Die Jahreszeiten . Eine Vierteljahrsschrift für romantische Dichtungen . Herausgegeben von Friedrich Baron de la Motte Fouqué u. a. m. 1811 . Fruͤhlings-Heft . Mit Musik von J. H. Jung, genannt Stilling. Berlin, bei J. E. Hitzig . Inhalt . Undine . Eine Erzaͤhlung vom Verfasser des To- desbundes. Musik zu den Romanzen aus Stillings Jugend und Juͤnglingsjahren. Mit einer Zugabe von Liedermelodieen, und einem Vorwort vom Her- ausgeber . Musik zu den Romanzen aus Stillings Jugend und Juͤnglingsjahren . Mitgetheilt von J. H. Jung , genannt Stilling . Zugabe . Zwei Lieder ebendaher . Vorwort zu Stillings Liedermelodieen . D ie Leser von Heinrich Stillings Leben, — und hoffentlich giebt es deren in Deutschland noch viele, — werden sich uͤber die einfachen, herzvol- len, Weisen freuen, deren hier zu zwei schoͤnen Romanzen und zwei Liedern in jenem Buche er- scheinen. Der Herausgeber hat sie von dem ehr- wuͤrdigen Verfasser selbst, mit Erlaubniß zu deren Bekanntmachung, — wie sich das wohl ohne- hin versteht, da er sie bekannt macht, — und auch mit dem Versprechen, noch andre aus die- ser Reihe nachgeliefert zu bekommen, erhalten. — Wenn auch Worte und Weise der Romanzen nicht mehr dieselben sind, welche Stillings Basen unter dem Kirschbaume und sonst an stillen, lieb- lichen Orten sangen, so sind sie doch gewiß ein hoͤchst reiner Nachhall derselben, und moͤgen im- merhin Volkslieder heißen, da sie dem reinen Herzen des in Wald und Gebirg, unter Koͤh- lern und ihren Sagen, bei dem Lesen schoͤner altdeutscher Historien aufgewachsenen, Stilling entquollen. Anders ist es wohl mit seinen, als Zugabe mitgetheilten, und als eigne Arbeiten aufgefuͤhrten Poesieen, z. B. hier mit dem Liede: „hoͤrt ihr lieben Voͤgelein.” Aber auch in diesen, sowohl in Worten als Musik, werden solche, die fuͤr Stillings Leben Sinn haben, des Ruͤhren- den und Ergreifenden unendlich viel antreffen. de la Motte Fouqué . Vorwort . D ie mit dem gegenwaͤrtigen Hefte begonnene Zeitschrift, wovon in jedem Vierteljahre ein neues, von unbestimmter Staͤrke, je nachdem Vorrath an brauchbaren Materialien vorhanden ist, er- scheinen soll, ist ausschließlich romantischen Dichtungen , jedoch im weitesten Sinne des Wortes, bestimmt. Sie hat keinen andern Zweck, als zu unterhalten , daher liegt Alles, was nicht allgemein lesbar, verstaͤndlich und ein- gaͤnglich scheint, außer ihrem Zweck. Aus eben dieser Ruͤcksicht auf ein groͤßeres Publikum, sind auch Fragmente , welcher Art sie seyn moͤgen, wenn sie nicht fuͤr sich ein vollstaͤndiges Ganze bilden, davon ausgeschlossen. Man kann den Lesern die Zusicherung geben, daß sehr beliebte Schriftsteller sich diesem Unternehmen guͤnstig zugewandt haben, deren Namen zu nennen aber so lange indiscret seyn wuͤrde, bis es sich erst entschieden hat, ob es den zu seiner Fortdauer noͤthigen Beifall zu erhalten vermag. Die Redaktion . Undine, eine Erzaͤhlung . Vom Verfasser des Todesbundes . A Erstes Kapitel . Wie der Ritter zu dem Fischer kam . E s moͤgen nun wohl schon viele hundert Jahre her sein, da gab es einmal einen alten guten Fischer, der saß eines schoͤnen Abends vor der Thuͤr, und flickte seine Netze. Er wohnte aber in einer uͤberaus anmuthigen Gegend. Der gruͤne Boden, worauf seine Huͤtte gebaut war, streckte sich weit in einen großen Landsee hinaus, und es schien eben so wohl, die Erdzunge habe sich aus Liebe zu der blaͤulich klaren, wunderhellen, Fluth, in diese hinein gedraͤngt, als auch, das Wasser habe mit verliebten Armen nach der schoͤ- nen Aue gegriffen, nach ihren hoch schwanken- den Graͤsern und Blumen, und nach dem er- quicklichen Schatten ihrer Baͤume. Eins ging A 2 bei dem Andern zu Gaste, und eben deshalb war jegliches so schoͤn. Von Menschen freilich war an dieser huͤbschen Stelle wenig oder gar nichts anzutreffen, die Fischer und seine Haus- leute ausgenommen. Denn hinter der Erdzunge lag ein sehr wilder Wald, den die mehrsten Leute wegen seiner Finsterniß und Unwegsam- keit, wie auch wegen der wundersamen Creatu- ren und Gaukeleien, die man darin antreffen sollte, allzusehr scheueten, um sich ohne Noth hineinzubegeben. Der alte fromme Fischer je- doch durchschritt ihn ohne Anfechtung zu vielen Malen, wenn er die koͤstlichen Fische, die er auf seiner schoͤnen Landzunge fing, nach einer gro- ßen Stadt trug, welche nicht sehr weit hinter dem großen Walde lag. Es ward ihm wohl mehrentheils deswegen so leicht, durch den Forst zu ziehn, weil er fast keine andre, als fromme, Gedanken hegte, und noch außerdem jedesmal, wenn er die verrufenen Schatten betrat, ein geistliches Lied aus heller Kehle und aufrichtigem Herzen anzustimmen gewohnt war. Da er nun an diesem Abende ganz arglos bei den Netzen saß, kam ihn doch ein unverse- hener Schrecken an, als er es im Waldesdunkel rauschen hoͤrte, wie Roß und Mann, und sich das Geraͤusch immer naͤher nach der Landzunge herauszog. Was er in manchen stuͤrmigen Naͤch- ten von den Geheimnissen drs Forstes getraͤumt hatte, zuckte ihm nun anf einmal durch den Sinn, vor Allem das Bild eines riesenmaͤßig langen, schneeweißen Mannes, der unaufhoͤrlich auf eine seltsame Art mit dem Kopfe nickte. Ja, als er die Augen nach dem Walde aufhob, kam es ihm ganz eigentlich vor, als sehe er durch das Laubgegitter den nickenden Mann hervor kom- men. Er nahm sich aber bald zusammen, er- waͤgend, wie ihm doch niemals in dem Walde selbsten was Bedenkliches widerfahren sei, und also auf der freien Landzunge der boͤse Geist wohl noch minder Gewalt uͤber ihn ausuͤben duͤrfe. Zugleich betete er recht kraͤftiglich einen biblischen Spruch laut aus dem Herzen heraus, wodurch ihm der kecke Muth auch zuruͤcke kam, und er fast lachend sah, wie sehr er sich geirrt hatte. Der weiße, nickende Mann ward naͤm- lich urploͤtzlich zu einem ihm laͤngst wohlbekann- ten Baͤchlein, das schaͤumend aus dem Forste hervorrann, und sich in den Landsee ergoß. Wer aber das Geraͤusch verursacht hatte, war ein schoͤn geschmuͤckter Ritter, der zu Roß durch den Baumschatten gegen die Huͤtte vorgeritten kam. Ein scharlachrother Mantel hing ihm uͤber sein veilchenblaues, goldgesticktes, Wamms herab; von dem goldfarbigen Barette wallten rothe und veilchenblaue Federn, am goldnen Wehrgehenke blitzte ein ausnehmend schoͤnes und reichverziertes