluß der Gewohnheit entstandenen Abwendung der Aufmerk- samkeit der Seele. Denn Gefuͤhl ist auch bey dem staͤrksten Reize nicht moͤglich, ohne eine gewisse Rich- tung der Seele auf den Reiz, welcher das Gefuͤhl erregt. §. 288. Alle fleischichte Theile besitzen die Hal- lerische Reizbarkeit nach Verhaͤltniß der Menge ihrer Nerven, obgleich, da das Gefuͤhl auch in solchen Theilen, welche viel Nerven haben, allmaͤhlig stumpf werden kann, nicht im gleichem Verhaͤltniß mit dem Grade des Gefuͤhls. §. 289. §. 289. Daß die Nerven selbst fuͤr sich allein, ohne in Muskelfiebern verwebt zu seyn, die Hallerische Reizbarkeit, d. h. sichtbare Zusammenziehlichkeit nicht aͤußern, das beweißt nicht, daß sie nicht, vermoͤge des sie durchdringenden Nervengeistes der Grund da- von sind, sondern nur, daß zu dem fuͤhlbaren Zusam- menziehen eine gewisse, den Muskelfiebern eigenthuͤm- liche Festigkeit der Strucktur erfordert werde. §. 290. Wenn einige Dinge, welche das Ner- vengefuͤhl beleben, die Zusammenziehlichkeit der Mus- kelfiebern in den thierischen Werkzeugen vermindern, wie z. B. geistige, kaustische Materien: so geschieht dieses, indem sie die zum Zusammenziehen erfoderliche Biegsamkeit der Muskelfiebern durch eine stiptische Kraft aufheben. Daher haben sie diese Wirkung nur da, wo sie die Muskelfieber bloß und unmittel- bar beruͤhren. §. 291. Wenn einige Dinge, welche das Ner- vengefuͤhl aufheben, die Hallerische Reizbarkeit uͤbrig lassen: so ist diese uͤbriggebliebene Zusammenziehlich- keit ganz so zu erklaͤren, wie in den todten Theilen. §. 10. Plattners Zusaͤtze zur Stahlischen Hypothese. Uibrigens schreibt Plattner allen einfachen Sub- stanzen dieser materiellen Welt Kraft und Thaͤtigkeit zu; folglich auch allen einfachen Substanzen des mensch- lichen Koͤrpers §. 292. Der Nervengeist aber besteht aus den aller wirksamsten, selbstthaͤtigen Substanzen der materiellen Welt. §. 137. B 2 Dieser Dieser Nervengeist, wenn er in den Nerven der hoͤhern Sinnen und in den Werkzeugen der Phan- tasie enthalten ist, macht das geistige Seelenorgan aus. §. 210. Er ist wahrscheinlich von weit edlerer Beschaf- fenheit §. 219, als derjenige Theil, welcher enthal- ten ist in den Nerven der niedern Sinne, und in den Werkzeugen der Phantasie, wie fern sie sich auf die niedern Sinne bezieht; dieser macht das thierische Seelenorgan aus. §. 213. Den Thieren ist nur das thierische Seelenorgan eigen; es stellt der Seele den Zustand des ihr zur Erhaltung des geistigen Seelenorgans nur in dem ge- genwaͤrtigen Leben noͤthigen thierischen Koͤrpers vor; in den Thieren schlechtweg den Zustand des thierischen Koͤrpers. Der Mensch hat beyde Seelenorganen, und sie sind vermittelst dem Zusammenhang aller Nerven und Gehirnnerven mit einander in Verbindung §. 213. Weil aber in den Verhaͤltnißen des gegenwaͤr- tigen Lebens beyde Seelenorganen, und beyder Ein- wirkungen in die Seele innigst und genau miteinander zusammenhaͤngen; so sind, so lange diese Verhaͤltniße bestehen, beyde davon abhangenden Triebe, Erkennt- niß der Welt, und thierischer Trieb nach koͤrperlichem Wohlseyn, innigst miteinander Verbunden zu einem. Diesen aus der Vermischung des geistigen und thierischen Triebes zusammengesetzten, kann man den menschlichen Grundtrieb nennen. Sein Ziel ist geisti- ge Wirksamkeit vermischt mit thierischem Wohlseyn; und und er ist anzusehen als der Grundtrieb der eigentlichen menschlichen Natur. §. 650. §. 11. Pruͤfung der Plattnerischen Hypothese. Was an allem diesem wirkliches ist, wird die Folge zeigen. Einstweilen erlaube man mir einige Anmerkungen: 1. Die Seele wird aller Eindruͤcke durch die beyden Seelenorganen gewahr. — Die Seelenorga- nen werden durch einen Reiz vermoͤg ihrer selbstthaͤ- tigen Wirksamkeit in Bewegung gesetzt. — Nun fraͤgt sichs: Haͤngt diese erste, urspruͤngliche Thaͤtigkeit der Seelenorgane, diese erstern Bewegungen in der Ma- schine auch von der Seele ab? Koͤmmt es am Ende nicht allemal auf Eins hinaus, naͤmlich: daß das we- sentliche erste Erforderniß, damit die Sinne, die See- lenorganen, und die Seele in Bewegung gesetzt wer- den koͤnnen, Reizbarkeit sey? 2. Wenn das Zusammenziehen der gereizten Muskelfiebern nach §. 280. nicht die unmittelbare und alleinige Folge des ihnen fuͤr sich beygebrachten Reizes ist; sondern die Erscheinung einer durch das Nervenge- fuͤhl erregten Thaͤtigkeit der Seelenkraft; wie kann man §. 282 zugeben: daß diese Zusammenziehlichkeit auch noch in todten Koͤrpern statt habe? 3. Allein die Anhaͤnger der Stahlischen Hypo- these erklaͤren die Wirkungen oder Aeußerungen der Reizbarkeit in den nach dem Tode fortdaurenden Be- wegungen willkuͤhrlicher Muskeln bei Menschen, Voͤ- geln geln und Amphibien, aus Fertigkeiten und Angewoͤh- nungen der Muskeln §. 165. 238. — Fertigkeiten und Angewoͤhnungen finde ich nur dort, wo nach oft wie- derholten Bewegungen die naͤmlichen Bewegungen bey einer schwachen Veranlassung wieder geschehen. Aber die nach dem Tode sich aͤußernden Bewegungen sind bey weitem keine solche, wie sie es im Leben waren; in einzelnen Gliedmaßen, die nur einer sehr einfachen Bewegung faͤhig sind, z. B. in dem Fuße einer Spinne haben sie zwar noch einige Aehnlichkeit, sonst aber ist kein Einstimmung mehr; es sind krampfhafte, zucken- de, bebende, unordentliche, gewaltsame Bewegungen ohne Zweck und ohne Zusammenhang. Wie soll ich mir eine Fertigkeit oder Angewoͤhnung gedenklich ma- chen, wenn Nichts mehr uͤbrig bleibt, was den gewoͤhn- ten Reiz empfaͤngt und erwiedert? Endlich gesteht man in der Note zu §. 283, daß eine fuͤr sich bestehen- de Reizbarkeit und Beweglichkeit des Nervengeistes, und der sowohl willkuͤhrlichen als unwillkuͤhrlichen Muskeln statt habe; und daß es schlechterdings noͤ- thig seye, daß man alles das, mittelst einer spekula- tiven Absoͤnderung, als etwas von der Mitwirkung der Seele getrenntes denken lerne; Ja! es seye unwi- dersprechlich, daß alles das in den Bewegungen todter Theile von der Mitwirkung der Seele wirklich getrennt seye. Aber, daß auch waͤhrend dem Leben, das heißt, waͤhrend der fortdauernden stetigen Gemein- schaft der Seele mit dem Koͤrper, etwas der Art ohne Theilnehmung der Seele erfolgen koͤnne; das werde Plattnern so lange ungedenklich bleiben, bis man darge- dargethan hat, daß die Nerven der thierischen Werk- zeuge des menschlichen Koͤrpers mit der Seele keine Verhaͤltnisse haben. — Ich gebe zu, daß schwaͤchere Reize schwaͤchere Wirkungen hervorbringen, und deß- wegen die Seele nur Reize von einem gewissen Gra- de merklich empfinde; aber daß deßwegen die Seele jeden noch so unbedeutenden Vorgang im Koͤrper em- pfinden muͤsse, weil sie im Faulfieber betaͤubt liegt, und in der Hirnentzuͤndung raset, das kann ich so lange nicht zugeben, bis man mir erwiesen hat, daß ich mittelst der ununterbrochenen Gemeinschaft mit der Luft das Gesumse einer Muͤcke hoͤren muͤsse, weil ich den Knall einer Kanone hoͤre. Uibrigens sind, leident- lich mitleiden, und theilnehmend mitwirken, gar sehr verschiedene Dinge; und obschon ich auch Empfindun- gen ohne Bewußtseyn zugebe; so bleibt es doch eben darum unerweißlich, daß jeder Reiz empfunden werde; und ein Bewußtseyn seines innern Zustandes ohne Empfindung, wie wird man da zu Werke gehen muͤs- sen, um seinen Gegner davon zu uͤberzeugen? 4) Wenn Stahls Hypothese, daß die thieri- schen Bewegungen in der ungebornen Leibesfrucht will- kuͤhrliche Bewegungen waren, und durch den Einfluß der Gewohnheit allmaͤhlig der Aufmerksamkeit und Willkuͤhr der Seele entzogen werden, eine zwar un- erweißliche, aber dennoch merkwuͤrdige Hypothese bleibt §. 315; und, wenn es hoͤchst wahrscheinlich ist, daß die Seele nicht verbreitet sey durch den ganzen Koͤrper, sondern ihren Sitz in dem Gehirn habe, da, wo der Zusammenfluß aller Nerven ist §. 236: So ist ist es auch merkwuͤrdig, daß man ehemals auf die Ge- stirne Engel setzte, um sie auf ihrer Bahne zu leiten; daß ihnen Philo und Avizenna eine verstaͤndige Seele, und der H. Thomas eine nur empfindende Seele zu- schrieben. — Was hat aber dann in jenen Menschen- kindern, welche ohne Kopf, und in jenen, welche ohne Gehirn und ohne Ruͤckmark zur Welt kamen, wie im Jahr 1768. in Wien eines noch einige Stunden gelebt hat, den Theilen ihren Bau, ihre Ordnung und ihre Mischung gegeben? Wie kann man den §. 217, 275, 276, 277, u. s. w. zufolge behaupten, daß sol- che Kinder als Leibesfruͤchte, ohne Gehirn, und folg- lich ohne Seele, mittelst des Ruͤckmarks leben konn- ten? — Wenn aber auch dieses fehlte, was mag wohl dann die Ursache des Lebens gewesen seyn? Es ge- schahen also Bewegungen, Nahrung, Absoͤnderungen u. s. w. ohne Seele neun Monate lang und einige Stun- den — Wer beweiset mir, daß dieses bey vollstaͤndige- rer Organisation nicht mehrere Jahre geschehen koͤnne? Wenn dann die Geschaͤfte der Seele zufolge des §. 240 bey dennoch fortdaurendem Leben zerruͤttet seyn koͤnnen, so ists ja offenbar, daß das Leben, und die thierischen Verrichtungen nicht von der Seele abhaͤngen. Es ist auch noch keine Stelle im Gehirn bekannt, wo alle Nerven zusammenfliessen, und die folglich ein schickli- cher Aufenthalt fuͤr die Seele waͤre. — Mit was fuͤr Recht man ein Wesen ohne Ausdehnung in einen Raum einschraͤnke, haben schon Viele so ziemlich befriedigend dargethan. 5) 5) In dem §. 219 macht man die Substanz des geistigen Seelenorgans des Menschen zum aller- feinsten, unveraͤnderlichsten und unzerstoͤrbarsten Prin- zip in dieser ganzen materiellen Welt. Im §. 157 ist die Seele ein einfaches, geistiges, selbststaͤndiges, und bey allem Wechsel von Veraͤnderungen und Zu- staͤnden beharrliches Wesen. Im §. 245 macht man zum Sitz der Seele denjenigen Theil des Seelenor- gans, welcher der Seele wesentlich noͤthig ist, um uͤberhaupt theils leidentlicher, theils selbstthaͤtiger Ver- aͤnderungen faͤhig zu seyn; und das waͤre jener aͤtherische Koͤrper, welcher nach Leibnitz die Seele vom Anfang der Schoͤpfung umkleidet, und in alle Ewigkeit von ihr unzertrennlich bleibt; und dieses ist abermal nichts an- ders, als der innere Theil des sogenannten geistigen Seelenorgans. — Einfach, selbststaͤndig, geistig, und wesentlich unzertrennlich mit einem materiellen Prinzip verbunden, wodurch erst Thaͤtigkeit bewirkt werden kann; — Seinen Sitz in dem Gehirn haben, und wesentlich mit dem Seelenorgan, welches in der Huͤlle der Nerven den ganzen Koͤrper durchdringt §. 246 verbunden seyn; — Alles dieses ist schlechterdings unvereinbar. Es waͤre dienlicher gewesen, mit Tie- demann und vielen andern die Ausdehnung der Seele anzunehmen. Untersuchungen uͤber den Menschen 2ter Theil. 6) Was ist denn in jenen Faͤllen §. 784, wo angehaͤufter Unrath und Schleim, Schaͤrfe, fremde Koͤrper, Verstopfungen, Verhaͤrtungen, widernatuͤr- liche Lagen und Bildungen nicht lebhafte Nervengefuͤl- le le erregen, und also die Seele die Zerruͤttung nicht fuͤhlt, wo sie keine Unordnung im Koͤrper gewahr wird, und dennoch so viele Ausbruͤche von Krankhei- ten, so viele Entdeckungen ihrer Ursachen so ploͤzlich und unerwartet geschehen? Was ist hier das dem ver- steckten Reize entgegenwirkende Wesen? Die Seele nicht, weil man ihre voͤllige Unwissenheit gesteht. Zu- dem widerspricht dieser Paragraph dem 275, wo man behauptet, daß nicht die geringste lebendige Bewegung, ohne Theilnehmung der Seelenkraft, bewirkt werden koͤnne. 7) Diese Hypothese ist um so sonderbarer, weil es ihre Vertheidiger fuͤr mehr als wahrscheinlich hal- ten, daß durch die ganze materielle Natur eine hoͤchst wirksame Kraft, oder Substanz verbreitet sey, welche alles durchdringt, und in sich enthaͤlt die Quelle aller thierischen Empfindung und Bewegung, und den ge- meinschaftlichen Stoff des Lebens aller organisirten Geschoͤpfe §. 139. Dieser allgemeine Lebensgeist der materiellen Natur befindet sich mehr oder weniger haͤu- fig, und mehr oder weniger entwickelt in allen Spei- sen und Getraͤnken, und folglich auch in dem Blut und Serum, woraus sich der Nervengeist erzeugt, und in der Luft, die uns umgiebt §. 140. Wenn dieser Nervengeist zum Leben hinreicht, so muß er auch zu den Bedingnißen, ohne welche kein Leben besteht, als: Bewegung, Nahrung, Ab- und Aussonderung u. s. w. hinreichend seyn. Aber, sagen Sie, diese Le- bendigkeit der Materie ist bloß ein Schein von der Le- bendigkeit, d. h. von der selbststaͤndigen Kraft ihrer ein- einfachen Theile. Weil sie also nicht das Werk des Zusammengesetzten, sondern des Einfachen ist: so fol- ge daraus keineswegs, daß in dem Zusammengesetzten etwas Empfindung- und Seelenartiges sey; sondern vielmehr, daß alles Zusammengesetzte gegruͤndet seye im einfachen, lebendigen und gewissermassen empfinden- den seelenartigen Wesen §. 163. — Mir waͤre es viel natuͤrlicher vorgekommen, daß durch Beyhilfe der Or- ganisation, und der wechselseitigen Ein- und Gegen- wirkung, dieses lebendige, seelenartige Wesen gewin- nen sollte, wie man §. 297 selbst ausdruͤcklich behaup- tet, und eben dadurch den Schein von Ruhe und Traͤgheit in der Materie erklaͤrt; also weiß ich nicht, wie ich es machen soll, um den Zusammenhang und die Folgerungen dieser Saͤtze einzusehen. 8) Das doppelte Seelenorgan, der Nerven- saft, der Sitz der Seele, die wesentliche Verbindung der Seele mit dem Seelenorgan u. s. w. sind so vor- ausgesetzte und willkuͤhrlich angenommene Dinge, daß diese Hypothese, bey aller Uebereinstimmung mit den Alten, welche der Verfasser in den Noten zu §. 246 und 271 anfuͤhrt, nichts mehr und nichts we- niger, als eine sehr schwankende Hypothese heißen kann. Auch die Griechen dachten schon, es muͤßte etwas sehr feines, fluͤchtiges, aͤtherisches seyn, was uns denken macht, und nannten es unser Wir ; jenes Wesen aber, welches in den Fingern fuͤhlt, in der Nase riecht, welches empfindet, oder welches wir mit andern Thie- ren gemein haben, schien ihnen groͤber und thierischer, und sie haben es Psyche genannt. Dafuͤr sagte aber auch auch schon Cicero , daß es keine so thoͤrichte Meinung gegeben habe, die nicht ihre Anhaͤnger gehabt haͤtte. Zweyter Abschnitt . Vergleich des Menschen mit den Thieren. §. 12. I ch trete meinem Hauptgegenstande etwas naͤher, und suche die Wahrheit nimmer in der Phantasie, sondern in den Dingen selbst. Ein Vergleich des Menschen mit dem unvernuͤnftigen Thiere, sowohl im gesunden als kranken Zustande wird uns weit richtiger zu einem aͤchten Begriffe von der menschlichen Natur fuͤhren. Diejenigen Vortheile ausgenommen, welche der Mensch in Hinsicht seiner Seelenfaͤhigkeiten voraus hat, so be- ruht seine ganze Verfassung auf keinen andern Gese- zen, als jene der Thiere; „denn der Mensch ist ja wie alles andere, ein Zoͤgling der Luft, und im gan- zen Kreise seines Daseyns aller Erdorganisationen Bruder. Herder Ideen zur Philosophie der Geschichte der Mensch- heit 1ter Theil S. 31. §. 13. In Ruͤcksicht der Geschlechts Verrichtungen. Um das 14—16. Jahr faͤngt der Juͤngling an, muthig, herzhaft, verwegen und unternehmend zu wer- werden; der maͤnnliche Hund, der sich bisher schuͤch- tern mit eingezogenem Schwanze seines Gleichen naͤ- herte, stellt sich um den 10—12 Monat seines Alters, wo er Mannskraft zu fuͤhlen anfaͤngt, dreist unter sie hin, ruͤmpft die Lippen, bleckt die Zaͤhne und die Haare straͤuben sich auf dem steifen Nacken. — Der Juͤngling wird von den Reizen des Maͤdchens geruͤhrt, und nur sie kann seinen Hang zur Schwermuth und Einsamkeit verscheuchen; der Hund unterscheidet jezt die Spur der Huͤndin, und zeichnet sie mit Liebkosun- gen aus. Die Huͤndin wird um die Zeit ihrer Reife und annaͤhernden Fruchtbarkeit gegen die uͤbrigen ihres Ge- schlechts bissig; das Maͤdchen, so bisher am Gluͤck ihrer Gespielinnen herzlichen Theil nahm, faͤngt an unduldsam zu werden, und leidet, wenn fremde Reize besungen werden. Der Mann ist uͤberall, wo Maͤnner nicht Wei- ber sind, der angreifende Theil, und dem Weibe ist von der Natur und von der Gesellschaft die Pflicht auferlegt, durch die ersten Verweigerungen die Triebe des Mannes zu erhoͤhen; ist der Begattungstrieb bey der Huͤndin rege, so achtet der Hund kein Murren und kein Beißen, ver- folgt sie bis zur Ermuͤdung, kaͤmpft wie ein Mann mit hastigem Muthe gegen den Nebenbuhler, dem die luͤ- sterne Huͤndin selten ganz gleichguͤltig begegnet, obschon sie allerdings einen beguͤnstigenden Unterschied macht. Erst dann, wenn jene schmierige, blutige Feuchtigkeit die Scheide nimmer benetzet, lohnt sie die Beharrlich- keit ihres Freyers — Auch dem Menschen sollte die- ser Zeitpunkt heilig seyn, denn auch das Weib sehnt sich da am meisten nach der Umarmung, die jezt am leich- leichtesten den großen Endzweck erreicht — Das Stoͤh- men, Keuchen, Stemmen, die zuckenden Bewegungen der Augen und der Muskeln, besonders um die Ge- schlechtstheile bey dem Hunde; und das von Schmerz und Lust gemischte Winseln der Huͤndin — Bald senkt der Hund den Kopf, sieht truͤb drein, blinzelt, ist gleichguͤltiger, wuͤnscht einige Zeit Ruhe — Hingegen ist jezt die Huͤndin mehr als jemals vergnuͤgt, ihre Munterkeit artet aus in ausgelassene Wendungen des Koͤrpers; ihre winzelnde, abgestossene, erhitzte Stim- me druͤckt die unruhigste Begierde aus; sie verschwen- det Liebkosungen, und vergißt nichts, was ihren Gat- ten zu aͤhnlichen Auftritten anlocken koͤnnte. — — Aber nach einigen Tagen wird sie traurig, ver- liert alle Lust zu Schaͤckereyen, und nicht selten erbricht sie sich zu wiederholten Malen; viele unserer Weiber werden bald nach der Empfaͤngniß schwermuͤthig, sie klagen uͤber Mattigkeit des Koͤpers, und uͤber ver- mehrte Empfindlichkeit; die uͤbrigen Unpaͤßlichkeiten sind bekannt. Die Huͤndin laͤst sich nimmer gerne auf die hintern Fuͤße stellen, weil ihr Bauch flacher und gespannter geworden ist, was eben so bey dem Men- schen geschieht. — Indeßen wachsen die Jungen in eben dem Verhaͤltnisse, wie die Leibesfrucht im Wei- be; die Zizen laufen an; die Bruͤste des Weibes schwellen auf, werden hart, und die Warzen faͤrben sich dunkler, und treten hervor. Gegen das Ende der Tragzeit senkt sich der Bauch bey der Huͤndin, die Lendenweichen werden leer, so wie beim Weibe um das Ende der Schwangerschaft der Leib herabfaͤllt, und und die Magengegend freyer wird. — Ist die Stun- de der Geburt da, so wird das Thier aͤngstig, fuͤhlt einen unwiderstehlichen Drang, sich einen bequemen Ort zu suchen, der den noch unbekannten Jungen Schutz und Sicherheit gebe. — Auch bey unsern Wei- bern habe ich zuweilen gesehen, daß dieser schmerz- hafte Zeitpunkt zuerst die Liebe zur Frucht recht leb- haft erweckt habe, vielleicht, um theils die Geburts- schmerzen zu erleichtern, theils sie desto sicherer zur Vorsorge fuͤr den kuͤnftigen Saͤugling zu bestimmen. Bald wird der Bauch unter gewaltsamen Stoͤhnen der Huͤndin in eine harte, runde, hoͤckerichte Ku- gel zusammengeengt, und die in der Scheide fuͤhlbare Wasserblase zeigt so wie beym Weibe, daß alles Be- streben auf den Ausgang dieser Theile gerichtet sey; sobald das Junge die Scheide gewaltsam erweitert, so preßet der Schmerz der Huͤndin ein klaͤgliches, fei- nes Winseln, und unseren Muͤttern, besonders den Erstgebaͤhrenden, nicht selten ein durchdringendes Ge- schrey aus; das Junge erscheint mit dem Kopfe, und tritt so wie das Kind zwischen dem After und der Harnblase in die Welt. Nun hat die Natur die Huͤn- din gelehrt, ihr Junges von den Haͤuten zu befreyen, die Nabelschnur abzubeißen, die Nachgeburt mit Lust aufzuzehren, und das winselnde, nach Luft schnappen de Junge von dem klebrichten Schmutze mittelst des fleis- sigen Leckens zu reinigen — alles was Vernunft und Erfahrung den Menschen auf eine andere Art mit glei- chem Erfolge thun heißen; und das Kind faͤngt an zu athmen, und kuͤndigt sein Daseyn mit einem schwa- chen chen, aͤchzenden Geschreye an. Alsobald geht der Harn von Mensch und Thier, und dieses kriecht zu den Zi- zen, saugt mit bewunderungswuͤrdiger Fertigkeit, und schluͤckt eben so geschickt, wie das Kind, die erste Milch, welche in kurzer Zeit beyde von dem zaͤhen, angesammelten Unrathe befreyet. — Nun lieben und vertheidigen das Weib des Menschen und das Weib- lein des Thieres ihre Jungen aufs lebhafteste. Un- terdessen reinigen sie sich beyde durch einen zuerst bluti- gen, dann mißfaͤrbigen Ausfluß aus der Mutterscheide. §. 13. In Ruͤcksicht der Entwicklung und der Krank- heiten. Die jezt gewoͤhnlichsten Zufaͤlle sind Verhaͤr- tungen in den Zizen, die sich zuweilen zertheilen, zu- weilen in schmerzhafte, uͤbelbeschaffene, langwierige Geschwuͤre uͤbergehen, zuweilen auch lebenslaͤnglich als harte Knoten zuruͤckbleiben. Ich habe sogar ei- nigemale gerade solche Fieber bei ihnen gesehen, und sie erheischten die naͤmlichen Maßregeln, wie die Kind- bettfieber der Weiber: außerordentliche Hitze, schnel- les, kurzes Athmen, oͤfterer Puls, heftiger Durst, schmerzhafter gespannter Bauch, Verderbniß oder Zu- ruͤckhaltung der Milch und der Reinigung, Irreseyn im Kopf, oder unordentliche Verrichtung der Sinne, Zuckungen u. s. w. Waͤhrend und noch einige Zeit nach dem Saͤugungsgeschaͤft leeret die Huͤndin taͤglich einen haͤufigen, mit schmierigem Wesen uͤbertuͤnchten aͤusserst stinkenden Unrath und haͤufigen Harn aus. — Und Und gluͤcklich das Weib, der die Natur, oder an ih- rer Stelle der Arzt beyzeit diesen Dienst leistet! — Die ersten Wochen liegt der junge Hund keine Minute, oh- ne daß irgend ein Glied oder Muskel zucke; man weis, wie sehr Kinder die ersten Monate den Zuckungen ergeben sind, und wie oft sie im Schlafe auffahren. So wie das Auge des Hundes nach und nach den Reiz des Lichtes ertraͤgt, und sich auch von Tage zu Tage der Gehoͤrgang oͤffnet; eben so faͤngt auch das Kind erst nach etlichen Wochen die Gegenstaͤnde zu beachten an, und es aͤussert erst nach ungefaͤhr einem Jahre Wi- derwillen gegen bittere, eckelhafte Arzneyen. — Nach einigen Monaten wird der kleine Hund gefraͤßig; es haͤufet sich Unrath in den Gedaͤrmen, wozu sich bald Wuͤrmer gesellen. Jezt schuͤttelt er oͤfters den Kopf, niesset, trieft aus den Augen, Ohren und der Nase eine stinkende, klebrichte Feuchtigkeit; die Gegend um die Ohrenknorpel, innerhalb und außerhalb ums Ohr schwellen an, vorzuͤglich aber die Enden der Ohrlap- pen, welche schmerzhaft werden, und sehr haͤufig bil- den sich an allen diesen Theilen breite, graue, harte, bald trockne, bald feuchte Schoͤrfe; die Halsdruͤsen sind geschwollen; der Bauch aufgetrieben, gespannt, die Ribben und Lenden mager, die Haare straubicht und unrein; die Freßgierde ist sehr unordentlich; die Ausleerungen bald zwanghaft, bald schleimicht, schmie- rig, glaͤnzend, gebrochen, zaͤh, braun, weiß, mit Blut untermischt; das arme Thier wird geplagt von gaͤhlingen Bauchschmerzen, wird traurig, sucht Win- kel, kruͤmmt endlich den ausgezeerten, knotigen Ruͤ- Gall I. Band. C cken in die Hoͤhe, wankt ungestaltet einher; haͤngt den Kopf und die Ohren; die Augen sind truͤb, schmuzig, triefend; es wird von Kraͤmpfen und Zuckungen be- fallen, dreht sich im Kreise, lauft uͤberall an, oder macht sonst hoͤchst unruhige, vor Schmerz verzweifelte Geberden, und stirbt kraftlos unter Zuckungen. O- der wird mit Fleischspeisen, Fleischbruͤhen, mit gelin- den schleimzerschneidenden und schleimabfuͤhrenden Ar- zeneyen oder solchen Brechmitteln weit gluͤcklicher ge- heilt, als mittelst der sogenannten wurmtreibenden Mitteln, welche nicht selten eben so, wie Milch- und Mehlspeisen den Tod befoͤrdern. Bey der Oeffnung habe ich leicht entzuͤndete Gedaͤrme, in deren Haͤute eingeborte 4 bis 5 Zoll lange, harte, an beyden En- den zugespitzte Wuͤrmer, Madenwuͤrmer, Bandwuͤr- mer u. d. gl.; in den Hirnhoͤhlen ergossenes Wasser; im Gekroͤse verhaͤrtete, theils hohle, theils mit einer kalkichten oder kaͤsigten Materie angefuͤllte, theils ver- eiterte Druͤsen gefunden; lauter Erscheinungen, die man alle Tage bey Kindern in der naͤmlichen Krank- heit beobachten kann. — Zu Ende des fuͤnften Monates wechselt der Hund so, wie der Mensch zu Ende des sieben- ten Jahres die Zaͤhne, und gleichwiewaͤhrend dem Zahnen das Kind mit den Fingern im Mund stoͤrt, so nagt er an Holz, Knochen und den Pfoten. — Kurz vor der Zeit der Mannbarkeit aͤussert sich bey ihm, so wie beym Juͤngling, das staͤrkste Wachsthum; im Alter wird er zahnlos, triefaugicht; aus den Zeugungstheilen troͤ- pfelt eine gelbe, dicke Feuchtigkeit; die ganze Ober- flaͤche des Koͤrpers wird mit einen schuppichten, ro- then then Ausschlage besetzt. — In Krankheiten, die er mit dem Menschen gemein hat, hat er auch die gleichen Zufaͤlle gemein, z. B. in der Wasserscheu; seine Wun- den erregen eben solche Wundfieber, eben solche Ei- terungen, eben solche Narben u. s. w. Wolstein fuͤhrt folgende Zeichen des Wundfiebers bey Thieren an: die Wunde ist trocken, entzuͤndet; die aͤngraͤnzenden Theile sind gespannt, geschwollen, schmerzhaft, oder vom Brande ergriffen. Das Thier ist traurig, sein Geist ist niedergeschlagen, es steht mit gesenktem Kopfe, haͤngenden Ohren und gebogenem Halse an seiner Krip- pe; es sieht bestaͤndig an einen Ort. Die Augen sind nach der Staͤrke oder Schwaͤche des Fiebers bald feu- rig, bald entfaͤrbt, trocken, mit Wasser uͤberschwemmt, und von den Augenlidern mehr als im natuͤrlichen Zu- stande bedeckt. Die Ohren sind bald kalt, bald warm, Die Haare sind entfaͤrbet, steif, geborsten; im Schauer stehen ihre Spitzen gerade, in der Hitze senken sie sich und nach mehr oder weniger Zeit findet man sie mit Schweiß benetzet; das Maul, die Zunge, der Gau- men sind heiß; die Zunge meistens kothig und mehr oder weniger trocken, der Gaumen angelaufen, der Speichel schleimig, dick, zaͤhe, oft laͤßt er sich in lange Faͤden ziehen. Der Odem ist kurz und geschwind, so lange die Hitze dauert; bey dem Pferde, dem Ochsen und der Kuh bewegen sich in diesem Zustande die Flan- ken oder Weichen so schnell, als wenn man sie gejagt haͤtte; sie reißen die Nasenloͤcher auf, und ziehen sie vermoͤge der geschwinden Bewegung nie so enge zusam- men, als sie sie im natuͤrlichen Stande verengern. C 2 Der Puls ist meistens geschwind, voll und hart. Die Dauung steht stille, der Koth wird zuruͤckgehal- ten; die Lebensverrichtungen nehmen zu, und die na- tuͤrlichen ab. Unterricht fuͤr Fahnenschmiede. S. 69. 81. Man verglei- che auch das Kapitel von der Naturlehre des Fiebers bey den Pferden mit den Fieberbeschreibungen der Men- schen. Innere Krankheiten der Fuͤllen. S. 43 bis 62. u. s. w. Man vergleiche damit, was Boerhave und van Swieten T. 1. §. 158 von den Zufaͤllen der Wunden und dem Wundfieber bey Menschen sagen. Da aber bey jeder Thiergattung eine andere Einrichtung der festen, und eine andere Mischung der fluͤßigen Theile, andere Beduͤrfnisse, andere Kunst- triebe und Neigungen, und folglich eine verschiedene Organisation noͤrhig waren, so entstunden eine andere Anlage, ein anderer Zustand der Gesundheit und an- dere Zerruͤttungen derselben. Den Ochsen bildete der Urheber aller Naturen so, daß er vom Grase, und dessen Saamen fett und stark wird, und sich zur voll- staͤndigen Verdauung des Wiederkaͤuens bedienen mu- ste; der Wolf wird vom Fleisch genaͤhrt, und es ist dafuͤr gesorgt worden, daß die uͤblen Folgen seiner Gefraͤßigkeit durch das leichte Ausbrechen des Uiber- flusses verhuͤtet wuͤrden. Eine Gattung unserer Haus- thiere wird von einer verheerenden Seuche hingerissen, da indessen eine andere Gattung und der Mensch ver- schont bleiben, und umgekehrt. Aber so verschieden auch unter manchen Umstaͤnden die Krankheiten und die Zufaͤlle seyn moͤgen, so treffen sie doch bei einer- ley auffallenden Veranlaßungen, und bey nicht allzu- sehr sehr abstehender Organisation wieder zusammen. Un- gesunde Witterung, faules Wasser, schlechte Weiden und schlechte Wartung u. d. gl. erzeugen beym Vieh, wie eine aͤhnliche Ursache beim Menschen faulichte, mit schlimmen Entzuͤndungen verknuͤpfte Krankheiten u. d. gl. Bey einem Hunde sah ich eine beynahe toͤdt- liche Ruhr entstehen, weil er bey seinem Herrn die Nacht durch unter der Decke lag, der nach einer starken Mahlzeit von Kaͤse viele hoͤchst stinkende Winde ließ. Im Fruͤhjahr werden sowohl bey unsern Hausthieren, als beym Wilde, z. B. den Gemsen die den Winter hindurch angehaͤuften rohen Saͤfte abgeschieden, die steinartigen Verhaͤrtungen aufgeloͤset, und unter der Gestalt eines wohlthaͤtigen Bauchflußes ausgeleert; wie dieses beym Menschen geschieht, wer- den wir im zweyten Bande sehen. §. 14. In Ruͤcksicht der Verabscheuenden und annaͤh- renden Begierden. Die Selbsterhaltung ist zwar jedem lebendigen Geschoͤpfe zur dringendsten Angelegenheit gemacht wor- den. Es giebt aber Lagen, wo Thier und Mensch dieses Gesetz zu vergessen scheinen. Krankheit, Klein- muth und Verzweiflung erhoͤhen beym Menschen so sehr die gegenwaͤrtigen Leiden, und werfen eine so dichte Finsterniß uͤber die Zukunft, daß er jene fuͤr unertraͤglich, und ein noch zukuͤnftiges Gluͤck fuͤr un- moͤglich haͤlt. Wird er noch uͤber dieß, durch die zu rasche oder zu gewaltsame Empfindsamkeit, gegen die Be- Beweggruͤnde der Vernunft und der Religion betaͤubt: so wuͤnscht er nichts mehr, als Zernichtung, und er ergreift in der That die Mittel seiner Zerstoͤrung. — Vom Lama, einem Kamele, wird erzaͤhlt, daß, wenn es zu sehr uͤbertrieben wird, es sich niederlege, und so lange den Kopf gegen die Erde schlage, bis es seinen Geist aufgiebt. Batsch Versuch einer Anleitung zur Kenntniß und Ge- schichte der Thiere und Mineralien 1. Thl. S. 124. Auch der Thunfisch, Scomber Thynnus, zerschlaͤgt sich, wenn er gefangen ist, den Kopf an den Felsen. Ich glaube zwar nicht, daß der Beweggrund dieser Handlungen der naͤmliche seyn koͤnne, wie beym Menschen; indessen ist es doch gewiß, daß schon mancher Hund vor Traurigkeit uͤber den Verlust seines Herrn ehe vor Hunger und Kaͤlte zu Grunde gegangen ist, als daß er einen andern Herrn oder Nahrung ange- nommen haͤtte. Eben so hungern sich verschiedene wil- de Thiere ehe zu tod, als daß sie das Gefaͤngniß ertragen oder Futter annehmen. Der von Jaͤgern umringte Tiger laͤßt anfangs aus Muthlosigkeit alle Pfeile auf sich abdrucken; wird aber das Maaß des Leidens zu groß, so ergrimmt er, und schwingt sich wuͤthend auf einen der Jaͤger; so flieht die Mutter mit dem Kinde auf dem Arme vor dem Loͤwen, und wenn ihr der Saͤugling entfaͤllt, so eilt sie, wie von einer hoͤhern Kraft gestaͤrkt, auf den Loͤwen zu, und ringt ihm unter Jammer und Wuth ihr Kleinod aus den Klauen, daß selbst der Loͤwe staunt, und großmuͤthig dem Weib gehorcht Zimmermann erzaͤhlt von einer traͤchtigen Huͤndin, wel- che che aus Schrecken vor einem Panther tode Jungen zur Welt brachte. Geographische Geschichte des Menschen. Wie sehr die Saͤfte bey Mensch und Vieh durch die Leidenschaften verdorben werden, bezeugen die gefaͤhrlichen daher entstehenden Krankheiten der Menschen, und die mißlichen Biße erzuͤrnter Hunde. Uiberraschung, Furcht, Schrecken, hoͤchste Kleinmuth wirken in allen Faͤllen beym Thiere wie beym Menschen. Es giebt kein besser Mittel, seinen Feind aus der Faßung zu bringen, als daß man entweder gerade auf ihn zulaͤuft, oder ihm sonst auf eine uner- wartete Art begegnet. Der grimmigste Hund wird in die Flucht gejagt, wenn man ihm auf allen Vieren entgegen kriecht, und die Hottentoten wissen dadurch den Loͤwen von seinem blutgierigen Vorhaben abzu- bringen, daß sie gerade auf ihn zugehen, weil er nur aus dem Hinterhalt seine Beute anzufallen gewoͤhnt ist. So lange sich im Schrecken nicht die Furcht und die Kleinmuth unserer bemeistern, so lange nehmen wir jedesmal die weisesten Maßregeln. Eben so vertheidigt sich der Esel in einem Winkel mit den Hinterfuͤßen, der Ochse mit dem Horn, und der fluͤchtige Haase weiß mittelst falscher Spruͤnge dem Hunde zu entkom- men. Aber wenn sich Furcht und Kleinmuth zum Schrecken gesellen, so ist bey Mensch und Vieh alle selbstthaͤtige Rettung verloren. Man behandelte eine ledige, schwangere Frauensperson gerichtlich, weil sie einem schnell heranfahrenden Wagen nicht ausgewichen war, da sie es doch gemaͤchlich haͤtte thun koͤnnen. Waͤre den Richtern das Betragen des Eichhoͤrnchens beym beym Anblick der fuͤrchterlichen Klapperschlange und jenes der mohrischen Pferde, welche sich auf der Jagd, so bald sie einen Loͤwen erblicken, nimmer ruͤhren koͤn- nen, bekannt gewesen, so haͤtten sie eingesehen, wie bey so augenscheinlicher, maͤchtiger Gefahr, und ei- nem innern Gefuͤhl seiner eigenen Schwaͤche die Sin- ne betaͤubt, und alles Bestreben und alle Hoffnung einer noch moͤglichen Rettung vernichtet werden. Auf dem hiesigen Hetzamphitheater sah ich einen Rehbock sich uͤber und uͤber dem Loͤwen in die Klauen werfen, obschon sich der Loͤwe von einer andern Seite gerade auf einen andern Bock zu schwingen im Anlaufe war. Diese Erscheinungen bestaͤttigen den Ausspruch des weisen Salomon : Es geht dem Menschen, wie dem Vieh., wie dieß stirbt, so stirbt er auch, und ha- ben alle einerley Odem, und der Mensch hat nichts mehr, denn das Vieh, denn es ist alles eitel. Pred. Salom. Kap. 3. 19. Und in eben dieser eingeschraͤnkten Ruͤcksicht mache ich die Folgerung, daß eben daß, was dem unvernuͤnftigen Thiere Leben, Nahrung, Wachsthum, Gesundheit, Krankheit, Genesung und den Tod giebt, dieses alles auch dem Menschen gebe. §. 15. Nun fraͤgt man aber: Haben die Thiere auch eine Seele? Hat jede Thiergattung eine eigene Seele? oder beruht aller Unterschied auf der Organisation? Um diese drey Fragen drehen sich alle Meinungen der Weltweisen uͤber diesen Gegenstand, obschon jeder die seinige unter einer andern Gestalt darzustellen bemuͤht ist. ist. Ich lasse mich in diese eitlen und undankbaren Untersuchungen nur in sofern ein, als sie mir Gelegen- heit darbieten, die Natur des Menschen mehr zu ent- wickeln und in ein helleres Licht zu setzen. Plattner , obschon er sich §. 281 kein Thier ohne Seele gedenket, scheint den Thierseelen nicht sonderlich gewogen zu seyn. Wo er §. 215 sagt, daß die See- le des Menschen ohne das geistige Seelenorgan als Thier wirken wuͤrde, macht er die Anmerkung, daß sie deswegen nicht Thier waͤre, sondern nur als Thier wirkte: Denn ihre geistige Natur, welche nicht in ihren physischen Verhaͤltnissen, sondern in ihrem in- nern Wesen gegruͤndet ist, wuͤrde ihr dennoch bleiben, wenn sich dieselbe auch nicht aͤußern koͤnnte. Da er den Thieren kein geistiges Seelenorgan zulaͤßt, so haͤlt er ihre Empfindungen und ihr Bestreben nicht fuͤr sinnlich sondern bloß fuͤr thierisch §. 661.: Denn es seye noch eine grosse Frage, ob der Nervengeist, die Nerven und Sinne der Thiere zu so deutlichen Abbildungen der Außendinge geschickt seyen, wie die sind, welche der Mensch durch seine Sinne empfaͤngt. — Und er ist ganz uͤberzeugt, daß die materielle Idee, welche ein Thier z. B. von einem Gesichtsmaͤßigen Gegenstand empfaͤngt, gar nicht von einer Ruͤhrung der Geschmack- und Geruchnerven unterschieden sey. Alle Sinnenvorstellungen in dem Thiere seyen ohne Unterschied thierische Empfindungen. Ihre Seelen seyen blos lebendige der Empfindung faͤhige Wesen. Ich Diese Buͤffonische Hypothese und uͤberhaupt die Meinun- gen von der Seelenlosigkeit der Thiere hat Condillac in verschiedenen Stellen seines Traité des animaux 1. cap. 2. 4. 5. hinlaͤnglich widerlegt. Ich weis nicht, darf ich daraus schließen, daß er die Thierseelen blos als ein Resultat der Organisation ansieht, und ihr Daseyn blos auf physische Verhaͤlt- nisse gruͤnde, wodurch die Wirksamkeit der selbstthaͤti- gen, einfachen Theile bestimmt wird; oder muß ich den Unterschied nur in dem Mangel des geistigen Seelenor- gans aufsuchen. In jedem Falle nimmt er bey Er- klaͤrung der natuͤrlichen und der Lebensverrichtungen des Menschen ohne Grunde zu dessen Seele seine Zu- flucht. §. 16. In Ruͤcksicht der thierischen Bestrebungen und der Vorhersehungen. In dem Kapitel von den thierischen Bestrebun- gen, und den davon abhangenden Thaͤtigkeiten erklaͤrt er nach seiner Hypothese, wie die Seele der Betaͤu- bung, Ertoͤdtung, oder Zerruͤttung des thierischen Seelenorgans entgegen wirkt durch den thierischen Schmerz, durch Kraͤmpfe und Zuckungen, durch den thierischen Schrecken, den thierischen Schauer, den Eckel, die Fieberhize, die anhaltenden und nachlas- senden Fieber, die schleichenden Fieber, die Wechsel- sieber, durch das Athmen, den Hunger, Durst, das Einsaugen der zuruͤckfuͤhrenden Gefaͤße, die Thaͤtigkeit des Herzens und der Arterien, die Ausfuͤhrungen von schadhaften Materien, die thierische Ausgelassenheit, die die Geschlechtsbegierde, den Kitzel, die thierische Ver- zweiflung von Schmerz, Reiz, Angst u, s. w. — Ich will seinen Sinn durch einige Paragraphen erlaͤutern. §. 1193. Die Thaͤtigkeit, mit welcher die Seele entgegenwirkt dem Tode, scheint in ihr erregt zu wer- den durch eine dunkle, wahre, oder taͤuschende, nahe oder entfernte Vorhersehung einer bevorstehenden Tren- nung des Seelenorgans von ihrer Gemeinschaft mit ihrem Einfluß. Daher jene verdoppelten Schlaͤge der Werkzeuge des Umlaufs, und jene heftigen Zu- ckungen, welche meist ohne wirkliche Todesgefahr er- regt werden. §. 1201. Die stets fortwaͤhrende lebendige Thaͤtigkeit in den Werkzeugen des Kreislaufs wird immerfort erregt durch den Reiz der in dem Umlauf begriffenen Saͤfte. Dieser Reiz wirkt mittelst der Ner- ven, welche er allzeit zunaͤchst trifft, in das thierische Seelenorgan, und durch dieses in die Seele, mittelst bewustloser Gefuͤhle; diese Gefuͤhle wirken in der Seele bewußtlose Thaͤtigkeiten. Und so entstehen, mittelst der in den Werkzeugen des Umlaufes befind- lichen Muskelfiebern sichtbare Bewegungen oder Er- scheinungen der Hallerischen Reizbarkeit. Nach §. 167. beruht der Hunger auf dem dunk- len Gefuͤhl der Seele theils von dem Mangel und von dem beginnenden Verderbniß der ernaͤhrenden Saͤfte des Koͤrpers, theils von dem Mangel der Le- benskraft. Nach §. 768. entsteht der Durst vom Mangel der waͤsserichten Theile in den Saͤften des Koͤrpers, einer einer daher entstehenden Unbeweglichkeit und salzigten Schaͤrfe, wovon die Seele ebenfalls ein dunkles Ge- fuͤhl hat u. s. w. Das Gefuͤhl der Ersaͤttigung ist sowohl in Ansehung des Hungers als des Durstes seinem naͤchsten Gegenstand nach nichts anders, als die angenehme Empfindung der Vermehrung und Ver- besserung der Saͤfte auf der einen, und der gestaͤrk- ten Nervenkraft auf der andern Seite, verbunden mit der dunklen thierischen Vorhersehung des Einflus- ses dieser Veraͤnderung in den Magen, und auf den Zustand des Koͤrpers uͤberhaupt. Nicht viel anderst druͤckt sich Reimarus Von den Trieben der Thiere. aus. Nachdem er von den Sinnen der Thiere und den da- durch erhaltenen Empfindungen geredet hat, sagt er: “Diese aͤußern Empfindungen muͤssen dann der Seele solchen Eindruck und solche Vorstellung beybringen, welche sie vermoͤg der natuͤrlichen Verbindung mit ihrem Koͤrper, zur harmonirenden Bewegung gewis- ser dazu fertigen und fast voͤllig bereiteten Muskeln und Werkzeugen blindlings determinirt. Ich nenne die willkuͤhrliche Bewegung darum blindlings deter- minirt, weil sich die Seele nicht bewußt ist, woher ihre Neigung komme, noch sich wissentlich entschließt, in diesen oder jenen Leibestheilen eine Bewegung zu erregen.„ Aber Reimarus redet von den willkuͤhrlichen Bewegungen des Koͤrpers, welche unstreitig bald mehr bald weniger von der Seele bestimmt werden. Um zu erklaͤren, wie leicht solche Bewegungen von der Seele Seele erregt werden, setzt er einen vorbestimmten Mechanismus voraus, welcher durch den sinnlichen Reiz und die blinde Willkuͤhr in den Gang gebracht wird. „So, sagt er, werden manche Insekten durch die widrige Empfindung von andern Thieren aufge- bracht, daß sie ihren Stachel hervorschieben, und damit stechen; oder durch den Geruch und das Ge- sicht gereizt, daß sie ihren Ruͤssel zur Speise auslas- sen, und damit saugen; oder durch Erkenntniß des andern Geschlechts entzuͤndet, daß sie ihre Zeugungs- glieder hervorstrecken zur Parung; oder im Streite mit andern getrieben, daß sie ihre Wehr- und Fang- werkzeuge zum Schutze oder zur Haschung der Beute anwenden.“ Diesen vorbestimmten Mechanismus wird kein Naturkenner leugnen. §. 17. In wiefern die Seele in allen diesen Faͤllen mit- telst einer dunklen, wahren, taͤuschenden, nahen oder entfernten Vorhersehung wirksam werde, ist der Muͤ- he werth, genauer zu untersuchen; und, was an der Sache ist, nicht durch Metaphisische Machtspruͤche, sondern durch physische Thatsachen zu bestimmen. „Wenn die Thiere, sagt der naͤmliche Reimarus , durch eine innere Empfindung getrieben werden, etwas zu thun, welches ihnen oder ihrer Brut kuͤnftig nuͤtzlich seyn wird, so folgt nicht, daß sie deßwegen eine Ein- sicht ins Zukuͤnftige haben. Wenn man sagt, daß das blinde innere Gefuͤhl des Hungers und der Brunst die Thiere zum Essen und zur Begattung treibe; schreibt man man deßwegen dem Hunger und der Brunst eine Ein- sicht in das Zukuͤnftige zu? naͤmlich eine Absicht, daß der Magen die Speisen verdauen, und dadurch Leben und Kraͤften erhalten soll, oder daß das Geschlecht durch die Begattung solle fortgepflanzt wer- den? Nein, das Thier folgt seinen blinden Empfin- dungen. Daß beyderley Empfindungen und Handlun- gen dem Thier und seinem Geschlecht kuͤnftig Nutzen schaffen, ist keine Einsicht, die man den Thieren zu- schreibt, oder die in der blinden Empfindung steckte; sondern eine Einsicht des Schoͤpfers, der auch die schlechtesten Triebfedern blinder Empfindungen, ohne der Thiere Wissen, so eingerichtet hat, daß sie in Zu- kunft zur Erhaltung und zum Wohl jeder einzelnen Thieren und ganzen Geschlechter, bis in die spaͤte- sten Zeiten, dienen sollen und muͤssen.„ Eben so wenig nennt er die innere Empfindung von Waffen, die noch nicht zugegen sind, eine Vorhersehung; son- dern einen Trieb, der mit dem staͤrkern Zufluß der Saͤfte an diesen Ort hin entsteht. Alles, was der Schoͤpfer mit diesen innern Empfindungen verbunden hat, und verbinden mußte, ist dieses: daß Er dadurch jedesmal den Menschen und das Thier auf dasjenige hinweiset, was dem ge- genwaͤrtigen Beduͤrfniß Genuͤge leisten kann. Daher ist mit der Empfindung des Hungers und des Durstes nicht die Lust zum Tanze und zur Liebe, sondern die Begierde zu Speiß und Trank, mit dem Beduͤrfniß der Begattung nicht der Hang zum Selbstmorde, son- dern der Geschlechtstrieb verbunden. Daher ist es auch zu zu einem Gesetz der Traͤume geworden, daß bey denje- nigen Empfindungen, die aus koͤrperlichen Beduͤrfnis- sen entstehen, die Phantasie die Gegenstaͤnde hinzu- denke, die geschickt sind, ihnen Befriedigung zu ge- ben. Tiedemann 3ter Theil S. 143. Solche Empfindungen sind nie mit den Vor- stellungen der erregenden Gegenstaͤnde vergesellschaftet. Wir essen, wenn wir von Hunger traͤumen, schmack- hafte Speisen; und wenn die Mannskraft unsere Phan- tasie in Bewegung bringt, so wirft sie uns auch in die Arme eines Maͤdchens. Der Hamster sieht sich auf den Winter mit Frucht vor; das Murmelthier bereitet sich sein Winter- lager; die Schlange kriecht in ihre Hoͤhle; und diese alle, die Schnecke und der Regenwurm graben sich desto tiefer unter die Erde, je strenger die Kaͤlte des folgenden Winters seyn wird; der Guguck zieht in fremde Gegenden, noch ehe jene Witterung zu Ende ist, die er anderstwo aufsucht; die Larve des maͤnnli- chen Hirschkaͤfers graͤbt sich bey ihrer Verwandlung ei- ne Grube, die ihre Laͤnge zweimal uͤbertrift, damit das Horn, welches jetzt schon entwikelt in ihr liegt, bequem ausgestreckt werden koͤnne; der Ameisenloͤwe lauert in seiner Sandgrube, ehe er weis, daß es Amei- sen giebt; die Spinne spannt ihr Netz aus, ehe sie das Daseyn und die Natur der Fliegen kennt. — — Soll man alles das Vorhersehungen heißen? — Und haͤt- te man da nicht mehr Recht dazu, als bey den so oft getaͤuschten, verworrenen, erkuͤnstelten und zufaͤlli- gen Vorgefuͤhlen der Menschen? — Diesen Instinkt, den den man, da er um der Zukunft willen nuͤtzlich ist, immer ein Vorgefuͤhl nennen mag, haͤlt man unter- dessen einstimmig fuͤr nichts anders, als fuͤr einen ganz unwillkuͤhrlichen Drang, auf eine bestimmte Weise zu handeln; das Thier findet darinn seine Behaglichkeit, ohne weder von der Ursache noch von der Folge die geringste auch noch so dunkle Vorstellung zu haben; und dieser Drang hat seinen Grund sowohl in der Or- ganisation des Thieres, als in den Dingen außer ihm, mit welchen es in Verbindung gesetzt worden ist. §. 18. Erklaͤrung der Vorgefuͤhle, Vorhersehungen, und der Erhoͤhung der Seelenkraͤfte in Krankheiten. Nach diesen Voraussetzungen ist es nimmer so schwer, uͤber die Vorgefuͤhle, Vorhersehungen, Ahn- dungen der Menschen und die Erhoͤhung der Seelen- kraͤfte in Krankheiten ein richtiges Urtheil zu faͤllen, wenn man sie nur nicht unmittelbar von der Seelen- kraft allein abhaͤngig macht, sondern jedesmal eine koͤrperliche Veraͤnderung als die erste Veranlassung voraussezt. Diese koͤrperliche Veraͤnderung, sie moͤge von innen oder von aussen bewirkt werden, spielt manch- mal ihre Rolle so im Hinterhalt, daß es geradezu un- moͤglich ist, aus ihren Wirkungen von ihrer Natur, oder ihrem Zusammenhang einige Vorstellung zu erhal- ten. Wie oft sind wir ohne angeblichen Grund guter und uͤbler Laune? Ein paar Winde, der Abgang ei- nes nes Bischen veralteten Unraths, die in einiger Zeit erfoglte Witterungsveraͤnderung, die Entdeckung eines vergessenen Vorganges, der einen Eindruck hinterließ, loͤsen nicht selten das Raͤthsel auf. Durch alles dieses werden wir in ein gewisses Gefuͤhl versetzt, dessen Ur- sache wir nicht einsehen, und daß auf keine Weise in unserer Willkuͤhr steht. Es koͤmmt darauf an, wel- che Verrichtung, ob die Lebensverrichtungen, die na- tuͤrlichen oder die thierischen verletzet sind. „Wenn die Lebensbewegung unterdruͤckt wird, sagt Gorter , so steht sie gleichsam still, und erregt die Empfindung von Angst. Dieses beobachtet man vorzuͤglich im An- fang fieberhafter Krankheiten, oder wenn irgend eine Schaͤrfe die fuͤr die Lebensbewegungen bestimmten Ner- ven angreift, wo dann anstatt des Schmerzens manch- mahl die aͤußerte Angst entsteht, welche sobald wieder verschwindet, als diese die Nerven verlaͤßt, und an den Aussentheilen wider Schmerzen erregt. Es ist daher nicht zu verwundern, daß man bey der Angst furchtsamer ist, als beym Schmerzen, indem die Angst die Verletzung der Lebensbewegung, von deren Zer- ruͤttung der Tod folgt, anzeiget.„ David Gorter de motu vitali p. 55. Nehmen wir noch an, daß der Grad des Schmer- zens nur selten mit der Gefahr in Verhaͤltniß steht, so sehen wir auch ein, warum in den meisten Faͤllen kein Verhaͤltniß der Kleinmuͤthigkeit mit dem Schmerzen statt hat. Bey Pulsadergeschwuͤlsten, Verhaͤrtungen, der Druͤsen u. s. w. empfindet man gar keinen Schmer- zen; Gall I. Band D zen; ein andermal ist der Schmerz fuͤr die Gefahr zu gering, als in der Krampfsucht, Schwindsucht, Kopf- wassersucht u. s. w. und noch ein andermal ist der Schmerz fuͤr die Gefahr zu heftig, als bey Zahn- schmerzen und dem Wurm am Finger. Plattner. In einigen Theilen, deren vollkommener, un- gekraͤnkter Zustand nicht wesentlich zum Leben erfo- dert wird, herrscht eine ausnehmende Empfindlichkeit; andere sind nur der Empfindung eines Druckes, einer Beklemmung, einer Angst, Hitze, Kaͤlte u. s. w. faͤhig; andere sind nach Verschiedenheit des Reizes bald aͤusserst empfindlich, bald ganz und gar unempfindlich; und noch andere, deren vollkommener Zustand doch we- sentlich zum Leben, oder zu den Verrichtungen eines Ingeweides z. B. des Gehirns, erfodert wird, geben uns ihre Verletzungen durch kein merkbares Gefuͤhl zu erkennen. Daher sind wir im allgemeinen bey einer uns unbestimmbaren Unbehaglichkeit weit niedergeschla- gener; wir sezen uns weit mehr gegen allen Trost und alle Lust, als manchmal in den grausamsten Schmer- zen. Bey gewissen Anfaͤllen von Hypochondrie fuͤhlen wir weiter nichts, als einen an sich sehr unerheblichen Schmerz im Unterleibe, der in Ansehung seiner Hef- tigkeit mit dem aus dem Brennen oder Stechen entste- henden Schmerzen gar nicht zu vergleichen ist; einiges Schnuͤren um die falschen Ribben, u. d. gl. und den- noch macht uns dieses so muͤrrisch, so feindseelig, so grausam und so unzufrieden mit unserm Schicksale. Hr. Dopfer , von dem spaͤter die Rede seyn wird, glaub- glaubte auf der hoͤchsten Stufe eines Nervenfaulsiebers ( in agmine morbi ) er seye der Laͤnge nach in der Mitte entzwey gespalten, oder er empfand sein ganzes Da- seyn gedoppelt, so, daß er immer waͤhnte, ein ande- rer Er laͤge neben ihm. — Ein anderer, der die Lun- genentzuͤndung hatte, glaubte auf eben der Hoͤhe der Krankheit, er seye quer uͤber die Magengegend abge- schnitten, und der untere Theil seye todt. Tiedemann fuͤhrt das Beyspiel von Herrn Moser an, welcher mit der rechten Seite des Gehirns vernuͤnftig dachte, mit der linken aber faselte, und mit jener die Faseleyen dieser genau beobachtete, und aufs deutlichste von den Ideen der rechten Seite unterscheiden konnte. In dergleichen Faͤllen muß offenbar noch ein Reiz von ganz anderer Art mit im Spiele seyn, obschon wir ihn nicht im geringsten fuͤhlen. Wie unerklaͤrbar wirkt jener Reiz, der bey Anschoppungen des Milzes oder anderer Baucheingeweide eine solche ungluͤckseelige Anlage bewirkt, wodurch der Mensch, bey dem We- hen eines gewissen Windes, unwiderstehlich des Lebens muͤde, gewaltsam zum Selbstmord hingeschleppt wird! Der maͤchtige Reiz der Gichtmaterie liegt einige Tage vor dem Ausbruch der Gichtanfaͤlle noch unthaͤtig, oh- ne die geringste Ungemaͤchlichkeit im Koͤrper; eben so erregt er kurz vor seinem Ausbruche auf eine uns un- bekannte Weise eine außerordentliche Eßlust; wie grausam tobt er dann, wenn er die Haͤute des Magens oder der Gedaͤrme befaͤllt! Alle Krankheiten, welche zu bestimmten Zeiten ihre Anfaͤlle machen, diese moͤgen ihren Grund in einer besondern Stimmung der Nerven, D 2 oder oder in einer eigentlichen Krankheitsmaterie haben, hinterlassen in den Zwischenzeiten keine Spur von ih- rer Gegenwart. Das Denkvermoͤgen wird nicht sel- ten, obschon durch offenbar koͤrperliche Krankheitsur- sachen, dennoch ohne alles schmerzhafte oder unange- nehme Gefuͤhl sonderbar verruͤckt. Wahnsinnige und Rasende empfinden allermeist keinen Schmerz weder in dem Gehirne, noch in andern Theilen; und dennoch hat man bei solchen Leuten Geschwuͤre und andere Zerruͤttun- gen im Gehirne gefunden; so wie man hingegen auch nach dem Tode dergleichen Verletzungen endeckt hat, obschon diese Leute weder irgend eine Empfindung noch sonst die geringste Unordnung in ihren Gedanken gehabt haben. In dem dreytaͤgigen Schwitzfieber zerfließt der Mensch ganz in einem kalten Schweise. Der Puls wird schnell, klein, schwach, und alle Kraft geht verlohren; nur der Geist bleibt vollkommen heiter, und bemerkt genau den Verfall der Maschine und deren nahe Aufloͤsung. Torti. Therap. Special. Bursery erzaͤhlt den Fall eines eintaͤgigen Fiebers, welches den kalten Brand zur Fol- ge hatte. ( Ephemera gangrænosa ) Ehe sich der Brand- stoff auf den Schenkel warf, und noch im Koͤrper herumschweifte, spuͤrte der Kranke eine ungewoͤhnliche und unwillkuͤhrliche Gelaͤufigkeit der Ideen; er hatte eine glaͤnzende Beredsamkeit, ein bewunderungswuͤrdiges Gedaͤchtniß, Scharfsinn, und durchdringenden Ver- stand. Nebstbey waren alle natuͤrlichen Verrichtungen im vollkommensten Zustande, bis er endlich am Brand starb. starb. Vol. I. P. II. pag. 34. Die erschroͤcklichsten Zufaͤlle der Wasser- scheuen, die grausamsten brennenden Schmerzen im Kopfe, im Munde, Gaumen, Schlunde und in der Stelle des Bißes, die unertraͤgliche Bangigkeit und Furcht, der unwiderstehliche Trieb die Umstehenden zu beißen und anzuspeyen, die Schroͤckbilder bey wa- chendem sowohl als schlafendem Zustande, die aufs Hoͤchste uͤberspannte Reizbarkeit der Sinnen benehmen doch dem ungluͤcklichen Kranken weder das Bewustseyn seiner selbst, noch das Vermoͤgen vernuͤnftig zu den- ken, und zu reden, noch den guten Willen, Nieman- den zu schaden. Mehrere dergleichen Beyspiele werde ich im 2ten Theile anfuͤhren. In den gefaͤhrlichsten Krankheiten laͤßt sich zu- weilen der Kranke schlechterdings nicht bereden, daß er krank seye: Man solle ihn nur aus dem Bette las- sen, so werde er uns bald von seiner Gesundheit uͤber- zeugen. Woher hat der Kranke dieses Gefuͤhl von Kraft und Wohlbefinden? Tiedemann sagt: weil sich in sei- nem Gehirne die Ideen eben so leicht und eben so leb- haft bewegen, als bey voͤlliger Gesundheit. Pechlin erzaͤhlt das Beyspiel eines Knaben von einer uͤblen Leibes- beschaffenheit, der von Wuͤrmern sehr geplagt war, und einen solchen Hunger hatte, daß ihn die uͤbermaͤs- sigste Menge von Speisen nicht saͤttigen konnte; dem- ohngeachtet hatte dieser Knabe waͤhrend seiner langen Krankheit ein außerordentliches Gedaͤchtniß und ein mehr als mittelmaͤßiges Genie; aber er berlohr bei- des, sobald seine Gesundheit hergestellt worden. Ein an- anders erzaͤhlt er von einem Menschen, der vom Schar- bock uͤber und uͤber gefault mit der aͤußersten Freßbe- gierde die außerordentlichsten Gemuͤthskraͤfte verband, und der erhabensten und schoͤnsten Ideen auf eine fast unglaubliche Weise faͤhig gewesen. Hier muͤssen sich die Ideen im kranken Zustande leichter und lebhafter bewegt haben, als im gesunden. Aus diesen Gruͤn- den ist ein heiterer Gemuͤthszustand zuweilen ein sehr boͤses Zeichen, weil die Kraͤfte der Seele zunehmen, wie die Kraͤfte des Leibes abnehmen, wie man dieses nicht selten bei Kindern beobachtet, welche oft in ihren letzten Krankheiten am liebenswerthesten sind. Zim- mermann sagt: 〟Man bemerkt zuweilen, daß bei der Annaͤherung der Todesstunde die Einbildungskraft auf eine besondere Art sich erhoͤhet, und daß eben diese Erhoͤhung ein Zeichen des Todes ist. Ja, es geschieht oft, daß die Kranken selbst, wider die Hofnung ihrer Aerzte aus dieser innern Empfindung die Zeit des To- des zu bestimmen wissen. Man beobachtet in kranken Kindern eine widernatuͤrliche Gefaͤlligkeit in allen Din- gen, einen Verstand, der sonst nur die Frucht des Studirens und der Erfahrung ist, einen Witz und ei- ne Beredsamkeit, die weit uͤber ihr Alter sich erheben, und das ist ein Vorbote des Todes. Bey Leuten von einem mittleren Alter ist diese Erhoͤhung der Seelen- kraͤfte groͤsser, als bey mehreren Jahren. Sie aͤus- sert sich oft unter der schwersten Last der Krankheit durch eine Beredsamkeit, die lebhaft, ruͤhrend und natuͤrlich, dem harmonischen Gesang der stebenden Schwanen, und den letzten Wuͤnschen eines Patrio- ten ten gleicht. Ich habe eine Person gekannt, derer letz- te Krankheit ein Wahnwitz gewesen, die aber einige Stunden vor ihrem Tode vollkommen vernuͤnftig, ihr Herz mit einem solchen Feuer, mit einer so sehr ent- zuͤckenden Beredsamkeit im Gebete zu Gott erhub, daß vor der Groͤsse ihrer Gedanken und der Staͤrke ihres Ausdruckes der Erdball wie ein Sandkorn zu verschwinden schien. Am Ende dieser Rede neigte sie ihr Haupt, und starb.〟 Von der Erfahrung. Bei Perfect pflegte sich ein aufgewecktes, scharfsinniges junges Frauenzimmer beym Anfall eines Wahnsinns sehr oft in gebundener Rede auszudruͤcken, ob man gleich in ihren gesunden Tagen sonst nie eine besondere Faͤhigkeit von dieser Art bey ihr bemerkt hatte. Von verschiedenen Arten des Wahnsinns. 13 Fall. Van Swieten erzaͤhlt ein aͤhnliches Beyspiel von einer armen sonst dummen Frau. Tom. III. §. 1125. Abilgaard in Act. Havn. T. II. erwaͤh- net eines Tersiansiebers, wo der Patient vom drit- ten Anfalle an eine Fluth von richtig gereimten Ver- sen ausstieß. Dieß dauerte so lange, als der Paro- xismus waͤhrte. Es wurde mit Teufelsdreck und Am- moni e ummi geholfen. Scheidemantel hat in ei- nem alltaͤglichen Fieber eine erhoͤhete Einbildungskraft mit einer in dem gleichen Verhaͤltnisse zunehmenden Schwatzhaftigkeit bemerkt. Vogels Handbuch der praktischen Arz ne ywissenschaft. 1ter Thl. S. 45. Ich hatte einen Freund, der sonst im Latein nicht sonderlich fertig war, aber jedesmal im Rausche mit bewunderungs- wuͤr- wuͤrdiger, fließender Beredsamkeit, auch wo er vor Taumel ganz seiner unbewust auf dem Boden hinge- streckt lag, ganze Stunden lang unter Hoͤrcheln und Keuchen sehr kraftvolle, sittliche Reden hielt. Dieser Art Beyspiele sind nichts besonders. Aber, daß man in was immer fuͤr einer Art von Entzuͤckung fremde Sprachen spreche, wie dieses ganz neue Schriftsteller annehmen, Fridrich Michaelis Anmerk. zu den 13 F. bey Perfect. dieses ist mit samt allen daher abge- leiteten Folgen nicht nur gegen alle wohlgepruͤfte Er- fahrung, sondern auch natuͤrlicher Weise schlechter- dings unmoͤglich. Bey dem italiaͤnischen Schulmeister, wovon Kämpf aus dem Erasmus Rotterdam erzaͤhlt, der kein Wort Deutsch verstand, und dennoch ploͤtzlich in dieser Sprache zu peroriren anfieng, war ohne Zweifel das rauhe, rasche, unharmonische Geschrey, dem Nationalvorurtheile zufolge der einzige Beweis, daß der Schulmeister Deutsch spreche. Der Abgang von Wuͤrmern benahm ihm seine Beredsamkeit wie- der. Kämpf sah ein geschwaͤziges, fuͤnfzehnjaͤhriges Judenmaͤdchen durch eine Anhaͤufung von Wurmschleim voͤllig sprachlos werden. Sie fieberte, und war an- fangs betaͤubt; hernach aber ward sie nur allzu mun- ter, und plauderte in einen Athem weg; es waren aber, sagt er, unverstaͤndliche Worte, die einige fuͤr arabisch, andere fuͤr syrisch hielten. Endlich verlor sie die Stimme, sie kehrte sich aber nicht daran, son- dern sie bewegte die Lippen und Zunge mit der naͤm- lichen Fertigkeit noch immer fort. Haͤufige durch Kly- Klystire bewerkstelligte Abgaͤnge eines zaͤhen Mora- stes, loͤseten ihr die Zunge, und machten sie gesund. Abhandlung uͤber eine neue Methode, die hartnaͤckigsten Krankheiten, die ihren Sitz im Unterleih haben, sicher und gruͤndlich zu heilen. 42te Krankengeschichte. — Sprachen sind wandelbare Toͤne, deren Bedeu- kung willkuͤhrlich ist; keine in der Natur gegruͤndete Wahrheiten; sie koͤnnen also auf keinerley Weise von irgend einer Geisteserhoͤhung erkannt werden. Aber eine Sprache, in der man keine Uebung hat, im Rausche oder sonst einer Veranlassung mit einer ge- wissen Fertigkeit sprechen, ist eben so natuͤrlich, als daß der Wohlredner aus aͤhnlichen Ursachen ein elen- der Stammler wird. — In der gebundenen Rede herrschen gewisse Gesetze des Silbenmaßes, vermoͤg welcher sowohl in Ruͤcksicht der Zeit, als des Ein- klanges ein harmonischer Gang beobachtet werden muß. So haben sogar das Geschrey und der Gesang der Thiere einen gewissen Fall, der auf einem allge- meinen Tongesetze beruht. Daher sind Verse und Reime, die ohnehin selten so regelmaͤßig ausfallen werden, keine unerklaͤrbare Erscheinung. In allen diesen Faͤllen koͤmmt alles darauf an, welche Theile, theils des Gehirns, theils des uͤbri- gen Koͤrpers, wie sie, und durch welche Art von Reiz sie veraͤndert werden. Diejenigen, die vom Triebe zum Selbstmord verfolgt werden, Auenbrugger vom Triebe zum Selbstmord. die Wahnsinnigen, und die Rasenden in und ausser hitzi- gen Krankheiten besitzen bey all der gewaltigen Zer- ruͤt- ruͤttung ihrer Gemuͤths- und Geisteseigenschaften die Gabe der Verstellung in so hohem Grade, daß man ihnen bey allem Anschein von Ruh und Sanftmuth dennoch nie trauen darf. Dieses war der Fall in dem 36ten Kranken bey Perfect , und mancher Arzt und Krankenwaͤrter ist dadurch zu seinem oder des Kranken Nachtheil getaͤuschet worden. Ein aͤhnlicher Grund mag es auch seyn, daß es einigen Krankheiten eigen ist, den Muth des Kranken bis auf den letzten Othemzug uner- schuͤttert zu erhalten, da ihn hingegen andere beym ersten Angriff so sehr niederschlagen, daß ihn nichts mehr aufrichten kann. Wie gelassen sind die so selten heilbaren Wassersuͤchtigen! wie taͤuschend ist die Hofnung der Lungensuͤchtigen! Was fuͤr schlimme Streiche versetzt uns hingegen die Muth- losigkeit in gewissen Zeitraͤumen der Gall- und Faulsieber, der Nervensieber, wo doch die Gefahr bey weitem nicht allemal so zuverlaͤßig ist! Zu den Anfaͤllen der hysterischen Krankheit, so wenig sie ge- faͤhrlich ist, gesellet sich doch manchmal eine große Furcht zu sterben, und sie glauben oft, wenn sie die Ohnmachten und Zuckungen mit Herzklopfen anwandeln, daß sie augenblicklich sterben werden. Wer erklaͤrt jene gewissenhafte Selbstbeschuldigung, welche das Lustseuchengift zu hinterlassen scheint? Warum will Heute der Hypochonder aus Verzagtheit und Lebens- uͤberdruß nichts vom Arzte und nichts von Arzneyen wissen, da er ihn Morgen aufs puͤnktlichste fuͤr jeden sind Wind, fuͤr die unbedeutendste Kleinigkeit dringend um Hilfe anfleht? Hieher gehoͤren einige vortrefliche Bemerkungen von Klökhof .„ Sollte ein zu leichtes Faßen der Ideen, sagt er, eine schwelgerische Einbildungskraft, eine fluͤchtige, oder auch figirte Aufmerksamkeit heftige und haͤufige Gemuͤthsbewegungen, schreckliche Vor- stellungen und Gedanken, eine ausschweifende Freu- de, oder eine uͤbermaͤßige Bewunderung erzeugender Vorstellungen und Gedanken — Erscheinungen, die, wie wir gesehen haben, Folgen einer Schwaͤche, (und erhoͤheten Reitzbarkeit) des Gehirnmarks sind — soll- ten diese nicht hinreichend genug seyn, die ungewoͤhn- lichen Schwuͤnge des Geistes, die man bisweilen bey Kranken und sterbenden bewundert, zu erklaͤren?“ — Hier fuͤhrt Klöckhof den Aretäus von Capadocien an, der nach dem Cicero ( de divinatione lib. I. cap.XXX. diese widernatuͤrliche Geistesschwuͤnge, freylich noch mit manchem untermischten Vorurtheil geschildert hat. Er sagt: Wenn bey einem hitzigen Fieber auf eine toͤdtliche Kaͤlte eine uͤberaus grosse Hitze folgt, so ent- steht eine ungewoͤhnliche Gesetztheit des Geistes; alle Empfindungen erreichen einen hohen Grad der Fein- heit, der Verstand wird uͤberaus scharf, und der Mensch faͤngt an, zu weissagen. Zuerst sagen der- gleichen Kranke ihren Tod voraus, und dann verkuͤn- digen sie zukuͤnftige Dinge. Manche wollen biswei- len das, was sie sagen, nicht glauben, aber der rich- tige Erfolg desselben setzt sie in Erstaunen. Einige von ihnen fuͤhren sogar Gespraͤche mit Verstorbenen. Viel- Vielleicht sehen sie entweder ganz allein, vermoͤge der ausserordentlichen Feinheit ihrer Empfindung, diesel- ben gegenwaͤrtig: oder ihr ganz entfeselter Geist ver- mag die Maͤnner, mit denen er in jenen seligen Ge- silden bald Umgang pflegen wird, zu erkennen, und sich schon im Voraus mit ihnen zu unterhalten. Die- ses vermochten sie freylich nicht, als ihr Geist noch mit dicken Saͤften und mitternaͤchtlichen Schatten um- huͤllt war: aber nun, da durch die Krankheit jene aufgeloͤset und diese zerstreut worden sind, erhebet sich ihr Geist mit ungewoͤhnlicher Kraft, dringt durch den dichten Schleier der Zukunft, und verkuͤndigt mit Gewißheit, was den Augen der uͤbrigen Sterblichen verborgen ist. Allein, die, deren Saͤfte und Geistes- kraͤfte, auf einen so hohen Grad verfeinert sind, pfle- gen nicht mehr lange zu leben, indem ihre Lebenskraft schon in die Luft verflogen ist.〟 — Diese durch Krank- heit bewerkstelligte Desorganisation ist ein Beweis, daß es zu allen Zeiten Schwaͤrmer in diesem Fache gegeben habe, und daß die Schwaͤrmereyen der heutigen Adep- ten nichts anders sind, als Ausfluͤsse der ehemaligen mangelhaften Kenntniß von den Eigenschaften der Koͤr- perwelt. 〟Wenigstens, faͤhrt nun Kloeckhof fort, sind hier viele Ursachen vorhanden, welche die Faͤßerchen des Gehirnmarkes schwaͤchen, und uͤberaus reitzbar ma- chen. Dann sind auch Veranlassungen zu den ange- fuͤhrten Folgen vorhanden; und diese Veranlassungen bestehen in den erhabnen Betrachtungen, mit welchen Sterbende immer beschaͤftigt zu seyn pflegen. Es wird aber unsere Meinung dadurch noch wahrscheinlicher, daß daß Kranke, bey denen sich eine solche Erhebung des Geistes findet, oft der Raserey sehr nahe sind. Denn diejenigen, welche in der Fieberhitze uͤber- aus vernuͤnftig sprechen, mischen doch ungereimte Gedanken ein, und wissen, wenn das Fieber vor- bey ist, nichts von allem dem, was sie gethan ha- ben, oder was vorgegangen ist. Daher scheint die ungemeine Fruchtbarkeit an Ideen und Gedanken, nebst der Lebhaftigkeit und Staͤrke des Ausdruckes, wodurch sich Sterbende oft sehr auszeichnen und be- wundern machen, von eben derselben Ursache herzuruͤh- ren, von welcher die an diese Geistesschwuͤnge angraͤn- zende Raserey und Gedaͤchtnißschwaͤche zu entstehen pflegen. Kranke, die, wenn sich das Ende ihres Le- bens nahet, noch mit vieler Beredsamkeit reden, und durch den Flug ihrer Gedanken die Umstehenden ins Erstaunen setzen, empfinden oft selbst die Nothwen- digkeit, dem raschen Strom ihrer Ideen Einhalt zu thun, um nicht in Raserey zu fallen. Es giebt aber sehr viele koͤrperliche Zustaͤnde, welche zur Hervorbrin- gung einer so grossen Revolution in den Geisteskraͤf- ten beytragen koͤnnen.〟 〟Daß eine solche ungewoͤhnliche Erhebung des Geistes keine Wirkung uͤbernatuͤrlicher Kraͤfte, — (und eben so wenig einer von ihren Fesseln befreyten See- le,) — sondern das natuͤrliche Werk einer besondern Ver- stimmung menschlicher und also natuͤrlicher Kraͤfte ist, beweisen die Bemerkungen: Daß Sterbende, welche sich durch die Lebhaftigkeit und Hoͤhe ihrer Ideen, und durch das himmlische Feuer ihrer heiligen Leidenschaften uͤber uͤber die Sphaͤre der menschlichen Natur zu erheben scheinen, dennoch oft noch mit alten Irrthuͤmmern be- mackelt sind; und daß diejenigen, um deren Sittlich- keit es eben nicht allzu gut steht, bisweilen in ihren letzten Augenblicken uͤberaus freudig sind, und so zu sagen, entzuͤckungsvoll den Himmel schon offen sehen, und Rechtschaffene hingegen bisweilen von der groͤßten Bangigkeit gefoltert werden.〟 §. 19. Aus diesen Erfahrungen ziehe ich drey Folge- rungssaͤze. Erstlich: Daß koͤrperliche Veraͤnderungen in uns vorgehen koͤnnen, wodurch das Gefuͤhl von Kraft oder Schwaͤche, von Dauerbarkeit oder Aufloͤ- sung erregt wird, ohne daß wir weder uns, noch einem andern den Grund anzugeben im Stande sind. Zwei- tens: Daß diese Gefuͤhle jedesmahl von solchen koͤrper- lichen Veraͤnderungen abhangen, und folglich nicht anderst, als, als mittelbare Vorhersehungen betrach- tet werden muͤssen. Drittens: Daß es bisher noch kein Merkmal gebe, mittelst dessen man erkennen kann, wann der Erfolg diesem Gefuͤhl entsprochen, oder wann er es vereitlen wird. — Zur Bestaͤttigung fuͤhre ich noch Folgendes an: Junge oder im mittleren Alter begriffene Leu- te, die einer erhoͤhten Einbildungskraft faͤhig sind, vorzuͤglich die Sanguinischen und Melancholischen geben sich in Krankheiten mit der Weissagung ihres Todes ab. Ein an Lungengeschwuͤren unter entsetzlichen Ban- gigkeiten kaͤmpfendes vierzigjaͤhriges Frauenzimmer be- stimm- stimmte mir den Tag ihres Todes acht Tage zum vor- aus, obschon ich ihr noch sechs Wochen Frist versprach. Zu Ende des achten Tages berstete ihr ein Eiterbeutel, an dem sie erstickte. Nach langem Forschen gestand mir ihre Mutter, daß der Beichtvater auf ihr drin- gendes Bitten, ihr die acht Tage vorgesagt habe. Ob nun dieser Mann eine genauere Kenntniß von der Ge- fahr hatte, als ich; ob die angstvolle Erwartung das Bersten des Eiterbeutels befoͤrdert habe; oder ob er blos zufaͤllig geborsten sey, ist nun gleichguͤltig. Ein Bischen Hang zum Wunderbaren haͤtte Stoff genug ge- habt, diese Geschichte als ein Beyspiel einer Vorher- sehung aufzustellen. Die Frau, deren Krankengeschich- te im 2 Kap. erzaͤhlt wird, verharrte, vom ersten Tag ihrer Krankheit bis den zwoͤlften, darauf, daß sie den eilften sterben muͤsse. — Sie kam dennoch davon. Wie entschuldigt man aber die Seele, wenn sie unmoͤgliche, ungereimte Dinge vorsieht? — Franz Jestel , ein 36 jaͤhriger Mann, der schon einigemal Blutspeyen hatte, und uͤberhaupt zur Lungensucht ge- baut war, bekam im Jaͤnner 1791 nach lang anhal- tendem naßkaltem Wetter allerley Unpaͤßlichkeiten, und sein gewoͤhnliches Blutspeyen, weßwegen er sich zur Ader ließ, aber schlimmer wurde. Den sechsten Tag sah ich ihn zum erstenmal, und fand außer einem aus- setzenden Pulse und einer schmaͤchtigen Leibesbeschaf- fenheit eigentlich nichts bedenkliches, als daß er un- gewoͤhnlich matt war. Den achten Tag auf die Nacht verfiel er in eine ihm unbeschreibliche Verlegenheit. Er war sich ganz gegenwaͤrtig, konnte sich des Ver- gan- gangenen erinnern; kannte, sah, hoͤrte und fuͤhlte al- les, was um ihn herum war; er sprach vernuͤnftig von der Zukunft, insofern sie seine Haußgeschaͤften be- traf; er legte sich, kehrte sich um, richtete sich auf alles nach meinem Begehren. Dennoch sah er im Gesichte verloren aus, als wenn er in das tiefeste Nachdenken, ohne seinen Gegenstand erreichen zu koͤn- nen, versunken waͤre. Als ich ihn darum befragte, antwortete er: Man hat mir etwas in den Kopf ge- setzt, das mir schwer auf dem Herzen liegt; wenn mir nur ein Mensch auf Gottes Erdboden das benehmen koͤnnte, so waͤre ich gesund. Ich drang in ihn, sich zu erklaͤren. Allein es war ihm unmoͤglich, sich der Sache zu erinnern. Er sann nach mit starren Augen, wischte die Stirne; machte mit den Haͤnden die Ge- berden der aͤußersten Verlegenheit; wollte reden, stockte wieder, und brach endlich uͤber Klagen seines jaͤmmerlichen Zustandes aus. Ich fragte ihn, ob ihm bang, schwer waͤre? Nein. Ob ihm etwas weh thue? Nein. Obs ihm kalt oder heiß seye? Nichts, gar nichts, als daß er sich der Sache, die ihn so kraͤnket, nicht erinnern kann. Ob er fuͤrchte, daß er sterben muͤsse? O nein; aber jezt, sagt er eilends, wills kom- men; er oͤffnete den Mund, um es zu sagen und wu- ste es nicht. So etwas von Gleichheit und Ungleich- heit; schwieg und machte wieder die vorigen Geber- den. Sein Puls war doppelt schlagend, doch so, daß er nicht so weich war, wie wenn er Schweiß ver- kuͤndigt; vorzuͤglich war der Nachschlag geschnuͤrt, setzte aus. Sie haben gesagt, sagte ich, es liege ih- nen nen auf dem Herzen? — Ja, bald ists im Herzen, bald im Kopf, und ist immer einerley — Ists Angst? — ’s will kommen — Nicht wahr, Sie fuͤrchten, sie werden sterben? — Jetzt hab ichs! Ich kann nie sterben, und sagen sie mir, ob dann kein Mittel ist, daß es gleich seyn koͤnnte? — Dazu ist noch Zeit, sie muͤssen zuvor wieder gesund werden — Aber warum soll ich denn ewig leben? — Ehe sie zum ewigen Leben kommen, muͤssen sie sterben — Ich will jetzt gleich sterben — Sagen sie mir, haben sie ihre Frau und Kinder lieb? Sehen sie wie ihre Frau um sie weint? — O ja, ich habe sie recht lieb. — Wenn sie also gleich gesund seyn koͤnnten, oder gleich sterben sollten, was waͤre ih- nen lieber? — Ich probirte’s Sterben. — Ist denn so was Gutes ums Sterben—Just nicht: Aber ewig, ewig leben, fuͤnf-sechshundert Jahr zu leben, und nach- her noch immer einerley, das ist erschroͤcklich! — Seyen sie unbekuͤmmert; sie sind krank, und da hat man al- lerley Einbildungen, wie im Traume — Ach nein, ich bin nicht krank, mir ist alles wohl, nur daß ich nicht sterben kann! — — Dieser Zustand blieb bis den andern Tag um Mittag der naͤmliche, wo uͤber den ganzen Koͤrper ein außerordentlich haͤufiger katharr- halischer blutrother Ausschlag, mit laͤnglichten Schnit- ten in der Mitte, ausbrach, und die Augen wie ein Stuͤck Fleisch ganz von Blut strotzten, worauf er auf einige Zeit zu sich kam. Die fernere Geschichte im zweyten Kapitel. Es ist also ein Bischen scharfe Feuchtigkeit, die den Menschen zum Wahrsa- ger Gall I. Band. E ger und zum Narren macht! — Folglich sind dergleichen Vorhersehungen bei weitem nicht so gemein, als es die Seelenliebhaber wuͤnschen. §. 20. Faͤlle, in welchen Vorhersehung statt hat. Unter diejenigen Faͤlle, worinn manchmal Vor- hersehungen statt haben, zaͤhlt Plattner §. 786 fol- gende: Von der Abnahm oder Vernichtung, oder auch von der langen Dauer eines jezt entstehenden Schmer- zens; von kommender Mattigkeit, oder Munterkeit; von Ohnmacht und Schwindel; von Blutfluͤssen; von beginnenden Ausleerungen des Magens, des Mastdar- mes, der Harnblase, der Zeugungstheile; von dem bevorstehenden Abgang der zeitigen oder unzeitigen Lei- besfrucht; von dem Grade und der Dauer jetzt erreg- ter Empfindungen des Hungers und Durstes; von den Gefuͤhlen der Ersaͤttigung und Behaglichkeit, welche nach dem voͤlligen Genuße folgen werden; von dem Abgange schadhafter Materien und fremder Koͤrper, besonders in Eiterungen; von allerley Arten der Er- leichterung und von der Wiedergenesung selbst. Alle diese Vorhersehungen gehen selten uͤber Minuten hoͤch- stens Stunden hinaus. §. 787. Minder gemein sind Vorhersehungen von Gichtanfaͤllen, von epileptischen Anfaͤllen von besondern noch nie erfahrnen bald guten, bald schlimmen Veraͤnde- rungen in allerley sonderbaren Nervenkrankheiten, vom Schlagfluß, Nervenschlage, Gliederlaͤhmung, und selbst von ploͤtzlichen Streichen des Todes. Diese Vor- herse- hersehungen reichen, zum theil mit der puͤnktlichen Vestimmung der Zeit, hinaus auf mehrere Tage. Aber so wie Plattner diese §. 787. vorzuͤglich der Einbil- dungskraft zuschreibt, so halte ich jene §. 786. mehr fuͤr die Folge eines empfundenen Dranges, einer an- fangenden Verschlimmerung oder Erleichterung des Um- standes, als fuͤr eigentliche Vorhersehungen. So starb die 31 Kranke bey Perfect A. a. 6. S. 162. an Erstickung, wie sie sichs immer gewunschen hatte; allein sie hatte schon oͤftere Anfaͤlle erlitten, und empfand wahrscheinlich beim Eintritt der Erstickung eine Betaͤubung oder Er- leichterung der andern Zufaͤlle. Wie sehr der ganze Koͤrper zerruͤttet war, beweiset die Leichenoͤffnung. Ich weis auch von einigen, die am Schlagflusse star- ben, welche Todesart sie sich gewunschen haben. Wo aber hie und da eine deutliche Vorherse- hung mit Bewustseyn des zukuͤnftigen Zustandes statt hat, da haben, wie Plattner richtig sagt, hoͤchst wahr- scheinlich die Faͤlle mit vormaligen eine Aehnlichkeit, daß heißt: die jezige Empfindungsreihe, deren Ende die Seele jezt vorhersieht, ist schon vorher einmal oder mehrmal in der Seele rege gewesen; und dann laͤst sich die Gabe der Vorhersehung aus den bekannten psychologischen Erfahrungssaͤzen von der Ideenverbin- dung, und aus der damit zusammenhangenden Erwar- tung der Aehnlichkeit des Endes bey der Aehnlichkeit des Anfanges erklaͤren. Den angefuͤhrten Faͤllen fuͤge ich noch das nach- lassende Schlaffieber der Greise bey ( Febris remittens E 2 soporo- soporosa senum ). Die Kranken haben anfaͤnglich gar keinen Zufall, der die grosse Gefahr deutlich zu erkennen gaͤbe; dennoch sind sie hoͤchstens bey der allerersten Ungemaͤchlichkeit zum Gebrauch der Arz- neien geneigt. Sobald sich das Uibel einigerma- ßen deutlicher entwickelt hat, so fangen sie an, alle Hilfe fuͤr uͤberfluͤssig zu erklaͤren, legen sich ruhig auf die Seite, und verschlafen die meiste Zeit. Indessen machen sie alle Anstalten zu einem sichern Tode, von dem sie ein ganz unwiderstehliches Vorgefuͤhl haben. Dieses habe ich bey zwey dergleichen Kranken zu mei- nem Leidwesen ruhig ansehen muͤssen, und wuͤrde es noch nicht erklaͤren koͤnnen, wenn mich nicht nachher Le Roi und Bursery darauf aufmerksam gemacht haͤt- ten. Burferius institut. Med. prae. V. I. p. III. p. 319. §. 21. Von den Traͤumen, in wiefern sie Krankheit, Genesung oder den Tod ankuͤnden. Selbst im Traume nimmt man diese Vorherse- hungskraft an; ja, man traut ihr sogar mehr Wahr- sagungsgeist zu, als im wachenden Zustande. Tiede- mann sagt: “Mancher traͤumt, er werde noch zehn oder mehrere Jahre leben, und er lebt noch zehn Jah- re: Ist auch dieses natuͤrlich? ich sehe nicht, warum nicht. Wer seinen Koͤrper genau kennt, und sich da- bey nicht von der Begierde zum Leben taͤuschen laͤßt, kann sich mit grosser Wahrscheinlichkeit eine gewisse Zeit von Lebensjahren vorher festsetzen. Warum sollte dieses auch nicht in Traͤumen geschehen koͤnnen? Wa- Warum sollte nicht hier die Seele aus gewissen gehei- men Gefuͤhlen von der Staͤrke und Schwaͤche ihrer Werkzeuge sich die Dauer des Lebens bestimmter, als selbst im Wachen festsetzen koͤnnen? Wenn man hiezu noch nimmt, daß solche Traͤume sehr selten sind, daß sie sehr oft nicht eintreffen, und daß man die be- truͤgenden nicht gerne erzaͤhlt, weil man nicht gerne betrogen seyn will; daß man folglich gegen einen er- fuͤllten mehr als hundert verschwiegene nicht erfuͤllte Traͤume setzen kann: so sehe ich auch hierinn nichts uͤbernatuͤrliches. — — Weil die von dem Geraͤusche der Sinne befreyte Seele diejenigen Dispositionen vor- her in sich fuͤhlen kann, die zur Krankheit oder Ge- sundheit leiten; daher wird der Kranke gesund, dem es traͤumte, daß er gesund werden wird, und dem es traͤumte, daß er sterben wird, der stirbt. Auch oh- ne zu traͤumen koͤnnen wir oft lange vorher fuͤhlen, ob wir krank werden, oder, wenn wir krank sind, ob wir werden gesund werden; wie viel mehr muß nicht das im Traume geschehen koͤnnen? Nicht nur, daß wir krank oder gesund werden, sondern auch wann wir es werden sollen, koͤnnen wir aus physi- schen Ursachen vorher empfinden. — Diejenigen, die gewissen Krankheiten oft unterworfen sind, sagen ge- meiniglich vorher, wann sie wiederkommen, und wann sie weggehen werden.„ 3ter Theil S. 210. Die Einbildungs- kraft, die aͤngstliche oder frohe Erwartung, die Macht des Glaubens tragen ohne Zweifel allermeist das meiste bey. “Ein Mensch traͤumt; du wirst an dem dem und dem Tage sterben, und siehe, er stirbt, weil er sich einbildet, sterben zu muͤssen. Ein Kranker traͤumt: Du sollst gesund werden, und er wird es, weil er glaubte, es werden zu muͤssen.„. In den Eph. N. C. wird von einem Schusterbuben erzaͤhlt, der nach einem schlimmen Faulfieber taub nnd stumm blieb. Nach zwey Jahren schlugen ihm seine Kame- raden mehrere Loͤcher in den Kopf. Waͤhrend daß die Wunden heilten, bekam er ein gewaltiges Sausen in den Ohren; nun traͤumte er, er habe das Gehoͤr und die Sprache wieder bekommen — und dieses ge- schahe auch. — Das Ohrensausen hatte die Vorstel- lung vom Gehoͤr lebhaft rege gemacht; mit dieser hiengen die Vorstellungen von der Sprache unmittel- bar zusammen; uͤbrigens ist es in diesem Falle offen- bar, daß der Kranke im Kopfe und in den Sprach- werkzeugen nach und nach eine gewisse Leichtigkeit muͤs- se empfunden haben, wodurch der Traum eben so natuͤrlich veranlaßt worden ist, als ein Kranker von rothen Schlangen traͤumt, wenn ein Nasenbluten, oder vom Baade, wenn ein starker Schweiß im An- zuge ist. Galen erzaͤhlt von einem, der traͤumte, es waͤre ihm sein Fuß zu Stein geworden; und bald her- nach wurde er am naͤmlichen Fusse gelaͤhmt. Ein an- derer traͤumte, er stuͤnde in einer Zisterne bis uͤber den Hals im Blute; daraus urtheilte Galen , daß dieser Mensch einen Uiberfluß an Blut habe. “Einige, sagt er, glaubten kurz vor entscheidenden Schweisen, daß sie in warmem Wasser schwaͤmmen. Eben so sind diejenigen, die von hestigem Durst, unersaͤttli- chen chem Hunger, und bruͤnstiger Liebe traͤumen, des Trun- kes, der Nahrung und des Liebesgenusses beduͤrftig. Die kein Uibermaß von Saͤften, oder einen sehr un- gehinderten Umlauf derselben haben, traͤumen von Springen und Fliegen; denen es duͤnkt, als giengen sie im Koth herum, die haben stinkenden faulen Un- rath im Leibe.„ Uiberhaupt halten Hyppokrates und Galen jene Traͤume in Krankheiten fuͤr gute Anzeigen, welche die gewohnten Verrichtungen, die sonst ange- nehmsten Dinge, betreffen, z. B. wenn der Kranke auf gruͤnen Fluren wandelt; weiß gekleidete Leute, glaͤnzende Gegenstaͤnde, Sonne, Mond u. d. gl. sieht. Hipp. de Insomnis und Galenns de Dignotione ex Insom- niis. In dieser Ruͤcksicht sind allerdings Traͤume nicht außeracht zu lassen. Je mehr die innern Verrichtun- gen in Feseln liegen, desto schwerere, muͤhsamere Traͤume werden dadurch erregt; wir liegen in Un- tiefen, unter Schutt begraben; werden uͤber Felsen und Thaͤler hingeschleudert; waden in tiefem Sande — Und so, wie sich die Bande loͤsen, so entfernen sich auch die Hindernissen im Traume. Wer darauf auf- merksam seyn will, kann sich davon bey jedem schwer Darniederliegenden, besonders um die entscheidenden Zeiten uͤberzeugen. Daß Hipp . und Galenus in Ruͤcksicht des Antheils der Seele alles von Wort zu Wort gesagt haben, was unsere Psychologen sagen, beweisen die unten angefuͤhrten zwey Stellen. Cum Corpus quioscit, sagt Hipp. cap. I. anima m - vetur, \& in corporis partes subrepens, domum suam gu- Ich wer- werde in der Folge, besonders in dem Kapitel von den Entscheidungen mehrere Thatbeweise anfuͤhren, um den Nutzen dieser Art Traͤume zu bestaͤttigen. Schluͤß- lich gebe ich hier den Rath, den mir einstens einer meiner weisesten Lehrer gab: Sich nie um die Erklaͤ- rung einer Sache den Kopf zu brechen, bis man von der Wahrheit und der Beschaffenheit derselben genau unterrichtet ist. Sehr merkwuͤrdige Beyspiele, wie solche Faͤlle zu pruͤfen sind, wird man bey Tie- demann und andern finden. §. 22. Vorboten einiger Krankheiten. Den Aerzten sind zwar mehrere dergleichen Vorboten, oder Vorgefuͤhle bekannt. Dennoch wuͤnschten die Philosophen, daß sie aufmerksamer da- rauf seyn moͤchten. Helmont Idea Demens. hat einige vortrefliche Bemerkungen. “Ich habe bemerkt, sagt er, daß bey den Verruͤckten zuerst das Gedaͤchtniß wanket, daß darauf eine wieder Willen emporkommende, und un- aufhoͤrliche Vorstellung einer einzigen Sache erfolgt. — Ich habe einige Verruͤckte genau gefragt, und erfah- ren bernat, omnesque corporis actiones ipsa obit. Neque enim Corpus dormiens sentit, ipsa vero vigilans cognoscit, vi- denda videt, \& audienda audit, vadit, tangit, mœret, ratiocinatur, ac, ut paucis dicam, quæcumque corporis, aut animæ officia sunt, ea omnia in somnis anima pera- git. Und Galenus: Videtur enim in somnis anima in cor- poris profundum ingressa, et ab externis sensilibus digres- sa, affectionem, quæ in corpore est, sentire; atque eorum omnium, quæ appetit, tanquam jam præsentium, Visu concipere. ren, daß eine dunkle Vorstellung, ein geheimer Reiz zur Raserey von den Hypochondrien emporsteige; daß diese Idee sie anfangs wieder ihren Willen beherrschte, bis sie endlich die voͤllige Herrschaft erlangt haͤtte. Wenn sie wieder zu sich kamen, wusten sie von al- lem vorgefallenen nichts. Sie beklagten sich, daß sie zuerst aller vernuͤnftigen Folge der Gedanken beraubt wuͤrden; daß sie darauf auf eine einzige Idee fest ge- heftet wuͤrden, außer der sie nichts denken koͤnnten; daß mit dieser Idee Traurigkeit, unangenehme Em- pfindung verbunden waͤre. — Sie daͤchten diese Idee nicht anderst, als ob sie sie im Spiegel allzeit ange- schauet haͤtten. Ja sie wuͤsten nicht, daß sie alsdann dieß daͤchten, ob sie gleich so steif daran daͤchten, daß sie ganze Tage hindurch ohne alle Ermuͤdung stehen blieben, wenn sie beym Anfall der Raserey gerade im Stehen begriffen waͤren, ohne daß sie wissen, daß sie stuͤnden. — Einige beklagen sich, daß sie bey Entste- hung des Paroxismus von einer Menge unwillkuͤhrli- cher und widerlicher Gedanken befallen wuͤrden, wie von einem von unten aufsteigenden Rauche; daß, wenn sie sich bemuͤheten, diesen Strom durch Raisonnement zu unterdruͤcken, er dennoch eben so heftig und eben so unwillkuͤhrlich zuruͤckkehre.„ — Bey andern gieng eine solche Schwaͤche des Gedaͤchtnißes voraus, daß sie alles auf der Stelle vergaßen, was sie eben zu ver- richten unternahmen. Forestus erzaͤhlt von einem jun- gen Menschen, der, wenn er den Nachttopf ergriff, ihn in der Hand behielt, ohne ihn zu gebrauchen; und wenn er sich sonst entledigen wollte, so wuste er gleich gleich hernach von nichts mehr. Er verstel darauf in eine voͤllige Wuth, so, daß man ihn an Ketten legen muste. Forest O b s e vat lib X. p. 317. — Crech commantirte den Lucrez , und er empfand dabey eine so toͤdende Langweise, daß er auf das Manuscript schrieb: NB. Ich werde mich erhenken muͤssen, wenn ich diesen Comentarium geendet habe.„. Er hat sich wirklich selbst getoͤdtet nach dem Beispiele seines Schriftstellers. Die Empfindungen im Kopfe, besonders im Vorderhaupt, die besondere Art von Kopfschmerz verbunden mit gewißen unangenehmen Ge- fuͤhlen von zu vielem Nachdenken, die anwandelnden Uiblichkeiten, das Feuersehen, worauf bei fortgesetz- ter Anstrengung Gedankenlosigkeit und endlich auch Verruͤckungen folgen, sind allen streng Studierenden be- kannt; Zimmermann und We kard haben sie beschrie- ben. Von der Erfahrung, und der philosophische Arzt. Vor dem Ausbruch hitziger Krankheiten wird man manchmal ihrer Ankunft gewahr, daß man aller- hand Gestalten mit der groͤsten Lebhaftigkeit sieht, so- bald man die Augen verschließt. Ich habe gesehen, daß sich ein ganzes Jahr vor dem Anfalle einer schweren Krankheit alle Tage besonders gegen Nacht oder ge- gen Tag außerordentliche Aengsten, als waͤre der Tod unvermeidlich, geaͤußert haben; nach einigen Minuten wurde das Gemuͤth wieder ruhig. Vor an- wandelnden Ohnmachten wird es einem gewoͤhnlich ums Herz oder im Kopfe sonderbar leer und leicht, wo- bey ein dunkler warmer Flor das Gesicht und ganze Gehirn umzieht. Man hat mehrere Beyspiele von Leu- Leuten, welche jedesmal an einem ihnen eigenen Zei- chen den Anfall der Fallsucht zum voraus empfinden. z. B. daß ihnen in der Gegend des großen Zehen et- was beweglich zu werden anfaͤngt, von da bis in den Kopf zwischen Haut und Fleisch aufwaͤrts steigt, wo- rauf sie das Bewußtseyn verlieren und auf die gewoͤhn- liche Art krampfhaft erschuͤttert werden, wie Swieten T. III. p. 423. einen Fall erzaͤhlt. Ettmüller rechnet unter die Vor- boten eines fallsuͤchtigen Anfalls, eine kriebelnde Em- pfindung in irgend einem Theile, einen aufsteigenden Schauer. Auch haben diese Kranken Vorstellungen von Farben, Geruͤchen und Geschmackempfindungen, die sie mit keinem vorher empfundenen vergleichen koͤnnen. Von der Annaͤherung eines Anfalls des Keuch- hustens giebt insgemein ebenfalls ein besonderer Zu- fall Nachricht, als Kopfweh, Schmerz in der Brust, vorzuͤglich aber ein besonders kitzelndes Gefuͤhl in der Brust, in der Herzgrube, oder im Halse, wobey die Kinder vor Aengsten und Furcht manchmal zu zittern und zu weinen anfangen. Vor dem Ausbruch der Wasserscheu geht in den Kranken eine besondere Ver- aͤnderung vor, wodurch sie der annahenden Wuth ge- wahr werden. Sie versinken in ein tiefe Traurigkeit werden aͤußerst kleinmuͤthig, und jeder Vorfall be- wegt sie zum Weinen, sie lieben und suchen die Ein- samkeit, reden sehr wenig und dieses mit weinerlicher furchtsamer Stimme; sie seufzen sehr oft ohne deßwe- gen ihre Beaͤngstigung auf der Brust erleichtern zu koͤnnen; zuweilen sperren sie sich selbst ein mit der dringend- dringendsten Bitte, daß man sie allein lassen moͤge. Ant. L. B. d. Störck Præcep. Medic. Diss. I. T. II. p. 9. — Die Vorboten der verschiedenen hitzigen Krankheiten sind jedem Arzte bekannt. De frequentioribus febrium prodromis Opuscula Schröderi V. I. Daß sie aber bald nur als bloße, blinde Zusaͤlle erscheinen, bald mit einem mehr oder weniger deutlichen Gefuͤhle des folgenden Uibels, wovon sie als ein Theil angesehen werden muͤssen, verbunden sind, das beruht auf der mehr oder weniger lebhaften Einbildungskraft und der mehr oder weniger feinen Empfindlichkeit des Kranken. §. 23. Ahndungen. Was nun noch die eigentlichen Ahndungen un- serer Schwaͤrmer betrift, so kann ich nichts bessers daruͤber sagen, als was Plattner §. 1123 gesagt hat. “Außer Furcht und Hofnung soll es noch andere vor- hersehende Empfindungen geben, welche in der Spra- che des Aberglaubens Ahndungen genannt werden. Merkwuͤrdig ist es, so viel erstens die historische Wahr- scheinlichkeit derselben betrifft, daß alle Erfahrungen davon nur allein in dem Besitze entweder des gemei- nen Poͤbels, oder doch solcher Menschen sind, welche, sollten ihnen auch mancherley Kenntniße und Faͤhigkei- ten nicht abgesprochen werden koͤnnen, doch gewiß von aller wahren philosophischen Aufklaͤrung entfernt sind; weder deutliche und wohlgeordnete Begriffe, noch feste Grundsaͤtze besitzen, und ihre Koͤpfe durch Schwaͤrme- rey und Aberglauben verduͤstert haben„ — Sie berufen sich sich zwar auf einen sechsten, noch unentwickelten, in kein Werkzeug, wie das Aug und das Ohr eingeschlossenen Sinn, welcher in Geheim Dinge ausspaͤhen soll, die mit den uͤbrigen Sinnen in keiner Verbindung stehen. Wenn diesen Sinn Wer hat, so sind es finstre, zu lau- ter außerordentlichen Vorstellungen geneigte, schwarz- gallichte, oder hoͤchst empfindsame Leute — die wahr- lich so oft von ihren innern Gefuͤhlen betrogen wer- den, daß sie sich in allen Faͤllen wenig auf einen sech- sten Sinn verlassen koͤnnen, an dem sie daher ein sehr unnuͤtzes Geschenk erhalten haben. Jeder Leser entscheide nun von selbst, in wiefern die Seele eine Faͤhigkeit habe, daß Maaß ihrer koͤr- perlichen Kraͤfte zu beurtheilen. — Ob diese Faͤhigkeit ein selbstthaͤtiges Bestreben, oder eine blos leidentliche Abhaͤngigkeit von koͤrperlichen Veraͤnderungen genannt zu werden verdiene? Oder in wiefern beyde einen An- theil daran haben? Und ob endlich die Seele bey den natürlichen und Lebensverrichtungen des Koͤrpers, durch was immer fuͤr eine Art von Reiz und Vorher- sehung, zur Gegenwirkung bestimmt werde? Fortsetzung des Vergleiches des Menschen mit den Thieren. §. 24. Der Vergleich des Menschen mit den Thieren fuͤhrt uns noch auf manche wichtige Untersuchung. Samuel Reimarius laͤßt den Thieren 1) ein em- pfindliches Leben, das durch einen organischen Leib, vermittelst eines mit der Art des Lebens harmoniren- den den Mechanismus, unterhalten wird. 2) Eine Seele welche von Außen durch die Sinne ein undeutliches Bewustseyn der gegenwaͤrtigen koͤrperlichen Dinge, nach dem empfangenen Eindrucke, und bey dem Ge- genwaͤrtigen durch ihre Einbildungskraft eine verwor- rene Vorstellung des Vergangenen bekoͤmmt. 3) Ei- ne innere Empfindung von ihrer und ihres Koͤrpers Natur und Kraͤfte; und 4) ein eingepflanztes Be- muͤhen zu gewißen der Natur gemaͤßen Handlungen. — Nach ihm haͤtten die Thiere aber einen Vorzug vor den Menschen, erstlich in Ruͤcksicht ihrer angebor- nen Kunstwerkzeuge, die sich der Mensch erst selbst er- finden und verfertigen muß, indem er nichts als die Haͤnde von Mutterleibe aus mitbringt. Zweytens in Ruͤcksicht ihrer vollkommenern aͤußerlichen Sinne, und sinnlichen Einbildungskraft, wodurch sie sowohl vom aͤußerlichen Guten und Boͤsen eine genaue Empfindung bekommen, als zu den dienlichen Bewegungen gereitzt werden. Der dritte Vorzug besteht in der innern Em- pfindung ihrer und ihres Koͤrpers Natur und Kraͤfte. Der vierte in den eingepflanzten Bemuͤhungen zu be- stimmten der Natur gemaͤßen Handlungen. Uiberhaupt giebt er den Thieren einen vollkommnern Mechanismus. — Wir wollen sehen, was sich in Beziehung auf diese Vorzuͤge vom Menschen behaupten lasse. §. 25. §. 25. In Ruͤcksicht der Vollkommenheit des Mecha- nismus. Alle Wesen auf ihrem Standort betrachtet, wo- hin sie der Schoͤpfer gestellt hat, so ist die Muschel, die an der Felse klebt, nicht unvollkommener, als der Adler, der sich gen Himmel schwingt. Wollen wir aber von Uns, als einem Maaßstabe ausgehen, so moͤgen manche Theile, deren sich die Thiere bey ihren Beduͤrfnissen bedienen, vielfacher, zusammengesetzter, einige Sinne, von denen vielleicht ihr ganzes Gluͤck abhaͤngt, moͤgen schaͤrfer seyn: Kein Mensch z. B. hat das Auge des Habichts, keiner die fuͤnftausend Muskeln der Weidenraupe; aber ihre Kunst ist aͤußerst eingeschraͤnkt, da indessen des Menschen Faͤhigkeiten so zahlreich und so mannigfaltig sind. Thatsachen sol- len auch hier entscheiden. Der Mensch theilt unter der Linie die Herrschaft mit dem Tiger und dem Loͤwen, und lebt unter dem Nordpol neben dem Baͤrn und dem Rennthier. Bis zu dem zwey und siebenzigsten, und vielleicht hoͤhern Grad noͤrdlicher Breite lebt der Groͤnlaͤnder und Es- kimo; unter dem Aequator der Neger, und auf der andern Seite des Aequators wird das Ende von Ame- rika, naͤmlich Feuerland, von den Pecherais und an- dern Staͤmmen bewohnt. Die Giagas und Anziker durchstreifen Afrika, um von den Bewohnern dieses brennenden Bodens Beute zu holen. Unter dem Pole lebt er in einer Kaͤlte, die selbst den dort einheimi- schen stark behaarten Thieren unertraͤglich ist. Wenn die Heher Heher und Sperlinge aus der Luft fallen, so lebt der Mensch noch frisch und gesund. Die kanadischen Wil- den, welche bis gegen die Hudsonsbay hinauf wohnen und die Eskimos gehen den Winter hindurch bey ei- ner Kaͤlte auf die Jagd, wobey die Seen auf zwoͤlf Fuß dicht gefroren, und in den geheitzten Stuben der Brantwein nicht fluͤssig erhalten werden kann. Bey den Hollaͤndern, welche im Jahr 1597. im 67ten Grad noͤrdlicher Breite auf Neuzemlja uͤber- wintern musten, blieb nichts als der weisse Fuchs. Gegen den 68ten Grad noͤrdlicher Breite, sagt Pal- las , verliert sich die Birke und Esche, die in Nor- den einheimische hohe Tanne, und Lerchenbaͤume kriechen nur als Zwergbaͤume auf dem kaum im Som- mer aufthauenden Boden fort. Der Groͤnlaͤnder heizet nicht ein, und sitzt in seinem Hause bis auf die Bein- kleider nackend. — Blagden hielt eine kuͤnstliche Hize aus, bey der das Eyweis gerann, und das Wachs schmolz. — Er hielt sie sogar noch, da sie die Hize des kochenden Wassers um 48 Grad uͤbertraf, gegen acht Minuten aus, da er dann eine Unbequemlichkeit im Athmen fuͤhlte, und sehr abgemattet wurde. Dü Hamel und Tillet fanden einige Maͤdchen, welche in einem Backofen, worinn Obst und Fleisch kochten, uͤber zehn Minuten ganz bequem aushielten. Nach einem Reaumarischen Quecksilberthermometer, wel- ches 85 Grade fuͤr den Siedepunkt des kochenden Was- sers angab, war die Hitze voͤllig 112 Grad, nach Fahrenheitsthermometer 275 1/17. Bey Blagden hielt eine Huͤndin 220 Grad aus; bey Tillet starb ein Kern- beisser beisser in einer Hitze von 169 11/17 Grad. Ein Kanin- chen ertrug 164, aber ein Huhn konnte eine Hitze von 169 Grad nicht lange ohne Lebensgefahr aushalten. Der Mensch also lebt und gedeiht gegen 200 Grad unter Null bis 130 daruͤber, was noch von keinem Thiere bekannt ist. — Eben so beharrlich ist er gegen den verschiedensten Druck der Luft. Die Stadt Qui- to und ein Theil dieser Provinz haben beinahe die Hoͤhe von 12000 Fuß uͤber der Meeresflaͤche, und dennoch sind sie von vielen tausenden bewohnt. Der Unterschied des Luftdruckes auf den Koͤrper des Men- schen ist in dieser Hoͤhe gegen jenen an der Meeres- flaͤche wie 21750 Pf. gegen 32235 Pf. Condamine und Bouquer nebst einigen Begleitern lebten sogar drey Wochen auf den Kordilleren in einer Hoͤhe, wo das Barometer nur 15 Zoll 9 Linien stand, und ob- gleich sich einige nicht gut befanden, so traf dieß be- sonders die an das heiße Klima gewoͤhnten Indier, fuͤr welche die zu ploͤzliche Abwechslung von Hize und Kaͤlte, und zugleich die heftige Bewegung beym Hin- aufsteigen unangenehme Folgen hatte; da sich die an- deren, welche zuruͤck ritten, wohl befanden. Dieses giebt fuͤr den Druck der Menschenoberflaͤche, zu 15 Ku- bikfuß gerechnet, nur 16920 Pf. und so ist der Unter- schied des Drucks zwischen dem dortigen Thal- und Bergbewohner uͤber 15300 Pfund. Taucht nun die- ser Mensch in die Tiefe des Meeres ungefaͤhr 400 Fuß tief, so leidet er einen zehnfach groͤssern Druck, als der Strandbewohner und der Unterschied belauft sich au f 300000 Pfund. — Welche Summen von Gall I. Band. F Feuch- Feuchtigkeiten schluͤckt der Bewohner der St. Thomas- insel, der bengalischen Kuͤsten ein! Viele tausend bringen in Potosi ihr ganzes Leben in Spaniens Mi- nen zu, ohne je vor ihrem Tode wieder an das Tages- licht zu kommen; und dennoch leben sie froͤhlich viele Jahre lang in diesen mit giftigen Duͤnsten geschwaͤn- gerten Kerkern. Condamine fand auf dem Wege von Loxa nach Jaen ein bewohntes Land, welches gewoͤhn- lich zehn Monate lang vom Regen uͤberschwemmt ist. — Die Hundszaͤhne des Menschen, sein einziger, haͤu- tiger Magen, und seine nicht gar uͤbermaͤßig langen Gedaͤrme sind Beweise, daß ihn die Natur zur thie- rischen Nahrung bestimmte. Der ehemalige Teutsche, der kolosalische Patagone und der groͤßte Theil der frey- en Tartarn leben von Fleisch und sind muthvoll und stark. Ganze Voͤlker, z. B. die Bewohner des neu entdekten rußischen Archipels essen nichts als Fische; der Chineser befindet sich wohl bey seinem Reis und Schweinefleisch; Lybien ernaͤhrt Nationen mit getrock- neten Heuschrecken; der Groͤnlaͤnder und Alaska Be- wohner verdauet den thranichten Wallfisch; ja, sie mi- schen frische, faule, und halbausgebruͤtete Eyer, Kraͤh- beeren, und Angelika in einen Sack von Seehundfell zusammen, gießen Thran dazu, und heben dieß als eine Erfrischung auf den Winter auf; die Jakuter es- sen Maͤuse, Woͤlfe, Fuͤchse, Pferde, Raubvoͤgel und ungekochte Kraͤuter in Menge; die Kalifornier genies- sen bald aus Hirschleder gemachte Schuhe, bald ge- trocknetes Ochsenfell. — Auch eine und eben dieselbe Nation kann eine unbegreifliche Mischung von Spei- sen sen ertragen. Der Siamische Gesandte Occum Cham- mann naͤhrte sich aus Noth mit Kaͤfern und Heuschre- cken. Des daͤnischen Admirals Monks auf Groͤnland zuruͤckgebliebenen Leute, wie auch die auf einer der aleutischen Inseln gestrandeten Rußen verzehrten be- gierig die faulenden Ueberbleibsel eines toden Wallfi- sches, und der Commodore Byron schaͤzte sich gluͤcklich bey seiner ersten Reise um die Welt, als Gefangener der Indianer ohnweit dem Magellanslande die Haut eines stinkenden Seehundschinken benagen zu duͤrfen. Was hat nicht Hungersnoth bey uns verdaulich ge- macht? Selbst Gifte erscheinen, wenn sie nur nicht ganz unbereitet oder in zu großem Maaße genommen worden, unserer Natur nicht toͤdlich. Die Wurzel des an sich giftigen Manioks ernaͤhrt viele tausend A- merikaner. Man erwaͤge die vielen, oft sich ganz entgegengesetzten Speisen und Getraͤnke, die wir taͤg- lich zu uns nehmen. Wir mischen oftmals Milch, Brunnen- und Mineralwasser, Fleischbruͤhe, Essig, Oel, Bier, verschiedene Arten Wein, Brantwein mit einer Summe von vielerley Fleisch, Gemuͤse, Fruͤchten und Gewuͤrze zusammen. — Wessen Thie- res Organisation ist fuͤr so ausserordentlich verschiede- ne Dinge, fuͤr so entgegengesetze Himmelsstriche, u. s. w. so unzerstoͤrbar eingerichtet? Der Hund, das nach dem Menschen biegsamste, und also auch nach ihm am meisten verbreitete Thier ist im Norden dick behaaret und wird unter dem Aequator kahl; der mu- thigste europaͤische Hund wird, wenn er nach den hei- sesten Theilen von Afrika verfuͤhrt wird, stumm, F 2 oder oder vielmehr sein Bellen verwandelt sich in ein Ge- muchse, dabey bekoͤmmt er spizige, steife Ohren, wird haͤßlich und verliert alle Haare nebst seinem Muthe. Die Belege von allem dem sehe man bei Zimmermann geo- graphische Geschichte des Menschen. Und so sind der Ochs, der Esel, das Pserd , das Schaaf, die Ziege, das Schwein, die Kaze — naͤm- lich die dem Menschen zugesellten nuͤtzlichsten und ver- breitbarsten Thiere, stuffenweis unter verschiedenen Him- melsstrichen und andern Veraͤnderungen unendlich wichti- gern Ausartungen unterworfen, als der Mensch. Der Ochs in Madagaskar traͤgt einen Hoͤcker von fuͤnfzig Pfund schwer, der in weiten Gegenden allmaͤhlich abnimmt. Das europaͤische Schaf bekoͤmmt am Vor- gebirge der guten Hoffnung einen Schwanz von 19 Pfunden. In Island treibt es bis 5 Hoͤrner; im Ox- fordischen in Engelland waͤchst es bis zur Groͤße eines Esels, in der Tuͤrkey ist es getygert. Der kleinste Hund kriecht gegen den groͤßten Bullenbeißer bis zu 1/12 seiner Maße zusammen, und es gibt Ausartungen an den Ochsen, die sechs bis achtmal kleiner als andere Racen eben dieser Art sind. Die zwey entgegengesetz- testen Groͤßen des Menschen aber, naͤmlich des Pata- gonen und Eskimo sind nicht voͤllig um zwey Fuß von einander unterschieden, so, daß der mittlere oder gewoͤhnliche Mensch von den Patagonen ohngefaͤhr um eben so viel uͤbertroffen wird, als er selbst den Lap- pen uͤbertrift. 〟Beym Menschen nimmt man die Hauptunterscheidungszeichen eher von der Farbe seiner Haut, als von der Abaͤnderung seiner Gestalt, und in in allen Klimaten behaͤlt er seinen aufrechten Gang, und die Superioritaͤt seiner Form.〟 Herder. Diesen erhabenen Vorzug des Menschen glaubte auch Büffon nur in der Seele, und deren Eigenschaften suchen zu duͤrfen. — „Allein, sagt eben dieser Zim- mermann , wo hat der Groͤnlaͤnder, oder Eskimo und Kanader große Talente oder Erfindungskraft noͤthig, sich gegen die Kaͤlte zu schuͤzen? Er, der mit offner Brust, unbedeckten Gliedern sich seinem Winter aussetzt, der rohes Seehundfleisch so gut, als gekochtes ver- dauet? Den Neger brennt die perpenticulare Sonne, die bloßen Fußsohlen bersten ihm auf dem gluͤhenden Sande, und er bleibt stark und gesund. Der Fuchs, Biber, Murmelthier und Hamster machen sich durch ihren Instinkt Hoͤhlen; was hat also der Mensch dar- innen voraus? die Seele nuͤtzt freylich den vortrefli- chen Bau unsers Koͤrpers; sie erhebt den Menschen uͤber alle Kreatur, schaft ihm aller Orten Bequem- lichkeit und leichtes Fortkommen, giebt ihm Pelz und Sonnenschirm, Stahl, Feureisen und Waffen; aber nie koͤnnte sie ihn durch alle ihre Staͤrke dazu machen, was er jetzt ist, naͤmlich zum Bewohner aller Him- melsstriche, waͤre sie nicht mit dem dauerhaftesten, biegsamsten Koͤrper verbunden.“ Bedenken wir noch, wie die verschiedenen Kraͤfte der Geschoͤpfe mit der stufenweisen Vervollkommnung ihrer Organisation stufenweis veredelt werden; daß die Kraͤften der Anziehung und Bildung im Krystall und in den Metallen, schon in den Pflanzen zu Trieben der Nah- Nahrung und Fortpflanzung erhoͤhet werden; daß bey den Pflanzenthieren die Nahrungstheile gesoͤndert und zugleich die lebendigen Muskelreize anfangen; daß diese Muskelkraͤfte, jemehr sie in das Gebiet der Ner- ven tretten, desto mehr zur Empfindung veredelt wer- den; daß, jemehr und feinere Nerven ein Thier hat, jemehr diese einander vielfach begegnen, kuͤnstlich ver- staͤrken, und zu edlern Theilen und Sinnen verwandt werden; je groͤsser und feiner endlich der Sammelplatz aller Empfindungen, das Gehirn, ist; daß, sage ich, die Gattung dieser Organisation desto verstaͤndiger und feiner werde; — daß gegentheils bey Thieren, wo der Reiz die Empfindungen, die Muskelkraͤfte das Nervengebaͤude uͤberwinden; und dieses auf niedrige Verrichtungen und Triebe verbraucht wird: nach un- serm Maasstabe die Gattung theils unfoͤrmlicher im Bau, theils in ihrer Lebensart groͤber und unwillkuͤhr- licher werde; — und fuͤhlt endlich jeder Mensch sei- nen Werth: wie er zu dem Edelsten, was er kennt zur Vernunftfaͤhigkeit, Sprachfaͤhigkeit, zur aufrech- ten Stellung, zur Humanitaͤt, zur Willkuͤhr in seiner Lebensart, zur Faͤhigkeit ver vollkommnet und verschlim- mert zu werden, zur Gesetzgebung und Religion u. s. w. gebildet ist: Eine anschauliche Darstellung von allem dem findet man in Herders Ideen zur Geschichte der Menschheit 1ter Thl. so kann Niemand mehr der Fol- gerung widerstehen, daß unter allen Erdorganisatio- nen des Menschen seine die erhabenste und vollkommenste sey. §. 26. §. 26. In Ruͤcksicht der innern Empfindung von sei- ner Natur und seinen Kraͤften. Der dritte Vorzug, die innere Empfindung ih- rer und ihres Koͤrpers Natur und Kraͤfte verdient eben- falls eine naͤhere Berichtigung. Wenn er nur so ver- standen wird, daß die Thiere ein dunkles Bewustseyn ihres Daseyns, und eine Behaglichkeit bey ihrer Be- schaffenheit, ihren Neigungen, und ihrer angewiese- nen Lebensart empfinden, so sind wir einig: denn nur darauf kann sich die Selbstliebe, der Trieb der Selbst- erhaltung, der Grundtrieb aller uͤbrigen Handlungen gruͤnden. 〟Ueberall liegen Vorbilde der menschlichen Handlungsweisen, in denen das Thier geuͤbt wird; und sie, da wir ihre Nervengebaͤude, ihren uns aͤhnlichen Bau, ihre uns aͤhnlichen Beduͤrfnisse und Lebensart vor uns sehen, sie dennoch als Maschinen betrachten zu wollen, ist eine Suͤnde wider die Natur, wie ir- gend Eine.〟 Herder. Allein Reimarus scheint diese innere Empfindung uͤber alle Wahrscheinlichkeit ausdehnen zu wollen. Zum Gegensatz fuͤhrt er zuerst die innere Em- psindung an, sofern sie auch der Mensch von dem Zu- stande seines Koͤrpers hat. “Wir Menschen, sagt er, haben auch einiges inneres Gefuͤhl von dem Zustande unsers Koͤrpers: z. B. Wenn der Magen leer ist und Speise verlangt, oder wenn er satt ist, wenn der Auswurf der Natur von Speise und Getraͤnke oder Winden uns draͤngen; Wenn Wenn wir die Munterkeit unserer Leibeskraͤfte, oder eine Mattigkeit und Krankheit in den Gliedern, oder eine Wallung im Gebluͤte spuͤren. Dahin gehoͤren auch die Regungen der Natur, welche auf die Fortpflan- zung gerichtet sind, und welche auch die unschuldigsten oder wildesten Menschen, ohne aͤußerlichen Reiz, in dem bluͤhenden Alter bey sich empfinden muͤssen, wenn sie gleich noch selbst nicht wissen, was das sey, oder wohin es ziele. Aber man muß doch uͤberhaupt ge- stehen, daß wir Menschen eine weit genauere innere Empfindung haben von unserm innern Seelenzustande und Beschaffenheit, von ihren Kraͤften und deren Reg- len, und von den Veraͤnderungen, die darinnen vor- gehen, als wir uns durchs innere Gefuͤhl bewußt seyn koͤnnen, was in unserm Koͤrper sey und vorgehe, denn wir sind uns alle Augenblicke durch innere Empfindun- gen bewust, daß wir uns etwas in Gedanken vorstel- len, daß wir etwas, und was wir, und warum wir es begehren. Die ganze Vernunft- und Sittenlehre sind bloß auf diese innere Erfahrung gebaut. Aber wer kann bey sich aus innerem Gefuͤhle merken, was er fuͤr Theile und Gefaͤße im Leibe habe, was der Magen und die Gedaͤrme zur Berdauung machen, wie Leber und Milz beschaffen seyen, wie es selbst im Gehirn aussehe, ob alles im guten Stande sey, oder was mit seiner innern Natur und Verfassung des Leibes uͤbereinstimme? Die innere Empfindung dient also dem Menschen mehr, daß er sich der Seele nach kennen lerne, als nach dem Koͤrper ꝛc.„ Nach Nach dergleichen Ausdruͤcken sollte man erwar- ten, daß er den Thieren eine umstaͤndliche Kenntniß ihrer Bestandtheile, Werkzeuge und ihres Kraͤftenma- ßes zuschreiben werde. Indessen druͤcket er sich den- noch nirgendwo so bestimmt aus. Es waͤre in der That eine zu erhabne Meinung von dem sonst so weit unter den Menschen gesetzten Thiere, wenn man z. B. der Wasserschnecke eine Kenntniß von den Eigenschaften der Luft, und von ihrer verhaͤltnißmaͤßigen Schwere mit dem Wasser, von dem Nutzen und Gebrauch ei- nes Botes und von der Einrichtung und der wechselsei- tigen Einwirkung ihre eigenen Bestandtheile zutrauen wollte; Und doch muͤste sie alles dieses wissen, wenn sie mittelst einer, aus der Kenntniß ihrer Natur und ihrer Kraͤfte, entstandenen Empfindung dazu bestimmt werden sollte, sich dann in den Hintergrund ihres Gehaͤuses zuruͤckzuziehen, wo sie zu Boden sinken will; und wo sie die Lust anwandelt, auf die Oberflaͤche em- por zu schwimmen, heraus zu kriechen, vermittelst ei- nes dadurch bewirkten Luftleeren Raumes, sich leich- ter, als das Wasser, zu machen, und endlich ihre angeborne Wohnung als ein Schiffchen zu gebrauchen. Eben so waͤre es, wenn man der Biene die Gesetze der Linien, Winkeln und des Raumes, sammt der Kenntniß ihrer natuͤrlichen Kraͤfte und Werkzeuge, als ein innerlich auf anschauliche Weise empfundenes Erb- theil zueignete. Er versteht also unter der innern Empfindung “alle Empfindung der Thiere von ihrer eignen Natur, welche nicht durch den aͤußern Eindruck in die Sinne entsteht. entsteht. Dadurch fuͤhlen sie nicht, wie in der aͤußer- lichen Empfindung, andere Koͤrper und deren Wirk- samkeit auf den ihrigen, sondern erstlich ihren eigenen Koͤrper und dessen Theile, Kraͤfte und Beschaffenhei- ten, hiernaͤchst aber auch das Bemuͤhen oder die Re- gungen ihrer Seele, so daß sie sich aus diesem innern Gefuͤhle ihrer Natur, jedoch nur auf eine ganz un- deutliche Weise, wie es durch die bloße Empfindung geschehen kann, bewust sind.„ Daraus erklaͤrt er nun die Liebe und Vorsorge der Thiere fuͤr ihre kuͤnf- tige Brut und Jungen, das bemuͤhen der Thiere, sich mit Waffen zu wehren, die noch nicht da sind, die Ausuͤbung ihrer Kunsttriebe ohne Unterricht und Er- fahrung. Diese Empfindungen laͤßt er theils von der Beschaffenheit und den Naturkraͤften des Koͤrpers, theils von den natuͤrlichen Bemuͤhungen der Seele selbst entstehen. Was den Thieren an Vernunft und Wis- senschaft zum Selbsterkenntniß mangelt, das soll ih- nen durch einen genauer determinirten und vorbereite- ten Mechanismus ihres Koͤrpers, und den Einfluß schaͤrferer aͤußerlicher Sinne in denselben, eine genaue- re innere Empfindung von ihrer Natur und ihrem Zu- stande ersetzt werden. Als einen Gewaͤhrsmann seiner Meinung fuͤhrt er den Seneka an, welcher in dem 121 Briefe aus- fuͤhrlich von den Kunsttrieben der Thiere handelt, und sie als eine angeborne Fertigkeit vorstellt, die durch die Empfindung ihrer eigenen Natur wirksam werde. “Es war, schreibt er, die Frage unter uns aufgeworfen, ob die Thiere eine Empfindung von ihrer Beschaffenheit haͤt- ten? ten? daß sie ein solche Empfindung haben, erhellet vornehmlich daraus, daß sie ihre Gliedmaßen so ge- schikt und fertig bewegen, als ob sie darinnen unter- richtet waͤren. — Was die Kunst dem Kuͤnstler in der Handhabung seiner Werkzeuge, dem Schiffer im Steu- ern, dem Mahler in Auftragung der Farben, dem Schauspieler in den Geberden beybringt, das thut die Natur bey den Thieren. Keines beweget seine Glied- maßen kuͤmmerlich, keines stocket in dem Gebrauche seiner Theile. Sie verrichten vielmehr alles, sobald sie auf die Welt kommen; sie treten mit dieser Wissen- schaft auf die Schaubuͤhne und werden unterrichtet ge- boren. Ja, sagte ein anderer: Vielleicht bewegen sie ihre Gliedmaßen deswegen so geschickt, weil sie sonst Schmerz empfinden wuͤrden. Allein, das ist falsch, denn, was aus Furcht des Schmerzens und aus Noth geschieht, damit geht es langsam zu. Die Hurtigkeit aber entsteht von einer Kraft, die sich selbst antreibt. Die Furcht vor Schmerz thut so wenig dazu, daß die Thiere sich auch gegen alle Hindernisse des Schmerzens bearbeiten, ihre natuͤrliche Bewegung zu verrichten. Wenn eine Schildkroͤte auf den Ruͤcken gelegt wird, so empfindet sie keinen Schmerz, aber sie ist doch aus Verlangen nach ihrer natuͤrlichen Stellung unruhig, und waͤlzet sich so lange von einer Seite zur andern, bis sie auf die Fuͤße zu stehen koͤmmt. Demnach ha- ben alle Thiere eine Empfindung von dem, was ihrer Beschaffenheit gemaͤß ist, und daher haben sie eine solche Fertigkeit in dem Gebrauch ihrer Gliedmaßen. Es kann auch kein staͤrkerer Beweis seyn, daß sie schon mit mit dieser Wissenschaft begabt sind, sobald sie anfangen zu leben, als dieser, daß kein Thier unerfahren ist, wel- chen Gebrauch es von sich selbst machen solle. Ja, sagte der andere: das ist sehr undeutlich, dunkel und kaum zu erklaͤren, wie ein junges Thier das verstehen koͤnne: so muͤßen alle Thiere mit einer Vernunftkunst geboren werden, wenn sie das, was auch dem ge- scheutesten Roͤmer unbegreiflich ist, zu erklaͤren wuͤsten, Der Einwurf, erwiederte man, wuͤrde Grund haben, wenn man sagte, das die Thiere einen ausfuͤhrlich deutlichen Begriff von ihrer wesentlichen Beschaffen- heit haͤtten. Denn diese laͤßt sich aus der Natur selbst leichter empfinden, als erklaͤren. Es kennet naͤmlich ein Thier seine Beschaffenheit, aber worinnen sie ei- gentlich bestehe, weiß es nicht, es fuͤhlet sich als ein lebendiges Thier, aber, was eigentlich ein lebendig Thier sey, davon hat es keinen Verstand. Wir Men- schen wissen doch, daß wir eine Seele haben, aber, was sie sey, daß ist uns unbekannt. Wie wir also eine Empfindung von unserer Seele haben, ob wir gleich ihre Natur, und ihren Sitz nicht einsehen; so haben auch alle Thiere eine Empfindung und eine (ob- gleich rohe und dunkle) Vorstellung von ihrer wesent- lichen Beschaffenheit. Denn sie muͤssen ja eine Em- pfindung von dem haben, dessen Regierung sie will- kuͤhrliche Folge leisten; wie ein jeder von uns sich be- wußt ist, daß etwas sey, welches seine Triebe in Be- wegung setzt, aber diese Triebfeder dennoch nicht kennt; sich seines Bemuͤhens bewust ist, aber doch nicht weiß worinnen es bestehe, und woher es komme. — Aber auch auch die zartesten Thiere wissen, sobald sie aus Mut- terleib oder auf die Welt gesetzt sind, was ihnen nach- theilig sey, und fliehen das schaͤdliche; die, welche den Raubvoͤgeln unterwuͤrfig sind, scheuen sich sogar vor den Schatten der voruͤberfliegenden. Frage nicht, wie ist das moͤglich? Die Frage ist nicht, wie sie das wis- sen koͤnnen, sondern, ob sie es wissen. — Warum flieht die Henne nicht vor einem Pfauen, oder vor ei- ner Gans, da sie doch vor dem Habicht, der noch klei- ner ist, und den sie noch nicht einmal kennet, flieht? — Es ist klar, daß sie eine Erkenntniß von dem Schaͤd- lichen haben, welches sie nicht aus der Erfahrung ge- lernt; denn sie huͤten sich schon davor, ehe sie die Erfahrung bekommen koͤnnen. — Was die Uibung lehret, das entsteht langsam, und geschieht auf man- cherley Art; was aber die Natur selbst gelehret, das ist bey allen gleich, und alsobald da — es geschieht ohne Nachdenken und Uiberlegung, wozu die Natur treibt. Du siehst ja, mit welcher Behendigkeit die Bienen ihren Bau anzulegen wissen, und mit welcher Eintracht sie die verschiedenen Arbeiten unter sich thei- len. Siehst du nicht, daß die Weberey der Spinne fuͤr uns Menschen unnachahmlich sey? was es fuͤr ein Werk sey, die Faͤden in die Ordnung zu bringen, daß einige zur Festigkeit gerade in den Mittelpunkt gefuͤhrt werden, andere in die Runde laufen, und immer wei- ter auseinander gehen, damit andere kleinere Thiere, denen nachgestellet wird, als in einem Netze darinnen verwickelt und gefangen werden moͤgen? Die Kunst entspringet mit der Geburt und wird nicht gelernet: Daher Daher ist auch kein Thier kluͤger, als das andere. Man bemerket eine Gleichheit in dem Gewebe der Spinnen, und in den Honigscheiben ein gewisses Maaß aller ekichten Zellen. Was die Kunst beygebracht hat, das ist ungewiß und ungleich; was aber die Natur mittheilet, daß ist bey allen einerley. Die Natur leh- ret nichts weiter, als die Selbsterhaltung, und die dazu noͤthige Erkenntniß: und so fangen die Thiere ihr Lernen zugleich mit dem Leben an. Es ist auch nicht zu verwundern, daß ihnen das angeboren sey, ohne welches sie umsonst wuͤrden geboren seyn.„ §. 27. Wir koͤnnen es nie ohne Gefahr des Irrthums und des Widerspruches wagen, eine Sache sinnlich dar- zustellen, die nie in unsere Sinne gefallen ist. — Da bleibt nun gar nichts uͤbrig, als die Analogie, wo- durch unsere Urtheile einigermaßen einer Aufnahme wuͤrdig gemacht werden koͤnnen. Waͤre die innere Em- pfindung der Thiere, von ihrer Natur, ihrer Be- schaffenheit, ihrer Werkzeuge und ihrer Kraͤfte zur Ausuͤbung ihrer Kunstfertigkeiten ein unentbehrliches oder doch mitwirkendes Bedingniß, so begreife ich nicht wie sie mit einer dunklen, verworrenen Empfindung und Kenntniß zu so kunstvollen Werken auslangen koͤnnten. Man gebe dem Baumeister einen dunklen Begriff von Steinen, Holz, Eisen, Witterung, Men- schen u. s. w. was wird da fuͤr ein Gebaͤude hergestellt werden? Und ist diese Empfindung nicht hinreichend, so ist sie auch uͤberfluͤßig; die Natur aber hat nichts Muͤssiges Muͤssiges gemacht. — So bald ich mir diese Kraͤfte, diese Richtung in den Bildungstrieb und die Organi- sation selbst hinein denke, so bedarf ich durchaus keiner inneren, wirksamen Empfindung. Das Anschießen zu den herrlichsten, nach den strengsten Gesetzen der Meß- kunst gebildeten Krystallen, der praͤchtige Bau der Befruchtungswerkzeuge der Blume bey den Pflanzen, die Selbsterstattung der Gewaͤchse und mancher Thiere, das Gewebe der Spinne, die Zellen der unter drey Einzelnheiten vertheilten Organisation der Bienen, die Staͤrke der Ameise, das Einspinnen der Raupe, das Haͤuten der Schlange, das Mausen der Voͤgel, und das Haͤaͤren der Thiere und Menschen sind eben so viele, aus dem Bau, den darinn vereinten und dadurch bewirkten Kraͤften eines jeden einzelnen Ge- schoͤpfes entspringende Erscheinungen, wobey nicht mehr Empfindung, Kenntniß und Willkuͤhr der Werkzeuge, Kraͤfte, Natur und Endzweckes statt hat, als man dem Mastdarm des Menschen zuschreiben wird, weil er einem nicht zu festen Unrath eine regelmaͤßige, vier- eckichte, an den Flaͤchen, wie Zirkelschnitte eingebo- gene, und an den Ecken gekerbte Gestalt giebt. “Ein kleines Kind, sagt Tiedemann , weiß gewiß nicht was Liebe ist, und welche Gegenstaͤnde es lieben muß, und doch liebt es seine Mutter eben so inbruͤnstig, als ob es die beste Abhandlung uͤber die Liebe gelesen haͤtte.„ In allen den von Reimarus und Seneka an- gefuͤhrten Beyspielen finde ich keins, wovon nicht et- was aͤhnliches im Menschen angetroffen werde, ohne daß man deßwegen jemals mit einigem Recht eine sol- che che innere Empfindung von Werkzeugen und Kraͤften zum Grund gelegt haͤtte. So wie die Ausuͤbung der Bewegungskraͤfte, wenn sie der Natur gemaͤß ist, bey jedem Thier mit Lust verknuͤpft ist; so ist sie es auch beim Menschen; das Kind zappelt und lacht, der Kna- be huͤpft und schreiet, der Juͤngling tanzt und jauch- zet, der Mann geht und spricht; jeder mit Empfin- dung von Lust; und von jeher hat man diese Empfin- dung von Lust und Behaglichkeit als ein Bedingniß zur Gesundheit des Menschen angesehen. So wie das Insekt die Kraft seiner Fluͤgel fuͤhlt, so fuͤhlt das von den Banden befreiete Kind die Kraͤfte seiner Haͤnde und Fuͤße; jedes Thier merkt die innere Regung sei- ner Zeugungsglieder, wenn und wie es seiner Natur am bequemsten ist, daß es sich mit dem andern Ge- schlecht begatte; Wer hat es die ersten und so viele andere Menschen gelehrt? Der Bock, der Stier und der Widder stoßen, ehe sie Hoͤrner haben; das Kind beißet, ehe es Zaͤhne hat, und stampft mit den Fuͤs- sen, ehe es was vermag; der Knabe und das Maͤd- schen sind nicht gleichguͤltig gegen Theile, deren Nu- tzen ihnen noch unbekannt ist; ein Thier fuͤhlt, daß es nicht wohl ist; im kranken Zustande aber ist ihm etwa der Geruch von einem Kraute besonders angenehm, und der reizet das Thier, solches zu essen, und auf solche Art geneset es; Auch der Mensch fuͤhlt sich krank, und was er bey voͤlligem Wohlseyn mit Lust genaß, vor dem eckelt ihm jetzt, er fastet, oder be- koͤmmt ebenfalls eine unwillkuͤhrliche Lust zu einer Spei- se, die er ißt, oder er nimmt Arzneien, die er jezt weniger weniger verabscheuet, und geneset. Der Hund, der Affe, das Pferd fuͤhlen, wie weit sie den Sprung wagen duͤrfen; eben so fuͤhlt der Seiltaͤnzer genau, daß er jezt ein gewisses Ziel nicht erreichen, einen ge- wissen Schwung nicht zu Stande bringen wird, ob- schon er zu einer andern Zeit, auch durch das Vor- gefuͤhl versichert, beydes sehr leicht ins Werk setzt. So fuͤhlt man in einer Ferne von zehn und mehreren Schritten, daß man einen bestimmten Gegenstand mit dem rechten Fuße z. B. betreten werde, obschon man weder seinen Gang geflißentlich darnach einrichtet, noch zuvor die Entfernung mit Aufmerksamkeit uͤberschaut hat. — So wie sich die auf den Ruͤcken gelegte Schildkroͤte wieder auf den Bauch zu bringen bemuͤht, so veraͤndert der Mensch und jedes Thier seine Stel- lung, wenn sie ihnen beschwerlich zu werden anfaͤngt, und jedes bedient sich dazu seiner verliehenen Werkzeu- ge. Der Henne schreibt Seneca zu viel Kenntniß von ihrem Feinde zu; er muß nicht gewußt haben, wie unsere Vogelsteller die Drosseln und Krammets- voͤgel mittelst eines mit Schwungfedern besteckten, und aus einer Huͤtte uͤber sie weggeschossenen Pfeiles von dem Baume auf die Erde hinabstuͤrzen machen. Als Student hatte ich mir einen Staaren so abgerichtet, daß ich ihn auf freyem Felde seiner Willkuͤhr uͤberlas- sen konnte. Anfaͤnglich hatte er eine grosse Furcht vor Raben und Dohlen; so oft ein solcher ober ihm wegflog, steckte er den Kopf entweder unter einen Erd- schollen oder ins Gras, und reckte den Schwanz ge- rade in die Hoͤhe; bald aber hatte er sich an diesen Galls I. Baud. G Um- Umgang gewoͤhnt, und betrug sich gleichguͤltig. Der Hahn giebt nicht nur bey Ansichtwerdung des Habichts durch das krelle sonderbare Geschrey den Huͤhnern das Zeichen einer bevorstehenden Gefahr; er wird nicht sel- ten durch einen Schatten, aus dem doch wohl kein Habicht auf keine Weise kennbar seyn kann, durch je- den etwas betraͤchtlichen und schnell oder sehr hoch vor- uͤberziehenden Vogel getaͤuscht. Es ist dieses Betragen wieder eine hoͤchst guͤtige bey der ganzen lebendigen Schoͤpfung angebrachte und zur Erhaltung der Geschoͤpfe unentbehrliche Anordnung, in der keines, weder Mensch noch Thier, etwas vor dem andern voraus hat, und die weder der Willkuͤhr, noch der Kenntniß der Gefahr oder bestmoͤglichen Si- cherstellung hat anvertraut werden koͤnnen. Die un- begreifliche Schnelligkeit, welche hier noͤthig war, und mit welcher das bedrohete Glied oder der ganze Koͤr- per in die Verfassung gebracht wird, welche zur Ab- wendung des Uebels die geschickteste ist, scheint mir Buͤrge genug zu seyn, daß weder Willkuͤhr noch Em- pfindung der Kenntniß die Ursache der bewirkten An- stalten sind. Ich gehe nachdenkend einher; auf ein- mal hoͤre ich ein geschwindes starkes Trotten hinter mir; mein ganzer Leib faͤhrt zusammen, der Kopf wirft sich herum, und ich sehe nichts, als einen muthwilli- gen Buben; indessen kann ich es nimmer verhuͤten, daß all mein Koͤrper auf einen Seitensprung zusammen- geraft ist, daß er gegen die Seite zu uͤberhaͤngt, und daß vorzuͤglich die Knie und Fuͤße, weil diese hier die Hauptrolle zu spielen gehabt haͤtten, die Wirkungen des des Schreckens empfinden. Wie gewaltsam und krampfhaft zieht sich der Unterleib, die Seite, auch ein einzelner Muskel, den wir sonst nie so in unserer Gewalt haben, einwaͤrts zuruͤck, wenn man gaͤhlings mit einer Degenspitze dagegen faͤhrt! Das schamhaf- te im Baade uͤberraschte Maͤdgen, unter was fuͤr ei- nem scharfen Geschrey, wie eilig und verwirrt schurrt es mit dem ganzen Koͤrper zusammen! wie geschickt weißes den Busen mit Huͤlfe der kreuzweis geschlunge- nen Armen, breitgefalteten Haͤnden, des vorgereckten Halses, niedergedruͤckten Angesichts und der vorgezogenen Schultern zu decken; wie genau schließet es den Schooß, indem es den Bauch und die halbgekreuzten Schenkel zusammendruͤckt, mit den Armen und Ellenbogen, die es laͤngst der Seite und auf den vordern Theil der Huͤften fest aufstuͤzet, von oben, und mit den Fuͤssen an die es den seitwaͤrts gekehrten Hintern andruͤckt, von unten allen Zublick unmoͤglich macht? Und dieses ausgesonnene, kuͤnstliche Geschaͤft geschieht manchem zum Verdruße in einem Augenblicke! Wenn uns ein einstuͤrzendes Gebaͤude zu erdruͤcken droht, so suchen wir mit niedergebuͤcktem Koͤrper und mit von den Ar- men und Haͤnden kreuzweis bedecktem Haupte zu ent- fliehen; oder beugen den Koͤrper, ziehen die Schultern aufwaͤrts, druͤcken sie von hinten naͤher zusammen, kruͤmmen den Ruͤcken in die Hoͤhe, und stellen so der Gefahr die staͤrkeste Woͤlbung entgegen, ohne das ge- ringste von unserer hier in Ausuͤbung gebrachten Kunst zu empfinden. Nach eben den Gesezen faͤhrt die Ler- che, wenn sie den ihr nachjagenden Falken erblickt, G 2 senkrecht senkrecht in die Furchen hinab, und buͤckt den Koͤrper mit aufwaͤrts gekehrtem Schwanze unter den Erdschol- len. Wenn wir einem boͤsen Hunde ausweichen, so gehen wir mit eingezogenen Haͤnden, ziehen die der Gefahr blosgestellte Seite einwaͤrts, und schleichen uns nach der Seite mit mehr geschleiftem als gehobe- nem Gange hinweg. Wollen wir einer giftigen, zischen- den Schlange entgehen, so stellen wir uns auf die Zehen, heben den ganzen Koͤrper und die Arme schwe- bend in die Hoͤhe, und tanzen ruͤckwaͤrts. Greift man in einen Ameisenhaufen, so kehren sie, indem sie sich mit uͤber den Ruͤcken geschlungenen Fuͤßen anhal- ten, den Bauch gegen die Hand, und bespritzen sie mit ihrem scharfen sauren Geist. — So sehen wir also jedesmal gerade diejenigen Theile in groͤßter Bewegung, welche entweder zur Rettung die noͤthigsten, oder der Gefahr am meisten blosgestellt sind. Gerade nach den naͤmlichen Gesetzen geschehen alle Bewegungen bey Mensch und Vieh in den annaͤhrenden Begierden: der durstige Hund leckt mit der Zunge, dem hungrigen Menschen waͤssert das Maul; der Eber wetzt die Waffen zum Angrif, und der Mensch stellt sich fest auf den Boden, und waͤgt langsam die geballten zitternden Faͤuste. Wer erken- net hier nicht mit Dank die allguͤtigen Anstalten, wel- che in ein wechselseitiges Verhaͤltniß der Gefahr und des bedroheten Geschoͤpfes, zu seiner Erhaltung ver- flochten sind! §. 28. §. 28. In Ruͤcksicht des eingepflanzten Bemuͤhens zu gewissen der Natur gemaͤßen Handlungen. Hieraus erklaͤrt sich schon das meiste, was das eingepflanzte Bemuͤhen der Thiere zu gewissen der Na- tur gemaͤßen Handlungen, als den 4ten Vorzug, be- trift. Es ist richtig, daß den Thieren, da ihre man- gelhafte Vernunft nicht zureichend gewesen waͤre, ihre Wege vorgezeichnet sind. So selten sie sich irren koͤn- nen, so selten koͤnnen sie auch andere Anstalten oder eine andere Zeit waͤhlen. Alles, was ihnen noch ei- nigermaßen uͤberlassen worden ist, besteht in der sehr eingeschraͤnkten Faͤhigkeit, gewisse zufaͤllige Hindernis- se zu heben, z. B. daß die Spinne die zerrissenen Stellen ihres Netzes ausbessert, und die Biene ein Aas, so sie nicht wegschleppen kann, mit Wachs uͤber- ruͤncht. Ob dieses eingepflanzte Bemuͤhen aber ein Vor- zug heißen koͤnne, und in wiefern der Mensch nicht anderst von der Natur ist behandelt worden, werden folgende Betrachtungen zeigen: Wenn es uns zukaͤme, uͤber den Plan der Schoͤpfung zu vernuͤnfteln, so wuͤrde ich es fuͤr sehr wahrscheinlich halten, daß jener der Erdorganisationen nach zwey Hauptgesetzen ausgefuͤhrt worden sey: ver- moͤg dem ersten musten alle moͤglichen Organisationen, und alle moͤglichen daraus entspringenden Arten des Daseyns und des Lebens zur Wirklichkeit gebracht werden. Das zweyte ist nothwendig mit dem ersten ver- verbunden, und hat die zur Erhaltung und Befriedi- gung der Beduͤrfnisse eines jedweden einzelnen Wesens, und ganzer Gattungen, noͤthigen Anstalten zum Ge- genstande. Je weniger also ein Geschoͤpf von der ei- nen Seite beguͤnstigt worden ist, desto mehr muste von der andern fuͤr es gesorgt werden. Da den Pflanzen noch alle Empfindung und alle Willkuͤhr abgehen soll- te, so musten sich alle ihre Kraͤfte zu Trieben des Wachsthums, der Vermehrung und Wiedererstattung zusammen draͤngen; diese Triebe aber nehmen in dem Verhaͤltniß ab, in welchem hoͤhere Kraͤften entstehen und zunehmen; der Polipe erstattet sich noch beynahe wie die Pflanze; bald werden nur noch einzelne Glie- der, und endlich diese nur unter sehr guͤnstigen Um- staͤnden erstattet, bis in den edleren Thieren dieses Vermoͤgen meistens nur auf die eigenmaͤchtige Heilung einiger Wunden eingeschraͤnkt worden ist. Gerade diese Stufenfolge hat in den sogenann- ten Kunsttrieben statt; diese sind desto werkthaͤtiger, bestimmter und auffallender, je weiter das Thier vom Menschen zuruͤck gestellt ist. Die bewunderungswuͤr- digsten Kunstfertigkeiten, wenn ich sie so nennen darf, sind den Insekten, den Gewuͤrmern, den unedlern kaltbluͤtigen entweder ganz Gehirnlosen, oder nur mit sehr wenigem Gehirne begabten Thieren einverleibt wor- den; wie aber das Thier zur Aufnahme einer groͤssern Gehirnmaße und eines feinern Nervenbaues hinaufor- ganisirt war, so schien es auch nach und nach mehr sich selbst uͤberlassen worden zu seyn. Die Rattenar- ten graben sich noch unterirrdische Wohnungen, der Biber Biber schlaͤgt noch ein Gebaͤude auf; aber der schlaue Fuchs laͤßt sich seinen Bau lieber vom Dachse aushoͤh- len, und die Natur hat ihm statt der Minierkunst das große Recht gegeben, sich das Werk seines Tagloͤh- ners zu zueignen. Unsere, uns naͤher angereiheten Hausthiere bedarfen dergleichen angebornen Kuͤnste nur noch in sehr geringem Maße, und wo die organischen Kraͤfte beim Menschen zur Vernunftfaͤhigkeit erhoͤhet wurden, da war auch das Beduͤrfniß einer sklavischen Fuͤhrung am meisten eingeschraͤnkt, und das Reich der Willkuͤhr am weitesten ausgedehnt. §. 29. In Ruͤcksicht der Biegsamkeit des Koͤrpers. Darinn also erkenne ich vielmehr eine allweise Stuffenfolge, als eine wesentliche Auszeichnung. Selbst in den verschiedenen Menschenstaͤmmen wird diese Stuf- fenfolge fortgefuͤhrt, und man sieht uͤberall, wie ein- zig und streng sich die Natur an das Maaß und die Beschaffenheit der Beduͤrfnisse gebunden habe. Weil der Mensch zum Bewohner aller Himmelsstriche, zum Herrn der Erde bestimmt war, so gab sie ihm, nebst seiner unbeschraͤnkten Ausdauerbarkeit, auch noch eine bewunderungswuͤrdige Biegsamkeit seines Koͤrpers, und eine kaum glaubbare Gewandtheit seines Geistes. Sehr viele mit Genauigkeit, Sorgfalt und Nuzung gluͤckli- cher Gelegenheiten angestellte Vergleichungen der Ge- hirne aus verschiedenen Thierklassen fuͤhrten Sömme- ring auf den wichtigen Hauptsaz: daß der Mensch beym groͤßten Gehirn die kleinsten Nerven habe; oder, daß man man nur in Ruͤcksicht der Vergleichung des Gehirns mit seinen Nerven sagen koͤnne: der Mensch habe das groͤßte Gehirn. So wie aber die Verstandeskraͤfte abnehmen, und nach Mannigfaltigkeit der Umstaͤnde in verschiedenen Menschen abnehmen mußten, so nimmt auch das Verhaͤltniß des Gehirns gegen die Nerven- maaße ab. Er fuͤhrt den Pater Charlevoix an, nach welchem die Negern von Guinea sehr beschraͤnkte Geisteskraͤfte haben; viele unter ihnen schienen voll- kommen dumm, es gaͤbe, die nicht uͤber drey zaͤh- len koͤnnten, von selbst daͤchten sie nichts, haͤtten kein Gedaͤchtniß, und das Vergangene seye ihnen eben so unbekannt als das Zukuͤnftige, sie seyen sehr verschwie- gen u. s. w. Paw sagt: „Als die Europaͤer in West- indien im fuͤnfzehnten Jahrhunderte ankamen, so war daselbst nicht ein Amerikaner, der schreiben oder lesen konnte; und noch in unsern Tagen findet man nicht einen denkenden Amerikaner. (Wir haben in Wien an Herrn Angelo eine Ausnahme) — — — Der Verstand ist nicht allen Voͤlkern unseres festen Landes gleich verliehen worden: die unter der heißen Zone verbrannten Neger, und die unter dem Polarzirkel ge- frornen Lapplaͤnder haben keine philosophische Abhand- lungen geschrieben, und werden auch keine niemals schreiben; aber man hat auf der ganzen neuen Welt, Trotz der großen Verschiedenheit der Himmelsgegenden keinen Menschen von einer Faͤhigkeit gefunden, womit er den andern uͤbertroffen haͤtte. — — Es sind fast dreyhundert Jahre verflossen, daß Amerika entdeckt worden ist; man hat seit dieser Zeit nicht unterlassen, Ame- Amerikaner nach Europa zu bringen, man hat alle Arten von Unterricht mit ihnen versucht, und keiner hat sich in den Wissenschaften, in den Kuͤnsten, und in den Handwerken, einen Namen erworben„ u. s. w. Philosophische Untersuchungen uͤber die Amerikaner. 5ter Thl. 1te Abh. von der Dummheit der Amerikaner. Dieses wiederlegt den Home , welcher die Dumm- heit der Neger blos dem Mangel an Uebung und Ge- legenheit zur Ausbildung zuschreibet. 1 Buch. 1 Versuch. Indessen nimmt Sömmering Anstand zu entscheiden, ob der urspruͤngliche Mensch zum Europaͤer veredelt worden, oder zum Neger ausgeartet seye. „Denn, sagt er: man findet Eigenschaften im Bau des Negern, die ihn fuͤr sein Klima zum vollkommensten, vielleicht voll- kommnern Geschoͤpf, als den Europaͤer machen. Wie viele Pflanzen verlieren nicht durch die Kultur das meiste ihrer wesentlichen Vollkommenheit? Die er- zwungene scheinbare Pracht und Schoͤnheit der vergaͤng- lichen Bluͤthe zerstoͤrt, verdirbt, oder mindert oft die wichtigere Hauptbestimmung der Blume, die Fortpflan- zung, nebst dem Wirkungsvermoͤgen des ganzen Krau- tes! „So auch beym Menschen: Der Verstand wird oft zum Nachtheil des Koͤrpers, und umgekehrt, der Koͤrper zum Nachtheil des Verstandes kultivirt.