Reisebilder von H. Heine. Erster Theil . Hamburg , bey Hoffmann und Campe . 1826. Dedication . Der Frau Geh. Legationsraͤthin Friedrike Varnhagen v. Ense widmet die achtundachtzig Gedichte seiner «Heimkehr» der Verfasser . Die Heimkehr. (1823 — 1824.) 1 Des Altars heil'ge Deck', um eines Diebes Scheusel'ge Bloͤße liederlich gewunden! Der goldne Kelchwein des Gefuͤhls, gesoffen Von einem Trunkenbolde! Eine Rose, Zu stolz, den Thau des Himmels zu empfangen, Herberge nun der giftgeschwollnen Spinne! (Aus Immermanns Cardenio und Celinde. 1ster Akt, 3ter Auftr.) I . I n mein gar zu dunkles Leben Stralte einst ein suͤßes Bild; Nun das suͤße Bild erblichen, Bin ich gaͤnzlich nachtumhuͤllt. Wenn die Kinder sind im Dunkeln, Wird beklommen ihr Gemuͤth, Und um ihre Angst zu bannen, Singen sie ein lautes Lied. Ich, ein tolles Kind, ich singe Jetzo in der Dunkelheit; Ist das Lied auch nicht ergoͤtzlich, Macht's mich doch von Angst befreyt. II . Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin; Ein Maͤhrchen aus alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn. Die Luft ist kuͤhl und es dunkelt, Und ruhig fließt der Rhein; Der Gipfel des Berges funkelt Im Abendsonnenschein. Die schoͤnste Jungfrau sitzet Dort oben wunderbar, Ihr gold'nes Geschmeide blitzet, Sie kaͤmmt ihr gold'nes Haar. Sie kaͤmmt es mit gold'nem Kamme, Und singt ein Lied dabey; Das hat eine wundersame, Gewaltige Melodey. Den Schiffer im kleinen Schiffe Ergreift es mit wildem Weh; Er schaut nicht die Felsenriffe, Er schaut nur hinauf in die Hoͤh'. Ich glaube, die Wellen verschlingen Am Ende Schiffer und Kahn; Und das hat mit ihrem Singen Die Lore-Ley gethan. III . Mein Herz, mein Herz ist traurig, Doch lustig leuchtet der May; Ich stehe, gelehnt an der Linde, Hoch auf der alten Bastey. Da drunten fließt der blaue Stadtgraben in stiller Ruh'; Ein Knabe faͤhrt im Kahne, Und angelt und pfeift dazu. Jenseits erheben sich freundlich, In winziger, bunter Gestalt, Lusthaͤuser, und Gaͤrten, und Menschen, Und Ochsen, und Wiesen, und Wald. Die Maͤdchen bleichen Waͤsche, Und springen im Gras' herum; Das Muͤhlrad staͤubt Diamanten, Ich hoͤre sein fernes Gesumm'. Am alten grauen Thurme Ein Schilderhaͤuschen steht; Ein rothgeroͤckter Bursche Dort auf und nieder geht. Er spielt mit seiner Flinte, Die funkelt im Sonnenroth, Er praͤsentirt und schultert — Ich wollt', er schoͤsse mich todt. IV . Im Walde wandl' ich und weine, Die Drossel sitzt in der Hoͤh'; Sie springt und singt gar feine: Warum ist dir so weh? “Die Schwalben, deine Schwestern, Die koͤnnen's dir sagen, mein Kind; Sie wohnten in klugen Nestern, Wo Liebchens Fenster sind.” V . Die Nacht ist feucht und stuͤrmisch, Der Himmel sternenleer; Im Wald, unter rauschenden Baͤumen, Wandle ich schweigend einher. Es flimmert fern ein Lichtchen Aus dem einsamen Jaͤgerhaus'; Es soll mich nicht hin verlocken, Dort sieht es verdrießlich aus. Die blinde Großmutter sitzt ja Im ledernen Lehnstuhl dort‚ Unheimlich und starr, wie ein Steinbild, Und spricht kein einziges Wort. Fluchend geht auf und nieder Des Foͤrsters rothkoͤpfiger Sohn, Und wirft an die Wand die Buͤchse, Und lacht vor Wuth und Hohn. Die schoͤne Spinnerin weinet‚ Und feuchtet mit Thraͤnen den Flachs; Wimmernd zu ihren Fuͤßen Schmiegt sich des Vaters Dachs. VI . Als ich, auf der Reise, zufaͤllig Meines Liebchens Familie fand, Schwesterchen, Vater und Mutter, Sie haben mich freudig erkannt. Sie fragten nach meinem Befinden, Und sagten selber sogleich: Ich haͤtte mich gar nicht veraͤndert, Nur mein Gesicht sey bleich. Ich fragte nach Muhmen und Basen, Nach manchem langweil'gen Gesell'n, Und nach dem kleinen Huͤndchen, Mit seinem sanften Bell'n. Auch nach der vermaͤhlten Geliebten Fragte ich nebenbey; Und freundlich gab man zur Antwort: Daß sie in den Wochen sey. Und freundlich gratulirt' ich, Und lispelte liebevoll: Daß man sie von mir recht herzlich Viel tausendmal gruͤßen soll. Schwesterchen rief dazwischen: Das Huͤndchen, sanft und klein, Ist groß und toll geworden, Und ward ertraͤnkt, im Rhein. Die Kleine gleicht der Geliebten, Besonders, wenn sie lacht; Sie hat dieselben Augen, Die mich so elend gemacht. VII . Wir saßen am Fischerhause, Und schauten nach der See; Die Abendnebel kamen‚ Und stiegen in die Hoͤh'. Im Leuchtthurm wurden die Lichter Allmaͤhlig angesteckt, Und in der weiten Ferne Ward noch ein Schiff entdeckt. Wir sprachen von Sturm und Schiffbruch, Vom Seemann, und wie er lebt, Und zwischen Himmel und Wasser, Und Angst und Freude schwebt. Wir sprachen von fernen Kuͤsten, Vom Suͤden und vom Nord, Und von den seltsamen Menschen, Und seltsamen Sitten dort. Am Ganges duftet's und leuchtet's, Und Riesenbaͤume bluͤh'n, Und schoͤne, stille Menschen Vor Lotosblumen knie'n. In Lappland sind schmutzige Leute, Plattkoͤpfig, breitmaͤulig und klein; Sie kauern um's Feuer, und backen Sich Fische, und quaͤken und schrey'n. Die Maͤdchen horchten ernsthaft, Und endlich sprach Niemand mehr; Das Schiff war nicht mehr sichtbar, Es dunkelte gar zu sehr. VIII . Du schoͤnes Fischermaͤdchen, Treibe den Kahn an's Land; Komm zu mir und setze dich nieder, Wir kosen Hand in Hand. Leg' an mein Herz dein Koͤpfchen, Und fuͤrchte dich nicht zu sehr, Vertrau'st du dich doch sorglos Taͤglich dem wilden Meer. Mein Herz gleicht ganz dem Meere, Hat Sturm und Ebb' und Fluth, Und manche schoͤne Perle In seiner Tiefe ruht. IX . Der Mond ist aufgegangen Und uͤberstralt die Well'n; Ich halte mein Liebchen umfangen Und unsre Herzen schwell'n. Im Arm des holden Kindes Ruh' ich allein am Strand; Was horchst du bey'm Rauschen des Windes? Was zuckt deine weiße Hand? “Das ist kein Rauschen des Windes, Das ist der Seejungfern Gesang, Und meine Schwestern sind es, Die einst das Meer verschlang.” X . Der Wind zieht seine Hosen an, Die weißen Wasserhosen; Er peitscht die Wellen so stark er kann, Die heulen und brausen und tosen. Aus dunkler Hoͤh', mit wilder Macht, Die Regenguͤsse traͤufen; Es ist als wollt' die alte Nacht Das alte Meer ersaͤufen. An den Mastbaum klammert die Moͤve sich, Mit heiserem Schrillen und Schreyen; Sie flattert und will gar aͤngstlich Ein Ungluͤck prophezeyen. XI . Der Sturm spielt auf zum Tanze, Es pfeift und saust und bruͤllt; Heisa, wie springt das Schifflein! Die Nacht ist lustig und wild. Ein lebendes Wassergebirge Bildet die tosende See; Hier gaͤhnt ein schwarzer Abgrund, Dort thuͤrmt es sich weiß in die Hoͤh'. Ein Fluchen, Erbrechen und Beten, Schallt aus der Kajuͤte heraus; Ich halte mich fest am Mastbaum, Und wuͤnsche: waͤr' ich zu Haus. XII . Der Abend kommt gezogen, Der Nebel bedeckt die See; Geheimnißvoll rauschen die Wogen, Da steigt es weiß in die Hoͤh'. Die Meerfrau steigt aus den Wellen, Und setzt sich zu mir, am Strand; Die weißen Bruͤste quellen Hervor aus dem Schleyergewand. Sie druͤckt mich und sie preßt mich Und thut mir fast ein Weh'; Du druͤckst ja viel zu fest mich, Du schoͤne Wasserfee! „Ich presse dich, in meinen Armen, Und druͤcke dich mit Gewalt; Ich will bey dir erwarmen, Der Abend ist gar zu kalt.“ Der Mond schaut immer blasser Aus daͤmmriger Wolkenhoͤh'; Dein Auge wird truͤber und nasser, Du schoͤne Wasserfee! „Es wird nicht truͤber und nasser, Mein Aug' ist naß und truͤb', Weil, als ich stieg aus dem Wasser, Ein Tropfen im Auge blieb.“ Die Moͤven schrillen klaͤglich,! Es grollt und brandet die See; Dein Herz pocht wild beweglich, Du schoͤne Wasserfee! „Mein Herz pocht wild beweglich, Es pocht beweglich wild; Weil ich dich liebe unsaͤglich, Du liebes Menschenbild!“ 2 XIII . Wenn ich an deinem Hause Des Morgens voruͤber geh', So freut's mich, du liebe Kleine, Wenn ich dich am Fenster seh'. Mit deinen schwarzbraunen Augen Siehst du mich forschend an: Wer bist du, und was fehlt dir, Du fremder, kranker Mann? “Ich bin ein deutscher Dichter, Bekannt im deutschen Land; Nennt man die besten Namen, So wird auch der meine genannt. “Und was mir fehlt, du Kleine, Fehlt Manchem im deutschen Land; Nennt man die schlimmsten Schmerzen, So wird auch der meine genannt.” XIV . Das Meer erglaͤnzte weit hinaus, Im letzten Abendscheine; Wir saßen am einsamen Fischerhaus, Wir saßen stumm und alleine. Der Nebel stieg, das Wasser schwoll, Die Moͤve flog hin und wieder; Aus deinen Augen, liebevoll, Fielen die Thraͤnen nieder. Ich sah sie fallen auf deine Hand, Und bin auf's Knie gesunken; Ich hab' von deiner weißen Hand Die Thraͤnen fortgetrunken. Seit jener Stunde verzehrt sich mein Leib, Die Seele stirbt vor Sehnen; — Mich hat das ungluͤckseel'ge Weib Vergiftet mit ihren Thraͤnen. XV . Da droben auf jenem Berge, Da steht ein feines Schloß, Da wohnen drey schoͤne Fraͤulein, Von denen ich Liebe genoß. Sonnabend kuͤßte mich Jette, Und Sonntag die Julia, Und Montag die Kunigunde, Die hat mich erdruͤckt beynah. Doch Dienstag war eine Fete Bey meinen drey Fraͤulein im Schloß; Die Nachbarschafts-Herren und Damen, Die kamen zu Wagen und Roß. Ich aber war nicht geladen, Und das habt Ihr dumm gemacht! Die zischelnden Muhmen und Basen Die merkten's und haben gelacht. XVI . Am fernen Horizonte Erscheint, wie ein Nebelbild, Die Stadt mit ihren Thuͤrmen, In Abenddaͤmmrung gehuͤllt. Ein feuchter Windzug kraͤuselt Die graue Wasserbahn; Mit traurigem Tacte rudert Der Schiffer in meinem Kahn. Die Sonne hebt sich noch einmal Leuchtend vom Boden empor, Und zeigt mir jene Stelle, Wo ich das Liebste verlor. XVII . Sey mir gegruͤßt, du große, Geheimnißvolle Stadt, Die einst in ihrem Schooße Mein Liebchen umschlossen hat. Sagt an, Ihr Thuͤrme und Thore, Wo ist die Liebste mein? Euch hab' ich sie anvertrauet, Ihr solltet mir Buͤrge seyn. Unschuldig sind die Thuͤrme, Sie konnten nicht von der Stell', Als Sie mit Koffern und Schachteln Die Stadt verlassen so schnell. Die Thore jedoch, die ließen Mein Liebchen entwischen gar still; Ein Thor ist immer willig, Wenn eine Thoͤrin will. XVIII . So wandl' ich wieder den alten Weg, Die wohlbekannten Gassen; Ich komme von meiner Liebsten Haus, Das steht so leer und verlassen. Die Straßen sind doch gar zu eng'! Das Pflaster ist unertraͤglich! Die Haͤuser fallen mir auf den Kopf! Ich eile so viel als moͤglich! XIX . Ich trat in jene Hallen, Wo Sie mir Treue versprochen; Wo einst ihre Thraͤnen gefallen, Sind Schlangen hervor gekrochen. XX . Still ist die Nacht, es ruhen die Gassen, In diesem Hause wohnte mein Schatz; Sie hat schon laͤngst die Stadt verlassen, Doch steht noch das Haus auf demselben Platz. Da steht auch ein Mensch und starrt in die Hoͤhe Und ringt die Haͤnde, vor Schmerzensgewalt; Mir graust es, wenn ich sein Antlitz sehe, — Der Mond zeigt mir meine eigne Gestalt. Du Doppeltgaͤnger! du bleicher Geselle! Was aͤffst du nach mein Liebesleid, Das mich gequaͤlt auf dieser Stelle, So manche Nacht, in alter Zeit? XXI . Wie kannst du ruhig schlafen, Und weist ich lebe noch? Der alte Zorn kommt wieder, Und dann zerbrech' ich mein Joch. Kennst du das alte Liedchen: Wie einst ein todter Knab' Um Mitternacht die Geliebte Zu sich geholt in's Grab? Glaub' mir, du wunderschoͤnes, Du wunderholdes Kind, Ich lebe und bin noch staͤrker Als alle Todten sind! XXII . “Die Jungfrau schlaͤft in der Kammer, Der Mond schaut zitternd hinein; Da draußen singt es und klingt es, Wie Walzermelodeyn. Ich will mal schaun aus dem Fenster, Wer drunten stoͤrt meine Ruh'. Da steht ein Todtengerippe, Und fidelt und singt dazu: Hast einst mir den Tanz versprochen, Und hast gebrochen dein Wort, Und heut ist Ball auf dem Kirchhof, Komm mit, wir tanzen dort. Die Jungfrau ergreift es gewaltig, Es lockt sie hervor aus dem Haus; Sie folgt dem Gerippe, das singend Und fidelnd schreitet voraus. Es fidelt und taͤnzelt und huͤpfet, Und klappert mit seinem Gebein, Und nickt und nickt mit dem Schaͤdel Unheimlich im Mondenschein.“ XXIII . Ich stand in dunkeln Traͤumen Und starrte ihr Bildniß an, Und das geliebte Antlitz Heimlich zu leben begann. Um ihre Lippen zog sich Ein Laͤcheln wunderbar, Und wie von Wehmuthsthraͤnen Erglaͤnzte ihr Augenpaar. Auch meine Thraͤnen flossen Mir von den Wangen herab — Und ach, ich kann es nicht glauben, Daß ich Dich verloren hab'! XXIV . Ich ungluͤcksel'ger Atlas! eine Welt, Die ganze Welt der Schmerzen muß ich tragen, Ich trage Unertraͤgliches, und brechen Will mir das Herz im Leibe. Du stolzes Herz! du hast es ja gewollt, Du wolltest gluͤcklich seyn, unendlich gluͤcklich Oder unendlich elend, stolzes Herz, Und jetzo bist du elend. XXV . Die Jahre kommen und gehen, Geschlechter steigen in's Grab, Doch nimmer vergeht die Liebe, Die ich im Herzen hab'. Nur einmal noch moͤcht' ich dich sehen, Und sinken vor dir auf's Knie, Und sterbend zu dir sprechen: Madame, ich liebe Sie! XXVI . Mir traͤumte: traurig schaute der Mond, Und traurig schienen die Sterne; Es trug mich zur Stadt, wo Liebchen wohnt, Viel hundert Meilen ferne. Es hat mich zu ihrem Hause gefuͤhrt, Ich kuͤßte die Steine der Treppe, Die oft ihr kleiner Fuß beruͤhrt, Und ihres Kleides Schleppe. Die Nacht war lang, die Nacht war kalt, Es waren so kalt die Steine; Es lugt' aus dem Fenster die blasse Gestalt, Beleuchtet vom Mondenscheine. XXVII . Was will die einsame Thraͤne? Sie truͤbt mir ja den Blick. Sie blieb aus alten Zeiten In meinem Auge zuruͤck. Sie hatte viel leuchtende Schwestern, Die alle zerflossen sind, Mit meinen Qualen und Freuden, Zerflossen in Nacht und Wind. Wie Nebel sind auch zerflossen Die blauen Sternelein, Die mir jene Freuden und Qualen Gelaͤchelt in's Herz hinein. Ach, meine Liebe selber Zerfloß wie eitel Hauch! Du alte, einsame Thraͤne, Zerfließe jetzunder auch. XXVIII . Der bleiche, herbstliche Halbmond Lugt aus den Wolken heraus; Ganz einsam liegt auf dem Kirchhof' Das stille Pfarrerhaus. Die Mutter liest in der Bibel, Der Sohn der starret in's Licht, Schlaftrunken dehnt sich die aͤlt're, Die juͤngere Tochter spricht: Ach Gott! wie Einem die Tage Langweilig hier vergeh'n; Nur wenn sie Einen begraben, Bekommen wir etwas zu sehn. Die Mutter spricht zwischen dem Lesen: Du irrst, es starben nur Vier, Seit man deinen Vater begraben, Dort an der Kirchhofsthuͤr'. Die aͤlt're Tochter gaͤhnet: Ich will nicht verhungern bey Euch, Ich gehe morgen zum Grafen, Und der ist verliebt und reich. Der Sohn bricht aus in Lachen: Drey Jaͤger zechen im Stern, Die machen Gold und lehren Mir das Geheimniß gern. Die Mutter wirft ihm die Bibel In's mag're Gesicht hinein: So willst du, Gottverfluchter, Ein Straßenraͤuber seyn! Sie hoͤren pochen an's Fenster, Und sehn eine winkende Hand; Der todte Vater steht draußen Im schwarzen Pred'gergewand. XXIX . Das ist ein schlechtes Wetter, Es regnet und stuͤrmt und schney't; Ich sitze am Fenster und schaue Hinaus in die Dunkelheit. Da schimmert ein einsames Lichtchen, Das wandelt langsam fort; Ein Muͤtterchen mit dem Laternchen Wankt uͤber die Straße dort. Ich glaube, Mehl und Eyer Und Butter kaufte sie ein; Sie will einen Kuchen backen Fuͤr's große Toͤchterlein. Die liegt zu Haus im Lehnstuhl, Und blinzelt schlaͤfrig in's Licht; Die goldnen Locken wallen Ueber das suͤße Gesicht. 3 XXX . Man glaubt, daß ich mich graͤme In bitter'm Liebesleid, Und endlich glaub' ich es selber, So gut wie andre Leut'. Du Kleine mit großen Augen, Ich hab' es dir immer gesagt, Daß ich dich unsaͤglich liebe, Daß Liebe mein Herz zernagt. Doch nur in einsamer Kammer Sprach ich auf solche Art, Und ach! ich hab' immer geschwiegen In deiner Gegenwart. Da gab es boͤse Engel, Die hielten mir zu den Mund; Und ach! durch boͤse Engel Bin ich so elend jetzund. XXXI . Deine weichen Lilienfinger, Koͤnnt' ich sie noch einmal kuͤssen, Und sie druͤcken an mein Herz, Und vergehn in stillem Weinen! Deine klaren Veilchenaugen Schweben vor mir Tag und Nacht, Und mich quaͤlt es: was bedeuten Diese suͤßen, blauen Raͤthsel? XXXII . „Hat sie sich denn nie geaͤußert Ueber dein verliebtes Wesen? Konntest du in ihren Augen Niemals Gegenliebe lesen? Konntest du in ihren Augen Niemals bis zur Seele dringen? Und du bist ja sonst kein Esel, Theurer Freund, in solchen Dingen.“ XXXIII . Sie liebten sich beide, doch keiner Wollt' es dem andern gestehn; Sie sahen sich an so feindlich, Und wollten vor Liebe vergehn. Sie trennten sich endlich und sah'n sich Nur noch zuweilen im Traum; Sie waren laͤngst gestorben‚ Und wußten es selber kaum. XXXIV . Und als ich Euch meine Schmerzen geklagt, Da habt Ihr gegaͤhnt und nichts gesagt; Doch als ich sie zierlich in Verse gebracht, Da habt Ihr mir große Elogen gemacht. XXXV . Ich rief den Teufel und er kam, Und ich sah ihn mit Verwund'rung an. Er ist nicht haͤßlich und ist nicht lahm, Er ist ein lieber, scharmanter Mann, Ein Mann in seinen besten Jahren, Verbindlich und hoͤflich und welterfahren. Er ist ein gescheuter Diplomat, Und spricht recht schoͤn uͤber Kirch' und Staat. Blaß ist er etwas, doch ist es kein Wunder, Sanskritt und Hegel studiert er jetzunder. Sein Lieblingspoet ist noch immer Fouqu è . Doch will er nicht mehr mit Kritik sich befassen, Die hat er jetzt gaͤnzlich uͤberlassen Der theuren Großmutter Hekate. Er lobte mein juristisches Streben, Hat fruͤher sich auch damit abgegeben. Er sagte, meine Freundschaft sey Ihm nicht zu theuer, und nickte dabey, Und frug: ob wir uns fruͤher nicht Schon einmal gesehn bey'm span'schen Gesandten? Und als ich recht besah sein Gesicht, Fand ich in ihm einen alten Bekannten. XXXVI . Mensch, verspotte nicht den Teufel, Kurz ist ja die Lebensbahn, Und die ewige Verdammniß Ist kein bloßer Poͤbelwahn. Mensch, bezahle deine Schulden, Lang ist ja die Lebensbahn, Und du mußt noch manchmal borgen, Wie du es so oft gethan. XXXVII . Die heil'gen drey Koͤn'ge aus Morgenland, Sie frugen in jedem Staͤdtchen: Wo geht der Weg nach Bethlehem, Ihr lieben Buben und Maͤdchen? Die Jungen und Alten, sie wußten es nicht, Die Koͤnige zogen weiter; Sie folgten einem goldenen Stern, Der leuchtete lieblich und heiter. Der Stern blieb stehn uͤber Josephs Haus, Da sind sie hineingegangen; Das Oechslein bruͤllte, das Kindlein schrie, Die heil'gen drey Koͤnige sangen. XXXVIII . Mein Kind, wir waren Kinder, Zwey Kinder, klein und froh; Wir krochen in's Huͤhnerhaͤuschen Und steckten uns unter das Stroh. Wir kraͤhten wie die Haͤhne, Und kamen Leute vorbey — Kikerekuͤh! sie glaubten, Es waͤre Hahnengeschrey. Die Kisten auf unserem Hofe, Die tapezirten wir aus, Und wohnten drin beysammen, Und machten ein vornehmes Haus. Des Nachbars alte Katze Kam oͤfters zum Besuch; Wir machten ihr Buͤckling' und Knixe, Und Complimente genug. Wir haben nach ihrem Befinden Besorglich und freundlich gefragt; Wir haben seitdem dasselbe Mancher alten Katze gesagt. Wir saßen auch oft und sprachen Vernuͤnftig, wie alte Leut', Und klagten, wie Alles besser Gewesen zu unserer Zeit; Wie Lieb' und Treu' und Glauben Verschwunden aus der Welt, Und wie so theuer der Kaffee, Und wie so rar das Geld! — — — Vorbey sind die Kinderspiele, Und Alles rollt vorbey, — Das Geld und die Welt und die Zeiten, Und Glauben und Lieb' und Treu'. XXXIX . Das Herz ist mir bedruͤckt, und sehnlich Gedenke ich der alten Zeit; Die Welt war damals noch so woͤhnlich, Und ruhig lebten hin die Leut'. Doch jetzt ist alles wie verschoben, Das ist ein Draͤngen! eine Noth! Gestorben ist der Herrgott oben, Und unten ist der Teufel todt. Und Alles schaut so graͤmlich truͤbe, Und krausverwirrt und morsch und kalt, Und waͤre nicht das bischen Liebe, So gaͤb' es nirgends einen Halt. XL . Wie der Mond sich leuchtend draͤnget Durch den dunkeln Wolkenflor, Also taucht aus dunkeln Zeiten Mir ein lichtes Bild hervor. Saßen all auf dem Verdecke, Fuhren stolz hinab den Rhein, Und die sommergruͤnen Ufer Gluͤhn im Abendsonnenschein. Sinnend saß ich zu den Fuͤßen Einer Dame, schoͤn und hold; In ihr liebes, bleiches Antlitz Spielt' das rothe Sonnengold. Lauten klangen, Buben sangen, Wunderbare Froͤhlichkeit! Und der Himmel wurde blauer, Und die Seele wurde weit. Maͤhrchenhaft voruͤberzogen Berg und Burgen, Wald und Au'; Und das Alles sah ich glaͤnzen In dem Aug' der schoͤnen Frau. XLI . Im Traum sah ich die Geliebte, Ein banges, bekuͤmmertes Weib, Verwelkt und abgefallen Der sonst so bluͤhende Leib. Ein Kind trug sie auf dem Arme, Ein andres fuͤhrt sie an der Hand, Und sichtbar ist Armuth und Truͤbsal Am Gang und Blick und Gewand. Sie schwankte uͤber den Marktplatz, Und da begegnet sie mir, Und sieht mich an, und ruhig Und schmerzlich sag' ich zu ihr: Komm mit nach meinem Hause, Denn du bist blaß und krank; Ich will durch Fleiß und Arbeit Dir schaffen Speis' und Trank. Ich will auch pflegen und warten Die Kinder, die bey dir sind, Vor Allem aber dich selber, Du armes, ungluͤckliches Kind. Ich will dir nie erzaͤhlen, Daß ich dich geliebet hab', Und wenn du stirbst, so will ich Weinen auf deinem Grab. XLII . “Theurer Freund! Was soll es nuͤtzen, Stets das alte Lied zu leyern? Willst du ewig bruͤtend sitzen Auf den alten Liebes-Eyern! Ach! das ist ein ewig Gattern, Aus den Schalen kriechen Kuͤchlein, Und sie piepsen und sie flattern, Und du sperrst sie in ein Buͤchlein!” XLIII . Werdet nur nicht ungeduldig, Wenn von alten Schmerzensklaͤngen Manche noch vernehmlich klingen In den neuesten Gesaͤngen. Wartet nur, es wird verhallen Dieses Echo meiner Schmerzen, Und ein neuer Liederfruͤhling Sprießt aus dem geheilten Herzen. XLIV . Nun ist es Zeit, daß ich mit Verstand Mich aller Thorheit entled'ge; Ich hab' so lang als ein Comoͤdiant Mit dir gespielt die Comoͤdie. Die praͤcht'gen Coulissen, sie waren bemalt Im hochromantischen Style, Mein Rittermantel hat goldig gestrahlt, Ich fuͤhlte die feinsten Gefuͤhle. Und nun ich mich gar saͤuberlich Des tollen Tands entled'ge, Noch immer elend fuͤhl' ich mich, Als spielt' ich noch immer Comoͤdie. Ach Gott! im Scherz und unbewußt Sprach ich was ich gefuͤhlet; Ich hab' mit dem eignen Tod in der Brust Den sterbenden Fechter gespielet. XLV . Den Koͤnig Wiswamitra, Den treibt's ohne Rast und Ruh', Er will durch Kampf und Buͤßung Erwerben Wasischtas Kuh'. O, Koͤnig Wiswamitra, O, welch ein Ochs bist du, Daß du so viel kaͤmpfest und buͤßest, Und Alles fuͤr eine Kuh! XLVI . Herz, mein Herz sey nicht beklommen, Und ertrage dein Geschick, Neuer Fruͤhling giebt zuruͤck, Was der Winter dir genommen. Und wie viel ist dir geblieben! Und wie schoͤn ist noch die Welt! Und, mein Herz, was dir gefaͤllt, Alles, Alles darfst du lieben! XLVII . Du bist wie eine Blume, So hold und schoͤn und rein; Ich schau' dich an, und Wehmuth Schleicht mir in's Herz hinein. Mir ist, als ob ich die Haͤnde Auf's Haupt dir legen sollt', Betend, daß Gott dich erhalte So rein und schoͤn und hold. XLVIII . Kind! Es waͤre dein Verderben, Und ich geb' mir selber Muͤhe, Daß dein liebes Herz in Liebe Nimmermehr fuͤr mich ergluͤhe. Nur daß mir's so leicht gelinget, Will mich dennoch fast betruͤben, Und ich denke manchmal dennoch: Moͤchtest du mich dennoch lieben! 4 XLIX . Wenn ich auf dem Lager liege, In Nacht und Kissen gehuͤllt, So schwebt mir vor ein suͤßes, Anmuthig liebes Bild. Wenn mir der stille Schlummer Geschlossen die Augen kaum, So schleicht das Bild sich leise Hinein in meinen Traum. Doch mit dem Traum des Morgens Zerrinnt es nimmermehr; Dann trag' ich es im Herzen Den ganzen Tag umher. L . Maͤdchen mit dem rothen Muͤndchen, Mit den Aeuglein suͤß und klar, Du mein liebes, kleines Maͤdchen, Deiner denk' ich immerdar. Lang ist heut der Winterabend, Und ich moͤchte bey dir seyn, Bey dir sitzen, mit dir schwatzen, Im vertrauten Kaͤmmerlein. An die Lippen wollt' ich pressen Deine kleine, weiße Hand, Und mit Thraͤnen sie benetzen, Deine kleine, weiße Hand. LI . Mag da draußen Schnee sich thuͤrmen, Mag es hageln, mag es stuͤrmen, Klirrend mir an's Fenster schlagen, Nimmer will ich mich beklagen, Denn ich trage in der Brust Liebchens Bild und Fruͤhlingslust. LII . Andre beten zur Madonne, Andre auch zu Paul und Peter; Ich jedoch, ich will nur beten Nur zu dir, du schoͤne Sonne. Gieb mir Kuͤsse, gieb mir Wonne, Sey mir guͤtig, sey mir gnaͤdig, Schoͤnste Sonne unter den Maͤdchen, Schoͤnstes Maͤdchen unter der Sonne! LIII . Verrieth mein blasses Angesicht Dir nicht mein Liebeswehe? Und willst du, daß der stolze Mund Das Bettlerwort gestehe? O, dieser Mund ist gar zu stolz, Und kann nur kuͤssen und scherzen; Er spraͤche vielleicht ein hoͤhnisch Wort, Waͤhrend ich sterbe vor Schmerzen. LIV . Theurer Freund, du bist verliebt, Und dich quaͤlen neue Schmerzen; Dunkler wird es dir im Kopf', Heller wird es dir im Herzen. Theurer Freund, du bist verliebt, Und du willst es nicht bekennen, Und ich seh' des Herzens Gluth Schon durch deine Weste brennen. LV . Ich wollte bey dir weilen, Und an deiner Seite ruhn; Du mußtest von mir eilen, Du hattest viel zu thun. Ich sagte, daß meine Seele Dir gaͤnzlich ergeben sey; Du lachtest aus voller Kehle, Und machtest 'nen Knix dabey. Du hast noch mehr gesteigert Mir meinen Liebesverdruß, Und hast mir sogar verweigert Am Ende den Abschiedkuß. Glaub' nicht, daß ich mich erschieße, Wie schlimm auch die Sachen stehn! Das Alles, meine Suͤße, Ist mir schon einmal geschehn. LVI . Zu fragmentarisch ist Welt und Leben, Ich will mich zum deutschen Professor begeben, Der weiß das Leben zusammen zu setzen, Und er macht ein verstaͤndlich System daraus; Mit seinen Nachtmuͤtzen und Schlafrockfetzen Stopft er die Luͤcken des Weltenbau's. LVII . Ich hab' mir lang den Kopf zerbrochen Mit Denken und Sinnen, Tag und Nacht, Doch deine liebenswuͤrdigen Augen Sie haben mich zum Entschluß gebracht. Jetzt bleib' ich, wo deine Augen leuchten, In ihrer suͤßen, klugen Pracht — Daß ich noch einmal wuͤrde lieben, Ich haͤtt' es nimmermehr gedacht. LVIII . Sie haben heut Abend Gesellschaft, Und das Haus ist lichterfuͤllt. Dort oben am hellen Fenster Bewegt sich ein Schattenbild. Du schaust mich nicht, im Dunkeln Steh' ich hier unten allein; Noch wen'ger kannst du schauen In mein dunkles Herz hinein. Mein dunkles Herze liebt dich, Es liebt dich und es bricht, Und bricht und zuckt und verblutet, Aber du siehst es nicht. LIX . Ich wollt', meine Schmerzen ergoͤssen Sich all' in ein einziges Wort, Das gaͤb' ich den lustigen Winden, Die truͤgen es lustig fort. Sie tragen zu dir, Geliebte, Das schmerzerfuͤllte Wort; Du hoͤrst es zu jeder Stunde, Du hoͤrst es an jedem Ort. Und hast du zum naͤchtlichen Schlummer Geschlossen die Augen kaum, So wird dich mein Wort verfolgen Bis in den tiefsten Traum. LX . Du hast Diamanten und Perlen, Hast alles, was Menschenbegehr, Und hast die schoͤnsten Augen — Mein Liebchen, was willst du mehr? Auf deine schoͤnen Augen Hab' ich ein ganzes Heer Von ewigen Liedern gedichtet — Mein Liebchen, was willst du mehr? Mit deinen schoͤnen Augen Hast du mich gequaͤlt so sehr, Und hast mich zu Grunde gerichtet — Mein Liebchen, was willst du mehr? LXI . Wer zum erstenmale liebt, Sey's auch gluͤcklos, ist ein Gott; Aber wer zum zweitenmale Gluͤcklos liebt, der ist ein Narr. Ich, ein solcher Narr, ich liebe Wieder ohne Gegenliebe! Sonne, Mond und Sterne lachen, Und ich lache mit — und sterbe. LXII . O, mein genaͤdiges Fraͤulein, erlaubt Mir kranken Sohn der Musen, Daß schlummernd ruhe mein Saͤngerhaupt Auf Eurem Schwanenbusen! „Mein Herr! wie koͤnnen Sie es wagen, Mir so was in Gesellschaft zu sagen?