Schwerdt. Der weiße Hengst, der den Ritter trug, war schlankeren Baues, als man es sonst bei Streitrossen zu sehen gewohnt ist, und trat so leicht uͤber den Rasen hin, daß dieser gruͤn- bunte Teppich auch nicht die mindeste Verlet- zung davon zu empfangen schien. Dem alten Fischer war es noch immer nicht ganz geheuer zu Muth, obwohl er einzusehn meinte, daß von einer so holden Erscheinung nichts Uebles zu be- fahren sei, weshalb er auch seinen Hut ganz sittig vor dem naͤherkommenden Herrn abzog, und gelassen bei seinen Netzen verblieb. Da hielt der Ritter stille, und fragte, ob er wohl mit seinem Pferde auf diese Nacht hier Unter- kommen und Pflege finden koͤnne? — Was Euer Pferd betrifft, lieber Herr, entgegnete der Fischer, so weiß ich ihm keinen bessern Stall anzuweisen, als diese beschattete Wiese, und kein besseres Futter, als das Gras, wel- ches darauf waͤchst. Euch selbst aber will ich gerne in meinem kleinen Hause mit Abend- brod und Nachtlager bewirthen, so gut es unser Einer hat. — Der Ritter war damit ganz wohl zufrieden, er stieg von seinem Rosse, welches die beiden gemeinschaftlich losguͤrteten und loszuͤgelten, und ließ es alsdann auf den blumigen Anger hinlaufen, zu seinem Wirthe sprechend: haͤtt’ ich Euch auch minder gastlich und wohlmeinend gefunden, mein lieber alter Fischer, Ihr waͤret mich dennoch wohl fuͤr Heute nicht wieder losgeworden, denn, wie ich sehe, liegt vor uns ein breiter See, und mit sinken- dem Abende in den wunderlichen Wald zuruͤck zu reiten, davor bewahre mich der liebe Gott! — Wir wollen nicht allzuviel davon reden, sagte der Fischer, und fuͤhrte seinen Gast in die Huͤtte. Drinnen saß bei dem Heerde, von welchem aus ein spaͤrliches Feuer die daͤmmernde, rein- liche, Stube erhellte, auf einem großen Stuhle, des Fischers betagte Frau; beim Eintritte des vornehmen Gastes stand sie freundlich gruͤßend auf, setzte sich aber an ihren Ehrenplatz wieder hin, ohne diesen dem Fremdling anzubieten, wo- bei der Fischer laͤchelnd sagte: Ihr muͤßt es ihr nicht veruͤbeln, junger Herr, daß sie Euch den bequemsten Stuhl im Hause nicht abtritt; das ist so Sitte bei armen Leuten, daß der den Alten ganz ausschließlich gehoͤrt. — Ei, Mann, sagte die Frau mit ruhigem Laͤcheln, wo denkst Du auch hin? Unser Gast wird doch zu den Christenmenschen gehoͤren, und wie koͤnnte es alsdann dem lieben jungen Blut ein- fallen, alte Leute von ihren Sitzen zu verja- gen? — Setzt Euch, mein junger Herr, fuhr sie, gegen den Ritter gewandt, fort; es steht dorten noch ein recht artiges Sesselein, nur muͤßt Ihr nicht allzu ungestuͤm damit hin und her rutschen, denn das eine Bein ist nicht all- zufeste mehr. — Der Ritter holte den Ses- sel achtsam herbei, ließ sich freundlich darauf nie- der, und es war ihm zu Muthe, als sei er mit diesem kleinen Haushalt verwandt, und eben jetzt aus der Ferne dahin heim gekehrt. Die drei guten Leute fingen an, hoͤchst freund- lich und vertraulich mit einander zu sprechen. Vom Walde, nach welchem sich der Ritter einige Male erkundigte, wollte der alte Mann freilich nicht viel wissen; am wenigsten, meinte er, passe sich das Reden davon jetzt in der einbrechenden Nacht; aber von ihrer Wirthschaft und sonstigem Treiben erzaͤhlten die beiden Eheleute desto mehr, und hoͤrten auch gerne zu, als ihnen der Ritters- mann von seinen Reisen vorsprach, und daß er eine Burg an den Quellen der Donau habe, und Herr Huldbrand von Ringstetten geheißen sei. Mitten durch das Gespraͤch hatte der Frem- de schon bisweilen ein Plaͤtschern am niedrigen Fensterlein vernommen, als spruͤtze Jemand Was- ser dagegen. Der Alte runzelte bei diesem Ge- raͤusche jedesmal unzufrieden die Stirn; als aber endlich ein ganzer Guß gegen die Scheiben flog, und durch den schlechtverwahrten Rahmen in die Stube herein sprudelte, stand er unwillig auf, und rief drohend nach dem Fenster hin: Undi- ne! Wirst Du endlich einmal die Kindereien lassen. Und ist noch obenein Heut ein fremder Herr bei uns in der Huͤtte. — Es ward auch draußen stille, nur ein leises Gekicher ließ sich noch vernehmen, und der Fischer sagte, zuruͤck kommend: das muͤßt Ihr nun schon zu Gute halten, mein ehrenwerther Gast, und vielleicht noch manche Ungezogenheiten mehr, aber sie meint es nicht boͤse. Es ist naͤmlich unsere Pflegetochter Undine, die sich das kindische We- sen gar nicht abgewoͤhnen will, ob sie gleich bereits in ihr achtzehentes Jahr gehen mag. Aber wie gesagt, im Grunde ist sie doch von ganzem Herzen gut. — Du kannst wohl spre- chen! entgegnete kopfschuͤttelnd die Alte. Wenn Du so von Fischfang heimkommst oder von der Reise, da mag es mit ihren Schaͤkereien ganz was Artiges sein. Aber sie den ganzen Tag lang auf dem Halse haben, und kein kluges Wort hoͤren, und statt bei wachsendem Alter Huͤlfe im Haushalte zu finden, immer nur da- fuͤr sorgen muͤssen, daß uns ihre Thorheiten nicht vollends zu Grunde richten, — da ist es gar ein Andres, und die heilige Geduld selb- sten wuͤrd’ es am Ende satt. — Nun, nun, laͤchelte der Hausherr, Du hast es mit Undi- nen, und ich mit dem See. Reißt mir der doch auch oftmals meine Daͤmme und Netze durch, aber ich hab’ ihn dennoch gern, und Du mit allem Kreuz und Elend das zierliche Kind- lein auch. Nicht wahr? — Ganz boͤse kann man ihr eben nicht werden, sagte die Alte, und laͤchelte beifaͤllig. Da flog die Thuͤre auf, und ein wunder- schoͤnes Blondchen schluͤpfte lachend herein, und sagte: Ihr habt mich nur gefoppt, Vater; wo ist denn nun Euer Gast? — Selben Au- genblicks aber ward sie auch den Ritter gewahr, und blieb staunend vor dem schoͤnen Juͤnglinge stehn. Huldbrand ergoͤtzte sich an der holden Gestalt, und wollte sich die lieblichen Zuͤge recht achtsam einpraͤgen, weil er meinte, nur ihre Ueberraschung laße ihm Zeit dazu, und sie wer- de sich bald nachher in zwiefacher Bloͤdigkeit vor seinen Blicken abwenden. Es kam aber ganz anders. Denn als sie ihn nun recht lange an- gesehn hatte, trat sie zutraulich naͤher, kniete vor ihm nieder, und sagte, mit einem goldnen Schaupfennige, den er an einer reichen Kette auf der Brust trug, spielend: ei Du schoͤner, Du freundlicher Gast, wie bist Du denn end- lich in unsre arme Huͤtte gekommen? Muß- test Du denn Jahre lang in der Welt herum- streifen, bevor Du dich