Theophron , oder der erfahrne Rathgeber fuͤr die unerfahrne Jugend, von J. H. Campe. Ein Vermaͤchtniß fuͤr seine gewesenen Pflegesoͤhne , und fuͤr alle erwachsnere junge Leute, welche Gebrauch davon machen wollen. Inter opus monitusque maduere genae, Et patriae tremuere manus. Ouidius. Erster Theil . Hamburg 1783 bei Karl Ernst Bohn . An meine gewesenen Pflegesoͤhne . Meine lieben Kinder, W as ich, wie ihr wißt, bei der Abnahme meiner Gesundheit, schon vor einiger Zeit mit Bekuͤmmerniß in dunkler Ferne sah, S. den Schluß von Pizarro . das ist jezt eingetroffen. Die Vorsehung hat gesprochen; unser Loos ist geworfen; es heißt — Trennung! Ich trokne meine Augen, um in eurer Mitte noch einmahl freudig und liebevol um- herzublikken; noch einmahl mich zu laben an den großen herzerhebenden Hofnungen, die ihr mir einfloͤßtet, und die ich — ach, so gern! unterhielt; noch einmahl meinen besten, innigsten, feurigsten Herzensseegen uͤber euch alle auszugießen, und dan — zu * 3 haften haften am Boden auf dem Flek, auf welchem Gott mir stil zu stehn gebot, und euch nach- zusehn, so weit mein Auge reichen wird, auf den Wegen, auf denen Gott euch, ohne mich, nun weiter fuͤhren wird. Ihr sahet, meine guten Kinder, wie lange ich kaͤmpfte, wie oft ich mich ermante, und die sinkende Hand von neuem erhob, um euch weiter zu leiten auf dem schmalen ungebahnten Pfade zu jeder schoͤnen Tugend und zur Gluͤk- seeligkeit: aber ihr sahet auch, und der Al- sehende sah es zugleich, daß ich unter der Anstrengung erlag, und daß ich mich ent- schließen mußte, entweder euch in eurem Laufe aufzuhalten, oder allein zuruͤkzubleiben. Ich waͤhlte das Leztere, ohngeachtet ich wohl wußte, daß der unvernuͤnftigere Theil der Voruͤbergehenden meine Bewegungsgruͤnde zu dieser Wahl nicht fassen wuͤrde, nicht fassen koͤnte, weil zur Beurtheilung und Billi- gung eines gewissenhaften Verfahrens erfodert wird, wird, daß man selbst gewissenhaft zu handeln sich gewoͤhnt habe. Und ach! — warum muß ich diese traurige Wahrheit euch schon so fruͤh entdekken? — so zu handeln, hat ein groͤsserer Theil der Menschen, als man glauben solte, sich noch nicht gewoͤhnt! — Aber ehe wir, Wange an Wange gelegt, unsere Traͤnen zum leztenmahl in einander fließen lassen, vernehmt, ihr Lieben, mit derjenigen freudigen Folgsamkeit, womit ihr meine treue Liebe zu euch so oft belohnt habt, den lezten Willen eines Vaters, der auch dan, wan wir getrent sein werden, zu eurer Gluͤkseeligkeit noch so gern etwas beitragen moͤgte! Ihr erwartet vielleicht, indem ich euch so auffodere, daß ich euch noch einmahl alle die Vorschriften zu einem rechtschaffenen, gemeinnuͤzigen und gluͤklichen Leben, nach denen wir eure junge Herzen zu bilden uns bestrebten, wiederholen, und bei unserer Liebe, bei eurer ewigen Wohlfahrt euch be- * 4 schwoͤren schwoͤren werde, ihnen immer treu zu blei- ben? Aber nein, Kinder! dis ist jezt meine Absicht nicht. Ich darf hoffen, daß jede wichtige Lehre, die wir euch gegeben, und nach der wir euch geuͤbt haben, mit unaus- loͤschlicher Schrift in euren Herzen angeschrie- ben stehe; darf hoffen, daß forthin es kei- nem unter euch mehr moͤglich sein werde, wissentlich und vorsezlich dem entgegen zu handeln, was ihr als schoͤn und gut, als recht und gottgefaͤllig erkant habt: wozu also eine Wiederholung? Wozu eine nochmalige Ermahnung zu dem, was ihr gern, und im- mer gerner, immer eifriger aus eigenem An- triebe thun werdet? Mein lezter Wille hat also einen andern Gegenstand. Vernehmt ihn, meine Kinder, und laßt, um eurer selbst willen, ihn euch heilig sein. Bis hieher war es zu eurer Gluͤkseelig- keit genug, daß ihr euch gegen unsere Vor- schriften schriften folgsam bewieset, daß ihr alles er- kante Gute gern umfaßtet, und vor allem erkanten Boͤsen mit Abscheu zuruͤkbebtet. Dis wird denn auch fernerhin, so lange ihr noch an der Hand eines erfahrnen Fuͤhrers geht, zu eurem Wohlergehen hinreichend sein. Aber, Kinder, die Zeit nahet heran, und bei einigen von euch ist sie schon vor der Thuͤr — da ihr den mislichen Weg des Le- bens allein betreten solt. Da wird es nun der verfuͤhrerischen Seitenwege, welche links und rechts durch einladende Gegenden laufen, viele geben. Da werdet ihr oft, und ehe ihr es euch verseht, euch mitten in einem undurchdringlichen Dikkicht befinden, wo um und neben euch keine menschliche Spur, und uͤber euch kaum eine Spannebreit vom Him- mel wird zu sehen sein. Da werdet ihr nicht selten ploͤzlich auf tiefe, mit staudichten Blu- men verwachsene Gruben stoßen, und ein ein- ziger unvorsichtiger Schrit, vorwaͤrts gethan, * 5 kan kan auf immer euch ins Verderben stuͤrzen. Da wird es endlich oft in lachenden Thaͤlern giftige, in hohem Grase verstekte Schlangen und Ottern geben, welche euren Fersen auf- lauren, auch wilde Bestien im nahen Gehoͤlz, welche auf euch hervorschießen werden zu einer Zeit, da ihr in eurem arglosen leicht betro- genen Herzen euch voͤllig sicher waͤhnt. Kinder! ich bin des Weges gekommen, und rede nicht von Hoͤrensagen, sondern aus Erfahrung. Glaubt also einem glaubwuͤr- digen Manne und einem fuͤr euch zitternden Vater: es ist zum gluͤklichen Antrit und zur sichern Vollendung der gefahrvollen Lebens- reise nicht genug, die Himmelsgegend zu wissen, nach der man wandern muß; nicht genug, mit dem festen Vorsaze auszugehn, der rechten Straße immer folgen, nie von ihr abweichen, und alle gefaͤhrlichen Oerter sorgfaͤltig vermeiden zu wollen; nicht genug, sich gewoͤhnt zu haben, keinem der Mitwan- derer derer vorsezlich in den Weg oder auf den Fuß zu treten — mit andern Worten: es ist zu einem ruhigen, zufriedenen und gluͤklichen Leben hienieden nicht genug, daß man gut und immer besser zu wer- den sich bestrebe ; (ohngeachtet dieses Be- streben das erste unentbehrliche Mittel zur Gluͤkseeligkeit ist) man muß auch vorsich- tig, klug und durch Erfahrung weise ge- worden sein . Aber, ach! diese Klugheit, diese Er- fahrung hat man gemeiniglich erst dan er- worben, wan die Zeit, sie zu nuzen, schon voruͤber ist. Ungluͤklicher Juͤngling, dem die Vorsehung keinen vaͤterlichen Freund ge- waͤhrte, der aus seiner Fuͤlle diesen Mangel ersezte, und ihm liehe, was er selbst noch nicht erwerben konte! Ihr, meine Lieben — o freuet euch, und danket Gott dafuͤr! — solt zu der Zahl dieser Ungluͤklichen, die erst durch Schaden klug werden muͤssen, nicht gehoͤren. gehoͤren. Seht, ich uͤbergeb’ euch hier ein Buch, worin ich meine besten, oft theuer er- kauften Erfahrungen fuͤr euch aufgezeichnet habe. Dis ist der Nachlaß meines Herzens fuͤr euch und fuͤr alle junge Weltbuͤrger, welche Theil daran nehmen wollen. Hoͤret nun, was fuͤr einen Gebrauch ihr davon machen solt; dis ist mein lezter Wille: „ihr solt dis Buͤchelchen bei demjenigen „aufbewahren, was unter allen euren „Sachen euch am liebsten ist. Da sol es „liegen, als ein Heiligthum, bis die Zeit „herannahet, da ihr ohne Fuͤhrer in „das große menschliche Leben treten „werdet. Alsdan solt ihr es zur Hand „nehmen, euch durch die dankbare Er- „innerung an meine Liebe recht erwaͤr- „men; ein kurzes bruͤnstiges Gebet um „Weisheit, Verstand und guten Willen „zu Gott thun, und dan mit der stilsten „und groͤßten Aufmerksamkeit, deren ihr „faͤhig „faͤhig seid, lesen, was ich fuͤr euch ge- „schrieben habe. Bei jedem Absaze solt „ihr stil stehen, um erst in euch selbst „und um euch herzublikken, und die Fra- „gen an euch zu thun: bin ich denn nun „auch schon, was hier mein guter Vater „wolte, daß ich sein solte? Oder: hab’ „ich auch wohl jezt schon Gelegenheit, „diese Lehre in Ausuͤbung zu bringen? „Dan solt ihr alles, was schon zu der „Zeit fuͤr euch anwendbar sein wird, „zeichnen, um, nach vollendeter Lesung „des ganzen Buchs, euch diese Stellen „noch einmahl ganz vorzuͤglich zu mer- „ken, und darauf sogleich zur Anwen- „dung zu schreiten. Dis alles solt ihr „am Ende eines jeden halben Jahrs „an bestimten Tagen feierlich und ge- „wissenhaft wiederholen, und zwar so „lange, bis ihr, durch eigene Erfahrun- „gen hinlaͤnglich bereichert, finden wer- „det, „det, daß die meinigen euch entbehrlich „geworden sind.„ Und nun herbei, ihr Lieben, in meine Arme, so viel sie eurer fassen koͤnnen, um Herz an Herz, Wange an Wange gedruͤkt, den laͤngst geschlossenen Bund der Liebe und der Recht- schaffenheit noch einmahl mit unsern Traͤnen zu versiegeln. In einer volkomnern Welt, wo tugendhafte Verbindungen, hier im Lande der Unvolkommenheit geschlossen, erneuert und auf ewig fest geknuͤpfet werden sollen, warte ich einst mit eurer guten Pflegemutter eurer Ankunft, um uns gemeinschaftlich in heisser Dankbarkeit vor dem Wesen aller Wesen hinzuwerfen, dessen vaͤterliche Hand euch durch alle Gefahren, welche eurer Tugend und eurer Gluͤkseeligkeit drohen, bis dahin gnaͤdig leiten wird. Sein alles vermoͤgender Seegen uͤber euch! — und nun getrost und muthig hinan den Berg, der meinen Blikken euch entziehen sol! Hamburg den 31 Jenner 1783. Campe . Vorbericht. D iejenigen, welche mich kennen, werden von mir wissen, daß ich seit geraumer Zeit, alles, was mir von Faͤhigkeiten, Kraͤften und etwanigen Kentnissen beiwohnte, dem einigen großen Beduͤrfnisse der Menschheit, der Erzie- hung, gewidmet habe. Gern waͤr’ ich auf dieser, zwar hoͤchstmuͤhsamen, aber auch sehr freudenrei- chen Laufbahn, bis an das Ende meines Lebens ununterbrochen fortgegangen: allein nach fuͤnf, in gluͤklicher Thaͤtigkeit verlebten Jahren, sah ich meinen Gesundheitszustand, und mit ihm die zu diesem Geschaͤfte so ganz unentbehrliche Munterkeit des Geistes, dermaßen in Verfal gerathen, daß ich mich fuͤr verpflichtet hielt, mein bisheriges, von der Vorsehung so sehr geseegnetes Erziehungs- institut einem Manne von frischerer Gesundheit und von ungeschwaͤchteren Kraͤften Dem Herrn Trapp , disherigen Professor der Erziehungskunst auf der Universitaͤt Halle . abzutreten; um den Rest meines Lebens zwar noch immer der Erziehung, aber doch nur in demjenigen Maaße zu weihen, in welchem die Beschaffenheit meiner * * Gesund- Vorrede . Gesundheit diesem schwersten und wichtigsten aller menschlichen Geschaͤfte noch wird gewachsen sein. Bei dieser Gelegenheit schien es mir denn eine meiner lezten Pflichten gegen diejenigen zu sein, welche bisher der Gegenstand meiner vaͤterlichen Sorgfalt waren, alles, was ich an nuͤzlicher Er- fahrung, an Welt und Menschenkentniß in mir fuͤhlte, sorgfaͤltig aufzuzeichnen, um es ihnen, als ein Vermaͤchtniß, auf diejenige Zeit zu hinter- lassen, da sie die misliche Reise durchs Leben ohne Fuͤhrer allein antreten sollen. So entstand dieses Buch, dessen erster Theil, wie man sieht, aus zwei Hauptabschnitten besteht, wovon der eine Erfahrungen und Vorschriften zur gluͤkli- chen Einrichtung eines geschaͤftigen Lebens , der andere diejenigen Klugheitsregeln enthaͤlt, welche uns in dem Umgange mit Menschen leiten muͤssen . Der erstere erscheint hier, einige Veraͤnderun- gen und Zusaͤze ausgenommen, nicht zum ersten mahl. Ich machte vor etwas mehr als fuͤnf Jahren die erste Skize dazu in den hiesigen Addreßcomtoir-Nachrichten bekant. Diese Blaͤt- Vorrede . Blaͤtter wurden binnen vierzehn Tagen gaͤnzlich vergriffen; und verschiedene Vaͤter, welche mei- nen Aufsaz fuͤr gemeinnuͤzig hielten, wuͤnschten einen abermaligen Abdruk desselben. Ich arbeitete ihn daher von neuem etwas sorgfaͤltiger um, und ließ ihn, in dieser vermehrten und verbesserten Gestalt, meiner damahls ans Licht tretenden Samlung von Erziehungsschriften einver- leiben. Hier ward er, so viel ich weiß, aber- mahls mit Zufriedenheit gelesen, und alle, welche ich daruͤber urtheilen hoͤrte, wuͤnschten, daß man ihn, mehrerer Gemeinnuͤzigkeit wegen, von jener Samlung getrent, auch allein moͤgte kaufen koͤn- nen. Theils, um diesem Verlangen, welches damahls nicht befriedigt werden konte, jezt ein Genuͤge zu thun, theils um nicht die gegenwaͤrtige Samlung von Erfahrungen und Klugheitsregeln, wovon jener Aufsaz einen wesentlichen Theil ent- hielt, unvolstaͤndig zu lassen, oder mit andern, vielleicht minder eindringlichen Worten, noch ein- mahl zu sagen, was ich, nach dem Urtheil des Publikums, schon gut genug gesagt hatte, habe ich den Verlag jener Samlung von Erzie- * * 2 hungs- Vorrede . hungsschriften kaͤuflich an mich gebracht, um das Recht zu haben, diesen Aufsaz daraus zu entlehnen und dem gegenwaͤrtigen Werke einzuverleiben. Damit aber auch das Publikum eine und eben dieselbe, nur etwas veraͤnderte Sache nicht zwei- mahl kaufen duͤrfe: so habe ich folgende, dieser Unbequemlichkeit, wie mich duͤnkt, voͤllig abhel- fende Einrichtung getroffen. Erstlich habe ich den Preis jener Samlung von Erziehungsschrif- ten auf meine Kosten um so viel und noch mehr, als diese fuͤnf Bogen in derselben betragen, herab- sezen lassen, so daß die kuͤnftigen Kaͤufer der be- sagten Samlung diesen daraus entlehnten Aufsaz unentgeldlich bekommen. Zweitens erbiete ich mich hiermit, allen denen, welche jene Samlung schon gekauft haben, das gegenwaͤrtige Buch, wenn sie sich deshalb an mich selbst wenden wollen, um sechs Groschen weniger, als der Ladenpreis be- traͤgt, zu uͤberlassen; zu welchem Ende man unten An den Rath Campe Abzugeben auf dem koͤnigl. schwedischen Postkomtoir zu in Hamburg. Trittow . meine jezige Addresse finden wird. Der Vorrede . Der andere, dreimahl groͤssere Abschnit ist noch nie gedrukt worden. Ich habe aber auch noch einen Anhang hin- zugefuͤgt, welcher den zweiten Theil dieses Werk- chens ausmacht. Dieser enthaͤlt das Wesentlichste und Beste aus einer besondern Samlung von Briefen des Grafen von Chesterfield , welche der englischen Originalausgabe der bekanten Briefe des Grafen an seinen Sohn vom Jahr 1776 als ein Anhang beigelegt, in der deutschen Ueber- sezung aber, ich weiß nicht aus was fuͤr Ursachen, uͤbergangen war. Sie erscheint also jezt hier zum erstenmahl uͤbersezt mit Weglassung der Ein- gaͤnge, Schlußformeln, und minder zwekmaͤßigen Stellen; und ich bin versichert, meine Leser werden finden, daß sie eins der lesenswuͤr- digsten Stuͤkke der Chesterfieldschen Werke sind. Die Uebersezung ist von Hrn. Rudolphi , mei- nem vieljaͤhrigen treuen und geschikten Mitarbeiter in Erziehungssachen. Noch habe ich einige ausgesuchte, und nach Beschaffenheit der Umstaͤnde bald abgekuͤrzte oder zusammengezogene, bald getrente, und ihrem In- * * 3 halte Vorrede . halte nach, so viel moͤglich geordnete, trefliche Stellen aus den uͤbrigen Briefen des Grafen an- gehaͤngt, weil ich mir nicht schmeicheln konte, daß es mir gelingen wuͤrde, die darin enthaltenen Vorschriften in ein gefaͤlligeres Kleid zu huͤllen, als dasjenige war, welches man ihnen schon gege- ben hatte. Deswegen uͤberging ich diese Vor- schriften in meinem eigenen Aufsaze, um sie mei- nen Lesern lieber mit den Worten eines so feinen Menschenkenners und eines so angenehmen Schrift- stellers, als mit meinen eigenen, zu geben. Um aber diese ausgezogenen Stellen in einige Verbindung zu bringen, habe ich sie zum Theil dem eben erwaͤhnten neuuͤbersezten Stuͤkke derge- stalt einverleibt, daß ich jeden solcher eingescho- benen Zusaͤze mit () einfaßte, und den Ort, wo jenes uͤbersezte Stuͤk sich endigte, durch drei * * * andeutete. Diese genaue Bezeichnung glaubte ich deswegen beobachten zu muͤssen, damit man das, was hier zum ersten mahl uͤbersezt erscheint, nicht mit demjenigen vermischen moͤgte, was ich aus der deutschen Uebersezung der saͤmtlichen Wer k e des Vorrede . des Grafen mit einigen Verbesserungen der Schreibart ausgehoben habe. Man koͤnte aber fragen, warum ich meine Schuͤler nicht lieber auf das ganze Werk des Grafen verwiesen haͤtte, als ihnen diese Auszuͤge aus demselben vorzulegen! Diejenigen, welche das Buch selbst gelesen haben, und uͤber paͤdago- gische Dinge urtheilen koͤnnen, wissen meine Ant- wort schon; fuͤr die uͤbrigen muß ich anmerken, daß der einseitige Hauptzwek des Verfassers nur die Aussenseite seines Sohnes abzuglaͤtten, um sie schimmernd und einnehmend zu machen, einen viel zu nachtheiligen Einfluß in verschiedene seiner Ur- theile uͤber moralische Gegenstaͤnde gehabt hat, als daß ich es wagen moͤgte, einem Juͤnglinge von noch nicht voͤllig ausgebildetem Karakter das Ganze in die Haͤnde zu geben. Dazu komt, daß der Sohn dieses vornehmen und beguͤterten Weltmans von seiner Wiege an, fuͤr eine Laufbahn bestimt war, zu welcher nur wenige junge Leute durch Geburt und Gluͤksumstaͤnde faͤhig sind; und daß daher auch manche Vorstellung und Erinnerung, welche in Ruͤksicht auf diese individuelle Bestim- mung Vorrede . mung zwekmaͤßig war, fuͤr die meisten andern jungen Leute voͤllig unnuͤz, manche sogar in hohem Grade schaͤdlich sein wuͤrde. Ich getraue mir daher zu glauben, daß wohl keiner die von mir uͤbernommene Bemuͤhung, die besten und gemein- nuͤzigsten Lebensregeln aus so vielen andern, theils bis zum Ekel widerhohlten, theils zu individuel- len, theils auf eine zu leichtsinnige Sittenlehre gebauten Vorschriften auszuheben und sie diesem meinem Werkchen, um ihm eine groͤssere Volstaͤn- digkeit zu geben, beizufuͤgen, fuͤr uͤberfluͤssig hal- ten werde. Uebrigens bitte ich diejenigen, welche kuͤnftig einen Ausspruch des Lords anfuͤhren wollen, ihn nicht aus diesen meinen Auszuͤgen, sondern aus seinen eigenen Werken zu nehmen, weil die Ver- schiedenheit zwischen Sr. Herlichkeit moralischen Grundsaͤzen und den meinigen, mich je zuweilen in die Nothwendigkeit sezte, ihn grade das Ge- gentheil von demjenigen sagen zu lassen, was er wirklich gesagt hatte. I. Theo- I. Theophrons guter Rath fuͤr seinen Sohn, als dieser im Begrif war ins geschaͤftige Leben zu treten . A N ahe bey W*** lebte noch vor einigen Jahren auf einem kleinen Landsize der alte — Theophron nenn’ ich ihn, weil sein wahrer Nahme nichts zur Sache thut; ein Man von Verdiensten, der in wich- tigen Geschaͤften grau geworden war. Den Abend seines gemeinnuͤzigen Lebens hatt’ er einer philosophischen Ruhe und dem Wohl seiner klei- nen Familie gewidmet. Er hatte einen einzigen Sohn, dessen Wohlergehn ihm so sehr am Herzen lag! Wir wollen ihn Kleon nennen. Die Zeit nahete jezt heran, daß dieser den Schooß seiner Familie verlassen, und in oͤffent- liche Geschaͤfte treten solte. Sein junger Geist A 2 war war mit den noͤthigsten Kentnissen ausgeschmuͤkt, sein Herz vol der edelsten Gesinnungen: aber es fehlte ihm noch — woran es jungen Leuten immer fehlt — an Erfahrung. Sein guter Vater wolte nun diesen Mangel — so weit das moͤglich ist — durch seinen Rath ersezen; und dieser macht den Inhalt der folgenden Blaͤtter aus. Es war an einem schoͤnen Sommerabend, den die Natur recht eigentlich dazu gemacht zu haben schien, die Gemuͤther der Sterblichen zu stillen, heilsamen Betrachtungen einzuladen. Alles schwieg; nur daß in dem nahen Gebuͤsch ein Paar Nachtigallen das Gluͤck ihres Daseins und ihrer Liebe durch suͤße Lieder feierten. Die Sonne hatte ihren Lauf vollendet; schenkte ihrer lieben Erde eben noch die lezten Abschiedsblikke, und jezt sank sie almaͤhlig hinter das westliche Gebirge hinab. Da sezte Theophron sich mit seinem Sohne auf einer kleinen Anhoͤhe nieder, von welcher sie die große herliche Gegend uͤbersehen konten, die mit mit der reichsten Mannigfaltigkeit von Gaͤrten, Waͤldern, Wiesen, Aekkern, Fluͤssen und Dorf- schaften, vor ihnen ausgebreitet lag. Sie schwie- gen eine gute Weile, indem jeder von ihnen sich seinen eigenen Empfindungen uͤberließ. Endlich faßte Theophron die Hand seines Sohns, druͤkte sie mit Innigkeit, und fuͤhlte auf der seinigen Kleons Lippen mit einem warmen kindlichen Kusse beben. Mein guter Sohn, sagt’ er, indem er sich die Augen wischte, die Zeit ist nun da, daß wir uns trennen muͤssen. Du wirst die gefahrvolle Wanderschaft des Lebens allein antreten, ohne fernerhin deinen vaͤterlichen Freund zum Gefaͤhrten und Fuͤhrer zu haben. Aber mein Geist sol mit Liebe, Rath, und guten Seegenswuͤnschen bestaͤn- dig bei dir sein, wohin der Weg, den die Vor- sehung dir nun anweisen wird, auch immer fuͤhren mag. Und wan ich selbst nicht mehr hier bin; wan unser gemeinschaftlicher Vater diesen meinen unsterblichen Geist nach andern Gegenden seines unermeßlichen Weltals abrufen wird: dan, mein Sohn, dan ist Er, unser guter Schoͤpfer A 3 selbst, selbst, doch noch immer bei dir mit Rath und Kraft, wenn du bestaͤndig auf seinen Wegen wandelst. Und das wirst du; dein Herz, welches ich zu kennen glaube, ist mir Buͤrge dafuͤr. Umarme mich, mein Theurer, und laß an meinem vaͤter- lichen Busen dein klopfendes Herz dem meinigen die stumme Versicherung geben, daß es ihn nie gereuen sol, diese Buͤrgschaft angenommen zu haben! Kleon flog mit Inbrunst in seine Arme, und lange hielten sie sich in wehmuͤthiger, sprachloser Ruͤhrung umschlungen. Endlich ermante sich der Vater, und fuhr fol- gendermaßen fort. Mein Sohn, du stehst in Begrif, ein un- sicheres Meer zu befahren, wo es der Klippen, der Sandbaͤnke und der Stuͤrme viele gibt. Ich habe diese Fahrt vor dir gethan; lief oft Ge- fahr, bin aber endlich, Gott sei Dank! noch ziem- lich unversehrt, und mit mancherlei Erfahrungen bereichert, in diesem kleinen stillen Hafen gluͤklich vor Anker gekommen. Da ich ausfuhr, hatte ich keinen, der mir guten Rath gewaͤhrte; ich mußte mußte alle meine Erfahrungen auf eigene Kosten, oft theuer genug, einkaufen. Aber nun ich sie habe, sollen sie nicht mit mir ins Grab gelegt werden; sie sollen mein Vermaͤchtnis sein, wel- ches ich dir, mein Einziger, hinterlassen wil. O freue dich, du hast eine reiche Erbschaft gethan, wenn du sie zu nuͤzen weißt! Hoͤre mir also mit Aufmerksamkeit zu, und erinnere mich allenfals, wenn ich in den gewoͤhn- lichen Fehler des Alters fallen, und in geschwaͤzige Ausschweifungen gerathen solte. Denn es ist mein ernstlicher Wunsch, diesen Abend nicht mehr und nicht weniger zu reden, als was dir zur gluͤklichen Fuͤhrung deines kuͤnftigen geschaͤftigen Lebens zu wissen noͤthig ist. Vor allen Dingen merke dir dieses, mein Kleon! Wer mit gluͤklichem Erfolg, zu seiner und zu anderer Zufriedenheit ausser sich wirken wil, der muß zuvor auf sich selbst gewirkt haben. O wie viele kenne ich, die diese Wahrheit zu spaͤt lernten, und die unwiederbringliche Zeit, A 4 welche welche daruͤber verflossen ist, mit ihrem Herzens- blute zuruͤkkaufen moͤgten! Archimedes verlangte nur einen festen Punkt, um den ganzen Erdbal aus seinem Gleise zu schieben. Auch in der moralischen Welt bedarf jeder, der große Wirkungen hervorbringen wil, gleichfals eines solchen festen Punktes. Und der muß in uns selbst sein. Wehe dem, der seine Kraft auf den Umkreis richtet, ohne das Centrum gehoͤrig befestiget zu haben! Ich wil ohne Metapher reden. Wer aͤusser- liche Geschaͤfte, welche auf das Wohl der mensch- lichen Geselschaft abzielen, uͤbernehmen wil (und ich seze voraus, daß der Man von Ehre und Ge- wissen sich zu keinem andern wird gebrauchen lassen) der fange doch ja damit an, sich selbst zu bessern, sich selbst in allem, was gut und edel ist, auf immer zu befestigen, und sich dadurch ein Maaß von innerer Zufriedenheit zu erwerben, welches sein Herz nicht mehr zu fassen vermag, und es daher auf andere Wesen ausser sich uͤber- fließen zu lassen, sich gedrungen fuͤhlt. Wer dieses verabsaͤumt, und gleichwohl ins Große wir- ken ken wil, der gleicht jener pralenden, aber kurzen Lufterscheinung, welche den Glanz eines Fixsterns nachahmt, aber keine bleibende Staͤte hat, und dahinfahrend in einem Nu! erloschen ist! Mein Kleon! die Hand aufs Herz, und wohlbedaͤchtig untersucht, wie es in Ansehung dieses Einen, welches so sehr noth ist, mit dir beschaffen sei! — Bist du dir bewußt, daß die Liebe zu allem, was wahr und gut und sitlich schoͤn ist, schon wirklich tiefe unaustilgbare Wur- zeln in dir geschlagen habe; daß du dich bestrebt habest, und noch taͤglich bestrebest, deine Nei- gungen alle wohl zu ordnen, und der bestaͤndigen Lenkung der Vernunft und des Gewissens zu un- terwerfen; daß das Laster jeder Art eine so haͤß- liche abschrekkende Gestalt in deinen Augen an- genommen habe, und dein sitliches Gefuͤhl zu- gleich schon so verfeinert und so geschaͤrft sei, daß du das, was boͤse ist, unter jeder noch so reizenden Larve, durch ein ploͤzliches Gegengefuͤhl erkennen, und immer verabscheuen, und immer davor zuruͤk- schaudern wirst; bist du dir endlich des redlichen Vorsazes bewußt, dich in diesen angefangenen A 5 guten guten Gesinnungen taͤglich mehr und mehr be- festigen, und so von Stufe zu Stufe zu dem hoͤchsten Gipfel der Volkommenheit, welcher hie- nieden fuͤr uns erreichbar ist, hinan klimmen zu wollen: dan trete mit Gott und gutem Muthe in die Laufbahn, welche die goͤtliche Vorsehung dir eroͤfnen wird, und zweifle nicht, daß du den Lauf vollenden, und ein herliches Ziel erreichen werdest. Kanst du aber (und Gott verhuͤte, daß du hieruͤber noch niemahls mit dir selbst soltest zu Rathe gegangen, oder wohl gar in einer so wichtigen, alles entscheidenden Sache der ge- ringsten Verstellung faͤhig sein!) kanst du, sage ich, dir selbst hieruͤber noch keine beruhigende Antwort geben: o so halte dich doch ja noch nicht fuͤr berufen, irgend ein anderes Geschaͤfte zu be- ginnen, als dieses noͤthigste unter allen — das Geschaͤft deiner eigenen sitlichen Ausbesserung! Denn, glaube deinem alten Vater, der ja wahrlich keine Ursache haben kan, dich hinter- gehen zu wollen, und der es dir bei diesem sei- nen grauen Haupte und bei der Hofnung einer seeligen seeligen Zukunft betheuert, daß weder irgend eine wahre dauerhafte Gluͤkseeligkeit fuͤr den ungebes- serten Menschen moͤglich sei, noch daß derjenige, der sich nicht selbst durch das Bewustsein seiner Rechtschaffenheit innerlich gluͤklich fuͤhlt, andere Menschen ausser sich gluͤklich machen koͤnne. Und das ist doch, hoff’ ich, die Absicht, warum wir oͤffentliche Geschaͤfte uͤbernehmen! Niemand kan etwas geben, was er selbst nicht hat: das ist eine simple und unlaͤugbare Wahrheit. Was folgt daraus? Das, was ich gesagt habe, daß man andern Weisheit, Guͤte und Gluͤkseeligkeit wirklich nicht anders mittheilen koͤnne, als nur in dem Grade, in welchem man selbst schon weise, gut und gluͤklich geworden ist. Hoͤre, mein Sohn, ich habe dir eine traurige Wahrheit zu sagen: auf dieser schoͤnen Erde , welche fuͤr Wesen, die den Gesezen der Natur — Gottes Gesezen — bestaͤndig treu blieben, ein wirkliches Paradies sein muͤßte, leben wenig gluͤckliche Menschen . Nim diese unseelige Beobachtung so lange auf Treu und Glauben von mir an, bis du sie selbst wirst bestaͤtiget gefunden gefunden haben. Die Quelle dieses algemeinen Elendes, welches die Menschheit ergriffen hat, ist nicht in Gott, nicht in der von ihm geschaffe- nen Natur; sie ist in den Menschen selbst, in ih- rem verwoͤhnten, von unreinen Leidenschaften un- aufhoͤrlich beunruhigten Herzen. Unter diesen Leidenschaften gibt es vornemlich drei, welche das in Wahrheit fuͤr die Menschen sind, was in der Fabellehre die drei Hoͤllenfurien fuͤr die Verdamten waren; sie heissen Ehrsucht, Ueppigkeit und Un- zucht. Jede von diesen Leidenschaften ist ein gefraͤßiger Wurm, der die schoͤne Blume, Gluͤkseeligkeit ge- nant, wovon der Schoͤpfer den Keim in alle seine Geister gelegt hat, unaufhoͤrlich an der Wurzel benagt. Wehe dem Herzen, in welches der eine oder der andere von ihnen sich einmal eingeschlichen hat! Und — o Jammer! in viele, vielleicht — ich zitre, indem ichs sage — vielleicht in die meisten, haben alle drei zugleich den Eingang ge- funden! Daher die algemeine Unzufriedenheit unter den Menschen! Daher die algemeine Erschlaffung aller aller urspruͤnglichen Kraͤfte der Menschheit und ihre merklich zunehmende Unfaͤhigkeit zu allem, was edel und groß ist! Daher — doch diese Klagen wuͤrden mich zu weit fuͤhren. Meine Absicht war ja nur, dich auf diese Erbfeinde der menschlichen Gluͤkseeligkeit, diese maͤchtigsten Stoͤrer eines zufriedenen und gemeinnuͤzigen Le- bens aufmerksam zu machen, damit du den staͤrk- sten Harnisch der Vernunft und der Religion wi- der sie anlegen, und vor ihren, anfangs unmerk- lichen Angriffen, bestaͤndig auf deiner Hut sein moͤgest. Hast du nun solchergestalt bei dir selbst an- gefangen; und glaubst du, mit der Bildung dei- nes eigenen Herzens in so weit zur Richtigkeit gekommen zu sein, daß du nicht besorgen darfst, den tausendfaͤltigen Versuchungen zum Laster, denen du entgegen gehst, jemahls unterzuliegen: dan sei dein naͤchstes wichtiges Geschaͤft, deine eigenen Kraͤfte wohl zu pruͤfen, um ihnen einen ihrer Groͤße genau angemessenen Wirkungskreis zu bestimmen . Das haben gemeinig- gemeiniglich grade die edelsten Selen verabsaͤumt; und diese Vernachlaͤßigung allein erklaͤrt dem nach- denkenden Beobachter schon zum Theil das sonst unaufloͤslichscheinende Raͤthsel, warum auch diese, welche in dem Reiche eines alweisen und alguͤtigen Weltregenten einer ausgezeichneten Gluͤkseeligkeit genießen solten, nicht selten elend sind. Es sind aber hiebei vornehmlich vier Re- geln zu beobachten, die ich dir mittheilen wil. Die erste und wichtigste unter allen ist diese: wolle, indem du auf die Schaubuͤhne des geschaͤftigen Lebens tritst, nicht glaͤnzen, sondern nuͤzen und gluͤklich sein ! O eine goldene Regel, deren Beobachtung Zufriedenheit, deren Vernachlaͤßigung unausbleibliches Elend zum Gefolge hat! Und doch, wie selten wird sie befolgt! Der junge ruͤstige Geist des Juͤnglings, durch eine thoͤrichte Erziehung und durch das al- gemeine Beispiel zur Ehrsucht entflamt, fuͤhlt kaum den ersten duͤrftigen Knospen der fruͤhreifen Manskraft seiner Sele zum Ausbruch anschwellen: so schaut er schon gierig umher, und brent, und lechzt lechzt nach einer Gelegenheit, wobei er dem, sei- ner Meinung nach, erstaunten Publikum ankuͤn- digen koͤnne: feht doch, auch ich bin da ! Hat er nun eine solche Gelegenheit erhascht, und findet sich dan irgend ein thoͤrichter Menschenverder- ber, der aus Eitelkeit, um sich das Ansehn eines Be- schuͤzers zu geben, oder aus Schwachheit und unweiser Gefaͤlligkeit, auf sein Seht doch ! achtet, den jungen Gekken streichelt, ihn wohl gar aus dem Haufen hervor ans helle Tageslicht zieht, und noch einmahl selbst seht doch! ruft: dan gute Nacht Bescheidenheit! Gute Nacht gerader, ein- faͤltiger, reiner Menschensin! Gute Nacht Gluͤk- seeligkeit! Von Stund an ist das Dichten und Trachten des jungen Thoren auf nichts anders gerichtet, als wie er Augen auf sich ziehen, und von sich schwazen lassen moͤge. Die Mittel, diesen Zwek zu erreichen, kommen nicht weiter in Betrachtung, als in so fern sie mehr, oder weniger, geschwin- der oder langsamer wirksam sind. Ob sie uͤbri- gens mit den Grundsaͤzen der wahren Ehre und der strengen Rechtschaffenheit bestehen koͤnnen, das das wird nicht mehr bedacht. Es ist ihm nur ums Beruͤhmtwerden zu thun; wil’s nicht als Architekt gehen, der den Tempel baut: flugs wird das ruhmgierige Maͤnchen ein Herostratus , der ihn verbrent. Hat er sich doch so auch ver- ewiget! Nun ist das Gefuͤhl fuͤr jedes andere natuͤr- lich gute, edle und große Vergnuͤgen in seiner Brust erstorben. Todt ist ihm die ganze schoͤne Natur mit allen ihren Freuden; ekelhaft jede stille bescheidene Familiengluͤkseeligkeit; trokken und abgeschmakt jedes noch so nuͤzliche Geschaͤft, wobei man nur nicht glaͤnzen kan. Er hat forthin nur noch Einen Sin, den heillosen Sin fuͤr Lob und Ruhm! So lange dieser gekizelt wird, ist ihm die Welt ein Himmel, der Kizelnde ein Engel, er selbst ein Halbgott! Laͤßt der Kizel nach, wird er wohl gar an dieser seiner einzigen empfindlichen Stelle durch Tadel verwundet: in dem Augenblik ist ihm die Welt eine Hoͤlle, jeder Mensch ein Teufel, er selbst ein Maͤrtirer! So hat der Un- gluͤkliche dem Vergnuͤgen nur ein einziges schmales Pfoͤrtchen zu seinem Herzen offen gelassen, und dem Misver- Misvergnuͤgen tausend weite Fluͤgelthuͤre auf- gethan! O mein Sohn! Haͤtt’ ich Ursache zu besorgen, daß du jemahls, durch Beispiel angestekt, in diese eben so thoͤrichte, als gefaͤhrliche Seuche der Ruhm- sucht verfallen koͤntest: ich wolte Gott auf meinen Knien bitten, daß er dir jedes Talent, jede Kraft zu irgend einer vorzuͤglichen Wirksamkeit, welche dir Beifal erwerben koͤnte, versagen moͤgte; wolte Tag und Nacht ihn bitten, daß er dir nur grade so viel koͤrperliches und geistiges Vermoͤgen ließe, als der ehrliche Holzhauer bedarf, um sich vor Mangel zu schuͤzen! Denn, bei Gott dem Alwissenden! du wuͤrdest so viel gluͤklicher sein! “Aber, wirst du vielleicht denken, die Ehrbe- gierde ist doch ein so maͤchtiger Sporn zu vielem Guten, welches, ohne sie, wohl unerreicht blei- ben wuͤrde!„ — Ja, wohl ein Sporn — aber wehe dem traͤgen Rosse, welches innerer antrei- benden Kraͤfte beraubt, nicht anders laͤuft, als wenn es von aussen gespornt wird! Es wird frei- lich des Sporns wegen seine Kraͤfte uͤbernehmen; aber auch bald ermattet und steif nur noch B zum zum Karngaul tuͤchtig sein. Mache selbst die Anwendung. Eine zweite Bedenklichkeit, die man mir ent- gegen sezen koͤnte, ist eben so ungegruͤndet. Wie sol aber, koͤnte einer fragen, ein junger Mensch sein Gluͤk machen, wenn er sich nicht fruͤhzeitig hervorzuthun, vor andern auszuzeichnen sucht? Sein Gluͤk machen ? Das sol vermuthlich so viel heissen, als eintraͤgliche Ehrenaͤmter, Titel und Wuͤrden erlangen? Wenn das der Sin dieser Phrase ist (wie er es in dem gemeinen Sprachgebrauche denn wirklich ist): so hatt’ ich in meinen juͤngern Jahren so gut, als einer meines Standes, mein Gluͤk auch gemacht, und es stand lediglich bei mir, es noch weiter zu machen. Und doch muß ich, als ein ehrlicher Man betheuern, daß ich meine wirkliche Gluͤk- seeligkeit erst von dem Tage an datire, da ich auf jenes gemachte und noch zu machende Gluͤk frei- willig Verzicht that, um von der Welt vergessen, in dieser stillen Gegend, mir und meinen Lieben zu leben, und ohne Geraͤusch im Kleinen Guts zu thun. Zwar Zwar dieses Zuruͤkziehn aus dem Gewuͤhl des oͤffentlichen Lebens in die stille Einsamkeit muͤsse von keinem andern fuͤr ein Beispiel zur Nachah- mung gehalten werden, als von dem, der entwe- der sich bewußt ist, der menschlichen Geselschaft fuͤr sein Theil schon genug gedient zu haben; oder der aus irgend einer wichtigen Ursache sich unfaͤ- hig fuͤhlt, ihr fernerhin seine Dienste angedeien zu lassen; oder endlich auch von dem, der da Mittel und Wege weiß, auch in der Einsam- keit ein fuͤr seine Bruͤder gemeinnuͤziges Leben zu fuͤhren. Und ich darf sagen, daß, wo nicht der erste Fal, doch wenigstens der zweite und dritte derjenige gewesen sei, worin dein Vater sich befand, da er von dem großen Welttheater abzutreten fuͤr noͤthig erachtete. Denn Gott hat seine schoͤne Welt nicht fuͤr unthaͤtige, blos betrachtende Einsiedler geschaffen. Er wil, daß der Mensch gesellig sei, und daß je- der das Maaß von Kraͤften, welches ihm ver- liehen worden, zum gemeinen Besten verwende. Dazu solst auch du also das deinige brauchen; solst durch so viel edle Thaten, als dir nur immer B 2 moͤglich moͤglich sind, dich hervorthun, doch ohne dieses Hervorthun zum Zwek deiner Thaten zu machen; solst dir dadurch den Weg zu Ehren und Wuͤr- den bahnen, aber nicht, als wenn diese Ehren und Wuͤrden an sich selbst etwas Wuͤnschens- werthes, das Endziel unserer Bestrebungen waͤren; sondern weil sie Mittel sind, wodurch wir hoͤhere, wirklich wuͤnschenswerthe Zwekke erreichen koͤnnen. Und dazu, glaube mir, mein Sohn, bedarf es keines aͤngstlichen Hervordraͤngens, keines ge- suchten Schimmers, der die Augen der Leute auf sich zieht. Der Man von Verdienst hat schon von selbst, wenn ich mich so ausdruͤkken darf, eine gewisse Witterung , welche die Kenner aufmerksam auf ihn macht, und es ist ihm bei- nahe unmoͤglich, in der Laͤnge verborgen oder ver- kant zu bleiben. Und bliebe er’s auch: nun, so wuͤrde er doch nicht vergebens da gewesen sein; es wuͤrde ihm, wie der Sonne, gehn, wenn der Dunstkreis mit dikken Wolken angefuͤlt ist. Als- dan erleuchtet und erwaͤrmt sie den Erdkreis, ohne selbst gesehen zu werden. Aber ist sie deswegen weniger weniger Sonne? Und wird sie, wenn die krie- chende Raupe auf ihrem Kohlblat sie verkent, nicht von dem koͤniglichen Adler bemerkt, der sich uͤber die Wolken schwingt? — Crede mihi, bene vixit, bene qui latuit! Die zweite besondere Regel, welche aus jener algemeinen, die ich dir empfohlen habe, gleich- fals abfließt, ist diese: laß deinen moralischen Wirkungskreis anfangs nur auf diejenigen eingeschraͤnkt sein, welche dir die naͤchsten sind, und ruͤkke die Grenzen desselben nur in dem Maaße almaͤhlig weiter, in welchem du deine Absicht bei diesen schon erreicht hast, und nun noch Kraͤfte zu ausgedehn- tern Wirkungen uͤbrig fuͤhlst . Ich wil mich umstaͤndlicher erklaͤren. Die endliche Kraft eines schwachen Sterblichen ist ja nicht almaͤchtig. Sie kan ja nicht, wie Gottes Kraft, auf alle Wesen ausser ihr zugleich wirken; sie muß also ihre jedesmaligen Wirkun- gen nur auf einzelne Gegenstaͤnde einschraͤnken. Wer kan aber jedesmahl das naͤchste und groͤßte B 3 Recht Recht auf unsere nuͤzliche Wirksamkeit haben, als diejenigen, welche die Natur, oder die goͤt- liche Vorsehung, am naͤchsten und innigsten mit uns verbunden hat? Wuͤrd’ es nicht unaus- sprechlich thoͤricht und ungerecht zugleich sein, wenn ein Arzt, der seiner Kunst gewiß waͤre, seine Zeit damit verschwenden wolte, Arzeneimittel wider moͤgliche Krankheiten der Antipoden zu be- reiten, indes seine Hausgenossen und Mitbuͤrger an einer epidemischen Seuche darnieder laͤgen, und vergebens um Huͤlfe schrien? Erst suche er diese zu retten; dan seine Landsleute in den naͤch- sten Doͤrfern, Flekken und Staͤdten, und so im- mer weiter in dem Maaße, in welchem ihm zu ausgedehntern Wirkungen Zeit und Kraͤfte von Gott verliehen werden. Eben diese Pflicht der weisen Einschraͤnkung seines Wirkungskreises liegt nun auch dem mora- lischen Arzte ob. Hat er ein Weib genommen, so sei diese der naͤchste Gegenstand, dessen sitliche Vervolkomnung, naͤchst der seinigen, ihm am meisten am Herzen liegen muß. Vertraut die goͤtliche Vorsehung ihm Kinder an; so ziehe er die die Grenzlinie seines ausschließenden Wirkungs- kreises auch noch um diese herum, und sorge fuͤr die bestmoͤgliche Erziehung derselben. Was ihm bei diesem Geschaͤft an Zeit und Kraͤften uͤbrig bleibt; das werde seinen Hausgenossen, seinen naͤchsten Verwandten, seinen Freunden, seinen Mitbuͤrgern gewidmet. Und so erweitere sich von Stufe zu Stufe die Peripherie seiner Wirkungen gerad in dem Maaße, in welchem er seine Kraͤfte wachsen und bei einer eingeschraͤnkteren Thaͤtig- keit in einem unangenehmen Gedraͤnge fuͤhlt. Aber er huͤte sich hierbei sorgfaͤltig vor einem, nur gar zu moͤglichen Selbstbetruge. Der mensch- liche Geist, welcher seiner Natur nach immer ins Unendliche strebt, und jede Art von Einschraͤn- kung aͤusserst ungern ertraͤgt, uͤberredet sich nur gar zu leicht, daß die naͤchste Arbeit, wozu ihn seine Pflicht auffodert, schon gethan sei: daß er zu etwas Groͤsserem Beruf habe; daß er Kraͤfte und Faͤhigkeiten in Ueberfluß besize, den Pflichten des Gatten, des Vaters, des Freundes und des Buͤrgers ein Genuͤge zu thun und demohngeachtet auch noch aufs Ganze zu wirken. Wehe ihm B 4 und und seiner verwaiseten Familie, wenn er diesem verfuͤhrerischen Gefuͤhl, ohne lange und sorgfaͤl- tige Pruͤfung, traut, und seine von wildem auf- brausendem Enthusiasmus angeschwollene Kraͤfte nun sogleich die Daͤmme zerreissen laͤßt! Was wird die Folge sein? Er wird in kurzer Zeit so sehr Geschmak an großen glaͤnzenden Wirkungen finden, daß die kleinen haͤuslichen Familienscenen ihm zum Ekel werden; seine ungluͤkliche Gattin, seine beklagenswuͤrdigen Kinder werdem ihm fremd werden; er selbst wird mit Herz und Geist uͤberal , nur nicht zu Hause sein. Glaube mir, mein Sohn, nur sehr wenige Menschen sind berufen, Lichter der Welt zu sein. Aber nach dem Maaße seiner Einsichten sein Weib, seine Hausgenossen zu erleuchten, den Beruf hat jederman, der die Wuͤrde eines Haus- vaters uͤbernommen hat. “Ein Man von mehr, als gewoͤhnlicher Faͤ- higkeit, sagt ein Schriftsteller von großen Ta- lenten, Wieland . hat noch genug an seiner eigenen Bes- serung serung und Vervolkomnung zu arbeiten. Er ist am geschiktesten zu dieser Beschaͤftigung, nachdem er durch eine Reihe betraͤchtlicher Erfahrungen sich selbst und die Welt kennen zu lernen angefan- gen hat, und indem er solchergestalt an sich selbst arbeitet, arbeitet er wirklich fuͤr die Welt . Denn um so viel geschikter wird er, seinen Freun- den, seinem Vaterlande und den Menschen uͤber- haupt nuͤzlich zu sein und in einem groͤßern oder kleinern Kreise mit mehr oder weniger Gepraͤnge, auf eine oͤffentliche oder nicht so merkliche Art, zum algemeinen Besten des Sistems mitzu- wirken.