“ LXIII . Gaben mir Rath und gute Lehren, Ueberschuͤtteten mich mit Ehren, Sagten, daß ich nur warten sollt', Haben mich protegiren gewollt. Aber bey all ihrem Protegiren, Haͤtte ich koͤnnen vor Hunger krepiren, Waͤr' nicht gekommen ein braver Mann, Wacker nahm er sich meiner an. Braver Mann! Er schafft mir zu essen! Will es ihm nie und nimmer vergessen! Schade, daß ich ihn nicht kuͤssen kann! Denn ich bin selbst dieser brave Mann. LXIV . Diesen liebenswuͤrd'gen Juͤngling Kann man nicht genug verehren; Oft tracktirt er mich mit Austern, Und mit Rheinwein und Liquoͤren. Zierlich sitzt ihm Rock und Hoͤschen, Doch noch zierlicher die Binde, Und so kommt er jeden Morgen, Fragt, ob ich mich wohlbefinde; Spricht von meinem weiten Ruhme, Meiner Anmuth, meinen Witzen; Eifrig und geschaͤftig ist er Mir zu dienen, mir zu nuͤtzen. Und des Abends, in Gesellschaft, Mit begeistertem Gesichte, Deklamirt er vor den Damen Meine goͤttlichen Gedichte. O, wie ist es hoch erfreulich, Solchen Juͤngling noch zu finden, Jetzt in unsrer Zeit, wo taͤglich Mehr und mehr die Bessern schwinden. LXV . Mir traͤumt': ich bin der liebe Gott, Und sitz' im Himmel droben, Und Englein sitzen um mich her, Die meine Verse loben. Und Kuchen ess' ich und Confeckt Fuͤr manchen lieben Gulden, Und Kardinal trink' ich dabey, Und habe keine Schulden. Doch Langeweile plagt mich sehr, Ich wollt', ich waͤr' auf Erden, Und waͤr' ich nicht der liebe Gott, Ich koͤnnt' des Teufels werden. Du langer Engel Gabriel, Geh', mach' dich auf die Sohlen, Und meinen theuren Freund Eug è n Sollst du herauf mir holen. Such' ihn nicht im Collegium, Such' ihn beim Glas Tokayer; Such' ihn nicht in der Hedwigskirch, Such' ihn bey Mamsell Meyer. Da breitet aus sein Fluͤgelpaar Und fliegt herab der Engel, Und packt ihn auf, und bringt herauf Den Freund, den lieben Bengel. Ja, Jung', ich bin der liebe Gott, Und ich regier' die Erde! Ich hab's ja immer dir gesagt, Daß ich was Rechts noch werde. Und Wunder thu' ich alle Tag, Die sollen dich entzuͤcken, Und dir zum Spaße will ich heut Die Stadt Ix-Ix begluͤcken. Die Pflastersteine auf der Straß', Die sollen jetzt sich spalten, Und eine Auster, frisch und klar, Soll jeder Stein enthalten. Ein Regen von Zitronensaft Soll thauig sie begießen, Und in den Straßengoͤssen soll Der beste Rheinwein fließen. Wie freuen die Ix-Ixer sich, Sie gehen schon an's Fressen; Die Herren von dem Landgericht, Die saufen aus den Goͤssen. Wie freuen die Poeten sich Bey solchem Goͤtterfraße! Die Leutnants und die Faͤhnderichs, Die lecken ab die Straße. Die Leutnants und die Faͤhnderichs, Das sind die kluͤgsten Leute, Sie denken, alle Tag' geschieht Kein Wunder so wie heute. LXVI . Von schoͤnen Lippen fortgedraͤngt, getrieben Aus schoͤnen Armen, die uns fest umschlossen! Ich waͤre gern noch einen Tag geblieben, Doch kam der Schwager schon mit seinen Rossen. Das ist das Leben, Kind, ein ewig Jammern, Ein ewig Abschiednehmen, ew'ges Trennen! Konnt' denn dein Herz das mein'ge nicht umklammern? Hat selbst dein Auge mich nicht halten koͤnnen? LXVII . Wir fuhren allein im dunkeln Postwagen die ganze Nacht; Wir ruhten einander am Herzen, Wir haben gescherzt und gelacht. Doch als es Morgens tagte, Mein Kind, wie staunten wir! Denn zwischen uns saß Amor, Der blinde Passagier. 5 LXVIII . Das weiß Gott, wo sich die tolle Dirne einquartieret hat; Fluchend, in dem Regenwetter, Lauf' ich durch die ganze Stadt. Bin ich doch von einem Gasthof Nach dem andern hingerannt, Und an jeden groben Kellner Hab' ich mich umsonst gewandt. Da erblick' ich sie am Fenster, Und sie winkt und kichert hell. Konnt' ich wissen, du bewohntest, Maͤdchen, solches Pracht-Hotel! LXIX . Wie dunkle Traͤume stehen Die Haͤuser in langer Reih'; Tief eingehuͤllt im Mantel Schreite ich schweigend vorbey. Der Thurm der Cathedrale Verkuͤndet die zwoͤlfte Stund'; Mit ihren Reizen und Kuͤssen Erwartet mich Liebchen jetzund. Der Mond ist mein Begleiter, Er leuchtet mir freundlich vor; Da bin ich an ihrem Hause, Und freudig ruf' ich empor: Ich danke dir, alter Vertrauter, Daß du meinen Weg erhellt; Jetzt will ich dich entlassen, Jetzt leuchte der uͤbrigen Welt! Und findest du einen Verliebten, Der einsam klagt sein Leid, So troͤst' ihn, wie du mich selber Getroͤstet in alter Zeit. LXX . Hast du die Lippen mir wund gekuͤßt‚ So kuͤsse sie wieder heil‚ Und wenn du bis Abend nicht fertig bist, So hat es auch keine Eil. Du hast ja noch die ganze Nacht, Du Herzallerliebste mein! Man kann in solch einer ganzen Nacht Viel kuͤssen und selig seyn. LXXI . Und bist du erst mein eh'lich Weib, Dann bist du zu beneiden, Dann lebst du in lauter Zeitvertreib, In lauter Plaisir und Freuden. Und wenn du schiltst und wenn du tobst, Ich werd' es geduldig leiden; Doch wenn du meine Verse nicht lobst, Laß ich mich von dir scheiden. LXXII . Als Sie mich umschlang mit zaͤrtlichem Pressen, Da ist meine Seele gen Himmel geflogen! Ich ließ sie fliegen, und hab' unterdessen Den Necktar von Ihren Lippen gesogen. LXXIII . Auf deinen schneeweißen Busen Hab' ich mein Haupt gelegt, Und heimlich kann ich behorchen, Was dir dein Herz bewegt. Es blasen die blauen Husaren, Und reiten zum Thor herein, Und morgen will mich verlassen Die Herzallerliebste mein. Und willst du mich morgen verlassen, So bist du doch heute noch mein, Und in deinen schoͤnen Armen Will ich doppelt selig seyn. LXXIV . Es blasen die blauen Husaren, Und reiten zum Thor hinaus; Da komm' ich, Geliebte, und bringe Dir einen Rosenstrauß. Das war eine wilde Wirthschaft, Viel Volk und Kriegesplag'! Sogar in deinem Herzchen Viel Einquartierung lag. LXXV . Habe auch, in jungen Jahren, Manches bitt're Leid erfahren Von der Liebe Gluth. Doch das Holz ist gar zu theuer, Und erloͤschen will das Feuer, Ma foi ! und das ist gut. Das bedenke, junge Schoͤne, Schicke fort die dumme Thraͤne, Und den dummen Liebesharm. Ist das Leben dir geblieben, So vergiß das alte Lieben, Ma foi ! in meinem Arm. LXXVI . Himmlisch war's, wenn ich bezwang Meine suͤndige Begier, Aber wenn's mir nicht gelang, Hatt' ich doch ein groß Plaisir. LXXVII . Blamir' mich nicht, mein schoͤnes Kind, Und gruͤß' mich nicht unter den Linden; Wenn wir nachher zu Hause sind‚ Wird sich schon Alles finden. LXXVIII . Selten habt Ihr mich verstanden‚ Selten auch verstand ich Euch, Nur wenn wir im Koth uns fanden, So verstanden wir uns gleich. LXXIX . Doch die Kastraten klagten Als ich meine Stimm' erhob; Sie klagten und sie sagten: Ich saͤnge viel zu grob. Und lieblich erhoben sie alle Die kleinen Stimmelein, Die Trillerchen, wie Kristalle, Sie klangen so fein und rein. Sie sangen von Liebessehnen, Von Lieb' und Liebeserguß; Die Damen schwammen in Thraͤnen, Bey solchem Kunstgenuß. LXXX . Auf den Waͤllen Salamankas Sind die Luͤfte lind und labend; Dort, mit meiner holden Donna, Wandle ich am Sommerabend. Um den schlanken Leib der Schoͤnen Hab' ich meinen Arm gebogen, Und mit sel'gem Finger fuͤhl' ich Ihres Busens stolzes Wogen. Doch ein aͤngstliches Gefluͤster Zieht sich durch die Lindenbaͤume, Und der dunkle Muͤhlbach unten Murmelt boͤse, bange Traͤume. “Ach, Sennora, Ahnung sagt mir: Einst wird man mich relegiren, Und auf Salamankas Waͤllen Geh'n wir nimmermehr spatzieren.” LXXXI . Kaum sahen wir uns, und an Augen und Stimme Merkt' ich, daß du mir gewogen bist; Und stand nicht dabey die Mutter, die schlimme, Ich glaube, wir haͤtten uns gleich gekuͤßt. Und morgen verlasse ich wieder das Staͤdtchen, Und eile fort im alten Lauf; Dann lauert am Fenster mein blondes Maͤdchen, Und freundliche Gruͤße werf' ich hinauf. LXXXII . Ueber die Berge steigt schon die Sonne, Die Laͤmmerheerde laͤutet fern; Mein Liebchen, mein Lamm, meine Sonne und Wonne, Noch einmal saͤh' ich dich gar zu gern! Ich schaue hinauf, mit spaͤhender Miene — Leb' wohl, mein Kind, ich wandre von hier! Vergebens! Es regt sich keine Gardine; — Sie liegt noch und schlaͤft, und traͤumt von mir LXXXIII . Zu Halle auf dem Markt, Da stehn zwey große Loͤwen. Ey, du hallischer Loͤwentrotz, Wie hat man dich gezaͤhmet! Zu Halle auf dem Markt, Da steht ein großer Riese. Er hat ein Schwert und regt sich nicht, Er ist vor Schreck versteinert. Zu Halle auf dem Markt, Da steht eine große Kirche. Die Burschenschaft und die Landsmannschaft, Die haben dort Platz zum Beten. LXXXIV . Schoͤne, wirthschaftliche Dame, Haus und Hof ist wohlbestellt, Wohlversorgt ist Stall und Keller, Wohlbeackert ist das Feld. Jeder Winkel in dem Garten Ist geraͤutet und geputzt, Und das Stroh, das ausgedrosch'ne, Wird fuͤr Betten noch benutzt. Doch dein Herz und deine Lippen, Schoͤne Dame, liegen brach, Und zur Haͤlfte nur benutzet Ist dein trautes Schlafgemach. LXXXV . Daͤmmernd liegt der Sommerabend Ueber Wald und gruͤnen Wiesen; Goldner Mond, am blauen Himmel, Strahlt herunter, duftig labend. An dem Bache zirpt die Grille, Und es regt sich in dem Wasser, Und der Wandrer hoͤrt ein Plaͤtschern, Und ein Athmen in der Stille. Dorten, an dem Bach alleine, Badet sich die schoͤne Elfe; Arm und Nacken, weiß und lieblich, Schimmern in dem Mondenscheine. LXXXVI . Nacht liegt auf den fremden Wegen, — Krankes Herz und muͤde Glieder; — Ach, da fließt, wie stiller Segen, Suͤßer Mond, dein Licht hernieder. Suͤßer Mond, mit deinen Strahlen Scheuchest du das naͤcht'ge Grauen; Es zerrinnen meine Qualen, Und die Augen uͤberthauen. LXXXVII . Der Tod das ist die kuͤhle Nacht, Das Leben ist der schwuͤle Tag. Es dunkelt schon, mich schlaͤfert, Der Tag hat mich muͤd' gemacht. Ueber mein Bett erhebt sich ein Baum, Drin singt die junge Nachtigall; Sie singt von lauter Liebe, Ich hoͤr' es sogar im Traum. LXXXVIII . “Sag', wo ist dein schoͤnes Liebchen, Das du einst so schoͤn besungen, Als die zaubermaͤcht'gen Flammen Wunderbar dein Herz durchdrungen?” Jene Flammen sind erloschen, Und mein Herz ist kalt und truͤbe, Und dies Buͤchlein ist die Urne Mit der Asche meiner Liebe. Goͤtterdaͤmmerung . Der May ist da mit seinen goldnen Lichtern, Und seidnen Luͤften und gewuͤrzten Duͤften, Und freundlich lockt er mit den weißen Bluͤthen, Und gruͤßt aus tausend blauen Veilchenaugen, Und breitet aus den blumreich-gruͤnen Teppich, Durchwebt mit Sonnenschein und Morgenthau, Und ruft herbey die lieben Menschenkinder. Das bloͤde Volk gehorcht dem ersten Ruf; Die Maͤnner ziehn die Nankinhosen an, Und Sonntagsroͤck' mit goldnen Spiegelknoͤpfen; Die Frauen kleiden sich in Unschuldweiß, Juͤnglinge kraͤuseln sich den Fruͤhlingschnurrbart, Jungfrauen lassen ihre Busen wallen, Die Stadtpoeten stecken in die Tasche Papier und Bleystift und Lorgnett'; und jubelnd Zieht nach dem Thor die krausbewegte Schaar, Und lagert draußen sich auf gruͤnem Rasen, 6 Bewundert, wie die Baͤume fleißig wachsen, Spielt mit den bunten, zarten Bluͤmelein, Horcht auf den Sang der lust'gen Voͤgelein, Und jauchzt hinauf zum blauen Himmelszelt. Zu mir kam auch der May. Er klopfte dreymal An meine Thuͤr', und rief: Ich bin der May, Du bleicher Traͤumer, komm, ich will dich kuͤssen! Ich hielt verriegelt meine Thuͤr', und rief: Vergebens lockst du mich, du schlimmer Gast; Ich habe dich durchschaut, ich hab' durchschaut Den Bau der Welt, und hab' zu viel geschaut‚ Und viel zu tief, und hin ist alle Freude, Und ew'ge Qualen zogen in mein Herz. Ich schaue durch die steinern-harten Rinden Der Menschenhaͤuser und der Menschenherzen, Und schau' in beyden Lug und Trug und Elend. Auf den Gesichtern les' ich die Gedanken, Viel schlimme. In der Jungfrau Scham-Erroͤthen Seh' ich geheime Lust begehrlich zittern; Auf dem begeistert stolzen Juͤnglingshaupt' Seh' ich die bunte Schellenkappe sitzen; Und Fratzenbilder nur und sieche Schatten Seh' ich auf dieser Erde, und ich weiß nicht, Ist sie ein Tollhaus oder Krankenhaus. Ich sehe durch den Grund der alten Erde, Als sey sie von Kristall, und seh' das Grausen, Das mit dem freud'gen Gruͤne zu bedecken Der May vergeblich strebt. Ich seh' die Todten, Sie liegen unten in den schmalen Saͤrgen, Die Haͤnd' gefaltet und die Augen offen, Weiß das Gewand und weiß das Angesicht, Und durch die gelben Lippen kriechen Wuͤrmer. Ich seh', der Sohn setzt sich mit seiner Buhle Zur Kurzweil nieder auf des Vaters Grab; Spottlieder singen rings die Nachtigallen, Die sanften Wiesenbluͤmchen lachen haͤmisch, Der todte Vater regt sich in dem Grab', Und schmerzhaft zuckt die alte Mutter Erde. Du arme Erde, deine Schmerzen kenn' ich! Ich seh' die Gluth in deinem Busen wuͤhlen, Und deine tausend Adern seh' ich bluten, Und seh', wie deine Wunde klaffend aufreißt, Und wild hervorstroͤmt Flamm' und Rauch und Blut. Ich seh' die Riesensoͤhn' der alten Nacht, Sie steigen aus der Erde off'nem Schlund, Und schwingen rothe Fackeln in den Haͤnden, Und legen ihre Eisenleiter an, Und stuͤrmen wild hinauf zur Himmelsveste; Und schwarze Zwerge klettern nach; und knisternd Zerstieben droben alle goldnen Sterne. Mit frecher Hand reißt man den goldnen Vorhang Vom Zelte Gottes, heulend stuͤrzen nieder, Auf's Angesicht, die frommen Engelschaaren. Auf seinem Throne sitzt der bleiche Gott, Reißt sich vom Haupt' die Kron', zerrauft sein Haar — Und naͤher draͤngt heran die wilde Rotte; Die Riesen werfen ihre rothen Fackeln In's Reich der Ewigkeit, die Zwerge schlagen Mit Flammengeißeln auf der Englein Ruͤcken; Die winden sich und kruͤmmen sich vor Qualen, Und werden bey den Haaren fortgeschleudert. Und meinen eignen Engel seh' ich dort, Mit seinen blonden Locken, suͤßen Zuͤgen, Und mit der ew'gen Liebe um den Mund, Und mit der Seligkeit im blauen Auge — Und ein entsetzlich haͤßlich schwarzer Kobold Reißt ihn vom Boden, meinen bleichen Engel, Beaͤugelt grinsend seine edlen Glieder, Umschlingt ihn fest mit griechischer Umschlingung Und gellend droͤhnt ein Schrey durch's ganze Weltall Die Saͤulen brechen, Erd' und Himmel stuͤrzen Zusammen, und es herrscht die alte Nacht. Ratkliff. Der Traumgott brachte mich in eine Landschaft, Wo Trauerweiden mir “Willkommen” winkten, Mit ihren langen, gruͤnen Armen, wo die Blumen Mit klugen Schwesteraugen still mich ansahn, Wo mir vertraulich klang der Voͤgel Zwitschern, Wo gar der Hunde Bellen mir bekannt schien, Und Stimmen und Gestalten mich begruͤßten, Wie einen alten Freund, und wo doch Alles So fremd mir schien, so wunderseltsam fremd. Vor einem laͤndlich schmucken Hause stand ich, In meiner Brust bewegte sich's, im Kopfe War's ruhig, ruhig schuͤttelte ich ab Den Staub von meinen Reisekleidern, Dumpf klang die Klingel, und die Thuͤr ging auf. Das waren Maͤnner, Frauen, viel bekannte Gesichter. Stiller Kummer lag auf allen Und heimlich scheue Angst. Seltsam verstoͤrt, Mit Beyleidsmienen fast, sahn sie mich an, Daß es mir selber durch die Seele schauert', Wie Ahnung eines unbekannten Unheils. Die alte Marg'reth' hab' ich gleich erkannt; Ich sah sie forschend an, jedoch sie sprach nicht. “Wo ist Maria?” fragt' ich, doch sie sprach nicht, Griff leise meine Hand, und fuͤhrte mich Durch viele lange, leuchtende Gemaͤcher, Wo Prunk und Pracht und Todtenstille herrschte, Und fuͤhrt' mich endlich in ein daͤmmernd Zimmer, Und zeigt', mit abgewandtem Angesicht', Nach der Gestalt, die auf dem Sopha saß. “Sind Sie Maria?” fragt' ich. Innerlich Erstaunt' ich selber ob der Festigkeit, Womit ich sprach. Und steinern und metalllos Scholl eine Stimm': “So nennen mich die Leute.” Ein schneidend Weh durchfroͤstelte mich da, Denn jener hohle, kalte Ton war doch — Die einst so suͤße Stimme von Maria! Und jenes Weib im fahlen Lillakleid, Nachlaͤßig angezogen, Busen schlotternd, Die Augen glaͤsern starr, die Wangenmuskeln Des weißen Angesichtes lederschlaff — Ach, jenes Weib war doch die einst so schoͤne, Die bluͤhend holde, liebliche Maria! „Sie waren lang auf Reisen!“ sprach sie laut, Mit kalt unheimlicher Vertraulichkeit, „Sie schaun nicht mehr so schmachtend, liebster Freund Sie sind gesund, und pralle Lend' und Wade Bezeugt Soliditaͤt“. Ein suͤßlich Laͤcheln Umzitterte den gelblich blassen Mund. In der Verwirrung sprach's aus mir hervor: „Man sagte mir, Sie haben sich vermaͤhlt?“ „Ach ja!“ sprach sie, gleichguͤltig laut und lachend, „Hab' einen Stock von Holz, der uͤberzogen Mit Leder ist, bey mir im Bette liegt, Und sich Gemahl nennt. Aber Holz ist Holz!“ Und klanglos widrig lachte sie dabey, Daß kalte Angst durch meine Seele rann, Und Zweifel mich ergriff:— sind das die keuschen, Die blumenzarten Lippen von Maria? Sie aber hob sich in die Hoͤh', nahm rasch Vom Stuhl den Tuͤrken-Shawl, warf ihn Um ihren Hals, hing sich an meinen Arm, Zog mich von hinnen, durch die offne Hausthuͤr, Und zog mich fort durch Feld und Busch und Au'. Die gluͤhend rothe Sonnenscheibe schwebte Schon niedrig, und ihr Purpur uͤberstrahlte Die Baͤume und die Blumen und den Strom, Der in der Ferne majestaͤtisch floß. “Sehn Sie das große, goldne Auge schwimmen Im blauen Wasser?” rief Maria hastig. “Still, armes Wesen!” sprach ich, und ich schaute Im Daͤmmerlicht' ein maͤhrchenhaftes Weben. Es stiegen Nebelbilder aus den Feldern, Umschlangen sich mit weißen, weichen Armen; Die Veilchen sahn sich zaͤrtlich an, sehnsuͤchtig Zusammenbeugten sich die Lilienkelche; Aus allen Rosen gluͤhten Wollustgluthen! Die Nelken wollten sich im Hauch' entzuͤnden; In sel'gen Duͤften schwelgten alle Blumen, Und alle weinten stille Wonnethraͤnen, Und alle jauchzten: Liebe! Liebe! Liebe! Die Schmetterlinge flatterten, die hellen Goldkaͤfer summten feine Lieblingsliedchen, Die Abendwinde fluͤsterten, es rauschten Die Eichen, schmelzend sang die Nachtigall — Und zwischen all dem Fluͤstern, Rauschen, Singen, Schwatzte mit blechern klanglos kalter Stimme Das welke Weib, das mir am Arme hing. „Ich kenn' Ihr naͤchtlich Treiben auf dem Schloß; Der lange Schatten ist ein guter Tropf, Er nickt und winkt zu allem was man will; Der Blaurock ist ein Engel; doch der Rothe, Mit blankem Schwert, ist Ihnen spinnefeind.“ Und noch viel bunt're, wunderliche Reden Schwatzt' sie in einem fort, und setzte sich‚ Ermuͤdet, mit mir nieder auf die Moosbank, Die unterm alten Eichenbaume steht. Da saßen wir beysammen, still und traurig, Und sahn uns an, und wurden immer traur'ger. Die Eiche saͤuselte wie Sterbeseufzer, Tiefschmerzlich sang die Nachtigall herab. Doch rothe Lichter drangen durch die Blaͤtter, Umflimmerten Maria's weißes Antlitz, Und lockten Gluth aus ihren starren Augen, Und mit der alten, suͤßen Stimme sprach sie: “Wie wußtest Du, daß ich so elend bin, Ich las es juͤngst in deinen wilden Liedern?” Eiskalt durchzog's mir da die Brust, mir grauste Ob meinem eig'nen Wahnsinn, der die Zukunft Geschaut, es zuckte dunkel durch mein Hirn, Und vor Entsetzen bin ich aufgewacht. Donna Clara. (Aus einem spanischen Romane.) In dem abendlichen Garten Wandelt des Alkaden Tochter; Pauken- und Trommetenjubel Klingt herunter von dem Schlosse. „Laͤstig werden mir die Taͤnze Und die suͤßen Schmeichelworte, Und die Ritter, die so zierlich Mich vergleichen mit der Sonne. „Ueberlaͤstig wird mir Alles, Seit ich sah, bei'm Strahl des Mondes, Jenen Ritter, dessen Laute Naͤchtens mich an's Fenster lockte. „Wie er stand so schlank und muthig, Und die Augen leuchtend schossen Aus dem edelblassen Antlitz, Glich er wahrlich Sanct Georgen.“ Also dachte Donna Clara, Und sie schaute auf den Boden; Wie sie aufblickt, steht der schoͤne, Unbekannte Ritter vor ihr. Haͤndedruͤckend, liebefluͤsternd, Wandeln sie umher im Mondschein, Und der Zephyr schmeichelt freundlich, Maͤhrchenartig gruͤßen Rosen. Maͤhrchenartig gruͤßen Rosen, Und sie gluͤhn wie Liebesboten. Aber sage mir, Geliebte, Warum du so ploͤtzlich roth wirst? „Muͤcken stachen mich, Geliebter, Und die Muͤcken sind, im Sommer, Mir so tief verhaßt, als waͤren's Langenas'ge Judenrotten.“ Laß die Muͤcken und die Juden, Spricht der Ritter, freundlich kosend. Von den Mandelbaͤumen fallen Tausend weiße Bluͤthenflocken. Tausend weiße Bluͤthenflocken Haben ihren Duft ergossen. Aber sage mir, Geliebte, Ist dein Herz mir ganz gewogen? “Ja, ich liebe dich, Geliebter, Bey dem Heiland sey's geschworen, Den die gottverfluchten Juden Boshaft tuͤckisch einst ermordet.” Laß den Heiland und die Juden, Spricht der Ritter, freundlich kosend. In der Ferne schwanken traumhaft Weiße Liljen, lichtumflossen. Weiße Liljen, lichtumflossen, Blicken nach den Sternen droben. Aber sage mir, Geliebte, Hast du auch nicht falsch geschworen. “Falsch ist nicht in mir, Geliebter, Wie in meiner Brust kein Tropfen Blut ist von dem Blut der Mohren Und des schmutz'gen Judenvolkes.” Laß die Mohren und die Juden, Spricht der Ritter, freundlich kosend; Und nach einer Myrthenlaube Fuͤhrt er die Alkadentochter. Wie mit weichen Liebesnetzen Hat er heimlich sie umflochten; Kurze Worte, lange Kuͤsse, Und die Herzen uͤberflossen. Und ein schmelzend suͤßes Brantlied Singt im Laub' ein Zaubervogel; Wie zum Fackeltanze huͤpfen Feuerwuͤrmchen auf dem Boden. In der Laube wird es stiller, Und man hoͤrt nur, wie verstohlen, Das Gefluͤster kluger Myrthen Und ein langes Athemholen. Aber Pauken und Drommeten Schallen ploͤtzlich aus dem Schlosse, Und erwachend hat sich Clara Aus des Ritters Arm gezogen. “Horch! da ruft es mich, Geliebter, Doch, bevor wir scheiden, sollst du Nennen deinen lieben Namen, Den du mir so lang verborgen.” Und der Ritter, heiter laͤchelnd, Kuͤßt die Finger seiner Holden, Kuͤßt die Lippen und die Stirne, Und er spricht die langen Worte: “Ich, Sennora, Eu'r Geliebter, Bin der Sohn des vielbelobten, Großen, schriftgelehrten Rabbi Israel von Saragossa.” Almansor. (Aus einem spanischen Romane . ) I . In dem Dome zu Corduva Stehen Saͤulen, dreyzehnhundert, Dreyzehnhundert Riesensaͤulen Tragen die gewalt'ge Kuppel. Und auf Saͤulen, Kuppel, Waͤnden, Zieh'n von oben sich bis unten Des Corans arab'sche Spruͤche, Klug und blumenhaft verschlungen. Mohrenkoͤn'ge bauten weiland Dieses Haus zu Allahs Ruhme, Doch hat Alles sich verwandelt In der Zeiten dunkelm Strudel. Auf dem Thurme, wo der Thuͤrmer Zum Gebete aufgerufen‚ Hebt sich jetzt der Christenglocken Melancholisches Gesumme. 7 Auf den Stufen, wo die Glaͤub'gen Das Prophetenwort gesungen, Zeigen jetzt die Glatzenpfaͤfflein Ihrer Messe fades Wunder. Und das ist ein Drehn und Winden Vor den buntbemalten Puppen, Und das bloͤckt und dampft und klingelt, Und die dummen Kerzen funkeln. In dem Dome zu Corduva Steht Almansor ben Abdullah, All die Saͤulen still betrachtend, Und die stillen Worte murmelnd: “O, Ihr Saͤulen, stark und riesig, Einst geschmuͤckt zu Allahs Ruhme, Jetzo muͤßt Ihr dienend huld'gen Dem verhaßten Christenthume! “Ihr bequemt Euch in die Zeiten, Und Ihr tragt die Last geduldig; — Ey, da muß ja wohl der Schwaͤch're Noch viel leichter sich beruh'gen.” Und sein Haupt, mit heiterm Antlitz, Beugt Almansor ben Abdullah Ueber den gezierten Taufstein, In dem Dome zu Corduva. II . Hastig schritt er aus dem Dome, Jagte fort auf seinem Rappen, Daß im Wind die feuchten Locken Und des Hutes Federn wallen. Auf dem Weg' nach Alkolea, Dem Guadalquivir entlange, Wo die weißen Mandeln bluͤhen, Und die duft'gen Gold-Orangen; Dorten jagt der lust'ge Ritter, Pfeift und singt, und lacht behaglich, Und es stimmen ein die Voͤgel, Und des Stromes laute Wasser. In dem Schloß zu Alkolea Wohnet Clara de Alvares, In Navarra kaͤmpft ihr Vater, Und sie freut sich mindern Zwanges. Und Almansor hoͤrt schon ferne Pauken und Drommeten schallen, Und er sieht des Schlosses Lichter Blitzen durch der Baͤume Schatten. In dem Schloß zu Alkolea Tanzen zwoͤlf geschmuͤckte Damen, Tanzen zwoͤlf geschmuͤckte Ritter, Doch am schoͤnsten tanzt Almansor. Wie beschwingt von muntrer Laune Flattert er herum im Saale, Und er weiß den Damen allen Suͤße Schmeicheleyn zu sagen. Isabellens schoͤne Haͤnde Kuͤßt er rasch, und springt von dannen; Und er setzt sich vor Elviren Und er schaut ihr froh in's Antlitz. Lachend fragt er Leonoren: Ob er heute ihr gefalle? Und er zeigt die goldnen Kreuze Eingestickt in seinen Mantel. Und zu jeder Dame spricht er: Daß er sie im Herzen trage; Und “so wahr ich Christ bin” schwoͤrt er Dreyzig Mal an jenem Abend. III . In dem Schloß zu Alkolea Ist verschollen Lust und Klingen, Herr'n und Damen sind verschwunden, Und erloschen sind die Lichter. Donna Clara und Almansor Sind allein im Saal geblieben; Einsam streut die letzte Lampe Ueber beyde ihren Schimmer. Auf dem Sessel sitzt die Dame, Auf dem Schemel sitzt der Ritter, Und sein Haupt, das schlummermuͤde, Ruht auf den geliebten Knieen. Rosenoͤhl, aus gold'nem Flaͤschchen, Gießt die Dame, sorgsam sinnend, Auf Almansors braune Locken — Und er seufzt aus Herzenstiefe. Suͤßen Kuß, mit sanftem Munde, Druͤckt die Dame, sorgsam sinnend, Auf Almansors braune Locken — Und es woͤlkt sich seine Stirne. Thraͤnenfluth, aus lichten Augen, Weint die Dame, sorgsam sinnend, Auf Almansors braune Locken — Und es zuckt um seine Lippen. Und er traͤumt: er stehe wieder, Tief das Haupt gebeugt und triefend, In dem Dome zu Corduva, Und er hoͤrt' viel dunkle Stimmen. All die hohen Riesensaͤulen Hoͤrt er murmeln unmuthgrimmig, Laͤnger wollen sie's nicht tragen, Und sie wanken und sie zittern; Und sie brechen wild zusammen, Es erbleichen Volk und Priester, Krachend stuͤrzt herab die Kuppel, Und die Christengoͤtter wimmern. Die Wallfahrt nach Kevlaar. I . Am Fenster stand die Mutter, Im Bette lag der Sohn. “Willst du nicht aufstehn, Wilhelm, Zu schau'n die Prozession?” — “Ich bin so krank, O Mutter, Daß ich nicht hoͤr' und seh'; Ich denk' an das todte Gretchen, Da thut das Herz mir weh.” — “Steh' auf, wir wollen nach Kevlaar, Nimm Buch und Rosenkranz; Die Muttergottes heilt dir Dein krankes Herze ganz.” Es flattern die Kirchenfahnen, Es singt im Kirchenton; Das ist zu Coͤlln am Rheine, Da geht die Prozession. Die Mutter folgt der Menge, Den Sohn, den fuͤhret sie, Sie singen beyde im Chore: Gelobt sey'st du Marie! II . Die Muttergottes zu Kevlaar Traͤgt heut' ihr bestes Kleid; Heut' hat sie viel zu schaffen, Es kommen viel' kranke Leut'. Die kranken Leute bringen Ihr dar, als Opferspend', Aus Wachs gebildete Glieder, Viel waͤchserne Fuͤß' und Haͤnd'. Und wer eine Wachshand opfert, Dem heilt an der Hand die Wund'; Und wer einen Wachsfuß opfert, Dem wird der Fuß gesund. Nach Kevlaar ging Mancher auf Kruͤcken, Der jetzo tanzt auf dem Seil', Gar Mancher spielt jetzt die Bratsche, Dem dort kein Finger war heil. Die Mutter nahm ein Wachslicht, Und bildete d'raus ein Herz. “Bring das der Muttergottes, Dann heilt sie deinen Schmerz.” Der Sohn nahm seufzend das Wachsherz, Ging seufzend zum Heiligenbild; Die Thraͤne quillt aus dem Auge, Das Wort aus dem Herzen quillt: “Du Hochgebenedeite, Du reine Gottesmagd, Du Koͤniginn des Himmels, Dir sey mein Leid geklagt! “Ich wohnte mit meiner Mutter Zu Coͤllen in der Stadt, Der Stadt, die viele hundert Kapellen und Kirchen hat. “Und neben uns wohnte Gretchen, Doch die ist todt jetzund — Marie, dir bring' ich ein Wachsherz, Heil' Du meine Herzenswund'. “Heil' Du mein krankes Herze, Ich will auch spaͤt und fruͤh' Inbruͤnstiglich beten und singen: Gelobt seyst du, Marie!” III . Der kranke Sohn und die Mutter, Die schliefen im Kaͤmmerlein; Da kam die Muttergottes Ganz leise geschritten herein. Sie beugte sich uͤber den Kranken, Und legte ihre Hand Ganz leise auf sein Herze, Und laͤchelte mild und schwand. Die Mutter schaut Alles im Traume, Und hat noch mehr geschaut; Sie erwachte aus dem Schlummer, Die Hunde bellten zu laut. Da lag dahingestrecket Ihr Sohn, und der war todt; Es spielt auf den bleichen Wangen Das lichte Morgenroth. Die Mutter faltet die Haͤnde, Ihr war, sie wußte nicht wie; Andaͤchtig sang sie leise: Gelobt sey'st du, Marie! Der Stoff dieses Gedichtes ist nicht ganz mein Eigenthum. Es entstand durch Erinnerung an die rheinische Heimath. — Als ich ein kleiner Knabe war, und im Franziskanerkloster zu Duͤsseldorf die erste Dressur erhielt, und dort zuerst Buchstabiren und Stillsitzen lernte, saß ich oft neben einem an¬ dern Knaben, der mir immer erzaͤhlte: wie seine Mutter ihn nach Kevlaar (der Akzent liegt auf der ersten Sylbe und der Ort selbst liegt im Geldern¬ schen) einstmals mitgenommen, wie sie dort einen waͤchsernen Fuß fuͤr ihn geopfert, und wie sein eig¬ ner schlimmer Fuß dadurch geheilt sey. Mit die¬ sem Knaben traf ich wieder zusammen in der ober¬ sten Classe des Gymnasiums, und als wir im Phi¬ losophen-Collegium bey Rektor Schallmeyer, neben einander zu sitzen kamen, erinnerte er mich lachend an jene Mirakel-Erzaͤhlung, setzte aber doch etwas ernsthaft hinzu: jetzt wuͤrde er der Muttergottes ein waͤchsernes Herz opfern. Ich hoͤrte spaͤter, er habe damals an einer ungluͤcklichen Liebschaft labo¬ rirt, und endlich kam er mir ganz aus den Augen und aus dem Gedaͤchtniß. — Im Jahr 1819, als ich in Bonn studierte, und einmal, in der Gegend von Godesberg, am Rhein spatzieren ging, hoͤrte ich in der Ferne die wohlbekannten Kevlaar-Lieder, wovon das vorzuͤglichste den gedehnten Refrain hat „Gelobt seyst du, Maria!