S ammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen S chriften, Zur Verbesserung des Urtheiles und des Witzes in den Wercken der Wohlredenheit und der Poesie. Zehendes Stuͤck. Zuͤrich , Bey Conrad Orell und Comp. 1743 . V ersuch eines Epischen G edichtes von David dem Koͤnig in Juda; mit Vorrede und Anmerckungen uͤber die Anlage desselben; Nach den Begriffen der vornehmsten Kunstverstaͤndigen. Vorrede Von der Tuͤchtigkeit der Geschichte Davids zu einem heroischen Gedichte. E Jn poetisches Auge siehet in dem er- sten Anblicke, daß in der Geschichte Davids gantz wuͤrdige und bequeme Materien enthalten sind, solche erhabene, grosse und wunderbare Vorstellungen daraus zu verfertigen, welche in dem Epischen Ge- dichte herrschen sollen, den Geist auf einen hohen Grad der edelsten Neigungen und Em- pfindungen zu erheben. Die Tugenden eines Helden, die Großmuth, die Standhaftigkeit, die Gottesforcht, fanden sich in dem vor- trefflichsten Maasse bey ihm; Er war mit dem Geist des Herren angefuͤllet, er hatte die Gunst Gottes, der Himmel war in allen seinen Un- ternehmungen mit ihm; er ward durch eine Menge wunderbarer Begegnisse von dem Schaͤferstande auf den Koͤniglichen Stuhl in Juda und Jsrael erhoben; er war einer von den Stamm-Vaͤtern, aus welchen der Heiland der Welt gebohren werden sollte. Das Volck, welches er beherrschete, war das eigenthuͤmliche und erwehlte Volck Gottes, A 3 wel- Versuch eines Gedichtes welchem der Hoͤchste seine Gegenwart auf eine ausnehmende Art gegoͤnnet, und es gewuͤrdi- get, daß er selbst die Religion und die Policey bey ihm eingerichtet, und ihre Sitten und Gesetze verfasset hat. Eine Materie aus der wahren Religion, wie damahls die Juͤdische war, hat vor einem Gedichte, das auf die Heidnische Mytholo- gie gegruͤndet ist, den Vortheil der Wahr- scheinlichkeit in seinen wunderbarsten Erdich- tungen. Wo der Poet seine Zuflucht zu den Gottheiten der Heiden nehmen muß, hoͤret die Wahrscheinlichkeit bey unsern Lesern also- bald auf, weil ihnen nicht wahrscheinlich vor- kommen kan, was von ihnen nicht nur vor falsch, sondern vor unmoͤglich gehalten wird; Nun ist unmoͤglich, daß durch die Macht die- ser Goͤtzen, die ein eiteles Hirngespinste sind, Dinge geschehen, welche die Natur und das Vermoͤgen der Menschen uͤdersteigen. Hier- zu koͤmmt, daß die wahre Religion eine an- dere Hoheit, eine andere Wuͤrde, eine andere Majestaͤt, so wohl in den himmlischen und den hoͤllischen Versammlungen, als in den Wahr- sagungen und den feyerlichen Solennitaͤten mit sich fuͤhret, als die Heidnische thun wuͤrde. Die Hebraͤische hat in diesen Stuͤcken, in den Festen, den Ceremonien, den Sitten, einen solchen Pomp, mit welchem die Heidnischen Opfer- von David. Opfer- und Fest-Gebraͤuche in keine Verglei- chung kommen. Die Materie von der Geschichte Davids hat uͤberdieß den Vortheil, daß sie durchge- hends bekannt ist, und die Gunst der Lesenden zum voraus hat. Wiewohl sie von einem so grossen Alter ist; wiewohl die Personen und die Sitten von uns und unsern Sitten so weit entfernet sind, so sind sie uns doch nicht frem- de; wir haben sie in frischem Gedaͤchtniß, und sind fuͤr sie schon zuvor mit Ehrfurcht, Hoch- achtung, Freundschaft und Zuneigung einge- nommen. Der Poet hat einen wichtigen Vor- sprung, der eine Materie erwehlt, welche schon in sich die Gunst und die Liebe der Zuhoͤrer hat. Bey diesen vortheilhaften Dingen erfordert eben diese Materie eine grosse Vorsichtigkeit, daß der Poet mit der Anstaͤndigkeit, und mit der Majestaͤt rede, welche ihr gebuͤhrt und ei- gen ist. Der Mangel dessen hat gemacht, daß verschiedene Gedichte, die auf die wahre Religion gegruͤndet waren, mit allem Rechte getadelt worden. Es ist wider die Vernunft und wider die Heiligkeit der Religion, daß man sich hieruͤber so viel Freyheit herausneh- me, als Virgil genommen hat, da er von sei- ner Religion redet. Eine solche Materie will deßwegen von einem Kopfe tractirt werden, A 4 der Versuch eines Gedichtes der die Mythologischen Hilffsmittel der al- ten Poeten nicht noͤthig hat, seinen Geist zu erhitzen, und seinen Talent aufzuwecken; der die Poesie, die Redensarten, und die Erfin- dungen der Griechen und der Roͤmer ohne Schaden entbehren kan. Wen diese und dergleichen Betrachtungen auf den Entschluß gefuͤhrt haben, Hand an diese Materie zu legen, der muß vor allen Dingen bemuͤhet seyn, die Geschichte Davids dergestalt an eine eintzige Haupthandlung zu binden, daß aus dieser alle die uͤbrigen na- tuͤrlich herausfallen; sie muͤssen mit derselben so genau verknuͤpft werden, daß man sie vor Theile derselben ansehen muß. Diese Ein- heit der Handlung wird nicht darum erfordert, weil wir sie im Homer finden, oder weil Ari- stoteles sie vorgeschrieben hat, sondern weil Ho- mer, und Aristoteles aus ihm, erkennt haben, und die Einsicht in die Natur des Menschen es so giebt, daß der Geist und das Gemuͤthe da- durch beysammen behalten, und vor Verwir- rung und Kaltsinnigkeit bewahret, und weit tie- fere Eindruͤcke gemachet werden. Sie schlies- set die Mannigfaltigkeit der Begegnisse und Umstaͤnde nicht aus, nur bedinget man, daß diese der Einheit nicht im Lichte stehen, noch den Zusammenhang verdruͤßlich und verwirrt machen. Dieses erhaͤlt man, wann die Bege- ben- von David. benheiten in eine solche Ordnung gesetzt wer- den, daß sie ungezwungen aus einander her- vor fallen, insonderheit, wann sie saͤmtlich an eine Angelegenheit geknuͤpft sind, welche be- staͤndig im Gesichte behalten wird. Ferner wann eine Sache, eine Regung, eine Person etliche mahl, und allemahl in einem verschiede- nen Lichte mit Vermeidung aller Widerho- lung vorgestellet wird. Daher entsteht nun eine wuͤrckungsreiche herrliche Einfalt. Gravina, der es vor einen Eigensinn der Kunstlehrer gehalten, daß sie nur denjenigen vor einen geschickten Epischen Erzehler halten, der wenig Sachen, so auf eins looslauffen, nicht aber den, der viele und vortreffliche Sa- chen erzehlt, muß nichtsdestoweniger geste- hen, daß er es „auch selber vor die groͤsse- „ste Kunst halte, wenn man den Geist mit „einem Wercke von einem wohl-eingetheilten „Ebenmaasse angenehmer einnehmen und un- „terhalten koͤnne, wo die Geschichte sich zwar „in viele Begegnisse ausbreitet, und dennoch „auf eine einzige hinauslaͤuft, wie viele Li- „nien, die in einem Mittelpuncten zusam- „menlauffen. Aber er fuͤget hinzu, er koͤn- „ne nicht begreiffen, warum ein Poet, der „wahrscheinliche Dinge erzehlet, und mit le- „bendigen Farben schildert, nur darum weil „sie ohne obige Kunst auf eine andere Art A 5 „er- Versuch eines Gedichtes „erfunden und angeordnet sind, nicht vor „einen Epischen Poeten und Erzehler sollte „gehalten werden, zumahl, da die Sachen „in der Natur auf sehr verschiedene Arten „geschehen koͤnnen, und eben darum vergoͤn- „net seyn sollte, sie auch auf verschiedene Art „zu erfinden und zu erzehlen, entweder wie „sie an einem Bande und einer Angelegen- „heit hangen, oder wie sie vielfaͤltig unter- „schieden, und in grosser Anzahl sind.„ Al- lein, wenn der erstere Weg der vortrefflichere ist, und hoͤhere Wuͤrckungen thut, mit was vor Recht heißt er es einen Eigensinn, wenn wir demselben den Vorzug vor dem andern geben? Jst es doch in der Natur des Men- schen, daß er allemahl das erwehlet, was er vor das beste erkennet? Sollten wir dem Poe- ten nicht dancken, der uns mit dieser Menge von gantz verschiedenen Begegnissen und Ge- schichten verschonet, die ohne Ende auf einan- der gehaͤuffet, und oͤfters so in einander verste- ket werden, daß sie lauter Verwirrung in dem Geiste verursachen, das Gedaͤchtniß ohne Noth belaͤstigen, und denen, welche gerne das Ende sehen moͤchten, so sehr mißfallen, daß sie solche uͤberhuͤpfen, damit sie der Haupt- Handlung nacheilen. Wir wollen diesem Kunstrichter, wann er nichts weiters verlan- get, gerne einraͤumen, daß seine zusammenge- rei- von David. reigeten Geschichten auch Epische Erzehlungen seyn, aber nur im kleinen, massen eine jede eine eigene Fabel ausmachet, und der Poet, wann er mit einer fertig ist, sein Werck vol- lendet hat, so daß er die Laͤnge des Epischen Gedichtes nicht anders erhalten kan, als wann er etliche derselben hinter einander setzet, welches ihm sehr leicht ist, gestalt es nur in seiner Willkuͤhr steht, zehne, zwantzig und noch mehrere hinter einander zu schreiben, weil ihm von der Kunst kein Ziel vorgeschrieben ist, und er eben so wenig an zwanzig, als an zehne ge- bunden ist. Aber die Eindruͤcke von allen diesen Erzehlungen werden um so viel schwaͤcher seyn, als sie verschiedener, und von mehrern Arten sind. Wie viel gewisser und nach- druͤcklicher trifft der Poet das menschliche Ge- muͤthe, der sich keine Zwischengesaͤnge, kei- ne Neben-Handlungen erlaubt, welche nicht nothwendige Theile der Haupt-Handlung seyn; welche man mit desto groͤsserm Ver- gnuͤgen liest, je weniger Muͤhe es uns kostet, sie zu behalten, und wo das Hertz dem Affect sich um so viel leichter ergiebt, weil der Ver- stand nicht beschaͤfftiget ist, die Umstaͤnde, so denselben erreget haben, aus einander zu le- sen; endlich wo die Mannigfaltigkeit mit der Einfaltigkeit verbunden ist. Man hat dann kei- ne Verwirrung zu befahren, welche das, was uns Versuch eines Gedichtes uns ein Zeitvertreib seyn sollte, zu einer Ar- beit und einer Lection machen wuͤrde; Man darf auch nicht fuͤrchten, daß man nur schwa- che Eindruͤcke auf das Hertz thue, wie dieje- nigen, die sich bestreben, verschiedene und vie- lerley Eindruͤcke zu machen. Es ist wahr, der andere Weg ist viel leich- ter, und es erfordert weniger Geist, zu ma- chen, daß in viele und abgesonderte Handlun- gen eine Menge vielfaͤltiger Begebenheiten kommen, man erkennet darinnen weder Kunst noch Geist des Poeten, und ein gemeiner Ge- lehrter wird dieses bald eben so gut zuwege bringen, als ein scharfsinniger Kopf. Dieje- nigen, welche sich dergestalt mit einem Schatze von Materien versehen, thun es aus Miß- trauen auf ihre eigene Kraͤfte, sie muͤssen ei- nen Leib haben, auf welchen sie sich stuͤtzen koͤnnen, und weil sie nicht so viel eigenthuͤmli- ches haben, daß sie uns damit angenehm un- terhalten koͤnnen, so wollen sie, daß die Be- gebenheiten und die Erzehlung uns ergetzen. Minus illis ingenio laborandum fuit, in cujus locum materia successerat. Man sieht sie halb huͤpfend und halb fliegend von einer Erzehlung zur andern, wie von einem Aste zum andern flattern, wie ein Vogel, der seinen Fluͤgeln noch nicht weiter, als auf eine sehr kurtze Zeit trauen darff, und alle drey Schrit- von David. Schritte sich niederlassen muß, aus Furcht, daß es ihm an Kraͤften fehle; excursusque breves tentat. Wie dem seyn mag, so ist die Kuͤhnheit in einem schweren Unternehmen der Verzei- hung werth, wann es ihr gleich nicht gluͤcket: Jch habe darum kein Bedencken zu sagen, wie ich nach einigen geschwinden Ueberlegungen die Geschichte Davids an den Mittelpunct ei- ner kurtzen Handlung haͤngen wollte. Jch wollte den Anfang von dem Feldzug des Koͤ- nigs Achis von Gad wider den Koͤnig Saul machen; als in welchem Saul umgekommen ist, und die lange Verfolgung und das Elend Davids ein Ende erlanget hat, indem er erst- lich zum Koͤnig in Juda, und nicht lange her- nach auch in Jsrael gekroͤnet worden. Man muͤßte David in diesem Kriegeszug einen be- sondern Antheil geben, welches auf den Hi- storischen Grund geschehen koͤnnte, daß Achis ihn mit sich zu Felde nehmen wollen, und da er dieses ihm angezeiget, von ihm zur Antwort bekommen, er werde ihn aus der That kennen lernen. Auf diese fluͤchtigen Spuren koͤnnte man erdichten, daß David mit Jonathan ein Verstaͤndniß gehabt, ihm die Philister in den Gebuͤrges-Engen von Gilboa in einen Hinter- halt zu liefern, welches aber ruckgaͤngig ge- worden, weil die Fuͤrsten der Philister es ge- rochen, Versuch eines Gedichtes rochen, und den David zuruͤck gesandt haͤtten. Man wuͤrde weiter erdichten, der Herr haͤtte dieses also geleitet, theils damit David zu rech- ter Zeit zuruͤcke waͤre, denen von Amaleck den Raub von Menschen und von Habe wieder abzu- jagen, den sie zu Ziklag erbeutet hatten; theils damit Saul auf Gilboa erschiagen, und Da- vid auf seinen Stuhl erhoben wuͤrde. Die Pluͤnderung Ziklags wuͤrde eine hertzruͤhren- de Scene abgeben. Abners Abfall von dem Hause Sauls, seine und Jsboseths Ermor- dung, muͤßten etwas naͤher zn diesen Zeiten her- bey gezogen, und in eine Verknuͤpfung damit gesetzet werden. Was dem David vor dieser Zeit an Sauls Hofe, und in waͤhrendem Elende begegnet, und die merckwuͤrdigsten Begeben- heiten unter seiner Regierung muͤßten in der Form von Zwischengesaͤngen, bald kuͤrtzer, bald mit mehrerm hin und wieder angebracht werden; zum Exempel in Davids Unterredun- gen mit Saul, mit Jonathan, mit Agis, mit Abner, mit Joab, mit Michal, in geschickt- eingefuͤhrten Offenbarungen und dergleichen. Jn allen diesen Begegnissen muͤßte bestaͤndig auf David gesehen werden, in jeder muͤßte ein Stuͤck von seinem Character in einem eige- nen Lichte gewiesen werden. Jch glaube nicht, daß diese Begegnissen dergestalt heilig und hoch- wuͤrdig seyn, daß man, da man den Grund der- von David. derselben behaͤlt, eine Gottlosigkeit begehe, wenn man sie in den kleinern Umstaͤnden er- gaͤntzet, vermehret, vermindert, oder sonst ver- aͤndert. Nicht erlauben, dergleichen Sachen darinnen zu veraͤndern, und also alles Erdich- ten mit denselben untersagen, ist so viel als den Gebrauch dieser Materien verbieten, dann wer an die eintzigen absonderlichen Um- staͤnde gebunden waͤre, welche davon in den Buͤchern der Koͤnige von Juda und Jsrael auf- geschrieben sind, der wuͤrde kein Poete, sondern ein Geschichtschreiber seyn. Was das Gedichte von der Historie im Grunde unterscheidet, ist dieses, daß der Poet die Sachen betrachtet, nicht wie sie wuͤrcklich geschehen sind, sondern wie sie haͤtten geschehen koͤnnen, so daß er das Auge viel- mehr auf das Wahrscheinliche uͤberhaupt, als auf das wuͤrckliche Wahre, das in einem beson- dern Falle begegnet ist, richtet. Demnach giebt er vor allen Dingen Acht, ob in seiner Materie, etwann eine Begebenheit sey, die wofern sie auf eine andere Art geschehen seyn wuͤrde, wahrscheinlicher oder wunderbarer ausgefallen waͤre, und aus dieser oder einer andern Ursache mehr Ergetzen mit sich gebracht haͤtte, und alle diese Begebenheiten, die zu mehrerm Vergnuͤgen des Lesers auf eine ande- re Art haͤtten begegnen koͤnnen, aͤndert und versetzet er ohne Scheue fuͤr das Wahre, oder die Versuch eines Gedichtes die Historie, und ordnet die Zufaͤlle auf eine Weise und in der Masse, wie es ihn am vor- traͤglichsten duͤncket, indem er mit dem veraͤn- derten Wahren das Erdichtete allerorten be- gleitet. Doch will ich hiermit dem Poeten kein Recht ertheilen, diese Freyheit so weit zu mißbrauchen, daß er ein Unternehmen oder eine Haupt-Handlung, die wichtig, und von jedermann vor wahr bekannt und angenommen sind, gaͤntzlich umkehre, zum Exempel, daß er Rom vor besieget, und Carthago vor sieg- haft, ausgebe. Jch koͤnnte mit leichter Muͤhe meine Ge- waͤhrmaͤnner fuͤr diese Betrachtungen und Lehr- saͤtze geben, (massen ich mir solche in den verstaͤndigsten Kunstlehrern bemercket habe,) wann ich sie nicht mit so starcken Gruͤnden be- festiget hielte, daß es nicht noͤthig ist, sie mit dem Ansehen vornehmer Nahmen zu bekraͤf- tigen. Es ist indessen offenbar, daß das Ge- dichte von David, von welchem ich in folgen- den Blaͤttern den Anfang liefere, nach andern Lehrsaͤtzen, und einem andern Plane, als der von mir gutgeheissene ist, angeleget, und angefangen worden. Jch habe diesen Anfang in dem vierten Theile der Liebes-Geschichte von der Roͤmischen Octavia angetroffen, wo er als ein absonderliches Werck einer Person, die sonst in diesem Roman keine Figur macht, ein- von David. eingetragen ist. Vermuthlich ist er von eben dem Erfindungs-reichen Verfasser, welcher die uͤbrigen Stuͤcke dieses grossen Romans verfertiget, und die groͤsseste Kunst darinnen bewiesen hat, daß er die kurtzen Sinnen und Gedaͤchtniß der Leser durch zehnfach verwi- kelte und in einander gesteckte Geschichtes-Er- zehlungen in eine ungeduldige Verzweifelung setzet. Die Episodia stecken daselbst, nach der Vorstellung des Verfassers der Romanti- schen Mythoscopie, so enge in einander, wie die Tunicæ oder Haͤutgen einer Zwiebel, oder die ptolomeischen Sphaͤren, oder die Raͤder in einem Uhrwercke. Wir werden die Spuren von diesem Geiste der Verwickelung auch schon in diesem kleinen Anfang des Gedichtes von David wahrnehmen. Dieses und anders, wo- von ich oben geredet habe, wird uns Anlaß zu etlichen Anmerckungen geben, mit welchen ich gedencke, des Lesers eigene Betrachtungen uͤber die epische Art von Schriften hervorzu- locken, und das ist eine von den Haupt-Ursa- chen, daß ich dieses unreife und erst halb-ge- bohrne Stuͤcke von einem deutschen epischen Gedichte in dieser Sammlung wieder aufgele- get habe. [Crit. Sam̃l. X. St.] B Die Die Geschichte des Davids, Koͤnigs in Juda. J Ch will die hohen Werck und Lebenslauf des Helden, V. 1. Jch will die hohen Werck und Lebens-Lauf des Helden) Der Epische Poet muß sich in Acht nehmen, daß die Quantitaͤt Materie, die er sich vornimmt abzuhandeln, nicht so groß sey, daß das Gedicht, wenn er nach- gehends in der Ausfuͤhrung der Fabel einige Zwischenfabeln unterflechten, und die Sachen, die in ihrer Natur einfaͤltig sind, auszieren und ausbilden will, zu einer ungemessenen und ungeheuren Groͤsse anwachse; oder daß er, dieses zu vermeiden, genoͤthiget sey, die Zierrathen und die Ausbildungen der Poesie wegzulassen, die zu einem poeti- schen Wercke erfodert werden, und sich bloß in den Schrancken der einfaͤltigen Historie aufzuhal- ten. Jn diese Gefahr begiebt sich ein Poet, der das gantze Leben ei- nes Helden zur Materie seiner Arbeit nimmt, denn da es an grossen und verschiedenen Bege- benheiten so reich ist, muß das Gedichte eine uͤbermaͤssige Groͤsse bekommen, wann er eine jede von diesen Handlungen nach der Pflicht eines Poeten mit ihren Ursachen, Fortgang und Ende ausfuͤhren, und darbey die Zier- rathen der Poesie anbringen will. Und wie wird in diesem Fall das Gedaͤchtniß zureichen moͤgen, daß es alle diese mannigfaltigen Dinge, wie sie in ihrem versteck- ten Zusammenhange vereiniget sind, behalten koͤnne, ohne sich zu verirren? Der Juda bracht die Kron, besingen und vermelden. Des Koͤnigs, dessen Thron man nicht gnug preisen kan, Weil alle Welt von dem schaut ihren Heyland an. Aus seinem Stamme ist der Heyden Licht entstanden, Sein ewig-waͤhrend Lob verbleibt in allen Landen, Die Nachwelt spricht von ihm, daß fuͤr den Hirtenstab Der Hoͤchste ihm den Thron und Koͤnigsscepter gab. Er ließ in Gottesfurcht, Geduld, Muth, Guͤte, blicken, Und kont in jedem Stand, sich wie er solte schicken, 10. Jm Lehramt war er groß, und im Regentenstand, Auch Haus-Stand ordentlich, diß naͤhrte Volck und Land. Sein hoher Wundergeist macht ihn bald zum Propheten, Und seine Lieb zu Gott zum Lehrer der Poeten. Er B 2 Versuch eines Gedichtes Er fuͤhrte so sein Volck gleich als er selbst sich fuͤhrt, Er war des Willens Herr, drum ward auch wol regiert. V. 16. Er war des Willens Herr, drum ward auch wol regiert.) Dieser lange Lobspruch stuͤhnde in einem Lob-Gedichte gut genug; aber in einem epischen Gedichte ist er fast an jedem Orte uͤberfluͤs- sig, weil daselbst der Charaeter des Helden nicht durch Zuͤge der Worte und Beschreibungen, son- dern durch Handlungen im Unter- nehmen und Ausfuͤhren beruͤhm- ter Thaten vorgestellt werden muß. Der Poet muß uns frey- lich gleich Anfangs die Haupt- Person, mit welcher er unsern Geist beschaͤftigen, und unser Hertz einnehmen will, anzeigen, aber zu diesem Ende muß er die- selbe in eigner Person auftre- ten, und sich mit Empfindungen, Reden und Thaten bey uns in Gunst setzen lassen; sie muß von ihm bey Zeiten in wichtigen Um- staͤnden und einer hohen Ge- muͤths-Verfassung nicht beschrie- ben, sondern vor Augen gestellt werden. Jn dem Vortrage des Gedichtes ist darum ein characte- risierender Lobspruch unnuͤtzlich und unnoͤthig, weil wir diesen schon in den folgenden Handlun- gen mit lebendigen und redenden Farben antreffen werden. Da erfordert die Sache selbst nichts mehrers, als daß das Vorhaben des Poeten, nemlich die Haupt- Handlung, die er besingen will, nach ihrem vornehmsten Gesich- tespunct nachdruͤcklich und ein- faͤltig angezeiget werde. Homer hat mit grosser Einfalt gesagt: Muse singe den verderblichen Un- willen des Achilles, welcher den Griechen so viel Schaden und Un- gluͤck zugefuͤget, und so manchen dapfern Held vor der Zeit dem Pluto zugeschickt, und ihre Leiber den Hunden und den Voͤgeln des Himmels zur Speise vorgeworf- fen. Cowley der sich, wie unser Poet, vorgenommen hatte, den gantzen Lebenslauf Davids zu besingen, hat den Jnhalt seiner Davideis mit mehrern Worten, und mit viel untermischten Lob- reden folgendergestalt vorgetra- gen: Jch singe den Mann, der das Scepter von Juda in der rech- ten Hand getragen, welche zu- vor den Hirtenstab gefuͤhrt hat- te, der aus dem besten Poeten der beste Koͤnig geworden; welches die zwo vornehmsten Gaben des Himmels sind; Aber vorher hat- te er viel Gefaͤhrlichkeiten und viel Arbeit auszustehen; indem Saul und die Hoͤlle seinem maͤchtigen Schicksal vergeblich den Weg ver- schraͤncketen. Auch seine Krone gab ihm eben so schwere Arbeit, uͤbte seine Geduld und sein Schwerdt eben so sehr, so lange als die boßhafte Fortun ihren Be- zwinger verfolgete, biß daß er mit unermuͤdeter Tugend alle Boß- heit zu Hause und allen Trutz der Fremden besiegete; Jhre Staͤrcke bestuhnd auf Armeen, seine auf dem Herrn der Heerzeuge. Was saͤum ich aber noch, den Nahmen fuͤrzutragen? Der David ist es, merckt, von dem ich wollen sagen, Ja von David. Ja David ist mein Held, von dem mein schwacher Kiel, V. 19. 