„ Es ist eine der gefaͤhrlichsten Seuchen, an der unser Zeitalter vorzuͤglich krank liegt, daß jeder unbaͤrtige Knabe, der so eben erst der Ruthe seines Lehrmeisters entsprungen ist, sich nun schon fuͤr faͤhig und fuͤr berufen haͤlt, ein Lehrer des menschlichen Geschlechts zu werden. Hat er einige Romane und Gedichtchen, einen Wust sogenanter gelehrten Zeitungen und Bibliotheken gelesen; hat er ein Paar Duzend schoͤnklingender neumodischer Phrasen und affektirter Wendungen B 5 auf- aufgeschnapt: husch! ist das gelehrte Naͤrchen am Schreibpult, um sie dem lieben Publikum, welches mit dergleichen suͤßlichen und faden Zeuge sich den Magen schon so oft uͤberladen hat, viel- leicht zum taufendsten male aufgewaͤrmt und an- gewaͤssert, von neuem wieder aufzutischen. Es wuͤrde ein unausstehlicher Anblik sein, wenn ein Maler eine Versamlung ehrwuͤrdiger Greise mahlte, und vor ihnen einen Ourang Outang in geheiligtem Ornat, als Lehrer, auftreten ließe, der die Geselschaft mit Grimassen unterhielte: und diesen aͤrgerllchen Anblik muͤssen wir gleichwohl mit jeder neuen Messe wohl hundert und mehr- mahl in Natura ertragen. — Huͤte dich, mein Sohn, vor dieser eben so laͤcherlichen als schaͤdlichen Autorseuche. Wisse, daß das fuͤrchterliche Anschwellen der Buͤcher und die damit verbundene Lesewuth , welche taͤglich weiter um sich greift, eine Folge und zu- gleich mit eine Ursache der immer groͤsser wer- denden Verderbniß unserer Sitten und der ganzen Menschheit ist. Man schreibt und lieset, nicht um zu bessern, nicht um gebessert zu werden, son- dern dern jenes um zu glaͤnzen, um Geld und Ruhm zu erwerben, ohne etwas Gemeinnuͤziges und Ruhmwuͤrdiges thun zu duͤrfen, dieses um die zerstreute, von aller nuͤzlichen Thaͤtigkeit abge- wandte Sele noch mehr zu zerstreuen, in den Schlaf der Vergessenheit aller haͤuslichen und buͤrgerlichen Pflichten noch tiefer einzuwiegen. Man lehrt und schreibt, um nicht lernen und denken zu duͤrfen; man liest, um aller Arbeit uͤber- hoben zu sein, und doch nicht Langeweile zu haben. Bis ziemlich weit in die Mitte des gegen- waͤrtigen Jahrhunderts, war es im Algemeinen wahr, daß in unserm deutschen Vaterlande der phisische Theil der Menschheit uͤber den morali- schen, der koͤrperliche uͤber den geistigen ein schaͤd- liches Uebergewicht hatte. Dank sind wir daher allen denen schuldig, die auf eine oder die andere Weise etwas dazu beigetragen haben, die Kraͤfte der Menschheit auch auf der vernachlaͤßigten Seite anzubauen; Talente und Faͤhigkeiten in uns zu erwekken, deren schlummerndes Dasein in uns wir kaum selbst zu ahnden uns getrauten, und dadurch den geistigen Theil unserer Natur zu einer Stufe Stufe der Kultur zu erheben, die er, so alge- mein wie nun, noch nie erreicht hatte. Der Ge- schmak ist veredelt, das sitliche Empfindungsver- moͤgen verfeinert, die Einbildungskraft befluͤgelt, der Verstand und das Gedaͤchtniß mit einer uͤber- schwenglichen Fuͤlle von Kentnißen bereichert, und zugleich die ganze Aussenseite des Menschen mit erkuͤnstelter Anmuth uͤbersirnißt worden. Gluͤk- lich, wenn das himlische Roß, nach Plato’s Allegorie, seinen irdischen Gefaͤhrten mit sich hin- aufgezogen haͤtte auf den Felsengipfel, wohin man es gespornt hat, und nun beide ihren Lauf gemeinschaftlich fortsezen koͤnten! Aber leider! ist dis nicht geschehen. In eben dem Maaße, in welchem die Kultur des Geistes durch Kuͤnste und Wissenschaften betrieben ward, hat man die koͤr- perlichen Kraͤfte unserer Natur, hat man zugleich Lust und Vermoͤgen zu allen anstrengenden, die Phantasie und die beschauenden Faͤhigkeiten un- serer Sele weniger beschaͤftigenden Arbeiten, hat man die den Deutschen sonst so eigene Strebsam- keit und das unverdrossene Ausdauern in anhal- tenden und muͤhsamen Geschaͤften, hat man end- lich lich den nazionalen Muth in Gefahren und den ruhigen heitern Bidersin bei jeder Abwechselung des Schiksals, immer mehr und mehr abnehmen, kraͤnkeln, hinsinken und absterben gesehen. Und bei dieser Lage der Menschheit solt’ es noch im- mer fuͤr ein auszeichnendes Verdienst gehalten werden, die Werkzeuge jener ungluͤklichen einsei- tigen Kultur zu vermehren? Ins Unendliche zu vervielfaͤltigen? Glaube mir, mein Sohn, es ist jezt in den meisten Faͤllen ein viel verdienstli- cheres Werk, eine Quadratruthe Moorland urbar gemacht, oder einen Stein Flachs gesponnen zu haben, als der Verfasser eines Schauspiels, eines Romans, oder eines Baͤndchen allerliebster Ge- dichtchen zu sein. Indem der weise und gute Antonin die Wohl- thaten aufzaͤhlt, welche der Himmel ihm waͤh- rend seines Lebens erwiesen, rechnet er vor- nehmlich auch dieses hinzu, daß er ihn be- wahrt habe, — ein schoͤner Geist zu werden. “Den Goͤttern habe ich es zu verdanken, sagt er, daß ich in der Rhetorik, der Poesie, und in andern aͤhnlichen Studien keine groͤssere Strebe Strebe also nicht nach der eingebildeten Ehre, deinen Nahmen in den Meßverzeichnissen aufge- fuͤhrt zu sehn. Schraͤnke vielmehr alle deine moralischen Wirkungen auf dich selbst und auf die Lieben ein, welche Gott durch Familienbande mit dir verknuͤpfen wird. Nur dan erst, wan du, unter goͤtlichem Beistande, diese begluͤkt hast; wan deine, deiner Gattin und deiner Kinder Selen durch die reinste und zaͤrtlichste Liebe ver- bunden, gleichsam in einander gewachsen sind, und keine Erschlaffung dieser heiligen Bande durch die Zerstreuungen und Muͤhseeligkeiten, welche dle Wirksamkeit aufs Ganze unausbleib- lich mit sich fuͤhrt, weiter zu besorgen haben; und wenn dein Herz dan von eigener Gluͤkseelig- keit so vol ist, daß es, ohne von Eitelkeit und Ruhmsucht dazu angespornt zu werden, sich maͤch- tig gedrungen fuͤhlt, diese eigene Gluͤkseeligkeit auf andere, durch die Menschheit mit ihm ver- wandte Wesen uͤberfließen zu laßen: dan, mein Sohn, groͤssere Fortschritte machte; denn diese Kuͤnste wuͤrden mich, waͤre ich gluͤklicher darin gewesen, gar sehr verstrikt haben .„ Sohn, dan theile mit, was du gemeinnuͤziges hast; werde Schriftsteller, werde Sittenverbesse- rer, werde Lehrer der Menschheit, und laß deine Sele die heilige Wollust, zum Gluͤk fuͤr Tausende gelebt zu haben, in vollen Zuͤgen trinken! Vernim jezt eine dritte Warnung, welche zur genauern Bestimmung der obengegebenen al- gemeinen Regel gleichfals gehoͤrt. Sie ist diese: Huͤte dich vor jeder Ueberspannung deiner Kraͤfte: denn auf Ueberspannung erfolgt Erschlaffung, und der Zustand der Erschlaf- fung ist allemahl ein ungluͤklicher Zustand . Auch hierin versehen es gemeiniglich grade die edelsten jungen Maͤnner, wenn Liebe zur Sache und Ehrbegierde sie entflamt haben. Wuͤthend fallen sie uͤber ihre jedesmalige Lieblingsarbeit her; vergessen Speis und Trank, Ruhe und Erquikkung, und hoͤren gemeiniglich nicht eher auf, bis sie sich durchaus entkraͤftet und zu fer- nerer Anstrengung unfaͤhig fuͤhlen. Das ist auch unweislich gehandelt! sehr unweislich! Denn Denn zu geschweigen, daß alle Kraͤfte, so- wohl die geistigen, als auch die koͤrperlichen, selbst dabei verlieren, und nach und nach zu Grunde gerichtet werden: so wuͤrde dieser Mißbrauch der- selben schon um deswillen gar sehr zu wider- rathen sein, weil ein Mensch, der solche Ueber- spannungen oft erfaͤhrt, alle diejenigen, welche um ihn sind, vornehmlich seine Familie, und eben dadurch auch sich selbst, nach und nach un- fehlbar elend macht. Denn es ist in der Natur des Koͤrpers und der Sele gegruͤndet, daß auf jede Ueberspannung unserer Kraͤfte eine gewisse Unbehaͤglichkeit, eine gewisse Geneigtheit zum verdruͤslichen, muͤrri- schen Wesen folgen muß, welches sich eben so sehr, als unsere freudigen Empfindungen, zur Mittheilung in uns drengt. Koͤmt nun der un- maͤßige Arbeiter mit einer solchen Gemuͤthsfaßung aus seinem Kabinette in den Schooß seiner Fa- milie zuruͤk: was ist natuͤrlicher, als daß er an den zaͤrtlichen Liebkosungen seiner treuen, nach seiner Gegenwart schmachtenden Gattin und an dem freudigen Gewuͤhl seiner Kleinen nm ihn her, her, keinen Gefallen findet; daß er sie durch Mienen und Worte von sich zuruͤkschrekt; daß er nichts recht findet, nichts nach seinem Kopfe, und uͤber alles Glossen macht! Da muß das arme leidende Weib ihre maͤchtigsten und suͤßesten Gefuͤhle der ehelichen Zaͤrtlichkeit dan in sich selbst verschließen; muß stum und traurig da sizen, in- des ihr Innerstes von liebevollen Empfindungen kocht, und ihr treues Herz sich stuͤndlich losreissen moͤgte, um an den Busen des geliebten Unholds zu fliegen. Mein Kleon, ich rede dieses aus einem innern wehmuͤthigen Selbstgefuͤhle. Warum solt’ ichs dir vorheelen? Auch ich bin, waͤhrend meinem geschaͤftigen Leben nicht selten in diesen traurigen Fehler verfallen. Und wolten alle die hochbe- ruͤhmten Leute, welche zum Theil unter dem praͤch- tigen Titel Menschenfreunde ! bekant sind, of- fenherzig sein: so wuͤrdest du das Echo dieses meines freiwilligen Gestaͤndnisses aus tausend und tausend Studierstuben wiederhallen hoͤren. Aber man legt nicht gern eher ein Gestaͤndnis seiner Fehler ab, bis man sich davon gebessert hat. C Spiegle Spiegle dich an diesen Beispielen, mein Sohn, und huͤte dich, daß du niemahls in eben denselben Fehler fallest. Denn wisse, daß ich nie ungluͤk- licher war, als damahls, ob ich gleich Ehre, Gluͤksguͤter und Gesundheit in Ueberfluß besaß, und von jederman fuͤr sehr begluͤkt gehalten wur- de. Denn, wo keine Liebe ist, da kan, beim Him- mel! auch keine Gluͤkseeligkeit sein. Und Men- schenliebe, ohne Familienliebe, ist die luͤgenhaf- teste Larve, womit eine menschliche Sele nur im- mer pralen kan. Du siehst, mein Sohn, ich komme immer auf den einigen großen Punkt zuruͤk, auf den ich nun schon so oft hingewiesen habe, auf — Fa- miliengluͤkseeligkeit . Diese (o moͤgt’ ichs doch allen Juͤnglingen tief in die Sele rufen koͤnnen!) diese laß in jeder Lage deines kuͤnftigen Lebens dir immer uͤber alles gelten, und achte alles fuͤr Schaden, was ihr Eintrag thut, waͤr’s auch noch so schimmernd! Suche durch sanfte Guͤte und zuvor- kommende Gefaͤlligkeit Gluͤk und Zufriedenheit uͤber alle deine Lieben, uͤber alle deine Hausgenossen, rund um dich her zu verbreiten: so wirst du dei- nem nem ersten und heiligsten Berufe ein Genuͤge thun; so wirst du dir einen sichern Hafen bauen, in welchen du, wenn die Stuͤrme der Widerwaͤr- tigkeit erwachen, und die Wogen der Truͤbsal daherrauschen, dich zuruͤkziehen, und an dem treuen liebevollen Busen der Freundin deiner Sele von allen deinen Sorgen ausruhen, fuͤr allen deinen Kummer lindernden Balsam finden kanst! Endlich, mein Sohn, beobachte sorgfaͤltig auch diese vierte Regel, welche der obigen gleich- fals untergeordnet ist: Bevor du ein Amt uͤbernimst, erkundige dich genau nach allen Geschaͤften, welche dasselbe mit sich bringt, und nach allen Unannehmlichkeiten, welche damit verbunden sein koͤnnen. Mache als- dan einen Versuch, ob du jenen auch ge- wachsen seist, und pruͤfe deinen Muth, ob du diese auch ertragen koͤnnest: und nur dan erst, wan du zu beiden Kraft und Staͤrke der Sele in zureichendem Maaße bei dir wahrnimst, werd’ es von dir uͤber- nommen . Die Vernachlaͤßigung dieser Klug- C 2 heits- heitsregel ist eben so gewoͤhnlich, als die Folgen davon traurig zu sein pflegen. Ich habe wenig Juͤnglinge gesehn, denen nicht Zeit und Weile lang geworden waͤre, bevor sie zu einem Amte befoͤrdert wurden: aber noch weit wenigere, die nicht bald darauf ihre Uebereilung bereueten, und sich zuruͤk in ihren vorigen Zustand wuͤnschten. Jeder Standort in der menschlichen Geselschaft, so glaͤnzend er auch immer sein mag, hat seine großen Unbequemlichkeiten, wovon man nur den kleinsten Theil von fern erblikken kan. So oft man also sich in gewisse Verhaͤltnisse und Verbindungen einlassen wil, muß man zum Vor- aus versichert sein, daß man die Annehmlichkeiten derselben durch ein Bergroͤsserungsglas , die Un- annehmlichkeiten hingegen durch ein umgekehrtes, mithin verkleinerndes Fernglas sehe. Thut man dieses nicht; stelt man die kuͤnftigen Arbeiten sei- nes Berufs sich zu leicht, und die damit verbun- denen Vortheile zu lieblich vor: so ist nichts ge- wisser, als daß Mißvergnuͤgen und Reue die un- ausbleibliche Folge unserer Entschließung sein werden. Das Das schlimste in solchen Faͤllen ist, daß der junge unerfahrne Man, aus Mangel an Welt- kentniß, die Lage eines jeden andern Menschen fuͤr gluͤklich, und nur die seinige, die seinige allein, fuͤr aͤusserst elend haͤlt. Da geht es denn gemei- niglich an ein Vergleichen seiner Talente, seiner Gemuͤthsbeschaffenheit, mit den Talenten und Karakteren anderer Menschen; und die Eigenliebe sorgt dafuͤr, daß seine eigene werthe Persoͤnlichkeit bei dieser Vergleichung allemahl gewinnen muß. Dan kan er nicht begreifen, wie der und jener, die doch in jeder Betrachtung so weit unter ihm stehen, an Gluͤk und Gemaͤchlichkeit ihm so weit vorgesezt sind! Dan wird mit dem Himmel ge- schmolt; und der unschuldige Himmel hat doch weiter nichts gethan, als daß er den Wunsch des jungen Thoren erfuͤlte, und ihn dahin stelte, wo er zu sein so sehnlich gewuͤnscht hatte. Haͤtt’ er dieses nicht gethan, wuͤrde sein Weltregiment we- niger getadelt worden sein? Besaͤße der unzufriedene Juͤngling diejenige Erfahrung schon, die er nach zehn oder zwanzig Jahren haben wird; haͤtt’ er in allen Staͤnden C 3 der der menschlichen Geselschaft, in allen Faͤchern des geschaͤftigen Lebens sich schon jezt umgesehn, und dadurch die zwar unangenehme, aber zu wissen hoͤchstnoͤthige Wahrheit gelernt, daß es , wie das gemeine Sprichwort sagt, uͤberal zerbro- chene Toͤpfe gibt : so wuͤrd’ er auch in seiner dermaligen Lage nichts idealisch volkommenes er- wartet, und in seiner Rechnung sich nicht so sehr betrogen gefunden haben. Sorgfaͤltige Erforschung seiner kuͤnftigen Pflich- ten, Pruͤfung seiner Kraͤfte und Neigungen, fleissige Versuche und Voruͤbungen in demjenigen, was man kuͤnftig leisten sol, maͤßige Erwartun- gen und herabgestimte Wuͤnsche, volkommene aus zureichender Weltkentniß geschoͤpfte Ueberzeugung, daß diese unsere muͤtterliche Erde, zwar kein Jam- merthal , aber auch kein Arkadien sei, ein be- herzter maͤnlicher Vorsaz zur standhaften Ertra- gung unvermeidlicher Beschwerlichkeiten des Le- bens; und dan Vermeidung einer zu großen Zu- dringlichkeit, und dan eine gaͤnzliche Uebergebung in den Willen der alles lenkenden Vorsehung: das, mein Sohn, das sind die Mittel, die wir an- wenden wenden muͤssen, wenn wir bei der Ueberneh- mung eines Amts, was es auch fuͤr eins sein mag, uns ein zufriedenes und gluͤkliches Leben mit Sicherheit versprechen wollen. Jezt, mein Kleon, laß uns von den alge- meinen Vorbereitungsregeln , die ich bis jezt dir gegeben habe, zu einigen besondern Vor- schriften herabsteigen, welche die wirkliche Ver- richtung deiner kuͤnftigen Berufsgeschaͤfte be- treffen, nachdem du dieselben, wie ich jezt voraus- seze, mit weiser Vorsichtigkeit wirst gewaͤhlt haben. Und hier, mein Theurer, laß dich zuvoͤrderst an dasjenige erinnern, was ich dir so oft aus meiner vieljaͤhrigen Erfahrung gesagt, aus mei- ner innersten, gewissesten Ueberzeugung versichert habe, und worauf ich dich in dem Fortgange deines eigenen jungen Lebens selbst aufmerksam zu machen, bestaͤndig beflissen war; — an die große Wahrheit, meine ich, daß an Gottes Seegen alles gelegen sei. Ich darf hoffen, C 4 daß daß mein bisheriger Unterricht, und die Sorg- falt, die ich anwandte, dich zum fleißigen Nach- denken uͤber diese wundervolle Welt, uͤber die ganze herliche Einrichtung derselben, uͤber die darin vor- fallenden Veraͤnderungen in natuͤrlichen und sit- lichen Dingen, uͤber dich selbst und uͤber deine ei- gene Schiksale, zu bewegen, dich voͤllig werden uͤberzeugt haben, daß alle Weltbegebenheiten, auch die allerkleinsten, alle Wirkungen der Naturkraͤfte, sowohl in den lebendigen als auch in den leblosen Geschoͤpfen, von dem Willen, von dem Einflusse und von der bestaͤndigen Lenkung eben des maͤch- tigen, weisen und guͤtigen Wesens abhangen, dem das ganze Weltal selbst sein Dasein zu verdanken hat. Ich erspare daher eine jezt unnoͤthige Wiederholung dieses Unterrichts, und schraͤnke mich vorjezt blos auf folgenden, daraus abflies- senden Rath ein: Ehe du ein Geschaͤft unternimst, verab- saͤume nie, deine ganze Sele zu Gott, dem Urquel alles Guten, inbruͤnstig zu er- heben, und ihn um Beistand, und um Staͤr- kung deiner eigenen schwachen Kraͤfte de- muͤtigst anzuflehen . Du Du weißt, mein Sohn, daß ich nie damit umging, deiner Sele einen, zwar oft gut ge- meinten, aber immer schaͤdlichen Aberglauben ein- zufloͤßen. Nie habe ich blinden Glauben von dir gefodert; ich habe dich vielmehr selbst untersu- chen, und dan aus eigner Ueberzeugung fuͤr wahr halten gelehrt, was dir als Wahrheit einleuchtete. Diesem meinen Grundsaze getreu wil ich dir auch jezt nicht weiß zu machen suchen, daß Gott um deines Gebeths willen die ewigen Geseze der Natur umaͤndern, und deine Geistesfaͤhigkeiten auf eine wunderthaͤtige Weise erhoͤhen und staͤrken werde. Nein, Kleon, das erwarte nicht von ihm: aber sei demohngeachtet versichert, daß dein Gebeth Erhoͤrung finden werde. Und wie sol das zu- gehn? wirst du fragen. Du hast Recht; ich scheine mir zu widersprechen: aber ich wil mich erklaͤren. Erstlich ist es eine algemeine Erfahrung aller, die es versucht und auf sich selbst geachtet haben, daß jede ernstliche Erhebung unserer Ge- danken auf große Gegenstaͤnde, und also vornehm- lich auch auf das groͤßte, herlichste, erhabenste C 5 unter unter allen Wesen — auf Gott , die Sphaͤre unserer Vorstellungen ausnehmend aufklaͤre und erweitere, und dadurch unsere Denkkraft selbst auf eine merkliche Weise staͤrke und thaͤtiger mache. Ists nicht so: indem wir jezt, in feierlicher Stille, dieser prachtvollen und ruͤhrenden Abendscene der Natur zusehen, fuͤhlen wir da nicht unser ganzes geistiges Wesen gleichsam anschwellen, sich in un- serm Innersten draͤngen, und zu jedem großen Ge- danken, zu jeder edlen und muthigen Entschlies- sung, weit faͤhiger und weit aufgelegter, als vor- her? Und wie schwilt nicht erst unser Herz von seeligen Empfindungen auf, wenn unser Geist durch diesen Anblik befluͤgelt, aus der Tiefe dieser schoͤnen Gegend hinauf zu dem hoͤchsten Gipfel der Werke Gottes, den unsere Einbildungs- kraft erreichen kan, und von da zu ihm, dem großen Urheber des Ganzen selbst, sich hin schwingt, und in entferntem Anschauen des Unendlichen sich verliert! O das muß man selbst erfahren haben, um es in der todten Beschreibung wieder zu finden! Hier Hier hielt Theophron unvorsezlicher Weise einige Minuten ein, und seine von Freude glaͤn- zenden Augen waren auf den Abendstern geheftet, welcher so eben anfieng, am westlichen Himmel hervor zu funkeln. Das staͤrkere Heben der ju- gendlichen Brust und ein tieferer Athemzug be- zeugten, daß Kleons Geist dem Geiste seines Va- ters nachgeflogen war. Der gute Alte fuhr dar- auf fort: Das ist also der erste unmittelbare Vortheil, den wir durch eine jede inbruͤnstige Erhebung un- sers Herzens zu Gott erlangen, daß unsere Selen- kraͤfte dadurch gestaͤrkt und zu allen edlen und großen Wirkungen unweit faͤhiger werden. Alle Arbeiten des Geistes muͤssen alsdan weit besser von statten gehen. Und wer den genauen Zu- sammenhang der Kraͤfte unserer Sele und unsers Leibes kent; wer da weiß, daß zu eben der Zeit, und in eben dem Maaße, wie jene erhoͤht wer- den, auch diese lebhafter zu wirken beginnen, dem wird es nicht befremdend klingen, wenn ich hin- zufuͤge, daß die jedesmalige Anrufung Gottes uns auch sogar zu solchen Arbeiten tuͤchtiger macht, welche welche mehr durch koͤrperliche, als durch geistige Kraͤfte verrichtet werden. Man sei also, wer man wolle, Gelehrter oder Handarbeiter; so wird ein Gebeth um Staͤrke, um Seegen zu unsern Berufsgeschaͤften, nie vergeblich sein. Hierzu komt noch dieses, daß der Gedanke an Gott und an unsere gaͤnzliche Abhaͤngigkeit von ihm, wenn er vor dem Anfange irgend eines aus- zufuͤhrenden Geschaͤfts recht lebendig in uns ge- worden ist, uns gewiß bewahren wird, daß wir nicht von dem Wege des Rechts und der Tu- gend weichen. Das sei der jedesmalige untruͤg- liche Probierstein der Rechtmaͤßigkeit deiner Unter- nehmungen: kanst du, mit freudiger Einstimmung deines Gewissens, dir den goͤtlichen Beistand dazu erbitten, so sei versichert, daß dein Vorhaben gut und edel ist; kanst du dieses nicht, so glaube das Gegentheil. Und endlich, mein Sohn, daß doch ja der Gedanke, daß Gott um unsers Gebeths willen heutiges Tages keine Wunderwerke mehr verrichtet, dich nicht kalt und laͤssig in der Anrufung des goͤtlichen Beistandes mache! Denn warum sol die Erhoͤrung Erhoͤrung unsers Gebeths denn grad ein Wunder sein? Warum nicht vorherbestimte ordentliche Wirkung natuͤrlicher Ursachen? Oder sahe der alwissende Gott nicht etwa schon von Ewigkeit voraus, daß du grad in dieser oder jener Stunde ihn um dieses oder jenes anrufen wuͤrdest? Und glaubst du, daß das Vorhersehen dieses Gebeths auf der Wage der ewigen Weisheit kein Gewicht gehabt habe, welches sie beistimmen konte, den natuͤrlichen Lauf der Dinge dergestalt einzurichten, daß dasjenige, warum du bitten wuͤrdest, zu eben der Zeit auch wirklich so erfolgen solte? — O der laͤcherlichen Thorheit einiger Afterweisen, welche die Nothwendigkeit und den Nuzen des Gebeths wegraͤsonnirt zu haben waͤhnten, wenn sie ein Langes und Breites wider die Moͤglichkeit dekla- mirt hatten, daß die goͤtliche Weisheit einmahl ge- gebene Naturgeseze wieder abaͤndern, oder die ewige Kette der natuͤrlichen Ursachen und Fol- gen durch ein unmittelbares Zwischenwirken un- terbrechen koͤnne! — Ich besorge nicht, daß deine Vernunft jemahls schwach genug sein werde, sich von dem falschen Lichte diese angeblichen Weis- heit heit blenden zu lassen. Ich bin vielmehr versichert, daß du meinen vaͤterlichen Rath befolgen, und bei jedem anzufangenden Geschaͤfte dir vorher, mit zu- versichtlicher Hofnung einer gnaͤdigen Erhoͤrung, Seegen und Gedeien von dem Gott erbitten wer- dest, von welchem alle gute Gaben kommen. Und glaube mir, mein Sohn, es wird dich nie ge- reuen, dem treuen Rathe deines Vaters auch hierin gefolge zu sein. Aber das Gebeth wuͤrde auch schon um des- willen zu den treflichsten Vorbereitungsmitteln zu einer gluͤklichen Geschaͤftigkeit gehoͤren, weil unser Gemuͤth dadurch in diejenige heitere Ruhe versezt wird, welche zu einer vorzuͤglichen Wirkung unserer Geisteskraͤfte so ganz unentbehrlich ist. Denn wisse, Juͤngling, daß die stuͤrmische Hize, mit welcher man in deinen Jahren, ohne vorher- gegangene noͤthige Samlung der Gedanken, uͤber seine Lieblingsarbeit herzufallen pflegt, in der That mehr verwikkelt, als aufloͤst, mehr hindert, als foͤdert. Gar zu große Eilfertigkeit in Geschaͤften ist im Grunde wahre Zeitverschwendung; so wie wie der taͤgliche Verlust einiger Stunden, zu zwekmaͤßigen Vorbereitungen angewandt, wirk- licher Gewin ist. Eile mit Weile muͤsse daher auch dein Wahlspruch sein. Ehe du also an irgend eine Arbeit von einiger Erheblichkeit gehst, nim dir Zeit, dich gehoͤrig zu sammeln; deine eingeschlum- merten, oder auf zu vielfaͤltige Gegenstaͤnde vertheilten Selenkraͤfte aufzuwekken, und einzuengen; deine Leidenschaften zu be- saͤnftigen, und dein ganzes Gemuͤth durch das wohlthaͤtige Licht der Zufriedenheit aufzuheitern . In dieser Vorbereitungszeit verrichte zuvoͤrderst dein Gebeth, als das erste und wirksamste Mittel zur Erreichung des jezt- genanten Endzweks. Den noch uͤbrigen Theil der Zeit wende dazu an, den moͤglichen Nuzen derjenigen Arbeit zu erwaͤgen, die du jezt vorzunehmen gedenkest . Gleichfals ein be- waͤhrtes Huͤlfsmittel, unsere Sele zu großen Wirkungen anzufeuern! Ich seze naͤmlich vor- aus, daß du dich nie einer Beschaͤftigung widmen werdest, welche nicht auf eine oder die andere Weise Weise das Wohl deiner Nebenmenschen zugleich mit dem deinigen befoͤrdern hilft. Nun mag eine solche Arbeit auch noch so eingeschraͤnkt und duͤrftig sein: so hat sie dennoch ihre guten Folgen, und diese wiederum die ihrigen, und zwar in immer wach- sendem Strome, bis in die Ewigkeit. Denn alle Weltbegebenheiten, auch die kleinsten, haͤngen unzertrenlich zusammen, und waͤlzen sich, wie die Wassertropfen in einem Flusse, bestaͤndig fort ins Unendliche. Keine derselben ist von der andern abgeschnitten; keine unfruchtbar an neuen Folgen. Es hat vielmehr alles seine Wirkung, so wie alles seine Ursache hat. Dieser Gedanke, auch bei der kleinsten guten Handlung recht ins Auge gefaßt, gibt unserer Sele einen Schwung zu denken und zu handeln, dessen sie sonst nicht faͤhig waͤre. Wir sehen uns naͤmlich in solchen seeligen Momenten als die Quelle an, aus welcher nach und nach ein breiter See- gensstrom sich in die Ewigkeit ergießt, und den unermeßlichen Ozean des Guten, zum Genuß der Geisterwelt bestimt, vergroͤßern hilft. Mags doch anfangs auch nur ein armseeliges Baͤchlein sein: sein: haben die gewaltigsten Landstroͤme, welche den Reichthum ganzer Koͤnigreiche auf ihrem Ruͤkken tragen, wohl einen andern Anfang ge- nommen, wenn man bis zu ihrer Urquelle zuruͤk- geht? Aus den kleinsten Ursachen koͤnnen oft die groͤßten Folgen entstehen. Nie muͤsse daher eine Arbeit, welche dein Beruf mit sich bringt, und welche auf irgend eine Weise nuͤzen kan, dir veraͤcht- lich vorkommen ; gesezt auch, daß du in dem Augenblikke, da du sie verrichten solst, dich zu etwas Groͤsserem faͤhig fuͤhltest, welches ausserhalb dem Wirkungskreise laͤge, den die goͤtliche Vorsehung dir anzuweisen nun einmahl fuͤr gut befunden hat! Jeder von uns hat seinen angewiesenen Posten in der Welt. Den laßt uns zu behaupten suchen, unbekuͤmmert, was etwa um und neben uns ge- schehen koͤnte. Oder glaubst du, daß der Feld- herr dem vorwizigen Soldaten, der seinen Posten verließe, weil er anderwaͤrts nuͤzlicher sein zu koͤn- nen meinte, Dank dafuͤr wissen wuͤrde? Er wuͤrd’ ihn vielmehr, als einen Widerspaͤnstigen, zur Strafe ziehen, auch wenn er noch so große, aber D un- unbefohlene, Thaten verrichtet haͤtte; und das mit Recht! Denn was wuͤrde aus dem ganzen Heere werden, wenn jeder, was ihm gut schiene, thun wolte, keiner was ihm aufgetragen waͤre? Der Trommelschlaͤger mag also noch so viel Ta- lente zum Feldherrn in sich fuͤhlen; das gibt ihm kein Recht, seine eigentliche Pflicht zu ver- nachlaͤssigen, und sich zum Anfuͤhrer aufzuwerfen. Thut er es, so ist er ein schlechtes Glied des Kriegskoͤrpers, und werth, daß er davon ab- geloͤset werde. Ich glaube, dir diesen Rath nicht zu sehr ein- praͤgen zu koͤnnen. Denn es ist eine gewoͤhnliche Thorheit der meisten Menschen, daß sie ihre eigentlichen Berufsgeschaͤfte, als etwas Gering- schaͤziges, verabsaͤumen, und sich lieber mit Din- gen befassen, welche gemeiniglich ganz ausser ihrer Sphaͤre liegen. Der Landprediger wirft seinen Hirtenstab dahin, und wuͤhlt, um sich beruͤhmt zu machen, in alten Handschriften herum; der Richter spizt Singedichte zu, indes die unter- druͤkte Unschuld ihm vergebens ihre Leiden klagt; der Kraͤmer macht Romane, stat daß er die Welt von von denen, die schon da sind, befreien solte; der Arzt jagt Schmetterlingen nach, und laͤßt seine Kranken aͤchzen, so viel sie wollen; der Schuster endlich laͤßt die Leute barfuß gehn, und seine Kin- der hungern, um in der Schenke die Zeitungen zu lesen, Krieg und Frieden zu beschließen, und die Koͤnige nach Gefallen ein- und abzusezen. Vornehmlich reißt diese Thorheit, zum großen Nachtheil der menschlichen Geselschaft, immer mehr und mehr unter jungen Leuten ein. Aus genauer Kentniß einiger Akademien kan ich versichern, daß unter zwanzigen, vielleicht unter mehreren jungen Studierenden heutiges Tages kaum einer noch gefunden wird, dem die wirk- liche Vorbereitung zu seinem kuͤnftigen Berufe in der That am Herzen laͤge. Alle Studien, welche darauf abzielen, scheinen ihnen trokken, unfrucht- bar, veraͤchtlich zu sein. Thaͤt’ es die Furcht vor dem kuͤnftigen Examen nicht; sie wuͤrden sie gaͤnz- lich liegen lassen. Aber mit der ganzen Inbrunst eines feurigen Liebhabers fallen sie uͤber jedes suͤß- liche, empfindelnde, faselnde Gedichtchen her, ver- schlingen diese nahrungslose Saft- und Markver- D 2 derbende derbende Speise mit heisser Gierigkeit, und laufen dan von Haus zu Haus, von Nachttische zu Nacht- tische, um sie mit der Bruͤhe einer affektirten De- klamazion und Gesichtsverzerrung noch widerlicher und ekelhafter wieder von sich zu geben. Unter solchen armseeligen Beschaͤftigungen schleudern sie die unwiederbringlichen Jahre fort, in welchen sie sich zu einem zufriedenen und gemeinnuͤzigen Leben vorbereiten solten. Jezt treten sie in die große Welt, den Kopf vol Schoͤngeisterei, das Herz von Hochmuth auf- geblasen; man vertrauet ihnen Aemter an, weil es entweder an bessern Subjekten mangelt, oder weil sie Mittel fanden, hier die kabalirende Frau eines vielvermoͤgenden Mannes, dort das intrigante Kammermaͤdchen einer vielvermoͤ- genden Dame, bald auf diese, bald auf jene Weise zu ihrem Vortheil einzunehmen. Nun sol gearbeitet werden; aber kaum haben sie ihre Be- rufsgeschaͤfte mit den Lippen beruͤhrt, so scheinen sie ihnen schon unertraͤglich ekelhaft zu sein. Sie glauben Faͤhigkeit und Beruf zu etwas Hoͤ- herem in sich zu fuͤhlen (und dieses Hoͤhere ist ge- meiniglich meiniglich Zusammenflikkung eines poetisirenden oder wizelnden Werkchen aus gestohlnen Schnoͤr- keln, neologischen Wendungen, aufgefangenen, aber nicht verdauten Gedanken, und Unsin aus eigener Fabrik) — und die natuͤrliche Folge da- von ist, daß sie ihr Amt, welches sie verachten, oder fuͤr eine Galere ansehn, aͤusserst nachlaͤßig und mismuͤthig verwalten, selbst aͤusserst elend sind, und alle, welche von ihnen und ihrer Laune ab- haͤngen, aͤusserst elend machen. O mein Sohn, ich prophezeihe unserm ausgearteten Vaterlande schlimme Zeiten, wenn nicht bald, bald Anstalten getroffen werden, unserer Jugend auf Schulen und Universitaͤten mehr Geschmak an ernsthaften sogenanten trokkenen Beschaͤftigungen einzufloͤßen, und ihre Leiber und Selen maͤnlicher, haͤrter, ar- beitsamer und ausdaurender zu machen! — Doch ich nahm mir ja vor, nicht in den Fehler des Alters zu fallen. Also keine Klagen; sondern zuruͤk an den eigentlichen Faden unserer dermaligen Unterhaltung! D 3 Wenn Wenn dir der Auftrag gegeben wuͤrde, ein Buͤndel vereinigter Ruthen zu zerbrechen: so wuͤrdest du dir vergebens die Haͤnde zerarbeiten, so lange die einzelnen Reiser mit einander ver- bunden waͤren. Aber ein bloßes Spiel wuͤrd- es fuͤr dich sein, nach aufgeloͤstem Bande, jedes Reischen insbesondere zu zerknikken. Eben so verlegen ist der Man von Geschaͤften, wenn zu viele und zu mannigfaltige Verrichtungen seiner arbeitenden Sele sich auf einmahl darstellen. Er thue also das, was er im erstern Falle thun wuͤrde; er trenne ein Geschaͤfte von dem andern, nehme jedes insbesondere vor, und vergesse auf eine Zeitlang, daß die andern alle in der Welt sind: so wird er allen ge- wachsen sein. Eine solche Eintheilung unserer Arbeiten ist von großer Wichtigkeit. Denn die Vorstellung, daß viele und mannigfaltige Ge- schaͤfte auf uns warten, versezt uns in eine ge- wisse Aengstlichkeit, die unsere Selenkraͤfte be- klemt, und jede freie und große Wirksamkeit der- selben unmoͤglich macht. Wir moͤgen noch so viel Geisteskraͤfte besizen, so sind und bleiben wir doch immer immer Menschen, das heißt, eingeschraͤnkte Geister, welche ihre Aufmerksamkeit, wenn sie in einem ge- wissen Grade wirksam sein sol, jedesmahl nur auf einen Gegenstand heften koͤnnen. Je bestimter dieser ist, je genauer man ihn von andern Gegenstaͤnden abgesondert hat, und je aus- schließender wir unsere Vorstellungskraft darauf eingeengt haben; um desto deutlicher und lebhafter sind unsere Ideen, um desto thaͤtiger, um desto maͤchtiger ist unsere ganze Wirkungskraft. Das Gleichniß von einem Brenglase, welches die zer- streuten Sonnenstrale zusammenfaßt, um damit zu zuͤnden, ist eben so bekant, als passend. Theile also so sehr es nur immer thunlich ist, deine jedesmaligen Arbeiten ein, und nim eine nach der andern vor. Um diese Bemuͤhung zu erleichtern, mache es dir zur Gewohnheit, an jedem Abend, so weit es moͤglich ist, einen ordentlichen Plan zu den Geschaͤften des folgenden Tages zu entwerfen, in wel- chem die Folge derselben und die Stun- den, in denen sie vorgenommen werden sollen, bestmoͤglich bestimt sind . O es ist D 4 eine eine schoͤne Sache um Ordnung, vornehmlich in Geschaͤften! Sie erleichtert unser Bestreben auf eine ausnehmende Weise, und sezt uns in den Stand, mit weit geringerem Verlust an Zeit