auch einmal zu uns fandest? Kommst Du aus dem wuͤsten Walde, Du schoͤner Freund? — Die scheltende Alte ließ ihm zur Antwort keine Zeit. Sie ermahnte das Maͤdchen, fein sittig aufzustehn, und sich an ihre Arbeit zu begeben. Undine aber zog, ohne zu antworten, eine kleine Fußbank neben Huldbrands Stuhl, setzte sich mit ihrem Gewe- be darauf nieder, und sagte freundlich: hier will ich arbeiten. Der alte Mann that, wie Aeltern mit verzognen Kindern zu thun pflegen. Er stellte sich, als merke er von Undinens Unart nichts, und wollte von etwas Anderm anfangen. Aber das Maͤdchen ließ ihn nicht dazu. Sie sagte: woher unser holder Gast kommt, habe ich ihn gefragt, und er hat mir noch nicht ge- antwortet. — Aus dem Walde komme ich, Du schoͤnes Bildchen, entgegnete Huldbrand, und sie sprach weiter: so mußt Du mir er- zaͤhlen, wie Du da hineinkamst, denn die Men- schen scheuen ihn sonst, und was fuͤr wunder- liche Abentheuer Du darinnen erlebt hast, weil es doch ohne dergleichen dorten nicht abgehn soll. — Huldbrand empfand einen kleinen Schauer bei dieser Erinnernng , und blickte un- willkuͤrlich nach dem Fenster, weil es ihm zu Muthe war, als muͤsse eine von den seltsamli- chen Gestalten, die ihm im Forste begegnet wa- ren, von dort hereingrinzen; er sah nichts, als die tiefe, schwarze Nacht, die nun bereits drau- ßen vor den Scheiben lag. Da nahm er sich zusammen, und wollte eben seine Geschichte an- fangen, als ihn der Alte mit den Worten un- terbrach: nicht also, Herr Ritter; zu derglei- chen ist es jetzund keine gute Zeit. — Undi- ne aber sprang zornmuͤthig von ihrem Baͤnkchen auf, setzte die schoͤnen Arme in die Seiten, und rief, sich dicht vor den Fischer hinstellend: er soll nicht erzaͤhlen, Vater? Er soll nicht? Ich aber will’s; er soll! Er soll doch! — Und damit trat das zierliche Fuͤßchen heftig gegen den Boden, aber das Alles mit solch einem drol- lig anmuthigen Anstande, daß Huldbrand jetzt in ihrem Zorn fast weniger noch die Augen von ihr wegbringen konnte, als vorher in ihrer Freundlichkeit. Bei dem Alten hingegen brach der zuruͤckgehaltene Unwillen in volle Flammen aus. Er schalt heftig auf Undinens Ungehorsam und unsittiges Betragen gegen den Fremden, und die gute alte Frau stimmte mit ein. Da sagte Undine: wenn ihr zanken wollt, und nicht thun, was ich haben will, so schlaft al- lein in Eurer alten, raͤuchrigen Huͤtte! — Und wie ein Pfeil war sie aus der Thuͤr, und fluͤchtigen Laufes in die finstere Nacht hinaus. Zweites Kapitel . Auf welche Weise Undine zu dem Fischer gekom- men war. H uldbrand und der Fischer sprangen von ihren Sitzen, und wollten dem zuͤrnenden Maͤdchen nach. Ehe sie aber an die Huͤttenthuͤr gelang- ten, war Undine schon lange in dem wolkigen Dunkel draußen verschwunden, und auch kein Geraͤusch ihrer leichten Fuͤße verrieth, wohin sie ihren Lauf wohl gerichtet haben koͤnne. Huld- brand sah fragend nach seinem Wirthe; fast kam es ihm vor, als sei die ganze liebliche Er- scheinung, die so schnell in die Nacht wieder un- tergetaucht war, nichts andres gewesen, als eine Fortsetzung der wunderlichen Gebilde, die fruͤher im Forste ihr loses Spiel mit ihm getrieben hat- ten, aber der alte Mann murmelte in seinen Bart: Bart: es ist nicht das Erstemal, daß sie es uns also macht. Nun hat man die Angst auf dem Herzen, und den Schlaf aus den Augen fuͤr die ganze Nacht; denn wer weiß, ob sie nicht den- noch einmal Schaden nimmt, wenn sie so draus- sen im Dunkel allein ist bis an das Morgen- roth. — So laßt uns ihr doch nach, Va- ter, um Gott! rief Huldbrand aͤngstlich aus. Der Alte erwiederte; wozu das? Es waͤr’ ein suͤndlich Werk, ließ’ ich Euch in Nacht und Ein- samkeit dem thoͤrichten Maͤdchen so ganz alleine folgen, und meine alten Beine holen den Spring- insfeld nicht ein, wenn man auch wuͤßte, wo- hin sie gerannt ist. — Nun muͤssen wir ihr doch nachrufen mindestens, und sie bitten, daß sie wiederkehrt, sagte Huldbrand, und begann auf das beweglichste zu rufen; Undine! Ach Undine! Komm’ doch zuruͤck! — Der Alte wiegte sein Haupt hin und her, sprechend, all’ das Geschrei helfe am Ende zu nichts; der Rit- ter wisse noch nicht, wie trotzig die Kleine sei. Dabei aber konnte er es doch nicht unterlassen, B oͤfters mit in die finstre Nacht hinauszurufen: Undine! Ach liebe Undine! Ich bitte Dich, komme doch nur dies Einemal zuruͤck. Es ging indessen, wie es der Fischer gesagt hatte. Keine Undine ließ sich hoͤren oder sehn, und weil der Alte durchaus nicht zugeben woll- te, daß Huldbrand der Entflohenen nachspuͤrte, mußten sie endlich Beide wieder in die Huͤtte gehen. Hier fanden sie das Feuer des Heerdes beinahe erloschen, und die Hausfrau, die sich Un- dinens Flucht und Gefahr bei weitem nicht so zu Herzen nahm, als ihr Mann, bereits zur Ruhe gegangen. Der Alte hauchte die Kohlen wieder an, legte trocknes Holz darauf, und suchte bei der wieder auflodernden Flamme einen Krug mit Wein hervor, den er zwischen sich und sei- nen Gast stellte. — Euch ist auch Angst wegen des dummen Maͤdchens, Herr Ritter, sagte er, und wir wollen lieber einen Theil der Nacht verplaudern und vertrinken, als uns auf den Schilfmatten vergebens nach dem Schlafe her- umwaͤlzen. Nicht wahr? — Huldbrand war gerne damit zufrieden, der Fischer noͤthigte ihn auf den ledigen Ehrenplatz der schlafen gegang- nen Hausfrau, und beide tranken und sprachen miteinander, wie es zwei wackern und zutrauli- chen Maͤnnern geziemt. Freilich, so oft sich vor den Fenstern das Geringste regte, oder auch bis- weilen, wenn sich gar nichts regte, sah Eines von beiden in die Hoͤhe, sprechend: sie kommt. — Dann wurden sie ein Paar Augenblicke stille, und fuhren nachher, da nichts erschien, kopfschuͤt- telnd und seufzend in ihren Reden fort. Weil aber nun Beide an fast gar nichts andres zu denken vermochten, als an Undinen, so wußten sie auch nichts beßres, als, der Rit- ter, zu hoͤren, welchergestalt Undine zu dem alten Fischer gekommen sei, der alte Fischer, eben diese Geschichte zu erzaͤhlen. Deshalben hub er folgendermaßen an. Es sind nun wohl funfzehn Jahre vergan- gen, da zog ich einmal durch den wuͤsten Wald mit meiner Waare nach der Stadt. Meine Frau war daheim geblieben, wie gewoͤhnlich; B 2 und solches zu der Zeit auch noch um einer gar huͤbschen Ursache