Zur Farbenlehre . von Goethe . Zweyter Band . Tuͤbingen , in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung . 1810 . Materialien zur Geschichte der Farbenlehre . Atqui perpendat philosophiae cultor, rerum abstrusarum investigationem non unius esse seculi; saepe veritas furtim quasi in conspectum veniens, negligentia philosophorum of- fensa subito se rursum subducit, non dignata homines sui conspectu mero, nisi officiosos et industrios. Des Zweyten Bandes Erster, historischer Theil . Einleitung . W ird einer strebenden Jugend die Geschichte eher laͤstig als erfreulich, weil sie gern von sich selbst eine neue, ja wohl gar eine Urwelt-Epoche begin- nen moͤchte; so haben die in Bildung und Alter Fortschreitenden gar oft mit lebhaftem Danke zu erkennen, wie mannigfaltiges Gute, Brauchbare und Huͤlfreiche ihnen von den Vorfahren hinterlas- sen worden. Nichts ist stillstehend. Bey allen scheinbaren Ruͤckschritten muͤssen Menschheit und Wissenschaft immer vorschreiten, und wenn beyde sich zuletzt auch wieder in sich selbst abschließen sollten. Vorzuͤgliche Geister haben sich immer gefunden, die sich mit- theilen mochten. Viel Schaͤtzenswerthes hievon ist auf uns gekommen, woraus wir uns uͤberzeugen koͤnnen, daß es unsern Vorfahren an treffenden Ansichten der Natur nie gefehlt habe. * Der Kreis, den die Menschheit auszulaufen hat, ist bestimmt genug, und ungeachtet des gro- ßen Stillstandes, den die Barbarey machte, hat sie ihre Laufbahn schon mehr als einmal zuruͤckge- legt. Will man ihr auch eine Spiralbewegung zu- schreiben, so kehrt sie doch immer wieder in jene Gegend, wo sie schon einmal durchgegangen. Auf diesem Wege wiederholen sich alle wahren Ansichten und alle Irrthuͤmer. Um sich von der Farbenlehre zu unterrichten, mußte man die ganze Geschichte der Naturlehre we- nigstens durchkreuzen, und die Geschichte der Phi- losophie nicht außer Acht lassen. Eine gedraͤngte Darstellung waͤre zu wuͤnschen gewesen; aber sie war unter den gegebenen Umstaͤnden nicht zu leisten. Wir mußten uns daher entschließen nur Materia- lien zur Geschichte der Farbenlehre zu liefern, und hiezu das, was sich bey uns aufgehaͤuft hatte, ei- nigermaßen sichten. Was wir unter jenem Ausdrucke verstehen, wird nicht schwer zu deuten seyn. Wer Materia- lien zu einem Gebaͤude liefert, bringt immer mehr und weniger als erforderlich ist. Denn dem Her- beygeschafften muß oͤfters soviel genommen werden, nur um ihm eine Form zu geben, und an dasje- nige, was eigentlich zur letzten besten Zierde ge- reicht, daran pflegt man zu Anfang einer Bauan- stalt am wenigsten zu denken. Wir haben Auszuͤge geliefert und fanden uns hiezu durch mehrere Ursachen bewogen. Die Buͤ- cher, welche hier zu Rathe gezogen werden mußten, sind selten zu haben, wo nicht in großen Staͤdten und wohlausgestatteten Bibliotheken, doch gewiß an manchen mittlern und kleinen Orten, von deren theilnehmenden Bewohnern und Lehrern wir unsre Arbeit gepruͤft und genutzt wuͤnschten. Deshalb sollte dieser Band eine Art Archiv werden, in wel- chem niedergelegt waͤre, was die vorzuͤglichsten Maͤnner, welche sich mit der Farbenlehre befaßt, daruͤber ausgesprochen. Auch trat noch eine besondre Betrachtung ein, welche sowohl hier als in der Geschichte der Wissen- schaften uͤberhaupt gilt. Es ist aͤußerst schwer, fremde Meynungen zu referiren, besonders wenn sie sich nachbarlich annaͤhern, kreuzen und decken. Ist der Referent umstaͤndlich, so erregt er Unge- duld und lange Weile; will er sich zusammenfassen, so kommt er in Gefahr, seine Ansicht fuͤr die fremde zu geben; vermeidet er zu urtheilen, so weiß der Leser nicht, woran er ist; richtet er nach gewissen Maximen, so werden seine Darstellungen einseitig und erregen Widerspruch, und die Ge- schichte macht selbst wieder Geschichten. Ferner sind die Gesinnungen und Meynungen eines bedeutenden Verfassers nicht so leicht auszu- sprechen. Alle Lehren, denen man Originalitaͤt zu- schreiben kann, sind nicht so leicht gefaßt, nicht so geschwind epitomirt und systematisirt. Der Schrift- steller neigt sich zu dieser oder jener Gesinnung; sie wird aber durch seine Individualitaͤt, ja oft nur durch den Vortrag, durch die Eigenthuͤmlichkeit des Idioms, in welchem er spricht und schreibt, durch die Wendung der Zeit, durch mancherley Ruͤcksichten modificirt. Wie wunderbar verhaͤlt sich nicht Gassendi zu Epicur! Ein Mann, der laͤnger gelebt, ist verschiedene Epochen durchgegangen; er stimmt vielleicht nicht immer mit sich selbst uͤberein; er traͤgt manches vor, davon wir das eine fuͤr wahr, das andre fuͤr falsch ansprechen moͤchten: alles dieses darzustellen, zu sondern, zu bejahen, zu verneinen, ist eine unend- liche Arbeit, die nur dem gelingen kann, der sich ihr ganz widmet und ihr sein Leben aufopfern mag. Durch solche Betrachtungen veranlaßt, durch solche Noͤthigungen gedraͤngt, lassen wir meistens die Verfasser selbst sprechen; ja wir haͤtten die Ori- ginale lieber als die Uebersetzung geliefert, wenn uns nicht eine gewisse Gleichfoͤrmigkeit und allge- meinere Brauchbarkeit zu dem Gegentheil bewogen haͤtte. Der einsichtsvolle Leser wird sich mit jedem besonders unterhalten; wir haben gesucht ihm sein Urtheil zu erleichtern, nicht ihm vorzugreifen. Die Belege sind bey der Hand, und ein faͤhiger Geist wird sie leicht zusammenschmelzen. Die Wie- derholung am Schlusse wird hiezu behuͤlflich seyn. Wollte man uns hier noch eine heitere Anmer- kung erlauben, so wuͤrden wir sagen: daß durch diese Art, jeden Verfasser seinen Irrthum wie seine Wahrheit frey aussprechen zu lassen, auch fuͤr die Freunde des Unwahren und Falschen gesorgt sey, denen hierdurch die beste Gelegenheit verschafft wird, dem Seltsamsten und am wenigsten Haltbaren ihren Beyfall zuzuwenden. Nach diesem Ersten, welches eigentlich den Grund unserer Bemuͤhung ausmacht, haben wir charakteristische Skizzen, einzelne biographische Zuͤge, manchen bedeutenden Mann betreffend, aphoristisch mitgetheilt. Sie sind aus Notizen entstanden, die wir zu kuͤnftigem unbestimmten Gebrauch, beym Durchlesen ihrer Schriften, bey Betrachtung ihres Lebensganges, aufgezeichnet. Sie machen keinen Anspruch ausfuͤhrlich zu schildern, oder entschie- den abzuurtheilen; wir geben sie wie wir sie fan- den: denn nicht immer waren wir in dem Falle, bey Redaction dieser Papiere, alles einer nochmali- gen genauen Pruͤfung zu unterwerfen. Moͤgen sie nur dastehen, um zu erinnern, wie hoͤchst bedeutend es sey, einen Autor als Menschen zu betrachten; denn wenn man behauptet hat: schon der Styl eines Schriftstellers sey der ganze Mann, wie vielmehr sollte nicht der ganze Mensch den gan- zen Schriftsteller enthalten. Ja eine Geschichte der Wissenschaften, insofern diese durch Menschen be- handelt worden, zeigt ein ganz anderes und hoͤchst belehrendes Ansehen, als wenn bloß Entdeckungen und Meynungen an einander gereiht werden. Vielleicht ist auch noch auf eine andre Weise noͤthig, dasjenige zu entschuldigen, was wir zu viel gethan. Wir gaben Nachricht von Autoren, die nichts oder wenig fuͤr die Farbenlehre geleistet, je- doch nur von solchen, die fuͤr die Naturforschung uͤberhaupt bedeutend waren. Denn wie schwierig es sey, die Farbenlehre, die sich uͤberall gleichsam nur durchschmiegt, von dem uͤbrigen Wissen eini- germaßen zu isoliren und sie dennoch wieder zusam- men zu halten, wird jedem Einsichtigen fuͤhlbar seyn. Und so haben wir, um eines durchgehenden Fadens nicht zu ermangeln, allgemeine Betrachtun- gen eingeschaltet, den Gang der Wissenschaften in verschiedenen Epochen fluͤchtig bezeichnet, auch die Farbenlehre mit durchzufuͤhren und anzuknuͤpfen ge- sucht. Daß hiebey mancher Zufall gewaltet, man- ches einer augenblicklichen Stimmung seinen Ur- sprung verdankt, kann nicht gelaͤugnet werden. In- dessen wird man einige Launen auch wohl einer ern- sten Sammlung verzeihen, zu einer Zeit, in der ganze wetterwendische Buͤcher mit Vergnuͤgen und Beyfall aufgenommen werden. Wie Manches nachzubringen sey, wird erst in der Folge recht klar werden, wenn die Aufmerksam- keit mehrerer auf diesen Gegenstand sich richtet. Verschiedene Buͤcher sind uns ungeachtet aller Be- muͤhungen nicht zu Handen gekommen; auch wird man finden, daß Memoiren der Academien, Jour- nale und andre dergleichen Sammlungen nicht ge- nugsam genutzt sind. Moͤchten doch mehrere, selbst diejenigen, die, um anderer Zwecke willen, alte und neue Werke durchgehen, gelegentlich notiren, was ihnen fuͤr unser Fach bedeutend scheint und es ge- faͤllig mittheilen; wie wir denn schon bisher man- chen Freunden fuͤr eine solche Mittheilung den be- sten Dank schuldig geworden. Inhalt Seite. Zur Geschichte der Urzeit XXIII Erste Abtheilung . Griechen 1 Pythagoras 1 Pythagoreer 1 — 2 Empedocles 2 — 4 Democritus 4 — 5 Democritus und Epicurus 6 Epicurus 6 Zeno 7 Chrysippus 7 ** Seite. Pyrrhonier 8 Plato 8 — 10 Aristoteles 11 — 23 Theophrast oder vielmehr Aristoteles von den Farben 24 — 53 Farbenbenennungen der Griechen und Roͤmer 54 — 59 Zweyte Abtheilung . Roͤmer 60 Lucretius 60 — 67 Plinius 68 Hypothetische Geschichte des Colorits 69 — 106 Betrachtungen uͤber Farbenlehre und Farben- behandlung 107 — 122 Nachtrag 123 — 128 Dritte Abtheilung . Seite. Zwischenzeit 129 Luͤcke 129 Ueberliefertes 137 — 144 Autoritaͤt 144 — 147 Roger Bacon 148 — 164 Nachlese 164 Augustinus 165 Themistius 165 Lust am Geheimniß 166 — 168 Vierte Abtheilung . Sechzehntes Jahrhundert 169 Antonii Thylesii de coloribus libellus 173 — 193 Antonius Thylesius 194 Simon Portius 197 Julius Caͤsar Scaliger 200 Zwischenbetrachtung 204 ** 2 Seite. Paracelsus 205 Alchymisten 207 Zwischenbetrachtungen 212 Bernhardinus Telesius 215 Hieronymus Cardanus 217 Johann Baptist Porta 220 Baco von Verulam 226 Fuͤnfte Abtheilung . Siebzehntes Jahrhundert . 242 Allgemeine Betrachtungen 243 Galileo Galilei 245 Johan n Keppler 247 Willebrord Snellius 252 Antonius de Dominis 255 Franciscus Aguilonius 264 Intentionelle Farben 267 Renatus Cartesius 274 Seite. Athanasius Kircher 279 Marcus Marci 286 De la Chambre 288 Isaac Vossius 295 Franciscus Maria Grimaldi 306 Robert Boyle 311 Hook 322 Nicolaus Mallebranche 324 Johann Christoph Sturm 328 Funccius 329 Lazarus Nuͤguet 331 Nuͤguets Farbensystem 332 Betrachtungen uͤber vorstehende Abhandlung 343 Nachtrag kurzer Notizen 346 Uebergang zur Geschichte des Colorits 349 Geschichte des Colorits seit Wiederherstellung der Kunst 350 — 377 Sechste Abtheilung . Seite. Achtzehntes Jahrhundert 378 Erste Epoche . Von Newton bis auf Dollond. Londoner Societaͤt 378 Thomas Sprat 379 Thomas Birch 381 Philosophische Transactionen 382 Ungewisse Anfaͤnge der Societaͤt 383 Naturwissenschaften in England 386 Aeußere Vortheile der Societaͤt 389 Innere Maͤngel der Societaͤt 390 Maͤngel die in der Umgebung und in der Zeit liegen 398 Robert Hook 399 Isaak Newton 401 Lectiones opticae 404 Brief an den Secretaͤr der Londner Societaͤt 404 Seite. Die Optik 405 Newtons Verhaͤltniß zur Societaͤt 418 Erste Gegner Newtons 422 Mariotte 442 Joh. Theoph. Desaguliers 453 Desaguliers gegen Mariotte 456 Joh. Rizzetti 463 Desaguliers gegen Rizzetti 468 Gauger 473 Newtons Persoͤnlichkeit 474 — 484 Erste Schuͤler und Bekenner Newtons 484 Wilhelm Jacob s’Gravesand 487 Peter von Muschenbroek 488 Franzoͤsische Akademisten 490 Mariotte 492 De la Hire 492 Joh. Mich. Conradi 493 Mallebranche 494 Seite. Fontenelle 496 Fontenelle’s Lobrede auf Newton 500 Mairan 507 Cardinal Polignac 511 Voltaire 513 Beyspiele von Voltairens Vorurtheil fuͤr Newton 516 Algarotti 517 Anglomanie 520 Chemiker 521 Duͤfay 524 Louis Bertrand Castel 527 Technische Malerey 536 Le Blon 537 Gautier 538 Celestin Cominale 549 Deutsche große und thaͤtige Welt 551 Deutsche gelehrte Welt 552 Akademie Goͤttingen 565 Seite. Nachlese 566 Tobias Mayer 568 Joh. Heinr. Lambert 574 Carl Scherffer 575 Benjamin Franklin 579 Achtzehntes Jahrhundert 581 Zweyte Epoche . Von Dollond bis auf unsre Zeit. Achromasie 581 Joseph Priestley 588 Paolo Frist 589 Georg Simon Kluͤgel 590 Uebergang 592 Westfeld 593 Guͤyot 598 Mauclerc 600 Marat 601 Seite. H. F. T. 606 Diogo de Carvalho e Sampayo 614 Robert Waring Darwin 623 Anton Raphael Mengs 628 Jeremias Friedrich Guͤlich 630 Eduard Hussey Delaval 633 Joh. Leonhard Hoffmann 639 Robert Blair 645 Confession des Verfassers 666 Entschuldigung. Statt des supplementaren Theils 693 Wirkung farbiger Beleuchtung 703 Zur Geschichte der Urzeit. Die Zustaͤnde ungebildeter Voͤlker, sowohl der alten als der neuern Zeit, sind sich meistens aͤhnlich. Stark in die Sinne fallende Phaͤnomene werden leb- haft aufgefaßt. In dem Kreise meteorischer Erscheinungen mußte der seltnere, unter gleichen Bedingungen immer wie- derkehrende Regenbogen die Aufmerksamkeit der Na- turmenschen besonders an sich ziehen. Die Frage, woher irgend ein solches Ereigniß entspringe, ist dem kindlichen Geiste wie dem ausgebildeten natuͤr- lich. Jener loͤs’t das Raͤthsel bequem durch ein phantastisches, hoͤchstens poetisches Symbolisiren; und so verwandelten die Griechen den Regenbogen in ein liebliches Maͤdchen, eine Tochter des Thau- mas (des Erstaunens); beydes mit Recht: denn wir werden bey diesem Anblick das Erhabene auf eine erfreuliche Weise gewahr. Und so ward sie die- sem Gestalt liebenden Volke ein Individuum, Iris, ein Friedensbote, ein Goͤtterbote uͤberhaupt; an- dern, weniger Form beduͤrfenden Nationen, ein Friedenszeichen. Die uͤbrigen atmosphaͤrischen Farbenerscheinun- gen, allgemein, weit ausgebreitet, immer wiederkeh- rend, waren nicht gleich auffallend. Die Morgen- roͤthe nur noch erschien gestaltet. Was wir uͤberall und immer um uns sehen, das schauen und genießen wir wohl, aber wir beobachten es kaum, wir denken nicht daruͤber. Und wirklich entzog sich die Farbe, die alles Sichtbare bekleidet, selbst bey gebildeteren Voͤlkern gewissermaßen der Betrachtung. Destomehr Gebrauch suchte man von den Farben zu machen, indem sich faͤrbende Stoffe uͤberall vorfanden. Das Erfreuliche des Farbigen, Bunten, wurde gleich gefuͤhlt; und da die Zierde des Menschen erstes Beduͤrfniß zu seyn scheint und ihm fast uͤber das Nothwendige geht, so war die Anwendung der Farben auf den nackten Koͤrper und zu Gewaͤndern hald im Gebrauch. Nirgends fehlte das Material zum Faͤrben. Die Fruchtsaͤfte, fast jede Feuchtigkeit außer dem reinen Wasser, das Blut der Thiere, alles ist gefaͤrbt; so auch die Metallkalke, besonders des uͤberall vor- handnen Eisens. Mehrere verfaulte Pflanzen ge- ben einen entschiedenen Faͤrbestoff, dergestalt daß der Schlick an seichten Stellen großer Fluͤsse als Farbematerial benutzt werden konnte. Jedes Beflecken ist eine Art von Faͤrben, und die augenblickliche Mittheilung konnte jeder bemer- ken, der eine rothe Beere zerdruͤckte. Die Dauer dieser Mittheilung erfaͤhrt man gleichfalls bald. Auf dem Koͤrper bewirkte man sie durch Tatuiren und Einreiben. Fuͤr die Gewaͤnder fanden sich bald farbige Stoffe, welche auch die beizende Dauer mit sich fuͤhren, vorzuͤglich der Eisenrost, gewisse Fruchtschalen, durch welche sich der Uebergang zu den Gallaͤpfeln mag gefunden haben. Besonders aber machte sich der Saft der Pur- purschnecke merkwuͤrdig, indem das damit Gefaͤrbte nicht allein schoͤn und dauerhaft war, sondern auch zugleich mit der Dauer an Schoͤnheit wuchs. Bey dieser jedem Zufall freygegebenen Anfaͤr- bung, bey der Bequemlichkeit das Zufaͤllige vorsaͤtz- lich zu wiederholen und nachzuahmen, mußte auch die Aufforderung entstehen, die Farbe zu entfernen. Durchsichtigkeit und Weiße haben an und fuͤr sich schon etwas edles und wuͤnschenswerthes. Alle er- sten Glaͤser waren farbig; ein farbloses Glas mit Absicht darzustellen gelang erst spaͤtern Bemuͤhun- gen. Wenig Gespinnste, oder was sonst zu Ge- waͤndern benutzt werden kann, ist von Anfang weiß; und so mußte man aufmerksam werden auf die ent- faͤrbende Kraft des Lichtes, besonders bey Vermitt- lung gewisser Feuchtigkeiten. Auch hat man gewiß bald genug den guͤnstigen Bezug eines reinen weißen Grundes zu der darauf zu bringenden Farbe in fruͤheren Zeiten eingesehen. Die Faͤrberey konnte sich leicht und bequem ver- vollkommnen. Das Mischen, Sudlen und Manschen ist dem Menschen angeboren. Schwankendes Tasten und Versuchen ist seine Lust. Alle Arten von Infu- sionen gehen in Gaͤhrung oder in Faͤulniß uͤber; beyde Eigenschaften beguͤnstigen die Farbe in einem entgegengesetzten Sinne. Selbst untereinander ge- mischt und verbunden heben sie die Farbe nicht auf, sondern bedingen sie nur. Das Saure und Alca- lische in seinem rohsten empirischen Vorkommen, in seinen absurdesten Mischungen wurde von jeher zur Faͤrberey gebraucht, und viele Faͤrberecepte bis auf den heutigen Tag sind laͤcherlich und zweckwidrig. Doch konnte bey geringem Wachsthum der Cul- tur bald eine gewisse Absonderung der Materialien so wie Reinlichkeit und Consequenz statt finden, und die Technik gewann durch Ueberlieferung un- endlich. Deswegen finden wir die Faͤrberey bey Voͤlkern von stationaͤren Sitten auf einem so hohen Grade der Vollkommenheit, bey Aegyptiern, In- diern, Chinesen. Stationaͤre Voͤlker behandlen ihre Technik mit Religion. Ihre Vorarbeit und Vorbereitung der Stoffe ist hoͤchst reinlich und genau, die Bearbei- tung stufenweise sehr umstaͤndlich. Sie gehen mit einer Art von Naturlangsamkeit zu Werke; da- durch bringen sie Fabricate hervor, welche bildungs- faͤhigern, schnell vorschreitenden Nationen unnach- ahmlich sind. Nur die technisch hoͤchstgebildeten Voͤlker, wo die Maschinen wieder zu verstaͤndigen Organen wer- den, wo die groͤßte Genauigkeit sich mit der groͤß- ten Schnelligkeit verbindet, solche reichen an jene hinan und uͤbertreffen sie in vielem. Alles Mittlere ist nur eine Art von Pfuscherey, welche eine Con- currenz, sobald sie entsieht, nicht aushalten kann. Stationaͤre Voͤlker verfertigen das Werk um sein selbst willen, aus einem frommen Begriff, un- bekuͤmmert um den Effect; gebildete Voͤlker aber muͤssen auf schnelle augenblickliche Wirkung rechnen, um Beyfall und Geld zu gewinnen. Der charakteristische Eindruck der verschiedenen Farben wurde gar bald von den Voͤlkern bemerkt, und man kann die verschiedene Anwendung in die- sem Sinne bey der Faͤrberey und der damit verbun- denen Weberey, wenigstens manchmal, als absicht- lich und aus einer richtigen Empfindung entsprin- gend ansehen. Und so ist alles, was wir in der fruͤheren Zeit und bey ungebildeten Voͤlkern bemerken koͤnnen, praktisch. Das Theoretische begegnet uns zuerst, indem wir nunmehr zu den gebildeten Griechen uͤbergehen. Erste Abtheilung. Griechen . Pythagoras nach Diogenes Laertius . P ythagoras sagt von den Sinnen uͤberhaupt und insbesondere vom Gesicht, es sey: eine heiße Aus- duͤnstung oder Dampf, vermittelst dessen wir sowohl durch Luft als Wasser sehen: denn das Heiße werde von dem Kalten zuruͤckgeworfen. Waͤre nun die Aus- duͤnstung in den Augen kalt, so wuͤrde sie in die ihr aͤhnliche aͤußere Luft uͤbergehen. An einer andern Stelle nennt er die Augen Pforten der Sonne. Pythagoreer nach Plutarch . Die Pythagoreer lassen die katoptrischen Erschei- nungen entstehen durch eine Zuruͤckwerfung der Opsis. II. 1 Die Opsis erstrecke sich bis auf den Spiegel und von seiner Dichte und Glaͤtte getroffen, kehre sie in sich selbst zuruͤck, indem sie etwas aͤhnliches erleide mit der Hand, welche ausgestreckt und an die Schulter zu- ruͤckgezogen wird. Die Pythagoreer nannten die Oberflaͤche der Koͤr- per χροιά, das heißt Farbe. Ferner gaben sie als Farbgeschlechter an, das Weiße, das Schwarze, das Rothe und das Gelbe. Die Unterschiede der Farben suchten sie in der verschiedenen Mischung der Elemente; die mannigfaltigen Farben der Thiere hingegen in der Verschiedenheit der Nahrungsmittel und Himmelsstriche. Empedocles nach Theophrast . Empedocles sagt, das Innre des Auges sey Feuer (und Wasser), die aͤußre Umgebung Erde und Luft; durch welche das Feuer, als ein Zartes durchschwitze, wie das Licht durch die Laterne .... Die Gaͤnge (πόροι) aber des Feuers und Wassers laͤgen verschraͤnkt; durch die Gaͤnge des Feuers erkenne man das Weiße, durch die des Wassers das Schwarze: denn jedes von die- sen beyden sey dem andern von beyden angemessen oder damit uͤbereinstimmend (nach dem Grundsatz: Aehnli- ches wird durch Aehnliches erkannt). Die Farben aber gelangten durch einen Abfluß zu dem Gesicht. Die Augen seyen aber nicht aus Gleichem zusammenge- setzt, sondern aus Entgegenstehendem; auch haͤtten einige das Feuer in sich, andre außer sich. Daher saͤhen auch einige Thiere bey Tage, andre bey Nacht besser. Die nehmlich weniger Feuer haͤtten, bey Tage: das innre Licht werde durch das aͤußre ausgeglichen; die im Gegentheil, bey Nacht: denn ihnen werde das Fehlende ersetzt. In den entgegengesetzt organisirten verhalte es sich umgekehrt; sie saͤhen schlecht. Bey de- nen nehmlich das Feuer vorwalte, am Tage noch ver- mehrt (durch das aͤußre) uͤberwaͤltige und verstopfe es die Gaͤnge des Wassers; bey denen aber das Wasser vorwalte, werde des Nachts das Feuer vom Wasser uͤberwaͤltigt, so lange bis daß in diesen das Wasser vom aͤußern Licht, bey jenen das Feuer durch die Luft ausgeschieden und abgesondert werde. Denn immer das Entgegenstehende sey die Heilung des andern. Am besten gemischt und am tauglichsten seyen die Augen, die aus beyden Bestandtheilen gleichfoͤrmig gemischt waͤren. Nach Stobaͤus . Empedocles erklaͤrt die Farbe fuͤr etwas, das den Gaͤngen des Auges oder Gesichts angemessen und damit uͤbereinstimmend sey. Ihre Verschiedenheit leitet er von der Mannigfaltigkeit der Nahrung ab. Gleich den Ele- 1 * menten nimmt er viere derselben an: weiß, schwarz, roth, gelb. Nach Plutarch . Nach Empedocles geschehen die Erscheinungen im Spiegel durch Ausfluͤsse von den Gegenstaͤnden, welche sich auf der Oberflaͤche des Spiegels versammeln, und vollendet werden durch das aus dem Auge sich aus- scheidende Feuerhafte, welches die umgebende Luft, in welche jene Ausfluͤsse getrieben werden, mit in Bewe- gung setzt. Democritus nach Theophrast . Democritus laͤßt das Sehen entstehn durch eine Emphasis. Darunter versteht er etwas besonderes. Die Emphasis geschehe nicht geradenweges in der Pupille; sondern die Luft zwischen dem Gesicht und dem Gese- henen erhalte eine Form, indem sie von dem Gesehenen und Sehenden zusammengedruͤckt werde: denn von Allem geschehe ein bestaͤndiger Ausfluß. Die nunmehr harte und anders gefaͤrbte Luft spiegle sich in den nassen Au- gen. Das Dichte nun werde nicht aufgenommen, das Waͤssrichte aber seihe durch. Darum waͤren auch die nassen Augen tauglicher zum sehen, als die harten, wo- fern die Hornhaut sehr fein und dicht waͤre, das In- nere des Auges aber schwammig und leer an dickem und starkem Fleische, so wie an dicker und fetter Feuch- tigkeit, die durch die Augen gehenden Adern aber in gerader Richtung und trocken, so wie von paßlicher Gestalt fuͤr das Abgebildete: denn jedes erkenne am meisten das ihm verwandte und aͤhnliche. Nach Plutarch . Democritus behauptet: τῷ νόμῳ χροιὴν εἶναι: die Farbe sey nichts von Natur nothwendiges, sondern ein durch Gesetz, Uebereinkunft, Gewoͤhnung Ange- nommenes und Festgestelltes. Nach Stobaͤus . Democritus sagt, die Farbe sey Nichts an sich. Die Elemente, das Volle und das Leere haͤtten (zwar) Eigenschaften; aber das aus ihnen Zusammengesetzte erhalte Farbe (erst) durch Ordnung, Gestalt und Lage oder Richtung: denn darnach fielen die Erscheinungen aus. Dieser Farbe seyen vier Veschiedenheiten, weiß, schwarz, roth und gelb. Democritus und Epicurus nach Plutarch . Democritus und Epicurus sagen, das Sehen ge- schehe dadurch, daß Bilder von den Gegenstaͤnden sich absondern und ins Auge kommen. Die katoptrischen Erscheinungen geschehen durch Zuruͤckwerfung von Bildern, welche von uns ausge- hen und sich auf dem Spiegel vereinigen. Epicurus nach Plutarch . Epicur im zweyten Buche gegen Theophrast laͤug- net, daß Farben den Koͤrpern inwohnen, und behauptet vielmehr, sie entstaͤnden durch gewisse Stellungen und Lagen der Koͤrper gegen das Gesicht; und auf diese Weise koͤnne ein Koͤrper eben so wenig farblos seyn, als Farbe haben. Weiter vorn schreibt er also: Auch davon abgesehen, weiß ich nicht, wie man sagen koͤnne, daß Koͤrper in der Finsterniß auch Farbe haͤtten. Nach Diogenes Laertius . Die Farbe veraͤndre sich nach der Lage der Atomen. Zeno, der Stoiker , nach Plutarch . Die Farben seyen die ersten Schematismen der Materie. Chrysippus nach Plutarch . Nach Chrysippus Meynung geschieht das Sehen, indem die Luft zwischen dem Gegenstande und uns sich erstreckt, getroffen von dem zum Sehen bestimmten Pneuma, das von der Seele aus bis in die Pupille dringt, und nach der Beruͤhrung der aͤußern Luft sich in Gestalt eines Kegels hinerstreckt. Es ergießen sich aber aus dem Auge feurige Strahlen, nicht schwarze oder neblichte; daher wir die Finsterniß sehen koͤnnen. Nach Diogenes Laertius . Das Sehen geschieht, wenn das Licht, welches zwischen dem Gesicht und dem Gegenstande ist, sich in konischer Gestalt hinerstreckt. Die Spitze des Luftke- gels entsteht am Auge und die Basis an dem was ge- sehen wird; und so, indem die Luft wie ein Stab sich hinerstreckt, kuͤndigt sich das Gesehene an. Pyrrhonier nach Diogenes Laertius . Nichts erscheint rein und an sich, sondern mit Luft und Licht, mit Fluͤssigem und Festem, mit Waͤrme und Kaͤlte, Bewegung, Verdunstung und andern Ei- genschaften. Der Purpur z. B. zeigt eine andre Farbe in der Sonne, eine andre bey Mond- und Lampenlicht. Unsre eigene Farbe ist anders um Mittag, und so auch der Sonne. Durch Lage, Ort und Entfernung erscheint Großes klein, Eckiges rund, Ebenes uneben; Gerades erscheint gebrochen, das Bleiche anders gefaͤrbt. Berge erscheinen von fern luftartig und glatt, in der Naͤhe rauh; der nehmliche Koͤrper im schattigen Hain anders als im Freyen; der Hals der Taube, je nachdem sie ihn wendet. Plato . Uebrigens giebt es noch eine vierte Art Empfindbares, die wir abzuhandeln haben, welche aus vielen Man- nigfaltigkeiten besteht. Diese werden von uns saͤmmt- lich Farben genannt, eine Flamme, die von jedem Koͤrper ausfließt und solche Theile hat, die sich zum Sinn des Gesichts dergestalt verhalten, daß sie von ihm empfunden werden koͤnnen. Was das Gesicht betrifft, von dessen Ursprung haben wir oben geredet, und nun ziemt es sich auch die Farben kuͤrzlich abzuhandeln. Was von jenen Theilen dergestalt herangebracht wird, daß es ins Gesicht faͤllt, ist entweder kleiner oder groͤßer als die Theile des Gesichts, oder ihnen voͤllig gleich. Das Gleiche wird nicht empfunden, deßhalb wir es durchsichtig nennen. Durch das Kleine hingegen wird das Gesicht gesammelt, durch das Groͤßere entbun- den, und beyde sind mit dem Warmen und Kalten das auf die Haut, mit dem Sauern das auf die Zunge wirkt, mit dem Hitzigen das wir auch bitter nennen, verschwistert. Durch Schwarz und Weiß entstehen eben solche Wir- kungen, aber als Erscheinungen fuͤr einen andern Sinn, jedoch aus denselben Ursachen. Daher laͤßt sich behaupten: durch das Weiße werde das Gesicht entbunden, durch das Schwarze hingegen gesammelt. Ein lebhafter Trieb aber und eine Art andern Feuers dringt von innen gegen die Augen und entbindet gleichfalls das Gesicht, und indem er die Gaͤnge der Augaͤpfel mit Gewalt durchdringt und schmelzt, wird ein feuriges Wasser haͤufig vergossen, das wir Thraͤne heißen. Jener Trieb aber ist ein Feuer das dem aͤußern begegnet. Wenn nun das innere Feuer herausstuͤrzt wie ein Blitzstrahl, indem das aͤußre eindringt und in der Feuch- tigkeit verlischt, werden wir durch die bey solcher gegen- seitigen Wirkung entstandenen Farben geblendet , und dasjenige, wovon sich die Wirkung herschreibt, nennen wir leuchtend oder glaͤnzend . Eine mittlere Art Feuer hingegen, die zu der Augen- feuchte gelangt und sich damit verbindet, bringt zwar keinen Glanz hervor; weil jedoch die Feuchtigkeit sich mit dem Leuchten des Feuers vereinigt, entsteht eine Blutfarbe, welche man Roth nennt. Das Leuchtende ferner mit Roth und Weiß ver- mischt erzeugt das Gelbe . Nach welchem Maße aber solches entstehe, wuͤrde Jemand, selbst wenn er es verstuͤnde, zu sagen nicht unternehmen, weil er weder das Nothwendige noch das Wahrscheinliche davon einigermaßen auszufuͤhren im Stande waͤre. Roth mit Schwarz und Weiß vermischt giebt die Purpurfarbe . Wenn diese Mischung eine Verbrennung erleidet, so daß das Schwarze uͤberwiegend wird, entsteht das Orphnion (ein leuchtend feurig Schwarz). Das Braunrothe entsteht, wenn Gelb und Grau, das Graue hingegen, wenn Weiß und Schwarz ge- mischt werden. Aus Weiß und Gelb entsteht das Balsse (Gelb). Wenn das Glaͤnzende mit dem Weißen zusammen- tritt und auf reines Schwarz faͤllt, dann wird die blaue Farbe vollendet. Blau mit Weiß macht Hellblau . Braunroth und Schwarz Lauchfarbe . Hieraus sind denn auch die uͤbrigen gewissermaßen offenbar und durch was fuͤr aͤhnliche Mischungen sie hervorgebracht werden. Aristoteles . Anzunehmen, daß die blauen Augen feuerhaft sind, wie Empedocles sagt, die schwarzen aber mehr Wasser als Feuer haben und dieserwegen am Tage nicht scharf sehen aus Mangel des Wassers, die andern aber des Nachts aus Mangel des Feuers, ist irrig; sin- temal nicht des Feuers das Auge ist, sondern des Wassers. Außerdem laͤßt sich die Ursache der Farben noch auf eine andre Weise angeben. Waͤre das Auge Feuer, wie Empedocles behauptet, und im Timaͤus geschrieben steht, und geschaͤhe das Sehen, indem das Licht, wie aus einer Laterne, (aus den Augen) herausgehe; warum in der Finsterniß sieht nicht das Auge? Daß es ausgeloͤscht werde im Fin- stern, wenn es herauskomme, wie der Timaͤus sagt, ist durchaus nichtig. Denn was heißt Ausloͤschung des Lichtes? Geloͤscht wird im Nassen oder im Kalten das Warme (Heiße) und Trockne; dergleichen in dem Koh- lichten das Feuer zu seyn scheint und die Flamme. Keins von beyden aber scheint dem Augenlicht zu Grunde zu liegen. Laͤgen sie aber auch, und nur, wegen der We- nigkeit, auf eine uns verborgne Weise; so muͤßte taͤg- lich auch vom Wasser das Augenlicht ausgeloͤscht werden, und im Frost zumeist muͤßte Finsterniß entstehen, wie wenigstens mit der Flamme und brennenden Koͤr- pern geschieht. Nun aber geschieht nichts dergleichen. Empedocles nun scheint einmal zu behaupten, indem das Licht herausgehe, saͤhen wir, ein andermal wieder durch Aus- oder Abfluͤsse von den gesehenen Gegenstaͤnden. Democritus hingegen, so fern er behauptet das Auge sey Wasser, hat Recht; so fern er aber meint, daß Sehen sey eine Emphasis (Spiegelung), hat er Unrecht. Denn dieß geschieht, weil das Auge glatt ist, und eine Emphasis findet nicht statt im Gegenstande, sondern im Sehenden: denn der Zustand ist eine Zuruͤckwerfung. Doch uͤber die Emphaͤnomena und uͤber die Zuruͤckwer- fung hatte er, wie es scheint, keine deutlichen Begriffe. Sonderbar ist es auch, daß ihm nicht die Frage aufstieß: warum das Auge allein sieht, die andern Dinge, worin die Bilder sich spiegeln, aber nicht. Daß nun das Auge Wasser sey, darin hat er Recht. Das Sehen aber ge- schieht nicht, in so fern das Auge Wasser ist, sondern in so fern das Wasser durchsichtig ist, welche Eigen- schaft es mit der Luft gemein hat. Democritus aber und die meisten Physiologen, die von der Wahrnehmung des Sinnes handeln, behaupten etwas ganz unstatthaftes. Denn alles Empfindbare machen sie zu etwas Fuͤhlbarem; da doch, wenn dem so waͤre, in die Augen faͤllt, daß auch alle uͤbrigen Empfindungen ein Fuͤhlen seyn muͤßten; welches, wie leicht einzusehen, unmoͤglich. Ferner machen sie, was allen Wahrnehmungen der Sinne gemeinschaftlich ist, zu einem Eigenthuͤmlichen. Denn Groͤße und Gestalt, Rauhes und Glattes, Scharfes und Stumpfes an den Massen sind etwas allen Sinneswahrnehmungen gemei- nes, oder wenn nicht allen, doch dem Gesichte und Gefuͤhl. Darum taͤuschen diese beyden Sinne sich zwar hieruͤber, nicht aber uͤber das jedem eigenthuͤmliche, z. E. das Gesicht nicht uͤber die Farbe, das Gehoͤr nicht uͤber den Schall. Jene Physiologen aber werfen das Eigenthuͤmliche mit dem Gemeinschaftlichen zusam- men, wie Democritus. Vom Weißen nehmlich und Schwarzen behauptet er, dieses sey rauh und jenes glatt. Auch die Geschmaͤcke bringt er auf Gestalten zu- ruͤck. Wiewohl es des Gesichtes mehr als jedes andern Sinnes Eigenschaft ist, das Gemeinsame zu erkennen. Sollte es nun mehr des Geschmackes Sache seyn; so muͤßte, da das kleinste in jeglicher Art zu unterscheiden, dem schaͤrfsten Sinne angehoͤrt, der Geschmack zumeist das uͤbrige gemeinsame empfinden und uͤber die Gestalt der vollkommenste Richter seyn. Ferner alles Empfind- bare hat Gegensaͤtze, z. E. in der Farbe, ist dem Schwarzen das Weiße, im Geschmack, das Suͤße dem Bittern entgegen; Gestalt aber scheint kein Gegensatz von Gestalt zu seyn. Denn welchem Eck steht der Zirkel entgegen? Ferner da die Gestalten unendlich sind, muͤß- ten auch die Geschmaͤcke unendlich seyn: denn warum sollte man von den schmeckbaren Dingen einige empfin- den, andre aber nicht? — Sichtbar ist, wessen allein das Gesicht ist. Sicht- bar ist aber die Farbe und etwas das sich zwar be- schreiben laͤßt, aber keinen eigenen Nahmen hat. Was wir meynen, soll weiterhin klar werden. Das Sichtbare nun, von dem wir reden, ist einmal die Farbe. Diese aber ist das, was an dem an sich Sichtbaren sich befindet. An sich sichtbar ist, was es nicht (τῷ λόγῳ) durch Be- zug auf ein anderes ist, sondern den Grund des Sicht- barseyns in sich hat. Alle Farbe aber ist ein Erregendes des actu Durchsichtigen. Und dieß ist seine Natur. Da- her ist ohne Licht Farbe nicht sichtbar, sondern jede Farbe ist durchaus nur im Lichte sichtbar. Daher muͤssen wir zuerst sagen, was das Licht ist. Es giebt ein Durchsichtiges (διαφανές). Durch- sichtig nenn’ ich, was zwar sichtbar ist, aber nicht sichtbar an sich, sondern durch eine andre Farbe. Von der Art ist die Luft, das Wasser und mehrere feste Koͤrper. Denn nicht in so fern sie Wasser und in so fern sie Luft, sind sie durchsichtig; sondern weil eine solche Natur in ihnen ist. Licht nun ist der actus dieses Durchsichtigen, als Durchsichtigen. Worin es sich nur potentia befindet, das kann auch Finsterniß seyn. Licht ist aber gleichsam die Farbe des Durchsichtigen, wann es actu durchsich- tig ist, es sey durchs Feuer oder durch das hoͤchste und letzte Element. Was nun das Durchsichtige und was das Licht sey, ist gesagt, daß es nicht Feuer sey, noch uͤberhaupt ein Koͤrper, noch der Ausfluß irgend eines Koͤrpers: denn auch so wuͤrde es ein Koͤrper seyn; sondern Feuers oder eines Andern dergleichen Anwesen- heit in dem Durchsichtigen. Denn zwey Koͤrper koͤnnen nicht zugleich in Einem seyn. Das Licht ferner scheint der Gegensatz von Finsterniß. Finsterniß scheint der Mangel einer dergleichen ἕξις in dem Durchsichtigen. Wie daraus erhellt, daß die Anwesenheit desselben das Licht ist. Daher Empedocles, und wer sonst, nicht recht hat zu behaupten, das Licht verbreite sich und komme zwischen die Erde und ihre Umgebung, ohne daß wir es merkten. Denn dieß ist gegen alle Principien, und gegen die Erscheinung. In einem kleinen Raume koͤnnte es unbemerkt bleiben; aber vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang ist die Foderung zu groß. Der Farbe nun empfaͤnglich ist das Farblose, wie des Schalls das Schalllose. Farblos ist das Durch- sichtige und Unsichtliche, oder das kaum Sichtbare, der- gleichen das Finstere zu seyn scheint. Dergleichen also ist das Durchsichtige, aber nicht wenn es actu durch- sichtig ist, sondern, wenn es potentia . Denn das ist seine Natur, daß es bald Licht bald Finsterniß ist. Nicht alles aber ist sichtbar im Licht: sondern nur eines jeden eigenthuͤmliche Farbe. Denn einiges wird nicht gesehen im Licht, aber in der Finsterniß giebt es Em- pfindung, z. E. das Feurige und Leuchtende. Diese Dinge lassen sich mit einem Worte nicht benennen, z. E. die Schnuppe am Licht, Horn, die Koͤpfe der Fische und Schuppen und Augen. An keinem von diesen Dingen wird die eigenthuͤmliche Farbe geschaut; wo- durch sie aber nun sichtbar werden, ist eine andre Un- tersuchung. Soviel ist allbereits klar, daß das im Licht ge- sehene, Farbe ist; daher wird sie nicht ohne Licht ge- sehen. Denn das ist das Wesen der Farbe, daß es das Erregende des actu Durchsichtigen ist. Der actus des Durchsichtigen aber ist das Licht. Ein offenbarer Beweis davon ist: Wenn jemand etwas Farbiges auf das Auge selbst legt, so sieht er es nicht; sondern die Farbe erregt das Durchsichtige, die Luft; von dieser aber, die ein continuum ist, wird das Gesichtsorgan erregt. Daher hat Democritus unrecht, zu glauben, wenn der Zwischenraum leer waͤre, so wuͤrde man auch eine Ameise am Himmel genau sehen koͤnnen. Denn dieß ist unmoͤglich. Denn nur dadurch, daß das Gesichts- organ etwas erleidet, geschieht das Sehen. Von der gesehenen Farbe selbst kann jenes nicht erfolgen; es bleibt also nur uͤbrig, daß es von dem, was zwischen ist (dem Medium), geschehe. Darum muß nothwendig etwas zwischen seyn. Waͤre der Zwischenraum leer, so wuͤrde die Ameise nicht nur nicht genau, sondern ganz und gar nicht gesehen werden koͤnnen. Warum nun die Farbe nothwendig im Licht gese- hen werden muß, ist gesagt. Das Feuer aber wird in beyden gesehen, im Licht und in der Finsterniß; und dieß nothwendiger Weise. Denn das Durchsichtige wird dadurch durchsichtig. Dieselbe Bewandniß hat es mit dem Schall und mit dem Geruch. Denn keins von beyden, wenn es unmittelbar das Organ beruͤhrt, bringt eine Empfindung hervor; sondern von Geruch und Schall muß zuvor das Medium bewegt werden, und durch dieses erst das Organ fuͤr Beyde. Wenn Jemand unmittelbar an das Organ ein Schallendes oder Riechendes bringt; so entsteht durch- aus keine Empsindung . Auf gleiche Weise verhaͤlt es sich mit dem Gefuͤhl (tactus) und Geschmack, nur faͤllt es da nicht so in die Augen. Das Medium fuͤr den Schall, ist die Luft, fuͤr das Riechende, etwas das keinen Nahmen hat. Denn so wie das Durchsich- tige fuͤr die Farbe eine gemeinschaftliche Affection des Wassers und der Luft ist; so giebt es eine andre ge- meinschaftliche Affection in beyden, dem Wasser und der Luft, fuͤr das Riechende. Es scheinen nehmlich die im Wasser lebenden Thiere eine Empfindung des Geruchs zu haben; aber der Mensch, und andre Land- thiere, welche athmen, koͤnnen nicht riechen ohne zu athmen. Licht ist des Durchsichtigen Farbe per accidens: denn die Gegenwart eines Feuerartigen im Durchsich- tigen ist Licht, die Abwesenheit, Finsterniß. Was wir durchsichtig nennen, ist weder der Luft, noch dem Wasser, noch einem der Elemente besonders eigen; sondern es ist eine gemeinsame Natur und Ei- genschaft, die abgesondert zwar nicht ist, aber in ihnen befindet sie sich und wohnt einem Koͤrper mehr, andern weniger bey. So wie nun der Koͤrper ein Aeußerstes haben muß, so auch das Durchsichtige. Die Natur des Lichts ist nun in einem unbegraͤnzten (ἀορίστῳ) Durchsichtigen. Daß nun das Durch- sichtige in den Koͤrpern ein Aeußerstes haben muß, ist allen einleuchtend; daß dieses aber die Farbe sey, ist aus den Vordersaͤtzen ergeblich. Denn die Farbe ist entweder in der Graͤnze, oder selbst die Graͤnze. II. 2 Daher nannten auch die Pythagoreer die Oberflaͤche Farbe. Nun ist aber die Farbe in der Graͤnze des Koͤrpers und nicht selbst die Graͤnze; sondern dieselbe faͤrbende Natur, die man außen annimmt, muß man auch innerhalb annehmen. Luft und Wasser erscheinen gefaͤrbt: denn ihr Aussehen (αὐγή) ist ein solches. Aber weil dort die Farbe in einem Unbegraͤnzten ist, zeigen beyde in der Naͤhe und in der Ferne nicht einerley Farbe. In (festen) Koͤrpern aber ist die Erscheinung der Farbe eine bestimmte, wenn nicht etwa das, was den Koͤr- per einschließt, eine Veraͤnderung hervorbringt. Es ist also klar, daß ein und dasselbe der Farbe Em- pfaͤngliche, so wohl dort als hier statt findet. Das Durchsichtige also, in so fern es den Koͤrpern in- wohnt, und das ist mehr oder weniger der Fall, macht sie alle der Farbe faͤhig oder theilhaft. Da nun die Farbe in der Graͤnze des Koͤrpers ist, so ist sie auch in der Graͤnze des Durchsichtigen, so daß also Farbe die Graͤnze des Durchsichtigen an dem begraͤnzten Koͤrper waͤre. Den durchsichtigen Koͤrpern selbst, als dem Wasser und was sonst der Art ist, und was eine eigene Farbe hat, diesen allen wohnt sie bey im Aeußersten. In dem Durchsichtigen nun ist dasjenige, wodurch auch in der Luft das Licht hervorgebracht wird, bald wirklich vorhanden, bald nicht, sondern entnommen. So wie nun dort bald Licht, bald Finsterniß statt findet, so ist auch in den Koͤrpern Weiß und Schwarz. Von den andern Farben ist nun zu handeln, auf wie vielerley Art sie entstehen. Einmal koͤnnen sie so entstehen, daß wenn Schwarz und Weiß neben ein- ander liegen, eins wie das andre aber wegen ihrer Kleinheit unsichtbar sind, dennoch Etwas aus ihnen ent- springe, welches sichtbar wird. Dieses kann nun we- der schwarz, noch auch weiß seyn; da es aber doch eine Farbe seyn muß, so muß sie eine gemischte seyn und einen andern Anblick gewaͤhren. Auf diese Weise koͤnnen nun sehr viele Farben, außer dem Weißen und Schwarzen, entstehen. Einige durch Verhaͤltnisse, indem sie wie drey zu zwey, drey zu viere und so fort in andern Portionen neben einan- der liegen. Andre hingegen nicht durch Zahlenverhaͤlt- nisse, sondern durch ein ineommensurables Plus oder Minus. So koͤnnen sie sich verhalten z. E. wie die Consonanzen in der Musik, daß nehmlich die Farben von den leichtesten Zahlenverhaͤltnissen, gerade wie die Consonanzen, als die angenehmsten erschienen, z. B. Violett und Roth, und einige andre dergleichen. Daher auch nur wenige Consonanzen sind. Andre ferner, die nicht in solchen Verhaͤltnissen bestehen, wuͤrden die uͤbri- gen Farben ausmachen. Oder auch, alle Farben, so- wohl die in einer Ordnung als die in keiner bestehen, beruhten auf Zahlenverhaͤltnissen, und selbst diese, wenn sie nicht rein sind, weil sie auf keinem Zahlenverhaͤlt- niß beruhen, muͤßten es dennoch werden. Dieß ist nun Eine Art der Farbenentstehung. Eine andre Art ist, wenn sie durch einander erscheinen; wie z. B. die Maler thun, daß sie eine Farbe uͤber eine 2 * andre mehr energische herstreichen, wenn sie etwas als in Luft oder Wasser befindlich vorstellen wollen; oder wie die Sonne, die an sich weiß erscheint, durch Ne- bel und Rauch gesehen aber roth. Auf diese Weise koͤnnen viele Farben entstehen, daß nehmlich eine gegen- seitige Bedingung der oben und der unten befindlichen Farbe statt findet. Andre koͤnnen gaͤnzlich ohne die- selbe entstehen. Zu behaupten, wie die Alten sagen, die Farben seyen Ausfluͤsse und das Sehen geschaͤhe aus dieser Ursache, ist ganz unstatthaft. Denn alsdann muͤssen sie die Em- pfindung von allem andern durch Beruͤhren entstehen lassen. Viel besser ist es daher zu sagen, durch die Bewegung des Mediums zwischen dem Organ und dem Empfindbaren geschehe die Empfindung, als durch Aus- fluͤsse und Beruͤhren. Bey Nebeneinanderliegendem muß man, wie man eine unsichtliche Groͤße annimmt, auch eine unmerkliche Zeit annehmen, damit wir die ankommenden Bewe- gungen nicht bemerken, und der Gegenstand Eins scheine, weil er zugleich erscheint. Aber bey der Farbe ist das nicht nothwendig. Denn die uͤber einer andern liegende Farbe, sie mag von der untern bewegt werden oder nicht, bringt doch keine gleichen Eindruͤcke hervor. Darum erscheint sie als eine andre Farbe und nicht weder als weiß noch als schwarz. Daher, wenn auch keine unsichtliche Groͤße, sondern alles in einer gewissen Entfernung sichtbar waͤre, wuͤrde auch so noch eine Mischung der Farbe statt finden, und nichts uns hin- dern, auch in der Entfernung eine gemeinschaftliche Farbe wahrzunehmen. Wenn nun eine Mischung der Koͤrper statt findet, so geschieht es nicht blos auf die Weise, wie Einige sich die Sache vorstellen, daß nehmlich kleinste Theile neben einander liegen, die uns unbemerklich sind; son- dern auch so, daß die Mischung uͤberall und durchweg sey. Denn auf jene Weise mischt sich nur, was sich in die kleinsten Theile zerlegen laͤßt, wie Menschen, Pferde, Samenkoͤrner. Denn von einer Menge Men- schen ist ein Mensch der kleinste Theil, von Pferden, ein Pferd; so daß aus Zusammenstellung beyder die Menge beyder gemischt ist. Von einem Menschen und einem Pferde kann man nicht sagen, daß sie gemischt sind. Was sich nun nicht in die kleinsten Theile zerlegen laͤßt, bey dem findet keine Mischung auf diese Art statt; sondern auf die Art, daß alles durchaus und aller Orten gemischt sey, was sich be- sonders zu einer solchen Mischung eignet. Daß nun wie jenes sich mischt, auch die Farben sich mischen, ist klar, und daß dieses die Hauptursache der Verschiedenheit der Farben sey und nicht das Ueber- und Nebeneinanderliegen derselben. Denn nicht etwa in der Ferne blos und in der Naͤhe nicht, zeigen ver- mischte Dinge einerley Farbe, sondern in jedem Standpunct. Viele Farben werden sich ergeben, weil viele Ver- haͤltnisse moͤglich sind, in denen das Gemischte sich mischt. Einige beruhen auf Zahlen, andere blos auf einem Uebermaaß; andere endlich auf derselben Weise, wie bey uͤber- oder nebeneinander liegenden Farben geschieht. Wie die Farben aus der Mischung des Weißen und Schwarzen entstehen, so auch die Geschmaͤcke aus der des Suͤßen und Bittern; und zwar nach Verhaͤlt- niß des Mehr oder Weniger, es sey der Zahl nach, oder der Bewegung, oder unbestimmt. Die angeneh- men Geschmaͤcke beruhen auf dem Zahlenverhaͤltniß. Der fette Geschmack gehoͤrt zu dem suͤßen; der salzige und bittre sind beynahe eins. Der beißende, herbe, zusammenziehende und saure fallen dazwischen. Schier wie die Arten des Geschmacks verhalten sich auch die Species der Farben. Denn beyder sind sieben; wenn man, wie billig, das φαιὸν zum Schwarzen rechnet. Daraus folgt, daß das Gelbe zum Weißen gehoͤre, wie das Fette zum Suͤßen. Das Rothe, Violette, Gruͤne und Blaue liegt zwischen dem Weißen und Schwarzen. Die uͤbrigen sind aus diesen gemischt. Und wie das Schwarze eine Beraubung des Weißen im Durchsichti- gen; so ist das Salzige und Bittre eine Beraubung des Suͤßen in dem naͤhrenden Feuchten. Darum ist die Asche aller verbrannten Koͤrper bitter: denn das Trinkbare ist ihr entzogen. Die empfindbaren Dinge geben uns durch einen jeglichen Sinn eine Empfindung, und dieser durch die- selben in uns entstehende Zustand dauert nicht blos so lange die Sinne eben thaͤtig sind, sondern auch wenn sie aufhoͤren. Wenn wir anhaltend einer Sinnesem- pfindung uns hingeben, und nun den Sinn auf einen andern Gegenstand uͤbertragen; so begleitet ihn der erste Zustand mit hinuͤber, z. E. wenn man aus der Sonne ins Dunkle geht. Dann sieht man nichts, we- gen des in den Augen fortdauernden Lichteindrucks. Auch wenn wir auf eine Farbe, weiß oder gruͤn, lange hingeschaut haben, so erscheint uns etwas der- gleichen, wohin wir auch den Blick wenden moͤgen. Auch sobald wir in die Sonne, oder auf einen andern hellen Gegenstand gesehen haben, und die Augen schließen, erscheint, wenn wir in der geraden Rich- tung, worin wir sehen, beobachten, zufoͤrderst etwas dergleichen an Farbe: dann verwandelt es sich in Roth, dann in Purpur, bis es zuletzt ins Schwarze uͤbergeht und verschwindet. Theophrast oder vielmehr Aristoteles von den Farben . I. Von den einfachen Farben ‒ ‒ 1—14. II. Von den mittlern oder gemischten ‒ 15—16. III. Von der Unbestimmbarkeit der Farben ‒ 27—37. IV. Von den kuͤnstlichen Farben ‒ ‒ 38. V. Von der Veraͤnderung der Farben an den Pflan- zen durch organische Kochung ‒ ‒ 39—62. VI. Von den Farben der Haare, Federn und Haͤute 63—82. I. Von den einfachen Farben, weiß, gelb und schwarz. 1. Einfache Farben sind diejenigen, welche die Ele- mente begleiten, das Feuer, die Luft, das Wasser und die Erde. Die Luft und das Wasser sind ihrer Natur nach weiß, das Feuer und die Sonne aber gelb. Die Erde ist urspruͤnglich gleichfalls weiß, aber wegen der Tingirung erscheint sie vielfaͤrbig. Dieses wird offen- bar an der Asche; denn sobald nur die Feuchtigkeit ausgebrannt ist, welche die Tinctur verursachte, so wird der Ueberrest weiß, nicht aber voͤllig; denn etwas wird wieder von dem Rauch gefaͤrbt, welcher schwarz ist. Deswegen wird auch die Lauge gelb, weil etwas Flammenartiges und Schwarzes das Wasser faͤrbt. 2. Die schwarze Farbe begleitet die Elemente, wenn sie in einander uͤbergehen. 3. Die uͤbrigen Farben aber entstehen, wenn sich jene einfachen vermischen und wechselseitig temperiren. 4. Die Finsterniß entsteht, wenn das Licht mangelt. 5. Schwarz erscheint uns auf dreyerley Weise: denn, erstens, was durchaus nicht gesehen wird, wenn man den umgebenden Raum sieht, erscheint uns als schwarz, so auch, zweytens, dasjenige, wovon gar kein Licht in das Auge kommt. Drittens nennen wir aber auch solche Koͤrper schwarz, von denen ein schwaches und ge- ringes Licht zuruͤckgeworfen wird. 6. Deswegen halten wir auch die Schatten fuͤr schwarz. 7. Ingleichen das Wasser, wenn es rauh wird, wie das Meer im Sturm. Denn da von der rauhen Ober- flaͤche wenig Lichtstrahlen zuruͤckgeworfen werden, viel- mehr das Licht sich zerstreut, so erscheint das Schattige schwarz. 8. Durchsichtige Koͤrper, wenn sie sehr dick sind, z. B. die Wolken, lassen kein Licht durch und erschei- nen schwarz. Auch strahlt, wenn sie eine große Tiefe haben, aus Wasser und Luft kein Licht zuruͤck, daher die mittlern Raͤume schwarz und finster erscheinen. 9. Daß aber die Finsterniß keine Farbe sey, sondern eine Beraubung des Lichts, dieses ist nicht schwer aus verschiedenen Umstaͤnden einzusehen; am meisten aber daher: daß sich nicht empfinden laͤßt, wie groß und von welcher Art das Gebilde derselben sey, wie es sich doch bey andern sichtbaren Dingen verhaͤlt. 10. Daß aber das Licht zugleich die Farbe des Feuers sey, ist daraus deutlich, weil man an diesem keine an- dere Farbe findet und weil es durch sich allein sichtbar ist, so wie es alles uͤbrige sichtbar macht. 11. Das Gleiche gilt von einigem, was weder Feuer, noch feuerartig ist, und doch Licht von sich zu geben scheint. 12. Die schwarze Farbe aber entsteht, wenn Luft und Wasser vom Feuer verbrannt werden, deswegen alles angebrannte schwarz wird, wie z. B. Holz und Koh- len, nach ausgeloͤschtem Feuer. Ja sogar der Rauch, der aus dem Ziegel aufsteigt, ist schwarz, indem die Feuchtigkeit, welche im Ziegel war, sich absondert und verbrennt. 13. Deswegen auch der Rauch am schwaͤrzesten ist, der von Fett und harzigen Dingen aufsteigt, als von Oel, Pech und Kien; weil diese am heftigsten bren- nen und von gedraͤngter Natur sind. 14. Woran aber Wasser herfließt, auch dieses wird schwarz; denn hierdurch entsteht etwas moosartiges, des- sen Feuchtigkeit sodann austrocknet und einen schwaͤrz- lichen Ueberzug zuruͤck laͤßt, wie man am Bewurf der Waͤnde, nicht weniger an Steinen, welche im Bache liegen, sehen kann. Und so viel war von den einfachen Farben zu sagen. II. Von den mittlern oder gemischten Farben. 15. Diejenigen Farben, welche aus der Mischung (ϰρἀσις) der vorhergehenden, oder durch das Mehr und Weniger entstehen, sind viel und mannigfaltig. Durchs Mehr und Weniger erzeugen sich die Stufen zwischen dem Scharlach und Purpur; durch die Mi- schung aber, z. B. des Schwarzen und Weißen, ent- steht das Grau. 16. Auch wenn wir das Schwarze und Schattige mit dem Licht, welches von der Sonne oder dem Feuer her scheint, vermischen, so entsteht ein Gelbroth; in- gleichen wird das Schwarze, das sich entzuͤndet, roth, z. B. rauchende Flamme und gluͤhende Kohlen. 17. Eine lebhafte und glaͤnzende Purpurfarbe aber er- scheint, wenn, mit maͤßigem und schattigem Weiß, schwache Sonnenstrahlen temperirt werden. 18. Deswegen auch, um die Gegend des Aufgangs und Untergangs, wenn die Sonne dahin tritt, die Luft purpurfarb aussieht; denn die schwachen Strahlen fallen alsdann meistentheils in die schattige Atmo- sphaͤre. 19. Auch das Meer erscheint purpuraͤhnlich, wenn die erregten Wellen beym Niederbeugen beschattet werden, indem die Sonnenstrahlen nur schwach in die Biegung einfallen koͤnnen. 20. Ein gleiches erblicken wir auch auf den Federn, denn wenn sie in einem gewissen Sinne gegen das Licht ausgebreitet werden, so haben sie eine Purpur- farbe, wenn aber weniger Licht einfaͤllt, eine dunkle, die man orphninos nennt. 21. Wird aber das Licht, durch ein haͤufiges und rei- nes Schwarz, gemaͤßigt, so erscheint ein Gelbroth, das, so wie es lebhaft wird und leuchtet, in Flam- menfarbe uͤbergeht. 22. Diese Erscheinungen koͤnnen wir daher als die wechselseitigen Wirkungen des gewissermaßen verkoͤr- perten Schwarzen und Weißen von der einen, und des Lichts von der andern Seite, recht wohl annehmen, ohne zu behaupten, daß gedachte Farben immer auf dieselbe Weise entstehen muͤssen. 23. Denn es ist bey den Farben nicht allein das ein- fache Verhaͤltniß zu betrachten, sondern es giebt auch zusammengesetzte, die sich verhalten wie die einfachen; jedoch, da ihre Mischungen einigen Spielraum haben, nicht eben eine entschiedene, voraus zu sagende Wir- kung hervorbringen. 24. Wenn wir z. B. von der Entstehung der blau- oder gelbrothen Farbe sprechen, so muͤssen wir auch die Erzeugung solcher Farben angeben, die aus diesen ge- mischt werden und eine ganz verschiedene Erscheinung verursachen, und zwar sollen wir immer aus den an- gezeigten Grundsaͤtzen folgern. So erzeugt sich die Weinfarbe, wenn mit reinem und leuchtendem Schwarz sich lichte Strahlen verbinden. Dies geschieht auch koͤrperlich an den Weinbeeren; denn indem sie reifen, sind sie von weinhafter Farbe, wenn sie sich aber schwaͤrzen, so geht das Gelbrothe ins Blaurothe hin- uͤber. 25. Nun muß man aber auf die angezeigte Weise alle Verschiedenheit der Farben betrachten, welche bey man- nigfaltiger Bewegung sich doch selber aͤhnlich bleiben, je nachdem ihre Mischung beschaffen ist; und so wer- den wir uns von den Ursachen der Erscheinung, wel- che sie sowohl beym Entstehen, als beym wechselseiti- gen Wirken hervorbringen, voͤllig uͤberzeugen. Allein man muß die Betrachtung hieruͤber nicht anstellen, in- dem man die Farben vermischt, wie der Maler, son- dern indem man, wie vorgesagt, die zuruͤckgeworfe- nen Strahlen auf einander wirken laͤßt, denn auf die- se Weise kann man am besten die Verschiedenheiten der Farben betrachten. Als Beweise aber muß man die einfacheren Faͤlle aufzusuchen verstehen, in welchen man den Ursprung der Farben deutlich erkennt; deshalb muß man besonders das Licht der Sonne, Feuer, Luft und Wasser vor Augen haben; denn, indem diese mehr oder weniger auf einander wirken, vollenden sie, kann man sagen, alle Farben. Ferner muß man nach der Aehn- lichkeit anderer, mehr koͤrperlichen, Farben sehen, wel- che sich mit leuchtenden Strahlen vermischen. So bringen z. B. Kohlen, Rauch, Rost, Schwefel, Fe- dern, indem sie theils von den Sonnenstrahlen, theils von dem Glanze des Feuers temperirt werden, viele und mannigfaltige Farbenveraͤnderungen hervor. 26. Auch ist zu betrachten, was durch (organische) Ko- chung in Pflanzen, Fruͤchten, Haaren, Federn und dergleichen bewirkt wird. III. Von der Unbestimmbarkeit der Farben. 27. Es darf uns aber nicht verborgen bleiben, woher das Vielfaͤltige und Unbestimmbare der Farben entstehe, indem wir finden, daß die Verbindung des Lichts und des Schattens sich ungleich und unregelmaͤßig ereigne. Beyde sind, durch das Mehr oder Weniger, gar sehr von einander unterschieden, daher sie, sowohl unter sich, als wenn sie mit den Farben vermischt werden, viele Farbenveraͤnderungen hervorbringen; theils weil das, was nun zusammen wirkt, an Menge und an Kraͤften sich nicht gleich ist, theils weil sie gegen ein- ander nicht dieselben Beziehungen haben. Und so ha- ben denn auch die Farben in sich viel Verschiedenhei- ten, das Blaurothe, so wie das Gelbrothe, ingleichen das Weiße und so auch die uͤbrigen, sowohl wegen des Mehr oder Weniger, als wegen wechselseitiger Mi- schung, oder Reinheit. 28. Denn es macht einen Unterschied, ob dasjenige, was zugemischt wird, leuchtend und glaͤnzend sey, oder im Gegentheil schmutzig und glanzlos. Das Glaͤnzende aber ist nichts anders als die Gedraͤngtheit und Dicht- heit des Lichtes. So entsteht die Goldfarbe, wenn das Gelbe und Sonnenhafte, verdichtet, stark leuchtet, deswegen auch die Haͤlse der Tauben und die Wasser- tropfen golden erscheinen, wenn das Licht zuruͤckgewor- fen wird. 29. Es giebt auch Koͤrper, welche, indem sie durch Reiben oder sonst eine Gewalt glatt werden, eine Ver- aͤnderung verschiedener Farben zeigen, wie abgeriebenes Silber, Gold, Erz und Eisen. 30. Auch bringen gewisse Steinarten mehrerley Farben hervor, z. B. (der Schiefer) der indem er schwarz ist, weiße Linien zieht. Bey solchen Koͤrpern sind die Ur- Theile klein, dicht und schwarz, das Gewebe des Steins aber ward, bey seiner Entstehung, mit allen seinen Gaͤngen, besonders gefaͤrbt, daher man auch aͤußerlich entweder diese oder jene Farbe sieht. Das vom Koͤrper Abgeriebene aber erscheint nicht mehr gold- oder kupferfarbig, noch auf irgend eine Weise gefaͤrbt, sondern ganz schwarz, weil das anders gefaͤrbte Ge- webe zerrissen ist und nun die uranfaͤngliche Natur der kleinsten Theile gesehen wird. Streicht man aber einen solchen Koͤrper an etwas Gleiches und Glattes, wie z. B. an einen Probier- stein, so kommt seine Urfarbe, die schwarze nehmlich, nicht zum Vorschein, sondern er zeigt die Farbe wo- mit sein Gewebe bey dessen erster Schichtung und Ver- bindung tingirt ward. 31. Unter den brennenden, im Feuer sich aufloͤsenden und schmelzenden Koͤrpern zeigen solche, deren Rauch duͤnn und luftartig ist, die verschiedensten Farben, wie der Schwefel und die rostenden Kupfergefaͤße; auch Koͤrper, welche dicht und glatt sind, wie das Silber. 32. Auch andere Koͤrper, welche schattige Farben zei- gen, sind gleichfalls glatt, wie z. B. das Wasser II. 3 und die Wolken und die Federn der Voͤgel; denn weil hier die Strahlen auf die Glaͤtte fallen, und bald so oder so temperirt werden, entstehen verschiedene Farben, wie auch durch die Finsterniß geschieht. 33. Keine Farbe sehen wir aber rein, wie sie ist, son- dern entweder durch den Einfluß fremder Farben, oder durch Licht und Schatten veraͤndert; wir moͤgen daher einen Koͤrper in den Sonnenstrahlen oder im Schat- ten sehen, bey starker oder schwacher Beleuchtung, bey der oder jener Neigung der Flaͤchen; immer wird die Farbe anders erscheinen. 34. Eben so geschieht es bey Feuer-, Monden- oder Lampenlicht; denn ein jedes von diesen hat eine eigene Farbe. Wenn sie nun mit der Farbe des Koͤrpers durch einander spielt, so entsteht die gemischte Farbe, die wir sehen. 35. Wenn das Licht auf irgend einen Koͤrper faͤllt und dadurch z. B. einen purpurnen oder gruͤnen Schein an- nimmt, von da aber auf einen andern Koͤrper geworfen wird und von der Farbe desselben abermals eine Ver- aͤnderung erleidet; so geschieht dieß zwar in der That, doch nicht fuͤr die Empfindung: denn das Licht kommt zum Auge von vielerley Farben getraͤnkt, aber nur die- jenige, welche vorzuͤglich wirkt, wird empfunden. So erscheint im Wasser alles wasserhaft, im Spiegel nach der Farbe des Spiegels, und wir koͤnnen vermuthen, daß es in der Luft auch also geschehe. 36. Wir finden also, daß alle gemischte Farben aus drey Urspruͤngen erzeugt werden, aus dem Licht, durch das Mittel, wodurch das Licht erscheint, als Wasser oder Luft, und sodann von den untergelegten Farben, von denen das Licht zuruͤck geworfen wird. 37. Das Weiße und Durchscheinende, wenn es sehr duͤnn ist, erscheint luftfaͤrbig, an allem Dichten aber erscheint eine gewisse Truͤbe, z. B. am Wasser, am Glas, an dunstiger Luft; denn wegen der Dichte nehmen die Strahlen uͤberall ab, und wir koͤnnen das, was in die- sen Mitteln ist, nicht deutlich erkennen. Die Luft, wenn wir sie nahe sehen, scheint keine Farbe zu haben, denn sie wird, weil sie duͤnn ist, von den Strahlen uͤberwunden und getheilt, indem diese maͤchtiger sind und durch sie hindurch scheinen. Wenn man aber die Luft in einiger Tiefe sieht, so erscheint sie, wenn sie noch duͤnn genug ist, blau; denn wo das Licht abnimmt, wird die Luft von der Finsterniß aufgefaßt und erscheint blau; verdichtet aber ist sie, wie das Wasser, ganz weiß. 3 * IV. Von kuͤnstlichen Farben . 38. Uebrigens was gefaͤrbt wird (vorausgesetzt daß es ganz weiß sey), empfaͤngt seine Farbe von dem Faͤrbenden. So wird vieles durch Blumen, Wurzeln, Rinden, Hoͤl- zer, Blaͤtter und Fruͤchte gefaͤrbt, sodann vieles mit Erde, Schaum und metallischen Tinten, auch mit thieri- schen Saͤften, wie das Blaurothe durch die Purpur- schnecke. Einiges wird mit Wein, einiges mit Rauch, mit Lauge, ja sogar durch das Meer gefaͤrbt, wie die Haare der Seeleute, denn diese werden roth, und uͤberhaupt mit allen Koͤrpern, welche eigene Farben ent- halten. Denn verbunden mit dem Feuchten und Warmen, dringen solche Farben in die Gaͤnge der Koͤrper ein, und wenn diese trocken sind, so haben sie die Farben sich zu- geeignet, ja man kann oͤfters die Farbe auswaschen, indem sie aus den Poren wieder ausfließt. Auch macht der Gebrauch zusammenziehender In- gredienzien beym Faͤrben großen Unterschied, sowohl der Mischung, als auch uͤberhaupt dessen, was die Koͤrper dabey erleiden. Man faͤrbt auch schwarze Felle; an diesen wird aber die Farbe nicht sonderlich scheinbar, indem sich zwar, sowohl die Farbe, als die innern Gaͤnge der Wolle einander wechselsweise aufnehmen, aber das Ge- webe der Haare selbst die Farbe nicht annimmt. Das Weiße hat zu den Farben ein reines Ver- haͤltniß und bewirkt eine glaͤnzendere Erscheinung der Bluͤthe; das Schwarze hingegen macht sich dunkel, obgleich die Farbe, welche sie Orphnios nennen, sich bluͤhender auf Schwarz als auf Weiß ausnimmt, weil ihre Bluͤthe durch die Strahlen des Schwarzen geho- ben wird. Die Zwischenraͤume der Gaͤnge sieht man aber an sich selbst nicht, wegen ihrer Kleinheit, so wie man die Theile des Zinnes und des Kupfers nicht unterschei- den kann, wenn beyde Metalle gemischt sind. Und so werden aus vorgemeldeten Ursachen die Farben der gefaͤrbten Dinge veraͤndert. V. Von Veraͤnderung der Farben, an den Pflanzen, durch organische Kochung. 39. Die Haare aber, die Federn, Blumen, Fruͤchte und alle Pflanzen nehmen durch Kochung alle Veraͤn- derung der Farben an, wie solches aus vielerley Faͤllen deutlich ist. Was aber die einzelnen Dinge, die aus der Erde wachsen, fuͤr Anfaͤnge der Farben haben, was fuͤr Veraͤnderungen mit ihnen vorgehen und warum sie solches leiden, daruͤber kann man, wenn auch einige Zweifel diese Betrachtungen begleiten sollten, folgender- maßen denken: 40. In allen Pflanzen ist der Anfang der Farbe gruͤn, und die Knospen, die Blaͤtter und die Fruͤchte sind im Anfange von dieser Farbe. 41. Man kann auch ebendasselbe am Regenwasser sehen, denn wenn es eine Weile gestanden hat und sodann ver- trocknet, so erhaͤlt es eine gruͤne Farbe. 42. Auf diese Weise geschieht es, daß allem demjenigen, was aus der Erde waͤchst, die gruͤne Farbe zuerst ange- hoͤrt; denn altes Wasser, worauf die Sonnenstrahlen gewirkt haben, hat anfaͤnglich diese Farbe, hernach wird sie allmaͤhlig schwarz; vermischt man sie aber aufs neue mit dem Gelben, so erscheint sie wieder gruͤn. Denn das Feuchte, wie schon gesagt ist, das in sich selbst ver- altet und austrocknet, wird schwarz, wie der Bewurf von den Wasserbehaͤltern, so wie alles, was sich immer unter dem Wasser befindet; weil die der Luft aus- gesetzte Feuchtigkeit austrocknet. Schoͤpft man es aber und bringt es an die Sonne, so wird es gruͤn, weil sich das Gelbe mit dem Schwarzen ver- bindet, wenn aber die Feuchtigkeit mehr ins Schwarze faͤllt, so giebt es ein sehr gesaͤttigtes, lauchfarbes Gruͤn. 43. Deswegen auch alle aͤltere Knospen schwaͤrzer sind als die neuen; diese aber gelblicher, weil die Feuchtig- keit in ihnen sich noch nicht voͤllig geschwaͤrzt hat. Wenn nun aber, bey langsamerem Wachsthum, die Feuch- tigkeit lange in ihnen verweilt, so wird das der Luft ausgesetzte Feuchte nach und nach schwarz und die Farbe lauchartig, indem sie durch ein ganz reines Schwarz temperirt ist. 44. Diejenigen Theile der Pflanzen aber, in denen das Feuchte nicht mit den Sonnenstrahlen gemischt wird, bleiben weiß, wenn sie nicht etwa schon ver- altet und ausgetrocknet und daher schwarz geworden sind. 45. Deswegen auch an den Pflanzen alles, was uͤber der Erde steht, zuerst gruͤn ist, unter der Erde aber Sten- gel, Wurzeln und Keime die weiße Farbe haben. So wie man sie aber von der Erde entbloͤßt, wird, wie gesagt ist, alles gruͤn; weil die Feuchtigkeit, welche durch die Keime zu den uͤbrigen Theilen durchseigt, die Natur dieser Farbe hat und zu dem Wachsthum der Fruͤchte sogleich verbraucht wird. 46. Wenn die Fruͤchte aber nicht mehr zunehmen, weil die Waͤrme die zufließende Nahrung nicht mehr beherr- schen kann, sondern die Feuchtigkeit nur von der Waͤrme aufgeloͤst erhalten wird, so reifen alle Fruͤchte, und in- dem, theils von der Sonnenwaͤrme, theils von der Waͤrme der Luft, die Feuchtigkeit, die sich in den Fruͤch- ten befindet, gar gekocht worden, nehmen sie nun an- dere Farben an, welche den Pflanzen eigen sind, wie wir ein Aehnliches beym Faͤrben (38) gesehen haben; und so faͤrben sie sich lang am; stark aber faͤrben sich die Theile, welche gegen die Sonne und die Waͤrme stehen. 47. Deswegen verwandeln die Fruͤchte ihre Farben mit den Jahrszeiten. 48. Wie bekannt ist. Denn was vorher gruͤn war, nimmt, wenn es reift, die Farbe an, die seiner Na- tur gemaͤß ist. 49. Denn sie koͤnnen weiß, schwarz, braun, gelb, schwaͤrzlich, schattenfaͤrbig, gelbroth, wein- und safran- farbig werden und beynahe alle Farbenunterschiede an- nehmen. 50. Wenn nun aber uͤberhaupt die Mannigfaltigkeit der Farben daher entsteht, daß mehrere wechselsweise Ein- fluß auf einander haben, so folgt auch, daß bey den Far- ben der Pflanzen derselbe Fall sey. Die Feuchtigkeit, indem sie die Pflanzengefaͤße durchseihet und durchspuͤlet, nimmt alle Farbenkraͤfte in sich, und wenn sie nun, beym Reifen der Fruͤchte, durch Sonnen- und Luftwaͤrme durchgekocht wird, treten die einzelnen Farben in sich zusammen und erscheinen abgesondert, einige schneller, andere langsamer. Etwas Aehnliches begegnet beym Purpurfaͤrben. Denn wenn man die Schnecke zerstoͤßt, ihre Feuchtig- keit auspreßt und im Kessel kocht; so ist in der Kuͤpe zuerst keine bestimmte Farbe zu sehen, nach und nach aber trennen sich die eingebornen Farben und mischen sich wieder, wodurch denn die Mannigfaltigkeit ent- steht, als Schwarz, Weiß, Schatten- und Luftfarbe. Zuletzt wird alles purpurfarbig, wenn die Farben ge- hoͤrig zusammengekocht sind, so daß wegen ihrer Mi- schung und Uebergang aus einer in die andere keine der einzelnen Farben an sich mehr zu sehen ist. 51. Dieses begegnet auch an Fruͤchten. Denn bey vielen werden nicht alle Farben auf einmal gar ge- kocht, sondern einige zeigen sich fruͤher, andere spaͤter, und eine wird in die andere veraͤndert, wie man an den Trauben und Datteln sieht. Denn diese letzten werden zuerst roth; wenn aber das Schwarze in ihnen in sich zusammentritt, gehen sie in die Weinfarbe uͤber. Zuletzt werden sie blau, wenn das Rothe mit vielem und reinem Schwarz gemischt ist. 52. Denn die Farben, welche spaͤter entstehen, ver- aͤndern, wenn sie vorwalten, die ersten Farben, wel- ches besonders bey schwarzen Fruͤchten deutlich ist. Denn die meisten, welche zuerst gruͤn aussehen, nei- gen sich ein wenig ins Rothe und werden dann feuer- farb, aber bald veraͤndern sie auch diese Farbe wieder, weil ein reines Schwarz sich urspruͤnglich in ihnen befindet. 53. Es ist offenbar, daß auch die Reiser, die Haͤr- chen und die Blaͤtter dieser Pflanzen einige Schwaͤrze zeigen, weil sich eine solche Farbe haͤufig in ihnen befindet; daß aber die schwarzen Fruͤchte beyde Farben in sich haben, zeigt der Saft, welcher weinhaft aussieht. 54. Bey der Entstehung aber ist die rothe Farbe spaͤter als die schwarze, wie man an dem Pflaster unter den Dachtraufen sieht und uͤberall, wo an schattigen Orten maͤßiges Wasser fließt; alles verwandelt sich da aus der gruͤnen in die rothe Farbe und das Pflaster wird, als wenn beym Schlachten frisches Blut ausgegossen worden waͤre. Denn die gruͤne Farbe ist hier weiter durchgekocht worden, zuletzt aber wirds auch hier sehr schwarz und blau, wie es an den Fruͤchten geschieht. 55. Davon aber, daß die Farbe der Fruͤchte sich ver- wandelt, wenn die ersten Farben durch die folgenden uͤberwaͤltigt werden, lassen sich Beyspiele an der Frucht des Granatbaums und an den Rosenblaͤttern zeigen; denn beyde sind anfaͤnglich weiß, zuletzt aber, wenn die Saͤfte aͤlter und durch Kochung gefaͤrbt werden, so verwandeln sie sich in Purpur und hochrothe Farbe. 56. Manche Koͤrper haben mehrere Farben in sich, wie der Saft des Mohns und die Neige des ausgepreßten Olivenoͤls; auch diese sind anfangs weiß, wie der Granatapfel, sodann gehen sie ins Hochrothe uͤber, zu- letzt aber, wenn viel Schwarzes dazu kommt, wird die Farbe blau, deswegen auch die Blaͤtter des Mohns oberhalb roth sind, weil die Kochung in ihnen sehr schnell vorgeht, gegen den Ansatz aber schwarz, da be- reits diese Farbe in ihnen die Oberhand hat, wie auch bey der Frucht, die zuletzt schwarz wird. 57. Bey solchen Pflanzen aber, in welchen nur Eine Farbe herrscht, etwa die weiße, schwarze, hochrothe, oder violette, behalten auch die Fruͤchte diejenige Farbe, in welche sie sich einmal aus dem Gruͤnen veraͤn- dert haben. 58. Auch findet man bey einigen, daß Bluͤthe und Frucht gleiche Farbe hat, wie z. B. am Granatapfel; denn hier ist die Frucht so wie die Bluͤthe roth. Bey andern aber ist die Farbe beyder sehr verschieden, wie beym Lorber und Epheu; denn an diesen sehen wir die Bluͤthe ganz gelb und die Frucht schwarz. Die Bluͤthe des Apfels neigt sich aus dem Weißen ins Pur- purfarbne, die Frucht hingegen ist gelb. Die Blume des Mohns ist roth, aber die Frucht bald weiß, bald schwarz; weil die Kochung der einwohnenden Saͤfte zu verschiedenen Zeiten geschieht. 59. Dieses bewaͤhrt sich aber auf vielerley Weise. Denn einige Fruͤchte veraͤndern, mit der fortschreitenden Ko- chung, sowohl Farbe als Geruch und Geschmack. Auch ist hierin zwischen Blume und Frucht oft ein großer Unterschied. Ja, an einer und derselben Blume bemerkt man eine solche Mannigfaltigkeit, indem das eine Blatt schwarz, das andere roth, das eine weiß, das andere purpurfarb seyn kann, welches auffallend an der Iris gesehen wird; denn, wegen mannigfaltiger Kochung, hat diese Blume die verschiedensten Farben. Ein gleiches geschieht an den Trauben, wenn sie reifen. Auch werden die Enden der Blumenblaͤtter am meisten ausgekocht, denn da, wo sie am Stiel ansitzen, sind sie weniger gefaͤrbt. 60. Fast wird auch an einigen das Feuchte gleichsam aus- gebrannt, ehe es seine eigentliche Kochung erreicht; da- her behalten die Blumen ihre Farbe, die Fruͤchte aber bey fortschreitender Kochung veraͤndern die ihrige. Denn die Blumenblaͤtter sind, wegen der geringen Nah- rung, gleich durchgekocht; die Fruͤchte aber lassen sich, wegen der Menge Feuchtigkeit, die in ihnen wohnt, beym Auskochen, durch alle Farben durchfuͤhren, die ihrer Natur gemaͤß sind. Etwas Aehnliches geschieht, wie schon vorher gesagt worden ist, auch beym Faͤrben. Denn im Anfang, wenn die Purpurfaͤrber die Blutbruͤhe ansetzen, wird sie dunkel, schwarz und luftfarbig; ist aber die Masse genug durchgearbeitet, so wird die Purpurfarbe bluͤhend und glaͤnzend. Daher muͤssen auch die Blumen an Farbe von den Fruͤchten sehr unterschieden seyn; einige uͤbersteigen gleichsam das Ziel, das ihnen die Natur gesteckt hat, andre bleiben dahinter zuruͤck, die einen, weil sie eine vollendete, die andern, weil sie eine unvollendete Ko- chung erfahren. Dieß sind nun die Ursachen, warum Bluͤthen und Fruͤchte von einander unterschiedene Farben zeigen. 61. Die meisten Blaͤtter mehrerer Baͤume aber werden zuletzt gelb, weil die Nahrung abnimmt und sie eher welken, als sie in die (hoͤchste) Farbe, die ihrer Natur moͤglich ist, uͤbergehen. Auch werden einige abfallende Fruͤchte gelb, weil ihnen die Nahrung vor der vollkom- menen Kochung ausgeht. 62. Ferner wird sowohl der Waizen, als alles, was unmittelbar aus der Erde waͤchst, zuletzt gelb; denn in solchen Pflanzen wird das Feuchte nicht schwarz, son- dern, weil sie schnell trocknen, geschieht ein Ruͤckschritt in der Farbe. Denn das Schwarze, mit dem Gelbgruͤnen verbunden, wird, wie gesagt, grasgruͤn; wo aber das Schwarze immer schwaͤcher wird, geht die Farbe wieder ins Gelb- gruͤne und dann ins Gelbe. Zwar werden die Blaͤtter des Apium und der An- drachne, auch einiger andern Pflanzen, wenn sie voll- kommen durchgekocht sind, hochroth; aber was an ihnen geschwind trocknet, wird gelb, weil ihm die Nahrung vor der voͤlligen Kochung abgeht. Daher kann man schließen, daß der Unterschied der Pflanzen (-Farben) sich aus den vorgesagten Ursa- chen herschreibt. VI. Von den Farben der Haare, Federn und Haͤute. 63. Auch die Haare, Federn und Haͤute der Pferde, Ochsen, Schafe und Menschen, so wie aller andern Thiere, werden weiß, grau, roth oder schwarz, aus derselben Ursache. 64. Und zwar werden sie weiß, wenn das Feuchte, indem es vertrocknet, seine eigne Farbe behaͤlt. 65. Schwarz hingegen werden sie, wenn das urspruͤng- liche Feuchte haͤufig genug vorhanden ist, so daß es langsam altern und zeitigen kann. Auf diese Weise werden Felle und Haͤute schwarz. 66. Koͤrper hingegen, welche eine braune, rothe, gelbe, oder sonst eine Farbe haben, sind solche, die fruͤher aus- trocknen, ehe das Feuchte vollkommen in die schwarze Farbe uͤbergeht. 67. Wenn aber dieses (Austrocknen) ungleich geschieht, so werden auch die Farben verschieden, wobey sich die Farbe der Haare nach der Farbe der Haut richtet. So sind die Haare roͤthlicher Menschen hellroth, schwar- zer Menschen aber schwarz. Bricht aber eine weiße Stelle hervor, so sind die Haare ebenfalls auf der Stelle weiß, wie man auch bey scheckigen Thieren sieht, und so richten sich Haare und Federn nach der Haut, ent- weder zum Theil, oder im Ganzen. 68. So verhaͤlt sichs auch mit dem Hufe, den Klauen, dem Schnabel und den Hoͤrnern. An schwarzen Thieren werden sie schwarz, an weißen aber weiß; weil auch bey diesen Theilen die Nahrung, durch die Haut, nach der aͤußeren Bedeckung durchseihet. 69. Daß aber die angegebene Ursache die richtige sey, laͤßt sich an mancherley Faͤllen erkennen. Denn die Haͤupter aller Knaben sind anfangs roth, wegen gerin- gerer Nahrung, eben deßhalb sind die Haare schwach, duͤnn und kurz; bey fortschreitendem Alter hingegen werden sie schwarz, wenn die Kinder durch die Menge der zufließenden Nahrung mehr Farbe gewinnen. 70. So ist es auch mit den Milchhaaren und dem Barte beschaffen. Wenn diese sich zu zeigen anfangen, so werden sie geschwind roth, wegen der wenigen Feuch- tigkeit, die in ihnen austrocknet; wenn aber etwas mehr Nahrung zugefuͤhrt wird, so werden sie gleichfalls schwarz. 71. An dem Koͤrper also bleiben die Haare so lange roth, als ihnen die Nahrung fehlt; wenn sie aber wachsen, so werden sie auch schwarz, sowohl am Bart, als auf der Scheitel. Auch streitet fuͤr unsere Meinung der Umstand, daß bey solchen Geschoͤpfen, welche lange Haare haben, in der Naͤhe des Koͤrpers die Haare schwaͤrzer, gegen die Spitzen aber gelber werden, wie man bey Scha- fen, Pferden und Menschen sieht; weil gegen die Enden weniger Nahrung hingefuͤhrt wird und sie da- selbst schneller vertrocknet. 72. Auch die Federn schwarzer Voͤgel sind in der Naͤhe des Leibes am schwaͤrzesten, an den Enden aber gelber. So verhalten sie sich auch um den Hals und uͤberhaupt wo sie geringere Nahrung empfangen. Imgleichen gehen alle Haare nach der Vollendung zuruͤck und werden braunroth, weil die nun wieder ab- nehmende Nahrung schnell vertrocknet. 73. Zuletzt aber werden sie weiß, wenn die Nahrung in denselben ausgekocht wird, ehe das Feuchte schwarz werden kann. Dieß ist am sichtbarsten bey Thieren, welche unter dem Joche gehen. An solcher Stelle wer- den die Haare durchaus weiß; denn es kann daselbst die Nahrung nicht gleichfoͤrmig angezogen werden, und bey einer schwachen Waͤrme vertrocknet die Feuchtigkeit zu geschwind und wird weiß. 74. Um die Schlaͤfe werden die Haare am fruͤhesten grau, so wie uͤberhaupt an schwachen und leidenden Stellen. Vorzuͤglich aber gehen Geschoͤpfe, wenn sie ausar- ten, in diese Farbe hinuͤber. So gibt es weiße Haa- sen, weiße Hirsche und Baͤren, auch kommen weiße Wachteln, Rebhuͤhner und Schwalben vor. Dieses alles geschieht bey einer schwachen Zeugung und wegen Mangel von naͤhrendem Stoff, der zu fruͤh austrocknet, und so werden sie weiß. 75. So sind auch anfangs die Kopfhaare der Kinder weiß, die Augenbraunen und Wimpern. Nicht weniger erfaͤhrt auch jedermann im Alter, daß sich die Haare bleichen, wegen Schwaͤche und Mangel an Nahrung. 76. Deßhalb sind auch meistentheils die weißen Thiere schwaͤcher als die schwarzen; denn ehe ihr Bau vollen- II. 4 det werden kann, ist schon ihre mangelhafte Nahrung durchgekocht, und so werden sie weiß. Eben dieses be- gegnet den Fruͤchten, welche kraͤnkeln, denn diese sind auch wegen ihrer Schwaͤche bald durchgekocht. 77. Die Thiere aber, welche weiß werden und von andern auf diese Art sich unterscheiden, als Pferde und Hunde, gehen aus ihrer natuͤrlichen Farbe in das Wei- ße hinuͤber wegen reichlicher Nahrung; denn das Feuch- te in ihnen veraltet nicht, sondern wird zum Wachs- thum verbraucht und weiß. Die meisten dieser Ge- schoͤpfe sind feucht und fruchtbar, wegen reichlicher Nahrung, daher auch die weiße Farbe in keine andere uͤbergeht, (weil sie schon das Ende erreicht hat,) so wie dagegen schwarze Haare, ehe sie grau werden, durch das Rothe durchgehen und zuletzt weiß werden. 78. Uebrigens glauben einige alles werde schwarz, weil die Nahrung von der Waͤrme verbrannt werde, so wie beym Blut und manchem andern geschieht, worinn sie jedoch irren. Denn einige Thiere werden gleich anfangs schwarz, als Hunde, Ziegen und Ochsen und uͤberhaupt alle diejenigen, deren Haͤute und Haare von Anfang genug- same Nahrung haben, bey fortschreitenden Jahren aber weniger. Doch sollten, (wenn jene Meynung wahr waͤre,) die Haare zu Anfang vielmehr weiß seyn und erst, wenn das Thier auf dem Gipfel seiner Kraft steht, schwarz werden, als um welche Zeit auch seine Waͤrme den hoͤchsten Punkt erreicht hat. Denn zu An- fang der Organisation ist die Waͤrme viel schwaͤcher, als um die Zeit, wo (sonst) das Haar (wieder) weiß zu werden anfaͤngt. 79. Die Unrichtigkeit jener Meynung ergibt sich auch an den weißen Thieren. Einige sind naͤmlich gleich anfaͤnglich von der weißesten Farbe, denen gleich An- fangs die meiste Nahrung zufließt, und in denen die Feuchtigkeit nicht vor der Zeit vertrocknet; hingegen bey fortschreitendem Alter, wenn ihnen mindere Nah- rung zufließt, werden sie gelb. Andere sind von An- fang gelb und auf dem Gipfel ihres Wachsthums sehr weiß. Wie denn auch die Farbe der Voͤgel sich wie- der veraͤndert; wenn die Nahrung abnimmt, werden sie alle gelb, besonders um den Hals, und uͤberhaupt an allen den Stellen, welche bey abnehmender Feuchtigkeit Mangel an Nahrung haben. Denn so wie das Roͤth- liche ins Weiße sich verwandelt, und das Schwarze ins Roͤthliche; so geht auch das Weiße ins Gelbe uͤber. 80. Etwas Aehnliches begegnet auch mit den Pflanzen. Denn einige, wenn sie schon durch Kochung in eine andere Farbe uͤbergegangen, kehren doch wieder zur er- sten zuruͤck. Dieses ist am deutlichsten am Granat- apfel zu sehen; denn im Anfange sind die Kerne der 4 * Aepfel roth, so wie die Blaͤtter, weil nur geringe Nahrung ausgekocht wird, dann werden sie gruͤn, wenn viel Saft zustroͤmt und die Kochung nicht mit gleicher Kraft vor sich geht. Zuletzt aber, wenn die Kochung vollendet ist, entsteht wieder die rothe Farbe. 81. Ueberhaupt aber gilt von den Haaren und Federn, daß sie sich veraͤndern, theils, wenn ihnen die Nah- rung fehlt, theils, wenn sie zu reichlich ist. Deßhalb werden auf verschiedenen Stufen des Alters die Haare sehr weiß, so wie sehr schwarz. Manchmal gehen so- gar die Rabenfedern in eine gelbe Farbe uͤber, wenn ihnen die Nahrung mangelt. 82. Unter den Haaren gibt es aber keine scharlach- noch purpurrothe, so wenig als lauchgruͤne oder von sonst einer Farbe dieser Art, weil diese Farben zu ih- rer Entstehung die Beymischung der Sonnenstrahlen beduͤrfen. Diese nehmen aber die feuchten Haare nicht an, sondern sie sind an innere Veraͤnderungen gebun- den. Dagegen sind die Federn zu Anfang nicht wie in der Folge gefaͤrbt. Denn auch die bunten Voͤgel haben anfangs fast alle schwarze Federn, als der Pfau, die Taube und die Schwalbe. Nachher nehmen sie aber große Mannigfaltigkeit an, indem die Kochung außerhalb des Koͤrpers vor sich geht, sowohl in den Kielen als in den Verzweigungen derselben, wie bey den Pflanzen außerhalb der Erde; (daher koͤnnen die Lichtstrahlen zu Entstehung mannigfaltiger Farben mit- wirken.) So haben auch die uͤbrigen Thiere, die schwim- menden, kriechenden und beschaalten, alle Arten der Farben, weil bey ihnen auch eine vielfache Kochung vorgeht. Und so moͤchte einer wohl die Theorie der Farben aus dem Gesagten einzusehen im Stande seyn. Farbenbenennungen der Griechen und Roͤmer . Die Alten lassen alle Farbe aus Weiß und Schwarz, aus Licht und Finsterniß entstehen. Sie sagen, alle Farben fallen zwischen Weiß und Schwarz und seyen aus diesen gemischt. Man muß aber nicht waͤhnen, daß sie hierunter eine blos atomistische Mischung ver- standen, ob sie sich gleich an schicklichen Orten des Wortes μίξις bedienen, dagegen sie an den bedeuten- den Stellen, wo sie eine Art Wechselwirkung beyder Gegensaͤtze ausdruͤcken wollen, das Wort κράσις, σύγ- κρισις gebrauchen; so wie sie denn uͤberhaupt sowohl Licht als Finsterniß, als die Farben untereinander sich temperiren lassen, wofuͤr das Wort κεράννυσϑαι vor- kommt; wie man sich davon aus den bisher uͤbersetz- ten und mitgetheilten Stellen uͤberzeugen kann. Sie geben die Farbengeschlechter verschieden, Ei- nige zu sieben, Andre zu zwoͤlfen an, doch ohne sie vollstaͤndig aufzuzaͤhlen. Aus der Betrachtung ihres Sprachgebrauchs, so- wohl des griechischen als roͤmischen, ergiebt sich, daß sie generelle Benennungen der Farben statt der speciellen und umgekehrt diese statt jener setzen. Ihre Farbenbenennungen sind nicht fix und genau bestimmt, sondern beweglich und schwankend, indem sie nach beyden Seiten auch von angraͤnzenden Farben gebraucht werden. Ihr Gelbes neigt sich einerseits ins Rothe, andrerseits ins Blaue; das Blaue theils ins Gruͤne, theils ins Rothe; das Rothe bald ins Gelbe bald ins Blaue; der Purpur schwebt auf der Graͤnze zwischen Roth und Blau und neigt sich bald zum Schar- lach bald zum Violetten. Indem die Alten auf diese Weise die Farbe als ein nicht nur an sich bewegliches und fluͤchtiges anse- hen; sondern auch ein Vorgefuͤhl der Steigerung und des Ruͤckganges haben: so bedienen sie sich, wenn sie von den Farben reden, auch solcher Ausdruͤcke, welche diese Anschauung andeuten. Sie lassen das Gelbe roͤtheln, weil es in seiner Steigerung zum Ro- then fuͤhrt; oder das Rothe gelbeln, indem es sich oft zu diesem seinen Ursprunge zuruͤck neigt. Die so specificirten Farben lassen sich nun wieder- um ramificiren. Die in der Steigerung begriffene Farbe kann, auf welchem Puncte man sie festhalten will, durch ein staͤrkeres Licht diluirt, durch einen Schatten verfinstert, ja in sich selbst vermehrt und zusammenge- draͤngt werden. Fuͤr die dadurch entstehenden Nuͤan ç en werden oft nur die Nahmen der Species, auch wohl nur das Genus uͤberhaupt, angewendet. Die gesaͤttigten, in sich gedraͤngten und noch dazu schattigen Farben werden zur Bezeichnung des Dunklen, Finstern, Schwarzen uͤberhaupt gebraucht, so wie im Fall daß sie ein gedraͤngtes Licht zuruͤckwerfen, fuͤr leuchtend, glaͤnzend, weiß oder hell. Jede Farbe, welcher Art sie sey, kann von sich selbst eingenommen, in sich selbst vermehrt, uͤberdraͤngt, gesaͤttigt seyn und wird in diesem Falle mehr oder we- niger dunkel erscheinen. Die Alten nennen sie alsdann suasum πεπεισμένον, in se consumptum, plenum, saturum κατακορές, meracum ἄκρατον, pressum βαρύ, adstrictum, triste, austerum αὐστηρόν, ama- rum πικρόν, nubilum ἀμαυρόν, profundum βαϑύ. Sie kann ferner diluirt und in einer gewissen Blaͤsse erscheinen, in so fern nennt man sie dilutum, liquidum, ὑδαρές, pallidum ἔκλευκον. Bey aller Saͤttigung kann die Farbe dennoch von vielem Lichte strahlen und dasselbe zuruͤckwerfen; dann nennt man sie clarum, λαμπρόν, candidum, acu- tum ὀξὐ, excitatum, laetum, hilare, vegetum, flo- ridum εὐανϑές, ἀνϑηρόν. Saͤmmtliche Benennungen geben die besondern Anschauungen durch andre symboli- sche vermittelnd wieder. Wir haben nunmehr noch die generellen Benen- nungen der Farbe, sammt den specifischen, die ihre Sphaͤre ausmachen, anzugeben. Fangen wir von der untersten Stufe an, wo das Licht so alterirt erscheint, daß es die besondre Empfin- dung dessen, was wir Farbe nennen, erregt; so tref- fen wir daselbst zuerst ὠχρόν, dann ξανϑόν, ferner πυῤῥόν, dann ἐρυϑρόν, sodann φοινικοῦν, zuletzt πορφυροῦν an. Im gemeinen wie im poetischen Sprachgebrauch finden wir herauf und herabwaͤrts oͤfter ein Genus fuͤr das andre gesetzt. Das πορφυροῦν steigt abwaͤrts in das ἁλουργές, κυανοῦν coeruleum, γλαυκόν caesium, und schließt sich durch dieses an das πράσινον porraceum, ποῶδες herbidum, und zuletzt an das χλωρόν viride an, das sowohl ein mit Blau vermischtes Gelb, d. i. ein Gruͤnes, als das reine Gelb anzeigt und so das Ende des Farbenkreises mit dem Anfange verbindet und zuschließt. Die Farbenbenennungen, welche die weiteste Sphaͤre haben, sind vorzuͤglich folgende: Εανϑόν geht vom Strohgelben und Hellblonden durch das Goldgelbe, Braungelbe bis ins Rothgelbe, Gelbrothe, sogar in den Scharlach. Darunter gehoͤren als Species ὠχρόν, ϑάψινον, κιῤῥόν, κιτρινόν, κνηκόν, μήλινον, μήλοψ, σιτό- χρουν, ξοῦϑον, πυῤῥόν, χρυσοειδές, ἡλιώδες, φλο- γοειδές, οἰνῶδες, κροκοειδές etc. Im Lat. buxeum, melleum, cereum, flavum, fulvum, helvum, gal- binum, aureum, croceum, igneum, luteum, meli- num, gilvum, robeum, adustum, russum, rufum. Ἐρυϑρόν, rufum, welches nach Gellius das Geschlechtswort aller rothen Farbe ist, begreift unter sich, von ξανϑόν, πυῤῥόν an, alles was roth ist und braun, welches zum Gelben oder Rothen neigt, bis zum Purpur. Im Lateinischen rufum, russum, rubrum, rutilum, rubicundum, spadix, badium, φοινικοῦν puniceum, (ponçeau, coqueticot, nacarat) , coccine- um Scharlach, ὑσγινόν, welches nach Plinius zwi- schen purpureum und coccineum liegt und wahrschein- lich cramoisi Carmesin ist; zuletzt purpureum πορ- φυροῦν, das vom Rosenrothen an durchs Blut- und Braunrothe bis ins Blaurothe ἁλουργές und Violette uͤbergeht. Κυάνεον geht vom Himmelblauen bis ins Dunkel- und Schwarzblaue, Violette, und Violetpurpurne. Eben so coeruleum; das sogar ins Dunkelgruͤne und Blaugruͤne γλαυκόν, wie in das caesium Katzengruͤne uͤbergeht. Darunter fallen ἀερί ον, ἀεροειδές aërium, coeli- num, οὐρανοειδές, ὑακίνϑινον, ferrugineum, οἰνω- πόν, ἀμεϑύστινον, thalassinum, vitreum, venetum, γλαυκόν, das aus dem Blaugruͤnen und Katzengruͤ- nen ins bloße Graue uͤbergeht und noch das χαροπόν und ravum unter sich begreift. Χλωρόν geht aus der einen Seite ins Gelbe, aus der andern ins Gruͤne. Eben so viride, das nicht nur ins Gelbe sondern auch ins Blaue geht. Darunter fallen ποῶδες herbidum, πράσινον porraceum, aerugineum ἰῶδες, σμαράγδινον, vitre- um ἰσατῶδες, venetum. Aus der Mischung von Schwarz und Weiß gehen, nach Aristoteles und Platon, hervor: das φαιόν, wel- ches auch μύϊνον erklaͤrt wird, also Grau. Ferner πελλός, πέλιος, πόλιος, pullus sowohl schwaͤrzlich als weißlich, je nachdem die Anfoderung an das Weiße oder an das Schwarze gemacht wird. Ferner τεφρόν aschfarben, und σπόδιον welches isabelfarben erklaͤrt wird, wahrscheinlich gris cendré; druͤckt aber auch Eselsfarbe aus, welche an den Spi- tzen der Haare in ein πυῤῥόν, mehr oder weniger Gelbbraunes, auslaͤuft. Aus verbranntem Purpur und Schwarz entsteht, nach eben diesen Beyden, das ὄρφνινον, die Farbe des Rauchtopases; welches, wie im Lateinischen das verwandte furvum, oft nur in der allgemeinern Be- deutung des Schwarzen und Dunkeln gebraucht wird. In dieses, nach unsern theoretischen Einsichten nunmehr im Allgemeinen aufgestellte Schema lassen sich die uͤbrigen allenfalls noch vorzufindenden Ausdruͤcke leicht einordnen; wobey sich mehr und mehr ergeben wird, wie klar und richtig die Alten das Außerihnen gewahr geworden, und wie sehr, als naturgemaͤß, ihr Aussprechen des Erfahrenen und ihre Behandlung des Gewußten zu schaͤtzen sey. Zweyte Abtheilung. Roͤmer . Lucretius . Auf, und vernehme du jetzt, was suͤßes Bemuͤhen erforscht hat, Und ich dich lehre; daß nicht, was weiß dem Auge sich darstellt, Weiß erscheine deßhalb, weil weiße Stoffe der Grund sind; Oder was schwarz aussieht, aus schwarzen Saamen er- zeugt sey; Noch auch jegliches Ding, das irgend gefaͤrbt wir erblicken, Also sich zeige, dieweil schon aͤhnliche Farbe von dieser In der Materie selbst, in den Ursprungsstoffen vor- handen. Denn der Materie Stoff ist gaͤnzlich beraubet der Farbe, Weder den Dingen gleich noch ungleich ihnen zu nennen. Sagst du, der menschliche Geist vermoͤge nicht Koͤr- per zu fassen Solcherley Art, so irrest du sehr und taͤuschest dich gaͤnzlich. Nimm dir den Blindgeborenen doch: die goͤttliche Sonne Hat er nimmer gesehn, doch kennet er, durch das Gefuͤhl bloß, Dinge, die nie im Leben mit Farbe verbunden ihm waren. Eben so laͤßt sich verstehn, wie die Seele Begriffe von Koͤrpern Machen sich koͤnne, die nicht mit Farbe von außen getuͤncht sind. Selbst die Dinge, die wir bey Nacht und im Dunkel betasten, Unterscheiden sich uns, obgleich wir die Farbe nicht fuͤhlen. Was die Erfahrung bezeugt, laß jetzt durch Gruͤn- de mich darthun. Jegliche Farbe verwandelt sich leicht in jegliche Farbe; Aber das duͤrfen doch nie die Urelemente der Dinge. Stets muß etwas bestehn, das unveraͤnderlich bleibe; Soll nicht alles in Nichts von Grund aus wieder sich kehren: Denn was irgend verlaͤßt die Graͤnzen des eigenen Daseyns, Stirbt als das, was es war, wird augenblicklich ein andres. Huͤte dich also, den Stoff mit wechselnden Farben zu tuͤnchen, Soll ins voͤllige Nichts zuletzt nicht alles ver- gehen. Sind die Stoffe nun gleich nicht farbig ihrer Na- tur nach; Sind sie dennoch begabt mit mannigfaltigen For- men, Wechselnde Farben daraus von allerley Arten zu schaffen. Dann auch lieget noch viel an Mischung und Lage der Stoffe, Wie sie sich unter sich selbst, und wie sie zu andern sich halten, Welche Bewegung sie sich ertheilen, und wieder em- pfangen; Also, daß leicht sich hieraus ein rechenschaftlicher Grund giebt, Wie, was kurz noch zuvor von Farbe dunkel und schwarz war, Koͤnn’ urploͤtzlich darauf in Marmorweiße sich wan- deln. Eben so wird auch das Meer, von heftigen Winden erreget, Umgewandelt in Wogen von heller und glaͤnzender Weiße. Sagen ließe sich dann, daß das, was oͤfters wir schwarz sehn, Wann es die Stoffe durchmischt, die Ordnung der- selben veraͤndert, Einige sich vermindern, und andre dagegen ver- mehren; Dieses auf einmal alsdann sich weiß und glaͤnzend uns zeige. Waͤren die Fluthen des Meeres jedoch schon dunkel im Grundstoff, Dann so koͤnnten auf keinerley Art ins Weiße sie wan- deln; Moͤchtest du noch so sehr in einander jagen die Stoffe, Nimmer wuͤrden ins Weiße sie uͤbergehen, die dunkeln. Waͤren die Saamen jedoch, aus denen der einfache, klare, Meeresschimmer besteht, mit verschiedenen Farben ge- faͤrbet; Wie man ein Viereck oft, und andre bestimmte Fi- guren, Bildet aus anderen Formen und unterschiednen Fi- guren: Muͤßte man auch, wie hier die verschiedenen Formen im Viereck, So in der Flaͤche des Meers, und in jeder lauteren Glanzflut, Bunte, und weit von einander verschiedene Farben bemerken. Uebrigens zeigt sich die aͤußre Figur vollkommen im Viereck, Sind auch die Glieder, woraus es besteht, verschieden an Bildung; Aber an Dingen verschiedene Farbe verhindert es gaͤnzlich, Daß dasselbige Ding einfaͤrbig jemals er- scheine. Irgend ein Grund, der noch uns verfuͤhren koͤnn- te, den Stoffen Einzuraͤumen die Farbe, zerfaͤllt und verlieret sich gaͤnzlich; Wenn man bedenkt, daß nicht aus weißen entstuͤnde das Weiße, Noch was schwarz man benennt, aus schwarzen; viel- mehr aus verschiednen. Weit natuͤrlicher ist’s, daß Weißes aus Stoffen ent- springe Ganz farbloser Natur, als daß es aus schwarzen sich zeuge, Oder aus jeglicher Farbe, mit welcher es gaͤnzlich im Streit steht. Ferner, da ohne Licht nicht Farben koͤnnen be- stehen, Aber hervor ans Licht urspruͤngliche Koͤrper nicht treten; Folgt natuͤrlich hieraus, daß diese von Farben entbloͤßt sind. Wie kann Farbe denn nur lichtlosem Dunkel gemein seyn? Sie, die sich selbst veraͤndert im Licht, und verschieden zuruͤckglaͤnzt, Je nachdem sie der Strahl schief oder gerade ge- troffen. An dem Gefieder der Tauben, das ihnen den Hals und den Nacken Rings umkraͤnzt, kannst dieses du sehn im Strahle der Sonne: Anders gewandt erscheinet es roth, im Glanz des Pyropus, Wieder anders, Lasur, in gruͤne Smaragden ge- mischet. So auch des Pfauen Schweif; zur volleren Sonne ge- wendet, Wandelt auf aͤhnliche Art er die mannigfaltigen Farben. Da nun des Lichtes eigener Wurf die Wirkung hervor- bringt, Ist es auch klar, daß ohne das Licht nicht solches ge- schaͤhe. Ferner noch, da die Pupille durch andere Stoͤße ge- reizt wird, II. 5 Wann sie das Weiße fuͤhlt, durch andere wieder vom Schwarzen, Wieder auf andere Art von jeglicher anderen Farbe; Auch an der Farbe des Dinges, wofern du solches be- ruͤhrest, Wenig lieget, vielmehr an der Form und der eigenen Bildung: Also erhellt, daß Stoffe durchaus nicht Farbe be- duͤrfen, Sondern verschiedene Formen, verschiedne Gefuͤhle zu wecken. Sollte gewisser Farben Natur bestimmten Fi- guren Eigen nicht seyn, und koͤnnte daher mit jeglicher Farbe Jegliche Bildung der Stoffe bestehn: wie koͤmmt es, daß Dinge Nicht auf aͤhnliche Art in jegliche Farbe sich klei- den? Dann so traͤf’ es sich wohl, daß zuweilen den fliegen- den Raben Weißer Schimmer entglaͤnzte, von weißem Gefieder und Fluͤgel; Schwarze Schwanen entstuͤnden, aus schwarzen Saa- men erzeuget, Oder auch einfach und bunt, in jeder beliebigen Faͤrbung. Ja du bemerkest sogar, je kleiner man Dinge zer- theilet, Desto mehr sich die Farbe verliert, die endlich ver- schwindet; So, wenn man Gold zerreibt zu feinem Staube, des Purpurs Glaͤnzendes Roth zerlegt in die allerzartesten Faͤ- den: Welches dir klar erweist, daß, ehe zum Stoffe sie kehren, Alle die Theilchen zuvor aushauchen jegliche Farbe. Endlich, indem du Ton und Geruch nicht jeglichem Koͤrper Zugestehest, so raͤumest du ein, daß Koͤrper es gebe Ohne Ton und Geruch: auf aͤhnliche Weise begreift sich’s, Daß, indem wir nicht alles mit Augen zu fassen ver- moͤgen, Dennoch Koͤrper vorhanden, die so der Farbe beraubt sind, Wie des Geruches und wie des toͤnenden Schalles die andern: Und es erkennt der forschende Geist nicht minder die- selben, Als die in anderen Dingen auch anderer Zeichen ent- behren. 5 * Plinius . Da dieser Autor in Jedermanns Haͤnden seyn kann, sowohl im Original als in Uebersetzungen, so waͤre seinen Text hier abdrucken zu lassen uͤberfluͤßig und unnuͤtz, um so mehr als derjenige, der ihn im Einzelnen zu verstehen und auszulegen sucht, manche Schwierigkeiten findet, welche wir nicht zu uͤberwin- den hoffen. Wir ziehen daher vor, einen Aufsatz einzuruͤcken, in welchem ein Freund das, was Pli- nius von Farben und Colorit gesagt, zusammenfaßt, und seine Meynung aͤußert, wie nach dem natuͤrlichen Vorschritte der Malerkunst das Einzelne moͤchte zu verstehen und zurecht zu legen seyn. Es mag dieser Versuch als ein Beyspiel dienen, wie man eine bedeutende Weltbegebenheit aus ihrer eigenen Natur heraus entwickeln, darstellen, und die hiezu uͤberlieferten Nachrichten nur insofern benutzen kann, als sie mit der Nothwendigkeit in Harmonie stehen. Die Hauptpuncte, worauf alles ankommt, tre- ten alsdann glaͤnzender hervor; Luͤcken werden ent- deckt und, wo nicht ausgefuͤllt, doch wenigstens be- zeichnet; und auf diese Weise theils gegenwaͤrtig etwas Belehrendes und Aufregendes geleistet, theils der Zu- kunft vorgearbeitet. Hypothetische Geschichte des Colorits besonders griechischer Maler vorzüglich nach dem Berichte des Plinius. Der Verfasser nennt die gegenwaͤrtige Abhand- lung eine hypothetische Geschichte, weil die Nachrich- ten, welche uns durch alte Schriftsteller uͤberliefert worden, in vielen Stuͤcken hoͤchst undeutlich und luͤcken- haft sind, und also durch Vermuthungen erst aufge- klaͤrt und ergaͤnzt werden muͤssen. Wenn indessen dasjenige, was wir vermuthen, auf eine ganz natuͤr- liche und keinesweges gezwungene Weise aus dem Ganzen der Nachrichten hervorgeht, oder durch den Gang der Sache selbst als nothwendig gefordert wird; so verdient dasselbe allerdings mehr Glaubwuͤrdigkeit als ein solches Ueberliefertes, das sich mit dem We- sen der Kunst schwer oder gar nicht vertraͤgt. Der Verfasser behaͤlt sich also die Freyheit vor, theils Ver- muthungen, deren Wahrscheinlichkeit ihm nach dem nothwendigen Gange der Kunst einleuchtend ist, vor- zubringen, theils Nachrichten, welche ihm widerspre- chend scheinen, wenn sie sich gleich auf die Autoritaͤt eines alten Schriftstellers gruͤnden sollten, zu ver- werfen. Nach des Plinius Behauptung stimmten alle aͤlte- ren Ueberlieferungen darin uͤberein, daß die Malerey eigentlich vom Umriß eines menschlichen Schattens be- gonnen habe; welches unter der Bedingung fuͤr wahr- scheinlich gelten kann, daß man sich dabey nicht etwa wirkliche Schatten- oder Silhouettenfiguren denke; sondern vielmehr die ersten Linearversuche, eine Gestalt auf eine Flaͤche aufzuzeichnen: denn dieses ist ja in der That das Elementare der Malerey. Ardices und Telephancs, sagt Plinius, hatten zuerst diese Art von Kunst geuͤbt, noch aber keiner Farben sich bedient, sondern nur innerhalb der Figu- ren hin und wieder Linien gezogen; wobey er hinzu- fuͤgt, es sey in dieser ersten Zeit uͤblich gewesen, je- desmal daneben zu schreiben, wen man abgemalt habe. Hier zeigt sich dieselbe Bemuͤhung, Formen und Gestalten darzustellen, wie wir noch an den Kindern gewahr werden, wenn sie spielend ihre Popanze an die Waͤnde zeichnen. Schelte indessen Niemand die alten Erfinder der Kunst kindischen oder unreifen Geistes, wenn auch die Werke, die sie verfertigten, sich mit dem Bestre- ben der Kinder vergleichen lassen. Denn durch sie ist der erste Anlaß zur Malerey, zur Darstellung erho- bener runder Gegenstaͤnde auf ebener Flaͤche, in die Welt gekommen, und jeder erste Schritt kann als ein großer und wichtiger angesehen werden. Ferner sehen wir auch unsere Kinder, welche ei- nen Begriff von Malerey sich geschwind bilden koͤn- nen, sehr bald um etwas weiter gehen, und den Versuch machen, wie sie mit Ziegelmehl ihren Fratzen von Seiten der Farbe mehr Naturaͤhnlichkeit verschaf- fen moͤchten: eben so, wie nach Plinius Bericht der Corinthier Cleophantus soll gethan haben. Und wir sehen nicht, was sich gegen die Wahrscheinlichkeit die- ser Nachricht von der ersten einfachsten Weise, wie sich der Sinn fuͤrs Colorit ausgesprochen, viel ein- wenden ließe. Denn ehe man den Boden nach Ocker- arten und Kreiden durchsucht und verschiedene Haupt- farben zur Nachahmung der Carnation zu mischen ge- wagt, moͤgen wohl die Scherben gebrannter irdener Gefaͤße oder Backsteine das naͤchste und beste Mittel dargeboten haben, den vorgesetzten Zweck zu errei- chen. Hierbey wird Jedermann leicht einfallen, daß die bemalten, sogenannten hetrurischen, Gefaͤße in ge- brannter Erde gewissermaßen als Symbole dieser uran- faͤnglichen Malerey koͤnnen angesehen werden. Die aͤltesten derselben mit schwarzen, im Detail oft noch unfoͤrmlichen Gestalten, stellen uns die Linearzeichnun- gen des Telephanes und Ardices vor Augen; und wie Plinius von den Werken dieser beyden Kuͤnstler erzaͤhlt, so sind auch auf den erwaͤhnten Vasenzeich- nungen aͤltester Art, im Innern, zur Andeutung der Theile, einzelne Linien gezogen. Woraus klar erhellt, daß man dadurch keinesweges eigentliche Schattenrisse bezweckte, sondern wirklich allgemeine Zeichnung pla- stischer Gestalten auf ebener Flaͤche, doch ohne Begriff von Colorit, noch weniger von Licht und Schatten; welcher letzteren Erkenntniß, wie wir in der Folge se- hen werden, erst spaͤter aufgegangen ist und die Voll- endung der Malerey bewirkt hat. Die andere und vermuthlich spaͤtere Art der Va- senbilder, mit gelbrothen Figuren auf schwarzem Grun- de, kann den durch Kleophantus eingefuͤhrten ersten vorschreitenden Versuch, die anfaͤngliche Andeutung der Farbe, darstellen. Denn wenn er mit zerstoße- nen Scherben malte, so muß daraus eben dieselbe Farbe entstanden seyn, die der gebrannte Thon auf nicht glasirten Gefaͤßen wirklich zeigt. Wenn wir die sogenannten hetrurischen Gefaͤße als Darstellung der uranfaͤnglichen Versuche in der Male- rey anfuͤhrten, so wuͤrde man uns doch mißverstehen, wenn man glauben wollte, daß wir die Zeichnungen auf dergleichen Gefaͤßen wirklich in ein so hohes Alter- thum hinaufruͤcken und sie selbst als Erstlinge der Ma- lerey betrachten moͤchten. Wiewohl einige mit schwar- zen Figuren, uralter Schrift und unbeholfener noch roher Zeichnung, in der That sehr alt sind, und aus Zeiten herruͤhren koͤnnen, welche von der Erfindung der auf Flaͤchen zeichnenden Kunst bey den Griechen nicht fern gewesen. Wir aber gedenken ihrer bloß als solcher Kunstwerke, worauf die ersten urspruͤnglichen Arten der Malerey noch beybehalten waren, und wo- durch wir uns dieselben desto besser vorstellen koͤnnen. Fruchtlos wuͤrde die Bemuͤhung ohne Zweifel aus- fallen, wenn Jemand unternehmen wollte, die Zeit bestimmt auszumitteln, wann eigentlich bey den Grie- chen die ersten Anfaͤnge der Malerey statt gehabt. Die Namen Philocles, Cleanthes, Ardices, Tele- phanes, welche Plinius den Erfindern beylegt, moͤ- gen wohl nur bloße Namen seyn, so wie alles, was er uͤber das Alter der bildenden Kunst in Griechenland und Italien vorgebracht, aus ungewissen, widerspre- chenden Nachrichten zusammengetragen ist. Das Einzige laͤßt sich mit Gewißheit behaupten, daß die ersten Versuche der Malerey in sehr entfernte Zeiten fallen. Und wenn man gleich anfaͤnglich schon einige Lebhaftigkeit des Kunstbetriebs annehmen duͤrfte, so muͤßte die Plastik selbst nicht betraͤchtlich aͤlter seyn. Doch ist nicht zu laͤugnen, daß ihre Erfindung oder erste Uebung dem Menschen leichter als die der Ma- lerey fallen mochte, und daß man jene immer als die aͤltere, diese als die nachgeborne juͤngere Schwester wird erkennen muͤssen. Wir schreiten in unsern Betrachtungen weiter fort und finden einen Eumarus, der den Ruhm erwarb, zuerst in seinen Darstellungen die maͤnnlichen von den weiblichen Figuren unterschieden zu haben. Dieses scheint mehr von Verbesserung und Berichtigung der Gestalt oder der Zeichnung, als von Verfeinerung des Colorits auszulegen. Dieser, und Cimon von Cleone erweiterten die Kunst, indem von ihnen die katagraphischen Darstel- lungen erfunden wurden. Die Unbestimmtheit der Be- deutung dieses Worts hat den Auslegern nicht allein zu schaffen gemacht, sondern man kann sogar behaup- ten, der eigentliche Sinn desselben sey ihnen verbor- gen geblieben. Nach unserm Dafuͤrhalten geht die Meynung des Plinius dahin, daß durch die Bemuͤ- hungen der genannten Kuͤnstler die menschlichen Gestal- ten in der Malerey zuerst mehrere Bewegung und Mannigfaltigkeit erhalten haben. Die Figuren wur- den zuruͤckschauend, aufschauend und niederschauend dargestellt; Gelenke und Adern, wie auch an Ge- waͤndern die Falten angedeutet, mit einem Worte, die Kunst hatte sich der Natur genaͤhert und sie nach- zuahmen begonnen. Wenn also Plinius von der Erfindung katagra- phischer Darstellungen redet, so will er dadurch das Vermoͤgen oder die Kunst, im Umriß die Wendungen und Verkuͤrzungen anzudeuten, ausdruͤcken. Ein Um- stand, welcher allerdings von so großer Wichtigkeit in geschichtlicher Ruͤcksicht ist, als unser Autor darauf zu legen scheint. Denn es war dadurch eine der großen Hauptstufen erstiegen, uͤber welche die Kunst sich zu ihrer Vollkommenheit emporarbeiten mußte. Hierauf wird nun eine Luͤcke in den von Plinius uns uͤberlieferten Nachrichten bemerkt. Die Kunst mag vielleicht durch eine geraume Zeit von verschie- denen Kuͤnstlern mancherley Verbesserungen erhalten ha- ben; doch ohne daß eine derselben so auffallend gewe- sen, um als ein wichtiger Vorfall in der alten Kunst- geschichte angezeigt zu werden. Unterdessen mag man zu mehrerer Fertigkeit gelangt, die Maler moͤgen nach dem damaligen Maß der gangbaren Kenntnisse mehr Meister ihres Fachs geworden seyn. Ohne Zweifel erhielt die Malerey große und be- deutende Verbesserungen durch den Polygnot von Tha- sos. Die Bewunderung, welche das ganze Alterthum seinen Werken zollte, ist ein sicherer Buͤrge fuͤr ihre hohen Verdienste. Und noch koͤnnen wir uͤber den ed- len Geist seiner Erfindungen urtheilen, indem uns Pausanias den Inhalt von zweyen seiner Hauptge- maͤlde beschrieben und uͤberliefert hat. Polygnot mag als ein außerordentlicher Geist im Ganzen uͤber die Kunst gewaltet und sie ihrer Voll- kommenheit naͤher gebracht haben; aber unsere gegen- waͤrtigen Betrachtungen bezielen bloß dasjenige, was die Fortschritte der Farbengebung angeht. Er muß, den alten Nachrichten zufolge, um mehrere Mannigfaltigkeit der Farben bemuͤht gewesen seyn, sie auf eine zwar einfache Weise, aber mit Sinn und nach Maßgabe des beabsichtigten Charakters, angewendet haben. Er kleidete zuerst die weiblichen Fi- guren in helle Gewaͤnder, und gab dem Hauptschmuck derselben froͤhlich bunte Farben; wodurch also die Ge- maͤlde im allgemeinen anziehender und gefaͤlliger wur- den. Man sagt, Polygnot und sein Zeitgenosse Mikon haͤtten sich zuerst des lichten Ockers zum Malen be- dient. Nimmt man diese Nachricht in dem Sinne, als haͤtten diese Kuͤnstler die erwaͤhnte Farbe unver- mischt zum Anstrich von Gewaͤndern gebraucht, so er- hellt daraus eben das vorhin bemerkte sorgfaͤltige Be- streben nach Mannigfaltigkeit, Abwechselung und Far- benreiz. Will man aber gar zugeben, sie haͤtten, was nicht unwahrscheinlich ist, durch Vermischung dieser Farbe mit Roth und Weiß, die genauere Nach- ahmung der Wahrheit in Darstellung der nackten Theile ihrer Figuren, besonders der weiblichen, erzwecken wollen; so war die Kunst der Malerey bereits auf dem Wege, der sie ihrer vollkommen Entwicklung zufuͤhren mußte. Es ist vielleicht hier der schicklichste Ort, beyzubringen, daß, ebenfalls einer Nachricht des Plinius zufolge, nicht lange vor dieser Zeit auch die Farbe des Zinnobers erfunden wurde. Von Panaͤnus, des Phidias Bruder, einem Zeit- und Kunstgenossen des Polygnot, wissen wir aus Nachrichten des Plinius und Pausanias, daß er in der Poekile zu Athen die Schlacht bey Marathon ge- malt, und zwar, wie aus eben diesen Nach- richten zu vermuthen ist, mit mancherley Farben. Auch sollen die Figuren der Feldherren, sowohl der Griechen als Perser, wirkliche Bildnisse dargestellt ha- ben. Man sieht also offenbar das damalige lebhafte Bemuͤhen der Maler, ihren Werken Wahrheit zu ge- ben. Dieses Bemuͤhen aber mußte vornehmlich Farbe und Farbenmischung betreffen: denn die Zeichnung war damals schon auf den Gipfel des Großen, Ed- len, Wuͤrdigen gelangt, wovon die plastischen Werke jener Zeit zu unverwerflichem Zeugniß dienen koͤnnen. Um die neunzigste Olympiade scheint sich die Ma- lerey bis zur Selbstaͤndigkeit emporgearbeitet zu haben. Offenbar setzt Plinius einen bedeutenden Lebenspunct, das Beginnen einer neuen Epoche der Malerey, in diese Zeit, hat aber zu bemerken unterlassen, worin die wesentliche, damals bewirkte Verbesserung eigent- lich bestanden habe. Wir machen uns davon unge- faͤhr folgende Vorstellung. Bis auf diese Zeit waren die schnelleren Fortschritte der malenden Kunst noch immer gehindert, theils weil die Kuͤnstler dieses Fachs die nothwendige Fertig- keit und Bequemlichkeit der Behandlung noch nicht in ihrer Gewalt haben mochten, theils weil es ihnen an zweckmaͤßigen Werkzeugen gebrach. In der fruͤhsten Zeit bediente man sich des Griffels; allein dieser konnte doch wohl nur bloße Umrisse zu ziehen gebraucht wer- den. Sobald aber die Absicht, mehrere Farben an- zuwenden, entstanden war, trat auch das nothwendige Beduͤrfniß eines die Auftragung derselben erleichternden Werkzeuges ein. Wie aber und wann eigentlich zu solchem Behuf der Pinsel erdacht und nach und nach vervollkommnet worden, davon ist keine sichere Nach- richt vorhanden. Im Besitz zwar einfacher, aber doch fuͤr die Nachbildung aller sichtbaren Gegenstaͤnde genugsam hin- reichender Farben, moͤgen die Kuͤnstler dieser Zeit ge- wesen seyn. Als beruͤhmte Maͤnner, die also wahr- scheinlich Steigerer und Erweiterer der Malerey gewe- sen, nennt Plinius in der neunzigsten Olympiade den Aglaophon, vermuthlich einen andern als den Vater des Polygnot; ferner Cephissodorus und Evenor, dessen Sohn und Schuͤler Parrhasius war. Worin aber eigentlich ihre Verdienste und die von ihnen be- wirkten Fortschritte der Kunst bestanden haben, wird nicht gemeldet. Jedoch finden wir Ursache zu glau- ben, daß von ihnen, wo nicht die ganz ersten, doch wenigstens die allmaͤhlig besser gelungenen Versuche, Licht und Schatten anzudeuten, gemacht worden. Hierzu scheint uns die Erwaͤhnung verschiedener Um- staͤnde zu berechtigen. Denn erstlich ist, nach vorhin geschehenen Andeu- tungen, die Zeichnung schwerlich derjenige Theil ge- wesen, in welchem die erwaͤhnten Kuͤnstler, die dem Polygnot unmittelbar folgten, eine hoͤhere Vollkom- menheit als dieser große Meister erlangt haben. Also muͤssen sie, da mit ihnen eine neue Epoche der Ma- lerey anfangen soll, in irgend einem vorhin noch nicht, oder wenigstens mit geringem Erfolg, bearbeiteten Theile starke Vorschritte gemacht haben. Nun ist, angezeigter Weise sowohl als auch der innern Nothwendigkeit nach, die Malerey vom rei- nen Umriß zu Figuren, die sich bloß durch eine ein- fache Localfarbe vom Grund, auf den sie gearbeitet waren, unterschieden, vorgeschritten; dann wurden, als man sich nach und nach im Besitz von mehreren Farben sah, dieselben von großen Kuͤnstlern zu sinn- voller Bedeutung, aber wie wir zu glauben geneigt sind, alle noch immer bloß als Localfarbe gebraucht, ohne durch Abstufung von helleren und dunkleren Toͤnen die Wirkung des Lichts und Schattens nachahmen zu wollen. Denn wenn uns die neuere Kunstgeschichte belehrt, daß erst nach langen und schweren Bemuͤhungen das Helldunkel an natuͤrlichen Gegenstaͤnden richtig wahrge- nommen werden konnte, obgleich die Tradition davon aus dem Alterthum einigermaßen noch uͤbrig war, wie sehr viel groͤßere Schwierigkeiten hatten nicht die Alten zu besiegen, da sie sich den Begriff selbst neu erschaf- fen mußten! Auch ist kein einziger wahrscheinlicher Grund und keine alte Nachricht vorhanden, nach wel- chen vermuthet werden duͤrfte, daß in Polygnots Ge- maͤlden bereits Licht und Schatten angegeben gewesen. Vielmehr laͤßt das Symbolische seiner Darstellungen, die vielen Figuren, die er auf Gemaͤlden angebracht und Reihenweise geordnet, schließen, daß die Angabe von Licht und Schatten von ihm noch nicht bezweckt worden. Hingegen ist wohl nicht zu zweifeln, daß dieses vom Apollodorus, einem Athenienser, der sich um die vierundneunzigste Olympiade beruͤhmt gemacht, geschehen sey. Selbst Plinius bemerkt, daß von den vor diesem Meister verfertigten Gemaͤlden kein einzi- ges das Auge angezogen; wovon der Grund doch wohl nur in dem fruͤher noch gar nicht, oder doch nur unbestimmt, angedeuteten Licht und Schatten zu suchen ist. Auch hinsichtlich auf die Gegenstaͤnde scheinen die vom Apollodorus gemalten Werke sich von denen des Polygnot wesentlich unterschieden, und meist nur ein- zelne oder doch eingeschraͤnkte Figuren dargestellt zu ha- ben, welche vom Symbolischen, als dem vornehmlich der Plastik gehoͤrigen Feld, abwichen und allmaͤhlig den fuͤr die Malerey besser geeigneten dramatischen Charakter annahmen. Nach dem Ruhme zu urtheilen, welchen die Al- ten einstimmig dem Xeuxis von Heraklea gegeben, muß derselbe sich außerordentliche Verdienste um die Kunst erworben haben. Und wenn wir seine Bemuͤhungen bloß aus dem beschraͤnktern Gesichtspunct, den wir hier vorzuͤglich im Auge haben muͤssen, ansehen; so scheint durch ihn sowohl eine freyere malerische Be- handlung, als auch in Hinsicht auf das Colorit und den Gebrauch von Licht und Schatten mehr Freyheit eingefuͤhrt worden zu seyn. Betrachten wir aber, was Xeuxis auch in andern Theilen geleistet, so scheint er als einer der großen Befoͤrderer der Kunst im allgemeinen anzusehen: denn seine Erfindungen waren von der edelsten, gehaltvollsten Art, die Formen nach dem Zeitgeschmack von wuͤrdi- ger Großheit; aber sein eigenthuͤmliches Bestreben ging auf das Schoͤne. Und also mochten, nach unserm Ermessen, die Arbeiten dieses Kuͤnstlers wohl nicht fern von der hoͤchsten in der Kunst erreichbaren Hoͤhe gestanden haben. Im vierten Jahr der fuͤnf und neun- zigsten Olympiade wird aller Wahrscheinlichkeit nach ei- nes der vorzuͤglichsten Werke von ihm verfertigt wor- den seyn, weil Plinius des Kuͤnstlers hoͤchsten Ruhm von diesem Jahre datirt hat. Androcydes, Eupompus, Parrhasius und Ti- manthes waren Nebenbuhler des Xeuxis, wahrschein- lich aber auch etwas juͤnger als derselbe. Von den beyden ersten wissen wir wenig mehr als die Namen; doch von den letztern sind umstaͤndlichere Nachrichten vorhanden, und es leidet durchaus keinen Zweifel, daß Parrhasius die Malerey vorzuͤglich befoͤrdert und vervollkommnet habe. Hauptsaͤchlich moͤgen durch ihn die Umrisse der Figuren weicher und schwindender, die Gestalten wie mit Luft umgeben, gemalt worden seyn. Dieses zeigt, daß die Beobachtung und Nach- ahmung von Licht und Schatten bereits auf einen ho- hen Grad von Feinheit und Genauigkeit getrieben war. Daß er auch in der Wahrheit des Colorits zu einer großen Hoͤhe gelangt sey, lernen wir aus einer andern Nachricht des Plinius, wo unter den beruͤhmtesten Werken dieses Kuͤnstlers eines Wettlaͤufers gedacht wird, welcher zu schwitzen schien. Es kann also kein Raͤthsel fuͤr uns seyn, warum Parrhasius dem Xeuxis fuͤr uͤberlegen geachtet wurde. Er war, nach unserer II. 6 Ansicht der Dinge, kein besserer Kuͤnstler als Xeuxis aber unstreitig war er ein vollkommnerer Maler. Das flache Maͤhrchen, welches Plinius von dem Wettstreit der genannten beyden großen Kuͤnstler erzaͤhlt, wo Xeuxis Trauben, Parrhasius aber eine als mit dem Vorhang bedeckte Tafel dargestellt haben soll, moͤchten wir freylich seinem ganzen Umfange nach nicht in Schutz nehmen; allein es konnte unmoͤglich erfun- den und nacherzaͤhlt werden, ohne daß sich beyde Kuͤnstler um das Colorit besonders verdient gemacht, ohne daß Parrhasius die taͤuschende Wahrheit der Nach- ahmung in seiner Gewalt gehabt, das heißt, daß seine Localtinten richtig und die Schattirung nach der Natur sehr wohl beobachtet gewesen. Timanthes soll in einem Wettstreit selbst uͤber den Parrhasius gesiegt haben. Ob er aber auch in Hin- sicht auf das Colorit besonders vortrefflich gewesen, und durch Vorzuͤge dieser Art den Sieg erlangt, geht aus den Nachrichten nicht hervor. Er wird uns vor- nehmlich als hoͤchst sinnreich in seinen Erfindungen be- schrieben; auch muͤssen seine Gemaͤlde in Betreff des Ausdrucks der Leidenschaft und Darstellung des Charak- ters der Figuren hoͤchst schaͤtzbar gewesen seyn. Jenes ist aus seiner beruͤhmten Iphigenia wahrscheinlich; die- ses schließen wir aus der Nachricht von einem andern seiner Gemaͤlde, welches einen Helden dargestellt, und worin, wie Plinius anmerkt, die ganze Kunst Maͤnner zu malen enthalten war. Demnach bleibt es allerdings raͤthselhaft, worauf Parrhasius eigentlich gezielt, welcher, als das Ge- maͤlde des Timanthes vom Streit des Ulysses und Ajax um Achills Waffen dem seinigen, wo derselbe Gegenstand abgebildet war, vorgezogen wurde, soll gesagt haben: es kraͤnke ihn, daß Ajax abermals von einem Unwuͤrdigen uͤberwunden werde. Eben so schwer moͤchte auszumachen seyn, worin die Vorzuͤge des Eupompus, Stifters der Sycioni- schen Schule, bestanden haben; weil durchaus keine umstaͤndlichen Nachrichten uͤber ihn vorhanden sind, wir auch uͤberhaupt noch nicht wissen, auf welche Weise sich die griechischen Malerschulen in Geschmack, Styl und Behandlung von einander unterschieden haben. Euphranor vom Corinthischen Isthmus, ein be- ruͤhmter Kuͤnstler, der sowohl gemalte als plastische Meisterstuͤcke verfertigt, und nach Plinius in der hun- dert und vierten Olympiade gebluͤht, wird sonder Zweifel auch zur Vervollkommnung des Colorits beyge- tragen haben: denn es waren von ihm verfaßte Buͤ- cher uͤber die Farben vorhanden. Und weil er von einem gemalten Theseus des oben erwaͤhnten Parrha- sius zu urtheilen wagte: derselbe sey mit Rosen ge- naͤhrt, ein anderer aber, von ihm selbst gemalter, mit Fleisch; so ist also durch ihn damals groͤßere Wahrheit, Abwechselung und Charakteristik des Far- bentons erreicht worden. 6 * Wir nennen hier noch den Echion, Aristides und Pamphilus. Echion lebte in der hundert und sieben- ten Olympiade, und man muß damals schon mit gro- ßer Kraft und Gegensaͤtzen von Hell und Dunkel ge- malt haben, weil unter den beruͤhmtesten Gemaͤlden dieses Kuͤnstlers eines erwaͤhnt wird, worauf eine Neuvermaͤhlte dargestellt war, der eine alte Frau die Lampe vortrug. Also ein Nachtstuͤck, und neben dem hoͤhern Verdienst ungemein zarten Ausdrucks, von kraͤf- tiger Wirkung. Pamphilus hatte den Ruhm, den groͤßten der griechischen Maler gezogen zu haben, und scheint von den Alten, besonders wegen seiner theoretischen Kennt- nisse, geschaͤtzt worden zu seyn. Ob ihm die Kunst auch von Seiten des Practischen und vorzuͤglich des Colorits, Erweiterungen zu danken habe, ist uns nicht uͤberliefert worden. Aristides, der Thebaner, mag etwas juͤnger als die eben genannten Meister und ein noch groͤßerer, ja dem Apelles selbst gleichgeschaͤtzter Kuͤnstler gewesen seyn. Unterdessen wird von ihm ausdruͤcklich bemerkt, sein Hauptverdienst habe nicht in vorzuͤglicher Anmuth der Behandlung, oder in zartem Colorit, sondern in bewundernswuͤrdigem Geist und Lebhaftigkeit des Aus- drucks seiner Figuren, und in gehaltreicher Erfindung bestanden. Dieser Kuͤnstler, so wie einige der vorhergenann- ten koͤnnten zwar hier als uͤberfluͤssig angefuͤhrt betrach- tet werden, weil wir bloß die Absicht angekuͤndigt, den Fortschritten in der Malerey, hinsichtlich auf An- wendung der Farben, und was uͤberhaupt mit dem Colorit verwandt ist, nachzuforschen. Allein eben aus dem Umstand, daß einige Kuͤnstler ruͤhmlich bemerkt sind, deren Kunst ganz anderer Vorzuͤge als des Colo- rits wegen gelobt worden, und der gedachte so hoch geruͤhmte Aristides sogar von dieser Seite gelindem Tadel nicht entgangen, eben daraus ergiebt sich klar, daß die Kunst der Farbenbehandlung und der Nachah- mung natuͤrlicher Gegenstaͤnde durch dieselben, um ge- dachte Zeit schon sehr weit getrieben gewesen, so daß an den Kuͤnstler von dieser Seite damals schon sehr große Anforderungen gemacht werden konnten. Die zufaͤllige Erfindung des gebrannten Bleywei- ßes, oder dessen, was wir jetzt Neapel-Gelb nennen, und die Einfuͤhrung seines Gebrauchs in die Malerey, ist ein Umstand welchen wir nicht uͤbergehen duͤrfen. Nicias soll der erste gewesen seyn, der diese Farbe an- gewendet. Dieser Kuͤnstler aber lebte zur Zeit des Praxiteles. Weibliche Figuren sollen ihm vorzuͤglich gelungen seyn. Die Richtigkeit der Beleuchtung und das Vortretende in seinen Bildern wird geruͤhmt; wor- aus geschlossen werden kann, daß dieser Meister kraͤftig und mit Effekt gemalt habe. In Bezug hierauf kann man ebenfalls die Bemer- kung des Plinius anfuͤhren, der, wo er von der Usta , dem gebrannten Bleyweiße spricht, hinzufuͤgt: daß ohne diese Farbe der Schatten nicht ausgedruͤckt werden koͤnne; welches genau mit den Grundsaͤtzen der neuern Maler, die mit kraͤftigem Colorit gearbei- tet, uͤbereinstimmt. Zu welcher Zeit und von welchem Kuͤnstler das System der Massen von Licht und Schatten in der Malerey gegruͤndet worden, ist nicht genau bekannt; aber wenn wir dasselbe an den plastischen Werken, zur Zeit des schoͤnen Styls, um die Zeit des Praxiteles, angewandt sehen, so ist mit Grund zu vermuthen, daß in der Malerey schon etwas fruͤher davon Ge- brauch gemacht worden, und diese Maximen nachher auf die Plastik uͤbergegangen. Durch den Apelles erreichte endlich die Malerey bey den Griechen ihr hoͤchstes Ziel. Was den Adel der Erfindung, die Schoͤnheit der Gestalten betrifft, scheint er allen seinen Kunstgenossen wenigstens gleich- gekommen zu seyn; in Betreff der Anmuth aber uͤber alle den Vorzug behauptet zu haben. Aus der Menge Arbeiten dieses Kuͤnstlers, von denen uns noch Nachricht uͤbrig geblieben, laͤßt sich schließen, daß die Behandlung derselben vollkommen meisterhaft und leicht gewesen, ohne jedoch der Zart- heit der Ausfuͤhrung einigen Abbruch zu thun. Und so duͤrfen wir auch, theils aus diesem, theils aus andern Gruͤnden, welche die erwaͤhnten Nachrichten uns dar- bieten, die beste Meynung von der Vollkommenheit des Colorits in den Bildern des Apelles hegen. Durch ihn soll die Zahl der Pigmente noch um eines, naͤmlich um das aus gebranntem Elfenbein ver- fertigte Schwarz, vermehrt worden seyn. Woraus zu vermuthen ist, daß er damit eine vorher noch nicht erreichte Staͤrke und Wirkung beabsichtigt habe. Allein eine noch weit wichtigere Erweiterung der malerisch-technischen Mittel war die von ihm einge- fuͤhrte Lafirung, wodurch er den Bildern jenen kuͤnstli- chen bezaubernden Schein, den Farben die gefaͤllige Milde, und die hoͤchst zarte, auf keinem andern Wege in solcher Vollkommenheit erreichbare Abstufung ertheilte. Die hieher gehoͤrige Stelle des Plinius ist ungemein deutlich, ja sie scheint sogar keine andere Auslegung zu leiden. „Wenn seine Gemaͤlde vollendet waren, uͤberzog er sie mit einer sehr feinen Schwaͤrze, atramentum, die durch ihren Glanz die Schoͤnheit der Farben noch erhob, das Gemaͤlde vor Staub und Schmutz schuͤtzte, und erst bemerkt werden konnte, wenn man es naͤher betrachtete. Er verfuhr aber darin sehr behutsam. Die Lebhaftigkeit der Farben sollte das Auge nicht be- leidigen, und es sollte sie in der Entfernung wie durch einen Spiegelstein erblicken. Eben diese Schwaͤrze sollte auch den zu hellen Farben unvermerkt mehr Ernst geben.