und Kraͤften, sowohl mehr Arbeiten zu vollenden, als auch dasjenige, was wir verrichten, besser zu machen, als wir, ohne eine strenge Beobachtung derselben, im Stande sein wuͤrden. Mit dem tu- multuarischen Eifer ist in verwikkelten Geschaͤften wenig ausgerichtet. Man arbeitet sich krastlos und verdruͤslich, und verfehlt dennoch groͤßten- theils seiner Absicht, oder erreicht sie nur halb, indes ein an Ordnung gewoͤhnter Man bei glei- chen Faͤhigkeiten, mit groͤsserer Leichtigkeit und Zufriedenheit und mit weit minderem Zeitverluste sich ruhig seinem Ziele naͤhert. Die Zeit, welche auf eine solche Abtheilung unserer Arbeiten ver- wandt wird, ist daher mit nichten fuͤr verloren zu halten; sie wird vielmehr bei der Arbeit selbst mit reichem Wucher eingebracht. Glaube mir, mein Sohn, daß ich auch dieses aus Erfahrung rede. Aber Aber da wir nicht immer Herren unser selbst sind, welche Zeit und Arbeit nach eigenem Be- lieben waͤhlen und abmessen koͤnnen: da wir viel- mehr oft in Lagen und Verhaͤltnisse gerathen, in welchen unsere jedesmaligen Beschaͤftigungen mehr von andern, oder vom Zufal, als von uns selbst abhaͤngen: so ist es noͤthig, daß wir uns fruͤh- zeitig gewoͤhnen, von einem Geschaͤfte zum andern, auch wenn sie von ganz entgegen- gesezter Beschaffenheit waͤren, mit einer gewissen Leichtigkeit uͤber zu gehen; un- sere Gedanken schnel und ganz von dem vorhergehenden Gegenstande abzuziehen, und sie auf den zu heften, welcher jezt eben gegenwaͤrtig ist, ohne dabei in Unruhe und Verwirrung zu gerathen . Die Erwerbung einer solchen Geschiklichkeit ist, wie die Erwerbung aller andern Fertigkeiten, lediglich eine Frucht fleißiger Uebung, und zwar der Uebung in jungen Jahren. Denn, wenn man sie bis auf ein ge- wisses Alter verabsaͤumt hat, und die Sele nun einmahl an einfoͤrmige, stetige Beschaͤftigungen gewoͤhnt ist: so martert man sich gemeiniglich D 5 umsonst, umsonst, sie wieder zu derjenigen Biegsamkeit zu erweichen, welche erfodert wird, wenn sie bei oͤf- tern Unterbrechungen und Abwechselungen sich jedem vorkommenden Geschaͤfte sogleich in ihrer ganzen Thaͤtigkeit anschmiegen sol. Ich kenne Schriftsteller, die ganze Alphabete gelehrter Arbei- ten, verbrennen muͤssen, so oft sie ungluͤklicher Weise, vor der gaͤnzlichen Vollendung derselben, durch ir- gend ein zwischenspringendes Geschaͤft genoͤthiget werden, den Faden ihrer Gedanken abzubrechen. Ihn wieder anzuschuͤrzen, ist ihnen durchaus un- moͤglich. Was wuͤrd’ es nicht diesen Maͤnnern werth sein, wenn sie noch jezt ihre Sele an eine, im thaͤtigen Leben nicht zu vermeidende Mannigfal- tigkeit von Geschaͤften gewoͤhnen, und sie dadurch in ihren jedesmaligen Wirkungen vom Zufal we- niger abhaͤngig machen koͤnten! Aber nun ists zu spaͤt. Zur Erwerbung dieser nothwendigen Fertig- keit ist es gut, daß wir in jungen Jahren unsere Geistesarbeiten oft recht geflissentlich an solchen Oertern vornehmen, wo wir so wohl dem Geraͤusch des thaͤtigen Lebens , als als auch wirklichen Stoͤrungen und Unter- brechungen zum oͤftern ausgesezt sind . Zwar ist es wahr, daß die Musen die Stille lieben, und daß Werke des Geistes jeder Art nir- gends besser, als in der Einsamkeit, volbracht werden. Aber steht es bei uns, die Welt um uns her in einen stillen Musenhain, und alle Mitbewohner derselben in ruhige und einsame Hirten zu verwandeln? Kan der Hausvater, ohn’ ein Tiran zu sein, jedes Geraͤusch seiner ge- schaͤftigen Hausgenossen, jedes laute Gewimmel seiner froͤlichen Kinder um und neben ihm, zu allen Zeiten unterdruͤkken? Kan der Kaufman auf seiner Schreibstube, der Rechtsgelehrte in seinem Kabinette, die Magistratsperson auf ihrem Richterstule, dem lermenden Gewuͤhl der Straße und dem Geraͤusche derer wehren, welche Geschaͤfts halber bei ihnen aus- und eingehen? Und wenn sie das nicht koͤnnen, was wuͤrde aus ihnen wer- den, wenn sie nicht anders, als in der Stille zu arbeiten sich gewoͤhnt haͤtten? Aber Aber so noͤthig es nun auch aus dem ange- zeigten Grunde ist, sich fruͤhzeitig eine Fertigkeit in abwechselnden und mannigfaltigen Geschaͤften zu erwerben: so sehr muͤssen wir auch auf der andern Seite auf unserer Hut sein, daß wir nicht in den entgegengesezten Fehler der Unstaͤtigkeit und des kindischen Ueber- drusses bei einfoͤrmigen Arbeiten verfallen . Geschaͤfte von einiger Erheblichkeit wollen nicht rukweise verrichtet sein; sie erfodern vielmehr eine anhaltende Strebsamkeit, welche, wo nicht bis ans Ende, doch wenigstens bis auf einen beque- men Absaz, ausdauren kan. Schlim genug fuͤr den Man (wenn er anders Man genant zu wer- den noch verdient) dessen Sele durch eine fehler- hafte Erziehung, oder durch nachherige eigene Verwoͤhnung, schon so erschlaft ist, daß ihre Schnelkraft nur noch augenblikliche, alsobald wieder nachlassende Spannungen ertragen kan! Eine Folge der beliebten Verfeinerung — rich- tiger, der weibischen Verzaͤrtelung unserer Selen- und Leibeskraͤfte, welche, so Gott wil! zu den Vorzuͤgen unserer Zeiten gehoͤren sol! Vornehm- lich lich eine Folge des taͤglichen Genusses starkge- wuͤrzter litterarischer Lekkerbissen, von empfindsa- men Modegarkoͤchen Diese sind es, denen der Vorwurf, welchen Cicero nur den Dichtern macht, recht eigentlich mit gebuͤhrt: Videsne, poetae quid mali afferant? Lamentantes inducunt fortissimos viros; molliunt animos nostros; ita sunt deinde dulces, ut non legantur modo, sed etiam ediscantur. Sic ad malam domesticam disciplinam, vitamque um- bratilem et delicatam quum accesserunt etiam poetae, nervos omnis virtutis elidunt . Recte igitur a Platone educuntur ex ea civitate, quam finxit ille, quum mores optimos et optimum rei pu- blicae statum exquireret. Tusc. quaest. Lib. 2. bereitet, wodurch der geistige Gaum unsrer Juͤnglinge (wenn ich mich so ausdruͤkken darf) nach und nach so sehr ver- woͤhnt wird, daß jede einfache ungekuͤnstelte Haus- manskost beim ersten Bissen ihnen Widerwillen und Ekel verursachet! Das ist nicht die Speise, welche unsern Selenfaͤhigkeiten Wachsthum und Gedeihen gibt; das daher auch nicht die Leute, von denen sich der Staat, es sei in welchem Fach es wolle, irgend einen erheblichen Dienst ver- sprechen sprechen kan, zu welchem Aemsigkeit und anhal- tende Anstrengung erfodert werden. Man solte sie, fern von oͤffentlichen Staatsgeschaͤften, in die Weiberstuben verweisen, wo der Schade eben nicht groß sein wuͤrde, wenn sie in einer Viertel- stunde vom Strikzeuge zum Spinrokken, vom Spinrokken zur Nezarbeit, und von dieser zu den Stikkereien schritten. Aber ich besorge, daß man die Weiberstuben bald zu enge finden wuͤrde; so sehr hat die Zahl solcher verzaͤrtelten Halb- maͤnner in unsern Tagen zugenommen! Was aus dem naͤchsten Menschenalter, wenn das so fortgeht, werden sol — doch das moͤgen die aus- machen, welche die Vorsehung zu Vormuͤndern fuͤr die Nachkommenschaft bestelt hat. Mir, dem in diesem Alter nur noch die vaͤterliche Fuͤrsorge fuͤr dich, mein Kleon, aufgetragen ward, muß es genug sein, wenn ich nur deine Sele vor dieser leidigen Verzaͤrtelung sichern, und, mit Gottes Huͤlfe! sie in der ganzen Fuͤlle ungeschwaͤchter Menschenkraft stark und maͤnlich, thaͤtig und aus- daurend zum Dienste unserer Mitmenschen freu- dig darstellen kan. Um Um diesen Triumph meines vaͤterlichen Her- zens — das einzige Gluͤk, welches hienieden mir noch zu Theil werden kan — mir immer mehr zu versichern, uͤbe dich kuͤnftig selbst, mein Sohn, so wie du bisher unter meiner Anfuͤhrung gethan hast, in maͤnlicher Standhaftigkeit zur Vollendung solcher Arbeiten, welche anhaltenden Fleiß und un- ermuͤdete Geduld erfodern. Die trokkensten und muͤhsamsten Geschaͤfte sind zu dieser Absicht gerade die nuͤzlichsten. Frage nicht, wozu dasjenige, was du zu einer solchen Uebung vornimst, dir oder an- dern dienen solle? Es hat dir und andern genug gedient, wenn dein junger Geist dadurch zur Geduld und Stetigkeit auch in solchen Geschaͤften gewoͤhnt wird, welche deiner Neigung zuwider und mit einiger Beschwerlichkeit verbunden sind. Denn wisse, o Juͤngling — und glaub’ es einem Manne, den die Vorsehung auf mehr als einen Posten zu stellen fuͤr gut befand, daß du solchen Arbeiten doch nie entgehen werdest, in welches Fach von Geschaͤften du dich auch immer werfen magst. Und wehe dir, wenn deine Schultern sie, ohne vor- hergegangene Uebung, uͤbernehmen muͤßten! Die Die Vorschriften und das Beispiel einiger unserer neuesten Sittenlehrer Die Zunft dieser angeblichen Sittenlehrer, welche damahls, da dieser Aufsaz zum ersten- mahl gedrukt ward, so großes Geraͤusch machte, hat ihre kurze Rolle seitdem schon ausgespielt und ist wieder abgetreten. sind diesem mei- nem Rathe freilich grad entgegengesezt; und das darf ich dir nicht verschweigen, damit du, wenn du einst in ihre Sphaͤre kommen soltest, dich durch diesen Widerspruch nicht irre machen lassest. “Thue, werden dir diese sagen, wenn deine Selbst- staͤndigkeit dir lieb ist, zu jeder Zeit nur grade das, wobei dir wohl ist, wozu du jedesmahl einen innern unwiderstehlichen Drang des Herzens bei dir verspuͤrst. Ist dieser Antrieb befriedigt und wil’s dich weiter nicht behagen, in demselben Geschaͤfte fortzufahren: so laß es liegen, und bringe deine Zeit lieber mit Nichtsthun, oder mit Schlafen hin, als daß du, ohne einen innern Beruf dazu zu haben, und wider deine Neigung arbeiten soltest!„ — — In der That, eine gar bequeme Sittenlehre fuͤr den Guͤnstling des Gluͤks, der der unabhaͤngig, so wohl von eigentlichen Berufs- pflichten, als auch von dem Willen anderer Men- schen, groͤßtentheils nur sich selber leben wil und kan: aber auch fuͤr jeden andern? Auch fuͤr den Man in oͤffentlichen Geschaͤften, der eben so wenig von seinem Amte, als das Amt von ihm ent- behrt werden kan? Die Herrn haben Recht, sobald von Werken des Geschmaks oder der Laune die Rede ist. Diese lassen sich freilich nicht erzwingen; denn die Glokke des Genies schlaͤgt nicht zu allen Stunden. Aber kan auch etwas uͤbereilteres erdacht werden, als die Vorschriften der Schoͤnschreiberei, die Sit- tenlehre des regellosen Genies, auf das Verhalten des geschaͤftigen Mannes im gemeinen Leben an- wenden zu wollen? Und doch wie oft sieht man unsere heutigen jungen Feuerkoͤpfe sich dieser Ue- bereilung schuldig machen? Warte also mit solchen Arbeiten, welche dein Beruf dir auflegt, und welche regelmaͤßig ver- richtet sein wollen, nicht erst auf Stunden der Begeisterung, welche vielleicht ausbleiben duͤrften, E sondern sondern verrichte sie, sobald die Zeit dazu gekom- men ist. Vornehmlich huͤte dich, ohne Noth, irgend ein Geschaͤft in die lezte Stunde zu verschieben ; und bemuͤhe dich vielmehr, deine jedesmalige Arbeiten, wenn’s immer thunlich ist, noch vor der dazu bestimten Zeit zu Stande zu bringen. Der Grund dieser Vorschrift ist von selbst klar genug. Je naͤher die Stunde heran ruͤkt, in welcher irgend ein aufgeschobenes Ge- schaͤft vollendet sein muß, um desto groͤsser wird unsere Unruhe, um desto stoͤrender die Besorg- niß, daß man zu der bestimten Zeit vielleicht da- mit nicht werde fertig werden; um desto weniger gelingt es uns, zu unserer eigenen und anderer Zufriedenheit damit zu Stande zu kommen. Man arbeitet alsdan mit einer gewissen Aengst- lichkeit, welche unsere Selenkraͤfte fesselt; man uͤbereilt sich, man begeht Fehler, man legt den Grund zu mancher Verdrieslichkeit, die wohl haͤtte koͤnnen vermieden werden, und hadert als- dan vergebens mit sich, mit andern, und mit seinem Schiksale. — Hierzu Hierzu komt noch dieses, daß wir niemahls — wir moͤgen sein, wer wir wollen, unumschraͤnkte Herrn uͤber uns selbst, uͤber unsere Gesundheit, uͤber die jedesmalige Anwendung unserer Zeit und unserer Kraͤfte sind. Ach! ein schwaches Luͤftchen kan ja den Wohlstand dieser unserer zerbrechlichen Huͤlle, und mit ihm die Moͤglichkeit des Ge- brauchs der sie belebenden Kraͤfte, ploͤzlich ver- wehen, und tausend unvorhergesehene Hinder- nisse koͤnnen hervorspringen, uns in unserm kuͤhn- sten Laufe Einhalt thun, und die Vollendung einer aufgeschobenen Arbeit unmoͤglich machen. Und dan sehen wir uns oft in großer Verle- genheit. Um diese zu vermeiden, verrichte alles, was einmahl geschehen muß, so fruͤhzeitig, als du nur immer kanst, und mache es dir zur unverbruͤch- lichen Regel, kein Geschaͤft, welches du in der gegenwaͤrtigen Stunde verrichten kanst, ohne ir- gend einen wichtigen Bewegungsgrund dazu zu haben, jemahls bis zur folgenden aufzuschieben. Dan wird deine Arbeit dir gelingen, und die Ruhe nach derselben um so viel suͤßer sein. E 2 Denn Denn auch der Ruhe und der Erholung sol, nach vollendeter Arbeit, ein Theil deiner Tageszeit gewidmet sein! Unsere Kraͤfte sind ja zu endlich, als daß sie einer endlosen Anstrengung faͤhig waͤren. Sie beduͤrfen von Zeit zu Zeit einer verhaͤltnißmaͤßigen Nachlassung, wenn sie durch uͤbertriebene Spannung nicht ploͤzlich bre- chen, oder nach und nach gaͤnzlich erschlaffen sollen. Seze dir daher, wenn deine Arbeit nicht in ausserordentlichen Faͤllen durchaus un- aufschieblich ist, von Zeit zu Zeit einige Ruhepunkte, und wende diese wohlthaͤtigen Pausen zu deiner Ermunterung an, ent- weder durch einen Blik in die schoͤne of- fene Natur, und durch ein dankbares Auf- sehen zu dem alguͤtigen Vater derselben, oder durch einen staͤrkenden Zwischengenuß der albeseeligenden Liebe in dem Schooße deiner Familie, oder an der Seite irgend eines gepruͤften mit dir gleichgestimten Freundes . Das ist das Gewuͤrz eines geschaͤf- tigen Lebens, welches unsern abgespanten Geist erfrischt und staͤrkt, ihm Kraft und Lust zu neuen Anstren- Anstrengungen gewaͤhrt. Und das ist eben mit eine der Ursachen, warum ich dir gleich anfangs die Begluͤkkung deiner kuͤnftigen Familie, als den ersten und vornehmsten goͤtlichen Beruf, empfahl, und warum ich dir jezt die taͤgliche Uebung deines Geschmaks an schoͤner Natur, als eine eben so nothwendige Vorbereitung zu einem zufriedenen und gemeinnuͤzigen Leben, gleichfals auf das nach- druͤklichste empfehlen muß. O der bejammerns- wuͤrdigen Sele, fuͤr welche diese beiden Quellen des reinsten, des seeligsten Vergnuͤgens und der suͤßesten Erquikkung nach vollendeter Arbeit, un- widerbringlich verstopft sind! Und es gibt deren, mein Sohn; gibt ihrer sogar unter denen, welche den Gruͤnden des Ver- gnuͤgens und des Misvergnuͤgens, den Ursachen und Hindernissen eines gluͤkseeligen Lebens, mehr als andere nachgespuͤrt, aber waͤhrend dieses aͤmsigen Nachspuͤrens ungluͤklicher Weise verab- saͤumt hatten, aus den Quellen der Gluͤkseelig- keit, die sie fuͤr andere suchten, fuͤr andere auf- gruben, auch fuͤr sich selbst zu schoͤpfen. Du kanst dir von dem unseeligen Zustande solcher E 3 Schlacht- Schlachtopfer — entweder einer zu weit getrie- benen Begierde nach wirklicher Gemeinnuͤzigkeit, oder einer uͤberspanten Ruhmsucht — Gottlob! noch keinen Begrif machen; und o moͤgte die Vorstellung davon dir doch nie durch eigene Er- fahrung anschaulich werden! Aber glaube mir, daß es ein gar erbaͤrmlicher Zustand sei, und zittere vor der bloßen Moͤglichkeit, einmahl selbst darein zu gerathen! Denn was kan klaͤglicher sein, als die Lage eines Mannes, dessen Empfindungsvermoͤgen gegen Familien- Freundschafts- und Naturgenuß nun einmahl stumpf geworden ist, wenn er von schweren Arbeiten erschoͤpft, oder von Sorgen und Bekuͤmmernissen gebeugt, nach einem Troͤpf- chen staͤrkender Freude lechzt, und ihn nirgends findet, nirgends, weder in dem stillen Schooß seiner Familie, die ihm fremd, oder gar verhaßt geworden ist, noch in der ganzen, weiten, herlichen Natur, fuͤr deren mannigfaltige Freuden er laͤngst den Sin verlohr! Wenn er nun da steht, wie der ermattete Pilger in einer oͤden, duͤrren, un- absehbaren Sandwuͤste, so ganz allein, so ganz verwaiset verwaiset und huͤlflos, und nirgends einen Ruhe- plaz, nirgends eine Erquikkung fuͤr seine abge- spante schmachtende Sele, nirgends ein mitem- pfindendes Wesen erblikt, an dessen Busen er aus- ruhen, aus dessen osnem Herzen er Trost und Linderung und Erquikkung schoͤpfen moͤgte! Und er sich nun gezwungen sieht zu dem einzigen, ihm noch uͤbrigen Mittel zu der Betaͤubung durch rauschende wilde Vergnuͤgungen, oder durch un- maͤßigen Genuß starker Getraͤnke, seine lezte ver- zweiflungsvolle Zuflucht zu nehmen; gleich dem Kranken, der, aller Hofnung einer moͤglichen Ge- nesung beraubt, nach Opiaten greift, um wenig- stens dem Gefuͤhl wuͤthender Schmerzen durch unempfindlichen Todesschlaf zu entfliehen! — O mein theurer Sohn, der alguͤtige Gott lasse dein Loos nie auf das Schiksal solcher ungluͤk- lichen lebendig todten Opfer einer unmaͤßigen Wirkungsbegierde fallen! Noch jezt koͤmt mir Grausen und Entsezen an, wenn ich an die nahe Gefahr zuruͤkdenke, in der auch ich mich einst be- fand, dem Haufen solcher Bejammernswuͤrdigen zugeselt zu werden. E 4 Um Um dieses Ungluͤk — das groͤßte, welches einen Menschen hienieden treffen kan, weil es ihn zu jeder Art von wahrer Gluͤkseeligkeit durch- aus unfaͤhig macht! — zu vermeiden, laß meinen Rath mit gluͤhenden Buchstaben deinem Gedaͤcht- nisse eingeschrieben sein: Begluͤkke die Lieben, welche Gott mit dir verbinden wird, so sehr du immer kanst; erwirb dir dadurch einen Schaz von haͤuslicher Gluͤkseeligkeit, zu dem du jedesmahl deine Zuflucht nehmen koͤnnest, so oft du einer Ermunterung bedarfst; diesen Schaz dir zu er- halten und zu vergroͤßern, laß allewege deine an- gelegentlichste Sorge sein; geneuß daneben in vollen Zuͤgen, so oft du immer kanst, der un- schuldigen, wohlthaͤtigen Freuden der Natur, die sie so muͤtterlich darbietet allen ihren Kin- dern, welche davon genießen wollen; uͤbe deine Sele taͤglich, das Schoͤne, das Große, das Un- aussprechliche, welches ihr Anblik gewaͤhrt, im- mer lebendiger und inniger zu empfinden; laß in dieser Absicht keine der unzaͤhligen schoͤnen Verwandlungen dieser immer regen, immer schoͤpferischen Natur, welche taͤglich neu in ihren Dekora- Dekorazionen ist, ungenossen voruͤbergehen, es sei in welcher Jahrszeit es wolle — denn jede derselben ist reich an unbeschreiblichen Schoͤnhei- heiten, reich an tausendfaͤltigem Seegen! — es sei des Morgens, wenn das große Auge der Welt, die Sonne, sich aufthut, oder des Abends, wenn es sich wieder schließt; huͤte dich da- neben vor jeder Ueberspannung deiner Kraͤfte; mache Absaͤze in deinen Anstrengungen, und laß Ruhe und Arbeit in zwekmaͤßiger Ordnung be- staͤndig mit einander abwechseln! Vergiß nie, daß du ein endliches und ein zusammenge- seztes Wesen seist; jenes, um deinen Bestrebun- gen ein angemessenes Ziel zu sezen, dieses, um nicht etwa blos einen einzigen Theil deiner selbst, mit Vernachlaͤßigung und auf Unkosten der an- dern, ausbilden und vervolkomnen zu wollen. Du bist nicht Sele allein, du hast auch einen Koͤrper; und deine Sele ist nicht blos Verstand , sie ist auch Herz , nicht blos Erkentnißkraft , sondern auch Empfindungsvermoͤgen . Dis bedenke, mein Sohn, und wisse, daß die Summe deiner Volkommenheiten — und also auch die E 5 Summe Summe deiner Gluͤkseligkeit, in eben dem Maaße verringert wird, in welchem die Uebung deiner Kraͤfte einseitig ist, in welchem du den einen Theil von dir, mit Vernachlaͤßigung der uͤbrigen, zu verbessern und zu staͤrken suchst. So fest und innig der Zusammenhang, welcher alle mit ein- ander verknuͤpft! Hast du also eine Zeitlang blos den Verstand gebraucht, so eile, auch deinem Herzen eine ausbildende Unterhaltung durch edle Empfindungen zu verschaffen; und hast du eine Zeitlang blos deine gei- stigen Kraͤfte arbeiten lassen, so eile, auch dein koͤrperliches Vermoͤgen durch Bewe- gung und Handarbeit zu uͤben . So wer- den alle deine Faͤhigkeiten in gleichem Maaße entwikkelt werden; so wird ein gluͤkliches Gleich- gewicht unter allen deinen Kraͤften herschen; so wird endlich deine ganze Individualitaͤt den hoͤch- sten Grad von Volkommenheit erreichen, welchen die Guͤte und Weisheit des Schoͤpfers in der ge- genwaͤrtigen Periode deines Daseins fuͤr dich be- stimt haben. Aber Aber nicht blos in dem Schooße der leblosen Natur, sondern auch in dem Umgange mit Menschen solst du, nach vollendeter Arbeit, deine Erholung suchen. Denn auch dieser, da- fern er zwekmaͤßig gewaͤhlt und eingerichtet wird, ist eine ergibige Quelle heilsamer Vergnuͤgungen, welche unserm ermuͤdeten Geiste staͤrkende Nah- rung gewaͤhren. Sei also gesellig , mein Sohn, so sehr es, ohne Vernachlaͤßigung deiner Berufspflichten, nur immer geschehen kan . Aber, um des Vergnuͤgens der Mittheilung und Theilnehmung im geselschaftlichen Umgange in vollem Maaße zu genießen, mußt du in den Jahren, worin du jezund bist, nicht verabsaͤumen, das urspruͤngliche Menschengefuͤhl , welches zu den wesentlichen Bestandtheilen unserer Natur gehoͤrt, durch fleißige Uebungen in dir zu staͤrken und zu veredeln. Denn auch dieses kan, wie jede andere Anlage unserer Natur, durch Gebrauch geschaͤrft, durch Nichtgebrauch stumpf gemacht werden. So wie es Menschen gibt, welche fuͤr die mannigfaltigen Schoͤnheiten der Natur nach und nach den innern Sin verloren haben; welche welche den Auf- oder Untergang der Sonne, den holdseeligen Mond, den sternbesaͤten Himmel, das herlichste Gemisch einer schoͤnen und großen Gegend mit eben dem fluͤchtigen Kaltsin betrachten koͤnnen, mit welchem der gesezte Man einem elenden Schattenspiele zuzusehen pflegt: so gibt es auch andere, welche, ganz in sich selbst zuruͤk- gezogen, weder das Vergnuͤgen der Mittheilung eigener Empfindungen, noch das Wonnegefuͤhl der Theilnehmung an den Freuden und Leiden anderer Menschen zu empfinden faͤhig sind; Un- gluͤkliche, welche mit niemandem simpathisiren koͤnnen, welche in Geselschaft froͤhlicher Menschen mismuͤthig und muͤrrisch, beim Anblik leidender Bruͤder hingegen kalt und ohne mitleidige Ruͤh- rung bleiben; und welche daher fuͤr die gute Geselschaft, welche mit ihrer Gegenwart heimge- sucht wird, eben das sind, was im Konzert ein verstimtes Instrument fuͤr unsere Ohren ist. Und wie kam ihnen diese unseelige Fertigkeit, ihr Herz zu isoliren, es gegen alles Vergnuͤgen der Mittheilung und der Theilnehmung abzuhaͤrten? Woher sonst, als durch eine ungluͤkliche Vernach- laͤßigung laͤßigung der geselligen Triebe, welche unserm Herzen eingepflanzt sind; es sei nun, daß Bloͤ- digkeit und falsche Schaam — die unzerstoͤrbaren Folgen einer sklavischen Erziehung! — oder eine gar zu unmaͤßige Befriedigung der Liebe zu den Studien und zu Geschaͤften, die junge Sele in sich selbst zuruͤkgejagt, und an der Entwikkelung des urspruͤnglichen Menschengefuͤhls verhindert hatten. Abermahls ein trauriger Zustand, wovor der Himmel dich bewahren wolle! Um ihn zu ver- meiden, laß den Terenzianischen Ausspruch: Ho- mo sum, nihil humani a me alienum esse puto, deinen bestaͤndigen Wahlspruch sein. Ent- reisse dich von Zeit zu Zeit deinen Geschaͤften, und der Geselschaft von Verstorbenen, den Buͤchern, um in dem Umgange mit Lebenden dein Herz durch Menschengenuß zu laben, und die Triebe der Geselligkeit in dir zu staͤrken. Ergreife, suche auf jede Gelegenheit, dich durch Mitleid oder Mitfreude zu erwaͤrmen, und freue dich, als eines neuerworbenen Schazes, jeder Traͤne, welche alsdan aus deinem Auge quilt. Schaͤme dich ihrer ihrer nicht; suche sie nicht in die volle Brust zu- ruͤkzudraͤngen: sondern laß ihr freien Lauf, und wisse, daß sie deinem moralischen Werthe und also auch deiner wahren Gluͤkseeligkeit sein wird, was der balsamische Morgenthau nach einer schwuͤlen Sommernacht den lechzenden Saaten ist. Glaube mir, mein Sohn, in wessen Herz Natur- und Menschengefuͤhl erstorben ist, der kan auch an Gott keine Freude haben. Denn unser Herz bedarf eben so, wie unser Verstand , der Stufenleiter seiner Werke um zu ihm zu ge- langen; dieser um ihn zu erkennen, jenes um ihn zu lieben, und durch die lebendige Empfindung seiner Gegenliebe beseeliget zu werden. Sind wir also so ungluͤklich gewesen, den innern Sin fuͤr schoͤne Natur und fuͤr Menschengenuß zu verlieren, so moͤgen wir uͤbrigens noch so große Weltweisen sein, — wahre Gottesverehrer sind wir nicht, koͤnnen es nicht sein, weil so wohl un- sere Erkentniß von ihm, als auch unsere Liebe zu ihm, in diesem Fal blos simbolisch bleiben, niemahls anschauend , niemahls lebendig wer- den koͤnnen. Das Das solte daher auch, wenn wir weise waͤren, der bestaͤndige Stufengang sein, auf welchem wir unsere Kinder zur Erkentniß und zur Liebe des Schoͤpfers, oder, welches einerlei ist, zur Religion anfuͤhrten, daß wir erstlich ihnen die reinste, innigste, waͤrmste Liebe gegen uns, ihre Eltern und Freunde einzufloͤßen, dan ihr Men- schengefuͤhl uͤberhaupt zu staͤrken und zu veredeln suchten, dan ihren jungen Verstand und ihr of- nes Herz mit lebendiger Erkentniß und Empfin- dung der wundervollen Werke Gottes in der schoͤ- nen Natur anfuͤlten, und nur dan erst, wan ihre ganze Sele nach und nach dahin gebracht waͤre, daß sie nichts als Menschenliebe und Naturfreude athmete, sie auf die Urquelle aller dieser Freuden — auf Gott selbst — verwiesen. Das wuͤrde allein der Gang sein, welcher der Natur unserer Sele angemessen waͤre. Aber was thun wir? Wir kehren die natuͤrliche Ordnung um, wollen den vergoldeten Knopf auf den Thurm sezen, bevor wir noch den Grundstein zu dem Thurme selbst gelegt haben — ohne Allegorie, wir reden unsern Kindern von Gott vor, ehe sie noch ein- mahl mahl uns, ihre Eltern, recht kennen gelernt haben; lassen sie Gebethe stammeln, ehe sie die Worte verstehen, die sie aussprechen muͤssen; lehren sie, daß Gott der Schoͤpfer des Weltals sei, wenn sie kaum erst einige Spannen breit vom Weltal gesehen haben, und fodern von ihnen, daß sie Gott lieben sollen, ehe sie jemahls schon gefuͤhlt haben, was das Wort lieben fuͤr eine Bedeutung habe. Und die Folge von dem allen? — Ist diese, daß die Welt von Betern und Religions- schwaͤzern wimmelt, indes die wahren Gottes- verehrer, welche in der Betrachtung, und in dem Gehorsam gegen seine ewigen Geseze, ihre groͤßte Seeligkeit finden, beinahe so selten, als der Phoͤnix in der Fabel, sind. Aber diese traurige Bemerkung wuͤrde mich fuͤr unsere gegenwaͤrtige Absicht zu weit fuͤhren. Ich wil sie daher nicht weiter verfolgen; sondern kehre zu dem Rathe zuruͤk, von dem ich ausging, und den ich dir nicht genug einschaͤrfen zu koͤnnen glaube, zu dem wichtigen Rathe, sage ich, daß du doch ja in dem Laufe deines geschaͤftigen Le- bens, die Triebe der Geselligkeit, welche so we- sentlich wesentlich zu dem Adel unserer Natur und zu unserer Gluͤkseeligkeit gehoͤren, nicht vernachlaͤßi- gen, sondern vielmehr auf alle Weise zu uͤben, zu entwikkeln und zu staͤrken suchen moͤgest. Un- gluͤkliche Beispiele von solchen, welche das Gegen- theil thaten, und dadurch elend wurden, ob wohl ihre anderweitigen Tugenden ein besseres Schiksal verdient haͤtten, werden dir kuͤnftig, besonders unter dem feinern und gelehrten Theile der mensch- lichen Geselschaft, in Menge vorkommen, und dich uͤberzeugen, wie gut und annehmungswuͤrdig auch dieser Rath gewesen sei. Sei also gesellig: aber huͤte dich, den ab- geschmakten, gezierten, auf Schrauben ge- stelten Modeumgang der sogenanten feinern Welt, bei welchem nur die Eitelkeit, oder noch schlimmere Leidenschaften, ihre Rech- nung finden, aber kein einziges natuͤr- liches Beduͤrfniß unsers Herzens befriedigt wird, oder die Zusammenkuͤnfte uͤppiger Schwelger, welche, aus Mangel einer ver- nuͤnftigen Unterhaltung, wofuͤr sie weder F Kopf Kopf noch Herz haben, sich genoͤthiget sehen, ihr langweiliges Leben durch Spiel und uͤbermaͤßigen Genuß erkuͤnstelter Speisen und betaͤubender Getraͤnke fortzuschleu- dern, fuͤr Uebungen der Geselligkeitstriebe zu halten . Nein, mein Sohn! diese beiden Arten von Geselschaft lassen in unserm Gemuͤthe gerade das Gegentheil von dem zuruͤk, was eine vernuͤnftige Geselligkeit, ein ofner, herzlicher, lehrreicher Umgang mit gleichgestimten und weisen Freunden in uns bewirken kan. Jene schwaͤchen, dieser staͤrkt unsere Leibes- und Selenkraͤfte; jene erstikken, dieser entwikkelt in uns den wahren Menschensin; jene scheuchen durch Betaͤubung uns aus uns selbst heraus, ohne unsere Empfin- dungskraft auf irgend einen guten und edlen Ge- genstand ausser uns zu richten, dieser erweitert unser Herz durch die wohlthaͤtigsten Natur- und Freundschaftsgefuͤhle, und verhuͤtet auf der einen Seite, daß unsere Empfindungen nicht stumpf, und auf der andern, daß sie nicht selbstsuͤchtig wer- den; jene endlich entnerven unsern Trieb zu nuͤz- licher Geschaͤftigkeit, und machen uns unlustig und traͤge traͤge zu jeder Art von gemeinnuͤziger Anstrengung, dieser hingegen floͤßt uns Lust, Muth und Kraft zu neuer Thaͤtigkeit ein, und laͤßt uns, sobald wir uns wieder fuͤhlen, in dem kleinen Zirkel aus- erwaͤhlter Busenfreunde die suͤßeste und heilsamste Erholung finden. Um dieser mannigfaltigen Vortheile einer solchen Geselligkeit zu genießen, entziehe dich, so sehr du immer kanst, dem tollen Gewuͤhl des so- genannten großen Lebens , und schraͤnke deinen Umgang auf den kleinen Kreis gleichdenkender und bewaͤhrter Freunde ein. Hast du deren ge- funden, hast du sorgfaͤltig sie gepruͤft, und bei jeder Pruͤfung ihren Edelmuth und ihre Treue immer bewaͤhrt gefunden: o so halte sie theuer und suche ihre Liebe sorgfaͤltiger, als deinen Aug- apfel, zu bewahren! Schuͤtte dein ganzes Herz in ihren treuen Busen aus, und laß hinwieder- um den deinigen den allezeit ofnen und immer sichern Verwahrungsort ihrer eigenen geheimsten Empfindungen sein. Theile dich ihnen ganz mit, zeige dich ihnen immer, wie du bist, ohne alle Zuruͤkhaltung, ohne alle Verstellung, und laß F 2 deine deine warme, herzliche Theilnehmung sie zu einer gleich offenherzigen Mittheilung reizen. Ein und eben derselbe Geist der Ordnung, der Maͤßigkeit, der Einfalt, der ungekuͤnstelten reinen Sitten, und der Zufriedenheit muͤsse euch und euer Haus- wesen beleben. Fort mit den heillosen Kuͤnsten der Ueppigkeit aus euren Kuͤchen und Kellern! Fort aus euren Gemaͤchern und Kleiderbehaͤltnissen mit dem ganzen armseeligen Prunk der Eitelkeit, welche den Mangel wirklicher Verdienste durch thoͤrichten Flitterstaat in Kleidung und Hausge- raͤth zu ersezen sucht! Zwar solst du kein Son- derling sein, keine Verachtung dessen, was alge- mein uͤblich ist, keine uͤbertriebene Natuͤrlichkeit in gleichguͤltigen Dingen affektiren: aber kan man dieser Maske, wohinter die Eitelkeit sich zu verstekken sucht, nicht entbehren, ohne sich blind- lings in den Weltstrom der Ueppigkeit und der franzoͤsirenden Galanterie zu stuͤrzen? Kan man sich nicht der schlichten Ordnung und der edlen Einfalt befleißigen, ohne dem rohen Sohne der Natur nachzuaͤffen, und ihn in einer abgeschmakten Karrikatur darzustellen? — Ordnung Ordnung und Simplizitaͤt ! — O daß diese beiden — wie sol ich sie nennen? Tugen- den? Nicht genug; — diese beiden Muͤtter und Pflegerinnen so vieler Tugenden, diese beiden Beschuͤzerinnen vor so vielen Lastern und vor so vielen Unannehmlichkeiten des Lebens — o daß sie doch, gleich einem ehrenvollen Familienwappen, gepraͤgt waͤren auf alles, was dein ist, auf deine Handlungen, wie auf deine Denkungsart, auf dein Hauswesen, wie auf deine Sitten! Wie sehr da- durch die Gesundheit unsers Leibes und unsers Geistes befoͤrdert, unsere Wirksamkeit vergroͤßert und erleichtert, unsere haͤusliche Gluͤkseeligkeit be- festiget und unsere ganze Lebensbahn grade und eben gemacht wird, das kan ich dir nicht beschrei- ben, mein Sohn! Das magst du vorjezt aus dem Beispiele deiner Eltern, und kuͤnftig, will’s Gott! aus deiner eigenen angenehmen Erfahrung lernen! Damit aber dieser Geist der Ordnung und der Einfalt in unserer ganzen Denkungsart und in un- sern Handlungen herschend werde, muͤssen wir, auch in Kleinigkeiten, auch in ganz gleichguͤltigen F 3 Dingen, Dingen, uns von ihm leiten lassen. Ziehe daher das Natuͤrliche dem Kuͤnstlichen, das Regelmaͤßige dem Unregelmaͤßigen auch in solchen Dingen vor, wo sowohl die Kostbarkeit und Seltenheit, als auch die Schoͤnheit oder Nuͤzlichkeit keinen Unter- schied machen. Binde dich auch, so weit es moͤg- lich ist, an bestimte Plaͤze zur Aufbewahrung und Hinstellung deiner Sachen; an bestimte Zeiten zum Essen, zum Schlafengehn, zum Aufstehn, zum Ankleiden, zum Arbeiten und zur Erholung; doch mache, besonders in diesen deinen Juͤnglingsjahren, je zuweilen mit Vorsaz eine Ausnahme davon, da- mit es dir nicht beschwerlich falle, von der ge- woͤhnten Ordnung, wenn es sein muß, einmahl abzuweichen. Wilst du den Schluͤssel zu dem Raͤthsel wis- sen, welches ganz Europa in Erstaunen gesezt hat, zu dem Raͤthsel, wie der einzige Geist eines noch jeztlebenden großen Koͤniges alle Regierungs- geschaͤfte seiner, mehr durch ihre innere Staͤrke, als durch ihren Umfang furchtbaren Staaten, und das Staatsverhaͤltniß des halben Erdkreises bis auf auf das kleinste Detail, allein umfassen koͤnne? Er heißt — Ordnung ! Endlich, mein Kleon — denn der Anblik jener glaͤnzenden Sterne, welche immer dichter und dichter hervorschimmern, erinnert mich, daß es Zeit sei, zur Ruhe zu eilen — laß mich mit einer Warnung schließen, welche man vielen Menschen nicht zu geben braucht, welche aber fuͤr diejenigen, denen sie noth thut, nicht zu wichtig gemacht werden kan. Und mein vaͤter- liches Herz besorgt nicht zu irren, wenn es dich zu dieser Klasse rechnet. Auch das gute Herz , mein Sohn, wenn es nicht durch Weisheit geleitet wird, kan den Man von wichtigen und weitlaͤuftigen Geschaͤften oft in große Verlegenheit bringen, wenn er aus unbe- graͤnzter Dienstfertigkeit und Gefaͤlligkeit mehr uͤbernimt, als seine Kraͤfte tragen koͤnnen. Auch davor sei auf deiner Hut, und seze deiner Dienst- begierde die nothwendigen Schranken. Denn wisse, mein Sohn, wer allen dienen wil, dient keinem recht, und aͤrntet fuͤr alle seine Muͤhe am F 4 Ende Ende Undank ein. Zu rechter Zeit, und aus dem rechten Bewegungsgrunde ein wenig hart zu schei- nen, und dadurch auf den Augenblik etwas miß- faͤllig zu werden, ist auch Weisheit, ist oft mehr Wirkung eines guten und edlen Herzens, als eine gar zu ausgedehnte und zuvorkommende Gefaͤllig- keit, welche sich alle Menschen verbinden wil, und daruͤber keinem sonderliche Dienste leisten kan. — Dis mag denn fuͤr heute genug sein. Ich habe mich dismahl blos auf solche Vorschriften eingeschraͤnkt, welche die kluge und gluͤkliche Ver- waltung deiner kuͤnftigen Geschaͤfte betreffen: ein andermahl wil ich dir auch diejenigen Lebens- regeln mittheilen (so viel ich ihrer gleichfals aus meiner eigenen Erfahrung abgezogen habe) welche dich in deinem Verhalten gegen die Menschen lenken sollen, damit du in Fried’ und Freundschaft unter ihnen leben, und gemeinschaftlich mit ihnen handeln koͤnnest, ohne von den Guten verkant, und von den Boͤsen niedergedruͤkt zu werden. Mit diesen Worten stand er auf, und ging, von seinem Sohne gefuͤhrt, unter ruͤhrenden Em- pfindungen beim Anschauen des gestirnten Him- mels, zuruͤk zu seiner laͤndlichen Wohnung. II. II. Theophrons guter Rath , seines Sohnes kuͤnftigen Umgang mit Menschen betreffend. F 5 S obald die Morgenroͤthe den wiederkehrenden Tag verkuͤndigte, sprang Kleon neugestaͤrkt von seinem Lager auf, und erheiterte seine Sele durch einen Blik in die erwachende Natur, aus welcher Opferdampf gen Himmel walte. Des Juͤnglings Herz walte mit empor; schwebte auf Fluͤgeln des feurigsten Danks vor dem Trone des Alvaters, und flehte um Weisheit und Verstand zur zweckmaͤßigsten Anwendung des neugeschenkten Tages. Jezt quol in feierlicher Stille die albelebende Gluth der Sonne uͤber den Wald hervor. Und Kleon eilte, seiner Gewohnheit nach, zum vaͤter- lichen Schlafgemach, des geliebten Greises Hand zu kuͤssen und seinen Seegen zu empfangen. Er fand ihn gleichfals schon im Genuß der schoͤnen Morgenscene; und auf seinem ehrwuͤrdigen Antliz schwebte das stille ruhige Laͤcheln eines spaͤten Som- mertages, wenn die Stauden schon zu welken, die Blaͤtter schon zu fallen beginnen. “Es ist ein großer und ruͤhrender Anblik, sagte Theophron, den die aufgehende Sonne uns gewaͤhrt; gewaͤhrt; aber ich kenne einen andern, der noch groͤsser und noch ruͤhrender ist, als dieser.„ Welchen, mein Vater? fragte Kleon. “Den, antwortete der Greis, einen Juͤng- ling zu sehn, der mit dem goͤtlichen Feuer der Weisheit und Tugend im Herzen, mit gesunden und im Ebenmaaß ausgebildeten Kraͤften des Lei- bes und des Geistes, jezt zum erstenmale am Horizont der buͤrgerlichen Welt als ein neues wohlthaͤtiges Gestirn erscheint, um Licht und Waͤrme, Erkentniß und Wohlsein in seinem Wirkungskreise auszugießen.