“ Da nun aber der Neger groͤssere Unbequemlich- keit des Klima, des Lebens und der Arbeit u. s. w. ertragen mußte, so hat sich auch sein Koͤrper darnach bilden muͤssen. „Die Knochenzuruͤstung, sagt Söm- mering , mering , die zur Zermalmung der Nahrung dient, so wie diejenige, die zur Sicherheit der Sinnorganen be- stimmt scheinet, ist so wohl im Zusammenhang und Ganzen, als auch im Einzelnen betrachtet, staͤrker, dicker, auch zum Theil zu dieser Staͤrke vortheilhaf- ter geformt, als bey der Classe von Menschen, die durch ausgebreitetere Erfahrungsbenutzung, Cultur und Verstand das zu ersetzen weiß, was ihr von thie- rischer Kraft abgehen moͤgte. Sollte man die Gesichts- knochen des Mohren, wenigstens ihre Maaße, als eine Basis annehmen, und auf ihnen, nach dem Ver- haͤltnisse europaͤischer Koͤpfe, die knoͤcherne Schale fuͤrs Gehirn bilden, so wuͤrde zuverlaͤßig der Raum, der diesem Organ der Denkenskraft gewidmet ist, groͤßer als unter uns gewoͤhnlich, ausfallen muͤssen.„ Allein das flache Vorderhaupt des Mohren weicht zuruͤck, und schließt sich an ein beynahe eben so flaches Hinter- haupt. — Von Vorne betrachtet scheint der Mohren- kopf und so auch der Schaͤdel, in der Mitte und ober- halb gleichsam seitwaͤrts zusammengedruckt und geschaͤrf- ter, und die Gehirnhoͤhle auch in die Quere enger, so wie die ganzen Seitenknochen kleiner, als bey Eu- ropaͤern sind. Daraus entstund ein weit geringerer Raum fuͤr das Gehirn; Sömmering maß verschiede- ne Mohren- und fast alle seine Europaͤerschaͤdel, um die Groͤße der Gehirnhoͤhlen zu vergleichen, und fand am Mohren 1) daß eine Schnur von der Wurzel der Nase an, mitten uͤbers Stirnbein, nach der Rich- tung der Pfeilnath bis an die Mitte des hintern Ran- des der ovalen Pforte fuͤrs Ruͤckenmark angelegt und aus- ausgemessen, bey gleicher Gesichtslaͤnge, um viel kuͤr- zer, folglich die obere Vertikalbogenlaͤnge der Gehirn- hoͤhle kleiner ist. 2) Daß der Horizontalumkreis der Gehirnhoͤhle mittelst einer Schnur, die uͤber die Augenbraunen und den hoͤchsten Rand der Schuppenbeine herumlauft, aufgenommen, merklich geringer ist. 3) Daß weder der Durchmesser des Schaͤdels vom Stirnbein bis ans Hinterhauptbein, wo er am laͤngsten ist, noch irgend einer der Querdurchmesser des Kopfes, von einem Scheitel oder Schlafbein zum andern, an die bey Europaͤern ganz gewoͤhnliche Groͤs- se reicht. 4. 5. 6. 7) Die hauptsaͤchlichsten Knochen, aus denen die Gehirnhoͤhle zusammengesetzt ist, haben, einzeln betrachtet, einen kleinern Umfang; das Stirn- Seiten- Hinterhaupts- und Keilbein sind augenschein- lich kleiner, wenn auch die Felsenknochen und das Siebbein groͤsser scheinen sollten. 8) Schien ihm die Substanz der Hirnschaale fester, dichter, sproͤder, haͤrter, und beynahe der von gemeinen Thieren aͤhnlich. 9) Nur die Hoͤhe der Gehirnhoͤhle scheint ihm etwas betraͤchtlicher zu seyn. „Es erhellet also deutlich, sagt er, daß der- jenige Theil des Mohrenschaͤdels, der die gehirnfassen- de Hoͤhle bildet, im Vergleich mit dem, der dem Ge- sicht und zur Aufnahme der Werkzeuge der aͤussern Sinnen bestimmt scheinet, kleiner als bey irgend ei- nem Europaͤer ist.“ Hin- Hingegen sind alle Theile und Nerven, welche zu den Sinnen gehoͤren, um ein betraͤchtliches groͤsser. Die zur Aufnahme der Augen bestimmte trichterfoͤr- mige Knochenhoͤhlen sind geraͤumiger, besonders ihr aͤußerer Umfang ist weiter, als bey uns, und es scheint auch Sömmering , daß in ihnen ein groͤßerer Augapfel laͤge. — Die Groͤsse des Einganges der Na- senhoͤhle ist vorzuͤglich von Vornen auffallend; nie sah Sömmering bey Europaͤern unter gleichen Umstaͤnden eine so weite Pforte zum Geruchsorgan, auch nie in- nerhalb eine so geraͤumige Hoͤle. Daher giebt es in den antillischen Inseln Schwarze, die durch den Ge- ruch sogar die Fußstapfen eines Negers von eines Franzosen unterscheiden. Ein gleiches sagt man auch von den Amerikanern, die ebenfalls einen Franzosen, Spanier, und Engellaͤnder durch die Nase erkennen. Daß die Natur dem Mohren ein empfindlicheres Geruchorgan, als dem Europaͤer geben wollte, erhel- let noch augenscheinlicher aus der Einrichtung und Ver- groͤsserung der feinen, duͤnnen, gewundenen Knochen- scheiben, die wahrscheinlich den Umfang oder die O- berflaͤche der Geruchhaut zu vermehren bestimmet sind; von diesen zarten Knochen bildet oder bedekt das mitt- lere Paar, wo es in die Zellen des Nasenbeins uͤber geht, eine ansehnliche blasenfoͤrmige Erhebung, die die Groͤsse der Nervenhaut betraͤchtlich vermehren muß, die man nur selten bei Europaͤern und allzeit kleiner findet. Auch Auch die aͤußere Oefnung des Gehoͤrganges ist weit und geraͤumig, und wie es scheint, nach Ver- haͤltniß groͤßer, als beim Europaͤer. Das Gaumengewoͤlbe ist bey Mohren uͤberhaupt ausgedehnter, offenbar laͤnger, und seine untere Flaͤ- che rauher, als bey uns gewoͤhnlich. Umstaͤndlicher sehe man alles dieses bey Soͤmmering uͤber die koͤrperliche Verschiedenheit des Negers vom Europaͤer. Was die Natur dem Rennthier, dem weißen Fuchs und weißen Baͤren an den Haaren gab, das ersetzte sie dem Haarlosen Groͤnlaͤnder durch eine grosse Maße heißerer und dickerer Saͤfte. Dieses bezeugen ihre warmen Ausduͤnstungen. Wenn sie im Winter beym Gottesdienst versammelt sind, so duͤnsten und blasen sie so viele Waͤrme aus, daß der ungeheuzte Versammlungssaal auf einen solchen Grad erwaͤrmt wird, wodurch der Europaͤer in Schweiß geraͤtht, und mit Muͤhe Othem holt. Der Einwohner von Jenisey, Krasnajarsk und aͤhnlich liegenden Laͤndern, hatte diese Einrichtung noch nicht noͤthig, da die aͤu- ßerste Kaͤlte dort nicht Monathe, sondern nur Tage hindurch anhaͤlt. Die Insel St. Thomas unter der Li- nie ist außerordentlich neblicht, und die Einwohner schicken sich wegen ihrer rauhen Fiebern zu dieser Art von Witterung vortreflich. Man weis Beyspiele, das Leute, die lange in unterirrdischen Gefaͤngnißen eingesperrt waren, endlich in der Finsterniß schreiben und lesen konnten. Das wilde niederlaͤndische Maͤdchen, die noch auf- recht gieng, und bey der sich die weibliche Natur soweit er- halten hatte, daß sie sich mit einer Strohschuͤrze deck- te, hatte eine braune, rauhe, dicke Haut, ein langes und dickes Haar. Das Maͤdchen, das zu Songi in Champagne gefangen ward, hatte ein schwarzes Ansehen, starke Finger, lange Naͤgel, und besonders waren die Dau- men so stark und verlaͤngert, daß sie sich damit wie ein Eichhoͤrnchen von Baum zu Baum schwang. Ihr schneller Lauf war kein Gehen, sondern ein fliegendes Tripplen und Fortkleiten, wobey an den Fuͤßen fast gar keine Bewegung zu unterscheiden war. Der Ton ihrer Stimme war fein und schwach; ihr Geschrey durchdringend und erschroͤcklich. Sie hatte ungewoͤhn- liche Leichtigkeit und Staͤrke so, daß sie einen grossen Hund, den man auf sie los ließ, alsogleich toͤdete, und war von ihrer vorigen Nahrung des blutigen und rohen Fleisches, der Fische, der Blaͤtter und Wur- zeln so schwer zu entwoͤhnen, daß sie nicht nur zu ent- fliehen suchte, sondern auch in eine toͤdtliche Krankheit fiel, aus der sie nur durch Saugen des warmen Blu- tes, das sie wie ein Balsam durchdrang, zuruͤckge- bracht werden konnte. Ihre Zaͤhne und Naͤgel fielen aus, da sie sich zu unsern Speisen gewoͤhnen sollte, unertraͤgliche Schmerzen zogen ihr Magen und Einge- weide, besonders die Gurgel zusammen, die lechzend und ausgetrocknet war. Selbst der aufrechte Gang, das ausgezeichneste Eigenthum des Menschen, kann in den thierartigen umgetauscht werden, wobey viele der uͤbrigen Glieder ihre Gestalt und Verhaͤltniß zu einander aͤndern muͤs- sen, sen, und wirklich aͤndern, wie das Beyspiel einiger verwilderten Menschen zeigt. Der Irrlaͤndische Kna- be, den Tulpius beschrieben, hatte eine flache Stirn, ein erhoͤhetes Hinterhaupt, eine weite bloͤkende Keh- le, eine dicke an den Gaumen gewachsene Zunge, eine starke einwaͤrts gezogene Herzgrube; gerade wie es sein vierfuͤssiger Gang geben muste. “Lauter Erweise, sagt Herder , wie sehr sich die biegsame menschliche Natur, selbst da sie von Men- schen gebohren, und eine Zeitlang unter ihnen erzogen worden, in wenigen Jahren zu der niedrigen Thierart gewoͤhnen konnte, unter die sie ein ungluͤcklicher Zufall setzte. — — — Wo er ist, ist er der Herr und Diener der Natur, ihr liebstes Kind, und vielleicht haͤrteste gehaltene Sklave. Vortheile und Nachtheile, Krankheiten und Uibel, so wie neue Arten des Ge- nusses, der Fuͤlle, des Seegens erwarten uͤberall sein, und nachdem die Wuͤrfel dieser Umstaͤnde und Beschaf- fenheiten fallen, nachdem wird er werden.„ §. 30. In Ruͤcksicht der Vorsorge der Natur, der an- gebohrnen Kunstfertigkeiten, angebohrnen Ge- muͤthsfaͤhigkeiten und der angebohrnen Voll- kommenheit. Da kein Geschoͤpf fuͤr sich allein bestehen konn- te, so ist jedwedes in das ihm zutraͤgliche Element und zu der noͤthigen Nahrung gesetzt worden, oder es erhielt Sinne, dieselbe aufzusuchen und zu unterschei- den. Eben so hat die Natur die ersten Menschen mit denje- denjenigen Thieren zusammengestellt, die sowohl der Bezaͤhmung faͤhig, als auch zur Befriedigung seiner Beduͤrfnisse die tauglichsten sind. Fuͤr diejenigen Voͤl- ker, welche Gegenden bewohnen sollten, wo keines unsrer nuͤtzlichsten Hausthiere fortkoͤmmt, hat die Vor- sicht dadurch gesorgt, daß sie ihnen zu gewissen Zeiten eine ungeheure Menge Fische oder Voͤgel zuwieß, wo- von sie sich einen Vorrath auf das ganze Jahr samm- len koͤnnen. Vollstaͤndig kann man sich davon durch das Studium der Geographie uͤberzeugen. Absichtlich und gut hat Sander von der Guͤte und Weisheit Gottes in der Natur und uͤber Natur und Religion, von diesem Gegenstand ge- schrieben. In den kaͤltesten Gegenden giebt es kaum eine einzige Pflanze, die dem Menschen zur Nah- rung dienen koͤnnte. Die thierische Speise ist fuͤr die Bewohner der kalten Himmelsstriche die gesuͤndeste. In einer gemaͤßigten Gegend ist es die Vermischung von thierischen und Pflanzenspeisen, weswegen auch dort Thiere und Pflanzen in gleichem Uiberfluße sind. Hin- gegen leben die Landes Einwohner zwischen den Wen- dekreisen vornehmlich von Fruͤchten, Saamen, und Wurzeln, als der gesuͤndesten Nahrung fuͤr die Be- wohner des heißen Himmelsstriches, auch wachsen dort die heißen Gewaͤchse zu ihrer ganzen Vollkommenheit. Auch ein Grund, warum alle Untersuchungen uͤber den Menschen mangelhaft werden muͤssen, welche entwe- der auf ihn allein oder etwann nur auf Eines seiner Alter eingeschraͤnkt sind. Die naͤmliche Sorgfalt nahm den Menschen in ihren Schutz, wo er theils noch keines Unterrichts, theils theils noch keiner eigenmaͤchtigen Leitung faͤhig war. Er muste, so lang er noch nichts durch sich selbst ver- mag, so, wie die niedrigste Thierklasse, alles, was zu seiner Erhaltung und Erziehung gehoͤrte, von der Natur erhalten haben. — Kaum hat das Kind der Mutter Leib verlassen, so sehen wir es die zu seiner Erhaltung noͤthigen, von ihm abhaͤngigen Verrichtun- gen mit bewunderungswuͤrdiger Fertigkeit ausuͤben. Diese Fertigkeiten, wenn sie schon nicht durch Uibung erworben sind, verdienen nichts destoweniger diesen Na- men, und werden durch den Ausdruck natuͤrliche, an- geborne Kunstfertigkeit hinlaͤnglich bestimmt. Eine der ersten dieser koͤrperlichen, natuͤrlichen Kunstfertigkeiten ist das Schreien und Weinen. Die- ses ist keine bloße mechanische, sondern groͤßtentheils willkuͤhrliche Handlung, die aus einer bald schmerzhaf- ten, bald sonst widrigen Empfindung entspringt, und die Bewegung des Zwergfells, der Lunge, der Brust und al- ler Werkzeuge des Mundes, die von der Willkuͤhr ab- haͤngen, erfordert. Den Ton, die Staͤrke, die Dauer u. s. w. des Schreiens und Weinens weiß das Kind genau nach der Art seines Beduͤrfnisses zu bestimmen. Jede aufmerksame Mutter, mancher Arzt unterscheidet, so wie Ich, jedesmal aus der verschiedenen Beugung und Staͤrke der Toͤne, ob das Kind um schmerzhafter Em- pfindungen willen, aus Hunger und Durst, oder aus Bosheit und langer Weile schreie. Das Geschrey des Schmerzens z. B. geht uͤberhaupt aus einem fei- nern, krellern Tone und ist nach Maaße der Kraͤften und der Schmerzen bald heftig, bald schwach Gall I. Band H unruhig, unruhig, und wechselt mit der Dauer und Staͤrke der schmerzhaften Empfindungen selbst ab. Das Geschrey der Bosheit zeugt uͤberhaupt von mehr Kraft, und ist, nebst dem, daß es von andern Bewegungen der Glie- der begleitet wird, zwar heftig, aber wird aus einem groͤbern Tone angestimmt. Es geht endlich in jenes der langen Weile uͤber, welches aus noch groͤbern, eintoͤni- gen, abgestossenen, faulen, hie und da schwaͤchern, ausgesetzten, bald aber wieder mit mehr Staͤrke an- gestimmten Toͤnen besteht. Wenn das Kind um Speiße und Trank, oder etwan in der Absicht schreit, daß es solle gewieget oder getragen werden u. d. gl. so wird es ihm nie fehlen, in dem Gemuͤthe seiner Mutter jenes Gefuͤhl zu erwecken, wodurch sie zur Er- fuͤllung seiner Wuͤnsche bestimmt wird. — Zum Saͤu- gen werden sehr viele Muskeln, sehr verwickelte und abwechselnde Bewegungen derselben erfordert, und dennoch saͤugt es gleich anfaͤnglich meisterhaft; und laͤßt man ihm die Haͤnde frey, so legt es sie auf die Brust, befoͤrdert den Ausfluß der Milch durch sein abwech- selndes Drucken und Grabbeln eben so geschickt, als es das saͤugende Kalb durch das Aufstossen gegen das Euter mit dem Maule, und der Hund durch das wechselseitige Anstemmen seiner Pfoten auf die Zizen zu rhun im Stande sind. Sobald dergleichen Kunst- griffe und Geschicklichkeiten entbehrlich geworden sind, sobald fangen wir an, sie zu vergessen und zu verlernen, und der ausgezehrte Vater muß es von seinem Kinde absehen, wie er am geschicktesten die Bruͤste seiner Am- me aussaugen koͤnne, um aufs Neue belebt zu werden. — Die — Die Sprache des Kindes ist zwar nur ein unmuͤn- diges Lallen; allein sie ist doch mancher Bedeutungen und Nachdruͤcke faͤhig. Unendlich beredter sind seine Geberden, wodurch wir in jedem Alter den innern Zustand unsers Gemuͤtes auf eine bald mehr bald we- niger willkuͤhrliche Weise zu aͤußern pflegen. Macht ein Gegenstand einen angenehmen Eindruck, so ent- steht in ihm die Begierde, sich demselben zu naͤhern, es bestrebt sich mit dem ganzen Leibe, stemmt sich auf das Hinterhaupt und den Hintern, streckt beide Ar- me aus, und macht mit den Fingern die Bewegung, als wenn es etwas fassen wollte. Sitzt es seiner Mut- ter auf dem Arme, und ein Hund, eine Uhr u. d. gl. machen seine Wuͤnsche rege, so dreht es sich nach allen Seiten, wo es nur immer den geliebten Gegen- stand ansichtig werden kann, laͤchelt ihm mit ungedul- digem Verlangen entgegen, giebt zaͤrtliche, anlocken- de Toͤne von sich, greift mit verwandten Haͤnden dar- nach, und wird bey Annaͤherung desselben einigerma- ßen beruhigt. So sehr es manchmal vor Begierde bebt, so greift es doch nur selten unbehutsam zu; es gafft ihn an, schwebt zwischen Zuneigung und Miß- trauen, bis es endlich durch das Beyspiel seiner Mut- ter ermuntert, den zaghaften Entschluß faßet, ihn zu beruͤhren. — Ist es furchtsam, so wendet es den ganzen Leib ab, und bleibt, je nachdem sich die Furcht dem Schrecken naͤhert, entweder aͤußerst still und ver- birgt sich, oder es bricht in ein lebhaftes Geschrey aus, und sucht mit Haͤnd und Fuͤßen, sich zu entfer- nen. Steigt seine Furcht auf einen hoͤhern Grad, so H 2 starrt starrt es mit den Augen unbeweglich, und stoͤßet end- lich bey wiederkehrendem Bewußtseyn ein heftiges, wildes Geschrey aus. Ist es unwillig und aufgebracht so laͤuft ihm das ganze Gesicht roth auf, es wirft ungeduldig den Kopf hin und her, verzerrt das Maul, geifert und schreiet heftig, zappelt mit Haͤnd und Fuͤ- ßen, strampft, und schlaͤgt die Finger ein, zum Zei- chen, wie es sich einst bey bessern Kraͤften wird zu helfen wissen. — Die Seltenheit solcher Schauspieler, welche auf der Buͤhne durch Nachahmung der Natur, selbst Na- tur zu werden scheinen, beweiset hinlaͤnglich, was es fuͤr ein vielfaches, kunstvolles, verwickeltes Geschaͤft um den aͤußerlichen Ausdruck einer innern Empfindung sey; dennoch besitzet das Kind, in allen Neigungen, die es zu seinen Beduͤrfnissen einstweilen erhalten hat, eine meisterhafte Geschicklichkeit, sich auszudruͤcken — So wie sich neue Neigungen entspinnen, so ist der Mensch in dem Ausdruck derselben vollkommen, und Erfah- rung und Klugheit sind oft noch nicht im Stande, die Aeußerung weniger kennbar zu machen. Man denke sich den frohlockenden Knaben, daß mit seiner Puppe beschaͤftigte Maͤdchen, das vor Eifersucht ra- sende Weib, den schwaͤrmerisch verliebten Juͤngling, den mit dem Feinde kaͤmpfenden Streiter, den in Gram versunkenen Hausvater, die buͤßende Suͤnderin, — das Staunen, den Schrecken, die Furcht, die Ver- zweiflung, die Hofnung und Freude u. s. w. welch unbeschreibliche Mannigfaltigkeit von Spannen, und Erschlaffen, von Ordnung und Verwirrung, von Kraft und und Schwaͤche auf der Oberflaͤche eines einzigen Men- schengesichts! Und in allem diesem herrscht bey allen Nationen, die Verschiedenheiten des lebhaftern oder mattern Ausdruckes ausgenommen, eine auffallende Aehnlichkeit. Selbst von Seiten der Gemuͤthskraͤfte hat der Mensch angeborne Faͤhigkeiten, deren Anwendung zwar nach Umstaͤnden verschieden ausfallen kann, obschon sie als Grundanlagen betrachtet unveraͤnderlich sind. So kann er sich die Vergangenen Dinge wieder so vorstellen, daß er sie von gegenwaͤrtigen unterscheidet und mit denselben vergleichet. Vermoͤg seiner ange- bornen Vernunftfaͤhigkeit vergleichet er in seiner Vor- stellung die Dinge nach den Regeln der Einstimmung und des Wiederspruches untereinander. Daher wissen sich die Kinder von selbst, ohne Anweisung, allge- meine abgezogene Begriffe von ganzen Arten und Ge- schlechten zu machen, die blos das Aehnliche verschie- dener einzelner Dinge oder Arten in sich halten. Und darinn ist die Grundlage einer Vernunftkunst gegruͤn- det. Auch machen sich die Kinder selbst, vermoͤg eben dem Nachdenken und der Einsicht in die Aehnlichkeit der Wortbiegungen, Wortfuͤgungen und Redensarten, eine natuͤrliche Sprachlehre, und lernen eine Sprache nach undeutlicher Einsicht der Regeln recht verstehen und sprechen. Dieses erklaͤrt zum Theil die so oft bewunderte Erscheinung, daß zuweilen Kinder auf ganz unerwartete, nie gehoͤrte, sonderbare und dennoch richtig zusammengestellte Ausdruͤcke zu gerathen pfle- gen. — Endlich war das Wohl aller lebenden Dinge ihrem ihrem Schoͤpfer so angelegen, daß er es allen schlech- terdings unmoͤglich machte, ein erkanntes Uebel zu wollen, oder ein erkanntes Gut zu hassen. Der Mensch ist also bey weitem nicht so seinem Duͤnkel uͤberlassen worden; er ist bey weitem nicht so sehr Schoͤpfer seiner Handlungen, als es ihn der Stolz und die Eigenliebe uͤberredet haben. Der Hauptplan ist auch ihm vorgezeichnet. Und er steht zwischen Schranken, die ihn nur deswegen nicht auf- zuhalten scheinen, weil sein Gott alles, was in seinen Wirkungskreis gehoͤren sollte, mit seinem Gluͤck und seiner Behaglichkeit wunderbar zu vereinigen wuste. Man loͤse sich nun selbst die Frage auf: Wer von beyden, der Mensch oder das Thier vollkommner oder unvollkommner gebohren werde? — Dennoch sagt Herder : „das Menschliche Kind koͤmmt schwaͤ- cher auf die Welt, als keines der Thiere. — — — Ehe das Kind gehen lernt, lernt es sehen, hoͤren, greifen und die feinste Mechanik und Meßkunst dieser Sinne uͤben. Es uͤbt sie so instinktmaͤßig als das Thier; nur auf eine feinere Weise. Nicht durch an- gebohrne Fertigkeiten und Kuͤnste: denn alle Kunst- fertigkeiten der Thiere sind Folgen groͤberer Reize; und waͤren diese von Kindheit an herrschend da: so bliebe der Mensch ein Thier, so wuͤrde er, da er schon alles kann, ehe ers lernte, nichts menschliches lernen.„ — Allein das Verhaͤltniß der Schwaͤche zwischen dem Menschen und dem Thiere bey ihrer Geburt laͤßt sich auf keine Weise genau bestimmen. Manche Thiere, die uͤbrigens ihrer Art nach vollkommen und nerven- reich sind, kommen mit ziemlicher Uebereinstimmung und Brauchbarkeit ihrer Theile zur Welt, wie zum Beispiel das Fuͤlle und das Kalb. — Andere, die in vielen Ruͤcksichten zu niedern Klassen gehoͤren, ha- ben vielleicht eine mit der Dauer ihres Lebens ver- haͤltnißmaͤßig eben so langsame Entwicklung, als der Mensch, z. B. die Mause. Der Hund, so erhaben er uͤber die Maus ist, steht ihr doch vielleicht in dieser Ruͤcksicht nach. Mir scheint hier wieder, daß sich die Natur weder an die groͤssere Vollkommenheit des Thieres, noch an die verhaͤltnißmaͤsige Dauer seines Lebens, sondern gerade an die Art der Beduͤrfnisse gehalten habe; und auf diesen großen Hauptendzweck hin sind alle Arten des Entstehens, der Geburt und der Lebensart in die Bestimmung einer jedweden Thier- gattung verwebt werden. Der Vogel, die Mause, der Hund und der Mensch konnten ihren Jungen ein Nest, eine Hoͤhle, ein Bett, uͤberhaupt einen Schutz verschaffen; aber das fluͤchtige Reh, das muthige Roß, u. s. w. musten alsogleich ihr Junges davon fuͤh- ren koͤnnen, wenn es nicht vor der Zeit unter so vie- len Gefahren zu Grunde gehen sollte. Andere, wie z. B. das Enten- und Huͤhnergeschlecht haben die Fer- tigkeit bekommen, vom Eye weg zu schwimmen oder durch die Felder zu laufen, und erst spaͤt sind ihnen die Erfodernisse zum Fluge gegeben worden. Wie lang- sam kommen die Insekten, die Froͤsche zu ihrer eigent- lichen Bestimmung! Ein sehr uͤberzeugender Beweis, wie sehr sich die Natur an das bloße Beduͤrfniß gehal- ten habe, ist der allermeist mangelhafte Gebrauch je- ner ner Werkzeuge, welche zu mehreren Verrichtungen bestimmt sind. — Das maͤnnliche Glied, da seine wichtigste Bestimmung das Zeugungsgeschaͤft seyn soll- te, ist eben deswegen, wie schon Hunter Abhandlung uͤber die venerischen Krankheiten. anmerkt weit schlimmern und zahlreichern Zufaͤllen sowohl bey der venerischen Ansteckung als bey andern Uebeln der Harnwege unterworfen, als die zur Fortschaffung des Harns allein bestimmte weibliche Harnroͤhre. Die vortrefflichen Ruder der Ganse sind nur schlechte Werk- zeuge zum gehen; so wie uͤberhaupt die Landthiere sehr muͤhsame Schwimmer, und die Wasserthiere eben so muͤhsame Fußgaͤnger sind. — Die Natur blieb sich also durchgaͤngig selbst gleich, und sie hat sich, da sie den Menschen bildete, keine andern Gesetze vorge- schrieben, als da sie die Kaͤsmade machte. Das Kuͤzel, so Galen aus der Mutter Leibe schnitt, stellte sich auf die Fuͤsse, nießete, und stieß dadurch einen Theil des angesammelten Rozes aus der Nase; da aber dieses noch nicht hinreichte, so kratzte es sich die Seiten mit den hintern Fuͤßen, wo- durch es sich wieder zum Niessen reitzte, und noch ei- ne Menge Roz ausstieß. — Der Hund, dem ein Bein im Rachen stecken bleibt, strekt zuerst den Hals ge- rade nach unten zu aus, so, daß die Halswirbel auf- waͤrts einen Bogen bilden, oͤffnet die Kehle sehr weit, und macht die schicklichste Bewegung mit den Muskeln des Halses und des Schlundes, daß das Bein theils herausgedruͤckt, theils vermoͤg seiner Schwere heraus- fallen fallen koͤnnte. Steckt es aber fester, so zieht er den Kopf ruͤckwaͤrts in die Hoͤhe, und schuͤttelt ihn, da- mit das Bein in den Magen falle. Endlich greift er mit den Toppen ins Maul, bemuͤht sich sehr aͤngstlich, es mit den Klauen loszukrazen; dieses reizt ihn zugleich zum Husten; er zerreißet sich den Rachen, und wenn er alles, was in seiner Macht war, umsonst versucht hat, so eilt er traurig zu seinem Herrn, dem er seine Noth bald zu verstehen giebt, und laͤßt sich das Bein gelassen herausnehmen. — Der eingesperrte Hahn scharret den Moͤrtel von der Mauer und verschluͤckt ihn. — Der Affe, der Hund, der Hengst und der Bock wissen sich vom Ueberfluß des Samens zu be- freyen. Dieses sind nun freylich lauter instinktmaͤßig geuͤbte Kunstfertigkeiten, wovon ich auch beim Men- schen schon Beyspiele genug angefuͤhrt habe, und je- der sich selbst eine Menge denken kann. Aber man geht zu weit, wenn man darauf ei- nen Unterschied zwischen Mensch und Thier gruͤnden will: daß naͤmlich das Thier urspruͤnglich alles, was es wissen sollte, alsogleich vollkommen wisse, seine Sinne instinktmaͤssig durch angebohrne Kunstfertigkei- ten uͤbe; da hingegen dieses der Mensch alles erst lernen muͤsse, und nur durchs Lernen zum Menschen werde. Es ist schwer, so einseitige Ausdruͤcke genau nach dem Sinne des Schriftstellers zu verstehen; al- lein so viel weiß ich gewiß, daß auch in dieser Ruͤck- sicht das Thier in keinem Falle mehr weiß, als der Mensch, wenn nur nicht seine ganze Verfassung ein vollstaͤndigeres angebohrnes Wissen noͤthig mach- te. te. So mußte freylich das junge Rebhuhn, da es mit so gewandiger Schnelligkeit die bewachsenen Flu- ren durchstreifen sollte, auch schon eine Fertigkeit im Sehen haben; bey der jungen Spinne muste das Ge- fuͤhl auf den hoͤchsten Grad verfeinert seyn, sobald sie ein Netz und Nahrung brauchte. — Aber so, wie ich am Kinde gleich nach seiner Geburt keinen festen Blick entdecke, so wie es keine Zeichen der Aufmerk- samkeit bey einer Musik aͤussert, und uͤberhaupt die wichtigsten Sinne noch stumpf sind: eben so heftet der junge Hund die ersten Tage, wenn ihm die Augen auf- gehen, auf nichts einen festen Blick; er guckt gleich- sam in den Wind; das Auge ist noch matt, truͤb, dick. Erst nach einiger Zeit beobachte ich am Kind und am Hunde, daß sie der Gegenstaͤnde ausser ihnen durch das Auge gewahr werden. Das Kind verfolgt vorzuͤglich glaͤnzende Koͤrper, die Flamme des Lichts, und greift ohne Maaß der Entfernung nach denselben. Der junge Hund uͤbt sich mit seiner Mutter und sei- nen Kameraden Man kann sich nicht besser ausdruͤcken, als Candillac: Les premiers mouvemens de l’animal sont donnes à l’é- tude; \& lorsque nous le croyoas tout occupé a jouer, ’est proprement la nature, qui joue aves lui pour l’in- re. ; er greift weit und hoch mit den Fuͤßen aus, obschon ihm sein Gegner ganz nahe ist; wo er hin will, laͤuft er an, und scheint alles weiter zu suchen. Zu was sollte ihm aber auch ein scharfes Gesicht nuͤtzen, wo es noch durch die Schwaͤche seiner Glieder und die Langsamkeit seiner Bewegungen ent- behrlich gemacht wird? Zu was ein feines Gehoͤr, wo wo er noch nicht entlaufen und noch nichts verfolgen kann? — Warum endlich stuͤrzt der junge Hund eben so oft, wie der hastige Knabe, vom Stuhle? Warum ist der alte Sperling schuͤchterner, gerade so wie das gebrannte Kind mit dem Feuer behutsamer wird? wa- rum raubt der alte Fuchs geschickter, als sein Sohn? Warum lernt der Hund erst durch Uebung den Schlamm vom festen Boden unterscheiden? „Die Voͤgel, sagt Heinrich Home Versuch uͤber die Geschichte des Menschen 1 Thl. S. 4. , fuͤrchten sich nicht vor vierfuͤssi- gen Thieren; nicht einmal vor einer Katze, bis sie aus der Erfahrung gelernt haben, daß eine Katze ihr Feind ist. Sie scheinen sich auch von Natur nicht vor dem Menschen zu fuͤrchten, und werden deswegen nicht eher scheu, als bis sie beunruhigt oder geplagt werden. In Visia Grande, einer von den unbewohnten Philip- pinischen Inseln, kann man die Voͤgel, wie Kaͤm- pfer sagt, mit der Hand haschen. Die Habichte sind auf einigen Inseln der Suͤdsee ebenfalls zahm. Zu Port Egmont in den Falklandinseln kann man die Gaͤnse, ohne scheu zu werden, mit einem Stocke todt schlagen. Die Voͤgel, welche auf gewissen Felsen wohnen, die in der Insel Annabon uͤber die See haͤn- gen, nehmen das Futter aus der Hand eines Men- schen an. In dem gluͤcklichen Arabien zeigen die Fuͤch- se und Affen keine Furcht vor dem Menschen; und die Einwohner der heißen Laͤnder wissen nichts vom Ja- gen. In der unbewohnten Insel Bering nahe bey Kamschatka sind die Fuͤchse so wenig scheu, daß sie dem dem Menschen kaum aus dem Wege gehen.„ Wenn dieses auch nicht alles nach dem Buchstaben wahr ist, so bleibt es doch die Hauptsache. Warum uͤbersieht der Gelehrte in einem Augenblicke die Gestalt, die Verbindung, den Sinn von einer Menge Buchstaben, und zeichnet die so verschiedenen Figuren mit bewun- derungswuͤrdiger Fertigkeit aufs Papier, waͤhrend dem doch seine Aufmerksamkeit nur auf den Gegenstand und den Ausdruck gerichtet ist? Und warum ist dieses ei- nem Lapplaͤnder ganz unbegreiflich? — Weil das Be- duͤrfniß des Lernens so wenig die thierische Natur, als die angebohrnen Kunstfertigkeiten die menschliche Natur ausschließen, und weil Uebung, Gewohnheit und Erfahrung auch auf das Wissen und die Lebens- art der Thiere einen Einfluß haben, der freilich beym Menschen desto allgemeiner seyn mußte, je uneinge- schraͤnkter sein Faͤhigkeiten und seine Lebensweise seyn sollten. §. 31. In Ruͤcksicht der sinnlichen Empfindungen. “An einen andern Orte sagt Herder : Die kuͤnst- liche Bildung unsrer Ideen von Kindheit auf erweiset (die Immaterialitaͤt der Seele) und der langsame Gang, auf welchem die Seele nicht nur spaͤt ihrer selbst bewust wird, sondern auch mit Muͤhe ihre Sinnen brauchen lernt. Mehr als ein Psycholog hat die Kunststuͤcke bemerkt, mit der ein Kind von Farbe, Gestalt, Groͤße, Entfernung Begriffe erhaͤlt und durch die es sehen lernt. Der koͤrperliche Sinn lernt nichts: denn denn das Bild mahlet sich den ersten Tag aufs Auge, wie es sich den letzten des Lebens mahlen wird; aber die Seele durch den Sinn lernt messen, vergleichen, geistig empfinden.„ — Groͤße, Entfernung u. s. w. sind bloße beziehungsbegriffe, und sie sind gewiß in je- dem Wesen auf eine andere Art wirklich. Der Meve, die in einem Nachmittag 200 Stunden spazieren fliegt, muß diese Strecke etwan so weit, wie der Schnecke einige Schritte vorkommen. Beym Ausmessen der Groͤ- ße macht jedesmal das Kind sich selbst zum Maaßstab; daher scheint ihm sein vaͤterliches Haus, welches es sich waͤhrend einer mehrjaͤhrigen Entfernung immer nach seinen ersten Begriffen vorstellte, bey seiner An- kunft so eng, so nieder: denn das ganze Verhaͤlt- niß zwischen ihm und dem Hause ist veraͤndert. Es ist folglich sehr schwer zu bestimmen, in wie fern wir je- mals von einer Sache aͤchte Begriffe haben; beson- ders da wir nur in sofern davon urtheilen koͤnnen, als sie in die 3-4-5 Sinne faͤllt. — Wahrscheinlich ver- haͤlt sich da die Seele groͤstentheils leidend; denn auch daß die Seele durch die Sinne messen, vergleichen und geistig empfinden lerne, kann ich deßwegen nicht zugeben, weil jede Seele bey vollkommenen Sinnen alsogleich vollkommen sieht, hoͤrt, schmeckt, riecht, und fuͤhlt, wie wir es bisher in so vielen Beyspielen gesehen haben. Denen der Staar operirt wird, scheint es zwar, die Gegenstaͤnde beruͤhrten das Aug unmit- telbar; allein, man weiß, daß sich alle unsere Gefuͤh- le nach den herrschenden richten, und dieses so sehr, daß schwaͤchere Gefuͤhle bei obwaltenden staͤrkern ent- weder weder verdunkelt, oder gar nicht empfunden werden. Hier war der Sinn des Gefuͤhles der herrschende, und die Verrichtung des Sehens kann in einem an den Reitz des Lichts noch ungewoͤhnten Auge nur unvollkom- men seyn. Selbst da hat in der That zwischen den Lichtstrahlen und dem Sehnerven eine wahre Beruͤh- rung statt: Ist es also wunder wenn dieser schwaͤchere Eindruck den herrschenden Sinn des Gefuͤhls in Be- wegung setzt? Wir doͤrfen nur einer Musik lange zugehoͤrt haben, so hoͤren wir noch lange Zeit hernach den Schall und Einklang der Instrumente. Ein sehr lebhaftes Bild kann man oft mehrere Tage nicht vom Gesichte weg bringen. Wer lange mit Karten gespielt hat, glaubt nachher uͤberall Karten zu sehen, und er bedarf einer reflektirten Aufmerksamkeit, um ganz der Taͤuschung zu entgehen. Eben dieses nebst dem gros- sen Gesetz der Ideenvergesellschaftung ist auch die Ur- sache, warum wir noch am abgenommenen Arme zu fuͤh- l en glauben; warum wir beym Anblick der Rose ihren Geruch, und beym Geruch des Rosenwassers das Bild der Rose selbst gegenwaͤrtig haben. Endlich sezt man hier mit unrecht ein vollkommenes Auge voraus; denn die Lichtmaterie ist mit den Saͤften, den Gefaͤßen, den Nerven des Auges nothwendig in so ein Verhaͤlt- niß gesetzt worden, daß diese durch jene in ihrer Mi- schung, Lage, Reizbarkeit u, s. w. unstreitig verschie- deutlich veraͤndert werden koͤnnen. Daher sehen wir nichts in die Ferne, wenn wir lange gelesen oder ge- schrieben haben, nichts in der Naͤhe, wenn wir lange weit ausgesehen haben; Licht und Finsterniß thun uns weh, weh, wenn wir gaͤhling aus dem einen in das andere uͤbergehen. Und wenn denn die Seele beym Sehen so kuͤnstlich ist, waram halten wir so oft eine Fliege, die eine Spanne vor unserm Auge schwebt, fuͤr einen grossen hoch in den Luͤften schwebenden Vogel? Wa- rum sehen wir so viele Dinge, Feuer, schwarze Fle- cken u. d. gl. die gar nicht außer dem Auge sind? — Der koͤrperliche Sinn lehret nichts, aber daß sich deßwegen das Bild den ersten Tag aufs Auge mahle wie es sich den letzten des Lebens darauf mahlen wird, ist nicht glaubbar, und widerspricht allen bekannten Gesetzen der Physik und der Physiologie. Der Ab- druck, die Strahlenbrechung koͤnnen in einem matten truͤben, gebrochenen Auge, dessen Saͤfte noch nicht gehoͤrig abgeschieden, gleichsam noch zusammengeflos- sen sind, wie das Auge des Kindes und des jungen Hundes beschaffen ist, unmoͤglich so deutlich, lebhaft und zusammenstimmend seyn, als in einem gutausge- zeichneten, durchscheinenden, feuervollen und mit ge- hoͤriger Reizbarkeit versehenen Auge, wie z. B. das Auge der Gazelle, des Falken und eines schon entwi- ckelten Menschen ist. Ich will nichts von der gehoͤri- gen Festigkeit der Nerven eines jedweden Sinnes, und des Gehirnes sagen, bey deren Fehler die geuͤbteste Seele augenblicklich ihre feine Mechanik und Meß- kunst in eine Chimaͤre verwandelt sieht. §. 32. §. 32. In Ruͤcksicht der angebornen Anlagen. Was man uͤbrigens immer von der Bildung des Menschen durch die Erziehung, und gegen die an- gebohrne Vernunft sagen mag, so bleibt es doch eine ewige Wahrheit, daß kein Thier und kein Mensch je etwas gelernt oder sonst sich zugeeignet habe, wozu er keine angebohrne Faͤhigkeit, keine natuͤrliche Anla- ge hatte. Diese urspruͤngliche Anlage ist bey allen Arten einer Gattung wesentlich einerley; aber sie ist durch die Organisation theils mehr oder weniger ge- bunden, theils aber auch mit bloß zufaͤlligen Abwei- chungen vereinigt. Daher giebt es unter einerley Gattung Thiere so, wie unter den Menschen, sehr ver- schiedene Stufen ihrer Faͤhigkeiten. Wie sehr wei- chen die Eigenschaften der Hunde ab! und unter dem naͤmlichen Wurfe einer Huͤndin sind einige zu nichts, andere zu den vortreflichsten Jagd-Spur- oder Fang- hunden abzurichten. Aber man wird durch allen er- sinnlichen Fleiß aus dem Windspiele keinen Pudel zie- hen, so wenig als aus dem Fuchse oder dem Orang- outang einen Menschen; oder einen Dichter, Arzt, Feld- herrn, Handelsmann, wenn die angebohrnen Faͤhig- keiten mangeln oder den dazu erforderlichen Eigenschaf- ten widersprechen. So verschieden hier die Natur ih- re Geschenke ausgetheilt hat, so hat sie doch nie auf die Erhaltung eines jeden einzelnen Mitgliedes Ver- gessen. Was der Windhund durch sein scharfes Aug, und seine schnellen Fuͤsse erwirbt, daß erwirbt der Dachs- hund hund durch Graben und sein starkes Gebiß; was der Gelehrte durch Wachen und Nachsinnen erlangt, das erlangt der Muͤssiggaͤnger durch Tand und gesellschaft- liche Zudringlichkeit;„ der Weise sah, daß die Weis- heit die Thorheit uͤbertreffe, wie das Licht die Fin- sterniß: daß dem Weisen seine Augen im Haupte ste- hen, aber die Narren in Finsterniß gehen, und merk- te doch, daß es einem geht wie dem andern.„ Pred Sal. K. 2. 13. 14. Der Natur ist der Elephant nicht lieber, als die Milbe, und der Feuerlaͤnder liegt ihr so nahe am Herzen, als der Europaͤer. — Wenn man die Vernunft und die uͤbrigen Vorzuͤge des Menschen deßwegen nicht ange- bohren heißen will, weil sie sich erst langsam, erst durch sinnliche Bilder entspinnen, so sage ich, dem Menschen seye das Zeugungsgeschaͤft und der Tod, dem Stier das Stoßen und dem Hengst das Schlagen auch nicht angebohren, weil sich alles dieses erst stu- fenweis zu seiner Vollkommenheit entwickelt. Ideen sind uns freylich keine angebohren; aber das Vermoͤ- gen, die Ideen, welche wir erhalten werden, zu vergleichen — und dieses ist Vernunft, oder, wenn man strengere Ausdruͤcke verlangt, Vernunftfaͤhigkeit. Da- rum, daß uns die Ideen nicht angebohren sind, auch die angebohrne Vernunft leugnen, koͤmmt just so her- nus, als wenn wir sagen wollten: Die Bruͤste der Mutter sind dem Kinde nicht angebohren; also ist ihm auch das Saugen oder Saugvermoͤgen nicht angeboh- ren. Keinen Gegenstand zum Sehen, Hoͤren, Fuͤhlen Schmecken, Galls I. Bard. J Schmecken, Riechen; so ist uns kein einziger Sinn an- gebohren. §. 33. Außer den bisherigen Meinungen von den Kunst- fertigkeiten verdient unter den Alten vorzuͤglich noch des Galenus seine gehoͤrt zu werden. “Alle koͤrper- lichen Glieder, sagt er, sind der Seele nuͤtzlich, als deren Werkzeuge der Koͤrper ist. Daher sind die Glied- maßen der Thiere sehr von einander unterschieden, weil die Seelen selbst verschiedener Arten sind; und ei- nes jeden Koͤrper ist zu den Neigungen und Faͤhigkei- ten der Seele eingerichtet. Der Loͤwe hat als ein muthiges und freches Thier (jetzt beschreibt man ihn feig und nur im Hunger verwegen) starke Zaͤhne und Klauen, der Stier hat seine Hoͤrner, der Eber hat seine Hauer von der Natur zu Waffen bekommen. Hingegen haben Hirsche und Hasen, als furchtsame Thiere, zwar einen zur Flucht geschickten Leib, aber sie sind wehr- und waffenlos. Kein furchtsames Thier ist von der Natur mit Waffen versehen, noch irgend ein freches und streitbares Thier von denselben entbloͤ- set. Dem Menschen aber hat sie, weil er weise ist, und allein unter allen Thieren des Erdbodens etwas Goͤttliches an sich hat, statt aller Wehre und Waffen Haͤnde gegeben: Ein Werkzeug, das zu allen Kuͤn- sten noͤthig und im Krieg und Frieden dienlich ist. Daher brauchet er keinen Huf, kein Horn oder einen Zahn, sondern kann sich mit der Hand Schuhe, Pan- zer, Spieß, Pfeile, Haͤuser und Mauren bereiten, Kleider Kleider weben, Netze stricken, und auf solche Art nicht allein uͤber die Landthiere, sondern auch uͤber die, so im Wasser und in der Luft sind, Herr wer- den. Mit diesen schreibt er im Frieden und in der Gesellschaft Gesetze, richtet den Goͤttern Altaͤre und Bildsaͤulen auf, verfertigt Schiffe, Floͤten, Leyern, Messer, Zangen und andere Werkzeuge der Kuͤnste, hinterlaͤst seine Betrachtungen schriftlich, so wie er sich noch auf diese Weise mit dem Plato, Ariftoteles und Hippokrates unterreden kann. So schicken sich denn die Haͤnde fuͤr den Menschen, als ein weises Thier am besten. Denn er ist darum nicht das weise- ste Thier, weil er Haͤnde hat, wie Anaxagoras sag- te; sondern er hat deßwegen die Haͤnde, weil er der weiseste ist, wie Aristoteles mit voͤlligem Recht be- hauptet. Denn die Haͤnde haben den Menschen die Kuͤnste nicht gelehret: sondern die Vernunft; die Haͤnde sind nur das Werkzeug der Kuͤnste. Wie al- so weder die Leyer den Tonkuͤnstler, noch die Zange den Schmidt belehret, sondern beyde, vermoͤg ihrer Vernunft Kuͤnstler sind, ob sie dieselben gleich ohne Werkzeuge nicht ausuͤben koͤnnen; so hat auch eine jede Seele vermoͤg ihres eigenen Wesens, gewisse Faͤ- higkeiten, wiewohl sie dasjenige, wozu sie bestimmt ist, ohne Werkzeuge nicht zur Wirklichkeit bringen kann. Daß aber die koͤrperlichen Theile nicht dasje- nige sind, was der Seele einen Trieb giebt zur Furcht, Tapferkeit oder Weisheit, das kann man offenbar se- hen, wenn man die jungen Thiere betrachtet, als welche ihre Handlungen schon ehe zu verrichten bemuͤ- J 2 het het sind, ehe ihre koͤrperlichen Gliedmaßen die gehoͤri- ge Vollkommenheit haben. Sehr oft habe ich ein Stierkalb gesehen, das mit seinen Hoͤrnern stoffen wollte, ehe sie ihm noch gewachsen waren, und ein Fuͤllen, das schon mit schwachem Hufe ausschlagen woll- te, einen jungen Frischling, der sich mit den Backen wehren wollte, ungeachtet er noch keine Hauer hatte, imgleichen einen neugebohrnen Hund, der mit Zaͤh- nen beißen wollte, die erst im Schuße waren. Denn ein jedes Thier merkt seiner Seele Faͤhigkeiten, und wozu ihm seine koͤrperlichen Gliedmaßen nuͤtzlich sind, ohne Lehrmeister, zum voraus. Warum wuͤrde sonst ein Frischling, mit seinen kleinen Zaͤhnen, die er schon hat, nicht beißen, um sich zu wehren, hingegen die Hauer brauchen wollen, die er noch nicht hat? Wie laͤst sich also sagen, daß die Thiere den Gebrauch ih- rer Gliedmassen selbst lernen, da sie denselben schon vor dem Daseyn dieser Gliedmassen zu kennen schei- nen? Wenn man drey Eyer, eines vom Adler, das zweyte von einer Ente, das dritte von einer Schlange nimmt, und mit maͤßiger Waͤrme ausbruͤ- tet, so wird man sehen, daß die beyden ersten zu fliegen suchen werden, ehe sie noch koͤnnen; die Schlan- ge aber sich in einen Kreis zu wickeln, und so schwach sie auch noch ist, zu kriechen bemuͤht seyn wird. Wollte man sie bis zu ihrer Vollkommenheit in einem Hause auferziehen, und hernach unter den freyen Him- mel fuͤhren, so wird der Adler in die Hoͤhe fliegen, die Ente zu einer Pfuͤze flattern, die Schlange unter die Erde kriechen. Nachmals wird der Adler, wie ich ich denke, ohne Lehrmeister jagen, die Ente schwimmen, die Schlange sich in eine Hoͤhle verbergen. Denn die Natur der Thiere darf von Niemand belehrt werden. Daher scheinen mir auch die andern Thiere mehr von Natur als durch Vernunft, einige kuͤnstliche Dinge zu machen: die Bienen ihre Honigscheiben, die Amei- sen ihre unterirrdischen Gaͤnge und Vorrathskammern; die Spinne ihr Gewebe, alle, wie ich schließe, ohne Lehrmeister.„ §. 34. In Ruͤcksicht der Organisation, und der Ge- wandtheit des Geistes. Ich habe oben gesagt, daß alle moͤglichen Arten des Daseyns und des Lebens wirklich gemacht werden musten: Allein ich denke mir keine abgezogene, sondern eine, der Alles durchkreuzenden Verkettung des Erdenalles, nicht wiedersprechende Moͤglichkeit. “Die ganze Schoͤpfung sollte durchgenossen, durchge- fuͤhlt, durchgearbeitet werden; auf jedem neuen Punkt also mußten Geschoͤpfe seyn, sie zu genießen, Orga- gane, sie zu empfinden, Kraͤfte, sie dieser Stelle ge- maͤß zu beleben. Der Kaiman und der Kolibri, der Kondor und die Pipa; was haben sie mit einander gemein? Und jedes ist fuͤr sein Element organisirt; jedes lebt und webt in seinem Elemente. Kein Punkt der Schoͤpfung ist ohne Genuß, ohne Organe, ohne Bewohner; jedes Geschoͤpf hat also seine eigne, eine neue neue Welt.„. Herdes. Jedes hat andere Sinne, andere Beduͤrfnisse, andere Kunstfertigkeiten; jedes wird auf einem andern Weege sein Daseyn durchgefuͤhrt; die entgegengesetztesten Kraͤfte streben uͤberall gegen ein- ander. Und diese unzaͤhligen Mannigfaltigkeiten flie- ßen vor dem Angesicht des Weisen in ein einstimmi- ges, herrliches Ganze zusammen! Wie verschieden ist die Weise, nach welcher jedes Thier seiner Lebensbeute habhaft wird! Der Hund faͤllt sie mit offenem Muthe an; der Tiger um- schleicht sie mit feiger Hinterlist; der Adler belauscht sie von den Wolken herab; der Ameisenloͤwe unter dem Sande; und die Spinne verstrickt sie in ihr kle- brichtes Netz, das sie unter hellem Himmel aufge- spannt hat. Eben so mannigfaltig ist die Fortpflan- zung der Thiere: In der Begattung der Floͤhe nimmt das Weibchen die obere Stelle ein; bey unsern Stu- benfliegen schiebt das Weibchen seinen Stachel zwi- schen die Zeugungstheile des Maͤnnchens; der Frosch befruchtet die Eyer, waͤhrend dem er sie mit den Pfoten dem Weibchen aus dem Leibe zieht; der Fisch bestreicht sein Weibchen in dem Augenblicke, wo es den Rogen auslaͤst; die maͤnnliche Libelle traͤgt ih- re Zeugungstheile auf der Brust, und fliegt in der Umarmung des Weibchens durch die Luͤfte; die Spin- ne verbirgt sie in den keulenfoͤrmigen Freßspitzen, und das Liebsgeschaͤft droht ihr den Untergang; das Ku- gelthier und die Plattlause enthalten zur naͤmlichen Zeit mehrere Generationen; jede Schnecke ist ein Zwit- Zwitter, und sie befruchten sich ihrer Zweye wechsel- seitig; die Kroͤte Pipa streicht dem Weibchen den Laich auf den Ruͤcken, waͤlzt sich nachher selbst noch ruͤcklings druͤber her, druͤckt dadurch die Eyerchen in besondere Gruͤbchen in der Haut fest, und befruchtet sie hierauf mit ihrem Samen. Diese Eyerchen verwach- sen nachher gleichsam mit der Haut der Mutter, bis nach Verlauf von beynahe drey Monaten die darinn befindlichen Jungen zum Ausbruche reif sind, und nach einer kurzen Verwandlung den Ruͤcken ihrer Mutter verlassen koͤnnen. Blumenbachs Handbuch der Naturgeschichte 2 te Ansgabe VI. Absch. S. 259. Der Wurm und der Polip ver- mehren sich aus ihren Truͤmmern. u. s. w. Diese erstaunliche Abwechslung herrschet durch die ganze Schoͤpfung. Ein und das naͤmliche Thier z. B. mit zwanzig tausend Pflanzenarten zusammenge- stellt, so ergeben sich daraus zwanzigtausend verschiedene gegenseitige Verhaͤltnisse. Wie vielfach aber durchkreu- zen sich alle Erden, Metalle, Thiere, Pflanzen u. s. w. und wie unendlich zahlreiche Verhaͤltnisse sind also wirklich gemacht worden! Kehren wir aber von dieser allgemeinen Ueber- sicht auf einzelne Gattungen zuruͤck, so finden wir, daß ihre Eigenschaften und Faͤhigkeiten im Vergleich mit jenen des Menschengeschlechts noch immer sehr eingeschraͤnkt sind. Es scheint, die Natur habe im Menschen theils vereinigen, theils vollenden wollen, was sie in den uͤbrigen Geschoͤpfen entweder nur stuͤck- weise zerstreuet, oder ganz vernachlaͤssigt hat. Er war war einmal zur Verbreitung uͤber die ganze Erde be- stimmt; folglich mußte er unendlich vieler Veraͤnde- rungen der Sitten und Lebensarten empfaͤnglich ge- macht werden. Auf diese Art konnte der Mensch un- ter allen Bedingnissen auf die Natur, und die Natur wieder unter allen Bedingnissen auf den Menschen zu- ruͤckwirken. Ein Himmelsstrich, eine Regierungsform, eine Religion, einerley Nahrung und Lebensart haͤt- ten nie alle die entgegengesetztesten Faͤhigkeiten, die in ihn gelegt worden sind, entwickeln koͤnnen. — Werfen wir nur einen fluͤchtigen Blick auf seine Ge- muͤths- und Geistesfaͤhigkeiten: Er ersetzet, zum Bey- spiele, den eisernen Nacken des Auerstiers, die Mus- kelkraft des Loͤwen, die Schnellkraft des Springthiers, das scharfe Auge des Luchses, und das feine Gefuͤhl der Spinne dadurch, daß er der Kunst, der Nach- ahmung und des Unterrichtes, den er selbst in den Thieren findet, faͤhig ist. Er ist grausam, mitleidig, stolz, demuͤthig, offenherzig, listig, verschlagen, dumm, großmuͤthig, rachsichtig, verwegen, furcht- sam, frech, schuͤchtern, beharrlich, wankelmuͤthig, verschwenderisch, geizig, keusch, wolluͤstig, traͤg, ar- beitsam u. s. w. Es ist kein Element, kein Geschoͤpf, dessen er nicht Herr werden kann. Er toͤdet den fluͤch- tigen Hirsch mit Pfeil und Kugel, lockt den Vogel aus den Luͤften in seine Schlingen, faͤngt den Fisch im Garne, verfolgt die Gemse uͤber die steilsten Klip- pen; er wuͤhlt die Erde um, und taucht in die Tiefe des Meeres, wenn er Wurzeln zur Nahrung und Schaͤtze zur Verschwendung braucht; will er in ferne Ge- Gegenden ziehen, oder Welten entdecken, so bedarf er keines unwiderstehlichen Zugtriebes; denn er kennt den Lauf der Gestirne, und der Magnet weiset ihm die Pole der Erde. — Der Neger am Senegal, der Lapplaͤnder und der Feuerlaͤnder kennen kaum den Na- men der Kuͤnste, und der Europaͤer macht redende Maschinen, durchschift den Luftkreis und zeichnet den Gestirnen ihre Bahne vor; der kropfichte Walliser vergisset zu essen und sich zu entleeren Zimmermann von der Erfahrung. , und die Druiden entlehnten Gelder, um sie jenseits des Gra- bes wieder zuruͤckzugeben; der Boniane verbindet sich das Maul, um kein lebendiges Thier zu schluͤcken, und der Kanibale toͤdet den Menschen mit der groͤßten Gleichguͤltigkeit und zehrt ihn mit Lust auf. Der Roͤ- mer begraͤbt die unkeusche Vestalin lebendig Waͤhrend den 1100 Jahren, die der Beftalenorden gedau- ert hat, sind folgende lebendig begraben worden: Pina- ria, Oppia, Urbinia, Minucia, Scata, Opimia, Lucinia, Marcia, Emilia, Cornelia, Claudia, Aurelia, Pompo- nia und R u si na. , und der Muselmann faͤllt vor dem verschnittenen Derwi- sche, der seine Eselin schaͤndet, voll Ehrfurcht auf die Knie. Pauw Untersuchungen uͤber die Amerikaner 2ter B. 4ter Thl. Der Neuseelaͤnder dringt seine Gattin dem Fremdlinge auf, und der Tuͤrke entmannet sei- nen Unterthan, um das Heer seiner Beyschlaͤferinnen zu bewachen. — Dort verehrt der Mensch den Zwie- bel und den Knoblauch, den Hund und die Geise — — — — — Hic Piscem fluminis, illic Oppida tota canem venerantur, nemo Dianam opfert opfert grausamen Goͤtzen, die er sich selbst gemacht; da sinkt er in Staub vor einem nothwendigen Wesen ohne Anfang und ohne Ende, ohne Zeit und ohne Raum, vor einem allguͤtigen Gott — Der Gottlose aber wuͤnscht es, und sprachs in seinem Herzen: Es ist Kein Gott ! Und alles dieses thun die Kinder eines einzigen Stammvaters. Was Home in seinem Versuche uͤber die Geschichte des Menschen 1tes. 1 Versuch von 12 bis 53, und andere bisher dagegen gesagt haben, ist zwar lesenswerth; al- lein Zimmermann hat sie in der geographischen Geschich- te des Menschen 1 B. von Seite 54 bis 101 sattfam wi- derlegt. Uebrigens bleibt allemal die Hauptsache meiner Behauptungen wah r . Wer bewundert nicht die außeror- dentliche Gewandtheit des menschlichen Geistes! So sehr nun der Mensch in Ruͤcksicht der bey- nahe grenzenlosen Biegsamkeit des Koͤrpers und des Geistes, der Sprach- und Vernunftfaͤhigkeit, u. s. w. uͤber alles Thier erhaben ist: So hat er doch wieder in andern Ruͤcksichten unendlich vieles mit ihm gemein. Er naͤhert sich ihm in seinen eigenen Abarten so sehr; und Es spielt in tausend und tausend Abaͤnderungen der Gestalten und der Faͤhigkeiten so lange um den Menschen herum, bis es ihm im menschenaͤhnlichen O- rang- Outang und im unfoͤrmlichen Elephanten auf die Zehe tritt. — — — Drit- Porrum \& cepe nefas violare, aut frangere morsu. O sanctas gentes, quibus hæc nascuntur in hortis Numina! lanatis animalibus abstinet omnis Mensa. Nefas illie fatum jugulare Capellæ. Juvenal. Sat. XV. Dritter Abschnitt . Vergleich des Menschen und der Thiere mit den Pflanzen. §. 35. In Ruͤcksicht ihrer Erhaltung, ihres Wachs- thums und ihrer Fortpflanzung. Ich stelle nun noch den Menschen mit den Ge- waͤchsen zusammen; denn unter je mehreren Gesichts- punkten wir ihn betrachten, desto deutlicher wird uns der Begriff von seiner Natur werden. Das Pflanzenreich faͤngt dort an, wo bey ei- nem organisirten Koͤrper zwar Reizbarkeit, Leben, aber weder Empfindung von Innen, noch willkuͤhrli- che Bewegung von Aussen statt hat. So viel war hin- laͤnglich, daß sie ihre Bestimmung erfuͤllen konnten. Es ist reichlich fuͤr ihre Erhaltung und Ausbreitung gesorgt worden. Sind sie einzeln hilfloser, als man- che Thiere; koͤnnen sie sich von einem Orte des Ver- derbens nicht zum Ueberfluß hinwenden, so haben sie dieses mit vielen Pflanzenthieren gemein, und die Natur hat uͤberall mehr die Gattung als die einzelnen Mitglieder in ihren Schutz genommen. Wenn eine Wiese von der Hize ausdoͤrrt, oder unter dem Wasser erstickt, so gehen zur nemlichen Zeit unzaͤhliche In- sekten sekten, Gewuͤrmer, und Maͤuse zu Grunde. Der Untergang ist allen Geschoͤpfen bestimmt; nur die Zeit und die Weise desselben ist verschieden. Die Fliege stirbt im Schlunde der Schwalbe, und die Schwalbe in den Klauen des Habichts; der weise Mensch zu Wasser und zu Lande, an verheerenden Krankheiten, vor Hunger und Durst, unter den Waffen des Feindes, unter dem Zahne des Tiegers; es stuͤrzen Provinzen mit ihm ein, und das Feuer aus den Wolken verzehrt ihn. Das Werden des Einen fodert den Tod des Andern. Al- les wird vom Wirbel der Zerstoͤrung hinabgezogen, und an einem andern Orte unter einer andern Gestalt wieder herausgeworfen. Der Baum, der sich ent- wickelt, bluͤht, Fruͤchte traͤgt, Keime und Sprossen treibt, ist in den Augen des Schoͤpfers so wichtig, als der Mensch, der gebohren wird, waͤchst, denkt, sich vermehrt und stirbt. Die Unternehmungen eines jeden sind umschrieben, und keiner kann sich eine Kraft anmaßen, die nicht in ihn gelegt ist. Das Leben der Pflanzen haͤlt gegen unendlich viele Gefah- ren aus; sie stehen in dem Element ihre Nahrung; Schutz, Anhalt, Wehr und Waffen geben ihnen die mancherley Rinden, die Huͤllen der Bluͤthen, die Stacheln, die erdfesten Wurzeln, die Klammen und Winden, und die weise Einrichtung, daß jedem Thie- re nur wenige Gattungen zu seiner Nahrung angewie- sen sind. — Ihre Vermehrung ist nicht ihnen allein uͤberlassen: Die ganze Natur, Winde, Fluͤsse, Voͤ- gel und Menschen saͤen ihren Samen aus, und befoͤr- dern ihr Gedeihen. Die Die Pflanzen haben dieses mit allen Thieren ge- mein, daß ihr allgemeiner Stoff Zellengewebe ist. Die- ses bildet und ordnet ihre Gefaͤße. Vastel hat die Entwick- lung einer thierischen Frucht mit jener einer Pflanzenfrucht verglichen; ich will diesen Vergleich hier anfuͤhren. Das in jedem Samenkorn befindliche Samen- pflaͤnzchen besteht aus zwey Theilen, aus der Spitze, oder dem Schnaͤbelchen, und dem Keime oder Sproͤß- ling. Aus jenem entsteht die Wurzel, aus diesem der tragbare Theil der Pflanze. Die Gefaͤße der Nabelschnur dehnen sich aus und geben Aeste, um den Mutterkuchen zu bilden: so wie die holzigen Fasern der Spitze oder des Schnaͤbel- chens am Samenpflaͤnzchen, um die Samenlappen zu bilden. In Apfel- und Birnkern kann man durch einen Querschnitt einen Gang aus den Samenlappen zu dem Schnaͤbelchen deutlich entdecken. Der Mutterku- chen ist eine Erweiterung oder Fortsetzung der Nabel- schnur, wie die Samenlappen des Schnaͤbelchens. Die Nabelschnur verbindet sich mit dem Mutterku- chen und der Leibesfrucht; das Schnaͤbelchen mit den Lappen und dem Sproͤßling. Es findet sogar Ana- logie zwischen der aͤussern Form der Lappen und je- ner des Kuchen, und zwischen der Huͤlse von jenen und der Mutter statt. Man merke noch, daß das Schnaͤbelchen mit der Nabelschnur, und der Punkt des Lappenursprungs am Sproͤßlinge mit dem Na- bel der Leibesfrucht alle Aehnlichkeit habe. Die Lap- pen ernaͤhren den Sproͤßling, so wie der Kuchen den Foͤrtus. Der Kuchen saugt durch kleine Waͤrzchen ei- nen milchichten Saft aus der Mutter, verwandelt ihn in Blut, vertritt die Stelle der Lungen, und im schwammigen Gewebe der Lappen wird der Pflanzen- saft zur Nahrung des Sproͤßlings ausgearbeitet, und die Lappen sind die Lungen des Sproͤßlings; es ist Kreislauf zwischen Kuchen und Frucht; der Pflanzen- saft lauft von den Lappen zum Sproͤßling, von diesem zu jenen; man hat sogar zweyerley Gattungen der Gefaͤße im Schnaͤbelchen, der vegetabilischen Nabel- schnur angenommen. Der Kuche loͤset sich endlich ab, die Frucht tritt aus der Mutter heraus; das Blut geht nun durch die Lungen, wird dort ausgear- beitet, der Kuchen wird unnuͤtz; das Kind nimmt Nahrungsmittel in den Magen, kleine Roͤhren sau- gen den fluͤssigen Theil des Chylus aus dem Darmka- nal, fuͤhren ihn zu Druͤsen, ins Blut, ins Herz, durch die Lungen; auch bey den Pflanzen geht fast al- les auf die naͤmliche Art. Die Einsaugroͤhren der Wurzel sind die Milchgefaͤße der Pflanzen, die Blaͤt- ter ihre Lungen; sie saugen ein, duͤnsten aus, breiten und reinigen ihren Saft. Bis hieher Vastel . Die Fortpflanzung und Vermehrung, ein Ge- schaͤft, das auf großen Naturkraͤften beruht, ist eine Eigenschaft, worinn die Pflanzen, außer dem von Vastel angefuͤhrten Vergleiche, besonders mit den Pflan- zenthieren ungemein viele Aehnlichkeit haben. Be- kannte Arten ihrer Vermehrung sind abgebrochene Zweige, Blaͤtter, Augen, Wurzelfasern, Loden, u. s. w. Eben so wachsen abgebrochene Zweige sowohl von Steinthieren, als Pflanzenthieren, z. B. das Schorfkorall fort, wenn man sie nur im Element ih- rer rer Nahrung laͤßt. Eben so die harten und zarten Staudenthiere. So wie die Ver mehrungssucht des Armpolypen nur durch Quetschen zerstoͤrt werden kann, eben so kann man auch nur durch Quetschen den Fort- pflanzungstrieb mancher Pflanzen z. B. der kriechen- den Quecke ( Triticum repens ) zu Grunde richten. Ei- nige Arten von Afterpolypen vermehren sich durch ei- genmaͤchtige Trennung; von Tembley’s Federbusch- polypen soͤndern sich ganze Buͤschel ihrer Abtheilungen von selbst ab, und fangen eine neue Familie an; so vermehren sich auch Pflanzen durch die Trennung der Knospen oder Seitentheile z. B. die zwiebeltragende Lili e ( Lilium bulbiferum ) die keimende oder kleine Natter- wurzel ( poligonum viviparum ) beynahe alle Zwiebel- gewaͤchse vermehren sich wie der Armpolype und der Bandwurm. — Das von Elliot beschriebene, ran- kende Feigenthier, die Pfeissenkoralline und einige Blasenkorallinen vermehren sich so wie unsere Schilfe und Laubhoͤlzer durch Aussprossen aus einer fortranken- den Wurzel u. s. w. Die Art ihrer Befruchtung durch weibliche und maͤnnliche Theile, daß bald beyde Geschlechter in ei- ner Blume vereinigt, wie bey der Tulpe, bald in ver- schiedene Blumen zertheilt, wie bey dem Nußbaume, bald auf verschiedene Staͤmme versezt sind, wie beym Hanfe u. s. w. sind Jedermann bekannte Dinge. 〟Sobald die Natur das Geschlecht gesichert hat, laͤßt sie allmaͤhlig das Individuum sinken. Kaum ist die Zeit der Begattung voruͤber, so verlieret der Hirsch sein praͤchtiges Geweih, die Voͤgel ihren Ge- sang sang und viel von ihrer Schoͤnheit, die Fische ihren Wohlgeschmack, und die Pflanzen ihre schoͤnste Farbe. Dem Schmetterlinge entfallen die Fluͤgel und der A- them geht ihm aus. Ungeschwaͤcht und allein kann er ein halbes Jahr leben. So lange die junge Pflan- ze keine Blume traͤgt, wiedersteht sie der Kaͤlte des Winters, und die zu fruͤh tragen, verderben zu erst. Die Maser hat oft hundert Jahre erlebt: sobald sie aber einmal die Bluͤthe entfaltet hat, so wird keine Erfahrung, keine Kunst hindern, daß nicht der praͤch- tige Stamm im folgenden Jahr den Untergang leide. Die Schirmpalme waͤchst fuͤnf und dreißig Jahr zu einer Hoͤhe von siebenzig Schuhen, hierauf in vier Monaten noch dreißig Schuhe; nun bluͤht sie, bringt Fruͤchte, und stirbt in demselben Jahr. Dieß ist der Gang der Natur bey Entwicklung der Wesen ausein- ander; der Strom geht fort, indeß sich eine Welle in die andere verliert.〟 Herder 1 Thl. S. 70. Eben so geht es einzelnen Theilen. So bald sie uͤberfluͤssig geworden sind, so hoͤrt Wachsthum und Nahrung bey Vieh und Mensch in denselben auf, z. B. in der großen Halsdruͤse, der Nabelschnur, Bo- talls arterioͤsem Kanale; ja diese Theile werden nicht nur am Ende nicht mehr genaͤhrt, sondern ihre Be- standtheile werden abgenutzt und eingesogen, so daß sie endlich einschrumpfen, und an Groͤsse und Gewicht verlieren, wie wir dieses taͤglich an den Kinnladen und allen knorplichten Theilen u. s. w. alter Leute, an an den Bruͤsten der Weiber sehen koͤnnen; andere Thei- le hingegen entstehen oder entwickeln sich nicht ehe, als bis sie nothwendig werden, wie die Zaͤhne, die Zeu- gungstheile u. s. w. Ueberall treffen wir bey den Pflanzen aͤhnliche Erscheinungen an. Diejenigen laub- artigen Bedeckungen, welche den Bluͤtstengel anfaͤng- lich einwickeln, und gegen die Wirkungen des Lichts und der Luft schuͤtzen, troͤcknen aus, schnurren zusam- men und fallen ab, sobald sich der Bluͤtstengel und die Blumen entwickelt haben; wie z. B. bey dem in- dianischen Rohr; die maͤnnliche Bluͤte beym Rußbaume, die Staubfaͤden und die Blumenblaͤttchen beym Apfel- baume loͤsen sich von Zweig und Stiel und fallen ab, so bald die weibliche Bluͤte befruchtet ist. Der Theil des Stammes, der uͤber das letzte Aug hervorragt, trocknet ein, und wird nach und nach abgestossen. Die Samenhuͤlse der elastischen Balsamine zerspringt nicht ehe, und jene des Bilsenkrauts loͤset nicht ehe ihre Kappe ab, als bis der Same seine Reife erhalten hat, und zur Aussaat tauglich geworden ist. Der Bohnen- stock faͤngt erst dann an, sich zu winden, und die Re- be treibt dann erst die Zirrhen, wenn sie nimmer stark genug sind, sich selbst aufrecht zu halten. So wie zu saftvolle Gewaͤchse, die zu sehr in Holz und Laub wuchern, keine oder nur sehr sparsame Fruͤchte tragen, und die Vollsaftigkeit durch Umschnei- den der Rinde, oder durch Abnehmen der Pfahlwur- zel gemindert werden muß: eben so sind Frauen und Maͤnner, und andere Thiere, welche sehr stark ins Fett wachsen, selten fruchtbar, und man muß ihnen Gall I. Band K die- diese Neigung zum Ansetzen des Fettes durch koͤrperli- che Bewegungen, staͤrkende fluͤchtige Arzneyen, Sei- fenartige Aufloͤsungen, rothe Korallentinktur, Alaun- wasser u. d. gl. benehmen, wenn man sie fruchtbar machen will. Magere, mit trocknem, derbem Fleische besetzte Thiere und Menschen sind zum Zeugungsge- schaͤfte nach den Erfahrungen aller Zeiten die geschick- testen, gerade so wie die Pflanzen unter sonst gleichen Umstaͤnden auf magerem Boden mehr Bluͤte und Sa- men, als Holz und Laub anzusezen pflegen. Es ist bekannt, daß man die innlaͤndischen Stut- ten und Schaafe durch auslaͤndische, oder zum wenig- stens von einen andern Samen abstammende Hengste und Widder befruchten lassen muͤße, wenn man einen schoͤnen Schlag Pferde und gute Schafzucht lange er- halten will. Die naͤmliche Vorsorge hat man zu allen Zeiten an Pflanzengewaͤchsen beobachten muͤssen. Vor einigen Jahren war um Heidelberg die allgemeine Klage, daß die Grundbirnen ( Solanum esculentum ) auszuarten anfiengen. Um in Britanien den Waizen in seiner Staͤrke zu erhalten, und zu verhuͤten, daß in Schottland und Irrland der Flachs nicht ausarte, wird alljaͤhrlich eine große Menge von fremden Sa- men eingefuͤhrt. Es seye nun, daß der Same durch die allzugrosse Aehnlichkeit seiner Bestandtheile, oder durch die zu lange Angewoͤhnung an einerley Boden, Nahrung, Himmelsgegend, oder bloß weil er nicht urspruͤnglich einheimisch ist seine Thaͤtigkeit und Kraft verliere, so haben doch sehr grosse Maͤnner auch bey den Menschenracen die Vermischung mit fremden Ge- schlech- schlechtern fuͤr ein wichtiges Mittel zur Erhaltung ei- ner kernhaften Generation angesehen. Die Gewaͤchse werden durch Mangel an Nah- rung entkraͤftet und sterben ab; nur dann, wenn ih- nen noch zur rechten Zeit Nachrung gereichet wird, sind sie noch im Stande, dieselbe aufzunehmen; und dieses thun sie so gierig, daß eine solche erschoͤpfte Pflan- ze in einer Stunde mehr einsaugt, als sie bey voller Nahrung nicht in sechs Stunden thun kann. Ist sie aber auf einen zu hohen Grad entkraͤftet, so haben die Gefaͤße, wie es in aͤhnlichen Faͤllen bey Thieren geschieht, alle Reizbarkeit und Wirksamkeit verloren, und jemehr man sie mit Nahrung uͤberhaͤuft, desto sicherer geht sie zu Grunde. Eben dieses Geschieht, wenn man sie, ehe ihre Saͤfte und Roͤhren gehoͤrig in Bewegung sind, ehe sie angewachsen ist, haͤufig be- gießet. Die Wurzel ist nicht im Stande durch im- merwaͤhrendes Anziehen der Feuchtigkeiten eine Art von Leben um sich herum zu erhalten; was sie auf- nimmt, wird nicht verdauet, nicht ausgeduͤnstet u. s. w. Und so geht Stamm und Wurzel in Faulniß, gerade wie dieses bey uͤberfuͤtterten zuvor allzusehr ge- schwaͤchten Thieren geschieht. Sie sind aus Gliedern und Gelenken, welche von den allgemeinen Bedeckungen uͤberzogen werden zusammengesetzt. Die Gelenke werden erst bey der Reife oder dem Absterben der Pflanzen recht sichtbar. Bey sehr vielen Gattungen besteht der ganze Stamm, die Aeste, das Laub ꝛc. aus Gliedern, welche auf einan- der aufgesetzt sind. Bey allen durchgaͤngig ist das K 2 Laub Laub und der Fruchtstiel auf diese Art mit dem Zwei- ge, das Mark der Frucht mit dem Fruchtstiel verbun- den, und diese wird durch Gefaͤße mit der Huͤlse und dem Keime in Gemeinschaft gesetzt. Ist der Keim ausgebildet, das Mark reif, wird der Umlauf der Saͤfte schwaͤcher, so trennt sich Laub und Fruchtstiel, ohne zu zerreißen vom Zweige; der im Marke enthal- tene Stein geht los, und in diesen liegt jetzt der Kern ohne alle Verbindung. Eben so sind die Jungen und Eyer der Thiere bey ihren ersten Ursprung, gleich den auswachsenden Polypen, die sich nachmals vom Mut- terstamm trennen, und ein unabhaͤngiges Leben anfan- gen, Aussproͤßlinge von Nerven und Gefaͤßen, u. s. w. So haͤngt der Fischrogen mit den Ingeweiden des Fisches, und die Eyerchen unter sich, jedes durch ei- nen sichtbaren aus mehreren Gefaͤßen zusammengesetzten Faden zusammen. Dieses wird durch die naͤmlichen Gruͤnde bestaͤttigt, welche die Meinung von den vorgebil- deten Keimen und derselben Entwicklung widerlegen, naͤmlich: durch die Fortpflanzung der erkuͤnstelten und ausgearteten Gattungen vermittelst der Zweige und Au- gen, durchdie Erkuͤnstlung selbst, die Bastarde, die Na- tionalbilder und Familienzuͤge, durch die Wiedererzeu- gung verlorner Theile, die von mehrern beobachteten Ver- setzungen der Eingeweide, die Mißgeburten, durch die An- erbung der Krankheiten, Anlagen und Besonderhei- ten; u. s. w. Man darf nur die Natur der Pflan- zen und Pflanzenthiere beobachten, so wird sich jedem diese Wahrheit von selbst aufdringen. Man sehe Heinrich Reimarus von den Eigenschaften der Pflanzenthiere S. 164 bis 172, 1773. wo er den Bil- §. 36. §. 36. In Ruͤcksicht des Erstattungsvermoͤgens. Die Lebenskraft organischer Koͤrper ist so ge- segnet, daß an die Stelle verlorner Theile neue der- gestalt angefuͤgt werden, daß daraus ein regelmaͤßi- ges Gewebe, ein voriges Glied oder voriger Zweig entspringt. Heinrich Reimarus hat bey neuer zart- anwachsender Haut uͤber die Hirnschale die durchschei- nenden neu entsprungenen Aederchen mit Vergnuͤ- gen beobachtet, wie sie mit ihren Aesten kleinen Baͤum- chen glichen. In dem widernatuͤrlichen Gewebe, welches nach Brustentzuͤndungen die aͤussere Oberflaͤche der Lun- ge uͤberzieht, und dieselbe nicht selten an das Brustfell anheftet, hat Hunter die Gefaͤße durch Ausspritzen deutlich gezeiget. Selbst die Aftergewaͤchse in der Ge- baͤrmutter, Auswuͤchse, Warzen, und andere Verun- staltungen haben ihre netzfoͤrmig verflochtenen, mit einander verbundenen Gefaͤse, worinn ihnen Nah- rung zugefuͤhrt, und wahrscheinlich eine ihnen noͤthi- ge Art von Verarbeitung und Absoͤnderung der erhalte- nen Saͤfte verrichtet wird. — Die Eydere ersezet den abgerissenen Schwanz wieder, der Krebs erstattet die verlornen Scheeren, die Schnecke in sehr warmen Tagen sogar den Kopf nach einigen Wochen; sogar an den edlern Thieren ersetzen sich nicht nur die Haare, die Oberhaut, die Zaͤhne, die Naͤgel an den Fin- gern dungstrieb dentlich abhandelt. — Blumenbachs, Metzgers und Pro b aska’s hieher gehoͤrige Schriften — Caldani Phisiologie u. s. w. gern und Zehen, wenn auch die vordern Gelenke ab- genommen worden; man liest Beyspiele, daß auch neue Gelenke nach Beinbruͤchen des Vorderarms, und nach Verrenkungen des Schenkelknochens gebil- det worden sind. Tulpius. Das Erstattungsvermoͤgen der edlern Thiere wird also zu sehr eingeschraͤnkt, wenn man behauptet, es seye kaum noch fuͤr die Heilung der Wunden zurei- chend. Denn, wenn auch die Wiedererzeugung gan- zer Knochen so allgemein nicht ist, so ist sie doch auch nicht so selten. Franz Chopart fuͤhrt aus Mer- kreens obs. chirurg. cap. 69. pag. 328. die Beobach- tung an, wo der Oberarmknochen der rechten Seite weggenommen wurde, und doch die Bewegung des Arms unverletzt blieb. Er selbst besitzt einen Ober- armknochen, der deswegen merkwuͤrdig ist, weil der abgestorbene Knochen, welcher von dem einen Ansaze bis zu dem andern losgetrennt ist, in dem neu erzeug- ten Knochen eingeschlossen ist: der tode Knochen bewegt sich frey darinnen, er kann aber doch nicht herausge- zogen werden. — Ruysch hat in seinem Thesaur. anatom. X. eine verunstaltete Ellenbogenroͤhre abzeich- nen lassen, in deren Hoͤhle eine ganz abgesonderte knoͤcherne Roͤhre steckt, die zwar allenthalben beweg- lich ist, jedoch nicht herausgenommen und wi der hin- eingebracht werden kann. Aus den Mem. de l’acad de chirur. T. V. erzaͤlt Chopart den Fall, wo nach herausgenommenem Schluͤsselbein der Kranke alle dem Arme Arme eignen Bewegungen ohne Beschwerden machen konnte, weil die Natur schon einen andern harten fe- sten Koͤrper hervorgebracht hatte. Die Leichenoͤffnung erwies in der Folge, daß das wiedererzeugte Schluͤs- selbein von dem herausgenommenen weder in Ansehung der Laͤnge nach auch der Dichtigkeit, sondern blos der Gestalt nach verschieden war. Der Koͤrper des- selben schien naͤmlich nicht so rund, sondern der senk- rechten Richtung nach zusammengedruͤckt zu seyn. Ich bin uͤberzeugt, daß er mit der Zeit auch die vollkom- mene Gestalt wuͤrde erhalten haben. Von der gros- sen Zehe trennte sich bey mir nach einem gewaltsamen Stoße an einen Eckstein der ganze Nagel vollstaͤndig los. Nach einiger Zeit zeigte sich in der Mitte der Nagelplatte eine glaͤnzende, empfindliche, harte Er- habenheit, welche immer hornartiger und dunkler wurde, und sich nach allen Seiten mehr ausbreitete. So bald sie den obern und die Seitenraͤnder erreicht hatte, und mit ihnen verwachsen war, schuppte sie sich zu wiederholten malen in breiten kleyenartigen Blaͤttchen ab. Endlich bekam sie eben die glatte, eben so harte, und gefurchte Gestalt, wie ein jeder andere Nagel, so daß man jezt nicht den geringsten Unterschied daran entdecken kann. Else hatte einem jungen Reger den groͤßten Theil der untern Kinnlade nebst den Kronen- und Knopffortsaͤtzen, ausgenommen die Spitzen der- selben, herausgezogen, und an dem vordern Theil blieb blos derjenige Bogen, der das Kinn ausmacht, zu- ruͤck. Dem ohngeachtet konnte dieser junge Mensch, nach der Erzeugung des neuen Knochens, an welchen sich sich die bewegenden Muskeln dieser Kinnlade wieder angeschlossen hatten, das Kauen ohne große Schwie- rigkeit verrichten. Chopart fuͤhrt sogar einen Fall an, wo sich ein Schulterblatt wieder erzeugt hat. Franz Chopart von dem trocknen Brande ( Necrosis ) der Knochen, in Sammlung auserlesener Abhandlungen fuͤr praktische Aerzte. 6ter B. S. 199. Man sehe auch Troja de novorum ossium regeneratione experimenta. Paris 1771 . und andere Neuere, die uͤber die Wiedererzeugung verlor- ner Theile geschrieben haben. Raspar Trendelenburg erzaͤhlt den Fall eines wie- dererzeugten Schulterknochens, der aber ungestaltet blieb, weil der andere durch den Krebs angefressene Knochen zu lange nicht losgieng, und den Knochen- saft verhinderte eine gerade Richtung anzunehmen. Abhandlungen der schwedischen Aerzte. 1 Thl. S. 155. Van Swieten erzaͤhlt einen aͤhnlichen Fall aus den actis Edemburgensibus . Comment, in Hermanni Boerhaave Apho. T. I. §. 530. 543. Ueberhaupt sind derglei- chen Beyspiele bey weitem nicht so selten, wie sie seyn muͤßten, wenn dieses Vermoͤgen mit den hoͤhern Faͤhigkeiten geradezu in umgekehrtem Verhaͤltniß stuͤn- de. — Man hat diesen Erstattungstrieb durch Kunst- griffe verstaͤrken, und wo er zu thaͤtig ist, unterdruͤcken gelernt. Alles dieses leistet die Natur auch an den Ge- waͤchsen. Wird eine Stelle des Stammes von der Rinde entbloͤßet, so bildet sich am Rande der uͤbrigen Rinde ein Wulst, der mit regelmaͤßigen Gefaͤßen durchwachsen ist, so wie die alte Rinde Nahrung zu- fuͤhrte, und genaͤhrt wird. Dieser Wulst breitet sich von allen Seiten immer mehr nach dem Mittelpunkt der entbloͤßten Stelle aus, bis er uͤberall zusammen- laͤuft, wo dann die Gefaͤse zusammenwachsen, in sich eingreifen, in gemeinschaftliche Verbindung treten, und so die Stelle, wie die Haut den Rumpf des ver- stuͤmmelten Arms, uͤberziehen. Die Knoten, die Gallen haben alle eine, theils nach dem besondern Reiz des Insektenstiches, theils nach der Gewaͤchsart eigne, regelmaͤßige Gestalt, worinn sich Gefaͤße netz- foͤrmig ausbreiten, welche ihnen Nahrung und Wachs- thum verschaffen. §. 37. In Ruͤcksicht der Reizbarkeit, der Einsaugung, der ruͤckgaͤngigen Bewegung, und der Krank- heiten. Daß die Pflanzen reizbar sind, und eine Art von Gefuͤhl haben, zeigen sehr verschiedene Erschei- nungen: Das Fuͤhlkraut ( Mimosa sensitiva ), die Fliegenklappe ( Dionœa Muscicapa ), die Staubfaͤden des Weinschaͤdlings ( Berberis ), das Entfalten und Zusammenlegen der Blaͤtter und Bluͤthen, das Nei- gen der Aeste, die Ausduͤnstnng der riechbaren Thei- le zu gewissen Zeiten, so z. B. sind die Bluͤthen der Wunderblume ( Mirabilis ) bey heißer Witterung den ganzen Tag uͤber geschlossen, und oͤffnen sich erst et- wan um vier Uhr, wenn die Sonne bald untergehen will. Bey uns haͤngt ihre Oeffnung groͤßtentheils von der Witterung ab, indem sie bey truͤber Witterung, oder wenn die Sonne nicht recht stark scheinet, oft ei- einen grossen Theil des Tags uͤber offen sind. Lueder Botanisch, praktische Lustgartnerey. Die Nachtviole ( Hesperis tristis ) und der traurige Storch- schnabel ( Geranium triste ) verbreiten nur nach Sonnen- untergang ihren angenehmen Nelkengeruch; dieß sind lau- ter Beweise einer sehr merklichen Empfaͤnglichkeit aͤuße- rer Einwirkungen. Es ist eine alltaͤgliche Erfahrung bey den Gaͤrtnern, daß diejenigen Pflanzen, welche man, wenn sie sehr erwaͤrmt sind, mit frischem Wasser be- gießet, in ihrem Wachsthum alsogleich aufgehalten werden, verbutten. Die meisten Gewaͤchse sehnen sich nach freyer Luft; sie neigen sich in Zimmern, in Treibhaͤusern und vor den Fenstern immer nach der lichtesten Gegend, und dringen durch Loͤcher und Ri- tze durch; andere senken sich nach dem Wasser oder der Erde, wie dieses uͤberhaupt alle Wurzeln zu thun pflegen. Stehen sie in einer eingeschlossenen Waͤrme, oder zwischen andern dichten Gewaͤchsen, so steigen sie, obschon sie von keiner Seite beruͤhrt werden, gerade in die Hoͤhe; ihre Glieder und Zweige werden viel laͤnger; der ganze Wuchs wird schlank und rankicht, aber zugleich biegsamer, bleicher, grasartiger, und sie tragen nur matte oder keine Fruͤchten, da sie sich in einem freyen Stande mit Wucher ausgebreitet, mit dauerbarem Holze und vollkommenen Fruͤchten besetzt haͤtten. Werden sie in diesem zaͤrtlichen Zustande gaͤhlings der freyen Luft und dem Sonnenlichte ausge- setzt, so lassen sie die Blaͤtter sinken, und sterben an einer Art von Eintroͤcknung und Faͤulung. Sehen wir nicht die naͤmliche Wirkung von einerley Ursache bey bey unsern eingekerkerten Stadtmaͤdchen, bey den traurigen fahlgelben Gesichtern der Bergleute u. s. w.? — Windende Gewaͤchse bewegen sich sehr deutlich nach Gegenstaͤnden, an denen sie sich hinauf winden koͤn- nen; sie geben aber bey weitem nicht in allen Stuͤ- cken der Willkuͤhr des Gaͤrtners nach, sondern sie um- schlingen ihre Stuͤze nach einer ihnen angebohrnen Richtung, wie z. B. die Bohnen von der Rechten zu der Linken. Diejenigen, so sich vermittelst ausge- schickter Faͤden, die man Zirrhen nennt, anzuklam- mern pflegen, kraͤuseln dieselben nicht ehe, als bis sie einen Zweig, ein Reisig damit ergriffen haben, und an diese schließen sie ihre Windungen so genau an, als es immer die Ringelraupe mit ihren Eyern thun kann. Die Ranken des Epheu lassen nur dann eine Wurzel ausgehen, wenn sich eine schickliche Stelle zu ihrer Einsenkung und Nahrung findet u. s. w. Sind dieses nicht auch Kunsttriebe? — Daß die Pflanzen besonders bey Tage die Stick- luft einsaugen, und nach Verschiedenheit des Lichtes und des Schattens eine mehr oder weniger reine Luft ausduͤnsten, so wie dieses auch bey Thieren durch die Haut und Lungen geschieht, ist aus so vielen Versu- chen der Neuern sattsam bekannt. Darwin hat gezeigt, daß das Aufstoßen, das leichte Wegbrechen einiger Maͤulervoll Speisen oder eines scharfen Wassers, das Erbrechen beym Menschen, das Wiederkaͤuen des Rindviehes, welches auch bey Menschen ist beobachtet worden, die Darmgicht, der hysterische Krampf im Halse oder die sogenannte hy- sterische sterische Kugel, das hysterische Wuͤrgen, die hysteri- sche Krankheit selbst, die Wasserscheue, der lympha- tische Katarrh, Eckel, lymphatische Durchfaͤlle, lym- phatische Speichelfluͤsse, die Harnruhr, die Milchruhr, das Murren der Daͤrme und gewisse Schweiße z. B. die lymphatischen Schweiße, oder der Schweiß bey Eng- bruͤstigen, das Erroͤthen bey der Schaam, vielleicht auch die Haͤmorrhoiden, das Blutbrechen, das Herz- klopfen ruͤckgaͤngige Bewegungen sind Nachricht von den umgekehrten oder ruͤckwaͤrts wirken- den Bewegungen der einsaugenden Gefaͤße des Koͤrpers in einigen Krankheiten. Sammlung auserlesener Ab- handlungen zum Gebrauche praktischer Aerzte 6 B. S. 254 331. Daß auch bey den Pflanzen solche Ruͤckgaͤnge statt haben, hat Perault an einem Aste gezeigt, der sich in zwey theil- te, den er vom Baume abschnitt, und den einen Zweig umgekehrt ins Wasser steckte; er bemerkte dann, daß die an dem andern Zweige befindlichen Blaͤtter weit laͤnger gruͤn blieben, als bey einem andern Zweige des naͤmlichen Baumes, welchen man nicht ins Wasser steckte. Die Zweige von Weiden u. d. gl. wurzeln von selbst so in die Erde, daß ihre natuͤrliche Richtung ganz verkehrt ist, und dem ungeachtet wachsen sie leb- haft fort. Dieses kann man alle Tage durch abge- schnittene und umgekehrt in die Erde gesteckte Weidenaͤste bestaͤttigen; sogar die in die Hoͤhe gerichteten Wurzeln treiben Blaͤtter und Zweige. Hales fand durch viele Versuche, daß der Saft in den Pflanzen waͤhrend den waͤrmern Stunden des Tags aufsteige, und waͤhrend den den kaͤltern der Nacht zum Theil wieder hinabsteige Gegen den Winter, sagen die Gaͤrtner, treten die Saͤfte. zuruͤck, und die Baͤume und krautartigen Gewaͤchse, an denen dieses gar nicht oder zu spaͤt geschieht, wenn es nicht eigentliche Wintergewaͤchse sind, stehen wegen des Frostes in grosser Gefahr. Wir werden in der Folge sehen, was fuͤr einen Einfluß auf den Menschen Tag und Nacht und die verschiedenen Stunden derselben haben. Selbst in den Krankheiten der Pflanzen weicht die Natur wesentlich nicht so sehr von dem Verfahren ab, welches sie bey den Thieren beobachtet. Wir ha- ben schon oben gesehen, wie sie die Wunde der abge- rissenen Rinde heilt; allein macht man einer Pflanze um die Zeit, wo ihre Saͤfte lebhaft in Bewegung sind, eine betraͤchtliche Verwundung, so verblutet sie sich, wird matt, unfruchtbar oder dorret gar aus, wie man dieses bey Reben, bey den angebohrten und nicht wieder vernagelten Birken beobachtet: Nicht an- derst wird die Raupe, der man ihr Gespinst zu oft zerstoͤrt, endlich zu sehr entkraͤftet, unvermoͤgend sich einzuspinnen, um die Begattung abzuwarten. Ist der Baum krank, so wird seine Rinde matt, raudig, rei- set auf, so daß man sie gegen den Stamm zu abziehen kann. Ist er innerlich hohl, zerrissen, so entstehen auf der Rinde kleine weiße oder rothe Flecken, worauf Faͤulniß folgt. Diese aͤußert sich an jungen Baͤumen durch Mose und Schwaͤmme, welche die Rinde uͤberziehen. Ist der Baum schon von innerlicher Faͤulniß er- griffen, so aͤußern sich krebsartige Schaͤden am Stam- me, Narben in den Aesten, verfaulte und zum Theil ver- verdeckte Knoten, und die Saͤfte laufen aus. Haͤu- fige Beulen, hoͤlzerne Auswuͤchse, Wuͤlste und Her- vorragungen in Form der Stricke, nach dem Lauf der Holzfiebern, bedeuten eine Hoͤhlung oder innere Kluft. Wenn die Blaͤtter bleich sind, und fruͤhe abfallen, so zeigt dieses eine Ungesundheit oder flache Lage der Wurzeln an. u. s. w. Sieht man hier nicht uͤberall Aehnlichkeiten mit den Gebrechen der Thiere? Be- weise einer bald erschoͤpften, ohnmaͤchtigen, bald un- ordentlich sich bestrebenden, kaͤmpfenden, bald unter- liegenden oder ganz unthaͤtigen Natur! §. 38. In Ruͤcksicht des Baues, der Verbreitsamkeit, des Himmelsstrichs und des Standorts. Die meisten haben sich bisher den Mechanis- mus der Pflanzen gar zu einfach vorgestellt. Die un- endliche Verschiedenheit in der Gestalt und dem Ge- schmacke der Fruͤchte, der Bau der Blaͤtter und des herrlichsten Schauspieles in der Natur, ihrer Bluͤthen, die Wirkungen derselben auf die Thiere, ihre unzaͤh- ligen Arten von Ausduͤftungen u. s. w. sind in meinen Augen eben so viele unbegreifliche kunstvolle Erschei- nungen, welche man vielleicht nur darum weniger be- wundert, weil man hier nicht so wie bey den Zellen der Bienen die Wirkung und die wirkende Ursache ge- trennt antrifft. Man betrachte eine Zink- oder Wis- muth kristallisation, die sich im Feuer, und die Kri- stallisation des gemeinen Kuchensalzes, die sich im Wasser bildet, und dann sage man, wo mehr Kunst seye, seye, in diesen Kristallen oder in den Zellen der Bie- ne und dem Gewebe der Spinne? — Der Pflanzen ihre Kunsttriebe und Kunstfertigkeiten sind ihrer Be- stimmung gemaͤß allermeist auf ihr Erhaltung, ihre Befruchtung, und ihre Fortpflanzung eingeschraͤnkt; und diesen Zweck betreiben sie so innig, so unaufhalt- sam, so unablaͤßlich, als ihn kaum ein anders Ge- schoͤpf betreibt. — Uibrigens ist es gewiß, daß nicht sowohl die Kunst als die Thaͤtigkeit des Pflanzenreichs undeutlicher in unsere Sinne faͤllt; der Pflanzen Leben ist still, ruhig, und scheint uns traͤge; ihr Kreislauf wird nicht durch Wallungen und Fieber sichtbar; ihre Reizbarkeit ist schwach. — Was die Natur beym Thiere, wenn es verwundet ist, in vierzehen Tagen ausrichtet, dazu bedarf sie bey den Pflanzen nicht sel- ten mehrerer Jahre. Was ist dieses aber anders, als Stufen, welche sie hienieden beym Menschen ange- fangen, und in der scheinbarsten Unthaͤtigkeit des Son- nenstaͤubchens geendiget hat? Auch bey den Pflanzen ist in Ruͤcksicht der Ver- breitsamkeit die naͤmliche Maaßregel fuͤr das Wohl des Menschengeschlechts beobachtet worden, wie bey den Thieren. Die Klasse der Graͤser, die vornehm- ste Nahrung der Menschen und der meisten von Pflanzengewaͤchsen lebenden Thiere, kommen in allen Theilen der Welt vor andern fort. In kalten und gemaͤßigten Zonen gedeihen fuͤr den Menschen alle un- sere bekannten Getraidarten, als Roggen, Gerste, Weizen, Hirse, die vom noͤrdlichen Afrika an, bis an das suͤdliche Schweden gebauet werden. In den hei- heisen Erdstrichen Reis, tuͤrkischer Weizen, der noch bey uns recht gut fortkoͤmmt; der Sorghosaamen, ( Holcus sorghum ) das zweyfaͤrbige Honiggras, ( Holcus bicolor ) und das Abysinische Rispengras ( Poa abyssini- ca ) welches nach Bruce den Abyssiniern zur Speise dient. Der Dattelbaum, der Kokosbaum finden sich in allen Laͤndern von dem noͤrdlichen Afrika an bis zu dem gemaͤßigten Himmelsstrich suͤdlicher Breite, selbst die Inseln nicht ausgenommen. Sie dienen den Men- schen in allen Gegenden, wo es an Getraidarten fehlt, zur Hauptnahrung, und ihre Blaͤtter, Rinde, Holz werden bey ihnen zu mancherley haͤußlichem Ge- brauche benutzet, z. B. zu Daͤchern, Stricken, Se- geltuͤchern, Trinkbechern. — Von dem allerverbrei- testen schwarzen Nachtschatten ( Solanum nigrum ) ist zwar der verhaͤltnißmaͤßige Nutzen noch nicht bekannt. Wenn aber die Absicht dieser Allgemeinheit an unsern Kartoffeln ( Solanum esculentum ) noch nicht erfuͤllt ist, so wird sie einstens noch erfuͤllt werden, so wie wir es von dem eben so allgemein verbreiteten Eisen uͤberzeugt sind. Vom Einfluße des Himmelsstrichs auf die Pflan- zen habe ich oben schon einige Thatsachen mit einge- schalten. Ich will hier die Uibereinstimmung mit den Thieren auch von dieser Seite umstaͤndlicher zeigen, woraus wieder die Erhabenheit des Menschen uͤber alle Erdengeschoͤpfe erhellen wird. Pflanzen, die in feuchter, fetter Erde, im Garten bey guter Wartung sehr hoch wachsen, große Blaͤtter machen, aber weniger Frucht tragen, blei- ben in trocknen, steinigten, besonders von rauhen Winden Winden durchstrichenen Gegenden klein, aber sie wer- den desto fruchtbarer. Dieses ist den Gaͤrtnern wohl bekannt, daher setzen sie die Blumen, an denen sie einen reichlichen Flor erwarten, in sehr kleine Geschir- re; aus dem naͤmlichen Erfahrungssatz sperren die Vo- gelsteller ihre Lock- und Singvoͤgel in sehr enge Kaͤfige ein. — Mannigfaltigkeit des Erdstriches und der Luft, die kuͤnstliche oder willkuͤhrliche Befruchtung verschiedener Arten und Gattungen machen Spielar- ten an Pflanzen, wie an Menschen und Thieren. Gewaͤchse, die in warmen Laͤndern zur Baumesgroͤsse wachsen, bleiben in kalten Laͤndern kleine Kruͤppel, und umgekehrt. — In Gegenden, wo durchaus die Na- tur am thaͤtigsten zu seyn scheint, wo es die groͤsten, muthvollsten Thiere giebt, wie z. B. in Afrika die Elephanten, Zebras, Rhinozeroten, Loͤwen, Tiger, Krokodille, Flußpferde, da sind auch die hoͤchsten Baͤume, die saftreichsten und nuͤzlichsten Fruͤchte, die wuͤrzhaftesten Pflanzschulen. Eben so theilt Asien seinen Reichthum zwischen Thieren und Pflanzen u. s. w. Die kleinsten Nationen sind die Eskimos, Groͤn- laͤnder, Lappen, Samojeden und Ostiaken; bey ihnen sind wenig Thiere, und nur kleine Pflanzen; das dort- hin gebrachte Rindvieh lebt kaum 5 Jahre; die Baͤu- me bleiben Stauden, die Birken, Weiden, und Er- len kriechen nur auf dem kalten Boden fort, und uͤber klafterhohe Stauden sieht man gar nicht. Der Fuchs ist viel kleiner, und der Hund wird stumm und so dumm, daß man kaum einen Baͤren damit hetzen kann. Gall I. Band. L Die Die Gewaͤchse gewoͤhnen sich nur nach und nach, wie Mensch und Vieh, an einen fremden Himmels- strich. Pflanzen, die in den suͤdlichen Welttheilen ge- wachsen, nach Europa gebracht werden, reifen das er- ste Jahr spaͤter, weil sie noch, wie Herder sagt, die Sonne ihres Klima erwarten; den folgenden Som- mer allmaͤhlig geschwinder, weil sich schon ihre ganze Beschaffenheit nach den Eindruͤcken von Außen zu rich- ten angefangen hat. In der kuͤnstlichen Waͤrme der Treibhaͤuser halten sie noch die Zeit ihres Vaterlandes nach fuͤnfzig Jahren. Die Pflanzen vom Cap bluͤhen im Winter, weil alsdann in ihrem Vaterlande Som- mer ist. Die Wunderblume bluͤht groͤstentheils nur Nachts, vermuthlich, weil dann in Amerika, ihrem Vaterlande, Tageszeit ist. Eben so hielt der ameri- kanische Baͤr, den Linne beschrieben, in Schweden die amerikanische Tag und Nachtzeit. Er schlief von Mitternacht bis zu Mittag, und spazierte von Mit- tag bis zur Mitternacht; mit seinen uͤbrigen Instink- ten hielt er sich ebenfalls an das Zeitmaaß seines Va- terlandes. — Wer sieht nicht uͤberall die durchschei- nende Aehnlichkeit zu den Thieren und dem Men- schen? §. 39. Folgerungen aus den angefuͤhrten Vergleichen. Also haben auch die Pflanzen einen organischen Koͤrper; sie haben ein Leben und einen Kreislauf, wodurch Nahrung, Wachsthum, Ab- und Ausson- derung und allerley Zubereitungen bewirkt werden; sie befruchten befruchten sich und pflanzen sich fort; in ihren Thei- len herrschet Einstimmung unter sich und mit dem Ganzen; sie werden durch Eindruͤcke von Außen verschieden veraͤndert; sie sind mancherley Verderbnis- sen ausgesetzt; und haben sie den Zweck der Schoͤ- pfung erfuͤllen geholfen, so sterben sie ab, und wer- den, wie Vieh und Mensch, in ihre Elemente aufge- loͤset. Hier aber giebt es keine Seele und kein See- lenorgan, kein dunkles und kein klares Bewustseyn, kein Vorhersehungsvermoͤgen, keine innere Empfin- dung seiner Natur und seiner Kraͤfte u. s. w. — Was ist denn nun die U rsache aller Erscheinun- gen bey der Pflanze, dem Thiere und dem Menschen? Was dreht so unaufhoͤrlich das Rad so vieler Kraͤfte und Thaͤtigkeiten? — — Die Antwort liegt in der Uibersicht alles dessen, was bis daher ist gesagt wor- den: Was die Welten in ihren Kreisen erhaͤlt, die Meere zwischen ihre Ufer draͤngt, Sturm, Erdbeben und Uiberschwemmung hervorbringt, Gebirge in Feu- erheerde verwandelt, den Wechsel der Jahrszeiten, die Verschiedenheit der Himmelsstriche bewirkt, und so das Ganze erhaͤllt: Das hat bei einem andern Baue die Saͤfte in Roͤhren eingeschlossen, bewirkt die Ab- sonderungen und Ausleerungen, die Stufen des Al- ters, die Verschiedenheit der Geschlechter, die Entste- hung der Krankheiten und den Tausch des Lebens mit dem Tode. Was die Fluͤsse in Duͤnste und ihre ur- spruͤngliche Bestandtheile aufloͤset, und ein andermal L 2 wieder wieder die herrlichsten, sternfoͤrmigen Schneekrystallen daraus bildet: Das zerstoͤrt auch den Zusammenhang der Pflanzen und der Thiere, und bildet wieder Kei- me fuͤr kuͤnftige Weesen. Es war dem Schoͤpfer nicht schwerer, eine Kraft zu stiften, nach welcher Gefaͤße und Eingeweide, als nach welcher Schneeflo- cken und Krystallen gebildet werden musten. Die naͤm- liche Kraft, welche den Samenstaub der Tulpe zu den Samenkoͤrnern in die Huͤlse fuͤhrt, bewirkt auch die Befruchtung des weiblichen Eyes durch den Samen des Mannes. Was die Knospen am Zweige bildet, und ihnen ein vom Stamme bald abhaͤngiges, bald unabhaͤngiges Leben giebt: Das ist auch das Geheim- niß in der wunderbaren Geschichte des Polips und des Bandwurmes. Was die Theile in der Eichel geord- net hat, und sie zum ungeheuren Baum entwickelt: Das ordnet sie auch in dem Ey der Milbe und des Menschen, und foͤrdert beyde zu ihrer vorgeschriebe- nen Groͤße. Was den reifen Apfel vom Baume ab- loͤset, das hat auch die Stunde der Geburten bestimmt. — Die Quelle tritt aus, die Rebe thraͤnet, das Maͤdchen blutet aus dem Schooße: Wer zeigt mir ver- schiedene Gesetze? Der nahe Winter faͤllt das Laub vom Zweige, und das herannahende Alter schwaͤcht den Kreislauf im Menschen. Wie die Schwalbe nach Senegalen und die Schlange in die Hoͤhle gerufen werden: So sehnt sich der Mensch in den Jahren der Mannbarkeit nach dem Liebesgenuß, im Gallfieber nach kaltem Wasser und im Faulfieber nach Eßig. Was den Hoͤcker uͤber den Bruch des Astes bildet, das Propf- Propfreiß mit dem Stamm vereinigt: Das bildet die Beinnarbe uͤber den Beinbruch, und heilet die Wunden bey Vieh und Mensch. Der Insektenstich erzeugt den Gallapfel: Und das Feuer und die Aezmittel heben die Oberhaut in eine Blase auf. Der tode Zweig doͤrret aus, faͤllt vom Stamme, und der gegenuͤberstehende nimmt an Staͤrke und Groͤße zu aus dem naͤmlichen Grunde, warum der durch den Brand zerstoͤrte Theil vom gesunden abgeloͤset, und der Verlust eines Sinnes durch die Staͤrke und Verfeinerung der uͤbrigen ersetzt wird. — Ein allgemeines Gesetz, eine einzige Kraft um- faßet die ganze Natur. Dadurch findet jedes einzelne Wesen eine eigne fuͤr sein Daseyn abgemessene Kraft theils in sich selbst, theils in den Dingen, welche mit ihm in wechselseitige Verbindung gesetzt sind. So vertoben die Winde, der Marmor verwittert, die Eiche modert, der Stoͤr geht ein, und der Mensch stirbt. “Es war nur eine Kraft, die die glaͤnzende Sonne schuf, und mein Staubkorn an ihr erhaͤlt; nur eine Kraft, die eine Milchstraße von Sonnen sich vielleicht um den Sirius bewegen laͤßt, und die in Gesetzen der Schwere auf meinen Erdkoͤrper wirkt.„ Herder S. 6 I Thl. Vier- Vierter Abschnitt . Von dem wechselseitigen Einfluß der See- le und des Koͤrpers. §. 40. Anwendung der bisherigen Untersuchungen auf die verschiedenen Verrichtungen der Men- schen. N achdem wir nun den Menschen in Verbindung mit der uͤbrigen Natur betrachtet haben, so hoffe ich, werden wir im Stande seyn, uͤber die wechselseitige Einwirkung der Seele in den Koͤrper, und des Koͤr- pers in die Seele ein richtiges Urtheil zu faͤllen, und so einen angemessenen Begriff von seiner Natur zu erhalten. Vor allem muͤssen wir die Erscheinungen des le- bendigen menschlichen Koͤrpers gehoͤrig unterscheiden. Einige sind zum Leben schlechterdings unentbehrlich, und heißen Lebensverrichtungen, Lebenshand- lungen ; z. B. die Wirkung des Herzens, der Schlag- adern, die Verrichtung des Gehirns, und im gebor- nen Menschen das Athmen. Andere heißen natürliche : Daher gehoͤren die Verrichtungen des Magens, der Gedaͤrme, der Eingeweide, des Unterleibs, zum Theil auch das Athmen, sofern die Luft einen Theil der thierischen Nahrung ausmacht. Endlich die Seelen- ver- verrichtungen , auch thierische Verrichtungen wel- che naͤmlich der Seele ausschließungsweise eigen sind; als: das Gedaͤchtniß, die Einbildungskraft, der Ver- stand, der Wille, die Wirkungen der aͤußern und innern Sinne, die Leidenschaften, die Bewegung der willkuͤhrlichen Muskeln. Sie stehen alle in naher Verbindung unterein- ander, so, daß die natuͤrlichen Verrichtungen nicht leicht ohne die Lebensverrichtungen, und diese nicht leicht ohne jene bestehen koͤnnen. Hoͤren das Herz und das Gehirn auf, zu wirken, so hat es mit der Dauung, Ausarbeitung und Vertheilung der Speisen ein Ende; und Hirn und Herz verlieren allmaͤhlich ihre Wirksam- keit, wenn die Verrichtungen der Ingeweide, die Ab- und Aussonderungen u. s. w. gestoͤrt oder gehemmt sind. So, wie die Seele von Seiten der natuͤrlichen und der Lebensverrichtungen zufaͤlligen Veraͤnderungen unterworfen ist, so sind es auch diese von Seiten der Seelenhandlungen. Es giebt dennoch Faͤlle, wo nur einzelne Verrichtungen in Unordnung gebracht zu seyn scheinen; obschon hoͤchst wahrscheinlich nur selten nicht in dem feinsten Gewebe der Eingeweide grosse Ver- aͤnderungen statt haben, z. B. bey einigen Arten von Verruͤckten scheint nur die innere Organisation des Gehirns in Unordnung zu seyn, die sich in den natuͤr- lichen und Lebensverrichtungen sonst gar nicht aͤußert. Der uͤbrige Koͤrper scheint manchmal nicht im gering- sten krank; er ist nicht nur nicht matt, sondern ge- woͤhnlich weit staͤrker und dauerhafter, als bey voͤlli- ger Gesundheit. Rasende haben weit mehr Staͤrke; sie sie ertragen Kaͤlte, Hunger, Hitze, Wachen, schlech- te sonst nicht genießbare Speisen bis zum Erstaunen. Da in dieser Krankheit derjenige Theil angegriffen wird, der den meisten Nerven, oder in gewissem Verstand allen Nerven Unterstuͤzung giebt; da dieser Theil sogar manchmal ganz verdorben wird, so sollte man schließen, der ganze Koͤrper muͤsse in eine voll- kommene Entkraͤftung versinken. In einem Ochsen, der mehrmal die Stricke abriß, fand man ein ver- trocknetes Gehirn. Dergleichen Beyspiele sind von Menschen gar nicht selten. Wenn man nun die in den zwey vorgenomme- nen Vergleichen angefuͤhrten Erscheinungen mustert, so wird man, nur wenige bey den Thieren ausgenom- men, finden, daß sie alle die natuͤrlichen und Lebens- verrichtungen betreffen. — Ich behaupte also gerade zu, daß die Seele darauf weder einen allzeitigen, noch wesentlichen Einfluß habe; daß sie daher we- fentlich nichts zum Kreislauf, zur Verdauung, Nah- rung, zum Wachsthum, zu den Ab- und Aussonde- rungen, nichts zum Bau der festen und nichts zur Mischung der fluͤßigen Theile, nichts zum Zeugungs- geschaͤft, zum Athemholen, zu den Verrichtungen der Eingeweide, Einsaugung, Hunger, Durst, nichts wesentliches zur Herstellung der Gesundheit beytra- gen. Sondern 〟die beste Verwahrung des Lebens und der Gesundheit ist in den vielfaͤltigen bewegenden Kraͤf- ten des lebenden Koͤrpers zu suchen, die sich vorzuͤg- lich dann erst, wenn sie von schaͤdlichen Dingen an- gegriffen werden, zu aͤußern pflegen. Darauf gruͤnden sich sich die Kraͤfte (wodurch der Koͤrper ernaͤhrt, wieder- hergestellt, die Nahrungsmittel veraͤndert und ver- aͤhnlicht werden u. d. gl.) Davon entstehen die eigen- maͤchtigen, vielfaͤltig zwar unordentlichen, aber auch hoͤchst zutraͤglichen und zum heilsamen Zweck abzielen- den Bewegungen, die weder von dem Befehl noch Bewußtseyn der Seele abhaͤngen, sogar oͤfters wider Willen erfolgen, und also derselben nicht beygelegt werden koͤnnen.〟 Hier: David Gaubius Anfangsgruͤnde der Medizinischen Krankheitslehre §. 640 man vergleiche damit §. 51. 99 105. 643. 647. 648. 649. obs c hon Gaubius selbst der Stahlischen Hypothess nicht abgeneigt ist. “Die Natur, sagt Hippokrates , ist der Arzt der Krankheiten: die findet von Selbst ohne Uiberlegung, wie es anzugreifen sey. Zuweilen thut das Auge mit Blinzlen, zuweilen die Zunge ihre Dienste. Die Natur thut das noͤthige, ohne daß sie unterwiesen waͤre, oder es gelernt haͤtte. Entstehen nicht allerdings Thraͤnen, Nasenfeuchtigkeiten, Nie- sen, Ohrenschmalz, Speichel im Munde, Ein- und Aushauchen, Gaͤhnen, Husten, Schluchzen, auf eben die Weise? Desgleichen die Absoͤnderungen des Harns und Stuhlgangs, die Winde von oben und unten, die Nahrung und Ausduͤnstung, die weibliche Krank- heit, und im uͤbrigen Leibe der Schweiß, das Juken, das Recken, u. s. w.„ Deutliches Bewustseyn hat hier nach aller Ge- staͤndniß keines statt: — Und der Beweiß eines heim- lichen, dunklen, muͤste auf die Kenntniß des Weesens der Seele, ihrer Beschaffenheit, ihrer Eigenschaften, der der Art ihres Zusammenhangs mit dem Koͤrper ge- gruͤndet werden: Allein alles Bestreben in dieser Ruͤck- sicht war und bleibt ewig pur eitler Tand und Zeit- verlust fuͤr sich und seine Leser. — — §. 41. Es ist nach dem Sprachgebrauche zwar wahr, wenn die Seele vom Koͤrper geschieden ist, so ist auch das Triebwerk der natuͤrlichen und der Lebensverrich- tungen zerstoͤrt; alles Bestreben der Natur ist aus, und die Kunst vermag nichts mehr. Es bleibt nichts uͤbrig, als Aufloͤsung, Trennung, Zerstiebung der koͤrperlichen Bestandtheile nach den Gesetzen der Gaͤh- rung und der Faͤulniß. Indessen ist es aus den obi- gen Untersuchungen gewiß, daß das Daseyn der See- le mehr von der ungestoͤrten Anordnung und Uiberein- stimmung der koͤrperlichen Bestandtheile, als deren ihre ungestoͤrte Verrichtung von dem Daseyn der See- le abhange. Die Gottesgelehrten waren daher im- mer in Verlegenheit, den Zeitpunkt der eigentlichen Beseelung zu bestimmen; und die Aerzte sind noch nicht so weit gekommen, daß sie den Augenblick der Entseelung bestimmen koͤnnten. So lange die Orga- ne nicht zerstoͤrt sind, so lange noch einige Reizbarkeit uͤbrig ist: So lange ist die Belebung der Scheinto- den noch nicht unmoͤglich. Die Seele verlaͤst ihre Huͤlle nicht ehe, als bis ihr Daseyn durch die innere gaͤnzliche Zerruͤttung derselben unnuͤtz gemacht worden ist. — — — Es waͤre also passender, wenn man sich so ausdruͤckte: Der Körper ist hin, also ist die die Seele entwichen . Man muß freylich nicht al- lemal eine sichtbare Zerstoͤrung verlangen. Daher glaubte Reimarus , daß das Leben der Thiere erst mit der Empfindung anfange. “Das Athmen, sagt er, das Schlagen des Herzens, der Umlauf des Ge- bluͤts, die Verdauung, die Absoͤnderung der Saͤfte, und uͤberhaupt alle Handlungen, welche man Lebens- handlungen nennt, sind nicht so anzusehen, als ob in ihnen an sich das Leben bestuͤnde, sondern nur als sol- che, die das thierische Leben und die Seelenverrichtun- gen unterstuͤzen. Sie dienen dem Leben so, wie die Knochen dem Leibe, ohne welche die Nerven, Mus- keln, Fleisch, Adern, Gefaͤße und Glieder keinen Anhalt und Schutz haͤtten, noch ihr Amt verrichten koͤnnten. Da geht aber erst unser Leib, da geht al- so auch das Leben eigentlich an, wo die Empfindung anfaͤngt, wo wir anfangen zu fuͤhlen, und uns we- nigstens dunkel und undeutlich bewust zu werden. Aber wir wuͤrden nicht leben, noch durch unsere Werkzeuge der Sinne etwas empfinden koͤnnen, wenn das me- chanische Getriebe nicht den Grund dazu legte, und stets in vollem Gang waͤre.„ — Folgende Erfah- rungen bestaͤttigen alles dieses noch mehr. — Unzer erzaͤhlt, daß ein zerschnittener Ohr- wurm mit dem Obertheile das untere Theil meistens aufgefressen habe; Beverley , daß der abgehauene Kopf einer Klapperschlange, woran nur ein Daumen- breit vom Nacken saß, nicht allein zu beißen suchte, da ihm das Maul aufgebrochen war, sondern auch seine beweglichen Zaͤhne aufrichtete und Gift hervor- spruͤtzte. spruͤtzte. Ich selbst wurde von dem abgehauenen Kopf eines Aales, den ich gutmuͤthig in die Hand nahm, durch einen unversehenen Biß so uͤberrascht, daß ich ihn kaum mit aller Gewalt vom Finger schleudern konnte. Herr Lyonet riß eine Wespe von einander, und noch drey Tage hindurch biß das Vordertheil auf alles, was man ihm aus Maul hielt, und das Hintertheil streckte noch seinen Stachel hervor, wenn man es be- ruͤhrte. Ich sahe dieses sehr oft, als ich mich noch mit Insektensammlungen belustigte. Eine gekoͤpfte Wespe hatte sich in meinen Pantoffel verkrochen, und sie gab mir, als ich ihn Nachts anzog, einen lebhaf- ten Stich, obschon die Enthauptung Fruͤhmorgens vorgegangen war. Boyle berichtet, daß ein weib- licher Papilion, dem der Kopf abgerissen wurde, nicht allein die Paarung mit einem Maͤnnlein zugelassen, sondern auch nochmals Eyer gelegt habe. Eben dieses behauptet Gardiner von Froͤschen, daß sie noch, obschon ihnen der Kopf abgehauen wird, die Eyer zu befruchten fortfahren. Ridley erwaͤhnt des Ver- suches von einer Schildkroͤte, welche nach abgehaue- nem Kopfe, noch sechs Monate gelebt habe, und herum gewandert sey, ja, als man ihr Herz und Ein- geweide, nur die Lunge ausgenommen, aus dem Lei- be gerissen, habe sie noch sechs Stunden gelebt, und wenn man sie auf den Ruͤckenschild gelegt, sich noch durch Schwanken wieder herum zu werfen, und auf die Beine zu helfen gewust. Jeder kann sich mit ei- niger Geschicklichkeit besonders an warmen Tagen von dem Erfolg dieser Versuche an Raupen, Papilionen, Wespen Wespen, Ottern, Eydexen, Schlangen, Aalen, Schnecken, Schildkroͤten u. s. w. uͤberzeugen. Selbst die einfachen Theile des Menschen und der Thiere, wenn sie aus dem lebendigen Leibe herausgeschnitten sind, und das Thier schon voͤllig todt ist, zeigen noch fuͤr sich ihre mechanische Bewegung des wechselnden Zusammenziehens und Ausdehnens, als Herz, Mus- keln, Fiebern u. s. w. und wenn sie schon voͤllig zur Ruhe gekommen sind, so lassen sie sich durch einen neuen koͤrperlichen Reiz von Waͤrme, Luft, Wasser oder Stechen und Ritzen, Bespritzen mit Salz, Elek- trizitaͤt wieder in ihre ordentliche Bewegung setzen. Da sie nun dieses außer dem thierischen Koͤrper, oh- ne Seele, ohne Leben und Empfindung fuͤr sich durch blosse mechanische Kraft verrichten, so muͤssen sie es um so viel mehr im lebendigen Koͤrper, wo es an Reiz niemals fehlt, und wo die einstimmige Mit- und Gegenwirkung aller Theile behilflich ist, ohne jene vorgegebene Seelenthaͤtigkeit verrichten koͤnnen. Warum verliert die Seele alle Wirkung und Will- kuͤhr auf gelaͤhmte Theile? — Die menschlichen Mißgeburten, die ohne Kopf neun Monate in Mut- terleibe, und noch einige Zeit nach der Geburt gele- bet haben, obschon sie eine Abweichung sind, zeigen doch die deutlichsten Spuren gleichfoͤrmiger Einrichtung und eben der weisesten Regeln, nach welchen die ein- gepraͤgte an sich blinde Kraft wirken muste. Wenn man gegen so viele wichtige Gruͤnde be- haupten koͤnnte, daß alle Eigenschaften, die man bis- her einer besondern Substanz, der Seele, zuschrieb, nichts nichts als Folgen der thaͤtigen, auf unendlich ver- schiedene Weise zusammengesetzten, einstimmig unterein- ander wirkenden und gegenwirkenden Materie seyen; daß jedes Werkzeug, jedes Eingeweide, je nachdem seine Urstoffe und seine Zusammensetzung verschieden sind, seine eigene verschiedene Kraft, seine eigene Empfin- dung und sein eignes Leben habe, welche nur insofern von dem Zusammenhange aller Theile abhaͤngen, als dieser zur Unterstuͤtzung des Kreislaufes, zur Befoͤr- derung der Nahrung und der Absoͤnderung u. s. w. noͤ- thig ist: — Wenn man endlich behaupten koͤnnte, daß jede Art von Gefuͤhl und Empfindung, so, wie das Denken, wesentlich nichts als verschiedene Arten von Bewustseyn seyen; und folglich das Bewustseyn, jenes unbegreifliche Gefuͤhl des lebendigen Koͤrpers, aus Eigenschaften einfacher oder zusammengesetzter Koͤrper erklaͤrt werden koͤnnte — was aber ewig allen Weltweisen der Stein des Anstosses bleiben wird: — so waͤre dadurch allen Streitigkeiten dieser Art ein Ende gemacht. — Außer dem, was im zweyten Kapitel bei der Reizbarkeit vorkommen wird, will ich denjenigen, welche das Weesen der Seele zu zergliedern, und derselben einen Sitz anzuweisen wissen, folgendes aus dem philosophischen Arzte zur Beherzigung anempfohlen haben: “Man streitet auch dage- gen, hießet es, daß just das Denken als die Weesen- heit der Seele betrachtet wird. Ihr verwundert euch, sagen die Philosophen, uͤber das Vermoͤgen, zu den- ken, und ihr heißet es Seele. Ist das Empfinden, das Ge- Gefuͤhl in dem kleinsten Insekt nicht eben so wunder- bar, als das Vermoͤgen zu denken im Gehirn eines Newtons? Ist die Empfindung nicht eben sowohl ein unvergleichliches Kunststuͤck des Schoͤpfers? oder, wuͤrde Helvet sagen, ist Denken etwas anders, als Empfinden? Aus dem, daß alle empfindende Nerven zum Gehirne laufen, folgt eben so wenig, daß dort die denkende Seele wohne, als wenig man daraus er- weisen kann, daß sie im Herzen wohne, weil aus demselben der Ursprung aller Bewegung der Saͤfte koͤmmt. Der Magen ist gebaut zur Dauung, das Auge zum Sehen, das Ohr zum Hoͤren: gewisse Thei- le dienen zur Zeugung unseres Gleichens: das Herz ist bestimmt zur Bewegung des Blutes, und das Gehirn zum Denken: Gemuͤthskrankheiten fuͤhlt man in der Herzgrube. Warum habt ihr, sagen nun die Phi- losophen, euer dauendes, euer hoͤrendes, euer fuͤh- lendes Wesen nicht auch zur Seele gemacht? Kann euer denkendes Wesen dem Ohr, dem Magen, dem Herze gebieten? Wenn eure Seele, sagen sie weiter, das denkende Wesen ist: so sollte man glauben, daß sie in einem so eben abgehauenen Kopfe, der oft noch nach seiner Trennung vom Koͤrper in die Hoͤhe springt, mit den Lefzen plappert, wie ich es selber gesehen ha- be, und in welchem der Markbalke, der Ursprungs- ort der Nervenfasern, die Zirbeldruͤse, oder was man sonst zum Wohnsitze der Seele macht, noch lange un- veraͤndert bleibt, ungemein lebhaft denken muͤsse. — Wenn euer Kopf vom Koͤrper getrennt ist, so ist ver- muthlich euer Vermoͤgen zu Denken fort: Das Herz hat hat aber noch Gefuͤhl uud Reizbarkeit. Wenn die Muskelbewegungen Wirkungen der wollenden Seele sind, so erklaͤre man, wie es geschieht, daß wir bey einem gaͤhlingen Schrecken, bey einem Kanonenschus- se, in die Hoͤhe springen, alle Glieder bewegen, Din- ge ergreifen oder von uns werfen, ohne daß es die geringste Wirkung unseres Wollens war. Man hat vom Schrecken gaͤhlinge Proben unglaublicher Staͤrke gesehen. Eine schwache Weibsperson wies einen star- ken Bettler ab. Der Spitzbub ergriff seinen Dolch. Das Weibsbild pakte in außerordentlichem Schrecken den Kerl am Leibe, und trug ihn schwebend zur Thuͤr hinaus. Wir sehen einen Menschen von der Hoͤhe stuͤrzen; wir fuͤhlen den Fall gleichsam in allen Glie- dern, und springen herbey oder greifen nach ihm, oh- ne uͤberlegt zu haben, daß wir helfen wollen. Kann man dieses Wirkungen einer wollenden Seele heis- sen„? 1 Stuͤck S. 171—173. — — Isenflamm erzaͤhlt den Fall, wo das Herz durch das Brustbein mit dem Sucher (Son- de) beruͤhrt wurde; der Sucher wurde merklich zu- ruͤckgestossen, und der Kranke empfand eine sonderba- re Empfindung, die durch den ganzen Koͤrper drang, und wobey er augenblicklich, ohne was davon zu wis- sen, vom Stule aufsprang, und sich alsogleich wieder niedersetzte. Praktische Anmerkungen uͤber die Muskeln S. 82. §. 42. Uebrigens hat man allzeit zugegeben, daß un- ter gewissen Umstaͤnden die Seele einige Herrschaft uͤber uͤber einige der angefuͤhrten Verrichtungen haben koͤn- nen, und wirklich zuweilen haben; so z. B. steht es bey uns, langsamer, geschwinder, tiefer, abgebro- chen oder in langen Zuͤgen zu athmen; wir koͤnnen die Entleerung des Stuhls, des Harns, des Samens u. s. w. einige Zeit zuruͤckhalten oder beschleunigen; so koͤnnen wir auch mittelbar den Kreislauf der Saͤf- te, die Absoͤnderungen, die Eßlust, die Verdauung u. s. w. durch Ruhe, Bewegung, Anstrengung, Auf- heiterung u. d. gl. in Unordnung bringen. Eben dergleichen Erscheinungen bemerkt man auf Veranlassungen, deren Wirkung wahrscheinlich durch die Einwirkung der Seele erklaͤrt werden muß: wir gaͤhnen, wenn wir andere gaͤhnen sehen; wenn wir Hunger haben, so waͤssert uns der Mund vor einer angenehmen Speise; eckelhafte Begebenheiten reizen uns zum Erbrechen, oder es bemaͤchtigt sich unsrer ein erschuͤt- ternder, vorzuͤglich die Kehle, den Schlund und die Halsmuskeln einnehmender krampfhafter Schauer; beym Anblick der Venusreize, wenn sonst noch Lenden- kraft durch unsere Adern stroͤmt, durchfaͤhrt die Werk- zeuge der Zeugung ein warmer Kizel, wie ein elektri- scher Funke; der weibliche Schoos schwillt an und klopft bey Ansichtwerdung des staatlichen Priaps. Dennoch ist auch hier uͤberall die Seele so sehr an die Orga- nisation gebunden, daß ihre Begierden groͤßtentheils wider ihr Wissen und Zuthun von gewißen Sinnen vorzuͤglich oder am meisten rege gemacht werden. So z. B. scheint bey den Voͤgeln das Gesicht, bey den Saͤugthieren der Geruch, und beym Menschen das Galls I. Band. M Ge- Gefuͤhl das vornehmste Erweckungsmittel des Begat- tungstriebes zu seyn; obschon es, und zwar beym Men- schen auffallend gewiß ist, daß vorhergehende oder zur gleichen Zeit eintrettende Vorstellungen, Gewohnheit, Neuheit, willkuͤhrliche Ab- und Zuneigung, Einbil- dungskraft, Grundsaͤtze u. d. gl., uͤber alle sinnliche Eindruͤcke, so lange wir gesund sind, eine große Herr- schaft haben. Hingegen werden auch die Wirkungen der sinnlichen Eindruͤcke durch Erziehung, Alter, Ge- schlecht, durch den gegenwaͤrtigen Gesundheitsstand, durch Uebung u. d. gl. unendlich veraͤndert. Die bloßen Vorstellungen veranlassen nicht sel- ten eben so starke, ja staͤrkere Wirkungen, als der sinn- liche Eindruck. Wenn wir uns wegen Entdeckung ei- ner eignen oder fremden Unvollkommenheit schaͤmen, so kehrt sich die Bewegung des Blutes in den Blutadern um; wir erroͤthen mit einer empfindlichen Waͤrme uͤber das Gesicht, die Brust, zuweilen uͤber den gan- zen Koͤrper. Haben wir’s in der Vorstellung, z. B. beim Briefschreiben, mit einem Feinde zu thun, so stellen sich uns haͤufige Bilder in gedraͤngter Eile dar; alle willkuͤhrlichen Muskeln werden gespannt; wir drohen, ballen die Faͤuste, schlagen auf den Tisch, und druͤcken die Fuͤsse fest gegen den Boden an, oder springen wuͤthend vom Stuhle auf, stampfen, ergreif- fen ihn, wir beissen die Zaͤhne fest uͤbereinander, wer- fen die untere Lippe uͤber die obere empor, runzeln die Stirne; der ganze Leib, vorzuͤglich der Kopf gluͤht, ist hochroth, glaͤnzt, die Augen stehen starr unter den uͤbergeworfenen Augenbraunen und funkeln vor Feuer, die die Ausduͤnftung ist heftig vermehrt, der Athem schnau- bend u. s. w. Endlich freuen wir uns uͤber die so gut ausgefuͤhrte Rache, und fangen wieder mit verdop- peltem Eifer zu schreiben an. Andere Erscheinungen sowohl in Menschen als Thieren zeigen, daß der Mechanismus zuweilen zwar einer thaͤtigen Ursache bedarf, um in Bewegung gesetzt zu werden, aber dann ohne fernere Mitwirkung der Seele regelmaͤßig zu wirken fortfahre. Hat man z. B. einmal angefangen, nach einem bestimmten Orte zu gehen, so gelangt man dahin, obschon man waͤhrend der ganzen Zeit sein vorhaben nie wieder erneuert. Man singt Lieder, ohne an die Beugung der Toͤne zu denken; man spinnt und strickt, und ersinnt mittler- weile Raͤnke, den Liebhaber zu beguͤnstigen oder zu prellen. Es haben dieses einige als einen vortreflichen Beweis von dem Daseyn einer selbstthaͤtigen, wunder- baren, Gott aͤhnlichen Kraft, wie Marherr sich ausdruͤckt, angesehen. Was Gott aͤhnlich oder Gott nicht aͤhnlich sey, das weiß ich nicht; aber das weiß ich, daß diese Eigenschaft bey denjenigen Thieren de- sto uneingeschraͤnkter ist, je eingeschraͤnkter und un- edler die Eigenschaften der Seele sonst zu seyn pflegen. Die vorigen Beyspiele von Verstuͤmmelungen der Thie- re beweisen dieses offenbar. Abraham Kaau Bo- erhave erzaͤhlet, daß er einem schnell zu seinem Fut- ter eilenden Hahne, mitten im Laufe den Kopf abge- hauen; und dennoch seye der Rumpf noch 23 rhein- laͤndische Fuß gerades Weges weiter fortgelaufen, und wuͤrde vielleicht noch weiter gekommen seyn, wenn M 2 er er sich nicht von ungefaͤhr woran gestoßen; da er denn gefallen, und noch lange Fluͤgel und Fuͤsse bewegt hat. Weder Thier noch Mensch koͤnnen sich im schnel- len Laufe gaͤhlings anhalten, und nichts macht muͤder, als wenn man einen Menschen oder ein Thier oͤfters ohne Vorerinnerung, ohne daß sich der Mechanismus der Glieder darnach einrichten kann, gaͤhlings von ei- nem schon vorgefaßten Wege abfuͤhret. Der Wind- hund uͤbersetzt den Hasen, und der toͤdtlich verwunde- te Hase eilt noch einige Springe im schnellsten Laufe fort, bis er endlich uͤber und uͤber stuͤrzet. — Bey derley Erscheinungen muß man nie auf die Staͤrke der Gewohnheit und des festen Vorsatzes ver- gessen. Ich nehme mir vor, um eine gewisse Stun- de, an die ich doch sonst nicht gewoͤhnt bin, aufzu- wachen, und dieses geschieht; wie geht es aber zu, daß die Wirkung des Eindruckes sich erst so lange und gerade um die bestimmte Zeit nach dem geschehenen Eindruck aͤussert? So geschieht mir auch nicht selten, daß ich mich zu meinem Verdruße in einem ganz andern Hause sehe, als in welches ich im Begriffe war zu gehen, und dieses vorzuͤglich dann, wo ich einige Zeit zuvor in diesem Hause zu thun hatte. — Zehnmal bin ich einen Weg ohne neuen Vorsatz und ohne mich aufzuhalten fortgegangen. — Jetzt faͤllt mir ein, ich haͤtte noch was anders thun sollen; augenblicklich stehe ich stock still — bis mich ein neuer Entschluß wieder in Bewegung bringt. Die Erklaͤrung von dergleichen Faͤllen moͤgte allermeist einseitig werden, wenn man zu eingeschraͤnk- te te Begriffe von einem belebten Mechanismus, und besonders die oben aus dem philosophischen Arzte an- gefuͤhrte Stelle nicht vor Augen hat. Mehr scheinen sie mir nicht zu beweisen, als daß dergleichen Bewe- gungen nicht allzeit bloß mechanisch sind, sondern daß auch die Vorstellung und die Gemuͤthsbewegungen der Seele einen uns unerklaͤrbaren Einfluß in die mecha- nischen Triebe haben. Sie entschuldigen aber keines- wegs den Wahn, daß die Seele allein alle Bewegun- gen im Koͤrper, und selbst die Lebensverrichtungen betreibe. Diese gehen vielmehr ihren Gang, ohne unser Empfinden, Merken, Denken, Wissen oder Wollen, ja nur gar zu oft wieder unsern Willen un- ablaͤßlich fort, im tiefsten Schlafe, in der schwersten Ohnmacht, wenn wir vom Schlage oder von der Starrsucht gaͤnzlich ausser uns gesezt, wenn wir ein- faͤltig, kindisch, oder rasend sind. Das Vermoͤgen, lebhafte Bilder zu haben, haͤngt allein von der Organisation ab; aber die Aus- uͤbung dieses Vermoͤgens haͤngt in einigen Faͤllen bloß von der Organisation, in andern aber auch zum Theil von dem Willen ab. In hitzigen Krankheiten, in hypochondrischen Zufaͤllen u. s. w. entstehen die lebhaf- ten Phantasien einzig und allein von der Bewegung der Organe; aber in dem Enthusiasmus der Dichter in den Entzuͤckungen der Wahrsager, und den Eksta- sen der Quacker entstehen sie von der willkuͤhrlichen Anstrengnng der Organe durch die Seele. Eben so ist die Fertigkeit, gewisse Bilder vor andern lebhaft zu machen, gleichfalls eine Folge der Organisation, und und theils auch der Bemuͤhung der Seele: der er- stern in den Faͤllen, wo durch Krankheit, durch heftige Eindruͤcke auf die Sinne, und durch andere Ursachen gewisse Bilder der Seele so tief eingepraͤgt sind, daß sie bey allen Gelegenheiten leicht wieder erneuert werden koͤnnen; der letztern aber da, wo durch lange Beschaͤftigung gewisse Bilder von den uͤbri- gen an Lebhaftigkeit einen Vorzug gewonnen haben. In allen Faͤllen, wo die Organisation allein die Bil- der hervorbringt, haben wir auf ihre Lebhaftigkeit gar keine oder nur eine geringe Gewalt; gar keine in heftigen hitzigen Krankheiten und Verruͤckungen; sehr geringe in dem ersten Entstehen der hitzigen Krankhei- ten, in denjenigen Bildern, die durch starke Sensation der Seele tief eingedruͤckt sind. Weil die Erscheinungen von der wechselseitigen Einwirkung der Seele und des Koͤrpers dem Welt- weisen und dem Arzte gleich wichtig sind; aber auch jeden zu so manchem vorgreiflichen Trugschluß verlei- ten, so will ich die beyderseitige Herrschaft und Ab- haͤngigkeit, so wie sie einstweilen eingesehen werden, noch vollstaͤndiger darstellen. Tiedemann hat in sei- nen Untersuchungen uͤber den Menschen sehr viel Gu- tes daruͤber gesagt. Vom Vom Einfluß des Koͤrpers auf die Seele ins- besondere. §. 43. In der Kindheit ist der Koͤrper schwach, das Gehirn, die Knochen, die Nerven sind weich; alle Theile sind noch unausgebildet und roh; die Seele ist in diesem Alter zur Vernunft und zum Verstande un- faͤhig, ihr Denken ist Phantastren, ihr Schließen ist Radotiren, und ihre ganze Beschaͤfftigung traͤumen. Nach und nach bildet sich der Koͤrper aus; das Ge- hirn entwickelt sich; die Nerven bekommen Festigkeit und Staͤrke; die Seele folgt dieser Ausbildung Schritt vor Schritt nach; die Ideen werden figirt, Ueberle- gung und Nachdenken tritt an die Stelle der Phan- tasie, und Grundsaͤze an die Stelle der wilden Einfaͤl- le. Nach dem hoͤchsten Punkt seiner Staͤrke nimmt der Koͤrper wieder ab, das Gehirn wird entweder zu hart, oder verwandelt sich in eine waͤsserichte Mate- rie, die Nerven werden unempfindlich, und die Mus- keln steif; die Seele verliert eine Faͤhigkeit nach der andern; das Gedaͤchtniß nimmt ab; Affekten und Lei- denschaften verschwinden; der Verstand wird dunkel, und geht endlich in Albernheit uͤber. — — — Gigni pariter cum corpore \& una Crescere sentimns, pariterque senescere mentem. Nam velut infirmo pueri teneroque vagantur Corpore; sic animi sequitur sententia tenuis. Inde ubi robustis adolevit viribus ætas, Consilium quoque majus, \& accutior est animi vis. Post ubi jam validis quassatum est viribus ævi Cor- Eine Eine gewisse Gabe Belladona, ein wenig zu viel Wein, ein verdorbener Magen, in dem Unter- leibe zuruͤckgehaltene oder unordentlich bewegte Aus- wuͤrfe, machen aus dem verstaͤndigsten Mann den ausschweifendsten Thoren, aus dem Weltweisen einen Zoͤgling des Tollhauses, und aus dem sanften einen Wuͤtterich. — Haben wir unsern Koͤrper durch starke Arbeiten ermuͤdet, so sinkt auch die Seele in Unthaͤtig- keit, und der schaͤrfste Witz wird stumpf. Haben wir ihn durch lange Zeit nicht mit Nahrung gestaͤrkt: so sehen wir Erscheinungen, oder werden aus Hunger rasend; haben wir unser Blut durch Wachen, oder zu starke Bewegung uͤberhitzt, so nimmt uns ein fie- berhafter Wahnwitz allen Verstand. — Ohne Orga- nisation, ohne Sinneswerkzeuge hoͤrt die Seele nicht, sieht nicht, riecht nicht, u. s. w. Ein wenig zu viel Blut abgezapft nimmt alles Bewustseyn; ein paar Tropfen ausgetrettene Feuchtigkeit im Gehirne, eini- ge Gran Mohnsaft machen eine unuͤberwindliche Schlaf- sucht Corpus, \& obtusis ceciderunt viribus artus Claudicat ingenium, delirat linquaque, mensque, Omnia deficiunt, atque uno temporc desunt. Quin etiam morbis in corporis avius errat Sæpe animus, dementit enim, deliraque fatus, Ergo — — — Das Gemaͤlde ist allermeist richtig, aber die Folgerung in den folgenden Versen ist uͤbereilt. dissolvi quoque convenit omnem animai Naturam, ceu fumus in altas aeris auras: Quandoquidem gigni pariter, pariterque videmus Crescere, \& (ut docui) fimul ævo fessa fatiscit. Lucretius de rerum natura lib. III. v. 446. \& seqq. sucht und Dummheit. Die Anreizung koͤrperlicher Wollust, eine etwas starke sinnliche Empfindung, ei- ne koͤrperliche Gewohnheit, oder ein koͤrperliches Be- duͤrfniß uͤberwaͤltigen uns unwiderstehlich, zerstoͤren unsere Grundsaͤtze, und vernichten unsere Entschluͤsse. Temeritas omnis animoram, calamitate corporum fran- gitur: \& frigescunt impetus mentium, quos non expli- cant ministeria membrorum. Quintilian. Declamat. I. „Ein etwas schnellerer oder langsamerer Umlauf der Saͤfte, sagt Tissot Von der Onanie. , ein etwas dikeres oder duͤnne- res Blut, einige Loth Speise oder Getraͤnke weniger; ja sogar eine Quantitaͤt Speise von einer andern Spei- se; eine Tasse Kaffe, statt eines Glaͤschen Weins; ein etwas kuͤrzerer oder laͤngerer, ruhiger oder unru- higer Schlaf; ein Stuhlgang, der ein wenig staͤrker oder geringer abgeht; eine etwas staͤrkere oder gerin- gere Ausduͤnstung koͤnnen unsere Art und Weise, die Gegenstaͤnde zu sehen und zu beurtheilen, ganz und gar veraͤndern. Die in unserer Maschine vorgehenden Veraͤnderungen lassen uns von einer Stunde zur andern auf ganz verschiedene Art empfinden und denken, und schaffen in uns nach ihrem Belieben neue Grundsaͤtze von Lastern und von Tugenden.„ Der Koͤrperbau des Vaters erzeugt nicht selten einerley sittliches Betragen und einerley Denkart im Sohne. Wenn man em- pfinden, und mit gehoͤriger Deutlichkeit und Staͤrke empfinden soll: so muß das Gehirn seine gehoͤrige Be- schaffenheit haben; die jedesmahlige Beschaffenheit der empfindenden Nerven hat in die Deutlichkeit, die Staͤr- Staͤrke, die Schwaͤche der Empfindung Einfluß. Die Empfindungen richten sich nach der jedesmaligen Be- schaffenheit der Organe. Die Staͤrke der Wirkung des Gegenstandes, verbunden mit der Beschaffenheit des Mediums, welches diese Wirkung durchlaufen muß, verstaͤrkt oder schwaͤcht, verdunkelt oder klaͤrt die Empfindung auf. Erscheinungen hangen oft blos von der Orga- nisation ab, z. B. von einem Fehler im Sehnerve u. s. w. Verruͤckung haͤngt von verdorbener Organisa- tion des Gehirns oder mit ihm uͤbereinstimmender Thei- le ab; zum wenigsten ist die erste Quelle immer in der Organisation zu suchen, obschon sie auch durch andere Gemuͤthsaffekten durch Verderbung der Organisation erzeugt werden kann. Leichtigkeit des Gehirns, Zu- fluß von zu vielem Blute nach dem Gehirn, Reitz der Nerven durch Wuͤrmer oder sonst scharfe Theile, Schaͤrfe und Vereiterungen des Gehirns, fremde Koͤr- per im Gehirn, Unordnungen des Unterleibes u. s. w. sind die gewoͤhnlichen Ursachen. Die Einfaͤltigen, die in der Manie scharfsinnig denken, die Ungeuͤbten, die in der Raserey Verse machen, verrichten dieß einzig und allein dadurch, daß die inneren Organe in hefti- gerer Bewegung sind, als bey gesundem Zustande. In den gewoͤhnlichen Verrichtungen ist die Seele bloß Zuschauerin des Organenspiels; sie hat alle einzelne Ideen, und die Folge einzelner Ideen, nicht weil sie sie haben will, sondern weil die Bewegung der Orga- ne sie sie zu haben zwingt. Ob es Verruͤckungen giebt, in welchen die Seele einige Herrschaft uͤber die Orga- nisa- nisation ausuͤbt, das kann nur dann entschieden wer- den, wenn theils mehrere und bessere Beobachtungen gemacht, theils durch die eigne Nachricht der Ver- ruͤckten entschieden seyn wird, ob sie dabey nach Plan handeln, oder blos dem Strom der sich aufdringen- den Ideen folgen, wie es die oben von Van Helmont angefuͤhrten Beobachtungen unterdessen zu beweisen scheinen. Auch in der Wasserscheue ist die Seele schlech- terdings untergeordnet; die Kranken muͤssen gegen alles Bestreben des Willens und der bessern Einsicht speien, beißen, alle Fluͤßigkeiten und glaͤnzende Dinge unter den heftigsten Zuckungen verabscheuen. §. 44. Umgekehrt giebt es einen Zustand, wo der Kran- ke seinem innern Gefuͤhle nach ganz nach Plan und Willkuͤhr handelt, obschon er schlechterdings nicht an- derst handeln kann. Mein Freund Dopfer stund als Student im Rufe der Heiligkeit; deßwegen wurde er zu einem Maͤdchen gerufen, die auf einem Misthaufen unter mancherley Zuckungen die seltsamsten Geberden machte. Im Vertrauen auf seinen frommen Lebens- wandel gebot er ihr aufzustehen, und sie stund auf. Dieser Erfolg bestaͤttigte seinen Glauben an die Mit- wirkung einer hoͤhern Kraft. — Er gebot ihr daher verschiedene Dinge, die sie alle aufs schleunigste ver- richtete. — Nachdem er in spaͤtern Jahren diesen Wahn abgelegt hatte, sah er in einem Bauernorte ein Haͤfners-Maͤdchen mit bewunderungswuͤrdiger Be- hendigkeit uͤber die in die Sonne zum austrocknen hin- geleg- gelegten Toͤpfe weghuͤpfen, daß es ihm fast unbegreif- lich schien, wie geschickt sie die Fuͤsse in die kleinen Zwischenraͤume setzte. Das Volk belustigte sich an die- sem Schauspiele, und sie gehorchte ebenfalls jedem, der sie so oder anderst springen hieß. Man sagte ihm zwar, das Maͤdchen habe oͤfters solche Anfaͤlle. — Indessen hielt er die ganze Erscheinung fuͤr ein Spiel der Uibung und der Bosheit. In seinem zwey und zwanzigsten Jahr wurde er mit einem Nervenfaulfie- ber befallen. Die fuͤnf Tage, waͤhrend welchen alle Zufaͤlle am heftigsten waren, hatte er seinem melan- cholischen Temperamente zu Folge unablaͤßlich mit den theils erhabensten, theils sonderbarsten Vorstellungen zu thun. Er duͤnkte sich Gott Vater, und sprach im zu- sriedensten, gebietendsten Tone — sprengte die tuͤrkische Flotte aus den Tiefen des Meeres in die Luft u. d. gl. Weil er aber immer zu entlaufen suchte, und durch- aus keiner Baͤndigung faͤhig war, so gab man ihm einen herkulischen Sesseltraͤger zum Waͤrter; dieser wu- ste ihm so viel Kraft entgegen zu stellen, daß er von dessen Uibergewicht uͤberzeugt von Haß entbrannte, und Rache suchte. Er ergriff ein Messer vom Tische, und als ihm der Waͤrter Arzneyen reichte, stach er auf ihn; Allein dieser war auf seiner Hut, und rang ihm unbeschaͤdigt das Messer aus der Hand. — Sehr oft fieng er ganz graͤßlich an zu schreyen, sperrte die Au- gen und das Maul weit auf, so, daß wir alle glaub- ten, Tollheit und Bosheit haͤtten gleichviel Antheil daran. Er that dieses seinem Gefuͤhle nach mit so uneingeschraͤnkter Freyheit, daß er sich selbst wieder zu zu andern Augenblicken die bittersten Vorwuͤrfe mach- te, und alles blos fuͤr die Wirkung seines boshaften Willens hielt, was ihn aͤusserst betruͤbte. Er fuͤhlte so sehr die Gewalt, daß er selbst fuͤr seine Lunge be- sorget war. — Nach dem Bruche der Krankheit er- innerte er sich genau an alle Umstaͤnde, wuste uns das Geschrey nachzumachen, erkannte das Messer, und wies die Stellen, wo ich jedesmal die Recepten und seine Krankengeschichte schrieb, was ihm wegen dem Geraͤusche der Feder unausstehlich war. Jezt sah er aber deutlich ein, wie unwillkuͤhrlich er gehan- delt habe. Diese Erfahrung erklaͤrte ihm nun auch die Geschichten der zwey Maͤdchen. Er machte naͤm- lich den richtigen Schluß; daß es einen solchen kran- ken Seelenzustand gebe, in welchem der Kranke, bey aller unuͤberwindlichen Nothwendigkeit, so oder anderst zu handeln, dennoch ganz willkuͤhrlich zu han- deln glaubt. — Vielleicht liegt eine uͤberspannte Reitz- barkeit jener koͤrperlichen Theile zum Grunde, welche zunaͤchst auf die Bestimmung des Willens wirken. Ei- ne lebhafte Einbildungskraft, welche diesen Leuten gewoͤhnlich eigen ist; ein unumschraͤnkter Glaube an die Macht eines andern u. d. gl. muͤssen nothwendig die Beweglichkeit des Willens erhoͤhen. Diese Beo- bachtung koͤnnte etwas zur Rechtfertigung und Ent- schuldigung manches Selbstbetruges, wodurch nicht selten unwissende mit betaͤubt werden, beytragen, weswegen ich sie um so lieber hier angefuͤhrt habe. Die gewoͤhnlichen Stufen des Irreseyns bestaͤt- tigen diese Beobachtungen. In der ersten Stufe ist man man blos unruhig; man ist wider seinen Willen mit mancherley Gedanken beschaͤftigt, deren man sich, so sehr man auch dagegen strebt, nicht entschlagen kann. Verfaͤllt man in diesem Zeitpunkt in einen Schlum- mer, so hat man lebhaste Traͤume, worinn ganze Hand- lungen vorgehen. Man erwacht aber gewoͤhnlich bald wieder, und hat Muͤhe, den wachenden Zustand vom schlafenden zu unterscheiden. In einer etwas hoͤhern Stufe duͤnkt man sich mitten unter seinen Geschaͤften, unter Gesellschaften u. d. gl. zu seyn, und man bedarf schon einer, nicht von unserm Willen abhaͤngigen, son- dern blos durch Zufall veranlaßten und mit Anstren- gung fortgesetzten Reflexion, um diese Bilder fuͤr wah- re Phantasie zu halten. Aufmerksame Leute koͤnnen jetzt noch, gleichsam als bestuͤnden sie aus zwey ver- schiedenen denkenden Wesen, den Gang der irrenden Phantasie beobachten. Es ist dieses das naͤmliche, jetzt nur wirksamere und kennbarere Ding, was ei- nige ihren Genius zu nennen pflegten, und seinen Sitz im Hinterhaupte zu haben scheint; was ganz unwill- kuͤhrlich in uns denket, und in unbegreiflicher Schnel- ligkeit dem reflektirenden Vermoͤgen der Seele die Ge- danken vorhaͤllt; was uns Gluͤck und Ungluͤck vorstellt; aufmuntert und abmahnet, und den Verliebten, den Furchtsamen, den Gewissenhaften, den Lottospieler so mannigfaltig hintergeht; was die Mutter der Dicht- kunst und der Schwaͤrmerey ist; was zuverlaͤßig etwas ganz anders seyn muß, als die reflektirende Seelen- kraft, und folglich aller Untersuchung der Weltweisen wuͤrdig waͤre, weil auf dessen schnellerem oder lang- sa- samerm, ordentlicherm oder verwirrterm Gange, groͤßern oder geringern Fruchtbarkeit, das schnellere oder lang- samere, gluͤcklichere oder ungluͤcklichere Denken groͤß- tentheils beruht. — Von diesem Ding erkennt der Ir- rende noch das unzusammenhaͤngende und drollichte Ge- mengsel: Aber auf einer hoͤhern Stufe geht das Reflexionsvermoͤgen vollends verloren. — Das Ir- reseyn ist jezt unser Ich , und der Unterschied zwischen Wahrheit und Taͤuschung kann schlechterdings nimmer eingesehen werden, weil das Unwillkuͤhrliche dieses Zustandes auf keine Weise mehr erkannt werden kann. §. 45. Vom Einfluß der Seele auf den Koͤrper ins- besondere. Hingegen ist es auch wahr, daß der iedesmali- ge Zustand der Seele, je nachdem sie schon mit an- dern sinnlichen oder intellectuellen Ideen beschaͤftigt, oder in eine Art von Entzuͤckung hingerissen ist, die jedesmaligen Empfindungen verstaͤrke, oder schwaͤche, verdunkle, ersticke, verfaͤlsche oder aufhelle. Ein sehr schwacher Eindruck bringt oft heftige, und ein sehr starker Eindruck sehr schwache Bewegungen des Willens hervor. Heftige Schmerzen, Schlaͤge, und die groͤsten Martern, die bis zur Zerstoͤrung der sinn- lichen Werkzeuge heftig sind, bringen in einem ei- gensinnigen Kinde und in einem gefangenen Irrokeese entgegengesetzte Bewegungen des Willens, Singen, Hohnsprechen, Trotz hervor. — Die Bewegungen des Herzens und des Blutes werden von angenehmen Em- Empfindungen, Erinnerungen, Sehnsucht, Leiden- schaften gar verschiedentlich beschleunigt, verzoͤgert, oder sonst auf eine Art gestoͤrt, wovon nicht selten schwere Krankheiten oder der unmittelbare Tod die Folge ist. Eben diese Dinge wirken auf die Bewe- gung des Magens, der Eingeweide: Manche Vorstel- lungen bringen auch im Zwergfell, und zwar jede ih- re eigene Empfindung hervor; eine laͤcherliche Idee kizelt; eine Idee von Unanstaͤndigkeit, Beleidigung sticht, oder erregt sonst gegen den Ruͤckgrad zu ein laͤstiges, beunruhigendes Zusammenschnuͤren: Der aͤu- ßerst gepreßte, marternde Zustand der Brust um die Gegend des Zwergfells bis an den Schlund bey der Eiferfucht wird wohl beynahe Jedem bekannt seyn. Die Leidenschaften sind eine ziemlich allgemei- ne Ursache von Krankheiten, und ich kenne keine, die nicht z. B. mehr oder weniger auf die Brust wirkt, so, daß wir bald seufzen, bald stark, schwach und bald beaͤngstigt oder freyer athmen muͤssen. — “Jeder Schmerz, sagt Gardiner , hat, wenn er ploͤtz- lich und unerwartet entsteht, gefaͤhrliche Folgen, und wirkt heftiger, als wenn er bey gleichen Graden sei- ner intensiven Groͤße, langsam und allmaͤhlig erregt wird. Im letzten Falle werden wir gleichsam zum Widerstand aufgefodert und vorbereitet.