“ und als die Prozession naͤher kam, bemerkte ich unter den Wallfahrtern meinen Schulkameraden mit seiner alten Mutter. Diese fuͤhrte ihn. Er aber sah sehr blaß und krank aus. Ich durfte diese Notiz nicht von dem Gedichte trennen, weil beyde zugleich entstanden, schon ein¬ mal zusammen abgedruckt worden, und dadurch gleichsam verwachsen sind. Auf keinen Fall will ich irgend eine Vorneigung andeuten, eben so wenig, wie irgend eine Abneigung durch das vor¬ hergehende Gedicht ausgesprochen werden soll. Die¬ ses, Almansor uͤberschrieben, wird im Romane, dem es entlehnt ist, von einem Mauren, einem unmu¬ thigen Bekenner des Islams, gedichtet und gesun¬ gen. „Und wahrlich“ — so spricht ein englischer Schriftsteller — „wie Gott, der Urschoͤpfer, stehe auch der Dichter, der Nachschoͤpfer, partheylos er¬ haben uͤber allem Sektengeklaͤtsche dieser Erde.“ Die Harzreise . 1824 . Nichts ist dauernd, als der Wechsel; nichts bestaͤn¬ dig, als der Tod. Jeder Schlag des Herzens schlaͤgt uns eine Wunde, und das Leben waͤre ein ewiges Ver¬ bluten, wenn nicht die Dichtkunst waͤre. Sie gewaͤhrt uns, was uns die Natur versagt: eine goldene Zeit, die nicht rostet, einen Fruͤhling, der nicht abbluͤht, wol¬ kenloses Gluͤck und ewige Jugend. Boͤrne . S chwarze Roͤcke, seid'ne Struͤmpfe, Weiße hoͤfliche Manschetten, Sanfte Reden, Embrassiren — Ach, wenn sie nur Herzen haͤtten! Herzen in der Brust, und Liebe, Warme Liebe in dem Herzen — Ach, mich toͤdtet ihr Gesinge Von erlog'nen Liebesschmerzen. Auf die Berge will ich steigen‚ Wo die frommen Huͤtten stehen‚ Wo die Brust sich frey erschließet‚ Und die freyen Luͤfte wehen. 8 Auf die Berge will ich steigen, Wo die dunkeln Tannen ragen, Baͤche rauschen, Voͤgel singen, Und die stolzen Wolken jagen. Lebet wohl, ihr glatten Saͤle! Glatte Herren! Glatte Frauen! Auf die Berge will ich steigen, Lachend auf Euch niederschauen. Die Stadt Goͤttingen, beruͤhmt durch ihre Wuͤrste und Universitaͤt, gehoͤrt dem Koͤnig von Hannover, und enthaͤlt 999 Feuerstellen, diverse Kirchen, eine Entbindungsanstalt, eine Stern¬ warte, einen Karzer, eine Bibliothek und einen Rathskeller, wo das Bier sehr gut ist. Der ver¬ beyfließende Bach heißt „die Leine“ und dient des Sommers zum Baden; das Wasser ist sehr kalt, und an einigen Orten so breit, daß Luͤder wirklich einen großen Anlauf nehmen mußte, als er hin¬ uͤber sprang. Die Stadt selbst ist schoͤn, und ge¬ faͤllt einem am besten, wenn man sie mit dem Ruͤcken ansieht. Sie muß schon sehr lange stehen; denn ich erinnere mich, als ich vor fuͤnf Jahren dort immatrikulirt und bald drauf konsiliirt wurde, hatte sie schon dasselbe graue, altkluge Ansehen, und war schon vollstaͤndig eingerichtet mit Schnurren, Pudeln, Dissertazionen, Thee¬ dansants, Waͤscherinnen, Compendien, Tauben¬ braten, Guelfenorden, Promozionskutschen, Pfei¬ fenkoͤpfen, Hofraͤthen, Justizraͤthen, Relegazions¬ raͤthen, Profaxen und anderen Faxen. Einige be¬ haupten sogar, die Stadt sey zur Zeit der Voͤl¬ kerwanderung erbaut worden, jeder deutsche Stamm habe damals ein ungebundenes Exemplar seiner Mitglieder darin zuruͤckgelassen, und davon stamm¬ ten all die Vandalen, Friesen, Schwaben, Teuto¬ nen, Sachsen, Thuͤringer u. s. w., die noch heut zu Tage in Goͤttingen, hordenweis, und geschieden durch Farbe der Muͤtzen und der Pfeifenquaͤste, uͤber die Weenderstraße einherziehen, auf den blu¬ tigen Wahlstaͤtten der Rasenmuͤhle, des Ritschen¬ krugs und Bovdens sich ewig unter einander her¬ umschlagen, in Sitten und Gebraͤuchen noch im¬ mer wie zur Zeit der Voͤlkerwanderung dahin¬ leben, und theils durch ihre Duces, welche Haupt¬ haͤhne heißen, theils durch ihr uraltes Gesetzbuch, welches Comment heißt und in den legibus bar¬ barorum eine Stelle verdient, regiert werden. Im Allgemeinen werden die Bewohner Goͤttin¬ gen's eingetheilt in Studenten, Professoren, Phi¬ lister und Vieh; welche vier Staͤnde doch nichts weniger als streng geschieden sind. Der Viehstand ist der bedeutendste. Die Namen aller Studenten und aller ordentlichen und unordentlichen Professo¬ ren hier herzuzaͤhlen, waͤre zu weitlaͤuftig; auch sind mir in diesem Augenblick nicht alle Studen¬ tennamen im Gedaͤchtnisse, und unter den Pro¬ fessoren sind manche, die noch gar keinen Namen haben. Die Zahl der goͤttinger Philister muß sehr groß seyn, wie Sand, oder besser gesagt, wie Dreck am Meer; wahrlich, wenn ich sie des Mor¬ gens, mit ihren schmutzigen Gesichtern und weißen Rechnungen, vor den Pforten des akademischen Gerichtes aufgepflanzt sah, so mochte ich kaum begreifen, wie Gott nur so viel Lumpenpack er¬ schaffen konnte. Ausfuͤhrlicheres uͤber die Stadt Goͤttingen laͤßt sich sehr bequem nachlesen in der Topographie der¬ selben von K. F. H. Marx. Obzwar ich ge¬ gen den Verfasser, der mein Arzt war und mir viel Liebes erzeigte, die heiligsten Verpflichtungen hege, so kann ich doch sein Werk nicht unbe¬ dingt empfehlen, und ich muß tadeln, daß er jener falschen Meinung, als haͤtten die Goͤttingerinnen allzugroße Fuͤße, nicht streng genug widerspricht. Ja, ich habe mich sogar seit Jahr und Tag mit einer ernsten Widerlegung dieser Meinung beschaͤff¬ tigt, ich habe deshalb vergleichende Anatomie ge¬ hoͤrt, die seltensten Werke auf der Bibliothek excerpirt, auf der Weenderstraße stundenlang die Fuͤße der voruͤbergehenden Damen studiert, und in der grundgelehrten Abhandlung, so die Resultate dieser Studien enthaͤlt, spreche ich 1° von den Fuͤßen uͤberhaupt, 2° von den Fuͤßen bey den Al¬ ten, 3° von den Fuͤßen der Elephanten, 4° von den Fuͤßen der Goͤttingerinnen, 5° stelle ich Alles zusammen, was uͤber diese Fuͤße auf Ullrichs Gar¬ ten schon gesagt worden, 6° betrachte ich diese Fuͤße in ihrem Zusammenhang, und verbreite mich bey dieser Gelegenheit auch uͤber Waden, Knie u. s. w., und endlich 7°, wenn ich nur so großes Papier auftreiben kann, fuͤge ich noch hinzu einige Kupfertafeln mit dem Facsimile goͤttingscher Da¬ menfuͤße. — Es war noch sehr fruͤh, als ich Goͤttingen verließ, und der gelehrte ** lag gewiß noch im Bette und traͤumte wie gewoͤhnlich: er wandle in einem schoͤnen Garten, auf dessen Beeten lau¬ ter weiße, mit Citaten beschriebene Papierchen wachsen, die im Sonnenlichte lieblich glaͤnzen, und von denen er hier und da mehrere pfluͤckt, und muͤhsam in ein neues Beet verpflanzt, waͤh¬ rend die Nachtigallen mit ihren suͤßesten Toͤnen sein altes Herz erfreuen. Vor dem Weender Thore begegneten mir zwey eingeborne kleine Schulknaben, wovon der Eine zum Andern sagte: „Mit dem Theodor will ich gar nicht mehr umgehen, er ist ein Lumpenkerl, denn gestern wußte er nicht mal, wie der Ge¬ nitiv von Mensa heißt.“ So unbedeutend diese Worte klingen, so muß ich sie doch wieder erzaͤh¬ len, ja, ich moͤchte sie als Stadt-Motto gleich auf das Thor schreiben lassen; denn die Jungen piepsen wie die Alten pfeifen, und jene Worte bezeichnen ganz den engen, trocknen Notizenstolz der hochgelahrten Georgia Augusta. Auf der Chaussee wehte frische Morgenluft, und die Voͤgel sangen gar freudig, und auch mir wurde allmaͤhlig wieder frisch und freudig zu Muthe. Eine solche Erquickung that Noth. Ich war die letzte Zeit nicht aus dem Pandektenstall herausgekommen, roͤmische Casuisten hatten mir den Geist wie mit einem grauen Spinnweb uͤberzogen, mein Herz war wie eingeklemmt zwischen den eisernen Paragraphen selbstsuͤchtiger Rechtssysteme, bestaͤndig klang es mir noch in den Ohren wie „Tribonian, Justinian, Hermogenian und Dummerjahn,“ und ein zaͤrtliches Liebespaar, das unter einem Baume saß, hielt ich gar fuͤr eine Corpusjuris-Ausgabe mit verschlunge¬ nen Haͤnden. Auf der Landstraße fing es schon an lebendig zu werden. Milchmaͤdchen zogen voruͤber; auch Eseltreiber mit ihren grauen Zoͤglingen. Hin¬ ter Weende begegneten mir der Schaͤfer und Do¬ ris. Dieses ist nicht das idyllische Paar, wovon Geßner singt, sondern es sind wohlbestallte Univer¬ sitaͤtspedelle, die wachsam aufpassen muͤssen, daß sich keine Studenten in Bovden duelliren, und daß keine neue Ideen, die doch immer einige Dezen¬ nien vor Goͤttingen Quarantaine halten muͤssen, von einem spekulirenden Privatdozenten eingeschmug¬ gelt werden. Schaͤfer gruͤßte mich sehr kollegialisch; denn er ist ebenfalls Schriftsteller, und hat meiner in seinen halbjaͤhrigen Schriften oft erwaͤhnt; wie er mich denn auch außerdem oft citirt hat, und‚ wenn er mich nicht zu Hause fand, immer so guͤtig war, die Citation mit Kreide auf meine Stuben¬ thuͤr zu schreiben. Dann und wann rollte auch ein Einspaͤnner voruͤber, wohlbepackt mit Studen¬ ten, die fuͤr die Ferienzeit, oder auch fuͤr immer wegreisten. In solch einer Universitaͤtstadt ist ein bestaͤndiges Kommen und Abgehn, alle drey Jahre findet man dort eine neue Studentengeneration, das ist ein ewiger Menschenstrom, wo eine Se¬ mesterwelle die andere fortdraͤngt, und nur die alten Professoren bleiben stehen in dieser allgemeinen Bewegung, unerschuͤtterlich fest, gleich den Pyra¬ miden Egyptens — nur daß in diesen Universitaͤts- Pyramiden nicht immer Weisheit verborgen ist. Aus den Myrthenlauben bey Rauschenwasser sah ich zwey hoffnungsvolle Juͤnglinge hervorrei¬ ten. Ein Weibsbild, das dort sein horizontales Handwerk treibt, gab ihnen bis auf die Landstraße das Geleit, klaͤtschelte mit geuͤbter Hand die ma¬ geren Schenkel der Pferde, lachte laut auf, als der eine Reuter ihr hinten, auf die breite Spon¬ taneitaͤt einige Galanterien mit der Peitsche uͤber¬ langte, und schob sich alsdann gen Bovden. Die Juͤnglinge aber jagten nach Noͤrten, und johlten gar geistreich, und sangen gar lieblich das Rossini¬ sche Lied: „Trink Bier, liebe, liebe Lise!“ Diese Toͤne hoͤrte ich noch lange in der Ferne; doch die holden Saͤnger selbst verlor ich bald voͤllig aus dem Gesichte, sintemal sie ihre Pferde, die im Grunde einen deutsch-langsamen Charakter zu ha¬ ben schienen, gar entsetzlich anspornten und vor¬ waͤrtspeitschten. Nirgends wird die Pferdeschin¬ derey staͤrker getrieben als in Goͤttingen, und oft, wenn ich sah, wie solch eine schweißtriefende, lahme Kracke, fuͤr das bischen Lebensfutter, von unsern Rauschenwasserrittern abgequaͤlt ward, oder wohl gar einen ganzen Wagen voll Studenten fort¬ ziehen mußte, so dachte ich auch: „O du armes Thier, gewiß haben deine Voraͤltern im Paradiese verbotenen Hafer gefressen!“ Im Wirthshause zu Noͤrten traf ich die bey¬ den Juͤnglinge wieder. Der eine verzehrte einen Heringsalat, und der andere unterhielt sich mit der gelbledernen Magd, Fusia Canina, auch Trittvo¬ gel genannt. Er sagte ihr einige Anstaͤndigkei¬ ten, und am Ende wurden sie Hand-gemein. Um meinen Ranzen zu erleichtern, nahm ich die ein¬ gepackten blauen Hosen, die in geschichtlicher Hin¬ sicht sehr merkwuͤrdig sind, wieder heraus und schenkte sie dem kleinen Kellner, den man Colibri nennt. Die Bussenia, die alte Wirthin, brachte mir unterdessen ein Butterbrod, und beklagte sich, daß ich sie jetzt so selten besuche; denn sie liebt mich sehr. Hinter Noͤrten stand die Sonne hoch und glaͤnzend am Himmel. Sie meinte es recht ehr¬ lich mit mir und erwaͤmte mein Haupt, daß alle unreife Gedanken darin zur Vollreife kamen. Die liebe Wirthshaussonne in Nordheim ist auch nicht zu verachten; ich kehrte hier ein, und fand das Mittagessen schon fertig. Alle Gerichte waren schmackhaft zubereitet, und wollten mir besser beha¬ gen, als die abgeschmackten akademischen Gerichte, die salzlosen, ledernen Stockfische mit ihrem al¬ ten Kohl, die mir in Goͤttingen vorgesetzt wur¬ den. Nachdem ich meinen Magen etwas beschwich¬ tigt hatte, bemerkte ich in derselben Wirthsstube einen Herrn mit zwey Damen, die im Begriff waren abzureisen. Dieser Herr war ganz gruͤn ge¬ kleidet, trug sogar eine gruͤne Brille, die auf seine rothe Kupfernase einen Schein wie Gruͤnspan warf, und sah aus, wie der Koͤnig Nebukadnezar in seinen spaͤtern Jahren ausgesehen hat, als er, der Sage nach, gleich einem Thiere des Waldes, nichts als Salat aß. Der Gruͤne wuͤnschte, daß ich ihm ein Hotel in Goͤttingen empfehlen moͤchte, und ich rieth ihm, dort von dem ersten besten Studenten das Hotel de Bruͤhbach zu erfragen. Die eine Dame war die Frau Gemahlin, eine gar große, weitlaͤuftige Dame, ein rothes Quadrat¬ meilen-Gesicht mit Gruͤbchen in den Wangen, die wie Spucknaͤpfe fuͤr Liebesgoͤtter aussahen, ein langfleischig herabhaͤngendes Unterkinn, das eine schlechte Fortsetzung des Gesichtes zu seyn schien, und ein hochaufgestapelter Busen, der mit steifen Spitzen und vielzackig festonirten Kraͤgen, wie mit Thuͤrmchen und Bastionen umbaut war, und einer Festung glich, die gewiß eben so wenig wie jene anderen Festungen, von denen Philipp von Mace¬ donien spricht, einem mit Gold beladenen Esel widerstehen wuͤrde. Die andere Dame, die Frau Schwester, bildete ganz den Gegensatz der eben beschriebenen. Stammte jene von Pharaos fetten Kuͤhen, so stammte diese von den magern. Das Gesicht nur ein Mund zwischen zwey Ohren, die Brust trostlos oͤde wie die Luͤneburger Haide; die ganze, ausgekochte Gestalt glich einem Freytisch fuͤr arme Theologen. Beyde Damen fragten mich zu gleicher Zeit: ob im Hotel de Bruͤhbach auch ordentliche Leute logirten. Ich bejahte es mit gutem Ge¬ wissen, und als das holde Kleeblatt abfuhr, gruͤßte ich nochmals zum Fenster hinaus. Der Sonnen¬ wirth laͤchelte gar schlau und mochte wohl wissen, daß der Carzer von den Studenten in Goͤttingen Hotel de Bruͤhbach genannt wird. Hinter Nordheim wird es schon gebirgig und hier und da treten schoͤne Anhoͤhen hervor. Auf dem Wege traf ich meistens Kraͤmer, die nach der Braunschweiger Messe zogen, auch einen Schwarm Frauenzimmer, deren jede ein großes, fast haͤuser¬ hohes, mit weißem Leinen uͤberzogenes Behaͤltniß auf dem Ruͤcken trug. Darin saßen allerley ein¬ gefangene Singvoͤgel, die bestaͤndig piepsten und zwitscherten, waͤhrend ihre Traͤgerinnen lustig da¬ hinhuͤpften und schwatzten. Mir kam es gar naͤrrisch vor, wie so ein Vogel den andern zu Markte traͤgt. In pechdunkler Nacht kam ich an zu Osterode. Es fehlte mir der Appetit zum Essen und ich legte mich gleich zu Bette. Ich war muͤde wie ein Hund und schlief wie ein Gott. Im Traume kam ich wieder nach Goͤttingen zuruͤck, und zwar nach der dortigen Bibliothek. Ich stand in einer Ecke des juristischen Saals, durchstoͤberte alte Disserta¬ zionen, vertiefte mich im Lesen, und als ich auf¬ hoͤrte, bemerkte ich zu meiner Verwundrung, daß es Nacht war, und herabhaͤngende Kristall-Leuch¬ ter den Saal erhellten. Die nahe Kirchenglocke schlug eben zwoͤlf, die Saalthuͤre oͤffnete sich lang¬ sam, und herein trat eine stolze, gigantische Frau, ehrfurchtsvoll begleitet von den Mitgliedern und Anhaͤngern der juristischen Facultaͤt. Das Riesen¬ weib, obgleich schon bejahrt, trug dennoch im Ant¬ litz die Zuͤge einer strengen Schoͤnheit, jeder ihrer Blicke verrieth die hohe Titanin, die gewaltige The¬ mis, Schwert und Wage hielt sie nachlaͤssig zu¬ sammen in der einen Hand, in der andern hielt sie eine Pergamentrolle, zwey junge Doctores juris trugen die Schleppe ihres grau verblichenen Ge¬ wandes, an ihrer rechten Seite sprang windig hin und her der duͤnne Hofrath Rusticus, der Lykurg Hannovers, und deklamirte aus seinem neuen Gesetzentwurf; an ihrer linken Seite hum¬ pelte, gar galant und wohlgelaunt, ihr Cavaliere servente , der geheime Justizrath Cujacius, und riß bestaͤndig juristische Witze, und lachte selbst daruͤber so herzlich, daß sogar die ernste Goͤttin sich mehr¬ mals laͤchelnd zu ihm herabbeugte, mit der großen Pergamentrolle ihm auf die Schulter klopfte, und freundlich fluͤsterte: „Kleiner, loser Schalk, der die Baͤume von oben herab beschneidet!“ Jeder von den uͤbrigen Herren trat jetzt ebenfalls naͤher und hatte etwas hin zu bemerken und hin zu laͤcheln, etwa ein neu ergruͤbeltes Systemchen, oder Hypo¬ theschen, oder aͤhnliches Mißgebuͤrtchen des eige¬ nen Koͤpfchens. Durch die geoͤffnete Saalthuͤre traten auch noch mehrere fremde Herren herein, die sich als die andern großen Maͤnner des illustren Ordens kundgaben, meistens eckige, laurende Ge¬ sellen, die mit breiter Selbstzufriedenheit gleich drauf los definirten und distinguirten und uͤber jedes Titelchen eines Pandektentitels disputirten. Und immer kamen noch neue Gestalten herein, alte Rechtsgelehrten, in verschollenen Trachten, mit weißen Alongeperucken und laͤngst vergessenen Gesichtern, und sehr erstaunt, daß man sie, die Hochberuͤhmten des verflossenen Jahrhunderts, nicht sonderlich regardirte; und diese stimmten nun ein, auf ihre Weise, in das allgemeine Schwatzen und Schrillen und Schreyen, das, wie Meeresbrandung, immer verwirrter und lauter, die hohe Goͤttin um¬ rauschte, bis diese die Geduld verlor, und in einem Tone des entsetzlichsten Riesenschmerzes ploͤtz¬ lich aufschrie: „Schweigt! schweigt! ich hoͤre die Stimme des theuren Prometheus, die hoͤhnende Kraft und die stumme Gewalt schmieden den Schuld¬ losen an den Marterfelsen, und all Euer Geschwaͤtz und Gezaͤnke kann nicht seine Wunden kuͤhlen und seine Fesseln zerbrechen!“ So rief die Goͤttin, und Thraͤnenbaͤche stuͤrzten aus ihren Augen, die ganze Versammlung heulte wie von Todesangst er¬ griffen, die Decke des Saales krachte, die Buͤcher taumelten herab von ihren Brettern, vergebens trat der alte Muͤnchhausen aus seinem Rahmen hervor, um Ruhe zu gebieten, es tobte und kreischte immer wilder, — und fort, aus diesem draͤn¬ genden Tollhauslaͤrm rettete ich mich in den histo¬ rischen Saal, nach jener Gnadenstelle, wo die hei¬ ligen Bilder des belvederischen Apoll's und der 9 mediceischen Venus neben einander stehen, und ich stuͤrzte zu den Fuͤßen der Schoͤnheitsgoͤttin, in ih¬ rem Anblick vergaß ich all das wuͤste Treiben, dem ich entronnen, meine Augen tranken entzuͤckt das Ebenmaß und die ewige Lieblichkeit ihres hochge¬ benedeiten Leibes, griechische Ruhe zog durch meine Seele, und uͤber mein Haupt, wie himm¬ lischen Seegen, goß seine suͤßesten Lyraklaͤnge Phoͤ¬ bus Apollo. Erwachend hoͤrte ich noch immer ein freundli¬ ches Klingen. Die Heerden zogen auf die Weide und es laͤuteten ihre Gloͤckchen. Die liebe, gol¬ dene Sonne schien durch das Fenster und beleuch¬ tete die Schildereyen an den Waͤnden des Zim¬ mers. Es waren Bilder aus dem Befreyungs¬ kriege, worauf treu dargestellt stand, wie wir alle Helden waren, dann auch Hinrichtungs-Scenen aus der Revolutionszeit, Ludwig XVI . auf der Guillo¬ tine, und aͤhnliche Kopfabschneidereyen, die man gar nicht ansehen kann, ohne Gott zu danken, daß man ruhig im Bette liegt, und guten Kaffee trinkt und den Kopf noch so recht comfortabel auf den Schultern sitzen hat. Auch hingen noch an der Wand Abeillard und Heloise, einige franzoͤsische Tu¬ genden, naͤmlich leere Maͤdchengesichter, worunter sehr kalligraphisch la prudence, la timidité, la pitié etc. geschrieben war, und endlich eine Ma¬ donna, so schoͤn, so lieblich, so hingebend fromm, daß ich das Original, das dem Maler dazu geses¬ sen hat, aufsuchen und zu meinem Weibe machen moͤchte. Freylich, so bald ich mal mit dieser Ma¬ donna verheirathet waͤre, wuͤrde ich sie bitten, allen fernern Umgang mit dem heiligen Geiste aufzugeben, indem es mir gar nicht lieb seyn moͤchte, wenn mein Kopf, durch Vermittlung meiner Frau, einen Heili¬ genschein, oder irgend eine andre Verzierung gewoͤnne. Nachdem ich Kaffee getrunken, mich angezogen, die Inschriften auf den Fensterscheiben gelesen, und alles im Wirthshause berichtigt hatte, verließ ich Osterode. Diese Stadt hat so und so viel Haͤuser, ver¬ schiedene Einwohner, worunter auch mehrere See¬ len, wie in Gottschalk's „Taschenbuch fuͤr Harzrei¬ sende” genauer nachzulesen ist. Ehe ich die Land¬ straße einschlug, bestieg ich die Truͤmmer der uralten Osteroder Burg. Sie bestehen nur noch aus der Haͤlfte eines großen, dickmaurigen, wie von Krebs¬ schaͤden angefressenen Thurms. Der Weg nach Clausthal fuͤhrte mich wieder bergauf, und von ei¬ ner der ersten Hoͤhen schaute ich nochmals hinab in das Thal, wo Osterode mit seinen rothen Daͤchern aus den gruͤnen Tannenwaͤldern hervor guckt, wie eine Moosrose. Die Sonne gab eine gar liebe, kindliche Beleuchtung. Von der erhaltenen Thurm¬ haͤlfte erblickt man hier die imponirende Ruͤckseite. Es liegen noch viele andre Burgruinen in die¬ ser Gegend. Der Hardenberg bey Noͤrten ist die schoͤnste. Wenn man auch, wie es sich gebuͤhrt, das Herz auf der linken Seite hat, auf der libe¬ ralen, so kann man sich doch nicht aller elegischen Gefuͤhle erwehren, bey'm Anblick der Felsennester jener privilegirten Raubvoͤgel, die auf ihre schwaͤch¬ liche Nachbrut bloß den starken Appetit vererbten. Und so ging es auch mir diesen Morgen. Mein Gemuͤth war, je mehr ich mich von Goͤttingen entfernte, allmaͤhlig aufgethaut, wieder wie sonst wurde mir romantisch zu Sinn, und wandernd dichtete ich folgendes Lied: Steiget auf, Ihr alten Traͤume! Oeffne dich, du Herzensthor! Liederwonne, Wehmuthsthraͤnen, Stroͤmen wunderbar hervor. Durch die Tannen will ich schweifen, Wo die muntre Quelle springt, Wo die stolzen Hirsche wandeln, Wo die liebe Drossel singt. Auf die Berge will ich steigen, Auf die schroffen Felsenhoͤh'n, Wo die grauen Schloßruinen In dem Morgenlichte stehn. Dorten setz' ich still mich nieder Und gedenke alter Zeit, Alter bluͤhender Geschlechter Und versunk'ner Herrlichkeit. Gras bedeckt jetzt den Turnierplatz, Wo gekaͤmpft der stolze Mann, Der die Besten uͤberwunden Und des Kampfes Preis gewann. Epheu rankt an dem Balkone, Wo die schoͤne Dame stand, Die den stolzen Ueberwinder Mit den Augen uͤberwand. Ach! den Sieger und die Sieg'rin Hat besiegt des Todes Hand. — Jener duͤrre Sensenritter Streckt uns Alle in den Sand! Nachdem ich eine Strecke gegangen, traf ich zusammen mit einem reisenden Handwerksburschen, der von Braunschweig kam, und mir als ein dor¬ tiges Geruͤcht erzaͤhlte: der junge Herzog sey auf dem Wege nach dem gelobten Lande von den Tuͤr¬ ken gefangen worden, und koͤnne nur gegen ein gro¬ ßes Loͤsegeld frei kommen. Die große Reise des Herzogs mag diese Sage veranlaßt haben. Das Volk hat noch immer den traditionell fabelhaften Ideengang, der sich so lieblich ausspricht in seinem „Herzog Ernst.“ Der Erzaͤhler jener Neuigkeit war ein Schneidergesell, ein niedlicher, kleiner jun¬ ger Mensch, so duͤnn, daß die Sterne durchschim¬ mern konnten, wie durch Ossian's Nebelgeister, und im Ganzen eine volksthuͤmlich barocke Mischung von Laune und Wehmuth. Dieses aͤußerte sich be¬ sonders in der drollig ruͤhrenden Weise, womit er das wunderbare Volkslied sang: „Ein Kaͤfer auf dem Zaune saß, summ, summ!“ Das ist schoͤn bey uns Deutschen; Keiner ist so verruͤckt, daß er nicht einen noch Verruͤckteren faͤnde, der ihn ver¬ steht. Nur ein Deutscher kann jenes Lied nach¬ empfinden, und sich dabey todtlachen und todtweinen. Wie tief das Goethesche Wort in's Leben des Volks gedrungen, bemerkte ich auch hier. Mein duͤnner Weggenosse trillerte ebenfalls zuweilen vor sich hin: „Leidvoll und freudvoll, Gedanken sind frei!“ Solche Corruption des Textes ist bey'm Volke etwas Gewoͤhnliches. Er sang auch ein Lied, wo „Lottchen bey dem Grabe ihres Werthers“ trauert. Der Schneider zerfloß vor Sentimentalitaͤt bey den Worten: „Einsam wein' ich an der Rosen¬ quelle, wo uns oft der spaͤte Mond belauscht! Jam¬ mernd irr' ich an der Silberquelle, die uns lieblich Wonne zugerauscht.“ Aber bald darauf ging er in Muthwillen uͤber, und erzaͤhlte mir: „Wir ha¬ ben einen Preußen in der Herberge zu Cassel, der eben solche Lieder selbst macht; er kann keinen seli¬ gen Stich naͤhen; hat er einen Groschen in der Tasche, so hat er fuͤr zwey Groschen Durst, und wenn er im Thran ist, haͤlt er den Himmel fuͤr ein blaues Camisol, und weint wie eine Dachtraufe, und singt ein Lied mit der doppelten Poesie!“ Von letzrerem Ausdruck wuͤnschte ich eine Erklaͤrung, aber mein Schneiderlein, mit seinen Ziegenhainer Beinchen, huͤpfte hin und her und rief bestaͤndig: „Die doppelte Poesie ist die doppelte Poesie!“ End¬ lich brachte ich es heraus, daß er doppelt gereimte Gedichte, namentlich Stanzen, im Sinne hatte. — Unterdeß, durch die große Bewegung und durch den contrairen Wind, war der Ritter von der Nadel sehr muͤde geworden. Er machte freilich noch einige große Anstalten zum Gehen und bramarba¬ sirte: „Jetzt will ich den Weg zwischen die Beine nehmen!“ Doch bald klagte er, daß er sich Bla¬ sen unter die Fuͤße gegangen, und die Welt viel zu weitlaͤuftig sey; und endlich, bey einem Baum¬ stamme, ließ er sich sachte niedersinken, bewegte sein zartes Haͤuptlein wie ein betruͤbtes Laͤmmer¬ schwaͤnzchen, und wehmuͤthig laͤchelnd rief er: „Da bin ich armes Schindluderchen schon wieder ma¬ rode!“ Die Berge wurden hier noch steiler, die Tan¬ nenwaͤlder wogten unten wie ein gruͤnes Meer, und am blauen Himmel oben schifften die weißen Wolken. Die Wildheit der Gegend war durch ihre Einheit und Einfachheit gleichsam gezaͤhmt. Wie ein guter Dichter liebt die Natur keine schrof¬ fen Uebergaͤnge. Die Wolken, so bizarr gestaltet sie auch zuweilen erscheinen, tragen ein weißes, oder doch ein mildes, mit dem blauen Himmel und der gruͤnen Erde harmonisch correspondirendes Co¬ lorit, so daß alle Farben einer Gegend wie leise Musik ineinander schmelzen, und jeder Natur-An¬ blick krampfstillend und gemuͤthberuhigend wirkt. — Der selige Hoffmann wuͤrde die Wolken buntscheckig bemalt haben. — Eben wie ein großer Dichter weiß die Natur auch mit den wenigsten Mitteln die groͤßten Effekte hervor zu bringen. Da sind nur eine Sonne, Baͤume, Blumen, Wasser und Liebe. Freilich, fehlt letztere im Herzen des Be¬ schauers, so mag das Ganze wohl einen schlechten Anblick gewaͤhren, und die Sonne hat dann blos so und so viel Meilen im Durchmesser, und die Baͤume sind gut zum Einheizen, und die Blumen werden nach den Staubfaͤden classifizirt, und das Wasser ist naß. — **! — Ein kleiner Junge, der fuͤr seinen kranken Oheim im Walde Reisig suchte, zeigte mir das Dorf Lerrbach, dessen kleine Huͤtten, mit grauen Daͤchern, sich uͤber eine halbe Stunde durch das Thal hinziehen. „Dort,“ sagte er, „wohnen dumme Kropf-Leute und weiße Mohren.