“ Der Umstand, daß es ein glaͤnzender Firniß war, durch welchen das Gemaͤlde vor Staub und Schmutz geschuͤtzt wurde, ist nicht minder interessant, als die noch ferner hinzugefuͤgte Anmerkung, daß das Auge die Farben oder das Gemaͤlde wie durch Spiegelstein erblicken sollte. Es geht daraus hervor, daß Apelles auf oder uͤber seine Malereyen einen in hohem Grade dehnbaren, nach Willkuͤhr staͤrker oder schwaͤcher aufzu- tragenden Firniß von dunkler Farbe zog, der ganz die Eigenschaft und Wirkung der in der Oelmalerey heut zu Tage angewendeten Lasurfarben, vorzuͤglich des Asphalts, hatte. Ob es sogar dieses Erdharz selbst, mit irgend einer Art Oel oder Gummi ver- mischt, gewesen sey, laͤßt sich zwar nicht unumstoͤßlich darthun; aber es ist nicht unwahrscheinlich, da die beschriebenen Wirkungen gerade diejenigen sind, welche wir auf den vortrefflichsten Oelgemaͤlden der vorzuͤg- lichsten neuern Meister in diesem Theile der Kunst er- reicht sehen. Protogenes, des Apelles Zeitgenosse und Mitei- ferer um den hoͤchsten Ruhm in der Malerey, scheint seine Bilder mit auffallend groͤßerer Sorgfalt ausgear- beitet zu haben, woruͤber das so hoͤchst erfreuliche Leichte, der Schein eines freyen froͤhlichen Spiels, zum Theil eingebuͤßt werden mochte; wie wir aus dem aufbewahrten Urtheil des Apelles vermuthen koͤn- nen, welcher gestanden: daß Protogenes ihm selbst in allem gleich komme, ja ihn wohl noch uͤbertreffe; nur wisse er nicht zur rechten Zeit aufzuhoͤren. Hierauf beschraͤnkt sich alles Wesentliche, was uͤber diesen gro- ßen Kuͤnstler bis auf uns gekommen. Nun bleibt uns noch ein schwieriger Punct in den Nachrichten des Plinius zu untersuchen uͤbrig; wobey aber wenig Hoffnung ist, denselben voͤllig ins Klare zu setzen. Mehrmals berichtet naͤmlich der angefuͤhrte Schriftsteller, die aͤlteren großen griechischen Meister haͤtten ihre unsterblichen Werke nur mit vier Farben gemalt. Er geht noch weiter und specificirt sogar diese vier Farben, deren sich seiner Angabe nach Apelles, Echion, Melanthius und Nicomachus, mit Ausschluß aller andern Pigmente, sollen bedient haben. Von den weißen Farben ist es das Melinum al- lein, welches eine Kreide war: das Erethrische hielt man fuͤr das beste; von den ockerartigen, das Atticum, wahrscheinlich ein schoͤner heller Ocker; von den rothen die pontische Sinopis, ohne Zweifel eine rothe Erde wie die Neapolitanische; und von den schwarzen das Atramentum. Unter der letzten Benennung wird, wie es scheint, von Plinius alle schwarze Farbe, oder Schwaͤrze uͤberhaupt, und oft eine besondere Art Schwarz verstanden; wie hier der Fall seyn mag: und folglich ist es ungewiß, ob er das Erdpech, den Kien- ruß, Kohlschwarz, oder die aus gebrannten Weinhefen und aus Weintrestern verfertigte schwarze Farbe, oder gar das verkohlte Elfenbein, dessen Erfindung er dem Apelles zuschreibt, gemeynt habe. So bestimmt auch Plinius im Ganzen an dieser Stelle zu seyn scheint, so kann man doch unmoͤglich seinen Bericht buchstaͤblich auslegen, weil offenbare Schwierigkeiten, ja Widerspruͤche daraus entstehen wuͤrden. Die angefuͤhrte Stelle kann demnach schwer- lich eine andere als die allgemeine Bedeutung haben: daß die großen Meister des Colorits in Griechenland — denn ohne Zweifel sind diese vorhingenannten in dieser besondern Ruͤcksicht aufgefuͤhrt worden — sich bloß einfacher Farbenmittel bedient, aber durch ver- staͤndige kunstreiche Anwendung derselben nichts desto weniger große Wirkungen erzielt und den aͤchten Kunst- forderungen genug gethan; dahingegen die Maler zu Plinius Zeiten blendende Farben mancherley Art an- wendeten, aber das Wesentlichste der Kunst vernach- laͤssigten. Man duͤrfte sich freylich sehr wundern in Aufzaͤh- lung der einfachen Farben, deren sich die groͤßten Maler bey den Griechen zu ihren Werken bedient, das Blau ganz vergessen zu sehen. Und wenn es erweislich ist, daß zur guten Wirkung eines Gemaͤldes unum- gaͤnglich die Totalitaͤt des ganzen Farbenkreises erfor- dert wird; so muͤßte die hohe Meynung vom Farben- spiel und von der Harmonie, welche die Verehrer des Alterthums sonst den Werken jener genannten großen Meister zuschreiben mochten, allerdings vermindert wer- den, und sie schwerlich, bey allen uͤbrigen Vorzuͤgen, vor dem Verdacht der Monotonie zu schuͤtzen seyn. Denn wenn sie sich keiner blauen Farbe sollten bedient haben, so haͤtte nothwendig auch das frische Gruͤn mangeln muͤssen. Allein es ist keinesweges wahrschein- lich, daß die großen Meister die Vortheile nicht einge- sehen haben sollten, welche aus der Anwendung von Blau und Gruͤn fuͤr bessere Harmonie und Mannig- faltigkeit des Farbenspiels in Gemaͤlden entspringen. Unsres Beduͤnkens muß man daher, um die Stelle beym Plinius zu retten, auf die buchstaͤbliche Ausle- gung derselben verzichten, und unter den vier Farben bloß den Gebrauch einfacher Farben verstehen: denn sonst wuͤrde der Autor mit sich selbst in Widerspruch gerathen. Er berichtet ja, daß Minium, es sey nun Zinnober oder Mennig darunter verstanden, schon fruͤh erfunden worden. Er rechnet dem Polygnot als ein Verdienst an, daß derselbe seinen weiblichen Figuren buntes Kopfzeug gegeben habe, welches aus denen Farben, die er dem Nicias und Apelles selbst nur lassen will, nicht zu bewerkstelligen war. Vom Ni- cias wird aber an einem andern Orte ausdruͤcklich ge- meldet, er habe sich der Usta , des gebrannten Bley- weißes, zuerst bedient; und es wird ferner beygefuͤgt, ohne Usta lasse sich der Schatten nicht ausdruͤcken. Folglich muͤßten alle die großen alten Meister den Schatten nur unzulaͤnglich dargestellt haben. Es geht aber aus den eigenen Anmerkungen, die Plinius uͤber ihre Werke eingeschaltet hat, ganz das Gegentheil her- vor. Und waͤre es nicht also gewesen, haͤtte die Ma- lerey sich in der That von dieser Seite erst spaͤter ver- vollkommnet, so waͤren ja die Vorwuͤrfe ungerecht, die Plinius eben den spaͤtern Kuͤnstlern uͤber die An- wendung mehrerer Farben machen will. Apelles selbst hat sicherlich sein Elfenbeinschwarz um groͤßerer Kraft willen, und um allenfalls die uͤbrigen schwarzen Far- ben durch noch tiefere Schwaͤrze abschattiren zu koͤn- nen, gebraucht, und nicht etwa darum, weil es zur Mischung in den Fleischtinten am bequemsten war, wie ein jeder neuerer Maler wohl aus Erfahrung weiß. Warum aber vom Plinius unter jenen vier Far- ben das Blau nicht erwaͤhnt wird, erklaͤrt sich vielleicht durch die Stelle, wo derselbe vom Atrament oder von schwarzen Farben spricht, am besten. Er meldet naͤm- lich, die gebrannten Hefen von gutem Wein gaͤben nach der Behauptung einiger Maler eine Schwaͤrze, welche dem Indicum nahe kaͤme, und Indicum selbst wird von ihm an die schwarzen Farben angeschlossen. Aus einer folgenden Stelle geht aber hervor, daß un- ter Indicum schwerlich etwas andres als der wirkliche Indigo, und also blaue Farbe, gemeynt seyn kann; die denn auch in Gouach- und Leimfarben noch immer gebraucht wird. Das Blau von Waid, Vitrum , war wenigstens zur Zeit des Plinius ebenfalls bekannt. Man verfaͤlschte damals das Indicum damit. Eben so ha- ben die Alten das Bergblau, und zu Alexanders Zeiten sicherlich auch den Lapis Lazuli gekannt. Dieses ist es, was wir uͤber eine allerdings schwierige und vielfacher, nur nicht woͤrtlicher, Auslegung faͤhige Stelle anzu- merken fuͤr schicklich erachtet haben. Nachdem wir nun das erste Entsprießen der grie- chischen Malerey, ihre Bluͤten und die herrlichen gol- denen Fruͤchte, die sie zur Zeit ihres hoͤchsten Glanzes getragen, betrachtet haben, verfolgen wir dieselbe auch waͤhrend ihres Sinkens bis zu ihrem endlichen Unter- gang. Gewiß, es koͤnnte demjenigen nicht an Gruͤnden fehlen, der eine Naturnothwendigkeit auch hier behaup- ten und sagen wollte, kein moͤgliches Mittel sey gewe- sen, ihren Verfall zu verhindern, da ewige Gesetze so die Kunst wie alle uͤbrigen Dinge einem Anf- und Niedersteigen, der Jugend und dem Alter, dem Er- scheinen und Vergehen unterworfen haͤtten. Allein die- ses duͤrfte uns zu weit von unserm vorgesetzten Zwecke ableiten, der hier nicht ist, Ursachen zu ergruͤnden, sondern was wahrscheinlich geschehen ist, darzulegen. So geschah es also, daß hinter dem Apelles und Protogenes, deren Werke man als die hoͤchsten Gipfel der Malerey ansehen kann, die Kunst, durch immer versuchte Neuerungen, an Gehalt, an Styl, an Rein- heit der Formen und des Geschmacks immer mehr ab- nahm. Aus den freylich sehr mangelhaften Nachrichten, die uns davon noch uͤbrig sind, laͤßt sich schließen, daß Maler aufgestanden, welche vornehmlich die Wir- kung fuͤrs Auge bezweckten; andere, welche bey gemei- nen Gegenstaͤnden durch das Gefaͤllige der Ausfuͤhrung; andere, die sich durch Witz und Laune des Inhalts Beyfall zu erwerben gesucht. Noch von andern wird ausdruͤcklich gemeldet, sie haͤtten sich vorzuͤglich durch Geschwindigkeit mit der sie arbeiteten, hervorgethan. Diese waren also genoͤthigt, dem Wesentlichen, Ge- nauen, sorgfaͤltig Ausstudirten und Wohlgeendigten zu entsagen, und das bloß Scheinbare zu suchen. Und so werden ihre Arbeiten gegen die Werke des Apelles und Protogenes gehalten, ungefaͤhr eben das Verhaͤlt- niß, wie in neuerer Zeit die Gemaͤlde des Peter von Cortona und des Luca Giordano gegen die des Michel Angelo oder Raphael, gehabt haben. Mit diesen wenigen Betrachtungen sind wir frey- lich genoͤthigt, einen Zeitraum von etwa dreyhundert Jahren, naͤmlich von Alexander dem Großen an bis zu den ersten roͤmischen Kaisern, duͤrftig auszufuͤllen. Allein die spaͤrlichen Nachrichten erlauben kein groͤßeres Detail. Von hier an treten wir jedoch aus der Dun- kelheit einigermaßen heraus, und koͤnnen unsere Unter- suchungen auf festerem Grunde fortsetzen. Wenn wir uns sonst begnuͤgen mußten zu sagen: es scheint, wir meynen, wir vermuthen; so werden nunmehr That- sachen angefuͤhrt werden koͤnnen, indem wirklich noch Monumente der alten Malerey aus der Zeit, da Pli- nius schrieb, wohl auch noch von etwas fruͤherem Datum, vorhanden sind; desgleichen andere, welche uns uͤber den Zustand der Malerey in spaͤteren Zeiten belehren. Bey weitem die groͤßte Zahl der noch jetzt vorhan- denen antiken Gemaͤlde wurde in den Gruͤften von Herculanum und Pompeji wieder gefunden. Nach Maßgabe des an ihnen wahrzunehmenden Geschmackes und Styls gehoͤren sie, ohne Ausnahme, den Zeiten nach Alexander dem Großen an, und reichen bis da- hin, als unter Titus die erwaͤhnten beyden Staͤdte vom Vesuv mit Lava und Asche verschuͤttet wurden. Es waͤre indessen moͤglich, daß einige der dort auf- gefundenen Bilder nur Erfindungen aͤlterer Kuͤnstler, frey und fluͤchtig nachgeahmt, darstellen. Allein keines zeigt jene einfache Groͤße und Ernst des Geschmacks, wodurch es sich als Originalarbeit eines von den Mei- stern, welche vor Alexanders Zeiten gelebt haben, an- kuͤndigte. Vielmehr erscheint uͤberall der Geist einer schon ausgebildeten uͤppigen Kunst, der man ohne Muͤhe ansehen kann, daß sie nicht im Auf- sondern im Niedersteigen begriffen ist. Durchgaͤngig, es moͤgen nun gute oder bloß handwerksmaͤßige Maler den Pinsel gefuͤhrt haben, wird eine sehr große Leichtigkeit in der Behandlung wahrgenommen, ein herkoͤmmliches Verfah- ren nach uͤberlieferten Regeln. Ob schon es eben nicht wahrscheinlich ist, daß sich unter den in Pompeji und Herculanum bis jetzt gefundenen antiken Gemaͤlden wirk- liche Arbeiten hochberuͤhmter Kuͤnstler befinden, und wir also durch diese Entdeckungen noch immer keinen durchaus vollstaͤndigen Begriff erlangen von dem was die Malerkunst in der Zeit, aus welcher die besagten Werke stammen, leisten konnte; so haben gleichwohl diejenigen Kunstrichter, welche alle ohne Ausnahme fuͤr mittelmaͤßig erklaͤren wollen, sich sehr voreiliger Urtheile schuldig gemacht, deren Widerlegung zwar nicht schwer fallen duͤrfte, doch uns gegenwaͤrtig zu weit von unserm vorgesetzten Zweck ableiten wuͤrde. Wir behaupten aber an unserm Theil, kein unparteyi- scher Kenner der Kunst koͤnne, mit billigen Gruͤn- den, den bekannten Taͤnzerinnen oder den Centauren erhebliche Fehler vorwerfen. In diesen, so wie in noch einigen andern, offenbart sich ein aͤußerst zarter, eleganter Geschmack der Formen. Durchgaͤngig sind sie leicht und lieblich gedacht, oft in hohem Grade sinn- reich. An den Centauren erregt neben den uͤbrigen Verdiensten noch die vollendete Kunst, mit welcher der Meister die Gruppen anordnete, gerechte Bewunderung. Nicht weniger musterhaft ist Schatten und Licht in große ununterbrochene Massen vertheilt. Die Taͤnze- rinnen, so wie verschiedene andere der besseren Bilder, haben einen ganz ungemein froͤhlichen Farbenreiz. Diese letzte Eigenschaft, welche uns hier vornehmlich inter- essirt, fuͤhrt auf allgemeinere Betrachtungen. Saͤmmtliche noch uͤbrig gebliebenen antiken Male- reyen zeigen einen froͤhlichen heiteren Charakter der Far- ben, wodurch sie sich auffallend, und, man mag hin- zusetzen, nicht weniger vortheilhaft von den Arbeiten der Neuern unterscheiden, als durch die anerkannte Ueberlegenheit in Geschmack und Styl der Formen. Die Ursache dieser froͤhlicheren Farbenwirkung kann gro- ßentheils dem froͤhlicheren Geist der alten Kunst zuge- schrieben werden, und uͤberdem hat selbst die Malerey mit Wasserfarben wahrscheinlich dazu beygetragen; da- hingegen die neuern Maler schon durch die Natur der Oelmalerey, welche dem Duͤstern guͤnstig ist, und durch den oft schwermuͤthigen Inhalt ihrer Bilder, auf einen ganz andren Weg gelenkt wurden. In Betreff der Harmonie, oder mit andern Wor- ten, der kuͤnstlichen Stellung und Vertheilung der Farben, sind die Alten, wie wir uns in der Folge zu zeigen bemuͤhen werden, solchen Regeln gefolgt, die ihnen mehrere Mannigfaltigkeit und groͤßern Spiel- raum erlaubten, als die Neuern bey ihrer Weise zu denken und zu malen gehabt haben. Die antiken Gemaͤlde, welche zu Rom in den Ruinen der Baͤder des Titus noch an Ort und Stelle uͤbrig sind; andere bessere, die vor etwa dreyßig Jah- ren in der Villa Negroni ausgegraben und seither nach England gebracht worden; ferner die beruͤhmte aldo- brandinische Hochzeit, welche schon im siebzehnten Jahr- hundert entdeckt und noch jetzt in Rom befindlich ist, sind ohne Zweifel saͤmmtlich zeitverwandt mit den Ma- lereyen aus Herculanum und Pompeji. Wenigstens ent- sprechen ihre Eigenschaften und Vorzuͤge einander der- gestalt, daß wenn wir hier noch einiges Naͤhere uͤber das Colorit, uͤber Anwendung und Austheilung der Farben, wie auch uͤber die Behandlung in der eben erwaͤhnten aldobrandinischen Hochzeit beybringen, sol- ches als von allen den noch vorhandenen antiken Ge- malden besserer Art wird gelten koͤnnen. Beabsichtigter Kuͤrze wegen muͤssen wir annehmen, unseren Lesern sey die Darstellung der aldobrandini- schen Hochzeit schon bekannt, und so unterlassen wir II. 7 auch von der Kunst der Erfindung, der Anordnung, der Zeichnung u. s. w. zu reden. Die folgenden Bemer- kungen bezielen demnach vornehmlich nur: Colorit, Ton und Harmonie, die vom Kuͤnstler angewendeten Farben, die Behandlung. Obschon die Arbeit im Ganzen nur fluͤchtig und skizzenhaft ist, so war der Maler dennoch mit großer Sorgfalt um zweckmaͤßige Abwechselung der Farbentoͤne, nach Maßgabe der verschiedenen Charaktere seiner Fi- guren, bemuͤht und hat sich darin besonders tuͤchtig er- wiesen. Die zarte auf der Wange der Braut gluͤhende Schamroͤthe contrastirt vortrefflich mit dem kraͤftigen Ton, in welchem der Braͤutigam gehalten ist. Auch sind alle uͤbrigen Figuren des Bildes mit feiner Kunst so nuͤanzirt, wie die Bedeutung einer jeden es erfor- dert. Nicht geringere Fertigkeit und Kenntnisse zeigte unser alte Meister an den verschiedenen Stellen, wo er das Durchscheinende farbiger Gewaͤnder durch Weiß angegeben, wo benachbarte Farben sich einander mit- theilen; und ferner in der Wahl und Vertheilung der den herrschenden violetten Ton des Bildes beguͤnstigen- den und von demselben wieder gehobenen Farben, zum Zweck einer froͤhlich harmonischen Wirkung des Ganzen. Den Ton eigens betreffend, moͤgen hier zu mehrerer Deutlichkeit noch folgende Bemerkungen Platz nehmen. Wenn die, Neuern, vielleicht durch das Bequeme einiger Farben in der Oelmalerey veranlaßt, den Ton ihrer Bilder fast immer gelb gewaͤhlt, oder auch zu- weilen die Uebereinstimmung, wie durch daͤmmerndes Licht, mit dem farbelosen Dunkel des Asphalts zu be- wirken gesucht; so ist man hingegen durch den vorhin erwaͤhnten violetten Ton, welcher in der aldobrandini- schen Hochzeit erscheint, ohne Zweifel berechtigt, der Malerey der Alten uͤberhaupt mehrere Mannigfaltigkeit und Ausbildung von dieser Seite zuzuschreiben, und besagtes Bild, insofern sich naͤmlich fuͤr Erweiterung der Kunst nutzbare Regeln aus demselben ableiten oder wieder auffinden lassen, den Kuͤnstlern unserer Zeit zur aufmerksamen Beobachtung zu empfehlen. Ein bunter, als Einfassung, unten durch gezogener Streifen, bey- nahe auf die Art eines prismatischen Farbenbildes ab- schattirt, duͤrfte dem Betrachtenden, nach allem, wo- von wir bereits gehandelt haben, noch besonders auf- fallen, vielleicht raͤthselhaft, vielleicht auch nur zufaͤl- lig und ohne Bedeutung scheinen. Wir unseres Orts waͤren der Vermuthung geneigt, der antike Maler habe diesen Streifen so zu sagen als Declaration der von ihm beabsichtigten Farbenharmonie und Tons unter sein Werk gesetzt. Hierdurch soll nun einer wahrscheinliche- ren und bessern Erklaͤrung keinesweges vorgegriffen seyn; unterdessen ist die Sache von solchem Belang, daß wir vorlaͤufig uns die Freyheit nehmen, die Freun- de der alten Kunst, bey etwa vorkommenden Entde- ckungen antiker Malereyen, zur naͤheren Erforschung derselben aufzufordern. Gegen die Angabe von der Mannigfaltigkeit des allgemeinen Farbentons in den Gemaͤlden der Alten duͤrste vielleicht eingewendet werden: „daß Plinius 7 * zwar von dem Kunstbehelf des Tons uͤberhaupt als von einer Kuͤnstlern und Kunstrichtern wohlbekannten Sache spreche, daß aber eben aus seiner Beschreibung des bewunderten, Farben maͤßigenden und vereinbaren- den Ueberzugs oder Firnisses des Apelles weniger fuͤr als gegen eine damals uͤbliche Mannigfaltigkeit des Far- bentones zu schließen sey; falls aber eine solche Man- nigfaltigkeit erst in spaͤten Zeiten waͤre aufgebracht wor- den, so moͤchte Plinius, da er dieser Erfindung nicht eigens gedacht hat, sie wohl uͤberhaupt bloß nur unter die uͤberfluͤßigen, wahrer Kunst nachtheiligen Kuͤnste- leyen gerechnet haben.“ Auf dergleichen Einwendungen wuͤrden wir etwa folgendermaßen antworten. Ist eine vorherrschende Farbe, oder durchgehender Schein von einerley Farbe, den wir Ton nennen, ein wirklich nuͤtzlicher und noͤthiger Kunstbehelf zur Erzwe- ckung harmonischer Anmut in der Malerey, dann gibt es keinen guͤltigen Grund, warum dieser Behelf bloß auf eine einfoͤrmige und nicht lieber auf die moͤglichst mannigfaltige Weise angewendet werden sollte, da sin- nige geschickte Kuͤnstler sich groͤßerer Verschiedenheit zum Behuf der Bedeutung ohne Zweifel nuͤtzlich zu bedienen wissen werden. Ueberdem schließt die Lasirung des Apelles, deren Plinius gedenkt, den verschiedenfarbi- gen Ton in Gemaͤlden nicht unbedingt aus; jene La- sirung, deren Apelles zur letzten Vollendung seiner Bilder sich bediente, verursachte nur uͤberhaupt einen milden Schein, eine groͤßere Uebereinstimmung des Lichts und der Farben; das Werk mochte uͤbrigens ge- malt seyn aus was fuͤr einem Tone der Charakter und die Bedeutung des Gegenstandes es forderten. So se- hen wir, um durch Beyspiele das Gesagte deutlicher zu machen, etwa von Rembrand oder vom Ferdinand Bol, Bilder in sehr gelbem Tone gemalt, wo aber doch wieder durch die letzten endenden Lasuren ein alle Farben, alle Lichter mildernder Schein, eine dem Auge schmeichelnde Daͤmmerung uͤber das Ganze ergossen ist. Adrian von Ostade, nebst einigen andern Meistern, hat hingegen Bilder geliefert, woran kein entschiedener Ton einer im Allgemeinen uͤbergreifenden Farbe wahr- genommen wird, deren stille Harmonie einzig durch den Ueberzug einer farblosen bloß dunklen Lasirung bewirkt ist, und man die Gegenstaͤnde erblickt ungefaͤhr wie sie im schwarz unterlegten Spiegel erscheinen. Wenn wir unsere Betrachtungen uͤber die aldo- brandinische Hochzeit nun weiter fortsetzen und theils die kunstmaͤßige Vertheilung der Farben, theils die an- gewendeten Farbenstoffe fuͤr sich selbst in Erwaͤgung zie- hen; so zeigt sich das Weiße, Gelbe, Gruͤne und Vio- lette, zwar in verschiedenen Nuͤanzen, uͤbrigens aber an Masse oder Quantitaͤt ohngefaͤhr gleichmaͤßig durch das ganze Bild vertheilt. Reines Blau ist wenig und nur in heller Mischung zur Luft und zum Untergewan- de der Braut gebraucht; hingegen desto oͤfter eine hohe Purpur- oder Lackfarbe, die aber nirgends Masse macht, sondern nur die Schatten bricht und erwaͤrmt, oder auch Changeant bewirkt, und so auf verschiedene Weise zur allgemeinen Harmonie des Ganzen sehr wesentlich beytraͤgt. Daß Zinnoberroth und Orangefarb ausge- schlossen sind, mag noch ferner die Einsichten und das zweckmaͤßige Verfahren des Kuͤnstlers bewaͤhren. Denn diese Farben wuͤrden dem von ihm beabsichtigten froͤh- lichen und doch sanften Farbenspiel entgegen und un- vereinbar mit dem uͤberhaupt herrschenden violetten Ton gewesen seyn. Die weiße Farbe, deren sich unser Meister be- diente, scheint wenig Koͤrper zu haben, und ist wahr- scheinlich eine Art Kreide, worunter man sich also das Melinum, dessen Plinius gedenkt, vorzustellen haͤtte; das Gelb eine ganz ausnehmend schoͤne goldgelbe Ocher- art, vermuthlich das attische Sil. Von dem Gruͤn, welches einen reinen frischen Schein hat, getrauen wir uns nicht zu entscheiden, ob es durch Mischung her- vorgebracht oder in seinem natuͤrlichen Zustande ange- wendet worden, sind aber doch aus verschiedenen Gruͤn- den geneigt, das letztere zu glauben. Zum Roth dien- te außer der vorerwaͤhnten Purpurfarbe oder Lack eine schoͤne rothe Erde, welche wohl fuͤr die Synopis gel- ten koͤnnte, wenn man nicht etwa lieber annehmen will, die neapolitanische rothe Erde sey zu Rom um die Zeit, da dieses Gemaͤlde verfertigt wurde, bereits bekannt gewesen; woruͤber jedoch, so viel wir wissen, keine bestimmten Nachrichten vorhanden sind. Von dem Blau halten wir uns fuͤr uͤberzeugt, daß es aus Indigo besteht, welcher gemischt mit der vorgedachten Purpurfarbe auch das Violett gegeben. In vertiefenden Mischungen, besonders im Schatten der Fleischpar- tieen, mag ferner noch ein brauner Ocher angewandt seyn, und in den dunkelsten Strichen laͤßt sich die Ge- genwart einer schwarzbraunen Erde von der Art, wie die Casseler und Coͤllnischen Erden sind, wahrnehmen. Schwarz zeigt sich im Grauen sehr innig mit der wei- ßen Farbe vereint, woraus man also eher auf Ruß als auf Kohle schließen kann. Dieses sind die saͤmmtli- chen Farben, deren Spur wir in diesem Gemaͤlde be- merkt zu haben glauben. Die Behandlung oder das an demselben beobach- tete technische Verfahren scheint ein etwas anderes und Vollkommneres, als das heut zu Tage uͤbliche mit Gouache oder Leimfarben. Ohne so verschmolzen sanft und weich zu seyn, als Malerey mit Oelfarben, ge- waͤhrte es doch im Ganzen fast eben die Vortheile fuͤr allgemeine Wirkung und erhielt nebenbey die Eigen- schaften, durch welche sich Wasserfarben vorzuͤglich empfehlen, naͤmlich das Froͤhlichere, Heitere uͤberhaupt und die Wahrheit in den Toͤnen der beleuchteten Partien. Wir gedenken mit dieser Bemerkung keineswegs die Oelmalerey verdaͤchtig zu machen, sind auch gar nicht des Glaubens derer, welche da meynen, man koͤnne mit Erneuerung des technischen Verfahrens der Alten auch den Geist ihrer Kunst wieder aufrufen; eben so wenig moͤchten wir uns aber auch zu denen bekennen, die hingegen aus dem Gebrauche der Oelfar- ben eine Ueberlegenheit der neueren Malerey uͤber die alte zu zeigen gedachten. So viel scheint sich aus un- sern angestellten Untersuchungen als wahr zu ergeben, daß die Alten ihre zwar einfachen Mittel sehr zweck- maͤßig zu behandeln gewußt und damit jedem we- sentlichen Kunsterforderniß hinlaͤnglich Genuͤge leisten konnten. Der Meister der aldobrandinischen Hochzeit malte auf weißen glatten Grund, welches auch bey mehreren andern antiken Malereyen der Fall ist, wie aus Stel- len, wo die Farben sich abgeloͤset, klar wird. Ob Leim, Gummi, Eyer, Milch von Feigensproͤßlingen, oder welches andre Bindungsmittel den Farben beyge- mischt worden, laͤßt sich vor der Hand nicht bestimmt nachweisen. Daß es Wachs gewesen, ist wenigstens in Hinsicht auf die aldobrandinische Hochzeit unwahr- scheinlich, weil sich die lasirenden, der Aquarelle aͤhn- lichen Farben uͤber Wachs schwerlich haͤtten auftragen lassen, und fruͤher, als der Ueberzug mit Wachs ge- schehen war, ebenfalls nicht anders als aͤußerst unbe- quem, indem ihre Feuchtigkeit zu schnell in die unter- liegenden trocknen Farben wuͤrde eingedrungen seyn. Uebrigens laͤßt eben der Umstand, daß die erwaͤhnten lasirenden Farben viel und mit Bequemlichkeit ange- wendet sind, auf ein festes, den gesammten Farben beygemischtes Bindemittel schließen. Die erste Anlage ist voͤllig in der Art gemacht, wie noch jetzt in Leim- und Freseofarben zu geschehen pflegt, naͤmlich in gro- ßen hellen und dunkeln Massen, beydes mittlere Tin- ten, wohinein denn, besonders im Fleisch, mit nicht sehr regelmaͤßigen Schraffirungen, in den Gewaͤndern hingegen zuweilen mit freyen breitern Pinselstrichen, die weitern Vertiefungen gearbeitet sind. Auf die an- gelegten hellen Partieen wurden die hoͤhern Lichttinten keck aufgesetzt und endlich durch die mehrmals erwaͤhn- ten verduͤnnten, der Aquarelle vergleichbaren, bloß la- sirenden Farben (vornehmlich Purpur und schwaͤrzlich Braun) das Werk vollendet, dem Ganzen mehr Ueber- einstimmung, dem Schatten groͤßere Klarheit gegeben, und die Einwirkung einer jeden Farbe auf die benach- barte angedeutet. Vielleicht sind ganz zuletzt noch eini- ge Striche des vorstechendsten Lichts aufgesetzt worden, mit einem Wort, man bemerkt durchgehends, wenn schon nicht die Hand eines großen Meisters, doch die eines fertigen Malers und in den Kunstregeln, nach welchen er verfahren, die herrliche Schule, worin er sich gebildet. Verschiedene, obwohl nicht eben vorzuͤg- lich bedeutende Reste alter Malerey in den Ruinen der Villa des Hadrian bey Tivoli, die lebensgroße Figur der Roma im Pallast Barberini zu Rom, welche nach der Meynung einiger Alterthumsforscher aus Constan- tins Zeit seyn soll, allein wie wir nach Maßgabe des darin herrschenden Geschmacks glauben, fruͤher entstan- den ist; ferner einige Bilder von geringem Umfang und nicht großen Verdiensten, im Pallast Rospigliosi eben- falls zu Rom, zeigen alle dieselbe heitere Anmut in den Farben und sind, so viel sich aus ihren beschraͤnk- tern Darstellungen wahrnehmen laͤßt, in eben der Ma- nier, oder wenn man lieber will, unter dem Einfluß aͤhnlicher Grundsaͤtze verfertigt, als wir kurz zuvor be- merkt haben und deutlicher aus einander zu setzen be- muͤht gewesen sind. Einige von den Herculanischen Bildern ausgenom- men, mochten alle uͤbrigen von uns bisher erwaͤhnten, noch vorhandenen, antiken Malereyen, die bessern Mo- saiken mit eingerechnet, welche indessen ihrer Natur nach nur wenig Unterricht gewaͤhren, etwa aus dem Zeitraum von Augustus bis auf Constantin den Gro- ßen herruͤhren; nachher ging die verfallende Kunst in geistlose Manier uͤber, die Nachahmung der Natur wurde seltener und in eben dem Maße verschwand auch der bessre Geschmack im Colorit, der Sinn fuͤr Harmo- nie der Farbe. Werke der Malerey von einigermaßen betraͤchtli- chem Umfang aus dem fuͤnften, sechsten, siebenten und vielleicht auch achten Jahrhundert der christlichen Zeit- rechnung sind uns aus eigener Anschauung nicht be- kannt; allein an Madonnen- und Heiligen-Bildern, welche vermuthlich noch spaͤter in Constantinopel fabri- zirt worden, zeigt es sich, daß der Begriff von natur- nachahmendem Colorit gaͤnzlich verloren gegangen war. Denn die Gesichter derselben, so wie Haͤnde und Fuͤße, sind nußbraun gefaͤrbt und mit weißgelblichen grellen Strichen regellos und unannehmlich aufgeblickt. So- gar der Glaube an die Moͤglichkeit, einem Bilde durch die Kunst Werth zu ertheilen, scheint den Malern da- maliger Zeit ausgegangen gewesen zu seyn. Daher be- muͤhten sie sich bloß durch koͤstliches Material ihren Arbeiten einige Achtung zu verschaffen. Aus diesem Grunde waren Mosaiken die geschaͤtztesten Malereyen; den uͤbrigen gab man durch stark vergoldeten Grund, durch Ultramarin und Purpurfarbe so viel moͤglich ein reiches Ansehen. Betrachtungen uͤber Farbenlehre und Farbenbehandlung der Alten . Wie irgend Jemand uͤber einen gewissen Fall denke, wird man nur erst recht einsehen, wenn man weiß, wie er uͤberhaupt gesinnt ist. Dieses gilt, wenn wir die Meynungen uͤber wissenschaftliche Gegenstaͤnde, es sey nun einzelner Menschen oder ganzer Schulen und Jahr- hunderte, recht eigentlich erkennen wollen. Daher ist die Geschichte der Wissenschaften mit der Geschichte der Philosophie innigst verbunden, aber eben so auch mit der Geschichte des Lebens und des Charakters der In- dividuen, so wie der Voͤlker. So begreift sich die Geschichte der Farbenlehre auch nur in Gefolg der Geschichte aller Naturwissen- schaften. Denn zur Einsicht in den geringsten Theil ist die Uebersicht des Ganzen noͤthig. Auf eine solche Be- handlung koͤnnen wir freylich nur hindeuten; indessen wenn wir unter unsern Materialien manches mit ein- fuͤhren, was nicht unmittelbar zum Zwecke zu gehoͤren scheint; so ist ihm doch eigentlich nur deßwegen der Platz gegoͤnnt, um an allgemeine Bezuͤge zu erinnern, welches in der Geschichte der Farbenlehre um so noth- wendiger ist, als sie ihre eigenen Schicksale gehabt hat und auf dem Meere des Wissens bald nur fuͤr kurze Zeit auftaucht, bald wieder auf laͤngere niedersinkt und verschwindet. In wiefern bey der ersten Entwickelung nachsin- nender Menschen mystisch-arithmetische Vorstellungsar- ten wirklich statt gefunden, ist schwer zu beurtheilen, da die Documente meistens verdaͤchtig sind. Manches andre, was man uns von jenen Anfaͤngen gern moͤchte glauben machen, ist eben so unzuverlaͤssig, und wenige werden uns daher verargen, wenn wir den Blick von der Wiege so mancher Nationen weg und dahin wen- den, wo uns eine erfreuliche Jugend entgegen kommt. Die Griechen, welche zu ihren Naturbetrachtungen aus den Regionen der Poesie heruͤberkamen, erhielten sich dabey noch dichterische Eigenschaften. Sie schauten die Gegenstaͤnde tuͤchtig und lebendig und fuͤhlten sich gedrungen, die Gegenwart lebendig auszusprechen. Su- chen sie sich darauf von ihr durch Resiexion loszuwin- den, so kommen sie wie Jedermann in Verlegenheit, indem sie die Phaͤnomene fuͤr den Verstand zu bearbei- ten denken. Sinnliches wird aus Sinnlichem erklaͤrt, dasselbe durch dasselbe. Sie finden sich in einer Art von Cirkel und jagen das Unerklaͤrliche immer vor sich her im Kreise herum. Der Bezug zu dem Aehnlichen ist das erste Huͤlfsmittel, wozu sie greifen. Es ist bequem und nuͤtzlich, indem dadurch Symbole entstehen, und der Beobachter einen dritten Ort außerhalb des Gegenstandes findet; aber es ist auch schaͤdlich, indem das, was man ergreifen will, sogleich wieder entwischt, und das, was man gesondert hat, wieder zusammen fließt. Bey solchen Bemuͤhungen fand man gar bald, daß man nothwendig aussprechen muͤsse, was im Subject vorgeht, was fuͤr ein Zustand in dem Betrachtenden und Beobachtenden erregt wird. Hierauf entstand der Trieb, das Aeußere mit dem Innern in der Betrach- tung zu vereinen; welches freylich mitunter auf eine Weise geschah, die uns wunderlich, abstrus und unbe- greiflich vorkommen muß. Der Billige wird jedoch des- halb nicht uͤbler von ihnen denken, wenn er gestehen muß, daß es uns, ihren spaͤten Nachkommen, oft selbst nicht besser geht. Aus dem, was uns von den Pythagoreern uͤberliefert wird, ist wenig zu lernen. Daß sie Farbe und Oberflaͤche mit Einem Worte bezeichnen, deutet auf ein sinnlich gutes, aber doch nur gemeines Gewahr- werden, das uns von der tiefern Einsicht in das Pe- netrative der Farbe ablenkt. Wenn auch sie das Blaue nicht nennen, so werden wir abermals erinnert, daß das Blaue mit dem Dunklen und Schattigen dergestalt innig verwandt ist, daß man es lange Zeit dazu zaͤh- len konnte. Die Gesinnungen und Meynungen Demokrits beziehen sich auf Forderungen einer erhoͤhten geschaͤrften Sinnlichkeit und neigen sich zum Oberflaͤchlichen. Die Unsicherheit der Sinne wird anerkannt; man findet sich genoͤthigt, nach einer Controlle umherzuschauen, die aber nicht gefunden wird. Denn anstatt bey der Ver- wandtschaft der Sinne nach einem ideellen Sinn auf- zublicken, in dem sich alle vereinigten; so wird das Gesehene in ein Getastetes verwandelt, der schaͤrfste Sinn soll sich in den stumpfsten aufloͤsen, uns durch ihn begreiflicher werden. Daher entsteht Ungewißheit anstatt einer Gewißheit. Die Farbe ist nicht, weil sie nicht getastet werden kann, oder sie ist nur insofern, als sie allenfalls tastbar werden koͤnnte. Daher die Symbole von dem Tasten hergenommen werden. Wie sich die Oberflaͤchen glatt, rauh, scharf, eckig und spitz finden, so entspringen auch die Farben aus diesen ver- schiedenen Zustaͤnden. Auf welche Weise sich aber hier- mit die Behauptung vereinigen lasse, die Farbe sey ganz conventionell, getrauen wir uns nicht aufzuloͤsen. Denn sobald eine gewisse Eigenschaft der Oberflaͤche eine gewisse Farbe mit sich fuͤhrt, so kann es doch hier nicht ganz an einem bestimmten Verhaͤltniß fehlen. Betrachten wir nun Epikur und Lukrez , so gedenken wir einer allgemeinen Bemerkung, daß die originellen Lehrer immer noch das Unaufloͤsbare der Aufgabe empfinden, und sich ihr auf eine naive ge- lenke Weise zu naͤhern suchen. Die Nachfolger werden schon didactisch, und weiterhin steigt das Dogmatische bis zum Intoleranten. Auf diese Weise moͤchten sich Demokrit, Epikur und Lukrez verhalten. Bey dem Letztern finden wir die Gesinnung der Erstern, aber schon als Ueberzeu- gungsbekenntniß erstarrt und leidenschaftlich parteiisch uͤberliefert. Jene Ungewißheit dieser Lehre, die wir schon oben bemerkt, verbunden mit solcher Lebhaftigkeit einer Lehr- uͤberlieferung, laͤßt uns den Uebergang zur Lehre der Pyrrhonier finden. Diesen war alles ungewiß, wie es Jedem wird, der die zufaͤlligen Bezuͤge irdischer Dinge gegen einander zu seinem Hauptaugenmerk macht; und am wenigsten waͤre ihnen zu verargen, daß sie die schwankende, schwebende, kaum zu erha- schende Farbe fuͤr ein unsicheres, nichtiges Meteor an- sehen: allein auch in diesem Puncte ist nichts von ih- nen zu lernen, als was man meiden soll. Dagegen nahen wir uns dem Empedokles mit Vertrauen und Zuversicht. Er erkennt ein Aeuße- res an, die Materie; ein Inneres, die Organisation. Er laͤßt die verschiedenen Wirkungen der ersten, das mannigfaltig Verflochtene der andern, gelten. Seine πόροω machen uns nicht irre. Freylich entspringen sie aus der gemein-sinnlichen Vorstellungsart. Ein Fluͤs- siges soll sich bestimmt bewegen; da muß es ja wohl eingeschlossen seyn, und so ist der Canal schon fertig. Und doch laͤßt sich bemerken, daß dieser Alte gedachte Vorstellung keinesweges so roh und koͤrperlich genommen habe, als manche Neuern; daß er vielmehr daran nur ein bequemes faßliches Symbol gefunden. Denn die Art, wie das Aeußere und Innere eins fuͤr das an- dre da ist, eins mit dem andern uͤbereinstimmt, zeigt sogleich von einer hoͤhern Ansicht, die durch jenen all- gemeinen Satz: Gleiches werde nur von Gleichem er- kannt, noch geistiger erscheint. Daß Zeno , der Stoiker, auch irgendwo sichern Fuß fassen werde, laͤßt sich denken. Jener Ausdruck: die Farben seyen die ersten Schematismen der Materie, ist uns sehr willkommeu . Denn wenn diese Worte im antiken Sinne auch das nicht enthalten, was wir hin- einlegen koͤnnten, so sind sie doch immer bedeutend ge- nug. Die Materie tritt in die Erscheinung, sie bildet, sie gestaltet sich. Gestalt bezieht sich auf ein Gesetz und nun zeigt sich in der Farbe, in ihrem Bestehen und Wechseln, ein Naturgesetzliches fuͤrs Auge, von keinem andern Sinne leicht unterscheidbar. Noch willkommner tritt uns bey Plato jede vo- rige Denkweise, gereinigt und erhoͤht, entgegen. Er sondert, was empfunden wird. Die Farbe ist sein viertes Empfindbares. Hier finden wir die Poren, das Innere, das dem Aeußern antwortet, wie beym Em- pedokles, nur geistiger und maͤchtiger; aber was vor allem ausdruͤcklich zu bemerken ist, er kennt den Hauptpunct der ganzen Farben- und Lichtschatten-Leh- re; denn er sagt uns: durch das Weiße werde das Gesicht entbunden, durch das Schwarze gesammelt. Wir moͤgen anstatt der griechischen Worte συγκρί- νειν und διακρίνειν in anderen Sprachen setzen was wir wollen: Zusammenziehen, Ausdehnen, Sammlen, Entbinden, Fesseln, Loͤsen, rétrécir und développer etc. so finden wir keinen so geistig-koͤrperlichen Aus- druck fuͤr das Pulsiren, in welchem sich Leben und Empfinden ausspricht. Ueberdieß sind die griechischen Ausdruͤcke Kunstworte, welche bey mehrern Gelegen- heiten vorkommen, wodurch sich ihre Bedeutsamkeit jedesmal vermehrt. So entzuͤckt uns denn auch in diesem Fall, wie in den uͤbrigen, am Plato die heilige Scheu, womit er sich der Natur naͤhert, die Vorsicht, womit er sie gleichsam nur umtastet, und bey naͤherer Bekannt- schaft vor ihr sogleich wieder zuruͤcktritt, jenes Er- staunen, das, wie er selbst sagt, den Philosophen so gut kleidet. Den uͤbrigen Gehalt jener kurzen aus dem Ti- maͤus ausgezogenen Stelle bringen wir in dem Fol- genden nach, indem wir unter dem Namen des Ari- stoteles alles versammeln koͤnnen, was den Alten uͤber diesen Gegenstand bekannt gewesen. Die Alten glaubten an ein ruhendes Licht im Auge; sie fuͤhlten sodann als reine kraͤftige Menschen die Selbstthaͤtigkeit dieses Organs und dessen Gegen- wirken gegen das Aeußre sichtbare; nur sprachen sie dieses Gefuͤhl so wie des Fassens, des Ergreifens der Gegenstaͤnde mit dem Auge durch allzu krude Gleichnisse aus. Die Einwirkung des Auges nicht aufs Auge allein, sondern auch auf andre Gegenstaͤnde erschien II. 8 ihnen so maͤchtig wundersam, daß sie eine Art von Bann und Zauber gewahr zu werden glaubten. Das Sammlen und Entbinden des Auges durch Licht und Finsterniß, die Dauer des Eindrucks war ihnen bekannt. Von einem farbigen Abklingen, von einer Art Gegensatz finden sich Spuren. Aristoteles kannte den Werth und die Wuͤrde der Beachtung der Gegensaͤtze uͤberhaupt. Wie aber Einheit sich in Zwey- heit selbst auseinander lege, war den Alten verborgen. Sie kannten den Magnet, das Electron, bloß als Anziehen; Polaritaͤt war ihnen noch nicht deutlich ge- worden. Und hat man bis auf die neusten Zeiten nicht auch nur immer der Anziehung die Aufmerksam- keit geschenkt, und das zugleich geforderte Abstoßen nur als eine Nachwirkung der ersten schaffenden Kraft betrachtet? In der Farbenlehre stellten die Alten Licht und Finsterniß, Weiß und Schwarz, einander entgegen. Sie bemerkten wohl, daß zwischen diesen die Farben entspringen; aber die Art und Weise sprachen sie nicht zart genug aus, obgleich Aristoteles ganz deutlich sagt, daß hier von keiner gemeinen Mischung die Rede sey. Derselbe legt einen sehr großen Werth auf die Er- kenntniß des Diaphanen, als des Mittels, und kennt so gut als Plato die Wirkung des truͤben Mittels zu Hervorbringung des Blauen. Bey allen seinen Schrit- ten aber wird er denn doch durch Schwarz und Weiß, das er bald materiell nimmt, bald symbolisch oder vielmehr rationell behandelt, wieder in die Irre ge- fuͤhrt. Die Alten kannten das Gelbe, entspringend aus gemaͤßigtem Licht; das Blaue bey Mitwirkung der Fin- sterniß; das Rothe durch Verdichtung, Beschattung, obgleich das Schwanken zwischen einer atomistischen und dynamischen Vorstellungsart auch hier oft Undeut- lichkeit und Verwirrung erregt. Sie waren ganz nahe zu der Eintheilung gelangt, die auch wir als die guͤnstigste angesehen haben. Ei- nige Farben schrieben sie dem bloßen Lichte zu, andere dem Licht und den Mitteln; andre den Koͤrpern als inwohnend, und bey diesen letztern kannten sie das Ober- flaͤchliche der Farbe sowohl als ihr Penetratives und hatten in die Umwandlung der chemischen Farben gute Einsichten. Wenigstens wurden die verschiedenen Faͤlle wohl bemerkt und die organische Kochung wohl beachtet. Und so kann man sagen, sie kannten alle die hauptsaͤchlichsten Puncte, worauf es ankommt; aber sie gelangten nicht dazu, ihre Erfahrungen zu reinigen und zusammen zu bringen. Und wie einem Schatz- graͤber, der durch die maͤchtigsten Formeln den mit Gold und Juwelen gefuͤllten blinkenden Kessel schon bis an den Rand der Grube heraufgebracht hat, aber ein Einziges an der Beschwoͤrung versieht, das nah ge- hoffte Gluͤck unter Geprassel und Gepolter und daͤmo- nischem Hohngelaͤchter wieder zuruͤcksinkt, um auf spaͤte Epochen hinaus abermals verscharrt zu liegen; so 8 * ist auch jede unvollendete Bemuͤhung fuͤr Jahrhunderte wieder verloren; woruͤber wir uns jedoch troͤsten muͤs- sen, da sogar von mancher vollendeten Bemuͤhung kaum noch eine Spur uͤbrig bleibt. Werfen wir nun einen Blick auf das allgemeine Theoretische, wodurch sie das Gewahrgewordne ver- binden; so finden wir die Vorstellung, daß die Ele- mente von den Farben begleitet werden. Die Ein- theilung der urspruͤnglichen Naturkraͤfte in vier Ele- mente ist fuͤr kindliche Sinnen faßlich und erfreulich, ob sie gleich nur oberflaͤchlich gelten kann; aber die unmittelbare Begleitung der Elemente durch Farben ist ein Gedanke, den wir nicht schelten duͤrfen, da wir ebenfalls in den Farben eine elementare uͤber alles aus- gegossene Erscheinung anerkennen. Ueberhaupt aber entsprang die Wissenschaft fuͤr die Griechen aus dem Leben. Beschaut man das Buͤchelchen uͤber die Farben genau, wie gehaltvoll fin- det man solches. Welch ein Aufmerken, welch ein Aufpassen auf jede Bedingung, unter welcher diese Er- scheinung zu beobachten ist. Wie rein, wie ruhig gegen spaͤtre Zeiten, wo die Theorieen keinen andern Zweck zu haben schienen, als die Phaͤnomene bey Seite zu bringen, die Aufmerksamkeit von ihnen ab- zulenken, ja sie wo moͤglich aus der Natur zu ver- tilgen. Das was man unter jenen Elementen verstand, mit allen Zufaͤlligkeiten ihres Erscheinens, ward be- obachtet: Feuer so gut als Rauch, Wasser so gut als das daraus entspringende Gruͤn, Luft und ihre Truͤbe, Erde rein und unrein gedacht. Die apparenten Far- ben wechseln hin und her; mannigfaltig veraͤndert sich das Organische; die Werkstaͤtten der Faͤrber werden besucht und das Unendliche Unbestimmbare des engen Kreises recht wohl eingesehen. Wir laͤugnen nicht, daß uns manchmal der Ge- danke gekommen, eben gedachtes Buͤchlein umzuschreiben mit so wenig Abaͤnderungen als moͤglich, wie es sich vielleicht bloß durch Veraͤnderung des Ausdrucks thun ließe. Eine solche Arbeit waͤre wohl fruchtbarer, als durch einen weitlaͤuftigen Commentar auseinander zu se- tzen, worin man mit dem Verfasser eins oder uneins waͤre. Jedes gute Buch, und besonders die der Al- ten, versteht und genießt Niemand, als wer sie suppli- ren kann. Wer etwas weiß, findet unendlich mehr in ihnen, als derjenige, der erst lernen will. Sehen wir uns aber nach den eigentlichen Ursa- chen um, wodurch die Alten in ihren Vorschritten ge- hindert worden; so finden wir sie darin, daß ihnen die Kunst fehlt, Versuche anzustellen, ja sogar der Sinn dazu. Die Versuche sind Vermittler zwischen Natur und Begriff, zwischen Natur und Idee, zwi- schen Begriff und Idee. Die zerstreute Erfahrung zieht uns allzusehr nieder und ist sogar hinderlich, auch nur zum Begriff zu gelangen. Jeder Versuch aber ist schon theoretisirend; er entspringt aus einem Be- griff oder stellt ihn sogleich auf. Viele einzelne Faͤlle werden unter ein einzig Phaͤnomen subsummirt; die Erfahrung kommt ins Enge, man ist im Stande wei- ter vorwaͤrts zu gehen. Die Schwierigkeit, den Aristoteles zu verstehen, ent- springt aus der antiken Behandlungsart, die uns fremd ist. Zerstreute Faͤlle sind aus der gemeinen Empirie aufgegriffen, mit gehoͤrigem und geistreichen Raͤsonne- ment begleitet, auch wohl schicklich genug zusammen- gestellt; aber nun tritt der Begriff ohne Vermittlung hinzu, das Raͤsonnement geht ins Subtile und Spitz- fuͤndige, das Begriffene wird wieder durch Begriffe bearbeitet, anstatt daß man es nun deutlich auf sich beruhen ließe, einzeln vermehrte, massenweise zusam- menstellte, und erwartete, ob eine Idee daraus entsprin- gen wolle, wenn sie sich nicht gleich von Anfang an dazu gesellte. Hatten wir nun bey der wissenschaftlichen Behand- lung, wie sie von den Griechen unternommen worden, wie sie ihnen gegluͤckt, manches zu erinnern; so tref- fen wir nunmehr, wenn wir ihre Kunst betrachten, auf einen vollendeten Kreis, der, indem er sich in sich selbst abschließt, doch auch zugleich als Glied in jene Bemuͤhungen eingreift und, wo das Wissen nicht Genuͤge leistete, uns durch die That befriedigt. Die Menschen sind uͤberhaupt der Kunst mehr ge- wachsen als der Wissenschaft. Jene gehoͤrt zur gro- ßen Haͤlfte ihnen selbst, diese zur großen Haͤlfte der Welt an. Bey jener laͤßt sich eine Entwickelung in reiner Folge, diese kaum ohne ein unendliches Zusam- menhaͤufen denken. Was aber den Unterschied vorzuͤg- lich bestimmt: die Kunst schließt sich in ihren einzel- nen Werken ab; die Wissenschaft erscheint uns graͤn- zelnos. Das Gluͤck der griechischen Ausbildung ist schon oft und trefflich dargestellt worden. Gedenken wir nur ihrer bildenden Kunst und des damit so nahe verwand- ten Theaters. An den Vorzuͤgen ihrer Plastik zwei- felt Niemand. Daß ihre Malerey, ihr Helldunkel, ihr Colorit eben so hoch gestanden, koͤnnen wir in vollkommenen Beyspielen nicht vor Augen stellen; wir muͤssen das wenige Uebriggebliebene, die historischen Nachrichten, die Analogie, den Naturschritt, das Moͤgliche zu Huͤlfe nehmen, wie es der Verfasser des obenstehenden Aufsatzes gethan, und es wird uns kein Zweifel uͤbrig bleiben, daß sie auch in diesem Puncte alle ihre Nachfahren uͤbertroffen. Zu dem gepriesenen Gluͤck der Griechen muß vor- zuͤglich gerechnet werden, daß sie durch keine aͤußre Einwirkung irre gemacht worden: ein guͤnstiges Ge- schick, das in der neuern Zeit den Individuen selten, den Nationen nie zu Theil wird; denn selbst vollkom- mene Vorbilder machen irre, indem sie uns veranlas- sen, nothwendige Bildungsstufen zu uͤberspringen, wo- durch wir denn meistens am Ziel vorbey in einen graͤn- zenlosen Irrthum gefuͤhrt werden. Kehren wir nun zur Vergleichung der Kunst und Wissenschaft zuruͤck; so begegnen wir folgender Betrach- tung: Da im Wissen sowohl als in der Reflexion kein Ganzes zusammengebracht werden kann, weil jenem das Innre, dieser das Aeußere fehlt; so muͤssen wir uns die Wissenschaft nothwendig als Kunst denken, wenn wir von ihr irgend eine Art von Ganzheit er- warten. Und zwar haben wir diese nicht im Allge- meinen im Ueberschwaͤnglichen zu suchen, sondern wie die Kunst sich immer ganz in jedem einzelnen Kunstwerk darstellt, so sollte die Wissenschaft sich auch jedesmal ganz in jedem einzelnen Behandelten erweisen. Um aber einer solchen Forderung sich zu naͤhern, so muͤßte man keine der menschlichen Kraͤfte bey wissen- schaftlicher Thaͤtigkeit ausschließen. Die Abgruͤnde der Ahndung, ein sicheres Anschauen der Gegenwart, ma- thematische Tiefe, physische Genauigkeit, Hoͤhe der Vernunft, Schaͤrfe des Verstandes, bewegliche sehn- suchtsvolle Phantasie, liebevolle Freude am Sinnlichen, nichts kann entbehrt werden zum lebhaften fruchtbaren Ergreifen des Augenblicks, wodurch ganz allein ein Kunstwerk, von welchem Gehalt es auch sey, entste- hen kann. Wenn diese geforderten Elemente wo nicht wider- sprechend, doch sich dergestalt gegenuͤberstehend erschei- nen moͤchten, daß auch die vorzuͤglichsten Geister nicht hoffen duͤrften sie zu vereinigen; so liegen sie doch in der gesammten Menschheit offenbar da, und koͤnnen jeden Augenblick hervortreten, wenn sie nicht durch Vorurtheile, durch Eigensinn einzelner Besitzenden, und wie sonst alle die verkennenden, zuruͤckschreckenden und toͤdtenden Verneinungen heißen moͤgen, in dem Augenblick, wo sie allein wirksam seyn koͤnnen, zu- ruͤckgedraͤngt werden und die Erscheinung im Entstehen vernichtet wird. Vielleicht ist es kuͤhn, aber wenigstens in dieser Zeit noͤthig zu sagen: daß die Gesammtheit jener Ele- mente vielleicht vor keiner Nation so bereit liegt als vor der deutschen. Denn ob wir gleich, was Wis- senschaft und Kunst betrifft, in der seltsamsten Anar- chie leben, die uns von jedem erwuͤnschten Zweck im- mer mehr zu entfernen scheint; so ist es doch eben diese Anarchie, die uns nach und nach aus der Weite ins Enge, aus der Zerstreuung zur Vereinigung draͤn- gen muß. Niemals haben sich die Individuen vielleicht mehr vereinzelt und von einander abgesondert als gegenwaͤr- tig. Jeder moͤchte das Universum vorstellen und aus sich darstellen; aber indem er mit Leidenschaft die Na- tur in sich aufnimmt, so ist er auch das Ueberlieferte, das was andre geleistet, in sich aufzunehmen genoͤ- thigt. Thut er es nicht mit Bewußtseyn, so wird es ihm unbewußt begegnen; empfaͤngt er es nicht offen- bar und gewissenhaft, so mag er es heimlich und ge- wissenlos ergreifen; mag er es nicht dankbar anerken- nen, so werden ihm Andere nachspuͤren: genug, wenn er nur Eigenes und Fremdes, unmittelbar und mittel- bar aus den Haͤnden der Natur oder von Vorgaͤngern Empfangenes tuͤchtig zu bearbeiten und einer bedeuten- den Individualitaͤt anzueignen weiß; so wird jederzeit fuͤr alle ein großer Vortheil daraus entstehen. Und wie dieß nun gleichzeitig schnell und heftig geschieht, so muß eine Uebereinstimmung daraus entspringen, das was man in der Kunst Stil zu nennen pflegt, wo- durch die Individualitaͤten im Rechten und Guten im- mer naͤher aneinander geruͤckt und eben dadurch mehr herausgehoben, mehr beguͤnstigt werden, als wenn sie sich durch seltsame Eigenthuͤmlichkeiten carricaturmaͤ- ßig von einander zu entfernen streben. Wem die Bemuͤhungen der Deutschen in diesem Sinne seit mehrern Jahren vor Augen sind, wird sich Beyspiele genug zu dem, was wir im Allgemeinen aus- sprechen, vergegenwaͤrtigen koͤnnen, und wir sagen getrost in Gefolg unserer Ueberzeugung: an Tiefe so wie an Fleiß hat es dem Deutschen nie gefehlt. Naͤ- hert er sich andern Nationen an Bequemlichkeit der Behandlung und uͤbertrifft sie an Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit; so wird man ihm fruͤher oder spaͤter die erste Stelle in Wissenschaft und Kunst nicht streitig machen. Nachtrag . Ehe wir uns von diesen gutmuͤthigen Hoffnungen zu jener traurigen Luͤcke wenden, die zwischen der Ge- schichte alter und neuer Zeit sich nun bald vor uns aufthut, so haben wir noch einiges nachzubringen, das uns den Ueberblick des bisherigen erleichtert und uns zu weiterem Fortschreiten anregt. Wir gedenken hier des Lucius Annaͤus Se- neca nicht sowohl insofern er von Farben etwas er- waͤhnt, da es nur sehr wenig ist und bloß beylaͤufig geschieht, als vielmehr wegen seines allgemeinen Ver- haͤltnisses zur Naturforschung. Ungeachtet der ausgebreiteten Herrschaft der Roͤ- mer uͤber die Welt stockten doch die Naturkenntnisse eher bey ihnen, als daß sie sich verhaͤltnißmaͤßig erweitert haͤtten. Denn eigentlich interessirte sie nur der Mensch, insofern man ihm mit Gewalt oder durch Ueberredung etwas abgewinnen kann. Wegen des letztern waren alle ihre Studien auf rednerische Zwecke berechnet. Uebri- gens benutzten sie die Naturgegenstaͤnde zu nothwen- digem und willkuͤhrlichem Gebrauch so gut und so wunderlich als es gehn wollte. Seneca war, wie er selbst bedauert, spaͤt zur Naturbetrachtung gelangt. Was die Fruͤheren in die- sem Fache gewußt, was sie daruͤber gedacht hatten, war ihm nicht unbekannt geblieben. Seine eigenen Meynungen und Ueberzeugungen haben etwas Tuͤchti- ges. Eigentlich aber steht er gegen die Natur doch nur als ein ungebildeter Mensch: denn nicht sie inter- essirt ihn, sondern ihre Begebenheiten. Wir nennen aber Begebenheiten diejenigen zusammengesetzten auffal- lenden Ereignisse, die auch den rohesten Menschen er- schuͤttern, seine Aufmerksamkeit erregen, und wenn sie voruͤber sind, den Wunsch in ihm beleben, zu erfahren, woher so etwas denn doch wohl kommen moͤchte. Im Ganzen fuͤhrt Seneca dergleichen Phaͤnomene, auf die er in seinem Lebensgange aufmerksam geworden, nach der Ordnung der vier Clemente auf, laͤßt sich aber doch, nach vorkommenden Umstaͤnden, bald da bald dorthin ableiten. Die meteorischen Feuerkugeln, Hoͤfe um Sonn und Mond, Regenbogen, Wettergallen, Neben-Son- nen, Wetterleuchten, Sternschnuppen, Cometen, be- schaͤftigen ihn unter der Rubrik des Feuers. In der Luft sind Blitz und Donner die Hauptveranlassungen seiner Betrachtungen. Spaͤter wendet er sich zu den Winden, und da er das Erdbeben auch einem unter- irdischen Geiste zuschreibt, findet er zu diesem den Uebergang. Bey dem Wasser sind ihm, außer dem suͤßen, die Gesundbrunnen merkwuͤrdig, nicht weniger die perio- dischen Quellen. Von den Heilkraͤften der Wasser geht er zu ihrem Schaden uͤber, besonders zu dem, den sie durch Ueberschwemmung anrichten. Nach den Quellen des Nils und der weisen Benutzung dieses Flusses beschaͤftigen ihn Hagel, Schnee, Eis und Regen. Er laͤßt keine Gelegenheit vorbeygehen, praͤchtige und, wenn man den rhetorischen Stil einmal zugeben will, wirklich koͤstliche Beschreibungen zu machen, wo- von die Art, wie er den Nil und was diesen Fluß betrifft, behandelt, nicht weniger seine Beschreibung der Ueberschwemmungen und Erdbeben, ein Zeugniß ablegen mag. Seine Gesinnungen und Meynungen sind tuͤchtig. So streitet er z. B. lebhaft gegen die- jenigen, welche das Quellwasser vom Regen ableiten, welche behaupten, daß die Cometen eine voruͤberge- hende Erscheinung seyen. Worin er sich aber vom wahren Physiker am mei- sten unterscheidet, sind seine bestaͤndigen, oft sehr ge- zwungen herbeygefuͤhrten Nutzanwendungen und die Verknuͤpfung der hoͤchsten Naturphaͤnomene mit dem Be- duͤrfniß, dem Genuß, dem Wahn und dem Ueber- muth der Menschen. Zwar sieht man wohl, daß er gegen Leichtglaͤubig- keit und Aberglauben im Kampfe steht, daß er den humanen Wunsch nicht unterdruͤcken kann, alles was die Natur uns reicht, moͤge dem Menschen zum Be- sten gedeihen; er will, man solle so viel als moͤglich in Maͤßigkeit genießen und zugleich den verderblichen und zerstoͤrenden Naturwirkungen mit Ruhe und Ergebung entgegensehen; in sofern erscheint er hoͤchst ehrwuͤrdig, und da er einmal von der Redekunst herkommt, auch nicht außer seinem Kreise. Unleidlich wird er aber, ja laͤcherlich, wenn er oft, und gewoͤhnlich zur Unzeit, gegen den Luxus und die verderbten Sitten der Roͤmer loszieht. Man sieht diesen Stellen ganz deutlich an, daß die Redekunst aus dem Leben sich in die Schulen und Hoͤrsaͤle zuruͤck- gezogen hat: denn in solchen Faͤllen finden wir meist bey ihm wo nicht leere doch unnuͤtze Declamationen, die, wie man deutlich sieht, bloß daher kommen, daß der Philosoph sich uͤber sein Zeitalter nicht erheben kann. Doch ist dieses das Schicksal fast seiner ganzen Nation. Die Roͤmer waren aus einem engen, sittlichen, bequemen, behaglichen, buͤrgerlichen Zustand zur gro- ßen Breite der Weltherrschaft gelangt, ohne ihre Be- schraͤnktheit abzulegen; selbst das, was man an ihnen als Freyheitssinn schaͤtzt, ist nur ein bornirtes Wesen. Sie waren Koͤnige geworden und wollten nach wie vor Hausvaͤter, Gatten, Freunde bleiben; und wie wenig selbst die besseren begriffen, was Regieren heißt, sieht man an der abgeschmacktesten That, die jemals began- gen worden, an der Ermordung Caͤsars. Aus eben dieser Quelle laͤßt sich ihr Luxus herlei- ten. Ungebildete Menschen, die zu großem Vermoͤgen gelangen, werden sich dessen auf eine laͤcherliche Weise bedienen; ihre Wolluͤste, ihre Pracht, ihre Verschwen- dung werden ungereimt und uͤbertrieben seyn. Daher denn auch jene Lust zum Seltsamen, Unzaͤhligen und Ungeheuern. Ihre Theater, die sich mit den Zuschau- ern drehen, das zweyte Volk von Statuen, womit die Stadt uͤberladen war, sind wie der spaͤtere colossale Napf, in welchem der große Fisch ganz gesotten wer- den sollte, alle Eines Ursprungs; sogar der Uebermuth und die Grausamkeit ihrer Tyrannen laͤuft meistens aufs Alberne hinaus. Bloß indem man diese Betrachtungen anstellt, be- greift man, wie Seneca, der ein so bedeutendes Leben gefuͤhrt, dagegen zuͤrnen kann, daß man gute Mahl- zeiten liebt, sein Getraͤnk dabey mit Schnee abkuͤhlt, daß man sich des guͤnstigen Windes bey Seeschlachten bedient, und was dergleichen Dinge mehr seyn moͤgen. Solche Capuzinerpredigten thun keine Wirkung, hin- dern nicht die Aufloͤsung des Staates und koͤnnen sich einer eindringenden Barbarey keinesweges entgegen- setzen. Schließlich duͤrfen wir jedoch nicht verschweigen, wie er hoͤchst liebenswuͤrdig in seinem Vertrauen auf die Nachwelt erscheint. Alle jene verflochtenen Natur- begebenheiten, auf die er vorzuͤglich seine Aufmerksam- keit wendet, aͤngstigen ihn als eben so viele unergruͤnd- liche Raͤthsel. Aufs Einfachere zu dringen, das Ein- fachste durch eine Erfahrung, in einem Versuch vor die Sinne zu stellen, die Natur durch Entwicklung zu ent- raͤthseln, war noch nicht Sitte geworden. Nun bleibt ihm, bey dem großen Drange, den er in sich fuͤhlt, nichts uͤbrig, als auf die Nachkommen zu hoffen, mit Vorfreude uͤberzeugt zu seyn, daß sie mehr wissen, mehr einsehen werden als er, ja ihnen sogar die Selbst- gefaͤlligkeit zu goͤnnen, mit der sie wahrscheinlich auf ihre unwissenden Vorfahren herabsehen wuͤrden. Das haben sie denn auch redlich gethan und thun es noch. Freylich sind sie viel spaͤter dazu gelangt, als unser Philosoph sich vorstellen mochte. Das Ver- derbniß der Roͤmer schwebt ihm fuͤrchterlich vor; daß aber daraus nur allzubald das Verderben sich entwi- ckeln, daß die vorhandene Welt voͤllig untergehen, die Menschheit uͤber ein Jahrtausend verworren und huͤlf- los irren und schwanken wuͤrde, ohne auf irgend einen Ausweg zu gerathen, das war ihm wohl unmoͤglich zu denken, ihm, der das Reich, dessen Kaiser von ihm er- zogen ward, in uͤbermaͤßiger Herrlichkeit vor sich bluͤ- hen sah. Dritte Abtheilung. Zwischenzeit . Luͤkke . J ene fruͤheren Geographen, welche die Charte von Africa verfertigten, waren gewohnt, dahin, wo Berge, Fluͤsse, Staͤdte fehlten, allenfalls einen Elefanten, Loͤ- wen oder sonst ein Ungeheuer der Wuͤste zu zeichnen, ohne daß sie deshalb waͤren getadelt worden. Man wird uns daher wohl auch nicht verargen, wenn wir in die große Luͤcke, wo uns die erfreuliche, lebendige, fortschreitende Wissenschaft verlaͤßt, einige Betrachtun- gen einschieben, auf die wir uns kuͤnftig wieder bezie- hen koͤnnen. Die Cultur des Wissens durch inneren Trieb um der Sache selbst willen, das reine Interesse am Gegen- stand, sind freylich immer das vorzuͤglichste und nutz- barste; und doch sind von den fruͤhsten Zeiten an die Einsichten der Menschen in natuͤrliche Dinge durch je- II. 9 nes weniger gefoͤrdert worden, als durch ein nahe lie- gendes Beduͤrfniß, durch einen Zufall, den die Auf- merksamkeit nutzte, und durch mancherley Art von Aus- bildung zu entschiedenen Zwecken. Es gibt bedeutende Zeiten, von denen wir wenig wissen, Zustaͤnde, deren Wichtigkeit uns nur durch ihre Folgen deutlich wird. Diejenige Zeit, welche der Sa- me unter der Erde zubringt, gehoͤrt vorzuͤglich mit zum Pflanzenleben. Es gibt auffallende Zeiten, von denen uns weni- ges, aber hoͤchst merkwuͤrdiges bekannt ist. Hier treten außerordentliche Individuen hervor, es ereignen sich seltsame Begebenheiten. Solche Epochen geben einen entschiedenen Eindruck, sie erregen große Bilder, die uns durch ihr Einfaches anziehen. Die historischen Zeiten erscheinen uns im vollen Tag. Man sieht vor lauter Licht keinen Schatten, vor lauter Hellung keinen Koͤrper, den Wald nicht vor Baͤumen, die Menschheit nicht vor Menschen; aber es sieht aus, als wenn Jedermann und Allem Recht geschaͤhe und so ist Jedermann zufrieden. Die Existenz irgend eines Wesens erscheint uns ja nur, in sofern wir uns desselben bewußt werden. Da- her sind wir ungerecht gegen die stillen dunklen Zeiten, in denen der Mensch, unbekannt mit sich selbst, aus innerm starken Antrieb thaͤtig war, trefflich vor sich hin wirkte und kein anderes Document seines Daseyns zuruͤckließ als eben die Wirkung, welche hoͤher zu schaͤ- tzen waͤre als alle Nachrichten. Hoͤchst reizend ist fuͤr den Geschichtsforscher der Punct, wo Geschichte und Sage zusammengraͤnzen. Es ist meistens der schoͤnste der ganzen Ueberlieferung. Wenn wir uns aus dem bekannten Gewordenen das unbekannte Werden aufzubauen genoͤthigt finden, so erregt es eben die angenehme Empfindung, als wenn wir eine uns bisher unbekannte gebildete Person kennen lernen und die Geschichte ihrer Bildung lieber heraus- ahnden als herausforschen. Nur muͤßte man nicht so grießgraͤmig, wie es wuͤrdige Historiker neuerer Zeit gethan haben, auf Dichter und Chronikenschreiber herabsehen. Betrachtet man die einzelne fruͤhere Ausbildung der Zeiten, Gegenden, Ortschaften, so kommen uns aus der dunklen Vergangenheit uͤberall tuͤchtige und vortreffliche Menschen, tapfere, schoͤne, gute in herrli- cher Gestalt entgegen. Der Lobgesang der Menschheit, dem die Gottheit so gerne zuhoͤren mag, ist niemals verstummt, und wir selbst fuͤhlen ein goͤttliches Gluͤck, wenn wir die durch alle Zeiten und Gegenden ver- theilten harmonischen Ausstroͤmungen, bald in einzel- nen Stimmen, in einzelnen Choͤren, bald Fugenweise, bald in einem herrlichen Vollgesang vernehmen. 9 * Freylich muͤßte man mit reinem frischen Ohre hin- lauschen, und jedem Vorurtheil selbstsuͤchtiger Partey- lichkeit, mehr vielleicht als dem Menschen moͤglich ist, entsagen. Es gibt zwey Momente der Weltgeschichte, die bald auf einander folgen, bald gleichzeitig, theils ein- zeln und abgesondert, theils hoͤchst verschraͤnkt, sich an Individuen und Voͤlkern zeigen. Der erste ist derjenige, in welchem sich die Einzel- nen neben einander frey ausbilden; dieß ist die Epoche des Werdens, des Friedens, des Naͤhrens, der Kuͤn- ste, der Wissenschaften, der Gemuͤthlichkeit, der Ver- nunft. Hier wirkt alles nach innen, und strebt in den besten Zeiten zu einem gluͤcklichen, haͤuslichen Auf- erbauen; doch loͤs’t sich dieser Zustand zuletzt in Par- teysucht und Anarchie auf. Die zweyte Epoche ist die des Benutzens, des Kriegens, des Verzehrens, der Technik, des Wissens, des Verstandes. Die Wirkungen sind nach außen ge- richtet; im schoͤnsten und hoͤchsten Sinne gewaͤhrt die- ser Zeitpunct Dauer und Genuß unter gewissen Be- dingungen. Leicht artet jedoch ein solcher Zustand in Selbstsucht und Tyranney aus, wo man sich aber kei- nesweges den Tyrannen als eine einzelne Person zu denken noͤthig hat; es gibt eine Tyranney ganzer Mas- sen, die hoͤchst gewaltsam und unwiderstehlich ist. Man mag sich die Bildung und Wirkung der Menschen unter welchen Bedingungen man will denken, so schwanken beyde durch Zeiten und Laͤnder, durch Einzelnheiten und Massen, die proportionirlich und unproportionirlich auf einander wirken; und hier liegt das Inealculable, das Incommensurable der Weltge- schichte. Gesetz und Zufall greifen in einander, der betrachtende Mensch aber kommt oft in den Fall beyde mit einander zu verwechseln, wie sich besonders an parteyischen Historikern bemerken laͤßt, die zwar mei- stens unbewußt, aber doch kuͤnstlich genug, sich eben dieser Unsicherheit zu ihrem Vortheil bedienen. Der schwache Faden, der sich aus dem manchmal so breiten Gewebe des Wissens und der Wissenschaften durch alle Zeiten, selbst die dunkelsten und verworren- sten, ununterbrochen fortzieht, wird durch Individuen durchgefuͤhrt. Diese werden in einem Jahrhundert wie in dem andern von der besten Art geboren und verhalten sich immer auf dieselbe Weise gegen jedes Jahrhundert, in welchem sie vorkommen. Sie stehen naͤmlich mit der Menge im Gegensatz, ja im Wider- streit. Ausgebildete Zeiten haben hierin nichts vor- aus vor den barbarischen: denn Tugenden sind zu jeder Zeit selten, Maͤngel gemein. Und stellt sich denn nicht sogar im Individuum eine Menge von Fehlern der einzelnen Tuͤchtigkeit entgegen? Gewisse Tugenden gehoͤren der Zeit an, und so auch gewisse Maͤngel, die einen Bezug auf sie haben. Die neuere Zeit schaͤtzt sich selbst zu hoch, wegen der großen Masse Stoffes, den sie umfaßt. Der Haupt- vorzug des Menschen beruht aber nur darauf, in wie fern er den Stoff zu behandeln und zu beherrschen weiß. Es gibt zweyerley Erfahrungsarten, die Erfah- rung des Abwesenden und die des Gegenwaͤrtigen. Die Erfahrung des Abwesenden, wozu das Vergan- gene gehoͤrt, machen wir auf fremde Autoritaͤt, die des Gegenwaͤrtigen sollten wir auf eigene Autoritaͤt machen. Beydes gehoͤrig zu thun, ist die Natur des Individuums durchaus unzulaͤnglich. Die in einander greifenden Menschen- und Zeital- ter noͤthigen uns, eine mehr oder weniger untersuchte Ueberlieferung gelten zu lassen, um so mehr als auf der Moͤglichkeit dieser Ueberlieferung die Vorzuͤge des menschlichen Geschlechts beruhen. Ueberlieferung fremder Erfahrung, fremden Ur- theils sind bey so großen Beduͤrfnissen der eingeschraͤnk- ten Menschheit hoͤchst willkommen, besonders wenn von hohen Dingen, von allgemeinen Anstalten die Rede ist. Ein ausgesprochnes Wort tritt in den Kreis der uͤbrigen, nothwendig wirkenden Naturkraͤfte mit ein. Es wirkt um so lebhafter, als in dem engen Raume, in welchem die Menschheit sich ergeht, die naͤmlichen Beduͤrfnisse, die naͤmlichen Forderungen immer wie- derkehren. Und doch ist jede Wortuͤberlieferung so bedenklich. Man soll sich, heißt es, nicht an das Wort, son- dern an den Geist halten. Gewoͤhnlich aber vernich- tet der Geist das Wort, oder verwandelt es doch der- gestalt, daß ihm von seiner fruͤhern Art und Bedeu- tung wenig uͤbrig bleibt. Wir stehen mit der Ueberlieferung bestaͤndig im Kampfe, und jene Forderung, daß wir die Erfahrung des Gegenwaͤrtigen auf eigene Autoritaͤt machen soll- ten, ruft uns gleichfalls zu einem bedenklichen Streit auf. Und doch fuͤhlt ein Mensch, dem eine originelle Wirksamkeit zu Theil geworden, den Beruf, diesen dop- pelten Kampf persoͤnlich zu bestehen, der durch den Fortschritt der Wissenschaften nicht erleichtert, sondern erschwert wird. Denn es ist am Ende doch nur im- mer das Individuum, das einer breiteren Natur und breiteren Ueberlieferung Brust und Stirn bieten soll. Der Conflict des Individuums mit der unmittel- baren Erfahrung und der mittelbaren Ueberlieferung, ist eigentlich die Geschichte der Wissenschaften: denn was in und von ganzen Massen geschieht, bezieht sich doch nur zuletzt auf ein tuͤchtigeres Individuum, das alles sammeln, sondern, redigiren und vereinigen soll; wobey es wirklich ganz einerley ist, ob die Zeitgenos- sen ein solch Bemuͤhen beguͤnstigen oder ihm widerstre- ben. Denn was heißt beguͤnstigen, als das Vor- handene vermehren und allgemein machen. Dadurch wird wohl genutzt, aber die Hauptsache nicht ge- foͤrdert. Sowohl in Absicht auf Ueberlieferung als eigene Erfahrung muß nach Natur der Individuen, Nati- onen und Zeiten ein sonderbares Entgegenstreben, Schwanken und Vermischen entstehen. Gehalt ohne Methode fuͤhrt zur Schwaͤrmerey; Methode ohne Gehalt zum leeren Kluͤgeln; Stoff ohne Form zum beschwerlichen Wissen, Form ohne Stoff zu einem hohlen Waͤhnen. Leider besteht der ganze Hintergrund der Geschichte der Wissenschaften bis auf den heutigen Tag aus lau- ter solchen beweglichen in einander fließenden und sich doch nicht vereinigenden Gespenstern, die den Blick dergestalt verwirren, daß man die hervortretenden, wahrhaft wuͤrdigen Gestalten kaum recht scharf ins Auge fassen kann. Ueberliefertes . Nun koͤnnen wir nicht einen Schritt weiter gehen, ohne jenes Ehrwuͤrdige, wodurch das Entfernte ver- bunden, das Zerrissene ergaͤnzt wird, ich meyne das Ueberlieferte, naͤher zu bezeichnen. Weniges gelangt aus der Vorzeit heruͤber als voll- staͤndiges Denkmal, vieles in Truͤmmern; manches als Technik, als praktischer Handgriff; einiges, weil es dem Menschen nahe verwandt ist, wie Mathematik; anderes, weil es immer wieder gefordert und angeregt wird, wie Himmel- und Erd-Kunde; einiges, weil man dessen beduͤrftig bleibt, wie die Heilkunst; ande- res zuletzt, weil es der Mensch, ohne zu wollen, im- mer wieder selbst hervorbringt, wie Musik und die uͤbrigen Kuͤnste. Doch von alle diesem ist im wissenschaftlichen Fal- le nicht sowohl die Rede als von schriftlicher Ueber- lieferung. Auch hier uͤbergehen wir vieles. Soll je- doch fuͤr uns ein Faden aus der alten Welt in die neue heruͤberreichen, so muͤssen wir dreyer Hauptmas- sen gedenken, welche die groͤßte, entschiedenste, ja oft eine ausschließende Wirkung hervorgebracht haben, der Bibel, der Werke Plato’s und Aristoteles. Jene große Verehrung, welche der Bibel von vie- len Voͤlkern und Ceschlechtern der Erde gewidmet wor- den, verdankt sie ihrem innern Werth. Sie ist nicht etwa nur ein Volksbuch, sondern das Buch der Voͤl- ker, weil sie die Schicksale eines Volks zum Symbol aller uͤbrigen aufstellt, die Geschichte desselben an die Entstehung der Welt anknuͤpft und durch eine Stufen- reihe irdischer und geistiger Entwickelungen, nothwen- diger und zufaͤlliger Ereignisse, bis in die entferntesten Regionen der aͤußersten Ewigkeiten hinausfuͤhrt. Wer das menschliche Herz, den Bildungsgang der Einzelnen kennt, wird nicht in Abrede seyn, daß man einen trefflichen Menschen tuͤchtig heraufbilden koͤnnte, ohne dabey ein anderes Buch zu brauchen als etwa Tschudi’s schweizerische, oder Aventins bayerische Chro- nik. Wie vielmehr muß also die Bibel zu diesem Zwecke genuͤgen, da sie das Musterbuch zu jenen erst- genannten gewesen, da das Volk, als dessen Chronik sie sich darstellt, auf die Weltbegebenheiten so großen Einfluß ausgeuͤbt hat und noch ausuͤbt. Es ist uns nicht erlaubt, hier ins Einzelne zu ge- hen; doch liegt einem Jeden vor Augen, wie in bey- den Abtheilungen dieses wichtigen Werkes der geschicht- liche Vortrag mit dem Lehrvortrage dergestalt innig verknuͤpft ist, daß einer dem andern auf und nachhilft, wie vielleicht in keinem andern Buche. Und was den Inhalt betrifft, so waͤre nur wenig hinzuzufuͤgen, um ihn bis auf den heutigen Tag durchaus vollstaͤndig zu machen. Wenn man dem alten Testamente einen Aus- zug aus Josephus beyfuͤgte, um die juͤdische Geschichte bis zur Zerstoͤrung Jerusalems fortzufuͤhren; wenn man, nach der Apostelgeschichte, eine gedraͤngte Dar- stellung der Ausbreitung des Christenthums und der Zerstreuung des Judenthums durch die Welt, bis auf die letzten treuen Missionsbemuͤhungen Apostel-aͤhn- licher Maͤnner, bis auf den neusten Schacher- und Wucherbetrieb der Nachkommen Abrahams, einschal- tete; wenn man vor der Offenbarung Johannis die reine christliche Lehre im Sinn des neuen Testamentes zusammengefaßt ausstellte, um die verworrene Lehrart der Episteln zu entwirren und aufzuhellen: so verdiente dieses Werk gleich gegenwaͤrtig wieder in seinen alten Rang einzutreten, nicht nur als allgemeines Buch, sondern auch als allgemeine Bibliothek der Voͤlker zu gelten, und es wuͤrde gewiß, je hoͤher die Jahr- hunderte an Bildung steigen, immer mehr zum Theil als Fundament, zum Theil als Werkzeug der Erzie- hung, freylich nicht von naseweisen, sondern von wahr- haft weisen Menschen, genutzt werden koͤnnen. Die Bibel an sich selbst, und dieß bedenken wir nicht genug, hat in der aͤltern Zeit fast gar keine Wir- kung gehabt. Die Buͤcher des alten Testaments fan- den sich kaum gesammelt, so war die Nation, aus der sie entsprungen, voͤllig zerstreut; nur der Buchsta- be war es, um den die Zerstreuten sich sammelten und noch sammlen. Kaum hatte man die Buͤcher des neuen Testaments vereinigt, als die Christenheit sich in unendliche Meynungen spaltete. Und so finden wir, daß sich die Menschen nicht sowohl mit dem Werke als an dem Werke beschaͤftigten, und sich uͤber die ver- schiedenen Auslegungsarten entzweyten, die man auf den Text anwenden, die man dem Text unterschieben, mit denen man ihn zudecken konnte. Hier werden wir nun veranlaßt, jener beyden treff- lichen Maͤnner zu gedenken, die wir oben genannt. Es waͤre Verwegenheit, ihr Verdienst an dieser Stelle wuͤrdigen, ja nur schildern zu wollen; also nicht mehr denn das Nothwendigste zu unsern Zwecken. Plato verhaͤlt sich zu der Welt, wie ein seliger Geist, dem es beliebt, einige Zeit auf ihr zu herbergen. Es ist ihm nicht sowohl darum zu thun, sie kennen zu lernen, weil er sie schon voraussetzt, als ihr dasjenige, was er mitbringt und was ihr so noth thut, freund- lich mitzutheilen. Er dringt in die Tiefen, mehr um sie mit seinem Wesen auszufuͤllen, als um sie zu erfor- schen. Er bewegt sich nach der Hoͤhe, mit Sehnsucht, seines Ursprungs wieder theilhaft zu werden. Alles was er aͤußert, bezieht sich auf ein ewig Ganzes, Gu- tes, Wahres, Schoͤnes, dessen Forderung er in jedem Busen aufzuregen strebt. Was er sich im Einzelnen von irdischem Wissen zueignet, schmilzt, ja man kann sagen, verdampft in seiner Methode, in seinem Vor- trag. Aristoteles hingegen steht zu der Welt wie ein Mann, ein baumeisterlicher. Er ist nun einmal hier und soll hier wirken und schaffen. Er erkundigt sich nach dem Boden, aber nicht weiter als bis er Grund findet. Von da bis zum Mittelpunct der Erde ist ihm das Uebrige gleichguͤltig. Er umzieht einen ungeheuren Grundkreis fuͤr sein Gebaͤude, schafft Materialien von allen Seiten her, ordnet sie, schichtet sie auf und steigt so in regelmaͤßiger Form pyramidenartig in die Hoͤhe, wenn Plato, einem Obelisken, ja einer spitzen Flamme gleich, den Himmel sucht. Wenn ein Paar solcher Maͤnner, die sich gewisser- maßen in die Menschheit theilten, als getrennte Re- praͤsentanten herrlicher nicht leicht zu vereinender Eigen- schaften auftraten; wenn sie das Gluͤck hatten, sich voll- kommen auszubilden, das an ihnen Ausgebildete voll- kommen auszusprechen, und nicht etwa in kurzen lako- nischen Saͤtzen gleich Orakelspruͤchen, sondern in aus- fuͤhrlichen, ausgefuͤhrten, mannigfaltigen Werken; wenn diese Werke zum Besten der Menschheit uͤbrig blieben, und immerfort mehr oder weniger studirt und betrachtet wurden: so folgt natuͤrlich, daß die Welt, insofern sie als empfindend und denkend anzusehen ist, genoͤthigt war, sich Einem oder dem Andern hinzuge- ben, Einen oder den Andern, als Meister, Lehrer, Fuͤhrer anzuerkennen. Diese Nothwendigkeit zeigte sich am deutlichsten bey Auslegung der heiligen Schrift. Diese, bey der Selbststaͤndigkeit, wunderbaren Originalitaͤt, Vielseitig- keit, Totalitaͤt, ja Unermeßlichkeit ihres Inhalts, brachte keinen Maaßstab mit, wonach sie gemessen werden konnte; er mußte von außen gesucht und an sie ange- legt werden, und das ganze Chor derer, die sich des- halb versammelten, Juden und Christen, Heiden und Heilige, Kirchenvaͤter und Ketzer, Concilien und Paͤbste, Reformatoren und Widersacher, saͤmmtlich, indem sie auslegen und erklaͤren, verknuͤpfen oder suppliren, zu- rechtlegen oder anwenden wollten, thaten es auf Pla- tonische oder Aristotelische Weise, bewußt oder unbe- wußt, wie uns, um nur der juͤdischen Schule zu er- waͤhnen, schon die talmudistische und cabbalistische Be- handlung der Bibel uͤberzeugt. Wie bey Erklaͤrung und Benutzung der heiligen Schriften, so auch bey Erklaͤrung, Erweiterung und Benutzung des wissenschaftlich Ueberlieferten, theilte sich das Chor der Wiß- und Kenntnißbegierigen in zwey Parteyen. Betrachten wir die africanischen, besonders aͤgyptischen, neuern Weisen und Gelehrten, wie sehr neigt sich dort alles nach der Platonischen Vorstellungs- art. Bemerken wir die Asiaten, so finden wir mehr Neigung zur Aristotelischen Behandlungsweise, wie es spaͤter bey den Arabern besonders auffaͤllt. Ja wie die Voͤlker, so theilen sich auch Jahrhun- derte in die Verehrung des Plato und Aristoteles, bald friedlich, bald in heftigem Widerstreit; und es ist als ein großer Vorzug des unsrigen anzusehen, daß die Hochschaͤtzung beyder sich im Gleichgewichte haͤlt, wie schon Rafael, in der sogenannten Schule von Athen, beyde Maͤnner gedacht und gegen einander uͤber gestellt hat. Wir fuͤhlen und wissen recht gut, was sich gegen die von uns aphoristisch entworfene Skizze einwenden laͤßt, besonders wenn man von dem, was ihr mangelt, und von dem, was an ihr naͤher zu bestimmen waͤre, reden wollte. Allein es war die Aufgabe, in moͤglich- ster Kuͤrze hinzuzeichnen, was von Hauptwirkungen uͤber die durch Barbaren gerissene Luͤcke in die mittlere und neuere Zeit vor allem andern bedeutend heruͤber- reicht, was in die Wissenschaften uͤberhaupt, in die Naturwissenschaften besonders und in die Farbenlehre, die uns vorzuͤglich beschaͤftigt, einen dauernden Einfluß ausuͤbte. Denn andre koͤstliche Massen des unschaͤtzbar Ue- berlieferten, wie z. E. die Masse der griechischen Dich- ter, hat erst spaͤt, ja sehr spaͤt, wieder lebendig auf Bildung gewirkt, so wie die Denkweisen anderer phi- losophischen Schulen, der Epikureer, der Skeptiker, auch erst spaͤt fuͤr uns einige Bedeutung gewinnen. Wenn wir nun oben schon ausgesprochen und be- hauptet, daß die Griechen mit allem bekannt gewesen, was wir als Hauptgrund der Farbenlehre anerkennen, was wir als die Hauptmomente derselben verehren; so bleibt uns nun die Pflicht, dem Natur- und Ge- schichtsfreunde vor Augen zu legen, wie in der neuern Zeit die platonischen und aristotelischen Ueberzeugungen wieder emporgehoben, wie sie verdraͤngt oder genutzt, wie sie vervollstaͤndigt oder verstuͤmmelt werden moch- ten, und wie, durch ein seltsames Schwanken aͤlterer und neuerer Meynungsweisen, die Sache von einer Seite zur andern geschoben, und zuletzt am Anfang des vorigen Jahrhunderts voͤllig verschoben worden. Autoritaͤt . Indem wir nun von Ueberlieferung sprechen, sind wir unmittelbar aufgefordert, zugleich von Autoritaͤt zu reden. Denn genau betrachtet, so ist jede Autoritaͤt eine Art Ueberlieferung. Wir lassen die Existenz, die Wuͤrde, die Gewalt von irgend einem Dinge gelten, ohne daß wir seinen Ursprung, sein Herkommen, seinen Werth deutlich einsehen und erkennen. So schaͤtzen und ehren wir z. B. die edlen Metalle beym Gebrauch des gemeinen Lebens; doch ihre großen physischen und chemischen Verdienste sind uns dabey selten gegenwaͤrtig. So hat die Vernunft und das ihr verwandte Gewissen eine ungeheure Autoritaͤt, weil sie unergruͤndlich sind; ingleichen das was wir mit dem Namen Genie be- zeichnen. Dagegen kann man dem Verstand gar keine Autoritaͤt zuschreiben: denn er bringt nur immer seines Gleichen hervor; so wie denn offenbar aller Verstandes- Unterricht zur Anarchie fuͤhrt. Gegen die Autoritaͤt verhaͤlt sich der Mensch, so wie gegen vieles andere, bestaͤndig schwankend. Er fuͤhlt in seiner Duͤrftigkeit, daß er, ohne sich auf etwas Drittes stuͤtzen, mit seinen Kraͤften nicht auslangt. Dann aber, wenn das Gefuͤhl seiner Macht und Herrlichkeit in ihm aufgeht, stoͤßt er das Huͤlfreiche von sich und glaubt fuͤr sich selbst und andre hinzu- reichen. Das Kind bequemt sich meist mit Ergebung unter die Autoritaͤt der Aeltern; der Knabe straͤubt sich dage- gen; der Juͤngling entflieht ihr, und der Mann laͤßt sie wieder gelten, weil er sich deren mehr oder weniger selbst verschafft, weil die Erfahrung ihn gelehrt hat, daß er ohne Mitwirkung anderer doch nur wenig aus- richte. Eben so schwankt die Menschheit im Ganzen. Bald sehen wir um einen vorzuͤglichen Mann sich Freunde, Schuͤler, Anhaͤnger, Begleiter, Mitlebende, Mitwohnende, Mitstreitende versammeln. Bald faͤllt eine solche Gesellschaft, ein solches Reich wieder in vie- lerley Einzelnheiten auseinander. Bald werden Monu- mente aͤlterer Zeiten, Documente fruͤherer Gesinnungen, goͤttlich verehrt, buchstaͤblich aufgenommen; Jedermann gibt seine Sinne, seinen Verstand darunter gefangen; II. 10 alle Kraͤfte werden aufgewendet, das Schaͤtzbare solcher Ueberreste darzuthun, sie bekannt zu machen, zu com- mentiren, zu erlaͤutern, zu erklaͤren, zu verbreiten und fortzupflanzen. Bald tritt dagegen, wie jene bilderstuͤr- mende, so hier eine schriftstuͤrmende Wuth ein; es thaͤte Noth man vertilgte bis auf die letzte Spur das, was bisher so großen Werthes geachtet wurde. Kein ehmals ausgesprochenes Wort soll gelten, alles was weise war, soll als naͤrrisch erkannt werden, was heilsam war, als schaͤdlich, was sich lange Zeit als foͤrderlich zeigte, nun- mehr als eigentliches Hinderniß. Die Epochen der Naturwissenschaften im Allgemei- nen und der Farbenlehre insbesondre, werden uns ein solches Schwanken auf mehr als eine Weise bemerklich machen. Wir werden sehen, wie dem menschlichen Geist das aufgehaͤufte Vergangene hoͤchst laͤstig wird zu einer Zeit, wo das Neue, das Gegenwaͤrtige gleich- falls gewaltsam einzudringen anfaͤngt; wie er die alten Reichthuͤmer aus Verlegenheit, Instinkt, ja aus Maxi- me wegwirft; wie er waͤhnt, man koͤnne das Neuzu- erfahrende durch bloße Erfahrung in seine Gewalt be- kommen: wie man aber bald wieder genoͤthigt wird, Raͤsonnement und Methode, Hypothese und Theorie zu Huͤlfe zu rufen; wie man dadurch abermals in Ver- wirrung, Controvers, Meynungenwechsel, und fruͤher oder spaͤter aus der eingebildeten Freyheit wieder un- ter den ehernen Scepter einer aufgedrungenen Autori- taͤt faͤllt. Alles was wir an Materialien zur Geschichte, was wir Geschichtliches einzeln ausgearbeitet zugleich uͤber- liefern, wird nur der Commentar zu dem vorgesagten seyn. Die Naturwissenschaften haben sich bewunderns- wuͤrdig erweitert, aber keinesweges in einem staͤtigen Gange, auch nicht einmal stufenweise, sondern durch Auf- und Absteigen, durch Vor- und Ruͤckwaͤrts- wandeln in grader Linie oder in der Spirale; wo- bey sich denn von selbst versteht, daß man in jeder Epoche uͤber seine Vorgaͤnger weit erhaben zu seyn glaubte. Doch wir duͤrfen kuͤnftigen Betrachtungen nicht vorgreifen. Da wir die Theilnehmenden durch einen labyrinthischen Garten zu fuͤhren haben, so muͤs- sen wir ihnen und uns das Vergnuͤgen mancher uͤber- raschenden Aussicht vorbehalten. Wenn nun derjenige, wo nicht fuͤr den Vorzuͤg- lichsten, doch fuͤr den Begabtesten und Gluͤcklichsten zu halten waͤre, der Ausdauer, Lust, Selbstverlaͤug- nung genug haͤtte, sich mit dem Ueberlieferten voͤllig bekannt zu machen, und dabey noch Kraft und Muth genug behielte, sein originelles Wesen selbststaͤndig aus- zubilden und das vielfach Aufgenommene nach seiner Weise zu bearbeiten und zu beleben: wie erfreulich muß es nicht seyn, wenn dergleichen Maͤnner in der Ge- schichte der Wissenschaften uns, wiewohl selten ge- nug, wirklich begegnen. Ein solcher ist derjenige, zu dem wir uns nun wenden, der uns vor vielen andern treff- lichen Maͤnnern aus einer zwar regsamen, aber doch im- mer noch truͤben Zeit, lebhaft und freudig entgegen tritt. 10 * Roger Bacon von 1216 — 1294 . Die in Britannien durch Roͤmerherrschaft gewirkte Cultur, diejenige, welche fruͤh genug durch das Christen- thum daselbst eingeleitet worden, verlor sich nur gar zu bald, vernichtet durch den Zudrang wilder Insel- Nachbarn und seeraͤuberischer Schaaren. Bey zuruͤck- kehrender obgleich oft gestoͤrter Ruhe fand sich auch die Religion wieder ein und wirkte auf eine vorzuͤgliche Weise zum Guten. Treffliche Maͤnner bildeten sich aus zu Aposteln ihres eigenen Vaterlandes, ja des Auslan- des. Kloͤster wurden gestiftet, Schulen eingerichtet und jede Art besserer Bildung schien sich in diese abgeson- derten Laͤnder zu fluͤchten, sich daselbst zu bewahren und zu steigern. Roger Bacon war in einer Epoche geboren, wel- che wir die des Werdens, der freyen Ausbildung der Einzelnen neben einander genannt haben, fuͤr einen Geist wie der seine, in der gluͤcklichsten. Sein eigent- liches Geburtsjahr ist ungewiß, aber die magna Charta war bereits unterzeichnet (1215), als er zur Welt kam, jener große Freyheitsbrief, der durch die Zusaͤtze nach- folgender Zeiten das wahre Fundament neuer englischer Nationalfreyheit geworden. So sehr auch der Clerus und die Baronen fuͤr ihren Vortheil dabey mochten ge- sorgt haben, so gewann doch der Buͤrgerstand dadurch außerordentlich, daß freyer Handel gestattet, beson- ders der Verkehr mit Auswaͤrtigen voͤllig ungehindert seyn sollte, daß die Gerichtsverfassung verbessert ward, daß der Gerichtshof nicht mehr dem Koͤnige folgen, sondern stets an Einem Orte Sitz haben, daß kein freyer Mann sollte gefangen gehalten, verbannt oder auf irgend eine Weise an Freyheit und Leben ange- griffen werden; es sey denn, Seinesgleichen haͤtten uͤber ihn gesprochen, oder es geschaͤhe nach dem Recht des Landes. Was auch noch in der Verfassung zu wuͤnschen uͤbrig blieb, was in der Ausfuͤhrung mangeln, was durch politische Stuͤrme erschuͤttert werden mochte, die Nation war im Vorschreiten, und Roger brachte sein hoͤheres Alter unter der Regierung Koͤnigs Eduard des ersten zu, wo die Wissenschaften aller Art einen be- traͤchtlichen Fortgang nahmen und großen Einfluß auf eine vollkommnere Justiz- und Polizeyverfassung hatten. Der dritte Stand wurde mehr und mehr beguͤnstigt und einige Jahre nach Rogers Tode (1297) erhielt die magna Charta einen Zusatz zu Gunsten der Volks- classe. Obgleich Roger nur ein Moͤnch war und sich in dem Bezirk seines Klosters halten mochte, so dringt doch der Hauch solcher Umgebungen durch alle Mauern, und gewiß verdankt er gedachten nationellen Anlagen, daß sein Geist sich uͤber die truͤben Vorurtheile der Zeit erheben und der Zukunft voreilen konnte. Er war von der Natur mit einem geregelten Charakter begabt, mit einem solchen, der fuͤr sich und andre Sicherheit will, sucht und findet. Seine Schriften zeugen von großer Ruhe, Besonnenheit und Klarheit. Er schaͤtzt die Au- toritaͤt, verkennt aber nicht das Verworrene und Schwankende der Ueberlieferung. Er ist uͤberzeugt von der Moͤglichkeit einer Einsicht in Sinnliches und Ueber- sinnliches, Weltliches und Goͤttliches. Zuvoͤrderst weiß er das Zeugniß der Sinne gehoͤ- rig anzuerkennen; doch bleibt ihm nicht unbewußt, daß die Natur dem bloß sinnlichen Menschen vieles verberge. Er wuͤnscht daher tiefer einzudringen und wird gewahr, daß er die Kraͤfte und Mittel hiezu in seinem eigenen Geiste suchen muß. Hier begegnet seinem kindlichen Sinne die Mathematik als ein einfaches, eingebornes, aus ihm selbst hervorspringendes Werkzeug, welches er um so mehr ergreift, als man schon so lange alles Ei- gene vernachlaͤssigt, die Ueberlieferung auf eine seltsame Weise uͤbereinander gehaͤuft und sie dadurch gewisser- maßen in sich selbst zerstoͤrt hatte. Er gebraucht nunmehr sein Organ, um die Vor- gaͤnger zu beurtheilen, die Natur zu betasten, und zu- frieden mit der Weise, nach der ihm manches gelingt, erklaͤrt er die Mathematik zu dem Hauptschluͤssel aller wissenschaftlichen Verborgenheiten. Je nachdem nun die Gegenstaͤnde sind, mit wel- chen er sich beschaͤftigt, danach ist auch das Gelingen. In den einfachsten physischen Faͤllen loͤst die Formel das Problem, in complicirteren ist sie wohl behuͤlflich, deu- tet auf den Weg, bringt uns naͤher; aber sie dringt nicht mehr auf den Grund. In den hoͤheren Faͤllen und nun gar im Organischen und Moralischen bleibt sie ein bloßes Symbol. Ob nun gleich der Stoff, den er behandelt, sehr gehaltvoll ist, auch nichts fehlt, was den sinnenden Menschen interessiren kann, ob er sich schon mit großer Ehrfurcht den erhabenen Gegenstaͤnden des Universums naͤhert; so muß er doch den einzelnen Theilen des Wiß- baren und Ausfuͤhrbaren, einzelnen Wissenschaften und Kuͤnsten, Unrecht thun, um seine These durchzusetzen. Was in ihnen eigenthuͤmlich, fundamental und elemen- tar gewiß ist, erkennt er nicht an; er beachtet bloß die Seite, die sie gegen die Mathematik bieten. So loͤst er die Grammatik in Rhythmik, die Logik in Musik auf, und erklaͤrt die Mathematik wegen Sicherheit ihrer De- monstrationen fuͤr die bessere Logik. Indem er nun zwar parteyisch aber keinesweges Pedant ist, so fuͤhlt er sehr bald, wo seine Grundma- ximen (canones) , mit denen er alles ausrichten will, nicht hinreichen, und es scheint ihm selbst nicht recht Ernst zu seyn, wenn er seinen mathematisch-physischen Maßstab geistigen und goͤttlichen Dingen anpassen und durch ein witziges Bilderspiel das, was nicht ineinan- der greift, zusammenhaͤngen will. Bey alle dem laͤßt ihn sein großes Sicherheitsbe- duͤrfniß durchaus feste und entschiedene Schritte thun. Was die Alten erfahren und gedacht, was er selbst ge- funden und ersonnen, das alles bringt er nicht gerade streng methodisch, aber doch in einem sehr faßlichen naiven Vortrag, uns vor Seel’ und Gemuͤth. Alles haͤngt zusammen, alles hat die schoͤnste Folge, und in- dem das Bekannte klar vor ihm liegt, so ist ihm auch das Unbekannte selbst nicht fremd; daher er denn voraussieht, was noch kuͤnftig zu leisten ist und was erst einige Jahrhunderte nachher, durch fortschreitende Beobachtung der Natur und durch eine immer verfei- nerte Technik, wirklich geleistet worden. Wir lassen ihn seine allgemeinen Grundsaͤtze selbst vortragen, sowohl weil es interessant ist, sie an und fuͤr sich kennen zu lernen, als auch weil wir dadurch Gelegenheit finden, unsere Ueberzeugungen in seinem Sinne auszusprechen. „Es gibt mancherley, das wir geradehin und leicht erkennen; anderes aber, das fuͤr uns verborgen ist, wel- ches jedoch von der Natur wohl gekannt wird. Der- gleichen sind alle hoͤhere Wesen, Gott und die Engel, als welche zu erkennen die gemeinen Sinne nicht hin- reichen. Aber es findet sich, daß wir auch einen Sinn haben, durch den wir das gleichfalls erkennen, was der Natur bekannt ist, und dieser ist der mathematische: denn durch diesen erkennen wir auch die hoͤheren We- sen, als den Himmel und die Sterne, und gelangen auf diesem Wege zur Erkenntniß der uͤbrigen erhabenen Naturen und zwar auch auf eine einfache und leichte Weise.“ „Alle natuͤrlichen Dinge werden zum Daseyn ge- bracht durch ein Wirksames und durch eine Materie, auf welche jenes seine Thaͤtigkeit ausuͤbt: denn diese beyden treffen zu allererst zusammen. Denn das Han- delnde durch seine Tugend bewegt und verwandelt die Materie, daß sie eine Sache werde; aber die Wahrheit des Wirksamen und der Materie koͤnnen wir nicht ein- sehen, ohne große Gewalt der Mathematik, ja nicht einmal die hervorgebrachten Wirkungen. Diese drey sind also zu beachten, das Wirkende, die Materie und das Gewirkte. Alles Wirksame handelt durch seine Tugend, die es in der untergelegten Materie zur Wirklichkeit bringt. Eine solche (abgeleitete) Tugend wird ein Gleichniß, ein Bild, ein Artiges genannt und sonst noch auf man- cherley Weise bezeichnet. Dieses aber wird sowohl durch die Wesenheit als durch das Zufaͤllige, durch das Geistige wie durch das Koͤrperliche hervorgebracht, durch die Wesenheit aber mehr, als durch das Zufaͤlli- ge, durch das Geistige mehr als durch das Koͤrperliche; und dieses Gleichartige macht alle Wirkungen dieser Welt: denn es wirkt auf den Sinn, auf den Geist und auf die ganze Materie der Welt durch Erzeugung der Dinge. Und so bringt ein natuͤrlich Wirksames immer Ein- und dasselbe hervor, es mag wirken, wor- auf es will; weil es hier nicht etwa uͤberlegen und waͤhlen kann, sondern was ihm vorkommt macht es zu seines gleichen. Wirkt es auf Sinne und Verstandes- kraͤfte, so entsteht das Bild, das Gleichartige, wie ein jeder weiß, aber auch in der Materie wird dieses Gleichniß gewirkt. Und diejenigen wirksamen Wesen, welche Vernunft und Verstand haben, wenn sie gleich vieles aus Ueberlegung und Wahl des Willens thun, so ist doch diese Wirkung, die Erzeugung des Gleich- nisses, ihnen so gut natuͤrlich als andern Wesen, und so vervielfaͤltigt die Wesenheit der Seele ihre Tugend im Koͤrper und außerhalb des Koͤrpers, und ein jeder Koͤrper schafft auch außer sich seine Tugenden, und die Engel bewegen die Welt durch dergleichen Tu- genden. Aber Gott schafft die Tugenden aus Nichts, die er alsdann in den Dingen vervielfaͤltigt. Die erschaf- fenen wirksamen Wesen vermoͤgen dieß nicht, sondern leisten das Ihre auf andre Weise, wobey wir uns ge- genwaͤrtig nicht aufhalten koͤnnen. Nur wiederhohlen wir, daß die Tugenden wirksamer Wesen in dieser Welt alles hervorbringen. Dabey ist aber zweyerley zu bemerken: erstlich die Vervielfaͤltigung des Gleichnisses und der Tugend, von dem Ursprung ihrer Zeugung her; zweytens das mannigfaltige Wirken in dieser Welt, wodurch Fortzeugung und Verderbniß entsteht. Das Zweyte laͤßt sich nicht ohne das Erste begreifen; des- halb wir uns zuerst an die Vervielfaͤltigung wenden.“ Wie er nun zu Werke geht, die Vervielfaͤltigung der urspruͤnglichen Tugenden nach Linien, Winkeln, Fi- guren und so fort auf mathematische Weise zu bewir- ken, ist hoͤchst bedeutend und erfreulich. Besonders ge- lingt es ihm, die fortschreitende Wirkung physischer und mechanischer Kraͤfte, die wachsende Mittheilung erster Anstoͤße, vorzuͤglich auch die Ruͤckwirkungen, auf eine folgerechte und heitre Weise abzuleiten. So einfach seine Maximen sind, so fruchtbar zeigen sie sich in der Anwendung, und man begreift wohl, wie ein reines freyes Gemuͤth sehr zufrieden seyn konnte, auf solche Weise sich von himmlischen und irdischen Dingen Re- chenschaft zu geben. Von Farben spricht er nur gelegentlich. Auch er setzt sie voraus und erwaͤhnt ihrer mehr beyspielsweise und zu Erlaͤuterung anderer Erscheinungen, als daß er sie selbst zu ergruͤnden suchte. Wir koͤnnten es also hier bey dem Gesagten bewenden lassen. Damit aber doch etwas geschehe, so versetzen wir uns im Geist an seine Stelle, nehmen an, das Buͤchlein von Theophrast sey ihm bekannt gewesen, was die Griechen eingesehen, sey auch ihm zur Ueberzeugung geworden, ihm waͤre nicht entgangen, worauf es eigentlich bey der Sache ankom- me, und so haͤtte er nachstehende kurze Farbenlehre, seinen Maximen gemaͤß, verfassen koͤnnen, die auch uns ganz willkommen seyn wuͤrde. Das Licht ist eine der urspruͤnglichen, von Gott erschaffenen Kraͤfte und Tugenden, welches sein Gleich- niß in der Materie darzustellen sich bestrebt. Dieses geschieht auf mancherley Weise, fuͤr unser Auge aber folgendermaßen. Das reine Materielle, insofern wir es mit Augen erblicken, ist entweder Durchsichtig, oder Undurchsichtig, oder Halbdurchsichtig. Das letzte nennen wir Truͤbe. Wenn nun die Tugend des Lichts durch das Truͤbe hin- durchstrebt, so daß seine urspruͤngliche Kraft zwar im- mer aufgehalten wird, jedoch aber immer fortwirkt, so erscheint sein Gleichniß Gelb und Gelbroth; setzt aber ein Finsteres dem Truͤben Graͤnze, so daß des Lichts Tugend nicht fortzuschreiten vermag, sondern aus dem erhellten Truͤben als ein Abglanz zuruͤckkehrt, so ist dessen Gleichniß Blau und Blauroth. Aehnliches begegnet bey durchsichtigen und un- durchsichtigen Koͤrpern, ja im Auge selbst. Diese Wirkungen sind sehr einfach und beschraͤnkt. Die Unendlichkeit und Unzaͤhligkeit der Farben aber erzeugt sich aus der Mischung und daß die urspruͤnglichen Farben abermals ihr Gleichniß in der Materie und sonst hervorbringen, welches denn, wie alles Abgeleitete, unreiner und ungewisser erscheint; wobey wir jedoch zu bedenken haben, daß eben durch dieses Abgeleitete, durch dieses Bild vom Bilde, durch das Gleichniß vom Gleichniß, das meiste geschieht und eben dadurch das voͤllige Verschwinden der ersten Tugend, Verderbniß und Untergang moͤglich wird. Nachstehendes kann zum Theil als Wiederholung, zum Theil als weitre Aus- und Fortbildung des oben Gesagten angesehen werden; sodann aber mag man entschuldigen, daß hier abermals gelegentlich erregte Gedanken mit aufgefuͤhrt sind. Die Schriften Bacons zeugen von großer Ruhe und Besonnenheit. Er fuͤhlte sehr tief den Kampf, den er mit der Natur und mit der Ueberlieferung zu beste- hen hat. Er wird gewahr, daß er die Kraͤfte und Mit- tel hiezu bey sich selbst suchen muß. Hier findet er die Mathematik als ein sicheres, aus seinem Innern her- vorspringendes Werkzeug. Er operirt mit demselben ge- gen die Natur und gegen seine Vorgaͤnger, sein Unter- nehmen gluͤckt ihm und er uͤberzeugt sich, daß Mathe- matik den Grund zu allem Wissenschaftlichen lege. Hat ihm jedoch dieses Organ bey allem Meßbaren gehoͤrige Dienste geleistet, so findet er bald bey seinem zarten Gefuͤhle, daß es Regionen gebe, wo es nicht hinreicht. Er spricht sehr deutlich aus, daß sie in sol- chen Faͤllen als eine Art von Symbolik zu brauchen sey; aber in der Ausfuͤhrung selbst vermischt er den reellen Dienst, den sie ihm leistet, mit dem symbolischen; wenigstens knuͤpft er beyde Arten so genau zusammen, daß er beyden denselben Grad von Ueberzeugung zu- schreibt, obgleich sein Symbolisiren manchmal bloß auf ein Witzspiel hinauslaͤuft. In diesem Wenigen sind alle seine Tugenden und alle seine Fehler begriffen. Man halte diese Ansicht fest und man wird sich uͤberzeugen, daß es eine falsche Anwendung der reinen Mathematik und eben so eine falsche Anwendung der angewandten Mathematik gebe. Offenbar ist die Astro- logie aus der Astronomie durch den eben geruͤgten Miß- griff entstanden, indem man aus den Wirkungen be- kannter Kraͤfte auf die Wirkungen unbekannter schloß und beyde als gleichgeltende behandelte. Man sehe, wie Baco das Mathematische geistigen und geistlichen Dingen annaͤhern will durch ein an- muthiges, heiteres Zahlenspiel. Ein großer Theil dessen, was man gewoͤhnlich Aberglauben nennt, ist aus einer falschen Anwendung der Mathematik entstanden, deswegen ja auch der Na- me eines Mathematikers mit dem eines Wahnkuͤnstlers und Astrologen gleich galt. Man erinnere sich der Signatur der Dinge, der Chiromantie, der Punctirkunst, selbst des Hoͤllenzwangs; alle dieses Unwesen nimmt sei- nen wuͤsten Schein von der klarsten aller Wissenschaften, seine Verworrenheit von der exactesten. Man hat daher nichts fuͤr verderblicher zu halten, als daß man, wie in der neuern Zeit abermals geschieht, die Mathematik aus der Vernunft- und Verstandesregion, wo ihr Sitz ist, in die Region der Phantasie und Sinnlichkeit fre- ventlich heruͤberzieht. Dunklen Zeiten sind solche Mißgriffe nachzusehen; sie gehoͤren mit zum Charakter. Denn eigentlich er- greift der Aberglaube nur falsche Mittel, um ein wah- res Beduͤrfniß zu befriedigen, und ist deswegen weder so scheltenswerth als er gehalten wird, noch so selten in den sogenannten aufgeklaͤrten Jahrhunderten und bey aufgeklaͤrten Menschen. Denn wer kann sagen, daß er seine unerlaͤßlichen Beduͤrfnisse immer auf eine reine, richtige, wahre, un- tadelhafte und vollstaͤndige Weise befriedige; daß er sich nicht neben dem ernstesten Thun und Leisten, wie mit Glauben und Hoffnung, so auch mit Aberglauben und Wahn, Leichtsinn und Vorurtheil hinhalte. Wie viel falsche Formeln zu Erklaͤrung wahrer und unlaͤugbarer Phaͤnomene finden sich nicht durch alle Jahrhunderte bis zu uns herauf. Die Schriften Lu- thers enthalten, wenn man will, viel mehr Aberglau- ben, als die unsers englischen Moͤnchs. Wie bequem macht sich’s nicht Luther durch seinen Teufel, den er uͤberall bey der Hand hat, die wichtigsten Phaͤnomene der allgemeinen und besonders der menschlichen Natur auf eine oberflaͤchliche und barbarische Weise zu erklaͤ- ren und zu beseitigen; und doch ist und bleibt er, der er war, außerordentlich fuͤr seine und fuͤr kuͤnftige Zei- ten. Bey ihm kam es auf That an; er fuͤhlte den Conflict, in dem er sich befand, nur allzu laͤstig, und in- dem er sich das ihm Widerstrebende recht haͤßlich, mit Hoͤrnern, Schwanz und Klauen dachte, so wurde sein heroisches Gemuͤth nur desto lebhafter aufgeregt, dem Feindseligen zu begegnen und das Gehaßte zu ver- tilgen. An jene Neigung Roger Bacons, das Unbekannte durch das Bekannte aufzuloͤsen, das Ferne durch das Nahe zu gewaͤltigen, wodurch sich eben sein vorzuͤgli- cher Geist legitimirt, schließt sich eine Eigenheit an, welche genau beachtet zu werden verdient, weil sie schon fruͤher historische Zweifel erregt hat. Aus ge- wissen Eigenschaften der Koͤrper, die ihm bekannt sind, aus gewissen Folgen, die sich von ihrer Verbindung oder von einer gewissen bestimmten Form hoffen lassen, folgert er so richtig, daß er uͤber das, was zu seiner Zeit geleistet war, weit hinausgeht und von Dingen spricht, als wenn sie schon geleistet waͤren. Das Schießpulver, besonders aber die Fernroͤhre, behandelt er so genau, daß wir uns uͤberzeugt halten muͤssen, er habe sie vor sich gehabt, zumal da er ja schon ge- schliffene Kugeln, Abschnitte von Kugeln in Glas be- sessen. Allein wem bekannt ist, wie der Menschengeist voreilen kann, ehe ihm die Technik nachkommt, der wird auch hier nichts Unerhoͤrtes finden. Und so wagen wir zu behaupten, daß es nur Fol- gerungen bey ihm gewesen. Auch hier bey der ange- wandten Mathematik geht es ihm, wie bey der reinen. Wie er jene anwendete, wo sie nicht hingehoͤrte, so traut er dieser zu, was sie nicht leisten kann. Durch die von ihm beschriebenen Glaͤser soll man nicht allein die entferntesten Gegenstaͤnde ganz nah, die kleinsten ungeheuer groß im eignen Auge wahrnehmen; sondern diese und andre Bilder sollen auch hinaus in die Luft, in die Atmosphaͤre, geworfen einer Menge zur Erscheinung kommen. Zwar ist auch dieses nicht ohne Grund. So mancherley Naturerscheinungen, die auf Refraction und Reflexion beruhen, die viel spaͤ- ter erfundene Camera obscura, die Zauberlaterne, das Sonnenmikroscop und ihre verschiedenen Anwen- dungen haben sein Vorausgesagtes fast buchstaͤblich wahr gemacht, weil er alle diese Folgen voraussah. Aber die Art, wie er sich uͤber diese Dinge aͤußert, zeigt, daß sein Apparat nur in seinem Geiste gewirkt und daß daher manche imaginaͤre Resultate entsprungen seyn moͤgen. Zunaͤchst bemerken wir, daß er, wie alle Erfinder, weit schauende und geistig lebhaft wirkende Menschen, von seinen Zeitgenossen angegangen worden, auch un- mittelbar etwas zu ihrem Nutzen zu thun. Der Mensch ist so ein Lust- und Huͤlfsbeduͤrftiges Wesen, daß man ihm nicht verargen kann, wenn er sich uͤberall umsieht, wo er im Gluͤck einigen Spaß und in der Bedraͤngtheit einigen Beystand finden kann. II. 11 Den Mathematikern sind von jeher die Kriegshel- den auf der Spur gewesen, weil man seine Macht gern mechanisch vermehren und jeder Uebermacht große Wirkungen mit geringen Kraͤften entgegensetzen moͤchte. Daher findet sich bey Baco die Wiederhohlung aͤlterer und die Zusicherung neuer dergleichen Huͤlfsmittel. Brennspiegel, um in der Ferne die Sonnenstrahlen zu concentriren, Vervielfaͤltigungsspiegel, wodurch dem Feinde wenige Truppen als eine große Anzahl erschie- nen, und andre solche Dinge kommen bey ihm vor, die wunderbar genug aussehen, und die dennoch bey erhoͤh- ter Technik, geuͤbtester Taschenspielerkunst, und auf andre Weise wenigstens zum Theil moͤglich gemacht worden. Daß man ihn der Irrlehre angeklagt, das Schick- sal hat er mit allen denen gemein, die ihrer Zeit vor- laufen; daß man ihn der Zauberey bezuͤchtigt, war da- mals ganz natuͤrlich. Aber seine Zeit nicht allein be- ging diese Uebereilung, daß sie das, was tiefen, unbe- kannten, festgegruͤndeten, consequenten, ewigen Natur- kraͤften moͤglich ist, als dem Willen und der Willkuͤhr unterworfen, als zufaͤllig herbeygerufen, im Widerstreit mit Gott und der Natur gelten ließ. Auch hieruͤber ist der Mensch weder zu schelten noch zu bedauern: denn diese Art von Aberglauben wird er nicht los werden, so lange die Menschheit existirt. Ein solcher Aberglaube erscheint immer wieder, nur unter einer andern Form. Der Mensch sieht nur die Wirkungen, die Ursachen, selbst die naͤchsten, sind ihm unbekannt; nur sehr wenige, tiefer dringende, er- fahrene, aufmerkende werden allenfalls gewahr, woher die Wirkung entspringe. Man hat oft gesagt und mit Recht, der Unglaube sey ein umgekehrter Aberglaube, und an dem letzten moͤchte gerade unsere Zeit vorzuͤglich leiden. Eine edle That wird dem Eigennutz, eine heroische Handlung der Eitelkeit, das unlaͤugbare poetische Product einem fie- berhaften Zustande zugeschrieben; ja was noch wun- derlicher ist, das allervorzuͤglichste was hervortritt, das allermerkwuͤrdigste was begegnet, wird so lange als nur moͤglich ist, verneint. Dieser Wahnsinn unserer Zeit ist auf alle Faͤlle schlimmer, als wenn man das Außerordentliche, weil es nun einmal geschah, gezwungen zugab und es dem Teufel zuschrieb. Der Aberglaube ist ein Erbtheil ener- gischer, großthaͤtiger, fortschreitender Naturen; der Un- glaube das Eigenthum schwacher, kleingesinnter, zu- ruͤckschreitender, auf sich selbst beschraͤnkter Menschen. Jene lieben das Erstaunen, weil das Gefuͤhl des Erha- benen dadurch in ihnen erregt wird, dessen ihre Seele faͤhig ist, und da dieß nicht ohne eine gewisse Apprehen- sion geschieht, so spiegelt sich ihnen dabey leicht ein boͤ- ses Princip vor. Eine ohnmaͤchtige Generation aber wird durchs Erhabene zerstoͤrt, und da man Niemanden zumuthen kann, sich willig zerstoͤren zu lassen; so haben sie voͤllig das Recht, das Große und Uebergroße, wenn 11 * es neben ihnen wirkt, so lange zu laͤugnen, bis es hi- storisch wird, da es denn aus gehoͤriger Entfernung in gedaͤmpftem Glanze leidlicher anzuschauen seyn mag. Nachlese . Unter dieser Rubrik mag das wenige Platz neh- men, was wir in unsern Collectaneen, den erst be- sprochenen Zeitpunct betreffend, vorgefunden haben. Von den Arabern ist mir nicht bekannt geworden, daß sie eine theoretische Aufmerksamkeit auf die Farbe geworfen haͤtten. Averroes und Avempazes moͤ- gen, wie aus einigen Citaten zu vermuthen ist, bey Gelegenheit, daß sie den Aristoteles commentirt, et- was beylaͤufig daruͤber geaͤußert haben. Das Buͤch- lein des Theophrast scheint ihrer Aufmerksamkeit ent- gangen zu seyn. Alhazen , von dem ein optischer Tractat auf uns gekommen, beschaͤftigt sich mit den Gesetzen des Sehens uͤberhaupt; doch war ihm der im Auge bleibende Eindruck eines angeschauten Bildes be- kannt geworden. Ueberhaupt war dieses physiologische Phaͤnomen des bleibenden, ja des farbig abklingenden Lichteindruckes rein sinnlichen Naturen jener Zeit nicht verborgen ge- blieben, weshalb wir eine Stelle des Augustinus und eine des Themistius als Zeugniß anfuͤhren. Augustinus . Wenn wir eine Zeitlang irgend ein Licht an- schauen, und sodann die Augen schließen, so schweben vor unserm Blick gewisse leuchtende Farben, die sich verschiedentlich veraͤndern und nach und nach weniger glaͤnzen, bis sie zuletzt gaͤnzlich verschwinden. Diese koͤnnen wir fuͤr das uͤberbleibende jener Form halten, welche in dem Sinn erregt ward, indem wir das leuchtende Bild erblickten. Themistius . Wenn Jemand den Blick von einem Gegenstande, den er aufs schaͤrfste betrachtet hat, wegwendet, so wird ihn doch die Gestalt der Sache, die er anschaute, begleiten, als wenn der fruͤhere Anstoß die Augen be- stimmt und in Besitz genommen haͤtte. Deshalb, wenn Jemand aus dem Sonnenschein sich ins Finstere be- gibt, sehen die vor großem Glanz irre gewordenen Au- gen nichts; auch wenn du etwas sehr Glaͤnzendes oder Gruͤnes laͤnger angesehen, so wird alles, was dir hernach in die Augen faͤllt, gleichfarbig erscheinen. Nicht weniger, wenn du die Augen gegen die Sonne, oder sonst etwas glaͤnzendes richtest, und sodann zu- druͤckst; so wirst du eine Farbe sehen, wie etwa Weiß oder Gruͤn, welche sich alsdann in Hochroth verwan- delt, sodann in Purpur, nachher in andre Farben, zu- letzt ins Schwarze, von da an aber abnimmt und ver schwindet. Gleichermaßen zerruͤttet auch das, was sich schnell bewegt, unsere Augen, so daß, wenn du in einen reißenden Strom hinabsiehst, eine Art von Schaͤu- men und Schwindel in dir entsteht, und auch das Stillstehende sich vor dir zu bewegen scheint. Lust am Geheimniß . Das Ueberlieferte war schon zu einer großen Masse angewachsen, die Schriften aber, die es enthielten, nur im Besitz von wenigen; jene Schaͤtze, die von Griechen, Roͤmern und Arabern uͤbrig geblieben waren, sah man nur durch einen Flor; die vermittelnden Kenntnisse mangelten; es fehlte voͤllig an Critik; apocryphische Schriften galten den aͤchten gleich, ja es fand sich mehr Neigung zu jenen als zu diesen. Eben so draͤngten sich die Beobachtungen einer erst wieder neu und frisch erblickten Natur auf. Wer woll- te sie sondern, ordnen und nutzen? Was jeder Ein- zelne erfahren hatte, wollte er auch sich zu Vortheil und Ehre gebrauchen; beydes wird mehr durch Vor- urtheile als durch Wahrhaftigkeit erlangt. Wie nun die fruͤheren, um die Gewandtheit ihrer dialectischen Formen zu zeigen, auf allen Cathedern sich oͤffentlich hoͤren ließen; so fuͤhlte man spaͤter, daß man mit ei- nem gehaltreichen Besitz Ursach hatte sparsamer umzu- gehen. Man verbarg, was dem Verbergenden selbst noch halb verborgen war, und weil es bey einem gro- ßen Ernst an einer vollkommnen Einsicht in die Sache fehlte; so entstand, was uns bey Betrachtung jener Bemuͤhungen irre macht und verwirrt, der seltsame Fall, daß man verwechselte, was sich zu esoterischer und was sich zu exoterischer Ueberlieferung qualificirt. Man verhehlte das Gemeine und sprach das Ungemei- ne laut, wiederhohlt und dringend aus. Wir werden in der Folge Gelegenheit nehmen, die mancherley Arten dieses Versteckens naͤher zu be- trachten. Symbolik, Allegorie, Raͤthsel, Attrape, Chif- friren wurden in Uebung gesetzt. Aprehension gegen Kunstverwandte, Marktschreyerey, Duͤnkel, Witz und Geist hatten alle gleiches Interesse, sich auf diese Weise zu uͤben und geltend zu machen, so daß der Gebrauch dieser Verheimlichungskuͤnste sehr lebhaft bis in das siebzehnte Jahrhundert hinuͤbergeht, und sich zum Theil noch in den Canzleyen der Diplomatiker erhaͤlt. Aber auch bey dieser Gelegenheit koͤnnen wir nicht umhin, unsern Roger Baco, von dem nicht genug Gu- tes zu sagen ist, hoͤchlich zu ruͤhmen, daß er sich die- ser falschen und schiefen Ueberlieferungsweise gaͤnzlich enthalten, so sehr, daß wir wohl behaupten koͤnnen, der Schluß seiner hoͤchstschaͤtzbaren Schrift de mirabili potestate artis et naturae gehoͤre nicht ihm, sondern einem Verfaͤlscher, der dadurch diesen kleinen Tractat an eine Reihe alchymistischer Schriften anschließen wollen. An dieser Stelle muͤssen wir manches, was sich in unsern Collectaneen vorfindet, bey Seite legen, weil es uns zu weit von dem vorgesteckten Ziele ablenken wuͤrde. Vielleicht zeigt sich eine andere Gelegenheit, die Luͤcke, die auch hier abermals entsteht, auf eine schickliche Weise auszufuͤllen. Vierte Abtheilung. Sechszehntes Jahrhundert . E ine geschichtliche Darstellung nach Jahrhunderten ein- zutheilen, hat seine Unbequemlichkeit. Mit keinem schneiden sich die Begebenheiten rein ab; Menschen- Leben und Handeln greift aus einem ins andre; aber alle Eintheilungsgruͤnde, wenn man sie genau besieht, sind doch nur von irgend einem Ueberwiegenden her- genommen. Gewisse Wirkungen zeigen sich entschieden in einem gewissen Jahrhundert, ohne daß man die Vorbereitung verkennen, oder die Nachwirkung laͤug- nen moͤchte. Bey der Farbenlehre geben uns die drey nunmehr auf einander folgenden Jahrhunderte Gelegen- heit, das was wir vorzutragen haben, in gehoͤriger Absonderung und Verknuͤpfung darzustellen. Daß wir in der so genannten mittlern Zeit fuͤr Farbe und Farbenlehre wenig gewonnen, liegt in dem vorhergehenden nur allzu deutlich am Tage. Vielleicht gluͤckt es denjenigen, die sich mit den Denkmalen jener Zeit genauer bekannt machen, noch einiges aufzufinden; vielleicht kann in der Geschichte des Colorits und der Faͤrbekunst noch manches beygebracht werden. Fuͤr uns ging die Farbenlehre mit dem Glanz der uͤbrigen Wis- senschaften und Kuͤnste scheidend unter, um erst spaͤter wieder hervorzutreten. Wenn wir hier und da der Farbe erwaͤhnt finden, so ist es nur gelegentlich; sie wird vorausgesetzt wie das Athemholen und Sprechen bey der Redekunst. Niemand beschaͤftigt sich mit ih- ren Elementen und Verhaͤltnissen, bis endlich diese er- freuliche Erscheinung, die uns in der Natur so lebhaft umgibt, auch fuͤr das Bewußtseyn mit den uͤbrigen Wissenschaften aus der Ueberlieferung wieder hervor- tritt. Je mehrere und vorzuͤglichere Menschen sich mit den koͤstlichen uͤberlieferten Resten des Alterthums be- schaͤftigen mochten, desto energischer zeigte sich jene Function des Verstandes, die wir wohl die hoͤchste nennen duͤrfen, die Critik naͤmlich, das Absondern des Aechten vom Unaͤchten. Dem Gefuͤhl, der Einbildungskraft ist es ganz gleichguͤltig, wovon sie angeregt werden, da sie beyde ganz reine Selbstthaͤtigkeiten sind, die sich ihre Ver- haͤltnisse nach Belieben hervorbringen, nicht so dem Verstande, der Vernunft. Beyde haben einen entschie- denen Bezug auf die Welt; der Verstand will sich nichts Unaͤchtes aufbinden lassen, und die Vernunft verabscheuet es. Dieser natuͤrliche Abscheu vor dem Unaͤchten und das Sonderungsvermoͤgen sind nicht immer beysam- men. Jener fuͤhlt wohl, was er will, aber vermag es nicht immer zu beweisen; dieses will eigentlich nichts, aber das Erkannte vermag es darzuthun. Es verwirft wohl ohne Abneigung und nimmt auf ohne Liebe. Viel- leicht entsteht dadurch eine der Absicht gemaͤße Gerech- tigkeit. Wenn beydes jedoch, Abscheu und Sonde- rungsgabe, zusammentraͤfe, stuͤnde die Critik wohl auf der hoͤchsten Stufe. Die Bibel, als ein heiliges unantastbares Buch, entfernte von sich die Critik, ja eine uncritische Be- handlung schien ihr wohl angemessen. Den platoni- schen und aristotelischen Schriften erging es anfaͤng- lich auf aͤhnliche Weise. Erst spaͤter sah man sich nach einem Pruͤfstein um, der nicht so leicht zu finden war. Doch ward man zuletzt veranlaßt, den Buchstaben die- ser Werke naͤher zu untersuchen; mehrere Abschriften gaben zu Vergleichung Anlaß. Ein richtigeres Ver- stehen fuͤhrte zum bessern Uebersetzen. Dem geistreichen Manne mußten bey dieser Gelegenheit Emendationen in die Hand fallen und der reine Wortverstand immer be- deutender werden. Die Farbenlehre verdankt auch diesen Bemuͤhun- gen ihre neuen Anfaͤnge, obgleich das, was auf solche Weise geschehen, fuͤr die Folge ohne sonderliche Wir- kung blieb. Wir werden hier zuerst das Buͤchlein des Antonius Thylesius von den Farben in der Ur- schrift abdrucken lassen, und sodann unsre Leser mit diesem Manne etwas naͤher bekannt machen; ferner des Simon Portius gedenken, welcher die kleine aristotelische Schrift, deren Uebersetzung wir fruͤher ein- geruͤckt, zuerst uͤbersetzt und commentirt. Ihm folgt Julius Caͤsar Scaliger , der im aͤhnlichen Sinne fuͤr uns nicht ohne Verdienst bleibt; so wie wir denn auch bey dieser Gelegenheit den Aufsatz uͤber Farben- benennung, den wir auf der vier und funfzigsten Sei- te eingeschaltet, wieder in Erinnerung zu bringen haben. Antonii Thylesii De Coloribus Libellus. Dicam aliquid de coloribus in hoc libello, non quidem unde conficiantur aut quae sit eorum na- tura: neque enim pictoribus haec traduntur aut philosophis, sed tantum philologis, qui Latini ser- monis elegantiam studiose inquirunt. Scribam om- nia breviter et accurate, ac rerum ipsarum nomina, quo statim colores intelligantur, singulis appo- nam. 1. Coeruleus . Exordiar primum a coeru- leo: quo nisi natura ipsa maxime gauderet, nun- quam profecto deorum hoc domicilium Continuo circumplexu cuncta coerceus, Specie tam laeta universum exhilarasset. reliquos deinde contexam. Coeruleus igitur dictus quasi coeluleus, ut ex voce ipsa apparet, proprie color est coeli, sed sereni: id quod Ennius respiciens, Coeli inquit, coerula templa. atque inde ab omnibus ma- re appellatur coeruleum: refert enim illud eundem quem ab ipso superne accipit coeli nitorem. Quare ex antiquis nonnulli, ut alterum Homeri opus, propter caedes, de quibus illic poeta loquitur, co- lore exornabant sanguineo: sic Odysseam, ubi Ulyssis idem maritimos scribit errores, membrana contegebant coerulea. Sed quoniam coerulei quae- dam species est pene nigra, ut quod Indicum dici- tur, eoque olim vestitu Graecae mulieres amictae producebant corum funera, quorum in coelum ani- mas migrasse coeruleum existimabant: idcirco pro tristi nonnunquam capitur, ut apud Virgilium puppis coerulea Charontis, Imberque et Sol coeru- leus. Cucumis autem coeruleus, nam id quoque legitur, Melopeponem significat, qui inter cucume- res, multa enim sunt eorum genera, pulcherri- mus est. Nec tantum coerulei videtur particeps, sed ipsius quoque mundi gradus, introrsum ver- sus, attenuatos ostendit, ut hoc olim de eo lu- simus, Quis neget e coelo missum formamque, coloremque Atque gradus coeli Nectaris atque refert. Est enim sapore svavissimo. Sine ulla dubitatione, quod nos coeruleum, Graeci dicunt cyaneum , in quorum etiam commentariis lazurion invenio. Ad- scribitur huic generi, qui venetus olim nunc vulgo blavus nuncupatur color, ex factione Circensi valde nobilitatus. Fuerunt autem colores in Circo, prae- ter hunc venetum, roseus, albus et prasinus: qui- bus auratus postea, purpureus et luteus additi sunt. De iis loco dicemus. 