„ Untersuchungen uͤber die thierischen Koͤrper S. 47. Isen- flamm behauptet, daß die nach dem Willen der See- le angestrengten Muskeln nicht so abreissen, wie die- jenigen, in welchen wirklich keine Einwirkung der See- le le statt hat. Einem Toden riß er die Muskeln leicht quer ab. Ein Arbeiter ließ sich an einem Finger 600 Schuhe hoch ziehen. Einem andern schnellte eine zwar schnellere aber viel geringere Kraft unvermuthet an zwey Handmuskeln die Fiebern quer ab. Ein Fischer verfehlte das Land im Sprunge; statt des Wadenmus- kels sprang bey der heftigen Anstrengung die Archilles- flechse ab. Eben dieses widerfuhr einem Taͤnzer. Praktische Anmerkungen uͤber die Muskeln S. 168—171. Die Heiterkeit und Zufriedenheit des Gemuͤthes haben vielen Einfluß auf die Gesundheit und Munter- keit des Koͤrpers, ja auf ein langes Leben: So, wie das Verderben des Gemuͤthes der Gesundheit und dem Leben gefaͤhrlich wird, geringe Wiederwaͤrtigkeiten vergroͤßert, und durch Verzweiflung endlich die Ent- schließung des Selbstmordes zuziehen kann. — Das Irreseyn der Kranken ist ohne Zweifel das Resultat sowohl verdorbener Sinneswerkzeuge, als der Wirk- samkeit der Seele selbst. Solche Leute gehen meistens von einer Idee aus, die sie entweder zuvor lange be- schaͤftigt, oder sehr geruͤhrt hatte. Auf sie beziehen sie alles, und alles muß mit ihr in eine Verbindung gebracht werden. Dadurch entsteht in der Seele des Kranken ein eigne Welt: Er verbindet nicht nach dem Eindruck der Sensationen, sondern alles nach der herrschenden Idee, worunter sich die Sensationen dun- kel vermischen. Die Frau, deren Geschichte im zweyten Kapitel bey den leidenschaftlichen Krankheiten vorkoͤmmt, hatte zuvor wechselweise, heftige entgegengesetzte Ge- muͤths- Gall I. Band. N muͤthserschuͤtterungen; sie war schon lange ihrem Man- ne aͤußerst abgeneigt, und entdeckte in jedem unsanften Betragen die hoͤchsten Beleidigungen. Indessen war sie bey einer ausgezeichneten Empfindsamkeit auf ro- mantische Weise einem andern zugethan: Bey der geringsten Bewegung, die sie um ihr Bette bemerkte, obschon der verhaßte Mann nicht einmal im Hause war, schrie sie mit voller Wuth auf: Bist schon wie- der da, du Teufel du! und fluchte ihm unter gewalt- samen Ausdruͤcken. Kaum hatte dieses einige Au- genblicke gedauert, so wandt sie sich gegen das Ge- maͤhlde ihres Guͤnstlings, lachte hell auf, sprach aͤu- ßerst freundlich und zuthaͤtig, murmelte endlich stille und geheimnißvoll etwas daher. — Da geschah bey dem so gedraͤngten Ideengang in einer Minute, was sonst etwan in einigen Stunden oder Tagen zu gesche- hen pflegte; aber doch genau nach dem vorigen See- lenzustande. Eine andere Frau, welche in sehr unzufriede- ner Ehe lebte, wurde wahnsinnig. Sie hatte oͤftere Anfaͤlle von Raserey, zerriß alle Kleidungsstuͤcke, und suchte alles, was ihr unter die Haͤnde kam, zu zer- stoͤren. Nachdem sie wiedergenesen war, konnte sie sich deutlich erinnern, daß sie immer glaubte, sie uͤbe ihre Wuth an ihrem Manne aus. Auch machte der Anfall jedesmal mit der lebhaften Erscheinung dessel- ben den Anfang. Ein hieher sehr merkwuͤrdiges, aber fuͤr eine andere Absicht noch merkwuͤrdigeres Beyspiel werde ich zu Ende des zweyten Theils Herrn Dopfer selbst erzaͤhlen lassen. Offenbar that hier die Seele jedes- jedesmal das ihrige bey der geringsten Veranlassung von Außen, oder auch in den innern Gehirnwerkzeu- gen. Sehr auffallend beweiset dieses die Hundswuth. Diese bedauernswuͤrdigen Elenden, da sie beym Anblick einer Fluͤssigkeit so unerhoͤrte Leiden auszustehen ha- ben, und bey der unseeligen Geistesgegenwart die Ur- sache und all das Grauenvolle ihres Zustandes erken- nen, versetzen endlich ihre Einbildungskraft in eine so reizbare Lage, daß jeder auch geringste glaͤnzende Koͤr- per, so gar jeder sich ihnen naͤhrende Mensch die un- ausstehliche Vorstellung von Wasser aufs lebhafteste rege macht. Sie glauben den Hund, von dem sie ge- bissen worden sind, zu sehen, wie er auf sie losgeht, sie anfaͤllt und verwundet; was nur immer einigen Glanz hat, wird von ihrer Vorstellungsart in einen Hund verwandelt; sie springen schreckvoll zuruͤck, lau- fen davon, und bitten die Umstehenden dringend um Beystand und Rettung. Bey der ruhigsten Stille hoͤren sie das Geheul des Hundes, und sie fuͤhlen ihren Untergang so lebhaft, daß sie bey der geringsten Be- wegung glauben, das Haus stuͤrze uͤber sie ein. Anton 2 St. de Stærk præcep. Medice Practica T. II. p. 14. Alle koͤrperlichen Hindernissen wirken im kran- ken Zustande gerade so, wie etwan im Traume. Sie erregen Vorstellungen und Gefuͤhle, die wir bey aͤhn- lichen Hindernissen im gesunden und wachenden Zu- stande zu haben pflegen. Beynahe alle Kranken, die man gewaltthaͤtig im Bette zuruͤckhaͤlt, die man bin- det und guͤrtet, martern sich mit den angstvollesten N 2 Vor- Vorstellungen von Moͤrdern, Raͤubern Gefaͤngnissen ꝛc. Nach langem fruchtlosem und ermattendem Bestreben, ihre Freyheit zu erhalten, nehmen sie ihre Zuflucht zur Verstellung, werden sanftmuͤthig, flehen ihre besten Freunde sehnlichst um Befreyung. — Dieser gewalt- same Seelenzustand, nebst den schreckvollen Vorstel- lungen, und das heftige Bestreben des Koͤrpers muͤs- sen nothwendig vieles zur Verschlimmerung der Krank- heit beytragen; man sollte also nur in ganz unver- meidlichen Faͤllen zu diesem Verfahren schreiten Die Aerzte begnuͤgen sich in diesen Faͤllen mit den allgemeinen Ausdruͤcken: Der Kranke sprach irre, rasete u. s w. Aber ich lobe die Philosophen, wel- che sich uͤber die Seltenheit solcher genau aufgezeichne- ten Geschichten beschweren. Den Nutzen fuͤr die See- lenkenntniß sollte doch ein Arzt einsehen — und daß eine genauere, puͤnktliche Beobachtung auf die Art und den Gang des Irreseyns auch in Ruͤcksicht der Heil- art gar nicht gleichguͤltig seye, werde ich in der Fol- ge, oͤfters zu zeigen, Gelegenheit haben. Sonderbar, und vielleicht mehr aus den Ge- setzen der Gewohnheit und der Fertigkeiten, als aus einer thaͤtigen Einwirkung der Seele erklaͤrbar, sind jene Geistesverirrungen, wobey der Mensch nur uͤber diejenigen Dinge, die er vorzuͤglich betrieben hat, richtig zu urtheilen im Stande ist. Ein Arzt, der sich vorzuͤglich auf die Scheide- kunst verlegte, wurde wahnsinnig, und er bethete un- aufhoͤrlich. So oft man ihm von einem Gegenstand aus der Scheidekunst sprach, gab er die vernuͤnftig- sten sten Belehrungen. Eine Goldstickerin war ebenfalls wahnsinnig: sprach man ihr aber von einer Weste, so wuste sie genau die erforderliche Menge Goldes und das Maaß des Zeuges zu bestimmen. “Herr L. lag an einem Rieselfieber darnieder und hatte die Hirnwuth; er war anhaltend verwirrt und hatte oͤftere Zuckun- gen und Kraͤmpfe. Da er sich ganz der Dichtkunst widmete, und wirklich selbst ein guter Dichter war, so kam er jedesmal zu sich, wenn einer von den Umste- henden den Klopstock nannte, und blieb so lange voll- kommen bey Sinnen, als man ihm von den Werken dieses erhabnen Dichters sprach. Sobald man davon aufhoͤrte, war er wieder himmelweit verwirret; man durfte aber nur wieder den naͤmlichen Gegenstand be- ruͤhren, um ihn jedesmal zu sich zu bringen. Stoll Ratio Medendi Pars III p. 242. Von entgegengesetzter Art sind die Verruͤckun- gen, wo der Kranke von allen Dingen richtig urthei- let, und nur in jenen Begriffen irrig ist, die ihn zu sehr beschaͤftigt haben. Vielleicht sind in diesem Fal- le gerade nur die bey diesen Vorstellungen in Thaͤtig- keit gesetzten Theile des Gehirns in einem zu reizba- ren, oder zu sehr erschlafften Zustande. — Und im andern Falle ist die allgemeine Zerruͤttung nicht maͤch- tig genug, um die schon so sehr gelaͤufige und bestimm- te Bewegung gewisser Theile zu hindern. Die meisten Weltweisen finden zwar die Meinung laͤcherlich, daß die verschiedenen Seelenfaͤhigkeiten und Vorstellungen i n verschiedenen Stellen des Gehirns ihren Sitz haben. Wenn Wenn dieses aber laͤcherlich ist, so ist es auch laͤcherlich, daß die verschiedenen Sinne an verschiedenen Stellen des Koͤrpers angebracht sind; daß wir in jedem Thei- le auf eine andere Art empfinden; daß der Schoͤpfer das Denkwerkzeug, eben so wenig, als die Werkzeu- ge der Empfindungen, auf einen einzigen Punkt zu- sammengedraͤngt hat: denn Sehen und Hoͤren sind eben so gut Seelenfaͤhigkeiten, als es die verschiedenen Vor- stellungsarten sind. — Warum will man nur diesen ver- schiedene Werkzeuge oder Stellen streitig machen. Ist es laͤcherlich, daß der Geist durch Abwechslung der Vorstellungen ausruhen kann? Daß sowohl die aͤu- ßern als innern Werkzeuge zum Theile in vollkomme- ner Ruhe, und zum Theile in die groͤste Thaͤtigkeit versezt seyn koͤnnen, wie es in den Traͤumen, im Ir- reseyn, und bey Nachtwandlern der Fall ist? Daß bey einzelnen Verletzungen des Gehirns, auch einzel- ne Faͤhigkeiten und einzelne Vorstellungen zerruͤttet; hingegen bey Hebung einzelner Hindernisse, einzelne Faͤhigkeiten und Vorstellungen wieder erstattet werden? Wenn alles dieses laͤcherlich ist, so ist es auch laͤcher- lich, daß uͤberhaupt eine im Verhaͤltniß der Nerven und des Koͤrpers groͤßere Gehirnmaße den Wirkungs- kreis des Denkens erweitere, so wie die Verrichtun- gen der Lungen durch eine weitere Brusthoͤle beguͤn- stigt werden; so ist es ferner laͤcherlich, daß verschiede- ne Menschen, die zu den verschiedenen Beduͤrfnissen des menschlichen Lebens erforderlichen verschiedene n Anlagen nicht durch Uebung und Erziehung erhalten, sondern urspruͤnglich von Mutterleibe aus mitbringen, wie wie z. B. der Redner, der Dichter, der Tonkuͤnstler, der Mechaniker, der Feldherr, der Spoͤttler, der Selbstdenker und der Nachahmer ꝛc. ohne urspruͤngliche Anlage bey allem Fleiße nur elende Stuͤmper bleiben; und daß die verschiedene Form des Gehirns, bey ge- hoͤriger Behutsamkeit, schon diese verschiedenen Faͤhig- keiten eben so sicher verraͤtht, als man von einer gros- sen mit hervorstehenden Nervenwarzen besetzten Zunge auf eine gute Eßlust, und von weitaufgesperrten Nasen- loͤchern auf einen scharfen Geruch schließet. Hieraus ist auch zum Theil erklaͤrbar, warum die Seelenkraͤfte nicht in gleichem Verhaͤltniß mit dem Koͤrper verfallen. So uͤberwand der alte Entall den jungen Dares; Plato studirte bis in sein 81tes Jahr immerfort; Sophokles schrieb noch im hoͤchsten Alter Trauerspiele; Kato fuͤhlte in seinem 80ten Jahr noch keinen Lebensuͤberdruß; Isokrates schrieb in seinem 94ten Jahre sein Panathenaicum; Ximenes uͤber- nahm im 80ten Jahre die Regentschaft von Spanien; Fleury saß im 90ten am Staatsruder von Frankreich; der große Orangzeb commandirte noch nach seinem hundertsten Jahr im Lager; und den Helden Loudon verließ seine richtige Durchschauungskraft auch im ho- hen Alter nicht. “Sie wirkte bey Belgrad noch eben so entschieden, wie dreysig Jahre fruͤher bey Dommstaͤdtl.„ Loudons Lebensgeschichte von Joh. Pezzl. 1791. Unstreitig muß man in aͤhnlichen Faͤllen vieles der Ausbildung der Seelenkraͤfte zu- schreiben. §. 46. §. 46. Eben diejenigen, vielleicht nicht einmal allzeit schwaͤchern Veraͤnderungen des Koͤrpers, welche aus den wirklichen Eindruͤcken der Gegenstaͤnde auf die Sinne entstehen, werden auch durch die bloße Ein- bildung dieser Gegenstaͤnde erregt. Ein Mann ver- langte von seinem Arzte gewisse Pillen, um sich von seinen Magenschmerzen zu befreyen. Andere und zu dieser Absicht bequemere Mittel wollte er durchaus nicht nehmen. Der Arzt stellte sich also, als ob er ihm willfahren wollte. Er machte aus frischem Bro- de Pillen, uͤberguͤldete sie, und gab sie ihm. Den andern Tag kam der Kranke gesund wieder, und ruͤhm- te die Pillen außerordentlich, sie haͤtten ihm Oeff- nung und auch Erbrechen verursacht. — Swieten erzaͤhlt von einem, welcher einigemal eine eckelhafte Laxanz eingenommen hatte. Dieser bekam bey Er- blickung des Geschirres, woraus er sie getrunken hat- te, einen Schauder mit Eckel und wirklichem Abwei- chen. In meinen zehnten Jahre muste ich einmal eine mir hoͤchst widrige Arzney nehmen; alle Jahre kam ich auf 14 Tage an diesen Ort, und noch nach dem 8ten Jahre konnte ich nie auf den dritten Ort gehen, ohne Maul und Nase von der verwuͤnschten Arzney voll zu haben. Der Geruch eines bloßen Holzdekokts macht mir augenblicklich Kneipen im Leibe — denke ich mir aber dabey: es ist nichts als Holz, so kann ich den Dampf ohne alle Folge lange Zeit einziehen. — Eine Frau, welche lange am viertaͤgigen Fieber gele- gelegen hatte, faßte den Entschluß, ihr Fieber einem grossen, an einer Landstraße liegenden Steine zu uͤber- machen. Sie schrieb an den Stein einen hoͤflichen Brief, schickte einen Boten damit ab, der nach Ver- meldung ihres Grußes den Stein um die Ueberneh- mung des Fiebers ersuchen sollte. Der Bote laß dem Stein den Brief vor, und knuͤpfte ein zierliches Band um den Stein. Und das Fieber blieb aus. — Eine Magd einer vornehmen am Fieber krank liegenden Frau versprach fuͤr einen Groschen ihr Fieber anzu- nehmen, und bekam es wirklich, die Frau aber wur- de gesund. So genesen auch die Kranken von Recep- ten, vom Vertrauen, welches so oft die Pralereyen der Afteraͤrzte zu Wunderwerken macht. Daher ge- hoͤren Worte, zauberische Karaktere, Segenspruͤche, Beschwoͤrungen, Wunderwerke, Geluͤbde. — Ein junges gesundes Frauenzimmer hatte sich in den Kopf gesetzt, daß sie nach ihren ersten Wochen sterben wuͤr- de, weil ihrer Mutter eben dieses widerfahren war. Sie bekam kurz darauf, da sie sich doch sonst ganz wohl befand, epileptische Zufaͤlle, und starb, ohne daß man eine andere Ursache davon, als blos die Einbildung finden konnte. — Eine andere Frauens- person wollte einer Bettlerinn kein Allmosen geben: Ihr sollt in sechs Monaten sterben, sagte die Bettle- rin, und sie starb wirklich aus Furcht zu sterben. — Derjenige, welcher seine Beine fuͤr strohern hielt, wurde durch Schrecken, um sich von verstellten Raͤu- bern zu retten, hergestellt. — Ein anderer, dessen Nase seiner Meinung nach einem Elephanrenruͤßel glich, wurde wurde dadurch hergestellt, daß man ihm eine kleine Wunde am Kopf machte, und dabey versicherte, man habe den Ruͤssel abgeschnitten. — Ein junger Rechts- gelehrter in Paris, der darum sein Wasser nicht las- sen wollte, weil er die ganze Stadt zu uͤberschwem- men befuͤrchtete, wurde damit geheilt, daß man ihm eilends berichtete, es waͤre in der Stadt ein solcher Brand entstanden, der durch keine menschliche Hilfe geloͤscht werden koͤnnte. Aus Patriotismus oͤffnete er seine Quelle, und genaß. Geistersehen u. d. gl. haͤngt ebenfalls oft von verdorbener Einbildungskraft ab. — Die Geschichte der Nachtwandler laͤßt sich nicht, zum wenigsten nicht in allen Faͤllen aus dem bloßen Mechanismus erklaͤ- ren. Man weis, was die Anhaͤnger der Hypothe- sen aus dergleichen Beobachtungen fuͤr Folgerungen gezogen haben. — Ich stelle sie hier als bloße Er- scheinungen dar, und folgere nichts anders, als daß man dasjenige thaͤtige Wesen, was sich seiner in uns bewust ist, was in uns hoͤrt, fuͤhlt, sieht und denkt u. s. w. naͤmlich die Seele, nicht von der Natur des Menschen ausschließen koͤnne. “Der Arzt, sagt Kloekhof , der bey uͤbernommener Heilung der Gei- steskrankheiten auf einen gluͤcklichen Erfolg seiner Be- muͤhungen rechnen will, muß die Kraͤfte und gleich- sam die geheimsten Triebfedern der beyden Naturen, deren innige Vereinigung den Menschen darstellt, so- viel, als das eingeschraͤnkte Maaß des menschlichen Geistes verstattet, kennen, und dieser Kenntniß ge- maͤß maͤß, gehoͤrig zu lenken wissen. Denn der Arzt, der seine Bestrebungen auf den Geist allein richtet, weiß die gegebenen Vorschriften nicht zu rechter Zeit anzu- wenden, und sieht auch nicht ein, wieviel das schwa- che Gehirn auszuhalten vermag. Und derjenige, wel- cher auf den Koͤrper allein Ruͤcksicht nimmt, weiß den Geist nicht so vorzubereiten, daß die auf den Koͤrper gerichtete Kur alsdann gluͤcklich von statten gehen kann.„ Um sich von dieser Wahrheit ganz zu uͤberzeugen, und uͤber die Folgen dieser Verbindung zu belehren, lese man Hippocrates de aere aquis et locis. — Die vortreffliche Ab- handlung des Galenns: quod animi mores corporis tempe- ramenta sequantur. — Mede c i n e de l’esprit von Le Camus \&c. \&c. \&c. Was ist nun also die Natur des Menschen? — Und was ist der Grund ihrer Thaͤtigkeit? Nicht die Seele; nicht der Bau der festen, oder die Mischung der fluͤssigen Theile, weder ihre wechselseitige Einwirkung; nicht die Entwicklung; nicht die Kraft der Elemente, des elektrischen oder des magnetischen Stroms, der Licht und Feuermaterie, u. s. w. nicht Verwandtschaft, Einsaugung, Ausduͤn- stung, Verdickung, Verduͤnnung, Faͤulniß, Gaͤh- rung, Haargefaͤße, Reizbarkeit; nicht belebter Or- ganismus oder sonst ein einziges Etwas; nicht einmal der Inbegriff seiner wesentlichen Leibes und Gemuͤths- kraͤfte: Son- Sondern alles dieses haͤngt unzertrennbar zu- sammen; unter alles dieses sind alle jene Kraͤfte aus- getheilt, innigst untereinander verwebt, wodurch der Mensch Bildung und Leben erhaͤlt, wodurch er geboh- ren wird, waͤchst, empfindet, handelt und denkt, er- kranket und geneset, abnimmt und stirbt. — Und al- les dieses zusammen ist die Natur des Menschen . Zwey- Zweytes Kapitel . Vom Heilvermoͤgen der Natur und der Kunst. Medicinæ leges Naturæ legibus debent esse eonsentaneæ E t felix Medicatio. cui adjutrix Natura succurrit; Irrita vero, quæ repugnante Natura tentatur. Fernelius. Zweytes Kapitel . Vom Heilvermoͤgen der Natur und der Kunst. §. 1. I n diesem Kapitel halte ich mich unmittelbar an den Menschen, in wiefern er der Gegenstand des Arz- tes ist. Das Heilvermoͤgen der menschlichen Na- tur und der Kunst; die unentbehrlichsten Erfor- dernisse zur Wirksamkeit der Natur; und eini- ge der wichtigsten Hilfsmitteln der Natur und der Kunst erforschen, durch Beyspiele erlaͤutern, und dem Geiste der Leser tief einpraͤgen: — Dieses ists, was ich zu unternehmen wage, und einigermassen aus- zufuͤhren wuͤnsche. Die Erkenntniß dieser Dinge verdient die Auf- merksamkeit des Weltweisen und des Arztes; auf ihr beruht der ganze Umfang der Heilkunde; ohne sie kann der groͤßte Arzt keinen Menschen gesund erhal- ten, und keinen Kranken heilen. Wer die Kraͤfte der Natur kennt, und zu brauchen weiß, der ist in der Kunst vollkommen. Dem diese aber unbekannt sind; der nicht mit ihren Hilfsmitteln und Absichten, mit mit dem Zustande ihres Unvermoͤgens vertraut ist der kann die Natur weder nachahmen, leiten, unter- stuͤtzen, noch ungestoͤrt wirken lassen. Er wird bey jedem Schritte zu fruchtlosen, unzulaͤnglichen, vorei- ligen, gewaltsamen, ungluͤcklichen und jederzeit un- vernuͤnftigen Heilarten verfuͤhrt; er kann keine ande- re, als irrige Begriffe von dem Ursprung und der Natur der Krankheiten, von ihren Zufaͤllen, ihrer Gefahr und von der Wirkung der Heilmittel haben. Der Gegenstand ist weit ausgreifend und sehr schwer. Deßwegen hoffe ich zwar aufmerksame, aber nachsichtige Leser. Erster Abschnitt . Vom Heilvermoͤgen der Natur. Eigenmaͤchtige Kuren der Natur, und Eroͤrte- rung derselben. §. 2. Die Schriftsteller haben unzaͤhlige Beyspiele von eigenmaͤchtigen Kuren der Natur, allermeist un- ter dem Titel sonderbarer Begebenheiten aufgezeichnet. Alle Arten von Ausschlaͤgen der Haut, von Geschwuͤren, Kraͤtze, Aussatz, juckende Blaͤtterchen auf den Reihen, der chronische Friesel erleichterten oder hoben die hypo- chondrischen Beschwerden, und wurden wechselseitig von von einem freywilligen Bauchfluß gehoben. Kaͤmpf hat Saͤuffer gesehen, welche eine Art Aussatzes etli- chemal von der Wassersucht, Schwindsucht, und an- dere, welche dergleichen Ausschlaͤge von der anfangen- den Melancholie befreyeten. Ein aͤhnliches Beyspiel erzaͤhlt Van Swieten . Sie kam aber wieder, so- bald die Geschwuͤre auszutrocknen anfiengen. Bauch- fluͤsse heilten oft die wichtigsten Krankheiten, welche von Anschoppungen der Baucheingeweide entstunden, als Kopf- und Brustschmerzen, Schwindel, allerley Vorboten des Schlages, die verdruͤßlichen Zufaͤlle der goldnen Ader und der Verdauung. Schmid sah nach der Auslerung eines wie Dinte schwarzen Har- nes eine heftige Hypochondrie jedesmal sehr erleich- tert. Die hysterischen Anfaͤlle der Frauenspersonen wurden nicht selten durch den Abgang eines solchen Urins gehoben. Sennert erzaͤhlt Beyspiele, wo ein schwarzer Harn von der hypochondrischen Kraͤze und andern hypochondrischen Zufaͤllen befreyte. Valerius bemerkte einen schwarzen Harn, der sich jaͤhrlich drey bis viermal mit einer starken Geschwulst der Milz und blauen Farbe des Koͤrpers zeigte, die aber nach haͤu- figem Abgang des Urins wieder verschwanden. Bey einem eingesperrten Bruch warf die Natur allzeit durch ein Erbrechen dasjenige heraus, was vor zwey, drey Tagen gegessen war, und das letzte blieb zuruͤck. Pli- nius erzaͤhlt von Vetusio Saturnino , daß er alle Jahre zu einer bestimmten Zeit ein Blutbrechen be- kam, und uͤber neunzig Jahr alt wurde. Schenk und Ettmüller fuͤhren mehrere dergleichen Beyspie- Gall I. Band. O le le an. Die schrecklichsten und gefaͤhrlichsten Zufaͤlle des Goldaderflußes hebt die Natur manchmal weit vollstaͤndiger durch die Entleerung einiger Tropfen Bluts, als der Arzt durch das Abzapfen mehrerer Pfunde. Die meisten geheilten Verstandesverruͤckungen sind durch einen willkuͤhrlichen Bauchfluß, einen Ausschlag, ein aufgefahrnes Geschwuͤr, ein hitziges Fieber u. d. gl. geheilt worden. Die Gefahr der stockenden Kind- betterreinigung wird durch haͤufige Stuͤhle, einen or- dentlichen Bauchfluß, durch Schweise, Blutfluͤsse aus dem After abgewendet. Blutharnen hob hitzige Fie- ber, Schmerzen der rechten Ribbenweichen, Seiten- stiche. Ein Rothlaufen hob sehr oft alle erdenklichen, innerlichen Beschwerden, Gliederreißen, langwierige Kolicken, Engbruͤstigkeit, Kopfschmerzen, allerley Fehler der Verdauung, Halsbraͤune, Ruhren, die fallende Sucht. Lanzisi sagt, er habe viele gekannt, die von oft wiederkehrendem Herzklopfen, welches von scharfer im Unterleibe erzeugter Feuchtigkeit entstand, durch den Abgang eines scharfen, schneidenden Harns gaͤnzlich befrey et worden sind. Von ploͤtzlichen und seltsamen Todesfaͤllen. Durch ein am Hin- tern entstandenes Geschwuͤr, oder ein heftiges Poda- gra, oder die Gelbsucht sah er ebenfalls ein toͤdliches Herzklopfen vergehen. Tissot sah mehrmal Skrofeln, Hals- und Backendruͤsengeschwuͤlste durch einen Spei- chelfluß heilen. Die uͤblen Folgen des Arseniks hat ein Rieselfieber weggeschaft. Die hartnaͤckigsten ve- nerischen Zufaͤlle heilet oder zerstoͤrt manchmal ein Faul- Faulsieber. Wassersuchten wurden manchmal durch einen waͤsserichten Ausfluß aus dem Nabel, den Fuß- knoͤcheln, durch waͤßerichte Stuͤhle, Speichelfluͤße, haͤu- fige Schweise gehoben. Hofmann sah heftige Zuckun- gen, die von Wuͤrmern verursacht wurden, durch ein Fieber; hypochrondrische Zufaͤlle durch alle Arten von Wechselfiebern; Wassersucht mit Herzklopfen und Zittern, ja selbst die Brustwassersucht durch einen haͤu- figen Ausfluß einer waͤßerichten Feuchtigkeit aus der Gebaͤrmutter vergehen. De opti m a naturæ morbi s medendi methode. Sogar Schlagfluͤße hat die Natur durch haͤufiges Geifern, durch Auswurf, Blutfluͤsse aus der Nase, und durch haͤufige Bauch- fluͤsse geheilt. Bey Mead wurde eine Bauchwasser- sucht durch den Wahnsinn, und ein hektisches Fieber ebenfalls durch einen frommen Wahnsinn, wodurch die Kraͤften zunahmen, und einer wirksamern Heilart Platz gemacht wurde, gehoben. Die viertaͤgigen Wechselsieber, welche ehemals aller Kunst der Aerzte widerstanden, wurden sehr oft durch Kraͤze, Pocken, Frie- sel, Goldaderfluß, Speichelfluß, kleine Geschwuͤre der Lippen, durch Ruhren, Bauchfluͤsse, Gallen- krankheit (cholera) geheilt. Deswegen sagte Hel- mont vom Quartanfieber: Doctrinam academiarum, harumque promissa risui jam dudum exposuit tanquam vanas sine viribus nugas, atque luridas fabellas. Nam omnes academiarum potestates connexæ tantumdem non possunt, quantum Natura absque illis, sua spon- te potest, atque facit. O 2 §. 3 §. 3. Das Wunderbare dieser Beobachtungen faͤllt weg, sobald man aͤchte Begriffe hat von dem, was Kranheit, und was Zufall ist. Da es von der aͤus- sersten Wichtigkeit ist, daß man diesen Unterschied jederzeit zu machen wisse, so werde ich ihm in der Folge eine besondere Abhandlung widmen, und die ungeheure Zahl der Krankheiten, wie man sie bey ei- nigen wichtigen Schriftstellern findet, allermeist auf blosse Zufaͤlle herabsetzen. Folgende Bemerkungen werden einstweilen den Leser in Stand setzen, uͤber alle dergleichen oben angefuͤhrte Erfahrungen ein rich- tiges Urtheil zu faͤllen, und ihre Vortreflichkeit fuͤr denkende Koͤpfe kennen zu lernen, obschon sie bey der gewoͤhnlichen Art, wie sie angefuͤhrt werden, aller- meist unbenuͤtzt verloren gehen. Denjenigen Zustand des lebenden menschlichen Koͤrpers, wodurch er unfaͤhig wird, die dem Men- schen eignen Geschaͤfte, den Vorschriften der Gesund- heit gemaͤß, auszuuͤben, heißet man Krankheit. Gaubi u s Krankheitslehre §. 34. Dieser Begrif, wenn er gehoͤrig erlaͤutert und ohne praktische Anwendung gebraucht wird, ist zwar rich- tig. Allein Er macht uns unendlich viele Erscheinun- gen fuͤr Krankheiten ansehen, die auf keine Weise da- fuͤr angesehen werden duͤrfen. Durch die im 1ten Kapi- tel §. 3. errzaͤhlten Ursachen werden im Menschen ge- wisse der Gesundheit widrige Beschaffenheiten erzeugt. Den Zustand aber, wo eine solche Beschaffenheit statt hat hat, sehe ich fuͤr die eigentliche Krankheit an. Es beruhe nun dieser Zustand auf einer im Koͤrper angesammel- ten fremdartigen Materie, oder auf der Stoͤrung des Gleichgewichtes und der widernatuͤrlichen Wirkung und Gegenwirkung der Bestandtheile des Menschen; so wird er fruͤher oder spaͤter, mehr oder weniger merklich werden, je nachdem er mehr oder weniger, fruͤher oder spaͤter wirksam wird. Die Lebenskraͤfte werden gereizt oder unterdruͤckt, die Verrichtungen des Koͤrpers und der Seele gestoͤrt, verstaͤrkt, ge- schwaͤcht, und die Aeusserungen von allem dem erschei- nen unter der vielfachen Gestalt der im 1ten Kapit. §. 4. genannten Zufaͤlle. Diese Zufaͤlle pflegt man also gewoͤhnlich die Krankheit zu nennen, da sie doch ei- gentlich nichts anders, als wohlthaͤtige Anstalten, die Hilfsmittel sind, wodurch die krankhafte Beschaffen- heit umgeaͤndert und gehoben werden soll. So z. B. ist die Wunde die Krankheit; der Schmerz aber, die dadurch erregte Entzuͤndung und Eyterung sind die Zu- faͤlle, wodurch der Splitter herausgeschaft, und die Wunde geheilt wird. Der in den Eingeweiden sto- ckende, zaͤhe, faule, scharfe, leimichte Unrath ist die krankhafte Beschaffenheit, und das von der gereizten Lebenskraft erzeugte Fieber, der Schauder, die Hitze, die Schweise, der truͤbe Harn, der Bauchfluß, die Ausschlaͤge u. d. gl. sind Beweise der wirksamen Na- tur, sind die Zufaͤlle, wodurch der Stoff verarbeitet, ausgeleert, und die Krankheit gehoben wird. Diese Vorstellung sollten sich die Aerzte von Krankheit und Zufall machen. Indessen ist es so wenig meine Ab- Die- Dieser Begriff gilt in allen jenen Uebeln, wel- che die Natur selbst geheilt hat. Die Zufaͤlle koͤn- nen bey einerley und dem naͤmlichen Uebel nach Ver- schiedenheit der Jahrszeit, der Witterung, der Lei- besbeschaffenheit, des Alters, des Geschlechtes u. s. w. verschieden seyn; daher die naͤmliche Krankheit auf so verschiedene Weise geheilt zu werden pflegt. — Aber so lange man keine Mittel hat, die krankhafte Beschaffenheit unmittelbar in den gesunden Zustand umzuaͤndern; so lange hat sowohl die Natur als der Arzt alles von den Zufaͤllen zu erwarten. 〟Die Zu- faͤlle haben also einen großen Werth. Sie sind die Leiter, die Fuͤhrer — sie sind die Dollmetscher des Arztes. Dies ist ihr kleinster Werth. Ohne sie wuͤrde jede Ursache, die die thierische Gesundheit stoͤhr- te, im Koͤrper zu Gift werden muͤssen. Die Zufaͤlle allein sind es, die die Natur dem Leben gegeben hat, die Krankheiten der Thiere, die sich selbst uͤberlassen sind, zu heilen. Sie sind in den meisten Faͤllen die erstern, die besten Gehuͤlfen des Arztes. Durch sie werden die Ursachen der Krankheiten abgerieben, ver- aͤndert, zerruͤttet, zerstoͤhrt, und aus dem Koͤrper geschaft. Durch die Zufaͤlle werden die Krisen berei- tet, geleitet, gefuͤhrt. Sie werfen die fremden Koͤr- per aus; sie reinigen das Blut und die Saͤfte; sie heilen Menschen und Thieren ihre Wunden, ihre Seu- chen und Krankheiten und Pesten.〟 Wolstein von den innerlichen Krankheiten der Fuͤllen S. 28. §. 4. sicht, den angenommen Sprachgebrauch zu verwerfen, daß ich mich selbst in der Folge desselben bedienen werde. §. 4. Hat man sich nun mit diesen Betrachtungen §. 3. recht vertraut gemacht, so wird man alle eigen- maͤchtige Kuren der Natur aufs deutlichste einsehen; und ich darf jezt mit der Hererzaͤhlung aͤhnlicher Bey- spiele §. 2. fortfahren. Bey Strack wurde der zwey- te Kranke durch die Ruhr von einem bald einfachen, bald doppelt viertaͤgigen Fieber geheilet. Die dritte Kranke, ein vierzigjaͤhriges Weib, war hypochondrisch, wurde melancholisch, und endlich wahnsinnig; in die- sem Zustande verwarf sie alle Heilmittel. Allein es befaͤllt sie das viertaͤgige Fieber, wodurch die schwar- ze Galle los geschuͤttelt, Bauchgrimmen und schwar- ze, fluͤssige Stuͤhle, wie geschmolzenes Pech, mit Schmerz und Zwang erregt wurden; und das Weib genaß. Nachdem diese Ausleerung einige Zeit ange- halten hatte, bekam sie ein doppeltes Qartanfieber, waͤhrend welchen wieder eine grosse Menge schwarzen Unrathes ausgeleeret wurde. Als die Stuͤhle anfien- gen, gefaͤrbt zu werden, wurde das Fieber ein einfa- ches, welches so lange anhielt, bis alle noch uͤbrige schwarzgallichte Materie ausgeleeret war, worauf sie ihre vollstaͤndige Gesundheit erhielt. De sebrib. intermitt. p. 17. 21. Die Ruhr heilte zwey Bruͤder, den einen von der Tobsucht, den andern vom Wahnsinn. Bey Perfect Von den verschiedenen Arten des Wahnsinns. wurde der siebenzehnte Kranke durch eine Kraͤze, der drey und zwanzigste durch einen Speichelfluß und die Blattern, der drey und vierzigste durch den Goldaderfluß, der acht acht und fuͤnfzigste durch die Wiedereroͤffnung eines zugeheilten Geschwuͤres vom Wahnsinn, und der ein und fuͤnfzigste durch ein Wechselfieber von der Melan- cholie geheilet. Ueberhaupt ist den Milzsuͤchtigen nichts heilsamer, als ein ruhrartiger Durchfall. Clerc l’Histoire naturelle de l’homme malade. erzaͤhlt von einem Frauenzimmer, bey welchem gegen einen verborgenen Krebs in der Brust alle bekannten Heilmittel umsonst gebraucht wurden. Es zeigte sich aber endlich an dem einen Fuße eine Geschwulst, welche nachher eiterte. Das Geschwuͤr wurde groͤs- ser, die Eyterung reichlicher, und nach und nach ver- schwand der Krebs. Weil man das Geschwuͤr zu fruͤhe heilte, so erschien der Krebs wieder. Man oͤf- nete die alte Stelle wieder, und der Krebs verschwand vollstaͤndig auf die neue haͤufige Eiterung. §. 5. Noch lehrreicher sind die Untersuchungen, wel- che das gewoͤhnliche Betragen der Natur in den ge- woͤhnlichen Gebrechen des Menschen zum Gegenstan- de haben. Wenn wohlgemaͤstete Koͤrper sehr starke und haͤufige Nahrungsmittel zu sich nehmen, und die Verdauung und Verzehrung derselben wird nicht durch Bewegung oder Arbeit unterstuͤzt, so wird die Natur genoͤthigt, hie und da ein leichtes Fieber zu erregen, oder das gewoͤhnliche Daufieber beynahe immerfort zu unterhalten, um sich des Ueberflusses theils durch die vermehrten Ausleerungen, als Harn, Schweiß u. d. d. gl., theils durch den vermehrten Kreislauf zu ent- ledigen. Bey Leuten, welche sich von einer thaͤtigen, arbeitsamen Lebensart gaͤhlings zur Ruhe begeben, ereignen sich oͤfters blutige Stuͤhle; Galenus sagt, De Natura hominis, lib. II. comment, in text X. er habe aus dieser Ursache vielmal einen schleimichten Harn, schleimichte, gekochte, eiterfoͤrmige, aber nie wie der unaͤchte Hippokrates sagte, wahrhaft eite- rigte Stuͤhle gesehen, und diese Auslerungen kehrten bald zu bestimmten, bald zu unbestimmten Zeitverlaͤu- fen zuruͤck. Die viel essen, oder einige Zeit muͤssig gehen, seyen eben solchen Ausleerungen unterworfen, welche sich aber an keine gewisse Zeit binden, sondern, je nachdem das Beduͤrfniß ist, Tage, Wochen, Mo- nate, ja Jahre lang anhalten. Nam ipsa, quan- tum satis sit, Natura expurgat. Sanctorius glaub- te, daß jeder Mensch alle Monate an Gewicht etwas zunaͤhme, dieses aber wieder zu Ende des Monats durch einen truͤben Harn verloͤre. So viel ist gewiß, daß diese Erscheinung bey starken, wohlbeschaffenen Leuten jedesmal statt hat, wo sie einen betraͤchtlichen Fehler in ihrer Lebensart begangen haben. Sie ist manchmal mit leichten Ungemaͤchlichkeiten, voruͤberge- hender Hitze oder Schauder, Kopfweh, einiger Abge- schlagenheit des Koͤrpers und des Gemuͤthes verbun- den; alles dieses aber verschwindet nach einem solchen Harn und etwas mehr als gewoͤhnlicher Geneigtheit zum Schwitzen. Ge- Gesundscheinende Personen werden manchmal mit periodischen Gaͤhrungen in den Verdauungswegen, mit sieberhaften Kraͤmpfen und schmerzhaften Zufaͤl- len, mit Unordnungen im ganzen Koͤrper, ohne alle aͤußere Veranlassung befallen. Kämpf sah unter die- sen Umstaͤnden, oder nicht lange hernach allerley wie- dernatuͤrlichen Unrath durch den Stuhlgang und Urin weggehen und hielt daher diesen unvermutheten Aufruhr fuͤr eine Bemuͤhung der Natur, sich einer fremden Last zu entledigen. Die Vollbluͤtigkeit vermindert die Natur durch Nasenbluthen, den Zeitfluß, den Goldaderfluß, Blut- brechen. Wird ihr dieser Weg zu schwer, so bedient sie sich wirksamerer Anordnungen, und erregt ein Blut- sieber. Dadurch bringt sie entweder wieder Blut- fluͤsse zu Stande; oder sie loͤset einen großen Theil des Blutes in einen Dunst auf, fuͤhrt ihn durch verschie- dene Weege aus dem Koͤrper unter dem Namen der Entscheidungen und unter der Gestalt des Schweißes, eines truͤben, haͤufigen Harnes, haͤufiger Stuͤhle. Ist der Widerstand noch groͤßer, so entstehen zuerst krampfhaf- re, rheumatische und endlich entzuͤndunsartige Schmer- zen; kann dadurch der entzuͤndliche Reitz nicht gehoͤ- rig zerstoͤhrt, die Entzuͤndungsmaterie abgeschieden und in Gestalt eines Schweises, eines truͤben Harns, ge- kochten, eiterfoͤrmigen Auswurfes oder solcher Stuͤhle nicht ausgefuͤhrt werden: so werden die leidenden Theile zerstoͤhrt, theils selbst zu Eyter geschmolzen, theils dienen sie der durch die Fieberhitze gebildeten Eiterungsmate- ri e zum Ablager, wodurch die angraͤnzenden Theile ge- geschuͤtzt, das Geschwuͤr zur Heilung vorbereitet, die zerstoͤhrten Gefaͤße gegen die Verblutungen bewahrt werden. Diese Eitersammlungen sind freylich nicht selten in solchen Eingeweiden, deren gehemmte oder ganz zerstoͤhrte Verrichtungen dem Leben hoͤchst nachthei- lig werden muͤssen. Allein die Natur laͤßt nichts un- versucht, auch dieses Uebel abzuwenden. Aus allen Theilen kann der Eyter von dem Zellengewebe und viel- leicht noch durch andere Wege aufgenommen, und auf unedlere versetzt, oder durch die gewoͤhnlichen Aus- fuͤhrungswege ausgeleert werden. Es entstehen daher eiterigte Ablager an den Ohren, den Fuͤßen, unter den Achseln, in den Leisten, am Halse u. s. w. Ei- terigte Ausleerungen durch den Auswurf, den Harn die Stuͤhle, aus dem Nabel, den Ohren, den Nasen- loͤchern, den Lenden, den Bruͤsten; uͤbelriechende Schweise, Erbrechen u. s. w. Beyspiele davon findet man bey Hippokrates, Galenus, Aretaͤus, Aegine- ta, Aetius, Caͤlius Aurelianus, Tulpius, Lom- mius, Vater, Lange, Zakutus Lusitanus, Ma- ternus de Ciliano und beynahe bey jedem beobach- tenden Arzte. Bey Lentin bahnte sich bey einem Be- dienten der Eiter einen Weg durch die rechte Seite, nachdem er schon lange einen anhaltenden Schmerz auf der linken Seite hatte; und der Kranke wurde am Le- ben erhalten. L e ntin Beytraͤge zur ausuͤ b . Arzn. S. 333. Sind aber die Bewegungen gar zu stuͤrmisch, wirken die Kraͤfte zu gewaltsam, oder ertraͤgt die Leibesbeschaffenheit keinen Widerstand, so ent- entsteht der Brand, und die Natur soͤndert, wenn ihr keine unuͤberwindliche Hindernisse im Wege sind, den toden Theil von dem lebenden ab. Ist der Koͤrper mit Schleimstoff oder andern waͤsserichten Feuchtigkeiten uͤberhaͤuft, so erregt die Natur mancherley katharrhalische und rheumatische Zufaͤlle, wodurch der Ueberfluß ausgeleert wird. Planchon sah bey einer schon betagten Person, wel- che einen starken Anfall vom Schlagfluß ausgestanden hatte, oͤfters einen gaͤhlingen und haͤufigen Ausfluß einer scharfen Feuchtigkeit, so wie bey einem recht verdruͤßlichen Schnuppen oder Schleimhusten; dieser waͤhrte vier bis fuͤnf Stunden und hoͤrte endlich unter dem Gebrauche mildernder Mittel auf. Es ereignete sich dieses, ohne daß die Ausduͤnstung durch irgend eine Ursache geschwaͤcht oder unterdruͤckt worden waͤ- re. Le Naturisme. Aus eben dem Grunde erregt ein Ueberfluß von scharfen, gallichten Feuchtigkeiten oͤfters, manch- mal alle Monate, manchmal nur im Fruͤh- und Spaͤtjahr bald einen Durchfall, bald einen haͤufigen, allgemeinen Schweiß, welcher im Sommer oft meh- rere Naͤchte, und sogar auch hie und da im Winter eintritt, wo die Ausduͤnstungsmaterie zuruͤckgehalten worden ist, oder wenn man sich zu sehr mit Speisen uͤberladen hat. Bald entsteht, besonders bey kaͤlterer Witterung ein reichlicher Harnabgang; bey einigen brechen von freyen Stuͤcken kleine Geschwuͤre an den Gliedmassen besonders den aͤußern Theilen der Schen- keln keln und der Hinterbacken, eine kleyenartige Flechte, vorzuͤglich bey alten Personen hervor. Die Kraͤtze, die rothlaufartigen und andere Ausschlaͤge, der Erbgrind, der Ansprung ( crusta lactea ), die Anschoppungen der Druͤsen u. s. w. sind lauter Anstalten, wodurch die Saͤfte gereinigt werden. Bey Weibern von schleimichter Lei- besbeschaffenheit entsteht der weiße Fluß; die rozige, schleimige Goldader sowohl bey Weibern als Maͤn- nern, welche schlappe Fasern, und schleimichte An- haͤufungen im Unterleibe haben. Bey naskalter Wit- terung werden diese Umstaͤnde noch von katharrhali- schen Zufaͤllen begleitet. Wirkliches Erbrechen bey beweglicher Unreinigkeit, wie z. B. in saͤugenden Kin- dern; oder wo der zaͤhe Stoff noch fester anklebt, Mangel an Eßlust, oͤftere Schauder und fliegende Hize, Eckel, krampfhafte Anwandlungen u. d. gl. sind eben so viele Hilfsmittel einer thaͤtigen Natur, den Stoff zu verarbeiten, loszuschuͤtteln, und unter der Gestalt eines sauren, muffigen Schweises, flockigten Harns, schleimichter Stuͤhle u. s. w. auszuleeren. Eben dieses beobachtet man in dem schleichenden Nerven- fieber, nur unordentlicher, und nur theilweis, weil die Lebenskraͤften zu sehr unterdruͤckt sind. Die brandi- gen Absaͤtze, die sich sowohl hier, als in den boͤsar- tigen pestilentialischen Fiebern einfinden, sind nicht selten die Wirkungen einer siegreichen Natur. Die scharfe, giftige, fressende Feuchtigkeit kann nicht hinlaͤng- lich mit der Materie der Stuͤhle, des Harns oder der Schweise verbunden werden; folglich muß sie uͤberbaupt in das Zellengewebe, in den Nervenfiebern insbesondere in jenes der Hinterbacken oder des Heiligbeins, in den boͤsar- tigen pestilentialischen Fiebern aber vorzuͤglich in jenes der Achsel- und Leistengegend abgesetzt werden. Zu- weilen geschieht dieses in Gestalt kritischer Petechien. Ueberhaupt wirkt die Natur in diesen Faͤllen gar nicht anderst, als wie in den eigentlichen mit Ausschlag be- gleiteten Fiebern, zum Beyspiel dem Blatter-Maser- oder Scharlachfieber u. d. gl. Die weißen Mund- schwaͤmme, welche auf der hoͤchsten Stufe der boͤsar- tigen Faulfieber erscheinen, die Karfunkeln, Blut- schwaͤren u. d. gl. obschon sie selten, oder nie allein hinreichend sind, sind dennoch Beweise und Wirkungen einer kaͤmpfenden Natur. Hat sie sich dadurch eines Theils ihrer Last entledigt, und sie erlangt etwas mehr Herrschaft uͤber den Krankheitsstoff, so zertheilt sie manchmal jene Ablager, z. B. die Ohrendruͤsenge- schwulst wieder, wenn sie sich selbst uͤberlassen werden, und leeret ihre Materie durch einen Bauchfluß, oder einen reichlichen truͤben Harn aus, worauf die Kran- ken vollstaͤndig genesen, wie dieses Hasenöhrl Pasenoͤbrl v. Lagusins S. k. k. Majestaͤt wirklicher Rath und Leibarzt. \&c. in der Petechienepidemie von 1757—58—59. oͤfters ge- sehen hat. Was die Natur in jeder Krankheit und ihren Zeitpunkten Gutes leistet, wird in den folgenden Thei- len umstaͤndlich gezeigt werden. Unterdessen ist es ge- wiß, daß beynahe alle Krankheiten, selbst die Pest nicht ausgenommen, von dieser Seite angesehen wer- den muͤssen. 〟Denn, sagt Sydenham , was ist die- se se anders, als ein Zusammenfluß von Zufaͤllen, de- ren sich die Natur bedient, die mit der Luft eingeso- genen giftigen Theile durch die Ausfuͤhrungswege in Gestalt eitrigter Geschwuͤlste oder anderer Hautaus- schlaͤge aus dem Koͤrper zu schaffen?〟 Die Folge also von allem, was in hitzigen Krankheiten vorgeht, ist die Verarbeitung und Weg- schaffung des Krankheitsstofes, oder die Umstim- mung der krankhaften Beschaffenheit in die Gesund- heit. Das Froͤsteln, der Frost, der Schauder, die Abgeschlagenheit, die Muͤdigkeit, der Kopfschmerz, der Eckel, der Durst, das Fieber und seine Anfaͤlle u. s. w. sind lauter Zufaͤlle oder Bestrebungen, durch deren Wirkung der kranke Mensch seine Gesundheit wieder erhalten soll. §. 6. Wenn diese Bemerkungen richtig sind, was ich in der Folge auf’s uͤberzeugendste darthun werde; so stehen die Zufaͤlle einer Krankheit mit derselben Hei- lung in einer natuͤrlichen und unentbehrlichen Verbin- dung. Und uͤberall, wo die Natur einmal Zufaͤlle erregt hat, und die Hindernisse nicht gar zu schwer sind, wird sie auch die Heilung der Krankheit zu Stande bringen. Daher giebt es kein so schweres Ue- bel, welches nicht hie und da von der Natur allein geheilt worden waͤre. Die Blattern, Masern, Schar- lach, Nothlaufen, Friesel, selbst die urspruͤnglichen Petechien, wenn diese Ausschlaͤge kein fremdes schlim- mes Fieber begleitet, werden, und zwar auf dem Lan- de de am gluͤcklichsten, ohne alles Zuthun der Kunst geheilt. Sogar die zusammenfliessenden boͤsartigsten Blattern, wenn sie sich aus Noth selbst uͤberlassen werden, gewinnen noch manchmal einen gluͤcklichen Ausgang. Im Spaͤtjahr 1790 bey einer Blat- ternseuche, in der sehr viele Kinder an Verwerfun- gen nach den edlern Theilen starben, lagen in einem Hause 5 Kinder. Die schlimmsten Blattern hatte ein vierjaͤhriges Maͤdchen eines Tagloͤhners. Dieser hielt sein Kind ohnehin fuͤr verloren, und ließ es von Fruͤhe bis Abend ohne alle Obsorge liegen. Al- les, was man ihm gab, war frisches Wasser. Die- ses kam davon; da indessen die vier andern, die flei- sig mit Arzneyen gefuͤttert wurden, das Leben einbuͤs- ten. Deßwegen sagt Sanctorius , daß mehr Land- leute von der Pest geheilt werden, weil diese weniger Arzneyen gebrauchen, als die Staͤtter. Die Beyspie- le, daß aller Hilfe beraubte Pestkranken wieder gene- sen sind, sind gar nicht selten. In der Petechien- epidemie, die Sims beschrieben hat, starben viele von denen, welche die Aerzte mit hizigen, herzstaͤr- kenden, faͤulnißwidrigen Mitteln behandelten; da hingegen alle die, so sich der Natur uͤberließen, auf- ser einer vielmehr nuͤtzlichen als schaͤdlichen Schlafsucht, ohne schwere Zufaͤlle davon kamen. Observat sur les malad epidem chap I. p. 10. Eben so gieng es in den von Sydenham beschriebenen und 1673— 74 und 75 herschenden Fiebern. Kinder und junge Leute wurden manchmal betaͤubt. Anfaͤnglich wand Sy- Sydenham alles gegen diese Betaͤubung an, wie- derholte Aderlaͤsse am Arm, Hals und Fuß, Zugpfla- ster, schweißtreibende Mittel; allein alles umsonst; endlich entschloß er sich den Gang der Natur zu beo- bachten, und ließ es bey einer Aderlaß, einem Zug- pflaster und Klystiren bewenden. So verschwand nach und nach die Betaͤubung. Sydenham folgert da- raus, daß man sich oft zu sehr eile, und der Natur oͤfters mehr Zeit lassen sollte. Sect. V cap. I. Pujati erzaͤhlt den Fall von einem sehr toͤdtlichen epidemischen Pete- chienfieber bey einem Bauern, der ebenfalls nichts als Brunnenwasser brauchte, und obschon er sehr mager, bleich, und der Aderschlag sehr schwach war, dennoch den sechzehnten Tag durch einen haͤufigen Schweiß vom Fieber befreyet wurde. De Viotn febricitantium. Die epidemischen Petechien von 1758 heilten am besten bey einer ein- fachen Heilart, und der Freyherr Störck sagt aus- druͤcklich, daß, wo die Weinmolken nicht zureichten, auch alle andern Arzneyen unzureichend waren. Ann. med. I. Aug. 758 p. 20 23: Bey- nahe alle Epidemien werden durch eine wirksame Heil- art in einer Zeit, wo ihre Natur noch nicht offenbar ist, gefaͤhrlicher, als sie sind, wenn sie ganz der Natur uͤberlassen werden. §. 7. Um die Heilkraͤfte der Natur noch vollstaͤndi- ger kennen zu lernen, will ich ihr Verfahren in ei- nigen Gall I. Band P nigen chirurgischen Krankheiten anzeigen, ohne mich weitlaͤuftig in die Untersuchungen eines Arnemann, Murray , u. a. uͤber die Heilung der Wunden und die Wiedererstattung verlorner Theile, wovon schon einiges im ersten Kapitel §. 36. gesagt worden ist, einzulassen. Wenn nicht große Gefaͤße oder Nerven verletzt sind, so heilet die Natur die Wunden dürch Vereinigung, Eiterung, oder den Brand. Zu erst entsteht ein Schmerz, der die getrennten Fasern reizt, in Bewegung bringt, verkuͤrzet, die blutenden Ge- faͤße zusammen zieht, ihre Richtung verdreht, und so das Bluten stillt; darauf folgt Schwulst, Ent- zuͤndung, Hitze, Fieber. Die Geschwulst fuͤgt in ge- wissem Betracht die entfernten, von einander gewi- chenen Lippen der Wunde naͤher zusammen; ein gewis- ser Grad von Entzuͤndung klebt alsdann die getrenn- ten Fasern, vermittelst eines leimartigen Saftes an- einander, verbindet und befestigt sie. — Koͤnnen die Wunden nicht vereinigt werden, so sind der Schmerz, die Entzuͤndung, die Geschwulst zur Bildung des Ei- ters vonnoͤthen. Diese Zufaͤlle verwandeln die Wun- den in ein Geschwuͤr, welches die getrennten Theile durch einen langsamern Weeg vereinigt, als der erste ist. Der Eiter ist den Wunden Balsam; er ist ih- nen natuͤrlich und vertritt in ihnen die Stelle, die der Speichel im Maule, und die Thraͤnen im Auge ver- tretten. Zum Stillen des Blutens traͤgt die Luft und die Neigung des Blutes zum Gerinnen vieles bey. Sobald dieser Saft von der Luft beruͤhrt wird, so verliert er seine Fluͤssigkeit, wird leimig, klebt sich an an die Lippen der Wunden, und heftet sie gleichsam zusammen. Uibrigens ist das ergossene Blut der wohl- thaͤtigste Koͤrper, der in den Hoͤlen der Wunden ent- halten seyn kann. Wolstein Unterricht fuͤr Fahnenschmiede S. 30. Bey Brunning heilte die Natur eine Darm- gicht, welche aller Hilfe widerstand. Nachdem die kranke Nonne schon ihren Unrath weggebrochen hat- te, trat die schmerzhafte Stelle in die Hoͤhe, wurde roth, und schwabberte nach drey Tagen. Aus der Oeffnung floß eine Menge Eiter, viel schwarzes Blut, und faule, gallichte Feuchtigkeit, worauf viel stin- kender Unrath folgte. Dieser Ausfluß dauerte vier und zwanzig Stunden fort, dann kam ein grosser Klumpen verhaͤrteter Koth durch die Wunde herau s Nun war der Darm ringsumher an das Bauchfell angewachsen. In kurzer Zeit bekam die Kranke wie- der den ordentlichen Stuhlgang; es gieng nichts mehr durch die Wunde weg, und es heilte dieselbe bald nachher voͤllig zu. Die in der Haut entstandene Nar- be hat auch das Loch in den Gedaͤrmen gluͤcklich ver- schlossen. Ein aͤhnliches Beyspiel erzaͤhlt er auch von einem Geistlichen. Sammlung auserlesener Abhand. 3 B. S. 308. Van Swieten erzaͤhlt von ei- nem siebenzehnjaͤhrigen Maͤdchen, der das Schienbein vom kalten Brand zerstoͤhrt war, und die durchaus den Fuß nicht wollte abneh men lassen; sie legte wei- ter nichts, als ein reines Leinenzeug daruͤber. Der Knochen trennte sich von selbst an der Kniebeugung P 2 los, los, und fiel ab. Tom I. §. 432. In den im 1ten Kapitel §. 36. angefuͤhrten Beyspielen von wiedererzeugten Knochen that jedesmal die Natur allein das meiste. Wenn Wunden zugeheilt werden, und abge- schaͤlte, aber nicht weit genug abgeloͤste Knochen verschließen, oder aber, wenn aus was immer fuͤr Ursachen, z. B. Quetschung, Schlaͤge, ein Bein zer- splittert und verdirbt, obschon die weichen Theile ganz geblieben sind; so schafft die Natur den toden Kno- chen durch eine von selbst gemachte Wunde heraus. Ein junger Mensch bekam einen heftigen Schlag an die vordere Seite des linken Schienbeins. Die davon entstandene Quetschung zertheilte sich bald wieder Allein innerhalb vier oder fuͤnf Monaten klagte er uͤber einen stumpfen, in dem Innern des Knochens wuͤthenden Schmerz. Dieser Schmerz nahm taͤglich zu, das Schienbein schwoll an, und die aͤußere Haut entzuͤndete sich, und gieng in Vereiterung uͤber. Nach der Oeffnung des Abscesses zeigte sich ein kleines hohl- geschwuͤr, welches, wie der Wundarzt beym Son- diren bemerkte, bis in den Knochen hinein gieng. Es glaubte daher dieser erfahrne Mann, der Theil des Knochens muͤste sich losstossen, und sodann herausge- nommen werden. Er entbloͤßte also die angeschwoll- ne Schienbeinroͤhre durch einen Schnitt, bohrte ver- mittelst des Trepans den fistuloͤsen Theil des Knochen durch, und nahm solchen mit Hilfe des Meisels und Hammers heraus. Auf diese Art bahnte er sich durch einen einen Knochen, der, ob er gleich angeschwollen, den- noch sehr hart war, einen Weg, wodurch er ein Kno- chenstuͤck von achtzehn Linien lang, das in der Mark- hoͤle abgesondert lag, herausbrachte. Sammlung auserles. Abhandl. V. 6. S. 207. Am angezeig- ten Orte stehen mehrere solche Beyspiele, und es ist dieses in aͤhnlichen Faͤllen das alltaͤgliche Verfahren der Natur. Nachtheil von gestoͤhrter Wirksamkeit der Natur. §. 8. Da also das groͤste Heilmittel in allen innerli- chen und aͤußerlichen Krankheiten, in sofern sie keine mechanische Hilfe oder keine eignen, spezifischen Arz- neien erfodern, die Lebenskraft ist, welche die Zufaͤl- le rege macht, die jeder Krankheit gehoͤren Wolstein innerl, Krankh, der Fuͤllen S. 38. und zur Hebung derselben die geschicktesten sind: so wird man unfehlbar das Uibel verschlimmern oder dessen Heilung hindern, wenn man die ordentlich wirkenden Zufaͤlle entweder aus Mißverstand oder gar zu aͤngst- licher Geschaͤftigkeit vor der Zeit unterdruͤckt. Diese Heilart, welche theils durch die Ungeduld der Kranken, theils durch die Unwissenheit der Aerzte nur gar zu all- gemein gemacht wird, zieht unendlich viele ungluͤckli- che Folgen nach sich. Die zuruͤckgetriebenen Ausschlaͤge, auf deren Er- scheinung die Zufaͤlle erleichtert oder ganz gehoben wur- den, und die folglich der Stoff der Krankheit sind, erre- gen jeder, seiner eignen Natur gemaͤß, eigne, ver- schiedene schiedene, aber jedesmal sehr mißliche Unfaͤlle. Die zuruͤckgetretene Kraͤze, Scharlach, Friesel, Blattern, Rothlauf, Masern, Verwerfungen u. d. gl. erzeugen alle Arten Wassersuchten und waͤsserichte Geschwuͤlste, Magenschmerzen, Engbruͤstigkeit, Bangigkeit, Ir- reseyn, Hirnwuth, Raserey, Melancholie, Dollheit, Zuckungen, Schlagfluß, schlimme Entzuͤndungen der Eingeweide, der Brust, des Unterleibes, Husten, Bauchfluͤsse, Ruhr, rheumatische und gichtartige Gliederschmerzen, schlimme Braͤunen, angeschwollne Druͤsen, Geschwuͤre, Verwerfungen nach den Druͤ- sen und den edlern Theilen, schleichende Fieber, Ge- lenksteifigkeiten, Krebs, Winddorn, fallende Sucht, Verwachsungen der Eingeweide und Druͤsenverhaͤrtun- gen, Schwindsuchten, Abzehrungen, Steckkatarrhe〟 Starrsucht, Harnruhr, Harnfluß, Zittern, Schlaf- losigkeit, Dummheit, Taubheit, Gelbsucht, Blut- speien, Blutbrechen, Blutharnen, Blutschwaͤren, Staar, Sprachlosigkeit, Achsel- und Leistendruͤsenbeulen, heftigen, unuͤberwindlichen Reiz zur Geilheit u. s. w. — Uiberhaupt alle jene Uibel, welche je die Zufaͤlle §. 2—4 geheilt haben. Stack erzaͤhlt von einem Knaben, der seit seinem neunten Jahre Schmerzen in den Augen und der Stirne unterworfen war, die mit einer Beschwerd- niß des Schlingens verknuͤpft waren, und vornehmlich in den Monaten July und August beschwerlich wurden. Ein Nasenbluten, daß sich gemeiniglich drey oder vier Tage hintereinander des Abends einzustellen pflegte, machte ihnen jedesmal ein Ende. Da in seinem zwoͤlf- zwoͤlften Jahre das Nasenbluten oͤfters eintrat, und staͤrker zu werden schien, so befuͤrchtete seine Mutter eine Abzehrung. Sie stopfte es daher ploͤtzlich da- durch, daß sie ihm einen grossen eisernen Schluͤssel in den Nacken legte, und die Haͤnde und Fuͤsse in ein Gefaͤß mit kaltem Wasser steckte. Der Knab wur- de aber die Nacht darauf unruhig, bekam viele Hitze, fuhr oft auf, und phantasirte gegen Morgen außeror- dentlich heftig. Man behandelte nun das Uibel, wie ein hitziges Entzuͤndungsfieber. Zu Ende des dritten Tages machte die Natur die deutlichsten Anstalten zum Nasenbluten, und bewirkte es auch in der That, indem nach einem heftigen Niesen ein Klumpen geron- nenes Blut aus der Nase abgieng, worauf noch ein Loth mehr nachtroͤpfelte. Indessen blieb doch der Kranke noch uͤber drey Wochen in einem Zustande, der sich der Bloͤdsinnigkeit naͤherte, und war aͤußerst schwach. Samml. auserl. Abhandl. 11 B. S. 31. Vogel erzaͤhlt aus Tissot die Geschichte eines Knaben von vierzehn Jahren, dem aus Unvor- sichtigkeit bey dem dritten Fieberanfalle der Schweiß angehalten worden war, und in Zuckungen des Mun- des, Halses und aller andern Theile verfiel; er hat- te einen heftigen Todtenkrampf ( Tetanus ); viele Theile wurden lahm; er verlohr die Sprache gaͤnzlich, und blieb bey vierzehn Tage in diesem Zustande, bis ein anhaltendes hitziges Fieber ihn davon befreyete. Tis- sot sah eine starke Bauersfrau von 53 Jahren, welche nach dem Aufhoͤren des Zeitflusses alle Morgen haͤufigen Schweisen unterworfen war, nach Unter- druͤckung druͤckung dieser Schweise in grosse Entkraͤftung, Engbruͤstigkeit und Zuckungen der Muskeln der Kinn- lade, des Halses, des Ruͤckens und der Arme ver- fallen. Ein vornehmer sechzigjaͤhriger Mann bekam gegen das Wintersolstitium nach schweren Sorgen sehr starkes Nasenbluten. Der Kranke zog ein unbekann- tes Pulver in die Rase, und das Bluten stand augen- blicklich. Gleich darauf ward ihm der Kopf sehr wuͤ- ste, und in den Augen bekam er ein Jucken, so, daß er seinen nahen Tod befuͤrchtete. Indessen befand er sich bis in April so ziemlich wohl. Nun aber em- pfand er eine Schwere und Hitze im Kopfe, und in der sechsten Nacht ward er ploͤtzlich sprachlos, wobey er im Anfange den Gebrauch seiner Sinne nicht ganz verloren hatte, welches man daher muthmassete, weil er sich selbst, als er den Reiz fuͤhlte, oder eine neue Blutung vermuthete, stark und mehrmalen die Nase schneuzte, und dabey die Umstehenden ansah. Man versuchte alle ableitende Mittel und Aderlaͤße an dem Arme und Halse ohne Nutzen; der Kranke warf die Glieder hin und her, es entstand ein heftiger Schlagfluß, worinn er innerhalb fuͤnf Stunden starb. In dem Leichname fand man die Blutgefaͤße der weichen Hirnhaut außerordentlich aufgetrieben. In beyden vordern Gehirnkammern war ein halb Pfund geronnenes Blut enthalten u. s. w. Das zer- sprungene Gefaͤß war ein Zweig von der innern Dros- selader. Lanzisi Abhandlung von ploͤtzlichen und seltsamen Todes- faͤllen. S. 25. Selten, sagt daher Lanzisi , habe er Kran- Kranke an Blutfluͤssen sterben gesehen; aber sehr oft erfahren, daß von Unterdruͤckung derselben eine schleu- nige Krankheit, z. B. Zuckungen und ein ploͤtzlicher Tod erfolgt seyen. Von einem unterdruͤckten Golda- derfluß entstunden leichte Anfaͤlle von Schlagfluß, trock- ner Husten, Vergessenheit und endlich ein ploͤtzlicher Tod. Ebend. S. 14. Von unterdruͤcktem Podagra wurde ein Geistlicher vergessen, bekam die fallende Sucht, und starb am Schlagfluß. Cyrilli erzaͤhlt von einem vier- jaͤhrigen Maͤdchen, welches am linken Arm eine feuch- te Kraͤze hatte; so lange diese Stelle feucht war, befand sie sich vortreflich; aber sie verfiel in eine gefaͤhr- liche Beaͤngstigung der Brust, sobald dieselbe austrock- nete. Ich sah von zuruͤckgetriebenem Kopfgrind Zu- ckungen, welche sich in einen heftigen Husten verwandel- ten; darauf folgten Lungensucht und Abzehrung. Der aͤusserliche und innerliche Gebrauch des Schierlings lockte den Ausschlag wieder hervor, und das kranke Maͤdchen erhielt seine vollkommene Gesundheit wieder, obschon es von Jedermann fuͤr unheilbar aufgegeben war. Perfect erzaͤhlt von einem melancholischen Juͤngling, welcher durch acht Monate allemal um die Zeit des Vollmondes einen reichlichen Speichelfluß bekam, wo- bey er sich jedesmal besser befand, aber eben so oft, als dieser aufhoͤrte, wieder ruͤckfaͤllig wurde. Endlich wurde er durch die Unterhaltung desselben vollkommen geheilt. Am a. O. 2ter Fall. Theden fuͤhrt die Geschichte von einem dreißigjaͤhrigen unverheuratheten Manne an, welcher un- ungefaͤhr in seinem sechzehnten Jahre einen Ausschlag am Kopf, oder den sogenannten Erbgrind bekam. Im Anfange brauchte er nichts dagegen, als daß er den Kopf fleißig kaͤmmte, bisweilen abbuͤrsten ließ, und dabey von Zeit zu Zeit laxirte. Da ihm aber das Uebel luͤstig wurde, so ließ er sich die Haare voͤl- lig abscheeren, worauf er denn, da er noch andere Hausmittel gebrauchte, bald hergestellt wurde. Aber kurz darauf bekam er eine heftige Augenentzuͤndung, welche ungeachtet aller gebrauchten zertheilenden Mit- teln doch einige Monate anhielt. Endlich hoͤrte sie auf; der Kranke bekam aber einen Ausschlag an der Nase, der eben so hartnaͤckig war. Die Blaͤtterchen enthielten ein gelbes Wasser, welches die in der Naͤ- he liegenden Theile anfraß. Dieses Uebel widerstund allen reinigenden Holztraͤnken, Pulvern, Pillen, Spießglasmitteln und starken Gaben Quecksilberzube- reitungen, bis es sich endlich durch wiederholtes Schroͤpfen verlor; dabey wurde er oͤfters von Ver- haltung des Harns geplagt, wozu noch die blinden Haͤmorrhoiden kamen; endlich bekam er zwischen dem Hodensack und After ein fistuloͤses Geschwuͤr, woraus der Urin floß. Nachdem er auch dieses heilen ließ, bekam er eine mit sehr gefaͤhrlichen Zufaͤllen verknuͤpf- te Verhaltung des Urins, welche durch nichts als den Blasenschnitt zu heben war. Saml aus Abh. B. 313. Selbst, wo die Natur zu gewaltthaͤtig wirkt, und die heftigsten Zufaͤlle, als Zuckungen, Wuth und und Wahnsinn erregt werden, darf man es nur mit der groͤßten Klugheit wagen, sie in die gehoͤri- gen Schranken zuruͤck zu fuͤhren. Auenbrugger er- zaͤhlt von einem Rasenden, welcher nach innerhalb sechs Stunden eingenommenen acht und vierzig Gran Mohnsaft, durch sechs und dreißig Stunden betaͤubr lag, und hernach dumm und sinnlos blieb, bis er nach zwey Monathen an einem abzehrenden Fieber starb. Vom Triebe zum Selbstmord. Wird bey Kindern der Stickkatharr durch Mohnsaft oder die von scharfem Unflath der Gedaͤrme entstandene Unruhe und Schlaflosigkeit durch Mohnkoͤ- pfe oder Mohnsaamen gestillt, so sterben sie entweder an Doͤrrsucht und Abzehrung, oder es ist ein seltenes Gluͤck, wenn nicht zum wenigsten auf ihr Lebtag eine Neigung zu allerley Krankheiten, Bauch- und Kopf- schmerzen u. d. gl. uͤbrig bleibt. §. 9. Da all dieses Unheil nur dann entsteht, wenn wohlthaͤtige Zufaͤlle unterdruͤckt werden, so wird noth- wendig das Ungluͤck desto groͤsser seyn, je nothwendi- ger die Zufaͤlle zur Veraͤnderung oder Wegschaffung des Krankheitsstoffes geworden sind. Es giebt waͤh- rend dem Verlauf sowohl der hitzigen als der lang- wierigen Krankheiten, in denen man der Natur eini- ges Recht laͤßt, einen Zeitpunkt, wo nichts wichtiger ist, als daß man die Absicht, den Werth der Zufaͤl- le genau kenne, um nicht Gefahr zu laufen, das heil- samste samste Bestreben der Natur zum unersetzlichen Nach- theil der Kranken zu vernichten. Dieses ist jener Zeit- punkt, wo die Natur, nachdem nun der Krankheits- stoff schon einigermassen zubereitet ist, vollends allen ih- ren Kraͤften aufbietet, denselben von den gesunden Theilen zu scheiden, und auszuleeren. Ich werde theils noch in diesem Kapitel, theils aber und vorzuͤglich in jenem von den Entscheidungen alles sagen, was zur vollstaͤndigen Kenntniß dieser Sache gehoͤrt. Laͤßt man sich durch die dem Scheine nach zu heftigen und gefaͤhrlichen Bewegungen taͤuschen, und man wider- setzt sich denselben durch ein zu thaͤtiges Betragen, so hindert man unfehlbar die Entscheidungen, das ist, man haͤlt jene Auslerungen zuruͤck, welche die Krank- heit gehoben, und den Kranken gegen Ruͤckfaͤlle und Ueberbleibsel sicher gestellt haͤtten. Wenn daher, sagt Kämpf , allerley Unordnungen im Koͤrper, besonders in den Nerven, oder innerliche, oft unmerkliche, auf die Schmelzung und Aussoͤnderung der verborge- nen Blutausartung abzielende Gaͤhrungen und Bewe- gungen entstehen, und man sogleich nach Kina, Ei- sen und Mohnsaft, oder solchen Mitteln greift, wel- che die Beschwerden blos mildern, und den heisamen Aufruhr hemmen, und man dergestalt die wahre Ursache jenseits liegen laͤst, so traͤgt man zuver- laͤßig zur Aufnahme der schwarzen Gallenfabrike alles moͤgliche bey. Ein alter Arzt pflegte dieses Verfah- ren die Koͤhlerarbeit zu nennen, wo aͤußerlich das Feuer dem Scheine nach gedaͤmpft wird, welches aber innerlich desto nachdruͤcklicher um sich greift, und das noch noch gruͤne Holz in schwarze Kohlen verwandelt. Der- gleichen Verwuͤstungen, welche die mit Mohnsaft, Ei- sen und besonders mit China ausgeruͤsteten Helden ruͤhmlich angerichtet haben, kommen mir leider nur allzuoft vor.„ Abhandlung von einer neuen Methode. Kap. \&c. 2. Er fuͤhrt in der Folge mehrere Beispiele an; und ich koͤnnte zahlreiche Gewaͤhrsmaͤn- ner fuͤr die Thatsachen anfuͤhren, daß von zu fruͤh unterdruͤckten Bauchfluͤssen, oder wohlthaͤtigen Ruhren die traurigsten Folgen entstanden sind, als: Span- nung der Weichen, Leibschmerzen, Bangigkeiten, Schlucksen, falscher und wahrer Seitenstich, Anschop- pungen der Eingeweide, Augenentzuͤndungen, kalter Brand am Fuße, alle Arten von Fieber, Schwind- sucht, Gicht, Zuckungen, fallende Sucht, Abgehen der Leibesfrucht, Gallenkrankheit, Darmgicht, Was- sersucht, Windsucht, Zwang, Hypochondrie, Doll- heit, Hirnwuth, Laͤhmung, Blindheit, Gelbsucht, Nierenentzuͤndung, schlimme Leibesbeschaffenheit, Aus- satz, Erbgrind, Kraͤze, Geschwuͤre der Gliedmassen und des Unterleibes, Geschwuͤre der Eingeweide, toͤdtliche Verstopfung und brandige Zerstoͤhrung der- selben. Andere und zahlreiche Beyspiele von den Folgen gehinderter Ausleerungen hat Friedrich Hoffmann . Medieina rationalis T. III. an mehreren Stellen. §. 10. Oft laͤßt sich der Schaden auf verschiedenen Weegen wieder gut machen, wie man alle Tage in der der Natur selbst sehen kann, und wie es Hippokra- tes in Ruͤcksicht der gestopften Ruhr aufgezeichnet hat.„ Die gestopfte Ruhr wird zu einem Geschwuͤr oder Geschwulst Gelegenheit geben, wenn sie sich nicht in ein Fieber, oder in Schweiße, oder in einen di- cken und sehr weißen Urin, oder ein dreytaͤgiges Fie- ber, oder in Blutadergeschwuͤlste verliert; oder sich die Schmerzen auf den Hoden, oder auf die Schen- kel, oder auf die Huͤfte werfen. Von der Lebensordnung. Aber manchmal ist die Natur so eigensinnig, daß die schlimmen Fol- gen schlechterdings nicht ehe aufhoͤren, als bis ihre Absichten puͤnktlich erreicht worden sind. Gerade die Art von Ausleerung, und gerade durch den naͤmlichen Weeg, wie sie’s veranstalten wollte, so, daß Nichts anders die Stelle davon vertretten kann, ist es, was man zu bewirken sich bestreben muß. Dieses war in einigen der oben erzaͤhlten Beyspielen der Fall. Einige Tropfen Blut aus der Goldader oder der Nase fruch- ten mehr, und heben ein Uebel, welches mehrere ab- gezapfte Pfunde nicht heben konnten. Benedictus erzaͤhlt das Beyspiel eines jungen Menschen, welcher nach einer Unterdruͤckung des Nasenblutens und des Blutspuckens in eine Abzehrung fiel. Das Aderlassen verschafte ihm fast gar keine Linderung; aber das Na- senbluten, welches sich wieder einfand, befreyete den Kranken von der Gefahr. Bey einer heftigen Hals- braͤune war das Aderlassen am Arm und am Fusse, Schroͤpfen im Genicke und auf den Schultern, Kly- stire u. s. w. vergeblich angewendet worden. Die Oeff- Oeffnung der Froschader erleichterte nur wenig; aber durch ein haͤufiges Nasenbluten, wozu der Kranke gewoͤhnt war, wurde die Krankheit gehoben. Theatrum Tabidorum. Der Grund von allem dem ist, weil die Natur in aͤhnli- chen Faͤllen mehr durch die Eigenschaft, als die Men- ge der Ausleerungen heilet. Nun aber kann nur sie die fehlerhaften Theile zur gelegenen Zeit von den uͤbrigen abscheiden, und an die Muͤndungen der Aus- fuͤhrungskanaͤle bringen. Die Kunst kann nicht waͤh- len, und leeret ohne Unterschied das Gesunde mit dem Verdorbenen aus. Diese Thatsache sollte ein Beweggrund mehr seyn, ohne dringende Noth nie die Natur zu stoͤhren: Denn es ist hoͤchst ungewiß, ob wir das, was wir hindern, zur rechten Zeit, am rechten Orte, in ge- hoͤrigem Maaße und in erforderlicher Eigenschaft wie- der erstatten koͤnnen. Man huͤte sich also, jenen Mut- terblutfluß zum Beyspiel, welchen einige blutreiche Frauen gegen das kritische Alter bekommen, beson- ders, nachdem der Zeitfluß schon einige Zeit aufgehoͤrt hatte, manchen weisen Fluß, Ausfluͤße waͤsserichter Feuchtigkeiten, als naͤchtliche Schweise, welche alle Jahr zu gewissen Zeiten wieder kommen, Schwitzen an den Fuͤssen, unter den Achseln, um die Scham- theile, hinter den Ohren, besonders bey sehr jungen Kindern, periodische Bauchfluͤsse, schleimichte Husten, wodurch die Brust erleichtert wird, flechtenartige oder andere Ausschlaͤge, welche alle Jahr, besonders im Fruͤhjahr und Herbst eintreffen, die Ausschlaͤge der Kinder Kinder u. s. w. — man huͤte sich, sage ich, dergleichen Zufaͤlle zu unterdruͤcken. Sie fordern die Klugheit ei- nes weitaussehenden Arztes; und kann dieser die Grund- lage davon, den Stoff entweder gar nicht, oder nicht ohne Schaden wegschaffen, so lasse er sie, was und wie sie sind. Man lese Zimmermann von der Erfahrung 4tes Buch 10tes Kapitel, woraus ich hier nichts angefuͤhrt habe, ob- schon es wichtige Beobachtungen enthaͤlt. Ich habe mich bey diesem Gegenstande mit Vor- bedacht etwas lange aufgehalten, theils, weil jeder Schaden, der von gehinderter Wirksamkeit der Na- tur entspringt, einen Beweis fuͤr den Werth ihrer Be- strebungen abgiebt; theils weil ich es sowohl fuͤr die Sache selbst, als zur Verstaͤndniß meiner folgenden Untersuchungen fuͤr hoͤchst wichtig hielt, meine Leser mit der wohlthaͤtigen Natur, und mit dem Unterschie- de von Krankheit und Zufall vollstaͤndig bekannt zu machen. Fölgerungssatz. §. 11. Aus allem dem bisher gesagten wage ich es, einen Folgerungssatz abzuleiten, naͤmlich: Daß die Natur viele und grosse Krankheiten durch eigne Kräfte zu heilen im Stande sey, wenn ihr nur die Hinderniße aus dem Weege geräumt werden . Diesen wichtigen Satz werden folgende Be- trachtungen noch mehr aufklaͤren und bestaͤttigen: Es ist jedem Arzte bekannt, daß eine und die naͤmliche Krankheit durch die entgegengesetztesten Heil- arten, arten, obschon mit sehr ungleichem Gluͤcke, endlich aber dennoch vollstaͤndig gehoben werde. In dieser Naturbegebenheit liegt der Grund, warum die Aerzte uͤber die Anzeigen der sogenannten grossen, sehr wirk- samen Heilmittel, als: Aderlaͤsse, Brech- und Pur- giermittel, Blasenpflaster, Kampfer, Kina, u. s. w. so wenig einstimmig werden koͤnnen. Jeder sah die naͤmliche Krankheit unter gleichen Umstaͤnden durch ganz andre Mittel geheilt werden, als welche der an- dere fuͤr die einzig sichern und heilsamen anruͤhmt. Am Ende hat die Beobachtung entweder von einem oder von beyden keine andere Quelle, als die wirksa- men Naturkraͤfte, welche nicht nur die Krankheit, sondern auch die widrige Heilart besieget haben, weil keiner genug gethan hatte, um dieselben ganz zu er- druͤcken. Im entzuͤndlichen Seitenstiche haͤlt Dieser ein Blasenpflaster, wo nicht geradezu fuͤr toͤdlich, den- noch fuͤr hoͤchst nachtheilig; Jener tadelt das Aderlas- sen, und weis ausser einem Zugpflaster keine Rettung. Dieser leitet im Gallfieber den Tod von Blutauslee- rungen her, und seinem Nachbar ist im schwersten Gall- fieber zu allen Zeiten Blut abgezapfet worden, und er ist genesen. Im naͤchst folgenden Theile werde ich zeigen, wie die der Krankheit gemaͤßeste Heilart von den un- aͤchten zu unterscheiden ist. In allem Falle bleibt die erfolgte Herstellung ein strenger Beweiß von dem Heil- vermoͤgen der Natur. Wer hat den mineralischen Saͤuren je die Kraft, einen Speichelfluß zu erregen, zugeschrieben? Man ge- Gall I. Band. Q be be sie in dem Eiterungsfieber faulichter, oder mit ei- nem Faulfieber verbundener Blattern; nebst dem, daß sie den Harn und die Stuͤhle haͤufiger machen, die erschoͤpfenden Durchfaͤlle unterdruͤcken, die Heftig- keit des Fiebers maͤßigen, die Hitze und den Durst daͤmpfen, und die Bangigkeiten heben, bewirken sie auch ganz vortrefflich einen heilsamen Speichelfluß. — Alle staͤrkenden Mittel, Eisen, Kina, Wein erregen ebenfalls den Speichelfluß, nachdem erschoͤpfte Koͤr- per lange Zeit ohne allen Erfolg Quecksilber gebraucht haben. — Kaltes Wasser in dem Zeitpunkt der Ko- chung gallichter und faulichter Krankheiten, haͤufig getrunken, erleichtert die kritischen Ausleerungen, in- dem es Erbrechen, gallichte Durchfaͤlle, haͤufigen truͤben Harn, oder allgemeine, klebrichte Schweiße erregt. Das naͤmliche leistet manchmal eine gute Flasche Wein, mehr oder weniger, koͤmmt blos auf die Beschaffenheit der Nebenumstaͤnde an. — Wenn von Ueberfuͤllung des Magens mit verdorbenen oder gaͤhrenden Speisen eine hoͤchst schmerzhafte Krampf- kolik entsteht, so wird alles, was den Krampf loͤset, eine kleine Aderlaͤsse, Hoffmannische Tropfen, warme mit Kamillenabsud bereitete Baͤhungen u. d. gl. ein er- wuͤnschtes und erleichterndes Erbrechen zuwege brin- gen. — In den Ruͤckfaͤllen von vernachlaͤßigten Ab- fuͤhrungen oder zu fruͤhzeitigen Fehlern in Ruͤcksicht der Nahrung werden bittere Magenmittel den unver- dauten Stoff entweder veraͤhnlichen helfen, oder den- selben durch ein eigenmaͤchtig bewirktes Erbrechen oder Abweichen aus dem Leibe fuͤhren. — Nachdem man zuweilen zuweilen alles versucht hat, einen Schweiß, einen Stuhl zu erhalten, so geschieht dieses sehr leicht, so bald man nur einige Tropfen Blut abgezapft, oder die Heilmittel zu einer angemeßnern Zeit dargereicht hat. Zacutus Lusitanus drehete einem, der die Hirnwuth hatte, einen in Form eines Sternes gespal- tenen Federkiel in der Nase herum; es entstund ein Nasenbluten, und alsobald folgten Schweiß und Bauchfluß. — Wie viele Krankheiten werden durch die blosse Veraͤnderung der Nahrung, des Wohnor- tes, der Jahrszeit, des Alters, des Gemuͤthszustan- des vollstaͤndig geheilt, da sie bey den kraͤftigsten Mitteln unter andern Umstaͤnden unheilbar waren! Die ungesunden Bewohner der asiatischen Insel Ba- tavia erhalten in kurzer Zeit ihre Gesundheit, wenn sie nach den unweit von ihrer Hauptstadt entlegenen Gebirgen reisen. — Wer heilt in allen diesen Faͤllen, die Heilmittel, oder die Natur? Wenn bey einem Blatternkranken die Natur gehindert ist, den Blat- terstoff auf die Haut zu verwerfen, und die krampf- hafte von zu maͤchtigem Reize entstandene Schnuͤrung wird durch eine Aderlaͤsse, durch Mohnsaft, durch ein laues Baad geloͤset, worauf der Blatternausbruch gluͤcklich von statten geht; was hat hier der Arzt, was hat die Natur gethan? Was ist die Ursache, warum das naͤmliche Verfahren nach Verschiedenheit der Umstaͤnde verschie- dene und entgegengesetzte Wirkungen hervor bringt? — Hier wird eine Aderlaͤße das Fieber, den Blutfluß, die Kopfschmerzen, die Zuckungen stillen; dort wird Q 2 es sie das Fieber heftiger, den Blutfluß haͤufiger, die Schmerzen unertraͤglicher, und die Zuckungen in Zit- tern, heftige Kraͤmpfe und Sehnenhuͤpfen ausarten machen. Einmal stuͤrzet das Brechmittel in eine toͤd- liche Schwaͤche, in den Brand; und ein andermal werden eben diese Uebel augenblicklich dadurch geho- ben. Der elektrische Strom befoͤrdert oder verzoͤgert den Umlauf der Saͤfte, je nachdem er ein Hinderniß aus dem Weege geschaffet, oder einen Reitz verur- sacht hat. §. 12. Bey den meisten Krankheiten, von denen Je- dermann uͤberzeugt ist, daß sie ihre eigne spezifische Natur haben, ist es bisher noch fast immer allein das Werk der Natur, die Eigenheiten zu zerstoͤhren. Wir haben kein eignes, spezifisches Gegenmittel, zum wenigsten bedoͤrfen wir desselben nicht, gegen den Scharlach, die Masern, den Friesel, die Kraͤze, die Blattern u. s. w. Wir bestimmen unser ganzes Ver- fahren nach allgemeinen Heilanzeigen; das heißet, wo wir ein Hinderniß entdecken, welches das Bestreben der Natur unterdruͤcken, irre fuͤhren oder unmaͤßig machen koͤnnte, da sind wir besorgt, es nach Ver- schiedenheit der Umstaͤnde mittelst verschiedener Kunst- griffe, bald durch ein kuͤhlende, hizende, bald eine staͤrkende, erschlappende Heilart zu entfernen, und uͤberlassen das Uebrige der Natur. Vielleicht beruht der Erfolg der sogenannten spezifischen Mitteln groͤß- tentheils darauf, daß sie ein uns unbekanntes Hin- derniß, derniß, auf eine uns unbekannte Weise, heben, und dann die Natur das Uebrige uͤbernimmt. Dinge, die zwar etwas Allgemeines mit einander gemein, aber sonst ganz verschiedene sinnliche Eigenschaften haben, thun nicht selten die naͤmliche Wirkung. Man hatte lange geglaubt, der Scharbock koͤnne nur vermittelst der scharfen Pflanzen, als Rettige, Meerrettige (Kreen) Senf, Loͤffelkraut, Erdrauch u. s. w. geheilt werden. Spaͤter entdeckte man eine vorzuͤgliche Wir- kung im Sauerkraut; eine noch vorzuͤglichere in dem Malztrank; und nun hat Macbride gezeigt, daß durchaus alle Pflanzen, wenn sie nur frisch sind, den Scharbock heilen. Introductio methodica in Theoriam \& Praxin Medicin æ P. II. p. 346. Alle haben dieses gemein, daß sie die Saͤfte verduͤnnen, daß sie dem Koͤrper eine gros- se Menge fixer Luft zufuͤhren u. s. w. — In alten venerischen Zufaͤllen thut der Schierling oft bessere Dienste, als das Quecksilber; man weis aber, daß Schierling und Quecksilber in die Druͤsen wirken, mit welchen das Lustseuchegift die naͤchste Verwandschaft hat, und die es folglich vorzuͤglich anzugreifen pflegt. In der Bleykolik scheint eine Kraͤuselung und Schnuͤrung der Schleimwerkzeuge, vornehmlich der klei- nen Gedaͤrmdruͤsen, die Grundursache des Uibels zu seyn: Nun sehe ich aber auch, daß alles, was auf was immer fuͤr eine Art diese krampfhafte, trockne Schnuͤrung zu heben im Stande ist, die Bleykolik mit mehr oder weniger Gluͤck zu heilen vermag. Eu- stache, Tronchin, Piccard, Boisduval und Bü- rette rette glauben, der einzige Weeg, dem Kranken nicht nur Linderung, sondern selbst die Gesundheit wieder zu verschaffen, sey, daß man ihn von Oben und Un- ten stark ausleere: Zu diesem Zwecke verordnen sie Klystieren, Purgier- und Brechmittel, und sie ver- sichern, die Kraͤmpfe und Zuckungen wuͤrden durch erweichende, oͤlichte, beruhigende Mittel nur noch heftiger. Samml. auserles. Abhand. 1 B. Hingegen beschuldigt de Haen mit den meisten andern die Brech und Purgiermittel dieser Zweckwidrigen Wirkung; weil er glaubt, der dadurch ausgeleerte Schleim und gallichte Unrath seye nur eine Folge der Kraͤmpfe, wodurch also der Darmka- nal seiner Schluͤpfrigkeit beraubt, die Schnuͤrungen und Verstopfungen hartnaͤckiger gemacht werden. Eben dieses ließe sich von der haͤufigen, gruͤnen Galle, wel- che Piccard und Boisduval in der von verdorbenem Apfelwein entstandenen Kolik abgehen sahen, behaup- ten. Joh. Alex. von Brambilla haͤlt keine andere Arzney gegen dieses schmerzhafte Uebel angezeigt, als solche, deren Wirkung erweichend und beruhigend ist, z. B. suͤsses Mandeloͤl und Sydenhams fluͤssiges Lau- danum, was er durch die bewaͤhrte Vorbeugungskur mir Speck, Butter, Milch, Mandelmilch u. d. gl. bestaͤttigt. Er laͤst hoͤchstens Abfuͤhrungen von Man- na und Oelen zu. Arhandl. der R. k. k. Josephinischen Akademie 1 B. S. 170. Chalmers lobt den blauen Vitriol, wenn er mit andern Mitteln verbunden ist. Andere preisen den Alaun. Odier sah einen Mahler durch durch den Gebrauch des Rizinusoͤl genesen. S aml. aus. Abh. B. 4. S. 478. Der Brechweinstein in reichlichem Getraͤnke aufgeloͤset, soll viele Kuren bewirkt haben. Viele getrauen sich nichts, als laue, erweichende Baͤder, und eben solche Ge- traͤnke zu verordnen. Andere halten das Aderlassen theils fuͤr unentbehrlich, theils fuͤr das beste Befoͤr- derungsmittel der Kur, obschon wieder andere nicht das geringste Entzuͤndungsartige an der Bleykolick ent- decken koͤnnen, und folglich alles Blutlassen fuͤr uͤber- fluͤssig, wo nicht fuͤr schaͤdlich halten. Stoll verord- nete ungewoͤhnlich starke Gaben Mohnsaft, und ver- nachlaͤßigte mit Vorbedacht alle Zeichen einer gallich- ten Unreinigkeit; wenn ihn nicht etwa die Jahrszeit oder die Beschaffenheit der herrschenden Krankheit dar- auf aufmerksam machten. Einem jungen Mahler, der diese Krankheit in hohem Grade hatte, wobey sich viele Zeichen von angehaͤufter Galle aͤußerten, als: mit dickem, lockerm, gelbem Schleime beladene Zunge, bitterer Mund, Eckel, Erbrechen, starker Schwin- del, gallichter Harn u. s. w. gab ich durch fuͤnf Ta- ge jedesmal innerhalb vier und zwanzig Stunden fuͤnf- zehn Gran Mohnsaft, und er genaß ohne allen Ueber- bleibsel; hat auch seit zwey Jahren nicht das gering- ste mehr davon empfunden. In der Kolick von herben Obstsaͤuren, die mit der Bleykolick wahrscheinlich die Austrocknung und Kraͤuselung der Druͤsen gemein hat, empfiehlt der Freyher v. Störk den Schierlingauszug , den auch ich ich, nach den unten anzuzeigenden Maßregeln in ge- hoͤriger Gabe dargereicht, vortreflich und schnell wir- ken sah. — Alle diese Mittel loͤsen den Krampf theils unmittelbar, wie der Mohnsaft, die erweichenden oͤlichten Dinge, theils mittelst der Ableitung dessel- ben, wie der Alaun, der Vitriol, der Brechwein- stein u. s. w. Ob meine Nebengedanken von der Natur dieser Kolicken, von der Wirkungsart der meisten spezifi- schen Mitteln richtig sind, oder nicht, ist hier ziemlich gleichguͤltig. Von allen diesen verschiedenen Heilar- ten wissen uns die Aerzte gluͤckliche Kuren aufzustellen; und dieses ist, freylich nicht zur sonderlichen Ehre der Aerzte, fast in allen bekannten Krankheiten der Fall. Es muß also wahr seyn, daß die Kunst die Hinder- nisse, und die Natur die Krankheit hebe. Sollten auch wirklich einige Arzneyen eine un- mittelbare Kraft auf das Wesen der Krankheit haben, wie man dieses von der peruvianischen Rinde gegen das Wechselfieber, von dem Quecksilber gegen das Blattern- und Lustseuchengift, u. s. w. behauptet: so wird theils ihre Wirkung allzeit schaͤdlich, wenn sie gegen die Absichten der Natur gebraucht werden, oder sie bleiben fruchtlos, wenn sie nicht durch ihre Mit- wirkung unterstuͤzt eben diese Absichten befoͤrdern hel- fen. Daher der schlechte Erfolg der Arzneyen, die zur Unzeit des Jahres, des Tages der Krankheit ge- reicht werden; daher die schwere Heilung der Lust- seuche und der Gicht im Winter und in schlechtbeschaf- fenen Koͤrpern; wenn der Wassersuͤchtige neben einem Sumpfe Sumpfe, und der, so am Faulfieber liegt, im Spi- tale oder Kerker schwer zu heilen sind, so geschieht dieses um der Hindernisse willen, deren Beseitigung bey einerley Heilart die Wirksamkeit der Natur unge- mein unterstuͤzt, welche dann in Gemeinschaft mit der Kunst eine baldige Genesung zu Stande bringt. §. 13. Ich wiederhole es also, daß die Mittel der Kunst nur selten die Krankheit unmittelbar angreifen, und daß wir sie in den meisten Faͤllen beynahe alle so, wie Hippokrates, Sydenham , und Boerhave die Aderlaͤssen ansahen, als bloße Paliativmittel ansehen muͤssen, womit wir schlechterdings mehr nicht ausrichten koͤnnen, als den Heilkraͤften der Natur freye Haͤnde verschaffen, wo sie ihnen gebunden sind; sie lei- ten, wo sie irre gehen; und wo sie in Unmaͤßigkeit ausarten oder erliegen, gehoͤrig einschraͤnken und un- terstuͤtzen. Der Arzt kann nur den Kranken so vor- bereiten, daß die Natur die seinem Uebel anpassende Wirkung aͤussern, die erforderlichen Zufaͤlle in guter Ordnung erregen, und so die dem gesunden Zustande desselben angemessene Beschaffenheit bewirken koͤnne. Darin liegt die Aufloͤsung jenes grossen Raͤth- fels, warum Afteraͤrzte und alte Weiber nicht selten mit einem einfachen Kraͤuterabsude, einem unwirksa- men Pflaster Uebel heilen, an denen die nur zu ge- schaͤftige Kunst der beruͤhmtesten Maͤnner gescheitert hat. Ist es also nicht ein billiger Wunsch, daß sich Aerzte, welche sich nicht einer tiefen Kenntniß der Krank- Krankheiten bewußt sind, besonders in langwierigen Gebrechen aͤusserst sparsam zu einer gewaltsamen Heil- art entschliessen moͤgten? Es ist gleich gefehlt, die Natur, wenn sie heimlich oder offenbar wirksam ist, von ihrem Weege ableiten, oder sie, ehe sie etwas bewirken kann, unnuͤtzer Weise anspornen; und es ist oft das groͤßte Verdienst, bey all ihren Unterneh- mungen den muͤßigen Zuschauer zu machen. Baillou setzte daher ein so großes Vertrauen auf die Natur, daß er von ihr in wenig Tagen mehr erwartete, als der Arzt mit allen seinen Anordnungen ausrichten kann. Denn, obschon die heilsamen Hilfsmittel der Kunst hoch zu schaͤtzen sind, so sind doch die Hilfsmittel der Natur nicht weniger schaͤtzbar. „Es werden dadurch, sagt Tulpius , zuweilen Kranke gerettet, welche sich ausser den Grenzen der menschlichen Hilfe befinden. Die Natur laͤßt nichts unversucht, ehe das edle Werk des menschlichen Koͤrpers zerstoͤhrt wird. Ist der Weeg nach oben zu verschlossen, so bahnt sie sich einen Weeg nach unten zu; findet sie hier gleiche Hindernisse, so sucht sie seitwaͤrts einen Ausweeg. Sie schlaͤgt zur Rettung des Menschen alle moͤglichen Weege ein.„ Wenn es nun uͤbrigens noch wahr ist, daß die Heilungen der Natur die angemessendsten, und bey guͤnstigen Umstaͤnden und gehoͤriger Unterstuͤtzung die vollkommensten sind; so sollte sich jeder ausuͤbende Arzt das grosse Gesetz tief in die Seele graben: Ohne sehr wichtigen Beweggrund kein Uebel unmittelbar anzugreifen; sondern nur die Natur fähig zu machen, dasselbe einenmächtig zu heben . Zwey- Zweyter Abschnitt . Vom Heilvermoͤgen der Kunst. §. 35. B is daher bin ich der Lobredner der Natur gewe- sen, und habe die Grenzen der Kunst gezeigt, indem ich ihr ausser dem Vermoͤgen, die Hindernisse zu he- ben, nichts eingeraͤumt habe. — Ist aber darum die Kunst entbehrlich? Sind die Aerzte uͤberfluͤssige Glie- der der Gesellschaft? — — Es herrschen Gesetze in der thierischen Haushal- tung, vermoͤg welcher auf gewisse Veranlassungen Be- wegungen erfolgen, oder unterdruͤckt werden, die kei- neswegs zur Erhaltung derselben beytragen. Die Koͤrperwelt hat dieses mit der sittlichen gemein, daß das Uebel eine unzertrennliche Folge derjenigen Ein- richtung ist, welche zum Leben, zum Wachsthum, zur Gesundheit und Erhaltung noͤthig war. Nicht al- le Zufaͤlle, das heißet, nicht alles, was eine krank- hafte Beschaffenheit veranlasset; nicht alles, worinn die gekraͤnkten Lebenskraͤfte von ihrer natuͤrlichen Wir- kung abweichen, kann als wohlthaͤtige Anstalt betrach- tet werden. Der Mensch sollte sterben — Es muß- te te also die Kraft, ihn zu toͤdten, in seine Natur ge- legt seyn. Aber, so wie es seiner Willkuͤhr uͤber- lassen wurde, seinen Untergang muthwilliger Weise zu beschleunigen; so ist auch sein Geist jener Kenntnisse faͤhig gemacht worden, wodurch er Unfaͤlle vorsehen, verhuͤten und heilen kann. Er kann die unnuͤtzen Be- wegungen der Natur unterdruͤcken, die irrigen zu recht weisen, die traͤgen beschleunigen, die zu heftigen maͤs- sigen, und die nachtheiligen abwenden, schwaͤchen oder zernichten. Nicht selten erringt die Kunst noch den Sieg uͤber einen Feind, an dem die Natur erle- gen war. Es ist also hoͤchst wichtig, das Unvermoͤgen der Natur kennen zu lernen, auch ihr ihre Grenzen zu bestimmen, wodurch sich von selbst zeigen wird, wie weit sich das Gebiet der Kunst erstrecke. §. 15. Von den zwey und vierzig Kranken, deren Ge- schichten Hippokrates in dem ersten und dritten Buche von den Landseuchen aufgezeichnet hat, sind vier und zwanzig gestorben. Und von einigen wird ausdruͤcklich gemeldet, daß Er oder andere Hilfsmittel der Kunst angewendet hatten. Allen Umstaͤnden nach schraͤnkte sich Hippokrates allermeist auf die blosse Beobach- tung der Natur ein; er war mehr Zuschauer, als Arzt. Daher nannte Asklepiades sein Betragen ei- ne Betrachtung über den Tod . Es war dieses auch das beste Mittel, die kranke Natur in ihrem ganzen Umfange kennen zu lernen. Und in dieser Hinsicht sind die Werke der Alten, vorzuͤglich des Hippokrates un- unschaͤtzbare Denkmaͤler des menschlichen Scharfsinnes. Wo die Natur durch ein gewaltsames Verfahren der Kunst alle Augenblicke von ihrer Bahne abgefuͤhrt wird, da ist es nicht moͤglich, ihre Weege kennen zu lernen; und ohne diese Kenntniß waͤre alles Bestre- ben der neuern Heilkunde ein blindes Wuͤrfelspiel ge- blieben. Aber bekannt mit dem Verlauf der Krank- heiten, mit ihrer Gefahr und mit den Hilfsmitteln der Natur, war es den Neuern nicht mehr so schwer, das Heilgeschaͤft auf einen so hohen Grad von Vollkom- menheit zu bringen, daß man mit Vertrauen von der Zukunft erwarten kann, sie werde auch viele von den uns noch unheilbaren Uebeln theils verhuͤten theils uͤberwinden lernen. Zu allen Zeiten waren die Fieber die allge- meinsten Feinde des menschlichen Geschlechtes. Vom Krebs bis zum Steinbock, sagt Black , durch alle Gegenden des Aequators, oder auf dem mittleren heissen Striche der Erde sind Wechselfieber, aber vor allen andern, nachlassende Fieber und Ruhren fast die einzigen Krankheiten. Sie reiben, (sich selbst uͤberlassen) ganze Heere von Menschen auf. Waͤhrend der periodischen regnichten Jahrszeiten in den Wen- dezirkeln, insonderheit da, wo sie mit Waͤldern und Moraͤsten angefuͤllt sind, und an neuen noch unbe- baueten Pflanzoͤrtern verheeren diese Fieber oft wie die Pest in Aegypten; und zuweilen toͤdten sie nach einem oder zwey Anfaͤllen, wenn sie nicht bald geho- ben werden, den Arzt, den Richter, den Priester schleunig nach einander bey ihren Besuchen. Sie raf- fen fen nicht allein eine grosse Menge Menschen, inson- derheit von den europaͤischen Kolonisten unmittelbar weg, sondern wenn sie nicht gehoͤrig behandelt wer- den, oder wenn Genesende wegen unordentlicher Le- bensart Ruͤckfaͤlle bekommen, so endigen sie sich oft in toͤdtliche chronische Krankheiten, welche denen aͤhnlich sind, welche von Wechselfiebern zu entstehen pflegen, als: Krankheiten des Magens, der Verdauungswerk- zeuge, der Leber und des Darmkanals; gallichte Un- reinigkeiten, Gelbsucht, Auszehrung, Wassersucht. Wilhelm Blaks Vergleichung der Sterblichkeit des mensch- lichen Geschlechts in allen Altern, Krankheiten und Un- gluͤcksfaͤllen. S. 65. Ehedem, faͤhrt er fort, scheinen die Fieber in Lon- don und in ganz England, und wahrscheinlich auch in ganz Europa viel haͤufiger und toͤdtlicher gewesen zu seyn, als jezt; ihre eigentliche Beschaffenheit und ihre Heilung sind den Aerzten jezt viel bekannter; und wir besitzen weit wirksamere Hilfsmittel, und sind geschick- ter in der Anwendung. In diesem besondern Falle zeichnet sich die neuere Arzneykunst, und vorzuͤglich die Arzneykunst dieses Jahrhunderts, sehr aus, welches wir ohne Stolz ruͤhmen koͤnnen. — — Wir haben neuere richtige Listen, in welchen bey einer einsichts- vollen und geschickten Behandlung von zweyhundert Kranken an nachlassenden Fiebern nur ein einziger ge- storben ist: und selbst bey den Nerven- und Faulfiebern waren die Gestorbenen in einem geringen Verhaͤltniß gegen die Lebengebliebenen; da hingegen bey einer an- dern und unrichtigen Behandlung die Haͤlfte, und oft der der groͤste Theil der Kranken starb. Die Bestaͤtti- gung dieser Behauptungen kann man bey Lind, Mi- liar, Robinson, Clarke, Lettsom, Sims und andern finden. §. 16. Es ist ausgemacht, daß in vielen Faͤllen eine verkehrte Heilart weit mehr schade, als die sich selbst uͤberlassene Natur schaden kann. Die hitzigen Krank- heiten haben sich zwar von allen Zeiten her bis auf den heutigen Tag aͤußerst toͤdlich bewiesen. Allein ih- re Toͤdtlichkeit hat durch das hitzige Verfahren, durch die leidige Sucht, das Gift aus dem Leibe treiben zu wollen, welches noch zu Sydenhams Zeiten das herrschende war, ungemein zugenommen. Dazumal starben unter zehen sechse, beym Hippokrates etwan eben so viele oder vielmehr weniger. — Bald nach Sydenham kaum mehr einer — und wie sehr wird der Werth der Kunst erhoͤhet, wo von zweyhunderten nur einer starb! Eben so verhielt es sich mit den Pocken. Die Sterblichkeit daran ist aber jederzeit weit groͤsser ge- wesen, weil unter hundert kaum 3—5 davon ver- schont bleiben, und unter denen, die davon befallen werden, im Durchschnitt der 7—12te stirbt. Die- ses Verhaͤltniß wird aber, ausser sehr schlimmen Epi- demien, bey einer guten Heilart unendlich viel geringer. Von den Eingeimpften stirbt unter fuͤnfhundert kaum einer, weil nur aͤußerst selten nicht ganz gutartige Pocken A a O S. 77. Pocken entstehen. Statt dem falschen Wahn, das Pockengift durch ein hitziges Verhalten aus den innern Theilen nach der Haut zu treiben, suchen wir jezt auf alle Art, durch die freye kuͤhle Luft, durch kuͤhlende Arzneyen u. s. w. das Blatternfieber zu vermindern. Dadurch verhuͤten wir eine schlimme Ausartung der Saͤfte, ein zu haͤufiges Erzeugniß von Eiterstoff, kommen den Folgen des Eiterungsfiebers und eben so jenen des von der Einsaugung des Eiters entstehenden hektischen Fiebers zuvor; ohne von allen den sonst ge- woͤhnlichen ungluͤcklichen Ueberbleibseln zu reden, wo- von wir allermeist nichts erfahren, als: verdorbene Leibesbeschaffenheit, zerrißne Gesichter, Auszehrungen, Eiterversammlungen, Geschwuͤre, bloͤde Augen, Blind- heit u. s. w. Die Schwindsucht und Epilepsie waren sonst zu Clausthal sehr haͤufig. Die Beschaͤftigung, Nah- rungsmittel und oft wiederkommende Husten gaben zu den gewoͤhnlichsten Uranfaͤngen der Schwindsucht, den Lungenknoten, Gelegenheit; Lentin aber hat sie sel- ten gemacht, indem er gleich zu Anfang eines mit Heiserkeit! verbundenen brausenden trocknen Hustens Blasenpflaster, und im fernern Verlauf Meerzwiebel- hoͤnig und Ammoniakgummi verordnete. Die fallen- de Sucht hatte ihren Ursprung groͤstentheils von Wuͤr- mern, oder von zuruͤckgetriebenem Ausschlag am Kopf, welche er ebenfalls gehoͤrig behandelte. Beytraͤge zur ausuͤb. Arz. S. 14. Jener Krampf, der von Verletzungen der Ner- ven entsteht, und sich oft nicht ehe, als einige Tage nach nach der Verletzung, ja sogar erst dann einstellet, wenn der Schmerz von der Wunde schon gehoben ist, war noch vor einigen Jahren nur selten heilbar, was er doch jezt bey unsern wirksamern, und in angemeße- nen Gaben dargereichten Arzneien in den meisten Faͤl- len ist. Nach Süßmilch sind die Koliken, die Krank- heiten der Kinder am Kopf und von unordentlicher Bildung der Hirnschale, die toͤdtlichen Zufaͤlle der Kind- betterinnen und die Kraͤmpfe uͤberhaupt: — Nach Franks Zusaͤtzen die kalten Fieber, besonders die mit Schlafsucht und Schlagfluͤssen begleiteten Fieber, die Gall- und Faulfieber, die Pocken und Masern, die Friesel- und Fleckfieber, seitdem man sie theils bes- ser zu behandeln gelernt hat, theils weniger der Na- tur allein uͤberlaͤst, obschon sie haͤufiger geworden sind, dennoch weniger gefaͤhrlich. Ich zweifle, ob die Aerzte jemals mit den Kennzeichen der verschiedenen Lungensuchten hinlaͤng- lich vertraut waren. Denn die Berechnung, daß von 7—9 etwa einer geheilt werde, — durch die gewoͤhnliche Heilart, mittelst erschlappender Getraͤnke und fleissi- ger Aderlaͤssen u. d. gl. geheilt werde, — scheint mir noch immer uͤbertrieben zu seyn. Alle die, so ich bisher als wahrhaft lungensuͤchtige erkannt habe, sind mir unter diesen Umstaͤnden gestorben. Fuͤnf, die es von andern dafuͤr erklaͤrt und verlassen waren, habe ich geheilt. Aber da war die Lungensucht zweimal mit der Kraͤze, und mit offenbaren Verstopfungen der Baucheingeweide verbunden; einmal war sie die Folge eines zuruͤck- Gall I. Band. R getrie- getriebenen Kopfgrindes; einmal war sie vom Kin- dersaͤugen, und einmal vom schnellen Wachsen entstan- den. In jedem Falle waͤren die Kranken sowohl durch die Natur als eine noch mehr schwaͤchende und ausleerende Heilart gestorben. Die Erfahrungen ei- nes Salvadory versprechen fuͤr diejenigen Faͤlle, wo schwache Daukraͤfte und Schlappheit der Lungen die Lungensucht veranlassen, eine sehr trostvolle Aus- sicht. §. 17. Nichts kann der Kunst zur groͤssern Ehre gerei- chen, als die alltaͤgliche Erfahrung der besten Aerzte, daß die Machtspruͤche des Hippokrates , jene unver- faͤlschten Zeugnisse von der Wirksamkeit und den Gren- zen der Natur, zu unsern Zeiten beynahe ihre ganze Kraft verloren haben. Schwerlich wird ein Arzt im Stande seyn, außer dem ganzen Verlauf einer Krank- heit, und ohne offenbar toͤdtliche Zerstoͤhrung, einen Um- stand ausfindig zu machen, bey dessen Erscheinung der Tod jedesmal unausbleiblich, oder das Uibel zum wenigsten unheilbar gewesen waͤre. Galen und Düret fanden die auf den Wahn- witz erfolgenden Konyulsionen toͤdtlich, und Mead sagt, daß die fallende Sucht, welche auf den Wahn- witz folgt, unheilbar sey: Zimmermann hat in dem Wahnwitz sehr oft Zuckungen und Kraͤmpfe gesehen. Er hat sie aber auch dazumal nicht toͤdtlich gefunden, sondern vielmehr wahrgenommen, daß man von dem Wahnwitz in Konvulsionen, und von diesen wieder in de den Wahnwitz verfallen, und dennoch sich wieder er- holen kann. Er hatte vier Jahre lang ein Weib un- ter den Augen, das zugleich mit der wuͤtenden Geil- heit und der fallenden Sucht befallen war. — Dem Hippokrates waren Bewegungen der Hand gegen die Stirne, vielfaͤltiges Ausgreifen in die Luft, Su- chen und Zupfen an den Betttuchen und den Waͤnden noch toͤdlich: Wir heilen unsere Kranken bey allen diesen Zufaͤllen. — Im hiesigen Krankenhause sah ich den Hr. Doktor Beutel , obschon er in einem Faulfie- ber schon das gelaͤhmte Schlingen hatte, wobey man die Arzneyen, wie in einen holen Sack, fallen hoͤrt, unter Stoll noch genesen. — Die Zeichen der Verwer- fungen nach den Gehirnhoͤlen oder dem Ruͤckgrad und dem verlaͤngerten Gehirnmark sind uns bey weitem nicht mehr so schrecklich, wie sie es noch vor wenigen Jah- ren waren. Durch zur rechten Zeit angebrachte aͤu- ßerliche Reize und kleine Blutlaͤßen zu einer oder zwey Unzen wissen wir die Wiedereinsaugung der scharfen Lymphe zu bewirken. — Kämpf hat uns gelehrt, den noch von Boerhave fuͤr unheilbar erklaͤrten Glasschleim aufzuloͤsen. — Die Versuche mit dem Lorberkirschenwas- ser werden uns vielleicht noch die vom Durchschwitzen der gerinnbaren Lymphe entstandenen Verwachsungen, Engbruͤstigkeiten und Unfruchtbarkeiten heilen lehren. — Man hielt es immer fuͤr eine sehr schlimme Vorher- deutung, wenn im entzuͤndlichen Seitenstiche vor dem Ende des vierten Tags keine Entscheidung durch ge- kochten Auswurf zu Stande kam; aber Strack hat R 2 das das Gefahrvolle dieses Umstandes vereitelt. Bemerkungen uͤber den Seitenstich 64te Krankengeschicht. Eben dieser Seitenstich war von Hippokrates fuͤr toͤdlich er- klaͤrt, wenn er eine schwangere Frau befiel. Dieses geschah bey der fuͤnf und vierzigjaͤhrigen Dame, wel- che im neunten Monate schwanger war, aber uͤbrigens eine verdorbne Leibesbeschassenheit hatte, deren Ge- schichte Morgagni erzaͤhlt. Epist. XX. Nro 9. Er setzt aber hinzu: “Wenn dergleichen Faͤlle bey den Alten so leicht toͤd- lich waren, so geschah es deßwegen, weil solche Kran- ken die strenge Heilart derselben nicht aushalten konn- ten.„ Sie pflegten solchen Weibern bis zur Ohn- macht Ader zu lassen. Bey maͤßigem und behutsamem Blutlassen u. s. w. ist es nicht nur ihm, es ist auch mir gelungen, und es gelingt jetzt allen Aerzten, die- se Kranken zu retten, wovon ebenfalls Strak ein hoͤchst merkwuͤrdiges Beyspiel anfuͤhrt. A. a. O. 85te Krankengeschichte. Ein einge- sperrter Bruch mit der Schwangerschast , besonders wenn die Darmgicht hinzukoͤmmt, wird noch jezt von sehr vielen fuͤr toͤdtlich gehalten. Ich behandelte 1785 eine außerordentlich magere, lange, schwarzgallichte, von Anschoppungen einer zaͤhen gallichten Unreinigkeit immerwaͤhrend gequaͤlte Frau Johanna Puff . Sie hatte schon mehrere Tage keine Leibesoͤffnung, und der Leistenbruch, der sonst, wenn sie im Bette lag, zuruͤckgieng, war nicht mehr zuruͤckzubringen. Sie fieng an, unaufhoͤrlich zu brechen. Bald verbreitete sich die Entzuͤndung uͤber alle haͤutigen Eingeweide des Unter- Unterleibs, so, daß die Zeichen, welche sonst bey den einzelnen Entzuͤndungen vorkommen, hier alle- sammt zusammen trafen. Es waren also der Magen, die diken und duͤnnen Gedaͤrme, die Harnblase und die Gebaͤrmutter aufs deutlichste entzuͤndet. D a bey war sie im dritten Monate schwanger. Mehr aus Fuͤrwitz, um den Verlauf der Krankheit zu beobach- ten, und um mir keine Vorwuͤrfe einiger Nachlaͤßig- keit zuzuziehen, als in der Hoffnung, zu helfen, ent- schloß ich mich, allen meinen Kraͤften aufzubieten, und zu versuchen, was die Kunst vermag. Von innern Arz- neyen ist keine Rede; denn es war nichts auszudenken, wovon sie nur ein Kaffeloͤffelchenvoll ertragen haͤtte. Ich richtete daher mein ganzes Verfahren gegen die allgemeine Entzuͤndung ein, doch so, daß ich mehr den Brand zu verhuͤten, als die Entzuͤndung auf ein- mal zu brechen, besorgt war, weil die Entkraͤftung ohnehin schon den hoͤchsten Grad erreicht hatte. Waͤh- rend dem die Zufaͤlle am heftigsten tobten, gieng die Leibesfrucht ab. Diese war vom Nabel an bis uͤber den ganzen obern Koͤrper, Arme, Brust, Ruͤcken, Kopf dunkelroth entzuͤndet; der untere Theil, der Hintere, die untere Gegend des Bauches und die Schenkel und Fuͤße hatten die natuͤrliche Farbe. Ich gab sie dem Herrn Professor Barth welcher sie in seiner Sammlung aufbewahrte; der Weingeist ver- aͤnderte die rothe Farbe in eine bleich braune. Auf diesen Abgang folgten einige zu einem Pfund schwe- re Klumpen gerinnbarer mit Blut gemischten Lymphe. Einige Tage spaͤter bekam sie in einer Nacht uͤber zwanzig zwanzig haͤufige Stuͤhle eines weisgelben, eiterfoͤr- migen Schlammes, worauf die Genesung ihren deut- lichen Anfang nahm. Nach vier Jahren wurde die- se Frau von einem Knaben gluͤcklich entbunden, der aber bald uͤber und uͤber schwarzgruͤn und gelb wur- de, zu einem Todengeribbe einschnurrte und starb. Noch jezt behaupten die Aerzte, daß das Knirschen mit den Zaͤhnen nebst Irreseyn toͤdlich sey. Die Frau, z. B. welche an dem kalten Brunnen wohnte, bekam den 6ten Tag Knirschen mit den Zaͤhnen, und starb den 24ten. Le Roi Vorherkuͤndigungen S. 36. Nro. 29. Indessen knirschte Franz Je stl mit den Zaͤhnen und sprach irre; Klara Sied (wovon unten) knirschte fuͤrchterlich, sprach irre und rasete; beyde kamen davon. Zu Ende dieses Kapitels und im zweyten Theile, wo ich von der Unsicherheit der Vorherkuͤndigungen reden werde, soll dieser auch in andern Ruͤcksichten wichtige Gegenstand erlaͤutert wer- den. §. 18. Nicht weniger nuͤtzlich erweiset sich die Kunst, wo es auf Ausrottung und Abwendung dieser Art Feinde des Menschengeschlechts ankoͤmmt. Von der Pest, sagt Blak , daß sie jetzt hauptsaͤchlich in Constan- tinopel und Groscairo in Aegypten eingeschlossen waͤre, indem diese beyden Staͤdte die urspruͤnglichen, oder wenigstens die vornehmsten Oerter sind, wo sie be- staͤndig unterhalten, und ausgebruͤtet wird; ferner in ver- verschiedene Seestaͤdte in Asien und Africa, die am Archipelagus und am mittellaͤndischen Meere liegen; naͤmlich: Smyrna, Aleppo, Tripoli, Tunis, Algier u. s. w. „In vielen Staͤdten wird das Pestgift ge- heget, und bis zur groͤßten Boͤsartigkeit angehaͤuft; in einigen ist diese Krankheit alle Jahre, oder alle drey Jahre epidemisch. Heutiges Tages schuͤttet sie ihr Gift allein auf die mahomedanischen Nationen aus, deren Vorurtheile und Unwissenheit, die mit religioͤ- sen Ungereimtheiten von Praͤdestination durchwebt sind, ihrer Herrschaft freyen Lauf und Thaͤtigkeit geben. Durch einen solchen einfaͤltigen und enthusiastischen Glauben an den Inhalt des Alcorans, verbunden mit grosser Dummheit in den Wissenschaften und in der Weltweisheit, werden die Mahomedaner aufgemuntert, wehrlos und unbesonnen diesem boshaftesten und schrek- lichsten Feinde entgegen zu gehen.„ A. a. O. S. 91. Krankheiten die gewissen Gegenden eigen waren, und Theils von der Luft, den Winden, den Waͤssern, theils von der Nahrung und Lebensart abhaͤngen, hat man vielfaͤl- tig ausgerottet, sobald die Aerzte ihre Entstehungs- art eingesehen haben. Hieher gehoͤren das Austrock- nen schaͤdlicher Suͤmpfe, das Anpflanzen und Aushau- en der Waldungen, das Ab- und Antragen der Ber- ge, das Ableiten schaͤdlicher Quellen, und das Graben gesunder Bruͤnnen, die guten Anstalten gegen einreißen- de Seuchen, schlechte Nahrung, schaͤdliche Kleidung, ausschweifende Sitten, ungesunde Ehen u. s. w. Vollstaͤndig uͤber all dieses sehe man F nk’s medizinische Polizey. So viel mag einstweilen im Allgemeinen genug seyn, die Ehre der Kunst zu vertheidigen. Ich gehe nun zu besondern Betrachtungen uͤber. Faͤlle, wo die Bestrebungen der Natur mangel- haft oder nachtheilig sind. §. 19. Oben haben wir freylich gesehen, daß bey guͤn- stigen Umstaͤnden die Natur fast alle Krankheiten, von der geringsten Unpaͤßlichkeit bis zur Pest, aus eig- ner Kraft zu heilen vermag. Und dieses war noth- wendig, damit der Arzt die Weege kennen lernte, auf welchen er eine hilfreiche Mitwirkung an der Natur finden wird. — Aber die Umstaͤnde sind oft so unguͤn- stig, die Hinderniße so unuͤberwindlich, daß die Un- thaͤtigkeit des Arztes hoͤchst schaͤdlich und in der That nur gar zu oft zu einer wahrhaften Betrachtung uͤber den Tod werden muß. Ich will jetzt die Faͤlle her- erzaͤhlen, wo die Natur muͤßig, traͤg, unvermoͤgend, nachtheilig und uͤbermaͤßig ist, oder es zum wenig- sten zu seyn scheint. §. 20. Muͤßig, zu traͤg oder ganz unvermoͤgend ist sie uͤberhaupt in Krankheiten, wo nur die lymphati- schen Theile angegriffen sind; in allen Arten von Aus- zehrungen und Schwindsuchten; in allen Krankheiten, die von Schwaͤche der Fasern, von Verderbniß der Saͤfte entstehen; in allen Arten rachitischer, veneri- scher, skrophuloͤser, und gichtfluͤßiger Zufaͤlle; bey ei- ner ner uͤbeln Beschaffenheit des ganzen Koͤrpers; in Ver- haͤrtungen, Wassersuchten, Blutfluͤßen von scharfer aͤtzender Feuchtigkeit, zerfressenen Gefaͤßen, aufgeloͤ- stem Blute, erschlappten Fasern; bey kraͤnklichen, verdorbenen Personen, im Scharbock mit und ohne Fieber, mit oder ohne Ausschlag; in dem hoͤchsten Grad von Aufloͤsung bey Faulfiebern, schlimmen Blat- tern; daher gehoͤrt auch das mehr oder weniger hart- naͤckige Erbrechen, die veralteten Bauchfluͤsse, Ruh- ren, der Ausfluß des Magens- und des Gedaͤrmsaftes, der Leberfluß, der Harnfluß, der weiße Fluß, wenn sie von Unthaͤtigkeit und Laͤhmung des Magens, der Gedaͤrme, der Leber, der Nieren, der Gebaͤrmutter, der Harnblase entstehen; in allen Blutfluͤssen, die ei- ne Laͤhmung zum Grunde haben, z. B. nach zu schnel- len oder zu gewaltsamen Geburten, besonders wo ei- ne grosse Menge Gewaͤßer angehaͤufet war; im Fall der verhaltenen Reinigung, in Blutanschoppungen der Gekroͤsgefaͤße von zuruͤckgehaltenem Goldaderfluß; bey zuruͤckgetrettenen Ausschlaͤgen; in innerlichen Ei- terungen, in boͤsartigen Wechselfiebern; in der Be- taͤubung, der Hirnwuth, der Gallenkrankheit oder dem Brechdurchfall; in den schmerzhaften Unverdau- lichkeiten, auf welche ein immerwaͤhrend empfindlicher und schwacher Magen zuruͤckbleibt, wenn das Uebel allein der Natur uͤberlassen wird; bey der zuruͤckge- trettenen Gicht, und uͤberhaupt in allen Faͤllen, wo Versetzungen aus den unedleren Theilen nach den ed- lern statt haben; in den verschiedenen Arten von Scheintod; in veralteten Uebeln der Eingeweide; in den den Faͤllen, wo sich Eiter oder Wasser oder andere zaͤhe, klebrichte Substanzen in der Brust, den Hirn- und Bauchhoͤhlen oder im Zellengewebe angesammelt haben; bey betaͤubenden Giften, oder einem angehaͤuf- ten, faulen Unrath im Magen oder den uͤbrigen Ein- geweiden des Unterleibs, wovon oft die schrecklichsten Ohnmachten, und gaͤnzliche Betaͤubung der Lebens- kraͤfte entstehen; wenn Geschwuͤre austrocknen, Pest- beulen verschwinden, nicht genug anschwellen, oder die Verwerfungen geradezu nach den edlern Theilen geschehen; in gewissen Arten der Fallsucht; in der Gicht mehr oder weniger, je nachdem die Quelle hartnaͤcki- ger oder an Erzeugung des Gichtstoffes ergiebiger ist; außer den Anfaͤllen des Podagra; im Krebs; im Bauch und Ruͤckenkrampf ( Epi- und Opisthotonus ) in der Hundswuth; im Schlagfluß; in der Hypochon- drie, Histerie, in den Krankheiten des Verstandes und des Gemuͤthes; in allen Fiebern faulichter Be- schaffenheit; in den Nervenfiebern, Schleimfiebern, und uͤberhaupt groͤßtentheils in allen angebornen Krank- heiten; in der brandigen Braͤune, den rothlaufarti- gen Entzuͤndungen der innern Theile, der Pest; in zaͤhen, kleisterartigen Verstopfungen des Pfortadersy- stems; in der Doͤrrsucht sowohl bey Kindern als Er- wachsenen; in der Ruͤckendarre; den meisten Arten von Gelbsucht; in den rotzigen, schleimichten Anhaͤu- fungen der Lungen, und den Durchfaͤllen bey sehr al- ten Personen u. s. w. In allen diesen Faͤllen muß das Heilgeschaͤft den Haͤnden der Natur entrissen werden; denn, ob- schon schon sie manchmal gewisse Bestrebungen aͤußert, so richtet sie doch nur selten etwas Erhebliches aus. So zum Beyspiel, macht sie in der Lustseuche hie und da kleine Ausfaͤlle; durch das habituelle, hektische Fieber, welches vom venerischen Gift entsteht, und mit Ver- lust der Eßlust, mager werden, schlaflosen Naͤchten und blassem Aussehen verknuͤpft ist, bezwingt sie einige von den venerischen Ausschlaͤgen oder Knoten auf der Beinhaut, den Knochen, den Sehnen oder andern Theilen. Allein, bald kehren die alten Zufaͤl- le zuruͤck, und nie bringt die Natur eine vollkommene Zerstoͤhrung des Lustseuchengiftes zu Stande. — In den Krankheiten des Unterleibes veranstaltet sie bald krampfhafte Schauer, wodurch die Verstopfungen der kleinsten Gefaͤße losgeschuͤttelt werden sollten, bald fieberhafte Hize; bald bewirkt sie auf einige Zeit ein wohlthaͤtiges Wechselfieber, bald einen Bauchfluß; bald entleert sie zum Theil die Anschoppungen der Pfortader durch den Goldaderfluß oder durch Blut- harnen, Blutbrechen ꝛc.; aber Sie kann den festen Theilen ihre gehoͤrige Reizbarkeit, ihre Schnellkraft, und den fluͤßigen ihre gute Mischung nicht wieder ge- ben; folglich faͤngt das alte Uebel in wenig Tagen wieder eben so viel zu wachsen an, als es zuvor ver- mindert worden war. Geben wir endlich zu, daß die Natur hie und da in den angefuͤhrten Faͤllen vollkommen siege, so kan n doch nicht gelaͤugnet werden, daß sie tausendfaͤltige, muͤhsame Umwege mache, und erst in Jahren erhalte, was die Kunst in wenig Tagen geleistet haͤtte. Man uͤber- uͤbersehe die Krankengeschichten des Hippokrates ; nicht selten schleppten sie sich uͤber hundert Tage hin- aus; ihr Verlauf war schwankend, und abwechselnd; ihre Entscheidungen geschahen meistens nur theilweis und unvollkommen; die Ruͤckfaͤlle waren haͤufig. Al- les dieses koͤnnen wir alle Tage beobachten, wo auch nur unbedeutende Uebel, als geringe Rheumatismen, Katharrhe, oder Unpaͤßlichkeiten von Unreinigkeit der Gedaͤrme sich selbst uͤberlassen werden. In dem Ka- tharr, der 1787. hier herrschte, hatten die Leute bey einer schlechten oder ganz vernachlaͤßigten Heilart durch- gaͤngig vier und sechs Wochen zu thun, nebst dem, daß bey manchen der Stoff zu allerley Brustkrankhei- ten, langwierigen Rheumatismen ꝛc. zuruͤckblieb. Die aber gut behandelt wurden, genasen alle innerhalb 4 Tagen vollstaͤndig. An einem einzigen schwarzgal- lichten und geschwaͤchten Manne hatte ich 8 Tage zu thun. Schulzenkranz hat ein Maͤdchen hergestellt, an welcher die Natur drey Jahre lang offenbar und umsonst bemuͤht war, den Zeitfluß in Gang zu brin- gen. Saml. aus. Abh. X. V. S. 738. Der Speichelfluß bey dem Wahnsinnigen des Perfekt hatte schon acht Monate gedauert, ohne daß der Kranke geheilt war. Wie lange geht es zu, bis in der Melancholie, dem Wahnsinne u. s. w. eine Krampfadergeschwulst, eine Blutschwaͤre, ein Gold- aderfluß, ein Hautausschlag, eine Ruhr, oder ande- re wohlthaͤtige Ausleerungen, oder ein Wechselfieber entstehen, wodurch der Krankheitsstoff aufgeloͤset, von den den edlern Theilen weggeschaffet und ausgeleeret wird! Und dann hinterlassen dergleichen Zufaͤlle manchmal noch hoͤchst verdruͤßliche Folgen, zum Beyspiele, grosse Entkraͤftung, Hohlgaͤnge und andere boͤsartige Geschwuͤre. Bezwingt die Natur hie und da ein boͤs- artiges Nervenfieber, so bleiben ebenfalls nur selten nicht uͤble Folgen, als: Taubheit, periodische Verges- senheit ꝛc. zuruͤck. — Der Kopfgrind faͤngt oft vor dem zweyten Jahre an, und bekleitet die Kranken bis in die Jahre der Mannbarkeit, wenn er ganz ver- nachlaͤßigt wird. Wer aber hier den Plan und das Verfahren der Natur kennt, der wird ihn ohne alle Gefahr in sechs oder acht Wochen heilen koͤnnen. Bey sieben Kindern vom zweyten bis ins zehnte Jahr in einem Hause, welche alle auf einmal offene Koͤpfe hatten, verordnete ich die das Bestreben der Natur unterstuͤtzenden Mittel. Man fragte noch anderstwo um Rath; meine Vorschriften wurden als ein ver- wegenes Unternehmen verworfen. Statt dieser wur- de nun alle acht Tage jedem Kinde eine Gabe Kinder- meth ( hydromel infantum ) gegeben; nebst dem der Kopf von dem Ungeziefer gereinigt, und fleißig Cacao Butter eingeschmiert. Nach zwey Monaten war noch kein Ansehen von Heilung; aber allen fuhren an den Fingern rothe Beulen auf; bey dem einen Maͤdchen, wel- ches gewoͤhnlich ein blasseres Aussehen hatte, entstun- den an mehreren Stellen der Schenkeln, des Ruͤckens und Hinterns breite, im Anfang hellrothe, bald naͤs- sende Flecken, welche zu oberflaͤchlichen Geschwuͤren wurden. Man war nun uͤberzeugt, daß dieses Ver- fah- fahren nichts nuͤtze, und drang in mich, dem Uibel einmal ein Ende zu machen. Ich ließ meine ersten Arzneyen, die man vors Fenster gestellt hatte, ge- brauchen, und innerhalb vierzehn Tagen waren alle ge- sund, ohne daß sich jemals der geringste Unfall geaͤus- sert haͤtte. In dem Kapitel von den Krankheiten der Alter und Ge- schlechter und von den Zufaͤllen der Entwicklung werde ich mein Verfahren mit jenem der Natur vergleichen. Und in dem Kapitel von der Nachahmung der Natur werde ich alle aͤhnliche Faͤlle zusammenstellen. Ein junger Mann verfiel nach vielen ausge- standenen Unpaͤßlichkeiten endlich in ein abzehrendes Fieber mit allen Arten von Nervenzufaͤllen. Alle Mittel blieben fruchtlos; endlich brachte man ihm in der Absicht, die ausgetrockneten, eingeschrumpften Fasern zu erweichen, oͤlichte und schleimichte Dinge in grosser Menge durch alle Weege bey, und gab keine anderen aufloͤsenden und abfuͤhrenden Mittel mehr, als Manna mit Mandeloͤl. Es wurden sechs volle Monate erfodert, die trockne, sproͤde, schuppichte Haut wieder geschmeidig zu machen. Erst lange nach der Genesung entdeckte er, daß sein dazumal gewoͤhn- licher Tischwein mit Silberglaͤtte verfaͤlschet war. Um wie viel fruͤher wuͤrden ihn die bekannten passenden Mittel geheilt haben! Wie unendlich oft dieses der Fall seye, und wie sehr die Kunst die Heilungen so- wohl der Natur als des gewoͤhnlichen Verfahrens der Aerzte beschleunigen koͤnne, werde ich bey einer spaͤtern Gelegenheit zeigen. Vor- Vorzuͤglich ist die Natur unzulaͤnglich in zusam- mengesetzten verwickelten, Krankheiten, obschon sie bey jeder, wenn sie allein geblieben waͤre, zugereicht haͤt- te. Wenn Entzuͤndungen mit Gallstoff verbunden sind, so fodert diese Verwicklung einen grossen Ken- ner, um die wichtigsten Heilanzeigen und die angemes- sendsten Zeiten der Heilmittel zu treffen. Die Be- strebungen der Natur sind hier verwirrt; der entzuͤnd- liche Reiz wird durch den Gallstoff verstaͤrkt, und die- ser durch jenen schaͤrfer gemacht; Die Maschine wird unter diesem getheilten Kampfe zu sehr zerruͤttet; die Entscheidungen hindern und stoͤhren eine die andere; sie werden uͤbermaͤßig oder unzulaͤnglich; und dann geben sie mit der hinterlassenen Schwaͤche zu haͤufigen Ruͤck- faͤllen Anlaß, oder die vorige Gesundheit kann nicht wieder ihr Festigkeit erhalten. So ist es uͤberhaupt bey jeder andern Verbindung. Wenn Nervenfieber, Gall- oder Faulfieber zu Blattern, oder Gall- und Faulfieber zu Nervenfiebern oder Entzuͤndungen stos- sen, u. d. gl.; so hat man unendlich viel weniger von der Natur zu erwarten, als in einer jeden dieser abgeson- derten Krankheiten. — Nicht selten geht dieses so weit, daß, so lange eine solche Verbindung statt hat, keine Zufaͤlle von einem der zwey vereinigten Uebeln entste- hen, bis das eine gehoben oder sehr vermindert ist. Die Lustseuche z. B. wird allermeist von andern Krank- heiten verdeckt ꝛc. Davon mehr in 3ten Kap. §. 21. §. 21. Uebermaͤßig und nachtheilig wirkt die Natur uͤberall, wo blos zufaͤllige, das ist, nicht wohlthaͤti- ge Fieber entstehen, z. B. im Falle eines zerstoͤhrenden Giftes, Verletzung der nervichten Theile; wenn ein Stein oder andere Koͤrper durch eine aͤußere Gewalt in eine Hoͤle sind getrieben worden, oder wenn selbst in den innern Theilen des Koͤrpers dergleichen harte, rauhe, spizige, eckichte stein-kalch-knochenartige Mißwaͤchse erzeugt werden. Von der Art war jener langwierige, mit einer weißen Materie gemischte Bauch- fluß, den Bonnet bey einem ein und ein halbjaͤhrigen Knaben beobachtete; er starb an der Abzehrung. Die Leber fuͤllte den ganzen Unterleib aus, und war skirr- hoͤs, die Gallenblase und das Milz waren ebenfalls sehr groß. Eine Frau, bey welcher ein Bauchfluß vierzehn Jahre anhielt, und die sieben Monate vor dem Tode in einer Minute dreyzehnmal zu Stuhle gehen muste, hatte Gallensteine. Bey einem sechsjaͤh- rigen Knaben, der ein hektisches Fieber, und immer- waͤhrenden bald trocknen bald schleimichten Husten hatte, und endlich bis auf die Knochen abgezehrt starb, fand ich die Leber, den Magen, die Gedaͤrme, das Zwerchfell vielfaͤltig untereinander verwachsen, und sowohl die Leber, als, aber vorzuͤglich das Milz auf der ganzen Oberflaͤche dicht mit kleinen, unregelmaͤßigen, steinartigen Verhaͤrtungen besetzt. In solchen Faͤllen muß nothwendig jede Bewegung der Natur die Zufaͤlle verschlimmern. Eben dieses geschieht beym Blasenstein und allen Krankheiten des des Unterleibs oder der Brust, welche von Gallen- steinen, veralteten Verstopfungen, Verhaͤrtungen, Polipen, Kraͤuselung der Nerven, unordentlicher Be- wegung des Lebensstoffes u. s. w. herkommen. In jenen Blutfluͤssen, welche von Aftergewaͤchsen, von der gaͤnzlich oder theilweise abgeloͤsten Nachgeburt, von zuruͤckgebliebenen fremden Koͤrpern unterhalten werden, nebst vielen andern Arten von Blutfluͤssen, Blutbrechen, Blutdurchfaͤllen, unmaͤßigen Ausleerun- gen durch Brechen, erschoͤpfende Durchfaͤlle, die Gal- lenkrankheit von aͤhnlichen oder andern scharf wirken- den Ursachen. In dem Sticken bey der feuchten, krampfhaften, trocknen Engbruͤstigkeit; im Krampf- husten; in der Engbruͤstigkeit, die von beisenden, scharfen, zusammenziehenden Dingen erregt wird; im Schluchzen, in den Verzerrungen, Zuckungen, oͤrtlichen und allgemeinen Kraͤmpfen, Krampfkolicken, in zu heftigen Entzuͤndungen u. s. w. In allen diesen Faͤllen muß der Arzt die Be- wegungen der Natur entweder ganz unterdruͤcken, oder ihnen einen maͤßigern Grad, und eine andere Richtung geben. §. 22. Die Unsicherheit des Verfahrens der Natur faͤllt bey innern Eiterungen am meisten ins Auge: Sie hat mancherley Schwierigkeiten zu uͤberwinden; muß nicht selten ihren gewohnten Gesetzen gerade ent- gegen wirken, bis sie hie und da einen Ausgang durchs Zellengewebe, die Ribbenmuskeln, den Harn, die Gall I. Band S Stuͤhle Stuͤhle oder den Auswurf findet; die umliegenden Theile sind oft schlapper; von einem immerwaͤhrenden Dunst erweicht. — Wenn nun die Lebenskraft nicht sehr lebhaft ist, so werden diese weit geneigter seyn, den Eiterstoff aufzunehmen, und zu beherbergen, als die uͤbrigen Weege. Selbst diejenigen Mittel; deren sich die Natur zu bedienen pflegt, um den Eiter her- auszuschaffen, als: Husten, Niesen, Erbrechen, er- zeugen oft die schlimmsten Folgen, gaͤhlinge Erstickun- gen, neue Blutanhaͤufungen und Entzuͤndungen, Zer- reissungen, Blutstuͤrze. Bleibt der Eiter stocken, so wird er scharf und duͤnn, graͤbt und versickert sich in Hoͤlungen, hindert das Vernarben der Geschwuͤre, wird eingesogen, verdirbt die ganze Leibesbeschaffen- heit, und erregt ein hektisches Fieber. Ueberhaupt al- le Ausleerungen durch uneigne Weege, wenn z. B. der Zeitfluß durch die Lunge, die Brustwarzen ꝛc. aus- geleert wird, sind Folgen irriger Bestrebungen der Natur. Ich verlasse nun diesen Gegenstand; nicht, weil ich ihn erschoͤpft zu haben glaube; sondern weil in die- sem Theile noch vielfaͤltige Gelegenheit seyn wird, das Vermoͤgen und Unvermoͤgen der Natur und der Kunst gegen einander abzuwaͤgen. Zweifel uͤber die Bestimmung des Unvermoͤgens der Natur, und Kennzeichen desselben. §. 23. Bey dieser Uebersicht habe ich zwar, so gut sich’s thun ließ, die zweydeutigen Faͤlle von der Zahl derjeni- derjenigen, wo die Natur auf eine oder die andere Weise nichts zu Vermoͤgen scheint, ausgeschlossen. — Allein, wer ist uns Buͤrge, daß dieses die Grenzen der Natur sind? — Wer kennt so jede geheime Trieb- feder, jeden verborgenen Gang der Lebenskraͤfte, wo- durch sie die Erhaltung der thierischen Haushaltung zu bewirken streben? — Wer kann mit Zuversicht sagen: Hier liegt die Natur in Ohnmacht; — Hier wird sie die Maschine gewaltsam zerstoͤhren? Die Schriftsteller sind noch immer bemuͤht, eine grosse Menge von Zeichen aufzustellen, wodurch wir das Unvermoͤgen der Natur erkennen sollen. Nebst den oben benannten Zufaͤllen, deren Gegenwart schon allermeist den Verfall der Natur anzeigen, will ich hier die gewoͤhnlichsten Erscheinungen, welche in fieber- haften Krankheiten einen uͤblen Ausgang drohen, an- fuͤhren. Daher gehoͤren: Ein dummer, eingenommener schwerer Kopf, als wenn er mit Bley ausgefuͤllt waͤ- re; heftige Kopfschmerzen; Schwindel; Ohrenbrau- sen; Taubheit; Verruͤckung des Verstandes; Verlust des Gedaͤchtnisses, so daß man den vertrautesten Freund nicht mehr kennt; heftige oder stille Verwir- rung des Hauptes; Irreseyn, welches mit dem Fieber in keinem Verhaͤltniß steht, besonders wenn es noch hef- tig bleibt oder zunimmt, wo der Puls und die Kraͤfte schwaͤcher werden; rasendes Irreseyn; Irreseyn, wobey der Kranke Dinge verabscheut, die zu seiner Erhaltung noͤthig sind; Irreseyn mit Springen der Sennen, mit konvulsivischen Bewegungen in den Haͤnden, den S 2 Augen, Augen, den Muskeln des Gesichts, des Halses, des Kopfs, mit epileptischen Konvulsionen, mit Knirschen der Zaͤhne; Aufhoͤren des Irreseyns mit Raserey oh- ne Grund; der halbe Schlag; Schlaflosigkeit; Schlaf- sucht mit wachenden und geschlossenen Augen; ver- drehte, schmuzige, unempfindliche, sehr empfindliche, sehr rothe, gelbe, gruͤne, spielende, halbverschlosse- ne, starre, sehr hervorstehende, zuruͤckgezogene, tief- liegende, wider den Willen thraͤnende, unbewegli- che, in die Hoͤhe gerichtete, ungleiche, glaͤserne, sehr matte und leblose, wilde Augen; das Fliegen von Staͤubchen vor denselben, und das Sehen der Gegen- staͤnde, wie durch einen Nebel; oder wenn sie glaͤn- zen, sehr verdunkelt sind, wie wenn die Hornhaut mit einer Haut uͤberzogen waͤre; Blindheit, besonders am Ende eines hizigen Fiebers; oͤfteres Nießen ohne Ursache, hauptsaͤchlich in der Hirnwuth, in Brustent- zuͤndungen; ein bestaͤndig fauler Geruch in der Nase, den die umstehenden nicht spuͤren; herunterhaͤngende, blaue, kalte Lippen und Augenlieder; offenstehender oder hartnaͤckig geschloßner Mund; Mundschwaͤmme; herunterhaͤngende Kinnlade; sehr trockne, rauhe, kalte, geborstene, starre, steife, unbewegliche, ge- laͤhmte, geschwollene, zitternde, sehr rothe, ganz schlappe, zusammen geschruͤmpfte, zuruͤckgezogene, mit schwarzen Schwaͤmmchen besetzte, bleyfaͤrbige, laue oder schwarze Zunge; Trockenheit des Mundes und der Zunge ohne Durst, und bey sonst feuchter Haut; hingegen eine feuchte Zunge mit sehr starkem Darst; Knirschen mit den Zaͤhnen; bestaͤndiges Kauen; unrei- unreine mit einer schwarzen, schleimichten Kruste uͤberzogene Zunge, Zaͤhne und Lippen; zitternde Zun- ge, wenn sie ausgestreckt wird, oder Unvermoͤgen, sie auszustrecken; Ausspucken der Speisen, des Ge- traͤnkes, oder der Arzneyen; Speichelfluß; Eckel; Erbrechen einer blauen, schwarzen, stinkenden, fau- len, blutigen, wie Gruͤnspann gefaͤrbten Unreinigkeit mit und ohne Schmerzen; ein mit Gefahr einer Er- stickung und unter dem Trinken mit einem Geraͤusche verbundenes Schlingen; Hundskrampf; unwillkuͤhrli- ches, krampfhaftes Laͤcheln ( Risus Sardonius ); Et- was ungewoͤhnliches in der Sprache; Stammeln; langsames Antworten; Gespraͤchigkeit; Hastigkeit im Sprechen; gaͤnzliche Sprachlosigkeit; bestaͤndiges vor sich hin Murmlen; ein ploͤzlicher heftiger Appetit; oder Begierde nach sauren Speisen und Getraͤnken, oder sonst ungewoͤhnlichen Dingen; gaͤnzliche Unfaͤ- higkeit zu Schluͤcken, ohne oͤrtliche Hindernisse; hef- tige Schmerzen der Herzgegend; ein schwacher und muͤhsamer, kleiner sehr geschwinder, sehr kleiner und langsamer, sehr langsamer und grosser, kleiner, sehr geschwinder, sehr langsamer, ungleicher, hoher, sehr tiefer, fast nur mit den Bauchmuskeln verrichteter, seltner, roͤchlender, stinkender, sehr heißer, kalter, mit einem besondern Geraͤusche verbundener Athem, als wenn Schleim die Luftroͤhre und Lunge verstopfte, oder eine trockne Pergamenthaut hin und her bewegt wuͤrde; tiefe oft wiederholte, unterbrochene Seufzer; ein klaͤgliches mit Seufzen verbundenes Athmen waͤh- rend dem Schlafe, wenn es nicht die Wirkung eines Trau- Traumes ist; das beschwerliche Athemholen, wobey der Athem ausbleibt, wo die Muskeln des Halses, der Brust, und die Nasenfluͤgel heftig bewegt werden; das unterbrochene Athemholen; wenn der Kranke in dem Laufe eines hitzigen Fiebers schnell beschwerliches Athemholen bekoͤmmt, wobey er so sehr beklemmt wird, daß er in dem Bette in die Hoͤhe fahren, und aufgerichtet sitzen muß; Schlucken; besonders bey Entzuͤndung des Unterleibs, in Bruͤchen, in der Ruhr, im Mi- serere, nach Erschoͤpfung der Kraͤfte, nach starken Blutfluͤssen; schwarzgallichtes Erbrechen; aufgetriebe- ne, sehr empfindliche, gespannte, schmerzhafte und klopfende, sehr heiße, kalte Hypochondrien; unwill- kuͤhrlicher Abgang des Harns und des Stuhlgangs; ganz schwarzer Abgang; unmaͤßige, ungestuͤmme, ganz waͤsserige, unzeitige, schmerzhafte, nichts er- leichternde, schwarze, aashafte, blutige, lauchfaͤr- bige Durchfaͤlle; ein ganz blasser, waͤsserichter, blaß- gruͤner, schwarzer, mit schwarzem, rustigem Boden- satze, sehr dunkelrother, stinkender und faulschmecken- der, vor der Entscheidung gekochter, chokoladefaͤrbi- ger, truͤber sich nicht aufklaͤrender, gefaͤrbter und doch geschmackloser, duͤnner gefaͤrbter, oder ungefaͤrbter nicht dick werdender, und ein schaͤumender, seinen Schaum nicht verlierender Harn; ein hypostatischer Harn mit wieder zerfallendem Bodensatz, oder mit einer Wolke, die sich anfangs auf den Boden des Gefaͤßes senkt, allmaͤhlig aber bey den folgenden gelas- senen Portionen immer hoͤher steigt; und endlich ganz verschwindet; unwissender Abgang des Harns und Stuhl- Stuhlganges; Stuhlzwang; schmerzhaftes Harnen; unzeitige, zu geringe, und zu starke Blutfluͤsse, durch alle Ausgaͤnge des Koͤrpers; am Halse Kopfe; hirs- foͤrmig sich aͤußernde, unzeitige, kalte, blos oͤrtliche unmaͤßige, entkraͤftende, stinkende, leichenartige, kle- brichte Schweiße, insonderheit auf der Brust; hefti- ge Schweiße im Anfang hitziger Krankheiten; warme, allgemeine mit einer ausserordentlichen Schwaͤche, einem uͤblen Aussehen, mit Angst, oder andern schlim- men Zeichen verbundne Schweiße; ein schwacher, klei- ner, und zugleich geschwinder, oder sehr geschwinder und starker, seine Geschwindigkeit bis auf hundert drey- sig oder hundert vierzig in Erwachsenen treibender, sehr ungleicher, oft aussetzender, zitternder, kaum fuͤhlbarer, huͤpfender, oder aͤußerst langsamer Puls; ein zuvor entwickelter, starker oder auch harter Puls, der jezt klein, weich und schwach wird; der wurmfoͤr- mige, ameisenfoͤrmige, leere, oder weiche, schwache und zugleich ausgedehnte Puls, besonders wenn die Physiognomie und die Lage des Kranken damit uͤber- einstimmen; ein Hang zu Ohnmachten; haͤufige Ohn- machten selbst, oder ohnmaͤchtig werden in aufrechter Stellung, besonders in boͤsartigen Nervenfiebern, oder ohne vorhergegangenen grossen Ausleerungen; aͤußerlicher Frost mit innerlicher Hitze und umgekehrt; oͤftere Schauder; heftige, ziehende, reißende Schmer- zen in allen Gliedern; grosse Niedergeschlagenheit, oder ungewoͤhnliche H eiterkeit; grosse Mattigkeit; Zer- schlagenheit in allen Gliedern; heftige Schmerzen im Ruͤcken, in den Lenden gleich im Anfang der Krank- heit; heit; gaͤhlinges Zuruͤcktretten dieser Schmerzen auf edle Theile; Unempfindlichkeit des Koͤrpers und der Seele bey den heftigsten Zufaͤllen; Zittern der Glie- der und des ganzen Koͤrpers; Zuckungen; Starrsucht; Laͤhmung uͤber das Kreuz; Fallsucht; blaue Farbe der Naͤgel, der Lippen, der Augenlieder, der Nase; eine rustige Schwaͤrze der ganzen wie mit Schmutz bedeck- ten Haut; allerley Ausschlaͤge, Friesel, Petechien und andere; grosse Angst, Unruhe, Bangigkeit, Verzweif- lung, Bestuͤrzung; unmaͤßiges Umherwerfen des ganzen Koͤrpers; Schamlosigkeit; ungeziemende Entbloͤßung des Koͤrpers; Bemuͤhungen aus dem Bette zu laufen; Huͤpfen und Kraͤmpfe in den Sehnen der Handwurzel, des Daumes, oder auch in den staͤrksten Muskeln, be- sonders in jenen, welche den Kopf und Hals bewe- gen; das Greifen mit den Haͤnden und Fingern auf dem Deckbette, als wenn die Kranken etwas suchten; Zittern der Glieder; epileptische Konvulsionen am En- de hitziger und langwieriger Krankheiten; Liegen auf dem Ruͤcken; eine ungewoͤhnte unordentliche Lage, auf dem Bauche, mit ausgestreckten Haͤnden, Kopf, Hal- se; herunter haͤngen der Fuͤsse aus dem Bette; selt- same Verwicklung der Haͤnde und Fuͤsse; bestaͤndiges Herunterschurren des Koͤrpers zu den Fuͤßen, heftige Schmerzen an den Fuͤßen, Schenkeln; blaue Strie- men, oder Flecke und Striemen an diesen Theilen; eine mißfaͤrbige, schwarze Farbe derselben; kalte Glied- maßen; gluͤhende Haͤnde bey kalten Armen, oder gluͤhende Hitze in der flachen Hand, wobey der Ruͤ- cken derselben eiskalt ist; Entbloͤßen der Haͤnde, Fuͤs- se, se, des Halses, der Brust, obschon sie kalt sind; Un- vermoͤgen, sich aufrecht zu erhalten, oder zu sitzen; oder Verlangen, immer aufrecht zu sitzen, oder gar herum zu gehen; Erleichterung ohne Grund bey sonst schlimmen Zufaͤllen; eine uͤberspannte Erhoͤ- hung der Seelenkraͤfte; eine ploͤtzliche Gleichguͤltig- keit und Gelassenheit der Seele; eingefallene Backen und Schlaͤfe; eine sehr verstellte, von der natuͤrlichen abweichende Gesichtsbildung; ein ungewohnter, bloͤ- der und banger, stierer, ungleicher, fuͤrchterlicher, trauriger, furchtsamer, zorniger Anblick; das Hippo- kratische Gesicht, das heißet, eine spitzige verlaͤnger- te Nase, hohle Augen, eingefallene Schlaͤfe, kalte vorgebogene Ohrenlaͤppchen und Ohren, eine harte, gespannte, ausgetrocknete Stirn, eine blaßgruͤne, schwaͤrzliche oder bleyfaͤrbige Gesichtsfarbe, herabhan- gende Unterlippe; — besonders wenn diese Zeichen am Ende einer hitzigen Krankheit, die mit bedenklichen Zufaͤllen verbunden war, und welche die Kraͤfte des Kranken erschoͤpft hatten, bemerkt werden. Zu den seltenern rechnet man das Abfaulen und Brandigwer- den der Nase, der Lippen, der Naͤgel und ganzer Glieder, die Mundsperre, den Todenkrampf und die Wasserscheue. Das Ende aller Wirksamkeit macht ein Athemholen, welches von Zeit zu Zeit immer seltner wird, bis zum letzten Hauche, der sich durch abscheu- liche, konvulsivische Bewegungen in den Muskeln des Mundes zu erkennen giebt. ꝛc. ꝛc. §. 24. §. 24. Je mehr nun von diesen schlimmen Zeichen zu- sammen treffen, desto groͤßer ist die Gefahr. Aber sie sind von sehr ungleicher Staͤrke, je nachdem sie bey verschiedenen Kranken, Krankheiten, und in verschiede- nen Stufen derselben erscheinen. So sind die beschrie- benen waͤßerichten, schaͤumichten Stuhlgaͤnge, wenn keine Unreinigkeit zugegen ist, in entzuͤndlichen Fie- bern am gefaͤhrlichsten; besonders wenn sie ploͤtzlich und mit Ungestuͤmm eintreten; die Kraͤfte zusehends und taͤglich mehr abnehmen, der Puls nach jedem Stuhlgang schneller wird, und sich uͤberhaupt der Kranke schlecht dabey befindet. — In Fleck- und Frieselfiebern, in Fiebern bey Kindern, bey großer Anhaͤufung gallichter Unreinigkeiten in den ersten Wee- gen ist eine Art von Schlafsucht nichts ungewoͤhnli- ches, aber an sich nichts so bedeutendes. Handbuch der praktischen Arzneywissenschaft. Der un- willkuͤhrliche Abgang des Harns und der Stuͤhle, das Zupfen und Rupfen an den Bettdecken, das Su- chen und Fangen mit den Haͤnden in der Luft, die Entbloͤßung des Koͤrpers, die Schaamlosigkeit, man- che ungewoͤhnliche Lage im Bette sind zuweilen Wir- kungen einer leichten Verwirrung des Kopfes, zuwei- len Gewohnheiten oder Besonderheiten. Vogel hat auch schmutzige tief liegende Augen ohne andere schlim- me Zeichen gesehen. Halbverschlossene Augen mit her- vorscheinendem Weißen im Schlafe sind zuweilen die Folge von Bauchfluͤssen, oder weil solche Leute auch in in gesunden Tagen so schlafen. Eben so hat er mehr- mal Schluchzen in Fiebern ohne Gefahr bemerkt; es entsteht nicht selten von den haͤufigen Saͤuren, von zu kalten Getraͤnken, von irgend einer Schaͤrfe, die den Magenmund reizet, von der Empfindlichkeit der innern Haut nach abgefallenen Schwaͤmchen; zuwei- len geht es einem entscheidenden Bauchfluße vorher; er hat es auch nach einem ausgebrochenen Wurme gleich verschwinden gesehen. Das Aufhuͤpfen der Flechsen bemerkt man auch in sonst gelinden Krankhei- ten, und selbst in gesunden Menschen zuweilen bey unru- higem Schlafe. Bey lebhaften Kindern habe ich oͤfters im Schlafe das fuͤrchterlichste Zahnknirschen gesehen. Verwirrung des Verstandes, Hirnwuth, die grausam- sten Beaͤngstigungen, ungemeine Schwachheiten, ja Ohnmachten und Zuckungen ruͤhren zuweilen von einer scharfen Galle her. Bey Kindern sind Zuckungen in Fiebern nicht ungewoͤhnlich. Die Wuͤrmer verursa- chen die fuͤrchterlichsten Verdrehungen der Augen, Knirschen mit den Zaͤhnen, Blindheit mit sehr erwei- tertem und unbeweglichem Augenstern. Bey hysteri- schen Personen sieht man auch zuweilen in Fiebern Zuckungen, die an sich von keiner gefaͤhrlichen Be- deutung sind. In boͤsartigen, besonders epidemischen Krankheiten ist der Puls sehr oft im Anfang voll. Bey alten Personen ist der aussetzende Puls nicht be- denklich, wenn er auch keine der groͤbern Ausleerun- gen, als Harn, Stuhl, Erbrechen anzeigt. Der amei- senfoͤrmige Puls ist, wenn er auf starke Ausleerungen nach Ohnmachten und hysterischen Anfaͤllen folgt, oder oder bey vielem Schleim in der Lunge, oder wenn er in den wellenfoͤrmigen uͤbergeht, nicht sehr bedeutend; gallichte scharfe Materien, Wuͤrmer, Gemuͤthsunru- he, Blutstuͤrze ꝛc. koͤnnen den Puls ohne große Ge- fahr sonderbar veraͤndern; eben so wenig bedeuten die aus aͤhnlichen Ursachen entstandenen Schwachheiten, Ohnmachten und Aengsten; kalte Gliedmassen, ja Kaͤlte des ganzen Koͤrpers sind in der kritischen Stoͤh- rung nicht selten ohne alle Gefahr; denn die Kranken werden wieder nach und nach warm. Die fuͤrchterlichsten Zufaͤlle der maskirten Wechselfieber koͤnnen oft leicht durch die Rinde gehoben werden, da weit geringere in andern Faͤllen sehr bedenklich sind; die konvulsivi- schen Verdrehungen der Augaͤpfel sind im Anfange hitziger Fieber, z. B. in Blattern bey weitem nicht so gefaͤhrlich, wie am Ende einer solchen Krankheit; eben dieses gilt von den epileptischen Konvulsionen; sie sind auch in der Kindheit weniger gefaͤhrlich; uͤber- haupt haben Konvulsionen bey zaͤrtlichen Weibern we- niger zu bedeuten. Der Ausbruch der Blattern wird oft durch ein hartnaͤckiges Brechen verkuͤndigt, wel- ches keine Gefahr wie in andern Krankheiten anzeigt. Ein fast brauner, schwarzer Urin bey Weib ern, deren Zeitfluß oder Kindbetterreinigung unterdruͤckt sind; bey Milzsuͤchtigen, bey Nasenbluten und der goldenen Ader, in Fleckfiebern, nach unzeitigen Geburten ist von keiner so schlimmen Bedeutung, ja manchmal sogar kritisch. Die monatliche Reinigung, wenn sie in den gewoͤhnlichen Krankheiten erscheint, ist bald guͤnstig, bald bald nachtheilig; aber in der Pest hat sie eine uner- setzliche Entkraͤftung und den Tod zur Folge. ꝛc. ꝛc. ꝛc. Ferner hat jede Epidemie ihre Eigenheiten, so, daß in dieser ein gutes Zeichen ist, wobey in jener der Tod nimmer verhuͤtet werden kann. — Gerade so verhaͤlt es sich mit den guͤnstigen Zufaͤllen; wenn sie in einer Krankheit guͤnstig sind, so sind sie in der an- dern gewisse Vorboten des Todes. — Man bedenke al- so, wie weit der Arzt hinaussehen muß, wenn er, was immer fuͤr einen Zustand, richtig beurtheilen will! §. 