Reiseschule für Touristen und Curgäste von Arthur Michelis . Leipzig . Verlag von Adolf Gumprecht. 1869. Uebersetzungsrecht vorbehalten. Inhalt . I. Erstes Zusammentreffen — der vielgereiste Engländer — Kunst der Reise — der Tourist von Fach und seine Reise- schüler — apodemische Studien — Verabredungen S. 1 — 6 II. Vorbereitungen — schweres Herz — Reisehandbücher — Stadtpläne — Reisepläne, deren Sclaven und Narren — Musterung und Verpackung — Livr é e für Gepäckgegenstände — auffällige Markirung — Hauptliste für Mitzunehmendes — Reiseapparat — Vocabeln und Sätze S. 7 — 26 III. Reisekleider — Codex turisticus § 1 — Wäscherinnen — Barbiere — entsittlichende Eigenschaften der Seife — zur Kleiderordnung — Lebensrettung — Nothbehelfe in Robinson- verhältnissen — pädagogische Attrapen — Hauptanzug — wasserdichte Bereitung — Gepäckreductionen — Joppe — Knöpfe — Reservesystem — Gepäck so wenig als möglich — kostspielige Ersparnisse und Assecuranzgebühren — Kosten — Postanweisungen — Fortification — nackte Knie — gegen Nässe — der Plaid und seine Verdienste — Plaidnadeln — Kopfbedeckungen — schon wieder Wäsche — Reiselust und Reinlichkeitsliebe — der Reinlichkeitsfanatiker und seine Toilettengeheimnisse — zur Farbenlehre — bergauf — Copie nach niederländischem Original — Diener — Hutbänder mit Gebirgsprofilen — erlaubte Bescheidenheit — Vorsichts- maßregeln — Fahrbillets — Gepäckscheine — die versteckte Fahrkarte — Werthsachen zu sichern — Diebe — weitere Sicher- heitsmaßregeln — Papiergeld — Gold — chirurgische Hilfe — Inhalt. Goldmägen — Versicherungsschein — aus dem Wagen springen — todte Briefe — Verluste durch Zerstreutheit — Taschen u. abermals Taschen — Stühle — Gedächtnißkrücken — Tailleur Krausé — Handwerkerbildungsvereine — fernere mnemotechnische Krücken — bei eiliger Abreise — Friedrich der Verschlafene — Adressen und Erkundigungen — schriftliche Aufzeichnungen — Gedächtniß und Phantasie — Schreiben im Freien und im Fahren — Cigarrenanzünden — Zündhölzer — schriftliche Notizen — Reisetagebuch — Entwürfe und Aus- arbeitungen S. 27 — 62 IV. Ausrüstung für schwierige und gefährliche Gänge — Schuhwerk — Strümpfe — Wundwerden — Reisetaschen — Mundvorrath — Lang---sam! — Vorläufer u. Nachzügler — Einspruchsrecht — Rückblicke — Alpenstock — auf und ab über Schnee, Geröll, Felsen ꝛc. — Unglücksfälle — Gras- hänge — Ulysses fährt in die Unterwelt — Hinabgleiten — Gefahren und Rettungsmittel — Wanderstäbe — Knieholz — Felsplatten — abwärts — Sturz — Eissporen — Seile — Eisbeile — Lawinen — Rückweg — nicht allein — Ent- fernungen — Narrenwagnisse — außergewöhnliche Er- steigungen — Uebertreibungen — Führer — Schwindel — Fußschau — Glycerin — Hautpflege — Schneebrillen — Schleier — Fußwanderung — früh aufstehen — Essen und Trinken — Höhepunkte und Fernsichten des Reiselebens — cum grano salis — Vesuv — Durst — Erkältungen — kalter Thee und Kaffee — Fleischbrühe — Getränkkühler — Wasser — Hochgebirgsbeschwerden — Bergweh — Alpen- und Tigermilch — Erholungs- und Vergnügungsreisen — sich einmal so recht auslaufen — Läuferwahnsinn — hypochondrische Studien — Ode an die Nerven — schroffe Uebergänge — wie neu geboren — Aschermittwoch S. 63 — 100 V. Luftcurorte und Mineralquellen — der neue Souverän — Bedürfniß und Ueberfluß — Stiftungen — wohlfeile Unsterb- Inhalt. lichkeit — nicht gerechtfertigte Anlagen — Wege — Wald- reviere — Lichtungen, Schatten — Sitzen im Freien — Bänke — Wünsche und Beschwerden — Culturgeschichtliches — Sommer- frischen — Dorfgeschichten — häusliche Einrichtungen — un- willkommene Sinnesreize — Curvorstände — Ohrenschinder — musikalische Drangsale — Lenz und Frühsommer — Früh- kommen — bei knapper Zeit — böses Wetter u. farbenblinde Augen — Meteorologisches — Hochsommerglut — für u. gegen große u. kleine Bäder — naturalistische Luftcurversuche in der Wildniß — Ventilation — Kaffeehäuser — Bierstuben — Siedelungsversuche — sociale Stellung des Kranken — Kunst, mit Anstand und guter Laune krank zu sein — gesunder Menschenverstand — Tagesordnung — wie geht’s? — der junge Nachwuchs der Curorte — Laienbrief an die H. H. Doctores loci — Elementarunterricht — Geheimeräthe und Orden — Haupt- und Nebensachen — romantische Verführungen — Verstand und Erfahrung — Reisequecksilber — Spielart von Tourist und Curgast — Fahrsucht — natürliche Grenzen — gerecht und vollkommen — Geständnisse — Schmuggeleien — Reisecurgäste und ihre bösen touristischen Gelüste — Reise- jagden — Scheu vor Wiederholungen und Rückwegen — Ver- weile! — Galerien — wiederholte Reisen — Jahreszeit — Curzeitvergeudung — drückende Nahrungssorgen — Balneo- logie und Klimatologie — Laienwünsche — monographische Lücken — Durchschnittstemperatur — zur Diät der Seele — Geduld, Geduld, Geduld! — Pensionswesen — Winter- curorte — Kündigungsrecht — eine Pensionsmutter — mein Stubennachbar — Nordlicht — Satzungen — Zug nach dem Süden — Trost für Zurückbleibende — ewiger Frühling — deutscher und schweizer Unternehmungsgeist — sehr ent- täuscht — Hoffnungen und Wünsche — an junge Aerzte — Erfordernisse — Meeresküste — spazieren klettern — verlorenes Paradies — Oertliches — Turnen — ernste Ueberlegungen — Waffen gegen Langeweile — Geographie der Langenweile — Segen der Arbeit — Lectionen im Müßiggang — Zer- streuungen, Zeitvertreibe, Belustigungen — Rentierleben — Inhalt. Rentiers u. Sinecuristen — Trösteinsamkeit — Hantierungen — Zucht der Phantasie — am Abgrunde — Stundenplan — Schutz der Arbeit und Bürgschaften der Freiheit — Sonnenschirm für Curgäste — Metallklammern ( Letter elips ) S. 101 — 164 VI. Eingehende Wirthshausforschungen — erste H ô tels — Tanti è mesystem — Stocksischfänger und Piraten — Zudring- lichkeiten — Händler — zur Nautik — wie ermittelt man gute Gasthöfe — Elephantenjagd — geheime Registratoren — Gegenseitigkeit — positiver und negativer Pol — Scorpione — noble Herrschaften und kleine Leute — polnische Grafen — Grand Hôtel au Dindon d’Or — vierspänniges Trara — Fürsten und Große — Paris und London — Wasser und Brod — Imperfectum und Futurum — Hietzing — Goethe — Bier — volksthümliche Gerichte — Particularismen und Vandalismen — Lehren der Weisheit und Tugend für Wirthe — Delicatessen — Augenblendwerk — Wirths- congresse — der Küchenvirtuos — gastrosophische Studien — culinarische Erziehung des Menschengeschlechts — ein Pro- fesseur der Gourmandise — Geschmacksbildung — gaumen- ästhetische Rang- und Quartierliste — Nahrungssorgen — Kampf um’s Dasein — paläontologische Forschungen in Küchen- abfällen — härteste Nothzustände — Abschätzung der Gäste — unser schwarzes Register — Abrechnung — weitere Bitten an Wirthe — welche Gasthöfe Sparsame meiden — noch ein Mittel gegen Uebertheuerung — Zeche — Kleingeld — Kellner — Verschwendung und Knickerei — Russen, Engländer, Franzosen — Trinkgelder und Geschenke — Lob der Cigarre — im Eisenbahncoup é — Reiseökonomie — wohlfeilste schweizer Reise — die Schweiz und ihr Ruhm — fernere Ersparnisse an Zeit, Geld, Mühe und Verdruß — Uebernachten im Freien, in Sennhütten und Heuschobern S. 165 — 201 VII. In internationalen Angelegenheiten — festlandläufige Ansichten über Engländer — antibritisches Sperrsystem — keep Inhalt. your distance — Würfeltintefaß — I \& you — warum sie reisen — wissenschaftliche Baratterie — verletztes Selbst- gefühl — Nord- und Süddeutsche — Zurückhaltung — englische Touristen — Subtractionsexempel — Fertigkeit im Reisen — französisches Urtheil über Engländer — französische Touristen — englische Reisewerke — Kunst der Reise- beschreibung — Comfort — Yankees — Scheu vor An- näherung an Fremde — Berliner — Alltagsmenschen — geistige Rangstufen — Anknüpfungen — Hindernisse — Mi- mosennaturen — Musterung — Graf Zwei — Störung — gräfenberger Dusche — Dialektstudien — Entzifferungskunst — Scherze — Localpossen — Quarteronen — Fragewuth — Franklin — moralische Erzählungen vom Lohn der Tugend — Griesgrame, Hypochonder, Sonderlinge — Schiffszwieback- naturen — Fähigkeit anzuregen — Gemüthlichkeit — neu- gefundene Freunde — Gesprächsstoffe — Rücksichten — Ueber- gangszustände — nachgeschickte Zeitungen — Volksleben — Lord B. — Mittelclassen — lange, lange Pappeln — Ge- sandte, Consuln — Empfehlungsbriefe — gebildete Familien — geschlossene Gesellschaften — Buchhandlungen — Gefühl der Verlassenheit — allein reisen — Warnung vor den besten Freunden — schwerste Geduldsprüfungen — kleine Ueber- raschungen — Frauen — N é glig é — Ehemänner — verschiedene Reisegefährten — allein abreisen — Hauptzwecke S. 202 — 235 VIII. Neue Geständnisse, die von Rechts wegen in die Vorrede gehörten — praktische Dinge — Gesichtspunkte — Beiläufig- keiten — Ulysses wird ruhmredig und hinterhaltig — Diener — Ersparnisse — gelehrter Kram — touristischer Stammbaum — Blick in alte Zeiten — die Reise, ihre Freunde und Feinde, Vortheile und Nachtheile — Triebfedern — Eitelkeits- und Phantasietouristen — Poesie der Reise — Reisefieber — neue Art zu reisen — Eisenbahnwesen und seine Flegeljahre — Hoffnungen — Techniker — Ruß- und Bußfahrten — feurige Kohlen — Staubbrillen — Bahnhofrestaurants — Inhalt. Fürsprecher — Widerwärtigkeiten und Strapazen — Comfort — Rechtfertigung — allgemeine Betrachtungen — geistige Rund- und Fernsicht — Zwecke — Summe der Reiseerfahrungen — der große Touristenstrom — Reisemüde — Grade der Empfäng- lichkeit — Farbenscheibe — Nutzanwendung — Monotonie des steten Wechsels — bestimmte Richtung — Reisemechanismus — passives Empfangen von Eindrücken — Specialität — keine Zeit haben — Märtyrer der Berufspflicht — Mußestunden — Jugend und Alter — Einseitigkeit — ewiges Einerlei — geistige Alpenregion — Sammler und Sammlungen — Excerpte — Lichtstrahlen — ein Sonderling — Berufswahl — Wechsel der Stimmungen — das beste Geschäft — die Reise eine Wohlthäterin — ein anderer Kauz — allein und ab- getrennt — Zucht von Steckenpferden — Zerstreuungsjäger — pariser Ennui — große Modebäder — worauf es ankommt — ein gutes Reisegewissen und seine Forderungen — was wir alles beobachten sollen — Vielseitigkeit — Bienen und Fliegen — Wahl treffen — spitze Bleistifte — weitere Mittel gegen Reisemüdigkeit — Hauptaufgaben — Sehenswürdig- keiten — Menschen- und Selbstkenntniß — Probiersteine und Schleifsteine — Geselligkeitstrieb — Einsiedler — Ausschließ- lichkeit — Befürchtungen — die Reise ein Maskenball — öffentliche und Privatbälle — Zwiegespräche — große Gesell- schaften — Hintergedanken — betrübende Wahrnehmung — unsre Geschäftsfreunde — ein Landpastor — Stadt- und Landleute — plötzlicher Geldgewinn — Wohnungsmiethe — Preissteigerungen — Luxusgäste — Trinkgelder, Geschenke, Almosen — Culturfortschritte — Selbstvertheidigung — durch Cultur zur Natur zurück — unsre Aufgaben — Politik — Heimgekehrte — leichtsinniges Briefschuldenmachen — Im- ponirenwollen — Abenteuer — Reiseberichte — Zweifel — Abschiedswort und Reisesegen S. 236 — 278 I. Erstes Zusammentreffen — der vielgereiste Engländer — Kunst der Reise — der Tourist von Fach und seine Reiseschüler — apodemische Studien — Verabredungen. An einem regnerischen Nachmittage kam ich, der deutsche Herausgeber dieses Büchleins, im Wirthshause zu Meiringen an. Am Tische saßen zwei Herren, die englisch sprachen und wie Briten, aber doch nicht allzu particularistisch aussahen, sonst war Niemand im Zimmer. Ich setzte mich deshalb in Sprechweite an denselben Tisch, entschlossen, mit ihnen be- kannt zu werden, nöthigenfalls sie anzureden. Mancher Leser wird schon hier verstimmt den Kopf schüt- teln und einen gesellschaftlichen und internationalen Verstoß darin sehen, Fremde, und gar Engländer, anreden zu wollen. So will ich denn nur gleich gestehen, daß ich selbst bei meinen frühesten Wanderungen diese Scheu vor Annäherung an Un- bekannte theilte, allmählich jedoch einsah, daß sie eines der lästigsten und zweckwidrigsten Gepäckstücke des Reisenden, mit- hin daheim zu lassen ist. Auch der Britenhaß gehört dar- unter, eine Erörterung beider Gegenstände mag indeß auf später vorbehalten bleiben. Diesmal brauchte ich nicht die Kosten des ersten Schritts zu bestreiten, denn der ältere der beiden Herren kam mir nach wenigen Minuten entgegen durch eine in deutscher Sprache gemachte Bemerkung, welche, nach Ton und Blick zu schließen, keine bestimmte Adresse hatte, ich nahm sie daher für eine jener halben Einladungen zum Gespräch, die abgelehnt oder er- griffen, fallen gelassen und wieder aufgenommen werden kön- 1 I. Erstes Zusammentreffen — der vielgereiste Engländer — Kunst d. Reise. nen, je nach Umständen, alles ohne Präjudiz, so recht für den Reisegebrauch geeignet. Die Unterhaltung wurde bald leb- haft, setzte sich fort bis in die Nacht, hatte zur Folge, daß ich mich beiden Herren für die weitere Reise anschloß und — daß dieses Büchlein entstand. Da es zur Legitimation dessel- ben gehört (Wanderer, die sich gar nicht ausweisen können, laufen Gefahr, als Landstreicher behandelt zu werden), so sei es vergönnt, zunächst auf einige Personalien einzugehen, die weiteren Capitel sollen dann um so ausschließlicher Realien gewidmet sein. Die Herren waren wirkliche, leibhaftige Engländer, Oheim und Neffe. Der Erstere, Sohn einer deutschen Mut- ter, hatte schon als Knabe mehre Jahre in einer deutschen Lehranstalt zugebracht und war unsrer Sprache völlig mächtig. Nachdem er lange als Officier in Ostindien gedient und dort Frau und Kinder verloren, hatte er, tief gebeugt, dazu kränk- lich, seinen Abschied genommen und war nach Europa zurück- gekehrt. Auf ärztlichen Rath verbrachte er darauf geraume Zeit in deutschen Bädern, den Alpen , Südeuropa und dem Orient . Gegenwärtig war sein Wohnsitz London , es verging aber selten ein Sommer, den er nicht theilweise auf dem Fest- lande zubrachte. Als ich ihm begegnete, hatte er seinen Neffen bei sich, um ihn in der „Kunst der Reise“ zu unterrichten, welche nach seiner Ansicht nicht unter die „noblen Passionen“, sondern höher hinauf, unter die accomplishments of a thorough gentleman, die Erfordernisse eines vollkommenen Gentleman gehörte. Was ich unter dieser, ehedem „Apodemik“ genannten Kunst verstehe, sagte er, wird sich weiterhin sattsam ergeben, hier will ich nur bemerken, daß in diesen Bereich meines Er- achtens Alles gehört, was beitragen kann, die Reise ersprieß- lich und angenehm zu machen, ein richtiges Verhältniß herzu- stellen zwischen Mitteln und Zwecken, ihre Mißlichkeiten und Gefahren zu mindern und ihre Genüsse zu steigern. Nicht blos sind dabei eigentliche Touristen in’s Auge zu fassen, I. Der Tourist von Fach u. s. Reiseschüler — apodemische Studien. denen es gilt, Zeit, Mühe, Verdruß und Geld zu ersparen, sondern ebenfalls Solche, die der Gesundheit halber reisen oder sich an fremdem Orte aufhalten, wenn auch die Bedürf- nisse der letzteren natürlich nur so weit berücksichtigt werden können, als sie nicht Sache des Arztes sind. — Mein Neffe Eduard , fuhr er fort (wie ich später hörte, war der junge Mann leidend und sollte den nächsten Winter im Sü- den zubringen), ist mein Erbe. Da nun aber ein Theil mei- nes Vermögens bald nach mir auch den Wanderstab ergriffen hat und nur in Erinnerungen und Erfahrungen umgewan- delt heimgekehrt ist, so möchte ich wenigstens mit dieser ideellen Valuta so viel als thunlich meine Hinterlassenschaft ergänzen, damit der arme Junge nicht zu kurz kommt. Bis jetzt kann ich indessen seinen Eifer und seine Fortschritte nicht sehr rüh- men, es ist mir darum lieb, daß Sie ihm mit gutem Beispiele vorangehen wollen. — Der alte Herr, dem Touristisches einer der liebsten Gesprächsstoffe war, hatte nämlich bald be- merkt, daß er an mir einen aufmerksamen und dankbaren Hörer fand. Was er seine Altersgeschwätzigkeit nannte, war mir höchlich willkommen, denn ich brauchte nur irgend einen Gegenstand aus unsrem Lieblingsgebiete zu berühren, so zeigte sich, daß er darüber Erfahrungen gesammelt hatte. So machte ich also unter seiner Leitung meine apodemischen Stu- dien, und wir verabredeten, daß ein Buch daraus werden, in welchem er Ulysses minor heißen sollte. Mich ernannte er zu seinem Adoptiv-Telemach und zum Universalerben seiner ganzen Reiseweisheit, versprach und lieferte mir auch seinen Vorrath von Aufzeichnungen zu unbeschränkter Verfügung für unser gemeinschaftliches Buch. Ihr seid das Literaturvolk, sagte er. Von je hundert Deutschen sollen neunundneunzig schreiben gelernt haben. Ob dasselbe günstige Verhältniß sich auch auf Eure Autoren erstreckt, ich meine, ob von je hundert derselben neunund- neunzig auch schreiben können, mögen die Literaturzeitungen entscheiden, hoffentlich sind Sie nicht gerade Einer von denen, 1* I. Verabredungen. die es nicht können. Wie nun aber Ihr das literarische Volk seid, so sind wir Engländer das touristische. Während Ihr mehr Literaturgeschichten besitzt, als alle anderen Völker zu- sammen, gibt es bei uns mehr Reisebeschreibungen als im ganzen Schriftenthum der übrigen Welt und wenn viele Uebung den Meister macht, so müssen wir die Reisemeister sein. Es würde mich freuen, wenn Ihre Landsleute aus mei- nen Erfahrungen und Einfällen einigen Nutzen zögen. Warum eigentlich der alte Herr nicht selbst ein Buch über die Kunst der Reise schrieb, ist mir bis heute nicht recht klar geworden. Wiederholt suchte ich ihn darüber auszuforschen, immer aber antwortete er ausweichend oder scherzend. Hat doch auch, sagte er einmal, Sokrates Schülern überlassen, seine Weisheit der Welt zu verkünden, von Ihnen hoffe ich, daß Sie sich zu mir wie Plato zu ihm verhalten werden. Alle Lehre wird, mündlich vorgetragen, eindringlicher, soll jedoch ein Buch die Vermittelung übernehmen, so hat dieses den Lesern gegenüber einen bessern Stand, wenn sein geistiger Urheber nicht selbst für jedes Wort einzustehen braucht, denn Unvollkommenes daran wird dann dem Herausgeber zur Last gelegt und dem Ansehen des Ersteren geschieht kein Abbruch. Ein andermal war die Entgegnung, er sei zum Soldaten, nicht zum Schriftsteller erzogen; dann wieder munkelte er von Ver- hältnissen, die ihn hinderten, selbst Hand anzulegen, kurz, es schien, als ob es ihm darauf ankomme, mich im Dunkeln zu lassen über seine Beweggründe. Auf seine sonstigen Absichten und Pläne wird das letzte Capitel einiges Licht werfen, hier will ich nur noch seine Antwort auf ein von mir geäußertes Bedenken einschalten, „ob nicht etwa seine Theorie eine speci- fisch englische sei, die sich zur Mittheilung an meine Lands- leute wenig eigne.“ Befürchten Sie nichts der Art, erwiderte er. Ich bin dem Blute und der Erziehung nach zur Hälfte deutsch, habe den Haupttheil meiner Reisezeit auf deutschem Gebiete und im geselligen Verkehre mit Deutschen zugebracht und könnte I. Verabredungen. in der That der entgegengesetzten Einseitigkeit weit eher ver- fallen. Auch davor habe ich mich jedoch zu hüten gesucht, von der Ansicht ausgehend, daß der Tourist als solcher „Kosmo- polit“ ist und die gediegene Touristenpraxis keinen nationalen Stempel trägt, sondern die reisegiltigen, allgemein verwerth- baren Erfahrungen aller Völker in sich aufgenommen hat, und zwar in dem Maße, als sie sich am Touristenverkehr be- theiligen, ungefähr wie zur sogenannten Seemannssprache alle schiffahrttreibenden Völker je nach ihrer maritimen Be- deutung beitrugen. Eins aber bitte ich mir aus, fuhr er nach anderen Be- merkungen fort: daß Sie in unsrem Buche nicht etwa syste- matisch zu Werke gehen, als ob es sich um ein wissenschaft- liches Lehrgebäude, ein Handbuch der Touristik, eine Reise- philosophie oder dergleichen handelte. Lassen Sie sich nicht durch den Titel „Reiseschule“ beirren. Wie Niemand zum Reiseanzug Frack und weiße Binde wählen würde, so soll auch unser Buch durchaus touristisch angethan sein, an- spruchslos und bequem für beide Theile, Verfasser und Leser. Keineswegs muß Alles der Reihe nach gehen, sondern von Diesem und Jenem darf an verschiedenen Stellen die Rede sein — bunte Reihe fördert die Unterhaltung —: packen wir doch die einzelnen Stücke auch nicht nach Kategorien in den Koffer, sondern je nachdem sie sich einfügen lassen. Geben Sie nur am Schlusse ein alphabetisches Sachregister, wie sie in unsren englischen Büchern selten fehlen, damit Leser, die wenig Zeit oder Geduld haben, das aufsuchen können, was ihnen der Mühe werth scheint. Dann muß uns erlaubt sein, nicht streng an die vorgezeichnete Route und auf knappe Zeit- eintheilung zu halten, sondern nach Belieben Ausflüge zu machen oder länger an einem Orte zu verweilen, auch ge- legentlich Scherz in ernsthaftes und Ernst in scherzhaftes Gewand zu kleiden. Von unsren Lesern setzen wir ferner voraus, daß sie der Mahnung „Eines schickt sich nicht für I. Verabredungen. Alle, sehe Jeder wie er’s treibe“, am rechten Orte eingedenk sein werden. Manche Autoren pflegen, so oft sie von alltäglichen Din- gen, Essen, Trinken, Kleidung, Geräth sprechen, jedesmal mit einiger Verlegenheit sich zu entschuldigen, daß sie damit be- helligen, sodann zu versichern, daß auch sie, die Verfasser, über solche Lappalien hoch erhaben seien, und schließlich zu demonstriren, daß dieselben für die Wohlfahrt des Menschen- geschlechts viel wichtiger seien, als es den Anschein habe. Wir verschmähen derlei gleichfalls aus Achtung vor unsren Lesern, unter welchen wir uns in erster Reihe Touristen und Curgäste denken, also die Blüte der Zeitgenossen. Nicht verhehlen will der Herausgeber, daß ihm manches Wort des Meisters nicht eben von großem Belang schien und er es dennoch aufzeichnete. Jeder Tourist weiß aber, daß das allen Sammlern so geht: sie bewahren nicht blos Cabinet- stücke auf, sondern auch hin und wieder Kleinigkeiten. Be- gegnete das doch sogar Winckelmann bei seiner Aufstellung der Kunstschätze in der Villa Albani. Vom folgenden bis zu den beiden letzten Capiteln docirt der alte Herr, wo er selbst nicht etwa andere Personen re- dend aufführt, allein und wird nur selten unterbrochen durch Fragen oder Einwürfe eines seiner beiden Schüler. Die Kürze hat dadurch gewonnen, ohne daß die Klarheit gelitten. Im vorletzten Capitel wendet sich der deutsche Herausgeber in internationalen Angelegenheiten an seine Landsleute, alsdann ist bis zum Schluß die Gesprächsform wieder aufgenommen, aus Gründen, die für sich selbst reden. Und nun frischweg zum nächsten Capitel, welches die erste Lection bildet, während dieses nur ein maskirtes Vor- wort ist. II. Vorbereitungen — schweres Herz — Reisehandbücher — Reisepläne — Stadtpläne — Reisepläne, deren Sclaven und Narren — Musterung und Verpackung — Livr é e für Gepäckgegenstände — auffällige Markirung — Hauptliste für Mitzunehmendes — Reiseapparat. Oft genug, in Versen und in Prosa, ist der Rath er- theilt worden, beim Antritt einer Reise alle Sorgen daheim zu lassen, Entbehrungen und Ungemach jeder Art leicht zu nehmen, ihnen eine humoristische Seite abzugewinnen. Nun, es gibt ja Menschen, denen jener gute leichte Sinn, welchen der Dichter „das größte Glück und den reichlichsten Gewinn im Leben“ nennt, von Haus aus beschieden ist, Andere, die so weise waren, durch geistige und leibliche Turnübungen frühzeitig ihre Willenskraft, Geduld, Nerven und Muskeln zu stählen, so daß sie den großen Leiden der Lebensreise, wie viel mehr den kleinen des Reiselebens jeden Einfluß auf ihre Stimmung zu wehren vermögen. Sie Alle bedürfen des Raths nicht. Die überwiegende Mehrzahl der Badereisenden und eine erkleckliche Menge Touristen sind jedoch keines- wegs so beschaffen, vielmehr soll eben erst die Reise ihnen das Heil bringen, Manche nehmen vom Hause ein schweres Herz mit, schwerer und gepreßter als ihr Koffer, jener Rath würde ihnen daher höchstens ein Achselzucken abgewinnen und für unsre weiteren Vorträge mißtrauisch machen. So muthen wir ihnen denn nicht zu, ihre wirklichen oder gar ihre eingebildeten Leiden und Sorgen durch eine „Willens- II. Vorbereitungen — schweres Herz — Reisehandbücher. anstrengung“ zu beseitigen, sondern sprechen lieber nicht da- von, enthalten uns auch aller sonst üblichen Eingangsbetrach- tungen von hohem Standpunkt aus: dafür ist unterwegs noch Zeit genug, wenn wir erst eine Weile andere Luft ge- athmet haben. Beginnt doch auch die Reise selbst nicht mit Rigipanoramen und Aetnabesteigungen, sondern mit platten Alltäglichkeiten. Widmen wir uns darum einmal zunächst einer anderen, aber nützlichen Art von Sorgen, den Reise- vorbereitungen, vielleicht helfen sie, jene schädliche Art vertreiben. Die Prüfungen der Reiseschule werden wir um so besser bestehen, rauhe Berührungen um so sicherer abhalten, je sorgfältiger wir uns präparirt haben. Von einem bewanderten Freunde lassen wir uns ein Reisehandbuch — nicht etwa in älterer Auflage borgen, sondern empfehlen, um es in neuester zu kaufen. Gewinnt es unterwegs durch gute Dienste unser Vertrauen, so scheuen wir die Mühe nicht, von Angaben, die sich fehlerhaft oder veraltet erweisen, Vormerkung zu nehmen, um dem Verfasser seiner Zeit darüber Mittheilung zu machen. Dem Editor der Murray’schen Handbooks for Travellers sollen bei jeder neuen Bearbeitung Stöße von derartigen Einsendungen vor- liegen, er daraus eine Menge brauchbarer Notizen schöpfen, und Einsender aus allen Gesellschaftsclassen darunter sein, Herzöge, Lords, Bischöfe, Industrielle, Kaufleute, Hand- werker, Pächter, Damen, von Verfassern deutscher Reise- handbücher hört man dagegen immer nur klagen, daß solche freiwillige uneigennützige Beiträge spärlich eingehen, desto mehr Behelligungen reclamensüchtiger Wirthe und Händler. — Dieser John Murray , Buchhändler in London , war der Erste, der ein den Bedürfnissen der neuen Zeit entsprechendes Reise- handbuch zusammenzustellen wußte. Er verstand, seinen Lesern rasch über alles ihnen Wissenswerthe bündige Auskunft zu geben, und muthete ihnen nicht endlose literarische Steppen- wanderungen zu, wie es vordem Brauch war. So hatte er denn die Genugthuung, einen seiner dunkelrothen Bände II. Reisehandbücher. unter dem Arm fast jedes Briten zu sehen, der auf dem Conti- nent einen Wagen bestieg. Lange blieb Mr. Murray ohne Nebenbuhler, bis endlich ein anderer Buchhändler, der ver- storbene Karl Bädeker in Coblenz , die englische Erfindung auf deutschen Boden verpflanzte. In der Regel hatten die alten Führer Unter den Ausnahmen älterer Zeit ist das verdienstvolle Ebel’sche Hand- buch für die Schweiz vor allen zu nennen, es litt aber lange an der unzweck- mäßigen alphabetischen Anordnung, bis es endlich nach Murray auch die Routen- eintheilung einführte. Für Italien war einst das Förster’sche das erste gute Reisebuch, in seinen neuen Auflagen ist es aber zurückgeblieben. weniger die Bequemlichkeit des Lesers als ihre eigene im Auge, viele nothwendige Angaben enthielten sie ihm vor, weil sie die Mühe und Kosten der Ermittelung scheuten, bedachten ihn dafür um so reichlicher mit uner- wünschten Ablagerungen aus Chroniken und Monographien; Winke über Wege, Entfernungen, Wirthshäuser, Preise streu- ten sie nur sehr spärlich ein, bald hier bald da, so daß sie sich wie der Hauch eines Kameels in der Wüste verloren; mit vornehmer Gleichgiltigkeit, etwa wie prinzliche Hofmeister, blickten sie auf gewisse Dinge herab, die doch für die Mehr- zahl der Reisenden von Belang sind, z. B. Ersparnisse; in der Einleitung empfahlen sie dringend, recht viel zu Fuße zu gehen, ließen im Buche jedoch allenthalben durchblicken, daß sie diesen Rath zu reichlich gespendet, um für sich selbst davon noch übrig zu haben; ferner — — doch halt! beinahe wäre ich selbst in den schlimmsten der Führerfehler gerathen und hätte die Tour zu lang bemessen. So brechen wir denn eiligst das Sündenregister der alten Guiden ab und wenden uns wieder zu den Verdiensten Bädeker’s . Wie Mr. Murray Verfasser und Verleger in einer Person, ging er von dem Grundsatze aus, daß ein dickes, schweres, theures Buch den meisten deutschen Taschen unzuträglich sein dürfte, und stellte eine Sammlung von Bänden her, die sich in ihrer hellrothen, glatten, glänzenden, biegsamen Leinwandlivree dem Auge, der Hand und der Tasche unwiderstehlich einschmeicheln, der II. Reisehandbücher. letztern auch bei ihren abgerundeten Ecken, ihrem mäßigen Umfang und Preise in keiner Weise beschwerlich fallen. Auf jede Frage hat er eine Antwort und doch fühlt man sich kaum je belästigt von aufdringlicher Führerredseligkeit, Abschwei- fungen, unverdauter Gelehrsamkeit, Anläufen zum Humor oder zur Rhetorik, noch von „vorgreiflichen Empfindungen“; nie will er „dem Ohre schildern, was nur das Auge begreift.“ So gut er bewandert ist in den hohen Regionen der Alpen , nie versteigt er sich in die höheren der Wissenschaft, Poesie, Kunst; hat er von Gemälden zu berichten, so stützt er sich in gedrängten Auszügen auf bewährte Schriftsteller. Alles bei Bädeker stellt sich knapp gehalten dar, nüchtern, zur Sache, „adrett“ wie ein Militärrapport, rasch fertig und weithin- treffend wie ein Hinterlader. Seine Leitung ist nicht die eines mechanisch dressirten Miethlings, noch die eines pedantischen Mentors, sondern man empfindet sie wie den Arm eines alten, guten Bekannten, zuweilen fast wie die Hand einer Mutter. Jetzt fühlen wir einen leisen Druck am Elbogen: es ist die Warnung vor einem schlimmen Wirthshause, in das wir einzukehren, oder vor einem steilen, steinigen Pfade, den einzuschlagen wir im Begriff waren. Jetzt streckt sich sein Finger aus: da ist das beste Bier, auf diesem Wege findest Du Vormittags Schat- ten, jener Pfad ist bei nassem Wetter zu meiden, in dem La- den kaufst Du gut und billig u. s. w. Solche Zuvorkommen- heit, welche Wünsche, noch bevor sie aufgestiegen, ahnet und befriedigt, über eine große Gewalt auf unser Gemüth: wir Männer, auch wenn wir eng befreundet, pflegen uns derlei kleine Aufmerksamkeiten nicht angedeihen zu lassen, nur von der Gunst und Sorgfalt weiblicher Hände zu erfahren, desto mehr überraschen und rühren sie uns, wenn wir sie in einem Buche finden, und nicht in einem Damenromane, sondern in einem schlichten Reiseführer. Ein dritter (ehemaliger) Buchhändler, Herr Berlepsch , tritt seit mehren Jahren als Nebenbuhler Bädeker’s auf und der unermüdlich rege Wetteifer, den er ent- wickelt, kann auch fernerhin nur zum Besten des Publikums II. Reisehandbücher. ausschlagen. Für allerhand Unterrichts- und Medicinal- angelegenheiten, botanische, geologische ꝛc. Excurse weiß er durch gelehrte Mitarbeiter Rath zu schaffen, dazu ist sein Verleger sehr freigebig mit gutem graphischen Beiwerk. Von neueren Reisehandhüchern sind noch zu empfehlen für die Schweiz die Tschudi’schen und für den Orient , Griechenland , Aegypten , Kleinasien und die Türkei die illu- strirten von Moritz Busch , einem Autor von bewährtem Rufe und vielfacher Reiseerfahrung in vier Welttheilen. Hier und da hört man Klagen — auch ein vielgewander- ter, erfahrener Reiseschriftsteller schließt sich ihnen an — daß die Handbücher den „bergsehnsüchtigen Neuling, der wenig Zeit und Geld aufzuwenden hat, häufig auf falsche Fährte locken, d. h. ihn in Gegenden leiten, die im Verhältniß zu anderen wenig Genuß bieten“. Es ist wahr, die Handbuch- verfasser sind sehr reich an zierenden Superlativen und zeich- nen ihre Bilder zuweilen wie die Chinesen, die von Per- spective nichts wissen wollen. Das kommt aber in allen Ge- bieten vor: je mehr wir uns in Einzelheiten hineinstudiren, um so größer und wichtiger erscheinen sie uns und um so leichter verlieren wir das Ganze aus dem Gesichte. Sind doch auch auf den plastischen Gebirgspanoramen die Berge unverhältnißmäßig hoch dargestellt, und zwar hier absichtlich, denn im richtigen, natürlichen Verhältniß würde das Relief des Einzelnen für unser Auge fast verschwinden. Ein so großer Schaden gerade für den Neuling läßt sich darin jedoch nicht erblicken. Er kommt ja mit frischem, unbefangenem Sinne, nicht wie wir Vielgereiste mit kritischer Brille, welche mit der Schneebrille gemein hat, daß sie vor Verblendungen schützt, aber auch dem schönen Glanz Abbruch thut. Unser jugendlicher Schützling wird in Bezug auf malerischen Reiz der Landschaft und auf Verpflegung gewiß nicht gar an- spruchsvoll sein. Möglicherweise ist er die Kost eines Stu- dentenfreitisches in H. oder T. gewohnt, wird mithin selbst vor den Tafelfreuden, die in Thüringen , Oberbayern , Tirol II. Reisehandbücher — Reisepläne — Stadtpläne. seiner harren, die Fassung kaum verlieren. Lassen wir ihn immerhin nach diesem oder jenem Buche seine Marschroute nehmen, er wird sich doch „famos amüsiren“. Weit wichtiger für ihn ist der Geldpunkt, aber gerade da scheint sich ein Rechenfehler bei dem obengedachten Schriftsteller eingeschlichen zu haben. Er sagt nämlich: „Kein Verfärben der Wahrheit, keine patriotische Sentimentalität vermögen in mir die Ueber- zeugung abzuschwächen, daß, wer die Schweiz noch nicht ge- sehen, vier Wochen freie Zeit und (als Fußwanderer) 250 Franken in der Tasche hat, weitaus nichts Vernünftigeres thun kann, als sich nach dem berner Oberland und dem was daran hängt, aufzumachen.“ Gewiß, die Schweiz ist reicher als irgend ein anderes Alpengebiet an landschaftlich Schönem, Alles liegt nahe zusammen und ist malerisch gruppirt, dazu bietet sie Preiswürdigeres in Verpflegung und sonstigen touristi- schen Einrichtungen, bessere Führer, größere Auswahl an- regender Reisegesellschaft, unter den Ansässigen findet man mehr Intelligenz und Anstelligkeit, weniger Schwerfälligkeit; nur muß ich bezweifeln, daß ein „Neuling“ im Stande sein dürfte, mit 250 Franken vier Wochen im berner Oberlande zu wandern, denn er würde es in hergebrachter Weise machen, und schwerlich mit neun Franken täglich auskommen. Um das arme junge Blut aus seiner Verlegenheit zu reißen, wer- den ihm im VI. Capitel einige Winke gegeben. Uebrigens würde ich jungen Leuten, welche einige Aussicht auf wieder- holte Reisen haben, rathen, nicht zuerst die Alpen zu be- suchen, sondern sich vorläufig mit einem der nächstliegenden Mittelgebirge oder Flußgebiete zu begnügen, nach Grund- sätzen, welche uns noch öfter Stoff zu Betrachtungen geben werden. Und nun hofft unsre Reiseschule bei den Herren Ver- fassern von Reisehandbüchern, für die sie soeben eine Lanze gebrochen, geneigtes Ohr für ein paar Anträge zu finden. Die Stadtpläne, denen im Buche nur eine einfache oder doppelte Seite gewidmet ist, sollten nicht in alter Weise ein- II. Reisehandbücher — Stadtpläne. gerichtet sein, nach welcher der Beschauer ein Gewimmel kleiner Quadrate, Trapeze, Oblonge vor sich hat, sämmtlich schwarz schraffirt, untermischt mit winzigen, undeutlichen Buchstaben, Ziffern, Namen, die sich gegenseitig im Lichte stehen und auf die Füße treten, kurz, ein Bild der Verwir- rung. Zum touristischen Gebrauch empfehlen sich (wie es in einigen neuen Bänden schon vorkommt) für alles Figürliche rother und für die Namen schwarzer Druck, oder auch freund- lich und licht gehaltene Orientirungskärtchen, die lediglich Notiz nehmen von den Hauptverkehrsstraßen, von denjenigen Plätzen und Straßen, in welchen für den Fremden Gegen- stände von Interesse sind, vor Allem Bahnhöfe, Dampfboot- stationen, Post, Telegraphenbureau, Kunstsammlungen, be- suchenswerthe Monumente, Kirchen und andere Gebäude, Ausgangspunkte für Spaziergänge u. s. w.; willkommen wäre ferner, wenn der Raum es erlaubt, Angabe der bessern Gast-, Kaffee-, Bierhäuser, Restaurants, Gartenlokale, Flußbäder. Nie darf die kartographische Orientirung ferner die netzartige Eintheilung mit Ziffern und Buchstaben und damit correspondirendem Alphabet der Angaben fehlen; letzteres kann, wenn es sich auf dem Plane nicht anbringen läßt, im Buche stehen. Die Linien des Netzes müssen schmäch- tig, kaum sichtbar sein, nicht durch dick und dünn gehen, son- dern an Stellen abbrechen, wo ihre Gegenwart stören könnte. Sodann will mich bedünken, daß die Reisebücher mit jeder neuen Auflage in demselben Maße an Leibesumfang zu- nähmen, als ihre Autoren sich für sie in Bewegung setzten; Dickleibigkeit ist aber untouristisch, auch an Büchern, denn sie schmälert die Beweglichkeit und fördert die Ermüdung. Des- halb möchte ich beantragen, mit einem gesunden Rothstifte den Spalten zu Leibe zu gehen und alles Entbehrliche zu II. Reisepläne. streichen, im Nothfall eine Theilung in je zwei oder drei Sectionen vorzunehmen, damit nicht, wie man jetzt unter- wegs häufig sieht, die Besitzer die Bände auszuschlachten genöthigt sind. In mein Handbuch lasse ich einige Blätter Schreibpapier einheften für allerhand Notizen, namentlich den Reiseplan . In Bezug auf diesen sei vorläufig nur gewarnt, ihn wie den Koffer (selbst diesen richte ich gern so ein, daß auswärts noch das Eine oder Andere hinzukommen kann; der Spielraum hat sein Quartier über den Gurten, so daß innerhalb der- selben dennoch Alles lückenlos gepackt ist) sehr fest und voll zu stopfen: — für die Zusammenstellung des Ersteren gilt der umgekehrte Grundsatz. Hier muß Alles locker gefügt sein, dort sind Lücken schädlich, hier nothwendig, um nicht in Sclaverei und bei schlechtem Wetter in Verzweiflung zu ge- rathen. Den Plan mache ich unter Beirath des Buchs und Verweisung auf dessen Seitenzahlen nach meinen Bedürfnissen, betrachte aber dieses Scriptum nur als Entwurf, nicht, wie Neulinge zu ihrem großen Nachtheile so oft thun, als Gesetz. Eine andere Art, sich zum Narren des Plans zu machen, ist folgende. Derselbe hat z. B. decretirt: 20. Juli Er- steigung des .... Man kommt in .... an, hört von allen Seiten, daß heute da oben vor Nebel nichts zu sehen sein werde, klettert aber doch hinauf. „Will wenigstens meine Schuldigkeit thun, vielleicht wird’s noch gut.“ Droben sieht der betreffende Märtyrer des Plans gar nichts, nicht einmal, daß er einen dummen Streich gemacht hat, steigt herab, setzt seine Reise fort, Wochen lang, sucht aber keinen anderen Höhepunkt auf, obwohl sein Weg an mehren vorüber- führt, denn er hat ja bereits „seine Schuldigkeit“ gethan. Ich habe es immer so gehalten, daß, sobald der Himmel mir ein besonders heiteres Antlitz zeigte, auch die Landleute auf dessen Beständigkeit rechneten, ich nichts Eiligeres zu thun hatte, als den nächst gelegenen Berg zu erklimmen, gleichviel, welche Rangstufe die Bücher ihm zuerkannten, wenn sie ihn II. Reisepläne, deren Sclaven und Narren. nur unter die lohnenden Partien zählten. Sehr mühevolle Ersteigungen (vgl. IV. ) höheren Ranges unternehme ich nie, wenn nicht zuverlässige Sachkundige den Zustand der Atmo- sphäre für durchaus günstig erklären, denn die großen Fern- sichtspunkte gehören nur dann unter die lohnenden Partien. Ein Anderes ist es mit Höhen, die sich weniger auszeichnen durch weiten Horizont als durch eine Fülle schöner Bilder in bequemer Sehweite. Jene reizen mehr die Phantasie des Poeten, den Ehrgeiz eines Alpenvereinsmitglieds oder den Geschäftseifer eines Feuilletonisten, diese entzücken mehr das Auge des Malers. Die touristische Nutzanwendung ist die: die Poeten- und Alpenvereinsberge sind gewagte Unter- nehmungen, die Malerberge dagegen, die auch bei wenig befriedigender Luftbeschaffenheit nicht ohne Aussicht auf Aus- sicht bestiegen werden, sind ergiebige Versuchsfelder für Ver- gnügungsreisende, der Einsatz an Mühe, Zeit und Geld nicht hoch, und die Ueberraschung, die ein plötzlicher Riß in den Nebelschleier bereiten kann, oft von zauberhaftem Reiz. An Ort und Stelle angekommen gehören Augen und Gedanken des Reisenden den sehenswerthen Gegenständen, nicht den Büchern, eine zu Hause vorgenommene Präparation ist deshalb räthlich, wobei Waiblinger’s Rath zu beachten: Richte weise Dich ein, wie Du die Länder durchwanderst, Zu viel Seltenes ist Dir zu betrachten bestimmt. Alles fassest Du nicht, und es lohnt sich auch selbst oft der Müh’ nicht, Siehe nur an, was Dir nützt, was Dir als Eigenthum bleibt. Vor größeren Reisen mustere ich den Inhalt von Schränken, Commoden, Schubladen, lasse von weiblichen Augen und Händen die Wäsche einem examen rigorosum unterwerfen, auch nachsehen, ob jedes Stück gezeichnet ist, und lege alles Mitzunehmende, ehe die Verpackung beginnt, unverdeckt und übersichtlich bereit, wodurch eine richtige Raumbenutzung er- leichtert und das ganze Verfahren beschleunigt wird. Sind drei Abtheilungen zu machen: a) durch Eil- oder Güter- zug vorauszuschickende Colli (vgl. III.), b) mitzunehmendes II. Musterung und Verpackung. Passagiergut (vgl. unt.), c) Handgepäck (vgl. unt.), so wird mit a) Gegenständen, welche ich wochenlang entbehren kann, der Anfang gemacht und diese untergebracht, die engere Aus- wahl für Handgepäck c) getroffen und zuletzt das Uebrig- bleibende als Rubrik b in den als Passagiergut aufzugebenden Koffer gepackt, dabei aber, was von häufig zu brauchenden Gegenständen nicht unter dem Handgepäck Platz finden konnte, in den Koffer so gelegt, daß es leicht zu finden ist. Bind- faden, Siegellack, Papier und derlei kommt zuletzt an die Reihe, weil damit meistens noch schließlich zu hantiren ist. Beim Packen muß der Tastsinn die entscheidende, das Augenmaß nur eine berathende Stimme haben, denn jener findet weit besser als dieses aus den vielen aufgestapelten weichen und harten, großen und kleinen Sachen heraus, wo und wieviel noch Raum ist: beiläufig bemerkt, ein neuer Beweis, daß auch in praktischen Dingen das Gefühl zuweilen Recht haben kann gegen die sogenannte Einsicht. Ganz unten kommen dünne breite Stücke zu liegen, Schreibmappe, Papier, Landkarten. Dann folgen in einer papiernen oder anderen Umhüllung schwere, eckige, scharfkantige Stücke, gebundene Bücher, Kästchen, Cigarrenkisten, Stiefel, wobei zu sorgen, daß beide Seiten des Koffers ungefähr gleichmäßig belastet werden. Zur Ausfüllung der Lücken und Nivellirung dienen Strümpfe, Nachthemden, Unterkleider und andere dergl. weiche, schmiegsame Gestalten, die sich in jede Lage, auch die ge- drückteste, zu schicken verstehen, die man deshalb recht haushälterisch vertheilen und nicht leichtsinnig irgendwohin stauen soll. Cigarrenpakete, wenn sie nur in Papier ge- wickelt sind, lieben die unmittelbare Nachbarschaft von Büchern nicht, ertragen sie aber, wenn man ihre empfindliche Epidermis durch einen wollenen Strumpf schützt. Ist nun die untere aus Hartem und Weichem gemischte Schicht gehörig compact und geebnet, so kommen Hemden und Oberkleider darauf zu liegen. Die lange schmale Bucht, die sich ganz oben längs den Kofferwänden bildet, nachdem die Oberkleider, II. Musterung und Verpackung. Außenseite einwärts gekehrt und kunstgerecht gefaltet, sich ge- lagert haben, mag leer gelassen oder mit unzerbrechlichen Stücken langen Formats ausgefüllt werden, nicht aber mit Fernglas, Mikroskop, Fläschchen und dergl., diesen ist viel- mehr eine weiche, elastische Nachbarschaft ringsum zu geben. Denn Gerstäcker hat gewiß Recht, wenn er versichert, daß die Mißhandlungen, welchen auf „gewissen deutschen Eisen- bahnen“ das Gepäck ausgesetzt ist, Alles übersteigen, was sonst in der Welt vorkommt, so weit er sie gesehen. Er rühmt seinen schwarzen Lederkoffer, der nicht blos die schweren Strapazen ausgehalten habe, die er in den fünf Welttheilen, zu Lande, zu Wasser, auf Gebirgen, von Räuberhänden und feindlichen Thieren zu erdulden hatte, sondern „sogar auch“ alle Gewaltthaten von deutschen Eisenbahndienern. Tuchkleider, die nicht gehörig gefaltet wurden und sich beim Auspacken verrunzelt zeigen, werden, um sie zu glätten, leicht mit Wasser benetzt und zum Trocknen aufgehängt. Tornister und Jagdtaschen müssen natürlich so gepackt sein, daß gegen die Wand, die auf den Körper zu liegen kommt, inwendig keine scharfen Ecken drücken, sondern Alles eben und weich ist. Das Tintefaß mag mit dem Raume in der Ferse eines Stiefels vorlieb nehmen; in dieser Einsamkeit haben seine etwaigen Herzensergießungen weniger Gefahr für das Gemein- wohl. Nie traue man ihm ganz, auch wenn es einen Patent- verschluß hat. In den würfelförmigen Tintefässern muß das Glas auf Springfedern ruhen, ein dicker, solider Gummi- verschluß dagegen unbeweglich im Blech des Deckels befestigt sein. Die umgekehrte Einrichtung, demzufolge das Tintefaß im Gehäuse sitzt, der Gummideckel dagegen auf eine Spring- feder geklebt ist, taugt nicht, denn das lockere Gummistückchen entspringt gern seinem Hause, und man ertappt es dann am Halse des Tintefasses, und zwar so fest angeklammert, daß die gewaltsame Trennung sein Herz zerreißt. Nun steht man davor, die Finger voll Tinte und den Kopf voll Sorgen. 2 II. Auffällige Markirung. Nützlich ist es, Koffern ꝛc. ein augenfälliges, vom Ge- wöhnlichen abweichendes und in den Farben untereinander übereinstimmendes Aeußere zu geben, so daß bei der Ankunft auf großen Bahnhöfen die eigenen Sachen leicht von Weitem zu erkennen und von außerhalb der Barri è ren die Träger dahin zu leiten sind. Man hat dann nicht nöthig, in dem Gewirr von Packstücken und Menschen bei einem Träger um Audienz zu werben, sondern braucht nur z. B. „rothcarrirter Lederkoffer“ oder „schwarzgestreifter Mantelsack“ ꝛc. laut zu rufen, so wird wahrscheinlich bald innerhalb der Schranken ein Echo hörbar und das Verlangte auf den Schultern eines eiligen Mannes sichtbar werden. Demselben leuchtete mit der auffälligen Markirung zugleich der Umstand ein, daß die Abfertigung dieses Stücks, das kein Umhersuchen verlangt, rascher, mithin profitabler vor sich gehen kann, als jede andere, er wird deshalb vermuthlich seine etwaigen Prioritäts- gläubiger warten lassen und erst den zufälligen Findling ausliefern. Wenn zum Ueberzug nicht schon ein buntfarbiges Zeug — wasserdicht bereitetes Segeltuch ist eine gute, dauer- hafte Hülle für große Gepäckstücke, auch für Reisetaschen verwendbar — genommen wurde, so läßt man die gewählte Livree dem Leder, Holz, Segeltuch oder Canevas der ver- schiedenen Gepäckstücke aufpinseln. Für dunklen Grund eignet sich der zinnoberrothe Copalspirituslack. Eine Abkürzung für dieses Verfahren, unterwegs für kleinere Gegenstände anwendbar, die roth und haltbar gezeichnet werden sollen, ist: ein paar Tropfen Sprit oder Kölnischwasser auf ein Stück Siegellack gebracht und, wenn die Lösung erfolgt ist, mit einem Zündhölzchen aufgetragen. Wird mit Buchstaben und Zahlen signirt, so müssen diese groß und auf mehr als einer Seite angebracht sein. Alle meine Gepäckstücke lasse ich von Haus aus mit Buchstaben und Ziffern bezeichnen, damit sie unterwegs für etwaige Voraussendung stets bereit sind. Auch der volle Name und Wohnort, aufgepinselt oder auf eine Metallplatte gravirt und am Koffer befestigt, kann unter II. Hauptliste für Mitzunehmendes. Umständen Dienste leisten. Manche Koffer und Mantelsäcke haben äußerlich einen kleinen, mit eingravirtem Namen ver- sehenen Messingrahmen, in den unter ein durchsichtiges Hornplättchen der jeweilige Bestimmungsort geschrieben zu liegen kommen soll; der Verschluß verschiebt sich aber unter- wegs leicht und das darunter Liegende geht verloren, ich brauche deshalb lieber gummirte Papierblätter, die ich auf- klebe und zwar in duplo. Hellfarbige Stöcke, Regenschirm- griffe ꝛc. werden leicht dadurch markirt, daß man mit einer Messerspitze den Namen einritzt und mit Tinte nachzieht. Einzelne zeichnen sogar ihren Plaid, wenn er zur Legion der schwarz und weiß carrirten gehört. Unser Abiturientenexamen ist noch nicht beendigt, das Abgangszeugniß wird erst ausgestellt, wenn eine gewisse Liste, in welcher allerhand nützliche, leicht vergeßbare Dinge ver- zeichnet stehen, durchgelesen, je nach den Erfordernissen der Reise, um die es sich gerade handelt, ein Auszug daraus gemacht und die noch nicht bereit liegenden einzelnen Stücke herbeigeschafft sind. Nachstehend theile ich meine Liste mit, obwohl ich im voraus weiß, daß fast Jeder, der sie sieht, viel ihm Ueberflüssiges und einzelne Lücken darin finden wird. Spartanisch Gewöhnte und Solche, welche die Regel „Gepäck so wenig als möglich“ (vgl. III. ) scharf auslegen, werden sich mit einem ganz knappen Auszug begnügen (für Fußreisen versteht sich das ohnehin von selbst), Kränkliche hingegen und Reisegourmands sich reichlicher versehen. Letztere haben nur auf der Hut zu sein, daß sie nicht einen ganzen Hausstand darin aufnehmen. Meine Hauptliste, die mir zu Auszügen für jeweilige Reisen dient, lautet: Dicke schwarze Filzüberschuhe (s. unten) — dünne der- gleichen (s. unten) — Reserveknöpfe für Ober- und Unter- kleider, ferner Knöpfe zum Einschrauben (s. unten) — Nähzeug (s. unten) — dünner und dicker Bindfaden, Gummibänder, Riemen zum Einschnallen — Feuerzeug in duplo — Paket schwedische Zündhölzer (s. III. ) — Taschen- 2* II. Hauptliste für Mitzunehmendes. messer mit Feile, Säge, Schrauben-, Pfropfenzieher, Bohrer (u. A. zu benutzen, um fehlende Löcher in Riemen zu bohren) — Taschengabel zum Zuklappen (s. unten) — große und kleine Nägel und Stifte — Plaidnadeln (s. III. ) — Metallklammern für Papiere, letter clips, (s. V. ) — Huthakenklammer (s. unten) — Kleider-, Haar- und Zahnbürste, Zahnpulver, Seife, Benzin — Wecker, der zugleich Reserveuhr (s. III. ) — Uhrschlüssel in duplo — Brille mit grauen Gläsern (s. IV. ) — Taschenthermometer (s. unten) — Aneroidbarometer (s. unten) — Fernrohr oder Operngucker (s. unten) — Compaß — Taschenspiegel, der sich aufstellen und hängen läßt — Sonnen- schirm zum Curgebrauch (s. V. ) — Rindertalg oder Cold cream nebst alter Leinwand zum Verbinden — englisches Heftpflaster oder ostindisches Pflanzenpapier — ein Wachslichtchen — Insectenpulver und Essenz (s. unten) — guten schwarzen Thee (s. V. ) — Opiumtinctur — Rhabarber — Tintefaß (s. S. 17) — Federn, Halter und Taschenfeder (auf einer Seite die Schreibfeder, auf der andern der Bleistift, beides in eine Hülse zurückzuschieben), Bleistifte, Schreib-, Zeichen- und rostrirtes Notenpapier — Couverts — Oblaten — Siegel- lack — Trinkbecher von Leder oder Kautschuk, zum Zusammen- klappen — Feldflasche (platt oder oval, von Blech oder be- ledertem Glas), gummirte Etiketten, leere und mit Adresse, zum Aufkleben — Visitenkarten — ein weiches Wildlederfell, zur Belegung unsauberer und feuchter Bettwäsche — Reise- handbuch und Eisenbahncoursbuch (s. III. ) — Miniatur- schachspiel — Lectüre — Paßkarte oder Paß (auch in Ländern, wo die Behörde derlei nicht verlangt, behufs Legitimation in besonderen Fällen). Die dicken Filzschuhe sind weich genug, um platt zusammengepreßt zu werden, und haben ein Leinenfutteral, dessen Inneres keinen Anspruch auf Reinlichkeit macht. — Zur Erwärmung der Füße im Winter dienen auch die aus vulcanisirtem Kautschuk bereiteten, mit dickem Wollenstoff überzogenen Schläuche, welche mit heißem Wasser gefüllt II. Reiseapparat. werden und nur sehr langsam abkühlen. — Die dünneren Filzschuhe sind in der warmen Jahreszeit bei kühlen Nachtfahrten über die Schuhe zu ziehen und in sauberem Zustande auch als Pantoffeln (gesegnet seien sie, diese Wohl- thäter müder, brennender Wanderfüße!) zu brauchen. Sie können zusammengerollt und in einem Kattunbeutelchen in die Tasche gesteckt werden, machen sich folglich unter dem Hand- gepäck nicht so breit und sperrig, wie gewöhnliche. In der heißen Jahreszeit lassen sich auch aus biegsamem Bast oder Hanfbindfaden geflochtene Pantoffeln verwenden. Knöpfe zum Einschrauben, neuerdings in Kurz- waarenhandlungen zu haben, sind besonders für Unterkleider brauchbar und bestehen aus einer kleinen, mit einer vor- stehenden Schraubenspindel versehenen und einer zweiten etwas größeren Scheibe, die auf jene festzuschrauben ist. Die Spindel wird in ein zu dem Behufe gestochenes Loch links- seitig eingesteckt und von der oberen Seite des Zeuges der Knopf angeschraubt. Er klemmt sich so fest, daß die Auf- lösung von allem Uebrigen eher als von ihm zu befürchten ist. Si fractus illabatur orbis, impavidum ferient ruinae. Die Naturgeschichte der Knöpfe kennt keine andere Species, welche diese achtungswerthe Eigenschaft hätte. Militärs haben das Nähzeug in der, auch für den Reisegebrauch empfehlenswerthen compendiösen Form einer etwa fünf Zoll langen hölzernen, fingerdicken Büchse. Sie hat äußerlich sechs Abtheilungen, um welche verschiedene Sorten Faden gewickelt werden; ein Pflöckchen, auf das ein Fingerhut paßt, verschließt das Innere, welches dünne und dicke Nähnadeln enthält. Jeder Drechsler kann eine Büchse der Art in wenigen Minuten drehen. Wie der Kriegsmann, so soll auch der Tourist, der ohne eigene Dienerschaft reist, kleine Ausbesserungen an seinen Kleidern selbst vorzunehmen verstehen, so daß er nicht jeder Kleinigkeit halber fremde Hände suchen und auf sie warten muß. II. Reiseapparat. Die Taschengabel ist nicht in großem Tafelformat und mit einem eben so ungeschlachten, schweren Messer ver- koppelt, in der Art, wie sie unsere Urgroßväter zu Jagd- partien mitnahmen, sondern ein selbständiges Geräth, leicht, zierlich und taschenmesserartig zum Auf- und Zuklappen ein- gerichtet, aus Silber oder Neusilber, die Zinken, rundum glatt polirt, lassen sich nach dem Gebrauche leicht reinigen. Das Ding tritt seinen Vicariatsdienst selbstverständlich nicht an in Hotels, wo blankes Tafelgeräth vorliegt, sondern erst, wenn bei Tische die entsetzliche (!) gemeine deutsche Land-, Dorf- und Waldgabel erscheint, mit ihrem rauhen schwarzen hölzernen oder hirschhornenen Stiel und drei Eisenzinken, deren innere unpolirte Seiten ebenso wie der Stiel allen Reinigungsversuchen hartnäckig widerstehen. Huthakenklammer: ein gespitztes stählernes Häkchen, durch ein Gelenk mit einer elliptisch ringförmigen Klammer verbunden, die durch Verschiebung eines oben angebrachten kleinen Ringes geschlossen werden kann. In die Klammer wird der Rand der Hutkrämpe gefaßt und das Häkchen in die Wand des Wagens eingestochen oder beim Wandern, wenn man baarhäuptig gehen und den Hut nicht in der Hand tragen will, in die Weste. In vielen Eisenbahn- und anderen Wagen fehlt es häufig an Vorrichtungen zur Aufnahme der Hüte, was bei überfülltem Raume den Besitzer in die lästige Wahl drängt, den Hut auf dem Kopf oder in der Hand zu halten. Auch in manchen Wirthslocalen, z. B. fast durchweg in italienischen Trattorien und Kaffeehäusern; setzt man da den Hut auf Stuhl, Sopha, Tisch, so findet man ihn regel- mäßig auf der Erde in kläglichem Zustande wieder. Dort pflegte ich meinen Hut am Fensterrahmen vermittelst des Häkchens zu befestigen, eine Erfindung, die mir beifälliges Gemurmel in verschiedenen Sprachen eintrug. Man hat runde Thermometer, in einer Art Uhr- gehäuse und in der Westentasche zu tragen; die Kugel mit Quecksilber ist in der Mitte und die Röhre schlingt sich in II. Reiseapparat. einer Spirale herum. Sie leiden aber häufig an Stockungen und Blähungen im Innern, deshalb ziehe ich die lange Form vor. Aneroidbarometer: eine luftleere, elastisch federnde Kapsel, mit einem Hebelwerke und einem durch dasselbe in Bewegung gesetzten Zeiger. Das Ganze ist nicht viel um- fänglicher als eine starke Taschenuhr, also leicht, bequem in der Westentasche zu tragen und nicht so zerbrechlich wie die alten langen Quecksilberbarometer. Touristisch ist diese neue Londoner Erfindung trefflich zu verwerthen, denn der Zeiger gibt dem Bergsteiger jeden Augenblick Auskunft, wie hoch er geklommen. Ein solcher luftleerer, büchsenförmiger Baro- meter kostete im Frühling 1869 in Deutschland fünfzehn Thaler. Fernröhre gibt es jetzt sehr leichte mit drei Auszügen. Da auf den besuchtesten Höhepunkten große aufgestellt sind, begnüge ich mich meist mit einem sogenannten Opern- gucker. Für den Reisegebrauch zu empfehlen ist jene Art (Pariser Erfindung: Jumelles ) mittler Größe und leicht, auf welcher durch Drehen eines Rädchens drei Veränderungen der inneren Gläser bewirkt werden können (Théâtre, Cam- pagne, Marine): eine für nahe Gegenstände und im Theater zu brauchen, eine zweite für entferntere und eine dritte für ganz ferne. Auch können diese Operngläser dienen, um im Dämmerlicht deutlicher weit zu sehen. Das Insectenpulver kaufe man in einer wohl- berufenen Droguenhandlung, denn es muß aus dem in Persien heimischen und dort gewachsenen Pyrethrum roseum bereitet und nicht zu alt sein, wenn es seine insectentödtende Kraft bewähren soll. Auch bei uns baut man jetzt die asterartige Pflanze, aber ohne ihr jene Eigenschaft erhalten zu können; ein Zusatz vom hiesigen Product dient vielfach zur Ver- fälschung des echten. Die gewöhnliche Art, mittelst einer kleinen Kautschukspritze Abends das Bett einzustäuben, er- fordert eine starke Verproviantirung, ich ziehe deshalb den Gebrauch der Essenz vor, mit welcher ich den Körper flüchtig II. Reiseapparat. betupfe, eine Operation von wenigen Minuten, und bin gefeit gegen Flöhe und Wanzen. Auch die Benetzung des Ge- sichts, des Halses und der Hände im Freien hält die Mücken ab. Die Essenz kann man sich selbst bereiten: auf 1 Theil Pulver 2 Theile Alkohol und 2 Theile Wasser. Noch in der sechsfachen Verdünnung mit Wasser ist diese Mischung brauch- bar, wenn sie aus echtem, frischem Pulver gemacht wurde. Um beim Uebernachten im Freien die Mücken abzuhalten, pflegte ich im Orient neben mich eine lange glimmende Lunte zu legen, in deren Fugen Insectenpulver gestreut war. Von sogenannten N é cessaires bin ich kein Freund, auch nicht von den neumodischen, die aus den Schaufenstern ihren Haifischrachen uns entgegenstrecken, mit ihren aus Büchschen, Kästchen und Etuis gebildeten Zahnreihen. Jeder weiß am besten, was ihm nothwendig und überflüssig ist, was er zu- sammen, getrennt, zur Hand oder abseits zu legen hat, in welcher Form und Größe er dies und jenes braucht. Ich finde es bequemer, die kleinen Geräthe nach den wechselnden Bedürfnissen unterwegs in Koffer, Reise- und Rocktaschen zu vertheilen, Einiges davon in kleine Beutel, den Schwamm oder statt dessen einen „türkischen“ Leinenlappen (mit hervor- tretenden Maschen) in ein Gummifutteral (Wachstaffet ist nicht haltbar), ebenso die Seife in ein kleineres dergleichen, die Nagelscheere trägt ein Lederhöschen, das Reisekleid des Staubkammes ist ein Saffian-Etui, in dem er so schmuck aus- sieht, daß man’s ihm, wenn er sich auch einmal auf den Früh- stückstisch verirrt, kaum sehr übel nimmt. Nicht in Gefäßen von Porzellan, Glas, Holz oder Pappe verwahre ich Zahn- pulver, Pommade, Rindertalg ꝛc., sondern in verschiedenfarbig lackirten kleinen Blechbüchsen, welche Unzerbrechlichkeit mit Leichtigkeit verbinden. Der Revolver, wo er nicht jugendlicher Geckenhaftig- keit als Spielzeug, sondern, durch örtliche Verhältnisse bedingt, der Sicherung von Leben und Eigenthum dienen soll, gehört unter die Stücke des Reiseapparats, die nie Parade machen: II. Reiseapparat. Nachts liegt er nicht offen auf dem Nachttisch, sondern unter dem Kopfkissen oder dessen Stellvertreter, unterwegs steckt er in der Rocktasche, nicht wie beim Opernräuber offen im Gür- tel. Das Zeigen der Bewaffnung kann freilich möglicher- weise ein Diebsgelüst unterdrücken, noch leichter aber dieses erst rege machen oder gar in einen Mordanfall verwandeln. — Als Ersatz des fehlenden Thürverschlusses in Häusern und Hütten von zweifelhafter Sicherheit ( Sicilien , Spanien , Orient ) nehmen Manche ein fliegendes Schloß mit, dessen beide in Pfosten und Thür geschlagene Theile durch Riegel oder Kette verbunden sind; Andere verfahren noch einfacher: sie bohren einen Nagelbohrer (man hat jetzt dies Geräth zum Zusammenklappen mit einem Bügel, ähnlich wie die Taschen- korkzieher) durch die Thür in den Pfosten; wieder An- dere ziehen derartigen Behausungen das Uebernachten im Freien vor. Mit Rathschlägen, wieviel Paar Strümpfe, Schuhe, Hemden ꝛc. mitzunehmen seien, verschonen wir unsere Leser, trauen ihnen auch hinlängliche Ueberlegung zu, um zu wissen, daß Jeder, der zu Erkältungen neigt, wohlthut, Vorsorge zu treffen, nach gründlicher Durchnässung die Kleider wechseln zu können. Nicht so überflüssig erscheint es dagegen, an ein anderes Stück Reiseapparat zu erinnern, wenn nämlich ein Land besucht werden soll, dessen Sprache wir nicht mächtig sind. Viele begnügen sich, ein Taschenwörterbuch und eine Phraseologie einzupacken, in der Hoffnung, daß „alles Weitere sich schon an Ort und Stelle aus der Praxis von selbst er- geben werde“, ohne zu ahnen, wie viel Verlegenheiten sie sich erspart hätten und wie viel mehr Wünschenswerthes ihnen zu Theil geworden wäre, wenn sie wenigstens ein paar hun- dert Vocabeln und ein paar Dutzend Phrasen im Kopfe mit- genommen hätten. Die Sache ist auch für ein Veteranen- gedächtniß nicht so schwierig und ermüdend, als sie aussieht. Meine erste italienische Reise wurde vier Tage nach dem Ent- schluß dazu angetreten und ich hatte nur Zeit, durch einige II. Vocabeln und Sätze. Lehrstunden mich ein wenig in der Aussprache, der Declination und Conjugation zu üben. Noch vor dem Aufbruch schrieb ich aber aus einem kleinen Buche die Formen, Wörter und Sätze ab, welche ich wohlüberlegt für die nöthigsten hielt, steckte dies zu mir, verwandte auf dessen Erlernung einen Theil der Zeit im Wagen und in den Gasthöfen und war erstaunt, wie rasch dies kleine Capital sich umwälzte und vergrößerte. Ein Haupthinderniß bei jungen Leuten ist die Zurückhaltung im Sprechen, aus Furcht, sich durch Fehler lächerlich zu machen; eine tapfere Willensanstrengung hilft schnell dar- über hinweg. Um das Ohr bald an die fremden Klänge zu gewöhnen, ist eine gute Uebung, sich öfter von einem Ein- gebornen langsam vorlesen zu lassen und dabei mit den Augen dem Gedruckten zu folgen. III. Reisekleider — § 1 des Codex turisticus — Wäscherinnen — Barbiere — ent- sittlichende Eigenschaften der Seife — zur Kleiderordnung — Lebensrettung — Nothbehelfe in Robinsonverhältnissen — pädagogische Attrapen — Hauptanzug — wasserdichte Bereitung — Gepäckreductionen — Joppe — Knöpfe — Reserve- system — Gepäck so wenig als möglich — kostspielige Ersparnisse und Assecuranz- gebühren — Kosten — Postanweisungen — Fortification — nackte Knie — gegen Nässe — der Plaid und seine Verdienste — Plaidnadeln — Kopfbedeckungen — schon wieder Wäsche — Reiselust und Reinlichkeitsliebe — der Reinlichkeitsfana- tiker und seine Toilettengeheimnisse — zur Farbenlehre — bergauf — Copie nach niederländischem Original — Diener — Hutbänder mit Gebirgsprofilen — erlaubte Bescheidenheit — Vorsichtsmaßregeln — Fahrbillets — Gepäckscheine — die ver- steckte Fahrkarte — Werthsachen zu sichern — Diebe — weitere Sicherheitsmaß- regeln — Papiergeld — Gold — chirurgische Hilfe — Goldmägen — Versiche- rungsschein — aus dem Wagen springen — todte Briefe — Verluste durch Zer- streutheit — Taschen und abermals Taschen — Gedächtnißkrücken — Tailleur Krausé — Handwerkerbildungsvereine — fernere mnemotechnische Krücken — bei eiliger Abreise — Friedrich der Verschlafene — Adressen und Erkundigungen — schriftliche Aufzeichnungen — Gedächtniß und Phantasie — Schreiben im Freien und im Fahren — Cigarrenanzünden — Zündhölzer — schriftliche Notizen — Reisetagebuch — Entwürfe und Ausarbeitungen. Das Hemd ist mir näher als der Rock, sagt das Sprüch- wort. Näher noch als das Hemd ist aber dem Touristen et- was Anderes: — Wolle. So mag denn auch dieses Ca- pitel mit § 1 des Codex turisticus, Titel Kleiderordnung, be- ginnen, welcher lautet: „Jedweder Tourist, weß Standes „und Alters er auch sei, soll sich mit wollenen Unterkleidern „versehen. Wer ohne solche auf anstrengenden Fußwande- „rungen oder längeren, dem Witterungswechsel ausgesetzten „Wagenfahrten betreten wird, hat das Leben verwirkt.“ Aus III. Reisekleider — § 1 des Codex turisticus. den Annalen der Touristik geht nun zwar hervor, daß dies strenge Gesetz nur selten nach dem Wortlaute vollzogen und selbst schwere Delinquenten oft begnadigt werden zu lebens- länglichem Rheumatismus oder Lungensucht, unter mildern- den Umständen wohl auch mit Brustentzündung, Grippe, Husten, Zahnschmerzen u. dergl., zuweilen sogar ganz straf- los wegkommen; auch abgehärtete Naturen sind jedoch immer- hin nachdrücklich vor Märschen in die Hochregionen (vgl. IV. ) zu warnen, wenn sie den Oberkörper nicht durch Wolle auf bloßer Haut und die Füße durch wollene Strümpfe geschützt haben, überhaupt ist Jedem zu rathen, wollene Unter- kleider unterwegs stets zur Hand zu halten und sie anzulegen auf allen Touren, die nicht blos aus Spaziergängen und kleinen gemächlichen Fahrten bestehen, denn jede Erkältung ist ein lästiger Reisegefährte. In den Tropenländern tragen bekanntlich die Europäer auf bloßer Haut niemals Leinen, sondern entweder Calico oder leichte Wollstoffe, ohne „vor Hitze zu vergehen“, wie es in unserer gemäßigten Zone ge- meiniglich heißt, wenn von Neulingen gegen den Rath re- monstrirt werden soll. Auch bei drückendster Sonnenglut wandert es sich ganz leidlich in einem weitärmeligen Flanell- hemd, während Rock und Weste der Führer trägt oder der Wanderer selbst über den Arm wirft und erst wenn es nöthig wird wieder anlegt. Wer Flanellhemden ohne Weste anzieht, läßt ein Uhrtäschchen, eine zweite größere Tasche und Achsel- klappen, um Tragriemen festzuhalten, anbringen. Statt der hochrothen Garibaldifarbe, welche nicht Stand hält, wähle ich hellgrau. Hat man längere Zeit ununterbrochen Wolle auf bloßer Haut getragen, so läßt sich ein Uebergang zur alten heimischen Gewohnheit mit einer Jacke von Seidenkrepp machen. Für die Behauptung der Fabrikanten, daß dieser die nämlichen Dienste leiste, wie Wolle, will ich keine Bürg- schaft übernehmen, wohl aber dafür, daß er sich noch ange- nehmer trägt, glaube ferner, daß es der Haut nur von Vor- theil sein kann, wenn sie nicht länger als noththut, durch III. Wäscherinnen — Barbiere — entsittlichende Eigenschaften d. Seife. Wollengewebe, zumal dichte, enganschließende, in ihren eigenen Dunstkreis gehüllt, sondern hinterher der atmosphärischen Luft wieder mehr Zugang verstattet wird. Aus diesem Grunde sind auch locker gestrickte, sehr elastische Wollenunterjacken zu empfehlen. Für Flanellhemden, und zwar farbige, spricht noch eine andere Rücksicht. Unter die kleinen Leiden der Reise zählt nämlich auch die Abhängigkeit von Wäscherinnen, deren Ver- sprechungen sich häufig so hohl und vergänglich erweisen, wie die Seifenblasen, die sie in ihren Trögen aufwerfen. Sollte der Ausdruck „leeres Gewäsch“ daher stammen? Hängt etwa die schaumige, schlüpfrige Natur der Seife damit zusammen? — Der Umstand, daß ein anderes auf Seife gegründetes Ge- werbe, das der Barbiere, eben so wenig Wort hält, scheint darauf zu deuten. Während ich allgemeinen Betrachtungen über diese entsittlichenden Eigenschaften der Seife nachhing, mehrten sich die Fälle, daß ich durch Schuld von Wäscherin- nen und Barbieren Bahnzüge, Posten und Zusammentreffen mit Gefährten versäumte, einigemal mußte ich auch meine Hemden naß einpacken, so beschloß ich endlich, meine ganze Aufmerksamkeit auf die praktische Seite der Frage zu wenden. Trugen doch, sagte ich mir, die Touristen des Mittelalters, die Wallfahrer, wenn sie sich nicht etwa selbst rasirten, Voll- bart und härenes Gewand, warum sollten wir modernen Pil- ger nicht ihrem Beispiele folgen? Von heute an wird für die ganze Wander- und Fahrzeit der Bart von keinem Scheer- messer berührt und ein Flanellhemd angezogen, ein zweites in die Reisetasche gesteckt; jede Dorfwirthin, Magd, Sennerin kann erforderlichen Falles deren eines nebst Strümpfen waschen und am Feuer trocknen, alles vom Abend bis zum Morgen, und so wäre wenigstens ein großes Stück jener Sclavenketten abgeworfen. Immer erst, wenn ich an einem Orte bin, an dem ich den großen Koffer vorfinde und längere Zeit verweile, werden wieder weiße Hemden angethan, der Wäscherin reichliche Lieferungsfrist bewilligt und das letzte III. Zur Kleiderordnung — eine Lebensrettung. Ziel nie kurz vor die Abreise gesteckt, sondern stets ein Respect- tag in die Rechnung aufgenommen. Gesagt, gethan. Hat man auf einer kleineren Excursion sich nicht gehörig vor- gesehen, z. B. auf einen heißen Tag gekleidet, und es thut sich plötzlich ein eisiger Nordost auf, so wird das nächste Bauern- haus, eine Sennhütte, Felshöhle, Gebüsch oder sonstiges ge- schütztes Plätzchen aufgesucht, die Reisetasche geöffnet, das Nachthemd unter das Oberhemd und was sie sonst noch etwa hergibt, angezogen, z. B. ein Taschentuch über den Baumwollstrumpf geschlagen u. dergl. m. Strenge Kleider- ordnung ist überhaupt nicht aufrecht zu halten, der Codex turisticus gestattet sogar als Nothwehr schwere Gewaltthaten. Einen Commentar zu diesem Paragraphen mag folgendes Geschichtchen liefern. Vor geraumer Zeit machte gleichzeitig mit mir die Tour über’s Stilfser Joch ein junges Ehepaar, um den Comersee zu besuchen. Wir waren zusammen in Meran bei herrlichem Wetter in den Wagen gestiegen, je mehr wir uns aber dem Paß näherten, je rauher wurde es. Das Gespräch stockte, die Gesichter erbleichten, die Nasen errötheten. Der Mann, der am meisten fror, war leicht gekleidet und hatte, obwohl offenbar kränklich, wie sich später ergab, im Rausche des Flitterwochenglücks, sein ganzes Gepäck vorausgeschickt, und bei sich außer seiner Liebe nur Kleinigkeiten, z. B. ein Thermo- meterchen, das zwei Grad über Null nachwies, und eine Taschenausgabe von Seneca . Nicht einmal mit einem Plaid war der Unbesonnene versehen! Weder die Philosophie des Hispaniers, noch die Pracht der uns umgebenden Bergland- schaft konnte ihn vom Zähneklappern abhalten. Wir waren jetzt oberhalb Trafoi , von menschlicher Hilfe weit entfernt. Auf Seite des Weibleins verstohlenes Weinen über das Leid und die Gefahr des Gatten, denn sie selbst versicherte, nichts von Kälte zu spüren, nur „ein bischen“ kalte Füße. Meinen Vorrath von schlechten Wärmeleitern hatte ich bereits im eigenen Nutzen ziemlich erschöpft, und von verfügbaren fanden III. Eine Lebensrettung. sich in meiner Machtsphäre nur noch ein Paar kurze und ein Paar lange Wollenstrümpfe vor. In Zeiten großer Noth weicht seit jeher die Achtung vor constitutioneller Freiheit höheren Staatsrücksichten, so warf ich mich denn ohne viel Widerstand zu finden zum Dictator auf und leitete die Vertheidigungs- maßregeln. Die kurzen Strümpfe wurden über die Stiefe- letten gezogen, die langen vermittelst einiger Plaidnadeln in den Hemdärmeln befestigt und, nachdem sie unten aufgeschlitzt, Hände und Arme durchgesteckt, so daß sie Aermel bildeten. Endlich fand sich noch im Strickbeutel der Frau eine beinahe fertig gestickte Tischdecke, die es sich gefallen lassen mußte, um die Beine des Frierenden gewickelt und mit Bindfaden be- festigt zu werden. Schon während der Vorbereitung hellten sich die Mienen erst des Mannes, dann der jungen Gattin auf, und kaum war dieser durch unsere vereinten Anstren- gungen geborgen, als, zum großen Vortheil der Wärme- entwickelung, ein langathmiges dreistimmiges Gelächter ent- stand. Von Neuem prasselte es auf, als ich, um alles Ver- wendbare auch zu verwenden, zwei rosenrothe Briefe, die sich noch vorfanden, bestimmte, über die weißbaumwollene Hülle der beiden weiblichen Füße geschlagen zu werden. Zuerst hielt man es für Scherz, der Mann machte verschiedene an- zügliche Bemerkungen über unumschränkte Gewalt und ihre Gefahren, wie unwiderstehlich sie zu Mißbräuchen auch sonst gute Menschen reize, demonstrirte, daß Nero , so lange er unter Aufsicht Seneca’s gestanden, ein sanfter, liebenswürdiger Jüngling gewesen und erst ein Scheusal geworden sei, als er den ganzen Erdkreis zu seinen Füßen gesehen habe. — Nicht um Nero’s Füße und seine Rettung handelt es sich aber jetzt, unterbrach ich, sondern um die Ihrer Gemahlin. Kraft meiner Dictatorwürde befehle ich, daß Sie die Briefe ihr zu Füßen legen, während ich aus dem Wagenfenster schaue. An den Gesichtern der Gatten, die jetzt sahen, daß es mein Ernst war, konnte ich nicht recht erkennen, ob sie mich für plötzlich verrückt geworden oder nur für sehr läppisch hielten, oder ob III. Nothbehelfe in Robinsonverhältnissen. ihnen die Zweckmäßigkeit der Maßregel einzuleuchten anfing, kümmerte mich auch nicht weiter darum, sondern kehrte ihnen den Rücken und betrachtete den Gletscher, der mich wieder an- blickte, wie ein Potentat den andern, hörte bald darauf Pa- pier rascheln und nach wenigen Minuten war Alles in Ord- nung. Neues Gelächter, neues Geplauder. In Bellaggio trennten wir uns. Am nächsten Christfest überraschte mich ein Paket aus Deutschland , welchem ich zwei Briefe, die weitere Aufklärung gaben, und eine Schreibmappe entnahm, deren Deckel eine bildliche Darstellung der erzählten Scene enthielt, rundum in gobelinartiger Stickerei einen Lorbeer- kranz und die Worte: Dem Retter meines theuren Eheherrn. An Histörchen der Art war unser Reiseschulmeister uner- schöpflich. In der Regel schienen sie darauf berechnet, einen Paragraphen seines Gesetzbuchs anschaulich zu machen oder einzuschärfen und schlossen mit einer Sentenz oder einem Sprüchwort. Hin und wieder fügte er in dogmatischem Tone allgemeine Betrachtungen hinzu, wie z. B. hier. — Je mehr wir reisen, je häufiger ist Gelegenheit und zugleich Ursache, das zu lernen und zu üben, was wir to make shift nennen: sich zu helfen wissen, sich durchschlagen, denn die Reise versetzt uns oft in Robinsonverhältnisse und da gilt es, das alte deutsche Sprüchwort zu beherzigen, „Alles zu brauchen, wozu es gut ist,“ mit andren Worten, von der breiten Bahn des Gewohnten, sobald sie uns nicht zum Ziele führt, abzugehen und neue Wege zu suchen. Stücke des In- ventars mögen zum Opfer fallen, indem man sie zu einem ihrer ursprünglichen Bestimmung fremden Zwecke benutzt; denn: „keine Omelette ohne zerbrochene Eier.