willen, denn Gott hatte uns, in unserm damals schon ziemlich hohen Alter ein wunderschoͤnes Kindlein bescheert. Es war ein Maͤgdlein, und die Rede ging bereits unter uns, ob wir nicht, dem neuen Ankoͤmmlinge zu Frommen, unsre schoͤne Landzunge verlassen woll- ten, um die liebe Himmelsgabe kuͤnftig an be- wohnbaren Orten besser aufzuziehen. Es ist frei- lich bei armen Leuten nicht so damit, wie Ihr es meinen moͤgt, Herr Ritter; aber, lieber Gott! Jedermann muß doch einmal thun, was er ver- mag. — Nun, mir ging unterweges die Ge- schichte ziemlich im Kopfe herum. Diese Land- zunge war mir so im Herzen lieb, und ich fuhr ordentlich zusammen, wenn ich unter dem Laͤrm und Gezaͤnke in der Stadt bei mir selbsten den- ken mußte: in solcher Wirthschaft nimmst auch du nun mit naͤchstem Deinen Wohnsitz, oder doch in einer nicht viel stillern! — Dabei aber hab’ ich nicht gegen unsern lieben Herrngott ge- murret, vielmehr ihm im Stillen fuͤr das Neu- geborne gedankt; ich muͤßte auch luͤgen, wenn ich sagen wollte, mir waͤre auf dem Hin- oder Ruͤckwege durch den Wald irgend etwas bedenk- licheres aufgestoßen, als sonst, wie ich denn nie etwas Unheimliches dorten gesehn habe. Der Herr war immer mit mir in den verwunderli- chen Schatten. Da zog er sein Muͤtzchen von dem kahlen Schaͤdel, und blieb eine Zeitlang in betenden Gedanken sitzen. Dann bedeckte er sich wieder, und sprach fort: Dießeits des Waldes, ach dießeits, da zog mir das Elend entgegen. Meine Frau kam ge- gangen mit stroͤmenden Augen wie zwei Baͤche; sie hatte Trauerkleider angelegt. — O lieber Gott, aͤchzte ich, wo ist unser liebes Kind? Sag’ an! — Bei dem, den Du rufest, lieber Mann entgegnete sie, und wir gingen nun stillweinend mit einander in die Huͤtte. Ich suchte nach der kleinen Leiche; da erfuhr ich erst, wie Alles ge- kommen war. Am Seeufer hatte meine Frau mit dem Kinde gesessen, und wie sie so recht sorglos und selig mit ihm spielt, buͤckt sich die Kleine auf Einmal vor, als saͤhe sie etwas ganz Wunderschoͤnes im Wasser; meine Frau sieht sie noch lachen, den lieben Engel, und mit den Haͤnd- chen greifen; aber im Augenblick schießt sie ihr durch die rasche Bewegung aus den Armen, und in den feuchten Spiegel hinunter. Ich habe viel gesucht nach der kleinen Todten; es war zu nichts; auch keine Spur von ihr war zu finden. — Nun wir verwaisten Aeltern saßen denn noch selbigen Abends still beisammen in der Huͤt- te, zu reden hatte Keiner Lust von uns, wenn man es auch gekonnt haͤtte vor Thraͤnen. Wir sahen so in das Feuer des Heerdes hinein. Da raschelt was draußen an der Thuͤr; sie springt auf, und ein wunderschoͤnes Maͤgdlein von etwa drei, vier Jahren, steht reich geputzt auf der Schwelle, und laͤchelt uns an. Wir blieben ganz stumm vor Erstaunen, und ich wußte erst nicht, war es ein ordentlicher, kleiner Mensch, war es blos ein gaukelhaftiges Bildniß. Da sah’ ich aber das Wasser von den goldnen Haa- ren und den reichen Kleidern herabtroͤpfeln, und merkte nun wohl, das schoͤne Kindlein habe im Wasser gelegen, und Huͤlfe thue ihm Noth. — Frau, sagte ich, uns hat Niemand unser liebes Kind erretten koͤnnen; wir wollen doch wenig- stens an andern Leuten thun, was uns seelig auf Erden machen wuͤrde, vermoͤchte es Jemand an uns zu thun. — Wir zogen die Kleine aus, brachten sie zu Bett’ und reichten ihr waͤrmende Getraͤnke, wobei sie kein Wort sprach, und uns blos aus den beiden seeblauen Augenhimmeln immerfort laͤchelnd anstarrte. Des andern Morgens ließ sich wohl abneh- men, daß sie keinen weitern Schaden genommen hatte, und ich fragte nun nach ihren Aeltern, und wie sie hier hergekommen sei. Das aber gab eine verworrne, wundersamliche, Geschichte. Von weit her muß sie wohl gebuͤrtig sein, denn nicht nur, daß ich diese funfzehn Jahre her nichts von ihrer Herkunft erforschen konnte, so sprach und spricht sie auch bisweilen so absonderliche Dinge, daß unser Eins nicht weiß, ob sie am Ende nicht gar vom Monde herunter gekommen sein koͤnnte. Da ist die Rede von goldnen Schloͤs- sern, von kristallnen Daͤchern, und Gott weiß, wovon noch mehr. Was sie am deutlichsten er- zaͤhlte, war, sie sei mit ihrer Mutter auf dem großen See spatzieren gefahren, aus der Barke in’s Wasser gefallen, und habe ihre Sinne erst hier unter den Baͤumen wiedergefunden, wo ihr an dem lustigen Ufer recht behaglich zu Muthe geworden sei. Nun hatten wir noch eine große Bedenk- lichkeit und Sorge auf dem Herzen. Daß wir an der lieben Ertrunknen Stelle die Gefundne behalten und auferziehn wollten, war freilich sehr bald ausgemacht; aber wer konnte nun wis- sen, ob das Kind getauft sei, oder nicht? Sie selber wußte daruͤber keine Auskunft zu geben. Daß sie eine Kreatur sei, zu Gottes Preis und Freude geschaffen, wisse sie wohl, antwortete sie uns mehrentheils, und was zu Gottes Preis und Freude gereiche, seie sie auch bereit, mit sich vornehmen zu lassen. — Meine Frau und ich dachten so: ist sie nicht getauft, so giebt’s da nichts zu zoͤgern; ist sie es aber doch, so kann bei guten Dingen zu wenig eher schaden, als zu viel. Und dem zu Folge sannen wir auf einen guten Namen fuͤr das Kind, das wir ohnehin noch nicht ordentlich zu rufen wußten. Wir mein- ten endlich, Dorothea werde sich am besten fuͤr sie schicken, weil ich einmal gehoͤrt hatte, das heiße Gottesgabe, und sie uns doch von Gott als eine Gabe zugesandt war, als ein Trost in unserm Elend. Sie hingegen wollte nichts da- von hoͤren, und meinte, Undine sei sie von ih- ren Aeltern genannt worden, Undine wolle sie auch ferner heissen. Nun kam mir das wie ein heidnischer Name vor, der in keinem Kalender stehe, und ich holte mir deshalben Rath bei ei- nem Priester in der Stadt. Der wollte auch nichts von dem Undinen-Namen hoͤren, und kam auf mein vieles Bitten mit mir durch den ver- wunderlichen Wald, zu Vollziehung der Tauf- handlung, hier herein in meine Huͤtte. Die Kleine stand so huͤbsch geschmuͤckt und holdseelig vor uns, daß dem Priester alsbald sein ganzes Herz vor ihr aufging, und sie wußte ihm so artig zu schmeicheln, und mitunter so drollig zu trotzen, daß er sich endlich auf keinen der Gruͤnde, die er gegen den Namen Undine vorraͤthig gehabt hatte, mehr besinnen konnte. Sie ward denn also Undine getauft, und be- trug sich waͤhrend der