2. Caesius . Caesius vero si dictus esset, ut doctissimi viri monumentis olim tradiderunt, qua- si coelius a coelo, eadem foret in coelo et caesio diphthongus. Constat autem esse in iis vocibus diversam: nihil praeterea differret a coeruleo, quan- do id, ut ostendimus, a coelo deductum est: dif- fert autem sine dubio, vel ex ipsius M. Tullii au- ctoritate, cujus haec sunt verba in primo de na- tura deorum libro, Caesios oculos Minerva, coe- ruleos esse Neptuni. Ad haec non quemadmo- dum legimus coelum, mare, vestem, florem coe- ruleum: ita legimus coelum, mare, vestem, flo- rem caesium: sed oculos tantum caesios veteres dixerunt, quibus inest fulgor quidam visu horren- dus. Unde existimo, sicut Caesar et Caeso dicun- tur a caedendo: ita caesium a caede nominatum esse: ut qui caesius sit, caedem quodammodo ocu- lis minari videatur: qualis proelio gaudens et caede dicitur fuisse Minerva, ex quo illa ab antiquis vocata fuit, ut ego arbitror, caesia. Significat hoc M. Cicero, ubi de Catilina ait, Notat et designat oculis ad caedem unumquemque nostrum. Hic qui oculis ad caedem Senatores designabat, caesius erat. Cujus etiam oculos Sallustius, insignis histo- ricus, fuisse tradidit foedos, id est caesios. Cu- jusmodi memoriae proditum est Neronis quoque oculos fuisse: quod ipsum non leve fuit argumen- tum tyrannicae crudelitatis. Quin a Terentio cae- sii hominis facies dicitur cadaverosa, hoc est im- manis, et saevitiam arguens, qualem Sicarii prae se ferunt et carnifices: quamvis alii parum erudite cadaverosam pro sublivida exposuerint. Enimvero leonis oculos si quis inspexit, qualis sit hic color, intelligit. Micant illi, ut studiose ipsi prope con- sideravimus, velut ignis penitus flagrans. Dicitur color hic Graece ab omnibus glaucus , quod ver- bum longo jam usu Latini poetae suum fecerunt. Latius tamen patet glaucus: nam praeter oculos noctuinos, quos, ut avis ipsius Graecum nomen declarat, omnes glaucos esse confirmant: multa quoque dicuntur glauca, ut ulva palustris herba: ut salix, cujus quum frondes, tum multo magis cortex in ramis, praesertim anniculis, nitet hoc colore. Quem laudat Virgilius in equis eosque no- to carmine glaucos appellat, communi Italorum lingua baios nominatos. Nam spadices honesti ab eodem poeta ibidem vocati, illustriores sunt ali- quanto, baii et ipsi, sed clari vulgo nuncupati: atque ii duo aliorum omnium maxime probantur colores in equis. Ulva igitur et salix, quas idem Virgilius glaucas dixit, equi item species optima: castaneae etiam nucis tunica, aliaque multa, prac- ter leonis ac noctuae oculos, colorem glaucum ostendunt. Sed ut unde discessi, redeam: quando caesius color tantum est oculorum, videndum est, ne is sit potius quem Aristoteles charopon vocat. Sic enim ab illo dicitur leo ab oculorum saevitia, quem Catullus poeta doctissimus caesium appellat. Unde Hercules cognomento dictus fuit charops , quasi iracunde intuens. Nam chara Graece, ira quoque dicitur Latine: et ex eodem ut puto, hor- rore Charybdis nominata est, et Charon: de quo cum inquit Virgilius, Stant circum lumina flamma, Caesium voluit senem illum horribilem ac dirum significare. Quamvis non nesciam, charopon ab aliis aliter quoque exponi. 3. Ater . Horribilis etiam color est ater di- ctus, omnino velut anthrax, id est carbo: nam proprie est carbonis extincti. Quare scite, ut om- nia, Terentius, Tam excoctam, inquit, reddam atque atram, quam est carbo. Et inde a Virgilio cinis dictus est ater et favilla atra. Sanguis prae- terea caloris atque coloris ignei particeps, effusus ac frigefactus amisso rubore, tanquam in carbonem mutatus, ater ab omnibus vocatur. Dicitur et mors atra, quia cadaver extincto calore illo vitali, quo corpus alitur, atrum relinquitur, ut est carbo, quae mihi perquam elegans videtur similitudo. Quid quod dies atri eadem de causa dicti fuerunt! Qui enim luctum afferebant, carbonibus: ut con- tra dies laeti scrupis signabantur gypseis. ex quo Horatius ait: Creta, an carbone notandi. Differt in hoc a colore nigro , quod ut omnis ater est niger: sic non omnis niger est ater: horren- dus est hic, tristis, visu injucundus, lugentibus accommodatus, ille contra nonnunquam lepidus ac II. 12 venustus: ut humani oculi sunt complures, quos nemo atros diceret, sed nigros, iisque tamen ni- hil majori cum voluptate spectamus. Vocabatur autem ater ab antiquis etiam anthracinus , idemque furvus: quibus longe minus sunt nigri, lividus et fuscus . Alter ex gravi corporis ictu proveniens de- formitatem habet. Unde invidi aliorum bonis, ve- lut verberibus laniati, et idcirco exsangues, lividi nuncupantur. Alter non insuavis, et in homine persaepe laudatur. Qui tamen, si modum excedit, ac maxime fuscus est, et quasi nigrescit, pressus dicitur: ut quae aliquamdiu sub prelo vestis pres- sa nimium coloratur. Legimus etiam equi colorem pressum. Secus vero fasciolae coloriscae dictae fue- runt, quae non saturatae, sed vix colore aliquo illitae e coronis dependebant. Est autem forma diminutiva, ut Lycisca, Syrisca. Aquilum veteres hunc fuscum a colore aquae vocarunt, qui inter nigrum est et album, id quod Plato etiam docet. 4. Albus . Est autem albus color purissimus, quocirca ad animum translatus pro sincero capi- tur: is nullibi quam in nive clarior est, quam ta- men atram esse Anaxagoras affirmabat. Sumitur pro pallido , unde timor albus legitur et metu exal- buit. Quam ob rem Romanae mulieres quondam funera sequebantur in veste alba, tanquam mortui quem efferebant, colorem referrent. Elucet candi- dus atque oculos delectat. At candens non hoc tan- tum est, sed pro ignito accipitur. Itaque Veneris humeros recte dixeris candidos, vel candentes. Ferrum quod a marito tunditur, non candidum est, sed candens. Ejusdem generis est canus , qui etsi ad alia transfertur, proprie tamen est capilli et barbae senilis. Nascitur equus nonnunquam ca- nus atque albineus , non idem qui et candidus aut albus, sed hujus non expers. Est et color albi ni- grique particeps, a Graecis inde leucophaeus , voce jam a nostris usurpata, vocatus. Genus est id co- loris nativi, non enim inficitur, sed ovis ipsa sic natura quasi pingitur. Hunc sibi secta sacerdotum sumpsit sanctissima, qui nulla tunica linea peni- tus induti, pro cingulo reste se vinciunt nodosa, ac ligneis tantum calciamentis usi, precario victum quaeritant. 5. Pullus . Qualis vero sit pullus, ostendit terrae ipsius color: major enim illius pars pulla est. Itaque quoniam ea mortuis injicitur, volue- runt veteres, ut qui lugerent, pullis pallis, terrae similibus, essent amicti. Dorsum etiam lepori- num proprie est pullum: quam ob rem naturae ipsius doctus magisterio, terram recentem ab aratro metu pavidus quaerit ille, ibique non- nunquam stratus, nullaque re abditus, venatores canesque ipsos praetereuntes, ac sagaciter prope omnia perquirentes, coloris tantum beneficio sae- pissime latet: et ut in quodam epigrammate de le- pore diximus, 12 * Quem fuga non rapit ore canum, non occulit umbra: Concolor immotum sub Jove terra tegit. Nulla arte aut impensa color hic paratur. Natura enim sic provenit, unde nativus quoque vocatus est, diversus ab eo de quo locuti sumus. Jamque nos Cosentini, apud quos multa antiquitatis vesti- gia apparent, siquidem et pracficae, ut quondam, mortuos laudant, et silicernium in usu est, ac nemo sine suorum osculo sepelitur, utriusque se xus vestimentum funebre, nativum dicimus: quam- vis atrum sit illud, et in mulieribus matrimonio junctis cyaneum, quo Graeci, ut dictum est, olim in funere utebantur. Idem quoque Hispanus voca- tus est et Baeticus , etiam Mutinensis . In iis enim locis id genus lanae videtur. Est autem pullus no- men, ut reor, diminutivum a puro, velut a rara vestimenti genere fit ralla, ab opere opella, a terra etiam tellus: ut lana pulla sit pura, nullo alio colore infecta, sed suo tantum et ingenuo conten- ta. Colorias hujusmodi vestes per se coloratas ali- qui dixerunt. Posuit hanc vocem Augustus in suo testamento, ubi haec verba legebantur Gausapes, lodices purpureas et colorias meas. Atque indidem, ut sentio, dicti sunt pulli equorum aliarumque pecudum, quasi puri, nulla adhuc libidine aut la- bore violati. Sunt huic pullo simillimi color im- pluviatus , dictus velut fumato stillicidio implutus: et suasus , qui insuasus quoque vocatus, lutum re- fert. Est autem suasus e stillicidio etiam factus fumoso in vestimento albo. Quare haud dubitan- ter non alius est quam impluviatus: quamvis aliqui tradiderint colorem omnem, qui fiat inficiendo, suasum dici, quod illi quodammodo sit persuasum, in alium quemvis colorem ex albo transire. 6. Ferrugineus . Ferrum longo situ rubi- ginosum, facile ostendit colorem ab ipso appella- tum ferrugineum: agit enim is, id est refert colo- rem ferri. Quin et filamenta, quibus saepe co- nopaeum, et multae praeterea vestes lineae circum- su untur, ferrugineum dicunt infectores. Tunica etiam nuclei pinei lanugine quadam pulverulenta ferruginea est. Erat is quoque lugentium color. Itaque capitur nonnunquam et ipse pro funesto, atque ea de causa hyacinthi dicti fuerunt a Virgi- lio ferruginei, quasi lugubres: quia puerum, ut est in fabulis, casu interfectum Apollo diu luxit: atque in ejus foliis velut epitaphium, in sui do- loris perpetuum monumentum inscripsit, non quia vere floris color sit ferrugineus: est enim is, in quem mutatum ferunt adulescentulum, purpureus. De Hyacintho in literatum flosculum transformato fecimus hoc, Nil opus elogio redimire aut flore sepulchrum: Ipse sibi flos est, elogiumque puer. Eodem modo coelum vocatur ferrugineum, hoc est nubilum et triste: atque apud eundem Virgi- lium, Sol caput suum nitidum in morte Caesaris texit ferrugine, quasi colorem se induit lugenti aptum: ut tanti viri caedem sol ipse lamentari vi- deretur. Nec alia ratione Charontis naviculam di- xit ferrugineam, quam quoniam ea una loco san- dapilae, mortuos omnes vespillo indefessus trans- vectat. 7. Rufus . Non eundem esse rufum atque rubrum , ex hoc intelligi potest, quod recte dici- tur sanguis ruber, rufus non recte. Rursus bar- bam et capillum Aenobarbi rubrum veteres non dixerunt: sed modo rufum, rutilum modo, qui idem est. Quin et canes immolabant Romani sa- cerdotes, nunquam rubras vocatas, sed quas nunc rufas, nunc rutilas appellabant, ad placandum ca- niculae sidus, frugibus inimicum. Ex quo mani- festum est rufum rutilumque eundem esse, id quod ex antiquis etiam aliqui docent. E canis igitur colore satis noto, atque e multorum barba et ca- pillo, cujusmodi sit color rufus apparet. Hunc rustici in armentis robum, gilvumque olim dixerunt, atque etiam helvum , ut vini genus est quoddam inter rufum albumque nulli non cognitum: quod quoniam cerasi colorem refert duracini, cerasolum aliqui dicunt Italiae populi. Sed et burrham iidem appellebant vitulam, quae rostro esset rufo. At homo burrhus est, qui pransus, cibo et potione rubet: hunc aliqui etiam rubidum vocant. Inve- nitur et rubeus , etsi aliqui non indocti vocem non esse Latinam monuerint: cum tamen apud aucto- res non malos ex uvis nigris fieri vinum forte le- gatur, e rubeis autem suave, nec non bos rubeus probetur. Verbum est omnino rusticum, nec pror- sus idem color est, qui et ruber, sed ad eum proxime accedit. Quid quod russeus etiam legitur? negat quidam e vetustis grammaticis dici posse, russum jubet, ex quo pannus est russatus. Vtrum- que certe Latinum est, sed aratoris magis quam oratoris: habent enim et sua verba qui ruri vi- vunt, urbanis nonnullis inaudita. Russeum equum dicunt illi, qui non plane russus est, sed aliquan- to minus ruboris habens, idem fere videtur. Hic autem, quoniam quasi cruentato similis est, hodie saginatus , quasi sanguinatus vulgo nominatur; quamvis hujus nominis nonnunquam equi albes- cant. 8. Ruber . Rubrum maxime indicat animan- tium sanguis, et quo lana inficitur, coccus: gra- num id a nostris vocatur, unde vestis est coccina, nullis ignota. Ostentat tamen hunc colorem prae caeteris rebus liquor purpurae, cujus adeo gratus est color, ut siquid paululum habeat ruboris, mo- do visu sit illud non injucundum, purpureum sae- pe dicatur, ut sunt violae, et varia florum genera: quin et candidus, is enim quoque oculos remora- tur, a poetis vocatur nonnunquam purpureus. Nam et olores purpureos dixit Horatius, et nivem ipsam purpuream Albinovanus. Invenitur et blat- teus positus pro purpureo. Non praetereundus est color viteis frondibus arefactis simillimus, et id- circo xerampelinus Graece dictus. Usurpant hanc vocem Latini: certum enim vitis genus adulto jam autumno pampinis rubet velut cruentatis, unde nomen colori inditum est. Atrabapticas vestes eo colore infectas, quoniam in eo purpura nigresce- ret, aliqui appellaverunt. De ea re fabellam ex- cogitatam his versiculis fui complexus, Caederet immeritae vitis dum crura, cecidit Ipse sua: et dira caede Lycurgus obit. Unde prius viridis, rubet hostis sparsa cruore Illaeso vitis stipite, et ulta nefas. 9. Roseus . Jucundissimus omnium est color roseus, atque humano corpori, si id formosum est quam simillimus. Itaque os, cervicem, papillas, digi- tos roseos poetae dicunt: id est candidos, rubore san- guinis penitus diffuso cum venustate: isque color proprie est, quem communis sermo incarnatum vo- cat. Refert enim maxime omnium pueri nitorem ac virginis: rosam non Milesiam intelligo quae ni- mis purpurea ardere quodammodo videtur, nec rursus albam: sed quae utrinque decorem accepit, et quia corpus hominis imitatur, quod lingua ver- nacula carnem appellat, eadem id genus rosarum incarnatum nominavit. Cicero colorem hunc sua- vem dixit. 10. Puniceus . A Phoenicibus color phoeni- ceus, puniceus quoque dictus flagrat, velut viola flammea: atque ita a multis olim purpura vocata fuit violacea, hodie pene nomen servat: nam Pao- nacius , quasi puniceus dicitur, etsi aliqui vocem hanc vernaculam a pavonis colore factam volunt. Phoeniceum vero alium ab hoc palma (quae phoe- nix Graece est) a se nominavit. Color hic in equo, ut jam diximus, maxime laudatur, qui modo spa- diceus, baius modo, badius etiam et balius , variis nominibus vocatus est. Termites enim palmarum cum fructu spadices, et baia Graeci dicunt: unde equus ab equisonibus appellatur baius. 11. Fulvus . Ex omnibus maxime lucet ful- vus, quem multa jactant, orichalcum in primis, aurum, ipsaeque etiam stellae: Quas non extinguunt venti, non nimbus aquosa Nube cadens: celsa semper sed luce coruscant. Quare Tibullus proprie sidera fulva appellavit. Est et aureolae species arenac, quam fulvam dixit Virgilius: et genus quoddam aquilae ab Aristotele maxime celebratum, colore etiam fulvo. Qui si obtusus quodammodo est, atque obscuratus, vo- catur ravus . Jamque sic Horatius lupam appella- vit, cujus colorem noto magis verbo plerique omnes fulvum dixerunt. Tradunt aliqui ravos oculos, quos in cane et ariete laudat M. Varro, inter caesios esse et flavos. Ornat saepe color hic flavus virginum, ac puerorum capita: atque in maturis frugibus sem- per elucet, nec non pro pulchro frequenter posi- tum videmus. At luteum nihil aeque ostentat, ac flos calthae et genistae, ovique etiam vitellus. Croceo est hic perquam similis, sed lucidior aliquanto: ab anti- quis flammeus quoque dictus, quoniam eo Flaminis uxor flaminica utebatur. Potest hoc loco pallidus poni, ac luridus : mortui color est hic horribilis, ipsiusque mortis, ut poetae dicunt, et Plutonis. Ille nonnunquam vel gratus in homine, atque ama- bilis. 12. Viridis . Cujusmodi sit color viridis, suppeditat exemplum herbarum multitudo, quarum tanta est varietas, ut cum earum vis sit infinita, nulla tamen aeque, atque ex iis aliqua prorsus vi- reat: sed omnes inter se discolores videantur, id quod in reliquis omnibus coloribus apparet. Quare si minus est hic albus aut niger, quam ille: non idcirco nomen albi amittit, aut nigri. Ex avibus autem insignis est hoc colore psittacus, avis inde a quibusdam viridis appellata, et qua nihil laetius est, smaragdus: maxime quoque lucet viriditas in genere quodam scarabei, cujus ipse meminit Ari- stoteles. Is quoniam dorsum habet, nota quadam aureola sic litum atque illustratum, ut lunae spe- oiem exiguae sustinere videatur, non invenuste a nobis Cosentinis equus lunae nuncupatur. Feci- mus hoc jam pridem de scarabeis jocosum epi- gramma: Parvula Sisyphio gens condemnata labori, Quas figula ipsa facit, fertque refertque pilas. Pars nigra, ut Aethiopum manus usta coloribus horret, Regia pars viridi picta colore nitet. Parva micat cujus dorso nota, magna minutis Si conferre licet, luna pusilla velut. Dixit equum lunae hinc cognomine Brutia tellus. Quodsi bellator sic nituisset equus, Illo capta foret non una Semiramis, essent Centauri et plures, quam genus est hominum. Egregius est inter colores, qui virent, prasi- nus , multorum carminibus collaudatus, nunc viride porrum ab infectoribus vocatur. Epilogus . Libet epilogum addere, varietatem proprie de coloribus dici, ex quo vestis varia, dis- color est, diversisque coloribus consuta. Divisam nunc omnes vocant, et equus varius non totus vel candidus vel niger, sed his aliisve caloribus distinctus: sic et coelum varium, cujus partes se- renae interlucent, partes nubilae tristantur. Atque alium saepe pro alio, si inter eos affinitas est, co- lorem usurpant poetae, ut lumen Minervae flavum dixit Virgilius pro glauco, quo venustatem quoque esse in oculis deae ostenderet: quemadmodum amictum Tiberis, cujus aquam alibi flavam appel- lavit, glaucum idem esse cecinit: est enim inter hos colores similitudo et quasi vicinitas. Sic ut jam dictum est, albus pro pallido, ac coeruleus pro subviridi poetice ponitur, proque etiam sub- nigro, multique praeterea invicem cedunt. Ex omnibus vero maxime contrarii sunt albus et ni- ger, quare nihil aeque apparet atque in alba papy- ro atramentum. Utebantur veteres, quod nunc etiam servatur, quum librorum titulos notarent, colore puniceo, in honorem memoriamque Phoe- nicum, quos literarum tradunt fuisse inventores. Sunt etiam e coloribus aliqui incerti, qui intuen- tium oculos fallunt, ut est coeli nitor, quod quum tenebrosum quidam autument, illustratum radiis solaribus cyaneum videtur, ut iris, ut quas suspi- cimus nubes nonnunquam ignescere, ut mare ipsum, quod praeter coeruleum, modo atrum horret, modo virescit, interdum etiam flavum, ravumque se ostendit, aut specie quadam pur- purascit violacea. Non idem quoque decor in collo cernitur columbae et pavonis, unde aves sae- pe dicuntur versicolores, quale est serici genus satis notum, quod e diversis partibus spectanti, non eundem offert coloris leporem. Discolor autem non modo pro vario sumitur, sed si quid eundem colorem velut radios quosdam diffundit, ut, Discolor unde auri per ramos aura refulsit. At decoloris dicitur ex cujus ore color de- fluxit, et exsanguis relictus est, atque idcirco pro deformi capitur et nigro, ut decolor Indus: nam concolorem ejusdem esse coloris nemo ignorat. Ad haec colores bifariam dividuntur, nam austeri vo- cabantur reliqui omnes, praeter minium, purpu- rissum, einnabarim, armenium, chrysocollam, in- dicum, quos floridos dixerunt. Sed haec pictores videant, quibus olim in usu tantum erat melinus color, candidus. Silaceus, qui inter coeruleos no- minatur, Sinopis genus rubricae, et atramentum. Quidam etiam suaves dicti sunt, ut flavus, pur- pureus, candidus, in primis roseus: humanis au- tem ocalis nihil venusti hominis colore suavius vi- detur. Inesse vero coloribus suavitatem, praeter- quam quod sensus ipsi judicant, egregii Latinita- tis auctores ostendunt, M. Cicero et Virgilius Ma- ro, quorum alter suavem hominis colorem dixit, ab altero suave rubens hyacinthus vocatus est. Alii tristes sunt et lugubres, velut atrum esse dicimus, pullum, ferrugineum, et coerulei speciem. Quin ut videntur, sic sordidi etiam aliqui dicti sunt, ut de quibus locuti sumus, svasus et impluviatus: iis enim rei ut misericordiam apud judices captarent, se deturpabant. Talem quoque fuisse vestitum Charontis ostendit, cum inquit Virgilius, Sordidus ex humeris nodo pendebat amictus. Jam vero colores partim nominati sunt a locis, ut Puniceus, Tyrius, idemque Sarranus. Purpurei sunt hi, Indicum, Sinopis, Melinus, Hispanus, Baeticus, Mutinensis, de quibus dictum est. Co- lossinus a Colosso urbe in Troade, ubi lana infici- tur, florem referens cyclamini, quod tum rapum, tum terrae malum, ac tuber vocatur, a nobis Co- sentinis terrigena. Fulget flos ille inter candorem et purpuram. Partim a metallis nuncupati sunt, ut plumbeus, ferrugineus, argenteus, aureus. Sed a plantis nomen acceperunt complures, ut praeter phoeniceum, id est palmeum, ac xerampelinum, buxeus est qui pro pallido sumitur: pallet enim prae caeteris buxea materia. Roseus praeterea hya- cinthinus, in quo purpura lucet subnigra. Hys- ginus ab hysge herba: coccinus, et utrique similis sandycinus. Violaceus qui et ianthinus, ex quo tyrianthinus, e purpura ut nomen indicat, factus, et viola. Additur his croceus. Unde crocotula ve- stis genus, ut a calta caltula: a bysso lini genere tenuissimo byssina: erantque hae omnes luteae, sed byssina pene ut aurum fulgebat. Fuit in usu vestis a citri similitudine, citrosa dicta. Et quae- dam coloris candidi, papaverata a Lucilio Satyrico, cum eam, ut probrum, Torquato objecisset, no- minata. Invenitur quoque Galbia vestis alba a Gal- bano. A malvae item flosculo color est molochi- nus, ut a punicae etiam flore balaustinus. Virentis quoque porri folia nomen ex se, ut jam diximus, fecerunt prasinum. Multi praeterea ab animalibus vocati sunt, ut cervinus, murinus. Atque hi co- lores sunt in equo notissimi. Mustellinus, de quo Terentius. Ictericus, qui regio morbo laborat, a colore galguli, quam Graeci avem icteron dicunt. Luteus est hic admodum. Cygneus, idemque La- tine olorinus, id est candidus, ut contra cora- cinus, niger. Adscribuntur et his ostrinus, con- chyliatus, muriceus, purpureus, ab Hercule ut fabulantur, primum inventus. Feci paucos de ea re choriambos, quos visum est hic ponere. Errat dum bibulis Herculeus littoribus canis, Nantem forte videt spumifero gurgite purpuram: Aggressusque ferox corripuit viscera mordicus. Mox pastus rediit commaculans gramina sanguine. Quem Tyro simul ac pulcra videt (namque erat haec comes) Prolutum roseis candida sic ora coloribus, Alciden alloquitur; Non alio munere te sequar, Quam si picta mihi palla rubens huic similis datur. Quod nunc per spolium terrificae te rogo belluae, Invictaeque manus robora, per tela sonantia, Non ignota avibus nubila translata fugacibus, Da ferre haec (poteris nam omnia) nec te tenuit maris Circumfusa palus, hesperidum quo minus aurea Ferres munera. Sic brachiolis fata revinciens Robusta implicuit nympha procax colla tenaciter Paret victus amans blanditiis Amphitryonius: Nactusque exanimem, quam exspuerat jam mare, purpuram Infecit tyrio primus ovem murice candidam. A rebus denique diversis nonnulli colores dicti sunt, ut igneus, flammeus. Sic orbis nitorque solis ab Attio et Catullo appellatus est. Quare co- lor solis, et quia ita apparet, et ex illorum aucto- ritate flammeus proprie potest vocari. A coelo, ut jam principio dixi, coeruleus est. Marinus, et thalassinus a mari: ab unda cymatilis et cymatius: idemque est in iis omnibus color. Quin etiam ab arcu pluviarum nuntio, arquatus est nominatus. Hyalinus, qui et vitreus, niveus, marmoreus, la- cteus, eburneus, quo dictus fuit cognomento prop- ter candorem corporis Fabius quidam. Amethysti- nus praeterea, ex quo tyriamethystius in usu fuit olim. Sandaracinus, flammeus est is, quibus etiam impluviatus, sanguineus, atque herbidus ad- duntur. Cereus item, piceus, cinereus, ut car- dui genus esculenti a colore, Cinara vocatum. In hoc autem carduo esse etiam aliquod ipsius virtu- tis simulachrum, pauci, quos hic subjeci, decla- rant versiculi. Ut vallatus acutis Circum frondibus horret, Intus sed tamen abdit Dulcem carduus escam: Coelo missa sereno Sic virtus, puer, aspris Ambit sentibus ipsam Jucundam ambrosiam Diis. A spumis quoque et maculis, spumeus est et maculosus: atque ii equorum sunt etiam colores, ut a guttis guttatus: cujusmodi praeter equos, ca- nes videntur nonnulli sagaces, quos a muscarum similitudine muscatos dicunt, velut equus scutu- latus a scutulis: quem ab exiguorum pomorum specie, pomulatum vocant equisones, et si orbes sunt latiusculi, rotatum. Videtur ad extremum na- tura amare coeruleum: eo enim, ut initio diximus, mare collustravit, ac coelum ipsum: quod nun- quam stellis fulgentibus ornasset, nisi eadem quo- que fulvo maxime delectaretur. Sed quia vicis- sim videmus terram, aut viriditate convestiri, aut eo ornatu spoliatam, pullam esse, aut etiam can- dore niveo contegi: viridem, pullum, atque al- bum naturae gratum esse nemo potest dubitare. Nigra insuper est nox: nigri sunt Indi, atque Aethiopes. Gaudet igitur rerum mater colore ni- gro: quam a rubro nihil abhorrere, hominum ac caeterarum animantium sanguis facile declarat. II. 13 Antonius Thylesius . Als uns in der Epoche der erneuerten Wissenschaf- ten vorstehendes kleines Buch freundlich begegnete, war es uns eine angenehme Erscheinung, um so mehr, als es sich jenem des Aristoteles an die Seite und in ge- wissem Sinne entgegen stellte. Wir gedachten es zu uͤbersetzen, fanden aber bald, daß man in einer Spra- che nicht die Etymologie der andern behandeln koͤnne, und so entschlossen wir uns, es in der Urschrift wieder abdrucken zu lassen. Es ist zwar nicht selten, indem es oͤfter anderen groͤßeren und kleineren Schriften bey- gefuͤgt worden, jedoch einzeln nicht immer zur Hand, und so glaubten wir es um so mehr einschalten zu duͤr- fen, als uns aus demselben das Gefuͤhl einer freyen und heitern Zeit entgegenkommt, und die Tugenden des Verfassers wohl verdienen, daß ihre Wirkungen nochmals vervielfaͤltigt werden. Antonius Thylesius war zu Cosenza geboren, einer Stadt, die an der Cultur des untern Italien schon fruͤher Theil nahm. In dem ersten Viertel des sechszehnten Jahrhunderts war er Professor zu Mai- land. Er gehoͤrt unter diejenigen, welche man in der Literargeschichte als Philologen, Redner und Poeten zugleich geruͤhmt findet. Ein gruͤndliches und doch li- berales Studium der Alten regte in solchen Maͤnnern die eigene Productivitaͤt auf, und wenn sie auch ei- gentlich nicht zu Poeten geboren waren, so schaͤrfte sich doch am Alterthum ihr Blick fuͤr die Natur und fuͤr die Darstellung derselben. Ein Buͤchelchen de coronis gab er 1526 heraus. Die Anmuth des gewaͤhlten Gegenstandes zeugt fuͤr die Anmuth seines Geistes. Er fuͤhrt in demselben sehr kurz und leicht alle Kraͤnze und Kronen vor, womit sich Goͤtter und Heroen, Priester, Helden, Dichter, Schmausende und Leidtragende zu schmuͤcken pflegten, und man begreift sehr leicht, wie bey solcher Gelegen- heit ein gesunder Blick auf Farbe mußte aufmerksam gemacht werden. So finden wir denn auch in der kleinen Schrift uͤber die Farben einen Mann, dem es um das Ver- staͤndniß der Alten zu thun ist. Es entgeht ihm nicht, daß die Farbenbenennungen sehr beweglich sind und von mancherley Gegenstaͤnden gebraucht werden. Er dringt daher auf den ersten Ursprung der Worte, und ob wir gleich seinem Etymologisiren nicht immer bey- stimmen, so folgen wir ihm doch gern und belehren uns an und mit ihm. Beyde oben benannte Aufsaͤtze wurden mit seinen uͤbrigen poetischen Schriften von Conrad Geßner 1545 zu Basel herausgegeben, wobey sich bemerken laͤßt, daß ihm seine Zeitgenossen eine gewisse Originalitaͤt zuge- standen, indem sie ihn andern entgegensetzen, die nur durch Zusammenstellung von Worten und Phrasen der 13 * Alten ein neues Gedicht, eine neue Rede hervorzubrin- gen glaubten. Eine Tragoͤdie, der goldene Regen, kleinere Ge- dichte, der Cyclop, Galathee, u. s. w. zeigen genug- sam, daß wenn man ihn auch nicht eigentlich einen Poeten nennen darf, einen solchen, der einen Gegen- stand zu beleben, das Zerstreute zur Einheit zwingen kann; so muͤssen wir doch außer seiner antiquarischen Bildung, einen aufmerksamen Blick in die Welt, ein zartes Gemuͤth an ihm ruͤhmen. Er behandelt die Spinne, den Leuchtwurm, das Rohr, auf eine Weise, die uns uͤberzeugt, daß er in der Mittelgattung von Dichtkunst, in der beschreibenden, noch manches erfreu- liche haͤtte leisten koͤnnen. Uns steht er als Repraͤsen- tant mancher seiner Zeitgenossen da, die das Wissen mit Anmuth behandelten, und der Anmuth etwas Ge- wußtes unterzulegen noͤthig fanden. Mit welchem freyen, liebe- und ehrfurchtsvollen Blick er die Natur angesehen, davon zeugen wenige Verse, die wir zu seinem Angedenken hier einzuruͤcken uns nicht enthalten koͤnnen. Omniparens natura, hominum rerumque creatrix, Difficilis, facilis, similis tibi, dissimilisque, Nulligena, indefessa, ferax, te pulchrior ipsa, Solaque quae tecum certas, te et victa revincis. Omnia me nimis afficiunt, quo lumina cunque Verto libens, nihil est non mirum. Daedala quod tu Effingis, rebusque animam simul omnibus afflas, Unde vigent, quaecunque videntur, pabula, frondes, Et genus aligerum, pecudesque et squamea turba. Simon Portius . Das Buͤchlein von den Farben, welches dem Theophrast zugeschrieben wird, scheint in der mittlern Zeit nicht viel gekannt gewesen zu seyn; wenigstens haben wir es auf unserm Wege nicht citirt gefunden. In der ersten Haͤlfte des sechszehnten Jahrhunderts nimmt Simon Portius sich desselben an, uͤbersetzt, commentirt es, und giebt statt einer Vorrede eine klei- ne Abhandlung uͤber die Natur der Farben. Aus der Zueignung an Cosmus den ersten, Groß- herzog von Florenz, lernen wir, daß er von demsel- ben als Gelehrter beguͤnstigt und unter den seinen wohl- aufgenommen war. Er hielt uͤber die aristotelischen Schriften oͤffentliche Lehrstunden, und hatte auch uͤber mehr gedachtes Buͤchlein in den Ferien gelesen. Spaͤ- ter ward Uebersetzung und Commentar eine Villeggia- tur-Arbeit. So viel wir wissen, erschien die erste Aus- gabe zu Neapel 1537. Diejenige, deren wir uns be- dienen, ist zu Paris 1549. gedruckt. Sogleich wie sich einige Bildungslust auf der Welt wieder zeigt, treten uns die aristotelischen Verdienste frisch entgegen. Freylich standen diese schriftlichen Ue- berlieferungen von einer Seite der Natur zu nahe und von einer andern auf einem zu hohen Puncte der gluͤck- lichsten Bildung, als daß die Auffinder ihnen haͤtten gewachsen seyn koͤnnen. Man verstand sie leider nicht genugsam, weder ihrer Absicht nach, noch insofern schon genug durch sie geleistet war. Was also gegen- waͤrtig an ihnen geschah, war eine zwar lobenswerthe, aber meist unfruchtbare Muͤhe. Sowohl in der von Portius vorausgeschickten Vor- rede, worin uns etwas uͤber die Natur der Farben versprochen wird, als auch in den Anmerkungen selbst, welche dem Text beygefuͤgt sind, sehen wir einen bele- senen und zugleich in der aristotelischen Schulmethode wohlgeuͤbten Mann, und koͤnnen ihm daher unsere Ach- tung, so wie unsern Dank fuͤr das, was wir von ihm lernen, nicht versagen. Allein der Gewinn, den wir aus einem muͤhsamen Studium seiner Arbeit zie- hen, ist doch nur historisch. Wir erfahren, wie die Alten sich uͤber diesen Gegenstand ausgedruͤckt, wir ver- nehmen ihre Meynungen und Gegenmeynungen; wir werden von mancherley Widerstreit belehrt, den unser Autor nach seiner Art weder zu vergleichen noch zu entscheiden sich im Stande befindet. Von einer eigentlichen Naturanschauung ist hier gar die Rede nicht. Das ausgesprochene Wort, die gebildete Phrase, die mehr oder weniger zulaͤngliche Definition, werden zum Grund gelegt; das Original, die Uebersetzung, eine Worterklaͤrung, eine Umschrei- bung ergreifen sich wechselsweise; bald wird etwas Verwandtes herbeygehohlt, etwas Aehnliches oder Un- aͤhnliches citirt, Zweifel nicht verschwiegen, Fragen be- antwortet, dem Widerspruch begegnet und bald beyfaͤl- lig, bald abfaͤllig verfahren, wobey es nicht an Miß- verstaͤndnissen und Halbverstaͤndnissen fehlt; da denn durchaus eine sorgfaͤltige und fleißige Behandlung an die Stelle einer gruͤndlichen tritt. Die Form des Vor- trags, Noten zu einem Text zu schreiben, noͤthigt zum Wiederhohlen, zum Zuruͤckweisen, alles Gesagte wird aber und abermals durch und uͤber einander gearbeitet, so daß es dem Ganzen zwar an innerer Klarheit und Consequenz nicht fehlt, wie irgend einem Karten- und Steinspiel; hat man jedoch alles gelesen und wieder gelesen, so weiß man wohl etwas mehr als vorher, aber gerade das nicht, was man erwartete und wuͤnschte. Solche schaͤtzenswerthe und oft nur sehr geringe Frucht tragende Arbeiten muß man kennen, wenn man in der Folge diejenigen Maͤnner rechtfertigen will, wel- che von einem lebhaften Trieb zur Sache beseelt, diese Wortarbeiten als Hindernisse ansahen, die Ueberliefe- rung uͤberhaupt anfeindeten und sich gerade zur Natur wendeten, oder gerade zu ihr hinwiesen. Wir geben den Vorsatz auf, einige uͤbersetzte Stel- len mitzutheilen, indem sie weder belehrend noch erfreu- lich seyn koͤnnten. Auch haben wir schon das Brauch- bare in unserm Aufsatze, worin wir die Meynungen und Lehren der Griechen behandeln, aufgefuͤhrt, und werden kuͤnftig Gelegenheit haben, Eins und Anderes am schicklichen Orte zu wiederhohlen. Julius Caͤsar Scaliger . Von 1484 bis 1558 . Dieser merkwuͤrdige Mann brachte seine Jugend am Hof, sein Juͤnglingsalter im Militaͤrstande zu, suchte spaͤter als Arzt seinen Lebensunterhalt und war wegen seiner ausgebreiteten Gelehrsamkeit vor vielen seiner Zeitgenossen beruͤhmt. Ein starkes Gedaͤchtniß verhalf ihm zu vielem Wissen; doch thut man ihm wohl nicht Unrecht, wenn man ihm eigentlichen Ge- schmack und Wahrheitssinn abspricht. Dagegen war er, bey einem großen Vorgefuͤhl seiner selbst, von dem Geiste des Widerspruchs und Streitlust unablaͤssig erregt. Cardan, dessen wir spaͤter gedenken werden, pu- blicirt eine seiner Arbeiten unter dem Titel: de sub- tilitate. Scaliger findet es gelegen, sich daran zu uͤben und verfaßte ein großes Buch gegen ihn, worin er ihm zeigt, daß man mehr wissen, genauer bemer- ken, subtiler unterscheiden und bestimmter vortragen koͤnne. Dieses Werk ist seinem Inhalte nach schaͤtz- bar genug: denn es sind eigentlich nur in Streitform zusammengestellte Collectaneen, wodurch wir unterrich- tet werden, wie manches damals bekannt war, und wie vieles die Wißbegierigen schon interessirte. Was Scaliger uͤber die Farben in der dreyhun- dert fuͤnf und zwanzigsten Exercitation vorzubringen weiß, laͤßt sich in zwey Hauptabschnitte theilen, in einen theoretischen und einen etymologischen. In dem ersten wiederhohlt er, was die Alten von den Farben gesagt, theils beyfaͤllig, theils mißfaͤllig; er haͤlt sich auf der Seite des Aristoteles, die platonischen Vor- stellungsarten wollen ihm nicht einleuchten. Da er aber keinen eigentlichen Standpunct hat, so ist es auch nur ein Hin- und Wiederreden, wodurch nichts ausgemacht wird. Bey dieser Gelegenheit laͤßt sich jene Betrachtung anstellen, die uns auch schon fruͤher entgegendrang: welch eine andre wissenschaftliche Ansicht wuͤrde die Welt gewonnen haben, wenn die griechische Sprache lebendig geblieben waͤre und sich anstatt der Lateini- schen verbreitet haͤtte. Die weniger sorgfaͤltigen arabischen und lateini- schen Uebersetzungen hatten schon fruͤher manches Un- heil angerichtet, aber auch die sorgfaͤltigste Uebersetzung bringt immer etwas fremdes in die Sache, wegen Verschiedenheit des Sprachgebrauchs. Das Griechische ist durchaus naiver, zu einem natuͤrlichen, heitern, geistreichen, aͤsthetischen Vortrag gluͤcklicher Naturansichten viel geschickter. Die Art, durch Verba, besonders durch Infinitiven und Parti- cipien zu sprechen, macht jeden Ausdruck laͤßlich; es wird eigentlich durch das Wort nichts bestimmt, be- pfaͤhlt und festgesetzt, es ist nur eine Andeutung, um den Gegenstand in der Einbildungskraft hervorzurufen. Die lateinische Sprache dagegen wird durch den Gebrauch der Substantiven entscheidend und befehls- haberisch. Der Begriff ist im Wort fertig aufgestellt, im Worte erstarrt, mit welchem nun als einem wirk- lichen Wesen verfahren wird. Wir werden spaͤter Ursache haben, an diese Betrachtungen wieder zu er- innern. Was den zweyten etymologischen Theil betrifft, so ist derselbe schaͤtzenswerth, weil er uns mit vielen lateinischen Farbenbenennungen bekannt macht; wo- durch wir den Thylesius und andre suppliren koͤnnen. Wir fuͤgen hier eine Bemerkung bey, jedoch mit Vorsicht, weil sie uns leicht zu weit fuͤhren koͤnnte. In unserm kleinen Aufsatz uͤber die Farbenbenennun- gen der Griechen und Roͤmer, S. 54. des gegenwaͤr- tigen Bandes, haben wir auf die Beweglichkeit der Farbenbenennungen bey den Alten aufmerksam ge- macht; doch ist nicht zu vergessen, wie viele derselben bey ihrem Ursprunge sogleich fixirt worden: denn ge- rade durch diesen Widerstreit des Fixen und Beweglichen wird die Anwendung der Farbenbenennungen bis auf den heutigen Tag noch immer schwierig. So einfach auch die Farben in ihrer ersten ele- mentaren Erscheinung seyn moͤgen; so werden sie doch unendlich mannigfaltig, wenn sie aus ihrem reinen und gleichsam abstracten Zustande sich in der Wirklich- keit manifestiren, besonders an Koͤrpern, wo sie tau- send Zufaͤlligkeiten ausgesetzt sind. Dadurch entspringt eine Individualisirung bis ins Graͤnzenlose, wohin keine Sprache, ja alle Sprachen der Welt zusammen- genommen, nicht nachreichen. Nun sind aber die meisten Farbenbenennungen da- von ausgegangen, daß man einen individuellen Fall als ein Beyspiel ergriffen, um, nach ihm und an ihm, andre aͤhnliche zu bezeichnen. Wenn uns nun das Al- terthum dergleichen Worte schon genugsam uͤberliefert, so ist in der Folge der Zeit, durch eine ausgebreitetere Kenntniß der Welt, natuͤrlicher Koͤrper, ja so vieler Kunstproducte, bey jeder Nation ein neuer Zuwachs von Terminologie entstanden, die immer aufs Neue wieder auf bekannte und unbekannte Gegenstaͤnde ange- wendet, neue Bedenklichkeiten, neue Zweifel und Ir- rungen hervorbringt; wobey denn doch zuletzt nichts weiter uͤbrig bleibt, als den Gegenstand, von dem die Rede ist, recht genau zu kennen, und ihn wo moͤglich in der Einbildungskraft zu behalten. Zwischenbetrachtung . Da wir durch erstgedachte drey Maͤnner in das Alterthum wieder zuruͤckgefuͤhrt worden, so erinnern wir uns billig dessen, was fruͤher, die naturwissen- schaftlichen Einsichten der Alten betreffend, bemerkt ward. Sie wurden naͤmlich als tuͤchtige Menschen von den Naturbegebenheiten aufgeregt, und betrachte- ten mit Verwunderung die verwickelten Phaͤnomene, die uns taͤglich und stuͤndlich umgeben, und wo- durch die Natur ihnen eher verschleyert als aufgedeckt ward. Wenn wir oben dem gluͤcklichen theoretischen Be- muͤhen mancher Maͤnner volle Gerechtigkeit widerfah- ren lassen; so ist doch nicht zu laͤugnen, daß man ihren Theorieen meistens einen empirischen Ursprung nur allzusehr ansieht. Denn was war ihre Theilung natuͤrlicher Uranfaͤnge in vier Elemente anders, als eine nothduͤrftige Topik, nach welcher sich die erschei- nenden Erscheinungen allenfalls ordnen und mit eini- ger Methode vortragen ließen. Die faßliche Zahl, die in ihr enthaltene doppelte Symmetrie, und die daraus entspringende Bequemlichkeit machte eine solche Lehre zur Fortpflanzung geschickt, und obgleich auf- merksamere Beobachter mancherley Zweifel erregen, manche Frage aufwerfen mochten; so blieb doch Schule und Menge dieser Vorstellungs- und Eintheilungsart geneigt. In der neuern Zeit brachte die Chemie eine Haupt- veraͤnderung hervor; sie zerlegte die natuͤrlichen Koͤrper und setzte daraus kuͤnstliche auf mancherley Weise wie- der zusammen; sie zerstoͤrte eine wirkliche Welt, um eine neue, bisher unbekannte, kaum moͤglich geschie- nene, nicht geahndete wieder hervor zu bauen. Nun ward man genoͤthigt, uͤber die wahrscheinlichen Anfaͤnge der Dinge und uͤber das daraus Entsprungene immer mehr nachzudenken, so daß man sich bis an unsre Zeit zu immer neuen und hoͤheren Vorstellungsarten herauf- gehoben sah, und das um so mehr, als der Chemiker mit dem Physiker einen unaufloͤslichen Bund schloß, um dasjenige, was bisher als einfach erschienen war, wo nicht in Theile zu zerlegen, doch wenigstens in den mannigfaltigsten Bezug zu setzen, und ihm eine bewundernswuͤrdige Vielseitigkeit abzugewinnen. In dieser Ruͤcksicht haben wir zu unsern Zwecken gegen- waͤrtig nur eines einzigen Mannes zu gedenken. Paracelsus . geb. 1493. gest. 1543 . Man ist gegen den Geist und die Talente dieses außerordentlichen Mannes in der neuern Zeit mehr als in einer fruͤheren gerecht, daher man uns eine Schil- derung derselben gern erlassen wird. Uns ist er des- halb merkwuͤrdig, weil er den Reihen derjenigen an- fuͤhrt, welche auf den Grund der chemischen Farben- erscheinung und Veraͤnderung zu dringen suchen. Paracelsus ließ zwar noch vier Elemente gelten, jedes war aber wieder aus dreyen zusammengesetzt, aus Sal, Sulphur und Mercurius, wodurch sie denn saͤmmtlich, ungeachtet ihrer Verschiedenheit und Un- aͤhnlichkeit, wieder in einen gewissen Bezug unter ein- ander kamen. Mit diesen drey Uranfaͤngen scheint er dasjenige ausdruͤcken zu wollen, was man in der Folge alcali- sche Grundlagen, saͤuernde Wirksamkeiten, und begei- stende Vereinigungsmittel genannt hat. Den Ursprung der Farben schreibt Paracelsus dem Schwefel zu, wahr- scheinlich daher, weil ihm die Wirkung der Saͤuren auf Farbe und Farbenerscheinung am bedeutendsten auffiel, und im gemeinen Schwefel sich die Saͤure im hohen Grade manifestirt. Hat sodann jedes Element seinen Antheil an dem hoͤher verstandenen mystischen Schwefel, so laͤßt sich auch wohl ableiten, wie in den verschiedensten Faͤllen Farben entstehen koͤnnen. So viel fuͤr dießmal; in der Folge werden wir sehen, wie seine Schuͤler und Nachkommen diese Lehre erweitert und ihr durch mancherley Deutungen zu hel- fen gesucht. Alchymisten . Auf eben diesem Wege gingen die Alchymisten fort und mußten sich, weil darunter wenig originelle Gei- ster, hingegen viele Nachahmer sich befanden, immer tiefer zur Geheimnißkraͤmerey ihre Zuflucht nehmen, de- ren Dunkelheiten aus dem vorigen Jahrhundert heruͤber gekommen waren. Daher die Monotonie aller dieser Schriften. Betrachtet man die Alchymie uͤberhaupt; so fin- det man an ihr dieselbe Entstehung, die wir oben bey anderer Art Aberglauben bemerkt haben. Es ist der Misbrauch des Aechten und Wahren, ein Sprung von der Idee, vom Moͤglichen, zur Wirklichkeit, eine falsche Anwendung aͤchter Gefuͤhle, ein luͤgenhaftes Zusagen, wodurch unsern liebsten Hoffnungen und Wuͤnschen geschmeichelt wird. Hat man jene drey erhabenen unter einander im innigsten Bezug stehenden Ideen, Gott, Tugend und Unsterblichkeit, die hoͤchsten Forderungen der Vernunft genannt; so giebt es offenbar drey ihnen entsprechende Forderungen der hoͤheren Sinnlichkeit, Gold, Gesund- heit und langes Leben. Gold ist so unbedingt maͤch- tig auf der Erde, wie wir uns Gott im Weltall den- ken. Gesundheit und Tauglichkeit fallen zusammen. Wir wuͤnschen einen gesunden Geist in einem gesunden Koͤrper. Und das lange Leben tritt an die Stelle der Unsterblichkeit. Wenn es nun edel ist, jene drey hohen Ideen in sich zu erregen und fuͤr die Ewigkeit zu cultiviren; so waͤre es doch auch gar zu wuͤnschens- werth, sich ihrer irdischen Repraͤsentanten fuͤr die Zeit zu bemaͤchtigen. Ja diese Wuͤnsche muͤssen leiden- schaftlich in der menschlichen Natur gleichsam wuͤthen und koͤnnen nur durch die hoͤchste Bildung ins Gleich- gewicht gebracht werden. Was wir auf solche Weise wuͤnschen, halten wir gern fuͤr moͤglich; wir suchen es auf alle Weise, und derjenige, der es uns zu lie- fern verspricht, wird unbedingt beguͤnstigt. Daß sich hierbey die Einbildungskraft sogleich thaͤtig erzeige, laͤßt sich erwarten. Jene drey obersten Erfordernisse zur hoͤchsten irdischen Gluͤckseligkeit schei- nen so nahe verwandt, daß man ganz natuͤrlich fin- det, sie auch durch ein einziges Mittel erreichen zu koͤnnen. Es fuͤhrt zu sehr angenehmen Betrachtungen, wenn man den poetischen Theil der Alchymie, wie wir ihn wohl nennen duͤrfen, mit freyem Geiste behandelt. Wir finden ein aus allgemeinen Begriffen entspringen- des auf einen gehoͤrigen Naturgrund aufgebautes Maͤhr- chen. Etwas Materielles muß es seyn, aber die erste allgemeine Materie, eine jungfraͤuliche Erde. Wie die- se zu finden, wie sie zu bearbeiten, dieses ist die ewige Ausfuͤhrung alchymischer Schriften, die mit einem un- ertraͤglichen Einerley, wie ein anhaltendes Glockenge- laͤute, mehr zum Wahnsinn als zur Andacht hin- draͤngen. Eine Materie soll es seyn, ein Unorganisirtes, das durch eine der organischen aͤhnliche Behandlung veredelt wird. Hier ist ein Ey, ein Sperma, Mann und Weib, Vierzig Wochen, und so entspringt zugleich der Stein der Weisen, das Universal-Recipe und der allzeit fertige Cassier. Die Farbenerscheinungen, welche diese Operation begleiten, und die uns eigentlich hier am meisten inter- essiren muͤssen, geben zu keiner bedeutenden Bemerkung Anlaß. Das Weiße, das Schwarze, das Rothe und das Bunte, das bey chemischen Versuchen vorkommt, scheint vorzuͤglich die Aufmerksamkeit gefesselt zu haben. Sie legten jedoch in alle diese Beobachtungen kei- ne Folge, und die Lehre der chemischen Farben erhielt durch sie keine Erweiterung, wie doch haͤtte geschehen koͤnnen und sollen. Denn da ihre Operationen saͤmmt- lich auf Uebergaͤnge, Metaschematismen und Verwand- lungen hindeuteten, und man dabey eine jede, auch die geringste, Veraͤnderung des bearbeiteten Koͤrpers zu beachten Ursache hatte; so waͤre z. B. jene hoͤchst be- deutende Wirkung der Farbennatur, die Steigerung, am ersten zu bemerken und, wenn auch nur irrig, als Hoffnungsgrund der geheimnißvollen Arbeit anzusehen gewesen. Wir erinnern uns jedoch nicht, etwas dar- auf bezuͤgliches gefunden zu haben. Uebrigens mag ein Musterstuͤck, wie sie ihr Ge- schaͤft uͤberhaupt, besonders aber die Farbenerscheinung behandelt, in der Uebersetzung hier Platz finden. II. 14 Calid, ein fabelhafter Koͤnig von Aegypten, unter- haͤlt sich mit einem palaͤstinischen Einsiedler Morienus, um uͤber das große Werk des wunderbaren Steins be- lehrt zu werden. Der Koͤnig . Von der Natur und dem Wesen jenes großen Werkes hast du mir genug eroͤffnet, nun wuͤrdige mich auch, mir dessen Farbe zu offenbaren. Dabey moͤchte ich aber weder Allegorie noch Gleichnisse hoͤren. Morienus . Es war die Art der Weisen, daß sie ihr Assos von dem Stein und mit dem Stein immer verfertigten. Dieses aber ge- schah, ehe sie damit etwas anders faͤrbten. Assos ist ein arabischer Ausdruck und koͤnnte lateinisch Alaun verdolmetscht werden. O guter Koͤnig, Dir sey genug, was ich hier vorbringe. Laß uns zu aͤltern Zeugnissen zu- ruͤckkehren, und verlangst Du ein Beyspiel, so nimm die Worte Datin des Philosophen wohl auf, denn er sagt: Unser Lato, ob er gleich zuerst roth ist, so ist er doch unnuͤtz; wird er aber nach der Roͤthe ins Weiße verwandelt, so hat er großen Werth. Deswegen spricht Datin zum Euthices: O Euthices, dieses wird alles fest und wahrhaft bleiben; denn so haben die Weisen davon gesprochen: Die Schwaͤrze haben wir weggenom- men, und nun mit dem Salz Anatron, d. i. Salpeter, und Almizadir, dessen Eigenschaft kalt und trocken ist, halten wir die Weiße fest. Deswegen geben wir ihm den Namen Borreza, welches arabisch Tinkar heißt. Das Wort aber Datin des Philosophen wird durch Hermes Wort bestaͤtigt. Hermes aber sagt: Zuerst ist die Schwaͤrze, nachher mit dem Salz Anatron folgt die Weiße. Zuerst war es roth und zuletzt weiß, und so wird alle Schwaͤrze weggenommen und sodann in ein helles leuchtendes Roth verwandelt. Maria sagt gleichfalls: Wenn Laton mit Alzebric, d. h. mit Schwe- fel, verbrennt, und das Weichliche drauf gegossen wird, so daß dessen Hitze aufgehoben werde, dann wird die Dunkelheit und Schwaͤrze davon weggenommen und derselbe in das reinste Gold verwandelt. Nicht weni- ger sagt Datin der Philosoph: Wenn du aber Laton mit Schwefel verbrennst und das Weichliche wiederholt auf ihn gießest; so wird seine Natur aus dem Guten ins Bessere mit Huͤlfe Gottes gewendet. Auch ein an- derer sagt: Wenn der reine Laton so lange gekocht wird, bis er wie Fischaugen glaͤnzt, so ist seine Nuͤtz- lichkeit zu erwarten. Dann sollst du wissen, daß er zu seiner Natur und zu seiner Farbe zuruͤckkehrt. Ein an- derer sagt gleichfalls: Jemehr etwas gewaschen wird, desto klarer und besser erscheint es. Wird er nicht ab- gewaschen, so wird er nicht rein erscheinen, noch zu sei- ner Farbe zuruͤckkehren. Desgleichen sagt Maria: Nichts ist, was vom Lato die Dunkelheit noch die Farbe wegnehmen koͤnne, aber Azoc ist gleichsam seine Decke, naͤmlich zuerst, wenn er gekocht wird: denn er faͤrbt ihn und macht ihn weiß; dann aber beherrscht Lato den Azoc, macht ihn zu Wein, d. i. roth. Wie sehr der Koͤnig Calid durch diese Unterhal- tung sich erbaut und aufgeklaͤrt gefunden habe, uͤber- lassen wir unsern Lesern selbst zu beurtheilen. 14 * Zwischenbetrachtung . Wir befinden uns nunmehr auf dem Puncte, wo die Scheidung der aͤltern und neuern Zeit immer be- deutender wird. Ein gewisser Bezug aufs Alterthum geht noch immer ununterbrochen und maͤchtig fort; doch finden wir von nun an mehrere Menschen, die sich auf ihre eigenen Kraͤfte verlassen. Man sagt von dem menschlichen Herzen, es sey ein trotzig und verzagtes Wesen. Von dem menschli- chen Geiste darf man wohl aͤhnliches praͤdiciren. Er ist ungeduldig und anmaßlich und zugleich unsicher und zaghaft. Er strebt nach Erfahrung und in ihr nach einer erweiterten reinern Thaͤtigkeit, und dann bebt er wieder davor zuruͤck, und zwar nicht mit Unrecht. Wie er vorschreitet, fuͤhlt er immer mehr, wie er be- dingt sey, daß er verlieren muͤsse, indem er gewinnt: denn ans Wahre wie ans Falsche sind nothwendige Bedingungen des Daseyns gebunden. Daher wehrt man sich im Wissenschaftlichen so lange als nur moͤglich fuͤr das Hergebrachte, und es entstehen heftige, langwierige Streitigkeiten, theoretische sowohl als practische Retardationen. Hievon geben uns das funfzehnte und sechszehnte Jahrhundert die lebhaftesten Beyspiele. Die Welt ist kaum durch Ent- deckung neuer Laͤnder unmaͤßig in die Laͤnge ausgedehnt; so muß sie sich schon in sich selbst als rund abschließen. Kaum deutet die Magnetnadel nach entschiednen Welt- gegenden, so beobachtet man, daß sie sich eben so ent- schieden zur Erde nieder neigt. Im Sittlichen gehen aͤhnliche große Wirkungen und Gegenwirkungen vor. Das Schießpulver ist kaum erfunden, so verliert sich die persoͤnliche Tapferkeit aus der Welt, oder nimmt wenigstens eine andre Richtung. Das tuͤchtige Vertrauen auf seine Faust und Gott loͤs’t sich auf in die blindeste Ergebenheit unter ein unaus- weichlich bestimmendes, unwiederruflich gebietendes Schicksal. Kaum wird durch Buchdruckerey Cultur all- gemeiner verbreitet, so macht sich schon die Censur noͤ- thig, um dasjenige einzuengen, was bisher in einem natuͤrlich beschraͤnkten Kreise frey gewesen war. Doch unter allen Entdeckungen und Ueberzeugun- gen moͤchte nichts eine groͤßere Wirkung auf den mensch- lichen Geist hervorgebracht haben, als die Lehre des Co- pernikus. Kaum war die Welt als rund anerkannt und in sich selbst abgeschlossen, so sollte sie auf das ungeheure Vorrecht Verzicht thun, der Mittelpunct des Weltalls zu seyn. Vielleicht ist noch nie eine groͤßere Forderung an die Menschheit geschehen: denn was ging nicht alles durch diese Anerkennung in Dunst und Rauch auf: ein zweytes Paradies, eine Welt der Un- schuld, Dichtkunst und Froͤmmigkeit, das Zeugniß der Sinne, die Ueberzeugung eines poetisch-religioͤsen Glau- bens; kein Wunder, daß man dieß alles nicht wollte fahren lassen, daß man sich auf alle Weise einer sol- chen Lehre entgegensetzte, die denjenigen, der sie annahm, zu einer bisher unbekannten, ja ungeahneten Denk- freyheit und Großheit der Gesinnungen berechtigte und aufforderte. Wir fuͤgen noch zwey Bemerkungen hinzu, die uns in der Geschichte der Wissenschaften uͤberhaupt und der Farbenlehre besonders, leitend und nuͤtzlich seyn koͤnnen. In jedem Jahrhundert, ja in jedem Jahrzehend werden tuͤchtige Entdeckungen gemacht, geschehen uner- wartete Begebenheiten, treten vorzuͤgliche Menschen auf, welche neue Ansichten verbreiten. Weil aber solche Er- eignisse sich gewoͤhnlich nur auf partielle Gegenstaͤnde beziehen, so wird die ganze Masse der Menschen und ihre Aufmerksamkeit dahin geleitet. Dergleichen mehr oder weniger ausschließliche Beschaͤftigungen ziehen ein solches Zeitalter von allem Uebrigen ab, so daß man weder an das Wichtige denkt, was schon da gewesen, noch an das, was noch zu thun sey, bis denn endlich das beguͤnstigte Particulare genugsam durchgearbeitet in den allgemeinen Kreis des Bekannten mit eintritt und nunmehr still fortwirkt, ohne ein besonderes leb- haftes Interesse weiter zu erregen. Alles ist in der Natur aufs innigste verknuͤpft und verbunden, und selbst was in der Natur getrennt ist, mag der Mensch gern zusammenbringen und zusammenhalten. Da- her kommt es, daß gewisse einzelne Naturerscheinungen schwer vom Uebrigen abzuloͤsen sind und nicht leicht durch Vorsatz didactisch abgeloͤst werden. Mit der Farbenlehre war dieses besonders der Fall. Die Farbe ist eine Zugabe zu allen Erscheinungen, und obgleich immer eine wesentliche, doch oft scheinbar eine zufaͤllige. Deshalb konnte es kaum jemand beygehen, sie an und fuͤr sich zu betrachten, und besonders zu behandeln. Auch geschieht dieses von uns beynahe zum erstenmal, indem alle fruͤheren Bearbeitungen nur gelegent- lich geschahen und von der Seite des Brauchbaren oder Widerwaͤrtigen, des einzelnen oder eminenten Vor- kommens, oder sonst, eingeleitet worden. Diese beyden Umstaͤnde werden wir also nicht aus dem Auge verlieren und bey den verschiednen Epochen anzeigen, womit die Naturforscher besonders beschaͤf- tigt gewesen, wie auch bey welchem eigenen Anlaß die Farbe wieder zur Sprache kommt. Bernhardinus Telesius . geb. 1508. gest. 1588 . Durch die Buchdruckerey wurden mehrere Schrif- ten der Alten verbreitet. Aristoteles und Plato fessel- ten nicht allein die Aufmerksamkeit; auch andere Mey- nungen und theoretische Gesinnungen wurden bekannt, und ein guter Kopf konnte sich die eine oder die andre zur Nachfolge waͤhlen, je nachdem sie ihm seiner Denk- weise gemaͤß schien. Dennoch hatte Autoritaͤt im All- gemeinen so großes Gewicht, daß man kaum etwas zu behaupten unternahm, was nicht fruͤher von einem Alten schon geaͤußert worden; wobey man jedoch zu bemerken nicht unterlassen kann, daß sie den abgeschlos- senen Kreis menschlicher Vorstellungsarten voͤllig, wenn gleich oft nur fluͤchtig und genialisch, durchlaufen hat- ten, so daß der Neuere, indem er sie naͤher kennen lernt, seine geglaubte Originalitaͤt oft beschaͤmt sieht. Daß die Elemente, wonach Aristoteles und die sei- nigen die Anfaͤnge der Dinge darstellen und eintheilen wollen, empirischen, und wenn man will, poetischen Ursprungs seyen, war einem frey aufblickenden Geiste nicht schwer zu entdecken. Telesius fuͤhlte, daß man, um zu Anfaͤngen zu gelangen, ins Einfachere gehen muͤsse. Er setzt daher die Materie voraus und stellt sie unter den Einfluß von zwey empfindbaren aber un- greiflichen Principien, der Waͤrme und der Kaͤlte. Was er hiebey fruͤhern Ueberlieferungen schuldig, lassen wir unausgemacht. Genug er faßte jene geheimnißvolle Systole und Diastole, aus der sich alle Erscheinungen entwickeln, gleichfalls unter einer empirischen Form auf, die aber doch, weil sie sehr allgemein ist, und die Begriffe von Ausdehnung und Zusammenziehung, von Solidescenz und Liquescenz hinter sich hat, sehr fruchtbar ist und eine hoͤchst mannigfaltige Anwendung leidet. Wie Bernhardinus dieses geleistet und wie er denn doch zuletzt empfunden, daß sich nicht alle Erscheinun- gen unter seiner Formel aussprechen lassen, ob sie gleich uͤberall hindeutet, davon belehrt uns die Geschichte der Philosophie eines weitern. Was aber fuͤr uns hoͤchst merkwuͤrdig ist, er hat ein Buͤchelchen de colorum generatione geschrieben, das 1570 zu Neapel in Quart herauskam. Wir haben es leider nie zu sehen Gele- genheit gehabt und wissen nur so viel, daß er die Far- ben gleichfalls saͤmmtlich aus den Principien der Waͤr- me und Kaͤlte ableitet. Da auch unsre Ableitung der- selben auf einem Gegensatz beruht, so wuͤrde es inter- essant seyn zu sehen, wie er sich benommen und in wiefern sich schon eine Annaͤherung an das, was wir fuͤr wahr halten, bey ihm zeige. Wir wuͤnschen dieses um so mehr zu erfahren, als im achtzehnten Jahrhun- dert Westfeld mit dem Gedanken hervortritt, daß die Farbe, wenn sie auch nicht der Waͤrme zuzuschreiben sey, doch wenigstens mit derselben und ihren Modifica- tionen in genauer Verwandtschaft stehe. Hieronymus Cardanus . geb. 1501. gest. 1576 . Cardan gehoͤrt unter diejenigen Menschen, mit de- nen die Nachwelt nie fertig wird, uͤber die sie sich nicht leicht im Urtheil vereinigt. Bey großen angebornen Vorzuͤgen konnte er sich doch nicht zu einer gleichmaͤ- ßigen Bildung erheben; es blieb immer etwas Wildes und Verworrenes in seinen Studien, seinem Charakter und ganzen Wesen zuruͤck. Man mag uͤbrigens an ihm noch so vieles Tadelnswerthe finden, so muß er doch des großen Lobes theilhaft werden, daß es ihm sowohl um die aͤußern Dinge, als um sich selbst Ernst und zwar recht bitterer Ernst gewesen, weshalb denn auch seine Behandlung sowohl der Gegenstaͤnde als des Lebens bis an sein Ende leidenschaftlich und heftig war. Er kannte sein eigenes Naturell bis auf einen gewissen Grad, doch konnte er bis ins hoͤchste Alter nicht daruͤber Herr werden. Gar oft haben wir bey ihm, seiner Umgebung und seinem Bestreben, an Cellini denken muͤssen, um so mehr, als beyde gleichzeitig gelebt. Auch die Biographien oder Confessionen beyder, wie man sie wohl nennen kann, treffen darin zusammen, daß die Verfasser, ob- schon mit Misbilligung, doch auch zugleich mit eini- gem Behagen von ihren Fehlern sprechen, und in ihre Reue sich immer eine Art von Selbstgefaͤlligkeit uͤber das Vollbrachte mit einmischt. Erinnern wir uns hie- bey noch eines juͤngern Zeitgenossen, des Michael Mon- taigne, der mit einer unschaͤtzbar heitern Wendung sei- ne persoͤnlichen Eigenheiten, so wie die Wunderlichkeiten der Menschen uͤberhaupt, zum Besten gibt; so findet man die Bemerkung vielleicht nicht unbedeutend, daß dasjenige, was bisher nur im Beichtstuhl als Geheim- niß dem Priester aͤngstlich vertraut wurde, nun mit einer Art von kuͤhnem Zutrauen der ganzen Welt vor- gelegt ward. Eine Vergleichung der sogenannten Con- fessionen aller Zeiten wuͤrde in diesem Sinne gewiß schoͤne Resultate geben. So scheinen uns die Bekennt- nisse, deren wir erwaͤhnten, gewissermaßen auf den Protestantismus hinzudeuten. Wie Cardan die Farben behandelt, ist nicht ohne Originalitaͤt. Man sieht, er beobachtete sie und die Bedingungen unter welchen sie entspringen. Doch that er es nur im Voruͤbergehen, ohne sich ein eigenes Geschaͤft daraus zu machen, deshalb er auch allzuwenig leistet und Scaligern Gelegenheit giebt, sich uͤber Fluͤch- tigkeit und Uebereilung zu beklagen. Erst fuͤhrt er die Namen der vornehmsten und ge- woͤhnlichsten Farben auf und erklaͤrt ihre Bedeutung; dann wendet er sich gegen das Theoretische, wobey man zwar eine gute Intention sieht, ohne daß jedoch die Behandlung zulaͤnglich waͤre und dem Gegenstand ge- nug thaͤte. Bey Eroͤrterung der Frage: auf wie man- cherley Weise die Farben entspringen, gelangt er zu keiner gluͤcklichen Eintheilung. So hilft er sich auch an einigen bedeutenden Puncten, die er gewahr wird, mehr vorbey als druͤber hinaus, und weil seine ersten Bestimmungen nicht umfassend sind, so wird er genoͤ- thigt Ausnahmen zu machen, ja das Gesagte wieder zuruͤckzunehmen. Es waͤre leicht, die wenigen Spalten zu uͤberse- tzen, die Cardan dieser Materie widmet, aber schwer, ihre Maͤngel kuͤrzlich anzudeuten, und zu weitlaͤuftig, das Fehlende zu suppliren. Eigentlich Falsches findet sich nichts darin; inwiefern er das Rechte geahndet, werden diejenigen, welche unsern Entwurf der Farben- lehre wohl inne haben, kuͤnftig, wenn es sie interessirt, ohne große Muͤhe entwickeln. Schließlich haben wir zu bemerken, daß bey Car- dan eine naivere Art, die Wissenschaften zu behandeln, hervortritt. Er betrachtet sie uͤberall in Verbindung mit sich selbst, seiner Persoͤnlichkeit, seinem Lebensgan- ge, und so spricht aus seinen Werken eine Natuͤrlich- keit und Lebendigkeit, die uns anzieht, anregt, erfrischt und in Thaͤtigkeit setzt. Es ist nicht der Doctor im langen Kleide, der uns vom Catheder herab belehrt; es ist der Mensch, der umherwandelt, aufmerkt, erstaunt, von Freude und Schmerz ergriffen wird und uns da- von eine leidenschaftliche Mittheilung aufdringt. Nennt man ihn vorzuͤglich unter den Erneuerern der Wissen- schaften, so hat ihm dieser sein angedeuteter Charakter so sehr als seine Bemuͤhungen zu dieser Ehrenstelle ver- holfen. Johann Baptist Porta . Wenn gleich Porta fuͤr unser Fach wenig geleistet, so koͤnnen wir ihn doch, wenn wir im Zusammenhan- ge der Naturwissenschaften einigermaßen bleiben wollen, nicht uͤbergehen. Wir haben vielmehr Ursache, uns laͤn- ger bey ihm aufzuhalten, weil er uns Gelegenheit gibt, einiges, was wir schon beruͤhrt, umstaͤndlicher aus- zufuͤhren. Er ist hauptsaͤchlich bekannt durch sein Buch von der natuͤrlichen Magie. Der Ursprung dieser Art von halbgeheimer Wissenschaft liegt in den aͤltesten Zeiten. Ein solches Wissen, eine solche Kunst war dem Aber- glauben, von dem wir schon fruͤher gehandelt, unent- behrlich. Es gibt so manches wuͤnschenswerthe, moͤg- lich scheinende; durch eine kleine Verwechselung machen wir es zu einem erreichbaren Wirklichen. Denn ob- gleich die Thaͤtigkeiten, in denen das Leben der Welt sich aͤußert, begraͤnzt, und alle Specificationen hartnaͤ- ckig und zaͤh sind; so laͤßt sich doch die Graͤnze keiner Thaͤtigkeit genau bestimmen, und die Specificationen finden wir auch biegsam und wandelbar. Die natuͤrliche Magie hofft mit demjenigen, was wir fuͤr thaͤtig erkennen, weiter als billig ist zu wirken, und mit dem, was specificirt vor uns liegt, mehr als thunlich ist zu schalten. Und warum sollten wir nicht hoffen, daß ein solches Unternehmen gelingen koͤnne. Metaschematismen und Metamorphosen gehen vor unsern Augen vor, ohne daß sie von uns begriffen werden; mehrere und andere lassen sich vermuthen und erwar- ten, wie ihrer denn auch taͤglich neue entdeckt und be- merkt werden. Es gibt so viele Bezuͤge der specifi- cirten Wesen unter einander, die wahrhaft und doch wunderbar genug sind, wie z. B. der Metalle beym Galvanism. Thun wir einen Blick auf die Bezuͤge der specificirten organischen Wesen, so sind diese von unendlicher Mannigfaltigkeit und oft erstaunenswuͤrdig seltsam. Man erinnere sich, im groͤberen Sinne, an Ausduͤnstungen, Geruch; im zarteren, an Bezuͤge der koͤrperlichen Form, des Blickes, der Stimme. Man ge- denke der Gewalt des Wollens, der Intentionen, der Wuͤnsche, des Gebetes. Was fuͤr unendliche und un- erforschliche Spmpathieen , Antipathieen, Idiosyncrasieen uͤberkreuzen sich nicht! Wie manches wird Jahrelang als ein wundersamer einzelner Fall bemerkt, was zu- letzt als ein allgemeiner durchgehendes Naturgesetz er- scheint. Schon lange war es den Besitzern alter Schloͤs- ser verdrießlich, daß die bleyernen und kupfernen Dach- rinnen, da wo sie auf den eisernen Haken auflagen, vom Rost fruͤher aufgezehrt wurden, als an allen an- dern Stellen; jetzt wissen wir die Ursache und wie auf eine ganz natuͤrliche Weise zu helfen ist. Haͤtte fruͤher Jemand bemerkt, daß ein zwischengeschobenes Stuͤck- chen Holz die ganze Wirkung aufhebe; so haͤtte er viel- leicht diesem besondern Holze die Wirkung zugeschrie- ben und als ein Hausmittel bekannt gemacht. Wenn uns nun die fortschreitende Naturbetrach- tung und Naturkenntniß, indem sie uns etwas ver- borgenes entdecken, auf etwas noch verborgeneres auf- merksam machen; wenn erhoͤhte Kunst, verfeinerte Kuͤnstlichkeit das Unmoͤgliche in etwas Gemeines ver- wandeln; wenn der Taschenspieler taͤglich mehr alles Glaub- wuͤrdige und Begreifliche vor unsern Augen zu Schan- den macht, werden wir dadurch nicht immerfort schwe- bend erhalten, so daß uns Erwartung, Hoffnung, Glau- be und Wahn immer natuͤrlicher, bequemer und be- haglicher bleiben muͤssen, als Zweifelsucht, Unglaube und starres hochmuͤthiges Ablaͤugnen. Die Anlaͤsse zur Magie uͤberhaupt finden wir bey allen Voͤlkern und in allen Zeiten. Je beschraͤnkter der Erkenntnißkreis, je dringender das Beduͤrfniß, je hoͤher das Ahndungsvermoͤgen, je froher das poetische Talent, desto mehr Elemente entspringen dem Menschen, jene wunderbare, unzusammenhaͤngende, nur durch ein gei- stiges Band zu verknuͤpfende Kunst wuͤnschenswerth zu machen. Betrachten wir die natuͤrliche Magie insofern sie sie sich absondern laͤßt; so finden wir, daß schon die Alten viele solche einzelne Bemerkungen und Recepte aufbewahrt hatten. Die mittlere Zeit nahm sie auf und erweiterte den Vorrath nach allen Seiten. Albert der Große, besonders seine Schule, sodann die Alchymisten wirkten immer weiter fort. Roger Baco, zu seinen Ehren sey es gesagt, ist, bey allem Wunderbaren wo- mit er sich beschaͤftigt, bey allem Seltsamen das er verspricht, fast gaͤnzlich frey von Aberglauben; denn sein Vorahnden zukuͤnftiger Moͤglichkeiten ruht auf einem sichern Fundament, so wie sein koͤstliches Buͤchel- chen de mirabili potestate artis et naturae gegen das Wuͤste, Absurde des Wahnes ganz eigentlich gerichtet ist, nicht mit jener negirenden erkaͤltenden Manier der Neuern, sondern mit einem Glauben erregenden heite- ren Hinweisen auf aͤchte Kunst und Naturkraft. So hatte sich manches bis zu Porta’s Zeiten fort- gepflanzt; doch lagen die Kenntnisse zerstreut. Sie waren mehr im Gedaͤchtnisse bewahrt als geschrie- ben, und selbst dauerte es eine Zeitlang bis die Buch- druckerkunst durch alle Faͤcher des Wissens durchwirkte und das Wissenswerthe durchaus zur Sprache foͤrderte. Porta gibt sein Buch de magia naturali im Jahr 1560 heraus, eben als er das funfzehnte seines Alters erreicht hatte. Dieses Buͤchelchen mit bestaͤndiger Ruͤck- sicht auf jene Zeit und auf einen so jugendlichen Ver- fasser zu lesen, ist hoͤchst interessant. Man sieht dessen Bildung in der platonischen Schule, heitere mannig- faltige Kenntnisse, doch die entschiedene Neigung zum Wahn, zum Seltsamen und Unerreichbaren. Er wendet nun sein uͤbriges Leben an, diese Be- muͤhungen fortzusetzen. Er versaͤumt nicht zu studiren, Versuche anzustellen, Reisen zu machen; einer gelehrten Gesellschaft, die er in Neapel in seinem Hause errich- tet, verdankt er Beyhuͤlfe und Mitwirkung. Beson- ders hat er sich auch der Gunst des Cardinals von Este zu ruͤhmen. Nach fuͤnf und dreyßig Jahren gibt er das Buch zum zweytenmale heraus, da uns denn die Verglei- chung beyder Ausgaben einen schoͤnen Blick verschafft, wie in dieser Zeit das Jahrhundert und er selbst zuge- nommen. Zwar von den abenteuerlichen Forderungen, Vor- schlaͤgen und Recepten ist noch immer mehr oder we- niger die Rede; doch sieht man hie und da, wo das gar zu Abgeschmackte uͤberliefert wird, den klugen Mann, der sich eine Hinterthuͤre offen laͤßt. Was die Farben betrifft, so werden sie nur bey- laͤufig angefuͤhrt, wenn verschieden-gefaͤrbte Blumen hervorgebracht, falsche Edelsteine verfertigt und die Tu- genden natuͤrlicher Edelsteine geruͤhmt werden sollen. Uebrigens bemerkt man wohl, daß in diesen fuͤnf und dreyßig Jahren die chemischen Kenntnisse sehr ge- wachsen, und was die physischen betrifft, besonders die Eigenschaften des Magnets viel genauer bekannt gewor- den sind. Ungern verlassen wir einen Mann, von dem noch vieles zu sagen waͤre: denn eine genauere Beachtung dessen, womit er sich beschaͤftigt, wuͤrde der Geschichte der Wissenschaften hoͤchst foͤrderlich seyn. Will man ihn auch nicht fuͤr einen solchen Geist erkennen, der faͤhig gewesen waͤre, die Wissenschaften in irgend einem Sinne zur Einheit heran zu rufen; so muß man ihn doch als einen lebhaften, geistreichen Sammler gelten lassen. Mit unermuͤdlicher unruhiger Thaͤtigkeit durch- forscht er das Feld der Erfahrung; seine Aufmerksam- keit reicht uͤberall hin, seine Sammlerlust kommt nir- gends unbefriedigt zuruͤck. Naͤhme man seine saͤmmtli- chen Schriften zusammen, das physiognomische Werk und die Verheimlichungskunst, und was sonst noch von ihm uͤbrig ist, so wuͤrden wir in ihm das ganze Jahr- hundert abgespiegelt erblicken. II. 15 Baco von Verulam . Von den Schriften eines bedeutenden Mannes ge- ben wir gewoͤhnlich nur in sofern Rechenschaft, als sie auf uns gewirkt, unsre Ausbildung entweder gefoͤrdert, oder auch sich derselben entgegengesetzt haben. Nach solchen an uns selbst gemachten Erfahrungen beurthei- len wir unsre Vorgaͤnger, und aus diesem Gesichts- puncte moͤchte auch wohl dasjenige zu betrachten seyn, was wir, indem das sechzehnte Jahrhundert sich schließt und das siebzehnte anfaͤngt, uͤber einen bewundernswuͤr- digen Geist mitzutheilen uns erkuͤhnen. Was Baco von Verulam uns hinterlassen, kann man in zwey Theile sondern. Der erste ist der histori- sche, meistens misbilligende, die bisherigen Maͤngel auf- deckende, die Luͤcken anzeigende, das Verfahren der Vorgaͤnger scheltende Theil. Den zweyten wuͤrden wir den belehrenden nennen, den didaktisch dogmatischen, zu neuen Tagewerken aufrufenden, aufregenden, ver- heißenden Theil. Beyde Theile haben fuͤr uns etwas erfreuliches und etwas unerfreuliches, das wir folgendermaßen naͤher bezeichnen. Im historischen ist erfreulich die Ein- sicht in das, was schon da gewesen und vorgekommen, besonders aber die große Klarheit, womit die wissen- schaftlichen Stockungen und Retardationen vorgefuͤhrt sind; erfreulich das Erkennen jener Vorurtheile, welche die Menschen im Einzelnen und im Ganzen abhalten vorwaͤrts zu schreiten. Hoͤchst unerfreulich dagegen die Unempfindlichkeit gegen Verdienste der Vorgaͤnger, ge- gen die Wuͤrde des Alterthums. Denn wie kann man mit Gelassenheit anhoͤren, wenn er die Werke des Aristoteles und Plato leichten Tafeln vergleicht, die eben, weil sie aus keiner tuͤchtigen gehaltvollen Masse bestuͤn- den, auf der Zeitfluth gar wohl zu uns heruͤber ge- schwemmt werden koͤnnen. Im zweyten Theil sind un- erfreulich seine Forderungen, die alle mir nach der Breite gehen, seine Methode, die nicht constructiv ist, sich nicht in sich selbst abschließt, nicht einmal auf ein Ziel hinweist, sondern zum Vereinzeln Anlaß gibt. Hoͤchst erfreulich hingegen ist sein Aufregen, Aufmun- tern und Verheißen. Aus dem Erfreulichen ist sein Ruf entstanden: denn wer laͤßt sich nicht gern die Maͤngel vergangener Zeiten vorerzaͤhlen? wer vertraut nicht auf sich selbst, wer hofft nicht auf die Nachwelt? Das Unerfreuliche dagegen wird zwar von Einsichtsvolleren bemerkt, aber wie billig geschont und verziehen. Aus dieser Betrachtung getrauen wir uns das Raͤthsel aufzuloͤsen, daß Baco so viel von sich reden machen konnte, ohne zu wirken, ja daß seine Wirkung mehr schaͤdlich als nuͤtzlich gewesen. Denn da seine Methode, in sofern man ihm eine zuschreiben kann, hoͤchst peinlich ist, so entstand weder um ihn noch um seinen Nachlaß eine Schule. Es mußten und 15 * konnten also wieder vorzuͤgliche Menschen auftreten, die ihr Zeitalter zu consequenteren Naturansichten em- porhoben und alle Wissens- und Fassenslustigen um sich versammelten. Da er uͤbrigens die Menschen an die Erfahrung hinwies, so geriethen die sich selbst uͤberlassenen ins Weite, in eine graͤnzenlose Empirie; sie empfanden da- bey eine solche Methodenscheu, daß sie Unordnung und Wust als das wahre Element ansahen, in welchem das Wissen einzig gedeihen koͤnne. Es sey uns erlaubt, nach unserer Art das Gesagte in einem Gleichniß zu wieder- hohlen. Baco gleicht einem Manne, der die Unregelmaͤßig- keit, Unzulaͤnglichkeit, Baufaͤlligkeit eines alten Gebaͤu- des recht wohl einsieht, und solche den Bewohnern deutlich zu machen weiß. Er raͤth ihnen, es zu verlas- sen, Grund und Boden, Materialien und alles Zubehoͤr zu verschmaͤhen, einen andern Bauplatz zu suchen und ein neues Gebaͤude zu errichten. Er ist ein trefflicher Redner und Ueberreder; er ruͤttelt an einigen Mauern, sie fallen ein, und die Bewohner sind genoͤthigt, theil- weise auszuziehen. Er deutet auf neue Plaͤtze; man faͤngt an zu ebnen, und doch ist es uͤberall zu enge. Er legt neue Risse vor, sie sind nicht deutlich, nicht einladend. Hauptsaͤchlich aber spricht er von neuen un- bekannten Materialien, und nun ist der Welt gedient. Die Menge zerstreut sich nach allen Himmelsgegenden und bringt unendlich Einzelnes zuruͤck, indessen zu Hause neue Plane, neue Thaͤtigkeiten, Ansiedelungen die Buͤrger beschaͤftigen und die Aufmerksamkeit ver- schlingen. Mit allem diesem und durch alles dieses bleiben die Baconischen Schriften ein großer Schatz fuͤr die Nachwelt, besonders wenn der Mann nicht mehr un- mittelbar, sondern historisch auf uns wirken wird; wel- ches nun bald moͤglich seyn sollte, da sich zwischen ihn und uns schon einige Jahrhunderte gestellt haben. Daß diese gegen Ueberlieferung und Autoritaͤt an- stuͤrmenden Gesinnungen Bacons schon zu seiner Zeit Widerstand gefunden haben, laͤßt sich denken. Auch ist eine im Namen des Alterthums und der bisherigen Cultur eingelegte Protestation eines trefflichen gelehrten Mannes uͤbrig geblieben, die wir sowohl wegen ihrer Maͤßigung als wegen ihrer Derbheit theilweise uͤber- setzen und einschalten. Der Ritter Bodley, der einen Theil seines Lebens an diplomatische Geschaͤfte gewendet hatte, sich sodann zuruͤckzog, und indem er sich den Wissenschaften wid- mete, eine große Bibliothek zusammenbrachte, die noch jetzt zu Oxford aufbewahrt wird, war ein Freund Ba- cons und erhielt von diesem den Aufsatz cogitata et visa, der einem Gelehrten und Alterthumsforscher kei- neswegs erfreulich seyn konnte. Ein Brief Bodleys, bey dieser Gelegenheit geschrieben, ist uns uͤbrig, aus welchem folgende Stellen hier Platz finden moͤgen. „Soll ich aufrichtig seyn, so muß ich offen bezeu- gen, daß ich unter diejenigen gehoͤre, welche unsre Kuͤnste und Wissenschaften fuͤr fester gegruͤndet halten, als Du gern zugeben moͤchtest.“ „Wenn wir uns deinem Rathe folgsam bezeigen und die allgemeinen Begriffe, die dem Menschen einge- boren sind, ablegen, alles was wir geleistet ausloͤschen, und im Handeln und Denken Kinder werden, damit wir ins Reich der Natur eingehen duͤrfen, wie wir unter gleichen Bedingungen, nach Biblischer Vorschrift, ins Himmelreich gelangen sollen; so ist nach meiner Ueberzeugung nichts gewisser, als daß wir uns jaͤhlings in eine Barbarey verlieren, aus der wir nach vielen Jahrhunderten, um nichts an theoretischen Huͤlfsmit- teln reicher als jetzt, hervortauchen werden. Ja wohl wuͤrden wir eine zweyte Kindheit antreten, wenn wir zur tabula rasa geworden, und nach ausgetilgter Spur fruͤherer Grundsaͤtze, die Anfaͤnge einer neuen Welt wieder hervorzulocken unternaͤhmen. Und wenn wir aus dem was geschieht, aus dem was uns die Sinne bringen, erst wieder soviel zusammen klauben sollten, als im Verstande zu einem allgemeinen Begriff hin- reichend waͤre, nach jenem Waidspruch: im Verstande sey nichts was nicht vorher in den Sinnen gewesen; so ist mir wenigstens wahrscheinlich, daß wenn man, nach Umwaͤlzung eines platonischen Jahres, die Wis- senschaft untersuchen wollte, sie weit geringer erfunden werden moͤchte, als sie gegenwaͤrtig besteht.“ „Wenn Du uns eine herrlichere Lehre versprichst, als sie jetzt unter uns bluͤhet, die wir von Erfahrungen hernchmen sollen, indem wir die Verborgenheiten der Natur erforschen und eroͤffnen, um im Einzelnen recht gewiß zu werden; so will das weiter nichts heißen, als daß du die Menschen dazu anreizest, wozu sie ihr innerer Trieb auch ohne aͤußre Anmahnung hinfuͤhrt. Denn es ist natuͤrlich, daß unzaͤhlige Menschen in allen Theilen der Welt sich befinden, welche den Weg, auf den Du deutest, betreten, und zwar mit lebhaftem und dringendem Fleiß. Denn allen ist das Verlangen zu wissen eingeboren, so daß man ihren Eifer gar nicht anzufachen noch zu reizen braucht; eben so wenig als man noͤthig hat, der Wassersucht nachzuhelfen, welche den Koͤrper ohnehin uͤbermaͤßig aufschwellt.“ „Ich glaube nicht, daß sich derjenige betruͤgt, welcher uͤberzeugt ist, daß alle Wissenschaften, wie sie jetzt oͤffent- lich gelehrt werden, jederzeit vorhanden gewesen, nicht aber an allen Orten in gleichem Maaß, noch an ei- nem Orte in gleicher Zahl, sondern nach dem Geiste der Zeit, auf mancherley Weise veraͤndert, bald belebt und bluͤhend, bald unaufgeregt und auf eine finstre und rohe Weise mitgetheilt.“ Haben also durch alle Jahrhunderte in allen Kuͤn- sten und Wissenschaften die Menschen sich fleißig bear- beitet und geuͤbt, sind sie zu Erkenntnissen gelangt, eben so wie zu unsrer Zeit, obgleich auf eine veraͤnder- liche und schwankende Weise, wie es Zeit, Ort und Gelegenheit erlauben mochten; wie koͤnnten wir nun Dir Beyfall geben, und unsre Wissenschaft verwerfen als zweifelhaft und ungewiß? Sollten wir unsre Axiome Maximen und allgemeine Behauptungen abthun, die wir von unsern Vorfahren erhalten, und welche durch die scharfsinnigsten Menschen aller Zeiten sind gebilligt worden, und nun erst erwarten, daß eine Art und Wei- se ersonnen werde, welche uns, die wir indeß wieder zu Abcschuͤtzen geworden, durch die Umwegskruͤmmun- gen der besondern Erfahrungen, zur Erkenntniß gruͤnd- lich aufgestellter allgemeiner Saͤtze hinfuͤhren, damit so- dann wieder neue Grundfesten der Kuͤnste und Wissen- schaften gelegt wuͤrden: was duͤrfte von allem diesem das Ende seyn, als daß wir entbloͤßt von den Kennt- nissen, die wir besitzen, ermuͤdet durch die im Cir- kel wiederkehrenden Arbeiten, dahin gelangen, wo wir ausgegangen sind, gluͤcklich genug, wenn wir nur in den vorigen Zustand wieder zuruͤckversetzt werden. Mich daͤucht, so viele Bemuͤhungen voriger Jahrhun- derte koͤnnten uns gleich jetzt eines bessern uͤberzeugen und uns wohl getrost machen, als am Ziel stehend, endlich zu verharren.“ „Doch man glaube nicht, daß ich stolz das verwer- fe, was durch neue Erfindungen den Wissenschaften fuͤr eine Vermehrung zuwaͤchst: denn jenes Bemuͤhen ist edel und mit großem Lob zu erkennen; auch bringt es jedesmal Frucht und Nutzen in der Gegenwart. Nie- mals hat der Welt ein großer Haufe solcher Menschen gefehlt, welche sich bemuͤhen Neues aufzufinden und auszudenken; aber unsere Begriffe und Grundsaͤtze sind immer sowohl von solchen, als von den hoͤchsten Ge- lehrten dankbar aufgenommen worden.“ Nicht leicht koͤnnen sich Meynungen so schnurstracks entgegen stehen, als hier die Baconische und Bodleyi- sche, und wir moͤchten uns zu keiner von beyden aus- schließlich bekennen. Fuͤhrt uns jene in eine unabseh- bare Weite, so will uns diese zu sehr beschraͤnken. Denn wie von der einen Seite die Erfahrung graͤnzen- los ist, weil immer noch ein Neues entdeckt werden kann, so sind es die Maximen auch, indem sie nicht erstarren, die Faͤhigkeit nicht verlieren muͤssen, sich selbst auszudehnen um mehreres zu umfassen, ja sich in einer hoͤhern Ansicht aufzuzehren und zu verlieren. Denn wahrscheinlich versteht hier Bodley nicht et- wa die subjectiven Axiome, welche durch eine fortschrei- tende Zeit weniger Veraͤnderung erleiden, als solche, welche aus der Betrachtung der Natur entspringen und sich auf die Natur beziehen. Und da ist es denn nicht zu laͤugnen, daß dergleichen Grundsaͤtze der aͤltern Schu- len, besonders in Verbindung mit religioͤsen Ueberzeu- gungen, dem Fortschritt wahrer Naturansichten sehr unbequem im Wege standen. Auch ist es interessant zu bemerken, was eigentlich einem Manne wie Baco, der selbst wohl unterrichtet, gelehrt und nach aͤlterem Herkommen cultivirt war, besonders hinderlich geschie- nen, daß er sich gedrungen gefuͤhlt, auf eine so zer- stoͤrende Weise zu verfahren, und wie man im Spruͤch- worte sagt, das Kind mit dem Bade auszuschuͤtten. Revolutionaͤre Gesinnungen werden bey einzelnen Men- schen mehr durch einzelne Anlaͤsse als durch allgemeine Zustaͤnde erzeugt, und so sind uns in Bacons Schrif- ten einige solcher Axiome begegnet, die er mit beson- derm Verdrusse immer wieder aufsucht und verfolgt; z. B. die Lehre von den Endursachen die ihm hoͤchlich zuwider ist. In der Denkweise Bacons findet sich uͤbrigens manches, was auf den Weltmann hindeutet. Eben die- se Forderung einer graͤnzenlosen Erfahrung, das Ver- kennen, ja Verneinen gegenwaͤrtiger Verdienste, das Dringen auf Werkthaͤtigkeit hat er mit denjenigen ge- mein, die im Wirken auf eine große Masse und im Beherrschen und Benutzen ihrer Gegenwirkung das Le- ben zubringen. Wenn Baco ungerecht gegen die Vergangenheit war, so ließ ihm sein immer vorstrebender Geist auch eine ruhige Schaͤtzung der Mitwelt nicht zu. Wir wol- len hier nur Gilberts erwaͤhnen, dessen Bemuͤhungen um den Magneten dem Canzler Bacon bekannt seyn konnten und waren: denn er erwaͤhnt Gilberts selbst mit Lob in seinen Schriften. Aber wie wichtig die Gegenstaͤnde, Magnetismus und Electricitaͤt seyen, schien Baco nicht zu fassen, dem in der Breite der Erschei- nung alles gleich war. Denn ob er schon selbst immer darauf hindeutet, man solle die Particularien nur des- wegen sammeln, damit man aus ihnen waͤhlen, sie ordnen und endlich zu Universalien gelangen koͤnne; so behalten doch bey ihm die einzelnen Faͤlle zu viele Rech- te, und ehe man durch Induction, selbst diejenige, die er anpreist, zur Vereinfachung und zum Abschluß ge- langen kann, geht das Leben weg und die Kraͤfte verzehren sich. Wer nicht gewahr werden kann, daß ein Fall oft Tausende werth ist, und sie alle in sich schließt, wer nicht das zu fassen und zu ehren im Staͤnde ist, was wir Urphaͤnomene genannt haben, der wird weder sich noch andern jemals etwas zur Freude und zum Nutzen foͤrdern koͤnnen. Man sehe die Fragen an, die Baco aufwirft und die Vorschlaͤge zu Untersuchun- gen im Einzelnen; man bedenke seinen Tractat von den Winden in diesem Sinne, und frage sich, ob man auf diesem Wege an irgend ein Ziel zu gelangen hoffen koͤnne. Auch halten wir es fuͤr einen großen Fehler Ba- cons, daß er die mechanischen Bemuͤhungen der Hand- werker und Fabricanten zu sehr verachtete. Handwer- ker und Kuͤnstler, die einen beschraͤnkten Kreis zeitlebens durcharbeiten, deren Existenz vom Gelingen irgend eines Vorsatzes abhaͤngt, solche werden weit eher vom Parti- cularen zum Universalen gelangen, als der Philosoph auf Baconischem Wege. Sie werden vom Pfuschen zum Versuchen, vom Versuch zur Vorschrift, und was noch mehr ist, zum gewissen Handgriff vorschreiten, und nicht allein reden sondern thun und durch das Thun das Moͤgliche darstellen; ja sie werden es darstellen muͤssen, wenn sie es sogar laͤugnen sollten, wie der außeror- dentliche Fall sich bey Entdeckung der achromatischen Fernroͤhre gefunden hat. Technischen und artistischen abgeschlossenen Thaͤtig- keitskreisen sind die Wissenschaften mehr schuldig als hervorgehoben wird, weil man auf jene treu fleißige Menschen oft nur als auf werkzeugliche Thaͤtler hinab- sieht. Haͤtte jemand zu Ende des sechzehnten Jahr- hunderts sich in die Werkstaͤtten der Faͤrber und Ma- ler begeben und nur alles redlich und consequent aufge- zeichnet, was er dort gefunden; so haͤtten wir einen weit vollstaͤndigeren und methodischeren Beytrag zu un- serm gegenwaͤrtigen Zweck, als er uns durch Beant- wortung tausend Baconischer Fragen nicht haͤtte werden koͤnnen. Damit man aber nicht denke, daß dieses nur ein frommer Wunsch oder eine Forderung ins Blaue sey, so wollen wir unsers Laudsmannes Georg Agricola geden- ken, der schon in der ersten Haͤlfte des sechzehnten Jahr- hunderts, in Absicht auf das Bergwesen, dasjenige ge- leistet was wir fuͤr unser Fach haͤtten wuͤnschen moͤgen. Er hatte freylich das Gluͤck, in ein abgeschlossenes, schon seit geraumer Zeit behandeltes, in sich hoͤchst mannig- faltiges und doch immer auf einen Zweck hingeleitetes Natur- und Kunstwesen einzutreten. Gebirge aufge- schlossen durch Bergbau, bedeutende Naturproducte roh aufgesucht, gewaͤltigt, behandelt, bearbeitet, gesondert, gereinigt und menschlichen Zwecken unterworfen: dieses war es, was ihn als einen Dritten, denn er lebte im Gebirg als Bergarzt, hoͤchlich interessirte, indem er selbst eine tuͤchtige und wohl um sich der schauende Na- tur war, dabey Kenner des Alterthums, gebildet durch die alten Sprachen, sich bequem und anmuthig darin ausdruͤckend. So bewundern wir ihn noch jetzt in sei- nen Werken, welche den ganzen Kreis des alten und neuen Bergbaus, alter und neuer Erz- und Steinkunde umfassen und uns als ein koͤstliches Geschenk vorlie- gen. Er war 1494 geboren und starb 1555, lebte also in der hoͤchsten und schoͤnsten Zeit der neu hervorbre- chenden, aber auch sogleich ihren hoͤchsten Gipfel errei- chenden Kunst und Literatur. Wir errinnern uns nicht, daß Baco des Agricola gedenke, auch nicht, daß er das, was wir an diesem Manne so hoͤchlich schaͤtzen, an andern zu wuͤrdigen gewußt habe. Ein Blick auf die Umstaͤnde, unter welchen beyde Maͤnner gelebt, giebt zu einer heitern Vergleichung An- laß. Der mittellaͤndische Deutsche findet sich eingela- den, in dem abgeschlossenen Kreise des Bergwesens zu verweilen, sich zu concentriren und ein beschraͤnktes Ganzes wissenschaftlich auszubilden. Baco als ein meer- umgebener Insulaner, Glied einer Nation, die sich mit der ganzen Welt im Rapport sah, wird durch die aͤu- ßern Umstaͤnde bewogen, ins Breite und Unendliche zu gehen, und das unsicherste aller Naturphaͤnomene, die Winde, als Hauptaugenmerk zu fassen, weil Winde den Schifffahrern von so großer Bedeutung sind. Daß die Weltgeschichte von Zeit zu Zeit umge- schrieben werden muͤsse, daruͤber ist in unsern Tagen wohl kein Zweifel uͤbrig geblieben. Eine solche Noth- wendigkeit entsteht aber nicht etwa daher, weil viel Geschehenes nachentdeckt worden, sondern weil neue Ansichten gegeben werden, weil der Genosse einer fort- schreitenden Zeit auf Standpuncte gefuͤhrt wird, von welchen sich das Vergangene auf eine neue Weise uͤber- schauen und beurtheilen laͤßt. Eben so ist es in den Wissenschaften. Nicht allein die Entdeckung von bis- her unbekannten Naturverhaͤltnissen und Gegenstaͤnden, sondern auch die abwechselnden vorschreitenden Gesin- nungen und Meynungen veraͤndern sehr vieles und sind werth von Zeit zu Zeit beachtet zu werden. Besonders wuͤrde sichs noͤthig machen, das vergangene achtzehnte Jahrhundert in diesem Sinne zu controliren. Bey sei- nen großen Verdiensten hegte und pflegte es manche Maͤngel und that den vorhergehenden Jahrhunderten, besonders den weniger ausgebildeten, gar mannigfalti- ges Unrecht. Man kann es in diesem Sinne wohl das selbstkluge nennen, indem es sich auf eine gewisse klare Verstaͤndigkeit sehr viel einbildete, und alles nach ei- nem einmal gegebenen Maßstabe abzumessen sich ge- woͤhnte. Zweifelsucht und entscheidendes Absprechen wechselten mit einander ab, um eine und dieselbe Wir- kung hervorzubringen: eine duͤnkelhafte Selbstgenuͤg- samkeit, und ein Ablehnen alles dessen, was sich nicht sogleich erreichen noch uͤberschauen ließ. Wo findet sich Ehrfurcht fuͤr hohe unerreichbare Forderungen? Wo das Gefuͤhl fuͤr einen in unergruͤnd- liche Tiefe sich senkenden Ernst? Wie selten ist die Nachsicht gegen kuͤhnes mislungenes Bestreben! wie sel- ten die Geduld gegen den langsam Werdenden! Ob hierin der lebhafte Franzose oder der trockne Deutsche mehr gefehlt, und in wiefern beyde wechselseitig zu die- sem weit verbreiteten Tone beygetragen, ist hier der Ort nicht zu untersuchen. Man schlage diejenigen Wer- ke, Hefte, Blaͤtter nach, in welchen kuͤrzere oder laͤnge- re Notizen von dem Leben gelehrter Maͤnner, ihrem Charakter und Schriften gegeben sind; man durchsuche Dictionnaire, Bibliotheken, Nekrologen, und selten wird sich finden, daß eine problematische Natur mit Gruͤndlichkeit und Billigkeit dargestellt worden. Man kommt zwar den wackern Personen fruͤherer Zeiten dar- in zu Huͤlfe, daß man sie vom Verdacht der Zaube- rey zu befreyen sucht; aber nun thaͤte es gleich wieder Noth, daß man sich auf eine andre Weise ihrer an- naͤhme und sie aus den Haͤnden solcher Exorcisten aber- mals befreyte, welche, um die Gespenster zu vertreiben, sichs zur heiligen Pflicht machen, den Geist selbst zu verjagen. Wir haben bey Gelegenheit, als von einigen ver- dienten Maͤnnern, Roger Baco, Cardan, Porta, als von Alchymie und Aberglauben die Rede war, auf un- sere Ueberzeugungen hingedeutet, und dieß mit so mehr Zuversicht, als das neunzehnte Jahrhundert auf dem Wege ist, gedachten Fehler des vorangegangenen wie- der gut zu machen, wenn es nur nicht in den entge- gengesetzten sich zu verlieren das Schicksal hat. Was von Wiederbelebung der Malerkunst an, die großen Meister fuͤr das Colorit stufenweise geleistet, bringen wir zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts nach, da sich denn der ganze Gang, den dieser Theil der Kunst genommen, auf einmal wird uͤberschauen lassen. Und sollten wir nun nochmals einen Blick auf das sechzehnte Jahrhundert zuruͤckwerfen; so wuͤrden wir seine beyden Haͤlften von einander deutlich unter- schieden finden. In der ersten zeigt sich eine hohe Bil- dung, die aus Gruͤndlichkeit, Gewissenhaftigkeit, Ge- bundenheit und Ernst hervortritt. Sie ruht auf der zweyten Haͤlfte des funfzehnten Jahrhunderts. Was in dieser geboren und erzogen ward, glaͤnzt nunmehr in seinem ganzen Werth, in seiner vollen Wuͤrde, und die Welt erlebt nicht leicht wieder eine solche Erschei- nung. Hier zeigt sich zwar ein Conflict zwischen Au- toritaͤt und Selbstthaͤtigkeit, aber noch mit einem ge- wissen Maße. Beyde sind noch nicht von einander ge- trennt, beyde wirken auf einander, tragen und erhe- ben sich. In der zweyten Haͤlfte wird das Streben der In- dividuen nach Freyheit schon viel staͤrker. Schon ist es Jedem bequem, sich an dem Entstandenen zu bilden, das Gewonnene zu genießen, die freygemachten Raͤume zu durchlaufen; die Abneigung vor Autoritaͤt wird im- mer staͤrker, und wie einmal in der Religion protestirt worden, so wird durchaus und auch in den Wissen- schaften protestirt, so daß Baco von Verulam zuletzt wagen darf, mit dem Schwamm uͤber alles hinzufahren, was bisher auf die Tafel der Menschheit verzeichnet worden war. II. 16 Fuͤnfte Abtheilung. Siebzehntes Jahrhundert . W ir haben den Baco von Verulam am Ende des vorigen Jahrhunderts besprochen, dessen Leben noch in den vierten Theil des gegenwaͤrtigen heruͤberdauert, und dessen eigentlich wissenschaftliche Bemuͤhungen an das Ende seiner Laufbahn fallen. Doch hat sich der in sei- nen Schriften aufbewahrte, gegen die Autoritaͤt anstre- bende, protestirende, revolutionaͤre Sinn im vorigen Jahrhundert bereits entwickelt und zeigt sich nur bey Baco, bezuͤglich auf Naturwissenschaften, in seiner hoͤch- sten Energie. Wie nun eben diese Wissenschaften durch andre bedeutende Menschen nunmehr eine entgegengesetzte Rich- tung nehmen, ist die Aufgabe zu zeigen, wenn wir ei- niges uns bey dieser Gelegenheit Entgegentretende vor- her mitgetheilt haben. Allgemeine Betrachtungen. Wenn die Frage: welcher Zeit der Mensch eigent- lich angehoͤre? gewissermaßen wunderlich und muͤßig scheint, so regt sie doch ganz eigene Betrachtungen auf, die uns interessiren und unterhalten koͤnnten. Das Leben jedes bedeutenden Menschen, das nicht durch einen fruͤhen Tod abgebrochen wird, laͤßt sich in drey Epochen theilen, in die der ersten Bildung, in die des eigenthuͤmlichen Strebens, und in die des Ge- langens zum Ziele, zur Vollendung. Meistens kann man nur von der ersten sagen, daß die Zeit Ehre von ihr habe: denn erstlich deutet der Werth eines Menschen auf die Natur und Kraft der in seiner Geburts-Epoche Zeugenden; das Geschlecht, aus dem er stammt, manifestirt sich in ihm oͤfters mehr als durch sich selbst, und das Jahr der Geburt eines Jeden enthaͤlt in diesem Sinne eigentlich das wahre Nativitaͤts-Prognosticon mehr in dem Zusammentreffen irdischer Dinge, als im Aufeinanderwirken himmlischer Gestirne. Sodann wird das Kind gewoͤhnlich mit Freund- lichkeit aufgenommen, gepflegt und Jedermann erfreut sich dessen was es verspricht. Jeder Vater, jeder Leh- rer sucht die Anlagen nach seinen Einsichten und Faͤ- higkeiten bestens zu entwickeln, und wenigstens ist es der gute Wille, der alle die Umgebungen des Knaben 16 * belebt. Sein Fleiß wird gepriesen, seine Fortschritte werden belohnt, der groͤßte Eifer wird in ihm erregt, und ihm zugleich die thoͤrige Hoffnung vorgespiegelt, daß das immer stufenweise so fortgehn werde. Allein er wird den Irrthum nur allzubald gewahr: denn sobald die Welt den einzelnen Strebenden erblickt, sobald erschallt ein allgemeiner Aufruf, sich ihm zu wi- dersetzen. Alle Vor- und Mitwerber sind hoͤchlich be- muͤht, ihn mit Schranken und Graͤnzen zu umbauen, ihn auf jede Weise zu retardiren, ihn ungeduldig, ver- drießlich zu machen, und ihn nicht allein von außen, sondern auch von innen zum Stocken zu bringen. Diese Epoche ist also gewoͤhnlich die des Conflicts, und man kann niemals sagen, daß diese Zeit Ehre von einem Manne habe. Die Ehre gehoͤrt ihm selbst an und zwar ihm allein und den wenigen, die ihn beguͤn- stigen und mit ihm halten. Sind nun diese Widerstaͤnde uͤberwunden, ist die- ses Streben gelungen, das Angefangene vollbracht, so laͤßt sichs denn die Welt zuletzt wohl auch gefallen; aber auch dieses gereicht ihr keineswegs zur Ehre. Die Vorwerber sind abgetreten, den Mitwerbern ist es nicht besser gegangen, und sie haben vielleicht doch auch ihre Zwecke erreicht und sind beruhigt; die Nachwerber sind nun an ihrer Reihe der Lehre, des Raths, der Huͤlfe beduͤrftig, und so schließt sich der Kreis, oder vielmehr so dreht sich das Rad abermals, um seine immer er- neuerte wunderliche Linie zu beschreiben. Man sieht hieraus, daß es ganz allein von dem Geschichtschreiber abhange, wie er einen Mann einord- nen, wann er seiner gedenken will. So viel ist aber gewiß, wenn man bey biographischen Betrachtungen, bey Bearbeitung einzelner Lebensgeschichten, ein solches Schema vor Augen hat, und die unendlichen Abwei- chungen von demselben zu bemerken weiß; so wird man, wie an einem guten Leitfaden, sich durch die labyrin- thischen Schicksale manches Menschenlebens hindurch finden. Galileo Galilei . geb. 1564. gest. 1642 . Wir nennen diesen Namen mehr um unsere Blaͤt- ter damit zu zieren, als weil sich der vorzuͤgliche Mann mit unserm Fache beschaͤftigt. Schien durch die Verulamische Zerstreuungsmethode die Naturwissenschaft auf ewig zersplittert, so ward sie durch Galilei sogleich wieder zur Sammlung gebracht; er fuͤhrte die Naturlehre wieder in den Menschen zu- ruͤck und zeigte schon in fruͤher Jugend, daß dem Ge- nie Ein Fall fuͤr tausend gelte, indem er sich aus schwin- genden Kirchenlampen die Lehre des Pendels und des Falles der Koͤrper entwickelte. Alles kommt in der Wis- senschaft auf das an, was man ein Aper ç uͤ nennt, auf ein Gewahrwerden dessen, was eigentlich den Erschei- nungen zum Grunde liegt. Und ein solches Gewahr- werden ist bis ins Unendliche fruchtbar. Galilei bildete sich unter guͤnstigen Umstaͤnden und genoß die erste Zeit seines Lebens des wuͤnschenswer- thesten Gluͤckes. Er kam wie ein tuͤchtiger Schnitter zur reichlichsten Erndte und saͤumte nicht bey seinem Tagewerk. Die Fernroͤhre hatten einen neuen Himmel aufgethan. Viele neue Eigenschaften der Naturwesen, die uns mehr oder weniger sichtbar und greiflich um- geben, wurden entdeckt, und nach allen Seiten zu konn- te der heitere maͤchtige Geist Eroberungen machen. Und so ist der groͤßte Theil seines Lebens eine Reihe von herrlichen, glaͤnzenden Wirkungen. Leider truͤbt sich der Himmel fuͤr ihn gegen das Ende. Er wird ein Opfer jenes edlen Strebens, mit welchem der Mensch seine Ueberzeugungen andern mit- zutheilen gedraͤngt wird. Man pflegt zu sagen, des Menschen Wille sey sein Himmelreich; noch mehr fin- det er aber seine Seligkeit in seinen Meinungen, im Erkannten und Anerkannten. Vom großen Sinne des Copernicanischen Systems durchdrungen enthaͤlt sich Ga- lilei nicht, diese von der Kirche, von der Schule ver- worfne Lehre, wenigstens indirect, zu bestaͤtigen und aus- zubreiten; und beschließt sein Leben in einem traurigen Halbmaͤrtyrerthum. Was das Licht betrifft, so ist er geneigt es als et- was gewissermaßen materielles mittheilbares anzusehen: eine Vorstellungsart, zu der ihm die an dem bononischen Stein gemachte Erfahrung Anlaß gibt. Sich uͤber die Farbe zu erklaͤren lehnt er ab, und es ist nichts natuͤr- licher, als daß er, geschaffen sich in die Tiefen der Na- tur zu senken, er, dessen angebornes eindringendes Ge- nie durch mathematische Cultur ins Unglaubliche geschaͤrft worden war, zu der oberflaͤchlichen, wechselnden, nicht zu haschenden, leicht verschwindenden Farbe wenig An- muthung haben konnte. Johann Keppler . geb. 1571. gest. 1630 . Wenn man Kepplers Lebensgeschichte mit demjeni- gen was er geworden und geleistet zusammenhaͤlt, so geraͤth man in ein frohes Erstaunen, indem man sich uͤberzeugt, daß der wahre Genius alle Hindernisse uͤber- windet. Der Anfang und das Ende seines Lebens wer- den durch Familienverhaͤltnisse verkuͤmmert, seine mitt- lere Zeit faͤllt in die unruhigste Epoche, und doch dringt sein gluͤckliches Naturell durch. Die ernstesten Gegen- staͤnde behandelt er mit Heiterkeit und ein verwickeltes muͤhsames Geschaͤft mit Bequemlichkeit. Gibt er schriftlich Rechenschaft von seinem Thun, von seinen Einsichten, so ist es als wenn es nur ge- legentlich, im Vorbeygehen geschaͤhe, und doch findet er immer die Methode, die von Grund aus anspricht. An- dern sey es uͤberlassen seine Verdienste anzuerkennen und zu ruͤhmen, welche außer unserm Gesichtskreise lie- gen; aber uns ziemt es, sein herrliches Gemuͤth zu be- merken, das uͤberall auf das freudigste durchblickt. Wie verehrt er seinen Meister und Vorgesetzten Tycho! Wie schaͤtzt er die Verdienste dieses Mannes, der sich dem ganzen Himmel gewachsen fuͤhlte, insofern er sich durch die Sinne fassen und durch Instrumente bezwin- gen ließ. Wie weiß er diesen seinen Lehrer und Vor- gaͤnger auch nach dem Tode gegen unfreundliche An- griffe zu vertheidigen! Wie gruͤndlich und anmuthig beschreibt er, was an dem astronomischen Baue schon geleistet, was gegruͤndet, was aufgefuͤhrt, was noch zu thun und zu schmuͤcken sey! Und wie arbeitet er sein ganzes Leben unverruͤckt an der Vollendung! Indeß war Tycho bey allen seinen Verdiensten doch einer von den beschraͤnkten Koͤpfen, die sich mit der Natur gewissermaßen im Widerspruch fuͤhlen und deswegen das complicirte Paradoxe mehr als das ein- fache Wahre lieben und sich am Irrthum freuen, weil er ihnen Gelegenheit gibt ihren Scharfsinn zu zeigen; da derjenige, der das Wahre anerkennt, nur Gott und die Natur, nicht aber sich selbst zu ehren scheint, und von dieser letzten Art war Keppler. Jedes klare Ver- dienst klaͤrt ihn selbst auf; durch freye Beystimmung eilt er es sich zuzueignen. Wie gern spricht er von Copernikus! Wie fleißig deutet er auf das einzig schoͤne Aper ç uͤ, was uns die Geschichte noch ganz allein er- freulich machen kann, daß die aͤchten Menschen aller Zeiten einander voraus verkuͤnden, auf einander hin- weisen, einander vorarbeiten. Wie umstaͤndlich und ge- nau zeigt Keppler, daß Euklides Copernikisire! Eben so verhaͤlt er sich zu seinen Zeitgenossen. Dem Wilhelm Porta ertheilt er die anmuthigsten Lob- spruͤche, den herzlichsten Dank fuͤr die Entdeckung der Camera obscura, fuͤr die dadurch auf einmal erwei- terte Einsicht in die Gesetze des Sehens. Wie sein Sinn, so sein Ausdruck. Geuͤbt im Griechischen und Lateinischen fehlt es ihm an keiner Kenntniß des Alterthums, des gruͤndlichen sowohl als des schoͤnen, und er weiß sich nach Belieben auszu- druͤcken. Manchmal laͤßt er sich zu Unwissenden, ja zu Dummen herab; manchmal sucht er wenigstens all- gemein verstaͤndlich zu werden. Bey Erzaͤhlung von natuͤrlichen Ereignissen ist er klar und deutlich; bald aber, wenn er wirken, wenn er lebhaftere Eindruͤcke, entschiedenere Theilnahme hervorbringen will, dann fehlt es ihm nicht an Gleichnissen, Anspielungen und classischen Stellen. Da er die Sprache voͤllig in seiner Gewalt hat, so wagt er gelegentlich kuͤhne, seltsame Ausdruͤcke, aber nur dann, wenn der Gegenstand ihm unerreichbar scheint. So verfaͤhrt er bey Gelegenheit der Farbe, die er nur im Vorbeygehen behandelt, weil sie ihm, dem alles Maß und Zahl ist, von keiner Bedeutung seyn kann. Er bedient sich so wunderbarer Worte, um ihrer Natur einigermaßen beyzukommen, daß wir sie nicht zu uͤbersetzen wagen, sondern im Original hier einschalten: Color est lux in potentia, lux sepulta in pellucidi materia si jam extra visionem consi- deretur; et diversi gradus in dispositione materiae, caussâ raritatis et densitatis, seu pellucidi et tene- brarum; diversi item gradus luculae, quae materiae est concreta, efficiunt discrimina colorum. Die Auslegung davon laͤßt sich vielleicht eher in einer an- dern Sprache wiedergeben; sie ist folgende: „Denn da die Farben, welche man im Regenbo- gen sieht, von derselben Art sind, wie die der Koͤrper, so muͤssen sie auch einen gleichen Ursprung haben; jene aber entspringen nur aus den angefuͤhrten Ursachen. Denn wie das Auge seinen Platz verlaͤßt, so veraͤndert sich auch die Farbe, und zwar entspringen sie alle an der Graͤnze des Lichts und des Schattens; woraus er- hellet, daß sie aus einer Schwaͤchung des Lichtes und aus einem Ueberzug der waͤßrigen Materie entstehen. Deswegen werden auch die Farben der Koͤrper auf gleiche Weise entspringen und es wird nur der Unter- schied zwischen ihnen seyn, daß bey dem Regenbogen das Licht hinzutretend ist, bey den Farben aber einge- boren, auf die Weise wie in den Theilen vieler Thiere sich Lichter wirklich befinden. Wie nun die Moͤglich- keit der Waͤrme im Ingwer von der wirklichen Waͤrme im Feuer unterschieden ist, so scheint auch das Licht in der gefaͤrbten Materie vom Licht in der Sonne verschieden zu seyn. Denn dasjenige ist nur der Faͤhigkeit nach da, was sich nicht mittheilt, sondern innerhalb der Graͤnzen seines Gegenstandes gehalten wird, wie das Licht, das in den Farben verborgen ist, so lange sie nicht von der Sonne erleuchtet werden. Doch kann man nicht wis- sen, ob die Farben nicht in tiefer Nacht ihre Lichtlein umherstreuen.“ „Freylich hat dieser Gegenstand die Koͤpfe der scharf- sinnigsten Philosophen auf mancherley Weise in Uebung gesetzt, und wir finden uns gegenwaͤrtig weder im Fal- le noch im Stande seine Dunkelheit zu enthuͤllen. Woll- test Du mir aber den Einwurf machen, die Finsterniß sey eine Privation und koͤnne deshalb niemals etwas Positives, niemals eine active Eigenschaft werden, wel- che naͤmlich zu strahlen und sich auf den Waͤnden ab- zubilden vermoͤchte; so erwaͤhne ich der Kaͤlte dagegen, welche auch eine reine Privation ist und doch, bezuͤg- lich auf die Materie, als wirksame Eigenschaft er- scheint.“ Das Uebrige werden diejenigen, welche bey der Sache interessirt sind, bey ihm selbst nachsehen; nur bemerken wir noch, daß ihm verschiedene Hauptpuncte, die wir in der Rubrik von den physiologischen Farben behandelt haben, nicht unbekannt gewesen; daß naͤmlich helle und dunkle Bilder von gleichem Maß dem Auge als verschieden groß erscheinen, daß das Bild im Auge eine Dauer habe, daß lebhafte Lichteindruͤcke farbig ab- klingen. Erwaͤhnt er auch nur beylaͤufig dergleichen Er- scheinungen; so bemerkt man mit Vergnuͤgen, wie le- bendig alles mit seinem Hauptgeschaͤft zusammenhaͤngt, wie innig er alles was ihm begegnet auf sich zu be- ziehen weiß. Willebrord Snellius . geb. 1591. gest. 1626 . Nach Erfindung der Fernroͤhre draͤngte sich alles, um an ihrer Verbesserung zu arbeiten. Die Gesetze der Refraction, die man vorher nur empirisch und muͤhsam zu bestimmen wußte, wurden immer genauer untersucht; man kam immer mehr in Uebung, hoͤhere mathema- tische Formeln auf Naturerscheinungen anzuwenden, und so naͤherte sich Snellius dem gegenwaͤrtig allgemein bekannten Gesetze der Refraction, ob er es gleich noch nicht unter dem Verhaͤltniß der Sinus des Einfalls- und Brechungswinkels aussprach. Dieses in allen Lehrbuͤchern vorgetragene Gesetz brauchen wir hier nicht umstaͤndlicher auszufuͤhren; doch machen wir zwey Bemerkungen, die sich naͤher auf die Gegenstaͤnde unserer Behandlung beziehen. Snellius gruͤndete seine Messungen und Berech- nungen nicht auf den objectiven Versuch, da man naͤm- lich das Licht durch das Mittel hindurchfallen laͤßt, wo- bey das was man Brechung nennt zum Vorschein kommt; sondern auf den subjectiven, dessen Wirkung wir die Hebung genannt haben, weil ein durch das Mittel gesehener Gegenstand uns entgegenzutreten scheint. Er schreibt daher ganz richtig dem perpendicularen Strahl (wenn es doch einmal Strahl seyn soll) die vollkommne Hebung zu, wie man denn bey jedem voll- kommen perpendicularen Aufschauen auf einen glaͤser- nen Cubus ganz bequem erfahren kann, daß die darun- terliegende Flaͤche dem Auge vollkommen entgegentritt. Da man aber in der Folge sich bloß an den ob- jectiven Versuch hielt, als der das Phaͤnomen nur ein- seitig, das Verhaͤltniß der Sinus aber am besten aus- druͤckt; so fing man an zu laͤugnen, daß der perpendi- culare Strahl veraͤndert werde, weil man diese Ver- aͤndrung unter der Form der Brechung nicht gewahr wird und kein Verhaͤltniß der Sinus dabey statt ha- ben kann. Schon Huygens, durch den die Entdeckung des Snellius eigentlich bekannt wurde, protestirt gegen die Veraͤnderung des perpendicularen Strahls und fuͤhrt seine saͤmmtlichen Nachfolger in Irrthum. Denn man kann ganz allein von der Wirkung der Mittel auf Licht und beleuchtete Gegenstaͤnde sich einen Begriff machen, wenn man beyde Faͤlle, den objectiven und subjectiven, den Fall des Brechens und Hebens, das wechselseitige Verhaͤltniß des dichten Mittels zum duͤnnen, des duͤn- nen zum dichten, zugleich faßt und eins durch das an- dere ergaͤnzt und erklaͤrt. Woruͤber wir an seinem Orte das nothwendigste gesagt haben. (E. 187. 188) Die andere Betrachtung, die wir hier nicht uͤber- gehen duͤrfen, ist die, daß man die Gesetze der Bre- chung entdeckt, und der Farben, die doch eigentlich durch sie manifestirt werden sollen, gar nicht gedenkt; wel- ches ganz in der Ordnung war. Denn in parallelen Mitteln, welche man zu jenem Grundversuch der Bre- chung und Hebung benutzt, laͤßt sich die Farben-Er- scheinung zwar an der Graͤnze von Licht und Schatten deutlich sehen, aber so unbedeutend, daß man uͤber sie recht wohl hinausgehen konnte. Wir wiederholen hier was wir schon fruͤher urgirt: (E. 195. 196.) Gaͤbe es eine wirklich verschiedene Brechbarkeit, so muͤßte sie sich bey Brechung jeder Art manifestiren. Aber diese Lehre ist, wie wir bereits gesehen haben und noch kuͤnf- tig sehen werden, nicht auf einen einfachen natuͤrli- chen Fall, sondern auf einen kuͤnstlich zusammengesetz- ten gebaut, und sie kann daher nur demjenigen wahr vorkommen, der sich in einer solchen gemachten Ver- wirrung gefallen mag; jedem hingegen muß sie falsch erscheinen, der aus dem Freyen kommt oder ins Freye gelangt. Was sonst von Snellins und seiner Lehre zu sa- gen ist, findet sich in allen Schriften, die von dieser Materie handeln. Vorstehendes war geschrieben, als uns zufaͤlliger Weise bekannt wurde, Isaac Vossius, von welchem spaͤterhin noch die Rede seyn wird, sey gleichfalls der Ueberzeugung gewesen, daß dasjenige, was man Re- fraction zu nennen pflegt, auch im Perpendikel wirke. Er hatte die drey optischen Buͤcher des Willebrord Snellius im Manuscripte gelesen und sich dessen An- sichten zu eigen gemacht. Dabey erzaͤhlt er, daß er zu Bruͤssel vor der Koͤniginn von Schweden diese seine Meynung vorgetragen, jedoch einen allgemeinen Wider- spruch gefunden; ja man habe ihm vorgeworfen, daß er gegen die ersten Grundsaͤtze suͤndige. Nachdem aber die Gesellschaft durch den Augenschein uͤberzeugt worden, so habe man die Sache in einen Wortstreit gespielt und gesagt: incidi quidem radium, non ta- men frangi. Er fuͤhrt darauf aus den Werken des Snellius eine Demonstration des subjectiven Versuchs an, wodurch die stufenweise Hebung ins Klare gesetzt wird. Antonius De Dominis . umgekommen 1624 . De radiis visus et lucis in vitris perspectivis et iride tractatus Marci Antonii de Dominis, per Joannem Bartolum in lucem editus Venetiis 1611. Durch dieses Werk von nicht großem Umfange ist der Verfasser unter den Naturforschern beruͤhmt gewor- den und zwar mit Recht: denn man erkennt hier die Arbeit eines unterrichteten, in mathematischen und phy- sischen Dingen wohlgeuͤbten Mannes, und was mehr ist, eines originellen Beobachters. Hier wird ein Aus- zug an der rechten Stelle seyn. Das Werk enthaͤlt im ersten Capitel die erste oͤffent- liche Bekanntmachung der Theorie der Fernglaͤser. Nachdem sodann der Verfasser verschiedene allgemeine mathematische und physische Grundsaͤtze vorausgeschickt, welche das Licht und das Sehen betreffen, kommt er zu Ende des dritten Capitels auf der neunten Seite zu den Farben, welche bey der Refraction erscheinen, und aͤußert sich daruͤber folgendermaßen. „Außer den eigenen Farben der Koͤrper, welche in den Koͤrpern selbst verharren, sie moͤgen nun aus welcher Ursache sie wollen entspringen und entstehen, gibt es in der Natur einige wechselbare und veraͤnder- liche Farben, welche man emphatische und erscheinende nennt und welche ich die glaͤnzenden zu nennen pflege. Daß diese Farben aus dem Lichte entspringen, daran habe ich keinen Zweifel, ja sie sind nichts anders als das Licht selbst: denn wenn in einem Koͤrper reines Licht sich befindet, wie in den Sternen und dem Feuer, und er verliert aus irgend einer Ursache sein Funkeln; so wird uns ein solcher Koͤrper weiß. Mischt man dem Licht irgend etwas Dunkles hinzu, wodurch jedoch das ganze Licht nicht verhindert oder ausgeloͤscht wird, so entstehen die Farben dazwischen. Denn deshalb wird unser Feuer roth, weil es Rauch bey sich fuͤhrt, der es verdunkelt. Deshalb auch roͤthen sich Sonn’ und Ge- stirne nah am Horizont, weil die dazwischen tretenden Duͤnste solche verdunkeln. Und solcher mittleren Farben koͤnnen wir eigentlich drey zaͤhlen. Die erste Beymi- schung des Dunklen, welche das Weiße einigermaßen ver- dunkelt, macht das Licht roth: und die rothe Farbe ist die leuchtendste der Mittelfarben zwischen den beyden Enden, dem Weißen und Schwarzen, wie man es deut- lich in dem laͤnglichen dreykantigen Glase sieht. Der Sonnenstrahl naͤmlich, der das Glas bey dem Winkel durchdringt, wo die geringste Dicke ist und also auch die geringste Dunkelheit, tritt hochroth heraus; zunaͤchst folgt das Gruͤn bey zunehmender Dicke; endlich das Violette bey noch groͤßerer Dicke: und so nimmt nach Verhaͤltniß der Staͤrke des Glases auch die Verdunklung zu oder ab.“ „Eine etwas mehrere Dunkelheit bringt, wie gesagt, das Gruͤne hervor. Waͤchst die Dunkelheit, so wird die Farbe blau oder violett, welche die dunkelste ist aus allen Mittelfarben. Waͤchst nun die Dunkelheit noch mehr, so loͤscht sie das ganze Licht aus und die Schwaͤrze bleibt, obgleich die Schwaͤrze mehr eine Be- raubung des Lichts als eine wirkliche Farbe ist; des- wegen auch das Auge die Finsterniß selbst und sehr schwarze Koͤrper fuͤr eins haͤlt. Die uͤbrigen Farben aber sind aus diesen zusammengesetzt.“ „Die Dunkelheit aber verwandelt das Licht in eine glaͤnzende Farbe, nicht allein wenn sie sich mit dem II. 17 leuchtenden Koͤrper selbst vermischt, wie es beym Feuer geschieht, sondern auch wenn sie zwischen das Licht und das Auge gebracht wird, dergestalt, daß das Licht, wenn es durch einen etwas dunklen Koͤrper, dessen Durchsichtigkeit nicht ganz aufgehoben ist, durchgeht, nothwendig gefaͤrbt wird, und so gefaͤrbt, nicht allein vom Auge, sondern auch oft von jedem andern Koͤrper, farbig aufgenommen wird. So erscheint uns die Son- ne beym Auf- und Untergang roth, nicht weiß, wie im Mittage, und so wird das Licht, wenn es durch ein Glas von ungleicher Dicke, jedoch von bedeutender Masse, wie jene dreykantigen Prismen sind, oder durch ein glaͤsernes mit Wasser gefuͤlltes Gefaͤß, oder durch ein gefaͤrbtes Glas hindurch geht, gefaͤrbt. Daher werden auch die fernliegenden Berge unter einer blauen Farbe gesehen. Denn die große Ferne verdunkelt, we- gen der Menge des Mittels und durch das einigerma- ßen Koͤrperliche des Dunkeln, alle Lichter, die nicht so maͤchtig sind als das der Sonne, verdunkelt auch die er- leuchteten Gegenstaͤnde und macht sie blau. So scheint uns gleichfalls der Ferne wegen das Licht des Him- mels blau. Was aber eine gar zu schwache Farbe hat, wird auch wohl schwarz.“ Diejenigen unsrer Leser, welche den Entwurf unse- rer Farbenlehre wohl inne haben, werden selbst beur- theilen, in wiefern der Verfasser sich der Wahrheit ge- naͤhert, in wiefern noch manches Hinderniß einer rei- nen Einsicht in die Dinge ihm entgegen gestanden. Merkwuͤrdig ist, daß er im prismatischen Bild nur drey Farben gesehen, welches andeutet, daß er auch ein sehr kleines Bild gehabt und es verhaͤltnißmaͤßig sehr weit von dem Ausfallen aus dem Prisma aufgefangen, wie er denn auch das Weiße zwischen den beyden Raͤn- dern nicht bemerkt. Das Uebrige wissen wir nun aus der Lehre vom Truͤben weit besser zu entwickeln. Hierauf traͤgt er im vierten Capitel noch verschie- dene mathematische Propositionen vor, die ihm zu sei- ner Deduction noͤthig scheinen. Endlich gelangt er zu einem runden durchsichtigen Koͤrper und zeigt, erstlich, wie von demselben das auffallende Licht zuruͤckgeworfen werde, und nun geht er seinem Ziele entgegen, indem er auf der dreyzehnten und vierzehnten Seite umstaͤnd- lich anzeigt, was auf der innern hintern concaven Flaͤche des runden durchsichtigen Koͤrpers, welche wie ein Hohl- spiegel wirkt, vorgehe. Er fuͤgt eine Figur hinzu, wel- che, wenn man sie recht versteht, das Phaͤnomen in seinem Umfange und seiner Complication, wo nicht vollstaͤndig darstellt, jedoch sich demselben weit mehr naͤhert, als diejenigen einfacheren Figuren, welche Des- cartes theils aus ihm genommen, theils nach ihm ge- bildet. Uebrigens wird sich in der Folge zeigen, daß eben dasjenige, was auf dem Grunde des durchsichti- gen Koͤrpers vorgeht, mit Linearzeichnung keinesweges dargestellt werden kann. Bey der Figur des De Domi- nis tritt uͤberdieß noch ein sonderbarer Fall ein, daß gerade diese sehr complicirte Hauptfigur, die wegen ih- rer Wichtigkeit viermal im Buche vorkommt, durch die Ungeschicklichkeit des Holzschneiders in ihren Haupt 17 * puncten undeutlich und wahrscheinlich deshalb fuͤr die Nachfolger des Verfassers unbrauchbar geworden. Wir haben sie nach seiner Beschreibung wiederhergestellt und werden sie unter unsern Tafeln beybringen, wie wir denn jetzt seine Erklaͤrung derselben, worin das Verdienstliche seiner Beobachtung und Entdeckung ruht, uͤbersetzt mittheilen. „Jener sphaͤrische durchsichtige Koͤrper, solid oder ausgefuͤllt, außerdem daß er von seiner erhoͤhten Ober- flaͤche die Strahlen gedachtermaßen zuruͤckwirft, bewirkt noch einen andern Widerschein des Lichtes, der mit ei- niger Refraction verbunden ist: denn der Lichtstrahl aus dem Mittelpuncte des leuchtenden Koͤrpers b dringt ungebrochen gerade bis nach v durchs Centrum a, da er perpendicular ist; die Strahlen aber bc und bd werden in c und d gebrochen, nach der Perpendicu- lare zu, und dringen gleichfalls nach dem Grunde g und weiter nach v; daselbst bringen sie viel Licht zu- sammen, vereint mit den inneren Strahlen br und bo, welche an den Puncten r und o gebrochen nach g ge- langen, auf dem Hohlgrunde der Kugel a; welches auch die uͤbrigen Strahlen thun, welche von b her auf die ganze erhoͤhte Flaͤche von c bis d fallen.“ „Aber indessen dringen nicht nur die gebrochnen und um den Grund g versammelten Strahlen zum Theil hindurch und vereinigen sich in v, wo sie Feuer anzuͤnden koͤnnen; sondern sie werden auch großentheils, gleichfalls mit verstaͤrktem Licht wegen ihrer Versamm- lung, vom Grunde g zuruͤckgeworfen, welcher Grund g dieses vervielfaͤltigte Licht, nach dem Gesetz der Wider- scheine aus einer Hohlkugel, auf mancherley Weise zu- ruͤckwirft. Wobey zu bedenken ist, daß einige Abaͤnde- rung statt findet, weil die Zuruͤckwerfung nach den eben erwaͤhnten Brechungen geschieht und weil nicht allein die auf die Kugel a, aus dem Mittelpuncte des leuch- tenden Koͤrpers b, fallenden Strahlen, sondern auch un- zaͤhlige andre von dem großen und leuchtenden Koͤrper wie die Sonne ist, alle naͤmlich die aus t und p, in- gleichen von dem ganzen Umfange t. q. p hervortreten, zuruͤckgeworfen werden. Welche Abweichung aber hier mit Demonstrationen zu beweisen nicht die Muͤhe lohnte.“ „Genug daß ich durch die deutlichsten Versuche ge- funden habe, sowohl in Schalen, welche mit Wasser gefuͤllt worden, als auch in Glaskugeln gleichfalls ge- fuͤllt, welche ich zu diesem Endzwecke verfertigen las- sen, daß aus dem Grunde g, welcher der Sonne ge- rade entgegenstehet, außer der Refraction, welche nach v zu geschieht, eine doppelte Reflexion geschehe: einmal gleich gegen die Seite f und e im Cirkel; sodann aber gegen die Sonne, naͤchst gegen die Perpendiculare b a, nach dem vordern Theile h und i, gleichfalls im Cir- kel, und nicht durch eine einzige untheilbare Linie, son- dern durch mehrere nach allen Seiten hin mit einiger Breite, (wie in der ersten Reflexion gf. gn. gm; in der andern aber gi. gk. gl; ) welche Breite theils ent- springt aus den Brechungen, welche innerhalb der Kugel geschehen, wodurch mehrere Strahlen versammlet wer- den, zum Theil aus der großen Breite des leuchtenden Koͤrpers p. q. t , wie wir kurz vorher gesagt.“ Da wir uns genoͤthigt sehen, in der Folge dem Regenbogen einen besondern Aufsatz zu widmen, um zu zeigen, daß bey diesem Meteor nichts anderes vor- gehe, als das was wir in unserm Entwurf von den Farben, welche bey Gelegenheit der Refraction entste- hen, umstaͤndlich ausgefuͤhrt haben; so muß das bis- her mitgetheilte als Material zu jenem Behuf ruhen und liegen bleiben; nur bemerken wir, daß dasjenige, was im Tropfen vorgeht, keinesweges durch eine Linear- zeichnung, welche nur Grundrisse und Durchschnitte geben kann, sondern durch eine Perspectivische darzu- stellen ist, wie unser De Dominis zuletzt selbst andeu- tet in den Worten: „und nicht durch eine einzige un- theilbare Linie, sondern durch mehrere nach allen Sei- ten hin mit einiger Breite.