“ Ein für alle- mal bemerke ich aber, daß ich Euch, Ihr Herren, nicht zu gedankenlosen Nachahmern, sondern zu selbständigen Reise- virtuosen zu erziehen wünsche, deshalb fordere ich ausdrück- lich auf, keinem meiner Rathschläge blindlings zu folgen. Ich wäre ein schlechter Pädagog, wenn ich nicht auch hier und da darauf ausginge, Eure Aufmerksamkeit, Euren Scharfsinn und III. Pädagogische Attrapen — Hauptanzug — wasserdichte Bereitung. Erfindungsgeist zu prüfen und zu spornen. Ueberdies gehört das Aufspüren neuer Nothbehelfe, mögen sie auch an’s Abenteuerliche streifen, unter die Erheiterungen des Reise- lebens und unter die Dinge, von denen sich am häuslichen Herde gar lustig erzählen läßt. Je öfter Euch Besseres ein- fällt, als Eurem alten Lehrer, um so stolzer macht Ihr diesen auf Euch. Paßt mir also nur gehörig auf den Dienst. — Der Herausgeber würde nun zwar dem Leser gegen- über solche pädagogische Attrapen um keinen Preis wagen, dennoch könnte es ihm ohne Wissen und Willen begegnet sein, indem er Worte des Meisters, die nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt waren, hier niederschrieb. In Fällen der Art möge nur der ganze Unwille oder Spott des Lesers auf mein Her- ausgeberhaupt fallen, aber Niemand an der Reiseweisheit des Lehrers zweifeln. Und nun zurück zu Schränken und Commoden, Schneidern und Tuchhändlern. Zum Hauptanzug für die Reise wählt der Tourist von Fach am liebsten eine der in zahlreichen Schattirungen und Mustern vorhandenen Mischungen von weißer und schwarzer Wolle, ohne Zusatz von Farben, die dem Verschießen unter- liegen (wie z. B. Anilin oder dem sogenannten freundlichen Grau, das bald einen grünlichen Schimmer annimmt), ein Ge- webe aus reiner, neuer Wolle, keinen Shoddy, weder zu locker und luftig, noch so dicht und schwer, daß es bei großer Hitze unerträglich wird. Das Zeug kann man nahezu wasserdicht (nicht luftdicht) bereiten lassen Es gibt dafür eigene Fabriken, die das Verfahren als Geheimniß behan- deln. Fehlt es an einer solchen, so wird folgendes Recept empfohlen. 1 Pfund Leim und 1 Pfd. Kernseife werden in 1 Pfd. kochenden Wassers gelöst, nach und nach 1½ Pfd. Alaun zugesetzt und die milchige Mischung bis zum Sieden erhitzt, die Stoffe mit derselben, bevor sie ganz erkaltet ist, getränkt, zum Trocknen auf- gehängt ohne sie auszuringen, schließlich gewaschen, gerollt und verarbeitet. . Ganz leichte Sommer- sachen zur gelegentlichen Benutzung an Orten, wo verweilt wird, im Koffer bei sich zu führen, ist Niemand verwehrt, zum Hauptreiseanzug taugen sie nicht. 3 III. Gepäckreductionen — Joppe — Knöpfe — Reservesystem. Da Unterkleider Umfang und Gewicht des Gepäcks weni- ger als Oberkleider vermehren und mehr leisten, so kann man diesen letzteren, wo es sich um Reductionen handelt, leicht viel abbrechen, wenn nur jenen ein Weniges zugelegt wird. Die Joppe, bei längerem Aufenthalt in Gebirgsorten und kleinen Ausflügen recht verwendbar, reicht als Haupt- rock unterwegs nicht aus, weil das Lodenzeug zu locker ist, um gehörig Stand zu halten, wenn’s einmal hart hergeht, und das Ding in seiner Knappheit und Kürze zu wenig Raum für Taschen bietet. Auf alle Fälle lasse man deren zwei oder drei übereinander mit Knöpfen versehen äußerlich vorn an der Brust und innerlich zwei größere Seitentaschen an- bringen. Von den Knöpfen der Beinkleider, an denen der Hosen- träger befestigt wird, lasse ich eine doppelte Garnitur an- nähen, statt sechs also zwölf, so daß, wenn einer abreißt, sein Stellvertreter schon bereit ist und in den Dienst tritt. An diese Knöpfe sei gleich eine Bemerkung über das Reserve- system geknüpft, welches in der Touristenpraxis so gut seine Rolle spielt, wie überall. So nimmt der Vorsichtige für län- gere Reisen (vergl. S. 19) von den ihm nöthigsten, nicht umfänglichen und schwer wiegenden Dingen, namentlich sol- chen, die dem Verlust, dem raschen Verbrauch oder der Be- schädigung ausgesetzt und nicht allerwärts leicht zu kaufen sind, etwas über den nächsten Bedarf mit, denn Vieles kauft sich zu Hause besser, Anderes ist nicht zu haben, wo man es gerade braucht, endlich die Zeit an fremden Orten nützlicher zu verwenden, als in Läden und Magazinen. Die vielwieder- holte Reiseregel: „Gepäck so wenig als möglich,“ erleidet also hierdurch eine Einschränkung. Ueberhaupt gehört der Satz so allgemein gefaßt gar nicht in den neueren Reisecodex und scheint nur eingeschwärzt aus irgend einem alten Wanderbüchlein für Handwerksburschen. Soll durchaus ein Gesetz daraus werden, so könnte ich — in Erwägung, daß alles Gepäck unterwegs dem Verlust und III. Kostspielige Ersparnisse und Assecuranzgebühren — Kosten. Verderben ausgesetzt ist und entweder die Schultern oder durch Porti und Trägerlöhne das Budget belastet; letztere ziemlich hoch auflaufen können, wenn das Transportmittel häufig gewechselt und lange gereist wird (wie z. B. auf einem achtwöchentlichen Streifzug durch die Schweiz und Ober- italien , bei welchem eine erkleckliche Anzahl Bahnhöfe, Dampf- boot-, Post-, Omnibusbureaux, Führer, Träger und Haus- knechte betheiligt sind); weil ferner ein Pfund mehr oder minder sich bei längerem Tragen schon recht fühlbar machen kann; sehr viel Gepäck endlich die Wirthsrechnungen steigert (vergl. VI. ) — meine Stimme höchstens zu folgender Fassung geben: Jeder, der nicht alles Ueberflüssige und Leichtentbehr- liche zu Hause läßt, verfällt in eine Geld- oder verhältniß- mäßige Körperstrafe (vergl. S. 28). Alles das ist aber ein so handgreifliches Naturgesetz, daß ich für gänzliche Streichung dieses Paragraphen votire. Daß es nicht räthlich ist, für Kleiderstoffe und Geräthe, die unterweges schweren Dienst thun sollen, das Wohlfeilste auszusuchen, oder Altes Halbverbrauchtes als „gut genug für die Reise“ zu betrachten, springt nicht minder in die Augen. Sagt doch schon das alte Sprüchwort: „Wohlfeil kostet viel Geld.“ Das Alles, wie ferner die Mitnahme einer alten Auflage des Reisehandbuchs und Eisenbahncoursbuchs, oder der gänzliche Verzicht auf diese kleinen rothen und gel- ben Rathgeber, zählt unter die kostspieligen Erspar- nisse. Ueberhaupt gilt die Regel, daß in Ansehung aller Vorbereitungen kleine Ausgaben in Zeit, Geld und Mühe willig und am rechten Orte jeder zu übernehmen hat, der größeren Aufwand in diesen drei Valuten unterwegs ver- meiden will. Wer jene billigen Assecuranzgebühren aus Eil- fertigkeit, Geiz oder Trägheit nicht tragen mag, darf sich nicht beklagen, wenn ihm die Ernte verhagelt. Mit der vielfach gedruckten Mahnung, nicht zu wenig Geld, sondern mindestens ein Drittel des Kostenanschlags darüber hinaus als Reservefonds mit auf die Reise zu nehmen, 3* III. Postanweisungen — Fortification — nackte Knie — gegen Nässe. wagen wir unsere Leser ebenso wenig zu behelligen, sie werden das Erforderliche ungemahnt thun. Für Nothfälle gibt es jetzt Postanweisungen, die herbeitelegraphirt werden können. Die Taschen müssen geräumig und an allen den Angriffen stark ausgesetzten Punkten wohl befestigt sein. An solchen strategischen Pointen, z. B. den auswendigen unteren Ecken der Rock- und Hosentaschen, hat der Schneider besondere for- tificatorische Werke anzubringen, sogenannte Riegel, welche aus einem etwa ½ Zoll breiten und ½ Linie dicken seide- nen Wulst bestehen, der dicht unter der Ecke quer vor liegt. Hier und da sieht man Alpendilettanten, Tiroler und Bergschotten nachahmend, Beinkleider tragen, die das Knie nackt lassen. Die Tracht erleichtert allerdings das Klettern, verursacht jedoch Ungewohnten oft Erkältungen und spröde, brüchige Haut, eine Unannehmlichkeit, die nicht dadurch auf- gewogen wird, daß an den Knien bald eine blühende Gesichts- farbe erscheint und alle Augen auf sie gerichtet sind. Gegen Nässe schützt die Füße wohlpräparirtes Schuh- werk mit Doppelsohlen (vergl. IV. ); Gummischuhe sind un- touristisch, denn auf steinigen Wegen zerreißen sie und auf Eisfeldern vermehren sie die Gefahr des Ausgleitens. Auch abgesehen davon liebe ich die Gummischuhe nicht, denn ihr Druck ist, wie der indirecter Steuern, anfangs kaum fühlbar, wird aber nach Verlauf einiger Zeit um so empfindlicher, außerdem beeinträchtigen sie die Ausdünstung und den Blut- lauf. Curgästen, namentlich im Seebade, soll indeß damit ihr Besitz nicht verleidet werden. In Bezug auf Schutz des übri- gen Körpers gegen Nässe schreibt die touristische Kleider- ordnung nichts Bestimmtes vor. Manche führen einen Regen- schirm, Andere haben Ueberzieher von Mackintoshzeug oder von gummirtem Taffet, welche letztere in der Rocktasche unterzubringen, aber theuer und wenig haltbar sind. Noch Andere begnügen sich nach Art der londoner Constabler mit Kragen von wasserdichtem, steifem Zeuge, die etwas über die III. Der Plaid und seine Verdienste. Achseln vorstehen; fällt der Regen manierlich und senkrecht nieder, so thun solche Kragen immerhin gute Dienste, denn sie leiten die Rinnsale nur zum Theil auf die Knie, die Haupt- masse fließt nebenbei zu Boden. Ich trage wasserdicht be- reiteten Rock und Hose, oder benutze, wie in allen Fällen, wo ich mir nicht anders zu helfen weiß: — den Plaid . Das Kameel leistet dem Sohn der Wüste, das Rennthier dem Lappen, das Bambusrohr dem Ostasiaten nicht wichtigere und mannigfaltigere Dienste, als der Plaid dem Touristen. Von der Universalität dieses wirklichen Reisen é cessaires — der nur sogenannten ward bereits gedacht — hatte ich selbst früher nur sehr unvollkommene Begriffe, obwohl ich eins schon seit Jahren in Gebrauch gehabt. Da saßen einmal in unsrem Club eine Anzahl Vielgereister um den großen runden Tisch versammelt, als Mr. G. , der Weltumsegler, sich erhob und eine Ansprache hielt, die auf den Vorschlag eines Gesell- schaftsspiels oder Wettkampfs hinauslief, und einer besonderen Liebhaberei der meisten Mitglieder, Ausbildung der Reise- technik, Vorschub zu leisten bestimmt war. Etwas der Art wurde denn auch in’s Werk gesetzt, jedes Mitglied schrieb auf einen Zettel alle Weisen der Plaidbenutzung, die ihm ein- fielen, worauf die Blätter vorgelesen und abgestimmt ward, wieviel Stiche jeder gemacht hatte, Strafen für frivole An- gaben verhängt — einige sporting characters waren unter uns, die es darauf angelegt hatten, in Strafe zu fallen, auch wurde manche lustige Geschichte erzählt und viel gelacht — und auf der Grundlage schließlich der Matricularbeitrag eines Jeden für die Bowlen, die an dem Abend geleert wur- den, festgestellt. Den reisetechnischen Reingewinn dieses Spiels habe ich nachträglich ermittelt und gebe ihn hier auszüglich. Der Plaid kann also dienen zum: Schutz gegen Kälte, Regen, Wind, Sonne, Menschenaugen, als Mantel, Ueber- rock, lang talarartig über den ganzen Körper oder kurz ge- faltet für einzelne Theile, beides in verschiedenen Varia- III. Plaid — Plaidnadel. tionen, als Poncho (mit einem Schnitt in der Mitte, um den Kopf durchzustecken, und Knöpfen), als Schoosdecke, Fußsack, Bettdecke, Betttuch, zum Ersatz oder zur Erhöhung des Kopf- kissens oder Bedeckung eines unsaubern Kissens oder Lakens, gerollt oder zusammengeschlagen zur Erhöhung niedriger Sitze beim Schreiben und Clavierspielen, als Polster für kalte Steine, nassen Rasen, als Sattel beim Reiten, gerollt als Schlummerkissen, einen Zipfel über den Kopf gezogen als Mütze, im Freien lang ausgebreitet als Schutz gegen Feuchtigkeit oder Ameisen beim Liegen, als Schirmwand, Zelt- decke, Gardine für Stuben- oder Wagenfenster, als Segel, geschnitten als Cholerabinde; mittels Bindfaden läßt er sich auch zum Tornister umgestalten oder zum Seil winden, um daran einen Felsen hinabzuklettern; endlich noch als Hand- tuch, Kehrbesen, Kaffeesieb, Wasserfilter und Trinkbecher. Der Plaid darf durch sein Gewicht den Wanderer, dessen steter Begleiter er ist, nicht belästigen; ich benutze deshalb in der Regel einen der stärkeren Damenplaids von feiner Wolle, dünnem und dichtem Gewebe. In den Fällen, in welchen eine solche Hülle nicht genügt, läßt sich, wenn man nicht einen zweiten, schweren mit sich führen will, anderweitig sorgen, z. B. durch einen sogenannten Wetter- mantel, wie man ihn in Tirol und Oberbayern für etwa vier Gulden kauft. Es ist dies ein bis an die Knie reichender Kittel von grobem, locker gewebtem, braunem Lodenzeug; leicht, aber doch ziemlich warm, vermag er auch eine Zeit lang den Regen abzuhalten. Die Plaidnadel (Sicherheits- oder Ammennadel), auch ein Kind der Neuzeit, bildet jetzt in fast jedem Nadler- laden einen Stapelartikel. Weil sie brocheartig mit einem Ver- schluß eingerichtet ist, hat sie vor der gewöhnlichen Stecknadel voraus, daß sie nicht wie diese jede unvorsichtige Berührung blutig rächt, ferner nicht beim geringsten Anstoß treulos ihren Posten verläßt, muß mithin zu den Gegenständen III. Kopfbedeckungen. gezählt werden, von denen der gute Tourist eine reichliche Anzahl in verschiedenen Größen mitnimmt. Unter den Kopfbedeckungen die allerunbrauchbarste ist der Filzcylinder, und da selbst die strenge sixtinische Capelle von ihren Gästen an den höchsten Kirchenfesten nur einen Frack und keinen capello francese verlangt, so gibt es keine Entschuldigung für die Mitnahme dieses steifen, hohlen Ge- sellen, dieser Krone aller häßlichen Männermoden, diesem Gipfel gespreizter Geckenhaftigkeit, der Hand in Hand mit seinem ebenso abgeschmackten und philiströsen Herrn Amts- bruder, dem Frack, einem Jahrhundert nach dem andern Trotz bietet, fort und fort die Form wechselnd, aber un- ausrottbar, unbesieglich, wie die menschliche Thorheit und Eitelkeit selbst. Solltest Du, lieber Leser, Candidat oder Referendar sein und Deinen Superintendenten oder Minister zu treffen hoffen resp. fürchten, oder sollten der hochverehrte Leser Excellenz, Durchlaucht, Hoheit, kurz sollten Rücksichten auf fremden oder eigenen Rang zu nehmen sein, so sei der Antrag gestattet, einen Klapphut, sogenannten Gibus, zu wählen, der in den Koffer gelegt wird und kein besonderes Collo bildet, denn viele Gepäckstücke mit sich zu führen, ist untouristisch. Ein weicher niedriger Filzhut wird sich stets als zuverlässiger, anspruchsloser Gefährte erweisen. Die Verdienste des Strohhuts werden im Allgemeinen zu hoch angeschlagen, wenigstens ist er als einziger Reisehut zu ver- werfen. Allerdings tragen ihn Tausende von Creolen im tropischen Amerika , dieses leichtblütige, sorglose Völkchen darf uns aber nicht zum Muster dienen; die bedächtigen Südasiaten und Nordafrikaner, die darin eine mehrtausend- jährige Erfahrung hinter sich haben, ziehen sämmtlich Kopf- bedeckungen vor, die zwar schwerer wiegen und wenig Luft, dafür aber auch keinen Sonnenstrahl durchlassen. Da indessen der kluge Arzt an Patienten Grillen, die nicht allzu schädlich sind, duldet, auch ein Autor Ursache hat, mit seinen Lesern galant zu verfahren, so erlaubt unsere Reiseschule nicht nur den III. Schon wieder Wäsche — Reiselust und Reinlichkeitsliebe. Ankauf eines breitkrämpigen Panam à huts, der sich zusammen- falten und einpacken läßt, sondern fügt sogar noch gute Rath- schläge bei. Dient ein solcher Hut in heißer Mittagssonne, so lege der Wanderer ein weißes Taschentuch hinein, von dem ein Zipfel vorn umgeklappt ist, so daß er das Hutfutter von der Stirn trennt; das Werk wird den Meister loben, ohne daß „von der Stirne heiß rinnen muß der Schweiß.“ Manche legen auch graues Löschpapier in den Hut. Im Eingang dieses Capitels wurde vom exact touristischen Standpunkte den farbigen Flanellhemden das Wort geredet und von weißer Wäsche in einer Weise gesprochen, welche zartbesaiteten Gemüthern anstößig erscheinen konnte. Wenn ich nun bedenke, wie lange ich selbst brauchte, um mich mit Wolle auf bloßer Haut zu befreunden, ferner, daß es Menschen gibt, deren Lebensglück eng verknüpft ist mit weißer Wäsche — bekanntlich ist das Glück etwas Subjectives und läßt sich nicht so leicht auf logischem Wege von den oft gering- fügigen Objecten lösen, an die es sich einmal geheftet hat, mag man auch noch so viel predigen über die kurzlebige Tyrannei einer Gewohnheit — wenn ich alles das in Betracht ziehe, fühle ich ein menschliches Rühren. So will ich denn nicht zurück- halten mit der folgenden Erzählung. Möchte sie denen Trost bringen, die aus der Hand ihrer Mutter die Lehre haben, daß ein reines Herz auch stets von einem weißen Hemd gedeckt sein müsse, „außen blank und innen rein,“ und diese Lehre nun als ein heiliges Vermächtniß für’s Leben betrachten. Möchte sie ferner darthun, daß die Alphabetsnachbarinnen Reiselust und Reinlichkeitsliebe zwar nicht eben Schwestern oder vertraute Freundinnen sind, aber doch auch nicht, wie Manche wähnen, geborene oder geschworene Antipoden sein und bleiben müssen. Nein, geliebte Mittouristen, ich kann Euch beruhigen: es läßt sich ein modus vivendi finden, welcher der Reinlichkeit, diesem häuslichen Bürgermädchen, erträglich ist, und dem sich auch jene etwas emancipirte Dame, die Reiselust, allenfalls fügt. III. Der Reinlichkeitsfanatiker und seine Toilettengeheimnisse. Ich will nämlich von einem Holländer erzählen, dessen Bekanntschaft ich einst in Tirol machte und der ein wahrer Reinlichkeitsfanatiker war, aber dabei dennoch viel und mit Passion reiste. Die beiden Leidenschaften erfüllten den Mann ganz und gar, und es war ihm in der That ge- lungen, einen Compromiß für sie zu finden. Geraume Zeit schon waren wir selbander gewandert, geklettert, gefahren, geritten, hatten nirgend länger als eine Nacht gerastet, als es mir auffiel, daß, obwohl auch er nur eine Jagdtasche von mäßigem Umfang bei sich führte, er doch bei jeder unserer gemeinschaftlichen Mahlzeiten stets in einem Hemd erschien, das in allen sichtbaren Theilen salonfähig sauber war. Auf meine Frage, wie er das anstelle, suchte er anfangs mit Scherzen auszuweichen, offenbar befürchtete er Neckereien. Als er jedoch sah, daß ein alter Fuchsjäger, wie ich, nicht so leicht zu ermüden, noch von seiner Fährte abzulenken ist, ließ er sich endlich vernehmen. — Zur Strafe für Ihre Neugierde sollen Sie nun aber auch in alle meine Toilettengeheimnisse eingeweiht werden, und je mehr Sie sich dabei ennuyiren, je lieber wird es mir sein. Es hat Ihnen nicht entgehen können, daß von den größeren und wohlhabenden Culturvölkern Europa’s die Niederlande verhältnißmäßig das schwächste Contingent liefern zum allgemeinen Touristenheere. Einige sehen darin Träg- heit, oder Geiz, oder eitle Selbstgenügsamkeit und was weiß ich Alles: ich behaupte, daß die Ursache eine andere ist, und wir sie nur aus Höflichkeit und Klugheit verschweigen, denn wir haben ringsum Alles gegen uns. Sie fordern meine Aufrichtigkeit heraus, wohlan, so wissen Sie: die Lust am Reisen wird uns Holländern dadurch verdorben, daß unsere Ansichten und Gewohnheiten in Bezug auf Reinlichkeit von der ganzen übrigen Welt nicht getheilt, sondern bespöttelt und mit Füßen getreten werden, außerdem schon die Reise an und für sich die Uebung dieser Tugend sehr erschwert. Ich bin unter den Ausnahmen, bei denen der Zug nach der III. Zur Farbenlehre. Ferne überwog, desto mehr stellte ich es mir nun zur Auf- gabe, nach der Seite der Sauberkeit unterwegs das äußerst Mögliche zu thun. Ein Stück Seife und ein kleines Tuch zum Abtrocknen führe ich stets bei mir und sorge damit für Kopf und Hände. Um das Hemd unterwegs in präsentablem Zustande zu erhalten, es wenigstens vor dem tiefsten Elende zu bewahren, bedarf es schon mehr Sorgfalt, oder sagen wir Pedanterie. Vor Allem müssen die Stoffe zu Weste und Rockärmelfutter klug gewählt sein, denn sie besonders „lieben, das Strahlende zu schwärzen und das Erhab’ne in den Staub zu zieh’n.“ Beim Einkauf prüfe ich durch Reiben mit einem weißen Tuche, ob der Stoff farbenfest ist. Schwarze und sehr dunkle Wollenzeuge sind es fast nie, ich wähle deshalb lieber mittelfarbige, auch für das Futter der Aermel und der Taschen Grau, denn Weiß schmutzt passiv zu leicht, wie Schwarz activ. Unter letzter Eigenschaft leiden außer Hemden auch weiße Schnupftücher und Mundvorräthe, welche letztere man zuweilen genöthigt ist, der Tasche uneingewickelt an- zuvertrauen. Eine meiner Rocktaschen ist deshalb ausschließlich ihnen gewidmet, so daß nie derselbe Ort, den gestern ein mineralogischer oder zoologischer Fund einnahm, heute einem Butterbrod angewiesen wird, morgen Büchern und Hand- schuhen, und jeder Nachfolger die Hinterlassenschaft seines Vorgängers pure antritt. Diese Tasche wird zuweilen ge- waschen. Soviel zur Farbenlehre. Sogenanntes englisches Leder, ein festes, dauerhaftes Gewebe, eignet sich zu Taschen von Reisekleidern besser, als Kattun. Meine Hemdkragen sind zum Anknöpfen, so daß ich bequem wechseln kann, und zwar — erschrecken Sie nicht — auf beiden Seiten zu tragen, also oben und unten von gleicher Leinwand; in Städten greife ich auch wohl zu amerikanischen Papierkragen. Die Manschetten sind angenäht und zwar doppelt und von der althergebrachten Art, nicht von der neumodischen mit Metall- knöpfen, von einer Pariser Chemisière et Blanchisseuse de fin eigens für ihre Zwecke und zur Plage der Träger ersonnen. III. Bergauf — Copie nach niederländischem Original. Die untere meiner Manschetten wird zuerst lang ausgestreckt getragen, während die obere sich nach der andern Seite, die Pulsadern umschließend, behaglich und unangefochten dehnt; sobald der Saum der ersteren eine unliebsame Schattirung annimmt, wird er in die Verborgenheit zurückgefaltet und an seine Stelle tritt eine Falte von blendender Weiße; ver- liert auch sie ihre Reinheit, so wird die ganze Manschette aus der Oeffentlichkeit entfernt und führt nun ein zurück- gezogenes Leben, wie bisher ihre Zwillingsschwester, nur über dem Hemdärmel, während die letztere jetzt denselben Cursus durchzumachen hat. Jede der beiden Manschetten hat am Saume, wo sie am Bund angenäht ist, einen Knopf, der nur geöffnet zu werden braucht, wenn beide ganz zurück- geschlagen werden sollen. Zu diesem fünften Modus greife ich in Staub- und Rußatmosphäre. Wer auf Geputztheit hält, mag Doppelmanschetten zum Anknöpfen wählen. Wie Sie sehen, sind meine Hemden nicht aus feinstem Leinen, zur Erhöhung ihrer Widerstandskraft inmitten der Drangsale, die sie von Seiten eiliger, unbarmherziger Gasthofs- und Dorfwäscherinnen zu erdulden haben, auch sehe ich darauf, daß an dem Bruststück weder sogenannte Hohlnähte noch Streifen des einfachen Zeugs vorkommen, sondern überall dieses doppelt oder dreifach liegt. Zum Schutz der Hemden gehört endlich, entweder keinen Bart zu tragen, oder den Schnurrbart kurz zu halten und den Kinnbart täglich mit dem Handtuche gründlich zu bearbeiten. — Mein holländischer Freund hielt nur zu redlich Wort und weihte mich in seine tiefsten Toilettengeheimnisse ein, „zur Strafe meiner Neugierde“. Es half mir nichts, daß ich hier und da seinem Lehreifer Einhalt zu thun suchte, indem ich ihn aufmerksam machte, daß wir bergan oder dem Wind entgegen gingen, für welchen Fall eine alte Wanderregel das Sprechen verbietet. Mynheer van der Laeken ließ sich nun ebensowenig irre machen, als ich mich vorher, und zur Steuer der Wahrheit muß ich bekennen, daß ich Manches III. Diener — Hutbänder mit Gebirgsprofilen. von ihm lernte. Da er für seine Doctrinen — dieselben waren vorzugsweise der Sphäre entnommen, die brave Haus- frauen, wenn sie unter sich sind, gern behandeln — kein geistiges Eigenthumsrecht beanspruchte, so benutzte ich dieses niederländische Original, um nach ihm für meine Bedürfnisse eine Copie in verjüngtem Maßstabe zu machen. Aus seinen weiteren Mittheilungen erinnere ich mich noch des Folgenden. Wie jedes wollene Kleidungsstück hat auch Plaid und Weste Anspruch, ausgeklopft zu werden, wovon jedoch die jetzt lebende Generation der Dienstboten Einen eigenen Diener auf weitere Touren mitzunehmen, ist mehr lästig, als förderlich, es sei denn, daß er sehr viel Reisetalent und Routine hätte. Man leidet unter seiner Ungeschicklichkeit, Vergessenheit, Nachlässigkeit, seinem Mangel an Erfahrung und an Ortskenntniß. Die Consequenzen werden geduldiger ge- tragen, wenn wir sie uns selbst zur Last legen müssen. Bei Privatcourieren finden sich zuweilen jene beiden Eigenschaften, sowie Kenntniß mehrer Sprachen, da- neben aber nicht selten gewisse andere (vgl. VI ) unwillkommene Fertigkeiten. Sehe sich also vor, wer nicht ein sehr großer Herr oder Millionär ist. nicht zu überzeugen ist. Die Leute nehmen auf Befehl Beides mit hinaus, bringen es zierlich gefaltet wieder, eine Untersuchung zeigt aber immer, daß es nicht gereinigt wurde, ich lasse daher das Geschäft meist unter meinen Augen vollziehen. Auch gewisse Flecken am Hutband waren dem Scharfblick meines Holländers nicht entgangen. — Sie geben, meinte er, dem Touristen, wie die Narben dem Kriegsmann, das Zeugniß, daß er nicht die Hände in den Schoos legte, sondern Mühsal, Staub und Hitze zu tragen verstand, und sind un- gesuchte, deshalb weit mehr als die eingebrannten Namen auf den Alpenstöcken, vertrauenswerthe, ehrenvolle Atteste. Ihr gebirgsprofilähnliches Moir é versinnlicht gewissermaßen die einzelnen Ersteigungen: je mehr Linien durcheinander laufen, je mehr Pyramiden sich übereinander thürmen, je tiefer die Schattirungen sind, je höher stieg der Mann, je höher sollte auch sein Ruhm steigen. „Vor den Ruhm setzten die III. Hutbänder mit Gebirgsprofilen — Erlaubte Bescheidenheit. Götter den Schweiß.“ Aber auch hier, wie bei allem Ver- dienst ist der Neid geschäftig: — die unten blieben in ihrer Gemächlichkeit, denen der Sinn fehlt für Empfindungen, einige Tausend Fuß erhaben über der platten Alltäglichkeit, blicken scheel dazu. Sie räumen ein, die Frucht der mensch- lichen Arbeit sei edel, von ihrer Blüte behaupten sie jedoch, daß sie den Sinnen nicht schmeichle. Was thun wir unter solchen Umständen? — Nach der Meinung eines berühmten Franzosen ist die Bescheidenheit nur erlaubt, wenn sie von sehr hervorragendem Verdienste getragen wird; aus dem Grunde wahrscheinlich (also vor lauter Bescheidenheit) macht der größte Theil der großen Nation selbst keinen Gebrauch davon. Der hochgestiegene Tourist dagegen darf bescheiden sein, er verschmäht es, seine zackige Krone zur Schau zu tragen, und läßt entweder den Reisehut so füttern, daß die Tropfen der Stirn weder den Filz noch die Fäden der Naht erreichen (das Futter wird vorn an der Front ein wenig über die innere Kante auf die Krämpe gezogen) oder, wenn das versäumt wurde und das Band allzu viel erzählt von den alpinen Großthaten des Trägers, so windet er ein weißes Taschentuch turbanartig darum, wodurch nebenbei ein vortheil- hafter Farbeneffect erzielt wird. Jede Art Hüte, auch die von Stroh, müssen nach staubigen Fahrten abgestäubt werden, damit sie ihre jugendliche Anmuth nicht schon in den ersten Diensttagen einbüßen, sodann ist ihnen eine Vorrichtung, um gelegentlich daran ein Sturmband zu befestigen, von Nutzen. Unsere Reiseschule wendet sich jetzt zu den Vorsichts- maßregeln . Nichts Seltenes ist es, daß Eisenbahnbillets und Gepäckscheine unter das Hutband, in einen Handschuh, oder in eine Tasche mit anderen Sachen, Geld, Schlüsseln, Uhr zusammengesteckt werden, ohne verloren zu gehen, dies kann aber mit nichten als Beweis gelten, daß der Ort dafür gut gewählt war, sondern höchstens, daß die Nemesis nicht immer die Augen offen hat, zum Glück für die vielen leichtsinnigen III. Vorsichtsmaßregeln — Fahrbillets, Gepäckscheine. Passagiere unter uns. Man darf nur einen Eisenbahn- schaffner auf das Thema bringen, um neunundneunzig Ge- schichten zu hören von verlorenen, verlegten, „verstochenen“ Fahrkarten. So manche komische habe ich mit angesehen, eine davon auch in einer Reihe von Bleistiftskizzen wieder- zugeben versucht und wünschte nur, daß ein Genremaler von Beruf sich des Gegenstandes einmal bemächtigte. Die erste meiner Skizzen stellt ein gefülltes Coup é dar. Einer der Herren, ein ehrbar aussehender Greis, hat das Wort, alle Andern hängen mit den Augen an seinen Lippen. Zweites Bild: das Gespräch ist unterbrochen, der Schaffner draußen in halber Figur sichtbar, ihm entgegen strecken sich fünf Hände, nur die beiden des alten Herrn, der sich in halbgebückter Stellung erhoben hat, stecken in verschiedenen Taschen und suchen. Folgende Bilder: er sucht und sucht, einige Taschen haben sich umgekehrt und ihren Inhalt aus- gestreut, darunter Manches, das besser im Verborgenen ge- blieben wäre. In den Zügen der Zuschauer kämpfen Mit- gefühl und Heiterkeit, aus ihren Geberden geht hervor, daß Niemand mit seinem Rathe zurückhält, wo das Vermißte wohl sein könnte. Im Hintergrunde, durch das Wagenfenster ein- gerahmt, das Bruststück des Conducteurs; sein bärtiges Ge- sicht blickt immer amtlicher, zuletzt mißtrauisch, criminalistisch. In der Rechten, zum Schlag hereinragend, hält er die wohl- bekannte Coupirmaschine, die anfangs wie ein gutgelaunter Nußknacker aussieht, allmählich aber, näher und näher rückend, im Einklang mit den Gemüthsbewegungen ihres Inhabers, immer drohendere, phantastische Mienen und größere Dimen- sionen annimmt, in ein Zahnbrecherinstrument verwandelt scheint, dann in eine glühende Marterzange, zuletzt Aehnlich- keit mit einem Haifisch- oder Höllenrachen hat. Letztes Bild: der kleine Flüchtling ist glücklich erwischt, und zwar im Stiefel, wohin er durch ein Loch in der oberen Ecke der Hosentasche entsprungen war. Freude ringsum. Selbst die Zange macht wieder ihr joviales Nußknackergesicht. Nur III. Die versteckte Fahrkarte — Reisecasse. ein Cylinderhut und ein Strickkörbchen sehen sehr nieder- gedrückt aus. Doch genug des Scherzes, wenden wir uns den ernsten Aufgaben des Lebens zu, fuhr unser Reiseprofessor in ver- ändertem Tone fort und legte mir die Frage vor, wo der Weise seine Fahrkarte verwahre, worauf ich etwas verdutzt erwiderte, ich hätte sie gewöhnlich im Portemonnaie oder auch in der Westentasche. — „Oder auch!“ wiederholte er im mildverweisenden Tone eines Lehrers, der eine ungewöhn- lich einfältige Antwort von einem sonst guten Schüler erhält. Ich sehe mit Betrübniß, daß Sie die Moral meines Vortrags mit Illustrationen nicht beherzigt haben und noch Sextaner in der Schule der Erfahrung sind. Die höheren Classen dieser Schule haben das Bahnbillet stets wenigstens an einem und demselben Ort, wie Uhr, Börse, Schnupftuch, damit es immer rasch bei der Hand ist und sie im Falle eines Verlustes sofort wissen, woran sie sind, und die geeigneten Schritte mit Würde thun können. Der Tourist von Fach besitzt dafür ein, dem Stückchen Papier oder Pappe ausschließlich gewidmetes Täschchen innerhalb der Weste, denn das Portemonnaie hat schon genug mit anderen Dingen zu schaffen. Soll dieses letztere gehörig reisemäßig eingerichtet sein, so hat es vier offene und drei, durch verschiedenfarbige Klammern geschlossene Abtheilungen, von letzteren je eine für Gold, Papiergeld und Gepäckschein, so daß auch der letztere immer ein ruhiges Einsiedlerleben führt, fern vom zerstreuenden Welttreiben. Die offenen Abtheilungen befassen sich mit Silber- und Kupfermünze, kleinen Schlüsseln und dergleichen. Denken wir nun aber auch auf die Sicherheit und gute Unterkunft der großen Reisecasse . Vorhin war die Rede von Taschen und Angriffen auf sie. Unter den Angriffen wurden dort nur die harmlosesten von allen in Betracht ge- zogen: die von den Händen des Besitzers. Wie viele andere schlimmere hat aber die Tasche des Touristen zu bestehen! Die gefährlichsten, die einer gewissen Classe von Gastwirthen, III. Werthsachen zu sichern — Diebe. mögen hier nur noch aus dem Spiele bleiben, denn dieser Feind hat durch seine numerische Stärke, durch die Umsicht, mit der er alle wichtigen Punkte besetzt hält, die Ausdauer, mit welcher er sie vertheidigt, durch seine Disciplin, seine vor- zügliche Bewaffnung, insbesondere seine von Jahr zu Jahr steigende Unerschrockenheit allen Anspruch auf unsere un- getheilte Aufmerksamkeit. Ihm wird deshalb ein besonderes Capitel gewidmet sein. Auch ist hier noch nicht der Ort, um uns mit den Freischaaren von falsch addirenden Kellnern, überspannten Lohnkutschern und zudringlichen Trinkgeldjägern der verschiedensten Art einzulassen. Vielmehr richten wir unseren Sinn zunächst nur auf die minder furchtbaren Wider- sacher des Reisenden — die Diebe . Sie unterscheiden sich von der vorgenannten Art dadurch, daß sie, die Finger nach unten gekrümmt, zu Werke gehen, während jene, der beherzte, siegesgewohnte Feind, uns offen und kühn in’s Antlitz blicken und die Hand mit einem Blatt Papier wie eine gebotene Freundeshand entgegenstrecken. Vor Taschen-, Straßen-, Hausdieben und Einbrechern schützt man sich dadurch am sichersten, daß man Geld- und Werthsachen nicht an solche Orte legt, wo, in der Meinung sie da am besten zu verwahren, alle Welt sie hat. Wie viele Tausende von Brieftaschen mit Banknoten sind nicht aus der linken Brusttasche des Rockes gestohlen worden! Nach der Versicherung eines Londoner Detectives vermag ein geübtes Gaunerauge schon in ziemlicher Entfernung zu erkenneu , ob in einer Brusttasche Inhalt zu erwarten ist, der einen Angriff verdient, und daß es auch diesseits Finger gibt, die auf die unglückliche Tasche eigens dressirt sind, geht aus den Polizeiberichten hervor. Größere Geldsummen in Gold Kleidungsstücken einnähen zu lassen, wäre eine gute Maß- regel, wenn dieselben, so lange sie goldhaltig, nicht gereinigt zu werden brauchten oder alle Hausknechte ehrliche Leute wären; leider ist aber die Bildung des Gefühls, d. h. des Tast- und Spürsinns bei einigen dieser Klopfgeister so weit vor- III. Weitere Vorsichtsmaßregeln — Papiergeld, Gold. geschritten, daß sie solche versteckte kleine Goldgruben bald aufzufinden und auszubeuten wissen. Andere Reisende tragen ihre Hauptcasse äußerlich über dem Rock an einem Riemen in besonderen Schatullen, das gibt jedoch ein ganzes Gepäck- stück mehr und hat den Uebelstand, daß diese Behälter sich augenfällig als Inhaberinnen von Geldsummen kennzeichnen, deshalb schon in Ländern mit guter Polizei, geschweige im Süden und Osten, Raubanfälle herbeilocken können. Sicherer zwar, aber noch beschwerlicher sind die alterthümlichen, jetzt nur noch bei Viehhändlern beliebten sogenannten Geldkatzen, die unter die Oberkleider um den Leib geschnallt werden. Ebensoviel Schutz bieten und minder Beschwerde verursachen Taschen von weichem Wildleder, die man an einem Gurt unter dem Hemd oder unter der Weste trägt. Sie haben eine Abtheilung für Papiergeld und eine andere für Gold, die letzte mit vier Unterabtheilungen, in welche die Goldstücke, reihenweise platt schuppenartig geschichtet und fest in Papier geschlagen, ver- theilt werden, so daß das Ganze nicht zu dick und unbiegsam wird. Aus diesen Taschen lassen sich mühelos Stücke heraus- nehmen und in’s Portemonnaie übertragen. Ist die mit- geführte Summe zu groß, so können zwei dergleichen, jede mit drei wagerechten durch eine Klappe mit Knopf zu ver- schließenden Unterabtheilungen, in der Weise angebracht sein, daß sie nebeneinander auf die Brust zu liegen kommen, die Gurte hosenträgerartig geknöpft und auf Brust und Rücken sowie über den Hüften verbunden sind. Als schlechtesten Platz für Werthsachen müssen die sogenannten geheimen Schubfächer bezeichnet werden, deren Geheimniß ein längst offenkundiges ist. Bei längerem Aufenthalt an einem Ort verwahre ich die Baarschaft, wenn ich sie nicht bei meinem Wirthe deponire, meistens in einem Futterale, das von außen wie ein Buch aussieht und in einer verschlossenen Schublade der Commode oder des Secretärs, oder im großen schweren Koffer, mit ein paar anderen äußerlich ähnlichen, wirklichen Büchern zu- sammenliegt, neben Wäsche, Cigarren u. dgl., in der Ueber- 4 III. Chirurgische Hilfe. zeugung, daß unberufene Hände eher nach allem Uebrigen greifen würden, als danach. (In dieser Weise werden be- kanntlich Bücher kaum jemals verloren, sondern nur durch Ausleihen an Bekannte, die sie nicht zurückstellen.) Sind nur ein paar Scheine aufzubewahren, so läßt sich auch ein wirkliches Buch dazu verwenden: die beiden Blätter, zwischen denen das Geld liegt, können leicht aneinander geklebt werden, wobei Einer, der mit viel Vorsicht und wenig Gedächtniß begabt ist, die Seitenzahl vormerkt. Papiergeld liegt ferner wohlgebettet unter alten Scripturen, wenn der Besitzer nicht die Gewohnheit hat, solche Pakete ohne vorherige Durchsicht zu verbrennen. Wer Geldscheine in größeren Summen bei sich tragen und bequem zur Hand haben will, steckt sie nicht in ein großes, dickes Portefeuille, dessen Umrisse sich äußerlich markiren, sondern in ein dünnes Futteral von Leder oder Buchbinderleinwand, und dieses nicht in die Brusttasche des Rockes, sondern in eine an der innern rechten Seite der Weste angebrachte Tasche. Größere als Fünfthaler- oder Zehngulden-Scheine mitzubringen an Orte, wo die Aus- wechselung nicht leicht zu bewirken, ist zu vermeiden. So oft ich Goldstücke mit auf die Reise nehme, vergesse ich nie, eine tüchtige Anzahl von halben und Viertel-Napoleond’or gleich einzuwechseln. Wer in allem Diesem noch nicht hinlängliche Sicherheit vor Verlust und Raub sieht, dem mag das anheim gestellt sein, was bisweilen in Arabien geschieht, wie Burton erzählt. Dort kauft man einige Zeit vor Antritt einer Reise in räuberische Districte Edelsteine und Perlen, steckt sie in ein silbernes Büchschen mit abgerundeten Ecken und dieses — in eine zu dem Behuf geschnittene Wunde, welche man dann wieder zuheilen läßt. Als besten Platz dafür wird am linken Oberarm die Stelle empfohlen, wo geimpft wird, und ver- sichert, daß es keine sonderlichen Beschwerden verursache, so wenig als Soldaten die Bleikugel, die ihren Weg in ihr Fleisch gefunden, nicht hat entfernt werden können und ihnen III. Goldmägen — Versicherungsschein. nun dauernd einverleibt ist. Dieser subcutane Nothpfennig bietet dem Besitzer auch dann noch eine Hilfsquelle, wenn er das Unglück hatte, bis auf die Haut ausgeplündert zu werden, so lange man ihm nur diese gelassen hat. Von allen Arten, Werthgegenstände zu sichern, die miß- lichste ist eine schon im Alterthume geübte. Daß sie leider noch nicht in Vergessenheit gerathen, beweist eine Mittheilung H. v. Maltzan’s in Westermann’s Monatsheften. Nach der- selben haust nämlich im südlichen Tunisien ein räuberischer Stamm, die Faraschisch, unter denen sich die Meinung ein- genistet hat, daß einige der durch ihr Gebiet reisenden Fremden „Goldmägen“ seien. Den Ausdruck „Goldmagen“ haben sie eigens ersonnen zur Bezeichnung eines Menschen, der seine Baarschaft in Goldmünzen „zwischen Seele und Körper“ d. h. in seinen Eingeweiden verborgen hat. Einst herrschte unter den Räubern die Gewohnheit, einem ge- fangenen vermeintlichen Goldmagen kurzweg den Bauch auf- zuschlitzen, sie gingen aber später davon ab und beschränkten sich auf medicinische Behandlung ihrer Opfer. Hadsch Hamed , der alte Diener unseres Berichterstatters, erzählte ihm einen Fall der Art aus dem eigenen Jugendleben: er gerieth in die Hände der Faraschisch, erhielt einen vollen Monat hindurch statt aller Speise nur heißes Wasser und bitteres Salz und wäre verhungert, wenn ihn nicht eine Tochter des Stammes, die später ihn befreite, mit ihm entfloh und sein Weib ward, heimlich mit Nahrung versehen hätte. Zu den wohlbedachten löblichen Vorsichtsmaßregeln, namentlich wenn es sich um Voraussendung von Koffern und Kisten handelt, gehört die Versicherung gegen Schein ; die Assecuranzgebühren sind äußerst gering und jedenfalls ist der Schutz, den sie bietet, unter Anderm auch gegen die leider nicht selten vorkommenden Irrthümer und Nachlässigkeiten von Eisenbahnbeamten und Spediteurs, sowie gegen unterwegs dieserhalb erwachende Besorgnisse, hoch anzuschlagen. Wer nicht assecurirt hat, thut stets wohl, wo 4* III. Aus dem Wagen springen — todte Briefe — Zerstreutheit. sich Gelegenheit bietet, auf die Umladung seines Passagier- gepäcks ein Auge zu haben. Ehe wir die Rubrik „Vorsichtsmaßregeln“ verlassen, muß noch eine erwähnt werden, die sich auf die Sicherung von Leben und Gesundheit bezieht. Viele Hälse und Beine sind schon dadurch gebrochen worden, daß während rascher Fahrt aus dem Wagen gesprungen wurde, sei es, weil die Pferde durchgingen oder aus anderen Gründen. Die Regel ist, in zweifelhaften Fällen lieber sitzen zu bleiben, muß aber durchaus gesprungen sein, so werde beachtet, daß vom Ent- schluß bis zur Ausführung mindestens einige Secunden ver- fließen, die muthmaßliche Ankunftsstelle mithin nicht dieselbe ist, die wir im Augenblick des Entschlusses seitwärts gerade vor uns sehen. Zweitens lehrt die Erfahrung und die Physik erklärt es, daß der Körper, der einen fahrenden Wagen plötz- lich verläßt, dessen Zug nach vorn theilt, also, wer einen har- ten Fall vermeiden will, nicht rück- oder seitwärts, sondern der Richtung der Fahrt möglichst parallel nach vorn zu springen hat. Vor der Abreise aus einem Orte, an dem ich längere Zeit verweile, hinterlege ich im Gasthof sowohl als beim Postamt schriftliche Angabe meines nächsten Stationsplatzes. Die Nützlichkeit dieser Maßregel in’s Licht zu stellen, genügt ein Blick auf die in Wirthshäusern und Postexpeditionen ausgehängten Kästen mit „todten“ Briefen. Gedenken wir noch der Verluste, die wir uns durch eigene Zerstreutheit bereiten, so findet sich dieselbe Brusttasche, die wir schon als Helfershelferin der Taschendiebe ertappten, in ähnlicher Eigenschaft zu Gunsten unehrlicher Finder thätig. Sie ist es, die, wenn wir in der Hitze eines Marsches den Rock über die Achsel werfen, nichts Eiligeres zu thun hat, als das ihr anvertraute Gut hinter unsrem Rücken auf den Weg zu streuen. Ihr Vertheidiger könnte nun zwar geltend machen, daß sie in allen diesen Fällen unschuldig sei, sogar streng gesetzmäßig gehandelt habe, nämlich nach dem Gesetz III. Zerstreutheit — Taschen u. abermals Taschen — Stühle. der Schwere, daß genau genommen gar nicht von einem Han- deln, einer Thätigkeit, die Rede sein könne, vielmehr lediglich von einem passiven Gehorsam gegen jenes Weltgesetz. Wir lassen uns durch alle Advocatenkünste nicht bestechen, sondern sprechen über die Angeklagte das Schuldig: die untreue Brusttasche wird in Reiseröcken und Paletots zugenäht oder weggelassen, überhaupt nur in der unteren Rockhälfte Taschen angebracht, so daß jenes Naturgesetz sich nie mehr zum Nach- theil des Inhalts geltend machen kann, wenn auch der Schwer- punkt der oberen Hälfte verändert wird. Jede Tasche weniger an einem Reisekleide ist freilich eine Einbuße an Bequemlich- keit, indessen, wenn einmal die Rock- oder die Brieftasche zum Opfer fallen soll, die Wahl nicht schwierig. Im unteren Theile des Rocks sind vier äußere und zwei innere Taschen. Von den letztern, meinen besonderen Lieblingen, benutze ich die eine, um die Brieftasche, welche zugleich Cigarren, Brille und Zündhölzer beherbergt, hineinzustecken, die andere für Unvorgesehenes. So z. B. hatte ich darin einen erborgten Malerstuhl Die in den Läden vorräthigen eisernen „Touristenstühle“ finde ich zu schwer, ließ mir deshalb einen leichten hölzernen Sessel anfertigen, dessen drei in halber Höhe verbundene, 1¼ Fuß hohe Stützen sich unten zu einem Dreifuß ausspreizen und an ihren oberen Enden drei Gurten aufnehmen, welche den Sitz abgeben. Die Stühle sind aus Eschenholz so geschnitten, daß sie, zusammen- geschlossen, eine mäßig dicke Rolle bilden. , den ich bei großen Kirchenfesten in Rom mit in den St. Peter nahm, um nach mehrstündigem Stehen mir eine kurze Ruhe gönnen zu können, ohne den Platz zu ver- lieren; auch mein Filzhut hat oft in dieser Tasche gewohnt. Aber, lieber Onkel, ließ sich jetzt Baby Eduard verneh- men, von Deinem pädagogischen Standpunkte dürftest Du doch derlei Auskunftsmittelchen nicht gutheißen, die Du sicher- lich, wenn ich sie brauchte, Eselsbrücken nennen würdest. — Sehr richtig, Säugling, antwortete rasch gefaßt Odysseus, das wären sie auch für Dich, denn in Deinem zarten Alter soll das Gedächtniß und die Aufmerksamkeit durch Uebung III. Gedächtnißkrücken — Tailleur Krausé . für’s ganze Leben gestärkt werden, ich habe das jedoch leider in der Jugend versäumt, muß mir deshalb im Alter durch Krücken zu helfen suchen. Solcher Gedächtnißkrücken werde ich nachher noch einige mittheilen, eine Lection, von der die strebsame Jugend ausgeschlossen bleibt, zuvor muß ich noch ein Wort der Warnung anknüpfen. Ich muthmaße nämlich auch in dem sonst so ehrsamen Schneidergewerk Mit- glieder, die mit den unehrlichen Findern unter einer Decke spielen. Hören Sie, wie es mir mit dem meinigen erging. Es war ein Deutscher, obwohl er sich Tailleur nannte und seinen Namen Krause mit é schrieb. Bei ihm hatte ich einen Reiseanzug nach obigen Grundsätzen bestellt, mündlich das Nöthige auseinandergesetzt und zum Ueberfluß noch schrift- lich mitgegeben, in acht Tagen sollte Alles fertig sein, war es auch nach drei Wochen, aber — sämmtliche neue Einrich- tungen fand ich nicht vollzogen. Auf meine Beschwerde dar- über eröffnete er mir, er habe „es gut gemeint“, innere Taschen im Schoos brächten das Ganze aus der „Fassong“, dafür habe er indeß die oberen sehr groß gemacht; wenn ich übrigens, setzte er begütigend hinzu, diese „bardu“ nicht be- nutzen wollte, dann brauchte ich es ja nicht, das hinge ganz von meinem „Bangschang“ ab, Extrakosten wären dadurch nicht verursacht worden. — Da verfiel ich auf ein Mittel, das auch rasch anschlug. Ich bedeutete ihn, es sei die neueste Mode in Paris , bis jetzt nur in den Hofkreisen bekannt, das „Schornal“ werde es wohl nächste Woche bringen, und noch denselben Tag war Alles nach meinen Wünschen um- geändert. — Um nicht von unserer Touristenstraße weit abseits zu kommen, will ich von den Bemerkungen, die mein kritischer britischer Freund bei dieser Gelegenheit über deutsche, eng- lische und französische Handwerker machte, nur noch mit- theilen, daß auch er die Wurzel des Uebels in den Nach- wehen unsres zu lange künstlich aufrecht erhaltenen Zunftwesens sah und überzeugt war, die tüchtigen und vorzüglichen Eigen- III. Handwerkerbildungsvereine — weitere mnemotechnische Krücken. schaften der deutschen Nation würden sich auch im Hand- werkerstande nun immer allgemeiner geltend machen. Schon jetzt erkenne man, daß er sich mehr als früher beeifere, nicht nur mit der Hand zu wirken, sondern den Kopf zu Hilfe zu nehmen; auch sei nicht zu befürchten, daß sich der größere und bessere Theil der Arbeiter und Gewerbsleute den Thor- heiten und Träumereien hingebe, zu denen sie gewisse Schran- zen am Hofe der Volkssouveränetät verführen möchten. Ein sehr geeignetes Thema für Vorträge in Hand- werkerbildungsvereinen wäre übrigens: „die Lügen- pest, oder Versprechen und Nichtworthalten.“ Viele sonst brave Gewerbsmänner können leider noch nicht von dem ge- polsterten Lehnstuhle lassen, auf dem ihr Großvater und Vater selig gesessen, obwohl der alte Lederüberzug an vielen Stellen zerplatzt, die weiche Unterlage herausgefallen ist und die engen Armlehnen sie in der Arbeit hindern. Weitere Gedächtnißkrücken: Vor Verlusten durch Liegen- lassen bei eiliger Abreise schütze ich mich u. A. dadurch, daß ich in Gasthöfen Abends meine kleinen Effecten unverdeckt, augenfällig und nahe bei einander lege, nicht in die dafür anberaumten Deckelbüchsen, Toilettenkasten und Nachttische, das Nachthemd werfe ich morgens nicht auf’s Bett, sondern lege Alles, z. B. auch die Seife, vor und nach dem Gebrauche auf die Commode neben die übrigen Sachen. Um meine Garnitur von Plaidnadeln, die ihren Nachtdienst (vgl. S. 38) verrichtet hat, morgens bei der Abreise nicht zu vergessen, pflege ich die Weste mit in den großen Verband zu ziehen. Muß außergewöhnlich früh aufgebrochen werden, so ge- stattet der Touristencodex in seinem Anhang, gewisse Toiletten- geschäfte, z. B. Waschen und Zähneputzen, Abends vor Schlafengehen zu beseitigen, ferner, wenn beim Aufstehen das gestern ausgezogene Paar Schuhe noch ungewichst dasteht und nicht reichlich Zeit ist, sie in diesem Zustande anzulegen, bevor dieselben Friedrich der Verschlafene mit der Versicherung, sie „auf der Stelle“ wiederzubringen, mitnehmen kann. Um III. Bei eiliger Abreise — Friedrich der Verschlafene — Erkundigungen. so dienstbeflissener stürzt er sich nun auf den Rock und die Bein- kleider, wenn ihr Besitzer sie nicht auch schon angezogen hat; ich bemächtige mich deshalb in solchen drangvollen Augen- blicken, sobald das schuldbewußte, struppige Friedrichsgesicht in der Thür erscheint, rasch entschlossen auch dieser Stücke. Findet sich dann schließlich noch Zeit, Versäumtes nachzu- holen, so mag’s geschehen. Als Wecker ziehe ich vom Uhr- macher verfertigte Schlagwerke in Büchsenform allen Gasthofs- Friedrichs und Johanns vor und rathe jedem Reisenden, der nicht etwa das Talent hat, zu ungewöhnlicher Stunde aus eigenem Antriebe zu erwachen, eine solche Weckuhr bei sich zu führen. Denn obwohl bei Hausknechten keinenfalls wie bei Wäscherinnen und Barbieren (vgl. S. 29) die Seife materia peccans sein kann, so erweisen sich doch auch ihre heiligsten Betheuerungen als „eines Menschen eitler Odem“. Adressen von Handwerkern und Händlern erfrage ich, wo es sich um größere Bestellungen oder Einkäufe handelt, nie von Kellnern, Hausknechten oder Lohndienern, kaufe und bestelle auch in eleganten Badeorten oder großen Hauptstädten nicht leicht in einem Laden des eigentlichen fashionablen Fremdenquartiers, wenn er mir nicht von guter Hand empfohlen ist, lieber wähle ich auf’s Gerathewohl im geschäftlichen Mittel- punkt des Orts, in der Nähe des Hauptmarktplatzes. Da Erkundigungen zum täglichen Brot des Reisenden gehören, so sei hier noch bemerkt, daß über Unzuverlässigkeit der erlangten Auskünfte gewiß nicht so häufig geklagt würde, wenn wir der Sache etwas mehr Aufmerksamkeit schenkten. Weder böser Wille noch Unkunde des Befragten ist meistens die Quelle von Irrungen, sondern in der Regel war diesem die Fragstellung nicht gleich deutlich, und er fürchtete, dumm zu erscheinen, wenn er zum zweiten, dritten Male „Wie?“ fragte, oder sich besänne, antwortete deshalb querfeldein; oder wir hatten nicht die Geduld, zu warten, bis er sich ge- sammelt. Außer Mundart, Tonfall, Wahl und Construction III. Adressen und Erkundigungen. der Worte spielen dabei noch andere Umstände ihre Rolle. In sehr entlegenen Thälern hat die bloße Erscheinung eines Fremden und seine Anrede schon an und für sich etwas Ver- blüffendes für die Leute. Zuerst ist ihnen über die Wunder- erscheinung Hören und Sehen vergangen, auch auf Wieder- holung der Frage erfolgt vielleicht nur ein „He?“, worauf dann meist der Fremde achselzuckend weitergeht, der Meinung, der Betreffende sei harthörig oder ein „Trottel“. In der- artigen Fällen beginne ich nicht mit dem Gegenstand, auf den es mir ankommt, sondern mache nach dem ersten Gruß eine Bemerkung über’s Wetter. Sie ist der Diener, der voraus- läuft, um für seinen nachfolgenden Herrn Einlaß zu begehren. Zeigt sich nun aus der Erwiderung, daß der Mann die schwerbewegliche Pforte seines Geistes mir aufgethan hat, so rücke ich mit meiner Erkundigung nach Weg und Steg her- aus, und fasse bei der Trennung Frage und Antwort noch einmal zusammen, was nicht hindert, dieselbe Frage aber- mals dem nächst Begegnenden vorzulegen. In Städten er- kundige ich mich auf der Straße nach örtlichen Dingen, wenn es sich nicht um Einkäufe handelt, am liebsten bei müßig vor ihrer Thür stehenden Ladenhaltern oder auch wohlgekleideten, älteren, nicht zu rasch einherschreitenden Herren, nie aber, wenn es zu vermeiden ist, bei Dienstmädchen, Soldaten oder Kindern. Wer viel reist, hat oft Gelegenheit und stets Ursache, seine Physiognomik auszubilden, um aus dem Gewimmel fremder Gesichter die für sein jeweiliges Anliegen geeigneten Individuen herauszufinden. Ein Freund von mir, zugleich Kenner von Getränken, versichert, es schlage ihm selten fehl, den richtigen Mann zu treffen, wenn sich’s um eine Frage der Art handelt. Meistens bedarf es nur weniger Worte. „Sie können mir gewiß sagen, wo man hier ein gutes Bier trinkt.“ — „Komme Se, bin ebe auf de Weg dahin, werd’ Se führe.“ Der Bayer pflegt die Entdeckung eines achtungswerthen Gebräus mit derselben Verschwiegenheit vor III. Schriftliche Aufzeichnungen — Gedächtniß und Phantasie. seinen einheimischen Nebenbuhlern zu behandeln, auch wenn sie ihm befreundet sind, wie etwa ein Knabe die Auskund- schaftung eines Vogelnestes, das er ausnehmen will; dem Fremden gegenüber schweigt aber meistens die Stimme der Selbstsucht, oder vielmehr sie flüstert: der ist ungefährlich, dem willst du doch zeigen, daß auch du Kenner und Liebhaber bist und daß auch bei uns ein guter Tropfen zu haben ist. — Ueber die Wahl eines Führers (vergl. VI. ) in entlegenen Gebirgsorten höre ich gern den Geistlichen. Nicht als Krücke, sondern als rechten Wanderstab und Stütze für jedes Gedächtniß ist die Art von schriftlichen Auf- zeichnungen zu rühmen, die nicht auf Ausarbeitungen und Beschreibungen ausgeht, sondern sich mit Wörtern, Zahlen, kurzen Sätzen im Telegrammenstil begnügt, grundsätzlich aber keinen Tag ohne einige Zeilen läßt. Nehmen wir, wie schwärmerische Jünglinge und Jungfrauen zu thun pflegen, den Vorsatz mit, gleich unterwegs ununterbrochenes voll- ständiges Tagebuch zu führen, so kommt das nur zu rasch ganz in’s Stocken, weil es bald an Zeit, Lust, Frische, bald an einer zum Schreiben geeigneten Oertlichkeit und an Un- gestörtheit fehlt. Keinen Dispens gibt dagegen ein gutes Reisegewissen von der regelmäßigen Aufzeichnung kurzer Notizen. Je stärker unser Gedächtniß und unsere Phantasie und je aufmerksamer unser Auge ist, je mehr Nutzen und Freude haben wir von solchen Schreibereien, je kärglicher wir in dieser Beziehung begabt sind, je mehr bedürfen wir ihrer. Sie dienen theils als Grundlage für Briefe, mündliche Er- zählungen, Ausarbeitungen, theils um an ihrer Hand nach langen Jahren im Geiste die Reise wieder und wieder machen zu können, wobei noch der große Gewinn ist, daß in der Er- innerung alles Schöne hervor, alles Häßliche und Gleich- giltige hingegen zurücktritt. Es ist damit gar seltsam. Gemälde dunkeln nach im Laufe der Jahre oder verblassen, anders verhält es sich mit den Bildern, die unser Gedächtniß aufbewahrt. Dieser treue, III. Gedächtniß und Phantasie. pedantische Diener hat eine Schwester, ein recht flinkes, schmuckes Ding, nur etwas leichtfertig: die Phantasie. Er, der gewissenhafte Custos, sorgt, daß das anvertraute Gut keinen Schaden leidet, und stäubt es täglich behutsam ab, sie jedoch hantirt hinter seinem Rücken mit den Sachen in einer geheimnißvollen Weise so, daß sie im Laufe der Zeit unver- merkt anders werden. — Besser oder schlechter? . . . . Im Uetli-Wirthshaus bei Zürich war es, wo ich in eine erlesene Gesellschaft von Gelehrten und Künstlern zu kommen das Glück, aber bald darauf das Unglück hatte, einen Zank- apfel unter die Fröhlichen durch obige Frage zu werfen. Der Streit wurde ebenso lebhaft als fruchtlos, denn Jeder wollte sprechen und sprach, hören wollte und konnte Niemand. Nur einzelne Schlagwörter drangen durch das Getöse, wie Berg- spitzen durch Nebel. Der kluge Tourist bleibt einem Streite fern, der überlaut geführt wird, ich trat daher an’s Fenster, nahm mein Büchlein zur Hand und die Miene an, als ob ich Berge zeichnete, schrieb aber: „25/ IV 186., Uetliwhs., Dr. A. aus B., Prof. C. aus D., Maler E. und F. aus G. und J. K. L. M. Gedächtniß und Phantasie. Bruder treuer Custos, Schwester schmuckes Ding, aber leichtfertig. Ihre oder seine Dienste besser? Gelehrte (einig!): seine besser. Künstler (auch einig, pünktlich und rasch fertig!): die ihrigen besser, weit besser. Exacte Wissenschaft: blauer Dunst, nebel- hafte Ferne, phantastische Gaukeleien. Poeten und Künstler: was ist Wahrheit, gelehrter Zopf, verklärende Beleuchtung. Dr. philos. A. vermittelnd, objectiv, subjectiv, höhere Ein- heit . . . . . . . Gute Mahlzeit … fr. , Bier mittelmäßig, An- theil an Bowle … fr. , Rückweg, Sturz, linkes Knie verletzt.“ In der Weise pflege ich Notizen zu machen, bunt durch- einander, gelegentlich wohl auch ein Gesicht oder einen Berg zu zeichnen, entweder gleich an Ort und Stelle, oder an einem Halteplatze während eines Anstiegs, oder im Wagen. Zum bequemen Schreiben in freier Hand, namentlich im Wagen, gehört eine steife Unterlage von nicht zu kleinem For- III. Schreiben im Freien und im Fahren. mate, welche die rechte Hand stützt. Ich habe mir deshalb vom Buchbinder aus dünner steifer Pappe eine mit Leder über- zogene Mappe machen lassen, ähnlich einem Bucheinband, zum Auf- und Zuklappen, in welcher ein Päckchen gleichmäßig be- schnittener loser Blätter liegt, von denen mehr Vorrath im Koffer ist. Der Verbrauch davon ist um so stärker, da ich nur eine Seite beschreibe. Jedes Blatt erhält zuoberst Ort und Datum an Stelle der Seitenzahl, die etwa gestörte Reihenfolge der einzelnen Schriftstücke ist mithin stets leicht wiederherzustellen. Die Form lockerer Zettel hat vor der buchförmig gehefteten den Vortheil, daß ich immer nur das zum Handgebrauch nöthige Quantum in der Tasche führen kann, und erlaubt bei der einseitigen Beschreibung, jeden ein- zelnen zu zerschneiden. Ich kann nun, je nachdem ich Lust und Zeit finde, die flüchtigen Bleistiftnotate zu weiteren Aus- arbeitungen beliebig anders ordnen, oder ganze Stöße auf die lange Bank schieben, vergessen, vernichten. Von dieser letzteren Freiheit habe ich ausgiebigen Gebrauch gemacht, sonst würde das vorliegende Buch wohl noch dicker geworden sein. Vielleicht wären sogar noch weitere Verluste ein Gewinn gewesen, denn Bücherumfang und Attractionskraft auf die Leserkreise folgen nicht den physikalischen Gesetzen, sondern progrediren umgekehrt. Doch fort mit solchen Betrachtungen, überlassen wir das den Kritikern. Das Schreiben im Eisenbahnwagen wird erleichtert, wenn man die beiden Handgelenke auf einander legt, so daß die untere Linke, welche Papier und Portefeuille, mit der oberen Rechten, die den Bleistift hält, ziemlich gleichmäßig den An- stößen folgt, beide ihre Bewegungen sonach einigermaßen übereinstimmend machen. Auch das Cigarrenanzünden kann in ähnlicher Weise geschehen, nur daß hier noch ein dritter Factor, der Kopf des Rauchers, in die Bundesgenossenschaft aufzunehmen ist. Das Kinn vermittelt sie, indem es auf das rechte Daumengelenk gesetzt wird. Zum Reisegebrauche eig- nen sich besonders die schwedischen Sicherheitszündhölzer III. Zündhölzer — schriftliche Notizen — Reisetagebuch. ( Säkerhets-Tändstickor ). Sie sind ohne Schwefel und Phos- phor bereitet und entzünden sich nur, wenn sie an einer ge- wissen Masse gerieben werden, welche auf ihrem Futteral an- gebracht ist, sonst versetzt sie keinerlei Reibung oder Stoß in Brand, sie können also ohne Gefahr in den Koffer gepackt werden, brennen gut, verlöschen auch in Zugluft nicht, schleu- dern nicht brennenden Phosphor umher und sind den alten Lances flammigères weit vorzuziehen. Jetzt zurück zu den schriftlichen Notizen. Auch Gleich- giltiges verschiedenster Art schreibe ich nicht selten auf, z. B. Namen von Personen und Orten ꝛc., weil es oft als Ge- dächtnißnachhilfe dient für Scenen der Natur oder des Volks- lebens, die ich mit ihren Einzelheiten in der Erinnerung zu behalten wünsche, ohne Zeitaufwand aber nicht in Worten oder Linien zu Papier bringen kann. So z. B. fand ich einmal, daß Gonzo , der Name des Maulthiers, auf dem ich von Scarricatojo nach Sorrent geritten, genügte, um mir ein Stück irdisches Himmelreich und den rauhen, dornenvollen Weg dahin mit vielen Details in’s Gedächtniß zurückzurufen. Wie ein eigentliches Reisetagebuch zu führen ist, hängt von Gewohnheiten, Interessen, Anlagen, Bildung, Zeit und Umständen ab. Wer sich eines gesammelten, stets zah- lungsfähigen Geistes erfreut, wird seine Stoffe innerlich zu- recht und in der Form fertig machen, bevor er sie zu Papier bringt, so daß das Niederschreiben sehr rasch vor sich gehen kann, ein anders Ausgestatteter erst Entwürfe machen und mit der Ausarbeitung auf Muße und Stimmung warten. Auch für solche Schreibereien habe ich (wie für die täglichen Notizen, nur größer) ein Pack gleichformatiger Blätter, deren jedes ebenfalls mit Ort und Datum versehen wird. Die Bezeichnung Tagebuch gebührt dem Ding offenbar nicht, weil es weder ein Buch ist, noch Tag für Tag fortgeführt wird, in seinem bisherigen Privatleben bei mir blieb es auch namen- los; da es nun jedoch die Ehre hat, der Welt vorgestellt zu III. Reisetagebuch, Entwürfe und Ausarbeitungen. werden, so sei ihm zur Feier dieser Handlung der Name „Blätter für Entwürfe und Ausarbeitungen“ gegeben, die andere kleinere Sammlung mögen „Merkzettel“ heißen. Einige verschiedenfarbige Umschläge von Papier und von Buchbinderleinwand dienen zum Zwecke der Sonderung und Gruppirung jener Schriftstücke. IV. Ausrüstung für schwierige und gefährliche Gänge — Schuhwerk — Strümpfe — Wundwerden — Reisetaschen — Mundvorrath — Lang - - - sam! — Vorläufer und Nachzügler — Einspruchsrecht — Rückblicke — Alpenstock — auf und ab über Schnee, Geröll, Felsen ꝛc. — Unglücksfälle — Grashänge — Odysseus fährt in die Unterwelt — Hinabgleiten — Gefahren und Rettungsmittel — Wander- stäbe — Knieholz — Felsplatten — abwärts — Sturz — Eissporen — Seile — Eisbeile — Lawinen — Rückweg — nicht allein — Entfernungen — Narren- wagnisse — außergewöhnliche Ersteigungen — Uebertreibungen — Führer — Schwindel — Fußschau — Glycerin — Hautpflege — Schneebrillen — Schleier — Fußwanderung — früh aufstehen — Essen und Trinken — Höhepunkte und Fernsichten des Reiselebens — cum grano salis — Vesuv — Durst — Erkäl- tungen — kalter Thee und Kaffee — Fleischbrühe — Getränkkühler — Wasser — Hochgebirgsbeschwerden — Bergweh — Alpen- und Tigermilch — Erholungs- und Vergnügungsreisen — sich einmal so recht auslaufen — Läuferwahnsinn — hypochondrische Studien — Ode an die Nerven — schroffe Uebergänge — wie neu geboren — Aschermittwoch. Wer eine Fahrt in’s Hochgebirge beabsichtigt, hat sich zu entscheiden, ob er die bekannten großen Touristenstraßen einhalten und sich begnügen will, auf dem untern Rande der Gletscher, die auch Damenbesuche annehmen, umherzuwandeln, eine Hand voll körnigen, kaviarartigen Eises aufgehoben, be- trachtet und die Brechung des Lichtstrahls in einer Eis- spalte bewundert zu haben. In dem Falle bedarf es keiner anderen Vorbereitungen, als für eine Wanderung in den Harz oder Thüringerwald , höchstens, daß den Doppel- sohlen ein paar weitere Nägel zugesetzt werden. Trägt er jedoch Verlangen, in die höheren und höchsten Regionen ein- geführt zu werden, so hat er zu prüfen und prüfen zu lassen, IV. Ausrüstung für schwierige und gefährliche Gänge. ob nicht ein organischer Fehler, z. B. des Herzens oder der Lunge, Kurzathmigkeit, große Kurzsichtigkeit, starker Blut- andrang nach dem Kopfe oder dergleichen dies verbieten. Liegt kein Hinderniß vor, ist er gesund, kräftig, nicht zu alt, im Bergsteigen nicht ganz ungeübt, dann, geliebter Reise- schüler — in der Freude meines Herzens ist es mir Bedürf- niß, Du zu sagen — singe Deinem Schöpfer ein Loblied, denn Du darfst hoffen, ein Stück Herrlichkeit dieser Welt zu schauen, von dem Du noch keine Vorstellung hast! — Glück und Segen begleite Deine Schritte, Sonne, Mond und Sterne, Wind, Wetter und Wolken seien Dir hold! Doch gemach, junger Freund, keine Uebereilung! Beim Abschiednehmen sind wir noch lange nicht, erst muß daheim Einiges erledigt werden. Zuvörderst bitte ich Dich, einmal auf die nachfolgenden Mittheilungen zu achten: ihr Eis und Schnee wird beitragen, Deine ungestüme Hitze etwas zu kühlen. Diesmal handelt es sich nicht um Manschetten, Hut und Hutbänder und sonstige Quisquilien, sondern einfach um Kopf und Kragen, Hals und Beine, die Deinigen nämlich. Um Dein Blut nicht auf mein Haupt zu laden, bemerke ich hiermit ausdrücklich, obschon es sich von selbst versteht, daß meine Rathschläge keineswegs den Führer von Beruf ersetzen oder ihm vorgreifen wollen. Denn dieser hat unterwegs, so- bald Du Dich ihm einmal anvertrautest, unumschränkte Ge- walt über Deine Person, deren Schritte und Tritte, wie der Lootse am Bord die Befugnisse und die Verantwortlichkeit des Capitäns und Steuermanns in sich vereinigt. Auch spielt in allen diesen Dingen (wie in der Medicin) die Wissenschaft im Verhältniß zur Kunst eine sehr bescheidene Rolle. Trotz- dem glaube ich, daß die folgenden Winke Dir nicht ohne Nutzen sein werden. Meine eigenen und meiner Wander- genossen Erfahrungen habe ich vervollständigt durch einiges den Jahrbüchern der drei Alpenvereine, ferner dem Schriftchen von Charles Boner (Verfasser von Chamois Hunting in Bavaria ) und verschiedenen Reisebeschreibungen Entnommene, IV. Schuhwerk. endlich sind einzelne Notizen dem „Handbüchlein für Fuß- reisende“ und dem No ë ’schen Schriftchen über Alpenwande- rungen entlehnt. Zuvörderst sehen wir uns nach einem tüchtigen Schuh- macher um, womöglich einem, der schon in dem Fache gearbeitet hat, wenigstens Angaben pünktlich folgt, nicht „selbständige Politik“ treibt. Magasin de Chaussures, Cordonnier \& Bottier braucht nicht auf dem Schilde zu stehen, auch von großen Spiegelscheiben, Glanzleder und sonstigen Vorspiegelungen lassen wir uns nicht blenden: uns kommt es nicht auf modische Zierlichkeit, sondern Zweckmäßigkeit, Bequemlichkeit und Dauerhaftigkeit der Arbeit und des Materials an. Das letztere muß, damit es sich nicht rasch abnutze und der Feuchtigkeit widerstehe, Rindsleder sein, am besten Juchten, dessen rothe Seite nach innen kommt. Stiefeln vorzuziehen sind Schuhe, die weder vorn über dem Spann noch hinten an der Achillesflechse drücken und die Knöchel frei lassen, indem sie hoch über den Spann reichen und halbbogenförmig um die Knöchel herum ausgeschnitten sind. Sodann müssen sie, der Sicherheit des Tritts halber, gehörige Weite haben, besonders die Sohlen reichlich breit sein, so daß der Fuß auf ihnen in seiner natürlichen Form und vollen Ausdehnung ruhen kann; bei schmalen Sohlen ist die Gefahr der Verrenkung weit größer. Von welchen Folgen eine solche begleitet sein kann, wenn sie am Rande eines Abgrunds oder nur auf einem von Menschenwohnungen entlegenen Platze vorkommt, bedarf keiner Ausführung. Auch das Oberleder ist geschützter gegen Geröll und scharfe Felskanten, wenn die Sohle ein wenig über die Naht des Oberleders vorsteht. Unter gehöriger Weite ist gemeint, daß der Fuß nicht gepreßt wird, keineswegs, daß er sehr locker im Schuh sitze, auf alle Fälle darf dies über dem Spann nicht sein, hier soll das Oberleder knapp anschließen, weil sonst die Zehenspitzen ungebührlich belastet würden. Ob der Schuh vorn rund oder eckig geschnitten, ist gleichgiltig. Ein 5 IV. Schuhwerk. Grund mehr für breite Sohlen ist, daß an ihnen Eissporen fester anzuschnallen sind. Endlich müssen die Erstern dick und wohl benagelt, die Absätze niedrig und breit sein; hohe Absätze sind unbequem und gefährlich. Die Benagelung dient theils, das Leder zu schützen, theils dem Tritt festeren Halt zu geben. Die Nägel sollen nicht dicht gedrängt rundum angebracht sein, weil sie so die Gefahr des Ausgleitens und das Gewicht der Schuhe, ihre Steifheit und Unbeholfenheit vermehren, sondern in lockerer Reihe stehen, so daß zwischen je zweien ein kleiner Raum bleibt. Die eine Reihe beginnt am Ballen, läuft an der Kante hin, vorn an den Zehen herum bis an die entsprechende Stelle der anderen Seite; eine zweite Reihe bildet einen Halbkreis unter dem Absatze, welchem noch etwa vier Nägel in der Mitte beigefügt werden, die schmale Stelle unter dem Spann bleibt leer. In alle Geheimnisse der Benagelungskunst eingeweihte und mit ihren Erfordernissen versehene Schuhmacher gibt es in Deutschland noch heute nur wenige, ich habe deshalb meine Bergschuhe meistens erst im nächsten größeren Orte des Alpengebiets , den ich berührte, benageln lassen. Für die Ferse sind spitze Nägel (österreich. Scheanken), für die Sohle sogenannte Mausköpfe bestimmt. Neuerdings verwendet man vielfach Schrauben, welche noch festsitzen, auch wenn sie den Kopf verloren haben. Natürlich ist es so einzurichten, daß alle Fußbekleidungen, besonders Bergschuhe, nicht erst aus der Werkstatt eintreffen, wenn der Koffer gepackt wird, sondern jedes Stück die Probe bestanden, sich auch in der Nässe bewährt hat. Die Vorprobe geschieht durch die Hand, welche die innere sogenannte Brandsohle betastet, um sie dem Bringer zur Abhilfe gleich wieder mitzugeben, sofern Stifte oder Nägel durchgeschlagen wären; der bestrümpfte Fuß be- handelt diese Untersuchung zu oberflächlich und hat später den Schaden davon. Wer es mit seinen Füßen gut meint, nimmt keinerlei Schuhwerk mit, ohne es in jenen vertrauen- erweckenden Zustand gesetzt zu haben, der durch mehrfaches IV. Schuhwerk. Tragen auf tüchtigen Märschen herbeigeführt wird. Schon mit Rücksicht hierauf ist es wohlgethan, die Bergschuhe (ohne Benagelung) zu Hause fertigen zu lassen, nicht im ersten besten Gebirgsörtchen; ein zweiter Grund ist der, daß die meisten Dorfschuster sich gewöhnen, Wohlfeilheit als das Ausschlaggebende anzusehen, hiernach den Rohstoff kaufen und arbeiten, mithin Großstädter nicht leicht befriedigen können. Unterwegs ziehe der Ungewohnte die schweren Bergschuhe nur an, wenn es nothwendig ist, und schicke sie unter Um- ständen voraus. Um das Leder durchaus weich, geschmeidig und wasserdicht zu machen und so zu erhalten, inmitten der härtesten Prüfungen durch Regen, Eiswasser und Sonnen- glut, genügt nicht eine flüchtige Bestreichung, sondern es muß mit sogenannter Schmiere bis zur Sättigung eingerieben und das Verfahren dann und wann wiederholt werden, zu welchem Behufe man etwas davon bei sich führt. In England wird folgendes Recept empfohlen: 2 Gewichtstheile Theer, 6 Talg, 6 Schweinefett, 5 Thran, 5 Butter, 5 Olivenöl, 1 Terpentin, 2 aufgelöster Kautschuk, 2 Wachs. Der Brennbarkeit wegen geschieht die Bereitung im Freien. Sobald der Theer kocht, wird der Talg hinzugethan und so fortgefahren, bei jedem Aufkochen der Masse der nächste Bestandtheil unter Rühren zugefügt; Terpentin und Kautschuk werden vorher in einem besondern Gefäße zusammengekocht und siedend zugesetzt. Die Schuhe stellt man nach jeder Einreibung zum Trocknen warm (nicht heiß). Zum täglichen Gebrauche in den Zwischenzeiten dient auch Talg oder anderes ungesalzenes Fett. Die Nähte sind besonders reichlich zu bedenken. In halbfeuchtem Zustande nimmt das Leder die Masse besser an, als wenn es nach starker Durchnässung hart und trocken geworden ist. Ein einfacheres, in der Schweiz beliebtes Recept ist: ½ Loth Kautschuk, in kleine Stücke ge- schnitten, in 1½ Loth Schweinefett über gelindem Feuer zerlassen und um- gerührt; dann kommen 2 Loth Thran hinzu. Ich will kein Hehl daraus machen, daß meine Hände, als es zum ersten Male nöthig wurde, die unholde Arbeit selbst zu ver- richten, einen horror naturalis kundgaben und den Dienst versagen wollten, ich hielt ihnen aber, wie Reiter mit scheuen Pferden thun, eine kleine Standrede in liebreichem, nachdrücklichem Tone: wißt ihr Unbesonnenen nicht, welch’ wichtige Sache auf Gletscherwanderungen warme, trockene, 5* IV. Strümpfe — Wundwerden. heile Füße sind, und daß das Wohl des ganzen Körpers, also auch eures, davon abhängt? Und schämt ihr euch nicht, ihr unnützen Knechte, die ihr in schlotternder Ruhe anseht, wie schwer die armen Glieder da unten arbeiten, daß ihr nicht einmal die Kleinigkeit zu ihrer Erleichterung leisten mögt! — Das wirkte so weit, daß ein paar Finger der Rechten zur Botmäßigkeit zurückkehrten, in die scheußliche Flüssigkeit herz- haft tauchten und ihr Werk begannen; bald sahen ihre Nachbarn, daß sie auch ohne mitzuthun nicht ungehudelt und unbesudelt blieben, und halfen rüstig. Die Linke betheiligte sich nur mit drei Fingerspitzen, machte das aber hinterher gut, indem sie ihrer Schwester bei der Toilette half. Diese garstige Viertelstunde habe ich in Knittelversen in einem Schweizer Fremdenbuche besungen, fand das Blatt aber wenige Wochen darauf ausgerissen. Sei nun der Thäter ein Bewunderer meiner Muse oder ein Verächter, ich kann ihm — möchten ihm diese Zeilen doch zu Gesicht kommen — die Bemerkung nicht ersparen, daß er besser gethan hätte, in demselben Buche durch gute Verse mich zu verhöhnen, denn das gehört zu den constitutionellen Rechten des Reisenden, Blätter aus Fremdenbüchern zu reißen aber nicht. Mit ausreichender Gründlichkeit wäre nun abgehandelt, was dem gewissensstrengen Touristen seinen Schuhen gegen- über obliegt; jetzt zu den Strümpfen . Diese, kurze Socken, müssen aus dickem, nicht zu grobem Wollengarn gestrickt sein, sowohl der Wärme als der Elasticität halber, denn sie haben wie Eisenbahnpuffer manchen harten Stoß aufzufangen. Nur für gewöhnliche Märsche sind dünnere wollene und halbwollene Strümpfe, Angora, Vigogne, erlaubt; baumwollene verhärten leicht. An heißen Ruhetagen belohnt man sich für correcte Haltung durch Gestattung eines leichten Paares. Gegen Wundwerden empfiehlt das Jahrbuch des österreichischen Alpenvereins feine, unter die wollenen gezogene Socken von Leinwand. Manche seifen auch die be- treffenden Stellen der Innenseite des Wollenstrumpfs. Mit IV. Reisetaschen — Mundvorrath. Talg ihn zu bestreichen, ist verwerflich, denn dadurch wird er hart. Als Schutz gegen Nässe bei Wanderungen über lockere Gletschermasse, oder vielmehr Durchwaten derselben ziehen Einzelne noch über die Beinkleider dicke grobwollene, bis an’s Knie reichende Strümpfe ohne Sohlen. Die Reisetasche soll nicht blos an der Seite und in