heiligen Handlung außer- ordentlich sittig und an m uthig, so wild und un- staͤt sie auch uͤbrigens immer war. Denn da- rin hat meine Frau ganz Recht: was Tuͤchti- ges haben wir mit ihr auszustehen gehabt. Wenn ich Euch erzaͤhlen sollte — Der Ritter unterbrach den Fischer, um ihn auf ein Geraͤusch, wie von gewaltig rauschenden Wasserfluthen, aufmerksam zu machen, das er schon fruͤher zwischen den Reden des Alten ver- nommen hatte, und das nun mit wachsendem Ungestuͤm vor den Huͤttenfenstern dahin stroͤmte. Beide sprangen nach der Thuͤr. Da sahen sie draußen im jetzt aufgegangnen Mondenlicht den Bach, der aus dem Walde hervor rann, wild uͤber seine Ufer hinausgerissen, und Steine und Holzstaͤmme in reißenden Wirbeln mit sich fort- schleudern. Der Sturm brach, wie von dem Getoͤse erweckt, aus den naͤchtigen Gewoͤlken, diese pfeilschnell uͤber den Mond hinjagend, her- vor, der See heulte unter des Windes schlagen- den Fittigen, die Baͤume der Landzunge aechzten von Wurzel zu Wipfel hinauf, und beugten sich wie schwindelnd uͤber die reißenden Gewaͤsser: — Undine! Um Gotteswillen, Undine! riefen die zwei beaͤngstigten Maͤnner. — Keine Antwort kam ihnen zuruͤck, und achtlos nun jeglicher an- dern Erwaͤgung, rannten sie, suchend und rufend, Einer hier, der Andre dort hin, aus der Huͤtte fort. Drittes Kapitel . Wie sie Undinen wiederfanden . D em Huldbrand ward es immer aͤngstlicher und verworrner zu Sinn, je laͤnger er unter den naͤchtlichen Schatten suchte, ohne zu finden. Der Gedanke, Undine sei nur eine bloße Wald- erscheinung gewesen, bekam auf’s Neue Macht uͤber ihn, ja er haͤtte unter dem Geheul der Wellen und Stuͤrme, dem Krachen der Baͤume, der gaͤnzlichen Umgestaltung der kaum noch so still anmuthigen Gegend, die ganze Landzunge samt der Huͤtte und ihren Bewohnern fast fuͤr eine truͤgrisch neckende Bildung gehalten; aber von fern hoͤrte er doch immer noch des Fischers aͤngstliches Rnfen nach Undinen, der alten Haus- frau lautes Beten und Singen durch das Ge- braus. Da kam er endlich dicht an des uͤberge tretnen Baches Rand, und sah im Mondenlicht, wie dieser seinen ungezaͤhmten Lauf grade vor den unheimlichen Wald hin, genommen hatte, so daß er nun die Erdspitze zur Insel machte. — O lieber Gott, dachte er bei sich selbst, wenn es Undine gewagt haͤtte, ein Paar Schritte in den fuͤrchterlichen Forst hineinzuthun; vielleicht eben in ihrem anmuthigen Eigensinn, weil ich ihr nichts davon erzaͤhlen sollte, — und nun waͤre der Strom dazwischen gerollt, und sie weinte nun einsam druͤben bei den Gespenstern! — Ein Schrei des Entsetzens entfuhr ihm, und er klomm einige Steine und umgestuͤrzte Fichten- staͤmme hinab, um in den reissenden Strom zu treten, und, watend oder schwimmend, die Ver- irrte druͤben zu suchen. Es fiel ihm zwar alles Grausenvolle und Wunderliche ein, was ihm schon bei Tage unter den jetzt rauschenden und heulenden Zweigen begegnet war. Vorzuͤglich kam es ihm vor, als stehe ein langer weißer Mann, den er nur allzugut kannte, grinsend und nickend am jenseitigen Ufer: aber eben diese ungeheuern Bilder rissen ihn gewaltig nach sich hin, weil er bedachte, daß Undine in Todesaͤng- sten unter ihnen sei, und allein. Schon hatte er einen starken Fichtenast er- griffen, und stand, auf diesen gestuͤtzt, in den wirbelnden Fluthen, gegen die er sich kaum auf- recht zu halten vermochte; aber er schritt getro- sten Muthes tiefer hinein. Da rief es neben ihm mit anmuthiger Stimme: trau’ nicht, trau’ nicht! Er ist tuͤckisch, der Alte, der Strom! — Er kannte diese lieblichen Laute, er stand wie bethoͤrt unter den Schatten, die sich eben dun- kel uͤber den Mond gelegt hatten, und ihn schwindelte vor dem Gerolle der Wogen, die er pfeilschnell an seinen Schenkeln hinschießen sah. Dennoch wollte er nicht ablassen. — Bist Du nicht wirklich da, gaukelst Du nur neblicht um mich her, so mag auch ich nicht leben, und will ein Schatten werden, wie Du, Du liebe, liebe Undine! Dies rief er laut, und schritt wieder tiefer in den Strom. — Sieh’ Dich doch um, ei sieh’ Dich doch um, Du schoͤner, bethoͤrter Juͤngling! so rief es abermals dicht bei ihm, und seitwaͤrts blickend sah er im eben sich wie- der enthuͤllenden Mondlicht, unter den Zweigen hochverschlungner Baͤume, auf einer durch die Ueberschwemmung gebildeten kleinen Insel, Un- dinen laͤchelnd und lieblich in die bluͤhenden Graͤser hingeschmiegt. O wie viel freudiger brauchte nun der jun- ge Mann seinen Fichtenast zum Stabe, als vor- hin! Mit wenigen Schritten war er durch die Fluth, die zwischen ihm und dem Maͤgdlein hin- stuͤrmte, und neben ihr stand er auf der kleinen Rasenstelle, heimlich und sehr von den uralten Baͤumen uͤberrauscht und beschirmt. Undine hatte sich etwas emporgerichtet, und schlang nun in dem gruͤnen Laubgezelte ihre Arme um sei- nen Nacken, so daß sie ihn auf ihren weichen Sitz neben sich nieder zog. — Hier sollst Du mir erzaͤhlen, huͤbscher Freund, sagte sie leise fluͤsternd; hier hoͤren uns die graͤmlichen Alten nicht. Und so viel als ihre aͤrmliche Huͤtte, ist doch hier unser Blaͤtterdach wohl noch immer werth. — Es ist der Himmel! sagte Huld- brand, und umschlang, inbruͤnstig kuͤssend, die schmeichelnde Schoͤne. Da war unterdessen der alte Fischer an das Ufer des Stromes gekommen, und rief zu den beiden jungen Leuten heruͤber: ei, Herr Rit- ter, ich habe Euch aufgenommen, wie es ein biederherziger Mann dem andern zu thun pflegt, und nun kos’t Ihr mit meinem Pflegekinde so heimlich, und laßt mich noch obenein in der Angst nach ihr durch die Nacht umherlaufen. — Ich habe sie selbst erst eben jetzt gefunden, al- ter Vater, rief ihm der Ritter zuruͤck. Desto besser, sagte der Fischer; aber nun bringt sie mir auch ohne Verzoͤgern an das feste Land heruͤber. Davon aber wollte Undine wieder gar nichts hoͤren. Sie meinte, eher wolle sie mit dem schoͤnen Fremden in den wilden Forst vol- lends hinein, als wieder in die Huͤtte zuruͤck, wo man ihr nicht ihren Willen thue, und aus welcher der huͤbsche Ritter doch uͤber kurz oder lang lang scheiden werde. Mit unsaͤglicher Anmuth sang sie, Huldbranden umschlingend: Aus dunst’gem Thal die Welle, Sie rann und sucht’ ihr Gluͤck; Sie kam in’s Meer zur Stelle, Und rinnt nicht mehr zuruͤck. Der alte Fischer weinte bitterlich in