“ Wir geben nunmehr von seinem weitern Verfahren Rechenschaft. Vom fuͤnften Capitel bis zum neunten einschließ- lich handelt er von den Fernroͤhren und dem was sich darauf bezieht. Im zehnten von den vorzuͤglichsten Meynungen uͤber den Regenbogen. Er traͤgt die Ge- sinnungen des Albertus Magnus aus dessen drittem Buch der Meteore und dessen vierzehntem Capitel, die des Cardanus aus dem vierten Buch de subtilitate, des Aristoteles aus den Meteoren vor. Alle nehmen an, daß die Farben aus einer Schwaͤchung der Lichtstrah- len entstehen, welche nach jenen beyden, durch die Masse der Duͤnste, nach letzterem, durch mehr oder minder starke Reflexion der sich vom Perpendikel mehr oder weniger entfernenden Strahlen bewirkt werde. Vitellio haͤlt sich nahe an den Aristoteles, wie auch Piccoluomini. Im elften Capitel werden die vorgemeldeten Mey- nungen uͤber die Farben bearbeitet und widerlegt. Im zwoͤlften ausgefuͤhrt, woher die runde Gestalt des Re- genbogens komme. Im dreyzehnten der wahre Ur- sprung des Regenbogens voͤllig erklaͤrt: es werden naͤmlich Tropfen erfordert und durch eine Figur gezeigt, wie das Sonnenlicht aus dem Grunde des Tropfens nach dem Auge reflectirt werde. Hierauf wendet er sich zu den Farben und erklaͤrt sie nach seiner sechsten und siebenten Proposition im dritten Capitel, die wir oben uͤbersetzt haben, wonach die Farben in ihrer Leb- haftigkeit vom Rothen durchs Gruͤne bis zum Blauen abnehmen sollen. Hier wird sodann die Hauptfigur wiederhohlt und daraus, daß der Strahl gf nach der Reflexion durch eine geringere Glasmasse durchgehe als die Strahlen gm und gn, die Farbenabstufung dersel- ben dargethan. Zur Ursache der Breite des Regenbo- gens gibt er jene Breite der farbigen Reflexion an, die er schon oben nach der Erfahrung dargelegt. Das vierzehnte Capitel beschaͤftigt sich mit dem aͤußern Regenbogen und mit Erzaͤhlung und Widerle- gung verschiedener Meynungen daruͤber. Im funfzehn- ten Capitel jedoch sucht er denselben zu erklaͤren. Er gebraucht hiezu wieder die Hauptfigur, leitet den zwey- ten Regenbogen von den Strahlen gi gk gl ab und die verschiedene Faͤrbung derselben, von der mehr oder minder starken Reflexion. Man sieht also, daß er sich hier dem Aristoteles naͤhert, wie bey Erklaͤrung der Farben des ersten Regenbogens dem Albertus Magnus und dem Cardan. Das sechzehnte Capitel sammelt einige Corollarien aus dem schon Gesagten. Das siebzehnte traͤgt noch einige Fragen uͤber den Regenbogen vor und beantwor- tet sie. Im achtzehnten wird abgehandelt, wie der Regenbogen mit den Hoͤfen, Wettergallen und Neben- sonnen uͤbereintreffe und wie er von ihnen verschieden sey. In diesen drey Capiteln, den letzten der Abhand- lung, steht noch manches Gute, das nachgesehen und genutzt zu werden verdient. Franciscus Aguilonius . Geb. 1567. gest. 1617 . Er war Jesuit zu Bruͤssel und gab 1613 seine Optik in Folio heraus zu Antwerpen. Ihr sollten noch die Dioptrik und Catoptrik folgen, welches durch seinen Tod, der 1617, als er funfzig Jahr alt war, erfolgte, verhindert wurde. Man sieht seinem Werke die Ruhe des Klosters an, die bey einer Arbeit bis ins Einzelnste zu gehen erlaubt; man sieht die Bedaͤchtlichkeit eines Lehrers, der nichts zuruͤcklassen will. Daher ist das Werk ausfuͤhrlich, umstaͤndlich, ja uͤberfluͤssig durchgearbeitet. Betrachtet man es aber als einen Diskurs, als einen Vortrag, so ist es, besonders Stellenweise, angenehm und unterhaltend, und weil es uns mit Klarheit und Genauigkeit in fruͤhere Zeiten zuruͤckfuͤhrt, auf manche Weise belehrend. Hier steht die Autoritaͤt noch in ihrer voͤlligen Wuͤrde: die griechischen Urvaͤter der Schulen, ihre Nachfolger und Commentatoren, die neueren Lichter und Forscher, ihre Lehre, ihre Controversen, bey wel- chen ein oder der andre Theil durch Gruͤnde beguͤn- stiget wird. Indessen kann man nicht laͤugnen, daß der Verfasser, indem er seinem Nachfolger nichts zu thun uͤbrig lassen moͤchte, im Theoretischen sich bis ins Kleinliche und im Practischen bis in die Kuͤnste- ley verliert; wobey wir ihn jedoch immer als einen ernsten und tuͤchtigen Mann zu schaͤtzen haben. Was die Farbe und das damit zunaͤchst Ver- wandte betrifft, so ist ihm das vom Plato sich her- schreibende und von uns so oft urgirte Disgregiren und Colligiren des Auges, jenes erste durch das Licht und das Weiße, dieses letztere durch Finsterniß und das Schwarze, wohl bekannt und merkwuͤrdig, doch mehr im pathologischen Sinne, in so fern das Helle das Auge blendet, das Finstere ihm auf eine negative Weise schadet. Der reine physiologische Sinn dieser Erscheinung mag ihm nicht aufgegangen seyn, wor- uͤber wir uns um so weniger wundern werden, als Hamberger solche der gesunden Natur gemaͤße, zum reinen Sehen unumgaͤnglich nothwendige Bedingungen gleichfalls fuͤr krankhaft und fuͤr vitia fugitiva er- klaͤrt hat. Das Weiße und Schwarze nun setzt er an die beyden Enden, dazwischen in eine Reihe Gelb, Roth und Blau, und hat also fuͤnf Farben auf einer Linie, welches ein ganz huͤbsches Schema gibt, indem das Gelbe zunaͤchst an dem Weißen, das Blaue an dem Schwarzen und das Rothe in der Mitte steht, welche saͤmmtlich mit einander durch Halbzirkel verbunden sind, wodurch die Mittelfarben angedeutet werden. Daß nach den verschiedenen Erscheinungsarten die Farben eingetheilt werden muͤssen, kommt bey ihm auf eine entschiedenere Weise als bisher zur Sprache. Er theilt sie in wahre, apparente und intentionelle Farben. Da nun die intentionellen, wie wir nachher sehen werden, keinen richtigen Eintheilungsgrund hinter sich haben, die physiologischen aber fehlen; so quaͤlt er sich ab, die verschiedenen Erscheinungsfaͤlle unter diese Rubriken zu bringen. Die wahren Farben werden den Eigenschaften der Koͤrper zugeschrieben, die apparenten fuͤr unerklaͤr- lich, ja als ein goͤttliches Geheimniß angesehen, und doch gewissermaßen wieder als zufaͤllig betrachtet. Er bedient sich dabey eines sehr artigen und unuͤbersetz- lichen Ausdrucks: penduli in medio diaphano ober- rant, ceu extemporaneae quaedam Lucis affectiones . Die Hauptfragen, wie sie Aristoteles schon beruͤhrt, kommen zur Sprache, und gegen Plato wird polemi- sirt. Was uͤberhaupt hievon und sonst noch brauchbar ist, haben wir am gehoͤrigen Orte eingeschaltet. Daß jede Farbe ihre eigene Wirkung aufs Gesicht habe, wird behauptet und ausgefuͤhrt; doch gleichfalls mehr patho- logisch als physiologisch. Intentionelle Farben . Da wir der intentionellen Farben in unserm Entwurf nicht besonders gedacht haben, und dieser Ausdruck in den Schriftstellern, vorzuͤglich auch in dem gegenwaͤrtigen, vorkommt; so ist unsre Pflicht, wenigstens historisch, dieser Terminologie zu gedenken, und anzuzeigen, wie sie mit den uͤbrigen Lehren und Gesinnungen jener Zeit zusammenhaͤngt. Man ver- zeihe uns, wenn wir, der Deutlichkeit wegen, etwas weit auszuhohlen scheinen. Die Poesie hat in Absicht auf Gleichnißreden und uneigentlichen Ausdruck sehr große Vortheile vor allen uͤbrigen Sprachweisen, denn sie kann sich eines jeden Bildes, eines jeden Verhaͤltnisses nach ihrer Art und Bequemlichkeit bedienen. Sie vergleicht Geistiges mit Koͤrperlichem und umgekehrt; den Gedanken mit dem Blitz, den Blitz mit dem Gedanken, und dadurch wird das Wechselleben der Weltgegenstaͤnde am besten ausgedruͤckt. Die Philosophie auf ihren hoͤchsten Punc- ten bedarf auch uneigentlicher Ausdruͤcke und Gleichniß- reden, wie die von uns oft erwaͤhnte, getadelte und in Schutz genommene Symbolik bezeugt. Nur leiden die philosophischen Schulen, wie uns die Geschichte belehrt, meistentheils daran, daß sie, nach Art und Weise ihrer Stifter und Hauptlehrer, meist nur einseitige Symbole brauchen, um das Gan- ze auszudruͤcken und zu beherrschen, und besonders die Einen durchaus das Koͤrperliche durch geistige Sym- bole, die Andern das Geistige durch koͤrperliche Sym- bole bezeichnen wollen. Auf diese Weise werden die Gegenstaͤnde niemals durchdrungen; es entsteht viel- mehr eine Entzweyung in dem was vorgestellt und bezeichnet werden soll, und also auch eine Discrepanz in denen, die davon handeln, woraus alsbald ein Widerwille auf beyden Seiten entspringt und ein Parteyfinn sich befestigt. Wenn man von intentionellen Farben spricht, so ist es eigentlich eine Gleichnißrede, daß man den Far- ben wegen ihrer Zartheit und Wirkung eine geistige Natur zuschreibt, ihnen einen Willen, eine Absicht un- terlegt. Wer dieses fassen mag, der wird diese Vorstel- lungsart anmuthig und geistreich finden, und sich daran, wie etwa an einem poetischen Gleichnisse, er- getzen. Doch wir muͤssen diese Denkart, diesen Ausdruck bis zu ihrer Quelle verfolgen. Man erinnere sich, was wir oben von der Lehre des Roger Baco mitgetheilt, die wir bey ihm auf- gegriffen haben, weil sie uns da zunaͤchst im Wege lag, ob sie sich gleich von weit fruͤheren Zeiten her- schreibt: daß sich naͤmlich jede Tugend, jede Kraft, jede Tuͤchtigkeit, alles dem man ein Wesen, ein Da- seyn zuschreiben kann, ins unendliche vervielfaͤltigt und zwar dadurch, daß immerfort Gleichbilder, Gleichnisse, Abbildungen als zweyte Selbstheiten von ihm ausgehen, dergestalt daß diese Abbilder sich wieder darstellen, wirksam werden, und indem sie immer fort und fort reflectiren, diese Welt der Erscheinungen ausmachen. Nun liegt zwischen der wirkenden Tugend und zwischen dem gewirkten Abbild ein Drittes in der Mitte, das aus der Wirklichkeit des Ersten und aus der Moͤglich- keit des Zweyten zusammengesetzt scheint. Fuͤr dieses Dritte, was zugleich ist und nicht ist, was zugleich wirkt und unwirksam bleiben kann, was zugleich das allerhoͤchste Schaffende und in demselben Augenblicke ein vollkommenes Nichts ist, hat man kein schick- licheres Gleichniß finden koͤnnen, als das menschliche Wollen, welches alle jene Widerspruͤche in sich verei- nigt. Und so hat man auch den wirksamen Naturgegen- staͤnden, besonders denjenigen, die uns als thaͤtige Bil- der zu erscheinen pflegen, dem Lichte so wie dem Erleuch- teten, welche beyde nach allen Orten hin sich zu aͤußern bestimmt sind, ein Wollen, eine Intention gegeben und daher das Abbild ( species ), in so fern es noch nicht zur Erscheinung kommt, intentionell genannt, indem es, wie das menschliche Wollen, eine Realitaͤt, eine Noth- wendigkeit, eine ungeheure Tugend und Wirksamkeit mit sich fuͤhrt, ohne daß man noch etwas davon ge- wahr wuͤrde. Vielleicht sind ein Paar sinnliche Bey- spiele nicht uͤberfluͤssig. Es befinde sich eine Person in einem großen von rohen Mauern umgraͤnzten Saal, ihre Gestalt hat die Intention, oder wie wir uns in unserm Entwurfe mit einem gleichfalls sittlichen Gleichniß ausgedruͤckt haben, das Recht sich an allen Waͤnden abzuspiegeln; allein die Bedingung der Glaͤtte fehlt. Denn das ist der Unterschied der urspruͤnglichen Tugenden von den abgebildeten, daß jene unbedingt wirken, diese aber Bedingnissen unterworfen sind. Man gebe hier die Bedingung der Glaͤtte zu, man polire die Wand mit Gipsmoͤrtel oder behaͤnge sie mit Spiegeln, und die Gestalt der Persoͤnlichkeit wird ins Tausendfaͤltige ver- mehrt erscheinen. Man gebe nun dieser Persoͤnlichkeit etwa noch einen eitlen Sinn, ein leidenschaftliches Verlangen sich abgespiegelt zuruͤckkehren zu sehen, so wuͤrde man mit einem heiteren Gleichnisse die intentionellen Bilder auch eitle Bilder nennen koͤnnen. Noch ein andres Beyspiel gebe endlich der Sache voͤllig den Ausschlag. Man mache sich auf den Weg zu irgend einem Ziele, es stehe uns nun vor den Au- gen, oder bloß vor den Gedanken; so ist zwischen dem Ziel und dem Vorsatz etwas das beyde enthaͤlt, naͤm- lich die That, das Fortschreiten. Dieses Fortschreiten ist so gut als das Ziel: denn dieses wird gewiß erreicht, wenn der Entschluß fest und die Bedingungen zulaͤnglich sind; und doch kann man dieses Fortschreiten immer nur intentionell nen- nen, weil der Wanderer noch immer so gut vor dem letzten Schritt als vor dem ersten paralysirt wer- den kann. Intentionelle Farben, intentionelle Mischungen derselben sind also solche, die innerhalb des Durch- sichtigen der Bedingung sich zu manifestiren entbehren. Die Bedingung aber, worunter jede Farbe nur er- scheinen kann, ist eine doppelte: sie muß entweder ein Helles vor sich und ein Dunkles hinter sich, oder ein Dunkles vor sich und ein Helles hinter sich haben, wie von uns anderwaͤrts umstaͤndlich ausgefuͤhrt wor- den. Doch stehe hier noch ein Beyspiel, um dem Ge- sagten die moͤglichste Deutlichkeit zu geben. Das Sonnenlicht falle in ein reines Zimmer zu den offnen Fenstern herein und man wird in der Luft, in dem Durchsichtigen, den Weg des Lichtes nicht bemerken; man errege Staub und sogleich ist der Weg, den es nimmt, bezeichnet. Dasselbe gilt von den apparen- ten Farben, welche ein so gewaltsames Licht hinter sich haben. Das prismatische Bild wird sich auf seinem Wege vom Fenster bis zur Tafel kaum auszeichnen; man errege Staub und besonders von weißem Puder, so wird man es vom Austritt aus dem Prisma bis zur Tafel begleiten koͤnnen: denn die Intention sich abzu- bilden wird jeden Augenblik erfuͤllt, eben so als wenn ich einer Colonne Soldaten entgegen und alsdann gerade durch sie hindurch ginge, wo mit jedem Manne der Zweck, das Regiment zu erreichen, erfuͤllt und, wenn wir so sagen duͤrfen, ricochetirt wird. Und so schließen wir mit einem sinnlichen Gleichniß, nachdem wir etwas, das nicht in die Sinne fallen kann, durch eine uͤbersinnliche Gleichnißrede begreiflich zu machen gesucht haben. Wie man nun zu sagen pflegt, daß jedes Gleich- niß hinke, welches eigentlich nur soviel heißen will, daß es nicht identisch mit dem Verglichenen zusammen- falle; so muß eben dieses sogleich bemerkt werden, wenn man ein Gleichniß zu lange und zu umstaͤndlich durchfuͤhrt, da die Unaͤhnlichkeiten, welche durch den Glanz des Witzes verborgen wurden, nach und nach in einer traurigen, ja sogar abgeschmackten Realitaͤt zum Vorschein kommen. So ergeht es daher den Philosophen oft auf diese Weise, die nicht bemerken, daß sie mit einer Gleichnißrede anfangen und im Durch- und Ausfuͤhren derselben immer mehr ins Hin- ken gerathen. So ging es auch mit den intentionellen Bildern ( speciebus ); anstatt daß man zufrieden ge- wesen waͤre, durch ein geistiges Gleichniß diese un- faßlichen Wesen aus dem Reiche der Sinnlichkeit in ein geistigeres heruͤbergespielt zu haben, so wollte man sie auf ihrem Wege haschen, sie sollten seyn oder nicht seyn, je nachdem man sich zu einer oder der andern Vorstellung geneigt fuͤhlte, und der durch eine geist- reiche Terminologie schon geschlichtete Streit ging wieder von vorn an. Diejenigen welche realer gesinnt waren, worunter auch Aguilonius gehoͤrt, behaupteten: die Farben der Koͤrper seyen ruhig, muͤßig, traͤge; das Licht rege sie an, entreiße sie dem Koͤrper, fuͤhre sie mit sich fort und streue sie umher, und so war man wieder bey der Erklaͤrungsart des Epicur, die Lukrez so anmuthig ausdruͤckt: Haͤufig bemerket man das an den roͤthlichen, blauen, und gelben Teppichen, welche gespannt hoch uͤber das weite Thea- ter Wogend schweben, allda verbreitet an Masten und Balken. Denn der Versammlung unteren Raum, den saͤmmtli- chen Schauplatz, Sitze der Vaͤter und Muͤtter, der Goͤtter erhabene Bilder, Tuͤnchen sie an, sie zwingend in ihrem Gefaͤrbe zu schwanken. Und sind enger umher des Theaters Waͤnde verschlos- sen, Dann lacht froͤhlicher noch vom ergossenen Reize der Umfang, II. 18 Wenn genauer zusammengefaßt der Schimmer des Tags ist. Lassen die Tuͤcher demnach von der obersten Flaͤche die Schminke Fahren; wie sollte denn nicht ein zartes Gebilde der Dinge Jedes entlassen, da, aͤhnlicher Art, sie jedes vom Rand schießt? Renatus Cartesius . geb. 1596. gest. 1560 . Das Leben dieses vorzuͤglichen Mannes wie auch seine Lehre wird kaum begreiflich, wenn man sich ihn nicht immer zugleich als franzoͤsischen Edelmann denkt. Die Vortheile seiner Geburt kommen ihm von Jugend auf zu statten, selbst in den Schulen, wo er den ersten guten Unterricht im Lateinischen, Griechischen und in der Mathematik erhaͤlt. Wie er ins Leben tritt, zeigt sich die Facilitaͤt in mathematischen Combinationen bey ihm theoretisch und wissenschaftlich, wie sie sich bey an- dern im Spielgeist aͤußert. Als Hof-, Welt- und Kriegsmann bildet er seinen geselligen sittlichen Charakter aufs Hoͤchste aus. In Absicht auf Betragen erinnere man sich, daß er Zeit- genosse, Freund und Correspondent des hyperbolisch- complimentoͤsen Balzac war, den er in Briefen und Antworten auf eine geistreiche Weise gleichsam parodirt. Außerordentlich zart behandelt er seine Mitlebenden, Freunde, Studiengenossen, ja sogar seine Gegner. Reizbar und voll Ehrgefuͤhl entweicht er allen Gele- genheiten sich zu compromittiren; er verharrt im her- gebrachten Schicklichen und weiß zugleich seine Eigen- thuͤmlichkeit auszubilden, zu erhalten und durchzufuͤhren. Daher seine Ergebenheit unter die Ausspruͤche der Kir- che, sein Zaudern als Schriftsteller hervorzutreten, seine Aengstlichkeit bey den Schicksalen Galilei’s, sein Suchen der Einsamkeit und zugleich seine ununter- brochne Geselligkeit durch Briefe. Seine Avantagen als Edelmann nutzt er in juͤn- gern und mittlern Jahren; er besucht alle Hof-, Staats-, Kirchen- und Kriegsfeste; eine Vermaͤhlung, eine Kroͤnung, ein Jubilaͤum, eine Belagerung kann ihn zu einer weiten Reise bewegen; er scheut weder Muͤhe, noch Aufwand, noch Gefahr, um nur alles mit Augen zu sehen, um mit seines Gleichen, die sich jedoch in ganz anderm Sinne in der Welt herumtummeln, an den merkwuͤrdigsten Ereignissen seiner Zeit ehrenvoll Theil zu nehmen. Wie man nun dieses Aufsuchen einer unendlichen Empirie an ihm verulamisch nennen koͤnnte, so zeigt sich an dem stets wiederhohlten Versuch der Ruͤckkehr in sich selbst, in der Ausbildung seiner Originalitaͤt und Productionskraft ein gluͤckliches Gegengewicht. Er wird muͤde mathematische Probleme aufzugeben und aufzuloͤsen, weil er sieht, daß dabey nichts her- 18 * auskommt; er wendet sich gegen die Natur und gibt sich im Einzelnen viele Muͤhe; doch mochte ihm als Naturforscher manches entgegenstehen. Er scheint nicht ruhig und liebevoll an den Gegenstaͤnden zu verweilen, um ihnen etwas abzugewinnen; er greift sie als auf- loͤsbare Probleme mit einiger Hast an und kommt mei- stentheils von der Seite des complicirtesten Phaͤno- mens in die Sache. Dann scheint es ihm auch an Einbildungskraft und an Erhebung zu fehlen. Er findet keine geistigen lebendigen Symbole, um sich und andern schwer aus- zusprechende Erscheinungen anzunaͤhern. Er bedient sich, um das Unfaßliche, ja das Unbegreifliche zu er- klaͤren, der crudesten sinnlichen Gleichnisse. So sind seine verschiedenen Materien, seine Wirbel, seine Schrauben, Haken und Zacken, niederziehend fuͤr den Geist, und wenn dergleichen Vorstellungsarten mit Beyfall aufgenommen wurden, so zeigt sich daraus, daß eben das Roheste, Ungeschickteste der Menge das Gemaͤßeste bleibt. In dieser Art ist denn auch seine Lehre von den Farben. Das Mittlere seiner Elemente besteht aus Lichtkuͤgelchen, deren directe gemessene Bewegung nach einer gewissen Geschwindigkeit wirkt. Bewegen sich die Kuͤgelchen rotirend, aber nicht geschwinder als die gradlinigen; so entsteht die Empfindung von Gelb. Eine schnellere Bewegung derselben bringt Roth hervor, und eine langsamere als die der gradlinigen, Blau. Schon fruͤher hatte man der mehrern Staͤrke des Sto- ßes aufs Auge die Verschiedenheit der Farben zuge- schrieben. Cartesius Verdienste um den Regenbogen sind nicht zu laͤugnen. Aber auch hier, wie in andern Faͤllen, ist er gegen seine Vorgaͤnger nicht dankbar. Er will nun ein fuͤr allemal ganz original seyn; er lehnt nicht allein die laͤstige Autoritaͤt ab, sondern auch die foͤrderliche. Solche Geister, ohne es beynahe selbst gewahr zu werden, verlaͤugnen was sie von ihren Vorgaͤngern gelernt und was sie von ihren Mitlebenden genutzt. So verschweigt er den Antonius De Dominis, der zuerst die Glaskugel angewen- det, um die ganze Erscheinung des Regenbogens inner- halb des Tropfens zu beschraͤnken, auch den innern Regenbogen sehr gut erklaͤrt hat. Des Cartes hingegen hat ein bedeutendes Ver- dienst um den aͤußern Regenbogen. Es gehoͤrte schon Aufmerksamkeit dazu, die zweyte Reflexion zu bemer- ken, wodurch er hervorgebracht wird, so wie sein ma- thematisches Talent dazu noͤthig war, um die Winkel zu berichtigen, unter denen das Phaͤnomen ins Auge kommt. Die Linearzeichnungen jedoch, welche er, um den Vorgang deutlich zu machen, aussinnt, stellen keines- wegs die Sache dar, sondern deuten sie nur an. Diese Figuren sind ein abstractes compendioͤses Sapienti sat, belehren aber nicht uͤber das Phaͤnomen, indem sie die Erscheinung auf einfache Strahlen zuruͤckfuͤhren, da doch eigentlich Sonnenbilder im Grunde des Trop- fens verengt, zusammengefuͤhrt und uͤber einander ver- schraͤnkt werden. Und so konnten diese Cartesischen, einzelne Strahlen vorstellenden Linien der Newtonischen Erklaͤrung des Regenbogens guͤnstig zum Grunde liegen. Der Regenbogen als anerkannter Refractionsfall fuͤhrt ihn zu den prismatischen einfacheren Versuchen. Er hat ein Prisma von 30 bis 40 Graden, legt es auf ein durchloͤchert Holz und laͤßt die Sonne hin- durchscheinen; das ganze colorirte Spectrum erblickt er bey kleiner Oeffnung: weil aber sein Prisma von wenig Graden ist, so kann er leicht, bey vergroͤßerter Oeffnung, den weißen Raum in der Mitte bemerken. Hierdurch gelangt er zu der Haupteinsicht, daß eine Beschraͤnkung noͤthig sey, um die prismatischen Farben hervorzubringen. Zugleich sieht er ein, daß weder die Ruͤnde der Kugel, noch die Reflexion, zur Hervorbringung der Farbenerscheinung beytrage, weil beydes beym Prisma nicht statt findet, und die Farbe doch maͤchtig erscheint. Nun sucht er auch im Regen- bogen jene noͤthige Beschraͤnkung und glaubt sie in der Graͤnze der Kugel, in dem dahinter ruhenden Dunkel anzutreffen, wo sie denn freylich, wie wir kuͤnftig zei- gen werden, nicht zu suchen ist. Athanasius Kircher . geb. 1601. gest. 1680 . Er gibt in dem Jahre 1646 sein Werk Ars magna lucis et umbrae heraus. Der Titel so wie das Motto Sicut tenebrae ejus ita lumen ejus, ver- kuͤndigen die gluͤckliche Hauptmaxime des Buches. Zum erstenmal wird deutlich und umstaͤndlich ausge- fuͤhrt, daß Licht, Schatten und Farbe als die Elemen- te des Sehens zu betrachten; wie denn auch die Far- ben als Ausgeburten jener beyden ersten dargestellt sind. Nachdem er Licht und Schatten im Allgemeinen behandelt, gelangt er im dritten Theile des ersten Buches an die Farbe, dessen Vorrede wir uͤbersetzt einschalten. Vorrede . „Es ist gewiß, daß in dem Umfange unseres Erdkreises kein dergestalt durchsichtiger Koͤrper sich be- finde, der nicht einige Dunkelheit mit sich fuͤhre. Daraus folgt, daß wenn kein dunkler Koͤrper in der Welt waͤre, weder eine Ruͤckstrahlung des Lichtes, noch in den verschiedenen Mitteln eine Brechung dessel- ben, und auch keine Farbe sichtbar seyn wuͤrde, als jene erste, die zugleich im Lichte mit geschaffen ist. Hebt man aber die Farbe auf, so wird zugleich alles Sehen aufgehoben, da alles Sichtbare nur vermoͤge der gefaͤrbten Oberflaͤche gesehen wird; ja der leuch- tende Koͤrper der Sonne koͤnnte nicht einmal gesehen werden, wenn er nicht dunkel waͤre, dergestalt daß er unserem Sehen widerstuͤnde; woraus unwidersprechlich folgt, daß kein Licht ohne Schatten und kein Schatten ohne Licht auf irgend eine Weise seyn koͤnne. Ja der ganze Schmuck der Welt ist aus Licht und Schatten dergestalt bereitet, daß wenn man eins von beyden wegnaͤhme, die Welt nicht mehr cosmos heißen, noch die verwundernswuͤrdige Schoͤnheit der Natur auf irgend eine Weise dem Gesicht sich darstellen koͤnnte. Denn alles was sichtlich in der Welt ist, ist es nur durch ein schattiges Licht, oder einen lichten Schatten. Da also die Farbe die Eigenschaft eines dunklen Koͤr- pers ist, oder wie einige sagen, ein beschattetes Licht, des Lichts und des Schattens aͤchte Ausgeburt; so haben wir hier davon zu handlen, auf daß die groͤßte Zierde der irdischen Welt und wie viel Wundersames dadurch bewirkt werden kann, dem Leser bekannt werde.“ Erstes Capitel . Unser Verfasser moͤchte, um sich sogleich ein recht methodisches Ansehn zu geben, eine Definition voraus schicken, und wird nicht gewahr, daß man eigentlich ein Werk schreiben muß, um zur Definition zu kommen. Auch ist hier weiter nichts geleistet, als daß dasjenige angefuͤhrt und wiederhohlt wird, wie die Griechen sich uͤber diesen Gegenstand auszudruͤcken pflegten. Zweytes Capitel . Von der vielfachen Man- nigfaltigkeit der Farben. Er haͤlt sich hiebey an das Schema des Aguilonius, das er mit einiger Ver- aͤnderung benutzt. Er behauptet, alle Farben seyen wahr, worin er in gewissem Sinne Recht hat, will von den andern Eintheilungen nichts wissen, worin er didactisch Unrecht hat. Genug er gruͤndet sich darauf, daß jede Farbe, sie moͤge an Koͤrpern oder sonst erscheinen, eine wahre entschiedene Ursache hinter sich habe. Drittes Capitel . Chromatismus der Luft. Er handelt von den Farben des Himmels und des Mee- res und bringt verschiedene aͤltere Meynungen uͤber die Blaͤue der Luft vor. Wir uͤbersetzen die Stelle, welche seine eigenen Gedanken enthaͤlt, um den Leser urthei- len zu lassen, wie nahe er an der aͤchten Erklaͤrungs- art gewesen. Denn er fuͤhlt die Bedeutsamkeit des nicht voͤllig Durchsichtigen, wodurch wir ja zunaͤchst auf die Truͤbe hingeleitet werden. Warum der Himmel blau erscheint. „Zuvoͤrderst muß man wissen, daß unser Gesicht nichts sehen koͤnne, als was eine Farbe hat. Weil aber das Gesicht nicht immer auf dunkle Koͤrper oder Koͤrper von gefaͤrbter Oberflaͤche gerichtet ist, sondern auch sich in den unendlichen Luftraum und in die himmlischen durchsichtigen Fernen, welche keine Duͤ- sternheit haben, verliert, wie wenn wir den heiteren Himmel und entfernte hohe Gebirgsgipfel betrachten; so war, damit eine solche Handlung nicht ihres Zwe- ckes beraubt werde und sich im Graͤnzenlosen verliere, die Natur schuldig, jenem durchsichtigen unendlichen Mittel eine gewisse Farbe zu verleihen, auf daß der Blick eine Graͤnze faͤnde, nicht aber in Finsterniß und Nichts ausliefe. Eine solche Farbe nun konnte weder Weiß, Gelb noch Roth seyn, indem die- se, als dem Licht benachbart und verwandt, einen unterliegenden Gegenstand verlangen, um gesehen werden zu koͤnnen. Denn was nahe ist, vergleicht sich dem Lichte, und das Fernste der Finsterniß. Deswegen auch helle Farben, wenn man sie in einem bestimmten Raum gewahr wird, destomehr zum Schatten und zur Finsterniß sich neigen, jemehr sie sich vom Lichte oder der Sehkraft entfernen. Der Blick jedoch, der in jene unendliche aͤtherische Raͤume dringt, sollte zuletzt begraͤnzt werden und war sowohl wegen der unendlichen Ferne, als wegen der unendlichen Ver- mannigfaltigung der Luftschichten nur durch Finster- niß zu begraͤnzen, eine schwarze Farbe aber wollte sich weder fuͤr die Augen, noch fuͤr die Welt schicken; deswegen berieth sich die Natur aufs weiseste, und zwischen den lichten Farben, dem Weißen, Gelben und Rothen und dem eigentlich Finstern fand sich eine Mittelfarbe, naͤmlich die blaue, die aus einer unglei- chen Mischung des Lichtes und der Finsterniß be- stand. Durch diese nun, wie durch einen hoͤchst an- genehmen Schatten, sollte der Blick begraͤnzt seyn, daß er vom Hellen nicht so sehr zerstreut, vom Finstern nicht zu sehr zusammengezogen oder von dem Rothen entzuͤndet wuͤrde, und so stellte die Natur das Blaue dazwischen, zunaͤchst an der Finsterniß, so daß das Auge, ohne verletzt zu werden, die erfreulichen Him- melsraͤume durch ihre Vorsehung mit Vergnuͤgen und Bewunderung betrachten kann.“ Die Naivetaͤt, womit Kircher um die Sache her- umgeht, ist merkwuͤrdig genug. Man koͤnnte sie comisch nennen, wenn man nicht dabey ein treues Bestreben wahrnaͤhme. Und ist er es doch nicht allein, sind doch bis auf den heutigen Tag noch Menschen, denen die Vorstellungsart der Endursachen gefaͤllt, weil sie wirklich etwas geistiges hat und als eine Art von Anthropomorphism angesehen werden kann. Dem Aufmerksameren freylich wird nicht entgehen, daß man der Natur nichts abgewinnen kann, wenn man ihr, die bloß nothwendig handelt, einen Vorsatz unter- schiebt und ihren Resultaten ein zweckmaͤßiges Ansehen verleihen moͤchte. Viertes Capitel . Chromatismus der Bre- chung. Die Farben des Prismas erklaͤrt er wie An- tonius de Dominis dadurch, daß die hellsten Farben beym Durchgang durch die schwaͤchste Seite des Gla- ses, die dunkelsten beym Durchgang durch die staͤrk- sten Seiten des Glases entstehen. Die Erfahrung mit dem nephritischen Holze traͤgt er weitlaͤuftig vor. Fuͤnftes Capitel . Chromatismus der Me- talle, Gefaͤrbtheit durchsichtiger Steine, der Salze, der Metallkalke. Sechstes Capitel . Chromatismus der Pflan- zen. Besonders wird gefragt: wie man Pflanzen faͤrben koͤnne. Siebentes Capitel . Chromatismus der Thiere. Er bringt zur Sprache warum Pferde nicht gruͤn und blau seyn koͤnnen; warum die vierfuͤßigen Thiere nicht goldfarben aussehen, warum hingegen die Voͤgel und Insekten alle Arten von Farben an- nehmen. Auf welche Fragen durchaus er, wie man wohl erwarten kann, keine befriedigende Antwort gibt. Von den Farben des Chamaͤleons werden eigene Er- fahrungen beygebracht. Achtes Capitel . Vom Urtheil nach Farben, und zwar zuerst von den Farben des Himmels, der Wolken; Beurtheilung der Steine, Pflanzen und Thiere nach den Farben. Hiezu werden Regeln ge- geben. Beurtheilung der Menschen, ihre Complexion und sonstige Eigenschaften betreffend, nach den ver- schiedenen Farben der Haut, der Augen, der Haare. Der Farben des Urins wird gedacht, wobey zu be- merken ist, daß bey Gelegenheit des Urins die Farben schon fruͤher zur Sprache gekommen, und wenn wir nicht irren, ein Buͤchlein de Urinis der Abhandlung des Theophrast uͤber die Farben bey einer fruͤheren Edition hinzugefuͤgt ist. Kircher hat bey dem Vielen, was er unternommen und geliefert, in der Geschichte der Wissenschaften doch einen sehr zweydeutigen Ruf. Es ist hier der Ort nicht, seine Apologie zu uͤbernehmen; aber soviel ist gewiß: die Naturwissenschaft kommt uns durch ihn froͤhlicher und heiterer entgegen, als bey keinem seiner Vorgaͤnger. Sie ist aus der Studierstube, vom Ca- theder in ein bequemes wohlausgestattetes Kloster ge- bracht, unter Geistliche, die mit aller Welt in Ver- bindung stehen, auf alle Welt wirken, die Menschen belehren aber auch unterhalten und ergetzen wollen. Wenn Kircher auch wenig Probleme aufloͤst, so bringt er sie doch zur Sprache und betastet sie auf seine Weise. Er hat eine leichte Fassungskraft, Be- quemlichkeit und Heiterkeit in der Mittheilung, und wenn er sich aus gewissen technischen Spaͤßen, Per- spectiv- und Sonnenuhr-Zeichnungen gar nicht los- winden kann, so steht die Bemerkung hier am Platze, daß, wie jenes im vorigen Jahrhundert bemerkliche hoͤhere Streben nachlaͤßt, wie man mit den Eigen- schaften der Natur bekannter wird, wie die Technik zunimmt, man nun das Ende von Spielereyen und Kuͤnsteleyen gar nicht finden, sich durch Wiederhohlung und mannigfaltige Anwendung eben derselben Er- scheinung, eben desselben Gesetzes, niemals ersaͤttigen kann; wodurch zwar die Kenntniß verbreitet, die Ausuͤbung erleichtert, Wissen und Thun aber zuletzt geistlos wird. Witz und Klugheit arbeiten indessen jenen Forderungen des Wunderbaren entgegen und machen die Taschenspielerey vollkommner. Wir wollen hier noch zum Schlusse des Pater Bonacursius gedenken, der mit Kirchern auf die Dauer des Bildeindrucks im Auge aufmerksam ward. Zu- faͤlligerweise war es das Fensterkreuz, das sie von jener merkwuͤrdigen physiologischen Erscheinung belehrte, und es ist ihnen als Geistlichen nicht zu verargen, daß sie zuerst der Heiligkeit dieser mathematischen Figur eine solche Wunderwirkung zuschrieben. Uebri- gens ist dieß einer von den wenigen Faͤllen, wo eine Art von Aberglaube sich zur Betrachtung der Far- benerscheinung gesellt hat. Marcus Marci . geb. 1595. gest. 1667 . Die großen Wirkungen, welche Keppler und Tycho de Brahe, in Verbindung mit Galilei, im suͤdlichen Deutschland hervorgebracht, konnten nicht ohne Folge bleiben, und es laͤßt sich bemerken, daß in den kaiser- lichen Staaten, sowohl bey einzelnen Menschen als ganzen Gesellschaften, dieser erste kraͤftige Anstoß immer fortwirkt. Marcus Marci, etliche und zwanzig Jahre juͤnger als Keppler, ob er sich gleich vorzuͤglich auf Sprachen gelegt hatte, scheint auch durch jenen mathematisch- astronomischen Geist angeregt worden zu seyn. Er war zu Landscron geboren und zuletzt Professor in Prag. Bey allen seinen Verdiensten, die von seinen gleichzeitigen Landsleuten hoͤchlich geschaͤtzt wurden, fehlte es ihm doch eigentlich, soviel wir ihn beurthei- len koͤnnen, an Klarheit und durchdringendem Sinn. Sein Werk, das uns hier besonders angeht, Thauman- tias, Liber de arcu coelesti, deque Colorum ap- parentium natura, ortu et causis, zeugt von dem Ernst, Fleiß und Beharrlichkeit des Verfassers; aber es hat im Ganzen etwas Truͤbseliges. Er ist mit den Alten noch im Streit, mit den Neuern nicht einig, und kann die Angelegenheit, mit der er sich eigentlich beschaͤftigt, nicht in die Enge bringen; welches freylich eine schwere Aufgabe ist, da sie nach allen Seiten hindeutet. Einsicht in die Natur kann man ihm nicht ab- sprechen; er kennt die prismatischen Versuche sehr ge- nau; die dabey vorkommende farblose Refraction, die Faͤrbung sowohl in objectiven als subjectiven Faͤllen, hat er vollstaͤndig durchgearbeitet: es mangelt ihm aber an Sonderungsgabe und Ordnungsgeist. Sein Vor- trag ist unbequem, und wenn man auch begreift, wie er auf seinem Weg, zum Zweck zu gelangen glaubte; so ist es doch aͤngstlich, ihm zu folgen. Bald stellt er fremde Saͤtze auf, mit denen er streitet, bald seine eigenen, denen er gleichfalls op- ponirt, sodann aber sie wieder rechtfertigt, dergestalt daß nichts auseinander tritt, vielmehr eins uͤber das andre hingeschoben wird. Die prismatischen Farben entstehen ihm aus einer Condensation des Lichts; er streitet gegen die, welche den Schatten zu einer nothwendigen Bedingung dieser Erscheinung machen, und muß doch bey subjectiven Versuchen sepimenta und insterstitia umbrosa ver- langen und hinzufuͤgen: cujus ratio est, quod spe- cies lucis aut color se mediam infert inter umbro- sa intervalla. Auch ist zu bemerken, daß wir bey ihm schon eine diverse Refraction finden. So wie in Methode und Vortrag, also auch in Sprache und Styl ist er Kepplern entgegengesetzt. Wenn man bey diesem mit Lust Materien abgehandelt sieht, die man nicht kennt, und ihn zu verstehen glaubt; so wird bey jenem dasjenige, was man sehr gut ver- steht, wovon wir die genaueste Kenntniß haben, durch eine duͤstre Behandlung verworren, truͤb, ja man darf sagen ausgeloͤscht. Um sich hiervon zu uͤberzeugen, lese derjenige, dem die subjectiven prismatischen Ver- suche vollkommen bekannt sind, die Art, wie der Verfasser das Phaͤnomen erklaͤrt S. 177. De la Chambre . geb. 1594. gest. 1669 . La Lumiere, par le Sieur De la Chambre, Conseiller du Roy en Ses Conseils, et son Mede- cin ordinaire. Paris 1657. Kircher hatte ausgesprochen, daß die Farben Kin- der des Lichts und des Schattens seyen; Cartesius hatte bemerkt, daß zum Erscheinen der prismatischen Farben eine Beschraͤnkung mitwirken muͤsse: man war also von zwey Seiten her auf dem Wege, das Rechte zu treffen, indem man jenen dem Licht entgegengesetzten Bedingungen ihren integrirenden und constituirenden Antheil an der Farbenerscheinung zugestand. Man warf sich jedoch bald wieder auf die ent- gegengesetzte Seite und suchte alles in das Licht hin- einzulegen, was man hernach wieder aus ihm heraus- demonstriren wollte. Der einfache Titel des Buchs La Lumiere, im Gegensatz mit dem Kircherischen, ist recht charakteristisch. Es ist dabey darauf angesehen, alles dem Lichte zuzuschieben, ihm alles zuzuschreiben, um nachher alles wieder von ihm zu fordern. Diese Gesinnung nahm immer mehr uͤberhand, jemehr man sich dem Aristoteles entgegenstellte, der das Licht als ein Accidens, als etwas, das einer be- kannten oder verborgenen Substanz begegnen kann, an- gesehen hatte. Nun wurde man immer geneigter, das Licht wegen seiner ungeheuern Wirkungen nicht als etwas Abgeleitetes anzusehen; man schrieb ihm viel- mehr eine Substanz zu, man sah es als etwas Ur- spruͤngliches, fuͤr sich Bestehendes, Unabhaͤngiges, Unbe- dingtes an; doch mußte diese Substanz, um zu erschei- nen, sich materiiren, materiell werden, Materie wer- den, sich koͤrperlich und endlich als Koͤrper darstellen, II. 19 als gemeiner Koͤrper, der nun Theile aller Art eut- halten , auf das verschiedenste und wunderlichste ge- mischt, und ungeachtet seiner anscheinenden Einfalt als ein heterogenes Wesen angesehen werden konnte. Dieß ist der Gang, den von nun an die Theorie nimmt, und die wir in der Newtonischen Lehre auf ihrem hoͤchsten Puncte finden. Jene fruͤhere Erklaͤrungsart aber, die wir durch Kirchern umstaͤndlicher kennen gelernt, geht neben der neuern bis zu Ende des Jahrhunderts immer parallel fort, bildet sich immer mehr und mehr aus und tritt noch einmal zuletzt ganz deutlich in Nuguet hervor, wird aber von der Newtonischen voͤllig verdraͤngt, nach- dem sie vorher durch Boyle bey Seite geschoben war. De la Chambre selbst erscheint uns als ein Mann von sehr schwachen Kraͤften: es ist weder Tiefe in seinen Conceptionen, noch Scharfsinn in seinen Controversen. Er nimmt vier Arten Licht in der Natur an; die erste sey das innere, radicale, gewissen Koͤrpern wesentliche, das Licht der Sonne, der Sterne, des Feuers; das andre ein aͤußeres, abgeleitetes, voruͤbergehendes, das Licht der von jenen Koͤrpern erleuchteten Gegenstaͤnde. Nun gibt es, nach seiner Lehre, noch andre Lichter, die vermindert und geschwaͤcht sind und nur einige Theile jener Vollkommenheit besitzen, das sind die Farben. Man sieht also, daß von einer Seite eine Bedingung zugegeben werden muß, die das Licht schwaͤcht, und daß man von der andern wieder dem Lichte eine Eigen- schaft zuschreibt, gleichsam ohne Bedingung geschwaͤch- seyn zu koͤnnen. Wir wollen uͤbrigens dem Verfasser in seiner Deduction folgen. Erster Artikel . Daß das aͤußre Licht von der- selben Art sey wie das radicale. Nachdem er Wirkun und Ursache getrennt, welche in der Natur voͤllig zu- sammen fallen, so muß er sie hier wieder verknuͤpfen und also seine Eintheilung gewissermaßen wieder auf- heben. Zweyter Artikel . Daß die apparenten Far- ben nichts anders als das Licht selbst seyen. Auch hier muß er das Mittel, wodurch das Licht durchgeht, als Bedingung voraussetzen; diese Bedingung soll aber nichts als eine Schwaͤchung hervorbringen. Dritter Artikel . Das Licht vermische sich nicht mit der Dunkelheit ( obscurité ). Es ist ja aber auch nicht von der Dunkelheit die Rede, sondern von dem Schatten, mit welchem das Licht sich auf manche Weise verbinden, und der unter gewissen Umstaͤnden zur Bedingung werden kann, daß Farben erscheinen, so wie bey den Doppelbildern schattengleiche Halbbilder entstehen, welche eben in den Fall kommen koͤnnen farbig zu seyn. Alles uͤbrige schon oft Gesagte wollen wir hier nicht wiederhohlen. Vierter Artikel . Das Licht vermische sich nicht mit dem Duͤstern ( opacité ). Bey dem prisma- 19 * tischen Falle, wovon er spricht, mag er zwar in ge- wissem Sinne Recht haben: denn die Farben entstehen nicht aus dem einigermaßen Duͤstern des Prismas, sondern an dem zugleich gewirkten Doppelbilde. Hat man aber die Lehre vom Truͤben recht inne; so sieht man, wie das, was man allenfalls auch duͤster nennen koͤnnte, naͤmlich das nicht vollkommen Durchsichtige, das Licht bedingen kann, farbig zu erscheinen. Fuͤnfter Artikel . Daß das Licht, indem es sich in Farbe verwandelt, seine Natur nicht veraͤndere. Hier wiederhohlt er nur die Behauptung: die Farben seyen bloß geschwaͤchte Lichter. Sechster Artikel . Welche Art von Schwaͤ- chung das Licht in Farbe verwandle. Durch ein Gleich- niß vom Ton hergenommen unterscheidet er zwey Ar- ten der Schwaͤchung des Lichtes: die erste vergleicht er einem Ton, der durch die Entfernung geschwaͤcht wird, und das ist nun seine dritte Art Licht; die zweyte ver- gleicht er einem Ton, der von der Tiefe zur Hoͤhe uͤbergeht und durch diese Veraͤnderung schwaͤcher wird, dieses ist nun seine vierte Art Licht, naͤmlich die Far- be. Die erste Art moͤchte man eine quantitative und die zweyte eine qualitative nennen, und dem Verfasser eine Annaͤhrung an das Rechte nicht ablaͤngnen. Am Ende, nachdem er die Sache weitlaͤuftig auseinander gesetzt, zieht er den Schluß, daß die Farben nur ge- schwaͤchte Lichter seyn koͤnnen, weil sie nicht mehr die Lebhaftigkeit haben, welche das Licht besaß, woraus sie entspringen. Wir geben gern zu, daß die Farben als geschwaͤchte Lichter angesehen werden koͤnnen, die aber nicht aus dem Licht entspringen, sondern an dem Licht gewirkt werden. Siebenter Artikel . Daß die apparenten und die fixen Farben beyde von einerley Art seyen. Daß die saͤmmtlichen Farben, die physiologischen apparenten und fixen, unter einander in der groͤßten Verwandtschaft ste- hen, waͤre Thorheit zu laͤugnen. Wir selbst haben diese Verwandtschaft in unserm Entwurfe abzuleiten und, wo es nicht moͤglich war sie ganz durchzufuͤhren, sie we- nigstens anzudeuten gesucht. Achter Artikel . Daß die fixen Farben nicht vom Sonnenlichte herkommen. Er streitet hier gegen diejenigen, welche die Oberflaͤche der Koͤrper aus ver- schieden gestalteten Theilchen zusammensetzen und von diesen das Licht verschiedenfarbig zuruͤckstrahlen lassen. Da wir den fixen Farben einen chemischen Ursprung zugestehen und eine gleiche Realitaͤt wie andern chemi- schen Phaͤnomenen; so koͤnnen wir den Argumenten des Verfassers beytreten. Uns ist Lacmus in der Fin- sterniß so gut gelbroth als der zugemischte Essig sauer, eben so gut blauroth als das dazugemischte Alcali fade. Man koͤnnte, um es hier im Vorbeygehen zu sagen, die Farben der Finsterniß auch intentionell nen- nen: sie haben die Intention eben so gut, zu erscheinen und zu wirken, als ein Gefangner im Gefaͤngniß, frey zu seyn und umher zu gehen. Neunter Artikel . Daß die Farben keine Flammen seyen. Dieses ist gegen den Plato gerichtet, der indessen, wenn man seine Rede gleichnißweise neh- men will, der Sache nahe genug kommt: denn der Verfasser muß ja im Zehnten Artikel behaupten: daß die fixen Farben innerliche Lichter der Koͤrper seyen. Was hier zur Sprache kommt, druͤckt sich viel besser aus durch die spaͤter von De la Val hauptsaͤchlich urgirte nothwen- dige Bedingung zum Erscheinen der fixen Farben, daß sie naͤmlich einen hellen Grund hinter sich haben muͤs- sen, bis zu dem das auffallende Licht hindurchdringt, durch die Farbe zum Auge zuruͤckkehrt, sich mit ihr gleichsam tingirt und auf solche Weise specifisch fort- wirkt. Das Gleiche geschieht beym Durchscheinen eines urspruͤnglich farblosen Lichtes durch transparente farbige Koͤrper oder Flaͤchen Wie nun aber dieß zugehe, daß die den Koͤrpern angehoͤrigen Lichter durch das radicale Licht aufgeweckt werden, daruͤber verspricht uns der Verfasser in seinem Capitel von der Wirkung des Lich- tes zu belehren, wohin wir ihm jedoch zu folgen nicht rathsam finden. Wir bemerken nur noch, daß er in seinem Elften Artikel nun die vier verschiedenen Lich- ter fertig hat, naͤmlich das Licht, das den leuchtenden Koͤrpern angehoͤrt, dasjenige was sie von sich abschi- cken, das Licht das in den fixen Farben sich befindet, und das was von diesen als Wirkung, Gleichniß, Gleichartiges, Species, espèce abgesendet wird. Da- durch erhaͤlt er also zwey vollkommene und voͤllig ra- dicale, den Koͤrpern eigene, so wie zwey geschwaͤchte und verminderte aͤußerliche und voruͤbergehende Lichter. Auf diesem Wege glaubt er nun dem Licht oder den Lichtern, ihrem Wesen und Eigenschaften naͤher zu dringen, und schreitet nun im zweyten Capitel des er- sten Buchs zur eigentlichen Abhandlung. Da jedoch das was uns interessirt, naͤmlich seine Gesinnung uͤber Farbe, in dem ersten Capitel des ersten Buchs voͤllig ausgesprochen ist, so glauben wir ihm nicht weiter fol- gen zu muͤssen, um so weniger, als wir schon den Ge- winn, den wir von der ganzen Abhandlung haben koͤnnten, nach dem bisher Gesagten, zu schaͤtzen im Stande sind. Isaac Vossius . Geb. 1618. gest. 1689 . Sohn und Bruder vorzuͤglicher Gelehrten und fuͤr die Wissenschaften thaͤtiger Mensch. Fruͤhe wird er in alten Sprachen und den damit verbundenen Kenntnis- sen unterrichtet. In ihm entwickelt sich eine leiden- schaftliche Liebhaberey zu Manuscripten. Er bestimmt sich zum Herausgeber alter Autoren und beschaͤftigt sich vorzuͤglich mit geographischen und astronomischen Wer- ken. Hier mag er empfinden, wie nothwendig zu Be- arbeitung derselben Sachkenntnisse gefordert werden; und so naͤhert er sich der Physik und Mathematik. Weite Reisen befoͤrdern seine Naturanschauung. Wie hoch man seine eigenen Arbeiten in diesem Fache anzuschlagen habe, wollen wir nicht entscheiden. Sie zeugen von einem hellen Verstand und ernsten Wil- len. Man findet darin originelle Vorstellungsarten, welche uns Freude machen, wenn sie auch mit den unsrigen nicht uͤbereinstimmen. Seine Zeitgenossen, meist Descartes Schuͤler, sind uͤbel mit ihm zufrieden und lassen ihn nicht gelten. Uns interessirt hier vorzuͤglich sein Werk de Lucis natura et proprietate. Amstelodami 1662; wozu er spaͤter einen polemischen Nachtrag herausgegeben. Wie er uͤber die Farben gedacht, lassen wir ihn selbst vor- tragen. Im drey und zwanzigsten Kapitel. Alle einfachen Koͤrper seyen durchsichtig . „Opak, d. h. undurchsichtig, werden alle Koͤrper genannt, die gefaͤrbt sind und das Licht nicht durchlas- sen. Genau genommen ist eigentlich nichts vollkommen durchsichtig, als der leere Raum, indem die meisten Koͤrper, ob sie gleich klar erscheinen, eben weil sie ge- sehen werden, offenbar etwas von Undurchsichtigkeit an sich haben.“ Vier und zwanzigstes Kapitel. Die Farben seyen kein Licht, und woher sie entspringen . „Daß also einige Koͤrper durchsichtig, andre aber opak erscheinen, dieses ruͤhrt von nichts anderm als von der Beymischung der Farbe her. Wenn es keine Farben gaͤbe, so wuͤrde alles durchsichtig oder weiß aussehen. Es gibt keinen Koͤrper, er sey fluͤssig oder fest und dicht, der nicht sogleich durchsichtig wuͤrde, sobald man die Farbe von ihm trennt. Daher ist die Meynung derer nicht richtig, welche die Farbe ein mo- dificirtes Licht nennen, da dem Lichte nichts so entge- gen ist als die Farbe. Wenn die Farben Licht in sich haͤtten, so wuͤrden sie auch des Nachts leuchten, wel- ches doch nicht der Fall ist.“ „Ursache und Ursprung der Farben daher kommt allein von dem Feuer oder der Waͤrme. Wir koͤnnen dieses daran sehen, daß in kalten Gegenden alles weiß ist, ja selbst die Thiere weiß werden, besonders im Win- ter. Die Weiße aber ist mehr der Anfang der Farben als Farbe selbst.“ „An heißen Orten hingegen findet sich die ganze Mannigfaltigkeit der Farben. Was auch die Sonne mit ihren guͤnstigen Strahlen bescheint, dieses nimmt sogleich eine angenehme und erfreuliche Faͤrbung an. Findet sich auch in kalten Gegenden manchmal etwas gefaͤrbtes, so ist es doch nur selten und schwach, und deutet mehr auf ein Bestreben einer abnehmenden Na- tur, als ihre Macht und Gewalt an; wie denn ein einziges indisches Voͤgelchen eine groͤßere Farbenman- nigfaltigkeit leistet, als das saͤmmtliche Voͤgelgeschlecht, das norwegische und schwedische Waͤlder bevoͤlkert. Eben so verhaͤlt sichs mit den uͤbrigen Thieren, Pflanzen und Blumen; denn in jenen Gegenden findest du nicht einmal die Thaͤler mit leuchtenden und lebhaften Far- ben geschmuͤckt, man muͤßte sie denn durch Kunst her- vorbringen, oder der Boden muͤßte von einer beson- dern Beschaffenheit seyn. Gelangt man weiter nach Norden, so begegnet einem nichts als Graues und Wei- ßes. Deswegen nehmen wir an: die Ursache der Far- ben sey das Verbrennen der Koͤrper.“ Fuͤnf und zwanzigstes Kapitel. Die Materie der Farben ruͤhre von der Eigenschaft des Schwefels her. „Der Grundstoff der Farben schreibt sich nirgends anders her als von dem Schwefel, der einem jeden Koͤrper beygemischt ist. Nach dem verschiedenen Bren- nen dieses Elements entstehen auch die verschiedenen Farben: denn der natuͤrliche Schwefel, so lange er weder Waͤrme noch Feuer erfahren hat, ist durchsichtig; wird er aufgeloͤst, dann nimmt er verschiedene Farben an und verunreinigt die Koͤrper, denen er beygemischt ist. Und zwar erscheint er zuerst gruͤn, dann gelb, sodann roth, dann purpurfarb und zuletzt wird er schwarz. Ist aller Schwefel erschoͤpft und verzehrt, dann loͤsen sich die Koͤrper auf, alle Farbe geht weg und nichts bleibt als eine weiße oder durchsichtige Asche; und so ist die Weiße der Anfang aller Farben, und das Schwarze das Ende. Das Weiße ist am wenigsten Farbe; das Schwarze hingegen am meisten. Und nun wollen wir die einzelnen Arten und Stufen der Farbe durchgehen.“ Sechs und zwanzigstes Kapitel. Die Ordnung der Farben. „Die erste Farbe daher, wenn man es Farbe nen- nen kann, ist das Weiße. Dieses tritt zunaͤchst an das Durchsichtige, und da alle Koͤrper von Natur durchsich- tig sind, so kommt hier zuerst das Duͤstre (opacitas) hin- zu und der Koͤrper wird sichtbar bey dem geringsten Lichte, auch wenn der Schwefel nicht schmilzt, den wir jedem Koͤrper zugeschrieben haben. Denn jeder durch- sichtige Koͤrper, wenn er zerrieben wird, so daß eine Verschiedenheit der Oberflaͤchen entsteht, erscheint so- gleich als weiß, und es ist ganz einerley, ob die Ma- terie fest oder fluͤssig gewesen. Man verwandle Wasser zu Schaum, oder Glas in Pulver, so wird sich die Durchsichtigkeit sogleich in das Weiße verwandeln. Und zwar ist dieses die erste Art des Weißen, und wenn du sie allein betrachtest; so kann man die Weiße nur uneigentlich zu den Farben zaͤhlen. Denn wenn du die einzelnen Koͤrperchen und ihre kleinsten Oberflaͤchen be- sonders ansiehst, so bleibt ihnen die Durchsichtigkeit, und bloß die Stellung, die Lage der Koͤrper betriegt den Anblick.“ „Aber eine andre Art des Weißen gibt es, wenn in einem durchsichtigen Koͤrper durch Einwirkung des Lichtes und der Waͤrme die zarteren Theile des Schwe- fels schmelzen und angezuͤndet werden: denn da auf diese Weise die Koͤrper austrocknen und duͤnner wer- den, so folgt daraus, daß auch verschiedene neue Ober- flaͤchen entstehen; und auf diese Art werden durchsich- tige Dinge, auch ehe die Tinctur des Schwefels hin- zutritt, weiß. Denn es ist eine allgemeine Regel, daß jeder klein zerstuͤckte Koͤrper weiß werde, und umge- kehrt, daß jeder weiße Koͤrper aus kleinen durchsichti- gen Theilen bestehe.“ „Zunaͤchst an der Weiße folgen zwey Farben, das blaͤssere Gruͤn und das Gelbe. Ist die Waͤrme schwach, die das, was schweflicht ist, in den Koͤrpern aufloͤsen soll; so geht das Gruͤne voraus, welches roher und waͤßriger ist als das Gelbe. Verursacht aber die Waͤr- me eine maͤchtigere Kochung; so tritt sogleich nach dem Weißen ein Gelbes hervor, das reifer ist und feuriger. Folgt aber auf diese Art das Gelbe dem Weißen, so bleibt kein Platz mehr fuͤr das Gruͤne. Denn auch in den Pflanzen wie in andern Koͤrpern, wenn sie gruͤn werden, geht das Gruͤne dem Gelben voraus.“ „In welcher Ordnung man auch die Farben zaͤhlt, so ist die mittlere immer roth. Am maͤchtigsten ist hier das flammende Roth, und dieses entsteht nicht aus dem Weißen und Schwarzen, sondern es ist dem Schwefel seinen Ursprung schuldig. Und doch lassen sich aus dem Rothen, dem Weißen und dem Schwarzen alle Farben zusammensetzen.“ „Entsteht naͤmlich eine groͤßere Verbrennung der Koͤrper und des Schwefels, so erscheint die Purpur- und blaue Farbe, deren Mischung bekannt ist. Die Graͤnze der Farbe jedoch, so wie die letzte Verbren- nung ist die Schwaͤrze. Dieses ist die letzte Tinctur des Schwefels und seine letzte Wirkung. Hierauf folgt die Aufloͤsung der Koͤrper. Wenn aber der Schwefel erschoͤpft und die Feuchtigkeit aufgezehrt ist, so bleibt nichts als die weiße und durchsichtige Asche. Gibst du dieser die Feuchtigkeit und den Halt wieder, so kehren die Koͤrper in ihren ersten Zustand zuruͤck.“ „In denjenigen Flammen, wie sie taͤglich auf un- serm Heerde aufsteigen, ist die entgegengesetzte Ord- nung der Farben. Denn je dunkler die Tinctur des Schwefels in der Kohle ist, desto reiner und weißer steigt die Flamme auf. Jedoch ist die Flamme, die zu- erst aufsteigt, wegen beygemischten Unraths, dunkel und finster; dann wird sie purpurfarb, dann roͤthet sie sich und wird gelb. Faͤngt sie an weiß zu werden, so ist es ein Zeichen, daß Schwefel und brennbare Ma- terien zu Ende gehen.“ „Es gibt aber weder eine voͤllig schwarze, noch voͤllig weiße Flamme. Wird sie zu sehr verdunkelt, dann ist es Rauch, nicht Flamme; wird sie zu sehr weiß, so kann sie auch nicht laͤnger bestehen, da ihr der Schwefel ausgeht.“ „Und so glaub’ ich, ist deutlich genug, warum verschiedene Koͤrper, nach der verschiedenen Tinctur des Schwefels, sich auf eine verschiedene Weise gefaͤrbt sehen lassen, und ich hoffe, hier werden mir die Chemi- ker nicht entgegen seyn, die, ob sie gleich, wie uͤber- haupt, also auch von den Farben, sehr verworren und raͤthselhaft sprechen, doch nicht viel von dem, was wir bisher ausgesprochen, abzuweichen scheinen.“ Sieben und zwanzigstes Kapitel. Wie die apparenten Farben erzeugt werden . „Nun ist aber eine andere Frage zu beantworten, welche verwickelter und schwerer ist: woher naͤmlich die Farben kommen, welche von ihren Koͤrpern gewis- sermaßen abgesondert sind, welche man die apparenten nennt, wie die Farben des Regenbogens, der Morgen- roͤthe und die, welche durch glaͤserne Prismen sich aus- breiten. Aus dem, was wir gesagt haben, erhellt, wie mich duͤnkt, genugsam, daß die Flamme jederzeit der Farbe des Schwefels folgt und alle Farben zulaͤßt, au- ßer dem Schwarzen und dem voͤllig Weißen. Denn der Schwefel enthaͤlt wohl die beyden Farben, aber eigentlich in der Flamme koͤnnen sie nicht seyn. Weiß zwar erscheinen zarte Flaͤmmchen; wenn sie es aber vollkommen waͤren, und nicht noch etwas von anderer Farbe zugemischt haͤtten, so waͤren sie durchsichtig und wuͤrden kein Licht oder ein sehr schwaches verbreiten. Daß aber eine Flamme schwarz sey, ist gegen die Ver- nunft und gegen die Sinne.“ „Dieses festgesetzt, fahr’ ich fort: wie die Farbe des Schwefels in der verbrennlichen Materie, so ist auch die Farbe der Flammen; wie aber die Flamme, so ist auch das Licht, das von ihr ausgebreitet wird; da aber die Flamme alle Farben enthaͤlt und begreift, so ist nothwendig, daß das Licht dieselbe Eigenschaft habe. Deswegen sind auch in dem Licht alle Farben, obgleich nicht immer sichtbar. Denn wie eine maͤchtige Flamme weiß und einfaͤrbig erscheint, wenn man sie aber durch einen Nebel oder andern dichten Koͤrper sieht, verschiedene Farben annimmt, auf eben diese Weise bekleidet sich das Licht, ob es gleich unsichtbar oder weiß ist, wenn es durch ein glaͤsernes Prisma oder durch eine feuchte Luft durchgeht, mit verschiede- nen Farben.“ „Ob nun gleich in dem reinen Licht keine Farben erscheinen, so sind sie demungeachtet wahrhaft in dem Licht enthalten. Denn wie ein groͤßeres Licht einem geringeren schadet, so verhindert auch ein reines Licht, das verdunkelte Licht zu sehen. Daß aber ein jedes Licht Farben mit sich fuͤhre, kann man daraus folgern, daß, wenn man durch eine Glaslinse oder auch nur durch eine Oeffnung Licht in eine dunkle Kammer fal- len laͤßt, sich auf einer entferntern Mauer oder Lein- wand alle Farben deutlich zeigen, da doch an den Kreuzungspuncten der Strahlen und an den Stellen, die der Linse allzunah sind, keine Farbe, sondern das bloße Licht erscheint.“ „Da nun aber das Licht Form und Bild des Feuers ist, welche aus dem Feuer nach allen Seiten hinstrahlen, so sind auch die Farben, die das Licht mit- bringt, Formen und Bilder der Farben, welche wahrhaft und auf eine materielle Weise sich in dem Feuer befinden, von dem das Licht umhergesendet wird.“ „Wie aber Flamme und Feuer, je schwaͤcher sie sind, ein desto schwaͤcheres Licht von sich geben, so auch nach Gesetz und Verhaͤltniß der wahren und materiali- sirten Farbe, die in der Flamme ist, wachsen und neh- men ab die apparenten Farben im Lichte.“ „Und wie nun bey abnehmender Flamme auch das Licht geschwaͤcht wird, so verschwindet auch die apparente Farbe, wenn die wahre Farbe abnimmt. Deswegen wirft das glaͤserne Prisma bey Nacht oder bey schwachem Lichte keine Farben umher, es gibt keine farbigen Phaͤnomene, die Mondscheinregenbogen sind blaß, nichts erscheint irgend feurig oder von einer andern deutlichen Farbe tingirt.“ „So wie auch keine Flamme vollkommen schwarz oder weiß ist, so sind auch keine apparenten Farben weiß oder schwarz, sondern so wie bey der Flamme so auch im Lichte sind das Gelbe und Blaue die Graͤn- zen der Farbe.“ „Und hieraus, wenn ich nicht irre, ergibt sich deutlich, was die wahre, permanente und fixe Far- be sey, desgleichen die vergaͤngliche, unstaͤte, die sie auch apparent nennen. Denn die wahre Farbe ist ein Grad, eine Art der Verbrennung in irgend einem Koͤr- per; die apparente Farbe aber ist ein Bild einer wah- ren Farbe, das man außer seiner Stelle sieht. Wie man aber auch die wahren Farben mit den apparenten zusammenhalten und vergleichen will, so werden sie sich immer wie Ursache zu Ursache und wie Wirkung zu Wirkung verhalten, und was den fixen Farben be- gegnet, wird auch den Bildern, welche von denselben erzeugt werden, geschehen. Trifft dieses manchmal nicht vollkommen ein, so ereignet sichs wegen der Lage und Gestalt der Koͤrper, wodurch die Bilder durchge- fuͤhrt und fortgepflanzt werden.“ Hier sehen wir also einige Jahre fruͤher als New- ton sich mit diesem Gegenstande beschaͤftigt, seine Lehre voͤllig ausgesprochen. Wir streiten hier nicht mit Isaac Vossius, sondern fuͤhren seine Meynung nur historisch an. Die Tendenz jener Zeit, den aͤußeren Bedingungen ihren integrirenden Antheil an der Farbenerscheinung abzusprechen und ihnen nur einen anregenden, entwick- lenden Anstoß zuzuschreiben, dagegen alles im Lichte schon im Voraus zu synthesiren, zusammenzufassen, zu verstecken und zu verheimlichen, was man kuͤnftig aus ihm hervorhohlen und an den Tag bringen will, spricht sich immer deutlicher aus, bis zuletzt Newton mit sei- nen Ibilitaͤten hervortritt, den Reihen schließt und, obgleich nicht ohne Widerspruch, dieser Vorstellungsart den Ausschlag giebt. Wir werden in der Folge noch II. 20 Gelegenheit haben anzuzeigen, was noch alles voraus- gegangen, um Newtons Lehre den Weg zu bahnen; koͤnnen aber hier nicht unbemerkt lassen, daß schon Matthaͤus Pankl , in seinem Compendium Insti- tutionum physicarum, Posoniae 1793. unsern Isaac Vossius fuͤr einen Vorlaͤufer Newtons erklaͤrt, indem er sagt: „Den Alten war das Licht das einfachste und gleichartigste Wesen. Zuerst hat Isaac Vossius vermu- thet, die Mannigfaltigkeit der Farben, die wir an den Koͤrpern wahrnehmen, komme nicht von den Koͤrpern, sondern von Theilchen des Lichts her.“ Franciscus Maria Grimaldi . geb. 1613. gest. 1663 . Er stammte aus einem alten beruͤhmten Ge- schlechte und zwar von dem Zweige desselben, der zu Bologna bluͤhte. Er scheint seine erste Bildung in den Jesuitenschulen erhalten zu haben; besonders be- fleißigte er sich der Mathematik und der damals innigst mit ihr verbundenen Naturlehre. Nachdem er in den Orden getreten, ward er Pro- fessor der Mathematik zu Bologna und zeigte sich als einen in seinem Fache sehr geuͤbten Mann, kenntniß- reich, scharfsinnig, fleißig, puͤnctlich, unermuͤdet. Als einen solchen ruͤhmt ihn Riccioli in der Dedication sei- nes Almagest und preist ihn als einen treuen Mitarbei- ter. Sein Werk, wodurch er uns bekannt, wodurch er uͤberhaupt beruͤhmt geworden, fuͤhrt den Titel; Physico-Mathesis de Lumine, Coloribus et Iride, Bo- noniae 1665. Man bemerke, daß auch hier nur des Lichts und nicht des Schattens erwaͤhnt ist, und er- warte, daß Grimaldi sich als ein solcher zeigen werde, der die Farbenerscheinungen aus dem Licht entwickelt. Hier haben wir nun das dritte Werk in unserm Fache, das sich von einem Jesuitischen Ordensgeistlichen herschreibt. Wenn Aguilonius sorgfaͤltig und umstaͤnd- lich, Kircher heiter und weitlaͤuftig ist, so muß man den Verfasser des gegenwaͤrtigen Buchs hoͤchst consequent nennen. Es ist reich in Absicht auf Erfahrungen und Experimente, ausfuͤhrlich und methodisch in seiner Be- handlung, und man sieht wohl, daß der Verfasser in allen Subtilitaͤten der Dialectik sehr geuͤbt ist. Vor allem aber ist zu bemerken, daß Form und Darstellung problematisch, ja ironisch sind, welches einer so ernsten folgerechten Arbeit eine ganz wunderli- che Wendung gibt. Galilei hatte sich schon einer aͤhnli- chen Wendung bedient, in den Dialogen, wegen wel- cher er von den Jesuiten so heftig verfolgt wurde. Hier bedient sich ein Jesuit, nach etwa zwanzig Jah- ren, desselben Kunstgriffs. Im ersten Buch, das 472 gespaltene Quartseiten stark ist, thut er alles moͤgliche, um zu zeigen, daß das Licht eine Substanz sey; im zweyten Buch, welches nur 63 gespaltene Seiten ent- haͤlt, widerlegt er scheinbar seine vorige Meynung und 20 * verclausulirt diese Widerlegung aufs neue dergestalt, daß er sie voͤllig vernichtet. Auch darf man nur die Vorrede des Ganzen und den Schluß des ersten Theils lesen, so faͤllt seine Absicht schon deutlich genug in die Augen. Bey allen diesen Verwahrungen zaudert er, das Werk herauszugeben, das bey seinem Tode voͤllig fertig liegt, wie es denn auch drey Jahre nach dem- selben, und so viel sich bemerken laͤßt, ohne Verstuͤmm- lung erscheint. Indem er nun das Licht als Substanz behandelt, so finden wir ihn auf dem Wege, auf dem wir Cartesius, De la Chambre und Vossius wandeln sahen, nur betritt er denselben mit mehr Ernst und Sicherheit und zugleich mit mehr Vorsicht und Zartheit. Seine Naturkenntniß uͤberhaupt ist hoͤchst schaͤtzenswerth. Erfahrungen und Versuche, diese Gegenstaͤnde betreffend, sind vor ihm von keinem so vollstaͤndig zusammengebracht worden. Freylich stellt er sie alle zurecht, um seine Erklaͤrungs- art zu begruͤnden, doch kann man ihm nachsagen, daß er keine Erfahrung, keinen Versuch entstelle, um ihn seiner Meynung anzupassen. Das Licht ist ihm also eine Substanz, im physi- schen Sinne eine Fluͤssigkeit, die er jedoch aufs aͤußer- ste zu verfeinern sucht. Durch Beyspiele und Gleich- nisse will er uns von der Zartheit eines so subtilen materiellen Wesens, das gleichsam nur wie ein geisti- ger Aushauch wirkt, uͤberzeugen. Er fuͤhrt die Lehre vom Magneten zu diesem Zwecke umstaͤndlich durch, bringt die Faͤlle von unendlicher Theilbarkeit der Farbe, aͤußerster Ductilitaͤt der Metalle und dergleichen vor, nimmt den Schall, und was er sonst noch brauchen kann, zu Huͤlfe, um unsre Kenntnisse durch Erinne- rung auf einen Punct zu sammeln und unsre Einbil- dungskraft anzuregen. Man hatte bisher drey Arten, in welchen sich das Licht verbreite, angenommen: die directe, refracte, reflexe, wozu er noch die inflexe hinzusetzt, welche er sogleich in Ruͤcksicht seiner hypothetischen Zwecke die diffracte nennt. Jene verschiednen Arten der Lichtfortpflanzung zu erklaͤren und andre dabey vorkommende Phaͤnomene auszulegen, gibt er seiner feinen Fluͤssigkeit eine verschie- dene innere Disposition. Und so wird denn diesem wirksamen Wesen ein Fließen (fluidatio), ein Wogen (undulatio, undatio), ein Regen und Bewegen (agitatio), ein Waͤlzen (volutatio) zugeschrieben. Durchsichtigen Koͤrpern wird eine continua poro- sitas zugeeignet, welches eigentlich eine contradictio in adjecto ist, woran sich erkennen laͤßt, wie leicht man mit Worten das Unmoͤgliche und Ungehoͤrige als ein Moͤg- liches, Verstaͤndiges und Verstaͤndliches mittheilen koͤnne. Die undurchsichtigen Koͤrper haben auch mannigfaltige wunderliche Oberflaͤchen, die das Licht verschiedentlich zu- ruͤckwerfen; deshalb er sich denn vertheidigen muß, daß seine Lehre mit der Lehre der Atomisten nicht zusammen- falle, welches ihm auch Ernst zu seyn scheint. In jenen Poren und Irrgaͤngen, wunderlichen Aus- und Einwegen, Schlupfloͤchern und andern man- nigfaltigen Bestimmungen, muͤdet sich nun das Licht auf oben beschriebene Weise gewaltig ab und erleidet eine Zerstreuung (dissipatio) , Zerbrechung (diffractio) , Zerreißung (disscissio) und natuͤrlicher Weise auch eine Trennung (separatio); dabey denn auch gelegentlich eine Anhaͤufung (glomeratio) statt findet. Wir bemerken hier im Vorbeygehen, daß einer Zerstreuung des Lichtes schon bey den Griechen erwaͤhnt wird. Dort ist es aber nur ein empirischer naiver Ausdruck, der eine oft vorkommende Erscheinung von hin und wiedergeworfenem, geschwaͤchtem Lichte so gut er kann bezeichnen soll. Bey Grimaldi hingegen sol- len die mannigfaltigen Versuren des Lichtes, das In- nere dieses zarten, unbegreiflichen Wesens aufschließen und uns von seiner Natur dogmatisch belehren. Die Farben werden also, nach Grimaldi, bey Ge- legenheit der Refraction, Reflexion und Inflexion be- merkt; sie sind das Licht selbst, das nur auf eine be- sondre Weise fuͤr den Sinn des Gesichts fuͤhlbar wird. Doch geht der Verfasser auch wohl so weit, daß er im Licht bestimmte Arten der Farbe annimmt und also die Newtonische Lehre unmittelbar vorbereitet. Alle Farben sind ihm wahr und entspringen auf einerley Weise; doch laͤßt er, um sie erklaͤren zu koͤn- nen, den Unterschied zwischen dauernden und voruͤber- gehenden Farben einstweilen zu, und um jene auch in voruͤbergehende zu verwandeln, benutzt er auf eine sehr geschickte Weise die Versatilitaͤt der chemischen Farben. Was uͤbrigens den Apparat betrifft, so bedient er sich oͤfters der kleinen Oeffnung im Fensterladen, die sich eigentlich von der die aͤußern Gegenstaͤnde innerlich abbildenden Camera obscura herschreibt. Die prisma- tischen Phaͤnomene kennt er meistens, wie er denn auch auf die laͤngliche Gestalt des Farbenbildes unsere Auf- merksamkeit hinlenkt. Unter seiner theoretischen Termi- nologie finden wir auch schon Strahlenbuͤndel. Da ihm manche Erfahrungen und Versuche, die erst spaͤter bekannt geworden, in der Reihe seines Vortrags abge- hen; so zeigen sich in demselben Luͤcken und Spruͤnge und gar manches Unzulaͤngliche, das ihm aber nicht zu Schulden kommt. Den Regenbogen mit seinen Um- staͤnden und Bedingungen fuͤhrt er sorgfaͤltig aus; die Farben desselben weiß er nicht abzuleiten. Robert Boyle . geb. 1627. gest. 1691 . Die Scheidung zwischen Geist und Koͤrper, Seele und Leib, Gott und Welt war zu Stande gekommen. Sittenlehre und Religion fanden ihren Vortheil dabey: denn indem der Mensch seine Freyheit behaupten will, muß er sich der Natur entgegensetzen; indem er sich zu Gott zu erheben strebt, muß er sie hinter sich lassen, und in beyden Faͤllen kann man ihm nicht verdenken, wenn er ihr so wenig als moͤglich zuschreibt, ja wenn er sie als etwas Feindseliges und Laͤstiges ansieht. Ver- folgt wurden daher solche Maͤnner, die an eine Wiederver- einigung des Getrennten dachten. Als man die teleolo- gische Erklaͤrungsart verbannte, nahm man der Natur den Verstand; man hatte den Muth nicht ihr Vernunft zuzuschreiben und sie blieb zuletzt geistlos liegen. Was man von ihr verlangte, waren technische, mechanische Dienste, und man fand sie zuletzt auch nur in diesem Sinne faßlich und begreiflich. Auf diese Weise laͤßt sich einsehen, wie das zarte, fromme Gemuͤth eines Robert Boyle sich fuͤr die Na- tur interessiren, sich zeitlebens mit ihr beschaͤftigen und doch ihr weiter nichts abgewinnen konnte, als daß sie ein Wesen sey, das sich ausdehnen und zu- sammenziehen, mischen und sondern lasse, dessen Theile, indem sie durch Druck, Stoß gegen einander arbeiten und sich in die verschiedensten Lagen begeben, auch ver- schiedene Wirkungen auf unsre Sinne hervorbringen. In die Farbenlehre war er von der chemischen Seite hereingekommen. Er ist der erste seit Theo- phrast, der Anstalt macht, eine Sammlung der Phaͤ- nomene aufzustellen und eine Uebersicht zu geben. Er betreibt das Geschaͤft nur gelegentlich und zaudert seine Arbeit abzuschließen; zuletzt, als ihm eine Augenkrank- heit hinderlich ist, ordnet er seine Erfahrungen, so gut es gehen will, zusammen, in der Form als wenn er das Unvollstaͤndige einem jungen Freunde zu weiterer Bearbeitung uͤbergaͤbe. Dabey moͤchte er zwar gern von einer Seite das Ansehen haben, als wenn er nur Erfahrungen zusammenstellte, ohne eben dadurch eine Hypothese begruͤnden zu wollen; allein er ist von der andern Seite aufrichtig genug, zu gestehen, daß er sich zur corpuscularen mechanischen Erklaͤrungsart hinneige und mit dieser am weitesten auszulangen glaube. Er bearbeitet daher das Weiße und Schwarze am ausfuͤhrlichsten, weil freylich bey diesem noch am ersten ein gewisser Mechanismus plausibel werden duͤrfte. Was aber die eigentlich farbigen Phaͤnomene der Koͤrper, so wie was die apparenten Farben be- trifft, bey diesen geht er weniger methodisch zu Werke, stellt aber eine Menge Erfahrungen zusammen, welche interessant genug sind und nach ihm immer wieder zur Sprache gekommen. Auch haben wir sie, in sofern wir es fuͤr noͤthig erachtet, in unserm Entwurfe, nach unserer Weise und Ueberzeugung aufgefuͤhrt. Der Titel dieses Werkes in der lateinischen Aus- gabe, der wir gefolgt sind, ist: Experimenta et consi- derationes de coloribus — seu initium historiae experimentalis de Coloribus a Roberto Boyle. Londini 1665. Seine ganze Denkart, seine Vorsaͤtze, sein Thun und Leisten wird aus dem fuͤnften Capitel des ersten Thei- les am klaͤrsten und eigentlichsten erkannt, welches wir denn auch uͤbersetzt hier einschalten. Des ersten Theils Fuͤnftes Kapitel . I. „Es gibt, wie du weißt, mein Pyrophilus, außer jenen veralteten Meynungen von den Farben, die man schon laͤngst verworfen hat, gar verschiedene Theorieen, deren jede zu unserer Zeit von bedeutenden Maͤnnern in Schutz genommen wird. 1) Denn die peripathetischen Schulen, ob sie gleich wegen der be- sonderen Farben unter sich nicht ganz eins sind, kom- men doch alle darin uͤberein: die Farben seyen ein- wohnende und wirkliche Eigenschaften, welche das Licht nur offenbare, nicht aber sie hervorzubringen etwas bey- trage. 2) Alsdann gibt es unter den Neueren einige, die mit geringer Veraͤnderung die Meynung Platons annehmen, und wie er die Farbe fuͤr eine Art Flamme haͤlt, die aus den kleinsten Koͤrperchen bestehe, welche von dem Object gleichsam ins Auge geschleudert worden und deren Figur mit den Poren des Auges sich in Uebereinstimmung befinde; so lehren sie, die Farbe sey ein innres Licht der helleren Theile des Gegenstan- des, welches durch die verschiedenen Mischungen der weniger leuchtenden Theile verdunkelt und veraͤndert worden. 3) Nun gibt es andere, welche einigen der alten Atomisten nachfolgen und die Farbe zwar nicht fuͤr eine leuchtende Emanation, aber doch fuͤr ei- nen koͤrperlichen Ausfluß halten, der aus dem gefaͤrbten Koͤrper hervortritt. Aber die gelehrteren unter ihnen haben neulich ihre Hypothese verbessert, indem sie anerkannten und hinzufuͤgten: es sey etwas aͤußeres Licht noͤthig, um diese Koͤrperchen der Farbe zu reizen und anzuregen und sie zum Auge zu bringen. 4) Eine bedeutendere Meynung der neuern Philosophen ist sodann: die Farben entspringen aus einer Mischung des Lichts und der Finsterniß oder vielmehr des Lichts und der Schatten, und diese Meynung ließe sich denn wohl gewissermaßen mit der vorhergehenden vereinigen. 5) Was die Chemiker betrifft, so schreibt die Menge derselben den Ursprung der Farben dem Princip des Schwefels in den Koͤrpern zu, ob ich gleich finde, daß einige ihrer Anfuͤhrer die Farben mehr vom Salz als vom Schwefel herleiten, ja andere sogar von dem dritten Elementarprincip, dem Mercur. 6) Von des Cartesius Nachfolgern brauch’ ich dir nicht zu sagen, daß sie behaupten, die Empfindung des Lichtes werde von einem Anstoß hervorgebracht, welcher auf die Organe des Sehens von sehr kleinen und festen Kuͤ- gelchen gewirkt wird, welche durch die Poren der Luft und andrer durchsichtiger Koͤrper durchdringen koͤnnen. Daraus versuchen sie denn auch die Verschiedenheit der Farben zu erklaͤren, indem sie die verschiedenen Be- wegungen dieser Kuͤgelchen und die Proportion der Be- wegung zu der Rotation um ihren Mittelpunct be- achten, wodurch sie naͤmlich geschickt werden sollen, den optischen Nerven auf mancherley Weise zu treffen, so daß man dadurch verschiedene Farben gewahr wer- den koͤnne.“ II. „Außer diesen sechs vornehmsten Hypothe- sen kann es noch andre geben, mein Pyrophilus, die, obschon weniger bekannt, doch eben so gut als diese deine Betrachtung verdienen. Erwarte aber nicht, daß ich sie gegenwaͤrtig umstaͤndlich durcharbeite, da du den Zweck dieser Blaͤtter und die mir vorgesetzte Kuͤrze kennest. Deswegen will ich nur noch einiges im Allgemeinen bemerken, was sich auf den Tractat, den du in Haͤnden hast, besonders bezieht.“ III. „Und zwar gesteh’ ich dir zuerst, daß ich, obgleich die Anhaͤnger der gedachten verschiedenen Hypothesen durch eine jede besonders und ausschließlich die Farben erklaͤren und hiezu weiter keine Beyhuͤlfe annehmen wollen, was mich betrifft, zweifle: ob irgend eine dieser Hypothesen, wenn man alle andern ausschließt, der Sache genug thue. Denn mir ist wahrscheinlich, daß man das Weiße und Schwarze durch die bloße Reflexion, ohne Refraction anzunehmen, erklaͤren koͤnne, wie ich es in nachstehender Abhand- lung vom Ursprunge des Schwarzen und Weißen zu leisten gesucht habe. Da ich aber nicht habe finden koͤnnen, daß durch irgend eine Mischung des Weißen und wahrhaft Schwarzen (denn hier ist nicht von einem Blauschwarz die Rede, welches Viele fuͤr das aͤchte halten) daß, sage ich, je daraus Blau, Gelb, Roth, geschweige denn die uͤbrigen Farben koͤnn- ten erzeugt werden; da wir ferner sehen, daß diese Farben durchs Prisma und andre durchsichtige Koͤrper hervorzubringen sind mit Beyhuͤlfe der Brechung: so scheint es, man muͤsse die Brechung auch zu Huͤlfe nehmen, um einige Farben zu erklaͤren, zu deren Ent- stehung sie beytraͤgt, weil sie auf eine oder die andre Weise den Schatten mit dem gebrochenen Lichte ver- bindet, oder auf eine Art, die wir gegenwaͤrtig nicht abhandeln koͤnnen. Scheint es nun einigen wahr- scheinlich, daß die Poren der Luft und anderer durch- sichtiger Koͤrper durchaus mit solchen Kuͤgelchen ange- fuͤllt sind, wie die Cartesianer voraussetzen, und daß zugleich die verschiedenen Bewegungsarten dieser Kuͤ- gelchen in vielen Faͤllen von Bedeutung sind, um das verschiedene Gewahrwerden der Farbe bey uns zu be- wirken; so laͤßt sich auch ohne diese Kuͤgelchen, die man nicht so leicht beweisen kann, vorauszusetzen, uͤberhaupt mit Wahrscheinlichkeit annehmen: das Auge koͤnne mannigfaltig afficirt werden nicht allein von ganzen Lichtstrahlen die darauf fallen, und zwar als solchen, sondern auch von der Ordnung derselben und dem Grade der Geschwindigkeit, und daß ich mich kurz fasse, nach der Art und Weise, wie die Theilchen woraus die einzelnen Strahlen bestehen zu dem Sinn gelangen, dergestalt daß, welche Figur auch jene klei- nen Koͤrper haben aus denen die Lichtstrahlen bestehen, sie nicht allein durch ihre Geschwindigkeit oder Lang- samkeit der Entwicklung oder Rotation im Fort- schreiten, sondern noch mehr durch ihre absolute Schnelligkeit, ihre directe oder wogende Bewegung und andre Zufaͤlligkeiten, welche ihren Stoß aufs Auge begleiten koͤnnen, geschickt sind, verschiedenartige Eindruͤcke zu erregen.“ IV. „Zweytens muß ich dich, wegen dieser und aͤhnlicher Betrachtungen, mein Pyrophilus, bitten, daß du diese kleine Abhandlung ansehest, nicht als eine Dissertation, die geschrieben sey, um eine der vorstehen- den Hypothesen ausschließlich vor allen andern zu ver- theidigen, oder eine neue, welche mein waͤre, dafuͤr aufzustellen; sondern als einen Anfang einer Geschichte der Farben, worauf, wenn sie erst durch dich und deine geistreichen Freunde bereichert worden, eine gruͤndliche Theorie koͤnne aufgebaut werden. Weil aber diese Geschichte nicht bloß als Catalog der darin uͤber- lieferten Sachen anzusehen ist, sondern auch als ein Apparat zu einer gruͤndlichen und umfassenden Hy- pothese; hielt ich es der Sache gemaͤß, so meine ganze Dissertation zu stellen, daß ich sie zu jenem Zweck so brauchbar machte, als es sich wollte thun lassen. Deswegen zweifelte ich nicht, dir zu bezeugen, ich sey geneigt gewesen, sowohl dir die Arbeit zu ersparen, verschiedene unzulaͤngliche Theorieen, die dich niemals zu deinem Zweck fuͤhren wuͤrden, selbst zu erforschen; als uͤberhaupt deine Untersuchungen zu vereinfachen, weshalb ich mir zweyerley zum Augenmerk nahm, einmal daß ich gewisse Versuche aufzeichnete, welche durch Huͤlfe begleitender Betrachtungen und Erinne- rungen dir dienen koͤnnten, die Schwaͤche und Unzu- laͤnglichkeit der gemeinen peripathetischen Lehre und der gegenwaͤrtig mit noch mehr Beyfall aufgenommenen Theorie der Chemiker von den Farben einzusehen. Denn da diese beyden Lehren sich festgesetzt haben, und zwar die eine in den meisten Schulen, die andre aber bey den meisten Aerzten und andern gelehrten Maͤnnern, deren Leben und Berufsart nicht erlaubt, daß sie die eigentlichsten ersten nnd einfachsten Natur- anfaͤnge gewissenhaft untersuchten; so glaubt’ ich wenig nuͤtzliches zu leisten, wenn ich nicht etwas thaͤte, die Unzulaͤnglichkeit dieser Hypothesen offenbar zu machen. Deswegen ich denn zweytens unter meine Versuche diejenigen in groͤßerer Zahl aufgenommen, welche dir zeigen moͤgen, daß ich jener Meynung geneigt bin, welche behauptet, die Farbe sey eine Modification des Lichtes; wodurch ich dich anlocken wollen, diese Hy- pothese weiter auszubilden und dahin zu erheben, daß du vermittelst derselben die Erzeugung der beson- dern Farben erklaͤren koͤnnest, wie ich bemuͤht gewesen, sie zur Erklaͤrung des Weißen und Schwarzen an- zuwenden.“ V. „Zum Dritten aber, mein Pyrophilus, ob dieses zwar gegenwaͤrtig die Hypothese ist, die ich vorziehe, so schlage ich sie doch nur im allgemeinen Sinne vor, indem ich nur lehre: die Lichtstrahlen wer- den von den Koͤrpern, woher sie zuruͤckgeworfen oder gebrochen zum Auge kommen, modificirt und bringen so jene Empfindung hervor, welche wir Farbe zu nennen pflegen. Ob aber diese Modification des Lichts geschehe, indem es mit den Schatten gemischt wird, oder durch ein verschiedenes Verhaͤltniß der Bewegung und Rotation der Kuͤgelchen des Cartesins, oder auf irgend eine andre Weise, dieß unterstehe ich mich nicht hier auszumachen. Vielweniger unterstehe ich mich anzugeben, ja ich glaube nicht einmal alles Wissensnoͤthige zu wissen, um dir oder auch mir selbst eine vollkommene Theorie des Sehens und der Farben zu uͤberliefern. Denn erstlich, um dergleichen zu unter- nehmen, muͤßte ich zuvor einsehen, was das Licht sey, und wenn es ein Koͤrper ist, und das scheint es wohl oder doch die Bewegung eines Koͤrpers zu seyn, aus was fuͤr einer Art Koͤrperchen nach Groͤße und Figur es bestehe, mit welcher Geschwindigkeit sie vorschreiten und sich um ihre Mittelpuncte bewegen; hernach moͤchte ich die Natur der Brechung erkennen, welche von den geheimsten ist, wenn du sie nicht scheinbar, sondern gruͤndlich erklaͤren willst, die ich nur in der Naturlehre gefunden habe. Dann moͤchte ich wissen, welche Art und welcher Grad der Vermischung der Finsterniß oder der Schatten bey Refractionen und Reflexionen oder durch beyde geschehe, auf den ober- flaͤchlichen Theilen der Koͤrper, welche erleuchtet immer nur eine Farbe zeigen, die blaue, gelbe, rothe. Dann wuͤnscht’ ich unterrichtet zu seyn, warum die Verbin- dung des Lichtes und Schattens, welche z. B. von dem Haͤutchen einer reifen Kirsche gewirkt wird, eine rothe Farbe zeige, nicht aber eine gruͤne, und das Blatt desselben Baums mehr eine gruͤne als eine rothe Farbe. Zuletzt auch, warum das Licht, das zu solchen Farben modificirt ist, wenn es nur aus Koͤrperchen besteht, welche gegen die Retina oder das Mark des optischen Nerven bewegt werden, nicht bloß ein Stechen, sondern eine Farbe hervorbringe, da doch die Nadel, wenn sie das Auge verwundet, keine Farbe, sondern einen Schmerz hervorbringen wuͤrde. Dieß und anderes wuͤnscht ich zu wissen, ehe ich glaubte die wahre und vollkommene Natur der Farben erkannt zu haben. Daher, ob ich gleich durch die Versuche und Betrachtun- gen, die ich in diesem Buͤchelchen uͤberliefre, einigermaßen meine Unwissenheit in dieser Sache zu mindern gesucht habe und es fuͤr viel besser halte, etwas als gar nichts zu entdecken; so nehme ich mir doch nur vor, durch die Versuche welche ich darlege, wahrscheinlich zu ma- chen, daß sich einige Farben sehr wohl durch die hier uͤberlieferte Lehre im Allgemeinen erklaͤren lassen. Denn so oft ich mich auf eine ins Einzelne gehende und ge- naue Erklaͤrung des Besondern einlassen soll, empfinde ich die große Dunkelheit der Dinge, selbst die nicht ausgenommen, die wir nicht anders zu Gesicht be- kommen als wenn sie erleuchtet werden, und ich stimme Scaligern bey, wenn er von der Natur der Farbe handlend spricht: die Natur verbirgt diese so wie andre Erscheinungen in die tiefste Dunkelheit des menschlichen Unwissens.“ So unverkennbar auch aus dem Vortrage Boyle’s die Vorliebe, gewisse Farbenphaͤnomene mechanisch zu erklaͤren, erhellt, so bescheiden druͤckt er sich doch gegen andere Theorieen und Hypothesen aus, so sehr empfin- det er, daß noch andre Arten von Erklaͤrungen, Ab- leitungen moͤglich und zulaͤssig waͤren; er bekennt, daß noch lange nicht genug vorgearbeitet sey und laͤßt uns zuletzt in einem schwankenden, zweifelhaften Zustande. II. 21 Wenn er nun von einer Seite, durch die vielfa- chen Erfahrungen die er gesammlet, sich bey den Na- turforschern Ansehen und Dank erwarb, so daß dasje- nige was er mitgetheilt und uͤberliefert, lange Zeit in der Naturlehre Werth und Guͤltigkeit behielt, in allen Lehrbuͤchern wiederhohlt und fortgepflanzt wurde; so war doch von der andern Seite seine Gesinnung viel zu zart, seine Aeußerungen zu schwankend, seine Forderun- gen zu breit, seine Zwecke zu unabsehlich, als daß er nicht haͤtte durch eine neu eintretende ausschließende Theorie leicht verdraͤngt werden koͤnnen, da ein lern- begieriges Publicum am liebsten nach einer Lehre greift, woran es sich festhalten und wodurch es aller weitern Zweifel, alles weitern Nachdenkens bequem uͤberhoben wird. Hook . geb. 1635. gest. 1703 . Er ist mehr ein emsiger als ein fleißiger Beobach- ter und Experimentator zu nennen. Er blickt uͤberall um sich her und seine unruhige Thaͤtigkeit verbreitet sich uͤber die ganze Naturlehre. Man muß ihm zuge- stehen, daß er gute Entdeckungen gemacht, Entdecktes gluͤcklich bearbeitet habe; doch ist er kein theoretischer Kopf, nicht einmal ein methodischer. Die Lehre von Licht und Farben ist ihm manches schuldig. Er beobachtet die brechende Kraft des Eises, bemerkt mit Grimaldi die Ablenkung des Lichtes und thut Vorschlaͤge, wie man die Sonne anschauen koͤnne, ohne geblendet zu werden; richtet eine tragbare Camera obscura zu bequemerer Abzeichnung ein und bemuͤht sich ums reflectirende Telescop. Seine Farbenlehre ist freylich barok. Er nimmt nur zwey Farben an, Blau und Roth; diese sollen durch schiefe oder ungleiche Erschuͤtterung aufs Auge erregt werden. Seitdem Descartes die Lehre von dem Lichte materialisirt und mechanisirt hatte, so koͤnnen sich die Denker nicht wieder aus diesem Kreise heraus- finden: denn diejenigen welche Licht und Farben nicht materiell nehmen wollen, muͤssen doch zur mechanischen Erklaͤrung greifen, und so schwankt die Lehre immer fort in einem unfruchtbaren Raume, sie mag sich nach der dynamischen oder atomistischen Seite neigen. Das Capitel der Farben, die wir epoptische ge- nannt haben, ist ihm mancherley schuldig. Er macht auf den Versuch mit den Seifenblasen aufmerksam, auf die farbigen Kreise im russischen Glase und zwischen den an einander gedruckten Glasplatten. Doch konnte er diese Erscheinungen nicht zusammenbringen noch ru- briciren. Was von ihm als Secretaͤr der Londner Societaͤt und als Gegner Newtons zu sagen ist, wird kuͤnftig beygebracht werden. 21 * Nicolaus Malebranche . geb. 1638. gest. 1715 . Réflexions sur la lumière et les couleurs et la génération du feu par le Père Malebranche. Mémoi- res de l’Académie royale 1699. „Die Philosophie hat das Joch der Autoritaͤt voͤl- lig abgeworfen und die groͤßten Philosophen uͤberreden uns nur noch durch ihre Gruͤnde. So scharfsinnig auch das System uͤber das Licht von Herrn Descar- tes seyn mag, so hat es doch der Pater Malebranche verlassen, um ein andres aufzustellen, das nach dem System des Tones gebildet ist, und diese Aehnlichkeit selbst kann fuͤr die Wahrheit desselben zeugen bey sol- chen, welchen bekannt ist, wie sehr die Natur, was die allgemeinen Principien betrifft, gleichfoͤrmig sey.“ „Man ist uͤberzeugt, daß der Ton hervorgebracht wird durch das Zittern oder Schwingen unmerklicher Theile des klingenden Koͤrpers. Groͤßere oder kleinere Schwingungen, d. h. solche, welche groͤßere oder kleinere Bogen desselben Kreises machen, begeben sich fuͤr die Em- pfindung in gleichen Zeiten, und die Toͤne welche sie hervorbringen, koͤnnen nicht unterschieden seyn, als daß sie staͤrker oder schwaͤcher sind. Die staͤrkern werden durch die groͤßeren Schwingungen hervorgebracht, die schwachen durch die kleineren. Gesetzt aber, es entstehe zu gleicher Zeit eine groͤßere Anzahl Schwingungen in einem Koͤrper als in einem andern, so werden diejeni- gen welche in groͤßerer Zahl entstehen, weil sie gedraͤng- ter und so zu sagen lebhafter sind, von einer verschie- denen Art seyn als die andern. Die Klaͤnge also sind auch der Art nach verschieden, und das ist, was man die Toͤne nennt. Die schnellsten Vibrationen bringen die hohen Toͤne hervor und die langsamsten die tiefen. Diese Grundsaͤtze, welche von allen Philosophen ange- nommen werden, lassen sich leicht auf das Licht und die Farben anwenden. Alle die kleinsten Theile eines leuchtenden Koͤrpers sind in einer sehr schnellen Be- wegung, welche von Augenblick zu Augenblick durch sehr lebhafte Erschuͤtterungen die ganze aͤußerst zarte, bis zum Auge reichende Materie, zusammendruͤckt und in ihr, nach Pater Malebranche, Schwingungen des Drucks hervorbringt. Sind diese Schwingungen groͤ- ßer, so erscheint der Koͤrper leuchtender oder mehr er- hellt; sind sie schneller oder langsamer, so ist er von dieser oder jener Farbe; und daher kommt, daß der Grad des Lichtes gewoͤhnlich nicht die Art der Farben veraͤndert, und daß sie bey staͤrkerer oder schwaͤcherer Beleuchtung immer als dieselben erscheinen, obgleich mehr oder weniger lebhaft. Koͤnnen nun diese Schwin- gungen, welche zu gleicher Zeit hervorgebracht werden, aber an Zahl verschieden sind, nach aller moͤglichen Art von Zahlenverhaͤltnissen verschieden seyn; so kann man deutlich erkennen, daß aus dieser unendlichen Verschie- denheit der Verhaͤltnisse auch die Verschiedenheit der Farben entstehen muß, und daß die verschiedensten Far- ben auch aus den verschiedensten und am weitsten von der Gleichheit entfernten Verhaͤltnissen entspringen muͤs- sen; z. B. wenn ein gefaͤrbter Koͤrper vier Schwin- gungen des Drucks auf die zarte Materie hervorbringt, indessen ein andrer nur zwey; so wird er an Far- be davon verschiedener seyn, als wenn er nur drey Schwingungen machte.“ „Man hat in der Musik die Verhaͤltnisse der Zah- len bestimmt, welche die verschiedenen Toͤne hervorbrin- gen; aber es laͤßt sich nicht hoffen, daß dieses auch bey den Farben gelinge.“ „Die Erfahrung belehrt uns, daß, wenn man ei- nige Zeit die Sonne oder einen andern sehr erleuchte- ten Gegenstand angesehen und darauf das Auge schließt, man erst Weiß sieht, sodann Geld, Roth, Blau, end- lich Schwarz; daher man denn folgerecht schließen kann, vorausgesetzt, daß diese Ordnung immer dieselbige sey, daß die Farben welche zuerst erscheinen, durch schnellere Schwingungen hervorgebracht werden, weil die Bewe- gung welche auf der Netzhaut durch den leuchtenden Gegenstand gewirkt wird, sich immerfort vermindert.“ „Bey dieser Gelegenheit erzaͤhlte Herr Homberg der Academie eine Erfahrung, die er uͤber die Ordnung und die Folge der verschiedenen Farben gemacht hatte. Er nahm naͤmlich ein Glas, das von beyden Seiten rauh und deshalb wenig durchsichtig war. Er brachte es vor eine Oeffnung und ließ es vom Lichte beschei- nen. Indem er nun durch das Glas hindurch sah, konnte er draußen nur die weißen Gegenstaͤnde bemer- ken, keinesweges aber die von einer andern Farbe. Nun polirte er ein wenig das Glas und sah nun das Weiße besser, wobey sich das Gelbe zu zeigen anfing. Je mehr er nun das Glas glaͤttete, wurden die uͤbri- gen Farben in folgender Ordnung sichtbar: Gelb, Gruͤn, Roth, Blau und Schwarz.“ „Nach dem System des Herrn Descartes wird das Licht durch die Kuͤgelchen des zweyten Elements fortgepflanzt, welche die zarte Materie des leuchtenden Koͤrpers in grader Linie fortstoͤßt. Was aber die Far- ben bildet, ist der Umstand, daß diese Kuͤgelchen, au- ßer der directen Bewegung, bestimmt sind sich zu dre- hen, und daß aus der verschiedenen Verbindung der directen und zirkelnden Bewegung die verschiedenen Farben entstehen. Da aber diese Kuͤgelchen nach gedach- tem System hart seyn muͤßten, wie kann nun dasselbige Kuͤgelchen zu gleicher Zeit sich auf verschiedene Art herumwaͤlzen, welches doch noͤthig seyn muͤßte, wenn die verschiedenen Strahlen, welche verschiedene Farben nach dem Auge bringen, sich in einem Puncte kreuzen sollten, ohne sich zu verwirren und zu zerstoͤren, welches sie doch nicht thun, wie uns die Erfahrung lehrt.“ „Deswegen hat der Pater Malebranche an die Stelle dieser harten Kuͤgelchen kleine Wirbel von subti- ler Materie gesetzt, welche sich leicht zusammendruͤcken lassen und an ihren verschiedenen Seiten auf verschie- dene Weise zusammengedruͤckt werden koͤnnen: denn so klein man sie sich auch denkt, so haben sie Theile, denn die Materie ist ins Unendliche theilbar, und die klein- ste Sphaͤre kann sich auf allen Puncten mit der groͤß- ten, die man sich denken mag, beruͤhren.“ Johann Christoph Sturm . geb. 1685. gest. 1703 . Physica electiva sive hypothetica. Norimbergae 1697. Die Lehre von den Farben behandelt er wie die uͤbrigen Rubriken. Erst bringt er ohne sonderliche Ord- nung und Methode die Phaͤnomene vor, wie sie ihm die Schriftsteller uͤberlieferten; dann die Meynungen der Alten und Neuern, jedoch keineswegs vollstaͤndig; zuletzt waͤhlt er sich aus alle dem bisher Gesagten und Theoretisirten dasjenige, womit er sich nothduͤrftig uͤber die Erscheinungen hinaus zu helfen glaubt. Es ist uͤberall nur Druck und Papier und nirgends Natur. Wie sehr waͤre zu wuͤnschen gewesen, daß ein geistrei- cher Mann diese Arbeit uͤbernommen und seinen Nach- folgern durchgreifender vorgearbeitet haͤtte. Funccius . De coloribus coeli. Ulmae 1716. Eine fruͤhere Ausgabe von 1705 ist mir nicht zu Gesicht gekommen. Daß etwas Schattiges zum Lichte oder zum Hel- len hinzutreten muͤsse, damit Farben entstehen koͤnnen, hatte Kircher sehr umstaͤndlich zur Sprache gebracht. Einer seiner Zeitgenossen, Honoratus Fabri, gleichfalls Jesuit, ist von derselben Ueberzeugung durchdrungen. Er wendet sich aber, um die Sache naͤher zu bestimmen, und die verschiedenen Farben entstehen zu lassen, zu ei- ner quantitativen Erklaͤrung, auf welche Aristoteles schon hingedeutet, und nimmt an, daß vom Weißen das reine gedraͤngte Licht zuruͤckstrahle, daß Roth aus gleichen Theilen von Licht und Schatten bestehe, Gelb aus zwey Theilen Licht und einem Theil Schatten, Blau aus zwey Theilen Schatten und einem Theile Licht. Auf demselben Wege geht Funccius, indem er von den atmosphaͤrischen Farben handelt. Unsere Leser, denen bekannt ist, wie sich die meisten farbigen Him- melserscheinungen kuͤrzlich und bequem aus der Lehre von den truͤben Mitteln herleiten lassen, moͤchten sich wohl wundern, wie ein ganzes Buͤchlein daruͤber zu schreiben gewesen. Der Verfasser geht freylich etwas umstaͤndlich zu Werke. Erst leitet er, wie seine Vorgaͤnger, die far- bigen Erscheinungen von einer Verbindung des Hellen und Dunkeln, von einer Vermaͤhlung des Lichts mit dem Schatten, sodann die atmosphaͤrischen von einer Wirkung der Sonne auf Nebel und Wolken her. Al- lein der nothwendige Gegensatz, wodurch an der einen Seite das Gelbe, an der andern das Blaue nahe bis an den Purpur gesteigert werden, war ihm nicht deut- lich geworden. Er sah wohl ein, daß vom Gelben bis zum Purpur und ruͤckwaͤrts eine Art von quantitati- vem Verhaͤltniß statt finde; aber er wollte auf eben diesem Wege uͤber den Purpur hinaus ins Blaue, um so mehr als wirklich die Sonne auf der hoͤchsten Stufe der Maͤßigung ihres Lichtes durch truͤbe Duͤnste eine Art von blaͤulichem Schein anzunehmen genoͤthigt wer- den kann. Allein es gelang ihm die Ableitung der schoͤnen Himmelsblaͤue nicht, und sein ganzes Werk wird dadurch unzulaͤnglich. Er polemisirt mit sich selbst und andern, keineswegs zwecklos und ungeschickt, aber weder stringent noch gluͤcklich. Da er sich von der quantitativen Steigerung uͤber- zeugt hat, so faͤngt er an die Farben mit Zahlen und Bruͤchen auszudruͤcken, wodurch denn der Vortrag nur krauser wird, ohne daß fuͤr die Behandlung selbst der mindeste Gewinn entspraͤnge. Lazarus Nuͤguet . Franzoͤsischer Priester, wahrscheinlich Jesuit, be- schaͤftigte sich uͤberhaupt mit Physik und ließ in das so genannte Journal de Trevoux April 1705. p. 675. einen Aufsatz uͤber Farben einruͤcken, den wir uͤbersetzt und mit einigen Anmerkungen begleitet mittheilen. Das Wahre, was er enthaͤlt, ist, wie so manches andere was in diesem Journal Platz gefunden, bey Seite gedraͤngt worden, weil diese in vielen Stuͤcken parteyische Zeitschrift sich einer maͤchtigern Partey, der academischen, entgegensetzte. So wird im Journal des Savans, im Supplement zum July 1707, der Beschreibung eines neuen Ther- mometers gedacht, welche Nuͤguet 1706 herausgegeben, worin er sich uͤber die Erfindung vielleicht mit allzu großer Selbstgefaͤlligkeit mochte geaͤußert haben. Man persifflirt sein Thermometer, und bey dieser Gelegenheit auch sein Farbensystem, wobey man, um seine et- wanigen Verdienste herabzusetzen, ihm die Ehre der Erfindung abspricht und bemerkt, daß Honoratus Fabri schon das aͤhnliche behauptet; als wenn es nicht verdienstlich genug waͤre, ein richtiges Aper ç uͤ aufzufassen, das andre schon gehabt, und das, was sie bis auf einen gewissen Grad gefoͤrdert, weiter auszu- arbeiten und auf den rechten Punct hinzufuͤhren. Wir wollen ihn vor allen Dingen selbst hoͤren. Nuͤguet’s Farbensystem . „Um mich einmal gruͤndlich von der wahrhaften Ursache der Farben und von dem was ihren Unter- schied macht zu unterrichten, glaubte ich nichts besseres thun zu koͤnnen, als deshalb die Natur zu befragen, indem ich mit Sorgfalt die vorzuͤglichsten Veraͤnde- rungen bemerkte, die sich zeigen, wenn Farben her- vortreten und wechseln, damit ich nachher ein System feststellen koͤnnte, das auf gruͤndlichen Untersuchungen ruhte, welche klar und unzweydeutig die Wahrheit be- zeugten. Und so bemerkte ich“ „Erstlich, daß alle Farben in der Finsterniß ver- schwanden. Daraus war ich berechtigt zu schließen, daß das Licht zu den Farben wesentlich erforder- lich sey.“ „Zweytens, daß keine Farben entstehen in einem voͤllig durchsichtigen Mittel, so sehr es auch erleuchtet sey, eben weil darin nichts zugegen ist als Licht ohne Schatten. Daraus mußte ich schließen, daß der Schatten eben so wesentlich den Farben sey als das Licht.“ „Drittens bemerkte ich, daß verschiedene Farben entstehen gerade in der Gegend, wo Licht und Schatten sich verschiedentlich vermischen, z. B. wenn die Licht- strahlen auf irgend einen dunklen Koͤrper fielen oder durch das dreyseitige Prisma durchgingen. Daher schloß ich sogleich, daß die Farben einzig und allein aus der Vermischung des Lichtes und des Schattens, und ihre Verschiedenheit aus der Verschiedenheit dieser beyden entspraͤngen.“ „Ferner um zu bestimmen, worin jede Farbe be- sonders bestehe, so stellte ich mancherley Versuche an, aus denen man nicht allein erkennt, worin ganz ge- nau jede Urfarbe von allen andern unterschieden ist, sondern die auch zugleich ganz unumstoͤßlich beweisen, daß die Farben nichts anders sind als Schatten und Licht zusammengemischt. Hier sind nun die vorzuͤg- lichsten.“ I. „Wenn ich durch ein Brennglas mehrere Licht- strahlen auf ein schwarzes Tuch versammelte, so be- merkte ich, daß der Ort, wo die Strahlen sich ver- einigten, merklich weiß erschien; dagegen aber, wenn ich eine Flasche voll Wasser zwischen ein angezuͤndetes Licht und ein weiß Papier setzte, so erschienen die Stellen des Papiers, wo nur wenig Strahlen zu- sammenkamen, schwarz. Daraus zieh’ ich die Folge, daß das Weiße aus Lichtstrahlen bestand, die wenig oder gar keinen Schatten enthielten; das Schwarze dagegen aus reinem Schatten oder doch nur mit wenig Licht vermischt; sodann uͤberzeugte ich mich, daß Schwarz und Weiß die erste Materie aller Farben sey, aber daß sie, um eigentlich zu reden, selbst nicht wirkliche Farben seyen.“ II. „Wenn man ein Glas rothen Wein auf ein weiß Papier setzt und dann eine brennende Kerze der- gestalt richtet, daß ihr Licht durch den Wein geht und sich auf irgend einem Fleck des Papiers endigt, so wird man daselbst ein sehr glaͤnzendes Roth se- hen; naͤhert man aber diesem Roth ein andres brennendes Licht, so wird es merklich gelb. Eben so verwandelt sich das Roth des prismatischen Far- benbildes, das glaͤnzend und tief an einem schat- tigen Orte ist, sogleich in Gelb, wenn man das Bild auf einen Fleck fallen laͤßt, auf den die Strahlen der Sonne unmittelbar auffallen. Daraus konnte ich schließen, daß das Roth mehr Schatten und weniger Licht enthalte denn das Gelbe.“ III. „Wenn man durch einen Brennspiegel mehrere Sonnenstrahlen zusammenzieht und sie auf ein pris- matisches Farbenbild wirft, das man vorher in einem mittelmaͤßig erhellten Zimmer durch ein Prisma sehr glaͤnzend farbig hervorgebracht; so verschwinden diese Farben sogleich; welches ganz deutlich beweis’t, daß die urspruͤnglichen Farben nothwendigerweise einen gewissen Antheil Schatten mit sich fuͤhren, der, wenn er durch die haͤufig auf diese Farbe versammelten Strahlen zerstreut und aufgehoben wird, sie auch so- gleich verschwinden laͤßt.“ IV. „Nimmt man fuͤnf Blaͤtter Papier von fuͤnf verschiedenen Farben, naͤmlich ein violettes, blaues, rothes, gruͤnes und gelbes, und man stellt sie uͤber einander in verschiedenen Reihen an einen Ort, wo- hin man das prismatische Farbenbild bringen kann; so wird man deutlich sehen, daß das Rothe dieses Farbenbildes dunkler und tiefer ist auf dem violetten Papier als auf dem blauen, auf dem blauen mehr als auf dem rothen, auf dem rothen mehr als auf dem gruͤnen, auf dem gruͤnen mehr als auf dem gelben. Diese Erfahrung, die ich sehr oft mit demselbigen Erfolg wiederhohlt habe, ist ein uͤberzeugender Beweis, daß das Violette mehr Schatten als das Blaue, das Blaue mehr als das Rothe, das Rothe mehr als das Gruͤne, das Gruͤne mehr als das Gelbe in sich enthalte. Denn eine Farbe verfinstert sich nur nach Maßgabe des Schattens, mit dem sie sich vermischt.“ V. „Hat man Acht auf die Art und Weise, wie die Lichtstrahlen durchs Prisma hindurchgehen, auf die Brechungen, welche diese Strahlen erleiden, auf die Schatten, die eine natuͤrliche Folge dieser Brechungen sind; so bemerkt man, daß das Gelbe des prismatischen Farbenbildes mehr Licht und weniger Schatten als alle uͤbrigen Farben enthaͤlt, das Gruͤne mehr Licht und weniger Schatten als das Blaue, das Blaue mehr Licht und weniger Schatten als das Violette, das Violette mehr Schatten und weniger Licht als alle uͤbrigen Farben des Prismas. Denn die Erfahrung hatte mich gelehrt, daß das Rothe und Violette von beyden Seiten durch Strahlen hervorgebracht wurde, die unmittelbar von Schatten umgeben waren, ver- ursacht durch Brechungen, welche diese Strahlen beym Durchgang durchs Prisma erlitten hatten; mit dem einzigen Unterschied, daß diejenigen Strahlen welche das Violette verursachten, durch die Brechung sich dem Schatten naͤherten, an den sie anstießen, anstatt daß diejenigen die das Rothe bildeten, sich durch die Brechung vom Schatten entfernten, der sie unmittelbar umgab. Daher schloß ich, a ) daß die Strahlen welche das Violette hervorbringen, mehr Schatten enthalten als diejenigen die das Rothe bilden, weil diese sich durch die Wirkung der Refraction vom Schatten ent- fernen, der sie umgab, anstatt daß sich die andern dem Schatten annaͤherten, der ihnen unmittelbar nach der Brechung nahe lag. Ich folgerte, b ) daß das Gelbe weniger Schatten enthalte als das Rothe, das Blaue weniger als das Violette; c ) daß das Gruͤne, das nur ein Gemisch des Gelben uud Blauen ist, weniger Schatten enthalte als das Blaue und mehr als das Gelbe; d ) endlich, daß das Violette mehr Schatten enthalte als keine andre Farbe, weil es durch Strahlen gebildet war die sich der Brechung gemaͤß gegen den Schatten bewegten, der ihnen un- mittelbar begegnete. Diese kurze und natuͤrliche Er- klaͤrung der prismatischen Farben ist augenscheinlich bekraͤftigt durch folgenden Versuch, der so angenehm als leicht auszufuͤhren ist.“ VI. „Um diesen Versuch zu machen, waͤhlte ich die Zeit, als die Sonne auf Haͤuser traf die dem Fenster einer ziemlich dunklen Kammer, wo ich mich damals befand, entgegenstanden, dergestalt, daß die zuruͤckge- worfenen Sonnenstrahlen die eine Seite des Fensters bedeutender erhellten als die andre. Auf einen Tisch, der nicht weit von der Oeffnung stand, legte ich so- dann ein weißes Papier, worauf das Licht der zwey Zuruͤckstrahlungen fiel. Nachdem ich das Fenster ge- schlossen hatte, erhob ich meine Hand ein wenig uͤber das Papier, um auf beyden Seiten Schatten zu er- regen, und sogleich bemerkte ich auf dem Papier vier deutliche Farben: Gelb, Blau, Gruͤn und Violett. Das Gelbe erschien jedesmal an der Stelle, wo das staͤrkste Licht sich mit dem schwaͤchsten Schatten verband, d. h. auf der Seite der staͤrksten Wiederstrahlung; das Blau dagegen zeigte sich nur an der Stelle, wo das schwaͤchste Licht sich mit dem staͤrksten Schatten ver- einigte, d. h. an der Seite der geringsten Wieder- strahlung; das Violette zeigte sich immer an der Stelle, wo die Schatten der zwey Wiederstrahlungen zusammenliefen; und das Gruͤne entstand durch die Vermischung des Gelben und Blauen. Alle diese Far- ben entstanden nur aus den verschiedenen Vermi- schungen von Licht und Schatten, wie es offenbar ist, und sie verschwanden sogleich, nachdem die Sonne aufgehoͤrt hatte auf die Haͤuser zu leuchten, die dem Zimmer, wo ich den Versuch machte, entgegenstunden, obgleich sonst der Tag noch sehr hell war. Um nun aufs neue dieselben Farben wieder darzustellen, ohne daß man Zuruͤckstrahlungen der Sonne von ungleicher Kraft noͤthig haͤtte, nahm ich ein angezuͤndetes Licht und ein Buch in Quart, das mir Schatten auf das Papier gaͤbe, um verschiedene Mischungen des Tages- II. 22 lichts und seines Schattens mit dem Kerzenlicht und dessen Schatten hervorzubringen: denn ich vermuthete, daß auch hier sich Farben zeigen muͤßten; welches mir vollkommen gelang. Denn das Tageslicht und der Schatten des Kerzenlichtes bildeten Blau durch ihr Zusammentreffen; der Schatten des Tageslichts und das Licht der Kerze brachten das Gelbe hervor, und wenn man sodann das Gelbe mit dem Blauen ver- band, welches sehr leicht war, so entstand ein sehr deutlich Gruͤn.“ „Diese drey letzten Versuche beweisen ganz klar: einmal, daß die Farben in nichts anderem bestehen als in Mischung von Licht und Schatten, und ihre Verschiedenheit in der Verschiedenheit der Mischungen die man machen kann; sodann, daß das Violette von den andern urspruͤnglichen Farben sich dadurch unter- scheidet, daß es mehr Schatten hat als die uͤbrigen; das Gelbe, daß es weniger Schatten hat als die andern; das Gruͤne, daß es mehr Schatten hat als das Gelbe und weniger als alle uͤbrigen; das Rothe, daß es mehr Schatten enthaͤlt als Gelb und Gruͤn, weniger als Blau und Violett; das Blaue zuletzt, daß es weniger Schatten enthaͤlt als das Violette und mehr als die uͤbrigen urspruͤnglichen Farben. Und weil in diesen drey Versuchen dieselbigen Farben immer entsprangen durch dieselbigen Mischungen von Schatten und Licht, und da sie sogleich verschwanden, wenn jene beyden aufgehoben waren; so sehen wir darin eine uͤberzeugende Probe von der Wahrheit des vorgeschlagenen Systems.“ „Und da man in diesem System eine sichre Ursache der Natur der Farben uͤberhaupt und einer jeden ur- spruͤnglichen besonders angeben kann, so ist es unnoͤthig, zu unbekannten Ursachen seine Zuflucht zu nehmen, wie z. B. die staͤrkeren oder schwaͤcheren Schwingungen ei- ner subtilen Materie oder die verschiedenen Umdrehun- gen der kugelartigen Materie, welches bloße Fictionen des Geistes sind, die keinen Grund in der Natur ha- ben, und deren Existenz weder vom Pater Malebran- che, dem Erfinder der ersten, noch von Descartes, dem Erfinder der andern, ist dargethan worden.“ „Aus allem vorhergesagten folgt also, daß alle Farben aus Gelb und Blau zusammengesetzt sind: denn das Gruͤne ist nur eine Vermischung von Gelb und Blau, wie denn gelbes und blaues Glas aufeinander gelegt ein Gruͤnes hervorbringt; das Rothe ist nur ein Gelb mit Schatten gemischt, wie es fruͤher bewie- sen worden; das Violette ist nur eine Mischung von vielem Blau mit wenig Roth, wie man erfahren kann, wenn man mehrere blaue Glaͤser und ein rothes zusam- menlegt. Weil aber das Blau selbst nur eine Mischung von Schatten und wenigem Licht, das Gelbe eine Mi- schung von vielem Licht und wenigem Schatten ist, wie wir oben gezeigt haben; so ist offenbar, daß alle Far- ben urspruͤnglich von dem Schwarzen und Weißen her- kommen, oder was einerley ist, von Licht und Schatten.“ 22 * „Weil man aber das Wort Farbe in verschiede- nem Sinne nimmt, so betrachten wir, um alle Zwey- deutigkeit zu vermeiden, die Farben unter vier ver- schiedenen Bedingungen, naͤmlich im gefaͤrbten Gegen- stande, im durchsichtigen Mittel, im Sehorgan und in der Seele.“ „Die Farben in dem gefaͤrbten Gegenstande sind nach dem aufgestellten System alles dasjenige, was Ge- legenheit gibt, daß sich auf erforderliche Weise Licht und Schatten zu Farben verbinden, es moͤgen nun die Koͤrper, welche zu solchen Vermischungen Gelegenheit geben, durchsichtig oder undurchsichtig seyn.“ „Die Farben betrachtet in dem Mittel wodurch sie zu uns gelangen, bestehen auch in Verbindung des Schattens und des Lichtes, oder welches dasselbe ist, in den verschiedenen Entfernungen der Lichtstrahlen be- zuͤglich untereinander.“ „Die Farben von der Seite des Organs sind nichts anders als eine Erschuͤtterung von mehr oder weniger Nervenfasern, die sich in der Proportion von einander entfernen, wie die Entfernung der Lichtstrah- len untereinander war, welche die Retina erschuͤtter- ten.“ „Endlich die Farben in Bezug auf die Seele be- stehen in verschiedenen Perceptionen der Seele, wel- che verursacht werden durch die Erschuͤtterungen von mehr oder weniger Nervenfasern des Auges.“ „Dieses vorausgesetzt, so laͤßt sich nach unserm System gar leicht von einer Erfahrung Rechenschaft geben, welche der Pater Malebranche vorbringt, um das seinige zu bestaͤrken, das auf nichts als auf die Analogie der Farbe mit den Toͤnen gegruͤndet ist. Diese Erfahrung besteht darin, daß wenn Jemand, nachdem er in die Sonne gesehen und also der optische Nerve stark erschuͤttert worden, sodann die Augen schließt oder sich an einen dunklen Ort begibt, ihm in einer Folge verschiedene Farben erscheinen, erst Weiß, dann Gelb und so fort Roth, Blau und Schwarz. Denn die Erschuͤtterungen welche auf verschiedene Fasern des optischen Nerven erregt worden, endigen nach und nach, eine nach der andern, und so wird der optische Nerv immer in weniger Theilen erschuͤttert seyn, je- mehr Zeit verflossen ist als man die Augen zugedruͤckt hat; und darin besteht die Folge und die Abwechselung der Farben die man alsdann sieht. Ich weiß nicht, wie der Pater Malebranche dieses Beyspiel anfuͤhren mochte, um die Verschiedenheit der Farben durch Ana- logie mit den Toͤnen zu erklaͤren. Denn ein Ton bleibt immer derselbe, auf derselben Violinsaite, ob er gleich immer unmerklich schwaͤcher wird.“ „Zum Schlusse will ich hier zu bemerken nicht unterlassen, daß die Erfahrung welche Boyle vom nephritischen Holze erzaͤhlt, und welche Herr Pourchot gleichfalls wiederhohlt, sehr unsicher, dabey aber nicht so selten sey als diese Philosophen glauben.“ „Die Erfahrung besteht darin, daß man eine Nacht uͤber, eine gewisse Portion nephritischen Holzes, mit reinem Brunnenwasser uͤbergossen, stehen laͤßt und mit diesem Aufgusse sodann ein rundes glaͤsernes Gefaͤß anfuͤllt. Dieses Gefaͤß soll, nach dem Bericht obge- dachter beyder Beobachter, gelb erscheinen, wenn es sich zwischen dem Auge des Betrachters und dem aͤußern Lichte befindet; blau hingegen, wenn das Auge zwischen das Licht und die Flasche gebracht wird. Ich habe diesen Versuch oͤfters und fast auf alle moͤgliche Weise gemacht, ohne auch nur irgend etwas zu bemerken, was dem Blauen sich einigermaßen naͤherte. Wohl zeig- te sich das Wasser gelb, aber auch Stroh wuͤrde es gelb machen, wenn man davon eine Infufion bereitete. Herr Polinier, Doctor der Arzneykunst, hat mich ver- sichert, daß er diesen Versuch gleichfalls ohne den mindesten Erfolg vorgenommen habe. Aber wenn er auch richtig waͤre, so waͤre es nichts außerordentliches: denn gewisse kleine glaͤserne Geschirre, deren man sich bedient um Confituren hinein zu thun, haben alle je- ne Eigenschaften, welche die Herren Boyle und Pour- chot ihrem nephritischen Holze zuschreiben. Vielleicht kamen diese verschiedenen Farben, die sie in ihrem Aufgusse wollen gesehen haben, bloß von der Flasche, welche vielleicht ein Glas von der Art war wie ich eben erwaͤhnte; welches denn ein bedeutender Irrthum seyn wuͤrde.“ Betrachtungen uͤber vorstehende Abhandlung . Wenn der denkende Geschichtsforscher mit Betruͤb- niß bemerken muß, daß Wahrheit so wenig als Gluͤck einen dauerhaften Sitz auf der Erde gewinnen koͤnnen, da dieses mit manchem Unheil, jene mit manchem Irrthum bestaͤndig abzuwechseln hat; so ist es ihm desto erfreulicher, zu sehen, wenn die Wahrheit auch in Zeiten wo sie nicht durchdringen kann, nur gleich- sam eine Protestation einlegt, um ihre Rechte, wo nicht zu behaupten, doch zu verwahren. Mit dieser vergnuͤglichen Empfindung lesen wir vorstehende Schrift, die wir den Freunden der Wissen- schaft nicht genug empfehlen koͤnnen. Sie ist verfaßt von einem unbebekannten, unbedeutenden franzoͤsischen Geistlichen, der zu derselben Zeit den echten Funda- menten der Farbenlehre ganz nahe tritt und seine Ue- berzeugungen einfach und naiv ausspricht, als eben Newton von allem Glanze des Ruhms umgeben seine Optik bekannt macht, um mit dem wunderlichsten al- ler Irrthuͤmer ein ganzes Jahrhundert zu stempeln. Ein solcher Vorgang ist keinesweges wunderbar: denn außerordentliche Menschen uͤben eine solche Ge- walt aus, daß sie ganz bequem ihre zufaͤlligen Irrthuͤ- mer fortpflanzen, indeß weniger begabte und begluͤckte keine Mittel finden, ihren wohleingesehenen Wahrheiten Raum zu machen. Da sich Nuͤguet jedoch dem rein Wahren nur an- zunaͤhern vermag, da ihm eine vollkommene Einsicht abgeht, da er hie und da in Schwanken und Irren geraͤth; so bedarf man gegen ihn einer durchgehenden Nachsicht. Hier muß man einen Schritt weiter gehen, hier ihn suppliren, hier ihn rectificiren. Indem wir diese unterhaltende und uͤbende Bemuͤhung unsern Le- sern uͤberlassen, machen wir nur auf einige Hauptmo- mente aufmerksam. In seinem fuͤnften Puncte bemerkt er ganz richtig, daß im prismatischen Bilde Gelb und Blau mehr dem Lichte, Roth und Violett mehr dem Schatten angehoͤ- ren; daß das Rothe sich von dem Schatten entfernt, daß das Violette sich gegen den Schatten bewegt, der ihm unmittelbar begegnet. Freylich entsteht, nach unsrer gegenwaͤrtigen Einsicht, das Rothe, weil sich ein truͤbes Doppelbild uͤber das Licht, das Violette, weil sich ein truͤbes Doppelbild uͤber das Dunkle be- wegt, und so sprechen wir die naͤchste Ursache dieser Farbenerscheinung aus; aber wir muͤssen doch Nuͤguet zugestehen, daß ihm die nothwendige Bedingung der Erscheinung vorgeschwebt, daß er auf dasjenige was dabey vorgeht, besser als einer seiner Vorgaͤnger auf- gemerkt. Sein sechster Punct enthaͤlt die saͤmmtlichen Ele- mente der farbigen Schatten. Hier ist ihm nicht aufgegangen, was dabey physiologisch ist; auch hat er nicht einmal die zufaͤlligen Erscheinungen, welche ihm durch die seiner Camera obscura gegenuͤberstehen- den Haͤuser geboten worden, genugsam in wiederhohl- bare Versuche verwandelt. Wenn ihm ferner der Versuch mit dem nephritischen Holze nicht gelingen wollen, so scheint uns die Ursach darin zu liegen, daß er kein echtes erhalten koͤnnen. Denn eben so ist es uns auch ergangen, ob wir uns gleich aus vielen Apotheken ein sogenanntes nephriti- sches Holz angeschafft haben. An dem Versuche, den Kircher und nach ihm andre so deutlich beschreiben, hat man keine Ursache zu zweifeln; allein darin hat Nuͤguet voͤllig Recht, daß er auf mehr als eine Art an festen und fluͤssigen Mitteln zu wiederhohlen ist: man darf ihnen nur, auf eine oder die andre Weise, eine reine Truͤbe mittheilen, wie wir in unserm Ent- wurfe umstaͤndlich angezeigt haben. Nachdem wir nun am Ende des siebzehnten Jahr- hunderts noch ganz unerwartet ein erfreuliches Wahre hervorblicken sehen, bereiten wir uns zu einem ver- drießlichen Durchwandern jener Irrgaͤnge, aus welchen die Naturforscher des achtzehnten Jahrhunderts sich her- aus zu finden weder vermochten noch geneigt waren. Nachtrag kurzer Notizen . Daniel Sennert . Epitome naturalis scientiae. Vitebergae 1633. Seite 567 definirt er die Farbe nach Aristoteles und ist in dieser Materie sehr kurz und beschraͤnkt. Johann Sperling . Institutiones physicae. Vitebergae 1639. streitet p. 562 gegen Zabarella, das Licht und die Farbe seyen nicht Eins. Johann Amos Comenius . Physicae ad Lumen divinum reformatae synopsis. Amstel. 1643. Ist mir unbekannt, ob etwas von Farben darin stehe. Marin Mersenne . Cogitata physico-ma- thematica. Paris 1644. Er fertigt p. 485 die Far- ben auf anderthalb Seiten ab, gewissermaßen im aristo- telischen Sinne. Sebastian Basson . Philosophiae naturalis adversus Aristotelem Lib. XII. Amstel. 1649. p. 530. 554. 555. Visio fit per radiorum ocularium (da- durch werden vom Auge ausgehende Strahlen verstan- den) qui corporei sunt, factam ab objecto reper- cussionem. Haec repercussio varia est, inde ge- nerantur varii colores. Dieß ist die Summe seiner Abhandlung. Pater Scheiner . In seinem Werke oculus Lib. III. Part. 2. c. 11. „Deshalb erscheint in con- vexen Glaͤsern am Rand ein gewisses Gedraͤnge von leuchtenden Ringen, Regenbogen und dgl. Diese raͤnd- liche Verwirrung schreibt sich von den Seitenstrahlen her, die sich in die Hornhaut und in die Feuchtigkei- ten des Auges boͤsartig auf alle moͤgliche Weise ein- draͤngen.“ Hamberger . Dissertatio de opticis oculorum vitiis. Diejenigen Erscheinungen, die wir nunmehr als physiologische, gesetzmaͤßige erkennen, nennt er im Ge- gensatz der vitiorum stabilium, die er eigentlich be- handelt, vitia fugitiva, magis et citius transeuntia. Die Ordnung der abklingenden Farben gibt er folgen- dermaßen an: colore virescente, rubente, mox pur- pureo, tandem violaceo. Barow . Er setzt die Farbenerscheinung lect. 12, sub finem in constipata et rara seu segnius concitata luce. Johannes Faber . In seinem Werke Panchy- micus Buch III. Cap. XII. p. 388. schreibt folgender- maßen: „Mercurius, Schwefel und Salz sind die inner- sten Wurzelanfaͤnge der Dinge, welche durch mannig- faltige Kochung und Verarbeitung in verschiedenen Un- terlagen gar besondere Eigenschaften annehmen. Des- wegen leitet der Schwefel, der die innere materielle und hervorbringende Ursache aller Farben ist, durch seine einfache Kochung alle Farben ab. Wenn er roh und unvollkommen oder schwaͤchlich seine Kochung voll- bringt, so verschafft er die gruͤne und weiße Farbe; kocht er aber vollkommen in vollkommen reinen An- faͤngen, so bringt er die rothe Farbe und die feurige zum Vorschein; kocht er unvollkommen in reinen An- faͤngen, dann wird das Gelbe, Gruͤne, Weiße, nach den verschiedenen Graden der unvollkommenen Kochung, hervorgefuͤhrt und ans Licht gebracht. Wirkt er aber sehr unvollkommen in unreinen Anfaͤngen, so bringt er die schwarze Farbe hervor und andre, die man auf die Schwaͤrze beziehen kann.“ Johann Baptista du Hamel . Philoso- phia vetus et nova, pag. 729. „Wenn man Kupfer- feile mit Harngeist aufloͤst, so wird die blaue Farbe der Tinctur sogleich aufgehoben, wenn man Vitrioloͤl zugießet. Aber salzige und schwefelige Liquoren, wenn sie die Theile die erst zerstreut waren, in eins zusam- menbringen, erzeugen neue Farben; welches auch alle Niederschlaͤge und tausend Versuche beweisen.“ Philipp Ludwig Boͤmer . Physica positiva. Helmstaedt 1704. p. 120. „Color nihil aliud est quam radiorum modificatio vel diversus motus, quo corpus coloratum radios recipit et ad oculos remittit.