„ Des Juͤnglings Wangen faͤrbten sich mit be- scheidener Roͤthe; sein Blik senkte sich zur Erde. Kom her, mein Sohn, fuhr Theophron mit nassen Augen fort, indem er ihm die Hand reichte. Noch einen Huͤgel, auf dem du freier um dich blikken und noch mehr Irwege des Lebens uͤber- sehen wirst, muß ich dich selbst hinanfuͤhren: dan solst du mit Gott und gutem Muthe allein hervortreten. — Aber erst oͤfne mir jene Fenster, damit die mildernden Stralen der Sonne unge- brochen und die reine balsamische Morgenluft in ihrer ihrer ganzen erheiternden Kraft auf meine Nerven fließe: denn, was ich nun dir noch zu sagen habe, betrift die Menschen , mit denen du kuͤnftig leben wirst; und ach, mein Sohn! es ist so schwer, von ihnen zu reden, ohne bitter zu werden! Der Man von gutem Herzen, der sie kent, solte nie anders, als in freier Luft, bei ofnen Fenstern wenigstens, sie zu schildern wagen. Kleon oͤfnete die Fenster, und Theophron fuhr mit heiterer Miene fort: Von Natur , mein Sohn, sind die Men- schen fuͤrwahr! ein gutartiges Geschlecht . Waͤren sie das nicht, und haͤtten diejenigen, welche uns die Menschheit, so wie sie noch jezt aus den Haͤnden ihres Schoͤpfers komt, mit so traurigen und gehaͤssigen Farben schildern, recht gesehn: wie waͤr’ es doch moͤglich, daß bei so vielen geselschaft- lichen Einrichtungen, welche gradezu darauf ab- zielen, uns zu verschlimmern, von guten Menschen noch gehoͤrt wuͤrde, halbgute Menschen wirklich so haͤnfig noch zu finden waͤren? Dis allein, daß die Menschen noch nicht alle Teufel sind, welche leiden und Leiden machen, da in kultivierten Staa- ten ten doch so vieles darauf abzwekt, solche verwor- fene Wesen aus ihnen zu machen, ist ein sicherer Beweis, daß der Stof, aus dem wir geformt sind, ausnehmend gut, und einer gaͤnzlichen Ver- derbniß so leicht nicht ausgesezt sein muͤsse. Damit stimt denn auch die philosophische Zergliederung unserer urspruͤnglichen Eigenschaften, sogar die Aufloͤsung unserer Laster in ihre lezten Bestand- theile, volkommen uͤberein. Die Aeusserungen unserer Kraͤfte und Neigungen moͤgen in ihrem Ausflusse noch so truͤbe sein: man gehe bis zur Quelle zuruͤk, und man wird sie rein und lauter finden. Ich habe geglaubt, diese Anmerkung, deren Wahrheit sowohl durch Vernunftschluͤsse, als auch durch Beobachtung, ausser allen Zweifel gesezt werden kan, voranschikken zu muͤssen, damit du durch dasjenige, was ich von der dermaligen al- gemeinen Verunstaltung der menschlichen Natur hinzuzufuͤgen habe, dich nicht dergestalt erschrek- ken lassest, daß du an dir selbst und an der Menschheit uͤberhaupt verzweifelst. Was in seiner Quelle lauter ist, das kan, wenn’s durch Zufal truͤbe truͤbe ward, auf eine oder die andere Weise auch wieder gelaͤutert werden. Noch eine vorlaͤufige Bemerkung, welche dem Menschenkenner gleichfals zu einiger Beruhigung gereichen kan: die Menschen sind das, was sie sind — gut oder boͤse — hoͤchstselten aus Grundsaͤzen, hoͤchstselten aus eigener freier Wahl, sondern meistentheils aus un- wilkuͤhrlicher Gewoͤhnung, meistentheils auch aus Noth und dringendem Beduͤrfniß . Diese Beobachtung gilt von ihren Tugenden wie von ihren Lastern, vorzuͤglich aber von den leztern. Seitdem die Menschen sich zu Tausenden und die Tausende zu Millionen in einen einzigen Staats- koͤrper zusammengefuͤgt haben; seitdem die Fuͤrsten, um diesen ungeheuern Koͤrper nach ihrem Wohlge- fallen zu lenken, das algewaltige Mittel der Ent- nervung, die schoͤnen Kuͤnste mit ihrer bestaͤndigen Gefaͤhrtin, der Ueppigkeit, in Gang zu bringen wußten, und seitdem hierauf durch uͤbertriebene Verfeinerung die wenigen urspruͤnglichen Triebe der Menschheit zu unzaͤhlbaren einst unbekanten Begierden gleichsam gespalten wurden: haben die mensch- menschlichen Beduͤrfnisse, und mit ihnen die Ge- legenheiten zu oͤftern Kollisionen, die Veranlas- sungen und Versuchungen zu gegenseitigen Un- gerechtigkeiten und Ueberlistungen, bis ins Unend- liche sich vervielfaͤltiget. Einer drengt nunmehr den andern, wie bei einem Zusammenlauf des Volks auf enger Straße; einer sucht den andern von sich ab- zuhalten, um sich selber Luft zu schaffen; einer trit dem andern auf die Fuͤße, nicht weil er treten wil, sondern weil er selbst getreten wird, und sich dadurch genoͤthiget sieht, seinen Fuß zuruͤkzuziehen, und ihn auf den Fuß seines Nebenmannes zu sezen. Nur sehr wenigen festen Selen von herkulischen Kraͤf- ten und von ausdauernder Rechtschaffenheit ist es gegeben, sich gegen den algemeinen Drang zu stem- men, unbeweglich dazustehn, und lieber den Fuß- trit der Eindringenden zu dulden, als selbst auf andre einzudringen oder loszutreten. Aus dieser Beobachtung, fuͤr deren Richtig- keit jeder Weltkenner dir die Gewaͤhr leisten wird, stießen drei wichtige Folgen ab; die eine fuͤr dich, mein Sohn, und fuͤr jeden Juͤngling, der, wie du, im Begriffe steht, in das Gedraͤnge der mensch- lichen lichen Geselschaft einzutreten, die andere fuͤr den Beurtheiler der Menschen, und die dritte fuͤr die Gewaltigen dieser Erde, in deren Haͤnde die Vor- sehung das Wohl und Weh der Voͤlker legte. Ich wil die lezte zuerst aufdekken. Wenn es wahr ist, — und das ist es, bei allem was heilig heißt! — daß die Vermehrung der Beduͤrfnisse eine unlaͤugbare Hauptursache der Verschlimmerung der Menschheit, ein unlaͤugba- res Haupthinderniß unserer Gluͤkseeligkeit ist: was muͤßten die Vormuͤnder der Menschheit, wenn es ihnen nicht sowohl um Vergroͤsserung ihrer Finan- zen, als vielmehr um Verminderung des algemei- nen Elendes, um Befoͤrderung jeder schoͤnen Tu- gend, und um Begluͤkkung ihres Volks zu thun waͤre, zu ihrer ersten und wichtigsten Sorge ma- chen? Dieses, was so leicht kein Finanzminister seinem Fuͤrsten rathen wird — durch eine kraͤftige Einschraͤnkung des Luxus, und durch Veranstaltung einer natuͤrlichern und einfachern Erziehung, der Beduͤrfnisse weniger zu machen, und den ausge- tretenen Strom der menschlichen Begierden wieder in sein urspruͤngliches Bet zuͤruͤkzufuͤhren. — Ob G von von unsern heutigen Antoninen sich ein einziger dieses Verdienst um die Menschheit erwerben wer- de? Hoffe, mein Sohn, so viel du kanst, und vernim jezt die zweite Folge unserer Beobachtung, welche fuͤr den Beurtheiler der Menschen gehoͤrt: Sind Verwoͤhnung, Noth und Beduͤrfniß wirklich die gewoͤhnlichsten Triebfedern menschlicher Handlungen; und ist es wirklich eine so seltne Er- scheinung, daß jemand aus freier Wahl und nach eigenen Grundsaͤzen handle: o so laßt uns doch nicht auf Rechnung der schuldlosen menschlichen Na- tur sezen, was die dermalige Lage der Mensch- heit bei der gegenwaͤrtigen Weltverfassung allein verschuldet! Wenn der Bach, der vorher stil und klar zwischen bebluͤmten Ufern in seinem reinen Standbette dahinfloß, durch Abdaͤmmung gezwun- wird, sich in eine weite, leimigte, allen Winden offenstehende Flaͤche zu ergießen, um etwa hier einen See zu Lustfahrten fuͤr den Herrn der Ge- gend zu bilden, dort die feste Burg eines Tiran- nen unzugaͤnglich zu machen: ist es seine Schuld, wenn er hier einen Garten, die Freude seines Be- sizers, dort ein Saatfeld, die Hofnung des Land- mans, mans, uͤberschwemt, und wenn sein ausgetre- tenes Wasser, von gewaltigen Winden geschau- kelt, die Farbe des Bodens gewint, uͤber den er sich verbreiten mußte? Die dritte Folge, und zwar fuͤr dich, mein Lieber! Ich habe Sorge getragen, daß deine Er- ziehung so einfach und natuͤrlich waͤre, als der Ein- fluß vieler Dinge, welche nicht in meiner Gewalt standen, es nur immer erlauben wolte. Du hast gelernt, vieler Sachen ohne Misvergnuͤgen zu ent- behren, welche andere Menschen zu den Nothwen- digkeiten des Lebens rechnen, und manches kleine Ungemach ohne Murren zu ertragen, worunter andere Menschen sich in hohem Grade elend fuͤh- len wuͤrden. Gern waͤr’ ich hierin noch strenger, oder richtiger gesagt — noch guͤtiger gegen dich ge- wesen; haͤtte gern dein ganzes koͤrperliches und geistiges Wesen zu noch einfachern Beduͤrfnissen herabgestimt: allein ich hab’ es nicht gekont, weil ich kein Mittel fand, mein Haus zu einer Insel zu machen, dich selbst vor jedem schaͤdlichen Ein- flusse von aussen her satsam zu verwahren. Aber, wenn du dich selbst liebst; wenn du leichter, sor- G 2 gen- genfreier, gesunder und froher, als andere, durch dis Leben einherzugehen wuͤnschest; wenn du vor der traurigen Nothwendigkeit, vielvermoͤgenden Thoren zu schmeicheln, und vor maͤchtigen Schur- ken zu kriechen, dich auf immer verwahren wilst; wenn du die Pflicht, niemandem zu nahe zu tre- ten, dir erleichtern, die Gelegenheiten zu verdries- lichen Kollisionen mit andern vermindern, und dich selbst in den Stand sezen wilst, bei allen dei- nen Unternehmungen auf grader Straße, und mit festen zuversichtlichen Tritten ruhig einherzugehn: o so laß es doch ja dein vorzuͤglichstes Geschaͤft sein, deine ganze Lebensart, alle deine Triebe und Beduͤrfnisse noch mehr zu vereinfachen, immer mehrerer Dinge zu deiner Gluͤkseeligkeit entbehren zu lernen, und dich immer mehr und mehr an dem zu halten, was der unverderbten menschli- chen Natur genuͤget, und was jeder gesunde und arbeitsame Mensch sich in jedem Stande leicht erwerben kan. Dan, mein Sohn, wirst du we- niger empfaͤnglich gegen Beleidigungen und Kraͤn- kungen sein; dan wirst du auf die Thorheiten der Menschen und auf die kleinen endlosen Kriege ihrer ihrer Leidenschaften ruhiger herablaͤcheln koͤnnen; dan wirst du, weil du wenig zu wagen hast, was dir wirklich schaͤzbar ist, bei aller Eingeschraͤnktheit deines Standes und deines Einflusses, das Herz haben, dem reichen und maͤchtigen Unhold, der seine eigensinnigen Launen dir oder andern zum Gesez machen, dich oder andere in rechtmaͤßigen und gemeinnuͤzigen Unternehmungen stoͤren, dich oder andere unterdruͤkken moͤgte, dreist die Spize zu bieten, und daneben oft der Frende genießen koͤnnen, dem Schwachen ein Beschuͤzer, dem Unterdruͤkten ein unentgeldlicher Sachwalt zu sein. Denn, glaube mir, ein braver Man von wenigen Beduͤrfnissen ist ein Fels im Meer, an dem die maͤchtigsten Wogen zerschellen und vergebens schaͤumend zuruͤkprallen muͤssen. Jezt laß uns wieder zuruͤktreten zu dem, wovon ich vorher ausgegangen bin. Das Re- sultat jener vorlaͤufigen Bemerkungen war, daß die Menschen das, was sie jezt sind, nicht von Natur, sondern durch Erziehung, durch Verwoͤhnung zu unzaͤhlbaren Beduͤrfnissen, G 3 und und durch den algemeinen fortreissenden Drang nach Befriedigung derselben, ge- worden sind . Und was sind sie denn nun da- durch geworden? Sohn! mit Zittern ergreif’ ich den Pinsel, um dir ein Gemaͤhlde von meinen und deinen Bruͤdern zu entwerfen, wovor deine junge arglose Sele schaudernd zuruͤkbeben wird. Ich habe die Zuͤge dazu theils von mir selbst, theils von den Tausenden meiner Zeitgenossen entlehnt, die ich in den verschiedenen Lagen meines Lebens etwas genauer, als gewoͤhnlich, kennen zu lernen Gelegenheit und Veranlassung hatte: urtheile nun, nach diesem Gestaͤndniß, welches ich laut vor aller Welt ablegen moͤgte, weil ich mir zugleich einer aufrichtigen Reue uͤber meine eigenen Verwoͤh- nungen und des moͤglichsten Bestrebens, mich taͤglich mehr und mehr davon frei zu machen, be- wußt bin — urtheile, sag’ ich, selbst, ob ich Ursache haben koͤnne, die Farben staͤrker aufzu- tragen, als ich sie in der Natur gefunden zu ha- ben glaube? Aber vernim erst, was ich, zur Steuer der Wahrheit, und um nicht mißverstan- den zu werden, voraussagen muß. Erstlich Erstlich mußt du wissen, daß ich das Bild, welches ich jezt darstellen wil, nicht nach Origina- len aus der niedrigen, das heißt, der bessern Klasse der Menschen, sondern nach solchen machen werde, welche zu den gesitteten, das heißt, ver- feinerten und zugleich verderbteren Staͤnden gehoͤren. Huͤte dich also, daß du nicht auf den ganzen Stam und auf alle Aeste deutest, was nur von einigen durch Kunst verwahrloseten Zweigen gesagt werden sol! Zweitens : ich selbst habe, Gott sei Dank! mehr, als einen guten Menschen, auch in diesen verderbteren Staͤnden, gekant und geliebt, dessen moralische Phisiognomie von den meisten Zuͤgen meines Bildes eine liebenswuͤrdige Ausnahme machte. Huͤte dich also, daß du nicht an der Moͤglichkeit verzweifelst, auch unter denen, mit welchen die goͤtliche Vorsehung dich in Verbindung bringen wird, je zuweilen eine aͤhnliche Ausnahme zu finden! Drittens : ohngeachtet bei weitem die mei- sten Menschen aus diesen sogenanten gesitteten Staͤnden die meisten Zuͤge meines Bildes an sich G 4 tragen: tragen: so zeichnen sie sich doch durch eine staͤrkere oder schwaͤchere Schattirung, durch eine groͤbere oder feinere Auftragung der Farben merklich von einander aus. Bei einigen schimmern diese Grundstriche, entweder weil sie wirklich feiner gezogen sind, oder weil man sie geschikter zu uͤber- tuschen wußte, nur so schwach hervor, daß das geuͤbte Auge eines Menschenkenners erfodert wird, um sie wahrzunehmen. Huͤte dich also, daß du nicht alle Menschen fuͤr gleich verderbt haltest, aber huͤte dich auch, daß du nicht gleich bei dem ersten Anscheine einer Abweichung von der Regel eine von jenen seltenen Ausnahmen gefunden zu haben glaubest. Ost ist ein Schaden um desto groͤßer und unheilbarer befunden worden, je verstekter er war! Endlich muß ich auch noch dieses erinnern, daß meine Schilderung mit Fleiß einseitig wer- den, mit Fleiß nur diejenigen Beobachtungen darlegen wird, die du selbst zu machen bisher noch keine Gelegenheit hattest, die dir auch von andern, so viel ich weiß, noch niemahls mitgetheilt wur- den; deren Mittheilung aber nunmehr nothwen- dig dig wird, damit du den Grund der Klugheitsregeln einsehen lernest, die ich daraus fuͤr dich herleiten werde. Waͤhne also nicht, wenn du das Bild ansehen wirst, welches ich jezt in Begrif bin aufzustellen, daß du den ganzen Menschen vor dir sehest: was du siehst, ist nur die haͤßliche, durch moralische Seuchen verzerte und verstelte Seite desselben. Seine bessere Seite hab’ ich dir von Jugend auf zu oft gezeigt, als daß du jezt erst aufmerksam darauf gemacht zu werden noͤthig haͤttest. Dis also zur Warnung; und nun zur Sache! Alle Menschen , mein Sohn, welche das Ungluͤk hatten, einer feinen Erziehung zu genießen, und zu den eiteln Kuͤnsten, wie zu den armseeligen Freuden der sogenanten großen Lebensart eingeweiht zu werden, sind mehr oder weniger entnervt an Leib und Sele . Wie koͤnt’ es anders sein, da bei jener Erziehung und bei dieser Lebensart fast alles auf ein unnatuͤrliches Verdrehen, Spannen und Hinaufschrauben unserer koͤrperlichen und geistigen G 5 Kraͤfte Kraͤfte, fast alles auf einen unnatuͤrlichen Kizel unserer Nerven und auf ein unablaͤßiges Reiben an unserm ganzen Wesen, um ihm Politur und Glanz zu geben, angesehen ist? Das meiste von dem, was er taͤglich sieht, hoͤrt, fuͤhlt und thut, das allermeiste von dem, was seine Ergoͤzlichkei- ten ausmacht, nagt wie ein Wurm an der Wurzel seiner Kraͤfte, macht sie schlaf durch Ueberspan- nung, und laͤhmt sie durch uͤbertriebenes Ge- schmeidigmachen. “Wenn ich, sagt irgendwo ein Menschenbe- obachter, die unseeligen Folgen dieser Verfeinerung erwaͤge; wenn ich die Menschen, so wie sie jezt sind, (mich selbst nicht ausgeschlossen) mit den rau- hern aber auch kraftvollern, aber auch edlern und selbstaͤndigern Menschen der Vorwelt vergleiche: so komt es mir immer vor, als wenn es der Kunst gelungen waͤre, ein Geschlecht von Loͤwen in ein Geschlecht von Fuͤchsen zu verwandeln, und daß sie nun gar damit umginge, die lezte Hand daran zu legen, um eine Familie schwacher und possier- licher Eichhoͤruchen daraus zu machen.„ Diese Ver- Vergleichung ist beleidigend; aber sie ist zum Un- gluͤk noch mehr, sie ist auch — treffend! Wo es mit dieser Verfeinerung und Schwaͤ- chung der Menschheit am Ende hin wil? Frage in Griechenland und in Italien nach, und laß mich vorizt in meiner traurigen Schilderung fort- fahren. Alle Menschen, welche eigener Muth- wille oder unvermeidliche Nothwendigkeit in den Strudel des großen Weltlebens ge- stuͤrzt hat, wo sie in wirbelnden Kreisen erkuͤnstelter Vergnuͤgungen und einer nichts- wuͤrdigen Geschaͤftigkeit ohn’ Unterlaß her- umgetrieben werden, fuͤhlen sich mehr oder weniger, je nachdem ihr Kopf von Natur schwaͤcher oder staͤrker war, von einem mo- ralischen Schwindel, von einem leichtsin- nigen Taumel ergriffen, der sie zu einer richtigen Beurtheilung sitlicher Gegen- staͤnde und zu einer herzlichen Theilneh- mung an Dingen, welche ihren eigenen Vortheil oder Nachtheil nicht unmittelbar betref- betreffen, unfaͤhig macht . Die Selen dieser Leute gleichen einem unreinen wirbelnden Wasser, in welchem auch die naͤchsten und helsten Gegen- staͤnde sich nur auf eine dunkle Weise und mit ver- zerten Zuͤgen spiegeln. Und, frag’ ich abermahls, wie koͤnt’ es anders sein? Jeder Stand in der ge- sitteten Welt, jedes nur einigermaßen betraͤcht- liche Amt ist, bei der immer zunehmenden Ver- wikkelung und Verwirrung der menschlichen Ver- haͤltnisse, schon an sich mit so vielen und mannig- faltigen und fremdartigen Geschaͤften und Ruͤksich- ten verbunden, daß eine Art von Algegenwart un- serer Vorstellungskraft dazu gehoͤrte, wenn man sie alle mit gleicher Aufmerksamkeit umspannen wolte. Und dazu kommen nun noch die zahllosen Bedenklichkeiten, Unterbrechungen und Zerstreu- ungen, welche das Weltleben mit sich fuͤhrt! Da- zu komt die Beschaffenheit dieser Zerstreuungen, welche nicht etwa darauf abzwekken, dem von Ge- schaͤften ermuͤdeten Geiste eine heilsame Erholung zu gewaͤhren, sondern vielmehr durch eine unun- terbrochene Aufmerksamkeit auf tausend nichtswuͤr- dige Kleinigkeiten ihn noch staͤrker zu spannen, und zugleich zugleich seinen irdischen Gefaͤhrten, den Koͤrper, durch mannigfaltigen unnatuͤrlichen Zwang und durch den Genuß starkreizender Speisen und Getraͤnke voͤllig auszumergeln. Und eine so ge- theilte, so nach allen Seiten hin unablaͤssig ge- zerte Sele solte am Ende nicht einen großen Theil ihrer Federkraft verlieren? Solte bei dem unend- lichen Wirwar von Ideen, die sich in ihr durch- kreuzen, noch im Stande sein, die eine von der andern gehoͤrig zu unterscheiden, jede nach Maaß- gabe ihrer Wichtigkeit gehoͤrig zu beherzigen? Solte einer ernsten, anhaltenden und gruͤndlichen Ueber- legung faͤhig sein? Solte an dem, was mich und dich betrift, dafern wir nicht etwa Stof zum Ta- del oder Lachen gewaͤhren, einen wahren herzlichen Antheil nehmen koͤnnen? Solte endlich noch faͤhig bleiben, uͤber moralische Gegenstaͤnde, welche so weit ausser ihrer Sphaͤre liegen, ein gesundes und richtiges Urtheil zu faͤllen? Ach, mein Sohn! ich habe das Gegentheil hiervon in meinem Leben so oft erfahren muͤssen! Habe so oft, wenn ich Sa- chen, die nach ihrer moralischen Seite betrachtet fein wolten, in das helste Sonnenlicht gestelt zu haben haben glaubte, das Misvergnuͤgen gehabt, zu be- merken, daß ich mit Leuten redete, die fuͤr so etwas schon lange keinen Sin mehr hatten! Habe so oft, selbst bei wahren Freunden aus dieser Klasse von Menschen, so wenig herzliche Theilnehmung an Vorfaͤllen wahrgenommen, bei denen mir vor Freude oder Schmerz das Herz zerspringen wolte! Eine fluͤchtige augenblikliche Aufmerksamkeit, eine eben so fluͤchtige augenblikliche Theilnehmung ohne Folgen, war in solchen Faͤllen gemeiniglich der ganze armseelige Tribut, den der Schwindelgeist unserer Zeit der Freundschaft zu entrichten noch gestattete. Ich eroͤfne dir, indem ich dir diese und aͤhn- liche Erfahrungen mittheile, freilich keine ange- nehme Aussicht ins Leben: aber es ist Zeit, daß du die Welt, in die du treten solst, sehest wie sie ist; nicht wie die sogenanten Menschenfreunde sie sich erschwaͤrmen, oder wie Romanschreiber ohne Menschenkentniß sie uns vorzugaukeln pflegen. Ich fahre also fort: Alle diese Menschen, und bei weitem die meisten aus jedem Stande, urtheilen nicht nicht nach wirklichen Gruͤnden der Wahr- heit, sondern nach Vorurtheilen; nicht nach den innern und wesentlichen Kenzeichen des Guten und des Boͤsen, sondern lediglich nach dem aͤusserlichen Schein, nach der in die Augen fallenden Oberflaͤche der Dinge . Der den Menschen uͤberhaupt eigene Hang zur Bequemlichkeit, und die den Weltleuten besonders zur Gewohnheit gewordene leichte und fluͤchtige Art zu denken, verbunden mit den endlosen Zer- streuungen ihrer Lebensart, machen es ihnen un- moͤglich mit ihrer Urtheilskraft in die Natur der Dinge einzudringen, und die Wahrheit bei ihrem eigenthuͤmlichen Lichte zu erkennen. Sie begnuͤ- gen sich daher in den meisten Faͤllen, dasjenige, woruͤber sie urtheilen wollen, nur nach dem aͤus- serlichen Ansehn ins Auge zu fassen, und es dan an den Probierstein solcher angeblichen Grundsaͤze zu halten, welche gemeiniglich entweder nur halb wahr, oder ganz falsch, in beiden Faͤllen aber sicher nur angenommen, nicht erkant, nicht ergruͤn- det sind. Hierzu Hierzu komt noch dieses: da die ganze Kunst der feinen Lebensart darin besteht, den innern Menschen mit allen seinen Unarten, Leidenschaf- ten und Maͤngeln zu verbergen, und dagegen Em- pfindungen, Gesinnungen und Volkommenheiten zu luͤgen, welche man selbst nicht in sich fuͤhlt: so hat man durch ein unablaͤssiges Studium die- ser Kunst von fruͤher Jugend an sich gewoͤhnt, seine ganze Aufmerksamkeit bei sich und andern blos auf das Aeusserliche zu richten, und bei allem, was man redet und thut, nur auf den Eindruk zu sehen, den die jedesmaligen Worte und Handlungen auf andere machen koͤnnen. Sol man uͤber etwas sein Urtheil faͤllen: so ist die Frage nicht, ob das, was man bejahen, oder verneinen wil, wahr oder unwahr sei: sondern lediglich, ob die Bejahung oder Verneinung desselben die vortheilhafteste Mei- nung von uns erwekken werde? Sol man sich ent- schließen, etwas zu thun oder nicht zu thun: so bekuͤmmert man sich um das, was Pflicht und Gewissen von uns fodern, in der That am we- nigsten; die einzige große Angelegenheit ist zu er- waͤgen, was die Leute in dem einen oder dem an- dern dern Falle von uns denken und sprechen wuͤrden? Auch die Worte und Handlungen anderer Men- schen werden auf eben diese falsche Wage gelegt, und nicht nach ihrem innern Gehalte, sondern lediglich nach ihrem aͤusserlichen Scheine, und nach dem, was man davon sagen wird, gewuͤrdiget. Klug und weise ist — nicht wer einen aufgeklaͤr- ten Verstand und ein wohlwollendes Herz besizt — sondern wer seine Geselschaft am besten zu unter- halten und seine Worte und Handlungen jedesmahl so zu stellen weiß, daß sie den herschenden Mei- nungen und Vorurtheilen entsprechen. Brav und bieder heißt — nicht wer bei allem, was er thut, die Grundsaͤze einer strengen Rechtschaffenheit vor Augen hat — sondern wer den Leuten Sand in die Augen zu streuen, seine selbstsuͤchtigen Absich- ten am geschiktesten zu bemaͤnteln, durch glatte Worte und Schmeicheleien sich jederman zu ver- binden, und auf Gelegenheiten zu lauern weiß, mit solchen Handlungen Parade zu machen, welche fuͤr edel gehalten werden, ohngeachtet sie oft nicht einmahl gut, oder pflichtmaͤßig sind. H Das Das Schlimste hierbei ist, daß ein jeder von diesen Leuten seine eigene Art zu denken und zu handeln mit der groͤßten Zuversicht auch bei allen andern voraussezt. Weil nun jeder von ihnen sich bewußt ist, daß er bei allen seinen Reden und Haud- lungen , nicht die ehemahls erlernten, aber bald darauf wieder in den Wind geschlagenen Grund- saͤze der Religion und Sittenlehre, sondern ledig- lich die Behauptung des aͤusserlichen Scheins eines edlen rechtschaffenen Wesens bei einer wirklich ge- wissenlosen und niedertraͤchtigen Gesinnung, bestaͤn- dig vor Augen habe: so traͤgt er nicht das mindeste Bedenken, von sich auf andere zu schließen, und seine eigne Denkungsart fuͤr die algemeine zu halten. Daher komt es denn, daß alle diese an Geist und Herz verwahrlosete Menschen fuͤr eine wahre und strenge Rechtschaffenheit, welche nicht auf das: was wird man davon sagen? sondern lediglich auf das, was recht und unrecht ist, ihr Auge heftet, mehr oder weniger den Glauben und den Sin verloren haben . Eine harte, aber allen meinen Erfahrungen nach, leider! nur zu ge- gruͤn- gruͤndete Beschuldigung! Moͤgtest du sie doch nie bestaͤtiget finden! Mir ging es nun einmahl nicht anders; so oft ich in irgend einer Sache aus reiner Gewissenhaftigkeit und ohne Ruͤksicht auf meinen eigenen Vortheil oder auf das Urtheil der Menschen, handelte, mußte ich jedesmahl erfahren, daß mein Betragen mit Bitterkeit ge- tadelt ward, daß man meine Bewegungsgruͤnde verkante, oder, wenn ich sie selbst darlegte, sie nicht glaubte, sie fuͤr eine Maske hielt, und mir andere unterschob, welche mir nie in die Sele gekommen waren. Ich erinnere mich hierbei eines wahren und großen Worts, welches ein guter Fuͤrst, der die nemliche Erfahrung gemacht hatte, mir einmahl uͤber diesen Unglauben der Menschen sagte: “heutiges Tages ist in gewissen Faͤllen die beste Politik, gar keine Politik zu brauchen, sondern mit der Wahrheit ehrlich her- auszugehn. Denn da kein Mensch an Wahr- haftigkeit und Rechtschaffenheit mehr glaubt, so werden wir unsere jedesmaligen guten Absichten, grade durch eine offenherzige Bekantmachung der- selben, mehr verbergen, als wir es durch die feinsten H 2 Kuͤnste Kuͤnste der Verstellung zu thun im Stande waͤren.„ Wie weit muß es doch mit Menschen gekom- men sein, bei denen man, um verstekt und raͤthsel- haft zu handeln, nur offenherzig und ehrlich zu Werke zu gehen braucht! Dis fuͤhrt mich zu einer fuͤnften Bemerkung, welche eben so nieder- schlagend ist: Alle Menschen aus derjenigen Klasse, von der ich jezt rede, sind mehr oder we- niger unwahr, sind mehr oder weniger eine bloße luftige Erscheinung, welche von dem Wirklichen, was dabei zum Grunde liegt, oft mehr verschieden ist, als die Ge- stalt, die wir im Spiegel erblikken, von dem Spiegel selbst . Du staunst, mein Sohn? Ich erstaunte auch, da ich zum ersten- mahl aus dem suͤßen Traume der Kindheit er- wachte, und nun auf einmahl zu meinem Schrek- ken sahe, daß alle die feinen, artigen, gefaͤlligen, sanften, gutherzigen, theilnehmenden, aufrichti- gen gen und redlichen Leute, mit allen ihren erkuͤn- stelten Mienen der reinsten Guͤte und des waͤrm- sten Wohlwollens, mit allen ihren geschliffenen verbindlichen Worten, und mit allen ihren Ver- sicherungen von Freundschaft, von Hochachtung und Bewunderung, nichts mehr und nichts we- niger, als kalte fuͤhllose Marionetten waͤren, welche durch den Draht des Welttons in Bewe- gung gesezt werden, und bei den lebhaftesten Aeusserungen von Guͤte und Gefaͤlligkeit nicht mehr empfinden, als die hoͤlzerne Puppe bei den Worten, die der Man hinter der Schirmwand ihr in den Mund zu legen weiß. Aber laß uns gerecht sein, mein Sohn, und nicht jede Unwahrheit, welche wir in dem Ka- rakter, in den Reden und Handlungen der Men- schen wahrnehmen, sogleich fuͤr Falschheit und Betrug erklaͤren. Es gibt mehr, als eine Art derselben, welche diese harte Benennung nicht verdient, welche sogar der wirklich brave und rechtschaffene Man sich zu erlauben kein Beden- ken tragen darf. Ich wil dir diese verschiedenen Arten von Unwahrheit kuͤrzlich aus einander sezen. H 3 Die Die erste und verzeihlichste unter allen ist die bloße Verheimligung der Wahrheit in allen denjenigen Faͤllen, in welchen keine einzige unsrer Pflichten uns zur Bekantmachung derselben auf- fodert. Wo keine Verbindlichkeit stat findet, da findet auch kein Unrecht stat. Zu schweigen also, wenn keine unserer natuͤrlichen oder geselschaft- lichen Pflichten uns zu reden gebietet, kann nie- mahls unrecht genant werden, kan im Gegentheil oft gut und weise und pflichtmaͤßig sein. Es gibt der Wahrheiten viele, deren unvorsichtige Bekantmachung fuͤr Selen von gewoͤhnlichem Schlage eben so verderblich sein wuͤrde, als die ploͤzliche Einlassung des hellen Tageslichts fuͤr diejenigen zu sein pflegt, welche lange Zeit im Finstern lebten, oder denen man so eben erst den Staar gestochen hat. Auch in der phisischen Welt laͤßt Gott nie auf einmahl Tag werden; erst Nacht, dan schwache Daͤmmerung, dan Morgenroth, und dan erst Tag! So sol es in dem Reiche der Wahrheit auch sein. Wer hier auf einmahl Tag machen wolte, der wuͤrde vielen menschlichen Selen das bischen Sehkraft, das ihnen ihnen etwa noch zu Gebote steht, auf einmahl ganz zernichten; und wozu sol ihnen dan das Tageslicht, wan sie keine Augen mehr, es aufzu- nehmen, haben? Also von dieser Art von Verstellung, welche in einer weisen Zuruͤkbehaltung gewisser Wahr- heiten, oder in einer sparsamen Ausspendung der- selben besteht, kan hier nicht die Rede sein. Auch nicht von einer zweiten Art von Un- wahrheit, welche eben so unschaͤdlich ist, und deren keiner, der nicht allen Zusammenhang mit der menschlichen Geselschaft abbrechen, und mit Dio- genes in eine Tonne kriechen wil, sich erwehren kan. Es gibt nemlich unzaͤhlbare Arten zu reden, unzaͤhlbare Hoͤflichkeitsbezeugungen und Ge- braͤuche, bei denen keiner, der nicht seit gestern aus dem Monde herabgefallen ist, sich jemahls einfallen laͤßt, dasjenige zu denken, was die Worte eigentlich besagen, oder was die aͤusser- lichen Zeichen, deren man sich dabei bedient, ihrer Natur nach anzudeuten scheinen; sondern welche bloße, durch algemeines Einverstaͤndniß festge- sezte Zeichen sind, wodurch einer dem andern zu H 4 erkennen erkennen gibt, daß er seinen Stand und den da- mit verbundenen Grad von Ehre wisse, und daß er wider beide nichts erhebliches einzuwen- den habe. Ich kan dir diese Art von unschaͤd- licher und also auch erlaubter Unwahrheit nicht besser, als mit den Worten eines mir unbekanten Weltkenners beschreiben, die ich gestern in einem fliegenden Blatte las: “Was die aͤussere Achtung, dasjenige, was man Etikette, Welt, Hoͤflichkeit nent, betrift, so kan man die auch denen bezeigen, die man nicht achtet, ohne desfals einer Falschheit oder Verstellung bezuͤchtiget werden zu koͤnnen. In dem Woͤrterbuche des gemeinen Lebens gibt es eine Menge Ausdruͤkke, die ganz und gar die Bedeutung nicht mehr haben, die ihnen von den Erfindern der Sprache beigelegt worden. Es sind gleichsam heruntergesezte Muͤnzen, deren Devalvazion jeder weiß, und womit also niemand betrogen wird. Derjenige, der dergleichen Aeus- serungen thut, derjenige, dem sie geschehen, und alle, die sie hoͤren, sind gleich gewiß uͤberzeugt, daß sie falsch sind. Sie geschehen auch gar nicht in in der Absicht, um geglaubt zu werden. Sagt einer zu dem andern: ich bin erfreut, Sie wohl zu sehen, so heißt das weiter nichts, als: es ist mir gleichguͤltig, ob Sie wohl sind, oder nicht. Ein Gluͤk, wenn es nicht gar heißt: wolte Gott, daß sie nicht wohl waͤren! Sagt er: ich empfehle mich Ihnen, so heißt das nichts mehr und nichts weniger, als: ich wil nun nach Hause gehen. Da nun alle uͤber den Werth solcher Ausdruͤkke eins sind; so kan gar kein Misverstaͤndniß entstehen, und wer sie nach der Devalvazionstabelle in Kurs bringt, handelt weder falsch noch unredlich. Wer ein abgeseztes, zu 18 Pf. heruntergewuͤrdigtes 3 gGr. Stuͤk zu 18 Pf. in Umlauf bringt, vervortheilt niemand. Nur der wuͤrde mich betruͤgen, der es zu 3 gGr. mir aufhaͤngen wolte.„ “Ohnstreitig ist hierin Konvenzion der zuverlaͤßige Maaßstab, zumahl der Werth aller Dinge, die Tugend allein ausgenommen, kon- venzional ist. Alle Menschen koͤnnen also ohne Zweifel durch einen algemeinen Vertrag eben so gut ausmachen, daß kuͤnftig: Ihr Diener, H 5 bedeuten bedeuten solle: Ganz und gar nicht Ihr Diener, als es allen Großen der Erde frei stehen wuͤrde, durch eine algemeine unter einander kon- zertierte Verordnung zu bestimmen, daß ein hol- laͤndischer Dukaten kuͤnftig nicht mehr, als einen Gulden gelten solle. Dan wuͤrde nur der be- truͤgen, der ihn noch immer zu einem Dukaten ausgeben wolte. Und das wuͤrde auch der thun, der Komplimentensprache fuͤr Herzenssprache uns verkaufen wolte.„ Also auch von dieser Art von Unwahrheit, welche in der gesitteten menschlichen Geselschaft nun einmahl unvermeidlich ist, kan hier nicht die Rede sein. Und von welcher denn? Von der, mein Sohn, welche mit geflissentlicher Falschheit, welche mit dem Bewustsein der Absicht, andere zu seinem Vortheile zu blenden, zu hintergehen, verbunden ist; von der, die da macht, daß der verfeinerte Weltmensch vom Scheitel bis zur Fußsole in allen seinen Mienen, Gebehrden, Worten und Handlungen eine einzige luͤgenhafte Larve ist, welche Freundlichkeit, Wohlwollen, Sanftmuth, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit und eine eine uneigennuͤzige Rechtschaffenheit aushaͤngt, indes das Herz, welches unter ihr verborgen liegt, von heimlichem Grol, von giftigem Neide, von verbissener Wuth, von verstektem Hochmuthe, von wolluͤstigen Begierden, und von der eigen- nuͤzigsten Selbstsuͤchtigkeit bis zum Ueberfließen vol ist. Hier ist alles uͤbertuͤncht, alles auf Taͤu- schung angelegt. Man hat seine Blikke, seine Mienen, jede Bewegung seiner Gesichtsmuskeln, jede Stellung des Koͤrpers, sogar den Ton seiner Stimme, unter die Herschaft der Verstellungs- kunst gebracht. Alle Leidenschaften und Laster sind in das Gewand der ihnen entgegengesezten Tugenden gehuͤlt. Der Zorn aͤussert sich nicht mehr durch Schreien, Poltern und Knirschen, sondern, wie sanfte Taubenguͤte, durch Girren und Laͤcheln; der Neid ist nicht mehr jene hagere, blasgelbe, hohlaͤugigte Gestalt, unter der die Alten ihn uns schildern; er traͤgt jezt ganz die Rosen- farbe und die gefaͤlligen Simbolen des freudigsten Mitgefuͤhls, der herzlichsten Theilnehmung an unserm Wohlergehn: die Eitelkeit schlaͤgt die Augen nieder; erroͤthet, gleich der demuͤthigsten Bescheiden- Bescheidenheit, bei jeder Bemerkung ihrer Vor- zuͤge; wil es durchaus nicht an sich kommen lassen, daß sie Vorzuͤge besize; spricht hiperbo- lisch von ihren Unvolkommenheiten und Schwach- heiten, um eben so hiperbolische Lobpreisungen ihrer Volkommenheiten und Tugenden heraus- zulokken: der haͤusliche Tiran seines Weibes, seiner Kinder, seiner Hausgenossen, scheint auf der Buͤhne der Geselschaften der zaͤrtlichste Gatte, der liebreichste Vater, der guͤtigste und nachsichtsvolste Hausherr unter der Sonne zu sein; und die haͤusliche Quaͤlerin ihres Gatten, die eingefleischte Furie in der Kuͤche und im Schlafgemach, trit mit der sanften nachge- benden Miene einer frommen Dulderin und mit der uͤberschwenglichen ehelichen Zaͤrtlichkeit einer zweiten Penelope auf. So, mein Sohn, hat jezt alles seine natuͤr- liche Farbe veraͤndert; so haben Leidenschaften und Laster sich hinter die Larve ihres Gegentheils zu verstekken gewußt. Jederman wil jezt nur scheinen; um das Sein ist es keinem mehr zu thun. Mit vielen Menschen ist es gar schon so weit weit gekommen, daß sie, im Bewußtsein ihres tiefen moralischen Verfals, an der Moͤglichkeit, fuͤr gut gehalten zu werden, verzweifeln, und daher ihren ganzen Ehrgeiz blos darauf einschraͤn- ken, zu verlangen, daß man nur aͤusserlich sich stellen sol, als hielte man sie fuͤr besser, als sie sind. Die Ungluͤklichen! Moͤgte mein trauriger Umriß hiemit vollendet sein! Aber das ist er leider! noch nicht; ich muß also fortfahren: Alle diese Menschen, vorzuͤglich aber diejenigen unter ihnen, welche bei jeder Gelegenheit das Schild der Uneigennuͤzig- keit, der Dienstbeflissenheit, und der Groß- muth aushaͤngen, sind nun auch in hohem Grade selbstsuͤchtig und eigennuͤzig. Zwar gibt man sich alle ersinliche Muͤhe, diese Trieb- feder seiner Handlungen auf das sorgfaͤltigste zu verbergen, und den Schein eines edlen, uneigen- nuͤzigen und absichtlosen Karakters zu behaupten: aber umsonst! Das Auge des aufmerksamen Beobachters dringt durch diesen Nimbus von Edelmuth Edelmuth und großmuͤthiger Aufopferung eigener Vortheile mit leichter Muͤhe hindurch, und ent- kleidet die kleine selbstsuͤchtige Sele von allen den praͤchtigen Bewegungsgruͤnden, womit sie sich und ihr Betragen, zur Bewunderung aller Neulinge, so ausnehmend zu schmuͤkken wußte. Da sieht er denn, — und er sieht es so oft, daß es ihn nicht weiter befremden kan — daß der Grund, aus dem die glaͤnzendsten Handlungen hervorwachsen, ein Gemisch von Ehrbegierde, Eitelkeit, Habsucht, listiger Spekulazion, sinlicher Wollust und von jeder andern unedlen Leidenschaft sei, indes der Handelnde nichts als Menschenliebe, Patrio- tismus, Froͤmmigkeit, Tugendeifer und die strengste uneigennuͤzigste Rechtschaffenheit zu athmen scheint. Mit einem Worte, er sieht, daß dasjenige, was ein großer Weltman, den ich kuͤnftig oft fuͤr mich werde reden lassen, Chesterfield. von den Hoͤfen sagt, jezt mit gleicher Wahrheit von der ganzen soge- nanten großen Welt gesagt werden koͤnne: “Hier umarmen sich die Leute, ohne daß sie sich einander kennen; einer dient dem andern, ohne Freund- schaft; schaft; einer beleidiget den andern, ohne Haß. Eigennuz, nicht Gefuͤhl, ist das Gewaͤchs dieses Bodens.