ANSICHTEN VOM NIEDERRHEIN , VON BRABANT, FLANDERN, HOLLAND, ENGLAND UND FRANKREICH, IM APRIL, MAI UND JUNIUS 1790. VON GEORGE FORSTER . ERSTER THEIL . BERLIN 1791 . IN DER VOSSISCHEN BUCHHANDLUNG . I n des Wanderers Busen wirktest Du seiner Empfindungen schöneres Gesetz. Ihre Schöpfung sei Dir geweiht! Lass die Weihe den Werth erhöhen, damit etwas an der Gabe dem Geber eigen sei. Ist der Priester nur kühn, der seinem guten Genius vor allem Volk die Opfer¬ schale leert? oder wer ahndet in Ei¬ nem lohnenden Blick die grosse, reine, stille Wonne seiner Vollendung? ANSICHTEN. I. Boppart, den 24. März. I ch war eben im Begrif, unserer Philosophie eine Lobrede zu halten, als mir einfiel, dass im Grunde wenig dazu gehört, sich in ein Schicksal zu finden, welches Deinem Reisen¬ den noch Feder, Tinte und Papier gestattet. Behaglicher wäre es allerdings gewesen, Dir alles, was ich jetzt auf dem Herzen habe, aus Koblenz und in der angenehmen Erwartung einer süssen Nachtruhe zu sagen; dafür aber sind Abentheuer so interessant! Ein gewöhn¬ licher Reisender hätte das Ziel seiner Tage¬ I. Theil . A fahrt erreicht: wir sind drei Stunden Weges diesseits desselben geblieben. Es war einmal Verhängniss, dass es uns heute anders gehen sollte, als wir erwartet hatten. Statt des herrlichen gestrigen Son¬ nenscheins, mit dessen Fortdauer wir uns schmeichelten, behielten wir einen grauen Tag, dessen minder glänzende Eigenschaften aber, genau wie man in Romanen und Er¬ ziehungsschriften lehrt, das Nützliche ersetz¬ te. Denn weil der Zauber einer schönen Beleuchtung wegfiel und der bekannten Ge¬ gend keine Neuheit verleihen konnte, so blieb uns manche Stunde zur Beschäftigung übrig. Auf der Fahrt durch das Rheingau hab’ ich, verzeih es mir der Nationalstolz meiner Lands¬ leute! eine Reise nach Borneo gelesen und meine Phantasie an jenen glühenden Farben und jenem gewaltigen Pflanzenwuchs des heis¬ sen Erdstrichs, wovon die winterliche Gegend hier nichts hatte, gewärmt und gelabt. Der Weinbau giebt wegen der krüppelhaften Fi¬ gur der Reben einer jeden Landschaft etwas Kleinliches; die dürren Stöcke, die jetzt von Laub entblößt, und immer steif in Reih’ und Glied geordnet sind, bilden eine stachlichte Oberfläche, deren nüchterne Regelmäßigkeit dem Auge nicht wohl thut. Hier und dort sahen wir indeß doch ein Mandel- und ein Pfirsichbäumchen und manchen Frühkirschen¬ stamm mit Blüthenschnee weiß oder röthlich überschüttet; ja selbst in dem engeren Theile des Rheinlaufs, zwischen den Bergklüften, hing oft an den kahlen, durch die Reben¬ stöcke verunzierten Felswänden und Terras¬ sen ein solches Kind des Frühlings, das schöne Hofnungen auf die Zukunft in uns weckte. Nicht immer also träumten wir uns in den ewigen Sommer der Palmenländer. Wir saßen stundenlang auf dem Verdeck, und blick¬ A. 2 ten in die grüne, jetzt bei dem niedrigen Wasser wirklich erquickend grüne, Welle des Rheins; wir weideten uns an dem reichen mit aneinander hangenden Städten besäeten Rebengestade, an dem aus der Ferne her einladenden Gebäude der Probstei Johannis¬ berg, an dem Anblick des romantischen Mäu¬ sethurms und der am Felsen ihm gegenüber hangenden Warte. Die Berge des Nieder¬ walds warfen einen tiefen Schatten auf das ebene, spiegelhelle Becken des Flusses, und in diesem Schatten ragte, durch einen zufälli¬ gen Sonnenblick erleuchtet, Hatto’s Thurm weiss hervor, und die Klippen, an denen der Strom hinunterrauscht, brachen ihn ma¬ lerisch schön. Die Noh, mit ihrer kühnen Brücke und der Burg an ihrem Ufer, glitt sanft an den Mauern von Bingen hinab, und die mächtigeren Fluthen des Rheins stürzten ihrer Umarmung entgegen. Wunderbar hat sich der Rhein zwischen den engen Thälern einen Weg gebahnt. Kaum begreift man auf den ersten Blick, warum er hier (bei Bingen) lieber zwischen die Felswände von Schiefer sich drängte, als sich in die flachere Gegend nach Kreuznach hin ergoss. Allein bald wird man bei genaue¬ rer Untersuchung inne, dass in dieser Rich¬ tung die ganze Fläche allmälig steigt, und wahrer Abhang eines Berges ist. Wenn es demnach überhaupt dem Naturforscher ziemt, aus dem vorhandenen Wirklichen auf das ver¬ gangene Mögliche zu schliessen; so scheint es denkbar, dass einst die Gewässer des Rheins vor Bingen, durch die Gebirgswände gestaucht und aufgehalten, erst hoch anschwellen, die ganze flache Gegend überschwemmen, bis über das niveau der Felsen des Bingerlochs anwach¬ sen und dann unaufhaltsam in der Richtung, die der Fluss noch jetzt nimmt, sich nord¬ A 3 wärts darüber hinstürzen mussten. Allmälig wühlte sich das Wasser tiefer in das Felsen¬ bett, und die flachere Gegend trat wieder aus demselben hervor. Dies vorausgesetzt, war vielleicht das Rheingau, ein Theil der Pfalz, und der Bezirk um Mainz bis nach Oppen¬ heim und Darmstadt einst ein Landsee, bis jener Damm des Binger Felsenthals über¬ wältigt ward und der Strom einen Abfluss hatte. Der stärkere Wein, den das Rheingau hervorbringt, wächst nicht mehr jenseits der Enge von Bingen. Die Richtung des Flus¬ ses von Morgen gegen Abend durch das ganze Rheingau giebt den dortigen Rebenhügeln die beste Lage gegen den Stral der mittäglichen Sonne, und die Gestalt des östlichen Gebir¬ ges, das auf seiner Oberfläche beinahe ganz eben ist, trägt vieles zur vorzüglichen Wär¬ me dieses von der Natur begünstigten Thales bei. Der Nord- und der Ostwind stürzen sich, wenn sie über jene erhabene Fläche herstreichen und an den Rand derselben kom¬ men, nicht geradezu hinab, sondern äussern ihre meiste Kraft erst auf der entgegenge¬ setzten Seite des Flusses; das Thal unmittel¬ bar unter dem Berge berühren sie kaum. Was für Einfluss die mineralischen Bestandtheile des Erdreichs und die Verschiedenheit der Gebirgslager auf die Eigenschaften des Weins haben können, ist nocht nicht entschieden. Je weniger man über diesen Punkt weiss und bestimmt wissen kann, desto weiter treibt die grübelnde Hypothesensucht ihr Spiel damit. Hier darf sie sich keck auf ihre em¬ pirische Weisheit berufen; denn kann sich vor Widerlegungen wenigstens so lange sicher stellen, als man nicht Erfahrung ge¬ gen aufzuweisen hat. So viel ist indessen immer an der Sache, dass, wo alle A 4 übrige Umstände völlig gleich sind, und nun doch eine Verschiedenheit im Erzeugniss be¬ merklich wird, die Ursache davon in der Be¬ schaffenheit des Bodens gesucht werden darf. Bekanntlich entspringen auf jenem östlichen Gebirge mehrere, zum Theil heisse Quellen, von denen einige Schwefel, andere Vitriol¬ säure und Eisen enthalten. Man hat mich auch versichern wollen, dass ein Kohlenflöz sich unter dem Hügel von Hochheim erstrecke und dem dort wachsenden vortreflichen Wei¬ ne der Domdechanei seinen berühmten ed¬ len Geschmack und sein Feuer gebe. Ich erinnere mich hierbei, dass der Schnee am Gehänge dieses Rebenhügels gegen Mainz eher, als vor dem entgegengesetzten Thore, schmilzt. Der Unterschied war mir und An¬ dern oft in wenigen hundert Schritten so auf¬ fallend, dass sogar die Lufttemperatur, un¬ ter völlig gleichen Umständen, dem Gefühle merklich verschieden vorkam. So wie man das abendliche Thor von Hochheim verlässt, um nach Mainz zu gehen, glaubt man in ei¬ nem milderen Klima zu seyn Ich würde freilich diesen Unterschied dem Winde zu¬ schreiben, der auf der Ebene von dem Alt¬ könig her frei und ohne Widerstand hin¬ stürmen und die Kälte der oberen Luftre¬ gion herunterführen, oder besser, die zum Gefrieren erforderliche schnelle Verdünstung befördern kann. Allein Andere schreiben die wärmere Temperatur des Weinberges den dar¬ unter liegenden Kohlen zu. Wahr ist es, eine Kohle, wie überhaupt jeder Brennstoff, fühlt sich unter einerlei Umständen viel wär¬ mer an, als ein Stück Kalkstein oder Schie¬ fer; und dieses Gefühl beweiset, dass wirk¬ lich aus der Kohle in den berührenden Kör¬ per mehr Wärmetheilchen übergehen: nicht minder gewiss ist es auch, dass die brennba¬ A 5 ren Mineralien bei einer gewissen Lufttempe¬ ratur unaufhörlich Wärme ausströmen. Wie, wenn der Weinstock besonders vor andern Gewächsen organisirt wäre, von dieser Aus¬ dünstung begünstigt zu werden? Das Beste zur Vergeistigung des Traubensaftes thut zwar die Sonne; ihr Licht, das von den schwam¬ migen Früchten eingesogen und in ihrer Flüssigkeit fixirt wird, würzt und versüsst die Beere. Daher bleiben auch unsere Wei¬ ne gegen die griechischen, italienischen, spa¬ nischen, ja sogar gegen die ungarischen und französischen so herbe, dass sie bei den Aus¬ ländern und dem Frauenzimmer wenig Beifall finden. — Für die Nacktheit des verengten Rheinufers unterhalb Bingen erhält der Landschaftkenner keine Entschädigung. Die Hügel zu beiden Seiten haben nicht jene stolze, imposante Höhe, die den Beobachter mit Einem mäch¬ tigen Eindruck verstummen heisst; ihre Ein¬ förmigkeit ermüdet endlich, und wenn gleich die Spuren von künstlichem Anbau an ihrem jähen Gehänge zuweilen einen verwegenen Fleiss verrathen, so erwecken sie doch im¬ mer auch die Vorstellung von kindischer Kleinfügigkeit. Das Gemäuer verfallener Rit¬ terfesten ist eine prachtvolle Verzierung die¬ ser Scene; allein es liegt im Geschmack ih¬ rer Bauart eine gewisse Aehnlichkeit mit den verwitterten Felsspitzen, wobei man den so unentbehrlichen Kontrast der Formen sehr vermisst. Nicht auf dem breiten Rücken eines mit heiligen Eichen oder Buchen um¬ schatteten Berges, am jähen Sturz, der über eine Tiefe voll wallender Saaten und fried¬ licher Dörfer den Blick bis in die blaue Fer¬ ne des hüglichten Horizonts hinweggleiten lässt, — nein, im engen Felsthal, von hö¬ heren Bergrücken umschlossen, und, wie ein Schwalbennest, zwischen ein paar schroffen Spitzen klebend, ängstlich, hängt hier so man¬ cher zertrümmerte, verlassene Wohnsitz der adelichen Räuber, die einst das Schrecken des Schiffenden waren. Einige Stellen sind wild genug, um eine finstre Phantasie mit Orkus¬ bildern zu nähren, und selbst die Lage der Städtchen, die eingeengt sind zwischen den senkrechten Wanden des Schiefergebirges und dem Bette des furchtbaren Flusses, — furcht¬ bar wird er, wenn er von geschmolzenem Alpenschnee oder von anhaltenden Regen¬ güssen anschwillt — ist melancholisch und schauderhaft. In Bacharach und Kaub, wo wir ausstie¬ gen und auf einer bedeckten Galerie längs der ganzen Stadtmauer hin an einer Reihe ärmlicher, verfallener Wohnungen fortwan¬ derten, vermehrten die Unthätigkeit und die Armuth der Einwohner das Widrige jenes Eindrucks. Wir lächelten, als zu Bacharach ein Invalide sich an unsere Jacht rudern liess, um auf diese Manier zu betteln; es war aber entweder noch lächerlicher, oder, wenn man eben in einer ernsthaften Stim¬ mung ist, empörender, dass zu St. Goar ein Armenvogt, noch ehe wir ausstiegen, mit einer Sparbüchse an das Schif trat und sie uns hinhielt, wobei er uns benachrichtigte: das Strassenbetteln sei zu Gunsten der Rei¬ senden von Obrigkeitswegen verboten. Selt¬ sam, dass dieser privilegirte Bettler hier die Vorüberschiffenden, die nicht einmal ausstei¬ gen wollen, belästigen darf, damit sie nicht auf den möglichen Fall des Aussteigens be¬ unruhigt werden! In diesem engeren, öderen Theile des Rheinthals herrscht ein auffallender Mangel an Industrie. Der Boden ist den Einwohnern allerdings nicht günstig, da er sie auf den Anbau eines einzigen, noch dazu so unge¬ wissen Produktes, wie der Wein, einschränkt. Aber auch in ergiebigeren Gegenden bleibt der Weinbauer ein ärgerliches Beispiel von Indolenz und daraus entspringender Verderbt¬ heit des moralischen Charakters. Der Wein¬ hau beschäftigt ihn nur wenige Tage im Jahr auf eine anstrengende Art; bei dem Jäten, dem Beschneiden der Reben u. s. w. gewöhnt er sich an den Müßiggang, und innerhalb seiner Wände treibt er selten ein Gewerbe, welches ihm ein sicheres Brodt gewähren könnte. Sechs Jahrs behilft er sich kümmer¬ lich, oder anticipirt den Kaufpreis der end¬ lich zu hoffenden glücklichen Weinlese, die gewöhnlich doch alle sieben oder acht Jahre einmal zu gerathen pflegt; und ist nun der Wein endlich trinkbar und in Menge vorhan¬ den, so schwelgt er eine Zeitlang von dem Gewinne, der ihm nach Abzug der erhaltenen Vorschüsse übrig bleibt, und ist im folgenden Jahr ein Bettler, vorher. Ich weiss, es giebt einen Gesichtspunkt, in welchem man diese Lebensart verhältnismässig glücklich nennen kann. Wenn gleich der Weinbauer nichts erübrigt, so lebt er doch sorglos, in Hof¬ nung auf das gute Jahr, welches ihm immer wieder aufhilft. Allein, wenn man so rai¬ sonnirt, bringt man die Herabwürdigung der Sittlichkeit dieses Bauers nicht in Rechnung, die eine unausbleibliche Folge seiner unsichern Subsistenz ist. Der Landeigenthümer zieht freilich einen in die Augen fallenden Gewinn vom Weinbau; denn weil er nicht aus Man¬ gel gezwungen ist, seine Weine frisch von der Kelter zu veräussern, so hat er den Vortheil, dass sich auch das Erzeugniss der schlechtesten Jahre auf dem Fasse in die Länge veredelt, und ihm seinen ansehnlichen Gewinn herausbringen hilft. Man rechnet, dass die guten Weinländer sich, ein Jahr ins andre gerechnet, zu sieben bis acht Pro¬ cent verinteressiren, des Misswachses unbe¬ schadet. Es wäre nun noch die Frage übrig, ob dieser Gewinn der Gutsbesitzer den Staat für die hingeopferte Moralität seiner Glieder hinlänglich entschädigen kann? Der ungewöhnlich niedrige Stand des Rheinwassers war schuld, dass unsere Jacht nur langsam hinunterfuhr. Erst um acht Uhr Abends erreichten wir Boppart beim Mond¬ licht, das den ganzen Gebirgskessel angenehm erleuchtete. Wir eilten dem besten Wirths¬ hause zu; allein hier fanden wir alle Zim¬ mer besetzt. In einem zweiten sahen wir alle Fenster eingeworfen; von dem dritten schreckte uns die Schilderung der darin herr¬ schenden Unreinlichkeit zurück. Also mussten wir auf gut Glück im vierten einkehren und uns an einer kalten Kammer und einem ge¬ mein¬ meinschaftlichen Lager genügen lassen. Hier wärmen wir uns jetzt beym Schreiben mit Deinem russischen Thee, und preisen die gütige Vorsorge, die uns damit beschenkte. Ohne ihn darbten wir in dieser Amazonen¬ stadt, wo noch vor wenigen Tagen drei¬ hundert Mann Exekutionstruppen den Muth der Weiber dämpfen mussten, die sich ge¬ gen eine missverstandene Verordnung aufge¬ lehnt und einigen Soldaten blutige Köpfe geschlagen hatten. Die militairische Gewalt hat jetzt die Oberhand über das schöne Ge¬ schlecht, das nach einem Paar Gestalten, die an uns diesen Abend vorüberschwebten, zu urtheilen, für ganz andere Kriege gebildet zu seyn scheint. Ein- für allemal bitte ich jetzt um Deine Nachsicht, wenn ich künftig auf Abschwei¬ fungen gerathe, oder nicht so zierlich wie ein Gelehrter, der auf seinem Studierzimmer I. Theil . B reiset, frisch nach der That, nur auch von der Spannung des Beobachtens ermüdet, erzähle. So dürftig und desultorisch aber dieser erste Reisebericht ausgefallen ist, verspreche ich mir gleichwohl einen Rück¬ blick auf das etwanige Verdienst, welches ihm unsere unbequeme Lage geben kann. Wir schreiben hier bei einem Lichte, wel¬ ches von Zeit zu Zeit Funken sprüht und nach jeder solchen Anstrengung dermassen erschöpft ist, dass uns kaum Hellung genug übrig bleibt, unsere Schriftzüge zu erkennen. Kein lebhafteres Bild von unserem eige¬ nen Zustande, nach einer dreizehnstündigen Wasserfahrt könnte ich Dir jetzt ersinnen. Nach jedem Bemühen einen Gedanken zu Papier zu bringen, verengt sich der Raum zwischen unsern Augenliedern, und ein Ne¬ belflor umhüllt das ewige Lämpchen des innern Sinnes. II. Andernach. A n einem milden Sommermorgen bei Son¬ nenaufgang müsste es köstlich seyn, sich mit¬ ten auf dem See zu befinden, den der Rhein bei Boppart, weil er ringsum von hohen Gebirgen eingeschlossen ist, zu bilden scheint; denn ungeachtet der feuchten Kälte, womit uns der Ostwind die aufsteigenden Nebel entgegenwehte, konnten wir uns doch nicht entschliessen, in unserer Kajüte zu bleiben. Die schöngewölbten Berggipfel erheben sich hier mit reichlicher Waldung, welche das Malerische der Gegend, sobald sie mit fri¬ schem Laube geschmükt seyn wird, um vieles erhöhen muss. Die Nähe von Koblenz rief uns bald zum zweitenmal hervor. Hier öfnet sich ein Reichthum der Natur und der Verzie¬ B 2 rung, den das Ufer des Rheins, seit der Gegend, wo der Fluss die Schweiz verlässt, nirgends zeigt. Schöne Formen von Ge¬ birgsrücken, Baumgruppen und Gebäuden wechseln hier mit einander ab; die Hügel tragen eine dichte Krone von Wäldern; das neue kuhrfürstliche Schloss prangt am Ufer, und der Ehrenbreitstein hängt herrlich und erhaben auf dem jenseitigen Gebirge. Be¬ leuchtung wäre hier wieder ein willkommnes Geschenk gewesen; allein auch heute ward uns diese Spende versagt; unser Morgen¬ himmel war mit dünnem, grauem Gewölk durchstreift, und uns dämmerte nur ein halbes Licht. Wir erstiegen den Ehrenbreitstein. Nicht die unwichtige Kostbarkeit dieser Festung; nicht der Vogel Greif, jene ungeheure Ka¬ none, die eine Kugel von hundert und sechzig Pfunden bis nach Andernach schiessen soll, aber doch wohl nie geschossen hat; nicht alle Mörser, Haubitzen, Feldschlangen, Zwölf- und Vierundzwanzigpfünder, lange gezogene Röhre, Kartätschenbüchsen, Grau¬ pen, und was sonst im Zeughause oder auf den Wällen zu bewundern ist; nicht die weite Aussicht von dem höchsten Gipfel des Berges, wo Koblenz mit dem Rhein und der Mosel landkartenähnlich unter den Füssen liegt — nichts von dem allen konnte mich für den abscheulichen Eindruck ent¬ schädigen, den die Gefangenen dort auf mich machten, als sie mit ihren Ketten rasselten und zu ihren räucherigen Gitter¬ fenstern hinaus einen Löffel steckten, um dem Mitleiden der Vorübergehenden ein Al¬ mosen abzugewinnen. Wäre es nicht billig, fiel mir dabei aufs Herz, dass ein jeder, der Menschen zum Gefängniss verurtheilt, we¬ nigstens Einen Tag im Jahre mit eigenen B 3 Ohren ihr Gewinsel, ihre himmelstürmende Klage vernehmen müsste, damit ihn nicht der todte Buchstabe des Gesetzes, sondern eigenes Gefühl und lebendiges Gewissen von der Rechtmässigkeit seiner Urtheile über¬ zeugte? Wir bedauern den unsittlichen Menschen, wenn die Natur ihn straft und physisches Uebel über ihn verhängt; wir suchen sein Leid zu mildern und ihn von seinen Schmerzen zu befreien: warum darf nicht Mitleid den Elenden erquicken, dessen Unsittlichkeit den Arm der beleidigten Bür¬ gerordnung reizte? Ist der Verlust der Frei¬ heit kein hinreichendes Sühnopfer, und for¬ dert die strenge Gerechtigkeit noch die Marter des Eingekerkerten? Mich dünkt, die Abschaffung der Todesstrafen hat uns nur noch grausamer gemacht. Ich will hier nicht untersuchen, ob ein Mensch befugt seyn könne, einem andern das Leben zu nehmen; aber wenn es Güter giebt, die unantastbar und allen heilig seyn sollen, so ist das Leben gewiss nicht das einzige, wel¬ ches unter diese Rubrik gehört; auch die¬ jenigen Zwecke des Lebens gehören hieher, ohne welche der Mensch seinen Rang auf der Leiter der Wesen nicht behaupten kann, ohne welche er Mensch zu seyn aufhören muss. Die Freiheit der Person ist unstreitig ein solches, von der Bestimmung des Men¬ schen unzertrennliches und folglich unver¬ äusserliches Gut. Wenn also der bürger¬ liche Vertrag ein so schreckliches Uebel, wie die gewaltsame Beraubung eines unver¬ äu ss erlichen Gutes, über einen Menschen um der Sicherheit Aller willen verhängen muss, so bleibt zu entscheiden übrig, ob es nicht zwecklose Grausamkeit sey, das Leben durch ewige Gefängnissstrafe in fort¬ währende Quaal zu verwandeln, wobei es B 4 schlechterdings zu keiner andern Absicht, als zum Leiden erhalten wird, anstatt es durch ein Todesurtheil auf einmal zu en¬ den? Die fromme Täuschung, die man sich zu machen pflegt, als ob ein Delin¬ quent während seiner lebenslänglichen Ge¬ fangenschaft Zeit gewönne, in sich zu ge¬ hen, eine sittliche Besserung anzufangen, sich durch seine Reue mit Gott zu versöh¬ nen und für ein künftiges Leben zu bereiten, würde schnell verschwinden, wenn man sich die Mühe gäbe, die Erfahrung um Rath zu fragen, ob dergleichen Bekehrungen die gewöhnlichen Folgen der ewigen Marter sind? Die finsteren, modernden Gewölbe der Gefängnisse, und die Ruderbänke der Galeeren würden, wie ich fürchte, hierüber schauderhafte Wahrheiten verrathen, wenn man auch nicht, durch richtiges Nachden¬ ken geleitet, schon im voraus überzeugt werden könnte, dass die Bekehrung im Kerker zwecklos; seyn müsse, weil sie un¬ fruchtbar bleibt, und dass ein Augenblick wahrer Reue so viel werth sei, als ein in Thränen und Büssungen hingeschmachtetes halbes Jahrhundert. Allein die Furcht vor dem Tode, die nur durch eine der Würde des Menschen angemessene Erziehung ge¬ mildert und in Schranken gehalten wird, lehrt den Richter, das Leben in immerwäh¬ render Gefangenschaft als eine Begnadigung schenken, und den Verbrecher, es unter dieser Bedingung dankbar hinnehmen. Auch hier wirkt also die Furcht, wie sie sonst immer zu wirken pflegt: sie macht grausam und niederträchtig. Doch den Gesetzen will ich hierin weniger Schuld beimessen, als der allgemeinen Stimmung des Menschen¬ geschlechts. So lange es Menschen giebt, die das Leben ohne Freiheit, an der Kette B 5 und im Kerker, noch für ein Gut achten können, so lange bedaure ich den Richter, der vielleicht nicht weiss, welch ein schreck¬ liches Geschenk er dem unglücklichen Ver¬ brecher mit der Verlängerung eines elenden Lebens macht; aber verdenken kann ich es ihm nicht, dass er sich von dem Geiste seines Zeitalters hinreissen lässt. — Unter den Merkwürdigkeiten des Ehren¬ breitsteins zeigte man uns auch das unge¬ nähte Kleid des Heilands. Der ungezie¬ mende Scherz, den ein unvorsichtiger Zu¬ schauer sich darüber erlaubte, erregte bei einem unserer Führer solchen Abscheu, dass er seine heftigen Aeusserungen nicht ohne ein krampfhaftes Zucken unterdrücken konn¬ te. War es ächte Frömmigkeit? war es der verzeihliche Aberglaube des Pöbels, was diese Wirkung hervorbrachte? Ich vermu¬ the, diesmal keines von beiden. Es giebt Menschen, deren Seele die Vorstellung eines schuldigen Respekts so ganz erfüllt, dass sie bei einer Spötterei über den geschmacklo¬ sen Gallarock eines Ministers genau dieselbe Angst empfinden würden. In dem alten, leeren, geräumigen Dika¬ sterialgebäude zu Ehrenbreitstein hat der Kaufmann Gerhardi eine neue Lederfabrik angelegt, wozu ihm der Kuhrfürst von Trier auf fünf oder sechs Jahre Befreiung von allen Abgaben bewilligt hat. In einiger Entfer¬ nung von diesem Orte, zu Vallender, zieht eine grosse Lederfabrik ihre Häute unmittel¬ bar aus Buenos Ayres in Südamerika. So knüpfen der Handel und die Industrie das Band zwischen den entferntesten Welttheilen! Von Koblenz fuhren wir nach Neuwied, und besahen dort das Brüderhaus der Herrn¬ huter, nebst den mancherlei Werkstätten die¬ ser fleissigen und geschickten Gesellschaft. Ihre Kirche ist ein einfaches, helles Gebäude, das mir recht gut gefiel. An die Stelle der Agapen oder Liebesmahle der ersten Cüristen, ist hier ein gemeinschaftliches Theetrinken in der Kirche eingeführt, wozu sich die ganze Gemeine von Zeit zu Zeit versammelt. Meine Vorliebe zum Thee ist es nicht allein, die mich mit diesem Ge¬ brauche versöhnt. Wenn ich schon nicht mitschwärmen mag, so ist mir doch eine Schwärmerei ehrwürdig, sobald sie auf Ge¬ selligkeit und frohen Genuss des Daseyns führt. Diese Stimmung lässt sich, wie Du leicht denken kannst, mit der herrnhutischen Einrichtung, welche die unverheiratheten Männer und Weiber mit klösterlicher Stren¬ ge von einander trennt, schon nicht so leicht in eine Gleichung bringen. Ich glaube in meiner Erfahrung hinlänglichen Grund zu der Ueberzeugung zu finden, dass man in der Welt nie stärker gegen das Böse und seine Anfechtungen ist, als wenn man ihm mit offener Stirne und edlem Trotz entgegengeht: wer vor ihm flieht, ist über¬ wunden. Wer steht uns auch dafür, dass, wo der gebundene Wille mit der erkannten Pflicht im Kampfe liegt, die Sünden der Einbildungskraft nicht unheilbarer und zer¬ rüttender seyn können, als die etwanigen Folgen eines gemischten und durch frei¬ willige Sittsamkeit gezügelten Umgangs! Giebt es nicht wollüstige Ausschweifungen der Seele, welche strafbarer als physische Wol¬ lüste sind, da sie den Menschen im wesent¬ lichsten Theile seines Daseyns entnerven ? Die lehrreichen Schriften der berühmten Guyon, die freilich wohl in einer ganz an¬ dern Absicht gedruckt worden sind, und die Bekenntnisse des wackern Jamerai Düval schildern die Krankheit der Entzückten durch alle ihre verschiedenen Stadien, als eine me¬ taphysiche Selbstschändung. Bei einem ein¬ geschränkten Erkenntnissvermögen und einer armen Einbildungskraft sind die Symptome nicht gefährlich, und das Uebel bleibt in den Schranken, die ihm die Unerheblichkeit des Individuums anweist. Wenn hingegen diese Seelenepidemie ein gebildetes, edles Wesen ergreift, dann äussern sich Wirkungen, wel¬ che Völker vergiften, die bürgerlichen Ver¬ hältnisse stören und die Sicherheit des Staats untergraben können. Die Täuschung, womit man sich über den Gegenstand dieser Ent¬ zückungen hintergeht, ist so vollkommen, dass die tiefste Tiefe, wohin der menschliche Geist sinken kann, dem Verblendeten die höchste Stufe der Tugend, der Läuterung und der Entwicklung zum seligen Genusse scheint. Genau wie die Entartung des phy¬ sischen Triebes die Gesetze der Natur be¬ leidigt, eben so muss in einem noch un¬ gleich höheren Grade der Seelenraub strafbar seyn, den man durch jene unnatürliche Ver¬ einigung mit einer Idee , am ganzen Men¬ schengeschlechte begeht. Geistesarmuth ist der gewöhnliche, jedoch von allen gewiss der unzulässigste Vorwand, zu dieser Theo¬ pornie, die erst in der Einsamkeit und Heim¬ lichkeit angefangen, und dann ohne Scheu öffentlich fortgesetzt wird. Zuerst ist es Träg¬ heit, hernach Egoismus, was den Einfältigen über die natürlichsten Mittel, seinem Mangel abzuhelfen, irre Ist hingegen eine Seele reich und gross? O dann suche sie ein We¬ sen ihrer Art, das Empfänglichkeit genug be¬ sitzt, sie ganz zu fassen, und ergiesse sich in ihr! Selten oder nie wird es sich ereignen, dass ein Geist dieser endlichen Erde einzeln und ohne Gleichen steht; — und bliebe nicht diesem Erhabenen selbst, der kein Maass für seine Grösse fände, der göttliche Genuss noch übrig, sich Mehreren theilweise hinzugeben und Allen Alles zu werden? Die Weisheit der Natur ist zum Glück noch mächtiger und konsequenter, als die Thorheit der Men¬ schen, und ehe man es sich versieht, führt sie auch den Schwärmer wieder in das Ge¬ biet des Wirklichen zurück. Bei den Herrn¬ hutern ist überdies dafür gesorgt, dass man sich nicht zu weit aus demselben verlieren kann. Fleiss und Arbeitsamkeit sind kräf¬ tige Verwahrungsmittel gegen das Überhand¬ nehmen der Seelenkrankheiten, die sie nur dann begünstigen, wenn allzugrosse Anstren¬ gung, allzulanges Einsitzen, allzustrenge Diät die Kräfte des Körpers untergraben. Ein Kennzeichen, woran wir deutlich sahen, dass die Schwärmerei hier sehr erträglich seyn müsse, und dass die guten Leute auf die Weisheit der Kinder dieser Welt nicht ganz ganz und gar Verzicht gethan hätten, war der hohe Preis, den sie auf alle ihre Fabri¬ kate setzten. Ich weiß in der That nicht, wie ich diesen mit ihrem unstreitig sehr musterhaften Fleiße reimen, und wie ich mir die Möglichkeit eines hinlänglichen De¬ bits dabei denken soll. Andernach erreichten wir noch vor Son¬ nenuntergang. Ich bemerkte hier jetzt zum zweitenmal eine Nüance im Menschenge¬ schlecht, welche gegen die Bewohner ober¬ halb dieses Orts merklich absticht; und da meine Reisegefährten die Bemerkung ein¬ stimmig bestätigten, so ist es vielleicht min¬ der keck, daß ich sie Dir vorzulegen wage. Unter dem gemeinen Volke nämlich trift man hier und weiter hinabwärts am Rhein etwas regelmäßigere, blondere Gesichter an, wiewohl sich etwas Plumpes, Materielles in die Züge mischt, das dem Niederrhein eigen I. Theil . C ist und dem Phlegma im Charakter voll¬ kommen entspricht. Ich will hier nur im Vorbeigehen, und ohne eine bestimmte An¬ wendung zu machen, den Gedanken äussern, dass die Art der Beschäftigung, in der Länge der Zeit, wenigstens mittelbaren Einfluss auf die Verschiedenheit der körperlichen Bildung und folglich auch des Charakters hat. Ar¬ muth zum Beispiel ist unzertrennlich von dem Landvolke, das den Weinstock zu seiner einzigen Stütze wählte, und Armuth wirkt nachtheilig zurück auf die Gestalt. Um Andernach und weiter hinabwärts steht der Weinbau in keinem bedeutenden Verhält¬ nisse zu den übrigen Erzeugnissen des Bo¬ dens. Wie aber, wenn, noch ehe Wein in Deutschland gebauet ward, bereits in Sprache, Farbe und Gestalt eine Abschattung zwi ¬ schen den ober- und niederrheinischen Stäm¬ men bemerkbar gewesen wäre? Dann könnte sie durch die Länge der Zeit und die Ver¬ schiedenheit der Lebensart nur noch schnei¬ dender geworden seyn. Die weichere, plat¬ tere Mundart fällt indess erst auf, wenn man sich der Gegend von Kölln zu nähern anfängt. C 2 III. Wohin sich das Gespräch der Edlen lenkt, Du folgest gern, denn Dir wird’s leicht zu folgen. Kölln . H ier, wo der Rhein sich zwischen ebenen Flächen schlängelt, blick’ ich wieder nach den Gebirgen zurück, deren letzte Gipfel Bonn gegenüber am Horizont sich noch in schwachen Linien zeichnen. Mit welchem ganz andern Interesse, als der unwissenschaftliche Reisende daran neh¬ men kann, hält der Naturforscher die Schau und Musterung über jene Unebenheiten un¬ serer Erde, denen er noch die Spur ehema¬ liger Umwandlungen und grosser entschei¬ dender Naturbegebenheiten ansieht! Auf unserer kurzen Rheinfahrt haben wir oft mit den Pflanzen und den Steinen am Ufer gesprochen, und ich versichere Dich, ihre Sprache ist lehrreicher, als die dicken Bücher, die man über sie geschrieben hat. Soll ich Dir von unseren Unterhaltungen nicht et¬ was wieder erzählen? Die Gebirgskette, die sich durch Thü¬ ringen, Fulda und die Wetterau bis an den Rhein erstreckt, endigt sich oberhalb Bonn, in dem sogenannten Siebengebirge, welches prallig in mehreren hohen Spitzen und Gip¬ feln seine Granit- Gneus- und Porphyr¬ massen emporhebt, auf denen hier und dort andere Kiesel- Thon- und Bittersalzerdige Mischungen, wie Kieselschiefer, Hornschiefer und Basalte, nebst den zwischen ihnen durch verschiedene Verhältnisse der Bestand¬ theile verursachten Schattirungen von Gestein liegen. Die südlichen Zweige des Hessischen Gebirges setzen über den Rhein fort, und gehen in die Voghesische Kette über. Von C 3 Bingen bis Bonn enthalten sie Thon- und Kieselschiefer von mancherlei Gefüge, Härte, Farbe und Mischung, auf welchen man zu¬ weilen grosse Sandsteinschichten antrift. Im Allgemeinen streichen die Schichten von Abend nach Morgen, und gehen mit ei¬ nem Winkel von sechzig bis fünf und sechzig Graden nach Süden in die Tiefe. Ehe uns die Nacht in Andernach über¬ fiel, machten wir noch einen mineralogi¬ schen Gang nordwestlich von der Stadt. An einem Hohlwege, gleich unter der Damm¬ erde, zeigte sich ein Bimssteinlager, welches an einigen Stellen mit Schichten von Tras, oder, wie ich es lieber nenne, von zerstör¬ ten, zu Staub zerfallenen und dann vermit¬ telst des Wassers wieder zusammengekütte¬ ten Bimssteinen, abwechselte. Die Bims¬ steine sind von weisslicher Farbe, sehr leicht, bröcklich, löchericht, rauh anzufühlen und gewöhnlich in ganz kleinen Stückchen von der Grösse einer Erbse und noch kleiner, bis zu zwei Zollen im Durchmesser. In diesen Stückchen finden sich zuweilen kleine Fragmente von Kohlen eingebacken. Die Erscheinung dieser unbezweifelten Erzeugnisse des Feuers am friedlichen Rhein¬ ufer hat schon manchen Gebirgsforscher in Erstaunen gesetzt, welches vielleicht vom ruhigen Wege des Beobachtens abwärts führt. In der Strecke von Andernach bis Bonn glaubten Collini , Hamilton , de Lüc und an¬ dere Freunde der Feuertheorie die deutlich¬ sten Spuren ehemaliger feuerwerfenden Schlün¬ de zu sehen. Vulkane dampften und glühten; geschmolzene Lavaströme flossen, kühlten sich plötzlich in dem Meere, das damals alle diese Länder bedeckte, und zerklüfteten sich in säulenförmige Theile; ausgebrannte Steine, und Asche und Kohlen flogen in die Luft, C 4 und fielen in Schichten nieder, die man jetzt angräbt und zum Wasserbau nach Am¬ sterdam versendet; kurz, ehe es Menschen gab, die den Gefahren dieses furchtbaren Wohnortes trotzten, und das plutonische Gebiet mit Waizen oder mit Reben be¬ pflanzten, kreis’te hier die Natur, und die Berge wanden sich in gewaltsamen Kräm¬ pfen. Ist das nicht prächtig — geträumt? Es kommt ja nur auf uns an, ob wir den Hekla und Ätna, den Vesuv und den Tschimborasso an dem Gestade unseres va¬ terländischen Rheins erblicken wollen. Wenn die Erscheinungen, die das hiesige Gebirge uns zeigt, Vergleichungen dieser Art be¬ günstigen, wer dürfte uns verbieten, unse¬ rer Einbildungskraft die Ergänzung einer Lücke in den Annalen der Erdumwandlung aufzutragen? Ueber jene Erscheinungen aber ist man bis jetzt noch nicht einig. Der Bimsstein, ist zwar zuverlässig ein Feuerprodukt; allein, dass wir uns ja nicht mit der Folgerung übereilen: es müsse des¬ halb bei Andernach einst ein Vulkan ge¬ lodert haben! Hier ist nirgends eine be¬ gleitende Spur von Vulkanen sichtbar; nichts leitet auch nur von fernher auf die Ver¬ muthung, dass diese Schichte, wo sie liegt, im Feuer entstanden seyn könne. Ihre Lage unmittelbar unter der Dammerde scheint sie vielmehr für fremdartig zu erklären. Wer kann nun bestimmen, durch welche Revo¬ lutionen und wie viele tausend Meilen weit her, diese Bimssteine hier angeschwemmt sind? welche Fluth sie von weit entlegenen Gebirgen abwusch, um sie hier allmälig ab¬ zusetzen? Das Daseyn eines über alle hie¬ sigen Berggipfel gehenden Meeres muss man ja bei der Feuertheorie ebenfalls vorausset¬ zen, um die Möglichkeit der Entstehung C 5 des Basalts, nach den Grundsätzen dieser Theorie zu erweisen; folglich verlangte ich hier nichts Neues. Allein, auch ohne die¬ ses Element zu Hülfe zu nehmen — soll denn immer nur das Feuer eines Vulkans im Stande gewesen seyn, hier ein Bimsstein¬ lager hervorzubringen? Konnte nicht etwa ein Kohlenflöz in dieser Gegend in Brand gerathen, ausbrennen und den Letten, der ihm zum Dach und zur Sohle diente, zu einer Bimssteinähnlichen Masse verändern? Es ist in der That zwischen den Substan¬ zen, die man mit dem gemeinschaftlichen Namen Bimsstein belegt, sehr oft ein weiter Unterschied, über den man in der Mine¬ ralogie nicht so leichtsinnig, wie bisher, hin¬ wegsehen sollte. Im Grunde hat man den Bimsstein wohl noch nicht anders definirt, als dass er ein sehr leichtes, bröckliches Feuer¬ produkt sei; denn die unzähligen Verschie¬ denheiten der Farbe, der Textur und der übrigen äusserlichen Kennzeichen, die ich in Kabinetten an den so genannten Bimssteinen bemerkt habe, liessen keine andere allge¬ meine Form als diese übrig. Offenbar aber sind darunter Steine von dem verschieden¬ sten Ursprunge begriffen, die nicht einmal immer einerlei Umwandlungsprozess erlitten haben. So viel ist gewiss, dass der Bimsstein von Andernach nicht zu jener Art gehört, welche die Mineralogen von der Zerstörung des Asbests im Feuer herzuleiten pflegen, und auch nicht, wie der Bimsstein von Tanna, aus kleinen spitzigen Krystallen be¬ steht, sondern, wenn er seine jetzige Gestalt im Feuer erhielt, wahrscheinlich aus Letten verändert worden ist. Als wir am folgenden Tage unsere Wasser¬ fahrt fortsetzten, kamen wir dem Flecken Un¬ kel gegenüber an die merkwürdigen Basaltgrup¬ pen, über deren säulenförmige Bildung schon Trembley erstaunte, ohne jedoch etwas von dem Streite zu ahnden, den man zeither über ihre Entstehung mit so vieler Wärme geführt hat. Bei niedrigem Wasser ragen sie aus diesem hervor, und sind, so weit es sie be decken kann, mit einem kreideweissen Schlamm überzogen, welcher auch die Thonschiefer¬ felsen bei Bingen bedeckt. Wahrscheinlich macht dieser Schlamm den Rhein so trübe, wenn er von Berggewässern hochangeschwollen ist. Wir wanderten über die Gipfel oder Enden der konvergirenden Säulen, und gin¬ gen in den Steinbruch, der jetzt einen Flin¬ tenschuss weit vom Ufer hinaufwärts liegt, ob er sich gleich ehemals bis dicht an das Wasser erstreckte. Hier standen die sehr unvollkommen und regellos gegliederten Säu¬ len von ziemlich unbestimmteckiger Form und Mannsdicke, aufrecht auf einem Lager von braunem, thonartigem Gestein voll Höh¬ len, die zum Theil noch mit verwitterndem Kalkspath angefüllt waren. Die Säulen sind von ziemlich festem Korn, dichtem Bruch, mattschwarz mit schwarzen Schörlpunkten und lauchgrünen Olivinen reichlich angefüllt, die sich zuweilen in faustgrossen Massen darin finden. Ausserdem enthalten diese Basalte öfters Wasserkies in dünnen Streifen, desgleichen einen gelbbraunen Tropfstein oder Kalksinter, womit sie durchwachsen sind, und endlich, nach Aussage der Arbeiter, auch klares Wasser in ganz verschlossenen Höhlungen, die zuweilen im Kern einer Säule angetroffen werden. Das Losbrechen der Säulen sieht gefähr¬ lich aus. Es geschieht vermittelst eines spitzen Eisens, das an einem langen Stocke befestigt ist, und das der Arbeiter zwischen die Fugen bringt. Der Sturz ganzer Massen von Säulen hat etwas Fürchterliches, und sobald man merkt, dass sie stürzen wollen, rettet sich ein jeder, um nicht beschädigt zu werden. An vielen Säulen, welche auf diese Art in unserer Gegenwart losgebrochen wurden, bemerkte ich einen weissen, ver¬ muthlich kalkigen Beschlag oder Anflug, dessen Ursprung sich so wenig, wie der Ursprung des bereits erwähnten Sinters, er¬ klären lässt, wenn man anders nicht künftig Kalkarten in der Nähe findet. Doch kön¬ nen auch die Wasser auf sehr langen Strek¬ ken Kalktheilchen aufgelöset enthalten und weit mit sich führen, ehe sie dieselben wieder absetzen. Sowohl auf diesem westlichen, als auf dem entgegengesetzten östlichen Ufer des Rheins, bis in das Siebengebirge hinunter, sind, diese Basaltbrüche häufig genug, um für die ganze Gegend Bau- und Pflaster¬ steine zu liefern. Das ehemalige Jesuiten¬ kollegium in Koblenz ist von aussen mit Basaltstücken bekleidet, und die Heerstrassen werden damit in gutem Stande erhalten. Was suchen wir also weiter nach den Werk¬ stätten, wo die Natur den Bimsstein von Andernach bereitete, wenn, wie es heutiges Tages bei so manchem Naturforscher für ausgemacht gilt, Basaltberge und erloschene Vulkane völlig gleichlautende Benennungen sind? Können wir noch die Spuren des ehemaligen Brandes vermissen, wo der Ba¬ salt sogar, wie hier bei Unkel, auf einer braunen, löcherichten Lava steht? Haben die Basaltberge nicht die charakterische Ke¬ gelgestalt, und ist hier nicht ein Krater vorhanden, den de Lüc zuerst entdeckt hat, und dessen Oefnung er mit der Hand be¬ decken konnte? Ich gebe Dir mein Wort, dass der Muth¬ wille des Reisenden, der den ganzen Tag hindurch in frischer Luft und in muntrer Gesellschaft schwelgte, keinen Antheil an dieser Darstellung der vulkanistischen Logik hat. Es ist wahr, dass man unaufhörlich von dem Punkt ausgeht, den man erst be¬ weisen sollte, und dann, wie gewisse Exe¬ geten, zurückbeweiset: Basaltberge sind er¬ loschene Vulkane; also ist der Basalt ein vulkanisches Produkt! oder: Basalt steht auf löcherichter Lava; also ist Basalt feste Lava! oder: Vulkane sind kegelförmige Berge; also sind kegelförmige Basaltkuppen Vulkane! oder endlich: ein Schlund, aus welchem der Rauch und die Flamme des Vulkans emporsteigen und Bimssteine und Felsstücken herausgeschleudert werden, ist ein Krater; also ist ein Loch auf einem Basaltberge, welches man mit der Hand bedecken kann, ein Krater, und der Basaltberg ein Vulkan! Ohne Ohne das geringste von der Sache zu wissen, sieht man ein, dass diese sämmtlichen Schlüsse nichts beweisen, da bald der Obersatz, bald die Folgerung ungegründet ist. De Lüc’s Krater lasse ich für sich selbst sprechen. Die Kegelform der Vulkane, die natürlich genug durch die Anhäufung der ausgewor¬ fenen Steine, Erde und Asche entsteht, be¬ weiset nichts für die Entstehung der festen säulenförmig zerklüfteten Basaltkegel, zumal da es auch kegelförmige Kalkberge genug giebt, und wiederum Basaltmassen, die sich in ganz verschiedenen Gestalten zeigen. Die löcherichte Steinart bei Unkel ist darum noch keine Lava, weil sie einigen Laven ähnlich sieht; und nun möchte es um den ersten willkührlich angenommenen Satz, dass Basaltberge Vulkane sind, etwas misslich stehen. Diejenigen, die sich auf die Ur¬ theile Anderer verlassen, und die Vulkanität I. Theil . D des Basalts auf Treu und Glauben anneh¬ men, sollten sich erinnern, dass das nulliu s in verba nirgends unentbehrlicher ist, als im hypothetischen Theile der Naturgeschichte. Bescheidene Forscher, die der vulkanistischen Vorstellungsart gewogen sind, erkennen den¬ noch, dass sie nur Hypothese bleibt und vielleicht nie zur Evidenz einer ausgemach¬ ten Sache erhoben werden kann. Allein die mineralogischen Ketzermacher, die auch in den Erfahrungswissenschaften die Tyrannei eines allgemein geltenden Symbols einführen wollen, verdammen gern einen jeden, der ihren Träumen nicht eben so viel Glauben beimisst, wie ihren Wahrnehmungen. Ich bin weit davon entfernt, den Basalt geradezu für eine im Wasser entstandene Gebirgsart zu halten; allein ich gestehe zu¬ gleich, dass mir keine von den bisher be¬ kannten Erklärungen Derer, die seinen Ur¬ sprung vom Feuer herleiten, Genüge leistet, ja, dass mir insbesondere seine Entstehung in den brennenden Schlünden, die wir Vul¬ kane nennen, völlig widersprechend und un¬ möglich scheint. Wäre der Basalt vulkani¬ schen Ursprungs, so müsste man die Ge¬ birgsart entdecken können, aus welcher er in seine jetzige Form und Beschaffenheit geschmolzen ward. Aber noch nie hat man in irgend einem Naturalienkabinet oder auf irgend einem Gebirge ein Stück Basalt ge¬ zeigt, an welchem sich hätte erkennen las¬ sen, ob es aus Granit, aus Gneus, aus Porphyr, aus Thonschiefer, aus Kalkstein u. s. w. zu Basalt geschmolzen worden sei. Bei Jacci in Sicilien hat man Basaltsäulen unter einem Lavalager gefunden. Daraus folgt aber nicht, dass beide von gleichem Ursprunge sind. Der Basalt konnte, als ein ursprüngliches Gebirgslager, längst vorhanden D 2 seyn, ehe die Lava darüber hinfloss. Hoch hinauf am Ätna liegt ebenfalls Basalt. Nach der vulkanistischen Hypothese wäre dies im Wasser zu Prismen abgekühlte Lava; folg¬ lich ging bei seiner Entstehung das mittel¬ ländische Meer fast bis an den Gipfel des Atna. Wohlan! eine solche Wasserhöhe zu¬ gegeben, erkläre man nun auch, warum tief am Fusse des Vesuv uralte Laven, un¬ weit von dem jetzigen Stande der Meeres¬ fläche, noch ungebildet geblieben sind, da es nicht einen Augenblick bezweifelt wer¬ den kann, dass, jenen hohen Stand der mit¬ telländischen See vorausgesetzt, auch diese Laven von ihr hätten bedeckt werden und folglich säulenförmig zerspringen müssen. Viele wirklich geflossene Laven haben in ihren Bestandtheilen, in ihrer Farbe, und selbst in ihrem Gewebe eine auffallende, unläugbare Ähnlichkeit mit Basalt. Unbe¬ greiflich ist es mir daher, weshalb man nicht eben so leicht hat annehmen wollen, solche Laven wären aus Basalt entstanden, welcher von dem vulkanischen Feuer er¬ griffen, verändert oder geschmolzen worden sei; als man sich die entgegengesetzte Mei¬ nung, Lava verändere sich durch plötzliches Erkalten in Basalt, annehmlich gedacht, ob man gleich noch in keinem Basalt die Steinart nachgewiesen hat, aus welcher die ihm ähnliche Lava geschmolzen worden ist. Mit dem nämlichen Rechte könnte man auch behaupten: alle andere Steinarten, die einer italienischen Lava ähnlich sehen, und deren es so viele giebt, wären im Feuer der Vulka¬ ne entstanden. Allein mir kommt es einmal natürlicher vor, dass, je nachdem der Brand in einem Berge einen Granit, einen Gneus, einen Porphyr, einen Thonschiefer, einen Ba¬ salt, einen Marmor ergrif, und je nachdem er D 3 diese ursprünglichen Steinarten mehr oder we¬ niger veränderte, heftiger oder gelinder, ein¬ zeln oder mit andern zugleich durchdrang, — dass, dem gemäss, die Produkte gerade so mannichfaltig verschieden ausfallen mussten, wie man sie wirklich unter die Hände be¬ kommt. Eine der schönsten und vollstän¬ digsten Sammlungen von vesuvischen Pro¬ dukten, welche ich je gesehen habe, die im kuhrfürstlichen Naturalienkabinet von Bonn, enthält meines Bedünkens unverwerfliche Be¬ lege für diese Behauptung, die noch über¬ dies durch den Umstand Bestätigung be¬ kommt, dass die Laven aus verschiedenen ächtvulkanischen Gegenden, wie zum Bei¬ spiel die isländischen und die santorinischen, von den italienischen sichtbarlich verschieden sind — augenscheinlich, weil die Mischung der Gebirgsart, aus welcher sie entstanden, verschieden war. Nimmt man endlich noch hinzu, dass die Verwitterung sowohl an Laven, als an ursprünglichen Gebirgsarten völlig ähnliche Wirkungen hervorbringt; so wird es immer unwahrscheinlicher, dass sich etwas Positives über die Frage behaupten lasse: ob die Entstehung unserer Rheinländer dem Feuer zuzuschreiben sei. Porphyr, Porphyrschiefer, Mandelstein nebst den hieher gehörigen Ge¬ birgsarten werden durch die leicht zu be¬ wirkende Auflösung ihrer Feld- und Kalk¬ spathkörner zu leichten löcherichten Massen, welche den schwammigen verwitterten Aus¬ würfen der Vulkane aus Island und aus Ita¬ lien ähnlich sehen. Aber eine ächte, glasige, geflossene schlackige Lava , die vor allen die¬ sen Namen verdient, eine Lava, wie man sie in Island, am Vesuv, am Ätna findet, wie ich sie auf der Osterinsel, in Tanna, und zuletzt auf der Ascensionsinsel selbst gesehen D 4 habe, ist mir weder in den rheinländischen, noch in den hessischen, hannöverischen, thü¬ ringischen, fuldischen, sächsischen, böhmi¬ schen und karpathischen Basaltbergen vorge¬ kommen. Alles was ich hier von unsern vermeint¬ lichen Vulkanen am Rhein mit wenigen Worten berühre, findet sich in den beiden Quartanten des Dr. Nose und in den zusammengedrängten Beobachtungen unseres scharfsinnigen Freundes A. v. H. bestätigt. Wenn nun aber der Basalt nicht Lava ist, wie entstand er denn? Aufrichtig gesagt, ich weiss es nicht. Ich kenne weder den Urstoff, noch die chemische Operation, wor¬ aus und wodurch die Natur die sämmtlichen Gebirgsarten werden liess. Wird mir jemand beweisen, dass, ehe es noch Vulkane gab, ein ganz anderer Brand, ein fürchterliches allgemeines Feuer den Basalt in allen fünf Welttheilen erzeugte; wird er mir den Ur¬ stoff nennen können, aus welchem dieses Feuer, wie noch keines war, und dem wir folglich nach Willkühr Eigenschaften und Wirkungen beimessen können, den Basalt geschmolzen habe: so will ich das nicht nur geschehen lassen, sondern sogar dieser Mei¬ nung beipflichten, sobald sie mehr als ein blosses Meisterwort, sobald sie gründliche Beweise für sich hat. Bis jetzt wissen wir indessen noch wenig oder nichts zuverläs¬ siges von der Bildung unserer Erdrinde; denn wir haben von einer weit späteren Bildung, von der Bildung der Pflanzen und Thiere auf diesem Boden, nicht einmal einen Begrif ! Wo wir Schichten regelmässig über¬ einander liegen sehen, halten wir uns für berechtigt, sie einem allmäligen Niederschlag aus dem Wasser zuzuschreiben. Allein ob alle Kalklager unsers Planeten aus Gehäusen D 5 von Würmern entstanden, oder ob das Meer, welches einst die ganze Kugel umfloss, ein von den jetzigen Meeren sehr verschie¬ denes chaotisches Flüssiges war, worin theils Kalk, theils Thon und Bittersalzerde, un¬ ausgeschieden, vielleicht als mögliche Bestand¬ theile, schwammen — das ist und bleibt unausgemacht. Wir wissen zwar, dass der uralte Granit, bei seiner seltsamen Mischung von Quarz, Feldspath und Glimmer keine Spur von einer geschichteten Entstehung zeigt; aber darum ist noch nicht entschie¬ den, ob auch diese Gebirgsart ein Präcipitat aus jenem elementarischen Meere, oder, wie der grosse dichterische Büffon will, ein Werk des Sonnenbrandes sei. Vielleicht ist er keines von beiden. Ehe wir dahin gelan¬ gen, über die Ereignisse der Vorwelt etwas mehr als schwankende, von allem Erweis entblösste Muthmassungen in der Naturge¬ schichte vortragen zu können, müssen wir zuvor in der unterirdischen Erdkunde un¬ gleich wichtigere Fortschritte machen als bisher; wir müssen, wo nicht Maupertuis berühmten Schacht bis zum Mittelpunkt der Erde abteufen, doch wenigstens ein paar Meilen tief unter die Oberfläche, die wir bewohnen, senkrecht hinabsteigen, und von dorther neue Gründe für eine Theorie der Erdentstehung und Umwandlung entlehnen. Bedenkt man aber, mit welchen Schwierig¬ keiten wir bisher nur wenige hundert Klaf¬ ter tief in das Innere der Gebirge gedrun¬ gen sind, so müssen wir über die Arbeit erstaunen, die nicht uns, sondern den spä¬ ten Nachkommen des Menschengeschlechtes aufgehoben bleibt, wenn sie vor lauter ewi¬ gem Frieden nicht wissen werden, was sie mit ihrer Zeit und ihren Kräften anfangen sollen. — Ich kann dieses Blatt, das ohnehin so viel Naturhistorisches enthält, nicht besser ausfüllen, als mit ein paar Worten über das schon vorhin erwähnte Naturalienkabinet in Bonn. Von der herrlichen Lage des kuhr¬ fürstlichen Schlosses und seiner Aussicht auf das Siebengebirge will ich nichts sagen, da wir die kurze Stunde unseres Aufenthaltes ganz der Ansicht des Naturalienkabinets wid¬ meten. Die dabei befindliche Bibliothek füllt drei Zimmer. In den reichvergoldeten Schrän¬ ken steht eine Auswahl brauchbarer, theu¬ rer Werke, die eines solchen Behältnisses wohl werth sind. Ich bemerkte darunter die besten Schriftsteller unserer Nation in jedem Fache der Litteratur, ganz ohne Vor¬ urtheil gesammelt. Aus der Bibliothek kommt man in ein physikalisches Kabinet, worin sich die Elektrisirmaschine, der grosse me¬ tallene Brennspiegel und der ansehnliche Magnet auszeichnen. Die Naturaliensamm¬ lung füllt eine Reihe von acht Zimmern. Das grösste enthält vierfüssige Thiere, Vögel, Amphibien und getrocknete Fische in keiner systematischen Ordnung, theils in Glas¬ schränken, theils im Zimmer umhergestellt, theils hangend an der Decke und mit Kunst¬ sachen vermischt, die nicht alle von glei¬ chem Werth, oder ihres Platzes würdig sind. Die ausgestopften vierfüssigen Thiere sind meistentheils sehr missgestaltet; ein Tadel, der mehr oder weniger alle Natu¬ raliensammlungen trift. Die Vögel sind weniger verzerrt, und man sieht darunter manche seltene Gattung nebst ihren Nes¬ tern und Eiern. Die Decke des Zimmers ist mit verschiedenen Vögeln bemalt, die der Sammlung fehlen. Das Konchylienka¬ binet hat nicht viele Seltenheiten, Kostbar¬ keiten und sogar nicht viele Gattungen; es enthält nur die gemeinsten Sorten und eine Menge Dupletten. Desto reicher ist aber die schöne Mineraliensammlung, die zwar keine methodische Ordnung hat, und eben so wenig eine vollständige Folge aufweisen kann, aber gleichwohl, wenn man sie nicht als ein Ganzes beurtheilen will, manches Kostbare enthält, und dem Kenner willkom¬ mene und lehrreiche Bruchstücke darbietet, besonders die unvergleichliche vesuvischvul¬ kanische Sammlung in einem draußenstehen¬ den Schranke, einen reichen Vorrath von Goldstufen, sehr schönen weißen Bleispath, vom Glücksrad am Harz, Eisenglaskopf von den seltensten Configurationen, prächtiges rothes Kupferglas, Flusspathdrusen, Verstei¬ nerungen, u. dgl. m. Das Merkwürdigste war mir ein Menschenschedel, der gleich¬ sam aus gelbbraunem Tuff von sehr dich¬ tem, festem Bruch, woran keine Lamellen kenntlich sind, besteht. An einigen Stellen ist die Substanz desselben zolldick, ohne dass man auf dem Schnitte die geringste Spur von Inkrustation erkennen kann. Der halbe Oberkopf ist nämlich bis an die Augenbrau¬ en und hinten bis auf die Hälfte des Hin¬ terhaupts, wie ein Segment ausgeschnitten, so dass man es herausnehmen und inwen¬ dig alles besehen kann. Ein Umstand ist dabei sehr auffallend: Die Substanz dieses Schedels hat in ihrer Veränderung fast alle feineren Hervorragungen so bedeckt, und alle Vertiefungen so ausgefüllt, dass man sowohl auf der innern, als auf der äussern Oberfläche nur kleine abgerundete Spuren erblickt; gleichwohl sind die Gelenkflächen des Kopfes und des Unterkiefers allein ver¬ schont und in ihrem natürlichen Zustande geblieben. Dies allein beweiset schon, dass dieses seltene Stück nur zur Erläuterung der Lehre von den Krankheiten der Knochen dienen kann, und keinesweges, wie man vorgiebt, ein versteinerter Menschenschedel ist. Solche Versteinerungen sind zwar von andern Thierklassen