ihr Lied, aber es schien sie nicht sonderlich zu ruͤh- ren. Sie kuͤßte und streichelte ihren Liebling, der endlich zu ihr sagte: Undine, wenn Dir des alten Mannes Jammer das Herz nicht trifft, so trifft er’s mir. Wir wollen zuruͤck zu ihm. — Verwundert schlug sie die großen blau- en Augen gegen ihn auf, und sprach endlich lang- sam und zoͤgernd: wenn Du es so meinst, — gut; mir ist Alles recht, was Du meinst. Aber versprechen muß mir erst der alte Mann da druͤben, daß er Dich ohne Widerrede will er- zaͤhlen lassen, was Du im Walde gesehn hast, und — nun das Andre findet sich wohl. Komm nur, komm! rief der Fischer ihr zu, ohne mehr Worte heraus bringen zu koͤnnen. Zugleich C streckte er seine Arme weit uͤber die Fluth ihr entgegen, und nickte mit dem Kopfe, um ihr die Erfuͤllung ihrer Fordrung zuzusagen, wobei ihm die weißen Haare seltsam uͤber das Gesicht her- uͤber fielen, und Huldbrand an den nickenden weißen Mann im Forste denken mußte. Ohne sich aber durch irgend etwas irre machen zu las- sen, faßte der junge Rittersmann das schoͤne Maͤdchen in seine Arme, und trug sie uͤber den kleinen Raum, welchen der Strom zwischen ih- rem Inselchen und dem festen Ufer durchbrauste. Der Alte fiel um Undinens Hals, und konnte sich gar nicht satt freuen und kuͤssen; auch die alte Frau kam herbei, und schmeichelte der Wie- dergefundenen auf das Herzlichste. Von Vorwuͤr- fen war gar nicht die Rede mehr, um so min- der, da auch Undine, ihres Trotzes vergessend, die beiden Pflegeaͤltern mit anmuthigen Worten und Liebkosungen fast uͤberschuͤttete. Als man endlich nach der Freude des Wie- derhabens sich recht besann, blickte schon das Morgenroth leuchtend uͤber den Landsee herein, der Sturm war stille geworden, die Voͤglein sangen lustig auf den genaͤßten Zweigen. Weil nun Undine auf die Erzaͤhlung der verheißnen Geschichte des Ritters bestand, fuͤgten sich die beiden Alten laͤchelnd und willig in ihr Begehr. Man brachte ein Fruͤhstuͤck unter die Baͤume, welche hinter der Huͤtte gegen den See zu stan- den, und setzte sich, von Herzen vergnuͤgt, dabei nieder, Undine, weil sie es durchaus nicht an- ders haben wollte, zu den Fuͤßen des Ritters in’s Gras. Hierauf begann Huldbrand folgender- maßen zu sprechen. C 2 Viertes Kapitel . Von dem, was dem Ritter im Walde begegnet war. E s moͤgen nun etwan acht Tage her sein, da ritt ich in die freie Reichsstadt ein, welche dort jenseit des Forstes gelegen ist. Bald darauf gab es darin ein schoͤnes Turnieren und Ringelren- nen, und ich schonte meinen Gaul und meine Lanze nicht. Als ich nun einmal an den Schran- ken still halte, um von der lustigen Arbeit zu rasten, und den Helm an einen meiner Knap- pen zuruͤck reiche, faͤllt mir ein wunderschoͤnes Frauenbild in die Augen, das im allerherrlich- sten Schmuck auf einem der Altane stand und zusah. Ich fragte meinen Nachbar, und erfuhr, die reizende Jungfrau heiße Bertalda, und sei die Pflegetochter eines der maͤchtigen Herzoge, die in dieser Gegend wohnen. Ich merkte, daß sie auch mich ansah, und wie es nun bei uns jungen Rittern zu kommen pflegt: hatte ich erst brav geritten, so ging es nun noch ganz anders los. Den Abend bei’m Tanze war ich Bertal- da’s Gefaͤhrt, und das blieb so alle die Tage des Festes hindurch. Ein empfindlicher Schmerz an seiner linken herunterhaͤngenden Hand unterbrach hier Huld- brands Rede, und zog seine Blicke nach der schmerzenden Stelle. Undine hatte ihre Per- lenzaͤhne scharf in seine Finger gesetzt, und sah dabei recht finster und unwillig aus. Ploͤtzlich aber schaute sie ihm freundlich wehmuͤthig in die Augen, und fluͤsterte ganz leise: Ihr macht es auch darnach. — Dann verhuͤllte sie ihr Ge- sicht, und der Ritter fuhr seltsam verwirrt und nachdenklich in seiner Geschichte fort: Es ist eine hochmuͤthige, wunderliche Maid, diese Bertalda. Sie gefiel mir auch am zwei- ten Tage schon lange nicht mehr, wie am er- sten, und am dritten noch minder. Aber ich blieb um sie, weil sie freundlicher gegen mich war, als gegen andre Ritter, und so kam es auch, daß ich sie im Scherz um einen ihrer Hand- schuhe bat. — Wenn Ihr mir Nachricht bringt, und Ihr ganz allein, sagte sie, wie es im be- ruͤchtigten Forste aussieht. — Mir lag eben nicht so viel an ihren Handschuhen, aber gespro- chen war gesprochen, und ein ehrliebender Rit- tersmann laͤßt sich zu solchem Probestuͤcke nicht zweimal mahnen. Ich denke, sie hatte Euch lieb, unterbrach ihn Undine. Es sah so aus, entgegnete Huldbrand. Nun, rief das Maͤdchen lachend, die muß recht dumm sein. Von sich zu jagen, was Ei- nem lieb ist! Und vollends in einen verrufnen Wald hinein. Da haͤtte der Wald und sein Geheimniß lange fuͤr mich warten koͤnnen. Ich machte mich denn gestern Morgen auf den Weg, fuhr der Ritter, Undinen freundlich anlaͤchelnd, fort. Die Baumstaͤmme blitzten so roth und schlank im Morgenlichte, das sich hell auf dem gruͤnen Rasen hinstreckte, die Blaͤtter fluͤsterten so lustig mit einander, daß ich in mei- nem Herzen uͤber die Leute lachen mußte, die an diesem vergnuͤglichen Orte irgend etwas Unheim- liches erwarten konnten. Der Wald soll bald durchtrabt sein, hin und zuruͤck! sagte ich in be- haglicher Froͤhlichkeit zu mir selbst, und eh’ ich noch daran dachte, war ich tief in die gruͤnenden Schatten hinein, und nahm nichts mehr von der hinter mir liegenden Ebne wahr. Da fiel es mir erst auf’s Herz, daß ich mich auch in dem gewaltigen Forste gar leichtlich verirren koͤn- ne, und daß dieses vielleicht die einzige Gefahr sei, welche den Wandersmann allhier bedrohe. Ich hielt daher stille, und sah mich nach dem Stande der Sonne um, die unterdessen etwas hoͤher geruͤckt war. Indem ich nun so empor- blicke, sehe ich ein schwarzes Ding in den Zwei- gen einer hohen Eiche. Ich denke schon, es ist ein Baͤr, und fasse nach meiner Klinge; da sagt es mit einer Menschenstimme, aber recht rauh und haͤßlich, herunter; wenn ich hier oben nicht die Zweige abknusperte, woran solltest Du denn Heut’ um Mitternacht gebraten werden, Herr Naseweis? — Und dabei grinzt es, und ra- schelt mit den Aesten, daß mein Gaul toll wird, und mit mir durchgeht, eh’ ich noch Zeit gewin- nen konnte, zu sehn, was es denn eigentlich fuͤr eine Teufelsbestie war. Den muͤßt Ihr nicht nennen, sagte der alte Fischer, und