einer Hand, sondern auch tornisterartig auf dem Rücken zu tragen sein, weil so die Bürde auf stärkere Muskelgruppen vertheilt, am mindesten schwer fällt. Die von Bädeker be- schriebene Art, an den Ecken mit Oesen, durch welche der Riemen läuft, und Henkeln, äußerlich mit zwei durch Knöpfe schließbaren kleinen Unterabtheilungen versehen, ist in einzelnen Läden vorräthig. Auf ausgedehnten, ohne Führer und Träger unter- nommenen Märschen, wo es auf äußerste Beschränkung des „todten Gewichts“ ankommt (vergl. S. 34), dienen statt der ledernen oft Taschen von grobem Leinen oder Segeltuch mit überfallender Klappe von „amerikanischem Ledertuch“, einer Art leichten, sehr dauerhaften Wachstuchs, auch ganz von solchem oder anderem wasserdichten Zeuge verfertigte. In Tirol vorräthig, sehr billig und gut zu tragen ist der „Rucksack“, ein viereckiger Beutel von grobem, grünem Canevas, an dessen oberem, offenem Theil eine Schnur locker übersäumt ist, so daß der Rand Falte an Falte zusammen- geschoben und zugebunden werden kann. Die Schnur hängt in der Mitte an zwei an den unteren Sackzipfeln befestigten Gurten, welche auf die Schultern kommen. Als Mund- vorrath dient in solchen Fällen am besten Compactes, Con- centrirtes Wie sich auch von den geistigen Nahrungsmitteln für den Reisegebrauch am besten kleine Ausgaben classischer Dichter eignen. , Fleischextract, Schiffszwieback, hartgesottene Eier, Schokolade, Fleischzwieback Eine Vorschrift zu letzterem ist, aus 12 Pfund Rindfleisch 1½ Maaß Brühe kochen, sie von Fasern und Fett befreit eindampfen und mit feinem Mehle kneten zu lassen; aus diesem Teige werden zollgroße, dem Judenbrode ähnliche . IV. Lang - - - sam! — Vorläufer und Nachzügler. Die alte Regel, langsam , gleichmäßig, in kurzen Schritten und mit geschlossenem Munde bergan zu steigen, ist den meisten Anfängern, wie es scheint, auf theoretischem Wege nicht beizubringen, so wenig es in den ersten Schwimm- stunden gelingt, den Schüler von hastigen, zappelnden Be- wegungen mit Armen und Beinen abzuhalten, der Lehrer mag sich auch heiser commandiren: lang - - sam, lang - - - sam, a - - ins, zwa - - i, dra - - i, langsam!! Wie der Schwimmer sich an ruhige, ebenmäßige Bewegungen erst gewöhnt, wenn er zum Elemente Vertrauen gefaßt und sich überzeugt hat, daß es ihn nicht sinken läßt, hingegen stürmische Behandlung straft, so ergeht es auch Hochgebirgsstudenten, die comment- widrig trotz Warnungen voraneilen. Lassen wir also diese Heißsporne für Erfahrungen, die sie von uns bemoosten Häuptern nicht unentgeltlich annehmen mögen, den laufenden Preis zahlen. Wer in Gesellschaft wandert, hüte sich, auf eigene Hand zu rasten und dann den Uebrigen alla breve nach zu jagen , denn das ermüdet mehr, als die vierfache in gleichmäßigem Tempo gemachte Anstrengung. Nicht minder ist das lang- same Nachzügeln zu widerrathen. Der Erschöpfte scheue nicht, eine Pause oder mäßigeres Tempo zu beantragen; Billigkeit und Klugheit verlangen, daß in diesem Stück der Einzelne nicht majorisirt wird; glauben die Anderen, daß er sein Einspruchsrecht In dieselbe Rubrik, wo nämlich der Minderheit ein Veto naturrechtmäßig zusteht, gehört auch die Frage, ob beim Fahren das Wagenfenster geöffnet werden soll. Fürst Pückler Muskau räth zwar dem Ueberstimmten im umgekehrten Falle, um sich Luft zu machen, das Fenster mit dem Elbogen scheinbar aus Ver- sehen zu zerstoßen und hinterher zu bezahlen, ich würde jedoch, obwohl grundsätzlich für Offenheit, den nicht allzu sehr bedauern, der sich dabei an den Glasscherben in den Arm schnitt, also die Scheibe mit Gut und Blut zu bezahlen hätte. mißbraucht, so mögen sie ihn künftig von der Gemeinschaft ausschließen, vorläufig bleibt nichts Kuchen von einer Linie Dicke geformt und auf einem mäßig erhitzten Ofen gebacken, bis sie leicht zu brechen sind. So erhält man 6 Loth Zwieback. Manche mischen auch Wein mit Fleischextract. IV. Rückblick — Alpenstock — Geröll. übrig, als sich ihm zu fügen. — Ein Halt wird ungezwungen vermittelt, indem man von Zeit zu Zeit einen Rückblick in’s Thal beantragt und so zugleich der ganzen Gesellschaft einen Dienst leistet, welche ihre großstädtische Gewohnheit, sich nie umzusehen, meist mit in’s Gebirg nimmt, ohne zu ahnen, wie häufig die wechselnde Scenerie im Rücken eine Betrachtung verdient. Solche kurze Rasten sollen stehend gehalten werden; muß durchaus niedergesessen sein, so ist wenigstens der Plaid umzuthun, nicht minder auf Gipfeln, wo wir erhitzt an- kommen. — Vor dem plötzlichen Uebergang (vgl. V. ) aus anhaltender, sehr angestrengter Bewegung in längere Ruhe hat sich der Ungewohnte stets zu hüten; die erste halbe Stunde muß durch einiges Auf- und Abschreiten dann und wann unterbrochen werden. Nach völliger Abkühlung thut ein nicht zu kaltes, kurzes Bad oder eine allgemeine Waschung wohl, worauf dann die schmerzenden Stellen der Beine mit Brannt- wein eingerieben werden können. Der Alpenstock soll seinem Träger bis zum Kinn reichen, aus festem, unbiegsamem Eschenholz gemacht, unten mit einer eisernen Spitze und oben mit einer Zwinge ver- sehen, aber nicht zu schwer sein. Seine Festigkeit wird da- durch geprüft, daß man beide Enden auflegt und sich in die Mitte setzt, bricht er dabei nicht, so gilt er für tauglich. Beim Wandern stemmt man ihn weder zur Seite noch rück- wärts, sondern vorwärts, so daß er das Gewicht des ein wenig nach vorn geneigten Körpers auf sich nimmt. An ab- schüssigen, hartgefrorenen Stellen wird seine Eisenspitze — in Ermangelung einer Axt, deren es bei größeren Expeditionen bedarf — u. A. dazu verwendet, kleine Staffeln in den Boden oder das Eis zu stechen, die nur ganz schmal zu sein brauchen, um dem Fuße schon einen festeren Tritt zu bereiten. Eistreppen soll man möglichst gerade ansteigend, das Gesicht dem Berge zugekehrt, beschreiten, weil der Fuß sicherer mit der Spitze, als mit der Seitenkante auftritt. Führt der Weg über Abhänge mit Geröll , so gilt es, IV. Felsen — Unglücksfälle — Grashänge. rasch und leichtfüßig darüber hinweg zu schlüpfen, nicht etwa aus übelangebrachter Vorsicht auf einem Fuße stehend mit dem andern vorwärts zu sondiren. Ist Jemand voran- gegangen, so trete der folgende in seine Fußstapfen. Beim Hinabsteigen über Geröll wird der Alpenstock wieder mit beiden Händen gefaßt, aber die Spitze seitwärts, etwas nach hinten eingestemmt und der Oberkörper rückwärts gebeugt; je mehr wir uns vorbögen, je mehr würde die Bewegung beschleunigt. Dabei ist zu achten, daß die Absätze hinten tief und die Zehen etwas aufwärts gekehrt sind, um Verrenkungen zu verhüten. Das empfohlene Einhalten der Fußstapfen des Vorgängers ist indeß zu vermeiden, wenn der Weg über brüchigen, nackten Boden geht (auf welchem nur einzelne größere Steine umhergestreut sind, die sich leicht lösen und niederrollen), oder über morschen, bröckelnden Felsen , „faules Gestein“, z. B. verschiedene Kalkarten und Nagelflue. In solchen Fällen hält man sich etwas seitwärts vom Vorder- mann und ruft, wenn sich Blöcke lösen, dem Nachfolger zu. Nach der Versicherung der Aelpler kommen Unglücks- fälle fast nie an Punkten vor, die als gefährlich berüchtigt sind und wo alle Mittel zu richtigem Verhalten aufgeboten werden, vielmehr in der Regel an scheinbar harmlosen Stellen, die aber eben dadurch zur Unachtsamkeit verführten. So z. B. gibt es auf Grasabhängen etwas vertiefte Strecken, in welchen sich ein kaum sichtbares Rinnsal bildet, das Halme, Wurzeln und Untergrund dermaßen verquickt, daß die blankste Eisbahn nicht glatter sein kann. Solche verrätherische feuchte Auch trockene, sonnverbrannte Matten sind häufig von gefährlicher Glätte, und theilen diese Eigenschaft außerdem den Sohlen mit, ganz wie Fichtennadeln. Auber hat in einer Oper die Wahrnehmung in Musik gesetzt, daß es auf Rasen gefährlicher ist, auszugleiten, als auf Schnee. Bergwiesen kosteten schon vielen ein- heimischen armen Mädchen und Burschen und manchen Reisenden das Leben. Meist sind sie gar nicht einmal sonder- lich steil und lächeln so unschuldig und gewinnend, daß man IV. Odysseus fährt in die Unterwelt — Hinabgleiten. sich ihnen vertrauensvoll nähert, so recht mit dem Gefühle des Behagens über sie hinschlendert, wie auf heimischer Frühlingsflur. Die Bekanntschaft einer derartigen verrätherischen Matte machte ich schon in meiner ersten schweizer Reisewoche; hören Sie, wie es mir dabei erging. Ich fühle plötzlich beide Füße seitwärts gleiten und den Oberkörper sanft zu Boden ziehen. Alles verläuft so gelind und säuberlich, der Fall ist so weich und schmerzlos, daß ich, wenn ich mich recht erinnere, zuerst lachte. Keine Viertelminute währt es jedoch, so hat sich die Scene ganz und gar verändert und jede Spur von komischem Reiz verloren, denn es bleibt nicht beim Fall auf weichen Rasen, sondern ich sehe mich unaufhaltsam abwärts getrieben, erst langsam, dann schneller und bald mit sausender Ge- schwindigkeit. Das Bewußtsein der Lebensgefahr ließ nicht auf sich warten, glücklicherweise ahnte ich aber doch nicht ihre Größe, sonst wäre ich vielleicht in Verwirrung gerathen und hätte im rechten Augenblick das Nöthige versäumt. Ich trieb nämlich auf eine tief und steil abfallende Felswand zu, deren Opfer ich unzweifelhaft geworden wäre, wenn nicht sechs Schritte vor dem Abgrunde eine Klippe mich aufgefangen hätte. Eine zweite glückliche Fügung war es, daß der heftige Anprall, obwohl ich in Folge einiger unfreiwilligen Achsen- drehungen mit dem Kopfe voran hinabtrieb, nicht diesen, sondern die Schulter traf und ich trotz heftiger Schmerzen die Besinnung behielt. An meine steinerne Retterin geklammert, wartete ich auf die Gefährten, die mich schon verloren geglaubt hatten. Ueber geneigte Schneeflächen läßt sich auch mittels des Alpenstocks rittlings hinab gleiten , nur darf, weil hier ohnehin schon die Bewegung schwerer zu zügeln ist, unter dem Schnee kein Eis sein, denn selbst im besten Falle würde sich dann die Niederfahrt bald unerwünscht gestalten. Ein solcher Weg soll nicht ohne Eissporen gemacht werden, welche auf schlüpfrigen Grashängen gleichfalls von Nutzen sind. IV. Gefahren und Rettungsmittel — Wanderstäbe — Knieholz. Auf einem schmalen, zu beiden Seiten steil abfallenden Grat erheischt die Anwesenheit von Schnee die äußerste Be- dächtigkeit: Schritt für Schritt muß der Grund mit dem Stabe untersucht und möglichst von Schnee blosgelegt werden. Ist auf einer Seite der Abgrund, auf der andern ein schroff emporstrebender Berg und der Raum beengt, so ist es ge- boten, den Rock zuzuknöpfen, den Plaid und was man sonst trägt so zu legen, daß nichts anstoßen, anhaken, hangen bleiben kann, kurz alles das Gleichgewicht und die freie Bewegung Störende zu beseitigen, ferner auf den Stab und seine Zwinge oben zu achten; ist sie darauf eingerichtet, so wird sie abgeschraubt; auch die Schuhbänder werden vorher fest- gezogen, wenn sie gelockert wären. Der Stab wird mit beiden Händen gefaßt, aber wieder vorn aufgesetzt; ihn tiefer als die Füße zu stellen, so daß ein Theil des Körpers ihn über- ragt, ist nutzlos und gefährlich. Im Gebrauch des Alpen- stocks, der überhaupt eine längere Uebung fordert, hat der einen wesentlichen Vortheil, der von Haus aus die Bildung des linken Arms und der linken Hand nicht vernachlässigte. Manche Reisende handhaben diese für Eingeweihte so wichtige Stütze mit solchem Ungeschick, daß sie besser thäten, sie ganz wegzulassen und ihren gewohnten Wanderstab beizubehalten. Geschieht dies, so sei derselbe von kräftiger Art und habe oben einen bequemen Griff, welcher letztere aber vorschrifts- mäßig nicht angesteckt, geleimt, geschraubt, sondern an- gewachsen sein muß. Eine große Hilfe beim Aufwärtsklimmen in Regionen, in denen noch nicht alles Pflanzenleben erstorben, gewährt das Knieholz (Legföhren, Sprutföhren, Latschen), dessen Stämmchen — ächte schweizer Naturen, ihrem Heimatsboden, sei er auch noch so hart und karg, mit unverbrüchlicher Treue anhänglich — oft scheinbar ohne Spur von Erde mit ihren Wurzeln an und in dem Felsen sich so fest klammern, daß sie eine treffliche Handhabe bieten und in der Regel die Last eines ausgewachsenen Mannes zu tragen vermögen. IV. Felsplatten — Abwärtssteigen. Nur hüte man sich, die Bäumchen rund über die Hand zu biegen, denn das dulden sie selten, ohne zu brechen. Abwärts über Knieholz zu steigen, ist nicht ohne Gefahr, weil dieses leicht zum Fallstrick wird; läßt sich nicht ausweichen, so gehe man langsamsten Schrittes. Sind glatte geneigte Felsplatten zu überschreiten, so werden die Schuhe ausgezogen und in bloßen Wollensocken die Strecke zurückgelegt, denn Schuhnägel hindern dabei, während anschmiegendes weiches Wollengarn dem Tritte Sicherheit gibt. Manche bedienen sich auch hier der Eissporen. Beim Abwärtssteigen , nicht selten schwieriger und ermüdender, als das Aufwärts, gilt im Allgemeinen die Vor- schrift, nie rücklings zu gehen, wie auf einer Leiter, es sei denn, daß der Führer es für wenige Schritte verlangte. Denn abgesehen davon, daß beim Rückwärtsgehen — welches doch nur geschieht, um sich mit den Händen an Felsen und Gesträuch zu halten — der so wichtige Alpenstock hinderlich wäre, entfallen und in der Tiefe verschwinden könnte, so gewährt auch derselbe, beim Hinabsteigen nach hinten seitwärts gesetzt, mehr Sicherheit, als ergriffene Steine, Felskanten und Ge- sträuch. Ferner ist nicht zu vergessen, daß der vorschreitende Fuß das ganze Körpergewicht auf sich zu nehmen hat, außer- dem noch oft mit einer nicht vorher zu berechnenden Fall- geschwindigkeit aufsetzt, mithin viel Ursache zur Vorsicht ist, wenn der Weg über unebenen Grund und Geröll führt: je rascher der Schritt, je weniger hat man die Haltung des Fußes in der Gewalt, je heftiger werden die Stöße, je größer die Gefahr einer Verrenkung, eines Beinbruchs. Es kommt vor, daß der Alpenstock bei steilem Bergab gegen die Regel vorn hinabgesenkt wird, um als Stütze zu dienen. In solchen Fällen muß abermals, namentlich wenn unten Eis ist, vor eilfertigem Wesen gewarnt, der Stab nicht auf’s Gerathewohl hinabgestoßen, sondern vorher ein passender Platz für ihn er- sehen und nicht eher das ganze Körpergewicht auf ihn gestützt werden, als bis er festen Widerstand leistet. IV. Sturz — Eissporen. Wer das Unglück hat, auf schlüpfrigen, abschüssigen Gras- abhängen oder Schneefeldern zu stürzen und abwärts zu treiben , bemühe sich, wenn er auf dem Rücken liegt, so schnell als möglich eine Wendung zu bewerkstelligen, so daß die Brust zur Erde gekehrt ist, denn auf diese Weise bietet sich mehr Aussicht, eine Handhabe zu erfassen, mit den Fin- gern oder der Schuhkante sich einzugraben und außerdem den Kopf oben zu behalten, letzteres im wörtlichen und im figür- lichen Sinne gemeint. Versäumt er eine solche Volte oder miß- lingt sie, so ist der Fall ziemlich hoffnungslos, denn in der Regel treibt dann, wie es mir geschah, der Kopf bald nach unten vorwärts und die Besinnung schwindet. Glückt es, Halt zu machen, so sei das Nächste, einige Augenblicke liegen zu bleiben, um Gedanken und Körperkräfte zu sammeln. Nicht eher suche man sich zu erheben, als bis etwas Ruhe ge- wonnen und das umliegende Terrain in’s Auge gefaßt ist; erst dann darf der Versuch gewagt werden, langsam sich aufzu- richten, unter Umständen die scharfe Kante des Schuhs ein- wühlend. Zu entscheiden, ob Eissporen (Steigeisen, Fußeisen) anzulegen sind, ist Sache des Führers. Die Schmiede der den Eisregionen benachbarten Dörfer sind meist recht geschickt in der Anfertigung jener. Sie nehmen dazu das zähe Eisen alter Sensen, welches schwere Proben besteht. Zwei, wie eine halbgeöffnete Scheere kreuzweis über einander liegende, vorn längere, hinten kürzere Eisenstreifen, die an jedem ihrer vier Enden in einen mit der Spitze nach unten gekehrten Stachel auslaufen, bilden eine Art Rost, auf dessen Schneidepunkt ein Bügel angebracht ist, der unten auf jeder Seite einen ähn- lichen Stachel und oben zwei Hefte hat, in welchen Riemen mit Schnallen sich befinden. Auf dies Gestell wird der Fuß gesetzt und fest eingeschnallt, wobei es darauf ankommt, daß die schmalste Stelle der Sohle zwischen Ballen und Ferse ge- nau in den Bügel paßt, so daß auch nicht eine Linie Spiel- raum bleibt. Da Füße von Bauern breiter als die von Tou- IV. Seile. risten zu sein pflegen, so wird sich schwerlich ein passendes Paar Sporen vorräthig finden, man läßt deshalb eins eigens anfertigen und bestellt es etwas leichter als die landesüblichen. Die Schuhsohle darf, wie bemerkt, an der Stelle, wo sie im Bügel sitzt, keine Nägel haben. Vorn soll das Gestell etwas über die Zehen hinausreichen, mit dem hinteren kurzen Theile jedoch gerade unter dem Absatz abschließen. Von den vielen verschiedenen Arten Steigeisen scheint mir die entsprechendste die beschriebene, und zwar nur oberflächlich zum Zweck der Unterscheidung beschriebene, nicht um einen Leitfaden zur An- fertigung an Schmiede zu geben. Das wichtigste Schutzmittel gegen die Gefahr des Aus- gleitens oder bei Einbrechen von sogenannten Schneebrücken, Weheten (Schneevorsprüngen) und Sturz in Schründe — nach der Versicherung aller Alpenkenner leider immer noch nicht häufig genug angewandt — sind Stricke , mittels deren sich Führer und Geführte in Zwischenräumen von vier Schritten anbinden. Das Alpine Journal warnt nachdrück- lich vor dem „Leichtsinn, mit welchem Manche, ohne mit dem Führer vermittelst eines soliden Stricks das einigende Band herzustellen, der höchsten Lebensgefahr trotzend, über trüge- rische Schneefelder, die tiefe Eisspalten verdecken, hinwegeilen, um — zehn Minuten früher bei Tische anzukommen.“ Auch dem Journal gilt das Seil als einzig mögliches, freilich nicht immer wirksames Mittel bei der „Hauptgefahr, dem Ueber- steigen steiler Eisfelder, falls sie nicht mit Schnee bedeckt sind. Hier hängt Alles von der Festigkeit des Tritts auf der ge- hauenen Stufe und dem Bewußtsein des Einzelnen ab, daß sein Fall alle Anderen in die Tiefe reißen kann. In solchen Lagen verhütet das Seil Hast und Eilfertigkeit und bewirkt wie eine Brüstung das Gefühl der Sicherheit. Ist die Leine straff gespannt, so hat sie den Nutzen, einen Strauchelnden durch das Gegengewicht des Vor- und Hintermannes vor dem Fallen zu bewahren, vermehrt also nicht blos das Gefühl der IV. Seile — Eisbeile — Lawinen — Führer. Sicherheit, sondern auch, was die schlaffe nicht vermag, die Sicherheit selbst.“ Ueber Stoff, Bereitung und Handhabung der Seile, Schürzung der Knoten (jeder Knoten schwächt natürlich den Strick um so mehr, je fester er gezogen, deshalb gehört die Schürzung unter die wichtigen Angelegenheiten), Einrich- tung der Eisbeile und Alpenstöcke hat namentlich der londoner Club eine Reihe von Versuchen gemacht, und deren Ergebnisse im Alpine Journal I, 253—255, 321—331, II, 96 und 217—219 mitgetheilt. Einiges davon wurde hier benutzt, die nähere Erörterung der einzelnen technischen Fragen ist nicht unsres Amts und mag den Vereinen über- lassen bleiben. Daß die Gefahr von Lawinen für den Sommergast nicht von Belang ist, bestätigt das Journal, weil sie in der gewöhnlichen Jahreszeit der Bergbesteigungen selten vorkom- men. „Tritt freilich einmal ein solcher Fall ein, so ist man ganz hilflos. Der Instinct des Führers überwiegt dann alles Geschick des Touristen.“ — Das Jahrbuch des schweizer Alpenvereins, nachdem es die Nothwendigkeit betont, sich durch geeignete Vorübungen für schwere Aufgaben zu be- fähigen, um sich nicht ganz auf den Führer verlassen zu müssen, hebt hervor, daß dieser am Seil durchaus die volle Gefahr mit dem Touristen theilen müsse; denn wo dasselbe unzulässig, weil sonst der Eine auch den Anderen ins Ver- derben bringen könnte, da sei der Gang überhaupt zu unter- lassen. „Dagegen ist es ein schweres Unrecht, wenn der Tou- rist ein Vorangehen verlangt, dessen sich der Führer weigert. Furchtsamkeit ist selten der Fehler dieser Leute, und wo sie ursprünglich vorhanden sein mag, wirkt als genügendes Gegengewicht der Gedanke, der Reisende werde des Betreffen- den Dienst nicht wieder begehren.“ So dringend bisher vor Eile gewarnt wurde, beim Auf- wie beim Abwärtsklimmen, so nachdrücklich muß im Gegen- theil gemahnt werden, den Rückweg von einem Gipfel recht- IV. Rückweg — nicht allein — Narrenwagnisse — Entfernungen. zeitig anzutreten. Ueberwindung kostet es freilich, den Lohn aller vorangegangenen und nachfolgenden Anstrengungen und Gefahren sich selbst zu kürzen; Ahriman flüstert, die Sonne stehe ja noch hoch, bis zur Dämmerung hab’s noch lange Zeit, bergab steige sich’s leichter als auf, — bleibe, Freund, bleibe — siehe, alles Land liegt zu deinen Füßen, — bleibe, sei kein Thor, genieße, schwelge, wer weiß, ob je im Leben dir’s wieder so vergönnt ist! — — O Wanderer, verschließe dem Versucher Dein Ohr und folge der Stimme des weisen Ormuzd, laute sie auch nicht süßer, als etwa so: „Chommet, chommet, s’ isch Zit, m’r hawwe no räiachliach zwäi Stund bis zum Senn. Drunne macht’s bälder dunkchal als hier owwe.“ — Eine Mahnung, obwohl sie in keinem Reisehandbuche fehlt, sei hier wiederholt: man hüte sich, im Hochgebirge allein zu wandern, und nehme, auch wenn zwei und mehr Gefährten zusammen sind, überall, wo nicht feststeht, daß es dessen nicht bedarf, Führer und die nöthigen Ausrüstungs- gegenstände mit. Junge, kräftige Leute, die vor einem Wege stehen, den sie von ihrem Standort meinen völlig übersehen zu können, und der ihnen gar leicht und gefahrlos scheint, sind oft geneigt, Warnungen zu verachten. Sie wollen nicht glauben, daß kein noch so geübtes Auge die Beschaffenheit von Schnee- und Eisfeldern von Weitem beurtheilen kann, daß für die Beständigkeit des Wetters niemals Bürgschaft ist, daß Richtpunkte, die sie von fern meinen fest im Auge be- halten zu können, oft unvermerkt ihr Aussehen verändern oder ganz verschwinden, daß auch in der Schätzung der Entfernungen der Fremde im Hochgebirg sich ungemein leicht täuscht, wozu die ungewohnte Größe der Berge und die Luftbeschaffenheit beitragen. Auch das Ohr vermittelt manche Täuschung, verführt durch eigenthümliche akustische Verhält- nisse von Felswänden, oder durch den Nebel, welcher die Schallwellen unter geringem Verlust nach oben trägt. Was Ihr Euch als Muth anrechnet, möchte man ihnen zurufen, IV. Außergewöhnliche Ersteigungen. ist ein prahlerisches Narrenwagniß , dessen Ihr Euch selbst im Falle des Gelingens mit nichten zu rühmen, son- dern lediglich zu schämen habt. — Dieser Apostrophe, welche beweisen mag, daß ich frivole Klettereien keineswegs zu vertheidigen suche, seien aber nun noch ein paar Worte pro domo angeschlossen, die ich in aller Bescheidenheit blos als meine persönliche Ansicht hinstelle, gegenüber den Stimmen, welche nur zu wissenschaftlichen oder künstlerischen Zwecken außergewöhnliche Erstei- gungen gelten lassen und jede von einfachen Touristen unternommene als Eitelkeit verspotten oder als leichtsinnig verdammen. — Woher wißt Ihr strengen Richter denn, daß es uns ohne Ausnahme allein auf das „Sagenkönnen“ an- kommt, oder daß lediglich banale Neugier, blinder Nach- ahmungstrieb oder eitel Langeweile es ist, die uns hinauf- treibt in’s Reich der Erstarrung? — Vom Reiz der Gefahr will ich nicht sprechen, denn Ihr würdet ohne Weiteres auf Blasirtheit und schnöde Emotionssucht erkennen. Sagt mir aber doch, findet Ihr es so lächerlich, wenn Einer das Ver- langen hat, Bilder zu sehen, die kein Griffel und kein Pinsel wiederzugeben vermag, Naturscenen, die ihn erheben und be- glücken, deren Eindruck ihm bis in’s Greisenalter treu bleibt? — Und findet Ihr es unsittlich, wenn es uns ver- langt, die Kraft unsrer Muskeln und unsres Willens, Muth, Ausdauer, Geistesgegenwart, — alles Eigenschaften, die in unsrem weichlichen Stadtleben so leicht verkümmern, aber doch dem Einzelnen und dem Ganzen vielfach zu Statten kommen, zuweilen unentbehrlich sind — an würdigen Gegen- ständen zu versuchen, zu üben, zu steigern, mit dem Gesichts- kreis auch das Herz zu erweitern? — „Auf einen Berg steigt der Mensch, wie das Kind auf einen Stuhl, um näher am Angesicht der unendlichen Mutter zu stehen und sie zu er- langen mit seiner kleinen Umarmung.“ ( Jean Paul .) „Das Gefühl geistiger Kraft ist es, das die Menschen durchglüht und die todten Schrecken der Materie zu überwinden treibt; IV. Uebertreibungen — Führer. der Reiz, das eigene Menschenvermögen am rohen Wider- stande des Staubes zu messen. Es ist vielleicht die Sehnsucht des Herrn der Erde, auf der letzten überwundenen Höhe im Ueberblick der ihm zu Füßen liegenden Welt das Bewußtsein seiner Verwandtschaft mit dem Unendlichen durch eine einzige freie That zu besiegeln.“ ( Tschudi .) Im Allgemeinen läßt sich behaupten, daß die Gefahren und Schwierigkeiten der Ersteigungen selbst der höchsten Alpengipfel bei weitem nicht so groß sind, wie es nach münd- lichen und gedruckten Berichten den Anschein hat. Je häufiger sie in neuerer Zeit werden, je mehr überzeugt man sich da- von. Hierin wieder bestätigt sich der alte Satz, daß wir Ge- fahren und Schwierigkeiten, wenn sie zum ersten Male an uns herantreten, viel zu hoch anschlagen. Vermochten sogar Männer, wie Saussure, an deren Muth, Entschlossenheit, geistiger Klarheit und gutem Glauben kein Zweifel erlaubt ist, sich von Uebertreibungen nicht frei zu halten, wie dürfen wir von jungen Leuten, die vom Montblanc oder Monte Rosa herabkommen und die es drängt, von ihren Eindrücken und Leistungen zu berichten, erwarten, daß jede ihrer An- gaben richtig und genau ist! Hr. Lesley Stephen , der Vor- sitzende des londoner Alpenclubs, erzählt in seinem Aufsatz über alpine Gefahren ( Alp. Journ. 1866. II, 273 — 285), daß seit dem ersten Sommer, den er in den Alpen zugebracht, mehr als ein Berg in der öffentlichen Meinung alle Stadien abwärts durchgemacht hat, von „unersteiglich“ und „der schwierigste Punkt der Alpen“ bis „eine tüchtige Kletterpartie, aber keine Hexerei“, „ein regelrechtes Stück Arbeit“ und schließlich „ein leichtes Tagewerk für Damen“. Das Führerwesen ist in der Schweiz von den Be- hörden schon seit langer Zeit geregelt, wird fortwährend von ihnen beaufsichtigt, und von vielen Führern (freilich nicht von allen) läßt sich sagen, daß sie an Ortskenntniß, Besonnen- heit, Aufmerksamkeit, Ausdauer und Pflichttreue nichts zu wünschen übrig lassen; einige sogar sind unter ihnen, welche 6 IV. Führer. in Augenblicken der Gefahr eine wahrhaft rührende Selbst- verleugnung, bewundernswürdigen Scharfsinn, Spürtalent, Sichzuhelfenwissen, Muth und Unermüdlichkeit bethätigen. Solche Leute wird nicht leicht Jemand wie Dienstboten ge- wöhnlichen Schlags behandeln, zumal sie gar nicht selten aus dem Verkehr mit Gebildeten sich hübsche Kenntnisse und ge- fällige Umgangsformen erworben haben. Deutschen gegen- über bedarf es überhaupt schwerlich jener Aufforderungen, welche englische Schriftsteller ihren Landsleuten so oft wieder- holen: seid freundlich mit Euren Führern, zeigt ihnen Ver- trauen, Wohlwollen, denn Ihr werdet den Vortheil davon haben. — In Tirol und Salzburg wird hoffentlich das Führerwesen nun bald auch auf einen besseren Standpunkt kommen. Vor Leuten, die ihre Führung um einen auffallend wohlfeilen Preis anbieten, warnt Bädeker mit Recht. Wer Führer zu schwierigen Ersteigungen braucht, bitte ein Alpenver- einsmitglied um Auskunft, verlasse sich nicht auf die Empfehlung durch einen Wirth, auch nicht auf das äußere Abzeichen, die über der Schulter getragene, vielfach geschlungene Leine, denn Mancher, der sich dadurch das Ansehen zu geben trachtet, als gehöre er in die Classe des „hochsteigenden Edelthiers“, zählt seiner Natur nach zum Genus „gemeiner Packesel“. Wo ich die Wahl habe, ziehe ich Männer in reiferen Jahren vor, denn sie haben außer der längeren Erfahrung die Ruhe und Besonnenheit für sich. Keineswegs blos jüngere Leute übri- gens, sondern auch einzelne ältere, sonst tüchtige Führer nei- gen zur Eilfertigkeit. Für den Grund halte ich weniger Hab- sucht als Ehrgeiz. Sie wollen ihre Aufgabe nicht nur lösen, sondern auch elegant, d. h. rasch lösen, um Nebenbuhler aus- zustechen. Hier und da habe ich noch einen andern Fehler an Führern ersten Ranges bemerkt. Während sie einem mittel- mäßigen Bergsteiger gegenüber alle ihre Talente aufbieten, bis die Gefahr vorüber ist, pflegen sie wohl einem Touristen, an dem ihr Kennerauge nach der ersten ernsthaften Probe, welche sie scharf beobachten, gute Befähigung und Uebung IV. Führer — Schwindel. sieht, nicht mehr gar viel Aufmerksamkeit zu widmen. Sie nehmen an, daß er in ähnlichen Fällen sich stets ähnlich be- nehmen werde, fast so wie Einer der Ihrigen, der Jahr aus Jahr ein mit dem Hochgebirg und seinen Gefahren auf in- timstem Fuße verkehrt. Kommt dann irgend etwas vor, wor- aus der Mann merkt, daß seine Meinung von der alpinen Bildung des Touristen doch eine zu hohe war, so kann er wohl, wenn nicht etwa ein Unglück geschehen, recht herzlich grob werden. Wie es scheint, stürmen in solchen Augen- blicken auf die wackere Führerseele zu mächtige und wider- streitende Gefühle ein, als daß er nicht das Verhältniß vom Herrn zum Diener, das Attest, das Trinkgeld, alles Dinge, die sonst seinem Herzen nahe genug sind, vergessen und ganz naiv sein sollte. Schrecken und Beschämung über eigene und fremde Unvorsichtigkeit und Freude darüber, daß Alles noch gut abgelaufen, theilt natürlich der Geführte mit dem Führer, wird deshalb mehr geneigt sein, die Sache von ihrer komi- schen Seite aufzufassen, als diesen hart anzulassen. Wer Lust und Liebe hat zum Bergsteigen und körperlich befähigt dafür ist, braucht sich nicht gleich abschrecken zu lassen, wenn er etwas Anlage zum Schwindel an sich bemerkt, denn derselbe kann durch methodische Uebung unterdrückt wer- den, wie ich an mir selbst erfahren habe. Meine Natur neigte von Haus aus sehr zum Schwindel und doch ist es mir ge- lungen, mich dahin zu bringen, daß ich, allerdings erst nach längerer Uebung, mit Aelplern um die Wette zu klettern ver- mochte und von solchen — auch von unbezahlten — Aner- kennung erntete, welcher man die Aufrichtigkeit anfühlte. In meinen Uebungen verfuhr ich nach alten pädagogischen und psychologischen Regeln: bestieg anfangs geschützte Höhe- punkte wieder und wieder, heftete, so wie die ersten Anzeichen des Schwindels sich bemerkbar machten ( principiis obsta ), die Augen auf einen nahen Punkt, richtete aber die Gedanken auf eine entfernte Sache oder Person, auf denen sie gern zu weilen pflegten, z. B. Angehörige, Freunde, Studienobjecte, 6* IV. Schwindel — Fußschau. eine erlebte komische oder rührende Scene ꝛc. Auf der näch- sten Vorbildungsstufe suchte ich meine Augen in der Betrach- tung tiefer und tiefer zu meinen Füßen liegender Punkte zu gewöhnen, verfolgte hinabrollende Steine, beugte mich über Geländer, schaute senkrecht in die Tiefe hinabgeworfenen Papierbällchen nach, kletterte mit dem Blick an der senk- rechten Wand auf und ab u. dergl. m. Geraume Zeit kostete es, mit derartigen Exercitien auf Gipfeln mich zu befreun- den, wenn starker Wind wehte. Erst als ich mich auch aus dieser Classe mit dem Zeugniß der Reife entlassen konnte, begannen, natürlich nie ohne Begleitung, die schwierigeren Aufgaben, unter mehrfacher Wiederholung derselben, und langsam steigender Dosis. — Jeder, der einmal in einem öffentlichen Bade die an- wesenden nackten Menschenfüße betrachtet hat, muß bemerkt haben, daß sie fast ohne Ausnahme als Vorlagen zu einem pathologischen Atlas dienen könnten. Was die Ursache davon sein mag, Ungeschick der Schuhmacher? — Kann unmöglich so allgemein verbreitet sein. — Sollte das ganze Gewerk den Ruin eines der schönsten menschlichen Körpertheile zu seiner Lebensaufgabe gemacht haben, blos aus teuflischer Freude am Bösen? — Auch nicht anzunehmen. Nach meiner Ansicht ist die Wurzel der Hühneraugen und vieler sonstiger Fuß- gebreste ein falscher Idealismus, welcher die Phantasie und die bildnerische Thätigkeit der ehrsamen Meister beherrscht, im Bunde mit der mißverstandenen Eitelkeit des verehrlichen Publicums. Im gewöhnlichen Laufe der Dinge rächt nun zwar die Natur derlei nur durch Schwielen, Leichdorn und eingewachsene Nägel, handelt es sich jedoch darum, den Fuß für anstrengende Wanderungen zu befähigen, wo von der Sicherheit des Tritts so viel abhängt, so muß Sorge getra- gen werden, die Folgen früherer Mißhandlungen möglichst wieder gut zu machen. Auch Deine Füße, mein lieber Wanderschüler, ich weiß es, ohne sie zu sehen, haben unter dem Druck der Verhält- IV. Glycerin — Hautpflege — Schleier. nisse gelitten. Sollten schmerzhafte Stellen daran sein, so muß ihnen durch einen geschickten Operateur geholfen wer- den. Dieser wird, wenn eingewachsene Nägel im Spiele sind, vielleicht einen Keilschnitt machen und an der Seite ein Stück Nagel bis zur Wurzel abspalten wollen. Laß ihn tapfer gewähren, junger Freund, Dein Wanderglück steht sonst auf schwachen Füßen; kurz ist der Schmerz, lang die Freude über gesunde Füße. Wurde eine Radicalcur versäumt, so läßt sich unterwegs nothdürftig Rath schaffen, indem man die in’s Fleisch gewachsenen Nägel mit einer Glasscherbe in der Mitte längshin dünn schabt und sie so, daß beide Flanken gegen die Mitte des Nagels nicht zurückstehen, also nicht bogenförmig, sondern in gerader Linie beschneidet. Hühneraugen, wenn gründliche Behandlung versäumt wurde, lassen sich durch Isolirpflästerchen oder Beschneiden mit einer Lancette besänf- tigen. Frostballen, sofern sie nicht schmerzhaft entzündet sind, sollen oft mit Schnee gerieben und in kaltes Wasser getaucht, dann abgetrocknet und mit Collodium bestrichen werden, wobei man aber dem Lichte nicht zu nahe kommen darf. Die dem Sonnenbrande ausgesetzten Theile des Gesichts und der Hände erhalten sich geschmeidig durch (frisches) Glyce- rin (in Amerika ist eine Salbe gebräuchlich von 1 Loth Wallrath, ¼ weißes Wachs, 4 fettes Mandelöl und 2 Glycerin; letz- teres kommt hinzu, nachdem das Uebrige bei gelindem Feuer zergangen ist), dem sonst dazu benutzten Schießpulver, das die Haut staubtrocken macht, weit vorzuziehen. Allenfalls thut’s auch ein Stück Talglicht, es braucht nicht just Lippen- pommade, Coldcream oder Rinderfett zu sein, welches letztere im Apothekerrothwelsch Hirschtalg benannt wird. Ein großes Verdienst um die Alpensteiger hat sich das Glycerin dadurch erworben, daß es sie befreit hat von den leidigen, früher zum Schutz der Gesichtshaut gegen Sprödigkeit und der Augen gegen Schneeblindheit viel getragenen Schleiern , welche die Aussicht verkümmern, die Augen erhitzen, die Athemluft verderben und sonst vielfach belästigen. Denn daß auch die IV. Schneebrillen — Fußwanderung. Augen gegen das blendende Licht sonnenbeschienener Schnee- felder besser durch Brillen mit grauen Gläsern (Rauchbrillen) geschützt werden, ist längst festgestellt. Hinweg also mit den grünen und blauen Flatterlappen, für lästige Verschleierungen sorgen die Nebel schon hinlänglich. Diese Gläser sind in mehren Schattirungen zu haben; ich wähle eine mittlere, nicht zu dunkle. — Den minder als die Ge- sichtshaut abgehärteten Hals entblößt anhaltendem Sonnen- brand auszusetzen, ist nicht gut. Die Hände können gegen Braunwerden durch Leiwandhandschuhe geschützt werden. Einer Lobrede auf das Fußwandern bedarf es hier nicht, denn sie fehlt in keinem Reisehandbuche, und alle Welt weiß, daß diese Art der Bewegung die gesundeste, Geist und Körper erfrischendste und bildendste, daß sie eine Unabhängig- keit gewährt und Genüsse bereitet, welche der Fahrende nicht kennt, daß der Wanderer leichter bekannt wird mit den und dem Einheimischen, daß sie ein „tonisirendes“ Mittel nach starken Gemüthsaufregungen, auch sehr geeignet ist, vor großen Entschlüssen den Geist zu sammeln und zu schärfen. Eher wäre daran zu erinnern, daß die Wanderung immer erst von einem geeigneten Punkte angetreten werden und nicht, „weil es ja doch eine Fußreise sein soll,“ immer und immer gelaufen werden muß, ferner, daß Neulinge das Pensum der ersten Tage nicht zu stark nehmen und es erst allmählich steigern dürfen, vor Allem, daß in der Bewegung Maß zu halten ist. Doch davon später. Reisebücher, die in alten Auflagen und Vorurtheilen be- fangen sind, munkeln noch immer, daß Fußwanderer von Wirthen oft nicht „für voll“ angesehen und nachlässig be- handelt würden. Aengstlichkeiten der Art, geliebter Reise- schüler, verbanne nur ganz aus Deinem Gemüthe und sei überzeugt, daß in allen deutschen Gebirgen, den Alpen , Pyre- näen , Apenninen , Sabinerbergen ꝛc. heutzutage kein Wirth mehr lebt, der nicht sehr wohl zu unterscheiden wüßte zwischen Fußtouristen und Strolchen. Auch in ihren Berechnungen IV. Frühaufstehen — Essen und Trinken. habe ich nie einen Unterschied finden können, ob ich zu Fuße, zu Wasser, zu Wagen oder beritten ankam. Was in den Büchern sowie in den Sprüchwörtern aller Völker über Frühaufstehen an’s Herz gelegt wird, braucht hier auch nicht ausgeführt zu werden, denn wir wissen Alle, daß zu Leistungen jeder Art, körperlichen wie geistigen, der Morgen die beste Zeit ist. Wer ihn durch spätes Aufstehen verkürzt oder in nichtigen Dingen vergeudet, weiß nicht was er thut. Der Verständige bricht lieber im Dunkel auf, um nicht im späten Abenddunkel das Ziel zu erreichen. Von be- sonderem Werthe sind die frühen Morgenstunden, wenn es gilt, Firnfelder und Schneebrücken zu überschreiten, bevor die Sonne sie bearbeitet hat. Vor starken Märschen ist ein Frühstück von Kaffee, Weiß- brod und Butter räthlicher, als schwere Fleischkost, weil große Körperanstrengung und Verdauungsthätigkeit sich gegenseitig erschweren und viel Fleischessen den Durst steigert. Andrer- seits soll aber auch nicht ganz nüchtern aufgebrochen oder zu lange und bis zur Erschöpfung gewandert werden, ohne von Neuem etwas zu sich zu nehmen. Daß zwei Tassen Kaffee durch eine versäumte Morgenstunde unter Umständen theuer erkauft sein können, wir also in solchen Ausnahmefällen uns mit einem Trunk Milch oder Wasser und einem Mund voll Brod zu begnügen haben, leuchtet ein. Manche kauen ein paar Kaffeebohnen und ein Stück Zucker und versichern, daß Zunge und Magen dies als billige Abschlagszahlung an- nehmen. Jedenfalls schmeckt das warme Frühstück um so köst- licher, wenn es erst nach zweistündiger Wanderung einge- nommen wird. Ein Schluck feuriger Wein mit einigen Bissen Brod und Fleisch genügen als zweites Frühstück zur Auf- munterung der Kräfte und Abhaltung oder Dämpfung des in hohen Regionen nicht seltenen Gefühls der Schwere in den Gliedern. Namentlich gönne sich der Neuling von Zeit zu Zeit einen weiteren Imbiß. Die eigentliche Malzeit ist erst gegen Abend nach vollbrachtem Tagewerk zu nehmen. IV. Höhepunkte und Fernsichten des Reiselebens. Engländer und Franzosen, von Haus aus gewohnt, nicht vor fünf Uhr zu Mittag zu essen, haben wie im Felde so auch auf der Reise einen Vortheil vor den Deutschen, die den Tag und das Tagewerk gerade in der Mitte um ein oder zwei Uhr durch die Hauptmalzeit unterbrechen zu müssen glauben. Wird dieselbe auf eine späte Nachmittags- oder frühe Abendstunde verlegt, so vertheilt sich das ganze Wanderpensum besser. Ist der Tag nicht übermäßig heiß, so schreiten wir auch in den Mittagsstunden rüstig fürbaß und erreichen das Ziel um so früher. Am ersten oder zweiten Rastpunkt im Freien und Grünen öffnen wir die Jagdtasche, schmausen das Cotelett oder halbe Huhn, das wir von der gestrigen Malzeit bedächtig zurücklegten und mitnahmen, thun dazu einen kurzen Trunk, rauchen eine Cigarette und — plaudern oder träumen. Der einsame Wanderer zieht vielleicht die Miniaturausgabe eines Lieblingsdichters aus der Tasche und liest einige Seiten, um der leiblichen Nahrung auch noch die geistige zu gesellen. Auf diese Weise kommen zuweilen Stimmungen zu Stande, die sich mit unverlöschlicher Schrift in die Erinnerung graben. Mir sind solche Viertelstunden, die ungerufen und unverhofft uns besuchen, immer die eigentlichen Höhepunkte und Fern- sichten des Reiselebens gewesen, mehr als die an berühmten Oertlichkeiten, denn an solchen angekommen, verhalten wir uns in der Regel kritisch, vergleichen, was wir sehen, mit dem Phantasiebilde, das wir uns davon gemacht, oder mit andrem früher Geschauten und reflectiren und recensiren uns aus aller Lyrik heraus. Wird das zweite Frühstück im Freien aus der Tasche heraus eingenommen, so haben wir nicht auf das „gleich, Herr, gleich!“ der betreffenden Babetten, Vronis und Ur- scheln, welches durchschnittlich dreiviertel Stunden bedeutet, zu warten. Der starke Esser braucht zu Gunsten dieses Reservesystems sich nichts abzudarben, sondern kann Abends vorher eine doppelte Fleischportion bestellen. Der kluge Tourist ißt aber nie sehr stark. IV. Cum grano salis — Vesuv — Durst. Bei Ausflügen mit obligatem Mundvorrath vergessen von zehn Touristen neun, Salz mitzunehmen. Auf Tabellen beruht diese statistische Notiz zwar nicht, wohl aber kann ich sie einigermaßen annehmbar machen durch ein Geschichtchen. Im Frühling 186 . traf ich eines Morgens im Zöpf-Weber’- schen Kaffeehaus in Neapel mit drei Anderen zum Zweck einer gemeinschaftlichen Besteigung des Vesuvs zusammen. Der Wagen nach Resina stand vor der Thür, unsren Imbiß von kaltem Geflügel hatten wir eben eingesteckt, am Schenktisch ließ ich mir noch etwas Salz geben und bemerkte, daß jeder der drei Herren dies flugs nachahmte. Als wir nun oben in dem von Lavablöcken erbauten kleinen Circus saßen, dem herkömmlichen Speisesaal der Besteiger des Aschenkegels, in dichtgedrängter Reihe um uns herum andere Besucher, zeigte sich, daß keiner von allen diesen cum grano salis war, und ihre Blicke verlangend an dem kleinen Salzlager schleckten, das wir vor uns auf dem Schooße hatten. Da wandte ich mich an meine Gefährten, die meiner Erinnerung ihren Vor- rath verdankten, mit dem Antrag, unser Salzmonopol nicht selbstsüchtig auszubeuten, sondern bedürftigen Nebenmenschen davon mitzutheilen. Wir hatten die Genugthuung, im ganzen Kreise ringsum Heiterkeit zu verbreiten, und machten einige willkommene Bekanntschaften; die wenigen Messerspitzen Salz hatten eine befreundende Wirkung, die nach dem Sprüchworte sonst nur an einem Tische gemeinsam verzehrte Scheffel haben sollen. Seit der Zeit vergesse ich den Artikel nicht mehr. Vor und während schweren Tagewerks viel zu trin- ken , trägt nicht zur Beförderung der Spannkraft bei, eben- sowenig ist aber, namentlich bei großer Sonnenhitze, das entgegengesetzte Extrem zu rühmen, wie es in Büchern so oft geschieht; denn allerdings schwitzt man bei strenger Ent- haltung und stoischer Ertragung des Durstes nicht leicht, doch keineswegs zum Vortheil der Haut und des ganzen Körpers, welche hierdurch nur um so heißer und unbehaglicher werden, während die Feuchtigkeit kühlend wirkt. Ueberhaupt sollten IV. Durst — Erkältungen — kalter Thee und Kaffee — Fleischbrühe. kräftige, wohlgenährte Naturen den treuen, nützlichen Wan- dergefährten, den Schweiß, nicht so ängstlich scheuen, nur selbstverständlich sich nicht jäher Abkühlung in Zugluft aus- setzen, besonders nach großen Gewaltmärschen eines heißen Tages sich nicht dem Nachtthau preisgeben. Ist nach der Seite hin dennoch gesündigt, so daß eine Erkältung winkt, so läßt sich dieser oft dadurch vorbeugen, daß man sich rasch von Neuem tüchtig heiß läuft und dann wohlverhüllt langsam abkühlt. Auch den folterndsten Durst — er tritt ohne Appetit auf und wird in der Schweiz Dursthunger, anderwärts Magenblödigkeit genannt — suche man nie durch Schnee zu dämpfen, denn der steigert ihn. Das beste Mittel dagegen ist kalter Thee oder Kaffee , jeder Branntweinmischung durchaus vorzuziehen. Französische Rothweine verursachen bei Einigen Trockenheit des Schlundes. Um diese zu ver- meiden, nehmen Manche einen Grashalm in den Mund, Andere kauen ein Stückchen Cigarre. Bei äußerster Er- schöpfung trinken Vorsichtige vermittelst Theelöffeln, und es scheint, daß so eine mäßige Quantität durstlöschender wirkt und den Magen weniger belästigt, als die mehrfache in langen Zügen getrunkene. — Wohl noch lange wird es dauern, bis unsre Köchinnen ihr Vorurtheil abgelegt haben, daß in Fleischbrühe nur der Eidotter ohne das Weiße gehöre, ich bestelle deshalb immer neben der Brühe rohe Eier in der Schale und rühre deren ganzen Inhalt eigenhändig hinein, schäme mich auch nicht, dies der Welt offen einzugestehen. Getränk bei großer Hitze zu kühlen , dienen unglasirte Thonkrüge; fehlt es an solchen, so schlägt man um das Ge- fäß ein feuchtes Tuch und setzt es so der Sonne aus. — Auf Wanderungen und beim Aufenthalt an fremden Orten ver- meidet der Vorsichtige, von dem ungewohnten Wasser viel auf einmal unvermischt und kalt zu trinken, sei dasselbe an sich auch noch so vortrefflich und sein Magen noch so gut, sondern begnügt sich mit mäßiger Quantität, setzt auch ent- IV. Hochgebirgsbeschwerden — Bergweh. weder ein Minimum von Spirituosen hinzu, oder wählt ein kohlensaures Wasser. Hier und da ruft der Aufenthalt in der Hochregion neben peinigendem Durste noch andere Erscheinungen hervor, z. B. beschleunigten Herzschlag, Heiserkeit, Athemnoth, Kopfweh, Mattigkeit, Schlafsucht oder Schlaflosigkeit, Schlaffheit der Gelenke. Treten die Erscheinungen heftig auf, so muß ein Arzt befragt werden. Vermuthlich erkennt er auf „Bergweh“ und räth, erst einige Stunden nach Aufgang der Sonne in’s Freie zu gehen und vor Untergang wieder das Zimmer auf- zusuchen, bei starkem Winde und wenn Gewitter oder Regen droht, ganz zu Hause zu bleiben und, will die Acclimatisation nicht gelingen, widerräth er dem Leidenden das fernere Ver- weilen. In minderem Grade sind derlei Beschwerden bei Gästen, die aus dem Tieflande in hochgelegene Curorte un- vorbereitet kommen, auch bei Touristen, die zum ersten Male in der Schneeregion wandern, nichts Seltenes, pflegen aber meist rasch vorüberzugehen. Erklärt werden sie durch die ver- änderte Beschaffenheit der atmosphärischen Luft. Diese wird je höher ihre Lage, um so kälter, dünner, leichter; Lunge und Herz, um die zur Blutbereitung nöthige Masse Sauerstoff sich anzueignen, sind zu rascheren Bewegungen genöthigt. Die aus Gletschern strömende Luft ist außerdem noch ärmer an Sauerstoff, als an schnee- und eisfreien Stellen von gleicher Höhe. Auch positive und negative Elektricität soll dabei eine Rolle spielen. Vom Grade dieser Luftverände- rungen, von der Plötzlichkeit des Uebergangs und von indivi- dueller Beschaffenheit hängt es nun ab, ob ihre Wirkung die erwähnten Störungen, oder im Gegentheil gesteigertes Wohl- befinden, freieres Athmen, bessere Blutbereitung, Verdauung und Ernährung und erhöhte Stimmung zur Folge hat. Die fette Alpenmilch ist mit Vorsicht zu genießen und lieber zu meiden von Einem, der auf zweifelhaftem Fuße mit seinem Magen steht. Etwas verdaulicher wird sie durch eine kleine Zuthat von Kirschgeist, Rum oder dergleichen. Ein IV. Alpen- und Tigermilch. in Ostindien beliebtes Getränk der Art führt den Namen „Tigermilch“; es wird bereitet, indem man der Milch Ma- deira oder Arak, ferner ein paar Eidotter, auf Citronenschale abgeriebenen Zucker und ein wenig Cardamom oder Vanille zusetzt. — In einer aus verschiedenen Nationen gemischten Gesellschaft, die sich in einem schweizer Gasthof zusammen- gefunden hatte, war einst die Rede auf englische Küche ge- kommen, und die anwesenden Franzosen, Russen und Deut- schen hatten einstimmig den Stab über sie gebrochen. An rohem Fleische, hieß es, könnten nur reißende Thiere Geschmack finden, der Erfinder der Plumpuddings verdiente in seinen Rumsaucen zu brennen, und die Bereitung der Gemüse in England sei die unverhüllte Barbarei. Für den nächsten Tag war eine gemeinsame Partie nach einer benachbarten Sennhütte verabredet. Da kam mir der Einfall, die nöthigen Zuthaten zu jenem Getränk hinaufzuschicken und oben ganz verstohlen eine Bowle davon zu machen. Nach dem Kaffee wurde die Tigermilch aufgetragen und jeder Person eine Tasse voll credenzt. Große Ueberraschung. Man schien einen Schabernack zu vermuthen und Niemand wollte an- fangs versuchen. „Ob ich dieses neue Nahrungsmittel aus Indien mitgebracht, etwa condensirt, oder ob ich es aus einer Menagerie bezogen hätte,“ und mehr dergleichen Fragen be- kam ich zu hören, bis endlich eine junge Russin Muth faßte, zu kosten, und in Lobeserhebungen ausbrach. Einer nach dem Andern folgte und bald war Alles einig darüber, daß ein Mischkrug der Art von Göttern getrunken und von Homer besungen zu werden verdiene. Es wurde der Beschluß ge- faßt, künftig nicht mehr abzusprechen über Engländer und reißende Thiere. Einige Worte der Polemik mögen hier einer Begriffs- verwechslung gewidmet werden, die schon viel Unheil in der Touristenwelt angerichtet hat und deren Ursprung sich viel- leicht auf die alten Paßbeamten zurückführen läßt. Diese vom heutigen freizügigen Geschlecht nur noch wenig gekannte, IV. Erholungs- u. Vergnügungsreisen — sich einmal so recht auslaufen. kaum bemerkte, ehedem aber mächtige, gefürchtete Menschen- classe — deren Hauptaufgabe zu sein schien, unsren Vor- fahren das Reisen zu verleiden, Stetigkeit, Liebe zum häus- lichen Herde und zum Vaterlande zu fördern — war nämlich verpflichtet, jedem, der die Absicht einer Ortsveränderung kund gab und sich somit als Landstreicher verdächtigte, eine Reihe von Fragen vorzulegen, darunter unbescheidene, zumal für Damen peinliche. Die letzte Frage lautete stets: Zweck der Reise, Geschäfte? — Erfolgte darauf verneinende Ant- wort, so wartete der Beamte, im Gegensatze zu seiner bis dahin bewiesenen Gründlichkeit, keine weiteren Erklärungen ab, sondern schrieb nach eigener Eingebung frischweg entweder „Erholung“ oder „Vergnügen“. So geschah es denn be- greiflicherweise oft, daß einer Reise, die recht eigentlich zur Erholung dienen sollte, der amtliche Stempel als bloße Lust- fahrt aufgedrückt und wer weiß, ob nicht mancher Paßinhaber dadurch verführt wurde, sie auch als solche zu behandeln, was zur weiteren Folge hatte, daß die Merkmale beider Begriffe sich allgemach verwischten, ein Uebel, an dem noch ein Theil unsrer Zeitgenossen siecht. Daß z. B. ein berliner Geheimer- rath von seiner kurzen Urlaubszeit behufs einer Erholungs- reise im Salzkammergute die Hälfte dem Studium der mün- chener Bierhäuser und Galerien widmet, oder ein hamburger Kaufmann, der zur Stärkung seiner Augen nach Appenzell geschickt wird, anstatt dessen Wiesen den grünen Teppich in Baden-Baden mit seinen gelben und weißen Blumen wochen- lang besichtigt, und zahllose ähnliche Verstöße gehören ver- muthlich unter die Nachwehen des alten Paßzwangs. Was hier durch Säumigkeit, wird in anderen Fällen durch Uebermaß des Eifers verfehlt. Ein sehr norddeutscher Universitätslehrer machte einstmals, erzählte er mir selbst einige Jahre später, die ganze Route bis Thun in einem Ruck. Ich kam mit dem Vorsatz an, „mich nun einmal so recht aus- zulaufen.“ Damit meinte ich nicht nur das ganze seit meiner Studentenzeit aufgesammelte Deficit an Bewegung auf IV. Läuferwahnsinn. einmal zu decken, sondern auch noch durch „überschüssige gute Werke“ ein Capital für die nächsten Jahre zu erwerben, mein Gangliensystem und den nervus sympathicus wieder auf den Normalton hinauf zu stimmen, mit den Unterleibs- organen auf den Friedensfuß zu gelangen, kurz einen neuen Menschen anzuziehen. Zu meinem Unglück traf ich noch zwei Studiosen, welche, als sie meinen Namen zufällig erfahren, über ihre Begegnung mit einem so berühmten Manne die rührendste Freude äußerten; in meinen Schriften wußten die wackern Jungen besser als ich selbst Bescheid, mit einem Worte, sie nahmen mein Gelehrtengemüth dermaßen ge- fangen — eine Beredtsamkeit des Herzens, deren nicht jeder Lehrer von seinen Schülern theilhaftig wird, schaltete der er- zählende Meister ein, mit einem Seitenblicke auf seine beiden Gefährten — daß ich nicht umhin konnte, ihrer Augen stilles Sehnen zu erfüllen, und sie aufforderte, sich mir anzuschließen. Beide schwelgten in Entzücken über den ersten Anblick der Alpen und waren unersättlich im Klettern. Zwischen ihrer Begeisterung und Jugendkraft und meiner mißverstandenen Pflichttreue und Genesungssehnsucht entstand nun ein förm- liches Wettrennen, das bald einen fieberhaften Charakter annahm. Diese neue Krankheit, die ich Läuferwahnsinn nenne, hat mit dem Säuferwahnsinn gemein, daß sie ihr Opfer mit dämonischer Gewalt festhält und der Schaden erst erkannt wird, wenn er nicht mehr gut zu machen ist. . . . . Nun, die Frucht dieser vermeintlichen Erholungsreise war eine Krankheit, die mich bis tief in den Herbst hinein in Luzern festhielt, und eine sehr erhöhte Reizbarkeit. Mein Unfall gab mir aber eine Lehre, aus der ich ein ganzes Lehr- gebäude zu zimmern im Begriffe bin, so viel Material von Beobachtungen und Folgerungen steht mir zu Gebote. Warum lächeln Sie? Die Wissenschaft muß Capital aus Allem machen. — Was werden, warf ich ein, Ihre Collegen von der medicinischen Facultät dazu sagen, welcher Sie doch nicht IV. Hypochondrische Studien. angehören, daß Sie Gebäude auf ihrem Grund und Boden aufführen, was wird Ihr Hausarzt dazu sagen? — O, was das anlangt, so könnte ich nur auf Nord- amerika verweisen, wo die Squatter, Leute, die sich auf Ländereien anbauten, auf welche sie kein Eigenthumsrecht hatten, für die Colonisation des Welttheils so wichtig ge- worden sind. Einer Vertheidigung bedarf es aber gar nicht, denn diese Herren Aerzte und Physiologen beschränken sich ja auch keineswegs auf ihr Revier, sondern machen weite Streifzüge ringsum in andere Gebiete, nur daß sie dabei weniger aufbauen als niederreißen, sengen und brennen, auch Weiber und Kinder nicht schonen. Gesteht doch jeder der Herren unter vier Augen, daß man mit den Nerven so wenig fertig werde, wie mit der Cholera und so vielem Andern, trotzdem unabsehbare Batterien von messingenen und gläsernen Röhren mit und ohne Kolben, Legionen von anatomischen, chemischen, physikalischen, mathematischen Ge- räthen aus allen Arsenalen der Wissenschaft dafür in Be- wegung sind. — Um so weniger werden sie zugeben, daß ein Laie klüger sein will, als sie selber. — Müssen sich doch auch die Astronomen gefallen lassen, daß Uhrmacher und Postsecretäre Cometen entdecken. Der Verstand der Verständigen sieht oft vor Bäumen den Wald nicht. Uebrigens können mich die zünftigen Heilkünstler nicht der Medicinalpfuscherei anklagen, denn mein System baue ich nur zu meinem Privatgebrauche, und schon das Sprüchwort sagt, daß Jeder selbst sein bester Arzt sei. — Kein Sprüchwort duldet allgemeine Anwendung, die besten sind nur halbwahr. Ich möchte in diesem Falle gerade umgekehrt behaupten, daß ein nervöser Mensch sich selbst der schlechteste Arzt ist und der ärgste Pfuscher ihn schwerlich so herunterbringen kann, wie er sich selbst. Denn während die meisten anderen Organe unseres Körpers sehr bald und sehr deutlich es kund geben, wenn wir durch irgend ein Thun IV. Hypochondrische Studien. oder Lassen ihre Gesetze übertreten haben, Achtung vor ihnen hingegen belohnen und so uns förmliche Anleitung ertheilen, was ihren Zorn versöhnen kann, scheinen die Nerven, wenn sie erst einmal aufsässig geworden, an Unbeständigkeit, Launenhaftigkeit, Unberechenbarkeit und Tyrannei Alles zu überbieten, was je den Frauen nachgesagt ward. Ihre Orakelsprüche sind bald völlig unverständlich, bald zweideutig; jetzt scheint ein Rath klar, lichtvoll wie die Sonne, bei seiner Anwendung ergibt sich jedoch, daß er eitel Dunst war; jetzt wieder bewährt sich einer eine Zeit lang scheinbar trefflich, wir preisen ihn als treuen Diener, plötzlich findet sich, daß der treue Diener uns schmählich bestohlen hat. Curirt nun ein Arzt an einem solchen Patienten erfolglos herum, so schafft dieser ihn ab, wendet sich an einen zweiten, dritten, vierten. Hat er daheim alle namhaften Doctoren vergebens durchconsultirt, so versucht er es in anderen Städten, wirft sich dieser und jener neuen Methode in die Arme. Dabei vergeht viel Zeit, und das ist der erste Gewinn, denn, um Ihnen nun auch mit Sprüchwörtern zu dienen, „kommt Zeit, kommt Rath“, „Zeit heilt Alles“. Der zweite Gewinn ist, daß sein Grimm sich nur gegen einen Arzt nach dem andern, zuletzt gegen alle Aerzte, also immer nur nach außen richtet, nicht gegen sich selbst. Im Hintergrunde seiner angstvollen Seele sitzt immer noch die Hoffnung, die ihm Muth und Trost zuspricht. Du hast das Deinige gethan, sagt er sich, keine Kosten, keine Mühe gescheut, vielleicht findet sich doch noch der rechte Mann, der Dir hilft. Denken wir uns nun aber in die Lage eines Menschen, der seine wirkliche, oder gar seine eingebildete Krankheit selbst curiren will, wie er aus Büchern sich Rath holt, hin und her experimentirt, grübelt und griesgrämelt, Tagebücher und Tabellen führt über seine täglichen Wahr- nehmungen, Empfindungen, Leistungen und Leiden, vier Abstufungen von Unterjacken und Ueberröcken hat u. s. w., so haben wir ein Stück Menschheit vor uns, das zu all IV. Hypochondrische Studien — Ode an die Nerven. seinem sonstigen realen und idealen Elend noch mit dem Fluche der Lächerlichkeit beladen ist und dessen Freunde, dessen Familie, ja dessen Dienstboten die Achseln über ihn zucken. Das Schlimmste bei alle dem ist, daß der Gegenstand der Beobachtung zugleich den Träger für das Medium derselben bildet, mit anderen Worten, daß die Nerven das Gehirn beherrschen, folglich Urtheilsvermögen, Gedächtniß, Stimmung und Alles, was damit zusammenhängt, fortwährend be- einflussen. Wo soll unter solchen Umständen Klarheit und Gegenständlichkeit herkommen? Die Schüsse eines Kanonen- bootes auf stürmisch bewegter See und bei trüber Atmosphäre mögen kaum ihres Zieles unsicherer sein, als die Wahr- nehmungen und Schlüsse eines Leidenden dieser Gattung. Ich beschwöre Sie, lassen Sie ab von Ihren hypochondrischen Studien, suchen Sie lieber Ihre durch ein Uebermaß von Arbeit erzürnten Nerven durch Müßiggang zu versöhnen. — Jetzt merkte ich erst an den Mienen meines Akademikers, daß er sich einen Scherz mit mir erlaubt hatte. Ich möchte, sagte er, Sie umarmen, so freue ich mich, in Ihren Ansichten die meinigen bestätigt zu finden. Nur diese herauszulocken, war es mir zu thun, denn ich ahnte, daß auch Sie in dem Gebiete Erfahrungen haben. Als ich mich darauf in Boxerpositur setzte und mit der Faust sein Ganglien- system bedrohte, zog er sich um Pardon bittend zurück und nahm ein Blatt aus der Brieftasche. — Ich greife in die Leier, um den Zorn des britischen Leoparden zu besänftigen. Hierauf las er mir seine „Ode an die Nerven“ vor, von welcher ich jetzt nur noch wenig berichten kann. Das Geflecht der Nerven, in dem unser leibliches und geistiges Ich verstrickt ist, wurde mit dem Netze des Knaben verglichen, in dem er Schmetterlinge fängt, dann mit den Netzen, die dem Vogelsteller, dem Fischer, der Spinne eine Quelle des Lebens und des Genusses sind. Sodann wurden die Nerven unseres Erdballs, die Telegraphen, betrachtet, die uns bald zum Leitfaden, bald 7 IV. Schroffe Uebergänge — Wie neu geboren. zum Narrenseil werden, die Frieden, Krieg, Leben, Tod, Wahrheit, Lüge durch die Welt schleudern. Von Jahr zu Jahr spanne sich das unheimliche Gewebe weiter und weiter über unsren Planeten aus, ziehe seine Maschen enger und enger. Den Schluß machte ein sehr phantastisch ausgeführtes Bild des Welttreibens in tausend Jahren. — In die von meinem akademischen Freunde mit dem Namen „Läuferwahnsinn“ belegte Geisteskrankheit fallen nicht selten auch Badegäste und zwar eingeständlich „aus purer Langerweile“, in der Meinung, weil ihre Muskeln sich bereit- willig dazu hergeben, daß auch ihre Nerven sich wohl dabei befänden. So laufen und laufen sie, Einigen gelingt es, eine kurze Weile der Langenweile zu entlaufen, Anderen bleibt sie hart auf den Fersen, was aber Allen sicher nach- folgt, ist die Strafe. Ihr Organismus würde es vielleicht dankbar aufgenommen haben, wenn sie dasselbe Maß von körperlicher Anstrengung erst nach längerer, stufenweise fort- schreitender Vorübung hätten eintreten lassen, so aber pro- testirt er dagegen, denn unsere Nerven lassen sich Manches abschmeicheln, abbitten, ablocken, selten jedoch etwas ab- trotzen, abjagen, mit Gewalt entreißen, wie das sehr ge- sunden, kräftigen Naturen gelingt, die dann ihr Verfahren als Schutz- und Heilmittel für Alle ansehen und anpreisen, geringschätzig auf jeden herabblickend, der es nicht wie sie macht. Uebergänge aus langjährig gewohnter Lebensweise in eine neue, sei diese an sich noch so gut und zweckmäßig und jene noch so naturwidrig, pflegen, wenn sie schroff und plötzlich stattfinden, keineswegs immer, am seltensten im späteren Lebensalter, heilsam einzuwirken. Nicht selten ist es scheinbar der Fall: der Patient fühlt sich „wie neu- geboren“ und glaubt seine alte Reizbarkeit und seinen Trüb- sinn ein für allemal beseitigt, früher oder später erfolgt aber der Rückschlag in eine Depression, tiefer als zuvor: — ein IV. Schroffe Uebergänge — Aschermittwoch. Zeichen, daß der neue Zustand nicht Genesung war, sondern ein höherer Grad krankhafter Erregung, auf welche dann stets eine um so heftigere Reaction folgt. Wer eine Bade-, Trink-, Reise-, Luftcur vorhat, thut immer wohl, sich der durch dieselbe bedingten Lebensweise schon vorher schrittweise zu nähern. Gerade das Umgekehrte geschieht in der Regel. Der Patient ist überzeugt, daß die bisherigen Verstöße gegen eine vernünftige Diät — mit diesem Worte ist hier nicht blos Essen und Trinken gemeint — seine Gesundheit untergraben und seine Zukunft gefährdet hat, nichtsdestoweniger setzt er die Gewohnheit fort, steigert sie sogar, denn das Bad macht ja doch bald alles wieder gut, redet er sich ein. Ganz wie in alter Zeit Heiden, um ihre Seele zu retten, den Uebertritt zum Christenthume beschlossen, die Taufe aber verschoben, um den Becher der Lust erst noch gründlich zu leeren. Dieselbe Anschauung finden wir noch an anderen Stellen wieder. Oft hört man z. B. die Aeußerung: heute kann ich mir schon etwas bieten, denn er- kältet bin ich ohnehin dermaßen, daß es gar nicht ärger werden kann. — Alles sehr menschlich, wird entgegnet, jeder Abschied will gefeiert sein, der Abschied von alten Freunden wie von alten Gewohnheiten, mögen diese sich auch nicht als Freunde erwiesen haben. — Nun meinetwegen. Nur beklagt Euch nicht, Ihr Herren Abschiednehmer, wenn der Aschermittwoch Euch um so schwerer fällt, je toller Ihr die Ausgelassenheit am Faschingsdienstag getrieben; beklagt Euch nicht, wenn Jahre, Jahrzehnde strenger Buße nicht sühnen, was Ihr gerade dann noch sündigtet, als Ihr es schon mit Bewußtsein der Schuld thatet. Auch im geistigen Gebiete können Manche die schroffen Uebergänge nicht vertragen, z. B. aus langjähriger an- gestrengter, zerrüttender Thätigkeit in völlige Ruhe, vielmehr gerathen sie dadurch in Grillenfängerei oder auf sonstige 7* IV. Aschermittwoch. Abwege. Mögen sie nun vier Wochen oder sieben Monate zu ihren Erholungsferien haben, sie würden gewiß cur- gemäßer handeln, wenn sie die Uebergänge vor- und rück- wärts, wie die Maler sagen, etwas abtönten, u. A. ein Stück ihres alten oder eines ähnlichen Tagewerks mit herübernähmen in den Anfang des neuen Interims. Gifte in geringer Dosis sind oft gute Heilmittel. Die beiden vornehmsten aller Mittel, rebellische Ner- ven zur Botmäßigkeit zurückzuführen, Luftveränderung und Ruhe, werden wir im folgenden Abschnitte näher be- trachten. V. Luftcurorte und Mineralquellen — der neue Souverän — Bedürfniß und Ueber- fluß — Stiftungen — wohlfeile Unsterblichkeit — nicht gerechtfertigte Anlagen — Wege — Lichtungen — Schatten — Sitzen im Freien — Bänke — Wünsche und Beschwerden — Culturgeschichtliches — Sommerfrischen — Dorfgeschichten — häusliche Einrichtungen — unwillkommene Sinnesreize — Curvorstände — Ohrenschinder — musikalische Drangsale — Lenz und Frühsommer — bei knapper Zeit — böses Wetter — farbenblinde Augen — Meteorologisches — Hochsommer- glut — für und gegen große und kleine Bäder — naturalistische Luftcurversuche in der Wildniß — Ventilation — Kaffeehäuser — Bierstuben — Siedelungsversuche — sociale Stellung des Kranken — Kunst, mit Anstand und guter Laune krank zu sein — gesunder Menschenverstand — Tagesordnung — wie geht’s? — der junge Nachwuchs der Curorte — Laienbrief an die H. H. D. D. loci — Elementarunterricht — Geheimeräthe — Orden — Haupt- und Nebensachen — romantische Verführungen — Verstand und Erfahrung — Reisequecksilber — Spielart von Tourist und Curgast — Fahrsucht — natürliche Grenzen — gerecht und vollkommen — Geständnisse — Schmuggeleien — Reisecurgäste und ihre bösen touristischen Gelüste — Reisejagden — Scheu vor Wiederholungen und Rückwegen — Verweile! — Galerien — wiederholte Reisen — Jahreszeit — Curzeitvergeudung — drückende Nahrungssorgen — Balneologie und Klima- tologie — Laienwünsche — monographische Lücken — Durchschnittstemperatur — zur Diät der Seele — Geduld, Geduld, Geduld! — Pensionswesen — Winter- curorte — Kündigungsrecht — eine Pensionsmutter — mein Stubennachbar — Nordlicht — Satzungen — Zug nach dem Süden — Trost für Zurückbleibende — ewiger Frühling — deutscher und schweizer Unternehmungsgeist — sehr ent- täuscht — Hoffnungen und Wünsche — an junge Aerzte — Erfordernisse — Meeresküste — spazieren klettern — verlorenes Paradies — Oertliches — Tur- nen — ernste Ueberlegungen — Waffen gegen Langeweile — Geographie der Langenweile — Segen der Arbeit — Lectionen im Müßiggang — Zerstreuungen, Zeitvertreibe, Belustigungen — Rentierleben — Rentiers und Sinecuristen — Trösteinsamkeit — Zucht der Phantasie — am Abgrunde — Stundenplan — Schutz der Arbeit und Bürgschaften der Freiheit — Sonnenschirm für Cur- gäste — Metallklammern. Mehr und mehr befestigt sich in unserer Zeit die Ueber- zeugung, daß eine Menge Stoffe, welche einst für Heilmittel V. Der neue Souverän — Luftcurorte und Mineralquellen. galten, keine sind, und daß bei den althergebrachten Methoden die Apotheker besser als die Kranken gedeihen. So gewöhnt man sich, Genesung weniger in Büchsen, Kästen und Gläsern mit lateinischen Aufschriften zu suchen, als dort, wo alle jene Kräuter und Wurzeln wuchsen: in der freien Natur, in Feld und Flur, Gebirg und Wald. Die materia medica schrumpft zusammen, ihr größter Theil verflüchtigt sich, hat sich bereits aufgelöst in — Luft . Der enge Kreis der „souveränen“ Heilmittel hat sich diesem Parvenü von gestern öffnen, wie zu Anfang unsres Jahrhunderts Kaiser und Könige sich haben entschließen müssen, einen Emporkömmling als ihres Gleichen, ja als primus inter pares anzuerkennen und Familien- verbindungen mit ihm sich zur Ehre zu schätzen. An der Wiege des Neugeborenen standen die Allopathen, Homöopathen, Hydropathen, blickten scheel auf einander, konnten ihm aber ihren Segen nicht vorenthalten. Wer weiß, ob nicht ihre Eifersucht erregt worden wäre, wenn die Eltern dem Kinde einen gelehrten griechischen Namen gegeben hätten, z. B. A ë ropathie. Das thaten sie aber klüglich nicht, sondern gaben gar keinen Namen, ließen ihn vielmehr in der Luft schweben. So wuchs das Kind unvermerkt empor zum Mann und zum Eroberer. Rastlos wie der alte Napoleon , ist auch der Dynast neuesten Datums, gleichfalls Sohn der Revolution (in der Medicin), geschäftig, neue Throne für sich und die Seinigen aufzurichten: jedes Jahr treten neue Oertlichkeiten in die Reihe der Heilbäder, die ihre Legitimation nicht auf Mineral- quellen gründen, sondern lediglich oder doch vorzugsweise auf gute Luft (in der Schweiz allein zählt man schon jetzt beinahe 200 Luftcurorte ), nebenbei erwähnend, daß sie auch mit andern Curmitteln, wie den und den Mineralwässern, natür- lichen und künstlichen, Kaltwasser, Molken, Trauben, Erd- beeren, Kräutersäften, Inhalations-, pneumatischen, elektri- schen Apparaten, Sool-, Malz-, Kleien-, Mutterlaugen-, Loh-, Kalk-, Kiefernadel- und Moorbädern, römischen und russischen Dampfbädern, schwedischer und Schreber’scher Heil- V. Bedürfniß und Ueberfluß — Stiftungen. gymnastik, deutschen Turnanstalten ꝛc. aufwarten können. Ja, großmächtige Trink- und Badequellen, deren Ruhm zurückdatirt bis in altrömische Kaiserzeit, verschmähen es nicht, sich zugleich als Luftbäder zu empfehlen. Kurz, die Machtstellung des neuen Souveräns ist allseitig anerkannt, befestigt, seine Zukunft gesichert. Auch Goethe , so sehr er den Karlsbader Mineralquellen zugethan war, wußte, daß man sich im „Thau der Berge“ gesund baden könne, und Gustav Schwab räth: Geh’ in ein Bad, doch nicht um da zu baden, Zum Brunnen, doch das Glas nicht an den Mund, Viel lieber laß zum Firnewein Dich laden, Hinab zur Kühle dort im Felsengrund, Empor im Schweiß auf steilen Tannenpfaden, Lern’ wieder leben und du wirst gesund. Betrachten wir nun aber die Residenzen des neuen Sou- veräns, so zeigt sich, daß es da in vielen recht windig aus- sieht. Nur zu oft fehlt es gerade am Nothwendigen, während man allerhand Ueberflüssigkeiten auf Kosten der ersten Be- dürfnisse herbeizuschaffen wußte: ein Zeichen, daß es weniger an Geld und gutem Willen, als an Ueberlegung und Er- fahrung gebricht. Was hier unter Nothwendigem verstanden ist, wird weiterhin hinlänglich erhellen, kurz und bündig läßt es sich in abstracto nicht wohl sagen, weil für den einen Ort ein Bedürfniß sein kann, was für den andern entbehrlich ist, und eine Prüfung der einzelnen Curorte außerhalb der Auf- gabe dieses Büchleins liegt. Was nicht darunter zu rechnen, ist desto leichter gesagt. Es sind zunächst persönliche Artig- keiten und Liebedienereien, jene Unzahl von Dedications- tafeln, Gedenksäulen, Büsten, Medaillons, von denen unsre Badeorte strotzen und in deren Anlage Ortsvorstände und Fremde wetteifern. Auf öffentliche Kosten sollte derlei über- haupt nie angelegt werden, denn jeder dafür verausgabte Gulden wäre vortheilhafter für die Besucher und die ein- heimischen Armen auf Anlage neuer und Verbesserung alter V. Stiftungen — wohlfeile Unsterblichkeit. Wege und auf Ruhebänke verwandt — um nur gleich ein Stück vom Nothwendigsten zu nennen. Gästen, welche das Bedürfniß fühlen, ihrer Dankbarkeit für den heilbringenden Ort einen dauernden Ausdruck zu geben, soll ein bescheidenes Wort der Mahnung nicht vor- enthalten werden. In alter Zeit wurden im Drange dieses Gefühls Kirchen, Klöster, Capellen, Kreuze errichtet, je nach Rang und Mitteln des Stifters, meistens ein Zeugniß, daß die- ser dabei nicht blos an sein liebes Ich und dessen Verherrlichung dachte. Derselbe Sinn sucht in neuerer Zeit sich zu bethätigen durch Stiftung eines Krankenhauses oder ein Geldgeschenk für öffentliche Zwecke. Wünscht der Genesene etwas zu thun, das Besuchern aus allen Classen zu Gute kommt, so läßt er einen Waldweg bahnen, oder baut eine Zufluchtsstätte gegen Regen (weniger auf entlegenen, selten besuchten Gipfeln, sondern vor- züglich an Stellen, wo sie der Masse der Spaziergänger zugute kommt), oder nur eine Bank. Findet er jedoch für seine Ge- fühle und Gedanken keinen andern Ausdruck, als vergoldete Worte in Marmor oder Granit, die nur Vorwand scheinen, auch seine werthe Adresse bekannt zu geben, so stellt er sich damit auf eine geistige Rangstufe mit den Besitzern der Hände, welche in ihren Namen dermaßen verliebt sind, daß sie ihn gern in jede Rinde schnitten, in jeden Stein grüben und auf jedes Brett schrieben. ME SAXA LOQVVNTVR! Könn- ten jene Liebhaber wohlfeiler Unsterblichkeit nur einige der Bemerkungen hören, die ihre steinerne Selbstgefälligkeit her- vorruft, so würden sie gewiß für ihre Lyrik die mindere Oeffentlichkeit des Druckpapiers vorgezogen haben. Man denke sich nur in die Stimmung von Leuten, denen es obliegt, ein Dutzend täglich wiederkehrender Mußestunden auszufüllen! Schlägt das Heilverfahren gut an, so ist der Gast lustig, ausgelassen, rücksichtslos; will’s mit ihm nicht recht vorwärts, so sucht er sich lustig zu machen über Alles, was ihm in den Weg kommt, und ist noch rücksichtsloser. Seine gute wie seine üble Laune läßt er besonders gern aus an Monumenten der V. Nicht gerechtfertigte Anlagen — Wege. Liebe und Freundschaft, deren Benennungen ihren Ursprung nicht verheimlichen, oft schriftlich, was die zahlreichen Epi- gramme bezeugen auf Tischen, Bänken und Wänden der A- bis Z-Sitze, -Blicke, -Einsamkeiten, -Glorietten, -Himmel- reichs, -Belvederen, -Ruhen, -Lieblingsplätzchen, -Idyllen ꝛc., Glossen, welche fort und fort ausgekratzt oder übertüncht wer- den, aber immer wiedererstehen, wie die Pilze im Tannicht daneben. Stiftungslustigen ist deshalb zu rathen, ihre Frei- gebigkeit minder in Worten als in Werken zu bethätigen. Ebensowenig zu den gerechtfertigten Anlagen, wenn nicht Mittel im Ueberfluß vorhanden und für alles Nothwendige, Nützliche und Naheliegende gesorgt ist, gehören glänzende Ausstattung der Gesellschaftsräume, Fresken, Statuen, Büsten und Wasserkünste, theure exotische Pflanzen, Garten- novitäten und Raritäten. Die Lieblingsblume gewisser Vor- stände und ihre Wahlverwandte ist die prunkende, steife Geor- gine, von deren neuesten etikettirten Schattirungen alle Beete strotzen, während die dankbare, bescheidene, anspruchslose Reseda, desgleichen Levkoie, Aurikel, Geisblatt und viele andre liebe Jugendfreunde bäurisch und altfränkisch gefunden werden und verbannt sind. Selbst die herrliche blaßrothe Centifolie ist schon nahezu verdrängt von hochrothen Gärtner- neuheiten mit französischen Generals- und Banquiersnamen, deren Ruhm und Ansehn längst verblichen. Bei