25. Obschon alle diese Erscheinungen §. 23. jedem Arzte aufs genaueste bekannt seyn muͤssen; so haben sie dennoch, ohne der Ausnahmen §. 24 zu gedenken, im all- gemeinen keinen andern Werth, als daß sie uns das Unvermoͤgen der Natur uͤberhaupt zu erkennen geben. Wie erkennen wir aber, worinn eigentlich das Unver- moͤgen bestehe, um auf bestimmte Heilanzeigen gefuͤhrt werden zu koͤnnen? Die Natur muß unterstuͤzt wer- den: aber soll man staͤrken oder schwaͤchen; reizen oder stumpf machen; naͤhren oder Hunger leiden las- sen? Soll man das, was die Natur angefangen hat, vermehren oder unterdruͤcken? — Wir pflegen aller- meist die Bedeutungen der Erscheinungen nach dem gluͤcklichen, oder ungluͤcklichen Ausgang zu beurtheilen. Wissen wir aber unfehlbar, warum der Ausgang gluͤck- lich oder ungluͤcklich war? — Einmal haͤtte man die naͤmlichen Zufaͤlle, worunter der Kranke starb, be- guͤnstigen sollen, und er waͤre genesen; ein andermal haͤtt haͤtte man diejenigen, unter welchen er genaß, unter- druͤcken sollen, und die Genesung waͤre fruͤher und vollstaͤndiger geschehen. — Folglich sollte man das, was vor dem Tode oder der Genesung hergeht, nicht als Anzeige zu einem bestimmten Heilverfahren anse- hen. Auch thut dieses kein guter Arzt. — Aber ich glaube, wir sind noch viel zu weit zuruͤck, als daß wir die Grenzen der Natur bestimmen koͤnnten. Wird man einstens alle eigenmaͤchtigen Kuren der Na- tur, ihre Unternehmungen und Absichten mit einem aͤcht philosophischen Geiste untersucht und verglichen haben, so wird man gewiß noch tausendfaͤltige Wohl- that, tausendfaͤltig heilsames Bestreben entdeken, wo man jezt noch uͤber Gefahr und Unheil klaget. Bey der wahren Lungenschwindsucht z. B. un- terhaͤlt die Natur ein bestaͤndiges Fieberchen, dessen Verstaͤrkungen gegen Abend eintreten, und sich gegen vier Uhr in der Fruͤhe durch einen Schweiß, welcher auf ei- nige Zeit zu erleichtern scheint, endigen. Unter die- sen Umstaͤnden zehren die Kranken ab, und werden nach vielen erlittenen Schmerzen und Beaͤngstigungen ein Opfer des Todes. Sehr oft, und zuweilen noch einige Augenblicke vor ihrem Tode haben sie eine heftige Eßlust, und einige sind dabey zum Beyschlaf geneigt. Wenn das Uebel einmal seine hoͤchste Stufe erreicht hat, so entstehen an verschiedenen Orten bald mehr bald weniger anhaltende Schmerzen vorzuͤglich in der Lebergegend; die Kranken klagen hie und da uͤber ein klopfendes Brennen auf dem Brustbein, woran man aber allermeist keine Veraͤnderung bemerken kann, es seye seye denn, daß die leidende Stelle etwas waͤrmer ist. Einige bekommen Stuhlzwang und Harnstrenge; alle aber haben eine trockne, brennende, beißende Hitze in den Flaͤchen der Haͤnde und der Fußsohlen, Ge- schwuͤre im Munde und im Halse, Halsschmerzen. Die Fuͤße werden schmerzhaft besonders uͤber den Ries, und werden so wie die Haͤnde von einer waͤßerichten teigichten Geschwulst verunstaltet. Einige Tage vor dem Ende dieses Elendes verfaͤllt der Kranke in ei- nen erschoͤpfenden Bauchfluß, der mehr durch die Zahl als Menge betraͤchtlich wird; manche werden noch hie und da von krampfhaften Anfaͤllen des Hustens uͤberfallen. — Alle diese Umstaͤnde folgen einer auf den andern; begleiten den Kranken bis ins Grab, und bey ihrer Erscheinung erklaͤren wir ihn ohne An- stand fuͤr verloren, was auch die Erfahrung aller Zei- ten bestaͤttigt hat. Ich frage jezt meine Leser: Sind alle diese Be- wegungen unnuͤtz? Sind sie gerade zu schaͤdlich? — Oder sind es vielmehr Winke einer ohnmaͤchtigen, kraͤmpfenden Natur, welche von der Kunst zu erfle- hen scheint, was sie nicht mehr zu leisten vermag. — Wir sind vielleicht nirgendwo besser mit der Natur bekannt, als in der Gicht, den Wechsel- und Reinigungsfiebern, und in den Pocken. Sehen wir al- so, wie sie sich hier verhaͤlt, wenn sie in Ohnmacht liegt. Bey der herumziehenden Gicht, wo die Gicht- materie aus den tiefen Orten ihres Aufenthalts wieder eingesogen werden muß, dauert der Gichtanfall sehr lange lange, und ist die ganze Zeit uͤber mit einem schwa- chen schleichenden Fieber verknuͤpft. Kurz vor den Gichtanfaͤllen aͤußert sich ebenfalls eine starke Eßlust, und die Scherheit des Kranken steht mit der Heftig- keit des Schmerzens in den Fuͤssen in geradem Ver- haͤltnisse. Daß hier dieses schleichende Fieberchen Wohlthat ist, weiß man gewiß; und anstatt es zu unterdruͤcken, muß es durch erweichende, reizende Mittel von Aussen, und innerlich durch scharfe Mit- tel in starken Gaben, als Quajakgummi zu dreißig bis vierzig Gran mit einem Eydotter oder arabischem Gummi aufgeloͤset und auf einmal dargereichet, be- foͤrdert werden. — Die gewoͤhnlichen Schleimfieber sind theils nur deßwegen schleichend und unordentlich, weil die Lebenskraͤfte nicht hinlaͤnglich gereizt werden; theils sind sie es nur so lange, als der zaͤhe Schleimstoff unbeweglich, und die Natur kraftlos ist. — Bey ver- stopften Eingeweiden aͤussern sich so lange zu wieder- holten Malen fieberhafte Zufaͤlle, als bey nicht gehoͤ- rig entwickeltem Unrath und fortdauernder Unwirksam- keit der Natur keine vollstaͤndigen Fiebererschuͤtterun- gen moͤglich sind. Macht man aber eine grosse Men- ge der Anschoppungen beweglich, und unterstuͤzt die Kraͤfte mit bittern, reizenden und staͤrkenden Din- gen, so werden bald die Anfaͤlle ausgebildet, deut- lich, — und sind dann ein vollgiltiger Beweis, daß die Natur bey den ersten, zwar unangenehmen, frucht- losen und ermattenden Fieberbewegungen dennoch die beste Absicht hatte. Hat man in einer etwas hefti- gern Unreinigkeitskrankheit mit unzeitigen Ausleerun- gen gen aller Art zu sehr geschwaͤcht, so behaͤlt er lange Zeit ein siechendes Leben, und verfaͤllt endlich in ein wahres hektisches Fieber. So bald man aber die Kraͤfte erweckt, so entstehen einige kraftvolle Be- wegungen, welche die zuruͤckgebliebenen Entscheidun- gen vollstaͤndig zu Stande bringen, und der Kranke geneset. Also auch hier waren die laͤstigen, erschoͤ- pfenden, fieberhaften Zufaͤlle nichts anders, als ohn- maͤchtige Versuche einer kraftlosen Natur. Ferner hat man zahlreiche Beyspiele, wo der Natur endlich durch eine gute Mahlzeit aufgeholfen worden ist. Es seye nun, daß die Lebenskraft dadurch wirklich gestaͤrkt, oder durch den unverdauten Stoff zu hefti- gern Bewegungen angereizt worden sey, so ist es doch gewiß, daß manchmal die hartnaͤckigsten Wechselfie- ber auf diese Weise gehoben werden; der nun erfol- gende naͤchste Anfall uͤbertrift alle vorhergehenden bey weitem an Heftigkeit. Eben dieses ereignet sich sehr oft nach den ersten Gaben der Fieberrinde. Entwe- der bleiben die Anfaͤlle jezt aus, oder sie nehmen ei- nen regelmaͤßigen Gang an. — Sehr schwaͤchliche Kinder werden oft nach der Ansteckung vom Blattern- gift mehrere Wochen von einem schleichenden Fieber- chen geplagt, bis endlich die Natur den Ausbruch zu Stande bringt. Selbst wenn die Impfstiche gar zu seicht gemacht werden, schleppen sich manchmal sol- che Kinder bis auf den vierzehnten oder zwanzigsten Tag hinaus, ehe die Blattern auf der Haut erschei- nen. — Das von Einsaugung des Blatterneiters ent- standene hektische Fieber pfleget sich am gewoͤhnlichsten Gall I. Band T durch durch den Harn oder Geschwuͤre zu loͤsen. Schon Stahl hat die harntreibenden Mittel in der Lungen- schwindsucht empfohlen; ich gab sie mit erfolgendem haͤufigen, eitrichten Bodensaz und auffallender Erleich- terung, obschon ich nie die Heilung bewirken konnte. Der Nutzen der Eicheln, welche ebenfalls, nebstdem, daß sie staͤrken, vorzuͤglich auf die Harnwege wirken, ist in vielen Faͤllen ausser Zweifel gesetzt. Wie die Natur zuweilen den Eiter durch den Harn oder die Stuͤhle ausleere, habe ich §. 5. gezeigt. In wie genauer Verbindung die Fuͤße mit der Brusthoͤhle ste- hen, und wie durch die brennende Hitze der Gliedmas- sen, durch die Smerzen an verschiedenen Stellen der Eiter gerade so, wie durch ein kuͤnstliches oder natuͤr- liches Geschwuͤr angelockt werden koͤnne, werden wir besser unten sehen. Vielleicht hat die Natur die naͤm- liche Absicht bey den Mundschwaͤmmen, welche fast immer bey innerlichen Eiterungen zugegen sind. Daß aber alle diese Weege erwuͤnschter waͤren, als der ge- woͤhnliche, naͤmlich durch den Auswurf, ist, wird Niemand leugnen, der bedenkt, daß die dazu noͤthi- gen Erschuͤtterungen durch den Husten den oͤrtlichen Reiz in der Lunge vermehren; daß im entgegengesetzten Falle der Eiter die Lunge verschone, und folglich das Geschwuͤr zur Heilung faͤhig gemacht werden koͤnne. Die Fieberverstaͤrkungen, nebstdem, daß ein Theil der unverdauten rohen Materie dadurch fortgeschaft wird, koͤnnen ebenfalls ihre gute Absicht haben. So lange bey einem Geschwuͤre die Raͤnder schwielig sind, und aus Kraftlosigkeit nicht geschmolzen werden koͤn- nen nen, so lange ist keine Heilung moͤglich; werden sie hingegen mittelst eines staͤrkern Fiebers, eines gewis- sen Grades von Entzuͤndung, durch Erstattung der Kraͤfte geschmolzen, so heilet man das Geschwuͤr sehr leicht. Was sollen wir jezt von den Erscheinungen in der Lungensucht denken? — Ich bins zufrieden, wenn ich einstweilen die Meynung, daß dergleichen Zufaͤlle deßwegen nachtheilig sind, weil nur aͤußerst selten nicht der Tod darauf folget, entkraͤftet habe. Und so verhaͤlt es sich durchgaͤngig bey Beurtheilung alles dessen, was in Krankheiten vorgeht, deren Natur und Verlauf uns nicht aufs genaueste bekannt sind. Darum wollten die Aerzte in der von Sims beschrie- benen Epidemie, und Sydenham selbst eine Betaͤu- bung heben, die nichts weniger als gefaͤhrlich war; darum unterdruͤckt man Fieber, stillet Schmerzen und Kraͤmpfe, ist auf alle Art beschaͤftigt, den traͤ- gen Umlauf der Saͤfte zu beschleunigen, einen tiefen Schlaf zu verscheuchen, laͤßt die innern Antriebe der Kranken unbefriedigt, oder befolgt sie blindlings; da- rum wird man so oft von einer betruͤgerischen Ge- lindigkeit der Zufaͤlle getaͤuscht; erwartet und verhei- ßet Genesung, wo der Tod in der naͤhe ist; da man indessen wieder ein andermal voll Verzweiflung den Kranken verlaͤßt, der uns Morgen, frey von allen Zu- faͤllen, entgegen laͤchelt. Was giebt es denn nun fuͤr ein Mittel, das Gute und das Schlimme in einer Krankheit von ein- ander zu unterscheiden? — — Die Erfahrung, T 2 wird wird man sagen. — Man hat recht. — Aber Erfah- rung koͤmmt dem Menschengeschlecht theuer zu stehen. Wer kann alles erfahren, oder was andere erfahren haben, wissen? Erfahren ist die groͤste Kunst, das Meisterstuͤck des menschlichen Verstandes; man kann fuͤnfzig Jahre lang unendlich viel gesehen, geheilet und getoͤdet haben, ohne daß man ein einzigmal gut beobachtet, und richtig erfahren haͤtte. Zu dem wird auch jungen Aerzten die Aufsicht uͤber Leben und Tod anvertraut. Ich glaube, der einfachste und zuverlaͤßigste Weeg waͤre, wenn wir die Triebfedern der Natur- kraͤfte des Menschen kennten; wenn wir mit den Be- dingnissen, mit den unentbehrlichen Erfodernissen ver- traut waͤren, ohne welche die Lebenskraͤfte nichts, mit welchen sie aber alles vermoͤgen. — — — Dann wird man sagen koͤnnen: So lange die Grund- stuͤtzen der Natur unerschuͤttert sind; so lang ihre Triebfedern die gehoͤrige Schnellkraft haben: So lan- ge wirkt sie thaͤtig und heilsam; — Aber sie leidet, und alles zielet zum Untergang, so bald diese angegriffen oder zerstoͤhrt sind. Ich will es also versuchen, diese Grundstuͤtzen in den vielfaͤltigen Naturerscheinungen des Menschen aufzusuchen. Um aber den Blick des Lesers auf einen bestimmten Gegenstand fest zu heften, will ich sie als ab- gezogne Erfahrungssaͤtze voraus schicken, denen ich die Thatbe w eise, als eben so viele Quellen ihrer Ent- stehung, nachtragen werde. Drit- Dritter Abschnitt. Von den wichtigsten Erfordernissen zur Wirksamkeit der Natur. Erster Erfahrungssatz. Das erste Erforderniß zur Wirksamkeit der Natur ist eine gute Leibesbeschaffenheit. Unter Leibesbeschaffenheit verstehe ich hier nicht je ne ver- schiedenen Verhaͤltniße der Bestandtheile des gesunden Menschen, welche wir unter dem Namen der Tempera- mente zu bezeichnen pflegen; was diese zur Entstebung und zufaͤlligen Veraͤnderung der Krankheiten beytragen, werde ich im 3ten Kapitel unters u ch en . §. 26. Unter Wirksamkeit der Natur verstehe ich hier jenes Bestreben der Naturkraͤfte des Menschen, wo- durch die Krankheiten theils abgehalten, theils geheilt werden. Je vollstaͤndiger der Mensch den Krankheits- ursachen durch innere Kraft widersteht, je leichter er ihren Einfluß uͤberwindet, desto wirksamer ist seine Natur. In Cooks Reisebeschreibungen werden die Ge- sundheit und die Folgen derselben durch folgende That- sachen dargethan: “So vielfaͤltig, heißet es, wir die Neuseelaͤnder besuchten, so haben wir gleichwol nie eine Person gefunden, die mit einer Krankheit be- haftet haftet gewesen waͤre, oder sonst ein koͤrperlich Ge- brechen an sich gehabt haͤtte: Auch sahen wir unter der grossen Menge derer, die wir nackt gesehen hat- ten, nicht das geringste von Ausschlaͤgen der Haut, noch sonst eine Art von Merkmal, dergleichen Ge- schwuͤre oder Ausschlaͤge hinter sich zu lassen pflegen. Ein anderer Beweis ihrer Gesundheit ist dieser, daß ihre Wunden so leicht heilen, wie sich theils aus den Narben der alten, theils aus dem guten Zustande derer, die waͤhrend unsers Hierseyns erst frisch ge- macht waren, abnehmen ließ. Als wir den Mann wieder zu sehen bekamen, der mit einem Musketten- schuß durch die fleischichten Theile des Armes war verwundet worden, schien seine Wunde so gut dige- rirt, und ihrer vollkommenen Heilung so nahe zu seyn, daß, wenn wir nicht gewust haͤtten, daß nichts darauf gelegt worden war, wir uns gewiß sogleich mit der eifrigsten Wißbegierde nach den Wundkraͤutern und nach der Wundarzneykunde wuͤrden erkundiget ha- ben.„ — In Othahiti sahen sie einen Mann, des- sen Gesicht durch einen Zufall ganz ausser aller natuͤr- lichen Form gebracht worden war. Die Nase sammt ihren Beinen war vollkommen flach, und eine Backe und ein Auge waren dergestalt eingeschlagen, daß man eine Mannsfaust hineinlegen konnte; dennoch war kein Geschwuͤr uͤbrig geblieben. Ihr Reisgefaͤhrte Tupia war ehemals mit einem Speer, dessen Spitze aus der Graͤte eines Stechrochens bestanden hatte, dergestalt durchbohrt worden, daß das Gewehr ihm in den Ruͤcken eingedrungen, und vorne hart unter der der Brust wieder herausgekommen war. Der Ver- fasser setzt aber sehr richtig hinzu: Wenn man die bey Verrenkung und Beinbruͤchen erfoderliche Wieder- einrichtung der Glieder ausnimmt, so kann der ge- schickteste Wundarzt nur sehr wenig zur Heilung der Glieder beytragen. Das Blut selbst ist der beste Wundbalsam, und wenn die Saͤfte des Koͤrpers rein sind, und der Kranke maͤßig ist, so braucht die Na- tur zur Heilung der gefaͤhrlichsten Wunden weiter kei- ne Beyhilfe, als daß der Schaden rein gehalten wer- de. — Sie schlachteten eine Schildkroͤte, die den Tag uͤber verzehrt werden sollte; als sie aufgeschnitten wurde, fand man, daß ihr ein hoͤlzerner Harpun durch beide Schultern gegangen war, und noch darinn steck- te: Dieses Gewehr war ungefaͤhr eines guten Fin- gersdick, fuͤnfzehn Zoll lang, und am Ende mit Wi- derhacken versehen. Das Fleisch war uͤber den Har- pun vollkommen zusammen gewachsen. — Sie sahen in Neuseeland eine grosse Menge alter Leute; viele von den Greisen schienen sehr alt zu seyn, indem sie bereits ihre Haare und Zaͤhne verlohren hatten; aber des hohen Alters ungeachtet war dennoch keiner der- selben kraftlos; und wenn sie gleich nicht mehr so viel Lebensstaͤrke besaßen, als junge Leute, so gaben sie diesen doch an Heiterkeit und Munterkeit nicht das ge- ringste nach. Dieses Volk ist also gar keinen Krank- heiten unterworfen, und bedarf keiner Aerzte. Da hingegen die Othahitier durch Ruhe, Ue- berfluß an Nahrung, und den zuͤgellosen und fruͤh- zeitigen Beyschlaf einen Theil ihrer urspruͤnglichen Staͤrke Staͤrke verlieren, so sind sie auch einigen Unpaͤßlich- keiten preis gegeben. Das Beduͤrfniß der Arzneykun- de ist aber noch so wenig dringend, daß die Aerzte sich mit bloßen Zeremonien den Krankheiten entgegen stellen. Waͤhrend ihrem Aufenthalte auf dieser In- sel sahen die Hr. Reisenden keine gefaͤhrlichen Krank- heiten, und uͤberhaupt nur wenig Unpaͤßlichkeiten, die hauptsaͤchlich nur in zufaͤlligen Ausschlaͤgen, der Kolik bestanden. Indessen sind die eingebohrnen doch mit dem Rothlaufen, mit kraͤtzigen, schuppichten Aus- schlaͤgen, die einem foͤrmlichen Aussatze sehr nahe kommen, behaftet. Sie sahen auch einige wenige unter diesen Leuten, welche an verschiedenen Theilen des Leibes Geschwuͤre hatten, deren einige sehr boͤs- artig zu seyn schienen; allein diejenigen, so damit behaftet waren, achteten solche, allem Ansehen nach fuͤr Kleinigkeiten; denn sie ließen dieselben ganz bloß, und verwahrten sie nicht einmal gegen die Fliegen. Der Verfasser glaubt, dieses ließe sich dadurch er- klaͤren; daß die aus ihrer vegetabilischen Nahrung entwickelte fixe Luft alle ihre Gefaͤße, besonders d ersten Weege erweitere; daß ihre Verdauungssaͤfte durch das haͤufige Salzwasser zur Aufloͤsung einer haͤu- figen Speißmasse geschickter, die erweiterten Gefaͤße aber durch den vielen und guten Nahrungssaft wieder gestaͤrkt, und so die innern Theile in jenen Zustand der Kochung und Schnellkraft gebracht werden, wo sie faͤhig sind, alle etwannige Unreinigkeiten nach den aͤußern Theilen zu werfen, wodurch die Rothlauf, Ausschlaͤge, Geschwuͤre zwar entstehen, die innern Theile Theile aber in einem steten Zustande der kernichten Gesundheit erhalten werden. Eben dieses berichtet Rush von den India- nern. Sam. aus. Abh. 4. B. S. 275. Sie sind bey ihrer rauhen Lebensart wohl gebildet, groß, haben regelmaͤßige Gesichtszuͤge und feurige Augen, Zeichen einer dauerhaften Gesundheit und eines starken Koͤrpers. Daher haben sie nie den Scharbock, oder andere Krankheiten, die ihren Grund in einer Verderbniß der Saͤfte haben, nie die Pest. Rush hat nur von zwey oder drey gehoͤrt, wel- che vom Podagra befallen waren, und diese hatten den Gebrauch des Rhums von den Europaͤern gelernt. Wurmkrankheiten haben sie keine, obschon sie fast al- le Wuͤrmer haben, welche aber nur bey schwaͤchlichen Koͤrpern Krankheiten erzeugen. Auch das Zahnen macht ihnen keine Unbequemlichkeit, wie man dieses gleichfalls bey uns an gesunden Kindern von gesunden Eltern bemerkt. Die Fieber, Beweise von wirksamer Natur, das Alter, zufaͤllige Ursachen und der Krieg sind die einzigen Werkzeuge des Todes unter ihnen. Sie entziehen ihren Kranken alle reitzende Nahrung; geben ihnen viel kaltes Wasser; machen sie schwitzen; geben hie und da Abfuͤhrungen und Brechmittel; ver- anstalten oͤrtliche Blutlaͤßen, und legen bey heftigen Schmerzen ein faules brennendes Holz auf den Theil, und laßen ein Loch in das Fleisch brennen. Rush vermuthet, daß ihre nachlaßenden Fieber keine andern Mittel erfordern, als das kalte Baad und die frische Luft Luft. Ihre Wunden und Beinbruͤche heilet die Na- tur allein. Geschwuͤre, die sich nur durch Quecksil- ber, die Fieberrinde, und eine besondere Handhabung heilen lassen, sind den Indianern unbekannt. Diese leichte Heilung ihrer Krankheiten erhalten die Zaube- reyen, so wie bey den Othahitern die Zeremonien, in ihrem Werthe. So schlecht aber auch ihre Heilkunde beschaffen ist, so sterben doch bey ihnen uͤberhaupt, verhaͤltnißweise weniger, als bey gesitteten Voͤlkern. Man findet viele alte Indianer, und das Alter scha- det auch selten ihren Seelenkraͤften. Ganz anderst sind solche Voͤlker daran, deren Leibesbeschaffenheit durch was immer fuͤr Veranlas- sungen zerruͤttet ist. Ich uͤbergehe alles, was Hip- pokrates im Buche von der Luft, dem Wasser und den Gegenden gesagt hat, obschon jede Zeile, beson- ders die Geschichte der Einwohner von Colchis und Scythien meinen Satz beweiset, weßwegen ich das Lesen desselben meinen Lesern sehr empfehle. — Unter den Neuern sagt Black : Im heissen Sommer, und in den Herbstjahrszeiten Europens, in den niedrigen sumpfichten Gegenden, wie zum Beispiel in Italien und Ungarn, wo die Sommer heiß und lang sind; und in dem noͤrdlichen Morast Holland ist das nach- lassende Fieber die epidemische Plage. Im Lager liegende Armeen werden oft in dieser Jahrszeit er- schrecklich, sowohl mit ihm, als mit der Ruhr befal- len. In England und Irrland sind diese Fieber auch haͤufige und toͤdtliche epidemische Krankheiten; und sie schraͤnken sich nicht bl o s auf die Sommerjahrszeit ein ein. Selbst in sehr trocknen Laͤndern und Gegenden ausser den Wendezirkeln nach einem ungewoͤhnlich trock- nen Sommer mit langer anhaltender Hitze sehen wir oft solche Fieber und Bauchfluͤsse. Die Saͤfte werden alsdann, sagt Pringle , verdorben, und die festen Theile erschlaffet. Und bey einer solchen Anlage im Koͤrper koͤnnen Unregelmaͤßigkeit in der Diaͤt, nasse Kleider, und feuchte Luft einen solchen verborgenen Krankheitsstoff in Wirksamkeit setzen. Auf jener klei- nen suͤdlichen mittellaͤndischen Insel, welche von Cleg- horn beschrieben ist, wo der Boden felsicht, aber die Sommerhitze ausserordentlich heftig ist, haben solche Fieber mit großer Grausamkeit gewuͤtet ꝛc. ꝛc. A. a. Or. S. 66. Man fehe auch bey Vogel Handb. d. pr. Arz. 1 Thl. S. 51. und Pringle an versch. Stellen. So nehmen die Krankheiten eines Volkes zu oder ab, je nachdem es zu einer bessern oder schlech- tern Leibesbeschaffenheit uͤbergeht. Noch zu Syden- hams Zeiten waren die meisten Krankheiten Fieber, die jezt zum Theil seltner geworden sind, so wie Schwel- gerey und Entkraͤftung zugenommen haben. Die noch uͤbrig sind, sagt Rush , sind mit neuen Krankheiten so verwickelt, daß man nicht weiter entdecken kann, in wie fern sie von besonderer Witterung und beson- dern Jahrszeiten abhaͤngen. Die Entzuͤndungen der Lunge und des Brustfells, die Entzuͤndungsfieber star- ker Koͤrper verlieren sich jezt in Fluͤsse und Katharre, die, ohne die Kraͤfte der Natur zu einem offenbaren Kampfe herauszufodern, die Gesundheit allmaͤhlig un- ter- tergraben, und eine unheilbare Auszehrung verursa- chen. — Man vermuthet mit Recht, daß sich das Podagra in wenig Jahren in die Hippochondrie, Mut- terbeschwerden und Gallenkrankheiten, welche ohnehin alle Tage uͤberall allgemeiner werden, verlieren wird, da auch schon in Deutschland die regelmaͤßigen An- faͤlle desselben seltner werden. — Wo Frank von der Unempfindlichkeit unserer Voreltern gegen verschiedene auf uns heftiger wirkende Ursachen der Krankheiten redet, sagt Er: „Unter Voraussetzung einer besondern Lebensart unserer Vaͤter, die sich durch bestaͤndigen Wechsel ihrer Wohnungen wider den Einfluß jeder veraͤnderten Atmosphaͤre auf ihre weniger empfindlichen Leiber haͤrteten, war eine feuchte sumpfichte Gegend das nicht, was sie ihren verzaͤrtelten Enkeln ist. Medizinische P o lizey Thl. 1. S. 36. Die Hippochondrie, die Unverdaulichkeiten, Blaͤhun- gen, vermehrte Reitzbarkeit, Kraͤmpfe, Blutspeyen, Schlagfluͤße, Auszehren schreibt er der grossen Ver- zaͤrtlung zu. Es sterben jezt jaͤhrlich mehr Kinder, sagt er, als ehemals an den Pocken; da, wo vor- malen von fuͤnfzehn eines starb, jezt sich selbst uͤber- lassen das zwoͤlfte stirbt. Die Zuckungen und das Zah- nen entziehen nach Londner Listen jezt dreimal mehr Kinder, als vor hundert Jahren; und auch in we- niger grossen Staͤdten als die englische Hauptstadt. In Berlin, Breßlau hat man ein gleiches beobachtet, weil naͤmlich die Schwaͤche erschoͤpfter Eltern mehr und mehr auf ihre Nachkommenschaft fortgepflanzt wird. Aus Aus dergleichen Erfahrungen macht er den Schluß: daß das menschliche Geschlecht an seiner guten Be- schaffenheit viel bisher verloren habe, und das allge- meine Gesundheitswohl gegen jenes aͤlterer Zeiten in gewisser Abnahme sey, indem die Dauer unsers Le- bens vorzuͤglich auf der urspruͤnglichen guten Beschaf- fenheit unsers Koͤrpers ruhe. Es ist also gewiß, daß der betraͤchtlichste Un- terschied zwischen den Krankheiten gesitteter und roher Voͤlker, alter und neuer Zeiten, aus der bessern oder schlechtern Leibesbeschaffenheit entspringe. Und dieses ist auch die Quelle jener unzaͤhlbaren Widerspruͤche, die man bey den Schriftstellern in Hinsicht des Ver- laufes, der Dauer, der Zufaͤlle, und der Heilanzeigen zu verschiedenen Zeiten und bey verschiedenen Voͤlkern antrift. Diese Betrachtungen, besonders wenn sie wei- ter ausgedehnt wuͤrden, koͤnnten vorzuͤglich dazu die- nen, den Antheil der Wirksamkeit oder des Unvermoͤ- gens der Natur bey jeder Krankheit zu bestimmen. Wenn wir zum Beyspiele sehen, daß die ersten Fol- gen, einer vom hoͤchsten Grade der Vollkommenheit abweichenden Leibesbeschaffenheit, allerlei Auswuͤrfe auf der Oberflaͤche des Koͤrpers, und gewisse Gattungen Fieber sind, so doͤrfen wir in diesen Ausschlaͤgen und Fiebern noch das meiste von der Thaͤtigkeit der Na- tur erwarten, und umgekehrt. Auch laͤßt sich dadurch die Stuffenfolge der Krankheiten einem jeden Volke eben so sicher weissagen, als man den Gang seiner Sitten und seiner Lebensart zum voraus bestimmen koͤnn- te. te. Ausschlaͤge, zum Beyspiel, hitzige Fieber und Wechselfieber werden die ersten Krankheiten der Neu- seelaͤnder seyn; so wie ein hoͤherer Grad von Verfei- nerung, oder vielmehr von Verderbniß der Sitten und der Lebensart, unsere jetzigen Fieber, durch Er- zeugung neuer Uebel, Nervenfieber, Hippochondrie, Mutterbeschwerden, Abzehrung, u. s. w., gegen wel- che die erschoͤpfte Natur nur wenig oder nichts ver- mag, ausrotten wird. — Ein fruchtbares Feld fuͤr denkende Aerzte! §. 27. Da mir viel daran gelegen ist, daß die Wahr- heit meines aufgestellten Erfahrungsatzes in ihrem gan- zen Umfange eingesehen werde, so entlehne ich aus Grants Beobachtungen uͤber die chronischen Krank- heiten einen Vergle ch, den er zwischen einem gesun- den, starken und schwaͤchlichen Menschen angestellt hat, und der zugleich die vorzuͤglichsten Kennzeichen einer guten Leibesbeschaffenheit enthaͤlt: — Ein starker, ge- sunder, abgehaͤrterter Mensch ist mager, hat ein gera- des und nicht fettes Gesicht, starke Glieder und keinen hervorragenden Bauch; seine Haut liegt nur ganz lo- cker an dem Fleische an, und ist rauch und haaricht; die Haut auf dem Kopf ist so beweglich, daß er die Nase, Stirne und Ohren ziemlich bewegen kann. Er hat starke hervorragende Backenbeine, und alle seine Muskeln sind hart, hervorragend und ungleich; die zuruͤckfuͤhrenden Adern sind groß und voller Win- dungen; die Knochen kurz, fest und hart, und die Ge- Gelenke klein: allein die aͤußern Glieder sind im Ver- haͤltniß zu seiner ganzen Groͤße und Gestalt sehr dick. Wenn man den Koͤrper eines solchen Kranken nach dem Tode oͤffnet, so findet man, daß der Ma- gen und die Gedaͤrme klein, mit dicken Haͤuten ver- sehen und fleischicht sind. Die Leber, die große Ma- gendruͤse und die Nieren sind klein und glatt, aber doch dicht und fest; das Netz ist duͤnn, kurz und schmal; die Muskeln des Unterleibes sind dick, her- vorragend, kurz und nach innen zu so eingebogen, daß der Unterleib dem aͤusserlichen Ansehen nach ganz glatt, und die Brust groß, vorragend, und rund ist. Die Lungen sind groß, und wenn sie mit Luft angefuͤllt werden, sehr elastisch. Von einer eben so betraͤchtlichen Groͤße sind auch das Herz und die gros- sen Blutgefaͤße. Der Hals ist kurz, dick und mus- kulloͤs; die Hirnschale groß, rund, fest, hart, und, die Stellen ausgenommen, wo sich Muskeln in solche hineinsenken, sehr duͤnne; an diesen Stellen aber ist sie so dick, daß sie Knoten und laͤnglichte Erhaben- heiten bildet. Das Gehirn ist sehr groß, und die Nerven sind dicke; die Zaͤhne sind kurz, weis, glatt und stehen dicht an einander, und das Zahnfleisch ist fest und gesund. Daher haben hart und rauh erzogene Personen, obgleich ihr Gesicht, Gehoͤr, Geruch und Geschmack ziemlich scharf sind, doch nur ein stumpfes Gefuͤhl, und ihr Nervensystem wird nicht leicht bewegt: denn sie ertragen Schmerz, Kaͤlte, Hunger und schwere Ar- Arbeit mit wunderbarer Standhaftigkeit, und erholen sich bald wieder von einer grossen Ermuͤdung. Die Koͤrper solcher Personen sind leicht; ihre Bewegungen geschehen geschwind, und ihr Athem ist gut, nicht uͤbel riechend, obschon sie sich nach der Mahlzeit den Mund und die Zaͤhne nicht ausspuͤhlen; auch ihr Koͤrper hat keinen uͤblen Geruch, ob sie gleich nur selten weiße Waͤsche anziehen. Die Krankheiten, denen die Koͤrper von dieser Art unterworfen zu seyn pflegen, sind gar nicht zahlreich, aber heftig, kurz und gefaͤhrlich. Unterdessen erfolgt doch bey densel- ben, wenn die Krankheit einen gluͤcklichen Ausgang nimmt, eine vollkommene Krisis, und die Genesung ist in diesem Falle ganz vollstaͤndig. Sie sind gemei- niglich zu Verstopfungen geneigt, und thun zuweilen starke Mahlzeiten, obschon sie sich nie uͤber Blaͤhungen oder Unverdaulichkeit beklagen. Ihre Munterkeit ist maͤßig, aber sie sind sich hierinn immer gleich. Sie sind keinen Nervenkrank- heiten unterworfen. Und in der That sind ihre Ner- ven stark, ihre Begierden sehr eingeschraͤnkt, und ih- re Beduͤrfnisse ganz und gar nicht zahlreich. Daher sind sie oft unempfindlich, unwissend und doch vergnuͤgt; ihre Gemuͤthskraͤfte sind mehr gruͤndlich, als schnell. Sie haben aber eine gute natuͤrliche Einsicht und ein gutes Gedaͤchtniß. Diese Festigkeit ihres Nervensy- stems haben sie diejenigen Unerschrockenheit, Bestaͤn- digkeit und Geduld zuzuschreiben, mit welcher sie oh- ne Verdruß alle Abwechslungen von Hitze, Kaͤlte, Naͤße, Trockenheit, Ruhe, Ermuͤdung, Uberfluß, Man- Mangel, Gluͤck und Ungluͤck ertragen. Alle ihre Lei- denschaften sind nur ganz schwach, gleichfoͤrmig und dauerhaft. Betrachten wir nun den Einfluß eines uͤppigen Lebens: Dieses macht, daß der Mensch dick, fett schwer und aufgedunsen, und seine Haut weich, glatt, schoͤn und ausgespannt wird; seine Muskeln werden weich, glatt und mit Fett angefuͤllt. Die Blutge- faͤße werden durch die Ausdehnung des Zellengewebes zusammengedruͤckt, und die Knochen werden lang, groß, schwammicht und weich. Die Gelenke sind groß und die Knochenbaͤnder dick; allein die Glieder sind, wenn sie auch gleich groß sind, doch immer in Verhaͤltniß mit der Groͤße und Dicke des Koͤrpers ziemlich klein. Der Magen und die Gedaͤrme eines solchen Menschen erlangen eine betraͤchtliche Groͤße, ihre Haͤute sind duͤnn, aber mit Fette angefuͤllt. Auch die Leber erlangt eine außerordentliche Groͤße, und wird weich und schwammicht. Die grosse Magendruͤ- se und die Nieren sind groß, schlaff und mit Fett er- fuͤllt. Das Netz ist außerordentlich groß, weich, lang, breit und dick, und erstreckt sich uͤber den gan- zen Unterleib und bis hinunter in das Becken. Die Bauchmuskeln sind duͤnn, breit und fast noch einmal uͤber ihre natuͤrliche Laͤnge ausgedehnt, weil sie durch die zu einer widernatuͤrlichen Groͤße ausgedehnten Eingeweide des Unterleibes nach außen zu getrieben werden. Durch eben diese letzt gedachte Ursache wird gleichsam das Zwergfell gewaltsam so Gall I. Band. U in in die Hoͤhe gedruͤckt, daß dadurch gleichfalls die Laͤn- ge und das Herz betraͤchtlich zusammengedruͤckt wer- den muͤssen. Dieß ist auch die Ursache, warum die Brusthoͤhle gar nicht so groß ist, als man aus dem aͤußern Ansehen der Brust bey solchen Personen ur- theilen sollte, zumal, da noch ein betraͤchtlicher Theil dieser Hoͤhle mit Fettklumpen erfuͤllt ist, durch welche Ursache denn auch die Lunge, das Herz und die gros- sen Blutgefaͤße sehr zusammen gedruͤckt werden. Der Hals ist bey solchen Personen groß, aber weich und schlapp. Der Kopf scheint betraͤchtlich groß zu seyn; allein es ist doch in der That die Hoͤ- lung des Hirnschaͤdels selbst sehr klein; denn es sind die Bedeckungen des Hirnschaͤdels dick, und die Knochen selbst weich, dick und schwammicht, so, daß das Gehirn nur klein ist. Dieses letzte findet auch wahr- scheinlich bey den Nerven statt. Dabey sind die Sin- ne zwar selbst nicht allzuscharf; allein es sind doch die Empfindungen sehr zaͤrtlich, und es geraͤtht das gan- ze Nervensystem durch leichte Ursachen gleich in Be- wegung. Der ganze Koͤrper ist schwer, und das Athem- holen nur kurz. Seine Zaͤhne sind selten gut beschaf- fen; das Zahnfleisch ist bey ihm weich und schwam- micht; die Zunge ist oft unrein. Er ist vielen meist langsamen, weder sehr schmerzhaften noch hoͤchst ge- faͤhrlichen Krankheiten unterworfen. Allein die Kri- sis ist bey denselben nur selten vollkommen, und er wird, wenn er auch mit dem Leben davon koͤmmt, doch nicht voͤllig wieder hergestellt. Wenn Wenn man ihn eine Zeitlang verstopft, oder doch zur Verstopfung geneigt bleiben laͤßt, und ihm nicht durch das eine oder andere Ausleerungswerkzeug eine Ausleerung verschaft, so faͤngt er an, sich uͤber Blaͤhungen und Unverdaulichkeiten, die Haͤmorrhoi- den, arthritische Schmerzen, oder die Gicht zu be- klagen. Zu andern Zeiten wird er von schwerem Athem- holen, Engbruͤstigkeit und schleimichten Verstopfungen der Druͤsen beschwert, oder gar vom Schlagfluß ge- ruͤhrt, auf den, wenn er nicht gleich den Tod des Patien ten verursacht, eine Laͤhmung zu folgen pflegt. Die Beschaffenheit seines Gemuͤthes ist sehr ungleich, und oft ist er niedergeschlagen. Er wird von einer großen Anzahl von Nervenuͤbeln beschwert, und hat ein so zaͤrtliches Gefuͤhl und so zahlreiche Beduͤrfnisse, daß auch sein Verlangen unmaͤßig, und er selbst nie gaͤnzlich zufrieden ist. — Was die schlim- me Beschaffenheit betrifft, so geht das hier Gesagte zwar meistentheis jene an, welche zur Erzeugung der Gicht Anlaß giebt. Wir werden bald diesen Gegen- stand in mehrern Ruͤcksichten betrachten. Unterdessen fahre ich mit dem naͤmlichen Schriftsteller fort, auch die Erscheinungen bey einem gut und schlecht beschaff- nen Frauenzimmer zu untersuchen. Eine junge Frauensperson, welche kurze Fuͤße, kurze Beine, dicke Knie, lange, dicke und runde Schenkel, große und hohe Huͤften, kurze Lenden, einen runden Bauch, eine tiefe ausgerundete Brust- hoͤle, große, runde Bruͤste hat, die sehr weit von einander abstehen, mit großen, rothen, hervorragen- U 2 den den Warzen, die von einander abgekehrt sind, oder auswaͤrts gehen; die hart erzogen worden ist; deren Koͤrper weder die Mode noch die Kleidung verdorben hat; die einfach, aber hinreichend genaͤhrt worden ist, und alle Tage schwere Arbeit verrichten muß; unter- setzt ist; einen festen, und in Verhaͤltniß zu ihrer Natur schweren Koͤrper hat, ob sie gleich solchen nach dem Maaß der wirklichen Kraͤfte, die sie besi- tzet, mit grosser Leichtigkeit zu bewegen pflegt. So eine Frauensperson pflegt nicht fruͤhzeitig mannbar zu werden. Wenn sie es aber wird, und ihre Veraͤn- derung bekoͤmmt, so haͤlt solche allemal ihre richtige Zeit. Der Abgang des Blutes ist dabey nicht stark, er dauert nur einige wenige Tage, und ist mit keinem Schmerz oder Unbequemlichkeit, weder vor, noch in der Zeit der monatlichen Reinigung verknuͤpft. Sie ist nicht geil; obgleich ihre Kraͤfte groß sind, so ist doch ihr Verlangen nur maͤßig. Unterdessen empfaͤngt sie doch leicht; sie leidet aber von der Schwanger- schaft selbst sehr wenig, daß sie auch in solcher noch immer fortfaͤhrt, ihre taͤgliche Arbeit zu verrichten, und es liegt die Frucht, die sie bey sich traͤgt, so sehr in dem Becken und auf den Huͤften, daß man ihr die Schwangerschaft schwerlich vor dem Ende des sechsten Monates ansehen kann u. s. w. Man vergleiche nun aber mit so einem Weibe ein junges vornehmes und nach der Mode lebendes Frauenzimmer, das von zaͤrtlichen, ja vielleicht gar ungesunden Eltern gebohren ist; das blos ein halbes Jahr nur halb gestillt, zaͤrtlich erzogen, und mit Butter Butter, Thee und hitzigen Nahrungsmitteln erzogen worden ist; das immer uͤber Buͤchern oder an ihrem Nachttische gesessen hat; in einem weichen Bette und dieses noch dazu in einem engen warmen Zimmer schlaͤft; das nie seine Kraͤfte gehoͤrig ausuͤbt und an- strengt; nie Hunger, Kaͤlte, oder eine ermuͤdende Arbeit ertragen muß; auf Schuhen mit hohen Absaͤ- tzen geht, und in einem Schnuͤrleib eingekerkert ist. — Die Glieder eines solchen Frauenzimmers sind lang und klein; ihr Wuchs ist lang und schmaͤchtig; der Hals ist lang und duͤnn; die Bruͤste klein, und die Haut hat eine todenblaße Farbe u. s. w. Sie wird bald mannbar; hat ihre monatliche Reinigung oft, und allemal haͤufig und lang; derglei- chen Personen haben einen sehr zaͤrtlichen und empfind- lichen Karakter, und sind alle den Leidenschaften sehr unterworfen, die schwache Nerven so heftig zu er- schuͤttern pflegen. Obgleich ihre Kraͤfte nicht groß sind, so sind es doch ihre Triebe. Sie empfaͤngt auch sehr leicht; allein, es erregen ihr auch gleich die er- sten Zufaͤlle der Empfaͤngniß sehr viele Beschwerden. Die ganze Schwangerschaft durch muß sie nicht nur wegen der Enge des Beckens, sondern auch wegen der Biegung, welche die Lendenwirbel nach vorne zu machen, und wegen der Schwaͤche des Ruͤckens sehr viel leiden. — — Die Last liegt alle nach vorne zu, und aufwaͤrts gegen den Magen. — Dazu koͤmmt noch die unertraͤgliche Zusammendruͤckung der Einge- weide, Blutgefaͤße und Nerven, und macht, daß ei- ne ne solche Schwangere leicht abortiret, und schwerlich bis zur sechs und dreißigsten Woche ausdauert. Wenn endlich die Geburtswehen eintreten, so hat eine Schwangere von dieser Art die Beyhilfe einer geschickten Person noͤthig, nicht nur, um sie gluͤcklich zu entbinden, sondern auch die Behandlung von ihr und ihrem schwaͤchlichen Kinde viele Tage lang anzuordnen, indem sie am meisten den uͤblen Zufaͤllen, die nach der Entbindung zu entstehen pflegen, und so- gar Fiebern unterworfen sind. Die Mutterpflicht, ihre Kinder zu saͤugen, wird ihnen nur gar zu oft durch den baldigen Zutritt einer Abzehrung oder Lun- gensucht unmoͤglich gemacht. Kämpf’s Frau hatte zwar von jeher eine dau- erhafte Gesundheit genossen; da sie aber eine allzu- zaͤrtliche und sorgfaͤltige Mutter war, so zog sie sich eine Unpaͤßlichkeit ihres zweyten Saͤuglings so zu Her- zen, daß er immer kraͤnker wurde, und endlich in Zuckungen verfiel, die nicht anderst, als durch die Entwoͤhnung gehoben werden konnten. Dem dritten waͤhlte Kämpf eine derbe und unempfindliche Bauern- dirne, die er, so viel als thunlich war, ihre gewoͤhn- liche, einfache, rauhe Landkost und Lebensart beybe- halten ließ; denn er war uͤberzeugt, daß der Saͤug- ling dem ungeachtet eine suͤße und leichtverdauliche Milch genießen wuͤrde. In dieser Meynung ward er desto mehr bestaͤrkt, als er bemerkte, daß sie sich alle Morgen in den Garten schlich, und sich dort eine Menge unreifer Mirabellen gut schmecken ließ, ohne daß der Saͤug- ling ling die mindeste nachtheilige Veraͤnderung davon er- litte. Nicht lange hernach verschluͤckte sie eine Nadel, die in der Zungenwurzel stecken blieb. Man suchte sie oͤfters, nicht ohne grosse Schmerzen, aber immer vergebens heraus zu ziehen; das Schlingen ward hoͤchst beschwerlich; endlich schwuͤrte sie nach vier Wochen heraus. Aller dieser Schrecken, Schmerz und Angst, hatten noch immer nicht den geringsten Einfluß auf den Saͤugling; er nahm zu, war ruhig und munter. Man sieht sogar alle Tage, daß der heftigste Zorn solcher Menschen, deren Schwielen in den Haͤnden sich gleichsam auf die Nerven zu erstrecken scheinen, sel- ten eine schaͤdliche Veraͤnderung bey ihrem Saͤuglinge erregt. Welch ein Vorzug, faͤhrt Kämpf fort, haben also nicht solche unerschuͤtterlichen Saͤugammen, de- ren eigne Verdauungswerkzeuge den unverdaulichsten Speisen Trotz bieten, und einen milden, reinen, wohl gemischten und dichten Nahrungssaft daraus zuberei- ten, der die beste Anlage zu einem kernhaften Welt- buͤrger abgiebt, gegen die empfindsamen, reitzbaren, weichlichen Muͤtter, die durch den Anblick einer Spinne, durch den Genuß eines Tellervoll Kohls, und durch einen kleinen Haußzorn u. s. w. ihr saͤugen- des Kind ungluͤcklich machen. Ferner hat er wahrgenommen, daß diejenigen, die rauh erzogen, und an harte Kost gewoͤhnt waren, und sich auch waͤhrend ihrer Unpaͤßlichkeit daran ge- halten hatten, weit seltner als die Weichlinge den An- Anschoppungen der Eingeweide ausgesetzt gewesen, daß sie, wenn sie damit befallen werden, viel weniger, und manchmal kaum merkliche Beschwerden, und am seltensten Nervenzufaͤlle davon erlitten; daß ihre Ver- dauung, ihr aͤussers Ansehen besser, ihr Blut reiner, und ihre Genesung geschwinder war. Und wie oft, sagt er, habe ich nicht bewundert, wie ein zu Stra- patzen gewohnter Magen, der selbst bey Krankheiten nicht so leicht geschwaͤcht wird, aus den unverdaulich- sten Speisen, den mildesten, reinsten Nahrungssaft zubereiten, und gleichsam aus Gift Honig ziehen kann. Noch zu Sydenhams Zeiten wurden bey einer von Natur gesunden Person wenigstens etlich und dreysig Jahre zur Hervorbringung der Gicht erfodert, so, daß seine Zeitgenossen selten vor vierzig, oder auch noch mehrern Jahren ganz ausgebildete Anfaͤlle da- von hatten. Seitdem aber die Ursachen der mensch- lichen Schwaͤche so sehr vervielfaͤltigt worden sind, so sind Beyspiele von der Gicht so gar bey Kindern, besonders in England, keine Seltenheit mehr, und ihre Erzeugung bedarf bey weitem keiner so langen Dauer. Grant erzaͤhlt von einem Knaben, dem Soh- ne einer gichtigen Mutter und eines gichtischen Vaters, der bereits in einem Alter von sieben Jahren regel- maͤßige Anfaͤlle der Gicht hatte. Ein junges, sehr schoͤnes Frauenzimmer, deren Mutter schon vor ihrer Geburt damit befallen war, bekam schon im zwey und zwanzigsten Jahre die Gicht, und hatte von dieser Zeit an, alle Jahre regelmaͤßige Anfaͤlle. Die Breß- lauer Aerzte erzaͤhlen von einem Maͤdchen, welches mit mit achtzehn Monaten den Goldaderfluß hatte. Ich sah in Straßburg ein zweyjaͤhriges Maͤdchen von sehr schwaͤchlichen, ungesunden Eltern, welches ihn so haͤu- fig hatte, daß es noch vor dem Ende des dritten Jah- res an der Abzehrung starb. Berdot erzaͤhlt diesen Fall von einem dreyjaͤhrigen, und Grim von einem sechsjaͤhrigen Knaben. Grant kannte einen Mann, der bald, nachdem er das zwanzigste Jahr erreicht hatte, nach Londen kam. Er war damals sehr ge- sund und stark, und sein Magen war im Stande, alles zu verdauen; ein Umstand, der ihn auch anreiz- te, alles, was ihm vorkam, zu essen und zu trin- ken. Die Folge davon war, daß er schon nach zehn Jahren dick, fett und aufgedunsen wurde. Es waͤhr- te nicht lange, so bekam er die Haͤmorrhoiden, da- rauf das Podagra, und zuletzt verlor er den Gebrauch seiner Fuͤsse und Haͤnde, noch eher, als er das acht und vierzigste Jahr erreicht hatte. So viel wird genug seyn, um die Ausspruͤche der groͤsten Aerzte zu bestaͤttigen: “Daß naͤmlich, schwaͤchliche, ungesunde, und schlecht beschaffene Koͤr- per viel leichter und oͤfters als gesunde und wohlbe- schaffne erkranken; weil nicht selten die unbedeutend- ste Ursache in einem solchen Koͤrper grosse Unordnun- gen erregt, da indessen starke wohlbeschaffene nicht das geringste davon empfinden. L. B. de Stœrk Præcep. med. praet, T. I. §. 30. „ Je besser die Theile gebaut sind, sagt Schröder ; je vollkomme- ner ihre Schnellkraft, ihr Zusammenhang, ihre Bieg- samkeit samkeit, Haͤrte u. s. w. untereinander zusammen stim- men, desto thaͤtiger wird die Natur den Koͤrper gegen alle Krankheit beschuͤtzen. Dis. de Naturæ Viribus debilioribus. Ein solcher Koͤrper, be- haupten Galenus und Celsus , wird gegen Traurig- keit, Zorn, Wachen, Sorgen, Platzregen, Hitze, Pest, kurz gegen alle Krankheitsursachen aushalten: Da hingegen uͤbelbeschaffne Koͤrper dergleichen Veran- lassungen alsogleich unterliegen, und schon in sich selbst den Zunder zu mancherley Krankheiten beherbergen. De optima corporis conflitutione. Selbst die Todesart haͤngt von der Leibesbeschaffen- heit ab; so sterben starke, junge Leute unter Zuckun- gen; alte im Taumel, und Weiber weit oͤfter, als Maͤnner, in Ohnmachten. §. 28. Man darf aber den Ausspruch des Galenus und Celsus nicht im strengen Wortverstande nehmen; denn es giebt in der That Krankheiten, denen eine gute, starke Leibesbeschaffenheit mehr, als eine schwaͤch- liche und ungesunde unterworfen ist. Alle Krankhei- ten, welche durch die stuͤrmische Heftigkeit ihrer Zu- faͤlle, durch ihren schnellen Verlauf, und uͤberhaupt durch allzu wirksames Bestreben der Lebenskraͤfte ge- faͤhrlich werden, pflegen vorzuͤglich starke, gesunde, vollsaftige Leute, in der Bluͤthe der Jahre zu befal- len. Ansteckende und epidemische Krankheiten greifen nicht selten, so lange sie heftig sind, nur die staͤrksten Leute an, und verschonen Greise, Kinder, Weiber, Schwaͤch- Schwaͤchlinge, bis sie endlich auch diese, nachdem sie milder zu werden angefangen haben, obschon mit weniger Gefahr, angreifen. — Aber fallen diese Ui- bel solche starke Koͤrper an, weil sie ihrer urspruͤng- lichen Natur nach heftiger sind? — Oder erhalten sie erst ihre Heftigkeit durch die maͤchtige Gegenwirkung der Lebenskraͤfte? — Beydes ist wahr. Das letzte in den Krankheiten, welche einen widernatuͤrlichen Reiz zum Grunde haben, z. B. in den reinen Ent- zuͤndungen, den Gall- und Faulfiebern ꝛc. ꝛc.: Wa- rum aber manche Volkskrankheiten anfaͤnglich die Schwaͤchlinge verschonen, und ihnen erst, nachdem sie ihren gefaͤhrlichen Karakter abgelegt haben, zuse- tzen, dieses ist mir noch unerklaͤrbar, obschon ich im 3ten Kapitel wichtige Beytraͤge zum Aufschluß dieses Umstandes liefern werde. — Hier mag es genug seyn, zu bemerken, daß uͤberhaupt beystarken Leuten, vor- zuͤglich Landleuten die heftigen hitzigen Krankheiten weit gemeiner sind, als bey Staͤdtern und Schwaͤch- lingen; und daß alle hitzigen Krankheiten in starken, jungen, wohlgenaͤhrten Menschen weit schneller verlau- fen, sie moͤgen einen gluͤcklichen oder ungluͤcklichen Aus- gang nehmen. Eine Krankheit, z. B. welche eine schwaͤch- liche, schlappe, traͤge Person, ungefaͤhr in 28—40 Tagen toͤdet, wird ein gesundes, starkes Weib in 12—20 Tagen, und einen vollsaftigen, straffen, jungen Mann in 3—7 Tagen toͤdten. Daher waren ehemals, als das Menschengeschlecht bey uns noch we- niger zerruͤttet war, die Entzuͤndungen und andere schnell verlaufenden hitzigen Fieber durchgaͤngig allgemeiner. Der Der schnelle, heftige, gefaͤhrliche Verlauf der Krankheiten bey starken, wohlbeschaffenen Leuten, hat wahrscheinlich die Aerzte bewogen, eine gar zu bluͤhende Gesundheit fuͤr einen bedenklichen Zustand anzusehen, indem er nicht lange sich selbst gleich blei- ben kann, und jede Veraͤnderung mit Gefahr ver- knuͤpft ist. Galenus hat daher Recht, daß er nicht geradezu den staͤrksten, vierschroͤdigsten Koͤrper fuͤr den best beschaffnen haͤlt; sondern einen solchen, der weder durchaus mit Haaren bewachsen, noch glatt, weder weich, noch hart, weder schwarz noch weis ist; dessen Blutgefaͤße noch gar zu groß noch zu klein, dessen Aderschlaͤge weder zu heftig noch zu schwach waͤ- ren, und dessen Theile durchgaͤngig in einer geuauen Uebereinstimmung untereinander stuͤnden. Man will bemerkt haben, daß jene Mannsleute, die den Wei- bern gleichen, und jene Weiber, die den Maͤnner gleichen, gewoͤhnlich das hoͤchste Alter zu erreichen pflegen. Aus dieser gluͤcklichen Mischung entspraͤnge jene beneidenswerthe Anlage, wodurch die Natur den Maͤngeln der zu starken und zu schwachen Koͤrper ent- geht. Uebrigens ist es bekannt, wie sehr der geschmei- digere Bau des schoͤnen Geschlechts den schmerzhaftesten und schwersten Uebeln Widerstand leiste; daß uͤber- haupt mehr Weiber als Maͤnner, ein sehr hohes Al- ter erreichen; daß Schwaͤchlinge sich so sehr an Kraͤnk- lichkeiten gewoͤhnen koͤnnen, daß sie nicht selten die staͤrksten, gesuͤndesten Menschen uͤberleben. §. 29. §. 29. In Ruͤcksicht der Heilart derjenigen Krankhei- ten, welche gleichsam nur den staͤrksten, jungen, gesuͤndesten Leuten eigen sind, oder aber dieselben zu einer bestimmten Zeit vorzuͤglich zu befallen pflegen, geben die bisherigen Bemerkungen die richtigsten An- zeigen an die Hand. Ausnahmen will ich nicht leug- nen; aber im Allgemeinen wird es nur aͤußerst selten gefehlt seyn, wenn man in allen, besonders bey ih- rer Entstehung, alsogleich, je nachdem es die Natur der Krankheit erfordert, bald durch Blutausleerungen, bald durch Brech- und Purgiermittel, die Bewegun- gen der Natur zu maͤssigen, die Kraͤfte zu schwaͤchen, und die Reizbarkeit zu mindern bemuͤht ist. Ich neh- me nicht einmal die Faͤlle aus, wo eine so geartete Krankheit unter der Gestalt eines Faul- oder Ner- venfiebers, ja nicht einmal, wenn sie unter der Ge- stalt der Pest erscheint. Es ist gewiß, daß manch- mal Faulfieber herrschen, bey welchen diejenigen Mit- tel, die sonst in den aus Gallfiebern entstandenen Faulfiebern vortrefflich sind, schlechterdings nachthei- lig werden, und die alles anscheinenden Widerspru- ches ungeachtet, Aderlaͤßen, gelinde saͤuerlichte Ge- traͤnke und uͤberhaupt eine kuͤhlende Heilart erfodern. Eben dieses ist vielfaͤltig in der Pest beobachtet wor- den, wie man aus des Herrn von Haen Abhand- lung uͤber die Pest ersehen kann. Im 3ten Kapitel werden diese Dinge vollstaͤndiger untersucht, und mit Thatsachen dargethan. Einstweilen wird jeder Leser einsehen, daß man unzaͤhlige und auffallende Wider- spruͤche spruͤche der Aerzte, die allesammt ihre Entstehung der Erfahrung zu verdanken haben moͤgen, wuͤrde verei- nigen koͤnnen, wenn man bey Beurtheilung derselben mehr auf die Natur der Krankheit, und auf die Beschaf- fenheit der Kranken, als auf die Gestalt und die Zufaͤl- le, unter welchen die Krankheit erscheint, aufmerksam waͤre. Man wuͤrde seine Anzeigen nicht mehr nach dem taͤuschenden Schein der so wandelbaren Zufaͤlle machen; nicht mehr Aderlassen, um des Schmerzens an der Seite willen; nicht mehr faͤulnißwidrige Herz- staͤrkungen und Kampfer und spanische Fliegenpflaster um der Betaͤubung, der Kraftlosigkeit, oder der et- wannigen Petechien willen gebrauchen; und folglich bey einerley sinnlichen Erscheinungen, und einerley Heil- art nimmer die entgegengesetztesten Folgen beobachten. Die Erfahrung hat es sattsam bewiesen, daß man von den Zufaͤllen, besonders der epidemischen Krank- heiten, nur selten auf die wahre Natur des Uebels, und auf das dabey obwaltende Verderbniß folgern koͤn- ne. Es ist also nothwendig, daß man von einem ganz andern Standpunkte ausgehe. — Und dann wer- den wir ohne Zweifel, in Ruͤcksicht der Heilanzeigen auf keine entgegengesetzte Weege, und noch weniger auf Widerspruͤche gerathen. §. 30. Die naͤmlichen Uebel, wenn sie verschieden be- schaffne Leute befallen, nehmen ganz verschiedene Ge- stalten an. Eine umstaͤndlichere Berichtigung dieser Sache wird uns theils vollstaͤndig uͤberzeugen, daß die die Wirksamkeit der Natur mit der Leibesbeschaffen- heit in genauem Verhaͤltniß stehe; theils wird sie uns die mannigfaltigsten Erscheinungen der Krankhei- ten unter einem einzigen Gesichtspunkte darstellen. In Volkskrankheiten beobachtet man nicht selten, daß das naͤmliche Uebel bey einigen sehr hartnaͤckig ist, und immer weiter vorschreitet, da es doch bey allen uͤbrigen so leicht heilet. Dieser Umstand macht einige Aerzte verwirrt, und sie verwerfen das Einer- leiseyn der herrschenden Krankheit. Aber bey genau- er Untersuchung findet sich’s, daß der Grund dieser verschiedenen Gestalten in der Beschaffenheit der Koͤr- per liege. Im ersten Buch von den Landseuchen beym zweyten Wetterstande sagt Hippokrates : „Es fan- den sich auch bey vielen, vorzuͤglich aber bey Kindern gleich im Anfange nebst den Kraͤmpfen Fieber ein, und wiederum schlugen diese Kraͤmpfe zu den Fiebern. Meistens hielten diese Zufaͤlle lange an, allein sie waren ohne Folgen, ausgenommen bey denen, die sich auch bey einem jeden andern Ereignisse in Gefahr be- funden haͤtten.„ Strack heilte mehrere Geschwister sehr leicht von dem 1784. auf die grosse Ueberschwem- mung folgenden Wechselfieber, da doch die eine drey- zehnjaͤhrige Schwester bey der naͤmlichen Heilart lange krank blieb, und ein nachlassendes Fieber daraus wur- de. Endlich schwollen die Fuͤsse an; der ganze Leib wurde wassersuͤchtig, das Gesicht gedunsen und die Far- be garstig blaß. Der Harn gieng in geringer Menge ab, und war laugenhaft. Was war die Ursache? man entdeckte einen Gruͤndkopf, wovon leicht auf die uͤbri- uͤbrige Leibesbeschaffenheit zu schliesen war. Diesen brachte er mit der Dreyfaltigkeitsblume ( Jacea viola tri- color ) in haͤufigen Fluß. Kaum war der Kopf rein, so wurde aus dem nachlassenden Fieber wieder ein or- dentliches Wechselfieber, welches ebenfalls bald auf- hoͤrte; ein haͤufiger, duͤnner, heller Harn machte der Wassersucht ein Ende. Drey Schwestern, Kinder einer aͤusserst em- pfindsamen Mutter und eines durch Sitzen und Kopf- arbeiten geschwaͤchten Vaters, erkrankten zu der naͤm- lichen Zeit auf folgende Art: Die juͤngste von acht- zehn Monaten sollte anfaͤnglich ohne Brust erzogen werden; allein sie fiel bald so von Fleisch und Kraͤf- ten, daß man ihr eine Amme geben muste. Seitdem nahm sie sehr zu, wurde mittelmaͤßig stark, be- kam ein ziemlich festes Fleisch, rothe Backen, und die Zaͤhne ohne sonderliche Beschwerden. Den vier- ten Hornung 1790. wurde sie gaͤhling von einer gros- sen Hitze befallen, der Puls schlug stark und oft; die Wangen waren heiß, und wurden, wie die uͤbrigen Gliedmassen, augenblicklich bald blaß und kalt, bald roth und gluͤhend; die Haut war trocken, die Zunge weis, der Athem brennend, geschwind und schnau- bend; der Harn gieng selten und wenig ab, aber brenn- te; der Leib verstopft; Abscheu vor allen Eßwaaren und grosse Mattigkeit. Nach einigen Stunden tra- ten Zukungen der Gesichtsmuskeln, der Haͤnde und der Arme hinzu. Die Nacht war der Durst heftig und das Kind trank sehr viel theils bloßes Wasser, theils andere versuͤßte Getraͤnke. Ich hatte erweichen- de de Umschlaͤge, Klystire mit Manna, und eine Mixtur von arabischem Gummi und Manna verordnet. Es bekam einige schleimige, sehr stinkende Stuͤhle, und der Harn gieng haͤufiger. Gegen Morgen schwitzte es stark uͤber dem ganzen Koͤrper, welcher von einem frieselartigen Ausschlag besaͤet wurde, der bey abneh- mender Hitze zwar weniger sichtbar, aber doch rauh und deutlich anzufuͤhlen war. Den dritten Tag lie- ßen alle Zufaͤlle, die Hitze, die Heftigkeit des Pulses und des Durstes vollkommen nach; den vierten und fuͤnften aß es, und erholte sich geschwind. — Den 7ten des naͤmlichen Monates erkrankte die zweyte Schwester, ein dreyjaͤhriges, aͤusserst fein ge- bautes, und fuͤr ihr Alter ganz widernatuͤrlich voll- kommen proportionirtes Maͤdchen, so daß es aus- gewachsen zu seyn schien, und kein Mißverhaͤltniß mehr, weder zwischen dem Kopf und den Fuͤssen, noch dem Bauche und der Brust u. s. w. zu bemerken war. Schon einigemal litt es sehr gefaͤhrlich an Druͤsenver- haͤrtungen des Gekroͤses theils mit, theils ohne Fieber; erhielt nie ein festes, warmes Fleisch, sondern blieb immer schlapp, haͤutig, blaß, und erreichte an koͤr- perlichem Gehalt kaum ein gesundes Kind von zwey Jahren. Die bey der jezigen Krankheit sich aͤußernden Zufaͤlle waren die naͤmlichen, wie bey der ersten Schwe- ster; nur waren sie durchgaͤngig gelinder, das Ath- men, jenen wichtigen Umstand ausgenommen, wel- ches viel schwerer, muͤhsamer und geschwinder war. In der Nacht wurde ich gerufen mit dem Bedeuten, daß ich es schwerlich mehr beym Leben antreffen wuͤr- Gall I. Band. X de. de. Ich fand es von gewaltsamen Zuckungen der Arme, der Fuͤße und des Halses hingestreckt; bald wurde er todenblaß; bald uͤberlief es, wie ein Blitz eine feurige Roͤthe, wobey die Zuckungen in etwas nachließen. Der Hals und die Augen wurden schreck- lich verdreht; das Athmen war aͤusserst muͤhsam. Ich ließ warme in einen Kamillenabsud getauchte Tuͤcher auf die Fuͤße, die Schenkel und den Bauch, und auf die Fußsohlen starke Senfteige legen; Klystire von Manna in Kamillenwasser aufgeloͤset geben. In ei- ner halben Stunde waren die Zuckungen viel gelinder, und in einer Stunde wurde die Haut merklich feucht und warm, der Puls langsamer, voͤller und weicher Nur noch selten uͤberlief es eine Blaͤße, wobei sich in einigen Theilen, vorzuͤglich den Fingern und um den Mund leichte Zuckungen aͤusserten. Gegen Tag hatte es den naͤmlichen Ausschlag aber minder zahl- reich; indessen waren die Stuͤhle desto haͤufiger, roz- zig, gebrochen, stinkend. Den 3ten Tag war die Besserung standhaft, und es war in einigen Tagen vollkommen genesen. — Den 10ten in der Fruͤhe wurde die dritte, vier- jaͤhrige Schwester ergriffen, welche unter der ganzen zahlreichen Familie den staͤrksten Bau hatte, ein festes dickes, warmes Fleisch, einen kurzen, dicken Hals, einen dicken Kopf, starke, kurze, runde Haͤnde und Fuͤße, dunkelrothe Lippen, eine hochrothe Gesichts- farbe, schwarze Augen, und schwarze dichte Haare. Sie wurde von einer gesunden Landamme gefaͤugt, und trotzte bisher allen jenen Kraͤnklichkeiten, wovon die die uͤbrigen Geschwister so oft befallen wurden. Die Wangen waren uͤber und uͤber blauroth, die Lippen hoch karmesinroth, als wollte das Blut ausspritzen. Man bemerkte keine andern Zufaͤlle, als leichte Rupfer um den Mund herum; aber in einer Stunde war die ganze rechte Seite des Gesichts bis uͤber den Schlaf mit einer brennenden, schmerzhaften, starken Ge- schwulst uͤberzogen. Ausschlag kam hier keiner zum Vorschein. Ich verordnete nichts, als saͤuerlichte Ge- traͤnke mit Manna und wenigem Salpeter. Also hier allein hatte die Natur Kraft genug, den Krankheits- stoff ohne gefaͤhrlichen Kampf auf einen unschaͤdlichen Ort abzusetzen. — Ich behandelte um die naͤmliche Zeit mehrere Kinder bis zum 7—12. Jahre in den naͤmlichen Umstaͤnden, deren Zufaͤlle ich jedesmal mit Ruͤcksicht auf die Leibesbeschaffenheit genau vorsehen konnte. In gut beschaffenen, starken, blutreichen; jungen Personen muß man in dem ersten Zeitpunkt der Pocken, Masern, des Friesels u. s. w. blos manch- mal die uͤbermaͤßigen Bewegungen einschraͤnken, wenn die wohlthaͤtige Wirkung der Natur nicht durch eine offenbare Unreinigkeit in Unordnung gebracht wird. In schwaͤchlichen, uͤbelsaftigen Personen hingegen beobachtet man im naͤmlichen Zeitpunkte Zufaͤlle, die deutlich von einer kraftlosen, hinfaͤlligen Natur erregt werden. Es wird zwar auch ein Theil des Blattern- stoffes, aber ohne die bestimmten Zeiten zu beobach- ten, nach der Haut versetzet: Und unter welcher Ge- stalt! Es erscheinen brandige, schwarze, schwarzblaue, X 2 bley- bleyfarbige, mit Blutfluͤßen begleitete Blattern, welche in der Mitte eingesunken, und zum Theil mit einem scharfen Wasser angefuͤllt sind, welches keiner eiterartigen Kochung faͤhig ist. Werden sie im er- sten und zweyten Zeitpunkt nicht toͤdtlich, so machen sie in dem Zeitpunkt der Abtrocknung desto allgemeiner gefaͤhrliche Verwerfungen auf die Lungen, die Hirn- hoͤhlen, das Ruͤckmarck u. s. w. Ist in sehr starken gesunden Leuten ein sehr haͤu- figer Blatternstoff zugegen, so versetzt er sich nach dem vollstaͤndigen Ausruch zuerst nach dem Kopf, dem Ge- sicht, dem Hals und dem Nacken; sobald diese Ge- schwulst allmaͤhlig vergeht, so faͤngt sie bey den Ar- men und Haͤnden, und dann bey den Fuͤssen und Bei- nen an. Dadurch wird die Masse der Feuchtigkei- ten auf einige Zeit von der zu grossen Menge be- freyet, und derjenige Theil, so mit den Saͤften ver- mischt herumlaͤuft, kann einstweilen gekocht und aus- geleeret werden. Ganz anderst geschieht dieses bey uͤbelbeschaffenen Koͤrpern: Denn, sagt Strack , die Koͤrper derjenigen, welche den Scharbock, eine faule Unreinigkeit und Wuͤrmer im Unterleibe haben, oder an der Doͤrrsucht leiden, entbrennen bey jedem Fieber heftiger, und sind keiner guten Eiterung, wohl aber eines schnellen Brandes faͤhig. — Dieses ist die Ursache, wa- rum so beschaffene Koͤrper zusammenfließende Blattern, und ein heftigers Fieber mit schlimmern Zufaͤllen be- kommen, wobey der Ausbruch vor der Zeit und un- ter mancherley Verunstaltungen geschieht, obschon nicht das das Blatterngift, sondern blos der ungesunde Koͤrper zu beschuldigen ist. Er folgert daraus mit allem Rech- te auf die Eitelkeit eines eigenen Gegenmittels gegen die boͤsartigen Blattern, weil naͤmlich der Grund der Boͤsartigkeit nicht im Blatternstoffe, sondern in der Leibesbeschaffenheit des Kranken lieget. Strack responsum ad Quaestionem de enervando variola- rum miasmate. p. 21. — Von den 738. Personen, welche Jenner einnimpfte, star- ben nur zwey. Der eine ein junger Mann von zwey und zwanzig Jahren, der nach einem vor einigen Mo- naten erlittenen, aussetzenden Fieber wassersuͤchtig ge- worden war, und gar keine Pockenzufaͤlle bekam. Der andere ein Kind von drey Monaten, welches von Ge- burt an den Zuckungen unterworfen gewesen ist. Lentin Beyt. z. aus. Arz. S. 203. Aber auch da giebt es Ausnahmen. Syden- ham beobachtete bey einer sonst gleichen Heilart die zusammfließenden Blattern am oͤftesten bey starken, vollbluͤtigen, ausgewachsenen jungen Leuten, wie z. B. bey dem Bedienten des Elliot . Zaͤrtliche, schwaͤch- liche Kinder, da sie nur eines geringen Fiebers faͤ- hig sind, bekommen allermeist gutartigere und weni- ger Blattern. — Ich weiß, daß in unserer letzten Blatternepidemie venerische Kinder sehr gut durchka- men, da gesunde von den schlimmsten Blattern befal- len wurden. Deßwegen nehmen wir keinen Anstand, geknuͤpfte und skrophuloͤse Kinder zu impfen. Eine Krankheit von entzuͤndlicher Natur kann solchen Koͤr- pern bey kluger Aufsicht mehr zum Vortheil als Nach- theil gereichen. Die Wechselfieber weichen ebenfalls von ih- rem natuͤrlichen Gange ab, und arten, je nach- dem das Verderbniß der Leibesbeschaffenheit ist, bald in nachlassende, bald in anhaltende, bald in faulichte, bald in Nervenfieber aus; so daß man in Versuchung geraͤtht, zu denken, alle diese Fieber seyen Zweige eines einzigen Stammes, eines einzigen allgemeinen Fiebers, welches blos nach Verschiedenheit der gegen- wirkenden Lebenskraͤfte verschiedene Gestalten anzuneh- men pflegt. Wenn ein ordentliches Wechselfieber, sagt ebenfalls Strack , besonders aber ein alltaͤgliches einen schlecht beschaffenen Koͤrper befaͤllt, so erweckt dieses ein anhaltendes, aus wessen Verbindung mit dem Wechselfieber ein nachlassendes entsteht. Denn die Saͤfte derjenigen Koͤrper, welche der Scharbock oder andere faule Unreinigkeiten verdorben haben, werden durch die Hitze des Wechselfiebers, da sie oh- nehin schon so sehr zur Faulniß geneigt sind, weit ge- schwinder, als jene gesunder Leute, von der Faulniß angegriffen, und erregen dann ein anhaltendes Fieber, welches durch die Anfaͤlle des Wechselfiebers seine Verstaͤrkungen, das ist, den Gang eines nachlassenden Fiebers erhaͤlt. Eben dieses beobachtete Pringle an den intermittirenden Fiebern der sumpfichten Nieder- lande. Knaben, welche Wuͤrmer, oder sonst faulen Stoff im Unterleibe haben, sind zu einem anhalten- den Fieber geneigt, welches die Aerzte das Wurm- sieber benannt haben. Dieser Unflath wird ebenfalls durch die Erschuͤtterungen des Wechselfiebers in Be- wegung gebracht, durch die Fieberhitze entzuͤndet, ver- dorben, woraus dann eine verwickelte Krankheit ent- steht, naͤmliche ein nachlassendes Faulfieber, wobey oͤfters Petechien zum Vorschein kommen. Nachdem Strack den regelmaͤßigen Gang des Seitenstiches in gesunden Menschen beschrieben hat, macht er die ausdruͤckliche Erinnerung, Vom Seitenstiche. S. 71. daß es sich ganz anderst mit demselben verhalte, wenn er an sich ungesunde Koͤrper uͤberfaͤllt, und bestaͤttigt dieses durch die sechs- sieben- acht- und neun und vierzigste Kran- kengeschichte. Gefaͤhrlicher wird aber die Entzuͤndung des Ribbenfells, faͤhrt er fort, wenn bey derselben zugleich eine faule Unreinigkeit im Unterleibe vorhan- den ist; denn dadurch wird das Fieber, welches sie im Koͤrper erregt, selbst faulichter Art, und dieses macht auch die Krankheit selbst boͤsartig. Am schlimm- sten ist es, wenn eine solche Verwicklung der Krank- heit zugleich eine verdorbene Leibesbeschaffenheit antrift; dieses bestaͤttigt er durch die 62, 82, 83 und 84te Kran- kengeschichte. — Die Mutter der obigen drey Schwestern leb- te immerwaͤhrend in Unthaͤtigkeit; schlief sehr viel; trank seit einem Jahre viele hitzige Getraͤnke, Tockayerwein, Punsch, Geister, und alle Tage zwey- mal einen starken Kaffe mit fetter Sahne. Ihre Ge- sichtsfarbe war hochroth; ihr Temperament unbeschreib- lich empfindsam, sehr wohlthaͤtig besorglich und aufbrau- send; ihr Koͤrperbau zwar groß, aber schwaͤchlich, mit schmaler eingedruͤckter Brust und so weichen Kno- chen, daß der Ruͤcken vom vielen Sitzen einen voll- kommenen Bogen auswaͤrts bildete. Zu Endes des Juny Juny 1789. bekam sie ein, die ersten Tage meinem Urtheile nach, nicht gefaͤhrliches Gallfieber. Aber bald gesellte sich eine große Angst und Kleinmuͤthigkeit da- zu, welches ich aber ihrem Karakter zuschrieb. Sie be- kam gelinde, saͤuerlichte Abfuͤhrungen. Den 5ten Tag war die Zunge trocken, und bis daher alle Naͤchte schlaflos. Ich verordnete eine Abkochung der Rinde ꝛc. Als sie sich den sechsten Tag besser befand, griff ich wieder zu den aufloͤsenden, gelind abfuͤhren- den Mitteln. Aber den siebenten Tag auf den Abend kam ein heftiger Anfall mit Zuckungen, allgemeinem Zittern des Leibes und der Gliedmassen, Sehnenhuͤp- fen, Uebelhoͤrigkeit mit heftigen Kopf- und Ohren- schmerzen, rothen Augen, immerwaͤhrendem Drang, aufrecht zn sitzen, Irreseyn, unbeschreibliche Bangig- keit und Verzweiflung an der Moͤglichkeit einer Wie- dergenesung. Ich berathschlagte mit noch zwey Arzten, und es wurde wieder die Kina mit Kampfer ohne auf- loͤsende und abfuͤhrende Mittel gegeben. Den achten und neunten hatte sich alles sehr gebessert. Aber man ließ sich wieder von den taͤuschenden Zufaͤllen eines gallichten Faulfiebers taͤuschen. Man setzte, kraft ei- ner neuen Berathschlagung, gegen all mein Bestreben, die Rinde aus, und fuhr wieder mit den Tamarin- den fort; nebstbey gab man ein Gerstenwasser mit ei- nigen Tropfen Schwefelgeist und Kampferpulver. Den dreyzehnten Tag starb sie sitzend sehr langsam, ihren Geberden nach mit Bewustseyn, und unter schreck- lichen Aengsten mit den Zufaͤllen einer Verwerfung nach dem Herzbeutel. Ich fand den Herzbeutel strot- zend zend voll Wasser; die Gefaͤße des Gehirns sehr vom Blut angefuͤllt; alle Eingeweide weich, schlapp, muͤrb, nirgendwo geronnenes Blut. Um die naͤmliche Zeit erkrankte Franz B *** ein acht und vierzig jaͤhriger Mann auf die naͤmliche Art, nur daß alle Zufaͤlle vom ersten Anfange an, viel heftiger waren. Dieser war von Kindheit auf ungesund; hatte seine Leibesbeschaffenheit durch jugend- liche Ausschweifungen gewaltthaͤtig verdorben. Die geringste zufaͤllige Verwundung, mit einer Nadel z. B. verursachte ihm hartnaͤckige, schlimme Geschwuͤ- re. Schon viermal hatte er theils regelmaͤßige, theils unregelmaͤßige Anfaͤlle eines viertaͤgigen Fiebers, wel- ches zwar jedesmal sorgfaͤltig, aber hoͤchst unweislich ersticket wurde. Nebstbey war er gichtischen Schmer- zen, und dem ganzen Heere der hypochondrischen Be- schwerden unterworfen; seit einigen Jahren hatten ihn sehr verdruͤßliche Gemuͤthsangelegenheiten stark hergenommen. Schon der Anfall seiner Krank- heit war mit einer ihm unbeschreiblich grossen Angst verbunden. Da noch an einem andern Orte die Re- de davon seyn wird, so begnuͤge ich mich hier zu sa- gen, daß ich die Heilart mehr nach meinem Sinne ein- richtete, als bey der vorigen Kranken. Er bekam Wein, Kampfer und die Rinde; aber auch nebenher immerfort das Tamarindenmark; fuͤnfmal aͤusserten sich an den richtigen Tagen, den 11, 17. u. s. w Zeichen der Kochung — Jedesmal verschwanden bey- nahe alle gefaͤhrlichen Zufaͤlle; und fuͤnfmal war er nach nach zwey Tagen ruͤckfaͤllig, und starb den sechs und dreyßigsten Tag. Eben so gieng es dem jungen Menschen zu Me- liboͤa, der sich lange mit vielem Trinken und Ausfchwei- fungen in der Liebe erhitzt hatte. Er frohr, und war aͤngstlich mit Uebelseyn; er schlief nicht, und fuͤhlte keinen Durst. — Er starb am vier und zwanzigsten Tage an der Hirnwuth. So gieng es auch dem Appollonius zu Polysti- lo, welcher lange vor seiner Krankheit kraͤnkelte, ver- stopfte Eingeweide, einen bestaͤndigen Schmerz um die Leber hatte, und bisweilen gelbsuͤchtig, immer aber aufgeblaͤht und von bleicher Farbe war. — — Die- ser starb den vier und dreyßigsten Tag. 3ter B. v. der Lands. 3 Ab. 13 und 16te Krankh. §. 31. Die große Ausartung aller Uebel bey schlecht- beschaffenen schwaͤchlichen Leuten, bestaͤttigen folgende Bemerkungen noch mehr. — Von sehr geschwaͤchten Giften werden gesunde, lebende Theile gar nicht an- gegriffen, da indessen die verdorbenen Theile, obschon die Natur stark in ihnen wuchert, zu einer Kruste verwandelt werden. Dieses ist der Fall bey dem von Macbride beschriebenen Pflaster gegen den Krebs, und bey einer geheimgehaltenen Aufloͤsung einer gerin- gen Menge Silber in einer grossen Menge Koͤnigs- wasser; es zerstoͤrt die sogenannten Muttermaͤler, die Warzen, wildes Fleisch und andere Auswuͤchse, ob- schon schon es die Oberflaͤche der gesunden Theile nicht im geringsten veraͤndert. Eben darum machen auch bey milden und guten Saͤften die heftigsten Entzuͤndungen oft keinen Brand, da indessen, wie Burseri an- merkt, das gelindeste Fieber und eine ganz geringe Entzuͤndung, wo die Saͤfte verdorben und so zu sagen vergiftet sind, in Brand uͤbergeht. C. II. p. 85. „Ausser dem, sagt Hoffmann , daß schlappe, gedunsene, schwammichte, fette Leute den Krankhei- ten mehr ausgesetzt sind, als diejenigen, so etwas mager und trocken sind, und groͤßere Gefaͤße haben, so sind auch alle ihre Krankheiten gefaͤhrlicher. Bey der geringsten Unpaͤßlichkeit werden ihre Ausleerungen gehemmt oder vermindert; die Lungen werden mit Schleim angehaͤuft; ihre fieberhaften Krankheiten sind unregelmaͤßiger, selten einer guten Entscheidung faͤ- hig, und uͤbergehen sehr leicht in schlimme, faulich- te Schleimfieber. Wenn sie davon kommen, so bleibt eine langwierige Schwaͤchlichkeit zuruͤck; sie bekommen waͤsserichte Geschwuͤlste und andere wassersuͤchtige Zu- faͤlle. Auch ohne fieberhafte Krankheiten verlieren die festen Theile nach und nach ihre Wirksamkeit, und wenn sie Alters halber oder aus sonst einer Ursa- che das Fett verlieren, so wird die ganze Leibesbe- schaffenheit verdorben; sie fallen bald von Kraͤften; die Eßlust verliert sich; es entstehen waͤsserichte An- schwellungen der Fuͤße, der Augenlider, (um die Na- se) und alle Arten von Wassersuchten. In hitzigen Fie- Fiebern werden sie außerordentlich schnell mager, die Saͤfte werden scharf, und erregen ungemein gerne Entzuͤndungen der Eingeweide, welche schnell in Brand uͤbergehen; es erfolgen boͤsartige Geschwuͤre; vorzuͤg- lich aber ist die Leber in Gefahr.„ „Jeden hochansehnlichen Bauch, sagt Zimmer- mann , fuͤllt ein hoͤchst gefaͤhrlicher, und die meisten hitzigen Krankheiten toͤdlich machender Stoff„. Boer- have hat bemerket, daß von allen Menschen die fet- ten am ersten sterben, und keinen seyen hitzige Fieber so gefaͤhrlich als diesen, weil durch die Hitze des Fie- bers das Fett schmilzt, scharf wird, die festen Thei- le reitzt, die fluͤssigen stocken macht, alles entzuͤndet, und alles zu Grunde richtet. Der Eiter ist bey uͤbelbeschaffenen, wassersuͤch- tigen duͤnn, blaß, jauchicht; in Alten, sehr Schwaͤchli- chen ist er dick, klebricht, schleimicht; in Ttrocknen dick. Dieses ist aber in keinem Falle jener milde Bal- sam, der den Reiz des Geschwuͤres lindern, und die Heilung desselben befoͤrdern koͤnnte; es entstehen viel- mehr boͤsartige, brandige Geschwuͤre, die so lange aller Heilung widerstehen, als die Saͤfte nicht ver- bessert sind. Wenn diese zu duͤnn, waͤssericht, auf- geloͤset sind, so dringen sie in zu kleine Gefaͤße, ver- ursachen Ergießungen in die Hoͤhlen des Koͤrpers, haͤu- fige Schweiße, Hautwassersucht, Geschwuͤlste, Ver- stopfungen, Verhaͤrtungen, und endlich boͤsartige Ent- zuͤndungen, welche sehr leicht in heißen oder kalten Brand uͤbergehen, und fast immer den Tod nach sich ziehen, wie wir dieses so oft in faulichten boͤsartigen Krank- Krankheiten, in der Pest, dem Scharbock und der Lustseuche erfahren. Eben solche boͤsartige, brandige Geschwuͤre entstehen bey diesen Leuten auf die gering- sten Verletzungen; eine leichte Quetschung, ein Split- ter u. d. gl. sind dazu hinlaͤnglich; da indessen bey wohl- beschaffenen Koͤrpern und guten Saͤften die Heilkraͤfte der Natur in den groͤßten, verwickeltsten Verwundungen bis zum Erstaunen wirksam sind, wie folgendes Bey- spiel zeiget. — Ein gesunder, starker und blutreicher Bauer, 28 Jahr alt, wurde von einem herunterfal- lenden dicken und langen Block so beschaͤdigt, daß man sein Ende fast jeden Augenblick vermuthete. Der rechte Schenkel war zweymal, etwan fuͤnf Zolle un- ter seinem Halse, und vier Zolle uͤber der Knie- scheibe, zerbrochen. Ueber dem linken Auge war eine Wunde, die von der Verbindung des linken Nasen- beins mit dem Stirnbeine schief, etwan drey Linien, herunterstieg, woselbst ein ziemliches Stuͤck von Ran- de der Augenhoͤhle verloren gegangen war. Sie stieg dann gerade wieder hinauf, bis unter die Augenbrau- nen, uͤber welche sie noch uͤber zwey Linien weiter gieng. An mehreren Orten war der Knochen entbloͤ- set, und da die Lippen der Wunde einen halben Zoll auseinander stunden, so schien das ganze Auge um so weiter heruntergeruͤckt zu seyn, als das rechte. Die Verbindung der Nasenbeine und mit der Stirne und mit dem Oberkinnbackenbeine war getrennt, so, daß sie, sowohl nach innen, als nach den Seiten, konnten be- wegt werden; ja selbst die Seitenknorpel waren in der Mitte von den Nasenbeinen getrennt. Die Haut der der Nase war hin und wieder mit Blut unterlaufen Am untern Rande der linken Augenhoͤle, da wo sich das Jochbein mit dem Kinnbackenbeine vereinigt, sa- he man einen Eindruck, in den man fast den kleinen Finger legen konnte. Das Jochbein war zwar noch fest, wenn man es aber zu bewegen versuchte, so entstand ein heftiger Schmerz. Die Zahne konnten nicht uͤber eine Linie weit voneinander gebracht wer- den; brachte man aber ein Messer oder einen Spatel zwischen dieselben, so hob man leicht den obern Kinn- backen Fingerbreit in die Hoͤhe, wo man deutlich merkte, daß sich in der Hoͤhe eines Zolles die Kno- chen ineinander schoben oder einwaͤrts bogen. Die Gaumenknochen waren zwar fuͤr sich fest und gleich; aber auch mit ihnen konnte man, durch einen Druck nach oben, die obern Kinnbackenknochen in die Hoͤhe heben, so, daß diese Knochen bis an die Fledermaus- fluͤgel ( Alæ pterygoideæ ) schienen gespalten, oder viel- mehr in ungleiche Stuͤcken zerbrochen zu seyn. Die Oberlippe des Mundes war sehr geschwollen, und durch die untere gieng eine Querwunde, ungefaͤhr einen Zoll lang. Aus dem Munde nahm man meh- rere Knochensplitter und Holzspaͤnchen. Ein wackeln- der Backenzahn der linken Seite im untern Kinnba- cken konnte erst nach etlichen Tagen herausgenommen werden. Das im Munde gesammelte Blut wurde mit grosser Muͤhe durch ein Roͤcheln ausgeworfen, aus der Nase floß es bestaͤndig, doch langsam. Am untern und linken Winkel des untern Kinnbackens, und an ihrem Gelenke mit dem Schlafbeine, war der Schmerz Schmerz heftig; es schien aber nichts gebrochen zu seyn. Noch war eine leichte Quetschung auf der Mitte der Brust. — Die einfache Behandlung, (mit diesen Worten schließet Theden diesen Fall), nebst der Jugend und guten Leibesbeschaffenheit des Kranken, brachte innerhalb drey Wochen die gluͤckliche Heilung zu Stande. Neue Bemerk. und Erfahr zur Bereichung der Wund- arzneykunst und Arzneygelahrhett 2tes B. S. 124. §. 32. Aber auch nur bey solchen Umstaͤnden laͤßt sich die Boerhavische Genuͤgsamkeit mit Wasser, Essig, Wein, Gerste, Salpeter, Hoͤnig, Rhabarber, Mohn- saft, Feuer, einigen Salzen, Seifen, Quecksilber, Eisen, Lebensordnung, Bewegung und der Lanzette entschuldigen. Denn nur bey solchen Umstaͤnden lie- gen der Natur keine unuͤbersteigbare Hindernisse im Weege. Als Hippokrates den siebenzehnten Tag zum Nikoxenos zu Glünthos kam, war seine Zunge wie verbrannt. Die Hitze von außen nicht heftig, die Erschlaffung des Koͤrpers entsetzlich; die Stimme ge- brochen, kaum hoͤrbar, aber doch deutlich; die Schlaͤ- fe eingefallen, die Augen hohl, die Fuͤße weich und lauwarm, und die Milzgegend gespannt. Das Kly- stier kam nicht voͤllig zu ihm, sondern trat zuruͤck. Gegen die Nacht gieng ein wenig derber Unrath mit etwas Blut von ihm, ich glaube, sagt er, vom Kly- stier. Der Urin war rein und helle. Er lag wegen der Entkraͤftung auf dem Ruͤcken mit auseinander ge- sperrten sperrten Beinen. Er war ganz ohne Schlaf. In- nerhalb zwanzig Tagen legte sich die Hitze. Gersten- wasser war ihm nicht trinkbar, wohl aber genaß er einen gleichen, geroͤsteten Trank von Aepfeln, Gra- nataͤpfelsaft, auch duͤnne, kalte Suppen von geroͤ- steten Linsen, kalt abgesottenes Mehlwasser, und einen duͤnnen Graupenschleim. — Er kam durch. — Dieser Fall war schwer, und das Heilverfahren hoͤchst einfach. Nicht selten widersteht ein solcher Zustand sogar der verheerenden Heilart der Aerzte, weßwegen der Ver- fasse vom Mißbrauche des Aderlassens sagt: “Ist der Kranke von einem starken und lebhaften Tempera- mente, so bleibt gluͤcklicher Weise, ungeachtet der vielen Ausleerungen, manchmal das Fieber im naͤm- lichen Zustande, und endigt sich von selbst durch eine gluͤckliche Entscheidung am siebenten, eilften, vier- zehnten Tage. §. 33. Zufaͤlle und Zeichen der verdorbenen Leibes- beschaffenheit. Wie sehr aber die Natur von ihrer Wirksam- keit verlieren, oder vielmehr wie ohnmaͤchtig sie wer- den muͤsse, wenn die Leibesbeschaffenheit zerruͤttet ist, kann ich meinen Lesern auf keine Art auschaulicher darstellen, als wenn ich ihnen die Zufaͤlle, welche der schlechten Leibesbeschaffenheit ( Cachexia ) eigen sind, nach ihrer Stufenfolge hererzaͤhle. Es wird unver- kennbar bey jedem Schritte die Abnahme der Lebens- kraͤfte kruͤfte in die Augen fallen, und folglich in allen Krank- heiten desto weniger von der Natur zu hoffen seyn, mit je einer hoͤhern Stufe des Verderbnisses sie zu- sammen treffen. In der ersten Stufe nimmt die Eßlust ab; kurz nach dem Essen fuͤhlt man eine Schwere und ein Druͤcken im Magen, Blaͤhungen, oͤfteres, saures, abgeschmacktes, salziges, stinkendes Aufstoßen. Bald folgen Eckel und Erbrechen; die Kraͤfte schwinden, der Puls ist klein und matt, kriechend; der Kopf thut wehe; der Kranke ist immer schlaͤfrig, abge- schlagen, muͤde, die Waͤrme vermindert sich, nur die faulichte und scharbockichte Schaͤrfe ausgenommen. Die Absoͤnderungen und Ausleerungen gehen uͤbel von statten; ist die Brust oder der Unterleib verstopft, so ist das Athmen beaͤngstigt, der Kranke hustet, fuͤhlet einen Druck und mehr oder weniger tiefe Schmer- zen; bisher merkt der Kranke noch sehr wenig oder nichts von diesen Zufaͤllen. Aber in der zweyten Stu- fe wird die Unordnung schon deutlicher; der Kranke ist schwach, eine schmachtende Hinfaͤlligkeit zeiget seine Abnahme an; das Athemholen wird immer beschwer- licher, kuͤrzer, geschwinder, muͤhsamer bey der ge- ringsten Bewegung, besonders beym Steigen. Die Stimme wird unterbrochen, die Sprache matt, der Geist unruhig, traurig, verdruͤßig, stumpf, die Lau- ne muͤrrisch, die Gesichtsfarbe blaß, verunstaltet, das Gesicht hager, der Aderschlag unregelmaͤßig, fast immer fieberhaft; die Eßlust mangelt; die ersten Weege sind in Unordnung; der Kranke schwitzet leicht, Gall I. Band Y was was die allgemeine Schwaͤche, die schlechte Verdauung und die waͤsserichte Beschaffenheit der fluͤssigen Be- standtheile beweiset; die Beine schwellen an; der Kran- ke wird mager, aufgedunsen; und das Uebel faͤngt an, sich der Unheilbarkeit zu naͤhern; diese Unheil- barkeit nimmt mit dem zunehmenden Verfalle der Kraͤfte zu. Endlich kann er nimmer aufstehen; er ist genoͤthigt, auf dem Ruͤcken zu liegen. Die Stimme wird leise, zischend, die Sprache langsam, der Puls sehr schwach, geschwind; die Augen werden matt und die Gliedmassen kalt. Dazu gesellen sich noch: Schwe- re des Kopfes, immerwaͤhrende Schlaͤfrigkeit; der Kranke kann nimmer liegen, sondern muß aufrecht sitzen; der Eckel vermehrt sich, die Eßlust ist verdor- ben; der Kranke wird von bestaͤndigen Aengsten, Ue- belkeiten nach dem Essen, vom Ersticken, vielen Winden und Blaͤhungen, einem brennenden Durst gequaͤlt; die Weichen schwellen an; und das gegen Abend ein- tretende unordentliche Froͤsteln zeiget das schleichende Fieber an. Der Harn wird von Tage zu Tage we- niger, dicker, weißlicht oder roͤthlicht, mit ziegel- mehlartigem Bodensatze; zuweilen gehen gar nur we- nige Tropfen ab. Jetzt nimmt das Uebel uͤber Hand; es entsteht Herzklopfen; bey der geringsten Bewegung ist der Kranke in Gefahr zu ersticken; die Beschwer- lichkeit des Athmens haͤlt jezt an; die ganze Oberflaͤ- che des Koͤrpers, besonders der Haͤnde und Fuͤsse ist sehr angeschwollen; es ergießen sich die Fluͤssigkeiten in innere Hoͤlen, und diese Ergiessungen werden alle Tage betraͤchtlicher. Die Verdauung wird immer mehr mehr in Unordnung gebracht; dem Kranken eckelt vor allem, was noch einigermassen die schwindenden Kraͤf- te ersetzen koͤnnte. Alle diese Zufaͤlle steigen auf eine schreckliche Hoͤhe, bis der Anblick des Kranken hoͤchst widrig, traurig, schmerzhaft und verstellt wird, und endlich der erwuͤnschte Tod dem allgemeinen Elen- de der Maschine ein Ende macht. Je nachdem nun das Verderbniß verschieden ist, so bemerken wir auch in den Zufaͤllen einige Ver- schiedenheit, so daß die Natur nicht uͤberall und nicht in allen Zeitpunkten wegen Mangel an Lebenskraft, sondern manchmal noch aus andern Ursachen, z. B. wegen verschiedener Schaͤrfe der Saͤfte u. s. w. un- vermoͤgend zu seyn scheint. Im Anfange eines von Ausartung der Saͤfte entstandenen hektischen Fiebers ist der Aderschlag gut, ja sogar staͤrker, als im ge- sunden Zustande, obschon der Kranke anfaͤngt mager zu werden. Bald aber verliert er die Kraͤfte; der Schlaf wird unterbrochen; nach Tische wird die Haut waͤrmer, trocken, sproͤde. Das Fieber wird merk- licher, obschon es der Kranke noch nicht empfindet; der Puls gehet geschwinder, und wenn noch dazu ei- ne Eiterung im Verborgnen liegt, so uͤberlaufen ihn oͤfter unordentliche Schauer. Auf den Abend tritt die Verschlimmerung ein. — In der zweiten Periode wird die Magerkeit schon sichtbarer. Die Schwaͤche nimmt von Tage zu Tage zu, die Haut wird heißer, trockner; sproͤder; die beißende Hitze an den Ballen der Haͤnde und der Fußsohlen wird empfindlicher; der Puls ist hart, zusammengeschnuͤrt, schwach, ge- Y 2 schwind, schwind, klein. Auf dem Harn, besonders im Schar- bock, schwimmt zuweilen ein fettes, oͤlichtes, regen- bogenfaͤrbiges Haͤutchen. Zuweilen hat er keinen Bo- densatz, oder dieser ist verschieden, weiß, kleien-ziegel- mehlartig, ohne alle Farbe; waͤssericht, zitronenfaͤrbig weißlicht, gruͤnlicht, hochgefaͤrbt. Die Eßlust wird unregelmaͤßig, laͤst nach, verliert sich ganz, und wird manchmal unmaͤßig. Der Speichel schmeckt gesalzen. Der Leib wird ofner, die Stuͤhle werden haͤufig, aus- serordentlich stinckend; endlich entsteht ein Bauchfluß. Die Verschlimmerungen gegen Adend werden merkli- cher, und setzen den Kraͤften immer mehr zu. Der Auswurf des Eiters wird haͤufiger, gelblicht, zerfliesend, schmutzig, stinkend. Endlich wird in der dritten Perio- de der Puls noch schwaͤcher, geschwinder, und ungleich; es entstehen kleine, weise, gelbe Geschwuͤre im Mun- de, zerschmelzende Schweiße und Durchfaͤlle; der Harn wird hochgefaͤrbt und stinkender, die Trocken- heit der Haut wird brennender. Die schmachtenden, truͤben, manchmal aber auch hellglaͤnzenden Augen er- tragen kaum mehr das Licht; die Augenknochen ra- gen hervor, die Schlaͤfe werden hohl, die Nase lang und schmal; das Gesicht zieht sich immer mehr in die Laͤnge, wird bleich, trocken, gelblicht, bleyfaͤrbig, die Haare fallen aus, die Naͤgel schrumpfen ein, und werden blaulicht. Ist in der Brust eine Eiterung, so wird der Kranke vom Anfange an von einem ermat- tenden Husten gequaͤlt; der Auswurf wird jetzt schwer und unvollstaͤndig, matt, gehemmt, die Stimme verliert sich. Der Druck auf der Brust wird schwerer; der schmelzen- schmelzende Durchfall nimmt zu; der Durst wird dringend; der Kranke bekoͤmmt oͤftere Uebelkeiten; wird angstvoll, vergessen, verwirrt, faͤngt an zu fa- seln, — und faͤllt bald in den Todeskampf. Es seye nun das Verderbniß der festen und fluͤs- sigen Theile von was immer fuͤr einer Art, skorbu- tisch, skrophuloͤs, venerisch, rachitisch, krebsartig u. s. w. welches dann noch jedesmal seine besondern Zafaͤlle hat; so ist es gewiß, daß der Umlauf der Saͤfte traͤger oder geschwinder, die Absonderungen und Ausleerungen unordentlicher, die Wirkung und Ge- genwirkung aller Bestandtheile gestoͤhrt, und folglich jene Kraft, wodurch Krankheiten abgehalten und ge- heilet werden, durch eine unzertrennliche Folge ge- schwaͤcht, oder zernichtet werden muͤsse. Zweyter Erfahrungssatz. Das zweyte Erforderniß zur Wirksamkeit der Natur sind Verhältnißmäßige Kräfte . Warum ich Verhaͤltnißmaͤßig sage, wird sich besser unten aufklaͤren. §. 34. Nur vermittelst einer verhaͤltnißmaͤsigen Sum- me von Kraͤften kann die Natur den Krankheitsursa- chen widerstehen, oder, wo diese unuͤberwindlich sind, jene Veraͤnderungen hervorbringen, welche unter den Namen der Verähnlichung, Zertheilung , oder Ent- scheidung die Gesundheit wieder herstellen. So leichtfertig der grosse Haufe uͤber diesen Gegenstand wea- wegzugleiten pflegt, so aufmerksam sind große Aerzte zu allen Zeiten darauf gewesen. Hippokrates setzt alles Vertrauen auf einen gesunden, kraftvollen Koͤrper; und mißraͤthet einem solchen alle Maßregeln der Lebensordnung. Wer ge- sund und bey Kraͤften ist, sagt er, mache keinen Un- terschied, esse und trinke allemal das, was er findet. Den Kranken aber und Schwaͤchlichen schreibt er Ge- setze vor. Galenus hat den Aerzten anempfohlen, zwey Hauptdinge nie aus den Augen zu lassen, naͤmlich: Die Krankheit selbst, und die Kraͤfte des Kranken. Er hielt den Mangel an Kraͤften fuͤr das wichtigste Vorherkuͤndigungszeichen des uͤblen Ausganges eines hitzigen Fiebers, besonders wenn die Krankheit sehr heftig und boͤsartig war, und schnell verlief. Friedrich Hoffmann sagt: Wenn je eine Lehre in der Heilkunde eine vollstaͤndige Berichtigung ver- dient, so ist es gewiß jene von den Kraͤften und Grundursachen des menschlichen Koͤrpers; denn alles Vermoͤgen der Natur, wodurch die Verrichtungen der Seele und des Koͤrpers erhalten, die Krankhei- ten abgewendet und geheilet, ja selbst der Tod zuruͤck- gewiesen werden, gruͤndet sich einzig auf die Kraͤfte welche ihre Wirksamkeit durch ein bestimmtes, und je- desmal dem Zwecke angemessenes Maaß von Bewe- gungen aͤußern. Systema med. ration. T. VII. de Virium lapsu p. 241. Van Swieten begreift unter den Kraͤften al- les das, was in einem kranken Menschen von der Ge- sund- sundheit noch uͤbrig ist. Daraus folgert er, daß zu einer gluͤcklichen Heilung nichts mehr beytragen kbnne, als standhafte Kraͤfte des Kranken. Diese muͤsse man daher mit groͤstem Fleiße zu erhalten, und diejenige Heilanzeige, welche auf die Erhaltung der Lebenskraͤf- te gerichtet ist, verdiene billig die erste Stelle. T. II. §. 598. Nro 1. Tissot gruͤndet seinen Begriff von der Natur auf die harmonisch vertheilten Kraͤfte des Koͤrpers zu- sammen genommen, oder in wie fern sich die Lebens- kraft in jedem Theile desselben ergießet; folglich sagt er, wenn die Kraͤfte zernichtet sind, so vermag die Natur nichts mehr; — Speise und Trank gedeyen nicht, und die Arzneyen bleiben fruchtlos. Störk giebt die Lehre, in jeder Krankheit vor- zuͤglich die Leibesbeschaffenheit, und dann die Kraͤfte des Kranken zu untersuchen A. a. O. p. 1. p. 32. In der Folge nimmt er bey jeder von ihm behandelten Krankheit aufs sorg- faͤltigste Ruͤcksicht auf diesen Umstand, und verzwei- felt nie, so lange die Kraͤfte gut sind; zeigt aber je- desmal bey ihrem Verfall die instehende Gefahr an. Das Ansehen dieser Maͤnner, und die taͤgliche Erfahrung, daß die Kunst ohne Mitwirkung der Le- benskraͤfte nichts vermag, werden mich rechtfertigen, wenn ich diesem Gegenstande eine weitlaͤufigere Unter- suchung widme, als, meines Wissens, bisher gesche- hen ist. §. 35. §. 35. Eine schlechte, und schwaͤchliche Leibesbeschaffen- heit sind manchmal so unzertrennbare Gefehrden, daß man sie nicht jederzeit abgesondert behandeln kann. — Hier will ich zu erst darthun, daß uͤberhaupt schwaͤch- liche Leute mehrern, und wo nicht immer heftigern, doch schlimmern Krankheiten unterworfen sind, als starke und abgehaͤrtete. Der reiche, wolluͤstig und muͤssig lebende Eng- laͤnder ist weit mehr, als der Bauer, den katarrha- lischen und entzuͤndlichen Anschoppungen der Lunge, und folglich der Lungenschwindsucht weit oͤfter ausge- setzt. Hoffmann glaubt, die Ursache davon seye, weil die schwache Natur in den schlappen, schwam- michten Koͤrpern nicht vermoͤgend ist, die Vollsaftig- keit gut zu verarbeiten, und den rohen Ueberfluß auf andern Weegen auszuleeren; es muͤsten daher alle Unreinigkeiten den schlappen und weichen Lungen zu- fließen. Eben dieser Schwaͤchlichkeit schreibt er es zu, daß ihre Kinder so haͤufig geknuͤpft sind. Unter diejenigen, welche den Krankheiten entgehen, zaͤhlt er starke, arbeitsame, von rauher und einfacher Kost lebende, den Poͤbel, die Landleute, diejenigen, welche ohne Kummer und ohne Leidenschaften ihr Le- ben zubringen, Juͤnglinge, junge Maͤnner, und die etwas weite Blutgefaͤße, ein festes Fleisch haben, aber mager sind, von welchen geschrieben steht, daß sie keiner Arzney und keines Arztes bedoͤrfen. De generation e morborum ex morbis. Die- jenigen jenigen hingegen, welche kleine Adern, schlappe, wei- che Fasern, feine Nerven und Sehnen haben, sind schwaͤchliche, hinfaͤllige Menschen, von denen Zimmer- mann sagt: “Gefuͤhlvoll fuͤr die sanftesten Eindruͤcke zittern ihre Fibern, wenn ein Staͤubchen sie beruͤhrt; ein Muͤckenfluͤgel umgiebt sie mit Finsterniß; ein Hauch kann sie erschrecken, sie rasen bey dem kleinsten Wi- derspruche. — Leute, bey denen das ganze System der Nerven von der Geburt her schwach ist, haben kleine Knochen, zarte Glieder, ein weiches Fleisch; sie sind uͤberhaupt blaß, und haben nur eine fluͤchtige Roͤthe; sie werden bald ermuͤdet, ihr Puls ist schwach, ihr Gemuͤth ist sehr empfindlich und beweglich, und sie sind allen Krankheiten um so mehr ausgesetzt, je mehr sie dieselben fuͤrchten. Ich kenne einen geistvollen, durch die Groͤße seines Herzens so sehr, als durch die Vor- zuͤge seines Verstandes verehrungswerthen schweizeri- schen Edelmann, der wegen der angebohrnen Schwach- heit seines Nervensystems schon in seinem sechsten Jah- re ein voͤlliger Hypochondrist gewesen. Bey verschie- denen Maͤdchen von sechs bis neun Jahren habe ich alle kleinern Zufaͤlle der Mutterkrankheit mit ihrem ganzen Gefolge sehr oft bemerkt; die Ursache dieser Zufaͤlle waren nicht Wuͤrmer, sondern die eigentliche Ursache, von welcher hier die Rede ist. Es giebt auch Leute von einem hohen Alter, die wegen dieser ange- bornen Schwachheit jeder physische oder moralische Eindruck ploͤtzlich zu Boden wirft, und ploͤtzlich zu den Sternen hebt, die sich in einem Tage tod und un- verwundbar glauben.„ A. a O. 4tes B. 14 K. “Jun- Junge Leute von der schwaͤchlichen Klasse sind von Natur nicht allein den aus den Feuchtigkeiten entspringenden Krankheiten, den Wechselfiebern, den Fluͤssen, den Katharren, den Unverdaulichkeiten, den Winden, den Schaͤrfen, den Bauchfluͤssen, den ab- mattenden Schweißen, den Geschwuͤlsten, den Er- gießungen, den Verschleimungen und Verstopfungen, sondern auch den hartnaͤckigsten chronischen Krankheiten und allen ihren fuͤrchterlichen Folgen, der Cachexie, der Gelbsucht, den Wassersuchten, dem Scharbock ausgesetzt. Wenn ein Kind sehr volle Haare hat, die hart anzufassen sind, sich rollen, oder gekraͤuselt werden und mit dem fortschreitenden Wachsthum eine immer dunklere Farbe annehmen, so kann man sicher schließen, daß es stark seyn wird; hat es dazu ein festes und compaktes Fleisch, eine reine, lebhafte und saftvolle Haut, glaͤnzende Augen, und in der Folge mittelmaͤßig große, geschlossene, weiße und gut ge- ordnete Zaͤhne, mit starken Muskeln, einer breiten brustvollen sich stets gleichen Respiration, mit einer maͤnnlichen sonorischen Stimme, mit gut proportionir- ten Gliedmaßen und Wuchse; so kann man zum vor- aus von seiner Gesundheit eine gute Vordeutung fas- sen; man kann hoffen, daß es lange leben wird, wenn es seine Vorzuͤge nicht mißbraucht. Wenn es hingegen wenige Haare hat, wenn diese eben fein, weichlich sind, wenn sie von der braunen Farbe in die Kastanienfarbe, und von dem schoͤnen Weiß in das Lichtweiße uͤbergehen, so kann man schließen, daß es schwaͤchlich, zaͤrtlich und ungesund seyn wird, zumal wenn wenn es ein weichliches Fleisch, ein schlaffe, kraft- lose oder bleiche Haut, matte Augen, unreine von einander abstehende, ungleiche Zaͤhne, schwaͤchliche Gliedmassen, einen hagern Wuchs, eine gezwungene Respiration, und eine schwache, weibliche Stimme hat. Daignan Schild. d. menschl. Lebens 2. Thl. Stoll hat beobachtet, daß schwaͤchliche, koͤr- perliche Beschaffenheiten, und hauptsaͤchlich diejenigen, welche durch Ausleerungen, zumal des Blutes ent- kraͤftet worden sind, dem Friesel mehr unterworfen seyen. Deßwegen hat er Frauenspersonen von der schwaͤchern Art, und besonders Wittween, die uͤber die Bluͤte ihrer Jahre hinaus, und nicht mehr frucht- bar waren, weit oͤfter als Mannspersonen, mit dem- selben befallen gesehen; und unter diesen nur junge, schlappe, schlecht genaͤhrte, und mit einer harten und mehlichten Kost ausgestopfte Subjecten. Die Erfah- rung, setzt Vogel hinzu, hat allerdings bestaͤttigt, daß Koͤrper, die mit schlechten Saͤften uͤberladen, von Leidenschaften, vorher gegangenen Krankheiten, und andern Ursachen geschwaͤcht worden sind, reitzbare, empfindliche Personen mit einer zarten Haut, beson- ders weiblichen Geschlechts, vorzuͤglich zu dieser Krank- heit neigen. Handbuch 3 Thl. S. 336. §. 36. Wenn sogar die Entwicklung mangelhaft wird, wo die erforderlichen Lebenskraͤfte gekraͤnkt sind; so koͤnnen koͤnnen eine groͤßere Anlage zu Krankheiten, und ei- ne geringere Heilkraft unmoͤglich mehr bezweifelt wer- den. Wo Frank von der Armuth des Landmanns spricht A. a. O. 1 Thl. S. . , sagt er: “Die Kinder solcher Elenden sind waͤsserichte Geschoͤpfe mit geschwollenen Baͤuchen und verstopften Eingeweiden; ihre Sterblichkeit ist daher uͤberaus groß. Schon in ihrem zartesten Alter muͤs- sen sie durch schwere Arbeiten eine kuͤmmerliche Nah- rung verdienen helfen, und die Kraͤfte, so das Wachsthum ihres Koͤrpers befoͤrdern sollten, ver- schwizen. Daher sieht man auf den mehrsten Doͤr- fern, besonders in Weinlaͤndern, wo der meiste Duͤn- ger auf menschlichen Ruͤcken muß auf hohe Berge getragen, und die Erde in einer kriechenden Stellung stets aufgekratzt werden, den groͤsten Theil der Ju- gend verwachsen und uͤbel gebildet; denn Schoͤn- heit vertraͤgt sich nicht mit der aͤußersten Armuth und mit erstickenden Arbeiten. Man sehe die Zugthiere, so vor ihrer Reife zu schweren Arbeiten angehalten werden, so wird man das Ebenbild der vor ihrer Zei- tigung zu allen Gattungen von Geschaͤften gezwunge- nen Jugend haben. Groͤße und Staͤrke gehen unter der Last des Elendes verlohren, und die vollkommen- ste Race der Thiere artet darunter aus. — — Bey allen Seuchen ist der arme allezeit der erste, welcher angegriffen wird.„ Betrachten wir ferner alle die Hinderniße, so wir der Entwicklung entgegen stellen; die eingeschraͤnkte koͤrperliche Erziehung, das fruͤhzei- tige Anhalten zu Geistesarbeiten, wodurch Leib und Seele Seele verkruͤppelt, und auf immer zu dauerhaften wichtigen Geschaͤften unfaͤhig gemacht werden; die allzusorgfaͤltige Lebensordnung; das Entziehen der Fleischspeisen vor den Pocken; die angeerbten Krank- heiten, Schwaͤchlichkeiten, und Krankheitsanlagen u. s. w. die den Kindern ohnehin eignen Uebel, die Masern, Pocken, die Zahnarbeit, die verstopften Eingeweide, die Wuͤrmer, die mannigfaltigen Aus- schlaͤge, den Schleim- und Krampfhusten; fremde Milch; den Mangel freyer Luft in Staͤdten u. s. w. Betrachten wir alle diese Hindernisse der Entwicklung und Abhaͤrtung, so koͤnnen wirs nimmermehr sonder- bar finden, daß bey unsern Kindern durchgaͤngig die Sterblichkeit zugenommen hat, und in unsern Zeiten weniger sehr alte Leute, als ehemals, gefunden wer- den. Ich habe sehr oft die Bemerkung von Kämpf und Weikard bestaͤttigt gefunden, das schwaͤchliche, bis in ihr siebentes Jahr mit Pflanzenspeisen genaͤhrte Kinder am allerersten rachitisch werden. Daher ließ ich vor drey Jahren einen Buben, dessen Mutter unbeschreiblich leidenschaftlich ist, durch zehn Kindbetten, zahlreiche Aderlassen waͤhrend jeder Schwangerschaft, haͤufigen Blutfluͤssen, und fast auf jede Entbindung er- folgten schweren Krankheit außerordentlich geschwaͤcht und reitzbar gemacht worden war, gleich von der Ge- burt an stuffenweis an kalte Baͤder gewoͤhnen, ohne alles Fatschen allermeist ganz frey sich herumwaͤlzen Die Umstaͤnde erlaubten nicht, ihm eine Amme zu geben; hingegen bekam er zum Fruͤhstuͤck einen guten starken starken Kaffee mit gewoͤhnlicher Kuͤhmilch u. s. w. Sobald sich die ersten Zaͤhne zeigten, gab ich ihm geraͤucherte Wuͤrste und Schinken, die er mit unbe- greiflicher Begierde und in grosser Menge aß. Er kroch mit blossem Hintern ohne Schuhe und Struͤmpfe, ohne Kappe in dem rauhen Winter 1787 auf einem mit Steinen belegten Boden herum, spielte sich mit Schneeballen und Eißzapfen. Nun ist er zwar nicht sehr groß; aber untersetzt; seine Glieder sind dick, sein Fleisch derb, seine Haare kraus, seine Augen lebhaft, die Gesichtsfarbe roth und der ganze Bube ist Kraft und Munterkeit. Hie und da gehen Spul- wuͤrmer von ihm, aber ohne die geringste Unpaͤßlich- keit zu verursachen. Er haͤlt die schnellsten, heftigsten Bewegungen ganze halbe Tage ohne andere Ermuͤ- dung aus, als daß er die Nacht darauf desto tiefer schlaͤft. Dieses Beyspiel halte ich deßwegen fuͤr merk- wuͤrdig, weil von den zehn vorhergegangenen Ge- schwistern, wo doch die Schwaͤchlichkeit der Mutter noch nicht so groß war, neun vor dem 3ten Jahre am Krampfhusten gestorben sind, und selbst die Mutter alle Tage unablaͤßlich eine große Menge Schleim aus- wirft. Da dieser Gegenstand gar zu reichhaltig ist, und schwerlich ein Leser die Wahrheit meine Behaup- tung bezweiflen wird; so mag dieses im Allgemeinen genug seyn. Wir wollen jetzt sehen, wie sich die hi- tzigen Krankheiten verhalten, wenn sie schwaͤchliche oder geschwaͤchte Koͤrper befallen. §. 37. Von den Kraͤften in hitzigen Krankheiten. §. 37. Traurige Erfahrungen haben Tissot belehrt, daß hitzige Krankheiten bey den Selbstbefleckern allemal sehr gefaͤhrlich sind; denn sie haben bey denselben nicht ihren ordentlichen Gang; es schlagen sich ausserordent- liche Zufaͤlle dazu, und die Paroxismen halten nicht ihre sonst gewoͤhnlichen Perioden; die Natur versagt ihren Beystand. Die Kunst soll hier alles thun. Da aber diese niemals eine vollstaͤndige Scheidung bewirkt, so bleibt der Patient, wenn die Hauptkrankheit nach vielen Muͤhseeligkeiten uͤberstanden ist, noch immer in einem schwaͤchlichen Zustande, und gelangt nicht zur vollkommenen Wiedergenesung, wofern er nicht fort- faͤhrt, sich in allen Stuͤcken auf alle nur ersinnliche Weise in acht zu nehmen; unterlaͤst er diese Sorgfalt so verfaͤllt er in eine langwierige Krankheit. Ueber- haupt weichen durch einen unmaͤßigen Beyschlaf, wie durch andere entkraͤftende Ursachen, die Krankheiten aus ihrer natuͤrlichen Ordnung. Die Aerzte, sagt Zimmermann , welche ihre Kunst in grossen Staͤdten ausuͤben, wissen am besten, wie sehr die Unzucht der Venerischen ihre Krankheiten verschlimmert, verwickelt und unkennbar macht.„ Der Gang der Krankheiten in solchen Geschoͤpfen ist unregelmaͤßig, ihre Zufaͤlle wider- sprechend; keine Hilfe in der Leibesbeschaffenheit; unvoll- kommne oder gar keine Entscheidungen, Ermattungen und tausenderley Ueberbleibsel sind die Folgen derseben. Wie bedenklich die Krankheiten der Gelehrten sind, beweisen uns so manche traurige, zu fruͤhzeiti- ge ge Todesfaͤlle; und diese werden allemal um so bedenk- licher, wenn man zu Entleerungen, besonders zu Blut- entleerungen genoͤthigt ist. Die Nachtwachen, und das unwiderstehliche Denkgeschaͤft haben den ganzen Koͤrper, vorzuͤglich aber die vornehmsten Eingeweide, den Magen und das Gehirn so sehr an Lebenskraft verarmt, daß sich ihre Krankheiten nur aͤusserst selten gut entscheiden, allermeist in die Laͤnge ziehen, und beym geringsten Vergehen, der geringsten unangezeig- ten Ausleerung Verwerfungen nach den innern Thei- len machen. Ist der Krankheitsstoff fluͤchtiger Na- tur, und hat sich der Arzt durch die hier so gewoͤhnli- chen Zeichen von Wallung, Vollbluͤtigkeit oder sonst beweglicher Unreinigkeit taͤuschen lassen, so ist der Tod nimmer zu verhuͤten. Viele von unsern besten Koͤpfen sind entweder kurz vor, oder gleich nach ihren Pruͤfun- gen in schwere Krankheiten verfallen, wodurch sie auf der Schwelle des Gluͤckes und der Hoffnung weggeraf- fet wurden. Wenn nun diejenigen, welche einstens zu schweren Kopfarbeiten bestimmt sind, schon von dem vierten Jahre an dazu angehalten werden, und die koͤrperliche Vollkommenheit gegen unreifen Prunk ei- ner begrifflosen Gelehrsamkeit aufgeopfert wird — — Was kann man dann anders von ihnen erwarten, als daß sie mit zwanzig Jahren von allen hypochondri- schen Beschwerden und Nervenzustaͤnden gemartert ein elendes Leben fuͤhren, elende Kinder zeugen, und vor der Zeit veraltet dahin sterben! Jede erschoͤpfende Ursache bringt aͤhnliche Wir- kungen hervor. Silen bekam uͤber vieler Ermuͤdung, haͤu- haͤufigem Trinken und unzeitigen Leibesuͤbungen ein hi- tziges Fieber, welches mit den wichtigsten Zufaͤllen durchwebt war, und den eilften Tag toͤdlich wurde. Hipp. 1 Buch 2te K. §. 38. Dasjenige boͤsartige Fieber, welches man das schleichende Nervenfieber nennet ( febris lenta nervosa ) pflegt Leute zu befallen, welche schlappe Fasern, schwa- che Nerven, duͤnnes, waͤsserichtes Blut haben; die ent- weder durch unmaͤßige Ausleerungen, Traurigkeit, Wachen, anhaltendes Studiren, oder durch Muͤhsee- ligkeit geschwaͤcht worden sind; oder die sich lange Zeit mit unreiner, schlechter Kost angefuͤllt, oder lange in einer schlechten, feuchtkalten Luft aufgehalten haben; Hypochondrische und Hysterische; solche, die schon lan- ge gekraͤnkelt haben. Eben diese Schwaͤche, welche zuverlaͤßig dem Nervenfieber seinen eignen schlimmen Karakter giebt, ist auch die einzige Ursache seines so oft ungluͤcklichen Ausganges, besonders wenn es im- Anfange verkennt, und mit Ausleerungen ist behandelt worden. — — Daß es keine eigene Krankheit sey, sondern in der That blos durch die Leibesbeschaffenheit und den gegenwaͤrtigen Kraͤftenmangel des Kranken also geartet werde — und folglich keine neue Krank- heit seyn koͤnne, wie man groͤßtentheils behauptet, beweisen folgende Umstaͤnde: Nachdem eine naßkalte Witterung lange Zeit angehalten hat, so werden die Leute von der eben an- ge- Gall I. Band Z gezeigten Beschaffenheit davon befallen, waͤhrend dem indessen starke, krastvolle Leute entweder von hitzigen Gichtfluͤssen ( Rheumatismus ) oder andern Fiebergat- tungen heimgesucht werden. Dieser Fall ereignete sich sehr haͤufig um die Zeit, da ich dieses schreibe, in dem gelinden, feuchten Spaͤtjahre und anfangenden Winter 1790. Starke, abgehaͤrtete Leute wurden vielfaͤltig von Rheumatismen, von Halsweh, Katharr, auch von hitzigen rheumatisch-gallichten Fiebern befal- len, und sie mußten nach Beschaffenheit der Umstaͤn- de theils mit Ausleerungen, mit gelinden schweißtrei- benden Mitteln, manche auch mit Blasenpflastern ge- heilt werden. Aber eine sehr verstaͤndige, dicke Frau, Mutter von mehreren Kindern, von sehr empfind- samem Gemuͤthe und so feiner Haut, daß bey dem ge- ringsten Drucke blaue Flecke hinterbleiben; an der man mit harter Muͤhe einen Aderschlag entdecken kann, und die schon seit ungefaͤhr einem halben Jahre uͤber grosse Entkraͤftung, uͤber mangelhafte Verdauung und Magenschmerzen klagte — — bekam allerley unor- dentliche, hoͤchst unstete, wandelbare und dem Schei- ne nach ganz verschiedene Zufaͤlle. Oft hatte sie eine unertraͤgliche Hitze, oft fror sie, als laͤge sie in einer Eisgrube. — Ueber der Stirne empfand sie manch- mal einen heftigen Schmerzen, und die Muskeln der Augenhoͤhle sowohl als die aͤußerlichen des rechten Auges zuckten. Der Puls gieng allermeist wie im gesunden Zustande, hie und da aber ganz unbestimm- bar veraͤnderlich. Dabey war sie sehr kleinmuͤthig, und wurde zu ungewißen Zeiten von einer unbeschreib- lichen lichen Bangigkeit befallen. Meinen Grundsaͤtzen zu Folge nahm ich auf die zaͤrtliche Leibesbeschaffenheit Ruͤcksicht, obschon ich jetzt noch das Uebel fuͤr einen wandelnden Rheumatismus hielt. Ich gab die gelind- sten aufloͤsenden Mittel, weil die Zunge immer feucht und schleimig war; — allein es gieng schlimmer. Ich verordnete gelinde schweißtreibende Dinge von Min- ders Geist, hofmannische Tropfen u. d. gl., sie schwitzte; aber der Schweiß war kalt, und roch sehr sauer. Nun zweifelte ich nimmer mehr an der Na- tur eines zwar gelinden Nervenfiebers; versetzte die letztern Dinge mit der Rinde; ließ einen guten To- kayerwein trinken; — den 7ten Tag bekam sie in den Hintetbacken außerordentlich brennende Schmerzen; ich erwartete eine brandige Verwerfung um das heilige Bein; es geschah aber nicht; denn der Stoff war noch zu gutartig; auf dem Handruͤcken zwischen dem Zeigefin- ger und dem Daumen erschien ein kohlschwarzer, run- der, einer Linse großer Fleck — und als man die Stellen untersuchte, welche den 7ten Tag so sehr schmerzten, waren sie vom heiligen Beine an bis uͤber den rechten Hinterbacken und die Haͤlfte des aͤußern Theils des Schenkels ganz mit unregelmaͤßigen eben solchen Flecken und Striemen besetzt. Sie wurden nach einiger Zeit blasser, und verloren sich nach drey Wo- chen. Den eilften Tag war der Harn vollkommen gekocht, und es giengen gekochte, breyartige, weiße, und weißgraue Stuͤhle ab, worauf die Genesung voll- staͤndig wurde. Z 2 Ei- Einige Tage spaͤter wurde eine andere, ebenfalls dicke Frau, welche von langwierigem Kummer und haͤuslichen Kraͤnkungen sehr hergenommen war, ge- nau von den naͤmlichen Zufaͤllen befallen. Sie war innerhalb zwey Tagen so kraftlos, daß sie den Kops nimmer aufrecht halten konnte. Ich ergriff gleich bit- tere staͤrkende Mittel, und Wein. Nach vier Tagen konnte sie wieder das Bett verlassen. Eben dieses hat Herz beobachtet. De febri nervosa p. 108. In den Monaten April, May, Juny ꝛc. 1787. herrschten sehr viele einfache Tertianfieber. Es gab auch hie und da gutartige Unreinigkeitskrankheiten. Schleimstoff der ersten Weege war der Zunder sowohl der Wechselfie- ber als der nachlassenden Fieber mit alltaͤglichen Ver- schlimmerungen. Juͤnglinge, und andere starke Leute wurden mit aufloͤsenden Mitteln, Erbrechen und Pur- giren geheilt. Schwaͤchliche aber, besonders Frauen- zimmer, und jene, welche durch viele Sorgen, Wa- chen, Gram oder andere anhaltende Gemuͤthsbewe- gungen geschwaͤcht waren, genasen nicht so leicht. Die im Anfange ordentlichen Wechselfieber uͤbergiengen entweder in Nervenfieber; oder aber sie erschienen nicht einmal in der Gestalt der nachlassenden oder Wechselfieber; sondern hatten gleich unordentliche Anfaͤlle, und zeigten sich deutlich als Nervenfieber. Obschon sie durch Auslee- rungen von den schleimichten Unreinigkeiten gereinigt worden waren, so hatten sie doch keine Erleichterung; sie blieben eben so matt, hatten eben die unstete Hitze und und den abwechselnden Schauer, eben den Eckel und Mangel an Eßlust u. d. gl. Die uͤbrigen Beweise, daß diese Krankheit nicht neu ist, werde ich im 3ten Kapitel vortragen. Aber, daß man sie jezt weit oͤfter in unsern Gegenden beob- achtet, als ehemals, und daß sie noch zu den Zeiten des Faustrechts bey uns eine unbekannte Erscheinung war, kann nicht geleugnet werden, obschon sie schon in den Tagen des Hippokrates bey den Griechen das Loos der Verfeinerung und der Weichlichkeit ge- wesen ist. Da man also keinen andern Grund davon an- geben kann, als eine schwaͤchliche Leibesbeschaffenheit- und einen betraͤchtlichen Mangel an Lebenskraft, so muß man es auch der naͤmlichen Ursache zuschreiben, daß die boͤsartigen und Nervenfieber so selten, weder waͤhrend der Krankheit, noch waͤhrend der Genesung gute und vollstaͤndige Entscheidungen machen, oder zum wenigsten nur aͤusserst schwer dazu gebracht wer- den koͤnnen; und dann, wenn diese auch den vierzehn- ten Tag angefangen haben, bis auf den dreißigsten oder vierzigsten fortdauern, weil sie nicht anderst als theilweis geschehen. §. 39. Haͤtte man bey den Krankheiten der Kindbette- rinnen uͤberlegt, daß ihre Koͤrper durch die Schwan- gerschaft in eine uͤble cachochimische Beschaffenheit versetzt, durch die Zufaͤlle der Schwangerschaft, die Besorgniß der bevorstehenden Gefahr, die Geburts- arbeit arbeit, die gaͤhlinge Entleerung, besonders, wenn man alles dieses mit Ausleerungen aller Art erleichtern woll- te, durch den Blutverlust und das Milchfieber geschwaͤcht worden sind; so haͤtte man sich die schlimme Natur ih- rer Krankheiten und deren so sonderbare Gestalten er- klaͤren koͤnnen, ohne Eigenheiten aufzusuchen, die, au- ßer dem, was etwa einer besondern Gegend eigen ist, nur in der irrigen Vorstellung ihr Daseyn haben. Be- denckt man noch, daß die jedesmalige Beschaffenheit der herrschenden Krankheit und der Jahrszeit das An- sehen dieser Krankheiten veraͤndere, und dieses selbst durch die verschiedenen Stufen des obwaltenden Ver- derbnisses und der Schwaͤche veraͤndert werden muͤsse; so sieht man ein, warum die Aerzte uͤber die Natur des Kindbetterfiebers nie einig geworden sind. Gera- de dieser allgemeine Widerspruch ist der staͤrkste Be- weis, daß die Kindbetterinnen keine eigene, unter al- len Umstaͤnden und zu allen Zeiten sich gleiche Krank- heit haben, und daß man sich ewig umsonst bemuͤhen wird, eine durchgaͤngig passende Heilart dagegen aus- findig zu machen. Alles, was man im Allgemeinen sagen kann, ist, daß man jedesmal auf die cachochi- mische Beschaffenheit und die Entkraͤftung Ruͤcksicht nehmen muͤsse; denn diese sind der einzige Grund, warum die naͤmlichen Uebel, welche andere bey der naͤmlichen Epidemie oder Jahrszeit mit gewoͤhnlichen Zufaͤllen befallen, bey den Kindbetterinnen so unge- woͤhnliche, gefaͤhrliche Zufaͤlle erregen. Es ist daher nach der vielfaͤltigen Erfahrung eines Lentin nichts besser, die Kindbetterinfieber zu ver- verhuͤten, als etwan drey Wochen vor dem Ende der Schwangerschaft so wie den dritten Tag nach der Ent- bindung gelinde Abfuͤhrungen zu machen. Unter die- ser Vorsorge und einer maͤßigen Lebensordnung habe ich, so wie er, noch nie eine Woͤchnerin in dieses Fie- ber verfallen gesehen. Beyt. zur ausuͤb. Arz. S. 317. Haͤtte man der Natur nachgespuͤret, so haͤtte man uͤber diese Krankheit weniger Meinungen ausge- bruͤtet, und waͤre auf dem kuͤrzesten Weege zur Wahr- heit gekommen. Die Kindbetterinnen im ersten Buch von den Landseuchen, 4—5te Krankengeschichte hat- ten gallichten Durchfall, und die letzte auch gallichtes Erbrechen. Die Schwangere 13te K. hatte mehrmal den Durchfall, und ihre Krankheit wurde den 14ten Tag durch einen gallichten Durchfall gehoben. Die Kind- betterinnen im 3ten Buch 2te Ab. 10—11—12. K. und die im 3ten Absch. 2—14te K. hatten alle gallichten Durchfall. — Die Schwangere im 1ten Buch 13te K., die Kindbetterin 11te K., die im 3ten Buch 2ter Absch. 12te und 2te K. waren schlafsuͤchrig. Einige andere z. B. die im 3ten Buch 3ter Absch. 14te K. 2ter Absch. 11. K. hatten die Hirnwuth. — Also von acht Kindbetterinnen sieben mit gallichtem Durch- falle; drey mit Schlafsucht, und einige mit Hirnwuth. — Kann man buͤndigere Beweise fordern, daß al- lermeist der Grundstoff davon in Unreinigkeiten des Unterleibes zu suchen seye? Die alltaͤglichsten Krankheiten, wenn sie er- schoͤpfte Koͤrper angreifen, oder wenn waͤhrend ihrer Dauer Dauer durch eine unschickliche Behandlung die Natur unfaͤhig gemacht wird, den Krankheitsstoff zu verar- beiten und wegzuschaffen, machen Verwerfungen nach den innern Theilen, Stockungen, Verhaͤrtungen, ent- zuͤndliche Anschoppungen, Brand, langwierige un- heilbare Uebel und endlich ein hektisches Fieber. Wa- rum giebt man sich so viele Muͤhe, diese Umstaͤnde in den Krankheiten der Kindbetterinnen zu erklaͤren, da doch die Urs chen ihrer Entstehung weit zahlreicher sind? Die Ausleerungen, welche hier natuͤrlicher Wei- se gemacht werden sollen, werden leicht zuruͤckgehal- ten, sobald ein krankhafter Reitz wirksam zu werden anfaͤngt; und diese nun zuruͤckgehaltenen Feuchtigkei- ten sind kein gesundes Blut, sondern sie sind durch die Stockung verdorben und durch die Beymischung der Ueberbleibsel von der Nachgeburt verunreinigt. Die Eingeweide sind von dem Drucke und der Ausdeh- nung sehr erschlappt; weßwegen sie sehr leicht zum Ab- lager jener verdorbenen Unreinigkeiten werden, und dann geben sie so, wie dieses bey andern cachochimi- schen Leuten geschieht, wenn sie in hitzige Krankheiten verfallen, zu den schlimmsten Wechselfiebern, zum Brand, zu allerley Hautkrankheiten, Schwaͤren, Kraͤtze, Naͤgelgeschwuͤren, zu langwierigen Schweißen, Bauch- fluͤßen, dem weißen Fluß, dem Frisel, Rothlaufen, gichtischen Zufaͤllen, Hinfaͤlligkeit, hektischen Fiebern, zu hysterischen Anfaͤllen u. d. g. Anlaß; und alle die- se Uibel sind desto gefaͤhrlicher, je groͤßer das Verderb- niß und die Entkraͤftung sind, je fruͤher sie nach der Entbindung entstehen, und je mehr sie von Seiten der Ne- Nebenumstaͤnde, z. B. durch eine grosse Anzahl Kran- ken im Spitale, oder durch eine ohnehin faulichte Epidemie beguͤnstigt werden. Aber, werden einige sagen, was sind denn jene schmerzhaften Stockungen, welche sich so wohl in den fieberhaften Krankheiten der Kindbetterinnen, als gleich nach der Entbindung bey den Blutfluͤssen derselben ereignen, und das Beruͤhren nicht ertragen? Sind diese nicht entzuͤndungsartig? und wie kann man da eine Heilart billigen, wodurch die Kraͤfte mehr auf- gerichtet, als niedergedruͤckt werden? Erstlich sind Sechswoͤchnerinnen sehr wenig zu Entzuͤndungen geneigt; denn sie haben jezt schlappe Fasern, und sind durch Blutfluͤsse dazu unfaͤhig gemacht worden. Daher sah Stoll selten Entzuͤndungen bey ihnen, und jedesmal auch bey den entzuͤndlichsten Con- stitutionen nur in sehr geringem Grade. Und uͤber- haupt uͤberall, wo dieser Zustand der Schwaͤche statt hat, sind Entzuͤndungen aͤusserst seltene Erscheinungen. So hat das Nervenfieber ebenfalls selten etwas ent- zuͤndliches bey sich; und wo dieses auch hie und da geschieht, so soll man nur wenig, oder besser, gar kein Blut weglassen; denn diese Art Entzuͤndungen sind mehr Stokungen vom traͤgen Umlaufe, oder aber krampfhafte Anschoppungen. Zweytens ereignet sich der naͤmliche Fall am Ende wahrer und schlimmer Faulfieber, besonders wenn im Anfange Brechmittel vernachlaͤssiger worden sind. Einige nehmen hier zwar mit Walter und Stoll verborgene Entzuͤndungen an. Daß dieses in gewißen taͤu- taͤuschenden Faulfiebern sehr oft, und zuweilen auch in wahren der Fall sey, kann ich nicht laͤugnen. Wenn ich aber bedenke, daß zu jeder Entzuͤndung ei- ne zum wenigsten theilweis verstaͤrkte Wirksamkeit er- fordert werde, so kann ich, bey diesen Umstaͤnden, und in diesem spaͤten Zeitpunkte, jene Blutanschop- pungen, die man bey dergleichen Verstorbenen in den duͤnnen Gedaͤrmen, dem Gekroͤse, den Lungen, der Le- ber, dem Gehirne u. s. w. antrift, mit Bursery und Ludwig unmoͤglich fuͤr wahre Entzuͤndungen halten. Sie sind vielmehr Folgen von der Aufloͤsung der Saͤf- te, und der Erschlappung der Gefaͤße. Die Gedaͤr- me bey solchen sind schlapp; das Blut in ihnen ist fluͤßig, aufgeloͤset, nicht, oder nur aͤusserst selten ge- ronnen. Sie entstehen auf der hoͤchsten Stufe der boͤsartigen Fieber, und kurz vor dem Tode; sie sind von einem kleinen, schwachen Pulse begleitet, und sind nur selten schmerzhaft, obschon mir selbst der heftigste Schmerz allein fuͤr die Entzuͤndung nichts beweiset. Blutlaͤßen schaden meistentheils augenscheinlich, was Bursery fuͤr eine bekannte Sache angiebt, weil da- durch die Lebenskraͤfte noch mehr geschwaͤcht, die Auf- loͤsung befoͤrdert, und die Kraͤmpfe vermehrt werden, wie er es oͤfters gesehen hat, und wie man es alle Tage an Thieren, die an Entleerung sterben, sehen kann. Hat nun manchmal noch eine krampfhafte Schnuͤ- rung Antheil daran, wie Quesnay richtig glaubt, so muß das Uebel nothwendig verschlimmert werden. In diesem Falle ist der Puls hart, gespannt, zusam- mengezogen; er wird aber auf eine Klystir oder eini- ge ge hoffmannische Tropfen wieder weich. Die Halleri- schen Versuche De motu sanguinis. beweisen zwar, daß kleine Blut- laͤßen die Stockungen jedesmal in Bewegung bringen, und daß sie, wo sie durch Reiben und andere staͤrken- de Dinge unterstuͤzt werden, in der That gute Dien- ste leisten koͤnnen. Allein sie beweisen auch, daß eben die Stockungen in dem Grade hartnaͤckiger werden, als man die Wirksamkeit der Gefaͤße durch uͤbel ver- standene Auslerungen oder andere erschlappende Din- ge vermindert. Drittens nimmt man durchgehnds an, daß selbst solche Stockungen, welche im Anfange wahrhaft ent- zuͤndlich waren, nur mit reitzenden Mitteln, kleinen Gaben Kampfer, fluͤchtigen Salben und Laugensalzen, spanischen Fliegen u. d. gl. gehoben werden koͤnnen, sobald die Gefaͤße durch zu schnelle und haͤufige Aus- leerungen ihre Wirksamkeit verloren haben. Nun aber hat es jezt die Erfahrung bestaͤttigt, daß die Blutfluͤs- se der frischgebaͤhrenden am gluͤcklichsten durch die Ros- marin- oder Zimmettinktur, deren Einfuͤhrung wir unserm Plenk zu verdanken haben, gehemmet, die Schmerzen des Unterleibes gehoben, und der Brand ver- huͤtet werden. Will man diesen Blutfluͤssen im Wahn, daß sie vom Ueberfluße des Blutes entstehen, durch Aderlassen waͤhrend der Schwangerschaft zuvorkommen, oder sie, wenn sie wirklich schon zugegen sind, durch Blutausleerungen, Mandelmilchen und Limonaden stil- len, so werden die Schmerzen im Innern der Einge- wei- weide zusehends vermehrt, der Blutfluß wird haͤufiger; es entstehen krampfhafte Bewegungen, Zuckungen, Gaͤhnen, Zittern, Ohnmachten u. s. w. und der Tod. Alles dieses beweiset, daß hier die Gefaͤße durch die heftigen Geburtsschmerzen, die gewaltsamen Kraͤm- pfe, durch eine zu schnelle Geburt oder vorhergegan- gene zu starke Ausdehnung und den erlittenen Druck gelaͤhmt sind. — Und folglich ist dieser Zustand ein wahrer Zustand der Schwaͤche, dem durch eine rei- zende, staͤrkende Heilart abgeholfen werden muß. Das naͤmliche gilt von dem uͤberaus heftigen Schmerz bey Woͤchnerinnen in einer von beiden Seiten des Unterleibes, in der Gegend zwischen dem Nabel und dem Dorn des Iliums. 〟Der Schmerz ist in einer tiefer liegenden harten hoͤchst empfindlichen Ge- schwulst umschrieben, der bey jeder Wendung des Koͤr- pers heftiger wird, und die Woͤchnerinnen gar oft zum Schreyen zwingt. Ein besonderes Fieber ist nicht damit verbunden, wohl aber ein schleuniges Aufhoͤren der weißen Lochien. — Erweichende Umschlaͤge ver- schlimmern das Uebel. — Die Kranken koͤnnen nicht die geringste Beruͤhrung der Stelle vertragen, und glauben einen hoͤhern Grad des Schmerzens nicht aus- halten zu koͤnnen: Chinaumschlaͤge mit Kampfer und Essig, und innerlich eine Salzmixtur aus Salmiack, Salpeter und Kampfer schaffen sehr geschwinde Hilfe. Es ergießet sich naͤmlich bald darauf ein schleimichtes faules Wasser, das das ganze Zimmer mit dem Ge- ruch faulen Wildprets erfuͤllt, wornach sich der Ge- schwulst und Schmerz voͤllig verlieren. Staͤrkende, der Faͤul- Faͤulniß widerstehende Mittel aus der Rinde und der Wohlverley stellen die Kranken voͤllig wieder her.〟 Lentin a. a. O. S. 324. Bey hysterischen Frauenzimmern werden manch- mal die sonst gemeinen Wechselfieber durch Ohnmach- ten schrecklich, so, daß eine kleine Bewegung sogleich die Lebenskraͤfte erschoͤpft, einen unendlich kleinen Puls, kalte Schweiße, und ein todenblasses Ansehen verur- sacht, wo alles, was aͤußerlich oder innerlich die Le- benskraͤfte erwecken kann, noͤthig ist. — Eben so sind die Wechselfieber allzeit ein bedenlicher Umstand in cachektischen Krankheiten aller Art, Wassersucht, Schwindsucht, Scharbock, Kraͤtze, Venusseuche, in boͤsartigen Geschwuͤren, Blutfluͤssen und andern starken Ausleerungen; in allen krafelosen, alten und saftleeren Koͤrpern; in schwangern Personen, und schwaͤchlichen Kindern? Vogels Handbuch der prakischen Arzneywissenschaft 1 Th. Das Weesentliche hievon kann man auch auf das Schlaffieber der Greise anwenden. Was ich nun von einigen hitzigen Krankheiten bewiesen habe, ließe sich von allen beweisen, in wie fern sie in schwaͤchlichen erschoͤpften Koͤrpern anderst, als in starken, kraftvollen erscheinen. §. 40. Man kann sich jetzt leicht die Gefahr und den Verlauf einer Krankheit vorstellen, wenn der Stoff der- selben von der Art ist, daß er den Gang der verschie- denen Verrichtungen hemmt, und eine sehr betraͤchliche Kraftlosigkeit hervorbringt. Zu Zu allen Zeiten sind jene Krankheiten fuͤr die gefahrvollsten gehalten worden, und die neuern Aerzte haben sogar den Begrif der Boͤßartigkeit ( malignitas ) einzig auf solche eingeschraͤnkt, welche gleich bey ihrem Anfall von einer großen und gaͤhlingen, aus keiner offen- baren Ursache, z. B. Vollbluͤtigkeit, erklaͤrbaren Entkraͤf- tung begleitet werden. Obschon ich nicht glaube, daß man durch diese Einschraͤnkung der Heilkunde einen wesent- lichen Dienst geleistet habe, wie wir spaͤter sehen wer- den; so kann doch bey solchen Umstaͤnden die dringende Gefahr nicht geleugnet werden. Es ist sehr schlimm, sagt Stoͤrk , wenn gleich im Anfange das Gesicht sehr eingefallen und veraͤndert, und der Kranke sehr schwach ist A. a. O. S. 33. . Daher sind die boͤsartigen oder jene verkapp- ten Wechselfieber so gefaͤhrlich, deren Anfaͤlle entweder von Betaͤubung, Schlagfluß, Ohnmachten, Schlaf- sucht, Erstarren, uͤbermaͤßigen Ausleerungen begleitet sind, oder blos unter der Gestalt dieser Zusaͤlle erschei- nen, vorzuͤglich, wo sich dieses bey ohnehin schwaͤchli- chen, erschoͤpften oder alten Personen ereignet. Da- her die lange Dauer ihrer Anfaͤlle, die mancherley Beschwerden ihrer Zwischenzeiten ( apyrexia ); ihr un- ordentlicher, verwirrter Verlauf; daher ihre mangel- haften Entscheidungen durch die sonst gewoͤhnlichen Wee- ge als: Schweiß, Harn, Stuͤhle, Speichelfluß; und ihre Geneigtheit, wenn doch noch einige Wirksamkeit der Natur uͤbrig bleibt, Verwerfungen nach den Oh- rendruͤsen, den Huͤften, Achseln zu machen, so zwar, daß daß bey jungen Leuten diese Verwerfungen nach den Gliedmassen, bey alten aber nach dem Rumpf und den innern Theilen geschehen; daher endlich die traurigen Ueberbleibsel, als: Betaͤubung, grosse Schwachhei- ten, Auszehrung, Taubheit, Vergessenheit, langwie- rige Geschwuͤre u. s. w. Die naͤmlichen Zufaͤlle beobachtet man in La- zareth-Spital- und Kerkerfiebern: Die Geschicht- schreiber davon haben aber auch kein Merkmaal stand- hafter und allgemeiner gefunden, und sie haben auf keines so sehr gedrungen, als eben auf jene gleich im Anfange herrschende, außerordentliche Entkraͤftung. Es sind nicht nur die Glieder sehr abgeschlagen, sagt Schroͤder , sondern es verbreitet sich uͤber alle Ver- richtungen des Koͤrpers und uͤber alle Faͤhigkeiten der Seele immer mehr und mehr eine schwere Kraftlosig- keit, woraus bey vielen unordentliche Schauer, schwa- cher Puls, Mangel an Lebenswaͤrme, Ohnmachten, Betaͤubung, Stumpfheit der Sinne, Irreseyn, und krampfhafte Bewegungen entstehen. Obschon sich an- faͤnglich mehrere Kranke außer Bett aufhalten koͤnnen, und in manchen der Aderschlag nicht schwaͤcher ist, als im natuͤrlichen Zustande, weßwegen man in Erkennt- niß der Krankheit leicht irre gefuͤhrt werden kann; so entdeckt man doch, wenn man den ganzen Zustand des Kranken genau untersucht und alle Umstaͤnde zu- sammen haͤlt, eine ungewoͤhnlich große, das Innerste des Koͤrpers gleichsam zermalmende Entkraͤftung, wel- che den sonst wirksamsten Arzneyen aufs hartnaͤckigste widersteht. Pringle hat das Zittern der Haͤnde, (Zei- (Zeichen einer großen Schwaͤche;) als das gewoͤhnlich- ste Zeichen des Lazarethfiebers beobachtet, und es nahm ab und zu, so wie der Puls erhabner wurde, oder sank. Auch diese Krankheit endigt sich nur dann zuweilen in Schwuͤrungen der Ohrendruͤsen, (vielmehr der daruͤ- ber liegenden lymphatischen Druͤsen) oder der Achsel- druͤsen, nachdem sie schon lange gewaͤhrt und folglich die Kraͤfte ebenfalls schon ziemlich erschoͤpft hat. Leute, die durch Krankheiten oder andere Zufaͤlle (als durch einen Speichelfluß) geschwaͤcht worden, werden nicht nur leichter angesteckt, als die starken und fri- schen, sondern laufen auch groͤßere Gefahr. Beob. uͤber die Krankh. der Arme. Wo Mertens von den Karfunkeln, ( carbun- culus, anthrax ) redet, sagt er: Wenn dem Kranken die Kraͤfte gebrechen, so erhebt der Karfunkel sich nicht; aber, wo diese noch zugegen sind, da entzuͤn- den sich die benachtbarten Theile; es bildet sich um den Schorf herum ein rother Kreis, welcher in Ei- terung uͤbergeht; und dadurch wird der abgestorbene Theil von den lebendigen losgetrennt, und bey fort- schreitender Eiterung, welche endlich den Schorf bis in den Grund untergraͤbt, abgeloͤset und abgeworfen, wornach nichts als ein gewoͤhnliches Geschwuͤr uͤbrig bleibt. De Peste. So wird der Kranke gerettet, der im wi- drigen Falle ohne alle Hoffnung verloren ist. §. 41. Was wird nun geschehen muͤssen, wenn in hi- tzigen Krankheiten die Lebenskraͤfte durch die Kunst un- ter ter ihr erforderliches Ziel herabgesetzt werden? Ich gebe zu, daß in den obigen angefuͤhrten Krankheiten die boͤsartige Natur des Krankheitstoffes selbst vieles zur Verschlimmerung des Uebels beytrage, und folg- lich nicht jede kuͤnstliche Entkraͤftung gleich schreckliche Zufaͤlle nach sich ziehe. Aber da weder die Natur noch die Kunst ohne angemessenes Maaß von Lebenskraft etwas Gutes ausrichten koͤnnen; so waͤre es Unsinn, andere, als in aller Ruͤcksicht schlimme Folgen zu er- warten, welche nothwendig desto schlimmer seyn wer- den, je mehr der Zustand der Entkraͤftung durch das Verderbniß des Krankheitsstoffes verwickelt wird. In leichten Faͤllen, sagt Stoͤrk , kann man das ganze Heilgeschaͤft der Natur allein uͤberlassen, und sie nur dann unterstuͤtzen, wenn sie entweder auf Abwege gerathet, oder nicht hinlaͤngliche Kraͤfte be- sitzt. Wenn man solche gelinde Krankheiten, um sie auf einmal zu heben oder zu verkuͤrzen, mit heftig wir- kenden Arzneyen angreift, so erfolgt allermeist das Gegentheil: Denn die Natur wird gestoͤhrt, die Krank- heit verschlimmert und in die Laͤnge gezogen, oder es bekoͤmmt dem Kranken so schlecht, daß er nicht selten das Leben einbuͤßet. Eben so ist es ein hoͤchst schaͤd- liches Vorurtheil, die Kur einer jeden Krankheit mit Aderlaͤßen, Schweiß-Purgier oder Brechmitteln an- zufangen. Man untersuche zu erst die Natur, Ursa- che, und die Zufaͤlle der Krankheit, dann suche man sie durch eine verhaͤltnißmaͤßige Heilart zu bestreiten.“ A. a. O. p. 20. So Gall I. Band A a So z. B. sind beym Seitenstiche, in einem feuchten Temperamente, wo der Schmerz maͤßig, die Ersti- ckung nicht betraͤchtlich, der Aderschlag nicht gar zu hart, und das Fieber nicht jenen Grad, welcher zur Kochung oder Zertheilung noͤthig ist, uͤbersteigt, die Aderlaͤßen nicht nur uͤberfluͤßig, sondern sie werden in der That nachtheilig, indem sie die Zertheilung und Kochung, weil sie das Fieber zu sehr herabsetzen, hindern, und zu langwierigen Uebeln Anlaß geben. Swieten. Diese Maaßregel haben alle Schriftsteller angegeben; aber ich sehe nur aͤußerst selten, daß sie von ausuͤben- den Aerzten befolgt wird. Kaum klagt Jemand uͤber einige Erhitzung, einen nur bey tiefem Einathmen oder Husten fuͤhlbaren Schmerz, ein bischen Fieber. — Der Puls seye, wie er wolle — so ergreift man die Lanzette, und ist uͤber alle Maaßen geschaͤftig, einer Entzuͤndung zuvorzukommen, wenn man sich noch nicht von ihrer Gegenwart uͤberzeugen kann. Ich will durch einige Beyspiele den Unterschied darthun, welchen man bey einer angemessenen, und bey einer zu strengen Kurart beobachtet. Der Verfasser vom Mißbrauche des Aderlassens erzaͤhlt den Fall eines Kranken, dem schon dreymal zur Ader gelaßen war; am dritten und vierten Tage waren das Fieber und der Schmerz noch ziemlich be- traͤchtlich; der Kranke hatte aber einen haͤufigen blu- tigen Auswurf und eine feuchte Haut. Es sollte ihm aber nach dem Vorhaben des Wundarztes noch drey- mal zur Ader gelassen werden. Indessen verordnete er er Boratschensaft, einen Eibischabsud und warme Um- schlaͤge. In der folgenden Nacht ereignete sich ein guter Schweiß, und am andern Morgen war der Sei- tenstich beynahe verschwunden, und das Fieber sehr maͤßig. Jetzt gab er ein Loth Manna mit vier Loth frischem Mandeloͤl; nach zwey bis drey Tagen befand sich der Kranke fast eben so stark, als er vor der Krankheit war. — — Ein junger, starker, lebhaf- ter Mensch, der einen sehr heftigen Seitenstich hatte, und dem schon viermal Blut abgezapft worden war, wurde am sechsten Tage unruhiger, aͤngstlicher, der Aderschlag wurde geschnuͤrter und der Schmerz hefti- ger. An der Haut aber bemerkte man eine Erschlap- pung und Feuchtigkeit, da sie bisher sehr trocken und duͤrre war. Dieses zeigte die annaͤherende Entschei- dung an. In der Nacht zwischen dem sechsten und siebenten schwitzte der Kranke, worauf sich alle Zu- faͤlle verloren; zwey Tage nachher war er bis auf ei- ne unbetraͤchtliche Schwachheit vollkommen hergestellt. Kathrine Alt , eine starke, dicke Frau, welche sehr dem Wein ergeben war, bekam im Hor- nung 1788 gaͤhlings heftige Schmerzen im Unterlei- be; diese Schmerzen hielten unausgesetzt an; wurden von Zeit zu Zeit heftiger, und ertrugen nicht die gering- ste Bedeckung. Das Fieber war heftig, der Puls klein und geschwind; der Abgang des Harns und des Stuhles verstopft; nebst allen uͤbrigen Zeichen einer heftigen Entzuͤndung der Gedaͤrme. Ich verordnete eine reichliche Aderlaͤße; ließ die Bettdecke durch Rei- fe in die Hoͤhe halten, und fuͤllte das ganze Bett mit A a 2 einem einen warmen Dampfe an. Sie trank nur sehr we- nig erweichende Getraͤnke, weil sie alsobald zum Bre- chen gereitzt wurde. Abends war der Schmerz, ihrer Sage nach, noch eben so heftig, obschon sie jetzt einige Beruͤhrung und Bedeckung ertrug; der Ader- schlag war etwas mehr entwickelt; auch konnte sie mehr Getraͤnke ertragen. Ich ließ noch einmal zehn Unzen Blut weg. — Den andern Tag war zwar der Schmerz noch sehr empfindlich, allein selbst ihrem Gefuͤhle nach maͤßiger. Der Aderschlag langsamer; die Haut nimmer so heiß — aber etwas schlapper, und der Abgang des Harns war nimmer schmerzhaft und haͤufiger mit einer gegen den Grund zu gesenkten Wolke. Den dritten Tag war die Haut feucht, und alles uͤbrige gab mir Hoffnung einer baldigen Entschei- dung, die ich in diesem schweren Falle mit Ungeduld erwartete. Auf die Nacht ward ich eilends gerufen. Die Frau lag in entsetzlichen Aengsten da; athmete schwer und sehr unordentlich; der Puls setzte aus, und war in aller Ruͤcksicht ungleich. — Sie hatte heftige Schauer, phantasirte u. d. gl. aber bey allem dem war die Haut warm und feucht, und der Harn gieng ohne Beschwerden ab. Ich veraͤnderte gar nichts, und ver- sprach zum Erstaunen der Umstehenden die nahe Bes- serung. Noch in der Nacht verwandelte sich das heftige Kollern des Unterleibes in einen zahlreichen Bauchfluß einer weißgelblichten, mit braun gemischten breyartigen Materie. Diese Ausleerungen dauerten einige Tage gemaͤßigt fort, und den sechsten Tag ver- richtete richtete die Kranke wieder ihre gewoͤhnlichen Hausge- schaͤfte. Jakob Mühlbauer , ein gesunder, starker Mann von 25 Jahren aß auf die Nacht viel Schwei- nenfleisch. Den andern Tag zu Ende des Hornung 1791 in der Fruͤhe um halb neun Uhr uͤberfiel ihn in der Kirche ein heftiger Schauer. Er konnte sei- ne Wohnung nimmer erreichen, und blieb bey seinem Schwager, der in der naͤhe wohnte. Er fieng also- gleich an, sich heftig zu erbrechen, wobey er eine gruͤ- ne Galle in grosser Menge ausbrach. Alles was er nahm, brach er heraus. Dabey klagte er uͤber hefti- ge Schmerzen im Kreuze und in der Herzgrube. Der Puls war voll und weich; die Zunge unrein, weiß- licht. Ich hielt mich an erweichende, verduͤnnende Arzneyen, weil ich zweifelte, ob diese Zufaͤlle blos Folge der Unverdaulichkeit, oder etwan mit unter die Vorlaͤufer der jezt hie und da vorkommenden ka- tharrhalischen Lungenentzuͤndung waͤren. Den zweyten Tag in der Fruͤhe hatte er noch heftigere Schmerzen ober der Magengegend gegen die rechte Seite unter dem Brustbein, nebst einem sehr laͤstigen Druͤcken. Jetzt war die Zunge ganz weiß, der Puls hart. Ich ließ acht Unzen Blut weg, wel- ches nur in einer Schaale eine entzuͤndliche Haut hat- te. Erleichterung. Gegen Abend schien mir der Schmerz noch zu heftig, deßwegen ließ ich noch zehn Unzen Blut ab. Mehr Erleichterung, mit voͤlligem Aufhoͤ- ren des Erbrechens, und besserm Athmen; der Puls noch stark, voll, aber minder hart. Die Nacht er- traͤg- traͤglich mit merklicher Zunahme der Besserung. Nun sagte ich auf die Nacht die Verschlimmerung vor, wel- che aber nichts zu bedeuten haͤtte. Abends um fuͤnf Uhr, also in der sieben und fuͤnfzigsten Stunde wur- de der Schmerz wieder aͤrger, und nahm so schnell uͤberhand, daß er noch nie so unertraͤglich war. Der Harn hatte etwas wolkichtes, das in der Mitte schweb- te. Um acht Uhr war noch alles das naͤmliche. Die Zunge weiß, und die Haut am ganzen Leibe trocken. Um halb neun Uhr, also in der ein und sechzigsten Stunde, fieng die Haut an, weich und feucht zu wer- den; der Schmerz und der Druck ließen nach; in der Nacht schwitzte der Kranke uͤber und uͤber; ließ einen ganz truͤben, leimichten Harn, der viel weißroͤthlich- ten Bodensatz machte; der Puls war jezt weich, die Zunge weniger weiß, der Schmerz und der Druck nur wenig noch merklich, der Kranke klagte uͤber große Mat- tigkeit. Den vierten, fuͤnften, sechsten Tag die Brust frey, der Puls langsam, etwas schwach, maͤßiger Husten mit gekochtem Auswurf; den fuͤnften verließ er das Bett; der Harn blieb noch mehrere Tage truͤb, und die Genesung war vollstaͤndig. §. 