20. Von dem mein schwacher Kiel, Doch aus zu ꝛc.) Andere Poeten trachten mit allem Fleisse die Leser von ihren eigenen Personen zu entfernen, und ihnen weiß zu machen, daß ihre Wercke von weit hoͤhern und selbst Goͤttlichen Personen ver- fertiget worden, und sie nur die Abschreiber derselben gewesen seyn. Unser Poet hat kein Be- dencken, sich vor den Verfasser anzugeben, und den Beystand der Muse zu verachten. Doch aus zu stolzem Muth, anietzo schreiben will. 20. Ja wahrlich ist mein Muth hierinnen stoltz zu nennen, Dieweil ich mich vergeß hierinn selbst zu erkennen: Doch David macht mich kuͤhn. Mein David war ein Knab, Als er dem Goliath den Sieg gewonnen ab. Was ich mich unternehm, vergleich ich mit dem Riesen, Den zu bezwingen man zwar andre solt’ erkiesen, Von einer kluͤgern Hand, von einem schaͤrffern Sinn, Doch unternehm ich mirs, so schwach ich immer bin. Und wann ich gleich damit nicht allen werd behagen, So wird in dieser Furcht mein Will doch nicht verzagen, 30. Jch singe gleichwol fort. Mein David laͤßt mir zu, Daß ich zu seinem Lob, so viel ich kan, nur thu. Jch suche keine Ehr in meinen Reim-Gedichten, Jch achte nicht, wann mich die Welt hierinn will richten, Jch sing aus freyer Lust, und nicht aus hohem Geist, V. 35. Jch sing aus freyer Lust und nicht aus hohem Geist. ꝛc.) Eine solche Bescheidenheit ist bey den Poeten nicht gewoͤhnlich. Sie sind vielmehr gewohnt sich uͤber den Rang der gemeinen Menschen mit der Hoheit ihrer Gedancken, und ihrer Ausdruͤcke hinaufzusetzen. Sie geben sich vor begeistert, und ihre Wercke vor die Arbeit himmlischer Per- sonen aus, sie fuͤhren eine eigene Sprache, sie haben ein eigenes Tonmaß und dergleichen. Sie doͤrffen darum auch desto vorneh- mer von ihren Gedichten reden, weil der Ruhm, den sie ihnen bey- legen, nicht ihr eigen, sondern der- jenigen ist, von welchen sie ihre Einfaͤlle empfangen haben. Un- ser Poet hat sich dieser poetischen Vorrechte begeben, indem er sich vor einen ordentlichen Menschen ausgibt, der mit uns geradezu gehen will, und uns mit den zau- berischen Kunststuͤcken der Poe- sie nicht zu taͤuschen begehrt. Die geringe Hofnung, die er damit zu hohen Vorstellungen machet, gibt ihm nun zwar den Vortheil, daß Von David, dessen Thun mit mir ein jeder preist. Es B 3 Versuch eines Gedichtes Es hatte Jsrael kaum Amaleck vertrieben, (Wiewohl in allem nicht nach Gottes Richtschnur blieben,) Als der Philister Heer, schon wiederum mit Macht Jn Juda bey Socho, ein grosses Schrecken bracht. 40. Sie zogen schnell herauf mit vielen Roß und Wagen, Des Juda sein Geschlecht von Hauß und Hof zu jagen. Asecka ward es inn, allda ihr Lager war, Ja Damin bliebe nicht entfreyet der Gefahr. Es ahnte ihnen schon, daß aus des Juda Lenden Ein Held entspringen solt, den Gott selbst wuͤrde senden Zu ihrem Ungluͤcks-Fall, drum galt’ es Juda mehr, Als andern Staͤmmen, weil fuͤr die der Haß zu sehr Jn der Gaditer Hertz die Wurtzeln laͤngst gefasset; Was noch nicht war gesehn, das wurde schon gehasset; 50. Dann Dagon hatte viel von einem Held gesagt, Der sie zuschrecken kaͤm. Diß hatte es gemacht, Wie auch, daß Agags Schmach und Saul erlangtes Siegen Durch dieß bewaͤhrte Volck solt wieder unterliegen. Der Schimpf that ihnen weh, daß der ihr Bundsverwandt Durch Benjamins Geschlecht gelegt war in den Sand. Gleichwie ein Wolcken-Bruch viel Land und Ort bedecket, Und eh man sichs versieht, die sichersten erschrecket: So gieng es hie auch zu: die Maͤchtigen von Gad, V. 59. 60. Die Maͤchtigen von Gad, Die waren schon ꝛc.) Cowley hat seine Davideis von einem weit spaͤthern Zeit- puncten angefangen; nemlich da Saul nach einer Versoͤhnung mit David in die vorige Wuth verfaͤllt, und einen Wurfpfeil nach ihm schießt, mit dem er ihn zwar verfehlet, aber, nachdem er in sein Hauß entflohen, ihn da- selbst durch seine Trabanten auf- suchen laͤßt, und als er durch die List der Michal auch da entwischt, weiter verfolget, bis er in das Land Moab gefluͤchtet. Er be- schreibt dieses nicht ohne das Ministerium Deorum, indem er die Hoͤlle aufschließt, und die Teufel darinnen auffuͤhrt, sich wider David zu verbinden, dann den Himmel eroͤffnet, und eine Goͤttliche Gesandschaft zu Davids Schutze nach der Erde schickt. Die waren schon im Land, eh mans erfahren hat. 60. Saul man destoweniger von ihm er- wartet, und fodern kan, aber da- mit ist der Nachtheil verknuͤpfet, daß das Gemuͤthe der Lesenden nur schwaͤchlich und langsam aus seiner Kaltsinnigkeit gesetzet und angefeuret wird. von David. Saul der zu Gibea sich fand mit seinen Helden, Als die von Socho ihm dieß liessen hin vermelden, War stets in seiner Burg, und ließ sich wenig sehn, Weil die Ahinoam dies rieth, um zu entgehn, Daß nicht gantz Jsrael des Koͤnigs Trauer-Wesen Sobald erfahren moͤcht, bis daß er erst genesen, Wie ihre Hoffnung war; und Jonathan sein Sohn, Der Helden edle Zier und der Soldaten Kron, Verhuͤtete mit Fleiß, daß seines Vaters Zagen Nicht wuͤrd von einem Stam̃ zum andern umgetragen. 70. Die Ursach war ihm kund, und mehr dann allzu leyd, Und deren zu entgehn war es nun nicht mehr Zeit. Die Suͤnde war gescheh’n, und der, so Gott verlassen, Und sein Geboth versaͤumt, ward wieder gleichermassen Ohn Gottes Geist und Trost alleine hingestellt; Die Gnaden-Thuͤr war zu, das Urtheil schon gefaͤllt, Daß Saul sein Koͤnigreich solt werden hingerissen, Wie Samuel ihm ließ von Gottes wegen wissen, Und daß sein Naͤchster solt, der besser, als wie er, Besteigen seinen Thron und seine Koͤnigs-Ehr. 80. Wann alles dieses Saul in seinem Sinn erwoge, V. 81. Wann alles dieses Saul in seinem Sinn erwoge.) Diese Ueberlegungen sind weit lebhafter, wie sie v. 158. u. folg. Saul selber in den Mund gelegt werden; wo er sagt: Was kan ich ohne Gott? Gott sagte mir sonst fuͤr ꝛc. Hier waͤre genug gewesen, es mit zweyen Worten anzudeuten. Und den gedrohten Fall sich zu Gemuͤthe zoge, Kam ihm ein Graͤmen an, ein Zagen, eine Quaal, Die ihm durch Marck und Bein, durchdrunge uͤberall. Er war aus Gottes Gnad, drum kont kein Trost ihn laben. Der nicht hat Gottes Geist, was wolt der uͤbrig haben? Wann ihm der Satan setzt mit seinen Pfeilen zu, Wo ist dann wohl ein Orth, der ihme giebet Ruh? Doch konte der allein, auf den der Geist des Herren Gerathen war, mit Krafft, des Koͤnigs Trauren kehren, 90. Der schoͤne Hirten-Knab, Jsai juͤngster Sohn, Der David, des Geschlechts und seines Hauses Kron. Den hatte man nach Hof zum Koͤnig lassen kommen, Wie man an ihm zuerst die Hertzensangst vernommen, B 4 Und Versuch eines Gedichtes Und weil sonst keine Cur den Koͤnig heilen kunnt, So solt es David thun, der die Musik verstuhnd, Und Stimm und Harffenklang so kuͤnstlich wußt zu fuͤhren, Daß ihre Lieblichkeit konnt auch die Geister ruͤhren. Der boͤse Geist entweicht, wann Davids Harff erklingt, Weil dessen Reinlichkeit ihm einen Schrecken bringt. 100. Er meidet David drum, weil da aus dessen Lenden Der Heyland aller Welt wird seine Macht umwenden, Das er wohl merckte an, drum war er ihm so gram, Daß er von Saul entwich, wenn David zu ihm kam, Der da ein Juͤngling war, von uͤberschoͤner Jugend, Mit der sich hat gepaart die vollenkommne Tugend, Daß jedem die Gestalt, und sein Gemuͤth gefiel, Wer einmahl ihn geseh’n, stets um ihn leben will. Er war von Antlitz schoͤn, und braͤunlich wohlgezieret Stuhnd ihm sein lockicht Haar. Die Augen, die er fuͤhret 110. Mit Zucht und keuscher Scham, die zeigen einen Muth, Der seinen Feinden scharff, und seinen Freunden gut. Die Wangen Milch und Blut mit solcher Gleichheit tragen, Daß sie dem Frauenvolck die Eiferroͤth’ abjagen. Der Mund steht stets bereit von Gottes Ruhm und Ehr Zu singen ohne End. Was soll man sagen mehr? Der schoͤne David war mit keinem zu vergleichen, Fuͤr seinen schoͤnen Leib und Geist muß alles weichen, Des Koͤnigs gantzer Hof liebt diesen jungen Held, V. 119. Des Koͤnigs gantzer Hof liebt diesen jungen Held) Diese beyden Zeilen geben so viel von Davids Schoͤnheit zu ge- dencken, daß man ohne Abbruch des Begriffes etliche von den vor- hergehenden Zeilen haͤtte weglas- sen koͤnnen. Ja allem Frauenvolck er mehr als wol gefaͤllt. 120. Weil aber es also nun mit dem Koͤnig stuhnde, Ahinoam, die nicht fuͤr rathsamlich befunde, Daß das ihr Ehgemahl, wie es in Juda war, Sogleich erfahren muͤßt, wolt bergen die Gefahr; Weil sie gar wohl bedacht, es wuͤrde weiter kommen Des Koͤnigs Traurigkeit, wann er diß haͤtt vernommen, Und wo Betruͤbniß ist, folgt eine Furcht hernach, Daß uns offt allzuschwer scheint eine leichte Sach. Drum von David. Drum solte Jonathan allein dem Feind entgegen. Dennoch nach langem Rath, nach vielem Ueberlegen, 130. V. 130. Dennoch nach langem Rath, nach vielem Ueberlegen) Die lange Erzehlung scheinet mir eben so lange, als die lange Berathschlagung uͤber eine Sa- che von dieser Natur. Findt Abner es fuͤr gut, daß ers dem Koͤnig sagt. Er gieng in sein Gemach des Morgens unbefragt, Als Saul noch lag zur Ruh: doch wann nur Ruh zu nennen Die Schreckens-volle Traͤum, das innerliche Brennen, Die Schwermuth seines Geists, die ihn niemahls verließ, So daß sein Schlaffen recht ein stetes Wachen hieß. Sobald er Abner sah, fieng sein Hertz an zu schlagen, Und furchte sich fuͤr was, das er nicht konnte sagen, Er reichte ihm die Hand, und sah ihn zitternd an, Und Abner bringt es fuͤr, so gut er immer kan. 140. Mein Koͤnig, sagte er, es giebt ein neues Siegen, Gott hat dir was geschickt, dein Hertze zu vergnuͤgen, Man sieht, dir dienet nicht die stille Einsamkeit, Du bist nur kranck, weil du nicht mehr ziehst in den Streit. Schau doch ein Volck von Gad koͤm̃t an, und will es wagen, Sich mit dir, Grosser Saul! in einem Streit zu schlagen, Bey Socho stehen sie, und seynd dazu bestimmt, Daß dort dein Helden-Muth ihr Toben ihnen nimmt. Der Koͤnig schwiege still, und dacht in seinen Sinnen, Wo ist mein erster Muth, mein tapferes Beginnen? 150. Wo find ich Saul in mir? ich bin sein Bild allein, Was ehmahls war mein Wunsch, macht mir anjetzo Pein. Als Abner nun kein Wort vom Koͤnig konnte bringen, Vergieng ihm schier der Muth, daß es ihm wuͤrd gelingen. Doch sagt er noch einmahl, wie ist dann Saul verkehrt, Daß er sein Volck nicht mehr zu schuͤtzen nun begehrt? Auf Koͤnig thu dein Amt, daß Juda werd befreyet. Ach! brache Saul heraus, ob zwar mein Hertz nicht scheuet Diß unbeschnittne Volck, so ist doch Gott von mir; Was kan ich ohne Gott? Gott sagte mir sonst fuͤr, 160. Des Siegs gewiß zu seyn; der hat mich nun verlassen, Sein Geist denckt nicht an mich, sein Will ist mich zu hassen. B 5 Ey! Versuch eines Gedichtes Ey! sprache Abner drauf, das ist ja nur ein Wahn. Ach! sagte Saul, wer es also empfinden kan Als ich, der wird gewiß mit mir nur dahin zielen, Was Hoͤllenangst es sey, nicht Gottes Gnad zu fuͤhlen. Hiemit erblaßte Saul, er aͤchzt und seufzte tief, Ein starcker Thraͤnen-Bach ihm aus den Augen lief. Sein gantzer Leib erstarrt, sein Hertz hub an zu springen, Die Lippen ruͤhrten sich ohn etwas fuͤrzubringen. 170. Dem Abner wurde bang, er rieffe oft und viel, Daß doch der Knab bald kaͤm mit seinem Saitenspiel. Der schoͤne David kam und ruͤhrte seine Saiten, Damit die Lieblichkeit sich mehrt, stuhnd er von weiten, Und als der Harffenklang zum Koͤnig drang hinein, Entwich der Trauer-Geist und liesse Saul allein. Er richtet sich empor, und seine matte Glieder Bekamen ihre Ruh und neue Staͤrcke wieder, Er lachte David an, den er gantz innig liebt, Weil dessen Saitenspiel, ihm suͤssen Labsaal giebt. 180. Wo warst du doch mein Sohn, sprach er zu diesem Knaben, Ohn dich kan ja mein Hertz nie wahre Ruhe haben; Herꝛ Koͤnig, sprach der Knab aus fuͤrgenommnen Rath, Jch hoͤrte an wie man zum Streit Beliebung hat, Wie Jonathan der Printz, und deiner Helden Schaaren, Nach Socho hin verlangt, da Ecron soll erfahren, Was Jacobs Gott vermag. Ja! trat hie Abner zu, Und sprach, all deine Leut die haben keine Ruh, Sie wollen fuͤr den Feind und mit dir Koͤnig siegen, Wann Saul nur bey uns ist, so muß der Feind erliegen. 190. Hiezu kam Jonathan und stuhnde Abner bey, Auch selbst Ahinoam sagt, daß es noͤthig sey. Der Koͤnig der fuͤr sie wolt keine Zagheit weisen, Die er gar nicht besaß, hub nunmehr an zu preisen, Der andern ihren Muth und gienge alles ein, Er wolte fuͤr dem Heer auch selbst der Erste seyn. Ahinoam erfreut, so muthig ihn zu sehen, Sah niemahls ihn so gern in eine Feldschlacht gehen. Thalmais, Jonathans vertrautes Ehgemahl, Hoͤrt diesen Feldzug an gleich einen Donnerknall. 200. Sie von David. Sie wußt wie Jonathan sich pflegte nie zu scheuen, Und hoͤrt aus seinem Wort, aus seinem dapfern Draͤuen, Wie es solt Ecron gehn, drum war ihr Hertz und Sinn Voll Liebes-Traurigkeit, doch weil sie sich darinn Fuͤr ihme bergen must, weil er nicht wol kont leiden, Daß das ihr Klagen war, was er vollfuͤhrt mit Freuden; Daher verschwieg sie nur, was ihr ein Trauren bracht, Und was ihr Hertz beweint, dasselb ihr Mund belacht. Die Merob und Michal die wollen bey ihr bleiben, Mit ihr die lange Weil indessen zu vertreiben, 210. Und weil nun Jonathan den Abschied nehmen will, V. 211. Und weil nun Jonathan den Abschied nehmen will) Dieser Abschied hat seine Schoͤnheiten, indem er die Liebe der Thalmais und den Helden- muth Jonathans in sehr kleinen, aber wohl-erfundenen Umstaͤnden geschickt ausdruͤckt. Solche sind: Daher verschwieg sie nur ꝛc. Und was ihr Herz beweint ꝛc. Er schaut sie lieblich an, ꝛc. Umfaͤht sie ihn und spricht: Wag dich auch nicht zu viel! Er schaut sie lieblich an, und ohn ein Wort zu sprechen Setzt er sich auf sein Pferd, den Unmuth ihr zu brechen, So ritt er was er kan, gantz Jsrael war da, Ein jeder ruͤstet sich, weil schon der Feind so nah. Der alte Jsai wie er diß kaum vernommen, Wollt nicht, daß David sollt mit in das Treffen kommen, Weil seine Jugend ihn noch schuͤtzte, daß er nicht Dem Koͤnig dienen dorfft, nach der Soldaten Pflicht; 220. Drum seine aͤltste Soͤhn er nach dem Heere sandte, Dafuͤr er David nun bey ihm zu seyn ernannte, Bis dieser Krieg fuͤrbey, und ließ es Saul geschehn, Daß David wiederum nach Bethlehem moͤcht gehn; Der dann in allem sich so willig wust zu geben, Daß was man von ihm wollt, auch war sein Will und Leben. Sein hoher Heldenmuth sehnt sich zwar mit ins Heer, Doch galt des Vaters Will bey ihme noch vielmehr, Daß, als nur Saul hinweg, er gleich den Hof verliesse, Und wiederum der Art des Feldes sich beflisse, 230. Aus einem Hofmann ward hinwiederum ein Hirt, Der beydes Stadt und Feld mit seinem Wesen ziert. Er huͤtete nunmehr, in seinem Sinn zufrieden, Die schoͤne Wollenheerd, wozu er war beschieden, Nichts Versuch eines Gedichtes Nichts war ihm ungewohnt, der Hof, die Stadt, das Feld, Es galt ihm alles gleich, wozu man ihn erwehlt. Der vor dem Koͤnig stuhnd, dient nunmehr seinen Schafen, Statt weicher Federbett will er in Huͤrden schlafen, Des Hofes hoher Schein hat ihn nicht so verblendt, Daß er nicht wie zuvor die Schaͤferfreude kennt. 240. Er ist hie mehr vergnuͤgt, er ist hie mehr sein eigen, Hie thut er was er will, hie darff er sich nicht neigen Fuͤr diesem oder dem, sein Wort das fuͤhrt er frey, Und sorgt nicht ob es so noch so zu deuten sey. Hie hat er keinen Streit, er weiß von keinem Neiden, Er darff hie seinen Leib, wie ihm gefaͤllt, bekleiden. Die Mahlzeit richt er zu, wo es ihm selbst beliebt, Bald unter einem Baum, allwo es Schatten giebt, Bald wenn die Sonne nicht die heissen Strahlen schiesset, Steht ihm ein gruͤnes Thal, das da ein Bach umfliesset, Zu seinem Tisch bereit; er isset was er mag, 250. V. 252. Er isset was er mag, und trinckt nicht uͤber Durst.) Jn Opitzen Zlatna und dem Lobe des Feld-Lebens wuͤrde diese Beschreibung der Land-Ruhe trefflich gut stehen; ich will sie auch in dem Epischen Gedichte nicht verwerffen, wann sie in ein paar Zeilen gebracht wird, und keinen Theil der Haupt-Hand- lung ausmachet; diese muß nach der Natur des Epischen Gedich- tes edel und erhaben seyn. Jch verstehe eine Erhabenheit, die in den Unternehmungen einer krie- gerischen Dapferkeit, in ausneh- menden Thaten der Großmuth, der Liebe zum Vaterland, zur Re- ligion, der Klugheit in Staats- Sachen, der Hoͤflichkeit und der- gleichen besteht. Wer sich vorge- nommen hat den Lebens-Lauf ei- nes Helden zu beschreiben, wird nothwendig eine Menge schlech- terer und unwuͤrdiger Tha- ten darinnen antreffen, welche die Hoheit des Epischen Gedich- tes unterbrechen, allermassen die Menschlichkeit nicht zulaͤßt, daß ein Held durch eine lebenslange Folge und Reihe von grossen und erhabenen Umstaͤnden und Hand- lungen fortgefuͤhrt werde. Und trinckt nicht uͤber Durst, folgt der Gesundheit nach. Er gehet zu der Ruh, wenn sich die Sonn verliehret, Und stehet wieder auf, wenn sie den Himmel zieret. Niemahls ist er allein, denn Gott der alles fuͤllt, Hat ihn mit seinem Licht, und Gnaden-Geist umhuͤllt. Denselben lobet er in diesen gruͤnen Auen Mit manchem Kunst-Gebaͤud. Jn Gott sich zu erbauen, Jst von David. Jst nur sein Fleiß gewandt. Er dencket stets dahin Wie er Gott dienen moͤg mit Andachtsvollem Sinn. 260. So brachte David hin die Zeit bey seinen Heerden, Die ihm nicht lange konnt auf diese Weise werden, Als ihm an einem Tag, wie fuͤr der Sonnenschein Er kuͤhlen Schatten sucht, diß eben fiele ein: Wie Gott der Wunder-Gott, den Sauel fallen lassen, Den er doch erst erwehlt den Scepter zu umfassen, Und seufzte bitterlich, daß der verworffen gar, Der da in Jsrael der erste Koͤnig war. Ach! dacht er bey sich selbst, was hat doch Saul begangen, Daß er nicht wiederum Vergebung kan erlangen? 270. Wohin ist Gottes Guͤt? es ist zwar Gott gerecht, Doch geht er ins Gericht nicht oft mit seinem Knecht. Wann alle Missethat der Hoͤchste wollte straffen, So wuͤrd uns allen ja sein strenger Zorn hinraffen; Warum findt Saul allein denn jetzo keine Gnad? Ach, fuhr er weiter fort, es ist des Hoͤchsten Rath, Dem muß man halten still; der Hoͤchste kennt die Hertzen, Wer weiß ob Saul nicht will mit Buß und Reue schertzen, Vielleicht erkennt er nicht die Suͤnd die er gethan, Und will doch, daß ihn Gott soll wieder nehmen an. 280. Hierauf schwieg David still und stellt ihm fuͤr die Augen V. 281. Hierauf schwieg David still und stellt ihm fuͤr die Augen.) Jn diesen Gedancken wird uns gar tief in das Hertz Davids hin- ein zu sehen gestattet, und sie sind so beschaffen, daß wir nothwendig eine grosse Hochachtung fuͤr seine Gottesfurcht und seine Aufrich- tigkeit empfangen. Die Vor- stellungen sind sehr nachdruͤklich: Sein Herze fragt ihn stets: Sag an, was machest du? Nicht daß sein hoher Muth wollt zu regieren scheuen ꝛc. Was bin ich mehr als Saul, ꝛc. Was soll mir dann die Kron ꝛc. Wie hoch und schwer es sey, fuͤr Gottes Geist zu taugen. Drum ward er sehr betruͤbt, wie er daran gedacht, Was unlaͤngst Samuel bey ihnen hat gemacht, Wie der sein Haupt gesalbt, daß er solt Koͤnig werden, Daß er ein grosses Volck, statt seiner schwachen Heerden, Einsmahls regieren sollt. Dis gab ihm keine Ruh; Sein Hertze fragt’ ihn stets: sag an, was machest du? Nicht, Versuch eines Gedichtes Nicht, daß sein hoher Muth wolt zu regieren scheuen, Nein, weil des andern Fall ihn nicht vermag zu freuen. 290. Er sorgt nur weil er sich dazu unwuͤrdig fand, Es moͤcht sein Regiment nicht haben lang Bestand. Was bin ich mehr als Saul, sprach er, ich kan auch fehlen, Was soll mir dann die Kron, die wuͤrde mich nur quaͤlen; Jedoch, hie hielt er inn, befahl es seinem Gott, Und dacht es muß geschehn des Hoͤchsten sein Geboth; Desselben Wille war sein Will und macht ihn schweigen, Er will nicht gruͤbeln mehr, er will Gehorsam zeigen Und folgen dem Beruff, in Demuth schlecht und recht, Er ist bereit zu seyn ein Koͤnig oder Knecht. 