nicht selten, hingegen vom Menschen ist bis jetzt noch schlech¬ terdings kein einziges unbezweifeltes Petre¬ fakt gefunden worden. Die Krankheit, wel¬ che hier diese sonderbare Erscheinung an einem Menschenschedel hervorgebracht hat, ist eine der ungewöhnlichsten gewesen, näm¬ lich ein Überfluss von wucherndem Knochen¬ saft, oder Knochenstoff, wodurch bei Leb¬ zeiten des unglücklichen Individuums die Theile des Schedels zu einer unförmlichen Gestalt angewachsen sind, und ihn allmälig aller Sinnorgane beraubt haben müssen. Da¬ bei ist es vorzüglicher Aufmerksamkeit werth, dass die Nervenlöcher doch verhältnissmässig nur wenig verengt worden sind. Man hat bereits bereits in d’Argenville’s Oryktologie die Ab¬ bildung eines dem hiesigen vollkommen ähn¬ lichen Schedels, und unser Sömmerring be¬ sitzt einige, auf eben dieselbe Art unförm¬ lich angequollene Hünerknochen. Ich will mir den Glauben nicht nehmen lassen, daß diese wissenschaftlichen Ansich¬ ten, welche Dich gewiß sehr lebhaft be¬ schäftigen werden, eine Seite haben, an der sie auch eine weniger vorbereitete Wißbe¬ gierde befriedigen können. Es kommt eines Theils nur darauf an, diese allgemein interes¬ sirende Seite herauszukehren; und andern Theils müßte der Zuhörer nur eine gewisse Thätigkeit der eigenen Geisteskräfte und ei¬ nen richtigen Sinn besitzen, um überhaupt alles Neue, sobald es nicht in Kunstwörtern verborgen bleibt, unterhaltend, richtig und anwendbar zu finden. Je reicher die Aus¬ bildung unseres Zeitalters, je größer die An¬ I. Theil . E zahl unserer Begriffe, je erlesener ihre Aus¬ wahl ist, desto umfassender wird unser Denk- und Wirkungskreis, desto vielfältiger und anziehender werden die Verhältnisse zwischen uns und allem was uns umgiebt. Dass wir uns auf diesem Punkte der Geistes¬ kultur befinden, das beweist der gegenwär¬ tige Zustand der Erziehungsanstalten, der Universitäten, der belletristischen und ernsten Litteratur, der politischen und statistischen Verfassungen, der physischen und hyperphy¬ sischen Heilkunde, ja sogar der raisonnirten Schwelgerei und raffinirten Sinnlichkeit, worin alles auf einem encyklopädischen Inbegrif und Zusammenhang aller möglichen Zweige der Erkenntniss beruhet. Dieser nunmehr in allen Fächern aufgesuchten und mit so vielem Glück verfolgten Verwebung und Ver¬ bindung der verschiedenartigsten Kenntnisse sind wir es schuldig, dass der Gang unserer Erziehung sich beflügelt und dass unsere sechszehnjährigen Jünglinge ein vollständige¬ res, zusammenhängenderes System von nütz¬ lichen, praktischen Begriffen inne haben, als man sich zu Locke’s Zeiten mit dreissig Jahren erwerben konnte. Die Spreu ist besser von reinem Korn geschieden, und wir geniessen, wenigstens in gewisser Rück¬ sicht, die Frucht des Schweisses von Jahr¬ tausenden. Unsere Frauenzimmer selbst fin¬ den es leicht und anmuthig, alle Gefilde des Wissens zu durchstreifen, sie wie Gär¬ ten geschmückt zu sehen, und ihre Blumen in einen Strauss zusammenzubinden, den man im bunten, gesellschaftlichen Kreise nicht ohne Selbstgefallen jedem zur Erquik¬ kung darreichen kann. Wir wollen uns über diese oberflächliche Weisheit nicht ent¬ rüsten; denn sie ist reeller, als man denkt, und als es mürrische oder pedantische Sit¬ E 2 tenrichter zugeben mögen. Alles ist gewon¬ nen, wenn es zur Gewohnheit wird, die Geisteskräfte zu beschäftigen und die Ver¬ nunft, die man dem grössten Theile des Menschengeschlechts so lange und so gern abgeläugnet oder auch wohl unmenschlich entrissen hat, in ihrer Entwickelung überall zu begünstigen. Nur der Geist, welcher selbst denkt, und sein Verhältniss zu dem Mannichfaltigen um sich her erforscht, nur der erreicht seine Bestimmung. Wie wir anfingen, so endigen wir dann: durch die Wirbel aller möglichen Zusammensetzun¬ gen hindurch, kehren wir, reich in uns selbst und frei, zu der ursprünglichen Einfalt zurück! — Du weisst, ich kenne auch die Rück¬ seite des schönen Gepräges, welches unsere Einbildungskraft den Weltbegebenheiten auf¬ drückt; allein jede Ansicht hat nur Einen, ihr eigenen Gesichtspunkt, und wer ihn verrückt, der hascht nach einem Schatten, über welchen das Wesentliche selbst ihm entgeht. Wenn wir uns am heitersten Früh¬ lingsmorgen des Lichtes freuen, dessen mil¬ der Strom den Himmel und die Erde ver¬ jüngt und Lebenswonne in der ganzen Schöp¬ fung anzündet — was kümmert uns der Sonnenstich oder die Donnerwolke, die mög¬ lichen Folgen der Einwirkung jenes wohl¬ thätigen Elements in einen unvollkommenen, ungleichartigen Planeten? E 3 IV . Kölln . W ir gingen in den Dom und blieben darin, bis wir im tiefen Dunkel nichts mehr unterscheiden konnten. So oft ich Kölln besuche, geh ich immer wieder in diesen herrlichen Tempel, um die Schauer des Erhabenen zu fühlen. Vor der Kühnheit der Meisterwerke stürzt der Geist voll Er¬ staunen und Bewunderung zur Erde; dann hebt er sich wieder mit stolzem Flug über das Vollbringen hinweg, das nur Eine Idee eines verwandten Geistes war. Je riesen¬ mässiger die Wirkungen menschlicher Kräfte uns erscheinen, desto höher schwingt sich das Bewusstseyn des wirkenden Wesens in uns über sie hinaus. Wer ist der hohe Fremdling in dieser Hülle, dass er so in mannichfaltigen Formen sich offenbaren, diese redenden Denkmäler von seiner Art die äusse¬ ren Gegenstände zu ergreifen und sich an¬ zueignen, hinterlassen kann? Wir fühlen, Jahrhuuderte später, dem Künstler nach, und ahnden die Bilder seiner Phantasie, indem wir diesen Bau durchwandern. Die Pracht des himmelan sich wölbenden Chors hat eine majestätische Einfalt, die alle Vorstellung übertrift. In ungeheurer Länge stehen die Gruppen schlanker Säulen da, wie die Bäume eines uralten Forstes: nur am höchsten Gipfel sind sie in eine Krone von Aesten gespalten, die sich mit ihren Nachbaren in spitzen Bogen wölbt, und dem Auge, das ihnen folgen will, fast uner¬ reichbar ist. Lässt sich auch schon das Un¬ ermessliche des Weltalls nicht im beschränk¬ ten Raume versinnlichen, so liegt gleichwohl in diesem kühnen Emporstreben der Pfeiler und Mauern das Unaufhaltsame, welches die E 4 Einbildungskraft so leicht in das Gränzenlose verlängert. Die griechische Baukunst ist un¬ streitig der Inbegrif des Vollendeten, Ueber¬ einstimmenden, Beziehungsvollen, Erlesenen, mit einem Worte: des Schönen. Hier in¬ dessen an den gothischen Säulen, die, ein¬ zeln genommen, wie Rohrhalme schwanken würden und nur in grosser Anzahl zu einem Schafte vereinigt, Masse machen und ihren geraden Wuchs behalten können, unter ihren Bogen, die gleichsam auf nichts ruhen, luftig schweben, wie die schattenreichen Wipfel¬ gewölbe des Waldes — hier schwelgt der Sinn im Uebermuth des künstlerischen Beginnens. Jene griechischen Gestalten scheinen sich an alles anzuschliessen, was da ist, an alles, was menschlich ist; diese stehen wie Er¬ scheinungen aus einer andern Welt, wie Feenpalläste da, um Zeugniss zu geben von der schöpferischen Kraft im Menschen, die einen isolirten Gedanken bis auf das äusserste verfolgen und das Erhabene selbst auf einem excentrischen Wege zu erreichen weiss. Es ist sehr zu bedauren, dass ein so prächtiges Gebäude unvollendet bleiben muss. Wenn schon der Entwurf, in Gedanken ergänzt, so mächtig erschüttern kann, wie hätte nicht die Wirklichkeit uns hingerissen! Ich erzähle Dir nichts von den berüch¬ tigten heiligen Drei Königen und dem so¬ genannten Schatz in ihrer Kapelle; nichts von den Hautelissetapeten und der Glasma¬ lerei auf den Fenstern im Chor; nichts von der unsäglich reichen Ciste von Gold und Silber, worin die Gebeine des heiligen Engelberts ruhen, und ihrer wunderschönen ciselirten Arbeit, die man heutiges Tages schwerlich nachzuahmen im Stande wäre. Meine Aufmerksamkeit hatte einen wichti¬ geren Gegenstand: einen Mann von der be¬ E 5 weglichsten Phantasie und vom zartesten Sinne, der zum erstenmal in diesen Kreuz¬ gängen den Eindruck des Grossen in der gothischen Bauart empfand und bei dem Anblick des mehr als hundert Fuss hohen Chors vor Entzücken wie versteinert war. O, es war köstlich, in diesem klaren An¬ schauen die Grösse des Tempels noch ein¬ mal, gleichsam im Widerschein, zu erblik¬ ken! Gegen das Ende unseres Aufenthalts weckte die Dunkelheit in den leeren, ein¬ samen, von unseren Tritten wiederhallenden Gewölben, zwischen den Gräbern der Kuhr¬ fürsten, Bischöfe und Ritter, die da in Stein gehauen liegen, manches schaurige Bild der Vorzeit in seiner Seele. In allem Ernste, mit seiner Reizbarkeit und dem in neuen Bil¬ derschöpfungen rastlos thätigen Geiste möchte ich die Nacht dort nicht einsam durch¬ wachen. Gewiss entsetzest Du Dich schon vor dem blossen Gedanken, wie ihm selbst davor graute. Ich eilte mit ihm hinaus ins Freye, und sobald wir unsern Gasthof erreicht hatten, erwachte die beneidenswerthe Laune, womit er, durchdrungen vom Genuss der lieblichen Natur, schon auf der ganzen Fahrt von Koblenz her, die einförmigen Stunden uns verkürzt hatte. Noch kann ich mir den grossen Zweifel nicht lösen, ob es befriedi¬ gender sei, Bilder des Wirklichen unmittel¬ telbar aus der umgebenden Weite zu schöp¬ fen, oder sie von zahllosen Anschauungen bereits überallher gesammlet, erlesen, geord¬ net, zusammengesetzt, zu schönen Ganzen vereinigt, aus einer reichen Menschenseele, unserm Wesen schon mehr angeeignet, in uns übergehen zu lassen? Beides hat seinen eigenthümlichen Werth, und beides haben wir seit unserer Abreise schon reichlich ge¬ kostet. Lebendiger wirkt die unmittelbare Gegenwart der beseelten Natur; tief und scharf bestimmt und alle Verhältnisse er¬ schöpfend, graben sich die Bilder des Da¬ seyns, das unabhängig von dem Menschen, ohne sein Zuthun ist und war und seyn wird, ins Gedächtniss ein. Dagegen gesellen sich, von einer menschlichen Organisation aufgefasst, die mannichfaltigsten Formen aus allen Welttheilen zugleich, aus der Vergan¬ genheit und — darf ich es sagen? — aus der Zukunft, zum Gegenwärtigen, und ver¬ weben sich mit ihm zu einem die Wirklich¬ keit nachahmenden Drama. Wir selbst, ich fühle es wenigstens, können nicht immer so richtig, so ins Wesentliche eingreifend empfangen, so die unterscheidenden Merk¬ male der Dinge uns selbst bewusst werden lassen, wie sie uns auffallen, wenn ein An¬ derer sie vom Ausserwesentlichen abgeschie¬ den und in einen Brennpunkt vereinigt hat. Zum Beweise brauchte ich nur an das schwere Studium des so vielfältig und so zart nüancirten Menschencharakters zu er¬ innern. Je feiner die Schattirungen sind, wodurch sich so nahe verwandte Geschöpfe unterscheiden, desto seltener ist sowohl die Gabe der bestimmten Erkenntniss, als die Kunst der treuen Überlieferung ihres Un¬ terschiedes. Der Genuss eines jeden, durch die Em¬ pfindung eines Andern gegangenen und von ihm wieder mitgetheilten Eindrucks setzt aber eine frühere, wenn gleich unvollkommene Bekanntschaft mit dem bezeichneten Gegen¬ stande in uns voraus. Ein Bild, wäre es auch nur Umriss, müssen wir haben, wor¬ in unsere Einbildungskraft die besonderen Züge aus der neuen Darstellung übertragen und ausmalen könne. Die bestimmte Ein¬ pfänglichkeit des Künstlers für das Indivi¬ duelle erfordert daher, wenn sie recht ge¬ schätzt werden soll, einen kaum geringeren Grad der allgemeinen Empfänglichkeit des Kunstrichters: und die Seltenheit dieses Gra¬ des ist ohne Zweifel der Grund, weshalb die höchste Stufe der Kunst, in allen ihren Zweigen, so leicht verkannt werden, oder auch beinahe gänzlich unerkannt bleiben kann. Was der grosse Haufe an einem Ge¬ mälde, an einem Gedicht oder an dem Spiel auf der Bühne bewundert, das ist es wahr¬ lich nicht, worauf die Künstler stolz seyn dürfen; denn diesem Haufen genügt die Täuschung, die ihm Erdichtetes für Wahres unterschiebt; und wer weiss nicht, wie viel leichter sich Kinder als Erwachsene, gewöhn¬ liche Menschen als gebildete, täuschen las¬ sen? Darum kann auch nicht die Illusion, als solche, sondern es muss die ganze Voll¬ kommenheit der Kunst der letzte Endzweck des Künstlers seyn, wie sie allein der Ge¬ genstand der höchsten Bewunderung des Kenners ist, der sich nicht mehr täuschen lässt, ausser, wenn er mit dem feinen Epi¬ kurismus der Kultur eben gestimmt wäre, im Beschauen eines Kunstwerks nur den Sinn des Schönen zu befriedigen, und wenn er auf das erhöhte, reflektirte Selbstgefühl, welches aus der Erwägung der im Menschen wohnenden Schöpferkraft entspringt, absicht¬ lich Verzicht thäte. Was wäre aber die Kunst, was hätte sie, hinweggesehen vom Sinnlichen, Erwek¬ kendes und Anziehendes für unsern den¬ kenden Geist, wenn es nicht diese, dem Na¬ turstoff, den sie bearbeitet, eingeprägte Spur der lebendigwirkenden, umformenden Mensch¬ heit wäre? Das Siegel des Herrschers in der Natur ist es eben, was wir an jedem Kunstwerk, wie das Brustbild eines Fürsten auf seiner Münze, erblicken wollen; und wo wir es vermissen, da ekelt die allzu¬ sklavisch nachgeahmte Natur uns an. Da¬ her hat jede Kunst ihre Regeln, ihre Me¬ thodik; eine wahrhafte Geistesschöpfung von abgezogenen Begriffen liegt ihr zum Grunde, nach welcher der Künstler im Materiellen wirken, und der Richter ihn beurtheilen muss. Der metaphysische Reichthum, den sich der Künstler aus unbefangenen An¬ schauungen der Natur erwarb, den er in das System seiner Empfindungen und Ge¬ danken verwebte — den strömt er wieder über alle seine Werke aus. So entstanden der Apoll vom Belvedere , die mediceische Venus , die Schule von Athen , die Aeneide , der Mahomet ; so bildeten sich Demosthe¬ nes und Cicero , und Molé und Garrick . Die Ideale des Meissels und der Malerei, der Dichtkunst und der Schauspielkunst finden wir wir sämmtlich auf dem Punkte, wo das einzeln zerstreute Vortrefliche der Natur zu einem Ganzen vereinigt, eine nach den Denk¬ formen unserer Vernunft mögliche, auch von unserem Sinne zu fassende und sogar noch sinnlich mittheilbare, aber in der lebendigen Natur nirgends vorhandene Vollkommenheit darstellt. Göttlichgross ist das Künstlergenie, das den Eindrücken der Natur stets offen, tief und innigunterscheidend empfindet, und nach seiner innern Harmonie das Treffendste vom Bezeichnenden, das Edelste vom Edlen, das Schönste vom Schönen wählt, um die Kinder seiner Phantasie aus diesen erlesenen Bestandtheilen in Zauberformen zu giessen, welche wahr in jedem einzelnen Punkt ihres Wesens, und nur insofern der Mensch sie vereinigte, liebliche Träume sind. Nur das Gleichartige kann sich fassen. Diesen Geist zu erkennen, der über die I. Theil . F Materie hinwegschwebt, ihr gebietet, sie zu¬ sammensetzt und schöner formt, bedarf es eines ähnlichen prometheischen Funkens. Al¬ lein wie viele Stufen giebt es nicht zwischen der Unwissenheit, die an einer Bildsäule nur die Glätte des Marmors begaft, und dem Genie, das mit unnennbarem Entzücken die Phantasie Polyklets darin ahndet? Zwischen jenem Landmanne, der sich scheute, die Herren auf der Bühne zu behorchen, und dem Hochbegabten, der in der Seele des Schauspielers von einem Augenblick zum andern den Ausdruck des Empfundenen von der Urtheilskraft regieren sieht? Wenn auch die allgemeine Bewunderung einem äch¬ ten Meisterwerke huldigt, so ist es darum noch nicht ausgemacht, dass gerade das Ei¬ genthümliche, was nur des Künstlers Gei¬ stesgrösse ihm geben konnte, den Sinn der Menge hinreisst. Wir ehren im unerreich¬ baren Shakspeare den kühnsten Dichterflug und den treffendsten Wahrheitssinn; was dem Parterre und den Galerien in London an seinen Schauspielen die höchste Befriedi¬ gung gewährt, dürfte leicht etwas anderes seyn. Doch ich habe ja wohl eher sogar den Kenner gesehn, der über Minervens Helm Minerven selbst vergass! An einem Gemälde Raphaels, wo seine hohe Ahndung des Göttlichen aus den Gesichtszügen stralte, sah ich einen grossen Kunstlehrer Proportionen bewundern! Befrage nur die wortgelehrten Kommentatoren um die Schönheit römischer und griechischer Dichter, wenn Du erstau¬ nen willst, dass sie in der Wahl kurz- und langsylbiger Wörter, in der Mischung der Dialekte, in hundert Artigkeiten, wo Du sie nie gesucht hättest, besteht! Lass doch Leute von Geschmack Dirs erklären, dass Göthens Iphigenia Dich entzückt, weil Eu¬ F 2 ripides zuerst eine schrieb! Und wenn ein Hamlet, oder ein Lear, oder ein Mak¬ beth vor Dir auftritt, wie der Dichter selbst sich nie träumen liess, dass man sie dar¬ stellen könnte; so vernimm von einem Kunst¬ verständigen des Theaters den belohnenden Ausruf seiner höchsten Zufriedenheit: er hat sich treflich einstudirt. Wahrlich! wäre fremde Anerkennung des eigenhtümlichen Verdienstes der einzige Lohn, um welchen der grosse Künstler ar¬ beiten möchte, ich zweifle ob wir dann je ein Meisterwerk gesehen hätten. Ihn muss vielmehr, nach dem Beispiele der Gottheit, der Selbstgenuss ermuntern und befriedigen, den er sich in seinen eigenen Werken be¬ reitet. Es muss ihm genügen, dass in Erz, in Marmor, auf der Leinwand oder in Buchstaben seine grosse Seele zur Schau liegt. Hier fasse, wer sie fassen kann! Ist das Jahrhundert ihm zu klein; giebt es kei¬ nen unter den Zeitgenossen, der im Kunst¬ werke den Künstler, im Künstler den Men¬ schen, im Menschen den schöpferischen De¬ miurg erblickte, der eins im andern be¬ wunderte und liebte, und alles, den Gott und den Menschen, den Künstler und sein Bild, in den Tiefen seines eigenen verwand¬ ten Wesens hochahndend wiederfände: — so führt doch der Strom der Zeiten endlich das überbleibende Werk und die gleichge¬ stimmte Seele zusammen, die dieser grosse Einklang füllt und in die lichte Sphäre der Vollkommenheit entzückt! Auf diesen Vortheil aber, möge er viel oder wenig gelten, muss derjenige Künstler Verzicht thun, der weder im Materiellen arbeitet, noch durch konventionelle Zeichen sein Geisteswerk der Nachwelt überliefern kann, weil er selbst sein eignes Kunstwerk F 3 ist, weil in seiner persönlichen Gegenwart die Aeusserung alles dessen beschlossen liegt, was er mit eigenthümlicher Sinneskraft In¬ dividuelles aus der Natur um ihn her auf¬ fassen, und mit dem lebendigmachenden Sie¬ gel seines Geistes stempeln konnte, weil end¬ lich mit ihm selbst seine Kunst und jede bestimmte Bezeichnung ihres Werthes stirbt. Der Natur den Menschen nachzubilden, nicht bloss seine körperlichen Verhältnisse, son¬ dern auch die zarteren Spuren des in seiner Organisation herrschenden Geistes so hinzu¬ stellen, dass sie in unserer Phantasie Ein¬ gang finden: dieses schöne Ziel der Kunst erreicht sowohl der Dichter als der Bildner, ein jeder auf seinem besondern Wege. Doch den Bildern eignes Leben einzuhauchen, ih¬ nen gleichsam eine Seele zu leihen, die mit der ganzen Kraft ihrer Verwandtschaft in uns wirkt; dies vermag nur der Schauspieler, in¬ dem er seine eigenen Züge, seinen Gang und seine Stimme, seinen ganzen Körper mit seiner Lebenskraft in das Wesen, das er uns mittheilen will, hineinträgt, indem er sich mit diesem Ideal, das er zuvor sich aus der Natur abzog, identificirt, und vor unsern Augen mit dem Charakter auch die Hand¬ lungsweise, die ganze Aeusserungsart, ja sogar die Gestalt eines Andern annimmt. Wenn nun die Schöpfungen anderer Künst¬ ler nach Jahrtausenden noch bestehen und eben das wirken, was sie neu aus der Hand des Meisters wirkten; so ist hingegen die Empfänglichkeit, die Sonderungsgabe, die bildende Energie des grossen Schauspielers, die nicht langsam und allmälig an ihrem Werke fortarbeitet, bessert, ändert, vervoll¬ kommnet, sondern im Augenblick des Em¬ pfangens schon vollendete Geburten in ihm selbst offenbart, auf die bestimmteste Weise F 4 nur für das Gegenwärtige berechnet. So glänzend ist der Anblick dieses Reichthums in Eines Menschen Seele, so hinreissend das Talent ihn auszuspenden, dass seine Ver¬ gänglichkeit kaum befremdet. Man erinnert sich an jene prachtvollen Blumen, deren Fülle und Zartheit alles übertrift, die in einer Stunde der Nacht am Stängel der Fackeldistel prangen und noch vor Sonnen¬ aufgang verwelken. Dem so zart hinge¬ hauchten Leben konnte die Natur keine Dauer verleihen; und — sie warf es in un¬ fruchtbare Wildnisse hin, sich selbst genü¬ gend, unbemerkt zu verblühen, bis etwa ein Mensch, wie ich das Wort verstehe, das seltenste Wesen in der Schöpfung, es findet und der flüchtigen Erscheinung geniesst! Es reicht über den Kreis des Dilettan¬ ten hinaus, der Humanität des Künstlers ein Denkmal zu errichten, wenn diese Be¬ geisterung, wozu sein Anblick erwecken konnte, nicht etwa die Stelle vertritt. Du kennst ihn schon; es ist unser J . Du wirst ihn sehen und ihm danken; das ist des Kommens werth! F 5 V. Düsseldorf. D as finstre, traurige Kölln haben wir recht gern verlassen. Wie wenig stimmt das In¬ nere dieser weitläuftigen, aber halb entvöl¬ kerten Stadt mit dem vielversprechenden Anblick von der Flussseite überein! Unter allen Städten am Rhein liegt keine so üppig hingegossen, so mit unzähligen Thürmen prangend da. Man nennt sowohl dieser Thürme, als überhaupt der Gotteshäuser und Altäre, eine so ungeheure Zahl, dass sie meinen Glauben übersteigt. Gleichwohl ist neben so vielen kein Plätzchen übrig, wo die Christen, die den Pabst nicht anerken¬ nen, ihre Andacht frei verrichten dürften. Der Magistrat, der den Protestanten bereits die freie Religionsübung innerhalb der Ring¬ mauern bewilligt hatte, musste seine Erlaub¬ niss kürzlich wieder zurücknehmen, weil der Aberglaube des Pöbels mit Aufruhr, Mord und Brand drohte. Dieser Pöbel, der beinahe die Hälfte der Einwohner, also ei¬ nen Haufen von zwanzigtausend Menschen ausmacht, hat eine Energie, die nur einer bessern Lenkung bedürfte, um Kölln wieder in einiges Ansehen zu bringen. Traurig ist es freilich, wenn man auf einer Strecke von beinahe dreissig deutschen Meilen so manche zum Handel ungleich vortheilhafter als Frankfurt gelegene Stadt erblickt, und es sich nun nicht länger verbergen kann, dass mehr oder weniger eben dieselben Ur¬ sachen überall dem allgemeinen Wohlstande kräftigst entgegen gewirkt haben, der sich nur in Frankfurt entwickeln konnte. In Kölln sollen viele reiche Familien wohnen; allein das befriedigt mich nicht, so lange ich auf allen Strassen nur Schaaren von zerlumpten Bettlern herumschleichen sehe. So oft ich hingegen nach Frankfurt komme, weide ich mich mit herzlichem Ge¬ nuss am Anblick des gemeinen Mannes, der fast durchgehends geschäftig, reinlich, und anständig gekleidet ist. Der Fleissige, der seine Kräfte rechtschaffen anstrengt, um her¬ nach seines Erwerbes froh zu werden, ihn mit den Seinigen zu theilen, regelmässig mit ihnen einfache, gute Kost zu geniessen, und mit ganzem Rock zu erscheinen — dieser Arbeitsame ist unstreitig sittlicher, gesunder und glücklicher, als der Müssiggänger; er ist ein Mensch, wo dieser nur ein Thier, und zwar mit menschlichen Anlagen ein desto gefährlicheres Thier ist. Bekanntlich geht die Unsittlichkeit der Bettler in Kölln so weit, dass sie den Müssiggang systema¬ tisch treiben und ihre Plätze an den Kirch¬ thüren erblich hinterlassen oder zum Hei¬ rathsgut ihrer Töchter schlagen. In der Osterwoche ist es gebräuchlich, dass die Ar¬ men, die sich schämen öffentlich zu betteln, in schwarze Kittel vermummt und mit einem Flor über dem Gesicht, auf die Strasse gehen, niederknieen, den Rosenkranz beten und die Vorübergehenden um Almosen anrufen. Man nennt diese Leute hier mit einem eigenen Namen Kappengecken , und ihr widerlicher Aufzug ist so auffallend, dass die halbnackten Strassenkinder ihre zerrissenen Hemdchen sich über den Kopf schlagen, um ihnen diese Mummerei nachzumachen. Wer begreift nicht, dass die zahlreiche Bande von sitten- und gewissenlosen Bettlern, die auf Kosten der arbeitenden Klasse leben, hier den Ton angeben muss? Allein da sie träge, unwissend und abergläubisch ist, wird sie ein Werkzeug in der Hand ihrer theils kurzsichtigen, sinnlichen, theils ränkevollen herrschbegierigen Führer. Die Geistlichen aller Orden, die hier auf allen Wegen wim¬ meln, und deren ungeheure Menge auf ei¬ nen Reisenden immer einen unangenehmen Eindruck macht, könnten zur Moralität die¬ ser rohen, ungezügelten Menge auf das heil¬ samste wirken, könnten sie zum Fleiss, zur Ordnung anführen, und ihnen billige Ge¬ sinnungen gegen ihre anders denkenden Mit¬ bürger, ein Gefühl von Ehre und Schande, von Eigenthum und Recht einimpfen. Dies und noch weit mehr könnten, sollten sie thun, da sich ihr Stand nur durch diese Verwendung für das gemeine Beste zur Exi¬ stenz legitimiren kann. Allein sie thun es nicht und — sind! Die Bettlerrotten sind ihre Miliz, die sie am Seil des schwärzesten Aberglaubens führen, durch kärglich gespen¬ dete Lebensmittel in Sold erhalten, und gegen den Magistrat aufwiegeln, sobald er ihren Absichten zuwider handelt. Es ist wohl niemand so unwissend, dass er noch fragen könnte, wer den Pöbel gereizt habe, sich der Erbauung eines protestantischen Gotteshauses zu widersetzen? So eben sind auch von der Köllnischen Klerisei an ihren Kuhrfürsten Vorstellungen ergangen, worin er im Namen der ächten, rechten Lehre aufgefordert wird, dem Pro¬ fessor der Philosophie in Bonn den Ge¬ brauch des Federschen Handbuchs bei sei¬ nen Vorlesungen zu untersagen. Unter an¬ dern Argumenten, heisst es in ihrer Schrift, dass Feder von den Protestanten selbst für heterodox gehalten werde; eine Behauptung, die im protestantischen Deutschland uner¬ hört ist, da es schon im Wesen des Pro¬ testantismus liegt, dass darin die verab¬ scheuungswürdigen Unterschiede von Ortho¬ doxie und Heterodoxie gar nicht statt fin¬ den können. Wie es scheint, erlaubt man sich also in Kölln den Grundsatz, dass ge¬ gen den Feind alle Vortheile gelten; und in einer Sache, wo es keinen haltbaren Grund giebt, in der Sache geistlicher Verfolgungs¬ sucht, ist freilich das schlechteste Argument so viel werth, wie jedes andere, sobald man es nur geltend machen kann. Der Gewis¬ senhafte, der sich bemüht, der strengen Wahrheit und der Vernunft treu zu bleiben, kommt gegen einen Widersacher nicht auf, welcher wissentlich zu täuschen und zu übertäuben sucht, und zu seinem Zwecke alle Mittel für erlaubt hält. Die Zeiten, sagt man, sind vorbei, da der Scholastiker fragen durfte, was Aristo ¬ teles von diesem oder jenem Geheimnisse der katholischen Lehre, zum Beispiel, von der Jungfrauschaft der Mutter Gottes, ge¬ halten habe? Ich hingegen behaupte, dass diese Zeiten nie ganz aufhören können, so lange lange es kein Mittel giebt, den Menschen Ehrfurcht gegen das Edelste, was ihrer Na¬ tur zum Grunde liegt, gegen ihre eigene Vernunft , einzuflössen. Wo diese Ehrfurcht fehlt, da wird man sich immerfort Unge¬ reimtheiten erlauben, da wird man, sobald politische Verhältnisse es gestatten, intole¬ rant seyn, und die Gewissen mit Zwang beherrschen wollen. Wenn nicht diese ver¬ kehrte Herrschbegierde die Triebfeder der widersprechendsten Aeusserungen wäre, so müsste man sich ja wundern, wie es nur möglich ist, dass irgend einer Geistlichkeit nicht alle philosophische Lehrbücher höchst gleichgültig seyn sollten. Die Philosophie muss sich schlechterdings nur auf das Begreif¬ liche, auf das Erweisliche einschränken; da hingegen die Theologie unbegreifliche Myste¬ rien lehrt, welche nicht demonstrirt, sondern geglaubt werden müssen, vermittelst eines I. Theil . G Glaubens, der die unbedingte Gabe der Gott¬ heit ist. Soll man nun doch das Unbegreifliche demonstriren, das heißt, begreiflich machen? Einen platteren Widerspruch giebt es nicht. Wie mag es aber wohl kommen, daß man heutiges Tages zu solchen Widersprü¬ chen seine Zuflucht nimmt? So viel ich sehe, liegt eben darin ein auffallender Be¬ weis der Schwäche, deren sich die Herren bewußt seyn müssen. Wenn man versinken will, hascht man begierig auch nach dem Strohhalm, der doch niemanden retten kann. Ehedem verfuhren sowohl die weltlichen als die kirchlichen Despoten ganz anders. Sie ließen es ihre geringste Sorge seyn, die Vernunft mit ihren Aussprüchen in Har¬ monie zu bringen, brauchten Gewalt, wo sie ihnen in die Hände fiel, und erstickten dann die Keime des Denkens. Aber hier und dort ist ihnen ein Samenkörnchen ent¬ gangen und zu einem schönen Baume auf¬ gesprosst, unter dessen Schatten sich die Völker schon sammeln. Mit Schrecken und Abscheu bebt man bereits vor Jedem zu¬ rück, der unsere freie Willkühr, es sei worin es wolle, beschränken möchte, und am allermeisten vor Dem, der ein Interesse hat, etwas Unbegreifliches als positive Wahr¬ heit anerkannt zu wissen. Ein Mensch kann dem andern nicht gebieten, was er thun soll, als in sofern dieser es für gut findet, sich befehlen zu lassen; wie viel widerrecht¬ licher also, wenn jemand gebieten will, was man glauben soll, und denen, die das Gebotene nicht glauben können oder nicht glauben wollen, die Rechte schmä¬ lert, die ein Mensch dem andern nicht nehmen darf, die ein Bürger dem andern garantirt! In dieser Lage der Sachen ist es so befremdend nicht, dass man itzt einen G 2 letzten Versuch macht, ob man nicht noch die angehenden Denker selbst durch ein Gewebe von betrüglichen Schlüssen hinter¬ gehen und einfangen könne. Allein die Ver¬ nunft rächt sich an denen, die sie so lange verachteten und verfolgten; und wenn je¬ mand mit der Demonstrationsmethode, die im vorigen Jahrhundert noch gut genug war, jetzt auftritt, so nimmt er sich ungefähr so aus, wie ein Kind, das einen Erwachsenen mit eben dem Popanz schrecken will, vor welchem seine Spielkameraden liefen. Das sicherste Zeichen eines zerrütteten, schlecht eingerichteten, kranken Staats hat man immer daran, wenn er eine grosse Menge Müssiggänger nährt. Der Fleissige, der die Früchte seines Schweisses mit diesen Raubbienen theilen muss, kann sich endlich des Gedankens nicht erwehren, dass man die unbilligste Forderung an ihn thut, in¬ dem man seiner Redlichkeit die Strafe auf¬ erlegt, die eigentlich strafwürdigen Faullen¬ zer zu füttern. Die natürliche, unvermeid¬ liche Folge dieser Reflexion ist, wenn man sich zu schwach fühlt dem Übel abzuhelfen, eine tödtliche Gleichgültigkeit gegen das ge¬ meine Beste, gegen die Verfassung selbst. Welcher Staat kann public spirit von seinen Bürgern erwarten, wenn er sie misshandelt? Es ist gleichviel, ob ein Despot oder eine Horde von Bettlern die Freiheit des arbeit¬ samen, tugendhaften Bürgers vernichtet; diese Ungerechtigkeit muss der Staat allemal büssen. Aus gleichgültigen, kalten Mitglie¬ dern des Ganzen werden die Hintangesezten und Gedrückten bald auch zu moralisch schlechteren Menschen. Das Beispiel steckt an, und gegen die Übermacht gewissenloser Müssiggänger scheinen Betrug und List und Ränke ihnen bald die erlaubteste und si¬ G 3 cherste Gegenwehr. Was die Bettler auf der einen Seite rauben, das müssen Betro¬ gene auf der anderen Seite wieder ersetzen. Auf diese Art schleicht unvermerkt das Gift der Sittenlosigkeit durch alle Stände, und verderbt endlich die ganze Masse. Die Vernunft wird entbehrlich, wo die Begriffe von Recht und Billigkeit dem Eigennutze weichen müssen; Alles versinkt in jene sinnliche Abspannung, die das Laster un¬ vermeidlich macht und bei den nachfolgen¬ den Krämpfen des Gewissens dem lauern¬ den Aberglauben gewonnenes Spiel giebt. Nirgends erscheint der Aberglaube in ei¬ ner schauderhafteren Gestalt als in Kölln. Jemand, der aus unserm aufgeklärten Mainz dahin kommt, hat in der That einen peini¬ genden Anblick an der mechanischen An¬ dacht, womit so viele tausend Menschen den Müssiggang zu heiligen glauben, und an der blinden Abgötterei, die der Pöbel hier wirklich mit Reliquien treibt, welche den ächten Religionsverehrern unter den Katho¬ liken selbst ein Ärgerniss geben. Wenn die Legende von den elftausend Jungfrauen auch so wahr wäre, wie sie schwer zu glauben ist, so bliebe doch der Anblick ihrer Kno¬ chen in der Ursulakirche darum nicht min¬ der scheusslich und empörend. Allein, dass man die Stirne hat, dieses zusammengeraffte Gemisch von Menschen- und Pferdeknochen, welches vermuthlich einmal ein Schlachtfeld deckte, für ein Heiligthum auszugeben, und dass die Köllner sich auf diese Heiligkeit todt¬ schlagen lassen, oder, was noch schlimmer ist, den kühnen Zweifler selbst leicht ohne Umstände todtschlagen könnten: das zeugt von der dicken Finsterniss, welche hier in Religionssachen herrscht. Es wäre wohl einer gründlichen Nachforschung werth, ob G 4 es sich bestimmen lasse, welche Ursachen in verschiedenen Ländern dieselbe Religion so umbilden, dass sie in ihren Wirkungen auf den Charakter der Einwohner sich nicht mehr gleich bleibt. Warum herrscht zum Beispiel in Kölln ein schwarzgallichter Fa¬ naticismus in der Andacht, in Rom hingegen Leichtsinn und heitere Freude? Sind es die niederländischen Nebel und die lauen, ge¬ stirnten Nächte Italiens, welche diesen Un¬ terschied bemerkbar machen? oder steckt es schon von undenklichen Zeiten her im ita¬ lienischen und im deutschen Blute, dass jenes den Zauber der erhöheten Sinnlichkeit über alle Gegenstände verbreitet, dieses aber selbst eine Religion, welche so lebhaft auf die Sinne wirkt, finster und menschenfeindlich machen kann? Ich gestehe, dass ich viel auf die Einwirkung eines milden Himmel¬ striches halte; und so auffallend der Unter¬ schied zwischen dem niedrigen Bettler in Kölln und dem edleren Lazarone in Neapel ist, rechne ich ihn doch grösstentheils auf die klimatische Verschiedenheit ihres Aufent¬ halts. In Italien entwickelt schon allein das Klima den gesunden Menschenverstand; wer dort faullenzt, der ist, nach Mrs . Piozzi’s Bemerkung, nur nicht hungrig. Sobald ihn hungert, greift er zur Arbeit, weil sein Ver¬ stand ihn dieses Mittel als untrüglich ein¬ sehen lässt. Hingegen versuch’ es jemand, dem Pöbel in Kölln von Arbeit zu sprechen! Wir besahen in der St. Peterskirche zu Kölln die berühmte Kreuzigung Petri von Rubens . Wenn ich nichts Anderes von diesem Meister gesehen hätte, so würde mich dieses Stück nicht in Versuchung führen, allzuvortheil¬ haft von ihm zu urtheilen. Die ganze Figur des Apostels ist sehr verzeichnet, und eine richtige Zeichnung konnte doch bei einem G 5 so ekelhaften, das Gefühl so sehr beleidi¬ genden Gegenstande, noch das einzige Ver¬ dienst bleiben. Der Heilige wird hier ans Kreuz genagelt, und — nun denke Dir die Abscheulichkeit! — damit seine Henker be¬ quemer zu den Füssen kommen können, steht das Kreuz mit dem Kopf zu unterst; die Leiden des Gemarterten sind folglich um so viel fürchterlicher. Hilf Himmel, welch ein ästhetisches Gefühl hat so mancher geprie¬ sene Künstler gehabt! Sind das Gegenstände, die eine Abbildung verdienen? Gegenstände, die ich in der Natur nicht sehen möchte! Doch wir sind jetzt in der Nähe der schönen Galerie; morgen will ich Dich von der Kunst unterhalten. Welch ein himmelweiter Unterschied zwi¬ schen Kölln und diesem netten, reinlichen, wohlhabenden Düsseldorf! Eine wohlgebaute Stadt, schöne massive Häuser, gerade und helle Strassen, thätige, wohl gekleidete Ein¬ wohner; wie erheitert das nicht dem Rei¬ senden das Herz! Vor zwei Jahren liess der Kuhrfürst einen Theil der Festungswerke demoliren, und erlaubte seinen Unterthanen auf dem Platze zu bauen. Jetzt steht schon eine ganze neue Stadt von mehreren langen, nach der Schnur gezogenen Strassen da; man wetteifert mit einander, wer sein Haus am schönsten, am bequemsten bauen soll; die angelegten Kapitalien belaufen sich auf sehr beträchtliche Summen, und in weni¬ gen Jahren wird Düsseldorf noch einmal so gross als es war, und um vieles prächtiger seyn. Wer doch das Geheimniss einer gu¬ ten Staatsverwaltung wüsste, damit er sagen könnte, wie sich in den Herzogthümern Jü¬ lich und Berg so grosse Reichthümer häuf¬ ten, wie die Bevölkerung daselbst so stark, und der Wohlstand der Einwohner gleich¬ wohl so allgemein ward, dass die kleinern Städtchen nicht minder wohlhabend sind, als die Hauptstadt; dass der Anbau auf dem platten Lande denselben Geist der guten Wirthschaft. denselben Fleiss zeigt, wie die Fabriken; dass man hier so leicht den Weg zu einer glücklichen Existenz finden lernte, der anderwärts so schwer zu treffen scheint? — Ich fange an zu glauben, dieses Geheimniss sei einfacher als man denkt; es ist das Ei des Kolumbus , und wenn man es weiss, kann man sich kaum bereden, dass nicht mehr dahinter war, ja, man ärgert sich wohl, dass man nicht von selbst darauf fiel. Die ganze Kunst besteht darin, dass der Regent sich der verderblichen Spiegelfech¬ terei, die man gewöhnlich, obwohl mit Un¬ recht, regieren nennt, zu rechter Zeit zu enthalten wisse, und sein Volk mit den ge¬ priesenen Regentenkünsten verschone, wor¬ auf sich mancher so viel zu gute thut, und womit er sich das Ansehen der einzigen Seele in der grossen Staatsmaschine giebt. Es gehört ein entschiedenes Maass von gu¬ tem Willen und ein etwas seltener, selbst bei guten Menschen, wenn sie Macht in Händen haben, ungewöhnlicher Grad der Selbstverläugnung dazu, um nicht zur Un¬ zeit wirken zu wollen, und sich lediglich darauf einzuschränken, die Hindernisse aus dem Wege zu räumen, welche der freien, willkührlichen, unbedingten Thätigkeit eines jeden Bürgers im Staate entgegen stehen. Die Einsicht des Regenten sei noch so vor¬ treflich; sobald er es nach derselben ver¬ sucht, die Menschen auf einem Wege, den sie selbst sich nicht wählten, vor sich hin zu treiben: sobald erfährt er auch, dass die eigenen Lebenskräfte in seiner Staatsmaschine stocken oder schlafen, und die Wirkung schlechterdings nicht hervorbringen, die er¬ folgt seyn würde, wenn er nicht den ver¬ wandten Geist in jedem seiner Brüder ver¬ kannt und zu einer ungeziemenden Knecht¬ schaft verurtheilt hätte. Es ist wahr, die Summe des Guten, das in der Welt ge¬ schieht, ist immer unter unserer Erwartung, aber sicherlich ist sie da die kleinste, wo man sich vorsetzt, eine grössere zu erzwin¬ gen. Durch das Übermaass alles Positiven, versündigen sich die Regierungsformen an dem Menschengeschlechte. Durch die ins Unendliche vervielfältigten Gesetze und lan¬ desherrlichen Verordnungen, so gut es oft damit gemeint seyn mag, und durch jene, von Schmeichlern und Parasiten so geprie¬ sene Kleingeisterei der Fürsten, die mit un¬ ermüdeter Sorgfalt in eines jeden Bürgers Topf gucken, oder gar sich um seine Pri¬ vatmeinungen und Gedanken bekümmern, richten die Regenten allmälig, ohne es selbst zu wollen, ihre Staaten zu Grunde, indem sie die freie Betriebsamkeit des Bürgers hem¬ men, mit welcher zugleich die Entwickelung aller Geistesfähigkeiten aufhört. Eine Viertelstunde von hier besuchten wir ein Mönchskloster. Es giebt nur wenig ähnliche Klöster in der Welt; denn die Mönche folgen der strengen Regel der in Frankreich so berühmten Abtei la Trappe . Zu unserer Verwunderung fing der erste, den wir erblickten, sogleich an mit uns zu sprechen, und erzählte uns, das Gelübde des Stillschweigens sei gänzlich aufgehoben. Dem guten Manne schien aber das Spre¬ chen, dessen er so lange entwohnt gewesen war, nicht leicht zu werden. Ehedem hielt man mit einer unglaublichen Strenge auf dieses Verbot. Ein Officier, der einst einen dieser Mönche nach dem Wege fragte, und keine Antwort auf wiederholtes Anfragen erhielt, hätte den armen Büsser beinahe mit Schlägen ums Leben gebracht, ohne einen Laut aus ihm hervorzubringen. In Frank¬ reich brannte das ganze Kloster ab, und keiner von den Brüdern brach das heilige Stillschweigen. Die Aufhebung desselben ist nur ein Vorläufer der gänzlichen Aufhebung des Ordens selbst. Schon lange konnte er keine Novizen mehr bekommen; man scheute die allzustrenge Regel. Mit dem Aussterben dieser Mönche wird indess dem Staate kein grosser Gewinn zufallen, da sie so eben ihre Kapitalien zur Erbauung einer neuen Kirche und eines neuen Klostergebäudes verwendet haben. Ungeachtet sie kein Fleisch essen, werden sie doch bei ihrer stillen, unthätigen Lebensweise, welche die Kräfte des Geistes fast gänzlich schlummern lässt, recht alt, und sind fast durchgehends wohlbeleibt. Unser Füh¬ Führer war über achtzig Jahr alt, und sah wenigstens zwanzig Jahr jünger aus. Auf seinem übrigens sehr gutmüthigen Gesichte, war die Leere des Gedächtnisses, die Ar¬ muth des Ideenvorraths, unverkennbar. Was ist nun besser: einige Runzeln mehr und einen durch Übung gebildeten, durch Erfah¬ rung und Thätigkeit bereicherten Geist zu Grabe zu nehmen, oder sorglos, ohne Lei¬ denschaften, ohne Geistesgenuss, in stiller Andacht hinzubrüten und zuletzt ganz sanft in seinem Fette zu ersticken? Wähle sich ein jeder, was ihm frommt; ich weiss, dass diese Existenz und dieses Ende keinen Reiz für den haben, der schon das bessere Loos der Menschen kannte: zu leiden, zu weinen, zu geniessen und zu freuen sich. I. Theil . H VI. Düsseldorf. H eute weideten wir uns drei Stunden lang an der hiesigen vortreflichen Galerie. Gern nahm ich der Gelegenheit wahr, sie zum fünftenmal in meinem Leben zu sehen, die Eindrücke von so manchem Denkmal des Kunstgenies und des Kunstfleisses aufzufri¬ schen, und vor allem an ein paar göttlichen Werken einer seelenvollen Phantasie, ein paar Lieblingsbildern, die stets gesehen, den¬ noch immer neu bleiben, und immer neuen Genuss gewähren, meine Augen und meinen Sinn zu erquicken. Du erwartest von mir weder eine Beschreibung noch ein Verzeich¬ niss von diesem unschätzbaren Vorrath erle¬ sener Meisterwerke. Weder ein trockner Katalog, eine mühsame Aufzählung aller ein¬ zelnen Stücke, mit den Namen der Meister, noch selbst die treueste wörtliche Beschrei¬ bung dieser Gegenstände, deren Werth bloss durch die Sinne empfunden werden kann, würde mich von dem Vorwurf der gemissbrauchten Geduld retten. Wo ist die Gemäldesammlung, von der man nicht nur vollständige, sondern sogar sogenannte raison¬ nirte Verzeichnisse hat, die mit Kunst¬ wörtern fleissig ausstaffiert, mit Lobeserhe¬ bungen und nachgebeteter Verehrung man¬ ches berühmten Künstlernamens angefüllt sind? Das Vergnügen, welches man bei dem Anblick eines Kunstwerkes empfindet, wird dadurch geschärft, dass man die aus der Geschichte und Mythologie entlehnten Sub¬ jekte schon kennt, und die Ausführung des Künstlers, seine Wahl des rechten Gefühl¬ ergreifenden Augenblicks, sein Studium der Natur in Zeichnung, Charakteristik, Stel¬ lung, Farbe, Beleuchtung und Kleidung der H 2 dargestellten Personen dagegen halten kann. Allein von allem, was während dieses An¬ schauens und Vergleichens in uns vorgeht, lässt sich dem Abwesenden mit Worten we¬ nig mittheilen, was seiner Einbildungskraft behülflich seyn könnte, sich ein ähnliches Phantom des Kunstgebildes zu entwerfen. Die reiche Phantasie hat hier den Vortheil vor der ärmeren, dass sie schon viele Bil¬ der in sich fasst, auf die man sich bezie¬ hen, mit denen man das Gesehene verglei¬ chen und solchergestalt sie in Stand setzen kann, sich eine lebhafte bildliche Vorstel¬ lung eines nie erblickten Gegenstandes zu vergegenwärtigen. Denn, was mein Auge unmittelbar vom Gegenstande empfing, das giebt keine Beschreibung dem Andern wie¬ der, der nichts hat, womit er mein Objekt vergleichen kann. Der Botaniker beschreibe Dir die Rose in den gemessensten Ausdrücken seiner Wissenschaft; er benenne alle ihre kleinsten Theile, bestimme deren verhältniss¬ mässige Grösse, Gestalt, Zusammenfügung, Substanz, Oberfläche, Farbenmischung; kurz, er liefere Dir eine so pünktlich genaue Be¬ schreibung, dass sie, mit dem Gegenstande selbst zusammengehalten, nichts zu wünschen übrig lässt: so wird es Dir, wenn Du noch keine Rose sahst, doch unmöglich seyn, ein Bild daraus zu schöpfen, das dem Urbild entspräche; auch wirst Du keinen Künstler finden, der es wagte, nach einer Beschrei¬ bung die nie gesehene Blume zu zeichnen. Ein Blick hingegen, eine einzige Berührung durch die Sinnesorgane; und das Bild ist auf immer seiner Phantasie unauslöschlich eingeprägt. Was ich hier sage, gilt in einem noch höheren Grade von Dingen, die man vergebens in Worte zu kleiden versucht. Das Leben ist ein Proteus, der sich tausendfältig H 3 verschieden in der Materie offenbart. Wer beschreibt das unnenbare Etwas, wodurch in demselben Auge, bald stärker, bald ge¬ dämpfter, das inwohnende geistige Wesen hervorstralt? Gleichwohl fassen wir mit den Sinnen diese zarten Schattirungen, und der Künstler selbst vermag ihr Gleichniss in sei¬ nen Werken darzustellen, sobald er sie scharf ergriffen, in seine Phantasie getragen hat. Ich möchte gern noch ein wenig länger umherschweifen, um desto eher zum Ziele zu kommen. Vergleichen, Aehnlichkeiten und Unterschiede bemerken, ist das Geschäft des Verstandes; schaffen kann nur die Ein¬ bildungskraft, und in dem Objektiven sich selbst geniessen nur jene reine, innere Em¬ pfänglichkeit des Herzens, die ich, in der höheren, eigentlichen Bedeutung des Wortes, den Sinn nenne. Wir geben uns das Maass unserer Kraft nicht selbst, mehren und min¬ dern es nicht, bestimmen nicht einmal die Art ihrer Aeusserung. Die Spontaneität un¬ seres Wesens, vermittelst deren wir empfin¬ den, ist die gemeinste; sie ist sogar eine thierische Eigenschaft, und beide, die Phan¬ tasie sowohl als der Verstand, setzen den Sinn voraus, ohne welchen sie leer und unwirksam blieben. Auch die Einbildungs¬ kraft hat man, wie mich dünkt mit Recht, den Thieren in gewissem Grade zuerkannt, und daher der Urtheilskraft einen wesent¬ lichen Vorzug vor ihr eingeräumt. Auf eine Rangstreitigkeit der Seelenkräfte wollen wir uns hier nicht einlassen, wenn man nur zugesteht, dass oft mit vieler Einsicht äusserst wenig Phantasie verbunden ist, hingegen die höchste, schöpferische Energie des Geistes, der metaphysische Bildungstrieb, wenn ich ihn so nennen darf, welcher neue Wesen hervorbringt, ohne Phantasie sich nicht den¬ ken lässt. H 4 Auf Verstand und Phantasie wirkt man aber weit öfter durch die Empfindung, als umgekehrt. Wenn wir zum eigenen Her¬ vorbringen zu kraftlos, zum Urtheilen und Vergleichen zu träge sind, dann geniessen wir noch durch die Berührung verschieden¬ artiger Gegenstände, die auch ohne unser deutliches Bewusstseyn ihre Grade der phy¬ sischen Uebereinstimmung oder des Missver¬ ständnisses mit uns haben, uns anziehen oder abstossen, angenehm oder widrig auf uns wirken. Mittelbar, durch die Sprache, kön¬ nen sogar diese Empfindungen von Herz zu Herz sich fortpflanzen; dies beweiset insbe¬ sondere der Reiz, den Romane, Gedichte und andere leichte, unterhaltende Schriften für den grössten Theil der Lesewelt haben, und die Erschütterung, welche die darin geschilderten Empfindungen so allgemein ver¬ ursachen. Diese Voraussetzungen scheinen mir auf die Kunst anwendbar; und meines Erachtens erreicht man besser seinen End¬ zweck, indem man wieder erzählt, was man bei einem Kunstwerke empfand und dachte, also, wie und was es bewirkte, als wenn man es ausführlich beschreibt . Bei einer noch so umständlichen Beschreibung bedarf man einer höchstgespannten Aufmerksamkeit, um allmälig, wie man weiter hört oder liest, die Phantasie in Thätigkeit zu ver¬ setzen, und ein Scheinbild formen zu las¬ sen, welches für den Sinn einiges Interesse hat. Ungern lässt sich die Phantasie zu die¬ sem Frohndienst herab; denn sie ist ge¬ wohnt, von innen heraus, nicht fremdem Machwerk nachzubilden. Asthetisches Ge¬ fühl ist die freie Triebfeder ihres Wirkens, und gerade dieses wird gegeben, wenn man, statt einer kalten Beschreibung eines Kunst¬ werks, die Schwingungen mitzutheilen und H 5 fortzupflanzen versucht, die sein Anblick im innern Sinn erregte. Durch diese Fortpflan¬ zung der Empfindungen ahnden wir dann, — nicht wie das Kunstwerk wirklich gestaltet war, — aber gleichwohl, wie reich oder arm es seyn musste, um diese oder jene Kräfte zu äussern; und im Augenblicke des Affekts dichten wir vielleicht eine Gestalt, der wir jene Wirkungen zutrauen, und in der wir nun die Schatten jener unmittel¬ baren Eindrücke nachempfinden. Hier wird man mir doch nicht den Einwurf machen, dass ein solches aus der Empfindung allein geschöpftes Bild dem Werke des Künstlers sehr unähnlich ausfallen könne? Ich würde diesen Mangel gern eingestehen, und mir nur die Frage erlauben: ob die Unähnlich¬ keit bei einer blossen Beschreibung nicht noch mehr zu befürchten sei? Die Gefahr zu geschweigen, dass in den meisten Fällen die Leser oder Zuhörer es wohl nicht der Mühe werth finden möchten, ihrer Einbildungs¬ kraft diese Arbeit zuzumuthen, wo das Ge¬ fühl sie nicht dazu begeisterte. Allein, was liegt denn auch daran, ob die Bilder, die wir uns selbst aus der blossen Kraft unseres Wesens schaffen müssen, einem Vorbilde genau entsprechen? Je nachdem unser Gei¬ stesreichthum uns mit freigebiger oder mit karger Hand von der Natur gespendet ward, müssen auch seine Ausströmungen an Man¬ nichfaltigkeit, Harmonie, Schönheit, Grösse und Adel verschieden seyn; und so oft es sich treffen mag, dass sie hinter dem, was grosse Künstler wirklich leisteten, weit zu¬ rückbleiben, sind doch auch die Fälle mög¬ lich, wo sie Meisterwerke überfliegen. Nicht immer sind die genievollsten, phantasiereich¬ sten Menschen im Darstellen geübt; und wer erinnert sich hier nicht an Lessings fei¬ ne Bemerkung in seiner Emilie , dass auf dem langen Wege vom Sitze der Phantasie bis zum Pinsel, oft so viel verloren geht? Wenn je ein Schluss a priori bindend ist, so bleibt es dieser: wo wir Seelenkräfte von seltener intensiver Stärke in einer göttlichen Harmonie vereint erblicken, da dürfen wir auf göttliche Ausgeburten sicher rechnen, sie mögen sich nun in materiellen Hüllen ver¬ körpern, oder reingeistig, wie ihr Urquell, von Auge zu Auge, von Seele zu Seele hin¬ überblitzen! Gewiss, von diesen Geheimnis¬ sen der Geisteswelt sinnbilderte ich nicht so gelehrt, wenn ich nicht auf den Stufen des Tempels stände, wo jene Erscheinungen auch dem Akoluthen schon sichtbar sind! Flamändische Maler haben den grössten Antheil an der Bildergalerie in Düsseldorf. Ich hoffe auf meinem Fluge durch Brabant und Flandern noch Denkmäler der Kunst anzutreffen, die mich mit ihnen aussöhnen sollen. Was ich hier nun schon so oft und mit einem so unbefangenen Sinn be¬ trachtete, was ich in Potsdam, Kassel, Dres¬ den, Wien und Manheim von Werken des niederländischen Pinsels sah, war fast durch¬ gehends von der Art, dass ich in dem vor¬ treflichen Handarbeiter den Dichter, in dem Bildner des Körperlichen den Seelenschöpfer vermisste. Denkt man sich den edlen Zweck der Kunst, die Ideen des Schönen, Erhabe¬ nen, Vollkommenen lebendig in uns her¬ vorzurufen, so geht man oft an den geprie¬ sensten Gemälden kalt und ungerührt vor¬ über, weil sie nichts von jener reinen, gei¬ stigen Phantasie verrathen, die das Gefühl in Anspruch nimmt. Freilich ist dies nicht die Stimmung, womit man eine Galerie von Gemälden besuchen sollte. Hier sind ein¬ zelne Verdienste schon hinreichende Empfeh¬ lungen, um einem Gemälde einen Platz zu verschaffen. Farbengebung, Beleuchtung, Gruppirung, kurz ein jeder Beweis von ei¬ ner gewissen Energie im Darstellen hat hier Ansprüche auf Beifall, ja sogar auf Bewun¬ derung. Ist es indess eine Sünde wider die Kunst, bei dieser Zerstückelung des Verdien¬ stes nichts zu empfinden, so will ich mich nur schuldig bekennen. In meinen Augen bleiben Götter, denen gerade das Göttliche, Helden, denen Geistesgrösse, Grazien, denen Anmuth fehlt, allemal verunglückte Werke des Künstlers, er bezeichne sie noch so ge¬ lehrt durch Attribute, zeige dabei Studium der Natur und Antike, und kolorire das Fleisch nach dem Leben. — Irre ich hier, so irre ich mit Horaz , wo er sagt: infelix operis summa, quia ponere totum nesciet . Verunglückt ist das Werk des Künstlers, der Zwar Alles , doch nichts Ganzes machen kann. Ich fordre von dem Kunstwerke, das mir gefallen soll, warlich keine absolute Voll¬ kommenheit; allein wesentliche Mängel oder Gebrechen darf es wenigstens nicht haben. Lass mich immer wieder auf meinen Lieb¬ lingssatz zurückkommen, der sich mit mei¬ nem ganzen Wesen so ganz identificirt: der Künstler, der nur für Bewunderung arbei¬ tete, ist kaum noch Bewunderung werth. War hingegen seine Seele so reich, sein Trieb zum Bilden so kräftig, dass jener Be¬ weggrund gänzlich wegfiel, oder wenigstens ihn nie in seiner Unbefangenheit störte, dass er nur im Gefühl seiner überschwänglichen Schöpferkraft malte; so ist mir nicht bange, dass seine Werke nicht Abdrücke seiner Selbst, mit allen Kennzeichen des Genius begabt seyn sollten. Auch hier giebt es in¬ dess noch Stufen und Schattirungen. Die erste Organisation des Künstlers, seine Er¬ ziehung und Ausbildung von der Wiege an, sein Zeitalter, sein Wirkungskreis und sein Wohnort, alles arbeitet mit vereinten Kräf¬ ten, eine eigenthümliche Stimmung in ihm hervorzubringen, auf eine bestimmte und beschränkte Art Ideenverbindungen in seine Seele zu legen und in seiner Phantasie herr¬ schend zu machen, die in der Folge auf den Zuschauer vielleicht eine ganz andere als die gewünschte Wirkung thun. Der Ka¬ non des Schönen, den keine Vorschrift mit¬ theilt, könnte vielleicht einem kühnen Geiste voll Künstlerfeuers fremd geblieben seyn. Die rohere, gemeine Natur um ihn her könnte ihn gehindert haben, seinen Blick bis zum Ideal zu erheben. Aberglaube, Fa¬ natismus, Geschmack des Jahrhunderts könn¬ ten ihn in der Wahl seiner Gegenstände missleitet haben, sogar ihn haben scheitern lassen an der gefährlichsten Klippe für die Kunst, Kunst, an dem Wunsche nämlich, mit dem Angenehmen das Nützliche als letzten Zweck zu verbinden, dieser fälschlich so genann¬ ten Sittlichkeit der Kunst, welche die Wahr¬ heit der Natur verläugnet, und, indem sie belehren will, hintergeht. Der herrlichste Bilderreichthum kann, solchen Begriffen un¬ tergeordnet, in Erstaunen setzen und Be¬ wunderung vom Zuschauer erzwingen, wenn eine hohe Darstellungsgabe damit verbunden ist; aber den Künstler, der so sich äussert, wird man in seinem Werke so wenig lieben können, als jene morgenländischen National¬ götter, deren Offenbarung nur Grausen und Entsetzen in den Gemüthern erweckte. Ich will ihn ja bewundern, diesen grossen Rubens , den Mann von unerschöpflichem Fleisse, von riesenhafter Phantasie und Dar¬ stellungskraft, den Ajax unter den Malern, dem man gegen viertausend bekannte Ge¬ I. Theil . I mälde zuschreibt, dessen Genie den Himmel und die Hölle, das letzte Gericht über die unzähligen Myriaden des wiedererstandenen Menschengeschlechts, die Seligkeit der From¬ men und die Pein der Verdammten in ein ungeheures Bild zu fassen und dem Auge sichtbar zu machen wagt! Gross nenne ich es allerdings, so etwas mit dem Pinsel in der Hand zu unternehmen, diesem Chaos von Gestalten, wie sie mannichfaltig ver¬ schlungen in der Phantasie des Künstlers ruhten, Daseyn auf der Leinwand zu geben, so umfassend in die heterogensten Gegen¬ stände die bindende Einheit zu bringen, und das Weltall mit wenigen Zügen zu erschöp¬ fen. Dessen ungeachtet wende ich meine Au¬ gen mit Schauder und Ekel hinweg von einer Darstellung, worin das Wahre, das der Na¬ tur so treulich Nachkopirte, nur dazu dient, ein Meisterstück in der Gattung des Ab¬ scheulichen zu vollenden. Unter allen Feh¬ lern, in die der Künstler verfallen kann, ist keiner so groß, so durch kein Verdienst abzukaufen, als der, wenn er die Gränzen seiner Kunst verkennt. Was der Dichter in Worten schildern, was er sogar mit den stärksten Ausdrücken bezeichnen kann, das darf der Maler nicht gleich auch in Umriss und Farbe fassen. Alle die Abstraktionen, die dem Schriftsteller so sehr zu statten kommen, sind für die bildende Kunst gänz¬ lich verloren. Mit einem Worte, mir einem konventionellen Zeichen ziehen wir in un¬ seren Kreis hinab, was gänzlich ausserhalb desselben lag; Allmacht, Ewigkeit, Unend¬ lichkeit, ja das Unbegreifliche selbst, wird uns durch diese Bezeichnung zum Begrif. Allein empört sich nicht unser ganzes Ge¬ fühl gegen eine willkührliche Versinnlichung solcher Worte? Die Einbildungskraft des I 2 hochberühmten Rubens hat sich indess viel¬ fältig auf diese Art beschäftigt. In der hie¬ sigen Galerie sind nicht weniger als fünf Gemälde damit angefüllt. Vom jüngsten Gericht ist sowohl eine kleine Skizze, als ein Stück in den grössten Dimensionen vor¬ handen. Auch die Hölle sieht man zweimal abgebildet, einmal nämlich den Sturz der Dämonen auf einem grösseren Blatt, und sodann die Verstossung der Verdammten, in einem kleineren Entwurf, erglühend von ver¬ zehrendem Feuer. Ein fünftes Stück stellt uns die Schaaren der Seligen vor Augen. Unter diesen Gemälden ist das grosse Bild vom jüngsten Gericht das ruhigste, wenn man die grössere Sorgfalt in der Anordnung mit diesem Ausdruck bezeichnen darf. Ver¬ glichen mit den übrigen, möchte man es kalt nennen; denn vermuthlich hatte sich die Künstlerwuth in ihren ersten Ergiessun¬ gen schon erschöpft. Ich will es vergessen, dass der Gegen¬ stand dieses Gemäldes offenbar ausserhalb der Sphäre des Malers liegt. Die sinnliche Vorstellung dessen, was allen Begrif über¬ steigt, kann nicht anders als verkleinerlich ausfallen. Wie mag es also der Künstler mit dem Zwecke seiner Kunst zusammen reimen, dass er Dinge abzubilden wagt, die in sei¬ nem Bilde nicht an Grösse und Erhabenheit gewinnen, sondern augenscheinlich verlieren? Doch dieser Fehler ist bei modernen Künst¬ lern so gewöhnlich, und so tief gewurzelt in der oft nicht von ihnen selbst abhangen¬ den Anwendung ihres Talents auf die Ge¬ heimnisse des Christenthums, dass Rubens darum nicht mehr zu tadeln scheint als Michel Angelo . Ich will es ebenfalls nur im Vorbeigehen berühren, dass schon gesell¬ schaftliche Verhältnisse dem Maler verbieten sollten, einen Gegenstand der allgemeinen I 3 Ehrfurcht durch eine Schilderung verächt¬ lich zu machen. Zwar weiß ich wohl, daß Tausende von Reisenden, denen dieses Bild schon wegen seiner Höhe von achtzehn Fuß, oder, wenn es hoch kommt, wegen der dar¬ auf vorgestellten erhabenen Wesen, Bewun¬ derung und Anbetung entlockt, sich nim¬ mermehr werden einfallen lassen, hier an eine kompromittirte Würde der Religion zu denken; so wenig, wie der Kapuziner in Spanien, der sein schmutziges Kruzifix, wor¬ an die Ueberreste unfläthiger Berührungen klebten, dem Reisenden zum Küssen darbot, sich träumen ließ, daß in einem solchen Zustande das Heiligste nur Ekel einflößen könne S. Baretti's Reise durch Spanien. . Aber was gehen uns die grob¬ sinnlichen Vorstellungen an, womit der ge¬ ringe, oder auch der höhere Pöbel, seine Glaubenslehren, noch mehr als durch ein unschickliches Bild geschehen kann, ernie¬ drigt und seine schreckliche Unwissenheit an den Tag legt? Doch hinweggesehen von allem, was diese strenge Kritik fordern kann, steht dem Kunst¬ werke noch eine andere Prüfung bevor. Es ist nicht genug, dass wir das jüngste Gericht in dem Gemälde wirklich wieder finden, wenn der Galerie-Inspektor uns zuvor be¬ lehrt hat, diesen unbegreiflichen Augenblick der Zukunft darin zu suchen. Der Künst¬ ler muss vielmehl so klar und deutlich er¬ zählen, dass wir auf den ersten Blick, was er darstellen will, sei es Geschichte oder Dichtung, in seinem Bilde wieder erkennen; oder aber, wenn dieses nicht der Fall ist, wenn er nur auf jene vorherbekannten Ge¬ genstände anspielen, ihre einzelnen Züge hingegen aus seiner eigenen Phantasie neu schöpfen will, so dürfen wir wenigstens I 4 zum Ersatze von ihm fordern, dass auch sein Gedicht ein schönes, edles Ganzes sei, des¬ sen Theile sich harmonisch zusammenfügen und sowohl im einzelnen als in der Ver¬ bindung mit einander diejenige Rührung im Gemüthe des Zuschauers hervorbringen, oh¬ ne welche es Jammer wäre, dass jemals Zeit und Kraft an irgend eine bildende Kunst verschwendet wurden. Ist dieses nun die Wirkung von Rubens grossem Meisterwerke? Noch nie, ich gesteh’ es Dir frei heraus, fand mein Auge darin einen Punkt, wo es hätte ruhen können. Nein! es war keine der Musen, die den Künstler zu solchen Ausgeburten begeisterte. An der dithyram¬ bischen Wuth, die durch das Ganze strömt, an diesen traubenähnlichen Gruppen von Menschen, die als ekelhaftes Gewürm in ein¬ ander verschlungen, eine verworrene Masse von Gliedern, und schaudernd schreib’ ich, was ich sehe — einen kannibalischen Fleischmarkt vorstellen, erkennt man die wilde, bacchantische Mänas, die alle Be¬ scheidenheit der Natur verläugnet, und voll ihres Gottes, den Harmonienschöpfer Or ¬ pheus zerreisst. — Ganz zu oberst, am Rande des Bildes, ragt ein Greis hervor, fast wie die Alten den Neptun zu bilden pflegten, mit zerweh¬ tem Haar und straubigem Bart. In seiner Linken hält er ein Kügelchen, nicht so gross wie sein Kopf; die Rechte ruht auf einer grossen hellen Wolke, die, von der Brust an, seinen ganzen Körper verdeckt. Man ist gewohnt, auf diese Art ein Wesen darzustellen, welches eine jede Abbildung von ihm selbst ganz unbedingt verboten hat, und in der That, wenn man sich einen Augenblick besinnt, auch schlechterdings nicht abgebildet werden kann . Ohne die I 5 Gewohnheit, die uns dergleichen Vorstellun¬ gen erträglich macht, würde es unmöglich seyn, in dieser kümmerlichen Menschenge¬ stalt die erste Person des unsichtbaren Got¬ tes, der ein unendlicher Geist ist, zu erken¬ nen. Doch wir wollen es mit dieser Figur so genau nicht nehmen; Rubens verräth seine Verlegenheit hinlänglich, indem er sie im Hintergrunde hält, in sich gekehrt, mit halbgeschlossenen Augen, an dem was unten vorgeht keinen Theil nehmen, und an allem was Grösse und Göttlichkeit bezeichnen könn¬ te, leer ausgehen lässt, vermuthlich, damit die Hauptfigur so reich als möglich erschei¬ nen möge. Tiefer hinabwärts sitzt auf den Wolken der Sohn Gottes. Über seinem Haupte schwebt die göttliche Taube, oder, wenn man darüber streiten wollte, wenig¬ stens gewiss ein Vogel; und eben so schweben auch, jedoch weder beseelt noch beflügelt, das Zepter und das flammende Schwert. Wenn man die grösste Anstrengung neuerer Künstler betrachtet, ist es unmöglich sich des Gedankens zu erwehren: wie arm und hülflos in Absicht des Erhabenen und Idea¬ lischen sie da stehen würden, wenn sie nicht die Griechen zu Vorgängern und Mustern gehabt hätten. Dieser Weltrichter, den Ru¬ bens in den furchtbaren Ernst einer stra¬ fenden und belohnenden Gottheit kleiden wollte, — was wäre der unter seinen Hän¬ den geworden, wenn uns keine Bildsäule eines Jupiters oder eines bärtigen Bacchus übrig geblieben wäre, deren Gesichtszüge und Stellung sogar er hier kopiren musste? Das Erborgte dieser Hauptfigur ist so auf¬ fallend, dass es mit der flammändischen Fei¬ stigkeit, die tiefer unten herrscht, einen seltsamen Kontrast bildet; allein, was sie noch widriger auszeichnet, ist der verfehlte Effekt in allen Details, wo der Künstler es sich erlaubte, von der Antike abzuweichen, um die Spur seiner Nachahmung zu ver¬ decken. Der theatralisch aufgehobene rechte Arm stört die ganze Harmonie dieser Figur, und raubt ihr alle Würde. Alles an ihr ist aufgeregt, ob sie gleich sitzend vorge¬ stellt wird; die linke Hand macht eine von sich stossende Bewegung, der linke Fuss schreitet vor, der rechte ist unterwärts zu¬ rückgezogen, der Kopf rechts hingewandt, und das Kleid schwillt hoch auf vom Winde, sowohl über der linken Schulter als hinter dem Rücken. Diese leidenschaftliche Stel¬ lung giebt einen unauslöschlichen Ausdruck von Schwäche; sie hat nichts von der er¬ habenen, gleichmüthigen Ruhe der Gerech¬ tigkeit und ein ehrbarer sterblicher Richter auf einem irdischen Stuhle würde sich ihrer schämen. Ich begreife wohl, dass Rubens durch diese Bewegung Aufmerksamkeit er¬ regen, Handlung andeuten, Eindruck machen wollte; allein eben darin liegt das Versehen, dass er dies alles durch Geberdenspiel er¬ zwingen wollte. Er verwechselt also Seelen¬ ausdruck mit Leidenschaft; anstatt uns beim Gefühl zu fassen, deklamirt er uns vor. Dieser Fehler ist der flammändischen Schule eigen; das blos Physische fesselt sie zu sehr, füllt so ganz ihre Einbildungskraft, dass ihr keine Hermeneutik der inneren Geisteskräfte möglich ist; grobe Pathognomik sieht man zwar bei diesen Künstlern; Leidenschaft, oder auch sinnliches Gefühl können sie schil¬ dern: aber Seelengrösse, Erhabenheit, Ge¬ dankenfülle, gehaltene Kraft, Zartheit des unterscheidenden Sinnes, kurz alles was den Menschen adelt, ist bei ihnen das Werk des Zufalls oder einer höchstseltenen Aus¬ nahme. Auf demselben Wolkengewölbe mit dem Erlöser, aber in einiger Entfernung hinter ihm, stehen ihm zur Rechten Maria mit Pe¬ trus und Johannes , zur Linken Moses mit den Stammeltern des Menschengeschlechts; im Hintergrunde zu beiden Seiten verlieren sich die Heiligen in grosser Anzahl, und über ihren Häuptern kommen viele Engelsköpf¬ chen zwischen den Wolken hervor. Die bittende Stellung Mariens verhindert nicht, dass mitten unter so vielen stehenden Fi¬ guren der sitzende Christus weniger als er sollte in die Augen fällt. Auch die Grup¬ pen im Vordergrunde scheinen ihm etwas von seiner Grösse zu rauben, so richtig übri¬ gens die Perspektive beobachtet seyn mag. Es ist sehr viel Talent und Geschicklichkeit in der Anordnung jener oberen, wie der unteren Gruppen; ihre Massen sind schön und verrathen den geübten Künstler. Hier ist indess von Erfindung und von Dichtung die Rede; ich vermisse den kühnen Schwung der Phantasie, der diese müssigen Figuren mit Individualität begaben soll, dass man sie nicht bloss an ihren Attributen, wie den Petrus an seinen Schlüsseln, den Paulus am Schwert, den Moses an den Hörnern und den Gesetztafeln, erkenne. Mitleid und Neu¬ gierde malen sich jedoch in vielen Köpfen. Petrus, Johannes und Moses scheinen über den richterlichen Zorn zu verstummen, der an einer weiblichen Figur im Hintergrunde sogar den vollen Ausdruck des Schreckens, mit zurückgezogenem Kopf und vorgespreiz¬ ter Hand, zuwege bringt. Jetzt kommen wir dem eigentlichen Schau¬ platz, dessen Gewühl auch die Himmlischen beschäftigt, etwas näher. Zwei sehr weit von einander entfernte Zeitpunkte, der Auf¬ erstehung nämlich und des Gerichts, hat der Künstler hier vereinigt und in einen Augen¬ blick zusammengerückt. Aus dieser poeti¬ schen Freiheit, die ich übrigens nicht ta¬ deln will, sind bei ihm die wesentlichsten Fehler seiner Composition entstanden. Ganz unten auf dem Vordergrunde steigen meh¬ rere Figuren unter einem schweren, halb¬ aufgehobenen Grabstein hervor, und wie die Gerippe ihren Ruheplatz verlassen, umhüllet sie ein neuer Körper. Ein solches Gerippe sieht man noch zwischen den umherliegen¬ den Erwachenden im Dunkel der Grabes¬ höhle. In einander geschlungen und gewun¬ den, reicht eine Gruppe dieser Auferstande¬ nen von der Erde bis zum Wolkengewölbe, das den Thron des göttlichen Richters bil¬ det. Auf Wolken, die bis zur Erde her¬ absteigen, steht oder schleppt sich diese schwere Masse, mit Hülfe einiger Engel, die da und dort einem unter die Arme greifen, zum zum Himmel hinan. Links hingegen stürzt eine eben so hoch aufgethürmte Menschen¬ masse, von Michaels Blitzen verfolgt und von andern Engeln gewaltsam niedergedrückt, aus dem Himmel in den Abgrund hinab, wo ein gähnendes Ungeheuer mit offenem Rachen ihrer wartet. Ägipanische Gestalten mischen sich unter die Stürzenden, und ziehen, als ständen sie im Bunde mit den Engeln, ihre Beute mit sich hinunter, reiten auf den Hofnungslosen, und umschlingen sie mit ge¬ waltigen Armen. Der Kontrast zwischen beiden Gruppen ist unstreitig das Meister¬ hafteste in diesem ganzen Bilde. Die Seli¬ gen drängen sich in regellosem Streben dicht zusammen, verschränken sich unter einander und mit den Engeln, und bilden eine Py¬ ramide von Köpfen; nur die vordersten Fi¬ guren sieht man ganz bis auf die Zehen, und die unterste, ein Weib, (wie man sagt I. Theil . K Rubens zweite Gattin,) sitzt noch halb be¬ täubt, mit auf der Brust gekreuzten Armen, und blickt nach dem Grabe, aus dem sie eben erst hervorgegangen ist. Die Verdamm¬ ten hingegen fallen in der schrecklichsten Ver¬ wirrung und Unordnung; viele strecken die Beine hoch in die Luft, und ihre Glieder durchkreuzen sich nach allen Richtungen. Wer nie ein anderes Werk dieses Künstlers gesehen hätte, würde ihm hier auf den ersten Blick das Zeugniß geben müssen, daß er es wohl verstand, den menschlichen Körper unter allen Gesichtspunkten, in allen erdenk¬ lichen Stellungen und Biegungen, natürlich angestrengt oder gewaltsam verzerrt, und immer neu und unerschöpflich an Gestalten darzustellen. Auch das ist viel geleistet, wenn man bedenkt, wie es mit der Kunst der Neuern überhaupt bestellt ist; die we¬ nigsten Maler haben es auch nur so weit gebracht. Allein was hätte nicht ein Künst¬ ler aus eben diesem Gegenstande geschaffen, ein Künstler mit empfänglicher Seele, mit dichterischer Phantasie und zartem Schön¬ heitssinne! Nicht zu gedenken, dass die herabstürzende Gruppe gegen alle Wahr¬ scheinlichkeit sündigt, indem sie früher im Himmel angelangt seyn musste, als selbst die auserwählte Schaar, um schon verstossen zu werden, ehe diese noch auf dem Wol¬ kengewölbe ausgestiegen ist; so bringt doch die Vereinigung der Auferstehung und des Gerichtes die Unbequemlichkeit mit sich, dass die Seligen eine zwar an sich sehr schöne, hier aber ganz unnatürliche Pyrami¬ dalgruppe bilden müssen, welche schon darum verwerflich ist, weil sie allen individuellen Ausdruck schwächt und die schönen Epi¬ soden, die sich hier dem Künstler wie dem Dichter darbieten, unmöglich macht. Durch K 2 das Aneinanderhangen der Gestalten erhält die ganze Masse eine so überwiegende Schwere, dass selbst das blödeste Auge sich mit der Möglichkeit, diese Menschen je auf Wolken wandeln zu sehen, nicht täuschen lässt. Nimmt man hinzu, dass Rubens hier, wie in allen seinen Gemälden, die menschliche Form so materiell und fleischigt als möglich vorstellt, so steigt die Unwahrscheinlichkeit bis auf den höchsten Punkt. Doch es sei darum! den Auferstandenen ist es zu ver¬ zeihen, wenn sie in dem ersten schlaftrun¬ kenen Augenblicke des Erwachens gerade so sich zusammendrängen, und sich selbst das Emporsteigen erschweren; keinesweges aber dem Künstler, der keinen besseren Augen¬ blick wählte, oder diesen sich nicht interes¬ santer dachte. In diesem ganzen Keil von Menschen ist nur Eine Begierde, nur Ein Drängen und Streben hinauf zu gelangen. Vergebens sucht man hier, was diese sonst nur grausenvolle Scene des Gerichts dem Herzen eines Menschen näher zu bringen im Stande wäre; hier ist weder die Freude des Wiedererkennens, noch der Ausdruck der göttlichen Liebe, noch irgend eine rüh¬ rende Beziehung zu sehen, welche die Stei¬ genden und Fallenden anders, als durch die Nebeneinanderstellung verbände; nichts, mit Einem Worte, von allen jenen Meisterzügen, womit Klopstock sein erhabenes Gemälde von der Auferstehung im Messias schmückt. Es kann warlich, einem jeden Zuschauer gleichgültig seyn, ob die Figuren, die der Maler hier aufsteigen lässt, wirklich in dem Himmel ankommen oder nicht; es kann sich niemand gereizt fühlen, ihnen nachzu¬ steigen, sich in ihre Haufen zu drängen, und Seligkeiten, die solchen groben Geschöp¬ fen geniessbar sind, mit ihnen zu theilen. K 3 Unter ihnen giebt es keinen Verklärten, den man liebgewinnen, an dem man mit Be¬ wunderung oder mit Zärtlichkeit hangen, auf dessen Wiedersehen man sich freuen; keinen Verdammten, dem man das Maass seines Verbrechens und die Gerechtigkeit des Urtheils an der Stirne lesen, und dessen Fall man dennoch beweinen könnte! Ich finde zwar, indem ich mühsam mich durch das Gewimmel der Ringenden hindurch wüh¬ le, einen schönen Engelskopf; aber dass er nur schön, und dass es nur Einer ist: ge¬ rade das erschöpft alle Strenge des Tadels. Von dem ganz misslungenen Michael mag ich nichts sagen, und eben so wenig von seinen Begleitern, die zur Unzeit in die Po¬ saune stossen, da eben der Richter des Welt¬ gerichts das Urtheil spricht. Mehr wusste also Rubens aus diesem grossen Entwurfe, den die Apokalypse selbst im erhabensten Styl der bilderreichen, orientalischen Dich¬ tung behandelt, nicht hervorzuzaubern? Nur diese Vorstellungen weckte der Riesengang der Phantasie Johannis in ihm? Höher trug ihn der Fittig des Genius nicht, wenn er das grösste Schauspiel sich dachte, das Men¬ schen und Göttern je gegeben werden kann? Den Augenblick, wo die ganze Schöpfung sich zusammendrängt, sich neu organisirt, sich verwandelt, wo das Reich des Mögli¬ chen seine Schätze aufthut und die Phantasie in ihrem Überflusse schwelgen lässt, wo Jahr¬ tausende mit ihren Begebenheiten und ihrer grossen Verkettung von Ursachen und Wir¬ kungen sich neben einander stellen, wo das Verborgene offenbar, das Verlarvte in seiner Blösse, das grosse Verkannte in göttlichem Glanz erscheint, — den Augenblick bezeich¬ net ihm nichts, als diese zwey bedeutungs¬ leeren, an aller Individualität verarmten Men¬ K 4 schenhaufen? Sind die Schranken der Kunst hier wirklich zu enge, oder zogen sie sich nur für das Genie eines Rubens innerhalb ihres möglichen Umfanges in einen so engen Kreis zusammen? Wenn ich vorhin die treue Nachfolge der Natur, welche Rubens in den Stellun¬ gen beobachtet hat, mit einigem Lobe er¬ wähnte, so sollte sich dieser Beifall doch nicht auf die Richtigkeit der Zeichnung er¬ strecken. In dem, was er malte, sieht das Auge, welches der Zergliederer bemerken ge¬ lehrt hat, eine vernachlässigte Kenntniss der bestimmteren Gestalt der Theile, und eine unrichtige Manier sie anzudeuten. Das Feuer des Bildners entschuldigt keinesweges diese Unrichtigkeit; denn wahre Künstlergrösse fin¬ det man nur da, wo die wirkenden Kräfte zusammengehalten, zweckmässig aufgespart, nicht bloss in flüchtigen Explosionen eines Augenblicks verschwendet wurden. Wie die Natur mit immer gleicher, nie erschöpfter Energie ohne Unterlass neue Bildungen von sich ausströmen lässt und gleichwohl mit be¬ wundernswürdiger Geduld alles, bis auf die kleinsten Theilchen, nach ihren ursprüngli¬ chen Modellen langsam und getreulich aus¬ arbeitet: so muss ihr Nachahmer ebenfalls dem wilden Drange, der ihn reizt die Ge¬ bilde seiner Phantasie im Materiellen darzu¬ stellen, einen starken Zügel anlegen können, damit sein warmes Brüten nur edle, voll¬ kommene Früchte reifen möge. So wusste Raphael , der grösste Mensch der je den Pinsel führte, seinem Genius zu gebieten, indem er es nicht für kleinfügig hielt, zu jeder seiner Figuren eine Skizze zu entwer¬ fen, deren Verhältnisse er mit dem Zirkel mass. Daher kommt es denn auch, dass die Arroganz der jungen Zeichner, die auf K 5 den ersten Blick an seinen Figuren nichts besonders sehen, bei dem ersten Versuche sie zu kopiren, zu Schanden wird. Diese Umrisse des Flammändischen Pinsels hinge¬ gen mag man leicht in der Kopie verfeh¬ len, ohne befürchten zu müssen, dass Miss¬ gestalt die Unähnlichkeit verrathe. Schönheit ist also nicht in Formen von Rubens zu suchen; denn sie ist die Toch¬ ter des Ebenmasses. Wären aber seine Fi¬ guren auch richtig gezeichnet, so würde doch schon allein ihre flämische Feistigkeit den Begrif des Schönen verscheuchen. Dies ist bei ihm, wie es scheint, ein verderbter Ge¬ schmack, weil Italien ihn mit schöneren Formen vertraut machen konnte. Ich habe seine Fleischmassen als natürlich rühmen ge¬ hört; allein ich finde sie unaussprechlich ekelhaft. Das hangende, erschlaffte, lappige Fleisch, die Plumpheit aller Umrisse und Gliedmassen, der gänzliche Mange von al¬ lem, was auf Anmuth oder Reize nur An¬ spruch machen darf — ich kann nicht sa¬ gen, wie mich das unwillkührlich zwingt, die Augen wegzuwenden, um einem widri¬ gen Eindrucke zu entgehen. Unter zehn Bewunderern von Rubens , würden kaum zwei oder drei den Anblick solcher Men¬ schen, wie er sie hier malte, in der Natur ohne Widerwillen ertragen. Warum dulden sie aber, oder bewundern wohl gar im Bilde, was lebend sie anekeln würde? Weil der Pinsel das allzuscheussliche verwischt; weil den meisten Menschen nur an der Nachah¬ mung liegt, gleichviel was ihr Gegenstand sei; endlich weil wir den Schönheitssinn und den Geschmack zu den seltensten Göt¬ tergaben zählen müssen. Wenn aber Rubens in den Umrissen und in der Darstellung des Schönen fehlte, bleibt ihm nicht wenigstens die Magie seines Ko¬ lorits, die seit mehr als hundert Jahren so oft gepriesen ward und noch in voller Kraft besteht? «Dieses Fleisch, wird der Kenner sagen, ist wahres blutreiches Fleisch; diese zarte, sammetweiche Haut glaubt man an¬ fühlen zu müssen; diese Lippen glühen mit lebendigem Purpur; überall sieht man deut¬ lich, daß die Wirkung der Farben und des Aussehens verschiedener Oberflächen dem Gedächtnisse dieses großen Künstlers tief eingeprägt worden ist, und daß er auch die Kunst besessen hat, beides mit Wahr¬ heit darzustellen.» Ich wünsche immer, wenn ich diese Lobsprüche mit anhören muß, daß gleich ein gutes lebendiges Modell zur Hand wäre, welches man entkleiden und neben ein Bild von Rubens hinstellen könnte. Man würde dann gar bald gewahr werden, daß jener Zauber, der so mächtig wirkt, noch um vieles von der wahren Farbe der Natur abweicht, und vielmehr in einer eigenthümlichen Art der Behandlung, als in einer getreuen Auffassung des Wirk¬ lichvorhandenen liegt. Ich tadle es indess nicht, dass Rubens so gern auch hier seine Karnationen durch stark aufgelegten Zinno¬ ber erhöhet, und mit durchschimmerndem Blau und mit gelben Wiederscheinen fast zu verschwendrisch umgeht. An dem Platze, für den er dieses Gemälde bestimmte, wür¬ de man vermuthlich diese Farben so her¬ vorspringend nicht gefunden haben, als hier, wo sie dem Auge zu nahe gerückt sind. Man müsste die Jesuiterkirche zu Neuburg, wo dieses grosse Gemälde zuerst aufgestellt wurde, zuvor gesehen haben um urtheilen zu können, wiefern diese Rechtfertigung des Künstlers statthaft sei oder nicht. Dass in¬ dess kein Flammänder je das Kolorit von Ru¬ bens übertroffen habe, wenn es nicht zu¬ weilen seinem Schüler van Dyk geglükt ist, bleibt seinem Ruhme unbenommen. Auch die Kunst der Beleuchtungen war sein; Licht und Schatten, zwar nicht der wesentlichste Vorzug dieses Stücks, sind gleichwohl mit grosser Geschicklichkeit darin ausgetheilt, und thun die vortreflichste Wirkung. Wenn Kunstverständige einen Maler prei¬ sen wollen, pflegen sie auch noch sein Mach¬ werk (fai r e) herauszustreichen; und in die¬ sem Betrachte hat Rubens in der That vor vielen andern einen entschiedenen Vorzug. Er wusste seinen Pinsel leicht und kühn zu führen, er kannte seine Palette und den Effekt ihrer Farben, er vertrieb diese zart und meisterhaft unter einander, gab ihnen Haltung und besass eine grosse Übung im Vertheilen und Abstufen der Lichtmassen und des helleren oder tieferen Dunkels. Die¬ ses Verdienst gehört in Eine Klasse mit der Fertigkeit eines Tonkünstlers, die Noten frisch und rein vom Blatte wegzuspielen, oder mit dem eben so mechanischen und eben so be¬ wunderten Talent, auf einigen Instrumenten die Schwierigkeiten der Ausführung zu über¬ winden und eine seltene Beweglichkeit der Finger sehen zu lassen. Allein wenn ich auch der Handarbeit unseres Rubens ihren ganzen Werth zuerkenne, wenn ich ihn fer¬ ner in seiner Anordnung und Gruppirung, im Reichthum seiner Gestalten, in der Far¬ bengebung, im Faltenwurf der Kleidungen, in dem Feuer seines Geistes, womit er durcheinander stürzende Figuren zur Einheit zurückzuführen weiss — wenn ich in diesem allem ihn bewundern kann: wie hoch wird denn sein Ruhm sich schätzen lassen, da wir überall, wo es auf ein nicht zu berech¬ nendes Gefühl, auf innere Beweglichkeit und Empfänglichkeit, auf eine gebildete Sonde¬ rungs- und Umformungsgabe ankommt, wo von Erfindung und Wahl des Gegenstandes, dichterischer Ausführung aller einzelnen Be¬ standtheile des Gemäldes, und Idealisirung der Gestalten die Rede ist, von seinen Ver¬ diensten schweigen oder seiner Arbeit unseren Beifall versagen müssen? Ein Meisterwerk gedachte der Künstler hinzustellen, das seinem fürstlichen Freunde die Dankbarkeit für ein gerettetes Leben ausdrücken sollte, ein Meisterwerk, das die Krone seiner Werke genannt zu werden ver¬ diente — und sein ernster Sinn wählte sich das Weltgericht? Durch die Erhabenheit des Gegenstandes wollte er gleich auf den ersten Blick so den Trotz des tadelsüchtigen Kenners niederwerfen, wie er die Flamme des frommen Gefühls im grossen Haufen anzünden wollte — und er schilderte die Gott¬ Gottheit in Gestalt eines abgelebten Greises, den Richter des Weltalls schwach in seiner Uebermacht, wie einen gemeinen Tyrannen? Der Himmel und die Hölle sollten neben einander stehen in seinem Bilde, zwischen ihnen das Menschengeschlecht, schrecklich verurtheilt zur Seligkeit oder Verdammniss — und ich sehe einen Raum, der höchstens fünf oder sechs Menschenlängen übereinan¬ der fassen kann, mit einem an der Erde hinschwebenden Nebel gefüllt, auf welchem einige Figuren müssig stehen, andere in ge¬ drängtem, schwerfälligem Phalanx hinauf¬ steigen, andere wildverschränkt mit stygi¬ schen Mächten zusammenstürzen über ein scheussliches Drachenhaupt? Ordnung und Einheit sollten unsere Blicke fesseln — und es ist die Einheit, die Ordnung des Chaos? Wen diese Erfordernisse unbefriedigt liessen, der sollte noch der Schönheit huldigen; ein I. Theil . L Umriss, der Natur wie mit List entwendet, konnte den entzücken; ihn gewann ein Far¬ benzauber, der das zarte Gebilde des mensch¬ lichen Körpers vom Lebensgeist durchathmet, bis zur Täuschung darzustellen vermag — und sind nun diese flämischen Dirnen schön? sind diese Umrisse richtig und gefällig? sind diese Karnationen bei aller ihrer Frische nicht Manier? Doch es ist nicht das erstemal, dass ge¬ rade dann, wenn grosse Künstler mit Vorsatz alle ihre Kräfte aufboten, das erzwungene Werk ihrem Geiste misslang. Auch die Em¬ pfängnisse der Phantasie sind unbedingte Ga¬ ben eines göttlichen Augenblicks. VII. Düsseldorf. I ch hatte Dir gestern noch viel zu sagen von diesen Schätzen der Kunst, die ich an¬ zuschauen nicht ermüde; aber die Bemer¬ kungen über das jüngste Gericht von Ru¬ bens versetzten mich allmälig in die Stim¬ mung, die er seinem Weltrichter gegeben hat, und in diesem kritischen Humor möch¬ te ich Raphaeln selbst nicht für Tadel ste¬ hen. Heute ist der Morgen so heiter, die Frühlingssonne scheint so allbelebend, die Luft ist so rein bei ihrer Kühle, daß man froh ist zu leben und dem verschiedenartig¬ sten Leben Daseyn und Genuß des Daseyns gönnt. Friede sei mit allem, was da ist, Friede mit jedem Geiste, sein Wirken und Gebilde sei dem meinen so fremd wie es wolle! Ich fühle mich verjüngt aus den L 2 Armen des Schlafs erstanden; alles in der Natur lacht mich an; alles ist unzertrenn¬ lich von allem; der blaue Bogen über mir, die hellleuchtende Sonne, und Berg und Flur, Fels und Wald, Pflanzen und Thiere, der Mensch und seine Kunst, alles ist Theil eines grossen nicht zu umfassenden Ganzen! Millionen Menschen empfingen den Fun¬ ken der Vernunft, und fachten ihn an zur grösseren oder kleineren Flamme; Millio¬ nen empfanden, dachten und wirkten, jeder auf seine ihm eigene Weise; die Früchte ihres Fleisses, ihres Nachdenkens, ihres bil¬ denden Triebes erfüllen die Erde, und den¬ noch sind die Verhältnisse der Dinge unter einander nicht erschöpft, und keine Macht bestimmt ihnen Gränze oder Zahl. Wir stehen da und schöpfen aus dem unermess¬ lichen Meere die mannichfaltigen Gestalten. Je mehr wir aufnehmen können, desto schö¬ ner und reicher ordnet sich in uns, wie im Spiegel, das Bild des göttlichen All. Von Einem Lichte wird alles umflossen, alles schimmert meinem Aug’ entgegen, alles drängt mir sein Daseyn auf; eine Welt von unend¬ lichen kleinen Stäubchen sogar, tanzt sicht¬ barlich in diesem Sonnenstral, der zwischen den Vorhängen hindurch auf mein Papier gleitet, und behauptet ihren Platz in mei¬ nen Sehenerven wie in meinem Gedächtnisse. Willkommen, willkommen mir, heiliges Licht der Sonne, das allem, was da ist, gleiches Recht ertheilt! Wie ganz anders geordnet sind die Empfindungen und Gedanken des sonnenhellen Morgens, als die gestrigen beim nächtlichen Lampenschein, der ein grelles Licht auf eine Stelle warf und rings umher die Finsterniss herrschen liess! Was von Eindrücken der Anblick der hiesigen Gemäldegalerie in meinem Gemüthe L 3 zurückgelassen hat, wollen wir jetzt in dieser Klarheit beschauen; viel werden wir bewun¬ dern, manches tadeln und einiges lieben müssen. Auch hier aber, wie im ganzen Leben, können wir uns nicht alles aneignen; es ist eine Oekonomie der Zeit und des Gedächtnisses nöthig, um nur das Wesent¬ liche, uns Angemessene aufzufassen; glück¬ lich, wenn die Wahl so ausfällt, dass die Bilder, die wir in uns aufbewahren, Ab¬ drücke interessanter Geisteskräfte sind und manche andere entbehrlich machen. Rubens kann in seiner Darstellung des jüngsten Gerichts vielfältig gefehlt haben, ohne deshalb den Ruhm eines grossen Künst¬ lers einzubüssen. Seine Werke füllen hier einen ganzen ihm allein gewidmeten Saal; sie bestehen in mehr als vierzig grossen und kleinen Gemälden. Ein kleines Stück, wel¬ ches die Niederlage der Amazonen am Ther¬ modon vorstellt, gab dem Kuhrfürsten Jo¬ hann Wilhelm die Veranlassung, seine grosse Sammlung von Gemälden anzulegen. Rubens ist hier in seinem Elemente. Die besiegten Kämpferinnen stürzen samt ihren Rossen von der Brücke in den Fluss; in mancherlei Stellungen hingeschleudert, schwimmend, fal¬ lend, sich sträubend, erblickt man den weib¬ lichen Körper von der wilden Phantasie des Künstlers ergriffen. So unwahrscheinlich es immer ist, dass Weiberwuth zu diesem Grade gestiegen sei; so schön ist doch der Stoff für den Maler, der dieses Feuer in sich fühlte, die Extreme der Leidenschaft und die heftigste Handlung darzustellen. Von den beiden darüber hangenden Skizzen, der Bekehrung des Apostels Paulus und der Vernichtung der Heerschaaren Sennacheribs, möchte ich das nicht so unbedingt be¬ haupten. L 4 Bewundernswürdig war und bleibt Rubens im Porträt! Er fasste so wahr und so glück¬ lich zugleich! Nur ist es mir räthselhaft, dass ein Künstler, der so tief in andere We¬ sen sich hineinschmiegen und ihr Innerstes so zu sagen herausholen konnte, in seine eigenen Schöpfungen nicht mehr hinübertrug. Unter so vielen hundert Köpfen, die er in seinem Leben nach der Natur gemalt haben mag, hätten sich doch wohl die Urbilder zu allen Charakteren seiner historischen Ge¬ mälde mit Hülfe einiger Idealisirung leicht gefunden; und solche der Natur nachgebil¬ dete Formen hätten auf jeden Fall seine unbestimmten, von Individualität entblössten Gesichter weit übertroffen. Hier ist das Bildniss eines Mönchs; der graue Rock scheint nur eine Verkleidung zu seyn, so wenig passt er zu dem gebildeten Geiste, der aus diesen Zügen hervorstralt. So ein Gesicht, mit diesem Ausdruck des eingeärndteten Ideen¬ reichthums, mit dieser Milde, welche nur Erfahrung und Weltkenntniß geben, mit die¬ ser Ruhe, die aus einer richtigen Schätzung der Dinge und ihres unaufhaltsamen Laufs entspringt — warlich, das würde man unter tausend Mönchsgestalten ohne Mühe wieder erkennen. Wie der hagere Mann einst den Erdball in der Hand wägte, damit spielte, und doch zuletzt wohl inne ward, der Ball sei mehr als Spielzeug, wenn er’s nur er¬ gründen könne; so wägt er jetzt den Men¬ schenschedel, ihm und aller Menschenweis¬ heit nicht minder unbegreiflich! Es ist kein Traum, den ich da träume; dieser Francis¬ kaner-General, so wie Rubens ihn malte, war zu seiner Zeit im Kabinet allmächtig. Maria von Medicis , bereits in guten Jahren, ist hier noch schön, aber so stolz, so tief¬ verschlossen, so gewandt in allen Künsten L 5 der Verwirrung! Ich weile jedoch lieber bei dem eigenen Bildnisse des Malers und seiner ersten Gattin. Es ist eine überströ¬ mende Geistesfülle in seinem Kopf, und sein ganzes Wesen, sein Anstand, seine Kleidung verrathen die höchste Eleganz. Wenn Rubens so ausgesehen hat — und dieses Bild trägt alle Kennzeichen an sich, dass es treu dem Leben nachgebildet worden ist, — so war der Mensch an ihm bei weitem das Edelste, Grösste und Beste; keines seiner Werke giebt einen halb so erhabenen Begrif von ihm, als diese Nachahmung seiner eigenen Züge. Der schöne, kraftvolle Mann sitzt da in der Blüthe des männlichen Alters. Die tiefliegenden Augen sprühen Feuer hervor unter dem Schatten der dunklen Augen¬ brauen; auf seiner Stirne liest man den Reichthum, und ich möchte fast sagen, auch das Ungezähmte seiner Phantasie. Seine Seele ist auf einer Bilderjagd ausser dem Bezirke des Gemäldes begriffen. Das hübsche Weib ruht zu seinen Füssen, ihre Rechte in seiner Rechten, und diese Hände sind von vor¬ züglicher Schönheit. Wahr und treu ist auch ihr Kopf; allein die ungebildete Frau konnte den grösseren Menschen nicht fassen, der zugleich Künstler und Staatsmann war, bald an Philipp’s des Dritten Hofe, bald als sein Abgeordneter bei Karln dem Ersten von England seine Rollen spielte; der Mann, der nach den Mitteln seines Zeitalters vortref¬ lich erzogen war, die Feder beinahe so gut, wie den Pinsel führte, um dessen Freund¬ schaft Fürsten warben, und den Wolfgang Wilhelm , Herzog von Neuburg, in seinem eigenen Wagen rettete, als man ihm in Ma¬ drid nach dem Leben stand. Was mag er wohl ersinnen in dieser traulichen Verschränkung, auf dem ländli¬ chen Sitz am Gemäuer, wo sich das üppige Geisblatt mit duftenden Blüthen empor¬ schlängelt und über seinem Haupte leichte Schatten webt? Etwa jenes liebliche Ge¬ dicht, wo sieben Amoretten sich hineinflech¬ ten in einen Kranz von Blumen und Früch¬ ten? Mit welcher Fülle, mit welcher Kraft sind diese Formen aus der Anschauung ge¬ griffen! Welches Leben regt sich in ihren Gliedern! Wie gaukeln die gesunden Buben so froh in vollem Treiben ihrer neuerprob¬ ten Muskelkraft! Des schönsten Genusses Kinder, als Zeit und Sinne schwanden; Da¬ seyn ihre ganze Bestimmung, Zweck und Mittel zugleich; und auch ihnen gelten Zeit und Zukunft noch nichts! Hieher den Blick, ihr Weisen, und sagt uns, ob es eine andere Wonne gebe, als das schöne Leben zu sehen, und zu fühlen: es ist! Die reine, treue Darstellung des Leben¬ digen und Natürlichen würde diese gefällige Wirkung auf die Empfindung des Zuschauers nie verfehlen, wenn es nicht in der Natur selbst Gegenstände gäbe, deren erster und mächtigster Eindruck unsern Selbsterhaltungs¬ trieb aufregt, und Abneigung, Widerwillen, Abscheu oder Furcht und Schrecken zuwege bringt. Der Anblick alles Missgestalteten, Unzweckmässigen, Schädlichen in der Natur, des Gewaltthätigen und Zerstörenden, des körperlichen Schmerzes, heftiger Krämpfe, ekelhafter Zerfleischungen, kranker oder auch leidenschaftlicher Entstellung, dies alles er¬ schüttert zuerst unser Nervensystem mit dem Gefühle der eigenen Verletzbarkeit, welches zur Erhaltung eines endlichen Daseyns wir¬ ken muss. Ist es daher nicht sonderdar, dass so viele Künstler, und unter diesen manche der berühmtesten, gerade diese Ge¬ genstände zur Nachahmung wählten, um durch sie recht kräftig erschüttern zu kön¬ nen? Rubens selbst scheint sich in solchen Darstellungen mehr als in allen andern zu gefallen. Von jenen wilden Compositionen, wo Teufel und verworfene Menschen sich winden und kämpfen und knirschend den Engeln unterliegen, soll hier nicht mehr die Rede seyn. Es giebt noch andere Bilder in diesem Saale, von einem ähnlichen Effekt. Bald ist es ein trunkener Silen, umringt von einer bacchantischen Gruppe, deren verschie¬ dene Grade der Trunkenheit sich allzuna¬ türlich in faunischer Wollust oder in einer noch ekelhafteren Herabwürdigung äussern. Eine gräuliche Faunin liegt im Vordergrunde hingestürzt über ihren beiden bocksfüssigen Säuglingen, die zappelnd an den Brüsten, ich hätte bald gesagt, den Eutern, ihrer im Uebermaass der Völlerei entschlafenen Mutter hangen. Bald ist es ein sterbender Seneka, blutend, alt und schwach, die Todtenblässe im Gesicht und auf den Lippen. Hier eine Latona in den Sümpfen Lyciens, noch in bittender Stellung, indess ihr gegenüber die störrigen, feindseligen Wilden, die ihr einen Trunk Wassers versagten, im flämischen Bauerncostum, aber mit Froschgesichtern schon halbverwandelt da stehen, grässliche Carrica¬ turen! — Wie konnte nur ein Mann wie Rubens das Bild des Ekelhaftesten in der Natur, eines betrunknen Weibes, in seiner Phantasie dulden, geschweige denn mit Wohl¬ gefallen darüber brüten, mit Kunst und Kenntniss der Natur es ausmalen und nichts dabei fühlen, als nur die Stärke seiner Dar¬ stellungsgabe? Hätte nicht der Maler, der es wusste, was Schönheit ist, bei jenen Froschmenschen vor einem Missbrauche sei¬ nes Talents zurückbeben sollen, wodurch er sich zur plattesten Farce erniedrigte? Der Seneka wäre vielleicht am ersten zu ent¬ schuldigen, weil er genau die Stellung der alten Statue hat, und alte Kunst sonst tadel¬ frei zu seyn pflegt. Allein nicht alle Werke des römischen Meissels sind musterhaft, nicht alle der Nachahmung werth; bei vielen ver¬ misst man den reinen, keuschen Geschmack der griechischen Kunst, und endlich ist das Widrige im Marmor weit weniger als in dem farbigen Gemälde widrig; der Pinsel drückt eben die Todtenfarbe und die Er¬ schöpfung des Verblutens in ihrer ganzen Abscheulichkeit aus. Allerdings gelingt es auch den Künstlern, durch diese Schilderung des Grobsinnlichen auf die gröberen Organe des grossen Haufens zu wirken, dessen lau¬ ten Beifall und gaffende Bewunderung davon zu tragen; und nur, dass dieser Beifall, diese Bewunderung ihnen genügt, gerade darin darin liegt der ganze Jammer. Es ist leich¬ ter, gemeine Natur zu kopiren, als Seelen¬ kräfte in der Materie sichtbar zu machen; leichter, durch groteske Züge dem Pöbel zu gefallen, als nach dem musterhaften Dory¬ phorus den Kenner zu befriedigen; leichter endlich, zu erschüttern und sogar zu rüh¬ ren, als den Forderungen des gebildeten Geistes, dem die grobgezeichneten dramati¬ schen Larven anekeln, und der nach den zarten Schattirungen und Verschmelzungen der Charaktere des gesellschaftlichen Lebens verlangt, völlig Genüge zu leisten. Unsere Theaterdichter wissen dies so gut wie die Künstler, und eben darum spielt man die Stücke der höchsten dramatischen Kunst vor leeren Häusern, indess die kläglichsten Erzeugnisse des Plattsinnes, ein Waltron, eine Lanassa und andere ihres Gelichters, wenn sie nur das Alltägliche anschaulich I. Theil . M machen, den allgemeinsten Beifall nie ver¬ fehlen. In der Himmelfahrt der Jungfrau, in der Geburt Christi, in der Ausgiessung des hei¬ ligen Geistes, in dem Märtyrerthum des hei¬ ligen Laurentius und selbst im Nymphen¬ raub der Zwillingsbrüder Kastor und Pollux, lauter grossen, kraftvollen Werken von Ru¬ bens Hand, die ich hier um mich her er¬ blicke, sind indessen so viele künstlerische Verdienste vereinigt, dass man sich willig finden lässt, auch über den wesentlichen Mangel einer feineren Vorstellungsart hin¬ auszugehen, und sich mit dem Künstler in seinen niedrigeren Gesichtspunkt zu versetzen. Unter allen diesen Werken scheint mir das¬ jenige, wo die Apostel, am Pfingsttage, mit neuen Kräften erfüllt werden, in Absicht auf die Schönheit der Köpfe, vorzüglich be¬ merkenswerth. Es ist zwar auch hier der gewöhnliche Fehler auffallend, dass die Er¬ giessung des heiligen Geistes weit mehr durch die von Licht umflossene Taube, die ein¬ zeln herabfallenden Flämmchen und das Er¬ staunen der Heiligen selbst über diese Er¬ scheinungen, als durch eine wirklich auf ih¬ ren Zügen sichtbare Begeisterung und Ver¬ stärkung des geistigen Kraftmaasses angedeu¬ tet wird; allein diesen Verstoss abgerechnet, der vielleicht um so verzeihlicher ist, je weniger man sich zu Rubens Zeit über Ge¬ genstände der Religion das Nachdenken er¬ laubte und je mehr der Künstler damals an die krassen Vorstellungen der Priester je¬ nes finstern Zeitalters gebunden war; die¬ sen Verstoss abgerechnet, bleibt dem Stücke wenigstens das Interesse, welches man an schöngebildeten Menschen nimmt. Wem es genügt, an einem hübschen flämischen Wei¬ be statt der Madonna, an gesunden, paus¬ M 2 bäckigen Knaben an der Stelle der Engel, der wird seine Forderungen durch den schönen Körper des Märtyrers auf dem Roste noch mehr befriedigt finden. Könnte man nur die Grösse der Gegenstände ver¬ gessen, oder noch besser, könnte man diese Gegenstände nur mit Hintansetzung aller ei¬ genen Vorstellung davon, so fühlen, wie Rubens sie in seiner Phantasie entstehen sah; dann wirkten vielleicht seine Bilder beides auf den Geschmack und auf das Herz, an¬ statt dass sie mir jetzt bei einem andern Maassstabe und edleren Formen, nur Tra¬ vestirungen des Heroischen und Göttlichen scheinen. Indess lieber diese gemeine, schwerfällige Phantasie, als jene des Luca Giordano und des Annibal Caracci , die sich in der Dar¬ stellung eines so grässlichen Auftritts, wie der bethlehemitische Kindermord, gefallen können; und wiederum lieber noch diesen Kindermord vom Meister Annibal, als jenes ungleich greulichere Gemetzel der Christen in Persien unter dem König Sapor! Was ist ein grosser Künstlername, wenn solch ein buntscheckiges, steifes, elend gruppirtes, ohne Perspektive, ohne Haltung, in harten Umrissen mühsam hingedrechseltes Werk nichts anders für sich hat, als Albrecht Dü¬ rers Ruhm? Empfindungsloser kann man nicht malen; und wenn es wahr ist, dass die beiden schwarzgekleideten Figuren in der Mitte des Gemäldes, die als müssige Zu¬ schauer den verabscheuungswürdigsten Sce¬ nen der Menschenquaal ruhig zusehen, Por¬ traite des Künstlers und seines besten Freun¬ des sind, so möchte man auch hinzusetzen: empfindungsloser kann man nicht seyn. Liesse sich doch nur die Aechtheit dieses unedlen und zugleich so sehr missrathenen Kunst¬ M 3 werkes mit einiger Wahrscheinlichkeit be¬ zweifeln! Unedel im höchsten Grade, aber auch trotz aller Niedrigkeit des Gegenstandes, an Wahrheit, Charakteristik und Ideenreichthum zum Meisterwerk gediehen ist daneben der berühmte Marktschreier von Gerard Douw . Gewisse Seelen sind zum Auffassen gewisser Gegenstände geschaffen oder organisirt: diese spiegeln sie so rein und klar wieder von sich, dass man sieht, sie wurden gleich¬ sam Ein Wesen mit ihnen; da sie hin¬ gegen für Eindrücke aus einer andern Klasse schlechterdings nicht empfänglich scheinen, von andern Objekten gar nicht berührt wer den können. Hogarth , der Meister in der physiognomischen Bezeichnungskunst, der be¬ wunderte Karrikaturenschöpfer, konnte keine schöne Figur entwerfen; Gerard Douw , der hier die geringeren Volksklassen nach ihren verschiedenen Geschlechtern, Gewerben und Leidenschaften ganz mit sich selbst identifi¬ cirt zu haben scheint, der unendlichen Scharf¬ blick beweiset, wo es auf die Sonderung der Wirkungen desselben Gegenstandes auf verschiedene Gemüther aus diesen Volksklas¬ sen ankommt, hätte für das Ideal einer grie¬ chischen Heldennatur keinen Sinn gehabt. Diese geistigeren Wesen gehen durch die grobe Seele hindurch und lassen keine Spur von ihrer Berührung zurück. Zart und mit vulkanischer Feuerkunst gewebt muss das Netz seyn, in welchem sich Mars und Venus fangen und den versammelten Göttern zei¬ gen lassen. Sollen wir nun zürnen, dass nicht alle solche Tausendkünstler sind, oder lieber jedem Geiste seine Art und Weise zu wirken und zu schaffen gönnen, da es nun einmal nicht möglich ist, dass Raphael’s und Tizian’s und Guido’s Seelen in den M 4 belgischen Schlamm hinabsteigen können? Zwar hätte Gerard Douw seinen Markt¬ schreier wohl eben so interessant machen können, ohne jene Details anzubringen, wel¬ che die Thierheit des Menschen in ihrer härtesten Abhängigkeit von den unreinsten Bedürfnissen ins Gedächtniss rufen; allein wer trennt uns das von einander? wer mag selbst dem pfiffigsten und kunstreichsten Teu¬ fel den unwiderstehlichen Hang benehmen, unter die Säue zu fahren? Der leichte, glatte, launige Teniers ist eben so niedrigkomisch; doch gefällt er mir besser. Es ist ungleich mehr Wahrheit und Treue, die sich bis auf die feinsten Zä¬ serchen erstreckt, die kein Pünktchen un¬ bezeichnet lässt, es ist vollkommnere Täu¬ schung des Kolorits, es ist ein unermüde¬ ter Fleiss in Gerard Douw’s Arbeit, die bei ekelhaften Gegenständen desto widriger wirken muss, je geduldiger und treffender sie die Natur in ihrer ganzen Scheusslichkeit kopirt. Teniers flüchtiger Pinsel hascht nur die wesentlichsten Züge, setzt Zeichen an die Stelle des Wirklichen, bringt mit dem wenigsten Aufwand von Zeit und von Far¬ be den Effekt heraus, und überlässt es dann der Einbildungskraft des Zuschauers, die Details sich selbst auszumalen. Wer also nicht gerade an dem Schmutzigsten seiner ganzen niedrigkomischen Compositionen be¬ sonderes Wohlgefallen hat, wird dieses über¬ gehen; da es hingegen in Douw's Gemälde so in die Augen springt, dass man ihm un¬ möglich entrinnen kann. Hat man indess nur Eins von Teniers Baurengelagen gese¬ hen, so kennt man sie alle; sie sind nur in dem geringeren oder vollkommneren Gra¬ de der Ausführung verschieden. Dasselbe gilt auch von Schalkens berühm M 5 tem Effekt des Lichts in den nächtlichen Scenen. Die hier vorhandenen Stücke von seiner Hand, ein Ecce Homo , die klugen und die thörichten Jungfrauen, eine Magda¬ lene, und eine weibliche Figur mit einem Lichte, welches ihr ein muthwilliger Junge ausblasen will, sind alle nicht mit den Spie¬ lern zu vergleichen, die man in Kassel von demselben Meister in der erlesenen Galerie des Landgrafen bewundert. Die Jungfrauen mit ihren Lampen hat er jedoch vorzüglich gut behandelt, und man sieht, dass Schalken in dem engen Kreise, den er sich gewählt hatte, in der That sehr gut zu Hause war, dass er mit dem Lichte und seiner Wir¬ kung spielen konnte, und durch fortgesetz¬ tes Studium einen Grad der Vollkommen¬ heit in dieser Gattung von Darstellungen erlangt hatte. Nur muss man auch ausser diesem Einen Vorzuge sonst nichts bei ihm suchen. Soll ich mich jetzt von den niedrigsten Stufen der menschenbildenden Kunst zu den Thier- und Landschaftsmalern wenden? Ich halte mich nicht gern bei ihnen auf, wo höhere Gegenstände mich an sich reissen. Freilich ist der Gasparo schön: es herrscht eine dunkle, hohe, mächtige Phantasie durch dieses wilde Thal und seine einfache Grösse; Schade nur, dass man in dieser Einsamkeit, wo der Blick anf den Trümmern alter Ge¬ bäude und Palläste am fernen Gebirge ruht, durch eine schale, historische Gruppe un¬ terbrochen wird, und eben so Schade, dass das Bild schon so schwarz geworden ist! Auch dieser ungeheure Eber von Snyers ist wunderbar gerüstet mit zermalmender Kraft und fürchterlichem Grimm; er verdiente der Eber von Kalydon zu heissen. Eben so ge¬ waltig in ihrer Art, eben so rein der Na¬ tur nach gebildet, sind die muthig angreifen¬ den und die von dem grässlichen Zahn des Ebers niedergemähten, zappelnden und heu lenden Hunde. Die Figuren der Jäger, kühn wie die Thiere, aber mit Zinnober unna¬ türlich kolorirt, sind von Rubens . Was Fyt , de Voss und Weenix von Thierstücken malten, kommt diesem nicht bei, so viel Verdienstliches auch ihre Arbeiten, und ins¬ besondere die des erstern haben. Lass mich hinwegeilen über die geleckten gilderchen des Ritters van der Werff . Ihre zarte geschliffene Vollendung, ihre kunst¬ reichgeworfenen Gewänder, können uns nicht schadlos halten für ihre Kälte und Gleich¬ förmigkeit, für die manierirte unrichtige Zeich¬ nung und das dem Elfenbein ähnliche Fleisch. Das beste unter ein und zwanzig kleinen Stücken ist die Erscheinung Christi im Kna¬ benalter unter den im Tempel versammelten Aeltesten. Der Knabe ist schön und geist¬ reich, und diese Eigenschaften vereinigt, sind mehr als hinreichend, ihn interessant zu machen. Von der grossen langbeinigen Mag¬ dalena des Herrn Ritters, lässt sich trotz allen mühseligen Künsteleien so viel gutes nicht sagen. Ehe ich meine Feder hinlege, nur noch ein paar Worte von Crayer und van Dyk . Crayer’s grösstes Werk, doch will ich eben nicht sagen sein Meisterwerk, ist das Altarblatt aus der Augustinerkirche zu Brüssel, welches der Kuhrfürst von den Mönchen für dreissigtausend Gulden und eine Kopie kaufte. Als Dichtung betrach¬ tet, hat es nicht den mindesten Werth. Es ist ein Thron der Muttergottes, die zu oberst, mit dem Jesuskinde auf dem Arm, da sitzt, und von Heiligen umringt ist, die um Theil neben ihr, zum Theil tief unten auf den Stufen stehen oder knieen. Ganz zu unterst im Vordergrunde kniet der Maler nebst sei¬ nem Bruder, und, wie die Ueberlieferung ferner lautet, seiner Schwester und seinem Neffen. Er kehrt das breite, wohlgenährte, selbstgefällige Gesicht nach dem Zuschauer hin, anstatt recht andächtig zu beten, und zeigt uns mit der Hand, dass dies alles seine Arbeit sei. Es ist wahr, die Heiligen selbst geben ein böses Beispiel; sie stehen zum Theil ganz müssig da, oder sie plaudern mit einander; die wenigsten bezeigen der Gott¬ heit oben ihre Andacht. Auch scheint es nicht, als ob sie eigentlich zu irgend einem andern Zweck versammelt sind, als weil etwa der Maler oder die Augustinermönche zu Brüssel sie gern einmal beisammen sehen wollten; und bei dem gänzlichen Mangel an Einheit und Zusammenhang ist es noch die Frage, ob Crayer an etwas von der Art gedacht hat. Damit man die Heiligen auch kennen möge, hält jeder etwas in der Hand: Johannes das Sinnbild