42. So wirkt die Natur in gesunden Koͤrpern, wenn die Kraͤfte geschont worden sind; ganz anderst aber in eben solchen Koͤrpern, wenn man diese zu sehr erschoͤpfet hat. Joseph Lachenmayer , ein junger, starker, gesunder Bediente bekam 1788, den zwanzigsten Christ- monat monat eine schmerzhafte geschwollene Wange mit be- schwerlichem Schlingen, Fieber und etwas lebhafterm Pulse. Man machte erweichende Umschlaͤge; aber den zweyten Tag war es schlimmer. Den dritten war das Schlingen sehr schmerzhaft und beschwerlich; der Puls widerstund dem Drucke des Fingers ziemlich stark, und schlug in einer Minute sechs und siebenzigmal. Man hatte den Kranken einem Wundarzt uͤbergeben, und ich machte den Zuschauer. Es wurden zehn Un- zen Blut abgezapft. Abends war wenig Besserung zu bemerken; man ließ alsogleich noch zehn Unzen; die Nacht erfolgte ein Nasenbluten, welches aber nicht anhielt. Den naͤchsten Tag durch war die Haut feucht, warm; der Puls voll, weich, wallend; die Nacht erfolgte ein allgemeiner, haͤufiger, warmer Schweiß, mit auffallender Erleichterung, so daß der Kranke das Bett verlassen konnte. Jezt bestuͤrmte man ihn mit Abfuͤhrungsmiteln. Er wurde wieder matter; be- kam unordentliche Fieberanfaͤlle; der Hals fieng an, von neuem zu schmerzen, und in einigen Tagen war die Wange wieder mehr, als daß erstemal angeschwol- len. Man fuͤhrte immer fort ab, und ließ noch zwei- mal zu Ader. Die Schwulst war nimmer zu vertrei- ben, und bald aͤusserten sich Zeichen der Eiterung. Kaum aber merkte der Wundarzt Spuren von Eiter, so machte er uͤber den aͤussern Rand der untern Kin- lade einen Einschnitt; es floß wenig blutiger Eiter heraus. Solche unzeitige und uͤbel angebrachte Ein- schnitte machte er noch zwey jeden zweiten, drit- ten Tag; bis sich endlich die Schwulst uͤber den Schlaf und und bis hinab aufs Schluͤsselbein ausbreitete, und voll- kommen hart wurde. Aus den Geschwuͤren schwitzte einige gelbroͤthlichte Feuchtigkeit und hie und da ein wenig mißfaͤrbiger duͤnner Eiter. Aller Salben, Pflaster und Umschlaͤge ungeachtet blieb dieser Zustand fuͤnf Wochen der naͤmliche. Endlich mußte das Zimmer ungesund, der Kranke von dem Lustseuchengift verdorben seyn — und so wurde er bey diesen Umstaͤnden fuͤr unheilbar erklaͤrt, und ins Krankenhaus verdammt. Da man aber den Lebenswandel desselben kannte, und die Quel- le dieser Beschuldigungen aus dem bisherigen Ver- lauf der Krankheit nicht schwer zu entdecken war; so trug man mir die Heilung auf. — Was werde ich wohl gethan haben? — Ich ersetzte der Natur, was man ihr entzogen hatte; verordnete Wein und Pillen aus bittern Auszuͤgen mit peruvianischer Rinde; auf die Verhaͤrtung wurde eine reitzende Salbe gelegt. Schon den dritten Tag war die Eiterung merklich, der Eiter gut; die Schwulst fieng an, nachgiebig zu werden; der Harn machte mehrere Tage einen haͤufi- gen, weißroͤthlichten Bodensatz; die Kraͤfte und die Eßlust nahmen zu; und innerhalb vierzehn Tagen war das unheilbare Uebel im naͤmlichen Zimmer vollstaͤndig geheilet. Ich koͤnnte kein anschaulicheres Beyspiel anfuͤh- ren, um die Entstehung der Lungenschwindsuchten zu erklaͤren, wo die Zertheilung oder Entscheidung der Lungenentzuͤndungen durch uͤbermaͤßige Blutausleerun- gen gehindert worden sind. So behandelte Kranke sterben zwar nicht am Brande, und nicht leicht an ro- her her Erstickung; allein, so gewiß bey oͤrtlichen Ent- zuͤndungen der Eingeweide ein zu heftiges Fieber viel gefaͤhrlichere Wirkungen hat, als in einem bloß allge- meinen hitzigen Blutfieber: eben so gewiß sind auch im ersten Falle die Folgen von zu starken Entleerun- gen weit bedenklicher, als im letztern, wo hoͤchstens eine andere ebenfalls allgemeine Krankheit, oder lange anhaltende Schwaͤchlichkeiten daraus entstehen. So blieb der Juͤngling bey Tissot sehr lange kraͤnklich, weil ihm die Ader sprang, und eine grosse Menge Blut, bis er in Ohnmacht fiel, ausfloß, nachdem man ihm wegen Vollbluͤtigkeit in einem dreytaͤgigen Fieber zur Ader gelassen hatte. Auf diesen Vorfall blieb zwar alsogleich das Fieber aus, allein die lange fortdaurende Schwaͤchlichkeit bewies nur gar zu deut- lich, daß dieses nur eine Folge der Entkraͤftung war. Eben so sah Tissot mehrere in Bleichsuchten, Wasser- suchten u. s. w. verfallen, welche man in Wechselfie- bern und nachtassenden Fiebern zu strenge durch Blut- laͤßen und Lebensordnung behandelt hatte. In diesenall- gemeinen Fiebern ist es dennoch manchmal genug, wenn so viel Kraft uͤbrig bleibt, als erfodert wird, den Um- lauf der Saͤfte auch noch so schwach zu erhalten. Aber bey oͤrtlichen Anhaͤufungen muͤssen die Le- benskraͤfte auch noch hinreichen, die Stockungen zu zertheilen, wieder in Bewegung zu bringen; die durch die Stockung und Fieberhitze verdorbenen Saͤfte theils mit den uͤbrigen zu veraͤhnlichen, theils von denselben abzuscheiden, und durch unschaͤdliche Weege auszulee- ren; oder aber, wenn dieses unmoͤglich ist, die schad- haf- haften Theile in gutartigen Eiter zu verwandeln, und das Geschwuͤr mit einer dauerhaften Narbe zu versehen. Martin Budislawsky , ein junger, lebhafter, gesunder Prediger bekam das Blutspeyen. Man ließ ihm 26mal zur Ader. Von der Zeit an hatte er bey jeder geringsten Veranlassung einen Husten, wobey er jedesmal Blut, und oͤfters auch ausser dem Husten ei- ne eiterfoͤrmige Materie auswarf. Er hatte immer einige Beschwerniß auf der Brust; war immer schwaͤch- lich, verdruͤßig, kleinmuͤthig, und klagte uͤber einen anhaltenden Schmerzen in der rechten Weiche unter den falschen Ribben. Man uͤberschuͤttete ihn alltaͤg- lich durch drey Jahre mit erweichenden Getraͤnken, wobey er immer elender wurde. Im October 1790. uͤberfiel ihn ein starker Blutsturz mit heftigem, star- kem Pulse. Man ließ ihm innerhalb den fuͤnf ersten Tagen eilfmal zur Ader, jedesmal zehn Unzen. Da- bey hatte er warme Umschlaͤge auf der Brust; trank haͤufig Mandelmilch und dicke Gerstenschleime, und nahm oͤfters von einer Mixtur aus Salpeter, Wasser, Holdersulze, oder Holderbeersaft. Als ich ihn den fuͤnften Tag das erstemal sah, war sein Puls noch sehr hart und gespannt; unter dem Auswurf war we- niges Blut. Beym Athmen klagte er uͤber keine Be- schwerde, und empfand auch keine Beklemmung; aber er war sehr kleinmuͤthig, furchtsam, und hatte seit ei- nigen Jahren her mancherley Verdruͤßlichkeiten ausge- standen. Der Wundarzt war gerade wieder da, um nochmal, und dann, wie es schon vorbestimmt war, noch einigemale zehn Unzen Blut abzuzapfen. Ich setz- te te zu erst die Mixtur bey Seite, weil in allen oͤrtli- chen Entzuͤndungen alles, was nur im geringsten rei- zet schaͤdlich ist; ließ gar keine Mandelmilch mehr trin- ken, weil sie Unreinigkeit erzeugen, und selten ganz mild sind; um weniger zu naͤhren, gab ich den Gersten- schleim seltner und sehr verduͤnnet. Da hier offen- bar eine krampfhafte Reizbarkeit mit im Spiele war, so rieth ich drey oder vier Hoffmannische Tropfen mit Zucker, und alsogleich einen Wollblummenthee ( Ver- bascum ) darauf zu nehmen. Mit der Aderlaͤße bat ich den Erfolg dieser Abaͤnderung abzuwarten. Die Nacht hatte der Kranke zwey Stunden geschlafen, was bisher nie geschah. Der Puls war zum Erstau- nen weich, aber er schlug in einer Minute hundert zwanzigmal. Dieser Umstand verrieth ganz unverkenn- bar die große Entkraͤftung, in welche der Kranke ge- stuͤrzet war. Was war also zu thun, um einer un- heilbaren Stockung oder andern langwierigen Uebeln zuvor zu kommen? Wie konnte man da eine Ent- scheidung erhalten, ohne welche nach schon so lange angehaltenem Fieber keine Hoffnung war? — — Ich ließ mit allem, wie gestern fortfahren; nur gab ich auf die Nacht nebst den Hoffmannischen Tropfen zehn Gran Fieberrinde in Pillen. Den andern Tag be- fand sich der Kranke beßer; die Haut wurde wei- cher, die Augen waͤßericht, der Puls etwas voͤller und wellenfoͤrmig. Diese Nacht, und die Nacht des achten Tages schwitzte er sehr maͤßig, aber uͤber den ganzen Koͤrper und mit Erleichterung. Der Entkraͤf- tung zufolge erwartete ich keine andere, als theil- weise, weise, unvollstaͤndige Entscheidungen. Der Harn hat- te eine leichte, weiße, flockichte Wolke. Ich ver- mehrte alle Tage die Gabe der Rinde zu einigen Gra- nen, und so wie sich die Eßlust aͤusserte, erlaubte ich ein-zwey-drey-bis viermal des Tages eine gute Suppe. Den eilften und zwoͤlften in der Nacht hatte er haͤufigere, und ebenfalls allgemeine Schweiße, welche, obschon sie jedesmal hoͤchstens eine Stunde an- hielten, dennoch eine ungemeine Erleichterung verschaff- ten. Der Harn machte jetzt einen kleyenartigen, weiß- roͤthlichten Bodensatz. Die Kraͤfte und die Eßlust nahmen in gleichem Verhaͤltniße zu. Sehr oft wurde auf einmal der Aderschlag wellenfoͤrmig, worauf der Kranke jedesmal einschlief, und waͤhrend dem Schla- fe schwitzte, worauf er allemal mit mehr Heiterkeit erwachte. Erst den siebenzehnten Tag bekam er ge- kochte, breyartige, schmierige, glaͤnzende, aber haͤu- fige Stuͤhle, worauf nebst allgemeiner Besserung der Schmerz in der Weiche selbst zu weichen anfieng. Vom vierzehnten Tag an trank er alle Tage etwas weniges Wein. Da er jetzt vom Ursprung und der Natur seines Schmerzens, den man bisher fuͤr eine heimliche Entzuͤndung ausgab, uͤberzeugt war, so fieng er den Gebrauch der Kaͤmpfischen Klystire an, wo- rauf er eine große Menge Unrath ausleerte, und in wenig Tagen beynahe ohne alle Schmerzen war. Er machte eine Reise nach Boͤhmen, und kam in 4 Wo- chen gesund zuruͤck. Der ganze Verlauf dieser Krankheit; die theil- weisen, unvollstaͤndigen, spaͤt hinausgezogenen Entschei- dun- dungen, der noch den zwanzigsten Tag ziemlich ge- schwinde Aderschlag (denn er war nur auf 70—80 in einer Minute herabgefallen); der Nutzen der Rinde und des Weines u. s. w. sind eben so viele unumstoͤßli- che Beweise, daß die zahlreichen Aderlaͤßen der er- sten Krankheit die vollstaͤndige Heilung gehindert haben, und daß sie zuverlaͤßig auch diesesmahl durch ein aͤhn- liches Verfahren wuͤrde gehindert worden seyn, wo- von man in der ganzen Krankheitsgeschichte die deut- lichsten Spuren antrift. Galenus hatte also recht, daß er jener Blut- speyerin nicht aderließ, obschon sie sonst sehr dazu ge- neigt war, weil sie keine Kraͤfte hatte, und sie hatte sicher ihre Herstellung dieser Klugheit zu verdanken. Wer kann nun einem Helmont seinen Beyfall versagen, wenn er uͤberall jener Heilart den Vorzug giebt, welche ohne allen Verlust der Kraͤfte bewerk- stelligt werden kann. Quotiescumque sine virium amissione (Vires namque semper primatum obtinent in indicationibus) sanatio haberi potest, quo citius id fit, majcti quoque jubilo naturæ arripitur. D. febr. cap. IV. Nro. 23. Die Aerzte hatten ihn so sehr erschoͤpft, daß es kein Wunder war, wenn ein so warmer Kopf gegen alle Art Ausleerungen aufgebracht wurde: Qui antea sa- nus, alacer, integris viribus, levis in saltu et cursu, jam redactus eram in maciem, tremebant genua, ge- næ collapsæ, et vox mihi rauca. Und Barker sagt mit voͤlligem Rechte, daß diejenigen, welche den Sydenham uͤbel verstanden, und die die kuͤhlende Heilart zu weit getrieben haben, mehr Schaden dadurch anrichten, als jemals die hitzige Heilart des Helmont anrichten konnte. Conformité de la Med. des Anc et des Modern. Selbst Sydenham sagt: “Wenn man die Aderlaͤßen, oder andere Ausleerungen in Entzuͤndungen oder andern Fiebern bis zur vollstaͤndigen Besserung, das heißet, bis kein Fieber mehr zugegen ist, fortsetzet, so wird endlich der Tod das einzige Mittel gegen die Krank- heit.„ Er gestehet, daß er in seinen juͤngern Jahren, besonders in rheumatischen Uebeln ein grosser Liebhaber vom Aderlassen war; er habe aber nachher erfahren, daß zwey bis drey Blutlaͤssen vollkommen hinlaͤnglich waͤren, und daß man die Heilart besser mit einigen Abfuͤhrungen, und bey jungen lebhaften Leuten mit ei- ner kuͤhlenden Lebensart unterstuͤtze. Daher berichte- te er uns ausdruͤcklich, daß er nur so viel Blut weg- lasse, als er zur Maͤßigung der zu heftigen Bewegung des Blutes fuͤr unentbehrlich findet. Außer der Verschwendung des Saamens, welche doch bey weitem nicht so schnell entkraͤftet, ist keine Entkraͤftung so schwer wieder herzustellen, als jene, welche die Folge haͤufiger Blutergießungen ist. Die Natur wird so kraftlos, daß sie jeder Krankheitsur- sache unterliegt, die aufgenommene und angesammel- te Krankheitsmaterie nie ohne empfindliche Unordnung der Maschine wegschaffen kann. Daher sind solche Leute nach der Bemerkung des Oolaus so sehr zu Fieberchen, oder vielmehr zu mancherley fieberhaften, unwirksamen Ahndungen der Naturkraͤfte geneigt, wie wir wir oben schon gesehen haben. Galenus glaubte, die Lebensgeister werden dadurch zerstreuet, der gan- ze Koͤrper erkaltet, und alle natuͤrlichen Verrichtun- gen ins Stecken gebracht. Von Swieten bemerkt, daß diejenigen Mannsleute, welche oͤftern Blutfluͤssen unterworfen sind, zu der gewoͤhnlichen Zeit solcher Entleerungen eben solche Zufaͤlle bekommen, welche den Weibsleuten eigen sind, so, daß ihr natuͤrliche Staͤrke endlich in die Schwaͤchlichkeit des weiblichen Geschlechts ausartet. Selbst die Natur ist sehr sparsam mit dieser Art von Ausleerung, so lange die Kraͤfte der Kran- ken noch aufrecht sind. Tissot beobachtete in sei- nen Gallfiebern nie weder einen kritischen Blutfluß, noch Mutterfluß, nicht einmal bey solchen, die sonst an Bluten gewohnt waren. Sapiens natura adeo in- fensam crisim non moliebatur, quamdiu Oeconomia naturalis nondum obruta erat. Weßwegen nicht ein- mal der Zeitfluß, wenn er in den Zeitpunkt der Schwaͤ- che faͤllt, fuͤr ganz gleichguͤltig kann angesehen wer- den. Und wenn endlich aus Hinfaͤlligkeit der Kraͤfte Blutfluͤsse entstunden, so waren sie toͤdtlich. So blu- tete die Kindbetterin bey Hippokrates den vierzehnten Tag aus der Nase, und sie starb. 3tes B. von den Landseuchen 2te Ab. 12te Krankengesch. Ausser demjenigen hitzigen Blutfieber, welches Hippokrates im dritten Wetterstand beschreibt, und wo haͤufiges Nasenbluten theils allein, theils mit andern Ausleerungen entschei- dend war, ist unter seinen zwey und vierzig angefuͤhr- ten Krankengeschichten keine, deren Heilung man ei- nen nem Blutflusse allein zuschreiben koͤnnte. Hievon ein mehreres im Kapitel von den Entscheidungen ꝛc. §. 43. Am groͤsten wird der Nachtheil der unmaͤßigen Ausleerungen, besonders der Blutausleerungen in je- nen Krankheiten, welche aufgeloͤste Saͤfte, oder eine verdorbene Leibesbeschaffenheit zum Grunde, oder zur Folge haben. Da werden alle Zufaͤlle hoͤchst unordent- lich, so bald die Kraͤfte, welche ohnehin schon ge- kraͤnkt sind, noch mehr herabgesetzt werden. Alle Zu- faͤlle erscheinen unter der Gestalt der boͤsartigen, der Nervenzufaͤlle. Der natuͤrliche Verlauf der Krank- heit wird verwirrt; der Aderschlag ist bald groß, voll, stark, hart, geschwind, bald klein, zusammen- gezogen, schwach, weich, langsam; bald ist die Haut mit Schweiß uͤberronnen, bald trocken; oder der Schweiß bricht nur an einzelnen Stellen aus; er ist bald heiß, bald kalt, bald waͤssericht, geruchlos, bald schmierig, stinkend; eben so gehen alle Ausleerungen unordentlich; bald zeigt sich der Anfang einer Ent- scheidung, und geht bald wieder in den Zustand der Rohigkeit zuruͤck; die Eßlust, der Schlaf, die Sin- ne sind unstet; die festen Theile bald gelaͤhmt, bald uͤberspannt. Es entstehen Kraͤmpfe, Zuckungen, Zit- tern, Verwirrungen der innern Sinne u. s. w. Und allen diesen Erscheinungen kann auf keine andere Art, als durch die, freylich oft unmoͤgliche, oft zu spaͤte, Erstattung der Kraͤfte abgeholfen werden. Einer, Einer, der am Gallfieber lag, wurde durch viele Ausleerungen so sehr entkraͤftet, daß er in Be- taͤubung verfiel, Erbrechen und anhaltenden Schluch- zen, gespannte Weichen ( Hyppochondria ) und kalte Fuͤße bekam; der gegenwaͤrtige Arzt sahe alles fuͤr Zeichen des Brandes an. Kämpf aber gab ihm eine Suppe von dem schwaͤrzesten Brode mit Sauerampfer. Diese begierig verschluͤckte Kost stillte das Erbrechen und den Schluchzen, und versoͤhnte den Magen mit den Arzneyen, die ihn bald außer Gefahr setzten. Als im Christmonat des Jahrs 1778 die Gall- fieber um Heidelberg herrschend wurden, starb nach Gattenhofs Bericht keiner daran, als ein junger Mensch, der sich im Anfange eine starke Aderlaͤsse ma- chen ließ, worauf er gleich von Kraͤften kam, ver- wirrt wurde, und mit den Haͤnden um sich schlug. — Schwaͤchliche Leute erholten sich erst nach drey, vier Wochen unter allerley unbedeutenden Beschwerden; starke hingegen sehr geschwind und vollkommen. Annus Medicus 1778 bey Gelegenheit der Diss. de Plethora von Storr. Bey der gallichten Lungenentzuͤndung, welche 1753 in Lausann herrschte, starben alle, denen zur Ader gelassen wurde; einige, welche Tissot nach dem Aderlassen noch vor dem Tode sah, athmeten schwer, und verfielen in Irreseyn: der Athem war dabey sehr geschwind und kurz; und das Phantasiren lebhaft, der Puls aͤußerst schnell, geschwind, klein, hart. Er ließ keinem Blut weg, und sie genasen alle unter dem Ge- Gall I. Band. B b Gebrauche der Klystiere, Brechmittel, saͤuerlichter harntreibender Getraͤnke und des oft eingeathmeten Es- sigdampfes. In den Lazarethfiebern beobachtete Pringle , daß das starke Blutlassen ungemein schaͤdlich war; es schwaͤchte den Puls und griff den Kopf an. Selbst maͤßiges Blutlassen hat oft geschadet; sogar Blutigel hatten nachtheilige Folgen, wenn der Kranke mit ei- nem gesunkenen Pulse irre war. Viele, sagt er, er- holten sich, ohne daß ihnen Blut gelassen wurde, aber wenige, die viel Blut verlohren hatten. Aus einer unzaͤhligen Menge von Beyspielen waͤhle ich nur noch eines, welches aber von mehreren Seiten hoͤchst lehrreich ist: Im Jahr 1785 im Monat July verfiel Carl Mayerhofer , ein sonst starker, gesunder vierzigjaͤh- riger Mann, in ein gallichtes Faulfieber, nachdem er einige Zeit ein sehr feuchtes Zimmer unter der Erde bewohnt hatte, und schon uͤber zwey Monate von ei- nem unordentlichen Wechselfieber stark hergenommen war. Dieses war der erste Kranke, den ich eigen- maͤchtig behandelte: Freylich fuͤr die damalige Lage eine schwere Probe! Wir hatten den Kopf voll von verbor- genen Entzuͤndungen, und der Scharfsinn und das Unterscheidungsvermoͤgen meines unsterblichen Lehrers fehlten mir, und allen meinen Freunden, die ich mit zu Rathe zog. Der Mann klagte uͤber Beaͤngstigung, Spannen und Schwere auf der Brust. — Eine heim- liche Lungenentzuͤndung! Es wurde zur Ader gelassen; und es erfolgte Erleichterung; aber nach einigen Stun- den den war die Beaͤngstigung weit schlimmer; das erste- mal thats gut — folglich wurde zum zweytenmale Blut abgezapft! die mißfaͤrbige Haut, der locker e beym Schuͤtteln zerfallende Kuchen waren keine Gruͤn- de gegen die vorgefaßte Meynung. Nun aber sanken die Kraͤfte so sehr, daß schon den andern Tag der Mann enthloͤßet mit ausgesperrten Beinen da lag; der Mund hieng offen; die Augen waren halb zu und unbeweglich, oder bewegten sich auf lautes Zurufen nur sehr langsam. Alle Sinne waren stumpf. Die Zunge gieng nimmer uͤber die Lippen hervor; alle Ausleerungen giengen unwissend ins Bett; der Puls war veraͤnderlich, im Ganzen aber sehr klein. Die Haut schmutzig, erdfaͤrbig, gelb, trocken, sproͤde. Er hatte oͤfters Sehnenhuͤpfen; und wenn es ihm hie und da einfiel, ein Glied zu bewegen, so zitterte es da- bey u. s. w. Jetzt besuchte ich das Opfer meiner Un- wissenheit alle Tage mehr denn zehnmal; bot allen meinen Kraͤften und allen Kraͤften der Arzneyen auf. Ueber alle Erwartung erhielt ich ihn in diesem Zu- stande drey Wochen. Nach dieser Zeit entstund eine Geschwulst im Auge, welche nach einigen Tagen auf- brach, und nebst einer grossen Menge unreinen We- sens alle Saͤfte des Augapfels ausrinnen ließ. — Von dieser Zeit fieng er an sich zu erholen. — — Nach- dem er schon zwey Monate mit einem Stock herum- gieng, freye Luft und bessere Nahrung suchte; wur- den ihm die Stellen unter beyden Brustwarzen schmerz- haft. Auf den Ribben schien sich ein harter gewoͤlb- ter Koͤrper gebildet zu haben, als wenn die Ribben B b 2 selbst selbst hervortraͤten. Diese Erhabenheit wurde nach und nach roth, entzuͤndete sich, eiterte, und es floß aus beyden Geschwuͤren eine grosse Menge Eiter. Da- bey erhielt er seine Kraͤfte wieder — und verdient seitdem, wie vorher, sein taͤgliches Brod mit einem Auge, mir zur ewigen Warnung, und meinen jungen Lesern zur dringenden Belehrung. Von der Wiedergenesung. §. 44. Aus diesen Erfahrungen erhellet schon zum Theil, in welchem Verhaͤltniß die Wiedergenesung mit den mehr oder weniger erhaltenen, oder wieder- kommenden Kraͤften stehe. Da aber viel daran gele- gen ist, daß dieser Zeitpunkt gut beurtheilt und folg- lich gut behandelt werde, so ist es der Muͤhe werth, etwas genauer zu erforschen, wovon dessen gluͤcklicher oder ungluͤcklicher Verlauf vorzuͤglich abhaͤnge. Im Allgemeinen gilt die Bemerkung, daß, je mehr die Kraͤfte durch die vorhergehende Krankheit gelitten haben, desto schwerer, langsamer, unvoll- staͤndiger die Wiedergenesung von statten gehe. Die groͤßere oder geringere Entkraͤftung aber haͤngt bald von der mitgebrachten Leibesbeschaffenheit, bald von der Natur und der Dauer der Krankheit, bald von der Heilart, und bald von allen diesen Umstaͤnden zu- sammen ab. Pest, pestilenzialische Fieber, boͤsartige Fieber, Nervenfieber, Faulfieber zerruͤtten die Lebens- kraͤfte am maͤchtigsten; auch ist nach allen diesen Ue- beln die Wiedergenesung mit den groͤsten Schwierig- kei- keiten verbunden. — Naͤchst diesen kommen die Gall- und Schleimfieber, alle Ausschlagskrankheiten, beson- ders wenn der kritische Ausschlag nicht vollkommen zu Stande gebracht wurde, z. B. wenn die Pocken nicht gehoͤrig eiterten; oder aber, wo die Ausschlaͤge eine Folge einer zu hitzigen, reitzenden Heilart waren, wo- rauf unausbleiblich eine desto groͤßere Erschlappung oder Entkraͤftung folget. Daher die langsamen, sich so sehr in die Laͤnge schleppenden Wiedergenesungen nach dem Friesel, dem Scharlach, u. s. w. Wechselfieber, wenn sie nicht zu lange anhal- ten, und Entzuͤndungskrankheiten, wofern nicht das Gehirn selbst urspruͤnglich dabey gelitten hat, erschoͤ- pfen ihrer Natur nach die Kraͤfte am wenigsten, ob- schon gleich nach den Anfaͤllen und den Entscheidungen manchmal die Kranken sehr matt sind. Ihre Folgen sind daher von geringer Bedeutung, die Wiederge- nesung geschieht ohne viele Muͤhe, und bald befindet sich der Kranke, wo nicht besser, doch wieder so gut, als vorher. In allen Krankheiten aber kann durch das Zu- sammentreffen mehrer oder weniger schwaͤchenden Ursachen der Grad der Entkraͤftung gleich stark, und folglich die Wiedergenesung gleich schwer gemacht wer- den. So viel bleibt in jedem Falle gewiß, daß das ganze Gluͤck derselben auf der verhaͤltnißmaͤßigen Er- haltung und Erstattung der Kraͤfte beruht. Hasenöhrl erzaͤhlt von einem acht und zwanzig jaͤhrigen Soldaten, welcher nach einem entzuͤndlichen Seitenstiche den sechsten Tag zu rasen anfieng. Die Ra- Raserey dauerte bis den neunten Tag, an welchem ein Nasenbluten entstund, welches bald aufhoͤrte, bald wieder aufs Neue anfieng, und so lange anhielt, daß der ganz entkraͤftete Kranke sicher gestorben waͤre, wenn man es nicht gestillt haͤtte. Der Kranke blieb sehr lange schwaͤchlich; er schwoll an den Beinen, im Gesicht und am ganzen Leibe. Er genaß endlich nach staͤrkenden Mitteln. Trium morborum histori a . Weikard hat einen jungen Menschen, der die Rechte studierte, von einer schweren Frieselkrankheit genesen gesehen. Er war beynahe die ganze Krank- heit hindurch irre und oft wie rasend gewesen. Die Krankheit hatte ihn nun voͤllig verlassen. Er war noch schwach am Koͤrper, doch schienen seine Verstan- deskraͤfte wieder in Ordnung zu seyn. Er empfand gegenwaͤrtige Dinge, und urtheilte ganz ordentlich; allein das Vergangene war ihm aus dem Sinne ge- kommen. Er wuste nicht, in welcher Stadt, in wel- cher Gasse er war. Seine Gesellschafter erinnerten ihn endlich an verflossene Dinge. Sie erzaͤhlten ihm wie oft sie zusammen hatten Musik gemacht. Er wu- ste kein Wort davon, daß er jemals die Musik ver- standen habe. Man gab ihm seine Harfe; er setzte die Finger an, und wollte sich zu tode wundern, daß er Lieder spielen konnte. Man redete ihn fran- zoͤsisch an, er antwortete ordentlich, und fragte mit Erstaunen, ob er es denn vormals gelernet haͤtte? Er wuste sich nicht zu erinnern, daß er die Rechte studiert hatte, obwohl er in selbigen sehr fleißig gewesen war. Man Man fragte ihn einige Erklaͤrungen aus seinem Hei- neccius ; er antwortete so gut, als in seinen gesunden Tagen, und konnte immer diese ihm unbewußte Ge- schicklichkeit nicht fassen. Endlich kam ihm sein or- dentliches Gedaͤchtniß wieder. — — — “Ich hab einen Jungen gekannt, faͤhrt Weikard fort, der nach langer Ruhr endlich genaß, auch wie- der Kraͤfte zum Gehen hatte. Er war aber ohne Vernunft, und just so, wie ein Vieh von der duͤmmern Gattung. Er aß und trank, wenn es ihm vorkam; er nahm auch andern Speise weg, ohne jemals et- was ordentlich zu begehren. Er war ohne Scheu, ohne Schaam, und gieng auf Wasser oder jede ge- faͤhrliche Gegenden ohne Ueberlegung zu. Er nennte Niemand mit dem rechten Namen. Er sprach beyna- he nichts, als nur manchmal ein verstelltes oder un- gewoͤhnliches Wort. Er erwischte eines Tages haͤu- figen starken Wein, Kafee und Zuckerbrod, und ver- zehrte alles. Er schlief, und rufte den andern Mor- gen seine Schwester mit Namen und verlangte eine Suppe. So klug war er seit seiner Krankheit noch nie gewesen. Man kochte ihm die Suppe, und fand ihn wieder in seiner Unvernunft, als die Suppe fer- rig war. Er war den folgenden Tag einige Stunden, hierauf einen halben und endlich einen ganzen Tag vernuͤnftig, so daß er wieder seine voͤllige Vernunft bekam. Der Philosophische Arzt. 1 St. S. 39. Sydenham hat oft bemerkt, daß, wenn Wech- s elfieber lange gedauert, viele Anfaͤlle gemacht haben, oder oder mit vielen Ausleerungen behandelt worden sind, die Kranken, sobald als sie sich besser zu befinden anfiengen, in Wahnwitz verfielen, welcher aber mit zunehmenden Kraͤften wieder vergieng. Sect. I. Cap. V. Eben so geht es den Frauen nach schweren Krankheiten waͤh- rend den Kindbetten. Die zuruͤckbleibende Verstan- desschwaͤche dauert manchmal ein Jahr, bis die ge- laͤhmten Gefaͤße durch gute Nahrung, Bewegung, Kampfer u. s. w. ihre gehoͤrige Schnellkraft wieder erhalten haben. Die Kindbetterinn bey Lentin hatte nach ei- nem Unreinigkeitsfieber mit einer Verwerfung auf die Brust ihr Gedaͤchtniß fast voͤllig verlohren. So wie aber die Kraͤfte zunahmen, nahm auch ihr Gedaͤcht- niß wieder zu. A. a. O. S. 324. Die Laͤhmungen nach heftigen Kolicken, be- sonders Bleykolicken vergehen oft wieder in dem Maa- ße, wie die Kraͤfte zunehmen. Nach schweren Krankheiten, wodurch der Koͤr- per sehr erschoͤpft worden ist, verschwinden die Zeichen der Unreinigkeit, Eckel, Mangel an Eßlust, unreine Zunge nicht ehe, bis man zur staͤrkenden Heilart schrei- tet. Wo bey den Lausannischen von Tissot beschriebe- nen Gallfiebern lange mit Abfuͤhrungen fortgefahren wurde, da zog sich die Krankheit in die Laͤnge, die Entkraͤftung nahm zu, und da der Magen und die Gedaͤrme zu sehr gereizet wurden, so entstunden nach und nach alle Zufaͤlle von erhoͤhter Reitzbarkeit, wel- che che bey einer fruͤhzeitigen, anpassenden Lebensordnung, laͤndlicher Uebung, und dem Gebrauche bitterer, staͤr- kender Mittel nie erfolgten. — Das leichte, einem schleichenden, hektischen Fieber gleichende Fieber- chen, welches Tissot nach schweren Krankheiten, be- sonders bey jungen Leuten beobachtete, und bloß von Schwaͤche der Verdauung und der Nahrungsweege herkam, heilte er nicht mit fiebervertreibenden Mit- teln; sondern er half der Schwaͤche ab. Geschah die- ses nicht, so nahm es einen uͤbeln Ausgang; es ent- stund endlich das wahre hektische Fieber, welches durch staͤrkende Mittel, Kina, Eisen, Wein, kalte Baͤder u. d. gl. so leicht haͤtte verhuͤtet werden koͤnnen. Man erinnere sich hier an die obigen Beyspiele S. 374—78. §. 45. Gerade so ist es nur selten noͤthig, ja es waͤ- re oft weit gefehlt, die Ueberbleibsel der urspruͤngli- chen Unreinigkeiten, oder jene, welche erst durch die Krankheit erzeugt worden sind, unmittelbar durch Ab- fuͤhrungsmittel wegzuschaffen; sondern man halte sich an die allgemeine Hauptheilanzeige; man erstatte die Kraͤfte; man gebe Herzstaͤrkungen, besonders von der Art, wie sie Hippokrates allen andern vorzog, welche ohne zu reitzen, die Kraͤfte wahrhaft und standhaft ersetzen. Die peruvianische Rinde erfuͤllt am kraͤftigsten diese Anzeige. Gegen jene Nachtschweiße, welche die Friesel- und Wechselfieber hinterlassen, ra- thet Van Swieten die im rothen Weine aufgegosse- ne Salbey oder ein Glas Malaga. Diese suͤße Herz- staͤr- staͤrkung ist nach Sydenhams Beobachtuug die kraͤf- tigste Gegenwehr gegen jenen laͤstigen Husten, welcher einige, besonders schon bejahrte, Wiedergenesende so sehr abzumatten pflegt. Der zu schlappe Magen be- findet sich wohl dabey, und der Husten, welcher bloß davon abhaͤngt, hoͤrt bald auf. Und dieses ist auch das Verfahren, wodurch die noch noͤthigen Auslee- rungen in Gang gebracht werden. Hatte man in den Lausannischen Gallfiebern die Kraͤfte und die Eßlust hergestellt, so bewirkte die Natur von selbst die letz- ten, gallichten Auslerungen, welche erst die Entschei- dungen vollkommen, und vor Ruͤckfaͤllen sicher mach- ten. Eben dieses beobachtete Gallarotti , und Hip- pokrates beym Heropyt zu Polystilo , bey welchem um den acht und achtzigsten Tag zwar alle Zufaͤlle ge- schwaͤcht wurden, aber erst dann aufhoͤrten, wo er am hundertsten Tage einen ziemlich anhaltenden Durch- fall eines haͤufigen gallichten Abganges bekam. 3 B. von den Landsenchen. 3te Ab. 9te Kranke. Der Zeitpunkt der Wiedergenesung, sagt Strack , ist als ein Zustand anzusehen, der zwischen der Krank- heit und der vollkommenen Gesundheit mitten inne steht; waͤhrend welchem (weil jezt die Kraͤfte des Koͤrpers mehr, als waͤhrend der Krankheit zunehmen) die Natur die schadhafte Materie besser kocht, und die gekochte nachdruͤcklicher fortschaffet. Innerhalb dem Zeitpunkt der Wiedergenesung ereignen sich die meisten kritischen Ausleerungen, und es aͤussern sich die herr- lichsten Erscheinungen, welche sowohl zur Kenntniß als als Heilart vieler langwieriger Krankheiten den Weeg bahnen. — — Nachdem das Fieber voruͤber ist, herr- schet eine allgemeine Ruhe in der thierischen Haushal- tung; mittlerweile geneset der Kranke, und koͤmmt einigermaßen wieder zu seinen Leibes- und Gemuͤths- kraͤften. Waͤhrend dieser Zeit wird die entzuͤndliche Kruste, welche durch die Fieberhitze im Blute erzeugt worden ist, gekocht, und in verschiedene Hoͤhlungen des Koͤrpers, wodurch eigentlich der erste urspruͤngli- che Krankheitsstoff haͤtte sollen ausgefuͤhrt werden, abgeschieden. Observat. medicinal. p. 30. In den Bemerkungen uͤber den Sei- tenstich fuͤhrt er mehrere Beobachtungen an, wo die Entscheidungen der Krankheit erst in den Tagen der Wiedergenesung geschahen. Nachdem in der achten Beobachtung bey dem Hufschmiede von der Mitte des siebenten Tages an ein starker, sauerriechender Schweiß, und zu Ende desselben ein truͤber Harn mit ziegelmeh- lichtem Bodensatze das Fieber entschieden hatte, so ge- schah erst in der Folge, wie die Kraͤfte zunahmen, und der Kranke wieder zu genesen anfieng, die Ko- chung der entzuͤndlichen Kruste, und den dreyzehnten Tag wurde dieselbe durch einen Auswurf, der weißem, halbgeschmolzenem Wachs glich, ausgeleeret. Eben so geschah es in der 55, 56, 57ten Beobachtung. Der Kranke in der 59ten Beobachtung trank nach seiner Genesung drey Wochen lang Selterwasser mit Zucker versuͤßet, und hierauf befand er sich ganz wohl. Erst nach sechs Wochen bekam er ein Abweichen mit Zwang Zwang, wobey schleimichter Unrath weggieng. In der 60. Beob. geschah dieses in drey und dreyßig Ta- gen nach der Krankheit; in der 61ten am vierzehnten Tage. Der Kranke von der 64ten Beob. bekam, nachdem das Fieber durch den Schweiß und Harn ent- schieden war, haͤufige, schleimichte Stuͤhle; diese wa- ren die erste Krisis, durch welche die gekochte Speck- haut ausgefuͤhrt wurde. Nun hoͤrte der Husten auf und der Kranke genaß auf den Gebrauch der Kina- rinde. Als er dann wieder mehr zu Kraͤften gekom- men war, zeigte sich eine zweyte Krists der gekochten Speckhaut. Er bekam naͤmlich an verschiedenen Thei- len des Koͤrpers Blutschwaͤren; und als er endlich voͤl- lig gesund war, folgte erst gekochter Mundauswurf, der freywillig und ohne Muͤhe abgieng. Dieses war die dritte und letzte Krisis der gekochten Speckhaut. — Bey einigen befoͤrderte Strack die Ausleerung durch ein Laxiermittel, welches ebenfalls viel solchen schlei- michten Unrath wegfuͤhrte. Dieses Verfahren der Natur wird nur gar zu sehr von den Aerzten uͤbersehen, da es doch durchgaͤn- gig statt hat. Es geschah beynah in allen Kranken des Hippokrates , welche davon kamen, z. B. in dem, der in des Dealkes Garten lag, und nach oͤf- tern theilweisen Entscheidungen vom sieben und zwan- zigsten Tage bis auf den vierzigsten eine Pause mach- te, an welchem haͤufige, schleimichte, weiße Stuͤhl- gaͤnge, allgemeiner Schweiß, und der vollkommene Bruch der Krankheit erfolgten. 3 B. 1 Ab. 3tes K. Pythio schwitzte den den zehnten Tag, der Auswurf war ein wenig gekocht, und die Krankheit brach sich. Am vierzigsten Tage nachher bekam er eine Eiterbeule am Hintern, und die Verwerfung der Krankheit erfolgte durch eine Harn- strenge. Item 1 K. Beym Kleonaktid bedarf die Natur mehrerer Zwischenraͤume, bis sie endlich nach dem letz- ten von zehn Tagen eine vollkommene Entscheiduug durch einen mit rothem, einfoͤrmigem, lauterm Boden- satz versehenen Harn zuwege brachte. 1 B. 6 K. So geschehen in Krankheiten faulichter Art, in boͤßartigen Fiebern, in Nerverfieber u. s. w. oft gar keine kritischen Aus- leerungen, bis der Koͤrper durch freye Luft, Reiten u. s. w. gestaͤrkt ist. Reichet die Natur nicht hin, und man unterstuͤtzet sie nicht durch eine staͤrkende Heil- art, damit sie alle uͤbergebliebenen Unreinigkeiten weg- schaffen koͤnne, so erzeugen dieselben schleichende, hekti- sche Fieber, oder andere theils langwierige, theils unheilbare Zufaͤlle; es hinterbleiben oder entstehen fruͤher oder spaͤter die einer jeden Krankheit eigenen Folgen, als Schwindel, Schwere des Kopfes, Schwer- hoͤrigkeit, dunkles Gesicht, waͤsserichte Geschwuͤlste der Fuͤße oder des ganzen Koͤrpers, schnelles und ge- fahrvolles Fettwerden, Mangel an Ruhe u. s. w. Allen diesen Folgen kann und muß durch eine zur ge- hoͤrigen Zeit angebrachte staͤrkende Heilart, welcher man nach Erforderniß der Umstaͤnde ein leichtes Ab- fuͤhrungsmittel dazwischen sezt, vorgebauet werden. Von Von den Ruͤckfaͤllen. §. 46. Auf den naͤmlichen Bemerkungen beruht das Wichtigste, was man von den Ruͤckfaͤllen der hitzi- gen Krankheiten sagen kann. Wenn nicht ein ver- borgner, innerer, unheilbarer Fehler schuld ist, so erfolgen Ruͤckfaͤlle, entweder weil die Kraͤfte zu sehr erschoͤpft sind, oder weil die Entscheidung unvoll- kommen waren, oder gar nicht geschahen, und fol- glich Unreinigkeiten zuruͤckgeblieben sind; oder weil der Genesende irgend einen wichtigen Fehler in der Le- bensordnung begangen hat. Man kann glauben, eine Herstellung werde dau- erhaft seyn, wenn damit ein ruhiger, tiefer Schlaf verbunden ist; wenn sich die Eßlust und die Kraͤfte nach und nach, und verhaͤltnißmaͤßig mit der Heftig- keit und der Dauer der Kranheit, die gegenwaͤrtig ge- wesen, einfinden; und wenn sich die Krankheit durch eine Ausleerung oder durch eine heilsame Versetzung geendiget hat. — Entgegen gesetzte Umstaͤnde lassen, einen Ruͤckfall befuͤrchten. Le Rop’s Abh. v. d. Voherkuͤndigung in hitzigen Krank. §. 327—328. Diejenigen bekommen einen Ruͤckfall, die nach der Verschwindung des Fiebers nicht schlafen koͤnnen, oder unruhig schlafen, bey welchen die Kraͤfte weg- fallen, oder die uͤber Schmerzen in allen Gliedern klagen, so wie auch diejenigen, bey welchen das Fie- ber ber ohne Kennzeichen der Kochung, und an keinem kritischen Tage verschwunden ist. Hipp, Proguerit aphors 231. Daß aber uͤberhaupt der Mangel an Kraͤften beschuldigt werden muͤsse, laͤßt sich sowohl in Ruͤck- sicht der vorhergehenden als nachfolgenden Erfahrun- gen nicht in Zweifel ziehen. Es hat von Seiten der Ruͤckfaͤlle das naͤmliche Verhaͤltniß statt, welches ich von Seiten der Wie- dergenesung angegeben habe. Wo diese am schwersten ist, da sind jene am haͤufigsten. In dem Petechienfieber, welches in den Jahre n 1757—58—59 in Wien herrschte, that nach Ha- senöhrls Bericht die Rinde so vortreffliche Dienste, daß diejenigen, so dadurch genesen waren, nachher weit gesuͤnder waren, als zuvor, wie er an sich selbst erfahren hat. Bey sehr vielen geschahen den dritten, vierten Tag, nachdem sie sich wohl befanden, ohne Veranlassung Ruͤckfaͤlle; sie bekamen Fieber, und Ohrendruͤsengeschwuͤlste oder andere Verwerfungen: Hatte man diese einige Zeit offen erhalten, und die Kraͤfte waren noch gut, so genasen die Kranken; wo aber die Kraͤfte durch die erste Krankheit allzusehr zu Grunde gerichtet waren, da starben sie in diesen Ruͤckfaͤllen. Keiner aber wurde ruͤckfaͤllig, dem man die peruvianische Rinde in grossen Gaben gegeben hat- te. Wenn nach den Lausannischen Gallfiebern von ver- nachlaͤßigter Lebensordnung, von aufgeschobenen Ab- fuͤhrungen, Gemuͤthsbewegungen oder von Wetterver- aͤnde- aͤnderungen Ruͤckfaͤlle entstunden, so wurde bey noch guten Kraͤften die rohe Materie manchmal wieder ver- arbeitet, und die Krankheit ohne Ausleerung zerthei- let; oder es entstunden freywillige Ausleerungen durch Erbrechen oder Bauchfluͤsse. Wo die Natur nicht selbst zur Hervorbringung dieser Wirkungen hinrichte, thaten bittere Mittel die besten Dienste, so daß nicht selten ein ebenfalls freywilliges Erbrechen darauf folg- te. Nur bey alten Leuten waren die Folgen schwe- rer; Tissot gedenkt eines Greisen, welcher durch ei- nen Zorn in einen schlagflußartigen Schlaf verfiel mit erfolgender Laͤhmung der linken Seite, woran er meh- rere Jahre zu thun hatte. Eben diese Folge beobach- tete ich bey einer sechzigjaͤhrigen Frau, welche, da sie noch nicht vollkommen von einen Schleimschlag her- gestellt war, sich heftig erzuͤrnte, und alsogleich an dem Arme gelaͤhmt wurde, mit welchem sie die Dienst- magd bey den Haaren geschuͤttelt hatte. Die Laͤh- mung verbreitete sich in einigen Tagen uͤber die ganze rechte Seite; es erfolgte eine Bauchwassersucht, wel- che alle ihre Zeitpunkte durchlief, bis sie eines Tages vor Grimm aus dem Bette fiel, und den naͤmlichen Abend starb. Bey den uͤbrigen beruhigte Tissot die Gemuͤthsbewegungen mit dem Hoffmannischen Geist in Melissenwasser. War sehr nasse Witterung die Ursache der Ruͤckfaͤlle, so half der Wein der allge- meinen Erschlappung ab. In der 13ten Beobachtung von Vogel blieb nach einem geheilten, katharrhalischen Gallfieber Mat- tigkeit, welche am dritten Tag nach der Entscheidung in in große Entkraͤftung uͤbergieng, der Harn hatte noch eine ungewoͤhnliche Roͤthe; die Eßlust fehlte, und es geschah nach aͤusserst schlimmen Zufaͤllen zu En- de des sechsten Tages eine toͤdtliche Verwerfung. Von den acht Kindbetterinnen, deren Kran- kengeschichten Hippokrates in dem ersten und dritten Buche von den Landseuchen erzaͤhlt, sind sieben gestor- ben. Die einzige Ehegattin des Epikrates kam da- von. Aber sie schwitzte am eilften Tage, und es gieng der Urin staͤrker gefaͤrbt, mit einem reichlichen Bo- densatze versehen, ab. Sie befand sich auch leident- licher. Am vierzehnten fror sie mit Erstarren, und bekam ein heftiges Fieber. — — Um den einund- zwanzigsten Tag fuͤhlte sie auf der linken Seite durch- aus eine schmerzhafte Schwere. Sie hustete wenig, hergegen war ihr Urin dick, truͤbe, roͤthlich und setz- te im Geschirre nicht ab. Im uͤbrigen gieng es lei- dentlicher; allein vom Fieber war sie nicht frey. — Gegen den sieben und zwanzigsten Tag war sie zwar frey von Fieber und der Urin setzte sich, die Seite that ihr etwas wehe. Um den ein und dreyßigsten Tag bekam sie ein heftiges Fieber mit einem gallichten Durchfalle. Am vierzigsten Tage brach sie auch et- was gallichtes aus. Am achtzigsten Tage endigte sich die Krankheit vollkommen, und das Fieber blieb weg. — — Also mehrere unvollstaͤndige Entscheidungen; eine Dauer von achtzig Tagen, und drey bis vier Ruͤck- faͤlle! Da Hippokrates die Natur so wenig unter- stuͤtzte, so waren uͤberhaupt bey ihm die Ruͤckfaͤlle et- Gall I. Band. C c was was so gemeines, daß er es meistentheils angezeigt hat- wenn keiner erfolgte. In den uͤbrigen vier und drey- ßig Krankengeschichten sind bey fuͤnfzehn bald einer, bald mehrere Ruͤckfaͤlle ausdruͤcklich angemerkt wor- den. Bey dem Kranken, dessen Geschichte ich S. 229 erzaͤhlt habe, ereigneten sich fuͤnfmal Ruͤckfaͤlle; wie sehr seine Leibesbeschaffenheit verdorben und seine Kraͤf- te erschoͤpft waren, kann man aus den angezeigten Zufaͤllen schließen. Obschon Riveri nur von uͤberbleibenden Unrei- nigkeiten Ruͤckfaͤlle besorgte, und theils diesen Unrei- nigkeiten, theils einem schlechten Zustande der Einge- weide das anhaltende, schleichende Fieberchen zu- schrieb; so will er doch, daß man mit den Abfuͤh- rungsmitteln nicht hartnaͤckig fortfahren solle; denn die Natur werde durch die Arzneyen geschwaͤcht, und so dauere die Krankheit immer fort; wenn man ihr aber Zeit lasse, sich zu erholen, so verkoche sie den Krank- heitsstoff, leere ihn aus, und bewahre auf diese Art am besten gegen Ruͤckfaͤlle. Prax. med. T. II. lib. XVII. cap 1. Uibrigens ist es gewiß, daß die Ruͤckfaͤlle groͤ- stentheils von unvollstaͤndigen oder ganz mangelhaften Entscheidungen abhaͤngen. Der naͤmliche Umstand al- so, welcher den Entscheidungen am hinderlichsten ist, muß auch die zahlreichesten Ruͤckfaͤlle veranlassen. Das erste und wichtigste Kennzeichen, sagt Galenus , daß in einer toͤdtlichen Krankheit der Tod ohne Ent- scheidung erfolgen werde, ist die Hinfaͤlligkeit der Kraͤf- Kraͤfte. D. cris. lis III. cap. 10. In Hinsicht der Heilanzeige giebt Plan- chon den vortrefflichen Rath, sich vorzuͤglich an staͤr- kende Mittel zu halten, ohne aber deßwegen gewiße Nebenumstaͤnde zu vernachlaͤßigen.〟 Die Herzstaͤr- kungen und staͤrkenden Mittel, wenn sie mit Klugheit verordnet werden, beleben die Kraͤfte und schuͤtzen den Kranken gegen Ruͤckfaͤlle. Sie taugen am besten, wenn die Eßlust mangelt, die Verdauungskraͤfte matt sind, wenn der Magen nach genommenen Speisen schwer, angeschwollen, und keine Unreinigkeit mehr im Hinterhalte ist.〟 — Dieses leidet eine Einschraͤn- kung, wie wir oben gesehen haben. — 〟Man be- darf ihrer sogar in den Ruͤckfaͤllen selbst, wenn die Natur nicht Kraft genug hat, die Ueberbleibsel der Krankheitsmaterie, welche die Ruͤckfaͤlle veranlaßte, vollends zu unterjochen. Die Bewegungen der Na- tur koͤnnen jetzt um so weniger eine Unterstuͤtzung ent- behren, da sie gleichsam ihr letztes Bestreben sind, und die Lebenskraͤfte durch die erste Krankheit schon zu viel gelitten haben. Ich habe Ruͤckfaͤlle eben so viele Tage, als die urspruͤngliche Krankheit anhalten, und eben so wie diese durch einen Schweiß oder Bauch- fluß sich endigen gesehen. Le Naturisme §. CCXV. Die Ruͤckfaͤlle, oder die Folgen anderer Krank- heiten, so sehr sie uͤbrigens ihrer Natur nach mit der urspruͤnglichen Krankheit uͤbereinstimmen, muͤs- sen also mit weit mehr Schonung und Klugheit be- C c 2 handelt handelt werden, und sie sind jedesmal, so wenig sie auch den Anschein haben, dennoch viel bedenklicher. Daher sagt Houlier , wenn die Hirnwuth eine Folge von einem Fieber ist, wie es allermeist der Fall ist, solle man selten Aderlassen, weil ohnehin schon Aus- leerungen vorhergegangen und die Kraͤfte erschoͤpft sind, bis endlich der Wahnsinn hinzukoͤmmt. Eben so haͤlt Duretus die Wassersucht, wenn sie auf sehr alte viertaͤgige Fieber folgt, fuͤr weit gefaͤhrlicher und langwieriger. Ueberhaupt hat man von Ruͤck- faͤllen alles dasjenige zu befuͤrchten, was sich in hi- tzigen Krankheiten bey einem grossen Verfall der Le- benskraͤfte zu ereignen pflegt. §. 48. Lebensordnung in hitzigen Krankheiten. Von der Lebensordnung in hitzigen Krankhei- ten kann ich hier noch wenig Bestimmtes sagen. Im Allgemeinen gilt hier wieder die Regel, daß sie jedes- mal dem gegenwaͤrtigen sowohl als dem abgezielten Kraͤftenmaße gemaͤß muͤsse eingerichtet werden. Nach- dem es dieses ertraͤgt oder erheischet, laͤßt man den Kranken der Laͤnge nach liegen, sitzen, tragen, ge- hen, fahren, reiten, mehr oder weniger schlafen; gar nicht, wenig, still oder laut reden; u. s. w. In Hinsicht der Nahrung kann Niemand ge- wissenhafter seyn, als es Hippokrates war. Er nahm uͤberall sorgfaͤltig auf die verhaͤltnißmaͤßigen Kraͤfte Ruͤcksicht. Je hitziger die Krankheit war, desto waͤsserichter, duͤnner richtete er sie ein. In der hoͤchsten hoͤchsten Stufe der Krankheit, muste sie am schwaͤ- chesten seyn. Kurz vor, waͤhrend und gleich nach den Verschlimmerungen ( Exacerbatio ) oder wo die Glied- massen kalt sind, soll man keine Nahrung geben. Man soll sich nach der gewoͤhnlichen Eßlust der Kranken im gesunden Zustande richten. Alte Leute und Leute im stehenden Alter koͤnnen das Fasten am besten er- tragen; weniger Juͤnglinge, am wenigsten die Kna- ben, und solche, die im starken Wachsen begriffen sind; so auch Greise, die durch das Alter erschoͤpft sind. Zu wenig Nahrung seye schaͤdlicher, als zu viel, daher seye ein zu sparsames Leben nachtheilig. Ueberhaupt muͤsse man bedenken, wie lange beylaͤufig eine Krankheit dauern werde; ob eine sehr leichte Nahrung hinreichend seye, den Kranken bis zur hoͤchsten Stufe zu unterstuͤtzen. In maͤßig hitzigen Krankheiten schreite man erst um die Zeit der Ent- scheidung zu einer duͤnnen Nahrung; bis dahin aber und hernach gebe man etwas nahrhafteres. Kuͤndi- get sich die Entscheidung durch heftige Vorboten an, so entziehe man alle Nahrung; geschieht sie aber nur nach und nach, z. B. durch den Auswurf; ist vorher die Zunge feucht; so muß besonders einige Tage vor der Entscheidung die Nahrung ergibiger seyn, weil dadurch der Schmerz erleichtert und die Ausleerungen z. B. im Seitenstiche oder in Lungenentzuͤndungen der Auswurf befoͤrdert werden. “Je reichlicher die Rei- nigung erfolgt ist, desto mehr gebe man bis zum Bruche der Krankheit hinzu, und vorzuͤglich zwey Tage nach der eingetretrenen Krisis. — — — Nach der der Zeit bediene man sich fruͤh Morgens der duͤnnen Gruͤtzsuppe und gebe gegen Abend statt derselben was zu essen. Ein solches Verhalten bekoͤmmt uͤberhaupt meistens denen, die sogleich die ganze Tisane nehmen, wohl. Denn die Schmerzen bey dem Seitenstiche ver- gehen sogleich von selbst, sobald man etwas betraͤchtliches auszuwerfen, und sich zu reinigen anfaͤngt; ferner sind die reinigenden Ausleerungen viel vollstaͤndiger, und es entstehen viel seltner Lungengeschwüre, als wenn man eine andere Diät beobachtet. Es werden auch die Entscheidungen viel ächter, sie gehen leichter vor sich, und leiden keine Rück- fälle. „ Von der Lebensordnung. Einfache Getraͤnke, warmes Wasser mit Essig und Honig, oder was sich sonst am besten zur Krank- heit schickt, gebe man, so viel der Kranke will, oh- ne seinen Magen und seine Gedaͤrme mehr zum Scha- den als Nutzen zu uͤberschwemmen. In dem Zeitraume der groͤßten Schwaͤche fand Pringle in seinen Lazarethfiebern nichts wirksamer, als Wein, oder Panade mit Wein. Die Kranken er- holten sich von dem mattesten Zustande: und er haͤlt keine Regel fuͤr wichtiger, als den matten Kranken nicht lange ohne ihm etwas herzstaͤrkendes oder nahrhaf- tes zu geben, liegen zu lassen. Er hatte Leute, die sich schon im hoffnungsvollsten Zustande befanden, unwi- derruflich sinken gesehen, wenn man sie um die Zeit der Krisis eine ganze Nacht, ohne ihnen etwas zu geben, zubringen ließ. Die Die Richtigkeit der Hippokratischen Lehren hat eine mehr als zweytausendjaͤhrige Erfahrung bestaͤt- tigt; der Grund davon liegt in den schon angefuͤhr- ten Grundsaͤtzen; sie sollen aber in der Zukunft noch deutlicher bestimmt und anschaulicher dargestellt wer- den. Von den Kraͤften in langwierigen Krankheiten. §. 49. In Ruͤcksicht der Natur und Entstehung der langwierigen Krankheiten hat Sydenham folgendes vorgetragen: die langwierigen Krankheiten, wenn sie nicht erblich sind, entstehen gewoͤhnlicher Weise davon, daß die Saͤfte des Koͤrpers nicht gehoͤrig durchgearbei- tet sind. Denn wenn die Lebenskraͤfte sehr geschwaͤcht, und entweder durch das Alter, oder durch starke und anhaltende Fehler in dem Gebrauche der sogenannten sechs nicht natuͤrlichen Dinge, vornehmlich aber durch Unordnungen und Ausschweifungen im Essen und Trin- ken gleichsam abgenutzt worden sind; oder wenn die absondernden Gefaͤße so geschwaͤcht worden sind, daß sie sich nicht laͤnger im Stande befinden, die ihnen ei- gentlich bestimmte Verrichtung zu vollbringen, und das Blut zu reinigen, und die uͤberfluͤssigen Theile aus demselben abzufuͤhren; so pflegt sich in allen diesen Faͤllen eine groͤßere Menge von Saͤften anzuhaͤufen, als durch die Kraͤfte der Natur verdauet und durch- gearbeitet werden kann. Diese Saͤfte aber erleiden durch ihren langen Aufenthalt in den Gefaͤßen ver- schie- schiedene Arten von Gaͤhrungen oder faulichte Ver- aͤnderungen, und es entsteht endlich eine besondere Art von Mischung, die nach der verschiedenen Beschaf- fenheit ihrer Verderbnisse auch verschiedene Arten von Krankheiten hervorzubringen pflegt. Diese auf eine verschiedene Art verdorbenen Saͤf- te werfen sich nach ihrer verschiedenen Natur auf den- jenigen besondern Theil ihres Koͤrpers, der sich am besten zu ihrer Aufnahme schickt, und bringen sodann nach und nach diejenigen zahlreichen Zufaͤlle hervor, die gewoͤhnlicher Weise theis von der Natur der ver- derbten Saͤfte, theils aber auch von den unregelmaͤßi- gen Bewegungen entstehen, welche in den leidenden Theilen hervorgebracht werden. Beyde eben gemelde- te Arten der Zufaͤlle aber bilden durch ihre Verbindung diejenigen unordentlichen Bewegungen und den unre- gelmaͤßigen Zustand der Natur, welchen man mit dem Namen einer Krankheit zu belegen pflegt, und die mit gewissen Zufaͤllen verknuͤpft ist, welche dieser beson- dern Art von Krankheit eigen sind. Dieses nun aber ist die Ursache, welche macht, daß, wenn alle uͤbrigen Umstaͤnde gleich sind, doch immer alte Leute dieser Klasse von Krankheiten mehr als junge Personen unterworfen zu seyn pflegen. De Podagra. Nro. 36. Er fuͤhrt noch den großen Nutzen des Reitens, der staͤrkenden hitzigen Pflanzen und den Schaden zu vieler Abfuͤhrungen in beynahe allen langwierigen Krankheiten als Beweise seiner Meinung an. So So wenig ich aber die hitzigen Krankheiten von Mangel der Lebenskraͤfte ableitete, eben so wenig fin- de ich dieses in Ruͤcksicht der langwierigen zu meiner Absicht noͤthig. Es giebt ohne Zweifel noch viele, vorzuͤglich von Außen wirkende Ursachen, wodurch die langwierigen Uebel erzeugt werden. Auch behaupte ich nicht, daß man bey ihrer Heilung die einzige Ab- sicht auf die Erweckung der Lebenskraͤfte haben muͤs- sen; sondern nur, daß diese die allgemeinste und wich- tigste Anzeige seye. Im Ganzen bleibt es allzeit wahr, daß in lang- wierigen Krankheiten die Lebenskraͤfte ohne Nachdruck, die Bemuͤhungen der Natur nur schwach sind, und der Kreislauf gehemmt ist; die festen Theile sind ent- weder erschlappt oder zu sehr gespannt, ausgetrocknet; die Fluͤssigkeiten haben wenig Feuertheilchen. In star- ken Leuten werden nicht gar zu maͤchtige Krankheits- ursachen durch Schweiß, Harn, Stuͤhle und andere Ausleerungen fortgeschaft; bey schwaͤchlichen hingegen ist die Wirkung und Gegenwirkung der koͤrperlichen Bestandtheile entweder unordentlich oder zu traͤge; es haͤufet sich nach und nach ein so ergiebiger Krankheits- stoff an, daß die Mischung der Saͤfte und die Be- schaffenheit der festen Theile auf eine Art veraͤndert werden, welche nur durch lange Zeit und vielfaͤltige Beschwerden wieder in den natuͤrlichen Zustand zuruͤck- gebracht werden kann. Die Kranken klagen bald uͤber Hitze, bald uͤber Frieren; bald sind sie trocken, bald wieder steht der Schweiß in Tropfen auf ih- nen nen; Heute koͤmmt ein Ausschlag hervor, der in ei- nigen Tagen wieder verschwindet; der Harn ist bald blaß, bald setzt er im Geschirre ab u. s. w. Die Versuche der Natur sind uͤberhaupt so unvollstaͤndig und kraftlos, daß sowohl ihre Absicht als ihr wirklicher Nutzen von nicht sehr scharfsinnigen Aerzten verkennet wird. Nach dem schlafsuͤchtigen epidemischen Fieber des Sydenham ereignete sich bey jenen, welche durch die Langwierigkeit der Krankheit und viele Ausleerun- gen sehr erschoͤpft, oder ohnehin von schwacher Lei- besbeschaffenheit waren, daß sie in der Nacht, sobald sie zu Bette lagen, haͤufig schwitzten. Die Natur leerte durch den Schweiß die Saͤfte aus, welche sie zu schwach war, in gleichmaͤssige Nahrung zu ver- wandlen, und so wurden einige sogar schwindsuͤchtig. Sydenham half ihnen mit Malagawein, den er Fruͤhe und Abends zu fuͤnf bis sechs Loͤffel voll trinken ließ. §. 50. Wie sehr die Bestrebungen der Natur durch ein verhaͤltnißmaͤssiges Kraͤftenmaaß unterstuͤtzt, durch des- sen Mangel aber unordentlich und fruchtlos gemacht werden, beweisen noch folgende Bemerkungen: Es wird jetzt durchgaͤngig angenommen, daß ein Fieber, besonders wenn es regelmaͤßige Anfaͤlle macht; wenn nach jedem Anfalle die Beschwerden leichter und ertraͤglicher werden; wenn die Kraͤfte des Kranken mehr zu als abnehmen; seine Eßlust, sein Schlaf besser, seine Gesichtsfarbe munterer und leb- haf- haster wird; wenn die bisher schwer und schlecht von statten gegangenen Verrichtungen seines Koͤrpers leich- ter und ordentlicher vor sich gehen; wenn uͤberhaupt sein ganzes Befinden sich bessert, und die Krankheit, womit er bisher behaftet, nach den wiederholten An- faͤllen des Wechselfiebers, taͤglich abnimmt, und er- traͤglicher wird, Vogls Handbuch d. p. Arz. 1 Th. daß ein solches Wechselfieber, oder auch ein mit nicht zu schweren Zufaͤllen begleitetes an- altendes oder nachlassendes Fieber eine sehr wohl- thaͤtige Wirkung der erhaltenden Naturkraͤfte des Menschen seye. Wir koͤnnen zwar jetzt den großen Wunsch eines Boerhaves erfuͤllen, das heißet, wir koͤnnen durch die Kunst solche heisamen Bewegungen hervorbringen; wir koͤnnen Fieber machen, und in Gemeinschaft mit der Natur Wunder wirken. — Aber worauf gruͤndet sich diese große herrliche Kunst? dar- auf, daß man die Eingeweide durch princkelnde, auf- loͤsende, reitzende von oben und unten beygebrachte Arz- neyen in Thaͤtigkeit versetzt; daß man mitlerweilen den beweglichen Unrath wegschaffet, dadurch den ge- hemmten Umlauf herstellet, die Nerven von einem laͤstigen, betaͤubenden Druck befreyet; daß man end- lich die anfangenden Regungen der Natur durch herz- staͤrkende bittere Dinge, selbst im Nothfalle durch Wein und kleine Gaben Kina unterstuͤtzt. Anfaͤng- lich aͤußert sich das im Entstehen begriffene Fieber durch allerley Unannehmlichkeiten; durch voruͤberge- hende Schauer und Hitze, Blaͤhungen, Mattigkei- ten, ten, Uebelbefinden, Aengstlichkeiten, unruhigen Schlaf, unordentliche Eßlust, krampfhafte Bewegungen, ver- druͤßige Laune; in dem gleichen Maaße aber, wie der erste Unrath weggeschafft und die Kraͤfte erweckt wer- den, werden die Fieberbewegungen deutlicher und heftiger; der Harn faͤngt an, gefaͤrbter zu werden, und eine Wolke gegen den Grund des Gefaͤßes zu sen- ken. Indessen sind dennoch die Anfaͤlle noch großen- theils krampfhafter Natur und unordentlich, es fol- gen sich die Zeitpunkte noch nicht in gehoͤriger Ord- nung; sie stehen in keinem gehoͤrigen Verhaͤltniße un- tereinander; einige fehlen vielleicht noch ganz; die er- folgenden Ausleerungen sind mangelhaft oder nicht ge- kocht; der Kranke hat keine guten Zwischenzeiten, fuͤhlet sich abgeschlagen, muͤrrisch; er duͤnkt sich kraͤn- ker zu werden. Hilft man jetzt aber den Kraͤften durch bittere, angenehme, staͤrkende Arzneyen, und leicht verdauliche Nahrung, durch Bewegung, Reitz ꝛc. auf; so werden die Anfaͤlle zwar staͤrker, aber kuͤrzer, regelmaͤßig, von nuͤtzlichen und erleichternden Auslee- rungen durch Schweiße, Harn und Stuͤhle begleitet; die Zwischenraͤume werden von aller Unpaͤßlichkeit be- freyet, ausgenommen jene, welche die Arzneyen ver- ursachen. Gerade umgekehrt verhaͤlt es sich bey demjeni- gen soporoͤsen nachlassenden Fieber, welches die Grei- se befaͤllt und gewoͤhnlich toͤdtlich ist. Wenn es als ein eintaͤgiges Fieber zur naͤmlichen Stunde erscheint, so ist die erstern vierzehn Tage der Anfall der glei- chen Tage allemal schwerer, wie es Bursery beob- achtet achtet hat. Aber nachher wird oͤfters der Anfall die ungleichen Tage gefaͤhrlicher, und endlich werden die Anfaͤlle unordentlich, unregelmaͤßig, die Nachlassun- gen sind nimmer deutlich, sondern gewoͤhnlich unmerk- lich. Und alles dieses aus eben den Gruͤnden, wa- rum im vorigen Falle das Wechselfieber endlich regel- maͤßig wird; naͤmlich, weil anfaͤnglich die Lebenskraͤf- te noch nicht so sehr, wie erst nach einiger Dauer der Krankheit zerruͤttet sind. Durch die gluͤckliche Mischung und kluge Aus- theilung einer aufloͤsenden, reizenden und staͤrkenden Heilart schaffen wir uns das groͤßte, und wirksamste Hilfsmittel der Natur herbey und heilen Uebel, wel- che immer einer unterdruͤckten, kraftlosen Natur oder blos ausleerenden Heilart widerstanden haͤtten. Die Vernachlaͤßigung dieser Maaßregeln ist die Ur- sache, warum die aufloͤsenden Mittel in langwierigen Ue- beln, die sonst ihrer Natur nach nicht unheilbar sind, oft so gefahrvolle, schlimme Wirkungen hervorbringen. Clerc , der diese Folgen beobachtet hat, wirft daher die Frage auf: Ob wir wohl, indem wir die Verstopfungen aufzuloͤsen suchen, dadurch nicht die ganze Leibesbeschaffenheit angreifen, verderben, und das ohnehin sieche Leben verkuͤrzen? — Wenn die Kranken nur immerzu auf- geloͤset und abgefuͤhret werden, so verfallen sie in alle Arten von Nerven zufaͤllen, in Wassersuchten und Ab- zehrungen. Daher bemerkt Bagliv , daß die vielen, verschiedenen, anhaltenden Arzneyen die Verdauung stoͤhren, und dadurch alle Tage ein neuer Zunder er- zeugt werde. Er raͤtht deßwegen, alle Arzneyen bey Seite Seite zu setzen, und sich blos an eine angemessene Lebensordnung zu halten, wodurch die Natur unter- stuͤtzt, und die Verdauung kraͤftig beguͤnstigt wird. Selbst Hippokrates hielt sich in langwierigen Krankheiten vorzuͤglich an die Lebensordnung, an Baͤder, Reiben u. d. gl. und an sehr wenige Mit- tel. Das Kluͤgste, was man in hartnaͤckigen unheil- bar scheinenden Uebeln thun kann, sagt Planchon , ist, daß man sie der Natur uͤberlasse; denn obschon sie in mancher Ruͤcksicht ganz traͤge zu seyn scheint, so ermannt sie sich doch manchmal, und erhaͤlt ein Geschoͤpf, welches wir mit fruchtlosen Heilmitteln, indem wir die Natur im Zaume gehalten hatten, wahr- scheinlich wuͤrden zu Grunde gerichtet haben. Dieses that er bey einem Lungensuͤchtigen, der schon weit in der zweyten Stufe vorgeruͤckt war, mit gluͤcklichem Erfolge. Der Kranke hatte schon uͤber zwey Jahre seifenartige, aufloͤsende Mittel ohne andern Nutzen gebraucht, als daß die Fortschritte des Uebels aufge- halten wurden. Er ließ ihn jezt blos eine angemes- sene Lebensordnung beobachten. Die Brust wurde nicht schlimmer, und die Gesundheit wurde in so weit hergestellet, daß ihn der Husten nur noch in der Fruͤ- he belaͤstigte, wobey er eine leimichte, eiterfoͤrmige Materie auswarf. Die Wetterveraͤnderungen verur- sachten ihm manchmal eine Engbruͤstigkeit; uͤbrigens aß er von allem, was ihm vorkam, ohne die gering- ste Ungelegenheit. Obschon er an Fleisch nicht zu- nahm, so befand sich doch der Kranke, als Plan- chon dieses schrieb, schon beynahe zwoͤlf Jahre in dem dem naͤmlichen Zustande. Er fuͤhrt noch das Beyspiel eines Wassersuͤchtigen an, der erst, nachdem er alle Arzneyen bey Seite gesetzt hatte, haͤufige Stuͤhle, Schweiße und haͤufigen Harn bekam, wodurch er in kurzer Zeit gesund wurde. Ein Fuͤrst lag lange an einem mit Kraftlosig- keit und Mangel an Eßlust verbundenen, gegen alle Arzneyen widerspenstigen schleichenden Fieber darnie- der. Er war an eine rauhe Kost gewoͤhnt; Brunner gab ihm Sauerkraut; der Genuß desselben und der- gleichen Speisen stellten die Eßlust und die Kraͤfte dergestalt wieder her, daß die Arzneyen die Genesung bewirken konnten. Kaͤmpf. — Kaͤmpf erlaubte mehreren Per- sonen, welche durch eine strenge Kindbetterinn Diaͤt nach einer uͤberstandenen Krankheit sich nicht erholen konnten, und zuvor an staͤrkere Nahrungsmittel ge- wohnt waren, Salat, Poͤckelfleisch Salzgurken und Haͤringe, worauf sich der waͤsserichte Mund mit den erweckten Verdauungskraͤften zusehends wieder einstell- te, und dann thaten die Arzneyen die beste Wirkung, und konnten oft ganz entbehret werden. Darinn liegt der Grund, warum mancher Kran- ke, den die Aerzte mit aͤufloͤsenden, erweichenden, er- schlappenden Getraͤnken und nebst immerwaͤhrenden Abfuͤhrungen mit einer zu sparsamen Nahrung erschoͤpft haben, und der endlich, der Aerzte und der Arzneyen uͤberdruͤßig, die wenigen hoffnungslosen Tage seines traurigen Lebens noch einigermassen zu genießen, sich entschließet, ohne Unterschied alles ißet und trinket, was was ihm schmeckt und was er verdauet — in kurzer Zeit zur Schande des Arztes, der ihn fuͤr unheilbar erklaͤrte, seine Gesundheit in eben dem Maaße wieder erhaͤlt, als er an Kraͤften zunimmt. Darinn liegt auch der Grund, warum Pfuscher, Marktschreyer, Juden, Bartscheerer, Moͤnche und alte Weiber nicht selten vermittelst einer nahrhaften Sulze, Suppe, u. d. gl. Kuren zu Stande bringen, welche die Buͤchsen der Apotheker umsonst erschoͤpft hatten. Van Swieten erzaͤhlt das Beyspiel eines vierzigjaͤhrigen Mannes, der in dem mittlern, innern und untern Theile des rechten Armes mit dem Degen verwundet wurde. Man hemmte den Blutfluß durch zusammenziehende Dinge und eine starke Unterbindung. Aber es kam ein anhaltendes, brennendes Fieber mit immerwaͤhrender Schlaflosigkeit hiezu. Der kalte Brand hatte in kurzer Zeit alles bis auf den Ellenbo- gen zerstoͤhrt, ja es war schon der inwendige Theil des Armes bis zur Schulter hinauf brandig, und selbst das Armbein lag, vier Zolle von der Schulter, ent- bloͤßet da, weil alles Fleisch verfaulet war. Das Fieber begleiteten Bangigkeiten, die Wangen waren bleyfaͤrbig, der Puls schwach und wankend, die Wund- aͤrzte getraueten sich nicht mehr, den Arm abzunehmen. Indessen koͤmmt ein altes Weib; reibet den Arm mit einer Salbe, bindet ihn ein; giebt dem Kranken recht nahrhafte Speisen und den besten Wein. Schon nach vier und zwanzig Stunden fieng das Abgestorbene von dem Lebenden sich zu trennen an; das Weib setzte ihre Heilart fort, und das Uebel besserte sich alle Ta- ge, ge, indem sich die verdorbenen Theile immer mehr lostrennten. Da aber vom Ellenbogen bis zu den Fingerspitzen alles zerstoͤhrt war, und einen garstigen Gestank von sich gab, so wollten die Wundaͤrzte die- ses zerstoͤhrte Zeug wegnehmen, weil es ohnehin kaum noch mit den andern Theilen zusammen hieng. Allein das Weib ließ es nicht zu, und vertraute einzig auf ihre Salbe. Nach sechs Wochen fiel der ganze El- lenbogen vom Schulterknochen ab. Nun bedeckte sie auch diesen entbloͤßten Theil mit ihrer Salbe, und zwar mit so gutem Erfolge, daß er nach einem Mona- te vom gesunden abfiel, und die ganze Wunde inner- halb vier Monaten vernarbet war. Swieten laͤßt mit Recht die Ehre dieser großen Kur nicht der Sal- be; und beweißt dieses durch ein anderes Beyspiel, wo in einem aͤhnlichen Falle der Verband ganz trocken gemacht wurde, woraus er also folgert, daß alles dieses die durch den Wein und die gute Nahrung ge- staͤrkte Natur geleistet habe. §. 51. Was lernen wir aus allen diesen Beyspielen? Etwan, daß man dergleichen Uebel der Natur uͤber- lassen solle? Ich glaube, Nein. Sondern wir ler- nen das Beduͤrfniß der Natur kennen; wir sehen den Weeg, auf welchem sie zu ihrem Ziel gelanget, und den folglich auch wir betreten muͤssen, wenn unsere Bemuͤhungen gluͤcklich seyn sollen. Dem zu Folge werden wir jedesmal die Heilart, welche eine lang- wierige Krankheit fodert, mit guter Nahrung und Gall I. Band D d staͤrken- staͤrkenden Arzneyen unterstuͤtzen, und nicht nur den uͤblen Wirkungen der Aufloͤsungen und Ausleerungen entgehen, sondern auch weit eher und vollstaͤndiger heilen, als je die Natur, sich selbst uͤberlassen, geheilt haͤtte. Dieses Bewandtniß hatte es bey Kämpf mit einem alten, kraftlosen Manne, der von einem hart- naͤckigen, faulen, schleimichten, schwaͤchenden Bauch- fluße, von Ueblichkeit, nagender Empfindung im Ma- gen, Koliken, Kraͤmpfen, Betaͤubung und andern Beschwerden, welche die Wuͤrmer erregen, geplagt war. Er wollte auch wirklich die Spuren davon im Abgang gesehen haben, und beschrieb sie, wie Stuͤcke von Nudeln. Es waren aber so gebildete Stuͤcke Schleim. Denn, als Kämpf seine bekannte Me- thode mit dem Unterschied einschlug, daß er staͤrkende Mittel, die China und endlich das Eisenwasser zu Wilhelmsbad und Aufschlaͤge aus Lohstaub uͤber den Bauch zugleich anwendete, so vermehrte sich zwar der Bauchfluß ansehnlich, aber es zeigten sich nicht die geringsten Spuren von Wuͤrmern dabey, wohl aber ein garstiger, vielfaͤrbiger, zaͤher Schlamm, dessen haͤu- figer Auswurf, statt mehr zu schwaͤchen, Kraͤfte und Gesundheit veranlaßte. Bey dem dreyßigjaͤhrigen robusten Dorfprediger waͤren die staͤrkenden Mittel uͤberfluͤssig gewesen. Kap. 3. Wenn ich die Verstopfungen der Hals- und Gekroͤsdruͤsen bey Kindern mit seifenartigen Mitteln, mit der Faͤrberroͤthe und dem Schierling behandle, so be- wirke wirke ich in acht, hoͤchstens vierzehn Tagen so viel, daß ich anfaͤnglich in kurzer Zeit die vollstaͤndige Hei- lung erwartete; allein ich fand meine Hoffnung oͤfters getaͤuscht, indem ich diese entweder nie zu Stand brachte, oder aber baldige Ruͤckfaͤlle erfahren muste- Seitdem ich aber die vorigen Arzneyen, nachdem sie die erste gute Wirkung gethan haben, alsogleich mit der Rinde, mit Eisen, Eisenvitriol u. d. gl. versetze, habe ich viele, dem Anschein nach unmoͤgliche, schnel- le und standhafte Kuren bewirkt. §. 52. Um einzusehen, warum die eigenmaͤchtigen Ku- ren in langwierigen Krankheiten der Natur nur selten gluͤcken koͤnnen, darf man nur die Zufaͤlle beherzigen, welche sich gewoͤhnlich dergleichen Krankheiten in einem oder dem andern Zeitpunkte beygesellen. Es aͤußern sich alle Zeichen eines schlechten Ma- gens und einer verdorbenen Verdauung, Eckel, Dru- cken, Sodbrennen, stinkendes, saures, scharfes Auf- stoßen, unordentliche, bald unersaͤttliche, bald ganz mangelnde Eßlust; Muͤdigkeit in allen Gliedern; kleiner, geschwinder, langsamer, krampfhafter, sehr abwechselnder Aderschlag; roher, waͤsserichter, haͤu- figer, sparsamer, sehr gefaͤrbter, truͤber, mit dickem, ziegelmehlaͤhnlichem Bodensatz versehner, mit Zwang abgehender oder ganz zuruͤckgehaltener Harn; amei- senartiges Kribbeln nach der Laͤnge des Ruͤckgrades und der Lenden; beschwerliches kurzes, geschwindes, beym Steigen, und endlich selbst beym geradeaus Lie- D d 2 gen gen muͤhsames Athmen; Verdruͤßigkeit, Traurigkeit, Stumpfheit oder uͤberspannte Reitzbarkeit der Sinne, Magerwerden und teigartiges Anschwellen der Fuͤße und des ganzen Leibes; waͤsserichte Ergießungen in die Hoͤlen des Koͤrpers mit ihren Zufaͤllen; Uebelkeiten Ohnmachten, Erbrechen, erschoͤpfende Bauchfluͤße; blaße Gesichtsfarbe. Kaͤlte in den Fuͤßen, Haͤnden und dem ganzen Koͤrper; matte in der Fruͤhe und un- ter den Augenliedern aufgedunsene Augen, Kopfschmer- zen, Schwindel, Neigung zum Schlaf und zur Ru- he; Unruhe in den Fuͤßen, welche gegen Abend an- laufen; Ermuͤdung auf die geringste Bewegung; Herz- klopfen, Bedruͤckung, Schwere des Kopfes, stumpfer, schlaͤfriger Geist; immerwaͤhrende Bangigkeiten; bla- ße Lippen, bleyfaͤrbiges, gruͤngelbes Gesicht; allge- meine Hinfaͤlligkeit u. s. w. Man bedenke die Zufaͤlle der Wassersuchten, der Schwindsuchten, Abzehrungen, der Hysterie, Hypochondrie, der verstopften Eingeweide, des Schar- bocks, des allgemeinen Verderbnisses des Koͤrpers ( cachexia ) der Ohnmachten, des Scheintodes, der Nervenschwaͤche u. s. w. Und dann urtheile man, ob die in so tiefe Ohnmacht versenkte Natur so leicht die Oberhand gewinnen koͤnne, daß man sie, ohne Vor- wurf einer strafbaren Unthaͤtigkeit, sich selbst uͤberlassen kann. §. 53. Dem ohngeachtet giebt es einige Faͤlle, wo die Natur noch vortrefflich wirksam ist. So entsteht nicht sel- selten ein Wechselfieber, ein krampfhafter sehr erschuͤt- ternder und in veraltete Verstopfungen maͤchtig wirkender Anfall. Man erinnere sich der eigenmaͤchtigen Kuren der Natur, welche ich im Anfange dieses Kapitels ange- fuͤhrt habe. Die Natur vernachlaͤßiget nichts, um den Fluͤssen, den Schlagfluͤssen, den einseitigen Laͤh- mungen, den Zuckungen von kalter zaͤher Materie durch fieberhafte Bewegungen abzuhelfen. Sie heilt Wassersuchten, Hypochondrie, Hysterie, Melancholie u. d. gl. durch Blutspeyen, Erbrechen, Bauchfluͤsse, Ausschlaͤge, haͤufigen Harnabgang, Goldaderfluß, Speichelfluß u. s. w. Wie auch in langwierigen Krank- heiten Entscheidungen statt haben, und jedesmal da- rauf Ruͤcksicht genommen werden muͤsse, werde ich an- derstwo darthun. In der Gicht veranstaltet sie regel- maͤßige Fieberbewegungen, wodurch die erzeugte Gicht- materie abgeschieden, nach den aͤußersten Theilen ab- gesetzt, veraͤndert, theils durch einen oͤrtlichen Schweiß gleich fortgeschaft, theils wieder eingesogen, vollkom- men zur Ausleerung vorbereitet, und endlich ausgeleeret wird. Aber je laͤnger diese Uebel angehalten haben, je mehr sie durch eine schwaͤchende Heilart behandelt werden, je schwaͤchere, aͤltere Koͤrper sie befallen, desto mehr wird die Ohnmacht der Natur offenbar. Bey Personen von einer starken Leibesbeschaffenheit, sagt Sydenham , und solchen, welche die Gicht nur selten bekommen, dauert der ganze Anfall nur vier- zehn Tage. Allein bey alten Leuten, oder solchen, bey denen dergleichen Anfall oͤfters wiederkoͤmmt, haͤlt derselbe wohl zwey Monate an; ja bey Patienten, die durch durch das Alter oder die lange Dauer der Krankheit sehr geschwaͤcht worden sind, verliert sich dieselbe voͤl- lig nicht ehe, als bis es schon weit im Sommer ist, der die Gicht hernach vertreibt. — — Es ist in der Gicht ein starker aͤußerlicher Schmerz, das zwar un- angenehme, aber doch hinlaͤngliche Heilmittel, von dem die Natur Gebrauch macht; und je heftiger die- ser Schmerz ist, desto eher endigt sich auch der Anfall, und desto laͤnger und vollkommener ist die darauf fol- gende Intermission, und so wieder im Gegentheil. Grant Beob. uͤ. d. chron. Krank. Sind aber einmal die Kraͤfte durch das Alter, durch die langwierigen Leiden, durch Aderlassen, Brech- und Purgiermittel, welche ohne besondere Anzeige nie ge- braucht werden sollen, durch unordentliche Lebensord- nung u. s. w. geschwaͤcht, so werden die Gichtanfaͤlle weniger schmerzhaft. Es entsteht aber ein allgemeines Uebelbefinden mit Bauchschmerzen, mit einer von frey- en Stuͤcken erfolgenden Muͤdigkeit und zuweilen auch mit Neigung zum Durchfall. So lange diese Zufaͤl- le stark sind, lindern sie die Schmerzen der Glie- der, die wieder kommen, wenn jene verschwinden; und so werden die ganzen Anfaͤlle durch die Abwechs- lung von Schmerz und ein gewisses allgemeines Uebel- befinden sehr verlaͤngert. Die Schmerzen sind bey weitem nicht mehr so heftig, und der Kranke stirbt endlich mehr an diesem allgemeinen Uebelbefinden, als vor Schmerzen. Vorzuͤglich aber im hohem Alter pflegt die Gicht die aͤußern Glieder zu verlassen, und mehr den Rumpf und die Eingeweide zu befallen, welche welche jezt ganz schwach und traͤg geworden sind. Hier kann nichts Hilfe schaffen, als die Entstehung der Gicht, durch bittere, herzstaͤrkende Mittel, eisenhal- tige Mineralwaͤsser, einen mit weißen Wein bereite- ten Aufguß von der Fieberrinde und durch die hitzigen Opiaten zu befoͤrdern zu suchen; alle diese Mittel aber hat Grant bey starken Personen nie noͤthig gefunden. Eben so verhielt sichs mit jenen Wechselfiebern welche Sydenham vom Jahr 1661. beschrieben hat. Wenn diese alte, cachektische, durch Aderlassen oder andere Ausleerungen geschwaͤchte Personen befielen, so dauerten sie zwey bis drey Monate. §. 54. Ferner ist es eine bekannte Thatsache, daß den erblichen Krankheiten auf keine Weise wirksamer vor- gebaut wird, als daß man solchen Leuten von Mut- terleibe an eine starke, abgehaͤrtete Leibesbeschaffenheit und so viel moͤglich koͤrperliche Kraft zu verschaffen sucht. Dadurch erreicht man oft, daß der angeerb- te Zunder in dem starken Sohne erstickt bleibt, ob- schon er im schwaͤchern Enkel wieder aufglimmt, wo- von Van Swieten Beyspiele anfuͤhrt. T. III. §. 1075. Nro 1. Freylich ist dieses nicht die einzige Ursache dieser Erscheinung. Einer der buͤndigsten Beweise endlich, daß die Wirksamkeit der Natur in langwierigen Krankheiten mit dem Kraͤftenmaße in gleichem Verhaͤltniße stehe, und daß meine angegebene Heilanzeige die allgemeinste seyn seyn muͤsse, ist die ausgemachte, und oben zum Theil bewiesene Thatsache, daß die ehemaligen hitzigen Krankheiten, in welchen die Natur mehr aus Ueber- maß als Mangel schaͤdlich wird, durch unsere Sitten und Lebensart u. s. w. immer mehr und mehr in min- der hitzige, in langwierige, in schleichende ausarten, welche zwar die Menschen nicht, wie der Sturm den Eichbaum gewaltsam zerstoͤhren, aber desto heimtuͤckischer und gewißer durch ein siechendes Leben langsam zum Grabe fuͤhren. So koͤnnen wir annehmen, daß der groͤßte Theil unserer langwierigen Uebel nichts anders sind, als verstuͤmmelte Uebergaͤnge aus den hitzigen; nichts anders, als der Tausch einer ohnmaͤchtigen, ge- laͤhmten Lebenskraft gegen eine hoͤchst thaͤtige und kraft- volle. Daher giebt Barker den unschaͤtzbaren Rath, den langwierigen Rheumatismus eben so zu heilen, wie die Natur den hitzigen heilet; und wenn ich hof- fen darf, mit Aufmerksamkeit gelesen worden zu seyn, so hoffe ich auch, der Leser werde durch das bisheri- ge uͤberzeugt worden seyn, daß man dieses in allen langwierigen Krankheiten, welche eine aͤhnliche Ent- stehung gemein haben, befolgen muͤße. Folgerungssatz. §. 55. Schwaͤchliche Leute also sind mehrern und schlim- mern Krankheiten unterworfen; die Entwicklung selbst wird bey zu fruͤher Verschwendung der Kraͤfte unvollstaͤndig; die hitzigen Krankheiten arten bey Schwaͤch- Schwaͤchlichen und Erschoͤpften aus, werden in ihrem Verlaufe unordentlich, machen nur theilweise, oder gar keine Entscheidungen, und sind uͤberhaupt weit gefaͤhrlicher; Krankheiten, welche die Kraͤfte bey ih- rem Anfalle gleich niederschlagen, sind von jeher fuͤr die schlimmsten gehalten worden. Eben so werden die sonst gutartigsten Krankheiten, so bald der Arzt die Kraͤfte zu tief herabsetzet, in ihrem Verlauf, und in ihren Entscheidungen gestoͤhrt, und nehmen seltsa- me, schreckbare Gestalten an; sie ziehen sich in die Laͤnge, hinterlassen langwierige, unheilbare Folgen; da sie sich hingegen bey guten Kraͤften weit fruͤher und vollstaͤndig entscheiden, und nicht selten eine bessere Gesundheit zur Folge haben. — Die Wiedergenesung leistet nur bey gehoͤrig geschonten Kraͤften jene guten Wirkungen, wovon die vollstaͤndige Genesung abhaͤngt, und diese erreicht der Kranke um so viel geschwinder, je weniger der Arzt oder das Uebel die Lebenskraͤfte angegriffen haben; die Ueberbleibsel und die Folgen der Entkraͤftung werden in eben dem Verhaͤltniß ge- heilet, in welchem die Kraͤfte erstattet werden. — Erhaltung und Erstattung der Kraͤfte sind die zuver- laͤßigste Gegenwehr gegen die Ruͤckfaͤlle, und diese sind nur um der mangelhaften Kraͤfte willen so be- denklich. — Schwaͤchlichkeit ist ebenfalls die ergiebig- ste Quelle der langwierigen Krankheiten; die Absich- ten und Bestrebungen der Natur in denselben werden zweydeutig, unordentlich und fruchtlos; durch Unter- stuͤtzung hingegen der Kraͤfte deutlich, ordentlich und heilsam gemacht; selbst, wo die Natur sich selbst uͤber- las- lassen ist, kann sie nur dann etwas bewirken, wenn die Lebenskraͤfte auf irgend eine Weise erweckt wor- den sind. — Geschieht dieses nicht, so dauert das Uebel immer fort, und richtet von Tage zu Tage groͤ- ßere Zerruͤttungen an. — Die Erhaltung und Erstat- tung der Kraͤfte wurden zu allen Zeiten von den groͤ- ßten Aerzten fuͤr die wichtigste und erste Heilanzeige ge- halten. — — Wie koͤnnte man also noch der Fol- gerung widerstehen, daß die verhaͤltnißmaͤßigen Kräfte eines der ersten und wichtigsten Erforder- nisse zur Wirksamkeit der Natur sind ? — Von der Schaͤtzung der Kraͤfte. §. 56. Aber nun entstehen die großen, wichtigen Fra- gen: Wie kann man zu einer richtigen Schaͤtzung der Kraͤfte gelangen? Wann sind sie uͤbermaͤßig, — wann mangelhaft, — und wann halten sie mit der Krank- heit das erfoderliche Gleichgewicht? Die Eroͤrterung dieser Fragen ist bey weitem nicht so leicht, als man anfaͤnglich glaubt; und den- noch haͤngt alles, was aus den obigen Bemerkungen fließet, davon ab. Ich bedaure daher um so viel mehr daß ich noch nicht im Stande bin, mir und meinen Lesern in dieser wichtigen Sache Genuͤge zu leisten. Vielleicht muntert das, was ich sagen werde, scharf- sinnigere oder erfahrnere Maͤnner auf. — Vielleicht auch werde ich einstens ergaͤnzen koͤnnen, was ich jetzt nur stuͤckweise vortrage. Ehe- Ehemals glaubte ich, man koͤnnte die Stufen der Entkraͤftung bestimmen, wenn man annaͤhme, daß die verschiedenen Verrichtungen der verschiedenen Werk- zeuge zu ihrer Vollkommenheit einen verschiedenen Grad von Kraft erfordern — und alsdann die Entkraͤftung aufs hoͤchste gestiegen waͤre, wenn diejenigen Verrich- tungen, wozu die geringste Kraft erfordert wird, aus Kraftlosigkeit verletzt oder gar gehemmt sind. So hielt ich es mit Insenflam Prakt. Bemerk. uͤber die Muskeln. fuͤr ein Zeichen der groͤsten Entkraͤftung, wenn einem Kranken die Fluͤßig- keiten wieder aus dem Munde laufen, und er schwere Anstalten macht, die Zunge vorzuzeigen. Zuverlaͤßig ist der Kranke, der die Muskeln der Backen, des Mundes, der Zunge, des Schlundes nimmer in or- dentliche und willkuͤhrliche Bewegung versetzen kann, viel schwaͤcher, als derjenige, welchem der Kopf, der Rumpf, die Arme zu schwer geworden sind, der nim- mer auf der Seite liegen, oder sich in keiner geraden Richtung mehr erhalten kann. In manchen Faͤllen ist dieser Maaßstab richtig, und es waͤre zu wuͤnschen, daß die Aerzte jedesmal das aus Kraftlosigkeit ent- standene Unvermoͤgen genauer anzeigten, statt der un- bestimmten, schwankenden Ausdruͤcke: Der Kranke war sehr, oder aͤußerst schwach. — Aber wir koͤnnen nicht uͤberall einen fuͤr die Heilkunde nuͤtzlichen Gebrauch davon machen, und es kann uns bey diesem Verfah- ren ein Kranker in den Armen sterben, denn wir noch bey weitem nicht fuͤr sehr entkraͤftet gehalten haͤtten. §. 57. §. 57. Zeichen der Kraftlosigkeit- Ich habe oben schon §. 23. die Zeichen angege- ben, woraus man auf das Unvermoͤgen der Natur schließen kann. Da sie aber einen verschiedenen Zu- stand des Unvermoͤgens anzeigen, so will ich hier vor- zuͤglich diejenigen zusammen stellen, welche die eigent- liche Kraftlosigkeit, den Verfall der Lebenskraͤfte zu erkennen geben. Die wichtigsten von diesen sind: Schwere des Kopfes, Schwindel, große Geneigt- heit zu Ohnmachten, wirkliche Ohnmachten, welche entweder ohne Veranlassung, oder auf die geringste Bewegung des Koͤrpers erfolgen; Mangel an Em- pfindung sowohl des gegenwaͤrtigen Zustandes als der etwannigen Schmerzen; Stumpfheit aller Sinne; Sorglosigkeit, Gleichguͤltigkeit uͤber alles sowohl, was dem Kranken sonst angelegen war, als uͤber die wirkliche Gefahr, ja sogar uͤber die noͤthigen Beduͤrf- nisse; Vergessenheit; Verwirrung, stilles Faseln; voll- kommner Mangel des Bewustseyns; Schlaͤfrigkeit; anhaltendes, ruhiges Irreseyn; Schlaflosigkeit; leb- lose, eingefallene, starre, schmutzige, staubigte, ganz trockne oder triefende, glanzlose, verdrehte, truͤbe, matte, geschloßne, halbgeschlossene, ungleich geoͤffne- te, schmachtende Augen; verstelltes, zusammen gefal- lenes, schmutziges, blaßes Gesicht mit offnem Mun- de, hangenden, entbloͤßten oder schwarzen Lippen, ausgedehnten schwarzen Nasenloͤchern, gerunzelter Stirne; ganz trockne, oder mit braunem und schwar- zem zem Schmutz uͤberzogene Zaͤhne, die die Lippen nicht mehr bedecken koͤnnen; gebrochne, schwache, dumpfich- te Stimme; vertrocknete, gespaltene, unbewegliche, schwarzbraune, sproͤde, schrundige Zunge; Unvermoͤ- gen zu schluͤcken; immerwaͤhrendes, tiefes Seufzen; innere Bangigkeiten; muͤtzsamer, kleiner, langsamer, seltner, oder kleiner und sehr geschwinder, kalter Athem; bemerkt man ihn nicht einmal, so ist er der schlimmste, und wird auch der kalte Athem genannt, weil er oͤfters kurz vor dem Tode zu erscheinen pflegt; blasser, gefaͤrbter aber dennoch vollkommen geschmack- loser Harn, wobey Boerhave den nahen Tod erwar- tete; stinkende Ausleerungen aller Art; je unertraͤg- licher der Gestank ist, desto groͤßer ist die Gefahr; und dennoch laͤßt man sich durch eben diesen entsetzlichen Gestank zu fernern und geradezu moͤrderischen Auslee- rungen verfuͤhren! matter, oft aͤußerst geschwinder, kleiner, unregelmaͤßiger, aussetzender, manchmal ei- nige Zeit ganz ausbleibender, zitternder Puls; kalte, klebrichte, ungleiche, schmelzende, theilweise Schwei- ße; ein ungemein heftiger Schweiß am Ende hitziger Fieber ist oft ein Zeichen des Todes, weil er dann ein Zeichen der aͤußersten Schwachheit ist, und meh- rentheils in den kalten und letzten Schweiß uͤbergeht. Daher ist auch ein wirklich kritischer Schweiß, wenn er allzu heftig ist, gefaͤhrlich, weil er die noͤthige Kraͤfte erschoͤpft, und die Krankheit in die Laͤnge zieht. Auch in auszehrenden Fiebern sind heftige Schweiße Zeichen einer großen Schwachheit. Trockenheit der Haut; die Ausschlaͤge kommen nicht hervor; bleiben tief tief unter der Haut liegen, sinken ein oder treten ganz zu- ruͤck; die vorhandenen Geschwuͤre, oder andere ge- reizte Stellen troͤcknen ein, werden blaß: Blasenpfla- ster und andere reizende Mittel greifen entweder nicht an, oder erregen nur eine schwache Empfindung; Ge- fuͤhllosigkeit; brandige Flecken; Blutstriemen; Blut- fluͤsse; Zittern einzelner Glieder oder des ganzen Koͤr- pers, welches die aͤußerste Entkraͤftung anzeigt, und daher immer von der schlimmsten Bedeutung ist; Un- vermoͤgen, die Glieder zu bewegen; der Kranke liegt auf den Ruͤcken mit ausgesperrten Beinen, wegge- worfenen Armen; schurrt zu den Fuͤßen herunter; die Gliedmassen und die Haut, die Brust, der Kopf sind kalt; gewiße Arten von Zuckungen zeigen oft den hoͤchsten Grad von Entkraͤftung an. Wenn in hitzi- gen Fiebern die Kranken oͤfters nach der Nase greifen, und doch kein Blutfluß erfolgt, so zeigt dieses die Ohnmacht der Natur an; es muͤste denn die Anschop- pung so groß seyn, daß alle Bewegungen gehemmt, und folglich alle Entleerung gehindert wird; vorge- gangene, fruchtlose, theilweise Entscheidungen, oͤftere Ruͤckfaͤlle ohne offenbare Veranlassung; u. s. w. Alle diese Zeichen haben ihren unleugbaren Werth, und sie sind bald einzeln, bald nur in Ver- bindung mit mehrern von groͤßerer oder geringerer Be- deutung. Man muß aber immer dabey auf die be- sondern Umstaͤnde des Kranken Ruͤcksicht nehmen. So hat bey fetten Leuten ein kleiner, schwacher Puls nichts zu bedeuten; bey einigen pflegt der Puls im gesunden Tagen auszusetzen, und dann ist es eben so schlimm, schlimm, wenn er bey diesen regelmaͤßig, als wenn er bey andern unregelmaͤßig und aussetzend wird. In Ruͤcksicht der Mattigkeit nehmen die Kranken auch ei- nen großen Unterschied wahr; einige klagen zwar uͤber Mattigkeit der Glieder; dennoch bewegen sie sich ganz frey; andere liegen niedergeschlagen, traurig da, verlangen Ruhe, und bewegen sich mit vieler Beschwer- de; indeßen richten sie sich noch auf, und gehen noch manchmal ohne Unterstuͤtzung; andere liegen immer- waͤhrend auf dem Ruͤcken, sie koͤnnen weder den Kopf noch die Glieder bewegen, das Maul nicht geschlos- sen halten, noch reden; sie schurren zu den Fuͤssen herab, und legt man sie auf die Seite, so faͤllt der Koͤrper wieder durch seine eigne Schwere auf dem Ruͤcken. Viele sind gewohnt mit halbgeschloßnen Au- gen zu schlafen; oder sie liegen gewoͤhnlich auf dem Ruͤcken mit offenem Munde, weßwegen die Zunge, die Lippen und der Hals, ohne das geringste zu bedeu- ten, sehr trocken und mißfaͤrbig seyn koͤnnen. Die Winde und andere Ausleerungen gallichter Leute stin- ken immer mehr, als jene der schleimichten; bey Grei- sen verliert oft der Puls bis zum letzten Athem seine Haͤrte nicht u. s. w. Von allen diesen zufaͤlligen Un- terschieden werde ich im 3ten Kapitel umstaͤndlich han- deln. Nur dieses muß ich noch anmerken, daß diese Zeichen eben so wie die obigen vom allgemeinen Un- vermoͤgen selten geschickt sind, den Arzt auf eine be- stimmte Vorherkuͤndigung, oder auf eine bestimmte sichere Heilart zu fuͤhren. Folgende Bemerkungen wer- werden wahrscheinlich einen weit bestimmtern, prak- tischern Nutzen haben. §. 58. Die Besonderheiten, welche dem Alter, dem Geschlechte, dem Temperamente und der Gewohnheit eigen sind, ausgenommen, kann man annehmen, daß einer jeden Gattung von Krankheit ein gewisses, eignes Ziel von Kraftlosigkeit gesetzt seye, welches gewoͤhnlich vor dem Tode hergeht, und wobey ent- weder alles Bestreben der Natur allein, oder auch alle Bemuͤhungen der Kunst fruchtlos bleiben. Wenn man also von diesem, der gegenwaͤrtigen Krankheit eignen Verfall der Kraͤfte, als der in diesem Falle hoͤchst moͤglichen Stufe der Entkraͤftung ausgienge — und wieder bis zu jenem Grad, welcher zur erforder- lichen Wirksamkeit der Natur, zur Wirkung der Heil- mittel, zur Zertheilung, Veraͤhnlichung, Kochung und Ausleerung des Krankheitsstoffes noͤthig ist; wodurch endlich die verhaͤltnißmaͤßige Gesundheit wie- der vollkommen hergestellt wird, aufwaͤrts schritte; so glaube ich, haͤtte man gewisse Standpunkte, um das Uebermaaß, und den Mangel der Kraͤfte anzu- geben. Je mehr der erforderliche Grad uͤberstiegen wuͤrde, desto uͤbermaͤßiger waͤren sie, und desto mehr Recht haͤtte der Arzt, sie zu vermindern; je mehr sie hingegen unter denselben herabgesunken waͤren, desto mangelhafter waͤren sie, und der Arzt wuͤrde desto mehr zur werkthaͤtigen Unterstuͤtzung aufgefodert. Den gehoͤrigen Standpunkt aber wuͤrde er auf keine Weise zu zu verruͤcken suchen. Wenn ich, z. B., mit der Na- tur der Entzuͤndungskrankheiten gut bekannt bin, so kann ich bey diesem oder jenem Kranken ungefaͤhr sa- gen, was fuͤr ein Grad von Fieber erforderlich seye, um eine gluͤckliche Zertheilung und Entscheidung zu bewirken. Bey einem gesunden dreyßigjaͤhrigen Man- ne von mittlerer Leibesstaͤrke sind ein maͤßiges Kopf- weh, ein etwas lebhafteres Gesicht, glaͤnzende Augen, etwas trockner Mund, feuchte, weißschleimige Zunge, maͤßiger Durst, nur geringe Verminderung der natuͤr- lichen Ausleerungen durch Stuhl und Harn, eine maͤs- sig vermehrte Waͤrme der Haut mit ebenfalls maͤßi- ger Troͤckne, ein Puls, der in einer Minute etwa fuͤnf und siebenzigmal schlaͤgt, da er im gesunden Zu- stande sechzig bis fuͤnf und sechzig Schlaͤge thut, der nur um die Haͤlfte mehr dem Druck des Fingers wi- dersteht, u. s. w. gerade das aͤchte Maaß der Be- wegungen, wodurch der Stoff des entzuͤndlichen Fie- bers weder zu stuͤrmisch noch zu traͤge verarbeitet, verkocht und ausgeleeret wird. — Es waͤre also Un- sinn, wenn man diesen Grad erhoͤhen oder vermindern wollte. Aber was druͤber und drunter ist, soll der Arzt mit Klugheit bald durch beruhigende und auslee- rende Mittel, durch Lebensordnung, bald durch rei- zende, naͤhrende u. s. w. auf die gehoͤrige Stufe zu- ruͤckfuͤhren. — — Da wird nun freylich mehr erfo- dert, als die bloße Namenskenntniß der Zufaͤlle und der Heilmittel. Es wird erfordert, daß der Arzt den Gang einer jeden Krankheit etwan so genau kenne, als wir ihn bey der Gicht und den Blattern zu ken- Gall I. Band E e nen nen glauben; daß er wiße, was die Natur in jeder Stufe der Krankheit unter allen Umstaͤnden vermag — Freylich wuͤrde der, der dieses leistete, den wich- sten Maͤngeln der Heilkunde abhelfen. §. 59. Aber die Leibesbeschaffenheit des Kranken, der angegriffene Theil, und jede wesentlich verschiedene Krankheit haben ihre Eigenheiten. In Faulfiebern z. B. ist die Schwaͤche nicht eher auf ihrer hoͤchsten Stu- fe, als bis der Kranke nimmer auf der Seite liegen kann, zu den Fuͤßen herabschurrt; bis die Sinne stumpf sind, das Getraͤnke aus dem Munde fließet, und der Schlund gelaͤhmt zu seyn scheint. In der Lungen- schwindsucht hingegen essen, trinken, sprechen, ste- hen und gehen die Kranken manchmal noch einige Au- genblicke vor dem Tode; die Stimme verliert sich nicht allemal; ausser einer besondern Vergessenheit und einem ganz leichten Irreseyn, welche kurz vor dem Tode zuweilen anwandeln, bleiben die Verrichtungen der Sinne und der Denkkraft zum Erstaunen stand- haft. — Aderlassen verursachen manchen eine solche Entkraͤftung, daß Ohnmachten und Zuckungen entste- hen; andern wiederfaͤhrt dieses auf starke Leibesoͤff- nungen, auf Klystiren, auf Samenergießungen. Eben so wird in den verschiedenen Arten des Scharbockes die Bloͤdigkeit endlich so groß, daß der Kranke bey dem geringsten Anlaße, bey der unbetraͤchtlichsten Be- wegung, ja zuweilen bey dem bloßen Aufrechtsitzen in toͤdtliche Ohnmachten versinkt. In allen diesen Faͤllen koͤmmt koͤmmt man der Gefahr vor, wenn man den Kranken eiligst in eine horizontale Lage bringt, was in andern Krankheiten zwar etwas helfen, aber dennoch nichts wesentliches leisten wuͤrde. — Die Entzuͤndungskrank- heiten machen gewoͤhnlich in ihrer ersten Periode die Lebensbewegungen lebhafter. Die Entzuͤndung des Gehirns aber, und ein davon entstandenes Geschwuͤr machen ehe die Sinne stumpf, die Verrichtungen matt und traͤg, Betaͤubung, schwachen und langsamen Puls. Morgagni de caus. \& sed. morb. Epist. VII. Nro 8. Item Schrœder de viribus naturæ min. Es giebt gewisse Gattungen Faul- und Nervenfieber, welche von großer Entkraͤftung beglei- tet werden, obschon sie kein Zeichen einer Verderbniß aͤußern; andere, wo die Zeichen in hohem Grade zu- gegen sind, obschon die Kraͤfte in aller Ruͤcksicht bey- nahe ganz unverletzt sind. Schröder sah Kinder, die lange an Wuͤrmern litten, Petechien bekamen, und doch herumliefen. In dem Eiterungsfieber der Blattern wo der Eiter oft ganz schwarzblau ist, sind doch manchmal die Kraͤfte und der Aderschlag noch gut. In Faulfiebern ist die Schwaͤche, welche von of- fenbarer Unreinigkeit herkoͤmmt, leicht durch Brech- und Purgiermittel zu heben; aber jene, welche in ei- ner andern Art Faulfieber beobachtet wird, und eine geheime Ursache zum Grunde hat, als verborgene, brandige Zerruͤttungen der Theile, ist unendlich schlimmer. Je voͤller und haͤrter der Aderschlag im Schlagfluße wird, desto naͤher ist der Tod. So beobachtete Ba- gliv in einer alten Frau Nachts um ein Uhr einen E e 2 star- starken, prellenden Puls; und sie starb um zehn Uhr Allermeist verliert der Puls erst einige Stunden vor dem Tode die prellende Kraft, und wenn er schon hoͤchst unregelmaͤßig ist, hat er doch noch eine besondere Staͤrke. Sehr oft wird er an der vom Schlagfluße gelaͤhmten Seite staͤrker als an der gesunden beobach- tet. — In Faulfiebern ist der langsame Puls sehr oft nichts weniger, als ein Zeichen der Schwaͤche; er ist vielmehr das sicherste Zeichen der Bemuͤhungen der Natur zur Genesung, und darf ja nicht durch reitzen- de Mittel veraͤndert werden. 〟Ich bin uͤberzeugt, sagt Sydenham , daß unendlich viele Kinder, ja selbst Erwachsene deßwegen an den Blattern zu Grunde ge- gangen sind, weil die Aerzte nicht achtsam darauf waren, daß gewiße Zuckungen nichts anders als die Vorlaͤufer der Blattern, der Masern u. s. w. sind. Durch die dagegen verordneten Ausleerungen hindern sie den Ausbruch, da sie doch bey Erscheinung des Ausschlages alsogleich von selbst aufgehoͤrt haͤtten.〟 Eben so hat er manchmal vor dem Anfall der Wech- selfteber Zuckungen oder Schlafsucht bemerkt, gegen wel- che man auch nichts besonders vornehmen soll. Man kennt die sonderbaren Masken der Wechselfieber, wel- che keine andere Heilart, als eine solche, die dem Wech- selfieber anpasset, erfordern. Der zuverlaͤßigste Be- weis einer instehenden Entscheidung ist manchmal ein außerordentlich tiefer Schlaf, wobey der Kranke so entkraͤftet zu seyn scheint, daß man kaum mit aller Aufmerksamkeit das Athmen bemerken kann. Zu ei- ner guten Entscheidung der Gicht werden die heftigsten Schmer- Schmerzen und ein ziemlich starkes Fieber erfordert. Oft hat man nicht eher eine Entscheidung und folglich das Ende einer Krankheit erhalten koͤnnen, als bis gewiße Bewegungen bis zur Wuth und Raserey ver- staͤrkt waren. Von allen diesen Dingen werde ich im Kapitel von den Entscheidungen vollstaͤndiger handeln. — Bey Pestkranken ist es das wichtigste Zeichen der Hinfaͤlligkeit der Natur, wenn die Pestbeulen, die Kar- funkeln entweder nicht entstehen, oder nicht eitern, oder gar gaͤhlings wieder verschwinden. — In der Eite- rungsperiode der zusammenfließenden Blattern zeigen folgende Umstaͤnde den hoͤchsten Verfall der Lebenskraͤf- te an: die Blattern fallen zusammen; der Eiter tritt ins Blut zuruͤck; der Speichelfluß hoͤrt auf; die Haͤn- de und Fuͤße schwellen nicht an; es erfolgt kein heil- samer Bauchfluß; das Schlucken wird beschwerlich, die Stimme heischer; der Kranke schluͤckt endlich gar nicht mehr; es erfolgt Irreseyn, Betaͤubung, Schlum- mersucht; die Geschwulst des Gesichtes faͤllt; die in- neren Sinne sind in Unordnung; der Kranke verliert das menschliche Ansehen; sein gelbbraunes, bleyfaͤr- bigtes, welkes, eingeschrumpftes Gesicht sieht aus, als wenn es mit verbrannten Schorfen uͤberkleistert waͤre; die Augendeckel sind zusammengepicht; endlich erfol- gen Ohnmachten, Zuckungen, Zittern, ein klappen- des Huͤsteln; die ganze Oberflaͤche der Haut schrumpft ein, und die Gliedmaßen werden kalt. Ueberhaupt erregt jeder reitzende Krankheitsstoff lebhaftere Bewegungen in gewissen Werkzeugen, wo- durch die scharfen Theile gemildert, zertheilt und zer- malmt, malmt, mit den uͤbrigen Saͤften entweder vereinigt, oder aber von denselben geschieden werden; die dicken klebrichten verlieren dadurch ihre Zaͤhigkeit; die schar- fen, prikelnden nehmen eine milde Klebrigkeit an, und verwickeln sich in die schleimichten. Dieses ist die ei- gentliche Kochung, welche z. B. in den Entzuͤndungs- krankheiten vorgeht. Aber alles dieses kann nicht ge- schehen, wenn nicht der Kreislauf verstaͤrkt, und die natuͤrliche Waͤrme vermehrt sind. Aber nach einigen Tagen, fruͤher oder spaͤter, je nachdem der Krankheitsstoff haͤufig und scharf ist, nachdem die Kraͤfte des Kranken, seine Leibesbeschaffenheit, die Beschaffenheit der herrschenden Volkskrankheit und der Jahrszeit geartet sind, wird die Wirkung der festen Theile schwaͤcher, und der Umlauf der Saͤfte weniger ungestuͤmm seyn; es aͤußern sich jezt schon die Zeichen der zukuͤnf- tigen Entscheidung im Harne, am Pulse, auf der Haut und uͤberhaupt an der allgemeinen Ruhe und Behaglichkeit des Kranken. Ehe aber die vollkom- mene Ruhe durch die vollstaͤndige Entscheidung herge- stellt wird, werden die Bewegungen des Pulsader- und Nervensystems noch einmal gewaltsam angestrengt; es entsteht ein lebhaftes Fieber und mancherley zuwei- len schreckbare Zufaͤlle, die den Unkuͤndigen nicht selten irre fuͤhren. Jetzt folgen, je nachdem die Kraͤfte mehr oder weniger geschont worden sind, haͤufigere, stuͤrmischere sinnliche Ausleerungen, welche allermeist zu Ende des 3, 4, 7, 11, 14, 17ten Tages u. s. w. ein- treffen, und gewoͤhnlich durch jene Wege geschehen, wo der Widerstand am schwaͤchsten ist, und wenn die Na- Natur vollkommen gesieget hat, durch die vom Mit- telpunkt der Lebenskraft entferntesten und zu den Aus- wuͤrfen ohnehin bestimmten Theile: durch den After, die Harnwege, die Speicheldruͤsen, die Ausduͤnstungs- gefaͤße der Haut u. s. w. Nach diesen heftigen Bewegungen und Auslee- rungen wird das Gleichgewicht unter den verschiedenen Kraͤften wieder hergestellt; anfaͤnglich waren die Le- bensverrichtungen, und nachher die natuͤrlichen ver- staͤrkt; nun aber sind sie uͤber ihre gewoͤhnliche Thaͤ- tigkeit herabgesetzt, mittlerweilen gehen die Ausleerun- gen in der gehoͤrigen Ordnung fort, und die Wieder- genesung nimmt ihren Anfang. Bey guten Umstaͤnden ist dieser Gang der Na- tur beynahe in allen Krankheiten ziemlich bestaͤndig und einfoͤrmig. Die unreinen Entzuͤndungsfieber, die Gall- und Faulfieber, die boͤßartigen Fieber, die pestilentialischen Fieber, Nervenfieber und die Pest selbst haben ihre Entscheidungen. Man mag sagen, was man will, so koͤmmt es blos auf eine genaue Beobachtung der Zeitpunkte und der Ausleerungen an, um sich in allen davon zu uͤberzeugen. Aber es kann keine Entscheidung ohne vorhergehende, der Natur der Krankheit eigne Bewegungen geschehen; und auf jede wird ebenfalls ein der Krankheit eigner Zustand von Ruhe und Entkraͤftung folgen. Beyde sind natuͤrliche Zustaͤnde, die uns noch nicht genug bekannt sind; und doch lassen wir uns, durch unser Urtheil uͤber dieselben, bestimmen, zu wirken, oder nicht zu wirken, und so oder anderst zu wirken. Weil- Weil nun die Entscheidungen, besonders deut- lich aber bey den Entzuͤndungsfiebern und hitzigen Ner- venfiebern mit diesem Zeitpunkte der allgemeinen Ruhe und Erschlappung zusammentreffen, so folgerten einige, daß jene nur eine Wirkung der letztern seyen, und daß man also, um Entscheidungen zu bewirken, alsobald durch haͤufige Aderlaͤßen und erschlappende Dinge die- sen Zustand zu erhalten suchen muͤsse. Pujati de Victu febricitantium p. 115. Man gruͤn- dete auf diese irrige Vorstellung den Gebrauch der haͤufigen Aderlaͤßen; und da es gewisse Krankheiten giebt, die durch fruͤhzeitige und starke Ausleerungen in ihrem Entstehen erstickt werden koͤnnen, so, daß sie sich ohne alle Art von Krists gluͤcklich endigen; und da man die uͤblen Folgen einer Heilart, welcher man mehr aus Gewohnheit als Ueberzeugung anhaͤngt, nicht auf derselben Rechnung schreibt; da ferner star- ke, blutreiche Leute manchmal, besonders in rheumati- schen Entzuͤndungsfiebern, einen ungeheuren Blutver- lust ohne sehr schaͤdliche Folgen ertragen koͤnnen; so haben die Vertheidiger dieser Meinung die Besorgnis- se der Gegner fuͤr eine eitle Furcht gehalten, indem es in Krankheiten genug waͤre, wenn die Kraͤfte zum Leben, zum Umlauf der Saͤfte und zu den Absoͤnde- rungen hinreichten, da sie hingegen im gesunden Zu- stande zur Verdauung, zur Bewegung u. s. w. noth- wendig einen weit groͤßern Aufwand brauchten. Es ist uͤberfluͤssig, noch einmal diese Meynung zu widerlegen; und es bleibt gewiß, daß alles, was man von Verminderung oder Verstaͤrkung der Kraͤfte in in hitzigen Krankheiten sagen kann, jedesmal mit Ruͤcksicht auf die Natur der Krankheit und der Zeit- punkte derselben gesagt werden muͤsse. So ist in Ent- zuͤndungskrankheiten der Zeitpunkt des Reizes sehr oft so beschaffen, daß man die Kraͤfte schlechterdings durch Blutausleerungen schwaͤchen muß, wenn man nicht immer bedenklichere Folgen der heftigen Fieber- bewegungen, eine schwerere Krankheit, und groͤßeres Berderbniß der Saͤfte veranlassen will. In Faul- Kerker-Spital- und Lazarethfiebern hingegen hat manchmal der erste Zeitpunkt ganz das Ansehen eines Entzuͤndungsfiebers; allein diese Taͤuschung dauert hoͤchstens ein bis zwey Tage, worauf alle Zeichen der Faulniß eintreten, welche desto schneller uͤberhand nimmt, wenn man die ersten kraftvollern Bewegun- gen durch Aderlaͤßen entkraͤftet hatte. So uͤbermaͤßig die Kraͤfte zuweilen in den Zeitpunkt der kritischen Stoͤhrung ( Perturbatio critica ) zu seyn scheinen, so kann man sie doch nur selten ohne große Gefahr ver- mindern — und so sehr sie vor der Entscheidung in Faul- und Nervenfiebern gesunken zu seyn scheinen, so wenig darf man sie zu erheben suchen. Es moͤgen also die Kraͤfte beschaffen seyn wie sie wollen, wenn sie nur zur Hebung der Hindernisse in gegenwaͤrtiger Krankheit und in gegenwaͤrtigem Zeit- punkt hinreichend sind; wenn sie zur rechten Zeit al- les uͤberwinden, was die Kochung hindert; wenn sie die Entscheidungen und die Wiedergenesung zu Stande bringen. — Die Mattigkeit seye noch so groß, das Gemuͤth noch so sehr niedergeschlagen, die Denkkraft seye seye noch so erschoͤpft; die Sinne moͤgen gereizt oder betaͤubt seyn: — — So soll sie der Arzt auf keine Weise zu veraͤndern suchen. Und dieses war der Grund, warum ich nicht unbedingt die Kräfte als das Erforderniß zur Wirksamkeit der Natur, sondern die verhältnißmäßigen Kräfte annahm. §. 60. Die verschiedenen Kraͤfte des Menschen wer- den nach dem Unterschiede der Krankheiten verschie- dentlich angegriffen. So, sagt Schröder , sind in hi- tzigen Krankheiten die Lebenskräfte verstaͤrkt, da die Glieder abgeschlagen, die Sinne stumpf, die Druck- kraͤfte sehr schwach sind; ein andermal sind die See- lenkraͤfte heiter, die Eßlust gut, die Daukraft wirk- sam; der Mensch hat noch Kraͤfte sich aufzurichten, da indessen der Puls kaum merklich, ein grosser Hang zu Ohnmachten vorhanden und die Gliedmaßen kalt sind. Bey guten Verstandeskraͤften fuͤhlt man manch- mal gar keinen Puls; der Athem selbst ist kalt; der Magen und die Gedaͤrme sind gelaͤhmt, so daß die schaͤrfsten Dinge dieselben nicht zu reitzen vermoͤgen. Das Herz hat nicht selten noch große Kraft, da die Haut blaß und kalt ist, die Ausschlaͤge oder andere Ausleerungen gar nicht von statten gehen. De Viribus naturæ debilioribus. Auf diesen Unterschied gruͤndet le Roy seine Eintheilung der Fieber.〟 Wenn ich aufmerksam uͤber alles dasje- nige nachdenke, sagt er, was ich von den hitzigen, anhaltenden Fiebern gelesen oder bemerket habe, so scheint scheint es mir, daß man alle diese Krankheiten auf zwey allgemeine Klassen einschraͤnken kann. Die Fie- ber der ersten Klasse nenne ich Entzuͤndungsfieber; die Fieber der zweyten Klasse aber boͤsartige Fieber. Die Fieber dieser beyden Klassen geben sich durch folgende Kennzeichen zu erkennen:〟 “In den Entzuͤndungsfiebern scheinen die Lebens- kraͤfte mehr vermehrt, als geschwaͤcht zu seyn. Der Puls ist gewoͤhnlich voll, ausgedehnt, bisweilen klein; in beyden Faͤllen aber hat er Kraft. Diese Fieber vertragen gut das Aderlassen. Die Hitze des ganzen Koͤrpers, der Durst, der Kopfschmerz, das Irrere- den, das beschwerliche Athemholen, mit einem Wort alle Zufaͤlle, die darinnen entstehen koͤnnen, kommen beynahe mit der Heftigkeit des Fiebers, mit dem Grade der Schnelligkeit, der Haͤrte des Pulses uͤber- ein. Diese Fieber unterdruͤcken nicht schnell die Le- benskraͤfte. Wenn der Puls darinn weich und klein wird, so koͤmmt dieses Symptom von einer voruͤber- gehenden Ursache her, und dauert nicht lange. Soll- te es aber dauern, so geschieht es deßwegen, weil das Leben wegen einem schweren, oder unheilbaren Zufalle eines Eingeweides anfaͤngt zu verloͤschen. Zu dieser Klasse zaͤhle ich das Seitenstechen und die an- dern Entzuͤndungskrankheiten, welche man symptoma- tische nennt, und die Fieber mit Ausschlaͤgen, und endlich die anhaltenden, wesentlichen Fieber, bey wel- chen man die angegebenen Kennzeichen findet.„ “Die boͤsartigen Fieber scheinen unmittelbar den Grund des Lebens anzugreifen. Vom ihrem An- fange fange an sind die thierischen Kraͤfte eben so wohl als die Lebenskraͤfte gewoͤhnlich unterdruͤckt. Der Puls ist insgemein weich und schwach, fast jederzeit klein, gesunken, oft ungleich. Die Zufaͤlle, die sich darin- nen entwickeln, kommen niemals mit dem Grade des Fiebers uͤberein. Das Irrereden, die Schlafsucht, das beschwerliche Athemholen, das Auflaufen des Un- terleibes, die Schmerzen, eine inflammatorische Ge- schwulst der Weichen, konvulsivische Bewegungen und andere gefaͤhrliche Zufaͤlle stellen sich gewoͤhnlich in diesen Gattungen von Fiebern ein, obgleich der Puls klein, weich, schwach, gesunken bleibt. Das Ader- lassen, besonders aber das wiederholte erschoͤpft die Kraͤfte des Kranken, schadet sehr oft, anstatt nuͤtz- lich zu seyn.„ Abh. v. d. Vorhevkuͤnd. in hitz. Kraukh. S. 240. Die Gefahr muß nothwendig desto groͤsser seyn, je allgemeiner die Entkraͤftung uͤber die verschiedenen Verrichtungen verbreitet ist. Ob sie aber jedesmal mit der Verletzung derjenigen Verrichtungen, welche zum Leben die unentbehrlichsten sind, in geradem Ver- haͤltnisse stehen, kann, ausser dem Falle einer vollkom- menen Zerstoͤhrung oder Hemmung derselben, nicht leicht behauptet werden. Der Umlauf der Saͤfte, die natuͤrliche Waͤrme, des Athem koͤnnen ohne son- derliche Gefahr ausserordentlich schlecht beschaffen seyn, obschon in den gewoͤhnlichsten hitzigen. Krankheiten die schlimmsten Zeichen mit Recht von der Verletzung die- ser Verrichtungen hergenommen werden. Hingegen sind zuweilen Mangel an Durst, verminderte oder ver- staͤrkte staͤrkte Reitzbarkeit des Magens und der Gedaͤrme, unwillkuͤhrlich mit Mangel an Bewustseyn vor sich ge- hende Entleerungen, blasser Harn u. s. w. sehr schlimme Zeichen. Eben so ungewiß laͤßt sich von der Verle- tzung der thierischen Verrichtungen urtheilen. Manch- mal ist ein leichtes Irreseyn, eine voruͤbergehende Ver- gessenheit u. s. w. ein toͤdtliches Zeichen, da der Mensch ein andermal vier Wochen aller Sinne beraubt da lie- get, und dennoch nicht behauptet werden kann, daß er deßwegen in dringender Gefahr waͤre. Alles koͤmmt, wie schon gesagt worden ist, auf die Gattung der Krankheit und auf die Zeitpunkte derselben an. Von der oͤrtlichen Schwaͤche. §. 61. Daß aber gewisse Werkzeuge vorzuͤglich ange- griffen werden, koͤmmt entweder von einer Verwandt- schaft des Krankheitsstoffes mit denselben; oder von einer unmittelbaren und gewaltsamen Wirkung auf einen bestimmten Theil; oder aber von einer, einem gewissen Theile, eignen Schwaͤche, welche, wie schon Galenus und Celsus anmerkten, fuͤr jede krank- hafte Veraͤnderung empfaͤnglich macht. Und diese oͤrtliche Schwaͤche will ich in einigen praktischen Hin- sichten untersuchen. Es ist gewiß, daß in jedem Menschen ein groͤ- ßeres oder geringeres Mißverhaͤltniß unter seinen Be- standtheilen, seinen Werkzeugen und Eingeweiden statt hat; daß die Lebenskraft eines gesunden Menschen in seinen verschiedenen Theilen verschieden, und folglich gewisse gewisse Theile gegen andere verhaͤltnißmaͤßig schwaͤ- cher sind. Man kann annehmen, daß die Lebenskraft in den dem Herze naͤchsten Theilen am staͤrksten ist; diese Theile gerathen bey irgend einem krankhaften Reitze eher in Wirkung, wirken thaͤtiger und geschwinder, als dieses alsdann geschieht, wenn sie weit vom Her- zen entfernt sind. “Diejenige Art des Brandes, sagt Hunter , welche von einer Schwaͤche entsteht, koͤmmt oͤfter in den aͤußern Gliedmaßen, als in an- dern Theilen vor, besonders wenn die Person von langer Statur ist. Bey einer solchen Leibesbeschaf- fenheit sterben oͤfters Patienten, welche eine halbseiti- ge Laͤhmung nach dem Schlagfluße erleiden, zuletzt noch am Brande, welcher die Extremitaͤten der gelaͤhm- ten Seite befaͤllt. In einigen dergleichen Faͤllen zer- reissen die Schlagadern, und es entsteht ein Ausgie- ßung des Blutes; man kann daher mit Grunde vor- aussetzen, daß die besagten Gefaͤße im gesunden Zu- stande verhaͤltnißmaͤßig schwach sind. Ueberdieß bemerkt man auch, daß eine solche Austrettung des Blutes gemeiniglich in den aͤußern Gliedmaßen ihren Anfang nimmt. — — Ueberhaupt entstehen in den vom Herzen entfernten Theilen leichter Krankheiten, ver- breiten sich geschwinder, und sind schwerer zu heilen. — — Je geringer die natuͤrlichen Kraͤfte in irgend einer besondern Struktur der Theile sind, desto we- niger sind sie vermoͤgend, einer Krankheit zu wider- stehen. Es gehen daher in den Knochen, Flechsen, Banden und dem Zellengewebe die krankhaften Wir- kungen weit langsamer von statten, als wie dieses in den den Muskeln oder in der Haut geschieht. Dieses aber, faͤhrt Hunter fort, scheint in Krankheiten, welche von einem spezifischen Gifte herruͤhren, eine Ausnahme zu zu lassen. So bringen der Krebs und die Skrofeln in allen Theilen die naͤmliche spezifische Wirkung hervor.„ Dieses ist auch die Ursache, warum die Wunden der Fuͤße langsamer und schwe- rer heilen, als jene der Beine und der Schenkel. Diese oͤrtliche Schwaͤche ist ebenfalls eine von den vornehmsten Ursachen der Krankheiten der verschiede- nen Alter. Um aber nicht einseitig zu werden, er- spare ich dieses zum Kapitel von den Krankheiten der Alter und Geschlechter. §. 52. Die geringere Kraft eines Theiles, den etwan- nigen Krankheitsursachen zu widerstehen, macht zum Theil dasjenige aus, was wir eine Anlage zu Krank- heiten heißen. Bey einem ist der Kopf, beym an- dern die Brust, und bey einem andern der Unterleib der schwaͤchste Theil; weßwegen der erste zu Krank- heiten des Kopfes, der zweyte zu Krankheiten der Brust und der dritte zu den Krankheiten des Unterlei- bes geneigt seyn wird. Morgagni redet von einem im Winter 1738 in Patavia herrschenden Seitensti- che, welcher vorzuͤglich unter den Klosterfrauen seine Verheerungen anrichtete; wahrscheinlich, weil ih- re Lungen durch das Chorsingen geschwaͤcht waren. In einem starben alle, die er angrif, und zwar eini- ge schon den vierten Tag. Keine aber, sagt Mor- gagni gagni selbst, wurde ohne besondere Ursache oder An- lage davon befallen. Eine z. B. hatte sich ein altes Geschwuͤr zugeheilt, eine andere war auf die Brust gefallen, und hatte viel Blut gespyen; andere endlich hatten aus andern Ursachen die Brust und die Lungen geschwaͤcht, oder waren schon sehr alt. Von der Erfahrung 3 Buch 5tes Kapit. — Der Seitenstich ist gewoͤhnlich auf der rechten Seite, in- dessen bekam bey Strack den 1ten May 1773., da der Seitenstich epidemisch war, ein junger Schuster, welcher in gesunden Tagen den Puls am rechten Ar- me staͤrker hatte, denselben auf der linken Seite. Eben so ein Krummholzgeselle. Zimmermann er- zaͤhlt von einer sonst ziemlich feurigen und des Stan- des der Enthaltung uͤberdruͤßigen Wittwee von 39 Jah- ren, welche seit vielen Jahren heftige Gliederschmer- zen, und besonders von dem rechten Schenkel bis an den Fuß eine Empfindung von Kaͤlte hatte, die auch durch ein heißes Baad nicht konnte gehoben werden, und die nachher mit Blasenpflastern geheilt wurde. Zim- mermann zaͤhlte in vielen Wochen an der Pulsader der Armschiene der rechten Seite insgemein in einer Minute fuͤnf und fuͤnfzig Schlaͤge, an der gleichen Pulsader der linken Seite neunzig bis zwey und neun- zig Schlaͤge; der Puls war auf der rechten Seite ungemein schwach, auf der linken immer stark. Wenn die Kranke Hitzen hatte, waren sie auf der rechten Seite immer weit geringer, als auf der linken. Auch schwitzte sie nur auf der linken Seite. Von der Erfahrung 3 Buch 5tes Kapit. Du Pui laͤßt laͤßt Hartmann seine eigne Geschichte erzaͤhlen, bey dem sich alle Gebrechen auf der rechten Seite aͤusser- ten. De affectionibus morbos. hom. dex. \& sinist. Ich kenne mehrere, wo dieses ebenfalls statt hat; so, daß sie z. B. bey vernachlaͤßigten gallichten Unreinigkeiten jedesmal die rechte Seite der Unterlip- pe ganz mit Blattern und gelben Schorfen besetzt be- kommen. Gemeiner, scheint mir doch, seye der Fall, daß die linke Seite die schwaͤchste ist. Bisher habe ich bey weitem die meisten venerischen Leistenbeulen auf der linken Seite gesehen. Unter zwanzig Bucklichten sind es gewiß neunzehn auf der rechten Seite; eben so gehen die meisten Leute mit dem rechten Fuße we- niger auswaͤrts, als mit dem Linken; Kinder stellen sogar sehr oft den rechten Fuß ganz einwaͤrts; wenn die Bruͤste bey Frauenzimmern ungleich sind, so ist allermeist die rechte die groͤßte. Man kann dieses nicht allein der Erziehung zuschreiben. An meinem Koͤrper mag was immer kraͤnkliches vorgehen, so em- pfinde ich es zu erst auf der linken Seite; Augen- und Zahnschmerzen, kleine Hitzblaͤtterchen, Gliederreißen, Jucken u. d. gl. greifen immer zuerst die linke Seite an; und erst nach eini ger Zeit durchlaufen sie die naͤm- lichen Perioden a rechten Seite. Diese Art von Anlage ist oft g Familien eigen, und wird auf die Enkel und Ur en kel fortgepflanzet. Daher die An- lage ganzer Familien zu Lungensuchten, zu Schlagfluͤs- sen u. s. w. Ge- Gall I. Band F f Geben nun die Aerzte auf diesen Umstand nicht acht, so werden sie vielfaͤltig in Beurtheilung der Krankheiten betrogen. Man haͤlt ein Uebel fuͤr eine Lungenentzuͤndung, fuͤr eine Lungensucht, fuͤr einen Tripper u. d. gl., da doch das Uebel nur um der oͤrlichen Schwaͤche willen an diesem Theile erscheint, und seiner Natur nach das naͤmliche ist, als wenn es eine andere Stelle einnaͤhme. Ich bekam von unter- druͤckter Ausduͤnstung einen Nesselausschlag. Da ich ihn aber nicht achtete, so zog sich diese scharfe Ma- terie nach und nach gegen den Gaumen, den Hals und die Lunge als die Theile, welche in meiner ganzen Familie die schwaͤchesten sind. Um der Engbruͤstigkeit und anderer Zufaͤlle willen verordnete man mir drey Blutlaͤßen, obschon das Blut jedesmal hellroth war, und kaum in einen Kuchen gerann. Ich empfand da- rauf eine außerordentliche Schwaͤche auf der Brust, und wuͤrde wahrscheinlich lungensuͤchtig geworden seyn, wenn ich nicht dieses Verfahren gegen saͤuerlichte Ab- fuͤhrungsmittel, gute Suppen und haͤufige Obstspeisen vertauscht haͤtte. Daraus laͤßt sich auch erklaͤren, warum manch- mal bey einerley herrschenden Krankheitsbeschaffenheit dem Scheine nach so verschiedene Krankheiten beob- tet werden. Je nachdem naͤmlich verschiedene Men- schen einen schwaͤchern Theil haben, je nachdem wird der Krankheitsstoff oder der krankhafte Reitz verschie- dene Theile befallen, und einen Schnupfen, eine Hirn- entzuͤndung, einen Seitenstich, eine Ruhr, eine Ko- lick u. d. gl. verursachen; einerley Uebel in verschiede- nen nen Theilen, welches nichts destoweniger, nur mit Ruͤck- sicht auf den angegriffenen Theil, einerley Heilart er- fordert. — Davon im naͤchsten Bande ausfuͤhrlicher. Krankheiten, welche die schwaͤchern Theile be- fallen, sind zwar, weil die Wirksamkeit der Lebens- kraft in denselben schwaͤcher ist, nicht allemal die ge- faͤhrlichsten; im Gegentheil ist eben diese Schwaͤche nicht selten das zuverlaͤßigste Vorbeugungsmittel gegen die verheerenden Folgen eines heftigen Reitzes: aber allermeist werden sie, so bald sie sich auf so einem Theile festgesetzt haben, desto hartnaͤckiger seyn. Bey Mor- gagni war eine zwey und vierzig jaͤhrige Jungfer alle Winter einem starken Husten unterworfen. Nun be- kam sie Seitenstechen, und klagte uͤber Schwere in der Brust. Nach geendigter Krankheit zog sich der Schmerz von einer Seite in die andere, und ungeach- tet der Aderlaͤßen blieb der Puls hart bis zum Tode. Morgagni beschuldiget mit Recht die Schwaͤche der Lungen, daß das Uebel nicht hat koͤnnen uͤberwunden werden. — Bey Tissot wurde ein Bauer gleich nach einem Aderlassen bey gallichten Zufaͤllen von einem Hu- sten, von Bedruͤckung, Betaͤubung und Schwaͤche befallen; nachdem mit vieler Muͤhe das Fieber geho- ben war, machte die Schwaͤche des ganzen Koͤrpers und vorzuͤglich jene der Lungen noch vieles zu thun; lange war der Kranke in Gefahr, in eine schlimme Abzehrung zu verfallen, wobey zwar keine Eiterung in den Lungen, aber eine solche Schlappheit derselben statt hat, daß sich alle Saͤfte dahin werfen, eine Art von Verderbniß annehmen, eine anhaltende Engbruͤ- F f 2 stig- stigkeit verursachen, und unter der Gestalt eines rohen, rotzigen, halbeiterfoͤrmigen Auswurfes ausgeleert wer- den. — Es ist bekannt, daß die Tripper desto hart- naͤckiger werden, je oͤfter sie schon ein und das naͤm- liche Werkzeug in seiner urspruͤnglichen Staͤrke bestuͤrmt haben. §. 63. Die bisherigen Bemerkungen waͤren hinreichend, in jedem Menschen den schwaͤchern Theil zu entde- cken; eine Sache, welche sowohl wegen der Vorher- kuͤndigung als wegen Verhuͤtung großer Uebel von der groͤsten Wichtigkeit ist. Denn, wenn ich weiß, daß mein Kranker, der jetzt an einem Rothlaufen darnie- der liegt, sehr schwache Lungen oder schwache Ge- daͤrme hat, so hab ich alle Ursache, mich gegen eine Versetzung auf diese Theile mit allem Fleiße sicher zu stellen. Deßwegen will ich noch einige Hilfsmittel angeben, wodurch die etwannige Schwaͤche eines be- sondern Theils auskundschaftet werden kann. Die Art, wie Zimmermann zu der Kenntniß dieses schwaͤchern Theiles bey einzelnen Menschen ge- langet, ruht auf der Bemerkung, daß jede Gemuͤths- erschuͤtterung am meisten auf diesen schwachen Theil wirkt. “Ich sehe, sagt er, auf Gemuͤthserschuͤtte- rungen bey Leuten, die schwache Augen haben, die Augen rund herum ploͤtzlich hochroth werden; ich se- he bey Leuten, die sehr schlechte Zaͤhne haben, die heftigsten Zahnschmerzen ploͤtzlich folgen; ich sehe bey Leuten, die eine schwache Brust haben, ein ploͤtzliches Druͤcken, Druͤcken, und einen heftigen Husten unmittelbar sich aͤußern; ich sehe Leute, die einen schwachen Magen haben, die unertraͤglichsten Reitzungen zum Brechen auf jede Gemuͤthserschuͤtterung ausstehen, und andere in die grausamsten Magenkraͤmpfe verfallen; ich sehe Leute, die sehr schwache Daͤrme haben, ploͤtzlich in die grausamsten Kolicken verfallen, oder unmittelbar auf die Gemuͤthserschuͤtterung den ganzen Tag zu Stuh- le gehen; ich sehe andere, die eine schwache Harn- blase haben, heftige Kraͤmpfungen in derselben leiden, oder ohne Aufhoͤren harnen; ich sehe Frauen, die den weißen Fluß sehr stark, und nicht nur unmittelbar vor oder nach ihrer Reinigung, sondern immerfort haben, jede Gemuͤthserschuͤtterung vorzuͤglich in den Lenden fuͤhlen; ich sehe bey andern, die vor vielen Jahren das Gliederreissen hatten, auf jede Gemuͤths- erschuͤtterung ein ploͤtzliches, und wie ich oft bemerkt, sogar mit Geschwulst begleitetes Gliederreissen entste- hen; ich sehe endlich auf jede Gemuͤthserschuͤtterung ein heftiges Zittern, ploͤtzliches Aufjucken, Schluksen, Schreyen, bey Leuten entstehen, die den Konvulsionen unterworfen sind. Aus allen diesen fast taͤglich von mir wiederholten Beobachtungen ziehe ich also den Schluß, daß derjenige Theil in dem Menschen der schwaͤcheste ist, auf welchen die Folgen von jeder Ge- muͤthserschuͤtterung sich vorzuͤglich aͤußern. Von der Erfahrung 4tes Buch 14tes K. Er be- merkt noch, daß die meisten gelegentlichen Ursachen der Krankheiten auf diesen schwaͤchern Theil vorzuͤg- lich wirken, und daß eben dieser schwaͤchere Theil sehr sehr oft bestimmt seye, die Maͤngel auszusoͤhnen, wel- che sich andere Theile zugezogen haben, weil der Strom unserer fluͤßigen Theile sich am meisten dahin zieht, wo er den geringsten Widerstand leidet, und weil diese daher sehr leicht in dem schwachen Theile stocken. Weßwegen Boerhave sagt, daß bey Leuten, die zaͤrt- liche und sehr bewegliche Lungen haben, sehr leicht ein Stein in den Lungen entsteht, wenn sie auf eine starke Erhitzung sich erkaͤlten, und daß diese Leute zu- letzt an einer heftigen Blutstuͤrzung sterben, von wel- cher dieser Stein die Ursache ist. War einmal ein gewisser Theil von was immer fuͤr einem Uebel heftig angegriffen, so hat er hoͤchst wahrscheinlich etwas von seiner urspruͤnglichen Staͤr- ke verloren, die er nur aͤusserst schwer wieder erhal- ten kann. Nach einer sehr schmerzhaften Kolick bleibt man auf immer dazu geneigt, weil, so zu reden, die Stimmung dazu nicht mehr vertilgt werden kann. Das erste Blutspeien hat vielleicht die gewaltsamste Ursache erfordert; aber das zweyte wird schon eine weit schwaͤchere veranlassen koͤnnen. Nach einer Ent- zuͤndung des Hodensackes sahe ich diesen Theil gleich- sam als ein immerwaͤhrender Ableitungskanal jede vorhandene Unreinigkeit in Gestalt kleiner Geschwuͤre durch mehrere Jahre ausleeren. Aus der naͤmlichen Ursache wird ein ehemals gebrochenes Glied jede Ver- aͤnderung, welche unvermerkt im Koͤrper vorgeht, em- pfinden, und selbst bey jeder Krankheit mehr oder we- niger schmerzhaft werden. Ferner Ferner haben gewisse Krankheiten und Krank- heitsstoffe, oder auch andere Umstaͤnde auf gewisse Theile einen schwaͤchenden Einfluß. So sagt Gale- nus , sind in den Podagristen die Fuͤsse, in den Gichtischen die Gelenke, in jenen, die viel Kopf- schmerzen haben, der Kopf, die ein krankes Milz haben, das Milz, und die triefende Augen haben, die Augen der schwaͤcheste Theil. In den Unreinig- keitskrankheiten leiden vorzuͤglich der Magen und die Gedaͤrme, daher sich solche Kranken langsamer er- holen, und den Ruͤckfaͤllen aus Vergehen im Essen und Trinken mehr ausgesetzt sind, als jene, welche an Entzuͤndungskrankheiten gelitten haben. Wo die Nerven sehr mit leiden, bleiben verschiedene, oft schreckbare, bald nichts bedeutende, bald hoͤchst ge- faͤhrliche Nervenzustaͤnde zuruͤck, und diejenigen Thei- le, zu welchen die meisten Nerven gehen, scheinen auch am meisten zu leiden; so bleibt in den Augen nach dergleichen Nervenuͤbeln oͤfters ein unwillkuͤhrli- ches Thraͤnen zuruͤck u. s. w. Nach der Hirnentzuͤn- dung, der zufaͤlligen Hirnwuth, heftigen Kopfschmer- zen, dem Sonnenstich, den hitzigen Fiebern der Kind- betterinnen bleibt oft eine Fadheit und Stumpfheit aller Sinne, Wahnsinn, oder andere Fehler der Denkkraft zuruͤck, welche aber mit der Erstattung der Kraͤfte und Herstellung des Gleichgewichtes wieder vergehen. — Die Selbstbefleckung, der fruͤhzeitige oder uͤbermaͤßige Beyschlaf schwaͤcht die Zeugungsthei- le; daher bey jenem Venusritter, wovon Kämpf redet, die Gichtmaterie ihren Ausfluß durch die Harn- roͤhre roͤhre nahm. 3te Krankengeschichte. Anhaltendes und heftiges Reiten schwaͤcht die Gefaͤße der Nieren, der Harnblase und der damit in Verbindung stehenden Saamengefaͤße. Daher entstehen aus dieser Ursache oͤfters Blutfluͤße durch diese Theile, welche, obschon sie dem ganzen Koͤrper durch ihre Menge nachtheilig werden, doch nach der Bemerkung des Aretäus nur dann toͤdtlich werden sollen, wenn sie zu fruͤhe und unbehutsamer Weise gestillt werden, und diese Theile in Brand setzen. Indessen hat Van Swieten einige Male aus dieser Ursache ein so reichliches Blutharnen beobachtet, daß das Leben wirklich dabey in Gefahr war. T. III. §. 994. Eben dieser Ursache schreibt es auch Hippokrates zu, daß die wohlhaͤbigen Scythen, welche immerwaͤhrend zu Pferde saßen, in den Zeugungstheilen so sehr ge- schwaͤcht wurden, daß sie als Unmaͤnner weibliche Kleider anzogen, mit den Weibern aßen, wie die Weiber sprachen, und alle weiblichen Geschaͤfte ver- richteten. — Schwere Geburten hinterlaßen zuweilen eine Unenthaltsamkeit des Harnes, weil die Scheide und die Harnblase theils gewaltsam gedruͤckt, theils uͤbermaͤßig ausgedehnt, und gewissermassen gelaͤhmt werden. In den Krankheiten der Kindbetterinnen zie- hen sich die Verwerfungen am liebsten nach den Wei- chen, Lenden und Huͤften, weil die Baͤnder, Mus- keln und Nerven dieser Theile durch die Geburtsar- beiten am meisten geschwaͤcht werden. Das Unber- halten des Harns begleitet ebenfalls manchmal eine Ver- Verwerfung. Waren die Weiber waͤhrend der Schwan- gerschaft sehr engbruͤstig, so haben sie die Auszehrung und die Verwerfungen nach der Lunge zu befuͤrchten. — Auf welche Theile die verschiedenen Handwerker wirken, kann man bey Ramazzini und Ackermann nachsehen. Endlich haben die verschiedenen Entkraͤftungen einzelner Theile oder des ganzen Koͤrpers ihre eignen Zeichen. So leitet Bagliv das schwarzbraune Er- brechen aus einer Entkraͤftung der Eingeweide her, und sagt, daß es oft den nahen Tod bedeute. Zim- mermann hatte eine Dame von 66 Jahren in der Kur, die, ehe er sie besuchte, zehn Wochen hinter- einander alle fuͤnften oder sechsten Tag eine unbegreif- lich haͤufige, schwarzbraune, und unertraͤglich stin- kende Materie, bey einer gaͤnzlichen Verstopfung und unter entsetzlichen Schmerzen des Unterleibes und des Magens, sechs, acht und zuletzt zwoͤlf Stunden hin- tereinander wegbrach. Die Kranke wurde auf seinen Rath vollkommen gesund, blieb es auch eine geraume Zeit, und erlangte ihre Munterkeit und ihre Kraͤfte wieder. Der Erfolg zeigte, daß allerdings eine gaͤnz- liche Entkraͤftung der Eingeweide die naͤchste Ursache dieses schrecklichen Uebels gewesen. Nachher war die Dame aus handgreiflichen Ursachen mit einer hefti- gen Gliedersucht befallen, und im siebenten Monate dieser Gliedersucht kam das naͤmliche Erbrechen wie- der, und sie starb unter der Aufsicht eines andern Arztes. — Ist der ganze Koͤrper geschwaͤcht worden, wie dieses in solchen Krankheiten zu geschehen pflegt, wel- welche die festen und fluͤssigen Theile angreifen, wie in Gall- und Faulsiebern, so aͤußern sich auch nicht sel- ten die Folgen uͤber dem ganzen Koͤrper durch ein schnelles und gefahrvolles Fettwerden, oder eine all- gemeine Hautwassersucht, welche man vorzuͤglich bey aͤltlichen Personen bemerkt. Aber alle die Dinge, welche den Koͤrper staͤrken, helfen dem einen wie dem andern ab, und Tissot hat weder einen gesehen noch von einem gehoͤrt, der Wassersuͤchtig geblieben waͤre. Nur an den Fuͤßen war manchmal die Schwulst hart- naͤckig; deßwegen kam er der gelaͤhmten Wirksamkeit derselben durch oͤrtliche staͤrkende Mittel zu Hilfe. Er ließ sie mit in Weingeist und Essig getauchten Tuͤchern fatschen, welche er taͤglich etwas fester zuschnuͤren ließ. Innerlich gab er inzwischen die Eisentintur. Die Zeichen eines schwachen Magens u. d. gl. sind bekannt. §. 64. Der Nutzen der bisherigen Bemerkungen uͤber die oͤrtliche Schwaͤche ist vielfaͤltig, und kann von kei- nem denkenden Leser verkennt werden. Vorzuͤglich ler- nen wir, wie man ein gewißes Uebel von einem Thei- le auf einen andern Theil hinleiten, und folglich die edlern Theile gegen gefahrvolle Angriffe schuͤtzen kann. Wenn bey einem Gichtanfall waͤhrend der Arbeit der Natur ein Werkzeug sehr erschlaft oder gereizt wird, so wird es wahrscheinlich der Sitz der gichtischen Ma- terie. Daher wirft sich die Gichtmaterie so leicht auf den Magen bey Personen, welche in den Zwischenzei- ten ten die Gicht bloß durch Purgiermittel vertreiben wol- len. Ein langer Gebrauch von urintreibenden Salzen zieht sie auf die Urinweege, und ein gewoͤhnlicher Ka- thar pflegt oft zu der Entstehung eines gichtischen Hustens Gelegenheit zu geben. Die Vorboten die- ser Versetzungen nach innen zeigen alle eine Ent- kraͤftung an; die aͤußern Gieder sind kalt, der Puls ist eher schwaͤcher als staͤrker, die uͤbrigen Ausleerun- gen sind geschwaͤcht oder gehemmt; es entsteht an dem bedroheten Theile ein heftiger Schmerz; hierauf folgt eine Art von Frost, und der Kopf selbst wird dabey angegriffen; allein es entsteht auf diese Zufaͤlle kein mit ihnen in Verhaͤltniß stehendes Fieber; auch hel- fen blos erweckende, herzstaͤrkende und hitzige Arz- neyen. — Auf diesem Grunde ruhet groͤßtentheils der Nutzen der Baͤhungen und Umschlaͤge, der Baͤder, der trocknen Schrepfkoͤpfe u. s. w. Je nachdem man dadurch einen Theil in groͤssere Thaͤtigkeit setzet, oder erschlappet, je nachdem wird man ihn von einer sto- ckenden Fluͤßigkeit befreyen, oder dieselbe auf ihn hin- leiten. Von der Verschiedenheit der Entkraͤftung. §. 