300. Jndem diß David nun so alles uͤberleget, Ersieht er wie die Heerd sich uͤberall beweget, Und daß ein grauser Baͤr zu seinem Hertzeleyd Ein Lamm daraus erwischt mit grosser Hefftigkeit. Der David saͤumet nicht dem Unthier nachzueilen, Verfolgt ihn auf der Spur ohn ferneres Verweilen, Der starcke Gottes-Geist regieret seinen Muth, Daß er in heilgem Grimm was ungemeines thut. Er kommt dem Baͤren nah und dieser sieht den Knaben, Denckt, daß er diesen Raub zu jenem auch will haben, 310. Verlaͤßt daher das Lamm und geht auf David loß, Er baͤumt sich vor ihm auf, macht Klau und Rachen groß, Er fasset David schon; der greifft ihm in den Rachen, Und haͤlt ihn wie ein Lamm: der Starcke kan nichts machen, Den Wuͤrger wuͤrget er, mit grosser Staͤrck und Macht, Der jenen faͤllen will, wird selbsten umgebracht. Hier sah man Gottes Krafft, die Davids schwachen Haͤnden Das ihm entfuͤhrte Lamm wollt wiederum zuwenden; Und da dasselb aus Furcht fuͤr David selbsten laͤuft, Wodurch es die Gefahr unwissend doppelt haͤuft; 320. Jndem es in dem Wald hofft seinen Schutz zu haben, Begegnet ihm ein Loͤw allda in vollem Traben, Der es auch schier erwischt, wenn Davids sein Getoͤn Der auf den Loͤwen drang, ihn nicht gemachet stehn. Der Loͤw in Zorn erhitzt, spitzt seine scharffe Klauen, Und springt auf David zu, der sonder einzigs Grauen Den von David. Den stoltzen Feind erwart, und als ein tapfrer Held Jhn bey dem Bart erwischt, und drauf zu Boden faͤllt. Hie setzt er sich auf ihn, haͤlt ihn mit solcher Staͤrcke, Daß man gestehen muß, diß waͤren Loͤwenwercke, 330. Und ehe sich der Loͤw kan wieder heben auf, Hat ihm ein Messer schon gekuͤrtzt den Lebenslauf. Der Held der Thiere liegt dem Helde hin zu Fuͤssen, Besinget Davids Sieg, mit seinem Blutvergiessen So ward das Lamm gerett, das der getreue Hirt Zu der erschrocknen Heerd mit Freuden wieder fuͤhrt. Es ward sein stilles Hertz durch dieses Wundersiegen Nicht frech, noch voller Stoltz, nein, er ließ ihm genuͤgen, Daß er was er bewacht, vom Tode nun befreyt, Und sagte niemand nichts, bis zu bequemer Zeit. 340. Er prieß indessen Gott, den Herrscher aller Herren, Der seinen Arm gestaͤrckt, zu seines Namens Ehren, Und bat, daß dessen Gnad ihm gaͤbe Kraft und Staͤrck, Nach dieser Zeit zu thun des Allerhoͤchsten Werck. Hierauf, weil schon der Tag sich schiene zu verliehren, Wollt David seine Heerd in ihre Huͤrden fuͤhren, Trieb sie drauf fuͤr sich hin, durch einen tiefen Thal, Und spielte ihnen fuͤr mit seiner Harffen Schall: Der Ort zu seiner Ruh war rund herum beschlossen Mit steinigtem Gebirg, woraus mit Anmuth flossen 350. Der Baͤche Silber-Quell, so durch die Klippen fiel, Und eilte mit Geraͤusch zu kommen nach dem Ziel. Diß sausendes Getoͤn bracht Anmuth da zu schlafen, Drum hatte David auch mit seinen lieben Schafen, Erkieset dieses Thal, das die Natur bebaut Mit einer Maur, daß er sein Vieh hie sicher schaut. Dann nur ein Eingang war den wilden Thieren offen, Doch, daß fuͤr deren Wuth man Sicherheit zu hoffen, Lag da sein Schaͤferhund, des Treu und Wachsamkeit V. 359. Lag da sein Schaͤferhund ꝛc.) Der Poet verlaͤßt David in den kleinsten Umstaͤnden nicht, er fol- get ihm zu seiner Heerde, hilft ihm nicht allein den Baͤren, und den Loͤwen uͤberwinden, sondern decket ihn noch mit einem Bette in einer verschlossenen Hoͤhle, welche er von einem treuen Schaͤ- Jhn nimmer nicht verließ, bey Tag-noch Nachtes-Zeit. 360. Wie Versuch eines Gedichtes Wie nun die Heerde sich in ihre Huͤrd begeben, Gieng David in die Hoͤhl, die ware gleich daneben, Jn welcher stuhnd sein Bett, in einem Stein gehaut, Das ehmals Esaus Fleiß hat selbsten so gebaut, Wann er war auf der Jagd, war hie bey Nacht sein Bleiben, Denn nahe hie herum pflag er die Jagd zu treiben, Jn einem weiten Wald, der seine Luͤste stillt Und seine Muͤh belohnt, mit manchem edlen Wild. Jezt wohnte David hie, des Jacobs edler Saame, Der da nach Gottes Schluß den Seegen Esau nahme. 370. Diß fiele David ein, als er sich legt zur Ruh, Und schloß er lang darum die Augen noch nicht zu. Geht es jezt auch nicht so? dacht er in dem Gemuͤthe, Mich hebet Gott empor nach seiner Wunder-Guͤte, Und wehlet mich fuͤr Saul, die Erstgeburt ist sein, Der Koͤnigliche Thron, doch soll er werden mein. O grosser Wunder-Gott! als Esau ward gebohren, War er verworffen schon, und Jacob war erkohren. Was kan der Mensch dann thun? er ist ja eh erwehlt, Und eh verworffen schon, eh er noch auf der Welt. 380. Ach Gott! du siehst zuvor der Menschen ihre Sinnen, Eh sie gebohren sind, weist du schon ihre Beginnen, Du straffest drum zuvor, was nachmahls wird gethan, Die Suͤnderrott, und laͤst in allem Recht bestahn. Nun Esau der ist Saul, da ich mich Jacob gleiche, Jch sehe schon zuvor, wie ich ihm gar nicht weiche Jn mancher Noth und Angst, die ihm zu Handen kam, Als er fuͤr Esaus Grimm die Flucht zu Handen nahm. So wird mirs auch noch gehn, ich werde noch erleben Beym Scepter Ungemach, beym Throne Angst und Bebẽ. 390. Doch, Herr, ich bin bereit! Ach Herr, ich bin dein Knecht, Nach ferhunde bewachen laͤßt. Da- durch verbindet er in der That den aufmercksamen Leser an die Person seines Helden. Er hat wohl gewußt, daß die Sachen den Leser nicht ruͤhren, wann sie nicht umstaͤndlich ausgebildet werden. Aber wenn er sich vorge- nommen hat, der Person Davids so genau zu folgen, und alle schoͤnen Stellen so umstaͤndlich vorzustel- len, so hat er eine kuͤrtzere Mate- rte, und nicht einen Lebens-Lauf vor sich nehmen sollen. So muß er nothwendig das Maaß eines vernuͤnftigen Werks uͤberschreitẽ. von David. Nach deinem Willen will ich leben, schlecht und recht. Hiemit schlieff David ein, in seinem Geist zufrieden, Bereit und wohl geruͤst, wozu ihn Gott beschieden, Als ploͤtzlich sich der Wind in starckes Brausen kehrt, Und weckt mit Ungestuͤm die eingeschlaffne Heerd. Die vorhin heitre Luft wird dunckel und umzogen, Die Wolcken stossen sich und blasen Wasserwogen, Der Mond und Sternen Schein bedeckt ihr braunes Kleid, Die Elemente selbst sind mit sich in dem Streit. 400. Die Luft die saust und braust, und will dem Wasser wehren, Daß nicht ein Wolckenbruch die Felder moͤg verzehren, Doch bricht das Wasser durch, die Wolcken gehn entzwey, Und wollen so das Feur verloͤschen, wo es sey. Das Feur, der schnelle Blitz, zischt doch durch diese Luͤfte, Und acht das Wasser nicht. Der Erden tieffe Kluͤffte Erschuͤtteren darob, wie sich der Donnerschall Hiernach auch hoͤren laͤst, mit schrecklichem Geknall. Die Felsen dort umher vermehren dieses Rollen, Und scheinen jeden Schlag mit Schlag zu doppeln wollẽ, 410. Der Nachtigalen Zunft verkriecht sich in die Stein, Die Schafe wollen nicht mehr in den Huͤrden seyn; Sie lauffen hin und her, in dieser Felsen Ritzen; Der treue Hund will auch nicht in der Huͤtte sitzen, Fuͤr solchem starcken Feind ist ihm der Muth nicht da, Wo alles sich fuͤr scheut, ist auch sein Schrecken nah. Der David der erwacht von diesem starcken Wuͤten, Sein Seufzen gieng zu Gott, daß der sich ließ beguͤten, Und nicht in Eifer straft. Er dacht, wie groß ist der, Dem da steht zu Geboth der Himmel und sein Heer. 420. Wann er nur spricht ein Wort, so muß es alles gehen, Wann er nur was gebeut, so muß es gleich geschehen, Fuͤr ihm ist nichtes was, und etwas nichtes nicht, Dann seine grosse Kraft das Schwerste leicht verricht. So ware Davids Sinn, er stellt ihm fuͤr daneben, Wie Gott durch Mosen haͤtt sein theur Gesetz gegeben: So waͤr es auch geschehn mit Donner, Feur und Blitz, Daß selbst der Sinai gebrannt in seiner Spitz. [Crit. Sam̃l. X. St.] C Dieß Versuch eines Gedichtes Dieß edele Gesetz war seine Lust und Freude, Daran fand er stets Lust, auch in dem groͤsten Leyde. 430. Da denckt er Tag und Nacht mit grosser Sorgfalt auf, Setzt es zur Richtschnur sich in seinem Lebenslauf. Als er dieß fest gestellt, und noch in etwas wachte, Auf seiner Laͤgerstaͤtt, und Gott sein Hertze brachte, Deucht ihm, es kaͤm ein Wag fuͤr seine Hoͤl gerannt, Der Raͤder rollen macht ihm dieses so bekannt. Doch ließ das Ungestuͤm nicht zu, es zu verhoͤren, Was dieß bedeuten moͤcht, und ob es Leute waͤren, Doch ploͤtzlich hellt die Hoͤl des starcken Blitzes Schein, Daß er drey Weiber schaut, die allda treten ein. 440. Das gleich verschwundne Licht laͤst ihn nichts mehrers sehen, Doch hoͤret er, daß sie nah bey ihm uͤber gehen, Horcht also in der Still. Mitdeß sagt eine Stimm: V. 443. Mitdeß sagt eine Stimm ꝛc.) Wenn nicht nur David, son- dern auch seine Freunde und Ver- traute in so kleinen Umstaͤnden so weitlaͤufftig aufgefuͤhrt werden, wie in dieser Unterredung und der Fortsetzung derselben, diese Frauens-Personen, so wird das schwache Gedaͤchtniß unter der grossen Anzahl Dinge, Beschrei- bungen und Vorstellungen erli- gen, ehe wir David noch auf dem Throne Sauls werden zu se- hen bekommen. Sonst sind der- gleichen kleine Umstaͤnde und Ge- spraͤche an sich selbst gantz beque- me die Gemuͤther mit Lebhaftig- keit und Eindruck zu offenbaren. Man muß nur darauf sehen, daß sie mit den Haupt-Theilen des Gedichtes in einem gehoͤrigen Masse Verhaͤltnisses stehen, und der Majestaͤt des Jnhalts nicht nachtheilig werden. Wohl uns, daß wir allhie nun fuͤr des Donners Grimm Jn trockner Sicherheit. Worauf die andre sagte: Ach! wann ich wuͤnschen koͤnnt, so wolt ich, daß es tagte, Jch bin so sehr erkaͤlt. Dies buͤßt recht unsre Lust, Sprach drauf die dritte Stimm. Ja wer hat dieß gewust, Die erste wiederredt, wir muͤssen auch erfahren, Was Ungemach bedeut, gleich unsern Kriegesschaaren. 450. Ja du Soldaten-Weib, sagt eine drauf zu ihr, Du achtest nichts, du bist es mehr gewohnt, als wir. Du must es lernen auch, die erste wiederholte, Dann wann der Adriel dich noch bekommen sollte, Must von David. Must du des weichen Betts noch offte muͤßig gehn. Wohlan, versetzte die, wer weiß was kan geschehn; Allein, was faͤngt man an? Wir wollen uns hinsetzen, Sagt bald die dritte Stimm, und mit einander schwaͤtzen. Ach! Schwester, sing ein Lied, wandt drauf die erste ein, Zu Gott soll unser Hertz anitzt gerichtet seyn. 460. Hoͤrt wie der Hoͤchste zoͤrnt, wohlan, thu mein Begehren, Du, fuͤhr die Stimm, und wir, wir wollen es anhoͤren Hierauf gab David acht, der keine noch nicht kennt, Was kommen wird, und hoͤrt, daß sie dieß Lied ernennt. Jch heb die Augen auf aus allen Truͤbsalsgruͤnden Hin zu dem hohen Berg, von wannen Huͤlff zu finden, Mein Huͤlffe kommt von Gott, vom Herren kommt Genad, Der Himmel und die Erd so schoͤn gemachet hat. Der Herr wird deinen Fuß niemahlen gleiten lassen, Kein Schlaff den trifft, der dich behuͤtet, allermassen 470. Der Huͤter Jsrael ja schlaͤft noch schlummert nicht. Dein Schatten ist der Herr, daß dir nicht was gebricht: Daß dich bey Tag die Hitz der Sonnen nicht kan stechen, Noch bey der Nacht der Mond, kein Schrecken muß dich schwaͤ- Dann deine Seel der Herr fuͤr allem Leyd befreyt, (chen, Den Ein- und Ausgang er behuͤt in Ewigkeit. Der David war bestuͤrzt, dieß Lied mit anzuhoͤren, So seine Arbeit war, und ware sein Begehreu Noch groͤsser als fuͤrhin, zu kennen seine Gaͤst, Von denen eine sich also vernehmen laͤst: 480. Wo hast du dieses Lied, o Schwester, herbekommen? Jch hab es, sagte sie, dem Jonathan genommen. Wie? fragt die erste bald, kommt es von meinem Mann? Weist du dann nicht von wem er dieses haben kan? Des Jsai sein Sohn (sprach sie) wie er berichtet, Der schoͤne David hat dieß Kunstgebaͤnd gedichtet, Der unserm Vater dient in seiner Traurigkeit, Und den jedweder liebt, um seiner Lieblichkeit. Du seufzest tief, sprach die, so da bisher geschwiegen, Entdeck uns deine Lieb, gelt dieser kan besiegen 490. Dein vorhin stoltzes Hertz, was Phalti nicht gekunt, Kan Jsai sein Sohn. Mein Seuftzen geht itzund, C 2 Die Versuch eines Gedichtes Die andere gab fuͤr, hin nach dem Trauerwesen, Das unser Vater treibt. Der, der bringt sein Genesen, Die erste sprach, der ist ein wenig Ursach mit, Daß deine Seuftzer gehn. Wann ich dich fleißig bitt, Wirst du mir bergen nicht, was wir bereits verspuͤhret, Du liebest nichts, was dir zu lieben nicht gebuͤhret; Der David zeiget schon, was aus ihm werden wird, Bald wird er seyn ein Held, ist er gleich schon ein Hirt. 500. Der Koͤnig will ihm wohl, mein Jonathan ihn liebet, Kein Ritter ist am Hof, der ihm nicht Zeugniß giebet, Daß er so kuͤhn als schoͤn, so tapfer und so weiß, Daß er von Jahren jung, von Witz vor Alter greiß. Wer weiß, was er jetzund im Feld vor Thaten uͤbet, Wie der Philister Heer sich vor ihm fluͤchtig giebet, Wie sein die Siegeskron mit Ehren schon verlangt, Wie er gleich als ein Held in schoͤnen Waffen prangt. Ach! sprach die andre drauf, Thalmais ich muͤst liegen, Wann ich dir laͤugnen wolt was ich bisher verschwiegen. 510. Ach es ist nur zu wahr, daß David mir gefaͤllt, Kein Mann in Jsrael, ja keinen in der Welt Kan ich in meinem Sinn dem edeln David gleichen, Er ist allein das Feur, das mein Hertz kan erweichen. Mein Uebermuth ist hin, bin ich des Koͤnigs Kind, So ist ein Hirtenknab, bey dem mein Hertze findt Den Thron, die Ehr, die Kron. Wie gerne wolltich weiden Mit ihm die Schaf, und mich als eine Hirtin kleiden, Jn meinen bunten Rock, ja meine Koͤnigszier Wollt ich ohn alles Leid gleich legen weg von mir. 520. Wie unvermuthlich dieß dem David war zu hoͤren V. 521. Wie unvermuthlich dieß dem David war zu hoͤren) Die Stellung, in welche Da- vid gesetzt worden, die Reden die- ser Frauenspersonen, an wel- chen er so grossen Antheil hat, ih- nen unwissend mit anzuhoͤren, ist romanhaft, und zu artig fuͤr die Hoheit des heroischen Gedich- tes. Eine lange Liebesverwirrung, die in dem Verfolge kommen soll, wird dadurch vorbereitet. Steht nicht zu bilden fuͤr, er wust sich nicht zu kehren Fuͤr Schrecken aus der Stell. Der Donner hatte nicht Jhn so bestuͤrtzt gemacht, als dieß so hie geschicht: Er von David. Er weiß nun wer sie sind, weiß doch nicht wer ihn liebet; Die Merob und Michal sind diese, deren giebet Die eine ihre Lieb so deutlich an den Tag, Doch welche es recht sey, er nicht errathen mag. Er fuͤhlet schon in ihm ein Liebesfeur entstehen, Er wuͤnscht den hellen Tag, um diese anzusehen, 530. Der er so wol gefaͤllt, und dencket Gottes Rath Hab es also geschickt, daß an des Koͤnigs Statt Er soll auf diese Weiß durch eine Heurath kommen, Des Koͤnigs Tochtermann zu seyn, koͤnnt ihn wol frommen: Und hatte er sein Lob mit Schamroͤth angehoͤrt Aus der Thalmais Mund, die er allstets geehrt, Als Jonathans Gemahl, des Freundschafft er genosse, Doch hatt sie was gesagt, das ihn dabey verdrosse, Daß nemlich er dem Krieg auch waͤr gefolget nach, Da er doch bey der Heerd allhie so muͤssig lag. 540. Jmmittelst hub die an, die ihn so hertzlich liebte: Er ist nicht mit zu Feld, ob es ihm gleich beliebte, Er ist zu Bethlehem, der Koͤnig sandt ihn hin Auf Jsai Begehr, und war darinn mein Sinn Erfuͤllt nach meinem Wunsch. Jch fieng schon an zu sorgen, Und sah auf die Gefahr; Dann mir ist nicht verborgen, Wie es im Kriege geht. Jch kenne seinen Muth, Und daß ob er gleich jung, er mehr wie andre thut; Auch immer will fuͤran, dabey er unerfahren, Wie bald koͤnnt ihm ein Leyd fuͤr andern wiederfahren. 550. Dieß gab dem David Trost, daß sie nicht uͤbel nahm, Daß er zu Bethlehem, und nicht zum Treffen kam. Er horchte drauf gantz still, was man wuͤrd weiters fragen, Und wuͤnscht in solcher Lust noch nicht, daß es moͤcht tagen, Wann ihm der Tag fiel ein, bekam er neue Quaal, Weil dann wuͤrd seine Ruh verschwinden allzumahl. Doch ware auch darnach sein allerhoͤchst Verlangen, Weil er dann hofft zu sehn die uͤberschoͤnen Wangen, Die schon sein Hertz verwundt, ohn daß er diese kannt, Die sich in ihn verliebt, in der er wieder brannt. 560. Sollt es wol Merob seyn? dacht der verliebte Hirte, Mir deucht die Merob wars, die diese Reden fuͤhrte; C 3 Ja Versuch eines Gedichtes Ja wann es Merob ist, so liebet sie mein Sinn, Wanns aber Michal ist, ich ihr ergeben bin. Die Merob ist zu stoltz, sie redt von stoltzen Sinnen, Drum wird es Michal seyn, die ich kan so gewinnen; Nicht aus mir selber nein, aus Gottes weisem Rath, Der sie mir ausersehn, und so gelencket hat. Es sey dann wer es sey, ich will sie wieder lieben, Jch lieb sie alle beyd, um keine zu betruͤben. 570. V. 570. Jch lieb sie alle beyd um keine zu betruͤben.) Der Herr Pope hat die Gedan- ken gehabt, daß in dem heroi- schen Gedichte und dem Trauer- spiele keine Liebessachen Platz haben. Er hat geglaubt, daß al- le zaͤrtlichen Empfindungen, und alles, was der Liebestaͤndeley gleich sieht, sich mit den erhabe- nen und heftigen Bewegungen, womit diese Gedichte angefuͤllet sind, uͤbel reimen. Er meinte, man koͤnnte, was die Liebe betraͤf- fe, sich an dem begnuͤgen, was man davon in der Comoͤdie, der Elegie und der Ode vor sich fin- det. Der Hr. la Motte hat zwar die Liebe in den Trauerspielen vertheidigen wollen, aber keinen bessern Grund zu ihrer Rechtfer- tigung vorgebracht, als daß man dem Frauenzimmer sich damit ge- faͤllig machen muͤsse, weil dieses fast die einzige Regung sey, um welche sich die Leute von dem schoͤnern Geschlechte annehmen. Wenn wir dennoch betrachten, daß die wahre Liebe eine Schwach- heit ist, die einen Menschen viel- mehr demuͤthig als groß machen kan, und ihm nur allzu gerne etwas laͤcherliches anhaͤnget, so werden wir sie aus ernsthaften und großmuͤthigen Gedichten heraus wuͤnschen, so oft sie nicht mit einer grossen Vorsichtigkeit eingefuͤhrt, und nicht von andern edlern Regungen, so sich damit vereinigen, erhoͤhet und geadelt wird. Die Merob die ist schoͤn, der Michal Lieblichkeit Steigt uͤber alles auf, und machet mich bereit Zu fassen diesen Muth, Sauls Eydam dann zu werden. Jch bin ja schon gesalbt, was schaden mir die Heerden, Thalmais sagt ja selbst, ob ich zwar sey ein Hirt, So zeig ich doch schon an, was aus mir werden wird. Also dacht David hin, inzwischen diese dreye, Dieweil sie sich allein vermeynten, ohne Scheue Einander machten kund, was sonsten niemand wust, Und weil Thalmais sucht hierinnen ihre Lust, 580. Zu schertzen mit sie beyd, muß Adriel sich leiden, Und kan die so ihn liebt, fuͤr ihr nicht mehr vermeiden Die von David. Die sonst gebergte Gluth. Die Dunckelheit der Nacht, Jndem sie niemand sieht, sie also munter macht, Daß sie so zu ihr sagt: Ja der Meholathiter Jst meiner auch wohl werth, er ist ein tapfrer Ritter. Jch berg mich nicht fuͤr dir, Thalmais, du weist wohl Wie seine Wuͤrdigkeit man billig preisen soll. Jch weiß, Thalmais sprach, was Adriel verdienet, Mein Jonathan ist laͤngst mit ihme ausgesuͤhnet; 590. Dein Bruder ist nicht mehr sein Feind wie wol vorhin, Die Eifersucht ist aus, nun ich getrauet bin. Erzehl uns eh die Nacht sich endt, was sich begeben, Mit dir und Adriel. Nach deinem Willn zu leben, Sagt sie, so will ich gleich dir ein Genuͤgen thun, Hoͤrt beyde fleißig zu, was ich fuͤrbringe nun. A Ls Samuel, der da gantz Jsrael regierte, V. 597. Als Samuel, der da gantz Jsrael regierte. ꝛc.) Dieses lange Episodium haͤngt mit dem duͤnnesten Faden an der Geschichte Davids, nemlich weil er in der Zeit, da es erzehlet ward, ungefehr und ungesehen in einem Winckel stuhnd, wo er die Erzehlung anhoͤren konnte. Der Jnnhalt desselben ist uͤber- haupt comisch, anstatt daß er he- roisch sollte seyn. Er gehet Da- vid nicht weiter an, als daß er sei- ne romantische Qual und Ver- wirrung vermehren muß. Sehet V. 1248. und folg. Sein Hertze was empfindt, das er nicht melden kan. Es liebet Adriel die eine von den beyden: Das hat er angehoͤrt, und muß es auch so leiden. Und faͤllt ihm Merob ein, daß die kan seyn die Braut, Die ihm Gott hat bestimmt, fuͤr Adriel ihm graut. Wann Michals Lieblichkeit ihm dann bescheint die Sinne, Meint er, dem Adriel er sie nicht lassen koͤnne. Er fuͤhret auch weiter kein Licht in seine Geschichte, als daß wir zufaͤlligerweise einige Nachrich- ten von dem Zustande der vori- gen Zeiten, und des Regiments in Jsrael daraus schoͤpfen moͤgen; welche uns in zehn Zeilen eben so vollkommen haͤtten erzehlt werden koͤnnen. Also werden wir um so viele Zeilen, als die- ser Zwischengesang hat, ohne Noth von der Geschichte ver- schmissen, und in unserm Ver- langen nach dem Fortgange der- selben betrogen. Das erhitzteste Gemuͤthe wuͤrde in einem solchen und so gleichguͤltigen Zwischen- gesange wieder erkalten. Eh unser Vater Saul den Koͤnigsscepter fuͤhrte, Zu C 4 Versuch eines Gedichtes Zu hohem Alter kam, und war des Richtens satt, Erwehlt er seine Soͤhn, und nannt an seine statt 600. Den Joel, daß er sollt zu Bersaba stets leben, Und da dem Jsrael Recht und Gerichte geben, Sein Bruder Abia, der kam gen Bethel hin. Doch lebten diese beyd vielmehr nach ihrem Sinn, Und pflegten ihre Lust, als daß sie solten sehen, Daß da in Jsrael Gerechtigkeit moͤcht stehen; Wer nur Geschencke bracht, der kauffte da sein Recht, Gold machte eben krumm, und das gekruͤmmte schlecht. Ein jeder spuͤrt es wohl, doch keiner konnt es wenden, Wer ein Wort sprach zuviel, der war in ihren Haͤnden. 610. Drum ehrt man sie aus Furcht, aus Nutzen, und aus Zwang, Die Reichen hattens gut, die Armuth litte Drang. Nun hatte Adriels sein Vater lang gelegen Mit Ahimath im Streit, der von der Mutter wegen Auch mein Großvater war. Es traffe Guͤter an, Und wollte Ahimath, der da ein herber Mann, Sein ungerechtes Recht nicht in der Guͤte lassen, Wie oftmahls ward gewuͤnscht. Er legt sich gantzer massen Mit ihme in das Recht, sie ziehn gen Bersaba, Und liegen lange Zeit in ihren Sachen da. 620. Barsilla hat das Recht, doch Ahimath die Goͤnner. Allein weil alle beyd schon waren alte Maͤnner, Kam ihre Sach nicht aus, sie sturben druͤber hin. Die Kinder erben drauf der Vaͤter ihren Sinn. Die Mutter zoge bald nach Joel, fortzutreiben Die angehobne Sach, es solt nicht dabey bleiben. Abenar stund ihr bey, der unser Vetter ist, Und weil sein scharffer Sinn zu allem wohl geruͤst, Hofft er ein gutes End in dieser Sach zu sehen. Die Ada, seine Frau, und ich, wir musten gehen 630. Mit nach des Richters Stadt. Als Adriel nun hoͤrt, Was unser Wille war, er hefftiglich begehrt Zu sprechen uns zuvor, eh wir zum Richter kaͤmen, Der ihm ein Greuel war, und wollte sich bequemen. Er scheute drum das Recht, weil Recht nicht Recht da war, Und er noch kein Geschenck ihm wolte bringen dar. Ob von David. Ob nun sein guter Zweck zwar billig stand zu loben, So sahn wir doch nicht gern es laͤnger aufgeschoben. Abenar gab den Rath, wir solten nun das Recht, Und nicht die Guͤt ansehn, er merckte, daß es schlecht 640. Um Adriel must stehn, weil der den Richter meidet, Dann wer ein sichres Recht, sich nie vom Rechten scheidet. Drauf wieß man ihn dahin, wo Joel hielt Gericht, Und sagt man ihm, daß wir ihn wollten sprechen nicht. Drauf geht die Sache an. Die im Gerichte sassen, Die sahen bald, wie uns das Recht wuͤrd sincken lassen, Und daß wir keinen Fug an Adriels sein Gut. Wie dieß Abenar hoͤrt, er dieses heimlich thut, Und giebt dem Richter Geld, der unsschon war gewogen, Weil, als er mich gesehn, er einen Gift gesogen 650. Der Liebesbrunst in sich, daß seine geile Flamm, Je oͤffter er mich sah, je mehrern Zunder nahm. Die Mutter wuste nicht Abenars sein Bestechen, Und haͤtt sie nie gegoͤnnt, also das Recht zu schwaͤchen, Besondern, weil sie meint, die Sache waͤr fuͤr ihr, Ließ sie dem Recht den Lauf, und huͤt sich nicht dafuͤr, Was der Abenar that. Der es also gestellet, Daß Joel nur fuͤr uns ein gutes Urtheil faͤllet. Es waren beyde Theil fuͤr seinem Richtersthron, Und meinte jedermann den Sieg zu haben schon. 