“ — mit letzterem Namen werden die Albi¬ nos vom Volke benannt. Der kleine Junge stand mit den Baͤumen in gar eigenem Einverstaͤndniß; er gruͤßte sie wie gute Bekannte, und sie schienen rauschend seinen Gruß zu erwiedern. Er pfiff wie ein Zeisig, ringsum antworteten zwitschernd die an¬ dern Voͤgel, und ehe ich mich dessen versah, war er mit seinen nackten Fuͤßchen und seinem Buͤndel Reisig in's Walddickigt fortgesprungen. Die Kin¬ der, dacht' ich, sind juͤnger als wir, koͤnnen sich noch erinnern, wie sie ebenfalls Baͤume oder Voͤ¬ gel waren, und sind also noch im Stande, diesel¬ ben zu verstehen; unsereins aber ist schon alt und hat zu viel Sorgen, Jurisprudenz und schlechte Verse im Kopf. Jene Zeit, wo es anders war, trat mir bey meinem Eintritt in Clausthal wieder recht lebhaft in's Gedaͤchtniß. In dieses nette Bergstaͤdtchen, welches man nicht fruͤher erblickt, als bis man davor steht, gelangte ich, als eben die Glocke zwoͤlf schlug und die Kinder jubelnd aus der Schule kamen. Die lieben Knaben, fast alle rothbaͤckig, blauaͤugig und flachshaarig, jubelten und jauchzten, und weckten in mir die wehmuͤthig heitere Erinnerung, wie ich einst selbst, als ein kleines Buͤbchen, in einer dumpfkatholischen Klo¬ sterschule zu Duͤsseldorf den ganzen lieben Vormit¬ tag von der hoͤlzernen Bank nicht aufstehen durfte, und so viel Latein, Pruͤgel und Geographie aus¬ stehen mußte, und dann ebenfalls unmaͤßig jauchzte und jubelte, wenn die alte Franziskanerglocke end¬ lich zwoͤlf schlug. Die Kinder sahen an meinem Ranzen, daß ich ein Fremder sey, und gruͤßten mich recht gastfreundlich. Einer der Knaben er¬ zaͤhlte mir, sie haͤtten eben Religions-Unterricht ge¬ habt, und er zeigte mir den Koͤnigl. Hannoͤv. Ka¬ techismus, nach welchem man ihnen das Christen¬ thum abfragt. Dieses Buͤchlein war sehr schlecht gedruckt, und ich fuͤrchte, die Glaubenslehren ma¬ chen dadurch schon gleich einen unerfreulichen Ein¬ druck auf die Gemuͤther der Kinder; wie es mir denn auch erschrecklich mißfiel, daß das Ein-mal- Eins, welches doch mit der heiligen Dreyheitslehre bedenklich collidirt, im Catechismus selbst, und zwar auf dem letzten Blatte desselben, abgedruckt ist, und die Kinder dadurch schon fruͤhzeitig zu suͤnd¬ haften Zweifeln verleitet werden koͤnnen. Da sind wir im Preußischen viel kluͤger, und bey unserem Eifer zur Bekehrung jener Leute, die sich so gut auf's Rechnen verstehen, huͤten wir uns wohl, das Ein-mal-Eins hinter den Katechismus abdrucken zu lassen. In der “Krone” zu Clausthal hielt ich Mit¬ tag. Ich bekam fruͤhlingsgruͤne Petersiliensuppe, veilchenblauen Kohl, einen Kalbsbraten, groß wie der Chimborasso in Miniatur, so wie auch eine Art geraͤucherter Heringe, die Buͤckinge heißen, nach dem Namen ihres Erfinders, Wilhelm Buͤcking, der 1447 gestorben, und um jener Erfindung willen von Carl V . so verehrt wurde, daß derselbe anno 1556 von Middelburg nach Bievlied in Seeland reiste, bloß um dort das Grab dieses großen Man¬ nes zu sehen. Wie herrlich schmeckt doch solch ein Gericht, wenn man die historischen Notizen dazu weiß und es selbst verzehrt! Nur der Kaffee nach Tische wurde mir verleidet, indem sich ein junger Mensch diskursirend zu mir setzte und so entsetzlich schwadronirte, daß mir die Milch auf dem Tische sauer wurde. Es war ein junger Handlungsbeflisse¬ ner mit fuͤnf und zwanzig bunten Westen und eben so viel goldenen Petschaften, Ringen, Brustnadeln u. s. w. Er sah aus wie ein Affe, der eine rothe Jacke angezogen hat und nun zu sich selber sagt: Kleider machen Leute. Eine ganze Menge Chara¬ den wußte er auswendig, so wie auch Anecdoten, die er immer da anbrachte, wo sie am wenigsten pa߬ ten. Er fragte mich, was es in Goͤttingen Neues gaͤbe, und ich erzaͤhlte ihm: daß vor meiner Ab¬ reise von dort ein Decret des academischen Senats erschienen, worin bey drey Thaler Strafe verboten wird, den Hunden die Schwaͤnze abzuschneiden, indem die tollen Hunde in den Hundstagen die Schwaͤnze zwischen den Beinen tragen, und man sie dadurch von den Nicht-Tollen unterscheidet, was doch nicht geschehen koͤnnte, wenn sie gar keine Schwaͤnze haben. — Nach Tische machte ich mich auf den Weg, die Gruben, die Silberhuͤtten und die Muͤnze zu besuchen. In den Silberhuͤtten habe ich, wie oft im Le¬ ben, den Silberblick verfehlt. In der Muͤnze traf ich es schon besser, und konnte zusehen, wie das Geld gemacht wird. Freylich, weiter hab' ich es auch nie bringen koͤnnen. Ich hatte bey solcher Gelegenheit immer das Zusehen, und ich glaube, wenn mal die Thaler vom Himmel herunter reg¬ neten, so bekaͤme ich davon nur Loͤcher in den Kopf, waͤhrend die Kinder Israel die silberne Manna mit lustigem Muthe einsammeln wuͤrden. Mit einem Gefuͤhle, worin gar komisch Ehrfurcht und Ruͤhrung gemischt waren, betrachtete ich die neugebornen, blanken Thaler, nahm einen, der eben vom Praͤgstocke kam, in die Hand, und sprach zu ihm: junger Thaler! welche Schicksale erwar¬ ten dich! wie viel Gutes und wie viel Boͤses wirst du stiften! wie wirst du das Laster beschuͤtzen und die Tugend flicken, wie wirst du geliebt und dann wieder verwuͤnscht werden! wie wirst du schwelgen, kuppeln, luͤgen und morden helfen! wie wirst du rastlos umherirren, durch reine und schmutzige Haͤnde, jahrhundertelang, bis du endlich, schuldbe¬ laden und suͤndenmuͤd, versammelt wirst zu den Deinigen im Schooße Abrahams, der dich einschmelzt und laͤutert und umbildet zu einem neuen besseren Seyn, vielleicht gar zu einem unschuldigen Thee¬ loͤffelchen, womit einst mein eignes Ur-Urenkelchen sein liebes Breysuͤppchen zurechtmatscht. Das Befahren der zwey vorzuͤglichsten Claus¬ thaler Gruben, der „Dorothea“ und „Carolina,“ fand ich sehr interessant und ich muß ausfuͤhrlich davon erzaͤhlen. Eine halbe Stunde vor der Stadt gelangt man zu zwey großen schwaͤrzlichen Gebaͤuden. Dort wird man gleich von den Bergleuten in Empfang genommen. Diese tragen dunkle, gewoͤhnlich stahl¬ blaue, weite, bis uͤber den Bauch herabhaͤngende Jacken, Hosen von aͤhnlicher Farbe, ein hinten auf¬ gebundenes Schurzfell und kleine gruͤne Filzhuͤte, ganz randlos, wie ein abgekappter Kegel. In eine solche Tracht, bloß ohne Hinterleder, wird der Be¬ suchende ebenfalls eingekleidet, und ein Bergmann, ein Steiger, nachdem er sein Grubenlicht angezuͤn¬ det, fuͤhrt ihn nach einer dunkeln Oeffnung, die wie ein Kaminfegeloch aussieht, steigt bis an die Brust hinab, giebt Regeln, wie man sich an den Leitern fest zu halten habe, und bittet angstlos zu folgen. Die Sache selbst ist nichts weniger als gefaͤhrlich; aber man glaubt es nicht im Anfang, wenn man gar nichts vom Bergwerkswesen versteht. Es giebt schon eine eigene Empfindung, daß man sich ausziehen und die dunkle Delinquenten-Tracht anziehen muß. Und nun soll man auf allen Vie¬ ren hinab klettern, und das dunkle Loch ist so dun¬ kel, und Gott weiß, wie lang die Leiter seyn mag. Aber bald merkt man doch, daß es nicht eine ein¬ zige, in die schwarze Ewigkeit hinablaufende Leiter ist, sondern daß es mehrere von funfzehn bis zwan¬ zig Sprossen sind, deren jede auf ein kleines Brett fuͤhrt, worauf man stehen kann, und worin wieder 10 ein neues Loch nach einer neuen Leiter hinableitet. Ich war zuerst in die Carolina gestiegen. Das ist die schmutzigste und unerfreulichste Carolina, die ich je kennen gelernt habe. Die Leitersprossen sind kothignaß. Und von einer Leiter zur andern geht's hinab, und der Steiger voran, und dieser betheu¬ ert immer: es sey gar nicht gefaͤhrlich, nur muͤsse man sich mit den Haͤnden fest an den Sprossen halten, und nicht nach den Fuͤßen sehen, und nicht schwindlich werden, und nur bey Leibe nicht auf das Seitenbrett treten, wo jetzt das schnurrende Tonnenseil heraufgeht, und wo, vor vierzehn Ta¬ gen, ein unvorsichtiger Mensch hinunter gestuͤrzt und leider den Hals gebrochen. Da unten ist ein verworrenes Rauschen und Summen, man stoͤßt bestaͤndig an Balken und Seile, die in Bewegung sind, um die Tonnen mit geklopften Erzen, oder das hervorgesinterte Wasser, herauf zu winden. Zu¬ weilen gelangt man auch in durchgehauene Gaͤnge, Stollen genannt, wo man das Erz wachsen sieht, und wo der einsame Bergmann den ganzen Tag sitzt und muͤhsam mit dem Hammer die Erzstuͤcke aus der Wand heraus klopft. Bis in die unterste Tiefe, wo man, wie Einige behaupten, schon hoͤren kann, wie die Leute in Amerika „ Hurrah Lafayette !“ schreien, bin ich nicht gekommen; unter uns ge¬ sagt, dort, bis wohin ich kam, schien es mir bereits tief genug: — immerwaͤhrendes Brausen und Sau¬ sen, unheimliche Maschinen-Bewegung, unterir¬ disches Quellen-Geriesel, von allen Seiten herab¬ triefendes Wasser, qualmig aufsteigende Erdduͤnste, und das Grubenlicht immer bleicher hinein flim¬ mernd in die einsame Nacht. Wirklich, es war betaͤubend, das Athmen wurde mir schwer, und mit Muͤhe hielt ich mich an den glitschrigen Lei¬ tersprossen. Ich habe keinen Anflug von sogenann¬ ter Angst empfunden, aber, seltsam genug, dort unten in der Tiefe erinnerte ich mich, daß ich im vorigen Jahr, ungefaͤhr um dieselbe Zeit, einen Sturm auf der Nord-See erlebte, und ich meinte jetzt, es sey doch eigentlich recht traulich angenehm, wenn das Schiff hin und her schaukelt, die Winde ihre Trompeter-Stuͤckchen losblasen, zwischen drein der lustige Matrosen-Laͤrmen erschallt, und Alles frisch uͤberschauert wird von Gottes lieber, freier Luft. Ja, Luft! — Nach Luft schnappend stieg ich einige Dutzend Leitern wieder in die Hoͤhe, und mein Steiger fuͤhrte mich durch einen schmalen, sehr langen, in den Berg gehauenen Gang nach der Grube Dorothea. Hier ist es luftiger und frischer, und die Leitern sind reiner, aber auch laͤnger und steiler als in der Carolina. Hier wurde mir auch besser zu Muthe, besonders da ich wieder Spuren lebendiger Menschen gewahrte. In der Tiefe zeig¬ ten sich naͤmlich wandelnde Schimmer; Bergleute mit ihren Grubenlichtern kamen allmaͤhlig in die Hoͤhe, mit dem Gruße “Gluͤckauf!” und mit dem¬ selben Wiedergruße von unserer Seite stiegen sie an uns voruͤber; und wie eine befreundet ruhige, und doch zugleich quaͤlend raͤthselhafte Erinnerung, trafen mich, mit ihren tiefsinnig klaren Blicken, die ernstfrommen, etwas blassen, und vom Grubenlicht geheimnißvoll beleuchteten Gesichter dieser, theils jungen, theils alten Maͤnner, die in ihren dunkeln, einsamen Bergschachten den ganzen Tag gearbeitet hatten, und sich jetzt hinauf sehnten nach dem lieben Tageslicht, und nach den Augen von Weib und Kind. Mein Cicerone selbst war eine kreuzehrliche, pu¬ deldeutsche Natur. Mit innerer Freudigkeit zeigte er mir jene Stolle, wo der Herzog von Cambridge, als er die Grube befahren, mit seinem ganzen Gefolge gespeist hat, und wo noch der lange hoͤlzerne Spei¬ setisch steht, so wie auch der große Stuhl von Erz, worauf der Herzog gesessen. Dieser bleibe zum ewi¬ gen Andenken stehen, sagte der gute Bergmann, und mit Feuer erzaͤhlte er: wie viele Festlichkeiten da¬ mals statt gefunden, wie der ganze Stollen mit Lich¬ tern, Blumen und Laubwerk verziert gewesen, wie ein Bergknappe die Zitter gespielt und gesungen, wie der vergnuͤgte liebe, dicke Herzog sehr viele Gesundhei¬ ten ausgetrunken habe, und wie viele Bergleute, und er selbst ganz besonders, sich gern wuͤrden tod¬ schlagen lassen fuͤr den lieben, dicken Herzog und das ganze Haus Hannover. — Innig ruͤhrt es mich jedesmal, wenn ich sehe, wie sich dieses Gefuͤhl der Unterthanstreue in seinen einfachen Naturlauten ausspricht. Es ist ein so schoͤnes Gefuͤhl! Und es ist ein so wahrhaft deutsches Gefuͤhl! Andere Voͤl¬ ker moͤgen gewandter seyn, und witziger und ergoͤtz¬ licher, aber keines ist so treu, wie das treue deut¬ sche Volk. Wuͤßte ich nicht, daß die Treue so alt ist, wie die Welt, so wuͤrde ich glauben, ein deut¬ sches Herz habe sie erfunden. Deutsche Treue! sie ist keine moderne Adressen-Floskel. An Euren Hoͤ¬ fen, Ihr deutschen Fuͤrsten, sollte man singen und wieder singen das Lied vom getreuen Eckart und vom boͤsen Burgund, der ihm die lieben Kinder toͤdten lassen, und ihn alsdann doch noch immer treu befunden hat. Ihr habt das treueste Volk, und Ihr irrt, wenn Ihr glaubt: der alte, verstaͤndige, treue Hund sey ploͤtzlich toll geworden, und schnappe nach Euren geheiligten Waden. Wie die deutsche Treue hatte uns jetzt das kleine Grubenlicht, ohne viel Geflacker, still und sicher ge¬ leitet durch das Labyrinth der Schachten und Stol¬ len; wir stiegen hervor aus der dumpfigen Berg¬ nacht, das Sonnenlicht strahlt' — Gluͤck auf! Die meisten Berg-Arbeiter wohnen in Clausthal und in dem damit verbundenen Bergstaͤdtchen Zeller¬ feld. Ich besuchte mehrere dieser wackern Leute, betrachtete ihre kleine haͤusliche Einrichtung, hoͤrte einige ihrer Lieder, die sie mit der Zitter, ihrem Lieblings-Instumente, gar huͤbsch begleiten, ließ mir alte Bergmaͤhrchen von ihnen erzaͤhlen, und auch die Gebete hersagen, die sie in Gemeinschaft zu hal¬ ten pflegen, ehe sie in den dunkeln Schacht hinun¬ ter steigen, und manches gute Gebet habe ich mit gebetet. Ein alter Steiger meinte sogar, ich sollte bey ihnen bleiben und Bergmann werden; und als ich dennoch Abschied nahm, gab er mir einen Auftrag an seinen Bruder, der in der Naͤhe von Goslar wohnt, und viele Kuͤsse fuͤr seine liebe Nichte. So stillstehend ruhig auch das Leben dieser Leute erscheint, so ist es dennoch ein wahrhaftes, lebendi¬ ges Leben. Die steinalte, zitternde Frau, die, dem großen Schranke gegenuͤber, hinter'm Ofen saß, mag dort schon ein Viertel-Jahrhundert lang gesessen ha¬ ben, und ihr Denken und Fuͤhlen ist gewiß innig verwachsen mit allen Ecken dieses Ofens und allen Schnitzeleien dieses Schrankes. Und Schrank und Öfen leben, denn ein Mensch hat ihnen einen Theil seiner Seele eingefloͤßt. Nur durch solch tiefes Anschauungsleben, durch die “Unmittelbarkeit” entstand die deutsche Maͤhr¬ chen-Fabel, deren Eigenthuͤmlichkeit darin besteht, daß nicht nur die Thiere und Pflanzen, sondern auch ganz leblos scheinende Gegenstaͤnde sprechen und handeln. Sinnigem, harmlosen Volke, in der stil¬ len, umfriedeten Heimlichkeit seiner niedern Berg¬ oder Waldhuͤtten offenbarte sich das innere Leben solcher Gegenstaͤnde, diese gewannen einen nothwen¬ digen, consequenten Charakter, eine suͤße Mischung von phantastischer Laune und rein menschlicher Gesinnung; und so sehen wir im Maͤhrchen, wun¬ derbar und doch als wenn es sich von selbst ver¬ staͤnde: Naͤhnadel und Stecknadel kommen von der Schneider-Herberge und verirren sich im Dun¬ keln; Strohhalm und Kohle wollen uͤber den Bach setzen und verungluͤcken; Schippe und Besen stehen auf der Treppe und zanken und schmeißen sich; der befragte Spiegel zeigt das Bild der schoͤnsten Frau; sogar die Blutstropfen fangen an zu sprechen, bange, dunkle Worte des besorglichsten Mitleids. — Aus demselben Grunde ist unser Leben in der Kindheit so unendlich bedeutend, in jener Zeit ist uns Alles gleich wichtig, wir hoͤren Alles, wir sehen Alles, bey allen Eindruͤcken ist Gleichmaͤßigkeit, statt daß wir spaͤterhin absichtlicher werden, uns mit dem Einzelnen ausschließlicher beschaͤftigen, das klare Gold der Anschauung fuͤr das Papiergeld der Buͤ¬ cher-Definitionen muͤhsam einwechseln, und an Le¬ bensbreite gewinnen, was wir an Lebenstiefe ver¬ lieren. Jetzt sind wir ausgewachsene, vornehme Leute; wir beziehen oft neue Wohnungen, die Magd raͤumt taͤglich auf, und veraͤndert nach Gutduͤnken die Stellung der Moͤbeln, die uns wenig interessi¬ ren, da sie entweder neu sind, oder heute dem Hans, morgen dem Isaak gehoͤren; selbst unsere Kleider bleiben uns fremd, wir wissen kaum, wie viel Knoͤpfe an dem Rocke sitzen, den wir eben jetzt auf dem Leibe tragen; wir wechseln ja so oft als moͤglich mit Kleidungsstuͤcken, keines derselben bleibt im Zusammenhange mit unserer inneren und aͤuße¬ ren Geschichte; — kaum vermoͤgen wir uns zu er¬ innern, wie jene braune Weste aussah, die uns einst so viel Gelaͤchter zugezogen hat, und auf deren breiten Streifen dennoch die liebe Hand der Ge¬ liebten so lieblich ruhte! Die alte Frau, dem großen Schrank gegenuͤber, hinter'm Ofen, trug einen gebluͤmten Rock von verschollenem Zeuge, das Brautkleid ihrer seligen Mutter. Ihr Urenkel, ein als Bergmann geklei¬ deter, blonder, blitzaͤugiger Knabe, saß zu ihren Fuͤßen und zaͤhlte die Blumen ihres Rockes, und sie mag ihm von diesem Rocke wohl schon viele Geschichten erzaͤhlt haben, viele ernsthafte, huͤbsche Geschichten, die der Junge gewiß nicht so bald vergißt, die ihm noch oft vorschweben werden, wenn er bald, als ein erwachsener Mann, in den naͤchtlichen Stollen der Carolina einsam arbeitet, und die er vielleicht wieder erzaͤhlt, wenn die liebe Großmutter laͤngst todt ist, und er selber, ein silber¬ haariger, erloschener Greis, im Kreise seiner En¬ kel sitzt, dem großen Schranke gegenuͤber, hin¬ ter'm Ofen. Ich blieb die Nacht ebenfalls in der Krone, wo unterdessen auch der Hofrath B. aus Goͤttingen angekommen war. Ich hatte das Vergnuͤgen, dem alten Herrn meine Aufwartung zu machen; er ge¬ dachte ebenfalls den andern Tag nach Goslar zu reisen. Als ich mich in's Fremdenbuch einschrieb und im Monat Juli blaͤtterte, fand ich auch den vieltheuern Namen Adalbert von Chamisso, den Bio¬ graphen des unsterblichen Schlemiehl. Der Wirth erzaͤhlte mir: dieser Herr sey in einem unbeschreib¬ bar schlechten Wetter angekommen, und in einem eben so schlechten Wetter wieder abgereist. Den andern Morgen mußte ich meinen Ranzen nochmals erleichtern, das eingepackte Paar Stie¬ fel warf ich uͤber Bord, und ich hob auf meine Fuͤße und ging nach Goslar. Ich kam dahin, ohne zu wissen wie. Nur so viel kann ich mich erin¬ nern: ich schlenderte wieder bergauf, bergab, schaute hinunter in manches huͤbsche Wiesenthal; silberne Wasser brausten, suͤße Waldvoͤgel zwitscherten, die Heerdengloͤckchen laͤuteten, die mannigfaltig gruͤnen Baͤume wurden von der lieben Sonne goldig an¬ gestrahlt, und oben war die blauseidene Decke des Himmels so durchsichtig, daß man tief hinein schauen konnte, bis in's Allerheiligste, wo die En¬ gel zu den Fuͤßen Gottes sitzen, und in den Zuͤgen seines Antlitzes den Generalbaß studieren. Ich aber lebte noch in dem Traum der vorigen Nacht, den ich nicht aus meiner Seele verscheuchen konnte. Es war das alte Maͤhrchen, wie ein Ritter hinab steigt in einen tiefen Brunnen, wo unten die schoͤnste Prinzessin zu einem starren Zauberschlafe verwuͤnscht ist. Ich selbst war der Ritter, und der Brunnen die dunkle Clausthaler Grube, und ploͤtzlich erschienen viele Lichter, aus allen Seiten¬ loͤchern stuͤrzten die wachsamen Zwerglein, schnitten zornige Gesichter, hieben nach mir mit ihren kur¬ zen Schwerdtern, bliesen gellend in's Horn, daß immer mehr und mehre herzu eilten, und es wackelten entsetzlich ihre breiten Haͤupter. Wie ich darauf zuschlug und das Blut heraus floß, merkte ich erst, daß es die rothbluͤhenden, langbaͤrtigen Distelkoͤpfe waren, die ich den Tag vorher an der Landstraße mit dem Stocke abgeschlagen hatte. Da waren sie auch gleich alle verscheucht, und ich gelangte in einen hellen Prachtsaal; in der Mitte stand, weiß verschleiert, und wie eine Bildsaͤule starr und regungslos, die Herzgeliebte, und ich kuͤßte ihren Mund, und, bey'm lebendigen Gott! ich fuͤhlte den beseligenden Hauch ihrer Seele und das suͤße Be¬ ben der lieblichen Lippen. Es war mir, als hoͤrte ich, wie Gott rief: “Es werde Licht!” blendend schoß herab ein Strahl des ewigen Lichts; aber in demselben Augenblick wurde es wieder Nacht, und Alles rann chaotisch zusammen in ein wildes, wuͤstes Meer. Ein wildes, wuͤstes Meer! uͤber das gaͤh¬ rende Wasser jagten aͤngstlich die Gespenster der Verstorbenen, ihre weißen Todtenhemde flatterten im Winde, hinter ihnen her, hetzend, mit klat¬ schender Peitsche, lief ein buntscheckiger Harlequin, und dieser war ich selbst — und ploͤtzlich, aus den dunkeln Wellen, reckten die Meerungethuͤme ihre mißgestalteten Haͤupter, und langten nach mir mit ausgebreiteten Krallen, und vor Entsetzen er¬ wacht' ich. Wie doch zuweilen die allerschoͤnsten Maͤhrchen verdorben werden! Eigentlich muß der Ritter, wenn er die schlafende Prinzessin gefunden hat, ein Stuͤck aus ihrem kostbaren Schleier heraus schnei¬ den; und wenn durch seine Kuͤhnheit ihr Zauber¬ schlaf gebrochen ist, und sie wieder in ihrem Pal¬ last auf dem goldenen Stuhle sitzt, muß der Rit¬ ter zu ihr treten und sprechen: Meine allerschoͤnste Prinzessin, kennst du mich? Und dann antwortet sie: Mein allertapferster Ritter, ich kenne dich nicht. Und dieser zeigt ihr alsdann das aus ihrem Schleyer heraus geschnittene Stuͤck, das just in denselben wieder hineinpaßt, und Beyde umarmen sich zaͤrtlich, und die Trompeter blasen, und die Hochzeit wird gefeiert. Es ist wirklich ein eigenes Mißgeschick, daß meine Liebestraͤume selten ein so schoͤnes Ende nehmen. Der Name Goslar klingt so erfreulich, und es knuͤpfen sich daran so viele uralte Kaiser-Erin¬ nerungen, daß ich eine imposante, stattliche Stadt erwartete. Aber so geht es, wenn man die Be¬ ruͤhmten in der Naͤhe besieht! Ich fand ein Nest mit meistens schmalen, labyrinthisch krummen Straßen, allwo mittendurch ein kleines Wasser, wahrscheinlich die Gose, fließt, verfallen und dum¬ pfig, und ein Pflaster, so holprig wie Berliner Hexameter. Nur die Alterthuͤmlichkeiten der Einfas¬ sung, naͤmlich Reste von Mauern, Thuͤrmen und Zin¬ nen, geben der Stadt etwas Pikantes. Einer die¬ ser Thuͤrme, der Zwinger genannt, hat so dicke Mauern, daß ganze Gemaͤcher darin ausgehauen sind. Der Platz vor der Stadt, wo der weitbe¬ ruͤhmte Schuͤtzenhof gehalten wird, ist eine schoͤne große Wiese, ringsum hohe Berge. Der Markt ist klein, in der Mitte steht ein Springbrunnen, dessen Wasser sich in ein großes Metallbecken er¬ gießt. Bey Feuersbruͤnsten wird einige Mal daran geschlagen; es giebt dann einen weitschallenden Ton. Man weiß nichts vom Ursprunge dieses Beckens. Einige sagen, der Teufel habe es einst, zur Nacht¬ zeit, dort auf den Markt hingestellt. Damals waren die Leute noch dumm, und der Teufel war auch dumm, und sie machten sich wechselseitig Ge¬ schenke. Das Rathhaus zu Goslar ist eine weißangestri¬ chene Wachtstube. Das daneben stehende Gilden¬ haus hat schon ein besseres Ansehen. Ungefaͤhr von der Erde und vom Dach gleich weit entfernt stehen da die Standbilder deutscher Kaiser, raͤucherig schwarz und zum Theil vergoldet, in der einen Hand das Scepter, in der andern die Weltkugel; sehen aus wie gebratene Universitaͤts-Pedelle. Einer die¬ ser Kaiser haͤlt ein Schwerdt, statt des Scepters. Ich konnte nicht errathen, was dieser Unterschied sagen soll; und es hat doch gewiß seine Bedeutung, da die Deutschen die merkwuͤrdige Gewohnheit ha¬ ben, daß sie bey Allem, was sie thun, sich auch etwas denken. In Gottschalk's “Handbuch” hatte ich von dem uralten Dom und von dem beruͤhmten Kaiserstuhl zu Goslar viel gelesen. Als ich aber Beides be¬ sehen wollte, sagte man mir: der Dom sey nieder¬ gerissen und der Kaiserstuhl nach Berlin gebracht worden. So wird einst der Wanderer nach Europa kommen und vergebens nach Deutschland fragen. Unsre lanzenkundigen Freunde werden es eingesteckt und fortgeschleppt haben, unter ihren hohen Saͤt¬ teln. Wir leben in einer bedeutungschweren Zeit; tausendjaͤhrige Dome werden abgebrochen, und Kai¬ serstuͤhle in die Rumpelkammer geworfen. Einige Merkwuͤrdigkeiten des seligen Doms sind jetzt in der Stephanskirche aufgestellt. Glasmale¬ reien, die wunderschoͤn sind, einige schlechte Ge¬ maͤlde, worunter auch ein Lucas Cranach seyn soll, 11 ferner ein hoͤlzener Christus am Kreuz, und ein heid¬ nischer Opfer-Altar aus unbekanntem Metall; er hat die Gestalt einer laͤnglich viereckigen Lade, und wird von vier Caryatiden getragen, die, in geduck¬ ter Stellung, die Haͤnde stuͤtzend uͤber dem Kopfe halten, und unerfreulich haͤßliche Gesichter schnei¬ den. Indessen noch unerfreulicher ist das dabeiste¬ hende, schon erwaͤhnte, große hoͤlzerne Crucifix. Dieser Christuskopf, mit natuͤrlichen Haaren und Dornen und blutbeschmiertem Gesichte, zeigt freilich hoͤchst meisterhaft das Hinsterben eines Menschen, aber nicht eines gottgebornen Heilands. Nur das materielle Leiden ist in dieses Gesicht hinein ge¬ schnitzelt, nicht die Poesie des Schmerzes. Solch Bild gehoͤrt eher in einen anatomischen Lehrsaal, als in ein Gotteshaus. Die kunsterfahrene Frau Kuͤsterin, die mich herum fuͤhrte, zeigte mir noch, als ganz besondere Raritaͤt, ein vieleckiges, wohl¬ gehobeltes, schwarzes, mit weißen Zahlen bedecktes Stuͤck Holz, das ampelartig in der Mitte der Kirche haͤngt. O, wie glaͤnzend zeigt sich hier der Erfindungsgeist in der protestantischen Kirche! Denn, wer sollte dies denken! die Zahlen auf besagtem Stuͤck Holze sind die Psalm-Nummern, welche gewoͤhnlich mit Kreide auf einer schwarzen Tafel verzeichnet werden, und auf den aͤsthetischen Sinn etwas nuͤch¬ tern wirken, aber jetzt, durch obige Erfindung, so¬ gar zur Zierde der Kirche dienen, und die so oft darin vermißten Raphaelschen Bilder hinlaͤng¬ lich ersetzen. Solche Fortschritte freuen mich un¬ endlich, da ich, der ich Protestant und zwar Luthe¬ raner bin, immer tief betruͤbt worden, wenn katho¬ lische Gegner das leere, gottverlassene Ansehen pro¬ testantischer Kirchen bespoͤtteln konnten. Ich logirte in einem Gasthofe nahe dem Markte, wo mir das Mittagessen noch besser geschmeckt ha¬ ben wuͤrde, haͤtte sich nur nicht der Herr Wirth mit seinem langen, uͤberfluͤssigen Gesichte und sei¬ nen langweiligen Fragen zu mir hin gesetzt; gluͤck¬ licher Weise ward ich bald erloͤst durch die Ankunft eines andern Reisenden, der dieselben Fragen in der¬ selben Ordnung aushalten mußte: quis? quid? ubi? quibus auxiliis? cur? quomodo? quando? Dieser Fremde war ein alter, muͤder, abgetragener Mann, der, wie aus seinen Reden hervorging, die ganze Welt durchwandert, besonders lang auf Batavia gelebt, viel Geld erworben und wieder alles verlo¬ ren hatte, und jetzt, nach dreyzigjaͤhriger Abwe¬ senheit nach Quedlinburg, seiner Vaterstadt, zu¬ ruͤckkehrte, — “denn” setzte er hinzu, “unsre Familie hat dort ihr Erbbegraͤbniß.” Der Herr Wirth machte die sehr aufgeklaͤrte Bemerkung: daß es doch fuͤr die Seele gleichguͤltig sey, wo unser Leib begraben wird. “Haben Sie es schriftlich?” ant¬ wortete der Fremde, und dabey zogen sich unheim¬ lich schlaue Ringe um seine kuͤmmerlichen Lippen und verblichenen Aeugelein. “Aber” setzte er aͤngst¬ lich beguͤtigend hinzu, “ich will darum uͤber fremde Graͤber doch nichts boͤses gesagt haben; — die Tuͤr¬ ken begraben ihre Todten noch weit schoͤner als wir, ihre Kirchhoͤfe sind ordentlich Gaͤrten, und da sitzen sie auf ihren weißen, beturbanten Grabstei¬ nen, unter dem Schatten einer Zypresse, und strei¬ chen ihre ernsthaften Baͤrte, und rauchen ruhig ihren tuͤrkischen Tabak, aus ihren langen tuͤrkischen Pfeifen; — und bey den Chinesen gar ist es eine ordentliche Lust zuzusehen, wie sie auf den Ruhe¬ staͤtten ihrer Todten manierlich herumtaͤnzeln, und beten, und Thee trinken, und die Geige spielen, und die geliebten Graͤber gar huͤbsch zu verzieren wissen, mit allerley vergoldetem Lattenwerk, Porze¬ lan-Figuͤrchen, Fetzen von buntem Seidenzeug, kuͤnstlichen Blumen, und farbigen Laternchen — Al¬ les sehr huͤbsch — wie weit hab' ich noch bis Qued¬ linburg?” Der Kirchhof in Goslar hat mich nicht sehr angesprochen. Desto mehr aber jenes wunderschoͤne Lockenkoͤpfchen, das bey meiner Ankunft in der Stadt aus einem etwas hohen Parterre-Fenster laͤchelnd heraus schaute. Nach Tische suchte ich wieder das liebe Fenster; aber jetzt stand dort nur ein Wasserglas mit weißen Glockenbluͤmchen. Ich kletterte hinauf, nahm die artigen Bluͤmchen aus dem Glase, steckte sie ruhig auf meine Muͤtze, und kuͤmmerte mich wenig um die aufgesperrten Maͤuler, versteinerten Nasen und Glotzaugen, womit die Leute auf der Straße, besonders die alten Weiber, die¬ sem qualifizirten Diebstahle zusahen. Als ich eine Stunde spaͤter an demselben Hause vorbey ging, stand die Holde am Fenster, und wie sie die Glo¬ ckenbluͤmchen auf meiner Muͤtze gewahrte, wurde sie blutroth und stuͤrzte zuruͤck. Ich hatte jetzt das schoͤne Antlitz noch genauer gesehen; es war eine suͤße, durchsichtige Verkoͤrperung von Sommer-Abend¬ hauch, Mondschein, Nachtigallenlaut und Rosen¬ duft. — Spaͤter, als es ganz dunkel geworden, trat sie vor die Thuͤre. Ich kam — ich naͤherte mich — sie zieht sich langsam zuruͤck in den dunk¬ len Hausflur — ich fasse sie bey der Hand und sage: ich bin ein Liebhaber von schoͤnen Blumen und Kuͤssen, und was man mir nicht freiwillig giebt, das stehle ich — und ich kuͤßte sie rasch — und wie sie entfliehen will, fluͤstere ich beschwichtigend: mor¬ gen reis' ich fort und komme wohl nie wieder — und ich fuͤhle den geheimen Wiederdruck der lieb¬ lichen Lippen und der kleinen Haͤnde — und lachend eile ich von hinnen. Ja, ich muß lachen, wenn ich bedenke, daß ich unbewußt jene Zauberformel ausgesprochen, wodurch unsere Roth- und Blau¬ roͤcke, oͤfter als durch ihre schnurbaͤrtige Liebens¬ wuͤrdigkeit, die Herzen der Frauen bezwingen: „Ich reise morgen fort, und komme wohl nie wieder!