65. Es bleibt mir noch eine wichtige Untersuchung uͤbrig, ohne welche alles, was man uͤber den Verfall der Kraͤfte sagen kann, fuͤr die ausuͤbende Heilkunde schlechterdings unbrauchbar bleibt, weil es ohne Sie un- moͤglich ist, jemals irgend eine Entkraͤftung gut zu beur- beurtheilen, und folglich je eine passende Heilart vor- zunehmen. Bey weitem nicht uͤberall, wo Kraftlo- sigkeit statt hat, sind staͤrkende Mittel angezeigt. Ein- mal ist der Mensch kraftlos, weil der ganze Koͤrper oder gewisse Theile durch gewaltsame Anstrengung zu ihren Verrichtungen unfaͤhig gemacht worden sind. Einmal, weil die Lebenskraͤfte in ihrer Urquelle ange- griffen, und in ihre Wirksamkeit gehemmt sind. Ein andermal, weil dasjenige, was dem Menschen Kraft giebt, wirklich mehr oder weniger erschoͤpft ist. Es ist auffallend, daß zwischen Ermüdung der Kräfte, Unterdrückung der Kräfte, und wahrer Erschö- pfung der Kräfte in aller Ruͤcksicht ein wesentli- cher Unterschied obwalte, obschon alle drey Gat- tungen von Entkraͤftung unter gewißen Umstaͤnden gleich gefaͤhrlich seyn koͤnnen. Schon Hippokrates beklag- te sich uͤber die Aerzte, daß sie diesen so wichtigen Ge- genstand so leichtsinniger Weise vernachlaͤßigten. „Ich finde, sagt er, die Aerzte nicht erfahren genug in diesen Faͤllen, daß sie die Entkraͤftungen in den Krank- heiten, wie es sich gebuͤhret, kennten: welche naͤmlich von einer Ausleerung der Gefaͤße, welche von irgend einem andern Reitze, welche von Schmerzen und von der Heftigkeit der Krankheit hervorgebracht werden, und was unsere Natur und koͤrperliche Beschaffenheit fuͤr Krankheiten und mancherley Verfassungen bey ei- nem jeden erzeugen; ungeachtet davon, daß man diese Dinge weiß, Leben und Tod abhaͤngt. Denn es ist sehr unrecht, wenn man einem, der von dem Schmerz und von der Heftigkeit der Krankheit abgemattet ist, zu zu trinken, oder mehr duͤnne Gruͤtzsuppe, oder Spei- sen in dem Wahne reicht, daß er wegen der leeren Adern erschoͤpft sey. Es ist aber auch unschicklich, den, der uͤber die Ausleerung seiner Adern entkraͤftet ist, zu verkennen, und ihn mit der Diaͤt aufzureiben. Ein solcher Irrthum bringt zwar immer einige Gefahr, je- doch viel weniger, als der andere, aber dargegen, ist dieser Fehler auch um so viel laͤcherlicher, als der andere. Denn wenn ungefaͤhr ein anderer Arzt, oder auch sogar ein der Medizin Unkundiger dazu kaͤme, was vorgegangen waͤre, erfuͤhre, und dem Kranken, dem Verbote des andern entgegen, zu Essen und zu Trinken gaͤbe: so wuͤrde er offenbar scheinen, geholfen zu haben. Solche Dinge sind es eben, welche die praktischen Aerzte bey den Leuten herabwuͤrdigen. Denn nun koͤmmt es ihnen so vor, als ob dieser dar- zugekommene Arzt oder gar Laye einen vom Tode auf- erweckt haͤtte. Es sollen demnach die Merkzeichen bald angegeben werden, nach welchen ein jeder Umstand hiebey zu erkennen ist.〟 Hipp. Werke von Grimm das Buch von der Lebenserd- nung S. 327. In den vorhandenen Werken des Hippokrates kommen diese Merkzeichen nirgendwo vor. Galenus selbst, der sich daruͤber be- klagt, laͤßt sich in gar keine Erlaͤuterung daruͤber ein. Obschon mehrere große Aerzte die Wichtigkeit der Sa- che gefuͤhlt, und vortreffliche einzelne Bemerkungen vor- getragen haben, so hat doch, meines Wissens, keiner den Gegenstand nach Wuͤrde behandelt. Von Von der Ermuͤdung der Kraͤfte. §. 66. Wenn ein Mensch unter gewaltsamen Anstren- gungen gearbeitet oder gerungen hat, so fuͤhlt er al- sogleich in den Muskeln und Gelenken einen ziehenden, spannenden Schmerzen, als waͤre er stark gequetschet oder gepruͤgelt worden. Die Gliedmaßen, vorzuͤg- lich die Knie oder das am meisten angestrengte Glied, zittern, sind schwer und traͤg zur Bewegung, und will er sich darauf stemmen, so brechen sie ihm. Er holt langsame, tiefe Seufzer; die Brust und der Kopf haͤn- gen vorwaͤrts; die Arme gerade am Koͤrper hinab, oder er muß sie in einander schlingen. Die Augen sind matt, das Gesicht blaß, und mit einem kuͤhlen Schwei- ße oder Dunste uͤberronnen. — Dieses ist der Zustand der Ermuͤdung. Er befaͤllt nach aͤhnlichen Veranlas- sungen den gesuͤndesten, staͤrkesten Mann, und wird in kurzer Zeit durch Waschen mit kaltem Wasser, Wein, Brandtwein, durch Ruhe, besonders in einer horizontalen Lage, und durch erquickende Speise und Trank gehoben. — Die dabey beobachteten Erschei- nungen verrathen eine allgemeine Nachlassung der fe- sten, und einen gehinderten Umlauf der fluͤssigen Theile. Die Ermuͤdung der Kraͤfte ist uͤberhaupt eine Folge von allen jenen Uebeln, wobey entweder der ganze Koͤrper oder einzelne Theile, es seye mit oder ohne Bewustseyn heftig angestrengt, gereizt, gedruckt oder erschuͤttert werden. Dieses geschieht in allen Krank- Krankheiten, welche von heftigen, besonders anhal- tenden Schmerzen und Kraͤmpfen begleitet sind; als: in allen Arten von Koliken; in hysterischen, hypo- chondrischen, epileptischen Anfaͤllen; in Anfaͤllen des Krampfhustens, und den verschiedenen Arten und Stufen der Engbruͤstigkeit; in dem heftigen Fieber- frost einiger Wechselfieber; in den mancherley Zufaͤl- len der Nervenfieber; in der Gicht; im Gliederreißen; in Entzuͤndungen sehr empfindsamer Theile; in be- schwerlichen mit Zwang und Schmerz verbundenen Ausleerungen des Stuhls und des Harnes; in den An- faͤllen der Wasserscheue; im Bauch- und Ruͤckenkrampf u. s. w. Es geschieht auch nach einer jeden die ge- genwaͤrtigen Kraͤfte uͤbersteigenden willkuͤhrlich oder un- willkuͤhrlich vorgenommenen Anstrengung des Koͤrpers und des Geistes; nach langem Wachen, besonders wegen Schmerzen und Unruhe; nach strengem Nach- denken; nach schweren, angstvollen, schrecklichen Vor- stellungen, Fantasien, Traͤumen, Raserey, u. s. w. Es kann geschehen nach einem anhaltenden oder star- ken Husten; nach heftigem oder oͤfters wiederholtem Nießen, nach einem anhaltenden und starken Schluck- sen; nach vielem Sprechen, Lachen, Stehen, Auf- rechtsitzen, besonders wenn der Kranke ohnehin schon sehr entkraͤftet ist. §. 67. Wenn sich einer oder mehrere von diesen Um- staͤnden bey einem Kranken ereignen, so kann ihn der Arzt sehr, ja aufs aͤußerste entkraͤftet antreffen. For- schet schet nun derselben diesen Ursachen nicht nach, oder kennt er diese Wirkungen nicht, so kann er sich keinen andern als irrigen Begriff von dem Zustande des Kran- ken machen. Diese Taͤuschung ist um so weniger ver- meidlich, weil nicht selten der Zustand der Ermuͤdung, sowohl in Ruͤcksicht seiner Kennzeichen, als seiner un- mittelbaren Folgen, mit dem Zustande der wahren Er- schoͤpfung von der niedrigsten bis zur hoͤchsten Stufe alles gemein hat. Der Kranke ist kalt, eingefallen, todtenblaß, athemlos; alle Gesichtszuͤge hangen; die fleischichten und haͤutigen Theile sind schlapp; die Na- senfluͤgel bewegen sich; die Augen sind starr, verdreht, glasern, truͤb, halbgeschlossen; der Puls setzt aus, ist aͤusserst klein oder gar nicht zu fuͤhlen; das Herz zittert oder hat gar keine merkliche Bewegung mehr; der Athem ist kalt, oder unmerklich, oder sehr sel- ten; der kalte Schweiß zerrinnet in Tropfen; und so sind alle Vorrichtungen des Kranken in Unthaͤtigkeit versunken, daß man selbst manchmal diesen Zustand nicht vom wahren Tode unterscheiden kann. Indessen erholen sich die Kranken von dieser Entkraͤftung außerordentlich geschwind. Nicht selten verrichtet heute ein Weib munter und gesund ihre Hausgeschaͤften, da sie gestern durch gewaltsame Kraͤm- pfe zum schrecklichsten Bild des Todes verunstaltet war. Kaum hat der Fallsuͤchtige nach den heftigsten Erschuͤtterungen sein Bewußtseyn wieder erhalten, so ißt, trinkt, verdauet und geht er wieder so gut, als vor dem Anfalle. — Nur wenn die wirkende Ursache der Ermuͤdung gar zu lange anhaltet, oder uͤbermaͤ- ßig ßig heftig sind, so hinterlassen sie manchmal eine große Schwaͤche, die nahe an die Laͤhmung grenzet, und wozu sich die wahre Erschoͤpfung gesellet, welche Ver- bindung nothwendig den Umstand erschweret, und eine ebenfalls zusammengesetzte Heilart fodert. Ein Beyspiel davon haben wir in den Nervenkrankheiten, im Bauch- und Ruͤckenkrampf, wo innerlich staͤrkende, beruhigende Mittel, und aͤusserlich Nervensalben und geistige Einrei- bungen noͤthig sind. — Sonst sind meistentheils Ruhe, besonders in ausgestreckter, oder eingebogener, oder einer andern dem Kranken bequemen Lage, und hie und da einige andere beruhigende oder herzstaͤrkende Mittel hinreichend, die vorigen Kraͤfte wieder herzu- stellen. Selbst nach den heftigsten Entzuͤndungskrank- heiten, wenn man die Kraͤfte nicht kuͤnstlicher Weise zu sehr entzogen hat, so sehr sie auch durch die kri- tischen Bewegungen und Ausleerungen erschuͤttert wor- den sind, geht dennoch die Erholung ungemein ge- schwind von statten. Daher sagt Helmont : 〟denen man nicht aderlaͤst, die genesen leicht, und erhalten sehr bald ihre vorige Gesundheit wieder. Wenn es auch manchmal ohne Arzneymittel mit ihnen aufs Aeusserste koͤmmt, so erringt die Natur doch endlich noch die Entscheidung, und stellet sie wieder her, weil ihre Kraͤfte, zwar von der Krankheit hergenommen ( conquassatæ ) aber nicht durch Blutentleerungen zu Grunde gerichtet sind. — — Obschon eine Krank- heit die Kraͤfte auch geradezu angreifet, so wird sie doch, da sie dieses nicht gaͤhlings, sondern nach und nach thut, dieselben mehr erschuͤttern und ermuͤden Gall I. Band. G g ( concuttere \& atterere ) als wahrhaft erschoͤpfen ( ve- re exhaurire ). §. 68. Die auf die Ermuͤdung folgenden Zufaͤlle lassen schon zum voraus vermuthen, was fuͤr schlimme Fol- gen dieser Zustand in manchen Krankheiten verursa- chen koͤnne. Das Ungluͤck wird allemal dann am groͤß- ten seyn, wo die Kraͤfte ohnehin schon entweder un- terdruͤckt oder erschoͤpft, und dennoch zur Bewirkung eines guten Ausganges unentbehrlich sind. So wur- de bey Hoffmann ein fuͤnfzigjaͤhriger Mann von einem 1721. epidemischen Petechienfieber befallen. Bis zum siebenten Tage gieng alles in guter Ordnung; die Kraͤf- te waren nicht so sehr niedergeschlagen, der Geist sich immer gegenwaͤrtig; der Kranke hatte hie und da ge- schlafen und der Harn machte einen Satz; der Puls aber war schwach und geschwind. Um den siebenten Tag kamen die Petechien zum Vorschein. Der Kran- ke hatte bisher alle Tage ein bis zwey Stuͤhle; um dieses Beduͤrfnißes Willen stund er vom Bette auf, und blieb wohlbedeckt etwas laͤnger auf dem Leibstuhle sitzen. Er beklagte sich uͤber Uebelkeit und Schwaͤche, und wurde zu Bette gebracht; die Haͤnde und Fuͤße waren kalt, und auf der Haut erschien die sogenannte Gaͤnshaut. Von nun an gieng alles sehr schlimm; denn die Petechien waren kaum mehr sichtbar und viel dunkler. Darauf folgten eine große Entkraͤftung, Ban- Bangigkeit, Irrereden; der Puls war sehr klein und zusammengezogen. — Er starb den neunten Tag. De Situ erecto in morbis periculosis valde noxio §. Ein zwanzigjaͤhriger Juͤngling von fetter, schwam- michter Leibesbeschaffenheit bekam die Blattern. Der Kranke klagte bis auf den neunten Tag uͤber nichts, als uͤber eine heftige Hitze und grosse Schmerzen der Haͤnde, wo die Blattern sehr haͤufig eiterten. Um der Schmerzen und Bangigkeiten willen setzte er sich ungefaͤhr eine halbe Stunde aufrecht. Gaͤhlings aber muste er wegen grosser Entkraͤftung ins Bett gelegt werden. Das Gesicht, welches zuvor roth und an- geschwollen war, fiel ein; der Speichelfluß, der bis- her haͤufig floß, verminderte sich. Die folgende Nacht war schlaflos; das Athmen schwer und beaͤngstigt; der Puls schwach und ungleich; es aͤußerte sich oͤfters ein Drang zum Harnen, wobey aber sehr wenig ab- gieng; er redete irre und starb unversehends an Zu- c kungen. Eben daselbst §. 4. In der naͤmlichen Streitschrift steht eine Be- obachtung von Coschwitz , wo bey einer Kindbette- rinn der rothe Friesel, nachdem sie ebenfalls eine hal- be Stunde aufrecht gesessen, und mit dem Arzt gespro- chen hatte, auf der Herzgrube etwa einer Handbreit erblaßte und zuruͤcktrat, da er indessen sonst am gan- zen Koͤrper heraus blieb. Die Frau wurde irre, fiel in Ohnmacht, hatte gebrochene Augen, und in einer viertel Stunde war sie verschieden. G g 2 Fried- Friedrich Hoffmann war schon in seiner Be- schreibung der 1699 in Halle herrschenden Petechien- epidemie auf diesen Umstand aufmerksam: “Ich habe, sagt er, nicht nur in dieser Seuche, sondern auch in andern boͤsartigen Krankheiten oͤfters bemerkt, daß, wenn die Kranken zu lange in einer aufrechten Stel- lung bleiben, die Heftigkeit der Krankheit so erstau- nend zunahm, daß selbst zuweilen der Tod in kurzer Zeit darauf erfolget ist. Die Kranken empfinden von dieser Stellung eine grosse Entkraͤftung, Uebel- keiten, Ohnmachten, Kaͤlte der Gliedmassen, Ban- gigkeiten; die etwannigen Ausschlaͤge verschwinden, und dieses jederzeit mit der dringendsten Gefahr.„ Histor. seb. malig epidem. petech. Halæ grassant. §. 11. Sydenham schreibt die meisten Todesfaͤlle der Kindbetterinnen dem Umstande zu, daß sie zu fruͤhe das Bett verlassen: “Durch die Bewegung, sagt er, werden hysterische Anfaͤlle erregt, welche den Kind- betterfluß unterdruͤcken, worauf toͤdtliche Zufaͤlle fol- gen.„ Aus der Ursache rathet er schwaͤchlichen Wei- bern, bis zum zehnten Tag das Bett zu huͤten, be- sonders wenn sie schon vor der Entbindung den Mut- terzustaͤnden ergeben waren. Dagegen, setzt er hin- zu, werden sie durch die Ruhe geschuͤtzt, und die an- haltende Bettwaͤrme erstattet die durch die Schmer- zen der Geburt und die Ausleerungen, welche sie be- gleiten, abgematteten und erschoͤpften Lebensgeister, nebst dem, daß dadurch die Natur unterstuͤtzt wird, die waͤhrend der Schwangerschaft angehaͤuften Unrei- nigkeiten zu verarbeiten und auszuleeren. De affectione hysterica Nro 129. Ich sah eine eine sehr entkraͤftete Kindbetterin jedesmal auf hefti- ges Husten in schwere Ohnmachten mit anhaltendem Gaͤhnen verfallen. Wenn Kinder waͤhrend dem Ausbruchfieber der Blattern ohne Verdacht der Zahnarbeit Zuckungen hatten, so ließ er sie einige Zeit im Bette, weil er diese Zuckungen fuͤr ein Bestreben der Natur hielt, und folglich nicht entkraͤften wollte. Eben deßwegen legte er diejenigen, so die zusammenfließenden Blat- tern hatten, den sechsten Tag ins Bett, weil sie jetzt, theils wegen der Menge der Blattern, theils wegen der Schwaͤche nicht mehr aufrecht bleiben konnten, sondern sehr leicht in Ohnmacht fielen. — In den anhaltenden Fiebern von 1673—74—75, musten sich die Kranken, so bald die Krankheit gebrochen war, einige Tage ununterbrochen im Bette halten. Von denen, welche dieses vernachlaͤßigten, bekamen eini- ge herumziehende Gliederschmerzen, einige die Gelb- sucht, und andere kraͤnkelten lange herum, oder be- kamen auch Ruͤckfaͤlle. Hoffmann hat oͤfters bemerkt, daß, wenn Wassersuͤchtige, Schwindsuͤchtige, ausgemerkelte Hy- pochondern lange Zeit auf dem Leibstuhle saßen, sie nicht nur in die aͤußerste Schwaͤche und Ohnmacht verfie- len, sondern selbst zuweilen bald hernach ganz ruhig ihren Geist aufgaben. In allen Krankheiten also, und in allen ihren Zeitpunkten, wo Kraftlosigkeit nachtheilig werden kann, ist alles, was die Kraͤfte ermuͤdet, sorgfaͤltig zu vermeiden. Aus Aus diesen Bemerkungen wird es begreiflich, warum erschoͤpfte Maͤnner und Wiedergenesende hie und da gerade in einer Handlung den Tod finden, welche die Natur zur Erquickung und Belebung be- stimmt hat; warum die gewaltsame Selbstbefleckung, auch ohne daß deßwegen die Ergießungen oͤfter wie- derholt werden, den Koͤrper mehr zerruͤtten, als der Beyschlaf; warum heftige Umarmungen, auch ohne erfolgenden Verlust des Saamens, nicht selten eine eben so große Entkraͤftung verursachen; warum ge- wiße, widernatuͤrliche, muthwillige Stellungen die Hinfaͤlligkeit so sehr beschleunigen, u. s. w. §. 69. Der Arzt kann sich aber auch die Ermuͤdung der Kraͤfte als ein vortreffliches Hilfsmittel zu Nutzen machen: — In allen Fallen naͤmlich, wo die Na- tur zu wirksam ist, und aus Uebermaaß der Lebens- kraͤfte nachtheilig werden koͤnnte. So hat Sydenham beobachtet, daß in der Hirnwuth das Fieber nicht ehe aufhoͤrte, bis man die Kranken den Tag durch au- ßer Bette hielt, obschon man sie im Bette noch so leicht zugedeckt hatte. — Bey einem vollbluͤtigen Juͤng- ling, der sich schon durch schweißtreibende Mittel und geistige Getraͤnke erhitzet hatte, und bey dem Jugend, Vollsaftigkeit, vorhergegangene Erhitzung, haͤufiges Erbrechen, grosse Mattigkeit und starke Schmerzen zusammenfließende Blattern vermuthen ließen, rieth er alsogleich den Aufenthalt ausser dem Bette, um das Fieber zu vermindern. Weil die aufrechte oder sitzende sitzende Stellung den Zufluß der Saͤfte nach den obern Theilen schwaͤchet, und also theils als Ermuͤdung theils als Erschoͤpfung wirket, so nahm er uͤberall, wo er Verminderung des Fiebers, Ableitung der Saͤf- te von den obern Theilen, und Abkuͤhlung des Koͤrpers zur Absicht hatte, seine Zuflucht zu derselben. Da- her musten seine Kranken in dem ersten Zeitpunkt der Pocken, Masern, des Scharlaches, der Hirnentzuͤndung, der entzuͤndlichen Braͤune, des entzuͤndlichen Hustens, des Seitenstiches, der Nieren- und Gedaͤrmentzuͤndung, und vorzuͤglich derjenigen fieberhaften Krankheiten, in welchen der Trieb der Saͤfte nach dem Kopfe hef- tig war, wie in den Fiebern von 1673—74—75;— im Nasenbluten und Blutharnen von Vollbluͤtigkeit oder Aufwallung der Saͤfte, in gewissen Arten von Schlafsucht u. s. w. mehr oder weniger ausser Bette bleiben, und erst dann, wenn er von gehinderter Aus- duͤnstung oder von der Kraftlosigkeit etwas zu besor- gen hatte, ließ er sie entweder entkleidet unter die Decke, oder nur leicht angekleidet auf dieselbe liegen. Wie die Ermuͤdung zu behandeln seye, laͤßt sich aus dem Gesagten abnehmen. Nur muß man jeder- zeit darauf sehen, ob an dem gegenwaͤrtigen Zustande der Kraftlosigkeit die Ermuͤdung oder die wahre Er- schoͤpfung mehr Antheil habe; von was fuͤr Ursachen z. B. ob von Schmerz oder nur vom Aufrechtsitzen, und in welchem Zeitpunkt einer Krankheit, die Er- muͤdung verursacht worden seye. Nach Verschieden- heit dieser Umstaͤnde muß man ihr bald gar nicht, bald durch Ruhe, durch eine anpaßende Lage, bald durch durch Reiben, bald durch angenehme, herzstaͤrkende Dinge, bald auch durch Nahrung, durch Hebung der- jenigen Ursachen, die den Schmerz veranlasset haben z. B. durch Ausleerungen u. d. gl. abhelfen. Von der Unterdruͤckung der Kraͤfte. §. 70. Die Unterdruͤckung der Kraͤfte koͤmmt so haͤu- fig vor, und ihre wahre Erkenntniß ist so wichtig, daß beynahe jeder gute Schriftsteller, etwas davon zu sagen, fuͤr noͤthig gefunden hat. Zu erst will ich, was eigentlich darunter verstanden wird, sinnlich dar- stellen. Van Swieten erzaͤhlet aus Wepfer die Ge- schichte eines Weibes, welche an katharrhalischen, schleimichten Zufaͤllen im Kopfe litt, und zuweilen nach und nach so die Sprache verlor, daß sie auf zehn und mehrere Stunden ganz stumm blieb. Sobald sie aber einen Husten bekam, und einen duͤnnen, ro- hen Speichel auswarf, konnte sie auf der Stelle wieder sprechen. Druͤckte sie sich waͤhrend ihrer Stumm- heit den Kopf um die Gegend der dreyeckichten Hirn- nath ( Sutura lambdoidea ) so bekam sie alsogleich die Sprache, welche sie aber beym Nachlassen des Druckes wieder verlor. — T. III. §. 1063. Hier geschah mit der Kraft, welche die Toͤne bilden hilft, das, was in andern Faͤllen mit derjenigen Kraft geschieht, welche den verschiedenen Verrichtungen des Menschen vor- steht. Die Laͤhmung und das Einschlafen eines Glie- des des von dem Drucke oder der Unterbindung eines Nerven, von gehindertem Umlaufe der Saͤfte, sind ebenfalls Beyspiele einer sinnlichen Unterdruͤckung der Kraͤfte in einzelnen Theilen. Mit dieser Art von Unterdruͤckung der Kraͤfte hat jene, welche von Ueberfuͤllung herkoͤmmt, die naͤchste Aehnlichkeit. Diese Ueberfuͤllung moͤge nun in gutem oder verdorbenem Blute, oder in andern rei- nen und unreinen Fluͤßigkeiten bestehen, so ist der Arzt bey ihrer richtigen Beurtheilung sehr gefaͤhrlichen Taͤuschungen unterworfen, wovon ich einige der wich- tigsten hier anzeigen will. §. 71. Die wahre Vollbluͤtigkeit ( Plethora vera, ad molem ) hat ihre Stufen, wovon gerade die hoͤchste ganz von allem Ueberfluße an Blut entfernt zu seyn scheint. Begiebt sich ein sonst sehr thaͤtiger, gesun- der Mann, der in den besten Jahren ist, zur Ruhe, naͤhrt er sich mit guten Speisen u. s. w. so werden alle seine Theile einigermaßen gespannt und roth, be- sonders an hautlosen Stellen, als: in den Winkeln der Augen, an den Lippen, dem Munde, dem Gaumen, dem Zahnfleisch; die ganze Oberflaͤche bekoͤmmt einen roͤthlichten Glanz, so daß sie durchscheinend zu seyn scheint. Weiche Koͤrper sehen wohlgenaͤhrt roth, und dick aus, der Bauch ist glatt, voll, fett; in gespann- ten aber sind die groͤßern Gefaͤße mehr ausgedehnt, die Blutadern schlaffer, als die Schlagadern, aͤußer- lich mehr sichtbar, uͤbermaͤßig, strozend voll, besonders in in der Waͤrme oder nach einer Erhitzung; die Mus- keln sind gespannt, einigermassen steif, sproͤde, und in ihren Verrichtungen schwer und traͤge; die Schlagadern sind zwar voll, der Puls aber ist klein und hart. So ein vollbluͤtiger Mensch ist schlaͤfrig, besonders nach der Mahlzeit, hat oͤftere Anwandlun- gen von Schwindel, wird bey geringer Bewegung schwerathmig und ermuͤdet sehr leicht; er ist zum Lie- besgenuße sehr aufgelegt, aber, auch ausser der Bewe- gung auf der Brust gesperrt, zu Blutfluͤssen, Fie- bern ꝛc. geneigt. Hier sind also die Lebenskraͤfte schon einigermassen gehemmt. Uberfaͤllt ihn in diesem Zu- stande ein Fieber, so bekoͤmmt er heftige Kopf- und Kreuzschmerzen, Abgeschlagenheit des ganzen Koͤrpers, große Entkaͤftung, Aufgedunsenheit des Gesichtes, der Brust und des Halses; innere Hitze, heftigen Durst, große Unruhe, Ohnmachten, Betaͤubung, Zuckungen, Schlaflosigkeit, Blutfluͤße, heftige Schwei- ße, Bangigkeit, beschwerliches Klopfen der Schlag- adern, und wird sehr leicht irre. Huxham hat schon bemerkt, daß solche starke, vollbluͤtige Leute im An- fange einer hitzigen Krankheit aͤußerst kleinmuͤthig sind, und einen ganz unterdruͤckten Puls haben, obschon Blutausleerungen die erste Anzeige sind. In dem von Hasenoͤhrl beschriebenen epidemi- schen Fieber mußte man starken vollbluͤtigen Leuten ein bis viermal zur Ader lassen, obschon die Entkraͤf- tung durchgaͤngig im Anfange groß war. Das Blut zeigte oft eine im hoͤchsten Grade entzuͤndliche Kruste, und die Kraͤfte wurden lebhafter. Selbst Hasenoͤhrl , den den das naͤhmliche Fieber ergriff, wurde dreymal zur Ader gelassen, und er sagt, er habe sich dadurch kei- neswegs entkraͤftet gefunden. — Der kleine und schwa- che Puls ist, wenn die uͤbrigen Anzeigen zugegen sind, keine Gegenanzeige gegen das Aderlassen; denn der matte Aderschlag ist hier keine Folge des Mangels, sondern vielmehr der Unterdruͤckung der Kraͤfte. Der Puls ist besonders manchmal außerordentlich klein, ungleich, zitternd, aussetzend, wenn der Kranke hef- tige Schmerzen, vorzuͤglich in den haͤutigen Theilen leidet. Da sind Blutausleerungen gerade dann am noͤ- thigsten, wo der Puls am kleinsten ist. Das sicher- ste Zeichen, daß Blutausleerungen angezeigt sind, ist, wenn waͤhrend oder gleich nach der ersten Entleerung der Puls voͤller und langsamer wird. Die zweyte Stufe der Vollbluͤtigkeit wird schwe- rer erkannt, und ist weit gefaͤhrlicher. Sie entsteht alsdann, wenn bey ohnehin vollbluͤtigen Leuten die ge- wohnten Blutausleerungen unterlassen oder unterdruͤckt werden. Diese werden manchmal von hitzigen Krank- heiten befallen, ohne daß man das geringste Zeichen von einem Fieber wahrnehmen koͤnnte. Die Bewe- gungen der Natur sind durch die Anschoppung der Blutgefaͤße, besonders wenn der Antrieb nach dem Gehirn stark ist, so zu sagen, ganz zernichtet. Die Kranken haben schlafsuͤchtige Zufaͤlle, die Schlafsucht, Kraͤmpfe, Zuckungen, und fallen nicht selten in den wahren Schlagfluß. So entstund bey der sechzigjaͤh- rigen Dame des Lanzisi vom unterdruͤckten Golda- derfluße der wahre Schlagfluß. Sie war zwey Tage ohne ohne Fieber. Nach dieser Zeit wurden die Goldader- knoten geoͤffnet, und diese Entleerung beguͤnstigte die Wirksamkeit der Natur so sehr, daß ein Fieber ent- stund, welches der Kranken ihre Gesundheit verschaff- te. Ein Beweis, daß man nicht voreilig behaup- ten sollte, daß jedes Fieber, so auf den Schlagfluß folget, wenn er schon einige Zeit angehalten hat, toͤd- lich sey. — Bey den meisten ist die Gesichtsfarbe noch lebhaft, hochroth, feurig, das Gesicht angeschwollen, zuweilen der ganze Koͤrper wassersuͤchtig; der Puls ist bey einigen voll und hart, bey andern zusammenge- schnuͤrt und hart, der Hals aufgeblaͤht, das Ath- men etwas beschwerlich und heiß; oͤfters ist ein Fuß oder Arm betaͤubt, und Bewegungen und Empfindun- gen derselben gehen verloren, die Augen sind benebelt, der Kopf schwer und schmerzhaft, die Entkraͤftung allgemein. In diesem Falle war der Juͤngling des Galenus , der den andern Aerzten aͤusserst entkraͤftet schien. Er war im Gesicht roth; die Roͤthe nahm zuerst nur die rechte Seite der Nase ein, nachher er- streckte sie sich uͤber die rechte Wange, wurde immer staͤrker, bis er endlich am Himmel der Bettstatte eine rothe Schlange sah, worauf er, am fuͤnften Tage, durch einen Blutverlust aus der Nase von vier und einem halben Pfunde, Kraͤfte, aber zugleich ein leb- haftes, hitziges Fieber bekam. In einem etwas hoͤhern Grade erscheinen die- se Zufaͤlle unter einer andern Gestalt, wie dieses bey dem Juͤngling des Sydenham der Fall war. Die- ser lag so kraftlos da, daß er den Geist aufzugeben schien. schien. Der Aberschlag war so klein, so zusammen- geengt, daß ihn Sydenham kaum fuͤhlte; die Blut- adern schienen nicht gedunsen; das Gesicht sah natuͤr- lich aus; die Hitze war maͤßig; der Puls kaum et- was geschwinder, als im gesunden Zustande. Aber das Temperament und die Lebensart des Kranken zeug- ten von der Vollbluͤtigkeit. Diese Vollbluͤtigkeit wird ebenfalls durch Blutausleerungen auf die erste Stufe zuruͤckgebracht, wo dann bald das Fieber deutlich und heftig wird. Der Juͤngling bekam nach einer Aderlaͤße ein so heftiges Fieber, wie Sydenham noch keines gesehen hatte. Da hier das Blut in sol- chem Ueberflusse ist, daß die Kraft des Herzens bey weitem nicht zureichet, dasselbe fortzustossen; so hat man schlechterdings nichts von der Natur zu hoffen. Die unterdruͤckten Blutausleerungen werden nicht zu Stande kommen, bis man durch die ersten kuͤnstlichen Ausleerungen den Gefaͤßen und dem Herzen wieder Wirksamkeit verschafft hat. Hat nun aber dieser Zustand der Unterdruͤckung einige Zeit angehalten, oder ist die Anschoppung der Gefaͤße des Gehirns und des Herzens gleich anfaͤng- lich zu heftig, so tritt die dritte Stufe der Entkraͤf- tung von Vollbluͤtigkeit ein. Man kann sie am oͤftesten bey wohlgenaͤhrten, vollsaftigen, lebhaften Kin- dern beobachten, welche mit großen Beschwerden Zaͤhne bekommen. Bey einem solchen neun Monate alten Knaben, Joseph Hamann , gluͤheten anfaͤnglich die Wangen uͤber und uͤber, der Athem war heiß, schnell, muͤhsam; der Puls stark und geschwind; der in- innere Mund heiß; der Geifer triefete haͤufig, und schaͤumte. Man uͤberließ alles der Natur. Nach un- gefaͤhr acht Stunden fieng er an, Kaͤlte und Blaͤße gaͤhlings mit Hitze und Roͤthe zu wechseln, und wur- de unvermoͤgend den Kopf aufrecht zu halten. End- lich blieb er blaß und kalt; athmete schwer, langsam, kraftlos und roßelte so heftig, daß man das Schwap- pern einer ergossenen Feuchtigkeit deutlich hoͤrte, und auswaͤrts an den Rippen fuͤhlte; der Puls war unzaͤhlbar geschwind und so klein, daß man ihn kaum fuͤhlen konn- te; die Augen waren verkehrt und gebrochen, der Mund und der Athem kalt; der Geifer floß nicht mehr; die Nasenfluͤgel bewegten sich, und das Gesicht sah jenem eines Sterbenden vollkommen gleich: Alles am Koͤrper war kalt und hieng unbeweglich da. Ich ließ ihm an die Schlaͤfe Igel setzen, was der Wund- arzt, da er den Knaben fuͤr sterbend hielt, nimmer thun wollte; waͤhrend, daß diese sogen, kehrten Waͤr- me, Bewußtseyn, Kraft und Gesundheit zuruͤck. §. 72. Eine andere Art von Vollbluͤtigkeit entstehet, wenn die Gefaͤße zu klein werden, und dennoch die Menge des Blutes nicht verhaͤltnißmaͤßig vermindert wird. ( Plethora ad Spatium ) Dieses geschieht in der Furcht, im Schrecken, bey einigen im heftigen Zorn, im Fieberfrost, durch große oder ploͤtzliche Kaͤlte, durch Kraͤmpfe u. s. w. Die durch diese Ursachen er- regte Mattigkeit, Schlaͤfrigkeit, Schlafsucht, Ent- kraͤftung u. s. w. sind ebenfalls nichts als Unterdruͤ- ckung ckung der Lebenskraͤfte, und muͤßen nach Verschieden- heit der Umstaͤnde verschieden behandelt werden. In der ersten Periode der exantematischen Fiebern ereignet sich dieser Fall sehr gerne. Von den Pocken z. B. sagt Vogel „zuweilen scheinen die Kranken gleich anfangs sehr entkraͤftet, haben einen langsamen, ge- hemmten, kleinen Puls, und klagen uͤber allgemei- ne Traͤgheit und Schwachheit der Glieder. Aber dies ist nur scheinbar, die Kraͤfte sind blos unterdruͤckt. Man huͤte sich hier ja vor staͤrkenden, hitzigen, aus- treibenden Mitteln, da diese Entkraͤftung durch nichts, als durch Aderlaͤße und die kuͤhlende Methode gehoben wird. Ist der Puls dabey voll, hart, heftig; der Athem etwas beengt u. s. w. dann bedarf es gar kei- ner Frage. — Zuweilen ist es ein krampfhafter Zu- stand, wobey Haͤnde und Fuͤße kalt, und die Hinfaͤl- ligkeit recht groß zu seyn scheint. Wenn diesen Zu- stand die frische Luft nicht bald merklich erleichtert, so hilft oft ein lauwarmes Bad auf der Stelle. Die Kranken werden unmittelbar darauf heitrer und mun- terer, sie leben zusehends auf, und der Ausbruch der Pocken erfolgt mit allgemeiner großer Erleichterung. Bey sehr beweglichen, schwachen und zaͤrtlichen Kin- dern thut oft eine oder die andere Gabe Mohnsaft unter solchen Umstaͤnden vortrefliche Dienste. Der kleine, unordentliche Puls wird ruhiger und ordentli- cher, die kalten Glieder werden warm, die Angst, die Hinfaͤlligkeit, der krampfhafte Schlaf, das ohn- maͤchtige Wesen verschwinden, und die Pocken kom- men heraus.„ Handb. d. prakt. Arzneywis. 3 Th. S. 81. §. 13. Die falsche oder scheinbare Vollbluͤtigkeit ( Ple- thora ad volumen, rarefacta ) verdient eine besondere Aufmerksamkeit. Sie entsteht von der Ausdehnung des Blutes, und treibt die Adern so stark auf, wie bey der wahren Vollbluͤtigkeit. Sie hat den starken Aderschlag, den großen Puls, die brennende Hitze des Koͤrpers, die Roͤthe der Augen und des Gesichts, den Durst, die Unruhe mit der wahren gemein; nur ist der Puls weicher; die Hitze der Haut brennender, und, vorausgesetzt, daß weder die eine noch die an- dere einen hohen Grad erreicht haben, so leiden die Lebenskraͤfte bey der letztern gemeiniglich mehr. Fer- ner wird sie durch ihre erregenden Ursachen erkennt. Diese sind: “grosse Waͤrme der Luft, am Heerde und im Bade, Speise und Trank, Arzneyen und Gif- te, Brech- und Entzuͤndungsfieber, Bewegung, Leidenschaften und Reiben ꝛc. Große und ploͤtzliche Verminderung des Druckes der Atmosphaͤre, beson- dere Veraͤnderungen der Saͤfte durch beygemischte fremd- artige Materien ꝛc. Noch mehr aber, wenn die Reitz- barkeit dazu koͤmmt, oder eine fehlerhafte Beschaffen- heit des Blutes, ingleichen die Menge aufgeloͤsten, von der Waͤrme stark ausgedehnten und in das Blut aufgenommenen Fettes den Koͤrper dazu geneigt macht.„ Gaubius Anfangsgruͤnde der Krankheitslehre. §. 390. Man erkennt sie auch, wenn sie sich erst nach Blut- fluͤssen oder einer andern betraͤchtlichen Ausleerung of- fenbaret; wenn sie sich nach dem Zuruͤcktreten irgend einer boͤsartigen Feuchtigkeit in das Blut; zu Ende einer einer Krankheit oder bey der Wiederherstellung ein- findet. Die Fieber im Sommer und in heißen Laͤn- dern, die heftigen Gallfieber sind meistens mit dieser Aufwallung der Saͤfte verbunden. Bey schwaͤchlichen Leuten aͤußern sich immer- waͤhrend Zeichen dieser Vollbluͤtigkeit; so arm sie im Grunde an guten Saͤften sind, so scheinen doch alle ihre Gefaͤße bey einem geringen Krampfe, einer geringen Ermuͤdung, oder Gemuͤthsbewegung zu stro- zen. Nach Tische z. B. besonders wenn die Verdau- ung muͤhsam von statten geht, schwellen die Adern an den Haͤnden und im Gesichte auf; das Gesicht wird roth und sie empfinden eine laͤstige Waͤrme. Wo ei- ne Schaͤrfe obwaltet, ist nebst dem, daß die Ge- sichtsfarbe hochroth ist, der Puls geschwinder und voͤller, manchmal auch haͤrter, als in der wahren Voll- bluͤtigkeit, wo er unterdruͤckt ist. Die Wirkungen in Ruͤcksicht der Entkraͤftung sind, in sofern die Gefaͤße gewaltsam ausgedehnt, die Nerven und das Hirn gedruckt werden, die naͤm- lichen; aber in so fern noch eine andere mehr oder weniger nachtheilige Ursache mitwirkt, koͤnnen sie un- endlich verschieden und schlimmer seyn. Man bedient sich zwar in vielen Faͤllen auch der Aderlaͤße. Allein außer dem Falle, wo eine wah- re Vollbluͤtigkeit mit dieser falschen zusammen trifft, sind sie zuverlaͤßig jedesmal hoͤchst nachtheilig. Ich kann mich hieruͤber nicht umstaͤndlich einlassen; die Natur des Uebels zeigt deutlich genug, daß die Ent- leerungen einer Feuchtigkeit, welche nur deßwegen Gall I. Band H h uͤber- uͤberfluͤssig ist, weil sie aufbrauset, und vielleicht nur deßwegen aufbrauset, weil die Gefaͤße ihre zusam- menziehende Kraft verloren haben, nicht das eigent- liche Gegenmittel seyn koͤnnen. “Es ereignet sich nichts oͤfter, sagt Cissot , als das Kranke uͤber Er- hitzung klagen; aber man koͤnnte mit keiner Kunst ihrem Blut jene entzuͤndliche Beschaffenheit geben, welche getaͤuschte Aerzte durch die entzuͤndungswidrige Heilart zu zerstoͤhren suchen. Eine wahre Erhitzung ist zwar eine leichte Art von Entzuͤndung, naͤmlich die falsche, welche von Schaͤrfe erregt wird, aber Him- melweit von einer wahren Entzuͤndung verschieden. Sie haben beyde beym ersten Anblick viele Zufaͤlle ge- mein, indessen hilft die naͤmliche Heilart bey der ei- nen, und toͤdtet bey der andern.„ Aber in aͤhnlichen Vorfaͤllen sind zwey Dinge zu bedauern: erstlich, daß Weiber, Bartscheerer Wundaͤrzte und Aerzte ihr Heilverfahren nach den sinnlichen Erschei- nungen einer Krankheit einrichten. Einem Menschen dringt das Blut aus der Nase; er hat Wallungen und Hitze: es muß Blut weggeschafft werden u. s. w. Zweytens, daß man, obschon so leichtfertig mit den Purgiermitteln, mit den Aderlaͤssen, den Blasenpfla- stern verfahren wird, dennoch um seiner Ehre willen so sehr auf seiner Hut seyn muß, eine andere eben- falls sehr in die Sinne fallende Heilart, so vernuͤnf- tig sie uͤbrigens seyn mag, in Ausuͤbung zu bringen. Die außerordentliche Hitze, welche 1755 in Meßina von 15ten des Brachmonates bis zu Ende des Au- gusts herrschte, hatte eine Krankheit hervorgebracht deren deren Zufaͤlle und Folgen anfaͤnglich viel Schrecken verursachten. Alle, die davon befallen wurden, fielen nach Verlauf von einigen Stunden in eine heftige Ra- serey; ihr Kopf schwoll außerordentlich; sie verloren den Gebrauch ihrer Sinne, und ein heftiges Fieber toͤdete sie bald: Endlich badete man den Kopf mit kal- tem Wasser, und es starb keiner mehr. Floyer er- zaͤhlt, daß eine Muͤtze mit Schnee angefuͤllt einem Menschen, der lange wahnsinnig war, den ruhigsten Schlaf verschaffte; er erwachte viel stiller, und ward bald durch dieses Verfahren geheilt. Es ist nach Swieten besonders bey solchen Wahnsinn zutraͤglich, welcher von allzugrosser Hitze und von Ausschweifun- gen in hitzigen Getraͤnken verursacht wird. Deidier ließ einen Kranken, der im Sommer von einem hi- tzigen Fieber mit heftigem Wahnsinn befallen wurde, in ein sehr kaltes Bad setzen. Dieses Mittel stillte und heilte die Zufaͤlle gaͤnzlich, welche seit vielen Ta- gen angehalten, und den reichlichsten Aderlassen wi- derstanden hatten. Noguez erzaͤhlt, daß der Herzog de la Force in einem außerordentlich heißen Sommer einen Mann, der lange in der Sonnenhitze geritten, und endlich scheintod vom Pferde stuͤrzte, alsogleich in einen fließenden Bach werfen ließ; von da ließ er ihn in ein Bett bringen, ohne ihn zu sehr mit De- cken zu beschweren, goß ihm ein wenig Wein ein. Der Kranke erholte sich, und nachdem er die Nacht gut geschlafen hatte, befand er sich den andern Mor- gen wohl. Ein zweyter Reitender, dem diese Hilfe nicht geleistet werden konnte, blieb tod. Ludwig dem H h 2 Vier- Vierzehnten , der auf der Jagd einen Sonnenstich be- kam, muste man neun Mal zur Aderlassen; man haͤtte ohne Zweifel die meisten, wo nicht alle ersparen koͤnnen, wenn man ein aͤhnliches Verfahren benutzt haͤtte. Alle Fieber, welche eine Wirkung des aus- gedehnten Blutes sind, wie dieses in sehr heißen Jahrs- zeiten und Himmelsgegenden meistentheils der Fall ist, wuͤrden ein geschwindes und wirksames Mittel in dem kalten Bade finden; waͤre auch das Aderlassen wirk- lich eben so nuͤtzlich, so verdiente doch das Bad den Vorzug, weil dadurch die Kraͤfte nicht zerstoͤhrt wer- den. Eben dieses gilt von allen Arten von Schein- tod, welche durch eine solche Ausdehnung der Saͤfte verursacht werden. Vielleicht ist dieses die unmittel- bare Wirkung der betaͤubenden Gifte, wogegen sich nichts wirksamer bezeugt hat, als herbe, reizende und zugleich zusammenziehende, saure Mittel, z. B. kal- tes Wasser, kalte Baͤder, Eßig, Zitronen- und Vi- triolsaͤure — lauter Dinge, welche die gaͤhrende Luft der Eingeweide nach dem Genuße sehr windiger Spei- sen, in den aufgelaufenen Baͤuchen in Gall- und Faulfiebern u. s. w. zu binden vermoͤgend sind. — So viel weiß ich aus Erfahrung, daß, wenn solche Leu- te durch Blutausleerungen gerettet werden, sie sich aͤußerst langsam erholen, und allermeist mehr oder we- niger in einer oder der andern Art von Bewegung gehindert bleiben; da indessen die, welche durch kal- tes Anspritzen, durch Aufschuͤtten ganzer Eymer voll Wasser, durch herbe Saͤuren hergestellt werden, in wenig Stunden vollkommen gesund sind. §. 74. §. 74. Es ist also gewiß daß man der Unterdruͤckung der Kraͤfte aus dieser Ursache, keineswegs durch die Verminderung der Blutmasse abhelfen kann. Im Gegentheil wird man in kurzer Zeit einen verwickelten Zustand von Entkraͤftung zu wege bringen; je mehr man die Gefaͤße entleert, desto heftiger wird die in- nere Gaͤhrung und desto kraftloser der Widerstand und die Gegenwirkung der Gefaͤße. Man zieht nothwen- dig den wahren Mangel an Lebenskraft zu, ohne der Unterdruͤckung zu steuern. Bey diesen Umstaͤnden stirbt der Kranke mit allen Zeichen einer Vollbluͤtig- keit, obschon in seinem Leichname alle Gefaͤße an Blut verarmt oder leer gefunden werden. Helmont erzaͤhlt ein sehr auffallendes Beyspiel: Im Jahr 1641 den 8ten November wurde die Leiche des Kardinals Prinz Ferdinand, des Koͤnigs von Spanien Bruders, ge- oͤfnet. Er hatte durch neun und achtzig Tage das dreytaͤgige Fieber, woran er im zwey und dreysigsten Jahre seines Alters starb. Aus dem Herzen, der Leber und den Lungen zusammengenommen floß kaum ein Loͤffelvoll Blut in die Brusthoͤle, die Leber war ganz blutleer, und das Herz welk wie ein Beutel. Man hatte ihn durch Aderlassen, Purgiermittel und Blutigel so sehr erschoͤpft, und dennoch hoͤrte das Fieber nicht auf. Lieutaud sagt, die Blutgefaͤße werden manch- mal so leer gefunden, daß der Kopf, die Brust, der Unterleib ganz trocken sind, und nur von Luft strozen; in den kleinen Gefaͤßen seye gar kein Blut, und die großen großen seyen nur halb voll. Bey einer Jungfer, der man innerhalb einem Jahre hundert Mal Ader ließ, und die, wahrscheinlich an einem Nervenschlag, gaͤ- hen Todes starb, war in den Gehirngefaͤßen keine Spur von Blut zu entdecken. — Ein Mann, dem man in einer Lungenentzuͤndung oͤfters zur Ader ließ, starb in der Wiedergenesung an einer heftigen Ohn- macht. Man bemerkte doch, daß kurz vor dem Tode die Kraͤfte zunahmen, und das Gesicht sich wieder zu faͤrben anfieng. In der Leiche waren die Hirngefaͤße trocken, das Herz blutleer und alles ausgetroͤcknet. Synop. univ. Prax med. P. I. p. 53. Bey de Haen hatte eine Frau noch fuͤnf Stun- den vor dem Tode einen geschwinden, starken, harten Puls; das Blut sprang mit Gewalt und entzuͤndli- cher Dichtigkeit aus der Ader. Noch eine halbe Stun- de vor dem Tode, nachdem sie eine Verblutung von ungefaͤhr sechs Unzen erlitten hatte, war der Puls noch staͤrker an beyden Armen. Und dennoch war gar kein Blut weder in den Schlagadern noch Blutadern; auf dem Grunde des Schaͤdels fand man sechs Unzen ergossenes fluͤssiges Blut. Pars VI. Problema I. cap. 4. — Ein gichtfluͤssiger Mann hatte immerwaͤhrend bis kurz vor dem Tode ei- nen harten, starken Puls. Man hatte ihm nicht nur keine Ausleerungen veranstaltet, sondern er hatte nicht einmal die erforderlichen; die Schlagadern alle, selbst das Herz waren blutleer. Die Schlagadern waren uͤber Finger dick, und die Blutadern ebenfalls sehr weit ausgedehnt; sie enthielten beyde nichts als einen kaum kaum einer Linie dicken Faden von geronnener, weißer Lymphe. Ebendaselbst Problema II. Gattenhoff sah einen jungen, dem Ansehen nach starken, großen Bauern, der an einem anhaltenden hitzigen Fieber darnieder lag, und unvermuthet starb. Ausser der Milz, welche von brandigem Blute gewal- tig ausgedehnt war, fand man kein Blut im Herzen und keines in allen großen Gefaͤßen, obschon kurz vor dem Tode der Aderschlag zwar weich, aber stark, groß und haͤufig war. Dissert. de Plethora. F. Hoffmann versichert, mehrere solche gese- hen zu haben, besonders schlechtbeschaffene Leute und hypochondrische, wo die Gefaͤße und das Herz zwar blutleer, aber dennoch sehr von Luft ausgedehnt wa- ren. Ein Beyspiel fuͤhrt er von einem cachechtischen Weibe an. T. VII. p. 261. Mehrere solche Faͤlle findet man bey Haller, Gorter, Camerer, Heuermann, Schwen- ke, Kupfer, Fischer, Sagar, Morgagni und andern, daß man sie also nicht als seltsame Erschei- nungen ansehen darf. Die Kennzeichen dieses Zustandes sind bis jetzt noch ungewiß. Lieutaud fuͤhrt folgende an: Die Kranken fallen nach und nach von Kraͤften, und kla- gen uͤber hartnaͤckiges Ohrenklingen; sie verlieren die Eßlust, und werden oft entfaͤrbt. Die meisten haben Bauchfluͤße oder den Harnfluß, oder starke, anhal- tende Schweiße. Einige sind den Ohnmachten unter- worfen worfen und sterben gaͤhlings. Zuweilen schwellen die Beine, und dann ergießet sich Wasser in die Brust- und Bauchhoͤle. Spaͤter verlieren die Kranken den Schlaf, holen tiefe Seufzer, und verlieren alle Hoff- nung der Wiedergenesung. Einige werden sogar aus Kummer und immerwaͤhrender Todesangst sinnlos, bis sie endlich unterliegen. — Aber manchmal fehlen alle diese Zeichen, oder es hat gerade das Gegentheil statt. Selbst nach unglaublichen Ausleerungen ist oft noch eine große Blutmenge zugegen. Diese Beyspiele beweisen, wie sehr diejenigen irren, welche mit den Ausleerungen so lange fortfah- ren zu muͤssen glauben, bis die Gefaͤße und die Haut zusammen gefallen sind. So gewiß es ist, so wenig kann ich begreifen, wie man behaupten und Beyfall finden kann, daß diese Entleerung der Gefaͤße, das wahre Maaß der Entkraͤftung seye, auf welches man die Kranken in hitzigen Krankheiten herabsetzen muͤße. Pujati de Victu sebric. p. 120. und einige angesehene noch lebende Aerzte. Haben denn solche Maͤnner nie die aufgeblaͤheten, strotzenden, hoch oder dunkelrothen, feurigen Gesichter der an faulichten Krankheiten oder an Gallfiebern sehr gefaͤhrlich darnieder liegenden Kranken gesehen? — Wenn man diese durch Ausleerungen besonders des Blutes heilen will, und dann die erfolgenden Zufaͤlle und den Tod einer vorgegebenen Boͤsartigkeit der Krank- heit zuschreibet, so ist es freylich kein Wunder, daß man seinen Irrthum nie einsieht. Verschafften sie aber solchen Kranken den Zutritt der frischen, kuͤhlen Luft, sollte sollte es auch eine Zugluft seyn, wenn nur kein Aus- schlag, dessen Zuruͤcktreten gefaͤhrlich werden koͤnn- te, vorhanden ist; spielten sie nicht mit den Gaben der vegetabilischen sowohl, als der mineralischen Saͤuren; naͤhmen sie ihnen die Bettdecken weg; huͤteten sie sich vor den reitzenden, hitzigen Arzneyen, u. s. w., so wuͤrden sie einsehen, daß man dieser Art Vollsaftig- keit ganz anderst, als durch Entleerung abhelfen kann. §. 75. Selbst in den wahren Entzuͤndungskrankheiten ist diese falsche Vollbluͤtigkeit eine alltaͤgliche, theils freywillige, theils erkuͤnstelte Erscheinung. Freywillig, bey schwaͤchlichen, empfindsamen, besonders durch vorhergegangene haͤufige Aderlaͤssen reizbar gemachten Leuten — Bey Frauenzimmern, die eine hochrothe Gesichtsfarbe, den Zeitfluß alle vierzehn Tage oder drey Wochen, und sehr reichlich haben; nach jedesmaliger Gemuͤthsbewegung, aber be- sonders, wenn eine Neigung zu Kraͤmpfen oder eine besondere Schaͤrfe im Koͤrper vorhanden ist. In die- sen Faͤllen hab ich oft augenblicklich theils durch Zer- streuung, theils durch einige Tropfen des schmerzstil- lenden Hoffmannischen Geistes eine solche Aufwallung der Saͤfte gehoben, daß ich selbst, wenn ich nicht auf die vorhergegangenen Umstaͤnde, oder auf das Tem- perament des Kranken gesehen haͤtte, aus der gegen- waͤrtigen Lage unmoͤglich eine andere Anzeige, als zu Blutlaͤssen haͤtte machen koͤnnen. Der Aderschlag z. B. ist außerordentlich hart; einige Theile des Koͤrpers gluͤ- gluͤhen, andere sind kalt; der Kranke klagt uͤber hef- tige Schmerzen im Innern des Koͤrpers und im Kopfe; die Augen sind aufgetrieben; die Haut gespannt, tro- cken; das Gesicht gluͤhet; die Abgeschlagenheit und Kraftlosigkeit sind allgemein u. s. w. Weiß ich aber, daß diese Umstaͤnde mit der gegenwaͤrtigen Krankheit nicht zusammenhaͤngen, und die Gefahr scheint mir dennoch sehr dringend, so schicke ich um den Wund- arzt, wende unterdessen alles an, was eine falsche Gaͤhrung der Saͤfte erfodert, ohne dennoch einer et- wannigen Entzuͤndung zu schaden; ich gebe einen lau- en Thee, worinn sehr wenig holderbluͤthe und hoͤchstens eine Kamille aufgegossen sind; zwey bis fuͤnf Hoffman- nische Tropfen; mache Baͤhungen. — Nach einer vier- tel Stunde wird die Haut feuchter, weicher; der Puls verliert seine Haͤrte; die Waͤrme wird gleich- maͤssig; die Schmerzen zertheilen sich entweder unver- merkt, oder treten auf die Oberflaͤche; und der Wund- arzt geht nach Hause. Der Kranke ist jezt sehr matt wovon er sich dennoch, als von einer bloßen Ermuͤ- dung, in einigen Stunden erholet. — Ereignen sich diese Zufaͤlle in einer sehr kurzen Zeit, so daß viel- leicht vor einer viertel Stunde noch alles ruhig war, und jezt schon alles uͤber und uͤber ist, — ereignen sie sich in einer Krankheit, der solche Auftritte eigen sind, wie zum Beyspiel in den schleimichten Nervensie- bern, in der Mutterkrankheit, in der Hypochondrie, im Scharbock u. d. gl. auch wenn sie wirklich mit ei- ner wahren entzuͤndlichen verwickelt ist; werden sie bald durch die Kunst gehoben, verschwinden sie manch- mal mal unerwartet von selbst, und entstehen sie eben so un- erwartet ohne alle wichtige Veranlassung wieder; so weiß ich gewiß, daß sie desto oͤfter wiederkehren wer- den, je fleißiger ich sie durch Aderlaͤssen zu heben suche. Erkuͤnstelt wird diese Vollbluͤtigkeit, wenn man sich in Entzuͤndungskrankheiten einzig auf die Blutaus- leerungen einschraͤnkt, und dabey weder eine nachthei- lige Lage, noch die Bettwaͤrme, noch innerliche und aͤußerliche, reitzende, erhitzende Arzneyen, noch hitzi- ge, zu nahrhafte Nahrungsmittel vermeidet. Von der Lage habe ich schon geredet. Wie schaͤdlich in sol- chen Faͤllen die Bettwaͤrme seye, wie sehr dadurch das Fieber vermehrt, der Schlaf beunruhiget, und die Maße der Feuchtigkeiten in Gaͤhrung gebracht wer- den, hat Sydenham an vielen Stellen uͤberzeugend dargethan. Das Blut ist ohnehin schon durch den entzuͤndlichen Reitz in Bewegung; die Reitzbarkeit des ganzen Koͤrpers, in oͤrtlichen Entzuͤndungen aber vorzuͤg- lich jene des kranken Theiles ist erhoͤhet; diese Reitzbarkeit nimmt nach jeder uͤbermaͤßigen Auslerung zu; die Ge- faͤsse werden erschlappt, und folglich entweder außer- ordentlich zu krampfhaften Bewegungen geneigt, oder aber sie wirken im Zustande der Erschlaffung nur ganz schwach gegen die erhitzten und sich ausdehnenden Saͤfte. — In jedem Falle haben wir die Zufaͤlle die- ser Art Vollbluͤtigkeit. Am deutlichsten aͤußern sich diese Wirkungen, wenn zur Zeit, als die angezeigten Fehler begangen werden, das Gleichgewicht zwischen den festen und fluͤssigen Theilen noch nicht hergestellt ist. ist. „Wenn man die Blatternkranken, sagt Syden- ham zu fruͤh das Bette huͤten laͤßt, so bekommen sie nicht nur eine grosse Menge Blattern, sondern sehr oft Blutharnen und purpurfaͤrbene Flecken. — Das durch die Bettwaͤrme erhitzte Blut dehnet sich betraͤcht- lich aus, und tritt bald in die Gefaͤße der Nieren, wovon das Blutharnen, bald in die Gefaͤße der Haut, wovon die Petechien entstehen, welche nichts anders sind, als eben so viele von ergoßenem und geronnenem Blute verursachte Brandflecken. — — Ohne den Zu- tritt der freyen Luft, faͤhrt er fort, sehe ich nicht, daß die Aderlaͤßen das Blut sonderlich abkuͤhlen. Aber man richtet noch weniger damit aus, wenn man den Kranken gleich nach denselben ins Bett legt, oder mit Herzstaͤrkungen uͤberhaͤuft: denn auf diese Weise wird das Blut der Wirkungen dieser neuen Erhitzung noch empfaͤnglicher, als es zuvor war.„— — Da- mit sich der Kranke im Seitenstiche nicht zu sehr erhi- ze, lasse ich ihn nach Verhaͤltniß seiner Kraͤfte alle Tage einige Stunden außer Bette. Dieses ist in die- ser Krankheit hoͤchst wichtig; denn laͤßt man ihn im- merwaͤhrend im Bette, so werden zuweilen weder die Aderlaͤssen, noch andere noch so kuͤhlende Arzneyen die Zufaͤlle zu heben im Stande seyn. — —„ Die naͤmlichen Maaßregeln hat er in den anhaltenden Fie- bern der Jahre 1667, 1668, 1669, 1673, 74, 75. in seinem neuen Fieber des Jahrs 1685., und uͤberhaupt in allen Krankheiten, worin die kuͤhlende Heilart an- gezeigt ist, beobachtet. §. 76. §. 76. In Ruͤcksicht der kuͤhlenden, entzuͤndungswidri- gen Arzneyen, wodurch man doch, um die Kraͤfte zu schonen, die Wirkung der Aderlaͤssen aufs Sorg- faͤltigste unterstuͤtzen sollte, werden viele sehr wichtige Fehler begangen. Ich weiß nicht, ob ich meine Amts- bruͤder uͤberzeugen werde. Einige bedienen sich der so genannten entzuͤn- dungswidrigen Abfuͤhrungsmittel, als: der Manna, der Tamarinden, des Polychrestsalzes u. d. gl. — Aber zu was Abfuͤhrungen, wenn man zu Folge der dringendsten Anzeige auch in unreinen Entzuͤndungen, zuerst diese zu heben, sich bestreben sollte? Zu was Ausleerungen einer Materie zu einer Zeit und durch Weege, die ihr nicht angemessen sind? — Endlich ist es gewiß, daß alle Abfuͤhrungsmittel mehr oder weniger reitzen, so lange ihre Wirkung dauert. Wie kann es dann anders seyn, als daß eine oͤrtliche Ent- zuͤndung durch dergleichen Dinge immerwaͤhrend un- terhalten werde, besonders wenn, wie einige sehr wei- se zu thun glauben, immer mit Aderlaͤßen und Ab- fuͤhrungen abgewechselt wird, oder diese alsobald nach jenen gereichet werden. Ich gab einigemal verschiede- nen jungen Maͤnnern, die bey einer Lungenentzuͤndung Blutspeyen hatten, nachdem alle Zufaͤlle schon durch die gehoͤrige Heilart gehoben waren, gelinde Aufloͤsun- gen von Manna. — Aber ich hatte jedesmal das Ungluͤck, einige Stunden darnach dem Kranken einen Ruͤckfall zugezogen zu haben. Was dabey merkwuͤr- dig ist, ist dieses, daß solche Kranke selten von den ihnen ihnen sonst gewoͤhnlichen Gaben abgefuͤhret werden, weil die Wirksamkeit der Natur vorzuͤglich nach dem ge- reitzten Theile zugeht. Diese Mittel erregen fliehende Hitzen im Kopf, eine wallende Bewegung um die Ma- gengegend, Kopfschmerzen, Reitz zum Husten, und Husten selbst, wodurch das in die erschlappten und ge- reitzten Lungen getriebene Blut ausgeleeret wird. Andere vermeiden dieses Verfahren; geben aber starke Gaben Salpeter und Holdersulze oder Holderbee- rensaft. In rheumatischen Entzuͤndungen, wenn sie nur nicht so oft verkennt wuͤrden, haͤtte ich nichts dagegen. Allein in den reinen Entzuͤndungen wirken betraͤchtliche Gaben Salpeter z. B. zu zwey Quentchen auf 24 Stunden, und jede Gabe Holdersulze nicht anderst als reitzend, besonders wenn die letzte, wie gewoͤhn- lich, angebrannt ist. Warum will man endlich Schweiß oder Dunst erregen, ehe es vermoͤg dem na- tuͤrlichen Gange der Entzuͤndungen nuͤtzlich ist? — — Endlich befiehlt man seinem Kranken, recht fleißig Gerstenschleim, Salep und Mandelmilchen zu trinken; lauter Dinge, die, wenn sie nicht sehr ver- duͤnnt sind, in dem ersten Zeitpunkt einer Entzuͤndung zu viel naͤhren; aber außer dem, daß sie die Kran- ken in Gestalt einer dicken Suppe nehmen, wird die Salep und der Gerstenschleim noch meistens in Fleisch- bruͤhen dargereicht; da indessen ein Loth Gerste, oder ein halb Quentchen Salep in vier Pfund Wasser ab- gekocht, und mit Sauerhoͤnig, oder, da auch dieser fuͤr manche Hypochondrische und Hysterische zu reizend ist, einem andern angenehmen Safte versuͤßet, hinlaͤnglich sind. sind. — Die Mandelmilchen erzeugen allerley Zufaͤl- le von Unreinigkeit, die faͤlschlich der Krankheit zu- geschrieben werden, und werden sie nicht ganz mild ge- trunken, so schaden sie durch ihre ranzige Saͤure. Man sollte sie daher lieber ganz weglassen; das Gute, was sie haben, kann man ja durch andere Dinge er- setzen. Jezt ist das Raͤthsel nimmer schwer zu loͤsen, warum in der naͤmlichen Statt einige Aerzte so vie- ler Aderlaͤßen, in einer gewoͤhnlichen Entzuͤndungskrank- heit z. B. nicht weniger als neun bis sechs und zwan- zig beduͤrfen, da indeßen andere jedesmal mit einer, zwey, drey, hoͤchstens vier ihren Endzweck erreichen. Einem einzigen alten Weibe von vier und achzig Jah- ren, die schon einige Tage an den heftigsten Zufaͤllen einer Lungenentzuͤndung vernachlaͤßiget da lag, mußte ich innerhalb drey Tagen fuͤnf Mal Aderlassen; um des hohen Alters willen machte ich jede nur zu sechs Un- zen; sie hatte auf jede einige Erleichterung, welche zwoͤlf bis vierzehn Stunden anhielt. Da aber ihre an Leib und Seele verkruͤppelte Tochter durchaus keine lauen Umschlaͤge machen wollte, und unter dem Vor- wande, als koͤnnte ein laͤngeres Leben der Alten ohne- hin nur zur Last seyn, gar nichts, als kaltes Wasser, gab, nebstbey mit schweren Federdecken dieselbe zum Schwitzen noͤthigte, so starb sie mit allen Zeichen ei- ner rohen Entzuͤndung den vierten Tag von meinem ersten Besuche an. Eben so waren Hippokrates, Galenus, Celsus, Alexander, Fernelius, Fo- restus, Silvius de le Boe, Plater, Amatus Lu- Lusitanus, Sydenham, Stahl, Hoffmann, Tis- sot , und unzaͤhlige andere vortreffliche Aerzte sehr maͤßige Aderlaͤßer. §. 77. Einige Tage, oft noch eine Stunde vor der heftigsten Entzuͤndung war der Mensch noch gesund: wie kann man also glauben, daß ihn die Blutmen- ge krank gemacht habe? und hat ihn der Ueberfluß an Saͤften nicht krank gemacht, warum richtet man sein einziges Bestreben dahin, diese Menge zu ver- mindern? Man will die entzuͤndliche Stockung, den Krampf der Gefaͤße, die Dichtigkeit des Blutes he- ben — gut: aber erstlich, was ist an diesen Vo- raussetzungen Wahres? zweytens: hatte der Kranke eine Stunde fruͤher bey der naͤmlichen Blutmaße we- der diese Stockung, noch diesen Krampf, noch diese entzuͤndliche Dichtigkeit; folglich ist die Blutmenge nicht die Ursache davon; und folglich kann das Ader- lassen nicht als das eigentliche Mittel, sondern bloß nach dem Beyspiele des Boerhave, Sydenham, Ga- lenus, Hippokrates als Befoͤrderungsmittel ange- sehen werden. — Ich sehe auch nicht ein, warum das Aderlassen, außer den Faͤllen einer wahren, und sich durch manche und langwierige Zufaͤlle aͤußernden Voll- bluͤtigkeit, nicht durch ein anderes Mittel ganz ent- behrlich gemacht werden koͤnnte. Der Verfaßer vom Mißbrauche des Aderlaßens fuͤhrt den Herrn Marteau an, welcher noch zu seiner Zeit in Paris bey Brustfluͤssen und Seitenstichen nur selten zur Ader ließ ließ, und dem keiner daran gestorben seyn soll. Eben so bediente sich James in den hitzigen Fiebern und im Seitenstiche mit gleichem Erfolge eines besondern Mit- tels, wobey die Blutausleerungen selten noͤthig wa- ren. Helmont , der keine andere, als oͤrtliche, z. B. durch Blutigel oder Schrepfen am kranken Theile zu- ließ, sagt: „Ich laße keinem, der den Seitenstich hat, zur Ader, und meine Heilart ist sicher, gewiß, bequem und gruͤndlich. Keiner geht zu Grunde, da indeßen so viele durch das Aderlaßen schwindsuͤchtig, oder fast alle Jahre ruͤckfaͤllig werden. Denn nach dem Ausspruche des Galenus sterben alle diejenigen schwindsuͤchtig, welche den vierzigsten Tag nicht voll- kommen geheilet sind. Ich aber heile in wenigen Ta- gen vollstaͤndig, ohne daß je ein Ruͤckfall erfolget.“ Cap. IV. de sebribus Nro. 14. Er erlernte seine Kunst von einem Bauern, und sie bestund darinn, daß er Roßmist mit Bier verduͤnnt, abgesotten, und durchgeseigt zu trinken gab, wodurch alle in drey Tagen geheilt werden sollen. In der That werden die fluͤchtigen Laugensalze, welche ver- duͤnnt sehr oft ungemein nuͤtzlich sind, nur von sehr wenigen Aerzten empfohlen. — Gaͤbe es aber nicht auch bey uns dergleichen unverschaͤmte Großsprecher, die sich, trotz so mancher erwiesenen Todesfaͤlle, schrift- lich und muͤndlich zu behaupten getrauen, daß ihnen noch Keiner an einer gewißen hitzigen Krankheit ge- storben seye; so muͤßten uns dergleichen dreiste An- maßungen allerdings unsern Glauben abnoͤthigen. §. 78. Gall I. Band. J i §. 78. So viel bleibt indeßen gewiß, daß man nicht nur in der Vollbluͤtigkeit von Verengerung der Ge- faͤße, und in jener von Ausdehnung der Saͤfte, wel- che beyde die gewoͤhnlichsten sind; sondern auch in der wahren die Blutausleerungen noch durch mancherley Kunstgriffe, sparsamer machen kann und muß, als gemeinhin zu geschehen pflegt. Bey oͤrtlicher Vollbluͤtigkeit oder Entzuͤndung wird man auch durch die oͤrtlichen Mittel und Aus- leerungen am leichtesten das gewuͤnschte Ziel errei- chen. Vogel erzaͤhlt in seinen Beobachtungen einen Fall, wo der Seitenstich bey einer 36 jaͤhrigen Kind- betterin am fuͤnften Tage nach der Geburth schon ei- nige Tage vor dem Fieber zugegen war, was alle- mal als ein Zeichen eines ohnehin nur oͤrtlichen, von irgend einem fremden dahin versetzten Stoffe, erreg- ten Uebels gelten kann. Man ließ wegen der heftigen Entzuͤndung zwey Mal zu Ader; das Blut hatte jedes Mal eine starke Speckhaut; die Kranke wurde aber vielmehr unruhiger und aͤngstlicher dadurch. Ein Bla- senpflaster hatte zwar einige Linderung gemacht; al- lein die Schmerzen kamen bald wieder so heftig, daß sie sich des Schreyens und Weinens nicht enthalten konnte. Der Puls war geschwind und klein, der Athem sehr kurz, so daß Vogel nichts Wenigers, als eine Erstickung oder den Brand befuͤrchtete. Aber nach allen umsonst angewandten Mitteln schafften Umschlaͤ- ge mit leinernen in laulicht warme Milch, in der et- was Safran gekocht war, getauchten Tuͤchern augen- blick- blickliche Erleichterung und stufenweise Abnahme der Schmerzen. Es erfolgte ein guter und leichter Aus- wurf, der bisher ganz gefehlt hatte. Der Puls wur- de groͤßer und langsamer; die Haut feucht; die Schmer- zen verzogen sich nach der Schulter und in die Huͤf- te; sie bekam einen weichen Leib und von selbst eini- ge Stuhlgaͤnge; schlief und konnte sich nach allen Sei- ten frey bewegen; holte freyen Athem; der Harn zeigte einen kritischen Bodensatz; sie schwitzte; die Reinigung fand sich wieder ein, und es kam Milch in die beyden Bruͤste; vorzuͤglich war die linke, auf welcher Seite der Schmerz war, sehr davon ausge- dehnt. 17te Beobachtung. Die Umschlaͤge erschlappten den Ort, wo- hin eben so, wie bey einer oͤrtlichen Ausleerung, die stockenden Saͤfte ihren Zufluß nehmen mußten. — Ein junger lebhafter Juͤngling hatte sich durch einen Sturz vom Pferde waͤhrend einem starken Rausche ei- ne Anhaͤufung des Bluts im Kopfe zugezogen. Alle die sonderbarsten, erschrecklichsten Zufaͤlle und Ruͤck- faͤlle wurden eher nicht gut, bis man die linke Schlaf- pulsader oͤffnete. Da er auf eine heftige Gemuͤthsbe- wegung abermal ruͤckfaͤllig wurde, nuͤtzte haͤufiges Blutabzapfen am Fuße wieder nichts, bis man die Schlagader nochmals oͤffnete; waͤhrend dem Lauf des Blutes verschwanden nicht nur alle Uebel, sondern es erfolgte auch eine vollkommene Herstellung. Ebendas. 9te Beobach. Triller behandelte zu gleicher Zeit zwey Kran- ke, die einerley Lebensart fuͤhrten, und einerley Krank- J i 2 heit heit hatten. Dem einen oͤffnete er die Ader am Ar- me, und dem andern am Fuße der schmerzhaften Seite. Der erste erholte sich bald, ungeachtet sein Fie- ber heftiger war. Der andere erhielt kaum Erleichte- rung, obschon er eine groͤßere Menge Blut verlohr. Als man ihm den Tag darauf die Ader am Arm oͤff- nete, wurden sogleich die Zufaͤlle beruhigt, und die gefaͤhrliche Krankheit endigte sich um zwey Tage spaͤ- ter durch eine gluͤckliche Entscheidung. Ueber den Vor- zug der oͤrtlichen, und der dem kranken Theile zu naͤchst gemachten Blutlaͤssen ist so viel geschrieben wor- den, daß ich es fuͤr uͤberfluͤßig finde, umstaͤndlicher davon zu reden. Nur ist zu wissen, daß dieselben in Faͤllen, wo vielleicht der ganze Koͤrper mitleidet, dann vorzuͤglich nuͤtzen, wenn ihnen eine, oder im Nothfal- le zwey allgemeine Ausleerungen vorausgeschickt wor- den sind. Hieher gehoͤren die Blutausleerungen auf der kranken Seite des Koͤrpers. Die Natur entscheidet zum Theil die Leberentzuͤndungen durch das Bluten aus dem rechten Nasenloche, und die Milzentzuͤndungen durch das Bluten aus dem linken. Galenus versichert auch, er habe das uͤbermaͤßige Bluten aus dem rech- ten Nasenloche durch einen Schrepfkopf in den Wei- chen der rechten Seite, und jenes aus dem linken Na- senloche durch einen auf die linke Seite angebrachten Schrepfkopf angehalten. In dem Seitenstich, oder der Lungenentzuͤndung ist der Aderschlag auf der kranken Seite gewoͤhnlich haͤrter und krampfhafter: eben den Unterschied bemerket man im einseitigen Kopfwehe; Krank- Krankheiten der Leber und der Milz greifen nicht sel- ten blos die kranke Seite an; und erregen von der Fuß- sohle bis zum Schaͤdel die schmerzhaftesten Zufaͤlle, oh- ne daß die andere Seite das geringste davon empfin- det, wie ich bey einer Frau, die eine Leberverhaͤrtung hatte, gesehen habe, und Bordeu bey einem fuͤnf- zehnjaͤhrigen Junge, der von Kindheit auf eine Be- schwerlichkeit an der Milz bemerkte. Er klagte von Zeit zu Zeit uͤber einen sehr lebhaften Schmerz in der Wei- che, und auf der ganzen linken Seite; der Aderschlag auf dieser Seite war gewoͤhnlich, und besonders bey dem Anfalle des Schmerzens unordentlicher, lebhaf- ter und gespannter. — Die Fußgicht macht den Ader- schlag auf dieser Seite enger und krampfartiger. — Von einer durch einen Splitter verursachten Entzuͤn- dung des Fingers, sahe ich die ganze Seite heiß und die eine Wange hochroth. Nicht selten habe ich mei- nen Kranken vorausgesagt, an welcher Seite sie schwit- zen oder am meisten schwitzen werden. Der Puls an dieser Seite ist voͤller, weicher und mehr wellenfoͤr- mig. Da also das ganze Bestreben der Natur nach einer Seite hingeht, so werden nothwendig die na- tuͤrlichen Bewegungen entweder in Unordnung gebracht, oder das Uebel wird in gar nichts veraͤndert, wenn man seine Heilart auf der gesunden Seite anbringt . Auch davon findet man jetzt uͤberall Beyspiele. — Andere unbedeutendere Kunstgriffe, als Blutigel, Reiben der kranken Stelle waͤhrend dem Aderlassen, Blasenpflaster unmittelbar auf den kranken Theil, besonders nach ei- ner reichlichen Blutlaͤße; fluͤchtige, erweichende Sal- ben ben, zertheilende, aromatische, kalte Umschlaͤge; zu- sammenziehende, kuͤhlende, gelind reitzende Mittel, Baͤder, Klystire, u. s. w. in deren Wahl uns der Grad der Entzuͤndung, die Natur des angegriffenen Theils, und die Dauer des Uebels bestimmen muͤßen, bieten sich jedem hilfbegierigen Arzte von selbsten dar. §. 79. Es giebt noch eine Vollbluͤtigkeit in Ruͤck- sicht der Kräfte ( Plethora ad Vires ). Sie ist im Ueberfluße von Blut zu suchen, zu dessen Aufbewah- rung und Verbreitung die Naturkraͤfte nicht hinrei- chend sind, folglich der Last unterliegen. Gaubius Krankheitslehre §. 391. Sehr schwachen Leuten kann eine sehr geringe Blutmenge zur Last seyn, weil ihre Gefaͤße nicht im Stande sind, sie im Umlauf zu erhalten. Diese Leute haben gerne einen gedunsenen, schwammichten, teigigten Koͤrper; das Gesicht ist blaß, und wird nur durch Bewegung roth; der Puls bleibt sehr schwach, aber dennoch ge- schwind; in der Ruhe athmen sie frey; bey geringer Bewegung aber werden sie beaͤngstiget, schwer; sie koͤn- nen weder Kaͤlte noch Waͤrme ertragen; sind sehr den Leidenschaften ergeben; ihre Adern schwellen leicht auf; bald sind sie leicht auf den Fuͤßen und guter Laune; bald aber traͤg, schwer, dumm, und verdruͤßlich; bald haben sie Abweichen, bald sind sie verstopft. Da bey ihnen die Saͤfte nicht gehoͤrig ausgearbeitet und verkocht werden; da sie bey ihrer Schwaͤche und Reitz- bar- barkeit keine Veraͤnderung ohne Folge ertragen koͤn- nen, und die Natur nicht Kraft genug hat, den er- zeugten unreinen Stoff, so wie bey Starken, fortzu- schaffen, so sind sie den Verwerfungen nach den ed- leren Eingeweiden sehr ausgesetzt, weßwegen sie zu Abzehrungen und zum Brand geneigt sind. Bey je- der Gelegenheit aͤußern sich bey ihnen Zufaͤlle der Voll- bluͤtigkeit; wenn man sie aber durch Blutausleerun- gen zu heben sucht, so zieht man ihnen Schwind- suchten, Wassersuchten, Nervenfieber, uͤble Leibes- beschaffenheit als unvermeidliche Folgen zu. Im Gan- zen haben sie vieles mit denen, welche der Vollbluͤ- tigkeit von Ausdehnung der Saͤfte ausgesetzt sind, ge- mein. Dieses Mißverhaͤltniß zwischen den Kraͤften und der Masse der Feuchtigkeiten wird gerade so er- zeugt, wie die eigentliche wahre Entkraͤftung, es seye denn, daß man auch die wahre Vollbluͤtigkeit hierher rechnen wollte, worinn die Gefaͤße manchmal so un- vermoͤgend sind, daß wahre Wassersuchten entstehen, welche in dem ersten Zeitpunkt mit Aderlaͤssen behan- delt werden muͤssen. Langwierige Gemuͤthsangelegen- heiten, fruͤhzeitige, unmaͤßige Samenergießungen, oͤfterer natuͤrlicher und kuͤnstlicher Blutverlust, wodurch endlich die Gefaͤße so schwach werden, daß sie den Ersatz, der freylich sehr bald, aber immer mit schlech- term Blute geschieht, nimmer ertragen koͤnnen, weß- wegen solche Leute den Blutfluͤßen durch die Goldader, die Mutterscheide, die Lungen, die Nase, alle zwey drey drey Wochen ausgesetzt sind. — Dieses sind die vor- nehmsten Ursachen dieses Zustandes. §. 80. Da er nun aber auch oͤfters in sehr schweren Krankheiten, nachdem sie schon eine geraume Zeit ge- dauert haben, statt hat, so setzt er nicht selten die erfahrnsten Aerzte in Verlegenheit. Ich kenne nicht leicht eine kitzlichere Lage, in welcher die Erkenntniß des wahren Zustandes versteckter, und unser Entschluß von zugleich wichtigerm und entgegengesetzterm Erfolg waͤre. Wenn die gegenwaͤrtige Krankheit noch nicht lange gedauert hat, und Verhaͤltnißmaͤßig wenige Ausleerungen vorgegangen sind, so wuͤrde mich der Anschein der aͤußersten Entkraͤftung in Ruͤcksicht mei- nes Heilverfahrens nicht irre machen. So war der Fall, bey Cothenius , den de Haen erzaͤhlet. Co- thenius ließ einem Priester, der an einer heftigen boͤßartigen Lungenentzuͤndung darnieder lag, bey der groͤßten Kraftlosigkeit, und zwar siebenmal nach ein- ander zur Ader, und verhalf ihm dadurch in kurzem zu seiner Gesundheit. Triller ließ am fuͤnften Tage eines Seitenstiches noch zur Ader bey einem Kranken, der in allen Stuͤcken einem Toden aͤhnlich war; denn sein Gesicht war blaß; die Nase spitzig; die Schlaͤfe eingefallen; die Lippen blau, die Augen starr, steif und dunkel, der ganze Koͤrper kalt; die Brust aufge- treten; der Leib hergegen eingezogen; der Puls aus- setzend, abnehmend und so schwach, daß man ihn oft gar nicht fuͤhlte; der Othem ganz unmerklich; der der Hals und Kopf so kraftlos, daß er auf die Brust vor, oder auf die Schultern zuruͤck fiel; kurz, er war ein wahres Bild des Todes. Es war ihm zweymal zur Ader gelassen. Dennoch ließ er die Fuͤße in hei- ßes Wasser setzen, darauf mit der Lanzette in eine Ader am rechten Fuße ein großes Loch machen; aber vergebens; denn es kam nicht ein Tropfen Blut her- aus. Eben den Versuch machte man auch zugleich am linken Fuße mit eben so schlechtem Erfolge. Es muste hierauf wiederum heißes und endlich siedendes Wasser zugegossen werden, und durch diese Muͤhe brachte man es doch noch so weit, daß Blasen an den Fuͤßen in die Hoͤhe traten, und die aͤußerste Haut los gieng. Jetzt lief Blut aus beyden Adern in einem lebhaften Strale, und so bekam man uͤber zwoͤlf Unzen Blut ins Wasser. Dann sah man mit Freuden, wie sich die ganze Lage des Kranken wunderbar aͤnderte und besserte; gleich nachher bekam er eine lebhafte Gesichts- farbe; sein Koͤrper wurde wieder warm; er konnte freyer Athem schoͤpfen; sein Puls schlug staͤrker und ordentlicher, und der halbtode Jaͤger lebte wieder auf. Den neunten Tag loͤsete sich die ganze Krankheit durch Auswurf, Schweiß und Urin vollkommen. Hier hat- te zuverlaͤßig ein heftiger Krampf großen Antheil, und innere sowohl als aͤußerliche Krampfstillende Mit- tel wuͤrden wahrscheinlich mit weniger Muͤhe den be- sten Erfolg gehabt haben. Setzen wir nun aber den Fall, daß bey solchen Umstaͤnden eine entkraͤftende Krankheit schon lange ge- dauert habe; daß entkraͤftende Ursachen, als: Man- gel, gel, Kummer u. d. gl. vorausgegangen; daß schon betraͤchtliche, vielleicht nur zu haͤufige Ausleerungen gemacht worden seyen; so weis ich kein anders Mittel, wie das Beduͤrfniß noch mehrerer Ausleerungen erkennt werden koͤnnte, als ein gewisses praktisches, dunkles Gefuͤhl, welches uns oft sicherer, als Grundsaͤtze, durch die finstersten Irrgaͤnge fuͤhrt. Bey Hasenoͤhrl brauchte ein magerer, bleicher, mit schwacher Brust begabter Wundarzt fuͤnf Aderlaͤßen zu seiner Wieder- herstellung von einem Entzuͤndungsfieber, obschon er einige Male in haͤufige Ohnmachten fiel, den kalten Schweiß auf dem Gesicht, einen geschnuͤrten harten Puls hatte, und sehr schwach war. Er bekam einen Bauchfluß, viele Ohnmachten; der kalte Schweiß lief ihm tropfenweis uͤber die Stirne und das Ange- sicht; der Puls schien manchmal ganz zu verschwinden; dabey hatte er Schmerzen in der Herzgrube, ein leich- tes, dunkles Irreseyn, Sehnenhuͤpfen, und das Ge- sicht war zusammen gefallen. — — Was ist da zu thun? — — Der Puls wurde wieder hart; — man ließ wieder Ader — und die Krankheit besserte sich; der Puls wurde weich und gleich, obschon er klein und geschwind blieb, so bekam der Kranke doch einen gekochten Auswurf und genaß. Historla trium Morborum \&c. p. 28. “Es giebt Faͤlle, sagt Planchon , wo eine Aderlaͤße entweder unnuͤtz waͤre, oder um so viel toͤdtlicher werden koͤnn- te, je dringender die Gefahr schon ist. Dieser trau- rige Umstand ereignet sich zuweilen in den brennen- den Fiebern, im Seitenstiche ꝛc. Der Kranke scheint keine keine fernere Aderlaͤße ertragen zu koͤnnen; aber der heftige Schmerz an der Seite, die Bedruͤckung, das beschwerliche Athmen, die Gefahr zu ersticken erhei- schen noch diese Ausleerung. Die Krankheit hat aber schon große Vorschritte gemacht; die Aderlaͤßen sind schon oͤfters wiederholt worden; die Kraͤfte des Kran- ken sind erschoͤpft, und der Tod ist unvermeidlich, wenn nicht noch die Kunst der unterdruͤckten Natur zu Hilfe kommen kann. Die Aderlaͤße scheint noch das einzige Mittel zu seyn: Aber der Erfolg ist in so einem dringenden Falle zweifelhaft. Es wuͤrde dem Arzte zum Nachtheile gereichen, wenn der Kranke un- ter der Lanzette stuͤrbe. Daher muß man die Freun- de des Kranken von der großen Gefahr, und dem ein- zigen noch uͤbrigen zweifelhaften Mittel unterrichten. Auf diese Art habe ich einen Kranken retten gesehen, welcher augenblicklich, wie ihm das Blut aus der Ader floß, leichter zu Athmen anfieng, und von den Todesaͤngsten befreyet wurde.„ Le Naturisme. §. CXLII. Am Ende der schwersten Krankheiten geschieht es oft, wo noch keine oder nur mangelhafte Entschei- dungen vorgegangen sind, daß die gelaͤhmte Wirksam- keit der Natur gleichsam stille steht; alle Ab- und Aus- oͤnderungen gehemmt werden, das Athmen kurz und abgestoßen wird, und Ergießungen, Verwerfungen nach den Eingeweiden, den Gehirnhoͤlen, dem Ruͤcken- mark geschehen. Das beste Erweckungsmittel, wodurch die Richtung der Fluͤssigkeiten wieder nach der Ober- flaͤche bestimmt wird, ist eine kleine Aderlaͤße von ei- ner ner, zwey Unzen, die man mit andern der Natur der gegenwaͤrtigen Krankheit anpassenden Mitteln unterstuͤ- tzet. Vielleicht wuͤrden andere krampfstillende, oder von außen angebrachte erschlappende und zugleich rei- tzende Dinge die naͤmliche Absicht mit mehr Schonung der Kraͤfte erreichen. Clerk hat bemerkt, daß der Bisam alle drey Stunden zu fuͤnfzehn bis zwanzig Gran gegeben in Faulfiebern oft ein herrliches Erwe- ckungsmittel seye; wahrscheinlich blos, weil dadurch die schwachen, krampfhaften Bewegungen, welche bey einem kleinen, geschnuͤrten, harten oder haͤrtlichen Pulse die Saͤfte nach innen treiben, entzuͤndliche Stockun- gen, selbst Entzuͤndungen erzeugen, gehoben werden. §. 81. Außer der Blutmaße koͤnnen noch andere dem Koͤrper einheimische sowohl, als von Außen angekom- mene Materien die Kraͤfte unterdruͤcken, wovon es also nicht minder wichtig ist, einige Beobachtungen anzufuͤhren. Ich fahre mit derjenigen Entkraͤftung fort, welche von einer groͤßern Menge Krankheitsma- terie verursacht wird, als die gegenwaͤrtigen Kraͤfte zu bewegen, zu verarbeiten und fortzuschaffen im Stande sind. Sie ist im Grunde auch nichts anders, als ein Mißverhaͤltniß der Kraͤfte zu gewißen mehr oder weniger beweglichen Materien. Nach Verschie- denheit der Umstaͤnde muß man also bald nur den fremdartigen Stoff, bald aber auch die ganze Saft- maße vermindern, um den bewegenden Kraͤften freyen Raum und Wirksamkeit zu verschaffen. Sehen Sehen wir zu erst, wie in aͤhnlichen Faͤllen die Natur zu Werke gehe; vielleicht laͤst sich dann das Verfahren der Kunst mit mehr Ueberzeugung bestim- men. “Die Art, einen betraͤchtlichen Theil der Gicht- materie auf die Gelenke abzusetzen, bis das uͤbrige auf eine gute Weise aus dem Koͤrper weggeschafft wer- den kann, ist ein ganz gewoͤhnliches Mittel, dessen sich die Natnr sehr oft in vielen Faͤllen zu bedienen pflegt, wo sie durch die allzugroße Menge der Krankheitsma- terie beynahe ganz unterdruͤckt wird. So z. B. ge- schieht bey den zusammenfließenden Blattern, wenn der Ausbruch voͤllig erfolgt ist, die erste Versetzung nach dem Kopfe, rings um das Gesicht, den Hals und Nacken, welche Theile dadurch betraͤchtlich an- schwellen. So wie sich aber die Schwulst allmaͤhlich setzt, so faͤngt sie bey den Haͤnden und Armen an; und vermindert sie sich da, so entsteht sie an den Fuͤ- ßen und Beinen, oder soll doch entstehen. So lang diese Geschwuͤlste sehr stark sind, ist auch das Fieber ganz gelind und regelmaͤßig, und es geht alles ganz gut von statten. Wofern aber ein ploͤtzlicher Schweiß oder eine andere heftige Ausleerung diese Geschwulst ehe vermindert, ehe die Natur die noch im Koͤrper uͤbrige Krankheitsmaterie durchgearbeitet und ausge- fuͤhrt hat, so zeigen sich bald gefaͤhrliche Zufaͤlle; halten hingegen diese Geschwuͤlste, sonderlich an den Fuͤßen so lange an, bis das zweyte Blatternfieber sich vermindert und verloren hat, so wird der Patient mit wenig Beschwerden, und ohne uͤble Folgen wie- der hergestellt, und es geht dabey allemal desto besser, je je langsamer und mehr nach und nach die Geschwuͤl- ste sich vermindern, und dieses auch, nachdem das Fieber bereits, wenigstens auf eine gewisse Art, sich verloren hat. Bey dieser Schwulst, wenn sie so lan- ge anhaͤlt, bis die Krankheit ganz voruͤber ist, und dann nach und nach vergeht, geht es dem Patienten allemal besser, als wenn sie durch starkes Purgieren oder Speichelfluß gehoben wird.„ Beob. uͤber langw. Krankh. Grant haͤlt dieses Verfahren der Natur in den Blattern sowohl als in andern Fiebern fuͤr nichts anders, als eine einst- weilige Beseitigung eines Theils des Krankheitsstof- fes, mittlerweilen der andere Theil gekocht und aus- geleert wird; unterdessen geht mit der abgelagerten Materie in dem Aufenthaltsorte schon einige Veraͤnde- rung vor, worauf sie wieder eingesogen, erst recht durchgearbeitet und dann weggeschaffet wird. So hat er im Anfange eines Anfalls der Gicht, wenn das Fieber die Nacht durch sehr heftig war, des andern Morgens die leidende Gelenke auch im Verhaͤltniß mehr geschwollen gefunden. Diese Geschwulst nimmt bey jedem neuen Anfalle zu. Hat aber die Krankheit schon einige betraͤchtliche Zeit gedauert, und das Fie- ber nun sehr abgenommen, so faͤngt auch die Geschwulst der Gelenke an, sich zu vermindern. Vornehmlich er- folgt dieses allemal, wenn der Patient durch die Ein- saugung eine unruhige Nacht gehabt hat. Es giebt also Faͤlle, wo der Krankheitsstoff zu haͤufig ist, als daß er zu gleicher Zeit hinlaͤnglich be- wegt wegt und verarbeitet werden koͤnnte. Sind nun die Lebenskraͤfte in gutem Stande, so erregen sie bald frey- willige Ausleerungen auf verschiedenen Weegen; bald bedienen sie sich des Zellengewebes, um einstweilige Ablagerungen zu machen, bis sie der ersten Buͤrde entledigt, die Verararbeitung einer andern vornehmen koͤnnen. — — Geschieht es nun aber, daß entweder eben die- se Krankheitsmaterie, oder eine andere Ursache die Kraͤfte in ihrer Urquelle angegriffen haben, so kann sich die Natur auf keine Weise, oder hoͤchstens nur sehr unvollkommen uͤber die Krankheitsmaterie Mei- ster machen. Bey solchen Umstaͤnden geht z. B. vom Blatterngift auch noch ein Theil nach der Haut, aber unter der Gestalt brandiger, schwarzer, schwarzblau- er mit Blutfluͤssen begleiteter Wasserblasen; unter der Gestalt bleyfarbener mit einem schwaͤrzlichen und in der Mitte eingesunkenen Flecke verunstalteten Blatter- pocken, die eine waͤsserichte scharfe Lymphe enthalten. — Aber diese Zufaͤlle moͤgen noch so erschrecklich seyn, so muß der Arzt jedesmal demjenigen Umstand begeg- nen, welcher die Ursache der Entkraͤftung ist. Bey sehr Vollbluͤtigen, Starken, Wohlgenaͤhrten, besonders, wenn die Zufaͤlle noch nicht zu lange angehalten haben, werden Aderlaͤßen dieser anscheinenden Faͤulniß am kraͤftigsten wiederstehen. Hat man Ursache, das Uebel einer schlimmen Gaͤhrung der Saͤfte und einem wirk- lich faulen Stoffe zuzuschreiben, so sind die minerali- schen Saͤuren das zuverlaͤßigste Mittel. Einem hart- naͤckigen Krampfe helfen Mohnsaft und laue Baͤder ab. ab. In der gefaͤhrlichen Blatternepidemie, welche wir im Spaͤtjahre 1790. in Wien gehabt haben, und die durch eine besondere Neigung zu Versetzungen gro- ße Verheerung unter den Kindern anrichtete, ist mir auch bey den bedenklichsten Zufaͤllen, von allen denen keines gestorben, denen ich entweder gleich anfaͤnglich eine wunde Stelle gemacht und erhalten, oder aber erst bey annaͤhernder Gefahr ein scharfes Blasenpfla- ster uͤber den ganzen Bauch gelegt hatte, wodurch ei- ner großen Menge Krankheitsmaterie der Ausgang verschaffet wurde. §. 82. Die Faͤlle, wo groͤbere Unreinigkeiten, welche die Kraͤfte sehr oft bis zur Betaͤubung und zum Schlag- fluß zerstoͤhren, durch Brech- und Purgiermittel weg- geschafft werden muͤßen, obschon der Kranke kaum die geringste Entleerung ertragen zu koͤnnen scheint, sind so bekannte und alltaͤgliche Erscheinungen, daß ich nur sehr weniges davon sagen will. Ist z. B. der Puls in Unreinigkeitskrankheiten klein, hastig, ungleich, und sind die uͤbrigen Zeichen von Entkraͤftung nur zum Theil zugegen, so liegt die Ursache wahrscheinlicher Weise nur im Magen und den Gedaͤrmen, und der Puls hebt sich, sobald diese gereiniget sind. Allein hun- dert Male kann dieses die Ursache seyn, ohne daß man ein zuverlaͤßiges Kennzeichen am Pulse haben kann; daß man also bloß im Zusammenhange mit den vor- hergehenden und gegenwaͤrtigen Umstaͤnden, der Le- bensart, der herrschenden Epidemie, der Jahrszeit u. u. s. w. einige Zuverlaͤßigkeit suchen muß. — Bey Grant wurde ploͤtzlich Jemand mit Schmerzen und Spannen des Unterleibes, mit Betaͤubung in den Haͤnden, Schmerz, und einer grossen Voͤlle und Schwe- re im Kopf, Entkraͤftung und Niedergeschlagenheit befallen. Die Zunge war unrein, und voll Schleim, und der Puls so schwach, daß man ihn nirgends fuͤh- len konnte. Grant rettete ihn mit Brech- und Pur- giermitteln. So haͤtten die Schlagfluͤßigen bey Medi- cus , an denen das Gehirn gesund, und der Magen von Galle uͤberschwemmt gefunden worden sind, ge- rettet werden koͤnnen. Ueberhaupt werden die Kran- ken, wenn der Magen von schleimichten faulen Unrei- nigkeiten angefuͤllt ist, manchmal auf einmal aller Kraͤfte so sehr beraubt, daß man diesen Zustand sehr leicht fuͤr boͤsartig halten koͤnnte. Bey Kaͤmpf schien ein halbjaͤhriges Kind in einem Anfall von Gichtern wirklich tod zu seyn; aber durch reitzende, mit Seife versetzte Klystire u. s. w. ward es wieder zum Leben zuruͤckgebracht, nachdem die Klystire und andere Mit- tel einen pechartigen Unrath in großer Menge abge- fuͤhrt hatten. Nur das muß ich noch anmerken, daß es mit dieser Art Unreinigkeiten das naͤmliche Bewandniß habe, wie mit der Vollbluͤtigkeit. Es koͤnnen eben- falls haͤufige Ausleerungen vorhergegangen seyn; der Kranke selbst kann eine schwaͤchliche Leibesbeschaffen- heit haben; und dennoch ist vorhandener Unrath die einzige Ursache der Kraftlosigkeit und der uͤbrigen Zu- faͤlle. So erzaͤhlt ebenfalls Kaͤmpf von einem Kin- Gall I. Band K k de de von sieben Wochen, welches man fuͤr verloren hielt, weil seit zehn Tagen, die innern und aͤussern Gichter, mit einem verdaͤchtigen Schlafen, Tag und Nacht bey ihm abwechselten. „Ungeachtet man mich versicher- te, sagt er, daß es genug Abfuͤhrungen bekommen, so ließ ich ihm dennoch ein mit Brechweinstein geschaͤrf- tes Laxiermittel, mit einer abfuͤhrenden Seifenaufloͤ- sung abwechselnd, und so oft es schlucken konnte, ge- ben, und ihm alle zwey Stunden ein erweichendes Sei- fenklystir beybringen. Dadurch war das mit Pituita (rotzigem Schleime) gemischte Kinderpech so oft und haͤu- fig ausgeleeret, daß es den Umstehenden unbegreiflich vorkam, wie die Gedaͤrme im Stande waren, es zu fassen, und wie das an sich schwaͤchliche Kind, der erstaunenden Ausleerungen ungeachtet, zusehends an Kraͤften und Gesundheit zunehmen konnte. Aehnliche Faͤlle sind mir sehr viele vorgekommen: man weiß uͤbrigens ohnehin, wie kraftlos die Hypochondern be- sonders alsdenn sind, wo gewisse, scharfe, gaͤhrende Unreinigkeiten in Bewegung gerathen. §. 83. Von diesen sehr sinnlichen Ursachen der Unterdruͤ- ckung der Kraͤfte kehre ich wieder zu jenen zuruͤck, welche den Scharfsinn des Arztes weit mehr auf die Probe setzen. Dieses sind vorzuͤglich jene Faͤlle, wel- che die, auf die blossen Zufaͤlle einer Krankheit auf- merksamen Aerzte, gewoͤhnlich zu einer faͤulnißwidri- gen und herzstaͤrkenden Heilart verleiten. Ich habe es schon einige Male gesagt, und wiederhole es um der Wich- Wichtigkeit der Sache willen noch ein Mal, daß der Arzt aus weit wesentlichern Quellen, als aus der Ge- stalt der Zufaͤlle, seine Heilanzeigen schoͤpfen muͤsse. — In dem epidemischen Fieber, welches 1623 zu Mont- pellier eine schreckliche Niederlage machte, starben fast die Haͤlfte der Kranken, besonders aber diejenigen, denen die Druͤsen hinter den Ohren auftraten, wel- ches um den neunten oder eilften Tag zu geschehen pflegte; diese waren in zwey Tage alle verloren. Nach- dem Riveri von nichts einen guten Erfolg erhalten konnte, dachte er bey sich: der Ort, durch welchen die Materie einen Ausgang sucht, ist nicht groß ge- nug, sie zu fassen, weil sich eine solche Menge im In- nern des Koͤrpers vorfindet, das sie den Kranken ganz unterdruͤckt. Der Anzeige zu Ausleerungen wider- sprach aber die aͤusserste Kraftlosigkeit der Kranken; denn diese war so groß, daß sie bereits im Todes- kampfe zu liegen schienen, und diesem auch wirklich in Kurzem unterlagen. Zudem hatte man zuvor Blut genug weggelassen. Dem ungeachtet schien ihm die Entkraͤftung mehr eine Unterdruͤckung der Kraͤfte, als ein wahrer Mangel derselben zu seyn. Er ver- muthete, die Kraͤfte seyen nur deßwegen so ploͤtzlich und so tief gesunken, weil sich die Natur der Last nicht entledigen konnte, und daß man ihr zu Hilfe kommen koͤnnte, wenn man einen Theil derselben wegnaͤhme. Den ersten Kranken ließ er Anfangs nur drey Unzen Blut weg. Nach drey oder vier Stunden fand er den Puls kraftvoller. Er ließ also nochmals sechs Unzen weg. Der Puls wurde wieder besser und staͤrker; K k 2 das das abgezapfte Blut sah sehr verdorben aus; den an- dern Tag gab er zum Abfuͤhren; und so war dieser, und in Zukunft alle uͤbrigen, die Ohrendruͤsenge- schwuͤlste hatten, geheilt. Wo Burseri von den Verwerfungen, nament- lich von den Ohrendruͤsengeschwuͤlsten redet, empfiehlt er im Falle, wo sie heftig schmerzen, zu groß, oder gar roth sind, zur Ader zu lassen, obschon die Zei- chen der Vollbluͤtigkeit mangeln, und der Puls klein und schwach ist; denn oͤfters hebt sich der Aderschlag nach einem Blutverlust von wenig Unzen, und wird kraftvoller; die Kraͤfte scheinen da mehr unterdruͤckt als mangelhaft zu seyn. Ist die Schwulst nur durch Ausbreitung des Uebels ( per Epigenesin ) entstanden, so seye die Aderlaͤße desto nothwendiger. Dieses that auch Traversarius in den 1709. bis 1711. herrschenden Fiebern. Pujati fuͤhrt sogar Beobach- tungen an, daß man nicht nur im Anfange, sondern auch bey der Zunahme und dem Fortgange der Schwulst Blut lassen koͤnne. Eben so, sagt Burse- ri , seye ihnen Azogvidi , ohne jemals einen Schaden davon beobachtet zu haben, zu Hilfe gekommen. Die- se Schwuͤlste entstuͤnden vornehmlich dann, wenn im Anfange die erforderlichen Blutlaͤßen vernachlaͤßiget worden sind, und seyen also oͤfters die Folge eines entzuͤndlichen zu haͤufigen Blutes. P. II. §. 308. §. 89. §. 89. Aehnliche Erfahrungen brachten den Haen auf folgende Gedanken: „Man muß die wahre Schwaͤche und die scheinbare gehoͤrig unterscheiden, ehe man be- hauptet, die Kranken sind schwach. Diese wahre Schwaͤche ist in boͤsartigen Krankheiten so selten, daß man sich wundern muß, wie derselben in solchen Krank- heiten so oft gedacht wird. Wer seine eigene Er- fahrung sowohl, als fremde daruͤber unpartheyisch zu Rathe zieht, wird mir hierinnen Recht geben muͤssen. Wie oft ist nicht der Fall in hitzigen Krankheiten, daß bey gefaͤhrlichen Versetzungen der Krankheitsma- terie, wenn die Todesgefahr schon vor der Thuͤre zu seyn scheint, und man die Frage aufwirft, ob man zur Verhuͤtung derselben das Aeußerste wagen, und dem Kranken noch zur Ader laßen solle, welches man außer der dringendsten Gefahr nie wagen wuͤrde, das alsdann vorgenommene und wiederholte Aderlaßen, von dem Kranken so gut uͤberstanden wird, daß er, anstatt, daß er vorher ganz schwach und kraftlos zu seyn schien, nunmehr nach der Aderlaͤß so viel Kraͤfte erhaͤlt, daß er die Kochung der Krankheits- materie gluͤcklich uͤbersteht. — — Es folgt auch da- raus, wie schwer es ist, die Zeichen der wahren Ent- kraͤftung zu bestimmen. Wenn nicht offenbar erschoͤ- pfende Ursachen vorhergegangen sind, als: große Ent- leerungen, langwierige Krankheiten u. s. w. so ist gewiß auch der hoͤchste Grad von Schwaͤche nur Taͤu- schung. Wie haͤtten sonst Sydenham, Riviere, Botallus, Marescotti und Sinapius bloß durch reich- reichliches Blutlassen bis zu Ohnmachten die gefaͤhr- lichsten Pestkranken mit oder ohne Pestbeulen retten koͤnnen? Folglich, muß der Begriff der Boͤsartig- keit schlechterdings mit dem Verfall der Kraͤfte nicht mehr in Verbindung gebracht werden, als in so fern sie mit andern uͤblen Zufaͤllen ein schlimmer Zufall sind, aber bey aller Boͤsartigkeit dennoch abwesend seyn koͤnnen.„ Dieses letztere beobachtete man in der Pest 1713. Einige wurden gleich Anfangs nach ge- lindem Froste und etwas Kopfwehe, ohne darauf fol- gende Hitze oder Fieber mit Pestbeulen und Pestkohlen befallen; sind einige Zeit herumgegangen, haben ge- gessen, gearbeitet, als wenn ihnen nichts gewesen waͤ- re; zuletzt aber folgte die gaͤhlinge Entkraͤftung mit der Erscheinung der Pestbeulen und Pestkohlen (Kar- funkeln) worauf sie oft gaͤhlings den Geist aufgaben. Bey Diemerbröck klagte der Pater Felizian , ein Franziskaner, uͤber nichts, als nur uͤber Beklem- mung und Bangigkeit, die so heftig war, daß er sagte, es waͤre ihm, als ob sein Herz unter einer Pres- se laͤge, und zusammen geschraubt wuͤrde. Er bekam endlich am Schenkel zwey kleine Pestkohlen, und in den Weichen hatte er sehr tief liegende Beulen. Da- bey hatte er jedoch ziemliche Kraͤfte, und sehr wenig Mattigkeit. Am vierten Tage seiner Krankheit gieng er noch mit Diemerbröck ohne zu taumeln recht herz- haft herum, und wieß ihm purpurrothe Flecken auf der Brust und am Arme. Gleich darauf starb er. Das naͤmliche ereignete sich bey mehrern. Der Der Zusatz, wodurch der Begriff der Boͤsar- tigkeit bestimmt werden sollte, daß naͤmlich die gaͤh- linge Entkraͤftung ohne bekannte Ursache sich ereigne, beweiset mehr nicht, als daß uns das betaͤubende, die Lebenskraͤfte laͤhmende Wesen der pestilentialischen Fie- ber nicht allemal so, wie einige Gran Mohnsaft, oder einige Pfund Blut, in die Sinne faͤllt. Von der ge- ringsten Uebelkeit und Neigung zum Erbrechen, wel- che das vom Unterleibe aufsteigende betaͤubende Wesen erzeugt, bis zum Scheintode, welchen der Kohlen- dampf und alle uͤbrigen betaͤubenden sichtbaren und un- sichtbaren Gifte verursachen, ist alles nichts, als Be- taͤubung und Unterdruͤckung der Lebenskraͤfte, deren Verfall bald langsamer, bald geschwinder in die Sin- ne faͤllt, je nachdem die Lebeusverrichtungen auf ver- schiedene Weise angegriffen werden. Sind wir im Stande, dieses Wesen durch ein eignes Gegengift zu entkraͤften, oder wegzuschaffen, ehe neue Ursachen schlimmerer Folgen erzeugt worden sind, so erhaͤlt der Kranke in wenig Stunden, ja manchmal eben so gaͤh- lings seine vorige Kraft wieder, als er sie verloren hatte. Einige Loͤffelvoll Zitronensaͤure geben der Katze all die Kraft wieder, welche ihr der Schierling genom- men hatte. Sydenham schaffte in einer pestilentiali- schen Epidemie das entkraͤftende, boͤsartige Wesen durch einen lange anhaltenden, starken Schweiß weg. Huxham , wenn er bey Kranken, die an boͤsartigen Fiebern darnieder lagen, den Zunder der Boͤßartig- keit aufgefangen hatte, und Eckel, Uebligkeit und Kraftlosigkeit zu empfinden anfieng, ritt auf eine er- habne habne Gegend in die freye Luft, und zerstreute oder entkraͤftete dadurch jenen boͤsartigen Krankheitsstoff. Sobald in den schleichenden boͤsartigen Nervenfiebern eine Harnstrenge, oder ein brandiges Geschwuͤr ent- steht, und die Krankheitsmaterie dadurch wenigstens zum Theil entweder abgelagert oder ausgeleeret wird; so werden Kopf und Brust freyer, das Fieber laͤßt nach, der Puls wird weiter, staͤrker, gleicher, das Athmen leichter, freyer, ruhiger, die Haut weich und feucht. Da aber diese Art Fieber allermeist nur schlechtbeschaffene und erschoͤpfte Menschen zu befallen pflegt, so sieht man leicht ein, warum man der Na- tur durch wirklich staͤrkende angenehme Dinge zu Hil- fe kommen muͤße; warum weder Blut, noch sonst ein Ueberfluß von rohen Saͤften hier das entkraͤften- de Wesen seye, und folglich weder durch Blutauslee- rungen, noch durch Brech- und Purgiermittel wegge- schaft werden koͤnne. Der scharfe, seine, zaͤhe, faule, den Nerven hoͤchst feindselige Stoff will nach seiner eigenen Weise ausgeleert werden. Huxham hielt nichts fuͤr so guͤnstig, als einen haͤufigen Speichelfluß ohne Geschwuͤrchen. „Wo dieser eintritt, sagte er, und die Haut maͤßig feucht ist, da gebe ich kaum je- mals die Hoffnung auf, so betaͤubt, dumm und ent- kraͤftet auch immer der Kranke zu seyn scheinet.„ Sehr gerne wirft die Natur diesen Stoff auf das Zel- lengewebe besonders der Hinterbackenmuskeln, und dieses zwar schon manchmal die ersten Tage der Kran- heit; nach einer vollstaͤndigen Kochung geht er auch durch den Harn und durch Stuͤhle weg. — — Man thut thut also recht, das Wort Bösartig mit Vogel bloß nach seiner woͤrtlichen Bedeutung beyzubehalten, und denjenigen Zustand eines Fiebers boͤßartig zu nennen, wenn aus dem Zusammenfluße und der Uebereinstim- mung gewißer Erscheinungen und Zufaͤlle, welche die Erfahrung bey gleichen Umstaͤnden jederzeit als ge- faͤhrlich bezeichnet hat, eine wahre Gefahr der Krank- heit fließet, die entweder schlechterdings zum Tode fuͤhrt, oder doch mit vieler Schwierigkeit, und mei- stens auf eine unvollkommene und bedenkliche Weise gehoben wird. — Nur wird auch hier die Boͤsartig- keit, je nachdem die Heilkunde zu einer Zeit, in einer Gegend, unter den Haͤnden verschiedener Aerzte mehr oder weniger vollkommen ist, unendlich verschiedene Kennzeichen bekommen; Heute und Diesem werden al- le Kranken zu Grunde gehen, die Morgen und einem Andern alle genesen. Folglich waͤre es beßer, um we- sentlichere Dinge, als um Worte zu streiten, und die Natur einer Krankheit aus allzeitigen, unveraͤnderli- chen Umstaͤnden, welche den geraden Weeg zur Heil- art fuͤhren, zu bestimmen, — was ich im naͤchsten Kapitel zu leisten versuchen werde. §. 85. Obschon man nun das Daseyn solcher Dinge nicht leugnen kann, welche die Kraͤfte in sehr kurzer Zeit nicht nur zu unterdruͤcken, sondern wirklich zu zer- nichten vermoͤgend sind, wie z. B. traurige Leidenschaf- ten u. d. gl.; so kann man doch im Allgemeinen alle- mal entweder ganz allein oder zum Theil eine Unter- druͤ- druͤckung annehmen, wenn ohne vorher erlittene be- traͤchtliche Ausleerungen, lange anhaltender Krank- heit, Mangel u. d. gl. die Kraͤfte sehr gesunken sind; wenn auch bey dergleichen Umstaͤnden die Entkraͤf- tung dennoch verhaͤltnißmaͤßig zu groß ist, und zu schnell zugenommen hat; wenn die Zufaͤlle bald eine mehr oder weniger thaͤtige Wirksamkeit, bald eine gaͤnzliche Erlegenheit der Natur verrathen, so, daß z. B. der Aderschlag zuweilen vollkommen verschwindet, zuweilen aussetzet, zuweilen voll, weich und stark, und zuweilen wieder klein, zusammengezogen und schwach wird; einzelne Verrichtungen in verhaͤltnißmaͤßig bes- serm Stande sind, als es das Ganze zu erlauben scheint, die Sprache z. B. bey aller uͤbrigen Hinfaͤl- ligkeit dennoch stark und lebhaft ist; in den inneren Theilen eine große Hitze, in den aͤußern eine große Kaͤlte empfunden wird; wenn uͤberhaupt keine Stetig- keit in den Zufaͤllen herrschet; wenn bey einer herr- schenden Volkskrankheit die Starken eben so wie die Schwaͤchlichen entkraͤftet werden, oder selbst die staͤrk- sten, gesuͤndesten Leute fruͤher und schwerer unterlie- gen; wenn staͤrkende, naͤhrende, hitzende Dinge scha- den; wenn die Krankheit Ausleerungen oder Verwer- fungen mit Erleichterung macht oder ertraͤgt; wenn nach diesen Entscheidungen die Wiedergenesung ge- schwinder von statten geht, als bey einer wahren Entkraͤftung zu geschehen pflegt. Von Von der Erschoͤpfung der Kraͤfte . §. 89 Ich glaube nicht, daß es noch noͤthig seyn wird, von der Erschoͤpfung der Kraͤfte, oder der wahren Entkraͤftung sehr umstaͤndlich zu handeln. Langwieri- ge, schwere Krankheiten, uͤbermaͤßige oder lange an- haltende Ausleerungen des Blutes, des Samens, des Schweißes, des Harns, der Stuͤhle, des Speichels, Erbrechen, weißer Fluß, langwierige Katarrhe mit haͤufigem schleimichtem oder eiterichtem Auswurf; Man- gel an Nahrungsmittel, oder innere Ursachen, wo- durch die Ernaͤhrung des Koͤrpers gehindert wird; langes Wachen, traurige Leidenschaften, als: Kum- mer, Zorn, Furcht, Schrecken, unbefriedigte Sehn- sucht; Dinge, welche die Saͤfte schnell oder langsam aufloͤsen, die Lebensgeister zerstieben, oder ihre Wir- kung auf gewiße Theile hindern, die die festen Theile laͤhmen, u. s. w. sind die eigenthuͤmlichen Ursachen ei- ner wahren Entkraͤftung. Die Stufen sind verschieden. Auf einem be- traͤchtlichen Grade koͤnnen die Kranken kaum mehr ste- hen, so, daß sie beym Gehen wanken; ihre Sinnen und Denkkraft werden benebelt; sie empfinden eine Geneigtheit zum Irreseyn und sind vergessen; ihre Glieder sind gewißermaßen betaͤubt und keiner anhal- tenden Bewegung oder ruhigen Stellung faͤhig; sie koͤnnen nicht schlafen, und athmen schwer; meisten s sind sie verstopft, und haben gerne eine trockene Haut. Zuweilen bluten sie aus der Nase, oder andern Thei- len len. Lieutaud sahe eine Blutung aus der Harnroͤhre bey einem Wolluͤstling. Sie verfallen gerne in Ohnmach- ten; sind sehr mißmuthig und verzagt; sterben bald gaͤhlings unvermuthet, bald gehen ihrem Tode oͤftere und schwere Ohnmachten vorher. — Bey Galenus verfiel ein fuͤnf und zwanzig jaͤh- riger, hagerer, abgezehrter, trockner Mann aus er- schoͤpfenden Ursachen in ein eintaͤgiges Fieber. Die so genannten Diatritarii Eine Sekte von Aerzten, welche jedem Kranken die er- sten drey Tage alle Nahrung entzogen. ließen ihn zwey Tage ohne alle Nahrung, und hatten es auch so beym dritten Anfalle beschlossen. Nun kam aber Galenus dazu; dieser sah, daß der Kranke schon voͤllig das Hyppo- kratische Aussehen hatte, und befuͤrchtete daher eine Abzehrung oder das hektische Fieber; er gab ihm et- was leicht Nahrhaftes zu schluͤrfen; das Fieber kam zur gewoͤhnlichen Stunde mit einem sehr kleinen Pulse und so kalten Gliedern, daß er kaum zu erwaͤrmen war. Den vierten Tag gab er ihm die naͤmliche Nah- rung zweymal, den fuͤnften Tag eine staͤrkere. So fuhr er bis den eilften Tag fort, da indessen die an- dern Aerzte unaufhoͤrlich schryen, daß der Kranke zu viel genaͤhrt werde. Galenus hatte beobachtet, daß der Puls etwas an Kraft zugenommen habe, und entschloß sich daher, seine Gegner durch eine Thatsa- che zu widerlegen. Er gab also dem Kranken gar kei- ne Nahrung; da nun um die Zeit des Anfalles die uͤbrigen Aerzte alle beysammen waren, zog er den Schluͤßel von der Thuͤre. Das Fieber kam — aber der der Kranke war ohne Puls, ganz erstarrt, konnte nicht reden, und vernahm nichts von allem, was um ihn vorgieng. Er oͤffnete ihm den Mund, und goß ihm einen Gerstentrank mit weißem Weine gemischt ein; alsobald oͤffnete der Kranke die Augen, fieng an zu hoͤren, und zu reden, und erkannte die Umstehenden. Dann gab er ihm in Wein getunktes Brod, und den siebenzehnten Tag befand sich der Kranke wohl. Dieses ist ein Beweiß, wie wenig die Natur in der wahren Entkraͤftung vermag, und zugleich ei- ne Lehre, wie sich der Arzt dabey in Ruͤcksicht der Le- bensordnung zu verhalten habe. „Der Arzt soll sich- uͤberall und allzeit zur Pflicht machen, sagt Celsus , auf die Kraͤfte des Kranken aufmerksam zu seyn, da- mit er sie, so lange sie uͤbermaͤßig sind, mittelst der Enthaltsamkeit in Schranken halten, und ihnen, wo ein zu großer Verfall derselben zu befuͤrchten ist, alsobald mit angemeßner Nahrung zu Hilfe kommen koͤnne. Denn man muß den Kranken weder mit Ueberfluß uͤberladen, noch den Geschwaͤchten durch Hunger zu Grunde richten.“ Die wichtigste Regel hierin ist diese, daß die Nahrungsmittel jedesmal mit den Daukraͤften in ge- radem Verhaͤltnisse stehen muͤssen. Nun aber sind die Daukraͤften auf der hoͤchsten Hoͤhe der Krankheit so zu sagen ganz unthaͤtig, folglich muß man in diesem Zeitpunkt den Kranken gar keine Nahrung geben: in der aͤußersten Schwaͤche muß die Nahrung ebenfalls schwach und mit der Zunahme der Kraͤfte staͤrker ein- gerichtet werden. Niemand kann, wie ich schon oben ge- gesagt habe, bessere Maßregeln geben, als sie Hippokra- tes gegeben hat. Ich will hier nur die Folgen an- fuͤhren, wie er sie beschreibt, wenn eine fuͤr die Kraͤf- te zu starke Nahrung gereichet wird. “Dann und wann ziehen sich hierauf von dem Kopfe rohe und von der Brust gallichte Saͤfte zusammen, und sie verfal- len in eine Schlaflosigkeit, woruͤber die Krankheit nicht reifet, sie werden niedergeschlagen, es schmeckt ihnen bitter im Munde, sie sind verwirrt, ihre Au- gen funkeln, es saust ihnen vor den Ohren, ihre aͤu- ßern Gliedmaßen werden kalt, der Urin ist roh und ungekocht, der Auswurf duͤnne, salzicht, einfaͤrbig und sparsam, sie schwitzen um den Hals, sie waͤlzen sich aͤngstlich herum; die Luft zischt und pfeift beym Ausathmen, sie athmen geschwind oder auch sehr tief; die Augenbraunen sind wie bey den Zornigen zusam- men gezogen; sie verfallen in schlimme Ohnmachten; sie entbloͤßen sich die Brust; sie zittern mit den Haͤn- den, bisweilen aber bewegt sich auch die Unterlippe. Erscheinen diese Zufaͤlle schon im Anfange: so verkuͤn- digen sie eine instehende heftige Raserey, und die Kranken sterben meistentheils. Die aber ja durchkom- men, entfliehen dem Tode unter Beguͤnstigung eines Abscesses, eines Nasenblutens, oder auch bey dem Auswurfe eines dicken Eiters; ausserdem aber nicht.„ Das Buch v. d. Lebensordnung. Grimm S. 326. Die Ruͤckenmarkauszehrung ( consumptio dorsa- lis ) ist eine besondere Art der Zehrung, deren naͤchste Ursache in einer allgemeinen Schwaͤche der Nerven liegt. — Eine allgemeine Erschlaffung der Fibern, eine eine Schwaͤche des ganzen Nervensystems, eine in den Saͤften vorgegangene nachtheilige Veraͤnderung; die- ses sind nach Tissot die Ursachen des Uebels, welches von der Schwaͤche aller Theile herruͤhret. Wie schwer hier die Kraͤfte zu ersetzen seyen, wird man einsehen, wenn man mit Tissot bedenkt, daß Nahrungsmittel und Arzneyen nichts anders sind, als die Werkzeuge, deren sich die Natur bedienet, sich zu unterhalten, den erlittenen Verlust zu ersetzen, und den im Koͤrper sich aͤußernden Unordnungen abzuhelfen. “Ich habe Erfahrungen von Maͤgen gehabt, sagt er, die der- massen geschwaͤcht gewesen, daß die Speisen so unbe- arbeitet darinn blieben, wie in einer hoͤlzernen Schuͤs- sel. Bisweilen fuͤgen sie sich darinn nach den Gese- tzen ihrer spezifischen Schwere; und wenn endlich eine neue Portion durch ihr Gewicht den Magen reitzt, so gehen sie auf eine gelinde Anstrengung nach und nach wieder ab, und zwar jede Speise besonders. Zu andern Zeiten aber verderben sie nach einem allzu langen Aufenthalt im Magen, und gehen in Gestalt vermoderter Stuͤcke durch Erbrechen wieder ab. Was hilft einen bey solchen Umstaͤnden Essen und Trinken? — — — Die Erschoͤpfung der Kraͤfte, faͤhrt er fort, ist nicht bey allen in gleicher Masse betraͤchtlich. Es giebt Leute, wo selbige nur geschwaͤcht, nicht aber ganz zerstoͤhrt sind; und hier koͤnnen naͤhrende Sachen und selbst Arzneyen etwas ausrichten. Durch erstere hilft sich der noch vorhandene Naturrest gewissermas- sen wieder auf; letztere aber muͤssen von derjenigen Gattung seyn, welche die beynahe verloͤschten Funken der der Lebenskraft wieder anfachen koͤnnen. Durch die- sen fremden Beystand hilft man dem Werkmeister, daß er an seinem Werke fortarbeiten kann, und doch so wenig Kraͤfte dabey zusetzt, als immer moͤglich ist; das sind gleichsam die Sporen, die man einem mat- ten Pferde giebt, wenn man will, daß es in einem schlimmen Weege seine Kraͤfte anstrengen soll. Aber wie viel Geschicklichkeit und Klugheit gehoͤrt nicht da- zu, um mit einem Blicke die Tiefe des Morastes, und die Kraft des Thieres zu uͤbersehen, und beydes mit einander zu vergleichen! Uebersteigt das Werk seine Kraͤfte, so wird es zwar dieser Spornstreich noͤ- thigen, sich uͤber Vermoͤgen anzugreifen; koͤmmt es aber dadurch dennoch nicht auf den guten Weeg, so entgehen ihm zuletzt alle Kraͤfte.” Man findet in sei- nen Schriften, besonders von der Selbstbefleckung zahl- reiche Beyspiele, wo nach diesen Grundsaͤtzen verfah- ren worden ist, weßwegen ich hier kuͤrzer bin, und die Leser dorthin verweise. Die naͤmlichen Maßregeln muͤssen auch beobach- tet werden, wenn der verwickelte Zustand von Ermuͤ- dung und Erschoͤpfung, oder von Unterdruͤckung und Er- schoͤpfung, oder von allen drey Arten der Entkraͤftungen eintrift, wie dieses z. B. in den schleichenden Nerven- fiebern der Fall ist. Da dergleichen Krankheiten schon groͤstentheils erschoͤpfte Koͤrper befallen, so muß da nothwendig eine strenge Enthaltsamkeit desto nachthei- liger seyn. Burseri will daher, man solle dem Kran- ken hie und da, auch wo er alle Nahrung verabscheu- et, mit Gewalt ein duͤnne, gute Nahrung eingeben; “denn “denn, sagt er, nirgendwo schadet die Enthaltsamkeit oder zu sparsame Nahrung mehr, als in diesem Fie- ber. Er fuͤhrt den Buchan an, der den Bordeaux- wein uͤber alle Maßen lobt, und versichert, daß er da- durch mehrere Kranke gerettet habe, welche gleichsam keinen Puls mehr hatten, bey kalten Gliedmassen im- merwaͤhrend irre waren, nebst andern Zeichen des na- hen Todes. Er gab ihnen alle Tage eine Flasche sol- chen Wein unter Molken ( Serum Lactis ) oder Ger- stenwasser. Dazu tragen Ruhe des Koͤrpers und des Gemuͤthes, und kuͤhle, reine Luft sehr vieles bey. — Auch Herz mußte nicht selten die Heilart seiner Ner- venfieber mit staͤrkenden Mitteln anfangen, ehe er zu aufloͤsenden und ausleerenden schreiten konnte. Es waͤ- re zu wuͤnschen, daß man diese Bemerkungen nie in den Krankheiten der Kindbetterinnen vergaͤße. In Ruͤcksicht der Ausleerungen gilt im Allgemei- nen der Grundsatz, daß man desto weniger ausleeren doͤrfe, je mehr die Entkraͤftung eine wahre Erschoͤ- pfung der Kraͤfte ist. Auch hieruͤber hat Tissot alles gesagt. Ich rechne hierher den Husten und die eiter- artigen Auswuͤrfe der saͤugenden Frauen und junger, in der Periode der Mannbarkeit, begriffener Leute, welche so, wie andere taͤuschende Entwicklungszufaͤlle durch eine ausleerende und erschlappende Heilart aͤu- ßerst hartnaͤckig und oft toͤdtlich gemacht werden, wovon aber umstaͤndlich im Kap. von den Zufaͤllen der Entwicklung und den Krankheiten der Alter und Geschlechter. Clerk zaͤhlt diejenigen Uebel, welche von zu haͤufigen Vergnuͤgungen in der Liebe entstehen, Gall I. Band. L l und und besonders die Ruͤckenmarkschwindsucht der frisch Ver- heuratheten unter die Anzeigen, wo alle Ausleerun- gen, besonders das Aderlassen toͤdtlich werden koͤnnen, obschon die Schmerzen oft so heftig sind, daß man sie leicht fuͤr einen Gichtfluß oder fuͤr ein entzuͤndliches Lendenweh ansehen koͤnnte. Ueberall, wo Mangel an Kraͤften ist, oder ein großer Aufwand derselben erfor- dert wird, muͤssen Ausleerungen mit der groͤßten Be- hutsamkeit vorgenommen oder geduldet werden; z. B. wenn der Mensch sehr jung oder sehr alt ist, wenn er viel Blut, Saamen ꝛc. verloren hat, verschnitten ist, oder viel den Beyschlaf pflegt; saͤugt oder schwan- ger ist; wenn er von vorhergegangenen oder von ge- genwaͤrtigen Krankheiten sehr ermattet und erschoͤpft ist u. s. w. Hippokrates war auch darinn so sehr auf die kleinsten Umstaͤnde aufmerksam, daß er die noͤthigen Ausleerungen, jedesmal nach Verhaͤltniß der Kraͤfte, bald durch ein Purgiermittel, bald durch ein Klystier, bald nur durch eine Steckpille zu veranstal- ten heißet. “Man muß die Bleichsuͤchtigen, sagt er ferner, die Heißern, die Milzsuͤchtigen, die Ausge- hungerten, die Engbruͤstigen, die trocken Hustenden, die Saͤuser, die mit Blaͤhungen Geplagten, die, wel- che einen ausbleibenden Puls haben, unter den kurzen Nibben aufgetrieben sind, oder Schmerzen in der Sei- te und zwischen den Schultern fuͤhlen, die Schlaͤfri- gen, die Uebelsehenden, die, welchen es vor den Oh- ren klingt, die, welche schwache Urinwege haben, die Gelbsuͤchtigen, die, welche rohe Exkremente von sich geben, die, so sehr aus der Nase bluten, die welche die die guͤldene Ader stark, oder eine Windgeschwulst ha- ben, und die ein heftiger Schmerz, den sie nicht aus- zuhalten vermoͤgend, quaͤlt, wohl kennen. Keinem von diesen soll man Purgiermittel geben; denn ohne etwas zu helfen, wird man Gefahr davon haben, und die freywilligen Abaͤnderungen und Krisis vertreiben., Man sieht wohl, daß hier manche Ausnahme zu machen ist. Nicht einmal bey abgezehrten, saft- und fleischlosen Leuten sind alle Ausleerungen unbe- dingt zu fuͤrchten. Es ist bekannt, wie verstekt manch- mal die veralteten Verstopfungen der Eingeweide sind, welche den Koͤrper immer mehr abzehren, und woge- gen staͤrkende Mittel und Nahrung so lange unzulaͤng- lich, ja, nicht selten schaͤdlich bleiben, bis jene aufgeloͤset sind, und ihr materieller Stoff fortgeschafft ist. Testa rieth einem Manne, der fast ganz ausgezehrt war, Brech- und Abfuͤhrungsmittel, und er bekam dadurch einen wohlgenaͤhrten und saftvollen Koͤrper. Der zaͤ- he, kleister artige Stoff wird weggeschafft, nebst dem daß die Thaͤtigkeit der einsaugenden Gefaͤße und die Einsaugung vermehrt werden. Hat eine Entkraͤftung, z. B. von Blut- oder Saamenausleerungen schon sehr lange angehalten, so artet das Uebel gemeiniglich in ein Verderbniß aller Saͤfte aus, mit dessen Zerstoͤhrung man den An- fang machen muß, ehe man an der Wiederherstel- lung der Kraͤfte arbeiten kann. Da sind ausleerende Mittel, freylich nur bey einer klugen Leitung, un- umgaͤnglich noͤthig, und thun sehr gute Wirkung. Gebraucht man aber bey diesen Umstaͤnden sogleich L l 2 staͤr- staͤrkende und naͤhrende Mittel, Milch u. d. gl. so wird der Kranke ein schleichendes Fieber bekommen, und seine Kraͤfte desto mehr verlieren, je laͤnger und je mehr er sich dieser Mittel bedient. Eben so ist in den hitzigen Fiebern von venerischen Ausschweifungen eine große Schwaͤche vorhanden, und die Kraͤfte ge- hen mit unbegreiflicher Geschwindigkeit verloren. Den- noch darf man da nicht staͤrken; sondern man muß lin- dernde, verduͤnnende, erweichende, naͤhrende Mittel geben, welche zugleich die Kraͤfte erstatten, z. B. die Buttermilch. Dieses gilt uͤberhaupt bey jeder verdorbenen Leibesbeschaffenheit, weßwegen ich die gu- te Leibesbeschaffenheit als das erste Erforderniß auf- gestellt habe. Indessen gehoͤrt viel Scharfsinn dazu, daß man wiße, wie viel von dem einem und dem an- dern erfordert werde. Daß man bey Beurtheilung der Entkraͤftung weder den Klagen der Kranken, noch den Berichten der Freunde trauen solle; — daß die Entkraͤftung je- des Mal nur mit Ruͤcksicht auf die Natur und die Ei- genheiten der gegenwaͤrtigen Krankheit und ihrer Zeit- punkte beurtheilt werden muͤße; — daß die heftigen, krampfhaften, unordentlichen Bewegungen, welche oft nach den haͤufigsten Ausleerungen, auf der hoͤch- sten Stufe der wahren Entkraͤftung entstehen, keine Beweise einer noch wirksamen und kraftvollen Natur seyn koͤnnen; sondern vielmehr anzeigen, daß die Le- benskraͤfte bis auf die Ueberbleibsel der Reitzbarkeit zerstoͤhrt sind. — — Dieses alles ergiebt sich aus dem, was ich durchgaͤngig von den Kraͤften gesagt habe. Drit- Dritter Erfahrungssatz . Das dritte Erforderniß zur Wirksamkeit der Natur ist verhaͤltnißmaͤßige Reitzbarkeit. §. 87. W as Reitzbarkeit seye; in wie fern sie einen gewis- sen Grad von Waͤrme und Geschmeidigkeit fodere; wie sie von der Lebenskraft abhaͤnge, und als die letzte sichtbare Wirkung derselben zuletzt vom Leben uͤbrig bleibe, ist theils im ersten Kapitel gesagt worden, theils zu meinem Zwecke nicht naͤher zu bestimmen noͤ- thig, weil ich nur einige Bemerkungen uͤber die ver- minderte und vermehrte Reitzbarkeit in praktischer Ruͤck- sicht machen werde. Jedem Himmelsstriche, jeder Jahrszeit, jedem Temperamente, Alter und Geschlechte, jeder Krank- heit, und einer jeden ihrer Stufen und Zeitpunkte ist ein gewisser Grad von Reitzbarkeit des ganzen Koͤr- pers, oder einiger seiner Theile eigen, bey welchen die erforderlichen Verrichtungen am besten von statten gehen. Was uͤber oder unter diesem Grade ist, hemmt, verzoͤgert, stoͤhrt, oder beschleunigt dieselben. Er haͤngt aber so genau mit der Leibesbeschaffenheit und den Kraͤften zusammen, daß in Hinsicht der Em- pfaͤnglichkeit fuͤr Krankheiten, und der verschiedenen Gestalten derselben ein ganz gleiches Verhaͤltniß statt hat. Es koͤmmt also wieder alles darauf an, daß der Arzt die dem Wohnorte, der Jahrszeit, dem Al- Alter, Geschlechte, Temperamente, der Krankheit und ihren Stufen und Zeitpunkten eigne Reitzbarkeit ken- ne; ehe laͤßt sich kein Wort von den Abweichungen der- selben sagen, und noch weit weniger der gegenwaͤrtige Zustand einer Krankheit beurtheilen. Ich halte mich hier so streng, als moͤglich, an die Krankheiten, da von den uͤbrigen im zweyten Bande umstaͤndlicher ge- handelt wird. — — Aber hier stehe ich still — und sehe auf dem weiten Felde noch so manches oͤde! Man war es von jeher gewoͤhnt, jeden Zustand, der von dem natuͤrlichen gesunden abweichet, fuͤr wider- natuͤrlich und fehlerhaft anzusehen, und je groͤsser die- se Abweichung war, desto groͤßer schien die Gefahr; daher machte man sichs zum Gesetze, jeden widerna- tuͤrlichen Zustand zu veraͤndern. Alles was einige Na- turforscher dagegen behauptet haben, betrift nur ein- zelne Faͤlle; nie haben sie diesen Gedanken auf alle Krankheiten ausgedehnt. Wer hat den Muth, einen sinnlosen, betaͤubten, eiskalten, rasenden, am gan- zen Leibe bebenden, brennenden Kranken ohne Hilfs- mittel der Kunst liegen zu lassen? Wer ist so genau mit den Stufen, den Zeitpunkten, der Dauer und den Zufaͤllen der Krankheiten vertraut, daß er von keinem Scheine geblendet, von keiner eitlen Hoffnung oder von keinem panischen Schreken getaͤuscht werde? Hier, theuren Amtsbruͤder! werden wir indeßen am oͤftesten durch die sonderbare, fuͤrchterliche Gestalt der Zufaͤlle irre gefuͤhrt; wir ergreifen die wirksamsten Mittel, und bringen das angefangene Werk der Na- tur in Unordnung, oder zerstoͤhren es ganz und gar, und und schmeichlen uns, einen großen Sieg erfochten zu haben. Franz Jestel , von dessen Krankengeschichte der Anfang im 1 Kap. S. 63. erzaͤhlt worden ist, verfiel den zehnten Tag, nachdem er am neunten mit erfolgendem Bewußtseyn haͤufig geschwitzt hatte, in sehr verdaͤchtige Nervenzustaͤnde, und wurde wieder irre; alle diese Zufaͤlle nahmen bis in die Nacht vom dreyzehnten zum vierzehnten Tag zu. In dieser Nacht rasete er einige Male; wollte immerwaͤhrend entlau- fen, joͤhlte in einem fort, als wenn er ein stockendes Fuhrwerk in Gang bringen wollte, woraus ich auf eine im Koͤrper muͤhsam vorgehende Veraͤnderung schloß; er knirschte heftig mit den Zaͤhnen; hatte thraͤ- nende, ganz von Blut uͤberronnene Augen; zupfte an den Bettdecken; zitterte mit den Haͤnden; der Puls setzte aus, war unordentlich, und meistentheils heftig; die Waͤrme war natuͤrlich. — — Bisher hatte er eine starke Abkochung von der Rinde mit Kampfer, Umschlaͤge aus den wohlriechenden Kraͤutern mit Wein auf dem Bauche, der immer in gutem Stande war. — Nun werde ich wohl diesen Zufaͤllen auf eine wirk- samere Weise begegnet seyn? — — Einem andern Arzte zu gefallen, gestattete ich, daß er alle zwey Stunden zwey Gran Bisam bekam, weil ich von dieser Gabe eben so wenig Schaden befuͤrchtete, als wenig sie haͤtte nuͤtzen koͤnnen. Statt in Furcht zu gerathen, erinnerte ich seine Frau, daß ich ihr dieses vorhergesagt habe, und daß die Hoffnung jetzt groͤßer waͤre, als jemals. Was konnte aber die- ses ses ruhige Zuschauen, und diese Vorherkuͤndigung recht- fertigen? — — Ich hatte den naͤmlichen Gang in Nervenfiebern schon einige Male beobachtet; wuste, daß ich noch keinen Fehler in der Heilart begangen hatte; der Kranke hatte ausser einer schwachen, vielleicht schadhaften Brust, eine gute Leibesbeschaffenheit; der Harn hatte den dreyzehnten Tag einen geringen, braͤun- lichten Bodensatz, und zeigte mir also die nahe Ko- chung. — Er ließ waͤhrend dem heftigsten Sturm ei- nen dicken Harn, der sich alsogleich brach, und einen haͤufigen weißroͤthlichen Bodensatz machte. Den vier- zehnten Tag war das Irreseyn etwas ruhiger, und er ließ einige Male einen aͤhnlichen Harn, wobey auch die uͤbrigen Zufaͤlle gelinder wurden; das Zahnknir- schen, das Haͤndezittern, das Aussetzen des Pulses hoͤrten ganz auf. — Den fuͤnfzehnten war der Harn der naͤmliche; der Kranke legte sich auf die Seite; fieng an zu hoͤren, und kam hie und da zu sich. — — War es nun recht, daß ich die Natur nicht stoͤhrte? Alles, was im Stande gewesen waͤre, diese Zufaͤlle zu heben, wuͤrde auch die dadurch bewirkten Veraͤn- derungen hintertrieben haben, und dann ist es kein Wunder, wenn man in diesen Krankheiten keine Ent- scheidungen und keine Tagordnung zu sehen bekoͤmmt. — Bis daher dient diese Krankengeschichte als ein Beyspiel, wie man die überspannte Reitzbarkeit ungestoͤhrt laßen solle. — — Den sechzehnten Tag setzte der Harn erst, nach- dem er drey Stunden gestanden war, einen leichtern Bodensatz; — gegen die Nacht wurde die Haut waͤr- mer, mer, als sie gewoͤhnlich war; der Puls staͤrker und geschwinder; der Kranke hatte große Neigung zum Schlummer; das Irreseyn wandelte ihn wieder oͤfter an; er athmete sehr ungleich, bald voll, tief, muͤh- sam und geschwind, bald langsam, aussetzend, still, unmerklich. — Auf alles dieses war ich gefaßt. Die vorhergegangene Beßerung, die unvollstaͤndige Ent- scheidung, der weniger gekochte Harn, meine Kennt- niße von dem gewohnten Verlauf dieser Krankheit, die Annaͤherung des siebenzehnten Tages zeigten mir deutlich an, was zu erwarten war. Mein Freund Dopfer , und ich machten also allen Umstehenden wieder die in der Nacht zu erwartenden Zufaͤlle be- kannt; bestimmten dem bisherigen Verlaufe der Krank- heit zu Folge, die Stunden der großen Veraͤnderung von Mitternacht bis drey Uhr. Die obigen Zufaͤlle dauerten unter einem anhaltenden Schlummer bis halb zwoͤlf Uhr; nun fieng er an, sich umher zu werfen, und war, wie es schien, vor Aengsten sehr unruhig; um zwoͤlf Uhr wurde er kalt und todenblaß; das Ath- men und der Puls wurden beynahe ganz unmerklich, so daß er oͤfter mehrere Minuten gar nicht zu athmen schien, und von den, obschon unterrichteten Kranken- waͤrtern fuͤr sterbend gehalten wurde. Er blieb bis drey Uhr in einem tiefen Schlummer liegen. Jetzt wurde er wieder unruhig; kam zu sich; ließ auf ein- mal zwey Pfund Harn, wobey er uͤber Schmerzen klagte. Der Harn brach sich alsobald und machte einen guten Bodensatz. Nun fieng er an zu schwitzen uͤber dem ganzen Koͤrper; reckte auf begehren die Zun- Zunge hervor, die feucht und schleimig war; war ganz bey sich; und klagte uͤber außerordentliche Mattigkeit. Von nun an erholte er sich. In der Heilart war ich blos darauf bedacht, die zu dieser Art von Ent- scheidung noͤthigen Kraͤfte zu erhalten, und nebstdem, daß von dem fuͤnfzehnten Tage an, die Gabe der Rinde etwas verstaͤrket wurde, bekam er einen guten, alten Wein alle zwey Stunden einen Eßloͤffelvoll, und des Tags zweymal etwas Suppe. Waͤhrend dem Todenschlaf war ich dreist genug, gar nichts vorzu- nehmen, weil ich die Natur schon mehrmal ihre be- truͤgliche Rolle auf diese Art spielen sah. — — Al- so auch ein Beyspiel, wo der Zustand der aͤußersten Reizlosigkeit nicht gewaltthaͤtig veraͤndert werden darf. Es war zu Thassus eine gewisse muͤrrische aͤngstliche Frau, die, nach einer auffallenden Betruͤb- niß, ob sie gleich noch herum gieng, den Schlaf und die Eßlust verlor. Sie war dabey auch durstig, un- ruhig und voll Eckel und Angst. Den ersten Tag beym Eintritte der Nacht fuͤrchtete sie sich, sie schwaͤtz- te viel, sie war mißmuthig, und hatte nur ein klei- nes Fieber. Fruͤhe bekam sie viele Kraͤmpfe, sobald unterdessen die haͤufigen Zuckungen nachließen, so sprach sie auch irre. In der Verwirrung entfuhren ihr gei- le Ausdruͤcke, und sie hatte viele heftige anhaltende Schmerzen. Den zweyten Tag war es das naͤmliche; sie schlief nicht, und das Fieber wurde staͤrker. Am dritten Tage ließen die Zuckungen zwar nach; allein sie hatte erst eine Neigung zum Schlaf, und verfiel dann in einen tiefen Schlaf. Sie erwachte auf ein- mal, mal, sie sprang auf, und konnte sich nicht erhalten. Sie sprach sehr viel irre. Das Fieber war uͤberaus heftig. In derselben Nacht schwitzte sie durchaus warm. Das Fieber verließ sie, und sie schlief. Sie besann sich wieder auf alles, und die Krankheit brach sich. Um den vierten Tag ließ sie schwarzen, duͤn- nen Urin, der meistens eine abgerundete Wolke in sich enthielte, und sich doch nicht setzte. Um die Krists herum brach ihre Reinigung reichlich aus.〟 3tes Buch v. d. Lands. 3ter Absch. 11te Kranken g . Wer sieht nicht die Aehnlichkeit in dem Wesentlichen dieser Hippokratischen Krankengeschichte mit der meinigen? — Gerade dieses hatte auch statt in der ersten Kran- kengeschichte des Sim. Herz . Nachdem die Natur einige Male nur unvollstaͤndige Entscheidungen zu Stan- de gebracht hatte, weßwegen immer Ruͤckfaͤlle ent- standen, bekam die Kranke den 31ten Tag in der Nacht einen Schauer und hatte Fieber, worauf im Munde und an der Zunge kleine Geschwuͤre zum Vor- schein kamen. Obschon das Fieber und die uͤbrigen Zufaͤlle jetzt nicht ganz nachließen, so wurden sie doch gelinder, und dauerten bis den fuͤnf und vierzigsten Tag so fort. — (Man bemerke hier die Vorboten einer zu erwartenden zwar gewaltthaͤtigen aber guten Entscheidung.) — In der Nacht des fuͤnf und vierzigsten wurde das Fieber heftiger mit Irre- seyn und andern schweren Nervenunordnungen. Sie sprach allerley verwirrtes und laͤcherliches Zeug, und waͤlzte und warf sich umher, und zupfte an der Bett- decke. Endlich fieng sie an allen Gliedern zu zittern an, an, bekam heftige Zuckungen, und nachdem der gan- ze Koͤrper einige Zeit, ja eine halbe Stunde krampf- haft angestrengt war, ließen die Kraͤmpfe nach. Gaͤh- lings aber kamen die Kraͤmpfe zuruͤck, und so wech- selten Anstrengung und Erschlappung uͤber vier Stun- den mit einander ab. (Bis daher die kritische Stoͤh- rung. — Was erwarten nun meine Leser?) — Die Zuckungen und das Irreseyn hoͤrten gaͤnzlich auf, und der Kranke schlief unter einem allgemeinen Schwei- ße fuͤnf Stunden ganz ruhig. — (Kann man etwas besseres wuͤnschen? Ich kann daher diese Lage der Umstaͤnde fuͤr nichts weniger als fuͤr verzweifelt anse- hen, und finde die Blasenpflaster, und die Pulver aus Kampfer, Bisam und der virginischen Schlan- genwurzel, welche Herz verordnete, fuͤr ganz uͤber- fluͤßig.) — Den folgenden Tag war alles ruhig, die Zunge feucht, der Aderschlag regelmaͤßig und lang- sam, der Harn truͤb; es erfolgte freywilliger Stuhl. Nur der Kopf schien noch etwas verwirrt zu seyn. Die Kranke bat, man moͤchte sie mit Arzneyen ver- schonen und bekam eine Herzstaͤrkung, welche sie ver- lange, aus dem Kinaauszug. Sie schwitzte noch meh- rere Tage, und war nach einem Monate vollkommen gesund, obschon sie die Pulver weggebrochen hatte. In der vierten Geschichte hatte zwar die Kunst mehr Antheil an der Herstellung, aber allem Anschei- ne nach nicht so viel, als man in aͤhnlichen Faͤllen glaubt. Vielleicht waͤren auch, ausser dem eigenmaͤch- tig genommenen Brechmittel, die Mittelsalzen und die Klystiere, wie wir in der Folge sehen werden, zu ver- wersen. werfen. — Ein 16 jaͤhriger Juͤngling, nachdem er bis den neunten Tag mit sehr bedenklichen Nervenzu- staͤnden gekaͤmpft hatte, bekam den neunten Ohnmach- ten, Zittern, Sehnenhuͤpfen, Schlucksen, mit einem kleinen, schwachen, bebenden Pulse. Blasenpflaster, Kampfer und Bisam, worauf alles zur Ruhe kam. — (Wohlgemerkt, den neunten Tag)! — Nun schlich das Fieber so fort ohne ordentlichen Gang, wobey der Puls beynah nicht oͤfter, als natuͤrlich schlug; hie und da ereigneten sich krampfhafte Bewegungen, Zittern, Sehnenhuͤpfen, die Haut war bald trocken, bald feucht; die Schweiße ungleich, oͤrtlich; der Harn bald sparsam und bleich, bald sehr truͤb. — (Vorbo- ten einer nahen aber zweifelhaften Entscheidung); — In der Nacht vom eilften zum zwoͤlften Tag wurde alles schlimmer. Er warf die Arme herum, sam- melte Flocken, redete schwer, war irre, und schwitzte anhaltend. Dazu kam Bedruͤckung auf der Brust, beschwerliches Athmen, und Husten, gar kein Aus- wurf. In der Fruͤhe fand Herz von allen diesen Zufaͤllen nichts mehr, als ein Zischen beym Athmen, und eine leichte Bedruͤckung. Der Kranke war bey sich, und der Puls gleich. Auf Meerzwiebelsaft und mineralischen Kermes bekam er einen schleimichten Auswurf. — (Kritische Stoͤhrung, unvollstaͤndige Entscheidung, theilweise Verwerfung nach der Lunge. Es war also noch keine vollstaͤndige Genesung zu er- warten.) — Die Zufaͤlle blieben im Alten; doch kam in gewissen Zwischenraͤumen das Uebel zuruͤck; das Athmen wurde beaͤngstigt, der Aderschlag oͤfter, und der der Kranke faselte. — (Zeichen, daß noch ein Sturm im Hinterhalte ist.) — Den vierzehnten Tag Nachmit- tag schien alles zum Untergange zu zielen. Das Ath- men wurde von einem zaͤhen, klebrichten Schleime, der sich haͤufiger nach der Lunge warf, aͤusserst be- schwert. Husten, aͤngstliches Einathmen, Kaͤlte der Gliedmassen, kalter Schweiß an der Stirne, verkehr- te und krampfhaft verdrehte Augen, Betaͤubung al- ler Sinne, zuweilen Sehnenhuͤpfen, kaum zaͤhlbar geschwinder, und kaum fuͤhlbarer Puls, Gefahr der Erstickung. Blasenpflaster auf die Arme und die Brust, Kampfer, Bisam, virginische Schlangenwurzel, lau- lichter Thee mit Meerzwiebelsaft und Goldschwefel nebst Rheinwein, dem Hirschhornsalz beygemischt wur- de. — (In der That lauter unverbesserliche Mittel!) — Der Kranke warf viel aus, und es brach uͤber den ganzen Koͤrper ein haͤufiger Schweiß hervor; er schlief einige Stunden, und den andern Tag in der Fruͤhe waren alle Zufaͤlle verschwunden, und er genaß bey dem fortgesetzten Gebrauch der Rinde vollkommen. Observ. de Febr. nerv. Hist, I. IV. — Es war hoͤchst vernuͤnftig gehandelt, daß man die Natur unterstuͤtzte. Aber Niemand wird mich uͤber- zeugen, daß nicht alles Bestreben der Natur auf den erlangten Zweck hingieng, und diese Mittel hoͤchstens als eine Unterstuͤtzung angesehen werden muͤssen. Wer weiß, ob nicht auch hier, in diesem Zeitpunkte, die Kunst uͤberfluͤssig war? Der gluͤckliche Erfolg ist zu geschwind, und es sieht alles dem Gange einer natuͤr- lichen Entscheidung zu aͤhnlich, als daß man ihn den Heil- Heilmitteln zueignen koͤnnte. Warum brachte die Na- tur den eilften Tag, wo sie noch die ganze Last der Krankheit auf sich hatte; wo sie sich noch weniger von dem Brechmittel und andern Ausleerungen er- holt hatte — warum brachte sie da ohne alle Unterstuͤ- tzung eine so auffallende Besserung, und in der vorigen Geschichte den fuͤnf und vierzigsten Tag die vollstaͤndi- ge Entscheidung zu Stande? Pringle that daher sehr weise, daß er gegen die Betaͤubung, welche in dem schwachen Zustande seines Lazarethfiebers statt hatte, nichts vornahm, weil sie von diesem Zeitpunkt unzer- trennlich war. Auch konnte er dazumal mit allen er- weckenden Mitteln nichts Gutes dagegen ausrichten. — Hingegen war es eben so sehr gefehlt, daß er in der ersten oder zweyten Stufe, wenn er den Puls voll und stark fand, auch ohne daß eine besondere Entzuͤndung gegenwaͤrtig war, zur Ader ließ; denn er wuste ja, daß dieses ebenfalls der natuͤrliche Gang der Krankheit war, und daß auch in den Faͤllen, wo kein Blut gelassen wurde, den dritten oder vierten Tag der Puls sank. Er kann aber in der That den Nachtheil davon nicht bergen; bey vielen blieb schon die zweyte Stufe aus, und die Krankheit machte ei- nen schnellen Uebergang in die Dritte; viele, die kei- Blut gelassen hatten, kamen davon, wenige aber, welche viel Blut verlohren hatten. Hatte ich also nicht recht, wenn ich den Gehalt der Zeichen von dem Unvermoͤgen der Natur nur nach der Natur und dem Zeitpunkte der Krankheiten beurtheilt wissen wollte? Habe ich unrecht, wenn ich das naͤmliche in Ruͤcksicht des des zu reitzlosen oder zu reitzbaren Zustandes fordere? Warum vergißt man die Ausspruͤche des Hippokra- tes , daß man im Anfange der Krankheit, wenn sie in ihrer vollen Staͤrke ist, wenn sie damit beschaͤftigt ist, die Krankheit zu brechen, wenn sie schon gebro- chen ist, weder durch Heil- noch andere reitzende Mit- tel, die Bewegungen der Natur stoͤhren solle? Und 〟warum, fraͤgt Daignan , sind so wenige, die so handlen? Ohne Zweifel, weil sie die Natur weniger kennen, weniger von ihren Wirkungsvermoͤgen uͤber- zeugt sind〟 u. s. w. Es giebt keine, weder hitzige noch langwierige Krankheit, wo nicht zuweilen einer von den zwey Faͤl- len statt hat. Die Ohnmachten von Blutfluͤssen, die Kraͤmpfe und der Scheintod in der Mutterkrankheit, die allgemeine, fuͤhllose Entkraͤftung nach heftigen und anhaltenden Schmerzen, die ganze Monate fortdau- rende Reitzlosigkeit und Betaͤubung in gewissen Faul- fiebern, die Anfaͤlle der fallenden Sucht und der Starrsucht, die Zuckungen im Ausbruchfieber der Ausschlagskrankheiten, die hoͤchste Empfindlichkeit ge- wisser Theile in den Gichtanfaͤllen, die kritische Stoͤh- rung in einigen wenigen Krankheiten, und einige an- dere Erscheinungen sind lauter auffallende Abweichun- gen von dem gesunden Zustande in Ruͤcksicht der Reitz- barkeit: Sind sie aber nicht eben so viele Bestrebun- gen der Natur, deren vortheilhafte Wirkungen den meisten Aerzten bekannt sind, und die so lange bleiben werden, als man nicht durch eine ganz eigne Heilart geradezu die Krankheitsursache zerstoͤhren kann? — Was Was kann uns aber in unbekannten Faͤllen be- lehren? Wie koͤnnen wir uns zu dem bloßen Zuschau- en bestimmen lassen, ohne das Leben unserer Kran- ken aufs Spiel zu setzen? Ist die Leibesbeschaffenheit meines Kranken gut; sind die Kraͤfte den Umstaͤnden angemessen; sind die vorfallenden Erscheinungen keine einer aͤhnlichen Krankheit ungewoͤhnlichen Erscheinun- gen; ereignen sie sich um die Zeitpunkte der Entschei- dungen, und hat man Ursache, deren gluͤcklichen Er- folg dem bisherigen Verlauf der Krankheit zu Folge zu erwarten: so verzage ich nie, so unerklaͤrbar und schrecklich mir auch das Benehmen der Natur vorkom- men mag. Ueber dieß kann der Zufall, wenn er gehoͤrig benuͤtzt wird, nicht selten unserer Schuͤchternheit zu- vorkommen. Aber dieser wird allermeist fuͤr ein blin- des Ungefaͤhr gehalten. Philosophen, Aerzte, Na- turforscher, und blindes Ungefaͤhr! Wo es bestimm- te Wirkungen giebt, da giebt es auch bestimmte Ur- sachen, und es moͤgen diese Wirkungen durch bloßen Zufall, durch einen Marktschreyer oder ein altes Muͤt- terchen veranlasset worden seyn, so verdienen sie die Aufmerksamkeit des philosophischen Arztes. Vallis- neri erzaͤhlt von einem Maͤdchen, welches an einem doppelten dreytaͤgigen Wechselfieber vom ersten bis den dreyßigsten Merz in aͤußerster Entkraͤftung da lag. Vom siebenten an war es, den Kopf ausgenommen, ganz unbeweglich. Es hatte keine andere Hilfe als Wasser; und bekam dennoch den sieben und zwanzig- sten an beyden Hinterbacken den Brand, der freylich Gall I. Band. M m von von unsern meisten Aerzten als eine sehr schlimme Erscheinung betrachtet wird. Indessen fieng es von da an, sich zu erholen und genaß. Op. in sol. Tom. II. pag. 501. Roͤdder , der Uebersetzer der Abhandlung Fridrich Hoffmanns von der gewissen Vorhersagung des Todes in Krankheiten, erzaͤhlt von einem hundertjaͤhrigen Schweinhirte, der die Gicht, besonders das Huͤftweh mit einem sehr gesaͤt- tigten Trank des Hinschkrautes (Solanum dulcamara) heilte. Darauf wurden die Leute auf einige Stun- den rasend toll; verfielen endlich in einen sehr lange anhaltenden tiefen Schlaf, worunter sie reichlich schwitz- ten, und ganz gesund erwachten, ohne daß Ruͤckfaͤlle erfolgten. In den folgenden Theilen, besonders im Kapitel von den Entscheidungen werde ich Gelegenheit haben, zahlreiche Beyspiele anzufuͤhren, wo die Na- tur ganz aus eigner Kraft auf ganz aͤhnliche Weise verfaͤhrt. Vielleicht fuͤhren uns derley Untersuchun- gen etwas naͤher zu der Entscheidung der Fragen; ob man den Anfaͤllen von Raserey der Wahnsinnigen, den Anfaͤllen der fallenden Sucht, den verschiedenen Arten von Scheintod und Ohnmachten, und uͤberhaupt den verschiedenen Stufen von uͤberspannter oder ertoͤd- teter Reitzbarkeit jedesmal durch die bisher uͤblichen Mittel abhelfen solle? — Ich verlaße diese fuͤr jetzt noch sehr mangelhaften Bemerkungen, um etwas we- niges uͤber jenen Zustand zu sagen, wo die Reitzbar- keit, dem allgemeinen Urtheile gemaͤß, zu gering oder zu stark ist. Ver- Verminderte Reizbarkeit. §. 