„ Das sonderbarste hierbei ist, daß alle diese uneigennuͤzigen, edlen und großmuͤthigen Leute einer dem andern bis in die verborgenste Falte ihres verstekten Herzens sehen, und daß gleich- wohl jeder insbesondere sich mit der Hofnung schmeichelt, daß es ihm, ihm allein gelingen werde, seine Maske so kuͤnstlich anzulegen, daß kein menschliches Auge den Betrug zu entdekken vermoͤge. Das mag denn auch wohl zum Theil die Ursache sein, warum der eine beim Aublik des andern, wie der Harusper Cicero beim Anblik eines andern Gauklers aus der nemlichen ehr- wuͤrdigen Klasse, sich des Laͤchelns nicht enthalten kan, weil jeder aus dem Bewußtsein seiner eigenen Verstellung schließt, was er von der Prachtlarve einer uneigennuͤzigen Rechtschaffenheit, womit der andere, so gut als er, Parade macht, zu halten habe. Einer erkent in dem andern den Schau- spieler, der die auswendig gelernte Rolle des Bi- dermans macht; aber ohngeachtet er selbst in gleicher gleicher Absicht neben ihm auf einer und eben- derselben Buͤhne steht: so hat er doch das Herz zu hoffen, daß der andere ihn fuͤr einen bloßen Zu- schauer in natuͤrlichem Karakter nehmen werde, und der andere hat nicht weniger den Muth, ein Gleiches wiederum von ihm zu erwarten. So taͤuscht man sich selbst, indem man andere zu taͤuschen sucht, und in der Einbildung steht, daß man der einzige sei, der ungetaͤuscht davon komme! — Ich seze meinen schwermuͤthigen Pinsel von neuem an, um einen Zug der durch Verfeinerung verderbten Menschheit hinzuzufuͤgen, der unter allen vielleicht der algemeinste ist. Ich meine: Die Eitelkeit. Ein gewisser Grad derselben mag nun wohl freilich unmittelbar aus dem ersten Haupttriebe unserer Sele, aus der Selbstliebe, abfließen. Denn man darf wohl kuͤhnlich be- haupten, daß alle Menschen, vom rohen Feuer- laͤnder, der seinen von Frost erstarten nakten Leib mit mit Roͤthel bemahlt Man hat nemlich satsam beobachtet, daß dieser Gebrauch der Wilden mehr eine lebhafte Be- gierde sich zu verschoͤnern, als ein phisisches Beduͤrfniß zum Grunde hahe. , bis zum Hofkammer- junker des großen Moguls, in ihrem Herzen wuͤnschen, daß man irgend etwas Schoͤnes, ir- gend etwas Gefaͤlliges, etwas Lobenswuͤrdiges an ihnen wahrnehmen, und sie durch Aufmerk- samkeit und Achtung dafuͤr auszeichnen moͤge. Aber auf diesen ersten Keim der Eitelkeit, den alle, auch die weisesten und besten Menschen, in sich fuͤhlen, wil ich dich jezt nicht aufmerksam machen; sondern auf den großen astreichen Stam, der in dem Herzen unserer schoͤnen und galanten Weltmaͤnner und Weltfrauen zu einer solchen Hoͤhe daraus hervorgewachsen ist, daß er uͤber alle an- dere Triebe hervorragt: Quantum lenta solent inter viburna cupressi! Alle Leidenschaften und Begierden — sogar die Habsucht, sogar der Hunger und Durst nach sinlichen Vergnuͤgungen, ja sogar die Liebe zum Leben J Leben selbst — pflegen dieser alwirksamen Trieb- feder menschlicher Handlungen untergeordnet zu sein. Denn wo ist das Opfer, es sei so groß und so beschwerlich, als es nur immer wolle, wel- ches man diesem Goͤzen zu bringen noch wohl Bedenken truͤge? Geld und Gut? Man sei auch noch so begierig darnach, so bald die Eitelkeit es heischt, wird sich keiner weigern, es mit vollen Haͤnden auszuwerfen. Gemaͤchlichkeit und Wohl- behagen? Eine Mode, welche fuͤr schoͤn gehal- ten wird, sei auch noch so beschwerlich, sei auch noch so peinigend; die Eitelkeit verlangt Unter- werfung, und man unterwirft sich ohne Murren. Gesundheit und Leben? Sie sind uns theuer; aber zehnmahl theurer noch ist uns die angaffende Bewunderung der Menschen, und wir sind daher bereit, auch von diesen, alles andere uͤberwie- genden Guͤtern, so viel zu verschwenden, als die Eitelkeit durch ihr jedesmaliges despotisches Mo- degesez von uns verlanget. Dis ist der Heroismus unserer Zeiten! Was der Spartaner und Roͤmer ihrem Vaterlande, was die Weisen des Alterthums ihrer Jugend aufopferten, das legen wir, mit eben eben so großer Selbstverlaͤugnung und mit eben so großer Freudigkeit auf den Altar der Eitelkeit. Ich sage zu wenig; wir legen noch mehr darauf: denn selbst unsere Tugend, unsere Rechtschaffen- heit und Froͤmmigkeit sind uns nicht so sehr ans Herz gewachsen, daß wir uns nicht von ihnen trennen koͤnten, so bald die Eitelkeit es uns be- fielt. Selbst die ewigen Freuden des Himmels moͤgten wohl, wenn sie mit dem Vergnuͤgen, welches uns aus der Befriedigung dieser Lieblings- leidenschaft erwaͤchst, auf die Wage gelegt wuͤr- den, in den meisten Faͤllen zu leicht befunden werden. Die Art, wie die Eitelkeit der Leute sich zu aͤussern pflegt, ist sehr verschieden. Einige ver- rathen sie durch gesuchten Puz, andere durch an- scheinende, aber doch zugleich auf die vortheilhaf- teste Art genuzte Nachlaͤssigkeit im Anzuge; einige dadurch, daß sie uns alle ihre innern und aͤusser- lichen Vorzuͤge gleichsam aufdringen, ohne uns Zeit zu lassen, sie selbst auszuspaͤhen, andere dadurch, daß sie gar kein Verdienst, gar nichts Vorzuͤgliches wollen an sich kommen lassen, und J 2 bei bei jeder Gelegenheit sich blos darum so tief herab sezen, damit man ihnen wiedersprechen, und sie desto mehr erheben sol. “Einige von jenen reden grade zu, ohne gereizt zu sein, auf eine anpreisende Weise von sich selbst; und diese sind unverschaͤmt. Andere gehen, wie sie sich einbilden, listiger zu Werke; sie erdichten Beschuldigungen wieder sich selbst, beschweren sich uͤber nie gehoͤrte Verlaͤum- dungen, um nur, zu ihrer Rechtfertigung, ein Verzeichniß ihrer vielen Tugenden zu liefern. Sie erkenten zwar, sprechen sie, daß es seltsam her- auskommen wuͤrde, auf solche Art von sich selbst zu reden; ihr Geschmak waͤr’ es auch nicht, und sie wuͤrden es nimmermehr gethan haben; keine Martern solten es ihnen abgenoͤthigt haben, wenn sie nicht so ungerechter und abscheulicher Weise waͤren beschuldigt worden. In solchem Falle aber muͤßte man sicher sich und andern Recht verschaf- fen, und wenn unser guter Name angegriffen wuͤrde, koͤnte man zu seiner Vertheidigung alles sagen, was man sonst niemahls gesagt haͤtte. Dieser duͤnne, vor die Eitelkeit gezogene, Schleier der Bescheidenheit ist viel zu durchsichtig, als daß er er sie selbst einer mittelmaͤßigen Urtheilskraft ver- bergen koͤnte.„ “Andre greifen es bescheidener, und noch schlauer, wie sie denken, an, wie wohl, meines Erachtens, noch viel laͤcherlicher. Sie gestehen an sich selbst, nicht ohne einige Schaam und Verlegenheit, alle Haupttugenden, indem sie sie erst zu Schwachheiten erniedrigen, und darauf bekennen, es waͤre einmahl ihr Ungluͤk, solche Schwachheiten an sich zu haben. “Sie koͤnten, sagen sie, niemanden leiden sehen, ohne es zugleich mit zu empfinden, und ihm zu helfen zu suchen. Sie koͤnten niemanden in Mangel sehen, ohne ihm Erleichterung zu verschaffen, ob- schon in Wahrheit ihre eigene Umstaͤnde es nicht wohl litten. Sie koͤnten sich nicht enthalten, die Wahrheit zu reden, wiewohl sie wuͤßten, wie unvorsichtig das waͤre. Kurz, sie wuͤßten wohl, daß sie, bei allen diesen Schwachheiten, untuͤch- tig waͤren, in der Welt zu leben, weit weniger, darin empor zu kommen. Aber sie waͤren nun einmahl zu alt, als daß sie sich aͤndern koͤnten, und muͤßten sich nun hinhelfen, so gut es ginge.„ J 3 Das Das klingt fast laͤcherlich und uͤbertrieben fuͤr die Schaubuͤhne. Und doch, das glaube mir auf mein Wort, wirst du dergleichen auf dem Schauplaze der Welt haͤufig antreffen. Dieser Trieb der Eitelkeit und des Stolzes ist in der menschlichen Natur so stark, daß er sich bis zu den niedrigsten Dingen herablaͤßt. Man sieht oft Leute in Dingen nach Lobe trachten, wo sich bei der Voraussezung, daß alles, was sie sagen, wahr waͤre, was es jedoch, im Vorbeigehn gesagt, selten ist, gar kein rechtmaͤßiges Lob er- halten laͤßt. Der eine behauptet, er waͤre in sechs Stunden hundert englische Meilen geritten. Vermuthlich ist es eine Luͤge. Gesezt aber, es waͤre wahr, was folgte denn daraus? Daß er einen guten Postknecht abgeben wuͤrde; das ist alles. Ein andrer behauptet, vermuthlich nicht ohne Schwuͤre, er haͤtte sechs bis acht Kannen Wein getrunken. Aus kristlicher Liebe wil ich ihn als einen Luͤgner ansehen. Wo nicht, so muß ich ihn fuͤr ein Vieh halten. Chesterfield. Ich Ich fuͤge zu diesen Bemerkungen nur noch dieses hinzu, daß viele Menschen nicht blos eitel, sondern auch eingebildet zugleich sind. Derje- nige, welcher blos das erstere ist, kent seinen Mangel an Vorzuͤgen, weiß, daß ihm, nach abgewaschener Schminke, weder aͤußerliche noch innerliche Schoͤnheit und Treflichkeit bei- wohnen, und seine ganze Sorge geht daher nur dahin, zu verhuͤten, daß man ihn nicht im Nachtkleide sehe, nicht gewahr werde, was fuͤr phisische und moralische Haͤßlichkeit hinter dem Flitterstate, womit er sein Inneres uod Aeusse- res zu verschoͤnern weiß, verborgen liege. Der Eingebildete hingegen glaubt wirklich selbst, in seiner Gestalt, in seinem Wesen, in seinen Ta- lenten und Geschiklichkeiten unterscheidende Vor- zuͤge zu besizen, die er doch nicht besizt; und er begnuͤgt sich daher nicht, wie jener, unsere Be- wunderung zu erschleichen, sondern er fodert sie, als einen schuldigen Tribut, als eine Huldigung, welche seinen seltenen Verdiensten von rechtswe- gen gebuͤhrt. Eine schwer zu befriedigende, und zu einer dauerhaften Freundschaft gaͤnzlich unfaͤ- J 4 hige hige Art von Menschen! Beuge ihnen aus, wenn du kanst; und wenn du dieses nicht kanst, so sorge wenigstens dafuͤr, daß die Beruͤhrung zwi- schen dir und ihnen so leicht und behutsam, als moͤglich, geschehe! Nur noch ein einziger Pinselstrich, und der duͤstere Hintergrund meines Gemaͤhldes wird vollendet sein! Hang zu zerstreuenden Vergnuͤgungen! — Aber, verstehe mich recht, mein Sohn! Ich bin weit davon entfernt, dir Moͤnchsmoral pre- digen zu wollen; weit entfernt, alle Arten von Vergnuͤgungen der feinern Welt an sich selbst fuͤr schaͤdlich, oder, welches einerlei ist, fuͤr suͤnd- lich zu halten. Viele derselben sind vielmehr von der Art, daß auch ein wohlgebildetes tugend- haftes Gemuͤth, der Reinigkeit seiner Gesinnun- gen unbeschadet, Antheil daran nehmen darf. Aber der so haͤufige Mißbrauch dieser Ergoͤz- lichkeiten, das dabei so gewoͤhnliche Hinuͤber- schweifen uͤber die Grenzen der Maͤßigkeit, der Ordnung, der Sitsamkeit, und vornehmlich der viel viel zu haͤufige, viel zu unmaͤßige Genuß der- selben, die, die sind es, welche auch die unschul- digsten unter ihnen in Gift verwandeln; welche alle Haͤuslichkeit aufheben, allen Geschmak an Naturfreuden und Familiengluͤkseeligkeit zernich- ten, alle Nerven des Geistes und des Leibes er- schlaffen, und alle Lust und Faͤhigkeit zu einer ste- tigen ausdauernden Geschaͤftigkeit in uns er- stikken; und in der wuͤsten Sele nichts als Ekel an unsern Berufspflichten und ein stuͤndliches Sehnen nach neuen berauschenden Zerstreuungen zuruͤklassen. Man faͤngt an, sich selbst zur Last zu fallen, sobald man allein oder in Geselschaft seiner gewoͤhnlichen Hausgenossen ist; die an staͤrkere Spannungen nun einmahl gewoͤhnte Sele fuͤhlt sich wie vernichtet, sobald diese Spannun- gen aufhoͤren; es koͤmt ihr alles so oͤde, so ein- foͤrmig, so schal vor! Sie fuͤhlt Beduͤrfnisse, und weiß nicht, welche; greift bald zu dieser, bald zu jener haͤuslichen Unterhaltung, und wird durch keine befriediget. Endlich schlaͤgt die frohe Stunde der Assemblee, der Komoͤdie, des Larventanzes oder einer aͤhnlichen Zusammenkunft der schoͤnen J 5 Welt: Welt: und sie erwacht aus dem Zustande der Vernichtung; ihre Elastizitaͤt ist ploͤzlich wieder hergestelt, und freudig walt sie dahin, wie ein Fisch, der eine Zeitlang auf dem Trokuen lag, und durch einen gluͤklichen Sprung sich nun auf einmahl wieder in sein Element versezet sieht. Dieser Hang zu Zerstreuungen, und dieser Ekel an allem was simpel, einfoͤrmig, natuͤrlich und haͤuslich ist, ist eine so unausbleibliche Folge des feinen und großen Lebens, daß wir volkom- men berechtiget sind, ihn, so wie ich jezt ge- than habe, unter die Hauptkarakterzuͤge der ver- feinerten Menschheit zu rechnen. Und nun, mein Sohn, laß mich erst wieder zu Athem kommen. — Es hat mir weh ge- than, daß ich dir an einem großen Theile deiner Mitmenschen Seiten zeigen mußte, die ich dei- nem Herzen, waͤr’ es moͤglich gewesen, lieber auf immer verheimlichet haͤtte. Aber was wuͤrde mir das geholfen haben? Fruͤh oder spaͤt waͤren dir die Augen doch einmahl von selbst aufgegan- gen, und wer weiß, wie theuer diese eigene Er- fahrung fahrung dir dan wuͤrde zu stehen gekommen sein! Aber damit du nicht zu aͤngstlich in dein kuͤnftiges Leben blikken, nicht etwa beklagen moͤgest, daß du in einem kultivierten Lande und unter verfeinerten Menschen geboren bist; so vernim, mein Lieber, die heilige Versicherung eines Mannes, der einen großen Theil seiner Tage unter Menschen grad’ aus derjenigen Klasse, deren moralische Gebrechen er dir jezt schilderte, hingebracht, und sich oft ein angelegentliches Ge- schaͤft daraus gemacht hat, die ganze Lage der Menschheit zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Umstaͤnden aufmerksam zu beobach- ten und zu vergleichen; die Versicherung: daß, dafern mein abgelaufener Le- bensfaden noch einmahl aufgerolt wer- den solte, ich dennoch zu keiner an- dern Zeit und in keinem andern Lande, als grade jezt, und grade in unserm deutschen Vaterlande, mein Erdenle- ben noch einmahl beginnen moͤgte. Denn noch nie, nie sind die Menschen, im Ganzen Ganzen genommen — gleichviel aus was fuͤr Ursachen — ihrem gegenseitigen Betragen nach, menschlicher gewesen, als jezt; noch nie hat man fuͤr seine Ruhe, fuͤr sein Eigenthum und fuͤr sein Leben selbst, von Ungerechtigkeit und zuͤgelloser Gewaltthaͤtigkeit weniger zu besorgen gehabt; nie ist der Umgang der Menschen unter einander sanf- ter, stiller und friedlicher gewesen; nie ist der ge- sittete Mensch dem Muthwillen und der Grobheit eines rohen ungesitteten Poͤbels weniger ausgesezt gewesen, als bei uns; nie hat man der unter- druͤkten Vernunft und dem gefesselten Gewissen von den ihnen geraubten natuͤrlichen Rechten mehr wieder einzuraͤumen sich bequemt; nie sind die Hierarchie, der Aberglauben und der mit beiden unzertrenlich verbundene Verfolgungsgeist, im Ganzen genommen, eingeschraͤnkter, schwaͤcher und also auch unschaͤdlicher gewesen; nie hat die Welt einer groͤssern und ausgebreitetern Duldung genossen; nie ist es dem Weisen und Patrioten vergoͤnt gewesen, seine Stimme gegen oͤffentliche Misbraͤuche, gegen schaͤdliche Vorurtheile, ja sogar gegen die Eingriffe der maͤchtigsten Despoten mitten mitten in ihrem eigenen Lande, freier, lauter und nachdruͤklicher zu erheben; nie hat die Frei- heit der Presse, und das damit verbundene Recht, an die ganze jeztlebende Menschheit und an die Nachwelt zu appelliren, die Gewaltigen der Erde in der Anmaßung einer unbefugten Macht, im Ganzen genommen, behutsamer und vorsichtiger gemacht; nie ist der menschliche Geist auf dem Wege der Erfahrung, der Beobachtung und des auf beide gegruͤndeten Raisonnements in der Er- findung, Befestigung und Anwendung gemein- nuͤziger Wahrheiten und Kuͤnste weiter gekom- men; nie hat man der eitlen und pedantischen Schulgelehrsamkeit ihr erschlichenes buntschaͤkkiges und steifes Ehrenkleid, zu sichtbarer Befoͤrderung einer wahren Erleuchtung des Volks, dreister abgerissen; nie hat der Pruͤfungs- und Unter- suchungsgeist so weit um sich gegriffen, nie die Vernunft in dem Kampfe mit Aberglauben, Schwaͤrmerei und Fanatismus so viel Land ge- nommen; nie sind Philosophie, Mathematik und alle andere Wissenschaften aͤmsiger und mit besse- rem Erfolge auf das Leben und auf die Vermeh- rung rung der oͤffentlichen Gluͤkseeligkeit angewandt worden; nie hat man die Theologie von scholasti- schem Unrath, nie die Religion von der Spreu menschlicher Zusaͤze kuͤhner und sorgfaͤltiger ge- sichtet, und beide den ewigen Wahrheiten der Ver- nunft und den sitlichen Beduͤrfnissen der Men- schen fleissiger und aufmerksamer anzupassen ge- sucht; nie ist man an die Erziehung der Jugend mit so viel Kentniß der menschlichen Sele, mit so viel Ruͤksicht auf die dermalige Lage der Mensch- heit, mit so viel Aufopferung an eigener Gemaͤch- lichkeit, mit so viel Trozbieten gegen verjaͤhrte Mißbraͤuche, mit so viel eigener Besreiung von herschenden Vorurtheilen und mit so viel aͤusserlicher Freiheit gegangen, als jezt; nie sind die Kraͤfte und Faͤhigkeiten des menschlichen Geistes in einem solchen Grade und von so vielen Seiten zugleich geuͤbt worden; mit einem Worte: nie und nirgends ist man der wahren Bestimmung der Menschen — der gleichzeitigen und proporzionierten Ausbildung, Staͤrkung und Veredelung aller unserer geistigen und koͤrperlichen Naturkraͤfte — im Ganzen ge- nommen naͤher gekommen, als grade jezt, und grade hier in unserm deutschen Vaterlande. Habe Habe Dank, du alguͤtige Vorsehung, daß du meine Tage in diese Morgenroͤthe einer groͤssern oͤffentlichen Gluͤckseeligkeit der Menschen fallen ließest! Dank, Dank, daß das Leben meines Sohns in dieser Morgenroͤthe began, und nun — o der freudigen Hofnung! — dem hellen Tageslichte entgegen reift! Nunmehr, mein Sohn, wirst du im Stande sein, die Gruͤnde derjenigen Klugheitsregel einzu- sehen, die ich dir jezt bekant machen wil, und um derentwillen ich jene Beobachtungen voraus- schikken mußte. Ich werde nun nicht noͤthig haben, dich auf diese Gruͤnde jedesmahl insbeson- dere zuruͤkzufuͤhren, weil sie sich dir von selbst darbieten werden. Folge mir denn ferner mit deiner ganzen Aufmerksamkeit, und schreibe dir jeden guten Rath, den ich dir jezt aus dem Vor- rathe meiner Erfahrungen mittheilen wil, mit unausloͤschlichen Buchstaben ins Gedaͤchtniß ein. Zur Sache! Bei deinem Eintrit in die große mensch- liche Geselschaft huͤte dich, mein Kleon , mehr von von den Menschen zu erwarten, als mit ihrer Gemaͤchlichkeit, mit ihrem Vergnuͤ- gen und mit ihrem eigenen Vortheile be- stehen kan . Um Gottes willen ertraͤume dir keine Schaͤferwelt, keine Idillenmenschen mit zuvorkommender Engelsguͤte! Du wuͤrdest das Urbild dieses Traumgesichtes nirgends finden; wuͤrdest bald mit Schrekken daraus erwachen, und je hoͤher deine Erwartungen gespant gewesen waͤren, desto schmerzhafter wuͤrde dir die Ent- dekkung deines Irthums sein. Stelle dir vielmehr vor, du waͤrest ein Wan- derer, der in eine Herberge vol singender, tan- zender und schmausender Gaͤste kaͤme. Je nach- dem deine Miene, dein Anzug, und die Art, wie du dich einfuͤhrst, den guten Geselschafter verra- then, wird man mit mehr oder weniger Hoͤflich- keitserweisungen dir entgegen kommen. Der eine wird dir eine Priese, der andere ein Glas bieten, eine dritte dich zum Tanz einladen, ein vierter vielleicht, dem der Kopf eben nicht recht steht, mit dir zanken wollen. Du wuͤrdest auf gleiche Weise Unrecht haben, wenn du den Erstern wahre bleibende bleibende Freundschaft, dem Leztern uͤberdachte Feindschaft gegen dich zutrauen woltest. Morgen werden jene dich nicht mehr kennen, dieser freund- lich gruͤßend bei dir voruͤbergehn. Diese Herberge ist die große Welt; jene sin- genden, tanzenden und schmausenden Gaͤste sind unsere feinen Herren und Damen, die da groͤß- tentheils keinen hoͤhern Endzwek ihres Daseins kennen, als zu amuͤsiren, und amuͤsirt zu werden. Finden diese nun dich zu ihrem Zwekke brauchbar, so bist du, so lange diese Brauchbarkeit waͤhrt, ihr Man; wonicht so kehren sie dir den Ruͤkken zu, und ihr seid geschiedene Leute. Du aber, sei nuͤchtern unter den Trun- kenen, aufmerksam unter den Zerstreuten, beobachtend unter den Leichtsinnigen, da- mit du die eigene Gemuͤthsbeschaffenheit, die herschenden Leidenschaften, Schwach- heiten und Tugenden deiner Leute so fruͤh und so genau als moͤglich kennen lernest . Freilich laͤßt ein Herz, das in der Verstellungskunst geuͤbt ist, sich nicht gleich beim ersten Blik er- K tappen, tappen, am wenigsten, wenn es merkt, daß der Spaͤher sich in Positur stelt, um es durchzuschauen: aber laß dich dadurch nicht abschrekken. Gegen eine fortgesezte Aufmerksamkeit auf Blikke, Mie- nen, Gebehrden, Gang, Stellung, Kleidung, Stimme, Reden und Handlungen, vornehmlich aber gegen eine sorgfaͤltige Vergleichung aller dieser Karakteraͤusserungen unter einander, und zwar zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Um- staͤnden, haͤlt auch die kuͤnstlichste Maske nicht lange Stich; sie faͤlt, ehe man es sich versieht, und die entlarvte Sele steht in ihrer Bloͤße. Denn gluͤklicher Weise hat die Natur dafuͤr gesorgt, daß jeder herschende Karakterzug in alle die aͤusserlichen Dinge, die ich jezt nante, kentliche Spuren seines Daseins eindruͤkken muß, welche zwar uͤberklei- stert, aber nie ganz vertilgt werden koͤnnen. Uebe dich fruͤhzeitig, diese Naturschrift lesen zu lernen; aber sei nicht eher sicher, den rechten Sin heraus- gebracht zu haben, bis dir der Beobachtete selbst die Unterscheidungszeichen — seine Handlungen mein’ ich — hinzugesezt hat. Ein einziges Komma mehr oder weniger, hier oder dorthin gesezt, macht die die phisiognomische wie die Buͤcherschrift nicht selten doppelsinnig. Achte aber nicht sowohl auf die großen und oͤffentlichen Handlungen der Menschen, als vielmehr auf die kleinen, auf die haͤus- lichen, auf diejenigen, welche man gleich- sam im Vorbeigehen verrichtet, ohne eine uͤberdachte Absicht dabei zu haben . Diese, nicht jene, sind die aͤchten Probiersteine des Karak- ters; denn bei jenen zeigt man sich, wie man sich zeigen wil, bei diesen wie man ist; bei jenen ist die Sele in Galla, bei diesen in Schlafrok und Pantoffeln. Begleite also den glaͤnzenden Schau- spieler, wenn du den Menschen in ihm kennen lernen wilst, bis hinter die Kulissen; habe acht, wie er hier seine Mienen, seine Blikke, seine Sprache, sein ganzes Wesen veraͤndert; siehe ihm ins Gesicht, wenn er die Schminke abgewa- schen, die gemahlten Augbraunen ausgerieben, die schimmernde Theaterkleidung ausgezogen hat; laß kein Wort von dem, was er nunmehr als Mensch, nicht mehr als Schauspieler, zu seinen gleichfals abgetretenen Mitspielern, zu den thea- K 2 tralischen tralischen Handlangern, zum Lichtpuzer, spricht, auf die Erde fallen; hoͤre ihn hier uͤber seine Rolle, uͤber das Parterre, und uͤber die Logen Glossen machen, und komt von ohngefaͤhr sein Hund oder seine Kaze dazu, so acht’ es nicht zu geringe, mit aller Aufmerksamkeit, deren du faͤhig bist, auch sein Benehmen gegen Hund und Kaze zu beobachten. So oder niemahls wirst du deinen Zwek erreichen, den Man vom Schauspieler ge- hoͤrig unterscheiden zu lernen. Aber vielleicht merkt er deine Absicht; viel- leicht ist ihm daran gelegen, auch noch hinter der Buͤhne fuͤr eben den von dir angesehen zu wer- den, der er auf derselben war; und in diesem Fal wird er seiner Theaterwuͤrde sich noch nicht entaͤus- sern, sondern vielmehr fortfahren, auch hinter den Schirmwaͤnden, auch in der Kleiderkammer, dir seine hohe pathetische Rolle vorzuspielen; und wie denn da? Vernim fuͤr diesen Fal folgende vier Regeln, deren Beobachtung dich selten im Stiche lassen wird. Die erste: erfinde oder veranstalte irgend ein Geschaͤft, in welches sein und dein In- teresse teresse auf gleiche Weise verflochten ist, und welches also gemeinschaftlich betrieben sein wil; berathschlage dich mit ihm uͤber die Art, wie ihr es betreiben wolt; bringe verschiedene Mittel zur Erreichung eurer Absicht, wovon das eine edler, als das andere ist, wovon das eine dieser, das an- dere jener Leidenschaft vor den Kopf stoͤßt, in Vorschlag; und siehe dan zu, wohin seine Sele sich neigt, und bei welchem sie zuruͤkfaͤhrt . Dis wird dir auf einmahl den Schluͤssel zu seinem Karakter geben. Denn jezt, da eure beiderseitigen Vortheile in einander ge- schlungen sind, und es nun darauf ankomt, ge- meinschaftliche Sache zu machen, wird er auf einen Augenblik vergessen, daß ihr zwei verschie- dene Personen seid, und in diesem kritischen Au- genblikke wird er reden und handeln, als wenn er allein waͤre. Das ist aber der Augenblik, in welchem man Augen und Ohren brauchen muß, seinen Man schnel durchzusehen, und durchzuhoͤ- ren: denn eine Minute darnach wird seine Sele vielleicht schon wieder Schildwache stehen, und die K 3 Thuͤr Thuͤr seines Herzens auf lange Zeit von neuem verschlossen sein. Die zweite: harre auf Gelegenheit, einen solchen Menschen in irgend einer heftigen Leidenschaft zu sehen . Feuer und Kaͤlte, Sturm und Ruhe, Leidenschaft und Verstellung koͤnnen nicht wohl beisammen sein; und steht ein Haus in Flammen, so springt auch der heraus, der am meisten Ursache hatte, sich darin ver- borgen zu halten. So die verstekte Sele, wenn ihr Wohnhaus, der Koͤrper, in leidenschaftlichem Brande steht! Sie springt unangekleidet, unge- schminkt und unverlarvt hervor, und du siehst sie, wie sie ist, nicht wie sie sonst in erborgten Prunk- gesinnungen sich oͤffentlich zu zeigen pflegte. Das ist abermahls ein Augenblik, den ungenuzt der ver- staͤndige Beobachter nicht verfliegen laͤßt. Die dritte: wilst du die wahren Gesin- nungen eines solchen Menschen gegen dich und die Art, wie er abwesend uͤber dich zu urtheilen pflege, mit großer Zuverlaͤssigkeit erfahren, gib acht, wie er es mit andern treibt, die in eben dem Verhaͤltniß mit ihm stehen, stehen, wie du, und denen er, so lange sie ge- genwaͤrtig sind, eben so viel Achtung, Freund- schaft und Vertrauen, als dir, erweiset . Sind diese fruͤher, als du, aus seiner Geselschaft gegangen, (und ich rathe dir, es geflissentlich darauf anzulegen, daß dieses geschehen mag) und erkenst du nun aus seinem Hohnlaͤcheln, aus seinem Achselzukken, aus seinem beissenden Urtheil uͤber sie, wie alle die vorhergehenden Aeußerungen einer herzlichen Zuneigung und einer uͤberschwenglichen Hochach- tung gemeint waren: so weißt du zugleich, wenn du dich nicht selber taͤuschen wilst, was du von seiner angeblichen Achtung und Ergebenheit auch gegen dich zu halten habest. Es ist unglaublich, wie weit die Unvorsichtigkeit der feinsten Weltleute in diesem Stuͤk zu gehen pflegt. Sie lassen ge- meiniglich ohne Bedenken eine Maske nach der andern fallen, so wie diejenigen abtreten, um derentwillen sie dieselben vorgestekt hatten, nur diejenige nicht, welche auf uns, die wir noch zu- gegen sind, gemuͤnzet war. Die armseeligen Gaukler! Ob sie uns etwa gar kein Vermoͤgen, von anderer Schiksal auf das unsrige zu schließen, K 4 oder oder einen so hohen Grad von eitler Selbstgefaͤl- ligkeit zutrauen, daß wir uns allein fuͤr schußfest halten solten, indes die Pfeile der Falschheit und der Afterrede den guten Leumund aller unserer Nebenmaͤnner, ohne Ausnahme und ohne Scho- nung, links und rechts vor unsern Augen zu Boden werfen? Endlich die vierte: ist dis alles noch nicht hinreichend gewesen, uͤber die wahren Gesinnungen eines solchen Menschen gegen dich das noͤthige Licht zu verbreiten, so warte auf irgend eine erhebliche Veraͤnderung in deinen oder sei- nen eigenen Gluͤksumstaͤnden, wodurch das bisherige Verhaͤltniß zwischen seinem und deinem Stande, zwischen seinem und deinem Vermoͤgen, zwischen seinem und deinem Einflusse auf andere, auf eine merk- liche Weise verruͤkt wird . Findest du dan, daß seine Achtung und Freundschaft gegen dich, gleich Akzien steigen oder fallen, je nachdem der Thermometer des Gluͤks hoͤher oder niedriger steht: so weißt du ja, woran du bist, und kanst nicht weiter hintergangen werden. Wie viel an- gebliche gebliche Freundschaften sah ich, waͤhrend meines Lebens, an diesem Probierstein zerschellen! Und die als Ruinen nicht mehr zu verkennende Bestand- theile derselben? — Waren Eigennuz! Aber wozu, mein Kleon, ermahne ich dich zu einer so aͤmsigen Erforschung der wahren Ge- sinnungen, Leidenschaften und Schwachheiten deiner Nebenmenschen? Etwa um Betrug durch Betrug, List durch List zu besiegen? Oder damit du deiner eigenen groͤßern Rechtschaffenheit dich erheben, und auf deine schwaͤchern Mitmen- schen mit stolzer Verachtung herabsehen moͤgest? Das wolle Gott nicht! Und wozu denn also? Dazu, daß du von keinem mehr erwartest, als er wahrscheinlicher Weise leisten wird; dazu, daß du vom Scheine dich nicht blenden lassest, den Wolf nicht fuͤr ein Lam, den Geier nicht fuͤr eine Taube haltest; dazu also, daß du vorsichtig wan- deln moͤgest unter den Menschen, und deine Wohlfahrt nicht in Haͤnde legest, die sich ein Ver- gnuͤgen daraus machen koͤnten, sie zu zerknikken. K 5 Damit Damit aber deine Menschenkentniß auch nicht einseitig werden moͤge: so gewoͤhne dich, mein Sohn, den Tugenden deiner Mitmenschen noch viel eifriger, als ihren Thorheiten und Lastern nachzuspuͤren . Freue dich jeder aͤchten Handlung der Gerechtigkeit, der Billigkeit, der Großmuth, der Menschlichkeit, die du im Ver- borgenen entdekst, als eines Zuwachses an Fa- milienglanz, als einer Vergroͤßerung der Total- summe menschlicher Gluͤkseeligkeit, wovon auch dir, wie jedem andern einzelnen Gliede der Ge- selschaft, ein verhaͤltnißmaͤßiger Antheil unaus- bleiblich zufließen wird. Denn alle Handlungen und Schiksale der Menschen, auch derer, welche der Zeit nach durch Jahrtausende, dem Raume nach durch Erdguͤrtel getrent sind, haͤngen, wie die Tropfen des Weltmeers, wie die Glieder einer einzigen unermeßlichen Kette, unzertrennlich zusammen, und die Folge einer jeglichen guten oder boͤsen That, welche auf der Erde geschieht, laͤuft, wie elektrisches Feuer, durch die ganze Kette vom ersten bis zum lezten Gliede derselben. Bemuͤhe Bemuͤhe dich aber nicht blos, gute, rechtschaf- fene und edle Thaten aus ihrer Dunkelheit her- vorzuziehn; sondern mache es dir auch zu einem angelegentlichen Geschaͤft, an jedem verwahr- loseten menschlichen Karakter die ihm noch uͤbrige gute Seite, bei jeder schlechten That, die dir zu Ohren komt, diejenigen Umstaͤnde aufzusuchen, welche dem Fehlenden zu ei- niger Entschuldigung gereichen koͤnnen . Denn keines Menschen Sele ist so durchaus ver- derbt, daß von ihrer urspruͤnglich reinen und guten Natur nicht wenigstens noch einige Ruinen zu entdekken waͤren; und keine Handlung ist so schlecht, daß man in der ganzen Lage des Han- delnden nicht noch einen oder den andern ent- schuldigenden Umstand finden solte, der unsern Tadel mildern muß. Bestrebe dich, jene Nui- nen auszugraben, dieser entschuldigenden Umstaͤnde so viele zu entdekken, als es dir nur immer moͤg- lich sein wird: und du wirst dir einen Schaz von aͤchter Menschenkentniß und von guten Ge- sinnungen erwerben, den du gegen alle Alterthuͤ- mer Italiens nicht wirst vertauschen wollen. Ich Ich kehre zuruͤk zu deinem ersten Eintritte in die Geselschaft, und zu den Klugheitsregeln, die dich dabei leiten muͤssen. Der erste Eindruk, den man auf die Ge- muͤther der Menschen macht, entscheidet insge- mein, wo nicht auf immer, doch wenigstens auf lange Zeit, ihre Meinung uͤber uns. Man wil seinen Verstand nicht zweimahl in Unkosten sezen, um uͤber uns zu urtheilen, und laͤßt es daher, so lange man immer kan, bei der ersten Sentenz, die er fuͤr oder wider uns gefaͤlt hat, sein Bewen- den haben. Wehe uns, wenn diese zu unserm Nachtheil ausgefallen ist! Um dis zu vermeiden, nim in dieser kritischen Stunde deine ganze Besonnenheit zusammen, und brauche jegliches Mittel, dich gefaͤllig zu machen, welches mit den Grundsaͤzen der wahren Ehre und der Rechtschaffenheit bestehen kan. Und wel- ches sind diese Mittel? Etwa dieses, deine Ta- lente und Volkommenheiten geflissentlich zu ent- falten, um den Zuschauern gleich anfangs einen hohen Begrif von deinen Verdiensten einzufloͤßen? Um Um alles in der Welt nicht, mein Sohn! Je- mehr dir dis gelaͤnge, desto weniger wuͤrde man es dir verzeihen, daß du Beifal und Achtung, die man nur als ein freiwilliges Geschenk gern zu geben pflegt, gleich einem schuldigen Tribut, erzwungen habest. Indes der Verstand deines Auditoriums nicht umhin koͤnte, dir Gerechtig- keit wiederfahren zu lassen, wuͤrde die gekraͤnkte Eitelkeit eines jeden sich maͤchtig gegen dich em- poͤren, und nicht eher ruhen noch rasten koͤnnen, bis das Falkenauge der Verkleinerungssucht an deinen Verdiensten irgend einen Auswuchs gewahr wuͤrde, bei dem man sie ergreifen und von ihrer Hoͤhe wieder herabziehen koͤnte. Es thut so wohl, sich zum Beschuͤzer bescheidener und verkan- ter Vorzuͤge aufzuwerfen! Es thut so weh, sich durch auffallende Vorzuͤge, die keines Beschuͤzers beduͤrfen, gedemuͤthiget zu sehen! Jemehr du also solcher Vorzuͤge in Beziehung auf deine je- desmalige Geselschaft in dir fuͤhlen wirst, desto sorgfaͤltiger suche sie zu verbergen, damit ihr Dasein nur geahndet, niemand aber gezwungen werde, sie wider seinen Willen anzuerkennen. Wahre Wahre Verdienste mit wahrer Beschei- denheit zu verbinden — siehe da, mein Sohn, den kurzen Inbegrif der ganzen Kunst, sich ge- faͤllig und beliebt zu machen! Das eine dieser beiden Mittel ohne das andere ist nichts; verei- nigt sind sie alles. Verdienste ohne Bescheiden- heit koͤnnen kalte Bewunderung, Bescheidenheit ohne Verdienste kan mitleidige Guͤte, aber wohl- wollende Achtung koͤnnen nur beide in Verbin- dung wirken. Die erste Seite also, von der du dich als Neuling ankuͤndigen wirst, sei Beschei- denheit; Bescheidenheit im Anzuge, im Gange, in der Stellung, in Mienen, Blik- ken, Worten und Handlungen, vornemlich aber — und das ist die Hauptsache — in dem Innersten deines Herzens . Denn ist sie da, so wird sie sich von selbst und ohne Zwang auch uͤber dein ganzes Aeusserliches ergießen; wo nicht, so werden Eitelkeit und Duͤnkel hinter allen dei- nen Grimassen von Demuth wider deinen Willen hervorgukken, und dem Menschenkenner nicht verborgen bleiben. Sie wird aber zuverlaͤssig da sein, sein, und unaustilgbarer Grundstrich deines Ka- rakters werden, wenn der vernuͤnftige und red- liche Vorsaz dich belebt, kein glaͤnzendes, sondern ein recht gemeinnuͤziges Leben fuͤhren zu wollen; wenn du bei allen deinen Bestrebungen, sie moͤgen sein von welcher Art sie wollen, deine Augen auf wahrhaftig große und wuͤrdige Zwekke heftest, wenn du dich fruͤhzeitig gewoͤhnst, oft und mit anhaltender Aufmerksamkeit in deinen eigenen Busen zu greifen, deinen eigenen Unvol- kommenheiten und Fehlern recht ins Auge zu sehen, und den jedesmaligen weiten Abstand zwi- schen dem, was du bist, und dem, was du sein soltest, gehoͤrig zu Herzen zu nehmen; und end- lich, wenn du an jedem Orte deines Aufenthalts den vertrauten Umgang mit solchen Maͤnnern suchst, die an Verdiensten, besonders an solchen, die du selbst zu haben glaubst, dir merklich uͤber- legen sind. Ein solches taͤgliches Messen — oder richtiger, ein solches Hinaussehen zu der Hoͤhe des Verdienstes, welches andre in unserm Fache schon errungen haben, hat fuͤr edle junge Selen, welche Muth und Lust zur Nacheiferung oder oder wohl gar zum Uebertreffen in sich fuͤhlen, nichts Abschrekkendes oder Niederschlagendes; aber es bewahrt sie vor dem Schwindel der Selbstvermessenheit, welcher bei einem oͤftern Zuruͤksehen auf diejenigen, welche noch unter ihnen klimmen, nur gar zu leicht sich ihrer zu bemaͤch- tigen pflegt. Allein, indem ich dir die liebenswuͤrdigste Eigenschaft eines jungen Menschen, die Beschei- denheit, empfehle, muß ich dich zugleich vor demjenigen Uebermaaße derselben warnen, welches in eine einfaͤltige Bloͤdigkeit, in eine stupide Menschenfurcht ausartet , und die Folge einer sklavischen Erziehung oder auch eines gar zu eingezogenen Lebens in der Jugend ist. Ein solches furchtsames, aͤngstliches und beschaͤm- tes Wesen schadet uns in der Meinung der Menschen eben so sehr, als Eigenduͤnkel und Unverschaͤmtheit, nur auf eine andere Weise. Jenes macht, daß man uns gering schaͤzt, weil man uns fuͤr einfaͤltig haͤlt; diese, daß man uns nicht ausstehen kan; beide, daß man uns nicht wohl wil, nicht geneigt ist, uns zu dienen. Suche Suche du die rechte Mittelstraße zwischen beiden zu treffen: so wirst du Liebe und Hochachtung zugleich erwerben. Und damit du dieses koͤnnest, so bestrebe dich, durch vertrauten Umgang mit wohl- erzogenen Menschen, auch wohl zuweilen durch Besuchung solcher Oerter, wo die sogenante schoͤne Welt zu gemeinschaftlichen Vergnuͤgungen sich versammelt, diejenige aͤusserliche Artigkeit und jenes ungezwun- gene, edle und gefaͤllige Wesen anzuneh- men, welche den Man von guter Erziehung und von Welt bezeichnen . Wahre Artigkeit und eine wirklich feine Lebensart sind, wie ein Man versichert, der sie selbst in hohem Grade besaß, Chesterfield . An einem andern Orte sagt er: Tugend und Gelehrsamkeit haben, gleich dem Golde, ihren innern Werth. Werden sie aber nicht abgepuzt, so verlieren sie gewiß ein Großes von ihrem Glanze, und selbst abgeschliffenes Erz wird mehr Liebhaber fin- den, als rohes Gold. ein Kleid, welches eben so viele Thor- heiten, L heiten, als die Liebe Suͤnden, dekt. Aber sie sind noch mehr; sie sind auch zugleich ein Schild, der uns in den meisten Faͤllen gegen die muth- willigen Beleidigungen und Grobheiten der Un- gesitteten schuͤzt; Gesittetes Wesen fuͤhrt eine Wuͤrde mit sich, die auch der Muthwilligste ehrt. Ungesit- tetes ladet auch die Schuͤchternsten ein, und berechtiget sie, sich mausig zu machen. Chesterfield . sie sind auch eine an allen Orten und unter allen kultivierten Nazionen ver- staͤndliche Addresse an Unbekante, die in ihrer Gunst uns gemeiniglich weiter fuͤhrt, als alle ge- schriebene Empfehlungsbriefe zu thun vermoͤgen. — Nur daß du die albernen Grimassen und das ganze nachaͤffende Wesen unserer deutschfranzoͤsi- schen Gekken, welche Weltton affektiren, ohne den Zeug dazu zu haben, nicht fuͤr Artigkeit und feine Lebensart haltest! Nur daß du bei der Bemuͤhung, den Zwang und die Unbiegsamkeit eines steifen Pedanten zu vermeiden, nicht in den entgegengesezten Fehler eines windigen Wesens und der franzoͤsirenden Unverschaͤmtheit fallest! Nur Nur daß du die Feinheit deiner Manieren und Sitten nie so weit treibest, daß du daruͤber ver- gessest, daß du ein Man und ein Deutscher seist! Aber vor allen Dingen, mein Sohn, suche dir ein recht großes Maaß von Heiterkeit und guter Laune zu erwerben, damit du nicht blos bei deinem Eintrit in die Welt, sondern auch nachher, bei jeder geselligen Zusammenkunft als ein freundlicher, leicht- zubefriedigender und aufgewekter Gesel- schafter erscheinest . Gute Laune ist uͤberal wilkommen, boͤse nirgends; jene oͤfnet uns die Herzen der Menschen, daß wir Eingang bei ihnen finden, diese schließt sie vor uns zu; jene macht, daß man unsere Fehler, diese, daß man unsere Tugenden uͤbersieht; jene ist das sicherste Mittel, Misverstaͤndnissen und Feindschasten vor- zubeugen, oder, wenn sie einmahl entstanden sind, sie geschwind wieder zu vertilgen, diese ein im- mer offenliegender Zunder, welcher bei den unbe- deutendesten Kleinigkeiten Feuer faͤngt und Funken spruͤhet, bis die Herzen aller gegen uns und L 2 das das unsrige gegen alle in lichten Flammen stehn. O mein Sohn, wie ruhig wolt’ ich dich mit- ten in das Gedraͤnge der Menschen eintreten sehen, koͤnt’ ich versichert sein, daß du in jede kuͤnftige Lage deines Lebens ein leichtes froͤhliches Herz und eine nie versiegende Quelle guter Laune bringen wuͤrdest! Wie sicher wolt’ ich wegen der Auf- nahme, die du uͤberal finden wuͤrdest, wie beru- higet uͤber deine ganze kuͤnftige Wohlfahrt sein! Freilich ist diese heitere und froͤhliche Ge- muͤthsverfassung eine Gottesgabe, die kostbarste und wuͤnschenswuͤrdigste unter allen, die einem Menschen hienieden zu Theil werden koͤnnen: aber muͤssen wir, weil sie das ist, die Haͤnde in den Schooß legen, und unthaͤtig erwarten, daß sie ohne alles unser Zuthun und gleichsam im Schlaf uns werde verliehen werden? Sind Ge- sundheit, Talente und Gluͤksguͤter nicht gleichfals Ausfluͤsse der goͤtlichen Milde: aber wer sagt, daß unser Bestreben darnach und unsere Bemuͤhung, sie zu erhalten, und zu vermehren, um deswillen uͤberfluͤssig waͤren? Die Vorsehung theilt ihre Gaben Gaben nicht durchs Gluͤksrad aus; sie wil, daß wir uns darum bewerben sollen, weil sie weiß, daß zugeworfene Guͤter uns nicht frommen koͤn- nen, weder im Leiblichen, noch im Geistlichen. Wilst du aber wissen, wie man, besonders in deinem Alter (denn weiter hin ists zu spaͤt!) es anzufangen habe, um unsre ganze Art zu denken und zu empflnden , in das rosenfarbene Gewand einer guten und froͤhlichen Laune zu kleiden? Hoͤre einen Rath, den du zuverlaͤßig bewaͤhrt finden wirst: Sorge, daß du durch Maͤßigkeit, durch eine natuͤrliche Lebensart, durch Vermei- dung heftiger Leidenschaften, und durch koͤrperliche Geschaͤftigkeit deine Gesundheit erhaltest; wache unablaͤßig uͤber dein Herz und uͤber dein Gewissen, daß kein Laster sie beflekke, keine schaͤndliche Begierde die zarten Wurzeln der Selbstzufriedenheit benage; rotte alle eitle und ehrsuͤchtige Ab- sichten mit Stumpf und Stiele bei dir aus, und pflanze an ihre Stelle das edlere Ge- waͤchs eines eifrigen und thaͤtigen Vor- L 3 sazes, sazes, Zufriedenheit und Freude fuͤr dich und andere rund um dich her verbreiten zu wol- len; huͤte dich daneben vor uͤbertriebenen Anstrengungen des Geistes, und laß auf jegliche Arbeit eine verhaͤltnißmaͤßige Ruhe, auf jegliche Ruhe eine verhaͤltnißmaͤßige Leibesbewegung folgen; endlich, mein Sohn, widerstehe mit aller Kraft, welche dir beiwohnt, den ersten Versuchen, die der Daͤmon der Mißmuͤthigkeit und der boͤsen Laune macht, sich deines Herzens zu bemaͤchtigen, fest uͤberzeugt, daß auch von ihm gelte, was irgendwo geschrieben steht: “laß den boͤsen Geist dich nur erst bei einem Haar ergreifen, und du bist sein auf ewig.