“ Uebergang zur Geschichte des Colorits . Nachdem wir uns bisher im Theoretischen wie auf Wogen von einer Seite zur andern geworfen gesehen, so laͤßt sich erwarten, daß uns im Practischen gleich- falls keine vollkommene Sicherheit begegnen werde. Denn obgleich der Practiker vorzuͤglich vor dem The- oretiker als ganzer Mensch handelt und bey der That immer durch aͤußere Bedingungen mehr auf den rech- ten Weg genoͤthigt wird; so kommt doch dabey eben soviel Hinderliches als Foͤrderliches vor, und wenn auch irgend Jemand, durch Genie, Talent, Geschmack, etwas Außerordentliches leistet; so kann der Grund hie- von, weder als Maxime, noch als Handgriff, so leicht uͤberliefert werden. Maler und Faͤrber sind zwar durchaus den Phi- losophen und Naturforschern in Absicht auf Farbenlehre im achtzehnten Jahrhundert weit vorgeschritten; doch konnten sie sich allein aus der Verworrenheit und In- consequenz nicht helfen. Die Geschichte des Colorits seit Wiederherstellung der Kunst, welche wir an dieser Stelle einschalten, wird hieruͤber das Besondere an- schaulich machen. Um den Vortrag nicht zu unterbre- chen, findet sich diese Geschichte bis auf den heutigen Tag durchgefuͤhrt, wobey vorauszusehen ist, daß die herrschende Theorie dem Kuͤnstler keine Huͤlfe leisten konnte, weil sie die dem Maler zum Gegensatze des Lichtes so noͤthigen Bedingungen, die Begraͤnzung und den Schatten, aus der Farbenlehre verbannt hatte. Geschichte des Colorits seit Wiederherstellung der Kunst . Ob der Florentiner Eimabue oder Guido von Siena, ob der Pisaner Berlingheri oder irgend ein an- derer aus dem dreyzehnten Jahrhundert, der erste gewe- sen, der seine Augen wieder auf die Natur gewendet, dieselbe nachzuahmen sich bemuͤht und dadurch den in der Irre schlafenden Genius der Kunst wieder geweckt und auf den rechten Weg gefuͤhrt, in diesen Streit, der schon manche Feder abgenutzt, lassen wir uns nicht ein; genug fuͤr unsern gegenwaͤrtigen Endzweck, daß Cima- bue in jener ersten Zeit der neuern Kunst, wenn auch nicht vor allen andern die Bahn gebrochen, doch wenig- stens die bedeutendsten Fortschritte gemacht. Vorzuͤg- lich ist er uns merkwuͤrdig, weil sein Colorit, oder besser zu sagen, seine Farben, wiewohl noch im Licht weiß, in den Schatten braun und schmutzig, doch im Ganzen betrachtet unstreitig etwas freundlicher sind, heller und munterer, als wir sie bey seinen uͤbrigen Zeit- genossen gewahr werden. Durch Cimabue’s Schuͤler, den großen Giotto, erhielt die Kunst wichtige Verbesserungen. Das Colo- rit in seinen besten Werken unterscheidet sich von dem seines Meisters vortheilhaft durch waͤrmere Fleischtin- ten. Die Schatten oder vielmehr die dunklen Partieen sind zwar fast eben so schwach, aber etwas weniger schmutzig und fallen zuweilen ins Grauliche. Unter Simon Memmi, Thaddaͤus Gaddi und an- dern sonst beruͤhmten Schuͤlern des Giotto gewann das Colorit nichts, als daß es in einigen Arbeiten des er- waͤhnten Gaddi kraͤftiger mit besser auseinandergesetzten Farben erscheint. Giottino, der etwas spaͤter als die genannten auftrat, brachte mehr Uebereinstimmung ins Ganze, bediente sich bluͤhenderer Tinten und verstand bereits dieselben nach Erforderniß des Gegenstandes ab- zuwechseln. Vornehmlich sind die Schattenpartieen durch ihn kraͤftiger geworden, haben auch etwas mehr Wahrheit erhalten als in den Werken der fruͤheren Meister der Fall ist. Durch den Lorenzo di Bicci erhielt das Colorit abermals Verbesserungen. Dieser Kuͤnstler liebte das Helle und Muntere der Farben und wußte die Massen der Localtinten rein aufzutragen und zart abzuwechseln, so daß man in einigen noch uͤbrigen Arbeiten von ihm Gewaͤnder von derselben Farbe wahrnimmt, welche mit vollkommen befriedigender Kunst nur um eine zarte Nuͤan ç e von einander unterschieden sind, und nichts destoweniger deutlich sich abheben, wodurch der Kuͤnst- ler eben sowohl Ruhe als eine harmonische Mannigfal- tigkeit in seine Werke gebracht hat. Er mag daher wohl unter die guten Coloristen gerechnet werden und ist unstreitig der beste seines Zeitalters. Er lebte wahr- scheinlich von 1350 bis 1427. Massolino da Panicale, anfaͤnglich ein plastischer Kuͤnstler, bereicherte die Malerey, wozu er uͤberging, durch bessere Beobachtung von Licht und Schatten, wo- durch ihm denn zuerst die richtige Darstellung verkuͤrz- ter. Glieder gelang. Und da er sich uͤberhaupt groͤßerer Schattenpartieen bediente, als vorher gebraͤuchlich war; so erhielt auch sein Colorit im Ganzen dadurch mehr Saͤttigung. Nach wenigen Ueberbleibseln seiner Werke zu urtheilen, scheinen die beleuchteten Stellen jedoch etwas zu weiß gerathen; die beschatteten hingegen fal- len zu sehr ins Rothbraune. Bey Massolino’s Schuͤler, dem vortrefflichen Ma- saccio, sind die Fleischtinten etwas wahrhafter, und er wußte das Colorit mit Meisterschaft zur Bedeutung, zur Verstaͤrkung des Ausdrucks seiner Figuren anzu- wenden. Helle und dunkle Massen sind sehr wohl un- terschieden, ruhig und breit gehalten, wodurch die Far- be uͤberhaupt angenehmer wird. Die Schatten aber fallen auch bey ihm zu sehr ins Rothbraune. Mit lieblichen zarten Tinten malte der selige Fra Giovanni da Fiesole seine frommen Bilder. Wir finden in denselben zuerst eine allgemeine, im Ganzen herrschende Uebereinstimmung. Sie scheint indessen nicht sowohl aus Ueberlegung entsprossen, oder mit Bewußt- seyn hervorgebracht, sondern aus der Naturanlage, dem Hang dieses liebenswuͤrdigen Malers zum Lieblichen, Sanften, herzuruͤhren. Noch etwas bluͤhender und lebhafter sind die Ge- maͤlde seines Schuͤlers Gentile da Fabriano, und schon mehr Kraft wußte Fra Filippo Lippi den seinigen mit- zutheilen. Doch hatten sie alle drey die von Masso- lino und Masaccio eingefuͤhrten roͤthlichen Schatten beybehalten. Beym Fra Giovanni da Fiesole trifft man dieselben am staͤtigsten an. Gentile da Fabriano ist uͤberhaupt etwas gemaͤßigter darin. Fra Filippo Lippi hat sie in vielen Bildern beynah uͤbertrieben roth gemacht. In andern, welche uͤberhaupt kraͤftiger und vielleicht spaͤtre Arbeiten sind, ist er zwar mehr grau aber auch etwas schmutzig in den Schattenpartieen. Die Erfindung der Oelfarben, oder wenn man einem unfruchtbaren Streit ausweichen und lieber sa- gen will, die bessere Anwendung derselben durch Jo- hann van Eyck, hat auf das Colorit sehr bedeutenden Einfluß. Der Natur dieser Farben und der Behand- lungsweise, welche sie zulassen, gemaͤß wurde nun alles nach und nach weichlicher, mehr vertrieben, gesaͤttig- ter. Vornehmlich erhielten die Schattenpartieen mehr Kraft, Durchsichtigkeit, Anmuth und Leben. Die Folge hievon war, daß mehr Schatten in den Gemaͤlden an- gewendet wurden, woraus endlich der duͤstre Charakter II. 23 entsprang, der bey einem großen Theile der Werke neue- rer Maler der vorherrschende ist. Van Eyck mag bereits vor 1450 Gemaͤlde in Oel- farbe verfertigt haben. Was uns unter seinem Namen vor Augen kam, ist mit Fleiß und Treue der Natur nachgeahmt, zeigt aber uͤbrigens keine Eigenschaften, welche fuͤr eine wesentliche und unmittelbar durch den genannten Kuͤnstler bewirkte Verbesserung der Kunst zu coloriren gelten koͤnnten. Nicht anders ist es auch mit den Arbeiten der damals beruͤhmten deutschen Maler, des Martin Schoͤn und Michael Wohlgemuth, beschaffen. Haben wir bisher unter den vorzuͤglichen Befoͤrde- rern des Colorits keine andre als bloß toscanische Mei- ster zu nennen gehabt, weil die neuere Malerey in Tos- cana und vornehmlich zu Florenz ihren fruͤhsten Sitz faßte; so treten nunmehr auch venezianische Kuͤnstler in die Schranken. Diese oder die von ihnen gestiftete Schule hat um so groͤßeren Einfluß auf unsere Ge- schichte, als sie das Colorit zu ihrer Hauptangelegen- heit gemacht und unstreitig die allervollkommensten Mei- ster dieses Fachs aus ihr hervorgegangen sind. Daß einige der spaͤteren Arbeiten des Bartolomeo Vivarino in Oelfarben gemalt sind, ist zwar wahr- scheinlich, doch koͤnnen wir solches nicht mit vollkomm- ner Zuverlaͤssigkeit behaupten. Verschiedene vorzuͤgliche Bilder von ihm sind zwischen 1470 und 1480 gemalt, und auf alle Faͤlle gehoͤrt er unter die besten Meister im Colorit. Seine Tinten sind von anmuthiger Klar- heit und man bemerkt im Allgemeinen schon die schoͤne Eigenthuͤmlichkeit der venezianischen Malerschule in ih- rer ersten Entstehung. Giovanni Bellini that noch etwas mehr Bluͤthe und Kraft hinzu und war unter den Malern des stren- geren aͤlteren Styls unstreitig der beste Colorist. Werfen wir nun abermals einen Blick auf die florentinische Malerschule; so sehen wir dort, vom An- drea Verocchio unterrichtet den Pietro Perugino her- vorgehen, der zwar ebenfalls dem alten strengen Styl noch anhing, aber mit bluͤhenderen zarteren Farben malte als irgend einer seiner Vorgaͤnger. Wir duͤrfen ihn jedoch, da seine Schattenfarben in Oelgemaͤlden gruͤnlich grau und in Arbeiten al Fresco roͤthlich sind, nur im beschraͤnkten Sinne und bezuͤglich auf seine Schule, seine naͤchste Umgebung, nicht aber im Allge- meinen, als einen Verbesserer des Colorits auffuͤhren, weil der erwaͤhnte Johann Bellini, sein Zeitgenosse, ja wahrscheinlich noch um einige Jahre aͤlter als er, ihm in der That uͤberlegen und naͤher zur Wahrheit ge- langt ist. Durch Leonardo da Vinci, der ebenfalls aus der Schule des Andrea Verocchio hervorging, erhielt das Colorit mittelbar eine hoͤchst bedeutende Verbesserung. Dieser große Kuͤnstler beobachtete naͤmlich Licht und Schatten mit weit mehr Genauigkeit als zuvor gesche- 23 * hen war. Er malte zwar mit wenig freundlichem et- was hefenartigen Colorit; aber seine Werke zeigten nun durch zart angegebene Mitteltinten die Rundung der Theile, richtiges Vor- und Zuruͤcktreten derselben und eine große noch nie gesehene Kraft in den Schatten. Hieraus entstand nun in naͤchster Folge das maͤch- tige Colorit des Fra Bartolomeo di San Marco, und die venezianische Schule blieb nicht zuruͤck. Giorgio Barbarelli da Castel Franco, genannt Giorgione, ein Zoͤgling des Giovan Bellini, bediente sich bey eben so kraͤftigen Schatten, noch gluͤhenderer Tinten, und hatte es so weit gebracht, daß fuͤr den gleich auf ihn fol- genden, von demselben Lehrer unterrichteten Tiziano Ve- celli kaum noch ein kleiner Schritt zu thun uͤbrig blieb, um sich zur hoͤchsten uns bekannten Vortrefflichkeit des Colorits zu erheben. Obgleich Raffael von Urbino und Andrea del Sar- to bewundernswuͤrdige Werke geliefert, jener besonders Namen und Ruhm des ersten aller neueren Maler mit Recht verdient, und alle beyde ein treffliches Colorit be- sessen; so war doch diese Seite nicht die glaͤnzendste ihrer Kunst, und beyde sind von ihren oben erwaͤhnten Zeitgenossen, Giorgione und Tizian, uͤbertroffen worden. Ohngefaͤhr dasselbe kann man auch von Albrecht Duͤrer, von Holbein und Lucas Kranach sagen. Duͤ- rern gelangen zwar zuweilen die hellen Tinten des Fleisches sehr wohl; allein die Schatten sind gewoͤhnlich schwach oder fallen ins Gruͤnliche, wenn er sie kraͤftig machen wollte. Holbein ahmte die Farben der Natur- gegenstaͤnde sehr treu nach. Er ist zarter in den Tin- ten als Duͤrer, weiß den Pinsel gewandter zu fuͤhren, und die Bestimmtheit artet selten bey ihm in Haͤrte aus. Lucas Kranach war noch ein besserer und viel- leicht der beste unter den ultramontanen Coloristen. Einige seiner Arbeiten wuͤrden, die Beleuchtung abge- rechnet, auf welche er nicht Acht hatte, in Hinsicht auf Wahrheit und Bluͤte der Fleischtinten selbst neben Tizian bestehen. Es ist aber auch wahrscheinlich, daß Kranach Tizians Arbeiten studirt, ja vielleicht mit dem Meister selbst persoͤnlichen Umgang gepflogen habe. Eine Eigenschaft desjenigen Theils der Malerey, dessen Geschichte wir hier zu bearbeiten uͤbernommen, ist bisher noch nicht beruͤhrt worden, wir meynen die Harmonie der Farben. Zwar wird solche unter dem allgemeinen Begriff des Colorits gewoͤhnlich mit gefaßt, kann aber auch als abgesondert von demselben gedacht werden. Die Harmonie also, fuͤr sich allein betrachtet, besteht im schicklichen, zweckmaͤßigen, Nebeneinander- und Gegeneinandersetzen der Farben; Colorit hingegen, im strengen und eingeschraͤnkten Sinne, bedeutet nur die kuͤnstliche Mischung derselben und die treue Darstel- lung der Natur. Auf die Wahrheit ihrer Farbenmischung nun hat- ten die Meister der venezianischen Malerschule ihr Hauptaugenmerk gerichtet, und darin angezeigtermaßen einen sehr hohen Grad erreicht; ja Tizian ist viel- leicht in diesem Stuͤck fuͤr vollkommen und unuͤbertreff- lich zu halten. Mit der Harmonie der Farben fanden sie sich hingegen leicht ab, und wenn unsre dießfallsi- gen Beobachtungen gegruͤndet sind, so bestanden die Re- geln, welche sie sich daruͤber gemacht hatten, ohngefaͤhr aus folgendem. Erfahrung lehrt, daß das Rothe als Farbe das Auge am maͤchtigsten reizt, daß vornehmlich der Lack oder Purpur, hoͤchst gesaͤttigt, warm und milde, den Begriff von Pracht und Wuͤrdigkeit zu erregen, und zugleich die Fleischtinten hervorzuheben geschickt ist. Diese Farbe wurde also ihrer angefuͤhrten Eigenschaf- ten wegen haͤufig, jedoch mit der Vorsicht gebraucht, daß sie in der Mitte des Bildes erscheint, oder huͤben und druͤben, oder auch, in weitlaͤuftigen Compositionen, dergestalt ausgetheilt, daß das Gleichgewicht erhalten wird. Naͤchst dem Purpurroth, welches fast immer in voller Kraft und rein erscheint, sieht man die gelbe Farbe in allen Abstufungen, vom hellsten Gelb bis zum Dunkelbraunen haͤufig gebraucht. Sie reizt zwar das Auge ungleich weniger als Roth, ist aber warm und steht in Verwandtschaft mit den Fleischtinten, so wie mit dem Purpur; dahingegen Gruͤn und Blau, als Gegensaͤtze von Roth und Gelb betrachtet und daher nur sparsam, der Mannigfaltigkeit wegen und zur Be- lebung der uͤbrigen, angewendet wurden. In allen Gemaͤlden der besten Meister aus der venezianischen Schule glauben wir ein Uebergewicht der activen Farben wahrgenommen zu haben. Daher kommt das Warme und Ruhige im Ganzen. Das Auge wird zwar nicht durch buntes regelloses Farben- gewirre unangenehm erschuͤttert, aber auch nicht ver- mittelst des harmonischen heitern Spiels des gesamm- ten Farbenkreises erfreulich beruͤhrt. Die großen venezianischen Meister des Colorits haben fast ohne Ausnahme die Regel beobachtet, sich ungemischter ganzer Farben zu den Gewaͤndern zu be- dienen, damit die gemischten Tinten des Fleisches bes- ser gehoben werden, jene hingegen als Massen von entschiedener Farbe deutlicher in die Augen fallen soll- ten. Changeante Gewaͤnder findet man daher nie, oder nur als hoͤchst seltene Ausnahmen. Sogar das Violette scheint als eine gemischte Farbe betrachtet und nicht eben beliebt gewesen zu seyn. Tizian hat vor den Uebrigen oft weißes Gewand oder Leinenzeug angebracht und solches vorzuͤglich gut gemalt. In Hinsicht auf Harmonie der Farben war dabey sein Zweck, die zarten Fleischtinten seiner nakten weiblichen Figuren vortheilhaft zu heben und bluͤhen- der erscheinen zu lassen. Ja er hatte sich’s wie zum Gesetz gemacht, wo immer moͤglich zwischen lich- tes Fleisch und farbiges Gewand etwas Weiß anzu- bringen. Aus dem Vorhergehenden hat sich gezeigt, zu wel- chen Eigenschaften das Colorit durch die Bemuͤhungen der groͤßten Meister aus der venezianischen Schule ge- langt war. In der Carnation sind sie nie uͤbertroffen, ja nicht einmal erreicht worden; aber der allgemeine Begriff von Colorit, so wie wir oben denselben mit leichten Zuͤgen entworfen, wurde durch die Werke des Antonio Allegri von Correggio noch mehr erweitert. Er malte zwar mit ausnehmend zarten, bluͤ- henden Tinten, konnte aber doch im Licht, weder die Wahrheit des Tizian, noch die Glut des Giorgione er- reichen. Sein hauptsaͤchlichstes Studium ging auf die Beleuchtung, auf Darstellen und zweckmaͤßiges Anwen- den derselben zum gefaͤlligen Effect, zuweilen sogar zur hohen Bedeutung in seinen Werken. Bey keinem Maler findet man daher so sanfte Uebergaͤnge vom Licht zum Schatten, so reingehaltene Massen, so durchsichti- ge klare Schattenpartieen, keiner hat die Widerscheine so genau beobachtet, und ferner scheint er uns der erste gewesen zu seyn, welcher auf die Harmonie des Gan- zen durch kuͤnstliches Nebeneinanderstellen und Entgegen- setzen der Farben gedacht hat. Das Farbenspiel ist da- her in seinen Werken mannigfaltiger, lebhafter und froͤhlicher als in den tizianischen, und dieses ist die Erweiterung, welche das Colorit dem Correggio schuldig geworden. Er wird mit Recht fuͤr das Haupt, fuͤr den Stifter der lombardischen Malerschule angese- hen, und diese Schule, indem ihre Kuͤnstler alle mehr oder weniger den Correggio zum Muster genommen, zeichnete sich in dem groͤßten Theil ihrer Werke durch kraͤftige Schatten und Farben aus. Sie waren dunk- ler aber auch gesaͤttigter, mehr harmonisch und von auf- sallenderer Wirkung als die florentinischen; nicht so wahr und warm in ihren Fleischtinten wie die Ve- nezianer. Man bediente sich der gelben und Purpur- farbe weniger, hingegen der blauen Farbe mehr zu Gewaͤndern, besonders in den Figuren des vordersten Grundes, wodurch die Bilder uͤberhaupt einen Charakter von Ernst, das Colorit von großer Kraͤftigkeit erhal- ten. So sind z. B. die Gemaͤlde des Parmeggianino, eines der vorzuͤglichsten Maler der lombardischen Schule und anfaͤnglichen Nachahmers des Correggio, beschaffen. Die heitere, angenehme Manier, deren sich Frie- drich Barocci von Urbino bediente, ist mehr fuͤr eine Abirrung als fuͤr eine Erweiterung der Kunst in Ab- sicht auf das Colorit zu betrachten. Dieser Meister pflegt alle Farben in den Gewaͤndern gerne hoch, im reinsten glaͤnzendsten Zustand anzuwenden. Im Fleisch sind die Lichter gewoͤhnlich etwas zu gelb, die Mittel- tinten zu blau, das Roth scheint mehr Schminke als natuͤrliche Roͤthe; seine Schattenfarben sind schoͤn klar, die Massen von Hell und Dunkel, einzeln genommen, zwar groß, deutlich, nicht unterbrochen; Licht und Schatten aber, besonders in weitlaͤuftigen Compositio- nen, etwas zu sehr zerstuͤckelt, wodurch die Ruhe des Ganzen leidet. Manche Bilder von diesem Meister sind daher buntfleckig. In den besten sucht er sich mit einem uͤber das Ganze verbreiteten, gelblichen Tone zu helfen, und wenn wir nicht irren, so ist Barocci der erste der dieses Huͤlfsmittel angewendet hat, welches, wie wir im Verfolg sehen werden, spaͤter oͤfters gebraucht worden, um die Harmonie der Far- ben zu ersetzen. Jacopo Bassano, Tintoret und Paul Veronese, Haͤupter der venezianischen Schule, folgten der von Giorgione und Tizian eingefuͤhrten Weise, zwar nicht als knechtische Nachahmer, doch unterschied sich ihr Colorit auch nicht als eigenthuͤmlich, sondern es muß dasselbe als Nuͤan ç irung des allgemeinen Charakters, wodurch die venezianische Schule sich von den uͤbrigen unterscheidet, angesehen werden. Bassano bediente sich, besonders in Gewaͤndern, haͤufiger der auflasirten Far- ben. In den Gemaͤlden des Paul Veronese wird das heiterste Farbenspiel wahrgenommen, und Tintoret hat vor anderen seiner Landsleute kraͤftige Schatten ange- wandt. Nachdem die florentinische Schule einige Zeit den sogenannten manierierten Styl mit unnatuͤrlichen uͤber- triebenen Formen, mattem, vernachlaͤßigten, unange- nehmen Colorit geuͤbt hatte, so traten aus derselben bald wieder verschiedene Kuͤnstler auf den Weg der Natur und bemuͤhten sich, vornehmlich dem Colorit bes- sere Eigenschaften zu erwerben. Jacopo Chimenti da Empoli malte seine besten Bilder mit großer Kraft und sehr warmer Farbe. Ludwig Cardi, genannt Cigoli, erhielt den Beynamen des florentinischen Cor- reggio, weil er in der That kraͤftig, mit klaren Schat- ten und uͤberhaupt gutem Ton des Colorits arbeitete. Doch die florentinische Schule verehrt den Christofano Allori als ihren vorzuͤglichsten Coloristen. Seine Bil- der sind kraͤftig, ungemein bluͤhend und angenehm; wovon der halbnackte Juͤngling, im beruͤhmten Ge- maͤlde dieses Kuͤnstlers, das den heiligen Julianus vor- stellt, und sonst im Pallast Pitti und jetzt zu Paris be- findlich, ein Zeugniß geben mag. Denn man moͤchte von diesem Koͤrper, wie von jenem griechischen sagen: er sey mit Rosen genaͤhrt. Doch ungefaͤhr um eben diese Zeit schien die Ma- lerey ihren vornehmsten Sitz in Bologna nehmen zu wollen: denn es lebten daselbst die drey Carracci, Kuͤnstler von ewig dauerndem Ruhm. Sie selbst zwar haben von Seiten des Colorits die Kunst weder erwei- tert, noch darin einen auffallend sich unterscheidenden Charakter behauptet; hingegen werden kuͤnftig ver- schiedene, aus ihrer beruͤhmten Schule hervorgegange- ne Kuͤnstler genannt werden, welche denkwuͤrdige Neu- erungen eingefuͤhrt haben. Michel-Angelo Merigi von Carravaggio unterwarf seine Kunst unbedingt der Natur, und stellte edle und unedle Formen mit gleicher scheinbarer Treue dar, un- tereinander, ohne weitere Wahl, wie sie ihm vorkamen. Den Farben gab er eine bisher noch nie gesehene Staͤrke. Seine meisten Gemaͤlde haben mehr Schatten als Licht, indem er dieses als sehr hoch einfallend an- zunehmen pflegte, und als ob die Scene an einem dunklen, von einem einzigen Strahl erleuchteten Ort waͤre. Die gemeine Wahrheit dieser Darstellungen, die auffallende große Wirkung ihrer Beleuchtung und das gewaltige Colorit erwarben sich lebhaften Beyfall und manche Nachahmer. Unter diesen bemerken wir vor andern den Joseph Ribera, genannt Spagnoletto, der mit eben so gewaltigen Schatten, mit nicht weniger Geist und Lebhaftigkeit und mit noch wahrhafteren Localtinten gemalt, dessen Figuren aber ebenfalls meistentheils aus der gemeinen Natur aufgegriffen sind, und obwohl in sich selbst charakteristisch, doch gewoͤhnlich niedriger und gemeiner als es des Kuͤnstlers Vorhaben und Zweck erfordert haͤtte. Francesco Barbieri von Cento, Quercino genannt, wiewohl aus der Carraccischen Schule, folgte doch der vom Carravaggio eingefuͤhrten Weise. Indessen sind seine Gestalten, seine Darstellungen uͤberhaupt, ja wir duͤrfen sagen seine Gesinnungen edler. Eine ruͤh- rende Naivetaͤt ziert nicht selten seine kraft- und effectvollen Werke. Das Colorit besonders betreffend ist Quercino uͤberhaupt, wenn nicht wahrhafter, doch zarter und gefaͤlliger als Carravaggio, und weil sein Geschmack gebildeter war, so erscheinen seine besten Werke farbenreicher und dem Auge angenehmer. Auch der große Guido Reni bediente sich in seinen fruͤhern Gemaͤlden hoͤchst kraͤftiger großer Schattenpar- tieen und bekleidete solche im Licht mit noch zarteren und helleren Fleischtinten als Quercino. Daher kann man seine in diesem kraͤftigen Geschmack des Colorits behandelten Bilder als hoͤchste Gipfel desselben betrach- ten. Als nun Guido in der Folge zu einer, jener dunklen kraͤftigen ganz entgegengesetzten, hellen Art zu malen uͤberging, wo die Gegenstaͤnde gleichsam im off- nen Raume und vollen Licht dargestellt sind; so wurde durch ihn die Kunst zu coloriren, wenn schon nicht im Wesentlichen verbessert, doch erweitert. Die herr- schenden silbergrauen Mitteltinten sind zuerst von diesem Kuͤnstler eingefuͤhrt worden. Francesco Albani, der Zeitgenosse des Guido, mit ihm aus einer Schule her- vorgegangen, malte eben so heiter in offnem Lichte, mit lieblicher bluͤhenden Tinten als sonst irgend ein anderer Kuͤnstler der bolognesischen Malerschule aufzu- weisen hat. Des Domenichino groͤßtes Verdienst lag nicht auf der Seite des Colorits, und wir haben also seiner als eines der groͤßten Kuͤnstler hier bloß im Vorbey- gehen zu gedenken. In Fresco malte er heiter, die Schattenfarben spielen etwas ins Gruͤnliche, bilden aber nicht so große vorwaltende Partieen wie bey Quercino und andern. Hier ist es Zeit, uns zur niederlaͤndischen Maler- schule zu wenden, welche in der ersten Haͤlfte des siebzehnten Jahrhunderts eben in schoͤner Bluͤthe stand, und das Colorit zu einem ihrer Hauptzwecke gemacht hatte. Rubens und van Dyk glaͤnzen unter den Co- loristen der ersten Reihe; mit ihnen Rembrand, ein großer Meister im Colorit und noch groͤßerer im kuͤnstlichen Gebrauch des Lichtes und des durch Wie- derscheine unterbrochnen Schattens. David Tenier, Adrian von Ostade, Gerard Douw, Mezuͤ, Terburg, und nebst ihnen noch viele andre sind als Coloristen beruͤhmt. Die Eigenschaft aber, wodurch sich die nieder- laͤndische Malerschule hinsichtlich auf das Colorit von den andern im Allgemeinen unterscheidet, oder viel- mehr worin sie andern vorgegangen, ist der Ton, nicht derjenige, den die Kunstsprache Localton oder Ton der Tinten heißt: denn wiewohl viele nieder- laͤndische Kuͤnstler auch in diesem Puncte vortrefflich waren, sind ihnen die Venezianer doch darin uͤberlegen gewesen; sondern wir verstehen hier die eine, im Ganzen eines Bildes vorherrschende Farbe, eingemischt oder als Lasur uͤbergezogen, so daß die Darstellung dem Auge wie durch das Medium eines gefaͤrbten Glases erscheint. Dieser Art, eine gefaͤllige Uebereinstimmung der Farben zu bewirken, scheint sich, wie oben gedacht worden, Friedrich Barocci zuerst bedient zu haben; aber sie ist bey den Niederlaͤndern nachher weiter ausgebildet und haͤufiger gebraucht worden. Zu eben der Zeit war auch die franzoͤsische Schule im Zustand ihres hoͤchsten Flors; inzwischen gibt sie fuͤr unsre gegenwaͤrtige Betrachtung nur geringe Aus- beute, weil kein Kuͤnstler derselben sich im Colorit besonders hervorgethan. Das Fach der Landschaft verehrt zwar in Claude Lorrain seinen groͤßten Meister, und vorzuͤglich ist das Colorit desselben im hoͤchsten Grade heiter, zart und wahrhaft; allein die Land- schaftsmalerey laͤßt dem Coloristen, vermoͤge ihrer Natur, weniger Freyheit und Spielraum als im historischen Fache der Fall ist. Von spanischen Malern sind dem Schreiber dieser Nachrichten nur Velasquez und Morillo aus eigener Anschauung einzelner Werke bekannt. Beyde scheinen in Hinsicht auf das Colorit unter die vorzuͤglichsten Meister ihrer Zeit zu gehoͤren. Vom Velasquez be- hauptete Mengs: derselbe stehe, in Betreff des Scheins von Luft und Abloͤsung eines Gegenstandes vom andern, selbst dem Rembrand nicht nach. Wir aber haben nur Bildnisse von ihm gesehen, welche sich durch kuͤhnen Pinsel und wahre warme Fleischtin- ten vortheilhaft auszeichnen. Morillo malte, wie sich aus verschiedenen Bildern von ihm, welche sich in deutschen Galerien befinden, ergibt, Gegenstaͤnde aus dem gemeinen Leben anmuthig, mit kraͤftigem, der Natur angemessenen Colorit; allein es finden sich auch religiose Darstellungen, wo seine Farbe noch waͤrmer und den besten venezianischen Malern nach- geahmt scheint. Wir wenden uns nun wieder nach Italien, wo- selbst Pietro Beretini von Cortona zu Rom, unter Pabst Urban dem achten, und einigen folgenden Paͤbsten, viele große Werke in Oelfarben und al Fresco ausgefuͤhrt. Unerschoͤpflich reich in Erfindungen be- handelte er seine Bilder mit einem zwar sehr fluͤchtigen, aber angenehmen Pinsel und wußte das Colorit so- wohl als die Beleuchtung, nach Erforderniß des Gegenstandes, bald heiter und froͤhlich, bald ernst und sehr kraͤftig zu halten. Warum er uns aber bey unsern gegenwaͤrtigen Betrachtungen vorzuͤglich merk- wuͤrdig seyn muß, ist die Austheilung der Farben zum Behuf allgemeiner Harmonie; und wir getrauen uns zu behaupten, daß Beretini hierin der groͤßte Meister gewesen. Schon oben bemerkten wir, wie die vornehmsten Maler der venezianischen Schule die Energie der rothen Farbe erkannt, solche in ungefaͤhr gleichen Massen durch ihre Bilder ausgetheilt und ihr verhaͤltnißmaͤßig viel Gelb zugesellt, woraus eine harmonische, obgleich streng genommen etwas monotone Wirkung entsprang. Correggio besaß ein zartes und lebhaftes Gefuͤhl fuͤr die Harmonie der Farben; dieses leitete ihn oft richtig, doch scheint er die Regeln, worauf Harmonie sich gruͤndet, nicht erforscht zu haben, deswegen er sich zu- weilen durch Mischungen zu helfen sucht. Auch wurde durch schoͤne Beleuchtung, milde Uebergaͤnge, vortreff- liche Maͤßigung und Abstufung des Lichtes, oder was man sonst Haltung zu nennen pflegt, jener Mangel gleichsam zugedeckt und unmerklich gemacht. Den Malern der niederlaͤndischen Schule ist sehr wahr- scheinlich eben so wenig Gruͤndliches vom Harmonie- spiel der Farben bekannt gewesen, und sie setzten an dessen Stelle, wie erwaͤhnt worden, den Ton. Daß sie die Wirkung der Farben, das Maaß ihrer Energie, Freundschaft und Abneigung, noch weniger als die Venezianer eingesehen, erhellet fast unwider- sprechlich aus einem großen schoͤnen Gemaͤlde des van Dyk in der Tribune der florentinischen Galerie, wo derselbe eine unzulaͤngliche Harmonie durch will- kuͤhrlichen Gebrauch von Licht und Schatten zu er- zwecken suchte, so naͤmlich, daß mehr oder weniger Hell und Dunkel an die Stellen gesetzt ist, wo der be- absichtigte Endzweck durch Anwendung schicklicher Farben besser und sicherer erreicht worden waͤre. Bey Pietro von Cortona hingegen nimmt man, da wo er es fuͤr zutraͤglich fand, ein froͤhliches mannigfaltiges Farbenspiel wahr. Nach Erforderniß wußte er aber auch das Ganze gehoͤrig zu maͤßigen, niederzuhalten und gleichsam ins Duͤstre oder Traurige herabzustimmen. Immer sind indessen verwandte, be- freundete Farben, die sich wechselseitig heben, neben- einander gesetzt, und widerwaͤrtige Contraste finden sich niemals in seinen Werken. Die ganze neuere Kunst hat kein Gemaͤlde aufzuweisen, worin die Aus- theilung der Farben eine so gefaͤllige Wirkung thaͤte, als dieses Meisters Altarbild bey den Capuzinern zu Rom, den Paulus darstellend, der sein Gesicht wieder empfaͤngt, oder das weitlaͤuftige Deckengemaͤlde II. 24 im barberinischen Pallast. Ob er auch uͤbrigens von dem Werth und der Wirkung einer jeden Farbe allein und im Verhaͤltniß zu den andern, von ihrer wechsel- seitigen Verwandtschaft oder Abneigung, von den Regeln, nach welchen sie durch Uebergang und Gegen- satz zu gebrauchen sind, ob er von diesem allen wissen- schaftlich unterrichtet gewesen und mit klarem Bewußt- seyn gehandelt, oder sich bloß seinem richtigen Gefuͤhl uͤberlassen und durch praktische Ausbildung einer vorzuͤglich gluͤcklichen Naturanlage so viel zu leisten vermocht, sind wir nicht im Stande mit voͤlliger Zuverlaͤssigkeit zu entscheiden. Am wahrscheinlichsten ist es, daß er zwar nach einigen Regeln gehandelt, die aber nicht uͤberall ausgereicht, und daß er als- dann das uͤbrige nach Gefuͤhl und Gutduͤnken hin- zugefuͤgt habe: denn sein Verfahren in Absicht der Vertheilung der Farben hat sich nur auf eine sehr un- vollkommene Weise auf die Schuͤler fortgepflanzt. Der vorzuͤglichste unter ihnen, Ciro Ferri, zeigt zwar im Allgemeinen seiner Manier Aehnlichkeit mit dem Geschmack seines Meisters; doch in besonderer Hinsicht auf Harmonie der Farben verdient keines seiner Werke als Musier angefuͤhrt zu werden. Andrea Sacchi lebte ungefaͤhr zu gleicher Zeit mit Pietro von Cortona und seine Arbeiten werden sogar wegen eines sanften Scheins und wegen Ueber- einstimmung geschaͤtzt und gelobt. Dieses Lob jedoch scheint uns weniger im wirklich Harmonischen der Farbenanwendung oder Austheilung als vielmehr in der Einfoͤrmigkeit und zuweilen in der Anwendung des Tons begruͤndet zu seyn, und uns gibt Sacchi zu keinen weitern Bemerkungen Anlaß. Sacchi’s beruͤhmter Schuͤler Carlo Maratti hat in seinen Bildern zuweilen kraͤftige gesaͤttigte Farben ge- braucht, ist aber alsdann gewoͤhnlich unruhig geworden. In andern, besonders von seiner spaͤtern Zeit, brachte er hellere Mischungen an, konnte aber dabey das Matte nicht vermeiden. Der Reapolitaner Luca Giordano ist in seinen bessern Werken ein guter Colorist. Seine Fleischtinten sind heiter und bluͤhend; wo indessen bey ihm das Ganze in harmonischer Uebereinstimmung ist, ruͤhrt solche vom Ton, nicht aber von kuͤnstlicher Vertheilung der Farben her. Zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts hat auch selbst in Italien ein verderbter Geschmack sich uͤber die Kunst verbreitet. Piazzetta, Corrado und Solimena waren Maͤnner von guten Talenten, aber sie wendeten sie nur an, um von der gaffenden Menge Lob einzuaͤrnten, keineswegs aber zum Vergnuͤgen vernuͤnftiger gebildeter Menschen. Ihre Werke sind reich, mit kuͤhnem Pinsel behandelt, aber voll wilden Getuͤmmels. Solimena als der beruͤhmteste ist der am wenigsten erfreuliche; oft grau und kalt, oft von grellen unangenehmen Gegensaͤtzen heller und dunkler 24 * Farben, und wenn er beynahe in allen Theilen der Kunst Bloͤßen gegeben, so geschah es doch vorzuͤglich im Colorit und der Harmonie der Farben, wo er Geschmack und Regeln am frechsten beleidigte. Romanelli, Cignani, Franceschini, Lutti und andre haben vielleicht weniger geirrt, doch finden wir unnoͤthig etwas weiter von ihnen zu sagen, weil keiner derselben sich auf eine bedeutende Art aus- gezeichnet. In Frankreich bluͤhte vornehmlich die Bildniß- malerey. Rigaud und Largilliere wurden als große Meister dieses Faches angeschen, indessen mußten sie sich nach den grellen rauschenden Farben bequemen, welche die Mode ihrer Zeit erforderte; doch wuͤrden sie auch, vermoͤge der allgemeinen Richtung des Ge- schmacks ihrer Schule, bey voͤlliger Freyheit, in Be- treff der Harmonie der Farben, wahrscheinlich nur wenig geleistet haben: wie wir an Coypel, Wateau, Lancret, Restout und vielen andern wahrnehmen. Jouvenet, von Anlagen einer der achtungswerthesten Kuͤnstler der franzoͤsischen Schule, hat in den Ge- maͤlden, welche wir von ihm gesehen, bloß die Ueber- einstimmung, welche ein gelber Ton und sein schmel- zender Pinsel gewaͤhren koͤnnen. Die schoͤne Zeit der niederlaͤndischen Schule war bereits voruͤbergegangen. Sie bietet uns nichts be- merkenswerthes fuͤr diese unsre Betrachtungen. In Deutschland folgten die Bildnißmaler theils der Manier des Rigaud und Largilliere, theils ar- beiteten sie, wie Kupezky und andre, mit dunklerer Beleuchtung und Farbe, und haben uͤberhaupt wenig Anmuth. Unter den Geschichtsmalern waren Daniel Gran und Holzer die vorzuͤglichsten, von deren groͤßern wohlerhaltenen Werken Schreiber dieser Nachrichten keine anschauliche Kenntniß hat; allein er vermuthet sie werden, was die Harmonie der Farben betrifft, ihren uͤbrigen Zeitgenossen wenig uͤberlegen seyn, zu- mal Gran, welcher unter Carl Maratti und Solimena studirt hatte. Auf diese folgte nun C. W. E. Dietrich, geboren 1712, welcher eigentlich Misbrauch von bunten Farben gemacht, ausgenommen da, wo er die Manier niederlaͤndischer Maler nachgeahmt und vermittelst des Tons Uebereinstimmung erzielt hat. Friedrich Oeser, wenige Jahre spaͤter geboren als Dietrich, war allerdings ein Kuͤnstler von großen Talenten und man kann ihm eine Neigung zum Ueber- einstimmenden nicht ablaͤugnen; doch hat er solches nicht durch kunstmaͤßige Vertheilung der Farben, son- dern durch Daͤmpfung ihres natuͤrlichen Glanzes zu erreichen gesucht, so daß die Harmonie seiner Bilder eigentlich aus dem schwachen Colorit derselben ent- springt. Bald nach Oeser trat sodann Mengs auf und erwarb sich unsterblichen Ruhm, indem durch sein Bemuͤhen und Beyspiel die Malerey uͤberhaupt zu groͤßerem Ernst, einem strengeren reineren Styl, beson- ders in der Zeichnung, zuruͤckgefuͤhrt wurde. Sein Colorit, vorzuͤglich in Fresco-Gemaͤlden, ist schoͤn und warm. Er bediente sich uͤberhaupt gern der lebhaften, hohen, glaͤnzenden Farben; indessen haben wir weder am Parnaß in der Villa Albani, noch im Manu- scriptenzimmer der vaticanischen Bibliothek eine kunst- maͤßige Vertheilung der Farben nach Regeln bemerken koͤnnen. Im Deckenstuͤck der Kirche San Eusebio, dem fruͤhsten oͤffentlichen Werke des Kuͤnstlers in Rom, hat er die gefaͤllige Uebereinstimmung des Ganzen durch gelben Ton zu bewirken gesucht, der auch an diesem Orte und Gegenstand schicklich angebracht ist. Die Schuͤler und Nachahmer von Mengs, Knoller, Unterberger, der juͤngere Conca und andre, haben sich saͤmmtlich heller Farben in ihren Werken beflissen; aber keiner derselben hat in diesem Theil der Kunst einige Vorschritte gemacht, oder sich um Erforschung der wahren Regeln bemuͤht. Alle sind, wo sie sich nicht durch gelben Ton halten, entweder bunt und unruhig, oder frostig und unfreundlich geworden, wie solches besonders dem Schwager von Mengs, Maron, in historischen Darstellungen mit Oelfarben fast immer begegnet ist. Angelica Kauffmann folgte, in Hinsicht auf das Colorit, ebenfalls der von Mengs eingefuͤhrten Weise und liebte neben frischen Fleischtinten die Anwendung heller froͤhlicher Farben. Ihr schoͤnes Talent, ihre natuͤrliche Neigung zum Gefaͤlligen, Milden, Sanften hat sie indeß vor allem Uebermaß behuͤtet; daher sind ihre Bilder auch durchgaͤngig munter und erfreulich, wenn schon die Harmonie der Farben durch sie nicht in voͤlliger Ausuͤbung erschien, so daß wir ihr keine Musterhaftigkeit in diesem Stuͤck zugestehen koͤnnen. Pompeo Battoni galt von der Mitte des ver- gangenen Jahrhunderts an bis zu seinem Tode, welcher um 1790 erfolgte, fuͤr den besten italiaͤnischen Maler und wurde so lange Mengs lebte als der Nebenbuhler desselben um den hoͤchsten Ruhm in der Kunst betrach- tet. Er war noch dem sogenannten academischen Styl, der sich unter Sacchi und Maratti gebildet hatte, zugethan, und nach den Bedingungen desselben ist z. B. sein großes Gemaͤlde vom Fall Simons des Zauberers unstreitig ein sehr verdienstliches Werk. Das Colorit ist kraͤftig, sehr lebhaft, aber in Hinsicht auf Harmonie der Farben kann weder diesem noch einem andern von Battoni’s Werken einiger Werth beygelegt werden. Je figurenreicher sie sind, je weniger Befriedigung gewaͤhren sie dem Auge. Das gedachte große Gemaͤlde zeigt bloß ein unruhiges Gewirre will- kuͤhrlich zusammengestellter bunter Farben. Hier haben wir wie billig auch der Maler aus England mit wenigem zu gedenken. Reinolds gehoͤrt allerdings zu den besten Bildnißmalern des abgelaufenen Jahrhunderts, und West hat im historischen Fach, nach Maßgabe des Zustandes der Kunst im Allgemeinen, lobenswuͤrdige Werke geliefert. Aus einzelnen Werken von beschraͤnktem Raum und Darstellung dieser beyden vorzuͤglichsten Kuͤnstler ihrer Nation wissen wir, daß jener ein sehr kraͤftiges Colorit besaß und hauptsaͤchlich die Wirkung von Licht und Schatten zum Zweck hatte; dieser malte im guten Ton des Colorits, aber uͤber- haupt schwaͤcher. Was beyde in Hinsicht harmonischer Farbenvertheilung geleistet haben, koͤnnen wir aus Mangel anschaulicher Kenntniß der groͤßern Arbeiten dieser Kuͤnstler nicht sagen. Heinrich Fuͤesli, Schweizer von Geburt, der aber in England lebt und sich fuͤr England gebildet hat, ein bekannter und beruͤhmter Maler von Schrecken- scenen, bedient sich, dem Charakter seiner Darstellung gemaͤß, eines kraͤftigen, oft sogar duͤstern Colorits und gesaͤttigter ernster Farben. Unter die vorzuͤglichen Co- loristen mag er zwar nicht gerechnet werden; doch pflegt er auch den Regeln des Colorits so wie der guten Harmonie nicht zuwider zu handeln. Nachdem unter den franzoͤsischen Malern die suͤß- liche, luͤsterne, fade Manier des Boucher und die sentimentale des Greuze voruͤbergegangen war, so wurden durch den noch lebenden David ernstere Gegen- staͤnde und nach Erforderniß derselben auch edlere Formen eingefuͤhrt. In Ansehung Lichtes und Schat- tens war es ihm um große wirksame Partieen, so wie im Colorit um Gegensaͤtze der gewaltigsten Farben vornehmlich zu thun. Die stille Uebereinstimmung froͤhlicher, verwandter und zum Theil gemaͤßigter Far- ben scheint uͤberhaupt nicht zu den Zwecken dieses Kunst- geschmacks zu gehoͤren, der sowohl in Frankreich in der neuern Zeit fast allgemein angenommen ist, als auch unter den bessern Kuͤnstlern in Italien sich verbrei- tet, sogar in Deutschland Nachahmer gefunden und bis jetzt fortgedauert hat. Doch ist vielleicht eben die Zeit gekommen, wo man sich dessen zu entwoͤhnen an- faͤngt. Es sollen naͤmlich in Rom vor kurzem, durch einen emporstrebenden jungen Maler, Bilder mit hei- tern Gruͤnden und gemaͤßigten, zarten, der Wahrheit aͤhnlichen Tinten des Fleisches verfertigt worden seyn, welche, da sie Aufsehen erregt, wohl nicht ohne Nach- ahmung bleiben werden. Und so steht zu hoffen, daß die Kuͤnstler, wenn sie zu einem Colorit zuruͤckkehren, welches nicht durch Gegensaͤtze gewaltsam zu ruͤhren, sondern die Anmuth schoͤner Formen, zarter Gestalten, durch gefaͤlligen Reiz von seiner Seite zu erhoͤhen be- absichtigt, auch bald das Beduͤrfniß harmonischer Ne- beneinanderstellung der Farben fuͤhlen und sich des Stu- diums dieses Theiles der Kunst gehoͤrigermaßen befleißi- gen werden. Sechste Abtheilung. Achtzehntes Jahrhundert . Erste Epoche. Von Newton bis auf Dollond . Bisher beschaͤftigten sich die Glieder mehrerer Na- tionen mit der Farbenlehre: Italiaͤner, Franzosen, Deutsche und Englaͤnder; jetzt haben wir unsern Blick vorzuͤglich auf die letztere Nation zu wenden, denn aus England verbreitet sich eine ausschließende Theorie uͤber die Welt. Londoner Societaͤt . Wenn wir den Zustand der Naturwissenschaften in England waͤhrend der zweyten Haͤlfte des siebzehnten Jahrhunderts uns vergegenwaͤrtigen wollen, so ist es fuͤr unsere Zwecke hinreichend, mit fluͤchtiger Feder Ursprung und Wachsthum der Londner Academie dar- zustellen. Hiezu geben uns hinlaͤngliche Huͤlfsmittel Sprat, Birch und die philosophischen Transactionen. Nach diesen liefern wir eine Skizze der Geschichte der Societaͤt bis auf die koͤnigliche Confirmation, und den Umriß einer Geschichte der Wissenschaften in Eng- land, fruͤherer Zeit. Thomas Sprat . geb. 1634. gest. 1713 . History of the royal Society of London. Die Ausgabe von 1702, deren wir uns bedienen, scheint nicht die erste zu seyn. Das Buch war fuͤr den Au- genblick geschrieben, und gewiß sogleich gedruckt. Auch ist die franzoͤsische Uebersetzung schon 1669 zu Genf herausgekommen. Thomas Sprat, nachmals Bischoff, war ein fruͤh- zeitiger guter Kopf, ein talentvoller, munterer, leiden- schaftlicher Lebemann. Er hatte das Gluͤck als Juͤng- ling von vielen Hoffnungen den fruͤhern Versammlun- gen der Gesellschaft in Oxford beyzuwohnen, wodurch er also Ursprung und Wachsthum derselben aus eigener Theilnahme kennen lernte. Als man spaͤterhin etwas uͤber die Societaͤt ins Publicum bringen wollte, ward er zum Sprecher gewaͤhlt und wahrscheinlich von Ol- denburg, der das Amt eines Secretaͤrs bekleidete, mit Nachrichten und Argumenten versehen. So schrieb er die Geschichte derselben bis zur koͤniglichen Confirma- tion und etwas weiter, mit vielem Geist, guter Laune und Lebhaftigkeit. Als Schriftsteller betrachtet finden wir ihn mehr geeignet, die Angelegenheiten einer Partey in Broschuͤ- ren muthig zu verfechten — wie er denn sein Vater- land gegen die Zudringlichkeiten eines franzoͤsischen Reisenden, Desorbieres, in einem eigenen Baͤndchen mit großer Heftigkeit zu schuͤtzen suchte — als daß er ein Buch zu schreiben faͤhig gewesen waͤre, welches man fuͤr ein bedaͤchtiges Kunstwerk ansprechen koͤnnte. Wer solche Forderungen an ihn macht, wird ihn un- billig beurtheilen, wie es von Montucla geschehen. (Histoire des Mathématiques. Paris 1758. Part. IV. Liv. 8 p. 486. Note a.) Doch ist auf alle Faͤlle die erste Haͤlfte des Buchs sorgfaͤltiger geschrieben und methodischer geordnet als die zweyte: denn leider wird seine Arbeit durch das doppelte große Ungluͤck der Seuche und des Brandes zu London unterbrochen. Von da an scheint das Buch mehr aus dem Stegereife geschrieben und sieht einer Compilation schon aͤhnlicher. Doch hat er ein großes Verdienst um seine Zeit wie um die Nachwelt. Denn alle Hindernisse, welche der Societaͤt im Wege stehen, sucht er ins Klare zu bringen und zu beseitigen; und gewiß hat er dazu beygetragen, daß manche Neigung erhoͤht und manches Vorurtheil aus- geloͤscht worden. Was uns betrifft, so lernen wir den Gang der Gesellschaft, ihre Lage, ihre Grundsaͤtze, ihren Geist und Sinn aus ihm recht wohl kennen. Ihre Handlungsweise nach innen, ihre Verhaͤltnisse nach außen, die Vorstellung, die sich das Publicum von ihren Mitgliedern machte, was man ihr entge- gensetzte, was sie fuͤr sich anzufuͤhren hatte, das alles liegt in dem Werke theils klar und unbewunden aus- gedruͤckt, theils rednerisch kuͤnstlich angedeutet und versteckt. Glaubt man auch manchmal eine sachwalterische Declamation zu hoͤren, so muͤßten wir uns doch sehr irren, wenn nicht auch oͤfters eine Ironie durchschiene, daß er naͤmlich die Societaͤt wegen verschiedener Tu- genden preist, nicht sowohl weil sie solche besitzt, als weil sie solche zu erwerben denken soll. Der Verfasser zeigt durchaus einen heitern leb- haften Geist, ein vordringendes leidenschaftliches Ge- muͤth. Er hat seine Materie recht wohl inne, schreibt aber nur mit laufender Feder, im Gefuͤhl, daß ihm sein Vorhaben leidlich gelingen muͤsse. Eine bessere Uebersetzung als die Franzoͤsische ist, haͤtte er auf alle Faͤlle verdient. Thomas Birch . History of the royal Society of London. Vier Baͤnde in Quart, der erste von 1666. Dieses Werk ist eigentlich nur ein Abdruck der Protokolle der Societaͤtssessionen bis 1687, und wenn wir den erst genannten Sprat als einen Sachwalter ansehen und seine Arbeit nur mit einigem Mißtrauen nutzen; so finden wir dagegen hier die schaͤtzbarsten und untruͤglichsten Documente, welche, indem sie alle Verhandlungen der Sessionen unschuldig und trocken anzeigen, uns uͤber das was geschehen den besten Aufschluß geben. Aus ihnen ist die zerstuͤckelte Ma- nier zu erkennen, womit die Societaͤt nach ihrer Ue- berzeugung verfuhr und die Wissenschaften verspaͤtete, indem sie fuͤr ihre Befoͤrderung bemuͤht war. Philosophische Transaetionen . Diese sind das Archiv dessen was man bey ihr niederlegte. Hier findet man Nachrichten von den Unternehmungen, Studien und Arbeiten der Forscher in manchen bedeutenden Weltgegenden. Dieses allge- mein bekannte Werk hat nach und nach fuͤr die Freunde der Wissenschaft einen unschaͤtzbaren Werth erhalten. Denn obgleich jedes zufaͤllige und empirische Sammeln anfangs nur verwirrt und die eigentliche wahre Kennt- niß verhindert, so stellt sich, wenn es nur immer fort- gesetzt wird, nach und nach die Methode von selbst her, und das was ohne Ordnung aufbewahrt wor- den, gereicht dem der zu ordnen weiß, zum groͤßten Vortheile. Ungewisse Anfaͤnge der Societaͤt . Der Ursprung wichtiger Begebenheiten und Er- zeugnisse tritt sehr oft in eine undurchdringliche my- thologische Nacht zuruͤck. Die Anfaͤnge sind unschein- bar und unbemerkt und bleiben dem kuͤnftigen For- scher verborgen. Der patriotische Englaͤnder moͤchte den Ursprung der Societaͤt gern fruͤh festsetzen, aus Eifersucht gegen gewisse Franzosen, welche sich gleichzeitig zu solchem Zwecke in Paris versammlet. Der patriotische Londner goͤnnt der Universitaͤt Oxford die Ehre nicht, als Wiege eines so merkwuͤrdigen Instituts geruͤhmt zu werden. Man setzt daher ihre fruͤhsten Anfaͤnge um das Jahr 1645 nach London, wo sich namhafte Natur- freunde woͤchentlich einmal versammelten, um mit Aus- schließung aller Staats- und Religionsfragen, welche in der ungluͤcklichen Zeit des buͤrgerlichen Kriegs die Nation leidenschaftlich beschaͤftigten, sich uͤber natuͤr- liche Dinge zu unterhalten. Boyle soll dieser Zusam- menkuͤnfte, unter dem Namen des unsichtbaren oder philosophischen Collegiums, in seinen Briefen gedenken. In den Jahren 1648 und 49 entstand zu Ox- ford ein aͤhnlicher Kreis, den die von London dahin versetzten Glieder jener ersten Gesellschaft entweder ver- anlaßten oder erweiterten. Auch hier versammelte man sich, um durch Betrachtung der ewig gesetzmaͤßigen Natur sich uͤber die gesetzlosen Bewegungen der Men- schen zu troͤsten oder zu erheben. Die Universitaͤten zu Cambridge und Oxford hat- ten sich, als Verwandte der bischoͤflichen Kirche, treu zu dem Koͤnig gehalten und deshalb von Cronwell und der republicanischen Partey viel gelitten. Nach der Hinrichtung des Koͤnigs 1649 und dem vollkommenen Siege der Gegenpartey hatten die an beyden Akade- mieen versammelten Gelehrten alle Ursache still zu blei- ben. Sie hielten sich an die unschuldige Natur fest, ver- bannten um so ernstlicher aus ihren Zusammenkuͤnften alle Streitigkeiten sowohl uͤber politische als religioͤse Gegenstaͤnde, und hegten bey ihrer reinen Liebe zur Wahrheit ganz im Stillen jene Abneigung gegen Schwaͤr- merey, religioͤse Phantasterey, daraus entspringende Weissagungen und andre Ungeheuer des Tages. So lebten sie zehn Jahre nebeneinander, kamen anfangs oͤfter, nachher aber seltner zusammen, wobey ein Jeder das was ihn besonders interessirte, das wor- auf er bey seinen Studien unmittelbar gestoßen, treu- lich den Uebrigen mittheilte, ohne daß man deshalb an eine aͤußere Form oder an eine innere Ordnung gedacht haͤtte. Der groͤßte Theil der Mitglieder dieser Oxforder Gesellschaft ward 1659 nach London zuruͤck und in verschiedene Stellen gesetzt. Sie hielten immerfort mit hergebrachter vertraulicher Gewohnheit aneinander, versammelten sich regelmaͤßig jeden Donnerstag in Gresham College, und es dauerte nicht lange, so traten manche Londner Naturforscher hinzu, darunter sich meh- rere aus dem hohen und niedern Adel befanden. Beyde Classen des englischen Adels waren mit zeitlichen Guͤtern reichlich gesegnet. Der hohe Adel besaß von Alters her große Guͤter und Bequemlichkei- ten, die er stets zu vermehren im Fall war. Der nie- dere Adel war seit langer Zeit genoͤthigt worden, gut hauszuhalten und seine Gluͤcksumstaͤnde zu verbessern, indem ihn zwey Koͤnige, Jacob und Karl, auf seinen Guͤtern zu wohnen und Stadt- und Hofleben zu mei- den angehalten hatten. Viele unter ihnen waren zur Naturforschung aufgeregt und konnten sich mit Ehren an die neuversammelten Gelehrten anschließen. Nur kurze Zeit wurde der Wachsthum, die Mit- theilung dieser Gesellschaft gestoͤrt, indem bey den Un- ruhen, welche nach der Abdankung von Cromwel’s Sohn entstanden, ihr Versammlungsort in ein Sol- daten-Quartier verwandelt ward. Doch traten sie 1660 gleich wieder zusammen, und ihre Anzahl ver- mehrte sich. Den 18. November dieses Jahrs bezeichnet die erste diese große Anstalt begruͤndende Sitzung. Unge- II. 25 faͤhr funfzehn Personen waren gegenwaͤrtig; sie bestimm- ten die Zeit ihrer Versammlung, die Eintritts- und woͤchentlichen Zuschußgelder, erwaͤhlten einen Praͤsiden- ten, Schatzmeister und Secretaͤr; zwanzig aufzuneh- mende Personen wurden vorgeschlagen. Bald darauf ordneten sie als Maͤnner, die Gelegenheit genug ge- habt hatten uͤber Constitutionen nachzudenken, die uͤbri- gen zur aͤußern Form gehoͤrigen Einrichtungen, vor- trefflich und zweckmaͤßig. Kaum hatte Koͤnig Karl der II. vernommen, daß eine Versammlung solcher ihm von jeher zugethaner Maͤnner sich zu einer Gesellschaft constituirt; so ließ er ihnen Bestaͤtigung, Schutz und allen Vorschub an- bieten, und bekraͤftigte 1662 auf die ehrenvollste Weise die saͤmmtlichen Statuten. Naturwissenschaften in England. Die Theilnahme des Koͤnigs an den natuͤrlichen Wissenschaften kam eben zur rechten Zeit: denn wie bisher theils die Wissenschaften uͤberhaupt, theils die na- tuͤrlichen verspaͤtet worden, davon soll uns der Bischof Sprat eine fluͤchtige Uebersicht geben. „Bis zur Verbindung der beyden Haͤuser York und Lancaster wurden alle Kraͤfte unseres Landes zu haͤuslichen Kriegen zwischen dem Koͤnig und dem Adel, oder zu wuͤthenden Kaͤmpfen zwischen jenen beyden ge- trennten Familien verwendet, wenn nicht irgend ein- mal ein muthiger Fuͤrst ihre Kraͤfte zu fremden Er- oberungen zu gebrauchen wußte. Die zwey Rosen wa- ren in der Person des Koͤnigs Heinrich des VII. ver- einigt, dessen Regierung, wie seine Gemuͤthsart, heim- lich, streng, eifersuͤchtig, geizig, aber dabey siegreich und weise war. Wie wenig aber diese Zeit sich zu neuen Entdeckungen vorbereitet fand, sieht man daraus, wie gering er das Anerbieten des Christoph Columbus zu schaͤtzen wußte. Die Regierung Heinrichs des VIII. war kraͤftig, kuͤhn, praͤchtig, freygebig und gelehrt, aber die Veraͤnderung der Religion trat ein und dieß allein war genug den Geist der Menschen zu beschaͤftigen.“ „Die Regierung Koͤnigs Eduard des VI. war un- ruhig wegen des Zwiespalts derer die waͤhrend seiner Minderjaͤhrigkeit regierten, und die Kuͤrze seines Le- bens hat uns jener Fruͤchte beraubt, die man nach den bewundernswerthen Anfaͤngen dieses Koͤnigs hoffen konnte. Die Regierung der Koͤniginn Maria war schwach, melancholisch, blutduͤrstig gegen die Prote- stanten, verdunkelt durch eine fremde Heirat und un- gluͤcklich durch den Verlust von Calais. Dagegen war die Regierung der Koͤniginn Elisabeth lang, triumphi- rend, friedlich nach innen, und nach außen glorreich. Da zeigte sich, zu welcher Hoͤhe die Englaͤnder steigen koͤnnen, wenn sie ein Fuͤrst anfuͤhrt, der ihren Herzen so gut als ihren Haͤnden gebieten kann. In ihren 25 * Tagen setzte sich die Reformation fest; der Handel ward geregelt und die Schiffarth erweiterte sich. Aber obgleich die Wissenschaft schon etwas Großes hoffen ließ; so war doch die Zeit noch nicht gekommen, daß den Naturerfahrungen eine oͤffentliche Aufmunterung haͤtte zu Theil werden koͤnnen, indem die Schriften des Alterthums und die Streitigkeiten zwischen uns und der roͤmischen Kirche noch nicht voͤllig studiert und beseitigt waren.“ „Die Regierung des Koͤnigs Jacob war gluͤcklich in allen Vortheilen des Friedens und reich an Per- sonen von tiefer Literatur; aber nach dem Beyspiele des Koͤnigs wendeten sie vorzuͤglich ihre Aufmerksam- keit auf die Verhandlungen der Religion und der Streitigkeiten, so daß selbst Mylord Bacon, mit allem An- sehn das er im Staate besaß, sein Collegium Salo- mons nur als eine Schilderung, als einen Roman zu Stande bringen konnte. Zwar sing die Zeit Carls des I. an zu solchen Unternehmungen reifer zu werden, wegen des Ueberflusses und der gluͤcklichen Zustaͤnde seiner er- sten Jahre, auch wegen der Faͤhigkeit des Koͤniges selbst, der nicht nur ein unnachahmlicher Meister in Verstand und Redekunst war, sondern der auch in ver- schiedenen practischen Kuͤnsten sich uͤber die gewoͤhnliche Weise der Koͤnige, ja sogar uͤber den Fleiß der besten Kuͤnstler erhob. Aber ach! er wurde von den Studien, von Ruhe und Frieden hinweg zu der gefaͤhrlichern und ruͤhmlichern Laufbahn des Maͤrtyrers berufen.“ „Die letzten Zeiten des buͤrgerlichen Kriegs und der Verwirrung haben, zum Ersatz jenes unendlichen Jammers, den Vortheil hervorgebracht, daß sie die Geister der Menschen aus einem langen Behagen, aus einer muͤßigen Ruhe herausrissen und sie thaͤtig, fleißig und neugierig machten. Und gegenwaͤrtig, seit der Ruͤckkehr des Koͤnigs, ist die Verblendung vergangener Jahre mit dem Jammer der letzten verschwunden. Die Menschen uͤberhaupt sind muͤde der Ueberbleibsel des Alterthums und gesaͤttigt von Religionsstreitigkeiten. Ihre Augen sind gegenwaͤrtig nicht allein offen und bereitet zur Arbeit; sondern ihre Haͤnde sind es auch. Man findet jetzo ein Verlangen, eine allgemeine Be- gierde nach einer Wissenschaft, die friedlich, nuͤtzlich und naͤhrend sey und nicht wie die der alten Secten, welche nur schwere und unverdauliche Argumente gaben, oder bittere Streitigkeiten statt Nahrung, und die, wenn der Geist des Menschen Brodt verlangte, ihm Steine reich- ten, Schlangen oder Gift.“ Aeußere Vortheile der Societaͤt . Der Theilnahme des Koͤnigs folgte sogleich die der Prinzen und reichen Barone. Nicht allein Ge- lehrte und Forscher, sondern auch Praktiker und Tech- niker mußten sich fuͤr eine solche Anstalt bemuͤhen. Weit ausgebreitet war der Handel; die Gegenstaͤnde desselben naͤher kennen zu lernen, neue Erzeugnisse fremder Weltgegenden in Umlauf zu bringen, war der Vortheil saͤmmtlicher Kaufmannschaft. Wißbegierigen Reisenden gab man lange Register von Fragen mit; eben dergleichen sendete man an die englischen Resi- denten in den fernsten Ansiedelungen. Gar bald draͤngte sich nunmehr von allen Seiten das Merkwuͤrdige herzu. Durch Beantwortung jener Fragen, durch Einsendung von Instrumenten, Buͤchern und andern Seltenheiten ward die Gesellschaft jeden Tag reicher und ihre Einwirkung bedeutender. Innere Maͤngel der Societaͤt . Bey allen diesen großen aͤußeren Vortheilen war auch manches das ihr widerstand. Am meisten scha- dete ihr die Furcht vor jeder Art von Autoritaͤt. Sie konnte daher zu keiner innern Form gelangen, zu keiner zweckmaͤßigen Behandlung desjenigen was sie besaß und was sie sich vorgenommen hatte. Durch Bacons Anlaß und Anstoß war der Sinn der Zeit auf das Reale, das Wirkliche gerichtet wor- den. Dieser außerordentliche Mann hatte das große Verdienst, auf die ganze Breite der Naturforschung auf- merksam gemacht zu haben. Bey einzelnen Erfahrun- gen drang er auf genaue Beobachtung der Bedin- gungen, auf Erwaͤgung aller begleitenden Umstaͤnde. Der Blick in die Unendlichkeit der Natur war geoͤffnet und zwar bey einer Nation, die ihn sowohl nach innen als nach außen am lebhaftesten und weitesten umher- wenden konnte. Sehr viele fanden eine leidenschaft- liche Freude an solchen Versuchen, welche die Erfah- rungen wiederholten, sicherten und mannigfaltiger machten; andere ergetzten sich hingegen an der naͤchsten Aussicht auf Anwendung und Nutzen. Wie aber in der wissenschaftlichen Welt nicht leicht ohne Trennung gewirkt werden kann, so findet man auch hier eine entschiedene Spaltung zwischen Theorie und Praxis. Man hatte noch in frischem An- denken, wie die weichende Scholastik durch eine selt- same Philosophie, durch den Carthesianismus sogleich wieder ersetzt worden. Hier sah man aufs Neue ein Beyspiel, was ein einziger trefflicher Kopf auf andere zu wirken, wie er sie nach seinem Sinne zu bilden im Stande ist. Wie entfernt man sey die Gesinnun- gen eines Einzelnen gelten zu lassen, druͤckte die So- cietaͤt unter ihrem Wappen durch den Wahlspruch aus: Nullius in Verba; und damit man ja vor allem All- gemeinen, vor allem was eine Theorie nur von fern anzudeuten schien, sicher waͤre; so sprach man den Vorsatz bestimmt aus, die Phaͤnomene so wie die Ex- perimente an und fuͤr sich zu beobachten, neben ein- ander, ohne irgend eine kuͤnstlich scheinende Verbin- dung, einzeln stehen zu lassen. Die Unmoͤglichkeit diesen Vorsatz auszufuͤhren, sahen so kluge Leute nicht ein. Man bemerkte nicht, daß sehr bald nach den Ursachen gefragt wurde, daß der Koͤnig selbst, indem er der Societaͤt natuͤrliche Koͤrper verehrte, nach dem Wie der Wirkungen sich erkundigte. Man konnte nicht vermelden, sich so gut und schlimm als es gehen wollte, einige Rechenschaft zu geben; und nun entstanden partielle Hypothesen, die mechanische und machinistische Vorstellungsart gewann die Ober- hand, und man glaubte noch immer, wenn man ein Gefolgertes ausgesprochen hatte, daß man den Gegen- stand, die Erscheinung ausspreche. Indem man aber mit Furcht und Abneigung sich gegen jede theoretische Behandlung erklaͤrte, so behielt man ein großes Zutrauen zu der Mathematik, deren methodische Sicherheit in Behandlung koͤrperlicher Dinge ihr, selbst in den Augen der groͤßten Zweifler, eine gewisse Realitaͤt zu geben schien. Man konnte nicht laͤugnen daß sie, besonders auf technische Probleme an- gewendet, vorzuͤglich nuͤtzlich war, und so ließ man sie mit Ehrfurcht gelten, ohne zu ahnden daß, indem man sich vor dem Ideellen zu huͤthen suchte, man das Ideelste zugelassen und beybehalten hatte. So wie das was eigentlich Methode sey, den Augen der Gesellen fast gaͤnzlich verborgen war, so hatte man gleichfalls eine sorgliche Abneigung vor ei- ner Methode zu der Erfahrung. Die Unterhaltung der Gesellschaft in ihren ersten Zeiten war immer zu- faͤllig gewesen. Was die Einen als eigenes Studium beschaͤftigte, was die Andern als Neuigkeit interessirte, brachte Jeder unaufgefordert und nach Belieben vor. Eben so blieb es nach der uͤbrigens sehr foͤrmlich ein- gerichteten Constitution. Jeder theilt mit was gerade zufaͤllig bereit ist. Erscheinungen der Naturlehre, Koͤr- per der Naturgeschichte, Operationen der Technik, alles zeigt sich bunt durch einander. Manches Unbedeutende, anderes durch einen wunderbaren Schein Interessirende, anderes bloß Curiose findet Platz und Aufnahme; ja sogar werden Versuche mitgetheilt aus deren naͤhern Umstaͤnden man ein Geheimniß macht. Man sieht eine Gesellschaft ernsthafter wuͤrdiger Maͤnner, die nach allen Richtungen Streifzuͤge durch das Feld der Naturwissen- schaft vornehmen, und weil sie das Unermeßliche dessel- ben anerkennen, ohne Plan und Maßregel darin her- umschweifen. Ihre Sessionen sind oͤfters Quodlibets, uͤber die man sich des Laͤchelns, ja des Lachens nicht enthalten kann. Die Angst der Societaͤt vor irgend einer rationel- len Behandlung war so groß, daß sich Niemand ge- traute auch nur eine empirische Abtheilung und Ord- nung in das Geschaͤft zu bringen. Man durfte nur die verschiedenen Klassen der Gegenstaͤnde, man durfte Physik, Naturgeschichte und Technik von einander tren- nen und in diesen die nothwendigsten Unterabtheilun- gen machen, sodann die Einrichtung treffen, daß in jeder Session nur Ein Fach bearbeitet werden sollte; so war der Sache schon sehr geholfen. Porta hatte schon hundert Jahre vorher die phy- sicalischen Phaͤnomene in Rubriken vorgetragen. Man konnte dieses Buch bequem zum Grunde legen, das alte Wunderbare nach und nach sichten und ausloͤschen, das in der Zwischenzeit Erfundene nachtragen, sodann das jedesmal bey der Societaͤt Vorkommende aus den Protocollen an Ort und Stelle eintragen; so entging man wenigstens der groͤßten Verwirrung und war sicher, daß sich nichts versteckte oder verlor, wie es z. B. mit Mayow’s Erfahrungen ging, von welchen die So- cietaͤt Notiz hatte, sie aber vernachlaͤssigte und freylich das Genauere nicht erfuhr, weil sie den von Hook zum Mitglied vorgeschlagenen Mayow nicht aufnahm. In seiner neuen Atlantis hatte Bacon fuͤr das naturforschende Salomonische Collegium einen unge- heuern romantischen Pallast mit vielen Fluͤgeln und Pa- villons gebaut, worin sich denn wohl auch mancher aͤußerst phantastische Saal befand. Diese Andeutungen konnten freylich einer Gesellschaft, die im wirklichen Leben entsprang, wenig Vortheil gewaͤhren; aber be- stimmt genug hatte er am Ende jener Dichtung die Nothwendigkeit ausgesprochen, die verschiedenen Func- tionen eines solchen Unternehmens unter mehrere Per- sonen zu theilen, oder wenn man will, diese Functio- nen als von einander abgesondert, aber doch immer in gleichem Werthe neben einander fortschreitend zu be- trachten. „Wir haben zwoͤlf Gesellen, sagte er, um uns Buͤcher, Materialien und Vorschriften zu Experimen- ten anzuwerben. Drey haben wir, welche alle Ver- suche, die sich in Buͤchern finden, zusammenbringen; drey welche die Versuche aller mechanischen Kuͤnste, der freyen und praktischen Wissenschaften, die noch nicht zu einer Einheit zusammengeflossen, sammeln. Wir haben drey, die sich zu neuen Versuchen anschicken, wie es ihnen nuͤtzlich zu seyn scheint; drey welche die Erfahrungen aller dieser schon genannten in Rubriken und Tafeln aufstellen, daß der Geist zu Beobachtungen und Schluͤssen sie desto bequemer vor sich finde. Drey haben wir, welche diese saͤmmtlichen Versuche in dem Sinne ansehen, daß sie daraus solche Erfindungen zie- hen, die zum Gebrauche des Lebens und zur Ausuͤbung dienen; dann aber drey, die nach vielen Zusammen- kuͤnften und Rathschluͤssen der Gesellschaft, worin das Vorhandene durchgearbeitet worden, Sorge tragen, daß nach dem was schon vor Augen liegt, neue, tiefer in die Natur dringende Versuche eingeleitet und ange- stellt werden; dann drey, welche solche aufgegebene Experimente ausfuͤhren und von ihrem Erfolg Nachricht geben. Zuletzt haben wir drey, die jene Erfindungen und Offenbarungen der Natur durch Versuche zu hoͤhe- ren Beobachtungen, Axiomen und Aphorismen erheben und befoͤrdern, welches nicht anders als mit Beyrath der saͤmmtlichen Gesellschaft geschieht.“ Von dieser gluͤcklichen Sonderung und Zusammen- stellung ist keine Spur in dem Verfahren der Societaͤt, und eben so geht es auch mit ihren nach und nach sich anhaͤufenden Besitzungen. Wie sie jeden Naturfreund ohne Unterschied des Ranges und Standes fuͤr socie- taͤtsfaͤhig erklaͤrt hatte, eben so bekannt war es, daß sie alles was sich nur einigermaßen auf Natur bezog, annehmen und bey sich aufbewahren wolle. Bey der allgemeinen Theilnahme die sie erregte, fand sich ein gro- ßer Zufluß ein, wie es bey allen empirischen Anhaͤufungen und Sammlungen zu geschehen pflegt. Der Koͤnig, der Adel, Gelehrte, Oekonomen, Reisende, Kaufleute, Handwerker, alles draͤngte sich zu, mit Gaben und Merkwuͤrdigkeiten. Aber auch hier scheint man vor ir- gend einer Ordnung Scheu gehabt zu haben, wenig- stens sieht man in der fruͤhern Zeit keine Anstalt ihre Vorraͤthe zu rangiren, Catalogen daruͤber zu machen und dadurch auf Vollstaͤndigkeit auch nur von ferne hinzudeuten. Will man sie durch die Beschraͤnktheit und Unsicherheit ihres Locals entschuldigen, so lassen wir diesen Einwurf nur zum Theil gelten: denn durch einen wahren Ordnungsgeist waͤren diese Hindernisse wohl zu uͤberwinden gewesen. Jede einseitige Maxime muß, wenn sie auch zu gewissen Zwecken tauglich gefunden wird, sich zu an- dern unzulaͤnglich, ja schaͤdlich erzeigen. Sprat mag mit noch so vieler Beredtsamkeit den Vorsatz der Ge- sellschaft, nicht zu theoretisiren, nicht zu methodisiren, nicht zu ordnen, ruͤhmen und vertheidigen, hinter sei- nen vielen Argumenten glaubt man nur sein boͤses Gewissen zu entdecken; und man darf nur den Gang des Societaͤtsgeschaͤftes in den Protokollen einige Jahre verfolgen, so sieht man, daß sie die aus ihrer Maxime entspringenden Maͤngel gar wohl nach und nach be- merkt und dagegen, jedoch leider unzulaͤngliche, An- ordnungen macht. Die Experimente sollen nicht aus dem Stegreife vorgelegt, sondern in der vorhergehenden Session an- gezeigt werden; man ordnet Versuche in gewissen Fol- gen an, man setzt Committees nieder, welche, im Vor- beygehen sey es gesagt, in politischen und praktischen Faͤllen gut seyn moͤgen, in wissenschaftlichen Dingen aber gar nichts taugen. Neigung oder Abneigung, vorgefaßte Meynung der Commissarien sind hier nicht so leicht wie dort zu controliren. Ferner verlangt man Gutachten und Uebersichten; da aber nichts zusammen- haͤngt, so wird eins uͤber das andere vergessen. Sel- ten geschieht was man sich vorgesetzt hatte, und wenn es geschieht, so ist es meistentheils nicht auslangend noch hinreichend. Und nach welchem Maaßstab soll es gemessen, von wem soll es beurtheilt werden? Vielleicht ist hieran auch der im Anfang monat- liche Praͤsidentenwechsel Schuld; so wie auch hier die Ungewißheit und Unzulaͤnglichkeit des Locals, der Man- gel eines Laboratoriums und was andere daraus ent- springende Hindernisse sind, zur Entschuldigung ange- fuͤhrt werden koͤnnen. Maͤngel die in der Umgebung und in der Zeit liegen . Von manchem was sich einem regelmaͤßigen und gluͤcklichen Fortschritt der Societaͤt entgegensetzte, haben wir freylich gegenwaͤrtig kaum eine Ahndung. Man hielt von Seiten der Menge, und zwar nicht eben ge- rade des Poͤbels, die Naturwissenschaften und beson- ders das Experimentiren auf mancherley Weise fuͤr schaͤdlich, schaͤdlich der Schullehre, der Erziehung, der Religion, dem praktischen Leben und was dergleichen Beschraͤnktheiten mehr waren. Ingleichen stellen wir uns nicht vor, wenn wir von jenen englischen Experimentalphilosophen so vieles lesen, wie weit man uͤberhaupt zu Ende des siebzehn- ten Jahrhunderts noch im Experimentiren zuruͤckstand. Von der alchymistischen Zeit her war noch die Lust am Geheimniß geblieben, von welchem man bey zunehmen- der Technik, beym Eingreifen des Wissens ins Leben, nunmehr manche Vortheile hoffen konnte. Die Werk- zeuge mit denen man operirte, waren noch hoͤchst un- vollkommen. Wer sieht dergleichen Instrumente aus jener Zeit in alten physicalischen Ruͤstkammern und ihre Unbehuͤlflichkeit nicht mit Verwunderung und Bedauern. Das groͤßte Uebel aber entsprang aus einer ge- wissen Verfahrungsart selbst. Man hatte kaum den Begriff, daß man ein Phaͤnomen, einen Versuch auf seine Elemente reduciren koͤnne; daß man ihn zerglie- dern, vereinfachen und wieder vermannigfaltigen muͤsse, um zu erfahren, wohin er eigentlich deute. Die flei- ßigsten Beobachter der damaligen Zeit geben Anlaß zu dieser Reflexion, und Newtons Theorie haͤtte nicht ent- stehen koͤnnen, wenn er fuͤr diese Hauptmaxime, die den Experimentirenden leiten soll, irgend einen Sinn gehabt haͤtte. Man ergriff einen verwickelten Versuch und eilte sogleich zu einer Theorie die ihn unmittelbar erklaͤren sollte; man that gerade das Gegentheil von dem was man in Mund und Wappen fuͤhrte. Robert Hook . Hook, der Experimentator und Sekretaͤr der So- cietaͤt, war in demselben Falle, und ob ihm gleich die Gesellschaft manches schuldig ist, so hat ihr doch sein Character viel Nachtheil gebracht. Er war ein lebhaf- ter, unruhig thaͤtiger Mann, von den ausgebreitetsten Kenntnissen; aber er wollte auch nichts fuͤr neu oder bedeutend gelten lassen, was irgend angebracht und mitgetheilt wurde. Er glaubte es entweder selbst schon zu kennen, oder etwas anderes und besseres zu wissen. So viel er auch that, ja im Einzelnen durchar- beitete, so war er doch durchaus unstaͤt und wurde es noch mehr durch seine Lage, da die ganze Erfahrungs- masse auf ihn eindrang und er, um ihr gewachsen zu seyn, seine Kraͤfte bald dahin, bald dorthin wenden mußte. Dabey war er zerstreut, nachlaͤssig in seinem Amte, obgleich auf seinem eigenen Wege immer thaͤtig. Viele Jahre muͤht sich die Societaͤt vergebens mit ihm ab. Sehr ernstlich wird ihm auferlegt: er soll regelmaͤßig Versuche machen, sie vorher anzeigen, in den folgenden Sessionen wirklich darlegen; wobey die gute Societaͤt freylich nicht bedenkt, daß Sessionen nicht dazu geeignet sind, Versuche anzustellen und sich von den Erscheinungen vollstaͤndig zu uͤberzeugen. Wie ihnen denn auch einmal ein Vogel den Gefallen nicht thun will, unter der mayowschen Glocke, ehe die Ver- sammlung auseinander geht, zu sterben. Aehnliche Faͤlle benutzt Hook zu allerley Ausfluͤch- ten. Er gehorcht nicht, oder nur halb; man verkuͤm- mert ihm seine Pension, er wird nicht gefuͤgsamer, und wie es in solchen Faͤllen geht, man ermuͤdet streng zu seyn, man bezahlt ihm zuletzt aus Gunst und Rach- sicht seine Ruͤckstaͤnde auf einmal. Er zeigt eine An- wandlung von Besserung, die nicht lange dauert, und die Sache schleppt sich ihren alten Gang. So sah es mit der innern Verfassung eines Gerichts- hofes aus, bey dessen Entscheidung uͤber eine bedeu- tende und weit eingreifende Theorie sich die wissen- schaftliche Welt beruhigen sollte. Isaak Newton geb . 1642. gest . 1727. Unter denen welche die Naturwissenschaften bear- beiten, lassen sich vorzuͤglich zweyerley Arten von Men- schen bemerken. Die ersten, genial, productiv und gewaltsam, brin- gen eine Welt aus sich selbst hervor, ohne viel zu fra- gen, ob sie mit der wirklichen uͤbereinkommen werde. Gelingt es, daß dasjenige was sich in ihnen entwi- ckelt, mit den Ideen des Weltgeistes zusammentrifft, so werden Wahrheiten bekannt, wovor die Menschen erstaunen und wofuͤr sie Jahrhunderte lang dankbar zu seyn Ursache haben. Entspringt aber in so einer tuͤchtigen genialen Natur irgend ein Wahnbild, das in der allgemeinen Welt kein Gegenbild findet, so kann ein solcher Irrthum nicht minder gewaltsam um sich greifen und die Menschen Jahrhunderte durch hinreißen und uͤbervortheilen. Die von der zweyten Art, geistreich, scharfsinnig, II. 26 behutsam, zeigen sich als gute Beobachter, sorgfaͤltige Experimentatoren, vorsichtige Sammler von Erfahrun- gen; aber die Wahrheiten welche sie foͤrdern, wie die Irrthuͤmer welche sie begehen, sind gering. Ihr Wah- res fuͤgt sich zu dem anerkannten Richtigen oft unbe- merkt, oder geht verloren; ihr Falsches wird nicht auf- genommen, oder wenn es auch geschieht, verlischt es leicht. Zu der ersten dieser Classen gehoͤrt Newton, zu der zweyten die besseren seiner Gegner. Er irrt und zwar auf eine entschiedene Weise. Erst findet er seine Theorie plausibel, dann uͤberzeugt er sich mit Ueberei- lung, ehe ihm deutlich wird, welcher muͤhseligen Kunst- griffe es beduͤrfen werde, die Anwendung seines hypo- thetischen Apercuͤs durch die Erfahrung durchzufuͤhren. Aber schon hat er sie oͤffentlich ausgesprochen, und nun verfehlt er nicht alle Gewandtheit seines Geistes aufzu- bieten, um seine These durchzusetzen; wobey er mit unglaublicher Kuͤhnheit das ganz Absurde als ein aus- gemachtes Wahre der Welt ins Angesicht behauptet. Wir haben in der neuern Geschichte der Wissen- schaften einen aͤhnlichen Fall an Tycho de Brahe. Die- ser hatte sich gleichfalls vergriffen, indem er das Ab- geleitete fuͤr das Urspruͤngliche, das Untergeordnete fuͤr das Herrschende in seinem Weltsystem gestellt hatte. Auch er war zu geschwind mit dieser unhaltbaren Grille hervorgetreten; seine Freunde und gleichzeitigen Vereh- rer schreiben in ihren vertraulichen Briefen daruͤber ganz unbewunden und sprechen deutlich aus, daß Tycho, wenn er nicht schon sein System publicirt und eine Zeit lang behauptet haͤtte, das Copernikanische wahr- scheinlich annehmen und dadurch der Wissenschaft gro- ßen Dienst leisten wuͤrde; dahingegen nunmehr zu fuͤrchten sey, daß er den Himmel oͤfter nach seiner Lehre ziehen und biegen werde. Schon die Zeitgenossen und Mitarbeiter Tycho’s befreyten sich von seiner aͤngstlichen verwirrenden Mey- nung. Aber Newton theilte seine Ueberzeugung, so wie seine Hartnaͤckigkeit, seinen Schuͤlern mit, und wer den Parteygeist kennt, wird sich nicht verwundern, daß diese keine Augen und Ohren mehr haben, son- dern das alte Credo immerfort wiederholen, wie es ihnen der Meister eingelernt. Der Character, die Faͤhigkeiten, das Benehmen, die Schicksale seiner Gegner, koͤnnen nur im Einzel- nen vorgetragen werden. Zum Theil begriffen sie nicht worauf es ankam, zum Theil sahen sie den Irrthum wohl ein; hatten aber weder Kraft, noch Geschick, noch Opportunitaͤt ihn zu zerstoͤren. Wir finden 1666 Newton als Studirenden zu Cambridge, mit Verbesserung der Teleskope und mit prismatischen Versuchen zu diesem Zweck beschaͤftigt, wobey er seine Farbentheorie bey sich festsetzt. Von ihm selbst haben wir hieruͤber drey Arbeiten, aus wel- 26 * chen wir seine Denkweise uͤbersehen, dem Gange den er genommen, folgen koͤnnen. Lectiones Opticae. Nachdem er 1667 Magister, 1669 Professor der Mathematik an Barrow’s Stelle geworden, haͤlt er in diesem und den beyden folgenden Jahren der studiren- den Jugend Vorlesungen, in welchen er das Physische der Farbenphaͤnomene durch mathematische Behandlung soviel als moͤglich an dasjenige heranzuziehen sucht, was man von ihm in seiner Stelle erwartet. Er arbeitet diese Schrift nachher immer weiter aus, laͤßt sie aber liegen, so daß sie erst nach seinem Tode 1729 gedruckt wird. Brief an den Secretaͤr der Londner Societaͤt . Im Jahre 1671 wird er Mitglied der Londner Societaͤt und legt ihr sein neues katoptrisches Teleskop vor und zugleich seine Farbentheorie, aus welcher ge- folgert wird, daß die dioptrischen Fernroͤhre nicht zu verbessern seyen. Dieser Brief eigentlich beschaͤftigt uns hier, weil Newton den Gang den er genommen sich von seiner Theorie zu uͤberzeugen, darin ausfuͤhrlich erzaͤhlt, und weil er uͤberhaupt hinreichend waͤre, uns einen voll- kommenen Begriff von der Newtonischen Lehre zu geben. An diesen Brief schließen sich auch die ersten Ein- wuͤrfe gegen die Newtonische Lehre, welche nebst den Antworten des Verfassers bis 1676 reichen. Die Optik . Seit gedachtem Jahre laͤßt sich Newton in weiter keine Controvers ein, schreibt aber die Optik, welche 1705 herauskommt, da seine Autoritaͤt am hoͤchsten ge- stiegen und er zum Praͤsidenten der Societaͤt ernannt war. In diesem Werke sind die Erfahrungen und Ver- suche so gestellt, daß sie allen Einwendungen die Stirn bieten sollen. Um nunmehr dasjenige worauf es bey der Sache ankommt, historisch deutlich zu machen, muͤssen wir ei- niges aus der vergangenen Zeit nachholen. Die Wirkung der Refraction war von den aͤlte- sten Zeiten her bekannt, ihre Verhaͤltnisse aber, bis in das sechzehnte Jahrhundert, nur empirisch bestimmt. Snellius entdeckte das Gesetzliche daran und bediente sich zur Demonstration des subjectiven Versuchs, den wir mit dem Namen der Hebung bezeichnet haben. Andere waͤhlten zur Demonstration den objectiven Ver- such, und das Kunstwort Brechung wird davon aus- schließlich gebraucht. Das Verhaͤltniß der beyden Sinus des Einfalls- und Brechungswinkels wird rein aus- gesprochen, als wenn kein Nebenumstand dabey zu beobachten waͤre. Die Refraction kam hauptsaͤchlich bey Gelegen- heit der Fernroͤhre zur Sprache. Diejenigen die sich mit Teleskopen und deren Verbesserung beschaͤftigten, mußten bemerken, daß durch Objectivglaͤser die aus Kugelschnitten bestehen, das Bild nicht rein in einen Punct zu bringen ist, sondern daß eine gewisse Ab- weichung statt findet, wodurch das Bild undeutlich wird. Man schrieb sie der Form der Glaͤser zu und schlug deswegen hyperbolische und elliptische Oberflaͤchen vor. So oft von Refraction, besonders seit Antonius de Dominis, die Rede ist, wird auch immer der Far- benerscheinung gedacht. Man ruft bey dieser Gele- genheit die Prismen zu Huͤlfe, welche das Phaͤnomen so eminent darstellen. Als Newton sich mit Verbesse- rung der Teleskope beschaͤftigte und, um jene Aberra- tion von Seiten der Form wegzuschaffen, hyperbolische und elliptische Glaͤser arbeitete, untersuchte er auch die Farbenerscheinung und uͤberzeugte sich, daß diese gleich- falls eine Art von Abweichung sey wie jene, doch von weit groͤßerer Bedeutung, dergestalt daß jene dagegen gar nicht zu achten sey, diese aber, wegen ihrer Groͤße, Bestaͤndigkeit und Untrennbarkeit von der Refraction, alle Verbesserung der dioptrischen Teleskope unmoͤglich mache. Bey Betrachtung dieser die Refraction immer be- gleitenden Farbenerscheinung fiel hauptsaͤchlich auf, daß ein rundes Bild wohl seine Breite behielt, aber in der Laͤnge zunahm. Es wurde nunmehr eine Erklaͤrung gefordert, welche im siebzehnten Jahrhundert oft ver- sucht worden, Niemanden aber gelungen war. Newton scheint, indem er eine solche Erklaͤrung aufsuchte, sich gleich die Frage gethan zu haben: ob die Ursache in einer innern Eigenschaft des Lichts, oder in einer aͤußern Bedingtheit desselben zu suchen sey? Auch laͤßt sich aus seiner Behandlung der Sache, wie sie uns bekannt worden, schließen, daß er sich sehr schnell fuͤr die erstere Meynung entschieden habe. Das erste was er also zu thun hatte, war, die Bedeutsamkeit aller aͤußern Bedingungen, die bey dem prismatischen Versuche vorkamen, zu schwaͤchen, oder ganz zu beseitigen. Ihm waren die Ueberzeugungen seiner Vorgaͤnger wohl bekannt, welche eben diesen aͤußern Bedingungen einen großen Werth beygelegt. Er fuͤhrt ihrer sechs auf, um eine nach der andern zu verneinen. Wir tragen sie in der Ordnung vor wie er sie selbst auffuͤhrt, und als Fragen wie er sie gleich- falls gestellt hat. Erste Bedingung . Traͤgt die verschiedene Dicke des Glases zur Farbenerscheinung bey? Diese hier nur im Allgemeinen und Unbestimmten aufgestellte Frage ward eigentlich dadurch veranlaßt: Antonius de Dominis, Kircher und andere hatten ge- glaubt, indem sie das Gelbe durch die Spitze des bre- chenden Winkels oder naͤher an ihm, das Blaue aber zu oberst, wo das Prisma mehrere Masse hat, hervor- gebracht sahen, es sey die groͤßere oder geringere Staͤrke des Glases Ursache der Farbenverschiedenheit. Sie haͤt- ten aber nur duͤrfen beym Gebrauch eines groͤßeren Prisma’s dasselbe von unten hinauf, oder von oben her- unter, nach und nach zudecken, so wuͤrden sie gesehen haben, daß an jeder mittleren Stelle jede Farbe ent- stehen kann. Und Newton hatte also ganz Recht, wenn er in diesem Sinne die Frage mit Nein beant- wortet. Doch haben weder Er noch seine Nachfolger auf den wichtigen Umstand aufmerksam gemacht, daß die Staͤrke oder die Schwaͤche des Mittels uͤberhaupt, zwar nicht zur Entstehung der verschiedenen Farben, aber doch zum Wachsthum oder zur Verminderung der Er- scheinung sehr viel beytrage, wie wir am gehoͤrigen Orte umstaͤndlich ausgefuͤhrt haben. (E. 209 — 217.) Diese Bedingung ist also keineswegs als vollkommen beseitigt anzusehen, sie bleibt vielmehr in einem Sinne, an den man freylich damals nicht gedacht, als hoͤchst bedeutend bestehen. Zweyte Bedingung . In wiefern tragen groͤ- ßere oder kleinere Oeffnungen im Fensterladen zur Ge- stalt der Erscheinung, besonders zum Verhaͤltniß ihrer Laͤnge zur Breite bey? Newton will auch diese Bedingung unbedeutend gefunden haben, welches sich auf keine Weise begreifen laͤßt, als daß man annimmt, er habe, indem er mit kleinen Prismen operirt, die Oeffnungen im Fensterla- den nicht von sehr verschiedener Groͤße machen koͤnnen. Denn obgleich das Verhaͤltniß der Laͤnge zur Breite, im prismatischen Bilde, von mancherley Ursachen ab- haͤngt, so ist doch die Groͤße der Oeffnung eine der hauptsaͤchlichsten: denn je groͤßer die Oeffnung wird, desto geringer wird das Verhaͤltniß der Laͤnge zur Breite. Man sehe was wir hieruͤber im polemischen Theil (92.) umstaͤndlich und genau ausgefuͤhrt haben. Diese zweyte Frage wird also von uns auf das ent- schiedenste mit Ja beantwortet. Dritte Bedingung . Tragen die Graͤnzen des Hellen und Dunklen etwas zur Erscheinung bey? Das ganze Capitel unseres Entwurfs, welches die Farben abhandelt, die bey Gelegenheit der Refraction entstehen, ist durchaus bemuͤht zu zeigen, daß eben die Graͤnzen ganz allein die Farbenerscheinung her- vorbringen. Wir wiederholen hier nur das Haupt- moment. Es entspringt keine prismatische Farbenerscheinung, als wenn ein Bild verruͤckt wird, und es kann kein Bild ohne Graͤnze seyn. Bey dem gewoͤhnlichen pris- matischen Versuch geht durch die kleinste Oeffnung das ganze Sonnenbild durch, das ganze Sonnenbild wird verruͤckt; bey geringer Brechung nur an den Raͤndern, bey staͤrkerer aber voͤllig gefaͤrbt. Durch welche Art von Untersuchung jedoch New- ton sich uͤberzeugt habe, daß der Graͤnze kein Einfluß auf die Farbenerscheinung zuzuschreiben sey, muß jeden der nicht verwahrlost ist, zum Erstaunen, ja zum Ent- setzen bewegen, und wir fordern alle guͤnstige und un- guͤnstige Leser auf, diesem Puncte die groͤßte Aufmerk- samkeit zu widmen. Bey jenem bekannten Versuche, bey welchem das Prisma innerhalb der dunklen Kammer sich befindet, geht das Licht, oder vielmehr das Sonnenbild, zuerst durch die Oeffnung und dann durch das Prisma, da denn auf der Tafel das farbige Spectrum erscheint. Nun stellt der Experimentator, um gleichsam eine Probe auf seinen ersten Versuch zu machen, das Prisma hin- aus vor die Oeffnung und findet in der dunklen Kam- mer, vor wie nach, sein gefaͤrbtes verlaͤngertes Bild. Daraus schließt er, die Oeffnung habe keinen Einfluß auf die Faͤrbung desselben. Wir fodern alle unsere gegenwaͤrtigen und kuͤnfti- gen Gegner auf diese Stelle. Hier wird von nun an um die Haltbarkeit oder Unhaltbarkeit des Newtoni- schen Systems gekaͤmpft, hier, gleich am Eingange des Labyrinths und nicht drinnen in den verworrenen Irr- gaͤngen, hier, wo uns Newton selbst aufbewahrt hat, wie er zu seiner Ueberzeugung gelangt ist. Wir wiederholen daher was schon oft von uns didactisch und polemisch eingeschaͤrft worden: Das ge- brochene Licht zeigt keine Farbe als bis es begraͤnzt ist; das Licht nicht als Licht, sondern insofern es als ein Bild erscheint, zeigt bey der Brechung eine Farbe, und es ist ganz einerley, ob erst ein Bild entstehe das nachher gebrochen wird, oder ob eine Brechung vor- gehe, innerhalb welcher man ein Bild begraͤnzt. Man gewoͤhne sich mit dem großen Wasserprisma zu operiren, welches uns ganz allein uͤber die Sache einen vollkommnen Aufschluß geben kann, und man wird nicht aufhoͤren sich zu wundern, durch welch ei- nen unglaublichen Fehlschluß sich ein so vorzuͤglicher Mann nicht allein zu Anfang getaͤuscht, sondern den Irrthum so bey sich festwurzeln lassen, daß er wider allen Augenschein, ja wider besser Wissen und Gewissen, in der Folge dabey verharrt und einen ungehoͤrigen Versuch nach dem andern ersonnen, um seine erste Un- aufmerksamkeit vor unaufmerksamen Schuͤlern zu ver- bergen. Man sehe was von uns im polemischen Theile, besonders zum zweyten Theil des ersten Buchs der Optik, umstaͤndlicher ausgefuͤhrt worden, und erlanbe uns hier den Triumph der guten Sache zu feyern, den ihr die Schule, mit aller ihrer Halsstarrigkeit, nicht lange mehr verkuͤmmern wird. Jene drey nunmehr abgehandelten Fragepuncte be- ziehen sich auf Aeußerungen aͤlterer Naturforscher. Der erste kam vorzuͤglich durch Antonius de Dominis, der zweyte und dritte durch Kircher und Descartes zur Sprache. Außerdem waren noch andre Puncte zu beseitigen, andere aͤußere Bedingungen zu laͤugnen, die wir nun der Ordnung nach vorfuͤhren, wie sie Newton bey- bringt. Vierte Bedingung . Sind vielleicht Ungleich- heiten und Fehler des Glases Schuld an der Erschei- nung? Noch in dem siebzehnten Jahrhunderte sind uns mehrere Forscher begegnet, welche die prismatischen Erscheinungen bloß fuͤr zufaͤllig und regellos hielten. Newton bestand zuerst mit Macht darauf, daß sie re- gelmaͤßig und bestaͤndig seyen. Wenn Ungleichheiten und Fehler des Glases un- regelmaͤßig scheinende Farben hervorbringen, so entste- hen sie doch eben so gut dem allgemeinen Gesetze ge- maͤß, als die entschiedenen des reinsten Glases: denn sie sind nur Wiederholungen im Kleinen von der groͤ- ßern Farbenerscheinung an den Raͤndern des Prisma’s, indem jede Ungleichheit, jede undurchsichtige Faser, je- der dunkle Punct als ein Bildchen anzusehen ist, um welches her die Farben entstehen. Wenn also die Haupt- erscheinung gesetzlich und constant ist, so sind es diese Nebenerscheinungen auch; und wenn Newton voͤllig Recht hatte, auf dem Gesetzlichen des Phaͤnomens zu bestehen, so beging er doch den großen Fehler, das ei- gentliche Fundament dieses Gesetzlichen nicht anzu- erkennen. Fuͤnfte Bedingung . Hat das verschiedene Einfallen der Strahlen, welche von verschiedenen Thei- len der Sonne herabkommen, Schuld an der farbigen Abweichung? Es war freylich dieses ein Punct, welcher eine genaue Untersuchung verdiente. Denn kaum hatte man sich an der durch Huygens bekannt gewordnen Ent- deckung des Snellius, wodurch dem Einfallswinkel zu dem gebrochnen Winkel ein bestaͤndiges Verhaͤltniß zu- gesichert worden, kaum hatte man sich daran erfreut und hierin ein großes Fundament zu kuͤnftigen Unter- suchungen und Ausuͤbungen erblickt, als nun Newton auf einmal die fruͤher kaum geachtete farbige Aberra- tion so sehr bedeutend finden wollte. Die Geister hiel- ten fest an jener Vorstellung, daß Incidenz und Bre- chung in bestimmtem Verhaͤltnisse stehen muͤsse, und die Frage war natuͤrlich: ob nicht etwa auch bey die- ser scheinbar aus der Regel schreitenden Erscheinung eine verschiedene Incidenz im Spiele sey? Newton wendete also hier ganz zweckmaͤßig seine mathematische Genauigkeit an diesen Punct und zeigte, soviel wir ihn beurtheilen koͤnnen, gruͤndlich, obgleich mit etwas zu viel Umstaͤndlichkeit, daß die Farbener- scheinung keiner diversen Incidenz zugeschrieben werden koͤnne; worin er denn auch ganz Recht hat und wo- gegen nichts weiter zu sagen ist. Sechste Bedingung . Ob vielleicht die Strah- len nach der Refraction sich in krummen Linien fort- pflanzen und also das so seltsam verlaͤngerte Bild her- vorbringen? Durch Descartes und andre, welche zu mechani- schen Erklaͤrungsarten geneigt waren, kam beym Lichte, beym Schall und bey andern schwer zu versinnlichen- den Bewegungen, das in mechanischen Faͤllen uͤbrigens ganz brauchbare Beyspiel vom Ballschlag zur Sprache. Weil nun der geschlagene Ball sich nicht in gerader Li- nie sondern in einer krummen bewegt, so konnte man nach jener globularen Vorstellungsart denken, das Licht erhalte bey der Refraction einen solchen Schub, daß es aus seiner geradlinigen Bewegung in eine krummli- nige uͤberzugehen veranlaßt werde. Gegen diese Vorstel- lung argumentirt und experimentirt Newton und zwar mit Recht. Da nunmehr Newton diese sechs aͤußern Bedin- gungen voͤllig removirt zu haben glaubt, so schreitet er unmittelbar zu dem Schlusse: es sey die Farbe dem Licht nicht nur eingeboren, sondern die Farben in ihren specifischen Zustaͤnden seyen in dem Licht als urspruͤng- liche Lichter enthalten, welche nur durch die Refraction und andre aͤußere Bedingungen manifestirt, aus dem Lichte hervorgebracht und in ihrer Uranfaͤnglichkeit und Unveraͤnderlichkeit nunmehr dargestellt wuͤrden. Daß an diesen dergestalt entwickelten und entdeck- ten Lichtern keine weitere Veraͤnderung vorgehe, davon sucht er sich und andere durch das Experimentum Crucis zu uͤberzeugen; worauf er denn in dreyzehn Propositionen seine Lehre mit allen Clauseln und Cau- telen, wie sie hernach voͤllig stehen geblieben, vortraͤgt, und da er die Farben zuerst aus dem weißen Licht entwickelt, zuletzt sich genoͤthigt sieht, das weiße Licht wieder aus ihnen zusammenzusetzen. Dieses glaubt er vermittelst der Linse zu leisten, die er ohne weitre Vorbereitung einfuͤhrt und sich fuͤr vollkommen befriedigt haͤlt, wenn er das im Brennpunct aufgehobene farbige Bild fuͤr das wieder zusammenge- brachte, vereinigte, gemischte ausgeben kann. Die Folgerung die er aus allem diesem zieht, ist sodann, daß es unnuͤtz sey, sich mit Verbesserung der dioptrischen Fernroͤhre abzugeben, daß man sich viel- mehr bloß an die katoptrischen halten muͤsse, wozu er eine neue Vorrichtung ausgesonnen. Diese ersten Confessionen und Behauptungen New- tons wurden in jenem von uns angezeigten Briefe an die koͤnigliche Societaͤt der Wissenschaften gebracht, und durch die Transactionen oͤffentlich bekannt. Sie sind das erste was von Newtons Lehre im Publicum er- scheint und uns in manchem Sinne merkwuͤrdig, be- sonders auch deshalb, weil die ersten Einwendungen seiner Gegner vorzuͤglich gegen diesen Brief gerich- tet sind. Nun haben wir gesehen, daß sein Hauptfehler darin bestanden, daß er jene Fragen, die sich haupt- saͤchlich darauf beziehen: ob aͤußere Bedingungen bey der Farbenerscheinung mitwirken? zu schnell und uͤber- eilt beseitigt und verneint, ohne auf die naͤheren Um- staͤnde genauer hinzusehen. Deswegen haben wir ihm bey einigen Puncten voͤllig, bey andern zum Theil, und abermals bey andern nicht widersprechen muͤssen und koͤnnen; und wir haben deutlich zu machen ge- sucht, welche Puncte, und in wiefern sie haltbar sind oder nicht. Widerstrebt nun einer seiner ersten Geg- ner irrigerweise den haltbaren Puncten, so muß er bey der Controvers verlieren, und es entsteht ein gu- tes Vorurtheil fuͤr das Ganze; widerstrebt ein Gegner den unhaltbaren Puncten, aber nicht kraͤftig genug und auf die unrechte Weise, so muß er wieder verlieren, und das Falsche erhaͤlt die Sanction des Wahren. Schon in diesem Briefe, wie in allen Beantwor- tungen die er gegen seine ersten Gegner richtet, findet sich jene von uns in der Polemik angezeigte Behand- lungsart seines Gegenstandes, die er auf seine Schuͤler fortgepflanzt hat. Es ist ein fortdauerndes Setzen und Aufheben, ein unbedingtes Aussprechen und au- genblickliches Limitiren, so daß zugleich alles und nichts wahr ist. Diese Art, welche eigentlich bloß dialectisch ist und einem Sophisten ziemte, der die Leute zum besten haben wollte, findet sich, so viel mir bekannt gewor- den, seit der scholastischen Zeit wieder zuerst bey Newton. Seine Vorgaͤnger, von den wiederauflebenden Wissenschaften an, waren, wenn auch oft beschraͤnkt, doch immer treulich-dogmatisch, wenn auch unzulaͤng- lich, doch redlich didactisch; Newtons Vortrag hin- gegen besteht aus einem ewigen Hinterstzuvoͤrderst, aus den tollsten Transpositionen, Wiederholungen und Verschraͤnkungen, aus dogmatisirten und didactisirten Widerspruͤchen, die man vergeblich zu fassen strebt, aber doch zuletzt auswendig lernt und also etwas wirk- lich zu besitzen glaubt. Und bemerken wir nicht im Leben, in manchen andern Faͤllen: wenn wir ein falsches Aper ç uͤ, ein ei- II. 27 genes oder fremdes, mit Lebhaftigkeit ergreifen, so kann es nach und nach zur fixen Idee werden, und zuletzt in einen voͤlligen partiellen Wahnsinn ausarten, der sich hauptsaͤchlich dadurch manifestirt, daß man nicht allein alles einer solchen Vorstellungsart Guͤnstige mit Leidenschaft festhaͤlt, alles zart Widersprechende ohne weiteres beseitigt, sondern auch das auffallend Entge- gengesetzte zu seinen Gunsten auslegt. Newtons Verhaͤltniß zur Societaͤt . Newtons Verdienste, die ihm schon als Juͤngling eine bedeutende Lehrstelle verschafft, wurden durchaus hoͤchlich geachtet. Er hatte sich im Stillen gebildet und lebte meist mit sich selbst und seinem Geiste: eine Art zu seyn die er auch in spaͤtern Zeiten fortsetzte. Er hatte zu mehreren Gliedern der koͤniglichen Socie- taͤt, die mit ihm beynahe von gleichem Alter war, be- sonders aber zu Oldenburg, ein sehr gutes Ver- haͤltniß. Oldenburg, aus Bremen gebuͤrtig, Bremischer Consul in London, waͤhrend des langen Parlaments, verließ seine oͤffentliche Stelle und ward Hofmeister junger Edelleute. Bey seinem Aufenthalte in Oxford ward er mit den vorzuͤglichsten Maͤnnern bekannt und Freund, und als die Academie sich bildete, Secretaͤr derselben, eigentlich der auswaͤrtigen Angelegenheiten, wenn Hook die innern anvertraut waren. Als Welt- und Geschaͤftsmann herangekommen war seine Thaͤtigkeit und Ordnungsliebe voͤllig ausge- bildet. Er hatte sehr ausgebreitete Verbindungen, cor- respondirte mit Aufmerksamkeit und Anhaltsamkeit. Durch ein kluges folgerechtes Bemuͤhen befoͤrderte vor- zuͤglich er den Einfluß und Ruhm der koͤniglichen So- cietaͤt, besonders im Auslande. Die Gesellschaft hatte kaum einige Zeit bestanden, als Newton in seinem dreyßigsten Jahre darin aufge- nommen wurde. Wie er aber seine Theorie in einen Kreis eingefuͤhrt, der alle Theorieen entschieden verab- scheute, dieses zu untersuchen ist wohl des Geschicht- forschers werth. Des Denkers einziges Besitzthum sind die Gedan- ken, die aus ihm selbst entspringen; und wie ein jedes Aper ç uͤ was uns angehoͤrt, in unserer Natur ein be- sonderes Wohlbefinden verbreitet, so ist auch der Wunsch ganz natuͤrlich, daß es andere als das Unsrige aner- kennen, indem wir dadurch erst etwas zu werden schei- nen. Daher werden die Streitigkeiten uͤber die Priori- taͤt einer Entdeckung so lebhaft; recht genau besehen sind es Streitigkeiten um die Existenz selbst. 27 * Schon in fruͤherer Zeit fuͤhlte jeder die Wichtig- keit dieses Punctes. Man konnte die Wissenschaften nicht bearbeiten, ohne sich mehreren mitzutheilen, und doch waren die Mehreren selten groß genug, um das was sie empfangen hatten, als ein Empfangenes an- zuerkennen. Sie eigneten sich das Verdienst selbst zu, und man findet gar manchen Streit wegen solcher Praͤoccupationen. Galilei, um sich zu verwahren, legte seine Entdeckungen in Anagrammen mit beygeschriebenem Datum bey Freunden nieder, und sicherte sich so die Ehre des Besitzes. Sobald Academien und Societaͤten sich bildeten, wurden sie die eigentlichen Gerichtshoͤfe, die derglei- chen aufzunehmen und zu bewahren hatten. Man mel- dete seine Erfindung; sie wurde zu Protokoll genom- men, in den Acten aufbewahrt, und man konnte seine Anspruͤche darauf geltend machen. Hieraus sind in Eng- land spaͤter die Patentdecrete entstanden, wodurch man dem Erfinder nicht allein sein geistiges Recht von Wis- senschafts wegen, sondern auch sein oͤconomisches von Staatswegen, zusicherte. Bey der koͤniglichen Societaͤt bringt Newton ei- gentlich nur sein neuerfundenes katoptrisches Teleskop zur Sprache. Er legt es ihr vor und bittet, seine Rechte darauf zu wahren. Seine Theorie bringt er nur neben her und in dem Sinne heran, daß er den Werth seiner teleskopischen Erfindung dadurch noch mehr begruͤnden will, weil durch die Theorie die Un- moͤglichkeit, dioptrische Fernroͤhre zu verbessern, außer allen Zweifel gesetzt werden soll. Die falsche Maxime der Societaͤt, sich mit nichts Theoretischem zu befassen, leidet hier sogleich Gefahr. Man nimmt das Newtonische Eingesendete mit Wohl- wollen und Achtung auf, ob man sich gleich in keine naͤhere Untersuchung einlaͤßt. Hook jedoch widerspricht sogleich, behauptet, man komme eben so gut, ja besser mit seiner Lehre von den Erschuͤtterungen aus. Da- bey verspricht er neue Phaͤnomene und andre bedeu- tende Dinge vorzubringen. Newtons Versuche hinge- gen zu entwickeln faͤllt ihm nicht ein; auch laͤßt er die aufgefuͤhrten Erscheinungen als Facta gelten, wodurch denn Newton im Stillen viel gewinnt, obgleich Hook zuletzt doch die Tuͤcke ausuͤbt und das erste Spiegel- teleskop, nach dem fruͤhern Vorschlag des Gregory, sorgfaͤltig zu Stande bringt, um den Werth der New- tonischen Erfindung einigermaßen zu verringern. Boyle, der nach seiner stillen, zarten Weise in der Societaͤt mitwirkt und bey dem monatlichen Praͤ- sidentenwechsel auch wohl einmal den Stuhl einnimmt, scheint von der Newtonischen Farbenlehre nicht die min- deste Notiz zu nehmen. So sieht es im Innern der koͤniglichen Societaͤt aus, indessen nun auch Fremde, durch jenen Brief Newtons von seiner Theorie unterrichtet und dadurch aufgeregt, sowohl gegen die Versuche als gegen die Meynung manches einzuwenden haben. Auch hiervon das Detail einzusehen ist hoͤchst noͤthig, weil das Recht und Unrecht der Gegner auf sehr zarten Puncten be- ruht, die man seit vielen Jahren nicht mehr beachtet, sondern alles nur zu Gunsten der Newtonischen Lehre in Bausch und Bogen genommen hat. Erste Gegner Newtons, denen er selbst antwortete . Wenn wir uns von vergangenen Dingen eine rechte Vorstellung machen wollen, so haben wir die Zeit zu bedenken in welcher etwas geschehen, und nicht etwa die unsrige, in der wir die Sache erfahren, an jene Stelle zu setzen. So natuͤrlich diese Forderung zu seyn scheint, so bleibt es doch eine groͤßere Schwierig- keit als man gewoͤhnlich glaubt, sich die Umstaͤnde zu vergegenwaͤrtigen, wovon entfernte Handlungen beglei- tet wurden. Deswegen ist ein gerechtes historisches Urtheil uͤber einzelnes persoͤnliches Verdienst und Un- verdienst so selten. Ueber Resultate ganzer Massenbe- wegungen laͤßt sich eher sprechen. Den schlechten Zustand physicalischer Instrumente uͤberhaupt in der zweyten Haͤlfte des siebzehnten Jahr- hunderts haben wir schon erwaͤhnt, so wie die Unzu- laͤnglichkeit der Newtonischen Vorrichtungen. Er be- diente sich keines uͤberdachten, ausgesuchten, fixirten Apparats; deswegen er noch in der Optik fast bey je- dem Versuche von vorn anfangen muß, seine Einrich- tung umstaͤndlich zu beschreiben. Was ihm gerade zu- faͤllig zur Hand liegt, wird sogleich mit gebraucht und angewendet; daher seine Versuche voll unnuͤtzer Ne- benbedingungen, die das Hauptinteresse nur verwirren. Im polemischen Theile finden sich genugsame Belege zu dieser Behauptung, und wenn Newton so verfuhr, wie mag es bey andern ausgesehn haben! Wenden wir uns vom Technischen zum Innern und Geistigen, so begegnen uns folgende Betrachtungen. Als man beym Wiederaufleben der Wissenschaften sich nach Erfahrungen umsah und sie durch Versuche zu wiederholen trachtete, bediente man sich dieser zu ganz verschiedenen Zwecken. Der schoͤnste war und bleibt immer der, ein Na- turphaͤnomen das uns verschiedene Seiten bietet, in seiner ganzen Totalitaͤt zu erkennen. Gilbert brachte auf diesem Wege die Lehre vom Magneten weit genug, so wie man auch, um die Elasticitaͤt der Luft und an- dere ihrer physischen Eigenschaften kennen zu lernen, consequent zu Werke ging. Manche Naturforscher hingegen arbeiteten nicht in diesem Sinne; sie suchten Phaͤnomene aus den allgemeinsten Theorieen zu erklaͤ- ren, wie Descartes die Kuͤgelchen seiner Materie, und Boyle seine Koͤrperfa ç etten zur Erklaͤrung der Farben anwendete. Andere wollten wieder durch Phaͤnomene einen allgemeinen Grundsatz bestaͤtigen, wie Grimaldi durch unzaͤhlige Versuche nur immer dahin deutete, daß das Licht wohl eine Substanz seyn moͤchte. Newtons Verfahren hingegen war ganz eigen, ja unerhoͤrt. Eine tief verborgene Eigenschaft der Natur an den Tag zu bringen, dazu bedient er sich nicht mehr als dreyer Versuche, durch welche keineswegs Urphaͤnomene, sondern hoͤchst abgeleitete dargestellt wur- den. Diese, dem Brief an die Societaͤt zum Grunde liegenden drey Versuche, den mit dem Spectrum durch das einfache Prisma, den mit zwey Prismen, Experi- mentum Crucis, und den mit der Linse, ausschließlich zu empfehlen, alles andere aber abzuweisen, darin besteht sein ganzes Monoͤvre gegen die ersten Gegner. Wir bemerken hiebey, daß jener von uns oben aus- gezogene Brief an die Societaͤt eigentlich das erste Do- cument war, wodurch die Welt Newtons Lehre kennen lernte. Wir koͤnnen uns, da seine Lectiones opticae, seine Optik nunmehr vor uns liegen, da die Sache so tausendmal durchgesprochen und durchgestritten worden, keinen Begriff machen, wie abrupt und abstrus die Newtonische Vorstellungsart in der wissenschaftlichen Welt erscheinen mußte. Auch koͤnnen die Gelehrten sich in die Sache nicht finden. Im Praktischen will es Niemanden in den Kopf, daß die dioptrischen Fernroͤhre, denen man so viel verdankt, um die man sich so viel Muͤhe gegeben, ganz verworfen werden sollten. Im Theoretischen haͤngt man an allgemeinen Vorstellungsarten, die man New- tonen entgegensetzt; oder man macht besondere Einwen- dungen. Mit seinen Versuchen kann man entweder nicht zurecht kommen, oder man schlaͤgt andere vor, davon die wenigsten zum Ziel, zu irgend einer Entschei- dung fuͤhren. Was uns nun von Newtons Controvers mit sei- nen ersten Gegnern uͤberliefert ist, tragen wir kuͤrzlich auszugsweise vor, insofern es uͤberhaupt bedeutend seyn kann; wobey wir alles fallen lassen, was die Aussicht nur verwirren und eine weit umstaͤndlichere Abhandlung noͤthig machen wuͤrde. Die Actenstuͤcke liegen aller Welt vor Augen; wir werden sie unter Nummern und Buchstaben ordnen, damit man was sich auf die ver- schiedenen Gegner bezieht, besser uͤbersehen koͤnne; wobey wir doch jedesmal die Nummer angeben, wie sie in Newtons kleinen Schriften, aus den philosophischen Transactionen abgedruckt, bezeichnet sind. Jenes Hauptdocument, der angefuͤhrte Brief, macht den ersten Artikel aus. Bis zum neunten folgen Bemerkungen und Verhandlungen uͤber das katoptrische Teleskop, die uns hier weiter nicht beruͤhren; die fol- genden jedoch verdienen mehr oder weniger unsere Auf- merksamkeit. I. Ein Ungenannter. Kann eigentlich nicht als Widersacher Newtons angesehen werden. A. Artikel X. Denn er schlaͤgt noch einige Ver- suche vor, deren Absicht man nicht geradezu begreift, die aber auf mehrere Bewaͤhrung der Newtonischen Lehre zu dringen scheinen. B. Artikel XI. Newton erklaͤrt sich ganz freundlich daruͤber, sucht aber anzudeuten, daß er das hier Gefor- derte schon genugsam bey sich bedacht habe. II. Ignatius Gaston Pardies, gebohren 1636, ge- storben 1673. C. Art. XII. Er will die Erscheinung des verlaͤn- gerten Bildes aus der verschiedenen Incidenz erklaͤren. Auch hat er gegen das Experimentum Crucis Einwen- dungen zu machen, wobey er gleichfalls die Incidenz zu Huͤlfe ruft. Zugleich gedenkt er des bekannten Hoo- kischen Versuchs mit den zwey keilfoͤrmigen aneinander- geschobenen farbigen Prismen. D. Art. XIII. Newton removirt die beyden ersten Puncte und erklaͤrt das letztere Phaͤnomen zu seinen Gunsten. Dabey nimmt er es uͤbel, daß man seine Lehre eine Hypothese und nicht eine Theorie nennt. E. Art. XIV. Newton unaufgefordert sendet an den Herausgeber einen kleinen Aufsatz, welcher eigent- lich seine Theorie, in acht Fragen eingeschlossen, ent- haͤlt. Am Schlusse verlangt er, daß man vor allen Dingen pruͤfen moͤge, ob seine Versuche hinreichen, diese Fragen zu bejahen, und ob er sich nicht etwa in seinen Schlußfolgen geirrt; sodann auch, daß man Experimente, die ihm gerade entgegengesetzt waͤren, auf- suchen solle. Hier faͤngt er schon an, seine Gegner auf seinen eigenen Weg zu noͤthigen. F. Art. XV. Pater Pardies antwortet auf das Schreiben des XIII ten Artikels und giebt hoͤflich nach, ohne eigentlich uͤberzeugt zu scheinen. G. Art. XVI. Newton erklaͤrt sich umstaͤndlich und verharrt bey seiner ersten Erklaͤrungsart. H. Pater Pardies erklaͤrt sich fuͤr befriedigt, tritt von dem polemischen Schauplatze und bald nachher auch von dem Schauplatze der Welt ab. III. Ein Ungenannter, vielleicht gar Hook selbst, macht verschiedene Einwendungen gegen Newtons Un- ternehmung und Lehre. Der Aufsatz wird in den phi- losophischen Transactionen nicht abgedruckt, weil, wie eine Note bemerkt, der Inhalt desselben aus Newtons Antwort genugsam hervorgehe. Doch fuͤr uns ist der Verlust desselben hoͤchlich zu bedauern, weil die sonst bequeme Einsicht in die Sache dadurch erschwert wird. I. Art. XVII. Newtons umstaͤndliche Verantwor- tung gegen vorgemeldete Erinnerung. Wir referiren sie Punctweise, nach der Ordnung der aufgefuͤhrten Num- mern. 1) Newton vertheidigt sich gegen den Vorwurf, daß er an der Verbesserung der dioptrischen Fernroͤhre ohne genugsamen Bedacht verzweifelt habe. 2) Newton summirt was von seinem Gegner vor- gebracht worden, welches er im Folgenden einzeln durchgeht. 3) Newton laͤugnet behauptet zu haben, das Licht sey ein Koͤrper. Hier wird die von uns schon oben bemerkte eigene Art seiner Behandlung auffallender. Sie besteht naͤmlich darin, sich ganz nahe an die Phaͤno- mene zu halten, und um dieselben herum soviel zu argumentiren, daß man zuletzt glaubt das Argumen- tirte mit Augen zu sehen. Die entfernteren Hypothesen, ob das Licht ein Koͤrper, oder eine Energie sey, laͤßt er uneroͤrtert, doch deutet er darauf, daß die Erschei- nungen fuͤr die erstere guͤnstiger seyen. 4) Der Widersacher hatte die Hypothese von den Schwingungen vorgebracht und ließ daher, auf diese oder jene Weise, eine Farbe anders als die andere schwingen. Newton faͤhrt nunmehr fort, zu zeigen, daß diese Hypothese auch noch leidlich genug zu seinen Erfah- rungen und Enunciaten passe: genug, die colorifiken Lichter steckten im Licht und wuͤrden durch Refraction, Reflexion ꝛc. herausgelockt. 5) Hier wird, wo nicht gezeigt, doch angedeutet, daß jene Schwingungstheorie, auf die Erfahrungen an- gewendet, manche Unbequemlichkeit nach sich ziehe. 6) Es sey uͤberhaupt keine Hypothese noͤthig, die Lehre Newtons zu bestimmen oder zu erlaͤutern. 7) Des Gegners Einwendungen werden auf drey Fragen reducirt. 8) Die Strahlen werden nicht zufaͤllig getheilt oder auf sonst eine Weise ausgedehnt. Hier tritt New- ton mit mehreren Versuchen hervor, die in den damals noch nicht gedruckten optischen Lectionen enthalten sind. 9) Der urspruͤnglichen Farben seyen mehr als zweye. Hier wird von der Zerlegbarkeit oder Nicht- zerlegbarkeit der Farben gehandelt. 10) Daß die weiße Farbe aus der Mischung der uͤbrigen entspringe. Weitlaͤuftig behauptet, auf die Weise die uns bey ihm und seiner Schule schon wider- lich genug geworden. Er verspricht ewig Weiß und es wird nichts als Grau daraus. 11) Das Experimentum Crucis sey stringent bewei- send und uͤber alle Einwuͤrfe erhoben. 12) Einige Schlußbemerkungen. IV. Ein Ungenannter zu Paris. K. Art. XVIII. Nicht durchaus ungereimte, doch nur problematisch vorgetragene Einwuͤrfe: Man koͤnne sich mit Blau und Gelb als Grundfarben begnuͤgen; man koͤnne vielleicht aus einigen Farben, ohne sie ge- rade alle zusammen zu nehmen, Weiß machen. Wenn Newtons Lehre wahr waͤre, so muͤßten die Telescope lange nicht die Bilder so deutlich zeigen als sie wirk- lich thaͤten. Was das erste betrifft, so kann man ihm, unter gewissen Bedingungen, Recht geben. Das zweyte ist eine alberne nicht zu loͤsende Aufgabe, wie Jedem gleich in’s Gesicht faͤllt. Bey dem dritten aber hat er voll- kommen Recht. L. Art. XIX. Newton zieht sich, wegen des ersten Punctes, auf seine Lehre zuruͤck. Was den zweyten be- trifft, so wird es ihm nicht schwer sich zu vertheidigen. Den dritten, sagt er, habe er selbst nicht uͤbersehen und schon fruͤher erwaͤhnt, daß er sich verwundert habe, daß die Linsen noch so deutlich zeigten als sie thun. Man sieht, wie sehr sich Newton schon gleich an- fangs verstockt und in seinen magischen Kreis einge- schlossen haben muͤsse, daß ihn seine Verwunderung nicht selbst zu neuen Untersuchungen und aufs Rechte gefuͤhrt. M. Art. XX. Der Ungenannte antwortet, aber freylich auf eine Weise, die nur zu neuen Weiterungen Anlaß giebt. N. Art. XXI. Newton erklaͤrt sich abermals, und um die Sache wieder ins Enge und in sein Gebiet zu bringen, verfaͤhrt er nun mit Definitionen und Propo- sitionen, wodurch er alles dasjenige was noch erst ausge- macht werden soll, schon als entschieden aufstellt und sodann sich wieder darauf bezieht und Folgerungen dar- aus herleitet. In diesen fuͤnf Definitionen und zehn Propositionen ist wirklich abermals die ganze Newtoni- sche Lehre verfaßt, und fuͤr diejenigen, welche die Be- schraͤnktheit dieser Lehre uͤbersehen oder welche ein Glau- bensbekenntniß derselben auswendig lernen wollen, gleich nuͤtzlich und hinreichend. Waͤre die Sache wahr gewe- sen, so haͤtte es keiner weiteren Ausfuͤhrung bedurft. V. Franciscus Linus, Jesuit, geb. 1595 zu London, gest. 1676 zu Luͤttich, wo er am englischen Collegium angestellt, hebraͤische Sprache und Mathematik gelehrt hatte. Die Schwaͤche seines theoretischen Vermoͤgens zeigt sich schon in fruͤhern Controversen mit Boyle; nunmehr als Greis von achtzig Jahren, der zwar fruͤ- her sich mit optischen Dingen beschaͤftigt und vor drey- ßig Jahren die prismatischen Experimente angestellt hat- te, ohne ihnen jedoch weiter etwas abzugewinnen, war er freylich nicht der Mann, die Newtonische Lehre zu pruͤfen. Auch beruht seine ganze Opposition auf einem Misverstaͤndniß. O. Art. XXII. Schreiben desselben an Oldenburg. Er behauptet, das farbige Bild sey nicht laͤnger als breit, wenn man das Experiment bey hellem Sonnen- schein anstelle und das Prisma nahe an der Oeffnung stehe; hingegen koͤnne es wohl laͤnger als breit werden, wenn eine glaͤnzende Wolke sich vor der Sonne befinde und das Prisma so weit von der Oeffnung abstehe, daß das von der Wolke sich herschreibende Licht, in der Oeffnung sich kreuzend, das ganze Prisma erleuchten koͤnne. Diese salbaderische Einwendung kann man anfangs gar nicht begreifen, bis man endlich einsieht, daß er die Laͤnge des Bildes nicht vertikal auf dem Prisma stehend, sondern parallel mit dem Prisma angenommen habe, da doch jenes und nicht dieses Newtons Vor- richtung und Behauptung ist. P. Art. XXIII. Der Herausgeber verweist ihn auf die zweyte Antwort Newtons an Pardies. Q. Art. XXIV. Linus beharrt auf seinen Einwen- dungen und kommt von seinem Irrthum nicht zuruͤck. R. Art. XXV. Newton an Oldenburg. Die bey- den Schreiben des Linus sind so stumpf und confus gefaßt, daß man Newtonen nicht verargen kann, wenn ihm das Misverstaͤndniß nicht klar wird. Er begreift deswegen gar nicht, wie sich Linus muͤsse an- gestellt haben, daß er bey hellem Sonnenscheine das prismatische Bild nicht laͤnger als breit finden wolle. Newton giebt den Versuch nochmals genau an und er- bietet sich, einem von der Societaͤt, auf welchen Linus Vertrauen setze, das Experiment zu zeigen. VI. Wilhelm Gascoigne. Wirkt in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts. Er hatte sich mit dioptri- schen Fernroͤhren abgegeben und es mochte ihm nicht angenehm seyn, daß Newton sie so gar sehr herunter- setzte. Hier tritt er auf als Schuͤler und Anhaͤnger des Linus, welcher indessen gestorben war. Newton hatte zu verstehen gegeben, der gute alte Mann moͤchte wohl die Versuche vor alten Zeiten einmal gemacht haben, und hatte ihn ersucht sie zu wiederholen. S. Art. XXVI. Gascoigne, nach dem Tode des Linus, vermehrt die Consusion, indem er versichert: Linus habe das Experiment vor kurzem angestellt und Jedermann sehen lassen. Die beyderseitigen Experi- mente bestuͤnden also, und er wisse kaum wie die Sache vermittelt werden solle. T. Art. XXVII. Newton beruft sich auf sein vor- hergehendes Schreiben, und weil ihm das obwaltende Misverstaͤndniß noch verborgen bleibt, so giebt er sich abermals sehr ernstliche Muͤhe, den Gegnern zu zeigen, wie sie sich eigentlich benehmen muͤßten, um das Expe- riment zu Stande zu bringen. U. Art. XXVIII. Noch umstaͤndlicher wird New- II. 28 ton uͤber diese Sache, als er jenen Brief des Linus Art. XXIV in den Transactionen abgedruckt liest. Er geht denselben nochmals auf das genauste durch und laͤßt keinen Umstand uneroͤrtert. VII. Antonius Lucas zu Luͤttich, Schuͤler des Linus und Geselle des Gascoigne, der erste helle Kopf unter den Gegnern Newtons. V. Art. XXIX. Er sieht das Misverstaͤndniß wel- ches obwaltet ein und spricht zum erstenmal deutlich aus: Linus habe die Laͤnge des Bildes parallel mit der Laͤnge des Prismas und nicht vertical auf dersel- ben verstanden. Da es nun Newton auf die letztere Weise ansehe, so habe er vollkommen Recht und sey uͤber diese Sache nichts weiter zu sagen. Nur habe er, Lucas, die Laͤnge dieses verticalen Bildes niemals uͤber drey Theile zu seiner Breite bringen koͤnnen. Sodann giebt er mehrere Versuche an, welche er der newtonischen Lehre fuͤr schaͤdlich und verderblich haͤlt, wovon wir die bedeutendsten und klarsten aus- ziehn. a ) Er bringt zwey verschiedenfarbige seidene Baͤn- der unter das Mikroskop. Nach Newtons Lehre duͤrf- ten sie nicht zugleich deutlich erscheinen, sondern das eine fruͤher, das andere spaͤter, je nachdem sie zu den mehr oder weniger refrangiblen Farben gehoͤren. Er sieht aber beyde zugleich eins so deutlich als das andere, und concludirt mit Recht gegen die Newtonische Lehre. Man erinnere sich was wir umstaͤndlich gegen das zweyte Experiment der Newtonischen Optik ausgefuͤhrt haben. Wahrscheinlich ist es durch diesen Einwurf des Lucas veranlaßt worden: denn es findet sich, wenn wir uns recht erinnern, noch nicht in den optischen Lectio- nen. b ) Bringt er ein sehr geistreiches, der Newtoni- schen Lehre direct entgegenstehendes Experiment vor, das wir folgendermaßen nachgeahmt haben: Man verschaffe sich ein laͤngliches Blech, das mit den Farben in der Ordnung des prismatischen Bildes der Reihe nach angestrichen ist. Man kann an den Enden Schwarz, Weiß und verschiedenes Grau hinzu- fuͤgen. Dieses Blech legten wir in einen viereckten blechnen Kasten, und stellten uns so, daß es ganz von dem einen Rande desselben fuͤr das Auge zuge- deckt war. Wir ließen alsdann Wasser hineingießen und die Reihe der saͤmmtlichen Farbenbilder stieg gleich- maͤßig uͤber den Rand dem Auge entgegen, da doch, wenn sie divers refrangibel waͤren, die einen voraus- eilen und die andern zuruͤckbleiben muͤßten. Dieses Expe- riment zerstoͤrt die Newtonische Theorie von Grund aus, so wie ein anderes, das wir hier, weil es am Platze ist, einschalten. Man verschaffe sich zwey, etwa ellenlange, runde Staͤbchen, von der Staͤrke eines kleinen Fingers. Das 28 * eine werde blau, das andere orange angestrichen; man befestige sie aneinander und lege sie so nebeneinander ins Wasser. Waͤren diese Farben divers refrangibel, so muͤßte das eine mehr als das andere, nach dem Au- ge zu, gebogen erscheinen, welches aber nicht geschieht; so daß also an diesem einfachsten aller Versuche die Newtonische Lehre scheitert. Die sehr leichte Vorrich- tung zu beyden darf kuͤnftig bey keinem physicalischen Apparat mehr fehlen. c. Zuletzt kommt Lucas auf die Spur, daß die prismatische Farbe eine Randerscheinung sey, die sich umkehre, je nachdem dem Bilde ein hellerer oder dunk- lerer Grund als es selbst ist, unterliegt. Man kann ihm also nicht ablaͤugnen, daß er das wahre Funda- ment aller prismatischen Erscheinungen erkannt habe, und es muß uns unendlich freuen, der Wahrheit die sich aus England fluͤchten muß, in Luͤttich zu begegnen. Nur bringt freylich Lucas die Sache nicht ins Enge, weil er immer noch mit Licht und Lichstrahl zu operi- ren glaubt; doch ist er dem Rechten so nahe, daß er es wagt, den kuͤhnen Gedanken zu aͤußern: wenn es moͤglich waͤre, daß hinter der Sonne ein hellerer Grund hervortraͤte, so muͤßte das prismatische Bild umgekehrt erscheinen. Aus diesem wahrhaft grandiosen Aper ç uͤ ist klar, daß Lucas fuͤr seine Person der Sache auf den Grund gesehen, und es ist Schade, daß er nicht be- harrlicher gewesen und die Materie, ohne weiter zu controvertiren, durchgearbeitet. Wie es zugegangen, daß er bey so schoͤnen Einsichten die Sache ruhen lassen, und weder polemisch noch didactisch vorgetreten, ist uns leider ein Geheimniß geblieben. W. Artik. XXX. Eine Antwort Newtons auf vor- gedachten Brief, an Oldenburg gerichtet. Den groͤß- ten Theil nimmt der, in unsern Augen ganz gleichguͤl- tige, Nebenumstand ein, wie sich dem Maaße nach das prismatische Bild in seiner Laͤnge zur Breite ver- halte. Da wir im didactischen und polemischen Theil umstaͤndlich gezeigt haben, daß dieses Verhaͤltniß durch mancherley Bedingungen sich abaͤndern kann, und ei- gentlich gar nicht der Rede werth ist; so bedarf es hier keiner Wiederholung. Bedeutender hingegen ist die Art, wie sich New- ton gegen die neuen Experimente benimmt. Denn hier ist gleichsam der Text, welchen die Newtonische Schule, ein ganzes Jahrhundert durch, theils nachgebetet, theils amplificirt und paraphrasirt hat. Wir wollen den Meister selbst reden lassen. „Was des Herrn Lucas uͤbrige Experimente be- trifft, so weiß ich ihm vielen Dank fuͤr den großen An- theil den er an der Sache nimmt, und fuͤr die fleißigen Ueberlegungen derselben, ja ich bin ihm um so mehr verpflichtet, als er der erste ist, der mir Ver- suche zusendet, um die Wahrheit zu erforschen; aber er wird sich schneller und vollkommener genug thun, wenn er nur die Methode die er sich vorschrieb, ver- aͤndert und statt vieler andern Dinge nur das Expe- rimentum Crucis versucht: denn nicht die Zahl der Experimente sondern ihr Gewicht muß man ansehen, und wenn man mit Einem ausreicht, was sollen uns mehrere.“ „Haͤtte ich mehrere fuͤr noͤthig gehalten, so haͤtte ich sie beybringen koͤnnen: denn bevor ich meinen er- sten Brief uͤber die Farben an Dich schrieb, hatte ich die Versuche sehr umstaͤndlich bearbeitet, und ein Buch uͤber diesen Gegenstand geschrieben, in welchem die vor- nehmsten von mir angestellten Experimente ausfuͤhrlich erzaͤhlt werden, und da trifft sichs, daß unter ihnen sich die vorzuͤglichsten, welche Lucas mir uͤbersendet hat, mitbefinden. Was aber die Versuche betrifft, die ich in meinem ersten Briefe vortrage, so sind es nur die, welche ich aus meinem groͤßern Aufsatz aus- zuwaͤhlen fuͤr gut befunden.“ „Wenn aber auch in jenem an Dich gerichteten Briefe der saͤmmtliche Vorrath meiner Versuche ent- halten waͤre, so wuͤrde doch Lucas nicht wohl thun zu behaupten, daß mir Experimente abgehen, bis er jene wenigen selbst versucht: denn wenn einige darunter eine voͤllige Beweiskraft haben, so brauchen sie keine weiteren Helfershelfer, noch lassen sie Raum, uͤber dasjenige was sie bewiesen haben, weiter zu streiten.