660. Jch hatte Adriel noch nicht zuvor gesehen, Und blieb er, wie er mich ersah, bestuͤrtzet stehen, Er wandte fast kein Aug von mir die ganze Zeit, Und weil der Richter spricht, und ihm giebt den Bescheid, Daß er sein gantzes Gut und Erbe uns soll lassen, Sieht er gantz freudig aus, und zeiget uns kein Hassen, Er giebt sich willig drein: und obwohl seine Freund, Sich stellen sehr betruͤbt, an ihm doch nichts erscheint. Hingegen fuͤhlte ich in mir ein sonders Leyden, Jch war darum betruͤbt, was meinen Freunden Freuden 670. Und grosse Ruhe bracht: ganz traurig gieng ich hin Vom Richter in das Haus, ich klagt in meinem Sinn Des Adriels Verlust, der alles hat verlohren, Was ihm in seinem Stamm war billig angebohren, C 5 Und Versuch eines Gedichtes Und haͤtte gern gewollt, daß er fuͤr uns den Sieg Davon getragen haͤtt, in diesem Guͤter-Krieg. Der Richter bathe uns darauf zum Abendessen, Und sezt er sich zu mir; ich konnte nicht vergessen Des Adriels Verlust, es daurt mir allzusehr, Daß da sein Erb und Gut uns hoͤrt, und sein nicht mehr. 680. Joel, der wie gesagt, mich liebte als sein Leben, Wollt auch fuͤrnehmlich izt mir dieß zu spuͤren geben, Weil wir verbunden ihm, daß er also gericht, Daher er einen Haß bey mir vermuthet nicht; Und sagte drum zu mir: der schoͤnsten Jungfrau wegen V. 685. Der schoͤnsten Jungfrau wegen hat heut mein Richterstab ꝛc.) Von dieser Verliebung des Joels hat die wahre Geschichte nicht ein Wort. Der Poet hat sie in dieselbe auf die blosse Nach- richt von Joels ungerechtem Ge- richte und verderbtem Hertzen eingeschoben. Er ist dazu in so weit berechtiget gewesen, als ein Poet alle Ursachen der Begegnisse erklaͤren muß, welche zu dem Ge- webe seiner Materie gehoͤren, daher man ihn Meister daruͤber laffen, und von ihm nicht fodern muß, daß er die Sachen sage, wie sie wuͤrcklich gewesen, wann er sie nur sagt wie sie seyn koͤnten oder sollten, und deßfalls die Wahr- scheinlichkeit und die Nothwen- digkeit in Obacht nimmt. Der Fehler ist, daß uns die Person Joels gantz gleichguͤltig ist, zu- mahl da seine Geschicht den Da- vid nichts angehet, den Lauf des Gedichtes hemmet, und den Ein- druck zerstreuet. Hat heut mein Richterstab sich willig muͤssen legen, Nur ihrer Schoͤnheit ist der Sieg den sie erlangt, Die da fuͤr Jsrael fuͤr allen andern prangt. Jch waͤre nicht gewest dem Adriel so herbe, Wann deine Wunderschoͤn verdiente nicht sein Erbe; 690. Haͤtt ich die nicht gesehn, waͤr die Ahinoam Auch nicht so reich wie jezt. Wie dieses ich aufnahm, Kan ich dir sagen nicht, ich bliebe ohn zu sprechen Ein gute Weil; zulezt sagt ich: Soll man wohl brechen Das Recht, wenn man mich sieht? Ja freylich, sprache er. O wahrlich, wandt ich ein, dieß giebt uns schlechte Ehr, Die uns der Sieg gebiehrt. Warum, sagt er hiegegen, Wer darf sich wider mich und meinen Willen legen? Es komm mir Adriel, trotz daß er hab den Muth, Die schoͤne Jungfrau soll besitzen stets sein Gut. 700. Wann von David. Wann wir es nicht mit Recht (antwort ich) wird uns schaden Dieß Gut, weil Gottes Zorn wir so auf uns geladen. Was, Gottes Zorn? O nein! (sprach dieser Spoͤtter bald) Kennt Gott den Adriel? Nein! eure Wolgestalt; Der liebt die Merob auch, und mehrt der ihre Schaͤtze. Jch sagt: ich thue wohl, daß ich mich von dir setze, O Joel dein Gespoͤtt kan mir behagen nicht, Was wider Gott ich hoͤr, ist wider meine Pflicht. Hiemit ließ ich ihn da, und durffte er nicht wagen, Damahls von seiner Lieb mir mehrers fuͤrzusagen, 710. Wie er wohl hatt im Sinn; und haßt ich nach der Zeit Jhn mehr noch als fuͤrhin, und kam dieß weit und breit Durch gantzes Bersaba, daß Adriel verlohren, Nur bloß weil Joel mich zu seiner Lieb erkohren, Und sprache jedermann sehr schlimm von dieser That, Ja wer noch ehrlich war, hiefuͤr ein Abscheu hat. Nun hatte Adriel, seit dem er mich gesehen, Gefuͤhlt ein Liebesfeur in seinen Sinnen gehen, Das ihm ließ keine Ruh, er zwingt sich wie er will, So laͤufft es da doch aus, daß ich allein sein Ziel, 720. Dahin sein sinnen steht, was er soll recht beginnen, Kan er erdencken nicht, und wie ich zu gewinnen. Er weiß der Mutter Haß und seinen Armuthsstand, Das sind zwey starcke Seil, die fesseln seine Hand, Daß er zu nichtes kan was ihm beliebt gerathen. Er kan mich lassen nicht, noch auch nach solchen Thaten Erweisen wer er ist: sein Erbtheil ist dahin, Die Noth bekleidt den Leib, die Liebe seinen Sinn. Er bleibt zu Bersaba, da ihm dieß wiederfahren, Und hielte sich da auf so lange wir da waren. 730. Man rieth vergebens ihm’ er sollt nach Ramath gehn, Allda den Samuel dieß Unrecht lassen sehn, Das sein Sohn haͤtt veruͤbt. Er wollt mich nicht betruͤben, Er sprach, Ahinoam ihr Kind das muß ich lieben, Drum goͤnn ich der mein Gut der ich mich selber geb, Ohn diese bin ich nichts, in der ich einzig leb. Dieß hat er mir hernach selbst alles so erzehlet, Wie ich dir izt bericht, und wie er sich gequaͤlet, Was Versuch eines Gedichtes Was Streit er hat gefuͤhlt, wie offt er hat gesollt Mich lassen. Aber nein, die Lieb es anderst wollt: 740. Die reizt ihn allezeit zu gehen neue Wege, Und weil die muntre Lieb ihn nicht ließ werden traͤge, Sucht er Gelegenheit sich mir zu machen kund, Was stets sein Herz fuͤrbracht, sollt sagen auch der Mund. Abenar wehlt er aus, ihm wohl bey mir zu dienen, Weil er wust seine Macht und sein wohlmeinend gruͤnen, Und nahm der willig an was Adriel ihm sagt, Weil sein Gewissen ihn bereits hat angeklagt, Daß er nicht recht gethan, in Unrecht uns zu schuͤtzen. Er dachte diese Lieb koͤnnt ihn hinwieder nuͤtzen, 750. Daß sein Gemuͤth in Ruh, sein Nahm bey Ehren blieb, Weil was geschehn, ihm schon die gantze Stadt zuschrieb. Und weil der Adriel bey allen war beliebet, Hat auch sein Ungluͤck fast das gantze Land betruͤbet. Ahinoam bereut auch ebenfalls die That, Die, daß sie unrecht hat, erkannt, wiewohl zu spath. Mit Ehren konnt man nicht das Erbe wieder geben, Denn Joel haͤtte sonst uns doͤrffen wiederstreben, Und bringen selbst in Noth, weil er also gericht. Wir dorften seiner Macht ja widersprechen nicht. 760. Sie hoͤrt Abenars Rath deßwegen an mit Freuden, Und ward mir angebracht des Adriels sein Leyden. Die Roͤthe sprach fuͤr mich und gab ich mich darein, Was meiner Mutter Freund ihr Wille wuͤrde seyn. Doch weil man Joels Lieb zu mir verspuͤren konnte, War leicht der Schluß gemacht, daß er mich ihm nicht goͤnnte Drum nahme man ihm fuͤr zu eilen aus der Stadt, Eh Joel noch hievon etwas gemercket hat. Doch fiel was in den Weg, das unsrer Reise wehrte, Es wurde ploͤtzlich kranck die Mutter, und begehrte, 770. Daß Saul gleich zu ihr kaͤm; nach dem dann ward geschickt, Und wurde unser Zweck dadurch gar sehr verruͤckt. Man hatte Adriel noch nicht entdeckt den Willen Der Mutter, der da war, den Seinen zu erfuͤllen, Weil sie nicht ohne Saul hierinnen wollte gehn, Doch wurde ihm erlaubt, wann er wollt, uns zu sehn. Ver- von David. Vergebens wuͤrd ich dir hie seine Wort erzehlen, Die er stets zu mir sprach, weil der verliebten Seelen Der schoͤnen Thalmais ohndeme wohl bekannt, Wie man spricht, wañ man sich befindt in solchem Stand. 780. Er ruͤhmt ohn Unterlaß, was sich bey mir nicht funde. Und ich fragt ohne End, ob er aus Hertzens Grunde Dieselbe lieben koͤnnt, die ihn so mit betruͤbt? Worauf er dann betheurt, wie hefftig er mich liebt, Und daß er Joel danck, daß der sein Gut uns geben, Weil er ja selbst nun wollt aufopfern mir sein Leben. Dieß war der Jnnhalt stets von unserem Gespraͤch, Und wann dieselbe Zeit ich noch bey mir erweg, Find ich, daß die allein war faͤhig mich zu freuen; Doch mußten wir dabey uns fuͤr dem Joel scheuen, 790. Des Macht, Unrecht und Lieb war zu bedencken wohl, Ein jedes von die drey ließ uns der Sorgen voll. Erwog man seine Macht, die alles konnt vollbringen, Sein Ungerechtigkeit ließ sich von keinem zwingen, Und seine Lieb zu mir nahm zu von Tag zu Tag, So daß je mehr sie stieg, je mehr stieg meine Plag. Jmmittelst, daß wir nun zu Bersaba so waren, Kam Saul auch zu uns hin, das Joel kaum erfahren, Da kam er selbst zu uns, und that ihm diese Ehr, Doch wañ mans recht bedacht wars um die Tochter mehr. 800. Saul, dem des Richters Lob schon war fuͤr Ohren kommen, Hat zwar, wie sichs gebuͤhrt, die Ehre angenommen, Doch scheut er ihn dabey, sein Stand macht ihn erhoͤht, Sein Ruff der macht ihn klein, und seine Ehr verweht. Es fuͤgte sich nun so, daß der Meholathiter Jm Garten bey mir war, und Joel, der durchs Gitter Nahm unser Thun in Acht, verspuͤret wohl so viel, Daß man nicht Adriel so feind ist, als er will. Dieß bringt ihm Eifersucht, dieß blaͤset seine Liebe, Er schleichet hinter her, weil ihn die Rache triebe, 810. Und hoͤret alles an, was Adriel mir sagt, Der uͤber seine Tuͤck und lose Schalckheit klagt. Jch gab mit weidlich auf, und sprach von seinen Raͤncken, Und konnt ich, daß er uns so nah, unmoͤglich dencken, Und Versuch eines Gedichtes Und ob uns Ada gleich schon oͤffters winckte zu, Erriethen wir doch nicht, warum sie solches thu. Jndem schau ich mich um, ja wie mir wurd zu Muthe, Ja wie mir wurd zu Sinn, als ich die Ungluͤcks-Fluthe Mit graͤßlichem Gesicht so nahe sah bey mir, Das weiß ich selbst noch nicht, und kans nicht sagen dir. 820. Jch bliebe gleichsam todt und ohn ein Wort gesprochen Lief ich, gleich wann ich haͤtt was greuliches verbrochen, Von ihm nach Ada zu, doch Adriel blieb stehn, Und scheuete sich nicht, ihn tapfer anzusehn. Jst das, fieng Joel an, die Ehr, die mir gebuͤhret? Nein, sprache Adriel, weil du bisher gefuͤhret Dein Amt mit Suͤnd und Spott, ist dieses viel zu schlecht, Daß man dich so beschreibt, denn wer das Recht so schwaͤcht, Gleichwie du thust, den sollt man billich anderst finden. Du haͤuffest Jsrael die Straff mit deinen Suͤnden, 830. Und wird man in die Laͤng nicht sitzen dazu still, Der nuͤzt uns nicht, der da das Recht nicht fuͤhren will. Nach diesem freyen Wort haͤtt man ja sollen dencken, Es wuͤrd des Richters Zorn den Adriel versencken, Nein aber hoͤre nur, wie gleissend er sich stellt, Er saget laͤchlend drauf: Der ist nicht in der Welt, Wer allen kan zu Danck, und wie man will, regieren. Hiemit geht er zu mir, und sagt: Nun kan ich spuͤren, Wie man hie ist gesinnt, und wie man das erkennt, Daß eines Richters Hertz in heisser Liebe brennt. 840. Laͤßt uns darauf allein, und berget seine Rache, Doch ware mir alsbald nicht wohl bey dieser Sache, Und weil ich Adriel, der also frey geschwaͤtzt, Sah in der hoͤchsten Noth, darein er sich gesetzt, Must er auf meine Bitt aus Bersaba entweichen. Jch konnte dieses lang bey ihme nicht erreichen, Weil seine Großmuth ihn abhielt fuͤr dem zu gehn, Den er nicht wuͤrdig acht, im Wege anzusehn. Doch weil zur selben Zeit Gewalt fuͤr Recht sich wiese, Konnt es nicht anderst seyn, ein jeder sich befliesse, 850. Zu haben Joels Gunst, wiewohl man ihm nicht gut, Stellt man sich doch aus Furcht, als wann mans gerne thut. Drum von David. Drum schiede Adriel, und wolt nach Gesur reisen, Von wannen er hiernaͤchst mir nicht genung konnt preisen Die Gnad, die man ihm that in deines Vatern Land, Und wie der Koͤnig ihm in allem macht bekannt Die grosse Guͤtigkeit, die Koͤnigen gebuͤhret. Jndem er nun hinweg, wird sein Verlust verspuͤret. Ein jeder spricht davon, ein jeder fragt darnach, Ein jeder deutet so und so aus diese Sach. 860. Der Joel freute sich, daß ihm sein Feind gewichen, Ohn daß er ihn verfolgt, und weil man sich verglichen, Zu reisen wieder heim, ward Joel dieses inn, Und spricht den Vater an, wie sein verliebter Sinn Sey gegen mir entbrannt, und will sein Eydam werden. Saul sich hierob entsetzt, weil er so viel Beschwerden Bey dieser Heurath sah. Der Tochtermann zwar war Der Hoͤchst in Jsrael, doch war auch offenbar, Wie er sein Leben fuͤhrt, und daß nicht wuͤrd bestehen Die Ehr, in welcher man ihn damahls konnte sehen. 870. Er darff nicht sagen nein, das Jawort war auch schwer, Er liebete die Ruh, sein Kind doch noch vielmehr, Und saget endlich so: Es stuͤnde zu bedencken, Sein Vater lebte noch, wann der sich liesse lencken Zu dieser hohen Ehr, sollts ihm gefaͤllig seyn, Wo nicht, so muͤst er auch mit deme stimmen ein. Der Joel, der so klug, als arg und schalckhaft ware, Will, daß mans gleich beschließ, eh man es offenbare Dem Kis, der sich nicht lang hierinn bedencken werd; Was Saul gefaͤllig sey, da wuͤrd er ohn Beschwerd 880. Sich willig geben ein, und moͤchte er wohl spuͤhren, Daß ihn mein Vater wollt so auf das weite fuͤhren. Der dann voll Sorg und Angst sich weiß zu rathen nicht, Und darf nicht melden an, woran es recht gebricht. Jndem er nun so schweigt, will Joel Antwort wissen, Bald drohet er, und bald ist wieder er beflissen, Zu suchen in der Guͤt, was sein Anbringen war. Mein Vater, der ihm stellt fuͤr Augen die Gefahr, Wann er wuͤrd sagen nein, sagt ja, nur mit dem Munde, Das Nein viel wahrer war in seines Hertzens Grunde. 890. Drauf Versuch eines Gedichtes Drauf Joel ist vergnuͤgt, mein Vater hochbetruͤbt, Und ich erfahr es auch, daß man mich Joel giebt. Wann ich dir melden wollt, wie ich mich that gebaͤhrden, Wuͤrd ich vermehren nur ohndeme die Beschwerden, Die meine Red dir giebt. Jch stellte mich so an, Daß man in kurtzer Zeit mich kaum mehr kennen kan. Jch bin des Joels Braut, der sich nichts an mich kehret, Acht Gegenliebe nicht, die Meinigen nicht ehret, Und haͤlt mich schon so schlecht, eh ich ihm noch getraut, Daß, was noch wird geschehn, man klaͤrlich spuͤrt u. schaut. 900 Jndem kommt ein Geschrey, daß Adriel entwichen, Weil er mit Ada haͤtt in Unzucht sich verschlichen, Und giebt sie Gera an, der uns ist nah verwandt. Abenar als ihm dieß von Ada ward bekannt, Ließ seinen Eifergeist auf einmahl maͤchtig toben. Von uns konnt diese Schand kein Mensche billig loben. Jch war also verfuͤhrt, daß Adriel es war, Der diese That gethan, daß ich schier noch erstarr, Wann ich daran gedenck. Es ward mit solchen Gruͤnden Herfuͤr gebracht, daß man nicht wohlkonnt Ada finden 910. Jn Unschuld wie sie sagt, ihr schweeren nichtes galt, Der Gera schwure auch; und wie sie sich anstallt, Sah man wol, daß sie war erschrocken und verborgen, Und ware ihr Geschlecht daher in grossen Sorgen. Abenar wollt den Schimpf den Ada ihm gethan, Nicht leiden, sein Geschlecht stund da fuͤr einen Mann. Rimon ihr Vater kam und ihre beyde Bruͤder, Baena und Rechob, und ihres Stammes Glieder, Die wollen, Gera sollt beweisen was er sagt, Und wurde diese Sach dem Richter angebracht. 920. Die Berothiter all gen Bersaba erschienen, Abenars Freund seynd auch bereit ihm wohl zu dienen, Darunter unser Hauß auch mit begriffen war; Es kame Kis auch selbst nebst meinen Bruͤdern dar. Die Ada als sie sah den Beystand ihrer Freunde, Erhobe sich ihr Muth und pocht sie ihre Feinde, Sie foderte die Rach, weil Gera ihr Geschlecht Also geschaͤndt, so soll ihr Joel sprechen Recht. Der von David. Der Joel fraget nach, wo Adriel moͤcht leben, Es wird in alle End hin der Befehl gegeben, 930. Daß Adriel erschien, ich wuͤnscht und wuͤnschte nicht, Daß er sich stellte ein fuͤr Joels sein Gericht; Dann, war er ohne Schuld, haͤtt er doch leiden muͤssen, Und schnldig mocht ich nicht ihn sehn sein Blut vergiessen. Drum war ich froh als er zur rechten Zeit nicht kam, Da doch erschiene der Meholathiter Stamm. Daß also drey Geschlecht um dieser Sache willen Fuͤr Joel stellten sich, gerichtlich zu erfuͤllen, Was jedes Ehr betraf. Der Jeminiter Haus Es mit Abenar hielt, der wolte gantz durchaus 940. Daß Ada wuͤrd verdammt. Die Berothiter sprachen: Der Gera zeuget falsch, man muß zu diesen Sachen Noch klaͤreren Beweiß. Des Adriels Geschlecht Haͤlt es mit Ada auch, und ihre Ehr verfecht. Dieß war ein harter Streit und gar ein schwerer Handel, Man wuste nichtes boͤß von Ada ihrem Wandel, Und Gera war ein Mann der keinen nicht betrog, Daher sich diese Sach gar lange hin verzog; Und fuͤhrt ich unterdeß ein so betruͤbtes Leben, Weil ich in Haß und Lieb und Eifersucht must schweben, 950. Daß es noch Wunder ist, daß ich nicht gar verfiel, Und meine Lebens-Zeit erreicht ihr letztes Ziel. Dieß ware noch mein Trost, daß dieser Handel machte, Daß Joel nicht so bald an unsre Hochzeit dachte, Dann ihm war keine Frist, der Morgen, Mittag, Nacht, Wurd fuͤr dem Richterstuhl bestaͤndig zugebracht. Der Berothiter Stamm als der zum meisten litte, War auch der, so die Ehr der Ada wohl bestritte, Daß wann nicht Joel haͤtt dem Gera Huͤlff erzeigt, Der ihm insonderheit in allem war geneigt, 960. Waͤr es schier seyn geschehn Man kont sich nicht drein richten. Joel war Ada hold, und wollte doch nicht schlichten Die Sach wie er gekonnt, er fiele allen bey, Er sprach kein Urtheil nicht, und sprach auch keinen frey. Jndem nun diese Sach so lief von allen Seiten, Kam Bichri in die Stadt. Jch kannte ihn von weiten, [Crit. Sam̃l. X. St.] D Und Versuch eines Gedichtes Und weil er Adriels sein Freund, war er mit ihm Nach Gesur hingereist, fuͤr unsers Richters Grimm. Er kam darauf, so bald die Zeit es wollte leiden Zu mir, dahin, allwo ich heimlich ihn bescheiden, 970. Und klagten wir allda einander unsre Pein, Und in was boͤß Geruͤcht hie Adriel muͤst seyn. Der Bichri sagt darauf, dieß wuͤrd er nimmer dulden, Und eh sein Sterben sehn, als seine Ehr in Schulden. Deßhalben wollt er gleich ihm dieses melden an. Vergebens plag ich mich, weil ichs nicht wehren kan, Und wie ich ihm auch klagt, wie man mich haͤtt versprochen An Joel, sagte er: So ist das Band gebrochen, Von dir und Adriel. Jch sprach: Jn Ewigkeit Vergeß ich seiner nicht; schaff, daß er mich befreyt. 980. Jch will nach Gesur hin, will er dahin mich fuͤhren, Da kan ich Sicherheit fuͤr Joels Wuͤten spuͤren. Dieß nahme Bichri an, und treibet ihn die Ehr, Die schier verlohren war, des Adriels so sehr, Daß er gleich reiset fort, nach Gesur hinzubringen Die ungewohnte Maͤhr von diesen Wunderdingen. Jmmittelst wird kein Schluß ohn Adriel gemacht, Und durch Abenars Fleiß die Sach dahin gebracht, Daß sein beklagtes Weib nach Nobe fuͤr dem Herren Soll mit ihm reisen fort; sie thut sich heftig wehren, 990. Und will durchaus die Prob des Eiferopfers nicht, Doch alle ihre Freund seyn selbst hierauf erpicht. Der Richter wolte gern, daß es nicht moͤcht geschehen, Doch Gott und sein Gesetz durfft er nicht wiederstehen. Drum gieng die Reise fort; der Richter selbsten zieht, Und wir, die wir befreundt, wir giengen gleichfalls mit, Begierig, wie es moͤcht mit diesem Handel kommen. Wir wurden in der Huͤtt des Stifftes angenommen, Von Ahilob, der da den Leibrock hatte an, Der alles mit ihr thut, was man verrichten kan. 1000. Jhr Haupt wurd ihr entbloͤst, der Priester sie beschweerte. Sie wurde ganz erblast, wie man an sie begehrte, Daß sie das Wasser truͤnck, das da verfluchet war, Dadurch, ob sie ohn Schuld, koͤnnt werden offenbar. Wie von David. Wie mir hiebey zu Muth laß ich dir selber rathen. Und wie wir in der Huͤtt uns so versammelt hatten, Da auf die Ada war jedwedens Aug gericht, Man unvermuthlich von des Ritters Ankunft spricht. Ein jeder schaut sich um als Adriel erscheinet, Nun sey die Ada loß ein jeder schon vermeinet. 