“ Mein Logis gewaͤhrte eine herrliche Aussicht nach dem Rammesberg. Es war ein schoͤner Abend. Die Nacht jagte auf ihrem schwarzen Rosse, und die langen Maͤhnen flatterten im Winde. Ich stand am Fenster uud betrachtete den Mond. Giebt es wirklich einen Mann im Monde? Die Slaven sagen, er heiße Clotar, und das Wachsen des Mon¬ des bewirke er durch Wasser-Aufgießen. Als ich noch klein war, hatte ich gehoͤrt: Der Mond sey eine Frucht, die, wenn sie reif geworden, vom lie¬ ben Gott abgepfluͤckt, und, zu den uͤbrigen Voll¬ monden, in den großen Schrank gelegt werde, der am Ende der Welt steht, wo sie mit Brettern zu¬ genagelt ist. Als ich groͤßer wurde, bemerkte ich, daß die Welt nicht so eng begraͤnzt ist, und daß der menschliche Geist die hoͤlzernen Schranken durch¬ brochen, und mit einem riesigen Petri-Schluͤssel, mit der Idee der Unsterblichkeit, alle sieben Him¬ mel aufgeschlossen hat. Unsterblichkeit! schoͤner Ge¬ danke! wer hat dich zuerst erdacht? War es ein Nuͤrnberger Spießbuͤrger, der, mit weißer Nacht¬ muͤtze auf dem Kopfe und weißer Tonpfeife im Maule, am lauen Sommerabend vor seiner Haus¬ thuͤre saß, und recht behaglich meinte: es waͤre doch huͤbsch, wenn er nun so immer fort, ohne daß sein Pfeifchen und sein Lebensathemchen ausgingen, in die liebe Ewigkeit hineinvegetiren koͤnnte! Oder war es ein junger Liebender, der in den Armen sei¬ ner Geliebten jenen Unsterblichkeits-Gedanken dachte, und ihn dachte, weil er ihn fuͤhlte, und weil er nichts anders fuͤhlen und denken konnte! — Liebe! Unsterblichkeit! — in meiner Brust ward es ploͤtzlich so heiß, daß ich glaubte, die Geographen haͤtten den Aequator verlegt, und er laufe jetzt grade durch mein Herz. Und aus meinem Herzen ergossen sich die Gefuͤhle der Liebe, ergossen sich sehnsuͤchtig in die weite Nacht. Die Blumen im Garten unter meinem Fenster dufteten staͤrker. Duͤfte sind die Gefuͤhle der Blumen, und wie das Menschenherz, in der Nacht, wo es sich einsam und unbelauscht glaubt, staͤrker fuͤhlt, so scheinen auch die Blumen, sinnig verschaͤmt, erst die umhuͤllende Dunkelheit zu erwarten, um sich gaͤnzlich ihren Gefuͤhlen hinzuge¬ ben, und sie auszuhauchen in suͤßen Duͤften. — Ergießt Euch, Ihr Duͤfte meines Herzens! und sucht hinter jenen Bergen die Geliebte meiner Traͤume! Sie liegt jetzt schon und schlaͤft; zu ihren Fuͤßen knieen Engel, und wenn sie im Schlafe laͤchelt, so ist es ein Gebet, das die Engel nach¬ beten; in ihrer Brust liegt der Himmel mit allen seinen Seligkeiten, und wenn sie athmet, so bebt mein Herz in der Ferne; hinter den seidnen Wim¬ pern ihrer Augen ist die Sonne untergegangen, und wenn sie die Augen wieder aufschlaͤgt, so ist es Tag, und die Voͤgel singen, und die Heerden¬ gloͤckchen laͤuten, und die Berge schimmern in ihren schmaragdnen Kleidern, und ich schnuͤre den Ran¬ zen und wandre. In diesen philosophischen Betrachtungen und Privatgefuͤhlen uͤberraschte mich der Besuch des Hofrath B., der kurz vorher ebenfalls nach Goslar gekommen war. Zu keiner Stunde haͤtte ich die wohlwollende Gemuͤthlichkeit dieses Mannes tiefer empfinden koͤnnen. Ich verehre ihn wegen seines ausgezeichneten, erfolgreichen Scharfsinns; noch mehr aber wegen seiner Bescheidenheit. Ich fand ihn ungemein heiter, frisch und ruͤstig. Daß er letzteres ist, bewies er juͤngst durch sein neues Werk: „Die Religion der Vernunft,“ ein Buch, das die Nationalisten so sehr entzuͤckt, die Mystiker aͤrgert, und das große Publikum in Bewegung setzt. Ich selbst bin zwar in diesem Augenblick ein Mystiker, meiner Gesundheit wegen, indem ich, nach der Vor¬ schrift meines Arztes, alle Anreizungen zum Den¬ ken vermeiden soll. Doch verkenne ich nicht den unschaͤtzbaren Werth der rationalistischen Bemuͤhun¬ gen eines Paulus, Gurlitt, Krug, Eichhorn, Bou¬ terwek, Wegscheider, u. s. w. Zufaͤllig ist es mir selbst hoͤchst ersprießlich, daß diese Leute so manches verjaͤhrte Uebel fortraͤumen, besonders den alten Kirchenschutt, worunter so viele Schlangen und boͤse Duͤnste. Die Luft wird in Deutschland zu dick und auch zu heiß, und oft fuͤrchte ich zu ersticken, oder von meinen geliebten Mitmystikern, in ihrer Liebeshitze, erwuͤrgt zu werden. Drum will ich auch den guten Rationalisten nichts weniger als boͤse seyn, wenn sie die Luft etwas gar zu sehr verduͤnnen und etwas gar zu sehr abkuͤhlen. Im Grunde hat ja die Natur selbst dem Nationalismus seine Gren¬ zen gesteckt; unter der Luftpumpe und am Nordpol kann der Mensch es nicht aushalten. In jener Nacht, die ich in Goslar zubrachte, ist mir etwas hoͤchst Seltsames begegnet. Noch immer kann ich nicht ohne Angst daran zuruͤck denken. Ich bin von Natur nicht aͤngstlich, und Gott weiß, daß ich niemals eine sonderliche Beklemmung em¬ pfunden habe, wenn z. B. eine blanke Klinge mit meiner Nase Bekanntschaft zu machen suchte, oder wenn ich mich des Nachts in einem verrufenen Walde verirrte, oder wenn mich im Conzert ein gaͤhnender Lieutenant zu verschlingen drohte — aber vor Geistern fuͤrchte ich mich fast so sehr wie der Oestreichische Beobachter. Was ist Furcht? Kommt sie aus dem Verstande oder aus dem Ge¬ muͤth? Ueber diese Frage disputirte ich so oft mit dem Doctor Saul Ascher, wenn wir zu Berlin, im Café royal , wo ich lange Zeit meinen Mittags¬ tisch hatte, zufaͤllig zusammen trafen. Er behaup¬ tete immer: wir fuͤrchten etwas, weil wir es durch Vernunftschluͤsse fuͤr furchtbar erkennen. Nur die Vernunft sey eine Kraft, nicht das Gemuͤth. Waͤh¬ rend ich gut aß und gut trank, demonstrirte er mir fortwaͤhrend die Vorzuͤge der Vernunft. Gegen das Ende seiner Demonstration pflegte er nach seiner Uhr zu sehen, und immer schloß er damit: “Die Vernunft ist das hoͤchste Prinzip!” — Ver¬ nunft! Wenn ich jetzt dieses Wort hoͤre, so sehe ich noch immer den Doctor Saul Ascher mit sei¬ nen abstrakten Beinen, mit seinem engen, trans¬ cendentalgrauen Leibrock, und mit seinem schroffen, frierend kalten Gesichte, das einem Lehrbuche der Geometrie als Kupfertafel dienen konnte. Dieser Mann, tief in den Funfzigern, war eine personifi¬ zirte grade Linie, und bildete dadurch einen Gegen¬ satz zu mir, der ich damals nur in der Hogarth¬ schen Wellenlinie lebte. In seinem Streben nach dem Positiven, hatte der arme Mann sich alles Herr¬ liche aus dem Leben heraus philosophirt, alle Son¬ nenstrahlen, allen Glauben und alle Blumen, und es blieb ihm nichts uͤbrig, als das kalte, positive Grab. Auf den Apoll vom Belvedere und auf das Christenthum hatte er eine spezielle Malice. Ge¬ gen letzteres schrieb er sogar eine Broschuͤre, worin er dessen Unvernuͤnftigkeit und Unhaltbarkeit bewies. Er hat uͤberhaupt eine ganze Menge Buͤcher ge¬ schieben , worin immer die Vernunft von ihrer eige¬ nen Vortrefflichkeit renommirt, und wobey es der arme Doctor gewiß ernsthaft genug meinte, und also in dieser Hinsicht alle Achtung verdiente. Da¬ rin aber bestand ja eben der Hauptspaß, daß er ein so ernsthaft naͤrrisches Gesicht schnitt, wenn er das¬ jenige nicht begreifen konnte, was jedes Kind be¬ greift, eben weil es ein Kind ist. Einige Mal besuchte ich auch den Vernunft-Doctor in seinem eigenen Hause, wo ich schoͤne Maͤdchen bey ihm fand; denn die Vernunft verbietet nicht die Sinn¬ lichkeit. Als ich ihn einst ebenfalls besuchen wollte, sagte mir sein Bedienter: der Herr Doctor ist eben gestorben. Ich fuͤhlte nicht viel mehr dabey, als wenn er gesagt haͤtte: der Herr Doctor ist ausge¬ zogen. — Doch zuruͤck nach Goslar. “Das hoͤchste Prin¬ zip ist die Vernunft!” sagte ich beschwichtigend zu mir selbst, als ich in's Bett stieg. Indessen, es half nicht. Ich hatte eben in Varnhagen von Ense's “deutsche Erzaͤhlungen,” die ich von Claus¬ thal mitgenommen hatte, jene entsetzliche Geschichte gelesen, wie der Sohn, den sein eigener Vater er¬ morden wollte, in der Nacht von dem Geiste sei¬ ner todten Mutter gewarnt wird. Die wunder¬ bare Darstellung dieser Geschichte bewirkte, daß mich waͤhrend des Lesens ein inneres Grauen durch¬ froͤstelte. Auch erregen Gespenster-Erzaͤhlungen ein noch schauerlicheres Gefuͤhl, wenn man sie auf der Reise liest, und zumal des Nachts, in einer Stadt, in einem Hause, in einem Zimmer, wo man noch nie gewesen. Wie viel Graͤßliches mag sich schon zugetragen haben auf diesem Flecke, wo du eben liegst? so denkt man unwillkuͤhrlich. Ueberdies schien jetzt der Mond so zweideutig in's Zimmer herein, an der Wand bewegten sich allerley unberufene Schatten, und als ich mich im Bette aufrichtete, um hin zu sehen, erblickte ich — Es giebt nichts Unheimlicheres, als wenn man, bey Mondschein, das eigne Gesicht zufaͤllig im Spiegel sieht. In demselben Augenblick schlug eine schwerfaͤllige, gaͤhnende Glocke, und zwar so lang und langsam, daß ich nach dem zwoͤlften Glockenschlage sicher glaubte, es seyen unterdessen volle vier und zwanzig Stunden verflossen, und es muͤßte wieder von vorn anfangen zwoͤlf zu schlagen. Zwischen dem vorletzten und letzten Glockenschlage schlug noch eine andere Uhr, sehr rasch, fast keifend gell, und vielleicht aͤrgerlich uͤber die Langsamkeit ihrer Frau Gevatterin. Als beide eiserne Zungen schwiegen, und tiefe Todesstille im ganzen Hause herrschte, war es mir ploͤtzlich, als hoͤrte ich auf dem Corridor, vor meinem Zimmer, etwas schlottern und schlappen, wie der unsichere Gang eines alten Mannes. Endlich oͤffnete sich meine Thuͤre, und langsam trat herein der verstor¬ bene Doctor Saul Ascher. Ein kaltes Fieber rie¬ selte mir durch Mark und Bein, ich zitterte wie Espenlaub, und kaum wagte ich das Gespenst an¬ zusehen. Er sah aus wie sonst, derselbe trans¬ cendentalgraue Leibrock, dieselben abstrakten Beine, und dasselbe mathematische Gesicht; nur war dieses jetzt etwas gelblicher als sonst, auch der Mund, der sonst zwei Winkel von 22½ Grad bildete, war zusammengekniffen, und die Augenkreise hatten einen groͤßeren Radius. Schwankend, und wie sonst sich auf sein spanisches Roͤhrchen stuͤtzend, naͤherte er sich mir, und in seinem gewoͤhnlichen mundfaulen Dialekte sprach er freundlich: „Fuͤrch¬ ten Sie sich nicht, und glauben Sie nicht, daß ich ein Gespenst sey. Es ist Taͤuschung Ihrer Phantasie, wenn Sie mich als Gespenst zu sehen glauben. Was ist ein Gespenst? Geben Sie mir eine Definition? Deduziren Sie mir die Bedin¬ gungen der Moͤglichkeit eines Gespenstes? In welchem vernuͤnftigen Zusammenhange staͤnde eine solche Erscheinung mit der Vernunft? Die Ver¬ nunft, ich sage die Vernunft —“ Und nun schritt das Gespenst zu einer Analyse der Vernunft, citirte Kant's „Kritik der reinen Vernunft“ 2ten Theil, 1ster A bschnitt, 2tes Buch, 3tes Hauptstuͤck, die Unter¬ sch e idung von Phaͤnomena und Noumena, constru¬ irte a lsdann den problematischen Gespensterglauben, setzte einen Syllogismus auf den andern, und schloß mit dem l o gischen Beweise: daß es durchaus keine Geister gie b t. Mir unterdessen lief der kalte Schweiß uͤber den Ruͤcken, meine Zaͤhne klapperten wie Kastanietten, aus Seelenangst nickte ich unbe¬ dingte Zustimmung bei jedem Satz, womit der 12 spukende Doctor die Absurditaͤt aller Gespensterfurcht bewies, und derselbe demonstrirte so eifrig, daß er einmal in der Zerstreuung, statt seiner golde¬ nen Uhr, eine Hand voll Wuͤrmer aus der Uhr¬ tasche zog, und seinen Irrthum bemerkend, mit possirlich aͤngstlicher Hastigkeit wieder einsteckte. „Die Vernunft ist das hoͤchste — “ da schlug die Glocke Eins und das Gespenst verschwand. Von Goslar ging ich den andern Morgen wei¬ ter, halb auf Gerathewohl, halb in der Absicht, den Bruder des Clausthaler Bergmanns aufzu¬ suchen. Wieder schoͤnes, liebes Sonntagswetter. Ich bestieg Huͤgel und Berge, betrachtete wie d ie Sonne den Nebel zu verscheuchen suchte, wan d erte freudig durch die schauernden Waͤlder, und um mein traͤumendes Haupt klingelten die Glocken¬ bluͤmchen von Goslar. In ihren we i ßen Nacht¬ maͤnteln standen die Berge, die Tan n en ruͤttelten sich den Schlaf aus den Gliedern, d e r frische Mor¬ genwind frisirte ihnen die herabhaͤngenden, gruͤnen Haare, die Voͤglein hielten Betstunde, das Wie¬ senthal blitzte wie eine diamantenbesaͤete Golddecke, und der Hirt schritt daruͤber hin mit seiner laͤuten¬ den Heerde. Ich mochte mich wohl eigentlich ver¬ irrt haben. Man schlaͤgt immer Seitenwege und Fußsteige ein, und glaubt dadurch naͤher zum Ziele zu gelangen. Wie im Leben uͤberhaupt, geht's uns auch auf dem Harze. Aber es giebt immer gute Seelen, die uns wieder auf den rechten Weg brin¬ gen; sie thun es gern, und finden noch obendrein ein besonderes Vergnuͤgen daran, wenn sie uns mit selbstgefaͤlliger Miene und wohlwollend lauter Stimme bedeuten: welche große Umwege wir ge¬ macht, in welche Abgruͤnde und Suͤmpfe wir ver¬ sinken konnten, und welch ein Gluͤck es sey, daß wir so wegkundige Leute, wie sie sind, noch zeitig angetroffen. Einen solchen Berichtiger fand ich unweit der Harzburg. Es war ein wohlgenaͤhrter Buͤrger von Goslar, ein glaͤnzend wampiges, dummkluges Gesicht; er sah aus, als habe er die Viehseuche erfunden. Wir gingen eine Strecke zusammen, und er erzaͤhlte mir allerlei Spukgeschichten, die huͤbsch klingen konnten, wenn sie nicht alle darauf hinaus liefen, daß es doch kein wirklicher Spuk gewesen, sondern, daß die weiße Gestalt ein Wilddieb war, und daß die wimmern¬ den Stimmen von den eben geworfenen Jungen einer Bache (wilden Sau), und das Geraͤusch auf dem Boden von der Hauskatze herruͤhrte. Nur wenn der Mensch krank ist, setzte er hinzu, glaubt er Gespenster zu sehen; was aber seine Wenigkeit anbelange, so sey er selten krank, nur zuweilen leide er an Hautuͤbeln, und dann kurire er sich jedesmal mit nuͤchternem Speichel. Er machte mich auch aufmerksam auf die Zweckmaͤßigkeit und Nuͤtzlichkeit in der Natur. Die Baͤume sind gruͤn, weil gruͤn gut fuͤr die Augen ist. Ich gab ihm Recht, und fuͤgte hinzu: daß Gott das Rindvieh erschaffen, weil Fleischsuppen den Menschen staͤrken, daß er die Esel erschaffen, damit sie dem Menschen zu Vergleichungen dienen koͤnnen, und daß er den Menschen selbst erschaffen, damit er Fleischsuppen essen und kein Esel seyn soll. Mein Begleiter war entzuͤckt einen Gleichgestimmten gefunden zu ha¬ ben, sein Antlitz erglaͤnzte noch freudiger, und bey dem Abschiede war er geruͤhrt. So lange er neben mir ging, war gleichsam die ganze Natur entzaubert, sobald er aber fort war fingen die Baͤume wieder an zu sprechen, und die Sonnenstrahlen erklangen, und die Wiesenbluͤm¬ chen tanzten, und der blaue Himmel umarmte die gruͤne Erde. Ja, ich weiß es besser; Gott hat den Menschen erschaffen, damit er die Herrlichkeit der Welt bewundere. Jeder Autor, und sey er noch so groß, wuͤnscht, daß sein Werk gelobt werde. Und in der Bibel, den Memoiren Gottes, steht ausdruͤcklich: daß er die Menschen erschaffen zu sei¬ nem Ruhm und Preis. Nach einem langen Hin- und Herwandern ge¬ langte ich zu der Wohnung des Bruders meines Clausthaler Freundes, uͤbernachtete alldort, und er¬ lebte folgendes schoͤne Gedicht: I . Auf dem Berge steht die Huͤtte, Wo der alte Bergmann wohnt; Dorten rauscht die gruͤne Tanne, Und erglaͤnzt der gold'ne Mond. In der Huͤtte steht ein Lehnstuhl, Reich geschnitzt und wunderlich, Der darauf sitzt, der ist gluͤcklich, Und der Gluͤckliche bin Ich! Auf dem Schemel sitzt die Kleine, Stuͤtzt den Arm auf meinen Schooß; Aeuglein wie zwey blaue Sterne, Muͤndlein wie die Purpurros'. Und die lieben, blauen Sterne Schau'n mich an so himmelgroß, Und sie legt den Liljenfinger Schalkhaft auf die Purpurros'. Nein, es sieht uns nicht die Mutter, Denn sie spinnt mit großem Fleiß, Und der Vater spielt die Zitter, Und er singt die alte Weis'. Und die Kleine fluͤstert leise‚ Leise, mit gedaͤmpftem Laut; Manches wichtige Geheimniß Hat sie mir schon anvertraut. „Aber seit die Muhme todt ist, Koͤnnen wir ja nicht mehr geh'n Nach dem Schuͤtzenhof zu Goslar, Und dort ist es gar zu schoͤn. „Hier dagegen ist es einsam, Auf der kalten Bergeshoͤh', Und des Winters sind wir gaͤnzlich Wie vergraben in dem Schnee. „Und ich bin ein banges Maͤdchen, Und ich fuͤrcht' mich wie ein Kind Vor den boͤsen Bergesgeistern, Die des Nachts geschaͤftig sind.“ Ploͤtzlich schweigt die liebe Kleine, Wie vom eig'nen Wort erschreckt, Und sie hat mit beyden Haͤndchen Ihre Aeugelein bedeckt. Lauter rauscht die Tanne draußen, Und das Spinnrad schnarrt und brummt, Und die Zitter klingt dazwischen, Und die alte Weise summt: “Fuͤrcht' dich nicht, du liebes Kindchen, Vor der boͤsen Geister Macht; Tag und Nacht, du liebes Kindchen, Halten Englein bey dir Wacht!” II . Tannenbaum, mit gruͤnen Fingern, Pocht an's nied're Fensterlein, Und der Mond, der gelbe Lauscher, Wirft sein suͤßes Licht herein. Vater, Mutter schnarchen leise In dem nahen Schlafgemach, Doch wir Beyde, selig schwatzend, Halten uns einander wach. „Daß du gar zu oft gebetet, Das zu glauben wird mir schwer, Jenes Zucken deiner Lippen Kommt wohl nicht vom Beten her. „Jenes boͤse, kalte Zucken, Das erschreckt mich jedesmal, Doch die dunkle Angst beschwichtigt Deiner Augen frommer Strahl. „Auch bezweifl' ich, daß du glaubest, Was so rechter Glauben heißt, Glaubst wohl nicht an Gott den Vater, An den Sohn und heil'gen Geist?“ — Ach, mein Kindchen, schon als Knabe, Als ich saß auf Mutters Schooß, Glaubte ich an Gott den Vater, Der da waltet gut und groß; Der die schoͤne Erd' erschaffen, Und die schoͤnen Menschen d'rauf, Der den Sonnen, Monden, Sternen, Vorgezeichnet ihren Lauf. Als ich groͤßer wurde, Kindchen, Noch viel mehr begriff ich schon, Und begriff, und ward vernuͤnftig, Und ich glaub' auch an den Sohn; An den lieben Sohn, der liebend Uns die Liebe offenbart, Und zum Lohne, wie gebraͤuchlich, Von dem Volk gekreuzigt ward. Jetzo, da ich ausgewachsen, Viel gelesen, viel gereist, Schwillt mein Herz, und ganz von Herzen Glaub' ich an den heil'gen Geist. Dieser that die groͤßten Wunder, Und viel groͤß're thut er noch; Er zerbrach die Zwingherrnburgen, Und zerbrach des Knechtes Joch. Alte Todeswunden heilt er, Und erneut das alte Recht: Alle Menschen, gleichgeboren, Sind ein adliches Geschlecht. Er verscheucht die boͤsen Nebel, Und das dunkle Hirngespinst, Das uns Lieb' und Lust verleidet, Tag und Nacht uns angegrinzt. Tausend Ritter, wohlgewappnet, Hat der heil'ge Geist erwaͤhlt, Seinen Willen zu erfuͤllen, Und er hat sie muthbeseelt. Ihre theuern Schwerdter blitzen, Ihre guten Banner weh'n! Ey, du moͤchtest wohl, mein Kindchen, Solche stolze Ritter seh'n? Nun, so schau' mich an, mein Kindchen, Kuͤsse mich und schaue dreist; Denn ich selber bin ein solcher Ritter von dem heil'gen Geist. III . Still versteckt der Mond sich draußen Hinter'm gruͤnen Tannenbaum, Und im Zimmer unsre Lampe Flackert matt und leuchtet kaum. Aber meine blauen Sterne Strahlen auf in heller'm Licht, Und es gluͤhn die Purpurroͤslein, Und das liebe Maͤdchen spricht: “Kleines Voͤlkchen, Wichtelmaͤnnchen, Stehlen unser Brod und Speck, Abends liegt es noch im Kasten, Und des Morgens ist es weg. “Kleines Voͤlkchen, unsre Sahne Nascht es von der Milch, und laͤßt Unbedeckt die Schuͤssel stehen, Und die Katze saͤuft den Rest. „Und die Katz' ist eine Hexe, Denn sie schleicht, bey Nacht und Sturm, Druͤben nach dem Geisterberge, Nach dem altverfall'nen Thurm. „Dort hat einst ein Schloß gestanden, Voller Lust und Waffenglanz; Blanke Ritter, Frau'n und Knappen Schwangen sich im Fackeltanz. „Da verwuͤnschte Schloß und Leute Eine boͤse Zauberin, Nur die Truͤmmer blieben stehen, Und die Eulen nisten d'rin. „Doch die sel'ge Muhme sagte: Wenn man spricht das rechte Wort, Naͤchtlich zu der rechten Stunde, Druͤben an dem rechten Ort; „So verwandeln sich die Truͤmmer Wieder in ein helles Schloß, Und es tanzen wieder lustig Ritter, Frau'n und Knappentroß; “Und wer jenes Wort gesprochen, Dem gehoͤren Schloß und Leut', Pauken und Trompeten huld'gen Seiner jungen Herrlichkeit.” Also bluͤhen Maͤhrchenbilder Aus des Mundes Roͤselein, Und die Augen gießen druͤber Ihren blauen Sternenschein. Ihre gold'nen Haare wickelt Mir die Kleine um die Haͤnd', Giebt den Fingern huͤbsche Namen, Lacht und kuͤßt, und schweigt am End'. Und im stillen Zimmer Alles Blickt mich an so wohlvertraut; Tisch und Schrank, mir ist als haͤtt' ich Sie schon fruͤher mal geschaut. Freundlich ernsthaft schwatzt die Wanduhr, Und die Zitter, hoͤrbar kaum, Faͤngt von selber an zu klingen, Und ich sitze wie im Traum. Jetzo ist die rechte Stunde, Und es ist der rechte Ort; Staunen wuͤrdest du, mein Kindchen, Spraͤch' ich aus das rechte Wort. Sprech' ich jenes Wort, so daͤmmert Und erbebt die Mitternacht, Bach und Tannen brausen lauter, Und der alte Berg erwacht. Zitterklang und Zwergenlieder Toͤnen aus des Berges Spalt, Und es sprießt, wie'n toller Fruͤhling, D'raus hervor ein Blumenwald; Blumen, kuͤhne Wunderblumen, Blaͤtter, breit und fabelhaft, Duftig bunt und hastig regsam, Wie gedraͤngt von Leidenschaft. Rosen, wild wie rothe Flammen, Spruͤh'n aus dem Gewuͤhl hervor; Liljen, wie krystall'ne Pfeiler, Schießen himmelhoch empor. Und die Sterne, groß wie Sonnen, Schau'n herab mit Sehnsuchtgluth; In der Liljen Riesenkelche Stroͤmet ihre Strahlenfluth. Doch wir selber, suͤßes Kindchen, Sind verwandelt noch viel mehr; Fackelglanz und Gold und Seide Schimmern lustig um uns her. Du, du wurdest zur Prinzessin, Diese Huͤtte ward zum Schloß, Und da jubeln und da tanzen Ritter, Frau'n und Knappentroß. Aber Ich, ich hab' erworben Dich und Alles, Schloß und Leut'; Pauken und Trompeten huld'gen Meiner jungen Herrlichkeit! Die Sonne ging auf. Die Nebel flohen, wie Gespenster bey'm dritten Hahnenschrey. Ich stieg wieder bergauf und bergab, und vor mir schwebte die schoͤne Sonne, immer neue Schoͤnheiten be¬ leuchtend. Der Geist des Gebirges beguͤnstigte mich ganz offenbar: er wußte wohl, daß so ein Dichter¬ mensch viel Huͤbsches wiedererzaͤhlen kann, und er ließ mich diesen Morgen seinen Harz sehen, wie ihn gewiß nicht Jeder sah. Aber auch mich sah der Harz, wie mich nur Wenige gesehen; in meinen Augenwimpern flimmerten eben so kost¬ bare Perlen, wie in den Graͤsern des Thals. Mor¬ genthau der Liebe feuchtete meine Wangen, die rauschenden Tannen verstanden mich, ihre Zweige thaten sich von einander, bewegten sich herauf und herab, gleich stummen Menschen, die mit den Haͤn¬ den ihre Freude bezeigen, und in der Ferne klang's wunderbar geheimnißvoll, wie Glockengelaͤute einer verlornen Waldkirche. Man sagt, das seyen die Heerdengloͤckchen, die im Harz so lieblich, klar und rein gestimmt sind. 13 Nach dem Stand der Sonne war es Mit¬ tag, als ich auf eine solche Heerde stieß, und der Hirt, ein freundlich blonder junger Mensch, sagte mir: der große Berg, an dessen Fuß ich staͤnde, sey der alte, weltberuͤhmte Brocken. Viele Stun¬ den ringsum liegt kein Haus, und ich war froh genug, daß mich der junge Mensch einlud, mit ihm zu essen. Wir setzten uns nieder zu einem Dejeuner dinatoire , das aus Kaͤse und Brod be¬ stand; die Schaͤfchen erhaschten die Krumen, die lieben, blanken Kuͤhlein sprangen um uns herum, und klingelten schelmisch mit ihren Gloͤckchen, und lachten uns an mit ihren großen, vergnuͤgten Au¬ gen. Wir tafelten recht koͤniglich; uͤberhaupt schien mir mein Wirth ein echter Koͤnig, und weil er bis jetzt der einzige Koͤnig ist, der mir Brod gege¬ ben hat, so will ich ihn auch koͤniglich besingen. Koͤnig ist der Hirtenknabe, Gruͤner Huͤgel ist sein Thron, Ueber seinem Haupt die Sonne Ist die schwere, gold'ne Kron'. Ihm zu Fuͤßen liegen Schafe, Weiche Schmeichler, rothbekreuzt; Cavaliere sind die Kaͤlber, Und sie wandeln stolz gespreizt. Hofschauspieler sind die Boͤcklein, Und die Voͤgel und die Kuͤh', Mit den Floͤten, mit den Gloͤcklein, Sind die Kammermusizi. Und das klingt und singt so lieblich, Und so lieblich rauschen d'rein Wasserfall und Tannenbaͤume, Und der Koͤnig schlummert ein. Unterdessen muß regieren Der Minister, jener Hund, Dessen knurriges Gebelle Wiederhallet in der Rund'. Schlaͤfrig lallt der junge Koͤnig: “Das Regieren ist so schwer, Ach, ich wollt', daß ich zu Hause Schon bey meiner Koͤn'gin waͤr'! “In den Armen meiner Koͤn'gin Ruht mein Koͤnigshaupt so weich, Und in ihren lieben Augen Liegt mein unermeßlich Reich!” Wir nahmen freundschaftlich Abschied, und froͤh¬ lich stieg ich den Berg hinauf. Bald empfing mich eine Waldung himmelhoher Tannen, fuͤr die ich, in jeder Hinsicht, Respekt habe. Diesen Baͤumen ist naͤmlich das Wachsen nicht so ganz leicht ge¬ macht worden, und sie haben es sich in der Ju¬ gend sauer werden lassen. Der Berg ist hier mit vielen großen Granitbloͤcken uͤbersaͤet, und die meisten Baͤume mußten mit ihren Wurzeln diese Steine umranken oder sprengen, und muͤhsam den Boden suchen, woraus sie Nahrung schoͤpfen koͤnnen. Hier und da liegen die Steine, gleich¬ sam ein Thor bildend, uͤber einander, und oben darauf stehen die Baͤume, die nackten Wurzeln uͤber jene Steinpforte hinziehend, und erst am Fuße derselben den Boden erfassend, so daß sie in der freien Luft zu wachsen scheinen. Und doch haben sie sich zu jener gewaltigen Hoͤhe empor geschwun¬ gen, und, mit den umklammerten Steinen wie zu¬ sammengewachsen, stehen sie fester als ihre beque¬ men Collegen im zahmen Forstboden des flachen Lan¬ des. So stehen auch im Leben jene großen Maͤn¬ ner, die durch das Ueberwinden fruͤher Hemmun¬ gen und Hindernisse sich erst recht gestaͤrkt und be¬ festigt haben. Auf den Zweigen der Tannen klet¬ terten Eichhoͤrnchen und unter denselben spazier¬ ten die gelben Hirsche. Wenn ich solch ein lie¬ bes, edles Thier sehe, so kann ich nicht begrei¬ fen, wie gebildete Leute Vergnuͤgen daran finden, es zu hetzen und zu toͤdten. Solch ein Thier war barmherziger als die Menschen, und saͤugte den schmachtenden Schmerzenreich der heiligen Genovefa. Allerliebst schossen die goldenen Sonnenlichter durch das dichte Tannengruͤn. Eine