des Glaubens, den Kelch mit der Schlange, Jacobus den Pilger¬ stab, die oben knieende Apollonia eine Kneipzange, St. Stephan einen Stein, Lau¬ rentius seinen Rost, Andreas sein Kreuz, u. s. f. Der heilige Augustin paradirt im Vordergrunde im prächtigsten Bischofsornat, mit dem Krummstab in der Hand. So weit ist alles unter der Kritik. Allein einzeln betrachtet sind die Köpfe und die Figuren meisterhaft gearbeitet. In allem was von Rubens in dieser Sammlung hängt, finde ich nirgends eine so richtige Akademie als Crayer’s bis zum Gürtel entkleideten Andreas. Dem heiligen Lorenz hat er einen sehr schönen jugendlichen Kopf zugetheilt; Augustin aber, ich weiß nicht ob mit oder ohne Absicht des Künstlers, ist ein ächter Pfaffe. Das Kolorit sowohl als die Stellung und Organi¬ sirung der Gruppen, und die Behandlungsart sind eines Wetteiferers von Rubens voll¬ kommen würdig, so schwerfällig auch das Ganze immer bleibt. Van Dyks Arbeiten in dieser Galerie sind zahlreich und von mancherlei Art. Seine Porträte stehen mit denen seines Lehrers Rubens ganz in gleichem Range; manche sind unübertreflich und trotzen der Kunst und dem Pinsel, selbst eines Venezianers. Seine Phantasie erhebt zwar nicht so kühn den Fittig, aber sie ist züchtiger und erle¬ sener als die seines Lehrers; seine Farben sind bescheidener und besser verschmelzt, und gränzen näher an italienische Wärme. Susanne im Bade ist jedoch ein widriges Gesicht, das nicht einmal dieses Verdienst der Farbe aufzuweisen hat. Die berühmte Grablegung ist zwar herrlich kolorirt, aber in der Zeichnung verunglückt; zudem gehört es zu den schwersten Aufgaben der Kunst, gerade gerade dieser Scene ein eigenthümliches, nicht durch die Nebenidee der Religion hineinge¬ tragenes Interesse zu geben. Das kleine Bild, wo Christus mit dem von ihm geheilten Gichtbrüchigen spricht, hat eine fast tizia¬ nische Wahrheit, der man aber wegen des äusserst unedlen Christuskopfes nicht froh werden kann. Eben so ärgerlich find’ ich es, dass der travestirte Jupiter, der als Satyr die schlafende Antiope überrascht, so ganz im Satyr verloren, so ganz gemeiner Satyr ist, und nur, weil sein Adler sich blicken lässt, als Donnergott anerkannt werden muss. Die Nymphe hat zwar eine Frische Farbe; aber so wunderschön ist sie eben nicht, dass sie eine Jupitersverwandlung verdiente. Ei¬ ne Madonna mit dem Christkinde und dem kleinen Johannes hat alle Vorzüge der Farbe und des Fleisches, wiewohl dem Bilde noch die letzte Hand des Künstlers zu fehlen I. Theil . N scheint; es umschwebt sie sogar etwas we¬ niges von der Anmuth, die auf diesem Bo¬ den nicht gewachsen, sondern jenseits der Alpen her entlehnt ist. Allein das Schönste, was ich hier von van Dyks Arbeit bemer¬ ke, ist sein lieblicher Sebastian, in dessen Kopfe man eine idealisirte Aehnlichkeit mit dem Künstler selbst nicht verkennen wird. Der Augenblick dieser Composition ist gut gewählt. Eben bindet man ihn fest an den Baum, wo ihn die Pfeile seiner Widersacher treffen sollen; mithin ist keine widrige Em¬ pfindung früher rege, die den Eindruck stö¬ ren könnte, welchen der schöne, blühende Jüngling auf den Zuschauer macht. Die Nebenfiguren sind ihm gehörig untergeord¬ net, und die weissere Farbe seines zarten Leibes dient dazu, ihn noch mehr von ih¬ nen auszuzeichnen. Die Ausführung ist des Entwurfes werth, und meines Erachtens hat die flammändische Schule hier nichts Voll¬ kommneres in Farbenmischung aufzuweisen. Ein bescheidener Siegesgedanke scheint durch die Gelassenheit, die auf dem Gesichte des Märtyrers ruhet, hindurch zu stralen, und dem Zuschauer bleibt nur der Wunsch noch übrig, dass der erste Pfeil gerade durch das Herz treffe, damit keine langwierige Quaalen ihn stören mögen in seinem vorempfinden¬ den Entzücken. Der köstlichen Werke von italienischer Kunst, die in grosser Anzahl diese reiche Sammlung zieren, habe ich noch mit keiner Silbe erwähnt; doch Du begreifst, dass es mir in diesem Augenblick nicht möglich ist. N2 VIII. Düsseldorf. D ie Rose, sagen wir, ist die schönste unter den Blumen, und ein ziemlich allgemeines Wohlgefallen an ihrer Gestalt scheint dieses Urtheil zu bestätigen. Ich weiss nicht, ob der göttliche Apoll, oder wähle Dir welches andere Ideal Du willst, ob dieses eben so allgemein durch übereinstimmendes Gefühl als Inbegrif der menschlichen Schönheit aner¬ kannt und angenommen wird; aber das weiss ich, dass der Mensch, vor allen anderen Gegenständen der Natur, einer wahrhaften Idealisirung fähig ist, indem das Ideal, wel¬ ches der Künstler entwirft, zugleich mit dem richtigen Verhältnisse des menschlichen Körpers als einer besonderen Thiergattung, auch die Sittlichkeit des Menschen, als mit¬ empfunden, darstellen muss. Von keinem andern Wesen wissen wir die Bestimmung, die relative Zweckmässigkeit und folglich die subjektive Vollkommenheit so genau und bestimmt in allen ihren Momenten anzuge¬ ben, wie von uns selbst; von keinem andern Wesen wissen wir aus vielfältig gesammelter Erfahrung den Begrif dieser Vollkommenheit mit einer tief empfundenen Vollkommenheit der Form zu paaren. Den physiognomischen Sinn, so unmöglich es ist, ihm eine Metho¬ dik unterzulegen, können wir uns selbst nicht abläugnen; aber es bedarf keines Er¬ innerns, dass er vom Menschen zum Men¬ schen ungleich wirksamer ist, als in Bezie¬ hung auf die Qualitäten der Thiere und Pflanzen und deren Signaturen (lass mir das mystische Wort nur hingehen) in der äusse¬ ren Gestalt. Es scheint uns zwar oft gar etwas verächtliches um die Bestimmung der mancherlei Wesen, die zugleich mit uns die N 3 Erde bewohnen; wir wähnen auch wohl uns selbst als letzten Zweck des Daseyns aller Dinge um uns her. Allein ein geringer Grad von Naturkenntniss kann uns aus die¬ sem Irrthum reissen. Ueberall stossen wir auf Organisationen, die wir noch nicht ken¬ nen, die wir nicht zu brauchen wissen, deren Verhältniss zu den übrigen Erdenwesen uns räthselhaft bleibt; und wollen wir die Augen öffnen, so wird sich uns täglich und stünd¬ lich die Ueberzeugung aufdrängen, dass wir von der Art zu seyn, zu geniessen, des Da¬ seyns froh zu werden, und seine Bestim¬ mung zu erreichen, eines jeden andern Din¬ ges, ausser dem Menschen selbst, auf dem Wege der Empfindung nichts Vollständiges erfahren können, indem die Natur alles Iden¬ tificiren mit fremden Gattungen unmöglich macht. Ein Wesen aber, mit dessen Organen wir nicht empfinden, in dessen Lage wir uns nicht hinein denken und hinein ahnden können; von dessen innerer Vollkommenheit können wir uns auch kein Ideal abstrahi¬ ren, und dieses eben so wenig mit dem Gefühl, das wir von der Schönheit seiner Gestalt haben, in eine Harmonie bringen, oder mit einer bestimmten Form bezeichnen. Den Menschen können wir idealisiren; darum bleibt er allerdings der höchste Ge¬ genstand der bildenden Kunst S. meinen Aufsatz: die Kunst und das Zeitalter, in dem neunten Heft der Thalia. . Wie nun aber das Ideal gestaltet seyn müsste, das die gesammte Gattung vorstellen sollte, ist dar¬ um noch nicht ausgemacht. Wenn wir darin übereinstimmen, dass es über die in¬ dividuelle Natur hinausgehen und, was von Vollkommenheiten in einzelnen Personen durch das ganze Geschlecht zerstreuet ist, N 4 zu einem harmonischen Ganzen vereinigt, darstellen müsse, so wird uns bei der Aus¬ führung immer eines Jeden individueller Schönheitssinn im Wege stehen, und jeder Künstler, wie er selbst moralisch gross oder klein ist, wie er auffassen, theilnehmen und mittheilen kann, auch, wie er Gelegenheit hatte, das einzelne Vortrefliche zu sammlen und zu vergleichen, wird uns das Ideal sei¬ ner Phantasie mit andern Zügen schildern. Fürwahr also, eine höchstverwickelte Auf¬ gabe, da, wo sich alle zuletzt auf ein un¬ willkührliches Gefallen und Nichtgefallen be¬ rufen, einen Ausspruch wagen, eine Wahl treffen zu müssen, zumal da der Fall des Kenners, des Kunstliebhabers und überhaupt eines Jeden, der sich auf die Beurtheilung eines Kunstwerkes einlässt, von dem Falle des Künstlers in so fern nicht verschieden ist, dass jeder von ihnen zu dieser Beurthei¬ lung andere Fähigkeiten und Fertigkeiten mitbringt. Auf etwas Gemeinschaftliches, auf eine gewisse Uebereinstimmung des Gefühls grün¬ det sich indessen doch das Bestreben eines jeden Künstlers, die tiefempfundene Schön¬ heit darzustellen. Es ist unstreitig, dass die Empfindung des Wohlgefallens bei den meisten Menschen nach einer gewissen Analogie be¬ rechnet werden kann. Völker, deren Bil¬ dung, Erziehung, Sitten und Wohnsitze sich ähnlich sind, werden im allgemeinen über Gegenstände der Sinne ein übereinstimmendes Urtheil fällen, und in ihren Empfindungen von Gerüchen, Gestalten, Tönen und Ge¬ schmacksarten mit einander harmoniren. Die eigentliche Schwierigkeit entsteht erst dann, wenn Schönes mit Schönem verglichen, und Grade des mehr oder minder Gefälligen an¬ gegeben werden sollen. Alsdann zeigt es N 5 sich, dass wir zur Bildung des Geschmacks, als des ächten Kunst- und Schönheitssinnes, eben so wohl Uebung bedürfen und den Beistand unserer übrigen Gemüthskräfte hinzu rufen müssen, wie es zur Vervollkomm¬ nung irgend eines andern Gebrauches dieser Kräfte nöthig ist. Weil nun aber das We¬ sen des Ideals es mit sich bringt, dass es ein Abdruck der sittlichen Vollkommenheit in sinnlich anschaulichen Formen sei; so scheinen zur Hervorbringung eines solchen höchstvollendeten Werkes der menschlichen Kunst dreierlei Requisite in der Person des Künstlers zusammentreffen zu müssen: erst¬ lich, eine reiche Ausstattung mit jenen über¬ legenen Seelenkräften, in deren Fülle und Harmonie schon individuelle Grösse und subjektive Vollkommenheit gegeben ist; zwei¬ tens, Schauplatz und Gelegenheit zur zar¬ testen Entwickelung und Ausbildung dieser innern Energie, höchste sittliche Kultur; drittens, hohe Darstellungsgabe und innerer Trieb sowohl, als äussere Veranlassung, sie in Wirksamkeit zu versetzen. Der Geschmack, womit das Ideal der Schönheit beurtheilt werden muss, wenn anders seine Aussprüche unpartheiisch seyn sollen, setzt in demjenigen, der ihn besitzt, das Vermögen voraus, zwischen dem Wohl¬ gefallen am Schönen, und einem jeden an¬ deren Interesse, welches der Verstand oder auch die Begierde an einem schönen Ge¬ genstande nehmen können, zart und rein zu unterscheiden. Die Empfindung, die das Schöne in uns hervorbringt, ist vom Reize unabhängig, und zugleich durch keine Ope¬ ration der Vernunft erklärbar. Vielleicht ist dies der Grund, weshalb der höch¬ ste Schwung, den die bildende Kunst zur Erreichung des Ideals sich je gegeben hat, in den mythologischen Statüen der Alten zu suchen ist; theils weil ihr Gegenstand hin¬ ausragte über den gewöhnlichen Stand aller menschlichen, wirklich existirenden Vollkom¬ menheit, theils weil die Bildhauerei — das abgerechnet, dass sie das Materielle dem Ge¬ fühl und dem Auge zugleich Preis giebt — jene vollkommene Ruhe nothwendig macht, welche die Betrachtung des Schönen begün¬ stigt, indem sie uns durch keinen patho¬ gnomischen Eindruck unterbricht. Es war eine glückliche Uebereinstimmung der Kunst¬ ideen mit dem Religionssystem jener Völker, dass man diese Muster der übermenschlichen Schönheit und Vollkommenheit zu Gegen¬ ständen der Anbetung erhob, und ihnen da¬ durch neben ihrem ästhetischen Werthe, der nur von Wenigen rein empfunden werden konnte, zugleich für das Volk ein näher liegendes Interesse gab. Dies, verbunden mit so vielen andern Begünstigungen, womit Verfassung, Klima, Lebensart und vor allem angestammter Reichthum der Organisation, dem Griechen zu statten kamen, wirkte kräftig und ohne ein zweites, wetteiferndes Beispiel in der Geschichte, zur Ausbildung des Geschmacks, und zur Erzeugung jenes allgemeinen zarten Kunst- und Schönheits¬ sinnes, für welchen namentlich der athe¬ niensische Demos so berühmt geworden ist. Bei uns ist der reine Kunstgeschmack, in Ermangelung alles dessen, was ihn bilden, vervollkommnen und allgemein entwickeln konnte, nur auf wenige einzelne Menschen eingeschränkt. Der Anblick der blossen Schönheit, ohne einiges Interesse, ermüdet den grossen Haufen der Künstler und Ken¬ ner, die nicht mehr das Knie vor ihr beu¬ gen, ihr huldigen und Schutz und Gaben von ihr erflehen. Die idealisirten Götter und Göttinnen sind nicht mehr; Menschen von bestimmtem, individuellem Charakter, Menschen, durch herrschende Leidenschaften und Gemüthsarten bezeichnet, sind an ihre Stelle getreten. Die Kunst musste also ih¬ rem ersten, wahren Endzweck, der Darstel¬ lung des Idealischschönen, ungetreu werden, oder ihre gewohnte Wirkung verfehlen und auf alle Herrschaft über die Gemüther Ver¬ zicht thun. Das Letzte wäre nur in dem Einen Falle möglich gewesen, wenn der Geist des Zeitalters nicht auf den Künstler gewirkt hätte; wenn, von Zeit und Umstän¬ den unabhängig, der künstlerische Genius, in abstrakter Vollkommenheit schwebend, mitten unter Christen ein Grieche geblieben wäre. Aber Veränderung und Wechsel sind ja die Devisen unseres so schief in seiner Bahn kreiselnden Planeten! Der ewige Reihen¬ tanz bringt immer neue Verhältnisse, neue Verwicklungen, neuen Kampf unserer Kräfte mit den Kräften des Weltalls hervor; und, frei heraus bekannt, wäre nicht der Dienst der schönen Ideale gestürzt, so hätten wir noch keinen Raphael , keinen Tizian und keinen Corregio , wir hätten in der Kunst keine individuelle menschliche Schönheit, keinen Farbenzauber und keine Anmuth. Du wirst mich der Paradoxie beschuldigen; aber ich will es hier in Gegenwart der grossen Namen, die ich eben nannte, gleich¬ sam unter ihrer Fahne betheuern, dass, weil einmal dem also ist, es auch für uns noch allenfalls am besten sei. Was sollen uns die alten Lappen, wären sie auch noch so schön, auf dem neumodigen Kleide? Grie¬ chische Gestalten und griechische Götter passen nicht mehr in die Form des Men¬ schengeschlechtes; sie sind uns so fremd, wie griechisch ausgesprochene Laute und Na¬ men in unserer Poësie. Es mag seine Rich¬ tigkeit haben mit der göttlichen Vollkom¬ menheit der beiden Meisterwerke des Phi¬ dias , seiner Minerva und seines Jupiters; aber je majestätischer sie da sässen oder ständen, das hehre Haupt für unsern Blick angränzend an den Himmel: desto furcht¬ barer unserer Phantasie; je vollkommnere Ideale des Erhabenen: desto befremdlicher unserer Schwachheit. Menschen, die für sich allein stehen konnten, hatten keckes Bewusstseyn genug, um jenen Riesengott¬ heiten ins Auge zu sehen, sich verwandt mit ihnen zu fühlen und sich um dieser Verwandtschaft willen ihren Beistand im Nothfall zu versprechen. Unsere Hülfsbe¬ dürftigkeit ändert die Sache. Wir darben unaufhörlich und trotzen nie auf eigene Kräfte. Einen Vertrauten zu finden, dem wir wir unsere Noth mit uns selbst klagen, dem wir unser Herz mit allen seinen Widersprü¬ chen, Verirrungen und geheimen Anliegen ausschütten, dem wir durch anhaltendes Bitten und Thränenvergiessen, wie wir selbst geduldig und mitleidig sind, ohne ihn zu ermüden, Beistand und Mitleid ablocken können: dies ist das Hauptbedürfniss unseres Lebens, und dazu schaffen wir uns Götter nach unserem Bilde. In dem nächsten Ka¬ pellchen kann ich die Ueberzeugung finden, dass die unbegreifliche Gottheit selbst, schwer¬ lich irgendwo mit dem herzlichen Vertrauen angerufen wird, womit eifrige Christen hier zu den Heiligen beten, die einst Menschen waren, wie sie. Dies ist Stimme der Natur, trotz allem, was die Philosophie, die nur in Abstraktionen lebt, darüber dogmatisiren mag. Gleichheit ist die unnachlässliche Bedingung der Liebe. Der Schwache kann das Voll¬ I. Theil . O kommene nicht umfangen; er sucht ein We¬ sen seiner Art, von dem er verstanden und geliebt werden, dem er sich mittheilen kann. Zu diesem Menschengeschlechte nun ge¬ hören unsere Künstler, und für dasselbe ar¬ beiten sie. Von Griechenlands Idealen ist genau noch so viel übrig geblieben, dass es ihnen zu einem Fingerzeige dienen kann, wohinaus vor diesem der Weg der Kunst liegen mochte. Mit dem Sinne für das ho¬ he Schönheitsideal ist aber auch die Mög¬ lichkeit, es wieder zu erreichen, verschwun¬ den. Die Mannichfaltigkeit des Individuel¬ len ersetzt uns indess diesen kaum mehr empfundenen Verlust. Einzelne aus der Na¬ tur gegriffene Charaktere mit Beibehaltung ihrer Individualität zu idealisiren, oder mit einem Abglanze des Schönen auszuschmücken, welcher hinreicht, die Empfindung des Wohl¬ gefallens zu erregen, dies ist das Ziel der neueren Kunst. Also arbeitet sie auch nicht mehr für den reinen ästhetischen Sinn; viel¬ mehr, um ihrer Wirkung gewisser zu seyn, intriguirt sie durch Handlung den Verstand, und besticht unser Begehrungsvermögen durch den Reiz der Grazien. Wir sind es schon so gewohnt, dem Künstler in dieser Rich¬ tung zu folgen, dass oft die blosse Nach¬ ahmung des Natürlichen, ohne den minde¬ sten Versuch zum Idealisiren, unsere For¬ derungen befriedigt, oft die Erdichtung der Beziehungen, in denen man uns eine Hand¬ lung darstellt, völlig hinreicht, uns über die gänzliche Abwesenheit alles Schönen zu beruhigen. Eine unausbleibliche Folge die¬ ser Verrückung des eigentlichen Kunstziels ist die Abzweigung der Kunst in so manche ganz verschiedene Darstellungsarten, womit es endlich dahin gekommen ist, dass insbe¬ O 2 sondere der jetzigen Malerei kein Gegenstand in der Natur, der nur mit Farben sich be¬ zeichnen lässt, ausserhalb ihrer Gränzen zu liegen scheint. Wenn aber hier und dort unter den Künstlern eine grosse Seele hervorgeht, so wird sie nach ihrem angeborenen inneren Adel das Schöne dennoch ahnden, ihm nach¬ streben, und sich zuweilen, ungeachtet al¬ ler Hindernisse, dem vorgesteckten Ziele nä¬ hern. Die physische Natur und die Stufen der sittlichen Ausbildung verschiedener Völ¬ ker müssen diesen Flug des Genius entwe¬ der begünstigen oder hemmen. Italien! rei¬ zendes Italien! noch sah ich dich nicht! — — — Italien ist reich an den Trümmern der altgriechischen Kunst, und seinen Be¬ wohnern hat der mildere Sonnenstral, zu¬ gleich mit einer gewissen Unabhängigkeit von manchem klimatischen Bedürfnisse, auch ein reiches Maass von Spontaneität und Empfäng¬ lichkeit zugetheilt. Was ich von dorther kommen sah, es sei nun Gemälde, Gedicht oder Gesang, das hat einen Zauber, der das Auge fesselt wie das Ohr, und den Sinn auflöset in Entzücken. Wenn ich hier in den Saal trete, wo die Werke italieni¬ scher Meister mit flammändischen untermischt, meinem Blicke begegnen — mir ist zu Mu¬ the wie einem Europäer, der nach einem langen Aufenthalt im Orient endlich einen näher mit ihm verwandten Menschen erblickt; er untersucht nicht erst, ob der Fremde ein Deutscher, ein Franzose, ein Engländer, ein Spanier, ob er ketzerisch oder rechtgläubig sei: genug, es ist ein Franke, dessen Sinnes- und Denkungsart den seinigen gemässer sind, der ihn, und den auch er besser versteht. Es ist Zeit, dass ichs bekenne: kaum hatte ich diesen Morgen das Papier aus der O 3 Hand geworfen, so eilte ich noch einmal in die Galerie, um nur an transalpinischen Wer¬ ken mich satt zu sehen. Was ich jetzt seit einer Stunde daher phantasire, ist nur die Reaktion, die der Anblick dieser von allem flammändischem Machwerk so abweichenden Gestalten in meinem Kopfe veranlasst hat. Zuerst ging ich langsam durch die Säle, sah wo die Italiener hingen, und merkte mir in jedem Saale die Stücke, die ich nä¬ her betrachten wollte. Die Lüsternheit wird übermüthig, wenn sie im Ueberflusse wäh¬ len kann. Unter der Menge dessen, was Künstler und Kenner hier interessant finden würden, zog mich nur wenig an, durch Züge von inwohnender Schönheit, die von einem Sinne des Malers für menschliche Grösse zeugten. Ich ging aus, mit dem Vor¬ satze, zu sehen, ob ich etwas finden wür¬ de, das ich um seiner Schöne willen lieben könnte, und du weisst, diese Liebe gehorcht keinem Zwange: sie ist das Kind der freien Unbefangenheit; sie ist ein Kind, kein er¬ wachsener, gewitzigter Amor. Ich lasse die Klugen da stehen und predigen vom Unter¬ schied und Charakter der verschiedenen ita¬ lienischen Schulen, ich lasse sie da eine Gruppe bewundern, weil sie pyramidalisch sich spitzt, dort eine Drapperie, die wahr gefaltet oder auch gross geworfen ist, hier einen Ausdruck, der die Natur nachahmt, hier wieder einen wie hingezauberten Effekt des Lichtes. Das alles ist vortreflich, und sogar verdienstlich, wenn du willst; doch wenn von lieben die Rede ist, so muss auch von Gestalt allein die Rede seyn; ich kann einen Haufen von Menschen, und stände er noch so malerisch, nicht als blossen Hau¬ fen, ich kann keinen Rock, kein Geberden¬ spiel, keine Beleuchtung, keine Farbe lieben. O 4 Findet sich dies alles mit einer edlen Zeich¬ nung und einer schönen Form zu einem Ganzen vereinigt; alsdann ist das Kunstwerk von einer hinreissenden Vollkommenheit; aber auch abgesondert von allem Nebenwerk ist ein blosser Umriss mit Raphael's Schön¬ heitssinn entworfen, mehr werth als das voll¬ endetste Gemälde, dem dieses wesentliche Bedingniss fehlt. Licht und Farbe, Bewe¬ gung, Ausdruck und Anzug kann die Ein¬ bildungskraft sich zu einer gegebenen schö¬ nen Gestalt leicht hinzudenken; hingegen den feineren Genuss stört unwiederbringlich eine schlechte oder gemeine Natur, das Gemälde sei übrigens noch so meisterhaft ausgeführt. Hast Du nicht die Susanna von Domi¬ nichino bewundern und rühmen gehört? Die ist nun wirklich ein schön und richtig gezeichnetes Weib, und dennoch gefällt sie nicht, weil ihr gemeines Gesicht an sich nicht reizend ist und auf eine höchst wi¬ drige Art von dem hässlichen Schrei ent¬ stellt wird. Das Hauptinteresse des Stückes geht also verloren; man muss sich zur Schad¬ loshaltung an Nebensachen ergötzen. Doch auch die Stellung ist ungraziös und sogar unvortheilhaft, indem sie die ganze Figur wie ein lateinisches Z zusammendrückt. Die Farbengebung des Nackten ist für einen Do¬ minichino immer zu bewundern, jedoch zum Theil verblichen. Die im Bade rothgewor¬ denen Füsse, die man dem Maler zum Ver¬ dienst anrechnet, weil er die Natur so gut zu belauschen gewusst, machen gleichwohl für das Auge eine unangenehme Disparität. So gefährlich ist es mannichmal, in der Nachahmung des Natürlichen zu weit zu gehen. Es fällt dem Zuschauer lange zuvor auf, dass die Susanna rothe Füsse hat, ehe O 5 er sich bescheidet, sie könne auch wohl schon aus dem Wasser gestiegen seyn. Die Scene ist übrigens gar nicht poëtisch be¬ handelt. Ein jedes gemeines Weib, das nicht von ausgelassenen Sitten ist, würde sich so benehmen; hier aber sollte der Künstler ein edles, tugendhaftes, grosses Weib bezeichnen. Da er einmal mit einem ungeheuren Badetuche so freigebig war und die keusche Jüdin noch überdies zur Sicher¬ heit mit einer Balustrade umgab, so wäre es ihm ein leichtes gewesen, sie voll An¬ muth und Würde, stehend, mit edlem Un¬ willen auf den Lippen, mit einem grossen Blick der Verachtung in den reizenden Au¬ gen hinzustellen; fest, entschieden und ent¬ schlossen, sich eher der Lästerung als den Begierden ihrer Verfolger Preis zu geben. Dann hätte meinetwegen sich auch ihr Mund öfnen mögen, um Hülfe zu rufen; dieses Rufen hätte nicht, wie das Geheul des Schreckens, ihr Antlitz entstellt. Ich ge¬ stehe gern, dass die apokryphische Erzählung selbst zu einer solchen Begeisterung keine unmittelbare Veranlassung giebt. Wie ent¬ deckt sich Susannens Unschuld? Ein Kna¬ be verhört die Kläger, und weil einer das schöne Weib in den Armen ihres Liebha¬ bers unter der Linde, der andere unter der Eiche gesehen haben will, ist das Hauptfak¬ tum, worin beide übereinstimmen, nicht wahr! Bei solchen Gelegenheiten erinnert man sich auch eines Baumes! Allein die Juden in Babylon glaubten an Keuschheit, und Daniel bewährte seine Weisheit, indem er diesen Glauben zu Gunsten der schönen Susanna benutzte. Es scheint übrigens nicht, dass Dominichino auf diesen Theil der Ge¬ schichte Rücksicht genommen hat; denn es stehen eine Menge von Bäumen verschie¬ dener Art im Garten um das Bad herum. Dachte er vielleicht, die Aeltesten hatten wohl beide Recht? Die Susanna ist indess ein Lieblingssüjet der Malerei. Van Dyk’s Behandlung dieses Gegenstandes habe ich schon erwähnt; hier ist noch eine dritte Susanna von Dominichino’s Meister, Annibal Carracci , die ganz nackt, ganz ruhig und sorglos da sitzt, und sich aus einem Spring¬ brunnen Wasser auf die Hände rinnen lässt. Die Figur ist eine gute Akademie, ziemlich warm kolorirt, und weiter nichts. Die al¬ ten Faunen beschleichen sie. Von Raphael’s Händen sah ich hier nur ein kleines Bild, eine heilige Familie, in seiner ersten Manier, wo er Meister Peru¬ gino’s Fesseln noch nicht abgeworfen hatte. Das ist eine steife Gruppe! Von Josephs Kopf herab längs dem Rücken der Elisabeth und der Schulter der Madonna ist es ein wahrhaftes Dreieck. Die Farben sind hart und grell, und des trocknen Pinsels wegen scheinen manche Umrisse eckig; von Licht und Schatten ist kaum eine Spur. Das nackte Christkind ist von Gesicht etwas hässlich, und Elisabeth ein wenig gar zu alt. Die Landschaft ist hell und bestimmt; so trocken und hart wie die Figuren. Von wenigen Bildern hier lässt sich so viel Nach¬ theiliges sagen, — aber auch von wenigen so viel Gutes. Die Aengstlichkeit der Py¬ ramide abgerechnet, ist es die traulichste Vereinigung, die sich in einer Familie den¬ ken lässt. Elisabeth und Maria sitzen beide auf der Erde, und haben ihre Kinder zwi¬ schen sich. Johannes sitzt der Mutter im Schooss, und ist ein niedlicher Bube; der kleine hässliche Bambino reitet der Madonna auf dem Knie, und ist ausser den Gesichts¬ zügen eben so richtig und schön gezeichnet. Die holde Mutter betrachtet ihr Kind mit einem Blick voll himmlischer Anmuth und Zärtlichkeit; ihr Kopf neigt sich sanft vor über ihn, und auf ihrer Stirne thront jung¬ fräuliche Schönheit. Ich habe noch keinen Maler gesehen, ausser Raphael und Leonar ¬ do da Vinci , der die Jungfrau und die Mutter so in Ein Wesen zu verschmelzen gewusst hätte. Alle Mysterien bei Seite, die¬ ser Charakter ist in der Natur; moralische Jungfräulichkeit, reines Herz und reine Phan¬ tasie, mit Mutterliebe im schönsten Bunde! Er gehört, das will ich gern zugeben, zu den seltensten Erscheinungen; aber jene bei¬ den grossen Menschen fassten ihn, und ich weiss, er ist nicht ausgestorben mit den Ur¬ bildern, von denen sie ihn, wie einen Sieg, davon trugen. Mehr Grazie, mehr unge¬ zwungene, natürliche Grazie — doch eine andere giebt es ja nicht — mehr als diese Madonna, haben wenige Gebilde der Kunst. Elisabeth blickt auf zum heiligen Joseph, der an seinem Stabe gleichsam hangend, mit sei¬ nem gutmüthigen Gesichte gedankenvoll drein lächelt. Die Köpfe sind schön, und bei al¬ ler, selbst idealischen, Schönheit, dennoch mit Nationalzügen und mit lieblicher Indi¬ vidualität, rein und unmittelbar aus der le¬ bendigen Natur, verwebt. Dies ist es, was sie so reich an Charakter, und in ihrer geistigen Fülle so anziehend macht. Das Costume ist einfach und schön, ohne die allermindeste Anmassung und künstlerische Coquetterie, vermuthlich geradezu von der damaligen Volkstracht entlehnt. Nach allem, was ich anderwärts von Raphael’s Werken gesehen habe, und nach den Kupferstichen von seinen grösseren Gemälden im Vatikan zu urtheilen, bleibt dieses kleine Stück von einem verhältnissmässig sehr geringen Werth, aber dennoch glimmte schon hier der Funke, der bald Flamme werden und jedes andere Licht verdunkeln sollte. Er verräth auch hier bereits ein hohes Dichtergefühl von der Würde seines Gegenstandes. Die geheim¬ nissreiche Lehre seiner Kirche zeigte ihm die erhabensten Wesen in der geringsten, unge¬ bildetsten Klasse eines ungebildeten Volkes. Diesen schuf er in seiner Einbildungskraft eine schöne Harmonie ihrer Geisteskräfte; er bildete in ihren Zügen die sanfte, reine, richtige Empfindung und jene Güte des Her¬ zens, wozu er in sich selbst das Urbild fand; mit Einem Worte: er gab ihnen an inten¬ siver Vollkommenheit, was ihnen an exten¬ sivem Wissen fehlen musste. Götter waren es nicht, die er zu schildern hatte; allein es blieb ihm unbenommen, sich wenigstens göttliche Menschen zu denken, und die Be¬ dingnisse sich anschaulich zu machen, unter denen denen die einfachsten Hirten seines Volkes sich bis zu dieser moralischen Vortreflichkeit hinaufadeln liessen. Mit solchen Begriffen schien er geschaffen, der Religion durch die Kunst einen neuen Glanz und ästhetische Wirksamkeit, die einzige, die ihr noch fehl¬ te, zu verleihen; und dieses Verdienst er¬ kannte Leo vielleicht, als er ihm den Pur¬ pur bestimmte. Allein wer vermochte ihm nachzufliegen, den kühnen, erhabenen Flug? Schon jetzt verehrt der grosse Haufe der Kunstliebhaber in seinen Werken nicht so¬ wohl seinen Genius, als seinen Ruhm. Ver¬ schwiege man ihnen den Namen des Künst¬ lers, sie wüssten es wahrlich nicht zu be¬ greifen, was man an seinen Bildern hat. Was ist Zeichnung und Form für jeden, der nur Augen hat für flämische Farben? Noch eine Revolution, wie unser Geschlecht deren so viele erlebt hat, eine, die uns I. Theil . P Italiens Schätze raubte, wie Griechenlands Schätze einst verschwanden — und unsere Nachkommen werden es nicht mehr glau¬ ben, dass es je einen grösseren Maler gab, als Rubens . Ich muss auch dieser heiligen Familie noch erwähnen, die sich neben Raphael’s seiner so vortheilhaft ausnimmt; sie ist von Andrea del Sarto , dem sein Lehrer Michel Angelo das Zeugniss gab, dass er gross, wie Raphael , geworden wäre, wenn er nur die¬ selbe Gelegenheit sich zu bilden und sich zu zeigen gehabt hätte. Etwas von diesem Lobe geht wohl auf Rechnung der Eifer¬ sucht; aber die eigene Grösse des Floren¬ tiners bürgt uns, dass es nicht ganz unge¬ gründet war. Sein Schüler hat hier alles geleistet, was das Süjet nur tragen konnte. Die Madonna hat sanfte Weiblichkeit, und ist wirklich schön, wenn gleich nicht von erhabener Schönheit. Elisabeth hat Spuren von verblichenem italienischem Reize; der kleine Johannes, mit seinem sprechenden ausdrucksvollen Gesichte, ist mit einer glück¬ lich getroffenen Kinderschönheit begabt, und nur der Engel hinter der Jungfrau hat einen dummen Blick. Die Simplicität, die Natur und Eleganz der Zeichnung sind im höchsten Styl der Kunst; die Farben für einen Ma¬ ler aus der florentinischen Schule gut ge¬ wählt und schön verschmelzt; überhaupt ist an der ganzen Ausführung keine Klage über irgend etwas von demjenigen, was in Ra¬ phael’s eben erwähntem Bilde missfällt; viel¬ mehr ist alles sehr weich und mit grosser Leichtigkeit gehalten. Man bedauret nur, dass das Bild durch Zufall und Ausbesserung gleich viel gelitten hat. Es ist noch eine zweite Madonna von Andrea del Sarto in dieser Sammlung; sie sitzt auf einem Thron, P 2 der ein paar Stufen erhöhet ist, und hält das vor ihr stehende Christkind. Vorn sitzt links St. Markus, und rechts knieet ein Engel. Dem vorigen Bilde kann man dieses nicht an die Seite stellen; zudem ist es auch un¬ vollendet, und folglich härter und trockner, als es vermuthlich hätte werden sollen; doch erkennt man darin den Meister. Warum die schöne sitzende Figur St. Markus und kein anderer Heiliger sei, wird sich so leicht nicht überzeugend darthun lassen, weil sein Gefährte, der Löwe, nicht dabei steht, und es doch nicht so leicht ist, alle und jede Heiligen, wie weiland die griechischen Göt¬ ter, an ihren Eigenthümlichkeiten, zu unter¬ scheiden. Paulus und Barnabas wurden zwar von den Einwohnern von Lystra für den Merkur und Jupiter angesehen; allein dem Kunstsinne dieser ehrlichen Lykaonier, die damals noch Erscheinungen von ihren Göt¬ tern für möglich hielten, möchte wohl nicht sehr zu trauen seyn. Im Vorübergehen fällt ein Blick auf Pie¬ tro da Cortonas schöne Ehebrecherin; doch was sage ich? Ehebrecherin? Das Bild schreiet Rache über diese Verläumdung, oder — wenn dieses Weib eine Ehebrecherin war, so werfe, wer schuldloser ist, den ersten Stein auf sie; denn dieses Weibes Sünde war eine Tugend. Mit gebundenen Händen steht sie da, den abgewandten Blick in Thränen, den Blick, dem zu begegnen der tückische Kläger nicht werth ist. Es ist die Ruhe eines hohen Bewusstseyns in ihren Zügen, und in dem etwas zusammenge¬ drückten Munde Schmerz und Trotz des ge¬ kränkten Gefühls. Die Form des Gesichtes ist sehr edel; man sieht, es ist Studium der Antike, angewandt auf eine schöne Skizze nach der italienischen Natur. Im ganzen P 3 Kopf, in der Stellung, in der Draperie herrscht eine Einfalt und Grazie, welche diesem wackern Pietro eigen war. Der halb entblösste Hals und die treflich gezeichneten Hände sind gut kolorirt, und das ganze Bild gehört zu der kleinen Anzahl der hier vorhandenen, vor denen man lange stehen und bei denen man immer weiter in die Seele des Künstlers hineinlesen kann. Dies ist schon nicht der Fall bei Carlo Dolce’s Christus mit der schönen Hand: man sieht und bewundert die Hand, die am Ende doch nur allzumühsamen Fleiss verräth; und wenn man einen alltäglichen Christuskopf findet, geht man weiter. Seine Madonna mit dem Kinde, in dem Vorsprung am Fenster, ist das Idol der Menge derer, die täglich die Galerie besuchen; ein bis zum Ekel süsses, gelecktes, elfenbeinernes und noch obendrein verzeichnetes Mach¬ werk, bei dem der Ausdruck im Fleisse verschwindet. Ueber diesem spiegelglatten, bunten Bild¬ chen hängt ein Johannes in der Wüste, in Lebensgrösse. Die Zeit hat diesem göttlichen Werke gegeben und genommen: gegeben — eine Wahrheit des Kolorits, die es vielleicht bei seiner Verfertigung nicht hatte; genom¬ men aber — an einigen wenigen Stellen den bestimmten Umriss, dessen dunkle Schatten sich in den noch dunkleren Hintergrund verlieren. Auf seinen linken Arm gestützt, den linken Fuss an sich hinaufgezogen in eine Ruhe, die doch nicht unthätig ist, den rechten vor sich hinausgestreckt, des Kör¬ pers andere Stütze, so sitzt Johannes ru¬ hend da in jugendlicher Kraft und Blüthe, sein sinnendes Haupt der rechten Schulter zugewandt. Unter seiner Linken liegt auf dem Felsensitze das Kreuz, und in der P 4 Rechten, deren Arm, links hingehalten, sei¬ nen Schooss beschattet, hält er das andere Emblem des Täufers: die, mit dem Quell, der unter seinem Sitze hervorströmt, ange¬ füllte Schale. Diese Zeichen geben ihm für den Christen ein eigenthümliches Interesse; sie versetzen uns in den bestimmten Ge¬ sichtspunkt, aus welchem der Künstler be¬ urtheilt werden muss, den nämlich, in des¬ sen ekstatischem Helldunkel er das Urbild seiner Schöpfung erscheinen sah. Doch die¬ ser Künstler war nicht nur Christ, er war zugleich ein Mensch; und, mit Menschen menschlich zu reden, ersann er dieses un¬ übertrefliche Denkmal seiner Kunst und sei¬ nes leise ahndenden, in die Tiefen der Seele göttlich herabsteigenden Geistes! Wenn im Strome wechselbringender Jahrtausende die jetzigen Einkleidungen des Wahren längst verschwunden und vergessen sind, und es eben so unmöglich seyn wird, unsere Hie¬ roglyphen, als es uns jetzt ist, die ägypti¬ schen, zu entziffern; dann bliebe dieses Ge¬ mälde, falls ein glücklicher Zufall es bis dahin erhielte, jener späten Nachwelt ein Vereinigungspunkt mit der Blüthezeit unse¬ rer heutigen Kunst; ein Spiegel, in welchem man die Bildungsstufe und den Geist des vergangenen Geschlechts deutlich erkennen, und ein lebendiges, so lang’ es Menschen giebt, verständliches Wort, wodurch man vernehmen würde, wie einst der Sterbliche empfand und dachte, der dieses Zeugniss seiner Schöpferkraft hinterliess. Kraft in Ruhe, nicht Abspannung, son¬ dern Gleichgewicht; dies ist das aufgelösete Problem. Wir sehen einen Mann in Jüng¬ lingsschönheit sitzen; der Körper ruhet, doch nur vermittelst wirkender Muskeln, und der rechte Arm schwebt frei mit der ge¬ P 5 füllten Schale. Indem er sie zum Munde führen will, verliert sich sein Geist in sei¬ ner inneren Gedankenwelt, und seine Hand bleibt, ihm unbewusst, schweben. Schön und rein sind die Lippen von unentweihter Reinheit. Mildelächelnd belohnen sie, wer ihrer Stimme horcht; jetzt aber folgen sie dem Zuge eines weicheren Gefühls. Ist es vielleicht die stille Freude der Hofnung? Wenigstens umschweben frohe Gedanken den geschlossenen Mund, und scheinen gleichsam zu buhlen um die Hülle des Lau¬ tes. Niedergesenkt ist der Blick; theilneh¬ mende Bewunderung einer geahndeten Grösse drückt die Augenlieder; unter ihrer grossen schwärmerischen Wölbung, die so himmlisch¬ rein hervortritt aus dem Schatten der Au¬ genbraun, steht ein Göttergesicht vor der in¬ neren Sehe, wogegen ihm die mit Reiz ge¬ schmückte Erde nur Staub ist. Ein Ocean von Begriffen liegt klar auf seiner Stirn ent¬ faltet. Wie heiter ist diese Stirn! Keine Begierde, keine stürmische Leidenschaft stört den heiligen Frieden dieser Seele, deren Kräfte doch im gegenwärtigen Augenblick so rege sind! Vom runden, festen Kinne bis zur braungelockten Scheitel, wie wun¬ derschön ist jeder Zug! und wie versinkt dennoch die Sinnenschönheit in hervorstra¬ lender, erhabener Seelenstärke! Die Deutung dieser Umrisse, dieser Züge bleibt durch alle künftige Äonen unverän¬ dert dieselbe; je zarter der Sinn, je reicher der Verstand, je heiliger glühend die Phan¬ tasie: desto tiefer nur greifen sie in den un¬ ergründlichen Reichthum, den der Künstler seinem Werke schuf. Uns indessen kann es individueller in Anspruch nehmen; uns erinnert es an Geschichte und an tausend¬ fache Beziehungen, deren ununterbrochene Kette uns selbst mit unseren Zeitgenossen umschlingt und mit dem dargestellten Ge¬ genstande verbindet. Wir kennen diesen er¬ habenen Jüngling. Das Buch des Schicksals einer verderbten Welt lag aus einander ge¬ rollt vor seinen Augen. Durch Enthalt¬ samkeit und Verläugnung geschärft und ge¬ läutert, ergründete sein reiner Sinn die Zukunft. In einsamen Wüsteneien denkt er dem grossen Bedürfnisse des Zeitalters nach. Zu edel, zu gross für sein, gesunke¬ nes Volk, hatte er sich von ihm abgeson¬ dert, hatte es gestraft durch das Beispiel seiner strengen Lebensordnung, und kühn gezüchtigt mit brennenden Schmachreden. Jetzt fühlt der ernste Sittenrichter tief, dass diese Mittel nichts fruchten; in die ekelhafte Masse selbst muss sich der edle Gährungs¬ stoff mischen, der ihre Auflösung und Schei¬ dung bewirken soll. Aufopferung, Lang¬ muth, Liebe — und zwar in welchem, den Geschlechtern der Erde, ja seiner rauhen Tugend selbst noch unbegreiflichem Grade! — fordert die allgemeine Zerrüttung des sittlichen Gefühls. Hier wagt er es, diese Eigenschaften vereinigt zu denken, im Geiste das Ideal eines Menschen zu entwerfen, der sie bis zur Vollkommenheit besitzt. Bald aber dünkt es ihn, dieses Bild sei nicht ein blosses Werk der Phantasie, es verwebe sich mit bekannteren Zügen, ja, er kenne den gött¬ tergleichen Jüngling, in dem die Rettung der Erdebewohner beschlossen liegt! Dieses Bewusstseyns frohe Schauer sind es, die der gesenkte Blick, im inneren Anschauen ver¬ loren, uns verkündet. Wer ahndet den Feuerstrom der Rede, der sonst von diesen Lippen floss, allen Widerstand bändigte, und die zagenden Herzen ergriff? Diese über¬ wundenen, gerührten Lippen sinken in die Ruhe der grossen, freudigen Zuversicht. Das ist der Täufer Johannes ! Und wenn er es nicht wäre? Wenn nur die Kunst ihn so zu schildern, so zu dich¬ ten, so aus fernen Ätherbahnen, als einen hellen Stern in vollem Glanze, uns näher zu rücken vermöchte? Dankt’ es denn nicht die Religion der Kunst, die sie verherrlicht? Gewiss, es kann nicht gleichgültig seyn, da wir einmal den leibhaften Johannes nicht zu sehen bekommen, ob man uns erhabene oder kleinliche Vorstellungen bei diesem Na¬ men erweckt. Nie wäre man lau und gleich¬ gültig gegen das Heilige und Göttliche ge¬ worden, wenn die Lehrer der Menschen dasjenige, was sie in liebreicher Absicht so nannten, durch keine unedle Vorstellungsart entweihet, wenn sie das Schöne und das Gute rein empfunden und in neuer Klarheit aus reinem Herzen mitgetheilt hätten. O du mit der Engelsseele, aus deren Abgrund du diese entzückende Erscheinung heraufzauber¬ test, und sie zugleich als Bild des Edlen dachtest, der sich noch nicht werth hielt, seines höheren Freundes Füsse zu berüh¬ ren — wer bist du, dass ich bei deinem Namen dich nennen mag, nicht bloss dich denken muss, als den ernsten Schöpfer die¬ ses Johannes? Doch, wer du auch seist, hier lebt ein Abdruck deiner Kräfte, in dem wir dich bewundern und lieben. Wie hei¬ lig ist der, in dessen Seele dieses vollendete Wesen aufstieg! Keine Bulle — Gott und die Natur kanonisirten ihn. Ich begreife es nun, dass selbst der Apollo einem Menschen so viel nicht seyn kann, als dieser Mensch Johannes. Die Gleichartigkeit seines Wesens mit dem un¬ srigen zieht uns zu ihm hin: er ist in aller seiner Vollkommenheit noch unser Bruder; in ihm fühlen wir uns ergänzt; von ihm wollen wir lernen, weil wir ihn verstehen, weil er durch Nebeneinanderstellung und Vergleichung, durch Sonderung des Ver¬ schiedenen und Einigung des Uebereinstim¬ menden erkennt und denkt wie wir. Der Apoll hingegen ist, was er seyn soll: ein Gott. Von seiner Erkenntnissart haben wir keinen Begriff; sie ist ganz Intuition, ganz reiner Sinn, wie wir es dunkel ahnden in seiner Gestalt. Ihn fassen wir nicht; von ihm können wir nichts lernen; er kann uns nichts als erfreuliche Erscheinung seyn, aus¬ ser etwa in gewissen Augenblicken, wenn auch wir über uns selbst hinaus exaltirt und zu einer höheren Reizbarkeit gespannt, ohne von der Vernunft gestört zu werden, der Intuition des reinen Kindersinnes ge¬ niessen. Allein diese Augenblicke mit ihrem Himmelreich sind unserem Schwachsinn alle¬ mal mal gefährlich, und die Abspannung, die darauf erfolgt, kann mehr als zu deutlich lehren, wie wenig wir für Göttergenuss und den Umgang mit Göttern geschaffen sind. Unsere Ungenügsamkeit ist Schwäche; die Griechen blieben bei der Erscheinung ste¬ hen, und freuten sich des Anblicks ihrer Schönheit. Was ich aber nicht mehr begreife, das ist, wie man es noch wagen kann, einen Christus als Kunstwerk darzustellen. Malt man ihn mit den Zügen eines Götterideals, so hat er nur das Interesse der Schönheit; allein er rührt nicht das Herz. Im Gegen¬ theil, schildert man einen Menschen; wie will man das Göttliche dergestalt hineinver¬ schmelzen, dass es dem Interesse des Her¬ zens nicht schadet? und lässt man dieses ganz hinweg; wie ist es möglich, die Mensch¬ heit so hinaufzuadeln, dass sie noch grösser, I. Theil . Q als hier Johannes, erscheint? Auch habe ich noch keinen Christuskopf gesehen, von dem ich sagen könnte: er ist es ! Vielleicht ist das indess weniger die Schuld der Künst¬ ler, als der Theologen. Zu seinem Johan¬ nes durfte der Maler einige Ideen von dem fälschlich sogenannten Antinous entlehnen: diese schöne Natur, die von ächten Ken¬ nern als ein Werk der höchsten Griechi¬ schen Vollendung anerkannt wird, bot ihm die Züge eines kühnen, trotzigen, starken Jünglings dar, deren wilde Grösse sich im Johannes mit dem sanfteren Ernst des Den¬ kers so vereinbaren liess, dass die sinnliche Schönheit zwar untergeordnet, aber dennoch die bedeutungsvolle Zierde seines Wesens blieb. Man erkennt auf den ersten Blick die Aehnlichkeit des Gemäldes mit dem Marmorbilde; allein wie arm wäre der, dem ausser dieser Aehnlichkeit nicht die eigene Schöpfung des Künstlers entgegenleuchtete! Nach meiner Empfindung versündigte er sich stärker an der Kunst, als wenn er im Virgil nur den Nachahmer Homers erblicken wollte. Jeder Zug dieses Johannes bürgt uns für den Dichtergenius seines Urhebers, wenn nicht schon die eigenthümliche Behandlungs¬ art sein Verdienst erwiese. Nie zeichnete ein Florentiner richtiger und schöner; und bei dieser Wahrheit des Farbenschmelzes vermisst man Tizian's magischen Pinsel nicht. Raphael , dem man hier das Gemälde zu¬ schreibt, hat zu keiner Zeit diesen Grad der Vollendung im Kolorit erreicht. Eine an¬ dere Hypothese nennt Andrea del Sarto als den grossen Künstler dieses braungelock¬ ten Jünglings; und wenn er wirklich sein ist, dann hatte Michel Angelo doch wohl recht? Ich trage einen unauslöschlichen Abdruck dieses in seiner Art einzigen Mei¬ Q 2 sterwerks mit mir davon. Was Italien der¬ einst Schöneres und Vollkommneres mit zei¬ gen könne, muss ich von der Zeit erwarten; aber die Stunden gereuen mich nicht, die ich den weichen, kurzen Locken, die so schön das Haupt umgehen, den seelenvollen Zügen, den unnachahmlichen Umrissen die¬ ses einfachen, in sich vollkommenen, bewun¬ dernswürdigen Ganzen zum letztenmal schenk¬ te. Jetzt nichts mehr von dieser bunten, blendenden Sammlung! Meine Augen wer¬ den nicht müde, den schönen Johannes zu sehen; allein sie erliegen der Menge. Einen Abschiedsblick werf’ ich indess noch auf Guido’s gen Himmel fahrende Madonna; ihr danke ich einen viel zu schönen Genuss, als dass ich ganz von ihr schweigen könnte. In Dresden sah ich Raphael’s grosse Be¬ handlung dieses Gegenstandes. Dort ist es die Königin des Himmels, die wieder zurück¬ kehrt auf den Thron, der ihr Eigenthum ist. Sie schwebt nicht, sie steht, mehr sinnend als froh; die Göttliche verlässt eine Welt, zu welcher sie nie gehörte. Die an¬ betenden Engel jauchzen nicht; die Himmel feyern. — Und Guido’s Maria? Sie ist so menschlich schön! Ein Weib, das jetzt von den Leiden, den Fesseln der Erde befreiet, den Himmel offen sieht. Ihr trunkner Blick, ihr verklärtes Gesicht, ihre ausgebreiteten Arme, verkünden ihre unaussprechliche Won¬ ne. Zwei Engel zu ihren Füssen, bezau¬ bernd wie nur Guido’s Engel, tragen sie empor, schmiegen sich an ihr Gewand, freuen sich ihrer voll himmlischer Liebe — nein! Menschen dürfen es nicht sprechen, wenn Engel sich freuen! Dies ist eine neue Welt! bloss möglich, lichtumflossen und in reinem Lichte beste¬ hend! Da ist nichts Irdisches, nichts Unge¬ Q 3 läutertes zu sehen. Selbst der grosse, blaue Mantel der Verklärten ist reiner, verdichteter Äther des Himmels, wenn wir ihn mit Klei¬ dern von irdischem Gewebe vergleichen; er ist nicht schwer, er giebt nur Würde und Glanz. Die Jungfrau, schlank und schwe¬ bend, und völlig bekleidet — in ihren Zügen sind Spuren von der Erinnerung des Künst¬ lers an Niobe’s Töchter — scheint bereits einer himmlischen, unzerstörbaren Lichtnatur theilhaftig: man sieht sie an, und glaubt an eine Auferstehung. Die Schönheit der Engel und ihre Grazie spotten aller Beschrei¬ bung; ihr Ausdruck ist himmlische Unschuld und seraphische Liebe. Sie bedürfen nicht der Erkenntniss des Guten und Bösen; die Welt, die wir in ihnen ahnden, umfasst und erschöpft alle Formen des Lichtes und der Wahrheit. Es giebt Ideale der Schön¬ heit, die verschieden von griechischen Göt¬ tergestalten sind; in diesen Engeln erblick’ ich sie zum erstenmal. Ich hatte nicht ge¬ glaubt, dass es möglich wäre, die Wunder des Empyräums mit sinnlicher Form zu be¬ gaben, Engelreinheit gepaart mit dem milden Feuer der seligen Geister, die einander durchdringen, und mit dem ewigen Reize der Heiterkeit, in göttlicher Jünglings- und Gra¬ ziengestalt hinzuzaubern. O Guido , süsser Schwärmer, wie verführerisch wird durch deine Phantasie die Schwärmerei! Alles in diesem Gemälde ist Magie, und magisch ergreift es das Gefühl; die zarte Richtig¬ keit der Zeichnung; die Stellung der Ma¬ donna; die Form der Gruppe; die holde Anmuth des ganzen Gedichtes; die Pracht und Zierlichkeit der ätherischen Gewänder, und ich wage es zu behaupten, sogar die blendende Gluth der Farben, die eine Licht¬ welt versinnlichen, nach welcher unser blö¬ Q 4 des Auge kaum hinaufzublicken wagt! Hier sollten die Maler lernen, wie Engel fliegen und wie Verklärte schweben. Ich reisse mich endlich los. Von Ti¬ zian’s und Corregio’s Werken enthält die Galerie nichts, das dieser grossen Namen würdig wäre. Ein Porträt, unter jener Him¬ melfahrt, die Arbeit des ersteren von die¬ sen Meistern, ist wegen des Umstandes merk¬ würdig, dass ein berühmter Physiognomiker es für das vollkommenste Ideal eines Chri¬ stuskopfes, das ihm noch zu Gesicht gekom¬ men sei, erklärte; und dieses Ideal war — der muthwillige Aretino! Ich denke darum nicht schlechter von diesem physiognomi¬ schen Urtheil; denn es lässt sich auf eine ähnliche Art vertheidigen, wie Sokrates das Urtheil das Physiognomen über ihn selbst rechtfertigte. Ein Christus mit der Dornen¬ krone, das einzige Stück, welches man hier von Corregio zeigt, mag wohl bewunderns¬ würdig seyn, wenn man nur auf einem Ge¬ sichte, das so tiefes Leiden ausdrückt, den Blick könnte ruhen lassen. Einst war es eine Philosophentugend, recht zu handeln, und die schauderhaftesten Gegenstände, wie die lieblichsten, mit Gleichmüthigkeit anzu¬ sehen. Seitdem man aber die Unempfind¬ lichkeit, die selten Recht thut, damit zu verwechseln pflegt, ist nichts Verdienstliches mehr an diesem Stoicismus, und die Philo¬ sophie hat ihn längst der Politik, die immer nur repräsentirt, überlassen. Zu einer andern Zeit, und an jedem andern Orte, ausser die¬ ser Sammlung, wäre die Flucht nach Ägyp¬ ten vom alten Paul Veronese , ein Stück, das bemerkt zu werden verdiente; Guerci¬ no’s Dido und die Verkündigung Mariä von Tintoretto , wären auch eines Blickes werth; einen kleinen Alban , eine schlafende Venus Q 5 von Carlo Maratti , ein paar Köpfe von Guido , selbst Cagniacci’s Mutter der sieben Schmerzen, und Spagnoletto’s Hirten, die im Felde bei dem Lobgesange der Engel er¬ wachen, würde man noch mit einigem Ver¬ gnügen betrachten. Ich eile gesättigt vorüber. Von der sehr reichen Sammlung von Kupferstichen und Handzeichnungen, welche die hiesige Akademie der Künste besitzt, kann ich Dir nichts erzählen, was Du nicht schon wüsstest. Ich erkundigte mich aber nach den Formen, worin die herrlichen Ab¬ güsse von Antiken gegossen sind, die wir zu Manheim sahen. Allein Du erräthst nim¬ mermehr — dass man sie zerschlagen und zum Strassenbau verwendet hat. Nun sage mir einer, ob wir nicht noch die alten Bar¬ baren sind! IX. Aachen. W ir rissen uns aus den Umarmungen un¬ serer Freunde und reiseten von P . bei Mond¬ schein die ganze Nacht hindurch nach Jülich. Die Gegend ist flach, aber vortrefliches Saat¬ land, und besonders wird sie jenseits Jülich sehr schön durch Haine von hochstämmigen Ulmen, Eschen und Hagebüchen; in diesen ist fast jedes der naheliegenden Dörfer gleich¬ sam vergraben, oder ragt nur mit der Kirch¬ thurmspitze daraus hervor. Jülich ist eine kleine Festung von der unbedeutenden Art, die man Bicoque nennt. Gegen einen Feind, der auf der Anhöhe, von welcher wir von Düsseldorf hinabkamen, seine Batterien an¬ legte, könnte es sich keinen Augenblick halten. Die Dörfer und Flecken in dieser Ge¬ gend sind zum Theil von Steinen und Zie¬ geln sehr dauerhaft erbauet, und bezeugen den Wohlstand ihrer Bewohner. Dahin kann es leicht mit dem Flor eines Landes kommen, wenn man es nicht, unter dem Vorwande der Landesväterlichen Sorgfalt, aussaugt, dem Unterthan nicht durch ver¬ vielfältigte Verordnungen die Hände zu fest bindet, und ihm nicht durch drückende Steuern den Muth benimmt. Den Ständen der Herzogthümer Jülich und Berg gebührt das Lob dieser guten Administration. Sie scheinen in der That den höheren Sinn jenes tiefgedachten Spruchs, «dass die Welt sich am besten durch ein ganz kleines Fünk¬ chen Weisheit regieren lasse» ( mundus re¬ gitur parva sapientia ) zu Herzen genom¬ men und in Ausübung gebracht zu haben. Beide Extreme des Egoismus, falsche Ruhm¬ begierde sowohl, als gefühllose Verachtung der öffentlichen, guten Meinung, sind trau¬ rige Eigenschaften eines Regenten oder Ad¬ ministrators; wer sich begnügen kann, recht zu handeln ohne glänzen zu wollen, wird zwar kein Aufsehen erregen, aber das Glück geniessen, zufriedene und wohlhabende Men¬ schen um sich her zu sehen. «Das Gute was ich hier gethan habe, sagt die Regentin im Egmont, sieht gerade in der Ferne wie nichts aus, eben weil es gut ist.» Die Menschen in dieser Gegend sprechen eine weit plattere Sprache, als die oberhalb Kölln; mir schien sie sogar platter zu wer¬ den, je weiter wir uns vom Rhein hieher¬ wärts entfernten. Alle Mannspersonen, die uns begegneten, waren wohlgewachsen, und von einer bestimmteren, ausdrucksvolleren Gesichtsbildung. Die Weiber hatten nicht die eckigen, hervorstehenden Backenknochen, die in den oberen Rheingegenden und weiter hinauf im Reiche so charakteristisch sind. Manche, die wir sahen, hätten einem flam¬ mändischen Maler zu Nymphen und Göt¬ tinnen sitzen können. Arbeitsamkeit erhält diese Menschen nüchtern, und macht sie verhältnissmässig gegen die Oberländer wohl¬ habend. Das feuchte Klima, die stete An¬ strengung