1010. Er tritt zu Gera hin, und spricht: bist du der Held, Des luͤgenhafter Geist anfuͤllet nun die Welt. Auf Ada, fuhr er fort, zeig deiner Unschuld Probe, Zeug den Abenar an, daß er dich wieder lobe. Trinck! was dir wird gereicht, zu deinem hoͤchsten Ruhm, Beweise fuͤr dem Volck, fuͤr diesem Heiligthum, Was deine keusche Seel von Gera muͤssen leiden, Dann wird man dich statt schmach, mit ehr und ruhm bekleidẽ. Wie dieses mich erfreut, konnt jedermann gleich sehn, Und waren Ada Freund sehr froh, daß dieß geschehn. 1020. Sie aber blieb erbleicht; sie wehrte sich zu trincken, Sie wollte in die Erd fuͤr grosser Angst schier sincken. Die Freunde sprachen zu, der Priester trieb sie an, Bekenne oder trinck, sagt ihr ergrimmter Mann. Hiemit trinckt sie es ein. Die es mit Gera hielten, Das unsre Freundschaft war, nach diesem Ausgang zielten Mit hefftiger Begierd. Der Adriel steht da, Und siehet unverfaͤhrt; Jch ware ihm so nah Daß ich die leisen Wort, die er mir sagt, konnt hoͤren: Wann deine treue Lieb bey dir noch steht in Ehren, 1030. Und daß mich Bichri hat aus Freundschaft nicht getroͤst, Solst du noch heute seyn aus Joels Macht erloͤst. Die Anstalt ist gemacht, nach Gesur dich zu bringen, Sey nur getrost; Jch hoff es soll uns wohl gelingen. Jch sagt hierauf kein Wort und winckte ihm nur zu, Daß er verspuͤren koͤnnt, daß ich dieß willig thu. Jndem der Priester nun das Eiferopfer zuͤndet, Hebt Ada ploͤtzlich an, die sich nicht wohl befindet, Zu schreyen Ach und Weh! ein jeder draͤngt sich hin, Jch voller Angst und Sorg, ich nicht die letzte bin. 1040. Abenar sie befragt, der Richter auch imgleichen, Daß sie die That bekenn. Sie sagt: Nun ich nicht weichen D 2 Noch Versuch eines Gedichtes Noch hie entgehen kan, bekenn ich alles frey, Jch habe meinen Mann betrogen, ohne Scheu. Jst es denn Adriel? der Richter ploͤtzlich fragte, Ja Adriel der ists, die Ada wiedersagte. Wohlan, trat Gera auf, die Wahrheit ist am Tag. Man schaut an Adriel was der wohl sagen mag, Der thut noch unverfaͤhrt, und will die Ada sprechen. Doch uͤbertaͤubt man ihn, Abenar will sich raͤchen, 1050. Die Schuld ist hell und klar. Die Ada gantz befiel Daß es nicht anderst scheint als ob sie sterben will. Man traͤgt sie in ein Hauß, und Adriel soll geben Von ihme sein Gewehr; Das koste den das Leben, Spricht er, der dieses sucht und geht auf Gera loß. Hierauf wird ein Tumult, und alle Degen bloß. Der Richter ruffet bald den Adriel zu fahen, Doch darff sich keiner nicht so eilig zu ihm nahen, Er kommt aus ihrer Hand; und seiner Freunde Rott Hilfft ihm aus dieser Noth, reist ihn aus diesem Spott. 1060. Der Sieg war unser nun, die Jeminiter prangen, Doch kost mir dieser Sieg gar viel benetzte Wangen, Der Berothiter und Meholathiter Haus, Die waren hoͤchst betruͤbt, daß es so lief hinaus. Abenar rief um Recht, die Ada sollte sterben, Die alle Welt verließ und suchte ihr Verderben. Auch sucht man Adriel, doch war der nicht zu sehn. Jch wust in meinem Sinn nicht wie mir war geschehn. Und war noch so bestuͤrtzt, als Bichri heimlich nahme Die rechte Zeit in Acht, und in mein Zimmerkame, 1070. Er fragte gleich, ob ich zu reisen waͤr bereit: O nein, sprach ich hiezu, es ist nicht mehr die Zeit, Sag Adriel nur an, daß ich sein gantz vergessen, Weil er sein eigen Ehr so wenig uͤbermessen. Jch bin einmahl verlobt an Joel, der ist mein, Eh will ich wehlen den, als Adriels zu seyn. Bichri, der that bestuͤrtzt, ich aber ließ ihn stehen, Und sagte dieses noch: Wo er nicht bald wuͤrd gehen, Sollt er fuͤr Adriel mit Ada leiden Spott, Dieß bracht ihn in die Flucht, zu meiden diese Noth. 1080. Jch von David. Jch war nun gantz gewillt, den Adriel zu hassen, Und Joel, dem ich schon verlobet, mich zu lassen, Wiewohl aus keiner Lieb, nein, nur aus blosser Rach, Jch wust, daß ich hiedurch mich stuͤrtzt in Weh und Ach. Jn dem wir nun also zu Silo noch verbleiben, Gieng ich die Traurigkeit einsmahlen zu vertreiben, Mit Beroa, die da des Gera Tochter war, Am Abend in ein Holtz. Kaum waren wir alldar, Da sahn wir uns umringt von unbekannten Leuten, Die uns ohn Wortgepraͤng antrieben fort zu reiten, 1090. Auf zugeruͤste Pferd, man fuͤhrt uns schier halb todt Nach einem Berghaus zu, allda uns diese Rott Jn eine Kammer bracht, darinn wir Ada funden, Jhr Ansehn frischte auf der Seelen tieffe Wunden. Sie gienge mich fuͤrbey, und sprach Beroa an, Zwar nicht mit Hoͤflichkeit, dieweil sie dieß nicht kan Erzeigen dessen Kind, der ihre Ehr geschaͤndet: So seh ich, daß sich noch nicht gar mein Gluͤck geendet. Ja! Beroa, du sollt erfahren meinen Grimm. Nehmt Gera Tochter hin; sprach sie mit lauter Stim̃, 1100. Thut mit ihr was ihr wollt, ich geb sie euch zu eigen. Auf dieß gehoͤrte Wort, wollt Beroa sich zeigen, (Was kan bedraͤngte Noth) und haschet dessen Schwerdt, Der da zu seiner Lust und Geilheit sie begehrt. Sie stellt sich in die Eck, und that sich maͤnnlich wehren, Jch wollt ihr folgen nach, und ware mein Begehren, Zu finden eh den Tod als meine Ehr geschwaͤcht. Doch Ada spricht mir zu, ich sollt sie hoͤren recht, Es waͤre nicht um mich dieß Wesen angesehen, Besondern nur aus Rach fuͤr Gera so geschehen; 1110. Und sollt ich meinen Haß ja wenden nicht zu ihr, Dann was sie haͤtt veruͤbt, waͤr gantz nicht schaͤdlich mir; Der Adriel waͤr rein, sie haͤtt es muͤssen sagen, Doch der so sie dazu bewegt, den wollt sie plagen Mit eben solchem Schimpf, des Gera Kind sollt seyn Mit ihr in gleicher Straff, in gleicher Schmach und Pein. Jch blieb hierob bestuͤrtzt, erschrocken und erfreuet; Daß Adriel ohn Schuld, mein Liebesfeur erneuet, D 3 Daß Versuch eines Gedichtes Daß Beroa in Noth, geht mir durch meine Seel, Was Ada freut, ist dieß, woruͤber ich mich quaͤl. 1120. Es war die Beroa Melchisua verlobet, Drum denck wie es mich schmertzt, daß Ada also tobet. Jch meynte, Ada waͤr in Haft, und sehe nun, Daß sie gantz frey, und das was ihr beliebt, kan thun. Jn solcher meiner Qual, in Ada ihrem Wuͤten, Jn Beroa Gefecht, die ihre Ehr zu huͤten, That mehr als menschlich war, kommt da mein Bruder hin, Mit zwoͤlfen seiner Freund, denck nur, wie froh ich bin. Beroa macht er loß, und Ada ihr Entsetzen War unsrer Freude gleich, sie wollt sich widersetzen, 1130. Mit ihrem Volck, das da von Joels Dienern war, Jndeme Gera auch sich findet bey uns dar, Er und Melchisua, die hatten uns verlohren, Und folgten nach der Spur, da sie wie neu gebohren Uns funden beyderseits. Die Ada ward gebracht Jn Haft, wir aber beyd hingegen frey gemacht. Des Joels Knecht, die da verrathen ihren Herren, Setzt man gleich zu der Red, da was man wollt begehren, Uns ward von ihnen kund, auch sagte Ada an Was schier niemand von uns fuͤr Schreken glauben kan; 1140 Wie nemlich Joel haͤtt sie mit Gewalt geschaͤndet, Als sie zu Bersaba, und ihr viel zugewendet Von Guͤtern, daß sie sollt ja halten reinen Mund, Wie Gera nun von ihr zu melden was begunt; Wiewohl mit Adriel er faͤlschlich sie betrogen, Haͤtt sie sich diese That schwer zu Gemuͤth gezogen, Doch waͤr von Joel ihr ein guter Muth gemacht, Nach dessen Rath und Schluß sie alles so vollbracht. Dem Adriel zur Plag und Joel zu Gefallen Haͤtt sie dieß falsch Geruͤcht von ihnen lassen schallen; 1150. Und weil sie Joel drauf aus ihrer Haft befreyt, Und heimlich sie hieher in dieses Haus begleit, Allda er ihrer meynt recht wieder zu geniessen, Haͤtt sie ihm ihren Schluß fuͤrhero lassen wissen, Daß wann sie Beroa in solchen Spott gebracht, Als wie ihr Vater sie zu Schanden haͤtt gemacht, Wollt von David. Wollt sie gantz williglich dann seines Willens leben, Daher man dieß gethan, was ihr moͤcht Ruhe geben. Hierauf der Gera sagt, er haͤtt sie einst geschaut Jn ihrer geilen Lust, und als er es getraut 1160. Dem Richter kund zu thun, der doch selbst Schuld gewesen, Haͤtt er den Adrtel zu dieser That erlesen, Und selber ihm bekannt, daß er es gar wohl wuͤst, Darauf er diese Klag auf sein Geheiß gemuͤst Anmelden oͤffentlich, das er nun wollt bereuen, Weil Joel ihn verfuͤhrt. Wie ich mich that erfreuen, Daß Adriel ohn Schuld, ist zu erzehlen nicht. Mitdeß daß dieses nun also bey uns geschicht, Erfaͤhrt man in der Stadt von diesen Wunderdingen, Der Joel weis fuͤr Angst nicht was er soll fuͤrbringen, 1170. Er eilt gen Bersaba ganz eilig eh es tagt, Denn der scheut Tag und Licht den sein Gewissen plagt. Wie dieses kam fuͤr Kis, rieth der man sollte schweigen, Und hierinn diese Ehr dem Samuel erzeigen. Und ward es drum vertuscht, daß diese lose That Kein Mensch nach dieser Zeit wie du erfahren hat. Abenar ließ sein Weib in dem Gefaͤngniß richten, Und weil die Schuld am Tag, so ließ sich leichtlich schlichten Der Haß den ihre Freund mit uns darum gefuͤhrt. Sie dancken Gott, daß es nicht weiter wird beruͤhrt. 1180. Hierauf beschliessen sie mit aller Staͤmme Willen, Das Unrecht, so im Land ergehet, gar zu stillen, Daß ihme Samuel soll waͤhlen einen Mann, Der da ein Koͤnig sey und besser richten kan, Dann alle Heiden ja nachlebten solcher Weise. Der Schluß der wird gemacht, sie heben an die Reise, Nach Ramath kommen sie, und Samuel vernimmt Mit Schmertzen dieß Gewerb, doch weil es so bestimmt, Und er sah, daß es Gott wollt haben, sollt geschehen Der Staͤmme ihr Begehrn; worauf sie von ihm gehen. 1190. Nicht lang nach dieser Zeit ward Saul dazu erwaͤhlt. Nun ware doch mein Stand, ob schon erhoͤht, gequaͤlt, Weil Adriel mir stets in meinen Sinnen schwebte, Und weil ich nichts von ihm erfuhre, traurig lebte. D 4 Von Versuch eines Gedichtes Von Joel war ich frey, der mit dem Richterstand Zugleich sein Leben ließ. Doch bliebe mir entwandt Die Ruhe wie zuvor. Jch lebt in steten Sorgen, Und da dieß Liebesfeur war aller Welt verborgen, So brannt es drum vielmehr in meinem innern Sinn. Jch bin nicht in mir selbst, was ich bey Leuten bin. 1200. Jn solcher Trauerzeit ward unser Land geehret Mit deiner Gegenwart; Doch anfangs ward vermehret Mit dir mein quaͤlend Hertz, weil Adriel mit kam, Und sich also erwieß, daß ich den Eifer nahm Fuͤr Liebe in den Sinn. Jch dacht ich bin verlassen, Thalmais liebet er, wohlan, ich will ihn hassen; Dieß hassen aber kam mir saurer an als ihm. Jch fuͤhlte nur die Qual, empfande einen Grimm, Der mir mein Hertz abfraß. Und wie nun dein begehrte Mein Bruder Jonathan, ich ihn hiemit verfehrte, 1210. Daß ich ihm bildte ein, dich liebte Adriel. Das macht die Eifersucht, die die verliebte Seel Von deinem Jonathan empfand mit solchem Wuͤten. Jch war allein geschickt dieß Ungluͤck auszubruͤten, Mir hastu nur den Danck zu geben fuͤr die Pein, Die meine Eifersucht dir Schwester schenckte ein. Doch als ich endlich sah daß ich mich hatt betrogen, Und deine Heurath mir die Decke abgezogen, Kam durch Beroa Fleiß die Sach in solchen Stand, Daß Adriel mein Hertz und ich das seine kannt. 1220. Er sagt mir nach der Laͤng wie Bichri ihn betruͤbet, Und ich erzehlte ihm was Klagen ich veruͤbet; Doch konnte unsre Lieb, die nun war neu erneut, Noch brechen nicht herfuͤr, es war noch nicht die Zeit. Es mag der Koͤnig ihn nicht eben gerne leiden, Weil sein gehabtes Gut er Abner wollt bescheiden. Und weil die Rede gieng, der Abner liebte mich, Jst er daher geheim, und muste bergen sich. Auch hat noch dieß den Groll des Koͤnigs viel vermehret, Daß er mit Gera sich, den Saul fuͤr andern ehret, 1230. Geschlagen, als er kam hinwieder in das Land; Da, ob nun zwischen sie zwar wohl ein Freundschaftsband, Denckt von David. Denckt es der Koͤnig doch. Und hast du so vernommen, Wie weit mit Adriel und mir es ist gekommen. Wir harren nur der Zeit, und leben so vergnuͤgt, Nun steht bey Gott, daß uns die Eh zusammenfuͤgt. J Ch bin dir, sagt hierauf Thalmais, hoch verbunden, Daß demer Heimlichkeit du mich gewuͤrdigt funden, Doch weil die Beroa, meins Mannes Brudern Frau, Weiß diese Lieb und schweigt, will ich auch, daß mir trau 1240. Die so der Adriel, der tapfre Held, erwehlet, V. 1241. Die so der Adriel, der tapfre Held, erwehlet.) Diese Umschreibung leget ihr der Poet um seiner Absicht willen in den Mund; nemlich weil er David in der Ungewißheit und Verwirrung haben wollte, welche von beyden, die Merob oder die Michal, ihn liebete. Hast du schon gleich wie er mich vor der Zeit gequaͤlet Jn meiner Lieb, so ist es ohne Schuld geschehn. Gott laß dich in dem Stand, in dem ich bin, bald stehn! Das wuͤnschet dir mein Hertz! Der Hoͤchste das erhoͤre. Die andre wieder sprach: Wann es zu seiner Ehre Und meinem Nutzen reicht. Dieß hoͤrte David an, Sein Hertze was empfindt, das er nicht melden kan. Es liebet Adriel die eine von den beyden, Das hat er angehoͤrt, und muß es auch so leiden, 1250. Und faͤllt ihm Merob ein, daß die koͤnn seyn die Braut, Die ihm Gott hat bestimmt, fuͤr Adriel ihm graut. Wann Michal Lieblichkeit ihm dann bescheint die Sinne, Meint er, dem Adriel er sie nicht lassen koͤnne. Doch wie er sich besinnt, daß er ja werd geliebt, Und auch der Adriel, sein Hertz zur Ruh sich giebt. Hierauf bedencket er, wie frommer Leute Kinder Oft von der rechten Bahn nachgehn den Weg der Suͤnder, Und daß nicht die Gebuhrt mitbring denselben Geist, Der in den Vaͤtern ist, wie Joels Beyspiel weist. 1260. Daher oft dient zur Qual, was an dern ist ein Seegen, Kein Kind viel besser ist, als viele, die da legen Sich D 5 Versuch eines Gedichtes Sich auf die Lasterbahn, das diese toͤden kan, Von denen sie zuerst das Leben nehmen an. Er wuͤnscht bey Jsai sich stets so zu bezeigen, Daß der nicht mog zum Grab die grauen Haare neigen, Besondern seine Lust im Alter an ihm sehn. Dieß will er halten stets wie auch bisher geschehn. Weil aber nun die Zeit und das getobte Brausen, Der Elementen Krieg, des Windes tolles Sausen 1270. Sich wiederum gelegt, und alles war in Ruh, So daß die Morgenroͤth anbrechen wollte nu; Merckt David, daß die drey anheben einzuschlaffen, Drum steht er leise auf, und geht nach seinen Schafen. Die Daͤmmerung vermag zu stillen nicht die Lust, Daß er die sehen koͤnn, von der ihm nun bewust, Daß sie ihm waͤre hold, er must noch laͤnger harren, Und seine keusche Freud bis auf den Tag versparen. Die Weile ward ihm lang, die Klippen sah er an, Ob deren ihre Spitz ihm nicht was melden kan. 1280. Jndeme wird der Stein, den er ansieht, erroͤthet, Und drauf die Finsterniß zu weichen angenoͤthet, Allmaͤhlich wird es hell, der Purpur breit sich aus, Und scheinet in die Hoͤl, in dieses Klippenhaus. Das Feld wird hierauf wach. Zuerst toͤnt aus den Buͤschen V. 1285. Zuerst toͤnt aus den Buͤschen. ꝛc.) Folgende umstaͤndliche Be- schreibung ist wieder ein anmu- thiges Stuͤcke von einem Schaͤ- fergedichte. Der Nachtigallen Lied, ihr angenehmes Zischen Sagt gute Nacht der Nacht, der stillen Einsamkeit, Und rufft der immer zu, daß sie doch nicht zu weit Von ihnen sich begeb, dann diese sie belieben. Hier auf der Voͤgel Heer vermehret sich zu uͤben, 1290. Und zwitschert in die Wett, die Nachtigall wird still, Weil sie nicht ihre Kunst bey andern mengen will. Man hoͤret hin und her die muntern Hunde bellen, Der Schall geht in die Berg, die mehr und mehr sich hellen Weil nach der Morgenroͤth der Sonnen helles Kleid Auf ihren Gipfeln wird sehr herrlich ausgebreit. Der von David. Der schoͤne Morgenthau war auch bereits gefallen, Die angenehme Zunfft der Hirten that erschallen, Bald hie, bald da herum, ein jeder triebe aus. Der Peitschen ihr Geklatsch erschallt von Hauß zu Hauß, 1300. Und wehrt dem dum̃en Vieh wann das wollt Abweg nehmen. Des Davids seine Heerd wollt sich auch schon bequemen, Sein Hund war zwar bereit; doch aber nicht der Hirt, Der von der, so die Hoͤl bedeckt, gehalten wird. Er wartet fleißig auf, bis seine Sonn erscheinet, Fuͤr welche er nicht gnung geschmuͤckt zu seyn vermeinet, Ziert sich darauf, so gut sein Hirtenkleid es goͤnnt, Sein schon gesalbtes Haupt mit Blumen er bekroͤnt. Jnzwischen kommt der Wag der dreyen Printzeßinnen, Dem sie, als sie die Hoͤl zu ihrem Schutz gewinnen, 1310. Befohlen, in dem Wald zu harren aus die Nacht, Und machet sein Getoͤn, daß Michal bald erwacht. Wie sie Thalmais sieht in Merobs Armen liegen, Steht sie behende auf, um dieser ihr Vergnuͤgen Zu stoͤhren nicht so bald, und gehet aus der Hoͤl Zum Wagen, daß sie da dem Fuͤhrer was befehl. David, der Michal sieht, eilt gleich sie zu begruͤssen, Kuͤßt der Printzessin Rock, wirfft sich zu ihren Fuͤssen. Woher, redt er sie an, kommt diese hohe Gnad, Die meine Schaͤferhuͤtt anitzt empfangen hat, 1320. Daß ich des Hofes Zier darf sehn in meinen Auen, Wer bringet unserm Ort dieß edle Gut zu schauen? Des Koͤnigs Tochter hie? Weist du noch, wer ich bin, Sagt Michal, ich vermeint, dein freyer Schaͤfersinn Gedaͤcht nicht mehr nach Hof? Jch bin froh dich zu sehen Zu hoͤren deinen Stand, der Deinen Wohlergehen. Was ist der David doch, derselbe wiedersagt, Daß meines Koͤnigs Kind nach meinem Wesen fragt? Des Davids Wohlergehn, sprach sie, muß uns erfreuen, Denn wen mein Vater liebt, werd ich niemahlen scheuen. 1330. So lieb mir diese Gnad, sagt er, die mich beehrt, So leid ist mir was ich fuͤrher hab angehoͤrt, Daß da die Michal meint, ich sey so grober Sinnen, Daß zu vergessen ich die Gnade koͤnnt beginnen, Die Versuch eines Gedichtes Die ehmals ich bey Hof zu Gibea erlangt, Von der ohn Unterlaß mein stoltzer Muth noch prangt. Es wissen es die Buͤsch, die Wiesen, Berg und Waͤlder, Die Baͤche hie umher, die Thaͤler und die Felder, Was ich von Michals Schoͤn sing ihnen taͤglich fuͤr. Ja wann es moͤglich waͤr, daß diese meine Thier 1340. Vermoͤchten mit der Sprach zu zeugen, was sie hoͤren, Sie wuͤrden itzt mein Wort mit ihrem Ja bewaͤhren, Und weil nun, wie gesagt, ich so gluͤckselig bin, Erwart ich den Befehl, was ich soll, und worinn Jch dienen kan allhie; was kan der Landmann geben, Bieth ich gehorsamst an. Das schlechte Hirtenleben Vermag nicht gar zu viel. Die Michal wird erroͤth, Und schweiget hiezu still, das schier den David toͤdt, Weil er denckt, seine Wort die haben sie betruͤbet, Und daß es diese sey, die Adrielen liebet, 1350. Dahero seine Wort nicht wohl genommen an; Er liebt sie allbereits, ohn daß er hoffen kan. Jndem sagt sie zu ihm: Jch bin hieher gekommen Wohl recht von ungefehr, dann wir uns fuͤrgenommen, Noch gestern wiederum in Gibea zu seyn; Doch ward es uns zu spaͤt, und fiel ein Wetter ein, Das also heftig war, daß uns hier zu verbleiben Die hoͤchste Noth befahl. Jch werd den Tag anschreiben, Sprach David, der mir bringt so unverdiente Gnad, Daß ich nun sagen kan, wie da geruhet hat 1360. Jn meiner Hoͤl die Zierd von Benjamins Geschlechte, Ja von gantz Jsrael; Jch preiß mit allem Rechte Hochseelig diesen Tag, fuͤr andern ist er hoch. Der Michal Wangen Zier ein neue Roͤth umzog, Als sie hoͤrt dieses Lob, das sie nicht wollte hoͤren, Drum bricht sie ab die Red, und thut von ihm begehren, Daß er ihr sagen soll, was das sey fuͤr ein Hauß, Das da an jenem Berg fuͤr andern schien heraus? Der Suri wohnet da, spricht David, dem gegeben Zeruja ist zum Weib. Wie? fraget sie daneben, 1370. Jst Davids Schwester nicht Zeruja, als ich meyn? Ja, sprach der Hirt. Sie fragt, ob sie beerbet seyn? Er von David. Er saget wieder: Ja. Jhr Wunsch ist sie zu sehen, Weil sie sie fuͤr der Zeit gekannt. Das kan geschehen, Sprach David, ohne Muͤh, ich will gleich zu ihr hin. Wann ich da, wandt sie ein, nur nicht beschwerlich bin, Will ich den Weg mit thun. Das war zu grosse Ehre, Spricht David. Nein, sagt sie, wann ich es so degehre, Die Schwestern schlaffen noch, und eh sie sind erwacht, Soll diese kurtze Reis schon seyn zu End gebracht. Erwachen sie dann gleich, will ich ob ihrem Schrecken, 1380. Daß sie mich finden nicht, nur eine Freud erwecken. Und weil Zeruja ist der Merob sonders werth, Will ich sie holen selbst. Hiemit der Kutscher faͤhrt. Der David der bey ihr in ihrem Wagen sitzet, Wird von so hoher Guͤt je mehr und mehr erhitzet, Doch daͤmpft er diese Flamm, die eh nicht soll entstehn, Bis daß er weiß von wem er sich geliebt wird sehn. Das Hauß drinn Suri wohnt, ein Wald umher beschlosse, Es lag auf einer Klipp, von deren sich ergosse, Ein ungestuͤmer Bach, der von dem Regen war 1390. So aufgeschwellt daß er bedrohte mit Gefahr Den der sich wollt zu leicht in seine Wellen wagen. Drum wollt der Fuͤhrer nicht durch diesen Bach durchjagen, Besondern nahm den Weg weit durch den Wald herum, Und kame an den Ort, allwo des Loͤwen Grimm Von David war gestillt. Die Michal sich erschrecket, Als sie schaut auf der Erd den Loͤwen ausgestrecket. Sie meinet daß er leb, drum spricht ihr David zu, Und stillet ihre Furcht daß sie nimmt wieder Ruh. 1400. Er kan dieß hohe Werck nicht so gering beschreiben, Daß Michal sollte nicht darob verwundert bleiben, Die zu ihm sagt: Fuͤrwahr, der David hat verdient Nach dieser