natuͤrliche Treppe bildeten die Baumwurzeln. Ueberall schwel¬ lende Moosbaͤnke; denn die Steine sind fußhoch von den schoͤnsten Moosarten, wie mit hellgruͤnen Sammetpolstern, bewachsen. Liebliche Kuͤhle und traͤumerisches Quellengemurmel. Hier und da sieht man, wie das Wasser unter den Steinen silberhell hinrieselt und die nackten Baumwurzeln und Fasern bespuͤlt. Wenn man sich nach diesem Treiben hinab beugt, so belauscht man gleichsam die geheime Bil¬ dungsgeschichte der Pflanzen und das ruhige Herz¬ klopfen des Berges. An manchen Orten sprudelt das Wasser aus den Steinen und Wurzeln staͤrker hervor und bildet kleine Kaskaden. Da laͤßt sich gut sitzen. Es murmelt und rauscht so wunderbar, die Voͤgel singen abgebrochene Sehnsuchtslaute, die Baͤume fluͤstern wie mit tausend Maͤdchen-Zungen, wie mit tausend Maͤdchen-Augen schauen uns an die seltsamen Bergblumen, sie strecken nach uns aus die wundersam breiten, drollig gezackten Blaͤt¬ ter, spielend flimmern hin und her die lustigen Sonnenstrahlen, die sinnigen Kraͤutlein erzaͤhlen sich gruͤne Maͤhrchen, es ist Alles wie verzau¬ bert, es wird immer heimlicher und heimlicher, ein uralter Traum wird lebendig, die Geliebte erscheint — ach, daß sie so schnell wieder ver¬ schwindet! Je hoͤher man den Berg hinauf steigt, desto kuͤrzer, zwerghafter werden die Tannen, sie scheinen immer mehr und mehr zusammen zu schrumpfen, bis nur Heidelbeer- und Rothbeer-Straͤuche und Bergkraͤuter uͤbrig bleiben. Da wird es auch schon fuͤhlbar kaͤlter. Die wunderlichen Gruppen der Granitbloͤcke werden hier erst recht sichtbar; diese sind oft von erstaunlicher Groͤße. Das moͤgen wohl die Spielbaͤlle seyn, die sich die boͤsen Geister ein¬ ander zuwerfen in der Walpurgis-Nacht, wenn hier die Hexen auf Besenstielen und Mistgabeln einher¬ geritten kommen, und die abentheuerlich verruchte Lust beginnt, wie die glaubhafte Amme es erzaͤhlt, und wie es zu schauen ist auf den huͤbschen Faust¬ bildern des Meister Retzsch. Ja, ein junger Dich¬ ter, der auf einer Reise von Berlin nach Goͤttin¬ gen in der ersten Mainacht am Brocken vorbey ritt, bemerkte sogar, wie einige belletristische Damen auf einer Bergecke ihre aͤsthetische Thee-Gesellschaft hiel¬ ten, sich gemuͤthlich die „Abendzeitung“ vorlasen, ihre poetischen Ziegenboͤckchen, die meckernd den Thee¬ tisch umhuͤpften, als Universal-Genies priesen, und uͤber alle Erscheinungen in der deutschen Literatur ihr Endurtheil faͤllten; doch, als sie auch auf den „Rat¬ kliff“ und „Almansor“ geriethen, und dem Verfasser alle Froͤmmigkeit und Christlichkeit absprachen, da straͤubte sich das Haar des jungen Mannes, Ent¬ setzen ergriff ihn — ich gab dem Pferde die Sporen und jagte voruͤber. In der That, wenn man die obere Haͤlfte des Brockens besteigt, kann man sich nicht erwehren, an die ergoͤtzlichen Blocksberg-Geschichten zu denken, und besonders an die große, mystische, deutsche Na¬ tional-Tragoͤdie vom Docter Faust. Mir war im¬ mer, als ob der Pferdefuß neben mir hinauf klet¬ tere, und Jemand humoristisch Athem schoͤpfe. Und ich glaube, auch Mephisto muß mit Muͤhe Athem holen, wenn er seinen Lieblingsberg ersteigt; es ist ein aͤußerst erschoͤpfender Weg, und ich war froh, als ich endlich das langersehnte Brockenhaus zu Gesicht bekam. Dieses Haus, das, wie durch vielfache Abbil¬ dungen bekannt ist, bloß aus einem Parterre besteht, und auf der Spitze des Berges liegt, wurde erst 1800 vom Grafen Stollberg-Wernigerode erbaut, fuͤr dessen Rechnung es auch, als Wirthshaus, ver¬ waltet wird. Die Mauern sind erstaunlich dick, we¬ gen des Windes und der Kaͤlte im Winter: das Dach ist niedrig, in der Mitte desselben steht eine thurmartige Warte, und bei dem Hause liegen noch zwei kleine Nebengebaͤude, wovon das eine, in fruͤhern Zeiten, den Brockenbesuchern zum Obdach diente. Der Eintritt in das Brockenhaus erregte bei mir eine etwas ungewoͤhnliche, maͤhrchenhafte Em¬ pfindung. Man ist nach einem langen, einsamen Umhersteigen durch Tannen und Klippen ploͤtzlich in ein Wolkenhaus versetzt; Staͤdte, Berge und Waͤlder blieben unten liegen, und oben findet man eine wunderlich zusammengesetzte, fremde Gesell¬ schaft, von welcher man, wie es an dergleichen Orten natuͤrlich ist, fast wie ein erwarteter Genosse, halb neugierig und halb gleichguͤltig, empfangen wird. Ich fand das Haus voller Gaͤste, und wie es einem klugen Manne geziemt, dachte ich schon an die Nacht, an die Unbehaglichkeit eines Strohla¬ gers; mit hinsterbender Stimme verlangte ich gleich Thee, und der Herr Brockenwirth war vernuͤnftig genug einzusehen, daß ich kranker Mensch fuͤr die Nacht ein ordentliches Bett ha¬ ben muͤsse. Dieses verschaffte er mir in einem engen Zimmerchen, wo schon ein junger Kauf¬ mann, ein langes Brechpulver in einem braunen Oberrock, sich etablirt hatte. In der Wirthsstube fand ich lauter Leben und Bewegung. Studenten von verschiedenen Universitaͤten. Die Einen sind kurz vorher angekommen und restauriren sich, An¬ dere bereiten sich zum Abmarsch, schnuͤren ihre Ranzen, schreiben ihre Namen in's Gedaͤchtnißbuch, erhalten Brockenstraͤuße von den Hausmaͤdchen; da wird in die Wangen gekniffen, gesungen, gesprungen, gejohlt, man fragt, man antwortet, gut Wetter, Fußweg, Prosit, Adieu. Einige der Abgehenden sind auch etwas angesoffen, und diese haben von der schoͤnen Aussicht einen doppelten Genuß, da ein Betrunkener Alles doppelt sieht. Nachdem ich mich etwas rekreirt, bestieg ich die Thurmwarte, und fand daselbst einen kleinen Herrn mit zwey Damen, einer jungen und einer aͤltlichen. Die junge Dame war sehr schoͤn. Eine herrliche Gestalt, auf dem lockigen Haupte ein helmartiger, schwarzer Atlashut, mit dessen weißen Federn die Winde spielten, die schlanken Glieder von einem schwarzseidenen Mantel so fest umschlossen, daß die edlen Formen hervortraten, und das freie, große Auge ruhig hinabschauend in die freie, große Welt. Als ich noch ein Knabe war, dachte ich an nichts als an Zauber- und Wundergeschichten, und jede schoͤne Dame, die Straußfedern auf dem Kopfe trug, hielt ich fuͤr eine Elfen-Koͤnigin, und jede schoͤne Dame, bey der ich bemerkte, daß die Schleppe ihres Kleides naß war, hielt ich fuͤr eine Wasser¬ Nixe. Jetzt denke ich anders, seit ich aus der Na¬ turgeschichte weiß, daß jene symbolischen Federn von dem duͤmmsten Vogel herkommen, und daß die Schleppe eines Damenkleides auf sehr natuͤrliche Weise naß werden kann. Haͤtte ich mit jenen Kna¬ ben-Augen die erwaͤhnte junge Schoͤne, in erwaͤhnter Stellung, auf dem Brocken gesehen, so wuͤrde ich sicher gedacht haben: das ist die Fee des Berges, und sie hat eben den Zauber ausgesprochen, wodurch dort unten Alles so wunderbar erscheint. Ja, in hohem Grade wunderbar erscheint uns Alles bey'm ersten Hinabschauen vom Brocken, alle Seiten un¬ seres Geistes empfangen neue Eindruͤcke, und diese, meistens verschiedenartig, sogar sich widersprechend, verbinden sich in unserer Seele zu einem großen, noch unentworrenen, unverstandenen Gefuͤhl. Ge¬ lingt es uns, dieses Gefuͤhl in seinem Begriffe zu erfassen, so erkennen wir den Charakter des Ber¬ ges. Dieser Charakter ist ganz deutsch, sowohl in Hinsicht seiner Fehler, als auch seiner Vorzuͤge. Der Brocken ist ein Deutscher. Mit deutscher Gruͤndlichkeit zeigt er uns, klar und deutlich, wie ein Riesen-Panorama, die vielen hundert Staͤdte, Staͤdtchen und Doͤrfer, die meistens noͤrdlich liegen, und ringsrum alle Berge, Waͤlder, Fluͤsse, Flaͤchen, unendlich weit. Aber eben dadurch erscheint Alles wie eine scharfgezeichnete, rein illuminirte Spezial¬ karte, nirgends wird das Auge durch eigentlich schoͤne Landschaften erfreut; wie es immer geschieht, daß wir deutschen Compilatoren, wegen der ehrli¬ chen Genauigkeit, womit wir Alles und Alles hin¬ geben wollen, nie daran denken koͤnnen, das Ein¬ zelne auf eine schoͤne Weise zu geben. Der Berg hat auch so etwas Deutschruhiges, Verstaͤndiges, Tolerantes; eben weil er die Dinge so weit und klar uͤberschauen kann. Und wenn solch ein Berg seine Riesen-Augen oͤffnet, mag er wohl noch etwas mehr sehen, als wir Zwerge, die wir mit unsern bloͤden Aeuglein auf ihm herum klettern. Viele wollen zwar behaupten, der Brocken sey sehr phi¬ listroͤse, und Claudius sang: “Der Blocksberg ist der lange Herr Philister!” Aber das ist Irrthum. Durch seinen Kahlkopf, den er zuweilen mit einer weißen Nebelkappe bedeckt, giebt er sich zwar einen Anstrich von Philistroͤsitaͤt; aber, wie bey manchen andern großen Deutschen, geschieht es aus purer Ironie. Es ist sogar notorisch, daß der Brocken seine burschikosen, phantastischen Zeiten hat, zum Beispiel die erste Mai-Nacht. Dann wirft er seine Nebelkappe jubelnd in die Luͤfte, und wird, eben so gut wie wir Uebrigen, recht echtdeutsch roman¬ tisch verruͤckt. Ich suchte gleich die schoͤne Dame in ein Ge¬ spraͤch zu verflechten; denn Naturschoͤnheiten ge¬ nießt man erst recht, wenn man sich auf der Stelle daruͤber aussprechen kann. Sie war nicht geistreich, aber aufmerksam sinnig. Wahrhaft vor¬ nehme Formen. Ich meine nicht die gewoͤhnliche, steife, negative Vornehmheit, die uns genau sagt, was unterlassen werden muß; sondern jene selt¬ nere, freie, positive Vornehmheit, die uns genau sagt, was wir thun duͤrfen, und die uns, bey aller Unbefangenheit, die hoͤchste gesellige Sicherheit giebt. Ich entwickelte, zu meiner eigenen Ver¬ wunderung, viele geographische Kenntnisse, nannte der wißbegierigen Schoͤnen alle Namen der Staͤdte, die vor uns lagen, suchte und zeigte ihr dieselben auf meiner Landkarte, die ich uͤber den Steintisch, der in der Mitte der Thurmplatte steht, mit echter Dozenten-Miene ausbreitete. Manche Stadt konnte ich nicht finden, vielleicht weil ich mehr mit den Fingern suchte, als mit den Augen, die sich unterdessen auf dem Gesicht der holden Dame orientirten, und dort schoͤnere Partieen fanden, als „Schierke“ und „Elend.“ Dieses Gesicht ge¬ hoͤrte zu denen, die nie reizen, selten entzuͤcken, und immer gefallen. Ich liebe solche Gesichter, weil sie mein schlimmbewegtes Herz zur Ruhe laͤ¬ cheln. Die Dame war noch unverheirathet, ob¬ gleich schon in jener Vollbluͤthe, die zum Ehestande hinlaͤnglich berechtigt. Aber es ist ja eine taͤgliche Erscheinung, just bey den schoͤnsten Maͤdchen haͤlt es so schwer, daß sie einen Mann bekom¬ men. Dies war schon im Alterthum der Fall, und, wie bekannt ist, alle drey Grazien sind sitzen geblieben. In welchem Verhaͤltniß der kleine Herr, der die Damen begleitete, zu denselben stehen mochte, konnte ich nicht errathen. Es war eine duͤnne, merkwuͤrdige Figur. Ein Koͤpfchen, sparsam be¬ deckt mit grauen Haͤrchen, die uͤber die kurze Stirn bis an die gruͤnlichen Libellen-Augen reichten, die runde Nase weit hervor tretend, dagegen Mund und Kinn sich wieder aͤngstlich nach den Ohren zu¬ ruͤck ziehend. Dieses Gesichtchen schien aus einem zarten, gelblichen Tone zu bestehn, woraus die Bildhauer ihre ersten Modelle kneten; und wenn die schmalen Lippen zusammen kniffen, zogen sich uͤber die Wangen einige tausend halbkreisartige, feine Faͤltchen. Der kleine Mann sprach kein Wort, und nur dann und wann, wenn die aͤltere Dame ihm etwas Freundliches zufluͤsterte, laͤchelte er wie ein Mops, der den Schnupfen hat. Jene aͤltere Dame war die Mutter der juͤnge¬ ren, und auch sie besaß die vornehmsten Formen. Ihr Auge verrieth einen krankhaft-schwaͤrmerischen Tiefsinn, um ihren Mund lag strenge Froͤmmigkeit, doch schien mir's, als ob er einst sehr schoͤn gewe¬ sen sey, und viel gelacht und viele Kuͤsse empfangen und viele erwiedert habe. Ihr Gesicht glich einem Codex palympsestus, wo, unter der neuschwarzen Moͤnchsschrift eines Kirchenvater-Textes, die halber¬ loschenen Verse eines altgriechischen Liebes-Dichters hervorlauschen. Beyde Damen waren mit ihrem Begleiter dieses Jahr in Italien gewesen, und erzaͤhlten mir allerley Schoͤnes von Rom, Florenz und Venedig. Die Mutter erzaͤhlte viel von den Raphaelschen Bildern in der Peterskirche; die Tochter sprach mehr von der Oper im Theater Fenice. Beyde waren entzuͤckt von der Kunst der Improvisatoren. Nuͤrnberg war der Damen Va¬ terstadt; doch von dessen alterthuͤmlichen Herrlich¬ keiten wußten sie mir wenig zu sagen. Die hold¬ selige Kunst des Meistergesangs, wovon uns der gute Wagenseil die letzten Klaͤnge erhalten, ist er¬ loschen, und die Buͤrgerinnen Nuͤrnbergs erbauen 14 sich an welschem Stegreif-Unsinn und Kapaunen- Gesang. O Sanct Sebaldus, was bist du jetzt fuͤr ein armer Patron! Derweilen wir sprachen, begann es zu daͤmmern; die Luft wurde noch kaͤlter, die Sonne neigte sich tiefer, und die Thurmplatte fuͤllte sich mit Studen¬ ten, Handwerksburschen und einigen ehrsamen Buͤr¬ gerleuten, sammt deren Frauen und Toͤchtern, die Alle den Sonnen-Untergang sehen wollten. Es ist ein erhabener Anblick, der die Seele zum Gebet stimmt. Wohl eine Viertelstunde standen Alle ernst¬ haft schweigend, und sahen, wie der schoͤne Feuer¬ ball im Westen allmaͤhlig versank; die Gesichter wurden vom Abendroth angestrahlt, die Haͤnde fal¬ teten sich unwillkuͤhrlich; es war, als staͤnden wir, eine stille Gemeinde, im Schiffe eines Riesendoms, und der Priester erhoͤbe jetzt den Leib des Herrn, und von der Orgel herab ergoͤsse sich Palestrina's ewiger Choral. Waͤhrend ich so in Andacht versunken stehe, hoͤre ich, daß neben mir Jemand ausruft: „Wie ist die Natur doch im Allgemeinen so schoͤn!” Diese Worte kamen aus der gefuͤhlvollen Brust meines Zimmergenossen, des jungen Kaufmanns. Ich ge¬ langte dadurch wieder zu meiner Werkeltags-Stim¬ mung, war jetzt im Stande, den Damen uͤber den Sonnen-Untergang recht viel Artiges zu sagen, und sie ruhig, als waͤre nichts passirt, nach ihrem Zim¬ mer zu fuͤhren. Sie erlaubten mir auch, sie noch eine Stunde zu unterhalten. Wie die Erde selbst drehte sich unsre Unterhaltung um die Sonne. Die Mutter aͤußerte: die in Nebel versinkende Sonne habe ausgesehen wie eine rothgluͤhende Rose, die der galante Himmel herab geworfen in den weit¬ ausgebreiteten, weißen Brautschleier seiner gelieb¬ ten Erde. Die Tochter laͤchelte und meinte, der oͤftere Anblick solcher Naturerscheinungen schwaͤche ihren Eindruck. Die Mutter berichtigte diese falsche Meinung durch eine Stelle aus Goͤthes Reisebrie¬ fen, und die Rede kam auf Goͤthes Werke. Kei¬ ner meiner aͤsthetischen Collegen wuͤrde sich hier die Gelegenheit rauben lassen, uͤber letztere ein lang und breites Gespraͤch einzuflechten. Aber ich schreibe nicht gerne was unwahr ist, und wir haben wirklich nicht lange uͤber Goͤthe gesprochen, indem ich, aus Furcht, daß ich mich, wie ein deutscher Literatus, am Lieblingsthema festschwatzen moͤchte, das Gespraͤch auf andre Gegenstaͤnde lei¬ tete, und so kamen wir auf roͤmische Vasen, An¬ gorakatzen, Lord Byron, Makaroni, tuͤrkische Shawls u. s. w. Die aͤltere Dame lispelte sehr huͤbsch einige Sonnenuntergangsstellen aus Byrons Gedichten. Der juͤngern Dame, die kein Englisch verstand, und jene Gedichte kennen lernen wollte, empfahl ich die Uebersetzungen meiner schoͤnen, geistreichen Landsmaͤnnin, der Baronin Elise von Hohenhausen; bey welcher Gelegenheit ich nicht ermangelte, wie ich gegen junge Damen zu thun pflege, uͤber Byrons Gottlosigkeit, Lieblosigkeit, Trostlosigkeit, und der Himmel weiß was noch mehr, zu eifern. Nach diesem Geschaͤfte ging ich noch auf dem Brocken spazieren; denn ganz dunkel wird es dort nie. Der Nebel war nicht stark, und ich betrach¬ tete die Umrisse der beyden Huͤgel, die man den Hexen-Altar und die Teufels-Kanzel nennt. Ich schoß meine Pistolen ab, doch es gab kein Echo. Ploͤtzlich aber hoͤre ich bekannte Stimmen und fuͤhle mich umarmt und gekuͤßt. Es waren meine Lands¬ leute, die Goͤttingen vier Tage spaͤter verlassen hat¬ ten, und bedeutend erstaunt waren, mich ganz allein auf dem Blocksberge wieder zu finden. Da gab es ein Erzaͤhlen und Verwundern und Verab¬ reden, ein Lachen und Erinnern, und im Geiste waren wir wieder in unserem gelehrten Sibirien, wo die Cultur so groß ist, daß die Baͤren in den Wirthshaͤusern angebunden werden, und die Zobel dem Jaͤger guten Abend wuͤnschen. Im großen Zimmer wurde eine Abendmahlzeit gehalten. Ein langer Tisch mit zwey Reihen hungriger Studenten. Im Anfang gewoͤhnliches Universitaͤts-Gespraͤch: Duelle, Duelle und wieder Duelle. Die Gesellschaft bestand meistens aus Hal¬ lensern, und Halle wurde daher Hauptgegenstand des Gespraͤchs. Die Fensterscheiben des Hofraths Schuͤtz wurden exegetisch beleuchtet. Dann erzaͤhlte man, daß die letzte Cour bey dem Koͤnig von Cy¬ pern sehr glaͤnzend gewesen sey, daß er einen natuͤrli¬ chen Sohn erwaͤhlt, daß er sich eine lichtensteinsche Prinzessin an's linke Bein antrauen lassen, daß er die Staatsmaitresse abgedankt, und daß das ganze geruͤhrte Ministerium vorschriftmaͤßig geweint habe. Ich brauche wohl nicht zu erwaͤhnen, daß sich die¬ ses auf Hallesche Bierwuͤrden bezieht. Hernach ka¬ men die zwey Chinesen auf's Tapet, die sich vor zwey Jahren in Berlin sehen ließen, und jetzt in Halle zu Privat-Dozenten der chinesischen Aesthetik abgerichtet werden. Nun wurden Witze gerissen. Man setzte den Fall: ein Deutscher ließe sich in China fuͤr Geld sehen; und zu diesem Zweck wurde ein Anschlag-Zettel geschmiedet, worin die Manda¬ rinen Tsching-Tsching-Tschung und Hi-Ha-Ho begutachteten, daß es ein echter Deutscher sey, worin ferner seine Kunststuͤcke aufgerechnet wurden, die hauptsaͤchlich in Philosophiren, Tabackrauchen und Geduld bestanden, und worin noch schließlich bemerkt wurde, daß man um zwoͤlf Uhr, welches die Fuͤtte¬ rungstunde sey, keine Hunde mitbringen duͤrfe, in¬ dem diese dem armen Deutschen die besten Brocken weg zu schnappen pflegten. — Ein junger Burschen¬ schafter, der kuͤrzlich zur Purifikazion in Berlin gewe¬ sen, sprach viel von dieser Stadt; aber sehr einseitig. Er hatte Wisotzki und das Theater besucht; beide beurtheilte er falsch. „Schnell fertig ist die Ju¬ gend mit dem Wort u. s. w.“ Er sprach von Garderobe-Aufwand, Schauspieler- und Schauspie¬ lerinnen-Skandal u. s. w. Der junge Mensch wußte nicht, daß, da in Berlin uͤberhaupt der Schein der Dinge am meisten gilt, was schon die allge¬ meine Redensart „man so duhn“ hinlaͤnglich an¬ deutet, dieses Scheinwesen auf den Brettern erst recht floriren muß, und daß daher die Intendanz am meisten zu sorgen hat fuͤr „die Farbe des Barts, womit eine Rolle gespielt wird,“ fuͤr die Treue der Costuͤme, die von beeidigten Historikern vorge¬ zeichnet, und von wissenschaftlich gebildeten Schnei¬ dern genaͤht werden. Und das ist nothwendig. Denn truͤge mahl Maria Stuart eine Schuͤrze, die schon zum Zeitalter der Koͤnigin Anna gehoͤrt, so wuͤrde gewiß der Banquier Christian Gumpel sich mit Recht beklagen, daß ihm dadurch alle Illusion verloren gehe; und haͤtte mahl Lord Bur¬ leigh aus Versehen die Hosen von Heinrich IV angezogen, so wuͤrde gewiß die Kriegsraͤthin von Steinzopf, geb. Lilienthau, diesen Anachronismus den ganzen Abend nicht aus den Augen lassen. Solche taͤuschende Sorgfalt der General-Inten¬ danz erstreckt sich aber nicht bloß auf Schuͤrzen und Hosen, sondern auch auf die darin verwickel¬ ten Personen. So soll kuͤnftig der Othello von einem wirklichen Mohren gespielt werden, den Professor Lichtenstein schon zu diesem Behufe aus Afrika verschrieben hat; in Menschenhaß und Reue soll kuͤnftig die Eulalia von einem wirklich verlau¬ fenen Weibsbilde, der Peter von einem wirklich dummen Jungen, und der Unbekannte von einem wirklich geheimen Hahnrey gespielt werden, die man alle drey nicht erst aus Afrika zu verschreiben braucht; in der “Macht der Verhaͤltnisse” soll ein wirklicher Schriftsteller, der schon mahl ein paar Maulschellen bekommen, die Rolle des Helden spie¬ len; in der Ahnfrau soll der Kuͤnstler, der den Jaromir giebt, schon wirklich einmal geraubt, oder doch wenigstens gestohlen haben; die Lady Macbeth soll von einer Dame gespielt werden, die zwar, wie es Tiek verlangt, von Natur sehr liebe¬ voll ist, aber doch mit dem blutigen Anblick eines meuchelmoͤrderischen Abstechens einigermaßen ver¬ traut ist; und endlich, zur Darstellung gar beson¬ ders seichter, witzloser, poͤbelhafter Gesellen soll der große Angeli engagirt werden, der große An¬ geli, der seine Geistesgenossen jedesmal entzuͤckt, wenn er sich erhebt in seiner wahren Groͤße, hoch, hoch, “jeder Zoll ein Lump!” — Hatte nun obenerwaͤhnter junger Mensch die Verhaͤltnisse des Berliner Schauspiels schlecht begriffen, so merkte er noch viel weniger, daß die Spontinische Janitscha¬ ren-Oper, mit ihren Pauken, Elephanten, Trompe¬ ten und Tamtams, ein heroisches Mittel ist, um unser erschlafftes Volk kriegerisch zu staͤrken, ein Mittel, das schon Plato und Cicero staatspfiffig empfohlen haben. Am allerwenigsten begriff der junge Mensch die diplomatische Bedeutung des Bal¬ lets. Mit Muͤhe zeigte ich ihm, wie in Hoguets Fuͤßen mehr Politik sitzt als in Bucholz Kopf, wie alle seine Tanztouren diplomatische Verhand¬ lungen bedeuten, wie jede seiner Bewegungen eine politische Beziehung habe, so z. B. daß er unser Kabinet meynt, wenn er, sehnsuͤchtig vorgebeugt, mit den Haͤnden weitausgreift, daß er den — — — meynt, wenn er sich hundertmal auf einem Fuße herumdreht ohne vom Fleck zu kommen, daß er die kleinen Fuͤrsten meynt, wenn er wie mit ge¬ bundenen Beinen herumtrippelt, daß er das Euro¬ paͤische Gleichgewicht bezeichnet, wenn er wie ein Trunkener hin und herschwankt, daß er einen Con¬ greß andeutet, wenn er die gebogenen Arme knaͤul¬ artig in einander verschlingt, und endlich daß er unsern allzugroßen Freund im Osten darstellt, wenn er in allmaͤhliger Entfaltung sich in die Hoͤhe hebt, in dieser Stellung lange ruht, und ploͤtzlich in die erschrecklichsten Spruͤnge ausbricht. Dem jungen Manne fielen die Schuppen von den Augen, und jetzt merkte er, warum Taͤnzer besser honorirt werden als große Dichter, warum das Ballet beym diplomatischen Corps ein unerschoͤpfli¬ cher Gegenstand des Gespraͤchs ist, und warum oft eine schoͤne Taͤnzerin noch privatim von dem Minister unterhalten wird, der sich gewiß Tag und Nacht abmuͤht, sie fuͤr sein politisches System¬ chen empfaͤnglich zu machen. Bey'm Apis! wie groß ist die Zahl der exoterischen und wie klein die Zahl der esoterischen Theaterbesucher! Da steht das bloͤde Volk und gafft und bewundert Spruͤnge und Wendungen, und studiert Anatomie in den Stellungen der Lemiere, und applaudirt die Entre¬ chats der Roͤhnisch, und schwatzt von Grazie, Harmonie und Lenden — und keiner merkt, daß er in getanzten Chiffern das Schicksal des deut¬ schen Vaterlandes vor Augen hat. Waͤhrend solcherley Gespraͤche hin und her flo¬ gen, verlor man doch das Nuͤtzliche nicht aus den Augen, und den großen Schuͤsseln, die mit Fleisch, Kartoffeln u. s. w. ehrlich angefuͤllt waren, wurde fleißig zugesprochen. Jedoch das Essen war schlecht. Dieses erwaͤhnte ich leichthin gegen meinen Nach¬ bar, der aber, mit einem Accente, woran ich den Schweizer erkannte, gar unhoͤflich antwortete: daß wir Deutschen wie mit der wahren Freiheit, so auch mit der wahren Genuͤgsamkeit unbekannt seyen. Ich zuckte die Achseln und bemerkte: daß die eigentlichen Fuͤrstenknechte und Leckerkram-Verfertiger uͤberall Schweizer sind und vorzugsweise so genannt werden, und daß uͤberhaupt diejetzigen schweizerischen Freiheits¬ helden, die so viel Politisch-Kuͤhnes in's Publikum hineinschwatzen, mir immer vorkommen, wie Hasen, die auf oͤffentlichen Jahrmaͤrkten Pistolen abschie¬ ßen, alle Kinder und Bauern durch ihre Kuͤhnheit in Erstaunen setzen, und dennoch Hasen sind. Der Sohn der Alpen hatte es gewiß nicht boͤse gemeint, „es war ein dicker Mann, folglich ein guter Mann,” sagt Cervantes. Aber mein Nach¬ bar von der andern Seite, ein Greifswalder, war durch jene Aeußerung sehr piquirt; er betheuerte, daß deutsche Thatkraft und Einfaͤltigkeit noch nicht erloschen sey, schlug sich droͤhnend auf die Brust, und leerte eine ungeheure Stange Weißbier. Der Schweizer sagte: “Nu! Nu!” Doch, je beschwich¬ tigender er dieses sagte, desto eifriger ging der Greifswalder in's Geschirr. Dieser war ein Mann aus jenen Zeiten, als die Laͤuse gute Tage hatten und die Friseure zu hungern fuͤrchteten. Er trug herabhaͤngend langes Haar, ein ritterliches Barett, einen schwarzen, altdeutschen Rock, ein schmutziges Hemd, das zugleich das Amt einer Weste versah, und darunter ein Medaillon mit einem Haarbuͤschel von Bluͤchers Schimmel. Er sah aus wie ein Narr in Lebensgroͤße. Ich mache mir gern einige Bewegung beym Abendessen, und ließ mich daher von ihm in einen patriotischen Streit verflechten. Er war der Meynung, Deutschland muͤsse in 33 Gauen getheilt werden. Ich hingegen behauptete: es muͤßten 48 seyn, weil man alsdann ein syste¬ matischeres Handbuch uͤber Deutschland schreiben koͤnne, und es doch nothwendig sey, das Leben mit der Wissenschaft zu verbinden. Mein Greifswalder Freund war auch ein deutscher Barde, und, wie er mir vertraute, arbeitete er an einem National- Heldengedichte zur Verherrlichung Hermanns und der Hermannsschlacht. Manchen nuͤtzlichen Wink gab ich ihm fuͤr die Anfertigung dieses Epos. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß er die Suͤmpfe und Knuͤppelwege des teutoburger Waldes sehr ono¬ matopoͤisch durch waͤßrige und holprige Verse an¬ deuten koͤnne, und daß es eine patriotische Feinheit waͤre, wenn er den Varus und die uͤbrigen Roͤmer lauter Unsinn sprechen ließe. Ich hoffe, dieser Kunstkniff wird ihm, eben so erfolgreich wie andern Berliner Dichtern, bis zur bedenklichsten Illusion gelingen. An unserem Tische wurde es immer lauter und traulicher, der Wein verdraͤngte das Bier, die Punsch-Bowlen dampften, es wurde getrunken, smollirt und gesungen. Der alte Landesvater und herrliche Lieder von W. Muͤller, Ruͤckert, Uhland u. s. w. erschollen. Schoͤne Methfesselsche Melo¬ dien. Am allerbesten erklangen unseres Arndt's deutsche Worte: „Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte!“ Und draußen brauste es, als ob der alte Berg mitsaͤnge, und einige schwankende Freunde behaupteten sogar, er schuͤttle freudig sein kahles Haupt und unser Zim¬ mer werde dadurch hin und her bewegt. Die Flaschen wurden leerer und die Koͤpfe voller. Der Eine bruͤllte, der Andere fistulirte, ein Dritter de¬ klamirte aus der „Schuld“, ein Vierter sprach Latein, ein Fuͤnfter predigte von der Maͤßigkeit, und ein Sechster stellte sich auf den Stuhl und dozirte: „Meine Herren! Die Erde ist eine runde Walze, die Menschen sind einzelne Stiftchen dar¬ auf, scheinbar arglos zerstreut; aber die Walze dreht sich, die Stiftchen stoßen hier und da an und toͤnen, die einen oft, die andern selten, das giebt eine wunderbare, complizirte Musik, und diese heißt Weltgeschichte. Wir sprechen also erst von der Musik, dann von der Welt und endlich von der Geschichte; letztere aber theilen wir ein in Positiv und spanische Fliegen —” Und so ging's weiter mit Sinn und Unsinn. Ein gemuͤthlicher Mecklenburger, der seine Nase im Punschglase hatte, und selig laͤchelnd den Dampf einschnupfte, machte die Bemerkung: es sey ihm zu Muthe, als staͤnde er wieder vor dem Theater-Buͤffet in Schwerin! Ein Anderer hielt sein Weinglas wie ein Perspektiv vor die Augen und schien uns aufmerksam damit zu betrachten, waͤhrend ihm der rothe Wein, uͤber die Backen, ins hervortretende Maul hinablief. Der Greifs¬ walder, ploͤtzlich begeistert, warf sich an meine Brust und jauchzte: “O, verstaͤndest Du mich, ich bin ein Liebender, ich bin ein Gluͤcklicher, ich werde wieder geliebt, und Gott verdamm' mich! es ist ein gebildetes Maͤdchen, denn sie hat volle Bruͤste, und traͤgt ein weißes Kleid und spielt Clavier!” — Aber der Schweizer weinte, und kuͤßte zaͤrtlich meine Hand und wimmerte bestaͤndig: „O Baͤbeli! O Baͤbeli!