kreuzte sich; die Hausfrau that schweigend desgleichen; Undine sah ihren Lieb- ling mit hellen Augen an, sprechend: das Beste bei der Geschichte ist, daß sie ihn doch nicht wirklich gebraten haben. Weiter, Du huͤbscher Juͤngling. Der Ritter fuhr in seiner Erzaͤhlung fort: ich waͤre mit meinem scheuen Pferde fast gegen Baumstaͤmme und Aeste angerannt; es triefte von Angst und Erhitzung, und wollte sich doch noch immer nicht halten lassen. Zuletzt ging es grade auf einen steinigen Abgrund los; da kam mir’s ploͤtzlich vor, als werfe sich ein langer, weißer Mann dem tollen Hengste quer vor in seinen Weg; der entsetzte sich davor, und stand; ich kriegte ihn wieder in meine Gewalt, und sah nun erst, daß mein Retter kein weißer Mann war, sondern ein silberheller Bach, der sich ne- ben mir von einem Huͤgel herunter stuͤrzte, mei- nes Rosses Lauf ungestuͤm kreutzend und hem- mend. Danke, lieber Bach! rief Undine, in die Haͤndchen klopfend. Der alte Mann aber sah kopfschuͤttelnd in tiefem Sinnen vor sich nieder. Ich hatte mich noch kaum im Sattel wie- der zurecht gesetzt, und die Zuͤgel wieder ordent- lich recht gefaßt, fuhr Huldbrand fort, so stand auch schon ein wunderliches Maͤnnlein zu mei- ner Seiten, winzig und haͤßlich uͤber alle Ma- ßen, ganz braungelb, und mit einer Nase, die nicht viel kleiner war, als der ganze uͤbrige Bur- sche selbst. Dabei grinzte er mit einer recht dummen Hoͤflichkeit aus dem breitgeschlitzten Maule hervor, und machte viele tausend Scharr- fuͤße und Buͤcklinge gegen mich. Weil mir nun das Possenspiel sehr mißhagte, dankte ich ihm ganz kurz, warf meinen noch immer zitternden Gaul herum, und gedachte, mir ein andres Abentheuer, oder, dafern ich keines faͤnde, den Heimweg zu suchen, denn die Sonne war waͤh- rend meiner tollen Jagd schon uͤber die Mit- tagshoͤhe gen Westen gegangen. Da sprang aber der kleine Kerl mit einer blitzschnellen Wendung herum, und stand abermals vor mei- nem Hengste. — Platz da! sagt’ ich verdrieß- lich; das Thier ist wild, und rennet Dich leicht- lich um. — Ei, schnarrte das Kerlchen, und lachte noch viel entsetzlich dummer; schenkt mir doch erst ein Trinkgeld, denn ich hab’ ja Euer Roͤsselein aufgefangen; laͤgt Ihr doch ohne mich samt Euerm Roͤsselein in der Steinkluft da un- ten; hu! — Schneide nur keine Gesichter wei- ter, sagte ich, und nimm Dein Geld hin, wenn Du auch luͤgst; denn siehe, der gute Bach dor- ten hat mich gerettet, nicht aber Du, hoͤchst aͤrm- licher Wicht. — Und zugleich ließ ich ein Gold- stuͤck in seine wunderliche Muͤtze fallen, die er bettelnd vor mir abgezogen hatte. Dann trabte ich weiter; er aber schrie hinter mir drein, und war ploͤtzlich mit unbegreiflicher Schnelligkeit ne- ben mir. Ich sprengte mein Roß im Gallopp an; er galloppirte mit, so sauer es ihm zu wer- den schien, und so wunderliche, halb laͤcherliche, halb graͤßliche, Verrenkungen er dabei mit seinem Leibe vornahm, wobei er immerfort das Gold- stuͤck in die Hoͤhe hielt, und bei jedem Gallopp- sprunge schrie; falsch Geld! falsche Muͤnz’! Fal- sche Muͤnz’! falsch Geld! Und das kraͤchzte er aus so hohler Brust heraus, das man meinte, er muͤsse nach jeglichem Schreie todt zu Boden stuͤrzen. Auch hing ihm die haͤßlich rothe Zunge weit aus dem Schlunde. Ich hielt verstoͤrt; ich fragte: was willst Du mit Deinem Geschrei? Nimm noch ein Goldstuͤck, nimm noch zwei, aber dann laß ab von mir. — Da fing er wieder mit seinem haͤßlich hoͤflichen Gruͤßen an, und schnarrte: Gold eben nicht, Gold soll es eben nicht sein, mein Jungherrlein; des Spa- ßes hab’ ich selbsten allzuviel; will’s Euch mal zeigen. Da ward es mir auf einmal, als koͤnn’ ich durch den gruͤnen festen Boden durchsehn, als sei er gruͤnes Glas, und die ebne Erde kugel- rund, und drinnen hielten eine Menge Kobolde ihr Spiel mit Silber und Gold. Kopfauf, kopfunter, kugelten sie sich herum, und schmissen einander zum Spaß mit den edlen Metallen, und puhsteten sich den Goldstaub neckend in’s Gesicht. Mein haͤßlicher Gefaͤhrte stand halb drinnen, halb draußen; er ließ sich sehr, sehr viel Gold von den Andern herauf reichen, und zeigte es mir lachend, und schmiß es dann im- mer wieder klingend in die unermeßlichen Kluͤf- te hinab. Dann zeigte er wieder mein Gold- stuͤck, was ich ihm geschenkt hatte, den Kobol- den drunten, und die wollten sich druͤber halb todt lachen, und zischten mich aus. Endlich reck- ten sie Alle die spitzigen, metallschmutzigen, Fin- ger gegen mich aus, und wilder und wilder, und dichter und dichter, und toller und toller, klomm das Gewimmel gegen mich herauf; — da erfaßte mich ein Entsetzen, wie vorhin mei- nen Gaul. Ich gab ihm beide Sporen, und weiß nicht, wie weit ich zum zweitenmale toll in den Wald hinein gejagt bin. Als ich nun endlich wieder still hielt, war es abendkuͤhl um mich her. Durch die Zweige sah ich einen weißen Fußpfad leuchten, von dem ich meinte, er muͤsse aus dem Forste nach der Stadt zuruͤckfuͤhren. Ich wollte mich dahin durcharbeiten; aber ein ganz weißes, undeutli- ches Antlitz, mit immer wechselnden Zuͤgen, sah mir zwischen den Blaͤttern entgegen; ich wollte ihm ausweichen, aber wo ich hinkam, war es auch. Ergrimmt gedacht’ ich endlich mein Roß darauf los zu treiben; da sprudelte es mir und dem Pferde weißen Schaum entgegen, daß wir Beide geblendet umwenden mußten. So trieb es uns von Schritt zu Schritt, immer von dem Fußsteige abwaͤrts, und ließ uns uͤberhaupt nur nach einer einzigen Richtung hin den Weg noch frei. Zogen wir aber auf dieser fort, so war es wohl dicht hinter uns, that uns jedoch nicht das Geringste zu Leide. Wenn ich mich dann bisweilen nach ihm umsah, merkte ich wohl, daß das weiße, sprudelnde Antlitz auf einem eben so weißen, hoͤchst riesenmaͤßigen, Koͤrper saß. Manch- mal dacht’ ich auch, als sei ein wandelnder Springbronn, aber ich konnte niemals recht dar- uͤber zur Gewißheit kommen. Ermuͤdet gaben Roß und Reiter dem treibenden, weißen Manne nach, der uns immer mit dem Kopfe zunickte, als wolle er sagen; schon recht! schon recht! — Und so sind wir endlich an das Ende des Wal- des hier heraus gekommen, wo ich Rasen und Seefluth und Eure kleine Huͤtte sah, und wo der lange, weiße Mann verschwand. Gut, daß er fort ist, sagte der alte Fischer. und nun begann er davon zu