Helden That, daß sein Ruhm ewig gruͤnt. Ward sie fuͤrhin erroͤth, als er ihr Lob ausbreit’te, So gehet es iezt auch an dieses Helden Seite; Die Wangen feuren an, die Augen bergen sich. Er woͤllt sie wuͤst es nicht, doch spricht sie emsiglich Von dieser grossen That bis sie nach Suri kommen. Allda Zeruja kaum die Freudenpost vernommen, 1410. Daß Versuch eines Gedichtes Daß Michal kommen an, Ahinoam ihr Kind, Die sie allzeit geliebt, sie sich von Freuden findt So uͤberhaͤuft, daß sie nicht weiß was sie beginnet. Sie laͤuft bald hin bald her, indeme die gewinnet Den hohen Windelsteig und eilet was sie kan, Daß sie Zeruja moͤg im Bett noch treffen an. Die aber schon geruͤst und sie mit beyden Armen Umfaͤht und hertzlich kuͤßt: Sie spricht, wo dein Erbarmen Und deine Guͤtigkeit, o Michal nicht bey dir, Schaͤmt ich mich daß du mich also solltst finden hier. 1420. Jch war mir diese Ehr wohl heute nicht versehen, Und weiß in Wahrheit nicht recht wie mir ist geschehen. Des Koͤnigs Tochter kommt hie in ein schlechtes Hauß, Es siehet hie, wie man lebt auf dem Lande, aus. Wo ich Zeruja find, die Michal hiezu saget, Da ist es eben recht, und alles mir behaget, Weil ich von David hoͤrt daß dein Hauß also nah, Konnt ich mich zwingen nicht bevor ich dich hie sah. Nun ist mir aber wohl. Hiemit sie sich umfassen, Und David der sie will etwas alleine lassen, 1430. Bestellet unterdeß daß man die Speiß bereit, Der kleine Joab kommt mit seinen Bruͤdern beyd Um ihren Vetter her und ihn gar froͤlich gruͤssen. Wann David kam ins Hauß sich alle freuen muͤssen. Der Suri war nicht inn, doch thate das Gesind, Was David haben wollt, der laͤsset bald ein Rind Zurichten und dabey laͤst Esel er herfuͤhren, Die sollen Speiß und Tranck, wie es sich will gebuͤhren, Hintragen nach der Hoͤl, und Joab bittet sehr, Er moͤg ihn nehmen mit, er wollte auch die Ehr 1440. Geniessen daß er koͤnnt des Koͤnigs Toͤchter sehen. Der David sagt ihm zu, er sollte mit hingehen, Darauf schmuͤckt er sich aus, weil schon in seinem Blut Sich zeigt ein stoltzer Sinn und ein erhobner Muth. Weil nun die Michal eilt um ihrer Schwester willen, Bitt sie Zeruja soll ihr Wuͤnschen doch erfuͤllen, Und fahren mit ihr hin, die ist alsbald bereit, Man spannt den Wagen an, da Michal ihre Zeit Jm- von David. Jmmittelst bringet zu, des Landes suͤsse Leben Hie anzuschauen recht, davon dann wird gegeben 1450. Von ihr ein solcher Schluß, daß sie den Hof veracht, Wann sie die Dienstbarkeit mit dieser Ruh betracht. Der Hof der ist ein Band der unsern Willen zwinget, V. 1453. Der Hof, der ist ein Band, der unsern Willen zwinget.) Dieser moralische Lehrsatz haͤtte eine ungleich groͤssere Lebhaftig- keit erhalten, wann er als eine Folge und Frucht der Liebe Mi- chals zu dem Schaͤfer David ein- gefuͤhrt worden waͤre, indem nem- lich Michal alles das vor ange- nehm und liebenswuͤrdig angese- hen, was mit ihrem Geliebten ei- nige Verwandschaft hatte; und ihre Ausspruͤche nach der Vor- schrift ihrer Leidenschaft gegeben. So wie dieser Satz hier ange- bracht ist, hat er ein allzu dogma- tisches Aussehen. Und uͤberguͤldte Qual fuͤr reine Lust uns bringet. Es dienet alles da, es dienet Herr und Knecht, Der Knechte Dienst uns selbst die freye Herrschafft schwaͤcht. Es muß oft unser Will nach ihrem Willen gehen, Und dem der mich bedient muß ich zu Dienste stehen. Jch bin des Knechtes Knecht, und hab den Willen nicht, Daß was derselbe will, ich ohne Muͤh verricht. 1460. So waren Michals Wort, Zeruja wollt bestreiten, Der Hof der gienge fuͤr, und waͤre auch bey weiten Geprießner als das Land. Doch Michal blieb dabey, Bey Hofe lebt man streng, im Felde lebt man frey. Hierauf geht nun die Reis nach der verlaßnen Hoͤlen, Allwo Thalmais sich und Merob hefftig quaͤlen, Weil sie als sie erwacht, die Michal funden nicht, Und finden keinen auch der ihnen was bericht, Wo ihre Schwester sey. Von David seinem Knaben, Der weil sein Herr war aus, die Aufsicht muste haben 1470. Auf die geliebte Heerd, erfahren sie zuletzt, Was ihre Sorg vermehrt und sie in Unruh setzt; Daß nemlich Michal sey mit Davld auf dem Wagen Gefahren in das Feld. Was will man hievon sagen? Spricht Merob gantz bestuͤrtzt; Jndem schaut sie sich um, Und schallt ihr fuͤr das Ohr der Michal ihre Stimm, Sie eilet nach dem Ton, und sieht den Wagen kommen, Jn welchem sie nun kaum Zeruja mit vernommen, Da Versuch eines Gedichtes Da wird sie hoch erfreut und eilet zu ihr an, Zeruja ebenfalls sich nicht mehr halten kan, 1480. Als sie die Merob sieht. Gleichwie sich streckt das Eisen Nach dem Magnetenstein, so will sich hier erweisen Auch Wechselsweise Lieb. Zeruja und Merob Die streiten wer da koͤnn einander siegen ob, Jn Zeigung wahrer Freud; Zeruja war geschicket Hiezu weil sie es wust, doch Merob gantz verruͤcket, Weil dieß ihr widerfuhr ohn daß sie es gedacht, Drum wurde Wechselsweiß bestuͤrtzte Ruh gebracht. Thalmais hatt ihr Theil auch mit an diesen Freuden, Und David dessen Hertz schon vieles must erleiden, 1490. Sah Merob an bestuͤrtzt, die er nebst Thalmais Aufs hoͤflichste empfaͤht, er weiß nun nicht gewiß Wer die sey so ihn liebt. Die Merob sich erweiset Mit Michal gleicher Guͤt, er jede bey sich preiset. Wann er schaut Merob an, so ist ihr Wunderschein V. 1495. Wann er schaut Merob an ꝛc. Diese Ungewißheit Davids macht ihn in unsern Augen vielmehr schwach und halb laͤcherlich als groß; sie ist gar nicht bequem, unsere Hochachtung fuͤr ihn zu vermehren. Er liebet und weiß nicht wen; er liebet mit grosser Treue an zweyen Orten zugleich: Es sey denn wer es sey, er will sie wieder lieben; Er liebt sie alle beyd um keine zu betruͤben. Jn den Comoͤdien werden die verliebten Marquise so schnelle V. 570. 571. und mit solcher Ungewißheit ent- zuͤcket. So starck daß der vermag sein Hertz zu nehmen ein. Erblickt er Michal dann ist ihr liebreiches Wesen Also fuͤr seinen Sinn dermassen auserlesen, Daß er bey sich gedenckt, ach wann es Michal waͤr! Sieht er denn Merob an, wuͤnscht er die ja so sehr. 1500. Er meinet aus dem Ton der Stimmen wollt er hoͤren, Was sein verliebter Sinn zu wissen that begehren. V. 1502. Was sein verliebter Sinn zu wissen that begehren.) Mit diesem Verse wird das er- ste Buch, eh es vollendet ist, ab- gebrochen, es sey, daß der Ver- fasser der Octavia solches mit Vorsatz an dem Orte abgeschnit- ten, wo die Begierde groß gewe- sen war, zu vernehmen, wie Da- vid seine rechte Liebste moͤgte ge- funden haben, oder daß wircklich nicht ein mehrers von diesem er- Das von David. Das dritte Buch. E S hatte das Geruͤcht von diesen Wundersiegen, Von der Philister Flucht, von Ecrons Unterliegen V. 2. Von der Philister Flucht, von Ecrons unterligen.) Wir haͤtten in dem zweyten B. zu vernehmen gehabt, wie die Phi- lister sich zu Damin gelagert, wie der riesenmaͤssige Goliath vor ihr Lager heraus getreten, und die Jsraeliten zum Kampf gefodert; wie David in das Lager Jsraels gekommen, und Saul um Er- laubniß gebeten, daß er den Kampf mit Goliath aufnehmen doͤrfte. Hier haͤtten verschiede- ne Neden Davids, Sauls und Go- liaths eingeruͤckt werden koͤnnen. Darauf waͤre der Kampf, und die Niederlage Goliaths und der Phi- lister beschrieben worden. Cowley hat diese Dinge in seinem dritten Buch erzehlet, wo er sie dem Joab in den Mund leget, der dem Koͤnig von Moab die Geschichte Davids bis zu der Zeit erzehlet, da Michal Sauls Trabanten mit dem hoͤl- zernen Bilde, das sie ihnen in Davids Bette vor ihn gewiesen, geaͤffet, und ihm auf die Flucht geholfen hat. Das sten B. verfertiget worden. Die Romanschreiber haben es oͤfters im Gebrauche, daß sie die Begier- de des Lesers auf dem hoͤchsten Grad erwecken, und wann sie das erhalten haben, seiner spotten, oder ihn doch ein paar Baͤnde auf die Aufloͤsung harren lassen. Das ist gewiß, daß der Leser in diesem ersten B. nicht vernommen haͤt- te, auf welche Art, oder durch welchen Zufall David die gefun- den, die ihn liebete, und die er sich so kuͤnstlich vorbereitet zu lie- ben; allermassen er im dritten B. deßwegen noch in der Unge- wißheit stehet: Er stehet bey sich an, wer ihn von beyden liebet. V. 436. Wann ich muthmassen darf, so haͤtten wir in diesem Ausgange des ersten Buchs nur noch zu ver- nehmen gehabt, daß der alte Jsai nach David geschickt, damit er ihn mit Speise fuͤr seine Bruͤder in das Lager sendete. Davids freu- diges Verlangen diesem Befehl zu folgen, der ihm Gelegenheit gab, das Feldlager Jsraels und seine Helden zu betrachten, haͤtte dabey ausgedruͤckt werden koͤñen. Einige kuͤhne Worte, welche ihm sein entschlossenes Hertz und groß- muͤthige Empfindungen mochten auf die Zunge geworffen haben, wuͤrden Michal in eine furchtsame Unruhe gesetzt, und dem Poeten Gelegenheit gegeben haben, seine gewoͤhnliche Geschicklichkeit mit- telst einer solchen Verfassung der Gebaͤhrden und der Reden dieser Printzeßin zu erweisen, daß ihre Liebe dem David noch gantz zweydeutig geblieben waͤre. [Crit. Sam̃l. X. St.] E Versuch eines Gedichtes Das gantze Land erfuͤllt, gantz Jsrael hoͤrt an Verwundert und erfreut, was Gott bey sie gethan. Ein jeder Stamm verlangt zu stillen sein Verlangen, Den Koͤnig und das Heer mit Jauchtzen zu empfangen, Theils gehn nach Gibea den Einzug anzusehn, Theils gehn dem Lager zu um selber zu verstehn Was man von David spricht, von dessen Wunderstreiten, Von dessen fremden Kampf. Sein Lob weit auszubreiten 10. Jst jeder Stamm bemuͤht, doch Juda fuͤr sie all, Weil er ihr Bruder war, und er sie von der Qual Der Dienstbarkeit befreyt, sie traffe es fuͤr allen, Drum muste ihre Freud nun in die Luft erschallen. Die Buͤrger zu Damin, Asecka und Socho Die waren daß sie so befreyet mehr als froh. Sie hatten wieder Fried, kein Schrecken mehr sie schreckte, Die Sicherheit war da, die Davids Steg erweckte, Das Feld ward wieder wach, der Landmann fuͤhrt den Pflug, Man hatte am Geschrey der Krieger uͤbrig gnug. 20. Saul gabe nun Befehl das Lager aufzuheben, Wozu im gantzen Heer sie mehr als willig leben, Es toͤnt die Feldtrompet zum Abzug; Man bricht auf. Es reiset also hin der Helden froher Hauf, Ein jeder war bebuͤrdt mit der Philister Schaͤtzen, Zum Zeichen seiner Ehr, die Last ist ihr Ergetzen, Sie gehen muntrer jezt, als fuͤrhin da sie leer. Das ungewisse Gluͤck beschwerte sie vor mehr Als nun der schwere Raub. Der David hat zu schaffen, Daß Goliath sein Haupt, des Schwerdt und grosse Waffen 30. Auch kommen mit von da, dieß ware seine Beut, Die Ursach alles Raubs der andern Kriegesleut. Viel anders zog er weg, als er war hergekommen; Gleich als ein schlechter Hirt war er hie aufgenommen, Nun aber ehrt man ihn als einen Kriegesheld, Der da nach Hof gehoͤrt, und nicht mehr in das Feld. Jn diesem neuen Stand hofft er wohl zu behagen, Der die da ihm zu lieb wollt Hirtenkleider tragen, Wie ehmahls er vernahm in jener suͤssen Nacht, Die ihm, was er niemahls gehoffet, wissend macht. 40. Es von David. Es war sein Hertz schon da, dahin die Reise gienge, Der Wunsch ist mit vorhin, daß alles wohl gelinge. Des Koͤnigs, Jonathans, ja ihr selbst eignes Wort, Staͤrckt seinen Liebesgeist, treibt alle Zagheit fort. Als nun die letzte Nacht nach aller ihr Verlangen Dem Tag gewichen war, darinnen sollt empfangen Das frohe Gibea den Koͤnig und das Heer, Kam kaum die Morgenroͤth in ihrem Purpurmeer Mit munterm Angesicht daher, die Welt zu gruͤssen, Da ist schon jedermann auf seinen Schmuck beflissen. 50. Das koͤstliche Gewand, da vor Gath mit geprangt, Das wird Jsrael heut zum Preise umgehangt. Was Sidon schoͤn gewuͤrckt, was Tiro zugerichtet, Da Ecron mit geprahlt, hat so das Gluͤck geschlichtet, Daß der Ebraͤer Sieg damit wird hoch beziert, Und alles im Triumph nach Gibea gefuͤhrt. Saul der erfreute Saul war gleich als neu gebohren, Sein Muth brach wieder an, den er vorhin verlohren, Die Ehre war so suͤß, daß als ein Siegesmann Jhn heut sein Koͤnigreich soll freudig schauen an. 60. Woraus ihm Ruhm entstand, war seiner Ruhe Zunder, Durch diesen grossen Sieg ward sein Hertz wieder munter, Daß er auch nichtes ließ ermangeln an dem Pracht, Der ihm bey allem Volck ein grosses Ansehn macht. Der Abner kriegt Befehl, wie sollt der Einzug gehen, Und daß er aller Welt moͤcht geben zu verstehen, Wie lieb ihm David sey, so soll in Ritters Zier Der junge kuͤhne Held dem Koͤnig reiten fuͤr. Er sendet ihm ein Roß, das Nilus eh erzogen, Und seinen Kleiderschmuck, den Helm, Gewehr und Bogen, 70. Durch Doeg; der verricht was ihm befohlen war, Die Koͤnigliche Gab die reicht er David dar. Mit Ehrerbietung nimmt derselbe dieß Geschencke Von Doegs Haͤnden an, und sagt wie er gedencke. Dem Koͤnig darzuthun mit unverdroßnem Fleiß, Daß er so hoher Gnad nicht unerkaͤnntlich heiß. Es ware Jonathan zugegen, dem beliebte, Daß solch ein Werck der Gunst Saul an dem David uͤbte, E 2 Den Versuch eines Gedichtes Den er liebt als sich selbst, und ist er nun bemuͤht Daß David diesen Schmuck in seinem Zelt anzieht. 80. Wie dieses nun verricht, hebt an der Printz zu sagen, Wie er niemahlen nicht in seinen Lebenstagen Was lieblichers gesehn, es wuͤrd der Nymphenschaar An Davids Wunderglantz sich heut verblenden gar, Ja Merob wuͤrd sich gleich als Goliath ergeben, Mit nichten seiner Kraft und Liebe wiederstreben. Wann nicht, o grosser Fuͤrst, der David gegen sprach, Dein uͤberedles Hertz kommt seiner Zusag nach, Verlaß ich mich gar nicht auf meine eigne Wuͤrden, Jch bin noch nicht so lang von meinen Schaͤferhuͤrden 90. Daß mir kaͤm aus der Acht wie ich ein schnoͤder Hirt, Und einen Fuͤrstenstand die schoͤne Merob ziert. Der Stand kommt nur von Gott, sagt Jonathan hingegen, Die Tugend machet hoch, die ist hier zu erwegen. Jst Benjamin erhoͤht, ey Juda gehet fuͤr: Der eine hat die Kron, der andere die Zier. Mach dich nicht selber klein, man muß ja groß dich preisen, Weil Gott so grosse Ding durch dich schon wollen weisen. Hiemit faßt Jonathan des lieben Davids Hand, Die schroͤcklich seinem Feind und lieblich seinem Land, 100. Und gienge ungesaͤumt mit ihm und andern Helden Nach Saul, des Angesicht konnt seine Freude melden, Die seine Seel genoß: Er gruͤst sie insgesamt Gantz liebreich, und wie nun die Aufbruchsstund berahmt, Darinn die Ehrenkron des Siegs er sollt erlangen, Und in erwuͤnschtem Fried die Seinigen umfangen, Zog alles freudig fort mit jauchtzendem Getoͤn. Der Himmel ware selbst erfreulichst anzusehn. Das schoͤnste Licht der Welt warf seine guͤldne Strahlen Gantz unbetruͤbt, es wollt der Helden Pracht fuͤrmahlen 110. Durch so vermehrten Glantz, Metall und Edelstein Durch diese Flamm erflammt, erhoben ihren Schein. Viel tausend Sonnen sah man von der einen Sonnen, Die alle die Gebuhrt von jener Strahl gewonnen; Das allzuviele Licht benahm schier das Gesicht, Das fuͤr zu vielem Glantz man sich fast sahe nicht. Die von David. Die Luft war windelos, daß der Trompeten hallen Durch ungestuͤm Gebrauß im Ton nicht konnt verfallen, Drum schallte in den Thal verdoppelt ihr Getoͤn. Der Berg zu Gibea ließ wieder ruckwaͤrts gehn 120. Den Schall durch Gegenhall und hiesse die willkommen Die da nach ihrer Stadt die Ruͤckkehr fuͤrgenommen. Drum macht sich Gibea aus ihren Mauren auf, Als ihnen ins Gehoͤr der frohen Sieger Hauf Und letztlich ins Gesicht erschien mit solchem Prangen, Sie eilten in das Feld den Koͤnig zu empfangen. Die Toͤchter Benjamin aufs schoͤnste ausgeschmuͤckt, Die waren Reihenweiß mit ihrem Spiel geschickt. Aus allen Staͤdten war der Kern von schoͤnen Frauen, Und die Thalmais selbst mit Michal lassen schauen 130. An diesem Freuden-Tag des Hertzens Freudigkeit, Weil zu des Koͤnigs Ehr sie selbsten sich bereit; Und fuͤhrten dieses Heer, das da in zweyen Choren Sich an der Mauer hin gestellet bey den Thoren, Und weil sie von der Hoͤh absahen in das Thal, Das voller Siegesleut und Menschen ohne Zahl War gleichsam uͤbersaͤt, ward groͤsser das Verlangen Je naͤher dieses Volck auf sie kam zugegangen. Der edle Jonathan und David ward gesucht, Die keinen doch gewiß von ihnen finden mucht. 140. Dort reit mein lieber Printz! Thalmais sprach voll Freuden, Doch nein der ist er nicht, ach was muß ich nicht leyden Jn dieser langen Zeit, ein jeder Augenblick Jst mir wol tausend Jahr, ich seh und seh mein Gluͤck Ohn daß ich es noch seh. Die Michal heimlich saget: Wo mag wohl David seyn? Thalmais wieder fraget: Wo mag seyn Jonathan? so ware Freud und Qual V. 147. 148. So ware Freud und Qual vermischet uͤberall. ꝛc.) Jn diesem dritten Buche wird der triumphierende Einzug Sauls beschrieben. Der Poet ent- decket darinnen einen so grossen Pracht und Reichtum an Waffen, Kleidern, Ruͤstungen, mit Beute beladenen Waͤgen, ꝛc. als er selbst an Ausdruͤcken, mahlerischen Die Unruh und die Ruh vermischet uͤberall. Jndes- E 3 Versuch eines Gedichtes Jndessen naͤhert sich das Volck in schoͤner Reihe, Man siehet mehr und mehr wie sich der Zug hindreihe 150. Nach ihren Mauren zu. Die Priester, Aarons Soͤhn, Erschienen da zuerst mit ihrem Sieggetoͤn; Nach ihnen kam der Stamm von Juda aufgezogen Mit Pracht und grossem Sieg, die alle wohl erwogen Was Gott bey sie gethan. Drauf folgte Jsaschar Und was von Sebulon auch mit zu Felde war. Hie folgete die Beut auf tausend Kriegeswagen Die man im Lager theils, theils auch in dem Nachjagen Aus der Philister Land hat reichlich mitgebracht. Worauf sich sehen ließ der Rubeniter Macht, 160. Mit Simeon und Gath; all auserleßne Leute. Nach diesen kam ein Theil hinwieder von der Beute. Die da von Ephraim, die folgten nach der Hand. Nach ihnen Benjamin, allwo sich macht bekannt Der Kern von Jsrael, der Koͤnig und die Helden, Es konnt ihr Glantz und Schein gleich wer sie waren melden. Thalmais treues Aug, der Michal Liebesflamm, Ergriff im Augenblick was da heruͤber kam. Es Schildereyen, und pompreichen Beschreibungen besitzet, wovon wir etliche treffliche Exempel vor Augen legen koͤnnten, wann es unser gegenwaͤrtiges Vorhaben erheischete. Wir bitten hier viel- mehr anzumercken, daß aller die- ser Pracht und Pomp, in den Sa- chen und der Redensart, nur un- belebt und ziemlich kalt geblieben waͤre, wenn der Poet die Kunst nicht gehabt haͤtte, ihm durch die Einmischung verschiedener Lei- denschaften, Leben und Regung mitzutheilen. Er ist sorgfaͤltig eine jede von seinen Personen in einer absonderlichen Regung vor- zustellen, wovon er uns umstaͤnd- liche Nachrichten giebt. Jona- thans freundschaftliches Vergnuͤ- gen bey Davids Ruhm; der Merob mißvergnuͤgte Liebe zu Adriel; der Michal Zaͤrtlichkeit, die mit Unruhe, Furcht und Eifer- sucht abwechselt; Sauls Zufrie- denheit mit seinem Siege, und hernach entstehender Eiferneid gegen David; Davids Ungewiß- heit, wen er lieben sollte, u. heim- licher Zug nach der Michal; das sind die Affecten, mit welchen der Dichter seine Beschreibung leb- loser, obgleich gantz praͤchtiger Dinge gleichsam belebet und be- seelet hat. Der Fehler ist, daß einige von diesen Affecten nicht edler und heroischer sind, so daß auch dieses dritte Buch die Hoheit nicht hat, die man in dem epischen Gedichte mit allem Rechte ver- langet. von David. Es ritte Jonathan, der Benjamiter Ehre, Die Kron des Haufes Saul, zuforderst fuͤr dem Heere 170. Auf einem schoͤnen Hengst, ihm folgte eine Schaar Von tausend Mann die stets zu seinen Diensten war. Die Ruͤstung Silber war, die dieser Fuͤrst heut fuͤhrte, Wes Schein Thalmais Aug und Hertze hefftig ruͤhrte. Sein Hauptschmuck war beziert mit Perlen und Saphir, Ein blaugewebte Bind schien an dem Arm herfuͤr, Die ihme sein Gemahl beym Abzug umgewunden. Wie ward ihr Hertz, als sie dieß noch bey ihm gefunden? Es uͤbergosse sich gleich wie das hohe Meer, Und quolle Haufenweiß aus ihren Augen her 180. Die eingenommne Freud. Der Michal Rosenwangen Erzeigten ebenfalls ein hertzliches Verlangen Sowohl nach Jonathan, als nach dem andern Held, Der sich mehr als zu schoͤn fuͤr ihre Augen stellt. Sie kannte ihn zur Stund, weil da des grossen Riesen Sein abgeschlagnes Haupt ward fuͤr ihm her gewiesen Auf einem langen Speer; das ja gnung zeigte dar, Daß der der diesen folgt der edle David war. Wie herrlich und wie schoͤn derselbe anzusehen, Must Michal nicht allein mit ihrer Schaar gestehen, 190. Besondern alle Welt die liefe David an, Ein jeder draͤngte sich zu sehn den Wundermann. Jn Gold war er gekleidt, worauf von ferne schienen Auf seinem Brustgewand viel herrliche Rubinen. Der Rock war dunckelgruͤn mit Golde durchgewirckt, Der ihm sowohl gemacht als waͤr er angezirckt. Sein braunes krauses Haar ein guͤldner Helm bedeckte Besetzet mit Rubin. Zu oben aus sich streckte Ein schwartzer Reiherstrauß. Die Arme waren bloß, Ein Mantel gold und gruͤn den Hinterleib umschloß. 