“ In diesem verworrenen Treiben, wo die Teller tanzen und die Glaͤser fliegen lernten, saßen mir gegenuͤber zwey Juͤnglinge, schoͤn und blaß wie Marmorbilder, der Eine mehr dem Adonis, der Andere mehr dem Apollo aͤhnlich. Kaum bemerk¬ bar war der leichte Rosenhauch, den der Wein uͤber ihre Wangen hinwarf. Mit unendlicher Liebe sahen sie sich einander an, als wenn Einer lesen koͤnnte in den Augen des Andern, und in diesen Augen strahlte es, als waͤren einige Lichttropfen hinein gefallen aus jener Schaale voll lodernder Liebe, die ein frommer Engel dort oben von einem Stern zum andern hinuͤber traͤgt. Sie sprachen leise, mit sehnsuchtbebender Stimme, und es waren traurige Geschichten, aus denen ein wunderschmerz¬ licher Ton hervor klang. „Die Lore ist jetzt auch todt!“ sagte der Eine und seufzte, und nach einer Pause erzaͤhlte er von einem Halleschen Maͤdchen, das in einen Studenten verliebt war, und als die¬ 15 ser Halle verließ, mit Niemand mehr sprach, und wenig aß, und Tag und Nacht weinte, und immer den Canarienvogel betrachtete, den der Geliebte ihr einst geschenkt hatte. “Der Vogel starb, und bald darauf ist auch die Lore gestorben!” so schloß die Erzaͤhlung, und beyde Juͤnglinge schwiegen wie¬ der und seufzten, als wollte ihnen das Herz zer¬ springen. Endlich sprach der Andere: “Meine Seele ist traurig! Komm mit hinaus in die dunkle Nacht! Einathmen will ich den Hauch der Wolken und die Strahlen des Mondes. Genosse meiner Wehmuth! ich liebe Dich, Deine Worte toͤnen wie Rohrgefluͤster, wie gleitende Stroͤme, sie toͤnen wie¬ der in meiner Brust, aber meine Seele ist traurig!” Nun erhoben sich die beyden Juͤnglinge, Einer schlang den Arm um den Nacken des Andern, und sie verließen das tosende Zimmer. Ich folgte ihnen nach und sah, wie sie in eine dunkle Kammer tra¬ ten, wie der Eine, statt des Fensters, einen gro¬ ßen Kleiderschrank oͤffnete, wie Beide vor demsel¬ ben, mit sehnsuͤchtig ausgestreckten Armen, stehen blieben und wechselweise sprachen. “Ihr Luͤfte der daͤmmernden Nacht!” rief der Erste, “wie erqui¬ ckend kuͤhlt Ihr meine Wangen! Wie lieblich spielt Ihr mit meinen flatternden Locken! Ich steh' auf des Berges wolkigem Gipfel, unter mir liegen die schlafenden Staͤdte der Menschen, und blinken die blauen Gewaͤsser. Horch! dort unten im Thale rau¬ schen die Tannen! Dort uͤber die Huͤgel ziehen, in Nebelgestalten, die Geister der Vaͤter. O, koͤnnt' ich mit Euch jagen, auf dem Wolkenroß, durch die stuͤrmische Nacht, uͤber die rollende See, zu den Sternen hinauf! Aber ach! ich bin beladen mit Leid und meine Seele ist traurig!” — Der andere Juͤngling hatte ebenfalls seine Arme sehnsuchtsvoll nach dem Kleiderschrank ausgestreckt, Thraͤnen stuͤrz¬ ten aus seinen Augen, und zu einer gelbledernen Hose, die er fuͤr den Mond hielt, sprach er mit wehmuͤthiger Stimme: “Schoͤn bist du, Tochter des Himmels! Holdselig ist deines Antlitzes Ruhe! Du wandelst einher in Lieblichkeit! Die Sterne folgen deinen blauen Pfaden im Osten. Bey dei¬ nem Anblick erfreuen sich die Wolken, und es lichten sich ihre duͤstern Gestalten. Wer gleicht dir am Himmel, Erzeugte der Nacht? Beschaͤmt, in deiner Gegenwart, sind die Sterne, und wenden ab die gruͤnfunkelnden Augen. Wohin, wenn des Morgens dein Antlitz erbleicht, entfliehst du von deinem Pfade? Hast du gleich mir deine Halle? Wohnst du im Schatten der Wehmuth? Sind deine Schwestern vom Himmel gefallen? Sie, die freudig mit dir die Nacht durchwallten, sind sie nicht mehr? Ja, sie fielen herab, o schoͤnes Licht, und du verbirgst dich oft, sie zu betrauern. Doch einst wird kommen die Nacht, und du, auch du bist vergangen, und hast deine blauen Pfade dort oben verlassen. Dann erheben die Sterne ihre gruͤnen Haͤupter, die einst deine Gegenwart be¬ schaͤmt, sie werden sich freuen. Doch jetzt bist du gekleidet in deiner Strahlenpracht und schaust herab aus den Thoren des Himmels. Zerreißt die Wol¬ ken, o Winde, damit die Erzeugte der Nacht her¬ vor zu leuchten vermag, und die buschigen Berge erglaͤnzen und das Meer seine schaͤumenden Wogen rolle in Licht!“ Ein wohlbekannter, nicht sehr magerer Freund, der mehr getrunken als gegessen hatte, obgleich er auch heute Abend, wie gewoͤhnlich, eine Porzion Rindfleisch verschlungen, wovon sechs Gardelieute¬ nants und ein unschuldiges Kind satt geworden waͤren, dieser kam jetzt in allzugutem Humor, d. h. ganz en Schwein, vorbeygerannt, schob die bey¬ den elegischen Freunde etwas unsanft in den Schrank hinein, polterte nach der Hausthuͤre, und wirthschaftete draußen ganz moͤrderlich. Der Laͤrm im Saal wurde auch immer verworrener und dum¬ pfer. Die beyden Juͤnglinge im Schranke jammer¬ ten und wimmerten, sie laͤgen zerschmettert am Fuße des Berges; aus dem Hals stroͤmte ihnen der edle Rothwein, sie uͤberschwemmten sich wechselseitig, und der Eine sprach zum Andern: „Lebe wohl! Ich fuͤhle, daß ich verblute. Warum weckst du mich, Fruͤhlingsluft? Du buhlst und sprichst: ich bethaue dich mit Tropfen des Himmels. Doch die Zeit meines Welkens ist nahe, nahe der Sturm, der meine Blaͤtter herabstoͤrt! Morgen wird der Wan¬ derer kommen, kommen der mich sah in meiner Schoͤnheit, ringsum wird sein Auge im Felde mich suchen, und wird mich nicht finden. — “ Aber Alles uͤbertobte die wohlbekannte Baßstimme, die draußen vor der Thuͤre, unter Fluchen und Jauch¬ zen, sich gottlaͤsterlich beklagte: daß auf der ganzen dunkeln Weenderstraße keine einzige Laterne brenne, und man nicht einmal sehen koͤnne, bey wem man die Fensterscheiben eingeschmissen habe. Ich kann viel vertragen — die Bescheidenheit erlaubt mir nicht, die Bouteillen-Zahl zu nennen — und ziemlich gut conditionirt gelangte ich nach meinem Schlafzimmer. Der junge Kaufmann lag schon im Bette, mit seiner kreideweißen Nachtmuͤtze und safrangelben Jacke von Gesundheits-Flanell. Er schlief noch nicht und suchte ein Gespraͤch mit mir anzuknuͤpfen. Er war ein Frankfurt-am- Mayner, und folglich sprach er gleich von den Juden, die alles Gefuͤhl fuͤr das Schoͤne und Edle verloren haben, und die englischen Waaren 25 Prozent unter dem Fabrikpreise verkaufen. Es ergriff mich die Lust, ihn etwas zu mystifiziren; deshalb sagte ich ihm: ich sey ein Nachtwandler, und muͤsse im Voraus um Entschuldigung bitten, fuͤr den Fall, daß ich ihn etwa im Schlafe stoͤren moͤchte. Der arme Mensch hat deshalb, wie er mir den andern Tag gestand, die ganze Nacht nicht geschlafen, da er die Besorgniß hegte, ich koͤnnte mit meinen Pistolen, die vor meinem Bette lagen, im Nachtwandler-Zustande ein Malheur anrichten. Im Grunde war es mir nicht viel bes¬ ser als ihm gegangen, ich hatte sehr schlecht geschla¬ fen. Wuͤste, beaͤngstigende Phantasie-Gebilde. Ein Clavier-Auszug aus Dante's “Hoͤlle.” Am Ende traͤumte mir gar, ich saͤhe die Auffuͤhrung einer juri¬ stischen Oper, die Falcidia geheißen, erbrechtlicher Text von Gans, und Musik von Spontini. Ein tol¬ ler Traum. Das roͤmische Forum leuchtete praͤchtig, Serv. Asinius Goͤschenus als Praͤtor auf seinem Stuhle, die Toga in stolze Falten werfend, ergoß sich in polternden Recitativen, Marcus Tullius El¬ versus, als Prima Donna legataria , all' seine holde Weiblichkeit offenbarend, sang die liebeschmelzende Bravour-Arie quicunque civis romanus , ziegelroth ge¬ schminkte Referendarien bruͤllten als Chor der Un¬ muͤndigen, Privat-Dozenten, als Genien in fleisch¬ farbigen Trikot gekleidet, tanzten ein antejustinianei¬ sches Ballet und bekraͤnzten mit Blumen die zwoͤlf Tafeln, unter Donner und Blitz stieg aus der Erde der beleidigte Geist der roͤmischen Gesetzgebung, Posaunen, Tamtam, Feuerregen, cum omni causa . Aus diesem Laͤrmen zog mich der Brockenwirth, indem er mich weckte, um den Sonnen-Auf¬ gang anzusehen. Auf dem Thurm fand ich schon einige Harrende, die sich die frierenden Haͤnde rie¬ ben, Andere, noch den Schlaf in den Augen, tau¬ melten herauf: endlich stand die stille Gemeinde von gestern Abend wieder ganz versammelt, und schweigend sahen wir: wie am Horizonte die kleine, carmoisinrothe Kugel empor stieg, eine winterlich daͤmmernde Beleuchtung sich verbreitete, die Berge wie in einem weißwallenden Meere schwammen, und bloß die Spitzen derselben sichtbar hervor tra¬ ten, so daß man auf einem kleinen Huͤgel zu stehen glaubte, mitten auf einer uͤberschwemmten Ebene, wo nur hier und da eine trockene Erdscholle her¬ vortritt. Um das Gesehene und Empfundene in Worten fest zu halten, zeichnete ich folgendes Gedicht: Heller wird es schon im Osten Durch der Sonne kleines Glimmen, Weit und breit die Bergesgipfel In dem Nebelmeere schwimmen. Haͤtt' ich Siebenmeilenstiefel, Lief ich mit der Hast des Windes, Ueber jene Bergesgipfel, Nach dem Haus des lieben Kindes. Von dem Bettchen, wo sie schlummert, Zoͤg' ich leise die Gardinen, Leise kuͤßt' ich ihre Stirne, Leise ihres Mund's Rubinen. Und noch leiser wollt' ich fluͤstern In die kleinen Liljen-Ohren: Denk' im Traum, daß wir uns lieben, Und daß wir uns nie verloren. Indessen, meine Sehnsucht nach einem Fruͤh¬ stuͤck war ebenfalls groß, und nachdem ich meinen Damen einige Hoͤflichkeiten gesagt, eilte ich hinab, um in der warmen Stube Kaffee zu trinken. Es that Noth; in meinem Magen sah es so nuͤchtern aus, wie in der Goslarschen Stephans-Kirche. Aber mit dem arabischen Trank rieselte mir auch der warme Orient durch die Glieder, oͤstliche Ro¬ sen umdufteten mich, suͤße Bulbul-Lieder erklangen, die Studenten verwandelten sich in Kameele, die Brockenhaus-Maͤdchen, mit ihren Congrevschen Blicken, wurden zu Houris, die Philister-Nasen wurden Minarets u. s. w. Das Buch, das neben mir lag, war aber nicht der Koran. Unsinn enthielt es freilich genug. Es war das sogenannte Brockenbuch, worin alle Reisende, die den Berg erstiegen, ihre Namen schreiben, und die Meisten noch einige Gedanken, und in Ermangelung derselben, ihre Gefuͤhle hinzu notiren. Viele druͤcken sich sogar in Versen aus. In diesem Buche sieht man, welche Greuel entste¬ hen, wenn der große Philister-Troß bey gebraͤuchli¬ chen Gelegenheiten, wie hier auf dem Brocken, sich vorgenommen hat, poetisch zu werden. Der Pal¬ last des Prinzen von Pallagonia enthaͤlt keine so große Abgeschmacktheiten wie dieses Buch, wo be¬ sonders hervor glaͤnzen die Herren Accise-Einneh¬ mer mit ihren verschimmelten Hochgefuͤhlen, die Comptoir-Juͤnglinge mit ihren pathetischen Seelen- Erguͤssen, die altdeutschen Revolutions-Dilettanten mit ihren Turn-Gemein-Plaͤtzen, die Berliner Schullehrer mit ihren verungluͤckten Entzuͤckungs- Phrasen u. s. w. Herr Johannes Hagel will sich auch mal als Schriftsteller zeigen. Hier wird des Sonnen-Aufgangs majestaͤtische Pracht beschrieben; dort wird geklagt uͤber schlechtes Wetter, uͤber ge¬ taͤuschte Erwartungen, uͤber den Nebel, der alle Aussicht versperrt. “Benebelt herauf gekommen und benebelt hinunter gegangen!” ist ein stehender Witz, der hier von Hunderten nachgerissen wird. Eine Carolina schreibt: daß sie bey dem Ersteigen des Berges nasse Fuͤße bekommen. Ein naives Hannchen hat diese Klage im Sinn, und schreibt lakonisch: auch ich bin bey der Geschichte naß ge¬ worden. Das ganze Buch riecht nach Kaͤse, Bier und Tabak; man glaubt einen Roman von Clau¬ ren zu lesen. Waͤhrend ich nun besagtermaßen Kaffee trank und im Brockenbuche blaͤtterte, trat der Schweizer mit hochrothen Wangen herein, und voller Begei¬ sterung erzaͤhlte er von dem erhabenen Anblick, den er oben auf dem Thurm genossen, als das reine, ruhige Licht der Sonne, Sinnbild der Wahrheit, mit den naͤchtlichen Nebelmassen gekaͤmpft, daß es ausgesehen habe wie eine Geisterschlacht, wo zuͤrnende Riesen ihre langen Schwerdter ausstrecken, gehar¬ nischte Ritter, auf baͤumenden Rossen, einher jagen, Streitwagen, flatternde Banner, abentheuerliche Thierbildungen aus dem wildesten Gewuͤhle hervor tauchen, bis endlich Alles in den wahnsinnnigsten Verzerrungen zusammen kraͤuselt, blasser und blasser zerrinnt, und spurlos verschwindet. Diese demago¬ gische Natur-Erscheinung hatte ich versaͤumt, und ich kann, wenn es zur Untersuchung kommt, eidlich versichern: daß ich von nichts weiß, als vom Ge¬ schmack des guten braunen Kaffee's. Ach, dieser war sogar Schuld, daß ich meine schoͤne Dame vergessen, und jetzt stand sie vor der Thuͤr, mit Mutter und Begleiter, im Begriff den Wagen zu besteigen. Kaum hatte ich noch Zeit, hin zu eilen uud ihr zu versichern, daß es kalt sey. Sie schien unwillig, daß ich nicht fruͤher gekommen; doch ich glaͤttete bald die mißmuͤthigen Falten ihrer schoͤnen Stirn, indem ich ihr eine wunderliche Blume schenkte, die ich den Tag vorher, mit hals¬ brechender Gefahr, von einer steilen Felsenwand gepfluͤckt hatte. Die Mutter verlangte den Namen der Blume zu wissen, gleichsam als ob sie es un¬ schicklich faͤnde, daß ihre Tochter eine fremde, unbe¬ kannte Blume vor die Brust stecke — denn wirk¬ lich, die Blume erhielt diesen beneidenswerthen Platz, was sie sich gewiß gestern auf ihrer einsamen Hoͤhe nicht traͤumen ließ. Der schweigsame Beglei¬ ter oͤffnete jetzt auf einmal den Mund, zaͤhlte die Staubfaͤden der Blume und sagte ganz trocken: sie gehoͤrt zur achten Classe. Es aͤrgert mich jedesmal, wenn ich sehe, daß man auch Gottes liebe Blumen, eben so wie uns, in Casten getheilt hat, und nach aͤhnlichen Aeußer¬ lichkeiten, nemlich nach Staubfaden-Verschiedenheit. Soll doch mal eine Eintheilung stattfinden, so folge man dem Vorschlage Theophrast's, der die Blumen mehr nach dem Geiste, naͤmlich nach ihrem Geruch, eintheilen wollte. Was mich betrifft, so habe ich in der Naturwissenschaft mein eignes System, und demnach theile ich Alles ein: in dasjenige, was man essen kann, und in dasjenige, was man nicht essen kann. Jedoch, der aͤltern Dame war die geheimni߬ volle Natur der Blumen nichts weniger als ver¬ schlossen, und unwillkuͤhrlich aͤußerte sie: daß sie von den Blumen, wenn sie noch im Garten oder im Topfe wachsen, recht erfreut werde, daß hinge¬ gen ein leises Schmerzgefuͤhl, traumhaft beaͤngsti¬ gend, ihre Brust durchzittere, wenn sie eine abge¬ brochene Blume sehe — da eine solche doch eigent¬ lich eine Leiche sey, und so eine gebrochene, zarte Blumenleiche ihr welkes Koͤpfchen recht traurig herab haͤngen lasse, wie ein todtes Kind. Die Dame war fast erschrocken uͤber den truͤben Wiederschein ihrer Bemerkung, und es war meine Pflicht, denselben mit einigen Voltaireschen Versen zu verscheuchen. Wie doch ein Paar franzoͤsische Worte uns gleich in die gehoͤrige Convenienzstim¬ mung zuruͤck versetzen koͤnnen! Wir lachten, Haͤnde wurden gekuͤßt, huldreich wurde gelaͤchelt, die Pferde wieherten und der Wagen holperte, langsam und beschwerlich, den Berg hinunter. Nun machten auch die Studenten Anstalt zum Abreisen, die Ranzen wurden geschnuͤrt, die Rechnungen, die uͤber alle Erwartung billig aus¬ fielen, berichtigt, die empfaͤnglichen Hausmaͤdchen, auf deren Gesichtern die Spuren gluͤcklicher Liebe, brachten, wie gebraͤuchlich ist, die Brockenstraͤu߬ chen, halfen solche auf die Muͤtzen befestigen, wur¬ den dafuͤr mit einigen Kuͤssen oder Groschen hono¬ rirt; und so stiegen wir Alle den Berg hinab, indem die Einen, wobey der Schweizer und Greifs¬ walder, den Weg nach Schierke einschlugen, und die Andern, ungefaͤhr zwanzig Mann, wobey auch meine Landsleute und ich, angefuͤhrt von einem Wegweiser, durch die sogenannten Schneeloͤcher hinab zogen nach Ilsenburg. Das ging uͤber Hals und Kopf. Hallesche Studenten marschiren schneller als die oͤstreichische Landwehr. Ehe ich mich dessen versah, war die kahle Partie des Berges mit den darauf zerstreu¬ ten Steingruppen schon hinter uns, und wir ka¬ men durch einen Tannenwald, wie ich ihn den Tag vorher gesehen. Die Sonne goß schon ihre festlich¬ sten Strahlen herab und beleuchtete die humoristisch buntgekleideten Burschen, die so munter durch das Dickigt drangen, hier verschwanden, dort wieder zum Vorschein kamen, bey Sumpfstellen uͤber die quergelegten Baumstaͤmme liefen, bey abschuͤssigen Tiefen an den rankenden Wurzeln kletterten, in den ergoͤtzlichsten Tonarten empor johlten, und eben so lustige Antwort zuruͤck erhielten von den zwitschernden Waldvoͤgeln, von den rauschenden Tannen, von den unsichtbar plaͤtschernden Quellen und von dem schallenden Echo. Wenn frohe Ju¬ gend und schoͤne Natur zusammen kommen, so freuen sie sich wechselseitig. Je tiefer wir hinab stiegen, desto lieblicher rauschte das unterirdische Gewaͤsser, nur hier und da, unter Gestein und Gestrippe, blinkte es hervor, und schien heimlich zu lauschen, ob es an's Licht treten duͤrfe, und endlich kam eine kleine Welle entschlos¬ sen hervor gesprungen. Nun zeigt sich die gewoͤhn¬ liche Erscheinung: ein Kuͤhner macht den Anfang, und der große Troß der Zagenden wird ploͤtzlich, zu seinem eigenen Erstaunen, von Muth ergriffen, und eilt, sich mit jenem Ersten zu vereinigen. Eine 16 Menge anderer Quellen huͤpften jetzt hastig aus ihrem Versteck, verbanden sich mit der zuerst her¬ vorgesprungenen, und bald bildeten sie zusammen ein schon bedeutendes Baͤchlein, das in unzaͤhligen Wasserfaͤllen, und in wunderlichen Windungen, das Bergthal hinab rauscht. Das ist nun die Ilse, die liebliche, suͤße Ilse. Sie zieht sich durch das gesegnete Ilsethal, an dessen beyden Seiten sich die Berge allmaͤhlig hoͤher erheben, und diese sind, bis zu ihrem Fuße, meistens mit Buchen, Eichen und gewoͤhnlichem Blattgestraͤuche bewachsen, nicht mehr mir Tannen und anderm Nadelholz. Denn jene Blaͤtterholzart wird vorherrschend auf dem „Unterharze,“ wie man die Ostseite des Brockens nennt, im Gegensatz zur Westseite desselben, die der „Oberharz“ heißt, und wirklich viel hoͤher ist, und also auch viel geeigneter zum Gedeihen der Nadelhoͤlzer. Es ist unbeschreibbar, mit welcher Froͤhlichkeit, Naivitaͤt und Anmuth die Ilse sich hinunter stuͤrzt uͤber die abentheuerlich gebildeten Felsstuͤcke, die sie in ihrem Laufe findet, so daß das Wasser hier wild empor zischt oder schaͤumend uͤberlaͤuft, dort aus allerley Steinspalten, wie aus tollen Gießkannen, in reinen Boͤgen sich ergießt, und unten wieder uͤber die kleinen Steine hintrippelt, wie ein mun¬ teres Maͤdchen. Ja, die Sage ist wahr, die Ilse ist eine Prinzessin, die lachend und bluͤhend den Berg hinab laͤuft. Wie blinkt im Sonnenschein ihr weißes Schaumgewand! Wie flattern im Winde ihre silbernen Busenbaͤnder! Wie funkeln und blitzen ihre Diamanten! Die hohen Buchen stehen gleich ernsten Vaͤtern, die verstohlen laͤchelnd dem Muthwillen des lieblichen Kindes zusehen; die weißen Birken bewegen sich tantenhaft vergnuͤgt, und doch zugleich aͤngstlich uͤber die gewagten Spruͤnge; der stolze Eichbaum schaut drein wie ein verdrießlicher Oheim, der das schoͤne Wetter bezah¬ len muß; die Voͤgelein in den Luͤften jubeln ihren Beyfall, die Blumen am Ufer fluͤstern zaͤrtlich: O, nimm uns mit, nimm uns mit, lieb Schwester¬ chen! — aber das lustige Maͤdchen springt unauf¬ haltsam weiter, und ploͤtzlich ergreift sie den traͤu¬ menden Dichter, und es stroͤmt auf mich herab ein Blumenregen von klingenden Strahlen und strah¬ lenden Klaͤngen, und die Sinne vergehen mir vor lauter Herrlichkeit, und ich hoͤre nur noch die floͤ¬ tensuͤße Stimme: Ich bin die Prinzessin Ilse, Und wohne im Ilsenstein; Komm mit nach meinem Schlosse, Wir wollen selig seyn. Dein Haupt will ich benetzen Mit meiner klaren Well', Du sollst deine Schmerzen vergessen, Du sorgenkranker Gesell! In meinen weißen Armen, An meiner weißen Brust, Da sollst du liegen und traͤumen Von alter Maͤhrchenlust. Ich will dich kuͤssen und herzen, Wie ich geherzt und gekuͤßt Den lieben Kayser Heinrich, Der nun gestorben ist. Es bleiben todt die Todten, Und nur der Lebendige lebt; Und ich bin schoͤn und bluͤhend, Mein lachendes Herze bebt. Und bebt mein Herz dort unten, So klingt mein kristallenes Schloß, Es tanzen die Fraͤulein und Ritter, Es jubelt der Knappentroß. Es rauschen die seidenen Schleppen, Es klirren die Eisenspor'n, Die Zwerge trompeten und pauken, Und fiedeln und blasen das Horn. Doch dich soll mein Arm umschlingen, Wie er Kayser Heinrich umschlang; Ich hielt ihm zu die Ohren, Wenn die Trompet' erklang. Unendlich selig ist das Gefuͤhl, wenn die Er¬ scheinungswelt mit unserer Gemuͤthswelt zusammen¬ rinnt, und gruͤne Baͤume, Gedanken, Vogelge¬ sang, Wehmuth, Himmelsblaͤue, Erinnerung und Kraͤuterduft sich in suͤßen Arabesken verschlingen. Die Frauen kennen am besten dieses Gefuͤhl, und darum mag auch ein so holdselig unglaͤubiges Laͤcheln um ihre Lippen schweben, wenn wir mit Schulstolz unsere logischen Thaten ruͤhmen, wie wir Alles so huͤbsch eingetheilt in objektiv und sub¬ jektiv, wie wir unsere Koͤpfe apothekenartig mit tausend Schubladen versehen, wo in der einen Vernunft, in der andern Verstand, in der dritten Witz, in der vierten schlechter Witz, und in der fuͤnften gar nichts, naͤmlich die Idee, enthalten ist. Wie im Traume fortwandelnd, hatte ich fast nicht bemerkt, daß wir die Tiefe des Ilsethales ver¬ lassen, und wieder bergauf stiegen. Dies ging sehr steil und muͤhsam, und Mancher von uns kam au¬ ßer Athem. Doch wie unser seliger Vetter, der zu Moͤlln begraben liegt, dachten wir im voraus an's Bergabsteigen, und waren um so vergnuͤgter. End¬ lich gelangten wir auf den Ilsenstein. Das ist ein ungeheurer Granitfelsen, der sich lang und keck aus der Tiefe erhebt. Von drey Seiten umschließen ihn die hohen, waldbedeckten Berge, aber die vierte, die Nordseite, ist frei und hier schaut man das unten liegende Ilsenburg und die Ilse, weit hinab in's niedere Land. Auf der thurmartigen Spitze des Felsens steht ein großes, eisernes Kreuz, und zur Noth ist da noch Platz fuͤr vier Menschenfuͤße. Wie nun die Natur, durch Stellung und Form, den Ilsenstein mit phantastischen Reizen geschmuͤckt, so hat auch die Sage ihren Rosenschein daruͤber ausgegossen. Gottschalk berichtet: “Man erzaͤhlt, hier habe ein verwuͤnschtes Schloß gestanden, in welchem die reiche, schoͤne Prinzessin Ilse gewohnt, die sich noch jetzt jeden Morgen in der Ilse bade; und wer so gluͤcklich ist, den rechten Zeitpunkt zu treffen, werde von ihr in den Felsen, wo ihr Schloß sey, gefuͤhrt und koͤniglich belohnt!” An¬ dere erzaͤhlen von der Liebe des Fraͤuleins Ilse und des Ritters von Westenberg eine huͤbsche Ge¬ schichte, die einer unserer bekanntesten Dichter ro¬ mantisch in der “Abendzeitung” besungen hat. Andere wieder erzaͤhlen anders: es soll der altsaͤch¬ sische Kayser Heinrich gewesen seyn, der mit Ilse, der schoͤnen Wasser-Fee, in ihrer verzauberten Fel¬ senburg die kayserlichsten Stunden genossen. Ein neuerer Schriftsteller, Herr Niemann, Wohlgeb., der ein Harzreisebuch geschrieben, worin er die Gebirgshoͤhen, Abweichungen der Magnetnadel, Schulden der Staͤdte und dergleichen mit loͤblichem Fleiße und genauen Zahlen angegeben, behauptet indeß: “Was man von der schoͤnen Prinzessin Ilse erzaͤhlt, gehoͤrt dem Fabelreiche an.” So sprechen alle diese Leute, denen eine solche Prinzes¬ sin niemals erschienen ist, wir aber, die wir von schoͤnen Damen besonders beguͤnstigt werden, wissen das besser. Auch Kayser Heinrich wußte es. Nicht umsonst hingen die altsaͤchsischen Kayser so sehr an ihrem heimischen Harze. Man blaͤttere nur in der huͤbschen Luͤneburger Chronik, wo die guten, alten Herren, in wunderlich treuherzigen Holzschnitten, ab¬ conterfeyt sind, wohlgeharnischt, hoch auf ihrem ge¬ wappneten Schlachtroß, die heilige Kayserkrone auf dem theuren Haupte, Scepter und Schwerdt in festen Haͤnden; und auf den lieben, knebelbaͤrtigen Gesich¬ tern kann man deutlich lesen, wie oft sie sich nach den suͤßen Herzen ihrer Harz-Prinzessinnen und dem traulichen Rauschen der Harzwaͤlder zuruͤck¬ sehnten, wenn sie in der Fremde weilten, wohl gar in dem zitronen- und giftreichen Welschland, wohin sie und ihre Nachfolger so oft verlockt wurden von dem Wunsche, roͤmische Kayser zu heißen, einer echtdeutschen Titelsucht, woran Kayser und Reich zu Grunde gingen. Ich rathe aber Jedem, der auf der Spitze des Ilsensteins steht, weder an Kayser und Reich, noch an die schoͤne Ilse, sondern bloß an seine Fuͤße zu denken. Denn als ich dort stand, in Gedanken verloren, hoͤrte ich ploͤtzlich die unterirdische Musik des Zauberschlosses, und ich sah, wie sich die Berge ringsum auf die Koͤpfe stellten, und die rothen Ziegeldaͤcher zu Ilsenburg anfingen zu tanzen, und die gruͤnen Baͤume in der blauen Luft herum flo¬ gen, daß es mir blau und gruͤn vor den Augen wurde, und ich sicher, vom Schwindel erfaßt, in den Abgrund gestuͤrzt waͤre, wenn ich mich nicht, in meiner Seelennoth, an's eiserne Kreuz festge¬ klammert haͤtte. Daß ich, in so mißlicher Stel¬ lung, dieses letztere gethan habe, wird mir gewiß niemand verdenken. Die „Harzreise“ ist und bleibt Fragment, und die bunten Faͤden, die so huͤbsch hineinge¬ sponnen sind, um sich im Ganzen harmonisch zu verschlingen, werden ploͤtzlich, wie von der Scheere der unerbittlichen Parze, abgeschnitten. Vielleicht verwebe ich sie weiter in kuͤnftigen Lie¬ dern, und was jetzt kaͤrglich verschwiegen ist, wird alsdann vollauf gesagt. Am Ende kommt es auch auf Eins heraus, wann und wo man etwas ausgesprochen hat, wenn man es nur uͤber¬ haupt einmal ausspricht. Moͤgen die einzelnen Werke immerhin Fragmente bleiben, wenn sie nur in ihrer Vereinigung ein Ganzes bilden. Durch solche Vereinigung mag hier und da das Mangel¬ hafte ergaͤnzt, das Schroffe ausgeglichen und das Allzuherbe gemildert werden. Dieses wuͤrde viel¬ leicht schon bey den ersten Blaͤttern der Harzreise der Fall seyn, und sie koͤnnten wohl einen minder sauren Eindruck hervorbringen, wenn man am derweitig erfuͤhre, daß der Unmuth, den ich ge¬ gen Goͤttingen im Allgemeinen hege, obschon er noch groͤßer ist als ich ihn ausgesprochen, doch lange nicht so groß ist wie die Verehrung, die ich fuͤr einige Individuen dort empfinde. Und warum sollte ich es verschweigen, ich meyne hier ganz be¬ sonders jenen viel theueren Mann, der schon in fruͤhern Zeiten sich so freundlich meiner annahm, mir schon damals eine innige Liebe fuͤr das Stu¬ dium der Geschichte einfloͤßte, mich spaͤterhin in dem Eifer fuͤr dasselbe bestaͤrkte, und dadurch mei¬ nen Geist auf ruhigere Bahnen fuͤhrte, meinem Lebensmuthe heilsamere Richtungen anwies, und mir uͤberhaupt jene historischen Troͤstungen berei¬ tete, ohne welche ich die qualvollen Erscheinungen des Tages nimmermehr ertragen wuͤrde. Ich spreche von Georg Sartorius, dem großen Ge¬ schichtsforscher und Menschen, dessen Auge ein klarer Stern ist in unserer dunklen Zeit, und dessen gastliches Herz offen steht fuͤr alle fremde Leiden und Freuden, fuͤr die Besorgnisse des Bett¬ lers und des Koͤnigs, und fuͤr die letzten Seufzer untergehender Voͤlker und ihrer Goͤtter. — Ich kann nicht umhin, hier ebenfalls anzudeu¬ ten: daß der Oberharz, jener Theil des Harzes, den ich bis zum Anfang des Ilsethals beschrieben habe, bey weitem keinen so erfreulichen Anblick wie der romantisch malerische Unterharz gewaͤhrt, und in seiner wildschroffen, tannendunklen Schoͤn¬ heit gar sehr mit demselben kontrastirt; so wie ebenfalls die drey, von der Ilse, von der