beim Ackerbau, vielleicht auch das ursprüngliche Temperament des blonden niederdeutschen Blutes, macht sie phlegma¬ tisch, gleichgültig, ungesellig, störrig; und die Religion, wenigstens so, wie man sie ihnen nach hierarchischen Grundsätzen bei¬ bringt, trägt eben nicht viel dazu bei, sie geistreich und aufgeweckt zu machen. Ihr Wohlstand giebt ihnen Unabhängigkeit, und dieses glückliche Verhältniss gegen den Ne¬ benmenschen trägt vielleicht auch das sei¬ nige dazu bei, die Gleichgültigkeit gegen dea Fremden bis zur rohen, unwirthbaren Un¬ gezogenheit zu treiben. Selbst bei denen, die noch Höflichkeit zu bezeigen geruheten, hatte sie einen so kecken Anstrich, dass ich mich ihrer im Namen der Menschheit freuete, so wenig sie für mich, als Einzel¬ nen betrachtet, Einladendes und Schmeichel¬ haftes haben konnte. Die Einförmigkeit der Beschäftigungen des Ackerbaues, und die strenge Ordnung, in welcher sie auf einan¬ der folgen, giebt demjenigen, der sich bloss davon nährt, eine Einseitigkeit, welche in, vielen Fällen bis zum hartnäckigsten Eigen¬ sinne geht, zumal wenn es auf die Einfüh¬ rung einer verbesserten Kultur ankommt; auch trägt sie vieles dazu bei, eine habi¬ tuelle Langsamkeit hervorzubringen, welche man jedoch sorgfältig von Faulheit und Müssiggang unterscheiden muss. Der Müssig¬ gänger, wenn er Munterkeit und einigen Ideenvorrath besitzt, kann ungleich unterhal¬ tender seyn, als dieser kalte Alltags- und Gewohnheitsmensch; allein seine Abhängig¬ keit macht ihn verächtlich, und untergräbt seine Sittlichkeit. Der langsame, gleichgül¬ tige, in seinem Kreise sich fortwälzende Dummkopf, wenn er sich und die Seinigen redlich ernährt, ist dem Staate wichtiger, als Mensch glücklicher, und moralich besser, ob er gleich auf der Leiter der Erdenwesen, nach ihren Fähigkeiten geordnet, tiefer steht. In den Städten der hiesigen Gegend, wo sich auf das angeborne Phlegma und den damit verbundenen Stumpfsinn, die Faulheit, die Unsittlichkeit und der Aberglaube pfrop¬ fen, findet man allerdings die menschliche Natur in ihrer empörendsten Entartung. — Aachen liegt sehr anmuthig. Die Hügel rund umher sind schön geformt, und reich an Waldung, Aeckern und Gebäuden; da¬ her gewähren sie unter jedem Gesichtspunkt einen verschiedenen, das Auge erquickenden Effekt. Effekt. Um die Stadtmauern ziehen sich schöne Gänge von hohen schattenreichen Bäumen. Gewisse Theile der Stadt sind ziemlich gut gebauet; ihr ganzer Umfang ist sehr beträchtlich, denn ehedem fasste sie mehr als hunderttausend Einwohner, deren jetzt aber nur dreissigtausend vorhanden sind. «Was ist die Ursache dieser auffallenden Ent¬ völkerung?» wirst Du fragen; denn ich fragte eben so, und ich glaube, jedem, der davon zum erstenmal hört, muss dieselbe Frage auf der Zunge schweben. Die Antwort, die ich darauf erhielt, ist einleuchtend, ob sie gleich nicht befriedigt. Es wäre bald von der Sache zu kommen, wenn man alles ei¬ ner fehlerhaften Constitution zur Last legen wollte, deren Mängel und Gebrechen jetzt so klar am Tage liegen; allein geübtere Au¬ gen erkennen, dass eine Complication von Ursachen eintreten musste, um den Verfall I. Theil . R dieser vor Alters so blühenden Stadt allmälig zu bewirken: und Complicationen dieser Art nachzuspüren, ist keine so leichte Sache, dass ein jeder in wenigen Worten den Knoten lösen könnte. Karls des Grossen Residenz, der Krönungsort so vieler Kaiser, war lange der Sitz nützlicher Künste und Gewerbe, ein wichtiges Handelsemporium, ein Mittelpunkt, wo vielfältiges Interesse Menschen aus allen Klassen und aus den entferntesten Gegenden des Reiches zusam¬ menführte, wo dieser Zusammenfluss einen schnelleren Umlauf des Geldes, einen ra¬ scheren Tausch der Waaren, einen wenig¬ stens für jene Zeiten wichtigen Grad des Aufwandes verursachte, und zwar dies alles schon, als in der umliegenden Gegend noch keine Nebenbuhlerin sich organisirt hatte und zur Vollkommenheit gediehen war. Jetzt verhält sich alles anders. Aachen ist nicht einmal mit der Gegenwart eines Kaisers für den Moment der Krönung be¬ glückt, und noch viel weniger dessen be¬ ständiger Aufenthalt; der Glanz, den diese Gegenwart ihr geben konnte, ist von ihr gewichen. Um sie her, auf allen Seiten, sind nach und nach ansehnliche Staaten ent¬ standen; der Fleiss, die Freiheit und das Glück haben im Wetteifer mit einander vie¬ len neuen Städten einen Grad von blühen¬ dem Wohlstand geschenkt, den Handel in andere Kanäle geleitet, den Geist der Men¬ schen entwickelt und gebildet, wie er an einem vereinzelten Orte, und bei hartnäcki¬ ger, blinder Anhänglichkeit an altes Her¬ kommen, nicht mit fortrücken konnte. So¬ dann aber haben die Tyrannei des Aberglau¬ bens, die noch immer gegen andersgesinnte Religionsparteien wüthet und die Nicht¬ katholiken von manchen Vorrechten des Bür¬ R 2 gers ausschliesst, die Wuth der Parteien, die unaufhörlich um die Alleinherrschaft einer nur dem Namen nach freien Reichsstadt kämpften, und endlich der finstere Despo¬ tismus der Zünfte, zur Sittenverderbniss, zur Verblendung über das wahre Beste des ge¬ meinen Wesens und des einzelnen Bürgers, zum Müssiggang, zur Bettelei und zur Ent¬ völkerung kräftig mitgewirkt. Wo ist der Wohlstand, der so vielen ihn untergraben¬ den Feinden widerstehen könnte? Was ächte Bürgertugend allein wider die übrigen ungünstigen Umstände vermocht hätte, ste¬ het dahin; mit ihr hat man die Probe nicht gemacht, und ohne sie verblühen die Staa¬ ten, selbst im Schoosse des Glücks! Die Unordnungen, welche aus der feh¬ lerhaften Constitution von Aachen entspran¬ gen, hatten bereits vor drei Jahren ihren höchsten Punkt erreicht; denn so lange ist es her, dass die streitenden Parteien in of¬ fenbare Gewaltthätigkeit gegen einander aus¬ brachen, dass eine kaiserliche Kommission zur Untersuchung und Abstellung der Miss¬ bräuche niedergesetzt ward, und dass fünf¬ hundert Mann Pfälzer die Ruhe in der Stadt erzwingen und den Verordnungen der Kom¬ missarien Nachdruck geben mussten. Die Kommission versammelt sich in eben dem Saale, wo im Jahre 1748 der Aachner Frie¬ de geschlossen ward. Sie wird den Zweck ihrer Sendung wahrscheinlich bald erreicht haben; denn endlich sind die Aachner ihrer eigenen Thorheiten müde, und je näher ih¬ nen der Zeitpunkt entgegen rückt, wo sie die nachtheiligen Folgen der unter ihnen herrschenden Verbitterung in ihrem ganzen Umfange fühlen werden, desto geneigter las¬ sen sie sich finden, die vorgeschlagenen Mittel zu einem dauernden Vergleich anzu¬ R 3 nehmen. Man sollte denken, die ungeheu¬ ren Kosten der Einquartierung und des Pro¬ zesses, müssten die hiesige Bürgerschaft schon längst zur Besonnenheit gebracht haben; al¬ lein diese Summen, die sich in die Hun¬ derttausende belaufen, scheinen um deswillen auf den ergrimmten Parteigeist weniger ge¬ wirkt zu haben, weil man sie durch Anlei¬ hen bestreitet, die erst der künftigen Gene¬ ration zur Last fallen werden. Hätte man den redlichgemeinten Vorschlag, sie durch eine Steuer zu tilgen, genehmigt, so würde man sich eher gehütet haben, sie zu hoch heranwachsen zu lassen. Was indess kräf¬ tiger auf die Gemüther wirkt, als selbst der Eigennutz, das ist in diesem Augenblicke die Macht der Wahrheit. In einer Ange¬ legenheit, wo es so leicht möglich ist, sich für die eine oder die andere Partei einneh¬ men zu lassen, hat die strenge Unparteilich¬ keit des Herrn von Dohm das völlige Ver¬ trauen beider gewonnen, und sein neuer Plan zur Verbesserung ihrer Constitution, der bis auf den letzten Bogen abgedruckt ist, wird vermuthlich bei ihrem bevorste¬ henden Vergleiche nicht bloss zum Grunde gelegt, sondern in allen wesentlichen Stücken wirklich angenommen werden. Alle Schwie¬ rigkeiten zu heben, allen Mängeln abzuhel¬ fen, ist vielleicht eine Aufgabe, welche die Kräfte eines jeden politischen Reformators übersteigt. Wenn es auch anginge, die Bande der Gesellschaft auf einen Augenblick gänz¬ lich aufzuheben, und so zu Werke zu ge¬ hen, als ob noch keine Verfassung existirt hätte; so sind doch die Verhältnisse der Menschen unter einander zu mannichfaltig verwickelt, und ihre Gemüther zu vielen Lokaleindrücken unterworfen, um nicht aus dem Besten, was man ihnen in abstracto R 4 zur Richtschnur vorschlagen könnte, etwas sehr Mangelhaftes und sogar Nachtheiliges in concre t o zu machen. Mehrentheils aber lässt sich eine gewaltsame Auflösung der Verfas¬ sungen gar nicht einmal denken, und man sieht sich genöthigt, alle Bemühungen ledig¬ lich auf die Abstellung einzelner Missbräuche, auf die Verbesserung einzelner, ins Grosse wirkenden und alles zerrüttenden Fehler zu richten. Vielleicht ist es in den meisten Fällen wirklich rathsamer, eine alte fehler¬ hafte Constitution zu bessern, als eine ganz neue zu organisiren, und sich der Gefahr auszusetzen, dass durch die Gährung, die bei der Einführung alles Neuen unvermeid¬ lich ist, das Ganze eine andere, als die ge¬ hoffte Form gewinne, oder dass nun Lücken und Gebrechen sich offenbaren, welche viel¬ leicht grösseres Unheil stiften, als jenes, dem man abhelfen wollte. Mässigung ist die Tugend, welche unserm Zeitalter vor allen andern am meisten zu fehlen scheint. Vielleicht hat es so seyn müssen, dass gerade jetzt gewaltsame Bewe¬ gungen von einem Extrem zum andern eine gefährliche Stockung in dem grossen Gange der Menschheit verhüten; allein was der Philosoph als unausbleiblich und nothwendig anerkennt, ist darum in seinen Wirkungen nicht weniger traurig; und allein von der ruhigen, bescheidenen, ohne alle äussere Gewalt, bloss durch Gründe sanft überre¬ denden Vernunft ist Rettung zu erwarten. Ueberall sind die Leidenschaften aufgeregt, und wo sie immer Gesetze geben, da ist jederzeit Gefahr, dass Ungerechtigkeiten eine Sanktion erhalten, sie mögen gerichtet seyn gegen welchen Theil der bürgerlichen Ge¬ sellschaft sie wollen. Das Volk ist selten zurückhaltender oder billiger als der Despot; R 5 denn moralische Vollkommenheit konnte ihm ja der Despotismus nicht geben, und mit welchem Rechte will man Mässigung von ihm erwarten, wenn man es geisselt, bis es in Wuth geräth und seinen unbarmherzigen Treiber nun zu zertreten drohet? Unter solchen Umständen ist allerdings die Dazwi¬ schenkunft eines unparteiischen, billigen Dritten die wesentlichste Wohlthat, die einem zerrütteten Staate widerfahren kann. Weises Nachgeben von beiden Seiten, wozu er sie auffordern muss, kann alsdann eine dauerhafte Wiederherstellung bewirken. Al¬ lein die schwerste Aufgabe von allen besteht wohl darin, wie die Stimme der Mässigung sich in leidenschaftlichen, aufgebrachten Ge¬ müthern Eingang verschaffen könne? Dies gehört unstreitig zu den vielen Dingen in der Oekonomie des Menschengeschlechtes, welche sich durch keine Vorschrift bestim¬ men und mittheilen lassen, weil sie ihren besonders dazu gebildeten Mann erfordern. Von dieser Seite werden die Schicksale der Erdbewohner von menschlicher Klugheit im¬ mer unabhängig, und einer höheren Will¬ kühr, oder der Nothwendigkeit und ihrer Ordnung unterworfen bleiben. Welch eine Verkettung nicht vorher zu berechnender Begebenheiten ist es, die gerade den an¬ spruchlosen, tugendhaften Mann, dessen höchstes Ziel die Beförderung des gemein¬ schaftlichen Besten Aller ist, den gründli¬ chen, durch Erfahrung gebildeten, von allen Theorien zurückgekommenen Denker in Eine Person mit dem politischen Organ der Kö¬ nige vereinigt, und ihn jene Gewalt, die wo sie sich ins Spiel mischt, nur Zwang ge¬ biert, nur die Symptome ändern nicht aber die Krankheit heben kann, mit einer Grösse, deren nur die Weisheit fähig ist, zurück¬ halten lässt, um die Würde seiner Mitge¬ schöpfe zu schonen! Nicht nach Idealen, die man sich aus philosophischen Compendien abstrahiren kann, sondern nach dem Bedürfnisse der Zeit und der Umstände, wird der Werth der vorge¬ schlagenen neuverbesserten Verfassung von Aachen geschätzt werden müssen. Die Ideale aller Art sind, was schon ihr Name anzu¬ deuten scheint, Schöpfungen des Verstandes, und viel zu zart gewebt, um für die Wirk¬ lichkeit sich zu schicken. Das praktisch Anwendbare muss aus gröberem Stoffe ge¬ bildet, materieller wenn man will, aber eben darum natürlicher und menschlicher seyn. Dass ich dabei den Nutzen des Idealisch¬ vollkommenen, in sittlicher Rücksicht, nicht verkenne, verbürgt Dir mein Enthusiasmus für dasselbe in Beziehung auf Sinnlichkeit und Kunst. Ahnden müssen wir wenigstens die Vollkommenheit, die wir nicht erreichen; sonst versinken wir bald in einen Grad der inneren Unempfänglichkeit, welche unserer höchsten Bestimmung entgegenläuft. Frei¬ heit und Gesetz sind beide die Heiligthü¬ mer der Menschheit; und dennoch wäre es kurzsichtig geträumt, dort, wo die Natur Ungleichheit setzte, gleiche Rechte fordern, oder, auf der andern Seite, aus Gerechtig¬ keitsliebe das fehlende Geschlecht sogleich vertilgen zu wollen. Wie tief mussten Men¬ schen nicht sinken, wie unfähig, sich an die Stelle anderer zu versetzen, und die Würde eines freien denkenden Wesens zu empfinden, mussten sie nicht geworden seyn, ehe sie das fürchterliche: fiat justitia et pereat mundus! (Gerechtigkeit! und ginge die Welt darüber zu Grunde! nur ohne Schauder aussprechen lernten! Und wenn nun vollends Menschen das, was ihnen Ge¬ rechtigkeit dünkt, nach diesem Wahlspruch handhaben wollen, dann — guter Himmel! — wäre freilich wohl jener Zustand des un¬ gebundenen Wilden noch vorzuziehen, der sich nie von solchen Träumern, was gerecht sei, vordemonstriren liess, und gleichwohl das Unrecht so lebhaft empfindet, und es so muthig aus allen Kräften zurückstösst! Auch das Ideal der Levellers , wenn es zur Ausführung käme, entrisse uns alle Vor¬ theile der sittlichen Kultur, wiewohl es sei¬ nes Ursprunges wegen immer noch verzeih¬ licher bleibt; denn es entstand aus einer allzuvortheilhaften, hingegen das Ideal der Rechtsgelehrten aus einer allzuschlechten Mei¬ nung von unserer Natur. Zwischen den Ge¬ dankenbildern dieser entgegengesetzten Phan¬ tasien liegt ein Mittelweg, der um so we¬ niger trügt, je sorgfältiger derjenige, der ihn wandelt, bei jedem Schritte auf diese hinblickt, und, was sie Gutes haben, be¬ nutzt. Die vierzehn Zünfte von Aachen mussten also beibehalten werden, wenn man sich nicht aus dem einmal angenommen Zu¬ schnitt einer deutschen Reichsstadt hinaus¬ träumen wollte, so verderblich an sich, so nachtheilig allem Flor und aller Vervoll¬ kommnung der Fabriken und Handwerker auch das Zunftwesen bleibt. Was man thun konnte, bestand lediglich darin, die Zünfte selbst unter einander so zu organi¬ siren, dass eine gleichförmigere Repräsen¬ tation durch sie bewirkt werden konnte. Seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts wählen die Bürger von Aachen, die in den Zünften eingeschrieben sind, ihren Magistrat. Vor diesem Zeitpunkte tyrannisirte ein so genannter Erbrath von lebenslänglichen Bür¬ germeistern und andere Beamten die Stadt. Allein bald fand man wieder Mittel, die alljährliche Wahl zu lenken, wohin man wollte, und selbst das Gesetz, dass niemand zwei Jahre lang hinter einander Bürger¬ meister seyn darf, wusste man so geschickt zu umgehen, dass derselbe Mann oft zwan¬ zig bis dreissig Jahre lang regierte, indem er sich ein Jahr ums andere wählen liess, und in den Zwischenräumen zwar einem Andern den Namen, jedoch nicht auch zu¬ gleich die Macht dieser wichtigen, beinahe uneingeschränkten Magistratur überliess. Wie dieser Missbrauch sich einschleichen konnte, begreift man nur, wenn man die bisherige Beschaffenheit der Zünfte näher untersucht. Da jede Zunft vier Rathspersonen wählt, so hat die Intrigue gewonnenes Spiel bei einer so auffallenden Ungleichheit in der Zahl der Wählenden, wie sie hier in verschiedenen Zünften statt findet. Die Krämerzunft z. B. besteht besteht aus zwölfhundert Köpfen, und die Kupfermeisterzunft nur aus zwölfen. Wie leicht konnte man also nicht in solchen kleinen Zünften eine Mehrheit der Stimmen erkaufen, und mit derselben der Mehrheit der Bürgerschaft spotten? Ein nicht minder auffallendes Gebrechen der Verfassung besteht darin, dass ein grosser Theil der Bürger¬ schaft auch nicht einmal zum Scheine im Rathe vorgestellt wird, und von allem An¬ theil an der gesetzgebenden Macht gänzlich ausgeschlossen ist. So verhält es sich mit der zahlreichen Weberzunft, die wirklich keine Repräsentanten wählt, und in jener oben angeführten Zahl von vierzehn Bür¬ gerkorporationen nicht mitbegriffen ist. Da¬ gegen entschädigt sie sich aber bis jetzt durch einen Handwerksdespotismus, welcher zum Verfall der Tuchfabriken in Aachen die nächste Veranlassung giebt. Das Werk¬ I . Theil . S meistergericht, welches zum Theil aus dieser Zunft besteht, zwingt unter andern jeden Webermeister, sich auf vier Weberstühle und eben so viele Gesellen einzuschränken. Bei dieser Einrichtung wird es dem Fabri¬ kanten unmöglich, nur den redlichen, fleissi¬ gen und geschickten Arbeiter zu beschäfti¬ gen; er sieht sich gezwungen, da er ausser den Ringmauern der Stadt nicht weben las¬ sen darf, auch unter die Nachlässigen, Un¬ wissenden und Gewissenlosen Wolle zu vertheilen, und da diese zugleich bei weitem die zahlreichsten sind, grösstentheils nur schlechte Waare zu liefern. Eben diesem Zunftzwange, welcher auch das Weber- und Schererhandwerk trennt, und den Pro¬ testanten, die doch den grössten Theil der Tuchfabrikanten ausmachen, dabei weniger Nachsicht als den Katholiken gestattet, ist die Enstehung der sogenannten Kauftücher, die aus gestohlner Wolle fabricirt werden, zuzuschreiben. Unter dem Vorwande, ihre eigene Wolle wiederzukaufen, treiben manche Fabrikanten einen öffentlichen Handel mit dieser Waare, die ihnen von den Arbeitern geliefert wird. Was die Strenge des Zunft¬ geistes auf einer Seite schon verdarb, das richtet die Gelindigkeit der Polizei und des Rathes nun völlig zu Grunde. Die gegen den Unterschleif mit gestohlener Wolle vor¬ handenen Gesetze sind gänzlich ausser Ob¬ servanz; die Stadt hält über die Eigenschaft der in ihren Mauern verfertigten Waaren keine Aufsicht; sie gestattet in Fallitsachen, statt des Concurses ein Präferenzrecht, wel¬ ches allen Credit untergräbt, und durch Vervielfältigung der Bankerotte bis ins Un¬ endliche, die Schande des Betrugs hinweg¬ nimmt; sie duldete noch vor kurzem die Hasardspiele; sie privilegirt das Lotto und S 2 schützt die Wucherer. Kaum wird man glauben, dass ein kleiner Staat, der, ausser der Abhängigkeit von der Reichsverfassung, keine andere Einschränkung erkennt, so muthwillig auf dem geraden Wege zu seinem Verderben fortschreiten konnte. Allein, wo es an einem gesunden und umfassenden Überblick fehlt, da lassen sich auch die Bessergesinnten durch Schein von Betrieb¬ samkeit täuschen, an einen vermeintlichen Flor des Staates zu glauben, der zuletzt wie eine Traumgestalt plötzlich verschwindet, wenn eine heftige Erschütterung, wie die im Jahre 1786, ihnen die Augen nun öfnet. Weil noch jährlich neue Fabrikanten in Aa¬ chen sich niederliessen, so schmeichelte man sich, dass die Vortheile, welche sich ihnen hier darböten, nirgends überwogen werden könnten, und bedachte nicht, dass die ein¬ zige Aufmunterung zur Errichtung einer Ma¬ nufaktur in Aachen lediglich in der Menge von bequemen Häusern besteht, die man um billige Preise miethen kann. Weil noch alljährlich eine nicht geringe Anzahl von Kur- und Badegästen die Stadt besucht, um die reelle oder eingebildete Wohlthat ihrer mineralischen Quellen zu geniessen, so liess man sich von dem Schimmer des be¬ schleunigten Geldumlaufs und Waarenab¬ satzes, den diese Besuche hervorbringen, durch die Bewegung, welche die Gegenwart der Fremden auch den Einwohnern mit¬ theilt, durch die Lustbarkeiten, womit sie sich die Zeit verkürzen, durch das Spiel, welches noch täuschendere Scheingestalten von Reichthum und Ueberfluss herbeizaubert, zum Glauben an ihr wirkliches Daseyn hin¬ reissen. Nicht daran zu denken, wie wenig We¬ sentliches diesen angeblichen Vortheilen bei S 3 einer näheren Beleuchtung übrig bleibt, so konnte wohl nichts unbesonnener seyn, als die Hofnung, immerdar auf ihren ausschlie¬ ssenden Besitz rechnen zn dürfen. Schon jetzt, dicht vor den Thoren von Aachen, in dem Flecken Burscheid, werden die heissen Quellen denen in der Stadt von Vie¬ len vorgezogen. Die Landluft, die schöne Gegend, die Verbannung alles Zwanges aus den Sitten ziehen die Fremden haufenweise dorthin, indem die Nähe von Aachen ihnen alle Annehmlichkeiten eines städtischen Auf¬ enthalts, ohne das Ungemach desselben ge¬ währt. Doch diese Rivalität wäre in der That unbedeutend, wenn sich nicht eine zweite, im Punkt der Fabriken, hinzugesellte. Rechtschaffene, unternehmende Männer, die dem Unsinn des Zunftwesens nicht länger fröhnen und durch Verfertigung schlechter Tücher ihren Credit nicht länger aufs Spiel setzen wollten, zogen sich allmälig von Aachen zurück, und ließen sich, in der umliegenden Gegend, auf holländischem oder kaiserlichem Boden nieder; wo es ihnen frei stand, ihre Fabriken vollständig einzurichten, und wo sie keine andere Einschränkung als das Maaß ihrer Kräfte und den Umfang ihres Vermögens kannten. Zu Burscheid, Vaals, Eupen, Monjoie, Verviers, und über¬ haupt in ganz Limburg entstanden unzählige Tuchfabriken, wovon einige jährlich ein Vermögen von einer halben Million in den schnellsten Umlauf bringen, und ihre Comp¬ toire theils in Cadix, theils in Constantino¬ pel und Smyrna errichtet haben, dort die spanische Wolle ausführen, hier die reichen Tücher wieder absetzen. Die Folgen einer in allen Stücken so gänzlich verfehlten Administration sind auch dem blödesten Auge sichtbar. Die Straßen S 4 von Aachen wimmeln von Bettlern, und das Sittenverderbniss ist, in der geringeren Volks¬ klasse zumal, so allgemein, dass man die Klagen darüber zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften hört. Wie konnte sich auch bei dem gemeinen Manne die Spur von Rechtschaffenheit und von Grundsätzen er¬ halten, wenn er das Beispiel der schändlich¬ sten Verwaltung öffentlicher Gelder ungeahn¬ det vor Augen behielt? Seine Kinder wur¬ den Wolldiebe, Müssiggänger und Lottospie¬ ler, folglich bald auch die verderbteste Gat¬ tung von Bettlern. Unter diesen Umständen musste der Gesetzgeber ein ungleich schwe¬ reres Problem zu lösen suchen, als seine Vorgänger in alten Zeiten; denn rohe Men¬ schen zur Tugend anführen, ist ein ganz anderes, und meines Bedünkens ungleich leichteres Geschäft, als gefallenen, zur Ge¬ wohnheit des Lasters herabgewürdigten die Tugend wiederzugeben. Dass eine weise Ver¬ fassung in einem hohen Grade auf diesen Zweck hinwirken könne, ist unleugbar, wenn man nicht allen Unterschied zwischen guten und schlechten Verfassungen wegdisputiren will; allein ich mag nicht berechnen, wie viel der Druck ungünstiger Umstände, die eine Reform von grundaus nicht gestatten, an dem gewünschten Erfolge schmälern könne. Die Folge der Zeiten entscheide und rechtfertige den Redlichen, der, wo er das Beste nicht anwenden durfte, noch den Muth behielt, unter dem minder Guten das Bessere zu empfehlen. Genehmigt die Stadt Aachen den ihr vorgeschlagenen Constitutionsplan, so wird sie in dem darin bestimmten Bürgerausschuss das Bollwerk ihrer bürgerlichen Freiheit fin¬ den. Zwischen das Volk und die vollzie¬ hende Gewalt diese Mittelspersonen hinzu¬ S 5 stellen, die das Interesse der ersteren gegen alle Bedrückung sichern und zugleich den unzeitigen Ausbrüchen des Freiheitseifers, der so selten seine Schranken anerkennt, durch ihr Alter und das Ansehen ihrer Tugend wehren sollen; dies konnte, so einleuchtend und allbefriedigend es auch ist, dennoch hier nur von dem Geiste der Mässi¬ gung herstammen, dessen Rathschläge sich auf tiefe Menschenkenntniss und auf den grossen Erfahrungssatz gründen, dass keine moralische Freiheit je so vollkommen gedacht werden könne, um die Zulassung einer ab¬ soluten bürgerlichen zu rechtfertigen. Von der Masse des Menschengeschlechts nach ihrer jetzigen Sittlichkeit zu schliessen, ist nur unausbleiblicher Missbrauch der reinen, absoluten Freiheit, sobald sie ihr verliehen würde, zu erwarten. Nur der Tugendhafte, im erhabensten Sinne, verdient diese Frei¬ heit; allein kann sie, kann die völlige Ge¬ setzlosigkeit ihm wohl mehr geben, als was er in der Unabhängigkeit seines Geistes von allem Bösen, schon besitzt? Wenn es ein Ideal dieser Art, oder auch nur daran grän¬ zende Menschen giebt, so ist doch ihre An¬ zahl viel zu unbedeutend, um bei dem Ent¬ wurfe gesellschaftlicher Verträge in Anschlag gebracht zu werden. Alle solche Verträge sind Nothbehelfe unserer Unvollkommeheit, und können ihrer Natur nach nichts anders als einen relativen, erreichbaren, ich möchte sagen, mittleren Grad der bürgerlichen so¬ wohl als der moralischen Freiheit, durch eine zweckmässige Vertheilung der Kräfte und das dadurch entstehende künstliche Ge¬ gengewicht der Theile des Staats unterein¬ ander, bewirken. Wie sanft muss das Haupt dessen ruhen, der einem zerrütteten, seiner Auflösung nahen Staate zur Wiedererlangung dieser Freiheit neue Kräfte und Organe schuf! X. Aachen. B urscheid liegt an der Ostseite der Stadt, und man hat dorthinaus einen angenehmen Spatziergang. Die Abtei ist schön gelegen und mit allem geistlichen Prunke aufgeführt. Gleich daneben zieht ein Wäldchen sich an einem grossen Teiche hin; und indem man unvermerkt weiter kommt, geräth man end¬ lich in ein enges von waldigen Hügeln um¬ schlossenes Thal, wo sich nicht nur meh¬ rere heisse Quellen durch ihren aufsteigen¬ den Brodem verrathen, sondern sogar ein ganzer Teich mit heissem Wasser angefüllt ist. Indem man an einer Reihe von schön¬ beschatteten Wasserbehältern fortwandert, erblickt man die romantischen Ruinen des alten Schlosses Frankenberg, innerhalb des¬ sen Mauern ein Gastwirth den guten Ein¬ fall gehabt hat, sich eine Wohnung ein¬ zurichten, welche manchem verirrten Ba¬ degaste sehr zu statten kommt, da man hier allerlei Erfrischungen und zugleich eine reizende Aussicht geniessen kann. Was in¬ dessen das Vergnügen dieses Aufenthalts stört, ist die Nachricht, womit der Fremde bald bekannt gemacht wird: dass sich hier seit acht Jahren bereits zehn Menschen in einem Anfall von Melancholie ersäuft haben. Ich suchte vergebens die Veranlassung zu dieser düstern Stimmung in der hiesigen Gegend, die so viel Abwechselung hat, so schön bewachsen und so vielfältig dekorirt ist. Was hier zur Trauer und zur Verzweif¬ lung führt, ist vermuthlich das Hasardspiel, welches, seitdem es in der Stadt verboten ist, in Burscheid desto stärker getrieben wird. Die Teiche in diesem Thale werden sorgfältig unterhalten, indem sie den in Bur¬ scheid befindlichen Nähnadelfabriken sehr zu statten kommen. Wir besahen nur das Merkwürdigste, nehmlich die Polirmühle, welche vermittelst eines am Wasserrade an¬ gebrachten Getriebes die erforderlichen Vor¬ richtungen in Bewegung setzt. Von dem Krummzapfen, steigt ein senkrechtes Gestänge in die Höhe, welches vermittelst eines Dau¬ mens mit einer Horizontalwelle im zweiten Stockwerke des Gebäudes in Verbindung steht, und sie hin und herschwankend be¬ wegt. Die Nadeln liegen in Rollen von dickem hänfenem Zwillich eingewickelt, zwi¬ schen Schichten von scharfen Kieseln, von der Grösse einer Linse, welche man aber zuletzt mit Sägespähnen vertauscht. Indem sich nun die Walze bewegt, zieht sie ein in Haken hangendes wagerechtes Gatter hin und her, wodurch die darunter liegenden Bollen bewegt und die darin befindlichen Nadeln polirt werden. Unter jedem Polir¬ gatter liegen zwei Rollen, und jede Rolle enthält dreimal hunderttausend Nadeln. Ich freute mich, hier wieder zu bemerken, wie viel man durch mechanische Uebung an Geschicklichkeit gewinnt. Einen Haufen verwirrt durch einander liegender Nadeln bringt der gemeinste Arbeiter durch Schüt¬ teln und Schwingen eines Kastens in wenigen Augenblicken vollkommen in Ordnung. Burscheid beschäftigt nach Verhältniss mehrere Tucharbeiter, als die Stadt Aachen. Die ansehnlichste Fabrik, die des Herrn von Lowenich, besteht aus sehr weitläufti¬ gen, gut angelegten Gebäuden, und ihre Tücher werden vorzüglich geschätzt. Hier sowohl, als in Vaals und in Aachen selbst, verfertigt man bloss einfarbige Tücher, die im Stück gefärbt werden, da hingegen Ver¬ viers und die dortige Gegend bloss melirte Tücher, die schon im Garn gefärbt sind, lie¬ fern. Vigogne- oder Vikuñtücher werden insbesondere zu Monjoie fabricirt. Der Han¬ del mit einfarbigen Tüchern scheint indessen ungleich sicherer zu seyn, indem diese Fa¬ brikate nicht, wie jene andern, dem Eigen¬ sinne der Mode unterworfen, sondern auf ein dauerndes Bedürfniss berechnet sind. Wenn man in Aachen auf wirklich vor¬ handene Verordnungen hielte, so dürften daselbst keine andere Tücher, als bloss von spanischer Wolle gewebt werden. In Vaals bestehen wirklich Kette und Einschlag aus spanischer Wolle, nicht bloss der Einschlag, wie in andern deutschen Fabriken. Diesen ersten Stoff also bezieht der hie¬ sige Tuchfabrikant unmittelbar aus Spanien. Die feinste Wolle erhält man aus Bilbao wegen der Nähe der vortreflichen Weiden von Asturien und Leon; die gröbere kommt von von Cadix. Nachdem sie in Ostende gelan¬ det worden, geht sie wieder auf Kanälen bis Herzogenbusch, und dann zur Achse nach Aachen. Hier wird sie zuerst in aus¬ gemauerten Vertiefungen gespült, aus denen man das unreine Wasser nach Gefallen ab¬ leiten kann. Um allen Betrug der Arbeits¬ leute zu verhüten, hat man diese Wollwä¬ schen an freien, frequentirten Örtern ange¬ legt. Wo diese Vorsicht nicht gebraucht wird, (welches in der Stadt der Fall ist, wo man zuweilen auch das Waschen bei Nacht ge¬ stattet) da kann man oft durch die strengste Aufsicht der Entwendung eines ansehnlichen Theils der zugewogenen Wolle nicht vor¬ beugen. Je nachdem der Arbeiter sie mehr oder weniger mit Wasser angefüllt zurück¬ liefert, steht es bei ihm, den Fabrikan¬ ten unvermerkt um sein Eigenthum zu be¬ trügen. I. Theil . T Die reine Wolle wird den Landleuten zum Spinnen ausgetheilt. Für Aachen und die umliegenden Fabrikorte spinnen haupt¬ sächlich die Limburger und die Flamänder. Im Herzogthum Jülich, wo der Ackerbau sehr stark getrieben wird, hat der Landmann viel zu harte Hände, um einen feinen Faden zu spinnen. Bei der Viehzucht auf den fet¬ ten Weiden von Limburg, wo die Haupt¬ beschäftigung des Bauers in Butter- und Kä¬ semachen besteht, erhalten sich die Finger geschmeidiger, und überall spinnen Kinder und Weiber den feinsten Faden. Solche Beziehungen, welche die verschiedenen Wohn¬ orte der Menschen, und die denselben je¬ desmal angemessenen Modifikationen des Er¬ werbes und der Lebensart mit sich bringen, interessiren um so mehr, wenn man sie er¬ fährt, weil man nur durch die besondern Bedürfnisse einer grossen Fabrikanstalt, und durch das ernste Nachdenken über die Mittel, ihr Vollkommenheit zu geben, zur Wahrneh¬ mung derselben geleitet wird. Aehnliche Be¬ dürfnisse haben den spekulirenden Geist in Berlin auf die Bemerkung geführt, dass der Soldat zum Spinnen ungleich geschickter ist, als der pommerische Bauer. Wollte man diese Spekulation noch weiter fortsetzen, so müsste man von dem Satze ausgehen, dass eine jede Kunst desto vollkommener getrie¬ ben wird, je mehr sich die Kräfte des Men¬ schen darauf concentriren. Unstreitig also würde man es im Spinnen weiter bringen, wenn es durch fabrikenmässige Anstalten, wo die Spinner einerlei Licht, Wärme und Obdach genössen, so vortheilhaft eingerich¬ tet würde, dass eine eigene, arbeitsame Klasse von Menschen sich bloss diesem Gewerbe ergeben und davon allein subsistiren könnte. Menschen, die vom siebenten Jahr an sich T 2 nur dieser Beschäftigung widmeten, müssten in kurzem die Fertigkeit erlangen, besser und schneller als alle andern, die das Spinnen nur als Nebenwerk treiben, mit der Wolle umzugehen; und indem sie beides, feinere Fäden und in grösserer Menge, lieferten, würde ihre Arbeit wohlfeiler werden, ohne ihnen selbst Nachtheil zu bringen. Wie aber eine solche Anstalt mit den jetzt ge¬ bräuchlichen Erwerbarten des Landmannes in eine Gleichung zu bringen wäre, so dass der Bauer, der schon nicht der glücklichste ist, durch den Verlust des Nebenverdienstes, den er vom Wollspinnen zieht, nicht zu Grunde gerichtet würde, verdiente noch eine sorgfältige Untersuchung, wobei man immer wieder auf die längst gemachte Erfahrung zurückkommen müsste, dass der ungeheure Druck, unter welchem der Landmann seufzt, das erste und unüberwindlichste Hinderniss bleibt, welches sich der Vervollkommnung aller Zweige der Industrie entgegensetzt. Man wundert sich, dass das Uebel nicht von Grund aus gehoben wird, und bedient sich doch keiner andern, als der Palliativkur. Daher ist auch die ganze neuere Staatswirth¬ schaft und die gepriesene Verschmitztheit der Finanzbeamten nichts als die verächt¬ lichste Charlatanerie, oder, was noch ärger ist, ein verabscheuungswürdiges System von Kunstgriffen, wodurch der Unterthan, genau wie der Negersklav in den Zuckerinseln, nur nicht unter derselben Benennung, zum Lastthier herabgewürdigt wird, dessen Unter¬ halt jährlich einen bestimmten Ueberschuss abwirft. Stört man durch eine neue, für die Vervollkommnung des Kunstfleisses vor¬ theilhafte Einrichtung das allergeringste an diesem zerbrechlichen, aufs äusserste gespann¬ ten Mechanismus, so treffen die Rechnungen T 3 nicht mehr zu, und der Plusmacher, der nur rechnen kann, sucht den Fehler seines leeren Kopfes und Herzens in der vorge¬ schlagenen Neuerung. Ueberall, wo Fabriken nicht das Werk der freien Betriebsamkeit des Bürgers, sondern lediglich Finanzspeku¬ lationen der Regierung sind, wird daher auf die Vortreflichkeit der Fabrikate weit weni¬ ger gerechnet, als auf den Absatz, den man durch Verbote erzwingen kann, und es liegt also in den ersten Grundsätzen, nach wel¬ chen man eine solche Anstalt werden lässt, die Unmöglichkeit, sie zu der Vollkommen¬ heit, deren sie fähig ist, fortzuführen. Oft fängt man da mit Vorkehrungen an, wo man eigentlich aufhören sollte, wie es z. B. bei den Baumwollenmanufakturen in einigen Ländern der Fall ist, wo man zwar Farben, Pressen u. dgl. angeschafft, aber auf gute Gespinnste nicht gedacht hat. Diese Fehler, wodurch sich nur die Unwissenheit der Ad¬ ministrationen verräth, sind indess noch ver¬ zeihlicher, als wenn in Staaten, deren Be¬ völkerung verhältnissmässig geringe ist, die Erfindung und Anlegung solcher Maschinen, welche die Arbeit vieler Hände entbehrlich machen, laute Klagen veranlasst. Diese Kla¬ gen, die in freien Ländern, wo der Fleiss jede Richtung nehmen darf, unerhört sind, gereichen dem Despotismus zur Schande, indem es seiner Willkühr leicht werden muss, die ausser Brodt gesetzten Hände an¬ ders zu beschäftigen. Allein das schöne Schauspiel der Arbeitsamkeit bleibt das aus¬ schliessende Eigenthum freier Völker. Geistlicher und oligarchischer Zwang hat den Fleiss aus den Mauern von Aachen ver¬ trieben. Die Protestanten, die von manchen Bürgervorrechten ausgeschlossen, und des Zunftwesens müde waren, fanden eine Stunde T4 Weges von der Stadt, auf Holländischem Gebiete, nebst der freien Religionsübung, auch die Freiheit, mit ihrem Vermögen und ihren eigenen Kräften nach ihrer Willkühr hauszuhalten. In Vaals halten jetzt fünf Ge¬ meinen (Katholiken, Lutheraner, Reformirte, Juden und Mennoniten) ruhig ihren Gottes¬ dienst neben einander, und jeder Einwohner hat ausser einem festgesetzten Grundzins, nach ächtphysiokratischen Grundsätzen, keine andere Abgabe, unter welchem Namen es auch sei, zu erlegen. Diese Einrichtung, welche die Republik in allen Generalitäts¬ landen eingeführt hat, verwandelte in kur¬ zem das kleine Dorf in eine Scene des zwanglosesten Fleisses. Die Anlagen des Herrn von Clermont zeichnen sich hier be¬ sonders wegen ihres Umfanges und ihrer Zweckmässigkeit aus, und seine Fabrik be¬ schäftigt in Vaals, Aachen und Burscheid gegen hundert und sechzig Weber. Dreissig Jahre sind hinreichend gewesen, die Volks¬ menge und den Wohlstand eines unbedeu¬ tenden Dörfchens so unbeschreiblich zu ver¬ grössern, dass jene fünf Gemeinen sich da¬ selbst organisiren konnten. Wohin man sieht, erblickt man jetzt grosse Fabrikgebäu¬ de. Ausser den eben erwähnten, die dem Wahlspruche: spero invidiam, (ich hoffe beneidet zu werden) über der Thüre des Wohnhauses ganz entsprechen und zu er¬ kennen geben, was der Fleiss vereinigt mit Wissenschaft, Beurtheilungsgabe, Erfahrung und Rechtschaffenheit, billig erwarten darf, giebt es hier noch andere Tuchmanufaktu¬ ren, eine Nähnadelfabrik, u. s. w. Die hie¬ sigen Tücher gehen mehrentheils nach der Levante; sie müssen zu dieser Absicht weisse Leisten haben, und sehr leicht, von feinem, lockerem Gewebe seyn. Wir sahen hier T 5 Tücher, die einem Grosdetours nicht un¬ ähnlich waren, von einer bewundernswürdi¬ gen Präcision des Gewebes. Die breitesten halten sechzehn Viertelellen, und haben in dieser Breite achttausend vierhundert Fäden. So fein ist das Gespinnst, so gleichförmig das Gewebe, so schön die Farbe, so vor¬ sichtig die Bereitung dieser Tücher, dass man bei den soliden Grundsätzen, nach wel¬ chen hier verfahren wird, dieser Fabrik ei¬ nen langen Flor voraus verkündigen kann. Ich habe die hiesigen Anlagen alle mit einem unbeschreiblichen Genusse in Augen¬ schein genommen. Es beschäftigt die Phan¬ tasie auf eine äusserst überraschende Art, hier auf einem Punkte so mancherlei Pro¬ dukte fremder, zum Theil der entferntesten Erdgegenden ankommen, zur Verfertigung und Bereitung eines neuen Fabrikats ange¬ wandt, und dieses wieder in eben so entle¬ gene Länder versendet zu sehen. Mir we¬ nigstens ist es immer ein fruchtbarer Ge¬ danke, dass hier Tausende von Menschen arbeiten, damit man sich am Euphrat, am Tigris, in Polen und Russland, in Spanien und Amerika prächtiger oder bequemer klei¬ den könne; und umgekehrt, dass man in allen jenen Ländern Tücher trägt, um den Tausenden hier Nahrung und Lebensbedürf¬ nisse aller Art zu verschaffen. Das Phäno¬ men des fortwährenden Austausches verschie¬ dener Produkte der Natur und der Kunst gegen einander ist aber unstreitig desto wich¬ tiger, weil die Ausbildung des Geistes so innig damit verbunden ist. Der Handel bleibt die Hauptursache von dem jetzigen Zustande unserer wissenschaftlichen und po¬ litischen Verfassungen; ohne ihn hätten wir Afrika noch nicht umschifft, Amerika noch nicht entdeckt, und überhaupt nichts von allem, was uns über die anderen Thiere erhebt, unternommen und ausgeführt. Das Bedürfniss, mehr zu umfassen, als der jedes¬ malige Erdpunkt auf dem wir wurden, uns gewähren kann, sei aus unserer Natur hin¬ weg gedacht, und wir kamen nicht weiter als die Affen, die so gut wie wir ein ge¬ selliges Leben führen und sich zu gegensei¬ tigem Schutze vereinigen. Nur dieses innere Streben, das Maass in unserm Kopfe allen Dingen anzupassen, macht uns zu Menschen; und je kräftiger es sich in uns regt, desto tiefer lassen wir die blosse Thierheit unter uns zurück. Durch dieses Streben ist der Russe in Kamtschatka dem Bewohner der Aleyutischen Inseln und dem Wilden in Amerika an Vernunft und Ideenreichthum überlegen, wie animalisch er übrigens in seinem häuslichen Leben noch seyn mag. Nur die Sorge für unmittelbare Erhaltung kann dem Bemühen nach einem grösseren Wirkungskreise Abbruch thun, und auch dies nur so lange, bis die Erfahrung ge¬ macht ist, dass im letzteren das erste¬ re zu finden sei. Es scheint indess doch, dass allzugrosser Reichthum der Natur den Handel beinahe eben so wenig begünstigt, wie ihre allzugrosse Kargheit. Wenn der Wilde in träger Gleichgültigkeit nach seiner Jagd oder von seinem Fischfang ausruht, so ist es nicht zu läugnen, diese Beschäftigun¬ gen hatten ihn in dem Grade angestrengt, dass er den Reiz für fremde Gegenstände kaum mehr empfand. Hingegen die Indier, die Chineser, die Ägyptier und alle jene Völker, denen ihr gesegnetes Land eine ungeheure Verschiedenheit von Produkten im grössten Überflüsse darbot, bildeten sich schnell in ihrer eigenen Mitte, bis auf einen gewissen Punkt, wo die patriarchalische Au¬ torität üppig ward und in einen Geist und Herz tödtenden Despotismus ausartete, der alle Kräfte des grossen Haufens verschlang und ihnen ausschliessender Weise nur zu seinem Nutzen eine Richtung gab. Bald entstand alsdann eine arbeitende und eine bloss geniessende Klasse, und jede von die¬ sen theilte sich wieder, je nachdem die be¬ sondere Veranlassung dazu aus den übrigen Verhältnissen der verschiedenen Nationen entsprang. Das Interesse des Herrschers ver¬ trug sich nicht länger mit allem, was die Einsichten der arbeitenden Menge erwei¬ tern konnte; ihr blieb daher der auswärtige Handel untersagt. Damit aber der Despot sich selbst die Quellen eines vervielfältigten Genusses nicht abschnitte, gestattete er frem¬ den Kaufleuten den Verkehr in seinem Lan¬ de. Diese Einrichtungen erhalten sich in Indien und China bis auf den heutigen Tag: denn die politische Ohnmacht, die sie zur Folge hatten, reizte zwar oft die Begierde des Eroberers; aber jeder, dem die Erobe¬ rung glückte, fand das System der Unter¬ drückung so unverbesserlich, dass er sich wohl hütete, daran zu künsteln. Lage und Zusammenfluss von günstigen Umständen entwickelten den Handlungstrieb bei den Phöniziern und Griechen, späterhin bei den Karthaginensern, dann bei den Vene¬ zianern und Genuesern, zuletzt bei den Hol¬ ländern, den Engländern und andern euro¬ päischen Völkern. Überall war jedoch diese Entwickelung von bürgerlicher Freiheit un¬ zertrennlich, und dauerte nur mit ihr. In Portugall konnte sie nur begleitendes Phä¬ nomen des Eroberungsgeistes seyn, und muss¬ te, wie etwas Erzwungenes und Unnatür¬ liches, in der Finsterniss des geistlichen De¬ spotismus und der politischen Zwietracht verschwinden. In der deutschen Oligarchie hat sie wunderbar angekämpft gegen die furchtbaren Hindernisse des barbarischen Feu¬ dalsystems, und scheitert nur an der mit¬ telländischen Umgränzung des Landes, die jede kaufmännische Operation zehnfach er¬ schwert. Wie viel indess, trotz dieser un¬ günstigen geographischen Lage, die Freiheit für den vaterländischen Handel zu leisten vermag, davon zeugt der Flor von Hamburg und Frankfurt, wie der Verfall von Nürn¬ berg, Aachen und Kölln. Aus diesem Gesichtspunkte betrachtet, ist also der grosse Kaufmann, dessen Spekula¬ tionen das ganze Rund der Erde umfassen und Kontinente an einander knüpfen, in seiner Thätigkeit des Geistes und in seinem Einfluss auf das allgemeine Regen der Mensch¬ heit nicht nur einer der glücklichsten, son¬ dern durch die Masse von praktischen Er¬ fah¬ fahrungen, welche jenes Verkehr bei ihm täglich vergrössert, und durch die Ordnung und Abstraction der Begriffe, die man bei einem umfassenden Geiste voraussetzen darf, zugleich einer der aufgeklärtesten Menschen; mithin vor vielen andern derjenige, der die höhere Bestimmung unsers Wesens (zu wir¬ ken, zu denken, und vermittelst klarer Be¬ griffe die objektive Welt in sich selbst zu concentriren) auf eine sehr vollständige Art erreicht. Beneidenswerth ist das Schicksal eines Mannes, dessen Unternehmungsgeist vielen Tausenden zur Quelle des Wohlstan¬ des und des häuslichen Glückes wird; desto beneidenswerther, weil er diese wohlthätigen Zwecke ohne die mindeste Beeinträchtigung ihrer Freiheit erreicht, und gleichsam un¬ sichtbarer Weise die Triebfeder von Wir¬ kungen ist, die jeder seiner eignen Will¬ kühr zuschreibt. Der Staat ist glücklich, I. Theil . U wenn er solche Bürger in sich fasst, deren grosse Unternehmungen nicht nur mit der höheren Ausbildung der Gemüthskräfte seiner geringeren Mitbürger bestehen können, son¬ dern vielmehr durch dieselbe neue Stätig¬ keit erhalten. Wo die äusserste Armuth den Handarbeiter drückt, wo er mit aller Anstrengung, deren er fähig ist, nie mehr als nothdürftige Befriedigung der unentbehr¬ lichsten Lebensbedürfnisse erwerben kann; da ist Unwissenheit sein Loos mitten in einem Lande, wo die Wissenschaft die hö¬ heren Volksklassen mit ihrem hellsten Stral erleuchtet; da also verfehlt er die edelste Bestimmung seines Wesens, selbst indem er als Werkzeug die Mittel zum Verkehr der Nationen befördert. Ganz anders aber verhält es sich, wo Geschicklichkeit und Fleiss, ihres Lohnes sicher, dem, der sie besitzt und anwendet, einen gewissen Grad des Wohlstandes verschaffen, der ihm die Erlangung wenigstens theoretischer Kennt¬ nisse, vermittelst eines zweckmäßigen Unter¬ richts und einer guten Erziehung, möglich macht. Wie klein und nichtswürdig er¬ scheint nicht ein jeder Despot, der vor der Aufklärung seiner Unterthanen zittert, ver¬ glichen mit dem Privatmanne, dem Fabri¬ kanten eines freien Staats, der seinen Wohl¬ stand auf den Wohlstand seiner Mitbürger und auf ihre vollkommnere Einsicht gründet! Von den Walkmühlen, wo die Tücher eine nasse Bereitung erhalten, welche theils wegen der schweren Arbeit, theils wegen der ekelhaften Beschaffenheit der zum Rei¬ nigen gebrauchten Stoffe, theils auch wegen der beständigen Nässe des Aufenthalts, die Arbeiter mehr als jede andere angreifen muß, führte man uns in die neue Färberei, die in ihrer Art beinahe einzig ist, und wovon U 2 man nur noch zu Sedan in Frankreich et¬ was ähnliches sieht. Ihre Anlage hat si¬ cherlich mehr als zehntausend Thaler ge¬ kostet, und vereinigt die drei wichtigsten Vortheile: dass sie geräumig ist, Holz er¬ spart, und Sicherheit vor Feuersgefahr hat. Sie ist von den übrigen Fabrikgebäuden ein wenig abgelegen und bildet einen einzigen grossen Saal, der durch viele grosse Fenster erleuchtet wird, die zugleich zur Erhaltung des so nöthigen Luftzuges dienen. Genau in der Mitte desselben ist ein grosser Thurm mit Mauern von ungeheurer Dicke angelegt, welcher sich in den Rauchfang endigt. Die Benennung Thurm ist wirklich die passendste für dieses Gebäude, um welches rings um¬ her die Küpen oder Farbekessel in einem Kreise stehen. Die Feuerung geschieht von innen im Thurm. Das Holz liegt auf einem Roste, dessen einzelne Stäbe drei Zoll im Durchmesser haben, und dennoch von der Hitze schmelzen. Die Flamme spielt im Kreise um den gefütterten Kessel, und der Rauch kommt durch eine über dem Schür¬ loche angebrachte Oeffnung, und steigt in der Mitte des Thurms heraus. Zwischen beiden Oeffnungen ist ein Schieber ange¬ bracht, der, wenn man ihn mit einer Hand zudrückt, das fürchterlichste Feuer im Ofen augenblicklich ersticken kann. Die zur Fabrik gehörigen Wasserleitun¬ gen sind eben so vortheilhaft eingerichtet, und jedes Zimmer wird dadurch hinlänglich mit Wasser versorgt. In der Färberei füllt man die Küpen vermittelst geöffneter Hähne in wenigen Augenblicken, und leert sie eben so schnell durch grosse Heber. Das unreine Wasser hat seinen Abfluss durch Röhren unter dem Fussboden. Was den Überfluss des Wassers noch im Werth erhöhet, ist U 3 die Reinheit und Weichheit desselben, wel¬ ches zum Nutzen der Fabrik sehr wichtige Eigenschaften sind. Im Winter bedient man sich lieber geschmolzenen Eises als Schnees, wegen der vorzüglichen Reinheit des erste¬ ren. Roth und Grün wird hier vorzüglich schön gefärbt. Es giebt Scharlachtücher, welche der Fabrik selbst im Färben auf an¬ derthalb Thaler die Elle zu stehen kommen. Dabei wird man freilich einen Aufwand von Cochenille gewahr, den man in andern Fa¬ briken zum Schaden der Käufer gar wohl vermittelst des wohlfeileren Fernambukholzes zu ersparen weiss. In mehreren grossen Zimmern sitzen die Scherer und Tuchbereiter. Die Korden, de¬ ren man sich hier bedient, werden in der Gegend von Aachen gezogen. Die Scheren kommen von Ramscheid, und die Pressspäne, oder eigentlich dazu bereitete Pappendeckel, welche bei dem Pressen zwischen die Tücher gelegt werden, von Malmedi, seitdem die Engländer die Ausfuhr der ihrigen verboten haben. Die in Königsberg von Kanter an¬ gelegte Pressspanfabrik ist hier nicht bekannt; es scheint indess nicht, als wenn die hiesi¬ gen Tücher dadurch noch etwas an Voll¬ kommenheit gewinnen könnten. Die Press¬ späne von Malmedi sind weiss und dick, und haben nur wenig Firniss, weshalb sie auch gegen zwanzig Jahre dauern und dann noch zu anderweitigem Gebrauche dienen können. Ein Vorzug der hiesigen Tücher, den vermuthlich die Orientaler besonders zu schätzen wissen, besteht darin, dass man sie im Rahmen fast gar nicht reckt, und dass sie daher auch nicht, einlaufen, wenn man sie ins Wasser legt. Eine in Spanien seit einigen Jahren her¬ ausgekommene Verordnung hat nicht nur die U 4 Ausfuhr fremder Tücher nach Amerika, son¬ dern auch den Verkauf derselben in Spa¬ nien selbst verboten. Wären die Tuchfabri¬ ken von Segovia und Guadalaxara so be¬ trächtlich, dass sie beide Länder mit ihren Fabrikaten versorgen könnten, so möchte wohl dieser Absatz für die deutschen Ma¬ nufakturen gänzlich verloren seyn; allein so gross auch die Aktivität ist, welche man sich bemüht, den inländischen Fabriken dort zu geben, so reicht doch die Menge ihrer Tücher noch nicht hin, und es lässt sich schon berechnen, dass das Verbot nicht von langer Dauer seyn kann. Die erstaun¬ liche Solidität und der Umfang der hiesigen Anlagen setzen die Eigenthümer in den Stand, einen solchen Zeitpunkt ruhig abzu¬ warten, und selbst dem gänzlichen Verlust ihres Debits in einem grossen Welttheile, falls es wider Vermuthen bei dem spani¬ schen Verbote bleiben sollte, gleichgültig zuzusehen. Eine wichtigere Revolution für ganz Europa würde aber alsdann wirklich eintreten, wenn dereinst Spanien aus seiner Lethargie erwachen, alle seine Wolle selbst verarbeiten und die Ausfuhr dieses ersten unentbehrlichen Stoffes schlechterdings ver¬ bieten sollte. Da es vortreflich gelegen ist, um den ganzen levantischen Handel an sich zu reissen, und da es den amerikanischen, we¬ nigstens so weit seine eigenen unermesslichen Kolonien gehen, schon in Besitz hat, so würde es im Osten und Westen seine herr¬ lichen Naturprodukte, mit eigenem Kunst¬ fleisse verarbeitet, wohlfeiler, als bisher alle andere Nationen, absetzen und doch mehr als sie alle dabei gewinnen. England, Hol¬ land, Frankreich und Deutschland, die sich jetzt von der Verarbeitung der rohen Pro¬ dukte Spaniens bereichern, würden, wenn U 5 sie von diesen ausgeschlossen wären, ihre Fabriken zu Grunde gehen sehen, und nach Maassgabe des Vortheils, den sie ehedem daraus zogen, auch an ihrer politischen Wichtigkeit verlieren. Doch ehe es zu die¬ ser furchtbaren Veränderung kommt, bedarf es zuvor einer Kleinigkeit: die Alleingewalt des Königs muss eingeschränkt, die Stände müssen wieder hergestellt, die Inquisition muss abgeschafft, die Freiheit des Gewissens und der Presse unwiderruflich zuerkannt, und die Sicherheit des Eigenthums nebst der persönlichen Unabhängigkeit aller Bürger von willkührlichen Eingriffen in die Macht des Gesetzes fest begründet werden. Der erste Schritt zu dieser grossen Wiedergeburt der spanischen Monarchie ist — das Verbot aller fremden Zeitungen, und die gewaltthätige Eröfnung aller Briefe! Was gilt die Wette? Die Limburger spinnen noch in hundert Jah¬ ren spanische Wolle! Der immer steigende Mangel an den zur Feuerung unentbehrlichen Brennmaterialien drohet den hiesigen Fabrikanstalten, wie so vielen andern, mit einer Erhöhung ihrer Kosten, welche den zu erwartenden Gewinn beträchtlich schmälern kann. Seit langer Zeit sind die Wälder in diesen Gegenden und in den Niederlanden überhaupt, durch den starken Anbau und die zunehmende Volksmenge verschwunden. Die Natur hat indess für das Bedürfniss der Einwohner durch unterirdische Wälder, ich will sagen: durch ansehnliche Steinkohlenflötze, reichlich gesorgt. Ueberall sieht man schon in hie¬ siger Gegend Kamine und Steinkohlenöfen, und niemand heizt noch mit Holz. Wie aber, wenn auch die Gruben endlich sich erschöpfen lassen und kein neues Substitut erfunden wird, zu dessen Wärme wir im Winter unsere Zuflucht nehmen, und wo¬ bei wir unsere Speisen bereiten können? Was unserer mit Physik verbundenen Che¬ mie noch möglich sei oder nicht, wage ich zwar keinesweges zu bestimmen: sie erfindet vielleicht ein Netz, in welchem sich das zarte Element des Feuers fangen und ver¬ dichten Iässt, so dass es uns wieder Wärme geben kann, indem wir es befreien; aber das ist auf allen Fall eine höchst unsichere Aussicht. Wahrscheinlich kommt es mir vor, dass der Mensch zuletzt die Eis- und Nebelländer und die von Waldung ganz entblössten Gegenden des so genannten ge¬ mässigten Erdstriches, als unbewohnbar wird verlassen