Anlagen der Wege wird ferner zu selten unter- schieden zwischen Haupt- und Nebensachen. Wo reiche Hilfs- quellen zu Gebote stehen, mag man sogenannte Promenaden- wege auf alle benachbarten Bergspitzen führen, die erste Sorge soll aber stets sein, wenigstens Einen Pfad zu bauen, der in möglichst ebener Linie und im Walde eine tüchtige Strecke weit fortläuft und nahe am Orte beginnt, denn schwächere Kräfte müssen sonst auf die Labung eines Waldspaziergangs ganz verzichten. Rüstige Wanderfüße pflegen auch durch rauhe Pfade sich nicht abhalten zu lassen, Berge mit Fern- sichten zu erklimmen. Mehre deutsche Badeorte ersten Ranges V. Wege — Waldreviere, Lichtungen, Schatten. wären zu nennen, in denen die benachbarten Berge wimmeln von Wegen, die eigens für Curgäste angelegt wurden, kein einziger aber auch nur fünf Minuten weit auf gleicher Höhe gehalten ist, sondern alle, als ob eine Ziege sie vorgezeichnet hätte, muthwillig bergauf und ab laufen. Endlich sollte die leidliche Instandhaltung der alten Promenadenwege der An- lage neuer immer vorgehen. Eine gute Pflege duldet darauf nicht Mineraliensammlungen mit Stücken verschiedensten Calibers bis zur Größe der Hühnereier, ebensowenig dicke Schichten Kies, in denen der Fuß einsinkt wie der des Storchs auf dem Moor, schont ferner nicht Zeugnisse neptunischer Ein- wirkungen, wie blosgelegte Felsriffe, Baumwurzeln und schluchtartige Aushöhlungen. Daß das Nothwendige ohne großen Aufwand zu erreichen ist, beweisen einige wenig ge- nannte Oertchen, wo aber Männer im Vorstand sind, die Zeit, Lust und Fähigkeit haben, sich der öffentlichen Angelegen- heiten anzunehmen und die verfügbaren mäßigen Mittel nicht für Allotrien vertändeln. Ausgedehnte Waldreviere sind bekanntlich in Deutschland wie im ganzen südlichen und westlichen Europa schon an sich nicht häufig und innerhalb derselben der zum medicinischen Gebrauch günstig gelegenen und einigermaßen eingerichteten Orte ungemein wenige. Um so mehr ist es zu bedauern, daß in diesen fast durchweg bei Lichtungen lediglich der forstliche Gesichtspunkt in Anwendung kommt, und so wenig Rücksicht genommen wird auf die Bedürfnisse des Curorts als solchen. So gut eine Anzahl römischer Maler den Fürsten Chigi in Ariccia zu bestimmen wußte, seine herrlichen Park- bäume, die bereits zum Beil verurtheilt waren, zu schonen, so gut, sollte man meinen, könnte auch manchem Promenaden- wege der Schatten gerettet werden, wenn Vorstände, Aerzte, Hausbesitzer und Besucher in geeigneten Fällen zu einer Petition bei der betreffenden Behörde zusammenträten. Die finanzielle Einbuße kann nur sehr unerheblich sein, denn es handelt sich blos darum, bei Holzschlägen diejenige schmale V. Sitzen im Freien — Bänke — Wünsche und Beschwerden. Reihe alter Bäume, welche den Weg in den heißesten Stunden beschattet, so lange stehen zu lassen, bis der Nachwuchs sie vertritt. Forstmänner wissen vielleicht noch in anderer Weise Rath zu schaffen. Zu Wegweisern genügen Brettchen, an einen Baum genagelt oder, wo ein Felsblock vorhanden, eingemeißelt. Je mehr die leitende Behörde solcher Inschriften auf Brettern und Steinen anbringen läßt, je mehr „Steine im Brett“ wird sie bei ihren Gästen haben, je wärmer werden diese daheim ihre Sorgfalt rühmen und je zahlreicheren Besuch nach- ziehen. Für die Genesung ebenso wichtig als Körperbewegung ist die Ruhe, der sitzende Aufenthalt im Freien , darum kann in der Zahl der Bänke des Guten nie zu viel gethan werden. Eichenholz und Gußeisen ist nicht erforderlich, nur Lehnen müssen sie haben und auf Wiesen- und Waldwege so vertheilt sein, daß sie einige Auswahl bieten, je nach der Beschaffenheit des Wetters, schattig, sonnig, windgeschützt oder frei liegend. Hier und da geht die Fürsorge für Ankommende so weit, daß ein Verzeichniß bereit liegt, aus dem sie ohne viel Laufen und Fragen sehen können, welche Wohnungen zur Verfügung stehen, eine Aufmerksamkeit, die dem ersten Eindruck mehr zu statten kommt, als ein Musikständchen. Zuweilen sind Bücher vorhanden für Beschwerden und Wünsche, anderswo werden sie durch Anschläge am schwarzen Brett des Curhauses kund- gethan, oder durch Rundschreiben mit gesammelten Unter- schriften. Viel Gebrauch wird von alledem nicht gemacht, weil man sich scheut, mit seiner Person dafür einzutreten. Ein eifriger Vorstand, von der Ahnung geleitet, daß unter den anwesenden Fremden noch „so manches Sehnen, das nicht laut sein will“ vorhanden sein möge, und mit dem Wunsche, dieses herauszulocken, ist einmal auf die Idee verfallen, einen Brief- und Zettelkasten für derlei anzulegen, eine Einrichtung, die beiläufig registrirt sein mag. V. Culturgeschichtliches — Sommerfrischen. Die vorangegangenen Betrachtungen hatten mehr Plätze im Auge, die schon seit geraumer Zeit alle Sommer eine größere Anzahl Heilungsuchender beherbergen, deren Wünsche zu erforschen und zu befriedigen einer Behörde oder einem Vereine obliegt. An diese größeren, bekannteren reihen sich alljährlich neue in den verschiedensten Stadien der Entwicke- lung. Kein Wunder! — Der Drang, Athem zu schöpfen, wird mächtiger und allgemeiner, die Städte werden größer, volkreicher, ihre Häuser sind in Großstädten schon zu vier- stöckigen Miethscasernen emporgewachsen, die wenigen von der Axt verschonten Bäume innerhalb der Stadt kränkeln und ster- ben an Blutvergiftung und Markvertrocknung; Staub, Schorn- steinrauch, Ammoniak, Kohlensäure, Schwefel- und Phosphor- wasserstoff, Leuchtgas, Petroldünste und andre tückische Gase erfüllen Alles rings umher und — die Eisenbahnhöfe an Sommersonntagen erzählen davon — expediren oder vielmehr explodiren die halberstickten Menschen hinaus auf’s Land. Zum abnehmenden Wohlbefinden kommen zunehmender Wohl- stand, Raschheit und Billigkeit des Transports und steigern den centrifugalen Drang. So entstehen immer neue „ Som- merfrischen “. Der hübsche Name ist Erfindung eines Landes, das sich sonst nicht durch Erfindungsgeist aus- zeichnet, Tirols . Die Entstehungsgeschichte einer solchen Sommerfrische ist etwa die folgende. Zuerst entdeckt ein Maler, welche Fülle von landschaftlichen Reizen ein entlegenes Thal birgt, hört in der Schenke des nächsten Dörfleins, daß daselbst vor ihm schon ein angelnder Engländer verweilt hat, und wird dessen Zimmernachfolger. Dieser erste Pionier der Cultur hat am Fensterkreuz einen Nagel für seinen Rasierspiegel eingeschlagen, sonst ist Alles noch auf der Stufe, die unmittelbar nach der Pfahlbautenperiode eingetreten sein mag und sich seitdem, eine Fundgrube für Alterthumsforscher, unversehrt erhalten hat. Auch die Bewohner sind völlig „frei von Bildung“, ein körperlich und geistig unbeholfenes, aber gutmüthiges, V. Culturgeschichtliches — Sommerfrischen. sorgloses Völkchen, von rührender Anspruchslosigkeit in Geld- sachen, sehr unähnlich jenen Händlern und Jodlern, die in der ganzen Welt umherziehen, sie duzen, ihre Brüderlichkeit und Gemüthlichkeit aber hierbei bewenden lassen. Die An- wesenheit des Malers geht nicht vorüber ohne verfeinernde Einflüsse. Von ihm lernt die Wirthin, deren Bildniß er mit Kohle auf die Wand gezeichnet hat, daß eine wollene Pferdedecke in einen Leinenüberzug genäht, dem Bette zum Vortheil gereicht, daß der Strohsack darunter nicht so gebirgig sein muß, wie das Land umher, und mehr dergleichen Einzel- heiten des höheren Raffinements. Der heimgekehrte Maler erzählt in seiner Stammkneipe von den Reizen und der Wohl- feilheit des Lebens in Sanct X, einer seiner literarischen Freunde sucht den Ort auf und schildert ihn in einer Zeitung, darauf hin finden sich neue Besucher ein, welche andere in den folgenden Jahren nachziehen. Mittlerweile züngelt die Cultur weiter und weiter, binnen fünf Jahren sind zwei lebensgefährliche Treppenstufen ausgebessert, auch die Wirths- leute haben gelernt, lesen und schreiben zwar noch nicht, wohl aber rechnen. Jener Nagel des Engländers war der erste zum Sarge ihrer Herzenseinfalt. Schon kommt es vor, daß sie gleich zum ersten Male einen nicht in ihrer Mundart ausgedrückten Satz verstehen. Schwieriger ist die Ver- ständigung freilich, wenn es sich um große Unternehmungen handelt, wie z. B. Errichtung einer Laube im Obstgarten, oder um Beseitigung eines Balkens, an welchem sich seit Menschengedenken alle Erwachsenen, die im Hause über- nachteten, bei ihrem ersten Ausgang am nächsten Morgen die Stirn blutig gestoßen haben. In der That scheint der Gedanke in jenem rauhen, steilen Hochgebirg eben so mühevoll und langsam als der Wanderfuß fortzuschreiten. Michelet nennt die Gebirge die Klöster des Geistes. Trotzdem dürfen wir Touristen nicht müde werden, Saatkörner der Erkenntniß auszustreuen, einzelne werden schon aufgehen. Die Langsamkeit, mit der dies zu geschehen V. Dorfgeschichten — häusliche Einrichtungen. pflegt, sei uns ein Sporn, um so zeitiger damit zu beginnen. Viel gewonnen wäre schon, wenn die Leute nur erst einmal einsähen, daß sie manchen unsrer Wünsche weit leichter ent- gegenkommen könnten, als sie meinen; daß uns Vieles gleich- giltig oder lästig ist, worauf sie Werth legen und umgekehrt. Ein bemittelter Landmann z. B. besitzt ein geräumiges Haus mit viel mehr Zimmern, als er nebst Familie braucht. Die nach seiner Meinung besten, nämlich die nach der geräusch- vollen, staubigen Straße liegenden, richtet er für Fremde ein, er, seine Familie und das Gesinde begnügt sich mit den andern, auf Garten, Wiesen, Felder schauenden Zimmern, die zwar etwas kleiner sind, dem Miether aber wegen ihrer Ruhe und Freundlichkeit viel lieber und ersprießlicher ge- wesen wären. Oder ein ländlicher Wirth, bei dem schon seit Jahrzehnden viele Sommergäste hausen, hat einen großen Obstgarten, baut darin für diese einen Pavillon (oberbairisch: Salettel), sucht für ihn aber nicht etwa ein ruhiges, grünes, „heimeliges“ Plätzchen aus, woran kein Mangel ist, sondern stellt ihn hart an die Landstraße, damit durch vorübergetriebe- nes Vieh, Wagen und tobende Dorfjugend für „Unter- haltung“ gesorgt sei. Legt er noch eine Laube an, so muß sie dicht an der „luschtigen“ Kegelbahn stehen, oder an einem Gänsestall. Noch Dutzende von Beispielen der Art ließen sich anführen, die alle beweisen, daß die Ursache der Miß- stände nicht in Armuth, Geiz oder bösem Willen zu suchen ist. Den abgehärteten Organen des Landmanns bereitet einen angenehmen Kitzel, was denen eines kränklichen Großstädters eine ausgesuchte Marter ist, wie Schüsse, Peitschenknall, Kindergeschrei, Geknarr von Thürangeln, Schmettern von Kegelkugeln, überlauter Meinungsaustausch, Gesang und Heiterkeit einer Dorfschenke, Gebrüll, Gebell, Geheul, Ge- grunz, Geschnatter großer und kleiner Thiere, alles das be- lästigt ihn so wenig, als einen Schlosser sein Hämmern, unterhält ihn im Gegentheil, während Stille ihn langweilt. Seine Nerven scheinen an Stärke und Widerstandskraft mit V. Unwillkommene Sinnesreize — Curvorstände. unterseeischen Kabeln zu wetteifern. Beiläufig bemerkt: die Majorität der Menschen kann zur Zeit noch nicht, wie be- hauptet wird, nervenschwach sein, denn sonst wäre es uner- klärlich, daß sie sich von der starknervigen Minderheit der- maßen mißhandeln läßt. Aehnlich ist’s im Gebiet des Geruchsinns . Wie sich für Ludwig XI. Gefühl der Sicherheit, Rettung aus Gefahr und befriedigter Rache an Verräthern in dem Geruche sym- bolisirten, welchen Leichname verbreiteten, die an den Bäumen seines Schloßparks aufgeknüpft hingen, so ist für den Bauer der Düngerduft, in dem sich ihm die Frucht- barkeit seiner Felder versinnlicht, ein stets willkommener Gefährte. Oft sieht man deshalb auf Bauerhöfen das Wohnzimmer der Familie unmittelbar an dem Platze ange- bracht, der für den Abgang der Ställe bestimmt ist, wo außerdem im Sommer Heere von Fliegen ihr Hauptquartier haben und durch Patrouillen unablässig die inneren Räume beunruhigen. Wenn es nun aber auch von Bauern nicht zu verlangen ist, so sollte man doch wenigstens von Curvorständen erwarten, daß sie wüßten, wie werthvoll, wie nothwendig Genesungsuchenden Ruhe ist, und demgemäß Veranstal- tungen träfen. Aber ebensowenig als Bauern und noch weniger als H ô teliers (vgl. VI. ) denken viele Vorstände daran. Wie würde sonst z. B. geduldet werden, daß am Eingang des Hauptspaziergangs eine Bude für Schießübungen steht, mit obligatem Getrommel und Kanonenschlägen? Hier und da besteht ein polizeiliches Verbot des Peitschenknallens innerhalb der Orte, aber nur auf dem Papiere, gehandhabt wird es nirgend. Ist unter den Sprechern in Landtagen und Gemeinden Keiner, der sich dieser Mis è re einmal an- nehmen möchte? Viehtreiber, Fuhrleute, Kutscher, sobald sie anderen Leuten begegnen, scheinen einige weithin dröhnende Salutschüsse auf der Peitsche für ihre Höflichkeitspflicht anzu- sehen, müßige Straßenbuben suchen sich am liebsten belebte V. Ohrenschinder. Plätze und Promenaden für ihre Knallübungen aus, und kein Arm der Behörde stört sie. Nächst diesen erbarmungslosesten aller Ohrenschinder gibt es aber noch eine Legion bös- artiger anderer. Man braucht in der That nicht Schopen- hauer’s Weltansicht zu theilen, um ihm doch aufrichtig beizu- stimmen in dem, was er über die „Verschwörung der Hand- arbeit gegen die Kopfarbeit“ sagt „Dieser plötzliche, scharfe, hirnzerschneidende und gedankenmörderische Knall muß von Jedem, der nur irgend etwas einem Gedanken Aehnliches im Kopfe herumträgt, schmerzlich empfunden werden .... Hiezu nun aber nehme man, daß das vermaledeite Peitschenknallen nicht nur unnöthig, sondern sogar unnütz ist; die beabsichtigte Wirkung auf die Pferde ist durch die Gewohnheit, welche der unablässige Mißbrauch der Sache herbeigeführt hat, ganz abgestumpft und bleibt aus: sie be- schleunigen ihren Schritt nicht danach, die leiseste Berührung mit der Peitsche wirkt mehr … Durch polizeiliche Verordnung eines Knotens am Ende jeder Schnur wäre die Barbarei beseitigt … Daß nun aber ein Kerl, der, mit ledigen Postpferden oder auf einem Karrengaul die engen Straßen einer Stadt durchreitend, mit einer klafter- langen Peitsche aus Leibeskräften unaufhörlich klatscht, nicht verdiene, sogleich abzusitzen, um fünf aufrichtig gemeinte Stockprügel zu empfangen, das werden mir alle Philanthropen der Welt nicht einreden.“ . Wo fange ich an und wo höre ich auf, um alle Arten von Attentaten aufzuzählen, die empfindliche Ohren und Nerven in Stadt und Land zu erdulden haben! Soll ich eine Eintheilung versuchen in tägliche und nächtliche Ruhestörer, in berufsmäßige, gedankenlose, muth- und böswillige? — Manche Behörden widmen der Sache eine dankenswerthe Fürsorge, so z. B. erinnere ich mich, daß in W. durch öffent- lichen Aufruf die Dienstboten ermahnt wurden, sich alles unnöthigen Lärmens zu enthalten und Abends nach neun Uhr hübsch zu Hause zu bleiben. Ein Gegenstück dazu bildet die Polizei in B. , welche nicht Auge noch Ohr hat für Straßenunfug von Bauerburschen, Kindern und Hunden, nur streng darauf hält, daß jeder Droschkenkutscher beim Fahren weiße Handschuhe angezogen hat, ihre ganze Thätigkeit scheint sich darin zu erschöpfen. Kleinere Curorte würden auch ihr eigenes Interesse för- V. Musikalische Drangsale — Lenz und Frühsommer. dern, wenn sie, von dem leidigen Vorurtheil ablassend, daß selbst die schlechteste Musik immer noch besser sei, als keine, vorläufig ganz auf Orchester verzichteten und die ersparte Summe nützlich anwendeten. Ein einziger Gast, der den Ort befriedigt verläßt, ist eine wirksamere Reclame für ihn, als alle Instrumentaleffecte der Musikbanden (und der Zei- tungsanzeigen). Jene Vorstände bedenken nicht, daß unter den Ankömmlingen Viele sind, die verwöhnte, empfindliche Ohren mitbringen, musikalische Genüsse und Drangsale den ganzen Winter hindurch zur Genüge gehabt haben, einschließ- lich der beiden Klaviere im oberen und unteren Stockwerk ihres Hauses, auf denen Kinder und Erwachsene ihre Finger und die Geduld der übrigen Hausbewohner Tag für Tag bis zur Erschöpfung übten; sie bedenken nicht, daß sie an der Wohlfahrt ihres Landes einen Frevel begehen, wenn sie hart- schaffende Leute, Hände, die für nützliche und ehrenwerthe Arbeiten am Ambos, in der Scheune und am Pfluge geboren und erzogen sind, diesen entfremden und sie verleiten, mehre Tagesstunden durch Posaunen, Trompeten, Hörner und Kla- rinetten schnöde in den Wind zu blasen, was überdies nur zu oft auf ihr ferneres Leben den Einfluß hat, wie wenn junge Mädchen sich einer Seiltänzerbande anschließen oder Kellne- rinnen in einer Branntweinschenke werden — ganz zu ge- schweigen des Klangs der Instrumente und der Wahl der Tonstücke! — Auch bessere Gartenorchester sollten stets so angebracht sein, daß Jeder ihre unmittelbarste Nähe meiden kann. In Bädern, die schon auf einer höheren Entwickelungs- stufe stehen und im Hochsommer überfüllt sind, wissen die Inserate der Vorstände in der beredtesten Weise die Reize ihres Lenzes und Frühsommers zu schildern und zu ihrem Genuß die erholungsbedürftige Menschheit einzuladen. Leider vergessen sie aber — wie es zerstreuten Ehemännern begegnet, die, ohne ihre Frauen vorher zu benachrichtigen, zu deren Schrecken und Betrübniß plötzlich Freunde mit zu Tisch 8 V. Lenz und Frühsommer — Frühkommen. bringen — die Einwohnerschaft ihres Orts davon in Kennt- niß und dafür in Trab zu setzen. So erscheint denn nun der eine oder andere vertrauensvolle Fremdling. Er erwägt: regnerische Tage habe ich allerdings mehr zu erwarten, als später, dafür aber „beut die Flur das frische Grün“ weit schöner, als das ganze übrige Jahr hindurch, drückende Hitze ist nicht zu befürchten, die besten Wohnungen sind noch zu haben, Alles ist billiger, als später, ich finde eine an Zahl geringe, doch um so traulichere Gesellschaft und meine Frau kann einige Kleider weniger mitnehmen. Er reist hin, hat indessen die größte Mühe, nur zwei fertig eingerichtete Zimmer zu finden. Zu rüsten haben die Leute theils noch gar nicht, theils eben erst begonnen, da wird gepflastert, gehämmert, getüncht, tapeziert, Alles duftet nach Lack, Firniß, Kleister, bessere Mittagstische gibts noch nicht, gesellige Ansprache auch nicht, die Einheimischen starren den Ankömmling verdutzt an, die größeren öffentlichen Locale haben sich gegen ihn in Ver- theidigungszustand gesetzt, Barricaden von hoch übereinander gethürmten Tischen und Stühlen und eine Eiskelleratmosphäre empfangen ihn, wenn er die Thür eines Gartensaals öffnet, kurz Alles ruft ihm zu: Unglücklicher, was willst du denn nur jetzt schon? Nichtsdestoweniger hat das Frühkommen erhebliche Vortheile, und Allen, die in der Zeit unbeschränkt sind und lange bleiben wollen, ist zu rathen, etwas vor der Saison einzutreffen und die kleinen Lasten der ersten Zeit zu tragen, denn der deutsche Lenz und Frühsommer sind in guter Laune liebenswürdiger und wohlthätiger, als Juli und August, und der Vortheil einer passenden Wohnung für die ganze Dauer des Aufenthalts fällt in die Wagschale. Allgemach fängt man schon an, das einzusehen, und es wird hoffentlich nicht mehr lange dauern, bis, zum Vortheile Aller, die naturdurstige Menschheit, anstatt fünf Hochsommerwochen sich gegenseitig eine erdrückende Concurrenz zu machen, auch von der ver- wendbaren Zeit vorher und nachher Besitz ergreift. V. Bei knapper Zeit — böses Wetter. Je knapper die aufzuwendende Zeit ist, je vorsichtiger wähle man den Aufenthalt und suche ohne Nothwendigkeit nicht Oertlichkeiten auf, die allzusehr von Gunst und Ungunst des Wetters abhängig sind. In einzelnen Krankheitsfällen mag eine bestimmte Quelle „angezeigt“ und diese durch keine andere zu ersetzen sein, dem Hilfesuchenden bleibt dann, wenn der Ruf dem Orte sehr viel böses Wetter zuschreibt, nur übrig, sich mit Lectüre, warmen Kleidern, Ueberschuhen und wasserdichter Geduld auszurüsten. Auch die so und soviel Tausend Fuß hohe Berglage mag zuweilen von entscheidender Wichtigkeit sein, gemeiniglich handelt es sich jedoch in erster Linie gar nicht um solche Specialitäten, und für die Wahl ist ein weiter Spielraum geboten. Warum also z. B. muß es gerade ein über 5000 Fuß hohes Gelände sein, wohin ein Leidender geschickt wird, der blos drei Wochen verwenden kann und eingestandenermaßen nur Bergluft braucht, warum muß es ein Hochland sein, wo die heiligen Pancratius und Servatius auch in den Hundstagen ihre Feste feiern, wo es schneit, wenn es anderswo regnet? Warum muß ein Anderer, der gleichfalls nur eine kurze Spanne Zeit hat, just nach einer Insel geschickt werden, von der die Ueberfahrt nach dem Badestrand häufig durch hohle See gehindert ist? — Zu dem unmittelbaren Verlust, der aus der geschmälerten Materia medica erwächst, ist dann immer noch der indirecte Schaden, der aus Kummer über die verlorenen Tage und übler Laune entsteht, hinzuzurechnen oder vielmehr damit zu multipliciren. Der Mann von Methode erkiest also bei beschränkter Zeit nicht Villeggiaturen, die ein Monopol haben auf rauhe Winde, Nebel und atmosphärische Niederschläge in flüssiger und fester Gestalt, Orte, in denen der April im Juni beginnt und der November im August Gastrollen gibt, sondern be- gnügt sich mit solchen, denen Fama einen mittleren Durch- schnitt von Regen und Sonne zugesteht, macht trotzdem von Haus aus seine Rechnung auf fünfzehn Procent Ausfall durch übles Wetter, gelangt, wenn er Glück hat, zu einer Ueber- 8* V. Farbenblinde Augen — Meteorologisches. bilanz, kann auf Reserveconto gutschreiben und kehrt vergnügt zurück. Auf vereinzelte Stimmen ist dabei übrigens nichts zu geben, denn an fast allen schön gelegenen Punkten Deutsch- lands und der Alpen kann man Versicherungen hören, „so viel als da regne es sonst nirgend“. Diese gehen von un- geduldigen Besuchern aus, welche vor der Abreise versäumt haben, ihre Seele von unbilligen Ansprüchen und Schwärme- reien gründlich zu purgiren, während ihrer Ferien ein Recht auf ununterbrochen schönes Wetter zu haben meinen, und, wenn dann einige Regentage kommen, großes Geschrei erheben und mit dem Orte und seinen Schutzgeistern schmollen. Sie haben sich ein Phantasiebild von Normalwetter gemacht und sind entrüstet, wenn die Wirklichkeit dem nicht entspricht, wie es auch Menschen gibt, von denen jeder schwörte, daß er „der größte Pechvogel“ sei, „so ’was kann nur mir passiren“ ꝛc. Ihr geistiges Auge ist farbenblind, es sieht nur die dunklen Farben. — Die Meteorologie, eine der jüngsten naturwissen- schaftlichen Disciplinen, welche an Aufmerksamkeit und Fleiß seit einigen Jahren ihren älteren Schwestern gleichkommt, wird wohl nun bald hierüber soviel festgestellt haben, als ein Badegast für seine Zwecke braucht. — Im Hochgebirge noch häufiger als anderswo kommt es vor, daß ein Regenwetter in einem Thale sich festsetzt und zwei, drei Wochen lang nicht weichen will. Die Einheimischen sehen dies aus gewissen Zeichen oft schon in den ersten Tagen vorher und Einige von ihnen, die am Fremdenbesuch ihres Thales nicht unmittelbar betheiligt sind, machen kein Hehl daraus. In solchen Fällen halte ich mich für berechtigt, auf gut Glück abzureisen in eine andere Gegend. Treffe ich’s dort abermals schlecht, so tröste ich mich durch die Annahme, daß es ein Charakterfehler dieses Sommers sei, und bestärke mich darin durch Lesung der Wetterberichte in den Zeitungen. Wer der Hitze des Hochsommers ausweichen will, sucht den Seestrand auf oder ein hochliegendes Gelände. Am offenen Meere ( Nordsee ) muß er aber dann meist auf Wald V. Hochsommerglut — für und gegen große und kleine Bäder. verzichten, droben in der Höhe dagegen sich auf viel rauhes Wetter gefaßt machen und darf Gehölz höchstens in der Vogelschau erwarten. Wählt er ein niedrig gelegenes Wald- revier, sei es das ausgedehnteste, so hat er, wenn der Sommer heiß ausfällt, darunter zu leiden, trotz allem Schatten, im entgegengesetzten Falle von langen Regenperioden und Kälte. Beide Extreme, dauernde Glut oder anhaltender Regen, kommen am Seestrande fast nie vor, und gerade beim böse- sten Wetter ist das Meer am glorreichsten und der Wellen- schlag am kräftigsten; dort ist man aber wieder vor plötzlichen Ueberraschungen keine Stunde sicher und muß öde Sanddünen oder kahle Felsen in den Kauf nehmen. Vollkommenes gibt’s eben nicht unter der Sonne. Wer die Wahl unter vielen Punkten hat, mag ferner vor seiner Entscheidung Folgendes erwägen. In Bädern ersten Ranges ist für Bedürfnisse, Bequemlichkeit, Luxus, Zer- streuung am reichlichsten gesorgt, die besten Wohnungen, die meiste Aussicht, unter den vielen Gästen Bekannte zu treffen; der gesellige Ton ist aber der nordisch großstädtische, d. h. wenn nicht besondere Umstände vermittelnd eintreten, bleibt man einander fremd, die zufälligen Berührungen sind flüch- tigster Natur. Ganz kleine Sommerstationen mit sehr wohl- feilen Preisen sind hingegen in der Regel nur von der nächsten Nachbarschaft besucht und gestatten keine Auswahl der ge- selligen Elemente, ebensowenig, wenn man sich nicht ganz einsam halten will, Vermeidung der unliebsamsten. Der Einzelne, der Werth auf Ansprache legt, hat deshalb immer noch die meiste Anwartschaft darauf, wenn er ein Bad mitt- lerer Größe (und zwar vor Eintritt der hohen Saison) auf- sucht, er kann sich dann der Gruppe oder den Einzelnen anschließen, denen er sich wahlverwandt fühlt. In Bade- orten, in denen ein Arzt, der zugleich Unternehmer ist, den Mittelpunkt der Gesellschaft bildet, z. B. Kaltwasseranstalten, kommt auf dessen Persönlichkeit viel an. Hat er den Takt und die Muße, in der richtigen Weise und mit leiser Hand V. Naturalistische Luftcurversuche in der Wildniß — Ventilation. einzugreifen, so gestaltet sich da zuweilen die heiterste Ge- selligkeit, wenn überhaupt unter den Anwesenden Stoff dafür vorhanden ist; häufig scheitert die Sache an seinem Eifer, alle, auch die widerstrebenden Elemente „unter einen Hut“ zu bringen. Empfindliche, besonders Nervöse, mögen sie auch nur des Luftbades bedürfen und von sonstigen Heilmitteln aus dem Mineral-, Pflanzen- und Thierreich keinen Gebrauch machen wollen, gehen stets sicherer, wenn sie einen Curort wählen, der schon einigermaßen in Aufnahme ist, und sich nicht auf Entdeckungsreisen in der Wildniß einlassen. Als Beispiel, in welch’ bittere Täuschungen Unerfahrene fallen können, mag derselbe alte Herr dienen, dessen Bekanntschaft wir im Eisenbahnwagen machten. Die Geschichte seines ersten Ver- suchs, die er mir selbst erzählte, im Vertrauen, daß ich weiteren Gebrauch davon machen würde, bildet das Seiten- stück zu der im vorigen Capitel mitgetheilten. Auch er war norddeutscher Schulmann, Oberlehrer an einem Gymnasium und in ähnlicher Weise, in ähnlichem Grade und aus ähnlichen Gründen leidend. Hören wir ihn selbst. — In die berüchtigte Stickluft deutscher Schulstuben Bei neuen Schulgebäuden fängt man hier und da endlich an, für Ventilation zu sorgen, und da ist es allerdings am dringendsten nöthig. Hoffen wir, daß das in diesen Anstalten erzogene Geschlecht lernt, wie wichtig frische Luft zur Erhaltung der Gesundheit ist, und dereinst danach baut und ein- richtet. Es wird dann wenigstens unsren Nachkommen nicht an Gerichts-, Concert-, Hörsälen, Theatern, Fabriken, Buchdruckereien fehlen, in denen kein Orchideenhaus- klima herrscht, selbst Kaffeehäuser werden erstehen, in welchen Nachmittags, und Bierstuben, in denen Abends sich athmen läßt. Nicht blos um die Hitze handelt es sich, nicht blos um den Tabaksqualm, sondern auch um die Nothwendigkeit der Erneuerung einer Luft, in welcher so und so viele Lungen und Gasflammen stoffwechseln! — — , die ich als Kind und Knabe geathmet hatte, bannte mich mein Beruf leider auch als Mann den größten Theil des Tages, dessen Rest ich zu Hause am Schreibtisch verbrachte, in Tabakswolken eingehüllt. Bewegung machte ich mir ge- V. Siedelungsversuche. wissenhaft eine Stunde täglich gleich nach Tisch, anderthalb Abendstunden wurden der Unterhaltung mit Freunden bei bairischem Biere gewidmet, natürlich auch im dicksten Tabaks- rauch Im londoner Punch erschien ein Bild, welches eine deutsche Mutter mit einem Säugling auf dem Schooße zeigt, dem sie statt der Brust die Tabakspfeife in den Mund steckt. Der Spott trifft in der That eine schwache Stelle des deutschen Körpers, denn schwerlich wird irgendwo in einem der fünf Welttheile so viel gepafft, auch von Kindern, als in Deutschland . Das Zollparlament sollte eine hohe Steuer auf Tabak legen, vielleicht trüge das bei, dieses Nationallaster, das viele Dampfen, etwas zu dämpfen. eines kleinen niedrigen Zimmers, an dessen Athem- luft außer einem Dutzend Menschen eine Anzahl Gasflammen und ein eiserner Steinkohlenofen zehrten. Jetzt wo ich die Wirkung dieser Dinge kenne, begreife ich nicht, daß meine Natur so lange Stand hielt. Als es höchste Zeit oder vielmehr als sie schon vorüber und ich in einem Zustande war, der eine gründliche Heilung unmöglich macht, sagte endlich mein Arzt: herumdoctern an Ihnen will ich nun nicht länger, denn es hilft nichts. Ich wußte aber, wie schwer Sie sich entschließen würden, Ihre Arbeiten, Familie, Freunde, Ge- wohnheiten zu verlassen, sonst hätte ich schon früher darauf gedrungen. Für Sie gibt es nur ein Recept und das ist geistige Ruhe, mäßige, geregelte körperliche Bewegung und Aufenthalt in Berg- und Waldluft mehre Monate hindurch. Suchen Sie sich in den Alpen oder einem deutschen Mittel- gebirge ein Eckchen, das Ihnen gefällt, und schlagen Sie dort Ihr Zelt auf. Der letzte Theil des Rathes söhnte mich mit dem Uebrigen aus. Ich hasse nämlich elegante Modebäder, die nur ein Stück Großstadt in Sommerkleidern sind, wo die Langeweile in Lackstiefeln auf den Schlangenwegen eines Parks hin und her promenirt und von ungestörtem Natur- genuß keine Rede ist. Ich suchte und fand im nächsten Wald- revier ein Dutzend Plätzchen, an denen meine Augen Wohl- gefallen hatten, die mich entzückten und von denen ich mir Alles versprach, was ich zu bedürfen meinte, machte hinter- V. Siedelungsversuche — sociale Stellung des Kranken. einander in vier verschiedenen eine Reihe Siedelungsversuche, die alle fehlschlugen, und — nahm endlich meine Zuflucht zu einem bekannten Bade. Ich hatte mich überzeugt, daß die Landleute andere Bedürfnisse, Wünsche und Gewohnheiten haben, und selbstverständlich nach ihnen bauen und sich ein- richten, als wir kränklichen Stadtleute. Die Masse ihrer Behausungen, der Gasthof in der Mitte, steht in Reih und Glied, Fühlung rechts und links; die wenigen vorgeschobenen Posten, vereinzelt im Grünen liegende Häuschen, haben die Allerärmsten inne, und wenn sich da auch einmal ein oder zwei erträgliche Stüblein finden, so lebt unter demselben Dache fast immer ein so überschwenglicher Segen an Kindern in den Hauptschrei- und Tobjahren, Kleinvieh, gefiedertes und vierfüßiges, fehlt auch nicht, ein Kettenhund ist stets vor- handen, dessen Gemüth die Fesseln der Knechtschaft dermaßen verbittert haben, daß er nur noch durch unablässiges Gebell und Geheul sich Luft macht, so daß von Ruhe und Behagen keine Rede sein kann, ganz zu geschweigen der Betten, deren bloßer Anblick Schauder erregt, und Einem, der ohnehin schon wenig Talent zum Schlafe mitbringt, nichts Gutes in Aussicht stellt; zu geschweigen ferner der nicht schließenden Thüren, Fenster, Schubladen, der räumlichen Verhältnisse, die einer Schiffscajüte entsprechen, u. a. Mißstände. Denken wir uns nun in den vier Wänden einer solchen Stätte nur eine Regenwoche lang einen reizbaren Melancholicus, gelöst von Allem, was ihm lieb und gewohnt ist! — Ein Anderes ist es mit jungem, leichtem Blut, leidenschaftlichen Fußtouristen, gesunden Naturenthusiasten, Malern, Poeten: bei ihnen überstrahlt das subjective Behagen, verbunden mit dem Reiz der Landschaft, Alles mit einem rosigen Schimmer. Sie mögen vorlieb nehmen mit solchen Verhältnissen und über uns Weichlinge lächeln. Gesunden und Kräftigen gegenüber, nahm unser Reise- professor seine Lection wieder auf, hat überhaupt der Kranke in geselliger Beziehung schweren Stand. Schleppt V. Gesunder Menschenverstand — Tagesordnung — wie geht’s Ihnen? er sich auf Krücken einher, muß er im Handwagen gefahren werden oder stehen ihm seine Gebreste mit großer Schrift im Gesicht geschrieben, so weicht man ihm theils schon von Weitem aus, „um sich nicht niederdrücken zu lassen“, theils bekommt er Mienen zu sehen und Aeußerungen zu hören, die wenig geeignet sind, ihm wohlzuthun, denn auch das un- geheuchelte Mitgefühl ist nicht immer mit Zartgefühl gepaart, und Achtung findet das Unglück fast nur, wenn es malerisch costümirt ist. Das eigentlichste Unglück aber, das bohrende Gefühl der Trostlosigkeit, das nach jeder Unterbrechung mit neugeschärftem Stachel wiederkehrt, wohnt in der That weit minder bei dieser Classe der „schwer Leidenden“, als bei jener anderen, den Nervösen. Sie sehen aus und gehen einher, wie alle Welt aussieht und einhergeht, in guten Stunden können sie aufgeräumt sein, Essen und Trinken schmeckt ihnen, Nahrungssorgen haben sie nicht, dennoch läßt sich erkennen, daß es ihnen sehr übel zu Muthe ist: folglich müssen sie ohne Unterschied Menschen sein, die selbst nicht wissen, was ihnen fehlt und was sie wollen, wunderliche Käuze, eingebildete Kranke, Sonderlinge, Hypochonder. — So urtheilt der „gesunde Menschenverstand“, d. h. der Ver- stand gesunder Menschen, welcher rasch fertig ist mit dem Wort und Jeden absurd findet, der nicht seine Ansicht theilt, der es auch in der Regel für seine Pflicht erachtet, dieser „abgeschmackten Gespensterseherei“ dadurch entgegenzuarbeiten, daß er seinen Unglauben an die thatsächliche Begründung jenes Wehgefühls offen zur Schau trägt und dasselbe als eine Unwürdigkeit und Lächerlichkeit behandelt. Schon die Allerweltsfragen: „wie geht’s Ihnen?“, „wie haben Sie geschlafen?“ sollten an Leidende der Art nicht ge- richtet, sondern durch irgend einen andern Gemeinplatz oder einen Scherz ersetzt werden, der Gelegenheit gibt zur An- knüpfung einer Unterhaltung über beliebte Gegenstände. Denn was sollen sie antworten auf die verhängnißvollen Fragen? So verbreitet die Meinung auch ist, daß „laute V. Kunst mit guter Laune krank zu sein. Klagen das Herz erleichtern,“ so irrig ist sie. Aus den Landtagsverhandlungen wissen wir, daß man unangenehme Dinge, die nicht zu ändern sind, am besten ohne Debatte durch „einfache Tagesordnung“ bei Seite schiebt. Ist der Fragende ein Leidensgenosse, so ist ein Seufzer, ein kurzer leiser Schmerzensschrei oder eine Grimasse erlaubt, zuweilen gut angebracht, nur müssen diese durchaus komisch gehalten sein, nicht pathetisch oder episch. Die Komik ist freilich nur Komödie, jedoch schon des Echos wegen, das sie auf der andern Seite weckt, vorzuziehen. Antwortet der Gefragte mit einer eingehenden, ernsthaften, deutlichen Schilderung seines Zustandes, so erregt er im besten Falle irgend eine Art Mitleid, ein erschrockenes, scheues, oder ein vielfragendes, red- und rathseliges, in den meisten Fällen wird man ihn der Uebertreibung, Unmännlichkeit und vor Allem eines Verstoßes gegen den guten Ton zeihen, des schwersten nächst Beleidigung und Anmaßung: langweilig zu sein. Schweigt er ganz über seine Leiden, so heißt es zwar: „man kann aus diesem stillen Dulder nicht klug werden, er ist ein ver- schlossener Mensch“, es wird eine Fülle von Phantasie und Scharfsinn aufgeboten, um der Natur seines Uebels auf die Spur zu kommen, daß es ein verschuldetes sein müsse, be- zweifelt kaum Jemand, immerhin nimmt man ihm indessen die schwersten Verschuldungen der Art nicht so übel, als ver- ursachtes Mißbehagen. Läßt der Befragte in die Antwort etwas Selbstironie einfließen, um so besser, hinter seinem Rücken wird dann über ihn so gesprochen, daß er, ohne sich verletzt zu fühlen, wenigstens die Hälfte mit anhören könnte. Davon überzeugte ich mich einst in einer Jasminlaube, die mich zum unfreiwilligen geheimen Zeugen eines Gesprächs machte, das einige Schritte von mir über mich geführt wurde. Am niedergeschlagensten pflegen Kranke in dem Stadium zu sein, in welchem ihnen zuerst klar geworden, daß ihr Lei- den ein tiefgreifendes chronisches ist, dessen Heilung auch im günstigsten Falle viel Zeit und Opfer fordert. Solchen kön- V. Nachwuchs der Curorte — Laienbrief an die HH. DD. loci. nen ältere Leidensgenossen einen wahren Samariter- dienst leisten, wenn sie über ihren eigenen ähnlichen Zustand in jenem leichten Scherzando -Tone sprechen, welcher dem An- dern den handgreiflichen Beweis gibt, daß die Uebung im Tragen schwerer Bürden die Kräfte steigert und daß sich die große, schwierige, seltene Kunst, mit guter Laune krank zu sein , erlernen läßt. — Zur Berichtigung der Ansichten und Förderung besserer Institutionen im jungen Nachwuchs der Curorte und Sommerfrischen könnten Sie, meine Herren doctores loci, sehr viel beitragen! Nehmen Sie sich der Sache freund- lich an, wir Patienten in partibus bitten Sie angelegentlich darum! Wir versprechen Ihnen dagegen, Sie so wenig als irgend möglich mit Fragen und Klagen zu behelligen. Wir wollen von jeder Stunde, die Sie uns widmen, höchstens fünf Minuten von langweiligen Krankheitsgeschichten, den Rest dagegen von Ihren Lieblingssachen sprechen, es sei nun Politik oder Gärtnerei, Musik oder künstliche Fischzucht, Mikroskopie oder sonst etwas, wollen Ihnen die neuesten nicht druckfähigen Anekdoten aus der Residenz erzählen, jedes- mal eine auserlesene Havanna präsentiren, kurz, sehr liebens- würdig und wenig lästig sein. Bitte, fangen Sie einmal an, m. HH., den Leuten geeignete Winke zu geben, ganz con amore, etwa in der Schenke beim Biere. Bei Ihrer dia- lektischen und dialektlichen Gewandtheit kann es Ihnen nicht fehlen. Bekanntschaft mit den goldenen Früchten des Fremden- besuchs und Geschmack daran ist schon vielfach in den Wald- revieren vorhanden und man möchte die curiosen Herrschaften aus der Stadt so gern alle Sommer lange bei sich sehen und es ihnen in allen Stücken recht machen. Bald hier bald da werden Sie Gutes zu veranlassen und Verkehrtes zu hindern Gelegenheit finden. Mancher Neubau wird in größerem Stile unternommen, weil der Besitzer auf Sommergäste rech- net; würde dem Hause eine Stelle statt dicht an der Kreuzung zweier Straßen an der entgegengesetzten Ecke des Grundstücks V. Laienbrief an die HH. DD. loci — Elementarunterricht. angewiesen, so hätten sämmtliche Zimmer für Stadtgäste mehr Anziehungskraft und brächten höhere Miethe; ebenso, wenn Balcons oder vorspringende Holzgalerien angebracht wären, auf denen auch bei feuchtem Wetter trockenen Fußes zu sitzen ist. Möglicherweise gelingt es, den Unternehmer rechtzeitig davon zu überzeugen. Mehr als Einen habe ich gesprochen, der bedauerte, derlei nicht früher gewußt zu haben. Fehlt es an einem Garten, fehlt es sogar an einem Rasenplatze, so läßt sich doch vielleicht an der geeigneten Seite dicht am Hause durch einige Bohnenstangen und ein Stück Sackleinen eine Laube herstellen, in welcher Tisch und Stuhl stehen können. Ist es auch nur eine Bank im Freien, so liegt selbst darin schon ein Magnet für den nach Unterkunft im Dorfe umher- spähenden Sommerfrischling, vorausgesetzt freilich, daß diese Bank weder von landwirthschaftlichen oder industriellen Ge- rüchen umweht, noch von einem Bullenbeißer bewacht wird, der, sobald der Fremde sich von ferne zeigt, ihm mit weithin dröhnendem Wuthgebell entgegenrast, so weit die Kette reicht. Eine Belehrung über das Ganze des modernen Bettes wäre auch nicht überflüssig, damit dem Bauernverstande ein- leuchtet, daß nicht Jedermann befähigt ist, im Monat Juli zwischen zwei dicken Schichten Federn zu schlafen, daß ferner die Raumverhältnisse des Bettes nicht nach denen eines Sar- ges bemessen sein dürfen, denn selbst Trappistenmönche unter- ziehen sich derartigen Sargübungen nicht zum Heile ihres Körpers, worauf es doch von Curgästen als solchen abgesehen ist; daß ferner die Rouleaux nicht so angebracht sein dürfen, daß die oberen Fenster, also gerade die besten Ventilatoren, nicht zu öffnen sind. Ihre Gemahlinnen werden gewiß eine Ehre darin suchen, als Lichtträgerinnen unter den Töchtern der Wildniß aufzutreten und den Bauer- und Arbeiter- weibern, die sich auf städtischen Besuch vorbereiten wollen, mit gutem Rathe an die Hand gehen, ihnen auch erlauben, die eigenen Wohn- und Schlafzimmer zu besichtigen, behufs Nacheiferung. V. Geheimeräthe — Orden — Haupt- und Rebensachen. — Aber, wo sollen denn nur diese armen Weiber das Geld hernehmen zu Matratzen und sonstigem Comfort? — Wenn sie nur erst einmal überzeugt sind, daß bei verhältnißmäßig geringer Geldanlage mit Sicherheit viel zu erwerben ist, so werden sie dafür schon Rath schaffen. Und übrigens sind bei der allgemeinen Werthsteigerung von Grund und Boden und der verhältnißmäßigen Wohlfeilheit von Er- zeugnissen der Industrie, selbst die kleinsten Grundbesitzer nicht mehr so gar hilflos, zeigt sich das doch auch an ihren baulichen Veränderungen und Vergrößerungen. Nächst den einheimischen könnten gastirende Aerzte viel durchsetzen, besonders wenn sie betitelt und decorirt sind, werden sie auf Vorstände bestrickend und bestimmend wirken. Geheime Räthe richten bei Behörden immer mehr aus, als öffentliche, in Zeitungen oder Büchern gegebene Räthe, und unter die günstigsten Sterne, die solchen Zwiegesprächen leuchten können, gehören die des rothen Adlerordens und der verschiedenen Hausorden. Dieser Artikel hätte eigentlich im Vademecum (S. 19) verzeichnet sein sollen, da mir aber kein Fall bekannt geworden ist, daß auf einer Badereise ein Orden von seinem Besitzer vergessen worden wäre, so glaubte ich, die Erinnerung unterlassen zu dürfen; dazu weiß man ja, daß „nur für die Reise“ Manche einen Orden erstreben. Auch wenn es sich weniger um eine förmliche Cur als Wahl eines „stärkenden Sommeraufenthalts“ handelt, wird oft mit derselben Sorglosigkeit verfahren, mit welcher junge Leute einen Beruf oder eine Lebensgefährtin wählen. Der Eine z. B. sucht ein verstecktes Gebirgswinkelchen auf, wo er- fahrungsmäßig fast nie genießbares Fleisch auf den Tisch kommt, nur weil das Gerücht geht, daß unter seinen Gästen noch nie ein „Berliner“ gewesen sei; ein Anderer bringt die heißen Sommermonate am Genfersee zu, weil er ein viel- gerühmtes Paradies für die Augen ist. Der Weise prüft und classificirt bedächtig das Nothwendige, Nützliche, Wünschens- werthe, Entbehrliche, Ueberflüssige, Zweckwidrige, zählt unter V. Romantische Verführungen — Verstand und Erfahrung. die ersten Bedürfnisse staubfreie Waldluft, Schattenwege, nahrhafte verdauliche Kost, und geht in der Schätzung der Einzelheiten nach den Erfordernissen seiner Nerven, seiner Lunge, seiner Augen, wenn diese leiden, nicht nach deren Wohlgefallen zu Werke. Ein majestätisches Bergpanorama, ein weiter Wasserspiegel, großartige Felsen- partien, Cascaden, alles das sind herrliche Dinge, auch treff- liche Nahrungsmittel für die Phantasie, der Verstand jedoch, der bekannte nüchterne Magister, hinter sich die Erfahrung, seine alte Haushälterin mit der großen Hornbrille und dem dicken Schlüsselbunde, docirt, daß primo loco ganz andere Dinge gehören. In seiner nörgelnden Weise schilt er über die Romantiker, die sich von einem Anblick, der so bald den Reiz der Neuheit verliert, verführen lassen; schilt über die Ideologen, die von „prachtvollen“ Weinbergen schwär- men, weil die Einbildungskraft dieser Ritter vom blauen Dunste den Wohlgeschmack und die anregende Wirkung des Weins unbewußt der landschaftlichen Glorie der Oertlichkeit zu Gute rechnet, während der Weinberg doch nur ein paar Monate im Jahre erfreulich, die übrige Zeit mit seinen Pfählen und seinem verschnittenen kahlen oder trocken be- laubten Krummholz unschön aussieht — so sehr geneigt auch nordische straßenmüde Großstädteraugen sind, Rebstöcke unter die ländlichen Schönheiten zu rechnen, ebenso wie Obstbäume und Getreidefelder; daß ferner Weinlage nie eine „froh- müthige“ Villeggiatur abgeben kann und die hohen Mauern (schrecklichen Andenkens!), welche die Wege einfassen, nur be- stimmt scheinen, den aufwirbelnben Staub gehörig zusammen zu halten, jeden Lufthauch abzuwehren und die Aussicht zu sperren. — Noch häufiger als durch Wahl eines unpassenden Auf- enthaltsorts wird ein anderer Fehler begangen, und zwar von Solchen, denen die bloße Reise zur Heilung dienen soll: sie wenden eine zu starke Dosis des an sich vortrefflichen Mit- tels an, bringen sich dadurch um den gehofften Erfolg und V. Reisequecksilber — Spielart von Tourist u. Curgast — Fahrsucht. fügen sich noch positiven Schaden zu. So oft auch sonst den Arzt ein Vorwurf treffen, es wenigstens zweifelhaft sein mag, ob er, die Krankheit oder der Kranke die Hauptschuld am Miß- erfolg der Behandlung trägt, dies ist einer der Fälle, in denen die Aerzte von jeglicher Verschuldung freizusprechen sind. Denn die Annalen der Medicin wissen nichts davon, daß je ein Doctor das Reisequecksilber in der Dosis verordnet hätte, in welcher es von Gesundheitstouristen so oft ein- genommen wird, im Gegentheil heißt es immer: „aber, thun Sie des Guten nicht zu viel!“ An tugendhaften Vorsätzen der Art fehlt es zwar bei der Abreise nie, offenbar können diese Vorsätze jedoch den Transport nicht vertragen, oder, wie die Franzosen von gewissen feurigen Weinsorten sagen: „sie reisen nicht.“ Die Rheinlande , die Walddistricte, die Alpen wimmeln im Sommer, die Küstenstriche des Mittel- meers im Winter von solchen Reisecurgästen, einer patho- logisch interessanten Spielart von Tourist und Cur- gast , die unsere volle Aufmerksamkeit verdient. In der That scheint ihnen das Reisequecksilber dermaßen in den Gliedern zu stecken, daß sie weder gehen, noch stehen, noch liegen können — fahren müssen sie, unablässig fahren, fahren und fahren! Die Fahrsucht ist im Grunde nur eine andere Form des Läuferwahnsinns (vergl. S. 94), minder lebensgefähr- lich zwar als er, aber noch unglücklicher, denn sie verfehlt ihren Zweck, Fernhaltung der Langenweile, noch weit gründ- licher: — es leuchtet ein, daß die Abwechslung, wenn sie constant wird, zur Eintönigkeit ausarten muß. Schon das Alterthum kannte diese Krankheitsform, oder richtiger gesagt dieses Laster, denn Horaz (Brief 11 an Bullaz ) spottet: Jagend dahin über Meer, verändern sie Luft, doch nicht Stimmung. Nichtsthun wird uns zur Arbeit. Auf Viergespannen und Schiffen Strebt man umsonst nach Genuß. Die Monotonie des steten Wechsels lastet um so schwerer auf dem Gemüthe, als sie ihm an die Stelle der Hoffnung und der Sehnsucht die Enttäuschung setzt. Wenn man doch nur die V. Natürliche Grenzen — Darwin . hungernden Armen überzeugen könnte, daß sie immer noch mehr Ursache zur Zufriedenheit haben, thatsächlich sich auch nie so unglücklich fühlen, als verschwelgte Reiche! — Die Weisheit liegt durchweg im Maßhalten. Im Eingang dieses Buchs wurde kein Geheimniß daraus gemacht, daß dessen geistiger Urheber, mein Freund und Lehrer, mich warnte, „methodisch“ zu Werke zu gehen. Ich hielt das damals für eine „englische Schrulle“, jetzt sehe ich indeß ein, daß er Recht hatte und mir dadurch eine Verlegen- heit ersparte. Denn ich hätte sonst gleich von vorn herein eine Eintheilung versuchen müssen. Wie hätte ich nun aber eintheilen sollen? Etwa wie Sterne (in seiner „empfind- samen Reise“, dem berühmtesten Reiseromane des vorigen Jahrhunderts), der die Motive der Reise untersucht und nun classificirt in einfache, müßige, neugierige, lügende, stolze, eitle, milzsüchtige, sentimentale Reisende? — Das hätte mich zu tief in Subtilitäten geführt und abseits von den Zwecken dieses Büchleins. Oder sollte ich, wie die alten Paßbeamten, nur unterscheiden zwischen geschäftlichen und ungeschäftlichen Reisenden, und unter die letzteren Touristen, Vergnügungs-, Erholungsreisende und Curgäste rechnen? Touristen nennen sich aber auch Gelehrte, die zu wissenschaftlichen, Schriftsteller, die zu literarischen, junge Leute, die zu Bildungszwecken rei- sen, Handlungscommis, die umherfahren, um Bestellungen zu sammeln. Und warum sollte eine Cur in Carlsbad oder Aachen nicht unter die Geschäfte zu zählen sein? — In der That, aus diesen und andren Schwierigkeiten hätte ich keinen Ausweg gefunden. Dazu wissen wir von Charles Darwin , daß in Allem, was da lebt und webt, die Grenzlinien zwi- schen den Gattungen schwer zu ziehen sind, und überall ein mächtiger und steter Drang zu erkennen ist, neue Arten und Abarten zu bilden. Ich zog deshalb vor, jedem Streit über die natürlichen Grenzen der einzelnen Species aus dem Wege zu gehen, auch nicht scharf zu scheiden zwischen Tourist und Curgast, nur allzeit eine deutliche Marke zu machen zwischen V. Der gerechte und vollkommene Tourist. Weise und Unweise, zwischen erfahrenen, eingeweihten, gerechten und vollkommenen Touristen und Curgästen einer- seits und Neulingen, Sonntagstouristen, Naturalisten, Di- lettanten, Pfuschern. An dieser Stelle muß ich mir nun aber eine Ausnahme erlauben, schematisiren und alle Reisen nach ihren Zwecken eintheilen. Da ergeben sich denn vier Rubri- ken: A Gesundheit, B Berufsgeschäfte der verschiedenen Art, C allgemeine Bildung, D Vergnügen. Den Gattungen B und C , Geschäfts- und Bildungsreisenden, ist nachzurühmen, daß sie sich am correctesten halten, am wenigsten ihre beson- deren Zwecke aus den Augen verlieren, guten Rath in Bezug auf D , Vergnügen, dankbar und in Sachen A , Gesundheit, wenigstens nicht übel aufnehmen. Auch Classe D , die Lust- reisenden, lassen es nicht an gutem Willen und Eifer fehlen. Am schlimmsten steht es mit Rubrik A , den Gesundheits- reisenden. Obwohl sie am meisten darunter leidet, ist doch gerade sie es, welche die häufigsten Verstöße begeht und, macht man sie darauf aufmerksam, den Rath ganz in den Wind schlägt, oder streitet, oder die Geduld verliert. Am schwersten haben es darin die Aerzte, deren Berufspflicht solche Winke sind; je mehr Vorstellungen sie machen, je weniger werden sie gehört, dieserhalb haben sich denn auch die meisten Bade- ärzte entschlossen, sehr zurückhaltend mit eingehenden diäte- tischen Vorschriften zu sein und sich mit einigen Hauptsachen zu begnügen, z. B. Warnung vor Gurkensalat, nächtlichen Trinkgelagen, Erkältungen u. dergl. Die Herren setzen vor- aus, daß ältere Curgenossen, die mit jüngeren in’s Gespräch kommen, sie über alle solche Einzelheiten belehren, zumal dem Ernst Eingang in die gute Gesellschaft nur gestattet ist, wenn er in die leichten flatternden Gewänder der Unterhaltung ge- kleidet ist, nicht in seine hergebrachte steife Amtstracht. Nar- ren und Lustigmacher sind immer hoffähig gewesen. Dies Büchlein sieht nun aber eine seiner Hauptaufgaben darin, gewisse Dinge zur Sprache zu bringen, die für Badegäste ebenso langweilig als nützlich, ihnen jedoch weder von Aerzten noch 9 V. Schmuggeleien — Reisecurgäste und ihre bösen tourist. Gelüste. von Büchern mit Erfolg zu insinuiren sind, unsre Reiseschule glaubte deshalb zu einer List greifen zu dürfen, die sie den österreichischen Buchhändlern in der alten Censurzeit abgesehen hat. Wenn diese nämlich Schriften, die unter die Rubrik damnatur fielen, Eingang in die K. K. Staaten verschaffen wollten, so rissen sie die Titel ab und klebten andere darauf, z. B. von Kochbüchern, faulen Rechenknechten, Anekdoten- sammlungen u. dgl. mehr. Das ist auch der Grund, weshalb die Ueberschriften unsrer Capitel und Seiten weder vollständig noch genau sind, und allerhand Capriolen machen. Das Sachregister ist schon weit aufrichtiger. Diese in die Vorrede gehörige, dort aber aus den hier eingestandenen Gründen unterdrückte Enthüllung braucht nun nicht länger verzögert zu werden. Im Uebrigen ist unsre Reiseschule keine Freundin von Schmuggelversuchen und kann auch jedem Reisenden nur rathen, sich ihrer zu enthalten. Noch einmal also: es besteht ein Unterschied zwischen Tourist und Curgast und zwar in der Art und dem Maße der Bewegung. Wenn auch der Erstere verweilen, der Letztere reisen und wandern darf und soll, so ist doch das charakteristische Merkmal dort die Bewegung, hier die Ruhe und Stetigkeit. Der gute Curgast hat darum stets auf der Hut zu sein vor seinen bösen touristischen Begierden und dieselben, sie mögen nun in die Rubrik Beruf, Bildung oder Vergnügen fallen, sobald sie den Zweck Litera A , Gesundheit, kreuzen, zu bekämpfen. Wohlberathene Reisecurgäste erblicken ihren ärgsten Feind in dem geschilderten lasterhaften Triebe zu unablässiger Ortsveränderung, der ein Vetter der Neugierde ist und mit dieser seiner Frau Base die Neigung zur Ge- schwätzigkeit, Uebertreibung und eiteln Aufschneiderei gemein hat. Sie nehmen mithin nie den ersten besten gedruckten Reiseplan zur Richtschnur, denn diese Pläne sind durchweg für Lu st reisende berechnet, oder vielmehr für Solche, deren Lust es ist, „möglichst viel mitzunehmen,“ ohne Rücksicht darauf, wieviel sie behalten; sie legen ihre Rasten so, daß sie nicht V. Reisejagden — Scheu vor Wiederholungen und Rückwegen. jede Nacht in einem andren Bette schlafen, sondern von Hauptquartier zu Hauptquartier ziehen. Von dieser Reise- methode wird in Bezug auf Ersparnisse im VI. Capitel noch weiter gehandelt werden. Von Gesundheit und Krankheit ist nun aber in diesem Abschnitt so viel die Rede, daß ich hier einmal unsre lästige A B C stunde der Diätetik unterbreche, und an Sie, meine Herren und Damen der vierten Classe D , ein paar Fragen mir erlaube. — Ist es denn so gar „ennuyant“, eine herr- liche Alpenlandschaft mehr als einmal zu betrachten? Sollten Sie nicht, ganz abgesehen von der Bequemlichkeit, auch mehr Genuß finden, wenn Sie auf Reisejagden verzichteten, welche Sie zu Sclaven des Minutenzeigers Ihrer Uhr, der Coursbücher, Dampfmaschinen, Pferde, Kutscher machen? Sollte nicht der „Sättigungspunkt“ um so früher eintreten, je mehr durcheinander und je rascher Sie genießen? Und müssen nicht auch die geselligen Berührungen, je ununter- brochener Sie in Bewegung sind, um so oberflächlicher und unergiebiger ausfallen? — Ehrlich gestanden: auch ich hatte ehemals eine heftige Scheu vor Rückwegen und besonders vor Wiederholungen , ich kam mir dabei vor wie ein Schulbube, dem seine Arbeit vom Lehrer zerrissen wird mit der Aufforderung, sie noch einmal zu machen. Als ich jedoch bemerkte, wie spurlos neue Eindrücke blieben, die rasch auf einander folgten, daß sogar manche erst bei öfterer Wieder- holung zu wirklichen Eindrücken wurden, bekämpfte ich jene Scheu methodisch und vertrieb sie. Die touristische Nutzanwendung hiervon ist nun die: wer nicht mit außerordentlichem Gedächtniß, unwandelbarer Klar- heit und stets reger Empfänglichkeit ausgerüstet ist, thut wohl, alle ihm besonders werthvollen Gegenstände, um ihren Ein- druck sich zu erhalten, mehr als einmal zu betrachten. Ganz besonders verlangen Hochgebirgslandschaften mit Muße und wiederholt beobachtet zu werden. Nur so lernt man die Berge kennen, noch mehr, man lernt sie lieben. „Die 9* V. Verweile! — Galerien — wiederholte Reisen. Linien haben Zeit, sich fühlen zu lassen; man belauscht ihre Bewegungen bis auf die zartesten Biegungen; die Höhen offenbaren, verschieden beleuchtet nach Tag und Stunde, die reichste Mannigfaltigkeit und Fülle des Ausdrucks. Auf jede Berghalde schreibt sich ein Gedicht, jede Stunde vervoll- ständigt es und bringt ihr Ereigniß: die eine einen Sonnen- blick, die andere einen Windstoß, eine Wolkengruppe, ein Gewitter, einen stürzenden Block, eine Lawine, die Erweite- rung einer Eisspalte, eine Bewegung des Gletschers, ein inneres Krachen. Beim bloßen Vorbeieilen läßt sich nur ein Vers der Epopöe belauschen, bei oft wiederholtem Besuche jedoch enthüllen sich ganze Gesänge, und die Einbildungskraft ist bemüht, das ganze Gedicht wiederherzustellen.“ Auch mit Gemäldegalerien , beiläufig bemerkt, halte ich es (als Tourist von Fach aber Kunstdilettant) gern ähnlich: ich laufe nicht mit den Augen flüchtig von Nummer zu Nummer jedes Saales, wie Kinder ein Bilderbuch durch- blättern, noch verweile ich mit Kennermiene übermäßig lange bei Einzelnem, sondern hole mir vorher aus Büchern oder von Sachkundigen Rath über das Betrachtenswertheste, be- sichtige dies wiederholt mit Muße und Samm- lung , und befasse mich mit dem Uebrigen gar nicht. Fühle ich die Aufmerksamkeit oder die Augen ermatten, so sehe ich es keineswegs wie so Viele für eine Ehrensache an, die vorher bestimmte Zeit einzuhalten, sondern gönne mir entweder eine Erholungspause im Freien, oder breche für den Tag ganz ab. Erzwungenes, unlustiges, mechanisches Abdreschen eines Pen- sums bleibt an und für sich fruchtlos, wirkt erschlaffend und setzt sich leicht zur Gewohnheit fest. Selbst die Wiederholung ganzer Reisen ver- dient empfohlen zu werden, zumal wenn sie besonders reich ausgestatteten Ländern gilt; denn erst nachdem der blendende, verwirrende Reiz der Neuheit geschwunden, wird die Be- obachtung unbefangener, gegenständlicher und die Zeitein- theilung entsprechender. Daß Mancher „sehr enttäuscht“ V. Jahreszeit. zurückkommt von einer Reise, die er nach langer Zwischenzeit von Neuem macht und nach welcher er brennendes Verlangen empfand, hat seinen Grund einfach darin, daß dieses Ver- langen sich auf den Ort nur zu beziehen schien, während es sich thatsächlich auf die Zeit bezog, in der er mit jüngerem, frischerem Sinne betrachtete und seine Phantasie mittlerweile geschäftig war, dem Orte Reize zu leihen, die er nie be- sessen. Wer in sehr später Jahreszeit zur Erholung reist, sollte, zumal seitdem die Brennerbahn vollendet ist, besonders auf das Gebiet jenseits der Alpen sein Augenmerk richten, denn die dafür zu bringenden Opfer an Zeit und Geld sind in der That gering im Verhältniß zu den Vortheilen, die es bietet: die weit größere Zuverlässigkeit des Wetters, im Herbste Gewißheit heiteren Himmels (schon von andern Seiten ist das vielfach hervorgehoben worden), Trauben, Pfirsichen, Aprikosen, Aepfel, Kastanien gut und wohlfeil, vor Allem die glänzende Folie, welche die dem Nordländer neue herrliche Pflanzenwelt und die Eis- und Schneeregion, so nahe zu- sammengerückt, sich gegenseitig bereiten. Für den Spät- frühling wählt man gern das Gebiet der Voralpen. Da sich der Hauptbesuch des Hochgebirgs auf wenige Wochen zu- sammendrängt, in welchen Gasthöfe, Dampfboote, Wege und Stege überfüllt sind, Unterkunft unsicher, Bedienung und Verpflegung mangelhaft, Preise hoch gespannt, so entschließen sich Touristen, die nicht auf eine bestimmte Zeit angewiesen sind, neuerdings immer häufiger, mit ihrer Person nicht den großen Strom verstärken zu helfen, sondern früher oder später zu gehen und lieber auf Gletscherbesteigungen zu verzichten, sofern sie das Wetter nicht ausnahmsweise begünstigt. Ziehen sie den Frühling und Frühsommer vor, so entschädigt er sie reichlich durch herrliches Wiesengrün, milde, klare Luft, mächtige Wasserfälle, Baumblüte; auch die Gewitter sind seltener, das Wetter beständiger als im Hochsommer, und das schlechte, wenn es eintritt, nicht so nachhaltig und bösartig V. Curzeitvergeudung. wie im Herbst. Immerhin sind die Winke der Handbücher in Bezug auf Jahreszeit und Wahl des Ziels zu beachten. Eine goldene Regel für Leidende, deren einziges oder hauptsächliches Heilmittel in Luft besteht — selbst noch für die Glücklichen, welche eine ganze Saison auf ihre Gesundheit verwenden können, wie viel mehr für Solche, denen dazu nur wenige Wochen zu Gebote stehen — ist die: jede Viertel- stunde zu Rathe zu halten . So manche Tage und Stunden gehen ohnehin schon verloren, zumal im Hochgebirg, durch Kälte, rauhe Winde, Regen, Nebel, Unvorhergesehenes; der Rest von wirklich verwerthbarer Luftcurzeit ist daher als ein eben so kostbares Gut zu behandeln, wie Mundvorrath und Schießbedarf in einer belagerten Festung. Kleine häus- liche Geschäfte, die es gestatten, müssen auf die Pausen der Curzeit, die frühen Morgenstunden und die Abende verlegt werden. Mit welcher Gedankenlosigkeit wird nun aber gegen diese so augenfällige Regel von der Mehrzahl der Gäste ver- stoßen, auch von Solchen, die in Essen, Trinken und sonstigen diätetischen Einzelheiten peinlich genau sind! Stundenlang stehen sie, nachdem Frühstück, Zeitung und Toilette schon ein gutes Stück des Vormittags im Zimmer verschlungen haben, dicht gedrängt in einer Atmosphäre von Tabaksqualm, Men- schenathem und Staub um eine Musikbande herum! Natür- lich fühlen sie sich hinterher „ganz erschöpft“ und müssen sich auf dem Sofa erholen. Ein Theil der besten Tageszeit wird im heißen Speisesaal, im dampfigen Kaffeehaus, am Billard- tisch, im Zeitungszimmer zugebracht, und so fort. Wer dieses Subtractionsexempel mit dessen Moral vor Augen hat, wird täglich, stündlich Gelegenheit finden zu Ersparnissen an Curzeit und ein Capital zusammenschlagen, dessen Zinsen seinem ganzen Organismus zu Gute kommen, namentlich seinen Nerven, seinem Blute, seiner Lunge und seiner Haut, welche letztere es abhärtet und (mehr als alles kalte Wasser) von den üblen Einflüssen unsrer heißen Stuben im Winter befreit. Er wird ferner die Stunden, welche im Freien zu V. Drückende Nahrungssorgen. sitzen gestatten, dafür benutzen und nicht für Spaziergänge, diese vielmehr auf die kühleren Stunden vorher und nachher verlegen — eine Vorschrift, die selbstverständlich gewisse Aus- nahmen erfährt, z. B. bei empfindlichen Lungenkranken — er wird ferner möglichst im Freien, im Garten oder auf dem Balcon, Besuche empfangen, Mittags- und Abendmal halten, Schreibereien vornehmen ꝛc. (Vergl. Schluß dieses Abschnitts.) So hoch nun aber auch der Werth der Luft anzuschlagen ist, so muß ich mich doch ausdrücklich gegen den Verdacht wehren, daß ich nach der Seite hin die Ansicht fast sämmt- licher Curplatzwirthe theilte, welche geradezu glauben, der Mensch, wenigstens der Curgast, könne von Luft allein leben, und deshalb ihr Dichten und Trachten darauf richten, alle nährenden Bestandtheile aus den Speisen zu entfernen. Es wird gestritten, ob dies auf Rechnung der Viehseuchen und der allgemeinen Preiserhöhung der Lebensmittel oder der gesteigerten Habgier der Wirthe zu schreiben sei. Ich könnte eine lange Reihe von Oertlichkeiten nennen, in welchen ehedem eine gute, nahrhafte Kost zu finden war, und die erst, seitdem sie auch vielfach als Luftbäder dienen, die Auskochkunst in höchster Vollkommenheit betreiben, möchte deshalb die Ursache eher darin suchen, daß Badeärzte und Hausbesitzer so viel von „unsrer herrlichen Luft“ und deren „an’s Wunderbare gren- zenden kräftigenden Wirkungen“ gesprochen haben, daß Wirthe und Garköche es für Pflicht halten, der „Erneuerung des Bluts“ nicht durch Verabreichung althergebrachter Nahrungs- stoffe entgegen zu arbeiten. So sieht man denn jetzt häufig Gäste bei Tische eine Büchse mit Fleischextract neben sich stellen und aus dieser den Suppen und Saucen, noch bevor sie gekostet haben, zusetzen, denn sie wissen im voraus, daß das Deficit mit derselben Regelmäßigkeit wiederkehrt, wie im österreichischen und französischen Finanzbudget. Die Speisen betrachten sie nicht als Nahrungsmittel, sondern nur als Vehikel für die aus der münchener Hofapotheke bezogene Latwerge. V. Balneologie und Klimatologie. Jetzt noch ein paar Laienbemerkungen über balneolo- gische Literatur . Daß bei Verfassern von Monographien der Localpatriotismus immer sehr stark entwickelt ist, Miß- stände des eigenen Orts und Vorzüge anderer, mit denen er verglichen wird, ihnen entgehen, soll Niemand zum schweren Vorwurf gemacht werden. Der Patriotismus hat einmal mit dem Egoismus jene optischen Täuschungen gemein, von denen das Gleichniß vom Splitter und Balken spricht. Auch soll unsre Anerkennung der Gründlichkeit so manches Mono- grammatikers nicht vorenthalten werden, mit der er alle Bestandtheile seines Mineralwassers auffand, bis auf 0,001 Extractivstoff, Spuren von Eisenoxydul und Thonerde; eben- sowenig seinem Scharfblick, welcher erkannte, daß „so förmlich für Heilzwecke geschaffen“, wie der seinige, kein andrer Ort der Welt ist, daß derselbe z. B. Bergtriften behufs Bereitung von Molke und Kräutersäften besitzt, wie sie sonst auf dem Erdenrund nicht vorkommen, daß seine Quelle, die „stille Freundin des vegetativen Lebens“, die „sanft in den Orga- nismus sich schleichende Schmeichlerin“, beim Trinken „ein balsamartiges Gefühl“ bewirke. Und obwohl die Natur just auf diesen Ort das überschwänglichste ihrer Füllhörner aus- gegossen, so sei dennoch der Vorstand weit entfernt, deshalb die Hände in den Schooß zu legen, vielmehr unermüdlich bestrebt, um jeder Anforderung zu genügen, auch alle übrigen Curmittel herbeizuschaffen. Unter Anderem halte Herr Apo- theker Gaugengiggl ein Lager aller natürlichen und künstlichen Brunnen, könne auch zum medicinischen Gebrauch Trauben aus den besten Bezugsquellen besorgen. Dem genannten Herrn sei es ferner gelungen, ein chemisch reines natrum sulphuricum — der Credit dieses bekannten thätigen Stoff- wechselagenten würde leiden, wenn statt seines wissenschaft- lichen Titels sein Vulgarname Glaubersalz genannt würde — darzustellen, welches als Zusatz zum Mineralwasser, die „discret eröffnende“ Wirkung steigernd, treffliche Dienste leiste. V. Laienwünsche. Wie geht es nun aber wohl zu, daß viele dieser Schrift- steller, die wir als patriotisch, gründlich, scharfblickend, beredt, vielseitig kennen lernten, die eben abgehandelten allgemeinen Verhältnisse, welche Gäste jeder Art nahe angehen und derent- willen allein Viele den Punkt aufsuchen, gar nicht oder nur oberflächlich berühren? Ein Ort hat z. B. das Glück, in weite Nadelholzwaldungen förmlich gebettet zu sein, so daß jeder Windhauch erfüllt ist von würzigem Athem; ein anderer genießt des seltenen Vorzugs, daß viele seiner Privathäuser villaartig gebaut und mit Gärten umgeben sind; ein dritter streckt sich einem Park entlang, daß die Insassen von Gast- und Privathäusern den Fuß gar nicht auf leidiges Straßen- pflaster zu setzen brauchen, sondern im vertrautesten Umgang mit einer durch Kunst veredelten Natur leben; ein vierter hat eine Fülle promenadenartig gehaltener Waldwege. Von alledem ist entweder gar nicht die Rede, oder es wird mit nichtssagenden Floskeln abgefertigt, wie „herrliche Wald- spaziergänge“, „freundlicher Ort“, „Comfort aller Art“, tief vergraben in einem Wust geschichtlicher und topographischer Notizen. Ist es Geringschätzung oder im Gegentheil Furcht vor der steigenden Macht des neuen Souveräns, der Luft, von dem Sie, meine Herren Verfasser, Ihre mineralischen Schützlinge nicht verdunkeln lassen wollen, daß Sie so wenig Nachrichten aus dessen Reich geben? — Nein, ich errathe, Sie wollen „auch den Schein der Parteilichkeit meiden“. Im Interesse der Sache lassen Sie sich beschwören, werfen Sie das Uebermaß von Zartgefühl ab, belehren Sie uns ein- gehend über Alles, was zu Gunsten Ihres Curorts spricht. Oft sucht man in einer dicken Monographie vergebens nach Angaben, wie hoch der Punkt über dem Meere gelegen, ob Wald in der Nähe, in welcher Entfernung er ist, ob dieser aus Nadel- oder Laubholz besteht, ob es ausgedehnte Reviere oder nur kleine Gehölzparcellen, wie die Wege beschaffen, ob sie schattig, staubfrei sind u. s. w. Es will uns bedünken, daß in einem Buche, das nur einem Orte gewidmet ist, nicht V. Monographische Lücken — Durchschnittstemperatur. noch weniger auf touristische Localfragen eingegangen sein dürfe, wie z. B. im Bädeker oder Berlepsch , die für denselben nur eine Seite oder weniger Raum haben. Die Eintheilung in „nähere Spaziergänge“ und „weitere Umgebungen“ ge- nügt nicht, es müssen die Entfernungen in Stunden und Minuten angegeben sein. Wenn außer dem Curhause Privat- wohnungen zu Gebote stehen, so darf dies nicht verheimlicht werden, zumal wenn es abgesondert inmitten von Gärten, Wiesen, Feldern gelegene sind, welche dauernde Ruhe ver- sprechen und ehrlich Wort halten, Böswillige könnten sonst vermuthen, daß Sie im Solde des Curhauspächters schreiben. Auch sollte nicht so sehr ängstlich jede Art von Preisnotiz vermieden sein; durch Mittheilsamkeit und Zuverlässigkeit in diesem Gebiete hat sich z. B. Bädeker viele Freunde er- worben. Wenn es nur hieße, „im Sommer 1869 wurde für ...... gezahlt, Vermiethung für die Saison, für Monate oder Wochen gebräuchlich,“ so böte das schon einigen Anhalt. Ueberhaupt sind wir Laien nicht mehr so leicht zufrieden- gestellt, wie ehemals, sondern haben dies und jenes gelesen, gesehen, gelernt. Mit allgemeinen Redensarten über Tempe- raturverhältnisse, wie „milde Luft“ oder „geschützte Lage“ lassen wir uns nicht abspeisen. Angaben, wie die von einem bekannten Badearzt über seinen Curort, daß derselbe „um einen Paletot wärmer als X, aber um einen Sonnenschirm frischer als Y sei,“ mögen wohl angebracht sein im münd- lichen Verkehr mit einem Gesundheitshypochonder oder einer hysterischen Dame, um weitere 99 Fragen abzuschneiden, uns genügen sie nicht, und schwerlich werden unsre Hausärzte daraus entnehmen können, wen sie dahin schicken dürfen. Be- fürchten Sie nicht, meine Herren, uns durch „trockene Zahlen“ zu ermüden, sondern theilen Sie uns nur in Tabellenform mit, was Sie beobachtet haben in Bezug auf Wärmegrade Morgens, Mittags, Abends, Verhältniß der heitern, wind- freien Tage zu rauhen, bewölkten, Constellation der umliegen- V. Klimatologie — zur Seelendiätetik. den Berge u. s. w. Mit „Durchschnittstemperatur“ wissen wir nicht viel anzufangen, denn unsre kranken Lungen empfinden keineswegs dieses Facit eines Additions- und Divisionsexempels, sondern die Extreme von Kälte; eben- sowenig lassen sich danach Schlüsse machen, wie weit ungefähr auf die Möglichkeit des sitzenden Aufenthalts im Freien zu rechnen ist. In Nordamerika kommen im Sommer hohe Wärme- und im Winter desto extremere Kältegrade vor, die durchschnittliche Jahrestemperatur stellt sich mithin nicht un- günstig, die Ausgleichung findet indeß nur auf dem Papiere statt und die Statistik weist schlimme Zahlen nach in Bezug auf Tuberculose und Erkältungskrankheiten. In manchen Thälern herrscht im Hochsommer drückende Schwüle, die aber zeitweilig durch schneidend kalte Winde aus der Schneeregion oder aus feuchten, dichtbewaldeten Schluchten unterbrochen wird, wovon Durchschnittszahlen nichts erzählen. Die klimatologische Literatur ist jünger und noch weit unerfahrener als die balneologische, namentlich fehlt es an einem Werke, das von allen nennenswerthen südeuropäi- schen und nordafrikanischen Gesundheitsstationen für den Winter eine unparteiische vergleichende Zusammenstellung gibt, die sich nicht allein auf das vorhandene monographische Material, sondern auch auf eigene eingehende Studien stützt — die großen Schwierigkeiten eines solchen Unternehmens, bei den weiten Entfernungen der einzelnen Punkte und den eigenthümlichen Verhältnissen so vieler, leuchten ein — und daneben auch Touristisches nicht ganz vernachlässigt. Ueber Heilbäder wäre noch Manches zu sagen, z. B. über Aerzte, die zugleich Unternehmer sind, über Vergnügungs- räthe, Curtaxen, Hazardspiele ꝛc. ꝛc., wir wollen jedoch den Stoff lieber nicht erschöpfen und so mag es dabei bewenden. Ehe wir weitergehen, jedoch noch Eins, Ihr lieben Curgäste, jung und alt, Herren und Damen: vergeßt nicht, daß es auch eine Diät der Seele gibt, die mindestens eben so wichtig ist, wie die des Körpers. Fühlt Ihr den Ballon V. Zur Diät der Seele. Eurer Hoffnungen allzu hoch in den blauen Aether fliegen und die irdischen Dinge Euren Augen entschwinden, so öffnet ein Ventil und laßt Gas ausströmen. Noch mehr noth thut’s aber andrerseits, jenen Mühseligen und Beladenen, von denen vorhin die Rede war, eine Mahnung zu wiederholen: so oft Ihr Euch auf Grübeleien über Euer Leiden und den möglichen Mißerfolg der Behandlung ertappt, gebt zunächst ungesäumt Euren Händen und Augen eine bestimmte Thätig- keit, die Gedanken werden dann schon allmählich folgen. Die Hoffnung, die Lebensluft unsrer Seele, läßt sich freilich nicht rufen, wir alle jedoch, auch Erzhypochonder, sind glücklicher- weise so organisirt, daß sie früher oder später unvermerkt zurückkehrt, sobald wir nur aufhören, sie durch Selbstquäle- reien zu verscheuchen. Darum beschäftigt Euch, ist’s vor der Abreise, mit den Vorbereitungen, und ist’s im Badeort selbst und nichts Besseres zur Hand, mit den kleinen Obliegenheiten des Tagewerks recht eifrig, als ob’s wichtige Dinge wären. Das vorliegende Buch will Anleitung dazu geben, und sein Verfasser würde sich glücklich schätzen, wenn ihm das hier und da gelungen wäre. Er hat selbst lange in verschieden- artigen Curorten verweilt, mit Leidenden aller Art und vielen, vielen (!) Aerzten verkehrt und gesehen, wie mancher scheinbar rettungslose Fall doch noch Heilung fand, er war selbst lange Zeit sehr elend und gelangte doch endlich zu einem ganz er- träglichen Zustand, darf also Allen, die da auszogen, um Genesung zu suchen, diese nicht so rasch, als sie hofften, herankommen sehen und nun ungeduldig und traurig werden, mit Shakespeare zurufen: Wie arm sind die, die nicht Geduld besitzen, Wie heilten Wunden, als nur nach und nach? Unsren schönen Leserinnen, wenn sie ihrem kränklichen Oheim zum Geburtstag eine Reisetasche verehren wollen, sei hiermit gerathen, statt der üblichen Rosen und Vergißmein- nichtigkeiten jenes oder ein anderes Wort, das Geduld V. Geduld, Geduld, Geduld! — Pensionswesen — Wintercurorte. empfiehlt, mit Goldperlen darauf zu sticken. Alle Dichter sind reich daran. Z. B. sagt Rückert : Wenn dir es übel geht, nimm es für gut nur immer, Wenn du es übel nimmst, so geht es dir noch schlimmer, Und wenn der Freund dich kränkt, verzeih’s ihm und versteh, Es ist ihm selbst nicht wohl, sonst thät’ er dir nicht weh. Die folgenden Zeilen: Und wenn die Lieb’ dich kränkt, sei’s dir zur Lieb’ ein Sporn, Daß du die Rose hast, das spürst du erst am Dorn. dürfen sie für sich behalten. Auch an Sprüchwörtern fehlt’s nicht, z. B. „Leichter trägt, was er trägt, wer Geduld zur Bürde legt,“ oder „Schweig, leid’ und lach’, Geduld über- wind’t all’ Sach’.