“ Dieses waͤren denn die Verhandlungen, welche zwischen Newton und seinen ersten Widersachern vor- gekommen und welcher die Schule stets mit großem Triumphe gedacht hat. Wie es sich aber eigentlich da- mit verhalte, werden unsere Leser nun wohl aus unse- rer kurzen Erzaͤhlung uͤbersehen koͤnnen. Wir haben den Gang nur im Allgemeinen bezeichnet und uns auf die sogenanten merita causae nicht eingelassen, weil dieses in unserm didactischen und polemischen Theil ge- nugsam geschehen. Wen die Sache naͤher interessirt, der wird an dem von uns gezogenen Faden das Laby- rinth sichrer und bequemer durchlaufen. Eine kurze Ruͤck- weisung wird hiebey nicht uͤberfluͤßig seyn. Unter den anonymen Gegnern zeichnet sich keiner auf eine vorzuͤgliche Weise aus. Daß die dioptrischen Fernroͤhre nicht so ganz zu verwerfen seyen, fuͤhlen und glauben sie wohl alle; allein sie treffen doch den Punct nicht, warum diese in ihrem damaligen Zustan- de doch weit mehr leisten, als sie nach Newtons Lehre leisten duͤrften. Die uͤbrigen Einwendungen dieser un- bekannten Maͤnner sind zwar zum Theil nicht ohne Grund, doch keinesweges gruͤndlich vorgetragen und durchgefuͤhrt. Pater Pardies und Linus, zwey alte Maͤnner, ohne Scharfsinn und ohne theoretisches Vermoͤgen, ta- sten nur an der Sache umher, ohne sie anzufassen, und ihre saͤmmtlichen Einwuͤrfe verschwinden, sobald ihre Mißverstaͤndnisse sich offenbaren. Gascoigne, der in die Maͤngel des Linus succedirt, verdient kaum ei- ne Erwaͤhnung. Dagegen kann Lucas, von dem wir uͤbrigens wenig wissen, nicht hoch genug gepriesen werden. Seine Folgerung aus der Newtonischen Lehre, daß eine Reihe farbiger Bilder sich nach der Refraction ungleich uͤber einen mit ihnen parallel stehenden Rand erheben muͤß- ten, zeigt von einem sehr geistreichen Manne, so wie seine Gegenfolgerung, als das Experiment nicht erwar- tetermaßen ablaͤuft, die Newtonische Lehre sey nicht halt- bar, ganz untadlig ist. Seine Einsicht, daß die Sonne bloß als Bild wirke, ob er es gleich nicht so ausdruͤckt, ist bewundernswerth, so wie der kuͤhne Ge- danke, ein helleres Licht hinter der Sonne hervortre- ten zu lassen, um sie zu einem halbdunklen Koͤrper zu machen, beneidenswerth. Das was er hier beabsich- tigt, haben wir in unserm didactischen Theil durch graue Bilder auf schwarzem und weißem Grunde dar- zuthun gesucht. Nun aber haben wir noch schließlich zu betrachten, wie sich denn Newton gegen diese Widersacher benom- men. Er bringt in dem ersten Briefe an die Socie- taͤt aus dem Vorrathe seiner Experimente, die in den optischen Lectionen enthalten sind, nur drey vor, welche er seine Lehre zu begruͤnden fuͤr hinreichend haͤlt, und verlangt, daß die Gegner sich nur mit diesen be- schaͤftigen sollen. Schweifen diese jedoch ab, so zeigt er noch eins und das andre von seinem heimlichen Vor- rath, kehrt aber immer zu seinem Verfahren zuruͤck, indem er seine Gegner auf die wenigen Versuche be- schraͤnken will, von welchen freylich das Experimen- tum Crucis jeden der die Sache nicht von Grund aus durchgearbeitet hat, zum lauten oder schweigenden Bey- stimmen noͤthigt. Daher wiederholt Newton aber und abermals: man solle zeigen, daß diese wenigen Versuche seine Lehre nicht beweisen, oder soll andere Versuche beybringen, die ihr unmittelbar entgegen- stehen. Wie benimmt er sich denn aber, als dieses von Lucas wirklich geschieht? Er dankt ihm fuͤr seine Be- muͤhung, versichert, die vorzuͤglichsten von Lucas bey- gebrachten Versuche befaͤnden sich in den optischen Lec- tionen, welches keineswegs der Wahrheit gemaͤß ist, beseitigt sie auf diese Weise, dringt immer wieder dar- auf, daß man nur den eingeleiteten Weg gehen, sich auf demselben vorgeschriebnermaßen benehmen solle, und will jede andre Methode, jeden andern Weg der Wahr- heit sich zu naͤhern, ausschließen. Wenige Experi- mente sollen beweisen, alle uͤbrigen Bemuͤhungen un- noͤthig machen, und eine uͤber die ganze Welt ausge- breitete Naturerscheinung soll aus dem Zauberkreise ei- niger Formeln und Figuren betrachtet und erklaͤrt werden. Wir haben die wichtige Stelle, womit sich diese Controvers schließt, uͤbersetzt. Newton erscheint nicht wieder polemisch, außer in sofern die Optik polemi- scher Natur ist. Aber seine Schuͤler und Nachfolger wiederholen diese Worte des Meisters immerfort. Erst setzen sie sub- und obrepticie was der Lehre guͤnstig ist, fest, und dann verfahren sie ausschließend gegen Natur, Sinne und Menschenverstand. Erst lassen sich’s Einzelne, dann laͤßt sich’s die Menge gefallen. New- tons uͤbrige große Verdienste erregen ein guͤnstiges Vor- urtheil auch fuͤr Farbentheorie. Sein Ruf, sein Ein- fluß steigt immer hoͤher; er wird Praͤsident der Socie- taͤt. Er giebt seine kuͤnstlich gestellte Optik heraus; durch Clarke’s lateinische Uebersetzung wird auch diese in der Welt verbreitet und nach und nach in die Schu- len eingefuͤhrt. Experimentirende Techniker schlagen sich auf seine Seite, und so wird diese enggefaßte, in sich selbst erstarrte Lehre eine Art von Arche des Herrn, deren Beruͤhrung sogleich den Tod bringt. So verfaͤhrt nun auch, theils bey Newtons Leben, theils bey seinem Tode, Desaguliers gegen alles was die Lehre anzufechten wagt; wie nunmehr aus der ge- schichtlichen Darstellung, in der wir weiter fortschreiten, sich umstaͤndlicher ergeben wird. Edme (Peter) Mariotte . Geboren zu oder bey Dijon. Academist 1666, gestorben 1684 . Traité de la nature des couleurs. Paris 1688. Schwerlich die erste Ausgabe; doch ist nach dieser der Abdruck in seinen gesammelten Werken gemacht, welche zu Haag 1717 und 1740 veranstaltet worden. Wir haben wenig Nachrichten von seinem Leben. Seinen Arbeiten sieht man die ungestoͤrteste Ruhe an. Er ist einer der ersten, welche die Experimental-Phy- sik in Frankreich einfuͤhren, Mathematiker, Mechaniker, Physiker, wo nicht Philosoph, doch redlicher Denker, guter Beobachter, fleißiger Sammler und Ordner von Beobachtungen, sehr genauer und gewissenhafter Expe- rimentator, ja gewissenhaft bis ins Uebertriebene: denn ihm in sein Detail zu folgen, waͤre vielleicht nicht un- moͤglich, doch moͤchte es in unserer Zeit jedem hoͤchst beschwerlich und fruchtlos erscheinen. Durch Beobachten, Experimentiren, Messen und Berechnen gelangt er zu den allgemeinsten einfachsteu Erscheinungen, die er Principien der Erfahrung nennt. Er laͤßt sie empirisch in ihrer reinsten Einfalt stehen und zeigt nur, wo er sie in complicirten Faͤllen wie- derfindet. Dieß waͤre schoͤn und gut, wenn sein Ver- fahren nicht andre Maͤngel haͤtte, die sich uns nach und nach entdecken, wenn wir an sein Werk selbst ge- hen und davon einige Rechenschaft zu geben suchen. Er theilt die Farben in apparente und perma- nente. Unter den ersten versteht er bloß diejenigen die bey der Refraction erscheinen, unter den andern alle uͤbrigen. Man sieht leicht, wie disproportionirt diese Haupteintheilung ist, und wie unbequem, ja falsch die Unterabtheilungen werden muͤssen. Erste Abtheilung . Er hat Kenntniß von Newtons Arbeiten, wahr- scheinlich durch jenen Brief in den Transactionen. Er erwaͤhnt nicht nur dessen Lehre, sondern man glaubt durchaus zu bemerken, daß er hauptsaͤchlich durch sie zu seiner Arbeit angeregt worden: denn er thut den Phaͤnomenen der Refraction viel zu viel Ehre an und arbeitet sie allein hoͤchst sorgfaͤltig durch. Er kennt recht gut die objectiven und subjectiven Erscheinungen, giebt Rechenschaft von unzaͤhligen Versuchen, die er anstellt, um das Allgemeine dieser Phaͤnomene zu fin- den; welches ihm denn auch bis auf einen gewissen Punct gelingt. Nur ist sein Allgemeines zu abstract, zu kahl, die Art es auszudruͤcken nicht gluͤcklich; be- sonders aber ist es traurig, daß er sich vom Strahl nicht losmachen kann. Er nimmt leider bey seinen Er- klaͤrungen und Demonstrationen einen dichten Strahl an ( rayon solide ). Wie wenig damit zu thun sey, ist allen deutlich, welche sich die Lehre von Verruckung des Bildes eigen gemacht haben. Außerdem bleibt er dadurch zu nahe an Newtons Lehre, welcher auch mit Strahlen operirt und die Strahlen durch Refrac- tion afficiren laͤßt. Eine eigene Art diesen dichten Strahl, wenn er refrangirt wird, anzusehen, giebt den Grund zu Ma- riottens Terminologie. Man denke sich einen Stab den man bricht, ein Rohr das man biegt, so wird an denselben ein einspringender und ausspringender Win- kel, eine Concavitaͤt, eine Convexitaͤt zu sehen seyn. Nach dieser Ansicht spricht er in seinen Erfahrungs- saͤtzen die Erscheinung folgendermaßen aus: An der convexen Seite erscheint immer Roth, an der concaven Violett. Zunaͤchst am Rothen zeigt sich Gelb, zunaͤchst am Violetten Blau. Folgen mehrere Refractionen im gleichen Sinne, so gewinnen die Far- ben an Lebhaftigkeit und Schoͤnheit. Alle diese Farben erscheinen in den Halbschatten, bis an sie hinan ist keine Farbe im Lichte merklich. Bey starken Refractionen erscheint in der Mitte Gruͤn, durch Vermischung des Blauen und Gelben. Er ist also, wie man sieht, in soweit auf dem rechten Wege, daß er zwey entgegengesetzte Reihen als Randerscheinungen anerkennt. Auch ge- lingt es ihm, mehrere objective und subjective Farben- erscheinungen auf jene Principien zuruͤckzufuͤhren und zu zeigen, wie nach denselben die Farben in jedem be- sondern Falle entstehen muͤssen. Ein Gleiches thut er in Absicht auf den Regenbogen, wobey man, soweit man ihm folgen kann und mag, seine Aufmerksamkeit, Fleiß, Scharfsinn, Reinlichkeit und Genauigkeit der Behandlung bewundern muß. Allein es wird einem doch dabey sonderbar zu Muthe, wenn man sieht, wie wenig mit so vielem Aufwande geleistet wird, und wie das Wahre, bey einer so treuen genauen Behandlung, so mager blei- ben, ja werden kann, daß es fast null wird. Seine Principien der Erfahrung sind natuͤrlich und wahr, und sie scheinen deshalb so simpel ausgesprochen, um die Newtonische Theorie, welche keineswegs, wie wir schon oft wiederholt, von den einfachen Erscheinungen aus- gegangen, sondern auf das zusammengesetzte abgelei- tete Gespenst gebaut ist, verdaͤchtig zu machen, ja in den Augen desjenigen, der eines Aper ç uͤs mit allen seinen Folgerungen faͤhig waͤre, sogleich aufzuheben. Das Aehnliche hatten wir in unsern Beytraͤgen zur Optik versucht; es ist aber uns so wenig als Ma- riotten gelungen, dadurch Sensation zu erregen. Ausdruͤcklich von und gegen Newton spricht er wenig. Er gedenkt jener Lehre der diversen Refrangi- bilitaͤt, zeigt gutmuͤthig genug, daß einige Phaͤnomene sich dadurch erklaͤren lassen, behauptet aber, daß an- dre nicht dadurch erklaͤrbar seyen, besonders folgendes: Wenn man weit genug von seinem Ursprung das sogenannte prismatische Spectrum auffange, so daß es eine ansehnliche Laͤnge gegen seine Breite habe, und das Violette weit genug vom Rothen entfernt und durch andere Farben voͤllig von ihm getrennt sey, so daß man es also fuͤr hinreichend abgeschieden halten koͤnne; wenn man alsdann einen Theil dieses violetten Scheines durch eine Oeffnung gehen und durch ein zweytes Prisma in derselben Richtung refrangiren lasse: so erscheine unten abermals Roth (Gelbroth), welches doch nach der Theorie keineswegs statt finden koͤnne; deswegen sie nicht anzunehmen sey. Der gute Mariotte hatte hierin freylich vollkom- men Recht, und das ganze Raͤthsel loͤst sich dadurch, daß ein jedes Bild, es sey von welcher Farbe es wolle, wenn es verruͤckt wird, gesaͤumt erscheint. Das vio- lette Halblicht aber, das durch die kleine Oeffnung durchfaͤllt, ist nur als ein violettes Bild anzusehen, an welchem der gelbrothe Rand mit einem purpurnen Schein gar deutlich zu bemerken ist; die uͤbrigen Rand- farben aber fallen entweder mit der Farbe des Bildes zusammen, oder werden von derselben verschlungen. Der gute natuͤrliche Mariotte kannte die Winkel- zuͤge Newtons und seiner Schule nicht. Denn nach diesem lassen sich die Farben zwar sondern, aber nicht voͤllig; Violett ist zwar violett, allein es stecken die uͤbrigen Farben auch noch drinn, welche nun aus dem violetten Licht, bey der zweyten Refraction, wie die saͤmmtlichen Farben aus dem weißen Lichte, bey der ersten Refraction, geschieden werden. Dabey ist denn freylich das Merkwuͤrdige, daß das Violett aus dem man nun das Roth geschieden, vollkommen so violett bleibt wie vorher; so wie auch an den uͤbrigen Far- ben keine Veraͤnderung vorgeht, die man in diesen Fall bringt. Doch genug hievon. Mehr als obiges bedarf es nicht, um deutlich zu machen, in wiefern Mariotte als Newtons Gegner anzusehen sey. Zweyte Abtheilung . In dieser sucht er alle uͤbrigen Farben, welche nicht durch Refraction hervorgebracht werden, aufzu- fuͤhren, zu ordnen, gegen einander zu halten, zu ver- gleichen, sie auseinander abzuleiten und daraus Er- fahrungssaͤtze abzuziehen, die er jedoch hier nicht Prin- cipien sondern Regeln nennt. Die saͤmmtlichen Er- scheinungen traͤgt er in vier Discursen vor. Erster Discurs . Von Farben, die an leuch- tenden Koͤrpern erscheinen. Verschiedenfarbiges Licht der Sonne, der Sterne, der Flamn, des Gluͤhenden, des Erhitzten; wobey recht artige und brauchbare Versuche vorkommen. Die Erfahrungsregel wozu er gelangt, ist ein Idem per Idem, womit man gar nichts ausrichten kann. Zweyter Discurs . Von den changeanten Farben, die auf der Oberflaͤche der Koͤrper entstehen. Hier fuͤhrt er diejenigen Farben auf, welche wir die epoptischen nennen: aneinander gedruckte Glas- platten, angelaufenes Glas, Seifenblasen. Er schreibt diese Phaͤnomene durchaus einer Art von Refrac- tion zu. Dritter Discurs . Von fixen und permanen- ten Farben, deren Erscheinungen er vorzuͤglich unter Regeln bringt. Hier werden unsre chemischen Farben aufgefuͤhrt, und dabey etwas Allgemeines von Farben uͤberhaupt. Weiß und Schwarz, dazwischen Gelb, Roth und Blau. Er hat die Einsicht, daß jede Farbe etwas weniger hell als das Weiße und etwas mehr hell als das Schwarze seyn muͤsse. In den Erklaͤrungen verfaͤhrt er allzu realistisch, wie er denn das Blau zur eigenen Farbe der Luft macht; dann aber wieder zu unbestimmt: denn die koͤrperli- chen Farben sind ihm modificirtes Licht. Das Licht muß naͤmlich in den Koͤrper eindringen, dort zur be- sondern Farbenwirkung modificirt in unser Auge zuruͤck- kehren und darin die Wirkung hervorbringen. Der chemische Gegensatz von Acidum und Alcali ist ihm sehr bedeutend. Hier stehen wieder schoͤne und II. 29 brauchbare Erfahrungen, doch ohne Ordnung unter- einander, worauf denn schwache, nach Corpuscular- vorstellungsart schmeckende Erklaͤrungen folgen. Ueber die Farben organischer Koͤrper macht er feine Bemer- kungen. Vierter Discurs . Von Farbenerscheinungen, die von innern Modificationen der Organe des Sehens entspringen. Hier wird aufgefuͤhrt was bey uns unter der Rubrik von physiologischen Farben vorkommt: Dauer des Eindrucks, farbiges Abklingen und dergleichen; zuletzt die Diakrisis des Auges durch Licht, die Synkri- sis durch Finsterniß. Und somit hoͤrt er da auf, wo wir anfangen. Die aus dem Kapitel von den chemischen Farben ausgezogenen sechs Regeln uͤbersetzen wir, weil man daraus das vorsichtige Benehmen dieses Mannes am besten beurtheilen kann. 1) „Die fixen Farben erscheinen uns, wenn das Licht durch die Materie, welche diese Farben hervor- bringt, gedrungen, zu unsern Augen mit genugsamer Kraft zuruͤckkehrt.“ Dieses bezieht sich auf die wahre Bemerkung, daß jede chemisch specificirte Farbe ein Helles hinter sich haben muß, um zu erscheinen. Nur ist dieses noth- wendige Erforderniß von Mariotte nicht genug einge- sehen, noch deutlich genug ausgedruͤckt. 2) „Die Saͤfte von allen blauen und violetten Blumen werden gruͤn durch die Alcalien und schoͤn roth durch die Saͤuren.“ 3) „Die Absude rother Hoͤlzer werden gelb durch die Saͤuren, violett durch die Alcalien; aber die Auf- guͤsse gelber Pflanzen werden dunkel durch die Alca- lien, und verlieren fast gaͤnzlich ihre Farbe durch die Saͤuren.“ 4) „Die Vegetationen die in freyer Luft vorgehen, sind gruͤn; diejenigen an unterirdischen Oertern, oder in der Finsterniß, sind weiß oder gelb.“ 5) „Es giebt viel gelbe oder dunkle Materien welche sich bleichen, wenn man sie wechselsweise netzt und an der Sonne trocknet. Sind sie sodann weiß, und bleiben sie lange unbeseuchtet an der Luft, so wer- den sie gelb.“ 6) „Irdische und schweflige Materien wer- den durch eine große Hitze roth und einige zuletzt schwarz.“ Hiezu fuͤgt der Verfasser eine Bemerkung, daß 29 * man sehr viele Farbenerscheinungen auf diese sechs Re- geln zuruͤckfuͤhren und bey der Faͤrberey, so wie bey Verfertigung des farbigen Glases, manche Anwendung davon machen koͤnne. Unsre Leser werden sich erin- nern, wie das Bewaͤhrte von diesen Regeln in un- serer Abtheilung von chemischen Farben beygebracht ist. Im Ganzen laͤßt sich nicht ablaͤugnen, daß Ma- riotte eine Ahndung des Rechten gehabt und daß er auf dem Wege dahin gewesen. Er hat uns manches gute Besondere aufbewahrt, fuͤrs Allgemeine aber zu wenig gethan. Seine Lehre ist mager, seinem Unter- richt fehlt Ordnung, und bey aller Vorsichtigkeit spricht er doch wohl zuletzt, statt einer Erfahrungsregel, et- was Hypothetisches aus. Aus dem bisher Vorgetra- genen laͤßt sich nunmehr beurtheilen, in wiefern Ma- riotte als ein Gegner von Newton anzusehen sey. Uns ist nicht bekannt geworden, daß er das was er im Vorbeygehen gegen die neue Lehre geaͤußert, jemals wieder urgirt habe. Sein Aufsatz uͤber die Farben mag kurz vor seinem Tode herausgekommen seyn. Auf welche Weise jedoch die Newtonische Schule ihn ange- fochten und um seinen guten Ruf gebracht, wird sich sogleich des Naͤhern ergeben. Johann Theophilus Desaguliers . Geboren 1683 . Die Philosophen des Alterthums, welche sich mehr fuͤr den Menschen als fuͤr die uͤbrige Natur interessir- ten, betrachteten diese nur nebenher und theoretisirten nur gelegentlich uͤber dieselbe. Die Erfahrungen nah- men zu, die Beobachtungen wurden genauer und die Theorie eingreifender; doch brachten sie es nicht zur Wiederholung der Erfahrung, zum Versuch. Im sechzehnten Jahrhundert, nach frischer Wie- derbelebung der Wissenschaften, erschienen die bedeu- tenden Wirkungen der Natur noch unter der Gestalt der Magie, mit vielem Aberglauben umhuͤllt, in wel- chen sie sich zur Zeit der Barbarey versenkt hatten. Im siebzehnten Jahrhundert wollte man, wo nicht er- staunen, doch sich immer noch verwundern, und die angestellten Versuche verloren sich in seltsame Kuͤn- steleyen. Doch war die Sache immer ernsthafter geworden. Wer uͤber die Natur dachte, wollte sie auch schauen. Jeder Denker machte nunmehr Versuche, aber auch noch nebenher. Gegen das Ende dieser Zeit traten immer mehr Maͤnner auf, die sich mit einzelnen Thei- len der Naturwissenschaft beschaͤftigten und vorzuͤglich diese durch Versuche zu ergruͤnden suchten. Durch diese lebhafte Verbindung des Experimen- tirens und Theoretisirens entstanden nun diejenigen Personen, welche man, besonders in England, Natu- ral- und Experimental-Philosophen nannte, so wie es denn auch eine Experimental-Philosophie gab. Ein Jeder der die Naturgegenstaͤnde nur nicht gerade aus der Hand zum Mund, wie etwa der Koch, behandelte, wer nur einigermaßen consequent aufmerksam auf die Erscheinungen war, der hatte schon ein gewisses Recht zu jenem Ehrennamen, den man freylich in diesem Sinne vielen beylegen konnte. Jedes allgemeine Raͤ- sonnement, das tief oder flach, zart oder crud, zusam- menhaͤngend oder abgerissen, uͤber Naturgegenstaͤnde vorgebracht wurde, hieß Philosophie. Ohne diesen Misbrauch des Wortes zu kennen, bliebe es unbegreif- lich, wie die Londner Societaͤt den Titel Philosophi- sche Transactionen fuͤr die unphilosophischeste aller Sammlungen haͤtte waͤhlen koͤnnen. Der Hauptmangel einer solchen unzulaͤnglichen Be- handlung blieb daher immer, daß die theoretischen An- sichten so vieler Einzelnen vorwalteten, und dasjenige was man sehen sollte, nicht einem Jeden gleichmaͤßig erschien. Uns ist bekannt, wie sich Boyle, Hook und Newton benommen. Durch die Bemuͤhungen solcher Maͤnner, beson- ders aber der Londner Societaͤt, ward inzwischen das Interesse immer allgemeiner. Das Publicum wollte nun auch sehen und unterrichtet seyn. Die Versuche sollten zu jeder Zeit auf eines Jeden Erfordern wieder dargestellt werden, und man fand nun, daß Experi- mentiren ein Metier werden muͤsse. Dieß ward es zuerst durch Hawksby. Er machte in London oͤffentliche Versuche der Electricitaͤt, Hydro- statik und Luftlehre, und enthielt sich vielleicht am reinsten von allem Theoretischen. Keil ward sein Schuͤ- ler und Nochfolger. Dieser erklaͤrte sich aber schon fuͤr Newtons Theorie. Haͤtte er die Farbenlehre behan- delt, wie Hawksby die Lehre von der Electricitaͤt; so wuͤrde alles ein anderes Ansehen gewonnen haben. Er wirkte in Oxford bis 1710. Auf Keil folgte Desaguliers, der von ihm, sei- nem Meister, die Fertigkeit Newtonische Experimente receptgemaͤß nachzubilden, so wie die Neigung zu die- ser Theorie geerbt hatte, und dessen Kunstfertigkeit man anrief, wenn man Versuche sichten, durch Versuche et- was beweisen wollte. Desaguliers ward beruͤhmt durch sein Geschick zu experimentiren. s’Gravesand sagt von ihm: cujus peritia in instituendis experimentis nota est. Er hatte hinreichende mathematische Kenntnisse, so wie auch genugsame Einsicht in das was man damals Natur- philosophie nannte. Desaguliers gegen Mariotte . Die Acta eruditorum hatten 1706 S. 60. Nach- richt von der Optik Newtons gegeben, durch einen ge- draͤngten Auszug, ohne die mindeste Spur von Beyfall oder Widerspruch. Im Jahre 1713 S. 447. erwaͤhnen sie, bey Ge- legenheit von Rohaults Physik, jenes von Mariotte aus- gesprochenen Einwurfs, und aͤußern sich daruͤber fol- gendermaßen: „Wenn es wahr ist, daß ein aus dem Spectrum abgesondertes einzelnes farbiges Licht, bey einer zweyten Brechung, aufs Neue an seinen Theilen Farben zeigt; so periclitirt die Newtonische Lehre. Noch entscheidender wuͤrde das Mariottische Experiment seyn, wenn das ganze blaue Licht in eine andere Farbe ver- wandelt worden waͤre.“ Man sieht wohl, daß dieser Zweifel sich von einer Person herschreibt, die mit der Sache zwar genugsam bekannt ist, sie aber nicht voͤllig durchdrungen hat. Denn jedes einfaͤrbige Bild kann so gut als ein schwar- zes, weißes oder graues, durch die verbreiterten Saͤu- me zugedeckt und seine Farbe dadurch aufgehoben, kei- neswegs aber in eine einzelne andere Farbe verwan- delt werden. Genug, ein Aufruf dieser Art war von zu großer Bedeutung fuͤr Newton selbst und seine Schule, als daß nicht dadurch haͤtten Bewegungen hervorgebracht werden sollen. Dieses geschah auch, und Desaguliers stellte 1715 die Versuche gegen Mariotte an. Das Verfahren ist uns in den philosophischen Transactionen Nr. 348 S. 433 aufbewahrt. Wir muͤssen uns Gewalt anthun, indem wir von diesem Aufsatz Rechenschaft geben, aus der historischen Darstellung nicht wieder in die polemische Behandlung zu verfallen. Denn eigentlich sollte man Desaguliers gleichfalls Schritt vor Schritt, Wort vor Wort folgen, um zu zeigen, daß er wie sein Meister, ja noch schlim- mer als dieser, sich bey den Versuchen benommen. Un- bedeutende, unnuͤtze Nebenumstaͤnde werden hervorgeho- ben, die Hauptbedingungen des Phaͤnomens spaͤt und nur wie im Voruͤbergehen erwaͤhnt, es wird versichert daß man dieses und jenes leisten wolle, geleistet habe und sodann, als wenn es nichts waͤre, zum Schlusse eingestanden, daß es nicht geschehen sey, daß eins und anderes noch beyher sich zeige und gerade das wovon eben die Rede war, daß es sich nicht zeigen duͤrfe. Gegen Mariotte soll bewiesen werden, daß die Farben des Spectrums, wenn sie recht gesondert seyen, keine weitere Veraͤnderung erleiden, aus ihnen keine andere Farben hervorgehen, an ihnen keine andere Far- be sich zeige. Um nun die prismatischen Farben auf diesen hohen Grad zu reinigen, wird der Newtonische elfte Versuch des ersten Theils als genugthuend ange- fuͤhrt, die dort vorgeschlagene umstaͤndliche Vorrichtung zwar als beschwerlich und verdrießlich ( troublesome ) angegeben und, wie auch Newton schon gethan, mit einer bequemern ausgetauscht, und man glaubt nun es solle direct auf den Gegner losgehen, es werde dasje- nige was er behauptet, umgestoßen, dasjenige was er gelaͤugnet, bewiesen werden. Allein Desaguliers verfaͤhrt voͤllig auf die Newtoni- sche Manier und bringt ganz unschuldig bey: er wolle auch noch einige begleitende Versuche ( concomitant ) vorfuͤhren. Nun ist aber an diesem elften Experiment gar nichts zu begleiten: wenn es bestehen koͤnnte, muͤßte es fuͤr sich bestehen. Desaguliers Absicht aber ist, wie man wohl einsieht, die ganze Newtonische Lehre von vorn herein festzusetzen, damit das was am elften Versuche fehlt, gegen die schon gegruͤndete Lehre unbedeutend scheinen moͤge: eine Wendung, deren sich die Schule fortdauernd bedient hat. Er bringt daher nicht Einen sondern neun Versuche vor, welche saͤmmt- lich mit gewissen Versu ch en der Optik correspondiren, die wir deswegen nur kuͤrzlich anzeigen, und unsern Lesern dasjenige was wir bey jedem einzelnen im pole- mischen Theile zur Sprache gebracht, zur Erinnerung empfehlen. 1) Versuch mit einem rothen und blauen Bande nebeneinander, durchs Prisma angesehn. Der erste Versuch des ersten Theils mit einigen Veraͤnderungen. Dieser wegen seiner Scheinbarkeit Newtonen so wich- tige Versuch, daß er seine Optik damit eroͤffnet, steht auch hier wieder an der Spitze. Der Experimentator haͤlt sich bey ganz unnoͤthigen Bedingungen auf, versichert der Versuch des Auseinanderruͤckens der beyden Baͤn- der sey vortrefflich gerathen, und sagt erst hinterdrein: wenn der Grund nicht schwarz ist, so geraͤth der Ver- such nicht so gut. Daß der Grund hinter den Baͤndern schwarz sey, ist die unerlaͤßliche Bedingung welche oben- an stehen muͤßte. Ist der Grund heller als die Baͤnder, so geraͤth der Versuch nicht etwa nur nicht so gut, son- dern er geraͤth gar nicht; es entsteht etwas Umgekehrtes, etwas ganz Anders. Man wird an dieser ausfluͤchten- den Manier doch wohl sogleich den echten Juͤnger Newtons erkennen. 2) Ein aͤhnliches Experiment mit den beyden Papierstreifen durch die Farben des Spectrums gefaͤrbt, vergleicht sich mit dem dreyzehnten Versuche des ersten Theils. 3) Das Bild dieser letzten, violetten und gelbro- then Streifen durch eine Linse auf ein Papier gewor- fen, sodann derselbe Versuch mit gefaͤrbten Papieren, kommt mit dem zweyten Versuche des ersten Theils uͤberein. 4) Verschiedene Laͤngen und Directionen des pris- matischen Bildes nach den verschiedenen Einfallswin- keln des reinen Lichts aufs Prisma. Was hier aus- gefuͤhrt und dargestellt ist, wuͤrde zum dritten Versuch des ersten Theils gehoͤren. 5) Das objective Spectrum wird durch das Pris- ma angesehen, es scheint heruntergeruͤckt und weiß. Ist der elfte Versuch des zweyten Theils. 6) Das Spectrum geht durch die Linse durch und erscheint im Focus weiß. Ist ein Glied des zehnten Versuchs des zweyten Theils. 7) Das eigentliche Experimentum crucis, das sechste des ersten Theils. Hier gesteht er, was Mariotte behauptet hat, daß die zu einzelnen Bildchen separir- ten prismatischen Farben, wenn man sie mit dem Prisma ansieht, wieder Farbenraͤnder zeigen. 8) Nun schreitet er zu der complicirten Vorrich- tung des elften Experiments des ersten Theils, um ein Spectrum zu machen, das seiner Natur nach viel unsicherer und schwankender ist als das erste. 9) Mit diesem macht er nun ein Experiment, wel- ches mit dem vierzehnten des ersten Theils zusammen- faͤllt, um zu zeigen, daß nunmehr die farbigen Lichter ganz gereinigt, einfach, homogen, gefunden worden. Dieß sagt er aber nur: denn wer ihm aufmerksam nachversucht, wird das Gegentheil finden. Das was Desaguliers gethan, theilt sich also in zwey Theile: die sieben ersten Versuche sollen die diverse Refrangibilitaͤt beweisen und in dem Kopf des Schauen- den festsetzen; unter der siebenten und achten Nummer hingegen, welche erst gegen Mariotte gerichtet sind, soll das wirklich geleistet seyn, was versprochen worden. Wie captios und unredlich auch er hier zu Werke gehe, kann man daraus sehen, daß er wiederholt sagt: mit dem Rothen gelang mirs sehr gut, und so auch mit den uͤbrigen. Warum sagt er denn nicht: es gelang mir mit allen Farben? oder warum faͤngt er nicht mit einer andern an? Alles dieses ist schon von uns bis zum Ueberdruß im polemischen Theile auseinandergesetzt. Besonders ist es in der supplementaren Abhandlung uͤber die Verbindung der Prismen und Linsen bey Experimenten, ausfuͤhrlich geschehen und zugleich das elfte Experiment wiederholt beleuchtet worden. Aber hier macht sich eine allgemeine Betrachtung noͤthig. Das was Desaguliers gegen Mariotte und spaͤter gegen Rizzetti versucht und vorgetragen, wird von der Newtonischen Schule seit hundert Jahren als ein Schlußverfahren angesehn. Wie war es moͤglich, daß ein solcher Unsinn sich in einer Erfahrungswissen- schaft einschleichen konnte? Dieses zu beantworten, muͤssen wir darauf aufmerksam machen, daß, wie sich in die Wissenschaften ethische Beweggruͤnde mehr als man glaubt, einschlingen, eben so auch Staats- und Rechts-Motive und Maximen darin zur Ausuͤbung gebracht werden. Ein schließliches Aburtheln, ohne weitere Appellation zuzulassen, geziemt wohl einem Gerichtshofe. Wenn vor hundert Jahren ein Ver- brecher vor die Geschworenen gebracht, von diesen schuldig befunden, und sodann aufgehangen worden; so faͤllt es uns nicht leicht ein, die Revision eines sol- chen Processes zu verlangen, ob es gleich Faͤlle genug gegeben hat, wo das Andenken eines schmaͤlich Hinge- richteten durch Recht und Urtheil rehabilitirt worden. Nun aber Versuche, von einer Seite so bedeutend, von der andern so leicht und bequem anzustellen, sollen, weil sie vor hundert Jahren, in England, vor einer zwar ansehnlichen aber weder theoretisirend noch experi- mentirend voͤllig tactfesten Gesellschaft angestellt worden, nunmehr als ein fuͤr allemal abgethan, abgemacht und fertig erklaͤrt, und die Wiederholung derselben fuͤr unnuͤtz, thoͤricht, ja anmaßlich ausgeschrieen werden! Ist hierbey nur der mindeste Sinn, was Erfahrungs- wissenschaft sey, worauf sie beruhe, wie sie wachsen koͤnne und muͤsse, wie sie ihr Falsches nach und nach von selbst wegwerfe, wie durch neue Entdeckungen die alten sich ergaͤnzen und wie durch das Ergaͤnzen die aͤlteren Vorstellungsarten, selbst ohne Polemik, in sich zerfallen? Auf die laͤcherlichste und unertraͤglichste Weise hat man von eben diesen Desagulierschen Experimenten spaͤter- hin einsichtige Naturforscher weggeschreckt, gerade wie die Kirche von Glaubensartikeln die naseweisen Ketzer zu entfernen sucht. Betrachtet man dagegen, wie in der neuern Zeit Physiker und Chemiker die Lehre von den Luftarten, der Electricitaͤt, des Galvanism, mit unsaͤg- lichem Fleiß, mit Aufwand und mancherley Aufopferun- gen bearbeitet; so muß man sich schaͤmen, im chroma- tischen Fach beynahe allein mit dem alten Inventarium von Traditionen, mit der alten Ruͤstkammer ungeschick- ter Vorrichtungen sich in Glauben und Demuth begnuͤgt zu haben. Johannes Rizzetti Ein Venetianer und aufmerksamer Liebhaber der Dioptrik, faßte ein ganz richtiges Aper ç u gegen New- ton und fuͤhlte, wie natuͤrlich, einen großen Reiz an- dern seine Entdeckung mitzutheilen und einleuchtend zu machen. Er verbreitete seine Meynung durch Briefe und reisende Freunde, fand aber uͤberall Gegner. In Deutschland wurden seine Argumente in die Acta Eru- ditorum eingeruͤckt. Professor Georg Friedrich Richter in Leipzig setzte sich dagegen; in England experimen- tirte und argumentirte Desaguliers gegen ihn; in Frank- reich Gauger; in Italien die Bologneser Societaͤt. Er gab zuerst ein Diarium einer Reise durch Ita- lien vor dem Jahre 1724 mit Nachtraͤgen heraus, wo- von man einen Auszug in die Acta Eruditorum setzte. (Supplemente derselben Tom. 8. p. 127.) Bey Gelegenheit daß Rizzetti die Frage aufwirft, wie es moͤglich sey, daß man die Gegenstaͤnde mit blo- ßen Augen farblos saͤhe, wenn es mit der von New- ton bemerkten und erklaͤrten farbigen Aberration seine Richtigkeit habe, bringt er verschiedene Einwendungen gegen die Newtonischen Experimente so wie auch gegen die Theorie vor. Richter schreibt dagegen ( Tom. eod. p. 226.). Darauf laͤßt sich Rizzetti wieder vernehmen und fuͤgt noch einen Anhang hinzu ( p. 303. f.) Aus einer neu veraͤnderten Ausgabe des ersten Rizzettischen Auf- satzes findet sich gleichfalls ein Auszug ( p. 234.) und ein Auszug aus einem Briefe des Rizzetti an die Londner Societaͤt ( p. 236.). Richter vertheidigt sich gegen Rizzetti ( A. E. 1724, p. 27.) Dieser giebt heraus: Specimen physico - ma- thematicum de Luminis affectionibus, Tarvisii et Venet. 1727. 8. Einzelne Theile daraus waren fruͤher erschienen: De Luminis refractione, Auctore Rizzetto (Siehe A. E. 1726. Nr. 10.) De Luminis reflexione, Auctore Rizzetto (S. A. E. supl. Tom. IX, Sect. 2. Nr. 4.). Gedachtes Werk darf keinem Freunde der Farben- lehre kuͤnftighin unbekannt bleiben. Wir machen zu unsern gegenwaͤrtigen historischen Zwecken daraus einen fluͤchtigen Auszug. Er nimmt an, das Licht bestehe aus Theilen, die sich ungern von einander entfernen, aber doch durch Refraction von einander getrennt werden; dadurch ent- stehe die Dispersion desselben, welche Grimaldi sich schon ausgedacht hatte. Rizzetti nimmt leider auch noch Strahlen an, um mit denselben zu operiren. Man sieht, daß diese Vorstellungsart viel zu nah an der Newtonischen liegt, um als Gegensatz derselben Gluͤck zu machen. Rizzetti’s dispergirtes Licht ist nun ein Halblicht; es kommt in ein Verhaͤltniß zum Hellen oder Dunkeln, daraus entsteht die Farbe. Wir finden also, daß er auf dem rechten Wege war, indem er eben dasselbe abzuleiten sucht, was wir durch Doppelbild und Truͤbe ausgesprochen haben. Der mathematische Theil seines Werks, so wie das was er im Allgemeinen von Refraction, Reflexion und Dispersion handelt, liegt außer unserm Kreise. Das uͤbrige was uns naͤher angeht, kann man in den polemischen und den didactischen Theil eintheilen. Die Maͤngel der Newtonischen Lehre, das Cap- tiose und Unzulaͤngliche ihrer Experimente sieht Rizzetti recht gut ein. Er fuͤhrt seine Controvers nach der Ordnung der Optik und ist den Newtonischen Unrich- tigkeiten ziemlich auf der Spur; doch durchdringt er sie nicht ganz und giebt z. B. gleich bey dem ersten Ver- such ungeschickter Weise zu, daß das blaue und rothe Bild auf dunklem Grunde wirklich ungleich verruͤckt werde, da ihm doch sonst die Erscheinung der Saͤume nicht unbekannt ist. Dann bringt er die beyden Papiere auf weißen Grund, wo denn freylich durch ganz andere Saͤume fuͤr den Unbefangenen die Unrichtigkeit, die sich II. 30 auf schwarzem Grunde versteckt, augenfaͤllig werden muß. Aber sein Widersacher, Richter in Leipzig, erhascht sogleich das Argument gegen ihn, daß die unter diesen Bedingungen erscheinenden Farben sich vom weißen Grunde herschreiben: eine ungeschickte Behauptung, in welcher sich jedoch die Newtonianer bis auf den heuti- gen Tag selig fuͤhlen, und welche auch mit großer Selbstgenuͤgsamkeit gegen uns vorgebracht worden. Seiner uͤbrigen Controvers folgen wir nicht: sie trifft an vielen Orten mit der unsrigen uͤberein, und wir gedenken nicht zu laͤugnen, daß wir ihm manches schuldig geworden, so wie noch kuͤnftig manches aus ihm zu nutzen seyn wird. In seinem didactischen Theile findet man ihn wei- ter vorgeruͤckt als alle Vorgaͤnger, und er haͤtte wohl verdient, daß wir ihn mit Theophrast und Boyle unter den wenigen genannt, welche sich bemuͤht, die Masse der zu ihrer Zeit bekannten Phaͤnomene zu ordnen. In seiner Eintheilung der Farben sind alle die Bedingungen beachtet, unter welchen uns die Farbe erscheint. Er hat unsere physiologischen Farben unter der Rubrik der phantastischen oder imaginaͤren, unsere physischen unter der doppelten der variirenden, welche wir die dioptrischen der ersten Classe, und der apparen- ten, welche wir die dioptrischen der zweyten Classe ge- nannt, vorgetragen. Unsere chemischen Farben finden sich bey ihm unter dem Titel der permanenten oder natuͤrlichen. Zum Grunde von allen Farbenerscheinungen legt er, wie schon oben bemerkt, dasjenige was wir unter der Lehre von truͤben Mitteln begreifen. Er nennt diese Farben die variirenden, weil ein truͤbes Mittel, je nachdem es Bezug auf eine helle oder dunkle Unter- lage hat, verschiedene Farben zeigt. Auf diesem Wege erklaͤrt er auch die Farben der Koͤrper, wie wir es auf eine aͤhnliche Weise gethan haben. Die apparenten leitet er gleichfalls davon ab, und naͤhert sich dabey unserer Darstellung vom Doppelbild; weil er aber das Doppelbild nicht als Factum stehen laͤßt, sondern die Ursache desselben zugleich mit erklaͤren will: so muß er seine Dispersion herbeybringen, wodurch donn die Sache sehr muͤhselig wird. So sind auch seine Figuren hoͤchst unerfreulich und beschwerlich zu entziffern; da hingegen die New- tonischen, obgleich meistens falsch, den großen Vor- theil haben, bequem zu seyn und deshalb faßlich zu scheinen. Bey den physiologischen, seinen imaginaͤren, be- merkt er recht gut den Unterschied der abklingenden Farbenerscheinung auf dunklem und hellem Grunde; weil ihm aber das wichtige, von Plato anerkannte 30 * Fundament von allem, die Synkrisis durchs Schwarze, die Diakrisis durchs Weise bewirkt, abgeht; weil er auch die Forderung der entgegengesetzten Farben nicht kennt: so bringt er das Ganze nicht auf eine Art zu- sammen die einigermaßen befriedigend waͤre. Uebrigens rechnen wir es uns zur Ehre und Freude, ihn als denjenigen anzuerkennen, der zuerst am ausfuͤhrlichsten und tuͤchtigsten das wovon auch wir in der Farbenlehre uͤberzeugt sind, nach Beschaf- fenheit der Erfahrung seiner Zeit, ausgesprochen hat. Desaguliers gegen Rizzetti . Als in den Leipziger Actis Eruditorum (Supplem. Tom. 8. §. 3. p. 130. 131.) einiger Einwuͤrfe Rizzetti’s gegen Newton erwaͤhnt ward, wiederholt Desaguliers das Experiment wovon die Rede ist, 1722 vor der Societaͤt zu London, und giebt davon in den Philo- sophischen Transactionen Vol. 32, pag. 206 eine kurze Nachricht. Es ist das zweyte Experiment des ersten Buchs der Optik, bey welchem ein hellrothes und ein dunkel- blaues Papier, beyde mit schwarzen Faͤden umwunden, durch eine Linse auf einer weißen Tafel abgebildet wer- den; da denn das rothe Bild, oder vielmehr das Bild der schwarzen Faͤden auf rothem Grunde, sich ferner von der Linse, und das blaue Bild, oder viel- mehr das Bild der schwarzen Faͤden auf blauem Grunde, sich naͤher an der Linse deutlich zeigen soll. Wie es damit stehe, haben wir im polemischen Theil umstaͤndlich genug auseinandergesetzt und hinlaͤnglich gezeigt, daß hier nicht die Farbe, sondern das mehr oder weniger Abstechende des Hellen und Dunkeln Ur- sache ist, daß zu dem einen Bilde der Abbildungs- punct schaͤrfer genommen werden muß, da bey dem andern ein laxerer schon hinreichend ist. Desaguliers, ob er gleich behauptet sein Experi- ment sey vortrefflich gelungen, muß doch zuletzt auf dasjenige worauf wir festhalten, in einem Notabene hindeuten; wie er denn, nach Newtonischer Art, die Hauptsachen in Noten und Notabene nachbringt, und so sagt er: Man muß Sorge tragen, daß die Farben ja recht tief sind; denn indem ich zufaͤlliger Weise von dem Blauen abgestreift hatte, so war das Weiße der Charte unter dem Blauen Schuld, daß auch dieses Bild weiter reichte, fast so weit als das Rothe. Ganz natuͤrlich! Denn nun ward das Blaue hel- ler und die schwarzen Faͤden stachen besser darauf ab, und wer sieht nun nicht, warum Newton, bey Berei- tung einer gleichen Pappe zu seinen zwey ersten Experi- menten, einen schwarzen Grund unter die aufzustrei- chenden Farben verlangt? Dieses Experiment, dessen ganzen Werth man in einem Notabene zuruͤcknehmen kann, noch besser ken- nen zu lernen, ersuchen wir unsere Leser besonders das- jenige nachzusehen, was wir im polemischen Theil zum sechzehnten Versuch, (312 — 315) angemerkt haben. Rizzetti hatte 1727 sein Werk herausgegeben, dessen einzeine Theile schon fruͤher bekannt gemacht wor- den. Desaguliers experimentirt und argumentirt gegen ihn: man sehe die Philosophischen Transactionen Nr. 406. Monat December 1728. Zuerst beklagt sich Desaguliers uͤber die arrogante Manier, womit Rizzetti dem groͤßten Philosophen jetzi- ger und vergangener Zeit begegne; uͤber den triumphi- renden Ton, womit er die Irrthuͤmmer eines großen Mannes darzustellen glaube. Darauf zieht er solche Stellen aus die freylich nicht die hoͤflichsten sind, und von einem Schuͤler Newtons als Gotteslaͤsterung ver- abscheut werden mußten. Ferner tractirt er den Autor als some people (so ein Mensch), bringt noch meh- rere Stellen aus dem Werke vor, die er theils kurz abfertigt, theils auf sich beruhen laͤßt, ohne jedoch im mindesten eine Uebersicht uͤber das Buch zu geben. Endlich wendet er sich zu Experimenten, die sich unter verschiedene Rubriken begreifen lassen. a ) Zum Beweise der diversen Refrangibilitaͤt: 1) das zweyte Experiment aus Newtons Optik; 2) das erste Experiment daher. b ) Refraction und Reflexion an sich betreffend, meistens ohne Bezug auf Farbe, 3) 4) 5) 6). Ferner wird die Beugung der Strahlen bey der Refraction, die Beugung der Strahlen bey der Reflexion nach Newtonischen Grundsaͤtzen entwickelt und diese Phaͤno- mene der Attraction zugeschrieben. Die Darstellung ist klar und zweckmaͤßig, obgleich die Anwendung auf die divers refrangiblen Strahlen mißlich und peinlich er- scheint. In 7) und 8) wird die durch Beruͤhrung ei- ner Glasflaͤche mit dem Wasser auf einmal aufgehobene Reflexion dargestellt, wobey die Bemerkung gemacht wird, daß die durch Refraction und Reflexion gesehe- nen Bilder deutlicher seyn sollen als die durch bloße Reflexion gesehenen, zum Beweis, daß das Licht leich- ter durch dichte als durch duͤnne Mittel gehe. c ) Als Zugabe 9) der bekannte Newtonische Ver- such, der sechzehnte des zweyten Theils: wenn man unter freyem Himmel auf ein Prisma sieht, da sich denn ein blauer Bogen zeigt. Wir haben an seinem Orte diesen Versuch umstaͤndlich erlaͤutert und ihn auf unsere Erfahrungssaͤtze zuruͤckgefuͤhrt. Diese Experimente wurden vorgenommen vor dem damaligen Praͤsidenten der Societaͤt Hans Sloane, vier Mitgliedern derselben, Englaͤndern, und vier Ita- liaͤnern, welche saͤmmtlich den guten Erfolg der Expe- rimente bezeugten. Wie wenig aber hierdurch eigent- lich ausgemacht werden koͤnnen, besonders in Absicht auf Farbentheorie, laͤßt sich gleich daraus sehen, daß die Experimente 3 bis 8 inclus. sich auf die Theorie der Refraction und Reflexion im Allgemeinen beziehen, und daß die saͤmmtlichen Herren von den drey uͤbrigen Versuchen nichts weiter bezeugen konnten, als was wir alle Tage auch bezeugen koͤnnen: daß naͤmlich unter den gegebenen beschraͤnkten Bedingungen die Phaͤno- mene so und nicht anders erscheinen. Was sie aber aussprechen und aussagen, das ist ganz was anderes, und das kann kein Zuschauer bezeugen, am wenigsten solche, denen man die Versuche nicht in ihrer ganzen Fuͤlle und Breite vorgelegt hat. Wir glauben also der Sache nunmehr uͤberfluͤßig genuggethan zu haben, und verlangen vor wie nach von einem Jeden, der sich dafuͤr interessirt, daß er alle Experimente, so oft als es verlangt wird, dar- stellen koͤnne. Was uͤbrigens Desaguliers betrifft, so ist der vollstaͤndige Titel des von ihm herausgegebenen Wer- kes: A Course of Experimental Philosophy by John Theophilus Desaguliers, L. L. D. F. R. S. Chaplain to his royal Highness Frederik Prince of Wales, formerly of Hart Hall (now Hertford College) in Oxford, London. Die erste Auflage des ersten Theils ist von 1734 und die zweyte von 1745. Der zweyte Band kam 1744 heraus. In der Vorrede des zweyten Theils pag. VII ist eine Stelle merkwuͤrdig, warum er die Optik und so auch die Licht- und Farbenlehre nicht behandelt. Gauger . Gehoͤrt auch unter die Gegner Rizzetti’s. Von ihm sind uns bekannt Lettres de Mr. Gauger sur la différente Re- frangibilité de la Lumière et l’immutabilité de leurs couleurs etc etc. Sie sind besonders abge- druckt, stehen aber auch in der Continuation des Mémoires de Littérature et d’Histoire Tom. V, p. 1. Paris 1728. und ein Auszug daraus in den Mémoires pour l’histoire des Sciences et des beaux arts. Trevoux. Juillet 1728. Im Ganzen laͤßt sich bemerken, wie sehr es Rizzetti muß angelegen gewesen seyn, seine Meynung zu verbrei- ten und die Sache zur Sprache zu bringen. Was hinge- gen die Controvers betrifft, die Gauger mit ihm fuͤhrt, so muͤßten wir alles das wiederholen, was wir oben schon beygebracht, und wir ersparen daher uns und unsern Lesern diese Unbequemlichkeit. Newtons Persoͤnlichkeit . Die Absicht dessen was wir unter dieser Rubrik zu sagen gedenken, ist eigentlich die, jene Rolle eines Gegners und Widersachers, die wir so lange behauptet und auch kuͤnftig noch annehmen muͤssen, auf eine Zeit abzulegen, so billig als moͤglich zu seyn, zu untersu- chen, wie so seltsam Widersprechendes bey ihm zusam- mengehangen und dadurch unsere mit unter gewisser- maßen heftige Polemik auszusoͤhnen. Daß manche wis- senschaftliche Raͤthsel nur durch eine ethische Aufloͤsung begreiflich werden koͤnnen, giebt man uns wohl zu, und wir wollen versuchen was uns in dem gegenwaͤr- tigen Falle gelingen kann. Von der englischen Nation und ihren Zustaͤnden ist schon unter Roger Bacon und Baco von Verulam einiges erwaͤhnt worden, auch giebt uns Sprats fluͤch- tiger Aufsatz ein zusammengedraͤngtes historisches Bild. Ohne hier weiter einzugreifen, bemerken wir nur, daß bey den Englaͤndern vorzuͤglich bedeutend und schaͤtzens- werth ist die Ausbildung so vieler derber tuͤchtiger Individuen, eines Jeden nach seiner Weise; und zu- gleich gegen das Oeffentliche, gegen das gemeine Wesen: ein Vorzug, den vielleicht keine andere Nation, wenig- stens nicht in dem Grade, mit ihr theilt. Die Zeit in welcher Newton geboren ward, ist eine der praͤgnantesten in der englischen, ja in der Weltgeschichte uͤberhaupt. Er war vier Jahr alt, als Carl der I. enthauptet wurde, und erlebte die Thron- besteigung Georgs des I. Ungeheure Conflicte bewegten Staat und Kirche, jedes fuͤr sich und beyde gegen ein- ander, auf die mannigfaltigste und abwechselndste Weise. Ein Koͤnig ward hingerichtet; entgegengesetzte Volks- und Kriegsparteyen stuͤrmten wider einander; Regierungs- veraͤnderungen, Veraͤnderungen des Ministeriums, der Parlamente, folgten sich gedraͤngt; ein wiederhergestell- tes mit Glanz gefuͤhrtes Koͤnigthum ward abermals er- schuͤttert; ein Koͤnig vertrieben, der Thron von einem Fremden in Besitz genommen, und abermals nicht ver- erbt, sondern einem Fremden abgetreten. Wie muß nicht durch eine solche Zeit ein Jeder sich angeregt, sich aufgefordert fuͤhlen! Was muß das aber fuͤr ein eigener Mann seyn, den seine Geburt, seine Faͤhigkeiten zu mancherley Anspruch berechtigen, und der alles ablehnt und ruhig seinem von Natur ein- gepflanzten Forscherberuf folgt! Newton war ein wohlorganisirter, gesunder, wohl- temperirter Mann, ohne Leidenschaft, ohne Begierden. Sein Geist war constructiver Natur und zwar im ab- stractesten Sinne; daher war die hoͤhere Mathematik ihm als das eigentliche Organ gegeben, durch das er seine innere Welt aufzubauen und die aͤußere zu ge- waͤltigen suchte. Wir maßen uns uͤber dieses sein Haupt- verdienst kein Urtheil an, und gestehen gern zu, daß sein eigentliches Talent außer unserm Gesichtskreise liegt; aber, wenn wir aus eigener Ueberzeugung sagen koͤnnen: das von seinen Vorfahren Geleistete ergriff er mit Bequemlichkeit und fuͤhrte es bis zum Erstaunen weiter; die mittleren Koͤpfe seiner Zeit ehrten und verehrten ihn, die besten erkannten ihn fuͤr ihres Glei- chen, oder geriethen gar, wegen bedeutender Erfindun- gen und Entdeckungen, mit ihm in Contestation: so duͤrfen wir ihn wohl, ohne naͤheren Beweis, mit der uͤbrigen Welt fuͤr einen außerordentlichen Mann erklaͤren. Von der praktischen, von der Erfahrungsseite ruͤckt er uns dagegen schon naͤher. Hier tritt er in eine Welt ein, die wir auch kennen, in der wir seine Ver- fahrungsart und seinen Succeß zu beurtheilen vermoͤ- gen, um so mehr, als es uͤberhaupt eine unbestrittne Wahrheit ist, daß so rein und sicher die Mathematik in sich selbst behandelt werden kann, sie doch auf dem Erfahrungsboden sogleich bey jedem Schritte periclitirt und eben so gut, wie jede andere ausgeuͤbte Maxime, zum Irrthum verleiten, ja den Irrthum ungeheuer ma- chen und sich kuͤnftige Beschaͤmungen vorbereiten kann. Wie Newton zu seiner Lehre gelangt, wie er sich bey ihrer ersten Pruͤfung uͤbereilt, haben wir umstaͤnd- lich oben auseinandergesetzt. Er baut seine Theorie sodann consequent auf, ja er sucht seine Erklaͤrungsart als ein Factum geltend zu machen; er entfernt alles was ihr schaͤdlich ist und ignorirt dieses, wenn er es nicht laͤugnen kann. Eigentlich controvertirt er nicht, sondern wiederholt nur immer seinen Gegnern: greift die Sache an, wie ich; geht auf meinem Wege; rich- tet alles ein wie ich’s eingerichtet habe; seht wie ich, schließt wie ich, und so werdet ihr finden, was ich gefunden habe: alles andere ist vom Uebel. Was sollen hundert Experimente, wenn zwey oder drey meine Theorie auf das beste begruͤnden? Dieser Behandlungsart, diesem unbiegsamen Cha- racter ist eigentlich die Lehre ihr ganzes Gluͤck schuldig. Da das Wort Character ausgesprochen ist, so werde einigen zudringenden Betrachtungen hier Platz ver- goͤnnt. Jedes Wesen das sich als eine Einheit fuͤhlt, will sich in seinem eigenen Zustand ungetrennt und unver- ruͤckt erhalten. Dieß ist eine ewige nothwendige Gabe der Natur, und so kann man sagen, jedes Einzelne habe Character bis zum Wurm hinunter, der sich kruͤmmt wenn er getreten wird. In diesem Sinne duͤrfen wir dem Schwachen, ja dem Feigen selbst Cha- racter zuschreiben: denn er giebt auf, was andere Menschen uͤber alles schaͤtzen, was aber nicht zu seiner Natur gehoͤrt: die Ehre, den Ruhm, nur damit er seine Persoͤnlichkeit erhalte. Doch bedient man sich des Wortes Character gewoͤhnlich in einem hoͤhern Sinne: wenn naͤmlich eine Persoͤnlichkeit von bedeutenden Ei- genschaften auf ihrer Weise verharret und sich durch nichts davon abwendig machen laͤßt. Einen starken Character nennt man, wenn er sich allen aͤußerlichen Hindernissen maͤchtig entgegensetzt und seine Eigenthuͤmlichkeit, selbst mit Gefahr seine Per- soͤnlichkeit zu verlieren, durchzusetzen sucht. Einen gro- ßen Character nennt man, wenn die Staͤrke desselben zugleich mit großen unuͤbersehlichen, unendlichen Eigen- schaften, Faͤhigkeiten, verbunden ist und durch ihn ganz originelle unerwartete Absichten, Plane und Tha- ten zum Vorschein kommen. Ob nun gleich Jeder wohl einsieht, daß hier ei- gentlich das Ueberschwaͤngliche, wie uͤberhaupt, die Groͤße macht; so muß man sich doch ja nicht irren, und etwa glauben, daß hier von einem Sittlichen die Rede sey. Das Hauptfundament des Sittlichen ist der gute Wille, der seiner Natur nach nur aufs Rechte gerichtet seyn kann; das Hauptfundament des Charac- ters ist das entschiedene Wollen, ohne Ruͤcksicht auf Recht und Unrecht, auf Gut und Boͤse, auf Wahr- heit oder Irrthum: es ist das was jede Partey an den ihrigen so hoͤchlich schaͤtzt. Der Wille gehoͤrt der Frey- heit, er bezieht sich auf den innern Menschen, auf den Zweck; das Wollen gehoͤrt der Natur und bezieht sich auf die aͤußere Welt, auf die That: und weil das irdische Wollen nur immer ein beschraͤnktes seyn kann, so laͤßt sich beynahe voraussetzen, daß in der Ausuͤbung das hoͤhere Rechte niemals oder nur durch Zufall ge- wollt werden kann. Man hat, nach unserer Ueberzeugung, noch lange nicht genug Beyworte aufgesucht, um die Verschieden- heit der Charactere auszudruͤcken. Zum Versuch wol- len wir die Unterschiede, die bey der physischen Lehre von der Cohaͤrenz statt finden, gleichnißweise gebrau- chen; und so gaͤbe es starke, feste, dichte, elastische, bieg- same, geschmeidige, dehnbare, starre, zaͤhe fluͤssige und wer weiß was sonst noch fuͤr Charactere. Newtons Character wuͤrden wir unter die starren rechnen, so wie auch seine Farbentheorie als ein erstarrtes Aper ç uͤ anzusehen ist. Was uns gegenwaͤrtig betrifft, so beruͤhren wir eigentlich nur den Bezug des Characters auf Wahr- heit und Irrthum. Der Character bleibt derselbe, er mag sich dem einen oder der andern ergeben; und so verringert es die große Hochachtung, die wir fuͤr Newton hegen, nicht im geringsten, wenn wir behaup- ten: er sey als Mensch, als Beobachter in einen Irrthum gefallen und habe als Mann von Cha- racter, als Sectenhaupt, seine Beharrlichkeit eben da- durch am kraͤftigsten bethaͤtigt, daß er diesen Irrthum, trotz allen aͤußern und innern Warnungen, bis an sein Ende fest behauptet, ja immer mehr gearbeitet und sich bemuͤht ihn auszubreiten, ihn zu befestigen und gegen alle Angriffe zu schuͤtzen. Und hier tritt nun ein ethisches Hauptraͤthsel ein, das aber demjenigen, der in die Abgruͤnde der mensch- lichen Natur zu blicken wagte, nicht unaufloͤsbar bleibt. Wir haben in der Heftigkeit des Polemisirens New- tonen sogar einige Unredlichkeit vorgeworfen; wir spre- chen gegenwaͤrtig wieder von nicht geachteten inneren Warnungen, und wie waͤre dieß mit der uͤbrigens an- erkannten Moralitaͤt eines solchen Mannes zu ver- binden? Der Mensch ist dem Irren unterworfen, und wie er in einer Folge, wie er anhaltend irrt, so wird er sogleich falsch gegen sich und gegen andere; dieser Irrthum mag in Meynungen oder in Neigungen be- stehen. Von Neigungen wird es uns deutlicher, weil nicht leicht Jemand seyn wird, der eine solche Erfah- rung nicht an sich gemacht haͤtte. Man widme einer Person mehr Liebe, mehr Achtung als sie verdient, so- gleich muß man falsch gegen sich und andre werden: man ist genoͤthigt auffallende Maͤngel als Vorzuͤge zu betrachten und sie bey sich wie bey andern dafuͤr gel- ten zu machen. Dagegen lassen Vernunft und Gewissen sich ihre Rechte nicht nehmen. Man kann sie beluͤgen aber nicht taͤuschen. Ja wir thun nicht zu viel, wenn wir sagen: je moralischer, je vernuͤnftiger der Mensch ist, desto luͤgenhafter wird er, sobald er irrt, desto unge- heurer muß der Irrthum werden, sobald er darin ver- harrt; und je schwaͤcher die Vernunft, je stumpfer das Gewissen, desto mehr ziemt der Irrthum dem Menschen, weil er nicht gewarnt ist. Das Irren wird nur be- dauernswerth, ja es kann liebenswuͤrdig erscheinen. Aengstlich aber ist es anzusehen, wenn ein starker Character, um sich selbst getreu zu bleiben, treulos ge- gen die Welt wird, und um innerlich wahr zu seyn, das Wirkliche fuͤr eine Luͤge erklaͤrt und sich dabey ganz gleichguͤltig erzeigt, ob man ihn fuͤr halsstarrig, verstockt, eigensinnig, oder fuͤr laͤcherlich halte. Demun- geachtet bleibt der Character immer Character, er mag das Rechte oder das Unrechte, das Wahre oder das Falsche wollen und eifrig dafuͤr arbeiten. Allein hiermit ist noch nicht das ganze Raͤthsel aufgeloͤst; noch ein Geheimnißvolleres liegt dahinter. Es kann sich naͤmlich im Menschen ein hoͤheres Be- wußtseyn finden, so daß er uͤber die nothwendige ihm einwohnende Natur, an der er durch alle Freyheit nichts zu veraͤndern vermag, eine gewisse Uebersicht erhaͤlt. Hieruͤber voͤllig ins Klare zu kommen ist bey- nahe unmoͤglich; sich in einzelnen Augenblicken zu schelten, geht wohl an, aber Niemanden ist gegeben, sich fortwaͤhrend zu tadeln. Greift man nicht zu dem gemeinen Mittel, seine Maͤngel auf die Umstaͤnde, auf andere Menschen zu schieben; so entsteht zuletzt aus dem Conflict eines vernuͤnftig richtenden Bewußtseyns mit der zwar modificablen aber doch unveraͤnderlichen Natur eine Art von Ironie in und mit uns selbst, so daß wir unsere Fehler und Irrthuͤmer, wie ungezogene II. 31 Kinder, spielend behandeln, die uns vielleicht nicht so lieb seyn wuͤrden, wenn sie nicht eben mit solchen Unarten behaftet waͤren. Diese Ironie, dieses Bewußtseyn, womit man seinen Maͤngeln nachsieht, mit seinen Irrthuͤmern scherzt und ihnen destomehr Raum und Lauf laͤßt, weil man sie doch am Ende zu beherrschen glaubt oder hofft, kann von der klarsten Verruchtheit bis zur dumpfsten Ahndung sich in mancherley Subjecten stufenweise fin- den, und wir getrauten uns eine solche Galerie von Characteren, nach lebendigen und abgeschiedenen Mu- stern, wenn es nicht allzu verfaͤnglich waͤre, wohl auf- zustellen. Waͤre alsdann die Sache durch Beyspiele voͤllig aufgeklaͤrt, so wuͤrde uns Niemand verargen, wenn er Newtonen auch in der Reihe faͤnde, der eine truͤbe Ahndung seines Unrechts gewiß gefuͤhlt hat. Denn wie waͤre es einem der ersten Mathemati- ker moͤglich, sich einer solchen Unmethode zu bedienen, daß er schon in den optischen Lectionen, indem er die diverse Refrangibilitaͤt festsetzen will, den Versuch mit parallelen Mitteln, der ganz an den Anfang gehoͤrt, weil die Farbenerscheinung sich da zuerst entwickelt, ganz zuletzt bringt; wie konnte einer, dem es darum zu thun gewesen waͤre, seine Schuͤler mit den Phaͤno- menen im ganzen Umfang bekannt zu machen, um dar- auf eine haltbare Theorie zu bauen, wie konnte der die subjectiven Phaͤnomene gleichfalls erst gegen das Ende und keineswegs in einem gewissen Parallelismus mit den objectiven abhandeln; wie konnte er sie fuͤr unbequem erklaͤren, da sie ganz ohne Frage die beque- meren sind: wenn er nicht der Natur ausweichen und seine vorgefaßte Meynung vor ihr sicher stellen wollte? Die Natur spricht nichts aus, was ihr selbst unbequem waͤre; desto schlimmer wenn sie einem Theoretiker unbe- quem wird. Nach allem diesem wollen wir, weil ethische Proble- me auf gar mancherley Weise aufgeloͤst werden koͤnnen, noch die Vermuthung anfuͤhren, das vielleicht New- ton an seiner Theorie soviel Gefallen gefunden, weil sie ihm, bey jedem Erfahrungsschritte, neue Schwie- rigkeiten darbot. So sagt ein Mathematiker selber: C’ est la coutume des Géométres de s’élever de difficultés en difficultés, et même de s’en former sans cesse de nouvelles, pour avoir le plaisir de les surmonter. Wollte man aber auch so den vortrefflichen Mann nicht genug entschuldigt halten, so werfe man einen Blick auf die Naturforschung seiner Zeiten, auf das Philosophiren uͤber die Natur, wie es theils von Des- cartes her, theils durch andere vorzuͤgliche Maͤnner uͤblich geworden war, und man wird aus diesen Um- gebungen sich Newtons eigenen Geisteszustand eher ver- gegenwaͤrtigen koͤnnen. Auf diese und noch manche andere Weise moͤchten wir den Manen Newtons, in sofern wir sie beleidigt 31 * haben koͤnnten, eine hinlaͤngliche Ehrenerklaͤrung thun. Jeder Irrthum der aus dem Menschen und aus den Bedingungen die ihn umgeben, unmittelbar entspringt, ist verzeihlich, oft ehrwuͤrdig; aber alle Nachfolger im Irrthum koͤnnen nicht so billig behandelt werden. Eine nachgesprochene Wahrheit verliert schon ihre Grazie; ein nachgesprochener Irrthum erscheint abgeschmackt und laͤcherlich. Sich von einem eigenen Irrthum loszu- machen, ist schwer, oft unmoͤglich bey großem Geist und großen Talenten; wer aber einen fremden Irrthum aufnimmt und halsstarrig dabey verbleibt, zeigt von gar geringem Vermoͤgen. Die Beharrlichkeit eines ori- ginal Irrenden kann uns erzuͤrnen; die Hartnaͤckigkeit der Irrthumscopisten macht verdrießlich und aͤrgerlich. Und wenn wir in dem Streit gegen die Newtonische Lehre manchmal aus den Graͤnzen der Gelassenheit her- ausgeschritten sind, so schieben wir alle Schuld auf die Schule, deren Incompetenz und Duͤnkel, deren Faul- heit und Selbstgenuͤgsamkeit, deren Ingrimm und Ver- folgungsgeluͤst miteinander durchaus in Proportion und Gleichgewicht stehen. Erste Schuͤler und Bekenner Newtons. Außer den schon erwaͤhnten Experimentatoren, Keil und Desaguliers, werden uns folgende Maͤnner merkwuͤrdig. Samuel Clarke geb. 1675 gest. 1735 traͤgt zur Ausbreitung der Newtonischen Lehre unter allen am meisten bey. Zum geistlichen Stande bestimmt, zeigt er in der Jugend großes Talent zur Mathematik und Physik, penetrirt fruͤher als andere die Newtonischen Ansichten und uͤberzeugt sich davon. Er uͤbersetzt Rohault’s Physik, welche nach Carthe- sianischen Grundsaͤtzen geschrieben, in den Schulen ge- braucht wurde, ins Lateinische. In den Noten traͤgt der Uebersetzer die Newtonische Lehre vor, von welcher denn, bey Gelegenheit der Farben, gesagt wird: Expe- rientia compertum est etc. Die erste Ausgabe ist von 1697. Auf diesem Wege fuͤhrte man die Newtonische Lehre, neben der des Carthesius, in den Unterricht ein und verdraͤngte jene nach und nach. Der groͤßte Dienst jedoch, den Clarke Newtonen erzeigte, war die Uebersetzung der Optik ins Lateinische, welche 1706 heraus kam. Newton hatte sie selbst re- vidirt, und Englaͤnder sagen, sie sey verstaͤndlicher als das Original selbst. Wir aber koͤnnen dieß keineswegs finden. Das Original ist sehr deutlich, naiv ernst ge- schrieben; die Uebersetzung muß, um des lateinischen Sprachgebrauchs willen, oft umschreiben und Phrasen machen; aber vielleicht sind es eben diese Phrasen, die den Herren, welche sich nichts weiter dabey denken wollten, am besten zu Ohre gingen. Uebrigens standen beyde Maͤnner in einem morali- schen, ja religioͤsen Verhaͤltniß zu einander, indem sie beyde dem Arrianismus zugethan waren: einer maͤßigen Lehre, die vielen vernuͤnftigen Leuten der damaligen Zeit behagte und den Deismus der folgenden vorbereitete. Wilhelm Molyneux , einer der ersten Newto- nischen Bekenner. Er gab eine Dioptrica nova, Lon- don, 1692. heraus, woselbst er auf der vierten Seite sagt: „Aber Herr Newton in seinen Abhandlungen, Farben und Licht betreffend, die in den philosophischen Transactionen publicirt worden, hat umstaͤndlich darge- than, daß die Lichtsirahlen keineswegs homogen, oder von einerley Art sind, vielmehr von unterschiedenen Formen und Figuren, daß einige mehr gebrochen wer- den als die andern, ob sie schon einen gleichen oder aͤhnlichen Neigungswinkel zum Glase haben“. Niemanden wird entgehen, daß hier, bey allem Glauben an den Herrn und Meister, die Lehre schon ziemlich auf dem Wege ist, verschoben und entstellt zu werden. Regnault . Entretiens physiques Tom. 2. Entret. 23. p. 395. ff. und Entret. 22. p. 379. ff. traͤgt die Newtonische Lehre in der Kuͤrze vor. Maclaurin . Expositions des découvertes philosophiques de Mr. Newton. Pemberton . A view of Sir Isaac Newton’s philosophy. London 1728. Wilhelm Whiston . Praelectiones mathema- ticae. Dunch . Philosophia mathematica Newtoniana. In wiefern diese letzteren sich auch um die Farben- lehre bekuͤmmert und solche, mehr oder weniger dem Buchstaben nach, vorgetragen, gedenken wir hier nicht zu untersuchen; genug sie gehoͤren unter diejenigen, welche als die ersten Anhaͤnger und Bekenner Newtons in der Geschichte genannt werden. Von auswaͤrtigen Anhaͤngern erwaͤhnen wir zu- naͤchst s’Gravesand und Muschenbroek. Wilhelm Jakob ’s Gravesand . geboren 1688 . Physices elementa mathematica, sive intro- ductio ad philosophiam Newtonianam. Lugd. Batav. 1721. Im zweyten Bande p. 78. Cap. 18. traͤgt er die Lehre von der diversen Refrangibilitaͤt nach Newton vor; in seinen Definitionen setzt er sie voraus. Die ins Ovale gezogene Gestalt des runden Sonnenbildes scheint sie ihm ohne weiteres zu beweisen. Merkwuͤrdig ist, daß Tab. XV. die erste Figur ganz richtig gezeichnet ist, und daß er §. 851. zur Entschuldigung, daß im Vorhergehenden beym Vortrag der Refractions-Gesetze die weißen Strahlen als homo- gen behandelt worden, sagt: satis est exigua diffe- rentia refrangibilitatis in radiis solarib ut in pracedentibus negligi potuit. Freylich, wenn die Versuche mit parallelen Mitteln gemacht werden, sind die farbigen Raͤnder unbedeutend, und man muß das Sonnenbild genug quaͤlen bis das Phaͤnomen ganz farbig erscheint. Uebrigens sind die perspectivisch, mit Licht und Schatten vorgestellten Experimente gut und richtig, wie es scheint, nach dem wirklichen Apparat gezeichnet. Aber wozu der Aufwand, da die Farbenerscheinung als die Hauptsache fehlt? Reine Linearzeichnungen, richtig illuminirt, bestimmen und entscheiden die ganze Sache, da hingegen durch jene umstaͤndliche, bis auf einen gewissen Grad wahre und doch im Hauptpuncte man- gelhafte Darstellung der Irrthum nur desto ehrwuͤrdiger gemacht und fortgepflanzt wird. Peter von Muschenbroek geb. 1692. gest. 1761 . Elementa physica 1734. Voͤllig von der New- tonischen Lehre uͤberzeugt, faͤngt er seinen Vortrag mit der hypothetischen Figur an, wie sie bey uns, Tafel VII, Figur 1. abgebildet ist. Dann folgt: Si per exiguum foramen mit der bekannten Litaney. Bey dieser Gelegenheit erwaͤhnen wir der florenti- nischen Akademie, deren Tentamina von Muschen- broek uͤbersetzt und 1731 herausgegeben worden. Sie enthalten zwar nichts die Farbenlehre betreffend; doch ist uns die Vorrede merkwuͤrdig, besonders wegen ei- ner Stelle uͤber Newton, die als ein Zeugniß der da- maligen hoͤchsten Verehrung dieses außerordentlichen Mannes mitgetheilt zu werden verdient. Indem naͤm- lich Muschenbroek die mancherley Hindernisse und Be- schwerlichkeiten anzeigt, die er bey Uebersetzung des Werks aus dem Italiaͤnischen ins Lateinische gefunden, fuͤgt er folgendes hinzu: „Weil nun auch mehr als sechzig Jahre seit der ersten Ausgabe dieses Werkes verflossen; so ist die Philosophie inzwischen mit nicht geringem Wachsthum vorgeschritten, besonders seitdem der allerreichste und hoͤchste Lenker und Vorsteher aller menschlichen Dinge, mit unendlicher Liebe und unbe- greiflicher Wohlthaͤtigkeit die Sterblichen unserer Zeit bedenkend, ihre Gemuͤther nicht laͤnger in dem Druck der alten Finsterniß lassen wollte, sondern ihnen als ein vom Himmel gesandtes Geschenk jenes brittische Orakel, Isaac Newton, gewaͤhrt; welcher eine erha- bene Mathesin auf die zartesten Versuche anwendend, und alles geometrisch beweisend, gelehrt hat, wie man in die verborgensten Geheimnisse der Natur dringen und eine wahre befestigte Wissenschaft erlangen koͤnne. Deswegen hat auch dieser mit goͤttlichem Scharfsinn begabte Philosoph mehr geleistet als alle die erfind- samsten Maͤnner von den ersten Anfaͤngen der Welt- weisheit her zusammen. Verbannt sind nun alle Hy- pothesen; nichts als was bewiesen ist wird zugelassen; die Weltweisheit wird durch die gruͤndlichste Lehre er- weitert, und auf den menschlichen Nutzen uͤbergetra- gen, durch mehrere angesehene, die wahre Methode befolgende gelehrte Maͤnner.“ Franzoͤsische Akademiker . Die erste franzoͤsische Akademie, schon im Jahre 1634 eingerichtet, war der Sprache im allgemeinsten Sinne, der Grammatik, Rhetorik und Poesie gewid- met. Eine Versammlung von Naturforschern aber hatte zuerst in England statt gefunden. In einem Brief an die Londner Societaͤt preist von Montmort Desorbieres die englische Nation gluͤck- lich, daß sie einen reichen Adel und einen Koͤnig habe, der sich fuͤr die Wissenschaften interessire; welches in Frankreich nicht der Fall sey. Doch fanden sich auch in diesem Lande schon so viel Freunde der Naturwissen- schaften in einzelnen Gesellschaften zusammen, daß man von Hof aus nicht saͤumen konnte, sie naͤher zu ver- einigen. Man dachte sich ein weit umfassendes Ganze und wollte jene erste Akademie der Redekuͤnste und die neu einzurichtende der Wissenschaften mit einander vereinigen. Dieser Versuch gelang nicht; die Sprach- Akademiker schieden sich gar bald, und die Akademie der Wissenschaften blieb mehrere Jahre zwar unter koͤniglichem Schutz, doch ohne eigentliche Sanction und Constitution, in einem gewissen Mittelzustand, in welchem sie sich gleichwohl um die Wissenschaften ge- nug verdient machte. Mit ihren Leistungen bis 1696 macht uns Du Hamel in seiner Regiae Scientiarum academiae historia auf eine stille und ernste Weise bekannt. In dem Jahre 1699 wurde sie restaurirt und voͤllig organisirt, von welcher Zeit an ihre Arbeiten und Bemuͤhungen ununterbrochen bis zur Revolution fortgesetzt wurden. Die Gesellschaft hielt sich, ohne sonderliche theore- tische Tendenz, nahe an der Natur und deren Beob- achtung, wobey sich von selbst versteht, daß in Absicht auf Astronomie, so wie auf alles was dieser großen Wissenschaft vorausgehen muß, nicht weniger bey Be- arbeitung der allgemeinen Naturlehre, die Mathemati- ker einen fleißigen und treuen Antheil bewiesen. Na- turgeschichte, Thierbeschreibung, Thieranatomie beschaͤf- tigten manche Mitglieder und bereiteten vor, was spaͤ- ter von Buͤffon und Daubenton ausgefuͤhrt wurde. Im Ganzen sind die Verhandlungen dieser Ge- sellschaft eben so wenig methodisch als die der engli- schen; aber es herrscht doch eher eine Art von verstaͤndi- ger Ordnung darin. Man ist hier nicht so confus wie dort, aber auch nicht so reich. In Absicht auf Far- benlehre verdanken wir derselben folgendes: Mariotte . Unter dem Jahre 1679 giebt uns die Geschichte der Akademie eine gedraͤngte aber hinreichende Nach- richt von den Mariottischen Arbeiten. Sie bezeigt ihre Zufriedenheit uͤber die einfache Darstellung der Phaͤnomene und aͤußert, daß es sehr wohl gethan sey, auf eine solche Weise zu verfahren, als sich in die Aufsuchung entfernterer Ursachen zu verlieren. De la Hire . Im Jahre 1678 hatte dieser in einer kleinen Schrift, Accidents de la vue, den Ursprung des Blauen ganz richtig gefaßt, daß naͤmlich ein dunkler schwaͤrzlicher Grund, durch ein durchscheinendes weiß- liches Mittel gesehen, die Empfindung von Blau gebe. Unter dem Jahre 1711 findet sich in den Memoi- ren der Akademie ein kleiner Aufsatz, worin diese An- sicht wiederholt und zugleich bemerkt wird, daß das Sonnenlicht durch ein angerauchtes Glas roth erscheine. Er war, wie man sieht, auf dem rechtem Wege, doch fehlte es ihm an Entwicklung des Phaͤnomens. Er drang nicht weit genug vor, um einzusehen, daß das angerauchte Glas hier nur als ein Truͤbes wirke, in- dem dasselbe, wenn es leicht angeraucht ist, vor einen dunklen Grund gehalten, blaͤulich erscheint. Eben so we- nig gelang es ihm das Rothe aufs Gelbe zuruͤck, und das Blaue aufs Violette vorwaͤrts zu fuͤhren. Seine Be- merkung und Einsicht blieb daher unfruchtbar liegen. Wegen uͤbereinstimmender Gesinnungen schalten wir an dieser Stelle einen Deutschen ein, den wir sonst nicht schicklicher unterzubringen wußten. Johann Michael Conradi . Anweisung zur Optica. Coburg 1710 in 4. Pag. 18. § 16. „Wo das Auge nichts siehet, so meynet es, es sehe etwas schwarzes; als wenn man des Nachts gen Himmel siehet, da ist wirklich nichts, und man meynet die Sterne hingen an einem schwar- zen expanso. Wo aber eine durchscheinende Weiße vor dieser Schwaͤrze, oder diesem Nichts stehet, so giebt es eine blaue Farbe; daher der Himmel des Ta- ges blau siehet, weil die Luft wegen der Duͤnste weiß ist. Dahero je reiner die Luft ist, je hochblauer ist der Himmel, als wo ein Gewitter voruͤber ist, und die Luft von denen vielen Duͤnsten gereinigt; je duͤnsti- ger aber die Luft ist, desto weißlicher ist diese blaue Farbe. Und daher scheinen auch die Waͤlder von weitem blau, weil vor dem schwarzen schattenvollen Gruͤn die weiße und illuminirte Luft sich befindet. Mallebranche . Wir haben schon oben S. 324. den Entwurf sei- ner Lehre eingeruͤckt. Er gehoͤrt unter diejenigen, wel- che Licht und Farbe zarter zu behandeln glaubten, wenn sie sich diese Phaͤnomene als Schwingungen er- klaͤrten. Und es ist bekannt, daß diese Vorstellungs- art durch das ganze achtzehnte Jahrhundert Gunst gefunden. Nun haben wir schon geaͤußert, daß nach unserer Ueberzeugung damit gar nichts gewonnen ist. Denn wenn uns der Ton deswegen begreiflicher zu seyn scheint als die Farbe, weil wir mit Augen sehen und mit Haͤnden greifen koͤnnen, daß eine mechanische Impulsion Schwingungen an den Koͤrpern und in der Luft hervorbringt, deren verschiedene Maßverhaͤltnisse harmonische und disharmonische Toͤne bilden; so erfah- ren wir doch dadurch keinesweges was der Ton sey, und wie es zugehe, daß diese Schwingungen und ihre Abgemessenheiten das was wir im Allgemeinen Musik nennen, hervorbringen moͤgen. Wenn wir nun aber gar diesen mechanischen Wirkungen, die wir fuͤr intelli- gibel halten, weil wir einen gewissermaßen groben An- stoß so zarter Erscheinungen bemerken koͤnnen, zum Gleichniß brauchen, um das was Licht und Farbe lei- sten, uns auf eben dem Wege begreiflich zu machen; so ist dadurch eigentlich gar nichts gethan. Statt der Luft, die durch den Schall bewegt wird, einen Aether zu supponiren, der durch die Anregung des Lichts auf eine aͤhnliche Weise vibrire, bringt das Geschaͤft um nichts weiter: denn freylich ist am Ende Alles Leben und Bewegung, und beyde koͤnnen wir doch nicht an- ders gewahr werden, als daß sie sich selbst ruͤhren und durch Beruͤhrung das Naͤchste zum Fortschritt anreizen. Wie unendlich viel ruhiger ist die Wirkung des Lichts als die des Schalles. Eine Welt die so anhal- tend von Schall erfuͤllt waͤre, als sie es von Licht ist, wuͤrde ganz unertraͤglich seyn. Durch diese oder eine aͤhnliche Betrachtung ist wahr- scheinlich Mallebranche, der ein sehr zart fuͤhlender Mann war, auf seine wunderlichen Vibrations de pression gefuͤhrt worden, da die Wirkung des Lichts durchaus mehr einem Druck als einem Stoß aͤhnlich ist. Wovon diejenigen welche es interessirt, die Memoiren der Akademie von 1699 nachsehen werden. Bernard le Bovier de Fontenelle . geb . 1657. gest . 1757. Es war nicht moͤglich, daß die Franzosen sich lange mit den Wissenschaften abgaben, ohne solche ins Leben, ja in die Societaͤt zu ziehen, und sie, durch ei- ne gebildete Sprache, der Redekunst, wo nicht gar der Dichtkunst zu uͤberliefern. Schon laͤnger als ein hal- bes Jahrhundert war man gewohnt, uͤber Gedichte und prosaische Aufsaͤtze, uͤber Theaterstuͤcke, Kanzelre- den, Memoiren, Lobreden und Biographien in Ge- sellschaften zu dissertiren und seine Meynung, sein Ur- theil gegenseitig zu eroͤffnen. Im Briefwechsel suchten Maͤnner und Frauen der oberen Staͤnde sich an Ein- sicht in die Welthaͤndel und Charactere, an Leichtigkeit, Heiterkeit und Anmuth bey der moͤglichsten Bestimmt- heit, zu uͤbertreffen; und nun trat die Naturwissen- schaft als eine spaͤtre Gabe hinzu. Die Forscher so gut als andre Literatoren und Gelehrte lebten in der Welt und fuͤr die Welt; sie mußten auch fuͤr sich Inter- esse zu erregen suchen, und erregten es leicht und bald. Aber ihr Hauptgeschaͤft lag eigentlich von der Welt ab. Die Untersuchung der Natur durch Experi- mente, die mathematische oder philosophische Behand- lung des Erfahrenen, erforderte Ruhe und Stille, und weder die Breite noch die Tiefe der Erscheinung sind geeignet vor die Versammlung gebracht zu werden, die man gewoͤhnlich Societaͤt nennt. Ja manches Ab- stracte, Abstruse laͤßt sich in die gewoͤhnliche Sprache nicht uͤbersetzen. Aber dem lebhaften, geselligen, mund- fertigen Franzosen schien nichts zu schwer, und gedraͤngt durch die Noͤthigung einer großen gebildeten Masse unternahm er eben Himmel und Erde mit allen ihren Geheimnissen zu vulgarisiren. Ein Werk dieser Art ist Fontenelle’s Schrift uͤber die Mehrheit der Welten. Seitdem die Erde im Co- pernicanischen System auf einem subalternen Platz er- schien, so traten vor allen Dingen die uͤbrigen Plane- ten in gleiche Rechte. Die Erde war bewachsen und bewohnt, alle Climaten brachten nach ihren Bedin- gungen und Eigenheiten eigene Geschoͤpfe hervor, und die Folgerung lag ganz nahe, daß die aͤhnlichen Ge- stirne, und vielleicht auch gar die unaͤhnlichen, ebenfalls mit Leben uͤbersaͤt und begluͤckt seyn muͤßten. Was die Erde an ihrem hohen Rang verloren, ward ihr gleich- sam hier durch Gesellschaft ersetzt, und fuͤr Menschen die sich gern mittheilen, war es ein angenehmer Ge- danke, fruͤher oder spaͤter einen Besuch auf den umlie- genden Welten abzustatten. Fontenelle’s Werk fand großen Beyfall und wirkte viel, indem es außer dem Hauptgedanken noch manches andere, den Welt- II. 32 an und dessen Einrichtung betreffend, popularisiren mußte. Dem Redner kommt es auf den Werth, die Wuͤrde, die Vollstaͤndigkeit, ja die Wahrheit seines Gegenstandes nicht an; die Hauptfrage ist, ob er in- teressant sey, oder interessant gemacht werde. Die Wissenschaft selbst kann durch eine solche Behandlung wohl nicht gewinnen, wie wir auch in neuerer Zeit durch das Feminisiren und Infantisiren so mancher hoͤhe- ren und profunderen Materie gesehen haben. Dasje- nige wovon das Publicum hoͤrt, daß man sich damit in den Werkstaͤtten, in den Studirzimmern der Gelehr- ten beschaͤftige, das will es auch naͤher kennen lernen, um nicht ganz albern zuzusehen, wenn die Wissenden davon sich laut unterhalten. Darum beschaͤftigen sich so viele Redigirende, Epitomisirende, Ausziehende, Ur- theilende, Vorurtheilende; die launigen Schriftsteller verfehlen nicht, Seitenblicke dahin zu thun; der Co- moͤdienschreiber scheut sich nicht, das Ehrwuͤrdige auf dem Theater zu verspotten, wobey die Menge immer am freysten Athem holt, weil sie fuͤhlt, daß sie et- was Edles, etwas Bedeutendes los ist, und daß sie vor dem was andre fuͤr wichtig halten, keine Ehr- furcht zu haben braucht. Zu Fontenelle’s Zeiten war dieses Alles erst im Werden. Es laͤßt sich aber schon bemerken, daß Irr- thum und Wahrheit, so wie sie im Gange waren, von guten Koͤpfen ausgebreitet, und eins wie das andre, wechselsweise mit Gunst oder Ungunst, behan- delt wurden. Dem großen Rufe Newtons, als derselbe in einem hohen Alter mit Tode abging, war Niemand gewach- sen. Die Wirkungen seiner Persoͤnlichkeit erschienen durch ihre Tiefe und Ausbreitung der Welt hoͤchst ehr- wuͤrdig, und jeder Verdacht, daß ein solcher Mann geirrt haben koͤnnte, wurde weggewiesen. Das Unbe- dingte, an dem sich die menschliche Natur erfreut, er- scheint nicht maͤchtiger als im Beyfall und im Tadel, im Haß und der Neigung der Menge. Alles oder Nichts ist von jeher die Devise des angeregten Demos. Schon von jener ersten, der Sprache gewidmeten Akademie ward der loͤbliche Gebrauch eingefuͤhrt, bey dem Todtenamte, das einem verstorbenen Mitgliede gehalten wurde, eine kurze Nachricht von des Abge- schiedenen Leben mitzutheilen. Pelisson, der Geschicht- schreiber jener Akademie, giebt uns solche Notizen von den zu seiner Zeit verstorbenen Gliedern, auf seine reine, natuͤrliche, liebenswuͤrdige Weise. Jemehr nach- her diese Institute selbst sich Ansehn geben und ver- schaffen, je mehr man Ursache hat, aus den Todten etwas zu machen, damit die Lebendigen als etwas erscheinen, destomehr werden solche Personalien aufgeschmuͤckt und treten in der Gestalt von Elogien hervor. 32 * Daß nach dem Tode Newtons, der ein Mitglied der franzoͤsischen Akademie war, eine bedeutende, all- gemein verstaͤndliche, von den Anhaͤngern Newtons durchaus zu billigende Lobrede wuͤrde gehalten werden, ließ sich erwarten. Fontenelle hielt sie. Von seinem Leben und seiner Lehre, und also auch von seiner Far- bentheorie wurde mit Beyfall Rechenschaft gegeben. Wir uͤbersetzen die hierauf bezuͤglichen Stellen, und begleiten sie mit einigen Bemerkungen, welche durch den polemischen Theil unsrer Arbeit bestaͤtigt und ge- rechtfertigt werden. Fontenelle’s Lobrede auf Newton . Ausgezogen und mit Bemerkungen begleitet. „Zu gleicher Zeit als Newton an seinem großen Werk der Principien arbeitete, hatte er noch ein an- deres unter Haͤnden, das eben so original und neu, weniger allgemein durch seinen Titel, aber durch die Manier, in welcher der Verfasser einen einzelnen Ge- genstand zu behandeln sich vornahm, eben so ausge- breitet werden sollte. Es ist die Optik, oder das Werk uͤber Licht und Farbe, welches zum erstenmal 1704 erschien. Er hatte in dem Lauf von dreyßig Jahren die Experimente angestellt, deren er bedurfte.“ In der Optik steht kein bedeutendes Experiment das sich nicht schon in den optischen Lectionen faͤnde, ja in diesen steht manches was in jener ausgelassen ward, weil es nicht in die kuͤnstliche Darstellung paßte, an welcher Newton dreyßig Jahre gearbeitet hat. „Die Kunst Versuche zu machen, in einem gewissen Grade, ist keinesweges gemein. Das geringste Factum, das sich unsern Augen darbietet, ist aus so viel an- dern Facten verwickelt, die es zusammensetzen oder be- dingen, daß man ohne eine außerordentliche Gewandt- heit nicht alles was darin begriffen ist, entwickeln, noch ohne vorzuͤglichen Scharfsinn vermuthen kann, was alles darin begriffen seyn duͤrfte. Man muß das Factum wovon die Rede ist, in soviel andre trennen, die abermals zusammengesetzt sind, und manchmal, wenn man seinen Weg nicht gut gewaͤhlt haͤtte, wuͤrde man sich in Irrgaͤnge einlassen, aus welchen man kei- nen Ausgang faͤnde. Die urspruͤnglichen und elemen- taren Facta scheinen von der Natur mit so viel Sorg- falt wie die Ursachen versteckt worden zu seyn; und gelangt man endlich dahin sie zu sehen, so ist es ein ganz neues und uͤberraschendes Schauspiel.“ Dieser Periode, der dem Sinne nach allen Bey- fall verdient, wenn gleich die Art des Ausdrucks viel- leicht eine naͤhere Bestimmung erfoderte, paßt auf Newton nur dem Vorurtheil, keinesweges aber dem Verdienst nach: denn eben hier liegt der von uns er- wiesene, von ihm begangene Hauptfehler, daß er das Phaͤnomen in seine einfachen Elemente nicht zerlegt hat; welches doch bis auf einen gewissen Grad leicht gewesen waͤre, da ihm die Erscheinungen, aus denen sein Spectrum zusammengesetzt wird, selbst nicht unbe- kannt waren. „Der Gegenstand dieser Optik ist durchaus die Anatomie des Lichts. Dieser Ausdruck ist nicht zu kuͤhn, es ist die Sache selbst.“ So weit war man nach und nach im Glauben gekommen! An die Stelle des Phaͤnomens setzte man eine Erklaͤrung; nun nannte man die Erklaͤrung ein Factum, und das Factum gar zuletzt eine Sache. Bey dem Streite mit Newton, da er ihn noch selbst fuͤhrte, findet man, daß die Gegner seine Er- klaͤrung als Hypothese behandelten; er aber glaubte, daß man sie als eine Theorie ja wohl gar ein Factum nennen koͤnnte, und nun macht sein Lobredner die Er- klaͤrung gar zur Sache! „Ein sehr kleiner Lichtstrahl,“ Hier ist also der hypothetische Lichtstrahl: denn bey dem Experiment bleibt es immer das ganze Son- nenbild. „den man in eine vollkommen dunkle Kammer her- einlaͤßt,“ In jedem hellen Zimmer ist der Effect eben der- selbe. „der aber niemals so klein seyn kann, daß er nicht noch eine unendliche Menge von Strahlen ent- hielte, wird getheilt, zerschnitten, so daß man nun die Elementarstrahlen hat,“ Man hat sie! und wohl gar als Sache! „aus welchen er vorher zusammengesetzt war, die nun aber von einander getrennt sind, jeder von einer andern Farbe gefaͤrbt, die nach dieser Trennung nicht mehr veraͤndert werden koͤnnen. Das Weiße also war der gesammte Strahl vor seiner Trennung, und ent- stand aus dem Gemisch aller dieser besondern Farben der primitiven Lichtstrahlen.“ Wie es sich mit diesen Redensarten verhalte, ist anderwaͤrts genugsam gezeigt. „Die Trennung dieser Strahlen war so schwer,“ Hinter die Schwierigkeit der Versuche steckt sich die ganze Newtonische Schule. Das was an den Er- scheinungen wahr und natuͤrlich ist, laͤßt sich sehr leicht darstellen, was aber Newton zusammengekuͤnstelt hat, um seine falsche Theorie zu beschoͤnigen, ist nicht so wohl schwer, als beschwerlich ( troublesome ) darzustel- len. Einiges, und gerade das Hauptsaͤchlichste, ist sogar unmoͤglich. Die Trennung der farbigen Strahlen in sieben runde, voͤllig von einander abstehende Bilder ist ein Maͤhrchen, das bloß als imaginaͤre Figur auf dem Papier steht, und in der Wirklichkeit gar nicht darzustellen ist. „daß Herr Mariotte, als er auf das erste Ge- ruͤcht von Herrn Newtons Erfahrungen diese Ver- suche unternahm,“ Ehe Mariotte seinen Tractat uͤber die Farben herausgab, konnte er den Aufsatz in den Transactionen recht gut gelesen haben. „sie verfehlte, er der so viel Genie fuͤr die Er- fahrung hatte und dem es bey andern Gegenstaͤnden so sehr gegluͤckt ist.“ Und so mußte der treffliche Mariotte, weil er das Hocuspocus, vor dem sich die uͤbrigen Schulglaͤubigen beugten, als ein ehrlicher Mann der Augen hatte, nicht anerkennen wollte, seinen wohlhergebrachten Ruf, als guter Beobachter, vor seiner eigenen Nation ver- lieren, den wir ihm denn hiermit auf das vollkommen- ste wiederherzustellen wuͤnschen. „Noch ein anderer Nutzen dieses Werks der Optik, so groß vielleicht als der, den man aus der großen Anzahl neuer Kenntnisse nehmen kann, womit man es angefuͤllt findet, ist, daß es ein vortreffliches Muster liefert der Kunst sich in der Experimentalphilosophie zu benehmen.“ Was man sich unter Experimentalphilosophie ge- dacht, ist oben schon ausgefuͤhrt, so wie wir auch ge- hoͤrigen Orts dargethan haben, daß man nie verkehr- ter zu Werke gegangen ist, um eine Theorie auf Ex- perimente aufzubauen, oder, wenn man will, Experi- mente an eine Theorie anzuschließen. „Will man die Natur durch Erfahrungen und Beobachtungen fragen, so muß man sie fragen wie Herr Newton, auf eine so gewandte und dringende Weise.“ Die Ausdruͤcke gewandt und dringend sind recht wohl angebracht, um die Newtonische kuͤnstliche Behandlungsweise auszudruͤcken. Die englischen Lobred- ner sprechen gar von nice Experiments, welches Bey- wort alles was genau und streng, scharf, ja spitzfuͤn- dig, behutsam, vorsichtig, bedenklich, gewissenhaft und puͤnctlich bis zur Uebertreibung und Kleinlichkeit ein- schließt. Wir koͤnnen aber ganz kuͤhnlich sagen: die Experimente sind einseitig, man laͤßt den Zuschauer nicht alles sehen, am wenigsten das, worauf es eigent- lich ankommt; sie sind unnoͤthig umstaͤndlich, wodurch die Aufmerksamkeit zerstreut wird; sie sind complicirt, wodurch sie sich der Beurtheilung entziehen und also durchaus taschenspielerisch. „Sachen die sich fast der Untersuchung entziehen, weil sie zu subtil ( déliées ) sind,“ Hier haben wir schon wieder Sachen, und zwar so ganz feine, fluͤchtige, der Untersuchung entwischende Sachen! „versteht er dem Calcul zu unterwerfen, der nicht allein das Wissen guter Geometer verlangt, sondern was mehr ist, eine besondre Geschicklichkeit.“ Nun so waͤre denn endlich die Untersuchung in die Geheimnisse der Mathematik gehuͤllt, damit doch ja Niemand so leicht wage sich diesem Heiligthum zu naͤhern. „Die Anwendung die er von seiner Geometrie macht, ist so fein, als seine Geometrie erhaben ist.“ Auf diesen rednerischen Schwung und Schwank brauchen wir nur soviel zu erwiedern, daß die Haupt- formeln dieser sublim feinen Geometrie, nach Ent- deckung der achromatischen Fernroͤhre, falsch befunden und dafuͤr allgemein anerkannt sind. Jene famose Messung und Berechnung des Farbenbildes, wodurch ihnen eine Art von Tonleiter angedichtet wird, ist von uns auch anderweit vernichtet worden, und es wird von ihr zum Ueberfluß noch im naͤchsten Artikel die Rede seyn. Jean-Jacques d’Ortous de Mairan geb. 1678. gest. 1771. Ein Mann gleichsam von der Natur bestimmt mit Fontenellen zu wetteifern, unterrichtet, klar, scharf- sinnig, fleißig, von einer socialen und hoͤchstgefaͤlligen Natur. Er folgte Fontenellen im Secretariat bey der Akademie, schrieb einige Jahre die erforderlichen Lob- reden, erhielt sich die Gunst der vornehmen und ruͤhri- gen Welt bis in sein Alter, das er beynahe so hoch als Fontenelle brachte. Uns geziemt nur desjenigen zu gedenken was er gethan, um die Farbenlehre zu foͤrdern. Schon mochte bey den Physikern vergessen seyn, was Mariotte fuͤr diese Lehre geleistet; der Weg den er gegangen, den er eingeleitet, war vielleicht zum zweyten- mal von einem Franzosen nicht zu betreten. Er hatte still und einsam gelebt, so daß man beynahe nichts von ihm weiß, und wie waͤre es sonst auch moͤglich gewesen, den Erfahrungen mit solcher Schaͤrfe und Genauigkeit bis in ihre letzten nothwendigsten und einfachsten Bedingungen zu folgen. Von Nuͤguet und demjenigen was er im Journal von Trevoux geaͤußert, scheint Niemand die mindeste Notiz genommen zu ha- ben. Eben so wenig von De la Hire’s richtigem Aper ç uͤ wegen des Blauen und Rothen. Alles das war fuͤr die Franzosen verloren, deren Blick durch die magische Gewalt des englischen Gestirns fascinirt worden. New- ton war Praͤsident einer schon gegruͤndeten Societaͤt, als die franzoͤsische Akademie in ihrer ersten Bildungs- epoche begriffen war; sie schaͤtzte sich’s zur Ehre ihn zum Mitglied aufzunehmen, und von diesem Augenblick an scheinen sie auch seine Lehre, seine Gesinnungen adop- tirt zu haben. Gelehrte Gesellschaften, sobald sie vom Gouverne- ment bestaͤtigt, einen Koͤrper ausmachen, befinden sich in Absicht der reinen Wahrheit in einer mißlichen Lage. Sie haben einen Rang und koͤnnen ihn mittheilen; sie haben Rechte und koͤnnen sie uͤbertragen; sie stehen gegen ihre Glieder, sie stehen gegen gleiche Corporationen, gegen die uͤbrigen Staatszweige, gegen die Nation, gegen die Welt in einer gewissen Beziehung. Im Ein- zelnen verdient nicht Jeder den sie aufnehmen, seine Stelle; im Einzelnen kann nicht alles was sie billigen recht, nicht alles was sie tadeln, falsch seyn: denn wie sollten sie vor allen andern Menschen und ihren Ver- sammlungen das Privilegium haben, das Vergangene ohne hergebrachtes Urtheil, das Gegenwaͤrtige ohne leidenschaftliches Vorurtheil, das Neuauftretende ohne mistrauische Gesinnung, und das Kuͤnftige ohne uͤber- triebene Hoffnung oder Apprehension, zu kennen, zu be- schauen, zu betrachten, und zu erwarten. So wie bey einzelnen Menschen, um so mehr bey solchen Gesellschaften, kann nicht alles um der Wahr- heit willen geschehen, welche eigentlich ein uͤberirdi- sches Gut, selbststaͤndig und uͤber alle menschliche Huͤlfe erhaben ist. Wer aber in diesem irdischen Wesen Existenz, Wuͤrde, Verhaͤltnisse jeder Art erhalten will, bey dem kommt manches in Betracht, was vor einer hoͤheren Ansicht sogleich verschwinden muͤßte. Als Glied eines solchen Koͤrpers, der sich nun schon die Newtonische Lehre als integrirenden Theil seiner Organisation angeeignet hatte, muͤssen wir Mairan betrachten, wenn wir gegen ihn gerecht seyn wollen. Außerdem ging er von einem Grundsatze aus, der sehr loͤblich ist, wenn dessen Anwendung nur nicht so schwer und gefaͤhrlich waͤre, von dem Grundsatze der Einfoͤrmigkeit der Natur, von der Ueberzeugung, es sey moͤglich durch Betrachtung der Analogieen ihrem Gesetzlichen naͤher zu kommen. Bey seiner Vorliebe fuͤr die Schwingungslehre erfreute ihn deswegen die Vergleichung welche Newton zwischen dem Spectrum und dem Monochord anstellte. Er beschaͤftigte sich damit mehrere Jahre: denn von 1720 finden sich seine ersten Andeutungen, 1738 seine letzten Aus- arbeitungen. Rizzetti ist ihm bekannt, aber dieser ist schon durch Desaguliers aus den Schranken getrieben; Niemand denkt mehr an die wichtigen Fragen, welche der Ita- liaͤner zur Sprache gebracht; Niemand an die große Anzahl von bedeutenden Erfahrungen die er aufgestellt: alles ist durch einen wunderlichen Zauber in das New- tonische Spectrum versenkt und an demselben gefesselt, gerade so wie es Newton vorzustellen beliebt. Wenn man bedenkt, daß Mairan sich an die zwanzig Jahre mit dieser Sache, wenigstens von Zeit zu Zeit abgegeben, daß er das Phaͤnomen selbst wie- der hervorgebracht, das Spectrum gemessen und die gefundenen Maße, auf eine sehr geschickte ja kuͤnstli- chere Art als Newton selbst, auf die Moll-Tonleiter angewendet; wenn man sieht, daß er in Nichts weder an Aufmerksamkeit, noch an Nachdenken, noch an Fleiß gespart, wie wirklich seine Ausarbeitung zierlich und allerliebst ist: so darf man es sich nicht verdrießen lassen, daß alles dieses umsonst geschehen, sondern man muß es eben als ein Beyspiel betrachten, daß falsche Annahmen so gut wie wahre, auf das genauste durchgearbeitet werden koͤnnen. Beynahe unbegreiflich jedoch bleibt es, daß Mairan, welcher das Spectrum wiederholt gemessen haben muß, nicht zufaͤllig seine Tafel naͤher oder weiter vom Pris- ma gestellt hat, da er denn nothwendig haͤtte finden muͤssen, daß in keinem von beyden Faͤllen die Newto- nischen Maße treffen. Man kann daher wohl behaupten, daß er in der Dunkelheit seines Vorurtheils immer erst die Tafel so geruͤckt, bis er die Maße nach der An- gabe richtig erfunden. So muß auch sein Apparat hoͤchst beschraͤnkt gewesen seyn: denn er haͤtte bey je- der groͤßern Oeffnung im Fensterladen und beybehalt- ner ersten Entfernung, abermals die Maße anders finden muͤssen. Dem sey nun wie ihm wolle, so scheinet sich durch diese, im Grunde redlichen, bewundernswuͤrdigen, und von der Akademie gebilligten Bemuͤhungen die Newtonische Lehre nur noch fester gesetzt und den Ge- muͤthern noch tiefer eingepraͤgt zu haben. Doch ist es sonderbar, daß seit 1738, als unter welchem Jahre die gedachte Abhandlung sich findet, der Artikel Farbe aus dem Register der Akademie verschwindet und kaum spaͤterhin wieder zum Vorschein kommt. Cardinal Polignac . geb. 1661. gest. 1741. Im Gefolg der Akademiker fuͤhren wir diesen Mann auf, der als Welt- und Staatsmann und Negotiateur einen großen Ruf hinterlassen hat, dessen weit umgreifender Geist aber sich uͤber andere Gegen- staͤnde, besonders auch der Naturwissenschaft, verbrei- tete. Der Descartischen Lehre, zu der er in fruͤher Jugend gebildet worden, blieb er treu, und war also gewissermaßen ein Gegner Newtons. Rizzetti dedicirte demselben sein Werk de Luminis affectionibus. Un- ser Cardinal beschaͤftigte sich mit Pruͤfung der New- tonischen Lehre. Gauger behauptet in seinen Briefen, p. 40: der Cardinal sey durch das Experimentum Crucis uͤberzeugt worden. Eine Stelle aus den Anec- dotes littéraires Paris 1750. Tom 2, p. 430. lassen wir im Original abdrucken, welche sich auf diese Un- tersuchungen bezieht. Les expériences de Newton avoient été tentées plusieurs fois en France, et toujours sans succès, d’où l’on commençoit à inférer, que le Système du docte Anglois ne pouvoit pas se soutenir. Le Cardinal de Polignac, qui n’a jamais été New- tonien, dit, qu’un fait avancé par Newton, ne de- voit pas être nié légèrement, et qu’il falloit recom- mencer les expériences jusqu’ à ce qu’on put s’as- surer de les avoir bien faites. Il fit venir des Pris- mes d’Angleterre. Les expériences furent faites en sa présence aux Cordeliers, et elles réussirent. Il ne put jamais cependant parvenir à faire du blanc, par la réunion des rayons, d’où il conclut que le blanc n’est pas le résultat de cette réunion, mais le produit des rayons directs, non rompus et non réfrangibles . Newton, qui s’étoit plaint du peu d’exactitude et même du peu de bonne foi des Physiciens Fran- çois, écrivit au Cardinal, pour le remercier d’un procédé si honnête et qui marquoit tant de droiture. Wir gestehen gern, daß wir mit den gesperrt ge- druckten Worten nichts anzufangen wissen. Wahr- scheinlich hat sich der Cardinal muͤndlich uͤber diese Sache anders ausgedruͤckt, und man hat ihn unrecht verstanden. Dem sey nun wie ihm sey, so haben wir nicht Ursache uns dabey aufzuhalten: denn es ist außer Zweifel, daß der Cardinal die Newtonische diverse Refrangibilitaͤt angenommen, wie aus einer Stelle seines Anti-Lucretius hervorgeht, wo er, im Begriff Newtonen in einigen Puncten zu widersprechen, hiezu durch Lob und Beyfall sich gleichsam die Erlaubniß zu nehmen sucht. Lib. II. v. 874. Dicam Tanti pace viri, quo non solertior alter Naturam rerum ad leges componere motûs, Ac Mundi partes justâ perpendere librâ, Et radium Solis transverso prismate fractum Septem in primigenos permansurosque colores Solvere; quî potuit Spatium sibi fingere vanum, Quod nihil est, multisque prius nihil esse probatum est? Voltaire . geb. 1694. gest. 1778 . In der besten Zeit dieses außerordentlichen Mannes war es zum hoͤchsten Beduͤrfniß geworden, Goͤttliches und Menschliches, Himmlisches und Irdisches vor das Publicum uͤberhaupt, besonders vor die gute Gesellschaft zu bringen, um sie zu unterhalten, zu belehren, aufzu- II. 33 regen, zu erschuͤttern. Gefuͤhle, Thaten, Gegenwaͤrti- ges, Vergangnes, Nahes und Entferntes, Erscheinun- gen der sittlichen und der physischen Welt, von allem mußte geschoͤpft, alles, wenn es auch nicht zu erschoͤp- fen war, oberflaͤchlich gekostet werden. Voltairens großes Talent sich auf alle Weise, sich in jeder Form zu communiciren, machte ihn fuͤr eine gewisse Zeit zum unumschraͤnkten geistigen Herrn seiner Nation. Was er ihr anbot mußte sie aufnehmen; kein Widerstreben half: mit aller Kraft und Kuͤnstlich- keit wußte er seine Gegner bey Seite zu draͤngen, und was er dem Publicum nicht aufnoͤthigen konnte, das wußte er ihm aufzuschmeicheln, durch Gewoͤhnung an- zueignen. Als Fluͤchtling fand er in England die beste Auf- nahme und jede Art von Unterstuͤtzung. Von dorther zuruͤckgekehrt machte er sich’s zur Pflicht, das Newto- nische Evangelium, das ohnehin schon die allgemeine Gunst erworben hatte, noch weiter auszubreiten, und vorzuͤglich die Farbenlehre den Gemuͤthern recht einzu- schaͤrfen. Zu diesen physischen Studien scheint er beson- ders durch seine Freundinn, die Marquise Du Chatelet, gefuͤhrt worden zu seyn; wobey jedoch merkwuͤrdig ist, daß in ihren Institutions physiques, Amsterdam 1742. nichts von den Farben vorkommt. Es ist moͤglich, daß sie die Sache schon durch ihren Freund fuͤr voͤllig ab- gethan gehalten, dessen Bemuͤhungen wir jedoch nicht umstaͤndlich recensiren, sondern nur mit wenigem ei- nen Begriff davon zu geben suchen. Elémens de la philosophie de Newton mis à la portée de tout le monde. Amsterdam 1738. In der Epistel an die Marquise Du Chatelet heißt es: Il déploye à mes yeux par une main savante De l’Astre des Saisons la robe étincelante. L’Emeraude, l’azur, le pourpre, le rubis, Sont l’immortel tissu dont brillent ses habits. Chacun de ses rayons dans sa substance pure, Porte en soi les couleurs dont se peint la Nature, Et confondus ensemble, ils éclairent nos yeux, Ils animent le Monde, ils emplissent les Cieux. Der Vortrag selbst ist heiter, ja mitunter drollig: wie es sich von Voltairen erwarten laͤßt, dagegen aber auch unglaublich seicht und schief. Eine naͤhere Entwickelung waͤre wohl der Muͤhe werth. Facta, Versuche, mathematische Behandlung derselben, Hy- pothese, Theorie sind so durcheinander geworfen, daß man nicht weiß was man denken und sagen soll, und das heißt zuletzt triumphirende Wahrheit. Die beygefuͤgten Figuren sind aͤußerst schlecht. Sie druͤcken als Linearzeichnungen allenfalls die Newtonischen Versuche und Lehren aus; die Fensterchen aber, wo- durch das Licht hereinfaͤllt, und die Puppen die zu sehen, sind ganz sinn- und geschmacklos. 33 * Beyspiele von Voltaire’s Vorurtheilen fuͤr Newton . Brief an Herrn Thiriot den 7ten August 1738 . „Wenn man Herrn Algarotti den behauptenden Ton vorwirft, so hat man ihn nicht gelesen. Viel eher koͤnnte man ihm vorwerfen, nicht genug behaup- tet zu haben; ich meyne, nicht genug Sachen gesagt und zu viel gesprochen zu haben. Uebrigens, wenn das Buch nach Verdienst uͤbersetzt ist, so muß es Gluͤck machen.“ „Was mein Buch betrifft ( Elémens de la philo- sophie de Newton ) so ist es bis jetzt das erste in Europa, das parvulos ad regnum coelorum berufen hat: denn regnum coelorum ist Newton; die Franzosen uͤber- haupt sind parvuli genug. Mit Euch bin ich nicht einig, wenn Ihr sagt, es seyen neue Meynungen in Newtons Werken. Erfahrungen sind es und Berech- nungen, und zuletzt muß die ganze Welt sich unterwer- fen. Die Renauds und Castels werden den Triumph der Vernunft auf die Laͤnge nicht verhindern.“ In demselben Briefe . „Der Pater Castel hat wenig Methode, sein Geist ist das Umgekehrte vom Geiste des Jahrhunderts. Man koͤnnte nicht leicht einen Auszug verworrener und un- belehrender einrichten.“ Brief an Herrn Formont den 1. April 1740 . „Also habt Ihr den unnuͤtzen Plunder uͤber die Faͤr- berey gelesen, den Herr Pater Castel seine Optik nennt. Es ist lustig genug, daß er sich beygehen laͤßt zu sagen: Newton habe sich betrogen, ohne es im mindesten zu beweisen, ohne den geringsten Versuch uͤber die urspruͤng- lichen Farben gemacht zu haben. Es scheint die Phy- sik will nun drollig werden, seitdem es die Comoͤdie nicht mehr ist.“ Algarotti . geb. 1712. gest. 1774 . Stammend aus einem reichen venetianischen Kauf- mannshause, erhielt er bey sehr schoͤnen Faͤhigkeiten seine erste Bildung in Bologna, reiste schon sehr jung, und kam im zwanzigsten Jahre nach Paris. Dort er- griff auch er den Weg der Popularisation eines abstrusen Gegenstandes, um sich bekannt und beliebt zu machen. Newton war der Abgott des Tages, und das siebenfar- bige Licht ein gar zu lustiger Gegenstand. Algarotti betrat die Pfade Fontenelle’s, aber nicht mit gleichem Geist, gleicher Anmuth und Gluͤck. Fontenelle steht sowohl in der Conception als in der Ausfuͤhrung sehr viel hoͤher. Bey ihm geht ein Abbé mit einer schoͤnen Dame, die aber mit wenig Zuͤgen so geschildert ist, daß Einem kein Liebesverhaͤltniß einfallen kann, bey sternhellem Himmel spazieren. Der Abbé wird uͤber dieses Schauspiel nachdenklich; sie macht ihm Vorwuͤrfe, und er macht ihr dagegen die Wuͤrde dieses Anblicks begreiflich. Und so knuͤpft sich das Ge- spraͤch uͤber die Mehrheit der Welten an. Sie setzen es immer nur Abends fort und der herrlichste Sternhim- mel wird jedesmal fuͤr die Einbildungskraft zuruͤckge- rufen. Von einer solchen Vergegenwaͤrtigung ist bey Alga- rotti keine Spur. Er befindet sich zwar auch in der Gesellschaft einer schoͤnen Marchesina, an welche viel verbindliches zu richten waͤre, umgeben von der schoͤnsten italiaͤnischen Gegend; allein Himmel und Erde mit al- len ihren bezaubernden Farben bieten ihm keinen An- laß dar, in die Materie hinein zu kommen; die Da- me muß zufaͤlliger Weise in irgend einem Sonett von dem siebenfachen Lichte gelesen haben, das ihr denn freylich etwas seltsam vorkommt. Um ihr nun diese Phrase zu erklaͤren, holt der Gesellschafter sehr weit aus, indem er, als ein wohlunterrichteter Mann, von der Naturforschung uͤberhaupt und uͤber die Lehre vom Licht besonders, manches Historische und Dogmatische recht gut vorbringt. Allein zuletzt, da er auf die New- tonische Lehre uͤbergehen will, geschieht es durch einen Sprung, wie denn ja die Lehre selbst durch einen Sprung in die Physik gekommen. Und wer ein Buch mit aufmerksamer Theilnahme zu lesen gewohnt ist, wird sogleich das Unzusammenhaͤngende des Vortrags empfin- den. Die Lehre kommt von nichts und geht zu nichts. Er muß sie starr und steif hinlegen, wie sie der Mei- ster uͤberliefert hat. Auch zeigt er sich nicht einmal so gewandt, die schoͤne Dame in eine dunkle Kammer zu fuͤhren, wohin er ja allenfalls, des Anstands und selbst des bessern Dialogs wegen, eine Vertraute mitnehmen konnte. Bloß mit Worten fuͤhrt er ihr die Phaͤnomene vor, erklaͤrt sie mit Worten, und die schoͤne Frau wird auf der Stelle so glaͤubig als hundert andre. Sie braucht auch uͤber die Sache nicht weiter nachzudenken; sie ist uͤber die Farben auf immer beruhigt. Denn Himmelblau und Morgenroth, Wiesengruͤn und Veil- chenblau, alles entspringt aus Strahlen und noch ein- mal Strahlen, die so hoͤflich sind sich in Feuer, Wasser, Luft und Erde, an allen lebendigen und leblosen Ge- genstaͤnden, auf jede Art und Weise, spalten, ver- schlucken, zuruͤckwerfen und bunt herumstreuen zu lassen. Und damit glaubt er sie genugsam unterhalten zu ha- ben, und sie ist uͤberzeugt, genugsam unterrichtet zu seyn. Von jener Zeit an wird nun nicht leicht ein Dichter oder Redner, ein Verskuͤnstler oder Prosaist gefunden, der nicht einmal oder mehreremal in seinem Leben diese farbige Spaltung des Lichts zum Gleichniß der Ent- wicklung des Ungleichartigen aus dem Gleichartigen ge- braucht haͤtte; und es ist freylich Niemand zu verar- gen, wenn einmal so eine wunderliche Synthese zum Behuf einer so wunderlichen Analyse gemacht worden, wenn der Glaube daran allgemein ist, daß er sie auch zu seinem Behuf, es sey nun des Belehrens und Ueberzeugens, oder des Blendens und Ueberredens, als Instanz oder Gleichniß beybringe. Ang mani Die Englaͤnder sind vielleicht vor vielen Nationen geeignet, Auswaͤrtigen zu imponiren. Ihre persoͤnli- che Ruhe, Sicherheit, Thaͤtigkeit, Eigensinn und Wohlhaͤbigkeit geben beynahe ein unerreichbares Muster- bild von dem was alle Menschen sich wuͤnschen. Ohne uns hier in ein Allgemeines einzulassen, bemerken wir nur, daß die Klage uͤber Anglomanie von fruͤherer Zeit bis zur neuesten in der franzoͤsischen Literatur vor- kommt. Dieser Enthusiasmus der franzoͤsischen Nation fuͤr die englische soll sich besonders gleich nach einem geschlossenen Frieden am lebhaftesten aͤußern: welches wohl daher kommen mag, weil alsdann nach wieder- hergestellter Communication beyder Nationen der Reich- thum und die Comforts der Englaͤnder dem, wenig- stens in fruͤherer Zeit, geldarmen und genuͤgsamen Franzosen gar wuͤnschenswerth in die Augen leuchten muͤssen. Dieses Vorziehen einer fremden Voͤlkerschaft, dieses Hintansetzen seiner eigenen kann doch wohl aber nicht hoͤher getrieben werden, als wir es oben bey Voltairen finden, der die Newtonische Lehre zum regnum coe- lorum und die Franzosen zu den parvulis macht. Doch haͤtte er es gewiß nicht gethan, wenn das Vor- urtheil in seiner Nation nicht schon gaͤng und gaͤbe gewesen waͤre. Denn bey aller Kuͤhnheit huͤtet er sich doch etwas vorzubringen, wogegen er die allgemeine Stimmung kennt, und wir haben ihn im Verdacht, daß er seinen Deismus uͤberall und so entschieden aus- spricht, bloß damit er sich vom Verdacht des Atheis- mus reinige: einer Denkweise, die jederzeit nur we- nigen Menschen gemaͤß und den uͤbrigen zum Abscheu seyn mußte. Chemiker . Das Verhalten der Lakmustinktur gegen Saͤuren und Alcalien, so bekannt es war, blieb doch immer we- gen seiner Eminenz und seiner Brauchbarkeit den Chemi- kern merkwuͤrdig, ja das Phaͤnomen wurde gewisser- maßen fuͤr einzig gehalten. Die fruͤhern Bemerkungen des Paracelsus und seiner Schule, daß die Farben aus dem Schwefel und dessen Verbindung mit den Salzen sich herschreiben moͤchten, waren auch noch in frischem Andenken geblieben. Man gedachte mit In- teresse eines Versuchs von Mariotte, der einen rothen franzoͤsischen Wein durch Alcalien gebraͤunt und ihm das Ansehn eines schlechten verdorbenen Weins gege- ben, nachher aber durch Schwefelgeist die erste Farbe, und zwar noch schoͤner, hergestellt. Man erklaͤrte da- mals daraus das Vortheilhafte des Aus- und Aufbren- nens der Weinfaͤsser durch Schwefel, und fand diese Erfahrung bedeutend. Die Akademie interessirte sich fuͤr die chemische Analyse der Pflanzentheile, und als man die Resul- tate bey den verschiedensten Pflanzen ziemlich einfoͤrmig und uͤbereinstimmend fand; so beschaͤftigten sich andere wieder die Unterschiede aufzusuchen. Geoffroy, der juͤngere, scheint zuerst auf den Ge- danken gekommen zu seyn, die essentiellen Oele der Vegetabilien mit Saͤuren und Alcalien zu behandeln, und die dabey vorkommenden Farbenerscheinungen zu beobachten. Sein allgemeineres Theoretische gelingt ihm nicht sonderlich. Er braucht koͤrperliche Configurationen, und dann wieder besondere Feuertheile und was der- gleichen Dinge mehr sind. Aber die Anwendung seiner chemischen Versuche auf die Farben der Pflanzen selbst, hat viel Gutes. Er gesteht zwar selbst die Zartheit und Beweglichkeit der Criterien ein, gibt aber doch deswegen nicht alle Hoffnungen auf; wie wir denn von dem was er uns uͤberliefert, naͤhern Gebrauch zu machen gedenken, wenn wir auf diese Materie, die wir in unserm Entwurfe nur beylaͤufig behandelt haben, dereinst zuruͤckkehren. In dem animalischen Reiche hatte Reaumuͤr den Saft einiger europaͤischen Purpurschnecken und dessen Faͤrbungseigenschaften untersucht. Man fand, daß Licht und Luft die Farbe gar herrlich erhoͤhten. An- dere waren auf die Farbe des Blutes aufmerksam ge- worden, und beobachteten, daß das arterielle Blut ein hoͤheres, das venoͤse ein tieferes Roth zeige. Man schrieb der Wirkung der Luft auf die Lungen jene Farbe zu; weil man es aber materiell und mechanisch nahm, so kam man nicht weiter und erregte Widerspruch. Das Mineralreich bot dagegen bequeme und sichere Versuche dar. Lemery, der juͤngere, untersuchte die Metalle nach ihren verschiedenen Aufloͤsungen und Praͤ- cipitationen. Man schrieb dem Quecksilber die groͤßte Versatilitaͤt in Absicht der Farben zu, weil sie sich an demselben am leichtesten offenbart. Wegen der uͤbrigen, glaubte man eine Specification eines jeden Metalls zu gewissen Farben annehmen zu muͤssen, und blieb des- wegen in einer gewissen Beschraͤnktheit, aus der wir uns noch nicht ganz haben herausreißen koͤnnen. Bey allen Versuchen Lemery’s jedoch zeigt sich deut- lich das von uns relevirte Schwanken der Farbe, das durch Saͤuren und Alcalien, oder wie man das was ihre Stelle vertritt, nennen mag, hervorgebracht wird. Wie denn auch die Sache so einfach ist, daß, wenn man sich nicht in die Nuͤancen, welche nur als Be- schmutzung anzusehen sind, einlaͤßt, man sich sehr wohl einen allgemeinen Begriff zu eigen machen kann. Die Citate zu Vorstehendem fuͤgen wir nicht bey, weil man solche gar leicht in dem zu der Histoire und den Mémoires de l’académie française gefertigten Re- gistern auffinden kann. Dufay . Die franzoͤsische Regierung hatte unter Anleitung von Colbert, durch wohluͤberdachte Verordnungen, das Gutfaͤrben und Schoͤnfaͤrben getrennt, zum großen Vortheil aller denen, es sey zu welchem Gebrauch, zu wissen noͤthig war, daß sie mit haltbar gefaͤrbten Zeu- gen oder Gespinnsten gewissenhaft versorgt wuͤrden. Die Polizey fand nun die Aufsicht uͤber beyderley Ar- ten der Faͤrberey bequemer, indem dem Gutfaͤrber eben so wohl verboten war vergaͤngliche Materialien in der Werkstatt zu haben, als dem Schoͤnfaͤrber dauerhafte. Und so konnte sich auch jeder Handwerker in dem ihm angewiesenen Kreise immer mehr und mehr vervoll- kommnen. Fuͤr die Technik und den Gebrauch war gesorgt. Allein es ließ sich bald bemerken, daß die Wis- senschaft, ja die Kunst selbst dabey leiden mußte. Die Behandlungsarten waren getrennt. Niemand blickte uͤber seinen Kreis hinaus, und Niemand gewann eine Uebersicht des Ganzen. Eine einsichtige Regierung je- doch fuͤhlte diesen Mangel bald, schenkte wissenschaft- lich gebildeten Maͤnnern ihr Zutrauen und gab ihnen den Auftrag, das was durch die Gesetzgebung getrennt war, auf einem hoͤhern Standpuncte zu vereinigen. Dufay ist einer von diesen. Die Beschreibungen auch anderer Handwerker sollten unternommen werden. Dufay bearbeitete die Faͤrberey. Ein kurzer Aufsatz in den Memoiren der Akademie 1737 ist sehr verstaͤndig geschrieben. Wir uͤbergehen was uns nicht nahe beruͤhrt, und bemerken nur fol- gendes: Wer von der Faͤrberey in die Farbenlehre kommt, muß es hoͤchst drollig finden, wenn er von sieben, ja noch mehr Urfarben reden hoͤrt. Er wird bey der ge- ringsten Aufmerksamkeit gewahr, daß sich in der mine- ralischen, vegetabilischen und animalischen Natur drey Farben isoliren und specificiren. Er kann sich Gelb, Blau und Roth ganz rein verschaffen; er kann sie den Geweben mittheilen und durch verschiedene, wirkende und gegenwirkende Behandlung, so wie durch Mi- schung die uͤbrigen Farben hervorbringen, die ihm also abgeleitet erscheinen. Unmoͤglich waͤre es ihm, das Gruͤn zu einer Urfarbe zu machen. Weiß hervorzu- bringen, ist ihm durch Faͤrbung nicht moͤglich; hin- gegen durch Entfaͤrbung leicht genug dargestellt, gibt es ihm den Begriff von voͤlliger Farblosigkeit, und wird ihm die wuͤnschenswertheste Unterlage alles Zufaͤrbenden. Alle Farben zusammengemischt geben ihm Schwarz. So erblickt der ruhige Sinn, der gesunde Men- schenverstand die Natur, und wenn er auch in ihre Tiefen nicht eindringt, so kann er sich doch niemals auf einen falschen Weg verlieren, und er kommt zum Besitz dessen was ihm zum verstaͤndigen Gebrauch noth- wendig ist. Jene drey Farben nennt daher Duͤfay sei- ne Mutterfarben, seine urspruͤnglichen Farben, und zwar als Faͤrber mit voͤlligem Recht. Der Newtoni- schen Lehre gedenkt er im Vorbeygehen, verspricht et- was mehr daruͤber zu aͤußern; ob es aber geschehen, ist mir nicht bekannt. Louis Bertrand Castel geb. 1688. gest. 1757 . Jesuit und geistreicher Mann, der indem er auf dem Wege Fontenelle’s ging, die sogenannten exacten Wissenschaften durch einen lebendigen und angenehmen Vortrag in die Gesellschaft einzufuͤhren, und sich da- durch den beyden gleichsam vorzuͤglich cultivirten Na- tionen, der englischen und der franzoͤsischen, bekannt und beliebt zu machen suchte. Er hatte deshalb, wie alle die sich damals auf diese Weise beschaͤftigten, mit Newton und Descartes pro und contra zu thun; da er denn auch bald diesen bald jenen nach seiner Ueber- zeugung beguͤnstigte, oft aber auch seine eignen Vor- stellungsarten mitzutheilen und durchzusetzen trachtete. Wir haben hier nur das zu bedenken, was er in der Farbenlehre geleistet, weshalb er, wie wir oben gesehen, von Voltairen so uͤbel behandelt worden. Eine Regierung darf nur auf einen vernuͤnftigen Weg deuten, so wird dieß sogleich zur Aufforderung fuͤr viele, ihn zu wandeln und sich darauf zu bemuͤ- hen. So scheint auch Pater Castel zu seiner Arbeit, nicht durch besondern Auftrag der Obern, wie Duͤfay, sondern durch Neigung und durch den Wunsch, dem Staate als Privatmann nuͤtzlich zu werden, in dieses Fach getrieben zu seyn, das er um so mehr cultivirte, als er neben seinen Studien eine große Lust zum Me- chanischen und Technischen empfand. Auch auf seinem Gange werden ihm die Newto- nischen sieben Urfarben unertraͤglich; er fuͤhrt sie auf drey zuruͤck. Das Clair-obscur, das Schwarze und Weiße, das Erhellen und Verdunkeln der Haupt- und abgeleiteten Farben beschaͤftigen ihn um so mehr, als er auch dem Maler entgegen gehen will. Man kann nicht laͤugnen, daß er die Probleme der Farbenlehre meist alle vorbringt, doch ohne sie gerade aufzuloͤsen. Seinem Buche fehlt es nicht an einer gewissen Ordnung; aber durch Umstaͤndlichkeit, Kleinigkeitskraͤmerey und Weitschweifigkeit verdirbt er sich das Spiel gegen den billigsten Leser. Sein groͤßtes Ungluͤck ist, daß er ebenfalls die Farbe mit dem Tone vergleichen will, zwar auf einem andern Wege als Newton und Mairan, aber auch nicht gluͤcklicher. Auch ihm hilft es nichts, daß er eine Art von Ahn- dung von der sogenannten Sparsamkeit der Natur hat, von jener geheimnißvollen Urkraft, die mit wenigem viel, und mit dem Einfachsten das Mannigfaltigste leistet. Er sucht es noch, wie seine Vorgaͤnger, in dem was man Analogie heißt, wodurch aber nichts gewonnen werden kann, als daß man ein paar sich aͤhnelnde empirische Erscheinungen einander an die Seite setzt, und sich verwundert, wenn sie sich vergleichen und zugleich nicht vergleichen lassen. Sein Farben-Clavier, das auf eine solche Ueber- einstimmung gebaut werden sollte, und woran er sein ganzes Leben hin und her versuchte, konnte freylich nicht zu Stande kommen; und doch ward die Moͤglich- keit und Ausfuͤhrbarkeit eines solchen Farben-Claviers immer einmal wieder zur Sprache gebracht, und neue mißgluͤckte Unternehmungen sind den alten gefolgt. Worin er sich aber vollkommen einsichtig bewies, ist seine lebhafte Controvers gegen die Newtonische falsche Darstellung der prismatischen Erscheinung. Mit mun- trer franzoͤsischer Eigenthuͤmlichkeit wagt er den Scherz: es sey dem Newtonischen Spectrum eben so gefaͤhrlich, wenn man es ohne Gruͤn, als einer huͤbschen Frau, wenn man sie ohne Roth ertappe. Auch nennt er mit Recht die Newtonische Farbenlehre eine Remora aller gesunden Physik. Seine Invectiven gegen die Newtonische Darstel- lung des Spectrums uͤbersetzen wir um so lieber, als wir sie saͤmmtlich unterschreiben koͤnnen. Haͤtte Castels Widerspruch damals gegriffen und auch nur einen Theil der gelehrten Welt uͤberzeugt, so waͤren wir einer sehr beschwerlichen Muͤhe uͤberhoben gewesen. „Da ich mich gar gern zu den Gegenstaͤnden mei- ner Aufmerksamkeit zuruͤckfinde; so war mein erster oder zweyter Schritt in dieser Laufbahn mit einem Ge- fuͤhl von Ueberraschung und Erstaunen begleitet, wo- von ich mich noch kaum erholen kann. Das Prisma, das Herr Newton und ganz Europa in Haͤnden gehabt II. 34 hatte, konnte und sollte noch wirklich ein ganz neues Mittel zur Erfahrung und Beobachtung werden. Das Prisma auf alle moͤgliche Weise hin und wieder ge- dreht, aus allen Standpuncten angesehen, sollte das nicht durch so viel geschickte Haͤnde erschoͤpft worden seyn? Wer haͤtte vermuthen koͤnnen, daß alle diese Versuche, von denen die Welt geblendet ist, sich auf einen oder zwey zuruͤckfuͤhren ließen, auf eine einzige Ansicht und zwar auf eine ganz gemeine, aus hundert andern Ansichten, wie man das Prisma fassen kann, und aus tausend Erfahrungen und Beobachtungen so tiefsinnig als man sie vielleicht nicht machen sollte.“ „Niemals hatte Herr Newton einen andern Ge- genstand als sein farbiges Gespenst. Das Prisma zeigte es zuerst auch ganz unphilosophischen Augen. Die ersten welche das Prisma nach ihm handhabten, hand- habten es ihm nur nach. Sie setzten ihren ganzen Ruhm darein, den genauen Punct seiner Versuche zu erhaschen, und sie mit einer aberglaͤubischen Treue zu copiren. Wie haͤtten sie etwas anderes finden koͤnnen, als was er gefunden hatte? Sie suchten was er ge- sucht hatte, und haͤtten sie was anderes gefunden, so haͤtten sie sich dessen nicht ruͤhmen duͤrfen; sie wuͤrden sich selbst daruͤber geschaͤmt, sich daraus einen heimli- chen Vorwurf gemacht haben. So kostete es dem be- ruͤhmten Herrn Mariotte seinen Ruf, der doch ein ge- schickter Mann war, weil er es wagte, weil er ver- stand den betretenen Weg zu verlassen. Gab es jemals eine Knechtschaft, die Kuͤnsten und Wissenschaften schaͤd- licher gewesen waͤre?“ „Und haͤtte Herr Newton das Wahre gefunden; das Wahre ist unendlich und man kann sich nicht dar- in beschraͤnken. Ungluͤcklicher Weise that er nichts, als auf einen ersten Irrthum unzaͤhlige Irrthuͤmer haͤufen. Denn eben dadurch koͤnnen Geometrie und scharfe Fol- gerungen schaͤdlich werden, daß sie einen Irrthum fruchtbar und systematisch machen. Der Irrthum eines Ignoranten oder eines Thoren ist nur ein Irrthum; auch gehoͤrt er ihm nicht einmal an, er adoptirt ihn nur. Ich werde mich huͤten Herrn Newton einer Un- redlichkeit zu beschuldigen; andre wuͤrden sagen, er hat sich’s recht angelegen seyn lassen, sich zu betruͤgen und uns zu verfuͤhren.“ „Zuerst selbst verfuͤhrt durch das Prismengespenst sucht er es nur auszuputzen, nachdem er sich ihm ein- zig ergeben hat. Haͤtte er es doch als Geometer ge- messen, berechnet und combinirt, dagegen waͤre nichts zu sagen; aber er hat daruͤber als Physiker entscheiden, dessen Natur bestimmen, dessen Ursprung bezeichnen wollen. Auch dieses stand ihm frey. Das Prisma ist freylich der Ursprung und die unmittelbare Ursache der Farben dieses Gespenstes; aber man geht Stromauf- waͤrts, wenn man die Quelle sucht. Doch Herr New- ton wendet dem Prisma ganz den Ruͤcken, und scheint nur besorgt, das Gespenst in der groͤßten Entfernung aufzufassen; und nichts hat er seinen Schuͤlern mehr empfohlen.“ 34 * „Das Gespenst ist schoͤner, seine Farben haben mehr Einheit, mehr Glanz, mehr Entschiedenheit, je- mehr sie sich von der Quelle entfernen. Sollte aber ein Philosoph nur nach dem Spielwerk schoͤner Farben laufen? — Die vollkommensten Phaͤnomene sind im- mer am entferntesten von ihren geheimen Ursachen, und die Natur glaͤnzt niemals mehr, als indem sie ihre Kunst mit der groͤßten Sorgfalt verbirgt.“ — „Und doch wollte Herr Newton die Farben tren- nen, entwirren, zersetzen. Sollte ihn hier die Geome- trie nicht betrogen haben? Eine Gleichung laͤßt sich in mehrere Gleichungen aufloͤsen; jemehr Farben, der Zahl nach verschieden, ihm das Gespenst zeigte, fuͤr desto einfacher, fuͤr desto zersetzter hielt er sie. Aber er dachte nicht daran, daß die Natur mannigfaltig und zahlreich in ihren Phaͤnomenen, in ihren Ursachen sehr einfach, fast unitarisch, hoͤchstens und sehr oft trinita- risch zu seyn pflege.“ „Und doch ist das Prisma, wie ich gestehe, die unmittelbare und unleugbare Ursache des Gespenstes; aber hier haͤtte Herr Newton aufmerken und sehen sol- len, daß die Farben nur erst in gevierter Zahl aus dem Prisma hervortreten, sich dann aber vermischen, um sieben hervorzubringen, zwoͤlfe wenn man will, ja eine Unzahl.“ „Aber zu warten bis die Farben recht verwickelt sind, um sie zu entwirren, mit Gefahr sie noch mehr zu verwirren, ist das eine Unredlichkeit des Herzens, die ein schlechtes System bemaͤntelt, oder eine Schief- heit des Geistes, die es aufzustutzen sucht?“ „Die Farben kommen fast ganz getrennt aus dem Prisma in zwey Buͤndeln, durch einen breiten Streif weißen Lichtes getrennt, der ihnen nicht erlaubt sich zusammen zu begeben, sich in eine einzige Erscheinung zu vereinigen, als nach einer merklichen Entfernung, die man nach Belieben vergroͤßern kann. Hier ist der wahre Standpunct, guͤnstig fuͤr den, der die redliche Gesinnung hat, das zusammengesetzte Gespenst zu ent- wirren. Die Natur selbst bietet einem Jeden diese An- sicht, den das gefaͤhrliche Gespenst nicht zu sehr bezau- bert hat. Wir klagen die Natur an, sie sey geheim- nißvoll; aber unser Geist ist es, der Spitzfindigkeiten und Geheimnisse liebt. Naturam expellas furca, tamen usque recurret.“ „Herr Newton hat mit Kreuzesmarter und Gewalt hier die Natur zu beseitigen gesucht; tausendmal hat er dieses primitive Phaͤnomen gesehen; die Farben sind nicht so schoͤn, aber sie sind wahrer, sie sprechen uns natuͤrlicher an. Von dieser Erscheinung spricht der große Mann, aber im Vorbeygehen und gleichsam vorsaͤtzlich, daß nicht mehr davon die Rede sey, daß die Nachfolger gewissermaßen verhindert werden, die Augen fuͤr die Wahrheit zu eroͤffnen.“ „Er thut mehr. Auch wider Willen wuͤrde man das rechte Verhaͤltniß erkennen beym Gebrauch eines großen Prisma’s, wo das weiße Licht, das die zwey ur- spruͤnglichen Farbensaͤume trennt, sehr breit ist. In einem kleinen Prisma sind die beyden Saͤume naͤher beysam- men. Sie erreichen einander viel geschwinder und betruͤ- gen den unaufmerksamen Beobachter. Herr Newton giebt kleinen Prismen den Vorzug; die beruͤhmtesten Prismen sind die englischen, und gerade diese sind auch die kleinsten.“ „Ein geistreicher Gegner Newtons sagte mit Ver- druß: diese Prismen sind saͤmmtlich Betruͤger, alle zur Theatererscheinung des magischen Gespenstes zugerichtet. Aber das Uebermaß Newtonischer — Unredlichkeit sage ich nicht, sondern wohl nur Newtonischen Irrthums zeigt sich darin, daß man sich nicht mit kleinen Pris- men begnuͤgt, sondern uns uͤber alles anempfiehlt, ja nur den feinsten, leisesten Strahl hereinzulassen, so daß man uͤber die Kleinheit der Oeffnung, wodurch der Sonnenstrahl in eine dunkle Kammer fallen soll, recht spitzfindig verhandelt und ausdruͤcklich verlangt, das Loch soll mit einem feinen Nadelstich in einer bleiernen oder kupfernen Platte angebracht seyn. Ein großer Mann und seine Bewunderer behandeln diese Kleinig- keiten nicht als geringfuͤgig; und das ist gewiß, haͤtte man uns Natur und Wahrheit vorsaͤtzlich verhuͤllen wollen, was ich nicht glaube, so haͤtte man es nicht mit mehr Gewandtheit anfangen koͤnnen. Ein so fei- ner Strahl kommt aus dem Prisma mit einem so schmalen weißen Licht, und seine beyden Saͤume sind schon dergestalt genaͤhert zu Gunsten des Gespenstes und zu Ungunsten des Beschauers.“ „Wirklich zum Unheil dessen, der sich betruͤgen laͤßt. Das Publicum sollte demjenigen hoͤchlich danken, der es warnt: denn die Verfuͤhrung kam dergestalt in Zug, daß es aͤußerst verdienstlich ist, ihre Fortschritte zu hemmen. Die Physik mit andern ihr verwandten Wissenschaften und von ihr abhaͤngigen Kuͤnsten war ohne Rettung verloren durch dieses System des Irr- thums und durch andere Lehren, denen die Autoritaͤt desselben statt Beweises diente. Aber in diesen wie in jenem wird man kuͤnftig das Schaͤdliche einsehen.“ „Sein Gespenst ist wahrhaft nur ein Gespenst, ein phantastischer Gegenstand, der an nichts geheftet ist, an keinen wirklichen Koͤrper; es bezieht sich vielmehr auf das, wo die Dinge nicht mehr sind, als auf ihr Wesen, ihre Substanz, ihre Ausdehnung. Da wo die Koͤrper endigen, da, ganz genau da, bildet es sich; und welche Groͤße es auch durch Divergenz der Strahlen erhalte, so gehen diese Strahlen doch nur von Einem Puncte aus, von diesem untheilbaren Puncte, der zwey angraͤnzende Koͤrper trennt, das Licht des einen von dem naheliegenden Schatten oder dem schwaͤcheren Licht des andern.