müssen. Wir fragen immer, wann doch endlich die Türkei, sowohl in Europa als in Asien, im schönen Lichte der sittli¬ chen Kultur wieder aufblühen, wann ge¬ bildete Völker Afrika bewohnen werden? Mich dünkt, die Antwort könnte man sich leicht erträumen: Hunger und Kälte werden dereinst gewaltiger und unaufhaltsamer, als vor Zeiten der Fanatismus und der Ehrgeiz, wirken, um die Völker von Europa in hellen Haufen über jene barbarischen Welttheile hinzuströmen. Wir werden uns in die Wälder des Hämus, des Taurus und Ama¬ nus, ja wohl gar des Kaukasus und Emaus stürzen, die dortigen Barbaren bezwingen oder verdrängen, und die Fackel der Wis¬ senschaft wieder in jenen Kreis zurücktra¬ gen, in welchem sie zuerst dem Menschen in die Hand gegeben ward. Dünkt es Dich ein Frevel, dass ich mich so in die Zukunft hineinträume? Was kann ich dafür, dass meine Phantasie mir Wahrscheinlichkeiten vorrechnet und sich ein mögliches Bild dar¬ aus formt? Zwar besteht alles nun schon so lange in unserm Norden; so schöne Blü¬ then und in solcher Menge sind bei uns aufgegangen; so manche herrliche Frucht des Geistes ist gereift; das Menschenge¬ schlecht hat hier eine Bildung gewonnen, die es, wenn wir eins ins andre rechnen, noch nirgends hatte; wir schreiten vorwärts auf einem so schönen Wege; alles scheint unserer jetzigen Form des Wissens, und unseren politischen Verhältnissen Dauer zu verheissen! Ich gestehe Dir, dieses Raison¬ nement kommt mir nicht viel besser vor, als die Hoffnung eines langen Lebens, wo¬ mit alte Leute sich schmeicheln, die immer desto stärker an dem Leben hangen, je nä¬ her sie seinem Ziele rücken. Mir bürgt die Vergänglichkeit der Dinge dafür, dass, je älter eine menschliche Verfassung wird, ihr Ende um so näher sei. Wir können das Menschengeschlecht nur mit sich selbst vergleichen; und obschon der Theil seiner Geschichte, den wir kennen, gleichsam nur von gestern ist, so enthält er doch schon Begebenheiten genug, die uns lehren können, unter ähnlichen Umständen einen ähnlichen Ausgang zu erwarten. Die allgemeine Bil¬ dung und Entwickelung unserer Kräfte lässt sich fast nicht höher treiben. Können wir den Bogen stärker spannen, ohne dass er bricht? Kann unsere Vernunft noch scharf¬ sinniger geprüft, können unsere grösseren und kleineren, öffentlichen und häuslichen Verhältnisse noch genauer berechnet wer¬ den? Sind wir dem höchsten Gipfel der Verfeinerung nicht nahe? — Wenn man aber den Berg erstiegen hat, so bleibt in dieser Ixionswelt nichts übrig, als wieder Kopf über, Kopf unter, das Rad in die Tiefe zu rollen, und von unten auf sich über ein neues Gebirge zu schleppen. Thö¬ richt wäre es allerdings, eine allgemeine Re¬ volution in Europa, die den Zusammensturz politischer, sittlicher und wissenschaftlicher Formen mit sich brächte, im Ernste nur vom Holzmangel herzuleiten, der mich hier darauf geleitet hat. Aber als mitwirkende Ursache kann er immer bestehen, wenn schon das unübersehbare System unserer Kenntnisse, die Auflösung der Sitten, das Missverhältniss der Religionsbegriffe und der Regierungsformen zu dem jetzigen Zeitalter, der Verfall der Hierarchie, das zerstörte Gleichgewicht der Mächte, die Treulosigkeit der Politik, die Veränderungen des Handels¬ systems, die herannahende Blüthezeit des Amerikanischen Freistaates und solche wich¬ tige Ursachen mehr, noch ungleich schnel¬ ler und kräftiger zu jenem Ziele wirken. Übrigens — zum Trost aller armen Sünder auf und unter dem Throne — sind vielleicht tausend Jahre zu einer solchen Revolution die kürzeste Frist. Über Über die Unbeständigkeit der Verfassun¬ gen nachzudenken, ist wohl nirgends natür¬ licher, als in Aachen, wo die Reichsinsignien den Fremden an die tausendjährige Dauer des deutschen Reiches, das jedoch in die¬ sem Zeitraum so wesentliche Veränderun¬ gen erlitten hat, recht lebhaft erinnern. Ich habe die Kathedralkirche besucht. Sie ist mit kleinlichen Zierrathen überladen, mit denen die Säulen von Marmor, Granit und Porphyr sonderbar genug kontrastiren. Der Stuhl, worauf seit Karls des Grossen Zeit so mancher deutsche Kaiser gekrönt worden ist, besteht aus schlechtem weissem Marmor, und hat eine so unzierliche Gestalt, dass man ihn für eine Satire auf alle Throne der Welt halten möchte. So sehr uns der Vorzeiger bat, uns darauf zu setzen, spürte ich doch nicht die geringste Versuchung dazu, und wünschte nur manchem deutschen I. Theil . X Fürsten das Gefühl, womit ich da vor dem Stuhle stand. Die Geschichte der letzten Jahrhunderte war so eben vor meinem Ge¬ dächtnisse vorübergegangen. Was man in Wien, in Regenspurg und in Wetzlar für ganz verschiedene Vorstellungen von den wesentlichen Bestandtheilen der Reichsver¬ fassung hegt; wie allmälig die Kaiserwürde durch alle Metamorphosen, bis zu ihrer jetzigen Form, wo ihr nur der Schatten ehemaliger Herrschermacht geblieben ist, sich hat einschränken lassen; wie die zahlreichen, freien Stände, jetzt unter der unwidersteh¬ lichen Uebermacht von wenigen Allesver¬ mögenden aus ihrer Mitte, nur noch am Namen der Freiheit sich begnügen, und den gesetzgebenden Willen dieser Wenigen gut¬ heissen müssen: dies Alles erfüllte mich mit der niederschlagenden Ueberzeugung, wie wenig Willkührliches in den Schicksalen der Völker, wie wenig der Würde den¬ kender Wesen Angemessenes, sich im grossen Gange der Weltbegebenheiten zeigt, und wie das Glück und die Wohlfahrt der Millionen, die auf dem Erdenrund umher¬ kriechen, von todten Buchstaben, von eigen¬ sinnigem Bekleiben an bedeutungsleer gewor¬ denen Ceremonien, von Nichtswürdigkeiten welche leeren Köpfen Importanz geben, stets abhängig bleibt, und keinesweges in ihrer eigenen Kraft und That besteht! Die Thore von Erz an der Kollegiat¬ kirche sind zersprungen; allein diesen Spalt zeigt man hier als ein Siegeszeichen, zum Gedächtniss der Ueberlegenheit der pfäffi¬ schen Verschmitztheit über die teuflische . Die Bürger von Aachen, erzählt uns die Legende, hatten, weil es ihnen an Mitteln zur Beendigung des Baues dieser Kirche fehlte, vom Teufel Geld geborgt, und ihm X 2 dafür die erste Seele, die zur Kirchthüre hineingehen würde, zum Eigenthum über¬ lassen. Als nun der Bau vollendet war, fand sich kein Mensch, der das Opfer die¬ ses frevelhaften Vertrages werden wollte; die Furcht vor Satans Krallen wirkte so mächtig in dieser gläubigen Stadt, dass die Kirche wahrscheinlicher Weise bis auf den heutigen Tag hätte leer stehen müssen, wenn nicht ein Priester auf den klugen Einfall gekommen wäre, einen Wolf, den man zu gutem Glück lebendig gefangen hatte, durch die Kirche zu jagen. Der Teufel schlug aus Verdruss, sich überlistet zu sehen, die Thore von Erz hinter sich zu, dass sie zer¬ sprangen. Den Unglauben zu beschämen, der etwa sich erdreisten möchte, den Spalt im Erz durch einen Windstoss, der die Flügel zuwarf, natürlich zu erklären, stehen draussen vor demselben Thore zwei in Erz gegossene Denkmäler, wovon das eine den Wolf, das andere aber seine verdammte Wolfsseele, in Gestalt eines ungeheuren Tannzapfens, vorstellt. Um übrigens von der Wirkung auf die Ursache zu schliessen, müsste man nur wie ich, heute die Char¬ freitags-Prozession gesehen haben. — Bei einem schneidenden Nordwinde gingen die frommen Büssenden, mehr als dreihundert an der Zahl, und schleppten baarfuss und unter ihren dünnen Kitteln fast nackend, hölzerne Kreuze von gewaltigem Gewichte den Laufsberg hinan. Ihr werdet freilich schreien: besser, etwas weniger Büssung, und keine Wolle gestohlen! Allein, es ist doch immer ein bewundernswürdiges Schauspiel, wie viel die Religion über unsere phlegma¬ tische Natur vermag. Weise und tugend¬ hafte Lehrer hätten ein solches Volk eben so leicht ehrlich als andächtig gemacht. X 3 XI. Lüttich. E s kommt mir vor, als wären wir durch den Schlag einer Zauberruthe in ein anderes Land versetzt; so unendlich verschieden ist alles, was ich hier um mich sehe, von dem¬ jenigen, was ich noch vor wenigen Stunden in Aachen verliess. Schon der erste Anblick der Stadt war überraschend. Man wird sie aus der Ferne nicht gewahr; denn sie liegt in einem tiefen Thal an der Maas, die in mehrere kleinere Arme zerspringt. Es giebt wenig schönere Aussichten auf eine gleichsam unter den Füssen liegende Stadt, als diese, die ich von der Karthause hin¬ unter, indem wir hineinfuhren, genoss. Ich weiss nicht wie es kam, aber ich hatte mich auf ein kleines Städtchen gefasst gemacht; und wie erstaunte ich nun, als ich eine grosse Stadt erblickte, die hunderttausend Einwoh¬ ner enthalten kann und wirklich enthält. Wunderschön schlängelt sich die Maas, die hier noch von mittlerer Breite ist, hindurch, und nähert sich bald auf der einen, bald auf der andern Seite dem Abhange der Ber¬ ge, zwischen denen sich das Thal als eine ebene, so weit das Auge trägt, mehrentheils mit Hopfen bepflanzte, und mit einigem Wiesewachs vermannichfaltigte Fläche zieht. Nach allen Richtungen ist die Stadt mit Steinkohlengruben umgeben, ja, sie steht zum Theil auf den bereits abgebauten, ausge¬ höhlten Kohlenbergwerken. Zu beiden Sei¬ ten des Flusses, jedoch so, dass auf die Exposition nach Süden Rücksicht genommen wird, an den in einiger Entfernung sich er¬ hebenden Gehängen des Thals, erstrecken sich weitläuftige Weinberge, die also wieder, wie die bei Hochheim, auf Steinkohlen lie¬ gen. Die Flötze sind sehr beträchtlich, und X 4 an manchen Stellen tief unter dem Bette der Maas bereits ausgeleert. Die entfernte¬ ren Hügel sind mit Ulmen, Pappeln und andern Bäumen bewachsen und mit Land¬ häusern, Schlössern, u. s. f. reichlich ver¬ ziert. Am Ufer des Flusses erstreckt sich ein quai , der sich in eine schöne hochstäm¬ mige Allee endigt. Die Strassen von Lüttich sind enge, winklicht, krumm und nicht sehr reinlich; es giebt indess doch mehrere schöne Ge¬ bäude: an dem quai , an den offenen Plätzen und auf der so genannten Insel hinter der St. Jakobskirche bemerkte ich eine Menge guter, neuer Häuser. Der bischöfliche Pal¬ last ist ein Viereck, dessen inwendiger Hof rundum einen Säulengang hat, wenn man anders die abscheulichen, kurzen, bauchigen Dinge, mit Kapitälern und Fussgestellen, so nennen will. Die äussere Facciate hingegen, nach der Kathedralkirche zu, ist desto schö¬ ner, in einem guten Geschmack, mit rein jonischen Pilastern. Die Dominikanerkirche mit einer schönen, runden, einfachen Ku¬ pole, die nach einer in Rom kopirt ist, zeichnet sich ebenfalls vortheilhaft aus. Die alte gothische Kathedralkirche bot uns dafür desto weniger Bemerkenswerthes dar. Der beständig fortdauernde Lärm und das Gewühl in den Strassen zeugt von ei¬ ner ausserordentlichen Betriebsamkeit. Dieses Schauspiel von durcheinander laufenden ge¬ schäftigen Menschen, so schmutzig auch die meisten aussehen, gewährt mir einen ausser¬ ordentlichen, sehr lange entbehrten Genuss. Die Köhler, die Messer- und Waffenschmie¬ de und die Spiegelmacher sind ein rohes, aber rüstiges, lebhaftes, heftiges Volk, deren Thätigkeit mit dem Phlegma der Aachner schneidend kontrastirt. Die Volksphysio¬ X 5 gnomien haben hohe, gerade in die Höhe gehende, an den Seiten zusammengedrückte Stirnen, breite Jochbeine, schwarze nicht gar grosse Augen, wohlgebildete, zuweilen ein wenig aufgeworfene Nasen, und dicke Lippen, bei einem nicht gar reinen Teint. Sie nähern sich also den französischen, und unterscheiden sich auffallend von den jüli¬ chischen, die gewöhnlich, bei einer sehr weissen Hautfarbe und blondem Haar, durch die länglichtfleischige Form des Gesichts und die weicheren Züge eine gewisse Verwandt¬ schaft mit den Niederländern verrathen. Die Lütticher können ihr französisches Blut nicht verläugnen; sie sind eben so leicht¬ sinnig-fröhlich, eben so gutmüthig, eben so mit einer, ich möchte sagen, angebornen Höflichkeit begabt, und sprechen auch einer¬ lei Sprache, wiewohl so durchaus mit Pro¬ vinzialismen verdorben, dass ein Mitglied der Pariser Akademie sie schwerlich für Brüder erkennen würde. Ausserdem spricht das ge¬ meine Volk eine Art Kauderwelsch, welches man unter dem Namen der wallonischen Mundart kennt. Dieses ist den Fremden völlig unverständlich, indem die ursprüng¬ lich altfranzösischen Wörter ganz verunstal¬ tet, bald abgekürzt, bald mit anderen En dungen, und in einer ganz besondern Con¬ struktion erscheinen. So zum Beispiel heisst: lei po wei, lasst mich sehen; statt des fran¬ zösischen: laissès moi voir; und wieder: serre I’hon, mach die Thüre zu, statt: ferme la porte . In dem letztern Ausdruck ist hon das altfranzösische huis , wovon noch á huis clos und huissier übrig sind. Französische Eleganz habe ich in den Kleidertrachten, zumal der geringeren Klasse, freilich nicht bemerkt; doch diese würde man auch in Frankreich selbst bei dieser Klasse verge¬ bens suchen. Die Lütticher Weiber tragen kurze gestreifte Röcke; Leibchen oder auch eine Art weiter Jacken von Kattun mit Er¬ meln, die mit demselben Zeuge frisirt sind, und Kattunmäntel, die aber nur bis an die Taille reichen. Wenn sie ausgehen, bin¬ den sie ein roth und gelbgeflecktes Baum¬ wollentuch über die Haube um den Kopf; doch gehört dieser Putz vermutlich nur zu den Verwahrungen, die der noch immer fortdauernde, scharfe Nordwind nothwendig macht. Unsere Fahrt von Aachen hieher, auf der Diligence, zeichnete sich wenig aus. Wir hatten die ersten Plätze; allein beim Ein¬ steigen fanden wir drei Frauenzimmer dar¬ auf; folglich schwiegen wir von unseren Ansprüchen, und setzten uns, wo wir zu¬ kommen konnten. Einmal sassen elf Perso¬ nen in diesem ungeheuren Wagen, weil un¬ terweges einige Passagiere abstiegen und meh¬ rere hinzukamen. Die Gespräche über po¬ litische Gegenstände nahmen kein Ende. Es freute mich indess, die erstaunliche Menge neuer Ideen in Umlauf anzutreffen, da sie vor zehn Jahren zuverlässig allgemeines Auf¬ sehen, oder gar die Indignation der Majori¬ tät auf den Postwägen in Deutschland und Brabant erregt hätten. Nachdem wir durch einen schweren Sandweg in einer tiefen Schlucht die Höhe des Berges, der das Gebiet der Stadt Aachen von der Provinz Limburg scheidet, erreicht hatten, lag dieses herrliche Land wie ein Garten vor uns; und je weiter wir hinein¬ kamen, desto reizender ward die Aussicht auf die kleinen umzäunten Wiesen und Viehweiden, welche die sanften, wellenför¬ migen Hügel bedecken. Ueberall ist diese Gegend mit einzelnen, oder höchstens zu drei und vier beisammengestellten Hütten gleichsam besäet, die zum Theil massiv oder von Backsteinen, zum Theil von Fach¬ werk gebauet, ein wohlhabendes Völkchen andeuten, das hier von der Viehzucht und vom Wollspinnen lebt. Auf viele Meilen weit sieht man die wogichen Hügel überall mit lebendigen Heerden, und hier und dort auch mit hochstämmigen Bäumen geziert; auf Meilen weit liegen, ein paar gute Büch¬ senschüsse von einander, die einzelnen Bauer¬ hütten. Es ist unmöglich, sich hier etwas anderes, als Einfalt und Gleichheit der Einwohner, zu denken; man irrt in Gedan¬ ken von Haus zu Haus, und erblickt über¬ all fleissige Spinner, frohe Hirten und rein¬ liche Käsemacher. Die Ufer der Maas be¬ gränzen endlich diese Aussicht, indem sie unweit Mastricht in der Ferne den jähen weissen Absturz dem Auge darbieten, der mit seinen häufigen Petrefakten den Natur¬ forschern unter dem Namen des Petersberges bekannt ist. Clermont, ein artiges Dörfchen, liegt am Wege, und in dieser Gegend schien uns die Limburgische Landschaft vorzüglich reich und schön. Auf den ersten Blick hat es etwas einladendes, wenn man so die zerstreuten Wohnungen sieht, wo jeder um seine Hütte her sein Fleckchen Landes be¬ sitzt, sein Vieh darauf weiden lässt oder auch, wie es weiter hin nach Lüttich zu der Fall ist, seinen Weizen säet. Man denkt sich dabei eine natürliche Bestimmung des Menschen, die Erde zu bauen und zu besitzen. Allein diese Vereinzelung kann ihn nicht bilden, und der zehnte Theil aller in ihn gelegten Kräfte wäre für den Hirten hinreichend gewesen. Sollte der Mensch inne werden, was es sei, das sich in ihm regt, so musste sich in verschiedenen Ein¬ zelnen bald diese, bald jene Fähigkeit ent¬ wickeln, auf Kosten jener allzueinfachen Bestimmung, welche die Wohlthaten des geselligen Lebens nicht kennt, weil seine Bedürfnisse ihm fremd sind. Ich habe die guten Limburger nicht in der Nähe beob¬ achten können; allein ihre Vereinzelung giebt mir Ursache zu vermuthen, dass ihr Ideenkreis äusserst eingeschränkt seyn müsse. In den Städten mag es indess schon anders beschaffen seyn. Hier sahen wir zum erstenmal die brabantische Kokarde, dieses furchtbare, nun aber so oft ohne ächten Freiheitssinn nachgeahmte Freiheits¬ zeichen; auch begegneten uns einige bra¬ bantische Truppen, deren Anblick indess keine Ehrfurcht einflösste. Sie schienen völ¬ lig undisciplinirt, wussten ihr Gewehr nicht zu regieren, und sollen auch von der im Dienste unentbehrlichen Subordination gar keine keine Begriffe haben. Ihre Kleidung ist ein blosser Ueberrock, der schlechterdings kein militairisches Ansehen hat. Ausser diesem einzigen Stücke, welches ihnen eine gewisse Uniformität giebt, sieht ihr übriger Anzug buntscheckig und oft zerrissen aus. Die meisten, die uns zu Gesichte kamen, waren junge Leute, und einige konnte man bei¬ nahe noch Kinder nennen. Ihre Erschei¬ nung in der Provinz mag indess die Staaten von Limburg über ihre eigene Sicherheit ein wenig beruhigt haben; denn, weil sie sich gewisse Rechte anmassten, die das Volk ihnen nicht zugestehen will, zogen sie bis¬ her von einem Orte zum andern, von Herve nach Battice, und von da noch näher an Aachen, in das Dorf Henri-chapelle, wo sie in einer elenden Schenke ihre Versamm¬ lungen halten. Der Abstich von jenen erbärmlichen Rot l. Theil . Y ten des brabantischen Pfaffendespotismus zu diesen rüstigen Lüttichern gehörte mit zu den Dingen, die uns gleich bei dem Ein¬ tritt in die Stadt in Erstaunen setzten. So¬ wohl die eigentlichen besoldeten Stadttrup¬ pen, als die Freiwilligen, sind gut und zum Theil recht schön gekleidet. Es ist ein all¬ gemeines Regen und Gähren unter ihnen und im Volke, wegen des bevorstehenden Abmarsches der Preussen. Vielleicht hat auch die Gegenwart und das Beispiel dieser musterhaften Truppen dazu beigetragen, ihnen die Begriffe von Disciplin, Subordination und Taktik näher zu bringen, als sonst geschehen wäre; vielleicht haben sie ihnen das Exer¬ ciren abgesehen, und sich geschämt, im Bei¬ seyn ihrer Meister schlecht zu bestehen; vielleicht kann man endlich auch vermuthen, dass Menschen, deren Gewerbe in der Fa¬ brikation von Gewehren und in den anstren¬ genden Köhlerarbeiten besteht, eines Theils mit den Waffen selbst vertrauter, andern Theils aber beherzter und gleichgültiger gegen die Gefahr seyn müssen, als die brabanti¬ schen Bauern und die limburgischen Hirten. Wirklich scheint es, wenn Muth den Man¬ gel an Disciplin ersetzen kann, dass sie nur eines geschickten Anführers bedürfen, um für die Verfassung, die sie sich selbst gege¬ ben haben, mit Nachdruck zu streiten. Wir wanderten durch die Strassen und suchten uns so viel als möglich mit dem Volk in Unterredung einzulassen, um uns durch eigene Erfahrung von der herrschen¬ den Stimmung zu überzeugen. Es bedurfte keiner Künste, um die Leute zur Sprache zu bringen. Sie waren durchgehends von ihren politischen Verhältnissen bis zum Über¬ strömen voll, hingen daran mit unglaubli¬ chem Eifer, und schienen sich im gegenwär¬ Y 2 tigen Zeitpunkte, wie alle freie Völker, mit den öffentlichen Angelegenheiten beinahe mehr, als mit ihren Privatbedürfnissen zu beschäftigen. Die Namen des Königs von Preussen , des Grafen v. Herzberg , des Gene¬ rals von Schlieffen und des Herrn v. Dohm wurden nicht anders als mit einem Ausdruck der Verehrung und Liebe, mit einer Art von Enthusiasmus genannt. Man hatte uns schon in Aachen erzählt, und hier bestätigte es sich, dass der letztere den Umarmun¬ gen der Köhlerweiber, welche hier die Pa¬ riser Poissarden vorstellen können, mit Noth entgangen sei. Zum Lobe der preussischen Truppen und ihrer vortreflichen Mannszucht vereinigten sich alle Stimmen. Ils sont doux, comme des agneaux , sagten sie, und hinterdrein erscholl die wahre französische Ruhmredigkeit, mit der Betheurung, dass, wenn sie es nicht wären, on leur feroit voir du pa ï s ; denn die Zuversicht, womit sie auf ihre eigenen Kräfte trotzen, geht ins Hyperbolische, und reisst sie zu Aeusserun¬ gen hin, die in ihrem Munde nichts be¬ deuten, aber doch wie Beleidigungen klin¬ gen. Bei dem natürlichen Hange der Men¬ schen, das Langgewohnte für etwas Noth¬ wendiges und Gutes zu halten, folglich ihre Vorgesetzten, bloss weil es die ihrigen sind, und man es ihnen so gelehrt hat, zu ehren und zu lieben, muss in der That eine schrecklich empörende Misshandlung des Volks hier vorhergegangen seyn, um dieses Band zu zerreissen und den hohen Grad von Erbitterung, der sich durchgängig äussert, gegen den Bischof zu erwecken. Die Wuth — man kann es kaum anders nennen, was sie bei dem Nennen seines Namens augenblick¬ lich entflammt — die Wuth ging so weit, dass sie sich gegen ihn der härtesten Aus¬ Y 3 drücke bedienten und ohne alle Zurückhal¬ tung von ihm als von einem verworfenen, des Fürstenstuhls unwürdigen Menschen spra¬ chen. Eben so kühn und trotzig wütheten sie gegen das wetzlarische Kammergericht und die deutschen Fürsten, die ihre ver¬ meinte Nothwehr gegen die Tyrannei, wie einen Aufruhr behandeln; diese wurden nicht ohne Verwünschungen genannt, und wir sahen die eifrigen Patrioten auffahren bei dem Gedanken, dass ihnen eine unwill¬ kommene Coadjutorschaft bevorgestanden ha¬ be. Mit dem Fürstenhasse verbindet sich zugleich ein allgemeines Missfallen an dem ganzen Priesterstande, das beinahe in Ver¬ achtung und Indignation gegen diese Klasse, und, weil der rohe Haufe weder unter¬ scheidet noch prüft, bei vielen auch gegen die Religion selbst übergeht. Wie das Volk seine Religionsbegriffe bloss auf Treu’ und Glauben, nicht nach vernünftiger und frei¬ williger Prüfung angenommen hat, so muss seine Anhänglichkeit an dieselben endlich geschwächt werden, wenn das Vertrauen auf seine Lehrer verschwindet. Der état primaire , worunter das Domkapitel verstan¬ den wird, hat sich, durch den Vorschlag einer Kopfsteuer, welche auf die ärmeren Volksklassen zurückfallen würde, statt des von ihm erwarteten Darlehns, bei den Ein¬ wohnern nicht zum besten empfohlen. In den Wirthshäusern und Kaffeehäu¬ sern sahen wir fleissige Zeitungsleser, und selbst der gemeine Mann politisirte bei sei¬ ner Flasche Bier von den Rechten der Menschheit, und allen den neuen Gegen¬ ständen des Nachdenkens, die seit einem Zeitabschnitte von ein paar Jahren endlich auch auf dem festen Lande in Umlauf ge¬ kommen sind. In den müssigen Zwischen¬ Y 4 räumen, welche die Sorge für die Befriedigung des physischen Bedürfnisses übrig lässt, for¬ dert der Geist Beschäftigung. Entweder muss er seine Phantasie mit hyperphysischen Träu¬ men wiegen, die er nicht zergliedern und nach dem Gesetze des Widerspruchs beur¬ theilen kann; oder ein Wort — zum Bei¬ spiel: Freiheit — das ohne Metaphysik un¬ verständlich ist, muss sich seiner bemächti¬ gen und ihn im Kreise umherwirbeln, das Spiel einer fortwährenden petitionis principii . Indess, so unfähig die Lütticher auch sind, einen Streit über die Grundsätze des geselli¬ gen Lebens, den die Philosophen selbst noch nicht ins Reine brachten, abzuurtheilen; so genau sind sie doch von den Thatsachen unterrichtet, welche ihre gegenwärtigen An¬ gelegenheiten betreffen, und hier, wie über¬ all, entscheidet das Gefühl augenblicklich, ehe noch die Vernunft, die das Vergangene und das Zukünftige bis an die äussersten Gränzen der Zeit, mit in ihre Entscheidungs¬ gründe einschliesst, sich aus dem Chaos ent¬ gegengesetzter Verhältnisse herauswirren kann. Die wichtigen Fragen, worüber wir hier deraisonniren hörten, kann zwar ein Köhler oder ein Schwerdtfeger nicht entscheiden; allein unter allen Menschen, denen diese Fragen zu Ohren gekommen sind — wie viele giebt es, deren Vernunft für kompe¬ tent zur Entscheidung gelten kann? Und werden diese kompetenten Richter unter sich einig seyn? Wahrhaftig! wenn niemand sich unterstehen dürfte, über Dinge zu spre¬ chen, oder vielmehr seine Verstandeskräfte an Dingen zu üben, die er nicht rein bis auf die letzten Gründe sich entwickeln kann; so gehörte die grosse Masse der fürstlichen Automaten, des ungebildeten und ausgear¬ teten Adels, der juristischen Tröpfe, der Y 5 Theologen, die ihre Dogmatik nur auswen¬ dig wissen, zu den ersten, denen man Still¬ schweigen gebieten müsste, indess nur wahre Weise sprechen, und — was mehr ist — regieren dürften. Neben so vielen Rechten, welche die Menschen veräussern und über¬ tragen konnten, um den Vortheil der Ver¬ einigung zu einem Staate zu geniessen, giebt es auch andere, welche ihrer Natur nach unveräusserlich sind; und unter diesen ste¬ het das Recht, ihre Geistesfähigkeiten durch Entwicklung, Übung und Ausbildung zu vervollkommnen, oben an. Wenn ein Ver¬ trag die Sklaverei gut heissen, und den un¬ umschränkten Willen eines Tyrannen für rechtmässig erklären könnte, so darf doch selbst das Leibeigenthum, welches jemand besitzt, ihm nicht zum Vorwande dienen, seine Sklaven an der Erreichung ihrer Be¬ stimmung als Menschen zu verhindern. Oder geht die Anmaßung der Tyrannei so weit, daß sie ihren Opfern auch diese Bestim¬ mung abspricht? darf sie im Ernste der Natur so schrecklich spotten, und ohne Hehl den Sklaven zum Thier herabwürdigen wollen? Darf sie sich das Recht zuspre¬ chen, einem Menschen Vernunft und Mensch¬ heit auszuziehen? Dann rege sich Alles, was noch Menschheit im Busen fühlt, gegen das Ungeheuer, das seine Größe nur auf Zer¬ störung bauet! Wenn wir nicht auf Inkonsequenzen ver¬ fallen wollen, die alle Bestimmung unmög¬ lich machen und den Grund aller Verträge und aller Rechte untergraben; so muß selbst die despotische Regierungsform eben den Zweck haben, den die Natur mit einem jeden einzelnen Daseyn eines vernünftigen Wesens erreicht wissen wollte, den Zweck, den unsere Vernunft uns unaufhörlich vor Augen hält: den höchstmöglichen Grad sitt¬ licher Vollkommenheit, durch die Entwicke¬ lung aller in uns gelegten Anlagen, zu er¬ reichen. Dem Bande der Gesellschaft, durch welches diese Entwickelung auf eine voll¬ kommnere Art, als im gesetzlosen Zustande, erreicht werden kann, opfern wir gewisse Mittel zur Ausbildung freiwillig auf; wir lei¬ den gewisse Einschränkungen unserer äusser¬ lichen Freiheit, unserer Handlungen; wir thun Verzicht auf die vollkommene Gleich¬ heit unserer Rechte, um im Staate verei¬ nigt, mit desto grösserer Sicherheit auf dem Wege der moralischen Vervollkommnung ungehindert fortzuschreiten. Die Erbärm¬ lichkeit, womit unzählige Menschen, durch falsche Vorstellungen geleitet, an der blossen Existenz, als an dem höchsten Gute hangen, mag vielleicht dazu mitgewirkt haben, bei den unumschränkten Herrschern den hohen Grad von Verachtung gegen ihre Untertha¬ nen zu erregen, vermöge dessen sie ihnen unendlich viel Gnade zu erzeigen glauben, wenn sie ihnen nur das Leben und die Mittel zu seiner kümmerlichen Erhaltung schenken. Allein, wie gesagt, hier ist nicht die Rede von den Irrwegen, auf welche der menschliche Geist gerathen kann, wenn er sich selbst als alleinigen Zweck, und alles andere, die Menschen sogar nicht ausge¬ schlossen, als um seinetwillen geschaffen wähnt; sondern wir suchen hier den ein¬ zig möglichen Grund, auf welchem die schon bestehenden Verträge zwischen den Gliedern der Gesellschaft beruhen, und auf welchen die Herrscher im Staate vor dem Richterstuhle der Vernunft ihr Recht bezie¬ hen können. Ein Vertrag ist nichtig, der die Sittlichkeit verletzt, und eine Staatsver¬ fassung hat keinen Augenblick eine recht¬ mässige Existenz, wenn sie sogar ihren Glie¬ dern die Möglichkeit einer sittlichen Ver¬ vollkommnung raubt. Diese Vervollkomm¬ nung aber setzt den uneingeschränkten Ge¬ brauch der Vernunft und des gesammten Erkenntnissvermögens voraus; sie heischt so¬ gar Freiheit des Willens, worauf nur da Verzicht gethan werden darf, wo gewisse Handlungen der fremden Willkühr zum ge¬ meinschaftlichen Besten Aller, das heisst, zur Beförderung der allgemeinen Vollkom¬ menheit, unterworfen werden müssen. Jede Einschränkung des Willens, die nicht zur Erhaltung des Staats unentbehrlich ist, wird der Sittlichkeit seiner Glieder gefährlich, und die Gefahr einer solchen Verwahrlosung der eigentlichen Herrscherpflicht ist gross ge¬ nug, um weisen Despoten ihren Weg vor¬ zuzeichnen, und sie aufzufordern, ihren Un¬ terthanen die uneingeschränkte Religions¬ Gewissens- Unterredungs- und Pressfreiheit zuzugestehen, ja sogar über die Verhältnisse des Staats, über seine Mängel und die Mit¬ tel ihnen abzuhelfen, keines Menschen Nach¬ denken und Bemühung sich und Andere zu unterrichten, ein Ziel zu stecken. Friedrich der Einzige war auch in diesem Stücke kon¬ sequent und allen künftigen Alleinherrschern ein Muster. Immerhin mögen die Vertheidiger des Despotismus über die gehoffte Vervollkomm¬ nung des Menschengeschlechts lachen! Ich lache gern mit ihnen, wenn von der Reali¬ sirung eines Ideals der sittlichen Vollkom¬ menheit die Rede ist. Wie das Ideal des sinnlichen Vollkommenen, kann es nur in der Phantasie des Philosophen existiren, und hat nicht einmal den Grad von Realität, dem der Künstler im Bilde dem Idealisch¬ schönen geben kann. Allein es heisst zu früh gelacht, wenn nicht der höchste denk¬ bare Punkt der Vollkommenheit als wirklich erreichbar angenommen, sondern nur die Freiheit, in der Entwicklung jedes Einzel¬ nen, so weit zu kommen, als Organisation, inneres Kraftmaass und natürliche Beziehun¬ gen es jedesmal gestatten, von dem Staate und seinen Herrschern gefordert wird. Erfah¬ rung und Geschichte lehren unwidersprech¬ lich, dass die Menschen zu allen Zeiten von den Vorschriften, die sich, aus dem Wesen der menschlichen Vernunft ableiten lassen, abgewichen sind, um einem willenlosen Be¬ gehrungsvermögen zu gehorchen; überall se¬ hen wir die Vernunft im Streite mit bloss thierischen Kräften, und in unzähligen Fäl¬ len bemerken, wir den Sieg der gesetzlosen Sinnlichkeit. Aber im innersten Grunde un¬ seres Wesens liegt der Maassstab, womit wir Alles messen und würdigen können, das das eigenthümliche moralische Gefühl, wel¬ ches keinem einzigen Vernünftigen fehlt, und in welchem die Unterschiede des Gu¬ ten und Bösen, wie die Unterschiede des Schönen und Hässlichen im Sinnengefühl, ursprünglich gegründet sind. Auf ein sol¬ ches, Allen gemeinschaftliches Gefühl, wel¬ ches den Operationen der Vernunft eine unabänderliche Norm ertheilt, nicht auf ein¬ zelne Erscheinungen aus der wirklichen Welt, lassen sich die unbedingten, allgemeinbinden¬ den Bestimmungen gründen, ohne welche die physische Gewalt nicht bloss ein un¬ tergeordnetes Mittel wäre, rechtmässige An¬ sprüche geltend zu machen, sondern selbst zum höchsten Gesetz und zur alleinigen Quelle des Rechts erhoben werden müsste. Wie furchtbar aber wäre dieses Recht des Stärkeren allen Staatsverfassungen, die nicht auf eine gleichförmige Vertheilung der Kräfte I. Theil . Z gegründet sind, sondern in denen wenige, schwache Einzelne ihr Herrscheramt von der unsicheren Trägheit oder Convenienz der Menge abhangen lassen, und dem Volke, beim ersten Erwachen des Bewusstseyns sei¬ ner Übermacht, weichen müssten? Es schmälert nichts an der Vollkommen¬ heit und Allgemeinheit der Regel, dass sie unaufhörlich übertreten wird. Willkührliche Gewalt mischt sich in die meisten Hand¬ lungen der Völker und der ungleichartigen Bestandteile eines Staats gegen einander. Auch kann nichts anders erwartet werden, so lange es keine vollkommen vernünftige Menschen giebt, die aller Vorsicht ohnehin entübrigt seyn könnten. Wir haben inzwi¬ schen doch den grossen Fortschritt gewon¬ nen, von der rohen Thierheit zur Aner¬ kennung der Majestätsrechte der Vernunft. Alles erweiset der Vernunft die höchste Ehre; keiner will sich der Gewalt bedient haben, bloss weil er sich stärker fühlte, sondern weil er besser , richtiger , weiser dachte, und es dem anerkannten Rechte schuldig zu seyn glaubte, dem blinden Geg¬ ner mit derben Faustschlägen die Augen und das Verständniss zu öffnen. Mit diesem feinen Unterschiede ist es aber im Grunde noch nicht weit her; denn weil die allge¬ meingültige Vernunft nirgends geltend ge¬ macht ist, so trift das Compliment jedes¬ mal nur die eigene Vernunft des einzelnen Menschen; ihr huldigt er, denn sie ist das Höchste was er hat, so unvollkommen sie auch seyn mag. Von den Prämissen, die sie ihm darbietet, muss er ausgehen; denn sie sind ihm in Ermangelung des Besseren unfehlbar, und was er daraus fortschliesst, das sind ihm eben so unfehlbare Schlüsse. Wie entscheidet man nun aber zwischen Z 2 zwei streitenden Parteien, die sich beide auf ihr, in Vernunft gegründetes Recht be¬ rufen? Wo man nicht überreden kann, braucht man Gewalt; und siehe da! — der Stärkere behält Recht . Ist die Vernunft also wohl mehr als ein blosser Vorwand? sie nämlich, die sich im einzelnen Menschen, nach dem Maasse von Empfindungskräften, welche Natur und Zeit und Umstände ihm verliehen, so leicht von seinen Leidenschaf¬ ten bestechen oder wenigstens besiegen lässt? Vielleicht dürfte man aber auch eben des¬ wegen mit gutem Fug behaupten, dass in der natürlichen Ungleichheit der Menschen, in Absicht auf Organisation, physisches Kraft¬ maass und Seelenvermögen, und in ihrer, von keines Menschen Willen gänzlich ab¬ hängigen, Verschiedenheit der Ausbildung, welche ganz verschiedene Grade von Lei¬ denschaft und alle die unendlich nüancirten Charaktere des wirklichen Lebens hervor¬ bringen, der grosse Kunstgriff liegt, vermöge dessen die Natur den Menschen einzig und allein vor dem Herabsinken in einen todten Mechanismus von Formeln und Schlüssen bewahren konnte. Ein jeder soll nur Kräfte zur Vollkommenheit ausbilden; darum wird er mit blossen Anlagen, ohne alle Entwick¬ lung geboren. Leuchtete Allen schon die¬ selbe moralische Sonne im Busen; erfüllte und wärmte sie Alles mit ihrer unüberwind¬ lichen Wahrheit: dann glichen wahrschein¬ lich auch unsere Handlungen dem Sternen¬ tanze, der nach «grossen, ewigen, ehernen Gesetzen» abgemessen, nicht die kleinste Spur von Freiheit und eigener Kraft des Willens zeigt, sondern auf ewige Zeiten hin vorausberechnet werden kann. Ach! dass uns ja das edle Vorrecht bleibe, in¬ konsequent und inkalkulabel zu seyn! Z3 Die politische Lage von Lüttich veran¬ lasste diese Streiferei in das philosophische Gebiet, und mag sie nun auch entschuldi¬ gen. Du weisst, dass der General von Schlief¬ fen mit sechstausend Mann Preussen seit ungefähr vier Monaten die Stadt Lüttich und ihre Citadelle besetzt; jetzt muss ich Dir erzählen, warum das geschehen sei und Du wirst Dich wundern, dass die Sache, von der man so viel Aufhebens macht, so einfach ist. Der im Jahr 1316 zwischen allen Ständen und Klassen des Lütticher Volks abgeschlossene Vertrag oder Friede (paix) von Fexhe enthält die Grundverfas¬ sung dieses Hochstifts. Wie zu jenen dunk¬ len Zeiten ein Vertrag zu Stande gekommen seyn mag, dessen Vortreflichkeit man sogar mit der brittischen Constitution zu verglei¬ chen wagt, will ich unerörtert lassen; genug, er ward mit Gewalt errungen und mit ver¬ gossenem Bürgerblute besiegelt, und war nicht das Werk einer allgemeinen, freien, zwanglosen Ueberzeugung. Ein mächtiger Bischof, der zugleich Kuhrfürst von Kölln und Bischof von Hildesheim war, that im Jahr 1684 einen gewaltsamen Eingrif in diese Verfassung, indem er den dritten Stand gänz¬ lich von sich abhängig machte und in po¬ litischer Rücksicht gleichsam vernichtete, das Recht die Magistratspersonen in den Städten zu ernennen, dem Volk entriss und an sich zog, also zugleich den anderen höheren Ständen furchtbar ward. Indess besass die Geistlichkeit zwei Drittheile des Bodens im ganzen Hochstift, und war von Abgaben frei; ein Umstand, welcher mit der behaup¬ teten Ähnlichkeit zwischen der hiesigen Ver¬ fassung und der englischen lächerlich kon¬ trastirt. Die Geistlichkeit sah also bei ihrem sichren Genusse gleichgültig zu, dass die Lasten Z 4 des Volks sich täglich vermehrten. Allein der Zeitpunkt rückte heran, wo zur Erleichte¬ rung desselben geschritten werden musste. Der jetzige Fürstbischof sah sich genöthigt, im vorigen Jahr (1789) eine Versammlung der Stände zusammenzuberufen und zugleich der Geistlichkeit für die Zukunft die Über¬ nahme ihres Theils an den Abgaben anzu¬ muthen. Wiederholte Äusserungen der im¬ mer mehr um sich greifenden Eigenmacht des Bischofs, hatten während der Zeit den Bruch zwischen ihm und den Ständen so sehr erweitert, dass das Beispiel von Frank¬ reich und Brabant kaum nöthig war, um eine von jenen gewaltsamen Krisen zu be¬ wirken, welche allenthalben, wo es dem Despotismus noch nicht gelungen ist, die unterjochten Völker um alle Besonnenheit zu bringen und unter die Thierheit hinab zu stossen, früher oder später die unausbleib¬ liche Folge des zu weit getriebenen Druk¬ kes ist. Das Domkapitel sah wohl ein, dass dies nicht der Zeitpunkt wäre, wo es sich wei¬ gern dürfte, zur Tilgung der auf ungeheure Summen angehäuften Staatsschuld beizutra¬ gen, und beschloss auf den ersten Wink des Fürsten, seinen bisherigen Exemptionen zu entsagen. Das Volk von Lüttich aber drang bei dieser Veranlassung der Quelle der Malversationen näher; und um das Übel mit der Wurzel auszurotten, forderte es die Abschaffung des Edikts von 1684, zwang den bisherigen Stadtmagistrat, seine Ämter niederzulegen und ernannte, seit mehr als hundert Jahren zum erstenmal, wieder neue Magistratspersonen. Eine Veränderung von dieser Wichtig¬ keit, so heftig auch die Bewegung war, die sie in den Gemüthern voraussetzt, konnte Z 5 dennoch ohne irgend eine, das Gefühl em¬ pörende That vollbracht werden, sobald das Volk Einigkeit mit sich selbst hatte, und niemand es wagte, ihm Widerstand zu leisten. Dies war hier wirklich der glückliche Fall. In der Nacht vom siebzehnten auf den achtzehnten August schrieb der Fürstbischof ein Billet, worin er zu Allem, was man vornehmen möchte, vorläufig seine Einwilli¬ gung gab; und noch an dem Tage der neuen Wahl begab er sich, auf die Einla¬ dung einer Deputation aus dem Magistrat, von seinem Lustschlosse Seraing nach dem Rathhause, wohin das Volk seinen Wa¬ gen zog. Diese Freude und der Taumel, den sie verursachte, waren jedoch von kurzer Dauer; denn bereits am sieben und zwanzigsten August entwich der Bischof heimlich aus seinem Lustschlosse Seraing nach der bei Trier gelegenen Abtei St Maximin. Hatte er also auch zehn Tage lang die Maaassregeln seines Volkes gebilligt, die Wahl der neuen Bürgermeister als rechtmässig anerkannt, diese an seine Tafel eingeladen, sie in seinem Wagen fahren lassen, mit ihnen Rath ge¬ pflogen, und den Ständen schriftlich be¬ zeugt, dass er um seiner Gesundheit willen verreisen müsse, aber im Angesicht der ganzen Welt alle Klagen, die vielleicht in seinem Namen angebracht werden könnten, für null und nichtig erkläre: so bleibt es doch immer möglich und wahrscheinlich, dass er zu allen diesen Schritten durch Furcht vor unangenehmen Folgen gezwun¬ gen zu seyn glaubte. Das Reichskammer¬ gericht in Wetzlar mochte wohl den Vor¬ gang in Lüttich aus diesem Gesichtspunkte angesehen haben, indem es bereits am Tage der Entweichung des Bischofs, aus eigener Bewegung und ohne dass ein Kläger aufge¬ treten wäre, gegen die Lütticher, als Em¬ pörer, Exekution erkannte. Da auch der Bischof nicht säumte, die kreisausschrei¬ benden Fürsten um die unbedingteste Voll¬ streckung dieses Urtheils zu ersuchen, so leidet es weiter keinen Zweifel, dass er auf¬ hörte, die Rechtmässigkeit des Verfahrens seiner Untergebenen anzuerkennen, sobald er sich vor ihrer Ahndung sicher glaubte. Gewalt also, nicht der sanft überreden¬ den Vernunft, sondern der physischen Über¬ legenheit, brachte in diesem kleinen Staate, wie in jedem andern, alle Veränderungen hervor, so weit sie sich hinaufwärts in das dunkle Mittelalter verfolgen lassen, und wie sie noch vor unseren Augen entstehen. Ge¬ walt begründete den Frieden von 1316, den Despotismus von 1684 und die wiedererrun¬ gene Volksfreiheit von 1789; Gewalt soll den Richterspruch von Wetzlar unterstützen; und sie ist es eben, nicht die Vortreflich¬ keit und innere Gerechtigkeit der Sache, die vielleicht den Lüttichern ihre Verfassung zusichern wird. Das ist der Lauf der Welt¬ begebenheiten, wobei sich nichts so zuträgt, wie es sich nach der a priori entworfenen Vernunftregel zutragen sollte. Gesellschaften und Staaten bildeten sich schon zu der Zeit, da die Vernunft im Menschen noch unentwickelt lag, da sie seinen thierischen Kräften unterworfen war. Kampf ging den Verträgen zuvor. Siegte auch die billigste Partei, so ward dennoch den Anmaassungen der Besiegten Zwang angethan. Waren Herrschbegierige die Sieger, so entstanden tyrannische Unterschiede im Volk, und die feudalische Abhängigkeit verwandelte sich nur langsam in eine hartgemischte Verfas¬ sung von mehreren Ständen, die immer nicht in gleichem Maasse die Last des ge¬ meinschaftlichen Bundes trugen. Selbst in England, bei einer Verfassung, zu welcher die Völker Europens mit Neid und Begierde hinaufsehen, wird das Volk nicht vollkom¬ men repräsentirt, und seine beinahe unein¬ geschränkte bürgerliche Freiheit ist bei den Gebrechen der politischen immer noch in Gefahr. Allerdings hing es nicht von der Willkühr des Volkes ab, sich eine voll¬ kommnere Verfassung zu geben; alles ent¬ stand nach und nach, unter mehr oder minder günstigen Umständen; da es die Macht in Händen hatte, mangelte es ihm an Einsicht, und als es Einsicht erlangte, war die Gelegenheit ihm entschlüpft. Wohin führen uns diese Erfahrungssätze? Etwa zur Festsetzung des Begriffes von Recht ? Nein; dieser ist bestimmt, und unerschütter¬ lich auf die uns bewussten Formen der Sitt¬ lichkeit gegründet, nach welchen wir Befugniss zu allen Handlungen haben, die zu unserer sittlichen Vollkommenheit unentbehrlich sind, ohne der Vervollkommnung Anderer im We¬ ge zu stehen. Aber das können, und sollen hier jene aus der Erfahrung entlehnten That¬ sachen beweisen, dass der Zwang, wodurch ein Recht behauptet werden muss, von will¬ kührlicher Gewalt nicht unterschieden wer¬ den kann, sobald das Recht nicht ausser allem Zweifel anerkannt ist. Wenn aber die Parteien, die zusammen einen Vertrag ge¬ schlossen haben, über ihre Rechte in Streit gerathen — wer soll dann oberster Schieds¬ richter seyn? wessen Vernunft sollen beide für weiser und vollkommner als die ihrige erkennen? wessen Ansprüche sollen sie als wahr und der Natur der Dinge gemäss be¬ folgen? Wie, wenn die Eine Partei durch die Gründe des Schiedsrichters nicht zu über¬ zeugen ist, wenn sie ihn für ungerecht, be¬ stochen, oder nicht für aufrichtig und mit sich selbst einig hält? Wird sie, wenn er der andern Partei das Zwangsrecht zugesteht, jedes Bestreben, sie zu zwingen, nicht für unerlaubte Gewaltthätigkeit halten? Wo bleibt alsdann die Entscheidung? Ist es alsdann genug, dass die eine Partei zahlrei¬ cher und stärker ist, um alle Wahrschein¬ lichkeit für sich zu haben, dass das Recht auf ihrer Seite sei? Ist es, zum Beispiel, hinreichend, dass in dem Falle von Lüttich, die ganze Nation gegen Einen Menschen streitet, um zu beweisen, dass er wirklich Unrecht habe? Oder tritt der Fall nicht mehrmals ein, wo der Philosoph und der Geschichtschreiber mit dem Dichter ausru¬ fen müssen: Victrix caussa Diis placuit, sed victa Catoni! Die Die vom Schicksal begünstigte Partei hatte den Rechtschaffenen zum Feinde? Giebt es überhaupt ein anderes untrügliches Kenn¬ zeichen eines gegründeten Rechts, als die freiwillige Anerkennung desselben, von dem¬ jenigen selbst, gegen den man es behaup¬ tet? Dies ist der grosse, himmelweite Un¬ terschied zwischen den unbedingten Sätzen einer theoretischen Wissenschaft, und ihrer Anwendung auf das praktische Leben; so schwer, so unmöglich ist es, in bestimmten Fällen apodiktisch über Recht und Unrecht zu entscheiden! Welcher Mensch, dem ein Unrecht ge¬ schehen ist, oder — was hier gleich gilt — der fest überzeugt ist, dass man ihm Un¬ recht gethan habe, wird warten, bis er seinem Widersacher dieses Unrecht begreif¬ lich machen kann, wird sich auf Überre¬ dung einschränken, wenn sich ihm andere, I. Theil . A a kräftigere Mittel darbieten, sein Recht zu behaupten? Ist das Unrecht von der Be¬ schaffenheit, dass es ihm mit Verlust des Lebens, oder mit Verstümmelung, oder mit Beraubung der Zwecke des Lebens, mit der Unmöglichkeit seine wahre sittliche Bestim¬ mung zu erreichen drohet, so verstehet es sich von selbst, dass er es nicht darauf an¬ kommen lässt, ob die Drohung in Erfüllung gehe, wenn er es anders noch verhindern kann. Es muss also von einem Augenblick zum andern im menschlichen Leben geur¬ theilt und gerichtet seyn, ohne dass man abwarten kann, ob das Gericht und Urtheil von allen Menschen gebilligt, und als über¬ einstimmend mit der allgemeingültigen Ver¬ nunft anerkannt werde. Auf dieser Notwendigkeit beruhen ja wirklich alle Gesetzgebungen und politische Verträge. Freiwillig, oder aus Noth, zu Vermeidung eines grösseren Übels, erkannte man eine weisere Einsicht, als die eigene, die jeder selbst besass; man wollte nun nicht länger in der Ungewissheit leben, nicht länger Recht gegen Recht aufstellen, und sich in endlosen Zwist verwickeln; Eines Mannes Vernunft sollte nun einmal Allen für untrüglich gelten; oder man schuf sich auf die möglichen Rechtsfälle, die zur Entscheidung vorkommen möchten, eine wört¬ lich bestimmte Vorschrift, und setzte die Verhältnisse aller Glieder im Staate unter¬ einander fest. Man bevollmächtigte sogar denjenigen, dessen Einsicht man sich anver¬ traute: jedem, der sich etwa weigere diesem Vertrage gemäss zu handeln und den Ge¬ setzen Folge zu leisten, mit Gewalt dazu zu nöthigen und durch Strafen jede Über¬ tretung zu ahnden. Wenn indess ewiges Beharren in einem und demselben Geleise A a 2 die Absicht dieser Verabredungen war, so beweiset nicht nur der Erfolg die Vergeb¬ lichkeit eines solchen Bemühens, sondern es lässt sich schon aus dem unsteten Grun¬ de, worauf wir hier die Verfassungen und Gesetzgebungen ruhen sehen, ihre Vergäng¬ lichkeit voraus verkündigen. Nicht einmal eine Verfassung, welche auf vollkommene Sittlichkeit wirklich abzweckte, würde ihrer Dauer sicher seyn, sobald sie mächtige Nach¬ baren hätte, die nicht auf diesen Zweck hinarbeiteten; wie viel weniger kann man solchen Verfassungen Dauer versprechen, die auf die sittliche Vollkommenheit des Men¬ schen nicht ihr vorzüglichstes Augenmerk richten! Je weiter sie sich davon entfernen, desto unsicherer ist ihre Existenz; denn die Zeitfolge entwickelt Begebenheiten, verän¬ dert innere und äussere Verhältnisse, bringt Krisen hervor, welche dem unvollkommen organisirten Staate allemal, gefährlicher sind und früher auf ihn eine nachtheilige Wir¬ kung äussern, als auf einen solchen, dessen Bürger, da ein gemeinschaftlicher Zweck sie fest verbindet, mit einander im Gleichge¬ wichte stehen. Was aus Noth oder Überdruss am Streite und mit Aufopferung der eigenen Einsicht sowohl, als der eigenen Rechte entstand, das liegt als unverbrüchliches Gesetz, als heilig zu bewahrende Form, unter dem Sie¬ gel des Vertrages, und drückt auf diejenige Hälfte der Bürger im Staate, die von ihren Rechten das meiste fahren liess. Waren nun unter den Punkten, die sie aus Kurz¬ sichtigkeit versprachen, auch unveräusserli¬ che Rechte, solche nämlich, deren Aufop¬ ferung schlechterdings der Erreichung ihrer sittlichen Bestimmung widerstreitet; so ist die Verfassung schon ihrer Natur nach vor A a 3 dem Richterstuhle der Vernunft null und nichtig, und kann sich nur durch verübte Gewalt, ohne alles Recht, gegen die bessere Einsicht behaupten, die der unterdrückte Bürger schon mit schmerzlicher Erfahrung erkaufen wird. Hier tritt also der Fall ein, wo das buchstäbliche, verabredete, positive Recht dem wahren, in den ursprünglichen Denkformen des Verstandes festgegründeten, natürlichen Rechte widerspricht, wo also der Zwang, der zur Behauptung des ersteren verübt werden darf, die Gestalt der Gewalt¬ thätigkeit annimmt, und, insofern ein jeder auf seinem Rechte besteht, nicht von dem¬ selben unterschieden werden kann. Viel muss man zwar gutwillig erdulden, um nicht durch voreilige Widersetzlichkeit, in¬ dem man dem kleineren Übel abhelfen will, das grössere, den Umsturz des Staats und die gänzliche Auflösung der Bande der Ge¬ sellschaft, zu bewirken. Die Erfahrung lehrt auch, dass aus Unwissenheit, aus Liebe zum Frieden, aus Trägheit und Gewohnheit, aus Scheu vor den Folgen, aus religiosem Vor¬ urtheil, unendlich viel geduldet wird. Die Erfahrung lehrt wohl noch mehr. Durch sie werden wir inne, dass, so lange die Ge¬ brechen des Staats noch nicht zu einer un¬ heilbaren und dem blödesten Auge sichtli¬ chen Krankheit herangewachsen sind, es un¬ gleich leichter ist, den einmal vorhandenen Umschwung der Staatsmaschine zu erhalten, als ihn gänzlich zu hemmen und eine an¬ dere Bewegung an seiner Stelle hervorzu¬ bringen. Das Geheimniss aller anmassenden Regenten, auf dessen Untrüglichkeit sie ge¬ trost fortsündigen, liegt in dem Erfahrungs¬ satze: dass der Mensch, der einmal ein un¬ veräusserliches Recht aus den Händen ge¬ geben hat, sich unglaublich viel bieten lässt, A a 4 was er als Freier nimmermehr geduldet hätte. Er fühlt sich ohnmächtig gegen die herrschende Gewalt; wo er hinblickt, sieht er seine Brüder erniedrigt wie sich selbst, durch Vorurtheil und Sklavenfurcht und Anhänglichkeit an das Leben vielleicht schon ausser Stande, zu ihrer Befreiung zu wirken; endlich sinkt er selbst in seiner eigenen Achtung durch die Verläugnung seines Ver¬ standes, oder er zweifelt, dass eigene Em¬ pfindung und Einsicht ihn richtig leiten, wenn er einsam da steht, und niemand auf seinem Wege erblickt, der ihn verstände. Die strengsten Herrscher hüten sich in¬ dess, wenn sie nur ihr Interesse kennen, dass sie das göttliche Fünkchen Vernunft, wel¬ ches den Menschen vor allen leblosen Werk¬ zeugen und vor allen Lastthieren den ent¬ schiedensten Vorzug giebt, nicht ganz und gar ersticken. Unter allen Nationen in Eu¬ ropa haben die Polen allein die Unwissen¬ heit und Barbarei so weit getrieben, in ih¬ ren Leibeigenen beinahe die letzte Spur der Denkkraft zu vertilgen; dafür aber tragen sie selbst die härteste Strafe, theils indem der viehische Unterthan ihnen kaum den zehnten Theil der Einkünfte liefert, den der freiere, glücklichere, vernünftige Bauer ihnen eintragen würde, theils weil sie selbst ohne alle Unterstützung und Beihülfe von der unterjochten Volksklasse, durch ihre Ohnmacht der Spott und das Spiel aller ihrer Nachbarn geworden sind. Die weit¬ aussehende Verschmitztheit der gewöhnlichen Despoten läuft also darauf hinaus, der Ver¬ nunft des Volks gerade nur so viel Spiel¬ raum zu lassen, als zur Beförderung ihres selbstsüchtigen Genusses nöthig scheint, übri¬ gens aber sie mit Nebel zu umhüllen, durch furchtbare Drohungen ihr Schranken zu A a 5 setzen, durch Zeitvertreib sie zu zerstreuen und durch allerlei Gespenster sie in Schrek¬ ken zu jagen. Diese armselige Politik treibt ihr inkon¬ sequentes Spiel, so lange es gehen will; glücklich, wenn sie das Wesentliche von dem Unbedeutenden abzusondern versteht, und das Volk nicht bloss zu amüsiren, son¬ dern auch zu füttern weiss. Im entgegen¬ gesetzten Falle wird doch zuletzt der Druck unerträglich: er bringt den Grad von schmerz¬ hafter Empfindung hervor, welcher selbst das Leben wagen lehrt, um nur des Schmer¬ zes los zu werden; und wenn dann alle Gemüther reif und reizbar sind, so bedarf es nur jenes Menschen, der im Palais Royal zu Paris auf einen Schemel stieg und dem Volke zurief: „Ihr Herren, ich weiss, man hängt mich auf; aber ich wage meinen Hals, und sage Euch: greift zu den Waffen!” Büffon erklärte sich die abstossenden Kräfte in der Physik, indem er voraussetzte, sie würden nur alsdann wirksam, wenn die Theilchen der Materie, die einander anzie¬ hen, so lange sie in gewisser Entfernung von einander bleiben, plötzlich allzunahe, innerhalb des Kreises der Anziehung, an einander geriethen; alsdann, meinte er, stiessen sie sich mit eben der Gewalt zurück, wo¬ mit sie sonst zusammenhielten. Dies kann wenigstens als Bild auch für die Erschei¬ nungen der Sittlichkeit gelten. Es giebt ei¬ nen