“ — — In Curorten jeder Art, namentlich den für den Winter- aufenthalt bestimmten klimatischen, spielt eine große Rolle das Pensionswesen . Ursprünglich schweizer Erfindung, breitet es sich von Jahr zu Jahr weiter aus über die Touristen- gebiete, obwohl die wahre, echte Pension allerwärts selten ist. Eine solche nur für ständige Gäste berechnete Anstalt halte ich für kaum vereinbar mit dem eigentlichen Wirthshause, denn das Wesen derselben sehe ich nicht darin, daß ein H ô tel mit großen Buchstaben zugleich als Pension Suisse und Boarding House bezeichnet ist, noch darin, daß länger ver- weilende Gäste ermäßigte Pauschpreise ausmachen können. Eine Pension im engern Sinne kann schon ein Wirth, der nur einige Zimmer der Sache widmet, um ein paar Wochen vor und nach der Fremdenschwarmzeit sein Haus mehr zu füllen, beim besten Willen nicht leicht zu Stande bringen, denn die täglich sich verändernde Gesellschaft am Eßtisch, die Störungen spät Abends und früh Morgens, das unablässige Klingelsturmgeläute im zwei-, drei- und vierschlägigen Rhyth- mus, das Auf- und Abrennen der Kellner und Hausknechte, das geschäftige und geschäftliche Wesen des Wirths u. s. w. verscheuchen die Genien des Friedens und der Ruhe, die in einer Pension wohnen und walten sollen. Eine solche glücklich V. Pensionswesen. gefundene kann einem Leidenden zur wahren Wohlthat werden, denn er sieht sich oft Verhältnissen, die seine Krankheit verursacht oder gefördert haben, entrückt, in eine geregelte, behagliche Häuslichkeit versetzt, deren Mechanismus pünktlich, geräusch- los, ohne Knarren und Stocken der Räder wie ein gutes Uhrwerk Tag für Tag arbeitet, alles ohne sein Dazuthun: nur einmal wöchentlich hat er das Werk mit einem goldenen Schlüssel aufzuziehen. Blickt er aus dem Fenster, so schaut er nicht wie zu Hause auf Pflastersteine, Rinnsteine, Back- steine, Mauern und Mauern, Fenster und Fenster, sondern auf Bäume, Wiesen, Felder, Höhen, Wasser, vielleicht groß- artig schöne Bergscenerie; draußen hört er nicht rasselnde Omnibus, heulende Milchkarrenhunde und noch heulendere Gemüseweiber und Sandfuhrleute. Im Hause selbst findet er — immer vorausgesetzt, daß seine Wahl eine glückliche war — eine Gesellschaft, mit welcher er schon nach wenig Tagen Fühlung gewonnen hat, Alles um ihn athmet Eintracht und Behagen. Freilich, ein Beispiel ist mir bekannt, und es wird deren wohl mehr geben, daß ein junger Mann krank in ein Haus der Art eintrat, dort nach einiger Zeit völlig genas, anstatt nun aber sich seiner Berufsthätigkeit wiederzugeben, von Jahr zu Jahr damit zögerte, haften blieb und sein Leben ver- tändelte. Dafür weiß ich jedoch mehre andere Beispiele, daß in einer Pension Leidende ankamen, Heilung und Verlobungs- ringe fanden, zufriedene, langlebige Gatten, gute Familien- häupter und thätige Staatsbürger wurden. Sagt mir also nichts gegen die Pensionen, auch sie zählen unter die men- schenfreundlichen Anstalten. Vor den alten Klöstern haben sie den Vorzug, daß sie nicht wie diese Beschlag legen auf die ganze Zukunft eines Menschen. Viel hängt hier von Dingen ab, über die sich erst ein Urtheil gewinnen läßt, wenn man die neuen Verhältnisse eine Zeit lang sich anprobirt hat. Es können Mißstände in V. Pensionswesen — Kündigungsrecht. der Oertlichkeit, der Hausverwaltung, der Verpflegung Ein Uebelstand z. B., welcher erst in den letzten Jahren in einigen wohl- feileren schweizer Pensionen stärker hervortritt, ist der: anstatt die Forderung den gesteigerten Lebensmittelpreisen und dem Sinken des Geldwerths entsprechend zu erhöhen, knausert man am Mittagstische, schneidet namentlich die Fleischpor- tionen so knapp zu, daß ein gesunder Mann sich nicht satt essen, geschweige ein Kranker, dem reichliche Ernährung noththut, dabei wieder zu Kräften kommen kann. , es können Elemente in der Gesellschaft sein, die beim Ankömm- ling eine empfindliche Stelle treffen und ihm den Aufenthalt verleiden. Deshalb konnte ich mich nie entschließen, einem Pensionshalter ohne vorherige Probe für eine ganze Saison mich zu verschreiben, auch wenn er mir noch so dringend empfohlen war. Vielfach wird dies zwar zur Bedingung gemacht, ich habe jedoch gesehen, daß sich davon loskommen läßt, wenn man nicht brieflich, sondern persönlich an Ort und Stelle acht oder vierzehn Tage vor Beginn der Saison dem Betreffenden das Nöthige offen mittheilt und ihn über- zeugt, daß der Vorschlag einer Probezeit keine Maske ist. Für ganze Familien stellt sich die Sache schwieriger, zumal in Orten, wie Nizza , wo die meisten Gasthalter und Ver- miether wetteifern, wenig zu gewähren und viel zu fordern, und verstehen, in drei Sprachen unverschämt zu sein; indeß selbst hier dürfte einer Familie, die frühzeitig vor Beginn der Saison eintrifft, oft gelingen, ein Abkommen zu treffen, z. B. so, daß für Rücktritt ein Reugeld festgesetzt wird. Wo ich die Wahl habe, ziehe ich Pensionen vor, die nicht die D é pendance eines Gasthofs bilden, deren Haus vielmehr nur auf Pensionsfuß eingerichtet ist, die auch blos mäßig groß sind, so daß der Dienst nicht blos auf quecksilberne Kellner gestellt ist, sondern wo der Einziehende mehr das Gefühl hat, in ein Privathaus, eine Familie und deren Freundes- kreis zu treten. Dem glattpolirten, fashionablen, welt- männischen, insinuanten, rechnenden und berechneten, eil- fertigen, polyglotten Geschäftseifer großer H ô teliers einen Winter hindurch Tag für Tag preisgegeben zu sein — mag V. Eine Pensionsmutter. Gefallen daran finden, wer will, nach meinem Geschmacke ist es nicht. Wollte ich einen Roman schreiben, so würde ich den Schauplatz in die Pension verlegen, in der ich einst einen Winter zubrachte, die Besitzerin, ihre Tochter und einige meiner Hausgenossen auftreten lassen, und hätte guten Stoff für drei Bände, ich brauchte nur zu berichten, nichts zu er- finden. Das wäre jedoch gegen unsre Verabredung, der- zufolge ich die Zeit zu Rathe halten soll für Mittheilung der nüchternen, praktischen Dinge, denen unser Buch gewidmet ist, und in höhere, schönere Regionen nur gelegentliche Blicke thun darf. So mag denn blos erzählt werden, wie ich die erste Bekanntschaft dort machte, weil sie ein Streiflicht wirft auf den geselligen Ton, der in einem Hause der Art herrschen kann, wenn die Persönlichkeit, die dem Ganzen vorsteht, gewisse Eigenschaften vereinigt. Ob eine solche wirklich blos bessere Elemente der Gesellschaft in geheimnißvoller Weise anzieht oder ob sie versteht, aus gewöhnlichen Durchschnitts- menschen ihre besten Regungen hervorzulocken und zu ent- wickeln, oder ob Alles nur ein günstiger Zufall war, darüber mag Jeder nach seinen Erfahrungen und seiner Betrachtungs- weise urtheilen, ich kann nur sagen, die Zeit, die ich in dem Hause zubrachte, hat mich darüber belehrt, daß es noch „glückliche Inseln im stürmischen, klippenreichen Ocean des Lebens“ gibt. In meiner Pension kam ich um Mitternacht an und vergaß in meiner Ermüdung die Rücksichten der Nächstenliebe dermaßen, daß durch meine Nagelschuhe und den Alpenstock Gepolter entstand und meinem Stubennachbar — Alles dies erfuhr ich erst, nachdem ich längst in dem Manne einen Freund gefunden — dadurch die ganze Nacht verdorben war. Es war ein Landschaftsmaler, der an Kopfschmerz und Schlaflosigkeit litt. Am andern Morgen hatte der Aermste sein Leid der Hausfrau geklagt und verlangt, daß entweder er oder ich ausquartiert werde, diese ihn jedoch gebeten, die V. Mein Stubennachbar. Sache ihr zu überlassen, und versprochen, sie in einer be- friedigenden Weise zu erledigen. Das brachte sie auch wirklich schon am nächsten Mittag zu Stande, trotz der erschwerenden Umstände. Mir führte sie mit keinem Worte meine nächtliche Unthat zu Gemüthe, sondern warf nur hin, daß ich mir gegenüber, ihr zur Seite, meinen Stubennachbar sehen würde, zugleich bat sie um die Erlaubniß, uns bekannt mit- einander zu machen, wobei sie die Ueberzeugung durch- schimmern ließ, daß ich Gefallen an ihm finden würde. Dem Maler dagegen hatte sie alle Mißstimmung zu be- nehmen, sogar Interesse für mich einzuflößen verstanden, obwohl ihr von mir nichts weiter als der Name bekannt war. Während meines Morgenspaziergangs hatte sie aber die ver- zeihliche, ich möchte sagen berufspflichtmäßige Neugier gehabt, als sie mit dem Dienstmädchen meine umherliegenden Sieben- sachen ordnete, auch auf die mitgebrachten Bücher, Mappen und Anderes einen Blick zu werfen, und daraus allerhand errathen, z. B. daß ich viel in der Welt umhergekommen, Tiger und Elephanten gejagt hatte, und war zu der Ansicht gelangt, daß ich trotz meinem nächtlichen schlafmörderischen Ueberfall ein vortrefflicher Mensch sei, ein Schatz von Unterhaltung und Belehrung für die ganze Gesellschaft, ins- besondere eine Fundgrube für Landschaftsmaler. So un- gefähr hatte sie meinem Schlachtopfer von mir gesprochen, und dieses wohl die Absicht gemerkt, sich dadurch aber nicht verstimmen lassen, im Gegentheil war es begierig geworden auf meine Bekanntschaft. Alles Weitere machte sich dann halb von selbst, halb durch wenige von ihr in die Unter- haltung gestreute Worte. Diese fiel bald auf das Reisecapitel und schon ehe wir den Tisch verließen, war Friede hergestellt, Freundschaft vorbereitet und die letztere später auf Lebenszeit befestigt. Der Mann hatte lange in Norwegen zugebracht, einmal sogar im höchsten Norden überwintert und eine Menge Studien mitgebracht, Felsmassen, an denen das Meer 10 V. Nordlicht. brandet, groteske Eisformationen, ferner einen Cyklus von Darstellungen des Nordlichts, das er in allen Phasen beobachtet und wiederzugeben versucht hatte. Er mag wohl Recht haben, daß kaum eine andere Naturscene einen Maler dermaßen in Entzücken und zur Verzweiflung bringen kann, in Entzücken über die Pracht, Mannigfaltigkeit, Seltsamkeit der Erscheinungen, in Verzweiflung über das eigene Un- vermögen, sie nur annähernd wiederzugeben. Da liegen nun alle diese Sächelchen, rief er mit komischem Pathos, und machen sich lustig über mich. Ich komme mir vor wie Einer, der Traumgesichte beschreiben will. Ich fühle, daß ich nur einen kleinen Theil der Wirklichkeit auf’s Papier zu heften vermochte und doch jeder Beschauer mich der Ueber- treibung und Phantasterei zeihen wird. Wer sie nicht gesehen hat, diese Wunder von blauen, grünen, rothen, gelben, weißen Strahlen, die bald blitzartig zum Zenith hinaufzucken, bald sich durchkreuzen, Fächer, Kronen bilden, jetzt den ganzen Horizont wie ein großes weißes, faltiges Gewand erscheinen lassen und jetzt wieder wie mit Feuer übergießen — wer alle diese Formen-, Licht- und Farbenwunder nicht geschaut hat, hält jede Abbildung für müßiges Pinselspiel. Damit ich wenigstens bei kindlichen Gemüthern Glauben finde, möchte ich ein Märchen vom Winterkönig schreiben und mit jenen Motiven illustriren. Die Königin der glücklichen Insel, unsere Pensions- mutter oder Providenz, wie sie gewöhnlich von ihren Pfleg- lingen genannt wurde, war ein Wesen eigenthümlicher Art. Seit jeher hatte sie die Satzung einzuführen und trotz allen Anfechtungen aufrecht zu halten gewußt, daß der Platz beim Mittagstisch nicht vom Belieben der Einzelnen abhing, eben so wenig überließ sie einem Zufall, wie dem Tage der Ankunft, die Rolle des Quartiermeisters, vielmehr nahm sie diese als ihr Recht in Anspruch. Im Speisesaal und in den Stuben hing ein Placat, worin das in drei Sprachen V. Satzungen. proclamirt wurde, neben anderen Paragraphen der Haus- ordnung über Rauchen, Klavierspielen, Singen, Zimmer- turnen, gestiefelte Zimmerpromenaden u. s. w. Dabei aber war unter uns die Meinung vorherrschend, daß diese Tyrannei in der Tischordnung und andere unerhörte Bestimmungen von der alten Dame so gehandhabt wurden, daß dadurch Quellen der Unterhaltung geöffnet und der Disharmonie verstopft wurden. Wie ihre gleichfalls verwittwete Tochter, saß sie selbst bald hier bald da. Einige behaupteten, daß sie ein feineres Sensorium für die Interessen ihrer Pfleglinge habe, als diese in der Regel selbst, daß sie z. B. zwei Nachbaren, die oft von ihren körperlichen Angelegenheiten sprachen, ebenso Solche, die sich streitsüchtig, oder allzu redselig, oder allzu schweigsam zeigten, unbarmherzig aus- einander zu reißen pflegte, dagegen wieder Andere, die bis dahin noch wenig wechselseitige Berührungen gehabt, bei denen sie jedoch Wahlverwandtschaft vermuthete, plötzlich wochenlang zusammensetzte. Die in Form und Farbe ver- schiedenen Serviettenbänder signalisirten für jeden Mittag die Quartierliste. Wie sich denken läßt, fehlte es von Seite neuer Ankömmlinge nicht an erstaunten, gereizten Fragen, Bitten, Vorstellungen, Spöttereien, Allem setzte sie jedoch einen sanften zähen Widerstand entgegen, ließ sich nie auf eine ernsthafte Motivirung ein, gab auch nie zu, daß sie nach gewissen Grundsätzen und zu bestimmten Zwecken so verfahre, vermuthlich um alle Empfindlichkeiten zu schonen. Von Redensarten wie: „gönnen Sie mir alten Frau doch dies Spielwerk“, „lassen Sie mir doch dies kleine Stück Freiheit, in allem Uebrigen bin ich ja doch Ihre Sclavin“, „es ist einmal meine Grille“, „bin’s mal so gewohnt“, „Zufall, nichts als Zufall“ u. dgl. hatte sie stets in ihrer Vorrathskammer eine reiche Auswahl, wie von eingemachten Früchten mit und ohne Zusatz von Essig oder Citronensäure. Ihre Feinde — sie hatte deren nur unter benachbarten Pensionshaltern — erklärten sie für herrschsüchtig, eitel, 10* V. Satzungen — Zug nach dem Süden. launisch und geizig, mehr wagte selbst der Neid nicht, gegen sie auszusagen. Monatliches Kündigungsrecht war beiden Theilen vor- behalten, wurde aber fast nie ausgeübt, überhaupt zeigte sich das Haus mit Ausnahme der heißen Monate immer gefüllt, obwohl seine Preise höher als in anderen Anstalten der Art waren, denn diese galt für ein Muster der Gattung. Und doch konnte man die Ausstattung keineswegs splendid nennen, auch die Schüsseln bei Tische sagten der Zunge und dem Magen zu, glänzten jedoch weder durch Menge noch durch Namen. Alles bis auf’s Kleinste war aber darauf berechnet, dem Gaste bald nach seinem Eintritt jene wohlthuende Empfindung zu geben, die ich nicht mit Einem Adjectiv be- zeichnen kann, sondern für die ich unser comfortable, snug und Euer „behaglich, wohnlich, gut aufgehoben, traulich, heimisch“ in Anspruch nehme. Vielleicht meint sie Goethe mit dem Worte „Wohngefühl“. Wahrscheinlich hätte ich mein Leben in dem Hause beschlossen, wenn es nicht durch Familien- verhältnisse in andre Hände übergegangen wäre. — — Wie die Sommerreiselust und der Trieb, durch und auf Reisen Vergnügen, Erholung, Genesung zu suchen, so steigert sich auch der winterliche Zug nach dem Süden. Unsre Singvögel wußten es seit jeher, wie gut sich die Lunge in der kalten Jahreszeit drüben jenseits der Berge befindet, und sangen uns jeden Frühling ein Lied davon. Aber wir ver- standen es nicht, oder wir dachten vielleicht auch, ihr Drosseln, Nachtigallen, Grasmücken habt gut jauchzen, euch sind Schwingen gewachsen, euren Tisch findet ihr überall gedeckt, jeder Baum gibt euch Obdach; oder wir merkten, daß es nicht lauter lustige Lieder waren, die im Mai von Bäumen und Büschen ertönten, sondern daß viele Klagelieder sich darunter mischten. Endlich entschlossen sich aber doch einige von uns Ungeflügelten — es waren Engländer — den Versuch zu machen, andere folgten, und immer fort wächst die Zahl der Nordeuropäer und Amerikaner, die dort über- V. Ewiger Mai — deutscher und schweizer Unternehmungsgeist. wintern. So schlimm, wie den kleinen gefiederten Sängern ergeht es ihnen drüben zwar nicht, sie werden nur gefangen und gerupft Damit es Euch, die Ihr zurückbleiben müßt im nordischen Winter, nicht an weiterem Troste fehle und Ihr uns Andere nicht allzusehr beneidet: bedenkt, daß im Süden, wo der Lenz dem Herbst die Hand reicht und die Zeit der Früchte unmittelbar in die der Blüten übergeht, die Frühlingswonne nicht so tief gefühlt wird, als im Norden, weil die Contrastwirkung fehlt. Von deutschen, englischen, schottischen Dichtern sind die schönsten Frühlingslieder gesungen worden, nicht dort, wo ein „ewiger Mai“ herrscht. Der Südländer scheint auch für landschaftlichen Reiz überhaupt minder empfänglich, als der Bewohner des Nordens. Ueberall ist gesorgt, daß es uns auf der Erde nicht gar zu wohl, aber auch nicht gar zu übel werde, und wo viele Entbehrungen und wenig Ge- nüsse sind, werden diese um so lebhafter empfunden. , nicht dazu noch gebraten und verschlungen. Vielleicht wird es aber auch damit einmal besser. Denkt man doch bereits an internationale Verträge zum Schutze der Zug- vögel, warum sollte nicht auch unter den Gast- und Hauswirthen der Riviera di Ponente endlich die Einsicht erwachen, daß das zur Zeit noch vorherrschende Ausbeutungssystem ihnen nicht zu dauerndem Vortheil gereicht? Auch am Genfersee hat erst die mit der Frequenz steigende Concurrenz die jetzigen gesunden, den Lebensmittelpreisen und dem Grundwerthe im Ganzen angemessenen Pensionsbedingungen hervorgerufen, hoffen wir, daß dies bald auch in dem Lande geschehe, wo „still die Myrthe, hoch der Lorbeer steht“. Auf der ganzen Halbinsel sind übrigens die Preise nirgend so übertrieben, als im französischen Stück Italien . Deutschem und schweizer Unternehmungs- geist eröffnet sich dort ein gutes Feld, versäumen wir nicht, hierauf aufmerksam zu machen. Seitdem durch die Brenner- bahn der Weg nach dem Süden geebnet und auch auf der Halbinsel das Schienennetz nahezu vollständig geworden, kann es nicht fehlen, daß die Mittelmeerküsten, Fest- land und Inseln, mit Pensionshäusern mehr und mehr besiedelt werden . Unter Engländern, Amerikanern, Russen, Deutschen, Schweden habe ich so V. Sehr enttäuscht — Hoffnungen und Wünsche — an junge Aerzte. manchen kennen gelernt — es wird deren gewiß eine gute Anzahl geben — der sich mit dem Wunsche trug, dem es ärztlich gerathen, zur Pflicht gemacht wurde, einen oder einige Winter im Süden zuzubringen, oder ganz dahin über- zusiedeln, dennoch kommen sie nicht zum Entschlusse. Dieser und jener hat auch wohl einen Versuch gemacht, ist aber „sehr enttäuscht“ zurückgekehrt. — Warum? — Einer hat eine Stelle gewählt, die nicht weit genug südlich lag, oder gerade einen sehr ungünstigen Winter getroffen; ein Anderer hat sich nicht trösten können, daß unser Wiesengrün, unsre Eichen- und Buchenwälder in jenen Breiten fehlen; ein Dritter hat seinen heimischen Gewohnheiten dort zu wenig nachhängen können, Essen und Trinken hat einem Andern nicht geschmeckt, in seinem Quartier hat es an Sauberkeit, Bequemlichkeit, freundlichen Wirthsleuten gemangelt, oder der Aufenthalt hat viel mehr gekostet, als berechnet, die fremden Sprachen, die ihn umschwirrten, sind ihm lästig gefallen, ganz besonders, bewußt und eingeständlich oder nicht, ist Vielen „die Zeit entsetzlich lang geworden“, weil sie zu wenig Ansprache und Anregung fanden. Manches wird sich hoffentlich durch Wechselwirkung allmählich anders gestalten: sobald der Besuch noch mehr als bisher gewachsen ist, werden sich an günstigen Punkten, an denen es nicht fehlt, mehr und mehr Leute auf den Empfang von Winter- gästen rüsten, neue Pensionscolonien mit nahezu schweizer Preisen und Einrichtungen sich bilden, welche auch Minder- bemittelten Wintercuren ermöglichen, und diese Erleichterungen wieder ihrerseits den Besuch weiter steigern. In den letzten Jahren soll bereits in einigen Gast- und Hauswirthen in Nizza der Glaube an die Ewigkeit und Unverletzlichkeit ihres Monopols auf milde Winterluft, welches sie in der schnödesten Weise ausbeuteten, etwas erschüttert sein. Zu den altbekannten gesellen sich alljährlich neue Gesundheitsstationen für Wintergäste. Mancher junge deutsche Arzt , dessen Brust unter dem nordischen Winter V. Erfordernisse — Meeresküste — spazieren klettern. leidet, wäre der Mann, Entdeckungsreisen in dem Gebiete zu machen und Einrichtungen zu treffen oder anzuregen. Er und seine Collegen mögen entscheiden, welche Oertlichkeiten zu derartigen Ansiedelungen in gesundheitlicher Beziehung passen, meine Rathschläge nach der Seite hin beschränken sich auf touristische Dinge. Was in einer Winterpension mir nöthig, wünschenswerth und überflüssig scheint, ergibt sich zum Theil schon aus dem, im nächsten Capitel in Sachen „Gastwirth- schaften“ Gesagten, hier will ich nur noch Folgendes bemerken. Liegt der Ort diesseits des Mittelländischen Meeres , mit Einschluß Siciliens , so muß das Haus vor Allem heizbare Zimmer haben, diese müssen nach Süden gelegen, die volle, unverkümmerte Mittagssonne , wohlschließende Fenster und Thüren haben und der Boden, wenn er von Stein oder Estrich ist, mit Wollendecken belegt sein. Die Nähe der Meeresküste ist von großem Werthe, nicht blos ihres unerschöpflichen malerischen Reizes halber, namentlich auch weil der Genuß der Seeluft und die Gelegenheit zu See- bädern Vielen ein Heilmittel, Allen eine Wohlthat und eine Lust ist. Die unmittelbare Seeluft mit ihren aufregenden Einflüssen sagt einzelnen Organismen nicht zu, auch ist die Gruppirung der umliegenden Höhen nicht gleichgiltig in Bezug auf Schutz gegen erkältende, staubbringende, austrocknende und erschlaffende Winde — doch das ist Sache der Aerzte, nicht unsre. Manche ziehen Wohnungen mitten in einem Orte vor, Andere, z. B. ich, abseits einsam gelegene, in’s Freie blickende. Im letzteren Falle ist es gut., wenn das Haus nicht allzu fern von einem Orte liegt und dieser durch Schienen, Dampfboote, oder wenigstens Postwagen mit der übrigen Welt in Verbindung steht. Schattige Gänge sind für Herbst und Frühling willkommen, doch allenfalls ent- behrlich, desto nöthiger mindestens Ein gangbarer Weg, damit wer sich Bewegung macht, nicht gezwungen ist, ent- weder über schlechtes Pflaster und Felstrümmer spazieren V. Verlorenes Paradies — Oertliches — Turnen. zu klettern , oder mit einem staubigen respective kothigen Fahrweg vorlieb zu nehmen, welcher zum Ueberfluß noch von Mauern eingefaßt ist (vgl. S. 126). Mögen auch die lieblichsten Orangenblütendüfte ihn umspielen, mag er die See kosen, mag er sie branden hören, mag er wissen, daß rund um ihn ein Paradies sich ausbreitet, er sieht es nicht, es ist ein verlorenes Paradies für ihn, er hat das traurige Gefühl der Gefangenschaft. Liegt das Haus im Ort selbst, so dürfen nicht in nächster Nachbarschaft Gewerbe betrieben werden, die den Gehörs- oder Geruchssinn beleidigen. Die Nähe eines Ortes, in dem andere nordische Gäste und gebildete Einheimische wohnen, hat noch manche Vortheile, z. B. daß die Geselligkeit nicht blos auf die Elemente gestellt ist, die sich zufällig in den vier Wänden einer Pension zusammen- finden, daß ärztliche Hilfe nicht allzufern, daß Handwerker und Händler für Bestellungen und Einkäufe zu Gebote stehen u. s. w. Jeder Pensionshalter handelt ferner im Interesse seiner Anstalt, wenn er auch Fremden, die nicht bei ihm wohnen, Speisen und Getränke auf Verlangen verabreichen läßt. Nicht bedarf es kostbarer Garten- und Parkanlagen, wenn nur gesorgt ist für windgeschützte, sonnige Ruheplätze; halbkreisförmige, nach Süden offene Anpflanzungen der schönen immergrünen Stechpalme ( Ilex ) sind dazu recht geeignet. Barren und Reck für Turn- übungen lassen sich auch leicht anbringen. Auf der Tagesordnung meiner Winterpension stand auch eine Turnstunde, in der theils Herren- und Damen-Riege gesondert, theils beide vereinigt übten, bei schlechtem Wetter in einem Saale. Eine Quelle der Heiterkeit waren namentlich die „Freiübungen“, welche den Namen „epileptische Exercitien“ er- halten hatten. Von sonstigen Einrichtungen sei nur noch namhaft gemacht eine kleine aus- gewählte deutsche, englische und französische Bibliothek und eine Anzahl Musikhefte — alles das ist jetzt sehr wohlfeil — und ein paar Zeitungen. Dem für letztere ausgesetzten Geld- betrage würde mancher Gast aus eigenen Mitteln gern zu- V. Ernste Ueberlegungen — Waffen gegen Langeweile. legen, wenn ihm eine berathende Stimme über die Auswahl zugestanden würde. Jeder, der im Süden sein Winterquartier als Curgast nehmen will, hat übrigens vorher alles Ernstes nicht nur mit seinem Hausarzte, sondern auch mit sich selber zu Rathe zu gehen . Unter Umständen, z. B. wenn seine Krankheit schon sehr weit vorgeschritten, oder es ihm gar zu schwer wird, sich von den Seinigen zu trennen, oder wenn er überaus weichlich und abhängig von Gewohnheiten ist, thut er gewiß oft besser, daheim zu bleiben. In vielen Winterstationen (der Buchstabe M. führt deren allein vier ersten Ranges auf: Meran , Montreux , Mentone , Madeira ) sieht man nur zu häufig Gestalten, denen im Gesicht ge- schrieben steht, daß an ihrem Herzen der Gram des Heimweh nagt, verheerender noch als die Tuberculose an ihrer Lunge. Ich glaube, einige von Euch, Ihr Herren Hausärzte, geben das consilium abeundi etwas zu rasch. Nichts für ungut! — Eine Ideenverbindung, die keiner Erläuterung bedarf, führt uns von Curorten und Pensionen auf — die Langeweile . So Mancher, der durch Noth, Ehrgeiz, Pflichtgefühl oder andere starke Triebfedern Jahr aus Jahr ein in an- gestrengter Thätigkeit gehalten wird, benutzt gern die kurzen Rasten, die ihm bei seiner Familie und seinen Freunden vergönnt sind, um über die „Last der Arbeit“ zu klagen und seine brennende Sehnsucht nach Ruhe auszusprechen. Erst wenn ihm einmal diese Ruhe für längere Zeit auferlegt ist, sei es zwangsweise, durch Kränklichkeit, Alter, Verhältnisse, Personen, oder sei es, daß ihn sein eigener freier Entschluß in Ruhestand versetzt hat, weil er „nun endlich einmal sein Leben, die Früchte seiner Thätigkeit, genießen möchte“ — erst dann bemerkt er, welcher Segen auf der Arbeit, der berufs- mäßigen, geregelten, zwingenden Arbeit liegt. Selbst das ehemalige Uebermaß, welches er so oft verwünschte, tauschte er gern ein gegen den jetzigen völligen Mangel. Bevorzugte, hochgeborene Naturen gibt es zwar, Dichter und Denker, die V. Geographie der Langenweile. emporragen über den Dunstkreis der Langenweile; ihr Geist arbeitet in ihnen, für sie, sie brauchen nicht Hand noch Fuß zu regen, um ihn zu spornen, wieder andere gibt es, die nur ein dumpfes Pflanzenleben führen und sich nicht bis zur Höhe der Langenweile erheben, wir Uebrigen jedoch, die Mehrzahl der Culturmenschen, bedürfen irgend einer Art von Arbeit. In den Ländern, wo die Sonne wärmere Strahlen hat und die Erde beflissen ist, den Menschen aller Mühe zu ent- heben, mag man vom dolce far niente sprechen, noch weiter gen Mittag mögen Tausende die Tage hinbringen, ihre Nasenspitze zu betrachten, Millionen sich in Nirvana ein- wiegen, wir Nordländer sind einmal auf Thätigkeit an- gewiesen. Die Menschheit ist in’s Mannesalter getreten, die Cultur hat sich in nördlichen Breiten angesiedelt, weit ab vom irdischen Paradiese, die Sehnen unsres Körpers und Geistes sollen straffer werden, wir sollen lernen, mehr zu arbeiten und weniger zu ruhen. Wissenschaft, Kunst, Handel, Industrie haben sich aus allen jenen „gesegneten“ Ländern der Milch und des Honigs, der Datteln, der Feigen und der Trägen zurückgezogen und ihren Sitz dorthin verlegt, wo Eisen und Kohlen wuchsen, wo der Mensch alle Kräfte auf- bieten muß, um dem Boden Brod abzugewinnen. Auch der Gott der Schlachten begünstigt den Norden, so in Deutsch- land , in Italien , in Amerika . Während auf der einen Seite der Fleiß sich belohnt sieht durch materielle und geistige Güter, droht auf der andern der Trägheit die Strafe. Ueber die Schlaffen schwingt ihre furchtbare Geißel die Langeweile, eine Zuchtruthe, die in unsren Zeiten und Zonen gefährliche Wunden schlägt, in ihrem Gefolge Lebensüberdruß, Irrsinn und Selbstmord. Alle diese Schrecken waren in alten Zeiten und sind noch heute im Süden selten. Auch dabei scheint der Einfluß der freien Luft, mit welcher alle diese Völker- stämme auf vertrauterem Fuße leben, als wir Nordländer, sich geltend zu machen, wenngleich noch andere Dinge mitwirken mögen, wie z. B. daß der Süden in geistigen Anstrengungen und geistigen Getränken mäßiger ist, als der Norden. V. Segen der Arbeit — Lectionen im Müßiggang. So halte ich denn an der Meinung fest, die Arbeit, so lange sie innerhalb gewisser Schranken bleibt, ist unsre Freundin und Wohlthäterin. Wohlthäter sind aber nie zu- gleich Schmeichler, sondern ernste, strenge Lehrer, deshalb wenig geliebt, viel verkannt, geschmäht, verläumdet. Auch die Arbeit hat dieses Schicksal. Hören wir die Curgäste, sie werden fast alle behaupten, die meisten auch wirklich glauben, daß es allein oder doch hauptsächlich das Tagewerk war, das ihre Gesundheit untergrub und ihre Nerven rebellisch machte: der Beruf mit seinen Ansprüchen und Schädlichkeiten. Stellt nun aber der Arzt mit jedem dieser Märtyrer der Arbeit ein Verhör an über ihre Lebensweise, so zeigt sich, daß überall so viel Anderes geschah, welches auch, welches allein an Allem schuld sein kann, daß ich keck behaupte — — nein, ich will nichts behaupten, sondern nur eine Frage thun: wie viele unter tausend Fällen mögen wohl sein, in denen eine absolute Nothwendigkeit vorlag für jenes Uebermaß von Thätigkeit, dessen Folge Zerrüttung der Gesundheit ist, wo sonst nichts hinzukam, das mindestens als Mitursache zu betrachten wäre? — Was soll nun aber jenem Weltgesetze gegenüber Einer thun, der mit seiner Geburt in unsrer Zone auf Thätigkeit gewiesen, und doch durch körperliche oder geistige Dinge daran gehindert und zu Müßiggang verurtheilt ist? Auswandern in die Länder der Palmen, wo sich leichter ungestraft faulenzen läßt? — Wer in Indien gelebt hat, weiß, daß dort die Europäer von der Langenweile weit ärger als von Insecten und Fiebern geplagt werden, und auch in Sicilien , Madeira , Algier , Aegypten ertappen sich Nordländer oft auf den ärgerlichsten Grillen, der Himmel ist ihnen zu blau, die immergrünen Laubbäume machen sie ungeduldig und die ewig lächelnde Flora ist eine ennuyante, zudringliche Person. Mit Flucht ist also nichts gethan, im Gegentheil lauern überall geheime Agenten, um Deserteurs, die sich der von Land und Stamm ihnen auferlegten Dienstpflicht entziehen wollen, zu V. Lectionen im Müßiggang. greifen und zur Verantwortung zu ziehen. Sollten sich denn aber nicht Wege finden lassen, der Strenge dieses Gesetzes zu entgehen, gibt es nicht irgend ein Lösegeld, das auch schwache Kräfte bei gutem Willen aufbringen können? Läßt sich nicht vielleicht, wie jede andere Kunstfertigkeit, auch der Müßig- gang erlernen? Dann wäre ja statt des aufgegebenen ein neuer Beruf geschaffen und wir hätten nicht abzurechnen mit täglichen so und soviel unerbittlichen Stunden, deren jede aus wohlgezählten sechzig bleiernen Minuten besteht? — — Diesen Betrachtungen gab ich mich hin, als meine Aerzte mich von einem Badeort zum andern ordinirten. — — Nun, theurer Meister, Ihr schweigt? Beim Styx, redet, wie läßt sich’s anstellen, um ohne Arbeit den Erinnyen- klauen der Langenweile zu entgehen? Curgäste, Rentiers, Sinecuristen jeder Art würden dem Wohlthäter, der sie diese Kunst lehrt, ein Denkmal setzen. Läßt sich der Müßig- gang, ich meine den behaglichen, anständigen Müßiggang, der nicht wie der Gähner die Hand vorzuhalten braucht, läßt er sich in der That erlernen? — Erlernen läßt sich etwas der Art, aber nicht lehren, mein vielfragender junger Freund, so lauteten die ersten ge- flügelten Worte, die der Weise endlich kundgab. Alle anderen Künste und Fertigkeiten können beigebracht werden, die Kunst des Müßiggangs hingegen ist eine freie, die aller Regeln spottet. Wer vermöchte vorauszusehen und zu classificiren, welche Gebote und Verbote dem Einzelnen seine Verhältnisse auferlegen? Ich kann nur mahnen, eifrig und unermüdlich zu suchen. Das Wort Müßiggang fasse ich hier im weitesten Sinne, verstehe darunter Alles, was außerhalb des gewohn- ten Berufstreibens liegt, und glaube allerdings, daß Einer, der durch zwingende Umstände aus seinem gewohnten Treiben gerissen ist, ein neues, ihm angemessenes, seine Zeit und ihn selbst einigermaßen ausfüllendes in den meisten Fällen nicht lange vergebens suchen wird. Die vornehmste Warnung, die ich an einen Solchen richten V. Zerstreuungen, Zeitvertreibe, Belustigungen — Rentierleben. möchte, ist die: Wähne nicht, daß die Dinge, welche die we- nigen freien Stunden Deines bisherigen arbeitsamen Lebens versüßten, diese angenehme Süßigkeit nun auch behalten, wenn Du sie zum Tagewerk machst, denn das wäre dieselbe Anschauung, welche naschhafte Kinder beherrscht, wenn sie Kuchenbäcker beneiden und dereinst werden möchten. Im Gegentheile sei überzeugt, daß von dem Augenblicke an, wo Du zum ersten Male die Bemerkung machst, daß diese Zer- streuungen ihren Reiz zu verlieren anfangen, das Gefühl der Verlassenheit über Dich kommen wird, wie das Gefühl des Schwindels den Bergsteiger ergreift, der sich an Gesträuch hält, dessen Wurzeln unter seiner Hand sich lockern. Beide Empfindungen haben in der That Verwandtes. In beiden ist es der leere Raum, der horror vacui, der Mangel an Stütze, die Verrückung des Schwerpunkts, welcher die Ein- bildungskraft ängstigt und umtreibt. Geplauder, Spazier- gänge, Kartenspiel, Musiknäscherei, Romane, Zeitschriften vertreiben wohl Stunden, aber wehe Dir, wenn Du meinst, daß auch Monate und Jahre sich vertreiben lassen, blos durch Vermehrung der Treiber! Du würdest bald inne werden, daß Du durch Mißbrauch dieser Hilfsmittel ihre Hilfe ganz verscherzt hast. Leichte Unterhaltungs- und humoristische Lectüre ist es besonders, die dann am raschesten ihren Reiz verliert. Es handelt sich hier um das Stück Lebensklugheit, das seit Salomo , Aesop und Sokrates alle Weisen des Morgen- und Abendlandes gepredigt haben, mithin bei der Mehrzahl der Zeitgenossen, die keine „alten Geschichten“ hören mag noch gelten läßt, verachtet wird. Man glaubt, ein Reizmittel zum Nahrungsmittel, Würze zur Kost machen zu können. Daher zum Theil die athemlose Jagd auf neue Eindrücke und An- regungen und der chronische Gähnkrampf, an dem unsre Zeit leidet. Solltet Ihr, geliebte Schüler, einmal in den Fall kom- men — Gott bewahre Euch davor, denn der Weg, der dann Euer harrte, ist eine mißliche Gletscherwanderung, voller V. Rentiers und Sinecuristen — Trösteinsamkeit. Schründen und Klüfte — solltet Ihr dereinst einmal in den Fall kommen, Euren Beruf verlassen zu müssen und zum Rentierleben verurtheilt zu sein, so beschwöre ich Euch, ver- sucht nicht, den Stier bei den Hörnern zu fassen, bemüht Euch nicht, die Zeit zu „vertreiben“, sondern trachtet, sie auszu- füllen. Sucht alsdann zuerst unter den ernsten, mühsamen, unbeliebten Dingen, laßt Euch nicht abschrecken, wenn sie ein- förmig aussehen, ermüdet nicht, wenn sie anfangs wenig an- ziehen und fesseln, bedenkt, daß auch das Berufsgeschäft, als wir es einst erlernten, keineswegs immer wie Marzipan schmeckte, und doch waren wir zu der Zeit noch in den Lehr- jahren, in denen es sich leicht lernt, leicht arbeitet, leicht vor- lieb genommen wird. Später, wo es sich darum handelt, einen Ersatz dafür zu schaffen, wo unsere Kräfte halbirt sind, dürfen wir doch unmöglich die Ansprüche verdoppeln und verlangen, daß das Surrogat besser munde als einst das Echte! — Und so gar übel schmeckt auch jenes nicht einmal, wenn nur erst die Gewohnheit, unsere alte Trösterin, heran- gehinkt ist, deren Amt seit jeher war, die Thorheiten und Uebereilungen unsrer Phantasie und unsres Urtheils wieder gut zu machen. Wer in der Jugend sich übte, geistig zu produciren, stelle neue Versuche damit an. Wohl ihm, wenn es gelingt, einen unter der Asche glimmenden poetischen Funken zur Flamme anzufachen. Er componire in Tönen, Farben oder Worten frisch drauf los, mache Verse, schreibe Novellen, Erzählungen und was weiß ich alles. Diese Kinder der Muße der Oeffent- lichkeit zu übergeben, hat keine Eile. Solche Thätigkeit bietet noch den Nebenvortheil, daß sie keine weitschichtige Zurüstung erheischt und weder an Oertlichkeiten noch an Jahreszeiten gebunden ist, paßt mithin so recht als Trösteinsamkeit für das Exil in entlegenen Gesundheitsstationen. Will’s nicht glücken, Eigenes zu schaffen, so findet sich doch wahrscheinlich im weiten Gebiet der Reproduction ein Feld der Thätigkeit, wie z. B. Uebersetzungen oder Bearbeitungen aus fremden V. Trösteinsamkeit — Hantierungen. Sprachen. Auch das Anlegen von Sammlungen (vergl. VIII. ), welche Umherziehen, Nachschlagen in Büchern und Schreiberei verlangen, ist ein ganz annehmbares Mittel der Aushilfe. Ich z. B. habe geraume Zeit hindurch Probestücke von Mundarten gesammelt, charakteristische Redensarten und Wendungen des Volksmunds, Lieder, Schnaderhupfeln, Mär- chen, Schwänke. Anfangs dienten sie mir nur als Uebung in Dialekten, bald aber nahm ich Interesse an der Sache und fühlte mich zu fortgesetztem Sammeln angeregt. Geistliche, Lehrer, Händler, Wirthe, Senner, Stadt- und Landleute wurden meine Lieferanten. Auch im Unterrichtgeben finden Manche eine willkommene Beschäftigung, zumal Solche, die es nicht vorher berufsmäßig getrieben und das Glück haben, gelehrige Schüler zu finden. Eine Winterpensionärin (es war eine sehr aristokratisch erzogene junge Comtesse) wurde von ihrem Arzte bewogen, dem Töchterchen eines Feld- arbeiters täglich zwei Lehrstunden zu geben, und schon nach Verlauf einer Woche versicherte sie, die beste Unterhaltung dabei zu finden, setzte es eifrig fort und es währte nicht lange, so hatte sich zwischen beiden, gesellschaftlich einander so fern gestellten Wesen eine gegenseitige Anhänglichkeit gebildet, die seitdem vorgehalten hat und beiden zu dauerndem Nutzen gereichte. — Wären nun aber die Umstände der leidigen Art, daß jenes ganze Zeughaus von Waffen gegen Langeweile und Trübsinn verschlossen ist, forderten die Aerzte jede körperliche und geistige Anstrengung zu fliehen, auch Musik zu meiden, wie dann? — — Dann sucht wenigstens etwas auszumitteln, das irgend einen Mechanismus hat, sei es auch nur ein leichtes Handwerk oder sonstige Hantierung, womöglich eine, die sich unter freiem Himmel vornehmen läßt, z. B. im Garten. Gärtnerei wurde schon im Alterthum als Heilmittel empfohlen und vielfach von Großen bis hinauf zum Kaiser geübt. Tre- lawney versichert, daß nach seinen Erfahrungen unter die zu- V. Trösteinsamkeit — Gärtnerei — Zucht der Phantasie. friedensten Menschen die Gärtner gehören. Auch gegen Nach- bildungen vermittelst Bleistift, Kreide, Pinsel wird Euer Arzt schwerlich etwas einwenden, wenn nicht etwa die Augen leiden. Muß und soll schlechterdings das Haupttagewerk aus Lesen oder Vorlesenlassen bestehen, so seien wenigstens ein paar Stunden täglich solchen Büchern gewidmet, die nicht in die Rubrik „leichte Unterhaltungslectüre“ fallen. Fertigt, wenn’s Euer Doctor erlaubt, schriftliche Auszüge an aus dem Gelesenen und lest lieber ein Buch öfter als viele Bücher einmal. Das Geheimniß besteht darin, die Art und den Grad der Thätigkeit zu ermitteln, der im vorliegenden Falle angemessen ist. Sehr wesentlich ist in allen diesen Dingen die Zucht der Phantasie . In den meisten Nervenleiden hat diese den Hang, sich in die Krankheit selbst, ihre Ursachen und Wir- kungen, ihren möglichen Verlauf und sonstige peinigende Vor- stellungen, Erinnerungen, Befürchtungen zu vertiefen. Was die Aerzte dabei zu verordnen haben, ist ihre Sache, wir Pa- tienten thun auf alle Fälle wohl, Hilfe nicht allein von ihnen zu erwarten, sondern selbst Hand anzulegen. Hufeland nennt „eine lieblich gerichtete Einbildungskraft“ eines der wichtig- sten Lebensverlängerungsmittel. Ebenso wichtig als diese Verlängerung scheint es, unsren Lebensweg möglichst zu ebnen, an die vorhandenen Steine nicht hart zu stoßen, vor Allem nicht neue eigenhändig herbeizutragen. Auch hier spielt die Phantasie die Hauptrolle. Bei Einem, der dieser traurigen Gewohnheit verfallen ist, würden wir jedoch mit dem Rathe, seine Einbildungskraft lieblich zu richten, wenig Glück machen, wahrscheinlich würde er ihn so aufnehmen, wie ein Lahmer, dem wir riethen, nicht zu hinken, denn auf ein- mal wäre es zu viel verlangt. Vielleicht findet derselbe Rath in anderer Fassung Eingang, wenn wir ihn z. B. an das erinnern, was im IV. Capitel Einem empfohlen wurde, der das Unglück hatte, im Hochgebirg auf glatter, abschüssiger Fläche zu stürzen und abwärts zu treiben. Mehre dort auf- V. Zucht der Phantasie — am Abgrunde — Stundenplan. gestellte Regeln gelten im figürlichen Sinne auch hier. Je tiefer wir auf der unfreiwilligen Fahrt schon gerathen sind, je rascher zieht es uns abwärts, je mehr nehmen Willenskraft und Besinnung ab; aus eignem innern Impuls Einhalt zu thun, ist unmöglich, deshalb muß auch hier nach einer äußeren Hilfe gesucht werden. Wie dort mit Händen und Füßen, so trachten wir hier, mit den Gedanken und der Phan- tasie uns einzugraben in eine Stelle des geistigen Bodens, auf dem wir uns befinden, an irgend einen Gegenstand „das Herz zu hängen“. Nur in einem Stücke wird jetzt anders verfahren: ist ein augenblicklicher Halt gefunden, so muß unver- weilt die neue Richtung eingeschlagen und, nicht rechts noch links blickend, eifrig verfolgt werden. Auf zahlreiche Rück- fälle in die alten Selbstquälereien und gemüthskränklichen Grübeleien müssen wir auf den ersten Schritten des Rückwegs jeden Augenblick gefaßt sein, je rascher aber in die neue Rich- tung wieder eingelenkt wird, je leichter geschieht es, denn die Fallgeschwindigkeit ist anfangs die geringste. Mit der Zeit ver- liert der verhängnißvolle Zug nach unten an dämonischer Gewalt, die gelähmte Willens- und Widerstandskraft dagegen erwacht und erstarkt. — Die auch von einzelnen Aerzten ge- theilte Ansicht, daß melancholisch-hypochondrisches Wesen eine Folge des Cölibats sei, halte ich übrigens für eine Verwechs- lung von Ursache und Wirkung, und glaube, daß umgekehrt die Scheu, sich durch ein festes Band für’s Leben zu binden, nur die Folge jenes Temperaments zu sein pflegt, weil es am Entschlusse zur Verehelichung hindert. Eine Wechselwirkung findet dann aber allerdings statt zwischen Beidem: der ein- same Wanderer ist auch in diesem Gebiete, wie in der Eis- region, mehr gefährdet, als der durch feste Bande (Familie) mit Welt und Leben verknüpfte. Auch für ihn gibt es indeß Mittel, sich vor dem Abgrunde zu retten, er mag nur um so eifriger danach suchen. — Oft ist es gut, sich einen bestimmten Tages- und Stunden- plan zu machen, nicht der augenblicklichen Laune Alles zu 11 V. Schutz der Arbeit u. Bürgschaften der Freiheit — Sonnenschirm. überlassen. Ein selbstauferlegtes Gesetz kommt vielfach zu statten, indem es entweder an die Stelle des gewohnten, nun schmerzlich entbehrten Berufs tritt, oder Solche, die ohne ge- regelte Thätigkeit sich zu behelfen vermochten, unter einen, in den neuen schwierigeren Verhältnissen nützlichen Zwang bringt. Nachdem im Vorhergehenden alle leidensgenössischen Leser zu dauerndem Aufenthalt im Freien und Entwickelung einer angemessenen Thätigkeit daselbst ermahnt wurden, halte ich es für Pflicht, ihnen nun auch die Ausführung dieses Raths einigermaßen zu erleichtern. Da ist es denn zuerst nöthig, ein Vorurtheil abzulegen, welches wir Alle mit der Muttermilch eingesogen: daß ein Sonnenschirm sich für uns Männer so wenig schicke, wie ein Regenschirm für Soldaten oder Jäger. Die Landschaftsmaler machten sich längst davon los, von continentalen Curgästen aber bis jetzt nur wenige. Sie haben über den Nutzen des Sonnenschirms nicht nachgedacht und finden es beschwerlich, ihn stundenlang über sich in der Hand zu halten, sonst würde er wenigstens in klimatischen Wintercurorten auch beim männlichen Geschlecht wohl bereits eingebürgert sein und nicht mehr für ein Stück Verweich- lichung, Ueberraffinement, „englische Schrulle“ gelten. Es handelt sich nämlich nicht um Erhaltung einer zarten Haut- farbe oder um Anlaß zur vortheilhaften Darstellung einer kleinen weißen Hand oder eines ziegelrothen Handschuhs, sondern in erster Reihe um die Vermeidung der Gelegenheit zur Erkältung, also für Brustkranke nicht um Kleinigkeiten. — Ein Sonnenschirm? — Ja wohl, ein Sonnenschirm. Und außerdem handelt es sich um Schutz der Augen, welche doch auch nicht unter die Luxusgegenstände zählen. Die Sache ist einfach die. In Südeuropa ist der winterliche Sonnenschein oft eben so drückend, wie der gleichzeitige Schatten frostig. Natürlich wird dadurch der Patient, welcher sich in seiner luftgeschützten Promenadennische schon ein paar Stunden pflichtmäßig hat V. Sonnenschirm für Curgäste. rösten und blenden lassen und noch weitere paar Stunden Prüfungszeit vor sich sieht, leicht verführt, sich eine Er- frischungspause auf irgend einer schattigen, luftigen Steinbank zu gönnen, eine Pause von kürzester Dauer, doch völlig genügend, eine tüchtige Erkältung zu Stande zu bringen. Alle War- nungen vermögen nicht, Jeden von solchen Verstößen abzu- halten. Halbschattige Plätze, z. B. Lauben, gibt es nicht überall, sie erfüllen auch selten ihren Zweck und belästigen das Auge mit ihren zuckenden Lichtern noch mehr, als voller Sonnenschein. Ein Schirm dagegen schützt vor dem Ueber- maß von Wärme und vor Blendung, ohne eine Schatten- temperatur zu erzeugen. Wie Maler ihren Schirm benutzen, ist bekannt. Sie stellen ihn auf die Erde und kauern sich dar- unter auf ihr Stühlchen. Malerisch mag die Stellung sein, be- quem ist sie jedenfalls nicht, dann steht zu bezweifeln, daß unsre wohlwollendsten Leser und Leserinnen, wenn wir sie auch noch so flehentlich bäten, sich entschließen würden, auf der Promenade des Anglais in Nizza oder der Wassermauer in Meran unter einem derartigen Schirmungethüm in der nothwendigen Pose, ohne zu malen, fünf Stunden täglich zuzubringen. Nach- gerade scheint selbst einigen Malern, denen doch sonst über- triebener Hang zur Bequemlichkeit nicht vorzuwerfen ist, die Geduld ausgegangen zu sein, denn sie benutzen jetzt häufiger als Fußgestell einen Stock, der mit seinem Eisenstachel in die Erde gestoßen und auf den der Schirm geschraubt wird, so daß sie aufrecht darunter sitzen können. Am Stock ist über der Eisenspitze eine Platte oder ein Querbalken aus Metall angebracht, auf welchen die Füße gesetzt werden, um dem Gerüst mehr Halt zu geben. Curgebrauch ist aber von dieser Einrichtung meines Wissens nicht gemacht worden, dagegen tragen einzelne Engländer und Franzosen den Schirm in einem mit Täschchen versehenen Ledergürtel. Er begleitet wie ein Kleidungsstück alle ihre Bewegungen, ohne die Freiheit der Hände zu beeinträchtigen. Gerade in den wärmsten Sonnenstunden sollen jedoch die meisten Heilgäste im Freien 11* V. Schutz der Arbeit und Bürgschaften der Freiheit. sitzen, nicht gehen (vergl. S. 139), deshalb bin ich auf ein anderes Auskunftsmittel gefallen: ich habe mir vom Schlosser eine Schraube machen lassen, ähnlich den sogenannten Nähschrauben der Frauen, an Tische, Stühle, Bänke leicht zu befestigen. Statt des Nadelkissens ist eine Klammer, in welche der Stock des Schirms gefaßt wird, so angebracht, daß sie gedreht werden kann, außerdem ihr Fuß mit einem gleich- falls durch eine Schraube festzustellenden Gelenke versehen, so daß dem Schirme jede beliebige Stellung zu geben ist. Endlich hat er noch oben, wie die sogenannten Damenknicker, ein Gelenk, damit das Schirmdach gegen die ersten und letz- ten schrägen Sonnenstrahlen Front machen, auch als Para- vent benutzt werden kann, und ein zweites Gelenk weiter unten, damit sich der Stock umlegen und das Ganze in den Koffer packen läßt. Für den Ueberzug wählte ich ein gelb- liches Wollenzeug, für das Futter blauen Taffet. Auch im deutschen Sommer ist ein derartiger Schraubeschirm zu- weilen recht brauchbar, z. B. um beim Lesen und Schreiben in einer halbschattigen Laube Streiflichter abzuhalten. Zum „Schutz der Arbeit“ und zu den „Bürgschaften der Freiheit“ gehört übrigens noch Eins, ein Kleines. Damit nicht jeder Lufthauch die Papierblätter in flatternde Bewegung setzt, fasse ich die beiden oberen Ecken in sogenannte Letter- clips, metallene, durch Springfedern schließende Klammern, jetzt in jeder Eisenhandlung zu haben. Und nun, Ihr Herren, bitte ich mir aus: seid zufrieden und lobt mich ob meiner Fürsorge. VI. Eingehende Wirthshausforschungen — erste H ô tels — Tanti è mesystem — Stock- fischfänger und Piraten — Zudringlichkeiten — Händler — zur Nautik — wie ermittelt man gute Gasthöfe — Elephantenjagd — geheime Registratoren — Gegen- seitigkeit — positiver und negativer Pol — Scorpione — noble Herrschaften und kleine Leute — polnische Grafen — Grand Hôtel au Dindon d’Or — vierspänniges Trara — Fürsten und Große — Paris und London — Wasser und Brod — Imperfectum und Futurum — Hietzing — Goethe — Bier — volksthümliche Gerichte — Particularismen und Vandalismen — Lehren der Weisheit und Tugend für Wirthe — Delicatessen — Augenblendwerk — Wirths- congresse — der Küchenvirtuos — gastrosophische Studien — culinarische Er- ziehung des Menschengeschlechts — ein Professeur der Gourmandise — Geschmacks- bildung — zungenästhetische Rang- und Quartierliste — Nahrungssorgen — Kampf um’s Dasein — paläontologische Forschungen in Küchenabfällen — härteste Nothzustände — Abschätzung der Gäste — unser schwarzes Register — Abrechnung — weitere Bitten an Wirthe — welche Gasthöfe Sparsame meiden — noch ein Mittel gegen Uebertheuerung — Zeche — Kleingeld — Kellner — Verschwendung und Knickerei — Russen, Engländer, Franzosen — Trinkgelder und Geschenke — Lob der Cigarre — im Eisenbahncoup é — Reiseökonomie — wohlfeilste schweizer Reise — die Schweiz und ihr Ruhm — fernere Ersparnisse an Zeit, Geld, Mühe und Verdruß — Uebernachten im Freien, in Sennhütten und Heuschobern. „Immer im ersten Gasthof einkehren!“ hört man von Dilettanten als vornehmstes Gebot der Reiseklugheit auf- stellen, weil man da „für sein Geld doch noch am ehesten et- was habe“. Als Abschreckungsbeispiel wird dann erzählt, daß man einst in N. , von einem Gefährten verleitet, dem Grundsatz untreu ward, die und die schlimmen Erfahrungen machte. Der Rath paßt in Bezug auf Brennpunkte des Verkehrs nicht einmal für solche Reisende, denen es voll- VI. Wirthshausforschungen — erste Hotels — Tantiemesystem. kommen gleichgiltig ist, was sie zahlen, denn ein erstes H ô tel ist in jenen oft nicht zu ermitteln, weil sich mehre in den Vorrang theilen, dann sind unter diesen Ersten oft gerade die überfülltesten und geräuschvollsten, sie muthen einzeln er- scheinenden Wanderern unwillkommene Kletterpartien zu und lassen in der Bedienung zu wünschen; elektrische Klingelzüge sind zwar oft angebracht, was hilft das aber, wenn das Per- sonal um so weniger elektrisch oder zu vielfach beansprucht ist. Das Gegenstück bilden junge Leute, die, um ihre Reise- casse zu schonen, auf ihrer ersten Ferienreise anständig aus- sehende Häuser meidend, Fuhrmannsherbergen aufsuchen und da wie Dienstboten verpflegt aber wie Herren besteuert wer- den. Viele verlassen sich auf ihr Reisehandbuch und dessen Sterne, wieder Andere bevorzugen dort nicht empfohlene Wirthschaften und versichern, daß das von solchen Himmels- körpern ausgestrahlte Licht ein trügerisches sei, weil das Lob meist auf früheren Verhältnissen beruhe, die mittlerweile an- deren Platz gemacht, und zwar dieses nicht selten eben in Folge der Anpreisung und des dadurch herbeigeführten Andrangs, während die mangelnde Empfehlung als Correctiv gewirkt habe. — Also immer einen der in Reisebüchern nicht genann- ten Gasthöfe wählen? — Das ebensowenig. — Nun was denn? — Die Praxis, die ich seit Jahren festhalte, ist die. Zu- vörderst meide ich sorgsam Wirthshäuser, die mir, ohne daß ich danach gefragt, empfohlen werden, entweder mündlich oder von eigens dafür angestellten Agenten, sogenannten Enga- geurs, die auf Dampfschiffen, Eisenbahnwagen u. a. öffent- lichen Orten ihr seelenverkäuferisches Wesen treiben — nicht selten sind die Gasthalter selbst ihre eigenen Geschäftsreisen- den — oder von Kutschern, Führern, Post- und Eisenbahn- schaffnern, durch gedruckte Zettel, die auf Straßen, Bahn- höfen vertheilt, in Waggons geworfen werden; ebenso kehre ich nie in solchen ein, deren Omnibuskutscher und Hausknechte auf dem Bahnhof sich durch Zudringlichkeit auszeichnen: — VI. Stockfischfänger u. Piraten — Zudringlichkeiten — Händler. fast stets Frucht des Prämien- und Tanti è mesystems. Um- gekehrt ist auch auf Warnungen solcher Leute nichts zu geben. Hier und da pflegen zwar sonst lobenswerthe Wirthe zu derlei Mitteln zu greifen oder sie von Untergebenen zu dulden (wie es auch in Kunst und Wissenschaft Männer von Verdienst gibt, die trotzdem sich der Marktschreierei nicht enthalten kön- nen), diese Ausnahmen sind aber doch ungemein selten: unter zehn gehören neun in die Classe der gewöhnlichen Stock- fischfänger, einige sind auch für gelegentliche Piraterie in großem Stile ausgerüstet und bewaffnet. Beiläufig bemerkt, halte ich es so auch in Bezug auf Handwerker, Händler, Führer, die mir von anderen Leuten unaufgefordert mit wein- reisender Beflissenheit angepriesen werden, denn auch solche Empfehlungen beruhen auf Provisionsreiterei oder Camera- derie. Wirthe, mit denen ich sehr unzufrieden war, frage ich stets nach Collegen in anderen Orten, nur um mich vor ihren Schützlingen zu hüten. Ich mochte wohl Zeichen der Ungeduld gegeben haben, daß wir uns so lange beim Negativen aufhielten, denn ich bemerkte, daß Vater Ulysses sein maliciöses Gesicht machte, was er stets that, wenn er noch nicht Lust hatte, direct zu antworten, und mir so recht zu Gemüthe führen wollte, wie sehr ich seiner Unterweisung bedürfe. — Ihr Deutschen, ließ er sich endlich vernehmen, seid auf dem Wege, Euer parla- mentarisches Leben auszubilden. Dazu gehört aber auch, daß Ihr lernt, einen Redner anzuhören. Mag er Euch ermüdend, inhaltslos erscheinen, mag er es wirklich sein, habt Ihr ihn gewählt und hat er das Wort, so laßt ihn sprechen und unter- brecht ihn nicht. — In sanfterem Tone fuhr er nach neuer Pause fort. Sie wissen, Telemach, daß unser Ahnherr aus Ithaka und sein Steuermann sich hauptsächlich leiten ließen von Eingebungen der Pallas Athene, denn was ihnen der feindlich gesinnte Umuferer zublies, überwog das von ihrem schwächlichen Freunde Aeolus Ausgegangene weit und würde sie verdorben haben, hätte nicht die glutäugige Tochter des VI. Nautik — wie findet man gute Gasthöfe? — Geheime Registratoren. Zeus sich ihrer angenommen. Demungeachtet gelang es ihnen nicht immer, Klippen, Sandbänken und Verlockungen zu ent- gehen und im feindlichen Ocean geeignete Landungsplätze zu finden. Seitdem hat sich Vieles geändert, die alten Götter sind in Ruhestand versetzt, dagegen nautische Erfindungen gemacht, vielleicht gelingt es mit ihrer Hilfe, uns zurecht zu finden. Als Leuchtthürme, Zeichen, wohin nicht gesteuert werden darf, dienen die erwähnten Merkmale, was benutzen wir nun aber als Seekarte, um gute Ankerplätze zu ermitteln? So fing unser Mentor in seiner Weise wieder an zu katechisiren und zu schelten über unsren Mangel an Reise- ernst, an eingehendem Scharfsinn und an schöpferischen Ge- danken, denn Keiner von uns gab eine Antwort nach seinem Sinne. — Ich sehe, rief er endlich, ich muß noch einmal von vorn anfangen. Die Bücherangaben fußen, wie wir wissen und wie Murray und Bädeker , die Wirthshaus-Lessings, selbst eingestehen, auf schmaler, unsicherer Grundlage, und fortwährend hört man unterwegs Klagen über unverdiente, unverständige, unverantwortliche Sterne, unschmackhafte und unverdauliche Rechnungen, Speisen und Getränke. Um mich vor solchen Asteroidalbeschwerden zu bewahren, benutze ich — wie man in Indien vermittelst Elephanten andren Elephanten beikommt — einen Wirth zur Ermittelung anderer. Eduard und ich brachen in ein Gelächter aus, das respect- widrig genug klang. Unser Reiseprofessor fuhr unbeirrt fort: — So weit her hätte ich freilich meine Motive nicht holen dürfen, ich glaubte aber, daß Eurem Verständniß der Um- weg über Indien immer noch leichter fallen würde, als der directe der Logik. Pause. — Ich räume ein, versetzte ich endlich, daß ein Wirth über Geschäftsgenossen der nächsten Stationen richtiges Ur- theil haben mag, denn kennt er sie und ihre Leistungen auch nicht aus persönlicher Anschauung, so hört er doch über sie Kritiken von Leuten, die dort einkehrten, er ist Registrator und Calculator der öffentlichen Meinung, aber — geheimer. VI. Gegenseitigkeit — positiver und negativer Pol — Scorpione. Ueber den Inhalt der Archive legt ihm sein Interesse Ver- schwiegenheit auf. Ich fürchte, der Mann wird nur solche Collegen empfehlen, die ihm den gleichen Liebesdienst erweisen, mögen sie es verdienen oder nicht. — Fürchten Sie nichts, Zögling, verlassen Sie sich vielmehr darauf, daß gerade die Rücksicht auf Gegenseitigkeit Alles hinlänglich regulirt. Eben weil der Andere sich nicht in den Schatten stellen will, ist in jenem Falle von ihm keine Reciprocität zu erwarten und feurige Kohlen auf Häupter zu sammeln kommt im Geschäftsleben wenig vor. Nun will ich zwar nicht dafür bürgen, daß jeder Gelbschnabel, wenn er z. B. von Bremen zu Lande nach Neapel reisen und auf die beschriebene Weise sich nur von einer Wirthshand in die andere legen lassen wollte, ohne blaue Flecken dort ankommen würde, die überall gedruckte Lehre jedoch, nichts darauf zu geben, was ein Gastwirth über den andern sagt, ist grund- falsch, im Gegentheil das immer noch der beste Compaß, wenn nur sein positiver und negativer Pol gehörig unter- schieden, d. h. Empfehlungen, die von Leuten ausgehen, welche selbst keine verdienen, als Warnungen betrachtet werden. So pflege ich denn meinen jeweiligen Wirth stets nach Gasthof- adressen in mehren nächsten Rastpunkten zu fragen und davon Vormerkung zu nehmen; erweist sich bei der Abreise die Rechnung übertrieben, oder war ich unzufrieden mit der Be- wirthung, so setze ich zu seiner Firma ein ♏, das Zeichen des Scorpions, und zu den von ihm genannten ein „?“ — dies ist das ABC meiner Steuermannskunst. In Anlage und Ausstattung der Gasthöfe gibt sich nur zu oft dasselbe, den eigenen Vortheil verkennende Streben der Besitzer kund, wie in der Behandlung mancher Badeorte von Seiten der Vorstände: für leeren Schimmer werden Tausende geopfert, hingegen geknickert, wo es sich um Zweckmäßigkeit und Bequemlichkeit handelt. Ein großer H ô telier, mit dem ich einst darüber sprach, gestand mir unverhohlen, durch diese Eleganz wolle er „noble Herrschaften“ anziehen, an „kleinen VI. Noble Herrschaften und kleine Leute — polnische Grafen. Leuten, die wenig aufgehen lassen,“ liege ihm nichts. Die Rechnung stimmt aber mit nichten, vielmehr habe ich gefunden, daß gerade die vornehmsten Leute, denen ein H ô tel nie das bieten kann, dessen sie zu Hause gewohnt sind, ein Mehr oder Minder von Luxus kaum bemerken, jedenfalls darauf weniger Werth legen, als auf Comfort, Sauberkeit, Ruhe, flinke, gute Bedienung und Bewirthung. Die wenig bemittelte Classe ist es, welcher jene Dinge imponiren, kleine Industrielle und Kaufleute nebst ihren Trabanten, Oekonomieverwalter und ärmere ländliche Besitzer sind es, die sich davon locken lassen, damit sie von der Holzsculptur der Möbel, den gestickten Gardinen, den Tapeten, Teppichen, Marmortreppen erzählen können; bei Bezahlung finden sie dann, daß ihr Beitrag zu alle dem doch etwas hoch berechnet ist, kommen deshalb nicht wieder und warnen Andere vor dem theuren Hause. An- ziehungskraft mag der hohle Prunk noch für eine gewisse Gattung „polnischer Grafen und Gräfinnen“ haben, welche Rechnungen nicht zu prüfen aber auch nicht zu zahlen pflegen. Das aufgeblasene Wesen mancher Gastgeber und ihrer Häuser — diese sollten Alle „Zum Goldnen Truthahn“ heißen, oder vielmehr Grand Hôtel au Dindon d’Or — drückt sich schon in ihren Placaten und Empfehlungskarten aus, auf denen die vierspännige Extrapost, in unsrem eisenbahnernen Zeit- alter ein verschollenes Stück Alterthum, nie fehlt, mit dem die Peitsche schwingenden, in’s Horn stoßenden Postillion. Machten Wirthe, deren Haus das Glück hat, an Gehölz, Parks, Promenaden, Gärten zu liegen, dies dadurch anschau- lich, daß sie für das Bildchen die Vogelperspective wählen und von der Umgebung einen schmalen Saum mit aufnehmen ließen, so würden sie gerade die „hohen und höchsten Herr- schaften“ und andern viel verzehrenden Leute eher herbeiziehen, als durch vierspänniges Trara. Ferner würden sie ihre Zwecke besser erreichen, wenn Placate, Empfehlungskarten und Annoncen nicht blos Redensarten enthielten, wie „mit äußerster Eleganz hergerichtet“ ꝛc. ꝛc., sondern andeuteten, VI. Vierspänniges Trara — Fürsten und Große — Paris und London . daß gewisse (noch näher zu erörternde) Bedürfnisse und Wünsche verwöhnter und kränklicher Gäste ihnen bekannt und berücksichtigt seien. Fürsten und Großen wird oft Undankbarkeit vorgeworfen. Für wichtige Dienste, die nicht zu bezahlen sind, mag das oft zutreffen, nicht aber für kleine Aufmerksamkeiten, gute Be- dienung und Bewirthung: — Kammerdiener und Köche be- klagen sich nie über Undankbarkeit ihrer Herren. Viele angesehene Gasthalter sind als Köche oder Kellner in Paris und London gewesen, der hohen Schule des Wohllebens, versäumen auch nie, davon zu sprechen, aus ihren Werken geht aber nicht hervor, daß sie den rechten Nutzen daraus gezogen; sie würden sonst Manches gelernt haben, das ihnen ersprießlicher wäre, als alle mitgebrachten Vocabeln, Manieren und Allüren. So z. B. würden sie bemerkt haben, daß gerade von der Classe, nach welcher ihr Sinnen und Trachten steht, H ô tels von mäßiger Größe bevor- zugt werden, daß es auch selten Häuser von colossalem Umfang sind, die „das beste Geschäft“ machen und ihre Unternehmer bereichern, schon darum, weil ein Heer von Kellnern nicht recht zu beaufsichtigen ist, viel verdirbt, verschleudert, weil Ein Koch nicht viele Dutzende von Gästen vollkommen be- friedigen kann und mehre Köche in Einer Küche nicht taugen. Sie würden ferner bemerkt haben, daß solche „Herrschaften“ nicht auf Masse und Benennung der Speisen, sondern auf ihre Vorzüglichkeit und gute Zusammenstellung Werth legen, denn zu wohl ist ihnen bekannt, daß hochklingende Namen und Titel nicht immer von entsprechenden Verdiensten be- gleitet sind. So entgeht auch der Kritik derartiger Gäste nicht leicht die Beschaffenheit des Trinkwassers, des Brodes, der Kartoffeln, während unverständige deutsche Wirthe sich hoch erhaben dünken über solchen gemeinen Dingen, auch als Pflicht der Nächstenliebe es ansehen, daß das Brod vom nächsten Bäcker geholt werde, anstatt vom besten. Wasser und Brod nebst Salz sind Lebensbedürfnisse, VI. Wasser u. Brod. Imperfectum u. Futurum. Hietzing . Goethe . Bier. die auch Strafgefangenen in vollem Maße gewährt werden, und doch pflegt man so karg damit zu sein, daß an einer langen Tafel oft nur eine oder zwei Wasser- und ebenso viel Salzquellen vorhanden sind, der Brodkorb am Saum des Horizonts hängt und jeder Gast auf die in der äußersten Serviettennische verkrochene, ameiseneiförmige Semmel und die Gefälligkeit einer Kette von Nachbarsnachbarn angewiesen ist, denn die Kellner gehen meistens in der „Sorge für’s Allgemeine“ so völlig auf, daß sie für das „Besondere“ und seine Anliegen keinen Sinn, überhaupt wie gewisse Verba kein Präsens, sondern nur Imperfectum und Futurum haben. Glauben die Herren vielleicht, daß der Schmachtende um so mehr Wein trinken werde? — Warum ist ferner nicht stets für mehrerlei Brod, schwarzes und weißes, gesorgt? Sogar auf die königliche Tafel in Hietzing kommt regelmäßig beides, obwohl S. M. sonst gegen diese Farben den leidenschaftlichsten Widerwillen hat. Auch Goethe — er war zwar nur Dichter, gehörte aber als Minister doch unter die Vornehmen — aß selbst Mittags Roggenbrod, ließ jedoch seinen Gästen stets gleichzeitig Weizengebäck vorsetzen, wie seine Biographen ge- treulich berichten. Wenig verstehen auch H ô teliers ihren Vortheil, die das von Jahr zu Jahr fashionabler und kosmopolitischer werdende germanische Lieblingsgetränk grundsätzlich von ihren Tafeln ausschließen, theils weil sie fürchten, eine unerwünschte Sorte von Gästen anzuziehen, theils weil ihr Kalkül auf Weinzwang fußt. Auch diese Wirthsrechnung ist ohne Wirth gemacht, aus Gründen, die Jedem einleuchten, der einigen Geschäfts- blick hat, daher kommt neuerdings gerade in den elegantesten Touristenh ô tels dies thörichte Prohibitivsystem ganz ab. Man hält oder besorgt auf Verlangen ein gutes Bier , berechnet es so, daß nicht leicht Sparsamkeitsrücksichten zu einer Bevor- zugung des Gambrinus vor dem Bacchus veranlassen können, und geht nicht darauf aus, Leute, die einmal Bier für den VI. Volksthümliche Gerichte — Particularismen und Vandalismen. besten Schlaftrunk halten, durch Vorenthaltung umzustimmen und zu verstimmen. Ein Vorurtheil vieler Wirthe ist ferner, daß sie ihre Mittagstafel zu schänden und „noble Herrschaften“ zu ver- scheuchen meinen, wenn sie nicht landesübliche, volksthüm- liche Gerichte ganz ausschließen. Es entgeht ihnen, daß just jene solche ihnen neue Schüsseln gern sehen, kosten, davon plaudern, daß hingegen Tadel oder Spöttereien über deren Erscheinen aus Kreisen stammen, an deren Besuch und guter Meinung ihnen nichts liegt, von Leuten, die „nicht weit her“ sind und von einem „feinen“ H ô tel erwarten, daß darin alles anders ist, als sie es zu Hause gewohnt sind, einen bessern Maßstab haben sie nicht. Daß solchen Stücken Volksthum ihre volle Bäuerlichkeit und Ungeheuerlichkeit erhalten bleibt, ist nicht vonnöthen, im Gegentheil darf die Hausfrau zum Ruhme ihres Vaterlands gemeinschaftlich mit dem Küchenchef streben — sie kann dann den Triumph erleben, daß ein Bischof das Recept zu der betreffenden Speise erbitten läßt, oder eine russische Fürstin selbst in die Küche kommt — sie darf streben, das Urwüchsige zu veredeln. Nicht zu den berechtigten Eigenthümlichkeiten zu zählen ist hingegen Alles, was den Bedürfnissen der Gesammtheit in’s Ge- hege kommt und an den Grundsäulen guter Tafeln und guten Geschmacks zu Gunsten irgend eines Particularismus rüttelt: ich meine, wenn Speisen, die Jeder braucht oder mindestens Jeder gern ißt, so zubereitet werden, wie sie nur den Be- wohnern eines kleinen Gebietes zusagen, und nicht der Mehr- zahl der Fremden , für deren Bewirthung doch gerade das H ô tel bestimmt ist, im Gegensatze zu Speisehäusern, kleinen Garküchen, Suppenanstalten u. s. w. Dahin gehört vor Allem Auswahl und Dosis der Gewürze . Viele können einzelne Gewürze nicht vertragen oder lieben sie nicht, auf eine Table d’h ô te passen somit nur Gerichte, die, wenn über- haupt, dann sehr bescheiden gewürzt und gesalzen sind. So sehr jedoch jene Herren an der Tafel zurückhalten mit den VI. Lehren der Weisheit und Tugend für Wirthe — Delicatessen. beiden wichtigsten Gewürzen, Salz und Pfeffer, so aufdring- lich sind im Gegentheil ihre Köche mit dieser Zuthat, ebenso mit anderen entbehrlichen. Viele Leute z. B. haben einen Widerwillen gegen Zwiebeln, noch mehr gegen Knoblauch, die Freunde dieser Knollengewächse andrerseits können ihrer wohl entrathen, es ist deshalb nur recht und billig, daß den Speisen entweder gar keine oder sehr wenig Zwiebeln zugesetzt, selbst dem Hammelbraten jeder „Soup ç on“ von Knoblauch erspart wird; ferner, daß Suppen und Brühen nicht von Fett strotzen, daß die Kartoffel, der Allerweltsliebling, nicht blos in geschmortem Zustande erscheint, daß der Senf, den Jeder braucht, nicht mit Esdragon versetzt ist, welcher ihn Manchen widerlich macht (damit glauben diese Speculanten ihre Sache noch absonderlich gut zu thun, weil nach ihrer Meinung das Theurere immer das Bessere ist), daß der Salat nicht mit Rahm oder Zucker vermischt, daß daneben stets Compot vor- handen ist, Hülsenfrüchte ohne Essig, Mehlspeisen ohne Safran, Gebäcke und Fische nicht mit Oel bereitet sind, vor Allem, daß das Brod, das wichtigste Nahrungsmittel, nicht mit Kümmel, Anis, Fenchel, Coriander ꝛc. ꝛc. gebacken ist. Ebenso leuchtet ein, daß Delicatessen ihr Naturgeschmack un- beeinträchtigt von außergewöhnlichen Zuthaten zu halten ist, z. B. Wildpret und bessere Fische nicht in einer Essigbrühe schwimmen, letztere nicht gebacken sein dürfen, sondern alle solche Absonderlichkeiten dem Einzelnen überlassen bleiben sollen. Er mag für seine Person nachsalzen, nachpfeffern, Essig zugießen, Citronensaft auftröpfen (zu Fisch, Wild- pret ꝛc. gehören Citronenschnitte, und zwar nicht blos als tellerzierende Schaugerichte), Butter, Zucker, Zwiebeln hinzu- thun, Forellen backen lassen, ganz nach seinem Ungeschmack. Es gibt ja Barbaren, die den Salat zuckern, Zimmet in den Thee thun, Citronensaft auf Austern und Caviar tröpfen; mögen sie meinetwegen den Austern Himbeersaft und dem Caviar Schokolade zusetzen, das ist ihre Privatsache, nur soll der Hausherr seinem Koch keinerlei Vandalismen erlauben. VI. Augenblendwerk — Wirthscongresse. Ein anderer Wirthswahn ist, daß alle Begehungs- und Unterlassungssünden der Küche gesühnt würden, wenn zu- weilen kostspielige Beliebtheiten, wie Forellen, Salblinge, Turbot, Haselhuhn, Schneehuhn, Fasan, Artischocken, stäm- miger Spargel, Schildkrötensuppe, Ananasgefrorenes u. dgl. auf dem Tisch erscheinen, während doch durch Außergewöhn- liches nur Dilettanten sich bestechen lassen, der Beifall des Kenners hingegen durch die Ordinaria erworben wird, wenn sie in Stoff und Bereitung nichts wünschen lassen: das Fleisch mürbe und saftig, Suppen und Saucen kräftig und schmackhaft, nicht lang und dünn sind, die verwendete Butter frisch, Salat mit feinem Oel und Weinessig kunstgerecht be- netzt, nicht in ein tiefes Bad von gemeinem Essig versenkt ist, u. s. w. In den besseren H ô tels ist alles das längst erkannt und die Besitzer haben sich den Ansprüchen der Reise- welt theils anbequemt, theils einen Compromiß geschlossen und gefunden, daß sie sich gut dabei stehen. Ich kann deshalb nicht einstimmen in die Klage einzelner Schriftsteller, daß die meisten anspruchsvolleren Gasthöfe der verschiedenen Länder „uniformirt“ sind. Wer Landeseigenthümlichkeiten in voller Ursprünglichkeit kennen lernen will, darf sie nicht im H ô tel suchen, welches seiner Natur nach kosmopolitisch ist. Berech- tigt erscheint eine Klage nur, wenn, wie es allerdings nur zu oft vorkommt, an Stelle einfacher, kernhafter Bürgerlichkeit der Küche eine mit französischen Namen und Bereitungs- finessen verbrämte, durch Menge und Aufputz der Schüsseln auf Augenblendwerk angelegte Armseligkeit der Substanz getreten ist. Hoffen wir, daß Vieles nun bald besser werde durch die fleißig abgehaltenen Wirthscongresse, denn in allem Geschäfts- verkehr gilt ja der Grundsatz, daß auf die Dauer kein Theil sich wohl steht, wenn er nicht auch auf den anderen billige Rücksicht nimmt. Wollen die Herren nicht in’s eigene Fleisch schneiden, so dürfen sie z. B. im Zuschnitt von Fleisch und VI. Der Küchenvirtuos — gastrosophische Studien. Anderem nicht blos auf ihren einseitigen augenblicklichen Nutzen bedacht sein. — „Von volksthümlichen Gerichten meines Landes lasse ich bald das eine bald das andere serviren, aber idealisirt,“ so drückte sich einst eine Gastgeberin aus, deren Haus im Reisebuche nicht * sondern ☉, das Zeichen der Sonne, ver- diente. Es war eine vortreffliche Dame, mit der ich wieder- holt über die Kunst der Bewirthung plauderte. Schon ihr Aeußeres war vertrauenerweckend: sie sah aus, wie eine wandelnde gesegnete Mahlzeit. Sie hatte die Aufmerksamkeit, als sie meine Aufmerksamkeit und Wißbegierde sah, mir ihren Küchenchef vorzustellen, der gleichfalls manche schätzenswerthe Aufklärung gab. In der weißen Mütze des dicken Mannes steckte ein etwas kahler, aber denkender Kopf. Seine Welt- anschauung war eine epikuräisch-materialistische, den Stoicis- mus verwarf er ganz, ebenso wie den Cynismus. In seinem „Studierzimmer“ hinter der Küche befanden sich auch die Schriften von Moleschott und Liebig , mehre chemische Werke, ein Reagentienkasten und ein Mikroskop, behufs Untersuchung in Fällen, wo die eingekauften Stoffe Verdacht erregten. Von Kochbüchern, deren keines in seiner „Biblio- thek“ zu sehen war, sprach er mit lächelnder Erhabenheit. Diesem würdigen Chef, der an einem Werke arbeitete, welches, auf Grundlage von Brillat-Savarin und Baron Vaerst weiter bauend, die „culinarisch ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts“ anstrebt, verdanke ich das eben Voran- gegangene, sowie auch die nachfolgenden Belehrungen über gastrosophische Angelegenheiten. Dem Vetter Michel, wenn er nach Paris geht, wird ge- wöhnlich eingeschärft, willst du dort in den erlesensten Gaumengenüssen schwelgen, so begib dich mit einem Freunde sechs Uhr Abends zu Fr è res Proven ç aux oder Chevet, und wähle nach der carte du jour beliebige Speisen, immer eine Portion, denn die reicht aus für zwei Personen. Der Rath ist médiocre , denn die addition für Herrn Michel und seinen VI. Culinarische Erziehung — Ein Professeur der Gourmandise. Freund wird, wenn sie bei gutem Appetite sind, ein paar Gold- stücke betragen, die Sitzung sehr lange dauern (sofern sie nicht gleich anfangs durch einen Bleistiftzettel ihr Programm entwarfen), weil zwischen Bestellung und Erscheinung der Gerichte starke Pausen eintreten, und wahrscheinlich werden beide Herren nicht viel Genuß und Belehrung davontragen, denn sie müssen schon besonderes Glück haben, wenn sie nur die glänzenden Seiten der französischen Küche zu schmecken bekämen. Besser dürften sie gefahren sein, hätten sie die- selbe Summe verwendet, um nach einander die Table d’h ô te einiger H ô tels comme il faut durchzumachen. Aber auch das sind nur Stümpereien. Jeder, dem es um ernstere gastro- sophische Studien zu thun ist, macht diese weder auf eigene Faust noch nach Büchern, sondern sucht sich einen professeur (nicht mit „Professor“ zu übersetzen, denn die deutsche Sprache verbindet damit einen andern Begriff) von bewährtem Rufe, der ihm die Anfangsgründe beibringt, ihn renseignirt, wer die zeitweilig besten Kochvirtuosen, welches die starken Seiten eines jeden sind, und ihn oft begleitet. Ein Professeur der Gourmandise wird vor Allem den Künstlern, die er durch seine Kundschaft auszeichnet, so viel Ehrfurcht vor seiner Kennerschaft eingeflößt haben, daß Keiner wagt, ihm Mittel- mäßiges vorzusetzen, im Gegentheil wird man ihn bescheiden warnen, sofern er etwas bestellt, das in der Zubereitung nicht völlig gelungen oder im Material mangelhaft ist. Gesetzt er verlangte ein Stück von einem Reh, das seine Laufbahn um ein Jahr zu spät oder um einen Tag zu früh für seinen Nachruhm beschlossen, im ersten Falle also zähes Fleisch hätte, im zweiten zuviel haut goût , oder seine Wahl fiel auf ge- trüffelten Truthahn, die letzte Sendung des edlen Pilzes aus P é rigord hätte jedoch einen leisen Schimmelgeschmack, oder der Ernährungsproceß des unvergleichlichen Vogels wäre nicht in erwünschter Weise vor sich gegangen, so würde ent- weder schon der Kellner bei der Bestellung mit der Unterlippe leise zucken, als Zeichen, daß eine andre Wahl räthlich, oder 12 VI. Geschmacksbildung — gaumenästhetische Rangliste. der Künstler in Person erscheinen und den Wink in einer für Uneingeweihte unmerklichen Weise geben, ebenso auch, wenn irgend eine der Aufmerksamkeit vorzüglich würdige Delicatesse, eine primeur oder dergleichen vorhanden und vom Professeur unbeachtet geblieben wäre. Der Rath, bei je zwei, drei ver- schiedenen Restaurants die einzelnen Theile seines Diners einzunehmen, während draußen das Cabriolet wartet, ist wohlgemeint aber verwerflich: auch die Gaumenästhetik ver- langt „Einheit des Orts“. Einen wirklichen Kenner zu finden und zum Lehrer zu gewinnen, ist Sache des Glücks, darum nur noch wenige Worte über den Gegenstand. Man halte sich nie an den Rath jüngerer Leute. Bildung des Geschmacks in Literatur und Kunst läßt sich allenfalls bis zum ersten Mannesalter erwerben, zur höheren Entwickelung der Zungenkritik jedoch gehört ein volles und reiches Menschenleben bis zu den Jahren der rückbildenden Meta- morphose. Wie es scheint, flüchten sich dann alle geistigen und körperlichen Kräfte des Menschen in Zunge und Ge- schmacksorgane. Nach der Berufsart wäre etwa so zu classi- ficiren. In die höchste Rangclasse der Kenner zählen Prälaten (nicht italienische und spanische, sondern mitteleuropäische), einzelne, nicht zu sehr beschäftigte Diplomaten, an denen zur Zeit noch kein Mangel ist, ein Theil des reichen Stadtadels, bedeutende Industrielle und Kaufherren großer Städte, ebenso haute finance (das Prädicat à la financière ist stets eine Auszeichnung) ohne Unterschied der Nationalität. Manche wollen dem semitischen Stamme den meisten Credit geben. In zweiter Ordnung, mehr Liebhaber als Kenner, aber letzteren Titel beanspruchend, stehen reiche Landwirthe, höhere Officiere a. D., einige kleine Hofkreise, Aerzte und Anwälte mit vielen Clienten und Patienten. Die dritte Classe umfaßt die übrigen Berufskreise der gebildeten und bemittelten Stände, mit Ausnahme der Schulmänner, protestantischen Geistlichen, Dichter und Marineofficiere, welche sämmtlich auf die unterste Rangstufe der Gaumenästhetiker gehören. — VI. Nahrungssorgen — Kampf um’s Dasein. Was der Kochkünstler mir sonst noch über die Materie ver- rieth, lasse ich unberührt, um seinem Werke nicht vorzugreifen, und hebe nur noch hervor, daß es untouristisch ist, in Spei- sen, Cigarren, Kaffee, Wein ꝛc. leidenschaftlicher Feinschmecker zu sein. Der gerechte und vollkommene Tourist muß immer Herr und Meister bleiben über seine küchenästhetischen An- sprüche, sogar den Ekel nöthigenfalls unterdrücken können, damit, wenn etwa sein Verhängniß ihn in ein Spaccio di vino con cucina oder eine spanische Possada schleudert, bittere Nahrungssorgen ihn nicht ganz überwältigen. Um seine touristische Erziehung nach der Seite vorzubereiten, ist eine Reise z. B. in Thüringen oder dem Erzgebirge schon recht geeignet. Steigen wir jetzt aus den Regionen der Feinschmeckerei, in denen wir uns schon zu lange aufhielten und verweich- lichten, hinab in jene schauerlichen Tiefen, wo der Kampf um’s nackte Leben geführt wird, wo es sich um Befriedigung des Hungers handelt. Einen Speisezettel gibt es da ent- weder nicht, weil Niemand da ist, der ihn schreiben könnte, oder es gibt einen, aber schon seine Schriftzüge sind für die Augen, was die Gerichte selbst für Zähne und Magen, was „junker Kampsprade“ benannt ist, erweist sich als zähes Ziegenbockfleisch und das „Beffstäck von Fülleh“ stammt aus den sehnigsten Theilen einer alten Kuh. „Die Karte soll eine Wahrheit sein“, versprach einst Louis Philipp seinen Franzosen, allein es scheint, daß die einzigen ehrlichen in der Welt die Landkarten sind, alle übrigen dagegen, von den Spielkarten bis zu den constitutio- nellen, Visiten- und Speisekarten, zu eitel Spiel und Täuschung mißbraucht werden. Auch in sofern lügen die letzteren oft, daß sie Gerichte aufführen, die nie vorhanden waren, in der Kellnersprache „eben ausgegangen“. Nie vorhanden finden Sie leichtfertig behauptet? So trete ich den Beweis an, durch Zeugen und Indicien. Zeugen: Maler N. und Bild- hauer M. , die seit Jahren in der Antica Trattoria del … 12* VI. Paläontologische Forschungen in Küchenabfällen. in Rom Abends acht Uhr zu Mittag essen und beim Bajocco- orden versichern, daß viele der aufgeführten Herrlichkeiten blos nominell sind und lediglich zum Schmuck der Karte dienen. Die Arme, ihr mangelt sonst jedweder Schmuck, Schönheit und Liebreiz hat sie nie besessen, Jugend, Unschuld und Reinheit, alles ist längst dahin, ein großer Riß geht durch ihr Herz, mißgönnen wir ihr diese einzige Zierde nicht. Hier ist sie selbst, ich habe sie mitgebracht, wie ich sie einst an Ort und Stelle fand, zwei Quadratfuß groß, bedruckt und beschrieben. Ueberzeugen Sie sich. Nur Muth, ein ge- wissenhafter Richter darf vor keinem Anblick zurückschrecken. — Indicien: Sie erkennen, daß dieses Blatt mindestens schon eine Winter- und eine Sommersaison ausgelegen hat. Jetzt prüfen Sie die Ablagerungen, die sich von Arosti, Fritti, Legumi, Pesce, Umidi gebildet haben, nehmen Sie meinet- wegen chemische Reagentien zu Hilfe, um den untersten Spu- ren beizukommen: — Sie werden finden, daß etwa ein Drittel der Gerichte nicht vertreten ist. Die Behauptung, daß in einer italienischen Trattorie eine Speise aufgetragen werden könnte, ohne Merkmale zurückzulassen, wird Niemand wagen, der dort gewesen ist. Jetzt folgen Sie mir in die Antica Trattoria della … Hier ist das schriftliche Ver- fahren unbekannt, kein Blatt Papier zwischen Wirth und Gästen, vielmehr trägt Cenzo , der dicke Kellner, mündlich vor, was zu haben ist. Auf seinem Anzug erscheint eine hand- breite Zone, auf der Proben von Saucen ausgestellt sind, vielleicht als Illustration zu seinen eiligen mündlichen Mit- theilungen. Von weiteren paläontologischen Forschungen in Küchen- abfällen glaube ich aber nun Abstand nehmen zu dürfen. Machte oder ahnete ich sehr trübe Erfahrungen an einem Gasttische, so überließ ich mich dem Wirth ohne Lenkversuche, wie Reiter auf unsicheren Gebirgswegen mit Maulthieren thun, wählte also nicht, sondern wandte nur leise Sporen- hilfen in sofern an, als ich merken ließ, daß ich mürbes, VI. Härteste Nothzustände — Abschätzung der Gäste. saftiges Fleisch von zähem, trocknem zu unterscheiden wisse, ferner andeutete, ich gedächte wiederzukommen, und eine theurere Weinsorte bestellte, eine Artigkeit, die jedes nicht ganz ver- härtete Wirthsherz rührt. Ich erhielt dann das Beste, was zu haben war, wenigstens unter mehren Uebeln das kleinste. Wirthstische und Häuser verschiedenster Beschaffenheit hätten wir nun fleißig besucht und geprüft, sind aber doch noch nicht im Reinen mit ihnen. „Wir sind noch nicht aus- einander, sprach der Hahn zum Regenwurm, und da fraß er die andre Hälfte.