„ Doch auch die heiterste Sele hat ihre Stun- den der Verfinsterung, und es wuͤrde umsonst sein, wenn ich dich ermahnte, deren keine zu ha- ben. Es gibt der Stuͤrme, welche den reinen Bach unserer Gedanken und Empfindungen truͤ- ben koͤnnen, so viele im menschlichen Leben; und wer darf sagen, daß ihn deren keiner uͤberraschen werde? Besser also ists, ich empfehle dir auf diesen diesen Fal die Regel: daß du, so oft der Un- muth deine Sele umwoͤlkt hat, wenn’s im- mer moͤglich ist, dich enthalten moͤgest, ir- gend einer Geselschaft beizuwohnen, die des Vergnuͤgens wegen zusammen gekom- men ist . Man wird dir eher verzeihen, wenn du zu einem Piknik koͤmst, ohne deine Schuͤssel besorgt zu haben, als wenn du in einer solchen Geselschaft erscheinst, ohne dein Kontingent an Wiz und guter Laune mitzubringen. Denn ein stumpfer mismuͤthiger und grisgrammender Ge- selschafter traͤgt nicht blos nichts zur Vergroͤße- rung des gemeinschaftlichen Vergnuͤgens bei, son- dern er vermindert auch dasselbe durch den un- fehlbaren Einfluß, den seine boͤse Laune auf andere hat. Und du wirst finden, daß die Menschen jede andere Beeintraͤchtigung viel geduldiger, als die Schmaͤhlerung ihres Vergnuͤgens, ertragen. Ich kehre immer von neuem zu deinem je- desmaligen ersten Eintrit in eine Geselschaft zuruͤk; denn ist dir diese erst gelungen, so hats mit allem uͤbrigen so leicht nicht Noth. Laß mich also fort- L 4 fahren, fahren, dir meinen besten Rath hieruͤber zu er- theilen. Beim Anfang einer neuen Bekantschaft an einem fremden Orte , dessen Verfassung, Menschen, Sitten und herschende Vorurtheile dir also noch nicht bekant sein koͤnnen, sei zuruͤk- haltend und beobachtend, doch ohne beides merken zu lassen . Urtheile selbst so wenig als moͤglich, aber suche das Gespraͤch so zu leiten, daß diejenigen, welche du kennen zu lernen wuͤn- schest, ihr eigenes Urtheil uͤber viele Dinge aͤus- sern moͤgen. Dadurch wirst du in kurzer Zeit ihre Denkungsart, ihre Grundsaͤze und den Grad ihrer Aufklaͤrung erfahren. Kanst du in einer solchen Geselschaft dir selbst Gelegenheit zu kur- zen, (merke wohl!) zu kurzen ergoͤzenden Erzaͤh- lungen verschaffen, und gelingt es dir, so zu erzaͤhlen, daß die Geselschaft wirklich dadurch ergoͤzt wird, so hast du sicher einen guͤnstigen Eindruk gemacht, und dir den Weg zum Wohl- wollen und zur Freundschaft nicht allein dieser, sondern auch zugleich vieler andern Menschen ge- bahnt. Denn nun wird das Urtheil: “du seist seist ein wuͤrdiger, ein allerliebster d. i. ein amuͤ- santer Man!„ von Haus zu Hause fliegen, und in jeder folgenden Geselschaft bedarf es nur noch der Haͤlfte des Aufwandes an Wiz und Laune, um dem guten Vorurtheile, welches man einmahl fuͤr dich gefaßt hat, das Siegel aufzu- druͤkken. Gib aber, so oft du andere reizest, stat deiner zu urtheilen, einem jeden, soviel du kanst, Gelegenheit von dem zu reden, worin er — sei’s wirklich, oder auch nur seiner Einbildung nach — ganz vorzuͤglich zu Hause ist, gesezt auch, daß du selbst ein voͤlliger Fremdling darin waͤrest . Die Gruͤnde dieses Raths? liegen am Tage. Denn erstlich wirst du vielleicht den Nuzen davon ha- ben, daß du von deinem Manne, indem er uͤber Dinge spricht, die innerhalb seiner Sphaͤre liegen, wirklich etwas lernen koͤnnest; und zweitens wirst du zuverlaͤssig ihn dir dadurch verbindlich machen. Denn in eben dem Maaße, in welchem du seiner Eitelkeit Gelegenheit gibst, Verstand und Kentnisse auszulegen, wird er von deinem L 5 eigenen eigenen Verstande und von deinen eigenen Kentnis- sen, die du ihm nicht ausgelegt hast, mit Bewunde- rung reden. Du wirst abermahls “ein wuͤrdiger, ein allerliebster Man!„ heissen; aber du wirst dich dan auch schon von selbst zu bescheiden wissen, daß der dismalige Sin dieses Ausrufs kein an- derer sei, als der: “er ist ein Mensch, der mir Gelegenheit gegeben hat, zu zeigen, daß ich selbst ein wuͤrdiger Man sei!„ Ueberhaupt, mein Sohn, kanst du auf die Eitelkeit der Menschen schwerlich zu viel rechnen, und du darfst daher die Regel: daß man bei jeder muͤndlichen und schriftlichen Unter- haltung es mehr darauf anlegen muͤsse, daß der Andere seinen eigenen Werth, als darauf, daß er den unsrigen fuͤhle , ohne Gefahr zu fehlen, fuͤr einen der algemeinsten Grundsaͤze der Kunst zu gefallen halten. Aber verkenne mich nicht so sehr, daß du besorgest, ich wolle, indem ich dir diesen Grundsaz empfehle, dich in der schaͤndlichen Kunst zu schmeicheln unter- weisen. Meine Sele hat gar keinen Begrif da- von, von, wie ein Mensch sich selbst so sehr herabwuͤr- digen koͤnne, vor irgend einem andern Menschen — und waͤr’ er auch ein Koͤnig! — als Schmeichler zu kriechen. Sie verabscheuet und verwuͤnscht die niedertraͤchtige Gefaͤlligkeit oder Falschheit, das Schwarze weiß, das Krumme grade zu nennen, und Irthum, Thorheit und Laster als Wahrheit, Weisheit und Tugend zu bewundern! Das wolle also Gott nicht, daß ich zu einer so schaͤndlichen Verstellung dich ermuntern solte. Aber was wil denn eigentlich, wirst du fra- gen, jener Grundsaz, der dem ersten Laute nach der Schmeichelei das Wort zu reden schien? Dieses, mein Sohn, daß du die Menschen neh- mest, wie sie sind, weil es doch nun einmahl nicht von dir abhaͤngt, aus ihnen zu machen, was sie sein solten; dieses also, daß du deine eigene Eitel- keit der Eitelkeit anderer zu deinem großen Vor- theile aufopfern lernest; daß du dich nie bemuͤhest, deine eigene Vorzuͤge ins Licht zu stellen, sondern vielmehr gern das Deinige dazu beitragest, daß andere die ihrigen auf die vortheilhafteste Weise an den Tag zu bringen Gelegenheit erhalten; daß du du in Geselschaft nie mit deiner eigenen Person, nie mit deinen eigenen Kentnissen und Verdiensten beschaͤftiget seist, um der Person, den Kentnissen und Verdiensten anderer Menschen eine desto groͤs- sere Aufmerksamkeit zu erweisen; dieses also end- lich, daß du, dafern keine besondere Pflicht dich dazu auffodert, dich nicht fuͤr berufen haltest, an- dere in der guten Meinung zu stoͤren, die sie von sich selbst, von ihren Einsichten und von allen ihren wirk- lichen oder eingebildeten Treflichkeiten, ohne dein Zuthun, nun einmahl gefaßt haben, und um deinet- willen wieder aufzugeben nicht gesonnen sind. Dem zufolge huͤte dich vor dem Geiste des Widerspruchs, und suche nie deine eigenen Meinungen und Behauptungen hartnaͤkkig durchzusezen, es sei denn, daß Pflicht und Gewissen dich dazu antreiben . Denn in diesem Falle muß uns, wenn wir recht- schaffene und brave Maͤnner sind, nichts so theuer sein, als die von uns erkante Wahrheit, und wir muͤssen den Muth haben, sie mit Aufopferung jeglichen Vortheils, selbst unserer Ehre, selbst un- sers sers Lebens, selbst unserer Freiheit, geltend zu machen. Alsdan muß das große Beispiel des Themistokles uns vor Augen stehen, der, wie du weißt, durch nichts, sogar nicht durch den aufgehobenen Stok des spartanischen Feldherrn, sich abschrekken ließ, dasjenige zu behaupten, wo- von er wußte, daß es seinem Vaterlande nuͤzlich sein wuͤrde. Schlag zu , sagt’ er, aber sprich, daß ich Recht habe ! Eben so kuͤhn und entschlossen rede und handle auch du, mein Sohn, so oft es darauf ankomt, etwas durchzusezen, was das gemeine Beste er- fodert, oder wozu Pflicht und Gewissen dich ein- mahl aufgerufen haben. In allen andern Faͤllen aber, welche nicht auf Thaten, sondern auf bloße Rechthaberei hinauslaufen, sei du jedesmahl der nachgebende Theil, und erlaube dir nie einen Widerspruch, welcher Unwillen und Erbitterung verursachen kan, gesezt, daß du deiner Sache auch noch so gewiß waͤrest. Denn jeder Widerspruch verursachet eine Stokkung in dem Ideenablaufe desjenigen, den er trift, und es ist der Natur der menschlichen Sele angemessen, daß sie jede Hem- mung mung ihrer Thaͤtigkeit mit Mißvergnuͤgen bemerkt. Dazu komt die Liebe zur Gemaͤchlichkeit, welche allen Menschen gleichfals so natuͤrlich ist, und die da macht, daß man ungern durch andrer Wider- spruch sich gezwungen sieht, eine Sache, uͤber die man schon entschieden hatte, noch einmahl und zwar von mehreren Seiten in Erwaͤgung zu ziehn. Dazu komt denn endlich auch die empfindliche Ei- telkeit der Menschen, welche jeden Widerspruch als einen verwegenen Zweifel betrachtet, den man der Richtigkeit ihres Verstandes und ihrer Einsich- ten entgegensezt. Wie solt’ es also nicht unan- genehm sein, sich widersprochen zu sehen, da so viel reizbare Seiten des menschlichen Herzens da- durch zugleich verlezt werden? So oft du nun aber in die Nothwendigkeit geraͤthst, jemanden von einem Vorsaze, von einem Urtheile, oder von einer Meinung ablenken zu muͤssen: so fange jedesmahl damit an, das Gute und Vernuͤnftige, was sich etwa darin denken laͤßt, zu entwikkeln und zu loben, und nur dan erst, wan die Eitelkeit des Andern den suͤßen Geruch dieses Opfers ein- eingesogen hat, laß almaͤhlich deine Ge- gengruͤnde, wiewohl noch immer in das bescheidene Gewand schuͤchterner Zweifel gehuͤlt, hervortreten . Dieser Weg zum Herzen ist freilich etwas um; aber oft sind Umwege, wie du weißt, sicherer, und fuͤhren in kuͤrzerer Zeit zum Ziele, als die gradere Straße. Ich habe einen sehr rechtschaffenen, sehr verstaͤndigen und sehr beliebten Man gekant, der niemandem grade zu widersprach, und doch kein Schmeichler, und doch ein unterhaltender Geselschafter war. Er leitete nemlich seinen Widerspruch jedesmahl mit folgenden oder aͤhnlichen Worten ein: “Sie schei- nen volkommen Recht zu haben; allein u. s. w.„ Ahme diesem Beispiele nach; so wirst du deine jedesmalige Absicht erreichen, und dein Wider- spruch wird unbeleidigend sein. Vor allen Dingen aber huͤte dich, solche Irthuͤmer oder Fehler des Urtheils aufzu- dekken und zu berichtigen, welche eine groͤs- sere Unwissenheit voraussezen, als der Feh- lende gern moͤgte an sich kommen lassen, oder welche ihrer Ungereimtheit wegen ins Laͤcher- Laͤcherliche fallen . Denn der wird nie dein Freund sein, welcher einmahl weiß, daß du irgend etwas Ungereimtes oder Laͤcherliches an ihm be- merkt habest; er wird voraussezen oder besorgen, daß du gegen andere daruͤber reden werdest, und um dein Urtheil uͤber ihn, wo moͤglich, zu ent- kraͤften, wird er jede Gelegenheit ergreifen, deinen guten Leumund zu schmaͤlern und in der Meinung anderer Menschen dich herabzusezen. Das Beste also ist, in Faͤllen dieser Art, und dafern der Fehlende seinen Irthum entweder selbst bemerkt, oder von andern aufmerksam darauf gemacht wird, daß man die Miene und Sprache eines Zerstreuten annehme, um ihm den suͤßen Wahn zu lassen, daß das Laͤcherliche davon uns gluͤklicher Weise entgangen sei; oder, dafern dis nicht wohl moͤg- lich waͤre, daß man, stat zu lachen, irgend einen entschuldigenden Umstand aufsuche, der das Un- gereimte des begangenen Fehlers, wo nicht ganz heben, doch etwas mildern, und den Beschaͤm- ten mit seinem eigenen Verstande wieder aus- soͤhnen kann. Und Und hier kan ich nicht umhin, dich noch ganz besonders vor dem Misbrauche dei- ner etwanigen Ueberlegenheit an Wiz und Verstande zu warnen . Man misbraucht aber beide, wenn man sie dazu anwendet, Schwaͤchere in Verlegenheit zu sezen, sie laͤcherlich oder wohl gar veraͤchtlich zu machen. Davor huͤte dich, mein Sohn, auf das allersorgfaͤltigste, fest uͤber- zeugt, daß Wiz, Scharfsin und Verstand, wenn sie nicht von bestaͤndiger Gutmuͤthigkeit begleitet werden, uns weder Liebe noch wahre Achtung er- werben koͤnnen. Sie sind ein Messer, welches uns gegeben ward, den Armen am Geist unser Brod zu schneiden, nicht ihnen damit ins Herz zu stoßen. Wehe dem unfreundlichen Besizer derselben, der sie dazu misbrauchen kan! Die Wollust edler Selen — sich geliebt zu sehen — wird ihm nie zu Theil werden. Und wuͤrden seine wizigen Einfaͤlle auch noch so laut belacht und beklatscht: so wird er doch nie mehr davon haben, als der Pavian, dessen haͤmische Affenstreiche auch wohl belacht werden, aber M bei bei dessen Annaͤherung doch jederman zuruͤk- weicht. — “Hast du Wiz, so bediene dich dessen, um zu gefallen, nicht aber um zu schaden! Du darfst wohl hervorschimmern, aber wie die Sonne in den gemaͤßigten Zonen, ohne zu versengen. Dort ist sie erwuͤnscht; unter der Linie fuͤrchtet man sich vor ihr.„ Chesterfield . Wie viel seeliger ists, durch Gutmuͤthigkeit, durch bescheidene und sanfte Aeusserungen unserer Geistesgaben, und durch ein verbindliches einla- dendes Wesen allen, die uns kennen lernen, den Wunsch nach einem naͤhern Umgange und nach einer groͤssern Vertraulichkeit mit uns einzufloͤs- sen. — Aber nicht alle, welche sich dan an uns drengen, sind dazu gemacht, unsere Freunde im engern Verstande zu sein; und waͤren sie es auch, so wuͤrde doch die Klugheit uns rathen, und eine nothwendige Zeitersparung uns gebieten, das Band der wahren Freundschaft nur um einige wenige auserwaͤhlte Selen zu schlingen, welche mit mit der unsrigen an Grundsaͤzen, Empfindungs- art und Ausbildung die meiste Uebereinstimmung haben. Und hier bin ich auf einen Flek gekom- men, der zu schluͤpfrig ist, als daß ich mich be- gnuͤgen koͤnte, dich nur im Vorbeigehn aufmerk- sam darauf gemacht zu haben. Die Wahl unserer Busenfreunde — siehe da, mein Sohn, die wichtigste und zugleich die mislichste Angelegenheit eines neuen Weltbuͤrgers, bei der mein auf Er- fahrung gegruͤndeter Rath dich nicht verlassen darf. Das erste, wovor ich dich hierbei zu warnen habe, ist der allen gutmuͤthigen jungen Selen so gewoͤhnliche Fehler der Uebereilung . Der un- erfahrne Juͤngling komt an einen fremden Ort ; Empfehlungsbriefe oder Zufal fuͤhren ihn zu Leu- ten, welche entweder aus Gewohnheit, oder aus eigennuͤzigen Absichten, ihm mit Hoͤflichkeiten ent- gegen kommen; diese hoͤflichen Leute versichern ihn ihrer unbegrenzten Hochachtung, ihrer herz- lichen Ergebenheit, und ihres innigen Verlangens, ihm auf eine oder die andere Weise nuͤzlich zu werden: und der junge Mensch, der das alles M 2 fuͤr fuͤr baare Muͤnze nimt, ist vor Freuden außer sich; glaubt unter Engel gerathen zu sein. Seine naͤchsten Briefe an abwesende Verwandte und Freunde sind vol von Ausrufungen uͤber alle die vortreflichen, edlen, herlichen Selen, mit denen sein gutes Geschik ihn in Verbindung gebracht hat; er kan das Uebermaaß seiner Gluͤkseeligkeit nicht fassen, und wenn ihm ja noch irgend etwas Misvergnuͤgen macht, so ist es dieses, daß von seiner ganzen Familie er der einzige war, den der Himmel in dieses milde Selenklima versezte, in welchem Freundschaft und Liebe, wie die Fruͤchte des goldenen Zeitalters, ohne alle Kultur so ganz von selbst hervorwachsen, und ihren reichen See- gen jedem Wanderer zur unentgeldlichen Labung bieten. Armer, betrogener Juͤngling! Wie wird dir zu Muthe sein, wenn nach einigen Monaten — vielleicht schon fruͤher, vielleicht auch spaͤter — die Bezauberung aufhoͤren und deine Sele aus der hohen idealischen Himmelsgegend, wie Ikarus , mit geschmolzenen Fluͤgeln herabsinken und in den abkuͤhlenden Ozean der Wirklichkeit fallen wird! — Um Um diese Katastrophe, die traurigste, welche einem jungen empfindsamen Gemuͤthe widerfahren kan, deinem Herzen zu ersparen, erinnere dich, so oft du merkst, daß deine Sele bei einer neuen Bekantschaft uͤber die gewoͤhnliche Atmosphaͤre der Menschheit hinaus wil, an den Zuruf des Daͤdalus : —— medio vt limite curras — — moneo; ne, si demissior ibis, Unda grauet pennas: si celsior, ignis adurat. Inter vtrumque vola! Das heißt: halte die Menschen, die du ken- nen lernst, bevor du sie aus Thatsachen beurtheilen kanst, weder fuͤr ausserordent- lich boͤse, noch fuͤr ausserordentlich gut, sondern, bis auf weiter, fuͤr das, was zwischen diesen beiden Endseiten in der Mitte liegt ; so wird dein vorlaͤufiges Urtheil in den meisten Faͤllen der Wahrheit zuverlaͤssig am naͤchsten gekommen sein. Noch einmahl also: uͤbereile dich nicht bei der Wahl deiner Freunde im engern Ver- stande ; suche vielmehr bei jeder neuen Bekant- M 3 schaft schaft eine solche Stellung zu nehmen, daß du, dafern es sein muß, wieder zuruͤktreten koͤnnest, ohne daß du irgend einen, aus Unvorsichtigkeit geschuͤrzten Knoten, auf eine gewaltsame und also schmerzhafte Weise wieder zu zerreissen noͤthig habest. Eine, mit Waͤrme angefangene Freund- schaft, zu einem kaͤltern Grade herabstimmen zu wollen, ist allemahl beleidigend: sei du daher nicht eher warm, bis du zuverlaͤssig weißt, daß du es immer werdest bleiben koͤnnen. Allein bei dieser algemeinen Regel darf ichs nicht bewenden lassen, wenn ich dich nicht der Gefahr aussezen wil, auch bei der genauesten Be- folgung derselben, dennoch oͤfters fehlzugreifen. Denn du wirst mit Leuten zusammentreffen, deren Person, Karakter und Sitten nicht blos anfangs, sondern auch noch bei fortdauernder Bekantschaft ungemein viel Einnehmendes und Anlokkendes an sich haben; ja deren Rechtschaffenheit und unei- gennuͤziges Wesen eine ziemliche Zeitlang sogar die Thatenprobe auszuhalten scheinen, und mit denen gleichwohl in genauere Freundschaft zu treten ganz und gar nicht rathsam sein wuͤrde. Diese muß ich ich dir also etwas umstaͤndlich beschreiben und, damit du sie desto besser uͤbersehen koͤnnest, wil ich sie in gewisse Klassen ordnen. Zuerst , mein Sohn, sei vor allen denen auf deiner Hut, an welchen du eine uͤber- triebene Freundlichkeit wahrnimst, und welche, ohne begreifliche Ursache, dir gleich bei der ersten Bekantschaft eine ungemeine Liebe beweisen. Shakespear sagt: “man kan laͤcheln, und immer laͤcheln, und doch ein Schurke sein;„ eine Bemerkung, welche aus der Fuͤlle einer richtigen Menschenkentniß ge- schoͤpft ist. Uebermaͤßige und also affektierte Freundlichkeit zeugt wenigstens allemahl entwe- der von einem sehr einfaͤltigen Verstande, oder von einem Herzen, das seine Ursachen hat, sich nicht zu zeigen, wie es ist; und bei einem solchen hat jeder gescheide Man seine Ursachen, sich in Acht zu nehmen. Ungemeine Liebe aber, die man ohne vorhergegangene Bekantschaft uns erweist, ist in den meisten Faͤllen Regen ohne Wolke, Sonnenschein um Mitternacht, moralische Ta- M 4 schen- schenspielerei, welche nur ein unerfahrner Knabe oder Einfaltspinsel fuͤr etwas Wirkliches halten kan. Diejenigen Faͤlle, da zwei gleichgestimte Selen sich gleich beim ersten Blik erkennen, und durch eine gegenseitige Simpathie un- widerstehlich zu einander hingezogen werden, sind eine so seltne Ausnahme, daß sie der Algemeinheit der Regel wenig Eintrag thun; und da, wo sie wirklich stat finden, weiß das Herz von selbst, wie es sich zu nehmen hat, und bedarf weiter keines Unterrichts. Es ist uͤberhaupt rathsam, gegen alles das, was sprungweise zu geschehen, oder auch uͤber die Grenzen der gewoͤhnlichen Natur hinauszuschwei- fen scheint, bis zu weiterer Aufklaͤrung, mis- trauisch zu sein. Nun ist es aber nicht in der Natur, daß einer ohne Unterlaß bei gleichguͤlti- gen oder gar verdruͤßlichen Dingen laͤchelt, den einzigen Fal einer großen Stupiditaͤt ausgenom- men; nicht in der Natur, wenigstens in der ge- woͤhnlichen nicht, daß man enthusiastisch von je- mandem eingenommen sei, mit dem man nur so eben erst in Bekantschaft geraͤth: die Klugheit erfodert erfodert daher in beiden Faͤllen, daß man sein Urtheil uͤber Leute, an denen man das Eine oder das Andere bemerkt, — wenigstens aufschiebe. Was insbesondere diejenigen Freundschaften be- trift, welche, ohne zureichende gegenseitige Be- kantschaft, mit schwaͤrmerischer Hize beginnen: so kan ich versichern, daß ich deren keine erlebt habe, die nicht eben so ploͤzlich sich wieder abge- kuͤhlt, sich nicht bald in Gleichguͤltigkeit oder wohl gar in die bitterste Feindschaft aufgeloͤst haͤtte. “Leute deines Alters haben insgemein eine unbehutsame Offenherzigkeit und Leichtglaͤubigkeit an sich, die sie zum leichten Raube und Spiel- werk der Listigen und Erfahrnen macht. Jeden Betruͤger, oder Thoren, der ihnen sagt, er sei ihr Freund, halten sie wirklich dafuͤr, und er- wiedern die Betheurung verstelter Freundschaft mit einem unbesonnenen, unumschraͤnkten Ver- trauen, allezeit zu ihrem Schaden, oft gar zu ihrem Verderben. — Huͤte dich vor diesen an- gebotenen Freundschaften! Nim sie zwar mit großer Hoͤflichkeit, aber auch mit großer Unglaͤu- bigkeit auf, und erwiedere sie blos mit Artigkei- M 5 ten, ten, nicht aber mit Vertrauen. Laß nicht deine Eitelkeit und Selbstliebe dir die Einbildung bei- bringen, daß die Leute auf den ersten Anblik oder bei geringer Bekantschaft deine Freunde wuͤrden! Wahre Freundschaft waͤchst langsamer, und komt niemahls fort, wenn sie nicht auf einen Vorrath bekanter gegenseitiger Verdienste gepfropft wird.„ Chesterfield. Die zweite hierhergehoͤrige Klasse von Men- schen, welche fuͤr den gefuͤhlvollen Juͤngling gleichfals ungemein viel Anziehendes haben, ohne daß sie zu einer wahren und dauerhaften Freund- schaft geschikt sind, ist die Klasse der Empfind- samen . So nent man eine Art ungluͤklicher und fuͤr die Welt unbrauchbarer Menschen, deren koͤrperliches und geistiges Empfindungsvermoͤgen durch eine weichliche Erziehung und durch Lesung faselnder Modebuͤcher, zum Schaden ihrer Ver- nunft und ihrer ganzen phisischen Natur, uͤber die Gebuͤhr verfeinert und reizbar geworden ist; welche daneben hoͤchst irrige Begriffe von unserer Bestim- Bestimmung hienieden, von der wahren Wuͤrde der menschlichen Natur, von unsern Pflichten und von dem, was gut und edel genant zu wer- den verdient, eingesogen haben; und welche end- lich, durch uͤberspante Hofnungen und Erwar- tungen ohn’ Unterlaß getaͤuscht, die Welt fuͤr ein Jammerthal halten, in der man nichts bessers thun koͤnne, als girren, seufzen, weinen und jammern. Leute dieser Art gehen in ihren Em- pfindungen, in ihrem Urtheile, in ihren Aus- druͤkken und Handlungen nie die Mittelstraße; alles was auf ihre empfindlichen Nerven einen Eindruk macht, ist ihnen entweder herlich, him- lisch, goͤtlich, oder uͤber allen Ausdruk abscheulich und entsezlich; selbst die Menschen, je nachdem sie mit ihren hohen uͤberirdischen Gefuͤhlen ent- weder simpathisiren oder antipatisiren, sind in ihren Augen entweder Engel oder Ungeheuer. Dabei sind sie in hohem Grade mitleidig gegen Bedrengte und Nothleidende, es sei Mensch oder Thier, Koͤnig oder Betler, Elephant oder Ungeziefer; nur Schade, daß ihr Mitgefuͤhl nicht selten unthaͤtig bleibt, weil das Uebermaaß ihrer ihrer gewaltigen Empfindungen ihnen oft die Kraft benimt, sich huͤlfreich zu beweisen! Nur Schade, daß gemeiniglich so wenig Uebereinstim- mung in ihren Empfindungen und Handlungen herscht, und daß z. E. eben die sanfte Sele, die bei dem Unfalle, der eine Muͤkke trift, ein schmerzhaftes Zukken durch alle ihre Nerven fuͤhlt, oft mit kaltem Blute ihren Gatten quaͤlen, ihr Hausgesinde tirannisiren, oder nothleidenden Handwerksleuten ihren verdienten Lohn vorent- halten kan! Indes sind viele ihrer Handlungen in der That so edel, ihr sanftes, Leiden und Guͤte verkuͤndigendes Wesen wirklich so ungemein einneh- mend, und ihre Sprache, auch uͤber die gemein- sten Gegenstaͤnde, so begeistert, so vol von hohen engelreinen Gesinnungen, daß jeder gutartige Mensch, besonders wenn er selbst noch jung, gefuͤhlvol und unerfahren ist, sich maͤchtig von ihnen angezogen fuͤhlt. “Allein der Schluß, sagt ein Schriftsteller von ausgebreiteter und tiefer Menschenkentniß, Wieland . den man oft von der Erhabenheit der Begriffe und Empfindungen einer einer Person, oder von der Fertigkeit, eine ge- wisse Sprache der Begeisterung zu reden, welche allen Dingen andere Nahmen gibt, ohne, daß die Dinge selbst darum etwas anders, als unter ihren gewoͤhnlichen Nahmen sind — der Schluß, den man hiervon auf eine ausserordentliche Vor- treflichkeit des Karakters einer solchen Person zu machen pflegt, ist eben so falsch, als das Vorur- theil, welches viele gegen eine gelassene und be- scheidene Tugend gefaßt haben, eine Tugend, welche (ohne sich durch feierliches Gepraͤnge, hoch- fliegende Ideen, anmaßliche Befreiung von den Gebrechen der menschlichen Natur, und unerbit- liche Strenge gegen dieselbe anzukuͤndigen) nur darum wenig zu versprechen scheint, um im Werk desto mehr zu leisten.„ Es mag indes der Grund des Karakters dieser Leute auch noch so gut und edel sein: so muß ich dir dennoch rathen, dich in keine enge Vertraulichkeit mit ihnen einzulassen, weil ich mit mehr, als bloßer Wahrscheinlichkeit, voraussehe, daß eure Verbindung entweder nicht dauerhaft sein, oder zu deinem Schaden ausschlagen wuͤrde; jenes jenes, wenn deine Sele uͤber kurz oder lang zu schwerfaͤllig befunden wuͤrde, es der ihrigen zu jeder Zeit an hoher Schwungkraft gleich zu thun; dieses, wenn der Versuch, ihnen daran aͤhnlich zu werden, dir wirklich von statten ginge, und du endlich anfingest, an uͤberspanten Em- pfindungen und Vorstellungsarten selbst Geschmak zu finden. Und glaube mir, mein Sohn, es fehlt nicht an haͤufigen Beispielen, welche bewei- sen, daß diese Selenseuche anstekkender, als irgend eine andere, sei. Hierzu komt, daß Leute dieses Schlages zu den gewoͤhnlichen Geschaͤften des Lebens, be- sonders wenn sie eine etwas anhaltende Streb- samkeit erfordern, und von der Art sind, daß sie auf der Buͤhne oder in einem Romane nicht gut figuriren koͤnnen, durchaus unfaͤhig und un- willig befunden werden; und daß also auch jede Verbindung mit ihnen zu gemeinschaftlicher Be- treibung solcher Geschaͤfte unmoͤglich dauerhaft oder von guten Folgen sein kan. So oft du daher etwas unternimst, wozu du der Mit- Mithuͤlfe anderer Menschen bedarfst, laß es ja eine deiner vorzuͤglichsten Sorgen sein, daß du zu deinem Mitarbeiter keinen waͤhlest, der mit diesem Selenfieber behaf- tet ist , und waͤr’ er uͤbrigens auch noch so ge- schikt, auch noch so talentenreich! Denn wie bald wuͤrdest du erleben, daß er jede etwas an- haltende Anstrengung zu beschwerlich, eure ge- meinschaftlichen Berufsgeschaͤfte zu simpel, zu einfoͤrmig, zu wenig nahrhaft fuͤr Geist und Herz faͤnde, und daß er entweder den ihm zu- gefallenen Theil derselben gewissenlos vernach- laͤssigte, oder das Band, welches euch verknuͤpfte, ploͤzlich und gewaltsam wieder zerrisse! Ruk- weise wird der Empfindsame so gut als einer, vielleicht noch besser wirken; aber dan auch ploͤz- lich die Haͤnde wieder sinken lassen, stil stehen, oder zur Seite springen, und euer gemeinschaft- liches Werk mehr aufhalten als foͤdern. Und die meisten Geschaͤfte des thaͤtigen Lebens sind ein Weg, auf dem wir eines Gefaͤhrten beduͤrfen, der keine Luftspruͤnge macht, sondern Hand in Hand und Schrit vor Schrit fein ruhig und be- daͤchtig daͤchtig einherzugehen weiß. — Genug von diesen! Ich komme zu einer dritten mit der vorher- gehenden sehr nahe verwandten Art von Men- schen, vor der ich dich gleichfals warnen muß; ich meine die Klasse der Schwaͤrmer und Enthusiasten . Aber vernim erst, was fuͤr Leute unter diesen Nahmen eigentlich begriffen werden. Du weißt, mein Sohn, daß der guͤtige Schoͤpfer die Natur des Menschen mit einer unbestimbaren Menge von Anlagen, Faͤhigkeiten und Kraͤften ausgestattet hat, deren jede bis zu einem bewundernswuͤrdigen Grade ausgebildet, erhoͤht und gestaͤrkt werden kan. So wie nun die proporzionierte Ausbildung aller dieser An- lagen unsere Bestimmung, und das dadurch be- wirkte Ebenmaaß aller unserer koͤrperlichen und geistigen Kraͤfte unsere moͤglichste Volkommen- heit ausmacht: so kan auch jede einseitige Uebung und Staͤrkung einzelner Faͤhigkeiten und das da- durch entstehende Uebergewicht der einen uͤber die die andern nicht anders, als nachtheilig fuͤr die Vervolkomnung des ganzen Menschen sein. Dis ist nun der Fal bei denen, welche man Enthu- siasten und Schwaͤrmer nent, und deren Haupt- karakter in einem schaͤdlichen Uebergewichte der Einbildungskraft, der Fantasie und des Em- pfindungsvermoͤgens uͤber Vernunft und Beur- theilungskraft besteht. Aber hoͤre nun auch, wie dieses Uebergewicht sich zu aͤussern pflegt. Der Schwaͤrmer sieht an allen Gegenstaͤnden seiner Vorstellungen gemeiniglich nur eine Seite, und zwar diejenige, welche ihm grade zugewandt, ihm grade die naͤchste ist. Auf diese heftet sich sein ganzer Selenblik; fuͤr alle andere Seiten eben desselben Gegenstandes hat er von Stund an weder Auge noch Ohr. Diese Einengung seiner Vorstellungen auf einen einzigen Flek ist der Funke, der auf den Zunder seiner Einbildungskraft faͤlt. Augenbliklich steht dieselbe in hellen Flammen, welche ein magisches Licht uͤber den ganzen Ge- genstand verbreiten. Und nun ist er ein Seher, ein Fantast, ein aus allen natuͤrlichen und wirk- lichen Verhaͤltnissen Entruͤkter, der Dinge hoͤrt N und und sieht, oder vielmehr zu hoͤren und zu sehen waͤhnt, welche kein Auge gesehn, kein Ohr gehoͤrt hat, und welche in keines andern Menschen Herz gekommen sind. Wunderbare Bilder, Schimaͤren und Frazen flattern in daͤmmerndem Lichte vor dem Spiegel seiner Vorstellungskraft; er glaubt mit leiblichen Augen sie zu sehn, mit Haͤnden sie zu greifen und zu halten, und ist von seinem eigenen Dasein nicht fester, nicht inniger uͤber- zeugt, als von dem ihrigen. Sein Blut geraͤth dabei in Wallung, seine Stimme erhebt sich, seine Sprache ist die Sprache eines Begeisterten, eben so dunkel, eben so verdreht, eben so hoch- fliegend und voltoͤnend! Mitleidig oder verach- tend sieht er auf alle die schwachen, kalten und waͤsserichten Selen herab, welche seine Orakel- spruͤche nicht zu fassen, seine Gesichte nicht zu sehen, dem hohen Sternenfluge seiner Einbil- dungskraft und Fantasie nicht nachzukommen vermoͤgen, sondern mit bleiernen Fuͤßen noch immer an der Erde haften, indes es selbst schon laͤngst den hoͤchsten Fixstern zuruͤkgelegt hat, und welche sich wohl gar erkuͤhnen, den Gegenstand seiner seiner begeisterten Vorstellungen umzuwenden, um auch die andern Seiten desselben in Augen- schein zu nehmen. — Gemeiniglich ist jeder Schwaͤrmer auch zu- gleich ein Fanatiker , das heißt, ein Schwaͤrmer in religioͤsen Dingen. Und das ist sehr natuͤr- lich: denn nirgends findet seine wilde Fantasie ein weiteres Feld, als grade hier, sobald sie nur erst uͤber die engen Grenzen einer vernuͤnftigen und aufgeklaͤrten Religion in den unendlichen Raum des Aberglaubens hinuͤbergesprungen ist. Da ist das eigentliche Klima der Schwaͤrmerei; da wachsen Schimaͤren und Hirngespinste, wie Schwaͤmme an sumpfichten Orten, mit einer Leichtigkeit und Geschwindigkeit hervor! Da gibt es in orientalischen Metaphern, Gleichniß- reden, dunkeln oder verstuͤmmelten Schrift- stellen, der Veranlassungen zu Traͤumereien, der Scheinbeweise zur Unterstuͤzung auch der allerwidersinnigsten Grillen so viele! Wie solte also der, welcher nun einmahl Lust und Hang zu schwaͤrmen hat, nicht lieber hier, wo ihm das Unendliche offen steht, als innerhalb der N 2 Grenzen Grenzen natuͤrlicher Dinge rasen wollen, wo Vernunft und Erfahrung unbescheidener Weise ihm bald hie bald da den Schlagbaum vorschieben? Vernunft und Erfahrung — siehe da, mein Sohn, die beiden Erbfeinde der Schwaͤrmerei uͤberhaupt, und des Fanatismus insonderheit! Siehe da einen untruͤglichen Probierstein, woran du diese leztern beiden ganz unfehlbar wirst er- kennen koͤnnen! So oft du nemlich noch zwei- felhaft bist, ob jemand deiner Bekantschaft von dieser gefaͤhrlichen Selenkrankheit wirklich ange- stekt sei oder nicht, laß nur, wie aus Nachlaͤßig- keit, das Wort Vernunft fallen, und fasse dei- nen Man ins Auge. Siehst du, daß er darnach trit, indem seine Blikke sich roͤthen, seine Lippen sich zusammenpressen: so hoͤre auf zu zweifeln, und besorge laͤnger nicht, daß du ihm zu viel thun moͤgtest. Denn es ist unmoͤglich, daß der- jenige, der ein Veraͤchter der Vernunft ist, nicht auch Fantast und Schwaͤrmer sein solte, es muͤßte denn sein, daß er ein Dumkopf und von gar zu stumpfer