“ Friede mit seiner Asche! Uns aber verzeihe man, wenn wir mit einigem Behagen darauf hinsehen, daß wir einen solchen Mann, der zwar nicht unter die er- sten Geister, aber doch unter die vorzuͤglichen seiner Nation gehoͤrt, gegen seine Landsleute in Schutz ge- nommen, und seinem Andenken die verdiente Achtung wieder hergestellt haben. Technische Malerey . Die Nachahmung von braunen Zeichnungen durch mehrere Holzstoͤcke, welche in Italien zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts von Andreas Andreani und andern versucht wurde, ist Liebhabern der Kunst ge- nugsam bekannt. Spaͤter thut sich die Nachahmung der Malerey oder bunter Zeichnungen durch mehrere Platten hervor. Lastmann, Rembrands Lehrer, soll sich damit beschaͤftigt haben. Ohne daß wir hieruͤber besondere Nachforschungen angestellt haͤtten, so scheint uns, daß die Erfindung der schwarzen Kunst dem Abdruck bunter Bilder vor- ausgehen mußte. Sehr leicht fand sich sodann der Weg dahin. Durch Zufall, aus Scherz, mit Vorsatz konnte man eine schwarze Kunstplatte mit einer andern Farbe abdrucken, und bey dem ewigen Streben der menschlichen Natur von der Abstraction, wie doch alle Monochromen angesehen werden koͤnnen, zu der Wirklichkeit und also auch zu der farbigen Nachah- mung der Oberflaͤchen, war ein wiederholter theilwei- ser Abdruck derselben Platte, ein Druck mit mehreren Platten, ja das Malen auf die Platte, stufenweise ganz wohl zu denken. Daß jedoch diese Art von Arbeit zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts noch nicht bekannt und uͤblich war, laͤßt sich daraus schließen, daß De la Hire in sei- nem sehr schoͤnen und unterrichtenden Tractat uͤber die praktische Malerey dieser bunten Drucke nicht erwaͤhnt, ob er gleich sonst sehr ausfuͤhrlich ist, und auch eini- ger ganz nahe verwandten Kuͤnste und Kuͤnsteleyen ge- denkt und uns mit dem Verfahren dabey bekannt macht. Gegenwaͤrtig haben wir zu unsern Zwecken zwey Maͤnner anzufuͤhren, welche sich besonders in der Epoche, bey der wir verweilen, in diesem Fache mit Eifer be- muͤht haben. Le Blon . Gebuͤrtig von Frankfurt am Main, steht nicht bloß hier seines Namens wegen unter den Franzosen, sondern weil er sich in Frankreich und England thaͤtig bewiesen. Er versuchte erst, nach der Newtonischen Lehre, mit sieben Platten zu drucken; allein er bringt bey gro- ßer Beschwerlichkeit nur einen geringen Effect hervor. Er reducirt sie deshalb auf drey und verharrt bey dieser Methode, ohne daß ihm jedoch seine Arbeit, die er mehrere Jahre fortsetzt, sonderlich Vortheil verschafft. Er legt seinen Druckbildern kein Clair-obscuͤr, etwa durch eine schwarze Platte, zum Grunde; sondern seine Schwaͤrze, sein Schatten, soll ihm da entstehen, wo beym Abdruck die drey Farben zusammentreffen. Man wirft ihm vor, daß seine Behandlung unvollkommen gewesen, und daß er deshalb viel retouchiren muͤssen. Indeß scheint er der erste zu seyn, der mit dieser Ar- beit einiges Aufsehen erregt. Sein Programm, das er in London deshalb herausgegeben, ist uns nicht zu Ge- sicht gekommen; es soll dunkel und abstrus geschrieben seyn. Gautier . Ein thaͤtiger, rascher, etwas wilder, zwar talent- voller, aber doch mehr als billig zudringlicher und Auf- sehen liebender Mann. Er studirte erst die Malerey, dann die Kupferstecherkunst, und kommt gleichfalls auf den Gedanken, mit drey farbigen Platten zu drucken, wobey er eine vierte, die das Clair-obscuͤr leisten soll, zum Grunde legt. Er behauptet, seine Verfahrungsart sey eine ganz andre und bessere als die des Le Blond, mit welchem er uͤber die Prioritaͤt in Streit geraͤth. Seine Myologie kommt 1746, die Anatomie des Haup- tes und ein Theil der Nervenlehre 1748, in Paris heraus. Die Arbeit ist sehr verdienstvoll; allein es ist uͤberaus schwer uͤber das eigentliche Verfahren, wel- ches er beym Druck dieser colorirten Tafeln angewen- det, etwas Befriedigendes zu sagen. Dergleichen Dinge lassen sich nicht ganz mechanisch behandeln; und ob es gleich ausgemacht ist, daß er mit mehrern Platten ge- druckt, so scheint es doch, daß er weniger als viere angewendet, daß auf die Clairobscuͤr-Platte stellenweise schon gemalt worden, und daß sonst auch durch eine zaͤrtere kuͤnstlerische Behandlung diese Abdruͤcke den Grad der Vollkommenheit erreicht haben, auf welchem wir sie sehen. Indessen, da er auf dem praktischen und techni- schen Malerweg uͤber die Farben zu denken genoͤthigt ist; so muß er freylich darauf kommen, daß man aus drey Farben alle die uͤbrigen hervorbringen kann. Er faßt daher, wie Castel und andere, ein richtiges Aper- ç uͤ gegen Newton und verfolgt es, indem er die pris- matischen Versuche durcharbeitet. Im November des Jahres 1749 traͤgt er der Aka- demie ein umstaͤndliches Memoire vor, worin er so- wohl gegen Newton polemisirt, als auch das was er theoretisch fuͤr wahr haͤlt, niederlegt. Diese gelehrte Gesellschaft war nun schon so groß und maͤchtig, daß sie der Wissenschaft schaden konnte. Vorzuͤgliche Mit- glieder derselben, wie Nollet und Buͤffon, hatten sich der Newtonischen Lehre hingegeben. Gautier’s Zudring- lichkeit mag hoͤchst unbequem gewesen seyn. Genug, sein Aufsatz ward nicht in die Memoiren der Akademie aufgenommen, ja man erwaͤhnte desselben nicht einmal in der Geschichte der Verhandlungen. Wir haͤtten auch nichts davon erfahren, waͤre uns nicht eine wunder- liche lateinische Uebersetzung desselben zu Handen gekom- men, welche ein Pariser Chirurgus, Carl Nicolaus Jenty, London 1750 herausgegeben, unter dem Titel: φωτωφυσις χροαγενεσις De optice Errores Isaaci Newtonis Aurati Equitis demonstrans . Diese, wie der Titel, fehlerhafte, ungrammatische, incorrecte, uͤber- haupt barbarische Uebersetzung konnte freylich kein Gluͤck machen, obgleich der Inhalt dieses Werkchens sehr schaͤtzenswerth, mit Einsicht und Scharfsinn concipirt, und mit Lebhaftigkeit und Ordnung vorgetragen ist. Wir haben uns jedoch dabey nicht aufzuhalten, weil es eigentlich nur eine Art von Auszug aus dem groͤ- ßern Werke ist, von dem wir umstaͤndlicher handeln werden. Uebrigens wollen wir nicht laͤugnen, daß wir fast durchgaͤngig mit ihm einig sind, wenige Stellen ausgenommen, in welchen er uns verkuͤnstelnd zu ver- fahren scheint. Sein ausfuͤhrliches Werk fuͤhrt den Titel: Chroa- genesie ou Génération des Couleurs, contre le sy- stème de Newton. à Paris 1750. 51. II. Tomes in 8. Die Darstellung seiner Farbentheorie, so wie die Con- trovers gegen die Newtonische, gehen erst im zweyten Bande, Seite 49 an. Das Allgemeine von beyden fin- det sich Seite 60 bis 68. Von da an folgen umstaͤnd- liche antinewtonische Versuche. 1) Mit Pergamentblaͤttchen vor der Oeffnung in der dunkeln Kammer. Steigerung dadurch von Gelb auf Roth. (E. 170). 2) Er entdeckt, daß der untere blaue Theil der Flamme nur blau erscheint, wenn sich Dunkel, nicht aber wenn ein Helles sich dahinter befindet. (E. 159.) Weil er aber das, was wir durch Truͤbe aussprechen, noch durch Licht ausspricht, so geht er von dieser Er- fahrung nicht weiter; sie thut ihm genug, ob es gleich nur ein einzelner Fall ist. 3) Er haͤlt fest darauf, daß bey prismatischen Versuchen die Farben nicht erscheinen als nur da, wo eine dunkle Flaͤche an eine helle graͤnzt; ferner daß diese durch Refraction gegen einander bewegt werden muͤssen, und erklaͤrt daher ganz richtig, warum die per- pendicularen Graͤnzen nicht gefaͤrbt werden. (E. 197. ff.) 4) Weil er aber immer noch mit Strahlen zu thun hat, so kann er damit nicht fertig werden, war- um das Bild an der Wand und das im Auge, bey gleicher Lage des brechenden Winkels, umgekehrt ge- faͤrbt sind. Er spricht von auf- und niedersteigenden Strahlen. Haͤtte er es unter der Formel des auf- und niedergeruͤckten Bildes ausgesprochen, so war alles ab- gethan. Bey dieser Gelegenheit entwickelt er ganz rich- tig den ersten Versuch der Newtonischen Optik, auf die Weise, wie es auch von uns geschehen. (P. 34. ff.) 5) Ein Wasserprisma theilt er in der Mitte durch eine Wand, fuͤllt die eine Haͤlfte mit einem schoͤnen rothen, die andere mit einem schoͤnen blauen Liquor, laͤßt durch jedes ein Sonnenbild durchfallen, und be- merkt dabey die Verruckung und Faͤrbung. Es ist die- ses ein sehr guter Versuch, der noch besonders unter- richtend werden kann, wenn man durch eine etwas groͤßere Oeffnung die Lichtscheibe halb auf die eine, halb auf die andere Seite fallen laͤßt; da sich denn nach der Refraction das wahre Verhaͤltniß gar schoͤn ausspricht. Es versteht sich von selbst, daß man suc- cessiv mehrere Farben neben einander bringen kann. Bey dieser Gelegenheit wird das zweyte Experi- ment Newtons critisirt und auf die Weise, wie wir auch gethan haben, gezeigt, daß man nur Hellblau zu nehmen habe, um das wahre Verhaͤltniß der Sache einzusehen. (P. 47. ff.) 6) Versuch mit dem subjectiven Herunterruͤcken des objectiven Bildes, dessen Entfaͤrbung und Umfaͤrbung. 7) Versuch mit einem linsenfoͤrmigen Prisma, d. h. mit einem solchen dessen eine Seite convex ist. Wir sind nie dazu gelangt, mit einer solchen Vorrichtung zu operiren, und lassen daher diese Stelle auf sich beruhen. 8) Versuch gegen das sogenannte Experimentum Crucis. Wir glauben die Sache kuͤrzer gefaßt zu ha- ben. (P. 114. ff.) 9) Diese Nummer ist uͤbersprungen. 10) In Gefolg von Nummer 8. Bey der Ent- wicklung des Experimentum Crucis scheint uns der Verfasser die verschiedene Incidenz allzusehr zu urgiren. Zwar ist etwas daran; aber die Eminenz des Phaͤno- mens wird dadurch nicht zum Vorschein gebracht. 11) Versuch gegen die Newtonische Behauptung gerichtet: die different refrangiblen Strahlen seyen auch different reflexibel. Der Gedanke, das Spectrum durch einen Planspiegel aufzufassen, und es nach allerley Seiten hin zu werfen, unter solchen Winkeln und Be- dingungen, daß eine diverse Reflexibilitaͤt sich darthun muͤßte, wenn sie existirte, ist lobenswerth. Man wende jedoch einen metallnen Spiegel an, damit keine Irrung durch die unter Flaͤche entstehe, und man wird, wie Gautier, finden, daß die Farben des Spectrums nach ihrem Einfalls-Winkel zuruͤckgeworfen werden und kei- neswegs eine diverse Reflexion erleiden. Bey dieser Gelegenheit gedenkt er des neunten Newtonischen Ver- suchs, den wir aufs genaueste analysirt, (P. 196—203.) und ihm eine besondre Tafel, die achte, gewidmet ha- ben. Der Verfasser sieht denselben an wie wir, so wie auch den zehnten. 12) Versuch gegen das erste Theorem des zweyten Theils des ersten Buchs der Optik, wo Newton be- hauptet: die Graͤnze des Lichtes und Schattens trage nichts zur Entstehung der prismatischen Farbe bey. Gautier fuͤhrt mit Recht uͤber den mittleren weißen Theil der prismatischen Erscheinung eines großen Pris- ma’s seinen Finger oder einen Stab, und zeigt dadurch die bloß an der Graͤnze entstehenden Farben. Dabey erzaͤhlt er, daß die Newtonianer sich gegen dieses Phaͤ- nomen dadurch retten wollen, daß sie behaupteten: erst am Finger gehe die Brechung vor. Man sieht, daß dieser Secte schon vor sechzig Jahren eben so unbedenk- lich war, Albernheiten zu sagen, wie am heutigen Tag. 13) Er bringt zu Bestaͤtigung seiner Erklaͤrung noch einen complicirten Versuch vor, dessen Werth wir andern zu pruͤfen uͤberlassen. 14) Er laͤßt das Spectrum auf eine durchloͤcherte Pappe fallen, so daß jede Farbe einzeln durchgeht. Hier, durch eine zweyte Begraͤnzung, ohne wiederholte Refraction, erscheinen die Farbenbildchen nach dem er- sten Gesetz aufs neue gesaͤumt, und widerlegen die Lehre von Unveraͤnderlichkeit der sogenannten homogenen Lich- ter. Der Verfasser gedenkt mit Ehren Mariotte’s, der dieses Phaͤnomen zuerst vor ihm beobachtete. 15) Er wendet hier abermals das Prisma mit der convexen Seite an, die mit einer Art von fein durchloͤ- chertem siebartigen Deckel bedeckt ist, und bringt da- durch mannigfaltige Abwechselung der Erscheinung her- vor, wodurch er seine Behauptungen beguͤnstigt glaubt. Wir haben diesen Versuch nicht nachgebildet. 16) Verbindung der Linse und des Prisma’s, wo- durch die Farben des Spectrums zum Weißen vereinigt werden sollen. Hiebey Versuch mit einem T, der an seinem Ort zu entwickeln ist. Hiermit endigen sich die antinewtonischen Ver- suche. Ueber Newtons Erklaͤrung des Regenbogens. Ueber die Nebensonnen, wobey die paroptischen Farben zur Sprache kommen. Ueber die bleibenden Farben der Koͤrper. Erst gegen die Erklaͤrungsart Newtons; dann leitet der Ver- fasser Weiß und Schwarz ohngefaͤhr wie Boyle ab. Das Blaue bringt er durch das Helle uͤber dem Dunk- len hervor; das Rothe umgekehrt, welches freylich nicht ganz so gluͤcklich ist; das Gelbe auf eben die Weise und mit mehrerem Recht. Er beschreibt manche Versuche, um diese Lehre zu bestaͤtigen. Der Kuͤrze halben beziehen wir uns auf unsere Darstellung der Sache (E. 501. ff.) Hierauf folgt die Erklaͤrung seiner Kupfertafeln und zugleich eine Zuruͤckweisung auf die Stellen des Werks, zu welchen sie eigentlich gehoͤren. II. 35 Haͤtte er seiner Controvers, an welcher wir wenig auszusetzen finden, eine etwas ausfuͤhrlichere Farben- lehre folgen lassen, und sich damit begnuͤgt, ohne die ganze uͤbrige Naturlehre umfassen zu wollen; so haͤtte er vielleicht mehr Wirkung hervorgebracht. Allein sein Fehler, wie der seiner Vorgaͤnger, besteht darin, daß Newton, weil seine Farbenlehre unhaltbar befunden wird, auch in gar Nichts recht haben soll, daß man also unternimmt, auch alles uͤbrige was er geleistet, zu critisiren, ja was noch schlimmer ist, ein eignes Sy- stem dagegen aufzubauen, und sich etwas das viel uͤber seine Kraͤfte geht, anzumaßen. In gedachtem Sinne hat leider Gautier ein zwey- tes Titelblatt seinem Buche vorgesetzt: Nouveau sy- stème de l’Univers, sous le titre de Chroa-genesie ou Critique des prétendues découvertes de Newton. Und so enthaͤlt denn der erste Theil nichts was sich auf Farbe bezieht, sondern behandelt die allgemein- sten physischen und damit verwandten metaphysischen Gegenstaͤnde, denen Gautier, ob er sich gleich historisch genugsam mit ihnen bekannt gemacht, dennoch weder als Philosoph, noch als Naturforscher gewachsen seyn mochte. Erst am Schlusse des ersten Theils findet man et- was uͤber die Geschichte der Farbenlehre. Der Anfang des zweyten gibt einen kurzen Abriß der im ersten ver- handelten allgemeinen, physisch-metaphysischen Princi- pien, von denen der Verfasser zuletzt auf das Licht uͤbergeht, und um Newtonen auch in der Behandlung keinen Vorzug zu lassen, mit Definitionen und Axio- men geruͤstet auftritt, sodann die Definitionen und Axiomen Newtons wiederholt; da denn erst auf der neunundvierzigsten Seite des zweyten Theils die Haupt- sache wirklich zur Sprache kommt, die wir oben aus- fuͤhrlich ausgezogen haben. Hiernach mag man erkennen, warum dem Verfas- ser nicht gegluͤckt ist, Wirkung hervorzubringen. Seine Controvers, so wie seine theoretische Ueberzeugung haͤt- te sich ganz isolirt darstellen lassen. Beyde hatten mit Anziehen und Abstoßen, mit Schwere und sonst dergleichen Allgemeinheiten gar nichts zu schaffen. Wollte er die Farbenlehre an die Physik uͤberhaupt an- schließen, so mußte er einen andern Weg einschlagen. Außerdem begeht er noch einen Haupt- und Grund- fehler, daß er mit Strahlen zu operiren glaubt, und also, wie seine Vorgaͤnger, den Gegner ganz im Vor- theil laͤßt. Auch sind seine Figuren nicht gluͤcklich; es gilt von ihnen, was wir von den Rizzettischen gesagt haben. Newton hatte seine falsche Lehre symbolisch auszudruͤcken verstanden; seine Gegner wissen fuͤr das Wahre keine entschiedene Darstellung zu finden. Von dem mannigfaltigen Verdruß den er ausge- standen, so wie von allerley Argumentationen die er gegen die Schule gefuͤhrt, gibt uns der leidenschaft- liche Mann selbst Nachricht, in einer Art von physika- 35 * lischem Journal, das er aber nicht weit gefuͤhrt. Die drey Hefte, welche den ersten Band ausmachen und zu Paris 1752 herausgekommen, liegen vor uns und fuͤh- ren den Titel: Observations sur l’histoire naturelle, sur la physique et sur la peinture, avec des Planches imprimées en couleur. Sie enthalten ein wahres Quodlibet von Naturgeschichte und Naturlehre, jedoch, wie man gestehen muß, durchaus interessante Materien und Gegenstaͤnde. Sie sind auf bunte Tafeln gegruͤn- det, nach Art des großen anatomischen Werks. In diesen Heften fehlt es nicht an verschiedenen Aufsaͤtzen, seine Controvers mit Newton und der New- tonischen Schule betreffend. Er kann sich freylich da- bey nur, wie wir auch gethan, immer wiederholen, sich verwundern und aͤrgern, da die Sache im Grunde so simpel ist, daß sie jedes verstaͤndige unbefangene Kind bald einsehen muͤßte. Wie aber die gelehrte und naturforschende Welt damals durch das Newtonische Spectrum benebelt gewesen, so daß sie sich gar nichts anderes daneben denken koͤnnen, und wie ihnen die Natur dadurch zur Unnatur geworden, ist auch aus diesen Blaͤttern hoͤchst merkwuͤrdig zu ersehen. Nach allem diesem bleibt uns nichts uͤbrig als nochmals zu bekennen und zu wiederholen, daß Gau- tier unter denen, die sich mit der Sache beschaͤftigt, nach Rizzetti am weitesten gekommen, und daß wir ihm, in Absicht auf eine freyere Uebersicht der Contro- vers sowohl als der an die Stelle zu setzenden naturge- maͤßen Lehre, gar manches schuldig geworden. Zu der Zeit, als diesen tuͤchtigen Mann die fran- zoͤsische Akademie unterdruͤckte, lag ich als ein Kind von einigen Monaten in der Wiege. Er, umgeben von so vielen Widersachern, die er nicht uͤberwinden konnte, obgleich beguͤnstigt und pensionirt vom Koͤnige, sah sich um eine gewuͤnschte Wirkung und eben so wie treffliche Vorgaͤnger um seinen guten Ruf gebracht. Ich freue mich, sein Andenken, obgleich spaͤt, zu rehabiliti- ren, seine Widersacher als die meinigen zu verfolgen und den von ihm, da er nicht durchdringen konnte, oft geaͤußerten Wunsch zu realisiren: Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor. Celestin Cominale . Er war Professor der Philosophie bey dem koͤnig- lichen Gymnasium zu Neapel. Von seinem Werke An- ti-Newtonianismus kam daselbst der erste Theil 1754, der zweyte 1756 in Quart heraus. Es ist eigentlich eine Bearbeitung des Gautierschen Werkes, welche wohlge- rathen genannt werden kann. Der Verfasser hat mehr Methode als sein Vor- gaͤnger: denn er widmet den ersten Theil gleich ohne Umschweife der Controvers gegen Newtons Farbenlehre, und den neu aufzustellenden theoretischen Ansichten. Er hat sich vollkommen von den Ueberzeugungen seines Vorgaͤngers durchdrungen, und auch außerdem die Ma- terie, sowohl theoretisch als praktisch, gut durchstudirt, so daß er das Werk wohl sein eigen nennen konnte. Der zweyte Theil behandelt die uͤbrigen physisch-meta- physischen Gegenstaͤnde, welche Gautier in seinem er- sten Buche abgehandelt hatte. Die Tafeln, welche sich alle auf den ersten Theil beziehen, stellen theils New- tonische, theils Gautiersche, theils eigene Figuren vor. Im Ganzen ist es merkwuͤrdig, daß Gautier, der un- ter seinen Landsleuten keine Wirkung hervorbringen konnte, aus der Ferne sich eines so reinen Widerhal- les zu erfreuen hatte. Vielleicht geben uns diejenigen, welche mit der italiaͤnischen Literatur bekannt sind, Nachricht von dem, was man uͤber Cominale damals in seinem Vaterlande geurtheilt. Seine Wirkung konnte jedoch sich nicht weit erstrecken: denn die Newtonische Lehre war schon in die Jesuiten-Schulen aufgenommen. Le Suͤeur und Jacquier hatten die Newtonischen Schriften schon mit einem durchgehenden Commentar versehen, und so war dem Anti-Newtonianism Rom so wie die uͤbrige ge- lehrte Welt verschlossen, und die Flamme der Wahr- heit, die sich wieder hervorthun wollte, abermals mit Schulasche zugedeckt. Wir verlassen nunmehr Frankreich und das Aus- land und wenden den Blick gegen das Vaterland. Deutsche Große und thaͤtige Welt . Wir setzen diese Rubrik hieher, nicht um sie aus- zufuͤllen, sondern nur anzudeuten, daß an diesem Pla- tze eine ganz interessante Abhandlung stehen koͤnnte. Die deutschen Hoͤfe hatten schon zu Anfange des vorigen Jahrhunderts viele Verdienste um die Wissen- schaften. Sowohl Fuͤrsten als Fuͤrstinnen waren aufge- regt, beguͤnstigten gelehrte Maͤnner, und suchten sich selbst zu unterrichten. Johann Wilhelm, Churfuͤrst von der Pfalz, nahm 1704 Hartsoekern in seine Dienste. Dieser hatte schon in seinem Essay de Dioptrique die diverse Refrangibi- litaͤt anerkannt, doch auf seine Weise erklaͤrt, und sie den verschiedenen Geschwindigkeiten der farbigen Strah- len zugeschrieben. Was der Casselsche Hof, was die Hoͤfe Nieder- deutschlands gethan, und wie fern auch die Newtoni- sche Lehre zur Sprache gekommen, und Gunst erhalten, wird in der Folge zu untersuchen seyn. Nur eins koͤn- nen wir anfuͤhren, daß Professor Hamberger 1743 nach Gotha berufen wird, um die Newtonischen Ver- suche, welche die allgemeine Aufmerksamkeit erregt, bey Hofe vorzuzeigen. Wahrscheinlich hat man das Zimmer recht dunkel gemacht, durch das foramen exiguum im Fensterladen erst den sogenannten Strahl hereingelassen, das fertige prismatische Bild an der Wand gezeigt, mit einem durchloͤcherten Bleche die einzelnen Farben dargestellt, und durch eine zweyte ungleiche Verruͤckung, durch das sogenannte Experimentum Crucis, auf der Stelle die hoͤchsten Herrschaften und den saͤmmtlichen Hof uͤberzeugt; so daß Hamberger triumphirend zur Akademie zuruͤckkehren konnte. Deutsche Gelehrte Welt . Um die Thaͤtigkeit derselben und was sie in dieser Sache gewirkt, kennen zu lernen, haben wir uns vor- zuͤglich auf Akademieen umzusehen. Was und wie es gelehrt worden, davon geben uns die Compendien am besten und kuͤrzesten Nachricht. Jeder der ein Lehrbuch schreibt, das sich auf eine Erfahrungswissenschaft bezieht, ist im Falle eben so oft Irrthuͤmer als Wahrheiten aufzuzeichnen: denn er kann viele Versuche nicht selbst machen, er muß sich auf an- derer Treu und Glauben verlassen und oft das Wahr- scheinliche statt des Wahren aufnehmen. Deswegen sind die Compendien Monumente der Zeit, in welcher die Data gesammelt wurden. Deswegen muͤssen sie auch oft erneuert und umgeschrieben werden. Aber in- dem sie neue Entdeckungen geschwind aufnehmen und einige Capitel dadurch verbessern, so erhalten sie in an- dern falsche Versuche und unrichtige Schlußfolgen desto laͤnger. Wenn nun der Compendienschreiber gewoͤhnlich das benutzt, was er schon voͤllig fertig vor sich findet, so war die Boylische Bemuͤhung viele Farben-Phaͤnomene zusammenzustellen und gewissermaßen zu erklaͤren, sol- chen Maͤnnern sehr angenehm, und man findet auch noch bis uͤber das erste Viertel des achtzehnten Jahr- hunderts diese Methode herrschen, bis sie endlich von der Newtonischen Lehre voͤllig verdraͤngt wird. Wir wollen die Compendien, die uns bekannt ge- worden, besonders die deutschen, welche bey Mehrheit der Universitaͤten, zu einer groͤßern Anzahl als in an- dern Laͤndern anwuchsen, kuͤrzlich anzeigen und das hie- her gehoͤrige mit wenigem ausziehn. Physica oder Naturwissenschaft durch Scheuchzer , erste Ausgabe 1703. Ein wuͤrdiger, wohlgesinnter, fleißiger und unter- richteter Mann bringt in diesem Werke meistens die Geschichte der Meynungen mit vor, und geht von der Metaphysik seiner Zeit zur Physik uͤber. Die Farben- lehre uͤberliefert er nach Boyle, Hook und Descartes. In der zweyten Ausgabe von 1711 fuͤgt er ein besonderes Capitel bey, worin er die Newtonische Lehre nach Anleitung der Optik genau und umstaͤndlich vor- traͤgt, so wie er auch die Kupfertafeln nachstechen laͤßt. Die Newtonische Lehre steht, wie eine unverarbeitete Masse, gleichsam nur literarisch da; man sieht nicht, daß er irgend ein Experiment mit Augen gesehen, oder uͤber die Sachen gedacht habe. Hermann Friedrich Teichmeyer . Amoenitates, Jena 1712. Haͤlt sich noch an Hook und Boyle. Man findet keine Newtonische Spur. Deutsche Physik durch Theodor Hersfeld , 1714. Der wahre Name ist Conrad Mel. Ein pedantisches, philisterhaftes Werk. Die Farbenerscheinungen bringt er confus und ungeschickt genug hervor. Er will die Farben der Koͤrper aus der verschiedenen Art ihrer Theile herleiten, so wie aus den von ihnen wunderlich zuruͤckgeworfenen Lichtstrahlen. Die Newtonische Lehre scheint er gar nicht zu kennen. Martin Gotthelf Loͤscher . Physica experimenta- lis, Wittenberg 1715. Scheint ein Schuͤler von Teich- meyern zu seyn, wenigstens sind die Phaͤnomene bey- nahe eben dieselben, so wie auch die Erklaͤrung. Bey ihm ist color, tertia affectio specialis cor- porum naturalium, seu ea lucis in poris ac super- ficiebus corporum modificatio, quae eadem nobis sistit colorata et diverso colore praedita. Man er- kennt hier Boylen; Newtons wird nicht erwaͤhnt. Johannes Wenceslaus Caschubius . Elementa Physicae, Jena 1718. Hier faͤngt schon der Refrain an, den man kuͤnftig immer fort hoͤrt: si per foramen ro- tundum etc. Er thut die apparenten und koͤrperlichen Farben in ein paar Paragraphen nach Newtonischer Art ab. Vernuͤnftige Gedanken von den Wirkungen der Natur, von Christian Wolff 1723. Der Verf. beweist die Lehre von der Heterogeneitaͤt des Lichtes a priori. Julius Bernhard von Rohr . Physikalische Biblio- thek, Leipzig 1724. Seine Literatur ist sehr mager; mit Newton mag er nichts zu thun haben, weil er lie- ber kuͤnstliche und mechanische Zusammensetzungen, als muͤhsame Ausrechnungen befoͤrdert wuͤnscht. Johann Matthaͤus Barth . Physica generalior, Regensburg 1724. Ein Geistlicher und wohldenkender Mann, der dem Aberglauben entgegen arbeitet, und sich daher mit Naturlehre abgibt, doch nicht sowohl selbst versucht, als das was andre geleistet, zusammen- stellt. Im Paragraphen von den Farben folgt er Boylen, gedenkt der Lehre Newtons, laͤßt sich aber nicht darauf ein, und hat folgende merkwuͤrdige Stelle: „Es hat mich Herr Baier, Professor Theologiae zu Altorf, einst im Discours versichert, daß er in derglei- chen Versuchen (den Newtonischen naͤmlich, von denen eben die Rede ist) betruͤgliche Umstaͤnde gefunden, wel- che er publicirt wuͤnschte.“ Dieses ist die erste Spur die ich finde, daß ein Deutscher gegen die Newtonische Lehre einigen Zweifel erregt. Ferner gedenkt Barth dessen, was Mariotte derselben entgegengesetzt. Johann Friedrich Wucherer . Institutiones phi- losophiae naturalis eclecticae. Jena 1725. Vom 238 §. an. Die Farbe sey nichts Reelles. Das Reelle sey, was existire, wenn es auch Niemand daͤchte; aber es gebe keinen Schmerz, wenn ihn Niemand fuͤhlte. Darin kaͤmen alle neueren Physiker uͤberein. Wenn das Licht weggenommen ist, sieht man alles schwarz. Blinde koͤn- nen Farben fuͤhlen, z. B. Boylens Vermaasen. Finch Tractatus de coloribus. Schmidii dissertatio caecus de colore judicans. Sturm fuͤhrt ein Exempel an, daß ein Blinder die verschiedenen Farben riechen konnte. vid. illius physicam hypotheticam. Die Farben kom- men also von der Verschiedenheit der Oberflaͤche der Koͤr- per her, et hinc pendente reflexione, refractione, in- fractione, collectione, dissipatione radiorum solarium. Gruͤnde die Boyle angibt. Bey veraͤndertem Licht ver- aͤndern sich die Farben. So auch bey veraͤnderter Ober- flaͤche, wie auch durch veraͤnderte Lage. Hier bringt er nicht sehr gluͤcklich die Regentropfen und das Pris- ma vor. Nachdem er seine Lehre auf die verschiedenen Farben angewendet, faͤhrt er fort: Haec equidem non sine ratione dicuntur et ad colores supra dic- tos non sine specie veri accommodantur. At vero ad specialia ubi descendimus, difficultates omnino tales occurrunt, quibus solvendis spes ulla vix su- perest. Er citirt Hamelius de corporum affectionibus, Weidlerus in Explicatione nova Experimentorum Newtonianorum. Er kennt Newtons Lehre, nimmt aber keine Notiz davon. Hermann Friedrich Teichmeyer . Elementa Phi- losophiae naturalis, Jena 1733. Eine neue Auflage seines fruͤhern Compendiums. Sein Vortrag ist noch immer der alte. Georg Ehrhardt Hamberger . Elementa physi- ces, Jena 1735. Auf der 339. Seite beruft er sich auf Wolff, daß dieser die Heterogenitaͤt des Lichts a priori bewiesen habe und verweiset auf ihn. Er fuͤhrt einen gewissen Complex der Newtonischen Versuche an, und beginnt mit dem bekannten Liede: sit igitur conclave tenebrosum et admittatur per exi- guum foramen radius lucis. Uebrigens sind seine Figuren von den Newtonischen copirt und es findet sich keine Spur, daß er uͤber die Sache nachgedacht, oder critisch experimentirt habe. Samuel Christ. Hollmann . Physica. Introdu- ctionis in universam Philosophiam Tom. II. Goͤttin- gen 1737. §. 147. Non id enim, quod rubicundum, flavum, caeruleum etc. appellamus, in rebus ipsis extra nos positis, sed in nostris solum perceptio- nibus, immo certa tantummodo perceptionum no- strarum modificatio est, a sola diversa lucis modi- ficatione in nobis solum oriunda. Er verwirft daher die alte Eintheilung in reales und apparentes. Traͤgt die Newtonische Lehre buͤndig, doch mehr uͤberredend, als entscheidend vor. Die Note zum 150 §. enthaͤlt zur Geschichte der Theorie sehr brauchbare Allegate, woraus man sieht, daß er die Entstehung der Lehre, sowohl als die Con- troversen dagegen recht gut kennt, nicht weniger den Beyfall den sie erhalten. Aus dem Tone des Vortrags im Texte bemerkt man, daß er sein Urtheil in suspen- so halten will. Johann Heinrich Winkler . Institutiones ma- thematico-physicae. 1738. §. 1112. erwaͤhnt er der Newtonischen Lehre im Vorbeygehen, bey Gelegenheit der undeutlichen Bilder durch die Linsen: praeterea Newtonus observavit, radium unum per refractio- nem in plures diversi coloris dispesci, qui cum ca- theto refractionis diversos angulos efficiunt. Samuel Christ. Hollmann . Primae physicae ex- perimentalis lineae, Goͤttingen 1742. Die Newtonische Lehre laconisch, jedoch noch mit videtur vorgetragen. In den Ausgaben von 1749, 1753, 1765 laconisch und ganz entschieden. Vernuͤnftige Gedanken von Christian Wolff , fuͤnfte Ausgabe von 1746. Im ersten Theile, §. 129. erklaͤrt er die Farbenerscheinung an den Koͤrpern ganz nach Newtonischer Manier und beruft sich auf den zweyten Theil seiner Experimenta. Johann Andreas Segner . Einleitung in die Naturlehre, erste Auflage 1746, zweyte, Goͤttingen 1754, traͤgt die Newtonischen Versuche so wie die Theorie kurz vor. Seine Figuren sind nach Newton copirt. Es zeigt sich keine Spur, daß er die Phaͤnomene selbst gesehen. Johann Wolfgang Kraft . Praelectiones in Physi- cam theoreticam, Tuͤbingen 1750. Er folgte, wie er selbst sagt, dem Muschenbroek, laͤßt die Lehre von den Farben ganz aus, und verweist auf einen optischen Trac- tat, pag. 267. Andreas Gordon . Physicae experimentalis ele- menta, Erfurt 1751. Ein Benedictiner im Schotten- kloster zu Erfurt, ein sehr fleißiger Mann voller Kennt- nisse. Man sieht, daß in katholischen Schulen man damals noch mit der Scholastik zu streiten hatte. Im 1220 §. sind ihm die Farben auch Koͤrper, die sich vom Licht herschreiben. Sein Vortrag der New- tonischen Lehre ist ein wenig confus; seine Figuren sind, wie die der ganzen Schule, falsch und maͤhrchenhaft. Die chemischen Experimente traͤgt er zuletzt vor und schließt: quae omnia pulchra quidem, suis ta- men haud carent difficultatibus. Johanne Charlotte Zieglerinn . Grundriß einer Naturlehre fuͤr Frauenzimmer, Halle 1751. P. 424. traͤgt sie die hergebrachte Lehre vor und verweist ihre Leserinnen auf Algarotti. Johann Peter Eberhard . Erste Gruͤnde der Na- turlehre, Halle 1753. Die Newtonische Theorie, doch mit einiger Modification, die er schon in einer kleinen Schrift angegeben. Im 387 §. faͤngt er den ganzen Vortrag mit dem bekannten Refrain an: Man lasse durch eine kleine runde Oeffnung ꝛc. Seine Figuren sind klein, schlecht und wie alle aus dieser Schule, nicht nach dem Phaͤnomen, sondern nach der Hypothese gebildet. In seiner Sammlung der ausgemachten Wahrhei- ten der Naturlehre 1755 setzt er, wie natuͤrlich, die Newtonische Theorie auch unter die ausgemachten Wahr- heiten. Man sey daruͤber einig, daß die Sonnenstrahlen nicht gleich stark gebrochen werden. Er bringt etwas von der Geschichte der Farbenleh- re bey und citirt wegen des Beyfalls den Newton fast uͤberall gefunden, die Schriften mehrerer Naturfor- scher. „Es hat zwar der bekannte Pater Castel Einwuͤrfe dagegen gemacht, die aber auf solche Versuche gegruͤn- det waren, bey welchen der gute Franzose keine ma- thematische Accuratesse beweisen.“ (Welche wunderlichen Redensarten! als wenn es keine andere Accuratesse gaͤbe als die mathematische.) „Man sieht aus den Miscell. curios. p. 115. daß man auch schon damals in Paris Newtons Theo- rie angegriffen, welches aber aus einem Mißverstaͤnd- niß geschehen.“ Florian Dalham . Institutiones physicae, Wien 1753. Ein Geistlicher, bringt etwas weniges von der Geschichte der Farbenlehre vor; dann intonirt er: ra- dius solis per foramen A. Mit den Einwuͤrfen ist er bald fertig, dann folgen einige chemische Experimente. Emanuel Schwendeborg . Prodromus Prin- cipiorum rerum naturalium, Hildburghausen 1754. p. 137. Wie er durch diese ganze Schrift die Koͤrper aus Kugeln verschiedener Groͤße und Art, aus Kreisen und Kraͤnzen und deren Interstitien aufs wunderlichste zusammensetzt, eben so macht er es mit der Transparenz, dem Weißen, Rothen und Gelben. Alles sey trans, parent seinen kleinsten Theilen nach: Albedo; si an- guli reflexionis varie confundantur in particulis trans- parentibus, albedinem oriri. Rubedo; si superfi- cies particularum varii generis particulis variege- tur, oriri rubedinem. Flavedo; si albedo mixta sit cum rubedine, flavedinem oriri. II. 36 Jacob Friedrich Malers Physik, Carlsruhe 1767. pag. 225. Kurz und schlechtweg Newtons Lehre. Bernhard Krant . Praelectiones encyclopaedicae in physicam experimentalem, Erfurt 1770. p. 47. Newtons Lehre schlechtweg und kurz. Johann Christian Polycarp Erxleben . Anfangs- gruͤnde der Naturlehre, 1772. „Wenn man durch ein kleines rundes Loch“ ꝛc. Er traͤgt uͤbrigens die Newtoni- sche und Eulersche Lehre in der boͤsen, halb historischen, halb didaktischen Manier vor, die sich nicht compromit- tiren mag und immer noch eine Hinterthuͤre findet, wenn die Lehre auch falsch befunden wuͤrde. Schmalings Naturlehre fuͤr Schulen, Goͤttingen und Gotha 1774. pag. 8. Das gewoͤhnliche Stoß- gebet. Johann Lorenz Beckmanns Noturlehre, Carls- ruhe 1775. p. 321. Das alte Lied: „man lasse durch eine mittelmaͤßige runde Oeffnung“ ꝛc. Matthias Gablers Naturlehre, drey Theile, Muͤn- chen 1778. p. 319. item: „man lasse einen Lichtstrahl“ ꝛc. P. 323. laͤßt er sich in Controvers ein, glaubt aber wie die Schule uͤberhaupt viel zu geschwind mit dem Gegner fertig zu werden. Einwand eines Anti-Newtonianers oder eigentlich Anti-Culerianers von den Trabanten des Jupiter hergenommen. Auch Herr Gabler fertigt Mariotten und Rizzetti’n leicht ab. Wenceslaus Johann Gustav Karsten . Natur- lehre, 1781. Erst wie gewoͤhnlich die Lehre von der Brechung fuͤr sich: dann §. 390. „mit der Strahlen- brechung ist noch ein Erfolg verbunden“ ꝛc. Mertwuͤr- dig ist, daß der Verf. seine Ausdruͤcke behutsamer als hundert andre stellt, z. E. „der Erfolg laͤßt sich am besten erklaͤren, wenn man mit Herrn Newton an- nimmt ꝛc. wenn es wahr ist, daß rothes Licht am we- nigsten brechbar ist“ ꝛc. C. G. Kratzenstein . Vorlesungen uͤber die Experi- mentalphysik, Kopenhagen 1782. p. 134. „Das weiße Licht besteht nach Newton aus sieben Hauptfarben“ ꝛc. Johann Daniel Titius . Physicae experimentalis elementa, Lipsiae 1782. §. 111. Der Radius solaris. dann aber zwey Prismen, man weiß nicht warum: denn das Experimentum Crucis ist es nicht. Auch dieser macht einen Sprung: patet ex hoc experimento diver- sam radiorum solarium refrangibilitatem etc. Dann einige Folgerungen und etwas weniges Chemisches. W. J. G. Karsten . Anleitung zur gemeinnuͤtzlichen Kenntniß der Natur, Halle 1783. §. 1. und folgende, ohngefaͤhr in dem Sinne, wie in seiner Naturlehre. Johann Philipp Hobert . Grundriß der Naturlehre, Berlin 1789. §. 221. Lichtstrahl, enge Oeffnung, ver- finstertes Zimmer ꝛc. wie so viele andre, hinter der ganzen Heerde drein. 36 * Anton Bruchhausen . Institutiones physicae, uͤbersetzt von Bergmann, Maynz 1790. Sonnenstrahl, kleine Oeffnung und sogar Lichtfaͤden. Johann Baptista Horvat . Elementa physicae, Budae 1790. Die alte Leyer. Stamina lucis, colore immutabili praedita. Matthaͤus Pankl . Compendium institutionum physicarum Pars I. Posoniae 1793. p. 160. cap. 3. de lucis heterogeneitate. Veteribus lumen simplicis- sima et homogenea substantia fuit. Newtonus he- terogeneam esse extra omnem dubitationem posuit. A. W. Hauch . Anfangsgruͤnde der Experimental- physik, aus dem Daͤnischen von Tobiesen. Schleswig 1795. 1. Theil §. 286. Das hergebrachte Lied wird abgeorgelt. Wir sind bey dieser Anzeige der Compendien weit uͤber die Epoche hinausgegangen in der wir uns ge- genwaͤrtig befinden, und haben die Recension solcher Schriften bis gegen das Ende des achtzehnten vorigen Jahrhunderts fortgesetzt, indem wir auf diese Wie- derhohlungen und Nachbetereyen nicht wieder zuruͤck- zukehren wuͤnschten. Akademie Goͤttingen . Es ist interessant zu sehen, durch welche Reihe von Personen auf einer besuchten Akademie die Newto- nische Lehre fortgepflanzt worden. Ein Goͤttinger Pro- fessor hatte ohnehin, bey der nahen Verwandtschaft mit England, keine Ursache, eine Meynung naͤher zu pruͤ- fen, welche schon durchgaͤngig angenommen war, und so wird sie denn auch bis auf den heutigen Tag noch dort so gut als auf andern Akademien gelehrt. Hollmann , 1736, liest Physik als einen Theil des philosophischen Cursus. Seine Institutiones werden 1738 gedruckt. Er liest weitlaͤufige Experimentalphy- sik, nachher dieselbe zusammengezogener. Faͤhrt damit nach Abgang Segners fort bis gegen 1775; stirbt 1788, nachdem er schon mehrere Jahre der Physik, und spaͤ- ter den uͤbrigen Vorlesungen sich entzogen. Segner , 1736, liest Physik uͤber Hamberger, Wolff, Muschenbroek, nach Dictaten, von 1744 an; so- dann uͤber seine Anfangsgruͤnde, von 1746 bis zu seinem Abgang 1754. Kaͤstner , liest 1759 Physik nach Winkler, spaͤter nach Eberhards ersten Gruͤnden der Naturlehre. Er hat als Mathematiker den besondern Tick, die Physiker anzufeinden. Meister liest Perspective und Optik. Erxleben , Professor extraordinarius seit 1770. Erste Ausgabe seines Compendii 1772; stirbt 1777. Lichtenberg , Professor extraordinarius seit 1770. Anfangs viel abwesend und mit mathematicis beschaͤf- tigt, liest von 1778 an uͤber Erxleben und gibt sieben vermehrte Auflagen heraus. Mayer , nach Lichtenbergs Tod, stimmt in einem neuen Compendium das alte Lied an. Nachlese . Smith und Martin , Englaͤnder, bringen die Lehre Newtons im Auszuge in ihre Lehrbuͤcher. Le Suͤeur und Jaquier , geistliche Vaͤter zu Rom, commentiren Newtons Werke und verbreiten seine Lehre. Encyclopaͤdisten . Da ein Lexicon so wie ein Compendium einer Erfahrungswissenschaft, eigentlich nur eine Sammlung des cursirenden Wahren und Fal- schen ist; so wird man auch von dieser Gesellschaft nichts weiter erwarten. Man konnte ihr nicht zumu- then, daß sie jede Wissenschaft sollte neu durcharbeiten lassen. Und so haben sie denn auch die alte Confession mit Ernst und Vollstaͤndigkeit dergestalt abgelegt, daß sie vor den saͤmmtlichen Glaubensgenossen mit Ehren bestehen koͤnnen. Die Artikel, unter welchen solches aufzusuchen, verstehen sich von selbst. Montucla . In der ersten Haͤlfte des achtzehn- ten Jahrhunderts hatten sich, wie wir wissen, die For- meln und Redensarten voͤllig ausgebildet, welche man zu Gunsten Newtons und zu Ungunsten seiner Gegner wiederholte und einander nachsagte. In Montucla’s hi- stoire des mathématiques, Paris 1758. findet man auch nichts anders. Nicht allein Auswaͤrtige, wie Riz- zetti, behalten Unrecht, sondern es geschieht auch Fran- zosen, Mariotten, Castel, Dufay, von dem Franzosen Unrecht. Da sich diese so sehr auf Ehre haltende Na- tion gegen das einmal eingewurzelte Vorurtheil nicht wieder erholen konnte; so wird man ja wohl andern, nicht so lebhaften, und nicht so eigenwilligen Voͤlkern verzeihen, wenn sie auch bey dem einmal Angenomme- nen ruhig verharrten. Tobias Mayer . De affinitate colorum commentatio, lecta in conventu publico, Goettingae 1758. in den kleinen, nach dessen Tod, von Lichtenberg herausgegebenen Schriften. Der Newtonische Wortkram wurde nunmehr von allen deutschen Cathedern ausgeboten. Man freute sich die Urfarben aus dem Licht hervorgelockt zu haben; es sollten ihrer unzaͤhlige seyn. Diese ersten homogenen, einfachen Farben hatten aber die wunderliche Eigenschaft, daß ein großer Theil derselben von den zusammengesetz- ten nicht zu unterscheiden war. Betrachtete man jedoch das sogenannte Spectrum genauer, so konnte nicht verborgen bleiben, daß theils der Natur der Sache nach, theils der Bequemlichkeit des Vortrags wegen, sich diese unendlichen Farben auf eine geringere Zahl reduciren ließen. Man nahm ihrer fuͤnf an, oder sieben. Weil aber das hoͤchste, im voͤlligen Gleichgewicht stehende Roth dem prismatischen Farbenbild abging; so fehlte auch hier die sechste oder die achte Farbe; das Ganze blieb unvollstaͤndig und die Sache confus. Alle diejenigen, die von der Malerey und Faͤrbe- rey an die Farbenlehre herantraten, fanden dagegen, wie uns die Geschichte umstaͤndlich unterrichtet, natur- gemaͤß und bequem, nur drey Grundfarben anzuneh- men. Dieses hatte schon Boyle im zwoͤlften Experi- ment des dritten Theils seines bekannten Werks kurz und buͤndig ausgesprochen, und den Malern das Recht ertheilt, nur drey primaͤre Farben zu statuiren: weil man denn doch wohl diejenigen so nennen duͤrfe, die aus keinen andern entspringen, alle uͤbrigen aber er- zeugen. In diesem Sinne ist denn auch Mayers Aufsatz geschrieben. Es herrscht darin der gerade gesunde Menschenverstand. Er operirt zwar mit Pigmenten, waͤhlt aber unter ihnen diejenigen aus, die er als Re- praͤsentanten jener durch den Begriff bestimmten, einfa- chen Farben ansehen darf. Durch Combination und Berechnung will er nun die moͤglichen, unterscheidbaren Zusammensetzungen ausmitteln. Allein, weil er atomistisch zu Werke geht, so ist seine Behandlung keineswegs zulaͤnglich. Die einfachen, die Grundfarben, moͤgen dem Verstande bestimmbar seyn, aber wo sollen sie in der Erfahrung als Koͤrper aufgefunden werden? Jedes Pigment hat seine beson- dern Eigenschaften und verhaͤlt sich, sowohl faͤrbend als koͤrperlich, gegen die uͤbrigen, nicht als ein Allge- meines, sondern als ein Specifisches. Ferner entsteht die Frage: soll man die Pigmente nach Maaß, oder nach Gewicht zusammenbringen? Beydes kann hier nicht frommen. Alle Mischung der Pigmente zu male- rischen Zwecken ist empirisch-aͤsthetisch, und haͤngt von Kenntniß der unterliegenden Koͤrper und von dem zar- ten Gefuͤhle des Auges ab. Hier, wie in allen Kuͤn- sten, gilt ein geistreiches, incalculables Eingreifen in die Erfahrung. Noch manches waͤre hier beyzubringen, doch wird es demjenigen, der unserm Vortrage bisher aufmerk- sam gefolgt ist, gewiß gegenwaͤrtig seyn. Wir geben daher, ohne weiteres, die Summe des Mayerischen Aufsatzes nach seiner Paragraphen-Zahl. 1) Es seyen nur drey einfache primitive Farben, aus denen durch Mischung die uͤbrigen entstehen. 2) Schwarz und Weiß sey nicht unter die Farben zu rechnen, hingegen dem Licht und der Finsterniß zu vergleichen. 3) Die secundaͤren Farben seyen gemischt aus zwey oder drey einfachen. 4) Mischung von Roth und Gelb. 5) Mischung von Gelb und Blau. 6) Mischung von Roth und Blau. 7) Weitere Ausfuͤhrung. 8) Mischung der drey Farben in verschiedenen Proportionen. 9) Weiß und Schwarz zu den Farben gemischt, macht sie nur heller und dunkler. Die drey Urfarben, in gehoͤrigem Maaße zusammengemischt, machen Grau, so wie jene beyde. 10) Von chemischen Mischungen ist nicht die Rede. Die Versuche zu dem gegenwaͤrtigen Zweck sind mit trocknen Pulvern anzustellen, die auf einander nicht wei- ter einwirken. 11) Die Portion der einer andern zuzumischenden Farbe muß nicht zu klein seyn, sonst ist das Resultat nicht bestimmbar. 12) Man kann zwoͤlf Theile einer jeden Farbe fest- setzen, bezuͤglich auf Musik und Architectur, welche auch nur so viel Theile fuͤr sensibel halten. 13) Bezeichnung mit Buchstaben und Zahlen. 14) Durch gemeinsame Factoren multiplicirt oder dividirt, aͤndert sich das Resultat nicht. 15) Die einfachen Farben werden erst zu zwey, dann zu drey, zwoͤlfmal combinirt. 16) Durch weitere Operation entstehen ein und neunzig Veraͤnderungen, 17) die in einem Dreyeck aufgestellt werden koͤnnen. 18) Die Felder dieses Dreyecks sollen nun nach ihren Zahlbezeichnungen colorirt werden. Dieß soll durch einen Maler geschehen. Dadurch wird also das Fundament der Sache dem Auge, dem Gefuͤhl des Kuͤnstlers uͤberlassen. 19) Ein Pigment stelle die Farbe nicht rein dar. Dieses ist freylich ganz natuͤrlich, weil sie an irgend einem Koͤrper besonders bedingt wird. Die reine Farbe ist eine bloße Abstraction, die wohl manchmal, aber selten zur Wirklichkeit kommt. So nimmt Mayer z. B. den Zinnober als ein vollkommenes Roth an, der doch durchaus einen gelben Schein mit sich fuͤhrt. 20) Vier Pigmente werden angegeben mit ihren Buchstaben und Ziffern des Dreyecks. Nun wird be- rechnet, welche Farbe aus diesen Pigmenten entstehen soll. Diese Pigmente muͤssen also doch erst mit den Feldern des Dreyecks verglichen werden, und wer ver- gleicht sie, als ein geuͤbtes Auge? und wer wird die zusammengesetzte Farbe mit der durch das Zeichen des Resultats der Berechnung angegebenen Farbe verglei- chen? 21) Die Aufgabe wird umgekehrt. Man verlangt eine gewisse Farbe: wie viel Theile der uͤbrigen sollen dazu genommen werden? 22) Mehr als drey Pigmente duͤrfe man nicht an- nehmen, sonst werde die Aufgabe unbestimmt. 23) Mischung der vollkommenen, gehoͤrig beleuch- teten, mit Licht versehenen Farben mit Weiß, 24) wodurch sie heller werden, und zugleich un- kenntlicher, d. i. weniger unterscheidbar. Des Weißen werden auch zwoͤlf Theile angenommen, und so entste- hen dreyhundert vierundsechzig Farben. Diese Zahl deutet auf eine Pyramidal-Flaͤche, deren je eine Seite zwoͤlf enthaͤlt. 25) Dieselbige Operation mit Schwarz. 26) Vollkommene Farben sollen immer etwas Weiß oder Licht bey sich haben. 27) Weitere Ausfuͤhrung. 28) Schwarz betrachtet als die Privation des Weißen. 29) Saͤmmtliche auf diesem Wege hervorgebrachten Farben belaufen sich auf achthundert neunzehn. 30) Schlußbetrachtung uͤber diese bestimmte große Mannigfaltigkeit und uͤber die noch weit groͤßere der verschiedenen Abstufungen, die dazwischen liegen. Mayer hatte, wie natuͤrlich war, seine Unzufrie- denheit mit der Newtonischen Terminologie zu erkennen gegeben. Dieses zog ihm nicht den besten Willen seiner Collegen und der gelehrten Welt uͤberhaupt zu. Schon in der Vorlesung selbst machte Roͤderer eine unbedeu- tende und unrichtige Bemerkung, welche aber begierig aufgefaßt und durch Kaͤstnern fortgepflanzt wurde. Was dieser, und nachher Erxleben, Lichtenberg, Johann Tobias Mayer, Mollweide und andere, wenn die Sa- che zur Sprache kam, fuͤr Sandweben uͤber diesen Ge- genstand hingetrieben und ihn damit zugedeckt, waͤre allzu umstaͤndlich aus einander zu setzen. Der besser Unterrichtete wird es kuͤnftig selbst leisten koͤnnen. Joh. Hein. Lambert . Beschreibung einer mit dem Calauischen Wachse ausgemalten Farbenpyramide. Berlin 1772. in 4. Der Mah ischen Abhandlung war eine colorirte Tafel beygefuͤgt, welche die Farbenmischung und Ab- stufung in einem Dreyeck, freylich sehr unzulaͤnglich, vorstellt. Dieser Darstellung mehr Ausdehnung und Vielseitigkeit zu geben, waͤhlte man spaͤter die koͤrper- liche Pyramide. Die Calauische Arbeit und die Lam- bertische Erklaͤrung ist gegenwaͤrtig nicht vor uns; doch laͤßt sich leicht denken, was dadurch geleistet worden. Ganz neuerlich hat Philipp Otto Runge, von dessen schoͤnen Einsichten in die Farbenlehre, von der maleri- schen Seite her, wir schon fruͤher ein Zeugniß abgelegt, die Abstufungen der Farben und ihr Abschattiren gegen Hell und Dunkel auf einer Kugel dargestellt, und wie wir glauben, diese Art von Bemuͤhungen voͤllig abge- schlossen. Lamberts Photometrie beruͤhren wir hier nur in sofern, als wir uns nicht erinnern, daß er, bey Mef- sung der verschiedenen Lichtstaͤrken, jene Farbenerschei- nungen gewahr geworden, welche doch bey dieser Ge- legenheit so leicht entspringen, wie vor ihm Bouguer und nach ihm Rumford wohl bemerkt. Sie sind theils physisch, indem sie aus der Maͤßigung des Lichtes ent- springen, theils physiologisch, in sofern sie sich an die farbigen Schatten anschließen. Carl Scherffer . Abhandlung von den zufaͤlligen Farben. Wien 1765. Bouguer und Buͤffon hatten bey Gelegenheit des abklingenden Bildes im Auge und der farbigen Schat- ten, diese, wie es schien, unwesentlichen Farben, de- nen wir jedoch unter der Rubrik der physiologischen den ersten Platz zugestanden, zur Sprache gebracht und sie zufaͤllig genannt, weil es noch nicht gelungen war, ihre Gesetzmaͤßigkeit anzuerkennen. Scherffer, ein Priester der Gesellschaft Jesu, be- schaͤftigte sich mit diesen Erscheinungen und vermannig- faltigte die Versuche, wobey er sich als einen scharf- sinnigen und redlichen Beobachter zeigt. Da er jedoch der Lehre Newtons zugethan ist, so sucht er die Phaͤ- nomene nach derselben zu erklaͤren, oder vielmehr sie ihr anzupassen. Die Umkehrung eines hellen Bildes im Auge in ein dunkles, eines dunklen in ein helles, nach verschiedenen gegebenen Bedingungen, (E. 15. ff.) erklaͤrte man, wie am angefuͤhrten Orte ersichtlich ist. Nun schlug Pater Scherffer zu Erklaͤrung der farbig mit ein- ander abwechselnden Erscheinungen folgenden Weg ein. Er legt jenen mangelhaften Newtonischen Farben- kreis (P. 592—94.) zum Grunde, dessen Zusammen- mischung Weiß geben soll. Dann fragt er, was fuͤr eine Farbe z. B. entstehen wuͤrde, wenn man aus die- sem Kreise das Gruͤn hinwegnaͤhme? Nun faͤngt er an zu rechnen, zu operiren, Schwerpuncte zu suchen, und findet, daß ein Violett entstehen muͤsse, welches zwar, wie er selbst sagt, in der Erfahrung nicht entsteht, wohl aber ein Roth, das er dann eben auch gelten laͤßt. Nun soll das Auge, wenn es von den gruͤnen Strahlen afficirt worden, der gruͤne Gegenstand aber weggehoben wird, sich in einer Art von Nothwendig- keit befinden, von dem Resultat der saͤmmtlichen uͤbri- gen Strahlen afficirt zu werden. Da nun aber diese Resultate niemals rein zutref- fen — und wie waͤre es auch moͤglich, indem das voll- kommene Roth, welches eigentlich der Gegensatz des Gruͤnen ist, jenem Kreise fehlt! — so muß der gute Pater auch in die Hetmanns-Manier fallen, worin ihm denn freylich sein Herr und Meister weidlich vor- gegangen, so daß er Ausfluͤchte, Ausnahmen, Ein- schraͤnkungen, uͤberall finden und nach seinem Sinne gebrauchen kann. Darwin, der in der letzten Zeit diese Erscheinun- gen ausfuͤhrlich vorgenommen, erklaͤrt sie zwar auch nach der Newtonischen Lehre, haͤlt sich aber weniger dabey auf, in wiefern diese zu den Erscheinungen passe oder nicht. Unser einfacher, naturgemaͤßer Farbenkreis, Taf. I. Fig. 1. dient jedoch dazu, diese Gegensaͤtze, indem man bloß die Diameter zieht, bequem aufzufinden. Weil uͤbrigens jeder tuͤchtige Mensch, selbst auf dem Wege des Irrthums, das Wahre ahndet, so hat auch Scherffer dasjenige was wir unter der Form der Totalitaͤt ausgesprochen, zwar auf eine schwanken- de und unbestimmte, aber doch sehr anmuthige Weise ausgedruͤckt, wie folgt: „Bey Erwaͤgung dieser und mehr dergleichen Muth- maßungen glaub’ ich nicht, daß ich mich betruͤge, wenn ich dafuͤr halte, es habe mit dem Auge eine solche Be- schaffenheit, daß es nach einem empfindlichern Drucke des Lichtes, nicht allein durch die Ruhe, sondern auch II. 37 durch den Unterschied der Farben, wiederum muͤsse gleichfalls erfrischt werden. Jener Ekel, den wir durch das laͤngere Ansehen einer Farbe verspuͤren, ruͤhre nicht so viel von dem uns angeborenen Wankelmuthe her, als von der Einrichtung des Auges selbst, vermoͤge welcher auch die schoͤnste Farbe durch den allzulang an- haltenden Eindruck ihre Annehmlichkeit verliert. Und vielleicht hat die vorsichtige Natur dieses zum Absehen gehabt, damit wir einen so edlen Sinn nicht immer mit einer Sache beschaͤftigen, indem sie unserer Unter- suchung eine so große Menge darbietet, da sie den Un- terschied in Abwechselung der Farben weit reizender machte, als alle Schoͤnheit einer jeden ins besondre.“ Wir enthalten uns manche interessante Beobachtung und Betrachtung hier auszuziehen, um so mehr als diese Schrift in jedes wahren Liebhabers der Farben- lehre eigene Haͤnde zu gelangen verdient. Benjamin Franklin . Kleine Schriften, herausgegeben von G. Schatz 1762. Zweyter Theil S. 324. f. „Der Eindruck, den ein leuchtender Gegenstand auf die Sehnerven macht, dauert zwanzig bis dreyßig Sekunden. Sieht man an einem heitern Tage, wenn man im Zimmer sitzt, eine Zeit lang in die Mitte eines Fensters, und schließt sodann die Augen, so bleibt die Gestalt des Fensters eine Zeit lang im Auge, und zwar so deutlich, daß man im Stande ist, die einzelnen Faͤcher zu zaͤhlen. Merkwuͤrdig ist bey dieser Erfahrung der Umstand, daß der Einoruck der Form sich besser er- haͤlt, als der Eindruck der Farbe. Denn sobald man die Augen schließt, scheinen die Glasfaͤcher, wenn man das Bild des Fensters anfaͤngt wahrzunehmen, dunkel, die Querhoͤlzer der Kreuze aber, die Rahmen und die Wand umher weiß oder glaͤnzend. Vermehrt man je- doch die Dunkelheit der Augen dadurch, daß man die Haͤnde uͤber sie haͤlt, so erfolgt sogleich das Gegentheil. Die Faͤcher erscheinen leuchtend und die Querhoͤlzer dun- kel. Zieht man die Hand weg, so erfolgt eine neue Veraͤnderung, die alles wieder in den ersten Stand setzt. Ein Phaͤnomen, das ich so wenig zu erklaͤren weiß, als folgendes. Hat man lange durch eine ge- meine, gruͤne, oder sogenannte Conservationsbrille ge- sehn, und nimmt sie nun ab, so steht das weiße Pa- pier eines Buchs roͤthlich aus, so wie es gruͤnlich aus- 37 * sieht, wenn man lange durch rothe Brillen gesehen hat. Dieß scheint eine noch nicht erklaͤrte Verwandtschaft der gruͤnen und rothen Farbe anzuzeigen.“ Noch manches was sich hier anschließt, ist von Buͤffon, Mazeas, Beguelin, Melville beobachtet und uͤberliefert worden. Es findet sich beysammen in Priest- ley’s Geschichte der Optik, Seite 327, woselbst es unsre Leser aufzusuchen belieben werden. Achtzehntes Jahrhundert . Zweyte Epoche von Dollond bis auf unsere Zeit . Achromasie . Die Geschichte dieser wichtigen Entdeckung ist im Allgemeinen bekannt genug, indem sie theils in beson- dern Schriften, theils in Lehr- und Geschichtsbuͤchern oͤfters wiederholt worden. Uns geziemt daher nur das Hauptsaͤchliche zu sagen; vorzuͤglich aber, zu zeigen, wie diese bedeutende Aufklaͤrung einer ungeahndeten Natureigenschaft auf das Praktische einen großen, auf das Theoretische gar keinen Einfluß gewinnen koͤnnen. Von uralten Zeiten her war bekannt und außer Frage, daß Brechung auf mannigfaltige Weise, ohne Farbenerscheinung, statt finden koͤnne. Man sah da- her diese, welche sich doch manchmal dazu gesellte, lange Zeit als zufaͤllig an. Nachdem aber Newton ihre Ursache in der Brechung selbst gesucht und die Be- staͤndigkeit des Phaͤnomens dargethan; so wurden beyde fuͤr unzertrennlich gehalten. Demungeachtet konnte man sich nicht laͤugnen, daß ja unser Auge selbst durch Brechung sieht, daß also, da wir mit nacktem Auge nirgends Farbensaͤume oder sonst eine apparente Faͤrbung der Art erblicken, Bre- chung und Farbenerscheinung bey dieser Gelegenheit von einander unabhaͤngig gedacht werden koͤnnen. Rizzetti hatte das schon zur Sprache gebracht; weil aber seine Zeit in manchem noch zuruͤck war, weil er den naͤchsten Weg verfehlte und in seiner Lage verfeh- len mußte; so wurde auch dieses Verhaͤltnisses nicht weiter gedacht. Indessen war es anatomisch und phy- siologisch bekannt, daß unser Auge aus verschiedenen Mitteln bestehe. Die Folgerung, daß durch verschie- dene Mittel eine Compensation moͤglich sey, lag nahe, aber Niemand fand sie. Dem sey wie ihm wolle, so stellte Newton selbst den so oft besprochenen Versuch, den achten seines zweyten Theils, mit verschiedenen Mitteln an, und wollte gefunden haben, daß wenn in diesem Fall der ausgehende Strahl nur dahin gebracht wuͤrde, daß er parallel mit dem eingehenden sich gerichtet befaͤnde, die Farbenerscheinung alsdann aufgehoben sey. Zuerst kann es auffallen, daß Newton, indem ihm, bey parallelen sogenannten Strahlen, Brechung uͤbrig geblieben und die Farbenerscheinung aufgehoben worden, nicht weiter gegangen, sondern daß es ihm vielmehr beliebt, wunderliche Theoreme aufzustellen, die aus dieser Erfahrung herfließen sollten. Ein Vertheidiger Newtons hat in der Folge die artige Vermuthung geaͤußert, daß in dem Wasser, dessen sich Newton bedient, Bleyzucker aufgeloͤst ge- wesen, den er auch in andern Faͤllen angewendet. Dadurch wird allerdings das Phaͤnomen moͤglich, zu- gleich aber die Betrachtung auffallend, daß dem vor- zuͤglichsten Menschen etwas ganz deutlich vor Augen kommen kann, ohne von ihm bemerkt und aufgefaßt zu werden. Genug, Newton verharrte bey seiner theoretischen Ueberzeugung, so wie bey der praktischen Behauptung: die dioptrischen Fernroͤhre seyen nicht zu verbessern. Es kam daher ein Stillstand in die Sa- che, der nur erst durch einen andern außerordentlichen Menschen wieder konnte aufgehoben werden. Euler, einer von denjenigen Maͤnnern, die be- stimmt sind, wieder von vorn anzufangen, wenn sie auch in eine noch so reiche Aernte ihrer Vorgaͤnger gerathen, ließ die Betrachtung des menschlichen Au- ges, das fuͤr sich keine apparenten Farben erblickt, ob es gleich die Gegenstaͤnde durch bedeutende Brechung sieht und gewahr wird, nicht aus dem Sinne und kam darauf, Menisken, mit verschiedenen Feuchtig- keiten angefuͤllt, zu verbinden, und gelangte durch Versuche und Berechnung dahin, daß er sich zu be- haupten getraute: die Farbenerscheinung lasse sich in solchen Faͤllen aufheben und es bleibe noch Brechung uͤbrig. Die Newtonische Schule vernahm dieses, wie billig, mit Entsetzen und Abscheu; im Stillen aber, wir wissen nicht, ob auf Anlaß dieser Eulerischen Be- hauptung, oder aus eigenem Antriebe, ließ Chester- Morehall in England heimlich und geheimnißvoll achro- matische Fernroͤhre zusammensetzen, so daß 1754 schon dergleichen vorhanden, obgleich nicht oͤffentlich bekannt waren. Dollond, ein beruͤhmter optischer Kuͤnstler, wi- dersprach gleichfalls Eulern aus Newtonischen Grund- saͤtzen, und fing zugleich an praktisch gegen ihn zu operiren; allein zu seinem eignen Erstaunen entdeckt er das Gegentheil von dem was er behauptet; die Eigenschaften des Flint- und Crownglases werden ge- funden, und die Achromasie steht unwidersprechlich da. Bey alledem widerstrebt die Schule noch eine Zeit lang; doch ein trefflicher Mann, Klingenstierna, macht sich um die theoretische Ausfuͤhrung verdient. Niemanden konnte nunmehr verborgen bleiben, daß der Lehre eine toͤdtliche Wunde beygebracht sey. Wie sie aber eigentlich nur in Worten lebte, so war sie auch durch ein Wort zu heilen. Man hatte die Ur- sache der Farbenerscheinung in der Brechung selbst ge- sucht; sie war es, welche diese Ur-Theile aus dem Licht entwickelte, denen man zu diesem Behuf eine verschiedene Brechbarkeit zuschrieb. Nun war aber bey gleicher Brechung diese Brechbarkeit sehr verschie- den, und nun faßte man ein Wort auf, den Aus- druck Zerstreuung , und setzte hinter diese Bre- chung und Brechbarkeit noch eine von ihr unabhaͤn- gige Zerstreuung und Zerstreubarkeit, welche im Hin- terhalt auf Gelegenheit warten mußte, sich zu manife- stiren; und ein solches Flickwerk wurde in der wissen- schaftlichen Welt, so viel mir bekannt geworden, ohne Widerspruch aufgenommen. Das Wort Zerstreuung kommt schon in den aͤltesten Zeiten, wenn vom Licht die Rede ist, vor. Man kann es als einen Trivial-Ausdruck ansehen, wenn man dasjenige, was man als Kraft betrachten sollte, materiell nimmt, und das was eine gehinderte, gemaͤßigte Kraft ist, als eine zerstuͤckelte, zermalmte, zersplitterte ansieht. Wenn ein blendendes Sonnenlicht gegen eine weiße Wand faͤllt; so wirkt es von dort nach allen entge- gengesetzten Enden und Ecken zuruͤck, mit mehr oder weniger geschwaͤchter Kraft. Fuͤhrt man aber mit ei- ner gewaltsamen Feuerspritze eine Wassermasse gegen diese Wand; so wirkt diese Masse gleichfalls zuruͤck, aber zerstiebend und in Millionen Theile sich zerstreuend. Aus einer solchen Vorstellungsart ist der Ausdruck Zer- streuung des Lichts entstanden. Je mehr man das Licht als Materie, als Koͤrper ansah, fuͤr desto passender hielt man diese Gleichniß- rede. Grimaldi wird gar nicht fertig das Licht zu zerstreuen, zu zerbrechen und zu zerreißen. Bey Riz- zetti findet auch die Dispersion der Strahlen mit denen er operirt, jedoch wider ihren Willen und zu ihrem hoͤchsten Verdrusse, statt. Newton, bey dem die Strahlen ja auch auseinander gebrochen werden, brauchte diesen und aͤhnliche Ausdruͤcke, aber nur discursiv, als erlaͤuternd, versinnlichend; und auf diese Weise wird jenes Wort herangetragen, bis es endlich in dem neu eintretenden unerwarteten Noth- falle aufgeschnappt und zum Kunstworte gestempelt wird. Mir sind nicht alle Documente dieses wichtigen Ereignisses zu Handen gekommen, daher ich nicht sa- gen kann, wer sich zuerst so ausgedruͤckt. Genug, dieses Kunstwort ward bald ohne Bedenken gebraucht, und wird es noch, ohne daß irgend Jemanden einfiele, wie durch jene große Entdeckung das Alte voͤllig ver- aͤndert und aufgehoben worden. Man hat mit diesem Pflaster den Schaden zugedeckt; und wer in der Kuͤrze einen eminenten Fall sehen will, wie man mit der groͤßten Gemuͤthsruhe und Behaglichkeit einen neuen Lappen auf ein altes Kleid flickt, der lese in den An- fangsgruͤnden der Naturlehre von Johann Tobias Mayer, die kurze Darstellung von der Theorie der Farben, besonders vergleiche man den 630 und 635 Paragraphen. Waͤre dieß ein alter Autor; so wuͤrden die Critiker sich mit der groͤßten Sorgfalt nach andern Codicibus umsehen, um solche Stellen, die gar kei- nen Sinn haben, mit Bedacht und Vorsicht zu emen- diren. Die Lehre mag sich indessen stellen wie sie will, das Leben geht seinen Gang fort. Achromatische Fern- roͤhre werden verfertigt, einzelne Maͤnner und ganze Nationen auf die Eigenschaften der verschiedenen Glasarten aufmerksam. Clairault in Frankreich be- dient sich der sogenannten Pierres de Stras statt des Flintglases, und die Entdeckung lag ganz nahe, daß der Bleykalk dem Glase jene Eigenschaft, die Farben- saͤume disproportionirlich gegen die Brechung zu ver- breitern, mittheilen koͤnne. Zeiher in Petersburg machte sich um die Sache verdient. Was Boskowitsch und Steiner gethan, um diese Angelegenheit theoretisch und praktisch zu foͤrdern, bleibt unvergessen. Le Baude erhielt in Frankreich 1773 den Preis fuͤr eine Glasart, die dem Flint nahe kam. Duͤfou- gerais hat zu unserer Zeit, in seiner Manufactur zu Mont-Cenis, ein Glas verfertigt, wovon ein Prisma zu zwey Graden mit einem Prisma von Crownglas zu achtzehn Graden zusammengestellt, die Farbenerschei- nung aufhebt. Von dieser Glasart liegt noch eine große Masse vorraͤthig, und es ist zu wuͤnschen, daß ein Theil derselben von den franzoͤsischen Optikern zu Prismen von allen Winkeln genutzt, und zum Besten der Wis- senschaft in einen allgemeinen Handelsartikel verwan- delt werde. Das Weitere und Naͤhere was diese wichtige Epo- che betrifft, ist in Priestleys Geschichte der Optik nach- zuschlagen; wobey die Kluͤgelschen Zusaͤtze von großer Bedeutung sind. Uebrigens ist Priestley, hier wie durchaus, mit Vorsicht zu lesen. Er kann die Er- fahrung, er kann die großen, gegen Newton daraus entspringenden Resultate nicht laͤugnen, gibt aber ganz gewissenlos zu verstehen: Euler sey durch einen Wink Newtons angeregt worden; als wenn jemand auf et- was hinwinken koͤnnte, was er aufs hartnaͤckigste laͤng- net, ja was noch schlimmer ist, von dessen Moͤglich- keit er gar keine Spur hat! Unser, in diesem Falle so wie in andern geradsinnige Kluͤgel laͤßt es ihm auch nicht durchgehen, sondern macht in einer Note aufmerksam auf diese Unredlichkeit. Joseph Priestley . The history and present state of discoveries relating to vision, light and colours, London 1772 in Quart. Ohne diesem Werk sein Verdienst verkuͤmmern, oder ihm denjenigen Nutzen ablaͤugnen zu wollen, den wir selbst daraus gezogen haben, sind wir doch genoͤ- thigt auszusprechen, daß dadurch besonders die anbruͤ- chige Newtonische Lehre wiederhergestellt worden. Der Verfasser braucht die eingefuͤhrten Phrasen wieder ruhig fort. Alles was im Alterthum und in der mittlern Zeit geschehen, wird fuͤr nichts geachtet. Newtons Versuche und Theorieen werden mit großem Bombast ausgekramt. Die achromatische Entdeckung wird so vorgetragen, als sey jene Lehre dadurch nur ein wenig modificirt worden. Alles kommt wieder ins Gleiche, und der theoretische Schlendrian schleift sich wieder so hin. Da man dieses Werk, genau betrachtet, gleichfalls mehr als Materialien denn als wirkliche Geschichtser- erzaͤhlung anzusehen hat; so verweisen wir uͤbrigens unsere Leser gern darauf, weil wir auf manches was dort ausfuͤhrlich behandelt worden, nur im Vorbeyge- hen hingedeutet haben. Paolo Frii . Wir erwaͤhnen hier dieses Mannes, ob er gleich erst spaͤter, 1778, eine Lobschrift auf Newton her- ausgegeben, um nur mit wenigem zu bemerken, daß immer noch die aͤltere Lehre, wie sie Newton vorge- tragen, Desaguliers sie vertheidigt, wie sie in die Schulen aufgenommen worden, ihre unbedingten Lob- redner findet, selbst in der neuern Epoche, die ihren Untergang entschieden haͤtte herbeyfuͤhren muͤssen, wenn die Menschen, unter dem Druck einer beschraͤnkten Ge- wohnheit hinlebend, zu einem neuen Aper ç uͤ Augen und Geist entschieden froh hinaufheben koͤnnten. Wird uͤbrigens ein Muster verlangt, wie ein echter Newtonianer gedacht und gesprochen, und sich die Sache vorgestellt; so kann diese uͤbrigens sehr gut geschriebene und mit heiterm Enthusiasmus vorge- tragene Lobschrift zur Hand genommen und beherzigt werden. Georg Simon Kluͤgel . Die Lehre von der Achromasie war wie ein frucht- barer und unzerstoͤrlicher Same uͤber das Feld der Wis- senschaften ausgestreut. So manches davon auch un- ter die Schuldornen fiel, um daselbst zu ersticken, so manches davon auch von den immer geschaͤftigen theo- retisch-critischen Voͤgeln aufgepickt und verschluckt wurde, so manches davon das Schicksal hatte, auf dem platten Wege der Gemeinheit zertreten zu werden: so konnte es doch nicht fehlen, daß in guten und trag- baren Boden ein Theil treulich aufgenommen ward, und wo nicht gleich Frucht trug, doch wenigstens im Stillen keimte. So haben wir oft genug unsern redlichen Lands- mann Kluͤgel bewundert und gelobt, wenn wir sein Verfahren bey Uebersetzung und Supplirung der Priest- leyschen Optik mit Ruhe beobachteten. Ueberall ver- nimmt man leise Warnungen, vielleicht zu leise, als daß sie haͤtten koͤnnen gehoͤrt werden. Kluͤgel wieder- holt bescheiden und oft, daß alle theoretische Enuncia- tionen nur Gleichnißreden seyen. Er deutet an, daß wir nur den Widerschein und nicht das Wesen der Dinge sehen. Er bemerkt, daß die Newtonische Theo- rie durch die achromatische Erfindung wohl gar aufge- hoben seyn koͤnnte. Wenn es uns nicht ziemt, von seinem Hauptver- dienste, das außer unserm Gesichtskreise liegt, zu sprechen; so geben wir um so lieber ihm das Zeugniß eines vielleicht noch seltenern Verdienstes, daß ein Mann wie er, von so viel mathematischer Gewandt- heit, dem Wissenschaft und Erfahrung in solcher Breite zu Gebote standen, daß dieser eine vorurtheilsfreye verstaͤndige Uebersicht dergestalt walten ließ, daß seine wissenschaftlichen Behandlungen, sicher ohne dogmatisch, warnend ohne sceptisch zu seyn, uns mit dem Vergan- genen bekannt machen, das Gegenwaͤrtige wohl ein- praͤgen, ohne den Blick fuͤr die Zukunft zu verschließen. Uebergang . Die Newtonische Schule mochte sich indessen ge- baͤrden, wie sie wollte. Es war nun so oft von vie- len bedeutenden Maͤnnern, in so vielen Schriften, welche gleichsam jeden Tag wirksam waren: denn die Sache wurde lebhaft betrieben; es war ausgesprochen worden, daß Newton sich in einem Hauptpunkte geirrt habe, und mehr als alle Worte sprachen dieß die diop- trischen Fernroͤhre auf Sternwarten und Mastbaͤumen, in den Haͤnden der Forscher und der Privatleute, im- mer lauter und unwidersprechlicher aus. Der Mensch, wir haben schon fruͤher darauf ap- puͤyirt, unterwirft sich eben so gern der Autoritaͤt, als er sich derselben entzieht; es kommt bloß auf die Epo- chen an, die ihn zu dem einen oder dem andern ver- anlassen. In der gegenwaͤrtigen Epoche der Farben- lehre erhielten nunmehr juͤngere, geistreichere, ernst und treu gesinnte Menschen eine gewisse Halbfrey- heit, die weil sie keinen Punct der Vereinigung vor sich sah, einen Jeden auf sich selbst zuruͤckwies, eines Jeden eigne Ansichten, Lieblingsmeynungen, Grillen hervorrief, und so zwar manchem Guten foͤrderlich war, dagegen aber auch eine Art von Anarchie weis- sagte und vorbereitete, welche in unsern Tagen voͤllig erschienen ist. Was Einzelne gethan, die Natur der Farbe auf diese oder jene Weise mehr zu ergruͤnden und zu erklaͤ- ren, ohne auf die Newtonische Lehre besonders Ruͤck- sicht zu nehmen, ist jetzt die Hauptaufgabe unsers fer- nern Vortrags. Wir nehmen mit, was wir sonst noch auf unserm Wege finden, lassen aber dazwischen manches Einzelne liegen, welches nicht frommt und foͤrdert. C. F. G. Westfeld . Die Erzeugung der Farben, eine Hypothese. Goͤt- tingen 1767. Dieser einzelne Bogen verdiente wohl, wenn man eine Anzahl kleiner, auf die Farbenlehre bezuͤglicher, sich verlierender Schriften sammlen und der Vergessenheit entziehen wollte, mit abgedruckt zu werden. Des Verfassers Vortrag ist zwar nicht luminos, und weil er sich gleich in Controvers verwickelt, kei- neswegs erfreulich; doch ist seine Ueberzeugung guter Art. Erst druͤckt er sie im Allgemeinen folgendermaßen aus: „Die Verschiedenheit der Farben ist nur eine Verschiedenheit der Bewegung in den nervigen Fasern der Netzhaut“; dann aber tritt er der Sache naͤher und schreibt die Farbenwirkung aufs Auge einer mehr oder minder erregten Waͤrme auf der Netzhaut zu. II. 38 Mit einer vergnuͤglichen Zufriedenheit sehen wir dasjenige geahndet und vorbereitet, was spaͤter von Herscheln entdeckt und zu unserer Zeit weiter ausge- fuͤhrt worden. Wir wollen ihn selbst hoͤren: „Das Licht ist ein ausgedehntes Feuer, das man nur in einen engen Raum zusammendraͤngen darf, um sich von der Heftigkeit seiner Wirkungen zu uͤberfuͤhren, Die Netzhaut des Auges hat die natuͤrliche Waͤrme des Koͤrpers. Die Lichtstrahlen, die auf sie fallen, muͤssen ihre natuͤrliche Waͤrme vermehren, und ihre Fasern desto mehr ausdehnen, je dichter sie sind. Diese Ver- schiedenheit der Ausdehnung der nervigen Fasern muß eine verschiedene Empfindung in der Seele hervorbrin- gen, und diese verschiedenen Empfindungen nennen wir Farben. Mit den Empfindungen, wenn sie zu heftig sind, ist bisweilen ein gewisses Gefuͤhl verbunden, das wir Schmerz heißen. Wenn die Lichtstrahlen solche Empfindungen erregen, so haben sie einen zu heftigen Grad der Ausdehnung hervorgebracht. Die Empfin- dungen, die wir Farben nennen, muͤssen von einem ge- ringern Grade der Ausdehnung herruͤhren, und unter diesen ist die heftigste Empfindung gelbe Farbe, weni- ger heftige die rothe, gruͤne, blaue Farbe.“ „Ein einzelner Lichtstrahl dehnt die Stelle der Netzhaut auf die er faͤllt, so aus, daß dadurch die Empfindung in der Seele entsteht, die wir gelbe Farbe nennen. Man zerlege diesen Lichtstrahl durch das Prisma in sieben Theile, wovon einer immer dichter ist als der andere, so werden diese sieben Theile, nach Verhaͤltniß ihrer Dichtigkeit, verschiedene Ausdehnun- gen erzeugen, wovon wir jede mit einem eigenen Na- men belegen. Schwarze Koͤrper saugen die meisten Lichtstrahlen ein; folglich bringen sie auch die geringste Ausdehnung auf der Netzhaut hervor; violette etwas mehr, und dieß steigt bis zu den gelben und weißen Koͤrpern, die weil sie am dichtesten sind, die meisten Lichtstrahlen zuruͤckwerfen, und dadurch die heftigste Ausdehnung auf der Netzhaut erregen.“ „Man merke es wohl, was wir vorhin gesagt haben, daß die natuͤrliche Waͤrme der Netzhaut ver- mehrt werden muß, wenn wir Farben sehen, oder uͤberhaupt, wenn wir sehen sollen. So koͤnnen wir lange in einem warmen finstern Zimmer seyn, worin- nen wir durch die Waͤrme nicht sehen. Der ganze Koͤrper empfindet in diesem Falle, und deswegen las- sen sich die Empfindungen an einzelnen Theilen nicht unterscheiden. Wir sehen im Winter bey einer hefti- gen Kaͤlte gefaͤrbte und ungefaͤrbte Koͤrper, weil sie Lichtstrahlen in unser Auge werfen, und dadurch eine groͤßere Waͤrme oder groͤßere Ausdehnung erregen.“ „Die Dichtigkeit der Lichtstrahlen, die die gelbe oder weiße Farbe in uns erzeugt, kann sehr verschie- den seyn, ohne daß sie eine andere Farbe hervorbringt. Das Licht, das in der Naͤhe gelb brennt, brennt auch noch in einer großen Entfernung so. Kreide sieht in der Naͤhe und in der Ferne weiß aus. Ganz anders 38 * verhaͤlt es sich mit den Farben, die von einer viel mindern Dichtigkeit der Lichtstrahlen entstehen: diese werden schon in einer kleinen Entfernung schwarz.“ „Ich sehe nicht, wie ein Newtonianer verantworten kann, daß Koͤrper von schwachen Farben in der Ent- fernung schwarz zu seyn scheinen. Wenn sie z. B. nur die blauen Lichttheilchen zuruͤckwerfen, warum bleiben denn diese auf der entfernten Netzhaut nicht eben so wohl blaue Lichttheilchen als auf der nahen? Es ist ja nicht, wie mit dem Geschmacke eines Galzes, das man mit zu vielem Wasser verduͤnnt hat. Die blauen Lichttheilchen werden auch in der Entfernung mit nichts vermischt, das ihre Wirkungen veraͤndern koͤnnte. Sie gehen zwar durch die Atmosphaͤre, die voll fremder Koͤrper und anderer Farbetheilchen ist, aber sie leiden doch dadurch keine Veraͤnderung.“ „Die scheinbaren Farben lassen sich aus dieser Hy- pothese noch leichter als aus den uͤbrigen erklaͤren. Wenn die Netzhaut, indem das Auge lange in das Licht sah, oder einen andern gefaͤrbten Koͤrper einige Zeit betrach- tete, nach Verhaͤltniß der Dichtigkeit der empfangenen Lichtstrahlen erwaͤrmt wurde; so konnte sich diese Waͤrme nur nach und nach verlieren. So wird ein warmes Metall nicht auf einmal kalt. Mit der Fortdauer der Waͤrme dauerte die Ausdehnung fort, und folglich die Farben, die allmaͤlich so wie sich die Waͤrme verlor, in andere Farben uͤbergingen.“ „Ich mag diese Hypothese jetzt nicht weitlaͤuftiger ausfuͤhren, und deswegen will ich nur noch das Wah- re derselben, von dem Wahrscheinlichen abgesondert, heraussetzen. Wahr ist es: „daß die Lichtstrahlen, so einfach sie auch seyn moͤgen, Waͤrme und Ausdeh- nung auf der Netzhaut hervorbringen muͤssen,“ daß die Seele diese Ausdehnung empfinden muß. Denn man erklaͤre auch die Farben wie man will, so muß man mir doch allezeit zugeben, daß das, was z. B. die blaue Farbe erzeugt, nicht heftiger wirken kann, als die Waͤrme eines solchen blauen Lichttheilchens wirkt.“ Haͤtte Westfeld statt des Mehr und Minder, wo- durch doch immer nur eine Abstufung ausgedruͤckt wird, von der man nicht weiß wo sie anfangen und wo sie aufhoͤren soll, seine Meynung als Gegensatz ausgesprochen, und die Farbenwirkungen als erwaͤr- mend und erkaͤltend angenommen, so daß die von der einen Seite die natuͤrliche Waͤrme der Reting erhoͤhen, die von der andern sie vermindern; so waͤre nach ihm diese Ansicht nicht viel mehr zu erweitern gewesen. Sie gehoͤrt in das Capitel von der Wirkung farbiger Beleuchtung, wo wir theils das Noͤthige schon ange- geben haben, theils werden wir das allenfalls Erfor- derliche kuͤnftig suppliren. Guͤyot . Nouvelles Récréations physiques et mathéma- tiques, à Paris, 1769-70. 4 Baͤnde in 8. Man kann nicht oft genug wiederholen, daß eine Theorie sich nicht besser bewaͤhrt, als wenn sie dem Praktiker sein Urtheil erleichtert und seine Anwendun- gen foͤrdert. Bey der Newtonischen ist gerade das Gegentheil: sie steht Jedem im Wege, der mit Far- ben irgend etwas beginnen will; und dieß ist auch hier der Fall, bey einem Manne, der sich unter an- dern physischen Erscheinungen und Kraͤften auch der Farben zu mancherley Kunststuͤcken und Erheiterungen bedienen will. Er findet bald, daß er, um alle Farben hervor- zubringen, nur drey Hauptfarben bedarf, die er also auch wohl Ur- und Grundfarben nennen mag. Er bringt diese in helleren, sich nach und nach verdun- kelnden Reihen auf durchscheinendes, uͤber Quadrat- Rahmen gespanntes Papier, bedient sich dieser erst einzeln, nachher aber dergestalt mit einander verbun- den, daß die hellern und dunklern Streifen uͤbers Kreuz zu stehen kommen; und so entspringen wirklich alle Farbenschattirungen, sowohl in Absicht auf Mi- schung als auf Erhellung und Verdunkelung, zu wel- chem letztern Zwecke er jedoch noch eine besondere Vor- richtung macht. Sich dieser Rahmen zu bedienen, verfertigt er ein Kaͤstchen worein sie passen, wovon die eine Seite ganz offen und nach der Sonne gerichtet ist, die an- dere aber mit einer hinreichenden Oeffnung versehen, daß man die gefaͤrbten Flaͤchen uͤberschauen koͤnne. Bey diesen Operationen, die so einfach sind, und eben weil sie so einfach sind, steht ihm die Newtoni- sche Theorie im Wege, woruͤber er sich, zwar mit vorhergeschickten Protestationen, daß er dem scharfsin- nigen und curiosen System keinesweges zu widerspre- chen wage, folgendermaßen aͤußert: „Die Wirkung, welche von diesen gefaͤrbten durchscheinenden Papieren hervorgebracht wird, scheint nicht mit dem gegenwaͤrtigen System von der Bildung der Farben uͤbereinzustimmen. Denn das Papier wor- auf man z. B. die blaue Farbe angebracht hat, wirft die blauen Strahlen zuruͤck, wenn man es durch die große Oeffnung des Kastens betrachtet, indeß die an- dere geschlossen ist. Schaut man aber durch die klei- nere, indeß die groͤßere gegen die Sonne gewendet ist, so erblickt man durch das Papier hindurch eben diesel- ben blauen Strahlen. Dieses aber waͤre, dem Sy- stem nach, ein Widerspruch, weil ja dasselbe Papier dieselben Strahlen zuruͤckwirft und durchlaͤßt. Man kann auch nicht sagen, das Papier werfe nur einen Theil zuruͤck und lasse den andern durchgehen: denn bey dieser Voraussetzung muͤßte das Papier, indem es nur einen Theil der blauen Strahlen durchließe, die Kraft haben alle uͤbrigen zu verschlingen, da man doch, wenn man den gelben Rahmen hinter den blauen stellt, nichts sicht als gruͤne Strahlen, welche vielmehr der blaue Rahmen verschlingen sollte. Ja man duͤrfte gar keine Farbe sehen: denn die einzigen blauen Strahlen, welche durch den blauen Rahmen durchzugehen im Stande sind, muͤßten ja durch den zweyten Rahmen verschluckt werden, der nur die gelben durchlaͤßt. Die- selbe Betrachtung kann man bey allen uͤbrigen Farben machen, welche durch die verschiedenen Stellungen dieser farbigen Rahmen hervorgebracht werden.“ Und so hat auch dieser verstaͤndige, im Kleinen thaͤtige Mann, nach seiner Weise und auf seinem Wege, die Absurditaͤt des Newtonischen Systems eingesehen und ausgesprochen: abermals ein Franzos, der gleich- falls die umsichtige Klugheit und Gewandtheit seiner Nation beurkundet. Mauclerc . Traité des Couleurs et Vernis. à Paris 1773. Die Farbenkoͤrper haben gegen einander nicht glei- chen Gehalt, und das Gelbe sey ausgiebiger als das Blaue, so daß, wenn man ihre Wirkung mit einan- der ins Gleichgewicht zu einem Gruͤn setzen wolle, man drey Theile Blau gegen zwey Theile Gelb nehmen muͤsse. So sey auch das hohe Roth staͤrker als das Blaue, und man muͤsse fuͤnf Theile Blau gegen vier Theile Roth nehmen, wenn das Gemisch gerade in die Mitte von beyden fallen solle. Marat . Découvertes sur le Feu, l’électricité et la lu- mière, à Paris 1779. 8 vo . Découvertes sur la Lumière, à Londres et à Paris 1780. 8 vo . Notions élémentaires d’Optique, à Paris 1784. 8 vo . Ohne uns auf die große Anzahl Versuche einzu- lassen, worauf Marat seine Ueberzeugungen gruͤndet, kann es hier bloß unsere Absicht seyn, den Gang den er genommen anzudeuten. Die erste Schrift liefert umstaͤndliche Untersuchun- gen uͤber das was er feuriges Fluidum, fluide igné, nennt. Er bringt naͤmlich brennende, gluͤhende, er- hitzte Koͤrper in das Sonnenlicht, und beobachtet den Schatten ihrer Ausfluͤsse und was sonst bey dieser Ge- legenheit sichtbar wird. Da er sich nun das Vorgehende noch deutlicher machen will, so bedient er sich in einer dunklen Kam- mer des Objectivs von einem Sonnenmikroscop, und bemerkt dadurch genauer die Schatten der Koͤrper, der Duͤnste, die verschiedenen Bewegungen und Abstu- fungen. Den Uebergang zu dem was uns eigentlich inter- essirt, werden wir hier gleich gewahr, und da er auch erkaltende, ja kalte Koͤrper auf diese Weise beob- achtet; so findet er, daß auch etwas eignes um sie vorgeht. Er bemerkt Schatten und Lichtstreifen, hel- lere und dunklere Linien, welche das Schattenbild des Koͤrpers begleiten. War die feurige Fluͤßigkeit bey jenen ersten Ver- suchen aus dem Koͤrper herausdringend sichtbar gewor- den; so wird ihm nunmehr eine Eigenschaft des Lich- tes anschaulich, welche darin bestehen soll, daß es sich von den Koͤrpern anziehen laͤßt, indem es an ihnen vorbeygeht. Er beobachtet die Phaͤnomene genau und will finden, daß diese Anziehung, woraus jene von Grimaldi fruͤher schon sogenannte Beugung entsteht, nach der verschiedenen Natur der Koͤrper, verschieden sey. Er beobachtet und mißt die Staͤrke dieser Anzie- hungskraͤfte, und wie weit sich die Atmosphaͤre dieser Anziehung erstrecken moͤchte. Bey dieser Gelegenheit bemerkt er jene uns auch schon bekannten Farbensaͤume. Er findet nur zwey Farben, die blaue und die gelbe, an welche beyden sich die dritte, die rothe, nur anschließend sehen laͤßt. Das Licht ist nun einmal angezogen, es ist von seinem Wege abgelenkt; dieß deutet ihm gleichfalls auf die Eigenschaft eines Fluidums. Er verharrt auf dem alten Begriff der Decomposition des Lichtes in farbige Lichttheile; aber diese sind ihm weder fuͤnf, noch sie- ben, noch unzaͤhlige, sondern nur zwey, hoͤchstens drey. Da er nun bey diesen Versuchen, welche wir die paroptischen nannten, auch wie bey jenen, die feu- rige Fluͤßigkeit betreffenden, das Objectivglas eines Sonnen-Mikroscops anwendet; so verbinden sich ihm die dioptrischen Erfahrungen der zweyten Classe, die Refractionsfaͤlle, sogleich mit den paroptischen, deren Verwandtschaft freylich nicht abzulaͤugnen ist, und er widerspricht also von dieser Seite der Newtonischen Lehre, indem er ohngefaͤhr diejenigen Versuche auf- fuͤhrt, die auch wir und andere vorgelegt haben. Er spricht entschieden aus, daß die Farbenerscheinung nur an den Raͤndern entspringe, daß sie nur in einem einfachen Gegensatz entstehe, daß man das Licht hin und wieder brechen koͤnne soviel man wolle, ohne daß eine Farbenerscheinung statt finde. Und wenn er auch zugesteht, daß das Licht decomponirt werde, so be- hauptet er steif und fest: es werde nur auf dem par- optischen Wege durch die sogenannte Beugung decom- ponirt, und die Refraction wirke weiter nichts dabey, als daß sie die Erscheinung eminent mache. Er operirt nunmehr mit Versuchen und Argumen- ten gegen die diverse Refrangibilitaͤt, um seiner diver- sen Inflexibilitaͤt das erwuͤnschte Ansehen zu verschaffen; sodann fuͤgt er noch einiges uͤber die gefaͤrbten Schat- ten hinzu, welches gleichfalls seine Aufmerksamkeit und Sagacitaͤt verraͤth, und verspricht, diese und ver- wandte Materien weiter durchzuarbeiten. Wer unserm Entwurf der Farbenlehre und dem historischen Faden unserer Bemuͤhung gefolgt ist, wird selbst uͤbersehen, in welchem Verhaͤltniß gegen diesen Forscher wir uns befinden. Paroptische Farben sind, nach unserer eigenen Ueberzeugung, ganz nahe mit den bey der Refraction erscheinenden verwandt (E. 415.). Ob man jedoch, wie wir glaubten, diese Phaͤnomene allein aus dem Doppelschatten herleiten koͤnne, oder ob man zu geheimnißvolleren Wirkungen des Lich- tes und der Koͤrper seine Zuflucht nehmen muͤsse, um diese Phaͤnomene zu erklaͤren, lassen wir gern unent- schieden, da fuͤr uns und andere in diesem Fache noch manches zu thun uͤbrig bleibt. Wir bemerken nur noch, daß wir die paroptischen Faͤlle, mit den Refractionsfaͤllen zwar verwandt, aber nicht identisch halten. Marat hingegen, der sie voͤllig identificiren will, findet zwar bey den objectiven Ver- suchen, wenn das Sonnenbild durchs Prisma geht, ziemlich seine Rechnung; allein bey subjectiven Versu- chen, wo sich nicht denken laͤßt, daß das Licht an der Graͤnze eines, auf einer flachen Tafel aufgetrage- nen, Bildes hergehe, muß er sich freylich wunderlich gebaͤrden, um auch hier eine Beugung zu erzwingen. Es ist merkwuͤrdig genug, daß den Newtonianern bey ihrem Verfahren die subjectiven Versuche gleichfalls im Wege sind. Wie wenig Gunst die Maratischen Bemuͤhungen bey den Naturforschern, besonders bey der Akademie, fanden, laͤßt sich denken, da er die hergebrachte Lehre, ob er gleich ihr letztes Resultat, die Decomposition des Lich- tes, zugab, auf dem Wege den sie dahin genommen, so entschieden angriff. Das Gutachten der Commissarien ist als ein Muster anzusehen, wie grimassirend ein boͤ- ser Wille sich gebaͤrdet, um etwas das sich nicht ganz verneinen laͤßt, wenigstens zu beseitigen. Was uns betrifft, so halten wir dafuͤr, daß Ma- rat mit viel Scharfsinn und Beobachtungsgabe die Lehre der Farben, welche bey der Refraction und soge- nannten Inflection entstehen, auf einen sehr zarten Punct gefuͤhrt habe, der noch fernerer Untersuchung werth ist, und von dessen Aufklaͤrung wir einen wahren Zuwachs der Farbenlehre zu hoffen haben. Schließlich bemerken wir noch, daß die beyden letztern oben benannten Schriften, welche uns eigent- lich interessiren, gewissermaßen gleichlautend sind, in- dem die zweyte nur als eine Redaction und Epitome der ersten angesehen werden kann, welche von Christ. Ehrenfried Weigel ins Deutsche uͤbersetzt, und mit An- merkungen begleitet, Leipzig 1783, herausgekommen ist. H. F. T. Observations sur les ombres colorées, à Paris 1782. Dieser, uͤbrigens so viel wir wissen unbekannt gebliebene, Verfasser macht eine eigene und artige Er- scheinung in der Geschichte der Wissenschaft. Ohne mit der Naturlehre uͤberhaupt, oder auch nur mit diesem besondern Capitel des Lichts und der Farben bekannt zu seyn, fallen ihm die farbigen Schatten auf, die er denn, da er sie einmal bemerkt hat, uͤberall gewahr wird. Mit ruhigem und geduldigen Antheil beobachtet er die mancherley Faͤlle, in welchen sie er- scheinen, und ordnet zuletzt in diesem Buche zwey und neunzig Erfahrungen, durch welche er der Natur die- ser Erscheinungen naͤher zu kommen denkt. Allein alle diese Erfahrungen und sogenannten Expériences sind immer nur beobachtete Faͤlle, durch deren Anhaͤufung die Beantwortung der Frage immer mehr ins Weite gespielt wird. Der Verfasser hat keineswegs die Gabe mehreren Faͤllen ihr Gemeinsames abzulernen, sie ins Enge zu bringen, und in bequeme Versuche zusam- menzufassen. Da dieses letztere von uns geleistet ist (E. 62-80.); so laͤßt sich nunmehr auch leichter uͤbersehen, was der Verfasser eigentlich mit Augen ge- schaut, und wie er sich die Erscheinungen ausgelegt hat. Bey der Seltenheit des Buches halten wir es fuͤr wohlgethan, einen kurzen Auszug davon, nach den Ru- briken der Capitel, zu geben. Einleitung . Historische Nachricht, was Leo- nardo da Vinci, Buͤffon, Millot und Nollet uͤber die farbigen Schatten hinterlassen. Erster Theil . Was noͤthig sey um farbige Schatten hervorzubringen. Naͤmlich zwey Lichter, oder Licht von zwey Seiten; sodann eine entschiedene Pro- portion der beyderseitigen Helligkeit. Zweyter Theil . Von den verschiedenen Mit- teln farbige Schatten hervorzubringen, und von der Verschiedenheit ihrer Farben. I. Von farbigen Schatten, welche durch das di- recte Licht der Sonne hervorgebracht werden. Hier werden sowohl die Schatten bey Untergang der Sonne, als bey gemaͤßigtem Licht den Tag uͤber, beobachtet. II. Farbige Schatten, durch den Widerschein des Sonnenlichtes hervorgebracht. Hier werden Spie- gel, Mauern und andere Lichtzuruͤckwerfende Gegen- staͤnde mit in die Erfahrung gezogen. III. Farbige Schatten, durch das Licht der At- mosphaͤre hervorgebracht, und erleuchtet durch die Sonne. Es werden diese seltener gesehen, weil das Sonnenlicht sehr schwach werden muß, um den von der Atmosphaͤre hervorgebrachten Schatten nicht voͤllig aufzuheben. Sie kommen daher gewoͤhnlich nur dann vor, wenn die Sonne schon zum Theil unter den Ho- rizont gesunken ist. IV. Farbige Schatten, durch das Licht der At- mosphaͤre allein hervorgebracht. Es muß, wo nicht von zwey Seiten, doch wenigstens uͤbers Kreuz fallen. Diese Versuche sind eigentlich nur in Zimmern anzu- stellen. V. Farbige Schatten, hervorgebracht durch kuͤnst- liche Lichter. Hier bedient sich der Verfasser zweyer oder mehrerer Kerzen, die er sodann mit dem Camin- feuer in Verhaͤltniß bringt. VI. Farbige Schatten, hervorgebracht durch das atmosphaͤrische Licht und ein kuͤnstliches. Dieses sind die bekanntesten Versuche mit der Kerze und dem Ta- geslicht, unter den mannigfaltigsten empirischen Be- dingungen angestellt. VII. Farbige Schatten, hervorgebracht durch den Mondenschein und ein kuͤnstliches Licht. Dieses ist ohne Frage die schoͤnste und eminenteste von allen Er- fahrungen. Dritter Theil . Von der Ursache der ver- schiedenen Farben der Schatten. Nachdem er im Vor- hergehenden das obige Erforderniß eines Doppellichtes und ein gewisses Verhaͤltniß der beyderseitigen Helligkeit nunmehr voͤllig außer Zweifel gesetzt zu haben glaubt; so scheint ihm beym weitern Fortschritt besonders be- denklich, warum dasselbe Gegenlicht nicht immer die Schatten gleich faͤrbe. I. Vom Licht und den Farben. Er haͤlt sich vor allen Dingen an die Newtonische Lehre, kann je- doch seine farbigen Schatten nicht mit der Refraction verbinden. Er muß sie in der Reflexion suchen, weiß aber doch nicht recht wie er sich gebaͤrden soll. Er kommt auf Gautier’s System, welches ihn mehr zu beguͤnstigen scheint, weil hier die Farben aus Licht und Schatten zusammengesetzt werden. Er giebt auch einen ziemlich umstaͤndlichen Auszug; aber auch diese Lehre will ihm so wenig als die Newtonische ge- nuͤgen, die farbigen Schatten zu erklaͤren. II. Von verschiedenen Arten der farbigen Schat- ten. Er bemerkt, daß diese Erscheinungen sich nicht gleich sind, indem man den einen eine gewisse Wirk- lichkeit, den andern nur eine gewisse Apparenz zuschrei- II. 39 ben koͤnne. Allein er kann sich doch, weil ihm das Wort des Raͤthsels fehlt, aus der Sache nicht finden. Daß die rothen Schatten von der untergehenden Sonne und den sie begleitenden Wolken herkommen, ist auf- fallend; aber warum verwandelt sich der entgegenge- setzte Schatten, bey dieser Gelegenheit, aus dem Blauen ins Gruͤne? Daß diese Farben, wenn die Schatten auf einen wirklich gefaͤrbten Grund geworfen werden, sich nach demselben modificiren und mischen, zeigt er umstaͤndlich. III. Ueber die Farbe der Luft. Enthaͤlt die confusen und dunkeln Meynungen der Naturforscher uͤber ein so leicht zu erklaͤrendes Phaͤnomen (E. 151). IV. Bemerkungen uͤber die Hervorbringung der farbigen Schatten. Die Bedenklichkeiten und Schwie- rigkeiten, auf diesem Wege die farbigen Schatten zu erklaͤren, vermehren sich nur. Der Verfasser naͤhert sich jedoch dem Rechten, indem er folgert: Die Far- ben dieser Schatten sey man sowohl dem Lichte schuldig welches den Schatten verursacht, als demjenigen das ihn erleuchtet. Der Verfasser beobachtet so genau und wendet die Sache so oft hin und wieder, daß er immer sogleich auf Widerspruͤche stoͤßt, sobald er einmal etwas festge- setzt hat. Er sieht wohl, daß das fruͤher von ihm aufgestellte Erforderniß einer gewissen Proportion der Lichter gegen einander nicht hinreicht; er sucht es nun in gewissen Eigenschaften der leuchtenden Koͤrper, be- sonders der Flammen, und beruͤhrt auch den Umstand, daß verschiedene Lichter nicht einerley gleiche Farben verbreiten. V. Beobachtungen uͤber die Ursachen der ver- schiedenen Schattenfarben. Er vermannigfaltigt die Versuche abermals, besonders um zu erkennen, auf welchem Wege eine Schattenfarbe in die andere uͤber- geht, und ob dieser Uebergang nach einer gewissen Ordnung geschehe. Dabey beharrt er immer auf dem Begriff von der verschiedenen Intensitaͤt des Lichts, und sucht sich damit durchzuhelfen, ob es gleich nur kuͤmmerlich gelingt. Und weil er durchaus redlich zu Werke geht, begegnen ihm immer neue Widerspruͤche, die er eingesteht und dann wieder mit dem was er schon festgesetzt zu vereinigen sucht. Seine letzten Re- sultate sind folgende: Farbige Schatten entspringen: 1) durch das staͤrkere oder schwaͤchere Licht, das die Schatten empfangen. 2) durch die groͤßere oder geringere Klarheit des Lichts, welches die Schatten hervorbringt. 3) Durch die groͤßere oder kleinere Entfernung der Lichter von den Schatten. 39 * 4) von der groͤßern oder geringern Entfernung der schattenwerfenden Koͤrper von dem Grunde, der sie empfaͤngt. 5) von der groͤßern oder geringern Incidenz, sowohl der Schatten als des Lichtes, das sie erleuch- tet, gegen den Grund, der sie aufnimmt. 6) Man koͤnnte noch sagen von der Farbe des Grundes, welcher die Schatten aufnimmt. Auf diese Weise beschließt der Verfasser seine Ar- beit, die ich um so besser beurtheilen kann, als ich, ohne seine Bemuͤhungen zu kennen, fruͤher auf dem- selbigen Wege gewesen; aus welcher Zeit ich noch eine kleine in diesem Sinne geschriebene Abhandlung besitze. An Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit fehlt es diesem ruhig theilnehmenden Beobachter nicht. Die geringsten Umstaͤnde zeigt er an: das Jahr, die Jah- reszeit, den Tag, die Stunde; die Hoͤhen der himm- lischen, die Stellung der kuͤnstlichen Lichter; die groͤßere oder geringere Klarheit der Atmosphaͤre; Entfernung und alle Arten von Bezug: aber gerade die Hauptsa- che bleibt ihm verborgen, daß das eine Licht den wei- ßen Grund, worauf es faͤllt und den Schatten proji- cirt, einigermaßen faͤrben muͤsse. So entgeht ihm, daß die sinkende Sonne das Papier gelb und sodann roth faͤrbt, wodurch im ersten Fall der blaue, sodann der gruͤne Schatten entsteht. Ihm entgeht, daß bey einem von Mauern zuruͤckstrahlenden Lichte leicht ein gelblicher Schein auf einen weißen Grund geworfen und daselbst ein violetter Schatten erzeugt wird; daß die dem Tageslicht entgegengesetzte Kerze dem Papier gleich- falls einen gelblich rothen Schein mittheilt, wodurch der blaue Schatten gefordert wird. Er uͤbersieht, daß wenn er ein atmosphaͤrisches Licht von zwey Seiten in sein Zimmer fallen laͤßt, von einem benachbarten Hause abermals ein gelblicher Schein sich hereinmischen kann. So darf, selbst wenn bey Nachtzeit mit zwey Kerzen operirt wird, die eine nur naͤher als die andere an einer gelblichen Wand stehen. So ist ein Kaminfeuer nicht sowohl staͤrker und maͤchtiger als eine Kerze, son- dern es bringt, besonders wenn viele gluͤhende Kohlen sich dabey befinden, sogar einen rothen Schein hervor; deswegen, wie beym Untergang der Sonne, leicht gruͤne Schatten entstehen. Das Mondlicht faͤrbt jede weiße Flaͤche mit einem entschieden gelben Schein; und so entspringen alle die Widerspruͤche, die dem Verfasser begegnen, blos daher, daß er die Neben- umstaͤnde aufs genaueste beachtet, ohne daß ihm die Hauptbedingung deutlich geworden waͤre. Daß indessen schwach wirkende Lichter selbst schon als farbig und faͤrbend anzusehen, darauf haben wir auch schon hingedeutet (E. 81. ff.). Daß sich also, in einem gewissen Sinne, die mehr oder mindere In- tensitaͤt des Lichts an die Erscheinung der farbigen Schatten anschließe, wollen wir nicht in Abrede seyn; nur wirkt sie nicht als eine solche, sondern als eine gefaͤrbte und faͤrbende. Wie man denn uͤberhaupt das Schattenhafte und Schattenverwandte der Farbe, unter welchen Bedingungen sie auch erscheinen mag, hier recht zu beherzigen abermals aufgefordert wird. Diogo de Carvalho e Sampayo . Tratado das Cores. Malta, 1787. Dissertaçāo sobre as cores primitivas. 1788. Diesem ist beygefuͤgt: Breve Tratado sobre a composiçāo artificial das cores. Elementos de agricultura. Madrid, 1790. 1791. Memoria sobre a formaçāo natural das Cores. Madrid, 1791. Der Verfasser, ein Maltheser-Ritter, wird zu- faͤlliger Weise auf die Betrachtung farbiger Schatten geleitet. Nach wenigen Beobachtungen eilt er gleich zu einer Art Theorie, und sucht sich von derselben durch mehrere Versuche zu uͤberzeugen. Seine Erfah- rungen und Gesinnungen finden sich in den vier ersten oben benannten Schriften aufgezeichnet und in der letz- ten epitomirt. Wir ziehen sie noch mehr ins Enge zusammen, um unsern Lesern einen Begriff von diesen zwar redlichen, doch seltsamen und unzulaͤnglichen Be- muͤhungen zu geben. Theoretische Grundsaͤtze . „Die Farben manifestiren und formiren sich durchs Licht. Das Licht, welches von leuchtenden Koͤrpern ausfließt, oder das von dunklen Koͤrpern zuruͤckstrahlt, enthaͤlt die naͤmlichen Farben und producirt eben die- selben Phaͤnomene. Die Lebhaftigkeit des Lichts ist eben so zerstoͤrend fuͤr die Farben, als die Tiefe des Schattens. Bey einem Mittellicht erscheinen und bil- den sich die Farben.“ „Primitive Farben gibt es zwey: Roth und Gruͤn. Blau und Gelb sind keine primitiven Farben. Schwarz ist eine positive Farbe, sie entsteht aus Roth und Gruͤn. Weiß ist eine positive Farbe, und ent- steht durch die aͤußerste Trennung der primitiven Far- ben, Roth und Gruͤn.“ Erfahrungen die den Verfasser auf seine Theorie geleitet . „Der Anlaß, Roth und Gruͤn als primitive Far- ben anzunehmen und zu sehen, gab sich mir durch ei- nen Zufall im December 1788, zu Lamego. Ich kam in ein Zimmer und sah an der Wand gruͤne und rothe Reflexe. Als ich das Licht suchte, welches dieselben her- vorbrachte, fand ich daß es von der Sonne kam, die durch das Fenster drang und auf die entgegengesetzte Wand und das gruͤne Tuch fiel, mit welchem ein Tisch bedeckt war. Dazwischen stand ein Stuhl, mit dessen Schatten die farbigen Reflexe von Roth und Gruͤn zusammentrafen.“ „Ich zog den Stuhl weg, daß kein Koͤrper da- zwischen stehen moͤchte, und sogleich verschwanden die Farben. Ich stellte mein spanisches Rohr, das ich in der Hand hatte, dazwischen, und sogleich bildeten sich dieselben Farben, und ich bemerkte, daß die rothe Farbe mit der Zuruͤckstrahlung des gruͤnen Tuchs cor- respondirte, und die gruͤne mit dem Theile der Wand, auf welchen die Sonne fiel.“ „Ich nahm das Tuch vom Tische, so daß die Sonne bloß auf die Wand fiel, und auch da ver- schwanden die Farben, und aus den dazwischen lie- genden Koͤrpern resultirte nur ein dunkler Schatten. Ich machte daß die Sonne bloß auf das Tuch fiel, ohne auf die Wand zu fallen, und ebenfalls ver- schwanden die Farben, und aus den zwischenliegenden Koͤrpern resultirte der dunkle Schatten, den das von der Wand reflectirenoe Licht hervorbrachte.“ „Indem ich diese Experimente anstellte, beobachtete ich daß die Farben lebhafter erschienen, wenn das Zim- mer dunkel und die Reflexe staͤrker waren als das na- tuͤrliche Licht; und daß sie sogar endlich verschwanden, wenn das natuͤrliche Licht, welches man durch Fen- ster oder Thuͤre eingehen ließ, die Reflexe an Staͤrke uͤbertraf.“ „Bey der Wiederholung der Versuche stellte ich mich so, daß ein Theil der Sonne auf die weiße Wand fiel und ein anderer auf einen Theil meiner scharlachrothen Maltheser-Uniform, und indem ich die Reflexe der Wand beobachtete, sah ich sie nochmals roth und gruͤn, so daß die gruͤne Farbe mit dem rothen Reflex, und die rothe mit dem Lichte an der Wand correspondirte.“ „So oft ich diese Observationen machte, so oft ergaben sich die naͤmlichen Resultate. Es ergiebt sich also, daß das Licht der Sonne eine achromatische Fluͤssigkeit ist, mit der Eigenschaft wie das Wasser, sich mit allen Farben faͤrben zu koͤnnen, und daß in dieser Fluͤssigkeit einige farbige und sehr feine Theil- chen schwimmen, welche das Licht verschiedentlich faͤr- bend, durch Refraction, Reflexion und Inflexion alle diejenigen Farben bilden, die wir auf den natuͤrlichen Koͤrpern und in dem gefaͤrbten Lichte erblicken.“ „Das Licht, als Element angesehen, ist kein ein- facher Koͤrper, sondern aus unter sich verschiedenen Principien zusammengesetzt. Eine achromatische, hoͤchst feine durchsichtige Fluͤssigkeit bildet seine Basis, und eine farbige, heterogene dunkle Materie schwimmt be- staͤndig in dieser Fluͤssigkeit.“ „Wenn nicht in dem Lichte eine achromatische Fluͤssigkeit existirte, so wuͤrde die Intensitaͤt der Far- ben des Lichts in jeder seiner Arten immer dieselbe seyn; z. B. das Rothe wuͤrde immer dieselbe Staͤrke behalten, ohne sich zum hellern diluiren, oder zum Dunklern concentriren zu koͤnnen. Nun aber zeigt die Erfahrung, daß die Farben des Lichts sich concentri- ren und diluiren, ohne ihre Natur zu veraͤndern; also folgt, daß in demselben Lichte eine achromatische Ma- terie existiren muß, die dergleichen Modificationen hervorzubringen vermoͤgend ist.“ „So muß auch die farbige Materie des Lichts nicht homogen seyn: denn waͤre sie bloß von Einer Natur, z. B. roth; so wuͤrde man in allen Koͤrpern nichts mehr sehen als diese Farbe, hell oder dunkel, nach dem Grade der Intensitaͤt oder der Verduͤnnung des Lichts. Nun aber sieht man in den Koͤrpern eine erstaunliche Mannigfaltigkeit verschiedener Farben, nicht nur der Intensitaͤt sondern auch der Qualitaͤt nach; folglich ist die farbige Materie, welche in der achro- matischen Fluͤssigkeit schwimmt, nicht homogen, son- dern von verschiedenen Beschaffenheiten.“ „Durch eine Reihe neuer und entschiedener Expe- rimente, die von mir uͤber das Licht gemacht worden, ist es hinlaͤnglich bewiesen, daß es eine farbige Ma- terie von zweyerley Art gebe: eine die vermoͤgend ist, in uns ein Gefuͤhl der rothen Farbe zu erwecken, und eine andere, die ein Gefuͤhl der gruͤnen Farbe hervor- bringen kann. Alle die andern Farben die man im Lichte sieht, sind aus diesen beyden zusammengesetzt, und sind anzusehen als bloße Resultate ihrer wechsel- seitigen Verbindung mit der achromatischen Materie zu einem Zustand von groͤßerer oder kleinerer Dichtigkeit. Denn das Licht hat eine Kraft sich zu concentriren, daß es einen Glanz und eine unertraͤgliche Staͤrke fuͤr das Gesichtsorgan erhaͤlt; und zugleich die Faͤhigkeit, sich so sehr zu verduͤnnen, daß es demselben Organ nicht mehr merklich ist, und die Gegenstaͤnde nicht mehr sichtbar macht.“ „Endlich ist die farbige Materie des Lichts von Natur dunkel, weil sie, indem sie sich vermittelst schicklicher Vorrichtungen verbindet, entweder den freyen Durchgang der achromatischen Strahlen verhin- dert, oder uns die Oberflaͤche der Gegenstaͤnde ver- deckt, uͤber welche sich diese farbige Materie ver- breitet.“ Versuche . Seine Vorrichtung ist nicht ungeschickt farbige Schatten hervorzubringen. Er bereitet hohle Roͤhren, bespannt das eine Ende mit leichten seidenen Zeugen, theils weißen theils von verschiedenen Farben. Diese bringt er in dem Laden einer Camera obscura derge- stalt an, daß er auf eine entgegengestellte Tafel, ent- weder sein achromatisches oder seine verschieden gefaͤrb- ten Lichter hereinbringen kann. Dazwischen stellt er ir- gend einen Koͤrper, um einen einfachen oder Doppel- schatten hervorzubringen. Da er seine seidenen Ueber- zuͤge Objective nennt; so wollen wir der Kuͤrze we- gen diesen Ausdruck beybehalten. Ein weißes Objectiv gibt farbloses Licht und schwarzen Schatten. Zwey weiße Objective geben farbloses Licht und farblose Halbschatten. Ein rothes und ein weißes Objectiv geben ein helles Licht und rothen Schein, den er Reflex nennt, sodann rothe und gruͤne Halbschatten. Ein gruͤnes und ein weißes Objectiv geben ein schwaches gruͤnes Licht und sodann gruͤne und rothe Halbschatten. Ein rothes und ein gruͤnes Objectiv geben ein ver- dunkeltes Licht, ohne einige Farbe, sodann rothe und gruͤne Halbschatten. Soweit ist alles in der Ordnung. Nun verbin- det er aber mit dem rothen und gruͤnen Objectiv noch ein weißes, und will dadurch auf mancherley Art Blau, Gelb, so wie Orange und Violett erhalten haben. Nun faͤhrt er fort ein Objectiv von Orangefarbe und ein weißes zusammen zu stellen. Er erhaͤlt ein schwaches Orange-Licht, sodann orange und blaue Schatten. Ein weißes und blaues Objectiv geben ihm ein schwachblaues Licht und blaue und gelbe Schatten. (Soll wohl rothgelbe heißen.) Ein gelbes und weißes Objectiv geben ihm ein hellgelbes Licht und gelbe und violette Schatten. Ein violettes und weißes Objectiv zusammen geben ihm nunmehr violette und gruͤnliche Schatten. Dieses Violett that hier, wie man sieht, die Wirkung vom reinen Roth; der Verfasser glaubt aber hier wieder an dem Anfange zu seyn, wo er ausge- gangen ist. Anstatt jedoch die richtigen Erfahrungen, die ihm die Natur von dem Gegensatz der Farben dar- bot, zu beachten und weiter zu verfolgen, hielt er die geforderten Scheinfarben fuͤr reale, wirklich aus dem Licht hervorgelockte Farben, und getaͤuscht durch jenen mittleren Versuch, bey welchem ein nicht beachteter Nebenumstand, den wir jedoch zu entwickeln noch nicht Gelegenheit gehabt, eintreten mochte, bestand er auf seinem ersten wunderlichen Aper ç uͤ in Lamego, Roth und Gruͤn, vielleicht seiner Maltheser-Uniform und dem Teppich zu Ehren, als die einzigen Urfarben an- zusprechen. Seine Bemuͤhungen sind redlich, seine Aufmerksam- keit genau und anhaltend. Er wird die dunkle Eigen- schaft der Farbe gewahr, die Nothwendigkeit eines farb- losen Lichts zur Erscheinung der Farbe, und fuͤhrt die saͤmmtlichen Paare der sich fordernden Farben ganz rich- tig durch; nur uͤbereilt er sich im Urtheil, und kommt so wenig als H. F. T. auf das Aper ç uͤ, daß die zweyte Farbe eine physiologische sey. Das letzte der oben benannten Werke, sehr schoͤn auf 32 Seiten in klein Quart gedruckt, verdiente wohl ganz uͤbersetzt, und mit der ihm beygefuͤgten Kupfer- tafel begleitet zu werden, indem nur zweyhundert Ex- emplare davon existiren, und alle aufrichtigen Versu- che zu dem Wahren zu gelangen, schaͤtzbar und selbst die Mißgriffe belehrend sind. Robert Waring Darwin . On the Ocular Spectra of Light and Colours. Abgedruckt in den Philosophischen Transactionen, Vo- lum. 76. pag. 313. datirt vom November 1785. Noch- mals abgedruckt in Erasmus Darwins Zoonomie. Dieser Aufsatz von den Augengespenstern ist ohne Zweifel der ausfuͤhrlichste unter allen die erschienen sind, ob ihm gleich die oben angezeigte Schrift des Pater Scherffer an die Seite gestellt werden duͤrfte. Nach der Inhaltsanzeige folgt eine kurze Einleitung, welche eine Eintheilung dieser Gespenster und einige Literarno- tizen enthaͤlt. Die Ueberschriften und Summarien sei- ner Kapitel sind folgende: 1) Thaͤtigkeit der Netzhaut beym Sehen. 2) Von Gespenstern aus Mangel von Empfindlich- keit. Die Retina wird nicht so leicht durch geringere Reizung in Thaͤtigkeit gesetzt, wenn sie kurz vorher eine staͤrkere erlitten. 3) Von Gespenstern aus Uebermaß von Empfind- lichkeit. Die Retina wird leichter zur Thaͤtigkeit erregt durch einen groͤßern Reiz, wenn sie kurz vorher einen ge- ringern erfahren. 4) Von directen Augengespenstern. Eine Reizung uͤber das natuͤrliche Maaß, erregt die Retina zu einer krampfhaften Thaͤtigkeit, welche in wenig Secunden aufhoͤrt. 5) Ein Reiz, staͤrker als der letzterwaͤhnte, er- regt die Retina zu krampfhafter Thaͤtigkeit, welche wechselsweise sich verliert und wiederkehrt. 6) Von umgekehrten Augengespenstern. Die Netzhaut, nachdem sie zur Thaͤtigkeit durch einen Reiz aufgeregt worden, welcher abermals etwas groͤßer ist als der letzterwaͤhnte, faͤllt in eine entgegen- gesetzte krampfhafte Thaͤtigkeit. 7) Die Netzhaut, nachdem sie zur Thaͤtigkeit durch einen Reiz erregt worden, welcher abermals groͤ- ßer ist als der letzterwaͤhnte, faͤllt in verschiedene auf- einander folgende krampfhafte Thaͤtigkeiten. 8) Die Netzhaut, nachdem sie zur Thaͤtigkeit durch einen Reiz erregt worden, der einigermaßen groͤßer ist als der letzterwaͤhnte, faͤllt in eine fixe krampfhafte Thaͤtigkeit, welche mehrere Tage anhaͤlt. 9) Ein Reiz, groͤßer als der vorhergehende, bringt eine temporaͤre Paralyse in dem Gesichtsorgan hervor. 10) Vermischte Bemerkungen. Hier bringt der Verfasser solche Beobachtungen an, welche aus einem ganz natuͤrlichen Grunde zu den vorhergehenden nicht passen. a ) Von directen und umgekehrten Gespenstern die zu gleicher Zeit existiren. Von wechselseitigen directen Gespenstern. Von einer Verbindung directer und um- gekehrter Gespenster. Von einem gespensterhaften Hofe. Regeln die Farben der Gespenster voraus zu sagen. b ) Veraͤnderlichkeit und Lebhaftigkeit der Gespen- ster, durch fremdes Licht bewirkt. c ) Veraͤnderlichkeit Gespenster in Absicht auf Zahl, Gestalt und Nachlassen. d ) Veraͤnderlichkeit der Gespenster in Absicht auf Glanz. Die Sichtbarkeit der Circulation des Blutes im Auge. e ) Veraͤnderlichkeit der Gespenster Absicht auf Deutlichkeit und Groͤße, mit einer neuen Art die Ge- genstaͤnde zu vergroͤßern. f ) Schluß. II. 40 Jedem der diese Summarien und Rubriken mit einiger Aufmerksamkeit betrachtet, wird in die Augen fallen, was an dem Vortrag des Verfassers zu tadeln sey. Waring Darwin, wie sein Bluts- oder Na- mensvetter, Erasmus Darwin, begehen, bey allem Verdienst einer heitern und sorgfaͤltigen Beobachtung, den Fehler, daß sie als Aerzte alle Erscheinungen mehr pathologisch als physiologisch nehmen. Waring erkennt in seinem ersten Artikel, daß wohl alles Sehen von der Thaͤtigkeit der Netzhaut abhaͤngen moͤchte, und nimmt nun nicht etwa den naturgemaͤßen Weg, die Gesetze wornach ein solches gesundes Organ wirkt und gegenwirkt, auszumitteln und zu bezeichnen; sondern er fuͤhrt sie unter der kuͤnstlichen, aͤrztlichen Form auf, wie sie sich gegen schwaͤchere und staͤrkere Reize verhal- ten; welches in diesem Falle von geringer Bedeutung, ja in der Erfahrung, wie man aus seinen Rubriken wohl sehen kann, gar nicht zu bestimmen ist. Wir haben den Gehalt dieser Abhandlung, so wie der uͤbrigen uns bekannt gewordenen, gesondert und an der Natur selbst, zum Nachtheil unsrer eigenen Au- gen, wiederholt gepruͤft, und in unsrer Abtheilung von physiologischen, nicht weniger in dem Anhang von pathologischen Farben, die allgemeinen Umrisse zu ziehen gesucht, in welchen sich alles einschließt, die beste Ordnung auszufinden getrachtet, nach welcher sich die Phaͤnomene darstellen und einsehen lassen. Anstatt also den Darwinischen Aufsatz Artikel vor Artikel durchzugehen, anstatt Beyfall und Mißfallen im Einzelnen zu bezeigen, ersuchen wir unsere Leser, die es besonders interessiren koͤnnte, diese Abhandlung mit unserer erstgemeldeten Abtheilung des Entwurfs zu- sammenzuhalten und sich durch eigene Ansicht von dem dort Geleisteten zu uͤberzeugen. Wir haben bey Recension des Darwinischen Aufsa- tzes den Ausdruck Augengespenst mit Fleiß gewaͤhlt und beybehalten, theils weil man dasjenige was er- scheint ohne Koͤrperlichkeit zu haben, dem gewoͤhnlichen Sprachgebrauche nach, ein Gespenst nennt, theils weil dieses Wort, durch Bezeichnung der prismatischen Erscheinung, das Buͤrgerrecht in der Farbenlehre sich hergebracht und erworben. Das Wort Augentaͤuschun- gen, welches der sonst so verdienstvolle Uebersetzer der Darwinischen Zoonomie dafuͤr gebraucht hat, wuͤnschten wir ein fuͤr allemal verbannt. Das Auge taͤuscht sich nicht; es handelt gesetzlich und macht dadurch dasje- nige zur Realitaͤt, was man zwar dem Worte aber nicht dem Wesen nach, ein Gespenst zu nennen be- rechtigt ist. Wir fuͤgen die obengemeldeten literarischen Notizen hinzu, die wir theils dem Verfasser, theils dem Ue- bersetzer schuldig sind. Doctor Jurin in Smiths Optik, zu Ende. Aepi- nus in den Petersburger neuen Commentarien Vol. X. Beguelin in den Berliner Memoiren Vol. II., 1771. 40 * D’Arcy , Geschichte der Akademie der Wissenschaften 1765. De la Hire, Buͤffon , Memoiren der franz. Akademie 1743. Christ. Ernst Wuͤnsch Visus phae- nomena quaedam. Lips. 1776. 4. Joh. Eichel Experimenta circa sensum videndi, in Collectaneis societatis medicae Havniensis. Vol. I., 1774. 8. Anton Raphael Mengs . Lezioni prattiche di pittura, in seinen Werken, herausgekommen zu Parma 1780 in Quart. Den Grund der Harmonie, welche wir bey einem Gemaͤlde empfinden, setzte Mengs in das Helldunkel, so wie er denn auch dem allgemeinen Ton die vorzuͤg- lichste Wirkung zuschrieb. Die Farben waren ihm da- gegen nur einzelne Toͤne, womit man die Oberflaͤchen der Koͤrper specificirte, welche sich dem Helldunkel und dem allgemeinen Ton subordiniren sollten, ohne eben gerade fuͤr sich und unter sich einen Anspruch an Ue- bereinstimmung und Ganzheit zu machen. Er bemerkte jedoch, daß eine Farbe, wenn sie in ihrer voͤlligen Lebhaftigkeit gebraucht werde, durch eine andere gewissermaßen aufgewogen werden muͤsse, um ertraͤglich zu seyn. Und so fand sein offner Sinn und guter Geschmack die einfachen Gesetze der Farben- harmonie, ohne jedoch ihren physiologischen Grund einzusehen. „Bey dem Gebrauch der Farben ist es noͤthig ihr Gleichgewicht zu beobachten, wenn wir die Art und Weise finden wollen, sie mit Anmuth anzuwenden, und gut zu begleiten. Eigentlich gibt es nur drey Farben, Gelb, Roth und Blau. Diese darf man nie an und fuͤr sich in einem Werke gebrauchen; doch wenn man ja eine davon, und zwar rein anwenden wollte, so suche man die Art und Weise eine andere aus zweyen gemischt, an die Seite zu setzen: z. E. das reine Gelb begleite man mit Violett, weil dieses aus Roth und Blau besteht. Hat man ein reines Roth angewendet, so fuͤge man aus derselben Ursache das Gruͤne hinzu, das ein Gemisch von Blau und Gelb ist. Besonders ist die Vereinigung des Gelben und Rothen, wodurch die dritte Mischung entsteht, schwer mit Vortheil anzuwenden, weil diese Farbe zu lebhaft ist, deswegen man das Blau zu seiner Begleitung hinzufuͤgen muß.“ Man sehe was wir hieruͤber im naturgemaͤßen Zusammenhange am gehoͤrigen Orte vorgetragen haben. (E. 803. ff.) Jeremias Friedrich Guͤlich . Vollstaͤndiges Faͤrbe- und Bleichbuch ꝛc. ꝛc. Sechs Baͤnde. Ulm, 1779 bis 1793. Dieser Mann, welcher zu Sindelfingen bey Stutt- gart ansaͤßig und zuletzt im Baadenischen angestellt war, dessen Lebensgang wohl mehr verdiente bekannt zu seyn, war in seinem Handwerk, in seiner Halbkunst, wie man es nennen will, so viel wir ihn beurtheilen koͤn- nen, wohl zu Hause. Alle Erfordernisse bey der Faͤr- berey, sowohl in so fern sie vorbereitend als ausfuͤh- rend und vollendend gedacht werden, lagen ihm zur Hand, so wie die verschiedensten Anwendungen, wel- che man von Farben technisch auf alle Arten von Zeu- gen und Stoffen nach und nach ersonnen hat. Bey der großen Breite, bey dem genauen Detail seiner Kenntnisse sah er sich nach einem Leitfaden um, an welchem er sich durch das Labyrinth der Natur- und Kunsterscheinungen durchwinden koͤnnte. Da er aber weder gelehrte, noch philosophische noch literarische Bildung hatte, so wurde es seinem uͤbrigens tuͤchtigen Charakter sehr schwer, wo nicht unmoͤglich, sich uͤberall zurecht zu finden. Er sah wohl ein, daß bey allem Verfahren des Faͤrbers nur sehr einfache Maximen zum Grunde lagen, die sich aber unter einem Wust von einzelnen Recepten und zufaͤlligen Behandlungen verbargen und kaum ge- saßt werden konnten. Daß mit einer klugen Anwendung von Saͤuren und Alcalien viel, ja beynah alles gethan sey, ward ihm klar, und bey dem Drange zum Allgemeinen, den er in sich fuͤhlte, wollte er dem Material seines Ge- schaͤfts und dessen Anwendung nicht allein, sondern zugleich der ganzen Natur, einen eben so einfachen Gegensatz zum Grunde legen. Deshalb wurden ihm Feuer und Wasser die zwey Haupt-Elemente. Jenem gesellte er die Saͤuren, diesem die Alcalien zu. In jenem wollte er zugleich die hochrothe, in diesem die blaue Farbe finden, und hiermit war seine Theorie abgeschlossen; das Uebrige sollte sich hieraus entwi- ckeln und ergeben. Da die eminentesten und bestaͤndigsten Farben aus den Metallen hervorzubringen waren; so schenkte er auch diesen vorzuͤgliche Aufmerksamkeit und eine besondere Ehrfurcht. Dem Feuer, den Saͤuren, dem Hochrothen soll Gold und Eisen, dem Wasser, den Alcalien, dem Blauen soll vorzuͤglich Kupfer antworten und gemaͤß seyn; und uͤberall wo man diese Farben finde, soll etwas wo nicht gerade wirk- lich Metallisches, doch dem Metallischen nahe Ver- wandtes und Analoges angetroffen werden. Man sieht leicht, daß diese Vorstellungsart sehr beschraͤnkt ist und bey der Anwendung oft genug unbe- quem werden muß. Weil jedoch seine Erfahrung sehr sicher und staͤt, seine Kunstbehandlung meisterhaft ist; so kommen bey dieser seltsamen Terminologie Verhaͤlt- nisse zur Sprache, an die man sonst nicht gedacht haͤtte, und er muß die Phaͤnomene selbst recht deutlich machen, damit sie vielseitig werden, und er ihnen durch seine wunderliche Theorie etwas abgewinnen kann. Uns wenigstens hat es geschienen, daß eine Umarbei- tung dieses Buchs, nach einer freyern theoretischen An- sicht, von mannigfaltigem Nutzen seyn muͤßte. Da, wie der Titel seines Buches ausweist, die erste Sorge des Faͤrbers, die Farblosigkeit und Reinig- keit der Stoffe auf welche er wirken will, ihm niemals aus den Augen gekommen; da er die Mittel sorgfaͤltig angibt, wie solchen Stoffen alle Farbe und Unrei- nigkeit zu entziehen: so muß ihm freylich der Newto- nische siebenfarbige Schmutz, so wie bey seiner einfa- chern Ansicht, die siebenfache Gesellschaft der Grund- farben hoͤchst zuwider seyn; deswegen er sich auch ge- gen die Newtonische Lehre sehr verdrießlich und un- freundlich gebaͤrdet. Mit den Chemikern seiner Zeit, Meyer, Justi und andern, vertraͤgt er sich mehr oder weniger. Das acidum pingue des ersten ist ihm nicht ganz zuwider; mit dem zweyten steht er in mancherley Differenz. So ist er auch in dem was zu seiner Zeit uͤber die Faͤrbe- kunst geschrieben worden, und was man sonst uͤber die Farbenlehre geaͤußert, nicht unbekannt. So viel sey genug, das Andenken eines Mannes aufzufrischen, der ein laborioses und ernstes Leben ge- fuͤhrt, und dem es nicht allein darum zu thun war, fuͤr sich und die Seinigen zu wirken und zu schaffen; sondern der auch dasjenige was er erfahren, und wie er sichs zurecht gelegt, andern zu Nutz und Bequem- lichkeit, emsig mittheilen wollte. Eduard Hussey Delaval . Versuch und Bemerkungen uͤber die Ursache der dauerhaften Farben undurchsichtiger Koͤrper. Uebersetzt und herausgegeben von Crell. Berlin und Stettin 1788. 8. Der eigentliche Gehalt dieser Schrift, ob er gleich in der Farbenlehre von großer Bedeutung ist, laͤßt sich doch mit wenigen Worten aussprechen. Des Verfas- sers Hauptaugenmerk ruht auf dem σκιερόν, auf der dunklen Eigenschaft der Farbe, wohin wir auch wie- derholt gedeutet haben. Er behandelt vorzuͤglich faͤrbende Stoffe aus dem Mineralreiche, sodann auch aus dem vegetabilischen und animalischen; er zeigt, daß diese Stoffe in ihrem fein- sten und concentrirtesten Zustande keine Farbe bey auf- fallendem Lichte sehen lassen, sondern vielmehr schwarz erscheinen. Auch in Feuchtigkeiten aufgeloͤste reine Farbestoffe, so wie farbige Glaͤser, zeigen, wenn ein dunkler Grund hinter ihnen liegt, keine Farbe, sondern nur, wenn ein heller hinter ihnen befindlich ist. Alsdann aber lassen sie ihre farbige Eigenschaft eben so gut als bey durch- fallendem Lichte sehen. Was sich auch vielleicht gegen des Verfassers Verfahrungsart bey seinen Versuchen einwenden laͤßt; so bleibt doch das Resultat derselben fuͤr denjenigen, der sie nachzuahmen und zu vermannigfaltigen weiß, unverruͤckt stehen, in welchem sich das ganze Fundament der Faͤrberey und Malerey ausdruͤckt. Des Verfassers Vortrag hingegen ist keiner von den gluͤcklichsten. Seine Ueberzeugung trifft mit der Newtonischen nicht zusammen, und doch kann er sich von dieser nicht losmachen, so wenig als von der Ter- minologie, wodurch sie sich ausspricht. Man sieht ferner durch seine Deduction wohl den Faden durch, an welchen er sich haͤlt, allein er verschlingt ihn selbst und macht dadurch den Leser verworren. Da er vorzuͤglich in dem chemischen Felde arbei- tet, so steht ihm freylich die Vorstellungsart seiner Zeit und die damalige Terminologie entgegen, wo das Phlogiston so wunderbar Widersprechendes wirken sollte. Die Kenntniß der verschiedenen Luftarten ist auf dem Wege; aber der Verfasser entbehrt noch die großen Vorzuͤge der neuern franzoͤsischen Chemie und ihres Sprachgebrauchs, wodurch wir denn freylich ge- genwaͤrtig viel weiter reichen. Es gehoͤrt daher eine Ueberzeugung von seinem Hauptgrundsatze und ein gu- ter Wille dazu, um das Echte und Verdienstliche sei- ner Arbeit auszuziehen und anzuerkennen. Wir haben ihn seit langen Jahren geschaͤtzt und daher auch schon (E. 572 ff.) seine Ueberzeugung, ver- bunden mit der unsern, aufgefuͤhrt. Bey den Pflanzen geraͤth es ihm am besten. Er entzieht ihnen das Faͤrbende und es bleibt eine weiße Structur uͤbrig. Dieses ausgezogene Faͤrbende verfin- stert sich immer mehr beym Verdichten, manifestirt sei- ne schattenhafte Natur, naͤhert sich dem Schwarzen, Ununterscheidbaren, und kann wieder einer andern wei- ßen Flaͤche mitgetheilt und in seiner vorigen Specifica- tion und Herrlichkeit dargestellt werden. Im Thier- reich ist es schon schwieriger. Im Mineralreiche fin- den sich noch mehr Hindernisse, wenn man den Grund- satz durchfuͤhren will. Jedoch beharrt er fest bey dem- selben und wendet ihn, wo er empirisch anwendbar ist, gluͤcklich an. In der Vorrede sind zwey kurze Aufsaͤtze, die je- doch dem Verfasser nicht besonders guͤnstig sind, vom Herausgeber eingeschaltet, der eine von Kluͤgel, der andere von Lichtenberg. In dem ersten finden wir einen gemuͤthlichen und redlichen, in dem zweyten einen geist- reichen und gewandten Skepticismus. Wir moͤgen hierbey eine Bemerkung aͤußern, welche wohl verdien- te gesperrt gedruckt zu werden; daß naͤmlich auf eine solche Weise, wie von beyden Maͤnnern hier gesche- hen, alle Erfahrungswissenschaft vernichtet werden koͤn- ne: denn weil nichts was uns in der Erfahrung er- scheint, absolut angesprochen und ausgesprochen werden kann, sondern immer noch eine limitirende Bedingung mit sich fuͤhrt, so daß wir Schwarz nicht Schwarz, Weiß nicht Weiß nennen duͤrften, in sofern es in der Erfahrung vor uns steht: so hat auch jeder Versuch, er sey wie er wolle und zeige was er wolle, gleichsam einen heimlichen Feind bey sich, der dasjenige was der Versuch a potiori ausspricht, begraͤnzt und un- sicher macht. Dieß ist die Ursache, warum man im Lehren, ja sogar im Unterrichten, nicht weit kommt; bloß der Handelnde, der Kuͤnstler entscheidet, der das Rechte ergreift und fruchtbar zu machen weiß. Der Delavalischen Ueberzeugung, die wir kennen, wird die Lehre von Newtons Lamellen an die Seite ge- setzt, und freylich sind sie sehr verwandt. Bey New- ton kommt auch die Farbe nicht von der Oberflaͤche, son- dern das Licht muß durch eine Lamelle des Koͤrpers ein- dringen und decomponirt zuruͤckkehren. Bey Delaval ist die Farbe dieser Lamelle specificirt und wird nicht anders gesehen, als wenn hinter ihr ein heller, wei- ßer Grund sich befindet, von dem das Licht alsdann gleichfalls specifisch gefaͤrbt zuruͤckkehrt. Merkwuͤrdig ist besonders in dem Lichtenbergischen Aufsatz, wie man der Newtonischen Lehre durch che- mische Huͤlfstruppen in jener Zeit wieder beygestanden. Man hatte eine latente Waͤrme ausgemittelt, warum sollte es nicht auch ein latentes Licht geben? und war- um sollten die, nach der Theorie, dem Licht ange- hoͤrigen farbigen Lichter nicht auch der Reihe nach Ver- steckens spielen, und wenn es den gelben beliebte her- vorzugucken, warum sollten die uͤbrigen nicht neckisch im Hinterhalte lauschen koͤnnen? Zwey merkwuͤrdige, unserer Ueberzeugung guͤnstige Stellen aus gedachtem Aufsatz jedoch, wovon wir die eine schon fruͤher angefuͤhrt (E. 584.), moͤgen hier Platz nehmen: „Ich bemerke hier im Vorbeygehen, daß vielleicht die Lehre von den Farben eben deswegen bisher so viele Schwierigkeiten hatte, weil alles auf Einem Wege, z. B. Brechung, erklaͤrt werden sollte.