“ Anders lägen die Dinge, wenn wir Gäste die Examinaten wären: da gälte es, rasch sein. Setzen wir z. B. den Fall, der vierzehnsitzige Omnibus des Grand Hôtel de la Sangsue d’Or oder „Zur Stadt Marocco “ käme eben gefüllt vom Bahnhof, das Alarmsignal der Glocke dröhnte durch’s Haus und von allen Seiten stürzte man herbei, die Aussteigenden zu empfangen. Binnen zwei Minuten müßte ihre vorläufige Abschätzung vollzogen sein, denn ihre Be- quartierung hängt davon ab, müßte entschieden sein, wer von ihnen einen Salon im ersten Stock und wer ein einfenstriges Hofzimmer im obersten verdient, beziehungsweise vertragen kann. Bis zur Lunge dringt die Diagnose freilich nicht, wohl aber weiß sie Vermögen, Rang, Ansprüche des Einzelnen zu errathen, den Grad der Feinheit des Hemds, die Haltung der Fingernägel zu auscultiren und daraus Schlüsse zu ziehen. Nach derlei tiefversteckten Signaturen vermag sie die Zimmernummer für jeden Ankömmling zu berechnen, alles im Handumdrehen, was indessen nicht ausschließt, daß die erste Gelegenheit ergriffen wird, die Probe auf das Exempel zu machen, durch angeknüpftes Gespräch, Untersuchung der ausgezogenen Stiefel oder sonstwie. Uns Touristen eilt es hier nicht mit der Prüfung unsrer Obdachgeber, gehen wir deshalb hübsch gründlich zu Werke. Inmitten aller Bemerkungen über Wirthe und Dienst- personal wollen wir doch aber erst einmal der Thatsache ge- denken, daß auch bei uns Gästen nicht Alles so ist, wie es VI. Unser schwarzes Register. sein sollte, daß — um aus unsrem schwarzen Register hier nur dessen zu erwähnen, was mit Wirthshausangelegenheiten in Verbindung steht — sogar einzelne es arg treiben. Manche demoralisirt der Gedanke, daß sie an der Stelle zum ersten und letzten Male sind, in verschiedener Weise und steigert die üblen Seiten ihres Naturells oder ihrer Erziehung, denen sie zu Hause Zügel anlegen mußten. Viele, angeregt durch die Reise und ihre Eindrücke, welche so leicht Herz und Hand öffnet, werden verschwenderisch, oder werfen aus Prahlerei mit Geld um sich, was daheim nicht durchzuführen wäre, dulden die offenbarsten Uebervortheilungen, weil „sie sich nicht ärgern wollen“, oder weil sie fürchten, für arm, geizig, klein- lich, zänkisch gehalten zu werden. Die Mehrzahl der Er- holungs- und Lustreisenden gilt überhaupt für reich, so ge- wöhnen sich die Leute, um sicher zu gehen und keinen Anstoß zu geben, gleich alle wie Standespersonen zu behandeln, für die keine festen Preise existiren, sondern die nach Belieben zahlen, nur nicht nach ihrem eigenen Belieben. Die meisten erscheinen und verschwinden, auf Seite der Ansässigen fällt also auch die Aussicht auf Erwerbung treuer Kunden weg. Uebt ihr keine Treue, so üben wir keine Redlichkeit, denkt man, und beutet sie aus. Hinzukommt, daß der Reisestrom naturgemäß aus dem theuren Norden nach dem wohlfeilen Süden gerichtet ist, aus den Thaler-, Pfundsterling- und Rubelländern in die Gulden-, Franken- und Lireländer, daß die Ankömmlinge über die Niedrigkeit der Preise staunen und auch vor den Einheimischen kein Hehl daraus machen; endlich daß Touristen überwiegend männlichen Geschlechts sind, wel- ches weniger Anlage zur Sparsamkeit hat, auch für schlechter bewandert gilt in Preisen der täglichen Bedürfnisse, als Frauen. Manche werden durch unerwartete Ausgaben schäbig karg, quälen die Kellner, brutalisiren das Gesinde, hadern und nörgeln, verderben Zimmergeräth ꝛc. Kränkliche sind auch Viele unter der Masse, Mancher macht eine „Erholungs- reise“ für seine Familie und seinen Arzt, d. h. dieser schickt VI. Abrechnung. ihn fort, damit er, der Arzt, und die Angehörigen des Pa- tienten sich zu Hause einmal erholen können. Von den hieraus entspringenden Unzuträglichkeiten cassiren der Wirth und seine Leute neben Rechnungen und Trinkgeldern erkleck- liche Summen in jedem Geschäftsjahr ein, welche auch wir, wenn wir Bilanz ziehen, zu buchen haben. Vergeben wir ihnen dagegen — selbstverständlich bin ich weit entfernt, es gutzuheißen — wenn sie Bedienung eigens berechnen, aber dennoch dulden, daß der Kellner dem Fremden über die Natur dieses Postens An- deutungen gibt, welche unbeachtet zu lassen Jedem zusteht; ver- zeihen wir ihnen, wenn sie nicht benutzte Lichte Wer spät Abends eintrifft, blos um zu nächtigen, und gewahrt, daß der Kellner zwei neue Kerzen für ihn anzünden will, damit das berüchtigte Bougies - Item auf der Rechnung erscheint, darf dies sehr füglich verbieten und sich ent- weder ein Stück Licht geben lassen, oder sein eigenes Wachslichtchen aus der Tasche ziehen und es die wenigen Minuten anbrennen. Aus der Betonung des „Gutenacht“ des Kellners kann er dann schon berechnen, ob die Lichtsteuer nieder-, oder zum „logement“ geschlagen wird. besonders ansetzen; wenn sie die Zimmermiethe von Mitternacht zu Mitternacht und jeden Bruchtag für voll rechnen, so daß für acht Stunden Nießbrauch zwei Tage angekreidet werden, mithin Bevortheilung weit über die Hälfte. Erweist sich die Totalsumme nicht allzu hoch getrieben und war die Ver- pflegung gut, so mag’s drum sein. Vielleicht geschieht es aus Zartgefühl, sie wollen uns nicht erschrecken durch hohen Satz für Zimmermiethe, machen deshalb mehre kleinere Ziffern unter verschiedenen Benennungen daraus, weil, wie sie an den Packträgern täglich bemerken, jede Last minder drückt, wenn sie über den Rücken breit vertheilt, als wenn sie auf eine Schulter gepackt ist. Nehmen wir es ihnen ferner nicht allzu übel, wenn sie ihr Interesse an unsrer Person in oben angedeuteter tief eingehender Weise bethätigen. Meinet- wegen mögen Einzelne sogar, wie vorkommen soll, unsren Ausgängen auf der Straße von ferne nachspähen, ja an VI. Weitere Bitten an Wirthe. Thüren horchen, und zwar so ungeschickt, daß sie sich dabei verrathen: Credit müssen sie doch einmal allen Einkehrenden gewähren, deren Einige ihn monatelang beanspruchen, und nicht unerhört sind Fälle, daß er mißbraucht wurde (z. B. fanden sich einst bei amtlicher Oeffnung eines großen schweren Koffers, der als Pfand zurückgelassen ward, nur mit Stroh umwickelte Backsteine) — gehen wir also mit unsren Gläu- bigern nicht streng in’s Gericht. Auch wollen wir ihnen keine patriotischen Vorwürfe machen über ihre Französeleien, denn sie können zu ihrer Entschuldigung anführen, daß in ihrem Bereiche unsre südlichen Nachbarn eine un- bestreitbar große Nation sind und der Civilisation die Bahn gebrochen haben; sodann können sie geltend machen, daß, obwohl Franzosen selbst wenig reisen, ihre Sprache doch oft das einzige Mittel der Verständigung mit Gliedern anderer Völker ist. Uebersehen wir endlich nicht, daß es unter den Wirthen eine erkleckliche Anzahl braver, gewissenhafter, achtungswerther, liebenswürdiger, unterrichteter Männer gibt und daß wir aus dem Verkehr mit ihnen manche willkommene Belehrung über Land und Leute schöpfen, mit Recht wird daher empfohlen, auf dem Lande, in kleinen Orten und in weiterer Ferne die Bekanntschaft der Wirthsfamilie zu suchen. Soviel als Zeichen, daß unter uns Gästen die Billig- keit nicht blos geliebt sondern auch geübt wird. — Jetzt, meine Herren H ô teliers, werden Sie wohl in der Laune sein und auch „Zeit haben“, einige Bitten und Beschwerden an- zuhören. Erschrecken Sie nicht, die Erfüllung und Abstellung ist nicht kostspielig. Erwägen Sie, daß Ihre Casse sich um so besser steht, je mehr Sie Rücksicht nehmen auf unsre Ge- sundheit und Behaglichkeit, je mehr Sie von unsren kleinen Capricen errathen und je schonender Sie sie behandeln. Wir verzichten dagegen auf tiefe, bücklingsvolle Unterwürfigkeit und honigsüße Redensarten. Das erste Anliegen, nächst dem schon Angedeuteten, ist: VI. Weitere Bitten an Wirthe. für Ruhe bei Tag und Nacht sorgen zu wollen. Unterbrechen Sie mich nicht, bitte, ich weiß, daß Sie nicht hindern können, daß andere Gäste ungebührlichen Lärm machen, wohl aber können Sie hindern, daß Vieles davon uns dermaßen zu Ohren kommt, wie es der Fall ist. Sie vergessen, daß wir Ihre Häuser aufsuchen, um zu ruhen, denn essen und trinken könnten wir auch anderswo, ferner, daß gerade unter uns nichtgeschäftlichen Reisenden so viele sind, deren Schlaf leicht gestört ist. Einigen von Ihnen ist es gelungen, dicht am Bahnhof ein Grundstück zu erwerben, ein palastartiges H ô tel darauf zu erbauen und mit allem denkbaren Glanz auszustatten. Wäre es nicht besser, diesem Glanz etwas abzubrechen und für die ersparte Summe ge- wisse nothwendige Einrichtungen zu treffen? So bequem und erwünscht bei Ankunft und Abreise die Nähe des Bahn- hofs Vielen sein mag, so wenig ist sie es, während wir schlafen möchten, denn der Ton, den wüthende Elephanten in der Brunstzeit ausstoßen, ist sanft und lieblich gegen die gellenden, langgehaltenen, markerschütternden Locomotiven- pfiffe. Könnten denn nicht dieserhalb und um den Straßen- lärm abzuhalten vor den Fenstern Rouleaux von Stroh (oder dickem Wollenzeug) angebracht sein, die Abends herab- gelassen werden? Besser als Jalousien und Markisen dienen auch solche Strohrouleaux, die Sonnenglut abzuhalten. Wiesen Sie Ihre Leute an, sobald der Bewohner eines süd- lichen oder westlichen Zimmers an heißen Tagen ausgegangen, jene herabzulassen, und er fände bei Rückkunft eine kühle Stube, so dürften Sie seiner wärmsten Anerkennung ver- sichert sein. Die Pflege der Zimmer im Sommer kennt und übt man in deutschen Wirths- und Privathäusern noch ebenso wenig, wie in Süd- und Mitteldeutschland richtige Heizung im Winter. — So würden ferner, anstatt der farbenstrahlenden Teppiche vor den Sofas, einfachere, jedoch über den ganzen Stubenboden sich ausbreitende, den Schall der Tritte dämpfende Decken sehr wohl an ihrer Stelle sein, desgleichen VI. Weitere Bitten an Wirthe. Cocosbastmatten als Sordinen in Gängen und auf Treppen. Könnten ferner nicht Stubenthüren doppelt angebracht und mit Vorhängen oder anschließenden Polstern versehen sein? Besonders sollte streng darauf gehalten werden, daß Kellner und Hausknechte sich eines stilleren Wandels befleißigen, nicht Thüren zuschmettern und mit Tischgeräth unnütz rasseln. Corridorthüren könnten so eingerichtet sein, daß sie nach innen und außen sich öffnen und selbstthätig wieder fest und geräuschlos schließen. Die Ansichten über gute und schlechte Musik sind bekanntlich ungemein verschieden, Manche ziehen keine der besten vor, ein vorsichtiger Wirth — da er ein oft wechselndes Publikum hat, dessen Geschmack er nicht vorher auskundschaften kann, und Musik kaum je einen Gast herein- ziehen wird, dagegen Manche verscheucht — hält daher lieber alle Tafelmusik fern, unter keinen Umständen duldet er plötz- liche ohrenmeuchlerische Ueberfälle umherziehender Bläser, Fiedler und Orgler, sondern überläßt diese der Straße, den Bierkneipen und den eigens dafür bestimmten Localen. Wo es die Verhältnisse gestatten, sollten Anstalten ge- troffen sein, daß, wer es wünscht, bei günstigem Wetter im Freien speisen kann. Wird der Andrang zu groß, so mag der Preis erhöht werden. Nur in wenig Gasthöfen stellt man im Winter eine leichte Federdecke von entsprechender Größe oder eine doppelte Wollendecke den Uebernachtenden zur Verfügung, nöthigt sie vielmehr, allerhand aus eigenen Mitteln zuzulegen, Plaid, Kleidungsstücke u. dergl., denn das kleine quadratförmige „Plumeau“ Wenn dieses Wort überhaupt einmal in Frankreich existirt hat, so muß es schon lange her sein, denn ein heutiger Franzos kennt es in der Bedeutung nicht, auch Mozin , Littr é ꝛc. wissen nichts von ihm. Möchten wir Deutsche doch endlich einmal aufhören, fremde Sprachlappen vollends abzutragen. dient nur der unteren Körperhälfte, hat außerdem die Neigung, nächtlicher Weile seinen Posten zu verlassen und den arglos Schlafenden einer Erkältung preis- zugeben. Nachts heizen lassen? — Bei Vielen, die es nicht VI. Welche Gasthöfe Sparsame meiden. gewohnt sind, das sicherste Mittel, den Schlaf zu stören. Was thut nun der Mann von Erfahrung in solchen harten Nothzuständen? — Er nimmt eine Anzahl Plaidnadeln und stellt damit eine Verbindung her zwischen den Bestandtheilen seiner Hülle. Durch übermäßige Preise bei schlechten Leistungen zeichnen sich besonders Wirthschaften aus, welche dicht an oder auf dem Wege zu einem vielbesuchten Punkte vereinzelt liegen, fast nur für Ein Frühstück, Ein Mittagsmal, Eine Nacht be- nutzt werden und täglich wechselndes, buntgemischtes Publikum haben. Solcher mit ♏ zu bezeichnender Häuser (vgl. S. 169) könnte ich eine gute Anzahl namhaft machen, begnüge mich jedoch mit der Bemerkung, daß Scorpione nicht blos in süd- lichen Breiten hausen, sondern auch im Norden bis nach Schottland und Norwegen , und daß sie sich ebenso gern in Palästen aufhalten wie in Hütten und altem Gemäuer. In dieselbe Kategorie gehören auch viele Wirthe, Zimmer- vermiether, Händler, Kutscher ꝛc. in Orten, die eben erst angefangen haben, in Mode zu kommen, und zeitweilig in einem Uebergangszustande sind: ihre alte, unschuldige, an- spruchslose Dorfmäßigkeit oder Kleinbürgerlichkeit haben sie verloren, die Gewiegtheit großer Geschäftsleute noch nicht erworben und so sind sie in einem Zustand des Rausches und der phantastischen Willkür. In allen von ernsthaft Kranken vielbesuchten, seit lange dafür eingerichteten Bädern hat die regelmäßige, stetige Nachfrage meistens gesundere, den örtlichen Umständen angemessene Preise hervorgerufen. Den Reisehandbüchern muß überlassen bleiben, über die Behandlung der unsicheren Districte Näheres anzugeben, nur eines in vielen Fällen der Art anwendbaren Schutzmittels soll hier noch Erwähnung geschehen: der Gast macht selbst und nennt ausdrücklich bei Bestellung den Preis, natürlich unter Rücksicht auf die Oertlichkeit, anstatt die Speisekarte zu fordern, nach der Table-d’h ô te zu fragen, oder zu be- stellen und Berechnung abzuwarten. Zumal wenn man in VI. Noch ein Mittel gegen Uebertheuerung. Gesellschaft reist, schlägt das Mittel kaum fehl, aber auch allein hat es mir oft Dienste geleistet. „Wir sind … Per- sonen und wünschen ein Frühstück, ein Mittagsessen zu … Franken für die Person, einschließlich Wein.“ Diese Worte, nicht an einen dienenden Geist, welchen sie wie alles Außergewöhnliche verwirren, sondern an den obersten Macht- haber mit richtigem Accente gesprochen, thun Wunder. Zum richtigen Accente gehört, daß jeder Schimmer von Frage, also von Unsicherheit vermieden wird. Der Instinct sagt dann dem Manne: der da ist kein Neuling, der ist im Stande und geht mit allen Andern weiter, oder bestellt nur Wein und Brot, woran ich noch weniger verdiente, da will ich doch lieber das Gebotene annehmen. Nicht selten schüsselt er dann dasselbe auf, wofür er gestern das Doppelte zahlen ließ, auf alle Fälle bleibt der Kreide und der Phantasie kein verführerischer Spielraum. Dies Preismachen von Seite des Reisenden, ehe noch bestellt ist, hat übrigens nicht blos seine Vortheile bei Gasthaltern von Fach, sondern mehr noch bei Leuten, welche die Bewirthung als Nebengeschäft treiben. So begegnete es vor Jahren einem meiner Gefährten in einer schmutzigen Sennhütte des berner Oberlands , daß ihm ein Franken abgefordert wurde für einen Trunk Milch, während wir Anderen vom Senner unbemerkt hinter einem Hügel botanisirten. Als der Geprellte wieder zu uns ge- stoßen war und seinem Unwillen Luft machte, schlug ich den Beweis vor, daß er in einiger Entfernung auf uns warten solle, und wettete, daß wir Anderen in derselben Hütte für 20 Centimes Milch für uns Beide verlangen und erhalten würden. Und so geschah es. Jeder Rothbuchleser weiß, daß es wohlgethan ist, schrift- liche Rechnung Abends vor der Abreise zu verlangen und nachzusummiren. Der Kellner erwidert zwar stets, es sei auch am nächsten Morgen noch vollauf Zeit dafür — offenbar hält er es für seine Pflicht, den Argwohn nicht aufkommen zu lassen, daß sein Herr des Geldes so eilig bedürfe — bringt VI. Zeche — Kleingeld — Kellner — Verschwendung. das Begehrte jedoch, wenn die Aufforderung mit Nachdruck wiederholt wird. Bei der Zahlung ist es so einzurichten, daß eine reichliche Menge Kleingeld zurückerfolgt. Hat der Kellner augenblicklich nicht so viel, so streichen wir, was er zurückgibt, ein, und bemerken, daß er morgen seinen Tribut empfangen werde, sobald er Münze bringe. Im Uebrigen beschränke ich den mündlichen Verkehr mit Kellnern auf das Nothwendige, denn er ist durch die Bank unergiebig und unerfreulich. Ohne Unfreundlichkeit begegne ich ihnen kurz, ernst, ermuntere sie nie zu Plaudereien, titulire sie auch nicht, wie die höflichen Sachsen und ihre Nachahmer, „Herr Oberkellner“, erlaube ihnen endlich nie, wenn sie mit mir Billard spielen, französisch zu zählen (diese abgeschmackte Lächerlichkeit erster Classe nistet überhaupt nur noch in Kneipen letzter Classe). Ein Unrecht ist es dagegen, dem Kellner, wenn nicht „Service“ auf der Rechnung steht, ein Trinkgeld vorzuenthalten, denn er ist darauf angewiesen und oft in seinen Einnahmen schlechter gestellt, als Hausknechte. Um Kindern die Sparsamkeit zu erleichtern, pflegt man ihnen wohl größere Geldstücke für ihre Baarschaft ein- zuwechseln. Für den Reisenden ist zu gleichem Zwecke das Umgekehrte der richtige Weg, und er kann, wenn er sparen will, nicht leicht zu viel Münze bei sich haben. Darum zahlt man in Gasthöfen immer größere Stücke, um mit dem Herausgegebenen den eigenen Vorrath von Kleingeld zu ver- stärken, und greift ihn nur an, wenn es nöthig wird. Dieser kleine Schatz darf profanen Blicken so wenig preisgegeben werden wie der große, nur aus anderen Gründen. In der Verschwendung (u. A. von Trinkgeldern, welche schon im Interesse der Beschenkten, die man dadurch verderben hilft, vermieden werden sollte) pflegen Russen, Ungarn, junge Franzosen und Hanseaten am weitesten zu gehen. Einzelne suchen in Freigebigkeit mit depossedirten Fürsten (!) zu wetteifern. Ein charakteristischer Unterschied zwischen reichen Russen und Südslaven einerseits und reichen VI. Verschwendung und Knickerei — Russen, Engländer, Franzosen. Briten ist, daß diese, um Vorzügliches zu erhalten, zwar keine Kosten scheuen, aber nicht gern und nicht leicht sich geradezu betrügen lassen, weil sie in der Regel den Werth des Materials und der Arbeit zu beurtheilen verstehen, während jene Osteuropäer von Jugend auf gewohnt sind, durch ihre Lieferanten übervortheilt zu werden, und es für ein Attribut ihres Ranges und Reichthums halten, dies ruhig hinzunehmen. Ihr Werthmesser der Gegenstände ist fast nur Geld; was sie wohlfeil haben, achten sie gering. Imposantes oder be- stechendes Aeußere wird in ihren Ländern, in denen eine Mischung von Uncultur und hochgetriebenem, pariserisch auf- geputztem Luxus zu Hause ist, vor Allem geschätzt, einfache, schlichte Tüchtigkeit gilt wenig und kommt auch selten vor, Sinnen und Trachten ist der Laune des Augenblicks hingegeben. Der Engländer dagegen ist ein Mensch der Methode; bei deren Durchführung fällt er allerdings oft in Uebertreibungen, Eigensinn, Pedanterie, Härte, fast immer aber läßt sich durch alles das hindurch ein vernünftiger, berechtigter Grundsatz erkennen. Die alte Erfahrung, daß Jugend zur Ver- schwendung, Alter zum Geiz neigt, tritt kaum an einem anderen Volke so sehr zu Tage, als an Franzosen. Dieselben Leute, die heute mit Geld um sich werfen, sehen wir vielleicht in fünfzehn Jahren als Knauser wieder, in beiden Fällen handeln sie ganz außer Verhältniß zu ihren Vermögens- umständen. Wenn Briten kargen, was nicht selten auch bei reichen vorkommt, so geschieht es, wie gesagt, meist nicht sowohl aus Geiz als aus Principienreiterei. In dem sonst unleugbar großen Reisetalent der Insulaner ist das eine Lücke: sie wollen anfangs den Bräuchen des fremden Landes nicht einen Finger breit nachgeben, bis sie sich endlich überzeugen, daß gewisse Zugeständnisse, selbst offenbaren Mißbräuchen gegenüber, nicht immer ganz zu vermeiden sind. Hier nur ein Beispiel, und zwar aus Italien . Dort pflegt bekanntlich die dienende Classe mit dem bedungenen Lohne, er sei noch so hoch, sich nicht zu begnügen, sondern einen Nachschuß zu VI. Trinkgelder und Geschenke. erbitten, auch wohl zu erpressen, und meistens kann man leichter und rascher ein Drittel und mehr von der Forderung gleich anfangs abhandeln, als sich der nachträglichen Spende einiger Bajocchi oder Soldi entziehen. Den ausgemachten Lohn betrachtet so ein Facchino, Carossiere oder Guida als einfaches Aequivalent für seine Mühwaltung. Da er nun aber nach seiner Meinung stets besondere Verdienste um den Signor Forestiere sich erworben hat, so scheint es ihm auch anständig, daß diese gleichfalls honorirt werden. Als solche rechnet etwa ein Kutscher, daß er rasch gefahren ist ohne umzuwerfen oder gegen einen Prellstein zu stoßen, ein Träger, daß er einige Namen von Kirchen und Palästen genannt hat, ein Maulthiertreiber, daß er höflich und gesprächig, ein Zweiter, daß er humoristisch gewesen, ein Anderer, daß er drei italienisirte französische Vocabeln angebracht hat ꝛc. Von mehr als einem in Italien reisenden englischen „fresco“ habe ich äußern hören, daß er „nie feilschen werde, lieber etwas mehr bezahle, andererseits auch sich nichts abbetteln lasse.“ Ist er erst einige Wochen im Lande, so überzeugt er sich, daß seine Methode nicht blos äußerst kostspielig, sondern auch, weil sie ihn sofort in den Ruf großen Reichthums und noch größerer Einfalt bringt, mit Zeitopfern und Be- lästigungen verknüpft, und daß der allgemeine Landesbrauch nicht immer ganz zu umgehen ist. Copia verborum ist nicht nöthig, sondern nur, daß man die üblichen Preise kennt und auch bei der ungeheuerlichsten Forderung ruhig bleibt. Wer der Sprache oder gar des Dialekts mächtig ist, hat leichtes Spiel, zur Noth geht’s auch ohne Worte, am besten in Neapel , wenn man sich die kleine Mühe nimmt, einige Vocabeln aus der Geberdensprache zu erlernen, welche gerade in diesem Gebiete sehr ausdrucksvoll ist und eine Musterkarte von Zeichen hat für den, der eine zu hohe Forderung ab- wehren will. Eine Sorte von Dienstleistungen gibt es, von der man nicht recht weiß, ob und wie sie zu belohnen sei, in solchen VI. Lob der Cigarre — im Eisenbahncoup é . Fällen dient oft eine Cigarre . Sie läßt sich ohne Weiteres darbieten und annehmen, macht nicht gleich aus Geber und Nehmer Herr und Knecht, wie eine Geldbelohnung oder das Versprechen einer solchen, kann sogar in verbindlicher Weise Gleichgestellten gereicht werden, schließt ein nachträgliches Geschenk in Baarem nicht aus, bedingt es aber auch nicht; ferner ist die Spende an keine Zeit gebunden, wie ein Trink- geld, kann pränumerando gereicht, öfter wiederholt werden, mit einem Worte sie ist ein Stück Entoutcas . Auch die Feinde des Tabaks gestehen zu, erstens und zweitens, daß er ein Genuß- und ein Reizmittel ist, drittens daß er über- mäßigen Appetit dämpft, viertens daß er beruhigend wirkt. Alle diese Eigenschaften bewähren sich in der Touristen- praxis trefflich. Hinsichtlich des Appetits sei bemerkt, daß dies wörtlich und figürlich gemeint ist. Ferner erweist sich die Cigarre z. B. am Briefträger als gedächtnißstärkend, wenn es sich um Posterestante-Briefe handelt, welche wir zu- geschickt wünschen. Seine Vortheile hat es auch, dem Schaffner gleich anfangs eine keine Freundlichkeit dieser oder anderer Art, z. B. einen Schluck Wein, angedeihen zu lassen. Schlägt ein dankbares Herz unter seinem Paletot, so schlägt es sofort wärmer für den Geber; ist der Mann nur kalter Verstandes- mensch, so sagt er sich: wenn dieser Herr schon jetzt so mit- theilsam ist, wie freigebig wird er erst sein, wenn Du ihm Dienste leistest, und befleißigt sich deren. Solchen Aufmerk- samkeiten verdanke ich manchen nützlichen Rath, z. B. über schätzbare Eigenthümlichkeiten von Bahnhofsschenktischen, bei Nachtfahrten Winke über die Herrichtung eines Lagers durch Entfernung der Scheidewand oder Vorziehen der Polster u. dgl. Einmal hatte ich den Einfall, das Fahrbillet um eine Cigarre zu wickeln und beides dem Schaffner mit der Bemerkung zu präsentiren: „kostbares Deckblatt, Werth fünf Thaler zwanzig Groschen (Fahrpreis).“ Dieser kleine Spaß erheiterte den wackeren Beamten sichtlich und stimmte ihn für die ganze Tour mir günstig, wie überhaupt die meisten Menschen für VI. Reiseökonomie — wohlfeilste schweizer Reise. Unterhaltung dankbarer zu sein und ein besseres Gedächtniß zu haben pflegen, als für Wohlthaten, Dienste und Geschenke, vielleicht weil letztere ihnen Verpflichtungen also eine Last auflegen, erstere aber Freiheit und Gleichheit fördert. Dem sei, wie ihm wolle, jedenfalls kann ich berichten, daß mein Schaffner bei Aufenthalten unaufgefordert den Schlag öffnete, der Ueberfüllung des Coup é ’s steuerte, mehrmals vorher mir leise meldete, auf welcher Seite sich die besten Aussichten aufthaten, kurz die Gefälligkeit selbst war, so daß ich zuletzt nicht umhin konnte, ihm noch ein Zeichen meiner Erkenntlich- keit in die Hand zu drücken. Von einem anderen, dem ich meinen Becher credenzt hatte, lernte ich allerhand kleine für Eisenbahnreisende passende Auskunftsmittel, z. B. schürzte er in den Zugriemen des Fensters, an dem der Knopf zur Be- festigung fehlte, als ich es halb schließen wollte, einen Knoten und der Zweck war erreicht. Endlich ist die Spende einer guten Cigarre oft einziges Mittel, sich vom Dampfe der schlechten eines Gefährten zu befreien. Um an Reisekosten zu sparen , ist der Weg, den Unerfahrene zuweilen einschlagen, nur in Gasthöfen unterster Classe zu übernachten, wie wir sahen, übelgewählt. Ueber den Punkt plauderte ich einst mit zwei Studenten auf der Wartburg . Beide hatten in beweglichem Tone ihre Sehn- sucht nach einer Reise in die Schweiz ausgesprochen, woher ich eben kam. Für einen Sprung in den Thüringerwald oder das Fichtelgebirge reiche ihre Baarschaft allenfalls aus, Helvetien jedoch gehe über ihre Kräfte. Ich hielt ihnen darauf eine kleine Vorlesung über Reiseökonomie und kam bei der Gelegenheit auf einen Einfall, der mir selber anfangs etwas absonderlich schien, der aber doch vielleicht nicht unausführbar ist. Jedermanns Sache mag das Ding freilich nicht sein, vor den Augen Eines der beiden jungen Leute fand meine Idee indessen Gnade und er versicherte, daß er eine Probe damit machen wolle. Ich vergaß, ihn zum Bericht über den Erfolg aufzufordern, stelle Ihnen aber 13 VI. Wohlfeilste schweizer Reise. anheim, in unserm Buche den Vorschlag zu wiederholen; vielleicht finden sich unternehmende Jünglinge, welche gleich- falls zu dem Versuche Lust haben. Mein Vorschlag fußt auf der bekannten Thatsache, daß gerade in der „theuren“ Schweiz für den geringen Preis von etwa fünf Franken täglich (vgl. S. 141) ein Zimmer mit gutem Bett, Frühstück und zwei anständige Malzeiten zu finden sind, und zwar unter Umständen schon auf „einige Tage“, während der Tourist, der in hergebrachter Weise verfährt, in denselben Häusern sehr viel mehr verzehrt, blos weil es dort weder üblich noch räthlich ist, vorher, wie in Italien , zu accordiren. Ein paar Andeutungen hatte ich noch gegeben, als einer der An- geredeten, wie wenn ich ihn gekränkt hätte, herausfuhr: das könne doch nur Scherz sein, denn zum „Pensionskrüppel“ würde ich sie so jung hoffentlich nicht machen wollen, und sollte er täglich zu bestimmten Stunden am bestimmten Orte erscheinen müssen, so könne nicht von Ausflügen, höchstens von Spazier- gängen die Rede sein. Er würde sich dann vorkommen, wie ein Schaf, das, an einen Pflock gebunden, umhergrast und bei jedem Schritte den Strick am Halse fühlt. Soll ich nach der freien Schweiz gehen, rief er, um die daheim endlich gesicherte Freizügigkeit einzubüßen? Nein, bin ich einmal dort, so will ich auch alles „mitnehmen“, was sie bietet, sonst bleibe ich lieber zu Hause. — Du hast gut spröde thun, fiel der Andere ein, denn Du weißt, daß Dein „Alter schließlich doch heraus- rückt“ mit dem Nöthigen, ich hingegen, wandte er sich an mich, würde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie Näheres über Ihre Idee mittheilen wollten, denn ich bin der Sohn eines Dorfschullehrers, lebe von Stipendien und Unterrichtgeben und betrachtete bis heute die berner Oberlandberge als eben so unerreichbar für mich, wie die Berge im Monde. Sähe ich nun die Möglichkeit, einige ihrer schönsten Punkte zu schauen und zu zeichnen, so wäre ich zu allen denkbaren Opfern bereit. — Wohlan denn, junger Herr, so ermahne ich Sie zu- VI. Wohlfeilste schweizer Reise. vörderst, Ihre Freunde daheim entweder gar nichts von Ihren Plänen merken zu lassen — dies rieth für alle Reisen schon der weise Franklin — oder höchstens zu verlautbaren, daß Sie nur ein paar Gletscher besichtigen und malen woll- ten, die Route stehe noch nicht fest, jedenfalls würden Sie nicht viel umherschwärmen, sondern verweilen, wo es Ihnen gefällt und von da Partien machen. Lassen Sie sich herbei, Namen von Oertlichkeiten zu nennen, so können Sie einem Sturzbade von Rathschlägen nicht entgehen. „Aber Du wirst doch …“, „unmöglich können Sie doch …“ dringt von allen Seiten auf Sie ein. Folgen Sie mir, nennen Sie keinen Namen. Auch die alten Lateiner wußten, daß nomina odiosa sind, und bei uns bedeutet to tell names, Namen nennen, nahezu Aergerniß geben. Einfließen lassen können Sie, daß Ihr Ehrgeiz nicht danach ringe, alle touristischen Gemein- plätze abgelaufen zu haben, um, zurückgekehrt, sagen zu kön- nen, da und da war ich, auch das und das sah ich, ja wohl, und über die Reize jeder Fernsicht, jedes Wasserfalls zu strei- ten. Im Gegentheile, wie Ihre Gewohnheit sei, nicht viele Bücher, sondern gute wiederholt zu lesen, so gedächten Sie es auch mit den Alpen zu halten. Immer mit dem Strome schwimmen, sei nicht Ihre Sache, ihm direct entgegen reichten die Kräfte nicht, wohl aber, ihn hier und da zu kreuzen und am Ufer die besten Plätzchen zu wählen. Wer nur immer neue Landschaften in rascher Folge sehen wolle, thue besser, an einem Stereoskopenkasten sich die ersehnte Abwechslung zu erdrehen. Basta. Haben Sie nun Ihr Bahnbillet dritter Classe, die nöthigen Goldstücke und Mundvorrath bei sich, so bringen Sie getrost die folgende Nacht im Wagen zu, um etwa in Zürich , wo Sie Quartier nehmen und „einige Tage“ ver- weilen, auszuschlafen. Auf der Hinreise besuchen Sie süd- deutsche Städte gar nicht; ob und wie lange dies geschehen soll, ist eine Frage für den Rückweg, bei der Ihr Seckel als- dann mitzusprechen hat. Im Alpengebiete angekommen, mei- 13* VI. Wohlfeilste schweizer Reise. den Sie vereinzelt gelegene H ô tels an berühmten, vielbesuchten Punkten (vergl. S. 187), wählen auch in Städten und Dör- fern möglichst Häuser, wo der Wirth, wenn nicht mit bedient, doch den Gästen sichtbar und die Machtstellung des Portiers und des Oberkellners keine unbegrenzte ist. An den Herrn oder die Frau des Hauses haben Sie sich zu wenden, nicht beim Eintritt stehenden Fußes, vielmehr bitte ich, sich Zeit und Platz zu nehmen. Bestellen Sie einen Schoppen des Ge- tränks, dem Sie andere Gäste zusprechen sehen, das Weitere eilt nicht. Bevor Ihr Glas geleert, betrachten Sie das Haus vom Hof aus, thun auch einen Blick in die Küche. Bot sich nicht bereits Gelegenheit, mit dem Wirthe ein Gespräch an- zuknüpfen, so lassen Sie ihn herbeicitiren, und jetzt ist es Sache Ihres Taktes, das Nöthige zu vermitteln. Sprechen Sie ohne Schüchternheit, ohne die Stimme zu dämpfen, ohne der Wahrheit oder sich selber zu vergeben; machen Sie kein Hehl daraus, daß Sie vier Wochen in der herrlichen Schweiz sich aufhalten, einige Berge zeichnen aber mit sehr wenig Geld auskommen wollen und müssen. Darum seien Sie entschlossen, nicht die alten Touristenfußstapfen einzuhalten, sondern nur an Punkten, die sich zu Standquartieren für Ausflüge eignen, mindestens einige Tage oder vielmehr Nächte zu verweilen, vielleicht länger. Ihre Malzeiten würden Sie Abends ein- nehmen, theils mündlich, theils eingewickelt, um sie Tags darauf zu verzehren. Da Sie stets zeitig aufbrechen, genüge als Frühstück ein Glas Milch. Das Zimmer diene nur zur Schlafstelle, Sie würden daher mit dem bescheidensten Raum vorlieb nehmen. Zuweilen werde es vielleicht passen, behufs weiterer Tour eine oder zwei Nächte auswärts zu bleiben, in solchen Fällen laufe die Zimmermiethe für Ihre Rechnung. Ich wette, der Angeredete hat bereits Interesse für Sie und Ihre Zwecke genommen und macht einen Preis, über dessen Wohlfeilheit Sie staunen. Absichtlich nenne ich keine Zahl, um der Ueberraschung nicht vorzugreifen. Gerade in der Schweiz sind die Wirthe meist gewiegte, einsichtige und, falls VI. Wohlfeilste schweizer Reise. nicht allzu große Herren, auch geschmeidige Geschäftsleute, die ihren Vortheil zu wohl verstehen, um nicht auf billige Anerbieten einzugehen. Der Mann sieht, daß mit Ihnen ent- weder ein kleines Geschäft oder keines zu machen ist, hat er also nicht gerade sein Haus sehr gefüllt, so wird er wohl Ersteres vorziehen. Deshalb verlegen Sie eine Reise der Art nicht auf die hohe Saison, sondern etwas vorher oder nachher, treffen in den Morgen- oder Nachmittagsstunden ein, nur mit Reisetasche, ohne Koffer, welcher nachgeschickt wird oder anderswohin vorausgesandt ist. Gefällt Ihnen der Wirth nicht, so ist nichts verloren, Sie zahlen Ihren Schop- pen und setzen den Wanderstab fürbaß. Nebenvortheile dieser Reisemethode: Sie sind auch bei spätem Eintreffen von einem Ausfluge Ihres Nachtquartiers sicher, brauchen nicht zu gasthausiren; sparen an Gefährt, Führern, Trägern; werden häufig durch Vermittelung des Wirths und seiner Leute, deren Theilnahme für Sie von Tag zu Tag wächst, Gelegenheit finden, sich Gesellschaften zu Par- tien anzuschließen, angenehme Bekanntschaften machen, viel- fach von der Ortskenntniß des Personals Nutzen ziehen, end- lich frischer zu Ihren Examenvorbereitungen zurückkehren. Derselbe brave Wirth, der Sie beköstigte, bis Sie seinen Be- zirk touristisch ausgebeutet, ist auch der Rechte, um Sie für Ihr nächstes Hauptquartier an einen passenden Collegen zu adressiren. Bei diesem können Sie dann, gestützt auf diese gewichtige Empfehlung (das Wirthsgewerbe ist in der Schweiz höher angesehen, als irgendwo anders) mit noch mehr Sicher- heit auftreten. — Endlich — aber dies fällt nicht unter die Nebenvortheile, sondern überwiegt alles Andere — Sie sehen, was Sie sehen, gut (vergl. S. 131). Schon S. 12 wurde auf die Verdienste der Schweiz vom touristischen Gesichtspunkte hingewiesen. Hier mag noch bei- befügt werden, daß in ihr allerdings neben den höchsten Bergen die höchsten Preise finden kann, wer sie sucht oder nicht scheut, dennoch meine ich nicht, daß die „ärgste Ueber- VI. Die Schweiz und ihr Ruhm. theuerung“ dort zu Hause sei, sondern finde das Mißverhält- niß zwischen Leistung und Bezifferung in gewissen anderen Ländern durchschnittlich größer. In Anschlag kommt, daß die Schweiz seit Langem das Lieblingswandergebiet aller Na- tionen ist, weil in der That kein anderes Gebirge so reich ge- segnet ist mit Erhabenem, Schönem, Lieblichem, Alles ver- hältnißmäßig nahe zusammen liegt, wodurch sein touristischer Werth, folglich auch Zahl und Ansprüche der Speculanten darauf erhöht werden; Behörden, Stadt- und Landleute, seit Generationen vertraut mit Allem, was ein Touristenherz nur wünschen kann, haben Blick und Schick dafür; die besuchtesten Landestheile sind auf eine kurze Saison beschränkt; Brodstoffe müssen eingeführt werden, das Land gehört also nicht unter die „gesegneten“, obwohl viel Milch und Honig da fließt. Mit alledem soll indeß nicht geleugnet werden, daß auch hier noch Manches zu wünschen bleibt, namentlich brauchte der Patrio- tismus der Wirthe nicht, wie es häufig vorkommt, sich so weit zu erstrecken, daß Jeder von uns Anderen, der nicht im Besitz des Schwytzerdütsch ist, von ihnen mit Geldbußen belegt wird. Wenn Sie, m. HH. schweizer Gasthalter, uns Alle wie Lands- leute behandeln wollten, würden wir Ihnen dagegen den Ge- fallen thun, die deutsche Orthographie verleugnend, so oft wir Briefe an Sie richten, nie aus Ihrem Lande ein Adjectiv mit kleinem Anfangsbuchstaben zu machen, sondern dasselbe, wie es das eidgenössische Nationalgefühl will, stets substan- tivisch groß schreiben, also: Schweizerwirth, Schweizerreise, Schweizerkäse, Schweizersoldat. — Kehren wir nun zurück zu unsren ökonomischen Bestrebu ngen . Wird im Gasthofe länger verweilt, so ist es wohlgethan, die Rechnung nicht wochenlang auflaufen zu lassen, ferner Außergewöhnliches gleich baar zu bezahlen, so daß blos die täglich wiederkehrenden Sätze auf dem Papier erscheinen und alles übersichtlich und „glatt“ bleibt. — Nur jugendlicher Leichtsinn oder Verschwendung nimmt, wo es größere Ein- käufe zu machen oder zu miethen gibt, Kellner, Hausknechte, VI. Fernere Ersparnisse an Zeit, Geld, Mühe und Verdruß. Lohndiener oder gar Leute, die sich auf der Straße anbieten, mit. Ebensowenig dürfen Kutscher, Träger, Führer durch Wirthe oder Kellner für unsre Rechnung ausgezahlt, oder Letztere bei Streitigkeiten mit Ersteren als Schiedsrichter auf- gerufen werden. Die Begründung dieses Rathes gehört unter die Ersparnisse, die sich der Verfasser erlauben darf. Außergewöhnliches in Speisen, Getränken und Dienst- leistungen, weil es stets höhere, oft phantastische Preise her- vorruft, überhaupt alles, was den Speculationsgeist der Wirthe, Kutscher, Händler, welche nicht an gedruckte oder ge- schriebene Speisezettel, Tarife, Preiscourante gebunden sind, erhitzen kann, hat der Sparsame möglichst zu meiden. Je ge- wohnter, alltäglicher das Begehrte ist, je weniger er die Leute in den Fall bringt, die Frage, „wie berechnest du das?“ zu studiren, je nüchterner, besonnener gerathen die Preise. Auf- fallend elegante Kleidung, ungewöhnlicher Schmuck, viel oder reich ausgestattetes Gepäck, sind für den Inhaber kostspielige Reizmittel der Phantasie unsrer Geschäftsfreunde. Dieselben normiren nämlich meistens ihre Ansätze nach Principien der Vermögenssteuer. Von einem Freunde gewann ich einst in einer Handicap-Wette ein allerliebst gearbeitetes juchtenes, silberausgelegtes N é cessaire und hatte den Einfall, es mit auf die Reise zu nehmen. Das Ding stand gewöhnlich halb- geöffnet auf dem Tische meines Zimmers, und anfangs be- lustigte es mich, die sinnbestrickende Wirkung anzusehen, die es auf die Kellner übte, bald schien mir jedoch, daß der fieber- hafte Zustand, in den die Leute geriethen, verhängnißvollen Ausdruck fand in ihren Rechnungen, bestärkt wurde ich in dieser Ansicht durch den Earl R …, der einen Juchtenkoffer mit sich führte und Aehnliches erfahren hatte; so packten wir denn die beiden kostspieligen Begleiter zusammen, schickten sie zurück und — alles war wieder im alten Geleise. Seitdem steht unter meinen Reiseregeln: Juchtenleder (Berg- schuhe ausgenommen), ja der bloße Geruch davon, erhöht die Reisekosten, ist mithin zu beseitigen. VI. Fernere Ersparnisse an Zeit, Geld, Mühe und Verdruß. Beschwerden jeder Art werden an den Wirth selbst oder, wo dieser nicht sichtbar, an dessen Stellvertreter gerichtet, nie an den Zimmerkellner oder andere Bedienstete. — Wer sehr wenig Ansprüche macht in Bezug auf das Zim- mer, darf dies füglich gleich bei Ankunft zu erkennen geben. Unter die Mittel, Zeit, Mühe und Geld zu sparen, ge- hören noch: die Schlüssel von Koffern und Säcken, auch wenn sie leer stehen, abzuziehen und aufzubewahren, in Städten angekommen, wo man länger verweilen will, Franco- marken einzukaufen und die werthe Bekanntschaft des Brief- trägers der betreffenden Straße zu machen, dem man seine Karte dedicirt. Bei Ersparnissen (vgl. S. 35, 166, 187 ꝛc.) ist natür- lich zu unterscheiden, ob sie unter die wirklichen, anständigen, zweckmäßigen, billigen gehören, oder unter die nur schein- baren, unüberlegten, kostspieligen. In die letzte Rubrik der kostspieligen Ersparnisse (auch von diesen wurden schon verschiedene mitgetheilt) fällt noch Anderes. Wer z. B., um Groschen zu sparen, Thaler wegwerfen und noch viel Scheererei haben will, der unterlasse, wenn er in stark be- suchten Districten im Hochsommer spät Abends einzutreffen gedenkt, telegraphisch Nachtquartier zu bestellen. Je mehr dies üblich wird, je schlechter fahren alle, die es ver- gessen. Wird in größerer Gesellschaft gewandert und man hat keinen elektrischen Draht zur Verfügung, so ist es oft gut, wenn Einer oder Zwei voraus gehen oder fahren, um Malzeit und Quartier zu bestellen. Wo es gebräuchlich ist, Fuhrwerk vom Bahnhof in die Stadt telegraphisch vor- aus zu belegen, thue ich auch das in der Regel. Jetzt noch einen Wink für Alpensteiger. Der tapfere Wandersmann erschrickt nicht, wenn die Nothwendigkeit, in Sennhütten oder Heustadeln zu übernachten , an ihn herantritt, hat er jedoch die Wahl, so steht er lieber ein paar Stunden früher auf, um in einem ordentlichen Bette die Nacht zuzubringen, denn auf Lagern jener Art findet man in VI. Uebernachten im Freien, in Sennhütten und Heuschobern. der Regel weniger Ruhe als Ungeziefer, und Mancher nimmt einen schweren Kopf und matte Glieder mit in das bevor- stehende starke Tagewerk. Denn das Heu, das seit Monaten einen Bretterverschlag gefüllt und irgend einem Nazi oder Sepperl zur Lagerstätte gedient, hat einen andern Athem, als das, Großstädtern bekannte, frisch gemähte, auf einer Wiese ausgebreitete. Im Alpine Journal II. 1 — 11 untersucht Mr. Whymper die verschiedenen Arten, im Freien zu näch- tigen, und kommt zu dem Schlusse, daß eine wasserdichte Unter- lage und eine dergleichen Decke räthlicher seien, als der sonst benutzte Sack aus solchem Zeuge. Auch die Beschreibung eines passenden Zelts und kleiner Geräthe zum Kochen wird gegeben. Endlich warnt er, nach Einbruch der Dunkelheit in die erste beste aufgefundene Höhle zu kriechen, und erzählt sein Abenteuer in einer solchen. Er wurde von Ameisen über- fallen. VII. In internationalen Angelegenheiten — festländische Ansichten über Engländer — antibritisches Sperrsystem — keep your distance — I \& you — Würfeltinte- faß — warum sie reisen — wissenschaftliche Baratterie — verletztes Selbst- gefühl — Nord- u. Süddeutsche — Zurückhaltung — englische Touristen — Sub- tractionsexempel — Fertigkeit im Reisen — französisches Urtheil über Engländer — französische Touristen — englische Reisewerke — Kunst der Reisebeschreibung — Comfort — Yankees — Scheu vor Annäherung an Fremde — Berliner — Alltagsmenschen — geistige Rangstufen — Anknüpfungen — Hindernisse — Mi- mosennaturen — Musterung — Graf Zwei — Störung — gräfenberger Dusche — Dialektstudien — Entzifferungskunst — Scherze — Localpossen — Quarte- ronen — Fragewuth — Franklin — moralische Erzählungen vom Lohn der Tugend — Griesgrame, Hypochonder, Sonderlinge — Schiffszwiebacknaturen — Fähigkeit anzuregen — Gemüthlichkeit — neugefundene Freunde — Gesprächs- stoffe — Rücksichten — Uebergangszustände — nachgeschickte Zeitungen — Volks- leben — Lord B. — Mittelclassen — lange, lange Pappeln — Gesandte, Con- suln — Empfehlungsbriefe — gebildete Familien — geschlossene Gesellschaften — Buchhandlungen — Gefühl der Verlassenheit — allein reisen — Warnung vor den besten Freunden — schwerste Geduldsprüfungen — kleine Ueberraschungen — Frauen — N é glig é — Ehemänner — verschiedene Reisegefährten — allein ab- reisen — Hauptzwecke. Nachdem im ersten Capitel der Herausgeber die Ehre gehabt, seinen englischen Freund und Reiseprofessor vorzu- stellen, hat er ihm das Wort fast allein gelassen. Was nun der Leser darin sehen, ob er Schüchternheit, Mangel an eige- ner Meinung darin erblicken, wie er über Lehrer und Schüler urtheilen will, alles das, sei es auch Tadel und Spott, ziemt mir, in schweigender Ergebung abzuwarten und hinzunehmen: es ist eine Privatangelegenheit. Was ich aber nicht auf sich und mir beruhen lassen darf — ließ doch auch Schiller’s VII. In internationalen Angelegenheiten. Lady Milford von Ferdinand Walter alles über sich ergehen, nur auf jenen einen Vorwurf, durch den in ihr ihre ganze Nation beleidigt war, fühlte sie sich gedrungen, zu antwor- ten — das ist die internationale Anklage, die schon so lange auf mir lastet. Ich kann hier unbesorgt weiter ausholen, denn es handelt sich nicht um diese Vertheidigung allein, son- dern um allgemeine touristische Angelegenheiten: gesellige Anknüpfungen auf Reisen überhaupt, in er- ster Linie mit Engländern . Wir begegnen diesen, je entlegenere Gebiete wir aufsuchen, immer häufiger und aus- schließlicher, oft sind sie unsre einzigen Mittonristen, wir würden darum „mit unsrem Brod und Butter hadern“ (um eins ihrer Sprüchwörter zu citiren), wenn wir sie, an alten Gebräuchen festhaltend, grundsätzlich mieden. Um zu erör- tern, ob die Gewohnheit berechtigt ist, mag die Anknüpfung ein Gespräch bieten, dem ich einst, bald nachdem meine beiden Gefährten heimwärts gezogen, beiwohnte, weil es eine Mustersammlung der festlandläufigen Meinungen über den Gegenstand enthält. Ein junger Rheinpreuße äußerte: Nicht weniger als fünf Nationalitäten sind an diesem Tische vertreten, wie ich sehe, nur, merkwürdig genug, kein Englishman darunter. Das nenne ich Glück! Nie kann ich mich auch entschließen, einen anzureden. Ich würde mich und mein Land dadurch herab- zusetzen glauben, denn John Bull kommt mir vor wie der reiche Handelsherr, der auf seinen Vetter Michel, den armen, kleinstädtischen Studenten, mit einer Miene sieht, von der man nicht recht weiß, ob sie mehr auf Geringschätzung oder die Besorgniß deutet, daß der junge Mann ihn anborgen, vielleicht gar ein Concurrenzgeschäft anlegen will. — Ganz Ihrer Meinung, fiel ein Belgier ein, auch ich meide diese Herren mit feuerrothen Backenbärten und dunkel- rothen Büchern so viel ich kann. Betrachten wir doch nur einmal einige, etwa auf einem rheinischen Dampfboote. Kaum widmen sie einander ein Wort, auch zwischen Mann und VII. Festländische Ansichten über Engländer. Frau, Eltern und Kindern, Freund und Freund, werden nur abgerissene Phrasen gewechselt. Ich verstehe keine Silbe ihrer Sprache, schon der Klang schreckt mich von ihr ab; sie macht auf mich den Eindruck, als ob die Worte mit einge- stemmten Elbogen rückwärts über die Achsel geworfen wür- den. Und wie langweilig und gelangweilt sehen die Men- schen aus! Auf die herrlichsten Landschaftsbilder werfen sie kaum einen Blick, ungerührt ziehen sie vorüber, die Augen im Buche, auf der Karte, auf ihren Gamaschen oder auf dem Schaumgekräusel der Schaufelräder im Wasser. Halt, sein wir nicht ungerecht, begütigt ein Sachse. Nicht von der ganzen Nation gilt dieser Hang zur Absonderung und Sonderbarkeit, sondern nur von vielen auf dem Conti- nent Reisenden. Die Menschen ahmen ihr Land nach, wel- ches auch gerade an dem Punkte, wo es sich dem übrigen Europa nähert, aus unzugänglichen, unwirthbaren Felsen besteht. Darum rufen ihnen auch ihre Schriftsteller beständig zu: wenn ihr reiset, so mischt euch unter die Landeskinder, sprecht mit ihnen, seid freundlich, seid Gentlemen in euren Handlungen, nicht in euren Ansprüchen, verlangt nicht, daß alles bei ihnen so ist, wie bei uns zu Hause, denn wäre das, warum reistet ihr dann? — Und wer sind denn diese Pilger, denen wir überall begegnen, wo es zu sehen und nicht zu sehen gibt? fuhr der Erste fort. Entweder sind sie aus den ungebildeten Classen, Schneider, Schuster, Metzger, Bäcker, oder deren Söhne und Töchter, von plumper herausfordernder Arroganz, oder geld- stolze Patricier und schroff abgeschlossene Aristokraten, gebiete- risch, froschkalt, scheinheilig, rücksichtslos, voll seltsamer Ge- wohnheiten und Vorurtheile, gegen alles Nichtenglische mit Verachtung erfüllt. Es scheint, der beste Theil der Nation, die gediegenen Familien des Landes und der kleineren Städte, in denen wahre Humanität vertreten ist, reist wenig. Ueber- lassen wir also die unlieben Zugvögel den Lohndienern und Wirthen. VII. Antibritisches Sperrsystem — keep your distance. — Muß für meinen Theil sehr danken, fällt ein rheini- scher H ô telier mit gedämpfter Stimme ein. Mein Geschäfts- grundsatz ist: keine Engländer aufzunehmen. Mein Personal ist darauf eingeübt, sie als solche, auch wenn sie nicht englisch sprechen, zu erkennen und Mittel zu finden, sie los zu wer- den, ohne geradezu unhöflich zu sein. Von Mitgliedern aller übrigen Nationen, die ich beherbergt, einschließlich zweier Neuseeländer und eines Hottentotten, habe ich zusammen- genommen nicht so viel Mühe und Aerger gehabt, als von John Bull die Jahre hindurch, in denen ich das antibritische Sperrsystem noch nicht eingeführt. Kein anderes menschliches Wesen macht so viele, mannigfaltige, unbillige Ansprüche, ist so halsstarrig in seinen Eigenheiten und Wunderlichkeiten, so mißtrauisch, ungeberdig, anmaßend, vor Allem so knickerig und zur Chicane geneigt, als der Engländer. Außerdem ge- hört es zu den Eigenthümlichkeiten dieses Volksstamms, Löcher in die Wände zu bohren und die Sofas mit Wichse zu be- sudeln. Kaum hat der Gastwirth seinem Herzen Luft gemacht und schöpft Athem, so wendet sich der Rheinländer gegen den Ver- mittler. — Sie irren. Wie auf dem Festlande, so schließt sich der Engländer auch drüben auf seiner Insel ab. Sein Haus, von außen düster und abstoßend, ist Tag und Nacht verschlossen, zum Ueberfluß hat er es noch mit Mauern und Gittern eingefaßt: es ist seine „Burg“. Auch seine Felder umgibt er mit Dornenhecken. Genau so hält er es mit seiner Person. Diese sperrt sich entweder in ihr Haus ab, oder in ihren Club (zu Deutsch: Keule, geballte Faust, Grobian) oder, wenn er ein Kaffeehaus besucht, zwischen Bretter- verschläge. Nie sieht man Gold, Kostbarkeiten, Schmuck an ihm, als ob er sich unter Dieben und Räubern dünkte. Nir- gend blüht die Schlosserei mehr als in London , dessen Cassen- schränke für die festesten gelten; die Eisenpanzer sind an eng- lischen Schiffen am dicksten, wasserdichtes Kautschukzeug ist englische Erfindung, kurz: keep your distance, bleib mir VII. Wurfeltintefaß — I \& you — warum sie reisen. vom Leibe, ist durchweg die Losung. Die große Insel ist aus lauter kleinen Inseln zusammengesetzt. Auch das bekannte würfelförmige Reisetintefaß — natürlich abermals seine Er- findung — ist ein echter Engländer: eben so scharfeckig und kantig, hart, rauh und ledern, wie er, nur Eins hat es vor ihm voraus: es besitzt eine nachgiebige Stelle, an welcher es zu öffnen ist, die ich am Menschen nie habe entdecken können. Sogar in seiner Schrift drückt sich die Selbstüberhebung aus. Sein liebes Ich. I , ist ein einzelner, großer Buchstabe, der wie ein Mastbaum stolz in die Luft ragt; zur Anrede you braucht er einige kleine, tief zur Erde gebückte, schweifwedelnde Buchstaben. Wie der Einzelne, so die Nation. Alle Meere sind nur für ihre Flotten, alle Länder für ihre Waaren ge- schaffen, und stets wissen sie es einzurichten, daß sie den Hauptvortheil haben, was im Völkerverkehr außer Geld noch Ruhm und Macht bedeutet. Unablässig trachten sie, auf Kosten Aermerer ihren colossalen Reichthum noch zu ver- mehren. Ihre Politik ist die selbstsüchtigste, schnödeste, perfi- deste, die sich denken läßt. — Daß sie so viel reisen, ist kein Wunder, eifert der Belgier weiter. Sie wollen den Nebeln und Steinkohlen- dämpfen drüben entgehen, die sie verhindern, den Mund zu öffnen, und vermuthlich schuld sind, daß ihre Sprache so garstig klingt. Ferner suchen sie dem Schmiedehammergetöse ihrer Fabriken auszuweichen, oder geistige Luftveränderung ist es, nach der es sie drängt; sie wollen heraus aus dem Lande des Schweigens, der langen Gesichter und der langen Zeitungsspalten, wo jeder Mensch, der nicht arbeitet, ein Journal in der Hand hält, um ungestört gähnen zu können. Vielen soll es auch darum zu thun sein, den theuren Preisen der Heimat, oder ihren Gläubigern sich zu entziehen. Andere haben zuviel Geld und Zeit übrig — blicken wir nur in die Fremdenbücher, sie sind ja alle Rentiers —, wissen zuhause mit beiden und mit sich selber nichts anzufangen und suchen sich dadurch einigermaßen zu unterhalten, daß sie uns Uebri- VII. Wissenschaftliche Baratterie — verletztes Selbstgefühl. gen die Preise vertheuern. Andere speculiren auf eine Gas- anstalt, Wasserleitung, Guanofabrik, Agentur oder dergleichen. Auch junge Bären gibt es, die in Paris , Wien , Dresden geleckt werden sollen. Die Meisten scheinen selbst nicht zu wissen, warum sie reisen, und haben weder Freude noch Nutzen davon. Von der Anarchie, die in der Schreibung fremder Namen durch die haarsträubende Consonantenverstümmelung und Vocalmengerei der Engländer in unsren geographischen Handbüchern eingerissen ist, will ich gar nicht sprechen. Gäbe es ein Admiralitätsgericht der Wissenschaft, so würden sie von ihm wegen Baratterie verurtheilt, denn sie verfälschen oder vertauschen jedes Stück geographischen Importguts, das durch ihre unbarmherzigen Hände geht. Allmählich erhitzte sich auch der einzige zu Worte ge- kommene Anwalt der von allen Seiten Beschuldigten: — Es scheint in der That, meine Herren, daß Sie Ihre Kenntniß englischen Wesens theils pariser Caricaturblättern entnommen, theils von Wirthen haben, die allerdings nicht gut auf diese Nation zu sprechen sind, weil keine andere ihren Ungebühr- lichkeiten so nachhaltigen Widerstand entgegensetzt. Um die Gemüther ruhiger werden zu lassen, riß ich jetzt das Wort an mich, hielt es fest, so lange mein Athem reichte, und hatte schließlich die Genugthuung, wenigstens Einige der Anwesenden in den Hauptsachen mir beistimmen zu sehen. Viele jener Vorwürfe haben schon im Tone so auffallende Familienähnlichkeit mit denen, die uns Preußen von unsren feindlichen Brüdern in Süddeutschland gemacht werden, daß man versucht ist, auf Stammverwandtschaft in den Ursachen zu schließen. Und so sehr auch öffentliche Reden und Zei- tungen die Feindschaft blos mit politischen und wirthschaft- lichen Gründen zu stützen suchen, so glaube ich doch, ihre Hauptwurzel, abgesehen von confessionellen Fragen, anderswo suchen zu dürfen, und zwar an derselben Stelle, wo der Britenhaß gewachsen ist. Denn jene Art von Erbitterung wird nach allen Erfahrungen des Privat- und öffentlichen VII. Süd- und Norddeutsche — Norden und Süden. Lebens nicht sowohl durch Schädigung oder Bedrohung wirk- licher Interessen hervorgerufen, als vielmehr: — durch ver- letztes Selbstgefühl. Wurden oder glauben wir unsre „mate- riellen Interessen“ angetastet, so sind wir minder geneigt, viel Worte zu machen, greifen auch nicht so leicht fehl in der Wahl der Mittel, dagegen lassen wir uns zu Bitterkeiten, Uebertreibungen und Ungerechtigkeiten vorzüglich dann hin- reißen, wenn unsre Eigenliebe sich gekränkt fühlt. Tiefer einzugehen auf politische Controversen, ist hier nicht der Ort, nur die Bemerkung kann ich nicht unterdrücken, daß der Continentale, angenommen, die Engländer wären in der That durchweg hochfahrend, ungesellig, gemüthlos, offenbar sehr Recht hätte, ihre Gesellschaft zu meiden, daß hingegen, gesetzt auch, die Wirklichkeit entspräche dem Bilde, welches gewisse Zeitungen von den Preußen sechs Mal wöchentlich zeichnen, angenommen, die letzteren wären sämmtlich „kalte Verstandesmenschen“ ꝛc. und das „deutsche Gemüth“ nur im Süden zu finden, die aufrichtigen Preußenfeinde sich doch ein- mal ernstlich fragen sollten, ob nicht dieses Bild, das mit der Politik so wenig zu schaffen hat, ihnen den Blick für ihre „materiellen und immateriellen Interessen“ mehr als sie sich selbst eingestehen, getrübt hat. Der Nordländer ist von Natur zurückhaltender, kühler, ernster, arbeitsamer, der Südländer leicht- und warmblütiger, geselliger, anschlüssiger, heiterer, gesprächslustiger, unter- haltungsbedürftiger, vergnüglicher. Für allen menschlichen Verkehr sind Zugeständnisse an Individuelles — auch Volks- stämme sind in dem Sinne Individuen — die nothwendige Grundlage, und werden uns um so leichter, je mehr wir einsehen, daß Vorzüge sowohl wie Schwächen stets ihre Licht- und ihre Kehrseite haben. Auf alle Fälle ist es für unser persönliches und nationales Ehrgefühl keine Verletzung, wenn der andere Theil seinem Volksgebrauche folgt und uns gegenüber sich so passiv verhält, wie er es gegen jeden, ihm unbekannten Landsmann gethan hätte; ebensowenig gibt es VII. Englische Zurückhaltung. aber eine Richtschnur für unser Benehmen, wir dürfen viel- mehr aus unsrer Volksart heraus handeln und jenem Anderen entgegenkommen, vorausgesetzt, daß eine schickliche Gelegenheit geboten ist und seine Persönlichkeit und sein Be- nehmen dies nicht von Haus aus widerrathen. Häufige Reisen und Berührungen mit Fremden wirken denn auch meistens jener Scheu vor Annäherung entgegen und bilden zugleich die Fähigkeit aus, welche Mißgriffe in der Wahl der Personen und der Art des Entgegenkommens verhindert. „Der Engländer reist nicht, um andere Engländer kennen zu lernen, darum nehmen wir unterwegs von einander keine Notiz,“ ist die gewöhnliche, auf eine dahin gerichtete Frage gegebene Antwort, oder vielmehr Ausrede. Die wahren Gründe liegen tiefer. Ein Befreundeter gab mir einst folgende Erklärung. Es wirkt mancherlei zusammen. Unser Hang zur Absonderung mag sich wohl schon in alten Zeiten entwickelt haben, als die gewaltthätigen Normannen die Angelsachsen überfielen, sie weder zu vertreiben noch auszu- rotten vermochten, und beide grundverschiedene Stämme unter langen Kämpfen sich endlich nebeneinander festsetzten. An schwerer Arbeit, einschließlich politischer, hat es seit jeher nicht gefehlt, ebenso wenig an gefahrvollen Reisen und rauhen Berührungen mit wilden Völkerschaften, und alles das seine Spuren im Volksgemüth zurückgelassen. Daß bei uns auch Rang- und Classenvorurtheile sehr tief gewurzelt sind, will ich nicht leugnen, behaupte aber, daß diese und andere hier nicht zu berührende Dinge in unsren Beziehungen zum Ausländer auf dem Continente kaum in’s Spiel kommen. — Vor Allem ist zu beachten, daß nicht ein Theil, sondern wir dürfen fast sagen, die ganze Nation gern und viel reist, und zwar bis hinab in die niederen Schichten der Gesellschaft, wo die zu einem Ausflug auf’s Festland nöthigen Geldmittel noch vorhanden sind, mehr als in anderen Ländern. So fällt natürlich auf die gesammte britische Touristenschaft ein größerer Procentsatz unliebsamer Elemente und die Kleidung 14 VII. Englische Touristen — Subtractionsexempel. gibt noch weniger als anderwärts Bürgschaft für einen ge- wissen socialen Bildungsgrad. Das Verhältniß stellt sich jedoch um so günstiger, je weiter wir uns entfernen von den großen touristischen Tummelplätzen: vorzüglich volle Körner sind es, die weiter fliegen, die Spreu fällt meist früher zu Boden. Gerade in den Gegenden also, wo der Deutsche am seltensten Landsleute und am häufigsten Briten trifft, ist auch die größte Wahrscheinlichkeit, bei ihnen die wünschenswerthen Elemente zu finden. Unter Weitergereisten herrschen in der Regel wissenschaftliche und andere ernste Bestrebungen vor, mit denen auch gediegene, den Verkehr lohnende Eigenschaften verbunden sind. Wenigstens muß ich gestehen, daß, seitdem ich meine ursprünglichen Vorurtheile abgeworfen, diese Ueber- zeugung sich mir immer mehr aufdrängte, und daß ich dem aus ihr hervorgegangenen Benehmen eine Reihe von Be- kanntschaften verdanke, die unter meine liebsten Reiseerlebnisse zählen. Von Deutschen, die in den letzten beiden Jahr- zehnden jenseits des Canals den Wohnsitz nahmen, hört und liest man das vielfach bestätigen und versichern, daß der Gentleman an einer geschlossenen Freundschaft mit Zähigkeit festhalte; um so weniger ist es zu erwarten, daß er bei der Anknüpfung rasch zu Werke gehe. So liebt er denn auch nicht, sein Haus und seine Person herauszuputzen, er will nicht locken, blenden, schmeicheln, wie es z. B. dem Franzosen eigen ist, welcher ihn allerdings an Glätte, Geschmeidigkeit, Anmuth der Form, lebhaften, rasch gewinnendem Wesen übertrifft. Dort sehen wir mehr Stolz, hier mehr Eitelkeit und Koketterie. Ziehen wir das Nationelle mit seinen Licht- und Schattenseiten vom Individuellen ab, so stellt sich dort das Exempel für den Einzelnen durch die Bank günstiger, in andren Worten: nähere Bekanntschaften mit Engländern sind schwerer gemacht, aber durchschnittlich lohnender und dauernder, als mit Franzosen und Südeuropäern. Daß der Kern jenes Stammes weder ein unedler noch ein dürftiger sein kann, sondern daß in ihm alle wichtigen Eigenschaften VII. Fertigkeit im Reisen — französisches Urtheil über Engländer. des Menschen und des Mannes vertreten sein müssen, wird schon Niemand bezweifeln, der ihre Literatur kennt. Was uns Deutsche am meisten und mit Recht aufgebracht hat, ist die Haltung der auswärtigen Politik und der Presse des Inselreichs deutschen Lebensfragen und Herzensangelegenheiten gegenüber, neuerdings hat sich das jedoch geändert und die öffentliche Meinung drüben wesentliche Erfahrungen gemacht. Betrachten wir nun aber die Sache von unsrem touristi- schen Standpunkte, so gewinnt sie ein ganz neues Gesicht, denn der Engländer hat die meiste Uebung und Fertigkeit im Reisen, die musterhafteste Ausrüstung, die entschiedenste An- lage und Liebe zur Reise, ist mithin für jeden Liebhaber der- selben, er gehöre irgendwelcher anderen Nation an, persona grata. — Hören wir darüber einmal, damit ich nicht immer allein als Anwalt plädire, die Ansicht eines Franzosen ( E. Montégut , Revue des deux Mondes 1860) : „… Der Typus des modernen Reisenden scheint mir vorzugsweis der Eng- länder, der die Welt durchmißt, ohne daß ihn etwas in Erstaunen und in Ver- wirrung setzt, der allerwärts seine Individualität aufrecht zu halten weiß, Gentleman unter Wilden, Engländer unter civilisirten Völkern, Christ unter Türken ist, der es sehr begreiflich findet, daß man auch Perser sein kann, aber sich nie entschlösse, es nur eine Minute zu sein. Die Dinge treten vor seine Augen zu seinem Vergnügen, zu seinem Nutzen, zur Befriedigung seiner Wißbegierde, niemals aber erlaubt er ihnen, seinem unerschütterlichen Selbstbewußtsein zu nahe zu treten. Er allein scheint den Grundsatz zu verstehen, daß das beste Mittel, die, mit denen man umgeht, nicht kennen zu lernen, das ist, daß man dasselbe Leben wie sie lebt, weil man über Gewohnheiten, die man selbst annimmt, das unbefangene Urtheil verliert .... Diese Eigenthümlichkeit des englischen Nationalcharakters läßt sich vortrefflich aus dem wesentlich britischen Literaturzweige, den Reiseschriften, kennen lernen, reich an sittlicher Ausbeute, bemerkenswerthen Thatsachen und Beweistücken für die Ge- schichte der Menschheit. Diese Literatur fehlt Frankreich und es ist zu bezweifeln, daß je die Lücke ausgefüllt werde .... Seltsam: die Franzosen sind zugleich das abenteuerlustigste und das häuslichste aller Völker … Sie lieben nicht zu reisen, verstehen es auch nicht sonderlich. Sie besuchen fremde Länder ohne Wißbegierde, ohne Nutzen für sich und Andere. Des Franzosen gute Eigenschaften wie seine Fehler tragen bei, die Reiselust in ihm zu ersticken, vor Allem sein Uebermaß von Geselligkeitstrieb, welchen die unvermeidlichen Prüfungen des Reiselebens ein- schüchtern und entmuthigen. Gern würde er in Gesellschaft seiner Landsleute die Welt durchziehen, aber die aufgenöthigte Einsamkeit, die eisige Gleichgiltigkeit 14* VII. Französische Touristen. Engl. Reisewerke. Kunst d. Reisebeschreibung. unbekannter Gesichter, der Zwang der fremden Sitten und Gebräuche sind für ihn zu harte Prüfungen … Jene zu weitgetriebene Geselligkeitsliebe ist vielleicht der Grund, daß der Franzose die Welt fast nur in der Eigenschaft als Soldat durch- zogen … Den ersten Tag in der Fremde stößt ihn Alles ab und ärgert ihn, bald jedoch ist er überwunden und gewonnen … Niemanden widerstrebt es mehr, seine Persönlichkeit abzuthun und Niemand vollbringt es leichter: üble Eigenschaften um die besuchten Länder richtig zu sehen und Geheimnisse fremder Völker zu erforschen. Dies zu können, soll man sich gleich weit von Verachtung und redseliger Vertraulich- keit angesichts der Dinge halten, ohne allzuhingebend sich in sie einzumischen … Die französischen Reisewerke sind vor Allem malerisch, die Oberfläche beschreibend, erstreben weniger, gut zu sehen, als gut zu erzählen; trachten, unterhaltend, farben- reich, pikant zu sein, aber nicht die Reise ist ihnen Hauptsache, sondern ihr Bericht. Ganz anders ist es mit der englischen. Künstlerische Gebilde sind sie fast nie, wimmeln von Ungeschicklichkeiten des Ausdrucks, aber ein unschätzbares Verdienst haben sie: das der Wahrheit. Da diese Reisenden keine Künstler sind, so suchen sie weit lieber nach dem, was menschlich als was malerisch ist, entschädigen durch das lebhafte Gefühl der Wirklichkeit, das ihrem Volke eigen, für den literarischen Zauber, der ihnen gebricht. Sie sind mehr mit der moralischen Persönlichkeit beschäftigt, als mit der materiellen, und sind ihre Beschreibungen von Landschaften häufig ver- wirrt und linkisch, so verstehen sie dafür, uns den sittlichen Bau eines Brahmanen zu veranschaulichen und den Gedankengang eines Wilden zu zeigen. Zwischen der aller Hilfsmittel der Kunst entkleideten Wahrheit und einer Kunst, die sich mit der oberflächlichsten Wahrheit begnügt, ist die Wahl nicht schwer … Ein Verein von Beidem wäre freilich auch in dem Gebiete die Vollkommenheit selbst, er ist aber nur sehr wenig Erlesenen verliehen. Das Ideal eines Reiseschilderers muß erstens umfassenden Geist haben, aber nicht so sehr, um allzuleicht über die Besonderheiten hinwegzukommen und sie zu generalisiren; zweitens ernsthaft sein, doch nicht zu seh r , damit der Ernst nicht seiner Unterhaltungsgabe schade. Ist er phantasiereich, desto besser, so wird er um so fähiger sein, die Schönheit zu begreifen; sein Träumen muß aber verstehen, zur rechten Zeit zu kommen und zu gehen, nicht seine Geistes- freiheit beeinträchtigen, noch seine Wißbegierde lähmen. Etwas Skepsis ist will- kommen in diesem bunten Strauße von Geistesblumen, denn sie wird das allzu- bereitwillige Vertrauen der Bewunderung zügeln, und Abschweifungen zuvorkommen, zu denen sich die Einbildungskraft etwa hinreißen läßt, gefährlich wäre es jedoch, nähme diese Zweifelsucht überhand, denn sie würde leicht zu planmäßiger Anschwär- zung und systematischer Verneinung. Vor Allem muß dieser Reisende lebendiges Gefühl haben, damit er die den verschiedensten Dingen innewohnende Seele empfinden, belauschen könne, sich aber sorgsam hüten, in Dilettantismus zu fallen, diesen schlimmsten aller Fehler des Reisenden; er muß ferner womöglich kein Berufsgeschäft haben, dazu die liberalste Geistesbildung, um nicht exclusiv in seinen Bemerkungen zu werden; endlich muß er seine Individualität bewahren und darf bei aller Sympathie für das Volk, in dessen Mitte er weilt, wohl seine Gebräuche und Sitten zeitweilig mitmachen, sie aber sich nicht völlig aneignen. Man sieht, daß unser Ideal eines Reisenden, wenn auch keine sonderlich seltenen einzelnen VII. Kunst der Reisebeschreibung — Comfort. Befähigungen, doch eine Summe von Eigenschaften voraussetzt, die wohl selten in einer Person vereinigt ist.