Einbildungskraft waͤre. Enthusiasten Enthusiasten und Schwaͤrmer sind ein Wald- strom, vol brausender und schaͤumender Wasser- faͤlle, nicht ohne allen Nuzen in der Natur, auch nicht unwerth, des Beobachters Aufmerksamkeit zu beschaͤftigen; aber unsicher fuͤr den, der an seinen Ufern wohnen, gefaͤhrlich fuͤr den, der den Nachen seiner Wohlfahrt den rauschenden Fluthen dessel- ben anvertrauen wil. Du, mein Sohn, halte dich so fern von ihnen, als du kanst, fest uͤber- zeugt, daß jede enge Verbindung mit ihnen uͤber kurz oder lang ganz unfehlbar sich zu deinem Misvergnuͤgen endigen wuͤrde. Ich habe um so mehr fuͤr noͤthig erachtet, dich vor dieser unzuverlaͤssigen, und in mancher Betrachtung wirklich gefaͤhrlichen Art von Men- schen zu warnen, weil ich wahrzunehmen glaube, daß in unserm erleuchteten Zeitalter die Zahl derselben in eben dem Maaße waͤchst, in welchem das Licht der Vernunft und der Erfahrung taͤglich weiter um sich greift. Dis koͤnte befremdend scheinen, wenn wir nicht gewohnt waͤren, alle Jahre etwas aͤhnliches in der phisischen Welt zu sehen, wo der helste und waͤrmste Sonnenschein N 3 nicht nicht blos Fruͤchte und Saaten reifen macht, son- dern auch die meisten Insekten erwekt. Die Menschen lieben nun einmahl nicht, auf grader Mittelstraße einherzugehen, und springen gemei- niglich, indem sie das Aeusserste auf der einen Seite vermeiden wollen, zu dem Aeussersten auf der ander Seite hinuͤber. Daher hat man Un- glauben und Aberglauben, Philosophie und Schwaͤrmerei, wie Licht und Schatten im Ge- maͤhlde, sich immer wechselseitig heben und befoͤr- dern gesehn. — Aber es ist Zeit, daß ich diese verlasse, um dich mit Andern bekant zu machen, vor denen du dich gleichfals huͤten mußt. Es gibt nemlich viertens eine besondere Art theils wirklicher, theils scheinbarer mo- ralischer Schwaͤrmer , die du ebenfals nicht zu deinen Busenfreunden waͤhlen, sondern in derjenigen Entfernung von dir halten solst, in der das wirkliche oder gemahlte Feuer ihrer ein- seitigen Temperamentstugend, oder ihrer Phari- saͤerrechtschaffenheit dich nicht brennen oder blen- den kan. Laß mich sie erst ein wenig deutlicher beschreiben. Ich Ich habe Leute gekant, welche von der aller- waͤrmsten und thaͤtigsten Mildthaͤtigkeit, Men- schenliebe und Dienstfertigkeit beseelt zu sein das Ansehn hatten. Sie schienen gar keinen andern Beruf zu haben, als Ungluͤkliche und Nothlei- dende aufzusuchen, um ihnen mit Rath, Trost und Huͤlfe beizuspringen. Jedem Armen stand ihr Beutel offen, jedem Verungluͤkten ihr Haus, jedem Bekuͤmmerten ihr Herz. Sie weinten mit den Weinenden, und der Anblik fremder Schmer- zen schien peinlicher fuͤr sie zu sein, als wenn sie selbst der Leidende gewesen waͤren. Ihre from- men Liebeswerke gaben taͤglich neuen Stof zum Gespraͤch und zur Bewunderung. Bald hatten sie ein Kind aus dem Wasser, einen Kranken oder Schwachen aus dem Feuer gerettet; bald, unter dem ausdruͤklichen Verbote, ihren Nahmen zu nennen, den Altar neubekleidet, oder irgend eine Kostbarkeit zur Zierde desselben geschenkt; bald hatten sie zum Bau einer Schule oder eines Ar- menhauses mit einer Milde beigetragen, welche alle andere ihres Standes und ihres Vermoͤgens weit hinter sich ließ. Mit einem Worte, sie N 4 schienen schienen nichts als Menschenliebe, Mitleid, Wohl- thaͤtigkeit und Gemeingeist zu athmen. Nicht wahr, mein Sohn, das muͤssen lie- benswuͤrdige Menschen sein? — So scheint es wenigstens. Indes, da Mitleid gegen Ungluͤk- liche, Wohlthaͤtigkeit gegen Nothleidende, Frei- gebigkeit gegen oͤffentliche Anstalten, nicht die einzigen Tugenden sind, welche den Karakter des rechtschaffenen Mannes bestimmen: so laß uns nun auch das Betragen dieser angeblichen Menschenfreunde in Ansehung aller uͤbrigen Pflichten des Menschen und des Buͤrgers in Er- waͤgung ziehen. Eben diese Leute — kaust du es glauben? — erlaubten sich oft die groͤbsten Ungerechtig- keiten und Uebervortheilungen im Handel und Wandel; machten sich oft kein Gewissen daraus, den sauern Schweiß des darbenden Handwerkers zu verschwenden, oder dem, der ihnen geliehen hatte, sein rechtmaͤßiges Eigenthum vorzuent- halten; waren unordentlich in ihren Geschaͤften, nachlaͤssig in der Erfuͤllung ihrer eigentlichen Be- rufspflichten; ließen ihr eigenes Hauswesen in Verwir- Verwirrung und Verfal gerathen; vernaͤchlaͤssig- ten die Erziehung ihrer Kinder; waren die zank- suͤchtigsten Plagegeister ihrer Weiber, die unbillig- sten Tirannen ihrer Dienstboten und aller, welche das Ungluͤk hatten, von ihnen abzuhaͤngen. Mit einem Worte, diese feurigen, thaͤtigen, rastlosen Menschenfreunde, welche auf jede Gelegenheit zu pralenden Werken der Mildthaͤtigkeit und Barm- herzigkeit Jagd machten, waren nicht selten die Geissel der ganzen uͤbrigen Geselschaft, indes sie die Schuzengel der Huͤlfsbeduͤrftigen zu sein schienen. Du staunst, mein Sohn? Kanst nicht be- greifen, wie so viel Schoͤnes und Haͤßliches, so viel Sanftes und Rauhes, so viel Tugend und Laster in einer und eben derselben Sele zusammen sein koͤnnen? Siehe hier den Schluͤssel zu diesem Raͤthsel. Alle Menschen dieser Art, so viel ich ihrer jemahls kennen lernte, lassen sich fuͤglich in zwei Klassen ordnen. Die Einen nemlich sind das, was sie scheinen, wirklich aus innerem Antriebe eines weichen und mitleidigen Herzens; die An- N 5 dern dern aus staatskluger List und Verschlagenheit. Jene fehlen dabei aus Irthum des Verstandes, indem sie sich thoͤrigter Weise uͤberreden, daß die ganze Tugend des Menschen nur in solchen Aeus- serungen des Mitleids und der Wohlthaͤtigkeit gegen Elende und Huͤlfsbeduͤrftige bestehe, und daß man also allen seinen Pflichten, als Mensch, als Buͤrger und Krist, ein volkommenes Genuͤge thue, wenn man nur recht viel glaͤnzende Werke der Barmherzigkeit verrichtet; diese brauchen der- gleichen Werke zu Angelhaken, um gutmuͤthige, aber schwache und einfaͤltige Herzen zu fangen, um uͤberal Einfluß zu bekommen, sich uͤberal un- entbehrlich zu machen, uͤberal sich gepriesen und bewundert zu sehen. Beide koͤnnen also ja, bei allem ihren wirklichen oder angenommenen Mit- leid gegen Arme, Kranke, Nothleidende und Huͤlfsbeduͤrftige, noch immer sehr unbillig, sehr pflichtvergessend und ungerecht gegen andere sein, welche nicht zu den Gegenstaͤnden ihrer angeb- lichen Menschenliebe gehoͤren, weil sie weder arm, noch krank, noch huͤlfsbeduͤrftig sind. Auch koͤn- nen die glaͤnzendsten Ergießungen ihrer Wohlthaͤ- tigkeit, tigkeit, um derentwillen der kurzsichtigere Theil der Menschen sie bewundert und vergoͤttert, in der That sehr tadelnswuͤrdige und strafbare Hand- lungen sein, wenn sie nemlich mit Vernachlaͤssi- gung irgend einer hoͤhern oder dringendern Pflicht geschehn. Der jezige Erzbischof von Paris, der noch Schulden zu bezahlen hat, und es daher seinem Vorgaͤnger an Mildthaͤtigkeit nicht gleich thun kan, sagte neulich hieruͤber fol- gende, seinem Verstande und Herzen Ehre machende Worte: “ ehe ich wohlthaͤtig sein darf, muß ich erst die Pflichten eines ehrlichen Mannes erfuͤllen .„ Hoͤre also auf, dich uͤber das Wi- dersprechende in dem Karakter dieser Leute zu wundern, und vernim nun, wie du es anzu- fangen habest, um von ihrer einseitigen oder gar heuchlerischen Tugend dich nicht blenden oder hintergehen zu lassen. So oft dir jemand aufstoͤßt, der von Men- schenliebe und von Begierde nach Werken der Mildthaͤtigkeit zu gluͤhen scheint: so suche, bevor du uͤber ihn urtheilest, erst uͤber folgende Fragen zur voͤlligen Gewißheit zu gelangen: hat der Man, Man, der so mildthaͤtig ist, auch sein eigenes Haus versorgt? Ist unter seinen Verwandten, Hausgenossen und Freunden keiner, dem das ent- zogen wird, was seine Freigebigkeit auf Fremde verwendet? Ist er niemandem etwas schuldig, und enthaͤlt er dem Arbeiter nie seinen verdien- ten Lohn vor? Ist er nicht blos wohlthaͤtig, sondern auch gerecht gegen jederman; nicht blos mitleidig, sondern auch fleissig, ordentlich und treu in seinen Berufsgeschaͤften; nicht blos guͤtig gegen Elende und Bedrengte, sondern auch billig gegen seine Hausgenossen, mild und freundlich gegen alle, welche von ihm abhaͤngen, oder in Verbindung mit ihm stehen? Verrichtet er das Gute, welches er thut, im Stillen, ohne phari- saͤisches Gepraͤnge, ohne Anspruͤche auf Lob und Bewunderung zu machen, ohne sich dadurch zur Eitelkeit und zum Hochmuht verleiten zu lassen? Versaͤumt er auch, indem er sich dienstfertig be- zeigt, keine von denjenigen Pflichten, welche zu seinem eigentlichen Beruf gehoͤren, und zu deren Erfuͤllung er sich einmahl anheischig gemacht hat? Mit einem Worte, verrichtet er nie eine wirk- liche liche oder scheinbare Handlung der Gutherzigkeit mit Hintansezung der Gerechtigkeit gegen andere, und erlaubt er sich also nie, gewissenlos zu sein, um wohlthaͤtig und großmuͤthig zu scheinen? Koͤnnen alle diese Fragen mit Bestand der Wahrheit zu seinem Lobe beantwortet werden: so ziehe den Hut ab, mein Sohn, so oft du seinen Nahmen nennen hoͤrst; denn es ist der Nahme des edelsten Sterblichen, eines vollen- deten Rechtschaffenen! Kan dis aber nicht ge- schehen, und ist es klar, daß Mitleid und Wohlthaͤtigkeit die einzige isolirte Tugend seines Karakters sind: so hoͤre auf, ihn zu bewundern; weiche seinen Zudringlichkeiten aus, und habe so wenig Gemeinschaft mit ihm, als du kanst. Denn sicher ist er in diesem Fal, entweder ein uͤber seine Pflichten schlecht unterrichteter und sehr schwacher Mensch, oder — ein absichtsvoller Heuchler! Ich komme zu einer fuͤnften Klasse von Men- schen, mit der ich zu deiner Warnung dich gleich- fals etwas naͤher bekant machen muß. Das sind dieje- diejenigen, welche eine besondere Froͤm- migkeit affektiren, und in allen ihren Re- den, auch uͤber die nichtswuͤrdigsten Klei- nigkeiten, sich ohn’ Unterlaß auf Gott und Kristus, auf Religion und Gewissen- haftigkeit berufen . Merke dir hieruͤber, was der große Kenner des menschlichen Herzens, Shakespear , sagt: “es ereignet sich nur gar zu oft, daß man mit der andaͤchtigsten Miene, und mit der froͤmsten Gebehrde, den Teufel im Her- zen hat.„ Sehr wahr bemerkt, und ganz uͤber- einstimmend mit der gemeinsten Erfahrung! Ein Gefaͤß, das klingt, ist zuverlaͤssig leer; und ein Mensch, der Gott und Rechtschaffenheit ohn’ Unterlaß im Munde fuͤhrt, hat beide zuverlaͤssig nicht im Herzen. Denn, wem Religion und Gewissenhaftigkeit wirklich eigen sind, tacito gaudet ille sinu, der freut sich seines Schazes im Stillen, unbe- kuͤmmert, ob andere ihn bemerken, oder nicht; so wie gemeiniglich, nicht der wirklich Wohlha- bende, sondern nur derjenige, der fuͤr reich ge- halten zu werden wuͤnscht, ohne es zu sein, mit erwor- erworbenen Schaͤzen prahlt. Ich habe Leute gekant, welche mit einem Herzen vol Wohlwollen und Rechtschaffenheit die rauhsten Fluchworte aus- stoßen konten; Fluͤche, von denen Sterne sagt, “daß der einregistrirende Engel in der Himmels- kanzelei eine Traͤne darauf fallen lasse, um sie wieder auszuloͤschen„: aber nie nie hab’ ich An- daͤchtler, Leute, welche in ihren Blikken, Mienen, Gebehrden und Worten eine ausserordentliche Froͤmmigkeit an den Tag zu legen suchten, ge- sehn, von denen es sich nicht bald gezeigt haͤtte, daß sie Heuchler waren, die ihre ganze Recht- schaffenheit in die bestaͤndige Einmischung from- klingender Worte, in die oͤftere Anfuͤhrung bibli- scher Stellen, und in die puͤnktlichste Beobachtung gottesdienstlicher Gebraͤuche sezten, ohne dabei die algemeinsten Pflichten der Ehrlichkeit und Ge- rechtigkeit zu erfuͤllen. Das sind gefaͤhrliche Men- schen, mein Sohn, vor denen man nicht genug auf seiner Hut sein kan: denn was laͤßt sich nicht alles von dem erwarten, der das, was den Menschen das Heiligste und Ehrwuͤrdigste ist, zum Dekmantel seiner Buͤbereien macht; der die Bibel, Bibel, wie der Teufel in der Versuchungsgeschichte, zitiert, um hinterlistige Falschheit und Betruͤgereien zu beschoͤnigen, und dabei den gottlaͤsternden Wahn hegt, daß eine Religion, welche blos in Worten, blos im Beten und Singen und in einer aͤngstli- chen Beobachtung aller fuͤr heilig gehaltenen Zere- monien besteht, ein volguͤltiges Loͤsegeld fuͤr jede auch noch so große Verschuldung und eine buͤndige Freisprechung von allen natuͤrlichen und buͤrger- lichen Pflichten sei! Fliehe diese kristlichen Phari- saͤer; und kehre, so oft du die Wahl hast, viel lieber bei Zoͤlnern und Suͤndern ein, fest uͤber- zeugt, daß offenbare Ruchlosigkeit nicht so gefaͤhr- lich sei, als verstelte Froͤmmigkeit. Ich verlasse diese verabscheuungswuͤrdige Klasse von Menschen, um dich mit einer andern bekant zu machen, welche das Produkt der leztverflos- senen zwoͤlf Jahre, und hoffentlich nur eine voruͤbergehende Erscheinung war, die kuͤnftig blos in der Geschichte unserer Litteratur und unserer Sitten existiren wird. Es traten nemlich ploͤzlich einige junge Maͤnner von gluͤhender Einbildungs- kraft, kraft, von lebendigen und starken Dichtergefuͤhlen auf, welche unsere bisherige Sprache fuͤr ihre Empfindungen, unsere bisherigen Regeln der Kunst fuͤr ihre Fantasien, die Welt selbst fuͤr die elastische Kraft ihres, keine Einschraͤnkung dul- denden Geistes, zu enge fanden. Was thaten sie also? Sie brachen, wie ein reissender Bergstrom, durch jede Verzeunung, welche Sprachgebrauch, Regel und Konvenienz dem Drange ihrer alge- waltigen Empfindungen entgegenstelten; schufen sich eine neue Sprache, sezten ihr jedesmaliges Gefuͤhl an die Stelle der Regeln, zauberten sich eine Welt ohne Ordnung, ohne Geseze und Ein- schraͤnkungen, und bevoͤlkerten sie mit Menschen, wie sie sich dazu schikten. Diese neue Schoͤpfung ward durch Werke angekuͤndiget, welche in der That mit dem Stempel ungemeiner Talente be- zeichnet waren, welche daher auch ein algemeines Aufsehn, und eine algemeine Gaͤhrung unserer Lit- teratur verursachten. Allein bis dahin war noch alles ziemlich gut. Denn haͤtten wir diese Er- scheinung gleich anfangs gehoͤrig zu benuzen, die darin befindliche reine Natur von den truͤben O Haͤfen Haͤfen des brausenden Enthusiasmus, das wirk- lich Gute, Starke und Erhabene von dem Ueber- spanten, Sonderbaren und Grotesken vorsichtig genug abzusondern gewußt: so wuͤrden Sprache und Litteratur, Herz und Geist nichts als reinen Gewin, ohne allen Schaden, davon gehabt haben. Aber nun veraͤnderte sich auf einmahl die Scene: die Kometen bekamen einen Schweif, der von des Himmels Scheitelpunkt, wo sie standen, bis an den Horizont reichte; ein waͤs- serigtes dunstiges Wesen, das, ohne selbst ein Gestirn zu sein, mit Sternenglanze prahlte, und alle wirklichen Lichter des Himmels im Hui! aus- zuloͤschen drohte. Die Menge erstaunte; der Schwaͤchere sank auf seine Knie, um anzubeten; der Kluͤgere laͤchelte, und ging in sein Kaͤmmer- lein, um mit der Widerkehr des gewoͤhnlichen Tageslichts das Ende dieser luftigen Prunkerschei- nung ruhig abzuwarten. Mit andern Worten: das ungewoͤhnliche Feuer jener Geister verbrante vielen jungen Leuten das Gehirn, daß sie in eine Art von Wuth ge- riethen, riethen, in welcher sie sich, wie Verruͤkte zu thun pflegen, uͤber alle andere Sterbliche weit hinweg- sezten; sich fuͤr außerordentliche Wesen hielten, denen uͤbermenschliche Gefuͤhle und eine unerhoͤrte Wirkungskraft beiwohnte; alle Fesseln des Wohl- standes und der guten Sitten, nicht blos in ihren Buͤchern, sondern auch im Umgange mit andern zerbrachen; eine rohe, plumpe, ungesittete Na- tuͤrlichkeit affektierten; von nichts als hohen Ge- fuͤhlen, Kraft, Genie und innerem Drange re- deten; alle Wissenschaften, welche nicht, wie die Dichtergabe, angebohren werden, sondern mit Fleiß und Anstrengung erlernet sein wollen, als die elendeste und unnuͤzeste Beschaͤftigung schwacher Selen, von ganzem Herzen verachteten, und auf unsere verdienstvolsten Maͤnner in der Gelehrtenrepublik und im buͤrgerlichen Staate mit einer Selbstgefaͤlligkeit und Geringschaͤzung herabsahen, welche eben so laͤcherlich als aͤrgerlich war. Das Uebel grif um sich; Knaben und Maͤnner, Jungfrauen und Weiber wurden da- von angestekt; man suchte sogar die Großen mit ins Spiel zu ziehen, und es entstand in kurzer O 2 Zeit Zeit eine ordentliche Sekte, eine Art von Mau- rerei daraus, die ihre geheimen Simbolen und Unterscheidungszeichen hatte. Man nante sie die Sekte der Genies ; und von der Zeit an ist dieses Wort, welches vormahls die faͤhigsten und groͤßten Sterblichen bezeichnete, zu einem Ekelnamen worden. Das ging nun gar zu weit. Geschmak, Sprache, Litteratur und Sitten neigten sich schon zu einer algemeinen verderblichen Umwaͤlzung, als gluͤklicher Weise mehrere muthige und patrio- tische Maͤnner mit der Geissel der Satire in der Hand sich großmuͤthig vor den Riß stelten, den anfaͤnglichen Kothwurf nicht achteten, und auf den Ruͤkken der geniesuͤchtigen Thoren so anhal- tend und so nachdruͤklich lospeitschten, bis sie be- schaͤmt oder verzweifelnd sich davon schlichen, und fortan nicht mehr gesehen wurden. Ob nun die Seuche dadurch voͤllig gedaͤmpft sei, oder ob sie noch jezt hie und da im Verbor- genen schleiche, getraue ich mir in der That nicht zu entscheiden. Da indes der lezte Fal, wo nicht mehr, doch eben so viel Wahrscheinlichkeit als als der erste fuͤr sich hat: so kont’ ich es nicht fuͤr uͤberfluͤssig halten, dich vor Leuten dieser Art, fals du jemahls dergleichen auf deinem Wege an- treffen soltest, ernstlich zu warnen. Denn, daß sie weder zu einer vernuͤnftigen und dauerhaften Freundschaft, noch zu irgend einer anhaltenden gemeinschaftlichen Wirksamkeit tuͤchtig sind, wohl aber auf der andern Seite in allen ihren Ge- schaͤften und Verbindungen nichts als Verwir- rung, Unordnung und Zwiespalt erregen muͤssen, wirst du aus der Beschreibung, die ich dir von ihnen gemacht habe, schon von selbst abnehmen. Ueberhaupt, mein Sohn, drenge dich nie zu einem engern Verhaͤltniß mit Virtuosen, Sehern, schoͤnen Geistern und Dichtern, bevor du nicht aus langer Beobachtung, und aus vielen uͤbereinstimmenden Thatsachen zuverlaͤssig weißt, daß sie zu den seltnen Ausnahmen gehoͤren, deren Kopf uͤber dem Rauchfasse des Lobes, wel- ches ihnen thoͤrichter Weise so nahe unter die Nase gehalten wird, nicht schwindlicht, und deren Herz durch die Einbildung, daß sie eine eigene, uͤber alle andere weit erhabene Klasse von Geistern ausma- O 3 chen, chen, nicht verdreht worden ist. Mache dich aber auch selbst, durch eine vernuͤnftige Schaͤzung jeglichen Verdiensts nach dem Maaßstabe seines Nuzens, von dem albernen Vorurtheile los, welches Talenten dieser Art auf der Stuffenleiter des Ruhmwuͤrdigen die hoͤchste Staffel anweiset, ohngeachtet die Zeiten, in denen sie wirklich fuͤr etwas vorzuͤglich Verdienstliches gehalten wer- den konten, schon laͤngst voruͤber sind. Das sind nemlich die Zeiten, da eine Nazion eben erst anfaͤngt, sich aus der Nacht der Barbarei zu der Morgenroͤthe der Aufklaͤrung empor zu arbeiten. Da ist es wirkliches Verdienst, das ihr aufzu- stekkende Licht der Philosophie, dessen reinen un- verhuͤlten Schein sie noch nicht ertragen kan, mit dem Laternenglase der schoͤnen Kuͤnste und der Poesie zu umgeben, damit es in gemildertem Glanze den Leuten in die Augen falle, und durch das Wehen naͤchtlicher Stuͤrme nicht erloͤschen moͤge. Aber ist es nicht laͤcherlich, vor dem Laternenpfale deswegen, weil er zur Nachtzeit nuͤzlich war, am hellen Mittage das Haupt zu entbloͤßen, und der hohen Sonne nicht zu achten, deren deren uͤberwaͤltigender Lichtstrom den schwachen Schein desselben schon laͤngst verschlukt hat? Hier kan ich nicht umhin, dir ein Geheimniß zu verrathen, welches einen Orden betrift, zu dem ich selbst einmahl gehoͤrt habe — den Orden der Schriftsteller! Das Geheimniß selbst ist dieses: die meisten Leute sind gemeiniglich ganz anders in der Natur, als sie in ihren Schriften erscheinen . Aber die Hand auf den Mund, mein lieber Kleon; damit wir nicht in ein Wespennest stechen! Fuͤr die Wahrheit dieser Nachricht koͤnte ich dir uͤbrigens mit mei- ner ganzen beobachtenden Erfahrung stehen, wenn nicht ein Zeuge von groͤsserem Gewicht, den ich dir aufstellen kan, mein eigenes Zeugniß uͤber- fluͤssig machte. Hoͤre seine Worte: “es hat zu allen Zeiten Leute gegeben, welche nirgends, als in ihren Schriften, tugendhaft sind; Leute; welche die Verdorbenheit ihres Herzens durch die Affektazion der strengsten Grundsaͤze in der Sit- tenlehre bedekken wollen; kurz, Leute, welche jederman verachten wuͤrde, wenn nicht der groͤßte O 4 Haufe Haufe dazu verurtheilt waͤre, sich durch Masken, Mienen, Gebehrden, Inflexionen der Stimme, verdrehte Augen und weisse Schnupftuͤcher be- truͤgen zu lassen.„ Wieland . Du, mein Sohn, sei weiser, als der große Haufe, und laß durch alle diese Dinge dich nicht betruͤgen. Stimme nie in die gewoͤhnlichen enthusiastischen Ausrufungen uͤber alle die wuͤr- digen und herlichen Maͤnner ein, die man noch nicht anders, als nur aus ihren Schriften kent; sondern warte mit deinem Lobe, bis du den Menschen eben so gut, als den Schriftsteller, in ihnen kennen zu lernen, Gelegenheit erhalten haft. Dan wird die anfaͤngliche Hize der Bewunderung sich vermuthlich um ein großes abgekuͤhlt haben; und ein halbes Duzend solcher Beobachtungen, die du kuͤnftig bei Hunderten machen wirst, wer- den hinreichen, dich von der Moͤglichkeit zu uͤber- zeugen, daß man bescheiden, friedfertig, ent- haltsam, menschenfreundlich, from und recht- schaffen auf dem Papier, und zu gleicher Zeit ausnehmend eitel, hochmuͤthig, zaͤnkisch, aus- schwei- schweifend, selbstsuͤchtig, gewissenlos und schurkisch im Leben sein koͤnne. Auch von den Großen dieser Erde — wie guͤtig und zuvorkommend sie sich auch zu dir herablassen moͤgen — erwarte keine wahre Freundschaft, keine fortdauernde Zuneigung, keine bleibende Erkentlichkeit fuͤr das, was du an deinem Vermoͤgen, an deiner Ruhe und an deiner Gesundheit fuͤr sie aufopferst . Es waͤre ein Wunder aller Wunder, wenn diese Leute, die von fruͤher Kindheit an gewoͤhnt wer- den, sich selbst fuͤr den Mittelpunct der Schoͤp- fung, fuͤr die algemeine Sonne zu halten, um welche alle andere Wesen, als Planeten oder Trabanten, im gehoͤrigen Abstande sich herum- drehen muͤssen, um Licht, Glanz und Waͤrme von ihnen zu empfangen, wenn diese Leute, sag’ ich, jemanden im Ernst fuͤr ein Wesen ihres Geschlechts ansehen, ihn in der That mehr, als ihr Windspiel, ihren Affen, ihr Favoritpferd lieben, ihm fuͤr das, was er fuͤr sie thut oder leidet, sich wirklich zur Dankbarkeit verbunden O 5 glauben glauben, und ihm von Herzen dafuͤr ergeben sein koͤnten. Kanst du daher deinem Vaterlande, oder deinen Mitmenschen nuͤzlich werden, ohne dabei in den unmittelbaren Dienst der Goͤtter dieser Erde zu treten: o so freue dich deines Gluͤks, und laß dich ja durch keine auch noch so glaͤn- zende Erbietungen bewegen, ihnen das bischen Frei- heit, was der Menschheit etwan noch uͤbrig gelassen ist, voͤllig abzutreten! Denn Ketten sind Ketten, und wenn sie auch von Gold geschmiedet und mit Diamanten besezt waͤren. Auch sind die Dienste der Großen, wie Lessing und die Erfahrung sagen, in mehr als einer Betrachtung, mislich und gefaͤhrlich, und lohnen dabei der Muͤhe, des Zwanges und der Erniedrigung nicht, die sie kosten. Vermeide sie also, wenn du kanst. Kanst du das aber nicht, so merke dir wenigstens folgende Regeln der Vorsichtigkeit, um sie nie aus der Acht zu lassen: 1. Je mehr die Großen sich zu Liebkosungen und Vertraulichkeiten gegen dich herablassen, desto ehrerbietiger sei dein eigenes Betragen gegen sie, und und desto sorgfaͤltiger huͤte dich, in den von ihnen angegebenen Ton der Vertraulichkeit einzu- stimmen. 2. Bemuͤhe dich, ihnen so viel Achtung gegen dich einzufloͤßen, daß sie nie auf den fuͤr dich ungluͤklichen Einfal gerathen, dich zu ihrem be- sondern Lieblinge zu waͤhlen. Denn widerfuͤhre dir dis, so waͤr’ es entweder um deine Ruhe, oder um deine Sicherheit, oder um deine Tugend gethan; und das sind Dinge, die dir wichtiger sein muͤssen, als alle Gunstbezeugungen. 3. Kanst du es aber nicht vermeiden, daß der Große eine Art von Zuneigung gegen dich ge- winne, und wirst du gleichsam von ihm gezwun- gen, dir, wenn du mit ihm allein bist, Vertrau- lichkeiten gegen ihn zu erlauben: so trit wenigstens, sobalb ein dritter dazu komt, augenbliklich in die Schranken der Ehrfurcht zuruͤk, und verbirg den beguͤnstigten Freund unter dem demuͤthigen An- stande eines unterthaͤnigen Dieners. Mancher, der unter vier Augen dich zaͤrtlich umarmt, dich vertraulich bei sich nieder sezen und schwazen heißt, wuͤrd’ es dir nie vergeben, wenn du am Kurtage dich dich um einige Linien weniger tief vor ihm neig- test, als die Etikette es erfodert. 4. Laß dich von keinem Großen fuͤr keinen Preis zum Befoͤrderer unsitlicher Vergnuͤgungen brauchen, und solte deine Weigerung dir auch seine ganze Ungnade zuziehen. Denn zu ge- schweigen, daß man Gott mehr gehorchen muß, als den Menschen, so ist es besser, einmahl wie ein braver Man gefallen, als tagtaͤglich wie ein Schurke kriechen zu muͤssen, und sich mit Fuͤßen treten zu lassen. Das wuͤrde aber uͤber kurz oder lang zuverlaͤssig die Folge sein, wenn du dich dazu hergaͤbest, der Vertraute und der Befoͤrderer seiner Luͤste zu sein. Denn auch der aͤrgste Wol- luͤstling unter den Großen verachtet in seinem Herzen jeden, der ihm zur Befriedigung seiner Leidenschaften die Hand reicht, und er sucht des Niedertraͤchtigen los zu werden, sobald er ihn entbehren kan. 5. Fuͤgt es sich, daß du kluͤger, einsichtsvoller und edler, als der Große, bist, und dazu gehoͤrt zuweilen so viel nun eben nicht: huͤte dich, es ihn merken zu lassen, so lange dir an seiner Gunst Gunst noch etwas gelegen ist. Suche vielmehr alles Gute, was du sagst oder thust, so zu sagen, oder so zu thun, daß es das Ansehn gewinne, als wenn er selbst, wonicht es gesagt oder gethan, doch wenigstens es gedacht und gewolt habe. Und, sei versichert, es wird dir gar nicht schwer fallen, ihn dieses in ganzem Ernste glauben zu machen. 6. Wil er etwas, was an sich thunlich, auch deiner nicht unwuͤrdig, aber schwer ist, durch dich ausgefuͤhrt wissen: so halte dich nicht dabei auf, ihm die Schwierigkeiten der Unternehmung vorzuzaͤhlen, sondern laß ihn eine augenblikliche Entschlossenheit sehen, und eile zur Ausfuͤhrung. Denn keiner faͤlt den Großen mehr zur Last, als wer ihnen Schwierigkeiten zeigt, die ihrem Willen im Wege liegen, und sie dadurch in die ihnen beschwerliche Nothwendigkeit des Nachdenkens sezt. Gar zu bedenkliche, umstaͤndliche und schwierige Leute sind auch jedem andern unter uns zur Last; so wie auf der andern Seite der ent- schlossene, hurtige und thaͤtige Man bei allen wohl gelitten ist. Dis Dis sind freilich nur sehr wenige und unvol- staͤndige Vorschriften, den kuͤnftigen Hofman zu bilden; aber da ich das Vertrauen zu der Vor- sehung habe, daß sie dlr einen bessern und gluͤkli- chern Wirkungskreis anweisen werde: so scheint es mir uͤberfluͤssig, uns laͤnger dabei aufzuhalten. Laß uns also wieder zu dem vermischten Haufen der groͤsseren Geselschaft zuruͤktreten. Auch die einfaͤltigen und dummen Men- schen verdienen unsere Aufmerksamkeit. Bei diesen aber mußt du zweierlei Unterarten wohl von einander unterscheiden. Die einen nemlich sind das, was sie sind, aus natuͤrlicher Verstandesschwaͤche, die andern hingegen aus Mangel an einer ihrem Stande gemaͤßen Aus- bildung und an Unterricht. Jene laß uns Ein- faͤltige oder Simple, diese Dumme nennen. Der Einfaͤltige ist gemeiniglich ein guter, oft ein liebenswuͤrdiger Schlag von Menschen — be- scheiden, sanftmuͤthig, nachgebend, duldsam, dienst- fertig und gutherzig; der Dumme hingegen fast immer eigensinnig, zaͤnkisch, tuͤkkisch, hochmuͤthig und und boshaft. Fliehe diese, aber laß dich gern zu jenen herab, und verschmaͤhe ihre Liebe nicht; denn sie sind es wehrt, daß man ihnen Freude zu machen suche, und unsere Herablassung macht sie ihnen in hohem Grade; aber auch um dein selbstwillen nicht: denn wenn du irgend etwas Gutes wirken wilst, wozu koͤrperliche Muͤhe, Aufmerksamkeit auf Kleinigkeiten und große Ge- duld, nur nicht vorzuͤgliche Geistesfaͤhigkeiten, er- fodert werden: so wisse, daß diese simpeln Leute grade die brauchbarsten und bereitwilligsten Werk- zeuge sein werden, deren du dich bedienen kanst. Ich kan mit Wahrheit sagen, daß ich Leuten dieser Art sowohl in Ansehung solcher Dienste, die mein eigenes Wohlergehn betrafen, als auch in Ansehung des guten Fortgangs meiner Wirksam- keit auf andere, mehr zu verdanken habe, als den meisten wizigen und klugen Koͤpfen, welche mich ihrer Freundschaft wuͤrdigten. Jene dienen uns gern, und von ganzem Her- zen, und ohne Ruͤksicht auf sich selbst zu nehmen: diese hingegen haben insgemein erst so manche Bedenklichkeit! Muͤssen erst so manchen Blik auf sich sich selbst und auf andere thun, um zu sehn, ob nicht ihr eigener Vortheil dabei leide, ob nicht irgend eines Menschen gute Meinung von ihnen da- durch geschwaͤcht werden koͤnne, ob nicht irgend eine Ungemaͤchlichkeit fuͤr sie selbst damit verbun- den sei! Jene sind so weit davon entfernt, uns ihre Dienste uͤber Werth anzurechnen, und eine ausnehmende Erkentlichkeit von uns zu verlangen, daß sie vielmehr fuͤr unser Vertrauen zu ihnen, und fuͤr die Gelegenheit, die wir ihnen gaben, uns nuͤzlich zu werden, sich selbst fuͤr unsre Schuld- ner halten: diese hingegen wollen jede kleine Ge- faͤlligkeit, die sie uns erweisen, auf Wucher an- legen, und verlangen in kurzer Zeit das Kapital mit mehr als juͤdischen Zinsen wieder. — Noch einmahl also: verschmaͤhe die Liebe der Simpeln nicht, und baue — dafern nicht etwa die Erfah- rung dich dazu berechtiget — auf die Freund- schaft derer, welche kluͤger und wiziger sind, keine zu große Hofnungen. Beides koͤnte dich ge- reuen. Mancher, Mancher, wenn er unserer gegenwaͤrtigen Unterhaltung beiwohnte, wuͤrde sich wundern, daß ich bisher noch mit keinem Worte dich vor der Vertraulichkeit mit solchen Leuten gewarnt habe, welche offenbar ausschweifend, liederlich, lasterhaft und schaͤndlich sind; da es doch auch unter diesem Auswurf der Menschheit in der That nicht wenige gibt, die mit einem Herzen vol Leichtsin, Unzucht und Gewissenlosigkeit, so viel aͤusserliche Annehmlichkeiten und ein so ge- faͤlliges Wesen verbinden, daß ein unerfahrner gutmuͤthiger Juͤngling leicht von ihnen eingenom- men werden kan. Allein, dafern nicht alles, was bisher durch Untericht, Anfuͤhrung und Beispiel an dir geschehen ist, verlorne Arbeit war, — und wie koͤnt’ ich das besorgen? — so darf ich glauben, daß ich durch eine Warnung dieser Art deinem Verstande und deinem Her- zen zugleich zu nahe treten wuͤrde. Jener wird den Trunkenbold, den Spieler und den Lieder- lichen, auch unter der einnehmendsten Gestalt, zuverlaͤssig zu erkennen wissen, und dieses wird gewiß, ganz gewiß mit Abscheu davor zuruͤk- P schaudern. schaudern. Nimmer, nimmer wirst du dir er- lauben, die geringste Gemeinschaft mit ihnen zu haben, fest uͤberzeugt, daß die Pest selbst nicht anstekkender und nicht verderblicher fuͤr den Leib sei, als der vertraute Umgang mit solchen Leuten fuͤr die empfaͤngliche Sele eines jungen Menschen ist. Du wirst dich zehnmahl lieber ihrem Unwil- len, ihrem Spot und ihrer Feindschaft aussezen, als aus thoͤrigter Gefaͤlligkeit, oder aus schaͤndlicher Furchtsamkeit, an ihren viehischen Ausschweifun- gen Theil nehmen wollen. — Nicht wahr, mein Kleon, ich irre mich nicht, wenn ich diese Hof- nung von dir hege, und wenn ich fest uͤberzeugt bin, daß du sie niemahls taͤuschen werdest? Kleon warf sich ihm in die Arme, und sagte: er habe das Vertrauen zu Gott, daß er ihm das Geschenk des Lebens lieber jezt in seines Vaters Armen wieder abfodern, als es ihm laͤnger fristen wuͤrde, wenn seine Alwissenheit vorhersaͤhe, daß er es jemahls durch wissentliche Untugenden und Laster beflekken koͤnte. Wohl denn! antwortete der geruͤhrte Vater; ich vermeide also alle uͤberfluͤssige Erinnerungen, und und kehre wieder zu solchen Vorschriften zuruͤk, welche auch einer gutgebildeten und tugendlieben- den jungen Sele nuͤzlich werden koͤnnen. Nicht genug, mein Lieber, daß du deine eigentlichen Freunde mit Vorsicht waͤhlst; auch die Wahl deiner bloßen Ge- selschaft muß mit gleicher Behutsamkeit ge- schehen. Denn nichts ist gewisser, als, daß ein junger Mensch uͤber kurz oder lang mehr oder weniger die Denkungsart, die Sitten und Ma- nieren derer annimt, mit denen er oͤftern Umgang hat, und daß also jede gute Geselschaft ihn un- fehlbar besser, jede schlechte unausbleiblich schlim- mer macht. Aber dis ist nicht die einzige Folge, welche die Wahl unserer Geselschafter fuͤr uns hat. Auch der Begrif, den die Leute sich von unserm Karakter und von unsern Talenten machen, richtet sich genau nach der Meinung, die sie von denen haben, mit welchen wir umgehn. “Sage mir, mit wem du umgehst, und ich wil dir sagen, wer du bist;„ das ist ein eben so bekantes, als wahres Wort, wornach sich alle Menschen in ihrem Ur- P 2 theile theile uͤber uns zu richten pflegen. Sind unsere gewoͤhnlichen Geselschafter gute, brave, rechtschaf- fene Leute: so haͤlt man auch uns, ohne weiteres Zeugniß, fuͤr eben solche Menschen. Sind sie das Gegentheil, so werden wir abermahls in eine Klasse mit ihnen gesezt, wir moͤgen es ver- dienen oder nicht. Wieviel komt also nicht dar- auf an, daß man auch den bloßen Umgang gut zu waͤhlen wisse! Damit ist nun nicht gesagt, daß du alle die- jenigen, welche deiner Freundschaft oder auch deines naͤhern Umganges unwerth sind, gradezu vor den Kopf stoßen solst, um sie dir ein vor alle- mahl von Halse zu schaffen. Das wuͤrde aber- mahls sehr unweise sein. Denn wer nicht faͤhig ist, dir als Freund zu nuͤzen, wird um soviel faͤ- higer und geneigt sein, dir als Feind zu schaden. Auch hieruͤber wil ich dir einen Ausspruch des großen Menschenkenners empfehlen, den ich dir nun schon so oft genant habe. Er sagt: “der Thoren und Schurken sind gar zu viel; und ich wolte eine sichere Neutralitaͤt lieber haben, als Buͤndniß, oder Krieg mit ihnen. Du kanst ein abgesagter abgesagter Feind ihrer Laster und Thorheiten sein, ohne daß sie einen persoͤnlichen an dir ge- wahr werden duͤrfen. Zunaͤchst nach ihrer Freundschaft ist ihre Feindschaft die gefaͤhrlichste Sache. Habe wahre Zuruͤkhaltung gegen sie, aber niemahls eine anscheinende. Denn es ist sehr unangenehm, zuruͤkhaltend zu scheinen, aber sehr gefaͤhrlich, es nicht zu sein. Wenige Leute finden die wahre Mittelstraße. Viele sind auf eine laͤcherliche Art in Kleinigkeiten geheimnißvol, und viele unvorsichtiger Weise offenherzig gegen jederman.