88. Ist die Reizbarkeit verhaͤltnißmaͤßig zu gering, so wirkt die Natur traͤg, langsam, unzulaͤnglich, und ihre Bemuͤhungen muͤßen angespornt, die Hilfsmittel der Kunst aber desto wirksamer gemacht werden. Ein schweizerischer Bauer, der nur von Kaͤse und Milch lebt, erbricht sich auf vier und zwanzig Gran Spiesglasglas nur gelinde. Der wittenbergische Ar- chiater Lentil richtete bey den Kurlaͤndern, nachdem er aufloͤsende Mittel vorausgeschickt hatte, mit fol- genden Pillen nur wenig oder nichts aus: R. Gum. Sagap. in acet. solut. \& inspis. dr. semis. Resin. Jalap. Scrup. unum. Magnes. Gum. Gutt. gr. decem. ol. baccar. junip. gt. duas. Auf einmal zu nehmen. Wenn er noch starke Klystire verordnete, so erfolgten hoͤchstens vier Stuͤhle. Die noͤrdlichen Amerikaner lassen sich schlagen, zerfetzen, brennen, ohne sonder- liche Zeichen des Schmerzens, Thraͤnen oder Seuf- zer an Tag zu geben. In den Gegenden des Indi- schen Archipelagus wird kein Stein oder Ballen auf- gehoben, fast keine Arbeit wird unternommen, ohne haͤufiges Laͤrmen und Schreyen. Die Traͤgheit der Seele, die langsamere Beweglichkeit der Zasern muß bey diesen Leuten immer durch wilde Toͤne, durch Tam- bour und starke Instrumente aufgeweckt werden. Wei- kard fuͤhrt einen magern, ungemein grossen und star- ken, zu harten Arbeiten von Jugend auf gewoͤhnten Mann an, der, ohne es zu fuͤhlen, seinen Finger mit einem Brette auf die Bank anbohrte. Ein anderer M m 2 ver- verlor bey einer Arbeit seinen Finger, ebenfalls ohne es gewahr zu werden. Rohe, arbeitsame, mit starken, festen, zu schlappen, dicken, sproͤden, schwammichten Fasern versehene, ungesunde, sehr waͤßerichte, schleimichte, rotzige, kalte, traͤge Leute sind uͤberhaupt sowohl ge- gen sittliche als koͤrperliche Reitze weniger empfindlich. Je mehr ein Mensch abgehaͤrtet ist, Hitze und Kaͤlte ertragen kann; je weniger seine Sitten ausgebildet, sene Seelenfaͤhigkeiten entwickelt; je stumpfer seine in- neren und aͤußeren Sinne sind; desto geringer ist zu- verlaͤßig seine Reitzbarkeit, und desto weniger sind sol- che Leute sowohl der Hilfsmittel der Natur als der Kunst faͤhig. Daher muß man dem Viehe und den Sinnlosen weit staͤrkere Gaben darreichen; daher sind die Maͤnner im Durchschnitte mit weniger Schonung zu behandeln, als Kinder und Frauen; daher auch zum Theil ist das weibliche Geschlecht dauerhafter als das maͤnnliche, weil es den Wirkungen der Heilmit- teln und den Anstrengungen der Natur leichter nach- giebt. Man se h e die Berechnungen des H. Daignau in der Schil- der. d. Veraͤnd. d. mensch. Lebens 2ter Thl. S. 269. — Ich habe einer schlagfluͤssigen Frau zwoͤlf Gran Brechweinstein von oben, und eben so viel von unten nebst einem scharfen Tobackklystier beygebracht, bis ein einziges Erbrechen erfolgte. Bey Mutzel wirkten in einem melancholischen und beynahe unem- pfindlichen Menschen, wesentliche Oele in starker Ga- be, Zugpflaster im Nacken, und drey und zwanzig Gran Gran Brechweinstein kaum ein einziges Erbrechen. Je mehr die Reitzbarkeit abnimmt, desto leidender wird die Natur, und sie kann auf der hoͤchsten Stu- fe der Reitzlosigkeit die Bemuͤhungen der Kunst auf keine Weise mehr beguͤnstigen, bis die Ursachen, wel- che die Reitzbarkeit unterdruͤckt oder zerstoͤhrt haben, gehoben sind, und jene wieder hergestellt ist. Die sechzigjaͤhrige Frau bey Lanzysi lag zwey Tage ohne alles Bestreben der Natur und ohne allen Nutzen der Kunst, bis man durch Oeffnung der Goldaderknoten die Ursache der Reitzlosigkeit wegschaffte, worauf ein entstandenes Fieber die Frau herstellte. Einige Aerz- te eifern darum auch so sehr gegen den haͤufigen Ge- brauch der mineralischen Saͤuren in faulichten Krank- heiten, weil diese die Reitzbarkeit der Schlagadern und des Herzens schwaͤchen. Hat die Faͤulung der Saͤfte, oder vielmehr, haben die faulartigen Zufaͤlle solcher Krankheiten ihren vornehmsten Grund in einer zu geringen Reitzbarkeit der Nerven oder der Blutge- faͤse, wie in den Nervenfiebern, so haben Boissieu und Bursery unstreitig recht, besonders, wenn diese Reitzlosigkeit noch von grosser Entkraͤftung begleitet ist. Aber, wenn die faulichte Aufloͤsung eine Folge des boͤsartigen, unreinen, gaͤhrenden Zunders ist, wie in den gewoͤhnlichen gallichten Faulfiebern, und die Entkraͤftung hat noch nicht einen sehr hohen Grad erreichet, so werden diese Saͤuren vermoͤg der theils schon angefuͤhrten, theils noch anzufuͤhrenden Grund- saͤtze die Lebenskraͤfte und die Reitzbarkeit vielmehr erwecken als unterdruͤcken. Außer Außer den hitzigen Krankheiten erkennt man die erste Stufe der verminderten Reitzbarkeit durch eine Schwaͤche, Betaͤubung, Prikeln, Schmerzen, oͤfte- re, schwache Stiche, gehemmte Bewegung und stum- pfes Gefuͤhl. In der zweyten Stufe nehmen diese Zufaͤlle zu; und man erkennt sie aus der Abwesenheit der Schmerzen, dem Verlust der Bewegung, der Un- empfindlichkeit des Gefuͤhls, durch eine Empfindung von Kaͤlte, Abzehrung, Schwindung, Austroͤcknung, oder waͤsserichte Geschwuͤlste der leidenden Theile, worauf endlich brandige Zufaͤlle, als die Folge alles Aufhoͤrens von Lebenskraft, erfolgen, und der dritten Stufe durch Absterben des kranken Theils, oder, wo die Reitzlosigkeit allgemein ist, des ganzen Koͤr- pers ein Ende machen. §. 89. Ueberspannte Reitzbarkeit. Bey uͤberspannter Reitzbarkeit sind die Wirkun- gen sowohl der Ratur als der Kunst uͤbereilt, uͤber- maͤßig, unordentlich und uͤberhaupt zweckwidrig. Da- her muß entweder die Reitzbarkeit vermindert, oder die Bemuͤhungen der Natur und der Kunst muͤssen, in so fern sie die Thaͤtigkeit des ganzen Koͤrpers oder einzelner Theile anspornen, geschwaͤcht werden. Ich kenne ein hoͤchst reitzbares Frauenzimmer, welches von einem Kaffeloͤffelchen voll Mannaaufloͤsung drey bis sechs Stuͤhle bekoͤmmt. Bey bevorstehenden oder gaͤhlings eintreffenden Wetterveraͤnderungen verfaͤllt sie jedesmal in Blutspeyen, und setzt man ihr an die Fuͤße Fuͤße zwey Blutigel, so ist sie auf mehrere Tage ei- nem krampfhaften Schnuͤren der Brust, Zuckungen, Uebelkeiten und Eiskaͤlte der Glieder unterworfen. Einer andern von eben solcher Leibesbeschaffenheit gab ich bey einer gallichten Anhaͤufung im Magen einen halben Gran Brechweinstein in drey Loth Wasser auf- geloͤset: Sie nahm davon einen Eßloͤffelvoll, und ich muste alles Moͤgliche anwenden, um das erschrecklich- ste Brechen zu stillen. Ueberhaupt kann man in jenen Leuten eine er- hoͤhte Reitzbarkeit voraussetzen, welche gut essen und trinken, studieren, den Leidenschaften, Ausschweifun- gen, der Empfindeley ergeben sind; die einen schmaͤch- tigen Bau, zarte, glaͤnzende Haut; lichte Haare, hochrothe Gesichtsfarbe oder eine erkuͤnstelte Blaͤße haben; in allen Leuten, die an der sogenannten Ner- venschwaͤche leiden; in den hysterischen Frauen und den Hypochondern u. s. w. Auf alle diese Leute wir- ken die unbedeutendsten Dinge mit ungewoͤhnlicher Macht. 〟 Weikard war durch fruͤhzeitige Gemuͤths- unruhen und Studieren zeitlich hypochondrisch gewor- den. Er muste oft im hoͤchsten Grade die sogenann- ten Vapeurs leiden, naͤmlich, er bekam ungemeine Bangigkeit, Herzensangst, Unruhe, Zittern, Schwin- del, Aufblaͤhungen, einen aufgetriebenen Hals mit einem gewissen aͤngstigen Unvermoͤgen zu schlingen. Diese Anfaͤlle bekam er am Tische und ausser selbi- gem, bey verdruͤßlichen Nachrichten, bey unangeneh- men Vorstellungen, z. B. einer gefaͤhrlichen Praͤzipiz oder einer ungluͤcklichen Begebenheit, sogar in Ge- sellschaf- sellschaften bey langer Weile, am meisten aber auf gewissen Speisen. Rettige, Knoblauch und Zwiebel waren ihm unausstehlich, wie auch meistens der Kaffe. Sogar den Meerrettig und den mit suͤßem gekochten Moste angemachten Senf konnte er nicht wohl ertra- gen, besonders wenn durch Studieren oder Gemuͤths- angelegenheiten seine Nerven ohnehin schon ein wenig in Unordnung waren. Auf die meisten Gemuͤser be- kam er seine Anfaͤlle, besonders wenn er sich darauf nicht ganz des Trinkens enthielt. — Ein warmes Bad, die Stubenwaͤrme u. d. gl., trugen immer sehr viel zur Verstaͤrkung der Anfaͤlle bey.„ Der philosophische Arzt 2tes Stuͤck S. 36. Nach einer heftigen Krampfkolik hinterblieb mir eine solche, mir sonst ganz unbekannte Reitzbarkeit, daß ich noch lan- ge Zeit hernach auf jeden unerwartenden Vorfall, auf das Anklopfen z. B. oder Oeffnen der Thuͤre, das Gebell eines Hundes, ja auf jeden unwillkuͤhrlichen unangenehmen oder angenehmen Gedanken heftige Wallungen und Herzklopfen bekam mit einem Gefuͤhl von grosser Mattigkeit, besonders in den Knien; und noch jetzt, drey Jahre nach der Kolik, werde ich nicht selten erst durch das Herzklopfen oder ein banges Ge- fuͤhl in der Brust auf eine widrige Vorstellung, die sich nur im Vorbeygehen angemeldet hat, aufmerksam gemacht. Eine hagere, blutreiche Frau wird jedesmal sehr matt, traurig, aͤngstlich, furchtsam, bekoͤmmt eine gelbe Gesichtsfarbe und Mangel an Eß- und Dau- kraft, so bald sie die geringste Unschicklichkeit unter ihren Dienstboten bemerkt. Eben Eben so wird in gewissen Stufen der Krank- heiten die Reitzbarkeit des Koͤrpers oder einzelner Thei- le erhoͤhet, und entweder der ganze Koͤrper oder die einzelnen Theile sind fuͤr jeden Reitz weit empfaͤngli- cher. So steigt uͤberhaupt bey jeder Entzuͤndungs- krankheit die Empfindlichkeit; bey Katharren und Rheu- matismen wird die Haut gegen jedes Luͤftchen empfind- lich. Bey Weikard war in einer Kranken die Em- pfindlichkeit so hoch gestiegen, daß das Geraͤusch ei- nes seidenen Kleides fuͤr ihre Ohren, und fuͤr ihre Haͤnde die Neugierde eines Pulsfuͤhlers unausstehlich waren. In dem Anfalle eines Wechselsiebers konnte mir im Zeitpunkte der Hitze nichts grausameres wie- derfahren, als wenn wer mit starken Schritten auf mich zugieng, oder laut sprach; und es machte mich bis zur Verzweiflung rasend, wenn die Haußglocke gelaͤutet wurde. Bey einigen Kranken sollen die in- nern Sinne so sehr uͤberstimmt seyn, daß sie sich selbst zu sehen glauben, wobey vielleicht allezeit der Tod in der Naͤhe ist. Man sieht leicht, wie sich in solchen Faͤllen der Arzt und die Umstehenden in Ruͤcksicht der Sprache, der Waͤrme, des Lichtes, der Reden, der Bewegungen u. d. gl. gegen den Kranken zu betragen haben. Perfekt verordnete daher fast allen seinen Wahnsinnigen eine kuͤhlende, krampfstillende Heilart; bewahrte ihre Sinne gegen allen lebhaften Eindruck, in dem er sie von aller Gesellschaft entfernte, in ruhi- ge, dunkle Zimmer einschloß, und ihnen alle hitzige Nahrung entzog. Diese Vorsichtsregeln waren im vierten Falle bey der Kindbetterin, welche aus einem irrigen irrigen Verdacht gegen ihren Ehemann ploͤtzlich in ei- ne heftige Raserey verfiel, desto nothwendiger, weil Kindbetterinnen ohnehin schon sehr reitzbar sind, und besonders wenn sie ein bewegliches Nervensystem ha- ben, ein ruhiges, nicht gar zu helles, kuͤhles und ge- raumes Zimmer erfordern. So lange in hitzigen oder langwierigen Krank- heiten die uͤberspannte Reitzbarkeit anhaͤlt, so lange muß man von allen Arzneymitteln ungewoͤhnlich star- ke Wirkungen erwarten. Boerhaave wollte einem reitzbaren Manne den Goldaderfluß nur mindern; al- lein die Reitzbarkeit war so groß, daß die Heilart hinlaͤnglich war, denselben zu stopfen; worauf der Mann zwar vollkommen gesund wurde, aber in eini- gen Monaten an einer besondern Krankheit starb. Bey einem entzuͤndlichen Reize ist die Reitzbarkeit des ganzen Koͤrpers vermehrt, daher sonst unschaͤdliche Dinge, als Holdersulze u. d. gl. jetzt so leicht nach- theilig werden. Selbst in Unreinigkritskrankheiten, wenn die Reitzbarkeit zu groß, und nicht eine unmit- telbare Folge des unreinen Stoffes ist, obschon man alle Anzeigen zum Abfuͤhren hat, sollte man nur sol- che Mittel geben, die allen fernern Reitz verhuͤten. Burseri rathet in diesem Falle das frischgepreßte Oli- ven-Lein- oder Mandeloͤl zu 4 — 6 Unzen. Uibrigens gilt freylich jedesmal das erste Gesetz, die reitzende Ursache wegzuschaffen. Man trepanirt den Kopf nach einem Falle oder Schlag, oͤfnet Eytersaͤcke, reiniget Geschwuͤre, giebt heftige Brech- und Abfuͤhrungsmit- tel, tel, laͤst zur Ader, u. s. w. jedesmal nach der Be- schaffenheit der reitzenden Ursache. In allen durch Schmerz, Kummer, Auslee- rungen, Mangel u. d. gl. geschwaͤchten Leuten herr- schet eine erhoͤhte Reisbarkeit. In den Zerruͤttun- gen der ersten Weege, welche von Unreinigkeit, Wuͤr- mern, Giften oder innern Geschwuͤren entstehen, in den Beschwerden der Harnweege von einem Steine in den Krankheiten der Eingeweide, z. B. der Leber, welche von Gallensteinen, veralteten Verhaͤrtungen, Krauselung der Nerven und unordentlicher Bewegung der Lebenskraͤfte herkommen; in Blutfluͤssen und an- dern Ausleerungen, welche von widernatuͤrlichen Ge- waͤchsen, von krampfhaften Bewegungen, von Schmer- zen unterhalten werden; in gewissen Arten der Eng- bruͤstigkeit; im Schluchzen; in dem Rheumatismus und der Gicht; in den Traͤumereyen der fieberhaften, der Schlaflosigkeit, dem Wahnsinn, der Raserey; in der Darmgicht, dem Brechdurchfall, dem Durchfall von einer sehr heftigen und ausgebreiteten Entzuͤndung u. s. w. muß die Reitzbarkeit durch eine den Ursachen an- passende Heilart vermindert werden; denn die Natur wird durch ihre gereizte Thaͤtigkeit das Uebel um so mehr vergroͤssern, je mehr sie noch durch eine unschick- liche Heilart gereizet wird. Daher verlaufen alle Krankheiten, wenn sie entweder so sehr reitzbare Leute befallen; oder wenn in irgend einem Zeitpunkte die Reitzbarkeit sehr hoch gestimmt ist, unter sehr unordentlichen Zufaͤllen, und nicht selten viel geschwinder, als sie ihrer Natur nach ver- verlaufen sollten. Wenn der Reitz eines scharfen Giftes zu dem Reitze des Blatterngiftes hinzukommt, so brechen diese oft schon den ersten Tag hervor. Eben so richtet der Milchfriesel bey sehr reitzbaren, schwaͤch- lichen und cachektischen Frauen die schnellsten Verhee- rungen an. Neuere, scharfsinnige Schriftsteller ma- chen die Fehler der Reitzbarkeit und Empfindlichkeit, vorzuͤglich der erhoͤheten, woraus Zuckungen, Irre- seyn, Schmerzen, Schauer und das Gefuͤhl der Kaͤl- te nebst andern sonderbaren Zufaͤllen entstehen, zum wesentlichen Zeichen der Bösartigkeit . Und in der That, wenn man diesen Begriff nach dem Sinne des Hippokrates angeben will, so ist nach dem Urtheil des Sim. Herz nichts geschickter, alle Zufaͤlle sowohl der erhoͤheten als verminderten Reitzbarkeit zu erklaͤ- ren. Die große Mattigkeit, die Betaͤubung, die Kraftlosigkeit, die Verwirrung des Geistes, das trau- rige Gemuͤth, die Seltenheit oder vielmehr Unbestaͤn- digkeit des Pulses zeigen die verminderte Empfindlich- keit an; andere zahlreiche Zufaͤlle bezeugen von der uͤberspannten Reitzbarkeit und Empfindlichkeit sowohl der Muskeln, als der Nerven und des Gehirnes. Von der oͤrtlichen Reizbarkeit. §. 90. So wenig man von der Schwaͤche eines Theils auf die Schwaͤche eines andern, oder des ganzen Koͤr- pers schließen darf, eben so wenig kann man von der Reitzbarkeit des einen Theils auf jene des ganzen Koͤr- Koͤrpers oder anderer Theile schießen, und umgekehrt. Der ganze Koͤrper kann gefuͤhllos seyn, waͤhrend daß einzelne Theile auf den hoͤchsten Grad von Reitzbar- keit gestimmt sind. Dieses ist der Fall bey Rasenden, Wahnsinnigen, man moͤge die Raserey oder den Wahn- sinn als eigentliche und anhaltende Verstandesverwir- rung oder nur als Zufaͤlle in hitzigen Krankheiten be- trachten. Daher ertragen diese Leute drey bis vier- fach staͤrkere Gaben der schaͤrfesten Arzneyen, Hunger, Durst, Kaͤlte bis zum Erstaunen; sie bleiben bey den heftigsten aͤußern Reitzen, wenn sie gebrennt oder ge- schnitten oder durch Aetzmittel behandelt werden, ganz unempfindlich, da indessen die Werkzeuge des Den- kens und der Phantasie bis zur Wuth gereizet sind. So bedienten sich die ehemaligen Zauberer gewißer Salben, deren Bestandtheile die Reitzbarkeit der in- nern Sinne außerordentlich uͤberstimmten, die Em- pfindlichkeit der aͤußern hingegen vollkommner stumpf machten. Es bewegten sich daher ihre Ideen, gerade wie bey Traͤumenden, mit großer Schnelligkeit und zwar zufolge ihrer vorgefaßten Vorstellungen; sie wur- den also ohne ihr Wissen in die naͤmliche Lage ver- setzt, in welche sich die Enthusiasten und die heutigen Zauberer durch Rauchwerke u. d. gl. willkuͤhrlich zu versetzen wissen. — Manche Kranke scheinen ganz be- taͤubt zu seyn, da indessen einige Sinne mit aller Schaͤrfe ihre Verrichtungen ausuͤben. Der Geschmack geht z. B. bey den meisten verloren; weit seltner der Geruch; einige zwar verlieren diesen alsogleich bey jeder Krankheit, und bekommen einen Abscheu gegen gegen den Toback: sie erkennen aus der Wiederkehr des Geruches und der Lust zum Taback die annaͤhernde Besserung; nicht selten bekommen Leute, die vor Krankheiten ein stumpfes Gehoͤr oder ein bloͤdes Ge- sicht hatten, ein scharfes Gesicht und feines Gehoͤr, da hingegen die Eßlust, die Daukraft, die Besin- nungskraft unendlich geschwaͤcht sind. Bey einer schlag- fluͤßigen Frau beobachtete ich ein so feines Gehoͤr, daß sie auf mehrere Schritte das leiseste Gespraͤch deut- lich vernahm. Nach dem Tode fand ich die eine Haͤlf- te des Gehirns mit Blut, die andere mit Wasser an- gefuͤllt. Andere sehen alles aufs deutlichste, koͤnnen vollkommen richtig daruͤber denken; diese Gedanken er- regen in ihnen Freude, Traurigkeit, Angst u. d. gl. und dennoch sind sie in allen uͤbrigen Verrichtungen, sogar in der Bewegung der Gesichtsmuskeln so sehr gehemmt, daß sie ihren Zustand auf keine Weise zu erkennen geben koͤnnen. Man sollte daher sowohl mit Worten als Gebehrden vor dergleichen Kranken aͤus- serst behutsam seyn. Hievon im zweyten Bande ein Mehreres. — Der Mangel von Reizbarkeit in gewißen Thei- len verbirgt sonst sehr offenbare Krankheiten unter mancherley seltsamen Masken. So werden die Ent- zuͤndungen des Darmfells, des Netzes, des Herzbeu- tels, der Hirnhaͤnte, der Sehnen, der Knorpel, selbst manchmal des Magens und der Gedaͤrme, wenn nicht die benachbarten Theile dabey leiden, weder von Schmerz, noch, doch nicht immer, von Fieber be- gleitet. Eine gewiße, unerklaͤrbare Angst, das Ge- fuͤhl fuͤhl eines Gewichtes, einer Spannung, etwas Ver- stelltes im Gesichte u. s. w. sind hier die einzigen Er- kenntnißquellen, deren vollstaͤndige Eroͤrterung ich eben- falls auf den 2 B. erspare. Bursery verbietet daher in allen Arten von entzuͤndlichen Kopfschmerzen den Gebrauch des Mohnsaftes, aus Furcht, daß die Sinne dadurch betaͤubt, die Krankheit eingeschlaͤfert, und der Arzt in Ruͤcksicht ihrer Heftigkeit irre gefuͤhrt werde. Daher gehen zuweilen in stumpfen Koͤrpern die dem Anscheine nach gelindesten Entzuͤndungen in Brand uͤber; da hingegen bey sehr reizbaren, empfind- lichen Leuten die heftigsten entzuͤndlichen Schmerzen nicht allemal so dringende Gefahr anzeigen. Oft bleibt in einzelnen Theilen eine vollkomme- ne gesunde, zum wenigsten hinlaͤngliche Reitzbarkeit uͤbrig, ohne daß der Kranke das geringste Bewußt- seyn davon haben kann. So hat man Beyspiele, daß Frauenzimmer waͤhrend einer Betaͤubung, einem hysterischen Anfalle, einem Scheintode geschwaͤngert worden sind. Bey geschlachteten Thieren zucken die Muskeln des Halses und des innern Beckens noch ei- nige Stunden. Wie lange das Herz bey warmbluͤ- thigen Thieren, und die Muskeln bey kaltbluͤtigen reitzbar bleiben, ist bekannt. Ohne diese oͤrtliche Reitzbarkeit waͤre es schlechterdings unmoͤglich, daß Scheintode entweder von selbst oder durch Kunst wie- der zum Leben kaͤmen. — Manches hieher Gehoͤrige ist im 1ten Kap. gesagt worden. §. 91. §. 91. Die ausuͤbende Heilkunde kann aus diesen Un- tersuchungen sehr schaͤtzbare Vortheile ziehen, weßwe- gen ich sie noch etwas weiter ausdehnen will. Wenn man mit gespannter Aufmerksamkeit Vor- stellungen mit Vorstellungen vergleicht; Begriffe trennt, vereinigt, und aus vielfach verflochtenen Gruͤnden ein richtiges Urtheil sucht, so wird einem das Hirn warm, der Kopf gluͤht, die Augen werden empfindlich, die Ideen draͤngen sich in leichter Ordnung aufeinander. Hier ist das Werkzeug des Denkens in dem Zustan- de einer erhoͤheten Reitzbarkeit. Bey welchen hinge- gen entweder aus Mangel an hinlaͤnglicher Hirnmaße, oder wegen ihrer waͤßerichten Schlappheit oder trock- nen Sproͤdigkeit, aus Entkraͤftung des ganzen Koͤr- pers oder des Kopfes allein; oder weil alle Reitzbar- keit schon auf einen andern Theil eingeschraͤnket ist, kein aͤhnlicher Zustand bewirkt werden kann, bey de- nen ist die Reitzbarkeit, die Beweglichkeit der Hirn- maße zu gering; die Ideen entstehen gar nicht, oder entwickeln sich traͤg auseinander; die Eindruͤcke von Aussen geschehen langsam und unvollstaͤndig. Diese Leute koͤnnen durch Wein, durch Fieberhitze, durch unmaͤßige Anstrengung der Phantasie ꝛc. zu Rednern, Dichtern und Wahrsagern umgeschaffen werden. Waͤh- rend dem Zeitpunkt der uͤberspannten Reitzbarkeit des Gehirnes ist der ganze uͤbrige Koͤrper unempfindlicher; man hoͤrt, sieht, riecht und fuͤhlt nicht, oder nur sehr dunkel; die Verrichtungen des Magens und der Ge- daͤrme werden geschwaͤcht; obschon man kurz zuvor Hun- Hunger hatte, so empfindet man jetzt keine Eßlust mehr; der Mund, die Mundhoͤhle und der Schlund kauen und schluͤcken die Speisen ohne Wohlgeschmack; der Magen wird von einer unnuͤtzen Buͤrde beschwert. Selbst, wenn man gleich nach Tische tiefsinnigen Un- tersuchungen nachhaͤngt, spuͤrt man an der heißen Auf- wallung nach dem Kopfe, und der Kaͤlte des ganzen uͤbrigen Koͤrpers, daß das Verdauungsgeschaͤft sehr mangelhaft von statten geht. Der Mastdarm befoͤr- dert nur aͤußerst traͤge oder gar nicht die Entleerung, wenn man waͤhrend diesem Geschaͤfte seine Aufmerk- samkeit auf andere Dinge anstrengt, so groß der na- tuͤrliche Drang zuvor gewesen seyn mag. — Es giebt Leute, denen waͤhrend jedem Beyschlafe ein heftiges Kollern im Leibe entsteht, und viele Winde abgehen; andere, denen im entscheidenden Augenblicke die Zun- ge kalt wird u. d. gl. Chronische Krankheiten, welche mit widerna- tuͤrlicher Empfindlichkeit der Nerven und mannigfaltigen Zufaͤllen verknuͤpft sind, hysterische und hypochondri- sche Beschwerden, langwierige Engbruͤstigkeit, poda- grische oder rheumatische Schmerzen, Zahnweh u. s. w. koͤnnen oͤfters eine Zeitlang aufhoͤren, wenn Furcht, Verwunderung oder tiefes Nachdenken den Geist von der Aufmerksamkeit auf die Schmerzen des Koͤrpers abwendet. Gardiner hat zaͤrtliche, hysterische Frau- enzimmer, die oft in vielen Monaten keinen gesunden Tag gehabt hatten, auf einmal von allen Schmerzen befreyet gesehen, wenn etwa eines ihrer Kinder ge- faͤhrlich krank wurde. Sie waren dem Anschein nach Gall I. Band N n voll- vollkommen gesund, und in Wartung des geliebten Gegenstandes ungewoͤhnlich thaͤtig, und unermuͤdet. Hoͤrten sie aber, daß die Gefahr voruͤber seye, so be- kamen sie wieder ihre vorigen Zufaͤlle, wenn sie schon nach einer so langen Befreyung von selbigen, gaͤnzlich geheilt zu seyn glaubten. Ein Mann hatte waͤhrend eines Kriegszuges einen heftigen Anfall von Engbruͤstigkeit bekommen, der sonst immer zehn bis zwoͤlf Tage zu dauern pflegte. Am dritten oder vier- ten Tage der Krankheit, wo er nur stehend athmen, und seiner Meinung nach kaum sechs Schritte weit haͤtte gehen koͤnnen, hoͤrte er ploͤtzlich einige Laͤrmschuͤs- se, als das Zeichen zum Angriff, weil ein Trupp Maratten ins Lager eingebrochen war. Augenblicklich sprang der Kranke zur Verwunderung aller Umstehen- den auf, schwang sich aufs Pferd, und zog den De- gen, den er noch am vorigen Tage nicht hatte aus der Scheide bringen koͤnnen. — Von diesem Augen- blicke an verließ ihn seine Schwaͤche und Engbruͤstig- keit; kam auch nachher nicht eher, als zur gewoͤhn- lichen Zeit wieder. A. a. O. S. 48. — — Diese Erfahrungen bewei- sen, wie noͤthig eine anhaltende Beschaͤftigung oder Zerstreuung des Gemuͤths zur Heilung gewißer Krank- heiten sey, die mit widernatuͤrlicher Reitzbarkeit ein- zelner Theile verknuͤpft sind, und sie zeigen zum Theil, auf welche Weise die Einbildungskraft, die Er- wartung, das Zutrauen u. d. gl. wirksam werden. §. 92. §. 92. Aus diesen Erscheinungen folgt, daß die Wirk- samkeit der Natur jedesmal in gewißen Theilen schwaͤ- cher ist, wenn sie in andern staͤrker wirkt. So lange die Kranken faseln, thun abfuͤhrende Mittel nur schlechte Wirkung; aber so bald sie bey Tissot durch die Senfteige wieder sich gegenwaͤrtig gemacht worden waren, so thaten sie wieder ihre vollkommene Wir- kung. — Wenn Wahnwitzige verstopft werden, so kuͤndiget dieses die Langwierigkeit des Uebels an, weil es anzeigt, daß das Gehirn der Sitz der Reitzbarkeit geworden, welche hingegen in den Gedaͤrmen verloren gegangen ist. Wenn die Natur eine Verwerfung zu machen im Begriffe ist, so werden die uͤbrigen Ab- und Aussonderungen entweder sehr vermindert, oder sie hoͤren ganz auf. Nicht selten ist ein bloßer lebhafter Schmerz die Ursache, warum die Natur die Entschei- dungen nicht zu Stande bringt; warum die Ausschlaͤ- ge z. B. die Blattern nicht zum Vorschein kommen. Daher ist der Zustand, wo eine allgemeine Ruhe im Koͤrper herrscht, eine anscheinende Betaͤubung, eine tiefe Ohnmacht, ein tiefer Schlaf, den Entscheidun- gen so guͤnstig; daher ist in der Magengicht oder uͤberhaupt, wo sich der Gichtstoff auf sehr empfindli- che Theile geworfen hat, der Mohnsaft mit andern hitzigen Dingen, und im Allgemeinen in allen sehr heftigen Schmerzen ohne Entzuͤndung, in der Gallen- kranheit (Cholera) in den schmerzhaften Ruhren von großer Schaͤrfe und Reitzbarkeit der Gedaͤrme der Mohnsaft allein das beste sowohl besaͤnftigende als N n 2 staͤr- staͤrkende Mittel, wodurch die uͤbrigen Verrichtungen in ihren ordentlichen Gang gebracht werden. — Aus den Swietenschen Beobachtungen scheinet zu erhellen, daß Beinbruͤche bey Schwangern viel schwerer, und selten vor der Entbindung heilen, weil alle Wirk- samkeit auf die Ausbildung, Nahrung und den Wachs- thum der Leibesfrucht gerichtet ist; daher leiden auch bey Blutausleerungen oder andern heftig wirkenden Ursachen die Frucht und die Gebaͤrmutter am meisten; das Kind geraͤtht in krampfhafte Bewegungen, was die Frauen auf dem Wahne bestaͤttigen hilft, als wenn es mehr Luft und Leben bekaͤme; die Gebaͤrmutter wird ebenfalls nicht selten krampfhaft erschuͤttert, so daß sie so gar, besonders wenn die Entleerungen nach Gewohnheit der Alten zu groß waren, unfaͤhig wird, die Frucht laͤnger zu naͤhren, oder mit sich in Gemein- schaft zu erhalten. Die gefaͤhrlichsten Zufaͤlle einer Lungenschwindsucht, das sonst gewohnte Blutspeyen, krampfhafte, hysterische Anfaͤlle hoͤren hingegen nicht selten auf, so bald und so lange eine Frau mit der Schwangerschaft zu thun hat. Man sollte also die Natur nicht stoͤhren, wenn sie gerade mit einer andern wohlthaͤtigen Arbeit be- schaͤftigt ist. In diesem Falle erreignet sich eines von den zwey folgenden Faͤllen: Entweder wird das ange- fangene Werk der Natur gehindert; oder es wird ge- waltthaͤtiger Weise uͤber die gehoͤrigen Grenzen ver- staͤrkt. 〟Die Zeit, wenn man ein Arzneymittel giebt, sagt Testa , traͤgt viel zur Wirksamkeit desselben bey; denn wenn die Natur im Begriffe steht, irgendwo ei- nen nen Ausfall zu thun, so muß der Arzt mit aͤußerster Behutsamkeit zu Werke gehen; sonst draͤngt sie sich nach dem naͤchsten besten Theile hin, und die Lebens- kraft wird in dem uͤbrigen Koͤrper in eben dem Grade geschwaͤcht, in welchem sie in demjenigen Punkte, wo die Natur einen Ausweeg sucht, uͤbermaͤßig stark wird.〟 Veraͤnd. u. Ersch. \&c. S. 226. Da Reitzbarkeit, Reitz und Mitleidung so in- nig mit einander verbunden sind, so werde ich diese Faͤlle besser unten noch einmal vornehmen. — Indes- sen ist es auffallend, wie genau die folgenden Maaß- regeln des Hippokrates mit den angefuͤhrten Erfah- rungen uͤbereinstimmen: 〟Es ist nach der Regel, sagt er, die Gruͤtzsuppe nicht mitten unter der Wir- kung der Purganzen zu geben; wenn man abfuͤhrt, so soll sich der Kranke dabey der duͤnnen Tisanensuppe bedienen, und man hat zugleich auf die Fieberanfaͤl- le acht, so, daß man nichts reicht, weder wenn sie da sind, noch wenn sie kommen wollen; sondern nur alsdann, wenn sie aufhoͤren, und nun gelinder gewor- den, oder am weitesten von ihrem Eintritte entfernt sind. So lange die Fuͤße kalt sind, gebe man weder Getraͤnke, noch die Gruͤtzsuppe, noch sonst etwas der- gleichen. Man glaube im Gegentheil, daß es am be- sten sey, zu warten, bis sie recht warm geworden sind, und alsdann soll man, was nuͤtzlich scheint, reichen. Denn meistens verkuͤndigt die Kaͤlte der Fuͤße den instehenden Ausbruch des kuͤnftigen Fiebers. — — Naͤhrt Naͤhert sich das Fieber der Entscheidung, und es ist alles in Unruhe, so giebt man auch die duͤnne Suppe nicht; sondern alsdann erst, wenn alles wieder in Ruhe ist, und es besser geht. Man hat aber noͤthig, in allen Fiebern auf ihren Bruch zu merken, und die duͤnnen Gruͤtzsuppen die ganze Zeit uͤber auszusetzen.〟 Aus eben der Ursache soll man bey der kritischen Stoͤh- rung nichts Erhebliches vornehmen; die angefangenen Ausleerungen weder sehr zu verstaͤrken, noch, wenn sie nicht durch Irrweege geschehen, durch andere zu ersetzen suchen. u. d. gl. §. 93. In Ruͤcksicht der Heilart der verminderten oder erhoͤheten Reitzbarkeit hat man unstreitig jedesmal auf die Ursache zu sehen. Ein Fraͤulein hatte ein unge- mein empfindliches Nervensystem. Ein geringer Schall, ein heftiges Licht wirkten so stark auf sie, daß sie Zu- ckungen bekam; sie empfand im Unterleibe wunderliche Bewegungen, als wenn alles zerrissen wuͤrde. Die Gummiarten, der Bibergeil, u. d. gl. waren ohne Wirkung. Der Bau der Zasern selbst mußte gegen die leichte Empfaͤnglichkeit der Eindruͤcke gesichert wer- den. Van Swieten ließ das Maͤdchen monatweis mit Binden fest von den Schenkeln bis an die Bruͤste wickeln, worauf es sogleich Linderung empfand. Als- dann erst hat er seine Arzneyen gegeben. Ein Fraͤu- lein eines schlaffen Koͤrperbaues, war noch durch eine Krankheit schwaͤcher, aber auch reitzbarer geworden. Etwas Schaͤrfe hatte sich in die Fuͤße geworfen. Sie schlaͤu- schlaͤuderte immer ihre Beine, wenn sie gehen wollte, hin und her, daß sie keinen ordentlichen Tritt machen konnte. Nur im Bette war alles ruhig; Weikard ließ ihre Fuͤße von unten hinauf wickeln, und minder- te geschwind diese Beweglichkeit. Die gewoͤhnlichsten Mittel gegen die erhoͤhte Reitzbarkeit, wenn sie von zu grosser Beweglichkeit, Zartheit und Schlappheit der Zasern herkoͤmmt, sind die peruvianische Rinde, Eisen, kalte Baͤder u. d. gl. Uebrigens giebt es nichts, was nicht bey gewissen Umstaͤnden die Reitz- barkeit vermindern koͤnnte. Eben so giebt es auch nichts, was nicht zuweilen die verminderte Reitzbar- keit aufzuwecken im Stande waͤre. Es waͤre mir hier unmoͤglich, jeden Fall zu bestimmen. Bald sind Ader- laͤssen, bald Blasenpflaster, bald Wein, Hirschhorn- geist, und andere fluͤchtige Laugensalzen, bald Saͤuren u. s. w. die angemeßendsten Erweckungsmittel. In allen Faͤllen aber hat man folgende Klugheitsregeln nie außer acht zu lassen: Daß man erstlich in der Wahl und den Gaben der reitzenden Mittel desto behutsamer seyn muͤsse, je reitzbarer der wirkliche Zu- stand des Kranken ist. Bey starken Leuten z. B. hei- len dir wasserabfuͤhrenden Purgiermittel solche Was- sersuchten, welche von Zerruͤttung der ersten Weege entstanden sind; aber sie sind hoͤchst schaͤdlich, wenn die Saͤfte schon zu sehr aufgeloͤset, die festen Theile zu empfindlich und reizbar geworden sind; wo Reitzun- gen, Kraͤmpfe und Verhaͤrtungen zugegen sind. — Daß man zweytens bey dem Zustande der Reitzlosig- keit in eben dem Maaße die reitzende Heilart vermin- dere, dere, in welchem die Reitzbarkeit wieder hergestellt wird. Eine schon lange Zeit uͤbel beschaffne Frau litt durch unmaͤßigen Beyschlaf einen Umschlag (abor- tum) und dabey einen so haͤufigen Blutverlust, daß oͤf- tere und schreckliche Ohnmachten hinzukamen, die Glied- massen kalt, der Aderschlag schnell, geschwind und aͤus- serst schwach wurden. Die Kranke gaͤhnte und dehnte sich unaufhoͤrlich und schien unter Zuckungen zu sterben. Ich verordnete die Zimmttinktur, Wein mit Zucker in reichlichen Gaben. Bald wurde das Gaͤhnen selt- ner, der Koͤrper und die Glieder warm; die Gebaͤhr- mutter, die unterdessen wie ein welker Sack im Leibe lag, und das Blut wie aus einem Schlauche ergoß, zog sich wieder in eine harte Kugel zusammen; die Ohnmachten setzten laͤnger aus, und waren weniger schreckbar. Haͤtte ich nun mit den naͤmlichen Mitteln in der naͤmlichen Gabe fortgefahren, so wuͤrde ich zu- verlaͤßig Entzuͤndung und Brand verursacht haben, da sie bisher noͤthig waren, um die Laͤhmung der fe- sten und die Stockung der fluͤssigen Theile zu heben. So bald in Nervenfiebern die Reitzbarkeit wieder her- gestellt ist, so werden die Sinne durch starke Gaben Mohnsaft oder geistiger Getraͤnke betaͤubt, da sie hin- gegen zuvor die staͤrksten Gaben vertrugen. Es ist also unvernuͤnftig, wenn man durch den gluͤcklichen Erfolg seiner Bestrebungen in verzweifelten Faͤllen aufgemuntert, die ersten Regungen des Lebens mit verdoppelten Kraͤften ferner zu erwecken sucht. Die schwache Lebenskraft kann dem heftigen Reitze nicht ge- nuͤgsame Gegenwirkung leisten, und sie unterliegt un- ter ter den uͤberspannten Wirkungen der Kunst. Daher entstehen gerade dann die kaum mehr heilbaren Ruͤck- faͤlle, wo man, voller Entzuͤckung uͤber die angehen- de Rettung seines Kranken, sich desto thaͤtiger fuͤr ihn verwendet. Es muß jedesmal zwischen der Reitzbar- keit, dem Maaße der Lebenskraft und dem Erwe- ckungsmittel ein gewisses Verhaͤltniß statt haben. Hun- ter giebt bey Wiederherstellung ertrunkener Personen den naͤmlichen Rath. “Man muß, sagt er, in An- sehung der Dosis und Staͤrke der Mitteln, auf den Grad der noch uͤbrigen Lebenskraͤfte sehen, und die Behandlung allemal im Verhaͤltniß zu diesem Grade einrichten. Alle Mittel koͤnnen wahrscheinlicher Wei- se, wenn sie in einer zu grossen Menge oder zu stark gebraucht werden, die schwache Wirkung des Lebens, die sie erregt haben, auch gaͤnzlich zerstoͤren. Man muß daher, statt, wie man gemeiniglich zu thun pflegt, die Bemuͤhungen zur Rettung des Kranken bey den ersten Kennzeichen des wiederkommenden Lebens zu verstaͤrken und zu beschleunigen, dieselbigen vielmehr sodann vermindern, damit sie nachher im Verhaͤltniß zu der Lebenskraft, so wie diese immer mehr und mehr zunimmt, auch allmaͤhlig verstaͤrkt werden koͤn- nen u. s. w.„ Sammlung aus Abh. fuͤr v. Aerzte B. 7. S. 144. — Die Waͤrme bringt eine groͤßere Ausuͤbung und Bewegung der Lebenskraͤfte hervor als die Kaͤlte, und ein Thier, welches sich in einem schwaͤch- lichen Zustande befindet, kann durch die Waͤrme zu einer solchen groͤßern Wirkung des Lebens angestrengt werden, daß die Kraͤfte des Lebens selbst zerstoͤhrt werden. werden. Dieses ist die Ursache, warum bey heftigen Entzuͤndungen der Brand erfolgt; warum erfrohrne Thiere und Pflanzen, wenn sie zu gaͤhlings in eine un- verhaͤltnißmaͤßige Waͤrme gebracht werden, zwar an- faͤnglich Zeichen der Belebung von sich geben, aber bald desto unwiederbringlicher verloren sind, und ihre Bestandtheile in einen faulichten Schlamm aufgeloͤset werden; warum Kranken eine maͤßige Waͤrme aller- meist zutraͤglich, eine unmaͤßige aber nachtheilig ist; vielleicht auch zum Theil, warum man in Krankhei- ten, die von grosser Hitze begleitet sind, eine so un- beschreibliche angenehme Labung an der kuͤhlen Luft findet u. s. w. Von dem Zustande, wo fehlerhafte Reitzbarkeit und Kraftlosigkeit zusammentreffen. §. 94. Dieser Zustand verdient allerdings eine vorzuͤg- liche Aufmerksamkeit. Man erkuͤnstelt ihn, wenn man schon ohnehin geschwaͤchte Leute durch unange- zeigte Ausleerungen besonders des Blutes und des Samens noch mehr erschoͤpfet. Es erfolgen alsobald Ohnmachten, Zittern, krampfhafte Windkoliken, Wahnsinn, alle Arten von Fieber, die aber entweder die Gestalt der Nervenfiebern oder sonst schleichender Zehrfieber annehmen; Hypochondrie, Hysterie. — Bey den Gelehrten hat allermeist ein gewisser Grad von Schwaͤche und Reitzbarkeit, zum wenigsten ein- zelner Theile statt. Anfaͤnglich koͤnnen sie gewisse Spei- sen nicht mehr ertragen, sie bekommen Blaͤhungen, Koli- Koliken, Spannen im Kopfe, Melancholie, Gleich- guͤltigkeit, Fadheit, Beaͤngstigung, Mangel an Nah- rung, Hypochondrie, Funkensehen, Lichtscheue, tief- liegende Augenschmerzen, zuweilen den schwarzen Staar, Schlaflosigkeit, Hirnwuth, Staarsucht, Narr- heit, Schlagfluͤße, und so, wie alle, die ein schwa- ches und sehr empfindliches Nervensystem haben, von jeder ungewoͤhnlichen Gemuͤthsbewegung Unverdaulich- keit und andere Nervenzustaͤnde. — Alle diese Leute sind mit aͤußerster Behutsamkeit in allen ihren Ge- brechen zu behandeln. Sie verfallen von ein Bischen Honig oder Salz, von einem Klystiere, von einer widrigen Vorstellung in toͤdtliche Ohnmachten, Zu- ckungen, Zittern, in die schwersten Ruͤckfaͤlle u. d. gl. Mit den Ausleerungen kann man daher nie behutsam genug seyn. Wenn ich bey dem oben S. 329 ange- fuͤhrten Kranken, der fuͤnfmal ruͤckfaͤllig wurde, ei- nen Fehler begangen habe, so ist es zuverlaͤßig dieser, daß ich mich durch den Schmutz der Zunge, durch das anfaͤngliche freywillige Erbrechen, durch den un- ertraͤglichen Gestank der Ausleerungen verfuͤhren ließ, nebst den angezeigten Mitteln, der Rinde, dem Kam- pfer und Wein, durch einige Gaben Tamarinden alle Tage einen oder zwey Stuͤhle zu bewirken. Der naͤm- lichen Ursache schreibe ich den Tod jener Frau S. 327 zu, bey der man wider meinen Willen die Heilart auf Abfuͤhrungen, und Schwefelgeist einschraͤnkte, obschon sie sich schon zweymal durch die blos staͤrkende Heilart gebessert hatte. Dem Bedienten S. 535 ließ ich durchaus nicht einmal ein Klystier geben, obschon er er schon sieben Tage gar keine Oeffnung hatte; und nie kann eine so bedenkliche Krankheit gluͤcklicher ver- laufen. Den zwanzigsten Tag fieng der Bauch an zu rumpeln, und es giengen Winde ab; den ein und zwanzigsten bekam er ein Klystier aus bloßem Oele mit Fleischbruͤhe und Eyerdotter, die ihm einige Oeff- nung machte, nachdem die Krankheit den siebenzehn- ten schon durch den Harn und Schweiß entschieden war. — Bey Tissot ließ sich ein sonst ganz gesunder und starker Mann wegen heftiger Hitze und Kopf- schmerzen zur Ader. Er war den sechsten Tag so schwach, so beaͤngstigt und so beißend heiß, der Kopf- schmerz so heftig, und die Reitzbarkeit so uͤberspannt, daß Tissot nicht an die geringste Ausleerung denken konnte. Er fuͤrchtete, wenn die Materie zu haͤufig beweglich gemacht wuͤrde, daß die Kraͤfte zu der- selben Ausleerung nicht hinreichen moͤchten. Daher gab er zu erst gelinde, saͤuerlichte Herzstaͤrkungen und Sauerteige, bis sich die Kraͤfte nach und nach er- holten, wo er denn mit Ausleerungen die Krankheit vollends heilte. Es blieb aber lange eine Verstopfung der Leber zuruͤck, welche eine langwierige Behandlung, Luftveraͤnderung ꝛc. forderte. Der Kranke war meh- rere Monate zu allen Verrichtungen unfaͤhig, und er- langte kaum in einem Jahre wieder seine Kraͤfte. — Le C mus erzaͤhlt von einem Knaben, welcher in einem Seitenstiche durch neunmal Aderlassen schon bis zum Grabe hingerichtet war; man muste ihm herz- staͤrkende Mittel reichen, wodurch er in so weit sich erhol- erholte, daß man ihm ohne Gefahr ein Abfuͤhrungs- mittel reichen konnte. Je mehr die Abfuͤhrungen wirk- ten, desto mehr nahm der Aderschlag zu, und kam erst nach haͤufigen Entleerungen der Galle und fauler Feuchtigkeiten wieder in Ordnung. Selbst in der Wahl der staͤrkenden Heilmittel muß alles vermieden werden, was auf was immer fuͤr eine Art den Koͤrper, ich will nicht sagen, schwaͤ- chen, sondern reitzen kann, besonders wenn der da- durch erregte Reitz nicht zugleich von einer anhaltend staͤrkenden Wirkung begleitet wird. Deßwegen sagt Tissot “wenn die Nervenkrankheiten eine Folge lang- wieriger Krankheiten sind, so muͤßen diese Krankhei- ten geheilt werden. Indeß muß doch die Empfind- lichkeit, die die Nerven erlangt haben, nicht uͤberse- hen werden; sie erfordert grosse Behutsamkeit und grosse Aufmerksamkeit bey der Auswahl der Mittel: denn sie aͤndert die Wirkung der Heilmittel gaͤnzlich, wenn sie reitzend sind. Bey Verstopfungen verursa- chen wirksame aufloͤsende Mittel Kraͤmpfe, die vor- nehmlich auf die kranken Theile wirken, und die An- haͤufung der Saͤfte in denselben nur noch groͤßer ma- chen, die gelindere aufloͤsende Mittel vermindert ha- ben wuͤrden, weil ihre Wirkung nicht gestoͤhrt wor- den seyn wuͤrde, indem sie nicht zu scharf waren, und die Nerven nicht reitzten. Es ist fast unbegreif- lich, wie wenig hierauf gemerkt wird; und eben da- her entstehen so oft die heftigsten Zufaͤlle; die gelin- desten Krankheiten werden durch diese Unachtsamkeit noch heftiger, etwas staͤrkere unheilbar gemacht; und die die lebhaftesten Temperamente zerstoͤrt. Wenn ich oft Klagen und Bemerkungen dieser Art aͤußere, so koͤmmt dieß daher, daß mir viele Geschichten von Krankheiten, die ich aus allen Laͤndern vor Augen gehabt habe, beweisen, wie wenig noch die meisten von denen, die die Arzneywissenschaft ausuͤben, auf- merksam sind; und wie sehr sie die Gefahr verkennen, die aus der Vernachlaͤßigung der uͤblen Wirkung der Reitzung auf die Nerven erwaͤchst„ Abhandl, uͤ. d. Nerven und deren Krankh. 2ter B. 2ter Th. S. 595. In der Ab- handlung von der Selbstbefleckung druͤckt er sich schon ganz auf aͤhnliche Art aus: “Die durch die Selbstbe- fleckung erzeugte Schwachheit verursacht bey der Wahl der staͤrkenden Mittel eine Schwierigkeit, die bey an- dern Faͤllen nicht vorkoͤmmt, naͤmlich, daß man sich aufs sorgfaͤltigste vor allen den Mitteln huͤten muß, die, indem sie reitzen, den Stachel des Fleisches aufs Neue reg machen koͤnnen. In der Mechanik beleb- ter Koͤrper, die von der Einrichtung lebloser Maschi- nen so sehr unterschieden, und nicht sonderlich an die Regeln der letztern gebunden ist, hat das Gesetz statt, daß, wenn sich die Bewegungen vermehren, diese Vermehrung staͤrker in denjenigen Theilen vorgeht, die dazu am besten geschickt sind. Dieß sind bey den Selbstbefleckern die Zeugungstheile: Dort wird sich also die Wirkung reitzender Mittel am ersten offenba- ren, und die gefaͤhrlichen Folgen dieser Wirkung koͤn- nen uns in Ansehung der anzuwendenden Mitteln nicht behutsam genug machen.„ Dem naͤmlichen Gesetze zu Folge wird jeder andere sehr reizbare Theil, oder wo wo die Reitzbarkeit des ganzen Koͤrpers uͤberspannt ist, der ganze Koͤrper von jedem angebrachten Reitze angegriffen, und folglich der gegenwaͤrtige Zustand verschlimmert werden. — Ganz anderst ist es freylich wo mit der Schwaͤche eine verminderte Reitzbarkeit verbunden ist. In diesem Falle muß man nicht sel- ten zu den reizendsten Mitteln schreiten, wie wir in der Folge sehen werden. Um diesen Zustand noch mehr zu erlaͤutern, will ich einige Untersuchungen uͤber die Krankheiten anstel- len, welche von unangenehmen Leidenschaften, als Kummer, Eifersucht und Zorn zu entstehen pflegen. Leidenschaftliche Krankheiten. §. 95. Die Verbindung einer grossen Reitzlosigkeit oder Reitzbarkeit mit einer betraͤchtlichen Ermuͤdung, Un- terdruͤckung oder Erschoͤpfung der Kraͤfte scheint mir die vornehmste Ursache zu seyn, warum Krankheiten welche aus lange anhaltenden traurigen, oder heftig wirkenden, empoͤrenden Leidenschaften entstehen, manch- mal so ungemein gefaͤhrlich und boͤsartig sind. Ge- woͤhnlich vermuthet man keine andern, als die bekann- ten Folgen einer jeden heftig wirkenden Ursache. Der Traurigkeit schreibt man Niedergeschlagenheit der See- lenkraͤfte, sparsame oder unterdruͤckte Absonderungen und Ausleerungen, Anhaͤufung nach den innern Thei- len, Schwaͤche des Magens u. d. gl. zu. Der Zorn, glaubt man, errege hitzige, besonders gallichte Fieber, oder auch schlechtweg gallichte Ergießungen ohne fie- ber- berhafte Bewegungen u. s. w. Dieses mag auch allermeist der Fall seyn. — Meinen bisherigen Er- fahrungen aber zu Folge entstehen daher weit oͤfter, als man glaubt, ganz besondere, eigne Uebel, die sich durch ihre eigne Zufaͤlle, und durch die Heilart, welche sie erfordern, von den uͤbrigen Folgen der Krankheitsursachen auszeichnen. Es ist unstreitig sehr wichtig, daß man die Aerzte immer mehr aufmerk- sam darauf mache, und ich bleibe hier mit meinen Bemerkungen bey dieser Absicht stehen. Nr. 1. Eine Frau, deren Mann durch den Ver- lust seines Dienstes und seines Vermoͤgens wahnsin- nig im Tollhause starb, und seiner sonst ans Wohlle- ben gewoͤhnten und hoͤchst empfindsamen Wittwe sechs unmuͤndige Kinder hinterließ, fieng an, trost- und kraft- los zu werden; sie klagte, wenn sie nicht zu verdruͤßig war, uͤber innere Bangigkeiten, uͤber Bloͤdsinnigkeit und Vergessenheit; sie froͤstelte immer, und schlief nur selten; ihr sanfter Karakter verhuͤllte alles das unter der Maske einer gewoͤhnlichen Gemuͤthsangele- genheit. So schleppte sie sich uͤber zwey Monate bey ihren Hausgeschaͤften herum. Endlich konnte sie vor Schwere der Brust und vor Bangigkeit nimmer außer Bette bleiben. Sie seufzte sehr oft, konnte aber nie ganz tief einathmen; der Kopf schien etwas betaͤubt zu seyn, und sie zeigte sich uͤberhaupt zu gleichguͤltig; die Gesichtszuͤge waren alle hangend, wovon ich ur- theilte, daß die Entkraͤftung bey weitem den Schein uͤbertreffe. Da ich indessen von einer Anhaͤufung des Blutes in der Lunge uͤberzeugt war, so ließ ich fuͤnf fuͤnf Unzen Blut abzapfen. Es erfolgte einige Er- leichterung des innern bangen Gefuͤhls; aber schon nach einem Tage kehrte die vorige Beschwerdniß zu- ruͤck, und die Entkraͤftung war weit betraͤchtlicher. Nun begnuͤgte ich mich mit lauen Umschlaͤgen auf die Brust, und den uͤbrigen entzuͤndungswidrigen Mitteln. In weniger als drey Tagen muste ich schon zu erwe- ckenden, staͤrkenden, reitzenden Dingen schreiten, ob- schon der Zustand der Brust gar nicht veraͤndert war. Die Entkraͤftung, die Betaͤubung, und andere au- genscheinliche Nervenzufaͤlle nahmen so uͤberhand, daß ich die staͤrksten Mittel von Innen und Außen ver- suchte; allein sie starb ohne alle erfolgte Besserung, unter einem anhaltenden Taumel unvermerkt. Dieses geschah mir im ersten Jahre meiner Ausuͤbung, wo ich noch nicht mit dieser Krankheit bekannt war, und noch nicht umstaͤndlich genug beo- bachtete. Um mich aber zu rechtfertigen, machte ich die Leichenoͤfnung: Die Lunge war zwar nicht heftig entzuͤndet, aber dennoch so mit Blut angefuͤllt, daß einige Stuͤcke im Wasser untergiengen. Im Kopfe strotzten sowohl in den Hirnhoͤhlen als auf der Ober- flaͤche des Gehirns alle Gefaͤße von Blut. Die uͤbri- gen Eingeweide waren gesund. Nro 2. Dealkes Frau verfiel aus Traurigkeit in ein hitziges mit Froͤsteln verbundenes Fieber. An- faͤnglich huͤllete man sie wohl ein. Sie gab nie den geringsten Laut von sich, sie griff um sich her, sie tupfte und kratzte an der Zudecke, sie las Haͤrchen und Flocken zusammen, sie weinte und lachte gleich Gall I. Band. O o da- darauf wieder, sie konnte nicht schlafen, sie hatte ei- nen Reitz und ein Dringen zu Stuhle zu gehen, ohne daß doch etwas erfolgte; sie nahm zu Trinken zu sich, wenn man sie ein wenig daran erinnerte. Ihr Urin war duͤnn und sparsam. Nach dem Gefuͤhl zu urthei- len schien ihr Fieber gering, und ihre aͤußern Glied- maßen waren kalt. Am neunten Tage redete sie viel irre, und wiederum beruhigte sie sich, und schwieg ganz stille. Am vierzehnten Tage war ihr Athem tief, stark, langsam und bald darauf ganz kurz. Den siebenzehnten Tag bekam sie einen Reitz zum Durch- fall. Darauf lief auch selbst das Getraͤnke mit durch, und nichts stillte diesen Zufall. Sie blieb gegen alles unempfindlich. Ihre Haut war trocken und gespannt. Am zwanzigsten Tage sprach sie viel irre, und dann lag sie wieder ruhig und ohne Stimme hin, und keich- te dazu. Sie starb den ein und zwanzigsten Tag. Sie hatte allemal einen tiefen und starken Athem, sie that gegen alles fuͤhllos, man deckte sie bestaͤndig zu, und sie sprach entweder sehr viel, oder sie schwieg auch stille. Sie war zu aller Zeit im Kopfe verwirrt, und dieses die Hirnwuth.„ Hipp. 3 B. v. d. Landf, 3 Absch. 15. K. Nro 3. Eine sechsundzwanzigjaͤhrige lebhafte, aber empfindsame Frau, wovon im ersten Kapitel S. 193 die Rede war, lebte seit sechs Jahren in einer hoͤchst unzufriedenen Ehe. Nach langem Kummer und Zorn, anhaltender Eifersucht, Verachtung und Rachgierde wurde sie gaͤhlings heftig krank. Sie klag- te uͤber gewaltige Brust- und Bauchschmerzen, weß- we- wegen ihr der Arzt eine starke Aderlaͤße verordnete. Da- rauf nahmen alle Zufaͤlle mit strengster Heftigkeit zu; in einigen Stunden wurde eine noch reichlichere Ader- laͤße gemacht. Alsogleich fieng die Kranke an zu ra- sen, zu schreien, zu fluchen; machte nachdenkend ei- ne Pause, und brach in ein fuͤrchterliches Lachen und Jauchzen aus, wobey sie das Gesicht schrecklich ver- drehte. Nun wurde ich gerufen; ich fand den Ader- schlag außerordentlich schnell und prellend, das Ath- men stark und heftig. — Da ich nun die Natur die- ser Krankheit ein wenig besser kannte, so sagte ich geradezu den Tod vor. Weil mir in der ersten Kran- kengeschichte so starke Mittel gar keine Dienste tha- ten, und die Raserey heftig war, so entschloß ich mich zur aͤußersten Heilart. Ich ließ die Fuͤße, die Fußsohlen, die Schenkel und den Ruͤcken mit spani- scher Fliegentinktur stark einreiben; legte die schaͤrfe- sten Sauerteige auf die ganzen Fuͤße und Waden; Blasenpflaster mit Fliegenpulver bestreut auf die ein- geriebenen Stellen; der Bauch wurde in Umschlaͤge von den Kopfkraͤutern mit Wein eingewickelt. Innerlich gab ich zuerst Kina Auszug in grossen Gaben in ei- nem Absud von Baldrian und Giftwurz ( Contrajerva ) aufgeloͤset, nebst einer Mischung von gleichen Theilen Hirschhorn- und Salmiakgeist. Wie nun alles zum Untergang eilte, so mischte ich selbst die spanische Flie- gentinktur unter diese Mixtur. Die Kranke verschluck- te alles gierig; aͤußerte weder Widerwillen noch sonst irgend eine Empfindung; rasete und lachte immer fort u. s. w. ruͤhmte sich inzwischen sehr oft eines vollkom- O o 2 menen menen Wohlseyns, und starb in der vier und dreißig- sten Stunde von der Zeit, als ich sie zum ersten Ma- le sah, ohne daß weder die innern noch die aͤussern Haͤute im geringsten von den Mitteln veraͤndert wor- den waͤren. Bey der Leichenoͤffnung fand ich weder in der Brusthoͤhle, noch im Unterleibe etwas widerna- tuͤrliches, als daß die Stellen sowohl der Gebaͤrmut- ter als des Mastdarms, wo sie sich beruͤhren, von schwarzem Blute strotzten; es ist aber zu bemerken, daß die Kranke einen Tag vor dem Tode ihren Zeit- fluß hatte. — Eine Krankengeschichte, die um der vor- gegangenen Fehler willen hoͤchst wichtig werden wird! Nach diesen ungluͤcklichen Versuchen nahm ich mir vor, die erste Gelegenheit mit allem Fleiße zu benutzen. Ich wuste aber, daß dergleichen Krank- heiten durchgaͤngig fuͤr hoͤchst gefaͤhrlich gehalten wer- den. So z. B. sagt Kämpf , „Meistens entdecke ich, manchmal erst nach unermuͤdetem Nachforschen folgenden Anlaß zu den Infarktus: naͤmlich, heim- lichen Kummer, unterdruͤckte Rachbegierde und Zorn, Nahrungssorgen, Betruͤbniß, Gram uͤber irgend ei- nen Verlust, ungluͤckliche Liebe u. s. w. Diese sind alsdann fuͤr schleichende und am Keime des Lebens nagende Gifte anzusehen, wenn sie, wie es gemei- niglich geschieht, anhaltend wirken, mithin auch das Uebel unheilbar machen. Leider habe ich dieses oft genug erfahren.„ Fridrich Hoffmann that den Aus- spruch: Lethale animi Pathema mœstum. — Ex Pa- themate prompte quisquis sibi pessimum venenum in corpore generare potest. Zu allen Zeiten hat man die diese traurigen Folgen beobachtet. So starb Antio- chus der Edle vor Betruͤbniß uͤber das Uebel, das er in Jerusalem gethan hatte. 1 Buch der Machabaͤ. 6 Kap. Und der menschen- freundliche Syrach warnet gegen langes Trauren uͤber einen Verstorbenen; „denn von Trauren koͤmmt der Tod; und des Herzens Traurigkeit schwaͤchet die Kraͤf- te.„ Das Buch Jes. Sirach 138 Kap. Dem ohngeachtet wußte ich auch, daß die muͤrrische Frau zu Thasus S. 538. davon kam, ob- schon des Dealkes Frau S. 577. Nro 2.gestorben war. Es muß also, dacht ich, keine gerade Nothwendig- zeit in der Natur liegen, daß diese Krankheiten jeder- zeit toͤdlich seyen. Die vortreflichen Krankengeschich- ten des Sim. Herz waren mir noch unbekannt. Folgende Gelegenheit bahnte mir den Weeg zur voll- kommenen Erkenntniß dieser Krankheit, was ich nach- her in allen guten Krankengeschichten bestaͤttigt fand. Die ich hier liefere, zeigt noch manchmal meine man- gelhafte Einsicht; aber sie ist vollstaͤndig, und ich schaͤ- ze sie daher einer vorzuͤgliehen Aufmerksamkeit werth. Nro. 4. Klara Sied , eine sonst immer ge- sunde, starke, aber empfindsame Frau hatte schon lan- ge Zeit her viel Verdruß und heimlichen Zorn. Nun aber gerieth sie mit einem andern Weibe in einen leb- haften Hader. Den 12ten July als den Tag hernach, stund sie mit eingenommenem, schmerzhaftem Kopfe auf, und erbrach ungefaͤhr ein halb Pfund gruͤne, bittere Galle; der Kopfschmerz nahm zu; sie spuͤrte eine Beklemmung auf der Brust, konnte nicht ohne Schmer- Schmerzen athmen und noch weniger husten. Dabey fuͤhlte sie sich sehr kraftlos, und es stellte sich der Zeit- fluß als um die gehoͤrige Zeit ein; dieser hoͤrte auch wie sonst auf, ohne im geringsten gestoͤhrt worden zu seyn. Den dritten Tag verordnete ihr ein Wundarzt das Doppelsalz mit Holdersulze und Kamillensaft; sie wurde alsogleich schlimmer. Nun kam ich, und fand sie gegen ihre Gewohnheit aͤusserst niedergeschlagen; sie sprach wimmernd, sehr geschwind und so lebhaft, daß sie nahe ans Irreseyn grenzte; sie warf sich un- ruhig im Bette herum, und bestimmte mit unmaß- geblicher Zuversicht den eilften Tag als den Tag ihres Todes. Der Kopfschmerz war heftig; vor den Au- gen alles gruͤn, die Zunge schleimig, der Mund bit- ter, lettig; die Gesichtsfarbe roth, die Gegend um den Mund, das Kien und die Nase blaßgelb; das Athmen geschwind; Druͤcken und Schwere ober der Herzgrube, obschon sie die Brust weit besser hob, als es der Art des Athmens und dem Beklagen nach moͤg- lich schien; sie hatte Schmerzen in der rechten Seite- so, daß sie beym Anfuͤhlen die Mundwinkel, die Augen- braunen, Augenwinkel und die Nasenfluͤgel heftig ver- zog; es stach sie auch auf der linken Seite, und sie mußte mit dem Liegen oft abwechseln; der Bauch na- tuͤrlich; die Waͤrme und Feuchte der Haut gut; der Aderschlag geschwind, zusammengezogen, klein; der rechte Arm war betaͤubt und halb gelaͤhmt; sie konn- te die Finger der rechten Hand weder kruͤmmen noch ausstrecken; die Kraͤfte im Verhaͤltniß der uͤbrigen Zufaͤlle sehr gesunken. Ich verordnete ein Loth Wun- der- dersalz mit 8 Loth Kamillenwasser, ein Loth Kamil- lensaft und zwanzig Tropfen Hoffmannischen Geist, jede Stunde einen Eßloͤffelvoll; auf die schmerzhaften Stellen warme Umschlaͤge aus Holder- und Kamil- lenbluͤthe mit Mehl und Milch; Klystiren von Kley- enwasser, Kamillen, Oel und Eyerdotter; zum Trank Gerstenwasser mit Sauerhoͤnig. Innerhalb acht Stun- den waren der Kopfschmerz, das Druͤcken, die Schmer- zen der Seiten leichter, sie lag ruhig, sprach ordent- lich, sah gut, athmete besser, und empfand nur noch bey einem staͤrkeren Druck die Schmerzen, wobey sie auch nichts mehr als die Mundwinkel verzog; der Puls war langsamer, voͤller, wellenfoͤrmig, gleich- sam doppelt schlagend; sie hatte zwey waͤsserichte Stuͤ- le. Die folgende Nacht war ziemlich unruhig; sobald sie die Augen schloß, schwebten ihr aller Art Bilder vor, und der Taumel nahm zu; der Bauch schwoll auf, und es hob sich immerwaͤhrend etwas gegen die Brust, was sie zum Erbrechen reitzte, sie schwitzte haͤufig am ganzen Leibe; bekam drey haͤufige, theils mit flockich- ten, haͤutigen, schleimigen, gruͤnen und braunen Thei- len gemischte Stuͤhle jedesmal mit ausnehmender Er- leichterung; der truͤbe Harn hatte einen haͤufigen, weißlichten, flockichten Bodensatz; der Kopf zwar ohne Schmerzen, aber noch eingenommen, so daß sie des Nachdenkens bedarf, um richtig zu antworten; indessen laͤchelte sie auf eine unangenehme Art, und die Augen waren roth, die Gesichtsfarbe etwas erd- artiger; die Zunge unreiner, der Geschmack lettig, trocken, bitter; viel Durst; der Puls weich, voll; die die Hand noch wie gestern. Hatte sich die Kranke mit vieler Anstrengung, was ich ihr untersagte, auf- gerichtet, so mußte sie husten, und fiel mit Gewalt auf den Ruͤcken zuruͤck. Dieses war der vierte Tag. Ich verordnete zwey Unzen Tamarindenmark, eine halbe Unze Wundersalz, zehn Tropfen Salpeter- geist mit einem saͤuerlichten Saft; und ließ das uͤbri- ge im Alten, nur daß die vorige Arzney weg blieb, weil sie ihr jetzt zuwider war. Nachts fand ich sie kraft- los hingestreckt mit starkem Schluchzen, Wuͤrgen und leerem Erbrechen; sie konnte weder den Kopf noch ei- ne Hand aufheben; der Kopf heiß, das Gesicht toden- artig eingefallen, blaßgelb; sie hoͤrte und sah nichts, verdrehte die Augen graͤßlich ein- und aufwaͤrts, schnappte, wie ein Sterbender mit dem Munde; der Mund war trocken heiß; sie leckte gierig nach Feuchtig- keit, konnte aber wegen unablaͤßlicher Schnuͤrung des Halses keinen Tropfen hinabschluͤcken; endlich schlug sie die Arme auseinander und schrie mit gebrochner Stim- me: Ich kann nicht bleiben! der Bauch hart, hoch aufgetrieben, gespannt, so schmerzhaft, daß sie jaͤm- merlich schrie; diese Schmerzen nahmen auf mein Befuͤhlen des Bauches auf einen schrecklichen Grad zu; alle Klystieren traten zuruͤck; Haut und Waͤrme, wie im gesuͤndesten Menschen. Sie kam noch vor Mit- ternacht zu sich, wollte mich bey der Hand nehmen, war aber zu schwach. Ich verschrieb Bibergeilwasser mit dem Hoffmannischen schmerzstillenden Geist; ein Pflaster von Theriack uͤber den ganzen Bauch und Ma- gen, und daruͤber einen Umschlag wie oben von Kamil- len len ꝛc. Nach dem zweyten Loͤffelvoll der Mixtur konn- te sie besser schluͤcken; das Schnuͤren der Kehle, das Schluchzen, und die Stoͤße zum Erbrechen ließen nach, und sie wurde ruhiger; es giengen viele Winde ab, der Bauch wurde weicher; sie schlief gar nicht, und klagte immerwaͤhrend uͤber Troͤckne und hoͤlzerne Sproͤ- digkeit des Mundes und des Halses, verlangte To- ckaier, den sie nicht erhielt. Den fuͤnften Tag in der Fruͤhe lag sie ruhiger, aber noch eben so kraftlos da; der Kopf weniger heiß, und das Gesicht nimmer so todenblaß; aber die Augen stunden allermeist steif, das rechte einwaͤrts ver- dreht, wenn das linke in der Mitte oder auswaͤrts stund; dennoch, wenn man lebhaft auf sie rufte, schauete sie einen mit geradem Blicke an; sie konnte aber nichts erklaͤren, und sagte blos, sie wisse nicht, wie ihr seye; das Athmen aͤngstig; der Bauch noch sehr schmerzhaft; keine Stuͤhle; aber viel gallichter Harn mit schmutzig weißem, flockichtem ober dem Grunde des Gefaͤßes schwebendem Bodensatze; die Zun- ge feucht; der Puls schlug achtzigmal, weich, voll; etwas mehr Waͤrme, als sonst. Gegen eilf Uhr schlief sie eine Stunde lang unruhig; als man sie zurecht legen wollte, erbrach sie eine zaͤhe, kleisterartige, lei- michte Materie mit gruͤner, scharfer Galle; der Kopf freyer, wie sie sich selbst erklaͤrte; die Augen starre- ten nicht mehr, und sie erkannte Jedermann, erin- nerte sich aber an nichts, was Heute und Gestern vor- gegangen war; obschon die Zunge feucht war, klagte sie dennoch uͤber die Sproͤdigkeit und den unausloͤsch- lichen lichen Durst; der Bauch wieder aufgetrieben, weni- ger schmerzhaft; auf dem gallichten Harn schwamm jetzt ein dicker, weißer Satz, so wie er gestern auf dem Grunde aufstand; der Puls etwas mehr gespannt; abwechselnde, fliehende Hitze mit Froͤsteln, Blaͤße und Roͤthe; in der Nacht um zwoͤlf Uhr wurde sie sehr uͤbel; sie hatte ein Klystir bekommen, dem eini- ge Gran Brechweinstein beygemischt waren. Den sechsten Tag in der Fruͤhe fand ich sie mehr, als bisher, herunter geschurrt, obschon sie sich manchmal mit vieler Kraft gegen den untern Theil der Bettstatte anstemmte; der Kopf weniger heiter, die Augen truͤb und immer noch roth gestreift; die Zunge feucht, aber die Klagen uͤber den Durst und die Troͤckne wie vorher. Oesters erhob sich ober der Magengegend eine schmerzhafte Schwulst, welche die Kranke greifen zu koͤnnen glaubte. Alle Ausleerungen stockten. Gegen Tag des siebenten Tages war alles wieder schlimmer. Endlich ließ sie einen gallichten Harn, in dessen Mitte truͤbe, dunkle, flockichte Wol- ken schwebten; der Puls wieder weich und voll; die Waͤrme wie sonst; nur an den Fußsohlen klagte sie uͤber Kaͤlte, und was sie trank, kam ihr alles sehr kalt vor. Am Arme, der oͤfter zuckte, kam ein koͤr- nichter rother Ausschlag zum Vorschein. Nur mit aͤus- serster Muͤhe konnte man sie jetzt auf Dinge vor der Krankheit erinnern. Ich verordnete einen Absud der Wohlverleybluͤten ( arnica ) und der virginischen Schlangenwurzel mit dem Hoffmannischen Geist; die Senfteige, welche bisher die Haut gar nicht veraͤn- der- derten, verstaͤrkte ich; zu den Klystiren setzte ich wie- der Brechweinstein, und weil nichts wirkte, Extrac- tum Catholicum; allein der Bauch wurde nur aufge- trieben, gespannt; sie redete irre waͤhrend einem un- ruhigen Schlummer; und erwartete zu allen Zeiten be- gierig den eilften Tag als die Zeit ihres Ablebens; sie dankte mir mit Entschlossenheit fuͤr meine Besorg- nissen; rieth mir alle fernere Muͤhe ab, weil sie ge- wiß wuͤßte, daß alles umsonst waͤre, und versprach, jenseits fuͤr mich zu beten. Ich ließ ihr eiskalte Um- schlaͤge auf den Bauch machen, die ihr anfaͤnglich ei- ne hoͤchst angenehme Empfindung erregten; nach dem 16ten Umschlag uͤberfiel sie eine große Kaͤlte. In der Nacht faselte sie, und zuckte mit den Armen und Fingern. Den achten gegen zwoͤlf Uhr bekam sie zwey geringe, gelbe, gelieferte, kleyenartige Stuͤhle, die sie ins Bett ließ; Gegenwart des Geistes ohne Erin- nerung an das Vergangene. Sie verlangte saure Kir- schen, die sie mit Begierde aß, und trank etwas Wein. In der Nacht schlief sie anderthalb Stunden; faselte uͤbrigens anhaltend, sprang aus dem Bette, und wollte in Garten. Den 9ten Tag in der Fruͤhe klagte sie uͤber hef- tige Magenschmerzen, die sie zu oͤfterm Erbrechen reitzten; ihr Blick war trotzig, drohend, mit senkrech- ten Falten uͤber der Nase zwischen den Augenbraunen; die Zunge trocken, unrein; hie und da machte sie die sonderbarsten Gebehrden mit den Lippen, klagte uͤber Schmerzen im Halse, und knirschte inzwischen fuͤrch- terlich terlich mit den Zaͤhnen; dieß hielt einige Minuten an; dabey waren die Augen starr, und das eine ge- schwollen, der Puls immer regelmaͤßig, und sie war sich aller dieser Dinge, waͤhrend sie vorgiengen, genau bewußt. Sie bat wieder um Kirschen, die sie mit Lust verzehrte. Weil ich die Magenschmerzen von der Wohlverley herleitete, so verminderte ich die Ga- be bis auf einen Skrupel, und gab Kampfer und Bisam. Sie konnte nichts nehmen. Den zehnten Tag verfiel sie von Stunde zu Stunde in heftigere Schmerzen, in heftigere und oͤf- tere Kraͤmpfe; alles, was sie schluͤcken sollte, brach- te sie nur bis in den Hals, wo es stecken blieb; im- merwaͤhrend stieg ihr etwas vom Bauche gegen den Hals, wornach sie mit den Haͤnden griff; sie be- kam drey Blasenpflaster; die Schmerzen in der Herzgru- be wurden von Zeit zu Zeit so heftig, daß sie rasete, den Mund wie einen Schweinruͤßel hervorstreckte, und um eiligste Hilfe schrie; sie riß sich das Hemd von der Brust; verlangte sehnlichst ein Messer, um sich die schmerzhafte Stelle aufzureißen; die Fuͤße schwollen an; das Irreseyn dauerte fort; endlich kam sie zu sich; konnte aber die Zunge nicht hervorstrecken, und gab ihr Unvermoͤgen durch Zeichen zu erkennen; sie lag aus- gestreckt, unbeweglich mit kleinem Pulse; der Bauch schwoll oͤfters auf, sank aber jedesmal auf kalte Um- schlaͤge. — Bey diesen Umstaͤnden fragte ich den Freyherrn Störk um Rath; Er schlug mir Kly- stiren aus Bilsenkrautoͤl mit Kampfer vor, die ich alsogleich geben ließ. In der Nacht wurde sie aͤus- serst ßerst unruhig und beynahe rasend; deutete aber oͤfters auf den Bauch und nach den Schamtheilen, welche bey Untersuchung in der Fruͤhe des Eilften Tags von einer scharfen Feuchtigkeit angefressen gefunden wurden. Gegen Tag hatte sie gewaltig haͤufige, unertraͤglich stinkende, gelbe, krie- sigte Stuͤhle, und ließ ebenfalls eine grosse Menge Harn ins Bett; nachher blieb sie ruhig, der Laͤnge nach hingestreckt liegen; die Blasenpflaster hatten kaum die Haut roth gemacht; der Puls schwach, sehr weich, geschwind, gleich, das Athmen gut; das Zahnknir- schen und die Verzerrungen der Lippen seltner; aber noch oft kam die krampfhafte Schnuͤrung in den Hals; im Ganzen war das Schlucken sehr erleichtert, und das, was wie ein zaͤher Schleim in der Kehle und Luftroͤhre roßelte, war ganz weg; indeßen warf sie haͤufig einen zaͤhen Speichel aus. Nun bat sie dringend um eine Aderlaͤße, die ihr nicht gemacht wurde. In der Nacht des eilften Tags war sie zwar unruhig; sie verlangte so oft kalte Umschlaͤge, als ihr der Bauch zu schmerzen anfieng, und empfand jedes- mal so viel Erleichterung, daß sie wuͤnschte, man moͤch- te sie Eymervollweis mit kaltem Wasser uͤbergießen. Es gieng viel stinkender, fauler Harn ins Bett. Den Zwoͤlften Tag war sie mehr bey sich; der Blick bey weitem nimmer so drohend und grimmig, wie noch gestern; der Puls staͤrker; zuweilen Seuf- zer, sonst das Athmen gut; Sehnsucht nach einer Aderlaͤße und kalten Umschlaͤgen; die Zunge trocken, aber rein. Den Nachmittag schlief sie fuͤnf Stunden sehr sehr ruͤhig. Beym Erwachen verlangte sie dringend etwas zu Essen; und ich glaube, man hab ihr zu viel gegeben; denn in der Nacht bekam sie dreymal starke Zuckungen, und klagte den Dreyzehnten Tag wieder mehr uͤber Bauch- schmerzen; hatte einen weichen Stuhl und ließ viel Harn, der einen Satz machte; klagte uͤber Kopf- schmerzen; trauriges Gesicht; sehr oft fieng sie mit schmerzhaften Empfindungen um den Hals und die Brust mit den Zaͤhnen zu knirschen an, wobey sie sich wieder vollkommen gegenwaͤrtig war; der Puls voll, weich, langsam; sie war von sieben Uhr Abends bis Mitternacht unruhig; schlief nachher, und als sie er- wachte, fiel sie in Uebelkeiten. Den vierzehnten Tag einige gut gekochte, gel- be Stuͤhle; kein Knirschen und keine Zuckungen mehr; viel Durst; ruhige Nacht, außer daß sie noch einige Male leicht zu knirschen anfieng. Man bemerkte nun auch am obern Theil des rechten Hinterbackens eine aufgelegene Wunde, oder vielmehr jenen kritischen Brand, bey dessen Erscheinung man mehr zu hoffen als zu fuͤrchten hat. Sie ließ nun immer viel Harn, hatte oͤftere Stuͤhle — nahm Kina und Wein, und erholte sich innerhalb drey Wochen vollstaͤndig. Es war noch merkwuͤrdig, daß sie jedesmal gegen den Tagesanbruch heftige Zufaͤlle bekam, die aber nicht anhielten. Ehe ich diese Geschichte auf den Hauptendzweck anwende, mache ich einige Nebenbemerkungen: Die alltaͤglichen Verschlimmerungen gegen Tag, der un- aus- ausstehliche Durst, der unwiderstehliche Abscheu vor fluͤssigen Dingen und vor Licht, das Unvermoͤgen zu Schlingen, das Bewußtseyn bey den heftigsten krampf- haften Zufaͤllen; das Entstehen der wahren Wasser- scheue vom Biße erzuͤrnter Thiere, u. s. w. — Waͤ- ren das nicht Gruͤnde genug, um in dieser Krankheit die naͤchste Aehnlichkeit mit der wahren Wasserscheue zu finden? Was den Verlaus der Krankheit angeht, so wird der Vorurtheilfreye Beobachter finden, daß je- desmal die schlimmsten Zufaͤlle auf den dritten, den sechsten, die Nacht des achten und den Vormittag des neunten, den zehnten Tag, wo alles am heftigsten war, verfielen; darauf erfolgten theilweise Entscheidungen, den vierten durch Schweiß, Stuͤhle und Harn; den siebenten durch Harn und einen Ausschlag; den neun- ten gar keine Entscheidung, weßwegen die Zufaͤlle so sehr stiegen; den eilften aber desto reichlicher durch Stuͤhle, Harn und Speichelfluß. Wann der Brand entstanden ist, kann ich nicht genau bestimmen, weil ich dazumal noch nicht so viel Einsicht hatte, um ge- fließentlich darauf aufmerksam zu seyn. Also ganz ein aͤhnlicher Verlauf, wie in den Herzischen und Hippo- kratischen Geschichten; obschon der Eine vielleicht Nichts, und der andere ganz andere Mittel brauchte als ich! Wem gebuͤhrt also die Ehre, der Kunst, oder der Natur? Nicht einmal die Magenschmerzen wa- ren hier eine Folge der Wohlverleybluͤten, denn die Kranke hatte diese schon ganz ausgesetzt, als jene am am heftigsten wurden, und Hoffmann hat lange vor mir die naͤmlichen Zufaͤlle beobachtet: “Ein Mann von dreyßig Jahren hatte sich hef- tig entruͤstet, und darauf berauschenden Wein getrun- ken. Am folgenden Tag klagte er uͤber heftige Schmer- zen in dem obern Theil des Unterleibs, uͤber eine an- haltende Neigung zum Erbrechen, und uͤber eine Em- pfindung, als wenn ein Koͤrper aus dem Magen in die Hoͤhe steigen und aus dem Munde herausgehen wollte. Man gab ihm guͤldischen Spießglasschwefel, worauf Er sich stark erbrach. Am zweyten Tag be- fand er sich noch schlimmer. Außer den ersten Zu- faͤllen hatte er eine brennende Hitze im Magen, ein Zittern, eine Kaͤlte der aͤußern Theile; er verfiel in Irrereden, bekam Zuckungen und starb.„ Alles die- ses hatte meine Kranke, obschon sie kein Brechmittel bekommen hatte. “Bey der Oeffnung des Leichnams fand man, daß der Magen und der zwoͤlffingerdarm durch die Reitzung zerstoͤrt waren.„ Haͤtte sich die Schaͤrfe, welche den eilften Tag die Schamtheile an- gefressen hat, auf den Magen geworfen, wie sie wahrscheinlich zuvor diese Gegend einnahm, so wuͤrde man ihn zuverlaͤßig auch zerstoͤrt gefunden haben. Wie schwer es ist, und wie genau man mit der Na- tur einer Krankheit bekannt seyn muß, ehe man von der Wirkung eines Heilmittels richtig urtheilen kann! Die Leser werden nun bald selbst vermuthen daß diese Gattung von Krankheit ihre eignen Zu- faͤlle habe, was ich beweisen wollte, und noch vollstaͤn- diger darthun werde: Die Die erste Kranke bey Herz hatte ohne alle sichtbare Ursache ein Schnuͤren des Rachens und der Kehle, nebst einem heftigen Reitz zum Husten, natuͤr- liche Waͤrme. In dem von ihm beschriebenen boͤsar- tigen Schwitzfieber S. 94. beobachtete er anhalten- den Reitz zum Erbrechen; abwechselnde Roͤthe mit Blaͤße; Bedruͤckungen der Brust; krampfhaftes Schnuͤ- ren der Kehle, daß der Kranke nichts schluͤcken konnte, ein Umstand, den schon Hippokrates anfuͤhrt; Spei- chelfluß; Schluchzen. In der dritten Krankengeschich- te S. 50. schon den fuͤnften Tag einen Brandflecken am Hintern, Speichelfluß; Schluchzen, Lichtscheue, Sehnenhuͤpfen. In der Kranken S. 110. Niederge- schlagenheit, Taubheit, Speichelfluß. In der Frau S. 113. Beschwerden des Athmens, Aengstigkeiten, Schmerzen in den Seiten, die einem Seitenstiche gli- chen; Spannung des Unterleibes, anscheinende Lun- genentzuͤndung, welche auch Brendel und Huxham beobachtet, und von der wahren zu unterscheiden ge- lehrt haben, obschon meine angefuͤhrte Krankenge- schichte Nro 1. beweiset, daß wahre Blutanhaͤufungen nach der Lunge und dem Kopfe statt haben. Die Frau S. 145. und die Jungfer 150 hatten die Hirnwuth, so wie des Dealkes Frau Nro 2. und meine zwey Frauen Nro 3 und 4. — Wer sich die nuͤtzliche Muͤ- he geben will, selbst alle diese Krankengeschichten zu vergleichen, wird uͤbrigens im Ganzen eine auffallen- de Uebereinstimmung finden. — Und alle die angefuͤhr- ten Krankheiten hatten den vorzuͤglichsten Grund ihrer Entste- Gall I. Band. P p Entstehung in traurigen oder heftigen Gemuͤthsbewe- gungen. Der Verlauf, die Zufaͤlle, die Art der Ent- scheidungen zeigen uͤbrigens offenbar, daß man diesel- ben unter die schlimmern Nervenfieber zaͤhlen muß, die sich von den gewoͤhnlichen vielleicht blos durch die groͤßere Verwirrung und Heftigkeit der Zufaͤlle aus- zeichnen. Allermeist werden in den aus andern Ur- sachen entstandenen Nervenfiebern mehr die Kraͤfte, und in diesen mehr die Reitzbarkeit leiden, weßwe- gen die staͤrkende und beruhigende Heilanzeige zwar vereinigt, im ersten Falle aber die staͤrkenden, und im zweyten die beruhigenden Mittel vorzuͤglich ange- wendet werden muͤssen, wie dieses z. B. in der Ge- schichte S. 356 und in der S. 600 der Fall war. §. 96. Nun komme ich auf meine Erfahrungssaͤtze zu- ruͤck, um die gegenseitige Anwendung zu machen. Al- le Zufaͤlle zeugen auf das Deutlichste von großer Ent- kraͤftung und von verdorbener Reitzbarkeit. Je mehr nun die Kranken entkraͤftet sind, je mehr die Reitz- barkeit vom natuͤrlichen Zustande abweichet, desto aus- gearteter, gefahrvoller wird die Krankheit. Es be- weiset aber die Erfahrung aller Zeiten, daß traurige und widrige Gemuͤthsangelegenheiten, heftige Ge- muͤthserschuͤtterungen von dieser Art eine ausgezeichnete Kraft haben, die Kraͤfte, und zwar vorzuͤglich des Herzens zu schwaͤchen, und die Reitzbarkeit der Ner- ven bald zu ertoͤden, bald gewaltsam zu uͤberspannen. Warum Warum toͤden also diese Krankheiten allermeist so wohl in den Haͤnden der Aerzte, als unter der Auf- sicht der Natur, besonders wenn sie noch mit einer uͤblen Leibesbeschaffenheit zusammen treffen, wie die- jes bey Herz in dem Juͤngling S. 127. in dem Kinde 137, in dem Knaben S. 143, in dem Manne S. 81, und in dem Maͤdchen S. 101. der Fall war? — — Erstlich, weil die Heilkraͤfte der Natur ohne gute Leibesbeschaffenheit, ohne verhaͤltnißmaͤßige Kraͤfte und ohne verhaͤltnißmaͤßige Reitzbarkeit, zu Folge der bisherigen Untersuchungen nur aͤußerst schlecht, oder gar nicht bestehen koͤnnen. Zweytens weil die Aerz- te, unbekannt mit der Natur dieser Krankheiten, von taͤuschenden Zufaͤllen bald einer Entzuͤndung, bald einer angehaͤuften Unreinigkeit u. d. gl. zu einer fal- schen Heilart verleitet werden. Drittens, weil Sie die sonderbaren Zufaͤlle der verminderten oder uͤberspannten Reitzbarkeit durch eine zu geschaͤftige Heilart bald un- terdruͤcken, bald uͤbermaͤßig heftig machen, bald ver- wirren. Sind diese Gruͤnde wahr, woran aufmerksame Leser nimmer zweiflen koͤnnen; so ergiebt sich die wah- re Heilart von selbst, und die einzige Heilanzeige geht dahin, daß man die verlornen Kraͤfte ersetze, die ge- genwaͤrtigen schone, die Reitzbarkeit in gehoͤrigen Schranken erhalte, und endlich, wenn es moͤglich ist, den Fehlern der Leibesbeschaffenheit abzuhelfen suche. Diese Anzeigen kann der Arzt allermeist erfuͤllen, und nur dieser Unterstuͤtzung bedarf die Natur. Man uͤberlasse ihr alles uͤbrige, und so deutlich auch andere P p 2 Neben- Nebenanzeigen seyn moͤgen, so muß man sie dennoch schlechterdings so lange uͤbergehen, bis man von Sei- ten der Kraͤfte und der Reitzbarkeit versichert ist, daß Nebenabsichten ohne Nachtheil der wesentlichen erreicht werden koͤnnen. Man vermeide also alle aufloͤ- senden, und alle ausleerenden Mittel, am meisten Brech- und starke Purgiermittel; man huͤte sich zur Unzeit vor Klystieren; fliehe sorgfaͤltig die Blutentleerungen; man uͤberzeuge sich, daß selbst die Blasenpflaster aller- meist die Reitzbarkeit in Unordnung bringen, und die Kraͤfte erschuͤttern; man gebe uͤberhaupt auf die Zeit- punkte der Krankheit, besonders auf die Tage und Stunden der kritischen Stoͤhrung acht, um nicht zu irrigen Urtheilen uͤber den Einfluß seiner Heilart ver- leitet zu werden: So wird man nur selten nicht das Schreckliche dieser Krankheiten besiegen. Man vergleiche nun alle von mir und Herz an- gefuͤhrten Krankengeschichten, so wird man uͤberzeugt werden, daß der ordentliche Gang, der gluͤckliche Verlauf jedesmal mit der strengern oder nachlaͤßigern Beobachtung dieser Maßregeln in Verhaͤltniß stehe. So wenig ich uͤberhaupt den Mitteln, die auf andere als die angegebenen Zwecke gerichtet sind, zugestehe, so sind sie doch, indem sie die Kraͤfte erschuͤttern, vermindern, und die Reizbarkeit widernatuͤrlich ver- aͤndern, sehr faͤhig, eine bey einer guten Heilart uͤber- windbare Krankheit, unuͤberwindlich zu machen, wo- von ich schon viele Beyspiele angefuͤhrt habe, und noch eines aus Tissot anfuͤhren will: “Ein dreysig- jaͤhriger Mann wurde nach vielen und langwierigen trau- traurigen Vorfaͤllen von einem 1756 herrschenden, rheumatischen Fieber befallen, welches das Zwergfell einzunehmen pflegte. Tissot ließ einige Unzen Blut weg, um einen Dunst zu bewirken. Den fuͤnften Tag ließ der Kranke viel Harn, der einen Bodensatz machte; er schwitzte stark, und es gieng alles gut. Den sechsten war er zwar fieberfrey, aber ein zu- weilen gaͤhling zuruͤckkehrendes Huͤpfen der Glieder ließ ein in den ersten Weegen verborgenes Uebel ver- muthen, welches man morgen auszuleeren gesinnt war. Aber den Abend entstunden nach einer heftigen Lei- denschaft ganz andere Zufaͤlle. Der Puls, der zu- vor noch regelmaͤßig, erhaben und kraftvoll war, wurde jetzt geschwind, aͤusserst schnell und klein; der Kranke wurde gaͤhlings irre, was zwar bald voruͤber war; der Harn waͤssericht; die Haut trocken, der Stuhl roh und weiß, das Athmen beschwert. Tissot verordnete Klystiere, Gerstenwasser mit Hoffmanns schmerzstillendem Geist, welchen er in Gemuͤthsbewe- gungen vortrefflich fand, wenn etwas laues darauf getr u nken wird. Die Zufaͤlle ließen nach. Den sie- benten Tag gab er Manna, Tamarinden mit einer kleinen Gabe Brechweinstein, weil dieser gelinder als die Mittelsalzen auf den Stuhl wirkt. Dann gab er wie den uͤbrigen zu gleicher Zeit Kranken, einen Ab- sud mit Graswurzel und Sauerampfer mit Zitronen- saft. Den Abend hatte der Kranke nur wenig ge- trunken, aber oͤfter den schmerzstillenden Geist genom- men. Jetzt waren die Sinne betaͤubt, der Puls sehr schnell, die Nacht schlaflos, mit zunehmendem Irre- seyn. seyn. Den achten Tag bekam der Kranke abfuͤhren- de Mittel mit Gerstendekokt, einen saͤuerlichten Saft und Salpetergeist, und starke Sauerteige. Aber durch eine Berathschlagung wurde alles dieses beseitigt, und Blasenpflaster auf die Waden, Molken mit Tamarinden verordnet. Den neunten Tag hatte sich alles sehr ver- schlimmert; es gieng keine Ausleerung von statten, der Kranke war aͤusserst unruhig und rasete; der Puls geschwind, klein, schnell, was am schlimmsten war: denn, sagt Tissot , (was ich nicht glaube) man heilt zwar die Hirnwuth, wo der Puls stark, gespannt und langsam ist; aber keine, wo er klein und schnell ist. Man berathschlagte sich wieder, und um der Raserey willen oͤffnete man die Ader; der Kranke wird noch rasender, die Weichen werden gespannt, man laͤßt wieder zur Ader! der Kranke wird ohnmaͤchtig, und aus Mangel an Kraͤften faselt er etwas ruhiger, was aber wieder mit den Kraͤften zunahm. Jetzt giebt man mehrere Gaben zum Brechen, ohne daß ein Erbrechen erfolgte!! — Die Nacht war schlimm. Den zehnten Tag wird nach einer Berathschlagung, ein heftiges Abfuͤhrungsmittel verordnet, obschon der Aderschlag kaum merkbar, und die Raserey heftig war Es erfolgten keine Stuͤhle; Nachmittag giebt man ein scharfes Klystir, worauf unter bestaͤndigen Ohnmach- ten ungeheure Ausleerungen erfolgten, und — der Kranke verschied. Diese Geschichte aͤusserte im Anfange deutlicher, nachher aber schon dunkler den natuͤrlichen Gang der Krankheit, und hat viel Aehnliches mit Nro. 4. Ich hatte hatte dort manchen Fehler begangen, z. B. die Mit- telsalzen; die Klystiren mit Brechweinstein und dem Extracto catholico; gluͤcklicher Weise thun solche Dinge, wenn sie nicht aͤußerst stark sind, wie in der Tissotischen Geschichte, nur schwache oder gar keine Wirkung, weil eine oͤrtliche Reizbarkeit auf den Ner- ven des Unterleibes und des Gehirnes statt hat. Tissot begieng beynahe die naͤmlichen Fehler; ein Beweiß, daß der groͤßte Mann durch bloße Beachtung der Zu- faͤlle, ohne Kenntniß von der Natur einer Krankheit keine richtige Anzeige zu machen im Stande ist. — So nothwendig es sonst ist, seine Anzeigen von der herrschenden Beschaffenheit der Krankheiten herzuneh- men, so war doch in diesem Falle die Anzeige der durch Kummer zerstoͤhrten Lebenskraͤfte wichtiger, und er haͤtte weder aderlassen noch abfuͤhren sollen. So sah Sim. Herz 1784. oͤfters Gallsieber sich zu den Masern gesellen. In gewoͤhnlichen Faͤllen mußte er Brech- oder Abfuͤh- rungsmittel geben; wo eine Entzuͤndung mit im Spie- le war, auch Aderlassen; Nur, sagt er, einige Schwaͤch- linge ausgenommen. In diesen verlief die Krankheit anderst; die Masern erschienen erst den siebenten und achten Tag. Man mußte die herrschende Beschaffen- heit vernachlaͤßigen, und ohne dringende Noth, sorg- faͤltig alle Ausleerungen vermeiden. A. a. O. S. 141. Das Ver- fahren der berathschlagenden Aerzte war freylich mehr Folge als Hilfsmittel der Raserey; hingegen auch maͤchtig genug, alle Hilfsquellen der Natur zu er- erschoͤpfen, den Verlauf unordentlich und den Tod unvermeidlich zu machen. Ein vernuͤnftigeres Verfahren unterdruͤckt nicht nur manchmal die Krankheit schon in ihrem Entstehen, wie ich seitdem oͤfters erfahren habe, wenn ich mich gleich blos an beruhigende, und wo es noͤthig war, an staͤrkende Mittel hielt; sondern bewirkt auch den na- tuͤrlichsten Verlauf, macht die kritische Stoͤhrung unschaͤdlich, und befoͤrdert die verschiedenen Ent- scheidungen; und alles dieses, wenn auch wirlich zu- weilen die Leibesbeschaffenheit sehr fehlerhaft ist, wie es bey Herz in dem Manne S. 50., dem Juͤnglinge S. 94. der Mutter und den zwey Kindern S. 100. u. s. w. der Fall war. Alles, was bisher einzeln vorgekommen ist, wird durch folgende Krankengeschichte bestaͤttigt. Si- mon Schneider , Maurergesell, ein 52 jaͤhriger, star- ker, wohlgenaͤhrter, vollbluͤtiger Mann, der jaͤhrlich zwey- drey Mal Ader zu lassen pflegte, dieses aber schon zum zweyren Male, obschon er schon einige Zeit beaͤngstigt war, uͤbergangen hatte, erzuͤrnte sich (1791. den 16ten Maͤrz) heftig, nachdem er seine gewoͤhnliche Portion Wein ge- trunken hatte. Er empfand alsogleich heftige Bangigkei- ten, und schickte um den Wundarzt, der ihm 12 Unzen Blut abzapfte, worauf ihm wie gewoͤhnlich uͤbel wur- de. Nach einer halben Stunde war er irre, wollte entlaufen, kannte Niemand, weinte und sang, setzte sich im Bette auf, seufzte tief und fiel kraftlos auf den Ruͤcken. So fand ich ihn nebst einem geschnuͤrten, harten Pulse, der aber in Ruͤcksicht der Geschwindig- keit, keit, so wie die Waͤrme natuͤrlich war. Ich gab ihm eilends mehrere Hoffmannische Tropfen auf Zucker; er nahms, ohne was zu empfinden. Unterdessen ver- ordnete ich ein Quintel der naͤmlichen Tropfen in Muͤn- zen- und Bibergeilwasser jedes 2 Loth mit Kamillen- und weißem Mohnsafte. Bald legte er sich auf die Seite, und fieng an, uͤber den Geschmack der Tro- pfen den Kopf zu schuͤtteln; der Puls wurde freyer; hie und da machte er die sonderbarsten Bewegungen mit den Backen und den Lippen, worauf er jedesmal aufsaß, und uͤber unausstehliche Bangigkeit und Ver- wirrung des Kopfes klagte. Endlich bekam er einen heftigen Frost, wie es beym Nachlassen eines starken Krampfes zu geschehen pflegt, deckte sich zu, und schlum merte einige Minuten. Darauf ließ er 2 Pfund eines waͤsserichten Harnes. Jetzt nahm er einige Male die Mix- tur; auf die 3te Gabe schlief er ein, und erwachte heiter; gieng zu Stuhle und ließ einen Harn, der ei- ne Wolke auf dem Grund hatte. Er erzaͤhlte nun, daß er seinen Tod fuͤr unvermeidlich gehalten habe; wuste aber vom Uibrigen nichts. Seine Gebehrden wa- ren grimmig, und obschon er einmal etwas von Rache sagte, so waren doch seine uͤbrigen Bewegungen nicht stuͤrmisch. Er beschrieb mir auch das gewaltige Schnuͤ- ren um die Weichen und den Magen. Dabey war er hoch-feurig roth. Wie er aber bey sich war, hatte er seine gewoͤhnliche gute Farbe, und versah den an- dern Tag seine Geschaͤfte. Also Vollbluͤtigkeit, vernachlaͤßigte gewohnte Blutausleerungen, um eine Zeit, wo es wahre Ent- zuͤn- zuͤndungen gab, und dennoch von einer einzigen Ader- laͤße so auffallende Folgen. Offenbahre Aehnlichkeit mit der dritten und vierten Geschichte. Acht Tage vorher hatte sich der Joseph Rabbl Maurermeister beym Handwerk erzuͤrnt, gieng nach Hause, ließ sich zur Ader, und war den andern Tag eine Leiche! — Obschon wir nun nicht wissen, in was eigent- lich diese Krankheit bestehe, so sind mir dennoch diese Hauptanzeigen, so bald Kraͤfte und Reitzbarkeit betraͤcht- lich gelitten haben, so wichtig, daß weder die Abwe- senheit der Kochung, noch das beschwerliche Athmen, die trockne Zunge, oder andere schwere Nervenzufaͤlle eine Gegenanzeige der staͤrkenden und beruhigenden Heilart ausmachen koͤnnen; ja vielmehr unter die drin- gendsten Anzeigen gerechnet werden muͤssen, weil die Nervenzustaͤnde nothwendig desto mehr ausarten, je mehr durch ihre anhaltende Wirkung die Stimmung der festen und die Mischung der fluͤssigen Theile zer- ruͤttet werden. — Dieses ist so wahr, daß, wenn die betraͤchtlichsten Anhaͤufungen in irgend einem Ein- geweide durch die Gemuͤthsbewegungen entstanden sind, aber weder die Kraͤfte, noch die Reitzbarkeit betraͤcht- lich dadurch gelitten haben, weder Blut- noch andere Ausleerungen einen merklichen Schaden thun. Ich sah von ungluͤcklicher Liebe das beschwerlichste Athmen, und so anhaltende Stockungen, daß Geschwuͤre unter den Achseln, Nasenbluten und Blutspeyen entstunden, wogegen man oͤftere Aderlaͤßen vornahm, ohne daß das das Uebel weder gebessert, (es seye dann auf eine kurze Zeit) noch verschlimmert worden waͤre. Die Herrn Phisiologen werden mir vergeben, daß ich mich der Benennungen: Reitzbarkeit, Beweglich- keit, Empfindlichkeit ohne Unterschied bedient ha- ben. Ich glaubte, daß dieses in der ausuͤbenden Heikun- de ohne Schaden geschehen konnte, und außer dem, daß es schwer zu vermeiden gewesen waͤre, wuͤrde es auch gar- zu puͤnktlich herausgekommen seyn. Folgerungen . Vom Unterschied des gesunden und kranken Zustandes. §. 97. Alles, was in den drey Erfahrungssaͤtzen gesagt worden ist, beweiset, daß die Leibesbeschaffenheit, die allgemeinen und oͤrtlichen Kraͤfte und die Reitzbar- keit im gesunden Menschen ganz anders beschaffen sind, als im Kranken. Da nun das Heilvermoͤgen der Kunst und der Natur von diesen drey wichtigsten Erforder- nißen abhaͤngt; so muͤßen nothwendig im kranken Men- schen, in Ruͤcksicht der Ein- und Gegenwirkungen so- wohl seiner Bestandtheile, als der Dinge außer ihm, ganz andere, oder anderst veraͤnderte Gesetze statt ha- ben, als im gesunden. Folglich sind die Folgerun- gen, die man von einem Zustande auf den andern macht, theils mangelhaft, theils ganz irrig. Hier ist die Quelle so mancher Luftgebaͤude, eitler Erwartun- gen, und falscher Beobachtungen. Nahrungsmittel bringen keine merkliche Veraͤn- derung hervor, so lange sie verdaut, und ihre Ueber- bleib- bleibsel fortgeschaft werden. Sobald aber z. B. ein fauler Stoff im Magen liegt, so entsteht schon beym Anblick der sonst angenehmsten Speise ein Widerwil- len dagegen, und ihr Genuß erregt Erbrechen oder andere Unordnungen. Brech- und Abfuͤhrungsmittel, die im gesunden Zustande den Koͤrper abgemattet haͤt- te, verschaffen jezt wieder das vorige Wohlbefinden. Bey starken Dauwerkzeugen bleibt von der Milch ein derber Unrath zuruͤck; sie gerinnt hingegen in einem schlappen Magen, verursacht Kneipen, gelieferte, fluͤßige, zwanghafte Stuͤhle; den Gallichten macht sie Verstopfungen und erzeugt in ihnen die schaͤrfste Gal- le. — Je weniger uͤberhaupt ein Heilmittel mit dem gesunden Zustande in Verwandtschaft steht, desto groͤ- ßere Veraͤnderungen ist es faͤhig, in demselben hervor- zubringen; und eben deßwegen kann ein Ding vor- trefflich auf diesen oder jenen kranken Zustand passen, welches den gesunden oder einen andern kranken zer- ruͤttet haͤtte. Macht man also in der Wahl und den Gaben seiner Arzneyen, wie gewoͤhnlich zu geschehen pflegt, von ihrer Wirkung in dem gesunden Koͤrper einen Schluß auf ihre Wirkung in dem Kranken; so wird man das aͤchte Verhaͤltniß in eben dem Maaße verfehlen, als die Leibesbeschaffenheit, das Verhaͤlt- niß der Kraͤfte und der Reizbarkeit verschieden sind. Ich kenne kein Heilmittel, und uͤberhaupt kein Heilverfahren, welches eine bestimmte, immer diesel- be Wirkung haͤtte. Der Mohnsaft soll, den Schweiß ausgenommen, alle uͤbrigen Ausleerungen unterdruͤ- cken; er soll eine beruhigende Kraft haben; die Schmer- zen zen und Kraͤmpfe stillen; die Saͤfte nach dem Kopf treiben, eine innere Gaͤhrung derselben hervorbringen u. s. w. — lauter Wirkungen, die Heute wahr und Mor- gen falsch sind. Dabey erlaubt man nur geringe Ga- ben. Indessen sagt Grant vom Londner Philonium, daß es die gichtischen Personen nicht so sehr, als man glauben sollte, zu Verstopfungen geneigt mache. Hat sich die Gicht auf den Magen geworfen, so giebt man so, wie in der Bleykolik, obschon in beyden Faͤl- len der Kopf unendlich schmerzhaft und betaͤubt seyn kann, in ausserordentlichen Gaben den Mohnsaft mit dem Erfolge, daß der Andrang der Saͤfte nach dem Kopf, das etwannige Nasenbluten und die Betaͤubung aufhoͤren. Hoffmann heilte mit einer Gabe von achzig Tropfen fluͤssigem Laudanum augenblicklich einen Nervenschlag, der ein boͤsartiges Wechselfieber be- gleitete. Gooch gab in einem Blutharnen, das zehn Monate fast ununterbrochen angehalten und allen Mit- teln widerstanden hatte, vier Gran unaufgeloͤsten Mohnsaft, mit einem Loͤffel von einfachem Pfeffer- muͤnzen- und Zimmetwasser. Der Kranke fiel bald in einen festen Schlaf, der fast sechs Stunden dauerte, und das Blutharnen hoͤrte auf. S. a. Abh. 1ter Theil 4 St. S. 179. Sydenham hin- gegen empfiehlt ihn, um den Kindbettfluß wieder in Gang zu bringen. Planchon sah durch Mohnsaft ein Kind von einem schlafsuͤchtigen Zufall retten, welches von zuruͤckgehaltenem Blatterstoff entstanden war. Lind gab eine halbe Stunde, nachdem im Wechselfieber die Hitze angefangen hatte, 15—20 Tropfen der thebai- schen schen Tinktur, worauf der Anfall kuͤrzer und leichter wurde. In den meisten erleichterte sie den Kopf, und machte einen haͤufigen Schweiß, der angenehm warm war; sie machte einen ruhigen Schlaf, und staͤrk- te den matten Kranken. Das Irreseyn machte sie nie staͤrker, wo es dasselbe nicht hob. Sehr starke und wiederholte Gaben Mohnsaft erregen im Ruͤcken- und Bauchkrampf keine Betaͤubung. Maebride P. II. p. 271. Das naͤmliche geschieht, wenn Mohnsaft gegen den trockenen Brand, wo er so herrliche Dienste thut, in grossen Gaben ge- braucht wird. Wall hat bemerkt, daß unter den naͤmlichen Umstaͤnden kleine Gaben Mohnsaft sehr oft die Reizbarkeit vermehrten, wo hingegen starke Gaben die groͤsten Unordnungen der Nerven beruhigten. u. s. w. Selten darf man den Bauchfluͤssen in faulich- ten Krankheiten ganz Einhalt thun. Indessen giebt man in diesem Falle doch den herben Saͤuren den Vorzug. Walcarrenghi gab den Granataͤpfelsaft in Wasser nach dem Beyspiele des Alexander Tral- lianus und anderer Alten. “ Sanis, sagt dieser, alvum adstringunt, ægris autem non item. In Gallfiebern gab Planchon bey aufgeloͤsten Stuͤhlen oͤfters den Weinschaͤdling- oder den Quittensaft, wel- che sonst ebenfalls stopfen. Die Stuͤhle wurden zwar verdickt, aber nicht aufgehalten, weil die Erschlap- pung der Gedaͤrme zu groß, die Saͤfte des Magens, der Leber und der Gedaͤrme zu aufgeloͤset sind, als daß dieses zu befuͤrchten waͤre. — Wenn bey Blut- fluͤssen oder andern Ausleerungen die Kraͤfte erschoͤpft werden, werden, Ohnmachten und Zuckungen folgen; wenn Blutbrechen, Blutspeyen, und andere Blutfluͤsse von aufgeloͤsten scharfen Saͤften entstehen, welche bald von den fuͤrchterlichsten Ohnmachten begleitet werden, was will man da von herzstaͤrkenden, zusammenzie- henden Mitteln befuͤrchten? gluͤcklich genug, wenn man im Stande ist, diese Ausfluͤsse nur zu mindern? Freylich wuͤrde im Falle einer starken Erhitzung, wo ein Blutfluß von heftiger Bewegung entstanden waͤre, und die festen Theile noch ihre ganze Thaͤtigkeit ha- ben, ein Trunk kalten Wassers, oder eine starke Alaunaufloͤsung ganz anderst wirken. Theden erwaͤhnt einer sonderbaren Nerven- krankheit. “Als die ordentliche Zeit des Monatflus- ses kam — — folgte am rechten Arme eine Laͤhmung; man legte auf denselben eine spanische Fliege; dieses zog keine Blasen auf der Stelle; dagegen zeigte sich eine Roͤthe am linken Arm, uͤber welchen sie auch, waͤhrend daß das Blasenpflaster am rechten Arme lag, bestaͤndig schrie. Die Laͤhmung des rechten Armes verlor sich, und der linke wurde damit befallen. Man legte auch auf diesen ein Blasenpflaster, und es er- folgte wieder die gegenseitige Wirkung, nur mit dem Unterschiede, daß das Uebel nunmehr aus beyden Ar men verschwand„. Er hat ihr nach gaͤnzlicher Her- stellung aus Neugierde noch einige Blasenpflaster le- gen lassen; es erfolgte aber allemall die sonst gewoͤhn- liche Wirkung, wie bey andern Menschen. Bemerk. u. Erf. 2. Thl. S. 188. Der Der Umstand, daß ein gewisses Heilverfahren die ihm sonst gewoͤhnlichen schaͤdlichen Folgen nicht her- vorbringt, ist oft ein Beweis, daß es angezeigt war. Blasenpflaster aus spanischen Fliegen machen dem ge- sunden schon, wenn sie sehr schwach sind, die Harn- strenge. Giebt man sie aber in dem Zeitpunkt der Entkraͤftung und der verminderten Reizbarkeit, bey zaͤhen, leimichten Saͤften, in rheumatischen Schmer- zen, bey oͤrtlichen Stockungen von Erschlappung u. d- gl.; so erheben sie den Aderschlag, erwecken die Reiz- barkeit, zertheilen den zaͤhen, klebrichten Stoff, ver- fluͤchten die rheumatische Schaͤrfe, heben die Stockun- gen, ohne Bangigkeiten, Wallungen, Fieber, Harn- strenge, oder faulichte Aufloͤsung der Saͤfte hervorzu- bringen. Mertens verordnete den Aufguß der Wohl- verleybluͤthen zu zwey Quentchen auf ein Pfund Was- ser, wovon alle Stunden ein Loͤffelvoll zu nehmen war Aber der Kranke hatte alle Zeichen der gespaltenen Hirnschale und des ergossenen Blutes; er klagte wohl uͤber heftige Schmerzen vom Hinterhaupt gegen den Hals und das linke Schulterblatt zu; uͤbrigens befand er sich bald besser; spuͤrte weder Magenschmerzen, noch sonst eine Ungelegenheit, sondern wurde vielmehr weniger von Eckel geplagt. De Peste p. 217. Was ertragen und ver- dauen nicht manchmal bleichsuͤchtige Maͤdchen und schwangere oder hysterische Frauen? Kalch, Kreide, Asche, Kohlen, eine unglaubliche Menge Pfeffer, Haͤringe, Leder, rohes Fleisch, Menschenkoth u. s. w. Der Der Kranke S. 329. konnte in gesunden Tagen keinen Tokaier ertragen. Nachdem er aber uͤber zwan- zig Tage an einem faulichten Nervenfieber unter den schlimmsten Zufaͤllen, Zittern, Zucken und gewaltigem Sehnenhuͤpfen des ganzen Koͤrpers, Schwerhoͤrigkeit, Betaͤubung und anhaltender Verwirrung, aͤusserster Angst u. s. w. darnieder gelegen war, bekam er Lust darnach. In einer so verzweifelten Lage reichte man ihm schalenvollweis, so lange er Begierde darnach hatte, und so viel er vertrug. So trank er drey Tage lang, jeden Tag drey Flaschen Tokaier, und zwey Flaschen Rheinwein. Nebstdem nahm er jede Stun- de einen Skrupel Kina mit einem Gran Kampfer; und alles dieses bewirkte weiter nichts, als daß er nach und nach besser zu Sinnen kam, und die obigen Zufaͤlle zusehends nachließen. Jezt gab man den Wein weniger und mit Wasser gemischt. Er fieng aber bald an, obschon er im Kopfe heiter blieb, uͤber Brennen im Halse zu klagen. So erhielt er sich einige Tage; aber wie ich schon gesagt habe, ich drang alle Tage auf eine oder zwey Ausleerungen; er hatte eine aͤusserst schlechte Leibesbeschaffenheit, verfiel also in den letzten Ruͤckfall, und starb den sechs und dreißigsten Tag mit Zufaͤllen einer Versetzung nach dem Gehirn. — Nach- her fand ich in Walls Werkchen von den Nervensie- bern eine ganz aͤhnliche Geschichte, deren Ausgang aber gluͤcklicher war. Eine im Sommer behandelte Weibsperson, nahm verschiedene Tage lang alle vier und zwanzig Stunden, bey jeder Ohnmacht ein Glas, vier Bou- Gall I. Band. Q q teillen teillen Wein und Wasser, dann nicht wenig Brandt- wein, und oͤfters eine Mischung mit starken Herzstaͤr- kungen und Kinarinde zu sich. Als sie sich erholte, griff ihr der Wein den Magen an; man muste all- maͤhlig die Menge vrrmindern, bis sie endlich kaum noch ein Glas voll vertragen konnte. “Wenn in Nervenfiebern, sagt Macbride , der Puls weich oder gesunken ist, und ein Irreseyn mit Betaͤubung statt hat, so muß man Wein in grosser Menge geben.„ Wall sagt also mit allem Recht, daß man bey Idiosinkrasien von der Natur des Uebels erwarten koͤnne, daß dadurch diese besondere, eigne Beschaf- fenheit des Koͤrpers veraͤndert werde, und somit eine Arzney mit groͤstem Vortheil genommen werden koͤnn- te, die zu einer andern Zeit oder bey vollkommner Gesundheit das Nervensistem zu reizen, oder zu beun- ruhigen geschienen hat. Und Grant sagt: “Ein Arznenmittel leistet einem Patienten nicht anderst und ehe Dienst, als bis dasselbe bey ihm erforderlich ist. Was soll man also von jenen Maͤnnern denken, wel- che ein Mittel, bloß um seiner starken Wirksamkeit willen, unter dem einseitigen Vorwande verdammen, daß sie uͤble Wirkungen davon gesehen haͤtten? Wa- rum verdammen sie nicht das Aderlassen, die Brech- und Purgiermittel, die Blasenpflaster, den Kampfer, die Rinde, als eben so viele unter gewissen Umstaͤn- den hoͤchst nachtheilige Mittel? — Man huͤte sich vor uͤbereilten Beobachtungen; untersuche mit gewissenhaf- ter Beharrlichkeit die gegenwaͤrtigen Umstaͤnde; laure den Stufen und Zeitpunkten auf; halte die Kraft sei- nes nes Mittels mit der noch uͤbrigen Thaͤtigkeit der Na- tur zusammen: so wird man den Wein, die Wohl- verley, den Schierling, das Gummigutt, das Queck- silber, den Mohnsaft, das Feuer u. s. w. nicht mehr fuͤrchten. — Man folgere von Versuchen, die man an Thieren gemacht hat, nicht geradezu auf den Men- schen; man merke auf den Unterschied des Kranken und gesunden Zustandes; man vergesse nie auf die ver- schiedene Natur der verschiedenen Krankheiten u. s. w. so wird man einsehen, warum der Wahnsinnige gan- ze Tage auf einem Striche von Kohlen hin und her gehen, ein vernuͤnftiger hingegen eine Idee nicht lan- ge unveraͤndert behalten kann; warum der Rasende Hunger und Kaͤlte ertraͤgt, wobey der gesunde erstar- ret; warum das naͤmliche Mittel die entgegengesetzte- sten Wirkungen hervorbringt; warum sich die Beobach- ter unaufhoͤrlich widersprechen, obschon sie sich alle auf die Erfahrung berufen u. s. w. Man ermuͤde nie von der Natur zu erfahren, Was seye, und unter welchen Bedingnißen es so seye: Und nur dann, wenn diese Kenntniß nicht hinreicht, unsern Zweck zu errei- chen, frage man: Wie es seye? So wird man zwar weniger sinnreiche und voruͤbergehende Mei- nungen, aber desto dauerhaftere und nuͤtzlichere Wahr- heiten entdecken. Q q 2 Vier- Vierter Abschnitt . Von den Hilfsmitteln der Natur. §. 98. Von den wesentlichsten Erfordernißen zur Wirk- samkeit der Natur gehe ich zu den Mitteln uͤber, de- ren sich die Natur vorzuͤglich bedient, um wirksam zu werden. Hieher rechne ich: Ueberhaupt die Zufälle , wovon theils schon geredet worden ist, theils noch um- staͤndlicher im Kapitel vom Unterschied der Krankhei- ten und Zufaͤlle geredet werden wird. — Fieber und Entscheidungen , denen ich ebenfalls ein eignes Ka- pitel widme. — Entwicklung ; ihr Gang und ihre Zufaͤlle im Kapitel von den Krankheiten der Alter und Geschlechter. — Reiz, Mitleidung, Gewohn- heit, und Instinkt , wovon ich hier, soviel es mei- ne Absicht fordert, vortragen werde. Reiz und Mitleidung. §. 99. Die allgemeinste Wirkung des Reizes ist, daß dadurch die Summe der Thaͤtigkeit entweder im ganzen Koͤrper oder in einzelnen Theilen vermehrt wird. Wo immer also die eine oder die andere Verrichtung zu traͤge von statten geht, da muß Natur oder Kunst einen Reiz anbringen. Jeder von Außen hinzugekom- mene, oder von Innen erzeugte Krankheitsreiz veran- laßet laßet gewisse Bewegungen, welche sich weiter verbrei- ten. Durch diese der Natur des Reizes und der ge- reizten Theile angemessene Bewegungen wird nicht selten der reizende Stoff in groͤsserer Menge erzeugt, wie z. B. in den ansteckenden Krankheiten, den Ma- sern, Blattern, der Lustseuche, Kraͤze, vielleicht auch bey der Wirkung einiger Gifte, welche, ohne gera- dezu eingesogen zu werden, theils durch Erzeugung, theils durch die unordentlichen Bewegungen ihre ge- wohnten Wirkungen aͤußern; wie wir am Mohnsaft ein Beyspiel haben. Am oͤftesten aber sind gerade diese Bewegungen das Mittel, dem Reize seine Ge- walt zu benehmen, ihn abzustumpfen, zu kochen und zur Ausleerung faͤhig zu machen. Daher Fieber, fieberhafte Zufaͤlle, Schmerz, Zuckungen, Kraͤmpfe, Angst, Frost, Hitze, Erbrechen, Durchfaͤlle u. s. w. und alles, was dadurch Gutes oder Schlimmes bewirkt wird. — — Wir haben viele und heftige Reize in unserer Macht, wodurch wir der unthaͤtigen Natur zu Hilfe kommen koͤnnen. Es laͤßt sich aber nichts Nuͤtzliches sagen, ehe man die Gesetze kennt, an wel- che die Natur bey jedem Reize gebunden ist. Ausser- dem also, was ich schon bey der Reizbarkeit gesagt habe, mache ich noch folgende Bemerkungen. §. 100. Erstes Gesetz. Auf eine gereizte Stelle über- haupt, und insbesondere auf die meist gereizte Stelle wirkt die Natur am stärksten . Ein Ein Splitter unter der Haut, aufgelegter Sei- delbast, Senfteige, Blasenpflaster, u. s. w. verursa- chen nach verschiedenem Grade ihrer reizenden Kraft, Waͤrme, Jucken, Pricklen, Brennen, Roͤthe, Schwulst, Ergießungen, Spannen, Schmerz, Ent- zuͤndung, Bersten der Oberhaut, Ausschwitzen der Feuchtigkeiten, Eiterung ꝛc. — Auf diese Erscheinun- gen gruͤndet sich das Betragen der Aerzte, wenn sie Theile, deren Verrichtungen zu traͤg oder gar nicht von statten gehen, zu reizen suchen, z. B. gelaͤhmte Theile, schlappe Eingeweide, mittelst heißer, kalter, mineralischer Baͤder, aͤusserlicher und innerlicher Reiz- mittel, als Sauerteige, Blasenpflaster, spanische Fliegen, bittere, gewuͤrzhafte, abfuͤhrende, Harn- Speichel-Thraͤnen-Rotz ausleerende Dinge. — Da- durch werden die Haͤute, die Gefaͤße, die Nerven, das Zellengewebe der traͤgen Theile zu lebhaftern Schwingungen und groͤßerer Thaͤtigkeit aufgefodert, und die Ab- und Aussoͤnderungen in denselben ver- mehrt. Auf diese Art erregen Kunst und Natur oͤrt- liche Fieber, oͤrtlich vermehrte Wirksamkeit z. B. des Magens, der Gedaͤrme, der Harnblase, der Speicheldruͤsen und eines jeden Theiles, der eines Reizes faͤhig ist. Hat nun die Natur die Absicht, auf irgend ei- nen von diesen Theilen eine Ablagerung zu machen, so sind einige der obigen Zufaͤlle, als Jucken, Span- nen, Waͤrme, Roͤthe u. d. gl. die ersten Anstalten, wodurch der jetzt noch groͤßtentheils durch die ganze Saͤftmaße verbreitete fremdartige Stoff zugelockt, und und folglich von den uͤbrigen Saͤften abgeschieden wird. Je heftiger diese Zufaͤlle sind, und je unedler nebst- bey der Ort der Ablagerung ist, desto heilsamer ist die Verwerfung. Daher der Nutzen der Pestkohlen und Pestbeulen in der Pest und den pestilentialischen Fiebern, gewisser Blutschwaͤren in Blutanschoppun- gen; des Speichelflusses, der Harnstrenge, des kriti- schen kalten Brandes in den hitzigen Nervensiebern; der Ohrendruͤsengeschwuͤlste und Leistenbeulen in schlim- men Faulfiebern; der dicken Lippen, der verschiede- nen Ausschlaͤge, des Grindkopfes u. d. gl. bey Kin- dern; der geschwollenen Druͤsen bey Skrophuloͤsen; des aͤußerlich geschwollenen rothen Halses in der ent- zuͤndlichen Braͤune; des dicken Bauches nach langwie- rigen Fiebern, besonders bey Kindern; der geschwol- lenen und schmerzhaften, rothen Fuͤße in der Gicht; der Geschwulst des Gesichtes und der Gliedmassen im Eyterungsfieber der Blattern; der Nagelgeschwuͤre u. s. w. Daher auch der Nachtheil der Verwerfungen nach den innern Theilen, z. B. den Hoͤhlen des Ge- hirns, der Brust, des Herzbeutels, des Unterleibes, der Gelenke ꝛc. Was ist also in der Lungensucht von den Schmerzen um die Lebergegend und an den Fuͤs- sen, von der brennenden Hitze der Gliedmaßen, von den schmerzhaften Stellen am Brustbein zu denken? — Was lehrt uns das Anschwellen der Fuͤße in den ver- schiedenen Wassersuchten? Wie ist jener hellglaͤnzen- de weiße Friesel zu beurtheilen, der bey den Kindern, welche an waͤßerichten Ergießungen in den Gehirn- hoͤhlen sterben, einen oder zwey Tage vor ihrem To- de de haͤufig auf dem Bauche und der Brust zum Vor- schein koͤmmt? Freylich, lauter hoͤchst schlimme Vor- deutungen, in sofern sie als Zeichen der wichtigsten Uebel betrachtet werden; aber dennoch Fingerzeige einer zu ohnmaͤchtigen Natur! Denn dieses ist der Weeg, auf welchem die Natur die schwersten Krankheiten zu heilen pflegt. Beyspiele, wo durch zufaͤllige Geschwuͤre, Kraͤtze, Po- cken, Verwundungen, sie seyen nun das Werk der Natur, der Kunst, oder eines Zufalls gewesen, unheil- bar geschienene Krankheiten, Wahnsinn, eiterhafte Lungensuchten, Hyppochondrie, Wassersuchten, toͤdlich Ablagerungen ꝛc. geheilt worden sind, habe ich im ersten Abschnitte theils genug angefuͤhrt, theils kom- men sie so haͤufig bey den Schriftstellern vor, daß nichts uͤbrig bleibt, als die Ursache davon zu erfor- schen, und die Anwendung auf das Betragen der Aerzte zu machen. Vorausgesetzt also, daß die Bedingniße, ohne welche keine Wirksamkeit der Natur statt hat, erfuͤllt sind; so koͤmmt alles darauf an: daß der Reitz in demjenigen Theile, auf welchen man das Bestreben der Natur richten will, staͤrker seyn muͤße, als in jenem, wovon man es entfernen will. Denn so lan- ge irgendwo ein staͤrkerer Reitz obwaltet, sind die Ver- richtungen der andern Theile entweder geschwaͤcht, oder sie hoͤren gar auf; daher wird die Kochung der Gicht- materie so lange gehindert, als die Gicht mit einer rohen Entzuͤndung verbunden ist; daher die Verstaͤr- kung der Lebensverrichtungen bey Wundfiebern, bey Ent- Entzuͤndungen und Blutfiebern, da indessen die natuͤr- lichen Verrichtungen sehr geschwaͤcht sind, weßwegen Stuhl und Harn sparsam oder gar nicht abgehen, die Daukraft gleichsam tod ist ꝛc., und auch auf keine Weise befoͤrdert werden sollten, so lange man von der Verstaͤrkung der Lebensverrichtungen etwas Gutes er- wartet; daher in Gall- und Faulfiebern die Verstaͤr- kung der natuͤrlichen Verrichtungen, vermehrte Aus- leerungen auf allen Weegen, da ebenfalls die uͤbri- gen Geschaͤfte der thierischen Haushaltung traͤge von statten gehen, und so lange nicht gewaltthaͤtig ange- spornt werden sollten, als von jenen etwas Gutes zu erwarten ist. Sobald nach der Entbindung der Trieb der Milch nach den Bruͤsten entsteht, so hoͤrt der Kindbettfluß auf einige Zeit entweder ganz auf, oder wird sehr sparsam. Es waͤre Unsinn, dieses fuͤr wi- dernatuͤrlich anzusehen, und ihn befoͤrdern zu wollen. Diejenigen Vorbereitungen, die Lentin der Entbindungszeit vorangehen laͤßt, beziehen sich haupt- saͤchlich darauf, daß er alles das zu entfernen sucht, was die Geburt ohne Noth erschweren, oder nach derselben einen Reiz im Unterleibe erregen kann, der staͤrker wirkt, als der natuͤrliche Zug der Milch nach den Bruͤsten. Beym Blutspeyen ist allermeist der Leib ver- stopft; und alles, was man zu dessen Oeffnung giebt, wirkt mehr auf die Lunge, als auf den After; da- her die gelindsten Mittel das Blutspeyen vermehren, und zur Befoͤrderung des Stuhles, was man nie thun sollte, starke Gaben erfordert werden. Da- Darauf gruͤndet sich auch das Hippokratische Gesetz, daß man keine Ausleerungen veranstalten sol- le, waͤhrend dem die Natur auf einem entgegengesetz- ten Weege eine andere veranstaltet. So z. B. solle man nicht abfuͤhren, wenn ein Schweiß im Anzuge ist, und nicht zum Schwitzen geben, wo die Materie ihren Ausgang nach dem After oder der Harnblase nimmt, weil sonst jedesmal das Werk der Natur ge- stoͤhrt wird. Diese Regel leidet ihre Ausnahmen: denn es giebt Faͤlle, wo man die Natur von einer Seite er- leichtern muß, waͤhrend sie auf der andern ihr Werk nicht ganz zu Stande bringen kann. In der von 1757 bis —59. herrschenden Petechienepidemie ließ Hasenöhrl einem Manne zur Ader, waͤhrend daß der Ausschlag auf der Haut war, weil er uͤber einen stechenden, an- haltenden Schmerzen unter den kurzen Ribben klagte, der Puls haͤrtlich und das Athmen gehindert war. Auch Huxham raͤtht in aͤhnlichen Faͤllen das Blutlas- sen, wenn naͤmlich der Puls geschwind, hart, voll, der Athem kurz und muͤhsam, der Harn roth, der Durst heftig, die Zunge trocken und schmutzig, die Augen roth, funkelnd, die Kopf- Ruͤcken- Kreuz- und Lendenschmerzen unertraͤglich und das Klopfen der Droßeladern sehr merklich sind. Unter diesen Zufaͤl- len, sagt Planchon muß man sogar in der Pest Ader- lassen. Es gilt auch bey allen Arten von schlimmen Blattern; nur jedesmal mit der Einschraͤnkung, daß die Natur der herrschenden Seuche nicht entgegen seye Fordyce that das naͤmliche im Frieselfieber, obschon der der Ausbruch vollstaͤndig war, um den Kranken eben- falls von einem heftigen Seitenstiche, der ihn zu ersti- cken drohete, zu befreyen. Ueberhaupt, seitdem die Aerzte mit der Natur der Ausschlaͤge besser bekannt sind; seitdem man weiß, daß sie sehr oft nur das Er- zeugniß eines zu sehr kochenden und entzuͤndlichen Ge- bluͤtes, oder einer hitzigen Heilart sind; seitdem man von der Zusammenkunft verschiedener Krankheiten in einem und dem naͤmlichen Kranken mehr uͤberzeugt ist, und die dringendste Heilanzeige den uͤbrigen vorzuziehen gelernt hat; seitdem man die kritischen Bemuͤhungen der Natur von den zufaͤlligen unterscheidet: — — — so sind wir weder bey Ausschlaͤgen, noch bey Bauch- fluͤssen, noch bey Blutspeyen, Blutfluͤssen u. d. gl. weder mit Aderlaßen, noch Brech- und Abfuͤhrungs- mitteln, mehr so furchtsam, als es unsere Vorgaͤnger waren. Wir schaffen im Anfang der Krankheiten die beweglichen Unreinigkeiten weg, lassen bey zufaͤlligen Bauchfluͤssen zu Ader, machen zu allen Zeiten aller Arten Ausleerungen, wenn wir nur hoffen koͤnnen, daß wir dadurch die Natur von ihren Hindernissen be- freyen. Doch die erforderlichen Maßregeln im Ka p . von den Entscheidungen. §. 101. Das Bestreben der Natur richtet sich also je- des Mal nach dem staͤrkern Reitze. Wir wuͤrden noch weit oͤftere Wunder wirken, wenn wir unser Verfah- ren mehr nach diesem Gesetze einrichteten. Ich will vorher noch einige Thatsachen anfuͤhren, ehe ich die- sem sem Mangel der jetzigen Heilart geradezu entgegen ar- beite. Hippokrates hat angemerkt, “daß die, wel- che die goldene Ader haben, weder vom Seitenstiche, noch von der Lungenentzuͤndung, noch von einem fres- senden Geschwuͤre, noch von Blutschwaͤren, noch von Brandblasen, vielleicht auch nicht vom Aussatze, vielleicht nicht von den uͤbrigen dergleichen Krankhei- ten heimgesucht werden. Ja viele zur Unzeit geheilte seyen in kurzem von diesen Uebeln uͤberfallen worden, und durch sie in Gefahr gerathen. Dieses gilt auch von jeder andern Verwerfung, dergleichen die Roͤhr- geschwuͤre sind, und von allen uͤbrigen Ausscheidungen. Was sich aber in der Krankheit einfindet, und sie heilet, das wendet sie sogar ab, wenn sich es vorher einstellt. — Die welche in den Fiebern aus dem Kopfe schnupficht und heiser sind, bekommen seltner Ruͤck- faͤlle. Alles was verschwuͤrt, laͤßt keinen Ruͤckfall zu; denn diese Kochung ist an sich zugleich eine Krisis und Verwerfung„. Epid. lib. VI. Sect. 3. Jede Krankheitsursache wirkt hier auf das gereizte Pfortadersystem. Indessen kann auch die- ser Reitz durch einen noch staͤrkern uͤberwaͤltigt werden. Ich sah einen Hypochondrischen Mann, der den Beschwer- den der Goldader wirklich stark unterworfen war, und schon oͤfter den Seitenstich hatte, im Monat Merz; 1787. von einem heftigen, wahrhaft entzuͤndlichen Seitenstiche befallen werden. In den von Clerk beobachteten Seuchen starb kein einziges Thier, welchem an dem Halse ein Haar- seil seil gezogen war. Auch unserm Wolstein ist dieses sowohl in den gewoͤhnlichen Seuchen der Thiere, als in ihren Lungenentzuͤndungen eines der geprießensten Mitteln. Wenn die Hunde von ihrer eignen Krank- heit befallen, das ist, triefaͤugicht werden, eine schmu- tzige rotzige Entzuͤndung der Schleimhaut bekommen, die Gosche und die Zaͤhne von einem schmutzigen, stin- kenden Geifer triefen ꝛc. und man nicht bald mittelst des mineralischen oder antimonialischen Moors, Brech- und Schweißmitteln, Schießpulvers ꝛc. Hilfe schaft, so werden sie schwindlich, mager, verfallen in Hirnwuth, in ein anhaltendes Zittern, und Unvermoͤgen zu ste- hen, besonders auf die hintern Fuͤße. Ein starkes Haarseil am Nacken heilt diese Krankheit am sicher- sten. Der Arzt Hencius befreyete dadurch Venedig von der Pest, daß er den Gebrauch der Aeztmittel allgemein anrieth. In der Ukraine hat man bemerkt, daß alle die, so Geschwuͤre oder alte Wunden hatten, nicht von der 1738—39 herrschenden Pest angegriffen wurden. In Lausanne, Koppenhagen, Hamburg, Breßlau hat eben dieses Vorbeugungsmittel in un- endlich vielen Faͤllen der Erwartung entsprochen. Fa- britz von Hilden sagt: “Ich weiß nicht, das Je- mand, der ein Fontanell am Arme oder Fuß gehabt, außer etwan eine oder etliche Personen, die aͤusserst verdorbene Saͤfte hatten, an der Pest gestorben waͤ- ren. Diemerbröck, Mercurialis, Hercules a Saxonia, Georgius, Hilldanus, Johannes Ar- culanus bezeugen eben dieses aus Erfahrung von der Pest. Tissot heilte ein Augentriefen durch eine Fon- tanell tanelle, worauf heftige Schmerzen und Entzuͤndung an dem Geschwuͤre, und ein flechtenartiger Ausschlag uͤber dem ganzen Leibe zum Vorschein kamen. Eben so wirken Blasenpflaster bey bevorstehen- den Verwerfungen, bey heftigen innern Reizen. Man hat durch Peitschen, Kneipen, Brennen, Stechen, eiskalte Umschlaͤge die heftigsten, sonst unuͤberwind- lichsten Koliken geheilt. Alpinus erzaͤhlt die Ge- schichte eines Kranken von 40 Jahren, welcher seit langer Zeit an der schleimichten Engbruͤstigkeit litte, und durch keines von unzaͤhlichen Mitteln wieder her- gestellt werden konnte. Endlich, nachdem der ganze Koͤrper schon voͤllig abgezehrt war, nahm er zum aͤgyptischen Brennen seine Zuflucht, und ließ es an drey Stellen auf der Brust anbringen. Er hielt die Geschwuͤre lange offen, und wurde wieder gesund. Med. Ægypt. p. 211. Die Chineser bedienen sich des Brennens bey Magen- schmerzen auf den Schultern, beym Seitenstiche auf den Ruͤckwirbeln und auf dem ganzen Ruͤcken nach der Laͤnge des Ruͤckgrades. Die Aegyptier haben die Ker- zen ( Moxam ) mit Nutzen gegen den Schlagfluß, die fallende Sucht und die Laͤhmungen gebraucht. Hip- pokrates erklaͤrt schon, daß bey Personen, welche von alten Huͤftschmerzen geplagt werden, endlich die Austrocknung des dicken Beins und das Hinken erfolgt, wenn sie sich nicht dieses Brennmittels bedienten. So wurde der Geistliche bey Swieten , der eine angeerbte Gicht hatte, durch die Moxam von den heftigsten Schmerzen befreyet. Die Wunde gab nach vermehr- ten tem oͤrtlichen Umlaufe einen heftigen Gestank von sich, worauf der Kranke in den bey Entscheidungen so wich- tigen Schlaf verfiel, und schmerzenlos wieder erwach- te. T. IV. p. 284. Das Beyspiel jenes Juͤnglings beym Tulpius ist bekannt, der sich mit bewunderungswuͤrdiger Stand- haftigkeit die Huͤfte bis auf’s Bein hinein brennen ließ, die Wunde lange fließend erhielt, und so von dem grausamsten Huͤftweh befreyet wurde. Der star- gegohrne Reißtrank verursacht den Japonesern Zuckun- gen und unertraͤgliche Schmerzen in den Eingeweiden, den Muskeln des Unterleibs und besonders in dem Lei- sten und den benachbarten Theilen. Die japonischen Aerzte machen drey Reihen Nadelstiche, jede zu drey Loͤchern, und vertilgen den Schmerz ohne Mohnsaft, ohne Ausleerung und ohne Zerstoͤhrung der Nerven, bloß durch Ableitung des Reizes von den innern Thei- len nach den aͤußern. Duobus doloribus simul obor- tis non in eodem loco, vehementior alterum ob- scuret. Strack macht bey Gelegenheit der Blasen- pflaster im Seitenstich folgende Bemerkung: “Wenn kurz nach dem Auflegen eines Blasenpflasters ein kri- tischer Auswurf erfolgte, so geschah dieses nicht, weil das Salz der Kanthariden die Speckhaut aufloͤ- sete, oder die Lungengefaͤsse und Lungen selbst zu mehr Thaͤtigkeit in der Absoͤnderung und Ausleerung an- spornte; sondern vorzuͤglich, weil der von außen er- weckte Schmerz den Mittelpunkt der Entzuͤndung von ei- nem empfindlicheren Theile wegruͤckte, daher denn auch Schmerz Schmerz und Fieber aufhoͤrten, der Athem freyer wurde, und kurz hernach der Mundauswurf sich ein- stellte. So hoͤrt auf gleiche Weise die ganze Krank- heit auf, wenn der Stoff zur Entzuͤndung an den Lippen ausschwuͤrt, oder sich von der Seite hinweg und an den Oberarm begiebt.„ Gerade so werden die hartnaͤckigsten Verstopfun- gen des Leibs und des Harns gehoben, indem man an den After oder die Harnroͤhre stark zusammenziehen- de Mittel anbringt; z. B. Klystieren von Alaun; oft ist schon ein aͤußerlicher Reiz hinreichend z. B. das Auflegen des Eyerhaͤutchens auf die Eichel. Bei Verstopfung der Schleimhoͤlen in der Nase thut das Einspritzen einer Vitriolaufloͤsung vortreffliche Dienste. Darinn besteht auch die Wirkung der Brechmittel in kleinen Gaben, welche die Kraͤmpfe der entfernten Thei- le auf die Haͤute des Magens und der Gedaͤrme hin- seiten; darauf gruͤndet sich die Hoffnung, die man sich von den Wohlverleybluͤthen in heftigen krampfhaf- ten Schmerzen macht. Wenn daher beym Eintritt einer Krankheit ir- gend ein Theil in einem gereizten Zustande ist, so se- tzet sich die Krankheit gern auf demselben fest. Si quid doluerit ante morbum, ibi se figit morbus. So veranlasset die falsche Lungenentzuͤndung gern die innerliche Gicht. Harntreibende, und abfuͤhrende Mit- tel leiten die Gicht auf den Magen, die Gedaͤrme und die Harnblase. Man sollte also, wenn eine scharfe, fluͤchtige Materie im Koͤrper herumwandelt, z. B. die rothlaufartige, gallichte ꝛc., mit Purgiermitteln aͤusserst be- behutsam seyn, weil sie durch den Reiz nicht selten nach den Gedaͤrmen hingeleitet wird, wo sie oft ohne Rettung die haͤutigen Theile außerordentlich schnell durch den schlimmsten Brand zerstoͤrt. Hingegen sind in allen dergleichen Faͤllen aͤusserliche Reize angezeigt. Daher thun, vorzuͤglich in Fiebern von gallichtem, faulem Stoffe die scharfen Senfteige, welche man gleich Anfangs und lange fortbrauchen muß, so vortreffliche Dienste. Tissot bemerkte, daß gegen die Tage, wo die nun aufgeloͤßte Materie beweglich zu werden an- fieng, eine ungeheure Menge eines sehr scharfen Blut- wassers nach den rothen und wunden Stellen zufloß, welche sonst vielleicht nach edlern Theilen hingeflossen waͤre; ein Umstand, den wir alle Tage bemerken koͤn- nen, und in Faul-Spital-Kerker und Nervenfiebern nie unbestaͤttigt finden wuͤrden, wenn wir unsere Heil- art auf diese Absicht einrichteten. Dieses sollten wir nie vernachlaͤßigen, wo entweder der Kranke ein schwa- ches Eingeweid hat, oder wo es der Natur der Krank- heit gemaͤß ist, solche Geschwuͤre zu erregen. Denen so etwas widerfaͤhrt, die werden nach der Bemerkung des Hippokrates gesund, so sehr noch Heute unsere meisten Aerzte vor der Erscheinung eines brandigen Geschwuͤres erschrecken. Der Puls wird groͤsser, frey- er, lebhafter, gleicher; das Athmen leichter, ruhi- ger, und die Beklemmung laͤst nach; das Fieber wird geringer; die Haut weich und durchgaͤngig von einem war- men Dunste befeuchtet. Burseri hat diesen Erfolg mit vielen Aerzten in boͤsartigen Krankheiten beobachtet. In den von Baraldo beschriebenen in Corregeo 1781 Gall I. Band R r herr- herrschenden boͤsartigen Fiebern war die Erscheinung eines solchen Brandes so gut, daß er allzeit ein gutes Ende vorhersagen konnte. In dem 1775 zu Cuneo herrschenden Fieber wurden die von Fliegenpflastern gereizten Stellen oͤfters brandig, und dieses war all- zeit heilsam. Burseri will daher mit Recht, daß man die Zugpflaster gleich im Anfange auflege, und sie so lange offen erhalte, bis das Fieber ganz und gar voruͤber ist. Je mehr die Geschwuͤre entzuͤndet und schmerzhaft werden, je haͤufigern und bessern Ei- ter sie geben, desto mehr Gutes hat man zu hoffen. Dem Franz Jestel , der bey seinem Nervenfieber ei- ne schadhafte Lunge hatte, ließ ich aus Vorsicht gleich im Anfange der Krankheit durch die schaͤrfsten Sauer- teige Loͤcher in die Fuͤße beitzen. Ich sorgte bis zur Entscheidung bloß, daß sie offen blieben. Gleich nach der Entscheidung floß alle Tage eine grosse Menge Eiter aus ihnen; und ohne sie waͤre mirs vielleicht nicht gelungen, die Ablagerung nach den Lungen zu verhuͤten, indem, bey all der Vorsorge, der Kran- ke dennoch erst nach dem acht und zwanzigsten Tage Blut und Eiter auswarf, dem ungeachtet aber gluͤcklich entkam. — Ist ein Ausschlag zuruͤckgetret- ten, und man bewirkt nicht durch erweichende und reizende aͤußerliche Mittel einen sehr empfindlichen Schmerz, so wird man nur selten das Gluͤck haben, ihn wieder hervor zu locken. Nur ist wohl zu merken, daß zu diesem Zwecke nicht jeder aͤusserliche Reiz hinreichend seye. Lanzisi erzaͤhlt von dem Arzte eines Krankenhauses auf der Insel Insel Tybeen , welcher verschiedene Personen durch kein Mittel, und wenn es auch noch so stark waͤre, im Schlagfluß erwecken konnte, als bis er ihnen an den Fußsohlen gluͤhende Eisen anhielt. Klaudius raͤtht den Kranken in die flache Hand zu stechen; Henr. ab Heers hat einer schlagfluͤssigen Weibsper- son, die kein Zeichen des Lebens von sich gab, ein lange Nadel unter dem Nagel der grosse Zehen ge- stochen, wovon sie augenblicklich zu sich selbst gekom- men ist. Fast alle Aerzte rathen bey der Fallsucht nicht nur ein starkes Haarseil am Hinterhaupt, son- dern auch gluͤhendes Eisen an die Kopfnathen zu le- gen. Die Anwendung des gluͤhenden Eisens ist zwar sehr alt; man muß aber gestehen, daß die Rath- schlaͤge, die Kopfnathen zu brennen, mehr nachgebe- tet, als durch Erfahrung gepruͤft sind. De Haen ließ einem Knaben wegen dem schwarzen Staaren die Hirnschaale brennen. Obschon der Knabe sehr stark war, so hatte er doch einen duͤnnen, durchscheinenden Schaͤdel, und das Brennen, welches nicht bis auf das Mark der Hirnschale gedrungen hat, hatte doch die Hirnhaut entzuͤndet, zusammengeschrumpft und die eine Blatte des Schaͤdels gespalten. Dieses ge- schah ihm ebenfalls bey einer Frau. Er fuͤhrt noch mehrere Erfahrungen an, die die Gefahr des Kopf- brennens unwidersprechlich beweisen. T. VI. cap. VI. erani sectione. Desto vortrefflichere Dienste hingegen leistet das Brennen, z. B. die Kerzen bey innern Geschwuͤ- ren, besonders der Lunge. Man lißt bey Pouteau R r 2 und und Lentin die gluͤcklichsten dadurch bewerkstelligten Kuren, wodurch man billig aufgemuntert werden soll- te, dieses Hilfsmittel der Natur oͤfter, als bisher ge- schehen ist, in die Kunst zu uͤbertragen. Was die Natur so deutlich anzeiget, und was sie so oft, und auf so mancherley Weise anfaͤngt, aber aus Ohn- macht aͤußerst selten zu vollenden vermag; und was endlich die Erfahrungen richtig denkender Maͤnner als: eines Tissot, Unzer, Düpuis u. a. bestaͤttigt haben: — Sollten da die Aerzte noch zaudern, es allgemein in Ausuͤbung zu bringen? Kürenios und Hekason zu Omilos, die innerliche Geschwuͤre hatten, wurden beyde zu spaͤt unten am Bauche gebrannt; dennoch trocknete beym ersten der Eiter ganz, beym zweyten bis auf etwas weniges aus, obschon sie spaͤter bey ei- ner unschicklichen Lebensordnung am Durchfalle star- ben. Hipp. 5ter B. v. d. Landseuchen. Man mache also diese Wunde; verschaffe dem Kranken Bewegung in freyer, reiner Luft; ge- be ihm gute Nahrung; — Kurz! man behandle ihn nach der Idee eines erschoͤpften Koͤrpers und einer ohnmaͤchtigen Natur; nach den bisher ausgefuͤhrten Grundsaͤtzen; man verlasse eine immer mehr entkraͤf- tende Heilart, die noch keinem das Leben gerettet hat: so doͤrfen wir mit einiger Zuversicht die Niederlage eines der schrecklichsten Feinde des Menschengeschlechts erwarten. — Dem zufolge, was ich von der oͤrtlichen Schwaͤche gesagt habe, ist leicht zu erachten, daß man desto schnellere und sichrere Wirkungen vom oͤrtlichen Rei- Reize zu erwarten habe, wenn man ihn mit erschlap- penden Mitteln verbindet. § 102. Zweytes Gesetz. Die Natur wirkt auf die gereizte Stelle nicht bloß durch den vermehrten Zufluß der Feuchtigkeiten überhaupt; sondern es hat eine Auswahl bestimmter und zwar vorzüg- lich schadhafter Feuchtigkeiten statt . Ich war ehemals mit den meisten Aerzten der Meinung, daß es der Natur schlechterdings an einer absoͤndernden Auswahl fehle, und hielt die von außen angebrachten Reize, als kuͤnstliche Geschwuͤre, Haar- seile, Blasenpflaster u. d. gl. blos fuͤr Mittel, das Fieber zu vermehren, die Lebenskraͤfte zu erwecken, den Reiz von inneren Theilen abzuleiten, und die Mas- se der Feuchtigkeiten zu vermindern. Seitdem ich mich aber weniger um Erklaͤrungen, und mehr um Thatsachen bekuͤmmere, bin ich ganz vom Gegentheil uͤberzeugt. Auch de Haen schreibt den Nutzen dieser Geschwuͤre in der Pest blos den dadurch bewirkten Ausleerungen zu; allein warum mußte man so erstau- nende Ausleerungen machen, bis man eben so viel be- wirkte? Warum koͤnnen wir durch keine Ausleerung die z. B. von unterdruͤcktem Goldaderfluße, oder von einem zugeheilten Geschwuͤre entstandenen Beschwer- den heben? Lentin merkt ausdruͤcklich an, daß die Zufaͤlle, so von unterdruͤckten Schweißen der Fuͤße ent- standen waren, obschon die Fuͤße wieder haͤufig schwitz- ten, dennoch nicht ehe vergehen, bis die Schweiße wie- wieder ihren vorigen stinkenden Geruch bekommen. Die Materie des Kopfgrindes, der Blattern, der Masern, der Kraͤtze und uͤberhaupt aller Entscheidun- gen ist eine eigne Materie, die sich durchaus durch keine andere ersetzen laͤßt, weßwegen so oft ein kleines Geschwuͤrchen, ein paar Tropfen Blut aus der Nase oder dem After oder der Mutterscheide, ein Bischen Feuchtigkeit aus der Harnblase oder dem Hintern al- les bewirken, was alle erdenklichen Ausleerungen nicht bewirken konnten. Auf keine Weise anderst wirkt die Natur, wo irgend ein Reitz erregt wird. Wenn beym Ausbruche der Blattern eine Verwundung zugegen ist, so pflegen sich gemeiniglich die Blattern um dieselbe anzuhaͤufen. Ein Wassersuͤchtiger hatte sich auf die Zunge gebissen, und durch diese Wunde gieng binnen 24 Stunden wohl ein Wassereimervoll eines uͤbel riechenden schleimigen Wassers ab. Samml. a. Abh. 9. B. S. 382. Ueberhaupt, alles, was ich bisher vom Reitze und von den eigenmaͤchtigen Kuren der Na- tur gesagt habe, beweiset das Daseyn einer abson- dernden Auswahl so einleuchtend, daß ichs fuͤr uͤber- fluͤssig halte, mich auf mehrere Beyspiele und auf die Analogie in den Verrichtungen des gesunden Zustan- des, wo jedes Werkzeug entweder vermoͤg seines eige- nen Baues, oder seiner besondern Reizbarkeit zu be- stimmten Saͤften eine Neigung oder Abneigung hat, zu berufen. §. 103. §. 103. Drittes Gesetz. Die Natur ist beym Reize nicht an seine fortschreitende Verbreitung gebun- den; sondern wirkt, ohne die Zwischenräume merklich zu verändern, auf entfernte Theile, vorzüglich aber auf schon gereizte Theile . Darauf gruͤndet sich alles, was von der Mit- leidung gesagt werden kann. Diese geschieht durch die Nerven, den Umlauf der Saͤfte, die Fortsetzung der Haͤute, die Vereinigung der Gefaͤße, durch die Gleichheit des Baues und der Fluͤssigkeiten, die Nach- barschaft der Theile, die Gleichheit der Verrichtun- gen, durch das uͤberall verbreitete Zellengewebe, viel- leicht durch ein der Gehirnsubstanz aͤhnliches, und durch den ganzen Koͤrper verbreites Wesen, vielleicht noch durch manche andere Dinge, die nicht in die Sin- ne fallen. Sie hat theils wechselseitig, theils nur von diesem Theile zu jenem, und nicht wieder von je- nem zu diesem statt. — Weil man aber uͤber den Reiz und die Mitleidung fast bey allen Schriftstellern etwas antrift, und mehrere weitlaͤufig daruͤber geschrieben haben, so verweise ich meine Leser auf Tissot, Platt- ner, Rega, Whytt, Langhans, Rahn, Hal- ler, Jackson u. a. m. Von der Gewohnheit. §. 104. Dasjenige Ding, was dem Menschen den Ge- nuß gleichguͤltig, und die Leiden ertraͤglich macht; was un- unsere Urtheile und unsere Triebe bey Tugenden und Lastern leitet; was den Bettelstab und den Szepter ins Gleich- gewicht setzt; uͤber die unsinnigsten Vorurtheile einen heiligen Schleyer wirft, und Sklaverey und Freyheit, Dummheit und Aufklaͤrung zu gleichem Werth erhebt: war zu allen Zeiten ein wichtiger Gegenstand fuͤr die Philosophen, und verdient auch in vielerley Ruͤcksicht, von den Aerzten untersucht zu werden. Diese haben sich aber bisher mehr um die Er- klaͤrung als um die Erscheinungen, und deren Anwen- dung auf die Heilkunde bekuͤmmert. Indessen hat die Gewohnheit sowohl auf den gesunden als kranken Zu- stand einen so maͤchtigen Einfluß, daß derjenige, der sie vernachlaͤßigt, oft die wichtigste Begebenheit nicht einsehen, und den schwersten Zufaͤllen nicht abhelfen kann. Man seye an Arbeit, an Hitze und Kaͤlte, an Ruhe und Bewegung, an Schlaf und Wachen, an die schnellsten und groͤßten Veraͤnderungen der Luft, Witterung, Nahrung, Kleidung, an Nachsinnen, an gewiße Nahrung, an betaͤubende Gifte, an gewis- se Ausleerungen, an Beyschlaf, oder an was sonst immer fuͤr eine Verrichtung gewoͤhnt, so ertraͤgt man alle diese Dinge entweder viel leichter, als der unge- woͤhnte, oder sie werden selbst zum Beduͤrfniß. Die Perser ertragen innerhalb 24 Stunden zu zwey Ouent- chen Mohnsaft; eben so viel verzehrte der Rechtsge- lehrte, von dem Zimmermann redet, alle Tage. Pallas fand unter den bey den Rußen eßbaren Schwaͤm- men viele giftige. Galenus hat schon angemerkt, daß daß man sich an den Schierling gewoͤhnen koͤnne; Linnäus zeigt eben dieses vom Eisenhuͤtlein, und Scharschmidt vom Arsenik. In Ostindien bedient man sich fast uͤberall des Teufelsdrecks zur Wuͤrze der Speisen; die Mexicaner, sagt Lanzisi , speisen nicht nur die Eyer der Insekten, welche Moraͤste bewohnen, sondern sogar den stinkenden Moosschlamm. Was fuͤr einen ungeheuern Mischmasch von Speisen ertragen die Maͤgen unserer schwelgerischen Damen, die der Anblick einer Spinne oder eines kranken Huͤndchens außer Faßung bringt! Man sehe, was ich hievon im 1 Kap. gesagt habe. Sobald man die angewoͤhnte Sache unterlassen muß, so empfindet man eine mehr oder weniger be- schwerliche Unbehaglichkeit, welche hie und da bis zu den heftigsten Zufaͤllen anwachsen kann. Die Berau- bung des Tabacks, eines Glaͤschen Weines, einer gewohnten Umarmung, ja sogar die gewaltsame Un- terlassung einer Fraze sind im Stande, uns in die verdruͤßlichste Verlegenheit zu setzen. In dem alltaͤglichen Leben aber geschieht sehr vieles nach den Gesetzen der Angewoͤhnung. Die Zeit des Hungers und des Schlafes, der Ausleerungen und anderer Beduͤrfniße werden bey den meisten Menschen so sehr auf gewiße Augenblicke eingeschraͤnkt, daß man, wenn einmal diese Zeit uͤbergangen ist, weder Hunger, noch Schlaf, noch sonst einen Drang zu den uͤbrigen Verrichtungen empfindet. Zur gewohnten Zeit hinge- gen draͤngt es uns zum Harn oder zum Stuhle, ob- schon die Anhaͤufung nur sehr gering ist. Werden zur zur bestimmten Zeit diese Auslerungen zuruͤckgehalten, so werden sie nachher ehe Blaͤhungen, Schwindel und Kopfschmerzen, als einen neuen Trieb zur Entleerung erregen. Es giebt Leute, die jedesmal ihr angewoͤhn- tes Maaß schlafen, zu was immer fuͤr einer Stunde sie zu Bette liegen; andere wachen immer, obschon sie die Stunde des Schlafengehens wechseln, zur naͤm- lichen Zeit auf. Sind Kinder an gewiße Zeitraͤume der Nahrung gewoͤhnt, so erwachen sie jedesmal nach dem Verlauf eines solchen Zeitraumes. — Je mehr diese Angewoͤhnungen zur Natur geworden sind, de- sto unentbehrlicher ist die Befriedigung derselben zum allgemeinen Wohlseyn. Entspinnt sich aber im Innern des Menschen der Zunder einer kuͤnftigen Krankheit, so wird der Zu- sammenhang der Verrichtungen gestoͤrt; es entstehen uͤberall Unordnungen; die Angewoͤhnungen werden ver- ruͤckt und unterdruͤckt; und es ist dieser Umstand ein desto sicherer Vorbote, je unveraͤnderlicher sie sonst ge- wesen sind, und je mehr selbst diese Stoͤhrung im Stande ist, uͤble Zufaͤlle zu erzeugen. §. 