Bode und von der Selke gebildeten Thaͤler des Unterharzes gar anmuthig unter einander kontrastiren, wenn man den Charakter jedes Thales zu personifiziren weiß. Es sind drey Frauengestalten, wovon man nicht so leicht zu entscheiden vermag, welche die Schoͤnste sey. Von der lieben, suͤßen Ilse und wie suͤß und lieblich sie mich empfangen, habe ich schon gesagt und gesungen. Die duͤstere Schoͤne, die Bode, empfing mich nicht so gnaͤdig, und als ich sie im schmiededunklen Ruͤbeland zuerst erblickte, schien sie gar muͤrrisch und verhuͤllte sich in einen silber¬ grauen Regenschleyer; aber mit rascher Liebe warf sie ihn ab, als ich auf die Hoͤhe der Roßtrappe gelangte, ihr Antlitz leuchtete mir entgegen in sonnigster Pracht, aus allen Zuͤgen hauchte eine kolossale Zaͤrtlichkeit, und aus der bezwunge¬ nen Felsenbrust drang es hervor wie Sehnsucht¬ seufzer und schmelzende Laute der Wehmuth. Min¬ der zaͤrtlich, aber froͤhlicher zeigte sich mir die schoͤne Selke, die schoͤne, liebenswuͤrdige Dame, deren edle Einfalt und heitre Ruhe alle sentimen¬ tale Familiaritaͤt entfernt haͤlt, die aber doch durch ein halbverstecktes Laͤcheln ihren neckenden Sinn verraͤth; und diesem moͤchte ich es wohl zu¬ schreiben, daß mich im Selkethale gar mancherley kleines Ungemach heimsuchte, daß ich, indem ich uͤber das Wasser springen wollte, just in die Mitte hineinplumpste, daß nachher, als ich das nasse Fußzeug mit Pantoffeln vertauscht hatte, einer derselben mir abhanden, oder vielmehr ab¬ fuͤßen kam, daß mir ein Windstoß die Muͤtze entfuͤhrte, daß mir Wald-Dorne die Beine zerfetzten, u. leider s. w. Doch all dieses Unge¬ mach verzeihe ich gern der schoͤnen Dame, denn sie ist schoͤn. Und jetzt steht sie vor meiner Ein¬ bildung mit all ihrem stillen Liebreiz, und scheint zu sagen: wenn ich auch lache, so meyne ich es doch gut mit Ihnen, und ich bitte Sie, besingen Sie mich. Die herrliche Bode tritt ebenfalls hervor in meiner Erinnerung, und ihr dunkles Auge spricht: du gleichst mir im Stolz und im Schmerze, und ich will, daß du mich liebst. Auch die schoͤne Ilse kommt herangesprungen, zierlich und bezau¬ bernd in Miene, Gestalt und Bewegung; sie gleicht ganz dem holden Wesen, das meine Traͤume beseligt, und ganz, wie Sie, schaut sie mich an, mit unwiderstehlicher Gleichguͤltigkeit und doch zu¬ gleich so innig, so ewig, so durchsichtig wahr — Nun, ich bin Paris, die drey Goͤttinnen ste¬ hen vor mir, und den Apfel gebe ich der schoͤnen Ilse. Es ist heute der erste May, wie ein Meer des Lebens ergießt sich der Fruͤhling uͤber die Erde, der weiße Bluͤthenschaum bleibt an den Baͤumen haͤngen, ein weiter, warmer Nebelglanz verbrei¬ tet sich uͤberall, in der Stadt blitzen freudig die Fensterscheiben der Haͤuser, an den Daͤchern bauen die Spatzen wieder ihre Nestchen, auf der Straße wandeln die Leute und wundern sich, daß die Luft so angreifend und ihnen selbst so wunder¬ lich zu Muth ist, die bunten Vierlanderinnen bringen Veilchenstraͤußer, die Waisenkinder, mit ihren blauen Jaͤckchen und ihren lieben, unehlichen Gesichtchen, ziehen uͤber den Jungfernstieg und freuen sich, als sollten sie heute einen Vater wie¬ derfinden, der Bettler an der Bruͤcke schaut so vergnuͤgt, als haͤtte er das große Loos gewonnen, sogar den schwarzen, noch ungehenkten Makler, der dort mit seinem spitzbuͤbischen Manufaktur¬ waaren-Gesicht einherlaͤuft, bescheint die Sonne mit ihren tolerantesten Strahlen, — ich will hin¬ auswandern vor das Thor. Es ist der erste May, und ich denke deiner, du schoͤne Ilse — oder soll ich dich “Agnes” nen¬ nen, weil dir dieser Name am besten gefaͤllt? — ich denke deiner, und ich moͤchte wieder zusehen wie du leuchtend den Berg hinablaͤufst. Am lieb¬ sten aber moͤchte ich unten im Thale stehen und dich auffangen in meine Arme. — Es ist ein schoͤ¬ ner Tag! Ueberall sehe ich die gruͤne Farbe, die Farbe der Hoffnung. Ueberall, wie holde Wunder, bluͤhen hervor die Blumen, und auch mein Herz will wieder bluͤhen. Dieses Herz ist auch eine Blume, eine gar wunderliche. Es ist kein beschei¬ denes Veilchen, keine lachende Rose, keine reine Lilie, oder sonstiges Bluͤmchen, das mit artiger Lieblichkeit den Maͤdchensinn erfreut, und sich huͤbsch vor den huͤbschen Busen stecken laͤßt, und heute welkt und morgen wieder bluͤht. Dieses Herz gleicht mehr jener schweren, abentheuerlichen Blume aus den Waͤldern Brasiliens, die, der Sage nach, alle hundert Jahre nur einmal bluͤht. Ich erin¬ nere mich, daß ich als Knabe eine solche Blume ge¬ sehen. Wir hoͤrten in der Nacht einen Schuß, wie von einer Pistole, und am folgenden Mor¬ gen erzaͤhlten mir die Nachbarskinder, daß es ihre “Aloe” gewesen, die mit solchem Knalle ploͤtz¬ 17 lich aufgebluͤht sey. Sie fuͤhrten mich in ihren Garten, und da sah ich, zu meiner Verwunderung, daß das niedrige, harte Gewaͤchs, mit den naͤr¬ risch breiten, scharfgezackten Blaͤttern, woran man sich leicht verletzen konnte, jetzt ganz in die Hoͤhe geschossen war, und oben, wie eine goldne Krone, die herrlichste Bluͤthe trug. Wir Kinder konnten nicht mahl so hoch hinaufsehen, und der alte, schmunzelnde Christian, der uns lieb hatte, baute eine hoͤlzerne Treppe um die Blume herum, und da kletterten wir hinauf, wie die Katzen, und schauten neugierig in den offnen Blumenkelch, wor¬ aus die gelben Strahlenfaͤden und wildfremden Duͤfte mit unerhoͤrter Pracht hervordrangen. Ja, Agnes, oft und leicht kommt dieses Herz nicht zum Bluͤhen; so viel ich mich erinnere, hat es nur ein einziges Mal gebluͤht, und das mag schon lange her seyn, gewiß schon hundert Jahr. Ich glaube, so herrlich auch damals seine Bluͤthe sich entfaltete, so mußte sie doch aus Mangel an Sonnenschein und Waͤrme elendiglich verkuͤmmern, wenn sie nicht gar von einem dunklen Wintersturme gewaltsam zerstoͤrt worden. Jetzt aber regt und draͤngt es sich wieder in meiner Brust, und hoͤrst du ploͤtzlich den Schuß — Maͤdchen! erschrick nicht! ich hab' mich nicht todt geschossen, sondern meine Liebe sprengt ihre Knospe, und schießt empor in strahlenden Liedern, in ewigen Dithyramben, in freu¬ digster Sangesfuͤlle. Ist dir aber diese hohe Liebe zu hoch, Maͤd¬ chen, so mach' es dir bequem, und besteige die hoͤl¬ zerne Treppe, und schaue von dieser hinab in mein bluͤhendes Herz. Es ist noch fruͤh am Tage, die Sonne hat kaum die Haͤlfte ihres Weges zuruͤckgelegt, und mein Herz duftet schon so stark, daß es mir betaͤu¬ bend zu Kopfe steigt, daß ich nicht mehr weiß wo die Ironie aufhoͤrt und der Himmel anfaͤngt, daß ich die Luft mit meinen Seufzern bevoͤlkere, und daß ich selbst wieder zerrinnen moͤchte in suͤße Atome, in die unerschaffene Gottheit; — wie soll das erst gehen, wenn es Nacht wird, und die Sterne am Himmel erscheinen, „die ungluͤcksel'gen Sterne, die dir sagen koͤnnen — —“ Es ist der erste May, der lumpigste Laden¬ schwengel hat heute das Recht sentimental zu wer¬ den, und dem Dichter wolltest du es verwehren? Die Nordsee. 1825. Erste Abtheilung. Uneigennuͤtzig zu seyn in Allem, am uneigennuͤtzig¬ sten in Liebe und Freundschaft, war meine hoͤchste Lust, meine Maxime, meine Ausuͤbung, so daß jenes freche, spaͤtere Wort „Wenn, ich dich liebe, was gebt's dich an?“ mir recht aus der Seele gesprochen ist. (Aus Goͤthes «Dichtung und Wahrheit» vierzehntes Buch.) I . Huldigung. I hr Lieder! Ihr meine guten Lieder! Auf, auf! und wappnet Euch! Laßt die Trompeten klingen, Und hebt mir auf den Schild Dies junge Maͤdchen, Das jetzt mein ganzes Herz Beherrschen soll, als Koͤnigin. Heil dir! du junge Koͤnigin! Von der Sonne droben Reiß' ich das strahlend rothe Gold, Und webe d'raus ein Diadem Fuͤr dein geweihtes Haupt. Von der flatternd blauseid'nen Himmelsdecke, Worin die Nachtdiamanten blitzen, Schneid' ich ein kostbar Stuͤck, Und haͤng' es dir, als Kroͤnungsmantel, Um deine koͤnigliche Schulter. Ich gebe dir einen Hofstaat Von steifgeputzten Sonetten, Stolzen Terzinen und hoͤflichen Stanzen; Als Laͤufer diene dir mein Witz, Als Hofnarr meine Phantasie, Als Herold, die lachende Thraͤne im Wappen, Diene dir mein Humor. Aber ich selber, Koͤnigin, Ich kniee vor dir nieder, Und huld'gend, auf rothem Sammetkissen, Ueberreiche ich Dir Das bischen Verstand, Das mir, aus Mitleid, noch gelassen hat Deine Vorgaͤngerin im Reich. II . Abenddaͤmmerung . Am blassen Meeresstrande, Saß ich gedankenbekuͤmmert und einsam. Die Sonne neigte sich tiefer, und warf Gluͤhrothe Streifen auf das Wasser, Und die weißen, weiten Wellen, Von der Fluth gedraͤngt, Schaͤumten und rauschten naͤher und naͤher — Ein seltsam Geraͤusch, ein Fluͤstern und Pfeifen, Ein Lachen und Murmeln, Seufzen und Sausen, Dazwischen ein wiegenliedheimliches Singen — Mir war als hoͤrt' ich verscholl'ne Sagen, Uralte, liebliche Maͤhrchen, Die ich einst, als Knabe, Von Nachbarskindern vernahm, Wenn wir am Sommerabend, Auf den Treppensteinen der Hausthuͤr, Zum stillen Erzaͤhlen niederkauerten, Mit kleinen, horchenden Herzen Und neugierklugen Augen; — Waͤhrend die großen Maͤdchen, Neben duftenden Blumentoͤpfen, Gegenuͤber am Fenster saßen, Rosengesichter, Laͤchelnd und mondbeglaͤnzt. III . Sonnenuntergang . Die gluͤhend rothe Sonne steigt Hinab in's weitaufschauernde, Silbergraue Weltmeer; Luftgebilde, rosig angehaucht, Wallen ihr nach, und gegenuͤber, Aus herbstlich daͤmmernden Wolkenschleyern, Ein traurig todtblasses Antlitz, Bricht hervor der Mond, Und hinter ihm, Lichtfuͤnkchen, Nebelweit, schimmern die Sterne. Einst am Himmel, glaͤnzten, Ehlich vereint, Luna, die Goͤttin, und Sol, der Gott, Und es wimmelten um sie her die Sterne, Die kleinen, unschuldigen Kinder. Doch boͤse Zungen zischelten Zwiespalt, Und es trennte sich feindlich Das hohe, leuchtende Eh'paar. Jetzt, am Tage, in einsamer Pracht, Ergeht sich dort oben der Sonnengott, Ob seiner Herrlichkeit Angebetet und vielbesungen Von stolzen, gluͤckgehaͤrteten Menschen. Aber des Nachts, Am Himmel, wandelt Luna, Die arme Mutter Mit ihren verwaisten Sternenkindern, Und sie glaͤnzt in stummer Wehmuth, Und liebende Maͤdchen und sanfte Dichter Weihen ihr Thraͤnen und Lieder. Die weiche Luna! Weiblich gesinnt, Liebt sie noch immer den schoͤnen Gemahl. Gegen Abend, zitternd und bleich, Lauscht sie hervor aus leichtem Gewoͤlk, Und schaut nach dem Scheidenden, schmerzlich, Und moͤchte ihm aͤngstlich rufen: „Komm! Komm! die Kinder verlangen nach Dir —“ Aber der trotzige Sonnengott, Bey dem Anblick der Gattin, ergluͤht' er In doppeltem Purpur, Vor Zorn und Schmerz, Und unerbittlich eilt er hinab In sein fluthenkaltes Wittwerbett. Boͤse, zischelnde Zungen Brachten also Schmerz und Verderben Selbst uͤber ewige Goͤtter. Und die armen Goͤtter, oben am Himmel Wandeln sie, qualvoll, Trostlos unendliche Bahnen, Und koͤnnen nicht sterben, Und schleppen mit sich Ihr strahlendes Elend. Ich aber, der Mensch, Der niedriggepflanzte, der Tod-begluͤckte, Ich klage nicht laͤnger. IV . Die Nacht am Strande. Sternlos und kalt ist die Nacht, Es gaͤhrt das Meer; Und uͤber dem Meer', glatt auf dem Bauch', Liegt der ungestaltete Nordwind, Und heimlich, mit aͤchzend gedaͤmpfter Stimme, Wie'n stoͤrriger Griesgram, der gutgelaunt wird, Schwatzt er in's Wasser hinein, Und erzaͤhlt viel tolle Geschichten, Riesenmaͤhrchen, todtschlaglaunig, Uralte Sagen aus Norweg, Und dazwischen, weitschallend, lacht er und heult er Beschwoͤrungslieder der Edda, Graue Runenspruͤche, So dunkeltrotzig und zaubergewaltig, Daß die weißen Meerkinder Hochaufspringen und jauchzen, Uebermuth-berauscht. Derweilen, am flachen Gestade, Ueber den fluthbefeuchteten Sand, Schreitet ein Fremdling, mit einem Herzen, Das wilder noch als Wind und Wellen; Wo er hintritt, Spruͤhen Funken und knistern die Muscheln, Und er huͤllt sich fest in den grauen Mantel, Und schreitet rasch durch die wehende Nacht; Sicher geleitet vom kleinen Lichte, Das lockend und lieblich schimmert, Aus einsamer Fischerhuͤtte. Vater und Bruder sind auf der See, Und mutterseelallein blieb dort In der Huͤtte die Fischertochter, Die wunderschoͤne Fischertochter. Am Heerde sitzt sie Und horcht auf des Wasserkessels Ahnungsuͤßes, heimliches Summen, Und schuͤttet knisterndes Reisig in's Feuer, Und blaͤßt hinein, Daß die flackernd rothen Lichter Zauberlieblich wiederstrahlen Auf das bluͤhende Antlitz, Auf die zarte, weiße Schulter, Die ruͤhrend hervorlauscht Aus dem groben, grauen Hemde, Und auf die kleine, sorgsame Hand, Die das Unterroͤckchen fester bindet, Um die feine Huͤfte. Aber ploͤtzlich, die Thuͤr springt auf, Und es tritt herein der naͤchtige Fremdling; Lieb sicher ruht sein Auge Auf dem weißen, schlanken Maͤdchen, Das schauernd vor ihm steht, Gleich einer erschrockenen Lilje; Und er wirft den Mantel zur Erde, Und lacht und spricht: 18 Siehst du, mein Kind, ich halte Wort, Und ich komme, und mit mir kommt Die alte Zeit, wo die Goͤtter des Himmels Niederstiegen zu Toͤchtern der Menschen, Und die Toͤchter der Menschen umarmten, Und mit ihnen zeugten Zeptertragende Koͤnigsgeschlechter Und Helden, Wunder der Welt. Doch staune, mein Kind, nicht laͤnger Ob meiner Goͤttlichkeit, Und ich bitte dich, koche mir Thee mit Rum, Denn draußen war's kalt, Und bey solcher Nachtluft Frieren auch wir, wir ewigen Goͤtter, Und kriegen wir leicht den goͤttlichsten Schnupfen, Und einen unsterblichen Husten. V . Poseidon . Die Sonnenlichter spielten Ueber das weithinrollende Meer; Fern' auf der Rehde glaͤnzte das Schiff, Das mich zur Heimath tragen sollte; Aber es fehlte an gutem Fahrwind, Und ich saß noch ruhig auf weißer Duͤhne, Am einsamen Strand, Und ich las das Lied vom Oduͤsseus, Das alte, ewig junge Lied, Aus dessen meerdurchrauschten Blaͤttern Mir freudig entgegenstieg Der Athem der Goͤtter, Und der leuchtende Menschenfruͤhling, Und der bluͤhende Himmel von Hellas. Mein edles Herz begleitete treulich Den Sohn des Laërtes, in Irrfahrt und Drangsal, Setzte sich mit ihm, seelenbekuͤmmert, An gastliche Heerde, Wo Koͤniginnen Purpur spinnen, Und half ihm luͤgen und gluͤcklich entrinnen Aus Riesenhoͤhlen und Nymphenarmen, Folgte ihm nach in kuͤmerische Nacht, Und in Sturm und Schiffbruch, Und duldete mit ihm unsaͤgliches Elend. Seufzend sprach ich: Du boͤser Poseidon, Dein Zorn ist furchtbar, Und mir selber bangt Ob der eignen Heimkehr. Kaum sprach ich die Worte‚ Da schaͤumte das Meer, Und aus den weißen Wellen stieg Das schilfbekraͤnzte Haupt des Meergotts, Und hoͤhnisch rief er: Fuͤrchte dich nicht, Poetlein! Ich will nicht im gringsten gefaͤhrden Dein armes Schiffchen, Und nicht dein liebes Leben beaͤngst'gen Mit allzubedenklichem Schaukeln. Denn Du, Poetlein, hast nie mich erzuͤrnt, Du hast kein einziges Thuͤrmchen verletzt An Priamos heiliger Veste, Kein einziges Haͤrchen hast du versengt Am Aug' meines Sohns Poluͤphemos, Und Dich hat niemals rathend beschuͤtzt Die Goͤttin der Klugheit, Pallas Athene. Also rief Poseidon Und tauchte zuruͤck in's Meer; Und uͤber den groben Seemannswitz Lachten unter dem Wasser Amphitrite, das plumpe Fischweib, Und die dummen Toͤchter des Nereus. VI . Erklaͤrung. Herangedaͤmmert kam der Abend, Wilder toste die Fluth, Und ich saß am Strand, und schaute zu Dem weißen Tanz der Wellen, Und meine Brust schwoll auf wie das Meer, Und sehnend ergriff mich ein tiefes Heimweh Nach dir, du holdes Bild, Das uͤberall mich umschwebt, Und uͤberall mich ruft, Ueberall, uͤberall, Im Sausen des Windes, im Brausen des Meers, Und im Seufzen der eigenen Brust. Mit leichtem Rohr schrieb ich in den Sand: „Agnes, ich liebe Dich!“ Doch boͤse Wellen ergossen sich Ueber das suͤße Bekenntniß, Und loͤschten es aus. Zerbrechliches Rohr, zerstiebender Sand, Zerfließende Wellen, Euch trau' ich nicht mehr! Der Himmel wird dunkler, mein Herz wird wilder, Und mit starker Hand, aus Norwegs Waͤldern Reiß ich die hoͤchste Tanne, Und tauche sie ein In des Aetnas gluͤhenden Schlund, und mit solcher Feuergetraͤnkten Riesenfeder Schreib' ich an die dunkle Himmelsdecke: “Agnes, ich liebe Dich!” Jedwede Nacht lodert alsdann Dort oben die ewige Flammenschrift, Und alle nachwachsende Enkelgeschlechter Lesen jauchzend die Himmelsworte: “Agnes, ich liebe Dich!” VII . Nachts in der Cajuͤte . Das Meer hat seine Perlen, Der Himmel hat seine Sterne, Aber mein Herz, mein Herz, Mein Herz hat seine Liebe. Groß ist das Meer und der Himmel, Doch groͤßer ist mein Herz, Und schoͤner als Perlen und Sterne Leuchtet und strahlt meine Liebe. Du kleines, junges Maͤdchen, Komm an mein großes Herz; Mein Herz und das Meer und der Himmel Vergehn vor lauter Liebe. An die blaue Himmelsdecke, Wo die schoͤnen Sterne blinken, Moͤcht' ich pressen meine Lippen, Pressen wild und stuͤrmisch weinen. Jene Sterne sind die Augen Meiner Liebsten, tausendfaͤltig Schimmern sie und gruͤßen freundlich, Aus der blauen Himmelsdecke. Nach der blauen Himmelsdecke, Nach den Augen der Geliebten, Heb' ich andachtsvoll die Arme, Und ich bete und ich flehe: Holde Augen, Gnadenlichter, O, beseligt meine Seele, Laßt mich sterben und erwerben Euch und Euren ganzen Himmel! Aus den Himmelsaugen droben, Fallen zitternd lichte Funken Durch die Nacht, und meine Seele Dehnt sich liebeweit und weiter. O, Ihr Himmelsaugen droben! Weint Euch aus in meine Seele, Daß von lieben Sternenthraͤnen Ueberfließet meine Seele. Eingewiegt von Meereswellen, Und von traͤumenden Gedanken, Lieg' ich still in der Kajuͤte, In dem dunkeln Winkelbette. Durch die off'ne Luke schau' ich Droben hoch die hellen Sterne, Die geliebten, suͤßen Augen Meiner suͤßen Vielgeliebten. Die geliebten, suͤßen Augen, Wachen uͤber meinem Haupte, Und sie klingen und sie winken Aus der blauen Himmelsdecke. Nach der blauen Himmelsdecke Schau' ich selig lange Stunden, Bis ein weißer Nebelschleyer Mir verhuͤllt die lieben Augen. An die bretterne Schiffswand, Wo mein traͤumendes Haupt liegt, Branden die Wellen, die wilden Wellen. Sie rauschen und murmeln Mir heimlich in's Ohr: “Bethoͤrter Geselle! Dein Arm ist kurz, und der Himmel ist weit, Und die Sterne droben sind festgenagelt, Vergebliches Sehnen, vergebliches Seufzen, Das Beste waͤre, du schliefest ein.” Es traͤumte mir von einer weiten Haide, Weit uͤberdeckt von weißem, weißem Schnee, Und unter'm weißen Schnee lag ich begraben, Und schlief den einsam kalten Todesschlaf. Doch droben aus dem dunkeln Himmel schauten Herunter auf mein Grab die Sternenaugen, Die suͤßen Augen! und sie glaͤnzten sieghaft Und ruhig heiter, aber voller Liebe. VIII . Sturm . Es wuͤthet der Sturm, Und er peitscht die Well'n, Und die Wellen, wuthschaͤumend und baͤumend, Thuͤrmen sich auf, und es wogen lebendig Die weißen Wasserberge, Und das Schifflein erklimmt sie Hastig muͤhsam, Und ploͤtzlich stuͤrzt es hinab In schwarze, weitgaͤhnende Fluthabgruͤnde — O Meer! Mutter der Schoͤnheit, der Schaumentstiegenen! Großmutter der Liebe! schone meiner! Schon flattert, leichenwitternd, Die weiße, gespenstische Moͤve, Und wetzt an den Mastbaum den Schnabel, Und lechzt, voll Fraßbegier, nach dem Mund, Der vom Ruhm deiner Tochter ertoͤnt‚ Und lechzt nach dem Herzen, Das dein Enkel, der kleine Schalk, Zum Spielzeug erwaͤhlt. Vergebens mein Bitten und Flehn! Mein Rufen verhallt im tosenden Sturm, Im Schlachtlaͤrm der Winde; Es braußt und pfeift und prasselt und heult‚ Wie ein Tollhaus von Toͤnen! Und zwischendurch hoͤr' ich vernehmbar Lockende Harfenlaute, Sehnsuchtwilden Gesang, Seelenschmelzend und seelenzerreißend‚ Und ich erkenne die Stimme. Fern an schottischer Felsenkuͤste, Wo das graue Schloͤßlein hinausragt Ueber die brandende See, Dort am hochgewoͤlbten Fenster, Steht eine schoͤne, kranke Frau, Zartdurchsichtig und marmorblaß, Und sie spielt die Harfe und singt, Und der Wind durchwuͤhlt ihre langen Locken, Und traͤgt ihr dunkles Lied' Ueber das weite, stuͤrmende Meer. IX . Meeresstille. Meeresstille! Ihre Strahlen Wirft die Sonne auf das Wasser, Und im wogenden Geschmeide Zieht das Schiff die gruͤnen Furchen. Bey dem Steuer liegt der Bootsmann, Auf dem Bauch, und schnarchet leise. Bey dem Mastbaum, seegelflickend, Kauert der betheerte Schiffsjung. Hinter'm Schmutze seiner Wangen Spruͤht es roth, wehmuͤthig zuckt es Um das breite Maul, und schmerzlich Schau'n die großen, schoͤnen Augen. Denn der Capitaͤn steht vor ihm, Tobt und flucht und schilt ihn: Spitzbub. “Spitzbub! einen Hering hast du Aus der Tonne mir gestohlen!” Meeresstille! Aus den Wellen Taucht hervor ein kluges Fischlein, Waͤrmt das Koͤpfchen in der Sonne, Plaͤtschert lustig mit dem Schwaͤnzchen. Doch die Moͤve, aus den Luͤften, Schießt herunter auf das Fischlein, Und den raschen Raub im Schnabel Schwingt sie sich hinauf in's Blaue. 19 X . Seegespenst . Ich aber lag am Rande des Schiffes, Und schaute, traͤumenden Auges, Hinab in das spiegelklare Wasser, Und schaute tiefer und tiefer — Bis tief, im Meeresgrunde, Anfangs wie daͤmmernde Nebel, Jedoch allmaͤhlig farbenbestimmter, Kirchenkuppel und Thuͤrme sich zeigten Und endlich, sonnenklar, eine ganze Stadt, Alterthuͤmlich niederlaͤndisch, Und menschenbelebt. Bedaͤchtige Maͤnner, schwarzbemaͤntelt, Mit weißen Halskrausen und Ehrenketten Und langen Degen und langen Gesichtern, Schreiten, uͤber den wimmelnden Marktplatz, Nach dem treppenhohen Rathhaus', Wo steinerne Kayserbilder Wacht halten mit Zepter und Schwerdt. Unferne, vor langen Haͤuser-Reih'n Mit spiegelblanken Fenstern, Stehn pyramidisch beschnittene Linden, Und wandeln seidenrauschende Jungfrau'n, Ein guͤlden Band um den schlanken Leib, Die Blumengesichter sittsam umschlossen Von schwarzen, sammtnen Muͤtzchen, Woraus die Lockenfuͤlle hervordringt. Bunte Gesellen, in spanischer Tracht, Stolziren voruͤber und nicken. Bejahrte Frauen, In braunen, verschollnen Gewaͤndern, Gesangbuch und Rosenkranz in der Hand, Eilen, trippelnden Schritts, Nach dem großen Dome, Getrieben von Glockengelaͤute Und rauschendem Orgelton. Mich selbst ergreift des fernen Klangs Geheimnißvoller Schauer, Unendliches Sehnen, tiefe Wehmuth Beschleicht mein Herz, Mein kaumgeheiltes Herz; Mir ist als wuͤrden seine Wunden Von lieben Lippen aufgekuͤßt, Und thaͤten wieder bluten, Heiße, rothe Tropfen, Die lang und langsam niederfall'n Auf ein altes Haus dort unten In der tiefen Meerstadt, Auf ein altes, hochgegiebeltes Haus, Das melancholisch menschenleer ist, Nur daß am untern Fenster Ein Maͤdchen sitzt, Den Kopf auf den Arm gestuͤtzt, Wie ein armes, vergessenes Kind — Und ich kenne dich armes, vergessenes Kind! So tief, so tief also Verstecktest du dich vor mir, Aus kindischer Laune, Und konntest nicht mehr hinauf, Und saßest fremd unter fremden Leuten, Fuͤnfhundert Jahre lang, Derweilen ich, die Seele voll Gram, Auf der ganzen Erde dich suchte, Und immer dich suchte, Du Immergeliebte, Du Laͤngstverlorene, Du Endlichgefundene, — Ich hab' dich gefunden und schaue wieder Dein suͤßes Gesicht, Die klugen, treuen Augen, Das liebe Laͤcheln — Und nimmer will ich dich wieder verlassen, Und ich komme hinab zu dir, Und mir ausgebreiteten Armen Stuͤrz' ich hinab an dein Herz — Aber zur rechten Zeit noch Ergriff mich beym Fuß der Capitaͤn, Und zog mich vom Schiffsrand, Und rief, aͤrgerlich lachend: Doktor, sind Sie des Teufels? XI . Reinigung . Bleib' Du in deiner Meerestiefe, Wahnsinniger Traum, Der du einst so manche Nacht Mein Herz mit falschem Gluͤck gequaͤlt hast Und jetzt, als See-Gespenst, Sogar am hellen Tag' mich bedrohest — Bleib' Du dort unten, in Ewigkeit, Und ich werfe noch zu dir hinab All meine Schmerzen und Suͤnden Und die Schellenkappe der Thorheit, Die so lange mein Haupt umklingelt, Und die kalte, gleißende Schlangenhaut Der Heucheley, Die mir so lang' die Seele umwunden, Die kranke Seele, Die gottverleugnende, engelverleugnende, Unselige Seele — Hoiho! Hoiho! Da kommt der Wind! Die Segel auf! Sie flattern und schwell'n; Ueber die stillverderbliche Flaͤche Eilet das Schiff, Und es jauchzt die befreyte Seele. XII . Frieden . Hoch am Himmel stand die Sonne, Von weißen Wolken umwogt, Das Meer war still. Und sinnend lag ich am Steuer des Schiffes, Traͤumerisch sinnend, — und halb im Wachen Und halb im Schlummer, schaute ich Christus, Den Heiland der Welt. Im wallend weißen Gewande Wandelt' er riesengroß Ueber Land und Meer; Es ragte sein Haupt in den Himmel, Die Haͤnde streckte er segnend Ueber Land und Meer; Und als ein Herz in der Brust Trug er die Sonne, Die rothe, flammende Sonne, Und das rothe, flammende Sonnenherz Goß seine Gnadenstrahlen Und sein holdes, liebseliges Licht, Erleuchtend und waͤrmend, Ueber Land und Meer. Glockenklaͤnge zogen feyerlich Hin und her, zogen wie Schwaͤne, Am Rosenbande, das gleitende Schiff, Und zogen es spielend an's gruͤne Ufer, Wo Menschen wohnen, in hochgethuͤrmter, Ragender Stadt. O Friedenswunder! Wie still die Stadt! Es ruhte das dumpfe Geraͤusch Der schwatzenden, schwuͤlen Gewerbe, Und durch die reinen, hallenden Straßen Zogen Menschen, weißgekleidete, Palmzweig-tragende, Und wo sich Zwey begegneten, Sahn sie sich an, verstaͤndnißinnig, Und schauernd, in Liebe und suͤßer Entsagung, Kuͤßten sie sich auf die Stirne, Und schauten hinauf Nach des Heilands Sonnenherzen, Das freudig versoͤhnend sein rothes Blut Hinunterstrahlte, Und dreymalselig sprachen sie: Gelobt sey Jesu Christ! Haͤttest du doch dies Traumbild ersonnen, Was gaͤbest du d'rum, Geliebtester! Der du in Kopf und Lenden so schwach, Und im Glauben so stark bist, Und die Dreyfaltigkeit ehrest in Einfalt, Und den Mops und das Kreuz und die Pfote Der hohen Goͤnnerin taͤglich kuͤssest, Und dich hinaufgefroͤmmelt hast Zum Hofrath und dann zum Justizrath, Und endlich zum Rathe bey der Regierung, In der frommen Stadt, Wo der Sand und der Glauben bluͤht, Und der heiligen Sprea geduldiges Wasser Die Seelen waͤscht und den Thee verduͤnnt — Haͤttest du doch dies Traumbild ersonnen, Geliebtester! Du truͤgest es, hoͤheren Ortes, zu Markt, Dein weiches, blinzelndes Antlitz Verschwaͤmme ganz in Andacht und Demuth, Und die Hocherlauchte, Verzuͤckt und wonnebebend, Saͤnke betend mit dir auf's Knie, Und ihr Auge, selig strahlend, Verhieße dir eine Gehaltzulage Von hundert Thalern Preußisch Courant, Und du stammeltest haͤndefaltend: Gelobt sey Jesu Christ! Anmerkung . Obschon ich mich bey der Correctur dieses Bandes unsaͤglich abmuͤhte, so sind doch gewiß viele Errata stehen geblieben, und ich wuͤrde sie auch gern nachtraͤglich ver¬ bessern, wenn ich sie nur in diesem Augenblick gleich auf¬ zufinden wuͤßte. Zufaͤllig sehe ich eben auf S. 123, Z. 7 v. u. steht „erwaͤmte“ statt: „erwaͤrmte.“ Auf S. 217, Z. 8 v. u. steht „Angeli“ statt: „Wurm.“ Ehrlich gestanden, Ersteren habe ich niemals gesehen und die gewiß sehr bedeutende Namensverwechselung ist zu¬ faͤllig. S. 53, Z. 4 v. ob. steht „Bettlerwort“ statt: „Bettelwort.“ Letzteres ist der bessere Ausdruck. — Die uͤbrigen Verbesserungen sollen nachgeliefert werden im zweiten Theile der Reisebilder, welcher noch außerdem recht viel Huͤbsches enthalten wird, z. B. abgebrochene Er¬ zaͤhlungen, halbe Ansichten der Hauptstaͤdte Nord-Deutsch¬ land's, sogar Bemerkungen uͤber polnische Waͤlder und deutsche Literatur u. s. w. — Saumseligen Freunden, die noch immer Mspte von mir zuruͤckhalten und viel¬ leicht von gedruckten Bitten staͤrker geruͤhrt werden, als von geschriebenen, wird recht liebevoll angedeutet: daß Briefe und Paquete, mit der Aufschrift “an Heinrich Heine, Dr . Jur ., per Adresse der Herren Hoffmann und Campe in Hamburg“ jederzeit richtig an mich befoͤr¬ dert werden. Gedruckt in der Langhoffschen Buchdruckerei in Hamburg.