“ So weit der französische Schriftsteller. Gegenüber den Ansprüchen, die er an die Reisebeschreibung stellt, ist darauf hinzuweisen, daß die deutsche Literatur, die bei ihm nicht einmal Erwähnung findet, wenn auch weit minder um- fangreich, als die englische, doch mehre vorzügliche Werke besitzt, und daß nach deutscher Auffassung der mit Recht ge- tadelte Dilettantismus bei der Summe von Eigenschaften, die von französischer Seite begehrt wird, wohl kaum zu ver- meiden ist. Wir Deutsche sind deswegen geneigt, auf jene Universalität zu verzichten, oder vielmehr wir glauben nicht an ihre Möglichkeit, verlangen daher von einem Autor nur, daß er unter den Gegenständen seiner Schilderungen die Wahl so treffe, daß sie seinem Talent entspricht, und schätzen ihn um so höher, je mehr er uns dafür zu erwärmen versteht, je näher seine Interessen den unsrigen stehen und je mehr wir unsre Anschauungen und Kenntnisse durch ihn bereichert sehen. Strenge Objectivität, wie sie das Trauerspiel, das Epos, die wissenschaftliche Darstellung bedingen, gehört nicht unter die Erfordernisse der Reiseschilderung, der Autor mag von seiner Persönlichkeit, deren Erlebnissen, Betrachtungen, Empfin- dungen, einmischen, was ihm passend scheint, nur muß alles dies der Theilnahme würdig sein und die Person des Ver- fassers darf nicht zwischen den Leser und den Gegenstand der Beschreibung in der Art treten, wie bei Sonnenfinsternissen der Mond vor die Sonne, so daß von dieser nur die „Protu- beranzen“ zur Erscheinung kommen. Wenn wir aber auch nichts weiter vom Engländer lernen könnten, als die Bereitung des Comforts der Reise, so wäre schon das nicht zu verachten. Denn gar viele von uns sind einmal so geartet, daß die Unbefangenheit ihrer Betrach- tung, die Klarheit, Gegenständlichkeit ihres Urtheils beein- trächtigt wird, wenn es ihnen nicht gelingt, sich einen gewissen Grad von Behagen und Ruhe zu verschaffen. Diese Fertig- VII. Comfort — Yankees — Scheu vor Annäherung an Fremde. keit ist im Kleinen, was das Colonisationstalent im Großen, wenigstens eine Seite desselben, und eine Menge gering- fügiger, alltäglicher Dinge tragen das Ihrige bei, den Weg zu den höheren Zielen der Reise zu ebnen, dem Körper die Spannkraft und dem Geiste die Empfänglichkeit zu erhalten. Die deutsche Sprache hat denn auch das Wort „Comfort“ sich angeeignet, dessen Bedeutung weit hinausgeht über den Begriff, den wir mit „Bequemlichkeit“ verbinden, und keinen Anflug von Weichlichkeit und Trägheit hat, sondern alles umschließt, was das geistige und körperliche Wohlbehagen fördert, auch „Trost, Beistand, Labsal“ bezeichnet. Die Erfinder des Worts haben unverkennbar die meisten Ver- dienste um Einführung der Sache in die Touristendistricte. Der Süden kennt und sucht den Comfort nicht, ihm genügt schon bloßes Nichtsthun, um sich wohl zu fühlen, nicht einmal der Reinlichkeit bedarf er. Ein Fortschritt nach der Seite hin ist indeß stets da bemerkbar, wo häufiger Briten hin- kommen. Sei es nun, daß sie gegenüber den Wirthen und dem Dienstpersonal mehr erzieherisches Talent oder weniger Langmuth als wir Anderen haben, oder daß ihr wirklicher oder vermeintlicher Reichthum ihnen mehr Gewicht gibt, die Thatsache ist nicht zu leugnen. Auch ihre transatlantischen Vettern, die Yankees , entwickeln neuerdings ein bemerkens- werthes Talent der Reise und der Wirthshauspädagogik, und werden nicht müde, diesseits von gewissen musterhaften häus- lichen Einrichtungen ihres Vaterlands zu predigen, was hier und da schon Früchte trägt. Bevor ich meinem Reiseprofessor das Wort zurückgebe, muß ich noch ein Thema berühren, das sich eng anschließt an das eben abgehandelte. Nächst John Bull die unbeliebteste und — verbreitetste Touristenclasse ist der „ Berliner “. Die Abneigung gegen ihn ist der Punkt, in dem ganz Deutschland nahezu einig ist, und selbst von Vollblut-Berlinern kann man hören: „nach N. N. gehe ich nicht, da sind zu viele Berliner“. Auf gewisse VII. Berliner. bei Betrachtung der Engländer geltend gemachte Gesichts- punkte, die hier gleichfalls Anwendung finden, braucht nicht von Neuem eingegangen zu werden, auch steht der Gegenstand in Verbindung mit großen deutschen Fragen, deren Erörte- rung sich unsre „Reiseschule“ zu enthalten hat, nur die Bemerkung sei gestattet, daß wir hier wieder Gelegenheit haben, uns auf einer Selbsttäuschung zu ertappen. Im Ernste glaubt Keiner von uns, daß der Bürger der nord- deutschen Hauptstadt seine Hasenhaide schöner als das berner Oberland findet, daß er vor dem Traualtar die Frage des Geistlichen: „Willst du ihr treu sein?“ mit: „Allerdings“ beantwortet, daß ihm Alles in der Welt „höchst gleichgiltig“ ist, daß er selbst seiner Beistimmung stets eine impertinente Form gibt, wie z. B. die Redensart: „auffallend richtig,“ daß in Berlin nur „Aufschneiderei und Windbeutelei“ zu Hause ist, daß die von da kommenden Alpendilettanten alle von der Art des „Herrn von Strietzow “ seien u. s. w. Nur aus Mißfallen an gewissen Manieren, durch die sich unsre Selbstschätzung verletzt fühlt, überreden wir uns, daß die rauhe, bittere Schale auch einen ungenießbaren oder gar keinen Kern berge. Deutschland hat doch nun aber das Be- dürfniß, einig zu werden, und der Reisende viel Ursache, eine Touristengattung, der er auf Schritt und Tritt begegnet, nicht ohne jede Prüfung zu excommuniciren, so schlage ich denn vor, wir Anderen wollen dem Berliner wie dem Eng- länder gegenüber Gnade für Recht ergehen und uns nicht von Aeußerlichkeiten zu raschen, absprechenden Urtheilen über eine ganze Bevölkerung verleiten lassen, denn wir würden sonst gerade in den Fehler fallen, der jenem hauptsächlich zum Vorwurf gemacht wird. Unter den dreiviertel Millionen, die zwischen Kreuzberg und Wedding wohnen, lebt in der That eine gute Anzahl Menschen, die es verdienen, daß wir ihren näheren Umgang nicht ablehnen sondern suchen, und je mehr wir denen, mit welchen wir unterwegs in Contact kommen, zeigen, daß sie keine Ursache haben, sich für Besseres VII. Alltagsmenschen — geistige Rangstufen. zu halten, als uns, je mehr werden sich gewisse Gegensätze zum gemeinsamen Besten endlich ausgleichen. — Als unser Meister einmal so recht im Zuge war, sein Lieblingsthema, „Anknüpfung von Bekanntschaften mit Leuten und Nationalitäten allerlei Art“ zu behandeln, fiel ihm mein Mitschüler Eduard in’s Wort. — Nun gut, ich will ja thun, was ich kann, wie fange ich’s aber an, um aus der Masse fremder Leute, denen ich täglich begegne, die herauszufinden, welchen ich und die mir nicht unwillkommen sind, namentlich, wie vermeide ich die Alltagsmenschen , von denen die Welt wimmelt und aus deren Ansprache weder Belehrung noch Unterhaltung zu schöpfen ist? — Auf diese jugendlich kecke Frage habe ich keine Antwort, fuhr der Oheim in scharfem Tone heraus. Einen Talisman be- sitze ich nicht, kann dir auch keinen verschaffen. Mir selbst würde ich sagen: entweder bin auch ich ein Alltagsmensch, und dann fehlt mir die Berechtigung, Geistesverwandte zu fliehen, ich bin vielmehr auf ihre Gesellschaft angewiesen; oder ich bin keiner, dann will ich doch, um dies zu bethätigen , wenigstens den Versuch machen, an Alltagsmenschen, mit denen mich der Zufall zusammenführt, eine Seite zu finden, die meine Be- achtung verdient, meine Menschenkenntniß vervollständigen, mich anregen, von der ich lernen kann, positiv oder negativ. Finde ich sie nicht, so liegt es vermuthlich an mir, suche ich gar nicht danach, so ist die Aussicht, Sonntagsmenschen zu begegnen, um so geringer. Wenn schon auf einem Masken- balle das Errathen und Erkennen für den Hauptreiz gilt, warum sollte ich nicht die durch das Reiseleben gewährte Maskenfreiheit benutzen, bald hier bald da leise anzuklopfen, um unter der Menge Fremder und Fremdartiger Wahlver- wandte zu finden, und neue Blicke zu thun in’s Menschen- leben, die mir in den heimatlichen Kreisen versagt sind? Auf der Reise verschiebt sich leicht die Maske, fällt, wird abge- worfen, der Beobachtung ist also weites Feld gegeben. Je höher meine geistige Rangstufe, je seltener zwar werde ich VII. Anknüpfungen — Hindernisse — Mimosennaturen — Musterung. Ebenbürtige und Ueberlegene antreffen, um so mehr aber auch, wenn es glückt, Freude und Anregung daraus schöpfen. Und so wenig ich wünsche, daß an Geist und Kenntnissen mir Ueberlegene deshalb mir fern bleiben, so wenig darf ich nach unten hin abwehrend sein. Warum wohl mögen Viele nicht den ersten Schritt thun? Blicken wir doch zurück in unsre Erinnerung und entnehmen ihr eine Anzahl Fälle, um sie zu prüfen. Da ist Einer zu bescheiden, um mich anzureden, weil ich zehn Jahr älter als er aussehe oder mein Aeußeres eine höhere gesellschaftliche Stellung anzudeuten scheint, und er besorgt, kurzerhand abgefertigt zu werden; beim Zweiten ist es umgekehrt, er fürchtet, seinem Range, den er höher als meinen schätzt, dadurch zu vergeben; der Dritte, Jüngling noch an Jahren und Knabe an Erfahrung, hat in einem Buche eine Warnung vor dem Anschluß an den ersten Besten gelesen, weil er ein Gauner sein könnte; der Vierte ist zu bequem; der Fünfte zu unbeholfen; der Sechste bringt aus der Heimat, wo tausend Rücksichten obwalten, die Gewohn- heit der Zurückhaltung mit, ohne sich über das Warum Rechenschaft zu geben, oder gehört unter die Mimosennaturen, die jede Annäherung zuerst erschreckt, die alle Berührungen mit Fremden scheuen, um nur jede unsanfte sicher zu ver- meiden. Jeder von diesen hat aber vielleicht Eigenschaften, die im gegebenen Falle mir seine und ihm meine Gesellschaft annehmbar machen. Soll ich nun auch mir Zurückhaltung auferlegen? Nummer Eins, Vier, Fünf und Sechs geben bald zu erkennen, daß es ihnen lieb war, mich die Kosten des ersten Schrittes übernehmen zu sehen, Zwei und Drei be- lustigen mich zunächst durch ihre Vertheidigungsmaßregeln, Drei capitulirt nach einiger Zeit, Graf Zwei dagegen (Schau- platz ein Badeort) hält sich ritterlich und seine Antworten so knapp als möglich, ohne geradezu unartig zu sein. So plänkeln wir eine Weile, bis sich zeigt, daß auch ich mich für Pferdezucht und Spanien interessire. Das veranlaßt ihn, VII. Graf Zwei — Störung. mir meine Namenlosigkeit zu verzeihen und nun seinerseits den Faden des Gesprächs emsig weiter zu spinnen. Offen- bar langweilte er sich in Xbad entsetzlich und wünschte nichts sehnlicher, als von seiner einsamen Höhe herabzusteigen und Mensch mit Menschen sein zu können, wußte nur die herab- führende Treppe nicht zu finden. Die nächsten Tage machen wir unsre Morgenspaziergänge mit einander, tauschen Cigarren aus und sind gute Cameraden, bis nach einiger Zeit ein Prinz von Bullerhausen kommt. Ihm schließt sich der Herr Graf natürlich an und hat die Zartheit, mich diesem Kreise nicht vorzustellen, denn dessen steifes Cere- moniell würde mir, dem Ungewohnten, doch nur lästig fallen. Weiter. Ein Regenschauer treibt mich in’s Borkenhäuschen bei Z. Da sitzt bereits ein Herr, in der Hand Brieftasche und Bleistift, welche er einsteckt, als er meiner ansichtig wird. Vielleicht ein Poet, denke ich, der lieber mit seiner Muse allein geblieben wäre, und nun verscheuche ich das Götterkind durch meine profane Gegenwart. Die Störung ist aber nicht rückgängig zu machen, die Brieftasche beseitigt. Ich setze mich auf’s andere Bankende, ziehe ein Buch aus der Tasche und lese, um ihm Gelegenheit zu geben, seine schöpfe- rische Thätigkeit wieder aufzunehmen. Sollte es die Zu- eignung sein, an der er dichtet und nur die letzten Verse des Sonetts fehlen noch? Doch die Brieftasche bleibt in ihrem Versteck und so oft ich aufsehe, begegne ich seinem Blicke. Hat er etwa das Bedürfniß, seine üble Laune an mir aus- zulassen? Diese Genugthuung bin ich ihm schuldig. Wohlan denn, er soll Gelegenheit haben. — Ich las da eben .... Ein Gespräch ist bald im Gange und es findet sich, daß der Mann nicht Lyriker sondern im Gegentheil Landwirth ist, eben nur mit einer prosaischen Rechnung beschäftigt war und über mecklenburgische Verhältnisse belehrende Mitthei- lungen machen kann. Diese ersten sechs Entdeckungsreisen wären also ohne VII. Dialektstudien — Gräfenberger Dusche. große Havarie abgelaufen. Als Graf Zwei den Prinzen mir vorzog, las ich zwar in den Mienen meiner anderen Bekannten: „geschieht Ihnen ganz recht“, aber auch diese Wunde meiner Eigenliebe hatte bald ausgeblutet. Mustern wir nun die nächsten uns begegnenden Reise- und Bade- genossen. Nummer Sieben, Acht und Neun anzureden, fühlen wir keine Neigung, wissen auch ihrer etwaigen Näherung auszuweichen durch Vorkehrungen mit den Augen. Da ist aber ein Zehnter, den ich zu einer Unterhaltung veranlaßte, die mir bald lästig fällt. Des Mannes Beredtsamkeit strömt, wie eine gräfenberger Dusche, deren Zug sich verhängt hat. Er scheint jedoch gutmüthig, lassen wir ihm eine Weile sein Vergnügen. Sollte sich nicht aus der Fluth etwas Genieß- bares, Erfrischendes, Erfreuliches herausfischen oder destilliren lassen? Richtig, ich hab’s: Dialektstudien , beiläufig bemerkt, auf Reisen ein ganz annehmbarer Zeitvertreib. Die Mundart des Redseligen ist ein Gemisch, mithin ein verwickelter Fall, der Mühe einer Untersuchung werth. Er spricht auch gar nicht so übel, wie konnte ich ihn nur anfangs unerträglich finden? Ungeduld, Ueberhebung, pfui, bessern wir uns. Jetzt aber aufgepaßt! … Zehn Minuten sind verflossen, hinweggeschwemmt von den Redefluthen. — „Sie sind aus dem Anhalt’schen gebürtig, dann geraume Zeit in Holstein gewesen, und nun in Deutsch-Ungarn ansässig.“ Das Erstaunen, das diese meine Einschaltung über den Mann brachte, war höchst ergötzlich, denn der Zufall hatte es gewollt, daß meine Diagnose alle drei Oertlichkeiten, sogar die Reihenfolge richtig getroffen. War die Klappe der Dusche bisher nicht zu schließen, so schien es jetzt, als ob sie auf einmal sich fest zugeklemmt hätte. Auch ich schwieg, denn die Lektüre in den Mienen des Redners belustigte mich nun ebenso, wie bisher die in den sprachlichen Ablagerungen. Endlich lieferte ich ihm den Schlüssel meiner Wahrsage- kunst aus. Gewiß wird er die Geschichte des Wunder- VII. Entzifferungskunst. manns Jedem erzählen, der sie hören will, bis an sein Lebensende. Unterhaltung finde ich ferner oft darin, daß ich aus Kleidung, Mienen, Geberden, Reden und Schweigen eines Reise- oder Badegenossen dessen Stand, Sinnesart u. s. w. zu errathen mich bemühe. Dabei erwächst mir der Vortheil, daß ich in die sonst meist unfruchtbaren Anfangsgründe neuer Bekanntschaften, die im Austausch von Gemeinplätzen be- stehen (müssen wir doch auch, um schöne Landschaften zu finden, meistens erst lange Strecken Landstraße zurücklegen, dann rauhe Seitenwege einschlagen, bis endlich die Höhe mit freiem Ausblick erreicht ist) durch solche Uebungen in der Ent- zifferungskunst Reiz bringe, welcher sich auch weiter- hin, sei die betrachtete Persönlichkeit an und für sich noch so steril, nicht schnell verliert, weil Alles, was sie sagt und thut, neuen Stoff liefert, mein Charakterbild auszumalen und zu prüfen. Ich verfahre dabei, wie die Gelehrten, welche aus Knochen, Zähnen und Bruchstücken von Steinen mit Schriftzügen ganze Thiergattungen und Menschengeschlechter nebst ihrem Thun und Treiben, Instincten und Sitten zu erkennen wissen. Auch der Gegenstand der Beobachtung kommt nicht zu kurz, denn da er Aufmerksamkeit und Ein- gehen auf seine Interessen findet, so hält er nicht zurück mit seinem geistigen Besitzthum und gibt was er hat. Menschen ohne Bildung entschädigen nicht selten durch mehr Ursprüng- lichkeit. Weiter in unsrer Musterung. Nummer Elf ist an der Reihe. Schauplatz ein Eisenbahnwagen. Dieser junge Herr hätte mich beinahe an meiner ganzen Theorie irre gemacht, wenn ich’s aber recht überlege, so bin ich selber schuld an Allem. Hätte ich mit ihm eingehend Wirthshäuser, Getränke, Cigarren abgehandelt, lauter Gegenstände, in welchen er gebildetes Urtheil bekundete, oder auch „die Baumwollenbranche, Spinnerei, Weberei und Vertrieb“, in denen er schöne Kenntnisse besaß, so wäre alles gut ab- VII. Scherze — Localpossen — Quarteronen — Fragewuth. gelaufen. Unbesonnener Weise gab ich indeß, nachdem die Cigarren ausgegangen und der Baumwollfaden abgerissen, dem „Roß der Rede“ Sporen- und Zügelhilfen, die zu seiner Natur und Dressur nicht paßten, denn es wurde muthwillig, ausgelassen, bockig, gerieth in’s Gehege gewisser Localpossen, in welchem es sich wälzte, daß deren Inhalt weit umherflog. Mit einigen kurzen Worten und einem langen Gesicht wurde diese Bekanntschaft glatt abgeschnitten. „Kälte nur bändigt den Schlamm, damit er den Fuß nicht beschmutze,“ heißt es in Sakuntala. Ich nahm mir von da an zur Regel, künftig mit Unbekannten anfangs vorsichtig zu sein, namentlich sie nicht zu Scherzen zu ermuntern. Mit sogenannten pikanten Erzählungen einem Fremden auf den Leib zu rücken, ist noch zudringlicher und taktloser, als mit politischen Extravaganzen. Menschen von der Art unsrer letzten Begegnung sind mit Quarteronen zu vergleichen, die in kühlem Zustande sich wie weiße Gentlemen darstellen, sobald sie aber warm werden, durch den garstigen Neger- geruch die Qualität ihres Bluts verrathen. Weiter in unserer Musterung. Da ist ein Zwölfter, der gleich nach den ersten Worten zeigt, daß er an der Frage- wuth leidet. Wie Franklin diese Krankheit heilte, oder doch sich der Mitleidenschaft entzog, ist bekannt. Seit hundert Jahren ist die Welt aber höflicher geworden. Ich sagte meinem Manne darum nicht, ich heiße A., bin aus B. gebürtig, wohne in C., bin x Jahre alt, meines Zeichens das und das, habe jährlich so und so viel zu verzehren, meine religiöse Farbe ist die, meine politische die, und nun lassen Sie mich in Ruhe; vielmehr gab ich auf jede seiner Fragen eine höfliche, ausweichende Antwort, manchmal wendete ich auch die Erwiederung in eine Rückfrage, wie es die Quaker gern thun und hatte bald die Genugthung, ihn in Frieden los zu sein. Auf der eigentlichen Reise können wir in der Regel eine Bekanntschaft, die uns nicht gefällt, leichter und gelinder VII. Moralische Erzählungen vom Lohn der Tugend. fallen lassen, als in Badeorten, in denen man sich so häufig wieder begegnet, hier gilt es mithin, noch vorsichtiger in der Annäherung zu sein, immerhin ist jedoch, wenn einmal Zufall oder Absicht eine solche eingeleitet hat, der Bruch nicht zu übereilen. Früher hatte ich diese üble Gewohnheit und verfuhr oft recht unsanft, den Einflüsterungen der Ungeduld nachgebend, welche Mutter der Rücksichtslosigkeit und Tante der Grobheit ist, bin aber durch eine Reihe von Erfahrungen belehrt davon zurückgekommen. Die für mich unliebsamen, nur für Andere lustigen dieser Erlebnisse verschweige ich, blos zwei kleine moralische Erzählungen, wie Tugend belohnt wird, mögen hier stehen. Eine Postfahrt aus Sachsen nach Carlsbad hatte mich mit einem schwarzgalligen alten Herrn zusammengeführt. Seitdem jeden Morgen vor fünf Uhr traf ich dort mit ihm am Sprudel zusammen, wo bekanntlich um diese Zeit der engere Ausschuß der europäischen Hypochonder tagt. Jeder steht, den Rücken nach der Versammlung gekehrt, bläst in den Becher und wirft unholde Blicke rückwärts über die Achsel. Ich war der Einzige, dem mein Wagengefährte an- vertrauen konnte, wieviel Stunden er nicht geschlafen, wie- viel Becher Mühlbrunn er hinterher trinken werde, was ihm gestern Doctor H. sonst noch verordnet hatte und wie schlecht wieder die Suppe im Nn’schen Hofe gewesen sei. Schon überlegte ich, wie es wohl anzustellen sei, um los- zukommen, als sich plötzlich die Scene ändert: am Arme des verdrießlichen Alten erscheint eines Morgens ein wunderbar schönes Mädchen, seine Tochter. Nun, dachte ich, es gibt ja garstige, stachelige Cacteen, die prachtvolle Blüten treiben. Der Cactus verlor aber auch seine Stacheln, wurde ein um- gänglicher, unterhaltender Mann, wenigstens war das die Ansicht des fröhlichen, belebten Kreises, der sich schon nach drei Tagen um Papa, Tochter und mich gebildet hatte, soviel ich weiß, des einzigen derartigen, den damals Carlsbad besaß. Sogar mehre der Fünfuhrstammgäste des Sprudels hatten VII. Moralische Erzählungen — Griesgrame, Sonderlinge, Hypochonder. Kehrt gemacht und blickten nach ihr, so oft sie sich zeigte, den ältesten Traditionen dieses Orts zufolge ein unerhörter Fall, und der Brunnen schien höher als gewöhnlich zu springen. In einem andren Badeorte traf ich ein, als er bereits überfüllt, und meine erste Bekanntschaft war ein dem eben geschilderten ähnlicher Griesgram, ein Mann von aus- gebildet hämorrhoidaler Weltanschauung, mit dem die anderen Gäste augenscheinlich nichts zu thun haben mochten, der jedoch, wie es oft mit solchen Sonderlingen der Fall ist, einige sehr schätzbare, solide Eigenschaften besaß, die erst nach und nach zum Vorschein kamen. Abgesehen davon, daß er Weg und Steg in der Umgegend kannte, erwies er sich, nachdem ich ein paar Becher seiner üblen Laune zwischen den Mineral- brunnen hinein mit guter Miene verschluckt, als ein Mann von feinem Gefühle, reicher Lebenserfahrung und namentlich großer Originalität des Gedankens. Man sah überall, auch wo man ihm nicht zustimmen konnte, daß er seine Urtheile sich selbst bildete und sie nicht als fertige Waare aus Fabriken bezog. Dieser Eigenschaft, auf welcher die Anregungs- fähigkeit beruht, ermangeln die Proletarier des Geistes, die nur ihre Quote am Nationalvermögen, aber kein Privat- eigenthum besitzen. Geister der Art hat man mit kleinen Staaten verglichen, deren Geldumlauf aus lauter fremden Münzen besteht, weil sie nicht selbst prägen. Nach den berichteten und anderen ähnlichen Erlebnissen pflege ich denn neue Bekannte, wenn sie mir auch anfangs etwas unergiebig vorkommen, nicht so sehr eilig abzuschütteln. Namentlich mag hier zu Gunsten der „Hypochonder“, jener in Badeorten und auf Reisen so zahlreich vertretenen Classe (nicht alle gehören sie zu den Schwächlingen, die sich nur mit ihrem trübseligen kleinen Ich beschäftigen) ein Wort eingelegt sein. Zu Hause haben die Bejammernswerthen entweder gar keine oder allzu viele, zu ängstliche, peinliche Rücksicht erfahren, im Bade werden sie von den andern An- wesenden theils bespöttelt und geneckt, theils gemieden, finden Schiffszwiebacknaturen — Fähigkeit anzuregen — Gemüthlichkeit. sie nun einmal einen Fremden, der sie mit weicher Hand anfaßt, sie ruhig anhört, mit ihnen plaudert, so ist das eine wahre Wohlthat und ein gutes Stück Cur für sie. Auch rein egoistisch angesehen, dürfen wir nicht zu rasch auf Ab- wesenheit aller Eigenschaften schließen, die den geselligen Verkehr lieb und ersprießlich machen. Mehr als einmal traf ich auf Menschen, die mir zuerst hart und trocken wie Schiffs- zwieback erschienen, allmählich aber erkennen ließen, daß sie aus edlem Stoff gebildet und nur einer gewissen Behandlung bedürfen, um genießbar zu werden, und daß die anfängliche Steifheit und Trockenheit nur ein Product ihrer körperlichen Beschwerden oder ihrer Lebensschicksale war. Gerade sie sind es vorzugsweise, welche dann jene für den Umgang so wichtige Eigenschaft, die Fähigkeit anzuregen , entwickeln. Sie mag zum Theil Sache des Temperaments sein, mehr aber noch entspringt sie wohl einem scharfen geistigen Gepräge, das sehr oft denen fehlt, welchen die viel beliebte „Gemüth- lichkeit“ — nicht selten nur eine Mischung gemeiner Metalle, versteckt unter einem galvanischen Niederschlage von Zuthun- lichkeit und Allerweltsfreundlichkeit — nachgerühmt wird. Eines hohen Maßes von Bildung scheint es zu jener Fähigkeit nicht zu bedürfen, nicht einmal der Heiterkeit, denn sie wird zuweilen getroffen, wo beides fehlt, und vermißt, wo es vorhanden. Neue sehr willkommene Bekanntschaften gleich anfangs in jener übereifrigen Weise zu pflegen, wie es enthusiastisch an- gelegte Naturen gern thun, ist zu vermeiden, um erst gründ- licher zu untersuchen, ob die vermuthete Wahlverwandtschaft auch wirklich besteht. Sind zwei Menschen, die sich vorher nicht kannten, erst einmal mehre Tage lang von früh bis spät zusammen gewesen, in belebtem, traulichem Zwiegespräch intim geworden, und es findet sich ein leiser Mißklang, oder nur Einer von Beiden fühlt das Bedürfniß zeitweiliger Ver- änderung, so ist in der Regel ein völliger Bruch oder eine dauernde Erkaltung die Folge, während die junge Freund- VII. Neugefundene Freunde — Gesprächsstoffe. schaft, wenn man ihr Zeit zum Wachsthum gelassen und sie nicht künstlich getrieben hätte, ein kräftiger, tiefgewurzelter Baum geworden wäre. Auch der Genuß der Freundschaft und des geistigen Verkehrs, wie jeder andere, muß in Schranken gehalten werden, wenn er dauern soll. Einen anderen Mißgriff begehen junge Leute, die mit einem Manne, an dessen guter Meinung ihnen besonders ge- legen ist, in Berührung kommen, dadurch, daß sie sich nicht zuerst begnügen, bescheiden und sinnig zu antworten, sondern nach Gesprächsstoffen in höheren Gebieten, Politik, Kunst, Literatur haschen, springen und klettern, während sie auf ihrem Turnplatze schon hätten bemerken können, daß beim Springen und Klettern leicht unsre unvortheilhaftesten Seiten zum Vorschein kommen. Im täglichen Leben sowohl wie aus den Biographien bedeutender Männer habe ich denn auch stets gesehen, daß diese mit einem Menschen, welchen der Zu- fall in ihre Nähe führte, sofern sie sich überhaupt in ein Ge- spräch einließen, zu dessen Gegenstand immer Naheliegendes, Gewöhnliches machten und erst, wenn er hierin kundgab, daß er nicht unter die gewöhnlichen Köpfe zähle, Lust hatten, näher an ihn heran und mit ihm höher hinauf zu schreiten. Nicht der Gegenstand der Unterhaltung, sondern dessen Behandlung ist es, die sie anziehend oder fade macht. In der Wahl des- selben bewähren manche Frauen einen Takt, von dem die meisten Männer lernen könnten. Namentlich verstehen sie, Gebiete leise zu streifen, um zu ermitteln, ob der Andere ge- neigt ist, darauf einzugehen. Im Allgemeinen gilt die Regel, daß von einem Manne, je höher seine bürgerliche und geistige Stufe ist, um so weniger erwartet werden darf, daß er Nei- gung habe, auf seine Berufsgegenstände einzugehen, daß wir hingegen am ehesten hoffen dürfen, sein Interesse zu erregen, wenn wir über Dinge sprechen, die wir in unsrer Stellung besser als er kennen müssen. Dabei kommt es aber darauf an, den Faden des Gesprächs nicht zu emsig und lang zu spinnen, so daß, ihn fallen zu lassen oder neue Anknüpfungen 15 VII. Rücksichten — Uebergangszustände — nachgeschickte Zeitungen. zu suchen, dem Hörer immer Spielraum bleibt. Der Tourist ist oft in der Lage, mit ganz Ungebildeten zu plaudern, wobei er sich am besten steht, wenn er die Rede auf deren Metier- angelegenheiten bringt. Hier ist es jedoch gut, zumal Land- leuten gegenüber, wenn er die Form der directen Frage, die sie leicht mißtrauisch und einsilbig macht, möglichst umgeht. Reise- und Badegefährten, die täglich viel zusammen sind, dürfen ferner anfangs nicht vergessen, daß ihr gegenseitiges Verhältniß ein Uebergangszustand ist, der nicht mehr, wie das erste Stadium einer Bekanntschaft, gewisse zarte Rück- sichten bedingt, andrerseits aber sich auch noch nicht zu einer Freundschaft befestigt hat, welcher schon etwas geboten werden kann. Jeder Einzelne thut wohl, den letzteren Gesichtspunkt für sein eigenes Betragen, den ersteren hingegen für die Be- urtheilung etwaiger kleiner Verstöße von der andren Seite vorherrschen zu lassen. Diese Ungleichheit von Maaß und Gewicht ist doch nur eine scheinbare, in Wirklichkeit die einzig billige, richtige, mögliche Grundlage des geselligen Verkehrs, denn Jeder muß von der Ueberzeugung ausgehen, daß er in allen persönlichen Angelegenheiten von Natur aus parteiisch urtheilt. Stellt er sich auf den Standpunkt der strengen „Rechtssphäre“ und sucht hiernach die Mein- und Dein-Linie zu reguliren, so wird er nicht aus dem Kriegs- oder schwer- bewaffneten Friedenszustande herauskommen, weil ihn nie das Gefühl verläßt, daß der andere Theil in der Offensive ist und zur Abwehr herausfordert. Im Gebiete der Ton- harmonie macht sich, wie jeder Musiker weiß, dasselbe Gesetz geltend: sind auf einem Claviere die Quinten rein und scharf gestimmt, so stimmen die Octaven nicht und umgekehrt; für beide Intervalle muß daher ein Compromiß gefunden werden. — Ferner ist auf Neigungen und Gewohnheiten des Andern in Bezug auf viel oder wenig sprechen, Pausen, Unterbrechung durch Lektüre u. s. w. zu achten. Gute Dienste als Inter- mezzo und Ableitung leisten oft ein paar Zeitungs- VII. Volksleben — Lord B. nummern , die man aus der Tasche zieht und mit dem Ge- fährten theilt. Nach der jetzigen Posteinrichtung kann man unter geringer Extravergütung auch mitten im Quartal seine gewohnten Blätter an den neuen Aufenthaltsort nachschicken lassen und ich versäume dies nicht leicht, unter Anderem auch, um bei günstigem Wetter im Freien zu beliebiger Zeit lesen zu können und von den öffentlichen Localen, die häufig überfüllt, dumpfig, verräuchert, schlecht beleuchtet sind, minder abhängig zu sein. In meiner Portraitssammlung könnte ich noch viel umher- führen, in Galerien verweilt aber der Tourist nicht gern sehr lange, weil das wüsten Kopf und müde Beine macht, treten wir deshalb hinaus, nähern uns den Einheimischen, mischen uns unter’s „Volk“. Wir sind nicht so thöricht, wie Lord B. da oben, der nur von seinem Balcon oder Wagen aus das Treiben der Straße, des Hafens, eines Festes durch’s Opern- glas betrachtet. Für ihn existiren nur bewegte Gruppen und Massen, hier und da trifft sein Blick auf eine besonders auf- fällige Gestalt, von den Einzelnen, aus denen diese Gruppen und Massen zusammengesetzt sind, von ihrem Thun und Trei- ben, Empfinden und Denken sieht und fühlt er nichts. Um das Leben des Volks kennen zu lernen, begnügen wir uns nicht mit Ansichten aus der Vogelperspective, — so vortreff- lich diese sich auch eignet zur graphischen Darstelluug von Städten und Landschaften, Panoramen, halb Bild, halb Plan — sondern stellen uns auf gleichen Boden mit ihm, fahren letzte Classe Eisenbahn und Dampfschiff, benutzen Stell- und Bauerwagen, setzen uns zu Landvolk und Hand- werksburschen, alles den Bücherrathschlägen gemäß. Da tritt nun aber gleich eine Schwierigkeit hervor. Die drei Haupt- sprachen sind uns geläufig, auch italienisch einigermaßen, vom „Volke“ wird jedoch immer dieser oder jener Dialekt ge- sprochen; um aus dem Vollen zu schöpfen, müssen wir ihn erlernen, so viel Zeit und Mühe verwendet aber ein Tourist, der nicht etwa ein Buch schreiben will, nicht leicht. Abgesehen 15* VII. Mittelclassen — lange, lange Pappeln. davon wären jedoch noch Eigenschaften nöthig, welche die Wenigsten besitzen, um den rechten Nutzen aus solchen Beob- achtungen zu ziehen; wir sind darauf beschränkt, Mienen, Geberden und aufgefangene Worte zu errathen, Aufmerksam- keit und Fleiß ermüden, und schließlich sagen wir uns, daß unsre Localstudien auf ebener Erde kaum mehr gefruchtet haben, als Lord B.’s von oben herab, im Grunde weniger, denn die Augen seiner Herrlichkeit haben in Genrebildern ge- schmaust, unsren Augen ist hingegen der Genuß des Landes hauptsächlich in Form von Staub zu Theil geworden. So steigen wir denn eine Staffel höher und nehmen Platz an einem der großen Tische, um den „Mittelclasse“ sitzt, trinkt und plaudert. Der Dialekt tritt schon so weit zurück, daß wir der Unterhaltung folgen können, wahrscheinlich wird sie in- deß der Art sein, daß nichts daraus zu schöpfen ist. Einzelne der Theilnehmer würden vielleicht im Zwiegespräch, oder wenn einige Fremde unter die Gesellschaft gemischt und nicht lauter Ortsgenossen zusammen wären, ergiebiger sein, so aber trottelt die Conversation die breite, von langen, langen Pappeln eingefaßte Heerstraße einher: Personalien und Localien gleichgiltigster Art werden abgehandelt. Einem andern gedruckten Rathe folgend, machen wir dem Gesandten des Heimatlandes die Aufwartung. Seine Excellenz empfängt den Ankömmling, wenn er von Rang, oder sehr reich, oder berühmter Dichter, Gelehrter, Künstler ist, demgemäß, lädt ihn zum Diner, zum Ball, zu einer Spazierfahrt ein und bedauert, durch überhäufte Amts- geschäfte abgehalten zu sein, sich ihm mehr zu widmen. Beim Consul spielt dasselbe Stück eine Terz tiefer, es sei denn, daß die Erscheinung und Unterhaltung des Fremden, notabene ohne Befürchtungen eines Anleiheversuchs aufkommen zu lassen, den Mann bezauberten. In dem Falle würden möglicherweise an ihm oder durch ihn gesellige Anknüpfungen förderlicher Art gewonnen. Nach dieser Seite hin dürfen wir aber immer- hin keine großen Erwartungen hegen, so wichtig auch die VII. Gesandte, Consuln — Empfehlungsbriefe — gebildete Familien. Befolgung des Rathes in anderer Beziehung sein mag, zumal in fernen Ländern, wie in der Levante , wo es eins der ersten Geschäfte sein muß, sich dem Vertreter des Heimatlandes vor- zustellen. Wer Gelegenheit hat, sich Empfehlungsbriefe zu verschaffen, mag sie nur auch ja nicht versäumen, denn wenn diese rechter Art sind und nicht blos auf einige Höflichkeiten und Einladungen auslaufen, so können sie alles vermitteln, was in den vorangegangenen Versuchen fehlschlug. Zunächst führen sie den Fremden in gebildete Familien ein und geben ihm Gelegenheit, Blicke zu thun in Sitten, Sinnesart und Anschauungen des Volks. Daß solche Familien nicht auch zum „Volke“ gehörten und daß man in ihnen nur „verputztes, verschminktes, verwaschenes, schablonirtes Wesen“, lediglich bei „Arbeitern“ die „unverfälschte Menschennatur“ suchen dürfe, dort Selbstsucht und Sittenlosigkeit, hier allein Güte und Reinheit fände — wie gewisse Schriftsteller nicht müde werden, bald von diesem, bald von jenem Lande unter Donnerwortgepolter zu versichern — davon habe ich mich nicht überzeugen können. Allerdings besteht in Familien jener Art mehr als in den untersten Kreisen die Neigung, gewisse nationelle Eigenthümlichkeiten abzuthun, gerade die werth- volleren, außerhalb der Tracht und Mundart liegenden blei- ben aber doch in der Regel unversehrt. In solchem Hause findet sich dann auch vielleicht Einer, an dessen Hand wir die Züge der Volkscharakteristik tiefer hinab verfolgen können, der als Dialektdolmetscher dient, auf die rechten Fundgruben aufmerksam macht und aus seinen Erfahrungen Beiträge und Erläuterungen gibt. Die große Masse der Empfehlungs- briefe bleibt fruchtlos durch Schuld der Persönlichkeit oder der Verhältnisse eines der drei Betheiligten, oder sind gar nur in der Absicht geschrieben, dem Ueberbringer eine wohl- feile Artigkeit zu erweisen, zuweilen so ungeschickt, daß diese Absicht zwischen den Zeilen des unverschlossenen Briefes auch für den Andern deutlich genug durchschimmert. Da die Offen- VII. Geschlossene Gesellschaften — Buchhandlungen — Verlassenheit. heit eines Briefs für die Offenheit der Sprache darin schlechte Bürgschaft leistet, so wählt für nichtgeschäftliche Empfehlungen Jeder, der sie aufrichtig meint und allen Theilen gern Ver- legenheiten erspart, besser den directen Postweg und händigt dem Betreffenden blos eine Grußkarte mit Adresse ein. Unter allen Umständen thut, wer längere Zeit an frem- dem Orte verweilt, wohl, auf noch andere Mittel und Wege für seine Ziele zu denken. So z. B. mag er in einen ge- schlossenen Cirkel, Museum, Casino, Ressource, Zutritt suchen. Kann es sein Gast- oder Hauswirth nicht vermitteln, so läßt sich’s vielleicht auf andere Weise bewerkstelligen, etwa durch Besuch bei einem Manne der guten Gesellschaft, dem man sich als Landsmann, Berufsgenossen oder Collegen in irgend einer Liebhaberei, als Sammler (vgl. S. 159) u. s. w. vorstellt. Je entfernter von der Heimat, je werthvoller und zugleich je leichter pflegen Anknüpfungen der Art zu sein. Um dem bloßen Zufall, gebildete Einheimische kennen zu lernen, das Glückspförtchen zu öffnen, werden Orte besucht, wo sie verkehren, Theater, Concerte ꝛc. Ist eine Buchhandlung vor- handen, so spricht man auch da vor, um unter Büchern, Kar- ten und Photographien vielleicht ein Wesen zu finden, dessen Ansprache und Ortskenntniß uns zu Gute kommen kann. Der Deutsche versäumt nicht, ein Bierhaus auszukundschaften, wo er unfehlbar in den Abendstunden Landsleute trifft. Be- merkt er durch allen Tabaksqualm hindurch ein Gesicht, das er bereits im Bureau des Gesandten oder Consuls gesehen, so setzt er sich in dessen Nähe, vielleicht ist es eine mild- gestimmte Seele, die sich des Einsamen annimmt. Wie viele unter hundert Touristen mögen aber sein, die auf einem dieser Wege zu ihrem Ziele gelangen, und wie viele dergestalt verwertheter Stunden kommen im günstigsten Falle auf hundert Reisetage? — Das ist es also wohl schwerlich, worauf die Masse der Touristen in erster Linie angewiesen und was geeignet ist, das Gefühl der Verlassenheit und des zwecklosen Umhertreibens abzuwehren, ihre Zeit und ihren VII. Allein reisen? — Warnung vor den besten Freunden. Geist ausfüllen zu helfen. Die Ansässigen haben auch in der Regel ihre feste Tagesordnung, in welcher der Fremde nicht leicht Raum für seine Person und seine Interessen findet. Hier fiel mein Professor der Touristik wieder in eine sei- ner beliebten Pausen und sah uns Schüler fragend an, wie es schien, um uns Zeit zu lassen, etwas Unweises zu sagen, das seiner Lehre zur Folie dienen konnte. Ich warf deshalb hin: um das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit fern zu halten, müsse man nicht allein reisen, sondern einen Freund zum Begleiter suchen, oder die Frau mitnehmen, kurz, ein Stück Heimat unterwegs in seiner Nähe haben. Mentor machte das erwartete, schon oft gesehene Gesicht, welches deut- lich sagte: ich schäme mich dieses Zöglings, schwieg aber. Ich fuhr fort. Aber ich bitte Sie, theurer Meister, warum soll ich denn nicht, wenn sich’s thun läßt, mit meinem besten Freunde reisen? Gibt es etwas Schöneres, als Empfin- dungen, die für eine Brust zu groß, zu gewaltig sind, zur Hälfte in eine gleichgestimmte gießen zu können? O, ich er- innere mich nur zu wohl, wie schmerzlich ich es in Valle dei mulini bei Amalfi empfand, inmitten alles Entzückens über die bezauberndste aller irdischen Landschaften, daß ich nicht anstatt des Führers Miloni und eines aus Dänemark gebür- tigen Eiszapfens, den ich mir Tags zuvor unvorsichtigerweise hatte anfrieren lassen, meinen Hermann neben mir haben konnte! Auch als ich im Vatican vor Raphael’s Trans- figuration stand und bei so mancher anderen Gelegenheit hätte ich alles darum gegeben, wenn er an meiner Seite gewesen wäre, mit mir hätte schwelgen können. — Wie so oft unser Schutzengel besser für uns sorgt, als wir selber, wenn es nach unsrem Kopfe geht, so wird er es auch vermuthlich bei Amalfi und in Rom mit Ihnen und mit Ihrem Hermann besser als Sie selbst gemacht haben. Mit besten Freunden am allerwenigsten sollen größere Reisen unternommen werden. Die Freundschaft ist ein zu kostbares Gut, als daß .... VII. Schwerste Geduldsprüfungen — kleine Ueberraschungen. — Ah, Sie meinen, fiel ich in’s Wort, daß auch sie ein Artikel ist, der den Transport nicht vertragen kann? Unsre Freundschaft, Hermann’s und meine, hat schon die schwersten Prüfungen überdauert. — Die schwersten Prüfungen der Freundschaft, versetzte der alte Herr, sind nicht die großen, tiefgreifenden, für die wir alle unsre Kräfte zusammenzunehmen pflegen, auch nicht die gewohnten des täglichen Lebens, für welche unsre Geduld be- reits eingeübt ist, sondern — jene kleinen Ueberraschungen, die uns unvorbereitet finden. Noch aus der Schulzeit her erinnere ich mich und Sie wahrscheinlich auch, daß die feier- lichen Osterexamina immer glänzend ausfielen, auch bei den regelmäßigen Exercitien Alles noch leidlich ging, nur wenn einmal ein neuer Lehrer des erkrankten Collegen Stelle ver- trat und uns auf den Zahn fühlte, da war die Noth groß. Auf einer längeren Reise kann so Manches vorkommen, auf das wir nicht gefaßt sind, vielerlei wirkt zusammen, das un- unterbrochene Beieinandersein, Mangel der gewohnten Thätig- keit, Entbehrungen, Ermüdung. So trifft es sich, daß beide Freunde einmal gleichzeitig in üble Laune gerathen, Einer den Anderen herrschsüchtig, rücksichtslos, rechthaberisch findet, wenn er’s auch nicht ausspricht, oder eine sonstige Falte in seinem Herzen oder einen Defect in seinem Hirn entdeckt und die Freundschaft eine Wunde empfängt, die vielleicht bald wieder zuheilt, aber dann doch bei Wetterveränderungen sich fühlbar macht. Je höher wir eine Freundschaft anschlagen, je mehr ist Ursache, sie in keine solche Versuchung zu führen. Wie manche scheiterte schon daran, daß ein Herzenswunsch beider Theile endlich in Erfüllung ging, daß dieselben z. B. ein Haus beziehen konnten, oder Geschäftsgenossen wurden, oder ihre Familien sich verschwägerten. Kurz, wenn Sie meinem Rathe folgen wollen, so schreiben Sie Ihren Freun- den recht fleißig, schicken, bringen ihnen meinetwegen von jeder schönen Stelle, wo Sie ihrer gedenken, ein Erinnerungs- zeichen mit, bedauern in jedem Briefe, daß sie den Genuß VII. Frauen — Négligé — Ehemänner. nicht theilen und dieser darum für Sie selbst nur ein halber sei, machen Sie allenfalls, wenn Gelegenheit ist, mit dem einen oder anderen Freunde eine kürzere, vorher bestimmt verab- redete Tour, hüten Sie sich aber, einen zum Gefährten für eine größere Reise zu erkiesen. Nur besondere Fälle nehme ich aus, z. B. wenn der Freund sich auch in dieser Eigenschaft schon bewährt hätte, daß Ihre Freundschaft vielleicht gerade auf der Reise zur Welt gekommen wäre. — Da müßten Sie ja aber, wandte ich ein, folgerichtiger Weise noch mehr warnen, die eigene Frau mit auf die Reise zu nehmen, denn deren Freundschaft ist jedem Manne doch die wichtigste von allen. — Und dennoch ist hier die Gefahr geringer, erwiederte er. Eine Reise, die jedes Paar macht, das irgend kann, die Hochzeitsreise, würde längst abgeschafft sein, wenn sie dem Eheglück sich nachtheilig erwiese. Aber auch von dieser be- sondern Art abgesehen: das eheliche Band, welches über- haupt diesen Namen verdient, ist aus festerem Stoffe, als das der Freundschaft. Einer der Gatten, hoffentlich die Frau, hat bereits Uebung im Sichfügen, beide sind gewohnt, viel zusammen zu sein, sich auch in geistigem N é glig é zu sehen. Gemeiniglich verlangt es aber die Damen gar nicht so sehr nach Reisen, und in der That ist ihnen in diesem Stücke kein Mangel an Logik vorzuwerfen. — Begleiten wir, sagen sie, unsre Männer, so verursacht das dreifache Kosten, Un- bequemlichkeit, Mühsal, manche Unternehmung muß unsret- halben wegfallen, Alles geht langsamer, schwerfälliger, abge- kürzter, auszüglicher vor sich. Die Bestimmung des Weibes ist das Haus, nicht die Welt. Die Eine oder Andere denkt vielleicht auch: schadet meinem lieben Manne gar nicht, wenn er einmal wieder an die Vorzüge des heimischen Herdes und des Familienlebens erinnert wird, und daß es auch andren Leuten als seiner kleinen Frau passiren kann, daß ein Hemd- knöpfchen fehlt oder die Milch anbrennt. Mir ist ein Fall VII. Verschiedene Reisegefährten. bekannt geworden — und es wird wohl nicht der einzige der Art sein — daß ein Mann nur reiste, um seiner Gattin die Schweiz und Italien zu zeigen und die Frau lediglich dem Manne zu Gefallen mitging: beiden gelang es, sich gegen- seitig zu verbergen, welche Ueberwindung ihnen der Entschluß und die Ausführung gekostet. Die überwiegende Mehrzahl der Touristen ist denn auch männlichen Geschlechts, jüngere und ältere Unverheirathete oder Witwer, die einzelnen Ehe- männer darunter sind entweder der Art, wie wir sie unsren Töchtern, oder sie haben Frauen, wie wir sie unsren Söhnen nicht wünschen. Gehören sie zu ihrem Glücke keiner dieser beiden Classen an, so — bringen sie auch kein rechtes Herz für die Reise mit, sind mithin keine echten Touristen. Ein unglücklicher Ehemann gestand mir, er fühle sich überall aus- wärts daheim, nur nicht zu Hause. Immerhin eignen sich aber als dauernde Reisebegleiter Frauen, Söhne, Töchter, Schüler, Pflegebefohlene — angenehme Begleiter auf Fuß- wanderungen sind oft nicht zu junge Knaben, deren Natur- freude und Jugendlust uns Aeltere erwärmen und erfrischen hilft — besser, als Freunde und Gleichgestellte (in grader oder ungrader Zahl), welche ihren Willen, ihre besonderen Interessen und Gewohnheiten nicht zurücklassen, der Be- rathungen, der Abstimmungen, des Opferbringens ist sonst kein Ende. Mit Begleitung mögen sonach die weitere Reisen an- treten, deren specielle Zwecke eine solche bedingen, ferner große Herren, die nicht ohne Gefolge reisen können, Neuvermählte Ein Fall wird zwar erzählt, in welchem eine Hochzeitsreise von einem Theile allein unternommen wurde. Es war ein Candidat, der eben sein Amt antreten sollte und es mit seiner jungen Frau so verabredet hatte, um dem Brauche zu folgen aber Kosten zu sparen: sie blieb zu Hause und er reiste, beide nannten das aber „unsre Hochzeitsreise“. Das Beispiel ist meines Wissens ohne Nachahmung geblieben. , Alte, Gebrechliche, körperlich oder geistig Unbehilfliche, die neben dem Wanderstab noch menschlicher Stützen bedürfen, VII. Allein abreisen — Hauptzwecke. sodann Leute, denen es an Willen oder an Fähigkeit fehlt, unterwegs Bekanntschaften zu machen, endlich Menschen, die nur höchst ungern allein sind (weil sie versäumten, diese wichtige Kunst zu erlernen) und jede andere Gesellschaft ihrer eigenen vorziehen. — Der Tourist wie er sein soll reist allein ab und sucht sich unterwegs geeignete Gefährten. Diesen Satz motivire ich aber nicht blos aus den angeführten Gründen, behaupte vielmehr, nur wenn es geschieht, können wir den Hauptzwecken der Reise ungestört nachgehen und fühlen uns zur Verfolgung derselben um so mehr gespornt. Solchen Sporns bedürfen wir Alle. VIII. Neue Geständnisse, die von Rechts wegen in die Vorrede gehörten — praktische Dinge — Gesichtspunkte — Beiläufigkeiten — Ulysses wird ruhmredig und hinter- haltig — Diener — Ersparnisse — gelehrter Kram — touristischer Stammbaum — Blick in alte Zeiten — die Reise, ihre Freunde und Feinde, Vortheile und Nachtheile — Triebfedern — Eitelkeits- und Phantasietouristen — Poesie der Reise — Reisefieber — neue Art zu reisen — Eisenbahnwesen und seine Flegel- jahre — Hoffnungen — Techniker — Ruß- und Bußfahrten — feurige Kohlen — Staubbrillen — Bahnhofsrestaurants — Fürsprecher — Widerwärtigkeiten und Strapazen — Comfort — Rechtfertigung — allgemeine Betrachtungen — geistige Rund- und Fernsicht — Zwecke — Summe der Reiseerfahrungen — der große Touristenstrom — Reisemüde — Grade der Empfänglichkeit — Farbenscheibe — Nutzanwendung — Monotonie des steten Wechsels — bestimmte Richtung — Reisemechanismus — passives Empfangen von Eindrücken — Specialität — keine Zeit haben — Märtyrer der Berufspflicht — Mußestunden — Jugend und Alter — Einseitigkeit — ewiges Einerlei — geistige Alpenregion — Sammler und Sammlungen — Excerpte — Lichtstrahlen — ein Sonderling — Berufswahl — Wechsel der Stimmungen — das beste Geschäft — die Reise eine Wohlthäterin — ein anderer Kauz — allein und abgetrennt — Zucht von Steckenpferden — Zerstreuungsjäger — pariser Ennui — große Modebäder — worauf es ankommt — ein gutes Reisegewissen u. seine Forderungen — was wir alles beobachten sollen — Vielseitigkeit — Bienen und Fliegen — Wahl treffen — spitze Bleistifte — weitere Mittel gegen Reisemüdigkeit — Hauptaufgaben — Sehenswürdigkeiten — Menschen und Selbstkenntniß — Probiersteine und Schleifsteine — Geselligkeits- trieb — Einsiedler — Ausschließlichkeit — Befürchtungen — die Reise ein Maskenball — öffentliche und Privatbälle — Zwiegespräche — große Gesellschaften — Hintergedanken — betrübende Wahrnehmung — unsre Geschäftsfreunde — ein Landpastor — Stadt- und Landleute — plötzlicher Geldgewinn — Wohnungs- miethe — Preissteigerungen — Luxusgäste — Trinkgelder, Geschenke, Almosen — Culturfortschritte — Selbstvertheidigung — durch Cultur zur Natur zurück — unsre Aufgaben — Politik — Heimgekehrte — leichtsinniges Briefschuldenmachen — Imponirenwollen — Abenteuer — Reiseberichte — Zweifel — Abschiedswort und Reisesegen. Keinem Leser dieses Büchleins wird es entgangen sein, daß dasselbe viel von der Technik der Reise, weniger von VIII. Neue Geständnisse, die von Rechts wegen in die Vorrede gehörten. ihrer Wissenschaft, noch minder von ihrer Kunst und am seltensten von ihrer Moral gehandelt hat. Alles das geschah nach dem Vorbild unsres Lehrers. Auf seine Ansichten in der Beziehung wurde schon früher gedeutet, seine weiteren Gründe dafür mögen aus folgendem Gespräche hervorgehen, welches am letzten Tage unsres Zusammenseins gepflogen ward. Es knüpfte sich an seine Aeußerung über die „Haupt- zwecke der Reise“ und meine Frage, welches denn nun diese seien. — Geduld, Geduld, so weit sind wir noch nicht, war die Antwort. — Ah, ich merke, Sie sparen das bis zuletzt auf, es soll eine Ueberraschung werden, so ein melodramatisches Schluß tableau mit bengalischer Beleuchtung. — O nein, erwiederte der alte Herr, nicht überraschen möchte ich, auf keinen Lichteffect, sondern nur auf ein wenig Wärmeentwickelung ist das ganze Experiment abgesehen. Hätte ich nicht von Anfang an etwas der Art im Schilde geführt, so würde ich, trotz allen väterlichen Gefühlen für Sie, mein hoffnungsvoller Jünger, mir schwerlich so viel Mühe mit Ihrer touristischen Erziehung gegeben haben. Gleich damals in Meiringen , als wir unser Buch verab- redeten und ich das Nähere überlegte, fragte ich mich, wie es wohl kommen möge, daß noch nichts Aehnliches versucht worden ist, weder bei uns, noch bei Euch Deutschen, die Ihr doch Bücher schreibt über alles Mögliche. Ganz kurze Leit- faden sind zwar vorhanden, welche Regeln für Fußwanderer und Bergsteiger geben, ein paar verlorene Winke für Reisende überhaupt sind auch beigefügt, Alles aber augenscheinlich, zum Theil eingeständlich, nur für unerfahrene, anspruchslose Jünglinge bestimmt, die zum ersten Mal das Vaterhaus ver- lassen, Niemand noch hat es versucht, auch die Touristen- gattungen in’s Auge zu fassen, welche heutzutage in H ô tels, Eisenbahnwagen erster und zweiter Classe und Curorten so zahlreich und glänzend vertreten sind, ebensowenig sind die VIII. Praktische Dinge — Gesichtspunkte — Beiläufigkeiten. touristischen Bedürfnisse der Curgäste einer eingehenden Be- handlung gewürdigt worden. Was mag die Ursache sein? Ich fand keine andere Erklärung als die: nur Vielgereiste haben die hierzu nöthige Erfahrung gesammelt, diese geben sich aber entweder nicht mit Bücherschreiben ab, oder verfolgen nur wissenschaftliche, künstlerische, ästhetische, belletristische Zwecke und verschmähen es, über „praktische Dinge“ zu schreiben, haben auch in der Regel weder Geduld noch Auge dafür, vielmehr als Gelehrte, Künstler, Dichter das Recht, unpraktisch zu sein. Wie sind nun wohl, fragte ich mich weiter, alle jene anspruchsvollen, verwöhnten, ungeduldigen Herren und Damen zu gewinnen? — Alle? Unmöglich! Da fiel mir zur rechten Zeit Euer Dichterwort ein: Kannst du nicht Allen gefallen durch deine That und dein Kunstwerk, Mach’ es Wenigen recht. Vielen gefallen ist schlimm. und wies den Weg, wenn es sich hier auch nicht um ein Kunstwerk, nur um ein kleines Buch handelt. „Wer Vieles bringt, wird Vielen Etwas bringen“ und unter den Vielen werden hoffentlich Einige sein, denen das, was wir ihnen bringen, nützt, vielleicht auch Unterhaltung gewährt. Suchen wir denn also vor den Augen einiger Weniger Gnade zu finden. Bei Vornehmen, bis hinauf zu Ministern und Fürsten, ist am leichtesten etwas zu erreichen, wenn alle Can- didaten- und Magistermanieren vermieden werden, die An- gelegenheit nicht mit Wichtigkeit und Ernst behandelt wird, sondern nur beiläufig einfließt, z. B. in ein Gespräch über Küche und Keller, oder auf der Promenade, am sichersten, wenn ein Kammerdiener beim An- und Auskleiden es vor- trägt. Wissen Sie was? Lassen wir unsren Ulysses seine Laufbahn wie Rousseau als Diener antreten, nebenbei mag er sich als Küchengehilfe und in sonstigen Geschäften nützlich machen, vielleicht steigt er dann zu höheren Posten auf, wird Haushofmeister, Vertrauter, Factotum. Zunächst spiele er die Rolle eines jener jocosen Diener, die in der VIII. Ulysses wird ruhmredig und hinterhaltig — Diener — Ersparnisse. Wirklichkeit sehr selten, desto öfter in Komödien und Romanen vorkommen. Ein solcher Christian oder Hans hat allemal einen Theil seiner Herrschaft, den Herrn oder die Dame, schon in deren Kindheit bedient und verziehen geholfen, darum darf er sich manches erlauben, was Andern übel genommen würde, selbst die unbeliebtesten Dinge, Predigten, verzeiht man ihm, denn man weiß, daß er nie seine „untergeordnete Stellung“ vergißt, daß er bei aller Pedanterie, allen curiosen Einfällen doch eine „ehrliche Haut“ ist und für seine Herr- schaft durch Feuer und Wasser ginge. Gibt’s etwas zu schustern, zu schneidern, zu flicken, zu waschen, zu tragen, zu fragen, zu laufen, zu kaufen, zu packen, zu placken, so muß Ulysses bei der Hand sein, immer flink, unverdrossen, auf- geräumt, anstellig, geräuschlos, redlich, treu, sparsam, reinlich. Hat seine Herrschaft etwas vergessen, so läßt er sich dafür schelten und macht das Versäumte wieder gut, hat sie Lange- weile, sorgt er für Unterhaltung, ist sie übler Laune, so nennt er das Nervosität und verdoppelt seine Sorgfalt, lästige Be- suche weiß er abzuhalten, auf beachtenswerthe Menschen und Dinge aufmerksam zu machen, eine eigene Meinung wagt er nur selten zu haben, und, ist es nicht zu vermeiden, so sucht er, weit entfernt sich damit zu brüsten oder aufzudrängen, es einzurichten, daß es aussieht, als handelte er auf Befehl der Herrschaft selbst oder des Arztes. — Werden denn aber, warf ich ein, die hohen Herren und Damen unserm Ulysses nicht übel nehmen, wenn er z. B. auf Ersparnisse bedacht ist? — Im Gegentheil, um so mehr schätzen werden sie das an ihm, als es sich für sie nicht schickt. Lassen wir ihn nur tüchtig feilschen mit Kutschern und mit Gastwirthen hadern, Kellner schelten, Hausknechten in die Rippen stoßen, alles das ist seines Amts. Auch daß er Badeärzten und Cur- vorständen kleine Anzüglichkeiten sagt, wird höheren Orts nur wohlgefällig vermerkt werden. Seiner Rolle getreu, hat sich Ulysses auch zu hüten, mit historischen Rückblicken, VIII. Gelehrter Kram — touristischer Stammbaum. etymologischen Erklärungen des Wortes „Tourist“ und der- gleichen „gelehrtem Krame“ beschwerlich zu fallen. Ueber alles das gibt jedes Conversationslexicon Auskunft. Zwar könnte er, um Theilnahme zu erregen, die Sache genealogisch behandeln und nachweisen, daß die geistigen Ahnherren des modernen Touristen die Columbus , Vasco de Gama , Diaz und Magellan sind — was diese Großen für die Welt ent- deckten, entdecken wir Epigonen für uns, unsre Zuhörer, die Leser unsrer Briefe, Tagebücher, Reiseschilderungen — den Stammbaum alsdann rückwärts führend zu den vornehmen, Lust- und Erholungsreisen in die Gebirge, in die Schwefel- und Seebäder machenden Römern, zu den griechischen Reise- beschreibern Arrian , Strabo , Herodot , bis zu dem erlauchten Stammvater aus Ithaka . Kenner des Alterthums versichern aber, daß dasselbe wenig Freude am Reisen hatte, und erklären das nicht blos aus dem Mangel an Straßen, der Beschwer- lichkeit, Kostbarkeit, Unsicherheit größerer Fahrten, sondern meinen auch, daß es den alten Griechen und Römern an Auge und Herz für landschaftlichen Reiz gebrach. Hier und da reiste man zu wissenschaftlichen oder anderen Zwecken, schwerlich aber aus bloßer Lust am Reisen selbst. Horaz eifert gegen das Fortziehen aus Rom , leugnet, daß die äußere Umgebung wesentlichen Einfluß auf die Stimmung des Menschen üben könne, und spottet über blasirte Reise- wuth (vgl. S. 127). Auch im Mittelalter scheint es nicht viel anders gewesen zu sein. Venetianer und Genueser kannten nur Handelsreisen. Blos eine aber glänzende Aus- nahme macht der Venetianer Marco Polo († 1323); seine Reisebeschreibung ist aus der nachclassischen Zeit die vorzüglichste ältere. Die großen Entdeckungsfahrten der Columbuszeit gaben dem Handelssinn, nebenbei der Aben- teuerlust reiche Nahrung, auch wissen wir, daß im Reforma- tionszeitalter mit der erwachten Theilnahme am classischen Alterthum und an der bildenden Kunst in den höheren Sphären der Bewegungstrieb der Geister sich auch einzelnen VIII. Die Reise, ihre Freunde und Feinde, Vortheile und Nachtheile. Körpern mittheilte, die Reisen waren aber doch nur dem Erwerb, oder bestimmten Studien gewidmet, oder sie wurden von jungen Edelleuten und Patriciersöhnen unternommen, um sich für den Staatsdienst und die Gesellschaft vorzu- bereiten, von eigentlichen Vergnügungsreisen wußte man nichts. In den übrigen Volksschichten reiste man so viel als gar nicht. Luther erzählt von einem Studenten, welcher, als er seinen Kirchthurm aus dem Gesichte verloren, Heimweh bekam und umkehrte. Die Ortsveränderung, ohne geschäft- lichen oder kirchlichen Grund, war damals schon an und für sich etwas Verdächtiges. Wer kein Heimwesen hatte, keinen ehrlichen Erwerb finden konnte, oder ihn nicht suchen mochte, ging unter die „fahrenden Leute“, vor denen, wenn sie nahten, die Wäsche vom Zaun genommen und die Hunde losgelassen wurden. Schon ein aus der Ferne zurückkommen- der Verwandter oder Freund wurde zwar mit Neugierde aber Mißtrauen betrachtet. Unter diesen Umständen lassen wir lieber die Abstammungsfrage auf sich beruhen und hören statt dessen einige Stimmen, freundliche und feindliche, über die Reise und ihre Wirkungen . „Eine alte, gegründete Wahrnehmung ist es, daß selten jemand auf der Reise oder im Bräutigamsstande stirbt,“ sagt Feuchtersleben , und wenn auch ihm für die Richtigkeit dieser Angabe die Verantwortlichkeit bleiben muß, so ließe sich doch eine lange Reihe von Autoritäten anführen, die den wichtigen und vielfältigen Einfluß der Reise auf die Gesundheit be- tonen. Zu dem hierüber von uns seines Orts schon Ab- gehandelten mag hier nur noch registrirt werden, daß die Aerzte die durch Umherspähen im Freien verschaffte Uebung im Fernsehen, deren Mangel uns Großstädter so kurz- und schwachsichtig macht, hervorheben. Obenan unter den Ruhmestiteln der Reise steht immer die Wirkung, welche sie, richtig benutzt , auf Geist und Charakter hat, indem sie jenen in der Erwerbung neuer und Verwerthung bereits gesammelter Kenntnisse, ebenso die Urtheilskraft übt, endlich 16 VIII. Triebfedern. Selbständigkeit des Charakters, Festigkeit und Unerschrocken- heit ausbildet. Hinsichtlich der Ersprießlichkeit großer Reisen sind die Ansichten getheilt. Ein französischer Schriftsteller meint, nur Madeirawein gewinne dadurch, ein anderer sieht in jeder Reise, die nicht in Geschäften unternommen wird, weniger eine Sehnsucht nach der Ferne und dem was sie verspricht, als vielmehr einen Zug der Seele von den Personen und Dingen hinweg, die man verläßt. Beide Aussprüche sind arakteristisch für die Franzosen, die ungern reisen. Haben doch von jeher zu ihren schwachen Seiten Geographie und fremde Sprachen gehört. Der Franzose liebt nur eine Reise: die in seine Hauptstadt, wenn er den Schmerz und die Be- schämung hat, nicht in derselben zu wohnen. Auch Frau v. Sta ë l nennt das Reisen eines der traurigsten Vergnügen des Lebens. Nur ein französischer Autor, wenn ich nicht irre Custine , rühmt von der Reise, daß sie ein Mittel biete, das Gefängniß, welches unsre Erde doch einmal sei, einiger- maßen zu erweitern. Börne empfiehlt, um so weiter und öfter zu reisen, je älter und nüchterner wir werden, dann sagt er, man gewinne dadurch die Fertigkeit, sich überall zu Hause zu fühlen. Jean Paul bemerkt, es nehme dem Men- schen das Hölzerne wie das Versetzen den Kohlrüben das Holzige. Plato räth, nicht vor dem sechzigsten Jahre zu reisen, um es mit Nutzen zu thun. Unter den Triebfedern zur Reise ist bisher einer noch nicht gedacht worden, die, wer Touristenherzen und Nieren prüfen könnte, häufig genug finden würde, und welche Ursache sein mag, daß Mancher von seinem ersten größeren Ausfluge reisesatt zurückkehrt und nie einen zweiten wagt: — er wählte Weg und Ziel nicht seinen Interessen gemäß, nicht weil er sich von ihnen Belehrung, Anregung, Genuß versprach, sondern lediglich, weil er „etwas Apartes“ haben, weil er Gebiete sehen wollte, die noch Keiner aus seinem heimischen Kreise sah. Lassen wir ihn seine Straße ziehen, lassen wir VIII. Eitelkeits- und Phantasietouristen — Poesie der Reise. ihn, wenn er schließlich Gewinn und Verlust berechnet, starkes Deficit finden, denn alle Ermahnungen der Reiseschule ver- mögen nichts gegen die liebe Eitelkeit, die schlaue Gauklerin, die ihre Prospecte eben so trügerisch zu fassen versteht, wie gewisse industrielle Speculanten. Auch mit jenen Phantasie- touristen haben wir nichts zu schaffen, welche in einem ver- steckten Nestchen, etwa im Odenwald oder Fichtelgebirge , einen Sommer zubringen, dort sich dem Studium einiger Reisewerke widmen, dann zurückkehren und von den Welt- fahrten erzählen, die — ihre Einbildungskraft gemacht hat. In einer mitteldeutschen Residenz war ich einst Zeuge, wie ein derartiges Lügengewebe, das über eine ganze Gesellschaft geworfen war und lange festgehalten hatte, plötzlich sich um- kehrte, über den Erzähler fiel und ihn in einer so lächerlichen Positur zeigte, daß er bald darauf gerathen fand, den Schau- platz seiner Niederlage ganz und gar zu verlassen. — Wir fahren fort, Freud und Leid der Reise, ihre Freunde und Feinde zu betrachten. Eine der Anklagen, die heutzutage am häufigsten erhoben und ohne Prüfung nachgesprochen werden, ist die: mit den Eisenbahnen sei alle „Poesie der Reise“ verschwunden. Die Poesie liegt doch aber gewiß weniger in den Dingen, als in der Betrachtungsweise, die wir ihnen widmen, und eine Großthat des Menschengeistes, die eine dämonische Naturkraft unterjochte, über Zeit und Raum, die alten Gewalthaber der Welt, einen glänzenden Sieg davontrug, mithin der Phantasie reiche Nahrung bietet, kann doch wohl nichts Un- poetisches sein. Im späteren Lebensalter schauen wir aber mit einer sehnsüchtigen Wehmuth auf die Vergangenheit zurück, sie erscheint uns in verklärtem Lichte, wieviel Antheil an diesem jedoch unsren jugendlichen Anschauungen und wieviel den Gegenständen selbst zukommt, das zu ergründen wird nicht leicht gelingen. Traulicher, idyllischer und in gewissem Sinne behaglicher war allerdings die alte Art der Reise, die Klänge des Posthorns thaten dem Ohre wohler, als die 16* VIII. Reisefieber — neue Art zu reisen. gellenden Pfiffe der Locomotiven, auch das Schnurren der Räder, das Trappen der Pferde und sanfte Klappern des Wagens hörte sich besser an, als das jetzige betäubende Ge- rassel der Waggonfenster und das ewige Tftftftftftf der Ma- schine, welches als basso ostinato jedes Gespräch verfolgt und bald müdehetzt. Die langsame Bewegung und das lange Beisammensein waren auch geeigneter, Meinungsaustausch und nähere Bekanntschaften zu vermitteln, während man jetzt in den Coup é s kaum Notiz von einander nimmt: jede Station kann Nachbarn auseinanderreißen und neue zu- sammenführen. Auch ist nicht zu verkennen, daß das soge- nannte „Reisefieber“ — jene Unruhe, die unterwegs Manche befällt, sie fort und fort nach der Uhr zu sehen treibt, ihnen Nachts den Schlaf, am Tage klares, gesammeltes Denken stört — seitdem es Eisenbahnen gibt, einen hitzigeren, conta- giöseren Charakter angenommen hat. Alles das räume ich willig ein, behaupte aber, die Poesie der Reise hat nichts verloren und ihre Ergiebigkeit wesentlich gewonnen. Niemanden ist es verwehrt, den Schienenweg nur als Mittel zu betrachten, um sich rasch dahin schleudern zu lassen, wo die eigentliche Reise erst beginnen soll; diese selbst können wir unzweifelhaft mit weniger Aufwand an Zeit, Mühe und Geld ihren Zwecken und unsren geistigen, poetischen, gemüth- lichen Ansprüchen gemäß gestalten. Sie ist ferner nicht mehr Vorrecht der Reichen. Wir können öfter und brauchen nicht mehr so lange zu reisen, können ohne große Opfer, sobald sich „Sättigung“ einstellt, zurückkehren und die Fortsetzung verschieben, bis die empfangenen Eindrücke innerlich verar- beitet und wir für neue wieder frisch geworden sind, können Versäumtes leicht nachholen, und unsre Geduld hat minder harte Prüfungen zu bestehen. Während ein junger Mann ehemals, gleich nachdem er seine wissenschaftlichen Studien oder die kaufmännische Vorbereitungszeit zurückgelegt, auf halbe und ganze Jahre in die Welt ging, dann heimkehrte, ein Amt übernahm oder ein Geschäft eröffnete, heirathete und VIII. Eisenbahnwesen — seine Flegeljahre — Hoffnungen. Kindern und Enkeln von „seiner großen Reise“ erzählte, nie aber an eine zweite dachte, ist jetzt oft Entschluß, Vorbereitung und Aufbruch die Sache eines oder weniger Tage. Viele Großstädter betrachten eine jährliche Reise als eine Lebens- bedingung, Einige erheitern sich Winterabende durch Aus- arbeitung und Ausmalung ihres nächsten Sommerfahrplans, die meisten überlegen und berathen nicht lange, welche Länder zu besuchen, welche Punkte zu berühren seien. Hat nur erst einmal unser Eisenbahnwesen seine Flegeljahre hinter sich — ihren grellsten Ausdruck finden diese in der Behandlung des Gepäcks von Seite der Bahndiener (vgl. S. 17) — so wird auch gewiß noch manches bisher Lästige und Mißliche abgestellt werden, wie schon in neuester Zeit ein Anfang gemacht ist. Man wird neue Mittel und Wege finden, für die Sicherheit der lebendigen Fracht zu sorgen, ohne ihre persönliche Freiheit mehr als nothwendig und rathsam zu beschränken, auch die Befugnisse der Bahn- beamten werden theils engere, theils weitere Grenzen erhalten. Die Handhabung des Dampfboot- und Eisenbahnbetriebs in Amerika zeigt zwar, daß dort Menschenleben wenig gilt, andrerseits scheint aber die strenge Praxis, die auf europäi- schen Bahnen zur Zeit noch herrscht, in Bezug auf Selbst- hilfe bei plötzlich eintretender Gefahr, Auf- und Absteigen während der Zug in Bewegung ist u. s. w. nicht durchweg ihrem Zweck zu entsprechen. Hoffentlich wird man ferner immer allgemeiner einsehen, daß auch die Insassen der Schnellzüge leibliche Bedürfnisse haben, die Rücksicht ver- dienen. So z. B. sind, abgesehen von anderen Bequemlich- keiten, schon hier und da „Menagekörbe“ eingeführt, welche ein civilisirtes Mal ermöglichen, so daß man nicht siedend Heißes verschlingen, oder bezahlen und seinem Nachfolger überlassen muß, anderwärts gibt es besondere Speise- und Schlafwaggons, Schlaffauteuils ꝛc. Auch der Wagenwechsel sollte noch mehr als bisher eingeschränkt, ferner das so oft VIII. Techniker. Ruß- und Bußfahrten. Feurige Kohlen. Staubbrillen. ganz unnöthige Zusammenpferchen der Passanten vermieden, endlich kein Musikantenunfug geduldet werden. Geschickte und menschenfreundliche Techniker werden alsdann Mittel aufgefunden haben (sollte Verkleidung der Fensterrahmen mit Kautschuk oder Wollenzeug nicht dienen können?), um das entsetzliche Rasseln etwas zu dämpfen, durch welches für Viele die Bahnfahrt zur Strapaze wird. Ganz besonders arg ist es auf einigen Schienenwegen, auch in der zweiten und ersten Classe, ebenso scheinen auf denselben die Zugführer die Locomotivenpfiffe nicht blos zu Signalen, sondern auch oft als Spielzeug zu benutzen. Ich kenne eine Dame, die bei ihrer allsommerlichen Badereise einen Umweg nicht scheut, um diese besonders geräuschvollen Linien zu um- gehen. Feurige Kohlen würden die Techniker ferner auf unsren Häuptern sammeln, wenn sie durch eine Vorrich- tung dafür sorgten, daß dies nicht mehr im buchstäblichen Sinne geschähe, und die Dampfwagenreise nicht mehr zu einer Ruß- und Bußfahrt würde, welche wir, die Gewänder mit Asche bestreut, die Augen thränengefüllt (ob der Kohlen- schlacken, die hineingeschleudert werden — sofern wir uns nicht etwa mit Staubbrillen von Drahtgeflecht dagegen bewaffnet haben) zurücklegen Dieses goldene Zeitalter der Touristen wird jedoch, fürchte ich, noch nicht so schnell anbrechen, Ihr Herren Bahnhofrestaurants könntet daher mittler- weile durch eine Vorrichtung zum Händewaschen unser Loos etwas mildern. Auch Euer Vortheil würde es sein, denn ein Blick auf unser Aeußeres genügt jetzt, uns bei der Ankunft allen Appetit zu nehmen. Ich glaube sogar, daß dann selbst in gewissen Restaurationen häufiger als bisher ein Angriff gewagt würde auf den wahrhaft eisernen Bestand von Beefsteaks, Coteletten und Schmor- kartoffeln, die, aber- und abermals aufgewärmt, nur durch ihre Preise an H ô tels ersten Ranges erinnern. Auch mit den Getränken ist es übel bestellt. Unter solchen Umständen kann es nicht Wunder nehmen, daß man jetzt oft erste Classe fahrende Herren und Damen, die dabei schwerlich an Ersparnisse denken, im Wagen ihre Malzeit aus mitgebrachtem Mundvorrath halten sieht. Die Wurzel des Uebels liegt entweder darin, daß die oberste Leitung einiger Bahnen bei Verpachtung der Restaurationen den Grundsätzen des Paschasystems huldigt, oder schlechte Aufsicht . — — VIII. Bahnhofrestaurants — Fürsprecher — Strapazen — Comfort. Die eifrigsten Fürsprecher hat das Reisen unter den Engländern gefunden. Eines ihrer Sprüchwörter mahnt zwar daran, daß „ein rollender Stein kein Moos ansetze“, hiermit scheint aber entweder nur vor Rastlosigkeit gewarnt oder vielleicht auch auf den reinigenden und abschleifenden Einfluß der Bewegung hingewiesen zu sein. Rogers sagt: „Keiner braucht sich zu entschuldigen, wenn er reist. Ist er reich, so geht er, um zu genießen, ist er arm, um zu sparen, ist er krank, um zu genesen, ist er wißbegierig, um zu lernen, ist er gelehrt, um sich von seinen Studien auszuruhen. Was er aber auch sage und glaube, die Meisten gehen in derselben Absicht und wer darüber nachdenkt, wird sie für keine eitle halten. Im Reisen vervollkommnen wir uns, nicht blos unser Geist gewinnt, auch unser Herz. Vorurtheile lassen wir fallen, Meere und Gebirge sind uns nicht länger Gren- zen, wir lernen jenseits derselben lieben, achten, bewundern. Der Genuß des Reisens muß indessen wie jeder andere erkauft werden, und wessen gute Laune durch kleine Wider- wärtigkeiten gestört wird, thäte besser, zu Hause zu bleiben.