Kreis, innerhalb dessen die Macht des Herrschers nie muss fühlbar werden, bei Strafe ihren Namen zu verändern, und ne¬ gativ zu heissen, so positiv sie vorher war. Der Funke, der auf einer gleichartigen Sub¬ stanz erlischt, kann einen Brand erregen, wenn er brennliche Stoffe schon entwickelt findet; und heterogene Materien können sich unter Umständen sogar von selbst entzün¬ den. Ich erinnere mich hierbei einer Stelle im Kardinal Retz , wo er sagt: zur Entste¬ hung einer Revolution sei es oft hinrei¬ chend, dass man sie sich als etwas Leichtes denke Die ganze Stelle ist so schön, dass ich sie wieder nachgeschlagen habe, und hier einrücke: «Ce qui cau- se l'assoupissement dans les états qui souffrent, est la durée du mal, qui saisit l'imagination des hommes et qui leur fait croire qu'il ne finira jamais. Aussitôt qu'ils trouvent jour à en sortir, ce qui ne manque jamais lorsqu'il est venu à un certain point, ils sont si surpris, si aises et si emportés, qu'ils passent tout d'un coup à l'autre extrémité et que bien loin de con- siderer les revolutions comme impossibles, ils le croient faciles, et cette disposition toute seule est quelquefois capable de les faire .» . In der That, welche Auflösung, welche Gährung setzt diese Stimmung der Gemüther nicht voraus? Über wie viele, sonst abschreckende Ideenverbindungen muss ein Volk sich nicht hinausgesetzt haben, ehe es in seiner Verzweiflung diesen Ge¬ danken fasst? Alle jene Übel, welche vor Alters zur Vereinigung in einem Staat, zur Unterwerfung unter die Gesetze, vielleicht unter den Willen Eines Herrschers, so un¬ aufhaltsam antrieben, werden vergessen; das gegenwärtige Übel verschlingt diese Erinne¬ rung; jede Partei reklamirt ihre Rechte mit Gewalt, und der Kampf geht wieder von vorn an. Die Gebrechen einer Staatsverfassung kön¬ nen indess eben so wohl auch ohne eine heftige Erschütterung gehoben werden, wenn man sich in Zeiten guter Vorbauungsmittel bedient und unvermerkt dem ganzen Staate die rechte Richtung nach seinem wahren Ziele sittlicher Vervollkommnung giebt. In Despotien haben wir das Beispiel, dass weise Regenten es ihre vorzügliche Sorge seyn liessen, die bürgerliche Gesetzgebung zu ver¬ vollkommnen, und sich dann selbst den neuen Codex zum unverbrüchlichen Gesetze machten, damit auch einst, wenn einge¬ schränktere Einsichten den Staat regieren sollten, eine Richtschnur vorhanden seyn möchte, um ihnen ihren Weg vorzuzeich¬ nen, und das Gefühl von Recht und Un¬ recht bei dem Volke zu schärfen. Allmälig bilden sich in solchen mit Weisheit be¬ herrschten Staaten neue, von der obersten Gewalt immer unabhängigere Kräfte; die verschiedenen Volksklassen dürfen die ihnen im Gesetze zugestandenen Vorrechte behaup¬ ten; der Wohlstand, der eine Folge milder und zweckmässiger Politik ist, giebt ihnen Muth und Kräfte, jedem eigenmächtigen Ein¬ griffe Widerstand zu leisten; Stände und Municipalitäten erhalten einen Wirkungskreis, und es geht zwar langsam, aber desto si¬ cherer, eine allgemeine und allen Gliedern des Staats gleich vortheilhafte Veränderung der Verfassung vor sich. Offenbar zwecken viele Einrichtungen, sowohl des verstorbenen Königs als seines Nachfolgers in den preussi¬ schen Staaten dahin ab; und dies ist der Grund, weshalb in jenen Staaten auch nicht die entfernteste Besorgniss einer Gährung im Volke vorhanden ist. Ich habe mir es nicht versagen können, Dir wenigstens etwas von den Ideen mit¬ zutheilen, die mir zuströmen, seitdem ich über die jetzige Lage von Lüttich nachdenke. Von allen jenen Vordersätzen wage ich es indess nicht, die Anwendung auf diesen in¬ dividuellen Fall zu machen, und die eine oder die andere Partei zu verdammen. Um das zu können, müsste man in die Geheim¬ nisse der Kabinette eingeweihet und bis zur Epopsie darin gekommen seyn; ein Punkt, wo, nach dem Ausspruche der Geweiheten, die Entscheidungsgründe, womit wir Layen uns so gern befassen, in tiefes Stillschwei¬ gen begraben, die Urtheile hingegen, mit der unfehlbaren Autorität von Orakelsprü¬ chen, der profanen Welt verkündigt werden. Demüthiger als ich bin, will ich mich gleichwohl nicht stellen; Du weisst, ich halte nichts von Tugenden, die sich mit Gepränge anmelden; und, Scherz beiseite, wenn ich alles erwäge, was ich so eben hingeschrieben habe, kommt es mir mehr als problematisch vor, dass diese Sache so von der Hand sich aburtheilen lasse, wofern man nicht gewohnt ist mit Machtsprüchen um sich zu werfen, oder auf morsche Grund¬ lagen zu bauen. Der wüthigste Demokrat und der eigenmächtigste Despot führen heu¬ tiges Tages nur Eine Sprache; Beide spre¬ chen von der Erhaltung und Rettung des Staats, von Recht und Gesetz; Beide be¬ rufen rufen sich auf heilige, unverletzbare Verträge, Beide glauben eher alles wagen, Gut und Blut daran setzen zu müssen, ehe sie zu¬ geben, dass ihnen das Geringste von ihren Rechten geschmälert werde. Mich dünkt, etwas Wahres und etwas Falsches liegt auf beiden Seiten zum Grunde; Beide haben Recht und Unrecht zugleich. Ein Staat kann nicht bestehen, wenn jeder sich Recht schaffen will. Ganz richtig; aber nicht minder richtig ist auch der Gegensatz der demokratischen Partei: ein Staat kann nicht bestehen, wenn kein Geringer Recht be¬ kommt. Gegen den Landesherrn sich auf¬ lehnen, ist Empörung; die Herrschermacht missbrauchen, ist unter allen Verbrechen das schwärzeste, da es in seinen Folgen dem Staate tödtlich und gleichwohl selten ausdrücklich verpönt ist, sondern, weil man auf die sittliche Vortreflichkeit des Regenten I. Theil . B b volles Vertrauen sestzte, seinem zarten Gefühl von Pflicht anheimgestellt blieb. Jeder unruhi¬ ge Kopf kann die verletzten Rechte des Bür¬ gers zum Vorwande nehmen, um einen Auf¬ stand zu erregen und seine ehrgeizigen Ab¬ sichten durchzusetzen; jeder Despot kann aber auch, unter der Larve der Wachsamkeit für die Erhaltung des Staats, die gegründeten Be¬ schwerden des Volks von sich abweisen, und dessen gerechtestes Bestreben seine Vorrechte zu erhalten oder wieder zu erlangen, als einen Hochverrath oder einen Aufruhr ahn¬ den. In erblichen Monarchien kann der Fürst, wenn seine Unterthanen ihm den Ge¬ horsam aufkündigen, vor Gott und Men¬ schen gerechtfertigt, sein Erbrecht behaupten und die Rebellen als Bundbrüchige zur Rückkehr unter seine Botmässigkeit zwingen; allein die Insurgenten werden ihn erinnern, dass der Erbvertrag die Bedingung voraus¬ setzt: der Herrscher solle der weiseste und beste Mann im Staate seyn; wenn es sich nun aber fände, dass der Wechsel der Zei¬ ten und Generationen die Beherrschten wei¬ ser und besser gemacht, den Regenten hin¬ gegen hätte an Herz und Verstand verar¬ men lassen; wenn sie sich nicht so schwach an Geiste fühlten, als ihre blödsinnigen Voreltern, so frage es sich: müsse sie da der Vertrag noch binden, oder müsse nicht vielmehr der Fürst mit ihnen seine Rolle vertauschen? — Du siehst, die Politik hat ihre Antinomien wie eine jede menschliche Wissenschaft, und es giebt in der Welt nichts Absolutes, nichts Positives, nichts Unbedingtes, als das für sich Bestehende, welches wir aber nicht kennen. Nur Be¬ dingnisse des Wesentlichen können wir wahr¬ nehmen; und auch diese modificiren sich nach Ort und Zeit. Die Philosophie darf B b 2 daher jene Einfalt belächeln, womit mancher die einseitigsten Beziehungen für unabänder¬ liche Normen hält, da ihn doch ein Blick auf das, was von jeher geschah und täglich noch geschieht, so leicht von dem bloss re¬ lativen Werthe der Dinge überzeugen kann. Kein Mensch verstände den andern, wenn nicht in der Natur aller Menschen etwas Gemeinschaftliches zum Grunde läge, wenn nicht die Eindrücke, die wir durch die Sinne erhalten, eine gewisse Ähnlichkeit bei allen einzelnen Menschen beibehielten, und wenn nicht wenigstens unabhängig von allem objektivem Daseyn, die Bezeichnung der Ein¬ drücke, nach welcher wir gut und böse, recht und unrecht, widrig und angenehm, schön und hässlich unterscheiden, in uns selbst als Form aller Veränderungen, die in uns vorgehen können, schon bereit läge. Welche bestimmte Eindrücke nun aber diese oder die entgegensetzte Empfindung in uns hervorbringen sollen, das hängt von Organi¬ sation und zum Theil auch von Erziehung oder Gewöhnung ab, und man begreift wohl, wie am Ende die Verschiedenheit der Ge¬ fühle und folglich der Gesinnungen bei man¬ chen Einzelnen schlechterdings nicht zu he¬ ben oder auf einen Vereinigungspunkt zu¬ rückzuführen ist. Aus einem gewissen Stand¬ orte betrachtet, kann es allerdings nicht gleichgültig scheinen, ob dergleichen unüber¬ windliche Unterschiede fortexistiren sollen oder nicht; es kann sogar einen Anstrich von höherer Vollkommenheit für sich haben, wenn alle Meinungen sich nach einer ge¬ meinschaftlichen Vorschrift bequemten, und dann durch das ganze Menschengeschlecht nur Ein Wille herrschen und nur Ein Puls¬ schlag in der grossen sittlichen Welt, wie in der kleinen physischen des einzelnen Men¬ B b 3 schen, regelmässig Alles in Umtrieb erhalten dürfte. Den kürzesten Weg zur Hervorbringung dieser Gleichförmigkeit hatten unstreitig die¬ jenigen erfunden, die den grossen Entwurf einer Universalmonarchie mit dem kräftigen Glauben an eine geistliche Unfehlbarkeit des höchsten Alleinherrschers und an sein über¬ irdisches Daseyn, als eines sichtbaren Stell¬ vertreters der Gottheit, zu einem der Zeit und der unruhigen Vernunft Trotz bieten¬ den Ganzen verschmolzen zu haben wähnten. Ein Wille, Eine Weisheit, Eine moralische Grösse über alles, deren Macht zu wider¬ streben Thorheit, deren Recht zu läugnen Unvernunft, deren Heiligkeit zu bezweifeln Gotteslästerung gewesen wäre, konnten, wenn es überhaupt möglich ist, bis auf den Punkt sich aller Gemüther zu bemeistern, zuerst das Ziel erreichen, welches auch die aus¬ schweifendste, von dem Schicksal auf Einen kleinen Planeten gebannte Herrschgier sich stecken musste; das Ziel eines, über alle die Tausende von Millionen vernünftiger Wesen, über alles was sich regt, was her¬ vorsprosst und was ruht auf dieser runden Erde, unumschränkt gebietenden Zepters! Planlos war diese Macht herangewachsen; ohne tief in die Zukunft zu blicken, hatten die stolzen Halbgötter die Gegenwart genos¬ sen. Zu spät ging endlich das vollendete System hervor; denn die Kraft des Glau¬ bens war von ihm gewichen, dieser zarte, flüchtige Hauch, der sich in dem schwachen und immer schwächeren Gefässe der mensch¬ lichen Natur nicht länger aufbewahren liess. Die neue Theokratie scheiterte endlich an der Verfassung von Europa. Ihre Vasallen waren Könige; ein anderes Mittel zu herr¬ schen vergönnten ihr die Zeitläufte nicht; B b 4 allein die mächtigen Satrapen spotteten zu¬ letzt der geistlichen Zwangsmittel, wodurch sie ehedem alimächtig war. Seitdem die Unfehlbarkeit, und mit ihr die Möglichkeit einer Universalmonarchie, verschwunden ist, bliebe der Versuch noch übrig, ob ein entgegengesetztes System von republikanischen Grundsätzen etwa leichter eine allgemeine Verbrüderung des Menschen¬ geschlechts zu einem allumfassenden Staaten¬ bunde bewirken könnte, und ob sich end¬ lich alle Menschen bequemen möchten, den allgemeingültigen Grundsätzen, die eine sol¬ che Verbindung voraussetzt, ohne Widerre¬ de zu huldigen? Die Folgen dieser, wenn sie möglich wäre, höchst wichtigen Zusam¬ menstimmung, hat wohl schwerlich jemand in ihrem ganzen Umfang und Zusammen¬ hang überdacht. Bei der vollkommenen Gleichförmigkeit in der praktischen Anwen¬ dung jener Grundsätze, scheint mir diejenige Einseitigkeit und Beschränktheit der Begriffe unvermeidlich, welche wir schon jetzt an Menschen wahrnehmen, die unter sich über gewisse Regeln einverstanden oder an eine besondere Lebensweise gebunden sind. Ein politischer Mechanismus, der durch alle In¬ dividuen des Menschengeschlechts ginge, würde den Bewegungen aller eine Bestimmt¬ heit und Regelmässigkeit vorschreiben, wel¬ che sich mit der Art und Weise, wie un¬ sere Kräfte sich entwickeln, nicht wohl zu¬ sammen denken lässt. Je auffallendere und mannichfaltigere Abweichungen wir in der Denkungsart der Menschen bemerken, um so viel reicher sind wir an Ideen und ih¬ ren Verknüpfungen; ein grosser Theil dieses Reichthums aber ginge unwiederbringlich für ein Zeitalter verloren, welches mehr Ein¬ stimmiges in unseren Gedankengang bräch¬ B b 5 te. Wie viele Kräfte unseres Geistes for¬ dern nicht zu ihrer Entwicklung ausseror¬ dentliche Veranlassungen? Dort, wo alles einen gemessneren Schritt als bisher halten müsste, dort würden diese Kräfte schlum¬ mern oder doch nie zu ihrer Reise gelan¬ gen; Geister, wie die eines Perikles, eines Alexander, eines Cäsar, eines Friederich, hätten keinen Schauplatz mehr. Wo die Spontaneität der Handlungen wegfällt, ver¬ liert man auch die Übung der Verstandes¬ kräfte; nur im Streit entgegengesetzter Be¬ gierden und Vorstellungsarten offenbart sich die Vernunft in ihrer erhabenen Grösse; durch ihn bewährt sich die Vollkommen¬ heit des sittlichen Gefühls als die rührend¬ schöne Blüthe der Menschheit. Nehmen wir die Kontraste des menschlichen Cha¬ rakters hinweg, geben wir allen Einzelnen mehrere Vereinigungspunkte und einerlei Be¬ stimmung: wo bleibt dann die Spur jener Götterweide, die Laktanz darin setzte, ei¬ nen grossen Mann gegen ein feindseliges Ge¬ schick ankämpfen zu sehen? Wo wir auf¬ hören zu unterscheiden, da sind die Grän¬ zen unserer Erkenntniss: wo nichts Hervor¬ stechendes ist, kann die Einbildungskraft keine Kennzeichen sammlen, um ihren Zusammen¬ setzungen Grösse, Erhabenheit und Mannich¬ faltigkeit zu geben. Excentricität ist daher eine Bedingung, ohne welche sich der höch¬ ste Punkt der Ausbildung gewisser Anlagen nicht erreichen lässt; ein allgemein vertheil¬ tes Gleichgewicht der Kräfte hingegen bleibt überall in den Schranken der Mittelmässigkeit. Eine Verfassung des gesammten Menschenge¬ schlechts also, die uns von dem Joche der Leidenschaften und mit demselben von der Willkühr des Stärkeren auf immer befreite, indem sie Allen dasselbe Vernunftgesetz zur höchsten Richtschnur machte, würde wahr¬ scheinlich den Zweck der allgemeinen sitt¬ lichen Vervollkommnung dennoch eben so weit verfehlen, wie eine Universalmonarchie. Was hülfe es uns, dass wir Freiheit hät¬ ten, unsere Geistesfähigkeiten zu entwickeln, wenn uns plötzlich der Antrieb zu dieser Entwickelung fehlte? Doch dieser Antrieb wird uns nimmer¬ mehr entrissen werden, wenigstens nicht in dieser einzigen, uns denkbaren Welt, wenig¬ stens nicht, so lange sich alle dreissig Jahre das Menschengeschlecht verjüngt, und wie¬ der emporwächst von den bloss vegetirenden Keimen zu der thierischen Sinnlichkeit, und von dieser zu der gemischten physisch-sitt¬ lichen Bildung. Buchstaben, Formeln und Schlüsse werden nie im jungen Sprössling den mächtigen, dunkeln Trieb überwiegen, durch eigenes Handeln die Eigenschaften der Dinge zu erforschen und durch Erfahrung zur Weisheit des Lebens hinanzusteigen. In seinen Adern wird sich, ihm unbewusst, ein Feuerstrom der Macht und des Begehrens regen, den nichts als Befriedigung bändigen und kühlen, den der Widerstand fremder Selbstheit nur reizen und erzürnen, dem ihre Gewalt allein Schranken setzen und durch diese das Bewusstseyn wechselseitiger Befugniss wecken kann. Die erwachsene Vernunft mag ringen mit diesem Sporn zur Wirksamkeit: Auflösung folgt ihrem Siege, und in jedem neuen Organ fesseln sie des fri¬ schen Lebens stärkere Bande. Ewig schwankt daher das Menschengeschlecht zwischen Will¬ kühr und Regel; und wenn gleich in weni¬ gen grossen Seelen beide vereinigt liegen und aus ihnen beide vereinigt in angeborner, stiller Harmonie hervorgehen; so werden sie dennoch, nur vereinzelt, die Götzen der halbempfänglichen Menge. Auch Schwung und Anziehung stellte die Natur einander so entgegen; ewig ringen auch diese Ur¬ kräfte des Weltalls. Darf diese hier, und jene dort der andern etwas abgewinnen; dürfen sie in gleichen Schalen gewogen, die wunderähnliche Harmonie der Sphärenbahnen erzeugen; sind die Phänomene der Auflösung und der in neuen Bildungen sich wieder verjüngenden Natur die Folgen ihres un¬ aufhörlichen Kampfes: so darf ja dieser Kampf nicht enden, wenn nicht das Welt¬ all stocken und erstarren soll! Schön ist das Schauspiel ringender Kräfte; schön und erhaben selbst in ihrer zerstörend¬ sten Wirkung. Im Ausbruch des Vesuv, im Gewittersturm bewundern wir die göttliche Unabhängigkeit der Natur. Wir können nichts dazu, dass die Gewittermaterie sich in der Atmosphäre häuft, bis die gefüllten Wol¬ kenschläuche der Erde Vernichtung drohen; dass in den Eingeweiden der Berge die ela¬ stischen Dämpfe sich entwickeln, die der geschmolzenen Lava den Ausweg bahnen. Das Zusehen haben wir überall; glücklich, dass Zeit und Erfahrung uns doch endlich von dem Wahne heilten, der diese grossen Erscheinungen nur für Werkzeuge der gött¬ lichen Strafgerechtigkeit hielt. Wir wissen, dass Kalabrien ruht, indess der Mongibello wüthet; wir wünschen unseren Pflanzungen Gewitterregen, wenn gleich zuweilen durch den Blitz ein Dorf zum Raube der Flam¬ men wird, ein Menschenleben früher welkt, oder ein Hagel die Saaten niederstreckt. Mit den Stürmen in der moralischen Welt hat es genau dieselbe Bewandniss, nur dass Vernunft und Leidenschaft noch elastischer sind, als Schiesspulver oder elek¬ trische Materie. Die leidenschaftlichen Aus¬ brüche des Krieges haben ihren Nutzen wie die physischen Ungewitter; sie reinigen und kühlen die politische Luft, und erquicken das Erdreich. Wenn die Selbstentzündungen der Vernunft in einem ganzen Volke nichts als den erstickenden Dampf zurücklassen, so wäre es zwar allerdings erfreulicher, den Witz nur zu rechter Zeit als ein unschul¬ diges Freudenfeuer auflodern oder in schö¬ nen Schwärmern steigen zu sehen; doch wer weiss, was auch in solchen Fällen noch Gutes in dem Caput mortuum übrig bleibt? Auch hier ist es daher verzeihlich, Bege¬ benheiten, an denen man nichts ändern kann, als Schauspiele zu betrachten. Belei¬ digte etwa diese anscheinende Gleichgültig¬ keit eine weichgeschaffene Seele? Im Ernst, sie sollte es nicht; denn ob Heraklit über alles weint, oder der abderitische Weise über alles lacht, ist im Grunde gleichgültig, weil weil es nur auf eine gewisse maschinenmä¬ ssig angewöhnte Ideenverbindung ankommt. Warum rührt uns die Schilderung eines Un¬ glücks, das irgend ein Dichter seinen Hel¬ den erleben liess, und warum weinen wir nicht, wenn wir lesen, so viele blieben dort in der Schlacht, so viele flogen mit ihrem Schiff in die Luft, so viele hauchten ihr elendes Leben aus in Feldhospitälern, alles um den Geier Ehrgeiz zu mästen? Allerdings wird es uns leichter, uns mit Einem als mit Vielen zu identificiren. Ge¬ wöhnten wir uns aber, die Idee des mensch¬ lichen Elends immer gegenwärtig zu haben, so würden uns nicht nur diese Begeben¬ heiten Thränen entlocken, sondern wir würden beinahe allem, was wir sehen und hören, eine traurige Seite abgewinnen, und einen jammervollen Roman aus den alltäg¬ lichsten Ereignissen des Lebens machen. I. Theil . C c Es ist nun Zeit, noch einen Blick auf Lüttich zu werfen. Am letzten Tage un¬ seres Aufenthalts genossen wir die Aussicht von der Citadelle. Das westliche Ufer springt hier in einem Winkel vor, und zwischen dieser Höhe und dem Flusse liegt die Stadt. Die Espen am Wege, wo wir hinauffuhren, blüheten so dicht und grün, dass man sie für belaubt halten konnte. Der Umfang der Citadelle ist nicht beträcht¬ lich; ihrer Lage hingegen fehlt es nicht an Festigkeit, der man mit trocknen Gräben noch zu Hülfe gekommen ist. Die preussi¬ schen Truppen halten jetzt diese Festung, so wie die äusseren Barrieren der Stadt, be¬ setzt; in der Stadt selbst aber und an den Thoren stehen die Lütticher Nationaltruppen. Von der Spitze eines Bastions genossen wir den Anblick der kleinen Welt von Woh¬ nungen unter unseren Füssen, und der um¬ liegenden Gegend. Die Maas schlängelte sich durch das Thal, wirklich romantischschön, hier hellgrün, wo die Sonne sich darin spiegelte, und dunkelblau in der Ferne ge¬ gen Norden, wo sie sich in vielen Krüm¬ mungen verliert und immer wieder zum Vorschein kommt. An ihren Ufern sahen wir, so weit das Auge reichte, die Hopfen¬ stangen in pyramidalische Haufen zusammen¬ gestellt. Der Hopfenbau giebt den Lüttichern Anlass ihr gutes Bier sehr stark mit dieser Pflanze zu würzen; bekanntlich gehört auch dieses Bier zu den berühmtesten hiesigen Ausfuhrartikeln. Die Weinberge um die Stadt sind zwar auswärtig nicht bekannt; denn wer hätte je den Wein von Lüttich nennen gehört? Allein man kauft den Bur¬ gunder und den Champagner hier sehr wohlfeil; und der böse Leumund sagt: nicht die Schiffahrt auf der Maas sei die Cc 2 Ursache dieses billigen Preises, sondern die Lütticher wüssten aus dem Safte ihrer Trau¬ ben jene französischen Sorten zu brauen. Dies ist indess nicht die einzige Art, wie man sich hier die Nähe von Frankreich zu Nutze macht. Der hiesige Buchhandel wird ebenfalls mit lauter Produkten des französi ¬ schen Geistes getrieben, den die Nachdruk¬ kerpresse viel ächter als die Kelter darzu¬ stellen vermag. Die besten Pariser Werke werden hier gleich nach ihrer Erscheinung neu aufgelegt und in Holland, in den öst¬ reichischen Niederlanden und zum Theil auch in Deutschland, statt der Originalaus¬ gaben, verkauft. Dieser Zweig der hiesigen Betriebsamkeit beschäftigt eine grosse Anzahl von Handwerkern, und einige Künstler, die ihre reichliche Nahrung bei den Verlegern finden. Was er zur Aufklärung sowohl des Lütticher Staats, als seiner Nachbarn ge¬ wirkt hat, liegt am Tage, und war auch wohl vorauszusehen. Doch mit den eigenen Produkten des Geistes, die hier fabrizirt werden, dürfte es wohl etwas schlechter stehen, wenigstens, wenn man den zum Sprichwort gewordenen hiesigen Almanach zum Maassstab nehmen darf. Wir mussten endlich wieder hinunterstei¬ gen in die engen schmutzigen Gassen. Un¬ ser Weg führte uns bei einem Hause von gutem Aussehen vorbei, welches das Eigen¬ thum einer sehr zahlreichen Lesegesellschaft ist; und man wollte uns zu verstehen ge¬ ben, dass hier die bedenkliche Lage der öf¬ fentlichen Angelegenheiten des Hochstifts zuerst ventilirt worden sei. Wie es sich aber auch damit verhalten mag, so ist wohl nicht zu zweifeln, dass Privatleidenschaften einzelner Menschen hier so gut, wie bei ei¬ ner jeden Revolution, im Spiele gewesen C c 3 sind. Das Wenige, was wir aus der alten Geschichte wissen, lässt uns die kleinen Triebfedern so mancher grossen Verände¬ rung in Athen und in Rom noch jetzt er¬ kennen, und lehrt uns, zwischen diesen und der allgemeinen Neigung sowohl, als dem allgemeinen Bedürfnisse zu einer Re¬ volution, ohne welche sie nicht wirken kön¬ nen, genau zu unterscheiden. Die äusserst kritische Lage der Lütticher wäre in diesem Augenblicke noch ungleich bedenklicher, wenn ein solches Bedürfniss und ein leb¬ haftes Gefühl von unerträglichen Lasten sie nicht wirklich zu einem gemeinschaftlichen Zwecke verbände, wenn nur Parteigeist und Privathass das Volk ohne hinreichende Ur¬ sach in der Bewegung zu erhalten suchten, die es sich einmal gegeben hat. Das Schick¬ sal von Lüttich hängt zu fest an dem Schick¬ sal Deutschlands, um sich davon absondern zu lassen, und das Interesse der Nachbarn wird es nicht leiden, dass die Lütticher ihre Sache allein ausfechten dürfen. Unser bis¬ heriger Standpunkt war überhaupt für die Politik des Tages viel zu hoch; wir über¬ sahen dort zu viel, unser Horizont hatte sich zu sehr erweitert und die kleineren, näheren Gegenstände entzogen sich unseren Blicken. Hier unten ist von allem, was uns dort so klar, so hellglänzend vor Augen schwebte, von den Rechten der Menschheit, der Entwicklung der Geisteskräfte, der sitt¬ lichen Vollendung, vor lauter Gewühl der Menschen und ihrer kleinen, eigennützigen Betriebsamkeit wenig oder gar nichts mehr zu sehen. «Wie? erinnert nicht der An¬ blick fremder Kriegsvölker» — — woran? Doch nicht an den Schutz, den die Gross¬ muth des Mächtigen dem Schwachen ange¬ deihen lässt? an die seltene Freiheitsliebe Cc 4 eines unumschränkten Herrschers, der die gerechte Sache des Volks gegen die An¬ massungen des Despotismus vertheidigt? an den Patriotismus eines Reichsstands, womit er der Verzweiflung wehrt, dass sie, durch ein strenges Verdammungsurtheil gereizt, sich vom deutschen Staatssystem nicht losreisse, sich der benachbarten Empörung nicht in die Arme werfe? — Oder erinnert uns et¬ wa nichts an die Klugheitsregeln einer in die Zukunft schauenden und die Zukunft selbst bereitenden Politik? an Verkettungen von Begebenheiten in allen Enden von Eu¬ ropa, die es bald erheischen können, dem nahen Brabant zu Hülfe zu eilen, seine Un¬ abhängigkeit zu befestigen, sie durch die Vereinigung mit Lüttich zu stärken und da¬ gegen Handelsvortheile und Arrondissemens zu ärndten? Fast möchte man glauben, diese letzteren Antriebe lägen näher, wären dem gebieterischen Bedürfnisse des Augen¬ blicks angemessener und, wenigstens in der Sprache des Staatsmannes, dem Scharfblicke der Kabinette rühmlicher, als die Schwär¬ merei für demokratische Freiheit. Wie aber das individuelle Interesse eines Hofes sich vollkommen mit der Begünsti¬ gung der Volkspartei reimen lässt, so zeich¬ net die Selbsterhaltung andern einen entge¬ gengesetzten Gang der Affairen vor. Mit jedem Eingriff in die Rechte eines geistli¬ chen Fürsten, mit jedem Vortheil, den sich der dritte Stand erringt, mit jedem Schrit¬ te, wodurch er sich dem Kapitel und dem Adel an die Seite zu stellen und neben ih¬ nen geltend zu machen sucht, wird die Verfassung geistlicher Wahlstaaten in ihren Grundfesten erschüttert und mit einem na¬ hen Umsturz bedrohet. Gesetzt also, das Volk von Lüttich hätte wirklich nur in der C c 5 Form gefehlt, indem es aus eigener Macht und Gewalt die Usurpation des Edikts von 1684 aufhob, und nicht durch regelmässige Wahl, sondern im Enthusiasmus des Augen¬ blicks durch eine allgemeine Akklamation sich selbst neue Magistratspersonen schuf; so wird doch, wo so viel, ja wo alles von Heiligung der Form abhängt, die Unregel¬ mässigkeit der Procedur ihre Aufhebung und Annullirung bewirken müssen. Das preussi¬ sche Kabinet scheint diese Nothwendigkeit endlich einzusehen; und weil es weder mit dem deutschen Fürstenbunde brechen, noch auch plötzlich gegen die Lütticher, die es bisher beschützte, Zwangsmittel brauchen mag, zieht es endlich seine Truppen in we¬ nigen Tagen zurück und überlässt den an¬ dern niederrheinischen Fürsten die Ausfüh¬ rung des Wetzlarischen Exekutionsdekrets. Die Kosten einer Exekution, die ein so starkes Corps von Truppen erforderte, häu¬ fen sich zu sehr beträchtlichen Summen an, deren Abbezahlung das Hochstift mit neuen Schulden belasten wird, wiewohl der Kö¬ nig, wie es heisst, die eigentlich so genann¬ ten Exekutionsgelder, die sich täglich auf dreizehnhundert Thaler belaufen, und worin der Unterhalt der Truppen nicht mit be¬ griffen ist, dem armen Lande grossmüthig erlassen hat. Bald dürfte man nunmehr ernsthafteren Auftritten, als den bisherigen, entgegen se¬ hen. Das Gefühl mag tief erseufzen über die bevorstehende Verheerung dieses blühen¬ den Landes und die schrecklichen Unge¬ rechtigkeiten, welche von jedem feindlichen Überzug unzertrennlich sind; Übel, deren Wirkung unendlich schmerzhafter ist, als das Unrecht, dem man steuern will, auf wessen Seite das auch immer sei; der ge¬ sunde Menschensinn mag einsehen, dass wer auch Recht behält, die Entscheidung auf alles was zur wesentlichen Zufriedenheit und Perfektibilität eines jeden Lüttichers vom Bischof bis zum Köhler gehört, keinen sichtbaren Einfluss haben werde; die Phi¬ losophie mag betheuern, dass auf ihrer Wage gewogen, ein Menschenleben mehr werth sei, heiliger geachtet zu werden verdiene, als die ganze Rechtsfrage, worüber man streitet; das zarte Gewissen frommer Reli¬ gionsbekenner mag endlich erbeben vor der schrecklichen Verantwortung über das bei einer so frivolen Veranlassung vergossene Menschenblut: so wird doch die Politik, von den Furien des Ehrgeizes und der Selbst¬ sucht gegeisselt, beide Parteien mit Wuth gegen einander erfüllen, und keine zur Nachgiebigkeit stimmen lassen, bis nicht Bürgerblut geflossen ist. Armes Menschen¬ geschlecht! so spottet man deiner, indem man Gefühl und Vernunft, Philosophie und Religion im Munde führt, und deine hei¬ ligsten Güter, Leben und Endzweck des Lebens, für nichts achtet, sobald es auf elendes Rechthaben ankommt! Das Lütticher Volk sehen wir jetzt sich mit Eifer zur Gegenwehr rüsten. Alles trägt das Freiheitszeichen, eine aus Schwarz, Grün, Weiss und Roth zusammengesetzte Kokarde; man spricht einander Muth und Vertrauen ein, indem man sich schmeichelt, der König von Preussen werde mit seinen Truppen dem Volke nicht zugleich auch seine Gunst und seine Fürsprache im Noth¬ fall entziehen. Der Bürgermeister von Fa ¬ bry ein siebenzigjähriger Greis, für dessen Rechtschaffenheit und Einsicht das allgemeine Zutrauen seiner Mitbürger spricht, arbeitet bei diesen bedenklichen Umständen mit un¬ ermüdeter Thätigkeit, um das Beste seiner Mitbürger zu bewirken. Dies ist keine leichte Sache, wenn man den erhitzten ge¬ waltsamen Zustand der Gemüther und die dunkle Aussicht in die Zukunft erwägt. Die Ausschweifungen des Pöbels lassen sich nicht berechnen, sobald er einmal aufgeregt ist, und das mit Zügellosigkeit so leicht von ihm zu verwechselnde Wort: Freiheit! zu seinem Wahlspruch genommen hat. Der Auflauf vom siebenten Oktober, welcher ei¬ nem jungen Freiwilligen das Leben kostete, und wobei der Pöbel vom Kirchspiel St. Christoph den Magistrat nöthigte, eine mil¬ de Stiftung, deren Interessen sonst jährlich vertheilt wurden, auf einmal unter die jetzt¬ lebenden Armen auszuspenden, beweiset, was man von dem lebendigen Werkzeuge befürchten müsse, dem man das Bewusst¬ seyn seiner Kräfte leichter beibringen kann, als den Begriff von gesetzmässigem Be¬ tragen. Ausser jenem Todesfalle, scheint bis jetzt der härteste Schlag, den das Schicksal hier austheilte, den vortreflichen Anführer des preussischen Heeres getroffen zu haben. Auf dem Marsch von Lüttich nach Mastricht glitt sein Pferd an einer abschüssigen Stelle, wo unter dem aufgethauten Schnee noch eine Eisrinde lag, so dass es zweimal über¬ schlug und seinem Reiter das Bein zerschell¬ te. Dieser Vorfall, der nur schmerzhaft und unangenehm, wegen der gehemmten Thätigkeit war, hätte dem General leicht tödtlich werden können, da er seine Ar¬ beiten in Mastricht mit unablässigem Eifer betrieb, und sich dadurch eine schwere Krankheit zuzog, die indess über seinen heiteren philosophischen Sinn nichts ver¬ mochte, und endlich seinem guten Naturell weichen musste. Ich habe ihn hier wieder gesehen. — — Unter den Empfindungen, welche Menschengrösse weckt und Worte nicht entheiligen dürfen, giebt es eine so zarte, dass sie selbst die Dankbarkeit ver¬ stummen heisst. XII. XII. Löwen. S obald man von Lüttich aus die steile Hö¬ he erreicht hat, die sich längs dem linken Ufer der Maas erstreckt, findet man oben eine Ebene, welche nur in geringen wellen¬ förmigen Wölbungen sich hier und da er¬ hebt und ein reiches, fruchtbares Saatland bildet, das an einigen Orten eine ziemlich weite Aussicht gewährt. Verschwunden sind nun hier die lebendigen Hecken, welche jenseits Lüttich die Äcker, und im Lim¬ burgischen die Wiesen und Weiden um¬ zäunten. Oft sieht man auf sehr weiten Strecken nicht einen Baum; oft aber zeigen sich Dörfer in Espen- und Ulmenhainen halb versteckt. Der Frühling kämpfte rit¬ terlich mit dem verzehrenden Ostwinde; denn die Blüthen von Birnen, Äpfeln, Kir¬ I. Theil . Dd schen, Schwarzdorn, Ulmen und Espen dran¬ gen trotz der Kälte hervor; die von den Obstsorten indess nur an warmen und ge¬ schützten Wänden. Durch das kleine Städtchen St. Trond im Lütticher Gebiet, kamen wir nach Thie¬ nen oder Tirlemont, wo wir zu Mittag assen. Auf dem Wege dahin nahmen wir eine Wirthin aus einer Dorfschenke in den Postwagen. Sie fing sogleich ungebeten an, indess die übrige Gesellschaft schlief, mir von einer berühmten Ostertagsprozession zu erzählen, von welcher wir die Leute so eben zurückkommen sahen. Mehr als tausend Pilger zu Fuss, und mehrere Hunderte zu Pferde ziehen über einen Acker, und zertre¬ ten die darauf stehende grüne Saat. Allein jedesmal wird der Glaube des Eigenthümers reichlich belohnt, indem sein Acker dieses Jahr ungewöhnlich reichliche Früchte trägt. Ein Bauer, der nicht glauben wollte, und sich die Prozession verbat, ward von Gottes Hand gestraft und sein Acker blieb unfrucht¬ bar. Ich begreife, sagte ich, dass das Nie¬ dertreten des jungen Korns ihm nichts scha¬ det. Sie sah mich mit grossen Augen an; oui, rief sie endlich in einem bedeutungs¬ vollen Tone, la puissance de Dieu est gran¬ de! Ich verstand und schwieg. Die Dörfer in dieser Gegend sind schön. Man bemerkt zwar noch manche leimerne Hütten, doch auch diese sind geräumig und in ihrem Innern reinlich; aber fast noch öfter sieht man Bauerhöfe ganz von Back¬ steinen erbauet. Die Einwohner haben in dieser Gegend etwas Edles und Schönes in der Physiognomie; der gemeine Mann hat ein schönes Auge, eine grosse gebogene Nase, einen scharfgeschnittenen Mund und ein run¬ des männliches Kinn. Wir glaubten die Dd 2 Originale zu den edleren Bildungen der flam¬ mändischen Schule zu sehen. Die Frauen¬ zimmer zeichnen sich bei weitem nicht so vortheilhaft aus; ich habe hier noch kein schönes angetroffen, doch wäre dies auf ei¬ nem so schnell vorübereilenden Zuge wirk¬ lich auch zu viel verlangt. Munterkeit, Thä¬ tigkeit, mit einem Behagen an sinnlichen Empfindungen und einer gewissen Unge¬ zwungenheit vergesellschaftet, schienen mir an diesen Menschen hervorstechende Cha¬ rakterzüge. Ich spreche nur vom Volk; aber das Schicksal der zahlreichsten Klasse hat auch den ersten Anspruch auf den Be¬ obachter, und wenn ich mich in meiner Prognosis nicht geirrt habe, so deuten jene Züge zusammengenommen auf einen ziem¬ lich glücklichen Zustand des Landvolks. Tirlemont ist eine reinliche, gutgebaute, kleine Stadt, mit vielen massiven Gebäuden, die ihren ehemaligen Wohlstand noch bezeu¬ gen. Jetzt scheint sie von ihrer Nahrung viel verloren zu haben; doch werden hier noch wollene Waaren, Flannelle nämlich und Strümpfe, verfertigt. Der starke An¬ bau des Ölrettigs, den man auf französisch Colsat oder Colza nennt, welches offenbar aus unserm Kohlsaat entstanden ist, beschäf¬ tigt hier ein Dutzend Ölmühlen. Auf die vortreflichen Wege, die wir überall seit un¬ serm Eintritt in die östreichischen Nieder¬ lande gefunden hatten, folgte itzt eine Chaussee, welche bis nach Löwen in gera¬ der Linie fortläuft und unzerstörbar zu seyn scheint. Espen, Ulmen und Linden, oft in mehreren Reihen neben einander, beschatten diesen Weg und begleiten auch an manchen Stellen jeden Acker. Die häufigen Land¬ häuser und Dörfer, bald am Wege, bald in einiger Entfernung, zeugen von der star¬ D d 3 ken Bevölkerung dieses fruchtbaren, schönen Landes, welches sich jedoch hier immer mehr bis zur vollkommnen Ebene verflächt. An einigen Stellen sahen wir die Äcker und Wiesen mit Gräben umzogen; Saatland und Kleeäcker und Ölsaamen wechselten mit den bereits zur Sommersaat gepflügten Feldern ab. Alles, was romantisch ist, mangelt die¬ ser Gegend; dafür zeigen sich aber Über¬ fluss und Kultur eines leichten, fruchtbaren, mit Sand gemischten Bodens. Um der Sicherheit willen versahen wir uns hier mit der Kokarde von Brabant, die wir vielleicht noch länger hätten entbehren können; denn so kindisch froh noch alles in Brabant mit der neuen Puppe der Unab¬ hängigkeit spielt, so ist gleichwohl die erste Wuth des Aufruhrs verraucht, und man dürfte es leicht dem durchreisenden Frem¬ den verzeihen, dass er nicht das patriotische Abzeichen aufsteckt. Allein, um der Ge¬ fahr einer Misshandlung von einzelnen, un¬ bändigen Menschen nicht ausgesetzt zu seyn, ist es immer rathsamer, sich lieber nach Landesart zu bequemen. Wir hatten über¬ dies noch einen muthwilligeren Antrieb, den die abentheuerliche Erscheinung eines unse¬ rer Reisegefährten veranlasste. Die Gesell¬ schaft bestand in einem alten französischen Chevalier de St. Louis, seiner Gouvernante, und einem saarbrückischen Spiegelarbeiter, der wie ein ehrlicher Bauer aussah. Unter¬ wegs gesellten sich noch ein französischer Kupferdrucker aus Lüttich und seine nie¬ derländische Frau dazu. Der alte Ritter hatte wenigstens seine sechzig Jahre auf dem Rücken, und war ein kleines, vertrocknetes Gerippe, mit ei¬ nem sauren Affengesicht und einer Stimme, die etwas zwischen Bär und Bratenwender Dd 4 schnarchte und knarrte. In seinen Zügen lag alles Eckige, Mürrische und Schneidende von Voltaire’s Karrikaturgesicht, ohne dessen Satire, Risibilität und Sinnlichkeit. Den ganzen Tag kam der Alte nicht aus seinem verdriesslichen, kurz abgebrochenen, trocknen Ton; nicht ein einzigesmal schmiegten sich seine verschrumpften Wangen zu einem wohl¬ gefälligen Lächeln. Eine entschiedene Anti¬ pathie wider alles, was nicht auf seinem vater¬ ländischen Boden gewachsen war, ein aristo¬ kratisches Missfallen an der unerhörten Neue¬ rung, dass nun auch der Pöbel, la canaille , wie er sich energisch ausdrückte, Rechte der Menschheit reklamirte, und ein ungeber¬ diges Bewusstseyn seiner Herkunft und Wür¬ de, welches sich bei allen kleinen Unan¬ nehmlichkeiten der Reise äusserte, schienen den Grund zu seiner üblen Laune auszu¬ machen, die dadurch noch sichtbarer und lächerlicher ward, dass er offenbar in sich selbst einen innern Kampf zwischen der Lust zu sprechen, und der Abneigung sich der Gesellschaft mitzutheilen fühlte. Er sass da in einem kurzen, ganz zugeknöpften Rock vom allergröbsten Tuch, das einst weiss gewesen war, und das unsere Bauer¬ kerle nicht gröber tragen; im Knopfloch das rothe Bändchen, auf dem Kopf eine runde, weissgepuderte Perücke und einen abgetra¬ genen, runden Hut mit flachem Kopf und schmalem Rande, der ihm folglich nur auf der Spitze des Scheitels sass, so oft er ihn auch ins Gesicht drückte. Die Gouvernante war eine ziemlich wohlgenährte französische Dirne, mit einem wirklich nicht unebenen Gesichte, das eher feine Züge hatte, und mit einer Taille, worüber nur die Verläum¬ dung dem erstorbenen Ritter einen Vorwurf machen konnte. Sie schien ohne alle Aus¬ D d 5 bildung, bloss durch Nachgiebigkeit, und indem sie sich in die Launen ihres Gebie¬ ters schickte, ihn doch packen zu können, wo er zu packen war. Den ganzen Weg hindurch disputirte er mit ihr, verwies ihr Dummheit und Unwissenheit, belehrte sie mit unerträglicher Rechthaberei, und behielt am Ende immer Unrecht. Er affektirte von seinen Renten zu sprechen, und zankte mit jedem Gastwirth um seine Forderungen. Diese vornehme Filzigkeit brachte ihn mit den Zollbeamten in eine verdriessliche Lage. Ein halber Gulden hatte unsere Koffer vor ihrer Zudringlichkeit gesichert; allein ob sie ihn schon kannten, oder hier ihre berüch¬ tigten physiognomischen Kenntnisse an den Mann brachten: genug, als hätten sie geahn¬ det, er werde nichts geben, packten sie seine Habseligkeiten bis auf das letzte Stück Wäsche aus, und liessen ihm den Verdruss, sie unsern Augen preis gegeben zu haben, und wieder einzupacken, wofür er denn, sobald sie ihn nicht mehr hören konnten, eine halbe Stunde lang über sie fluchte. Durch eine ziemlich leichte Ideenverbindung kam er auf den Finanzminister Necker , und ergoss den noch unverminderten Strom sei¬ ner Galle über ihn: «der Mann, sagte er, «empfängt immer, und zahlt niemals; lebte «ich nicht von meinen Renten, ich müsste «zu Grunde gehen, denn meine Pension «bleibt aus.» Zu St. Trond fingen wir an, von Kokarden zu sprechen; dies setzte ihn, der den Beutel so ungern zog, in Angst und Verlegenheit, zumal, da wir äusserten, dass man sich leicht eine Misshandlung zu¬ ziehen könne, wofern man ohne dieses Schi¬ boleth der Freiheit sich auf den Strassen sehen lasse. Da wir es indess doch für gut fanden, ohne Kokarde bis Tirlemont zu fahren, beruhigte er sich wieder. Hier aber steckten wir nach Tische die patriotischen drei Farben, schwarz, gelb und roth, an un¬ sern Hut, und versicherten mit bedeutender Mine: jetzt sei nicht länger mit den wü¬ thenden Brabantern zu scherzen. Zwischen Furcht und Knauserei gerieth unser Ritter in neue Bedrängniss; mit der Gouvernante ward förmlich Rath gepflogen; sie stimmte für den Ankauf, und schon war er im Be¬ griff das Geld hinzuzählen, als die Liebe zu den vierzehn Stübern siegte und er sich, freilich mit etwas banger Erwartung, ohne Abzeichen in den Wagen setzte. Die Menge der Kokardenträger, die uns Nachmittags begegneten, beunruhigte ihn aber so sehr, dass er, wiewohl wir schon in der Dämme¬ rung zu Löwen eintrafen, noch beim Abend¬ essen mit einem vierfärbig gestreiften Bänd¬ chen um seinen schäbigen Hut, wie ein alter Geck, der auf dem Theater eine Schä¬ ferrolle spielt, zum Vorschein kam, und nach hiesiger Landesart, ob wir gleich un¬ bedeckt waren, und in Gesellschaft einer von Antwerpen angekommenen Französin da sassen, ihn bei Tische auf dem Kopfe behielt. Die Gouvernante, die im Wagen neben ihm sass, hatte doch nicht die Ehre, mit ihrem Herrn aus einer Schüssel zu essen, sondern musste in der Küche mit des Kutschers Ge¬ sellschaft vorlieb nehmen; ein Zug, der sei¬ nen Stolz desto mehr charakterisirte, weil sonst der Kutscher schon oft der Gegen¬ stand seines Zorns gewesen war: er fuhr ihm zu langsam, er hielt zu oft an, er war ein viel zu hübscher Kerl, und schäkerte zu viel mit den Mädchen in den Schenken. Unser Kupferdrucker war ein Original von einer ganz andern Art. Was im Ge¬ sichte des alten Ritters fehlte, war das ein¬ zige herrschende Wahrzeichen des seinigen: ein tiefer Einschnitt auf beiden Wangen, um den Mund, welcher die Gewohnheit, denselben in die Falte der Freundlichkeit zu legen, andeutete. Sein, übrigens auch hageres Gesicht, hatte einen Ausdruck von Geschmeidigkeit ohne Falschheit, von der Weichheit und sanften Gefälligkeit, die aus einem dunklen Gefühl von Schwäche und Furcht entspringt, versetzt mit einer wahr¬ haft parisischen Reizbarkeit für den leicht¬ sinnigsten Genuss der Minute, einer feinen Scherzlustigkeit und einem Sinn für das Groteskkomische. Er hatte sich noch nicht zurecht gesetzt, so kündigte er sich schon an, und liess uns nicht länger in Ungewiss¬ heit über seine Schicksale, sein Gewerbe, seine Vermögensumstände, seine Verwandt¬ schaft, seine Aussichten und seine Gebre¬ chen. Einen Topf, in ein Tuch gebunden, behielt er sehr sorgfältig in der Hand. «Dieser Topf, sagte er, sei mit einem vor¬ treflichen Ölfirniss angefüllt, den er berei¬ ten könne, und der zum Kupferdrucken unverbesserlich sei.» Daher war auch der Schlussreim seiner Erzählungen immer: «ich weiss zuverlässig, man wird mich in Lüttich sehr vermissen.» Sein Handwerk nannte er ein talent , und versicherte sogar, dass er drei talens besässe, nämlich das Kupferabdrucken, das Buchdrucken und das Formschneiden in Holz. Weiter als St. Trond wollte er nicht gehen; «dort sei er gesonnen zu blei¬ ben, bis es da nichts mehr zu thun gebe. Einen Theekessel führe er überall mit sich; es sei das einzige unentbehrliche Geschirr, weil er seinen Kaffee selbst koche.» In Deutschland rühmte er sich einer guten Aufnahme; er war bis Andernach gekommen, wo man ihn nach Vermögen in einer klei¬ nen Schenke bewirthet, und ihm sogar über die Streu ein Leintuch gedeckt hatte; dafür habe er auch der Magd, comme un géné¬ reux Fran ç ois , beim Weggehen etliche Kreu¬ zer geschenkt. Sein Vater war Zolleinneh¬ mer gewesen; er nannte ihn einen petit Monsieur, qui a mangé soixante mille francs . Hätte der kleine Herr nicht beträchtliche Schulden hinterlassen, die seine Wittwe und Kinder bezahlen mussten, so hätte sein Sohn studirt und wäre wieder ein Régisseur geworden; allein wenigstens seine Schwestern lebten dans le grand monde . Seine Frau konnte fast gar kein Französisch und war so hässlich, dass sogar unser alter Erbsenkönig, als sie in den Wagen stieg, ein ah Dieu! qu’elle est laide! zwischen den Zähnen murmelte, ohne an seine eignen Vorzüge zu denken. Um uns das Räthsel zu lösen, wie man zu einer unfranzösischen Frau kom¬ men men könne, eröffnete uns der Kupferdrucker, dass sie zwölftausend Gulden erben würde, und dass er im Begriff stehe, diese Erbschaft zu heben. «Mit dem Gelde, fuhr er fort, bin ich ein reicher Mann, kaufe mir ein Pferd und einen brancard dazu, führe mein Weib nach Paris, zeige ihr alle Herrlich¬ keit der Welt und etablire mich dann in der Provinz.» Nun fing er an uns alle Se¬ henswürdigkeiten der unvergleichlichen, ein¬ zigen Hauptstadt zu beschreiben. Zuerst nannte er die Tuillerien, weil der König jetzt darin wohnt; sodann die Sternwarte: «hier, sagte er, steigt man dreihundert Stu¬ «fen tief hinab in einen Keller, und gukt «dann durch drei Meilenlange Röhre am «hellen Mittage nach dem Mond und den «Sternen. Aber lassen Sie sich nichts weiss «machen, wenn Sie hinkommen; es sind «keine wahre Gestirne, die man dort zu I. Theil . E e «sehen bekommt; sie sind von Pappe aus¬ «geschnitten und werden vor die Sehröhre «geschoben.» Eben so klare Begriffe hatte er vom königlichen Naturalienkabinet, «wo man in einem Zimmer alle Thiere und Vö¬ gel, im andern alle Pflanzen der Erde bei¬ sammen sieht.» Besonders aber pries er die Wunder des Invalidenhauses, und das Merk¬ würdigste von allem, nämlich die Küche. «Hier steht eine marmite von ungeheurer Grösse, und hundert Bratspiesse, et sur cha¬ cune vingt gigots de mouton .” Hätten wir einen Engländer bei uns gehabt, er würde den Zug charakteristisch gefunden haben, da man in England immer über das Hun¬ gerleiden der Franzosen spottet. — Während der Mann von Paris plauderte, hatte sein ganzes Angesicht sich zur Mine des höchsten Entzückens verklärt, und er beschloss mit der Betheurung, dass er die Stadt vor sei¬ nem Ende wiedersehen und sich seiner gu¬ ten Tage dort erinnern müsse. Dann pries er uns seine glückliche Ehe; und als einer bemerkte, dass der Ehesegen ausgeblieben sei, wäre er mit der ernsthaften Versiche¬ rung, dies sei auch der einzige Streitpunkt zwischen ihm und seiner Frau, gut durch¬ gekommen, wenn sie nicht zur Unzeit von vier Jungen, so gross wie er selbst, aus ihrer ersten Ehe gesprochen hätte. Jetzt musste er sich aus der Sache ziehen so gut er konnte; er that es indess mit der besten Art von der Welt, und mit der feinsten französischen Galanterie gegen seine wirklich ausgezeichnet hässliche Hälfte. Endlich lenkte er das Gespräch auf seine Armuth, spottete über den Inhalt seines Koffers, und wieder¬ holte aus Annette und Lubin: tu n’as rien , je n’ai rien non plus; tiens, nous mettrons ces deux riens là ensemble et nous en serons E e 2 quelque chose; und da ihm dies die Sache nahe legte, müsste er weniger leichtes Blut gehabt haben, als ein Franzose wirklich hat, um nicht von diesem Dialog den Übergang zum Singen zu machen und sehr zärtlich zu quäken. Im ersten Wirthshause, wo wir abstiegen, produzirte er uns aus einem Päck¬ chen etwas von seiner Arbeit. Es waren einige Kupferabdrücke, die er zu einem Lütticher Nachdruck von le Vaillants Rei ¬ sen gemacht hatte. Bei dieser Gelegenheit kam auch der Nachdruck der Encyklopädie in Erwähnung, die er kaum nennen hörte, als er schon ausrief: ah! l'exellent ouvrage, que l’Encyclopédie ! «Aber schade, setzte er hinzu, dass ich es nicht bei mir habe, das schöne Blatt, welches ich auch noch in Lüttich druckte: le Capsignon panni ses disciples !» Hätte ich den Anacharsis nicht kürzlich in Händen gehabt, so wäre es mir nicht eingefallen, dass dies die Aussicht vom Minerventempel auf dem Vorgebirge Sunium seyn sollte, wo Plato mit seinen Schülern steht. Das Glück, sich mit einer Landsmännin von Stande in Gesellschaft zu sehen, hatte sichtbaren Einfluss auf unsern Ritter; er nahm ein Air von Würde an, das in der That ins hohe Komische gehörte. Die Da¬ me aus Antwerpen war indess in ihrer Art wenigstens eine eben so auffallende Karrika¬ tur wie er selbst. Sie reisete ohne alle Be¬ dienung mit einer achtjährigen Tochter, und mochte wirklich von Stande seyn, wofür sie der Ritter hielt; denn sie war für eine Modehändlerin zu gelehrt, und für eine französische Komödiantin nicht ungezwungen genug in ihrer Coquetterie. Ihr langes, bleiches Gesicht machte noch Ansprüche auf Schönheit, die aber ihre lange, hagere Figur E e 3 schlecht unterstützte; im Grimassiren, Gesti¬ kuliren und Moduliren des Tons war sie Meister, so daß sie alle Beschreibung zu Schanden macht. Sie politisirte über alle An¬ gelegenheiten von Europa mit einer Dreistig¬ keit und einer Fülle von Kunstwörtern, die mancher für Sachkenntniß genommen hätte. Auf ihrer Reise in Holland hatte Rotterdam ihr gefallen; vom Haag hingegen behauptete sie, daß es den Vergleich mit Versailles nicht aushielte. Doch rühmte sie den Diamanten¬ schmuck der Erbstatthalterin. Alles war ent¬ weder ganz vortreflich oder ganz abscheu¬ lich, und ihre Superlativen bestanden immer in einer dreifachen Wiederholung des Worts, welches sie das erstemal langsam, die beiden folgendenmale aber äußerst schnell aussprach, Als der alte Chevalier seine Magd aus dem Zimmer zum Essen schickte, riss die Don¬ na die Augen weit auf, und blickte starr hinter ihr her, bis sie schon längst zur Thür hinaus war; dabei schraubten sich Mund und Nase zu einem unbeschreiblichen Ausdruck der hochmüthigsten Verachtung. Sprach ein Bedienter sie bei Tische an, so antwortete sie ihm mitten in der heftigsten Deklamation, wobei sie gemeiniglich um Eindruck zu machen im Tenor blieb, mit einer sanften, unschuldigen Diskantstimme und einem Ton der unerträglichsten Gleich¬ gültigkeit. Mit eben dieser zarten Stimme und einem affektirten, ganz gefühllosen Zärt¬ lichthun addressirte sie auch von Zeit zu Zeit an ihr Hündchen unter dem Tisch ei¬ nige süsse Worte. Kurz, es wäre verlorne Mühe gewesen, an diesem Geschöpfe nur noch eine Faser Natur zu suchen. Unter solchen Menschen leben wir, la¬ E e 4 chen wo wir können, und wälzen uns durch eine Welt, die uns fremd bleibt, bis der Zufall hier oder dort ein Wesen er¬ scheinen lässt, an dessen innerem Gehalt der lechzende Wanderer sich erlaben kann. Dass solche Erscheinungen fast überall mög¬ lich sind, wird man ohne die auffallendste Einseitigkeit nicht läugnen wollen; dass aber mehr als Glück dazu gehört, sie gleichsam im Fluge zu treffen, indem wir schnell vorüber eilen, das, dünkt mich, versteht sich von selbst. Trift man sie aber nicht an, so sind dergleichen Verzerrungen, wie ich sie hier geschildert habe, willkommner als die ganz alltäglichen, platten Geschöpfe, die keine Prise geben, weil ihnen sogar alles fehlte, was des Verschraubens fähig war. In Löwen machten wir keine Bekanntschaft; ich muss mich daher bei meinen Bemerkungen ziemlich auf das Aussere und Leblose einschränken. Eine alte Mauer von Backsteinen umringt diese Stadt, und in Büchsenschussweite von einander sieht man noch alte runde, massive Thürme, die, so wie die Mauer selbst, ver¬ fallen sind. Die hiesige Kollegiatkirche zu St. Peter ist ein schönes, gothisches Gebäude; die Höhe der Bogen, die weisse Farbe, und die Einfalt des ganzen Inneren, machen einen herrlichen Effekt. Es war. schon zu finster, um das Altarblatt und überhaupt irgend etwas von den vielen Gemälden in den hiesigen Kirchen und Klöstern zu sehen. Crayers be¬ ste Stücke trift man hier in der St. Quintins-, der St. Jacobs- und der Karmeliterkirche an. Allein ausser diesen und einigen älteren Blät¬ tern von Matsys , Coxis und Otto Venius findet man hier bei weitem nicht das Vorzüg¬ lichste aus der flammändischen Schule. In dem sehr grossen und geräumigen Universitätsgebäude wurden wir bei Licht E e 5 herumgeführt. Die Hörsäle sind von er¬ staunlicher Höhe und Grösse; an den Wän¬ den stehen die Sitze stufenweis übereinan¬ der, und die Katheder sind mit kostba¬ rem Schnitzwerk reichlich verziert; allein im Winter muss man hier entsetzlich frie¬ ren, da es kein Mittel giebt, diese weitläuf¬ tigen Säle zu erwärmen. Im Conciliensale und im medicinischen Hörsal hangen eine Menge Schildereien; in einem andern Sale sieht man einen prächtigen Kamin von Mar¬ mor, von ungeheurer Grösse. Der Biblio¬ theksal schien mir nur auf eine kleine Sammlung eingerichtet. Die Bücher, die seit zwei Jahren in Brüssel waren, sahen wir nur zum Theil wieder hier; allein sie standen noch in Verschlägen unausgepackt. Die Professoren sind grösstentheils