“ Wir haben oft genug wiederholt, daß alles auf den Weg ankommt, auf welchem man zu einer Wis- senschaft gelangt. Newton gieng von einem Phaͤno- men der Brechung aus, von einem abgeleiteten Com- plicirten. Dadurch ward Brechung das Hauptaugen- merk, das Hauptkunstwort, und was bey einem ein- zelnen Falle vorgieng, die Grundregel, das Grund- gesetz fuͤrs Allgemeine. Hatte man hier mehrere, ja unzaͤhlige Grundfarben angenommen; so bedurften die welche von der Malerey und Faͤrberey herkamen, nur drey Farben; noch mehr Aufpassende und Sondernde gar nur zwey, und so veraͤnderte sich alles nach den verschiedenen Ansichten. Carvalho und der Franzose H. F. T. fanden die farbigen Schatten hoͤchst bedeutend und legten den ganzen Grund der Farbenlehre dahin. Aber alle diese Phaͤnomene, sie moͤgen Namen haben wie sie wollen, haben ein gleiches Recht Grundphaͤnomene zu seyn. Die von uns aufgefuͤhrten physiologischen, physischen, chemischen Farben sind alle gleich befugt die Aufmerk- samkeit der Beobachtenden und Theoretisirenden anzu- sprechen. Die Natur allein hat den wahren republica- nischen Sinn, da der Mensch sich gleich zur Aristokra- tie und Monarchie hinneigt, und diese seine Eigenheit uͤberall, besonders auch theoretisirend statt finden laͤßt. „Auch scheint es mir aus andern Gruͤnden wahr- scheinlich, daß unser Organ um eine Farbe zu empfin- den, etwas von allem Licht (weißes) zugleich mit empfangen muͤsse.“ Was hier Lichtenberg im Vorbeygehen aͤußert, ist denn das etwas anderes als was Delaval behauptet? nur daß dieser das Helle hinter das Dunkle bringt und die Specification des Dunklen dadurch erscheinen macht, und daß jener das Helle unter das Dunkle mischt; welches ja auch nichts weiter ist, als daß eins mit und durch das andre erscheint. Ob ich ein durchsichtiges Blau uͤber Gelb lasire, oder ob ich Gelb und Blau vermische, ist in gewissem Sinne einer- ley: denn auf beyde Weise wird ein Gruͤn hervorge- bracht. Jene Behandlungsart aber steht viel hoͤher, wie wir wohl nicht weiter auszufuͤhren brauchen. Uebrigens wird Delaval’s Vortrag, besonders in- dem er auf die truͤben Mittel gelangt, unsicher und unscheinbar. Er kehrt zu der Newtonischen Lehre zu- ruͤck, ohne sie doch in ihrer ganzen Reinheit beyzube- halten; dadurch entsteht bey ihm, wie bey so vielen andern, ein ungluͤckliches eklektisches Schwanken. Denn man muß sich zu Newton ganz bekennen, oder ihm ganz entsagen. Johann Leonhard Hoffmann . Versuch einer Geschichte der malerischen Harmo- nie uͤberhaupt und der Farbenharmonie insbesondere, mit Erlaͤuterungen aus der Tonkunst, und vielen praktischen Anmerkungen, Halle 1786. Dieser Mann, dessen Andenken fast gaͤnzlich ver- schwunden ist, lebte um gedachtes Jahr in Leipzig als privatisirender Gelehrter, war als guter Physiker und rechtlicher Mann geschaͤtzt, ohne sich jedoch einer aͤrm- lichen Existenz entwinden zu koͤnnen. Er nahm be- traͤchtlichen Antheil an physicalischen, technologischen, oͤkonomischen Journalen und anderen Schriften dieses Inhalts. Mehr ist uns von ihm nicht bekannt ge- worden. Seine obgemeldete Schrift zeigt ihn uns als ei- nen durch Studien wohl gebildeten Mann. Kenntniß der Sprachen, des Alterthums, der Kunstgeschichte und recht treue Theilnahme an der Kunst selbst, ist uͤberall sichtbar. Ohne selbst Kuͤnstler zu seyn, scheint er sich mit der Malerey, besonders aber mit dem Ma- len, als ein guter Beobachter und Aufmerker beschaͤf- tigt zu haben, indem er die Erfordernisse der Kunst und Technik recht wohl einsieht und penetrirt. Da er jedoch in allem dem, was von dem Ma- ler verlangt wird und was er leistet, kein eigentliches Fundament finden kann; so sucht er durch Verglei- chung mit der Tonkunst eine theoretische Ansicht zu begruͤnden, und die malerischen und musicalischen Phaͤnomene, so wie die Behandlungsweise der beyden Kuͤnste, mit einander zu parallelisiren. Eine solche, von Aristoteles schon angeregte, durch die Natur der Erscheinungen selbst beguͤnstigte, von mehreren versuchte Vergleichung kann uns eigent- lich nur dadurch unterhalten, daß wir mit gewissen schwankenden Aehnlichkeiten spielen, und indem wir das Eine fallen lassen, das Andere ergreifen und immer so fortfahren, uns geistreich hin und wieder schaukeln. Auf dem empirischen Wege, wir wir schon fruͤher bemerkt (E. 748 ff.) werden sich beyde Kuͤnste nie- mals vergleichen lassen, so wenig als zwey Maßstaͤbe von verschiedenen Laͤngen und Eintheilungen neben einander gehalten. Wenn auch irgend wo einmal ein Einschnitt paßt, so treffen die uͤbrigen nicht zusam- men; ruͤckt man nach, um jene neben einander zu brin- gen, so verschieben sich die ersten wieder, und so wird man auf eine hoͤhere Berechnungsart nothwendig ge- trieben. Wir koͤnnen dieß nicht anschaulicher machen, als wenn wir diejenigen Erscheinungen und Begriffe, die er parallelisirt, neben einander stellen. Licht Laut Dunkelheit Schweigen Schatten Lichtstrahlen Schallstrahlen Farbe Ton Farbenkoͤrper Instrument Ganze Farben Ganze Toͤne Gemischte Farben Halbe Toͤne Gebrochene Farbe Abweichung des Tons Helle Hoͤhe Dunkel Tiefe Farbenreihe Octave Wiederholte Farbenreihe Mehrere Octaven. Helldunkel Unisono Himmlische Farben Hohe Toͤne Irdische (braune) Farben Contra-Toͤne II. 41 Herrschender Ton Solostimme Licht und Halbschatten Prime und Secundstimme Indig Violoncell Ultramarin Viole und Violine Gruͤn Menschenkehle Gelb Clarinette Hochroth Trompete Rosenroth Hoboe Kermesroth Querfloͤte Purpur Waldhorn Violett Fagott Zurichtung der Palette Stimmung der Instrumente Tractement Applicatur Bunte lavierte Zeichnung Clavier-Conzert Impastirtes Gemaͤlde. Symphonie. Bey dieser Art von strengem Nebeneinandersetzen, welches im Buche theils wirklich ausgesprochen, theils durch Context und Styl nur herbeygefuͤhrt und ein- geleitet ist, sieht Jedermann das Gezwungene, Will- kuͤhrliche und Unpassende zweyer großen in sich selbst abgeschlossenen Naturerscheinungen, in sofern sie theil- weise mit einander verglichen werden sollen. Es ist zu verwundern, daß der Verfasser, der sich sehr lebhaft gegen das Farbenclavier erklaͤrt und dasselbe fuͤr unausfuͤhrbar und unnuͤtz haͤlt, ein solches Vergnuͤ- gen fand, sich aus Verschlingung der beyden Kuͤnste gleichsam selbst ein Labyrinth zu erschaffen. Dieses wird denn in seinen letzten Kapiteln recht kraus, in- dem er den motus rectus und contrarius, Intervalle, Consonanzen und Dissonanzen, den modus major und minor, Accord und Disharmonie, aneinander- gereihte Octaven und was noch alles sonst der Musik eigen ist, auch in der Farbenlehre und der sie anwen- denden Malerkunst finden will. Er muß freylich, als ein im Grunde scharfsinniger Mann, sich zuletzt daran stoßen, daß die Malerey eine simultane Harmonie, die Musik eine successive fordere. Er findet natuͤrlich die Intervalle der Farben nicht so bestimm- und meßbar, wie die der Toͤne. Da er seine Farbenscala nicht in ihr selbst abschließt, sondern sie, statt in einem Cirkel, in einer Reihe vorstellt, um sie an eine hellere Octave wieder anschließen zu koͤnnen; so weiß er nicht, welche er zur ersten und welche zur letzten machen, und wie er dieses Anschließen am natuͤrlichsten bewirken soll. Ihm steht entgegen daß er von einem gewissen Gelb auf geradem Wege durch Roth und Blau hindurch niemals zu einem helleren Gelb gelangen kann, und er muß fuͤhlen, daß es ein unendlicher Unterschied ist zwischen der Operation wo- durch man eine Farbe verduͤnnt, und zwischen der wodurch man zu einem hoͤheren Tone vorschreitet. Eben so traurig ist es anzusehen, wenn er glaubt, man koͤnne jede Farbe durch gewisse Modificationen in den Minor setzen, wie man es mit den Toͤnen vermag, 41 * weil die einzelnen Toͤne sich gegen den ganzen musica- lischen Umfang viel gleichguͤltiger verhalten, als die einzelnen Farben gegen den Umkreis in welchem sie aufgestellt sind: denn die Farben machen in diesem Kreise selbst das majus und minus, sie machen selbst diesen entschiedenen Gegensatz, welcher sichtbar und empfindbar ist und der nicht aufzuheben geht, ohne daß man das Ganze zerstoͤrt. Die Toͤne hingegen sind, wie gesagt, gleichguͤltiger Natur, sie stehen jedoch unter dem geheimen Gesetz eines gleichfalls entschiedenen Gegensatzes, der aber nicht an sich, wie bey der Farbe, nothwendig und unveraͤnder- lich empfindbar wird, sondern, nach Belieben des Kuͤnstlers, an einem jeden Tone und seiner von ihm herfließenden Folge hoͤrbar und empfindbar gemacht werden kann. Es ist uns angenehm, indem wir gegen das En- de zu eilen, nochmals Gelegenheit gefunden zu haben, uns uͤber diesen wichtigen Punct zu erklaͤren, auf wel- chen schon im Laufe unseres Vortrags auf mehr als eine Weise hingedeutet worden. Das Buͤchelchen selbst verdient eine Stelle in der Sammlung eines jeden Natur- und Kunstfreundes, so- wohl damit das Andenken eines braven, beynah voͤllig vergessenen Mannes erhalten, als damit die Schwierig- keit, ja Unmoͤglichkeit einer solchen Unternehmung ei- nem jeden deutlicher gemacht werde. Geistreiche Per- sonen werden an den kuͤnstlichen, aber redlich gemeyn- ten, und so weit es nur gehen wollte, ernstlich durch- gefuͤhrten Bemuͤhungen des Verfassers Unterhaltung und Vergnuͤgen finden. Robert Blair . Experiments and Observations on the unequal Refrangibility of Light, in den Transactionen der Koͤniglichen Societaͤt zu Edinburg, Vol. 3, 1794. Das Phaͤnomen der Achromasie war nun allge- mein bekannt und besonders durch die einfachen prisma- tischen Versuche außer allem Zweifel gesetzt worden; doch stand der Anwendung dieses Naturgesetzes auf Objectivglaͤser manches im Wege, sowohl von der chemischen als von der mechanischen Seite, indem es seine Schwierigkeiten hat, ein innerlich vollkommen rei- nes Flintglas zu bereiten und genau zusammenpassende Glaͤser zu schleifen. Besonders aber stellten sich manche Hindernisse ein, wenn man die Weite der Objectiv- glaͤser uͤber einen gewissen Grad vermehren wollte. Daß nicht allein feste, sondern auch allerley fluͤssige Mittel die Farbenerscheinung zu erhoͤhen im Stande seyen, war bekannt. Doctor Blair beschaͤftigte sich mit diesen letzten, um so mehr als er wollte gefunden haben, daß bey der gewoͤhnlichen Art, durch Verbindung von Flint- und Crownglas, die Achromasie nicht vollkommen werden koͤnne. Er hatte dabey die Newtonische Vorstellungsart auf seiner Seite: denn wenn man sich das Spectrum als eine fertige, in allen ihren einzelnen Theilen un- gleich gebrochene Strahlenreihe denkt; so laͤßt sich wohl hoffen, daß ein entgegengesetztes Mittel allen- falls einen Theil derselben, aber nicht alle aufheben und verbessern koͤnne. Dieses war schon fruͤher zur Sprache gekommen und Dr. Blairs Versuche, so wie die dar- aus gezogenen Folgerungen, wurden von den Newto- nianern mit Gunst aufgenommen. Wir wollen ihn erst selbst hoͤren und sodann das- jenige, was wir dabey zu erinnern im Fall sind, nach- bringen. Versuche des Dr. Blair uͤber die chromatische Kraft verschiedener Fluͤssigkeiten und Aufloͤfungen. „Verschiedene Aufloͤsungen von Metallen und Halb- metallen in verschied nen Gestalten fanden sich immer chromatischer als Crownglas. Die Aufloͤsungen einiger Salze in Wasser, z. B. des rohen Ammoniaksalzes, vermehren die Erscheinung sehr. Die Salzsaͤure hat auch diese Kraft, und je concentrirter sie ist, desto staͤrker wirkt sie. Ich fand daher, daß diejenigen Fluͤssigkeiten die allerhoͤchste chromatische Kraft haben, in welchen die Salzsaͤure und die Metalle verbunden sind. Die chemische Praͤparation, genannt Causticum antimoniale oder Butyrum Antimonii, besitzt in ih- rem concentrirtesten Zustande, wenn sie eben genug Feuchtigkeit an sich gezogen hat, um fluͤssig zu seyn, diese Kraft in einem erstaunlichen Grade, so daß drey Keile Crownglas noͤthig sind, um die Farbe aufzuhe- ben, die durch einen entgegengesetzten Keil von glei- chem Winkel hervorgebracht worden. Die große Men- ge des in dieser Solution enthaltenen Halbmetalls, und der concentrirte Zustand der Salzsaͤure, scheinen die- sen kaum glaublichen Effect hervorzubringen.“ „Aetzendes sublimirtes Quecksilber, mit einer Auf- loͤsung von rohem Ammoniaksalz in Wasser, ist an Staͤr- ke die naͤchste Aufloͤsung. Man kann sie so stark ma- chen, daß der Winkel eines Prisma’s von Crown- glas, welches ihre Farbenerscheinung aufwiegen soll, doppelt so groß seyn muß. Hier sind auch offenbar das Quecksilber und die Salzsaͤure an der Erscheinung Ursache: denn weder das Wasser, noch das fluͤchtige Laugensalz, als die uͤbrigen Theile der Zusammen- setzung, zeigen, wenn man sie einzeln untersucht, eine solche Wirkung.“ „Die wesentlichen Oele folgen zunaͤchst. Dieieni- gen welche man aus harzigen Mineralien erhaͤlt, wirken am staͤrksten: als aus natuͤrlichem Bergoͤl, Steinkohle und Ambra. Ihr Verhaͤltniß zu dem Crown- glas ist ohngefaͤhr wie zwey zu drey. Das wesent- liche Oel des Sassafraß wirkt nicht viel geringer. We- sentliches Citronenoͤl, ganz aͤcht, verhaͤlt sich wie drey zu vier, Terpentinoͤl wie sechs zu sieben, und im wesentlichen Rosmarinoͤl ist die Kraft noch etwas geringer.“ „Ausgepreßte Oele unterscheiden sich nicht sonder- lich vom Crownglas, so auch rectificirte Geister, und der Aether des Salpeters und Vitriols.“ Vorlesung des Dr. Blair . I. „Die ungleiche Refrangibilitaͤt des Lichts, wie sie Isaak Newton entdeckt und umstaͤndlich eroͤrtert hat, steht nur in sofern unwidersprochen gegruͤndet, als die Refraction an der Graͤnze irgend eines Mediums und eines leeren Raumes vorgeht. Alsdann sind die Strah- len von verschiedenen Farben ungleich gebrochen, die rothmachenden Strahlen sind die am wenigsten, die violetimachenden die am meisten brechbaren Strahlen.“ II. „Die Entdeckung von demjenigen was man die verschieden zerstreuende Kraft in den verschieden brechenden Medien nannte, zeigt, daß die Newtoni- schen Theoreme nicht allgemein sind, wenn er schließt: daß der Unterschied der Brechung zwischen den meist und geringst brechbaren Strahlen immer in einem ge- gebenen Verhaͤltnisse zu der Refraction der mittelst re- frangiblen stehe. Man zweifelt nicht, daß dieser Satz wahr sey, bezuͤglich auf die Mittel, an welchen diese Erfahrungen gemacht sind; aber es finden sich man- che Ausnahmen desselben.“ III. „Denn die Erfahrungen des Herrn Dollond beweisen, daß der Unterschied der Brechung zwischen den rothen und violetten Strahlen, im Verhaͤltniß zu der Refraction des ganzen Strahlenpinsels, groͤßer ist in gewissen Glasarten als im Wasser, und groͤßer im Flintglas als im Crownglas.“ IV. „Die erste Reihe der obenerwaͤhnten Versuche zeigt, daß die Eigenschaft, die farbigen Strahlen in einem hoͤheren Grade als Crownglas zu zerstreuen, nicht auf wenige Mittel begraͤnzt ist, sondern einer großen Mannigfaltigkeit von Fluͤssigkeiten angehoͤrt, und einigen derselben in ganz außerordentlichem Grade. Metallaufloͤsungen, wesentliche Oele, mineralische Saͤuren, mit Ausnahme der vitriolischen, sind in diesem Betracht hoͤchst merkwuͤrdig.“ V. „Einige Folgerungen, die sich aus Verbin- dung solcher Mittel, welche eine verschiedene zerstreuen- de Kraft haben, ergeben und bisher noch nicht genug beachtet worden, lassen sich auf diese Weise erklaͤren. Obgleich die groͤßere Refrangibilitaͤt der violetten vor den rothen Strahlen, wenn das Licht aus irgend ei- nem Mittel in einen leeren Raum geht, als ein Ge- setz der Natur betrachtet werden kann; so sind es doch gewisse Eigenschaften der Mittel, von denen es abhaͤngt, welche von diesen Strahlen, beym Uebergang des Lichtes aus einem Mittel ins andere, die meist refrangiblen seyn sollen, oder in wiefern irgend ein Unterschied in ihrer Brechbarkeit statt finde.“ VI. „Die Anwendung von Huyghens Demonstra- tionen auf die Verbesserung jener Abweichung, die sich von der sphaͤrischen Figur der Linsen herschreibt, sie moͤgen fest oder fluͤssig seyn, kann als der naͤchste Schritt, die Theorie der Fernglaͤser zu verbessern, angesehen werden.“ VII. „Sodann bey Versuchen, welche mit Ob- jectivglaͤsern von sehr weiter Oeffnung gemacht, und in welchen beyde Abweichungen, in sofern es die Grundsaͤtze erlauben, verbessert worden, findet sich, daß die Farbenabweichung durch die gemeine Ver- bindung zweyer Mittel von verschiedener Dispersiv- kraft nicht vollkommen zu verbessern sey. Die ho- mogenen gruͤnen Strahlen sind alsdann die meist re- frangirten, zunaͤchst bey diesen Blau und Gelb verei- nigt, dann Indigo und Orange vereinig, dann Vio- lett und Roth vereinigt, welche am wenigsten re- frangirt sind.“ VIII. „Wenn diese Farbenhervorbringung bestaͤndig, und die Laͤnge des secundaͤren Spectrums dieselbe waͤre, in allen Verbindungen der Mittel wo die ganze Bre- chung des Pinsels gleich ist; so wuͤrde die vollkommene Verbesserung jener Abweichung, die aus der Verschie- denheit der Refrangibilitaͤt entsteht, unmoͤglich seyn und als ein unuͤbersteigliches Hinderniß der Verbesserung dioptrischer Instrumente entgegenstehen.“ IX. „Der Zweck meiner Experimente war daher, zu untersuchen, ob die Natur solche durchsichtige Mittel gewaͤhre, welche dem Grade nach, in welchem sie die Strahlen des prismatischen Spectrums zerstreuen, ver- schieden waͤren, zugleich aber die mancherley Reihen der Strahlen in derselben Provortion aus einander hiel- ten. Denn wenn sich solche Mittel faͤnden, so wuͤrde das obengemeldete secundaͤre Spectrum verschwinden, und die Abweichung welche durch die verschiedene Re- frangibilitaͤt entsteht, koͤnnte aufgehoben werden. Der Erfolg dieser Untersuchung war nicht gluͤcklich in Be- tracht ihres Hauptgegenstandes. In jeder Verbindung die man versuchte, bemerkte man dieselbe Art von nicht beseitigter Farbe, und man schloß daraus, daß es keine directe Methode gebe, die Aberration wegzuschaffen.“ X. „Aber es zeigte sich in dem Verlauf der Ver- suche, daß die Breite des secundaͤren Spectrums ge- ringer war in einigen Verbindungen als in anderen, und da eroͤffnete sich ein indirecter Weg, jene Verbes- serung zu finden, indem man naͤmlich eine zusammen- gesetzte hohle Linse von Materialien welche die meiste Farbe hervorbringen, mit einer zusammengesetzten con- vexen Linse von Materialien welche die wenigste Farbe hervorbringen, verband und nun beobachtete, auf was Weise man dieß durch drey Mittel bewirken koͤnnte, ob es gleich schien, daß ihrer viere noͤthig waͤren.“ XI. „Indem man sich nun nach Mitteln umsah, welche zu jenem Zweck am geschicktesten seyn moͤchten; so entdeckte man eine wunderbare und merkwuͤrdige Ei- genschaft in der Salzsaͤure. In allen Mitteln, deren Zerstreuungskraͤfte man bisher untersucht hatte, waren die gruͤnen Strahlen, welche sonst die mittlern refran- giblen im Crownglas sind, unter den weniger refrangi- blen, und daher verursachten sie jene nicht beseitigte Farbe, welche vorher beschrieben worden. In der Salz- saͤure hingegen machen dieselben Strahlen einen Theil der mehr refrangiblen, und in Gefolg davon ist die Ordnung der Farben in dem secundaͤren Spectrum, wel- ches durch eine Verbindung von Crownglas mit dieser Fluͤssigkeit hervorgebracht war, umgekehrt, indem das homogene Gruͤn das wenigst refrangible und das verbun- dene Roth und Violett das meist refrangible war.“ XII. „Diese merkwuͤrdige Eigenschaft, die man in der Salzsaͤure gefunden, fuͤhrt zu dem vollkommen- sten Erfolg, dem großen Mangel der optischen Instru- mente abzuhelfen, naͤmlich der Zerstreuung oder Abwei- chung der Strahlen, welche sich von ihrer ungleichen Refrangibilitaͤt herschrieb, und wodurch es bisher un- moͤglich ward, sie alle zusammen auf einen Punct zu bringen, sowohl bey einfachen als bey entgegengesetzten Brechungen. Eine Fluͤssigkeit, in welcher Theile der Salzsaͤure mit metallischen in gehoͤrigem Verhaͤltniß stehn, trennt die aͤußersten Strahlen des Spectrums weit mehr als Crownglas, bricht aber alle Reihen der Strahlen genau in demselben Verhaͤltniß, wie dieß Glas thut; und daher koͤnnen die Strahlen aller Farben, welche durch die Brechung des Glases divergent gewor- den, wieder parallel werden, entweder durch eine fol- gende Refraction auf der Graͤnze des Glases und ge- dachter Fluͤssigkeit, oder indem die brechende Dichtigkeit derselben geschwaͤcht wird. Die Brechung, welche an der Graͤnze derselben und des Glases statt findet, kann so regelmaͤßig, als waͤre es Reflexion, gemacht werden, indessen die Maͤngel, welche von unvermeidlicher Un- vollkommenheit des Schleifens entspringen muͤssen, hier viel weniger anstoͤßig sind als bey der Reflexion, und die Masse Licht, welche durch gleiche Oeffnung der Te- lescope durchfaͤllt, viel groͤßer ist.“ XIII. „Dieses sind die Vortheile, welche unsere Entdeckung anbietet. In der Ausfuͤhrung mußte man beym ersten Angreifen der Sache mancherley Schwierig- keiten erwarten und deren manche uͤberwinden, ehe die Erfahrungen vollstaͤndig wirken konnten. Denn zur Ge- nauigkeit der Beobachtungen gehoͤrt, daß die Objectiv- glaͤser sehr sorgfaͤltig gearbeitet werden, indem die Phaͤnomene viel auffallender sind, wenn die vergroͤ- ßernden Kraͤfte wachsen. Die Mathematiker haben sich viel Muͤhe zu geringem Zwecke gegeben, indem sie die Radien der Sphaͤren ausrechneten, welche zu achro- matischen Telescopen noͤthig sind: denn sie bedachten nicht, daß Objectivglaͤser viel zartere Pruͤfmittel sind fuͤr die optischen Eigenschaften brechender Medien als die groben Versuche durch Prismen, und daß die Resultate ihrer Demonstrationen nicht uͤber die Genauig- keit der Beobachtungen hinausgehen, wohl aber dahin- ter zuruͤckbleiben koͤnnen..“ XIV. „Ich schließe diesen Vortrag, der schon laͤnger geworden als ich mir vorsetzte, indem ich die verschiedenen Faͤlle ungleicher Brechbarkeit des Lichts erzaͤhle, damit ihre Mannigfaltigkeit auf einmal deut- lich eingesehen werde. XV. „Bey der Brechung, welche an der Graͤnze eines jeden bekannten Mittels und eines leeren Raums statt findet, sind die verschiedenfarbigen Strahlen un- gleich brechbar, die rothmachenden am wenigsten, die violettmachenden am meisten. Dieser Unterschied der Brechbarkeit der rothen und violetten Strahlen ist jedoch nicht derselbige in allen Mitteln. Solche Mittel, in welchen der Unterschied am groͤßten ist, und welche da- ber die verschiedenfarbigen Strahlen am meisten trennen oder zerstreuen, hat man durch den Ausdruck disper- sive unterschieden, und diejenigen welche die Strah- len am wenigsten von einander trennen, sind indisper- sive genannt worden. Diese Mittel sind also dadurch von einander unterschieden, und mehr noch durch einen andern hoͤchst wesentlichen Umstand.“ XVI. „Es zeigt sich durch Versuche, welche man auf indispersive Mittel gemacht hat, daß das mittlere refrangible Licht immer dasselbe und zwar von gruͤner Farbe ist.“ XVII. „Hingegen in der weitlaͤuftigen Classe di- spersiver Mittel, wozu Flint-Glas, metallische Aufloͤ- sungen und wesentliche Oele gehoͤren, macht das gruͤne Licht nicht die mittlere refrangible Reihe, sondern bildet eine von den weniger refrangiblen Reihen, indem man solches im prismatischen Spectrum naͤher am tiefen Roth als an dem aͤußersten Violett findet.“ XVIII. „In einer andern Classe dispersiver Mittel, welche die Salz- und Salpetersaͤure enthaͤlt, wird das- selbe gruͤne Licht eines der mehr refrangiblen, indem es sich naͤher am letzten Violett, als am tiefsten Roth zeigt.“ XIX. „Dieses find die Verschiedenheiten in der Brechbarkeit des Lichtes, wenn die Refraction an der Graͤnze eines leeren Raumes statt findet, und die Phaͤ- nomene werden nicht merklich unterschieden seyn, wenn die Brechungen an der Graͤnze des dichten Mittels und der Luft geschehen. Aber wenn Licht aus einem dichten Mittel ins andere uͤbergeht, sind die Faͤlle der unglei- chen Refrangibilitaͤt viel verwickelter.“ XX. „Bey Refractionen, welche auf der Graͤnze von Mitteln geschehen, welche nur an Staͤrke und nicht an Eigenschaft verschieden sind, als Wasser und Crown- glas, oder an der Graͤnze von verschieden dispersiven Fluͤssigkeiten, welche mehr oder weniger verduͤnnt sind, wird der Unterschied der Refrangibilitaͤt derselbe seyn, der oben an der Graͤnze dichter Mittel und der Luft be- merkt worden, nur daß die Refraction geringer ist.“ XXI. „An der Graͤnze eines indispersiven und eines duͤnnern Mittels, das zu irgend einer Classe der di- spersiven gehoͤrt, koͤnnen die rothen und violetten Strah- len gleich refrangibel gemacht werden. Wenn die di- spersive Gewalt des duͤnneren Mittels sich vermehrt, so werden die violetten Strahlen die wenigst refrangi- blen, und die rothen die meist refrangiblen. Wenn die mittlere refractive Dichtigkeit zweyer Mittel gleich ist, so werden die rothen und violetten Strahlen in entgegengesetzten Richtungen gebrochen, die einen zu, die andern von dem Perpendikel.“ XXII. „Dieses begegnet den rothen und violetten Strahlen, welche Art von dispersiven Mitteln man auch brauche; aber die Refrangibilitaͤt der mittleren Strahlenordnung und besonders der gruͤnen Strahlen wird verschieden seyn, wenn die Classe der dispersiven Mittel veraͤndert wird.“ XXIII. „So in dem ersten Fall, wenn rothe und violette Strahlen gleich refrangibel gemacht worden, werden die gruͤnen Strahlen als die meist refrangiblen heraustreten, sobald man die erste Classe der dispersi- ven Mittel gebraucht, und als die wenigst refrangiblen, sobald die zweyte Classe angewendet wird. So in den zwey andern Faͤllen, wo das Violette das am we- nigsten und das Rothe das am meisten refrangible wird, und wo diese beyden in entgegengesetzten Directionen gebrochen werden; alsdann werden die gruͤnen Strah- len zu den rothen gelangen, wenn die erste Classe der dispersiven Mittel gebraucht wird, und werden sich zu den violetten gesellen, wenn man die zweyte Classe braucht.“ XXIV. „Nur noch ein anderer Fall ungleicher Re- fraction bleibt uͤbrig zu bemerken, und das ist der, wenn Licht gebrochen wird an der Graͤnze von Mitteln, die zu den zwey verschiedenen Classen dispersiver Fluͤs- sigkeiten gehoͤren. Bey dem Uebergang z. B. von ei- nem wesentlichen Oel, oder einer metallischen Solution in die Salzsaͤuren, laͤßt sich die refractive Dichtigkeit dieser Fluͤssigkeiten so zurichten, daß die rothen und violetten Strahlen keine Refraction erdulden, wenn sie aus einer Fluͤssigkeit in die andere gehen, wie schief auch ihre Incidenz seyn moͤge. Aber die gruͤnen Strah- len werden alsdann eine merkliche Brechung erleiden, und diese Brechung wird sich vom Perpendikel wegbe- wegen, wenn das Licht aus der Salzsaͤure in das we- sentliche Oel uͤbergeht, und gegen den Perpendikel, wenn es von dem wesentlichen Oel in die Salzsaͤure uͤbergeht. Die andern Reihen der Strahlen erleiden aͤhnliche Brechungen, welche am groͤßesten sind bey denen die dem Gruͤn am naͤchsten kommen, und abneh- II. 42 men, wie sie sich dem tiefen Rothen an der einen Seite, und dem letzten Violetten an der andern naͤhern, wo Refraction vollkommen aufhoͤrt.“ Bemerkungen uͤber das Vorhergehende . Wir koͤnnen voraussetzen, daß unsere Leser die Lehre von der Achromasie uͤberhaupt, theils wie wir solche in unserm Entwurf, theils im historischen Theile vorgetragen, genugsam gegenwaͤrtig haben. Was die Blairischen Bemuͤhungen betrifft, so findet sich uͤber dieselben ein Aufsatz in den Gilbertischen Annalen der Physik (sechster Band, S. 129 ff.); auch kommen in dem Reichsanzeiger (1794, N. 152. und 1795, N. 4 und 14.) einige Notizen vor, welche zur Erlaͤuterung der Sache dienen. Wir haben den Autor selbst reden las- sen, und seine einzelnen Paragraphen numerirt, um einige Bemerkungen darauf beziehen zu koͤnnen. Die Blairischen Versuche sind mit Prismen und Objectivglaͤsern gemacht, aber beyde Arten sind nicht deutlich von einander abgesondert, noch ist die Be- schreibung so gefaßt, daß man wissen koͤnnte, wann die eine oder die andere Weise zu versuchen eintritt. Er nennt die prismatischen Versuche grob. Wir finden dieß eine des Naturforschers unwuͤrdige Art sich auszu- druͤcken. Sie sind wie alle aͤhnlichen einfachen Versu- che keineswegs grob, sondern rein zu nennen. Die reine Mathematik ist nicht grob, verglichen mit der an- gewandten, ja sie ist vielmehr zarter und zuverlaͤssiger. Das groͤßte Uebel jedoch, das den Blairischen Versuchen beywohnt, ist, daß sie nach der Newtoni- schen Theorie beschrieben sind. Versuche nach einer fal- schen Terminologie ausgesprochen, sind, wenn man sie nicht wiederholen kann, sehr schwer durch eine Conjec- tural-Critik auf den rechten Fuß zu stellen. Wir fanden uns nicht in dem Fall, die Blairischen Versuche zu wiederholen; doch werden wir moͤglichst suchen ihnen auf die Spur zu kommen. ad VII, Es sollen Versuche mit achromatischen Objectivglaͤ- sern von sehr weiter Oeffnung gemacht worden seyn; was fuͤr Versuche aber, ist nicht deutlich. Man kann durch solche Objectivglaͤser das Sonnenlicht fallen lassen, um zu sehen, ob es bey seinem Zusammenziehen oder Ausdehnen Farben zeige; man kann schwarze und wei- ße kleine Scheiben auf entgegengesetzten Gruͤnden da- durch betrachten, ob sich Raͤnder an ihnen zeigen oder nicht. Wir nehmen an, daß er den Versuch auf die erste Weise angestellt; nun sagt er, in diesen Objectiv- glaͤsern waͤren die beyden Abweichungen gewissermaßen verbessert gewesen. Dieß heißt doch wohl von Seiten der Form und von Seiten der Farbe. Ist dieses letz- tere auch nur einigermaßen geschehen, wie koͤnnen denn die wunderlichen Farbenerscheinungen noch uͤbrig blei- ben, von denen der Schluß des Paragraphen spricht? 42 * Wir finden uns bey Betrachtung dieser Stelle in nicht geringer Verlegenheit. Homogene gruͤne Strah- len, die wir nach unsrer Lehre gar nicht kennen, sollen die meist refrangirten seyn. Das muͤßte also doch wohl heißen: sie kommen zuerst im Focus an. Hier waͤre also irgend etwas Gruͤnes gesehen worden. Wie soll man nun aber das folgende verstehen? wo immer je zwey und zwey farbige Strahlen vereinigt seyn sollen. Hat man sie gesehen oder nicht gesehen? Im ersten Fall muͤßten sie jedesmal an einander graͤnzen und doppelfarbige Kreise bilden. Oder hat man sie nicht gesehen, und heißt das vereinigt hier, nach der ungluͤckseligen Newtonischen Theorie, wieder zu Weiß verbunden, wie erkennt man denn, daß sie da waren, und wie erfaͤhrt man, wo sie geblieben sind? Wir dachten uns aus dieser Verwirrung allenfalls durch eine doppelte Vermuthung zu helfen. Bey achro- matischen Fernroͤhren kommt manchmal der Fall vor, daß die Convex- und Concavlinse so genau passen, daß sie sich unmittelbar beruͤhren und druͤcken, wodurch die lebhaftesten epoptischen Farben entstehen. Trat viel- leicht bey jenem Objectiv dieser Umstand ein, und Blair ließ das Sonnenlicht hindurchfallen, so konn- ten solche Farbenkreise entstehen, wie er sie bezeichnet, aber von einer ganz andern Seite. Sie gehoͤren un- ter eine ganz andre Rubrik, als wohin er sie zieht. Noch ein anderer Umstand konnte statt finden, daß naͤmlich das zu diesem Objectiv angewandte Crownglas nicht vollkommen rein war, und sich also mit Refrac- tion verbundene paroptische Farbenkreise zeigten; doch bleibt es uns unmoͤglich, etwas Gewisses hieruͤber fest- zusetzen. ad VI. Die Versuche von denen hier die Rede ist, muͤs- sen mit Prismen gemacht worden seyn. Er haͤlt sich besonders bey dem Gruͤnen des prismatischen Spec- trums auf, welches, wie bekannt, urspruͤnglich darin gar nicht existirt. Die Redensart, daß gruͤne Strahlen die mittleren brechbaren seyn sollen, ist grundfalsch. Wir haben es tausendmal wiederholt: die Mitte des Gespenstes ist zuerst weiß. Man nehme unsere fuͤnfte Tafel zur Hand. Wo Gelb und Blau sich beruͤhren, entsteht das Gruͤn und erscheint einen Augenblick ohngefaͤhr in der Mitte des Spectrums. Wie aber bey Anwendung eines jeden Mittels, es sey von welcher Art es wolle, das Vio- lette waͤchst, so gehoͤrt Gruͤn freylich mehr dem untern, als dem obern Theile zu. Weil nun sogenannte mehr dispersive Mittel einen laͤngern violetten Schweif bilden, so bleibt das Gruͤn, obgleich immer an seiner Stelle, doch weiter unten, und nun rechnet es der Verfasser gar zu den minder re- frangiblen Strahlen. Es steckt aber eigentlich nur in der Enge des hellen Bildes, und der violette Saum geht weit daruͤber hinaus. Hiermit waͤren wir also im Rei- nen. Daß es aber stark disperse Mittel geben soll, durch welche das Gruͤn mehr nach oben geruͤckt wird, oder nach jener Terminologie zu den mehr refrangiblen Rei- hen gehoͤrt, scheint ganz unmoͤglich, weil die Saͤume ins helle Bild hinein staͤrker wachsen muͤßten, als aus dem Hellen hinaus; welches sich nicht denken laͤßt, da beyde Randerscheinungen sich jederzeit voͤllig auf gleiche Weise ausdehnen. Was hingegen Dr. Blair gesehen haben mag, glauben wir indeß durch eine Vermuthung auslegen zu koͤnnen. Er bedient sich zu diesen Versuchen seiner hoh- len Prismen. Diese sind aus Messing und Glas zu- sammengesetzt. Wahrscheinlich haben Salz- und Sal- petersaͤure etwas von dem Messing aufgeloͤst, und einen Gruͤnspan in sich aufgenommen. Durch dieses nun- mehr gruͤn gefaͤrbte Mittel wurde das Gruͤn des Spec- trums erhoͤht, und der violette Theil desselben depri- mirt. Ja es ist moͤglich, daß der aͤußerste zarte Theil des Saums voͤllig aufgehoben worden. Auf diese Weise ruͤckt freylich das Gruͤn scheinbar weit genug hinauf, wie man sich dieß Resultat schon durch jedes gruͤne Glas vergegenwaͤrtigen kann. ad XXII und XXIV. Durch diese beyden Paragraphen wird jene Ver- muthung noch bestaͤrkt: denn hier kommen Versuche vor, durch welche, nach aufgehobenen Randstrahlen, die gruͤnen mittleren Strahlen in ihrem Werth geblieben seyn sollen. Was kann das anders heißen, als daß zuletzt ein gruͤnes Bild noch uͤbrig blieb? Aber wie kann dieses entstehen, wenn die Reihen der entgegengesetzten Enden aufgehoben sind, da es bloß aus diesen zusam- mengesetzt ist? Schwerlich kann es etwas anders seyn und heißen, als daß ein an seinen Raͤndern wirklich achromatisirtes, durch ein gruͤnes Mittel aber gruͤn ge- faͤrbtes gebrochnes Bild noch uͤbrig geblieben. Soviel von unsern Vermuthungen, denen wir noch manches hinzufuͤgen koͤnnten. Allein es ist eine traurige Aufgabe mit Worten gegen Worte zu streiten; und die Versuche anzustellen, um der Sache genau auf die Spur zu kommen, mangelt uns gegenwaͤrtig Zeit und Gelegenheit. Sie verdient wegen Erweiterung der theoretischen Ansicht vielleicht kuͤnftig noch eine naͤhere Pruͤfung. Denn was das Praktische betrifft, so sieht man leicht, daß diesen aus Glas und salinischen Fluͤs- sigkeiten zusammengesetzten sogenannten aplanatischen Glaͤsern in der Ausfuͤhrung noch mehr Hindernisse ent- gegenstanden, als jenen aus zwey Glasarten verbunde- nen achromatischen. Auch scheint das Unternehmen nicht weiter gefuͤhrt worden zu seyn. Ob wir hieruͤber naͤ- here Nachricht erhalten koͤnnen, muß die Zeit lehren. Uns sey indessen vergoͤnnt, da wir uns dem Schlusse unserer Arbeit immer mehr naͤhern, eine allgemeine, bieher wohl passende Anmerkung beyzubringen. In physischen sowohl als andern Erfahrungswis- senschaften kann der Mensch nicht unterlassen ins Mi- nutiose zu gehen, theils weil es etwas Reizendes hat, ein Phaͤnomen ins unendlich Kleine zu verfolgen, theils weil wir im Praktischen, wenn einmal etwas geleistet ist, das Vollkommnere zu suchen immer aufgefordert werden. Beydes kann seinen Nutzen haben; aber der daraus entspringende Schaden ist nicht weniger merk- lich. Durch jenes erstgenannte Bemuͤhen wird ein un- endlicher Wissenswust aufgehaͤuft und das Wuͤrdige mit dem Unwuͤrdigen, das Werthe mit dem Unwerthen durcheinander geruͤttelt und eins mit dem andern der Aufmerksamkeit entzogen. Was die praktischen Forderungen betrifft, so moͤ- gen unnuͤtze Bemuͤhungen noch eher hingehen, denn es springt zuletzt doch manchmal etwas Unerwartetes her- vor. Aber der, dem es Ernst um die Sache ist, be- denke doch ja, daß der Mensch in einen Mittelzustand gesetzt ist, und daß ihm nur erlaubt ist das Mittlere zu erkennen und zu ergreifen. Der Natur, um ganz zunaͤchst bey der Materie zu bleiben, von der wir eben handeln, war es selbst nicht moͤglich, das Auge ganz achroma- tisch zu machen. Es ist achromatisch nur in sofern als wir frey, gerade vor uns hin sehen. Buͤcken wir den Kopf nieder, oder heben ihn in die Hoͤhe, und blicken in dieser gezwungenen Stellung nach irgend einem ent- schiedenen hellen oder dunklen Bilde, nach einem zu diesen Erfahrungen immer bereiten Fensterkreuz; so wer- den wir mit bloßen Augen die prismatischen Saͤume ge- wahr. Wie sollte es also der Kunst gelingen, die Na- tur in einem solchen Grade zu meistern, da man ja nicht mit abstracten sondern mit concreten Kraͤften und und Koͤrpern zu thun hat, und es sich mit dem Hoͤch- sten, der Idee, eben so verhaͤlt, daß man sie keines- wegs ins Enge noch ins Gleiche bringen kann. Keinesweges werde jedoch, wie schon gesagt, der Forscher und Techniker abgeschreckt, ins Feinere und Genauere zu gehen; nur thue er es mit Bewußtseyn, um nicht Zeit und Faͤhigkeiten zu vertaͤndeln und zu verschwenden. Confession des Verfassers . Da uns, wenn wir an irgend einem Geschehenen Theil nehmen, nichts willkommener seyn kann, als daß Personen welche mitgewirkt, uns die besondern Um- staͤnde offenbaren moͤgen, wie dieses oder jenes Ereig- niß seinen Ursprung genommen, und dieß sowohl von der politischen als wissenschaftlichen Geschichte gilt; auch in beyden nichts so klein geachtet werden mag, das nicht irgend einem Nachkommenden einmal bedeu- tend seyn koͤnnte: so habe ich nicht unterlassen wollen, nachdem ich dem Lebensgange so mancher andern nach- gespuͤrt, gleichfalls aufzuzeichnen, wie ich zu diesen phy- sischen und besonders chromatischen Untersuchungen ge- langt bin; welches um so mehr erwartet werden darf, weil eine solche Beschaͤftigung schon Manchem als mei- nem uͤbrigen Lebensgange fremd erschienen ist. Die Menge mag wohl Jemanden irgend ein Ta- lent zugestehen, worin er sich thaͤtig bewiesen und wo- bey das Gluͤck sich ihm nicht abhold gezeigt; will er aber in ein andres Fach uͤbergehen und seine Kuͤnste vervielfaͤltigen, so scheint es als wenn er die Rechte verletze, die er einmal der oͤffentlichen Meynung uͤber sich eingeraͤumt, und es werden daher seine Bemuͤhun- gen in einer neuen Region selten freundlich und gefaͤllig aufgenommen. Hierin kann die Menge wohl einigermaßen Recht haben: denn es hat jedes einzelne Beginnen so viele Schwierigkeiten, daß es einen ganzen Menschen, ja mehrere zusammen braucht, um zu einem erwuͤnsch- ten Ziele zu gelangen. Allein dagegen hat man wieder zu bedenken, daß die Thaͤtigkeiten, in einem hoͤhern Sinne, nicht vereinzelt anzusehen sind, sondern daß sie einander wechselsweise zu Huͤlfe kommen, und daß der Mensch, wie mit andern also auch mit sich selbst, oͤfters in ein Buͤndniß treten und daher sich in meh- rere Tuͤchtigkeiten zu theilen und in mehreren Tu- genden zu uͤben hat. Wie es mir hierin im Ganzen ergangen, wuͤrde nur durch eine umstaͤndliche Erzaͤhlung mitgetheilt wer- den koͤnnen, und so mag das Gegenwaͤrtige als ein einzelnes Capitel jenes groͤßern Bekenntnisses angesehen werden, welches abzulegen mir vielleicht noch Zeit und Muth uͤbrig bleibt. Indem sich meine Zeitgenossen gleich bey dem er- sten Erscheinen meiner dichterischen Versuche freundlich genug gegen mich erwiesen, und mir, wenn sie gleich sonst mancherley auszusetzen fanden, wenigstens ein poe- tisches Talent mit Geneigtheit zuerkannten; so hatte ich selbst gegen die Dichtkunst ein eignes wundersames Verhaͤltniß, das blos praktisch war, indem ich einen Gegenstand der mich ergriff, ein Muster das mich auf- regte, einen Vorgaͤnger der mich anzog, so lange in meinem innern Sinn trug und hegte, bis daraus etwas entstanden war, das als mein angesehen werden mochte, und das ich, nachdem ich es Jahre lang im Stillen aus- gebildet, endlich auf einmal, gleichsam aus dem Steg- reife und gewissermaßen instinctartig, auf das Papier fixirte. Daher denn die Lebhaftigkeit und Wirksamkeit meiner Productionen sich ableiten mag. Da mir aber, so wohl in Absicht auf die Concep- tion eines wuͤrdigen Gegenstandes als auf die Compo- sition und Ausbildung der einzelnen Theile, so wie was die Technik des rhythmischen und prosaischen Styls be- traf, nichts Brauchbares, weder von den Lehrstuͤhlen noch aus den Buͤchern entgegenkam, indem ich manches Falsche zwar zu verabscheuen, das Rechte aber nicht zu erkennen wußte und deshalb selbst wieder auf falsche Wege gerieth; so suchte ich mir außerhalb der Dichtkunst eine Stelle, auf welcher ich zu irgend einer Verglei- chung gelangen, und dasjenige was mich in der Naͤhe verwirrte, aus einer gewissen Entfernung uͤbersehen und beurtheilen koͤnnte. Diesen Zweck zu erreichen, konnte ich mich nir- gends besser hinwenden als zur bildenden Kunst. Ich hatte dazu mehrfachen Anlaß: denn ich hatte so oft von der Verwandtschaft der Kuͤnste gehoͤrt, welche man auch in einer gewissen Verbindung zu behandeln anfing. Ich war in einsamen Stunden fruͤherer Zeit auf die Natur aufmerksam geworden, wie sie sich als Land- schaft zeigt, und hatte, da ich von Kindheit auf in den Werkstaͤtten der Maler aus und einging, Versuche ge- macht, das was mir in der Wirklichkeit erschien, so gut es sich schicken wollte, in ein Bild zu verwandlen; ja ich fuͤhlte hiezu, wozu ich eigentlich keine Anlage hatte, einen weit groͤßern Trieb als zu demjenigen was mir von Natur leicht und bequem war. So gewiß ist es, daß die falschen Tendenzen den Menschen oͤfters mit groͤßerer Leidenschaft entzuͤnden, als die wahrhaften, und daß er demjenigen weit eifriger nachstrebt was ihm mißlingen muß, als was ihm gelingen koͤnnte. Je weniger also mir eine natuͤrliche Anlage zur bildenden Kunst geworden war, desto mehr sah ich mich nach Gesetzen und Regeln um; ja ich achtete weit mehr auf das Technische der Malerey, als auf das Techni- sche der Dichtkunst: wie man denn durch Verstand und Einsicht dasjenige auszufuͤllen sucht, was die Natur Luͤckenhaftes an uns gelassen hat. Je mehr ich nun durch Anschauung der Kunstwerke, in sofern sie mir im noͤrdlichen Deutschland vor die Augen kamen, durch Unterredung mit Kennern und Reisenden, durch Lesen solcher Schriften, welche ein lange pedantisch vergrabenes Alterthum einem geistigern Anschaun entgegen zu heben versprachen, an Einsicht gewissermaßen zunahm, destomehr fuͤhlte ich das Bo- denlose meiner Kenntnisse, und sah immer mehr ein, daß nur von einer Reise nach Italien etwas Befriedi- gendes zu hoffen seyn moͤchte. Als ich endlich nach manchem Zaudern uͤber die Alpen gelangt war, so empfand ich gar bald, bey dem Zudrang so vieler unendlichen Gegenstaͤnde, daß ich nicht gekommen sey, um Luͤcken auszufuͤllen und mich zu bereichern, sondern daß ich von Grund aus anfan- gen muͤsse alles bisher Gewaͤhnte wegzuwerfen und das Wahre in seinen einfachsten Elementen aufzusuchen. Zum Gluͤck konnte ich mich an einigen von der Poesie heruͤber gebrachten, mir durch inneres Gefuͤhl und lan- gen Gebrauch bewaͤhrten Maximen festhalten, so daß es mir zwar schwer aber nicht unmoͤglich ward, durch ununterbrochnes Anschauen der Natur und Kunst, durch lebendiges wirksames Gespraͤch mit mehr oder weniger einseitigen Kennern, durch stetes Leben mit mehr oder weniger praktischen oder denkenden Kuͤnstlern, nach und nach mir die Kunst uͤberhaupt einzutheilen, ohne sie zu zerstuͤckeln, und ihre verschiedenen lebendig in einander greifenden Elemente gewahr zu werden. Freylich nur gewahr zu werden und festzuhalten, ihre tausendfaͤltigen Anwendungen und Ramificationen aber einer kuͤnftigen Lebenszeit aufzusparen. Auch ging es mir, wie jedem der reisend oder lebend mit Ernst gehandelt, daß ich in dem Augenblicke des Scheidens erst einigermaßen mich werth fuͤhlte, hereinzutreten. Mich troͤsteten die mannichfaltigen und unentwickelten Schaͤtze, die ich mir gesammlet; ich erfreute mich an der Art wie ich sah, daß Poesie und bildende Kunst wechselseitig aufeinander einwirken koͤnnten. Manches war mir im Einzelnen deutlich, manches im ganzen Zu- sammenhange klar. Von einem einzigen Puncte wußte ich mir nicht die mindeste Rechenschaft zu geben: es war das Colorit. Mehrere Gemaͤlde waren in meiner Gegenwart er- funden, componirt, die Theile, der Stellung und Form nach, sorgfaͤltig durchstudirt worden, und uͤber alles dieses konnten mir die Kuͤnstler, konnte ich mir und ihnen Rechenschaft, ja sogar manchmal Rath er- theilen. Kam es aber an die Faͤrbung, so schien alles dem Zufall uͤberlassen zu seyn, dem Zufall der durch einen gewissen Geschmack, einen Geschmack der durch Gewohnheit, eine Gewohnheit die durch Vorurtheil, ein Vorurtheil das durch Eigenheiten des Kuͤnstlers, des Kenners, des Liebhabers bestimmt wurde. Bey den Lebendigen war kein Trost, eben so wenig bey den Ab- geschiedenen, keiner in den Lehrbuͤchern, keiner in den Kunstwerken. Denn wie bescheiden sich uͤber diesen Punct z. B. Lairesse ausdruͤckt, kann Verwunderung erregen. Und wie wenig sich irgend eine Maxime aus der Faͤrbung welche neuere Kuͤnstler in ihren Gemaͤlden angebracht, abstrahiren lasse, zeigt die Geschichte des Colorits, verfaßt von einem Freunde, der schon damals mit mir zu suchen und zu untersuchen geneigt war, und bis jetzt diesem gemeinsam eingeschlagenen Weg auf die loͤblichste Weise treu geblieben. Je weniger mir nun bey allen Bemuͤhungen etwas erfreulich Belehrendes entgegenschien, destomehr brachte ich diesen mir so wichtigen Punct uͤberall wiederholt, lebhaft und dringend zur Sprache, dergestalt daß ich dadurch selbst Wohlwollenden fast laͤstig und verdrießlich fiel. Aber ich konnte nur bemerken, daß die lebenden Kuͤnstler bloß aus schwankenden Ueberliefecungen und einem gewissen Impuls handelten, daß Helldunkel, Co- lorit, Harmonie der Farben immer in einem wunderli- chen Kreise sich durcheinander drehten. Keins entwi- ckelte sich aus dem andern, keins griff nothwendig ein in das andere. Was man ausuͤbte, sprach man als technischen Kunstgriff, nicht als Grundsatz aus. Ich hoͤrte zwar von kalten und warmen Farben, von Far- ben die einander heben, und was dergleichen mehr war; allein bey jeder Ausfuͤhrung konnte ich bemerken, daß man in einem sehr engen Kreise wandelte, ohne doch denselben uͤberschauen oder beherrschen zu koͤnnen. Das Sulzerische Woͤrterbuch wurde um Rath ge- fragt, aber auch da fand sich wenig Heil. Ich dachte selbst uͤber die Sache nach, und um das Gespraͤch zu beleben, um eine oft durchgedroschene Materie wieder bedeutend zu machen, unterhielt ich mich und die Freunde mit Paradoxen. Ich hatte die Ohnmacht des Blauen sehr deutlich empfunden, und seine unmittel- bare Verwandtschaft mit dem Schwarzen bemerkt; nun gefiel es mir zu behaupten: das Blaue sey keine Farbe! und ich freute mich eines allgemeinen Widerspruchs. Nur Angelika, deren Freundschaft und Freundlichkeit mir schon oͤfters in solchen Faͤllen entgegen gekommen war — sie hatte z. B. auf mein Ersuchen erst ein Bild, nach Art aͤlterer Florentiner, Grau in Grau gemalt und es bey voͤllig entschiedenem und fertigen Helldunkel mit durchscheinender Farbe uͤberzogen, wodurch eine sehr erfreuliche Wirkung hervorgebracht wurde, ob man es gleich von einem auf die gewoͤhnliche Weise gemalten Bilde nicht unterscheiden konnte — Angelika gab mir Beyfall und versprach eine kleine Landschaft ohne Blau zu malen. Sie hielt Wort und es entsprang ein sehr huͤbsches harmonisches Bild, etwa in der Art wie ein Akyanobleps die Welt sehen wuͤrde; wobey ich jedoch nicht laͤugnen will, daß sie ein Schwarz anwendete, welches nach dem Blauen hinzog. Wahrscheinlich fin- det sich dieses Bild in den Haͤnden irgend eines Liebha- bers, fuͤr den es durch diese Anekdote noch mehr Werth erhaͤlt. Daß hierdurch nichts ausgemacht wurde, ja viel- mehr die Sache in einen geselligen Scherz ablief, war ganz natuͤrlich. Indessen versaͤumte ich nicht, die Herrlichkeit der atmosphaͤrischen Farben zu betrachten, wobey sich die entschiedenste Stufenfolge der Luftper- spective, die Blaͤue der Ferne so wie naher Schatten, auffallend bemerken ließ. Beym Scirocco-Himmel, bey den purpurnen Sonnenuntergaͤngen waren die schoͤn- sten meergruͤnen Schatten zu sehen, denen ich um so mehr Aufmerksamkeit schenkte, als ich schon in der ersten Jugend bey fruͤhem Studiren, wenn der Tag gegen das angezuͤndete Licht heranwuchs, diesem Phaͤnomen meine Bewunderung nicht entziehen konnte. Doch wurden alle diese Beobachtungen nur gelegentlich ange- stellt, durch soviel andres mannigfaltiges Interesse zer- streut und verdraͤngt, so daß ich meine Ruͤckreise unter- II. 43 nahm und zu Hause, bey manchem Zudrang fremdar- tiger Dinge, die Kunst und alle Betrachtung derselben fast gaͤnzlich aus dem Auge verlor. Sobald ich nach langer Unterbrechung endlich Mu- ße fand, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen, trat mir in Absicht auf Colorit dasjenige entgegen, was mir schon in Italien nicht verborgen bleiben konnte. Ich hatte naͤmlich zuletzt eingesehen, daß man den Far- ben, als physischen Erscheinungen, erst von der Seite der Natur beykommen muͤsse, wenn man in Absicht auf Kunst etwas uͤber sie gewinnen wolle. Wie alle Welt war ich uͤberzeugt, daß die saͤmmtlichen Farben im Licht enthalten seyen; nie war es mir anders gesagt worden, und niemals hatte ich die geringste Ursache gefunden, daran zu zweifeln, weil ich bey der Sache nicht weiter interessirt war. Auf der Akademie hatte ich mir Phy- sik wie ein anderer vortragen und die Experimente vor- zeigen lassen. Winkler in Leipzig, einer der ersten der sich um Elektricitaͤt verdient machte, behandelte diese Abtheilung sehr umstaͤndlich und mit Liebe, so daß mir die saͤmmtlichen Versuche mit ihren Bedingungen fast noch jetzt durchaus gegenwaͤrtig sind. Die Gestelle waren saͤmmtlich blau angestrichen; man brauchte aus- schließlich blaue Seidenfaͤden zum Anknuͤpfen und Auf- haͤngen der Theile des Apparats: welches mir auch im- mer wieder, wenn ich uͤber blaue Farbe dachte, einfiel. Dagegen erinnere ich mich nicht, die Experimente, wo- durch die Newtonische Theorie bewiesen werden soll, je- mals gesehen zu haben; wie sie denn gewoͤhnlich in der Experimental-Physik auf gelegentlichen Sonnenschein verschoben, und außer der Ordnung des laufenden Vortrags gezeigt werden. Als ich mich nun von Seiten der Physik den Far- ben zu naͤhern gedachte, las ich in irgend einem Com- pendium das hergebrachte Kapitel, und weil ich aus der Lehre wie sie dastand, nichts fuͤr meinen Zweck ent- wickeln konnte; so nahm ich mir vor, die Phaͤnomene wenigstens selbst zu sehen, zu welchen Hofrath Buͤtt- ner , der von Goͤttingen nach Jena gezogen war, den noͤthigen Apparat mitgebracht und mir ihn nach seiner freundlich mittheilenden Weise sogleich angeboten hatte. Es fehlte nur also noch an einer dunklen Kammer, die durch einen wohlverschlossenen Fensterladen bewirkt wer- den sollte; es fehlte nur noch am Foramen exiguum, das ich mit aller Gewissenhaftigkeit, nach dem angege- benen Maß, in ein Blech einzubohren im Begriff stand. Die Hindernisse jedoch, wodurch ich abgehalten ward die Versuche nach der Vorschrift, nach der bisherigen Methode anzustellen, waren Ursache daß ich von ei- ner ganz andern Seite zu den Phaͤnomenen gelangte und dieselben durch eine umgekehrte Methode ergriff, die ich noch umstaͤndlich zu erzaͤhlen gedenke. Eben zu dieser Zeit kam ich in den Fall meine Wohnung zu veraͤndern. Auch dabey hatte ich meinen fruͤhern Vorsatz vor Augen. In meinem neuen Quar- tier traf ich ein langes schmales Zimmer mit einem Fen- ster gegen Suͤdwest; was haͤtte mir erwuͤnschter seyn 43 * koͤnnen! Indessen fand sich bey meiner neuen Einrich- tung so viel zu thun, so manche Hindernisse traten ein, und die dunkle Kammer kam nicht zu Stande. Die Prismen standen eingepackt wie sie gekommen waren in einem Kasten unter dem Tische, und ohne die Ungeduld des Jenaischen Besitzers haͤtten sie noch lange da stehen koͤnnen. Hofrath Buͤttner, der alles was er von Buͤchern und Instrumenten besaß, gern mittheilte, verlangte je- doch, wie es einem vorsichtigen Eigenthuͤmer geziemt, daß man die geborgten Sachen nicht allzulange behalten, daß man sie zeitig zuruͤckgeben und lieber einmal wieder aufs Neue borgen solle. Er war in solchen Dingen un- vergessen und ließ es, wenn eine gewisse Zeit verflossen war, an Erinnerungen nicht fehlen. Mit solchen wollte er mich zwar nicht unmittelbar angehen; allein durch einen Freund erhielt ich Nachricht von Jena: der gute Mann sey ungeduldig, ja empfindlich, daß ihm der mitgetheilte Apparat nicht wieder zugesendet werde. Ich ließ dringend um einige Frist bitten, die ich auch er- hielt, aber auch nicht besser anwendete: denn ich war von ganz anderem Interesse festgehalten. Die Farbe, so wie die bildende Kunst uͤberhaupt, hatte wenig Theil an meiner Aufmerksamkeit, ob ich gleich ungefaͤhr in dieser Epoche, bey Gelegenheit der Saussuͤrischen Reisen auf den Montblanc und des dabey gebrauchten Kyanometers, die Phaͤnomene der Himmelsblaͤue, der blauen Schatten u. s. w. zusammenschrieb, um mich und andre zu uͤberzeugen, daß das Blaue nur dem Grade nach von dem Schwarzen und dem Finstern ver- schieden sey. So verstrich abermals eine geraume Zeit, die leichte Vorrichtung des Fensterladens und der kleinen Oeffnung ward vernachlaͤssigt, als ich von meinem Jenaischen Freunde einen dringenden Brief erhielt, der mich aufs lebhafteste bat, die Prismen zuruͤckzusenden, und wenn es auch nur waͤre, daß der Besitzer sich von ihrem Da- seyn uͤberzeugte, daß er sie einige Zeit wieder in Ver- wahrung haͤtte; ich sollte sie alsdann zu laͤngerm Ge- brauch wieder zuruͤck erhalten. Die Absendung aber moͤchte ich ja mit dem zuruͤckkehrenden Boten bewerkstel- ligen. Da ich mich mit diesen Untersuchungen sobald nicht abzugeben hoffte, entschloß ich mich das gerechte Verlangen sogleich zu erfuͤllen. Schon hatte ich den Kasten hervorgenommen, um ihn dem Boten zu uͤber- geben, als mir einfiel, ich wolle doch noch geschwind durch ein Prisma sehen, was ich seit meiner fruͤhsten Jugend nicht gethan hatte. Ich erinnerte mich wohl, daß alles bunt erschien, auf welche Weise jedoch, war mir nicht mehr gegenwaͤrtig. Eben befand ich mich in einem voͤllig geweißten Zimmer; ich erwartete, als ich das Prisma vor die Augen nahm, eingedenk der Newtonischen Theorie, die ganze weiße Wand nach verschiedenen Stufen gefaͤrbt, das von da ins Auge zuruͤckkehrende Licht in soviel farbige Lichter zersplittert zu sehen. Aber wie verwundert war ich, als die durchs Prisma angeschaute weiße Wand nach wie vor weiß blieb, daß nur da, wo ein Dunkles dran stieß, sich eine mehr oder weniger entschiedene Farbe zeigte, daß zuletzt die Fensterstaͤbe am allerlebhaftesten farbig erschie- nen, indessen am lichtgrauen Himmel draußen keine Spur von Faͤrbung zu sehen war. Es bedurfte keiner langen Ueberlegung, so erkannte ich, daß eine Graͤnze noth- wendig sey, um Farben hervorzubringen, und ich sprach wie durch einen Instinct sogleich vor mich laut aus, daß die Newtonische Lehre falsch sey. Nun war an keine Zuruͤcksendung der Prismen mehr zu denken. Durch mancherley Ueberredungen und Gefaͤlligkeiten suchte ich den Eigenthuͤmer zu beruhigen, welches mir auch gelang. Ich vereinfachte nunmehr die mir in Zimmern und im Freyen durchs Prisma vorkommen- den zufaͤlligen Phaͤnomene, und erhob sie, indem ich mich bloß schwarzer und weißer Tafeln bediente, zu bequemen Versuchen. Die beyden sich immer einander entgegengesetzten Raͤnder, die Verbreiterung derselben, das Uebereinan- dergreifen uͤber einen hellen Streif und das dadurch ent- stehende Gruͤn, wie die Entstehung des Nothen beym Uebereinandergreifen uͤber einen dunklen Streif, alles entwickelte sich vor mir nach und nach. Auf einen schwarzen Grund hatte ich eine weiße Scheibe gebracht, welche in einer gewissen Entfernung durchs Prisma an- gesehen, das bekannte Spectrum vorstellte, und voll- kommen den Newtonischen Hauptversuch in der Camera- obscura vertrat. Eine schwarze Scheibe auf hellem Grund machte aber auch ein farbiges und gewissermaßen noch praͤchtigeres Gespenst. Wenn sich dort das Licht in so vielerley Farben aufloͤst, sagte ich zu mir selbst: so muͤßte ja hier auch die Finsterniß als in Farben auf- geloͤst angesehen werden. Der Apparat meiner Tafeln war sorgfaͤltig und reinlich zusammengeschafft, vereinfacht soviel wie moͤg- lich und so eingerichtet, daß man die saͤmmtlichen Phaͤ- nomene in einer gewissen Ordnung dabey betrachten konnte. Ich wußte mir im Stillen nicht wenig mit meiner Entdeckung, denn sie schien sich an manches bis- her von mir Erfahrne und Geglaubte anzuschließen. Der Gegensatz von warmen und kalten Farben der Maler zeigte sich hier in abgesonderten blauen und gelben Raͤndern. Das Blaue erschien gleichsam als Schleyer des Schwarzen, wie sich das Gelbe als ein Schleyer des Weißen bewies. Ein Helles mußte uͤber das Dunkle, ein Dunkles uͤber das Helle gefuͤhrt wer- den, wenn die Erscheinung eintreten sollte: denn keine perpendiculare Graͤnze war gefaͤrbt. Das alles schloß sich an dasjenige an, was ich in der Kunst von Licht und Schatten, und in der Natur von apparenten Farben gehoͤrt und gesehen hatte. Doch stand alles dieses mir ohne Zusammenhang vor der Seele und keinesweges so entschieden, wie ich es hier aus- spreche. Da ich in solchen Dingen gar keine Erfahrung hatte und mir kein Weg bekannt war, auf dem ich haͤtte sicher fortwandeln koͤnnen; so ersuchte ich einen benachbarten Physiker, die Resultate dieser Vorrichtungen zu pruͤfen. Ich hatte ihn vorher bemerken lassen, daß sie mir Zweifel in Absicht auf die Newtonische Theo- rie erregt haͤtten, und hoffte sicher, daß der erste Blick auch in ihm die Ueberzeugung von der ich ergriffen war, aufregen wuͤrde. Allein wie verwundert war ich, als er zwar die Erscheinungen in der Ordnung wie sie ihm vorgefuͤhrt wurden, mit Gefaͤlligkeit und Beyfall aufnahm, aber zugleich versicherte, daß diese Phaͤnomene bekannt und aus der Newtonischen Theo- rie vollkommen erklaͤrt seyen. Diese Farben gehoͤrten keinesweges der Graͤnze, sondern dem Licht ganz allein an; die Graͤnze sey nur Gelegenheit, daß in dem ei- nen Fall die weniger refrangiblen, im andern die mehr refrangiblen Strahlen zum Vorschein kaͤmen. Das Weiße in der Mitte sey aber noch ein zusammen- gesetztes, durch Brechung nicht separirtes Licht, das aus einer ganz eigenen Vereinigung farbiger, aber stufenweise uͤbereinandergeschobener Lichter entspringe; welches alles bey Newton selbst und in den nach sei- nem Sinn verfaßten Buͤchern umstaͤndlich zu lesen sey. Ich mochte dagegen nun einwenden was ich wollte, daß naͤmlich das Violette nicht refrangibler sey als das Gelbe, sondern nur, wie dieses in das Helle so jenes in das Dunkle hineinstrahle; ich mochte anfuͤh- ren, daß bey wachsender Breite der Saͤume das Weiße so wenig als das Schwarze in Farben zerlegt, sondern in dem einen Falle nur durch ein zusammen- gesetztes Gruͤn, in dem andern durch ein zusammen- gesetztes Roth zugedeckt werde; kurz ich mochte mich mit meinen Versuchen und Ueberzeugungen gebaͤrden wie ich wollte: immer vernahm ich nur das erste Credo, und mußte mir sagen lassen, daß die Ver- suche in der dunklen Kammer weit mehr geeignet seyen, die wahre Ansicht der Phaͤnomene zu ver- schaffen. Ich war nunmehr auf mich selbst zuruͤckgewiesen; doch konnte ich es nicht ganz lassen und setzte noch einigemal an, aber mit eben so wenig Gluͤck, und ich wurde in nichts gefoͤrdert. Man sah die Phaͤnomene gern; die Ununterrichteten amuͤsirten sich damit, die Unterrichteten sprachen von Brechung und Brechbarkeit, und glaubten sich dadurch von aller weitern Pruͤfung loszuzaͤhlen. Nachdem ich nun diese, in der Folge von mir subjectiv genannten Versuche ins Unendliche, ja Unnoͤthige vervielfaͤltigte, Weiß, Schwarz, Grau, Bunt in allen Verhaͤltnissen an und uͤber einander auf Tafeln gebracht hatte, wobey immer nur das erste simple Phaͤnomen, bloß anders bedingt, erschien; so setzte ich nun auch die Prismen in die Sonne, und richtete die Camera obscura mit schwarz ausgeschlagenen Waͤn- den so genau und finster als moͤglich ein. Das Foramen exiguum selbst wurde sorgfaͤltig angebracht. Allein diese beschraͤnkten Taschenspieler-Bedingungen hatten keine Gewalt mehr uͤber mich. Alles was die subjectiven Versuche mir leisteten, wollte ich auch durch die objectiven darstellen. Die Kleinheit der Prismen stand mir im Wege. Ich ließ ein groͤßeres aus Spiegelscheiben zusammensetzen, durch welches ich nun, vermittelst vorgeschobener ausgeschnittener Pappen, alles dasjenige hervorzubringen suchte, was auf meinen Tafeln gesehen wurde, wenn man sie durchs Prisma betrachtete. Die Sache lag mir am Herzen, sie beschaͤftigte mich; aber ich fand mich in einem neuen unabsehli- chen Felde, welches zu durchmessen ich mich nicht ge- eignet fuͤhlte. Ich sah mich uͤberall nach Theilneh- mern um; ich haͤtte gern meinen Apparat, meine Be- merkungen, meine Vermuthungen, meine Ueberzeu- gungen einem Andern uͤbergeben, wenn ich nur irgend haͤtte hoffen koͤnnen, sie fruchwar zu sehen. All mein dringendes Mittheilen war vergebens. Die Folgen der franzoͤsischen Revolution hatten alle Gemuͤther aufgeregt und in jedem Privatmann den Re- gierungsduͤnkel erweckt. Die Physiker, verbunden mit den Chemikern, waren mit den Gasarten und mit dem Galvanismus beschaͤftigt. Ueberall fand ich Un- glauben an meinen Beruf zu dieser Sache; uͤberall eine Art von Abneigung gegen meine Bemuͤhungen, die sich, je gelehrter und kenntnißreicher die Maͤnner waren, immer mehr als unfreundlicher Widerwille zu aͤußern pflegte. Hoͤchst undankbar wuͤrde ich hingegen seyn, wenn ich hier nicht diejenigen nennen wollte, die mich durch Neigung und Zutrauen foͤrderten. Der Herzog von Weimar, dem ich von jeher alle Bedingungen eines thaͤtigen und frohen Lebens schuldig geworden, ver- goͤnnte mir auch dießmal den Raum, die Muße, die Bequemlichkeit zu diesem neuen Vorhaben. Der Herzog Ernst von Gotha eroͤffnete mir sein physikalisches Ca- binet, wodurch ich die Versuche zu vermannigfaltigen und ins Groͤßere zu fuͤhren in Stand gesetzt wurde. Der Prinz August von Gotha verehrte mir aus Eng- land verschriebene koͤstliche, sowohl einfache als zusam- mengesetzte, achromatische Prismen. Der Fuͤrst Pri- mas, damals in Erfurt, schenkte meinen ersten und allen folgenden Versuchen eine ununterbrochene Auf- merksamkeit, ja er begnadigte einen umstaͤndlichen Auf- satz mit durchgehenden Randbemerkungen von eigner Hand, den ich noch als eine hoͤchst schaͤtzbare Erin- nerung unter meinen Papieren verwahre. Unter den Gelehrten, die mir von ihrer Seite Beystand leisteten, zaͤhle ich Anatomen, Chemiker, Lite- ratoren, Philosophen, wie Loder, Soͤmmering, Goͤtt- ling, Wolf, Forster, Schelling; hingegen keinen Physiker. Mit Lichtenberg correspondirte ich eine Zeit lang und sendete ihm ein paar auf Gestellen bewegliche Schir- me, woran die saͤmmtlichen subjectiven Erscheinungen auf eine bequeme Weise dargestellt werden konnten, in- gleichen einige Aufsaͤtze, freylich noch roh und unge- schlacht genug. Eine Zeit lang antwortete er mir; als ich aber zuletzt dringender ward und das ekelhafte Newtonische Weiß mit Gewalt verfolgte, brach er ab uͤber diese Dinge zu schreiben und zu antworten; ja er hatte nicht einmal die Freundlichkeit, ungeachtet ei- nes so guten Verhaͤltnisses, meiner Beytraͤge in der letz- ten Ausgabe seines Erxlebens zu erwaͤhnen. So war ich denn wieder auf meinen eigenen Weg gewiesen. Ein entschiedenes Aper ç uͤ ist wie eine inoculirte Krankheit anzusehen: man wird sie nicht los bis sie durchgekaͤmpft ist. Schon laͤngst hatte ich angefan- gen uͤber die Sache nachzulesen. Die Nachbeterey der Compendien war mir bald zuwider und ihre be- schraͤnkte Einfoͤrmigkeit gar zu auffallend. Ich ging nun an die Newtonische Optik, auf die sich doch zu- letzt Jedermann bezog, und freute mich, das Captio- se, Falsche seines ersten Experiments mir schon durch meine Tafeln anschaulich gemacht zu haben und mir das ganze Raͤthsel bequem aufloͤsen zu koͤnnen. Nach- dem ich diese Vorposten gluͤcklich uͤberwaͤltigt, drang ich tiefer in das Buch, wiederholte die Experimente, entwickelte und ordnete sie, und fand sehr bald, daß der ganze Fehler darauf beruhe, daß ein complicirtes Phaͤnomen zum Grunde gelegt und das Einfachere aus dem Zusammengesetzten erklaͤrt werden sollte. Manche Zeit und manche Sorgfalt jedoch bedurfte es, um die Irrgaͤnge alle zu durchwandern, in welche Newton sei- ne Nachfolger zu verwirren beliebt hat. Hierzu wa- ren mir die Lectiones opticae hoͤchst behuͤlflich, indem diese einfacher, mit mehr Aufrichtigkeit und eigener Ue- berzeugung des Verfassers geschrieben sind. Die Re- sultate dieser Bemuͤhungen enthaͤlt mein polemischer Theil. Wenn ich nun auf diese Weise das Grundlose der Newtonischen Lehre, besonders nach genauer Einsicht in das Phaͤnomen der Achromasie, vollkommen er- kannte; so half mir zu einem neuen theoretischen Weg jenes erste Gewahrwerden, daß ein entschiedenes Aus- einandertreten, Gegensetzen, Vertheilen, Differenzi- ren, oder wie man es nennen wollte, bey den pris- matischen Farbenerscheinungen statt habe, welches ich mir kurz und gut unter der Formel der Polaritaͤt zu- sammenfaßte, von der ich uͤberzeugt war, daß sie auch bey den uͤbrigen Farben-Phaͤnomenen durchgefuͤhrt werden koͤnne. Was mir inzwischen als Privatmann nicht gelingen mochte, bey irgend Jemand Theilnahme zu erregen, der sich zu meinen Untersuchungen gesellt, meine Ue- berzeugungen aufgenommen und darnach fortgearbeitet haͤtte, das wollte ich nun als Autor versuchen, ich wollte die Frage an das groͤßere Publicum bringen. Ich stellte daher die nothwendigsten Bilder zusammen, die man bey den subjectiven Versuchen zum Grunde legen mußte. Sie waren schwarz und weiß, damit sie als Apparat dienen, damit sie Jedermann sogleich durchs Prisma beschauen koͤnnte. Andere waren bunt, um zu zeigen, wie diese schwarzen und weißen Bilder durchs Prisma veraͤndert wuͤrden. Die Naͤhe einer Chartenfabrik veranlaßte mich das Format von Spiel- charten zu waͤhlen, und indem ich Versuche beschrieb und gleich die Gelegenheit sie anzustellen gab, glaubte ich das Erforderliche gethan zu haben, um in irgend einem Geiste das Aper ç uͤ hervorzurufen, das in dem meinigen so lebendig gewirkt hatte. Allein ich kannte damals, ob ich gleich alt genug war, die Beschraͤnktheit der wissenschaftlichen Gilden noch nicht, diesen Handwerkssinn, der wohl etwas er- halten und fortpflanzen, aber nichts foͤrdern kann, und es waren drey Puncte die fuͤr mich schaͤdlich wirkten. Erstlich hatte ich mein kleines Heft: Beytraͤge zur Op- tik, betitelt. Haͤtte ich Chromatik gesagt, so waͤre es unverfaͤnglicher gewesen; denn da die Optik zum groͤßten Theil mathematisch ist, so konnte und wollte Niemand begreifen, wie einer der keine An- spruͤche an Meßkunst machte, in der Optik wirken koͤnne. Zweytens hatte ich, zwar nur ganz leise, an- gedeutet, daß ich die Newtonische Theorie nicht zu- laͤnglich hielte, die vorgetragenen Phaͤnomene zu er- klaͤren. Hierdurch regte ich die ganze Schule gegen mich auf und nun verwunderte man sich erst hoͤchlich, wie Jemand, ohne hoͤhere Einsicht in die Mathematik, wagen koͤnne, Newton zu widersprechen. Denn daß eine Physik unabhaͤngig von der Mathematik existire, davon schien man keinen Begriff mehr zu haben. Die uralte Wahrheit, daß der Mathematiker sobald er in das Feld der Erfahrung tritt, so gut wie jeder andere dem Irrthum unterworfen sey, wollte Niemand in die- sem Falle anerkennen. In gelehrten Zeitungen, Journalen, Woͤrterbuͤchern und Compendien sah man stolzmitleidig auf mich herab, und keiner von der Gilde trug Beden- ken, den Unsinn nochmals abdrucken zu lassen, den man nun fast hundert Jahre als Glaubensbekenntniß wie- derholte. Mit mehr oder weniger dunkelhafter Selbst- gefaͤlligkeit betrugen sich Green in Halle, die gothai- schen gelehrten Zeitungen, die allgemeine jenaische Li- teraturzeitung, Gehler und besonders Fischer, in ihren physikalischen Woͤrterbuͤchern. Die goͤttingischen ge- lehrten Anzeigen, ihrer Aufschrift getreu, zeigten meine Bemuͤhungen auf eine Weise an, um sie sogleich auf ewig vergessen zu machen. Ich gab, ohne mich hierdurch weiter ruͤhren zu lassen, das zweyte Stuͤck meiner Beytraͤge heraus, welches die subjectiven Versuche mit bunten Papieren enthaͤlt, die mir um so wichtiger waren als dadurch fuͤr Jeden, der nur einigermaßen in die Sache haͤtte sehen wollen, der erste Versuch der Newtonischen Op- tik vollkommen enthuͤllt und dem Baum die Axt an die Wurzel gelegt wurde. Ich fuͤgte die Abbildung des großen Wasserprismas hinzu, die ich auch wieder unter die Tafeln des gegenwaͤrtigen Werkes aufgenom- men habe. Es geschah damals, weil ich zu den ob- jectiven Versuchen uͤbergehen und die Natur aus der dunklen Kammer und von den winzigen Prismen zu befreyen dachte. Da ich in dem Wahn stand, denen die sich mit Natur-Wissenschaften abgeben, sey es um die Phaͤno- mene zu thun, so gesellte ich wie zum ersten Stuͤcke meiner Beytraͤge ein Paket Charten, so zum zweyten eine Folio-Tafel, auf welcher alle Faͤlle von hellen, dunkeln und farbigen Flaͤchen und Bildern dergestalt angebracht waren, daß man sie nur vor sich hinstellen, durch ein Prisma betrachten durfte, um alles wovon in dem Hefte die Rede war, sogleich gewahr zu wer- den. Allein diese Vorsorge war gerade der Sache hin- derlich, und der dritte Fehler den ich beging. Denn diese Tafel, vielmehr noch als die Charten, war un- bequem zu packen und zu versenden, so daß selbst ei- nige aufmerksam gewordne Liebhaber sich beklagten, die Beytraͤge nebst dem Apparat durch den Buchhandel nicht erhalten zu koͤnnen. Ich selbst war zu andern Lebensweisen, Sorgen und Zerstreuungen hingerissen. Feldzuͤge, Reisen, Aufent- halt an fremden Orten, nahmen mir den groͤßten Theil mehrerer Jahre weg; dennoch hielten mich die einmal angefangenen Betrachtungen, das einmal uͤbernomme- ne Geschaͤft, denn zum Geschaͤft war diese Beschaͤfti- gung geworden, auch selbst in den bewegtesten und zerstreutesten Momenten fest; ja ich fand Gelegenheit in der freyen Welt Phaͤnomene zu bemerken, die meine Einsicht vermehrten und meine Ansicht erweiterten. Nachdem ich lange genug in der Breite der Phaͤ- nomene herumgetastet und mancherley Versuche gemacht hatte, sie zu schematisiren und zu ordnen, fand ich mich am meisten gefoͤrdert, als ich die Gesetzmaͤßigkeit der physiologischen Erscheinungen, die Bedeutsamkeit der durch truͤbe Mittel hervorgebrachten, und endlich die versatile Bestaͤndigkeit der chemischen Wirkungen und Gegenwirkungen erkennen lernte. Hiernach bestimmte sich die Eintheilung, der ich, weil ich sie als die be- ste befunden, stets treu geblieben. Nun ließ sich oh- ne Methode die Menge von Erfahrungen weder son- dern noch verbinden; es wurden daher theoretische Er- klaͤrungsarten rege, und ich machte meinen Weg durch manche hypothetische Irrthuͤmer und Einseitigkeiten. Doch ließ ich den uͤberall sich wieder zeigenden Gegen- satz, die einmal ausgesprochne Polaritaͤt nicht fahren, und zwar um so weniger, als ich mich durch solche Grundsaͤtze im Stand fuͤhlte, die Farbenlehre an man- ches Benachbarte anzuschließen und mit manchem Ent- fernten in Reihe zu stellen. Auf diese Weise ist der gegenwaͤrtige Entwurf einer Farbenlehre entstanden. Nichts war natuͤrlicher, als daß ich aufsuchte was uns uͤber diese Materie in Schriften uͤberliefert worden, und es von den aͤltesten Zeiten bis zu den unsrigen nach und nach auszog und sammelte. Durch eigene Aufmerksamkeit, durch guten Willen und Theil- nahme mancher Freunde kamen mir auch die seltnern Buͤcher in die Haͤnde; doch nirgends bin ich auf ein- mal soviel gefoͤrdert worden, als in Goͤttingen durch den mit großer Liberalitaͤt und thaͤtiger Beyhuͤlfe gestat- teten Gebrauch der unschaͤtzbaren Buͤchersammlung. So haͤufte sich allmaͤhlich eine große Masse von Abschriften II. 44 und Excerpten, aus denen die Materialien zur Geschich- te der Farbenlehre redigirt worden und wovon noch manches zu weiterer Bearbeitung zuruͤckliegt. Und so war ich, ohne es beynahe selbst bemerkt zu haben, in ein fremdes Feld gelangt, indem ich von der Poesie zur bildenden Kunst, von dieser zur Natur- forschung uͤberging, und dasjenige was nur Huͤlfsmit- tel seyn sollte, mich nunmehr als Zweck anreizte. Aber als ich lange genug in diesen fremden Regionen ver- weilt hatte, fand ich den gluͤcklichen Ruͤckweg zur Kunst durch die physiologischen Farben und durch die sittliche und aͤsthetische Wirkung derselben uͤberhaupt. Ein Freund, Heinrich Meyer , dem ich schon fruͤher in Rom manche Belehrung schuldig geworden, unterließ nicht, nach seiner Ruͤckkehr, zu dem einmal vorgesetzten Zweck, den er selbst wohl ins Auge gefaßt hatte, mitzuwirken. Nach angestellten Erfahrungen, nach entwickelten Grundsaͤtzen machte er manchen Ver- such gefaͤrbter Zeichnungen, um dasjenige mehr ins Licht zu setzen und wenigstens fuͤr uns selbst gewisser zu machen, was gegen das Ende meines Entwurfs uͤ- ber Farbengebung mitgetheilt wird. In den Propy- laͤen versaͤumten wir nicht, auf manches hinzudeu- ten, und wer das dort Gesagte mit dem nunmehr umstaͤndlicher Ausgefuͤhrten vergleichen will, dem wird der innige Zusammenhang nicht entgehen. Hoͤchst bedeutend aber ward fuͤr das ganze Unter- nehmen die fortgesetzte Bemuͤhung des gedachten Freun- des, der sowohl bey wiederholter Reise nach Italien, als auch sonst bey anhaltender Betrachtung von Gemaͤl- den, die Geschichte des Colorits zum vorzuͤglichen Au- genmerk behielt und dieselbige entwarf, wie wir sie in zwey Abtheilungen unsern Lesern vorgelegt haben: die aͤltere, welche hypothetisch genannt wird, weil sie, ohne genugsame Beyspiele, mehr aus der Natur des Menschen und der Kunst, als aus der Erfahrung zu entwickeln war; die neuere, welche auf Documenten beruht, die noch von Jedermann betrachtet und beur- theilt werden koͤnnen. Indem ich mich nun auf diese Weise dem Ende meines aufrichtigen Bekenntnisses naͤhere; so werde ich durch einen Vorwurf angehalten, den ich mir mache, daß ich unter jenen vortrefflichen Maͤnnern, die mich geistig gefoͤrdert, meinen unersetzlichen Schiller nicht genannt habe. Dort aber empfand ich eine Art von Scheu, dem besonderen Denkmal, welches ich unserer Freundschaft schuldig bin, durch ein voreiliges Gedenken, Abbruch zu thun. Nun will ich aber doch in Betrach- tung menschlicher Zufaͤlligkeiten, aufs kuͤrzeste bekennen, wie er an meinem Bestreben lebhaften Antheil genommen, sich mit den Phaͤnomenen bekannt zu machen gesucht, ja sogar mit einigen Vorrichtungen umgeben, um sich an denselben vergnuͤglich zu belehren. Durch die große Natuͤrlichkeit seines Genies ergriff er nicht nur schnell die Hauptpunkte worauf es ankam; sondern wenn ich manchmal auf meinem beschaulichen Wege zoͤgerte, noͤ- thigte er mich durch seine reflectirende Kraft vorwaͤrts 44 * zu eilen, und riß mich gleichsam an das Ziel wohin ich strebte. Und so wuͤnsche ich nur, daß mir das Be- sondere dieser Verhaͤltnisse, die mich noch in der Erin- nerung gluͤcklich machen, bald auszusprechen vergoͤnnt seyn moͤge. Aber alle diese Fortschritte waͤren durch die unge- heuren Ereignisse dieser letzten Jahre noch kurz vor dem Ziel aufgehalten und eine oͤffentliche Mittheilung un- moͤglich geworden, haͤtte nicht unsere verehrteste Herzo- ginn, mitten unter dem Drang und Sturm gewaltsa- mer Umgebungen, auch mich in meinem Kreise nicht allein gesichert und beruhigt, sondern zugleich aufs hoͤch- ste aufgemuntert, indem sie einer Experimental-Dar- stellung der saͤmmtlichen, sich nach meiner Einsicht nun- mehr gluͤcklich aneinanderschließenden Naturerscheinun- gen beyzuwohnen und eine aufmerksame Versammlung durch ihre Gegenwart zu concentriren und zu beleben ge- ruhte. Hierdurch allein wurde ich in den Stand ge- setzt, alles Aeußere zu vergessen und mir dasjenige leb- haft zu vergegenwaͤrtigen, was bald einem groͤßern Pu- blicum mitgetheilt werden sollte. Und so sey denn auch hier am Schlusse, wie schon am Anfange geschehen, die durch Ihren Einfluß gluͤcklich vollbrachte Arbeit dieser nicht genug zu verehrenden Fuͤrstinn dankbar gewidmet. Statt des versprochenen Supplementaren Theils . Wir stammen unser sechs Geschwister Von einem wundersamen Paar, Die Mutter ewig ernst und duͤster, Der Vater froͤhlich immerdar; Von beyden erbten wir die Tugend, Von ihr die Milde, von ihm den Glanz: So drehn wir uns in ewiger Jugend Um Dich herum im Zirkeltanz. Gern meiden wir die schwarzen Hoͤhlen Und lieben uns den heitern Tag, Wir sind es, die die Welt beseelen Mit unsers Lebens Zauberschlag. Wir sind des Fruͤhlings lust’ge Boten Und fuͤhren seinen muntern Reihn; Drum fliehen wir das Haus der Todten, Denn um uns her muß Leben seyn. Uns mag kein Gluͤcklicher entbehren, Wir sind dabey, wo man sich freut, Und laͤßt der Kaiser sich verehren, Wir leihen ihm die Herrlichkeit. Schiller . In der Vorrede des ersten Bandes haben wir zu den drey nunmehr beendigten Theilen unsres Werkes, dem didaktischen, polemischen, historischen, noch ei- nen vierten supplementaren versprochen, welcher sich bey einer solchen Unternehmung allerdings noͤthig macht; und es wird daher, in doppeltem Sinne, einer Ent- schuldigung beduͤrfen, daß derselbe nicht gegenwaͤrtig mit den uͤbrigen zugleich erscheint. Ohne zu gedenken, wie lange diese Baͤnde, die man hier dem Publicum uͤbergibt, vorbereitet waren, duͤrfen wir wohl bemerken, daß schon vor vier Jahren der Druck derselben angefangen und durch so manche oͤffentliche und haͤusliche, durch geistige und koͤrperli- che, wissenschaftliche und technische Hindernisse verspaͤ- tet worden. Abermals naͤhert sich mit dem Fruͤhjahr derjenige Termin, an welchem die stillen Fruͤchte gelehrten Flei- ßes durch den Buchhandel verbreitet werden, eben zu der Zeit als die drey ersten Theile unserer chromatischen Ar- beit die Presse verlassen, und mit den dazu gehoͤrigen Ta- feln ausgestattet worden. Der dritte Theil ist zur Staͤrke eines ganzen Bandes herangewachsen, dessen groͤßere Haͤlfte er eigentlich nur ausmachen sollte, und es scheint daher wohl raͤthlich, die Herausgabe des soweit Gedie- henen nicht aufzuschieben, indem die vorliegende Mas- se groß genug ist, um als eine nicht ganz unwerthe Gabe der theilnehmenden Welt angeboten zu werden. Was jedoch von einem supplementaren Theile zu er- warten stehe, wollen wir hier mit wenigem bemerken. Eine Revision des Didaktischen kann auf mancherley Weise statt finden. Denn wir werden im Laufe einer solchen Arbeit mit Phaͤnomenen bekannt, die wenn auch nicht neu oder von solcher Bedeutung, daß sie unerwartete Aufschluͤsse geben, doch mehr als andere sich zu Repraͤsentanten von vielen Faͤllen qualificiren, und sich daher gerade in ein Lehrbuch aufgenommen zu werden vorzuͤglich eignen, weil man das Didaktische von allen Einzelnheiten, allem Zweydeutigen und Schwankenden soviel als moͤglich zu reinigen hat, um dasselbe immer sicherer und bedeutender zu machen. Hierdurch wird auch dasjenige was allein Metho- de zu nennen ist, immer vollkommener. Denn jemehr die einzelnen Theile an innerem Werthe wachsen, desto reiner und sicherer schließen sie an einander und das Ganze ist leichter zu uͤbersehen, dergestalt daß zuletzt die hoͤhern theoretischen Einsichten von selbst und uner- wartet hervor und dem Betrachter entgegentreten. Die Beschreibung des Apparats waͤre sodann das Nothwendigste. Denn obgleich die Haupterfordernisse bey den Versuchen selbst angegeben sind, und eigent- lich nichts vorkommt was außerhalb der Einsicht eines geschickten Mechanikers und Experimentators laͤge; so wuͤrde es doch gut seyn, auf wenigen Blaͤttern zu uͤ- bersehen, was man denn eigentlich beduͤrfe, um die saͤmmtlichen Phaͤnomene, auf welche es ankommt, be- quem hervorzubringen. Und freylich sind hiezu Huͤlfs- mittel der verschiedensten Art noͤthig. Auch hat man die- sen Apparat, wenn er sich einmal beysammen befindet, so gut als jeden andern, ja vielleicht noch mehr, in Ord- nung zu halten, damit man zu jeder Zeit die verlang- ten Versuche anstellen und vorlegen koͤnne. Denn es wird kuͤnftig nicht wie bisher die Ausrede gelten, daß durch gewisse Versuche, vor hundert Jahren in Eng- land angestellt, alles hinlaͤnglich auch fuͤr uns bewiesen und abgethan sey. Nicht weniger ist zu bedenken, daß, ob wir gleich die Farbenlehre der freyen Natur wie- derzugeben so viel als moͤglich bemuͤht gewesen, doch ein geraͤumiges Zimmer, welches man nach Belieben erhellen und verfinstern kann, noͤthig bleibt, damit man fuͤr sich und andere, sowohl die Lehre als die Contro- vers, befriedigend durch Versuche und Beyspiele belegen koͤnne. Diese ganz unerlaͤßliche Einrichtung ist von der Art, daß sie einem Privatmanne beschwerlich werden muͤßte; deswegen darf man sie wohl Universitaͤten und Akademieen der Wissenschaften zur Pflicht machen, da- mit statt des alten Wortkrams die Erscheinungen selbst und ihre wahren Verhaͤltnisse dem Wißbegierigen an- schaulich werden. Was den polemischen Theil betrifft; so ist demsel- ben noch eine Abhandlung hinzuzufuͤgen uͤber dasjenige was vorgeht, wenn die so nahe verwandten Werkzeuge, Prismen und Linsen, vereinigt gebraucht werden. Es ist zwar hoͤchst einfach und waͤre von einem Jeden leicht einzusehen, wenn nicht Newton und seine Schuͤ- ler auch hier einen voͤllig willkuͤhrlichen Gebrauch der Werkzeuge zu ganz entgegengesetzten Zwecken einge- fuͤhrt haͤtten. Denn einmal sollen auf diesem Wege die farbigen Lichter voͤllig separirt, ein andermal wie- der voͤllig vereinigt werden: welches denn beydes nicht geleistet wird noch werden kann. An diese Betrachtungen schließt sich unmittelbar eine andere. Es ist naͤmlich die Frage, was in einer Glas- oder Wasserkugel durch Refraction oder Reflexion gewirkt werde, damit wir das so merkwuͤrdige als schoͤne Phaͤnomen des Regenbogens erblicken. Auch mit diesem hat man, wie mit so vielem andern, fertig und ins Reine zu seyn geglaubt. Wir hingegen sind uͤberzeugt, daß man den Hauptpunct vernachlaͤssigt, welchen Antonius de Dominis bey seiner Behandlung dieses Gegenstandes schon sicher und entschieden aus- gesprochen. Zu dem historischen Theile ließen sich auch man- cherley Supplemente geben. Zuerst waͤren Citate nachzubringen, gar mancherley Verbesserungen in Na- men, Jahrzahlen und andern kleinen Angaben. Bey manchem Artikel koͤnnte sogar eine neue Bearbeitung statt finden, wie wir z. B. das uͤber Kepplern Gesagte gegenwaͤrtig bedeutender und zweckgemaͤßer auszufuͤhren uns getrauten. Auch mit Rubriken und kurzen Inhaltsanzeigen kleinerer Schriften ließen sich diese historisch-literarischen Materialien um vieles vermehren, von denen hier man- ches weggeblieben, was uns einen gewissen Bezug ver- steckt haͤtte, der aus einer Hintereinanderstellung bedeu- tender Schriften Eines Zeitraums von sich selbst, ohne weiteres Raͤsonniren und Pragmatisiren, hervorzugehen schien. Soll jedoch dereinst das Geschichtliche einen un- mittelbaren Einfluß auf das Didaktische erlangen, so waͤre jenes einmal nach den Abtheilungen, Rubriken, Capiteln des Entwurfs gedraͤngt aufzufuͤhren, wodurch die Zeitenfolge zwar aufgehoben, die Folge und Ueber- einstimmung des Sinnes hingegen sich desto deutlicher zeigen wuͤrde. Der liberal Gesinnte, nicht auf seiner Persoͤnlichkeit und Eigenheit Verharrende wuͤrde mit Vergnuͤgen auch hier bemerken, daß nichts Neues unter der Sonne, daß das Wissen und die Wissenschaft ewig sey, daß das wahrhaft Bedeutende darin von unsern Vorfahren, wo nicht immer erkannt und ergriffen, doch wenigstens geahndet, und das Ganze der Wissenschaft so wie jeder Tuͤchtigkeit und Kunst, von ihnen empfun- den, geschaͤtzt und nach ihrer Weise geuͤbt worden. Doch waͤre vielleicht vor allem andern noch das Ge- schichtliche der letzten zwanzig Jahre nachzubringen, ob- gleich keine sonderliche Ausbeute davon zu hoffen steht. Das Bedeutende darunter, die Wirkung farbiger Be- leuchtung betreffend, welche Herschel wieder zur Sprache gebracht, wird in einem Aufsatze, den wir Herrn Doctor Seebeck in Jena verdanken, hier zum Schlusse mitge- theilt. Das seltsam Unerfreuliche, durch welches Wuͤnsch neue Verwirrung in der Farbenlehre angerichtet, ist bey Erklaͤrung der Tafeln in seine ersten Elemente aufgeloͤst und dabey das Noͤthige erinnert worden. Der andern, minder wirksamen Aeußerungen moͤchte ich uͤberhaupt gegenwaͤrtig nicht gerne, so we- nig als dessen was sich auf mich bezieht, gedenken. Theils hat man gesucht, durch ein mißwollendes Ver- schweigen, meine fruͤhern Bemuͤhungen gaͤnzlich aus- zuloͤschen, welches um so mehr thunlich schien, als ich selbst seit vielen Jahren nichts direct deshalb zur Sprache brachte. Theils hat man von meinen Ansich- ten, die ich seit eben so langer Zeit im Leben und Gespraͤch gern mittheilte, in groͤßern und kleineren Schriften eine Art von Halbgebrauch gemacht, ohne mir die Ehre zu erzeigen, meiner dabey zu gedenken. Dieses alles zu ruͤgen, deutlich zu machen, wie auf diese Weise die gute Sache retardirt und discreditirt worden, wuͤrde zu unfreundlichen Erklaͤrungen Anlaß geben, und ich koͤnnte denn doch, da ich mit meinen Vorfahren und mit mir selbst streng genug umgegan- gen, die Mitlebenden nicht wohl schonender behandeln. Viel besser und auch wohl gelinder macht sich dieß in der folgenden Zeit, wenn sich erst ergeben wird, ob dieses Werk sich Eingang verschafft und was fuͤr Wir- kungen es hervorbringt. Die Farbenlehre scheint uͤber- haupt jetzt an die Tagesordnung zu kommen. Außer dem was Runge in Hamburg als Maler bereits gege- ben, verspricht Klotz in Muͤnchen gleichfalls von der Kunstseite her einen ansehnlichen Beytrag. Placidus Heinrich zu Regensburg laͤßt ein ausfuͤhrliches Werk erwarten, und mit einem schoͤnen Aufsatz uͤber die Be- deutung der Farben in der Natur hat uns Steffens beschenkt. Diesem moͤchten wir vorzuͤglich die gute Sache empfehlen, da er in die Farbenwelt von der chemischen Seite hereintritt und also mit freyem un- befangenem Muth sein Verdienst hier bethaͤtigen kann. Nichts von allem soll uns unbeachtet bleiben: wir be- merken, was fuͤr und gegen uns, was mit und wider uns erscheint, wer den antiquirten Irrthum zu wieder- holen trachtet, oder wer das alte und vorhandene Wahre erneut und belebt, und wohl gar unerwartete Ansichten durch Genie oder Zufall eroͤffnet, um eine Lehre zu foͤrdern, deren abgeschlossener Kreis sich vielleicht vor vielen andern ausfuͤllen und vollenden laͤßt. Was diesen frommen Wuͤnschen und Hoffnungen entgegensteht, ist mir nicht unbekannt. Der Sache wuͤrde nicht dienlich seyn, es hier ausdruͤcklich aus- zusprechen. Einige Jahre belehren uns hieruͤber am be- sten, und man vergoͤnne mir nur Zeit, zu uͤberlegen, ob es vortheilhafter sey, die theils nothwendigen, theils nutzbaren Supplemente zusammen in einem Ban- de, oder Heftweise nach Gelegenheit herauszugeben. Wirkung farbiger Beleuchtung. Ob wir uns schon aus oben erwaͤhnten Ursachen enthalten, desjenigen umstaͤndlich zu gedenken, was seit den letzten zwanzig Jahren in unserm Fache vorgekom- men; so duͤrfen wir doch den bedeutendsten Punkt nicht uͤbergehen, welchen Herschel besonders wieder in An- regung gebracht, wir meynen die Wirkung farbiger Beleuchtung auf Leuchtsteine, Metalloxyde und Pflan- zen; ein Kapitel, das in unserm Entwurfe nur skizzirt, in der Chemie immer von groͤßerer Bedeutung werden muß. Wir koͤnnen unsre Pflicht hierin nicht besser erfuͤl- len, als wenn wir einen ausfuͤhrlichen Aufsatz von Herrn Doctor Seebeck zu Jena einruͤcken, der von dem scharfen und treuen Beobachtungsgeiste des Verfassers so wie von dessen unvergleichlicher Gabe zu experimenti- ren ein schoͤnes Zeugniß ablegt, und bey Freunden der Wissenschaft den Wunsch erregen wird, der Verfasser moͤge sich immer in dem Falle befinden, seinem natuͤrli- chen und beurkundeten Forscher-Berufe zu folgen. Wirkung farbiger Beleuchtung auf ver- schiedene Arten von Leuchtsteinen . Zu diesen Versuchen bediente ich mich folgender kuͤnstlicher Leuchtsteine oder Phosphoren. 1) Barytphosphoren , nach Marggrafs be- kannter Angabe bereitet. Die vollkommensten von diesen leuchteten, nachdem sie dem Sonnen- oder auch bloß dem Tageslichte ausgesetzt worden, gelbroth , wie schwach gluͤhende Kohlen. 2) Phosphoren aus kuͤnstlichem schwefelsaurem Stron- tian, ganz auf dieselbe Weise, wie die vorigen, mit Gummi Traganth im freyen Feuer des Windofens praͤ- parirt. Diese leuchteten meergruͤn , einige Stuͤcke schwach blaͤulich . 3) Nach Cantons Vorschrift aus gebrannten Au- sterschalen zubereitete Kalkphosphoren , welche groͤßtentheils hellgelb leuchteten. Einige von diesen gaben reines Rosenroth , andere ein blasses Vio- lett . Der Glanz und die Lebhaftigkeit der Farbe der Phosphoren steht mit der Intensitaͤt des excitirenden Lichtes in directem Verhaͤltniß; je schwaͤcher dieses ist, desto schwaͤcher und blaͤsser phosphoresciren jene im Dun- keln, ja in sehr schwachem Lichte, z. B. im Mondlichte, werden sie fast ganz farblos, weißlich leuchtend. Diese Phosphoren wurden nach der Reihe den ver- schiedenen prismatischen Farben ausgesetzt. Im Blau und Violett wurden alle sogleich leuchtend, doch war ihr Licht auf keine Weise veraͤndert: die Barytphospho- ren erschienen im Dunkeln gelbroth, die neuen Stron- tianphosphoren meergruͤn, u. s. w. vollkommen so, wie sie dem reinen Sonnenlichte ausgesetzt leuchteten. Im Blauen wurden sie nur wenig schwaͤcher leuchtend als im Violett. Hart uͤber dem Violett, wo kaum eine Farbe zu erkennen ist, nahmen sie einen eben so lebhaf- ten Glanz an als im Violett. Im Gruͤn wurden sie be- traͤchtlich schwaͤcher leuchtend als im Blau, im Gelben noch viel schwaͤcher, und im Roth am schwaͤchsten, und zwar wurden sie hier mehrentheils nur weißlich leuch- tend. Auch unter dem Roth nahmen die Phosphoren haͤufig einen Glanz an. So verhielten sich die Leuchtsteine und auch noch andere leuchtende Koͤrper in den Farbengespenstern einer betraͤchtlichen Anzahl Glasprismen, unter denen einige hoͤchst vollkommen waren. Im Gelb und Roth dersel- ben wurden gute Leuchtsteine zwar leuchtend, (noch bey einer 5 bis 6 Linien breiten Oeffnung im Laden und in einem Abstande von 9 bis 12 Fuß vom Prisma); doch immer sehr viel schwaͤcher als im Blau und Violett. Wenn die Oeffnung im Laden noch kleiner war, etwa 2 Linien im Durchmesser betrug, so wurden mehrere Leuchtsteine in dem eben erwaͤhnten Abstande im Roth nicht mehr leuchtend, im Blau und Violett aber wurden sie es. Versuche mit farbigen Glaͤsern . Ein dickes dunkelblaues Glas, durch welches nur hell erleuchtete Gegenstaͤnde eben zu erkennen waren, wurde vor den von der Sonne beschienenen Laden der II. 45 dunkeln Kammer befestigt, und ein Bononischer Leucht- stein in das einfallende Licht gehalten; er wurde im Au- genblick leuchtend, und zwar wie gewoͤhnlich gelbroth. Die uͤbrigen Leuchtsteine verhielten sich eben so. Nun wurde ein gelbrothes Glas, wodurch man vollkommen alle Gegenstaͤnde erkennen konnte, in den Laden gesetzt, und die Leuchtsteine in dieß helle gelbrothe Licht gelegt; aber keiner von allen wurde leuchtend, wie lange sie auch in diesem Lichte blieben. Ein Leuchtstein wurde durch reines Sonnenlicht zum Phosphoresciren gebracht, und die Zeit bemerkt, welche bis zu seinem voͤlligen Erloͤschen verfloß. Dieß waͤhrte etwa 10 Minuten. Er wurde hierauf nochmals in der Sonne leuchtend gemacht, und dann sogleich in das durch das gelbrothe Glas einfallende Licht gehalten. Er verlosch hier nicht nur voͤllig, sondern auch in be- traͤchtlich kuͤrzerer Zeit, als fuͤr sich im Dunkeln; schon nach 1 bis 2 Minuten konnte man keinen Schein mehr an diesem Phosphor erkennen. Je lebhafter die Sonne schien, desto schneller erfolgte das Erloͤschen unter dem gelbrothen Glase. Wenn schon aus diesen Versuchen die entgegenge- setzte Wirkung der gelbrothen und blauen Beleuchtung unwidersprechlich hervorging, so wurde sie noch glaͤn- zender durch folgende Vorrichtung bestaͤtigt. Ich stellte in das durch das gelbrothe Glas einfal- lende Sonnenlicht eine Linse von 4 Zoll, und brachte in den Focus derselben einen auf das lebhafteste glaͤn- zenden Barytphosphor; er erlosch hier sogleich, wie eine in Wasser getauchte Kohle. Selbst die empfindlich- sten und dauerndsten Leuchtsteine, z. B. die gruͤnlichen Strontianphosphoren, wurden hier in wenigen Se- cunden lichtlos. Man braucht die Leuchtsteine nicht ein- mal voͤllig in den Focus zu bringen, auch außer demsel- ben erloͤschen sie schon nach einigen Secunden. Statt des gelbrothen Glases wurde hierauf eine staͤrkere blaue Scheibe, durch welche man noch alle Ge- genstaͤnde erkennen konnte, in den Laden befestigt, die naͤmliche Linse davor gestellt, und in den Focus dersel- ben ein dunkler, nicht leuchtender Erdphosphor gehalten; er wurde hier sogleich gluͤhend, und wohl so stark, als im hellesten Sonnenschein. Auch das prismatische Roth wirkt, wie schon Wil- son und spaͤter Davy und Ritter bemerkt hatten, lichtschwaͤchend auf die Phosphoren. Nach meinen Erfab- rungen erloͤschen sie hier gemeinhin nicht voͤllig, sondern kommen nur in etwas kuͤrzerer Zeit auf den schwachen Lichtzustand zuruͤck, den sie an dieser Stelle annehmen. Ist die Oeffnung im Laden sehr klein, so werden, wie schon oben angefuͤhrt, die Phosphoren, bey einer gewis- sen Entfernung vom Prisma, in dem Roth desselben nicht mehr leuchtend, aber dann wirkt auch diese Beleuchtung uͤberhaupt nicht; die Phosphoren erloͤschen hier nicht schneller, als fuͤr sich im Dunkeln. Im Blau und Violett dagegen werden die Leuchtsteine in dem angegebenen Ab- 45 * stande noch leuchtend; hieraus folgt also, daß die de- primirende Kraft des Rothen und Gelben fruͤher ab- nimmt, als die excitirende des Blauen und Violetten. Doch auch diese hoͤrt in einer groͤßern Entfernung vom Prisma auf, und dort existirt nur fuͤr das Auge noch ein wirk- sames Farbenbild. Wie das Licht der Sonne, so wirkt auch jedes an- dere Licht durch die genannten farbigen Glaͤser auf die Leuchtsteine, wenn es nur uͤberhaupt Intensitaͤt genug hat, ein Leuchten in den Steinen zu erregen. Es ist bekannt, daß die Bononischen und Cantonschen Phos- phoren durch den Funken der Leidner Flasche leuchtend werden. Man laͤßt, um dieß zu bewirken, gemeiniglich den Schlag durch den Phosphor gehen. Dieß ist je- doch nicht noͤthig; auch wenn er sich in hermetisch ver- schlossenen Glasroͤhren befindet, und einen Zoll, ja noch tiefer unter den Kugeln des allgemeinen Ausladers liegt, so wird er waͤhrend der Explosion der Flasche leuchtend. Zwey Leuchtsteine von gleicher Guͤte wurden, einer in gelbrother, der andere in dunkelblauer Glasroͤhre 1 Zoll unter die Kugeln des allgemeinen Ausladers ge legt, und eine Flasche mittelst desselben entladen. Als der Funke uͤberschlug, wurde der Leuchtstein in der dun- kelblauen Roͤhre sogleich leuchtend, der in der gelbro- then Glasroͤhre dagegen blieb dunkel. Diese Versuche, welche ich oͤfters wiederholt habe, beweisen zugleich, daß die Electricitaͤt, indem sie die Phosphoren leuchtend macht, nur als Licht wirkt, da- her denn auch lichtlose Electricitaͤt keinen Erdphosphor oder aͤhnlichen leuchtenden Koͤrper zum Phosphoresciren bringt. Hieruͤber, und uͤber das Leuchten als chemi- schen Prozeß, an einem andern Orte mehr. Die genannten Phosphoren und uͤberhaupt alle Substanzen, welche im Dunkeln gluͤhend erscheinen, nachdem sie dem Licht der Sonne oder einer andern star- ken Beleuchtung ausgesetzt werden, leuchten schon in diesem Lichte selbst. Hiervon kann man sich am besten uͤberzeugen, wenn man Erdphosphoren, welche ein- zelne nichtleuchtende Stellen haben, dem durch ein recht dunkelblaues oder violettes Glas einfallenden Son- nenlichte entgegen haͤlt; die leuchtenden Stellen, be- sonders die gelbroth leuchtenden der Bononischen Phos- phoren, sieht man nun deutlich gluͤhen, in dem Au- genblicke wie sie ins Licht kommen, (ja die empfind- lichern schon in einiger Entfernung von dem vollen Lichte,) die nichtleuchtenden Stellen dagegen haben die Farbe des Glases, sehen blau oder violett aus. Vor dem gelbrothen Glase, wo sie bekanntlich nicht leuch- tend werden, erscheinen sie ganz einfarbig. Das Leuch- ten im Dunkeln ist also nur ein Beharren in dem Zu- stande, den der fremde leuchtende Koͤrper hervorrief, ein Nachklingen, Verklingen. Vorstehendes will Beccaria anders gefunden ha- ben; nach ihm wurde der Bologneser Phosphor unter allen farbigen Glaͤsern leuchtend, und zwar glaͤnzte er im Dunkeln mit rothem Lichte, wenn er unter rothen Glaͤsern, und mit blauem Lichte, wenn er unter blauen Glaͤsern dem Sonnenlicht war ausgesetzt worden. — Woher nun diese abweichenden, ja ganz entgegengesetz- ten Resultate? — Die beste Aufklaͤrung hieruͤber gibt die Geschichte dieser Entdeckung, welche auch durch ih- ren Zusammenhang mit dem Streit uͤber die Newtoni- sche Lehre interessant ist. Zanotti stellte die ersten Versuche uͤber die Wirkung des farbigen Lichtes auf den Bononischen Phosphor an, (1728). Erwartend daß er mit der Farbe des ihn treffenden Lichtes leuchten werde, hielt er ihn fuͤr vor- zuͤglich geschickt, den Streit der Cartesianer und New- tonianer uͤber die Natur des Lichts zur Entscheidung zu bringen. Algarotti, ein eifriger Anhaͤnger Newtons, wohnte diesen Versuchen bey. Sie ließen die prisma- tischen Farben auf ihre besten Leuchtsteine fallen, allein sie konnten, „wie auch der Strahl gefaͤrbt war,“ kei- nen Unterschied wahrnehmen, der Stein leuchtete schwach, und „ nahm keinesweges die Farbe des Lichtes an, in welches er gehalten wor- den ,“ woraus Zanotti den Schluß zog, „daß der Phosphor durch sein eigenthuͤmliches Licht glaͤnze, und daß dieses durch das von außen auffallende Licht nur belebt werde.“ Er fuͤgte hinzu, „daß aus diesen Ver- suchen sich nichts beweisen lasse, und daß sich beyde Hypothesen damit vertruͤgen.“ (Zanotti’s Abhandlung steht in den Comment. Bonon. Vol. VI. p. 205.) Hiermit hatte man sich beruhigt, bis 1770 Joh. Bapt. Beccaria in Turin mit neuen Versuchen auf- trat. Er verfertigte, wie erzaͤhlt wird, kuͤnstliche Leuchtsteine, welche den Stein von Bologna weit uͤber- trafen, setzte diese unter farbigen Glaͤsern dem Sonnen- lichte aus, und versicherte, daß seine Phosphoren un- ter blauem Glase blau, unter rothem Glase roth ge- leuchtet haͤtten. ( Philos. Transact. LXI. p. 112.) Diese Entdeckung machte großes Aufsehen, und wurde von den Newtonianern gut aufgenommen. Priestley (in seiner Geschichte der Optik p. 267.) erklaͤrte: „durch diese Versuche sey nun außer Streit gesetzt, daß der Phosphor eben dasselbe Licht welches er empfaͤngt, und kein anderes von sich gebe, und hierdurch sey auch be- wiesen, daß das Licht aus koͤrperlichen Thei- len bestehe , weil es eingesogen, angehalten und wieder zuruͤckgegeben werden koͤnne.“ Mehrere Physi- ker wiederholten Beccarias Versuche, doch keinem ge- langen sie. Wilson vor allen gab sich viele Muͤhe. Magellan verschaffte ihm von Beccaria eine sehr genaue Beschreibung der Versuche mit allen Umstaͤnden, beyde wiederholten die Versuche nochmals, „aber alle ihre Unternehmungen waren umsonst,“ nie sahen sie die Phosphoren mit der Farbe des Glases leuchten . (Von Wilsons interessanten Versuchen findet man einen Auszug in Gehlers Sammlung zur Physik und Naturgeschichte I. Band.) Euler mischte sich auch in den Streit; er fand Wilsons Versuche seiner Lehre vom Licht guͤnstig, und behauptete, die Newtonische Theorie der Farben werde hierdurch gaͤnz- lich uͤber den Haufen geworfen. Die Newtonianer er- wiederten: Euler habe keine Ursache zu triumphiren, Beccaria verdiene eben so viel Glauben als Wilson , und dann waͤren ja auch unter Wilsons Versuchen mehrere, die nach der Eulerschen Theorie eben so wenig erklaͤrt werden koͤnnten. Es wurden indessen mehrere mißlungene Versuche bekannt, und es blieb nun denen, die sich mit Beccaria retten wollten, nichts uͤbrig, als zu behaupten, die Gegner haͤtten keine so guten Leuchtsteine oder Glaͤser gehabt als je- ner, und dieß ist bis auf den heutigen Tag auch oft genug geschehen. Spaͤterhin trat Beccaria selbst gegen sich auf und erklaͤrte, daß er sich geirrt habe; doch hierauf wurde wenig Ruͤcksicht genommen. Man hatte bereits neue Zeugen fuͤr seine fruͤheren Entdeckun- gen, und diese sagten den mehrsten Newtonianern bes- ser zu. Allenthalben findet man von nun an einen Brief Magellans an Priestley citirt, der jene neue Bestaͤtigung enthaͤlt; mit Stillschweigen wird aber gemeiniglich der Widerruf Beccaria’s uͤbergangen, obwohl er in demselben Briefe ausfuͤhrlich zu lesen ist. Magellan erzaͤhlt in diesem Briefe (s. Priestley’s Versuche und Beobachtungen uͤber verschiedene Gattun- gen der Luft III. Theil, Anhang p. 16.): „er habe (1776) bey dem Prof. Allamand in Leiden sehr schoͤne farbige Glaͤser gefunden, und habe gegen diesen geaͤu- ßert: „wie sehr es ihm aufgefallen sey, daß er nie im Stande gewesen, Beccaria’s Versuche mit Erfolg zu wiederholen, welches er dem Umstand zuschreibe, daß er nicht so gute Glaͤser gehabt habe, als Becca- ria , und als er jetzt vor sich sehe.“ Allamand ant- wortete hierauf: „es sey einer von seinen Versuchen beynahe einerley mit den Versuchen Beccaria’s gewesen; denn ein Stuͤck des Bononischen Phos- phors habe die Farbe des durch ein Prisma ge- theilten Sonnenstrahls gezeigt, dem er ihn ausgesetzt hatte.“ Hemsterhuis , der bey den Versuchen Al- lamands zugegen gewesen, soll noch hinzugefuͤgt ha- ben, „daß nach einiger Zeit, wenn die deutlich an dem Phosphorus gesehene Farbe zu vergehen anfing, derselbe gelblich worden sey, als wenn der Phosphorus bloß dem Sonnenlichte, ohne Theilung der farbigen Strahlen desselben, waͤre ausgesetzt worden.“ „Ueber- dieß,“ sagt Magellan , „besitze ich das Original eines in Italien geschriebenen Briefes, aus dem sich ergibt, daß ein junger Herr vom ersten Range, mit zween Cavaliers, seinen Fuͤhrern, vor deren Augen die- ser Versuch von dem P. Beccaria wiederholt worden, eben dieses Phaͤnomen gesehen habe, und daß die Far- ben des Phosphorus im dunkeln Zimmer deutlich genug gewesen sind, um daraus, ohne vorhergegangene Nach- richt, die richtige Farbe des Glases errathen zu koͤnnen, durch welches die Sonne denselben beschienen hatte.“ — „Es ist mir unangenehm,“ faͤhrt hierauf Magellan fort, „aus einem gedruckten Briefe des gedachten Prof. Beccaria gesehen zu haben, daß er fast die ganze Sache wieder aufgibt, indem er sich bey seinen Ver- suchen geirrt, und den Schatten oder die blasse Dun- kelheit des Phosphorus fuͤr eine bestimmte Farbe genom- men habe. Er habe sich dabey, sagt er, nach dem Herrn Zanotti , Praͤsidenten der Akademie zu Bo- logna , gerichtet; denn er selbst und andere waͤ- ren nie im Stande gewesen, dasselbe Phaͤ- nomen zu sehen .“ Und gegen dieß offene und entscheidende Gestaͤnd- niß Beccaria’s , gegen so viele und sorgfaͤltig ange- stellte Versuche erfahrner Physiker mochte man noch ein Zeugniß, wie das jener vornehmen Beobachter, und ein halbes, wie das von Allamand , auffuͤhren und geltend zu machen suchen! Waͤre dieß wohl geschehen, wenn nicht vorgefaßte Meinung, und der Wunsch, einer beliebten Lehre den Sieg zu verschaffen und die Gegner auf jede Weise aus dem Felde zu schlagen, sich eingemengt haͤtte? — Die Aussage von Hemsterhuis ist zwar bestimmter, als die von Allamand , doch ist auch sie von keinem Gewicht, da die Art, wie der Versuch und das Material, womit er angestellt worden, nicht angegeben sind. Denn auf die Beschaffenheit des Leuchtsteins koͤmmt auch viel an; enthielt der Baryt- phosphor z. B. Strontian- oder flußsaure Kalkerde, so konnte wohl ein blaͤulicher Schein gesehen werden, wenn er ins blaue Licht gehalten wurde. An Leuchtstei- nen, die aus einer Mischung der genannten Erden be- stehen, laͤßt sich wirklich etwas Aehnliches zeigen, doch nicht allein im blauen, sondern auch im Tageslichte, weil jene Erden blaͤulich und gruͤnlich leuchtende Phos- phoren geben. An Phosphoren, die nur mit einer Farbe leuchten, wird man nie etwas der Art wahrneh- men. Wo der von Magellan angefuͤhrte gedruckte Brief Beccaria’s steht, habe ich nicht finden koͤnnen. Einer Taͤuschung habe ich noch zu erwaͤhnen, die bey den Versuchen mit Prismen und farbigen Glaͤsern vorkommen kann. Die Phosphoren koͤnnen wirklich bis- weilen in einer ganz entgegengesetzten, als ihrer ge- woͤhnlichen Farbe, leuchtend erscheinen. Dieß ist dann der Fall, wenn das Auge des Beobachtenden von ir- gend einer lebhaften Farbe afficirt war. So sah ich Bononische Steine, welche im prismatischen Roth weiß- lich leuchtend werden, im Dunkeln mit gruͤnlichem Lichte glaͤnzen, wenn ich auch nur fluͤchtig vorher (ja selbst eine Minute und laͤnger vorher) in das Roth gesehen hatte. Wenn ich dieß vermieden hatte, so erschienen sie weiß oder hoͤchst blaßgelb. Eine aͤhnliche Veraͤnde- rung der Farbe bemerkte ich auch einmal an den rosen- rothen Kalkphosphoren, als ich diese vor ein violettes von der Sonne erhelltes Glas hielt; sie leuchteten mir nun im Dunkeln rothgelb. Mein Gehuͤlfe dagegen, wel- cher sich ganz im Dunkeln befunden hatte, versicherte das schoͤnste rosenrothe Licht zu sehen. Als sich meine Augen von dem vorigen Eindrucke erholt hatten, er- schienen auch mir diese Phosphoren im Dunkeln rosen- roth, so wie sie nun meinem Gehuͤlfen, welcher in das violette Licht gesehen hatte, gelbroth schienen. Durch Violett wird, nach bekannten physiologischen Gesetzen (E. 47. ff.) Gelb im Auge hervorgerufen, so wie durch Roth Gruͤn, durch Orange Blau, und umgekehrt; und auf diese Weise entsteht im gegenwaͤrtigen Fall, wie in mehreren andern eine Taͤuschung, vor der man sich zu huͤten hat. Von der chemischen Action des Lichts und der farbigen Beleuchtung . Es ist eine der wichtigsten Entdeckungen der neuern Zeit, daß mit der aͤußerlichen laͤngst bekannten Veraͤn- derung der Koͤrper im Sonnenlichte haͤufig auch eine innere, eine Aenderung in den chemischen Bestandthei- len verbunden sey. Scheele erwies zuerst, in seiner Abhandlung von Luft und Feuer, daß die Metallkalke im Lichte „phlogistisirt,“ oder wie wir uns jetzt aus- druͤcken, desoxydirt werden. Senebier, Priestley, Berthollet, Miß Fulham, Rumford, Rit- ter und andere bestaͤtigten diese Entdeckung und ver- mehrten sie mit mancher neuen. Eine der empfindlichsten Substanzen gegen die Ac- tion des Sonnenlichtes ist das salzsaure Silber, oder Hornsilber; es ist bekanntlich frisch gefaͤllt weiß, und wird im Lichte sehr bald grau und endlich schwarz, wo- bey es den groͤßten Theil, wo nicht alle seine Saͤure verliert. Schon Scheele bemerkte, daß die prisma- tischen Farben ungleich auf dasselbe wirkten, „daß die Schwaͤrzung im Violett schneller erfolge, als in den andern Farben.“ (a. a. O. §. 66.) Senebier bestaͤtigte diese Erfahrung, und fuͤhrt in seiner Abhandlung uͤber den Einfluß des Sonnenlichtes 3. Th. S. 97. an: „daß das Hornsilber sich im violetten Strahl in 15 Secunden, im blauen in 23 Sec., im gruͤnen in 35 Sec., im gel- ben in 5½ Minute, im pomeranzenfarbenen in 12 Minu- ten, und im rothen in 20 Minuten gefaͤrbt habe;“ auch sagt er, „daß er nie vermoͤgend gewesen sey, die Farbe in den drey letzten prismatischen Farben so stark zu ma- chen, als die vom violetten Strahl hervorgebrachte war. Ritter (s. Gilb . Annalen der Physik B. VII. S. 527. und B. XII. S. 409.) will auch noch außerhalb dem Violett „sogenannte unsichtbare Strahlen entdeckt ha- ben, welche das Hornsilber noch staͤrker reducirten, als das violette Licht selbst;“ ferner, „daß die Reduction an dem Orte des Maximums außer dem Violett, nach dem Blau hin abnehme, und mehr hinter dem Gruͤn aufhoͤre; und daß sie im Orange und Roth in wahre Oxydation des bereits Reducirten uͤbergehe.“ Schon Senebier’s Versuche zeigten deutlich eine Hemmung der Wirkung auf der Seite des Gelben und Rothen, sowohl der Zeit als dem Grade nach; doch fand nach ihm hier noch eine Reduction statt, wo Rit- ter eine Oxydation fand. Neue Versuche waren also noͤthig. Hier sind die Resultate von den meinigen. Als ich das Spectrum eines fehlerfreyen Prisma’s, welches die Lage hatte, in welcher der Einfallswinkel an der vordern Flaͤche dem Brechungswinkel an der hintern Flaͤche gleich ist, bey einer Oeffnung von etwa 5 bis 6 Linien im Laden, in einem Abstande, wo eben Gelb und Blau zusammentreten, auf weißes noch feuchtes und auf Papier gestrichenes Hornsilber fallen ließ, und 15 bis 20 Minuten, durch eine schickliche Vorrichtung, in unveraͤnderter Stellung erhielt; so fand ich das Hornsilber folgendermaßen veraͤndert. Im Violett war es roͤthlich braun (bald mehr violett, bald mehr blau) geworden, und auch noch uͤber die vorher be- zeichnete Graͤnze des Violett hinaus erstreckte sich diese Faͤrbung, doch war sie nicht staͤrker als im Violett; im Blauen des Spectrums war das Hornsilber rein blau ge- worden, und diese Farbe erstreckte sich abnehmend und hel- ler werdend bis ins Gruͤn; im Gelben fand ich das Horn- silber mehrentheils unveraͤndert, bisweilen kam es mir etwas gelblicher vor als vorher; im Roth dagegen, und mehrentheils noch etwas uͤber das Roth hinaus, hatte es meist rosenrothe oder hortensienrothe Farbe angenom- men. Bey einigen Prismen fiel diese Roͤthung ganz außerhalb dem Roth des Spectrums, es waren dieß solche, bey welchen auch die staͤrkste Erwaͤrmung außer dem Roth statt hatte. Das prismatische Farbenbild hat jenseits des Vio- lett und jenseits des Roth noch einen mehr oder minder hellen farblosen Schein; in diesem veraͤnderte sich das Hornsilber folgendermaßen: Ueber dem oben beschriebe- nen braunen Streifen, — der im Violett und hart daruͤber entstanden war, — hatte sich das Hornsilber mehrere Zoll hinauf, allmaͤhlich heller werdend, blaͤulichgrau gefaͤrbt, jenseits des rothen Streifen aber, der so eben beschrie- ben worden, war es noch eine betraͤchtliche Strecke hin- ab schwach roͤthlich geworden. Wenn am Lichte grau gewordenes, noch feuchtes Hornsilber eben so lange der Einwirkung des prismati- schen Sonnenbildes ausgesetzt wird, so veraͤndert es sich im Violett und Blau, wie vorhin; im Rothen und Gelben dagegen wird man das Hornsilber heller finden, als es vorher war, zwar nur wenig heller, doch deut- lich und unverkennbar. Eine Roͤthung in, oder hart unter dem prismatischen Roth wird man auch hier ge- wahr werden. Wurde das Spectrum in einem groͤßern Abstande, etwa 12 bis 15 Fuß vom Prisma, aufgefangen, so blieb das weiße Hornsilber im Gelben und Rothen weiß, das schon graue blieb so grau als vorher, zumal wenn auch die Oeffnung im Laden etwas verengert wurde; im Blau und Violett dagegen schwaͤrzte es sich, obwohl schwaͤcher als naͤher am Prisma. In einem noch be- traͤchtlichern Abstande hoͤrt auch endlich die reducirende Kraft des blauen und violetten Lichtes auf. Eine glei- che Abnahme der Action der prismatischen Farben be- merkten wir bereits an den Leuchtsteinen, und zwar fruͤher am Gelb und Roth, als am Blau und Violett. Laͤßt man Violett und Roth von zwey Prismen zu- sammentreten, so erhaͤlt man bekanntlich ein Pfirsich- bluͤthroth. In diesem wird das Hornsilber auch geroͤ- thet, und zwar wird es oft sehr schoͤn carmesinroth. Wenn man das prismatische Spectrum so nahe am Prisma auffaͤngt, daß nur die Raͤnder gefaͤrbt, die Mitte aber weiß erscheint, so bemerkt man hart unter dem Blau noch einen gelbroͤthlichen blassen Streifen; dieser roͤthet zwar das Hornsilber nicht, aber er wirkt doch hemmend auf die vom Weißen herruͤhrende Reduc- tion oder Schwaͤrzung, wie Ritter schon vor mir be- merkt hat. Noch kann man am Prisma ein Roth hervorbrin- gen, naͤmlich wenn man eine Leiste mitten uͤber das Prisma befestigt; es erscheint dann in dem nahe aufge- fangenen weißen Felde des Spectrums mitten Gelb, Pfirsichbluͤthroth und Blau; diese aber wirken auf das Hornsilber nicht, oder doch nur so schwach, daß es kaum zu bemerken ist; ich konnte wenigstens in verschie- denen Abstaͤnden vom Prisma keine recht deutliche Wir- kung von diesen Farben erkennen. Versuche mit farbigen Glaͤsern . Das salzsaure Silber wurde unter den violetten, blauen und blaugruͤnen Glaͤsern wie am Sonnen- oder Tageslichte grau, und zwar nach der Verschiedenheit der Glaͤser auch verschieden nuͤancirt, bey der einen mehr ins Blaͤuliche, bey der andern mehr ins Roͤthliche ziehend, oft auch fast schwarz. Unter gelben und gelbgruͤnen Glaͤsern dagegen veraͤnderte sich das Hornsilber wenig; selbst unter nur sehr schwach gefaͤrbten Glaͤsern blieb es im Tageslicht lange weiß, nur die Wirkung des Son- nenlichtes konnten diese nicht aufheben, aber sie schwaͤch- ten sie doch bedeutend. Unter tiefern orangefarbigen Glaͤsern veraͤnderte sich das Hornsilber noch weniger, und erst nachdem es mehrere Wochen gehoͤrig benetzt, dem Sonnenlichte unter diesen ausgesetzt war, faͤrbte es sich schwach und zwar roͤthlich. Hornsilber, welches so tief als moͤglich geschwaͤrzt war, wurde unter dem gelb- rothen Glase im Sonnenlichte sehr bald heller, nach 6 Stunden war seine Farbe schmutzig gelb oder roͤthlich. Alle die Farben, welche wir das weiße salzsaure Sil- ber im prismatischen Spectrum haben annehmen sehen, kommen auch an dem, welches dem gemeinen Tageslichte ausgesetzt ist, vor; in einem sehr schwachen Lichte wird es gelblich, in einem lebhafteren laͤuft es blaßroth an, doch verfliegt diese Farbe sehr schnell, das Hornsilber wird gleich darauf grau und braun in verschiedenen Schattirungen, und endlich schwarz. In diesem letz- ten Zustande ist es fast gaͤnzlich seiner Saͤure beraubt; die gelbe und rothe Farbe des Hornsilbers scheinen die niedrigsten, und Blau und Violett hoͤhere Stufen der Entsaͤurung desselben zu bezeichnen. Dieß zugegeben, so folgt aus den eben erzaͤhlten Beobachtungen, daß zwar im prismatischen Roth und noch uͤber dasselbe hin- aus eine Entsaͤurung statt findet, daß aber auch hier Gelb und Roth hemmend wirken, und daß die Entsaͤu- rung durch gelbrothe Beleuchtung auf eine niedrigere Stufe derselben zuruͤckgefuͤhrt werden kann. Von den verschiedenen Versuchen, welche ich mit II. 46 reinen Metalloxyden angestellt habe, will ich hier einen ausheben, welcher uͤber das was ihnen allen im Lichte begegnet, keinen Zweifel weiter uͤbrig lassen wird. Rothes Quecksilberoxyd wurde in drey verschiedenen Glaͤsern, in einem dunkelblauen, einem gelbrothen und in einem weißen Glase, unter destillirtem Wasser der Einwirkung der Sonne und des Tageslichts mehrere Monate hindurch ausgesetzt. An dem Quecksilberoxyd im weißen Glase erfolgte unter bestaͤndiger Gasentbin- dung eine vollkommene Desoxydation, es verwandelte sich in graues unvollkommnes Oxyd, und ein Theil wurde selbst zu reinem regulinischen Quecksilber herge- gestellt, welches nach einiger Zeit zu einer nicht unbe- traͤchtlichen Kugel zusammenlief. Das Oxyd im dunkel- blauen Glase hatte dieselbe Veraͤnderung erlitten, es hatte sich zum Theil reducirt, zum Theil war es unvoll- kommenes Oxyd geworden. Das Quecksilberoxyd im gelbrothen Glase dagegen war fast unveraͤndert, nur ein wenig heller schien es mir nach 6 Monaten geworden zu seyn. Die blaue Beleuchtung wirkt uͤberhaupt auf alle Substanzen, welche im Licht eine Veraͤnderung erleiden, wie das reine Sonnen- oder Tageslicht; die rothe Be- leuchtung dagegen verhaͤlt sich immer entgegengesetzt, haͤufig bloß wie gaͤnzliche Abwesenheit des Lichtes. So wird, um noch einige Beyspiele anzufuͤhren, die farb- lose Salpetersaͤure unter blauen und violetten Glaͤsern gelb, wie im reinen Sonnenlichte, unter dem gelbro- then bleibt sie weiß; Bestuschefs Nerventinktur wird im Sonnenlichte weiß, unter dem blauen Glase gleich- falls, unter dem gelbrothen aber bleibt sie gelb u. s. w. Wir haben oben bey den Versuchen mit den Leuchtsteinen bemerkt, daß die Action, welche einmal durch das Licht hervorgerufen worden, auch im Dun- keln noch fortwaͤhrt; dasselbe laͤßt sich auch an den Substanzen nachweisen, welche im Licht entschieden eine chemische Veraͤnderung erleiden. Schon an jedem Hornsilberpraͤparat kann man es sehen, doch noch voll- kommener am Goldsalze. Von einer Aufloͤsung des salzsauren Goldsalzes streiche man etwas auf zwey Streifen Papier; das eine, A , werde sogleich an einem ganz dunkeln Orte aufgehoben, das andere, B , aber einige Minuten ins Sonnen- oder Tageslicht gelegt, und bleibe darin nur so lange, bis sich eine schwache Veraͤnderung der Farbe zeigt, bis es etwas grau wird, und nun werde es zu dem Praͤparat A gethan, und alles Licht so vollkommen als moͤglich abgehalten. Nach einer halben Stunde vergleiche man die Praͤparate; B wird betraͤchtlich tiefer gefaͤrbt seyn, als man es hineingelegt hatte, A dagegen findet man unveraͤndert. B faͤrbt sich von Stunde zu Stunde tiefer, und wird endlich violett, wie Goldsalz das laͤngere Zeit im Lichte gelegen hatte, waͤhrend A noch unveraͤndert rein gold- gelb erscheint. 46 * Wirkung der farbigen Beleuchtung auf die Pflanzen . Die wichtigsten Versuche hieruͤber verdanken wir Senebier und Tessier . Nach Senebier (s. dessen Abhandlung uͤber den Einfluß des Sonnenlichtes 2. Thl. S. 29. 4.) erreichten die Pflanzen unter gelber Be- leuchtung eine groͤßere Hoͤhe als unter der violetten; die Blaͤtter der Pflanzen unter dem gelben Glase kamen gruͤn zum Vorschein und vergilbten hernach, die unter dem rothen blieben gruͤn, wie sie hervorkamen; in der violetten Beleuchtung nahm die gruͤne Farbe der Blaͤt- ter mit dem Alter zu, sie wurde dunkler. Nach den Versuchen von Tessier ( v. Mem. de l’Academ. des Sc. de Paris. 1783. p. 133.) blieben die Pflanzen unter dunkelblauem Glase am gruͤnsten, unter dunkelgelbem hingegen wurden sie bleich. Die blaue Beleuchtung wirkt also auf die Pflanzen vollkommen wie das reine Sonnenlicht, die dunkelgelbe Beleuchtung dagegen wie die Finsterniß; denn auch in dieser werden die Pflanzen bleich, schießen staͤrker; genug sie zeigen sich mehr oder weniger etiolirt.