“ — Wie? Sollte ein Solcher nicht um so mehr Ursache haben, eine Schule aufzusuchen, in welcher er Selbstbeherrschung lernen kann, um den Rest seines Lebens von dieser wichtigen Erwerbung zu zehren? Was meint Ihr Herren? — Gewiß, versetzte ich, haben Sie Recht und Mr. Rogers hat wohl seinen letzten Satz nicht ernsthaft gemeint. Mir wird indessen bange für unser Buch. Dieses beschäftigt sich ja so emsig u. A. damit, für den Comfort der Reise zu sorgen, wir handeln also wie gewissenlose Hauslehrer, die ihren Zöglingen die Schulexercitien machen helfen: schreiben anstatt einer Reiseschule eine Schule der Weichlichkeit und Trägheit. — Sein Sie außer Sorge. Was wir unsren Schülern führt, oder daß Begünstigungen aus Privatrücksichten vorkommen. Die Kritik der Reisehandbücher sollte sich auch hierauf erstrecken. VIII. Geistige Rund- und Fernsicht — der große Touristenstrom. abnehmen, ist nur das, was sie verhindern könnte, sich frischen Körpers und Geistes ihren wahren Aufgaben zu widmen, Uebungen und Prüfungen bleiben ihnen noch genug übrig, ohne daß sie mit wunden Füßen, Husten, Gliederschmerzen, Zahnweh u. s. w. umherziehen, ohne daß sie Fahrkarten, Gepäckstücke, Geld und Zeit verlieren, ohne daß sie sich über- theuern und bestehlen lassen. Die Reise bietet immer noch Hinlängliches, die Kräfte, den Willen, die Standhaftigkeit und den Erfindungsgeist zu üben. — In vielen Beziehungen, nahm ich wieder das Wort, bangt mir aber immer noch sehr für unser Buch, das eine Allerweltsangelegenheit wie die Reise behandelt, in welcher jeder Leser mehr oder minder auch Kritiker ist. Sie wissen, ein anderer Ihrer Landsleute hat uns ein „Volk von Denkern“ genannt. Wie können wir diesem Volke eine Schrift an- bieten, die sich „Reiseschule“ nennt und keine Philosophie der Reise, keine große geistige Rund- und Fernsicht von hohem Standpunkt aus enthält? Wenn ich Ihnen z. B. die Bitte stellte, die Summe Ihrer an sich und Anderen ge- machten Reiseerfahrungen in einen kurzen Satz zu fassen? — So würde ich, entgegnete er, in Verlegenheit ge- rathen und Ausflüchte suchen, drängen Sie aber in mich (Ihr Deutsche thut’s einmal nicht ohne Abstractionen), so würde ich einen solchen allgemeinen Satz etwa so formuliren: — Je höher in geistiger und sittlicher Beziehung der Zweck der Reise steht, je wichtiger und ernster er ist, je mehr verlangt er nicht nur Ausschließlichkeit, je mehr (bis zu einer gewissen Grenze) belohnt sich auch dieselbe; je mehr hingegen der Hauptzweck Vergnügen, Zerstreuung, Unterhaltung, Ver- änderung ist, um so leichter verfehlen wir ihn, je aus- schließlicher wir uns ihm widmen. Diese Ueberzeugung muß sich jedem aufdrängen, der die einzelnen Elemente des großen Touristenstroms betrachtet: er bemerkt, wie freud-, fried- und fruchtlos die Mehrzahl dieser „Vergnügungsreisenden“ von Berg zu Berg, von VIII. Zwecke — Reisemüde — Farbenscheibe — Empfänglichkeit. Museum zu Museum, von Wagen zu Wagen eilt oder schleicht. Tag für Tag zeigt sich ihnen, daß sie nicht finden, was sie suchen. Warum kehren sie nicht um? Viele mögen es nicht, weil sie „sich einmal vorgenommen haben“, die und die Tour zu machen, die und die Punkte zu sehen, so und so lange auszubleiben. Was würden die Freunde zu Hause dazu sagen! Nur immer charakterfest! — Viele trösten sich, daß die Langeweile unterwegs wenigstens andrer Art sei, als die zu Hause; Manche hoffen, daß zurückgekehrt ihr heimisches Leben ihnen in besserem Lichte erscheinen werde; Andere geben sich überhaupt nicht Rechenschaft über ihr Thun und Lassen, sondern folgen gedankenlos dem Strome der Mode. Blicken wir auf die Minderzahl, die augenscheinlich mit Lust und Liebe reist, so sind es vor Allem junge Menschen, die ihren ersten Ausflug machen, sodann Leute, denen ihr Ge- schäft oder ihre Mittel nur seltene, kurze Excursionen ge- statten. Schon die Muße derselben an und für sich empfinden sie als ein Vergnügen, welches von den neuen Eindrücken gesteigert wird, je nach dem Grade ihrer Empfänglichkeit. An den Nämlichen, wenn man ihnen nach einiger Zeit wieder begegnet, läßt sich jedoch beobachten, wie verschieden, wie eng gezogen bei Vielen die Grenzen der Genußfähigkeit sind, wie rasch der Reiz der Neuheit sich abstumpft, wie leicht der anhaltende Wechsel des Schauplatzes und der Gegenstände zur Eintönigkeit wird, ermüdet und verwirrt, auch wenn, den Bücherrathschlägen gemäß, Stadt und Land, Kirchen und Felsenpartien, Sennhütten mit Kaffeehäusern gemischt werden, Trottoris mit Wiesenwegen abwechseln: — eine Scheibe, auf welcher alle Regenbogenfarben angebracht sind, läßt, rasch gedreht, keine von allen erblicken, sondern erscheint weiß. Oft kommt hinzu, daß inmitten der er- sehnten Muße bald die Gewohnheit einer bestimmten Thätig- keit ihr Recht geltend macht und deren Mangel als eine Lücke gefühlt wird. — O Meister, wie stimmt aber die Nutzanwendung, die VIII. Monotonie des steten Wechsels — bestimmte Richtung. Sie aus der Farbenscheibe ziehen, zu Ihrem touristischen Lehrgang, demselben, den ich auch in unsrer „Reiseschule“ einhalten soll? Sie springen von einem Thema zum andern, springe ich Ihnen nun seiner Zeit mit der Feder nach, so werden vielleicht unsre Leser gar nichts sehen, oder es wird ihnen grün und blau vor den Augen. Die Antwort übernahm Eduard : — o Mitschüler, be- merkst Du nicht, daß unser Lehrer die Farbenscheibe so sacht und behutsam dreht, daß auch das langsame Leserauge ge- mächlich folgen kann? — „Die Weisheit dieses Knaben sei tief Dir in das Herz gegraben,“ sang Ulysses auf Mozart’sche Melodie. Ich weiß wohl, fuhr er fort, daß mancher Leser, der an Dampfwagen- und Telegraphengeschwindigkeit gewöhnt ist, meinen wird, daß unser Lehrgang zu langsam schreite, sich auch zu viel mit Beiläufigem aufhalte. Lassen wir uns das nicht anfechten, wenn nur der Zweck erreicht wird. Außer den vorerwähnten Touristengattungen gibt es nun aber noch eine, welcher zwar kein aufjauchzendes Frohlocken im Gesichte geschrieben steht, die aber doch aus ihrem ganzen Gebahren Befriedigung erkennen läßt, nie über Langeweile klagt und von den Entbehrungen und Beschwerden der Reise und des Aufenthalts in der Fremde, seien sie auch noch so groß, kaum berührt wird. Nicht erinnere ich mich jedoch, unter diesen Befriedigten Einen gefunden zu haben, der längere Zeit umhergezogen wäre und sich begnügt hätte, „Eindrücke zu empfangen“, ohne auf deren Vertiefung und Verwerthung bedacht zu sein und ohne seinem Tagewerke eine bestimmte Richtung gegeben zu haben. Denn je weiter und je länger wir reisen, je weniger dürfen wir uns darauf verlassen, daß der bloße Reise- mechanismus , das Fahren, Wandern und passive Be- schauen, uns Befriedigung gewährt und ein Gefühl der Leere fernhält. Bei den ersten Regungen dieses Gefühls täuschen wir uns leicht und schlagen den verkehrten Weg ein: fahren VIII. Passives Empfangen der Eindrücke — Specialität. und laufen mehr und immer mehr, besichtigen Neues und wieder Neues, immer hastiger und flüchtiger, vermehren die Eindrücke, anstatt sie zu klären, zu befestigen, zu vertiefen und ihnen so eine Frucht abzugewinnen, die auch für den Zurück- gekehrten Werth hat. Darum ist es nothwendig, neben dem allgemeinen nach einem besondern Inhalt für sein Tagewerk zu suchen, und es hängt von Temperament, Begabung, Er- ziehung und Gewohnheiten des Einzelnen ab, welche Ziele ihm erreichbar und dienlich sind. Jede außerhalb jenes Mechanismus und außerhalb gewöhnlicher Zerstreuungen, Geplauders, Spieles liegende Bethätigung, ja schon das Suchen danach bringt Gewinn. Näher betrachtet, bildet dieser Gegenstand ein Hauptstück der Lebenskunst: — es handelt sich um die große Frage, wie der Einzelne es an- zufangen hat, um dem Theile seines Daseins, welchen der Beruf nicht ausfüllt, einen seiner Persönlichkeit ent- sprechenden Gehalt zu geben, liegt also Allen nahe genug, deren Metier nicht etwa eine der seltenen Ausnahmen ist, welche den Mann ganz ausfüllen und die auch andererseits nicht mit einem Pflanzen- oder Thierleben sich begnügen mögen. Denn jede Lebensreise, auch wenn sie an einem und demselben Orte verläuft, sofern sie nicht vorzeitig ihren Abschluß findet, kann an einem Punkte ankommen, wo die Berufsthätigkeit aufhört, der Tag eine neue Verwendung fordert und die gewohnten „Zeitvertreibe“ der Nebenstunden den Dienst versagen, theils sind auch vorher schon Zwischen- zeiten, die dasselbe Verlangen stellen. Viele mißverstehen und mißhandeln dieses Verlangen bei seinen ersten Regungen und fallen so allgemach in den Selbstbetrug, daß ihnen ihr Tagewerk schlechterdings keine Muße verstatte. Diese be- nutzen zu lernen, fehlt es ihnen an ernstem Willen, mehrfach haben sie die Erfahrung gemacht, daß in solchen Stunden das unheimliche Gefühl des leeren Raums sie beschleicht, was nicht der Fall ist, während sie ihr Geschäft treiben oder viel- mehr dieses sie treibt, und so überreden sie sich bald, daß VIII. Keine Zeit haben — Märtyrer der Berufspflicht — Mußestunden. jene athemlose Alltagsarbeit, zu der sie anfangs weder Er- werbsucht noch Ehrgeiz spornte, eine zwingende Nothwendig- keit sei. Daß ihr Körper, ihr Geist, die Erziehung ihrer selbst und ihrer Kinder dabei verkommt, sehen sie hier und da ein, nichtsdestoweniger fahren sie fort, „keine Zeit“ zu haben für irgend etwas außer ihrem Berufsgeschäft, und verknöchern so in ihrer Gewohnheit. Mit der Antwort „dafür habe ich keine Zeit“ meinen sie jede weitere Erwiderung nieder- zuschlagen. Sieht man näher zu, so haben sie dennoch Zeit für eine Menge Lieblings-Allotrien. Sollte nicht das Goethe’sche Wort Viele Gewohnheiten darfst du haben, aber keine Gewohnheit. Dieses Wort unter des Dichters Gaben halte nicht für Thorheit! an Menschen der Art gerichtet sein und hieße in nüchterne Prosa übersetzt: Du darfst allenfalls ein Gewohnheitsmensch sein, aber kein Gewohnheitsthier, ein Wesen, das in Einer Gewohnheit völlig aufgeht? — Von ihrer Umgebung ver- langen solche Geschäftsphilister natürlich als Märtyrer der Berufspflicht bewundert zu werden, namentlich sollen ihre Frau und ihre Freunde alle daraus entspringenden Uebel als unabwendbare Naturereignisse betrachten. Mancher von ihnen würde vielleicht das Gleichgewicht seiner Seele wieder- finden, wenn er sich rechtzeitig hier und da eine Reise gönnte und auf dieser Uebungen machte in der Benutzung der Mußestunden. Schopenhauer (Parerga) sagt: „In der Kindheit bringt die Neuheit aller Gegenstände und Begebenheiten Jegliches zum Bewußtsein: daher ist der Tag unabsehbar lang. Das- selbe widerfährt uns auf Reisen, wo deshalb ein Monat länger erscheint, als vier zu Hause. Diese Neuheit der Dinge verhindert jedoch nicht, daß die in beiden Fällen länger scheinende Zeit uns auch in beiden oft wirklich lang wird , mehr als im Alter und mehr als zu Hause.“ — Ich glaube, daß eine Zeit, in der unsere Empfänglichkeit noch frisch ist VIII. Jugend und Alter — Einseitigkeit. und die Neuheit und Mannigfaltigkeit der Eindrücke noch reizt, uns, während wir sie durchleben, kurz, nur im Rückblick lang erscheint, weil in diesem das geistige Auge eine lange inhaltsvolle Reihe zu durchwandern hat, im Durchleben aber immer von einem Gegenstande zu sehr be- schäftigt ist, um rückwärts zu blicken; daß dagegen umgekehrt die Zeit in der Gegenwart sich um so mehr dehnt, je weniger wir uns dem Einzelnen hinzugeben vermögen, deshalb jedoch in der Rückschau, in der der Blick wenig Fesselndes findet, kurz erscheinen muß. Im optischen Gebiete gilt dasselbe: ein Berg, der nur durch eine weite, einfarbige Fläche, z. B. Wasser, Wiese, Sandwüste, von uns getrennt ist, stellt sich uns viel näher dar, als er wirklich liegt. Das Alter hat gewiß häufiger als die Jugend Anlaß zur Langenweile, empfindet sie indessen minder, theils weil seine Gefühle über- haupt nicht so lebhaft sind, theils weil es durch lange Uebung gelernt hat, Unvermeidliches zu tragen. — Was verstehen Sie, frug ich, unter einer bestimmten Richtung? Wollen Sie der Einseitigkeit das Wort reden? — Im Grunde ja, denn alles einigermaßen Rechte und Tüchtige in unsrer Welt der Unvollkommenheit ist einseitig. So viele große Männer, jeder in seiner Weise, haben das ausgesprochen, daß wir es schon auf Treu und Glauben an- nehmen dürfen. Die Nothwendigkeit der Beschränkung kann nur von der Beschränktheit verkannt werden. Sogenannte Vielseitigkeit und Oberflächlichkeit sind untrennbar verbunden, und was in der Regel Einseitigkeit gescholten wird, ist ent- weder Keinseitigkeit oder — eine löbliche Eigenschaft. — Ich meinte gerade, der rechte Tourist müsse sein Auge gewöhnen, auf Alles Acht zu haben, für ihn dürfe es nichts Gleichgiltiges geben, so wenig wie für den Untersuchungs- richter, denn aus den scheinbar unbedeutendsten Dingen können ihm werthvolle Aufschlüsse werden über Land und Leute, ihre Sitte und Sinnesart, ihr Thun und Treiben. VIII. Ewiges Einerlei — geistige Alpenregion — Sammler. — Der rechte Tourist reist natürlich mit offnem Auge und Ohr, doch nur sofern er seiner Aufmerksamkeit eine bestimmte Richtung gibt, werden die in den Bereich derselben fallenden Dinge ihn auf die Dauer anregen und belehren, im andern Falle, wenn er, nach dem Beispiele des großen Schwarms, sie umherflattern läßt, wird er unfehlbar sich zersplittern und abstumpfen. — Sollte nicht vielmehr durch das „ewige Einerlei“ das Interesse gleich von Haus aus verscheucht werden, während es durch reiche Abwechslung wenigstens eine Zeit lang rege geblieben wäre? — Zögling, Sie scheinen nicht gut geschlafen zu haben: Ihr Urtheilsvermögen steckt wieder einmal in schweren, zu eng benagelten Schuhen, genau so beschaffenen, wie sie es für die Beschreitung der geistigen Alpenregion nicht sein dürfen. Von Diesem und Verwandtem haben wir schon gesprochen und ich hoffte, Ihnen ein Verständniß eröffnet zu haben. Betrachten Sie doch nur die Sammler . In Italien heißt man den Sammler mezzo matto, halbverrückt, womit der Volkswitz nur sagen will: ich begreife nicht, wie dieser Mensch an seinem Kram einen solchen „Narren gefressen“ haben kann. Auch die deutsche Sprache hat den Ausdruck „Sammel wuth “. Jeder, der selbst Sammler ist, begreift sehr wohl und lächelt blos über die Seltsamkeit, die an einer andern Art von Sammlung als der seinigen Freude finden kann. Noch mehr: die öffentliche Meinung, die in diesem Stücke möglicherweise Recht hat, hält dafür, daß nicht jedem Sammler, möge er auch in allem Uebrigen, Großen und Kleinen, der gewissenhafteste Mann sein, durchaus zu trauen sei, wenn es sich um Anfertigung seines Katalogs, Austausch von Dubletten, Beurtheilung von Nebenbuhlern ꝛc., kurz, um seine Specialität handelt. Ich sage mir nun: kann nach alledem das Sammeln so leicht zur Liebhaberei, unter Umständen zur wilden Passion werden, so muß es doch wohl ein geeignetes Mittel sein, die Lange- weile zu verscheuchen, und es kommt nur auf dreierlei an, VIII. Sammler und Sammlungen. erstens: daß wir unablässig bemüht sind, gewisse Grenzen einzuhalten, um nicht in Verblendungen und noch Schlimmeres zu fallen; zweitens: daß wir nicht Zweck und Ziel in Aeußer- lichkeiten suchen, es nicht an bloßem Zusammenschleppen, Anhäufen, Katalogisiren, Numeriren, Etikettiren und Blaguiren bewenden lassen; drittens: daß wir eine unsren Fähigkeiten, sowie unsren geistigen und gemüthlichen Be- dürfnissen, endlich unsren Mitteln entsprechende Art zu finden wissen. Gerade in diesem unerschöpflichen Gebiete ist aber für hochgewachsene Geister wie für Zwerge gesorgt, es ist ein Wasser, in dem ein Elephant schwimmen und eine Maus waten kann. Auch die Armen an Geist, an Vorkenntnissen und an Geld können ihnen Angemessenes und Erreichbares ermitteln und „etwas vor sich bringen“, wenn sie nur Willenskraft und Nachhaltigkeit besitzen. Eben der Tourist, der so vielerlei durchmustert, hat die beste Gelegenheit, seine Neigungen und Anlagen zu sondiren. Bedeutungsvolles, Kunstwerke, Seltenheiten, Kostbarkeiten zusammenzubringen, ist Wenigen vergönnt, jeder ernstlich Suchende findet aber sicher irgend eine Specialität, bestehe sie nun aus Metall, Glas, Porzellan, Holz, Papier, Büchern, Kupferstichen, Holzschnitten, Karten; sei sie eine der Literatur, der Ge- schichte, den Naturwissenschaften, dem Thier-, Pflanzen-, Steinreich, dem öffentlichen Leben u. s. w. angehörige. Die Sammlung braucht nicht durchaus auf Dinge gerichtet zu sein, die zu kaufen, zu tauschen oder außerhalb der Menschen- wohnungen zu erbeuten sind, sie kann sich auch mit bloßer Aufzeichnung und Gruppirung von Thatsachen, historischen, statistischen, volkswirthschaftlichen, politischen Notizen der verschiedensten Art befassen, nur darf sie nicht in luftigem Gedächtnißwerk, in Erinnerungen bestehen; mit dem bloßen Lernen ist es nicht abgethan, es muß noch etwas Anderes dabei sein, ein sinnliches Substrat, eine greifbare Unterlage, es muß da etwas zu schreiben, zu vergleichen, nachzuschlagen, zu suchen, zu arbeiten, zu „schaffen“ geben. Der Besitz von VIII. Sammler und Sammlungen — Excerpte. Gegenständen ist nicht die Hauptsache, sondern der eigentliche Reiz beruht im Aufspüren, Erlegen, Erlangen. Es gibt leidenschaftliche Jäger, die kein Wildpret, und Angler, die keine Fische essen. Ein großer Freund der Wahrheit, Lessing , bekannte, daß ihm das Suchen und Streben danach lieber sei, als die Wahrheit selbst. Findet sich nicht gleich etwas von besonderer Anziehungskraft, so werde mit dem ersten Besten angefangen, der Appetit kommt vielleicht im Essen. Zuletzt läuft ja alles Lernen auf Sammeln hinaus. Wer eine Reise- schilderung schreiben will, sammelt Beobachtungen nebst seinen Gedanken und Empfindungen dabei, richtet seine Aufmerk- samkeit auf alles, was dafür brauchbar scheint, und verhält sich gleichgiltig oder abwehrend gegen das Uebrige. Ich kenne einen alten Herrn, der seit Langem sich mit englischer und deutscher Literatur beschäftigt, vorzüglich in der Absicht, darin nach Schilderungen von Landschaften zu suchen. Was er der Art findet, schreibt er aus, ordnet und gruppirt die Bruchstücke nach seinem Sinne, nimmt die ganze Collection mit auf jede seiner Reisen und versichert, daß alle Naturscenen, welche die Wirklichkeit ihm vorführt, ihn an diesen oder jenen Theil seiner Sammlung, und umgekehrt jeder Theil derselben, den er zu Hause liest, an genossene Naturschönheiten in der anregendsten Weise erinnere. Ge- wissermaßen, sagt er, habe ich mir Poetenaugen geborgt, die immer mit meinen Herzensempfindungen im Einklang sind, weil ich jene mir nach diesen aussuchen kann, während ich mich über die Citate in den Büchern, welche mir so oft „Gefühlsrecepte“ aufdrängen wollen, meistens ärgere. In einer Winterpension waren verschiedene literarische Excerpte unter den Damen Mode geworden und diese ver- fuhren mit ihnen, wie Damen mit Moden verfahren, sehr ernst und eifrig. Eine sammelte „Lichtstrahlen“ über Musik, eine andere über bildende Kunst, eine dritte charakteristische Aussprüche über Dichter, eine vierte im Gebiete der Religion und Psychologie, alle behandelten jedoch ihre Schätze ohne VIII. Lichtstrahlen — ein Sonderling — Wechsel der Stimmungen. Eifersucht, und ihr Auge glänzte, wenn Andere sie auch schön und liebenswürdig fanden. Aus meiner Sammlung von Sammlern will ich doch eines Sonderlings Erwähnung thun, der sich in derselben Pension angesiedelt hatte. Er stand in mittlerem Lebens- alter, sah gesund aus und war auch, wie er selbst sagte, nur in mäßigem Grade körperlich leidend, dennoch hatte er sich schon seit Jahren zurückgezogen. Ich habe meinen Beruf ver- fehlt, gestand er mir einst. Mein Unstern wollte, daß ich ein Fach ergriff, für das ich nicht tauge. Das meinige beruht auf einer halb mechanischen und halb geistigen Thätigkeit, seine geschäftliche Grundlage ist eine eigenthümlich schwan- kende, die Unternehmungen sind langathmiger Natur und verlangen viel Kaltblütigkeit, Beständigkeit, Geduld, Selbst- vertrauen, alles Eigenschaften, an denen es mir gebricht, ge- rade für die wichtigsten Entscheidungen darin gibt es keine festen, zu erlernenden Normen, sie sind nicht auf einen reinen Verstandescalcül gestellt, sondern, wenn ich so sagen darf, auf den praktischen Instinct, auf allgemeine Anschauungen und „Stimmungen“. Stimmungen wechseln nun zwar in ge- wissem Grade bei jedem Menschen, ich gehöre aber unter die, bei welchen sie durch alle Nüancen vom lieblichsten Rosenroth bis in’s Aschgrau und Schwarz auf und ab steigen. Welchen Einfluß dieser Wechsel auf mein geschäftliches Gebahren haben mußte, läßt sich leicht ermessen. So oft eine rosenrothe An- schauung mich beherrschte, traf ich Anstalt zu größeren Unter- nehmungen, die immer wieder rückgängig gemacht oder lahm geleitet wurden, sobald die graue Brille sich mir aufklemmte. Unter solchen Umständen hätte ich mich auf einen andren Zweig werfen sollen, konnte aber, als es noch Zeit dazu war, den Entschluß nicht finden, lavirte, experimentirte, dilettändelte hin und her, haderte mit mir selbst und der Welt, verhage- stolzte und hätte eigentlich verdient, alles zu verlieren, was ich besaß; statt dessen ergab sich, daß ich soviel hinzuerworben hatte, um an einen gedeckten Rückzug denken zu können. In 17 VIII. Das beste Geschäft — die Reise eine Wohlth bisheriger Weise in kleinstem Stile fortfahren, mein Metier nur als „Zeitvertreib“ behandeln, mochte ich nicht, schon des- halb, weil es mir diesen Dienst nicht leistete, im Gegentheile sein Mechanismus kläglich auf mich drückte und meinen Ge- danken verstattete, die allertrübseligsten Wege zu laufen, zu melancholisiren und hypochondrisiren. Vor dem Tode fürchtete ich mich nicht, desto mehr vor dem Leben, hielt Hamlet- Monologe u. s. w. Meine Thätigkeit behufs besserer Unter- haltung auf einen größeren Fuß, dabei mein Vermögen auf’s Spiel zu setzen, wagte ich auch nicht. Dieser peinliche Schwebezustand währte Jahre. Viele haben Aehnliches durch- lebt, Manche stürzen sich darüber in’s Wasser, Andere in Wein und Bier, noch Andere werden gemüthskrank. Bei Einigen bringt die Krankheit einen Wendepunkt, sie sehen in ihrem verzweifelten Zustande das, was ihnen vorher, als sie noch „bei Troste“ waren, verborgen blieb: den Rückweg, schlagen ihn ein und genesen von — einer verfehlten Lebens- bahn. — Ich reiste längere Zeit, fand unterwegs mich selbst wieder, Klarheit, Lebensmuth, heilsame Einsichten, Entschlüsse, Ausführungen und Uebungen gingen Hand in Hand, und seitdem betrachte ich die Reise als meine Wohlthäte- rin . Zwar kehren die auch ehedem seltenen rosigen Fär- bungen des Seelenzustandes nicht mehr zurück, ebensowenig aber die sonst so häufigen dunklen Schattirungen, und ich glaube damit das „beste Geschäft“ meines Lebens gemacht zu haben. Eine Specialität zu finden, habe ich viele Jahre umhergesucht. Für eigentliches Studium mangeln mir theils gehörige Vor- kenntnisse, theils ist mein Gedächtniß dafür zu alt und spröde, für Naturwissenschaftliches fehlt mir der innere Zug, eine Zeit lang fesselten mich mikroskopische Untersuchungen, meiner Augen wegen mußte ich sie wieder aufgeben, so fiel ich endlich auf eine Sammlung im literarischen Gebiete, die mir nach und nach sehr lieb wurde. Die Hauptsache dabei ist Kärrner- arbeit, vielleicht hilft aber die meinige einmal einem Könige bauen. VIII. Ein anderer Kauz — allein und abgetrennt — Grübeleien. — Was der Mann sammelte, hat er mir nicht verrathen. Einem anderen Sammler begegnete ich einst in Schlesien . Der Kauz hätte sich seit Jahren auf Zeitungen und Local- blätter geworfen, brachte aus jedem Kaffeehaus, das er be- suchte, einige alte Nummern mit, mochten sie auch noch so abscheulich aussehen, musterte sie durch, schnitt heraus, was ihm von öffentlichen und Privatanzeigen bemerkenswerth schien, rubricirte es, klebte es auf große Bogen, schrieb seine Bemerkungen hinzu, und unterhielt sich dabei allem Anscheine nach vortrefflich. Nach seinen Ausschnittarchiven zu urtheilen, mußte er ganze Riesengebirge von Blättern im Laufe der Zei eingeheimst haben. Ob diese Thätigkeit noch eine andere Frucht als flüchtige Unterhaltung trug, weiß ich nicht, mir warf sie einige Tagebuchzeilen ab, deren Werth oder Unwerth zu beurtheilen ich anheimstelle. Ich schrieb den Abend in meine Merk- und Denkzettel: Allein und abgetrennt von Menschen und Dingen sein Leben zu verbringen, ist das Schlimmste. Lieber auf das Geringfügigste fallen, als gar nichts zu haben, woran wir unser Herz hängen, und das zu- gleich hinreichende Anziehungskraft besitzt, unsre Gedanken von Grübeleien und Grämeleien ablenken zu können. Das bessere Theil erwählt hat freilich Einer, der sich keine leere Spielerei aussucht. Unser Interesse an einen unbedeutenden Gegenstand zu fesseln, scheint es in der That nur des Einen zu bedürfen: Mühe auf ihn zu verwenden und ihn unter unsren Händen wachsen zu sehen, wie ja auch Mütter die ihrer Kinder am meisten lieben, deren Pflege ihnen die größte Anstrengung kostet, mögen diese Kinder innerlich und äußerlich noch so mangelhaft ausgestattet sein. In manch andrem Gebiete läßt sich gleichfalls bemerken, daß das Auge, welches sich anhaltend und aufmerksam einem und demselben Objecte zuwendet, nicht selten einen verschönernden Blick gewinnt, hingegen müde und unlustig wird, wenn es flüchtig und rastlos umherschweift. Um die Abwechslung als einen Reiz zu empfinden, muß ihr 17* VIII. Steckenpferdezucht — Zerstreuungsjäger — pariser Ennui. eine gesammelte, nachdrückliche Thätigkeit vorausgegangen sein, während die fortgesetzte Jagd auf Zerstreuung in die schlimmste aller Sammlungen ausläuft: eine Sammlung von Spirituosen im Leibe oder von Grillen und Schrullen, Ge- spinnsten und Dünsten im Kopfe. So sind denn auch auf der Reise die sogenannten „Steckenpferde“ (über deren Zucht schon S. 157 und 230 gesprochen wurde), wie z. B. eben Sammlungen, bessere Vehikel, als alle Vierfüßler und Loco- motiven. Im Sentenzenstil ließe sich sagen: — wollt Ihr Euch zerstreuen, so sammelt. Gewisse Zeitalter und große Luxusplätze liefern bündige Beweise für alles das. Keine Stadt existirt, in welcher man größere Scheu vor Langerweile hat und die eine reichere Mannigfaltigkeit von Waffen gegen sie schmiedet und feil- bietet, als Paris , und — nirgend sonst hört und liest man so viel jammern über Langeweile. An der Kriegslust (im Vorbeigehen bemerkt, auch an der pariser Duellwuth, die in der Wirklichkeit fast ebenso heftig grassirt, als in Comödien und Romanen) gewisser Bevölkerungsschichten hat auch eingeständ- lich noch mehr, als die Ruhmsucht und der militärische Kitzel, die Emotionssucht Antheil. Paris langweilt sich, was die französische Stilistik ohne Weiteres „la France s’ennuie“ ausdrückt. Darum muß die Welt mit Krieg überzogen wer- den. Paris ist der Kopf von Frankreich , Frankreich der Kopf der Welt, diese muß sich mithin fügen, wenn jener beschließt. Aehnlich ist es mit Badeorten. In allen, den großen und kleinen, kann man zwar seufzen hören: „dieses X Y Z ist doch ein langweiliges Nest“, am häufigsten und im Tone vollster Ueberzeugung und tiefster Entrüstung glaube ich die Klage aber gerade in den großen Modebädern vernommen zu haben, die in der That das Menschenmögliche thun, um ihren hochverehrten p. t. Gästen alles das zu bieten, was in der Welt für unterhaltend gilt: Spiel, Theater, Concerte, Bälle, Schaustellungen verschiedenster Art, Treibjagden, Wett- rennen, Feuerwerke, Regatten, reizende Garten- und Park- VIII. Modebäder — Ein gutes Reisegewissen u. s. Forderungen. anlagen, Zeitungen in sechs Sprachen, bändereiche Leih- bibliotheken, glänzende Gesellschaftsräume, lange Reihen von bunten Verkaufsläden, große Basars ꝛc. Die Schuld wird immer dem Orte aufgebürdet, niemand denkt daran, sie sich selbst, seiner Beschäftigungslosigkeit und dem an solchen Plätzen vorherrschenden conventionellen Tone der Zurückhaltung we- nigstens theilweise zuzuschreiben. Hier, sollte man meinen, müßte selbst dem befangensten Auge klar werden, worauf es ankommt. — Wenn Sie, warf ich ein, unter „bestimmtem Inhalt“ nicht blos Sammlungen in engerem Sinne verstehen, sondern überhaupt Alles, was Stoff zu geistiger Sammlung und einer daran geknüpften nachhaltigen Thätigkeit gibt, so wird Ihr Programm kaum auf Widerspruch stoßen. Sagen Sie aber doch, Meister, meinen Sie nicht, daß eine fleißige Biene in jeder Blume Honig finden kann, mithin auch jede, die ihr auf dem Wege liegt, auszubeuten hat? Ich habe gelesen, daß ein gutes Reisegewissen uns verpflichte, Alles und Jedes zu be- merken. Wir sollen in Stadt und Land vom Thun und Treiben, Tracht, Sitte, Körper-, Gesichts- und Geistesbildung der Leute Kenntniß nehmen, sollen ihre Familien- und öffent- lichen Feste, Lustbarkeiten, Kirchgänge, Kirmessen, Schießen, Märkte mustern, sollen beobachten, ob sie der Pflanzen-, Fleisch-, Fischkost, dem Wein, Bier, Branntwein ergeben sind, ob sie zur Mäßigkeit neigen oder nicht, ob sie viel oder wenig und was sie essen, wie die Preise der Lebensmittel stehen, auf die Thätigkeit der Stadt- und Landleute Acht ha- ben, ob sie flink und geschickt oder langsam und plump zu Werke gehen, welche Arbeiten vorzüglich betrieben werden, wie sie ihre Häuser bauen und einrichten, wie sie Zäune, Stakete, Gräben, Garben, Heuschober machen, ob sie viel fahren und reiten, wie sie ihr Vieh behandeln, ob sie viel rauchen, schnupfen, Tabak kauen; wir sollen, etwa um einen Trunk Wasser zu begehren, oder nach dem Wege zu fragen, in die Wohnungen der Land- und Waldleute treten, ihren VIII. Was wir beobachten sollen. Wahl treffen. Bienen u. Fliegen. Hausrath, ihre Kochkunst betrachten, ob sie reinhalten, ihre Fenster mit Blumen schmücken; in und an den Häusern und Kirchen und auf den Kirchhöfen die Inschriften und Bild- werke prüfen; sollen Acker- und Hauswirthschaftsgeräth in Augenschein nehmen, um zu erkennen, wie sinnreich der Naturmensch mit den einfachsten Mitteln seine Zwecke er- reicht, um dabei einen Blick in die vorgeschichtliche Zeit des Menschengeschlechts zu thun, einen Beitrag zur Geschichte der Arbeit, der Erfindungen und Entdeckungen zu erhalten, uns dadurch mahnen lassen, wie weit wir Großstädter uns von der Natur entfernt haben, wie hilflos und auskunftsarm der Einzelne ist, sobald es gilt, Dinge zu bewerkstelligen, die außerhalb seiner gewohnten Thätigkeit liegen, Gegenstände selbst zu beschaffen oder zu ersetzen, die wir fertig zu kaufen oder anfertigen zu lassen pflegen; wir sollen Kenntniß neh- men vom Glauben und Aberglauben der Leute und deren Bräuchen, ob die öffentlichen Gebäude Reichthum, Geschmack, Kunst kundgeben, Vergleichungen anstellen z. B. über einen prachtvoll ausgestatteten bairischen Eisenbahnhof und einen nüchtern gehaltenen, blos dem Bedürfniß dienenden englischen oder amerikanischen — dort hat und nimmt sich Jeder Zeit, zu betrachten, es geht Alles gemächlich, im schroffen Gegen- satz zu England und Amerika , wo man weder Muße noch Lust hat, Wartesäle und Gänge zu besichtigen, denn Niemand kommt eher, als er muß, Jeder hat nur sein Geschäft vor Augen; wir sollen — — — Diese Dinge, unterbrach er, nehmen sich auf dem Papiere recht stattlich aus, gewiß ist auch manches darunter, das dem Einen oder Andern einen Fingerzeig geben dürfte, dennoch kann ich mir wohl vorstellen, daß unter zwanzig Le- sern dieser langen Liste von Einzelheiten, die ihrer Beachtung empfohlen werden, neunzehn sein könnten, welche beim besten Willen nichts daraus zu machen wissen. Darin unterscheidet sich eben die Biene von der Fliege, daß diese sich auf Alles setzt und Alles benascht, die Biene aber nur Honigblumen VIII. Spitze Bleistifte. Weitere Mittel gegen Reisemüdigkeit. aufsucht und nicht heimkehrt, ohne etwas mitzubringen. Ich bleibe bei meiner Ansicht, daß wir schlechterdings eine Wahl treffen müssen und nicht darauf ausgehen, unsre Aufmerksam- keit allem Möglichen zuzuwenden; ferner, daß bei dieser „Vielseitigkeit“ die Gefahr, die ganze Arbeit den Beinen und Augen zu überlassen, allzunahe liegt. Um den Kopf mit in die Bundesgenossenschaft zu ziehen, ist endlich gerathen, fleißig den Bleistift und die Feder in die Hand zu nehmen (vergl. S. 60), nicht blos als Stütze für’s Gedächtniß, auch als Sporn für Auffassung und Beurtheilung. — Wenn ich nun aber gar nicht mit mir selber im Rei- nen bin, auf welche Dinge ich mein leibliches und geistiges Auge zu richten habe, welche Specialität mir angemessen ist, thue ich dann nicht wenigstens wohl, um zu prüfen, mit mehrerlei gleichzeitig den Anfang zu machen? Soll ich fer- ner mit dem lästigen, zeitraubenden Aufzeichnen nicht lieber warten, bis ich etwas Müdigkeit und Stumpfheit fühle, also des Sporns bedarf? — Im Gegentheil, den Bleistift müssen Sie gleich und oft von Neuem spitzen und stumpf schreiben, damit Sie nicht selbst stumpf werden. Sind Sie’s erst einmal, so stachelt Sie der Griffel nicht so leicht zur Lebhaftigkeit zurück. Mit zwei, drei, vier Besonderheiten beginnen Sie meinethalben, je eher aber Eine die übrigen zurückdrängt, Sie packt und fortreißt, um so besser für Sie und sie. — Sie werden indessen doch zugeben, Meister, daß auch Jemand, der einen für ihn vollkommen passenden Gegenstand gefunden hat und sich darin befriedigt fühlt, dennoch nicht ganz und gar in ihm aufgehen kann und soll, theils weil Jeder eines gewissen Maßes von Abwechslung bedarf, theils weil er noch andere, allgemeine geistige Bedürfnisse hat? — — Allerdings meine ich das und habe diesen Einwurf längst erwartet. Wie Alles im Leben seine Zeit hat und ha- ben muß, wie die Tages- und Jahreszeiten wechseln, in Kleidertrachten, Essen und Trinken, Ruhe und Thätigkeit, VIII. Sehenswürdigkeiten — Menschen- u. Selbstkenntniß. kurz in allem Thun und Treiben der Menschen das Bedürf- niß nach Veränderung sich geltend macht, so kann auch der Reisende ihrer nicht entrathen und es offenbarte völlige Ver- blendung, vor jeder Art von Abwechslung zu warnen. Meine Bemerkungen bezogen sich natürlich nur auf Grad und Aus- wahl der Beschäftigungen. Ebensowenig habe ich leugnen wollen, muß vielmehr besonders betonen, daß die wichtig- sten Aufgaben des Touristen in jenem allgemeinen Ge- biete liegen. Für diese wichtigsten Aufgaben halte ich nämlich nicht Besichtigung von Naturschönheiten, Sehenswürdig- keiten, Seltenheiten, Curiositäten, sondern: Menschen , andere sowohl als sich selbst, besser beurtheilen und behandeln zu lernen, zu lernen, neue Blicke in das eigene Innere und in das ganze Menschenwesen zu thun, in seinem Ich Mängel und ebenso Fähigkeiten zu entdecken, von denen wir bisher nichts wußten, im Menschen überhaupt die allgemeinen, aller- wärts wiederkehrenden, wesenhaften Grundzüge von den Zu- fälligkeiten des Individuums unterscheiden: — nicht blos Menschen, auch den Menschen näher kennen zu lernen. Wer Jahr aus Jahr ein in gewohnten Kreisen sich be- wegt, in denen Rang, Vermögen, Amt, Beruf, Gewohn- heiten, Familienverbindungen, Vorangegangenes verschieden- ster Art ihren Einfluß üben, hat selten Gelegenheit zu sehen, welchen Eindruck seine innerste Persönlichkeit, gelöst von die- sem Beiwerk, auf Andere macht, und doch ist ein Experiment der Art um so belehrender, je höher, und um so wohlthuender, je tiefer wir auf der gesellschaftlichen Stufenleiter stehen, es ist ein Probirstein für den Feingehalt des eigenen Wesens und ein Schleifstein für dessen Ecken. Die Reisemüdigkeit, die wir im großen Touristenstrom so vielfach wahrnehmen, beweist, daß die Mehrzahl jener Herren und Damen ihren Vortheil verkennt, indem sie weder auf das Allgemeine noch auf ein Besonderes bedacht sind. Denn auch was Natur und Kunst des Herrlichsten bieten, der reichste Wechsel großartiger und lieblicher Landschaften, Alter- VIII. Geselligkeitstrieb — Einsiedler. thum, Gemälde, Sculpturen, Bauwerke, ernstes Studium, Zerstreuungen und Genüsse, nichts vermag auf die Dauer die Sehnsucht nach menschlicher Ansprache fern zu halten. Vor- handen ist dieser tiefgewurzelte, mächtige Trieb bei Jedem; theils verhindern aber unsre großstädtischen Gewohnheiten und Vorurtheile, ihm auswärts Befriedigung zu gönnen, theils suchen wir uns oberflächlich mit ihm abzufinden (z. B. durch aus der Heimat mitgenommene Begleiter, welche neue Anknüpfungen nur erschweren), anstatt den Drang, wie der Schiffer den Wind, zu benutzen, um uns dem Hauptziele zutreiben zu lassen. — Mancher sucht doch aber, gab ich zu bedenken, eben die Einsamkeit der Wälder und Berge auf, weil er „gar keine Menschengesichter mehr sehen will“ — — — Täuscht sich jedoch, wenn er seinen Geselligkeitstrieb erstorben glaubt. Dieser Schelm von Geselligkeitstrieb stellt sich zuweilen, als ob er den freiwilligen Hungertod gewählt habe. Um ihn zu heilen und für seinen Trotz zu strafen, lasse man ihm nur eine Zeit lang seinen Willen, völlige Ein- samkeit, das wird ihn schon zur Besinnung bringen. — Wäre ich indeß auch eingefleischter Einsiedler, so verböte mir doch der touristische Corpsgeist, mich abzuschließen. Ich muß mir sagen, ein gütiges Geschick hat mich mit allem zur Reise Nöthigen ausgestattet, ich bin nicht zu alt, noch zu gebrech- lich, habe Zeit, Mittel und Lust dazu, keinerlei Verpflichtungen hindern mich, meinen Wohnort längere Zeit zu verlassen: — soll ich alle diese schönen Geschenke hinnehmen, ohne nach einer Bethätigung meines Dankgefühls zu suchen? Bin ich als Tourist entbunden von der allgemeinen Pflicht, nicht blos meinem lieben Ich, sondern auch ein wenig Anderen zu leben? Als Künstler, als Archäolog, als Naturforscher dürfte ich ein- wenden, ich will mich nicht abziehen lassen von meinen Be- strebungen; als Patient höheren Grades hätte ich die Aus- rede, ich bin zu krank für die Geselligkeit; womit soll ich mich aber als Tourist entschuldigen? Und wenn nun gar jene VIII. Ausschließlichkeit — Befürchtungen. Pflicht zugleich der Hauptreiz und der bleibendste Gewinn der ganzen Reise wäre? — Selbst Reisende, welche hohe, ernste Zwecke verfolgen, die ihnen sehr am Herzen liegen — mit einem und dem andren Manne dieses Schlags hatte ich im Laufe meiner Wanderjahre das Glück, bekannt zu werden, und entsinne mich mancher darauf hinausgehenden Aeußerung, aber keiner entgegengesetzten — dürfen, wenn anders sie sich frisch erhalten wollen, die Ausschließlichkeit nicht so weit trei- ben, daß sie weder Zeit noch Sinn übrig behalten für ge- selligen Umgang. Deshalb machte ich zu jenem allgemeinen Satze die einschränkende Parenthese: „bis zu einer gewissen Grenze“. Hier fiel Eduard ein: Camerad, ich beschwöre Sie, predigen Sie in Ihrem Buche nicht derlei gefährliche Fourie- ristische Schwärmereien, man ist sonst trotz allen Parenthesen nirgend mehr sicher vor Zudringlichkeiten und freundschaft- lichen Ansprachen, das goldene Zeitalter der Taschendiebe, Schuldenmacher, Schwindler und Schwätzer bricht an und die Sprechruhr aus in Waggons, Wäldern und Feldern, die Gletscher zerfließen vor lauter Wärmeentwickelung — — — Es freut mich, Säugling, daß Du meinen Lehren und Deines Milchbruders Beredtsamkeit so viele Geistes- macht und Ueberzeugungskraft zutraust. Vorläufig beruhige Dich indeß nur. Die Naturgesetze der Anziehung und Ab- stoßung, der Affinität ꝛc., nationaler und individueller Ab- stammung und Artung werden sich immer noch hinlänglich geltend machen. Mein gelehriger Adoptivsohn wird auch ge- wiß nicht mißverstanden haben, was von alledem meine ernstliche Ueberzeugung und was nur scherzhafte Zuthat ist. — Verehrter Meister, sagte ich schüchtern, tausend Dank für Ihre gute Meinung, ich bitte aber doch um die Erlaub- niß, unser heutiges Gespräch gedruckt mittheilen zu dür- fen, damit nicht die volle Last der Verantwortlichkeit auf mich fällt. — Thun Sie das getrost, mein schüchterner Freund. VIII. Die Reise ein Maskenball — Zwiegespräche. Die Leser, an welche sich unser Buch vorzugsweise wendet, werden nicht in Mißverständnisse fallen, uns z. B. auch nicht zutrauen, daß wir für die gesellige Annäherung Grundsätze aufstellen wollen, als deren Vertreter Weinreisende und Stubenfliegen gelten können. — Ich verglich die Reise einem Maskenball. Am liebsten trete ich in leichtem Domino auf, um volle Freiheit der Action zu haben. Eine Kunst, die ich eifrig übe, ist die Demaskirung. Harlekinen gegenüber ver- halte ich mich abwartend, lasse mich aber eine Weile necken und kehre ihnen erst den Rücken, wenn ich merke, daß, was ich für Maske hielt, ihr Fleisch und Blut ist und daß sie ein ernsthaftes Gesicht weder haben noch sehen mögen. Bei Charaktermasken und andren Dominos klopfe ich nicht selten leise an, warte, bis es ihnen beliebt, die Larve abzuwerfen, und thue dann entweder ein Gleiches oder wandre fürbaß, je nachdem mir ihr wahres Antlitz gefällt. Der Tourist braucht, wie schon angedeutet, nicht so vorsichtig zu sein, als der Cur- gast, denn er hat nicht so lange als dieser für Fehlgriffe zu büßen. Einen Unterschied mache ich zwischen großen touristi- schen Sammelplätzen und Luxusbädern einerseits und ent- legenen, wenig besuchten Reisegebieten und kleinen Curorten andererseits: die Ersteren sehe ich wie öffentliche Maskeraden an, wo man auf Alles und Jedes gefaßt sein muß, vermeide die Initiative, so lange nicht besonders günstiger Anlaß vor- handen; die Letzteren dagegen betrachte ich wie Privatbälle und behandle Jeden, der mir nahe kommt, nicht als wild- fremde gleichgiltige Person, sondern etwa so, wie ein Mit- glied einer geschlossenen Gesellschaft oder eines Vereins inner- halb desselben Jemanden begegnen würde, der zwar fremd scheint, aber doch möglicherweise von einem seiner Freunde eingeführt ist, wenigstens muthmaßlich nicht unter die Leute gehört, die wir grundsätzlich meiden. Selten gehe ich an Gruppen oder Paare heran, desto häufiger an Einzelne, über- haupt ziehe ich das Zwiegespräch der Unterhaltung in größeren Kreisen vor, denn daß die letzteren der Geselligkeit VIII. Große Gesellschaften. im höheren Wortsinn ungünstig sind, läßt sich nicht verkennen. Irgend ein Schriftsteller äußert einmal mit mehr Aufrichtig- keit als Höflichkeit, es sei ihm, wenn er einer Gesellschaft bei- gewohnt habe, immer so, wie einem Wasser zu Muthe sein möge, durch das eine Heerde gelaufen ist und das nun einige Zeit braucht, um wieder klar zu werden. Von Oliver Gold- smith sagte ein berühmter Zeitgenosse, der ihn in einem Club hörte, er sei erstaunt, denselben Mann, der wie ein Engel schreibe, wie einen Esel sprechen zu hören. Der Vorsitz in großen Gesellschaften , deren Zweck bloße Unter- haltung ist, scheint nun einmal der Göttin der Trivia- lität auf die Länge nicht streitig zu machen, und das Er- gebniß stellt sich kaum besser, wenn auch gescheute Menschen zugegen sind. Ob nun diese selbst oder nur ihr Geist sich aus dem Dialog zurückziehen, kommt auf Eins heraus, jedenfalls hat mir immer geschienen, daß das Beste, was ich gehört, von vorbereiteten Reden abgesehen, im Austausch von Zweien oder Dreien zum Vorschein gekommen sei. Ist der Kreis aus Einem hervorragenden und einer Anzahl mittel- und untermittelmäßiger Köpfe zusammengesetzt, so rückt jener rasch herab auf’s allgemeine Niveau, weil es ihm an Anregung fehlt; zählt er mehre bedeutende, so ist der Friede bald gestört, jeder von ihnen hat kleine Parteigänger um sich herum, denen er Zugeständnisse macht u. s. w. Im Zwiegespräche gibt man sich unbefangener, die Rede kann für Eine bestimmte Person zugespitzt sein, die Eitelkeit mischt sich nicht so leicht ein, wird auch nicht so leicht verletzt, und das Ganze verläuft ergiebiger für beide Theile. Zwei Menschen können allenfalls für einander passen, die Wahrscheinlichkeit verringert sich aber, je mehr deren sind. Der Musen waren zwar Neun, ihre Biographen berichten jedoch nicht, daß sie sich alle neun an einen Tisch gesetzt und Conversation gemacht hätten. Einen Wink könnten uns auch Abstimmungen man- cher Körperschaften geben, denen es notorisch nicht an ein- sichtigen Männern fehlt, die aber doch oft verhandeln, als ob VIII. Hintergedanken. kein Einziger darunter wäre. Der Geist scheut große Gesell- schaften ebenso wie — Geister und Gespenster sie scheuen. — Worin besteht nun aber das Anliegen, worauf Sie so geheimnißvoll deuteten? fragte ich endlich. — Oh, das habe ich längst errathen, kam wieder der Neffe in die Quere, und es ist ein Glück für mich, daß ich vor unsrem Abschied meinem strengen Oheim noch zeigen kann, daß auch ich auf seine Ideen einzugehen verstehe und nicht verdiene, Ihnen immer hintangesetzt zu werden. Miß- trauische Leser mögen zwar vermuthen, daß die Gemüther und die Cassenschränke der Capitalisten vorbereitet werden sollen für ein Actienunternehmen in großem Stile, wie z. B. eine Kette von deutsch-englischen Musterpensionen an den Küsten des Mittelländischen Meeres zur Aufnahme winter- flüchtiger Nordländer oder etwas der Art. Ich glaube aber, daß unser Mentor im Sinne hat, mit Hilfe Eures ränke- vollen Buches einen großen internationalen Touristenbund anzubahnen, welcher ungefähr wie der Freimaurerorden ge- staltet sein, geheime Erkennungszeichen, hierarchische Gliede- rung, Probezeit ꝛc. haben soll — — — So hoch fliegen meine Pläne nicht, entgegnete unser alter Freund, ich bin schon zufrieden, wenn Sie mir ver- sprechen, für alle Grundsätze der Reisemoral und Reise- ästhetik, die ich meinen Mittheilungen aus praktischem Gebiete eingestreut habe, unter Ihren Landsleuten zu werben, wie ich es schon lange unter den meinigen thue. — Merken Sie wohl, wißbegieriger Commilitone, spottete Eduard weiter, Sie sollen nicht blos selbst das Heulen mit den Wölfen unterlassen, nein, Sie sollen ihnen auch Sing- unterricht geben. Wenn alle Wölfe der beiden Hauptreise- völker solfeggiren gelernt haben, werden die andern Nationen nachfolgen müssen, und das europäische Concert beginnt. — Zu dem Concerte hat jeder der guten Gesellschaft Angehörige freien Eintritt, Niemand aber wird herein- genöthigt, ließ sich Ulysses vernehmen. VIII. Betrübende Wahrnehmung — unsre Geschäftsfreunde. Um mein Herz ganz zu erleichtern, hob er nach einer Pause wieder an, muß ich einen Gegenstand, der schon flüchtig berührt ward, hier noch einmal abhandeln. Eine betrübende Wahrnehmung für jedes rechtschaffene Touristen- gemüth, leider aber unverkennbare Thatsache ist es, daß in den Classen, die viel mit ungeschäftlichem Reisepublikum ver- kehren, gewisse Eigenschaften sich entwickeln, die ihnen nicht zur Zierde gereichen. In diese Classen gehören, von zahl- reichen ehrenwerthen Ausnahmen abgesehen , nächst den Wirthen der Touristendistricte nebst Personale, die Lohndiener, Träger, Führer niederer Gattung, ferner Kutscher, Vermiether von Reit- und Zugthieren Bei Leuten, die berufsmäßig mit Pferden, Maulthieren, Eseln umgehen, scheinen den sonstigen üblen Eigenschaften und Instincten oft noch gewisse thierische sich beizugesellen, wie Rohheit, Jähzorn und Rachsucht. , Sänften und Kähnen, Kunst- und Kunststückspeculanten, Industrie- ritter und Knappen bis hinab zu den Echoweckern, Murmel- thierjungen, Harmonicastrolchen und anderen verhohlenen und unverhohlenen Bettlern und Wegelagerern, selbst viele Handwerker, Händler und ihr Anhang in den fashionabeln Fremdenquartieren. Sie betrachten den Fremden als ihr zuständiges Jagdwild, behandeln dieses Wild aber nicht nach verständigem Weidmannsbrauch, sondern pürschen drauf los wie Wilderer, nur auf die Beute des Augenblicks bedacht. Neben all dem Schlimmen kommt freilich auch einiges Gute heraus, jedes Stück bringt aber sein zehnfaches Gegengewicht mit. So wird z. B. die Genugthuung über die Gewandt- heit, Flinkheit, beflissene Dienstfertigkeit und Höflichkeit der Leute wesentlich getrübt durch die Wahrnehmung, daß sie diese Tugenden zum Handelsartikel machen und übermäßig beziffern, auch würde man gern darauf verzichten, daß sie mehre Sprachen verstehen, wenn statt deren eine Sprache, die der Bescheidenheit und Biederkeit, ihnen nicht ganz fremd geworden wäre. Viele Uebelstände der Art, die sich natürlich VIII. Ein Landpastor — Stadt- und Landleute. auch auf Curplätze erstrecken, bildeten einst den Gegenstand einer Unterredung mit einem Landpastor. Ich hatte ihn gefragt, warum er nicht von seinem vortrefflich gelegenen, sehr geräumigen, in allen Beziehungen wohl geeigneten Hause eine Anzahl Zimmer an Sommercurgäste vermiethe, die fort- während ihn darum bestürmten. Es war ein würdiger, in der ganzen Gegend hochgeschätzter alter Herr, ehemals Missio- när in Südafrica , Vieler Wohlthäter und einsichtiger Be- rather. — Kranken in ihrer Heilung behilflich zu sein, ant- wortete er, würde ja einem Geistlichen durchaus anstehen, auch wisse er wohl, daß viele seiner Amtsbrüder anderwärts keinen Anstand an der Sache nehmen; er könne sich aber nicht dazu entschließen, weil sein Gewissen ihm verbiete, mit- zuhelfen, seine Landleute mit Stadtleuten in Berührung zu bringen, denn gewinne auch ihr materieller und geistiger, so verliere doch der Wohlstand ihrer Seele zehnfach dabei. — Als eine persönliche Kränkung konnte ich diese Worte von dem Manne offenbar nicht auffassen, dennoch machten sie einen peinlichen Eindruck auf mich. Er mochte das bemerkt haben, denn er nahm jetzt meinen Arm und entwickelte, während wir im Garten auf und ab gingen, seine Ansichten über die Angelegenheit in einer, von gewöhnlichem Kanzelton so weit entfernten, schlichten, eindringlichen Weise, daß ich ausrufen mußte: es ist wahr, man sollte sich fast schämen, zur Kaste der Touristen und Curgäste zu gehören. — Das habe ich nicht sagen wollen, erwiederte er. Jeder hat sich nur dessen zu schämen, was er selbst verschuldet, und daran schon hinlänglich. Die erste Veranlassung liegt aber auch weniger in Personen als in Sachen. Plötzlicher, mühe- loser Geldgewinn hat auf Einzelne wie auf ganze Völker den schlimmsten Einfluß, macht sie habgierig, selbstsüchtig, schlaff, üppig, übermüthig, treulos. Dieser Geldgewinn wird nun schon dadurch herbeigeführt, daß Reiche mit Armen in geschäftliche Berührungen treten. Das Beispiel des Luxus und des Müßiggangs kommt hinzu. Ueber Dinge, die nicht VIII. Plötzlicher Geldgewinn. Wohnungsmiethe. Preissteigerungen. zu ändern sind, will ich mich nicht verbreiten, die Bemerkung kann ich aber nicht unterdrücken, daß das Verfahren der meisten Curgäste von ihrer Ankunft bis zur Abreise eine förmliche Herausforderung zur Uebertheuerung, Erpressung und Bettelei ist. Wer nicht aus Büchern oder durch persön- liche Erkundigungen an Ort und Stelle über die zeitweiligen localen Preisverhältnisse sich unterrichten kann, sollte wenig- stens die Privatwohnung nicht eher miethen, als bis er im Ort umhergegangen, eine Anzahl Quartiere besichtigt, ihre Miethpreise notirt hat, und beim Weggehen in jedem offen erklären: ich werde mir noch andere Wohnungen ansehen, sagen Sie mir gleich Ihren festen Preis. Statt dessen ist gewöhn- lich am Morgen nach der Ankunft das Erste — der Kaffee, das Zweite, daß man in das nächste freundlich blickende Haus, an dem ein Schild „Möblirte Zimmer“ hängt, ein- tritt, Stuben und Betten besichtigt und dann sofort den Vertrag schließt, sei die Forderung auch die unerhörteste. Diese so rasch bewilligte wird nun vom Hausbesitzer als eine unüberlegte, unsinnige Schleuderei betrachtet und bitter bereut. Für die Zukunft ist er „gewitzigt“, vielleicht sucht er auch das Versäumte innerhalb seines jetzigen Contracts durch gewisse Mittelchen der Berechnung nachzuholen. Ferner läuft er in seiner Freundschaft und Gevatterschaft umher, klärt sie auf über die neuen Coursverhältnisse des Platzes und findet für seine Lehren den fruchtbarsten Boden. Stehen- der Artikel der Unterhaltungen in der Schenke und an den Brunnen sind nun Miethpreise. „Für meinen Salong und Angtree (anderthalb niedrige Stübchen mit drittehalb Fenster- lein werden so benannt) habe ich … gekriegt, wenn du nicht dumm bist, forderst du … u. s. w.“ Ein toller Wettstreit entflammt die Leute, und aus dem bescheidenen Walddörfchen ist bald ein fashionabler Ort geworden. So lange er Mode bleibt, geht, geschäftlich betrachtet, alles gut. Es entstehen Häuser über Häuser und Hypotheken über Hypotheken (damit diese sicher auf jenen stehen können, werden die Dächer platt VIII. Luxusgäste — Trinkgelder, Geschenke, Almosen. gebaut und mit Gittern umgeben), nur ein „schlechtes Jahr“ braucht aber zu kommen, so stürzen die Schwindelbauten zu- sammen, die Besitzer sind ausgewandert und die Gläubiger liegen unter den Trümmern. Durch die verschwenderischen Luxusgäste wird natürlich der Landaufenthalt Mäßigbemittel- ten, so dringend sie seiner auch bedürften, dermaßen ver- theuert, daß sie darauf verzichten müssen. Hinzu kommt die verkehrte Art, Geschenke, Trinkgelder und Almosen auszutheilen. Unter den mündlichen und schriftlichen Bitt- stellern wie unter der Armuth, die an den Wegen steht und die Hand aufhält oder mit Blicken bettelt, sind nur die Aus- nahmen der Unterstützung werth und benöthigt. Wer sich selbst die Mittel, wahrhaft Hilfsbedürftigen wirksam beizu- stehen, nicht schmälern will, sollte diese unter dem Beirath kundiger und gewissenhafter Ortsangehöriger aufsuchen und das Ausstreuen von kleiner Münze in’s Blaue hinein denen überlassen, die es zu eigener flüchtiger Unterhaltung thun. In meinem Dorfe ist’s, Gott sei Dank, heute noch nicht so weit, allein ich fürchte, es werden keine zehn Jahre vergehen und wir haben auch hier französische und englische Schilder, russische Preise und asiatischen Luxus, d. h. die Art von „Prosperität“, die ich für einen Fluch halte. Dabei mithelfen will ich nicht, deshalb vermiethe ich nicht an Stadtgäste. — Daß viel Wahres in diesen Herzensergießungen meines geistlichen Freundes liegt, wird Niemand in Abrede stellen wollen, ich gestehe sogar, daß ich damals verblüfft und traurig darüber war und nichts zu erwiedern wußte. Seitdem habe ich über die ernste Sache — die Frage nämlich, ob die nähere Berührung der Gebildeten und Ungebildeten, der Reichen und Armen die letzteren nothwendig verderben müsse — weiter nachgedacht, und da scheint mir denn doch, daß, von jenem Standpunkt ausgehend, wir in grader Linie bei der Lebensanschauung ankommen, die im ganzen neuen Verkehrs- leben ein verkehrtes Leben und das alleinige Heil in klöster- 18 VIII. Selbstvertheidigung — durch Cultur zur Natur zurück. licher Abgeschlossenheit sieht, oder — wie Rousseau , der gewiß weit entfernt war von Möncherei, in seiner berühmten Preis- schrift ausführt — daß wir wohlthäten, alle Kunst und Wissenschaft fortzuwerfen und zur Unwissenheit und Armuth zurückzukehren. Wir müßten dann die geistige, politische und wirthschaftliche Entwickelung unsrer Zeit, den verbesserten Schulunterricht, den Aufschwung des Landbaus, der Gewerbe und des Handels verdammen, die Gewerbefreiheit, das Ver- eins- und Genossenschaftswesen, die allgemeine Wehrpflicht, die wachsende Ausbeutung der Dampfkraft und Ausbildung des Transportwesens, die Auswanderung, die Freizügigkeit ꝛc. verwerfen, denn alles das sind Erscheinungen, Ursachen und Wirkungen, die eine Umwälzung der bisherigen Zustände hervorgerufen haben und täglich mehr hervorrufen müssen. Der Reiseverkehr bildet zwar nur einen kleinen Theil des großen Ganzen, aber auch über ihn wäre der Stab gebrochen, gleichzeitig über dieses arme Schriftlein, welches touristischen, also unsittlichen Zwecken diente. Nicht die Vertheidigung der Weltentwickelung liegt uns ob, nur das damit zusammen- hängende Nichtschuldig unsres inculpirten Buches, so sei es denn gestattet, auf Folgendes hinzuweisen. Mögen wir so oder anders über den Fortschritt denken, sich gegen ihn zu stemmen vermag Keiner, weder Papst, Kaiser, König, Priester noch Laie; sie Alle sehen das auch längst ein, obgleich sie es nicht immer aussprechen und kundgeben. Unaufhaltsam ver- folgt die Cultur ihren Weg, und ihre Begleiter, die guten und die schlimmen, bleiben nicht zurück. Leben wir der Hoff- nung, daß das Menschengeschlecht und alles Gute in ihm nicht untergehen wird, leben wir der Ueberzeugung, daß Ver- nunft in der Weltgeschichte, ein auf das Gute gerichteter Wille und eine das Gute endlich durchsetzende Kraft in ihr waltet, daß unsre Bestimmung ist, durch die Cultur zur Natur zurückzukehren, nicht alle Cultur zu verbannen. Sorgen wir also nicht um die Weltgeschicke und trösten wir uns über jeden zeitweiligen Verfall durch das Vertrauen, daß VIII. Unsre Aufgaben — Politik — Heimgekehrte. er zum Vorbereiter eines neuen Aufschwungs werden muß. Mögen in die ländliche wie schon früher in die untere städtische Bevölkerung zersetzende Elemente getragen werden, diese Fäulniß befruchtet neues Leben. Keime für neues Wachsthum führen alle Ströme mit sich, warum sollte es dem „Touristenstrome“ daran fehlen? — Trachten wir Jeder, nur zu den guten Keimen und nicht zu den zersetzenden Elementen beizusteuern. Seine Aufgabe kann finden, wer danach sucht. Der Reisende tritt aus dem engeren Kreise seines Wohn- sitzes heraus in den Weltverkehr, hat vor dem Ausländer seine Nation zu vertreten, sein Benehmen gibt dem Fremden Stoff für dessen Urtheil, dessen Zu- und Abneigungen. Ihr Deutsche habt an dem Bande, das dereinst Euer Vaterland umschließen soll, weben zu helfen, uns Engländern liegt ob, darzuthun, daß wir nicht neunzöllige Eisenpanzer um uns haben, daß vielmehr jeder wahre Gentleman meines Volkes, der mit einem solchen des Ihrigen auf dem Festland zu- sammentrifft, gern die Gelegenheit ergreift, mit ihm bekannt zu werden. — Geschrieben steht doch aber, warf ich ein, wir sollen auswärts noch mehr als zu Hause vermeiden, über Dinge zu sprechen, die Leidenschaften und Streit aufregen können, namentlich Politik aus Politik bei Seite lassen? — Auch der Rath ist an Unerfahrene, nicht an Männer von einiger geistiger Reise gerichtet, die im Besitze gewisser Eigenschaften sind, welche gerade die Reise auszubilden sich trefflich eignet, wie z. B. Milde des Urtheils, Duldsamkeit, Gewandtheit, Sicherheit und Leichtigkeit in den gesellschaft- lichen Umgangsformen. — An Lehren der Weisheit und Tugend für die Zeit vor und auf der Reise dürfte zur Genüge vorhanden sein, hob jetzt der Neffe an. Du willst doch nicht unsren Freund verlassen, ohne ihm zu sagen, was dem Heimgekehrten zu Nutz und Frommen dienen kann? 18* VIII. Leichtsinniges Briefschuldenmachen — Imponirenwollen. — Du hast Recht, lieber Eduard , werfen wir noch rasch einen Blick in den Bereich. Vorher jedoch noch ein Haupt- stück aus unsrem schwarzen Register, in dem wir fast allzumal Sünder sind: daß wir unsre Lieben daheim oft ungebührlich lange auf Briefe warten lassen. Säumige sollten we- nigstens vorläufig das erste beste Zeitungsblatt unter Kreuz- band nach Hause schicken, damit die Angehörigen aus der Handschrift der Adresse sehen, daß und wo das ferne Familienglied lebt und ihrer gedenkt. Mein erprobtes Mittelchen, um mir selbst leichtsinniges Briefschul- denmachen zu erschweren, will ich doch hier nicht ver- schweigen: ich lege an eine Stelle, auf die täglich mein Blick fallen muß, ein Franco-Couvert mit der betreffenden Adresse und erinnere mich nur eines Falles, daß ich länger als drei Wochen einem solchen unermüdlichen, bescheidenen, stummen, aber darum desto vorwurfsvolleren, ärgerlicheren Mahner widerstanden hätte. Jüngere Leute, die aus weiter Ferne nach längerer Ab- wesenheit zurückkehren , mißfallen am häufigsten ihren Freunden in der Heimat durch Imponirenwollen . An- statt Fragen abzuwarten und dann bescheiden, sinnig und bündig zu antworten, drängen sie sich hervor mit romantisch ausstaffirten Abenteuern, Jagd- und Räubergeschichten, in denen sie Heldenrollen spielen, mit unzeitigen Kritiken und lieblosen Vergleichen, in ihrer Tracht, vielleicht auch in Brauch und Sitte (schon Addison rügt das) haben sie gutes Heimisches vertauscht gegen fremde Seltsamkeiten und Un- würdigkeiten; Andere brüsten sich mit künstlicher Begeiste- rung, die in banalen Ausrufungen und Augenverdrehungen sich gütlich thut, noch Andere geben auf die höflich theil- nehmende Frage „wo sie denn nun alles waren“ die unartigste, undankbarste, langathmigste Antwort: jede Malzeit nach Zeit und Stunde wird erwähnt, jeder Orts- und Wirths- hausname muß herbei. Der Hörer sitzt auf Kohlen, sieht bange nach der Uhr, will abspringen, aufbrechen, der Erzähler VIII. Abenteuer — Reiseberichte — Zweifel. faßt aber seinen Arm, wirft verstörte Blicke umher — „wie hieß nur in aller Welt das verdammte Nest?“ — und zwingt sein unglückliches Opfer, abzuwarten, bis er sich aller Namen entsonnen hat. Er vergißt, daß diese, obwohl sich für ihn allerhand schöne Erinnerungen an sie knüpfen, dem Hörer nur leerer Hall und Schall sind. Treffen nun gar zwei solche Schwärmer, welche dieselbe Tour gemacht haben, zu- sammen, und überbieten sich in Erinnerungen — da „wendet sich der Gast mit Grausen!“ In den Zügen jedes Lesers sehe ich hier ein sympathisches Lächeln spielen, denn jeder erinnert sich solcher unlieber Viertelstunden, die sich zu ganzen Abenden ausdehnten. — Keineswegs leicht ist es übrigens, heimischen Kreisen in einer befriedigenden Weise seine Reiseerlebnisse vorzutragen, und ich kann nur rathen, recht sparsam und vorsichtig in Mit- theilungen zu sein (weit sparsamer und vorsichtiger, als z. B. ich es gewesen bin), damit dem Erzähler von den Hörern verziehen wird, daß er etwas voraus hat vor ihnen. Auch Herrn Urian’s Erfahrung im Claudius’schen Liede ist zu beherzigen. — Vater, mahnte ich, in einigen Minuten wird das Zeichen zur Abfahrt ertönen. Darf ich noch nicht wissen —? — Telemach, spielen Sie nicht Komödie mit Ihrem alten Lehrer, ich entziehe Ihnen sonst die Erlaubniß, sich meinen Schüler nennen und unser Buch schreiben zu dürfen. Oder sollten Sie wirklich noch im Dunklen darüber sein, wie ich die allgemeinen und besonderen Haupt- und Nebenzwecke der Reise classisicire und welches meine speciellen Anliegen sind? — Setzen wir den Fall, ich wäre im Klaren darüber, wird es auch der Leser sein, der nicht das Glück Ihres per- sönlichen Unterrichts genossen, sondern sich mit meiner schüler- haften Wiedergabe begnügen muß? — Lassen wir’s darauf ankommen. Nur Eins will ich noch sagen: Jener § 1 des Gesetzbuchs, von dem anfangs die Rede war, wurde dort erst zur Hälfte mitgetheilt. Der VIII. Abschiedswort und Reisesegen. Schluß lautet: „Mit bloßer Erwärmung des Körpers ist’s aber nicht abgethan, auch die Seele darf keiner Erkältung ausgesetzt werden, und das ist allein möglich durch Annähe- rung an Menschen, gleichviel ob sie Einheimische oder Fremde sind. Alle rothgebundenen Anweisungen sind im Verhältniß hierzu unwesentlich. Wer das versäumt, verfehlt die Haupt- zwecke der Reise und ist des Ehrentitels ‚Tourist‘ unwerth.“ Dieses Wort betrachten Sie als meinen Reisesegen. Und nun leben Sie wohl. Allen unsren touristischen Collegen: Glück auf den Weg, gute Gesundheit, gutes Wetter, gute Gesellschaft! Alphabetisches Sachregister. (Macht keinen Anspruch auf Vollständigkeit.) A benteuer 276 . Abiturientenexamen 19 . Abreise 52 . 55 . 231 . Abwechslung 127 . 249 . 254 . 259 . 263 . Actienunternehmen 269 . Adressen 56 . 166 . 230 . Allein reisen 79 . 231 . Alltagsmenschen 214 . Almosen 270 . 273 . Alpenmilch 92 . Alpenstöcke 44 . 71 . 74 . 78 . Alpenvereine 64 . 77 . Amerikaner 214 . Aneroidbarometer 23 . Anknüpfungen, gesell., 1 . 203 . 214 . 230 . Anzug 27 . 33 . Apodemik 2 . Arbeit 153 . 259 . Aerzte 95 . 123 . 150 . Assecuranz 51 . Aufzeichnungen 58 . 263 . Ausgleiten 72 . Auskünfte 56 . 166 . Ausrüstung 8 . 28 . 63 . Ausschließlichkeit 266 . B adeärzte s. Aerzte. Bäder s. Curorte. Bahnhöfe 18 . 246 . 262 . Balneologie 136 . Bänke 107 . Baratterie 207 . Barbiere 29 . Barometer 23 . Bauten, ländl., 124 . Begleiter 232 . Bekanntschaften 217 . 224 . Belustigungen 157 . 248 . Bergab 72 . 75 . Bergauf 43 . 70 . 74 . Bergschuhe 65 . Bergweh 91 . Berliner 125 . 214 . Beschäftigung 153 . Bescheidenheit, er- laubte, 45 . Beschwerden 91 . 107 . 200 . Bettelei 270 . Betten 124 . 186 . Bewegung 130 . 151 . Bewirthung 169 . Bienen u. Fliegen 262 . Bier 172 . 230 . Bohrer 25 . Briefe 52 . 200 . Briesschuldenmachen, leichtsinniges, 276 . Brieftasche 49 . 52 . Brille, graue 11 . 86 . Briten 1 . 190 . 202 . Brod 171 . Buchhandlungen 230 . C ameraderie 167 . Casino 230 . Cigarren 60 . 192 . Classification 128 . 181 . Comfort 124 . 170 . 213 . 247 . Consilium abeundi 153 . Consuln 228 . Contrastwirkung 149 . Coursbücher 35 . Culturfortschritte 271 . Register. Curen, Curorte 93 . 101 . 260 . 267 . 270 . Curvorstände 105 . 111 . 113 . Curzeitvergeudung 134 . D amen 225 . 233 . Delicatessen 174 . Dialekte 219 . 229 . Diät 87 . 99 . 101 . 139 . Diebe 48 . Diener 44 . Durchschnittstempera- tur 139 . Durst 89 . E indrücke 249 . Einheimische 227 . Einrichtungen, häusl., 110 . 124 . 151 . 185 . Einsamkeit 230 . 259 . 265 . Einseitigkeit 253 . Eintönigkeit 249 . Eisbeile 78 . Eisenbahnen 17 . 45 . 192 . 244 . Eisenbahnhöfe 18 . 246 . 262 . Eissporen 66 . 76 . 173 . Eitelkeitstouristen 242 . Eleganz 169 . Empfänglichkeit 131 . 249 . 252 . Empfehlungsbriefe 229 . Engageurs 166 . Engländer 1 . 190 . 202 . Entfernungen 79 . 253 . Entzifferungskunst 220 . Erholungsreisen 93 . 128 . 182 . Erkältungen 25 . 30 . 36 . 90 . 162 . Erkundigungen 56 . 166 . Ernährung 135 . 143 . Ersparnisse 35 . 166 . 187 . 193 . 199 . 239 . 272 . Ersteigungen 14 . 23 . 64 . 70 . 80 . 87 . Erzählungen 276 . Essen 87 . 171 . 186 . Excerpte 256 . F ahrkarte 45 . Fahrsucht 127 . Farbenscheibe 249 . Feinschmecker 176 . Felsplatten 75 . Fenster 124 . Fernröhre 23 . Fernsehen 242 . Fernsichten 88 . 248 . Filzüberschuhe 20 . Flanellhemden 28 . 40 . Fleischextract 69 . 135 . Fleischkost 87 . Fleischzwieback 69 . Fragen 56 . 221 . 226 . Franzosen 212 . 242 . Frauen 225 . 233 . Freunde 225 . 231 . Frostballen 85 . Frühaufftehen 87 . Frühkommen 113 . Frühling 113 . Frühstück 87 . Führer 58 . 64 . 78 . 81 . 167 . 197 . 270 . Fußeisen 73 . 76 . Fußwanderung 14 . 38 . 63 . 86 . 225 . 233 . Futterzeug 42 . G bel 22 . Galerien 132 . 227 . Gärtnerei 159 . Gastrosophie 176 . Gastwirthe 47 . 135 . 141 . 152 . 165 . 270 . Gebirgspanoramen 11 . Gedächtnißkrücken 52 . 54 . 58 . Geduld 140 . 232 . Gefährten 232 . 265 . Gefühlsrecepte 256 . Geld 35 . 48 . 271 . Geldtaschen 49 . Gemäldegalerien 132 . 227 . Gemüthlichkeit 224 . Genußfähigkeit 131 . 249 . Geographie der Langen- weile 154 . Gepäck 15 . 19 . 34 . 45 . 51 . 69 . 199 . Geräusch s. Lärm. Geröll 71 . Gerüche 111 . Gesandte 228 . Geschäft 251 . Geschente 104 . 191 . 270 . 273 . Geschichtliches 240 . Geschwätzigkeit 219 . Geselligkeit 1 . 117 . 120 . 203 . 265 . Gesellschaft 200 . 231 . 268 . Gesprächsstoffe 225 . 267 . Gesundheitstouristen 129 . Getränkkühler 90 . Gewicht, todtes 69 . Gewohnheit 158 . 252 . Gewürze 163 . Glycerin 85 . Gold 49 . Register. Goldmägen 51 . Gourmands 176 . Grasabhänge 72 . Griesgrame 223 . Grübeleien 140 . 259 . Gummischuhe 36 . H ändler 56 . 167 . 270 . Handwerker 54 . 56 . 167 . 270 . Hantierungen 159 . Hausknechte 48 . Hausmannskost 173 . Hauswirthe 120 . 124 . 272 . Haut, aufgespr., 85 . Heilbäder s. Curorte. Heimgekehrte 263 . 275 . Hemden 27 . 41 . Herrschaften 169 . Historisches 240 . Hochgebirg 63 . 72 . 91 . 131 . Hochsommer 116 . Hochzeitsreisen 233 . Höhepunkte 88 . 248 . Hôtels s. Gastwirthe. Hühneraugen 84 . Hüte 22 . 39 . 44 . Hypochonder 95 . 140 . 223 . J ahreszeit 133 . Imponirenwollen 276 . Insectenpulver 23 . Joppe 34 . Journale 152 . 226 . Italien 179 . 163 . 190 . Juchten 65 . 199 . K affeehäuser 118 . 227 . Kammerdiener 44 . 238 . Kellner 172 . 189 . 270 . Kerzen 183 . Kleidung 17 . 27 . 33 . Kleingeld 189 . Klimatologie 136 . Knie, nackte 36 . Knieholz 74 . 157 . Knöpfe 21 . 34 . Koffer 14 . 17 . 200 . Kopfbedeckung 22 . 39 . 44 . Kosten 35 . Küchenvirtuos 176 . Kündigungsrecht 143 . 148 . Kunst der Reise 2 . Kunstgalerien 132 . 227 . Kur s. Cur. Kutscher 191 . 199 . 270 . L andpastor 271 . Langeweile 98 . 127 . 153 . 242 . 260 . Lärm 110 . 120 . 185 . 246 . Latschen 74 . 157 . Läuferwahnsinn 94 . Lawinen 78 . Leder, engl. 42 . Leinen 77 . Letter clips 164 . Lichte 183 . Lichtungen 106 . Literatur 136 . 212 . Livrée f. Gepäck 18 . Luft, Luftcur 102 . 134 . 154 . Lustreisen 93 . 129 . 182 . 242 . 248 . Luxus 170 . Luxusbäder s. Curorte. M arkirung 15 . 18 . Maskenball 216 . 267 . Mauern 126 . 152 . Mechanismus 159 . 250 . Meer 116 . 151 . Menschenkenntniß 216 . 264 . Merkzettel 58 . 259 . Metallklammer 164 . Milch 91 . Mimosen 217 . Mineralquellen s. Cur- orte. Mittelklassen 228 . Monographien 136 . Monotonie 249 . Mundvorrath 69 . 89 . Museen 132 . 227 . 230 . Musik 113 . 186 . Muße 251 . Müßiggang 154 . N achtheile der Reise, s. Wirkungen. Nachtquartier 197 . 200 . Nachzügler 70 . Nägel, eingewachs. 85 . Nahrungssorgen 135 . 175 . Nähzeug 21 . Narrenwagnisse 79 . Nässe, gegen, 36 . 69 . Nécessaires 24 . Nerven, Nervöse 95 . 111 . 118 . 121 . 160 . 239 . Neubauten 123 . Neuvermählte 234 . Norddeutsche 208 . Nordlicht 146 . Nothbehelfe 32 . Notizbücher 58 . 263 . Nutzen der Reise, s. Wirkungen. O hrenschinder 112 . Operngucker 23 . Orden 125 . P acken 14 . Register. Paläontologisches 180 . Pantoffeln 21 . Papiergeld 49 . Papierklammer 164 . Paris 171 . 176 . 260 . Paschen 130 . Peitschenknall 111 . Pensionen 141 . 194 . 269 . Poesie d. Reise 243 . Politik 208 . 275 . Phantasie 58 . 126 . 160 . Phantasietouristen 242 . Physiognomik 57 . 220 . Piraten 187 . Plaid 37 . Plaidnadeln 38 . 55 . Portemonnaie 47 . Possada 179 . Postanweisungen 36 . Praktische Dinge 238 . Prämiensystem 167 . Probirsteine 264 . Promenadenwege 105 . Prodisionsreiterei 167 . Q uarteronen 221 . R äthe, Geheime, 125 . Rauchen 119 . Rechnungen 188 . 198 . Regen 36 . 115 . Register, unser schwar- zes, 182 . 270 . Reinlichkeit 40 . 154 . Reiseapparat 19 . Reiseästhetik 269 . Reisebeschreibung 212 . 240 . 256 . Reisecasse 47 . Reisecur 126 . Reisediät 87 . 99 . 101 . 139 . Reisefeinde 241 . Reisefieber 244 . Reisegabel 22 . Reisegefährten 232 . 265 . Reisegeld 35 . Reisehandbücher 8 . 35 . 131 . 166 . 247 . Reisejagden 127 . Reisekleider 17 . 27 . 33 . Reisekosten 12 . 35 . 193 . Reisekunst 2 . Reiselust 40 . 131 . 242 . 264 . Reisemechanismus 250 . Reisemeister 4 . 211 . Reisemoral 269 . Reisemüdigkeit 131 . 242 . 263 . Reisenotizen 58 . Reiseökonomie s. Er- sparnisse. Reisepläne 12 . 14 . 130 . 195 . 242 . Reisepoesie 243 . Reisequecksilber 127 . Reisetagebuch 58 . 61 . Reisetalent 211 . Reisetasche 17 . 69 . 140 . Reisetintefaß 17 . 206 . Reisevorbereitungen 7 . 99 . Reisewerke 212 . 240 . 256 . Reiseziel 115 . 242 . Reisezwecke s. Zwecke. Reizmittel 157 . Rentierleben 156 . Reservesystem 34 . Ressourcen 230 . Restaurants s. Gast- wirthe. Rettungsmittel 74 . Revolver 24 . Riviera di Ponente 149 . 269 . Robinsonverhältnisse 32 . Romantiker 126 . Rückblicke 71 . Rucksack 69 . Rückwege 78 . 131 . 197 . Ruhe 152 . Ruhebänke 104 . 107 152 . Ruhestörungen 110 . 120 . 185 . 246 . Rundsichten 88 . 248 . S alz 89 . 171 . Sammler, Sammlun- gen 6 . 159 . 230 . 254 . 257 . Sättigungspunkt 131 . 244 . 263 . Schaffner 192 . Schatten 106 . 151 . Schatullen 49 . Schiffszwiebacknaturen 224 . Schleier 85 . Schleissteine 264 . Schloß, flieg. 25 . Schmuggeleien 130 . Schneeblindheit 85 . Schneebrillen 11 . Schneider 54 . Schreiben im Fahren 60 . Schuhwerk 36 . 65 . Schwätzer 219 . 266 . Schweiß 44 . 89 . Schweiz 12 . 193 . 197 . Schwere der Glieder 91 . Schwindel 83 . 91 . 157 . Register. See, Seebäder 36 . 116 . 151 . Seelendiät 7 . 139 . 161 . 251 . 254 . 278 . Sehenswürdigkeiten 249 . 261 . 264 . Seidenkreppjacken 28 . Seife 29 . Seile 77 . Selbstgefübl 208 . 215 . Selbstkenntniß 264 . Sicherheitsmaßregeln 45 . Siedelungsversuche 119 . 153 . 214 . Signatur 15 . 18 . Sinnestäuschungen 79 . 253 . Sitzen im Freien 107 . 139 . 152 . 162 . Sommerfrischen 102 . 108 . Sonderlinge 223 . 257 . Sonnenschirm für Cur- gäste 162 . Spaccio di vino 179 . Spazierenklettern 151 . Specialität 251 . 258 . 263 . Speisen 87 . 171 . 186 . Speisezettel 179 . Sprache 25 . 227 . Springen, aus dem Wagen, 52 . Städtepläne 13 . Stammbaum, tourist., 240 . Staubbrille 246 . Steckenpferdezucht 157 . 260 . Steigeisen 73 . 76 . Steuermannskunst 169 . Stiftungen 102 . Stimmungen 257 . Stöcke 44 . 71 . 74 . 78 . Stockfischfänger 187 . Stricke 77 . Strümpse 36 . 68 . Studien, hypochon- drische, 95 . Stühle 53 . Stundenplan 161 . Sturz 72 . 76 . T abaksrauch 119 . Tafelmusik 186 . Tagebuch 58 . 61 . Tantièmesystem 167 . Taschen 36 . 53 . 69 . Taschengabel 22 . Techniker 246 . Telegramme 200 . Temperatur 139 . Teppiche 185 . Thermometer 22 . Thätigkeit 153 . 259 . Thürverschluß 25 . Tigermilch 92 . Tintefaß 17 . 206 . Toilettengeheimnisse 41 . Tornister 69 . Touristenstrom 194 . 242 . 264 . 275 . Träger 191 . 197 . 199 . 270 . Trägheit 154 . Trattorien 179 . Triebfedern s. Zwecke. Trinken 87 . Trinkgelder 183 . 189 . 270 . 273 . Trösteinsamkeit 158 . Turnen 152 . U eberflüssigkeiten 105 . Uebergänge, schroffe 71 . 91 . 98 . Uebernachten 183 . 197 . 200 . Ueberraschungen 232 . Unbefriedigte 150 . 249 . Unglücksfälle 72 . Unterkleider 27 . 34 . Unterhaltung 157 . 267 . Unternehmungsgeist 149 . V ademecum 19 . Ventilation 118 . Vergnügungsreisen 93 . 129 . 182 . 242 . 248 . Verkaussläden 56 . Verluste durch Zer- streutheit 52 . 54 . Verpackung 14 . 24 . Versicherungsschein 51 . Verstand u. Erfahrung 126 . Vieljeitigkeit 253 . 261 . Vocabeln 25 . Volksleben 227 . Volksthümliche Gerichte 173 . Voraussendungen 51 . Vorbereitungen 8 . 98 . Vorläufer 70 . Vorsichtsmaßregeln 45 . 49 . Vortheile der Reise, s. Wirkungen. W aldreviere 105 . 117 . Wagnisse 79 . Wanderstäbe 58 . 74 . Wanderung 14 . 38 . 63 . 86 . 94 . Wäsche, Wäscherinnen 29 . 42 . Wasser 90 . 171 . Wasserdicht 33 . 67 . Register. Wecker 56 . Wege 105 . 151 . Wegweiser 107 . Weinberge 126 . Werthsachen sichern 47 . Wetter 36 . 115 . 139 . Wettermantel 38 . Widerwärtigkeiten 247 . Wie geht’s Ihnen? 121 . Wiederholungen 131 . 197 . Wintercuren 134 . 141 . 256 . Wirkung der Reise 32 . 86 . 241 . 264 . Wirthe s. Gastwirthe. Wohnung 107 . 120 . 183 . 272 . Wollene Unterkleider 27 . Wundwerden 68 . Y ankees 214 . Z eichnung 18 . Zeit, bei knapper, 115 . 252 . Zeiteintheilung 161 . 252 . Zeitungen 152 . 226 . Zeitvertreibe 156 . 251 . 258 . Zelt 201 . Zerstreutheit 52 . Zerstreuungen 157 . 248 . 260 . Zimmer 107 . 120 . 183 . 272 . Zudringlichkeit 167 . 266 . Zug nach dem Süden 148 . Zündhölzer 61 . Zungenästhetik 178 . Zurückgekehrte 263 . 275 . Zurückhaltung 209 . 261 . Zwecke der Reise 93 . 129 . 235 . 241 . 248 . 261 . 264 . 275 . Zwiegespräche 224 . 267 . Druck von Otto Wigand in Leipzig .