200. Sein Pferd das er beschritt, war freudig den zu tragen, Von dessen Dapferkeit wust alle Welt zu sagen: Es wrinschte nur von Lust, und tantzte muthig her, Es truge seine Buͤrd gantz willig, ohn Beschwer. Ach schauet, schauet doch, rief Michal schier entzuͤcket Den schoͤnen David an; den David, den Gott schicket E 4 Zum Versuch eines Gedichtes Zum Preiß in Jsrael, ward jemahls in der Welt Jn solcher Jugend wohl gesehn ein solcher Held? Die Nymphen um sie her all ihre Wort bejahen. Jndeme sehen sie den Koͤnig auch hernahen 210. Jm Koͤniglichen Schmuck, voll Majestaͤt und Pracht; Der tapfern Helden Schaar, der Hofstadt Zierde macht, Des Koͤnigs seine Soͤhn, den Abner, die Hauptleuthe Aufs koͤstlichste geziert sieht man an seiner Seite; Zwey tausend seiner Knecht in ordentlicher Reih, All uͤberein gekleidt, befinden sich dabey. Er selber ward gefuͤhrt auf einem Siegeswagen, Der da der Sonnen gleich, wann es beginnt zu tagen, Vier Pferde weiß als Schnee in einer Reih gestellt Mit goldenem Geschirr, die zogen diesen Held. 220. Voll Diamanten war sein Koͤnigsrock gesticket, Durch deren Gegenstrahl die Sonne doppelt, blicket, Sein Koͤnigliches Haupt bedeckt ein weisser Band, Auf deme eine Kron von Diamanten stand. Nach ihnen liessen sich die andern Staͤmme sehen, Die mit ihm ausgereist, wornach die Wagen gehen Und alles Zugehoͤr, so war der Zug bereit; Den Gibea empfaͤngt mit Jauchzen und mit Freud. Ey dachte Saul, moͤcht dich der Samuel so schauen, Er wuͤrd, daß ich von Gott verlassen, nimmer trauen, 230. Wie er mir weiß gemacht, aus Haß, aus Eifersucht. Wo sind wohl meine Feind, sind sie nicht in der Flucht? Kan man aus meinem Sieg wohl Gottes Haß verspuͤren? Gefiel ihm nicht, daß ich sollt Jsrael regieren, Wo waͤre mein Triumph, wo waͤre meine Ehr, Die mich jetzunder kroͤnt, fuͤr meinem gantzen Heer? Wer sollt nach diesem Sieg die Krone mir bewegen? Wer Lust dazu gehabt muß nun sich niederlegen. Was stuͤtzet mehr den Thron als eine Siegeshand? Das Gluͤcke wenn es gut, macht fest den Koͤnigsstand. 240. So ware Saul getrost, er hofft es wuͤrde gluͤcken, Jndem sie insgesammt die Nymphenschaar erblicken, Dem Koͤnig war dieß lieb, die Helden wurden froh, Daß ihre Wiederkehr beehret ward also. Der von David. Der Printz sah sein Gemahl verliebt an und vergnuͤget, Der andern Nymphen Schein hat manchen Held besieget; Der David nur allein findt das nicht was er sucht, Des Siegs versprochne Beut, der keuschen Liebe Frucht. Er findet aber mehr als nicht war sein Ersinnen, Der Michal Lieblichkeit, der Michal ihr Beginnen, 250. Der Michal Wunderstral, die schossen auf ihn zu, Daß Merob er vergist und seiner stillen Ruh. Er weiß nicht wie ihm ist, es kan kein Aug verlassen Die so ihn ebenfalls anschauet ohne Massen. Je mehr er sie nun schaut, je mehr wird er verblendt, Je mehr er wird verblendt, je mehr sein Hertz entbrennt Jn Liebe gegen ihr, ohn daß er doch kan hoffen, Sie sey auch ebenfalls von keuscher Lieb getroffen. Drum wann ihm Adriel kommt wieder in den Sinn, Den er geliebt zu seyn vermeinet, giebt ers hin. 260. Er fasset wieder sich und kehrt die Augen abe, Damit er nicht umsonst sich durch ihr Licht erlabe, Er will der Merob seyn die ihm versprochen war, Und derer Liebe ihm schon schiene offenbar. Mitdeß hebt die Musik der Nymphen an zu klingen, Davon die Lieblichkeit konnt aller Sinne zwingen, Das gantze Heer wird still, die Ohren, das Gesicht Jst nach dem schoͤnen Volck verwundert hingericht. Die Paucken groß und klein, die Cymbalen und Geigen, Driangel, Harffen, Floͤt, beginnen sich zu zeigen, 270. Und klingen durch die Luft von zarter Hand geruͤhrt, Dergleichen Anmuth man vorhin niemahls verspuͤrt. Wie Saul nunmehr so nah, daß er es konnt vernehmen Was fuͤrgebracht sollt seyn, sie eilig sich bequemen Zu stimmen an dieß Lied, wie abgeredet war, Thalmais hebet an, der folgt der Weiber Schaar: Gelobt sey unser Gott, sein Nahme sey gepriesen, Der solche Wunderguͤt an seinem Volck erwiesen. Gelobet sey der Herr, der Schuͤtzer Jsrael Der uns zieht aus dem Staub, der unsrer Freude Quell. 280. Gelob e t sey die Krafft des Herren aller Herren, Der unsern Koͤnig laͤst sieghafft zu Hause kehren. E 5 Ge- Versuch eines Gedichtes Gelobet sey die Guͤt des Schoͤpfers dieser Welt, Der unsre Feinde stuͤrtzt und unser Land erhaͤlt. Willkommen grosser Saul! was soll man von dir sagen: Du hast dem frechen Feind selbst tausend Mann erschlagen. Dieß Lob gefiele Saul, er nahm es guͤtig auf, Thalmais gruͤste er und der Matronen Hauf Ward freundlich angesehn von ihrem frohen Koͤnig. Jndeme Michal nun verzogen noch ein wenig, 290. Hebt an ihr Saitenspiel, Saul siehet nach ihr hin, Begierig daß er auch von ihr ein Lob gewinn. Sie aber faͤhet an. Seynd tausend Mann geblieben Durch unsers Koͤnigs Hand, so hat noch mehr vertrieben Der Held von Bethlehem; du Sieger sey gegruͤst, Dich hat Jsraels Gott zu unserm Heil erkiest. Willkommen kuͤhner Held, was solln wir von dir sagen, Du edler David hast zehn tausend Mann erschlagen. Wie ein verschloßner Wind, wann er gewinnet Luft, Bricht loß mit Ungestuͤm aus der verschloßnen Kluft; 300. So gieng es auch allhie. Des Koͤnigs Trauerwesen, Das da in dieser Zeit war wie versperrt gewesen, Jn eingebildter Ruh, in fuͤrgemalter Ehr, Brach ploͤtzlich wieder aus und tobete daher. Ja wie ein truͤb Gewuͤlck den Himmel schnell beziehet, So daß die helle Sonn im Augenblick entfliehet, So trieben diese Wort auf einmahl hin die Lust. Ein truͤber dunckler Schein erwiese, wie entrust Des Koͤnigs Hertze war; das hube an zu springen, Ein Eiferfeur erhitzt die Augen daß sie dringen 310. Mit Grimm auf Michal zu: die nimmt es nicht in Acht, Sie ist in Unschuld nur auf Davids Lob bedacht. Das Lied wird wiederholt, es geht in beyden Choren Zwar lieblich, aber doch in Sauls gespitzten Ohren Schallt es erschrecklich hin; der schaut mit Unmuth an Die Ehr die David wird erzeigt von jedermann. Jedoch daß keiner nicht moͤg diese Schwachheit mercken, Erholet er sich bald; sein Fuͤrsatz kan ihn staͤrcken, Wie er sich raͤchen woll; drauf gruͤst er alle Schaar So Haufenweiß am Thor der Stadt versammelt war. 320. Der von David. Der David als er hoͤrt was Michal von ihm singet, Denckt: Ein so grosses Lob man unverdient ihm bringet; Er neigt sich auf dem Pferd, schaut ehrerbietig hin, Allwo er stehen sieht die schoͤne Printzeßin. Sie gruͤst ihn ebenfalls mit lieblichen Gebaͤhrden, Von j e dem der sie schaut must sie gepriesen werden. Sie hatte diesen Tag sehr herrlich sich geziert, Ob sonst wohl die Natur den meisten Wunder fuͤhrt, Schien sie doch heute mehr, denn ihr vergnuͤgtes Wesen Hatt alle Lieblichkeit in ihr Gesicht erlesen. 330. Die Stirn war heller Schnee, die Wangen Milch und Blut, Die Augen schwartz Agat, und sahen aus so gut Deß man sie ohne Furcht verehren konnt und preisen; Der Mund war hell Corall, der Hals und Brust sich weisen Dem Marmor gleich am Schein. Das schwarze Lockenhaar, Dem hellen Angesicht zum Absatz dienlich war; Das sie frey fliegen ließ zum Spiel den sanfften Winden, Die sich mit jeder Lock begunten zu verbinden. Ein reicher Perlenkrantz mit Rosen durchgesteckt, Das Haupt und ihre Stirn zum halben Theil bedeckt. 340. Sie trug ein weisses Kleid mit Diamanten Sternen, Selbst must des Himmels Schmuk hiebey sich bald entfernen; Ein rosinfarb Gewand fiel von den Achseln hin; Das Niederkleid war bunt, sie hatte selbst darinn Gewirckt mit ihrer hand. So ware sie geschmuͤcket, Jhr Schein und Lieblichkeit gantz Jsrael entzuͤcket. Maacha war die naͤchst die Michal so begleit, Voll Anmuth gleich wie sie. An ihrer andern Seit Die Rizpa war zu sehn. Drauf aus dem gantzen Lande Des Stammes Benjamin, nach eines jeden Stande 350. Erschien der Dirnen Schaar; nur Merob nicht allein Die sand sich nirgends nicht und deckte ihren Schein. Wie nun sie an dem Thor den Koͤnig so empfangen, Und man kam in die Stadt mit grossem Siegesprangen, Gieng ihre Reih fuͤran bis nach des Koͤnigs Hauß, Und striche jedermann des Davids Lob heraus. Doch haͤtt er im Gesicht das Leiden sollen sehen, Und wie es ihm bey Saul und seinem Hof wuͤrd gehen, Haͤtt Versuch eines Gedichtes Haͤtt wohl sein Hertz versagt zu haben solche Freud, Die ihm nur ward zu bald verkehrt in bittres Leid. 360. Auch ward ihm schwer sein Hertz, er fande ein Betruͤben Des Ursach ihm nicht kund; Das Lob so sie veruͤben Zu seines Nahmens Preiß, ergetzet ihn nicht sehr, Er hoͤret es mit an, als wann er es nicht waͤr. Der Menschen groͤster Theil ist sonst also gesonnen, Daß vom gegebnen Lob gar leichtlich wird gewonnen Das menschliche Gemuͤth, die Lieb so aus sich koͤmmt, Nichts liebers als den Ruhm sein selbst zu Ohren nimmt. Fuͤrnemlich ist also gesinnt die stoltze Jugend, Doch Davids seltner Geist und seine hohe Tugend 370. Empfand das eitle nicht. Nach Ehren strebt er zwar, Doch nicht daß man sein Lob drum allen offenbar. Um gutes stets zu thun ist sein Gemuͤth beflissen, Doch daß er was damit verdient, will er nicht wissen. Drum blaͤset ihn nicht auf des Poͤbels Lobgeschrey, Die alle frey gestehn wie er ihr Heiland sey. Sein Nahme wird gehoͤrt wo sie sich nur hinkehren, Wie kraͤfftig dieses ist die Eifersucht zu naͤhren Des Koͤnigs, ließ sich leicht verspuͤren, wenn man nun Gibt acht wie er sich stellt, und auf sein gantzes Thun. 380. Was da nicht faͤhig war den David zu bewegen, Das kan des Koͤnigs Hertz zum Zorn und Eifer regen. Haͤtt man ihm doch allein gelegt die Ehre zu, So waͤr nicht so gestoͤrt sein und des Davids Ruh. Kaum wird in Gibea der Nahme Saul gehoͤret, Weil da wohl tausendmahl wird Davids Nahm geehret. Man wirfft ihm Kraͤntze zu, und aus den Fenstern faͤllt Ein Blumenregen ab auf diesen jungen Held. Sie klatschen in die Haͤnd wo David kommt geritten, Das Frauenzimmer lobt sein Thun und edle Sitten, 390. Die Maͤnner seine That; Er ist ein Wunderbild, Da er Jsraels Furcht so wunderbar gestillt. Haͤtt Saul dieß vor gewußt, daß die vermuthet’ Ehre Sollt David treffen mehr, als ihn, er wuͤrd vom Heere Jhn haben weggeschafft nach seinem Bethlehem, Und nicht den Schluß gefast, daß er nach Hof ihn naͤhm. Nun von David. Nun ware es zu spaͤth, nun muste es so gehen, Die Ursach seiner Ruh und Marter must er sehen, Durch ihn kam ihm die Ehr, durch ihn nahm sie ein End, Der alles erstlich gab, nun alles von ihm wendt. 400. Der eingebildte Ruhm, der durch ihn war gekommen, Wird wieder gantz und gar durch ihn dahin genommen. Wo erst kommt Eifersucht wird Gutthat leicht gemist; Wo dieses Freundschaft trennt, sie unerbaulich ist. Jnzwischen daß nun muß der Koͤnig dieß erleiden, Da Hof, Land, Feld und Stadt, schwebt in den hoͤchsten Freudẽ, Gelangt man auf die Burg, allwo die Hofstatt war, Da sich die Koͤnigin und Merob stellten dar; Zu gruͤssen den Gemahl, den Vater zu empfangen, Benebenst Beroa, die da auch groß Verlangen 410. Trug nach Melchisua. Es drang sich jedermann Zu sehen wie sich doch wuͤrd Merob stellen an, Bey diesem ersten Gruß den sie sollt David geben, Und wie sich dieser Held erzeigen wuͤrd darneben. Drum als der Koͤnig nun umarmet sein Gemahl, Und mit sie alles Volck gekommen in den Saal; Gieng aller Freude an, ein jede den begruͤsset, Den sie mit Schmertz und Angst so lange Zeit gemisset, Thalmais, Jonathan ihr andres Hertz und Seel, Den sie in keuscher Lieb beehrte sonder Fehl. 420. Merob und Michal auch, die Printzen ihre Bruͤder, Empfiengen hoch erfreut. Beroa kam hinwieder Zum Vater und zum Mann. Der Abner Rizpa schaut Mit Liebesaugen an. Phalti sich nicht getraut Die Schoͤnheit anzusehn, die er liebt ungeliebet, Der Adriel erblickt sein liebstes hoch betruͤbet Und ist voll Hertzensqual; der David sonder Ruh, Als Merob er erblickt und Michal auch dazu. Der einen freyen Geist, der andern Trauerwesen, Stellt er ihm beydes fuͤr. Er ware auserlesen 430. Fuͤr Merob, doch sein Hertz ihn lencken will dahin, Wo Michals Lieblichkeit bezaubert seinen Sinn. Die schaut ihn guͤtig an, die andre steht betruͤbet, Er stehet bey sich an, wer ihn von beyden liebet, An Versuch eines Gedichtes An Michal merckt er nicht, daß sie nach Adriel Hinkehre ihre Blick. Ob Merob Phalti wehl Zu quaͤlen weiß er nicht, er laurt wie Phalti stehe, Und wo der Adriel mit seinen Augen gehe; Doch nirgends findet er gewiß was er begehrt, Weil aller ihr Gebaͤhrd den Zweifel ihm vermehrt. 440. Er hatte raume Zeit dieß so zu uͤberlegen, Weil Saul und sein Gemahl annoch zusammen pflegen Ein heimliches Gespraͤch, das wie es war vollendt, Und Saul hinwieder sich von ihr zuruͤck gewendt, Gruͤst er die Toͤchter auch und seine beiden Schnuͤre Und daß er David nun zum Frauenzimmer fuͤhre, Zwang er den Eifersinn und fast ihn bey der Hand: Hie ist er der uns setzt in diesen F ri edensstand; Sprach er sie samtlich an, und sich gleich abwaͤrts kehrte, Daß er die Eiferroͤth so viel ihm moͤglich wehrte. 450. Worauf Ahinoam den David wohl empfieng. Sie sprach: der Hoͤchste sey gelobt der allerding Durch deinen tapfern Muth der Feinde Stoltz verdorben, Daß wir durch deinen Sieg so grosses Gut erworben. Dir dancket alles Land fuͤr diese Wiederkehr; Jch bin dir mein Gemahl und meine Koͤnigs-Ehr Selbst schuldig, drum mein Sinn sich wird dahin bemuͤhen, Aus dieser grossen Schuld sich danckbarlich zu ziehen; Was dir versprochen ist, gelob ich mit o Held’ Des Koͤnigs Will und Schluß mir uͤberwohl gefaͤllt. 460. Dieß letzte Wort erweckt bey vielen ein Erroͤthen, Die Merob sahe sich in ungemeinen Noͤthen, Die Michal wuste nicht wie dieß war zu verstehn, Der Adriel will schier fuͤr Zweifelmuth vergehn. Der David sich befindt fuͤr diese Wort verbunden Zu sprechen diese Wort: Jch sehe mich umwunden Von so viel Gnad und Huld, o grosse Koͤnigin! Daß ich des so bestuͤrtzt als gar unwuͤrdig bin. Was Gott durch mich gethan ist nicht an mir zu preisen, Dem hoͤchsten Wundergott muß man dieß Lob erweisen; 470. Das Werckzeug bin ich nur, ich bin es nimmer werth, Daß solche hohe Gaab hiefuͤr mir wird beschehrt. Als von David. Als dieß die Koͤnigin hinwieder wollt besprechen, Daß er ihm selbsten nicht sollt seine Ehr entbrechen, Fuͤhrt ihn der Koͤnig hin, allda sich Merob fand, Dieß ware fuͤr sie beid ein unvermuthner Stand. Der David sahe sich geehret ohne Massen, Die Merob wuste sich hierinn nicht wohl zu fassen, Und wie sie so bestuͤrtzt den David blicket an, Spricht Saul: Diß ist der Held der dir bestim̃t zum Mann. 480. Jch hab dich dem gelobt der wuͤrd den Riesen schlagen, Es haͤtt dir eh gebuͤhrt von seinem Sieg zu sagen, Als Michal die sein Lob mit ihrer Nymphen Schaar Hat heute beym Triumph gemachet offenbar. Die Michal sah er an, indem er dieses sprache, Mit wiedrigem Gesicht, die wie ein Feur anstache, Das Hertze war entruͤst, schier blieb der Odem hin, Sie wuste selber nicht wie ihr recht war zu Sinn. Ward sie nun so erroͤth konnt ihrer Schwester Schrecken Die bleiche todte Farb mehr als zu klar entdecken, 490. Doch uͤberwindt sie sich und spricht dem Koͤnig zu: Jch bin erfreut zu sehn des Koͤnigreiches Ruh, Doch auch dabey entsetzt so ploͤtzlich zu vernehmen, Wozu du mich bestimmt, wozu ich mich bequemen Und dir gehorchen soll. Hiemit so schwieg sie still Und David hoͤfflich gruͤst, doch ob sie sprechen will, Vermag sie es doch nicht, sie kan sich so nicht zwingen Daß nicht ein Trauerblick nach Adriel sollt dringen, Der wie ein Marmorbild da stehet gantz erstarrt, Wie einer der den Tod von Richters Hand erwart. 500. Schaut sie dann Michal an, kan sie auch leicht verstehen, Aus ihrem Traurgesicht, wie nah ihr dieß muß gehen, Und wie so unverhofft ihr diese Post hier koͤmmt; Die ihr was sie nicht will, gibt, und der andern nimmt, Die solches hoch verlangt. Der David auch verwirret Bald nach der Merob bald nach Michal wird gefuͤhret Durch seiner Augen Stral, die Merob spricht er an, So gut die Unruh und der Ort es leiden kan. Daß er sich selig schaͤzt im Wohlstand sie zu sehen, Und wie ihr treuster Knecht nach ihrem Wohlergehen 510. Er Versuch eines Gedichtes Er stets bemuͤht wollt seyn. Damit als er ansieht Der Nymphen schoͤne Reih, ermahnt ihn seine Pflicht, Zu dancken dieser Schaar, die so sein Lob besungen, Das ihm so waͤr ins Hertz und zu Gemuͤth gedrungen, Daß es ihn angefrischt zu streben mit Begier Nach solcher Heldenthat, der so ein Lob gebuͤhr. Maacha sprach hierauf in ihrer aller Nahmen: Du hast in Jsrael in allen ihren Stammen So grosse Werck veruͤbt, daß billig deine Ehr Von uns erhebt sollt seyn bis an der Sternen Heer. 520. Die schoͤne Michal schwieg hiezu, der sonst gebuͤhret, Zu sprechen diese Wort, weil sie den Chor gefuͤhret, Dann sie war so entsetzt darob was sie gehoͤrt, Daß sie gantz aus sich selbst schier ward von Pein verzehrt. Ein jeder spuͤrte nun dieß hochverwirrte Wesen, Weil sich des Hertzens Quaal ließ aus den Augen lesen, Und keiner wust dabey recht was den andern war. Des Koͤnigs Eifersucht war keinem offenbar; Der Merob Ehgeluͤbd mit dem Meholathiter War nicht bey Hofe kund; und dieser edle Ritter 530. Sah wie ein Schatten aus, ohn daß man wust die Pein, Und Michal Freudigkeit verlohre ihren Schein, Eh man es nahm in Acht. Wie David sich erzeigte, So schien es mehr, daß den die Traur als Freude neigte. Der edle Jonathan sah dieß verwundernsvoll, Und weiß bey diesem Thun nicht was er sagen soll, Drum trug er groß Begierd dieß Wesen zu ergruͤnden, Darinn der ganze Hof sich selbst nicht konnte finden, Und Saul so bald er konnt hub die Gesellschaft auf, Und ließ, wie er allein, dem Trauren seinen Lauf. 540. Drauf gieng ein jeder heim und war nun allermassen Das Gibea erfreut, die Haͤuser und die Gassen Ertoͤneten von Freud, man bracht den Abend zu Mit lauter Siegsgeschrey und in gewuͤnschter Ruh. Und weil der Koͤnig wollt zu Nacht allein verbleiben, Und speisen im Gemach, um aus dem Sinn zu treiben Das Trauren so ihn plagt, so stellte Jonathan Jn seinem Sommerhauß die Abendmahlzeit an. Die von David. Die Helden insgesamt sich alldahin verfuͤgten, Und sich bey diesem Pracht der Trachten hoch vergnuͤgten. 550. Doch viele unter sie die speißten ihren Sinn Und ihr entzuͤndt Gemuͤth mit Lieb, sich sehnend hin Allwo ihr Hertze war. Thalmais unterdessen Mit Merob und Michal wollt gantz alleine essen, Weil der nur war allein ihr beyder Leyd bekannt, Und sie mitleidentlich bedaurte ihren Stand. Wie nun war in der Still die Mahlzeit aufgehoben, Hub ihre Klage an und der Gemuͤther Toben. Ach wann ich Michal waͤr! sprach Merob hoͤchstbetruͤbt. Ach wann ich Merob waͤr! sagt Michal hoͤchstverliebt. 560. Hast du nicht vor gewust, daß es so wuͤrde kommen? Hierauf Thalmais fragt. Jch hatt es schon vernommen, Die Merob ihr bericht, eh noch der Koͤnig kam. Ach! hube Michal an, wie bist du mir nicht gram, Daß ich von diesem Thun dorfft nichtes eh erfahren, Biß ich den Schimpf gehabt dem David zu willfahren Mit meinem Saͤitenspiel, der meiner doch nicht acht, Und nur nach dir sich sehnt, nach deiner Liebe tracht. Heut nicht so wiedrig aus, daß ich dir dieß verschwiegen, Sprach Merob, dañ ich wollt nicht stoͤren dein Vergnuͤgen. 570. Du hast ja David nicht die Ehr allein gethan, Maacha ebenfalls hat ihn gesungen an. Ach wilst du Adriel dann wol fuͤr David lassen? Fragt Michal, Merob sagt: den einen will ich hassen, Den andern geb ich dir. Ey, spricht hie Michal zu, Erklaͤre deine Wort. Jch will zu deiner Ruh, Hebt Merob wieder an, daß dich der Koͤnig gebe Dem Helden David hin; und daß mein Hertz dann lebe Von Adriel befreyt, der mich so schaͤndlich laͤst, So soll dasselbe nun der Liebe Ueberrest 580. Vertilgen aus dem Grund, ja ich will sein vergessen; Die Thraͤnen die er jetzt begehrt mir auszupressen, Die sollen auch die Flamm erloͤschen meiner Lieb, So folget meine Rach auf seiner Untreu Trieb. Ach Merob halt doch ein! Hiezu Thalmais saget, Du hast um Adriel sein Thun dich nicht befraget; [Crit. Sam̃l. X. St.] F Wo- Versuch eines Gedichtes Worinn besteht die Schuld? Daß er mich nicht mehr liebt; Spricht sie, hergegen die Was diesem Zeugniß giebt, Kanst du nicht bringen bey. Ach sagt sie, du solt sehen Ob ich mit Fuge nicht laß diesen Schluß ergehen. 590. Hoͤr mir gedultig zu, warum hat wohl die Zeit Der Adriel versaͤumt durch seine Tapferkeit Mich durch des Riesen Kampf vom Koͤnig zu erlangen? Ließ er das, weil sein Hertz mit Furchtsamkeit umfangen? O nein, sein frischer Muth hat sich oft kund gethan, Und liebte die Gefahr. Woran gebricht es dann? Hatt’ er in dieser Sach nicht seinen freyen Willen? O ja der Koͤnig gab ihm Macht den zu erfuͤllen. Warum dann thut ers nicht? Darum weil seine Reu, Daß er mich hat geliebt, ist groͤsser als die Treu 600. Die er mir schuldig war. Sprich nun hab ich gefehlet? Thalmais die wohl sah, wie billig sie sich quaͤlet, Wust nicht wie Adriel wohl konnt entschuldigt seyn; Der Michal aber fiel noch endlich etwas ein, Weil die mit aller Macht wollt dieses Feur ernehren, Um einer andern Glut in Merobs Hertz zu wehren. Dem Sieger, sprache sie, dem bist du zugesagt, Haͤtt Adriel nun nicht als David dieß vollbracht, So haͤtt er Schimpf erjagt, fuͤr dich, fuͤr seine Ehre, Und nicht gewagt daß er nachgehends dich begehre 610. Von unserm Vater Saul, dem schon entgegen ist, Daß Adriel dich hat zum Ehgemahl erkiest. Ein tapfrer Held wie er, sagt Merob gantz entruͤstet, Scheut nimmer eine Schlacht, da ihm vielmehr geluͤstet Nach Ehre und nach Ruhm, wer grosse Ding begehrt Wird auch niemahlen nicht durch grosse Ding verfaͤhrt. Du fuͤhrest diese Wort, sprach Michal, zu beschoͤnen, Daß du dein Hertz nicht mehr dem Adriel willt goͤnnen. Des Davids Lieblichkeit ‒ ‒ Schweig, fiel sie ihr ins Wort, Laß deinen Eifersinn mich quaͤlen nicht hinfort, 620. Jch will nicht deine Lieb betruͤben noch mich sehnen Darnach was dir bereits gekostet so viel Thraͤnen, Kan ich dir dienlich seyn, so ist der David dein. Wann David mich nicht liebt, wandt sie hinwieder ein, Jst von David. Jst mir mein Sinn zu hoch ihn von dir abzukehren. Kanst du, ohn daß dein Hertz dich quaͤlet, ihn begehren, So siehe nicht auf mich. Du hast ja Recht dazu; Verlasse Adriel und baue Davids Ruh. Jch muß, Thalmais sprach, in diesen tollen Sachen, V. 631. 