noch ab¬ wesend; denn viele halten die kaiserliche Partei, und haben sich daher seit den Un¬ ruhen ausser Landes begeben. Dahin gehört vorzüglich der Rektor der Universität, van Lempoel , ein geschickter Arzt, und ein Mann von reifer Einsicht, den Joseph der Zweite fähig erfunden hatte, seine wohlge¬ meinte Verbesserung des hiesigen akademi¬ schen Unwesens durchzusetzen. Die Miss¬ bräuche, die hier aufs höchste gestiegen waren, machten eine neue Einrichtung un¬ umgänglich nothwendig; allein diese griff natürlicherweise in die Vorrechte ein, welche man in dunklen und barbarischen Zeiten der schlauen Geistlichkeit zugestanden hatte, und der erste Schritt der jetzigen Regierung war daher die völlige Wiederherstellung der uralten, wohlthätigen Finsterniss, bei der man sich bisher so wohl befunden hatte. Ein Geistlicher, Namens Jaen , ist gegen¬ wärtig zum Rektor ernannt, und alles ist wieder auf den alten Fuss gesetzt. Die Doktorpromotionen kosten, mit Inbegrif der institutionsmassigen Schmäuse, acht bis zehn¬ tausend Gulden, und die gesunde Vernunft hat in allen Fallen genau so wenig zu sa¬ gen, wie in diesem. Es war lächerlich, wie man unsere Vorstellungen von der Anzahl der hier Studirenden umwandelte. In Lüt¬ tich hatte man uns gesagt, wir würden deren bei dreitausend finden; hier in der Stadt hörten wir, es wären kaum dreihun¬ dert, und der Pedell bewies uns endlich aus seinen Verzeichnissen, dass ihrer noch nicht funfzig wären. In der That hatten sich beim Ausbruch der Empörung eine sehr grosse Anzahl der damals in Brüssel befindlichen Akademiker für ihren Wohlthä¬ ter, den Kaiser, erklärt, und sogar für ihn die Waffen ergriffen. Bei der bald darauf erfolgten gänzlichen Vertreibung der kaiser¬ lichen Truppen aber, mussten diese jungen Krieger, die freilich besser daran gethan hät¬ ten, den friedlichen Musen ununterbrochen zu opfern, ihre Rettung in der Flucht suchen. Mit allen ihren Fehlern und Gebrechen, hatte die Universität Löwen doch immer einen grossen Namen, und ward von Ein¬ heimischen und Fremden fleissig besucht. Da man, ohne in Löwen promovirt zu ha¬ ben, schlechterdings kein öffentliches Amt in den östreichischen Niederlanden bekleiden, ja nicht einmal in den Gerichtshöfen advociren kann, so ist es am Tage, weswegen man sich ohne Widerrede den ungeheuren Ko¬ sten der Promotion unterwarf, und zugleich wie man durch diesen Aufwand einem stren¬ gen Examen entging. Zum Scheine war dieses Examen allerdings abschreckend genug; man musste auf eine ungeheure Anzahl Fragen in allen Disciplinen antworten. Allein es gab auch Mittel und Wege, die schon vorher bestimmten Antworten auf diese Fra¬ gen (die einzigen Antworten, welche die Professoren gelten liessen, weil sie selbst oft keine andere auswendig gelernt hatten) sich vor dem Examen zuflistern zu lassen; man lernte sie auswendig, antwortete dreist und prompt, und ward Doktor. An diesem Bei¬ spiele lässt sich abnehmen, wie leicht die besten Vorkehrungen gemissbraucht, und der Vortheil des Staats, den man zur Absicht dabei hatte, durch den Eigennutz einzelner Gesammtheiten in demselben, vernachlässigt werden kann. Wer hätte nicht geglaubt, dass es ein vortrefliches Mittel sei, lauter geschickte und gelehrte Beamten zu erhalten, wenn man es ihnen zur Bedingung der Be¬ förderung machte, dass sie in Löwen gra¬ duirt seyn müssten? Allein die schlaue Klasse von Menschen, denen mit der Aus¬ bildung weiser Staatsdiener kein Gefallen geschieht, die Klasse, die immer nur im Trüben fischen will, und nur durch die Un¬ wissenheit ihrer Mitbürger ihre Existenz zu verlängern hoffen kann, wusste schon jene so gut ausgedachte Anstalt zu vereiteln, und ihre eigenen Einkünfte zugleich zu vermeh¬ ren. Der ganze Zuschnitt der Universität war theologisch. Alle, selbst die weltlichen Professoren, waren zur Tonsur und zum Cölibat verbunden; denn nur unter dieser Bedingung konnten sie gewisse Präbenden, statt der Salarien, erhalten. Die Bibliothek ward allein von den Beiträgen der Studi¬ renden vermehrt; kein Wunder also, wenn sie unbedeutend geblieben ist. Eben so entstand aus dem jährlichen Beitrage von acht Kronthalern, den jeder Studirende er¬ legen musste, eine Kasse, in welche sich die Professoren theilten, und wobei sie sich allerdings sehr gut stehen konnten, wenn die Anzahl der Akademiker sich auf meh¬ rere Tausende belief. Viele Fremde, insbe¬ sondere die Katholiken aus den vereinigten Niederlanden, haben diese Universität immer fleissig besucht und auf ihr beträchtliche Sum¬ men verzehrt. Van Lempoel selbst war, wenn ich nicht irre, aus den Generalitäts¬ landen gebürtig. Joseph erkannte bald, dass ohne eine bessere Form der öffentlichen Erziehungsan¬ stalten, sich an keine gründliche Aufklärung in seinen belgischen Provinzen denken lasse; er erkannte zugleich, dass vermehrte Ein¬ sicht der einzige Grundstein wäre, auf wel¬ chem seine Reformen in dem Staate sicher ruhen könnten. Daher verlegte er die welt¬ lichen Fakultäten der Universität nach Brüs¬ sel, um sie dem Einflusse des theologischen Nebels zu entziehen und der Aufsicht sei¬ nes Gouvernements näher zu rücken. Diese eines eines grossen Regenten würdige Einrichtung, welche schon allein beweiset, wie tief der Kaiser in das Wesen der Dinge schaute, und wie sehr er den rechten Punkt, worauf es ankam, zu treffen wusste, würde vielleicht noch durchgegangen seyn, wenn es ihm nicht auch am Herzen gelegen hätte, die Finster¬ niss, in welche die niederländische Geist¬ lichkeit sich selbst und ihre sämmtlichen Mitbürger absichtlich hüllte, durch kräftig hineingeworfene Lichtstralen zu zerstreuen. Unglücklicherweise waren es nur Blitze, de¬ ren grelles Leuchten bloss dazu diente, die Schrecken der Nacht recht fühlbar zu ma¬ chen; hier und da sengten sie mit ihrem kalten Stral, zündeten und zerstörten, und liessen dann alles so wüst und unfruchtbar wie zuvor. Der grosse Grundsatz, dass alles Gute langsam und allmälig geschieht, dass nicht ein verzehrendes Feuer, sondern eine I. Theil . F f milderwärmende Sonne wohlthätig leuchtet, die Dünste zertheilt und das schöne Wachs¬ thum der organischen Wesen befördert, scheint Joseph’s Kopf und Herzen gleich fremd gewesen zu seyn; und dieser Mangel Eines wesentlichen Grundbegriffs zertrüm¬ merte alle seine grossen und königlich er¬ dachten Plane. Von dem Augenblick an, da der Kaiser die Privilegien der Geistlichkeit in seinen Niederlanden antastete, von dem Augenblick an, da er den theologischen Unterricht von seinen gröbsten Schlacken reinigen, und den Sauerteig der Bollandisten ausfegen wollte, war ihm und allen seinen Maassregeln Ver¬ derben geschworen. Zu einer Zeit, wo das ganze katholische Europa, Rom selbst nicht ausgeschlossen, sich der ausserwesentlichen Zusätze schämte, die das Heiligthum der Religion entehren und nur so lange gelten, als man noch durch die Macht des Aber¬ glaubens herrschen kann — am Schlusse des achtzehnten Jahrhunderts, wagte es die belgische Klerisei, die krassesten Begriffe von hierarchischer Unfehlbarkeit zu verthei¬ digen und im Angesicht ihrer hellsehenden Zeitgenosssen selige Unwisssenheit und blin¬ den Gehorsam zu predigen. Mit dem Be¬ wusstseyn, dass ihr Wirken in allen Gemü¬ thern die Vernunft entweder ganz oder halb erstickt habe, und dass sie auf Erge¬ benheit der zahlreichsten Volksklasse, des gemeinen Mannes, sicher rechnen dürfe, trotzte sie auf ihre unverletzbaren Rechte. So kehrte man schlau die Waffen der Auf¬ klärung gegen sie selbst; denn war es nicht unser Jahrhundert, das die Heiligkeit der Rechte in das hellste Licht gesetzt hat? Recht ist ein so furchtbares Wort, dass es den gewissenhaften Richter erzittern macht, F f 2 selbst wenn Irrthum und Betrug es gegen Wahrheit und Redlichkeit reklamiren. Jo¬ seph's Grundsatz, nach welchem er sich ver¬ pflichtet glaubte, seine Wahrheit zum Glück der Völker mit Gewalt anzuwenden, verlei¬ tete ihn zu einem Despotismus, den unser Zeitalter nicht mehr erduldete; dies wusste der belgische Klerus, und laut und muthig ertönte seine Stimme. Gleichwohl klebte dem Kaiser dieser Grundsatz wahrscheinlich noch aus seiner Erziehung an, und hatte sich in gerader Linie von eben jener Hie¬ rarchie, die ihn zuerst ersann und ausübte, auf ihn verpflanzt. Joseph hatte Unrecht; aber die Vorsehung übte durch ihn das Wiedervergeltungsrecht! Wären nur auch die Staaten von Brabant und der ganze bel¬ gische Congress durch diese Beispiele tole¬ ranter geworden! Allein es ist zu süss zu herrschen, zumal selbst im Verstande der Menschen zu herrschen; und Löwen, das durch Joseph’s Generalseminarium im Grunde an wahrer Aufklärung wenig oder nichts ge¬ wann, soll jetzt wieder lehren, was es schon bei der Stiftung der Universität im Jahr 1431 lehrte. Das Rathhaus in Löwen, eins der präch¬ tigsten gothischen Gebäude, die noch jetzt existiren, ist um und um mit kleinen Thür¬ men verziert, ja ich möchte sagen, aus lau¬ ter solchen Thürmen zusammengewachsen; aber das unermesslich Mühsame dieser Bauart macht am Ende, wenn es in solchen grossen Gebäudemassen dasteht, doch einen starken Effekt. Wir hatten kaum Licht genug, um die Umrisse dieses Rathhauses noch ins Auge zu fassen, und mussten auf die Besichti¬ gung des Innern Verzicht thun. Im Vor¬ beigehen bemerkten wir noch an dem so genannten Collegium Falconis ein sehr schö¬ F f 3 nes, edles einfaches Portal von griechischer Bauart. Das Flämische, welches hier gesprochen wird, kommt dem Holländischen sehr nahe, und sowohl in den Sitten als im Ameuble¬ ment der Häuser nähern sich auch die Ein¬ wohner sehr merklich ihren Nachbaren, den Holländern. Ich bemerkte als einen aus¬ zeichnenden Zug sehr viel Dienstfertigkeit und Höflichkeit unter den gemeinen Leuten. Die Lebensart, zumal was die Küche betrift, ist indess noch nicht holländisch; man be¬ reitet die Speisen mehr nach französischer Art, trinkt aber schon mehr Bier als Wein. Das Bier in Löwen wird bis nach Holland verführt, und hat einen Ruhm, den es mei¬ nes Erachtens nicht ganz verdient. Wenn indess, wie billig, der Debit hier den rechten Maassstab angiebt, so muss es vor¬ treflich seyn; denn man erzählte uns von mehr als vierzig Bierbrauereien und von ei¬ ner jährlichen Ausfuhr von hundert und funfzigtausend Tonnen, ohne was in der Stadt selbst getrunken wird. Daher bezah¬ len auch die Brauer allein vierzigtausend Gul¬ den zu den Einkünften der Stadt, die sich auf hunderttausend Gulden belaufen sollen. Dieses Gewerbe und einige Wollenfabriken nebst einem ziemlichen Speditionshandel, ge¬ ben ihr noch einigen Schein von ihrer ehe¬ maligen grossen Aktivität und ihrem hohen Wohlstande; allein was sind dreissig oder fünf und dreissigtausend Einwohner gegen die Volksmenge vor der Auswanderung der Tuchmacher nach England im Jahr 1382? Damals hatte Löwen viertausend Tuchfabri¬ ken, in welchen hundert und funfzigtausend Menschen ihre Nahrung fanden, und des Abends, wenn die Arbeiter nach Hause gingen, ward mit einer grossen Glocke ge¬ F f 4 läutet, damit die Mütter ihre Kinder von den Gassen holten, weil sie in dem Ge¬ dränge hätten ums Leben kommen können. Die Errichtung der Universität hat der Stadt den Verlust dieser Manufakturen und ihrer ungeheuren Bevölkerung nicht ersetzt; und was Lipsius nicht vermochte, werden schwer¬ lich seine Nachfolger bewirken. XIII. Brüssel. E ine sehr bequeme Barke geht täglich um sieben Uhr Morgens von Löwen nach Me¬ cheln ab. Wir bedienten uns dieser ange¬ nehmen Art zu reisen, schifften uns ein, und beschäftigten uns wechselweise mit Schreiben und Umherschauen. Der Kanal ist schön, und seine Ufer sind überall mit Bäumen bepflanzt. Die ganze Gegend ist eine mit Bäumen reichlich beschattete Ebene, wo man folglich nirgends eine Aussicht in die Ferne geniesst, aber gleichwohl bestän¬ dig in einem Lustwäldchen zu fahren glaubt. Die Barke hat hinten, nach dem Steuerru¬ der zu, ein Zimmer; in der Mitte ein zwei¬ tes Gemach, wo eine kleine Küche nebst andern Bequemlichkeiten vorhanden ist, und vorn eine Stube mit einem sehr guten Ka¬ F f 5 min, worin man ein schönes Steinkohlen¬ feuer unterhielt. Die Kosten dieser Fahrt sind so mässig, dass uns der ganze Trans¬ port von Löwen nach Mecheln, die Bagage mit einbegriffen, auf wenig mehr als einen halben Kronthaler zu stehen kam. Thee, Kaffee, Butter und Käse kann man auf die¬ sen Barken jederzeit haben. Auf dem hal¬ ben Wege kommt eine Barke von Mecheln dieser entgegen; die Passagiere nebst ihren Sachen wandern aus der einen in die an¬ dere, und setzen hierauf ihre Reise nach ihrem jedesmaligen Bestimmungsorte fort. Es reiseten eine Anzahl Mönche mit uns. Einer, ein junger Mann von einer vortheil¬ haften Gesichtsbildung, ward aufmerksam, als er uns Englisch sprechen hörte, und fand sich bewogen, unsere Bekanntschaft zu suchen. Seine Sanftmuth und Bescheiden¬ heit war mit vielen Kenntnissen gepaart. In Irland, seinem Vaterlande, waren ihm Cook’s Reisen und die Namen seiner Gefährten nicht unbekannt geblieben. In seinen Zügen las man klösterliche Tugenden, unvermischt mit dem Zurückstossenden der Mönchsnatur. Er war bestimmt, als katholischer Priester nach Irland zurückzukehren. In fünftehalb Stunden erreichten wir Mecheln. Diese nicht gar grosse Stadt würde mit ihren geräumigen Strassen und ihren weissgetünchten Häusern einen weit besseren Eindruck auf den Fremden machen, wenn sie nicht so öde wäre und beinah eine Todtenstille darin herrschte. Ich will gern glauben, dass die sitzende Lebensart der Einwohner, die in den ansehnlichen Hut¬ manufakturen Beschäftigung finden, mit dazu beiträgt, das Phänomen der Stille hervorzu¬ bringen; allein es war wirklich zu auffal¬ lend, um nicht noch tieferliegende Ursachen zu haben. Schauerlich ist es, lange Strassen zu durchwandern, und weder einer mensch¬ lichen Seele noch einem Thiere zu begegnen, ja nicht einmal das mindeste Geräusch in den Häusern zu hören. Man glaubt sich in irgend eine bezauberte Stadt aus den mor¬ genländischen Erzählungen versetzt, deren Einwohner alle ausgestorben oder verschwun¬ den sind. Die hiesige Bauart ist die alte, wo die Giebel der Häuser gegen die Strasse zugekehrt stehen und spitz in die Höhe laufen. Fast durchgehends ist alles von aussen weiss angestrichen, welches im Som¬ mer bei hellem Sonnenschein den Augen sehr nachtheilig seyn muss. Die grosse Kathedralkirche zu St. Ro¬ muald (Rombaut) hat einen Thurm von ausserordentlicher Höhe, und inwendig ist sie eins der reichsten gothischen Gebäude. Im Schiff stehet an jeder Seite die Bild¬ säule eines Apostels und über derselben eine Reihe Termen, welche die Religion, den Glauben, die Liebe und mehrere alle¬ gorische Wesen vorstellen. An den Wänden und im Chor sieht man Gemälde von P . de Nery , Crokaert und Andern, die aber keiner Aufzeichnung werth sind. Hier standen wir, als der Kardinal Erzbischof von Mecheln hereintrat, und uns die Benediktion ertheilte. Er war in einen langen Scharlachrock und Mantel gekleidet, mit einem rothen Käpp¬ chen auf der Perücke; ein Mann von ziem¬ lich ansehnlicher Statur und schon bei Jahren, mit einem weichen, schlaffen, sinn¬ lichen Gesicht. Er kniete hinter dem grossen Altar und betete, besah aber dabei seine Ringe, zupfte seine Manschetten hervor, und schielte von Zeit zu Zeit nach uns, die wir, in grosse Mäntel gehüllt, vielleicht ein verdächtiges Ansehen hatten. In der Johanneskirche fanden wir am Hochaltar einige Stücke, angeblich von Ru¬ bens : einen Johannes, den Evangelisten, der sein Buch schreibt und auf die Eingebun¬ gen seines Adlers zu horchen scheint; auf der Rückseite dieser Füllung, den Märty¬ rertod dieses Apostels in siedendem Öl, nach der Legende; gegenüber, die Enthauptung Johannis des Täufers und die Taufe Christi; in der Mitte endlich die Anbetung der Weisen, eine grosse, verwirrte, uninteressante Composition. Diese fünf Blätter nebst drei kleinen Skizzen, welche am Altar angebracht sind, gehören nicht zu den auszeichnenden Werken von Rubens , und sind auch schon sehr verblichen. Sie missfallen überdies noch durch etwas Unvollendetes in den Um¬ rissen, welches nicht ganz die Schuld der veränderten Farbe zu seyn scheint. In der ehemaligen Jesuitenkirche, deren Portal mit vieler Ostentation, aber desto we¬ niger Geschmack, am grossen Markte prangt, hangen eine Anzahl Gemälde, welche auf die Geschichte der jesuitischen Ordensheili¬ gen Beziehung haben, von denen aber keines uns in Anspruch nahm. In der Kirche un¬ srer lieben Frauen von Hanswyk bewunder¬ ten wir die aus einem ungeheuren Baum geschnitzte Kanzel, die den Fall der ersten Eltern im Paradiese vorstellt und in der That, wenn man alles erwägt, ein Werk von erstaunlicher Anstrengung ist. Die Fi¬ guren sind zwar plump, aber sehr brav gear¬ beitet, und das Ganze hat sehr viel Effekt. In den unzähligen Kirchen und Klöstern von Mecheln befindet sich noch eine grosse Menge von berühmten Gemälden, worunter einige auch wohl Verdienst haben mögen; allein was wir gesehen hatten, reizte uns nicht, unsern Aufenthalt zu verlängern, um auf Gerathewohl nach Kunstabentheuern um¬ herzuwandern. Die Einbildungskraft der Künstler hat sich in diesem so tief in Aber¬ glauben versunkenen Lande mehrentheils mit Gegenständen aus der Legende beschäftigt, die selten an sich reich und anziehend ge¬ nug sind, um die Mühe des Erzählens und Darstellens zu verdienen. Es herrscht durch alle diese Mythologien eine klägliche Dürf¬ tigkeit der Geisteskräfte, die wunderbar ge¬ gen den Ideenreichthum und die Eleganz der griechischen Dichterphantasie absticht. Ein Maler, der höhern Sinn für den Werth sei¬ ner Kunst hätte, müsste sich schämen, wenn man ihm auftrüge, den heiligen Bernhard zu malen, der sich die Milch der Mutter¬ gottes aus ihren Brüsten in den offenen Mund regnen lässt; gleichwohl hat van Thulden dieses Süjet für die hiesigen Bern¬ hardinernonnen ausgeführt, und vielleicht wäre wäre es gefährlich gewesen, dem Pfaffen, der es angab, über die Unschicklichkeit et¬ was merken zu lassen. Ist es aber zu ver¬ wundern, wenn ein solcher Gegenstand die ohnehin schwerfälligen Niederländer nicht begeistern konnte, wenn sie nichts anders, als ein gemeines Weib in einer unanstän¬ digen Handlung begriffen, und einen eben so gemeinen Mönch darstellen konnten, ohne auch nur zu versuchen, ob in diese Figuren, die in einem so ekelhaften Verhält¬ nisse gegen einander stehen, ein anderes In¬ teresse zu bringen sei? Das weit edlere Süjet von Cimon und seiner Tochter ist schon ausserhalb der Gränzen der Malerei, wenigstens was den Zeitpunkt betrift, wo sie dem alten Vater ihre Brust zu trinken giebt. Zu geschweigen, dass die Handlung, so edel sie in sich wirklich ist, ihren gan¬ zen Werth verliert, sobald man sie sich of¬ I. Theil . G g fenbar vor aller Augen denkt, und dass es zum Beispiel empörend wäre, sie auf dem Theater wirklich vorgestellt zu sehen; so ist es doch unmöglich, der Figur des Vaters dabei das mindeste Interesse zu geben. Ein alter Mann, der eine Weiberbrust aussaugt, bleibt ein ekelhafter Anblick, und die ganze Stellung sowohl, als die Disposition der Gesichtsmuskeln zum Saugen, raubt ihm je¬ den andern als den bloss thierischen, ernie¬ drigenden Ausdruck. Bei einem Gemälde, welches diesen Gegenstand vorstellte, könnte gleichwohl noch ein rührendes Interesse für die Tochter empfunden werden; man würde nicht umhin können, die kindliche Liebe zu bewundern, die einem alten, durch Hun¬ ger entkräfteten Manne das Leben rettet. Von dem allen aber kann schlechterdings in einer Vorstellung des eben erwähnten Zu¬ ges aus St. Bernhards Legende nichts ausge¬ drückt werden, weil die Erfindung gar zu abgeschmackt ist. Sobald man die weibliche Figur ins Auge fasst, verliert sie bei jedem Manne von Gefühl ihre Ansprüche auf Jungfräulichkeit und Weiblichkeit. So lä¬ cherlich es auch ist, wenn van Dyk in seinem Gemälde vom heiligen Antonius bei den hiesigen Barfüssermönchen, einen Esel vor der Hostie knieen lässt, so ist es doch immer noch erträglicher; man wird nicht indignirt, man lächelt nur, weil alles was zur innern Vortreflichkeit des Menschen ge¬ hört, unabänderlich bleibt, hingegen konven¬ tionelle Begriffe, die man mit gewissen Din¬ gen verbindet, der Veränderung unterworfen sind. Wem indess das grösste Kompliment dabei gebührt, den Erfindern dieses plumpen Scherzes, oder dem Volke, das sich daran erbaut, ist nicht leicht ausgemacht. Unserer Logik klingt es absurd, wenn jemand be¬ G g 2 haupten will, der Gegenstand, vor welchem ein unvernünftiger Esel knieet, verdiene die Anbetung des vernünftigen Menschen; aber es hat einmal einen Grad von Einsicht ge¬ geben und in Brabant existirt er noch, dem dieser Schluss die stärkste Beweiskraft zu haben scheint. Bündigere und anständigere Beweisarten für die Heiligkeit des Altarsa¬ kraments können für einen höheren Grad der Vernunft berechnet seyn; wiewohl keine Vernunft das Übernatürliche richten darf, und es folglich ein überflüssiges und wider¬ sinniges Bemühen ist, Dinge bei ihr recht¬ fertigen zu wollen, welche nur durch die Gabe des Glaubens erkannt werden können. Die ganze Volksmenge von Mecheln gab man uns auf zwanzigtausend Menschen an, und dieses auffallende Missverhältniss der Bevölkerung zum Umfange der Stadt er¬ klärte besser als alles andere, die ausgestor¬ bene Leere, die wir überall bemerkten; denn nimmt man an, dass die Welt- und Ordens¬ geistlichen, die Nonnen und Beguinen, nach einer sehr gemässigten Berechnung, zusam¬ men den fünften Theil dieser Anzahl aus¬ machen, so begreift man leicht, wie nur so wenig Menschen übrig bleiben, die ihre Ge¬ schäfte zwingen, sich auf den Strassen se¬ hen zu lassen. Wollte man fragen, wie es möglich ist, dass das berühmte, mächtige Mecheln so tief herabgesunken seyn könne; so würde ich auf eben diese ungeheure An¬ zahl von Geistlichen verweisen, die allmälig alle Bewegung gehemmt haben, und, indem sie sich auf Kosten der Einwohner erhiel¬ ten, fast allein übrig geblieben sind. Ausser den sechs Pfarrkirchen giebt es sechs Manns¬ klöster, zwölf Nonnenklöster und zwei Be¬ guinenhöfe, in welchen letzteren allein nah an tausend Beguinen wohnen. Die Ein¬ G g 3 künfte dieser Geistlichkeit belaufen sich auf ungeheure Summen; die des Erzbischofs schlägt man auf hunderttausend Gulden an. Mich wunderte es daher nicht, dass auf un¬ ser wiederholtes Anfragen nach den Sehens¬ würdigkeiten von Mecheln, ein jeder uns an die Kirchen und Klöster verwies, und wir zuletzt bei dieser allgemeinen Armuth an Gegenständen, welche die Aufmerksam¬ keit des Reisenden verdienen, in eine Säge¬ mühle an der Dyle geführt wurden. Nun¬ mehr war es wirklich Zeit, unsern Schau¬ platz zu verändern. Wir eilten also in un¬ ser Quartier zurück, und nachdem wir noch zuvor in einigen Buchläden die fliegenden Blätter des Tages, deren jetzt eine ungeheure Menge ununterbrochen herauskommen, ge¬ kauft hatten, stiegen wir in einen Wagen und fuhren in starkem Trab auf dem schön¬ sten Steindamm, durch Alleen von hohen Bäumen, die hier jedes Feld und jeden Rain begränzen, nach Brüssel. Von Vilvoorden, einem kleinen, an dem Kanal zwischen Antwerpen und Brüssel ge¬ legenen Städtchen, fuhren wir längs diesem Kanal in gerader Linie nach der Residenz¬ stadt fort. Zu beiden Seiten erblickt man Landsitze mit prachtvollen Gebäuden, Gärten und dazu gehörigen Tempeln und Lusthäu¬ sern. Alles verkündigt die Annäherung zu einem reichen, grossen Orte, dem Wohn¬ sitze eines zahlreichen, begüterten Adels und eines für den Genuss des Lebens empfäng¬ lichen Volks. Kurz vor der Stadt geht der Weg über den Kanal, durch eine Pflanzung von hohen Bäumen, die zugleich als öffent¬ liche Promenade dienen kann. Die Gegend um Brüssel fängt wieder an, sich in klei¬ nen Anhöhen angenehm zu erheben, deren einige sich den Mauern so sehr nähern, G g 4 dass die zur Befestigung der Stadt nöthigen Aussenwerke zum Theil darauf angelegt sind. Wir hätten gern gewünscht, diese Gegend in ihrem Sommerschmuck zu se¬ hen, wo sie wahrscheinlich für den Freund des Schattens höchst anmuthig seyn muss. Um die Wälle läuft ein herrlicher Gang mit hohen Espen beschattet, und innerhalb der Thore öfnet sich dem Anblick eine Stadt, die den grossen Residenzen Deutschlands, was Umfang, Volksmenge und, im Durch¬ schnitt gerechnet, auch Pracht und Schön¬ heit der Architektur betrift, vollkommen an die Seite gesetzt zu werden verdient. Wir fuhren lange durch breite und enge, reine und schmutzige Strassen, über grosse und klei¬ ne Plätze, bei stattlichen, öffentlichen Gebäu¬ den und schönen Privathäusern vorbei, und kamen endlich über den grossen Markt, wo das Rathhaus, eins der bewundernswürdig¬ sten gothischen Gebäude steht, vor welchem wir die Freiwilligen von Brüssel und die neuerrichteten Dragoner sich eben versamm¬ len sahen. Die brabantische Kokarde, die jedermann bis hinab auf die gemeinsten Ta¬ gelöhner aufgesteckt hatte, und dieses Mi¬ litair, welches sich link genug bei seinen Waffenübungen benahm, nebst der Menge von Zuschauern, die uns zu erkennen gaben, dass dieses Schauspiel ihnen noch neu seyn müsste, waren die einzigen Kennzeichen, an denen, sich die Revolution allenfalls errathen liess. Unser Gasthof war voll von Engländern; auch ging ziemlich allgemein die Sage, dass man im Begrif sei ein englisches Hülfs¬ korps zu errichten, womit es jedoch wohl zu keiner Zeit Ernst gewesen seyn mag. Die Anwesenheit des Herzogs und der Her¬ zogin von Devonshire schien auf die poli¬ G g 5 tische Lage von Brabant keine Beziehung zu haben. Wir hörten hie und dort, dass dies eine gewöhnliche englische Reise aufs feste Land sei, wodurch man Zeit zu ökonomi¬ siren gewinnt; denn allzugrosser Aufwand erschöpft zuletzt auch die ungeheuersten Einkünfte. Allein schwerlich konnte dieser Fall hier eintreten, weil der Herzog bei ei¬ ner solchen Reise eben nicht spart. Diesen Zoll müssen indess die Grossen jederzeit von ihren disproportionirten Reichthümern und Besitzungen an das Publikum zahlen; ich meine, dass man, wegen der Höhe, die sie bestiegen haben, und von welcher sie auf das übrige Menschengeschlecht herabsehen, die Augen unaufhörlich auf sie gerichtet hält, ihre Bewegungen, eben weil sie sich nicht verbergen lassen, stets bewacht und ihnen allerlei Motive andichtet, von denen sie selbst sich oft nichts träumen liessen. Ein jeder allzureicher Privatmann, wird schon durch die Mittel zu wirken, die er in Händen hat, ein wichtiger Mensch im Staate, und in so fern muss er sich billig dem Urtheile seiner Mitbürger in dem Gra¬ de, wie die in öffentlichen Ämtern stehen¬ den Personen, stellen und unterziehen. Die Natur verübt auch hierin die ihr eigene Gerechtigkeit. Das wahre, ächte, einzige Eigenthum ist in unserm Herzen und Ver¬ stande. Auf alle anderen erworbenen äusser¬ lichen Güter behält der Nebenmensch im¬ merfort einen natürlichen Anspruch, der, wenn man sich auch vermittelst des bürger¬ lichen Vertrags dessen begiebt, sich dennoch in der Freiheit und Unausbleiblichkeit des Urtheils über seine Anwendung immer wie¬ der äussert. Je überwiegender der Ein¬ fluss ist, den ein Wesen in die Schicksale der Menschen hat, desto allgemeiner wird dieses Wesen für Alle ein Gegenstand des Nachdenkens, des Lobes und des Tadels. Daher giebt es nichts in der Welt, worü¬ ber täglich und stündlich so viele, und zu¬ gleich so schiefe Urtheile gefällt werden, als über die Sonne, die Natur und Gott. XIV. Brüssel. W ir sind einige Tage nach einander ausge¬ wesen, um die Stadt zu besehen. Sie ist sehr unregelmässig gebauet: die Strassen lau¬ fen krumm, kreuz und queer durcheinander; viele sind indess ziemlich breit, und fast durchgehends sieht man schöne oder wenig¬ stens solide Häuser, die ein gutes Ansehen haben. Die meisten Privathäuser sind nach der Strasse hin sehr schmal, und mit Gie¬ beln, welche sich stufenweise zuspitzen, ver¬ sehen. Fast alles, die grossen, massiven Ge¬ bäude ausgenommen, ist wie in den übrigen Brabantischen Städten, mit weisser Tünche überzogen. Die Gegend um den Park ist eine der schönsten, und würde in jeder grossen Stadt dafür gelten. Massive, grosse Gebäude, von einfacher aber geschmackvoller Bauart zieren sie. Der Königsplatz, wo eine kolossalische Bildsäule des Prinzen Karl von Lothringen in Erz, vor der St. Jakobskirche, in einer Linie mit dem kühnen, leichten Spitzthurm des Rathhauses steht, ist mit eben solchen Gebäuden umringt. Der Ge¬ richtshof von Brabant, oder das sogenannte Conseil , hält in einem neuen, von den Stän¬ den errichteten Pallast, der nach dem Park hinsieht, seine Sitzungen. Die Hotels des Herzogs von Aremberg , des Vicomte von Walkiers , des englischen Gesandten, imglei¬ chen das Wappenhaus u. a. m. stehen sämmt¬ lich in dieser Gegend. Seit sechzehn oder achtzehn Jahren hat Brüssel, zumal um den Park herum, eine neue Gestalt gewonnen. Die alten Gebäude, die man hier noch sieht, wie zum Beispiel die Reitbahn, stehen beinah unter der Erde; die neuen hingegen haben zwei oft drei Keller oder Souterrains über einander, in¬ dem man das Erdreich bis zu einer Höhe von dreissig Fuss und drüber aufgeschüttet hat, um die ehedem vorhandenen Uneben¬ heiten auszufüllen. Der Park ist daher jetzt schon vollkommen geebnet, bis auf zwei Vertiefungen, welche noch vor kurzem Sümpfe waren, jetzt aber mit schönem, hohem Gebüsch bekleidet und mit festen Sandgängen ausgelegt sind. In einem dieser Gründe sahen wir eine Grotte mit einem Springbrunnen, der aber jetzt nicht floss. Das viereckte Becken von Stein unter der Nische, (worin eine lesende weibliche Figur von Marmor liegt) hat auf seinem Rande folgende merkwürdige Inschrift: Petrus Alexio¬ witz Czar Moscoviae Magnus Dux margini huius fontis insidens illius aquam nobili¬ tavit libato vino hora post meridiem ter¬ tia die XVI. Aprilis anni 1717. Der grosse Stifter des russischen Kaiserthums hatte näm¬ lich bei einem Gastmal, welches man ihm zu Ehren gab, ein wenig zu tief ins Glas gesehen. Indem er nun hieher spatzierte, um in der frischen Luft die Dünste des Weins verrauchen zu lassen, fiel er in das Wasserbecken, und es geschah, was die In¬ schrift sehr zierlich und fein mit dem libato vino ausdrückt. Der sogenannte große Markt ist wirklich nicht so groß, wie man ihn sich nach die¬ sem Beinamen vorstellen möchte; allein das Rathhaus mit seinem hohen gothischen Thur¬ me ziert diesen Platz und giebt ihm Anse¬ hen. Das Einfache pflegt selten die stärkste Seite der gothischen Bauart auszumachen; bei diesem Thurme halten jedoch die vielen kleinen Spitzen und einzelnen Theile den Beobachter nicht ab, Einen großen Eindruck von kühn und leicht emporstrebender Höhe zu zu empfangen. Es wird immer den Gebäu¬ den in diesem Geschmack zum Vorwurf ge¬ reichen, dass ihre Gestalten stachlicht und gleichsam zersplittert scheinen, zu scharfe, eckige, in die Länge gezerrte Verhältnisse und Formen darbieten und dem Auge keine Ruhe lassen. St. Michael steht nicht übel auf der Spitze dieses Thurms in kolossali¬ scher Grösse, die jedoch von unten immer noch klein genug erscheint, und mit dem besiegten Feinde zu seinen Füssen. Auf dem benachbarten Giebel des Brauerhauses steht des Prinzen Karl von Lothringen ver¬ goldete Bildsäule zu Pferde lange nicht so schön, und gewiss nicht an ihrem Orte; allein die Brüsseler scheinen diesen Fürsten so lieb gehabt zu haben, dass sie ihn gern über ihren Köpfen reiten liessen. Zu den Veränderungen in Brüssel muss man noch die seit der Aufhebung der Klö¬ I. Theil . H h ster angebauten Plätze rechnen, auf denen jetzt schon eine grosse Anzahl neuer Häuser stehen. Eins von diesen Klöstern, welches innerhalb der Stadt ansehnliche Gärten be¬ sass, brachte durch seine Aufhebung zum erstenmal den Einwohnern und ihrem Han¬ del einen wichtigen Vortheil, indem der Kai¬ ser daselbst einen schönen, geräumigen Platz zum Kornmarkte einrichten liess, auf wel¬ chem jeder Gattung von Getreide ihr be¬ sonderer Ort angewiesen ist; es stehen Pfähle errichtet, mit Brettern daran, worauf man «Bohnen, Buchweizen, Weizen, Roggen, Ha¬ fer, Gerste,» u. s. w. liest. In einer andern Gegend baute man nur noch im vorigen Jahre mehr als zwanzig neue Häuser auf den Schutthaufen eines Klosters. Diese Ver¬ änderungen und Verschönerungen einer Stadt, die, wenn man einzelne Gebäude ausnimmt, im Ganzen bereits an Schönheit mit Berlin verglichen werden darf, werden jetzt eine Zeitlang ins Stecken gerathen; wenigstens werden die noch übrigen Klöster vor der Hand wohl mit dem Schicksal, das Joseph der Zweite ihnen drohete, verschont blei¬ ben. Das fromme, katholische Volk von Brabant hängt mit ganzer Seele an seinem Herkommen in der Religion wie in der Po¬ litik, und wenn man es aufmerksam beobach¬ tet, so begreift man nicht, wie es möglich und wirklich geworden ist, dass dieses Volk mit der Anstrengung eines Augenblicks sei¬ nen Oberherrn vertrieben hat. Die grosse Masse des Volks in Brüssel ist, so viel ich nach dem Haufen urtheilen kann, der sich in den Strassen sehen lässt, nichts weniger als eine schöne Race. Sei es verderbte Lebensart, Eigenheit des hie¬ sigen Bodens, oder Einwirkung der Ver¬ fassung und anderer zu wenig bekannter H h 2 Umstände; aber gewiss ist es, dass das ge¬ meine Volk eher unter, als über der mitt¬ leren Statur gerechnet werden muss. Be¬ sonders ist dies an dem andern Geschlechte auffallend sichtbar, das überdies noch im Verhältniss des Körpers kurze Arme und Beine hat. Ihre Gesichtszüge kann man nicht eigentlich hässlich nennen; allein bei einer ziemlich regelmässigen Bildung ist et¬ was Schlaffes und Grobfleischiges zugleich bemerklich, welches das physiognostische Urtheil von gutmüthiger Schwäche und un¬ interessanter Leere nach sich zieht. Jene schönen vollwangigen Gesichter mit hoher Stirne und schöngebogener Nase, mit Feuer im grossen Auge, starken Augenbraun und scharfgeschnittenem weitem Munde, die uns im Limburgischen und selbst noch in dem an Lüttich gränzenden Tirlemont gefielen, sahen wir hier nicht wieder. Es scheint, als hätte auf dem niederländischen Grunde der französische Firniss die Züge nur mehr verwischt, nicht charakteristischer gemacht. Dies kann vielleicht paradox, vielleicht gar unrichtig klingen; allein ich bin für mein Theil überzeugt, dass auch ohne wirkliche Vermischung der Racen, bloss durch das Allgemeinwerden einer andern als der Lan¬ dessprache, durch die vermittelst derselben in Umlauf gekommenen Vorstellungsarten und Ideenverbindungen, endlich durch den Einfluss, den diese auf die Handlungen und auf die ganze Wirksamkeit der Menschen äussern, eine Modifikation der Organe be¬ wirkt werden kann. Rechnen wir hinzu, dass von alten Zeiten her Ausländer über Brabant herrschten; dass Brüssel lange der Sitz einer grossen, glänzenden Hofstatt war; dass auch mancher ausländische Blutstropfe sich in die Volksmasse mischte; dass der H h 3 Luxus und die Ausschweifungen, die von demselben unzertrennlich sind, hier in einem hohen Grade, unter einem reichen, üppigen und müssigen Volke seit mehreren Jahrhun¬ derten im Schwange gingen: so kann die besondere Abspannung, die wir hier bemer¬ ken, sich gar wohl aus natürlichen Ursachen erklären lassen. Es ist indess nicht der nie¬ drige Pöbel allein, dessen Gestalt zu jener Skizze passt; das ganze Corps der freiwilligen Bürger, das wir täglich auf dem Markte sehen, und dessen Glieder wenigstens be¬ mittelt genug sind, um auf eigene Kosten alles, was zu ihrer Equipirung gehört, sich anzuschaffen, ja, unter denen viele ein reichliches Einkommen haben; dieses Corps, sage ich, so schön es gekleidet ist, so eine kriegerische Mine es macht, und so viel Standhaftigkeit und Edelmuth es wirklich beseelen mag, besteht gleichwohl durchgän¬ gig aus kleinen, schmächtigen Menschen, auf deren Wange selten einmal etwas von einer martialischen Farbe glüht. Die Hauptkirche zu St. Gudula ist ein ungeheures, altes Gebäude von ehrwürdigem Ansehen, inwendig mit einer sehr grossen Anzahl von Kapellen ausgeschmückt. Die vornehmste, des wunderthätigen Sakraments, bot uns den schönsten Rubens dar, den wir bis jetzt gesehen hatten, den schönsten, ich sage es dreist heraus, den ich von seiner Hand nicht übertroffen zu sehen erwarte. Das Süjet, welches er sich gewählt hat, ist Christus, indem er Petro die Himmels¬ schlüssel übergiebt. Es herrscht eine erha¬ bene, göttliche Ruhe in dieser schönen Gruppe von Köpfen, deren Kraft und Glanz so frisch ist, als wären sie gestern gemalt. Die Farben haben einige Härte, die man aber über den Eindruck des Ganzen nicht H h 4 merkt. Der Christuskopf ist schön und sanft, nur diesmal gar zu still und unbe¬ seelt. Die Künstler scheinen mannichmal zu wähnen, dass die Sanftmuth des Dulders sich nicht zu innerem Feuer gesellen dürfe, durch welches sie doch erst ihren grössten Werth erhalten muss; denn sanft sind ja auch die frommen Thiere, die einen hier, am unrechten Orte angebracht, um das al¬ legorische: weide meine Schafe! anzudeuten, wirklich ärgern. Die linke Hand des Hei¬ lands ist von grosser Schönheit, wie jene berühmte Hand von Carlo Dolce in Düs¬ seldorf. Petrus, der sich über die rechte Hand seines Herrn beugt, ist ein Kopf voll Hingebung, Vertrauen, Glauben und Festig¬ keit. Jakobus ist alt und ehrwürdig; die andern beiden Köpfe, von weniger Bedeu¬ tung, dienen jedoch zur Verschönerung der so gross gedachten Gruppe. Das Bild ist nur ein Kniestück. Von den vielen Gemäl¬ den von Crayer , Coxis , van Cleef , Cham¬ pagne , Otto Venius und Andern, welche die zahlreichen Kapellen dieser Kirche zie¬ ren; von den Statuen der Heiligen, den kostbaren Altären, den gemalten Fenstern, und den Mausoleen kann ich nach dem Anblick eines solchen ächten Kunstwerks nicht sprechen. Das wahrhaft Vollendete der Kunst füllt die Seele so vollkommen, dass es für geringere Gegenstände keinen Platz darin lässt. In der zum grossen Beguinenhofe gehö¬ rigen Kirche sahen wir an dem Altar zur Rechten ein schönes Gemälde von Crayer ; es war eine Kreuzigung Christi. Der Kopf des Erlösers war edel und sogar erhaben; Johannes nicht schön, aber von bewunderns¬ würdigem Ausdruck. Den Blick auf den Gekreuzigten gerichtet, scheint er fast noch Hh 5 mehr als dieser zu leiden. Die Muttergottes ist nicht so glücklich gefasst, aber dennoch von vorzüglicher Kraft, und schön drappirt, zumal um den Kopf. Die Magdalene zu den Füssen des Kreuzes ist ebenfalls ihres Platzes in diesem Stücke würdig, wiewohl sie mit dem Johannes nicht verglichen wer¬ den kann. Die Farbe des Stücks ist wahr, und der Ton in schöner Harmonie. Die Gruppe ist einfach und natürlich; kurz, so wenig es mir gegeben ist, mit Enthusiasmus und Liebe an einer der Kunst so heteroge¬ nen Wahl zu hangen, so unverkennbar ist Crayers Verdienst in der Behandlung. Un¬ möglich konnte man einen Gegenstand, der an sich das Gefühl so fürchterlich verletzt, wie die Marter des menschlichen Körpers, auf eine interessantere Weise darstellen, so dass man über den Geist und den Adel der Charaktere beinahe die Grässlichkeit des körperlichen Leidens und der vom Henker verzerrten Gestalt vergisst. Die St. Jakobskirche am Königsplatz, sonst auch die Kirche vom Kaudenberg genannt, überraschte uns nach so vielen theils go¬ thischen, theils in einem barbarischen Ge¬ schmack mit Kleinigkeiten und Spielereien überladenen Kirchen, auf eine sehr ange¬ nehme Art. Ihre äussere Facciate ist edel und gross, und hat nur den Fehler, dass sie zu beiden Seiten zwischen Häusern steckt, die zwar nicht übel gebaut, aber doch keines¬ weges an ihrem Platze sind, und den übrigen Bau der Kirche verstecken. Die Basreliefs im Fronton und über der Thüre sind un¬ bedeutend; aber in der schönen korinthi¬ schen Architektur ist Reichthum mit Sim¬ plicität auf die glücklichste Art verbunden. Noch mehr gefiel mir der Anblick des Inne¬ ren von diesem höchst regelmässigen Tempel. Die Proportionen der korinthischen Säulen sind untadelhaft, ihre Kapitäler schön ge¬ schnitzt, und die Dekorationen der Kuppel, der Bogen und der Soffiten von ausgesuchter Schönheit und Eleganz. Die ganze Form des Schiffs, und die Verhältnisse des Kreu¬ zes entzücken das Auge, und diese durch keine kleinliche, unnütze Zierrathen verun¬ staltete, durch nichts Heterogenes gestörte Harmonie wird durch die weisse Farbe, wo¬ mit die ganze Kirche überzogen ist, noch erhöhet. Hier ruhet das Auge und der Geist; hier fühlt man sich wie zu Hause, und glaubt an die Verwandtschaft des Bewohners mit unserm Geiste; hier ist nichts Finstereres, nichts Schauerlicherhabenes. Grösse ist es, mit gefälliger Grazie, mit Schönheit und Liebe umflossen. Die Verschwendung der köstlichsten Marmorarten in den hiesigen Kirchen beklagten wir erst recht lebhaft, nachdem wir dieses schöne Gebäude betrach¬ tet, und uns vorgestellt hatten, welch einen herrlichen Effekt es machen würde, wenn man sie hier angewendet und die Vollkom¬ menheit der Form durch die Pracht und Vortreflichkeit des Stoffs erhöhet hätte. Aber, dass sich nur niemand in Zukunft auf den Geschmack der vermeinten Kunstkenner verlasse! Diese Kirche und Crayers Ge¬ mälde bei den Beguinen hatte man uns mit Achselzucken genannt. Dafür loben sie uns das Portal der Augustinerkirche und Landschaften von Breughel! Der Abbé Mann , ein alter Engländer, verschaffte uns Gelegenheit, das Gemälde¬ kabinet des hiesigen Banquiers, Herrn Dan¬ hot, zu sehen, und ich kann nicht zu früh von dieser vortreflichen Sammlung sprechen, die mich mitten in Brüssel so angenehm an italienische Kunst und ihre Vollkom¬ menheit erinnerte. Ich sage Dir nichts von dem schönen Lukas van Leyden , dessen Verdienst in seinem Alterthum besteht; von den kleinen Stücken, worunter ein Miris befindlich ist, der dem Eigenthümer viertau¬ send Gulden gekostet hat; von den meister¬ haften Landschaften des wackern van Goyen ; von dem Salvator Rosa , dem Bassano , den Teniers gross und klein, fünf an der Zahl, so schön ich sie je gesehen habe; von dem S. Franziskus von Guido , und einer Jung¬ frau, angeblich von demselben Meister, die ich aber beide für Kopien halte; von den zwei Obst naschenden Knaben des Murillo , die, wie alles von diesem Künstler, aus der Natur leibhaft ergriffen sind; ich mag nicht von van Dyk’ s schönen Skizzen sprechen, worunter besonders die Abnehmung vom Kreuze so lieblich gedacht ist, dass man den Tod des Adonis zu sehen glaubte, wenn nicht ein Priester im Messgewande vorn die Illusion zerstörte; nicht von Rembrandts zwey unnachahmlichen Porträten, dem Ma¬ ler und dem Philosophen; nicht von dem vermeintlichen Raphael , der diesen Namen nicht verdient; nicht von Rubens Sabiner¬ raub, von seiner Bürgerschaft von Antwer¬ pen vor Karln dem Fünften; nicht einmal von seiner Rückkehr aus Ägypten, mit Fi¬ guren in Lebensgrösse, wo Gott der Vater sehr gemächlich in den Wolken sitzt, der Christusknabe hingegen mit einem lieblichen Kopf, eine vorzügliche Leichtigkeit im Gange hat. Was konnte ich von diesem Reich¬ thum noch sehen, nachdem ich eine Danaë von Tizian , und ein Porträt der Frau des Malers Joconde , von Leonardo da Vinci’s Hand gesehen und verschlungen hatte? Die Danaë ist eine köstliche Figur; sie liegt da und lebt. Mehr wird kein Mensch zu ih¬ rem Lobe sagen können. Farbe, Gestalt der Muskeln, Frische und Sammetweiche der Haut, sind wahr bis zum Angreifen, und in der Fülle der Reize. Es ist nur Schade, dass der grosse Meister diesem schönen Körper keine Seele schuf; der leere Kopf mit den geschlossenen Augen ist auszeich¬ nend hässlich; man möchte ihn aus dem Bilde herausschneiden, damit er dessen Har¬ monie nicht störte. Frau Joconde erinnerte mich augenblicklich an mein Lieblingsbild in der Landgräflichen Galerie zu Cassel, wo dem Künstler genau dasselbe Gesicht zu einer himmlischen Madonna gedient haben muss. Das Kolorit des hiesigen Stücks hat indess vor jenem einen entschiedenen Vor¬ zug. Sie hält die eine Hand mit einer Aglaienblume ein wenig steif nach Art der älteren Maler empor; in der andern hat sie blühenden Jasmin, und im Schoosse liegen noch noch einige Blumen. Ein wenig Härte und Trockenheit mag immer der Pinsel beibe halten haben; es ist doch unmöglich eher daran zu denken, als bis man an den Wun¬ dern der Zeichnung geschwelgt hat, und ei¬ nen Vorwand sucht, um endlich sich Ios¬ zureissen. Umsonst! diese kleinen Unvoll¬ kommenheiten, die so innig mit der Schön¬ heit und dem Seelenadel des Weibes ver¬ webt sind, werden bei ihr zu neuen Fesseln für unser Auge und für das Herz. Man überredet sich gern, dass etwas so Vortref¬ liches nicht anders, als wie es ist, vortref¬ lich seyn könne, und liebt den Flecken um des Platzes willen, den man ihm beneidet. Die Natur hat die Talente nicht vereinigen können, nicht Tizian’s Sinn für den zarten Hauch des Lebens, mit unseres Leonardo’s leiser Ahndung des Seelenausdrucks! Sie gehen also wohl nicht beisammen, und wir I . Theil . I i begnügen uns, — begnügen? so vermessen dürften wir vom Genusse der edelsten Schöp¬ fungen des Genius sprechen? — wir sind überglücklich, uns in den Gesichtspunkt ei¬ nes jeden einzeln zu versetzen, und ihre Seele in einer Sprache von unaussprechlichen Ausdrücken mit der unsrigen in Gemein¬ schaft treten zu lassen. Ein jeder wähle, was ihm frommt! ich halte mich hier an den Zauberer, der Geister vor mir erschei¬ nen lässt; wohlthätige Erscheinungen, die, einmal gesehen, ewig unvertilgbare Spuren ihres Daseyns im Innern des Schauenden hinterlassen. Ist das eines Malers Frau? dann werft eure Palletten weg, ihr anderen Maler, wenn ihr Madonnen und Engel, die seligen Bewohner des reinen Äthers, malen sollt. Sie hat in sich die Fülle alles dessen, was Andern Regel und Muster ist; ihr selbst unbewusst, denn sie kennt weder Re¬ gel noch Muster. Ihr Sinn ist Jungfräulich¬ keit, ihr Thun lauter, wie das Element, in dem eure Götter athmen; Sanftmuth und die äusserste Feinheit umschweben ihren wahren, zarten Mund; unbeschreiblich leise sinnt es nach in ihr, im Eindruck des Kopfs um die Gegend der Schläfe; heilig und rein ist das grosse niedergeschlagene Augenpaar, das die Welt in sich aufnimmt, und sie schöner wiedergiebt. Wer möchte nicht unsichtbar sie umschweben, in ihrer dunklen Grotte, deren Grund fast nicht zu erkennen ist, wo sie einsam und in stiller Ruhe die Natur der Blüthen ergründet, sie selbst die zarteste und schönste der Blüthen! Die Mauerraute wuchert in den Ritzen der feuchten Felsenwand, und die Ranken des Zimbelkrauts hangen üppig daran herunter und wollen gedrückt seyn von Ihr! Alles ist vollendet, und bis auf die zartesten I i 2 Merkzeichen ausgemalt, alles in seinen un¬ bedeutendsten Umrissen wahr und bestimmt. O Carlo Dolce! wehe dem, der von einem solchen Meister wie Leonardo da Vinci nicht lernte, die Sorgfalt der Natur von der ekelhaften Pinselei der Manier unterscheiden! Ende des ersten Bandes . Gedruckt bei Johann Friedrich Unger . Inhalt des ersten Bandes . I. Boppart. Rheinfahrt. Frühlingsblüthen. Bildung des Rhein¬ bettes. Weinbau im Rheingau und Armuth der Rheinländer. Abentheuer. S. 1 II. Andernach. Koblenz und Ehrenbreitstein. Gefangene daselbst. Ungenähtes Hemde Christi. Lederfabriken. Neu¬ wied; Herrnhuter. Seelenunzucht. Menschenrace des Niederrheins. S. 16 III. Kölln. Gebirge zwischen Bingen und Bonn. Bimssteinlager bei Andernach. Vulkanistische Hypothesen. Ba¬ saltberge, insbesondere der Basaltbruch bei Unkel. Naturalienkabinet des Kuhrfürsten von Kölln in Bonn. Fälschlich so genannter fossiler Menschen¬ schedel. Charakteristik unseres Zeitalters. S. 36 IV. Kölln. Der Dom, oder die Kathedralkirche. Versuch über die Humanität des Künstlers. S. 70 I i 3 V. Düsseldorf. Anblick von Kölln. Pöbel und Geistlichkeit. Bette¬ lei und Intoleranz. Pferdeknochen unter den Ge¬ beinen in der Ursulakirche. Klimatischer Unter¬ schied in der Religion. Kreuzigung Petri von Rubens. Neuangelegte Stadt bei Düsseldorf. Über die Regierungskunst und über Regentenkünste. Kloster la Trappe. S. 90 VI. Düsseldorf. Über die Mittheilung der Eindrücke des Gesehenen. — Wie bildet sich der Künstler? Erste Ansicht der Bildergallerie. Rubens jüngstes Gericht. S.114 VII. Düsseldorf. Fernere Erinnerungen aus der Galerie. Rubens. Al¬ brecht Dürer. Gerard Douw. Teniers. Schal¬ ken. Gasparo (Dughet). Snyers. Van der Werff. Crayer. Van Dyk. S. 163 VIII. Düsseldorf. Vom Ideal. Italienische Malerei. Susanna von Do¬ menico Zampieri (Dominichino,) und von Annibal Caracci. Heilige Familien von Raphael und von Andrea del Sarto. Pietro da Cortonas Ehebreche¬ rin. Carlo Dolce. Johannes in der Wüste von einem Ungenannten. Guido Reni’s Himmelfahrt der Jungfrau. Aretin von Tizian. Christus mit der Dornenkrone von Corregio. Barbarei. S. 196 IX. Aachen. Lage von Jülich. Verminderte Volksmenge von Aa¬ chen, und deren Ursachen. Kaiserliche Kommis¬ sion seit 1786. Neuer Konstitutionsplan des Herrn von Dohm. Das Zunftwesen mit seinen Folgen. Verfall der Tuchmanufaktur. Flor der benachbar¬ ten Fabriken. Armuth und Bettelstand in Aachen. Mögliche politische und sittliche Freiheit. S. 251 X. Aachen. Lage von Burscheid. Nadelfabrik und Tuchfabrik da¬ selbst. Tuchfabriken in Vaals. Färberei. Tuch¬ handel. Ideen über den künftigen Zustand von Europa. Krönungsstuhl von Marmor in der Ka¬ thedralkirche. Zerspaltene Thore von Erz, nebst der dazu gehörigen Legende. Charfreitagspro¬ zession. S. 284 XI. Lüttich. Aussicht der Stadt. Französische Nationalzüge in Bil¬ dung und Charakter der Lütticher. Wallonische Sprache. von Aachen nach Lüttich. An¬ sicht des Limburgischen. Brabantische Miliz, Abstich der Lütticher Nationaltruppen dagegen. Stimmung des Volks. Freiheitssinn. Apologie der uneingeschränkten Denk- und Sprechfreiheit. Definition der Bestimmung des Menschen. Ab¬ weichung des wirklich Existirenden vom hypothe¬ tischen Unbedingten. Politische Verfassung von Lüttich seit 1316 bis 1789. Missbrauch der Ge¬ walt. Von willkührlicher Gewalt nicht zu un¬ terscheidender rechtmässiger Zwang. Grund der wirklich bestehenden Verfassungen. Unveräusser¬ liche Rechte des Menschen. Ursachen von dem Unbestande der Verfassungen. Antinomien der Politik. Gleich unausführbare Entwürfe zur Uni¬ versalmonarchie und zum allgemeinen Staatenbun¬ de. Ringende Kräfte im Menschen und in der ganzen Natur. Blick über Lüttich von der Cita¬ delle. Politik der Nachbaren. Vertheidigungsan¬ stalten. Unfall, der den preussischen General be¬ troffen hat. S. 326 XII. Löwen. Ansicht der Gegend von Lüttich bis Löwen. La puissance de Dieu est grande ! Schöne Dörfer und Menschen. Tirlemont. Anbau. Reisegesellschaft. Universitätsgebäude in Löwen. Unausgepackte Bibliothek. Doktorpromotionen. Methodische Ignoranz. Josephs des Zweiten Re¬ form. Neue Barbarei. Das Rathhaus. Collegium Faiconis. Flämische Sprache. Löwener Bier. Volksmenge. S. 417 XIII. Brüssel. Fahrt von Löwen auf der Barke nach Mecheln. Ir¬ ländischer Mönch. Todtenstille in Mecheln. Ka¬ thedralkirche zu St. Romuald. Kardinal- Erzbischof von Mecheln. Gemälde von Rubens in der Johan¬ niskirche. Prunkendes Portal der Jesuitenkirche. Geschnitzte Kanzel zu U. L. F. von Hanswyk. St. Bernhard und die Muttergottes. Vor der Ho¬ stie knieender Esel. Schwarm von Ordensgeistli¬ chen. Ansicht der Gegend zwischen Mecheln und Brüssel. Recht der Geringen über die Grossen zu urtheilen. S. 457 XIV, Brüssel. Ansicht von Brüssel. Pracht der Gebäude. Anekdo¬ te von Peter dem Grossen. Veränderter Zustand der Stadt seit achtzehn Jahren. Kühner Spitzthurm des Rathhauses. Prinz Karls Statue zu Pferde auf dem Giebel des Brauerhauses. Neue Häuser an der Stelle aufgehobener Klöster. Kornmarkt. Phy¬ siognomische Anzeichnungen über den Pöbel von Brüssel. St. Gudulakirche. Vortrefliches Gemäl¬ de von Rubens. Kreuzigung Christi von Crayer in der Kirche des grossen Beguinenhofs. St. Ja¬ kobskirche zum Kaudenberg. Herrn Danhots Ge¬ mäldesammlung. Danae von Tizian. Porträt ei¬ nes Frauenzimmers von Leonardo da Vinci. S. 477 Druckfehler . Seite 6. Zeile 5. nach Rheingau ein Comma. — 28. — 4. Cüristen lies : Christen. — 47. — 15. charakterischie l . charakteristische. — 81. — 17. ies l . sie. — 121. — 16. Asthetisches l . Ästhetisches. — 165. — 6. unendlichen l . unendlich. — 171. — 11. der Mann l . den Mann. — 187. — letzte Z. nach gebildet l . nachgebildet. — 244. — 6. umgehen l . umgeben. — 310. — 16. Korden l . Karden. — 336. — 10. Wahrscheinlich l . Wahrschein¬ licher. — 331. — 13. — — — 14. hon l. hou . — 334. — 7. wogichen l . wogichten. 351. — 19. dem der Künstler l . den der Künstler. — 367 — 4. Ansprüche l . Aussprüche. — 386 — 1. sestzte l . setzte.