„ Chesterfield. Wilst du aber wissen, wie man es anzufangen habe, daß die guten Leute an allen Orten uns gern unter sich leiden, uns mit ihrer Freundschaft sogar entgegen kommen moͤgen? Ich kan dir ein untriegliches Mittel in vier Worten sagen; es heißt: Verdienste, Bescheidenheit, aͤusser- liche Annehmlichkeiten und ein guter Ruf, der von einem Orte zum andern vor uns her laͤuft, und uns die Staͤte bereitet. Wer diese vier Stuͤkke besizt, der kan sicher sein, daß es P 3 ihm ihm an Freunden und Geselschaftern unter den edelsten und wuͤrdigsten Menschen an jedem Orte niemahls fehlen werde. Achte besonders auf das lezte unter den genanten Stuͤkken; und wisse, daß die gute oder schlimme Meinung, die wir den Leuten schon als Knaben von uns einfloͤßen, uns gemeiniglich durchs ganze Leben an jeden neuen Ort unsers Aufenthalts zu begleiten pflegt. Hat man daher seinen guten Nahmen nur erst an einem Orte festgestelt, so darf man um die Gruͤn- dung desselben an jedem andern unbekuͤmmert sein. Das nimmer ruhende Geruͤcht hat es schon uͤber sich genommen, die besten und kraͤftigsten Em- pfehlungsbriefe fuͤr uns herumzutragen, noch ehe wir angekommen waren. Und wohl dem, der mit solchen Addressen versehen ist! Aber dieser Punkt bedarf noch einer besondern Erwaͤgung. Wenn ich ein Freund von paradoxer Stellung simpler Gedanken waͤre, so wuͤrd’ ich sagen: das Urtheil der Menschen uͤber uns und unsre Hand- lungen sei die wichtigste und zugleich die aller nichtswuͤrdigste Sache von der Welt; es haͤnge lediglich lediglich von uns ab, und es haͤnge auch ganz und gar nicht von uns ab; es sei unserer sorgfaͤl- tigsten Aufmerksamkeit werth, und es verdiene ganz und gar nicht, daß wir im geringsten uns darum bekuͤmmern. Allein da ich mehr Zeit und Worte brauchen wuͤrde, diese sinreichen Wieder- spruͤche aufzuloͤsen, als die ganze Sache in ihrer natuͤrlichen und schlichten Gestalt zu zeigen, so schlage ich lieber diesen leztern Weg ein. Allerdings ist der Menschen Urtheil uͤber uns eine Sache von großer Wichtigkeit, weil unser gutes Fortkommen in der Welt und unsere ganze aͤusserliche Gluͤkseeligkeit davon abhaͤngt. Aller- dings verdient es daher unsere große Aufmerksam- keit, und es ist klug und weise gehandelt, daß wir uns bestreben, nichts zu reden oder zu thun, was mit Recht getadelt werden kan. Allerdings haͤngt endlich auch unser guter Nahme in so fern von uns ab, daß wir es durch ein kluges und rechtschaffenes Betragen dahin bringen koͤnnen, daß wenigstens die Weisesten und Rechtschaffen- sten unter unsern Mitbuͤrgern nicht umhin koͤn- nen, eine gute Meinung von uns zu haben. Dis P 4 alles alles ist von selbst einleuchtend, und bedarf also keines Beweises. Aber nun laß uns auch die an- dere Seite betrachten. Ist es recht, auf das Urtheil der Menschen Ruͤksicht zu nehmen, wenn Pflicht und Gewissen nach deutlich erkanten Gruͤnden einmahl schon entschieden haben? Haͤngt es in jedem Falle von uns ab, auch die Leichtsinnigen, auch die Thoren, auch die neidischen und verlaͤumderischen Menschen durch unser Verhalten zu befriedigen? Und ist es daher weise, den Tadel solcher Leute zu Herzen zu nehmen, sich daruͤber zu haͤrmen, sich wohl gar in rechtmaͤßigen und lobenswuͤrdigen Handlungen dadurch stoͤren zu lassen? Es er- gibt sich abermahls von selbst, daß alle diese Fragen mit nein! zu beantworten sind. Laß uns nun, nach dieser Auseinandersezung, diejenigen Verhaltungsregeln merken, welche daraus herge- leitet werden koͤnnen. Die erste: sorge ja dafuͤr, daß dein je- desmaliges Betragen den Beifal der Weisen und Guten habe. Dahin wirst du aber es in den meisten Faͤllen sicher bringen koͤnnen, wenn dein dein jedesmaliges Betragen rechtmaͤßig und ge- wissenhaft ist. Ich sage in den meisten Faͤllen; denn zuweilen geraͤth man freilich wohl in Lagen, welche keine menschliche Sele, ausser der unsrigen, so ganz nach allen ihren Seiten zu uͤbersehen ver- mag, und welche eine Art zu handeln erfodern, die von allen Menschen, selbst von den guten und weisen, getadelt werden muß, weil die gesamten Gruͤnde unsers Verfahrens nur uns selbst und dem Alwissenden allein bekant sind. Aber in Faͤllen dieser Art sei unbekuͤmmert, mein Sohn! Denn wenn nur unser Gewissen rein geblieben ist: so duͤrfen wir versichert sein, daß die Recht- maͤßigkeit unsers Betragens fruͤh oder spaͤt in einem hellern Lichte erscheinen, und die kleinen Flekke, welche der unverdiente Tadel auf unsern guten Nahmen spruͤzte, voͤllig wieder auswischen werde. Die zweite: in allen solchen Faͤllen aber, in denen der aͤusserliche Anschein wider dich ist, weil die wahren Bewegungsgruͤnde deiner Handlungen nur Gott und dir be- kant sind, sei nicht so stolz auf deine Tu- P 5 gend, gend, daß du den Tadel der bessern Men- schen fuͤr gar nichts achtest. Belehre viel- mehr, wenn’s immer moͤglich ist, wenig- stens einige derselben, uͤber die wahren Ursachen, welche dich bewogen haben, so und nicht anders zu handeln, und soͤhne dadurch ihren Verstand und ihr Herz mit den deinigen wieder aus. Die dritte: solt’ es sich aber gleichwohl ereignen, daß Vernunft und Gewissen et- was von dir verlangten, wovon du vor- aussaͤhest, daß das Urtheil der ganzen Welt sich dagegen empoͤren, und daß es dir unmoͤglich sein wuͤrde, auch nur einen einzigen von der Rechtmaͤßigkeit deines Verfahrens zu uͤberzeugen: so verschmaͤhe großmuͤthig und standhaft das Urtheil der ganzen Welt, und thue herzhaft was Ver- nunft und Gewissen von dir verlangen. Denn keines Menschen gute Meinung von dir muß dir theurer sein, als das Bewustsein, vor Gott und deinem Gewissen recht gethan zu haben; und solte deine ganze irdische Gluͤkseeligkeit daruͤber in in Truͤmmern zerfallen. Das Gefuͤhl, als ein rechtschaffener Man gehandelt zu haben, wird dir ein hinlaͤnglicher Ersaz sein. Die vierte: Verachte uͤbrigens von gan- zem Herzen das Geklatsche der Verlaͤum- dung, als eine Sache, welche keiner, als etwa der unbedeutende und unthaͤtige Mensch, vermeiden kan, welche deinem eigentlichen guten Nahmen auch gar nicht schadet, und welche daher nicht werth ist, daß ein Man von Verstande und Menschen- kentniß sich darum bekuͤmmere. Denn je mehr du hervorstechen wirst, je groͤsser die Tu- genden, je glaͤnzender die Verdienste sein werden, welche dich von andern auszeichnen: desto weniger wird man dich und deine Handlungen fassen koͤn- nen, desto weniger wird man es dir verzeihen, daß du nicht bist, wie andere Menschenkinder, desto eifriger wird man sich bemuͤhen, dich aus deiner hoͤhern Sphaͤre in seine eigene hinabzu- ziehen. “Je groͤsser die Rolle ist, die wir spielen, je mehr wir durch das Verhaͤltniß, welches uns Und Und das werden grade diejenigen am meisten thun, die dir ins Angesicht die meisten Kompli- mente sagen! Auch dieses mußt du wissen, damit du nicht unerfahrner Weise Rechenpfennige fuͤr Dukaten uns Stand, Beruf und Talente gegen die Geselschaft geben, dem oͤffentlichen Auge ausgesezt sind, desto gewisser duͤrfen wir dar- auf rechnen, daß wir von der groͤssern Zahl weder Gerechtigkeit noch Nachsicht zu er- warten haben. Tausend Augen sind in kei- ner andern Absicht auf uns geheftet, als um Fehler an uns zu finden, und wehe dem, der nicht die Klugheit hat, wie Alcibiades, zuweilen eine Thorheit zu sagen oder zu thun, um den Genius der Verlaͤumdung durch ein freiwilliges Opfer zu besaͤnstigen! Wehe dem, der ihn durch die sorgfaͤltigste Bemuͤ- hung, gar nicht zu fehlen, zu besaͤnftigen hoft! Der weiseste, der tugendhafteste, der tadelfreiste Man, sagt Plato, waͤre grade derjenige, gegen den sich endlich die ganze Welt zusammen verschwoͤren wuͤrde — und niemahls, goͤtlicher Plato, hast du eine groͤs- sere Wahrheit gesagt!„ Wieland. Dukaten haltest, und dich nicht auf einen Reich- thum verlassest, von dem es sich, wenn’s zum Umsaz komt, gar bald zu zeigen pflegt, daß er aus lauter falschen Muͤnzen bestehe. Mit andern Worten: wenn man dich lobt, rechne ja nicht darauf, daß man dich wirklich schaͤze, wirklich liebe oder bewundere! Man lobt, um wieder gelobt zu werden, oder weil man deiner grade noͤthig hat, oder um seinen eigenen Kentnissen, seinem eigenen Geschmak, seiner eigenen Beurtheilungs- kraft ein Kompliment zu machen, oder aus Ironie, oder weil man sonst eben nichts zu sagen weiß. Selten, hoͤchstselten ist das Herz die Quelle des Lobes! Ueberhaupt aber mußt du wissen, daß die Menschen, um Recht und Unrecht, edles und unedles Betragen zu messen, einen doppelten Maaßstab haben, den einen fuͤr sich und ihre Freunde, den andern fuͤr uns. Daher der auf- fallende Widerspruch in ihrem Lobe und Tadel bei Handlungen von einerlei Natur und Beschaffen- heit, nur von verschiedenen Personen verrichtet! Was Was das eine mahl gut, schoͤn und edel war, das ist das andre mahl sicher schlecht, haͤßlich und un- edel. Warum? Weil der Handelnde im ersten Fal unser eigenes Ich, oder ein Freund desselben, im andern ein Fremder oder ein Beneideter war. Und was folgt nun aus dem allen? Dieses, was ich dir nicht besser und nachdruͤklicher, als mit den Worten eben des treflichen Schriftstellers sagen kan, den ich schon mehrmahls angefuͤhrt habe: “Gluͤklich ist der Man, der, mehr be- muͤht, den Beifal der Menschen zu ver- dienen, als ihn zu erhalten, seine Pflichten gegen sie erfuͤlt, ohne seine Zufriedenheit von ihrer Zufriedenheit, von ihrer Gerech- tigkeit oder Dankbarkeit abhaͤngig zu ma- chen! Getreu seiner eigenen Ueberzeugung! gebilliget von seinem eigenen Herzen, be- staͤtiget in beiden durch den pruͤfenden Beifal der weisesten und besten seiner Zeit- genossen, gebessert durch ihren Tadel und durch eine immerwaͤhrende Bearbeitung seiner selbst, geht er seinen eigenen Weg, unbe- unbekuͤmmert, was alles das Gesumse, Gezisch und Gequaͤke bedeuten koͤnne, das in der Naͤhe und in der Ferne um seine Ohren saust.„ Wieland. Die Hoͤhe der Sonne erinnert mich, daß es Zeit sei, mein langes Geplauder zu endigen, wenn ich deiner Aufmerksamkeit nicht zuviel zumuthen wil. Ich fasse daher das Wichtigste von dem, was ich dir noch zu rathen habe, so kurz als moͤg- lich zusammen, und theil’ es dir, ohne alle Ver- bindung, sazweise mit. Huͤte dich, so oft dir der Kopf von ir- gend einer Leidenschaft gluͤht, etwas zu beschließen oder zu thun, was nicht ganz ausserordentlich dringend ist; sondern warte, bis dein Blut sich abgekuͤhlt hat, und die Ver- nunft wieder am Ruder sizt. Jeder leidenschaft- liche Zustand ist eine Art von Wahnsin: durch welchen Zufal koͤnte das, was wir zur Zeit des- selben beschließen, vernuͤnftig und wirklich rath- sam sein? Lerne Lerne Beleidigungen verschmerzen, ohne sie zu ahnden; Unrecht uͤber dich ergehen zu lassen, ohne Genugthuung zu fodern. Denn so suͤß auch die Befriedigung der Rachbe- gierde ist, so schadet sie doch insgemein uns selbst am meisten. Oft ist es nuͤzlich, gar nicht ein- mahl merken zu lassen, daß man sich fuͤr beleidigt halte. — Ein alter Weiser gibt uͤber die Art, wie man Unrecht ertragen muͤsse, folgende goldne Vorschrift: “Jede Sache hat zwei Seiten; eine, an der sie sich tragen laͤßt, und die andere, an der sie sich nicht tragen laͤßt. Wenn dein Bruder ungerecht gegen dich handelt, so laß nicht diese Ungerechtigkeit die Seite sein, auf der du seine Handlung nimst: denn das wuͤrde grade diejenige Seite sein, auf der du ihre Last nicht tragen koͤntest. Laß vielmehr das Brudergefuͤhl, und den Gedanken, mit ihm erzogen zu sein, lebhaft in dir werden, und du wirst die rechte Seite er- greifen, von der du die Last seines zugefuͤgten Unrechts auf dich nehmen kanst.„ Mißverstaͤnd- Misverstaͤndnisse und schiefes Hinsehn auf die unrechte Seite der Dinge sind ohne Zweifel die Ursache der meisten Feindschaf- ten und Verdrießlichkeiten unter den Men- schen. Verstaͤndige dich mit denen, welche deine Worte oder deine Handlungen misverstanden ha- ben, in aller Freundlichkeit; ruͤkke ihnen den Ge- genstand ihres Unwillens liebreich vors Auge, und zeige ihnen den wahren Gesichtspunkt, aus dem sie ihn betrachten muͤssen. War dan die ganze Sache wirklich nur ein Misverstaͤndniß, so wird es unter hundert Faͤllen kaum einen geben, da es dir nicht gelingen solte, ihren Un- willen im Keime zu erstikken, und das Verneh- men zwischen dir und ihnen wieder auf den alten Fuß zu stellen. Aber huͤte dich, dergleichen Aufklaͤrun- gen entstandener Misverstaͤndnisse schrift- lich zu geben. Ich sage dir voraus, daß du auf diesem Wege deine Absicht in hundert Faͤllen neun und neunzig mahl verfehlen werdest. Denn hat der Andere erst einmahl Feuer gefangen, so Q magst magst du ihm noch so liebreich schreiben, magst die Sache noch so deutlich auseinandersezen: er wird demohngeachtet in den unschuldigsten Aus- druͤkken neue Reizungen zum Unwillen, in den faßlichsten Gruͤnden neue Ursache finden, dich der Ungerechtigkeit gegen ihn zu zeihen: es sei nun, daß seine Einbildungskraft deinem Gesichte eine andere Miene, oder deiner Stimme einen andern Ton, oder deinen Worten eine andere Bedeu- tung, einen groͤssern Nachdruk, oder vielleicht gar nur den unrechten Akzent leihet. Alle diese Irrungen sind bei geschriebenen Auseinander- sezungen misverstandener Dinge unvermeidlich, fallen aber weg, so bald man sich muͤndlich daruͤber bespricht. Traue nie einseitigen Berichten, sie moͤ- gen sich herschreiben, von wem sie wollen. Fielding sagt: “ein Mensch sei noch so ehrlich, so wird doch sein eigener Bericht von seiner Auf- fuͤhrung, selbst wider seinen Willen, so vortheil- haft klingen, daß die Laster gleichsam gereiniget von seinen Lippen fließen, und gleich einem un- reinen reinen Wasser, wenn es recht durchgeseigt wird, alles Unsaubere zuruͤklassen. Wenn gleich seine Thaten selbst zum Vorschein kommen, so werden doch die Bewegungsgruͤnde, Umstaͤnde und Fol- gen, wenn ein Mensch seine eigene Geschichte er- zaͤhlt, und wenn sein Feind es thut, so verschieden sein, daß man kaum erkennen kan, es sei eine und eben dieselbe Sache.„ Vergiß daher nie- mahls, bevor du daruͤber urtheilst, das: audia- tur et altera pars! Wilst du jemanden uͤberzeugen, oder zu etwas bewegen, wovon er abgeneigt ist: wende dich nie grade zu an seinen Ver- stand, sondern achte der kleinen Muͤhe nicht, den zwar etwas laͤngern, aber da- fuͤr auch desto sicherern Umweg einzuschla- gen, der durchs Herz und die Leidenschaften der Menschen ohnfehlbar zu ihrem Ver- stande fuͤhrt; das heißt, stelle die jedesmalige Sache deinem Manne von denjenigen Seiten vor, von welchen sie auf seine Lieblingsneigungen oder Schwachheiten den vortheilhaftesten Eindruk Q 2 macht. macht. Der Verstand ist der gemaͤchliche Haus- vater im Lehnstuhl, Leidenschaften und Schwach- heiten sind Weib und Kinder: wie bald ist jener uͤberzeugt oder uͤberschrien, wenn nur diese erst gewonnen sind! Es versteht sich, hoffe ich, zwi- schen dir und mir von selbst, daß ich hierbei eine Sache vorausseze, welche recht und billig ist, und die also keines Weges auf Uebervortheilung, Be- trug oder Ueberlistung hinauslaufen kan. Das Urtheil des Mannes uͤber uns wird gemeiniglich durch das Urtheil der Frau, dieses durch das Urtheil der Bedien- ten und Maͤgde gestimt. Steige daher, so oft du das Wohlwollen eines Hauses zu erwerben wuͤnschest, mit deiner Hoͤflichkeit, Freundlichkeit, und, wenn du kanst, mit deiner Freigebigkeit, bis zu dem Niedrig- sten herab; das wird dich sicher bis zum Wohlwollen der Obersten erheben. Der Kardinal von Retz, dessen Memoiren auch von demjenigen, der kein Staatsman werden wil, ge- lesen zu werden verdienen, sagt: “Zu den Ge- ringsten ringsten herabzusteigen, ist das sicherste Mittel, sich zu den Großen hinaufzuschwingen.„ Bei jeder Unternehmung von einigem Umfange, rechne ja nicht darauf, daß deine Operazionen eben so in grader Linie fort- schreiten werden, wie du sie in deinem Kopfe oder auf dem Papiere entworfen hast. Die meisten Schwierigkeiten und Hinder- nisse pflegen sich erst waͤhrend der Ausfuͤhrung zu zeigen. Unsere zusammengesezten Handlungen gleichen einer Wasserfahrt, bei der man nie ganz in grader Linie faͤhrt, sondern oft von Wind und Wogen gezwungen, zur Seite lenken, oder auf die langweiligste Weise laviren, oder wohl gar eine Zeitlang vor Anker liegen muß. Es ist aber dem jungen Steuerman gut, daß er dis zum voraus wisse, um darauf gefaßt zu sein. Wilst du irgend etwas unternehmen, wozu du der Unterstuͤzung und Mitwir- kung mehrerer Menschen bedarfst, so rechne nichts auf die Bewegungsgruͤnde, die du Q 3 von von Seiten der Religion oder von Seiten der Pflicht zur Menschenliebe, der Pflicht, etwas fuͤr das Ganze zu thun, hernehmen koͤntest; suche vielmehr deinen Plan so an- zulegen, daß diejenigen, die ihm beitreten sollen, ihren eigenen persoͤnlichen Vortheil darin wahrnehmen moͤgen. Hast du es be- sonders mit Koͤnigen und Fuͤrsten zu thun, so sei nicht so albern, ihnen irgend einen andern Be- wegungsgrund vorzuhalten, als den, welcher von der Vergroͤsserung ihrer Finanzen und ihrer Macht hergenommen ist. Denn bei diesen ist insgemein sogar die Eitelkeit der Vergroͤsserungs- begierde untergeordnet. Was aber diejenigen Zeiten betrist, in welchen man gemeinnuͤzige Sa- chen aus religioͤsen Bewegungsgruͤnden unter- nahm oder befoͤrderte: so mußt du wissen, daß sie laͤngst voruͤber sind, und daß man heutiges Tages demjenigen, der den Leuten von dieser Seite etwas Mildthaͤtiges abgewinnen wil, ins Angesicht zu lachen pflegt. Das Zeitalter, worin wir jezt leben, hat einen ganz andern Karakter; denn ob es gleich nicht das goldene ist, so darf man man doch kuͤhnlich behaupten, daß es das Zeitalter des Goldes sei. Suche daher durch Sparsamkeit und Fleiß deine aͤusserlichen Umstaͤnde so bluͤ- hend, als moͤglich, zu machen. Denn erst- lich ist es leider! nur alzuwahr, daß man in der meisten Menschen Augen nur grade so viel ist, als man besizt. Ich habe einen reichen Filz gekant, der, wenn er einen Unbekanten nennen hoͤrte, sogleich die Frage aufzuwerfen pflegte: wie viel hat er? und wenn die Antwort disseits hundert tausend Thaler fiel, niemahls ermangelte hinzuzu- sezen: der Kerl ist ein Hundsfot! Was dieser Unhold sprach, das denken andere, nur vielleicht nicht ganz so grob. Tanti mihi es, quantum possides. Nun kan es uns zwar in vielen, aber doch bei weitem nicht in allen Faͤllen, gleich- guͤltig sein, was die Narren von uns denken; es ist vielmehr zuweilen gut, auch bei ihnen von einigem Gewicht zu sein, und dieses Gewicht gibt uns das Geld. Aber es ist auch gut, von keinen Nahrungssorgen gequaͤlt zu werden! Es ist auch Q 4 gut, gut, einen Nothpfennig fuͤr unvorhergesehene, gewiß nicht ausbleibende Nothfaͤlle zu haben! Es ist endlich auch gut, Ueberfluß zu besizen, um den Hungrigen speisen, den Nakten kleiden, dem Sinkenden unter die Arme greifen, dem empor- strebenden Anfaͤnger die Hand bieten, und hundert gute gemeinnuͤzige Sachen unternehmen zu koͤn- nen, zu deren Ausfuͤhrung Geld erfodert wird. Sei also sparsam und haushaͤlterisch, aber ohne Knikkerei; erwerbsam und spekulativ, aber ohne gierige Habsucht, Kniffe und Ungerechtigkeit, freigebig ohne Verschwendung, großmuͤthig ohne Pralerei! Nichts sei dir wichtiger, als deinen Kredit in Geldsachen zu erhalten: denn es komt die Zeit, da du seiner bedarfst; und kaͤme sie auch nie, so ist doch dein moralischer Kredit so genau damit verbunden, daß er allemahl mit jenem steigt und faͤlt. Fuͤr den groͤßten Haufen der Menschen ist man schon ein braver Man, wenn man nur ein richtiger Zahler ist, und alle andere Tugenden, verbunden mit allen moͤglichen Talenten, Talenten, koͤnnen uns nicht vor der Verachtung schuͤzen, wenn wir es in diesem einzigen Stuͤkke an Zuverlaͤssigkeit und an einer puͤnktlichen Ge- nauigkeit fehlen lassen. Ich fuͤr mein Theil habe mir daher von Jugend auf zur Regel gemacht, alles, was ich zu bezahlen hatte, wo moͤglich, noch vor dem Zahlungstermin zu entrichten; nie etwas zu kaufen, ohne erst sorgfaͤltig zu erwaͤgen, ob meine Kasse auch nicht zu kurz kommen wuͤrde; und lieber einen sich darbietenden großen Vortheil fahren zu lassen, als mich der Gefahr auszusezen, an einem Zahlungstage nicht bei Gelde zu sein. Und, glaube mir, mein Sohn, ich habe mich bei der Beobachtung dieser Regel immer wohl be- funden. Wird dir fremdes Eigenthum, oder gar eine Kasse anvertraut: betrachte sie als ein Heiligthum, welches eigenmaͤchtig anzugreifen dir unter keinerlei Umstaͤnden jemahls erlaubt ist, wenn du dich nicht der groͤßten Gefahr aussezen wilst, deinen ehr- lichen Nahmen, oft auch deine Freiheit Q 5 und und deine ganze irdische Gluͤkseeligkeit zu verscherzen. Denke nicht: ich werde an dem oder dem Tage so oder so viel einzunehmen haben, und kan daher meiner Kasse das daraus Ent- lehnte vor der Ablieferungszeit wieder ersezen. Denn auch die allersichersten Geldzufluͤsse gerathen oft durch einen sonderbaren und ganz unerwar- teten Zufal ins Stokken, und selbst die ehrlichsten und reichsten Leute lassen uns zuweilen, entweder aus Vergessenheit, oder aus Unvermoͤgen, wider alle unsere Erwartung ploͤzlich im Stiche. Wehe dem, der diese Erfahrung erst dan macht, wan er sie mit dem Verluste seines ehrlichen Nah- mens und seiner Gluͤkseeligkeit erkaufen muß! Frage auf den Festungen und in den Gefaͤngnissen nach, und man wird dir uͤberal lebendige Beispiele solcher Ungluͤklichen zeigen, welche ihren Unver- stand zu spaͤt beseufzen. Alle deine Vertraͤge, Zusagen und Ver- bindungen mache so bestimt und plan als moͤglich, und, wenn es immer geschehen kan, kan, schriftlich. Ueberdenke dabei mit aller Aufmerksamkeit und Uebersicht, deren du nur faͤhig bist, jeden moͤglichen Fal, wobei sich Mis- verstaͤndnisse und Irrungen ereignen koͤnten, um ihnen vorzubauen. Die Menschen sind so geneigt, Vertraͤge jeder Art hintennach zu ihrem Vortheile auszulegen, und entweder mehr zu fodern, als wir ihnen, oder weniger zu leisten, als sie uns versprochen haben, daß man die Behutsamkeit hierin nicht leicht zu weit treiben kan. Auch vergiß nicht, dir bei jeder Auszahlung die gehoͤrigen Quitungen ausfertigen zu lassen. Diese verwahre sorgfaͤltig, um am Ende eines jeden Jahrs ein besondres Buͤndel daraus zu machen, und sie als- dan — nicht zu verbrennen, sondern in einem dazu bestimten Archive fuͤr immer aufzuheben. Diese Vorsicht hat mich mehr, als einmahl, vor betraͤchtlichem Schaden geschuͤzt. Hast du die Wahl, dir einen Standort in der menschlichen Geselschaft auszusuchen: so waͤhle, rathe ich, den, auf dem du zu einer einer nuͤzlichen Geschaͤftigkeit der Mitwir- kung anderer Menschen am fuͤglichsten ent- behren kanst. Je einfacher deine Verhaͤltnisse sein werden, und je weniger du in deiner Wirk- samkeit mit andern Menschen zusammentreffen wirst: desto ruhiger wird auch deine Lage sein, und desto sicherer wirst du fuͤr den Erfolg deiner Arbeiten stehen koͤnnen. Ueberhaupt, mein Sohn, suche so un- abhaͤngig zu werden, als es bei der der- maligen Lage der Menschheit moͤglich ist. Dazu aber wird vornehmlich erfodert, daß du deine Beduͤrfnisse auf alle Weise zu vermindern, und dir Talente zu erwerben suchest, welche dir deinen Unterhalt — von der Menschen Gunst und Ungunst unabhaͤngig — erwerben koͤnnen. Dan darfst du dein Haupt frei empor richten, brauchst vor niemand zu kriechen, und niemand wird es auch von dir verlangen. Unabhaͤngig- keit! O wuͤßtest du schon jezt, welch mannig- faltiges Gluͤk durch dieses einzige Wort, welch mannig- mannigfaltiges Elend durch das Gegentheil des- selben ausgedruͤkt wird, du wuͤrdest nicht eher ruhen noch rasten, bis du dir recht große aus- gebreitete Verdienste erworben, und deine Be- duͤrfnisse bis auf die wirklichen Nothwendigkeiten der Natur vereinfacht und eingeschraͤnkt haͤttest! Endlich, mein Kleon, laß mich noch zulezt einen Punkt beruͤhren, der die Klippe ist, an welcher die Wohlfahrt der meisten jungen Leute zu scheitern pflegt. Ich meine den Umgang mit dem Frauenzimmer. Das sicherste fuͤr einen jungen Menschen ohne Erfahrung, ohne Weltkentniß und ohne tief ein- gewurzelte Grundsaͤze der Ehre und der Tugend, waͤre freilich, sich diesem, seiner Unschuld und sei- nem Wachsthum an Volkommenheit gefaͤhrlichen Geschlechte, bis auf die Zeit, da er die Freundin und Gefaͤhrtin seines Lebens waͤhlen sol, ganz und gar zu entziehen. Aber zum Ungluͤk ist kein ander Mittel vorhanden, Erfahrung, Welt- und Menschenkentniß zu erlangen, als grade dieses einzige, einzige, sich in die Schule dieser gefaͤhrlichen Lehr- meisterinnen zu begeben. Denn sie sind es, und nur sie allein, welche das Hoͤkkerichte in unsern aͤusserlichen Sitten abzuhobeln, das Rauhe zu glaͤtten, und unserm ganzen Wesen denjenigen Weltsirniß anzustreichen wissen, ohne welchen die liebenswuͤrdigsten Tugenden verkant, die groͤßten Verdienste vernachlaͤssiget werden. Sie sind es, durch welche wir mit unserm eigenen Geschlechte, fast moͤgt’ ich sagen, mit uns selbst, erst recht be- kant werden, weil sie sowohl mehr Interesse da- bei haben, sich in die verschlossenen Maͤnnerherzen einzuschleichen, als auch mehr Gelegenheit und mehr natuͤrliche Geschiklichkeit dazu. Sie sind es endlich, welche sich das Monopolium des Lobes und des Tadels, des guten und boͤsen Rufes in der Geselschaft angemaßt haben, und es dergestalt auszuuͤben wissen, daß unser guter Nahme mit dem Grade ihres Beifals allezeit im genauesten Verhaͤltniß steht. Man kan also ihrer nun ein- mahl nicht entbehren, muß nun einmahl ihnen zu gefallen suchen; und die Frage ist also blos: wie man es anzufangen habe, um aus ihrer Ge- selschaft selschaft Vortheil zu ziehen, ohne dabei Gefahr zu laufen, sein Wachsthum an Volkommenheit, seine Tugend, seine Gesundheit, und die Zufrie- denheit seines ganzen Lebens aufzuopfern? Ver- nim denn auch hieruͤber meinen besten Rath, und laß ihn dir, wenn du deine eigene Wohlfahrt liebst, ja immer heilig bleiben! Erstlich muͤsse es deine vorzuͤglichste Sorge sein, mit keinem andern Frauen- zimmer jemahls in geselschaftliche Verbin- dung zu gerathen, als mit solchen, welche im strengsten Verstande ehrliebend, sitsam und durchaus von unbescholtenem Rufe sind. Achte aber vornemlich auf das Leztere; denn die ersten beiden Eigenschaften koͤnnen oft- mahls Blendwerk sein, die leztere unweit seltener, hoͤchstens nur in so fern, daß auch die Ausschwei- fende, wenn sie dabei listig genug ist, ihren guten Nahmen eine Zeitlang vielleicht noch zu erhalten weiß, schwerlich aber in so fern, daß auch dieje- nige, deren Sitsamkeit oͤffentlich bezweifelt wird, jemahls ganz schuldlos sein solte. Nim viel- mehr, bis zu eigener Erfahrung, als eine zuver- laͤssige laͤssige Beobachtung an: daß ein Frauenzimmer, deren Ruf einmahl beflekt worden ist, selten ganz unschuldig war, und wenn auch alles, was das Geruͤcht ihr nachsagt, durchaus erlogen waͤre. Einem wirklich sitsamen und tugendhaften Weibe blikt die Reinigkeit des Herzens auf eine so un- verkenbare Weise aus Augen, Mienen, Gebehr- den, Kleidung und Anstand hervor, daß auch die entschlossenste Verlaͤumderin nicht das Herz hat, einen Schatten von Verdacht gegen sie zu erregen. Oder hast du je gehoͤrt, daß man gegen die Sitsamkeit der C. in W., oder der R. in H. sich nur den leisesten Zweifel zugefluͤstert haͤtte? Niemahls! Und doch sind beide nichts weniger, als Pruͤden; und doch haben beide wohl eine eben so glatte und durchsichtige Haut, wohl eben so viel Annehmlichkeiten des Geistes, als andere! Aber warum erlaubt man sich solche Zweifel gegen die Tugend der X. Y. Z.? Etwa, weil man etwas Unanstaͤndiges von ihnen gesehn oder in Erfahrung Erfahrung gebracht hat? Keinesweges! Man schließt nur: ein Frauenzimmer, das da weiß, daß man von dieser oder jener an sich selbst un- schuldigen Freiheit Anlaß zum Verdachte nehmen werde, und sich diese Freiheit dennoch erlaubt, muß sich wahrscheinlicher Weise in einem leiden- schaftlichen Zustande befinden. Und ich wil be- haupten, daß dieser Schluß in den meisten Faͤllen richtig sei. Denn zu sagen, daß ein solches Frauenzimmer, vielleicht aus einer besondern Staͤrke der Sele, sich uͤber den aͤusserlichen Kling- klang der Ehrbarkeit und uͤber das Gerede der Leute wegzusezen wage, oder aus gaͤnzlicher Rei- nigkeit des Herzens sich ganz und gar nicht ein, kommen lasse, daß sie in Verdacht gerathen koͤnne, heißt, die zarte Empfindlichkeit dieses Ge- schlechts gegen Lob und Tadel, heißt den eigenen immer regen Argwohn desselben in Dingen dieser Art, schlecht kennen. Nein, mein Sohn, ein R Frauen- Frauenzimmer kan gegen ihren guten Ruf nie gleichguͤltig werden, bis sie weiß, daß er nun doch einmahl unwiederbringlich verloren sei; und die engelreinste weibliche Unschuld kan nie so sorglos werden, daß sie aus bloßer Unbedachtsamkeit ein Betragen annaͤhme, welches ihr Dasein zweifel- haft machen koͤnte. Diejenige also, welche Ver- dacht erwekte, hat in den meisten Faͤllen ihn auch verdient, in einem gewissen Grade wenigstens ihn verdient; und sie gehoͤre daher auch nicht zu denen, welchen du eine vorzuͤgliche Achtung und Aufmerk- samkeit erweisen mußt. Zweitens: erfuͤlle dein Herz mit einem tiefen lebendigen Abscheu gegen alle die schamlosen, frechen und unverschaͤmten Dirnen und Weiber, welche in ihren Blikken, Mienen, Anzuge, Reden und Handlungen das Schild der Unzucht aus- haͤngen, und wohl gar so weit gehen, es recht recht geflissentlich darauf anzulegen, der Unschuld tausend verfuͤhrerische Falstrikke zu legen, um sie ins Verderben zu ziehen. Ein solcher tief eingepraͤgter Abscheu kan allein dich retten, wan deine Vernunft erliegen wuͤrde; dieser wird sich aber deiner jungen Sele zuver- laͤßig einpraͤgen, wenn du jezt auf meine Ver- sicherung glaubst, was du kuͤnftig an tausend un- gluͤklichen jungen Schlachtopfern der Wollust mit Augen sehen wirst, daß die lasterhafte Vertrau- lichkeit mit solchen Schandflekken der Mensch- heit fuͤr die Gesundheit des Leibes und der Sele gleich zerstoͤrend ist, indem das ganze Nerven- sistem dadurch geschwaͤcht und zerruͤttet, ein in seinen Wirkungen schrekliches, und uͤber kurz oder lang in die schaͤndlichsten und verderblichsten Seuchen ausbrechendes Gift dem ganzen Koͤrper mitgetheilt, jede aufbluͤhende Kraft des Juͤng- lings in ihrer Wurzel angefressen, sein Verstand R 2 und und sein Gedaͤchtniß zusehends geschwaͤcht, seine Einbildungskraft verunreiniget, sein Muth ge- laͤhmt, seine ganze Sele entmant, und die Zufrie- denheit seines ganzen Lebens auf immer zernichtet wird. Das sind schrekliche Folgen, mein Sohn! Wer kan davon benachrichtiget sein, ohne davor zuruͤkzuschaudern? Und doch — vergib, du Theurer, wenn dein Herz durch meine vielleicht zu weit getriebene Be- sorgniß sich beleidiget fuͤhlt! Und doch, wenn ich alle die Reizungen und Versuchungen zur Unzucht, denen du entgegen gehst, wenn ich die Macht des algemeinen Beispiels, die Zuͤgellosigkeit der heutigen Sitten, den unbegreiflichen Leichtsin, mit welchem man uͤber Schandthaten dieser Art selbst in der bessern Geselschaft zu scherzen pflegt, wenn ich die Wirkungen reizender Speisen und Getraͤnke, die Ueberraschungen unvorhergesehener starker Versuchungen, und alle die teuflischen Versuͤh- rungs- rungskuͤnste ausgelernter Buhlerinnen erwaͤge: o so bebt mir das Herz vor aͤngstlicher Besorgniß, und ich moͤgte aufspringen, dich ergreifen und fest halten, damit du mit keinem Fuße eine Welt be- traͤtest, wo das Laster, wie eine Schlange, unter Blumen liegt, und das Verderben, unter der Larve der Freude tanzend, dem unvorsichtigen Juͤngling auflauert, um ihn in den tiefsten Ab- grund hinabzustoßen! Aber meine Arme sinken; bald werden sie im Grabe liegen: was wuͤrd’ es denn helfen, dich bis dahin fest zu halten? Ein- mahl muͤßtest du der Gefahr, welche deiner wartet, doch entgegen gehn. Geh also, mein Einziger, aber bewafne dich vorher mit allem, was Ver- nunft und Religion uns zum Schuze darbieten; geh, aber vergiß nicht, daß der erste Schrit zum Laster der lezte auf der Bahn der Tugend und der wahren Gluͤkseeligkeit ist! R 3 Aber Aber bei dieser Warnung vor dem Abschaum der Menschheit und vor groben thierischen Aus- schweifungen darf ich es nicht bewenden lassen, wenn ich dir nicht die Haͤlfte der Gefahr, welche deiner Gluͤkseeligkeit droht, verhelen wil. Wisse also, daß auch der Umgang mit wirklich tugend- haften Frauenzimmern fuͤr deine Unschuld und fuͤr dein Wohlergehn gefaͤhrlich werden kan, sobald du die Schranken der Hochachtung oder einer ehr- erbietigen Freundschaft uͤberschreitest, und solchen Empfindungen Raum gibst, welche allein das Band der Ehe heiligen und fuͤr unsern Wachs- thum an Volkommenheit und Gluͤkseeligkeit wohl- thaͤtig machen kan. Glaube die Versicherung eines Mannes, der einen ansehnlichen Theil seines Lebens dazu angewandt hat, die Natur des Menschen zu beobachten und zu merken, was ihr nuͤzlich und was ihr schaͤdlich werden kan; die Versicherung: daß auch die reinste und und unschuldigste Liebe fuͤr die Sele eines Juͤnglings, dem Alter und Gluͤksumstaͤnde noch nicht vergoͤnnen, die ehelige Gefaͤhr- tin seines Lebens zu waͤhlen, ein verderb- liches Gift sei, welches sie entnervt, wel- ches jeden Keim des Guten in ihr erstikt, sie unlustig und unfaͤhig zu jeder edlen Anstrengung und zur Erwerbung ruͤhmli- cher Verdienste macht. Oder meinst du etwa, daß mein Alter und meine Grundsaͤze mich zu einer ungebuͤhrlichen Strenge in der Sittenlehre ver- leiten: so hoͤre das Zeugniß eines Mannes, von dem wohl keiner eine Uebertreibung in Urtheilen dieser Art erwarten wird. “Sogar die unschul- digste Liebe, diejenige, welche in jungen enthu- siastischen Selen so schoͤn mit der Tugend zusam- men zu stimmen scheint, fuͤhrt ein schleichendes Gift bei sich, dessen Wirkungen um desto gefaͤhr- licher sind, weil es langsam und durch unmerk- R 4 liche liche Grade wirkt.„ So sagt Wieland, einer der scharfsinnigsten Kenner des menschlichen Her- zens, und mit ihm die Erfahrung. Wilst du nun der Vortheile geniessen, die ein ehrbarer Umgang mit gesitteten Frauenzimmern gewaͤhren kan, ohne dabei Gefahr zu laufen, an Herz und Geist verdorben zu werden: so wisse, daß du diese Absicht nicht anders, als durch eine puͤnktliche Beobachtung folgender Regeln, er- reichen werdest: 1. Bleibe stets in den Schranken einer ehrerbietigen Achtung gegen sie, auch dan noch, wan deine Bekantschaft mit ihnen schon zu einer Art von Freundschaft gedien waͤre; und vermeide in deinen Reden und Handlungen mit der groͤßten Sorgfalt alles, was zu einer unanstaͤndigen Ver- traulichkeit Anlaß geben koͤnte. 2. Huͤte 2. Huͤte dich, jemahls muͤndlich oder schriftlich den Ton einer empfindsamen Zaͤrtlichkeit mit ihnen anzustimmen; fest uͤberzeugt, daß die geistige Selenliebe zwi- schen jungen Personen von verschiedenem Geschlechte uͤber kurz oder lang sich in die groͤbste und schaͤndlichste Sinlichkeit aufzu- loͤsen pflegt. 3. Wirst du aber dennoch einen beson- dern Hang zu einer Person weiblichen Geschlechts bei dir gewahr: so vermeide doch ja jede Gelegenheit, mit ihr allein zu sein, vornehmlich aber jede Gelegenheit zu irgend einer Beruͤhrung ihres Koͤrpers, weil das Feuer der Wollust in diesem Stuͤk dem elektrischen Feuer gleicht, welches hervor- prasselt, so bald der elektrisierte Koͤrper ange- ruͤhrt wird. R 5 4. Huͤte 4. Huͤte dich vor dem gewoͤhnlichen Ir- thume vieler gutartigen jungen Leute, welche mit dem festen Vorsaze, der Tu- gend immer treu zu bleiben, sich die ersten voͤllig unschuldig scheinenden Grade einer leidenschaftlichen Zaͤrtlichkeit zu erlauben kein Bedenken tragen, weil sie in dem irrigen Wahne stehn, daß es ja nur von ihnen abhaͤnge, es dabei bewenden zu lassen, und nie weiter darin zu gehn, als Tugend und Ehrbarkeit es gestatten. Das heißt, die Natur des menschlichen Herzens, das heißt, den unaufhaltbaren Fortschreitungstrieb einer Leidenschaft schlecht kennen; das heißt, sich von einer jaͤhen Anhoͤhe herabstuͤrzen, weil man es in seiner Gewalt zu haben glaubte, nicht tiefer zu fallen, als man fallen wolte. Betrogener Juͤng- ling! Woher kaͤme dir die Kraft, dich schwe- bend in freier Luft zu erhalten? Glaube mir, diese diese Leidenschaft wil, wie jede andere, in der Geburt erstikt sein, wenn sie nicht in kurzer Zeit uns uͤber den Kopf wachsen und mit unserm Ver- stande davon laufen sol. Principiis obsta! 5. Arbeitsamkeit, Maͤßigkeit und Nuͤch- ternheit sind das einzige sichere Verwah- rungsmittel dagegen, so wie Muͤssiggang, Unmaͤßigkeit und hizige Getraͤnke ganz unfehlbar zu den schaͤndlichsten Ausschwei- fungen fuͤhren. Siehe da, mein Sohn, Ar- zenei auf der einen, und Gift auf der andern Seite: kan es dir zweifelhaft sein, wornach du greifen muͤssest? 6. Unzuͤchtige Bilder und Buͤcher, wo- von die Haͤuser der Reichen und die Buͤcher- saͤle der Wolluͤstlinge wimmeln, sind Werk- zeuge der Hoͤlle, verfertiget von teuflischen Menschen, Menschen, um die Einbildungskraft junger Selen zu beflekken, und ihnen ihr kostbar- stes, durch nichts zu ersezendes Kleinod, die Unschuld, zu rauben. Bewafne dich dagegen mit einem tiefen herzlichen Abscheu, da- mit deine Augen nie dabei verweilen, damit deine Sele nie dadurch besudelt werden moͤge! 7. Endlich, mein Sohn, laß dir nicht blos deine eigene, sondern auch die Un- schuld anderer Menschen, bestaͤndig heilig sein. Bedenke, was es auf sich habe, eine Quelle zu truͤben, die, einmahl verunreiniget, in ihrem Ablauf immer unrein bleiben, und un- rein sich ins Meer der Ewigkeit ergießen wird! Wehe dem Ungeheuer, welches recht geflissentlich es darauf anzulegen, aber wehe auch dem Leicht- sinnigen, welcher durch verfuͤhrerische Worte, Blikke, Gebehrden und Handlungen nur etwas dazu dazu beizutragen sich erlaubt! Es waͤre beiden besser, nie gebohren zu sein. Und nun, mein Guter — fuhr hierauf Theophron fort, indem er aufstand, und seinem Sohne die Hand reichte — glaub’ ich, dir den Weg, den du wandeln mußt, mit den meisten seiner Abwege und schluͤpfrigen Stellen, deutlich genug bezeichnet zu haben. Denn was dir sonst noch etwa zu wissen noͤthig ist, hab’ ich dir aus einem Buche abgeschrieben, wo es zu zerstreut und mit zu vielen andern minder zwekmaͤßigen Vorstellungen vermischt lag, als daß ich dich darauf haͤtte verweisen koͤnnen. Laß uns nun- mehr beide, gestaͤrkt durch die freudige Hofnung des Wiedersehns in einem Lande, wo ewiger Friede und volkomnere Gluͤkseeligkeit unser red- liches Bestreben nach Tugend und Rechtschaffen- heit lohnen werden, unsern Weg antreten; du, mein mein Theurer, den durchs Leben; und ich — o wuͤnsche mir Gluͤk zur Vollendung meiner Wan- derschaft! — den Weg zum Grabe. Kleon lag bei diesen Worten in seinen Armen, und schluchste laut; indes der Greis in stiller Wehmuth seine Augen gen Himmel richtete, und den Liebling seines Herzens, von dem er sich nun trennen solte, der alwaltenden goͤtlichen Vor- sehung uͤbergab.