632. Jch muß, Thalmais sprach, in diesen tollen Sachen So traurig ich auch bin, doch euer beyder lachen.) Weil der Poet es hier selbst durch die Thalmais bekennen laͤßt, daß die Liebe eine laͤcherli- che Neigung sey, so wundert uns desto mehr, daß er ihr in einem Gedichte, wo nur die erhabensten Empfindungen und Hertzensge- dancken herrschen sollen, so viel Platz eingeraͤumt hat. Wenn er nicht in dem Vortrage seines Vorhabens gesagt haͤtte, daß er die hohen Wercke und den Lebens- lauf Davids besingen wollte, so koͤnnte ich glauben, er haͤtte nichts anders im Willen gehabt, als Da- vids Vermaͤhlung mit der Michal zu singen; und dieses haͤtte er der Natur dieser Materie gemaͤß nicht in einem heroischen Gedich- te, sondern bloß in einem ver- mischten heroisch-comischen thun wollen. Mit dieser Absicht waͤre denn geschickt zusammengehan- gen, daß er in dem ersten B. die drey Printzeßinnen in Davids Hoͤle gebracht, in dem zweyten den Sieg uͤber Goliath beschrie- ben, welcher ihm ein Recht auf Sauls Tochter erworben, und in dem dritten alle die Liebes-Sym- ptomata aus einander gesetzt, wel- che bey der Michal und der Merob entstanden. Auch die Geschichte von Adriel im zweyten B. waͤ- re dann desto weniger uͤberfluͤßig, weil sie uns mit Merobs Hertzen bekannt machete, die ihr Vater erstlich dem David vermaͤhlen wollte. Jn diesem Falle haͤtten wir nicht zu befuͤrchten, daß das Gedichte zu einer uͤbermaͤssigen und das Gedaͤchtniß betaͤubenden Laͤnge angewachsen waͤre, denn dem Poeten waͤre izo nichts wei- ters uͤbrig geblieben, als das Raͤthsel von der Merob und der Michal Liebe aufzuloͤsen, u. die er- stere dem Adriel vermaͤhlen zu lassen, welches zwar nach Sauls Vorhaben dem David leid thun sollen, aber in der That zu Be- foͤrderung der Liebe Michals ge- dienet haͤtte, welche nun nichts weiter gehindert, als daß David die von Saul ihm auferlegte Mor- gengabe von hundert Vorhaͤuten eroberte. Jn drey oder vier Buͤ- chern haͤtte dieses alles ausge- fuͤhrt werden koͤnnen, wann der Poet gleich die Weitlaͤuffigkeit haͤtte gebrauchen wollen, mit wel- cher er angefangen hat. So traurig ich auch bin, doch euer beyder lachen. 630. Jhr wollt nicht was ihr sagt, du hassest Adriel, Doch schwere ich bey Gott, ihn liebet deine Seel: Dich aber Michal plagt die Eifersucht dermassen, Daß du in gutem Ernst den David meinst zu lassen, Und F 2 Versuch eines Gedichtes von David. Und willst doch solches nicht. Bekennt ob euren Sinn, V. 637. 638. ‒ ‒ ‒ ‒ Bekennt ob euern Sinn Jch wo nicht gar entdeckt, doch nah gekommen bin.) Jch habe von der Sprache und dem Sylbenmasse dieses Gedich- tes nichts gesagt, weil das nicht zu meinem Vorhaben gehoͤrete. Dieses erstreckete sich nicht wei- ter, als auf die Absicht, die Er- findungen, die Anlage und Ver- fassung. Jn den aͤusserlichen Dingen koͤnnte die Nachlaͤssigkeit schwerlich groͤsser seyn. Zum Exempel, in der verworrenen Wortfuͤgung, in den verstellten Deelinierfaͤllen, in den ausgelas- senen Huͤlffszeitwoͤrtern, in den abgebissenen Buchstaben, in dem Versaͤumniß der Abschnitte, in Cacophonien, in dem ungleichen Klange des Reimkuppels. Dieses alles habe ich dem Verfasser uͤber- sehen, und das Auge davon auf das innerliche Wesen seines Ge- dichtes abgelencket. Alles zeiget uns, daß man uns seine Arbeit ge- liefert hat, wie sie nach der ersten Erfindung verfasset, und zu Pa- peir gebracht worden, wo der erste Ausdruck, der in den Sinn gekom- men, stehen geblieben. Darum muͤssen wir auch die Kunst und die Geschicklichkeit des Verfassers nicht nach diesem unreifen und unausgearbeiteten Anfange beur- theilen. Mir hat er indessen An- laß gegeben, von verschiedenen Sachen, die beym Epischen Ge- dichte zu beobachten sind, meine Gedancken zu erklaͤren, und mit Exempeln, die zwar a contrario hergenommen sind, vor Augen zu legen. Jch, wo nicht gar entdeckt, doch nah gekommen bin? Es schwiegen hiezu still die beyde Printzeßinnen, Und hatte Thalmais geredt wie ihre Sinnen Sich fanden innerlich, ohn daß der schoͤne Mund Entdecken wollte noch des innern Hertzens Grund. 640. Dann Merob drauf bestund den Adriel zu meiden; Und Michal wollt ihr Hertz gantz von dem David scheiden; Doch war es all umsonst, ist gleich der Fuͤrsatz da, Spricht dennoch nicht ihr Hertz zu diesem Willen ja. Weil nun Thalmais nicht so bald noch konnt ersinnen Ein Mittel, ihrer Sorg und Plage zu entrinnen, Weist sie sich auf die Zeit, die koͤnnte da allein Jn allem was uns quaͤlt am besten dienlich seyn. Und soll der Jonathan noch nichts hievon erfahren, Weil sie wie grosse Freund er und der David waren, 650. Erwogen nach Gebuͤhr. Nun wie in dieser Quaal, Da Liebe, Haß und Neid sich wiese uͤberall, Sie waren eingeschraͤnckt, kam Post die Printzen kaͤmen, Worauf sie beyderseits ein anders Wesen nehmen. Sie schliessen ihre Pein in ihrer Sinnen Schrein, Und sehen froͤhlig aus, da sie doch traurig seyn. Des Herrn Vatry Gedancken von den Choͤren in den Trauerspielen. D Er Hr. Abt Vatry, ein Mitglied der Frantzoͤsischen Academie der Alterthuͤ- mer und der Literatur, hat in einer ei- genen Dissertation gezeiget, daß das Trauerspiel in seinem Ursprunge nichts anders als ein Hymnus zum Lobe des Bacchus gewesen, wo man gesungen und getanzet; Als nachgehends die Ma- terien, von welchen man Gelegenheit genommen, diesen Gott zu loben, erschoͤpfet worden, haben die Poeten sich genoͤthiget gesehen, ihre Zuflucht zu verschiedenen Erfindungen zu nehmen, damit sie nicht allezeit einerley wieder aufwaͤrmen muͤßten. Daher seyn die Episodia entstanden, die wir heu- tiges Tages Actus heissen; diese habe man durch einen oder mehr Histrionen zwischen zweyen sol- chen Lobgesaͤngen oder Choͤren sagen lassen. Aus diesen Episodien oder Handlungen sey nachmahls der Coͤrper des Trauerspiels geworden, und die Choͤre seyn zulezt nichts weiter als ein Theil der- selben gewesen, den man mit den andern auf eine wahrscheinliche Art habe zusammen ordnen muͤs- sen. Jndessen habe man dieselben nicht bloß der Gewohnheit zu gefallen behalten, sondern wegen der grossen Vortheile, welche das Trauerspiel daher empfangen habe. Diese Vortheile bestuhnden nach Herrn Vatry in folgenden Stuͤcken: Erstlich dieneten sie in das Trauerfpiel mehr Ordnung und mehr Verschie- F 3 den- Hrn. Vatry Gedancken denheit zu bringen. Zweytens gaben sie ihm eine gewisse Pracht und Hoheit. Drittens vermehre- ten sie das pathetische Wesen in demselben. Sie brachten erstlich mehr Ordnung in das Trauerspiel, indem sie eine natuͤrliche Folge der verstaͤndigen Wahl der aufgefuͤhrten Handlung und des Ortes der Scene waren, und uͤber d ieß den meisten Regeln des Theaters zum Grunde die- neten. Sie brachten mehr Verschiedenheit in dasselbe, theils an Vorrath von Sachen, theils in Ansehung der Vorstellung. Bey den Alten war der Platz der Scene allemahl ein oͤffentlicher Ort. Die Zuseher muͤssen sich einbilden koͤnnen, daß sie bey der Handlung gegenwaͤrtig seyn; und wie koͤn- nen sie sich dieses einbilden, wenn sie sich in einem Cabinet begiebt? Ueber dieses muß eine Handlung, wann sie mit genugsamer Wahrscheinlichkeit auf den Schauplatz gebracht werden soll, landkuͤndig und lautbar seyn, sie muß unter den Vornehm- sten des Staats begegnen, und von einer Natur seyn, daß ein gantzes Volck sich darum bekuͤmmert. Daher folgt, daß sie eine grosse Anzahl Zeu- gen, die sich derselben annehmen, an einen Ort versammeln muß. Diese Zeugen formieren den Chor. Es waͤre nicht natuͤrlich, daß Leute, die an der Handlung Antheil nehmen und ihren Aus- gang mit Ungeduld erwarten, allezeit ohne ein Wort zu sagen da stuͤhnden; vielmehr erfodert die Ver- nunft, daß sie sich von dem unterreden, was eben dann vorgehet, was sie zu hoffen, oder zu fuͤrch- ten haben, so oft die Hauptpersonen von dem Schauplatz abgetreten, und ihnen darzu Zeit und Musse von den Choͤren. Musse geben. Das ist also die Materie und der Jnnhalt der Gesaͤnge des Chors. Und dergestalt entspringt die Nothwendigkeit der Choͤre von der verstaͤndigen Wahl der theatralischen Handlung, und des Ortes der Scene. Gleichwie man sie mit keiner Manier in ein Cabinet hinein fuͤhren koͤnnte, also kan man sie auf einem oͤffentlichen Platze nicht ausschliessen, und also bekommen der Ort der Scene, die Handlung und der Chor, ei- nes von dem andern eine Wahrscheinlichkeit. Man muß nur ein Trauerspiel des Sophocles sorg- faͤltig untersuchen, so wird man wahrnehmen, daß die meisten Grundregeln des Theaters eine natuͤr- liche Folge der Choͤre sind. Die Alten beobach- ten die Einheit des Ortes bestaͤndig; sie hielten die- se Regel vor so beschaffen, daß sie niemahls verle- zet werden doͤrfte. Die Ursache dessen ist, weil man die Wahrscheinlichkeit lieber in denen Sachen aus der Acht setzen muß, wo es noͤthig ist, Saͤtze und Schluͤsse zu machen, wenn man sie gewahr werden soll, als in solchen Sachen, welche in die Sinnen fallen, und einen aufmercksamen Zuseher erstes Anblickes argern. Man ma ch t uns heu- tiges Tages glauben, daß, was erst ein Saal gewe- sen, einesmahls ein Garten geworden sey, und man verwandelt ohne Bedencken das Zimmer einer Printzeßin in einen Tempel, oder einen oͤffentlichen Platz. Die Choͤre hinderten die Alten, daß sie diesen Fehler nicht begiengen. Dann da der Chor schier niemahls von dem Schauplatze gieng, wann er ihn einmahl betreten hatte, so waͤre es augen- scheinlich laͤcherlich gewesen, wann man den Schau- F 4 platz Hrn. Vatry Gedancken platz veraͤndert haͤtte, da die Personen, die ihn in- nen gehabt, nicht von ihrem Platze gekommen waͤ- ren. Die Choͤre dieneten auch die Dauer der Handlung anzuzeigen: die Auffuͤhrung eines Trauerspieles daurete bey ihnen kaum eine laͤngere Zeit, als man zu der gespielten Handlung selber noͤthig gehabt haͤtte. Diese Richtigkeit gab ihm ein wahrscheinliches Ansehen, das eine von seinen groͤssesten Schoͤnheiten ausmachete. Ueber dieses hielten sie den Zuseher auf, ohne daß sie ihn muͤssig stehen liessen, und sie banden das Ende eines Aufzuges mit dem Anfange des folgen- den zusammen, welches mehr bedeutet, als man meynen moͤchte, massen diese Verbindung dienet, die Einheit der Handlung zu bemercken. Unsere fuͤnf Aufzuͤge, die von einander gesondert stehen, formieren gewissermassen fuͤnf verschiedene Stuͤcke, die man nach einander spielt. Mit welcher Wahr- scheinlichkeit begeben sich uͤbrigens alle tragischen Handlungen allemahl auf einerley Art, und ver- schwinden die spielenden Personen ordentlicher Weise, als wenn es abgeredet worden waͤre, vier- mahl? Es ist leicht zu sehen, was vor eine Mannigfal- tigkeit die Choͤre in die Tragoͤdie brachten. Was vor Mannigfaltigkeit kan in der That nicht eine Mu- sik mit sich fuͤhren, welche sich in alle die verschie- dene Gemuͤthesstaͤnde, und alle die verschiedene Empfindungen schicket, die in einem geschickten Trauerspiele vorkommen? ‒ ‒ ‒ ‒ Alleine, wendet man ein, es ist nichts unnatuͤr- lichers, als in eine so ernstliche und so gravitaͤtische Hand- von den Choͤren. Handlung, als die Handlung eines Trauerspie- les seyn soll, Gesaͤnge, Lieder und Taͤntze zu un- termischen? Jsts nicht laͤcherlich, daß man drohe, klage, sterbe, indem man singt; und daß ein Trupp Leute, die von Furcht oder Schrecken eingenom- men sind, diese verschiedenen Empfindungen mit- telst der Taͤntze an den Tag lege? Die also reden, geben nicht recht Achtung auf die Natur des Trauerspieles, es ist zwar eine Nachahmung ei- ner ernstlichen Handlung, aber es ist nicht allein eine Nachahmung, sondern auch ein Gedichte, und ein Gedichte, das ein Schauspiel werden soll. Als ein Gedichte schmuͤckt es sich mit allem demje- nigen aus, was am bequemsten ist, die Phantasie zu entzuͤcken, und das Ohr zu bezaubern; als ein Schauspiel trachtet es vor allen andern den Augen zu gefallen, und man muß sich bißweilen von der Wahrscheinlichkeit ein wenig entfernen, damit man desto besser gefalle. Alsdann kan der Geist, der durch einen maͤchtigern Reitz geblendet wird, nicht wahrnehmen, daß man ihn betriegt, und uͤberlie- fert sich, so groß er ist, dem Ergetzen, das man ihm gewaͤhret. Aus dieser Ursache raͤumt man dem Wunderbaren in dem Epischen Gedichte einen Platz ein; und aus dieser Ursache hat die Fabel selbst, die von Wahrscheinlichkeit entbloͤßt ist, so viel Annehmlichkeit. Die Nachahmungen, wel- che am meisten Aehnlichkeit mit den nachgemach- ten Sachen haben, sind nicht die vollkommensten Wercke der Kunst; diejenigen, welche auf die voll- kommenste Ar t nachahmen, muͤssen billig den Vor- zug vor den andern bekommen. Eine Statue von F 5 Ertz Hrn. Vatry Gedancken Ertz oder von Marmor wird bewundert, eine von Wachs ist fuͤrchterlich. Das Trauerspiel ahmet nicht allein durch die Rede nach, sondern auch durch die Toͤne und die Gebehrden. Die Musik und der Tantz muͤssen in diesen beyden Stuͤcken vorne an stehen, und man kan sagen, daß das Trauer- spiel ohne sie nicht vollkommen nachahme. ‒ ‒ Jn Wahrheit, wenn man die Musik aus dem Trauerspiel verbannen muß, damit es desto wahr- scheinlicher werde, so sollte man ihm auch den Vers nehmen, denn es ist nicht natuͤrlicher, in der Heftig- keit einer Leidenschaft in Versen zu reden, als zu singen. Aus derselben Ursache wird man die Sta- tuen mahlen muͤssen, weil der blosse Stein die Na- tur nicht zum genauesten nachahmet, und die Far- be des Fleisches, der Haare, und der Kleidung nicht ausdruͤckt. Lasset uns izo sehen, auf was vor eine Art die Choͤre dem Schauspiel Pracht und Pomp mit- theilen. Man bilde sich einmahl vor, was vor ei- ne Wuͤrckung diese grosse Anzahl Actores von ver- schiedenem Geschlecht und Alter thun mußte, aus welchen der Chor zusammen gesetzet war. Jhre Taͤntze, ihre Gesaͤnge, die Pracht ihrer Kleider, mußten nothwendig die Pracht des Schauspieles auf eine wunderbare Art erheben. Eines von den besten Mitteln die Leute an sich zu ziehen, und sie gleichsam zu bezaubern, sind jederzeit die Musik, und die Ceremonien gewesen, und diese letztern ha- ben ohne Zweifel die Alten unter dem allgemeinen Nahmen der Taͤntze mit eingeschlossen. Diese von den Choͤren. Diese grosse Anzahl Leute, die an der Hand- lung Antheil nehmen, macht sie noch erheblicher, groͤsser und scheinbarer: Man streiche den Antheil, den ein versammeltes Volck an einer Handlung nimmt, mit Worten heraus, man mache nach- druͤckliche Beschreibungen von seiner Furcht, oder seiner Wuth; das thut es nicht, man wird davon ganz anders eingenommen werden, wenn man es selbst auf den Schauplatz treten sieht, wo es von seinen Haͤuptern vorgestellt wird, und wenn man ein Zeuge seiner verschiedenen Bewegungen ist. Der Endzweck der dramatischen Gedichte ist unlaͤugbar die Unterrichtung des Volckes; nun scheint es, der Chor sey vordem zu diesem Ende auf eine absonderliche Art gewiedmet gewesen. Der Poet darf eine grosse Anzahl Lebensregeln in seinen Scenen nicht wagen, weil es mit der Wahr- heit, so zu dem Gespraͤche erfodert wird, schlechter- dings stritte: Aber nichts hindert ihn, daß er nicht in den Choͤren die erhabenste Sittenlehre vortrage. Man findet grosse Schwierigkeiten vor sich, wenn man den Zuseh e r von vielen Sachen benach- richtigen will, die er wissen muß, und wenn man machen soll, daß die Personen sich vor ihm ihrer verschiedenen Gedancken halber auslassen; die Monologi sind fast allemahl tadelhaft, wegen der wenigen Wahrscheinlichkeit, daß einer mit sich selbst eine lange Rede fuͤhre; der Gebrauch, daß man allemahl vertraute Personen zu den Haupt- personen auffuͤhrt, ist keiner von den geringsten Maͤngeln unsers Theaters, sie sind insgemein in diesem oder jenem Stuͤcke laͤcherlich, aber vornehm- lich, Hrn. Vatry Gedancken lich, weil sie unser Trauerspiel mit etwas haͤusli- chem beflecken, das mit dem, was es seyn sollte, schlechterdings streitet. Es sollte nemlich ein Ge- dicht seyn, das sich bestaͤndig mit Erdichtungen em- por hebt, und wo alles mit einer hoͤhern und praͤch- tigern Art zugehet, als in der wuͤrcklichen Natur. Die Choͤre der Alten, die bey der Handlung be- staͤndig gegenwaͤrtig waren, damit sie alle die Ein- druͤcke empfiengen, welche die Reden und Begeg- nissen erwecken sollten, und die gewiedmet waren, zu hoͤren und zu fragen, loben, tadeln, rathen und fragen alles das, was der Zuseher selbst fragen wuͤrde, wenn es ihm erlaubt waͤre zu reden; mit einem Worte sie thun alles, was ein eifriger und getreuer Freund thun sollte, aber sie thun dieses mit einer Art, welche sich vor die Majestaͤt des Theaters weit besser schicket. Man wird einwenden, daß viele Sachen insge- heim geredet und gethan werden muͤssen, woraus die schoͤnsten und anzuͤglichsten Scenen formiert werden, und dieser wuͤrde man sich berauben, so- bald der Ort der Scene ein oͤffentlicher Platz waͤ- re, und man nichts als in Gegenwart vieler Zeu- gen sagen koͤnnte. Hr. Vatry antwortet, daß dergleichen Scenen bey den Alten nicht so haͤuffig seyn mußten, als sie bey uns heut zu Tage sind. Jhre Tragoͤdie handelten nicht so sehr von heimli- chen Anschlaͤgen, oder geheimen Comploten, als von hohen Verrichtungen, die vor den Augen aller Welt lagen. Ueber dieses blieben die Choͤre nie- mahls in der Gleichguͤltigkeit, sondern fielen alle- mahl einem Theile zu. Ille tegat commissa. Sie hiel- von den Choͤren. hielten sich an eine von den vornehmsten Personen. Jst es nun etwas ungereimtes, daß die, deren der Chor sich annimmt, ihre Gemuths-Gedancken vor ihm eroͤffnen? Es wird einem geschickten Poeten niemahls an Mitteln fehlen, seine Choͤre mit sei- ner Materie auf eine wahrscheinliche Art zu ver- binden; zumahl da das so viel waͤre, als nicht wis- sen, was das Theatrum ist, wenn man auf dem- selben eine so aberglaͤubige Sorgfalt fodern wollte, die nichts gestattete, was sich nur zween Schritte weit von dem gewoͤhnlichen Gebrauche entfernete. Aber gesezt, es sey ungemein schwer, die Choͤre gluͤcklich anzubringen, das ist kein genugsamer Grund sie zu verwerffen, wofern sie sonst nothwen- dig scheinen. Man hat Recht, von einem Poeten zu fodern, daß er Wunderwercke thun solle. Aber der trefflichste Nutzen der Choͤre in dem Trauerspiele der Alten ist unlaͤugbar das pathetische Wesen, welches sie verursacheten. Jhre edle und majestaͤtische Tragoͤdie entlehnte von der Morale ihre schoͤnsten Lebensregeln, machte sich ein Ansehen mit der Religion, und putzete sich mit ihren feyer- lichsten Ceremonien. Und indem sie alles zu ihrem Vortheil anwendete, was die Poesie vor Witz und Anmuth hat, die Geister einzunehmen, und die Her- zen zu ruͤhren, that sie noch dazu, was immer die Sinnen blenden kan; worbey sie allezeit ihren Hauptendzweck seyn ließ, einen Abscheu vor dem Laster einzupflanzen, und aus dem Theater eine Schule der Tugenden zu machen, und dasselbe vor eines der besten Mittel zu gebrauchen, womit man die Leute ihrer Pflichten erinnern, und sie in den Schrancken halten konnte. Die Vatry Gedanken von den Choͤren. Die Tragoͤdie, die dergestalt angesehen wird, hat ihre eigenen Leidenschaften; alle ihre Vollkom- menheit besteht darinnen, daß sie diese rechtschaf- fen in die Gemuͤther einpraͤge, und dazu dieneten die Choͤre. Jedermann kennt die Macht der Musik und des Tantzes, und weiß aus eigener Erfahrung, was vor Eindruͤcke sie tuͤchtig sind zu machen. Al- so dieneten die Choͤre mittelst dieser beyden unge- mein viel, die Leidenschaften zu erregen. Es muͤs- sen Intermedia seyn, aber darum muß man die Zu- seher nicht erkalten lassen; vielmehr muß man die Leidenschaften, die man einmahl rege gemacht, in der Hoͤhe behalten und verstaͤrcken. Nichts thut dieses besser als die Choͤre, die durch ihre Taͤntze und Gesaͤnge die Geister mit Jdeen der Materie gemaͤß anfuͤlleten, und dadurch den Empfindungen, welche die Reden der Personen erreget hatten, eine neue Staͤrcke mittheileten. Ueberdieß dieneten die Choͤre die Leidenschaften zu erregen, indem sie den Zusehern andere Zuseher, die starck geruͤhret wa- ren, vor Augen brachten. Es muß eben nicht ein grausamer oder ein jaͤmmerlicher Anblick seyn, der uns Furcht oder Mitleiden einjagen soll; es ist oͤf- ters schon genug, daß wir jemand sehen, der von diesen beyden Leidenschasten heftig eingenommen ist, wenn wir dieselben ebenfalls empfinden sollen.