105. Daraus ergiebt es sich von selbst, wie sehr sichs der Arzt zur Pflicht machen sollte, die Angewoͤh- nungen seines Kranken auszuspaͤhen, und sein Betra- gen darnach einzurichten. Sie muͤssen sowohl in Ruͤck- sicht der Lebensordnung, als der Heilart, so viel moͤg- lich ist, beybehalten, oder wo sie erstickt sind, wieder hergestellt werden. Ohne sie bleibet nicht selten das Be- Bestreben der Kunst und der Natur fruchtlos, und dieses zwar auch dann, wenn in jedem andern Falle, wo keine Angewoͤhnung statt gehabt haͤtte, die naͤm- liche Sache hoͤchst nachtheilig gewesen waͤre. So ungerne ich die Gewohnheitsaderlaͤßen, z. B. zulaße, so sehe ich mich doch oft genoͤthigt, diesel- ben selbst anzuordnen. Will man sie, besonders auf einmal unterdruͤcken, so entstehen um die bestimmte Zeit nicht nur die sonst gewoͤhnlichen Zufaͤlle einer Vollbluͤtigkeit z. B. beschwerliches Athmen, Span- nen und Steifigkeit der Glieder, Heiserkeit, Schwin- del, Kopfschmerzen, Brennen an einigen Stellen, besonders an der Narbe, wo ehemals die Wunde ge- macht war, Ubelkeiten, allerley Zeichen von Unreinig- keit, Mangel an Eßlust u. s. w.; sondern es entstehen auch fieberhafte Bewegungen, Blutspeyen, reichliche Blut- fluͤsse aus der Nase, der Goldader, den Schamthei- len, oder Stockungen der sonst gewoͤhnlichen Blut- fluͤße, Schlagfluͤße ꝛc. Ich habe vielmal eine duͤnne, kuͤhlende, sparsame, durch mehrere Tage fortgesetzte Lebensordnung, freye Luft, maͤßige Bewegung, ge- linde Abfuͤhrungen u. d. gl. so lange fruchtlos gefun- den, bis ich mich entschloß, der Angewoͤhnung nach- zugeben, worauf sich innerhalb 12—24 Stunden al- le Zufaͤlle legten. Ein alter Mann bekam nach einer Unverdaulich- keit den Schluchzen, den mehrere Aerzte nicht stillen konnten. Man erfuhr endlich, daß er sonst alle Ta- ge englische, bittere Magentropfen zu nehmen ge- wohnt war. Obschon zuvor aͤhnliche Mittel im Ue- ber- berfluße angewendet worden waren, so hoͤrte doch auf diese augenblicklich der Schluchzen auf. Galenus redet von einer Wittwe, welcher die Zuruͤckhaltung der Samenfeuchtigkeit Mutterbeschwer- den zuzog; sie hatte, wenn sie schlief, krampfhafte Bewegungen in den Lenden, Armen und Beinen, wo- bey jedesmal eine Menge dicken Saamens von ihr gieng, und ihr die Wohllust des wirklichen Beyschla- fes, an den sie zuvor sehr gewoͤhnt war, gewaͤhrte So wurden ebenfalls ein Mann und eine Frau aus ungewohnter Enthaltsamkeit von schlimmen Zufaͤllen befallen, und sie genasen durch das Heyrathen. De locis affectis lib. IV. cap. 5. Bey Tissot bekam eine starke 40jaͤhrige Wittwe, wel- che vorher in den Umarmungen ihres Mannes die Vergnuͤgungen der Liebe lange genoßen hatte, und nach desselben Tode ganz entbehren mußte, von Zeit zu Zeit so heftige Mutterzufaͤlle, daß sie den Gebrauch ihrer Sinne verlor. Keine Arzney auf der Welt war vermoͤgend, ihre Anfaͤlle zu vertreiben; sie hoͤrten nie ehe auf, als vermittelst eines starken Reibens der Zeu- gungstheile, welches ein krampfartiges Zittern bey ihr hervorbrachte, worauf eine haͤufige Saamenergießung folgte, und in demselben Augenblicke kam sie wieder zu Sinnen. Aehnliche Faͤlle erzaͤhlt er aus dem Za- cutus , und sie sind bey unsern Zeiten in grossen Staͤd- ten nichts weniger als selten. — Ein Wundarzt ver- bot einer Taͤnzerin wegen einer leichten Wunde an der linken Brust den Beyschlaf; aber die Natur wollte ihr ihr Recht behaupten; sie hatte schon die dritte Nacht eine Saamenergießung, welche dann alle Nacht wie- der kam, so, daß sie in die Ruͤckenmarkauszehrung verfiel. Sie setzte endlich alle Mittel bey Seite, fieng die vorige Lebensart wieder an, und wurde ihrer Schwachheit und ihrer Schmerzen geschwind los, so schaͤdlich sonst bey Verwundeten der Beyschlaf zu seyn pflegt, daß selbst manchmal der Tod eine unmittelba- re Folge davon ist. Es ist daher gewiß, daß man bey den von Enthaltsamkeit entstandenen Zufaͤllen mehr auf die Gewohnheit, als auf den Ueberfluß der Saa- menfeuchtigkeit, deren Wirkungen deswegen nicht ge- leugnet werden koͤnnen, zu sehen habe. Kämpf erzaͤhlt von einem an das taͤgliche Brandtweintrinken gewoͤhnten Soldaten, der mit vie- len Wunden beladen ins Lazareth gebracht wurde. Man behandelte sie auf die gewoͤhnliche Art und mit gehoͤriger Sorgfalt. Es wollte sich aber keine gute Eiterung einstellen, und die Entkraͤftung nahm zuse- hends uͤberhand, ungeachtet man es an den kraͤftigsten Mitteln nicht fehlen ließ. Als nun auch der beste Wein ohne Wirkung war, und man den Verwunde- ten fuͤr verloren hielt, so that man endlich seiner Sehn- sucht nach Brandtwein ein Genuͤge, und erlaubte ihm dann und wann einen guten Schluck von dieser seiner Herzstaͤrkung zu thun; auf der Stelle fiengen die Kraͤf- te an, sich zu heben, der Eiter ward gutartig, und die Heilung erfolgte bald. — Ein anderes fuͤhrt er aus Richtern an, wo ein Kranker, nach einer we- gen Verwachsung sehr langsamen Operation eines un- ge- geheuer grossen Hodenbruches den dritten Tag fast oh- ne alle Empfindung und Athem, kalt an den aͤußern Theilen, mit geschlossenen Augen, und dem Tode so nahe, daß er nicht der Muͤhe werth zu seyn achtete, den Verband abzunehmen, oder etwas zu verordnen. Als der Wundarzt den Kranken zu verlassen im Be- griffe war, erzaͤhlte die Frau desselben, daß ihr Mann jederzeit den Brandtwein haͤufig getrunken habe. Der Wundarzt ließ einen Loͤffelvoll Brandtwein in den Mund des Kranken fließen, und es war kaum gesche- hen, als dieser die Augen oͤffnete. Nach etlichen Eß- loͤffelvoll kam Waͤrme, Leben, Bewegung, Empfin- dung wieder. Der Kranke bekam waͤhrend der ganzen Kur taͤglich etliche Weinglaͤservoll Brandtwein, und erhielt seine Gesundheit vollkommen. Also erst durch den gewohnten Reiz des Weingeistes wurde die Lebens- kraft erweckt, und in Thaͤtigkeit gesetzt. Dieses soll- te man bey allen denen, welche an hitzige Getraͤnke gewoͤhnt sind, wohl bedenken, denn sie fallen bey ei- ner gezwungenen Enthaltsamkeit in die schrecklichsten Zufaͤlle, Uebelkeit, Brechen, Sodbrennen, Entkraͤf- tung, Zittern, Schwermuth bis zur Verzweiflung u. d. gl. Sehr oft muß man so gar in den dem Scheine nach entgegengesetztesten Anzeigen der Gewohnheit nach- geben, wo man dann freylich theils in der Gabe, theils in der Zeit anfaͤnglich sehr behutsam seyn muß. §. 106. Auch hier zeichnet sich Hippokrates in vielen Stellen aus. Ich will nur einige aus dem Buche von von der Lebensordnung anfuͤhren, in welchen auch zu- gleich auf den Nachtheil der gaͤhen Veraͤnderungen Ruͤcksicht genommen wird: “Die sich demnach der Tisane in hitzigen Krankheiten bedienen, sollen, mit einem Worte gesagt, ihre Adern auch keinen Tag leer lassen, im Gegentheil sich ihrer bedienen, und sie nicht aussetzen, wenn es nicht um irgend etwas, es seye um einer Purganz oder eines Klystiers willen, noͤthig ist; denen die taͤglich zweymal zu speisen ge- wohnt sind, muß man sie zweymal, und die nur ein- mal zu essen pflegen, denen giebt man sie den ersten Tag nur einmal, allmaͤhlich aber kann man sie ihnen, theils wenn es unschaͤdlich ist, theils wenn es gar noͤ- thig scheint, zweymal geben. Im Anfange braucht man sie weder in zu grossem Ueberfluße noch auch sehr dick zu geben, dargegen laͤßt man um der Gewohn- heit willen etwas zu, und begnuͤgt sich, wenn nur die Gefaͤße nicht zu leer werden. — — Denen so- wohl, die zweymal, als auch solchen, die nur einmal taͤglich speisen, verursachen schleunige Veraͤnderungen Nachtheile und Krankheiten. Die z. B. welche sich nicht angewoͤhnt haben zu Mittag zu speisen, und es nun thun, macht es augenblicklich unpaͤßlich, traͤge am ganzen Koͤrper, unvermoͤgend und verdruͤßlich. Wenn sie nun noch dazu eine Abendmalzeit gehalten haben, so stoͤßt es ihnen sauer auf, und einige be- kommen einen duͤnnen Stuhlgang. — — Noch uͤb- ler wird sich so einer befinden, wenn er sich den Tag dreymal recht satt ißt, und noch weit uͤbler, wenn er noch mehrmalen speißt; ungeachtet es viele giebt, die die taͤglich drey reichliche Malzeiten machen, und sie recht gut vertragen; sie sind aber daran gewoͤhnt. Ferner Leute, die taͤglich zweymal zu speisen pflegen, befinden sich, wenn sie das Mittagessen versaͤumen, schwach, elend, und zu aller Arbeit untuͤchtig und bekommen Magenweh. Es ist ihnen, als ob ihnen ihre Eingeweide schlotterten, ihr Urin wird gelbgruͤn, und geht mit Brennen ab, so wie ihre Exkremente trocken und verbrannt sind. Einigen schmeckt es bitter im Munde, sie sehen hohlaͤugicht aus, die Adern an den Schlaͤfen schlagen ihnen, und ihre Glieder werden kalt. Die meisten koͤnnen zwar, wenn sie die Mit- tagsmalzeit versaͤumt haben, nicht einmal zu Nacht essen. Halten sie aber ja eine Abendmalzeit, so be- schweren sie sich den Magen, und liegen viel unruhi- ger zu Bette, als wenn sie auch zu Mittag gegessen haͤtten. Wenn nun selbst den gesunden um einer einen halben Tag in ihrer gewohnten Lebensordnung vorge- nommenen Veraͤnderung willen alles dieses begegnet; so scheint es ja am zutraͤglichsten zu seyn, derselben we- der etwas zuzusetzen, noch abzunehmen. Speißt mithin einer, der wider seine Art nur eine Malzeit gemacht, und seine Gefaͤße den ganzen Tag ausgeleert hat, so viel zu Nacht, als er sonst pflegte: so muß er noth- wendig, da er sich nicht nur schon um des ausgesetzten Mittagsessens willen uͤbel und schwaͤchlich befand, sondern auch, weil er zu Nacht gespeißt, schwerloͤthig war, jetzt sich um so viel belaͤstigter fuͤhlen. Hat er seine Gefaͤße eine noch laͤngere Zeit ausgeleert, und haͤlt nachher auf einmal ein starke Abendmalzeit, so wird wird er sich noch schwerloͤthiger und uͤberladen finden. Wer also seine Gefaͤße wider seine Gewohnheit hat leer werden lassen, dem ist es gut, wenn er densel- ben Tag nach zu helfen, in einer maͤßigen Waͤrme, und ohne sich zu erkaͤlten, ruhig hinbringt; denn al- les das muß er uͤbel empfinden. Ausserdem muß er ein kleiners Abendessen, als er sonst pflegt, zu sich neh- men, und dabey nicht sowohl trockne, als etwas feuch- te Speisen genießen, hinterher keinen waͤsserichten Wein, noch auch weniger, als sich zur Speise schickt, trinken. Den Tag darauf muß die Malzeit ganz kurz seyn, damit er nach und nach Stufenweise wieder in seine Gewohnheit komme. — Dieses ist mithin ein wichtiger Beweiß, daß die sehr grossen Veraͤnderun- gen solcher Dinge, die unsere Gewohnheiten angehen, uns vorzuͤglich Krankheiten erzeugen. Daher ist es auch nicht schicklich, außer der Zeit gar zu reichliche Ausleerungen vorzunehmen, oder in der aͤussersten Staͤrke der Krankheiten, und bey ihrer groͤsten Hitze, Nahrungsmittel zu geben, oder auf diese oder jene Art ploͤtzlich in dem ganzen Verhalten etwas abzuaͤn- dern. Man koͤnnte inzwischen noch vieles uͤber das, was mit dem Magen in Verbindung steht, und andere hieher gehoͤrige Dinge beybringen, wie etwa, daß man sich zwar bey gewohnten Speisen, wenn sie auch ihrem innern Gehalt nach ungesund sind, wohl be- findet, und so auch in Ansehung der Getraͤnke; da man im Gegentheile ungewohnte Speisen, wenn sie auch an sich nicht ungesund waͤren, uͤbel vertraͤgt, und so mit den Getraͤnken. Was der haͤufige und un- Gall I. Band S s gewohn- gewoͤhnte Genuß des Fleisches, des Knoblauchs, des Silphium, seines Saftes oder Stengels, oder auch anderer solcher Dinge, die an sich schon grosse Kraͤfte haben, ausrichten. Weniger wird man sich dann ver- wundern, wenn dergleichen Sachen den Magen mehr, als etwas anders belaͤstigen. Allein, wenn man nun auch sieht, was der ungewohnte Genuß des Honigku- chens bey einem, der nur Brod zu speisen pflegte, im Leibe fuͤr Unruhe, Auftreiben, Blaͤhungen und Grimmen veranlaßt; oder was der an Honigkuchen gewoͤhnte, wenn er ungefaͤhr Brod ißt, fuͤr eine Schwe- re und Spannen im Magen fuͤhlt, oder was das naͤm- liche Brod, warm gespeißt fuͤr Durst und ploͤtzliche Anfuͤllung, wegen seiner trocknenden und schwer wei- tergehenden Eigenschaften erregt; was fuͤr einen Un- terschied der ungewoͤhnte Genuß eines recht klaren von gebeuteltem Mehl gebackenen und dargegen eines gro- ben geschrotenen Brodes mache; oder was es thue, oh- ne daran gewoͤhnt zu seyn, trockenen, frischen, oder klosichten Honigkuchen zu essen. Was frische geroͤste- te Gerstengruͤtze bey denen mache, die sie nicht ge- wohnt sind, und eine andere, die sie sonst frisch zu verbrauchen pflegen. Was das Wein- oder Wasser- trinken, wenn man das eine mit dem andern wider die Gewohnheit ploͤtzlich vertauscht; deßgleichen duͤn- ner und waͤsserichter oder guter starker Wein, wenn er ungewohnt getrunken wird, wirken. Denn jener erzeugt uͤbrige waͤsserichte Feuchtigkeiten in dem Ma- gen, und in den Daͤrmen Blaͤhungen; dieser hergegen Klopfen in den Adern, eine Schwere im Kopfe und Durst Durst. Auch der weiße und rothe Wein muͤssen bey dem, der sie wider seine Gewohnheit gegen einander vertauscht, wenn gleich beyde geistreich sind, im Koͤr- per ebenfalls eine Menge Veraͤnderungen machen, daß man daher wohl sagen moͤchte, es seye noch weniger zu verwundern, daß der suͤße und starke Wein, eben das, wenn man ihn ploͤtzlich aͤndert, kann. — Es sind auch hier die Staͤrke und der Gang einer jeden Krankheit, das Temperament einer Person und ihre Gewohnheiten, weiter, die dem Kranken uͤbliche Le- bensordnung in Erwaͤgung zu ziehen„. ꝛc. — — — Nachdem Er noch viel Lesenswerthes gegen die schnel- len Veraͤnderungen gesagt hat, fuͤhrt er das Beyspiel an: “Bekoͤmmt einer, der weder eine sehr heilsame, noch auch eine sehr unheilsame Haut hat, eine Wunde, die weder sehr betraͤchtlich, noch auch sehr gering ist, am Schenkel, so wird er, weil er sich gleich den er- sten Tag niedergelegt, in die Kur begeben, und den Fuß, der uͤberdieß nicht entzuͤndet ist, ruhig gelassen hat, viel geschwinder geheilt werden, als wenn er da- bey herum gieng. Ferner, wenn er am fuͤnften, oder am sechsten Tage, oder auch noch spaͤter sich aufma- chen, und herum gehen wollte; so wird er darauf mehr uͤble Empfindung haben, als wenn er sogleich vom Anfange bey der Kur herumgegangen waͤre. Faͤngt er nun an, sich ploͤtzlich viel zu beschaͤftigen, so wird er es weit mehr fuͤhlen, als wenn er in eben der Kur alle die Tage uͤber das naͤmliche gethan haͤtte.„ — — Eben so redet er vom Bade. “Es ist sehr rathsam, dem Kranken viel nachzugeben, wenn er S s 2 bey bey gesunden Tagen das Baden geliebt hat, und sich desselben zu bedienen, gewohnt gewesen ist. Der- gleichen Leute erheischen es mehr, denn es bekoͤmmt ihnen, wenn sie sich baden, und sie leiden Schaden davon, wenn sie es unterlassen.„ — Diesen Grundsaͤtzen zu Folge wollte Aristoteles kein kaltes Wasser trinken, weil er an die warmen Getraͤnke gewohnt war, und an einem andern, des- sen Leibesbeschaffenheit der seinigen gleichte, heftige Kraͤmpfe entstehen sah, obschon es sonst seiner Krank- heit angemessen gewesen waͤre. Er gab aber endlich den zudringlichen Aerzten nach, und starb. Als die Aerzte den Galenus daruͤber befragten, so verwarf dieser ihr Verfahren, obschon er in aͤhnlichen Faͤllen das kalte Wasser mit bestem Erfolge anrieth, wenn nur kein Eingeweide entzuͤndet, und die Leute uͤbrigens stark waren, theils weil Aristoteles einen schmaͤchtigen Koͤrper hatte, und theils, weil es wider seine Gewohn- heit war. — Was Galenus aus dem Erasistratus anfuͤhrt, koͤmmt vollkommen mit den Hyppokratischen Lehrsaͤtzen uͤberein, und betrifft noch den Nutzen oder Schaden, wenn die gewoͤhnten Ausleerungen, obschon sie an sich unbequem sind, z. B. ein Goldaderfluß, periodische Ausschlaͤge, gallichtes Erbrechen unterdruͤckt oder wieder hergestellt werden. Ferner beweiset es, daß die Gewohnheit in der sittlichen Welt den naͤmli- chen Einfluß habe, wie in der physischen, und gleich- wie Schwaͤchlinge und Greise, wenn sie nur an Ar- beit gewoͤhnt sind, dieselbe besser aushalten koͤnnen, als ungewoͤhnte starke und junge Leute, eben so wer- de de der an das Dichten und Untersuchen gewoͤhnte Geist weit weniger ermuͤden, als der ungewoͤhnte. §. 107. Der Einfluß der Gewohnheit ist selbst in Ruͤck- sicht der Zeit, an welche diese oder jene Absonderung und Ausleerung, diese oder jene Verrichtung gewoͤhnt ist, sorgfaͤltig in acht zu nehmen, wie dieses schon zum Theil aus den angefuͤhrten Hippokratischen Stel- len erhellet. Die Zeit, an welche die Natur gewoͤhnt ist, ist auch diejenige, in welcher jedesmal zum we- nigsten eine Neigung in ihr entsteht, das gestoͤrte oder gehemmte Geschaͤft wieder in Gang zu bringen. Schweißmittel sind um die Zeit am wirksamsten, wo der Mensch ohnehin am haͤufigsten zu Duͤnsten pflegt, als in den Morgenstunden, nach Mitternacht und in den Abendstunden. Den Zeitfluß zu befoͤrdern bestrebt man sich mit den wirksamsten Arzneyen allermeist um- sonst, wenn man sie nicht um die gewoͤhnte, und mit der ganzen koͤrperlichen Verfassung seiner Kranken in Verhaͤltniß gesetzten Zeit darreichet. Die Ausfuͤh- rungswege des Harns und des Stuhls reitzen wir weit leichter zur Entleerung, wenn in ihnen selbst eine Re- gung dazu vorgeht. Testa hat den Fall bey einem alten Manne beobachtet, welcher in seinen gesunden Tagen hauptsaͤchlich Abends zu Stuhle zu gehen ge- wohnt war. Dieser hatte schon mehrere Tage ver- stopften Leib. Er gab ihm drey Tage hintereinander fruͤh Morgens Abfuͤhrungsmittel, und es erfolgte kei- ne Wirkung; endlich nahm der Alte gegen Abend wie- der der eine ganz gelinde Purganz, und er bekam sogleich offnen Leib. A. a. O. S. 196. Diesen, und den S. 560. angefuͤhrten Thatsa- chen gemaͤß, rathe ich denjenigen, welche den ganzen Tag uͤber beschaͤftigt sind, an Verstopfungen des Stuhles, und den daher entstehenden Folgen leiden, sich mit dieser Entleerung entweder an die Morgen- stunde, oder gleich nach Tische zu gewoͤhnen. Um die- se Zeiten ist der Geist noch ruhig, und die Angewoͤh- nung hilft auch bey einem geringeren Drange die Ent- leerung befoͤrdern. Diese Bemerkung ist noch vorzuͤglich darum wichtig, weil man auch krankhafte Angewoͤhnungen um ihre gewohnte Zeit, obschon sie ziemlich lang un- terdruͤckt waren, auf die geringste Veranlassung wie- der in Wirklichkeit setzet. Darum hat man sich z. B. nach einem dreytaͤgigen Fieber uͤberhaupt in den Tagen der Anfaͤlle mehr, als an den freyen Tagen, und den achten Tag mehr, als den dritten oder vierten vor Fehlern der Lebensordnung oder vor Purgiermitteln zu huͤten, weil an diesen Tagen, der Natur des Uebels gemaͤß, ohnehin eine Neigung zu Ruͤckfaͤllen entsteht. Eben so bey den uͤbrigen Wechselfiebern, und allen jenen Krankheiten, die unter gewissen Umstaͤnden, zu einer bestimmten Zeit Ruͤckfaͤlle zu machen pflegen, wovon ich umstaͤndlich theils im 2ten Bande theils im Kap. von den Entscheidungen reden werde. Daraus ist es leicht zu beurtheilen, wie schwer die Natur von einem schon gewohnten, obwohl schaͤd- lichen lichen Verfahren abzubringen seyn muͤße. Je laͤnger diese Gewohnheit schon gedauert hat, desto mehr Ge- waltthaͤtigkeit fordert sie zu ihrer Zerstoͤrung. Aus dem Grunde mißrathen es einige Schriftsteller, sich gegen solche Gewohnheiten zu setzen. Man solle z. B. nichts unternehmen, wenn die Natur den Zeitfluß durch die Lunge zu entleeren gewoͤhnt ist. Zuverlaͤßig erfodert die Absicht, die natuͤrliche Ausleerung zu Stande zu bringen, große Behutsamkeit. Aber un- moͤglich und schlechterdings gefahrvoll ist sie nicht. Ei- nem solchen Frauenzimmer rietht Testa , um die Zeit der Reinigung ihre Lebensart ganz zu veraͤndern, und sich in eine andere Gegend, kurz, in ein ganz anderes Verhaͤltniß mit den Außendingen zu versetzen, was sie vollkommen gegen die sonst gewoͤhnliche Engbruͤstig- keit und das Blutspeyen sicher stellte. §. 108. Die Psychologen sowohl als die Aerzte wuͤrden sich manche scharfsinnige, aber ungluͤckliche Hypothese erspart haben, wenn sie mehr Achtung fuͤr die Staͤr- ke der Gewohnheit gehabt haͤtten. Die sonderbare Geschichte des Kammerdieners, wovon Tiedemann spricht, der im Schlafe den Tisch deckte, auftrug, einschenkte, die Stuͤhle in Ordnung stellte, abtrug, die Gaͤste fortbegleitete; ꝛc. die Ge- schichte des Predigers aus der Enzyklopaͤdie, welcher vom Bette aufstund, Predigten niederschrieb, sie mit vernehmlicher Stimme herablaß, und alle Ausdruͤcke, die ihm nicht anstaͤndig waren, verbesserte; fehlerhaf- te te Worte genau ausstrich, an ihre Stelle andere setz- te, und die Augen immer geschlossen hatte; — sind unstreitig groͤßtentheils aus bloßer Angewoͤhnung zu er- klaͤren, obschon man Einiges von dergleichen Erscheinun- gen auch einem geheimen Vorsatze zueignen muß. Die Macht der Gewohnheit wirkt nicht nur im Schlafe, sondern selbst noch beym Verfalle der Sin- ne. Ein Mann, der sehr fleißig studirte, wurde ploͤtz- lich von einem Schlagfluße befallen; er hatte sonst die Gewohnheit, allemal zu einer bestimmten Stunde zu schreiben; sobald jezt die Zeit kam, machte er mit der Hand und den Fingern die Bewegungen eines Schrei- benden, und trieb dieses eben so lange, als er alle- mal in gesunden Tagen geschrieben hatte. So kannte Testa auch einen neunzigjaͤhrigen Greisen, welcher noch alle Morgen und Nachmittage zu bestimmten Stunden seine gewoͤhnlichen Gebete herbetete. Ein Layenbruder war schon lange daran gewoͤhnt, zu ge- wissen Stunden mit dem Glockenschlage die Horas zu singen, und dieß that er genau zu eben der Stunde, wenn ihn auch keine Glocke daran erinnerte. Ein aͤhnliches Beyspiel hat Tiedemann von einem, der im Wahnsinn zur bestimmten Zeit die Stunden zaͤhlte, obschon er keine Glocke schlagen hoͤrte. Dieses sind nun lauter, durch oͤftere Wieder- holungen der naͤmlichen Bewegungen entstandene An- gewoͤhnungen. Auf diese Art entstand in der von Ro- senblad beschriebenen krampfhaften Epidemie nach oft wiederholten Zuckungen zuweilen eine wahre Fallsucht, welche manchmal geheilt wurde, manchmal toͤdete; oft- oftmals fuͤnfzehn und mehrere Jahre alle Jahre die Kranken elendiglich marterte. Eben so kamen bey dem Weibe, wovon van Swieten aus den medical. Essay die Geschichte anfuͤhrt, endlich des Tages 3 bis 5mal die Anfaͤlle der Fallsucht, nachdem sie zuerst nur alle Monate einen hatte. T. III. p. 450. Testa , der so vor- treffliche Bemerkungen uͤber die Gewohnheiten gemacht hat, sucht auch den Zeitfluß der Weiber bloß von der Gewohnheit herzuleiten. Aber, warum faͤngt dieser erst um das 12—20te Jahr an? warum verschwin- det er allermeist bey Schwangern und Saͤugenden? Warum hoͤrt er um das 36—50ste Jahr auf? Warum hat sich diese Gewohnheit noch nicht unter den in Ruhe und weiblichen Geschaͤften lebenden Maͤnnern des Koͤnigreiches Congou entsponnen? Wer hat den Zeitfluß bey den Weibleins der Affen eingefuͤhret? Geht nicht bey allen Saͤugthieren eine aͤhnliche Veraͤn- derung vor, ehe sie zur Begattung aufgefordert wer- den? Warum ist der periodische Gold aderfluß noch nicht weder unter den Maͤnnern noch Weibern zur Gewohnheit geworden? §. 109. Es giebt noch etwas sehr Merkwuͤrdiges in der thierischen Haushaltung, welches von den meisten mit der Gewohnheit zusammen gestellt wird, obschon aller- meist gerade das Gegentheil statt hat. Es ist keine Folge oͤfterer vorgegangener gleichmaͤßiger Bewegun- gen; gen; sondern vielmehr eines auf einmal tief gemach- ten Eindruckes; und dieses hat im Sittlichen statt, wie im Koͤrperlichen. Ein Mann, der durch das Phantasiren eines Weibes zu haͤufigen Saamenentleerungen gereizt wur- de, nahm sich fest vor, sobald ihm das Weib erschei- nen wuͤrde, aus dem Bette zu springen. Von der Zeit an weckte ihn das Bild des Weibes jedesmal vom Schlafe auf. — Man nimmt sich fest vor, morgen um eine bestimmte Stunde, die doch ganz ungewoͤhn- lich ist, aufzustehen; man schlaͤft ruhig bis zur Stun- de, wo man ohne andere Veranlassung erwachet. Tissot kannte einen Mann, der vor zwanzig Jahren in der Nacht um ein Uhr durch einen Feuer- laͤrmen aus dem Schlafe geweckt wurde, und seitdem wachte er alle Nacht um die naͤmliche Stunde auf. Ein Bauer traͤumte, eine Schlange schleiche um seinen Arm; er schlug schnell den Arm in die Hoͤ- he, um die Schlange wegzuschleudern. Von dieser Zeit an uͤberfiel ihn oft drey- bis viermal eine hefti- ge Zuckung in diesem Arme, die oft eine halbe Stun- de waͤhrte, und durch keine Gewalt gehemmt werden konnte. Swieten sah einen Mann, den ein schreckli- cher Donnerschlag vom Schlaf aufschreckte, in ein solches Zittern des ganzen Koͤrpers verfallen, daß er nicht ein einziges Glied willkuͤhrlich bewegen konnte. In diesem Zustande lebte er zwanzig Jahre. Waͤhrend dem Schlafe ließ das Zittern nach, oder wurde viel geringer. Eben so verfiel ein gesundes starkes Maͤd- chen chen aus gaͤhlinger Furcht in ein allgemeines Zittern, welches, aller Nervenmittel ungeachtet, bey der ge- ringsten Veranlassung wieder kam. T. II. §. 627. Ein anderes Maͤdchen blieb durch viele Jahre fallsuͤchtig, nachdem sie den ersten Anfall durch Kitzeln an den Fußsohlen bekommen hatte. T. III. §. 1047. Testa erzaͤhlt von einem Manne, der zur be- stimmten Zeit den Goldaderfluß hatte, und sich da- bey wohl befand. Einstmahls nahm er im Fruͤhjahre bey einem Verderbniß des Magens just zu der Zeit, da der Goldaderfluß eintrat, ein Brechmittel. Die- ses hatte die Wirkung, daß er drey ganzer Tage hin- durch schwarzes Blut wegbrach. Gegen den Herbst hin kam der Goldaderfluß wieder; mit ihm bekam der Kranke Brustbeklemmung, Schluchzen, und war dem Ersticken nahe. Kein Mittel wollte etwas helfen, bis man ihm wieder ein Brechmittel gab; und kaum hatte er dieses genommen, so brach er wieder dickes und schwarzes Blut weg, und die Krankheit war da- durch auf einmal gehoben. So oft er in der Folge gegen den Herbst und Fruͤhling hin in dem Ruͤcken und in den Lenden Schmerzen bekam, erfolgte ein Blutbrechen, worauf er bald voͤllig wieder gesund war. — Plattner hat in dem Invalidenhause zu Paris einen Offizier gesehen, welcher am rechten Fuße eine große Schußwunde gehabt hatte. Man hatte ihm bey dem ersten Verbande ein Brechmittel gegeben. Noch viele Jahre nach der Kur verspuͤrte er allzeit, so so oft er Schmerzen in dem Fuße empfand, Reigun- gen zum Brechen; und wenn er sich den Magen ver- dorben hatte, fuͤhlte er Schmerzen in dem Fuße. R. Atropo. §. 1326. Leute, die einmal eine Krankheit gehabt haben, wenn nicht eben dadurch der Koͤrper die Empfaͤnglich- keit ganz verliert, wie bey den Pocken, bekommen dieselbe aus sehr geringen Veranlassungen wieder. Zimmermann kannte einen Wundarzt, der in sechs Jahren alljaͤhrlich 2—3mal eine Entzuͤndung in dem Halse gehabt, die fast jedesmal in Eiterung uͤbergegan- gen ist. — Die Hartnaͤckigkeit und die Ruͤckfaͤlle der Wechselfieber, die große oft kaum zerstoͤhrbare Ge- neigtheit, gewisse Arten von Verunstaltungen, als: Warzen, Frostbeulen, Feigwarzen, ohne alle Ursa- che, wieder zu erzeugen, sind lauter Wirkungen eines hinterlassenen Karakters oder einer bestimmten Ein- praͤgung. — Was diese Erscheinungen noch wunderbarer macht, ist die regelmaͤßige Zeit, an welche man- che gebunden sind, und wodurch nicht nur der Zu- sammenhang des ganzen Weltalls, sondern auch wirk- liche in der Natur der Dinge gegruͤndete Zeitlaͤufte bewiesen werden. In meinem 17ten Jahre wurde mir zum ersten Male zur Ader gelaßen. Nach einem Jahr bekam ich an der Narbe ein unausstehlich kizelndes Brennen. Nachher entdeckte ich, daß es der naͤmli- che Tag war, an welchem mir zur Ader gelaßen wor- den war. Mariana Koller , die aͤltere Tochter unsers bota- botanischen Gaͤrtners und der aͤltere H. Sohn unsers be- ruͤhmten H. v. Jacquin bestrichen sich den Handruͤcken mit dem Safte des Giftsumachs ( Rhus toxicodendron. ) Sie bekamen beyde einen garstigen Ausschlag uͤber dem ganzen Koͤrper, welcher seitdem schon ins vierte Jahr, alle Jahre um die naͤmliche Zeit, aber jedesmal mit gelin- dern Zufaͤllen wieder koͤmmt. Kath. Koller eine starke Dienstmagd aus Maͤhren wurde 1787. auf Egidi Tag von einem Kutscher aus Eifersucht mit Arsenik verge- ben. Nach entsetzlichem Erbrechen bekam sie grausa- me Schmerzen in den Fußzehen. Seitdem fangen ihr alle Jahre einige Tage vor Egydy die Fuͤße zu schmerzen, und die Naͤgel der Zehen schwarz zu wer- den an. Auf Egydy aber hat sie jedesmal die heftig- sten Schmerzen, welche sich hernach mit samt der schwarz violetten Farbe wieder nach und nach verlie- ren. Joseph Gromann bekam nach einem starken Falle auf das Hinterhaupt und heftiger in grosser Hi- tze gemachten Bewegung ein ausserordentliches Kopf- weh. Man hatte das Uebel verkennt, und durch sechs Wochen eine unordentliche, verwirrte und zweck- widrige Heilart angewandt. Den 27ten August 1789 war der Schmerz auf einen so hohen Grad gestiegen, daß die Aerzte und der Kranke am Aufkommen ver- zweifelten. Ich ließ ihm Igel setzen; nachher zwey maͤßige Aderlaͤßen machen, und verordnete eine ma- gere, kuͤhle Lebensordnung, wodurch er in 14 Tagen vollkommen hergestellt wurde, und am ganzen behaar- ten Kopfe einen hoͤkerichten Ausschlag bekam. Das Jahr darauf 1790 gerade den 27ten August uͤberfiel ihn ihn der naͤmliche Schmerz der Art nach, nur war er gelinder, und ließ sich in drey Tagen durch die kuͤh- lende Lebensordnung allein heben; dennoch bekam er auch jetzt mehrere Geschwuͤrchen auf dem Kopfe. — Clerk erzaͤhlt von einer Wasserscheue, welche drey Jahre, jedesmal am naͤmlichen Tage, an dem der Kranke gebißen worden war, den Anfall wiederholte, sich mit Schmerz und Roͤthe des Theils, mit einem Jucken des ganzen Koͤrpers, und mit einem nach 4—5 Stunden erfolgten Erbrechen endigte. — Der gelehr- te Saumaise bekam in seinem 38ten Jahre zum er- sten Male, und von nun an alle Jahre das Fieber, welches ihn 7 Jahr lang jedes Mal mit Gefahr des Lebens anfiel. — Der Dichter Aulipater von Si- don bekam jederzeit an seinem Geburtstage das Fie- ber, waran er auch endlich starb. Ich uͤberlasse jedem Leser die Erklaͤrung dieser Erscheinungen. Durch Angewoͤhnungen koͤnnen sie nicht erklaͤrt werden, weil sie statt im Verlaufe der Zeit hartnaͤckiger zu werden, vielmehr nach und nach aufhoͤren; die periodische Ruͤckkehr kann ebenfalls nicht, wie Galenus glaubte, aus bloßen aͤhnlichen Veran- lassungen der Lebensordnung erklaͤrt werden, weil die Ruͤckkehr oft puͤnktlich mit dem vorigen Zeitverlauf zusammentrift, und weil in vielen Faͤllen, z. B. in den angefuͤhrten Beyspielen von Vergiftungen, von Kopfweh, von der Wasserscheue gar keine neue Ver- anlassung statt hatte. Galenus mag in jenen Krank- heiten Recht haben, welche sich einige Jahre lang um die gewoͤhnliche Zeit zu melden pflegen, wie die- ses ses z. B. bey Gall- und Faulfiebern geschieht. Die naͤmliche Lebensart, die noch vorhandene Anlage, und die Macht einer bestimmten Jahreszeit wirken ge- meinschaftlich, um die naͤmlichen Zufaͤlle zu erregen. Ein uneigennuͤtziger Arzt wird daher seinen Kranken nie verlassen, ohne ihm den Rath zu geben, um die- se gefaͤhrlichen Zeiten die angemessenen Vorbeugungs- mittel zu brauchen. — Bey Schulze, Maty, Con- dillac, Loke, Pujati, Galenus ꝛc. findet man nichts von diesen hinterlassenen Eindruͤcken. Den Seeger habe ich nicht gelesen. Das Beste, was ich weiß, hat Cesta gesagt. Die Gesetze der Vergesellschaftung der Ideen, der Gefuͤhle ꝛc. sind bekannt. Vielleicht herrscht hier ein aͤhnliches Gesetz, daß naͤmlich durch den Eintritt einer schwachen oder nur einzelnen Ursache von vielen, welche vorher gegenwaͤrtig waren, die schon gegen- waͤrtige Stimmung oder der noch geringe Ueberbleib- sel wieder in die naͤmliche Bewegung gesetzt wird. Freylich muß der Einfluß von einer Sache maͤchtiger seyn, als von der andern. Der naͤmliche Stand der Gestirne, der naͤmliche Druck der Luft, die naͤmliche Einwirkung der unbekannten Dinge, die uns umge- ben ꝛc. moͤgen zu diesen Ursachen gehoͤren. So viel ist zuverlaͤßig, daß man bey Behand- lung solcher Erscheinungen nicht nur auf den Men- schen, in wie fern er Mensch ist, sondern vorzuͤglich in wie fern er mit der Schoͤpfung zusammen haͤngt, Ruͤcksicht nehmen muß. Man muß, wie schon oben gezeigt worden ist, das Verhaͤltniß der Zeit, des Or- tes, tes, der Nahrung, der Gemuͤthsfassung ꝛc. veraͤn- dern. Es war bey einem zur Gewohnheit geworden, daß er alle Morgen Brechen bekam; kein Mittel wollte helfen, bis man ihm rietht, sich gegen Abend mit einer Feder zum Erbrechen zu reitzen, darauf blieb das Erbrechen in der Fruͤhe weg. Es war die Stimmung veraͤndert. Ein junger Mensch bekam all- zeit nach der Malzeit Zuckungen und Aengstlichkeiten; schon hatte er Jahre lang diese uͤblen Zufaͤlle erlitten, als er in Ansehung des Tisches ganz von seiner bishe- rigen Gewohnheit abwich, und sich hierdurch auf ein- mal vollkommen davon befreyete. Testa S. 189 — 203. Dieses ist auch eine von den Ursachen, warum ein gespannter Gemuͤthszustand, eine heftige Gemuͤths- erschuͤtterung, eine Ueberraschung, eine Taͤuschung durch Verwechslung der Tage oder der Stunden, Zerstreuung nach Gesundbrunnen, Reisen u. d. gl. so auffallende Wirkungen hervorbringen. Vom Instinkte. §. 110. Ein sehr allgemeines Hilfsmittel der Natur ist jener unwiderstehliche, weder vom Willen, noch von der Einbildungskraft, noch von vorgefaßten Be- griffen abhaͤngige Drang, etwas Bestimmtes zu thun oder zu lassen, den man Instinkt heißet. Dieser Na- turtrieb hat sehr viele Schriftsteller beschaͤftigt; aber alle haben zu wenig davon gesagt, weßwegen alle ein- seitig geworden sind. Indessen ist er die Stimme der Natur, Natur, und es ist sehr wichtig zu untersuchen, in wie- sern diese gehoͤrt zu werden verdiene. §. 111. Die Bewohner der mittaͤglichen und der mitter- naͤchtlichen Gegenden lieben sehr die stark berauschenden und geistigen Getraͤnke. Der Aethiope und der Groͤn- laͤnder verschaffen sich dadurch eine staͤrkere Ausduͤn- stung, welche beyden sehr nuͤtzlich ist. Franklin machte in den amerikanischen Kolonien, besonders un- ter den Sklaven die Beobachtung, daß diejenigen, welche das Feld bauen, oder immer unter freyem Him- mel jagen, auf keine andere Art den gefaͤhrlichsten Krank- heiten und oft einem ploͤtzlichen Tode entgehen koͤnnen. Fehlt es den Aegyptiern, Persern und Arabern am Mohnsafte, so ersetzen sie ihn durch hitzige Getraͤnke. Nebstdem salben die Bewohner der heißen Erdstriche ihre Leiber mit Oel, vielleicht um sich gegen die aus- trocknenden Sonnenstrahlen, gegen die Einsaugung der haͤufigen boͤsen Ausduͤnstungen, und gegen die Stiche der giftigen Insekten, deren es bey ihnen sehr viele gibt, zu schuͤtzen. In den noͤrdlichen Gegen- den sind besonders Ausschlagskrankheiten, als Pocken sehr gefaͤhrlich, weil sie wegen der allzugrossen Dicke der Saͤfte fast gar nicht zum Ausbruche kommen koͤnnen. Deßwegen lieben diese Voͤlker vorzuͤglich bittere Dinge, Pfeffer, weil diese den zaͤhen, rotzi- gen Schleim am besten zertheilen. Ihre straffen Fa- sern erweichen sie durch fette Speisen, und den Thran der Fische, welche ihr allermeister Genuß sind. Gall I. Band. T t Die Die mittaͤglichen Voͤlker hingegen verbessern die gal- lichte, erhoͤhte, scharfe, aufbrausende Beschaffenheit ihrer Saͤfte durch das Mark aller Obstarten, das sie mit Zucker einmachen, durch saͤuerlichte, angeneh- me, herbe Fruͤchten und Getraͤnke. Die Bewohner des neblichten Englandes lieben den Punsch und das Tabackrauchen; unsere muͤßigen Frauen die suͤßen Weine und den Kaffee, wodurch einigermaßen ersetzt wird, was ihnen an Bewegung abgeht. Kinder stre- ben nach Bewegung, und alte Leute nach Ruhe ꝛc. In den Gall- und Faul fiebern verabscheuen die Kranken alle thierische Kost; der Genuß, ja der An- blick derselben macht ihnen Eckel und Erbrechen. Sie verlangen saͤuerlichte Getraͤnke, saure Nahrung; Zi- tronen, Pomeranzen, Essig ꝛc. Sehr viele bitten um den Zeitpunkt, wo ihnen die untere Lippe zittert, um ein Brechmittel, welches man zu jeder Zeit der Krankheit bey diesen Umstaͤnden geben sollte. Andere verlangen Abfuͤhrungsmittel, wo dann allermeist ein loser, beweglicher Unrath vorhanden seyn wird. In der grossen Schwaͤche der Faulfieber, wo die Kran- ken sich gegenwaͤrtig sind, verlangen sie Wein, der auch wirklich allen andern aufweckenden Herzstaͤrkun- gen vorzuziehen ist, besonders wenn die Krankheit schon lange gedauert hat, wenn die Stimme schwach oder verloren und die Zunge feucht ist, der Kranke keinen heftigen Durst hat; oder wenn, obschon die Zunge trocken ist, er ihn doch mit Vergnuͤgen trinkt, und von Neuem verlangt. In dem Falle hingegen, wo er diesen Kranken schaͤdlich ist, ist er ihnen auch gleich- gleichguͤltig, oder sie sind vielmehr abgeneigt dagegen. Wenn sich das Kerker- und Lazarethfieber in die Laͤn- ge zieht, mit einer langsamen und leisen Stimme, so haben die Kranken ein sonderbares Verlangen nach herzstaͤrkenden Sachen, und nichts ist ihnen so ange- nehm und kraͤftig, als der Wein. In Gall-Faul- und Nervenfiebern sehnen sich die Kranken sehr oft nach kaltem, eißkaltem Wasser, nach frischer Luft: Dinge die man nur bey sehr wichtigen Gegenanzeigen versa- gen sollte. Diejenigen, so einen kritischen Schweiß bekommen, spuͤren, sobald dieser anfaͤngt, bey der geringsten Beruͤhrung der freyen Luft, einen unange- nehmen, uͤber den ganzen Koͤrper laufenden Schauer, weßwegen sie sich selbst von allen Seiten aufs sorgfaͤl- tigste zudecken. Man verabscheut das Licht, das Ge- toͤse, je nachdem die Reitzbarkeit der Augen oder der Ohren uͤberspannt ist. In einer allgemeinen Haut- wassefrucht geluͤstete Resling bey Clerc nach der Frucht des Johannesbrodbaums ( siliqua dulcis ). Er aß im Anfang nur wenig; der Harn gieng haͤufiger; er aß mehr, und der Harn gieng von Tag zu Tag noch haͤufiger, so daß bald die ganze Geschwulst ge- fallen war. — Es giebt wenige Mittel, welche die ausgedehnten Saͤfte und die erschlappten Gefaͤße bes- ser zusammen ziehen, als das kalte Wasser. Floyer erzaͤhlt von einer Frau, welche von einem Fieber mit Wahnsinn befallen war, und die sich in einen Brun- nen warf; sie erhielt gleich Erleichterung, und war bald geheilt. Eine andere sprang in der Raserey des heftigsten Fiebers in die Themse; sie wurde heraus- T t 2 ge- gezogen, und war geheilt. Ein Rechtsgelehrter sprang in einem heftigen Fieber wahnsinnig in einen Trog Wasser; der Aufenthalt von einer halben Stunde gab ihm seinen Verstand wieder, und die Hitze und der Durst, welche ihn verzehrten, verloren sich. Floyer versichert, nie eine uͤble Wirkung davon gesehen zu haben, wenn Wahnsinnige in kaltes Wasser gesprun- gen sind. Zuverlaͤßig ist in diesen Faͤllen, wenn es auch nicht gerade Wahnsinn oder Raserey ist, und kei- ne wichtige Gegenanzeige, als innere Entzuͤndung ꝛc. statt hat, das kalte Baad das wirksamste Mittel. Jener Tuͤrke, den seine Kameraden in der Raserey eines hitzigen Fiebers in die Themse tauchten, wurde mit seinem voͤlligen Verstande zuruͤckgefuͤhrt, und be- fand sich den andern Tag vollkommen wohl. — Was fuͤr Absichten mag wohl die Natur bey jenen Kran- ken haben, welche alles, Gewalt und List anwenden, um zu entfliehen, und die wir, gewiß oft zum Nach- theile, auf ihr Lager befestigen? Es ist nichts ge- ringes, einem Menschen, dessen verabscheuenden und annaͤhrenden Begierden ohnehin uͤberspannt sind, alle Willkuͤhr in Dingen zu benehmen, deren Daseyn und Beduͤrfniß er so lebhaft empfindet. Man weiß, wie wohlthaͤtig die freye Luft auf dergleichen Kranke wirkt; daß sich die Soldaten oder andere Kranken, wenn sie von einem Orte zum andern uͤberbracht wer- den, gewoͤhnlich auf dem Weege weit besser befinden, als in den Spitaͤlern und Lazarethen. — Zwey Moͤnche hatten Wasserschierling genossen, und fuͤhlten davon einen heftigen Durst, und heftige innerliche Hitze. Der Der eine stuͤrzte sich in einen nahen Pful, weil er glaubte, er waͤre in eine Ganse verwandelt; der an- dere zerriß seine Kleider, suchte einen Fluß, um sei- nen innerlichen Brand zu loͤschen, weil er zur Ente ge- worden waͤre, und ohne Wasser nicht leben koͤnnte. Wepfer de Ciouta aquatica. Ohne Zweifel waͤre das Anschuͤtten oder Baaden mit kaltem Wasser die beste Kurart fuͤr die Wirkungen der betaͤubenden Gifte und der aufwallenden Saͤfte. Die bleichsuͤchtigen Maͤdchen, die schwangern Frauen werden oft aufs gewaltthaͤtigste von den sonderbarsten Geluͤsten hingerissen; der Mangel an Befriedigung macht sie kleinmuͤthig, muͤrrisch, abgeschlagen; manch- mal schadet er ihnen auf andere Arten. Hingegen er- tragen sie die unverdaulichsten, seltsamsten, eckelhaf- testen Dinge, und befinden sich wohl und vergnuͤgt dabey. Allermeist sind ihre Begierden von der Art, daß dadurch ihre rohen, zaͤhen, rotzigen, schleimich- ten Saͤfte zertheilt und ausgeleert, oder besser ver- dauet werden, z. B. wenn sie Pfeffer, Kalkerden, Asche, Salzen, stinkenden Kaͤß, Haͤringe, thierische Auswuͤrfe, Wurzeln, saͤuerlichte Obstfruͤchten, schar- fe Pflanzen u. d. gl. verschlingen. Eben so sehnen sich fast alle Hypochondern nach scharfen Pflanzen, nach ge- salzenem, geraͤuchertem Fleische, nach Haͤringen ꝛc: lauter Dinge, die ihnen der vernuͤnftige Arzt ohnehin nur selten nicht anempfehlen sollte. Die hysterischen Frauen lieben scharfe Geruͤche, stinkende, fluͤchtige, durchdringende Geister und Rauchwerke; manche tra- gen Kampfer, verfaulte Stuͤcke Leder ꝛc. bey sich, ob- obschon sie eben diesen Dingen ihr Uebel zuschreiben. — So wie die Natur nach Verschiedenheit des Krank- heitsstoffes im naͤmlichen Menschen verschiedene Fie- ber erregt, so erregt sie auch nach eben der Ver- schiedenheit verschiedene Begierden. Mein Freund Verrier hatte in einem hypochondrischen Uebel bald zu Essig, bald zu Wein, bald zu Wasser, Fleisch, Mehlspeisen, Kaͤse, schwarzem Brode, Schinken ꝛc. die abwechselndsten Geluͤsten; so oft er sie befriedigte, befand er sich wohl; that er hingegen das Gegentheil, so bekam es ihm Uebel. Aus der Art der Begierden konnte er die Art seiner Ausleerungen, des Stuhles und Harnes voraus bestimmen. — Die Soldaten im Felde, die Kinder lieben ausserordentlich die Mehl- speisen, welche bey Arbeit und Bewegung die beste Nahrung sind. — Die Wassersuͤchtigen lechzen nach Getraͤnken, welche man ihnen ehemals zum groͤsten Nachtheile versagt hat. — Die Melancholischen ha- ben oft einen unwiderstehlichen Trieb, etwas zu thun, was ohne heftige Schmerzen nicht geschehen kann, die sie mit unbegreiflicher Geduld ertragen. Der Schmerz kann nicht nur die auf den innern Werkzeu- gen abgelagerte Krankheitsmaterie herauslocken, son- dern auch als Gegenreitz die Reitzbarkeit der feinern, innern Theile aufheben. — Die Aussaͤtzigen suchen mit Tollkuͤhnheit den Beyschlaf, den Galenus als das gewisseste Mittel anempfiehlt. — Im Fieberfrost suchen die Kranken die Bettwaͤrme oder die Sonne. — Selbst der Selbstmord hat das Ende aller Lei- den zur Absicht. — Auch die Thiere, diese unbesto- chenen chenen Lehrmeister des Menschen, befolgen ihre In- stinkte. “Im Schauder, sagt Wolstein vermeiden sie den Zug der Luft, der Winde; sie suchen sich Oer- ter, sie waͤhlen sich Plaͤtze, die ihr Leben erwaͤrmen, die sanft, die wohlthaͤtig fuͤr ihr Gefuͤhl, fuͤr ihre Empfindungen sind. — Ist der Schauder oder die Kaͤlte voruͤber, dann verlassen sie diese Plaͤtze; dann weichen sie der Sonne, der Hitze, der Waͤrme aus, dann suchen sie rauhe, dunkle, kuͤhle oder finstere Oerter, Schatten und Luft; dann stellen sie ihre Na- sen dem Zuge der Winde entgegen. — In allen die- sen, und in allen andern Faͤllen sind die sich selbst uͤber- lassenen Thiere den Vorschriften der Natur so treu, so ganz ergeben, als sich selbst; sie folgen ihnen so lange, als ihre Kraͤfte dauern, als ihre natuͤrlichen Verrichtungen ihre Glieder bewegen koͤnnen.„ Sie fasten wenn ihre Daukraͤfte verdorben sind; der ver- stopfte Hund kauet das Hundsgraß ꝛc. §. 112. Sollte man jetzt nicht geneigt seyn, den Instinkt als einen sichern Weegweiser anzusehen? Auch hat er sich in der That unter den groͤsten Aerzten viele Achtung erworben. Van Swieten ermahnet die Aerzte, aufmerksam darauf zu seyn; denn, sagt er, die Begierden der Kranken sind oft wunderbare Be- strebungen der Natur, die Krankheiten zu besiegen, und sie uͤbertreffen nicht selten alle Bemuͤhungen der Heilkunde. Schon Hippokrates zog die den Kranken an- genehmern, obschon minder heilsamen Speisen und Ge- Getraͤnke den heilsamern, aber unangenehmern vor. “Man findet sehr haͤufig, sagt Sydenham , daß eine Speise, nach welcher den Kranken geluͤstete, ob sie gleich schwer zu verdauen ist, doch weit besser von dem Magen, als eine solche Speise verdaut wird, gegen welche der Magen einen Eckel hat, ob man sie schon im uͤbrigen als eine solche ansieht, die weit leich- ter, als die erste, zu verdauen ist.„ Nur soll man sich der unverdaulichen Nahrungsmitteln sparsamer bedienen. Der ungemeine Nutzen der freyen Luft in den Blattern, wobey sich die Kranken gleichsam aufs Neue belebt empfinden; brachte ihn auf den Gedan- ken, daß uns die Vernunft weit oͤfter, als die Sin- ne, hintergehen, und daß man mehr Ruͤcksicht auf die heftigen Begierden der Kranken, wenn sie nur nicht gar zweckwidrig sind, und gerade zu schaͤdliche Dinge betreffen, als auf die ungewissen Regeln der Heilkun- de nehmen muͤsse. “Ein Kranker zum Beyspiel, sagt er, der ein hitziges Gallfieber hat, wird drin- gend um ein kuͤhlendes Getraͤnk bitten; ein Arzt aber, mit dessen Meinung sich dieses Verfahren nicht reimt, wird ihm ein hitzendes Getraͤnke aufdeingen Der naͤmliche Kranke verabscheuet alle Nahrung, und will nichts, als ein angenehmes Getraͤnk; aber ge- wiße Aerzte und vorzuͤglich Weiber werden hartnaͤ- ckig behaupten, daß man ihm zu essen geben muͤße. — Ein anderer Kranke, den ein hitziges Fieber sehr erschoͤpft hat, wird sehnlichst etwas verlangen, was an sich ungereimt ist, und schaͤdlich scheint; ein un- wissender Arzt wird es ihm unbarmherziger Weise unter unter dem Vorwande, daß es ihn toͤdten wuͤrde, ver- sagen. Indessen muß doch ein erfahrner und aufmerk- samer Arzt gestehen, daß sich mehrere Kranke vortreff- lich dabey befunden haben, wenn sie mehr ihre Neigung als die Anordnungen ihres Arztes befolgten. — Man bedenke nur, daß sehr viele hitzige Krankheiten von selbst einen gluͤcklichen Ausgang gewinnen, so wird dieses Niemand mehr befremden; denn die damit ver- bundenen Begierden schuͤtzen den Kranken gegen die schaͤdlichen Unternehmungen einer uͤbel verstandenen Kunst, und fuͤhren ihn unfehlbar auf den rechten Weeg. Der Instinkt ist also ein Gluͤck fuͤr die Menschen, in- dem er ihnen den gaͤnzlichen Mangel der Heilkunde ersetzt.„ Diss. de Variol. confluent. Es wird keinem Arzte an Beyspielen fehlen, welche die Wahrheit dieser Behauptungen bestaͤttigen. Ich kenne mehrere, denen ein gutes Glas Wein das Leben gerettet hat, nachdem es ihnen von den Aerz- ten abgesprochen, und der Wein bey Todesgefahr ver- boten war u. s. w. Es ist daher kein Zweifel, daß die Instinkte unter die Anstalten gehoͤren, wodurch die Natur fuͤr die Erhaltung der Gesundheit und die Besiegung der Krankheiten sorgen wollte. §. 113. Aber, giebt es in der Natur ein einziges Ding, das nicht unter gewissen Umstaͤnden schaͤdlich seyn koͤnn- te? — Ich fuͤrchte, diese leidige Nothwendigkeit werde auch auch beym Instinkte statt haben. — Die Instinkte ganzer Voͤlker sind uͤberhaupt aͤußerst schwer zu beur- theilen; man weiß nicht, ob gefuͤhltes Beduͤrfniß, Ueberlieferung, Gewohnheit, Nothwendigkeit, Ge- setzgebung, Religion, Erfahrung oder Vorurtheil den groͤßten Einfluß darauf haben; ob eben die Ursachen welche Krankheiten von einer Art abwenden, nicht Krankheiten von einer andern Art veranlassen. So z. B. wohnen die pohlnischen und lithauer Juden in niedrigen feuchten Orten, und sie saufen haͤufig den Brandtwein, wie die ungarischen Hirten. Dadurch werden zwar ihre schwammigen Koͤrper fester gemacht, und gegen die uͤblen Eindruͤcke der Sumpfluft einiger- massen geschuͤtzet; allein dafuͤr bekommen sie die Gicht, das Podagra, den Weichselzopf, die schrecklichen Verknorplungen der haͤutigen Eingeweide, die so ge- nannte Schaͤferkrankheit. Die Krankheiten aller Voͤl- ker geben hievon Beweise ab. — In Lungenentzuͤn- dungen sehnen sich die meisten nach kaltem Wasser; und dennoch wissen wir, daß so oft toͤdliche Eiterungen auf dieses Verfahren folgen. Lungensuͤchtige, Leute, deren Saͤfte sehr scharf sind, Kinder, welche Wuͤrmer oder Schaͤrfe haben, erschoͤpfte Buhler und Buhlerin- nen, die kraͤtzigen Neger, die Tripperpatienten, die Selbstbeflecker haben alle einen heftigen Antrieb zum Beyschlafe oder zu gewaltsamen Saamenentleerun- gen, ohne daß man deßwegen je die Heilung dieser Uebel davon erwartet haͤtte. Schlechtbeschaffene Frau- enzimmer, deren schlappen Eingeweide von Saͤure strotzen, lieben die Saͤuren oft ganz unsinnig; andere, deren deren Saͤfte sehr scharf sind, verlangen nichts als Fleischspeisen, wie dieses oͤfters schon bey Kindern noch lange ehe sie Zaͤhne haben, der Fall ist. — In der von Rosenblad beschriebenen mit Zuckungen und Kraͤm- pfen begleiteten Volkskrankheit hatten die Kranken durchaus einen beschwerlichen, unersaͤttlichen, wider- natuͤrlichen Hunger. Indessen hat doch die Uebermaͤs- sigkeit im Essen oft Ruͤckfaͤlle zuwegen gebracht, und die Heilung der Krankheit erschwert. Abh. d. schwedisch. Aerzte 1 Thl. S. 60—57. Die Hypo- chondern werden oft von der unersaͤttlichsten Eßbegier- de geplagt, deren Befriedigung die unausstehlichste Bangigkeit, Blaͤhungen ꝛc. zur Folge hat. Die Me- lancholischen suchen die Einsamkeit, wo sie dem Ge- genstande der Krankheit noch mehr nachhaͤngen, und sie verschlimmern. Noch einen Angenblick vor dem To- denkampfe haben manche, besonders, die innere Ei- terungen haben, eine ungewoͤhnliche Eßlust. Sie es- sen zwar mit Begierde; muͤßen es aber alsobald wie- der durch ein schmerzhaftes Erbrechen von sich geben. Eben dieses sah ich bey einem Kinde, welches von zu- ruͤckgetretener Blattermaterie irre war. Wie oft hat man in andern Krankheiten einen unertraͤglichen Hun- ger; alles was man sieht oder sich vorstellt, moͤgte man verzehren; und bringt man’s an den Mund, so ist man satt; zwingt man sich, so wird man davon beschwert. — Wenn bey Wassersuͤchtigen die Schaͤrfe schon auf einen sehr hohen Grad gestiegen ist, so daß sie nimmer verbessert werden kann, so beschleunigt das Trin- Trinken den Tod, weil es die schaͤrfsten Theile in Be- wegung setzt, wodurch in verschiedenen Gefaͤsen und Eingeweiden der Brand verursacht wird; auch in je- nen Wassersuchten, die von zerrissenen Lymphengefaͤsen herkommen, kann das viele Trinken nichts, als scha- den; und doch duͤrsten da die Kranken nicht weniger, als wo ihnen Getraͤnke heilsam sind. — In Vogels Beobachtungen 16 Beob. bekam der Kranke, noch- dem er wegen der Darmgicht ( Miserere ) ausser Ge- fahr war, den zweyten Tag eine starke Lust zu einer sauren Kirschsuppe, wozu ihn vorzuͤglich ein heftiger Durst reitzte. Er aß sie ohne Wissen des Arztes mit Zitronensaft, und starb nach zwey Stunden an Ent- zuͤndung und Zusamenschnuͤrung der Gedaͤrmen un- ter den heftigsten, konvulsivischen Kolikschmerzen. Die Tobsuͤchtigen trinken wenig; man mußte des De- alkes Frau daran erinnern und dazu noͤthigen. So muß man auch die an Nervenkrankheiten darnieder- liegenden hie und da zum Essen noͤthigen, damit sie nicht gaͤnzlich von Kraͤften kommen. Der Handels- mann im 9ten Falle bey Perfekt aͤußerte gegen die Nahrung und alle Speisen eine solche Abneigung, daß es schwer war, ihm nur das zur Erhaltung des Le- bens Nothwendige beyzubringen. Ein alter wahnsin- niger Offizier nahm 46 Tage nicht die geringste Spei- se zu sich, und die letzten acht Tage trank er auch nichts mehr; hingegen wurde ihm das Gesicht und der ganze Koͤrper sehr schwach, und er gab von der Zeit, als er zu fasten anfieng, einen abscheulichen a aßhaften Geruch von sich. Eine sehr duͤnne Huͤhner- bruͤ- bruͤhe, die man ihm die letzten Tage eingoß, ver- ursachte ihm Erbrechen. Auf einmal bekam er durch den Anblick eines Maͤdchens, das ein Stuͤck Brod mit Kaͤse in der Hand hielt, heftige Begierde nach Brod und festen Speisen, die ihm wahrscheinlich nicht so gleich wuͤrden gut bekommen seyn. Pringle a. a. O. Verschleim~te, fette Leute sind den Bewegungen und der Arbeit sehr abge- neigt, obschon diese ihnen sehr dienlich waͤren. So war es auch Persects dritter Kranke, bey dessen Hei- lung doch diese Bewegung in freyer Luft eine Haupt- sache seyn mußte. Der Soldat bey Pringle , in des- sen Gehirn ein Absceß von der Groͤße eines Eyes ge- funden wurde, wollte einige Tage vor seinem Tode nichts als kaltes Wasser trinken. Zu was haͤtte ihm das helfen koͤnnen! Zwey Reuter wurden ploͤtzlich mit Raserey befallen, und stuͤrzten sich von ihren Pfer- den ins Wasser, weil sie glaubten, sie muͤßten nach ihren Quartieren schwimmen. Die Rasenden, wo- von Diemerbroͤck erzaͤhlt, liefen herum, und schlu- gen alle, die ihnen begegneten; die meisten starben den 5ten oder 6ten Tag. Pringle a. a. O. — Wenn Verruͤckte un- ablaͤßlich eine gewisse Zahl zaͤhlen, auf dem Spalte zweyer Dielen auf und ab gehen: was soll dieser in- nere Antrieb heißen? — So viel mag genug seyn, um zu zeigen, daß es auch einen unnuͤtzen und schaͤd- lichen Instinkt gibt, und folglich nicht jeder blind- lings befolgt werden darf. §. 114. §. 114. Wie unterscheiden sich aber der unnuͤtze und der schaͤdliche vom heilsamen? — Freylich waͤre es kein ge- ringer Vortheil, wenn man ein Merkmal festsetzen koͤnnte, woraus sich mit einiger Gewißheit erkennen ließ, wo man den Begierden des Kranken nachgeben, oder sie verwerfen muͤsse. Allein ich bin’s uͤberzeugt, daß wir noch viel weiter davon entfernt sind, als man glaubt. — Sims will aus Erfahrungen behaup- ten, daß man diesem Verlangen vor der Abnahme der Krankheit niemals wiederstehen duͤrfe; hingegen seye es bedenklich nach der Nachlassung, und sobald sich eine Veraͤnderung zur Besserung eingestellt habe, besonders, wenn sich der Puls dem natuͤrlichen naͤ- hert, es seye denn, daß das Verlangen ausserordent- lich heftig sey, und der Kranke bey der verweigerten Erfuͤllung desselben den Muth zu verlieren scheine. Er versichert, daß fuͤnfzig unter solchen aufkommen fuͤr einen, der stirbt. Vogel sucht dieses in seinem Handb. d. prakt. Arz. also zu erklaͤren: „Je mehr sich der Kranke seiner bewußt ist, je mehr Lebhaftigkeit die Empfindungen seines Magens nach gebrochener Krankheit wieder erhalten, und je emsiger die Natur nun sucht, den Verlust der Kraͤfte, der festen und fluͤssigen Theile baldigst wieder zu ersetzen; desto leich- ter wird der Patient, bey der grossen Wahl von Speisen und Getraͤnken, auf Dinge, und vielmals auf diejenigen besonders verfallen, die er in gesunden Tagen am liebsten genaß, welche nun aber der Schwach- heit seiner Danungskraͤfte, der Reitzbarkeit seines Ma- Magens u. s. w. nicht angemessen seyn koͤnnen, wo- durch folglich zu vielerley Beschwerden und Ruͤckfaͤl- len Anlaß gegeben wird. Ganz anders verhaͤlt sich hingegen die Sache, wo in dem Laufe und auf der Hoͤhe der Krankheit bey fehlenden Ursachen einer na- tuͤrlichen Eßlust, und bey einem Widerwillen gegen alle uͤbrigen dem Kranken sonst angenehme Speisen und Getraͤnke, ein besonders ausgezeichnetes Verlangen zu irgend etwas dieser Art entsteht, zumahl zu Din- gen, die ihm sonst und in gesunden Tagen zuwieder waren. Hier faͤllt aller Verdacht einer den geheimen Trieben seiner hilfbegierigen Natur nicht entsprechen- den Luͤsternheit weg, und man darf hoͤchst wahrschein- lich vermuthen, daß dieser Appetit, dieses Verlan- gen eine wahre Kuranzeige sey, deren vernuͤnftig ge- leitete Befriedigung zum wahren Heil des Kranken gereichen werde.„ Clerc , um zu erfahren, ob die Geluͤsten der Kranken nur Luͤsternheit, oder wahrer Instinkt sind, reicht ihnen anfaͤnglich alles, was sie verlangen. War es Einbildung, sagt er, so werfen sie es gleich wie- der weg, sobald sie es versucht haben; war es aber ein wahres Beduͤrfniß der Natur, so essen sie es mit der groͤsten Lust. Er will von diesem Verfahren nie uͤble Folgen gesehen haben. Alle diese Pruͤfungsmittel haben den Fehler, daß sie sich nur auf jene Begierden, welche Speiß und Trank betreffen, einschraͤnken. Aber, außer dem, daß sie auch da nicht Probe halten, giebt es noch so viele andere Dinge, welche die Ab- und Zuneigung der der Kranken in die lebhafteste Thaͤtigkeit versetzen, und auf welche folglich ein jedes gutes Pruͤfungsmit- tel ebenfalls passen muͤste. Auch im gesunden Zustan- de, und in langwierigen Krankheiten, in der Wie- dergenesung der hitzigen giebt es heilsame und schaͤd- liche Instinkte, welche nach der Simsischen Methode auf keine Weise unterschieden werden koͤnnen. Sims fuͤhrt selbst Beyspiele an, wo Instinkte unter seinen Bedingnißen fruchtlos waren. Tissot erzaͤhlt von einem Kranken, der im Anfang der Krankheit schwar- ze Galle brach, und noch einige Stunden vor seinem Tode faselnd und mit Heftigkeit eine Aderlaͤß verlang- te, die ihm ein Bartscheerer machte. Gleich darauf verfiel er in die heftigste Hirnwuth, welcher bald ein gaͤher Tod folgte. Die Klara Sied verlangte auf der hoͤchsten Stufe der Krankheit, wo sie ganz aus- ser sich war, nicht nur ein Messer, um den Magen aufzureissen, sondern auch dringend und hartnaͤckig ei- ne Aderlaͤße, die ihr gewiß den Tod gebracht haͤtte. — Der Kranke S. 329 als er in tiefer Betaͤubung lag, verlangte Tokaierwein, den er sonst nicht ertra- gen konnte. Er trank und ertrug ihn in großer Men- ge; kam auch wirklich zu sich. In dem letzten Ruͤck- falle verstund man aus seinen Gebehrden, daß er sich nach Obst sehnte; man stellte ihm alle Gattungen vor; nach den Pfirsichen streckte er eiligst, wie ein Kind, beyde Arme aus, machte die ruͤhrendesten Be- wegungen eines bittenden, und bebte vor Begierde; er aß mit unbeschreiblicher Freude, wie ein verhun- gertes Thier; schaute immer um sich her, ob wohl hin- hinlaͤnglich da seyn werden, seine ganze Lust zu befrie- digen; man gab ihm freylich nicht zu viel auf ein- mal; es aͤusserte sich keine Verschlimmerung; aber die Krankheit gieng ihren traurigen Gang fort, und er starb nach zwey Tagen. — Vogels Kranker aß die Kirschsuppe mit Lust auf; sie verursachte ihm den Tod. — Durch diese und die in den zwey vorigen Paragraphen angefuͤhrten Geschichten wird das Simsische und Klerkische Pruͤfungsmittel, obschon beyde in manchen Faͤllen sehr brauchbar bleiben, dennoch als unzuver- laͤßig und oft unsicher dargethan. §. 115. Ich halte den Instinkt fuͤr eine Eigenschaft der ganzen organischen Natur. Wir sehen ihn in den Pflanzen, in den Thieren und im Menschen. Er er- haͤlt nach Verschiedenheit des Subjektes und der Aeu- ßerung schiedene Namen, als: Neigung, Trieb, Zuneigung, Instinkt u. s. w. Er ist folglich den naͤmlichen Gesetzen unterworfen, welchen jeder beson- dere Organismus unter seinen verschiedenen Abaͤnde- rungen unterworfen ist. Wenn die in dem thierischen Organismus vereinigten und wirkenden Kraͤfte zur Erhaltung desselben abzielen, und zureichend sind, so ist der dadurch bewirkte Instinkt heilsam; wirken die- se hingegen verwirrt, zweckwidrig, irrig, traͤg, uͤber- maͤßig, zum Untergang, so ist auch der Instinkt nichts anders, als ein verwirrtes, zweckwidriges, irriges, traͤges, uͤbermaͤßiges, schaͤdliches Bemuͤhen der thie- rischen Natur, gerade so, wie es unter diesen Um- Gall I. Band U u staͤn- staͤnden alle ihre uͤbrigen Hilfsmittel, das Fieber, die Entscheidungen, die Entwicklung, der Reitz, die Mit- leidung, die Gewohnheit ꝛc., wie es alle Zufaͤlle sind, wenn sie von gehemmten, irrigen oder uͤbermaͤßig verstaͤrkten Bewegungen der thierischen Haushaltung erregt werden. Je geschmeidiger der Organismus ist, desto betraͤchtlichere Veraͤnderungen des Instinktes hat man zu erwarten. Veredelter oder herabgewuͤrdigter Bau der feinern Werkzeuge, Uebung oder Mangel an Ue- bung, Freyheit oder Sklaverey, Ueberfluß oder Man- gel, gesellschaftliches oder einsames Leben u. d. gl. koͤnnen den Instinkt veraͤndern, verfeinern oder ab- stumpfen, wobey er meistentheils mit den Beduͤrfni- ßen in ziemlichem Verhaͤltnisse stehen wird. So, sagt Wolstein , folgen nur die sich selbst uͤberlassenen Thiere ihren Instinkten, nicht die zahmen, die an Staͤlle gewoͤhnten; diese sind dumm, haben einen verwisch- ten Instinkt; sie bleiben im Stalle, im Stande, sie bleiben auf dem gewoͤhnten Flecke stehen, bis man sie davon verjagt.„ Das wilde Thier, unterscheidet die heilsamen und schaͤdlichen Kraͤuter, wozu die stumpfern Sinne unserer Hausthiere sehr oft nimmer hinreichen. Beym Menschen, den die Vortheile des gesellschaft- lichen Lebens, die Entwicklung der Vernunft, ange- woͤhnte gleichsam zur Natur gewordene Gefuͤhle und Vorstellungen der Leitung der Sinne beynahe ganz entziehen, ist der Instinkt nothwendiger Weise am allermeisten verwischt, und groͤstentheils entbehrlich. Die veranlassenden Ursachen desselben sind hier nicht allein allein Beduͤrfniß der Natur; sondern Anerbung, Ge- wohnheit, Luͤsternheit, Furchtsamkeit, Hoffnung, Vorurtheile, Beyspiel u. s. w. durchkreuzen sich viel- faͤltig, und wirken zusammen, um eine mehr oder we- niger bestimmte, mehr oder weniger heftige Begier- de zu erregen. So wie der vormalige Seelenzustand auf die Traͤume, die Faseleyen und die Verruͤckungen Einfluß hat, 1 Kap. §. 45. so hat er es auch auf die Entste- hung und die Natur der Begierden, die Krankheit sey noch so heftig, und der Kranke werde noch so un- widerstehlich davon fortgeschleppt. Freylich geschieht dieses oft auf eine so geheime Weise, daß man kaum etwas davon vermuthen kann. Ferner werden zuverlaͤßig die Geluͤste sehr oft durch bloße Vergesellschaftung der Ideen bestimmt; z. B. einem Kranken, dessen Nerven in einem wider- natuͤrlichen Zustande sind; in dessen Innerstem ein wirkliches Beduͤrfniß statt hat, koͤmmt etwas vor die innern oder aͤußern Sinne, was ihm eine angenehme Empfindung erregt: Alsogleich wird sich seine Begier- de darauf fest heften, als auf einen Gegenstand, der das vorhandene Beduͤrfniß erleichtern oder befriedigen kann. Jeder andere, nur nicht von einem geradezu unangenehmen Eindruck begleitete Gegenstand wuͤrde die naͤmliche Wirkung gemacht haben. Oft kann der Gegenstand des Instinktes gut ge- wesen seyn; man befriedigte ihn aber zu wenig, als daß er die wohlthaͤtige Wirkung haͤtte thun koͤnnen; oder man that zu viel, woraus Nachtheil entstund. U u 2 Bey Bey den durch den Instinkt bewirkten Kuren hat man zu untersuchen, ob die Genesung eine Wir- kung des Instinktes, oder der Instinkt eine Wirkung der anfangenden Genesung, der vermehrten Absonde- rung des Speichels und Magensaftes, der verstaͤrkten Daukraͤfte ꝛc. gewesen seye. Dieses scheint in der vom Jahr 1673 von Sydenham beschriebenen Epi- demie der Fall gewesen zu seyn, in welcher das er- ste Zeichen der Genesung eine unmaͤßige Lust war, etwas Sonderbares zu essen oder zu trinken. Den strengsten Beweiß endlich, daß die hef- tigsten, unwiderstehlichsten, nicht im geringsten von der Einbildungskraft abhaͤngigen Begierden oft nur hoͤchst unordentliche, und nachtheilige Bestrebungen seyen, haben wir an dem Triebe zum Selbstmord und an der Wasserscheue. Es sind beyde ein Hoͤllen- kampf zwischen den widersprechendsten Begierden und Verabscheuungen. Die Kranken fuͤhlen den allmaͤch- tigen Drang sich zu toͤden, oder die Umstehenden zu beißen und anzuspeyen. Da sie sich aber bewust sind, so kaͤmpft der eine zwischen der Liebe zum Leben, zwi- schen Mitleiden fuͤr sich und seinen zu hinterlassenden Angehoͤrigen ꝛc; der and ere bittet instaͤndig, man moͤch- te sein unsinniges Bestreben vereitlen; er streckt die Haͤnde dar, um sich binden zu lassen; aber er kann in den heftigen Zu ckungen so wenig dem Beißen wi- derstehen, daß er sich selbsten beißet; sein Durst ist unertraͤglich grausam heftig, und der Anblick, der bloße Gedanke an eine Fluͤßigkeit erregt ihm die jam- mervollsten Kraͤmpfe und einen unnennbaren Abscheu vor vor derselben. Beyde suchen sich zu verbergen, und brennen vor Begierde, sich oder andern zu schaden. Wer ist noch je von der Befriedigung dieser wider- sprechenden Triebe geheilt worden? Ich sah einen Mann, den, seines voͤlligen Be- wustseyns ungeachtet, eine unuͤberwindliche Mordsucht bis zur Verzweiflung plagte: Bring ihn um. Schneid ihm die Gurgel ab ! so schrie es ihm unablaͤßlich ins Gehoͤr. Der Elende bebte am ganzen Leibe, als er mit mir sprach, und bat mich instaͤndig, auf meiner Hut zu seyn. Sein Auge war aͤusserst fluͤchtig, und der Kopf immer nach der Seite gedreht; mit den Haͤnden wuͤhlte er entweder in den Taschen, oder rang sie verzweiflungsvoll. Nichts konnte ihn gefaß- ter machen, als meine feyerliche Versicherung, daß er nicht von Gott verlassen seye, wie er behauptete, sondern blos von einem heftigen Eindruck erschuͤttert worden waͤre, wozu sein koͤrperlicher Zustand alles beytrage; daß ich ihn aber bey der ersten Bewegung an die Wand schleudern werde, und er also nie das Ungluͤck erleben wuͤrde, mich zu toͤden. Der Geist der Versuchung war ein Wanstvoll veralteter Unrath, und ich trieb den Teufel durch den Hintern aus. Er hatte den ungluͤcklichen Moͤrder Z.... raͤdern gesehen, und dadurch bey seiner kranken Beschaffenheit den Grund zu diesem gefaͤhrlichen Wahnsinne gelegt. Ein junger Mensch, der immer eine untadel- hafte Auffuͤhrung hatte, muste wegen einer schweren Kopfwunde trepanirt werden, wodurch er einen Theil der aͤußern Gehirnmaße verlor, aber geheilt wurde. Von Von der Zeit an hatte er zu seinem groͤsten Leidwesen einen unwiderstehlichen Trieb zu stehlen. Ungeach- tet wiederholter, scharfer Strafen kam es endlich so weit, daß er zum Galgen verdammt wurde. Er selbst war damit sehr zufrieden, weil er von der Straͤf- lichkeit seiner Handlungen uͤberzeugt war, und doch keine Hoffnung hatte, daß er sich je werde bessern koͤnnen. Die Bemuͤhungen eines philosophischen Arz- tes haben ihm das Leben gerettet; und zu seinem Auf- enthalt ist ihm, als einem Verruͤckten, daß Dollhaus angewiesen worden. Man erinnere sich, was ich im 1ten Kap. §. 18 und 44 von den theilweisen Verle- tzungen gesagt habe, welche bey Erregung der Ge- muͤthsbewegungen einen so maͤchtigen Einfluß haben, und wovon zuverlaͤßig auch nach Verschiedenheit des Ortes verschiedene Gefuͤhle und Beduͤrfniße entstehen, welche dann verschiedene Regungen des Willens her- vorbringen. Von dem unbedeutendsten Eckel also gegen eine Arzney oder eine Speise bis zur unwiderstehlichsten Mordwuth geht es in allen Stufen von Begierden und Abscheu genau so, wie bey allen andern Bestre- bungen der Natur. So wie sie alle unter gewissen Bedingnißen goͤttliche Anstalten sind, so ist auch der Instinkt in den Organismus der Thiere und des Men- schen zu desselben Erhaltung verwebt worden. Sie sind aber den Gesetzen der mancherley Zerruͤttungen un- terworfen, und bedarfen alle der Leitung eines wei- sen Arztes. Den Instinkt blindlings befolgen, und ihn veraͤchtlich hindansetzen, ist beydes gleiche Thor- heit. heit. Man verwerfe ihn, wo er bekannten Erfah- rungen zu Folge Aftertrieb ist; man befriedige ihn in zweifelhaften Faͤllen nach und nach, wenn es die Art desselben und die Umstaͤnde zulassen, und beobach- te ohne Vorliebe, ob Vortheil oder Nachtheil daraus erfolge; man befolge ihn, wo er der Erfahrung ge- maͤß hoͤchst wahrscheinlich Beduͤrfniß der Natur ist; oder wo er in verzweifelten Faͤllen gleichsam die letzte Stimme der Natur zu seyn scheint, und dem Arzte k eine andere Zuflucht mehr uͤbrig bleibt. Fuͤnfter Abschnitt . Von den Hilfsmitteln der Kunst. §. 116. Da mein Freund Stift seine praktische Heilmittellehre, welche aller Erwartung entsprechen wird, so eben unter der Presse hat; so halte ich mich hier bloß an die allgemeine Uebersicht einiger Haupt- grundsaͤtze, welche man bey Anwendung kuͤnstlicher Hilfsmittel jederzeit vor Augen haben sollte. Ich habe bisher oͤfters gezeigt, daß die kuͤnst- lichen Mittel, wenn sie zur Unzeit, oder zu gewalt- thaͤtig angewendet werden, dit Natur in ihren Wir- kungen stoͤhren, die Kochung des Krankheitsstoffes hindern oder verzoͤgern, die Ausleerungen unterdruͤ- cken cken oder uͤbermaͤßig machen ꝛc. Einige wollen die Aerzte gegen diesen Vorwurf vertheidigen, indem sie vorgeben, die Wirkungen der Arzneymitteln thaͤten den periodischen Wirkungen der Lebenskraft wenig oder gar keinen Eintrag; die Natur brauche einmal ihre bestimmte Zeit, binnen welcher die Kochung der Krankheit vor sich geht, welche sie weder vor, noch ruͤckwaͤrts uͤberschreite. Testa v . d. Beraͤnd. d. menschl. Koͤrpers S 175. Sie suchen dieses durch aͤhnliche Beobachtungen zu beweisen, deren ich schon mehrere angefuͤhrt habe; man sehe alle Tage, daß Blattern und andere Ausschlagskrankheiten, als Frie- sel ꝛc. sowohl durch ein kuͤhlende als hitzige Heilart geheilt werden, wovon Testa und Sydenham selbst Beyspiele anfuͤhren. Aus dergleichen Einwendungen folgt nichts an- ders, als daß die Natur nicht allemal so leicht aus ihrem natuͤrlichen Gleiße gebracht werden koͤnne. Aber, wenn man einmal annimmt, was man nie leugnen kann, daß naͤmlich einerley Krankheiten unter verschiedenen, besonders entgegengesetzten Heilarten mit sehr ungleichem Gluͤcke geheilt werden; daß z. B. bey der hitzigen Heilart unter zehn Blatterkranken sechs sterben, und bey der kuͤhlenden nur einer; so muß man dem Heilverfahren in der That eine grosse Kraft, den Gang der Krankheiten zu veraͤndern, zu- gestehen. Eine zu leichte Ansteckung z. B., ein zu oberflaͤchlicher Impfstich wird, besonders in einem schwaͤchlichen Kinde, nicht den 7ten, sondern erst den 14ten Tag oder noch spaͤter das Ausbruchsfieber her- vor- vorbringen, wie ich es selbst beobachtet habe. Ro- sen erzaͤhlt von einem Kinde, welches von uͤbermaͤ- ßigem Aderlassen eine einzige Blatter bekam; nachdem es aber zu Kraͤften gekommen war, bekam es einen reichlichen Blatternausbruch. Die Brasilianischen Weiber sollen ihre Toͤchter, wenn sie mannbar wer- den, an den Schenkeln stark schrepfen, und dadurch verhuͤten, daß sie in ihrem ganzen Leben keinen Zeit- fluß bekommen. Auch erschoͤpfende Krankheiten, und zuweilen unmaͤßige Ausleerungen hemmen diesen perio- dischen Blutfluß. Burseri fuͤhrt an, daß man all- gemein erfahren habe, daß der Brechweinstein in kleinen Gaben nicht nur die Saͤfte in Faͤulniß aufloͤse, sondern auch die Kochung und Entscheidungen hindere. Testa will zwar behaupten, die Herren Bordeux, Fouquet, Michelli, Fizes und Cchirak , deren Heilart in immerwaͤhrendem Purgieren und Aderlassen bestund, haͤtten dadurch die Perioden der Krankhei- ten nie veraͤndert gesehen. Allein de Haen, Burse- ri , und tausend andere haben dadurch nicht nur den Puls, sondern den ganzen Verlauf auf alle Arten ver- aͤndert gesehen, was durch meine oben §. 41—42— 95—96 ꝛc. angefuͤhrte Krankengeschichten vielfaͤltig bestaͤttigt wird. — Sydenham sah die Wechselfieber von den Jahren 1661—62—63—64 durch unmaͤ- ßige Ausleerungen verdoppeln. Von den Sommer- und Herbstfiebern der naͤmlichen Jahre, sagt er: Wenn man die dreytaͤgigen Fieber durch Aderlassen, besonders wo sie sehr epidemisch sind, behandelt, und sie bleiben nicht alsogleich aus, so hat man auch in den den staͤrksten und best beschaffenen Leuten sehr | lange damit zu thun. Alte Personen sterben sogar nicht selten nach langen Leiden; auch entstehen die Zufaͤlle, welche sonst nur Folgen eines schon sehr lange anhal- tenden Fiebers sind, viel geschwinder, z. B. die Ent- zuͤndung der Mandeln, die Haͤrte des Unterleibes, die Wassersucht ꝛc. Im viertaͤgigen Fieber bleiben auch junge Leute, denen man zur Ader gelassen hat, gerade noch so lange krank, und alte die man sonst in einem Jahre wuͤrde geheilt haben, laufen Gefahr, endlich zu unterliegen, oder es zum wenigsten viel laͤn- ger zu haben. Eben dieses gilt auch zum Theil von zu fruͤhzeitigen und zu oft wiederholten Abfuͤhrun- gen. Sect. I. Cap. V. Torti sah die dreytaͤgigen Fieber am naͤm- lichen Tage, als Blut gelassen wurde, doppelt wer- den. Das naͤmliche hat Ramazzini in der Wechsel- fieberepidemie von 1690 beobachtet. Es wird aber hier eine so weit aussehende Kenntniß von der Natur, den Ursachen und den Be- dingnissen der Perioden und der Entscheidungen erfor- dert, daß man zur Bestaͤttigung einer so einseitigen Behauptung viele und große Dinge eroͤrtern muͤßte. Deßwegen erspare ich die vollstaͤndige Berichtigung dieser Sache auf die zwey Kap. des letzten Bandes. Was einstweilen daraus gefolgert werden kann, ist die- ses: daß man mit den Hilfsmitteln der Kunst nicht leichtsinnig spielen, weder ein unumschraͤnktes Zutrauen auf sie setzen solle; und daß bey Beurtheilung einer Krank- Krankheit und ihres Verlaufes viele Einsicht erfordert wird, um zu bestimmen, was der Natur, und was der Kunst angehoͤre. §. 117. Das Wichtigste, worauf man bey Anwendung der kuͤnstlichen Heilmittel zu sehen hat, ist, daß sie der Natur und dem Grade der Krankheit, und dem Krank- heitsstoffe angemessen seyn muͤssen. Gelinde Krank- heiten muͤssen gelind, heftige und hartnaͤckige mit klu- gem Muthe angegriffen werden. Diese bleiben bey einer zu unwirksamen Heilart unveraͤndert; und jene werden durch eine zu wirksame aus ihrer Ordnung ge- bracht, verwickelt und schwerer, oder unheilbar ge- macht. Den Ueberfluß des Blutes, und alle daher entstandenen Uebel muß man nicht durch Brech- und Abfuͤhrungsmittel behandeln; die Galle, und ihre Zu- faͤlle, sie moͤgen ein Rothlaufen, eine Ruhr, ein Blut- speyen, eine Halsbraͤune, ein Seitenstich u. s. w. seyn, koͤnnen nicht durch Blutausleerungen behandelt wer- den. Bey scharfer, waͤsserichter, beweglicher Galle thun saͤuerlichte Abfuͤhrungsmittel aus Tamarinden und den Salzen alles, was man wuͤnschen kann. Aber wo das gallichte Wesen verdickt, mit zaͤhem Schlei- me und Kleister eine undurchdringliche Masse ausmacht, da wird man mit dergleichen Mitteln wohl den Ma- gen und die Gedaͤrme ihrer Saͤfte berauben, aber den zaͤhen Unrath ehe verschlimmert als verbessert in sei- nen Winkeln liegen lassen. Tissot ahmte hierin den Hippokrates nach, und gab uͤberall, wo zaͤher Gall- stoff stoff aufzuloͤsen und auszufuͤhren war, das Diagri- dium, und, ohne Kneipen zu verursachen, bewirkte er dadurch jedesmal haͤufige gallichte Stuͤhle. Der Absud der Senekawurzel, in kleinen Ga- ben vorsichtig getrunken, und den Klystieren beyge- mischt, scheint vorzuͤgliche Kraͤfte gegen die fast un- aufloͤsliche Pituita zu aͤussern; der Sabadillensaamen zu 15—20 Gr. in Pillen genommen, die aus stin- kendem Asand, arabischem Gummi, Quecksilber und Honig zubereitet werden, wirkt vorzuͤglich gegen die in den zaͤhen. Schlamm verwickelten Wuͤrmer. Hat sich die Galle in der Verbindung mit der Pituita an- gehaͤuft, verdickt, und selbst zu Steinen verhaͤrtet, so findet man an der großen Schellwurzel ( chelido- nium majus ) ein bewaͤhrtes Mittel. Man giebt den Saft davon des Tages viermal zu 15—20 Tropfen in Kraͤuterbruͤhe. Von dem zu 30—40 Tropfen in Kraͤuterbruͤhe genommenem Lorbeerkirschenwasser hat Chelenius ausserordentliche Wirkungen gegen den ver- dickten, stockenden Blutkuchen, und die Folgen da- von gesehen. Alle diese Dinge bleiben noch manchmal unwirksam, wenn ihnen nicht mit den Kaͤmpfischen Essigklystieren der Weeg gebahnet wird. Bey dem Knaben, den Kämpf einen thierischen Luftballon nennt, mußte man zu heftig wirkenden ab- fuͤhrenden Mitteln schreiten, um den vollgepropften Wanst hinlaͤnglich zu fegen. Diese leerten ganze Toͤ- pfe voll pituitoͤsen Morast, und zuletzt erst eine grosse Menge wohlgemaͤsteter Spulwuͤrmer aus. Was will man bey zaͤhem, klumpenweise angehaͤuftem Wurm- schleime schleime mit Kindermeth, mit Manna ausrichten! Ich gebe seit einigen Jahren Kindern von 1—2—3 Jahren 10—14—20 Gran Jalappenharz in einem Tage, ohne je eine uͤble Folge, oder Schmerzen da- durch verursacht zu haben. Schwammichte Leute kann man zwar mit Salzen, Tamarinden, Manna abfuͤhren, aber sie befinden sich vielmehr schlimmer, als besser darauf; hingegen ein halbes Quentchen, oder auch ein ganzes Quentchen von der Maß. pil. cathol. und aneth. oder ein maͤchtiges Brechmittel verschaft ihnen Erleichterung gegen die immerwaͤhren- den Eckel, Schwere, Kopfschmerzen ꝛc., welche der traͤge rotzige Schleim verursacht hatte. Eine hagere Frau wurde in einem schleichenden Nervenfieber von einem gewiß grossen Arzte uͤber zwey Jahre nicht nur fruchtlos mit gelind aufloͤsenden Mitteln behandelt, sondern sie war schon in ein deutliches Zehrfieber mit alltaͤglicher Abnahme der Kraͤfte verfallen. Ein junger Arzt hatte den Muth, ihr ein starkes Brechmittel zu geben, welches sie zwar gewaltsam hernahm, aber vollkommen gesund machte. Durch die ersten Mittel war freylich der Stoff zu dieser Art Ausleerung vor- bereitet worden. — Den Bandwurm untersteht man sich, mit scharfen Purgiermitteln zu vertreiben. Sind denn aber allemal bey dem rotzigen, gallertartigen Schleime der Kinder Spulwuͤrmer zugegen? Giebt es keinen zaͤhen, lederartigen Glasschleim ohne Band- wurm? Was hat die Natur mit diesen Thieren fuͤr eine Absicht? Heilt man den Kranken, weil man die Wuͤr- Wuͤrmer verjagt, oder weil man die Ursache ihres Daseyns, den Stoff ihrer Nahrung fortschaffet? Kämpf fand ein Pulver aus aufloͤslichem Wein- steinrahm, Eisenhuͤtleinextrakt, zubereitetem Meer- zwiebel, oder Brechwurzel, oder Spießglasschwefel nicht hinreichend gegen den zaͤhen Schlamm der Ge- daͤrme, oder den Glasschleim. Er mußte sie oft mit seinen gummoͤsen Seifen, der venetianischen Seife, mit verdickter Ochsengalle und dem waͤsserichten Aloe- auszug verstaͤrken; und diese gab er noch in wirksa- men Getraͤnken, z. B. in einer mit Fallkraut ( arnica ) und Bittersalz stark versetzten Kraͤuterbruͤhe; oder in Kalkwasser, das man mit einem gesaͤttigten Absud von Quajack oder Sassafraßholz vermischte. — Ge- gen die schwarze Galle zaͤher Art, und die unbaͤndige Pituita oder den Glasschleim empfiehlt er seine lin- dernde, mit Gummigut versetzte, oder die Stoͤrkische Wurmlattwerge, welcher man das Ext. Panchym. Crollii in hinlaͤnglicher Menge beysetzt; oder ein Pul- ver, das aus 6—10 Gran Brechwurzel, 10—20 Gran Rhabarbar oder Jalappa, und 20—30 Gran Quajackharz, und eben oder doppelt so viel aufloͤslichen Weinstein besteht, taͤglich viermal zu nehmen; oder das Dowersche Pulver, welches aus einem Quentchen Scammoneum, einem halben Quentchen rohem Spieß- glas und eben so viel eroͤffnendem Eisensafran ver- fertigt, und zu 20 Gran in einem Loth Sauerhonig genommen wird; ferner ein Pulver aus 10—15 Gr. mit Zucker und Kampfer abgeriebenem Scammoneum, 5 Gran des eben so behandelten Jalappenharzes, und 3 3 Gran versuͤstes Quecksilber, auf einmal und so nach Umstaͤnden mehrere Tage wiederholt. — „Die heftigen Mittel, sagt er, wirken manchmal nicht mehr als ein Loth Manna, bey einem westphaͤlischen Bau- ern; in dem Falle naͤmlich, wo der Darmkanal mit einem undurchdringlichen Kleister außerordentlich an- gefuͤllt, und dessen Waͤnde durch einen lederhaften Ueberzug gegen allen Reiz geschuͤtzt sind. Und dieses ist gerade der Fall, wo der furchtsame Arzt durch einen tollkuͤhnen Quacksalber beschaͤmt wird. Und ist eben deßwegen auch der Fall, wo der vorsichtiche Arze oft gezwungen ist, den verwegenen Quacksalber klug nachzuahmen, oder mehr heroisch zu Werke zu gehen.„ — Bey Mutzer bekam ein schon lange Engbruͤstiger ein ganzes Quentel Meerzwiebelwurzel; darauf folgte ein kaum zu stillendes Erbrechen; nachdem aber dieses durch Arzneien gestillt war, beklagte sich der Kranke uͤber Hitze und Jucken der Haut, worauf die Kraͤze wieder erschien. — Sollte mir der Fall §. 95. Nro. 3. wieder vorkommen, so naͤhme ich nicht den gering- sten Anstand, Sydenhams fluͤssiges Ludanum Quen- telweis einzuschuͤtten. — Und, wenn meine Vermu- thung S. 590. gegruͤndet ist, daß die wahre Wasser- scheuc nichts anders als der hoͤchste Grad der naͤmli- chen Krankheit seye, so darf man auch hoffen, daß dieses bisher so widerspenstige Uebel ebenfalls mit Mohnsaft, den man aber in ungeheuren Gaben, viel- leicht zu mehrern Quentchen darreichen muͤste, geheilt werden koͤnne. Clerc sagt sehr wahr, daß wir mehr spezifische Mittel haben wuͤrden, wenn wir die Ga- ben ben nach dem Erforderniß der Krankheit einrichteten. Man bedenke, was ich §. 88—97 ꝛc. gesagt habe. Was wuͤrden in den unter der Maske eines Toden- schlummers, eines Schlagflußes u. d. gl. versteckten Wechselfiebern einige Quentchen der peruvianischen Rinde ausrichten? Was kleine Gaben Vitriolsaͤure auf der hoͤchsten Stufe des Scharbocks und der wah- ren Faulfieber? u. s. w. Der Arzt ist groß, wel- cher die Rechte der Natur kennt, und verehrt; aber der sich dieselbe zur rechten Zeit zinsbar zu machen weis, der ist noch groͤßer. Wie die Heilmittel mit den Zeitpunkten der Krankheiten, mit den Weegen, durch welche eine je- de besondere Krankheitsmaterie ausgeleert werden will, mit dem Grade ihres Verderbnisses und ihrer Menge ꝛc. uͤbereinstimmen muͤssen, ist ein sehr wichtiger und reich- haltiger Gegenstand, den ich im Kap. von den Ent- scheidungen vollstaͤndig behandeln werde. Von den spezifischen Mitteln. §. 118. Die wirksamsten Heilmittel sind also diejenigen welche in gehoͤriger Gabe entweder auf den Krank- heitsstoff, oder auf den kranken Theil, oder auch nur auf die krankhafte Beschaffenheit die unmittelbarste Einwirkung haben, und folglich die faͤhigsten sind, den gegenwaͤrtigen Zustand zu veraͤndern. Solche Mittel heiße ich spezifische, eigene Mittel; denn nur in diesem Sinne laͤßt sich etwas wesentlich Nuͤtz- liches liches daruͤber sagen. Und diese verdienen unstreitig uͤberall, wo eine spezifische Krankheits ursache zugegen ist, vor allen, bloß durch eine allgemeine Kraft wirkenden Dingen, den Vorzug. Alle aufloͤsenden und ausleerenden Mittel z. B. wuͤrden den groͤbern Stoff eines, unter der Maske eines leicht toͤdlich werdenden Todenschlum- mers, erscheinenden Wechselfiebers wegschaffen. Aber die dringende Gefahr erheischet das eigene Ge- genmittel der periodischen Anfaͤlle, welche ihren Grund ohne Zweifel in der eigenen Natur der Eingeweide, oder in einem eignen spezifischen Fieberstoffe ( Miasma ) haben. So haben die Pocken, die Masern, der Frie- sel, der Scharlach, die Lustseuche, die Kraͤze, der Aussatz, der Weichselzopf u. s. w. ihre eigenen ma- teriellen Stoffe. Vielleicht gilt dieses von allen wah- ren, eigentlichen Krankheiten: der Pest, der entzuͤnd- lichen oder faulichten, skrophuloͤsen, krebsartigen, scharbockartigen ꝛc. Beschaffenheit der Saͤfte. Es seye nun, daß diese auf eine eigne Art zerstoͤhrt oder gemischt werden, oder daß etwas Eignes in ihnen erzeugt, oder von Aussen hinzugekommen seye; so kann Nie- mand behaupten, daß es nicht etwas gebe, durch des- sen Einwirkung der gegenwaͤrtige Zustand unmittelbar veraͤndert, verbessert, zerstoͤhrt oder unwirksam ge- macht werden koͤnne. Freylich, wer ein eignes Mittel sucht gegen den Seitenstich, die Hirnwuth, die Wassersucht, die Abzehrung, das Fieber, das Blutbrechen, den Bauch- fluß, die Ruhr, die Kolick, den Schlagfluß, die Fallsucht, die Zuckungen ꝛc.; gegen die Verschieden- Gall I. Band X x heit heiten der Pesten; gegen die pestilentialischen und boͤs- artigen Fiebern, Blattern, Masern, Braͤune u. s. w., der wird ewig vergebens suchen, weil alle dergleichen Uebel nur Zufalle der verschiedensten Krankheiten sind. Zaͤher Schleimstoff, scharfe angehaͤufte Galle, jede Art von Schaͤrfe, stockende Unreinigkeiten, ent- zuͤndliches Blut ꝛc. machen alle den Seitenstich, wenn sie sich nach der Oberflaͤche der Lungen oder der Rib- benhaut begeben. So entstehen alle die andern Zu- faͤlle, z. B. die Ruhr bald von Entzuͤndung des Mast- darms, bald von rheumatischer Materie, bald von Gallstoff ꝛc. der sich dahin geworfen hat. Nur in dem Sinne kann auch gegen alle Zufaͤlle ein spezifisches Mittel entdeckt werden, wenn es gegen ihre Urquelle entdeckt werden kann. Die Zufaͤlle der Lustseuche moͤ- gen in Knochenschmerzen und Beinknoten, in Lungen- sucht und Abzehrung, in Augenentzuͤndung oder in Geschwuͤren u. d. gl. bestehen, so werden sie bey ge- hoͤriger Vorsicht alle durch ihr bekanntes eignes Ge- genmittel, das Quecksilber, geheilt. — Die Boͤsar- tigkeit der Blattern, die verschiedene Gestalt der Pe- sten, der Fieber ꝛc. ist von ihrem eigentlichen Stoffe unabhaͤngig. Also erst dann, wenn die Grenzlinie zwischen Krankheit und Zufall, zwischen dem, was der Krankheit wesentlich angehoͤrt, und dem, was sich zufaͤllig zu ihr gesellt hat, gezogen seyn wird, laͤßt sich vernuͤnftig nach spezifischen Heilmitteln fra- gen. Wenn ich nicht, misdeutet zu werden, besor- gen muͤßte, so wuͤrde ich behaupten, daß alle Dinge in in der Welt ihre Eigenheiten haben, und folglich alle Mittel spezifisch sind. Was auf ein ganzes Ge- schlecht auf diese Art wirkt, wirkt anderst auf ein anderes Geschlecht. Brod ist ein allgemeines Nah- rungsmittel fuͤr den Menschen; aber der Raubvogel bricht es heraus; der Schierling betaͤubt die meisten gesunden Thiere; aber er maͤstet die Geise; das Blat- terngift, das Lustseuchengift, gewisse Arten anstecken- der Seuchengifte sind nichts fuͤr die Thiere, so wie ge- wisse Thiergifte nichts fuͤr den Menschen sind. — Eben so haben manche Dinge eine allgemeine Wirkung auf mehrere Theile, obschon sie einen, oder mehrere bestim̃- te Theile ganz anderst zu veraͤndern pflegen. Eine Kaͤlte, welche die Gefaͤße der Nase, der Ohren, der Finger und der Zehen zerstoͤhrt, schadet dem em- pfindlichen Auge noch nichts. Das Schlangengift toͤdet den Menschen, wenn es unmittelbar in Kreis- lauf koͤmmt; aber vermischt mit den Saͤften des Mun- des, des Magens, der Gedaͤrme bleibt es unschaͤd- lich. — Es ist geradezu unmoͤglich, daß ein Ding auf verschiedene Theile, es seye dann, daß es von derselben Lebenskraft uͤberwaͤltigt werde, einerley Wirkung aͤussere. Der verschiedene Bau, die ver- schiedenen Bestandtheile, die verschiedene Lebenskraft und Reizbarkeit derselben haben nothwendiger Weise eine verschiedene Ein- und Gegenwirkung zur Folge. Das Mutterkorn erregt die Kriebelkrankheit und den trocknen Brand der aͤussern Gliedmassen; der Pfeffer erregt ein heftiges Brennen im Schlunde, aber nicht das geringste im Magen; den Sehnerven reizt das Xx 2 Licht Licht, den Gehoͤrnerven der Schall, den Geruchsner- ven das Riechbare; die Brechwurzel und der Brech- weinstein, wenn sie auch unmittelbar ins Blut gebracht werden, den Magen; die Rhabarber die Gedaͤrme; die Urinblase empfindet von dem scharfen Urin nur maͤßigen Reiz; er wird aber schmerzend, wenn war- mes Wasser in die Blase gebracht wird; warmes Wasser reizt oft den Magen zum Erbrechen; der Saft der gelben Ruben, in die Nase gezogen, erregt Nie- sen, so mild er dem Mund, dem Schlunde und dem Magen ist; die Bluͤthen der Wohlverley greifen den Magen an; die Faͤrberroͤthe wirkt auf die Knochen der Thiere und des Menschen, laͤßt aber die eben so harten Kiele der Federn ungefaͤrbt; Luft und war- mes Wasser sind die staͤrksten Reizmittel fuͤr das Herz; die Luft reizt die Lungen nicht, aber ein Troͤpfchen Wasser erregt Zuckungen in der Luftroͤhre; die Vitriolsaͤure, die Salpetersaͤure, die Spießglaß- butter, der Hoͤllenstein, so scharf sie sind, zerstoͤh- ren die Reizbarkeit der Schlagadern und des Herzens ehe, als daß sie dieselbe erwecken; der Metallsafran ( crocus metallorum ) ist den Augen unschaͤdlich, reizt aber den Magen zum Erbrechen; die spannischen Flie- gen greifen nur in großen Gaben den Magen an, er- regen aber weit fruͤher entzuͤndliche Zufaͤlle in den Nieren und der Harnblase; der Auszug der schwar- zen Kuchenschelle ( Pulfatilla nigra ) wirkt vorzuͤglich auf die Augen, und entzuͤndet sie in grossen Gaben; die Tollkirsche ( solanum furiosum ) innerlich gebraucht macht den Augenstern einschrumpfen ꝛc. ꝛc. Sind Sind das nicht eben so viele gegenseitige Ver- haͤltniße, woraus wir lernen sollten, nur mit groͤster Behutsamkeit von den sinnlichen Wirkungen eines Mittels auf seinen wahren und ganzen Einfluß auf den Koͤrper oder seine verschiedene Theile zu folgern? Woher endlich koͤmmt es, daß einige Mittel die Feuch- tigkeiten nach dem Darmkanal, andere nach der Harn- blase, nach den Speicheldruͤsen, andere nach der Haut, und wieder andere nach dem Kopfe treiben? daß einige das Blut gerinnen machen, andere es uͤbermaͤ- ßig ausdehnen? daß einige das Athmen ungemein er- leichtern, und andere es auf einmal hemmen, und andere schon bey bloßer Beruͤhrung der Nerven die Lebenskraft auf ein Mal ertoͤden? u. s. w. — Gerade so ist es auch mit den verschiedenen Krankheitsmaterien. Das Blattern- und Masern- gift ꝛc. be geben sich nach der Haut; die Kehle, die Schleim- und Speicheldruͤsen sind der Sitz der Wir- kung in dem Keuchhusten und der Wasserscheue; die Skrofeln greifen das System der Lymphatischen Ge- faͤße und besonders der Lymphatischen Druͤsen an; die Bruͤste, die Hoden, und die zusammengesetzten Druͤsen sind der Sitz des Krebses; die Haut, der Hals, und die Nase werden von dem Lustseuchengifte leichter befallen, als die Knochen und die Knochen- haut; die zum Leben nothwendigen Theile hingegen werden nur aͤusserst selten davon angegriffen. Dieser Krankheitsstoff leeret sich durch diese Weege, und jener durch andere aus dem Koͤrper; dieser fruͤher, jener spaͤter u. s. w. — Und dennoch kann man die Eigen- Eigenheiten der Außendinge und der Bestandtheile des Koͤrpers bezweiflen! Die Abneigung gegen die spezifischen Mittel koͤmmt von den Vorstellungen her, die man sich da- von zu machen pflegt. So z. B. heißen einige die- jenigen Mittel spezifisch, welche eine bestimmte Krank- heit unter allen Umstaͤnden sicher heilen. Wer diesen Begriff annimmt, der muß auch behaupten, daß das gewiß zum Sehen ganz eigends eingerichtete Auge un- ter keinerley Umstaͤnden zum Sehen unfaͤhig gemacht werden koͤnne. Bey andern sind nur diejenigen Mittel spezi- fisch, welche eine bestimmte Krankheit auf eine un- bekannte, unerklaͤrbare und verborgene Weise heilen. Im Grunde ist uns kein einzige Erscheinung weder des gesunden noch des kranken Menschen anschaulich bekannt; sie geschehen alle durch die Lebenskraft, uͤber welche die Natur einen undurchdringlichen Schley- er gezogen hat. Und wer erklaͤrt mir, warum der gelindere Reitz des Brechweinsteins und der Brech- wurzel den Magen umkehrt, da jener des Jalappen- harzes und der Aloe ꝛc. einen Bauchfluß erregt? Wer erklaͤrt es, warum der Mohnsaft, ungeachtet er uͤber- all die Kraͤmpfe hebt, dennoch alle Ausleerungen zu- ruͤckhaͤlt, und den Schweiß befoͤrdert? Wirken die spanischen Fliegen, die Rhabarber, die Hundsbeeren ( Ligustrum vulgare ) minder auf die Harnweege — die Faͤrberroͤthe minder auf die Knochen und die Ge- baͤrmutter ꝛc. wenn wir diese Wirkungen erklaͤren oder nicht erklaͤren zu koͤnnen glauben? — Ist endlich die Wir- Wirkung des Blatterngiftes, des Lustseuchengiftes, des Pestgiftes weniger spezifisch, weniger von andern Giften unterschieden, wenn wir Blattern, Tripper- materie und Leustenbeulen sehen? — Zu was also dergleichen widersinnige Einschraͤnkungen? Sollte endlich die Kraft eines Mittels darum nicht spezifisch heißen, weil sie ihm nicht einzig und allein eigen ist? — Zuverlaͤßig hat jedes Ding et- was Eignes, wodurch es von allen uͤbrigen Dingen unterschieden ist; Jedes hat aber auch manches, was es mit mehr oder weniger andern gemein hat. Wer kann aber fordern, daß jedes Ding seine ausgezeich- nete Eigenschaft gerade auf den Menschen aͤußere? Das Euphorbium ( Euphorbium esula ) ist fuͤr ihre schoͤne große Raupe ein treffliches Nahrungsmittel, obschon es beym Menschen einstweilen bloß als ein scharfes, aͤtzendes Gift bekannt ist ꝛc. Andere Din- ge, obschon sie eine allgemeine Wirkung auf ein gan- zes Geschlecht haben, aͤußern dennoch ganz besondere Wirkungen auf gewiße Einzelnheiten des naͤmlichen Geschlechtes. So sind die Krebsaugen bey allen Men- schen, wie alle Kalkerden, saͤureverschluckend; indeßen erregen sie einigen heftige Kraͤmpfe und garstige Aus- schlaͤge; der Geruch der Rose, einer Katze; der Ge- nuß einer gewissen Art Aepfel, des Kaͤses; der An- blick einer Spiane; das Gefuͤhl des Sammets ꝛc. ꝛc. erregt einigen gewaltige Uebelkeiten, Ohnmachten, Zuckungen u. d. gl. Diese Erscheinungen heißen Idio- sinkrasien , und muͤßen als einzelne spezifische Verhaͤlt- niße angesehen werden. Uebri- Uebrigens ist es die Sache des philosophischen Arz- tes, daß er die Kraͤfte der Heilmittel, so viel moͤg- lich, auf allgemeine Ordnungen zuruͤckfuͤhre. Die Heilkraͤfte der Natur machen die spezifischen Mittel, wo nicht uͤberfluͤssig, doch groͤstentheils entbehrlich. Die meisten Wechselfieber werden gluͤcklich, so wie die Blattern, Masern ꝛc. ohne ein eignes Gegenmit- tel geheilet. Sehen wir nun, daß ein gewisser Krankheits- reitz gewisse bestimmte Theile vorzuͤglich anzugreifen pflegt, und wir kennen ein Mittel, welches vorzuͤg- lich auf diese Theile wirkt; so haben wir gegruͤndete Hoffnung, von diesem Mittel in diesem Falle eine auffallende Wirkung zu erwarten. Das Lustseuchen- gift und die herben Obstsaͤuren z. B. greifen vorzuͤg- lich die Schleim-Speichel- und Gedaͤrmdruͤsen an; Quecksilber und Schierling sind bisher noch als die wirksamsten Gegenmittel bekannt, und ihre Bestand- theile zeigen ebenfalls die naͤchste Verwandschaft zu den naͤmlichen hier leidenden Theilen. Das Gift der Klapperschlange richtet die groͤsten Verheerungen in den Lungen an, und die Senegawurzel, welche auch die schleimichten Anhaͤufungen der Lungen maͤchtig zer- theilet und ausleeret, thut die besten Dienste. So wie der Schwefel, die Aloe, die Nießwurz mehr auf den Unterleib wirken, so wirkt der Auszug des Tabacks und der mineralische Kermes mehr auf die Brust ꝛc. Man lese, was Kämpf von den wirk- samsten Mitteln gegen die verschiedenen Verderbnis- se sagt. — Und nun entscheide man, ob sich’s nicht jeder jeder Arzt sollte angelegen seyn lassen, nebst der all- gemeinen Kraft eines Mittels, auch desselben besondere, eigne, spezifische, wodurch es sich von seines Glei- chen auszeichnet, kennen zu lernen. §. 119. Von den zusammengesetzten Arzneien und Heil- arten. Man gibt jetzt so ziemlich allgemein den ein- fachsten Arzneien und Heilarten den Vorzug. Vor- ausgesetzt, daß wir eine bestimmte und nur einfache Heilanzeige vor uns haben, und daß wir die Wir- kung und Zulaͤnglichkeit eines einfachen Mittels voll- kommen kennen; so ist gewiß das einfachste Heilverfah- ren jederzeit auch das vernuͤnftigste. Je vertrauter da- her ein Arzt mit der Heilmittellehre und mit der Na- tur der Krankheiten ist, desto weniger Mittel und Anzeigen wird er unter einander werfen. Allermeist koͤmmt es ohnehin nur auf eine allgemeine Leitung an, weil die Wirksamkeit der Natur das eigentliche Ue- bel selbst besieget. Indessen kann man dennoch hierin zu weit ge- hen, und geht gewiß im Lehrvortrage sehr oft wei- ter, als man in der Ausuͤbung bestehen kann. Die Natur hat selbst alles vielfaͤltig zusammen gesetzt, und was sie uns unter der einfachsten Gestalt dar- bietet, ist nicht selten eine Verbindung der entgegen- gesetztesten Kraͤfte. So setzen auch wir Saͤuren und Laugensalzen ꝛc. zusammen, und erhalten einzelne Er- zeugniße, welche durchaus von der Natur und Wir- kung kung ihrer Bestandtheile abweichen. Brennstoff und Vitriolsaͤure, zwey so wirksame Dinge! und daraus entsteht der geschmacklose, milde Schwefel. Warum will man kuͤnstliche Verbindungen, wenn sie die Er- fahrung bestaͤttigt, oder ein richtiger Verstand ver- einigt hat, verwerfen? Wie viele Speisen koͤnnen wir manchmal in dieser oder jener Verbindung, in dieser oder jener Zubereitung nicht vertragen, da sie uns auf eine andere Art ganz gut bekommen! So z. B. koͤnnen einige keine ungekochte Milch, andere keine Milch mit Kaffee ertragen. Ich ertrage den Wein und die Aepfel vortrefflich; aber rohe Aepfel und Wein, zu gleicher Zeit genossen, sind Gift fuͤr mich ꝛc. “Es ist bekannt, sagt Kämpf , daß oͤfters ein Kraͤut- chen da unthaͤtig war, wo seines gleichen die Kur vollendet hat, und daß sogar das naͤmliche Mittel als- dann erst gewirkt hat, wenn es in einer andern Ge- stalt gegeben worden ist, wovon das verschiedene zu- bereitete Quecksilber einen uͤberfuͤhrenden Beweiß ab- giebt. Dieses trift vorzuͤglich bey den Nervenkrank- heiten ein, wo manchmal der Baldrian, Bisam, die Fieberrinde und Zinkblumen fruchtlos gebraucht worden, und wo Dippels Oel mit Naphta, oder das Kajeputoͤl geholfen, oder, wo alle diese Nerven- mittel, oder noch mehrere vergebens angewendet wor- den, und wo das Bilsenkraut gleichsam auf der Stel- le Wunder gethan. Es ist ferner bekannt, daß viele Mittel einzeln, außer ihrer Verbindung, unkraͤftig oder gar schaͤdlich seyn koͤnnen, welche erst vermischt heilsam werden, und daß anderer ihre Kraͤfte, bloß durch durch eine gut gewaͤhlte Verbindung merklich erhoͤhet werden. Wer sollte, ohne es erfahren zu haben, glauben, daß der beygemischte Weingeist das Vitriol- oͤl, und der Schwefel den Arsenik und das Ouecksil- ber zahm machen kann; daß die Wirkung der Pur- gier- und Brechmittel, durch den so geringen Zusatz von Salpeter außerordentlich erhoͤhet wird, und daß ein paar Quentchen Bittersalz in seiner natuͤrlichen Aufloͤsung beynahe eben so stark und oft staͤrker pur- gieren, als dreymal soviel des naͤmlichen Salzes, wenn es in gemeinem Wasser aufgeloͤset worden ist.„ “Welcher Arzt kennt die innern Bestandtheile, die spezifische Wirkung seines Mittelchens so genau, daß er behaupten koͤnne, es muͤße auf diesen oder je- nen Fall unfehlbar paßen, und ihn, ohne einigen Zu- satz, zuverlaͤßig heben? Wie viel weniger wird er in einer verwickelten Krankheit damit auslangen, wo man oft kaum errathen kann, wie vielerley Ursachen, und welche derselben hauptsaͤchlich anzuklagen sind, oder unter welchen Bedingungen, in welcher Verbin- dung und Verhaͤltniß sie zum Raͤdelsfuͤhrer wird, und was fuͤr eine Gattung Idiosinkrasie, oder ande- re verborgene Maͤngel, oder was fuͤr ein Mischmasch von Kokochimien sich mit ins Spiel gemischt haben? Wie oft haben wir nicht sich ganz entgegengesetzte Fehler zu bestreiten? Wie oft muͤssen wir z. B. zu- gleich auf Saͤuren und Faͤulniß, auf hier schlaffe und dort angespannte und trockne Fasern, auf hier traͤges und stockendes, und dort allzu duͤnnes und aufwallendes Blut unser Ruͤcksicht nehmen.„ Wenn Wenn z. B. der Goldaderfluß seinen Ausgang durch die Harnwege nimmt, die schmerzhaftesten Kraͤm- pfe, Harnverhaltung ꝛc. erregt, so wirken kalte, zu- sammenziehende Umschlaͤge auf die Schaamtheile, und warme, erschlappende auf den Hintern vortrefflich auf den Endzweck, dem Blute seinen natuͤrlichen Ausgang zu verschaffen. Man bestimmt die Faͤlle aufs genaueste, wo die Rinde, die spanischen Fliegen, der Kampfer, Bal- drian, Bisam, die Wohlverley, der Wein und Mohnsaft, die mineralischen Saͤuren angezeigt sind. Dieses ist vor- trefflich; — aber ich habe die groͤsten Meister der Kunst nicht selten in Verlegenheit gesehen — und sie ent- schlossen sich endlich, lieber alle diese Dinge zu ver- einigen, als eine bloß ungewiße, obschon einfache An- zeige zu befolgen. Es kommen so oft die dem Scheine nach widersprechendsten Zufaͤlle zusammen; alle er- denklichen Abaͤnderungen des Pulses, außerordentli- che Schwaͤche, hoͤchster Grad der Faͤulniß, heimli- che Entzuͤndung u. s. w., daß es, wenn es einmal darauf ankoͤmmt, seine Anzeigen von den sinnlichen Erscheinungen herzunehmen, schlechterdings unmoͤg- lich ist, zu entscheiden, welche die dringendste und wesentlichste seye. Dem ungeachtet bleibt es gewiß, daß die we- sentlichen Anzeigen nur wenige sind, und daß der Arzt, dem die Hauptbeduͤrfniße der Natur bekannt sind; der sich nur in seltenen Nothfaͤllen von den Zu- fällen zu diesem oder einem andern Heilvecfahren be- stimmen laͤßt; sondern das Wesentliche der Krank- heiten heiten stets vor Augen hat, meistentheils mit einer einfachen und angemessenen Heilart seinen Zweck er- reichen wird, wenn er je erreichbar ist. Warnung. §. 120. Es ist zwar ein allgemein anerkannter Grund- satz, daß die Vorherkuͤndigungen, besonders in hitzi- gen Krankheiten ungewiß sind; daß manche Kranke bey lauter guten Zeichen sterben, und andern bey lau- ter schlimmen davon kommen. Dem zufolge sollte man glauben, kein Arzt werde aufhoͤren, seinem Kranken thaͤtige Hilfe zu leisten, bis er wahrhaft er- blichen ist. Kann er auch nimmer helfen, so kann er beobachten. Allein der so oft und so lange in seiner Hoff- nung getaͤuschte Kranke, die vor Kleinmuth verzwei- felten, gegen manchmal schmerzhafte Hilfleistungen zu empfindsamen Hausgenoßen, oder die ungeduldigen Erben sind nicht selten so schwach, alle Rettung fuͤr unmoͤglich, und folglich alles fernere Bestreben des Arztes fuͤr unnuͤtz zu halten. Der Kranke, die Freunde und nur gar zu oft auch der Arzt glauben alles Moͤgliche gethan zu haben, wenn sie ein oder mehrere Male Adergelassen, purgirt, zum Erbrechen ge- geben, Senfteige und Blasenpflaster aufgelegt haben; wenn der Kranke recht oft mit den wirksamsten Arz- neyen gewechselt hat — uͤberhaupt, wenn alles ge- sche- schehen ist, was deutlich in die Sinne faͤllt, und eine recht erfinderische Geschaͤftigkeit des Arztes verraͤtht. Sind nun aber alle diese herrlichen Dinge fruchtlos geblieben; geht von Tage zu Tage alles schlim- mer, und der Kranke liegt endlich da, kalt, steif, Puls- und Athemlos — kurz, mit allen Erscheinungen eines Sterbenden: — Wer sollte dann nicht alle Hoffnung verlieren? Manche alten Aerzte, die schon so oft auf gewisse Umstaͤnde den Tod erfolgen sahen, und die Faͤl- le, wo sie getaͤuscht worden sind, hoͤchstens einem Un- gefaͤhr zuschrieben, duͤnken sich eine unfehlbare Fertig- keit in Beurtheilung des zu erwartenden Ausganges zu besitzen, und sind auf eine oft unverantwortliche Weise, von Selbstgenuͤgsamkeit und grauem Stolze durchdrungen, grausam und leichtfertig genug, dem Kranken und seinen Freunden schlechterdings den letzten Trost aller Leiden, die Hoffnung, zu benehmen. Die- se Klasse von Aerzten werden eben dadurch verwegen und unempfindlich, wodurch der Menschenfreund und der Beobachter in eben dem Maaße theilnehmender und kluͤger wird, als sich seine Jahre und seine Er- fahrungen vervielfaͤltigt haben. Keiner kennt voll- kommen die Grenzen der Natur und der Kunst; folg- lich ist keiner berechtigt, dem Leben oder dem To- de ein Ziel vorzuschreiben. §. 121. Wenn nicht Zerreißung innerer Gefaͤße, Zer- stoͤhrung der Eingeweide, hartnaͤckige unuͤberwindliche Verhaͤrtungen, heftiger Druck, oder sonst augen- schein- scheinlich unheilbare Uebel der Eingeweide und der Nerven vorhanden sind; so kann auch der scharfsin- nigste Arzt durch mancherley seltsame Abweichungen uͤber den gegenwaͤrtigen Zustand getaͤuscht werden. Einer der gewoͤhnlichsten Faͤlle ist ein sehr ho- her Grad von Entzuͤndung. Man ist außerordentlich geneigt, den so genannten Brand zu vermuthen, und, da den Nichtaͤrzten nur wenige Todesarten bekannt sind, so ist man des Beyfalls versichert. Ich geste- he es, daß ich noch nicht im Stande bin, mir eine vernuͤnftige Vorstellung vom Brande zu machen, wenn ich die angenommene Heilart desselben zum Grund le- gen soll. Entweder werden die angeschoppten, gereiz- ten, entzuͤndeten Theile durch die Heftigkeit der Ent- zuͤndung zerstoͤhrt; oder sie sterben ab, wie bey alten, kraftlosen, durch Krankheiten oder andere Ursachen erschoͤpften Leuten, aus Mangel der Lebenskraft, des Umlaufes und der Nahrung. Im letzten Falle sehe ich ein, wie man den Brand durch erwaͤrmende, staͤrkende Dinge verhuͤten, aber nicht, wie man ihn heilen kann. In toden Theilen ist keine Wirksamkeit mehr; sie muͤssen schlechterdings von den lebendigen abgestossen werden, oder als ausgedoͤrrte Koͤrper un- schaͤdlich seyn koͤnnen. — Im ersten Falle aber weiß ich kein anders Mittel, den Brand zu verhuͤten, als gerade die naͤmlichen, wodurch eine Entzuͤndung ge- heilt wird. Denn sind auch da die Theile einmal zer- stoͤhrt, so kann ihnen kein Kampfer, keine Kina, kein Mohnsaft, keine Giftwurz und kein Arzt wieder Leben geben. Indessen ist es doch fast allgemein uͤb- lich lich, sobald man bey einer schweren Entzuͤndung den Brand vermuthet, dergleichen hitzige, faͤulnißwidri- ge, geistige, fluͤchtige Dinge zu verordnen. Dadurch aber habe ich weder einen heilen gesehen, noch gele- sen, daß je einer geheilt worden waͤre. Ein fuͤnf und sechzig jaͤhriger Mann verfiel im Fruͤhjahr 1787 in eine Lungenentzuͤndung, die er ver- nachlaͤßigte. Endlich wurde sein Athmen aͤusserst klein und geschwind, wie bey einem schnaubenden Hunde. Der Puls gieng unzaͤhlbar geschwind und ungleich; die Augen lagen tief, der Mann konnte noch gehen, und sprach einzelne, abgestoßne Worte mit vernehm- licher Stimme. Ach, hier ist keine Hilfe mehr, sprach der Arzt, denn es ist der offenbare Brand. — Er verschrieb Kampfer mit einer fluͤchtigen Mixtur, und in 16 Stunden verschied der Kranke. — Die Gefahr war ohne Zweifel groß; aber durchaus nicht von der Art, daß diese Mittel haͤtten helfen koͤnnen. Waͤ- ren wirklich einige Theile durch die Staͤrke der Ent- zuͤndung schon zerstoͤhrt, oder in Gefahr gewe- sen, zerstoͤhrt zu werden, so wuͤrde die Entzuͤn- dung, und folglich die Gefahr vermehrt worden seyn. Was ich bey Gelegenheit der wahren Vollbluͤtigkeit von ihren Stufen gesagt haben, gilt auch hier. Auf dem hoͤchsten Grade der Entzuͤndung, besonders wenn krampfhafte Schnuͤrungen dazu kommen, wie dieses bey strammen, oder auch bey sehr reitzbaren Leuten oͤfters geschieht, verlieren sich alle Zeichen der Ent- zuͤndung; der Puls wird klein, und aͤusserst geschwind; die Gliedmassen, und selbst der Athem werden kalt; die die Haut faͤllt uͤberall ein u. s. w; und dennoch ist der gegenwaͤrtige Zustand noch immer eine rohe Ent- zuͤndung, der man mit anfaͤnglich maͤßigen, bald aber wiederholten Aderlaͤssen, mit warmen Baͤdern, laulichten Getraͤnken, und mit krampfstillenden gelin- den Mitteln begegnen muß. Ein Soldat, der nach heftiger Erhitzung kalten Wein trank, bekam eine Magenentzuͤndung. Er nahm noch obendrein zu erst ein Brechmittel. Darauf wurde der Puls schwach, das Athmen schwer; er bekam Brennen in der Herzgru- be, Eckel, Bauchfluß, zuweilen Erbrechen, Irre- seyn, unterbrochenen Schlaf, trockne Zunge, aͤusserste Kraftlosigkeit — und starb verwirrt an Zuckungen. — — Sollte hier nicht der Magenbrand gewesen seyn? — Man fand den Magen und die Gedaͤrme sehr ausgedehnt; breite, rothe, entzuͤndete Flecken, besonders im Grunde des Magens und beynahe im ganzen Grimmdarm. Hasenoͤhrl Trium morbor hist. p. 63. Man behauptet, der Tod werde in aͤhnlichen Faͤllen durch Aderlaͤssen beschleunigt. Vorausgesetzt, daß dieses wahr waͤre, so wuͤnschte ich nur einen ein- zigen Fall zu sehen, wo bey diesen Umstaͤnden die be- kannte Brandkur geholfen hat. Es kommen aber in diesem Werke mehrere Beyspiele vor, welche bewei- sen, daß die entzuͤndungswidrige Heilart, vernuͤnftig gelei- Gall I. Band Y y geleitet, hier die einzige passende ist, und oft noch in den verzweifelsten Faͤllen Wunder wirkt. So hat Zimmermann in heftigen Lungenentzuͤndungen noch Kranken durch den Dampf des Weineßigs gehol- fen, welche den neunten und eilften Tag schon das so schreckliche Roͤcheln hatten. Eben so sind Blutigel oder Schrepfkoͤpfe gegen jene von Unterbindung oder Verletzung eines Blutgefaͤßes entstandene schwarz- blaue Unterlaufungen, die den Brand drohen, das zuverlaͤßigste Mittel. §. 122. Es ist noch keine auch noch so schwere Krankheit gewesen, von der nicht hie und da unter mehreren den schrecklichsten und verzweifelsten Zufaͤllen die Kran- ken genesen sind. Von der Pest, sagt Mertens , daß sie manchmal durch uͤberraschende und grauenvolle Zufaͤlle taͤusche, indem bey ihrer Gegenwart Kranke aufkommen, welche man kurz zuvor fuͤr unwiederbring- lich verloren hielt; da indessen andere bey lauter ge- linden Zufaͤllen gaͤhlings wegsterben. Auch Trollius hat in der Epidemie vom Jahr 1783 kein so gefaͤhr- liches Zeichen ausfindig machen koͤnnen, wobey jedes- mal der Tod erfolgt waͤre. Lettere intorno l’epidemia du 1783. Wenn in den Lausan- nischen Gallfiebern die Zufaͤlle bis uͤber den sieben- zehn zehnten Tag unveraͤndert blieben, so war sehr wenig oder gar keine Hoffnung mehr. Indeßen blieben bey einer Frau alle Zufaͤlle, welche den nahen Tod ver- kuͤndigten, bis den sechs und zwanzigsten Tag die naͤmlichen; an diesem aber erfolgten sehr haͤufige, gallichte Stuͤhle, welche die Krankheit entschieden. Leichengeruch und Hypochondrien mit Aufblaͤhen des Unterleibes ( meteorismus ) sind gewiß Zeichen vom hoͤchsten Grade der Aufloͤsung, und dennoch hat Krebs noch zwey solche Faͤlle geheilt. Vogel Hand b. d. p. Arz. — Eine bley- farbne kalte Zunge zeigt allermeist den nahen Tod an. In einer Krampfkolik aber waren bey einem Manne von 78 Jahren Fuͤße und Haͤnde zusammengezogen, die Zunge war kalt, weich, an den Raͤndern livid, die Sprache gehindert, der Puls unmerklich, die aͤussern Theile kalt, und doch erholte sich der Kranke. Le Roy, Vorh. S. 36. Nro 30. Der Rosina Gresser , einem 32 jaͤhrigen Frau- enzimmer wurden 1785 durch unzeitige Brechmittel heftige Gliederschmerzen zugezogen. Sie war sehr entkraͤftet, und hatte, ohne Entscheidung, schon den zweyten Ruͤckfall erlitten. Als ich das erste Mal zu ihr gerufen wurde, fand ich sie sterbend, von Geist- lichen umrungen. Sie lag hingestreckt; der Kopf hieng zur Seite vorwaͤrts; die Haare, die Stirne Y y 2 und und die Ohren glaͤnzten von einem schmutzigen kalten Schweiße; die Kinnlade hieng schief herab; die Au- gen verdreht, gebrochen, halbgeschlossen, unbeweg- lich; das Athmen aͤusserst muͤhsam, nach langen a- themlosen Pausen, abgestossene Seufzer mit abwech- selndem Roͤcheln, und alle Gliedmassen kalt, einge- schrumpft, klebricht; die Nase und die Ohrlaͤppchen angezogen; der Puls an den Haͤnden unfuͤhlbar; nur am Herzen merkte ich eine schnelle, beynahe zitternde Bewegung. Man sagte mir, daß die Sterbende kurz vor diesem Zeitpunkte uͤber heftige Schmerzen um die Nabelgegend geklagt habe. — Ich druͤckte diesen Ort stark, und spuͤrte unter der Hand eine kleine, schnel- le, zuckende Bewegung, wobey die Winkel des Mun- des merklich verzogen wurden. — Alsogleich ließ ich den Bauch mit warmen Tuͤchern reiben; mittlerweile wurden Klystire aus Wein und Hirschhorngeist berei- tet, denen ich, sobald es moͤglich war, einen Kinaab- sud mit Kampfer zumischte. An den zartesten Stel- len ließ ich sie mit spanischer Fliegentinktur reiben, und legte zerriebenen Meerrettig daruͤber. Die Fuͤsse und Schenkel wurden mit in warmen Wein getauchten Tuͤchern eingewickelt. Durch den Mund goß ich ihr Hirschhorngeist und Wein ein; es lief aber alles wieder heraus. Nach einer halben Stunde wurde der Puls an den Haͤnden fuͤhlbar, und um den Mund herum aͤusserten sich willkuͤhrliche Bewegungen; die Haut wurde warm, und sie fieng an, langsam zu schlin- gen ꝛc. ꝛc. Innerhalb drey Stunden erkannte sie uns alle, alle, und fieng bald zu reden an. Spaͤter erzaͤhlte sie uns, daß sie auf den elysaͤischen Feldern in tiefem, schwerem Sande, bis uͤber den Nabel herumgewaden seye. — Nach einigen Tagen bekam sie eine vollstaͤn- dige und dauerhafte Erleichterung, nachdem nicht nur die Reihendruͤsen angeschwollen, sondern auf der ganzen Oberflaͤche des Bauches harte, fingerdicke, er- habene, zahlreiche Knoten zum Vorschein gekommen waren. Diese zertheilten sich nach und nach durch den anhaltenden Gebrauch der Rinde und des Schier- lings, wobey der Harn oͤfters einen Bodensatz hatte. Hier bestaͤttigte sich der Hippokratische Ausspruch, daß die auffahrenden Geschwuͤre und Beulen die Fieber entscheiden. Epid. VI. §. 123. Vielleicht waren alle diese Zufaͤlle nichts anders als die eigentliche, kritische Stoͤhrung, zu deren Be- obachtung ich aber dazumal noch nicht reif war. Wie sehr da das Leben sinken kann, haben wir oben viel- faͤltig gesehen. Dieses ist der Fall, wo der Arzt Heute den sterbenden Kranken verlaͤßt, den er Morgen ausser Gefahr findet. Nicht nur, weil die Hilfsquellen der Natur unerschoͤpflich sind; sondern auch, weil hier die Kunst oft zu ihrer Unterstuͤtzung unentbehrlich ist, muß der der Arzt um seiner eigenen Ehre, und um das Heil des Kranken willen, sich huͤten, nicht zu voreilig den Stab zu brechen. Bey einer etliche und vierzigjaͤhri- gen Frau schien den zwanzigsten Tag in einem faulich- ten Gallfieber die hoͤchste Todesgefahr zugegen zu seyn. Der Bauch war angeschwollen, gespannt, und die Kranke faselte; kein Aderschlag, Schlaͤfrigkeit, Un- ruhe, sehr beschwerliches Athmen und Schlucken. Da aber Tissot die Haut weich fand, keine Petechien da waren, Winde abgiengen, und der ein und zwanzig- ste Tag bevorstunde, so urtheilte er, daß der Krank- heitsstoff gekocht und beweglich waͤre, und die Krank- heit sich zur Entscheidung anschicke. Er half der kaͤm- pfenden Natur mit Limonade und Wein. Zur Zeit der instehenden Entscheidung ließ er mit Bedacht die mineralischen Saͤuren weg. Mitten in der Nacht ent- giengen ihr ohne Wissen und Wollen haͤufige, gewalt- same Stuͤhle eine halbe Stunde lang unablaͤßlich. Die Entkraͤftung war dadurch aufs aͤusserste gebracht. Es erfolgten mehrere schwere Ohnmachten; der Athem blieb fast ganz aus, und die Kranke konnte so wenig von der Betaͤubung erweckt werden, daß man gar nicht mehr am Todenkampf zweifelte: der Wundarzt hielt es fuͤr uͤberfluͤssig, die Wunde noch ferners zu verbinden. Tissot fand indessen vielmehr eine Art Schlaf, als den Tod. Das Athmen war jetzt sehr langsam, aber leicht; der Puls aͤufferst klein, aber weich; die Schwulst des Bauches hatte abgenommen. Er ließ ihr Limonade mit der Haͤlfte Wein Wein in den Mund troͤpfeln; Tuͤcher, welche in ei- ne Mischung von Wasser, Essig und Wein getaucht wurden, auf den Bauch und die Brust legen, und die gefaͤßreichesten Stellen damit befeuchten. Nach und nach hob sich der Puls; die Gesichtsfarbe wurde leb- hafter; der Schlaf ordentlich; erst den andern Tag, sechs und dreyßig Stunden nach der Entscheidung wur- de sie erweckt; sie leerte durch den Stuhl noch mehr Galle aus, und genaß. — Wie dieser Zeitpunkt von den wirlichen Vorboten des Todes zu unterscheiden seye, werde ich an einem andern Orte vollstaͤndig zeigen. Dieser Fall kann sich nach jeder heftigen, be- sonders mit Schmerzen begleiteten, und folglich desto mehr ermattenden Ausleerung ereignen. Timokrates in Helis trank viel, und nahm, als er von schwar- zer Galle in eine Raserey verfiel, ein Purgiermittel. Er wurde purgirt, die Purganz trieb den Tag uͤber haͤufigen Schleim und schwarze Galle ab, und gegen Abend ließ die Ausleerung nach. Beym Purgieren hatte er starke Schmerzen. Nachdem er etwas se ine Gruͤtzsuppe genossen hatte, bekam er Schlaf, der die Nacht durch, bis es tagte, anhielt. Im Schlafe schien er den Umseyenden gar nicht zu athmen; sondern todt zu seyn: denn er empfand von dem, was geredet oder gethan wurde, nichts. Sein Koͤrper lag starr, aus- gestreckt und steif. Doch lebte er, und wurde wieder aufgeweckt. Hipp. Epid. lib. V. 2 C. Fer- §. 124. Ferner kann man alle, und zwar die angemes- sendsten Mittel gebraucht haben; aber man hat sie nicht in derjenigen Gestalt, welche der besondern Be- schaffenheit des Kranken angemeßen ist; nicht in der gehoͤrigen Gabe; nicht in der erforderlichen Ordnung oder nicht zur rechten Zeit gebraucht; oder selbst die Eigenheiten des Kranken fordern eine Ausnahme, wozu der Arzt in der Natur der Krankheit keinen Grund findet. Manchem Kranken z. B. erregt die Kina in Pulver allerley Beschwerden, und sie wird unnuͤtz weggebrochen; da er den kalten Aufguß oder eine andere Zubereitung vortrefflich ertraͤgt. Der Bi- sam, der Wein, der Kampfer, der Schierling ꝛc. koͤnnen lange Zeit in zu geringen Gaben fruchtlos blei- ben, wo hingegen groͤßere augenblicklich ihre Wirkung thun. Kleine Gaben Mohnsaft wirken oft als Reiz- mittel, da groͤssere die allgemeine Ruhe herstellen. — Vringle fand in den Lazarethfiebern die Blasen- pflaster so lange unnuͤtz, als der mit diesen Fiebern unzertrennlich vereinigte Stupor nur schwach war, und nur des Abends in ein geringes Irreseyn uͤber- gieng. Sie thaten aber gute Dienste, sobald die Au- gen wild aussahen, die Stimme geschwind wurde, und eine Hirnwuth zu befuͤrchten war. Die gelindesten Abfuͤhrungen schaden, so lange z. B. die Entzuͤndung der Gedaͤrme im rohen Zustande ist; sie koͤnnen aber nach der Entscheidung nuͤtzlich und nothwendig wer- den den. Es ist auch nicht gleichguͤltig, ob man zu erst eine allgemeine, oder oͤrtliche Entleerung vornimmt ꝛc. ꝛc. In dergleichen Faͤllen fuͤhrt uns oft ein Zu- fall, ein kleiner Wink der unaufhoͤrlich beschaͤftigten Natur auf den rechten Weeg, oder die Lebenskraͤf- te bewirken noch unvermuthet, was wir nimmer den Muth hatten, von ihnen zu erwarten. Es tritt der Zeitfluß, der Goldaderfluß, ein Nasenbluten, ein Abweichen ein; oder es erscheint eine Beule, ein Ausschlag, ein Geschwuͤr u. d. gl. wobey die schwer- sten Zufaͤlle verschwinden. Einer Frau war zu Ende eines Nervenfiebers das Leben abgesagt. In der aͤussersten Schwaͤche ver- langte sie auf die Bedingniß, daß sie ohnehin sterben muͤsse, einen Schluck Wein. Ihre Tochter reichte ihr denselben ohne Anstand; alsobald bekam die Kranke ein unaussprechlich angenehmes Gefuͤhl durch den ganzen Koͤrper; sie verlangte mehr, und trank bis ungefaͤhr 8 Unzen. Darauf schlief sie ein, und erwachte nach drey Stunden neu belebt; besserte sich von der Stun- de an, und genaß. — Beyspiele von der Art kom- men haͤufig vor, und verdienen die Aufmerksamkeit des Arztes, weil sie ihn manche geheime Kraft, und manchen unbekannten Kunstgriff kennen lehren. §. 124. §. 124. Selbst der kalte Tod ist in gewissen Faͤllen noch kein unumstoͤßlicher Beweiß, daß das entweder schon ganz erloschene oder nur noch sehr kleine Leben nicht wieder erweckt werden koͤnne. Wir haben nur ein einziges Zeichen des gewissen vollkommenen Todes. Mangel des Pulsschlages, des Athemholens, der Empfindung; Kaͤlte und Steifigkeit; freywilliges Ab- gehen des Harns und des Unraths; das Hippokrati- sche Gesicht; Nichtfließen des Blutes; erweiterte Au- gensterne ꝛc. sind oft alle zugegen, ohne daß deßwegen die Wiederbelebung unmoͤglich waͤre. Ich rede nicht von dem Scheintode der Erstickten, Erhenkten, Er- saͤuften u. s. w. sondern von jenem, der sich unter den Haͤnden der Aerzte in Krankheiten zutragen kann. Dieses geschieht am oͤftesten: Im Schlagfluß mit und ohne Vollbluͤtigkeit; in Kopfkrankheiten; Nervenzu- staͤnden; in der Schlafsucht; Starrsucht; Hypochon- drie; Hysterie; in der Pest; in der fallenden Sucht; im Steckfluß; in der krampfichten Engbruͤstigkeit; bey Polipen des Herzens oder der grossen Adern; in freywilligen und nicht freywilligen Entzuͤckungen; in starken Ohnmachten; bey grosser Entkraͤftung; nach heftigen Ausleerungen aller Art; in der Kindbett; in Verwundungen; Vergiftungen; von uͤbermaͤßigem Fasten; Ueberfuͤllung des Magens; unmaͤßigem Liebes- genuß; anhaltendem Nachdenken; heftigen Schmer- zen; von Zorn, Kummer, Furcht, Bangigkeit, Angst, Scham; Scham; ploͤtzlicher Freude oder ploͤtzlichem Leid ꝛc. ꝛc Weiber sind dem Scheintode haͤufiger ausgesetzt, als Maͤnner, und behalten das Vermoͤgen, wieder auf- zuleben, laͤnger. — Der Scheintod ist gemeiner in hitzigen als in langwierigen Krankheiten, und ist dann, wenn sich der Tod unvermuthet zugetragen hat, am ersten zu vermuthen. Die Zeichen von der Natur eines jeden, und die darauf gegruͤndete Behandlungsart sind verschie- den, und muͤssen jedem Arzte aus den daher gehoͤri- gen Schriftstellern genau bekannt seyn. Die wichtigsten sind gesammelt in der kurzgefaßten Me- thode, die Scheintoden wieder zu beleben ꝛc. von einem reisenden Deutschen. Es ist sehr merkwuͤrdig, daß sehr viele Schein- toden von selbst wieder zu sich kommen, obschon man zuvor das wirksamste Verfahren lange Zeit umsonst angewandt und der Scheintod schon sehr lange ange- halten hatte. In dem neuen deutschen Merkur fuͤhrt Hufeland die Geschichte der Milady Russel an, welche 7 Tage lang im Todesschlummer lag, waͤhrend welcher Zeit sich keine Zeichen der Faͤulniß aͤußerten, welche ihr Gemahl durchaus abwarten wollte. End- lich erwachte sie. Merkwuͤrdiger noch ist das Beyspiel von einer Professors Frau, welches Camerer er- zaͤhlt. Diese sehr zu hysterischen Zufaͤllen geneigte Per- Person erschrack im 6ten Monate der Schwangerschaft o sehr, daß sie die heftigsten Zuckungen bekam, und nach 4 Stunden Tod schien. Nach 4 Stunden lang vergeblich angewandten staͤrksten Erweckungsmitteln hatte Camerer noch den Einfall, die Blasenpflaster von beyden Fußsohlen abzunehmen, und zugleich die Gesichtszuͤge aufs genaueste zu beobachten. Als man die Oberhaut von der grossen Zehe abzog, bemerk- te man einen schwachen Zug des Mundes. Man fieng an, die empfindlichsten Theile zu reitzen; man gebrauchte selbst das gluͤhende Eisen, und es war kein Theil, dem man nicht durch Stechen, Brennen und andere Reitzungen aufs staͤrkste zugesetzt haͤtte; aber alles umsonst; und doch wagte man nicht, im Vertrauen auf die kleine Spuhr, sie zu begraben. Sie lag ganze 6 Tage lang mit allen Zeichen des Todes, eine geringe Waͤrme in der Gegend des Herzens aus- genommen. Nun schlug sie aber ploͤtzlich die Augen auf. Nachdem sie mit einiger Nahrung erquickt war, wurde sie von einem toden Kinde entbunden, und er- holte sich bald darauf voͤllig wieder. — Ist dieses nicht etwan der naͤmliche, aber sehr verlaͤngerte Zu- stand, den ich §. 123 angefuͤhrt habe? — — Bey Leuten, welche schweren Ohnmachten, heftigen Kraͤm- pfungen oͤfters ausgesetzt sind, kann sich das Leben, endlich an sehr lange Pausen des Außenbleibens ge- woͤhnen, und der Scheintod kann periodisch werden. Also erst, wenn der Geruch wirklich faul, die Farbe fleckicht, ins Braune und Blaulichte spielend, die die ganze Oberflaͤche etwas aufgedunsen, und die Con- sistenz weich und breiartig wird; dann erst ist das Band, was die Masse von Kraͤften und Organen so wunderbar vereinte, geloͤset. Die Faͤulniß muß aber allgemein seyn. Der bloße Leuchengeruch kann bey Leuten, die Geschwuͤre, durch den kalten Brand zer- stoͤhrte Theile, die Pocken u. d. gl. haben, ebenfalls zugegen seyn. So bekam bey Sydenham ein Blat- ternkranker die Hirnwuth und schien tod zu seyn; er hatte den Todengeruch. Als er nakt auf den Tisch gelegt wurde, gab er Lebenszeichen von sich, und wurde geheilt. §. 125. Eine der maͤchtigsten Ursachen nicht nur des Scheintodes, sondern auch der Unheilbarkeit der Krank- heiten, ist Niedergeschlagenheit des Gemuͤths, Ver- zweiflung, Furcht vor dem Tode. Zimmermann erzaͤhlt von einem 36 jaͤhrigen Bauern, der aus Furcht des Galgens im Gefaͤngniße alle seine Kraͤfte so ver- loren hatte, daß kein Puls zu fuͤhlen, keine Bewe- gung des Herzens und kein Athen zu entdecken war. Sein Angesicht und seine Lippen waren ganz erblaßt; seine Augen geschlossen; er war kalt und einem toden Koͤrper ganz aͤhnlich. Man stieß ihn, rieß ihn, schlug ihn, und waͤlzte ihn auf der Erde herum, oh- ne ihm das geringste Lebenszeichen auszupressen. Zim- mer- mermann hielt ihm den fluͤchtigen Salmiakgeist unter die Nase, goß denselben in die Nase, schuͤttete ihm die staͤrksten Arzneyen in den Hals; sie kamen aber von selbst in den Mund zuruͤck, und floßen ihm uͤber den Bart herunter. Erst nach 24 Stunden bemerk- te man ein sehr langsames und kleines Athmen. In den ersten 24 Stunden rieb man ihm von Zeit zu Zeit Salmiakgeist unter die Nase. Nach diesen 24 Stunden schien er etwas von den Arzneyen zu schluͤ- cken. Nach 30 Stunden that er zum ersten Male die Augen auf; nach 36 Stunden gab er einen kleinen Laut; nach 6 Tagen war er vollkommen gesund, und stund bald darauf am Pranger. Nun sollen Vater und Mutter, Kinder und Eltern gewaltsam von einander scheiden; der Liebende soll den Armen der Geliebten, der Reiche seinen Schaͤtzen, der Wohllebende allem Genuße entrissen werden! — — Unduldsamkeit im Leiden; Mangel an Trost; Gewissensbangigkeiten; schreckvolle, fey- erliche Zubereitungen; Jammer und Wehklagen, oder marternde Gleichguͤltigkeit der Angehoͤrigen: — Wenn der Kranke dieß alles fuͤhlt, wie allmaͤchtig muͤßen dann seine ohnehin erschuͤtterten Lebenskraͤfte zermalmt werden! — — Aber nur die Leiden, die Vorlaͤufer und die Furcht des Todes sind schrecklich. Der Tod selbst hat uns uͤberfallen, ehe wir’s ge- merkt haben. — — Dor Hier ist es also Pflicht, daß der Arzt den Muth seines Kranken nicht sinken lasse. Ohne die Angele- genheiten der Verlassenschaften und der Zukunft zu vernachlaͤßigen, wisse er, manchmal gegen seine eig- ne Ueberzeugung, mit offner Zuversicht einen gluͤck- lichen Ausgang zu versprechen. In zweifelhaften oder unheilbaren Faͤllen aber schraͤnke er seine Verheißun- gen auf keine bestimmte Zeit ein, damit, wenn diese Zeit ohne Besserung herannaht, der Kranke nicht alles fuͤr verloren halte. Der Arzt wisse, das schwan- kende Vertrauen durch mannigfaltige Abaͤnderungen zu unterstuͤtzen; und lasse ja nicht merken, daß die Hilfsmittel der Natur oder der Kunst zu Ende sind. Er seye auf jeden ungluͤcklichen Vorfall gefaßt, und wisse ihm, wenn der Kranke die Wahrheit nicht er- tragen kann, ein guͤnstige Wendung zu geben. — — Hier ist der einzige Fall, wo manchmal eine Alles verheißende Pralerey zur Pflicht wird, und Wun- der thut. So wie wir von der aͤußersten Spitze einer Anhoͤhe in den Abgrund hinabsehen, ohne das Gleich- gewicht zu verlieren, wenn wir im Nothfalle einer Haltung versichert sind; hingegen sobald wir uns der Rettung beraubt glauben, von einem weit groͤssern Standpunkte hinabschwindlen: — Eben so erliegt der muthlose Kranke einem schwachen Uebel, und trotzt der verheerenden Macht des Todes, wenn der Arzt die gesammten Kraͤfte seines Geistes und seines Koͤr- pers mit jenen der Kunst zur wechselseitigen Unterstuͤ- tzung tzung zu vereinigen weiß. — — Soll aber das Ende seiner Tage nahe seyn, so laͤßt ihn zum we- nigsten sein Arzt die Schrecken der Aufloͤsung nicht fuͤhlen. — Und in jedem Falle wird ein Mensch des andern Gott. In- Inhalt des ersten Kapitels Erster Abschnitt . Seit. Erscheinungen des menschlichen Koͤrpers 1 Anstalten zu dessen Erhaltung 2 Krankheitsursachen 2 Anstalten gegen die Krankheitsursachen 3 Erforschung der Grundursachen dieser Anstalten 5 Darstellung der Stahlischen Hypothese 6 Darstellung der Hallerischen Hypothese 12 Plattners Gruͤnde gegen die Hallerische und fuͤr das Wesentliche der Stahlischen Hypothese 15 Plattners Zusaͤtze zur Stahlischen Hypothese 19 Pruͤfung der Plattnerischen Hypothese 21 Zweyter Abschnitt . Vergleich des Menschen mit den Thieren . — In Ruͤcksicht der Geschlechtsverrichtung 28 — — Der Entwicklung und der Krankheiten 32 — — Der verabscheuenden und annaͤhernden Be- gierden 37 — — Der thierischen Bestrebungen und der Vor- hersehungen 42 Z Erklaͤ- Seit. Erklaͤrung der Vorgefuͤhle, Vorhersehungen, und der Erhoͤhung der Seelenkraͤfte in Krank- heiten 48 Faͤlle, in welchen Vorhersehung statt hat 66 Von den Traͤumen, in wiefern sie Krankheit, Ge- nesung oder den Tod ankuͤnden 68 Vorboten einiger Krankheiten 72 Ahndungen 76 Fortsetzung des Vergleiches des Menschen mit den Thieren 77 In Ruͤcksicht der Vollkommenheit des Mechanismus 79 — — Der innern Empfindung von seiner Natur und seinen Kraͤften 87 — — Des eingepflanzten Bemuͤhens zu gewissen der Natur gemaͤßen Handlungen 101 — — Der Biegsamkeit des Koͤrpers 103 — — Der Vorsorge der Natur, der angebohrnen Kunstfertigkeiten, angebohrnen Gemuͤthsfaͤ- higkeiten und der angebohrnen Vollkommenheit 111 — — Der sinnlichen Empfindungen 124 — — Der angebohrnen Anlagen 128 — — Der Organisation, und der Gewandtheit des Geistes 133 Dritter Abschnitt . Vergleich des Menschen und der Thiere mit den Pflanzen 139 — In Ruͤcksicht ihrer Erhaltung, ihres Wachs- thums und ihrer Fortpflanzung 139 — — Des Erstattungsvermoͤgens 149 — — Der Reizbarkeit, der Einsaugung, der ruͤck- gaͤngigen Bewegung, und der Krankheiten 153 — — Des Baues, der Verbreitsamkeit, des Him- melsstriches und des Standortes 158 Folgerungen aus den angefuͤhrten Vergleichen 162 Vier- Vierter Abschnitt . Seit. Von dem wechselseitigen Einfluß der Seele und des Körpers 166 Anwendung der bisherigen Untersuchungen auf die verschiedenen Verrichtungen des Menschen 166 Vom Einfluß des Koͤrpers auf die Seele insbesondere 183 Vom Einfluß der Seele auf den Koͤrper insbesondere 191 Inhalt des zweyten Kapitels . Erster Abschnitt . Vom Heilvermögen der Natur . Seit. Eigenmaͤchtige Kuren der Natur, und Eroͤrterung derselben 206 Nachtheil von gestoͤhrter Wirksamkeit der Natur 229 Beweis von der Wirksamkeit der Natur in Krank- heiten, deren Heilung man gewoͤhnlich den Arzneymitteln zuschreibt 246 Zweyter Abschnitt . Vom Heilvermögen der Kunst 251 Verhaͤltniß der Sterblichkeit und der Krankheiten, je nachdem die Kunst der Natur zu Hilfe koͤmmt 252 Z 2 Faͤlle Seit. Faͤlle, wo die Bestrebungen der Natur mangelhaft oder nachtheilig sind 264 Zweifel uͤber die Bestimmung des Unvermoͤgens der Natur, und Kennzeichen desselben 274 Dritter Abschnitt . Von den wichtigsten Erfordernissen zur Wirksamkeit der Natur 293 Das erste Erforderniß zur Wirksamkeit der Natur ist eine gute Leibesbeschaffenheit 293 Verhaͤltniß und Unterschied der Krankheiten ganzer Voͤlker und einzelner Menschen, je nachdem ihre Leibesbeschaffenheit besser oder schlechter ist 293 Zufaͤlle und Zeichen der verdorbenen Leibesbeschaffenheit 336 Das zweyte Erforderniß zur Wirksamkeit der Natur sind verhaͤltnißmaͤßige Kraͤfte 341 Verhaͤltniß und Vergleich der Krankheiten nach dem Unterschiede der Lebenskraͤfte 344 Von den Kraͤften in hitzigen Krankheiten 351 Von der Wiedergenesung 388 Von den Ruͤckfaͤllen 398 Lebensordnung in hitzigen Krankheiten 404 Von den Kraͤften in langwierigen Krankheiten 407 Von der Schaͤtzung der Kraͤfte 426-432 Zeichen der Kraftlosigkeit 428 Von der oͤrtlichen Schwaͤche 445 Erkenntnißquellen der oͤrtlichen Schwaͤche 452 Von der Verschiedenheit der Entkraͤftung 459 Von der Ermuͤdung der Kraͤfte 462 Von der Unterdruͤckung der Kraͤfte 472 Unterdruͤckung der Kraͤfte von wahrer Volloluͤtig- keit, Faͤlle, Stufen und Kennzeichen derselben 473 — — Von Vollbluͤtigkeit, welche von Verengerung der Gefaͤße veranlasset wird, Faͤlle und Kenn- zeichen derselben 478 — — Von Vollbluͤtigkeit, welche von Ausdehnung der Saͤfte entsteht, Faͤlle und Zeichen derselben 480 Von — — Von Vollbluͤtigkeit in Ruͤcksicht der Kraͤfte; Faͤlle und Zeichen derselben 502 — — Von zu haͤufiger Krankheitsmaterie; Faͤlle und Kennzeichen 508 Von der Erschoͤpfung der Kraͤfte, Faͤlle, Stuffen und Kennzeichen derselben 523 Das dritte Erforderniß zur Wirksamkeit der Natur ist verhaͤltnißmaͤßige Reitzbarkeit 533 Faͤlle, wo die Reizbarkeit irriger Weise fuͤr uͤber- spannt oder vermindert gehalten wird 535 Von der verminderten Reizbarkeit; Faͤlle und Kennzeichen 547 Von uͤberspannter Reizbarkeit; Faͤlle und Kennzeichen 550 Von der oͤrtlichen Reizbarkeit 556 Heilart der fehlerhaften Reizbarkeit 566 Von dem Zustande, wo fehlerhafte Reizbarkeit und Kraftlosigkeit zusammentreffen 570 Von der Natur und der Heilart der leidenschaftli- chen Krankheiten 575 Vom Unterschiede des gesunden und des kranken Zustandes 603 Vierter Abschnitt . Von den Hilfsmitteln der Natur 612 Von dem Reize und der Mitleidung. Gesetze des Reitzes 612 Von der Gewohnheit 631 Vom hinterlassenen Eindruck 649 Vom Instinkte 656 Ueber die Pruͤfungsmittel des Instinktes 670 Fuͤnfter Abschnitt . Von den Hilfsmitteln der Kunst 679 Die Hilfsmittel der Kunst koͤnnen den Verlauf und die Perioden der Krankheiten veraͤndern 679 Sie Sie muͤssen der Natur und dem Grade der Krank- heit, und dem Krankheitsstoffe angemessen seyn 683 Von den spezifischen Mitteln 688 Von den zusammengesetzten Arzneyen und Heil- arten 697 Warnung uͤber die vorgebliche Unheilbarkeit einer Krankheit, und Faͤlle, wo dergleichen Taͤu- schungen statt haben 701 Wien, mit Goldhannschen Schriften. 1791 . Berichtigungen . S. 83 Z. 15. ist die Note ausgeblieben: Daß die Wurzel des Manioc ( Jatropha Manihot Linn. ) durch die Zuberei- tung ihre scharfe und schaͤdliche Eigenschaft verliere, und ein gutes, gesundes, das sogenannte Madagascari- sche Brod gebe, welches den meisten Einwohnern in Westindien zur Nahrung dient. Selbst der Saft wird durch die Kaͤlte und das Feuer unschaͤdlich. Neuer Schau- platz der Natur 1 B. S. 961. S. 192. Z. 15 gehoͤrt mit dem Vorhergehenden in Verbin- dung, und erst mit den Worten: „Jeder Schmerz \& c. soll von Vorne angefangen werden. S. 438 Z. 28 statt: Zu Ende des 3, 4, 7, 11, 14, 17 Tages, ließ: Zu Ende des 3ten Tages, oder den 4, 7, 11, 14, 17 Tag u. s. w. S. 690 Z. 2 statt: boͤsartigen Blattern, ließ: boͤsartigen Fie- bern, Blattern \& c. Die minder wichtigen Buchstabenfehler z. B. S. 12 Z. 17 Mus- kelfiebern, statt: Muskelfibern \& c. bittet man den Leser zu entschuldigen, und selbst zu verbessern.