sprechen, wie sein Gast auf die beste Weise wieder zu seinen Leu- ten nach der Stadt zuruͤck gelangen koͤnne. Dar- uͤber fing Undine an, ganz leise in sich selbst hinein zu kichern. Huldbrand merkte es, und sagte: ich dachte, Du saͤhest mich gern hier; was freust Du Dich denn nun, da von meiner Abreise die Rede ist? Weil Du nicht fort kannst, entgegnete Un- dine. Prob’ es doch ’mal durch den uͤbergetret- nen Waldstrom zu setzen, mit Kahn, mit Roß oder allein; wie Du Lust hast. Oder prob’ es lieber nicht, denn Du wuͤrdest zerschellt werden, von den blitzschnell getriebnen Staͤmmen und Steinen. Und was den See angeht, da weiß ich wohl: der Vater darf mit seinem Kahne nicht weit genug darauf hinaus. Huldbrand erhob sich laͤchelnd, um zu sehn, ob es so sei, wie ihm Undine gesagt hatte, der Alte begleitete ihn, und das Maͤdchen gaukelte scherzend neben den Maͤnnern her. Sie fanden es in der That, wie sie gesagt hatte, und der Ritter mußte sich drein ergeben, auf der zur Insel gewordnen Landspitze zu bleiben, bis die Fluthen sich verliefen. Als die dreie nach ihrer Wandrung wieder der Huͤtte zugingen, sagte der Ritter der Kleinen in’s Ohr: nun, wie ist es, Undinchen? Bist Du boͤse, daß ich blei- be? — Ach, entgegnete sie muͤrrisch, laßt nur. Wenn ich Euch nicht gebissen haͤtte, wer weiß, was noch Alles von der Bertalda in Eurer Geschichte vorgekommen waͤr’! Fuͤnf- Fuͤnftes Kapitel . Wie der Ritter auf der Seespitze lebte . D u bist vielleicht, mein lieber Leser, schon irgend- wo, nach mannigfachem Auf- und Abtreiben in der Welt, an einen Ort gekommen, wo Dir es wohl war; die Jedwedem eingeborne Liebe zu eignem Heerd und stillen Frieden ging wieder auf in Dir; Du meintest, die Heimath bluͤhe mit allen Blumen der Kindheit und der allerreinsten, innigsten Liebe, wieder aus theuren Grabstaͤtten hervor, und hier muͤsse gut wohnen und Huͤtten bauen sein. Ob Du Dich darin geirrt, und den Irrthum nachher schmerzlich abgebuͤßt hast, das soll hier nichts zur Sache thun, und Du wirst Dich auch selbst wohl mit dem herben Nach- schmack nicht freiwillig betruͤben wollen. Aber D rufe jene unaussprechlich suͤsse Ahnung, jenen eng- lischen Gruß des Friedens wieder in Dir herauf, und Du wirst ungefaͤhr wissen koͤnnen, wie dem Ritter Huldbrand waͤhrend seines Lebens auf der Seespitze zu Sinne war. Er sah oftmals mit innigem Wohlbehagen, wie der Waldstrom mit jedem Tage wilder ein- herrollte, wie er sich sein Bette breiter und brei- ter riß, und die Abgeschiedenheit auf der Insel so fuͤr immer laͤngere Zeit ausdehnte. Einen Theil des Tages uͤber, strich er mit einer alten Armbrust, die er in einem Winkel der Huͤtte ge- funden, und sich ausgebessert hatte, umher, nach den voruͤberfliegenden Voͤgeln, lauernd, und, was er von ihnen treffen konnte, als guten Braten in die Kuͤche liefernd. Brachte er nun seine Beute zuruͤck, so unterließ Undine fast niemals, ihn aus- zuschelten, daß er den lieben, lustigen Thierchen oben im blauen Luftmeer so feindlich ihr froͤhli- ches Leben stehle; ja sie weinte oftmals bitterlich bei dem Anblicke des todten Gefluͤgels. Kam er aber dann ein andermal wieder heim, und hatte nichts geschossen, so schalt sie ihn nicht minder ernstlich daruͤber aus, daß man nun um seines Ungeschicks und seiner Nachlaͤssigkeit Willen mit Fischen und Krebsen vorlieb nehmen muͤsse. Er freute sich allemal herzinniglich auf ihr anmuthi- ges Zuͤrnen, um so mehr, da sie gewoͤhnlich nach- her ihre uͤble Laune durch die holdesten Liebko- sungen wieder gut zu machen suchte. Die Alten hatten sich in die Vertraulichkeit der beiden jun- gen Leute gefunden; sie kamen ihnen vor, wie Verlobte, oder gar wie ein Ehepaar, das ihnen zum Beistand im Alter mit auf der abgerissenen Insel wohne. Eben diese Abgeschiedenheit brachte auch den jungen Hulbrand ganz fest auf den Ge- danken, er sei bereits Undinens Braͤutigam. Ihm war zu Muthe, als gaͤbe es keine Welt mehr jenseits dieser umgebenden Fluthen, oder als koͤnne man doch nie wieder da hinuͤber zur Vereinigung mit andern Menschen gelangen; und wenn ihn auch bisweilen sein weidendes Roß anwieherte, wie nach Ritterthaten fragend und mahnend, oder sein Wappenschild ihm von D 2 der Stickerei des Sattels und der Pferdedecke ernst entgegenleuchtete, oder sein schoͤnes Schwerdt un- versehens vom Nagel, an welchem es in der Huͤtte hing, herabfiel, im Sturze aus der Scheide glei- tend, — so beruhigte er sein zweifelndes Ge- muͤth damit: Undine sei gar keine Fischers- Tochter, sei vielmehr, aller Wahrscheinlichkeit nach, aus einem wundersamen, hochfuͤrstlichen Hause der Fremde, gebuͤrtig. Nur das war ihm in der Seele zuwider, wenn die alte Frau Un- dinen in seiner Gegenwart schalt. Das launi- sche Maͤdchen lachte zwar meist, ohne alles Hehl, ganz ausgelassen daruͤber; aber ihm war es, als taste man seine Ehre an, und doch wußte er der alten Fischerin nicht Unrecht zu geben, denn Un- dine verdiente immer zum wenigsten zehnfach so viele Schelte, als sie bekam; daher er denn auch der Hauswirthin im Herzen gewogen blieb, und das ganze Leben seinen stillen, vergnuͤglichen Gang fuͤrder ging. Es kam aber doch endlich eine Stoͤrung hinein; der Fischer und der Ritter waren nehm- lich gewohnt gewesen, beim Mittagsmahle, und auch des Abends, wenn der Wind draussen heulte, wie er es fast immer gegen die Nacht zu thun pflegte, sich mit einander bei einem Kruge Wein zu ergoͤtzen. Nun war aber der ganze Vorrath zu Ende gegangen, den der Fischer fruͤher von der Stadt nach und nach mitgebracht hatte, und die beiden Maͤnner wurden daruͤber ganz ver- drießlich. Undine lachte sie den Tag uͤber wacker aus, ohne daß beide so lustig, wie gewoͤhnlich, in ihre Scherze einstimmten. Gegen Abend war sie aus der Huͤtte gegangen: sie sagte, um den zwei langen und langweiligen Gesichtern zu ent- gehn. Weil es nun in der Daͤmmerung wieder nach Sturm aussah, und das Wasser bereits heulte und rauschte, sprangen der Ritter und der Fischer erschreckt vor die Thuͤr, um das Maͤdchen heim- zuholen, der Angst jener Nacht gedenkend, wo Huldbrand zum erstenmal in der Huͤtte gewesen war. Undine aber trat ihnen entgegen, freund- lich in ihre Haͤndchen klopfend. Was gebt Ihr mir, wenn ich Euch Wein verschaffe? Oder viel- mehr, Ihr braucht mir nichts zu geben, fuhr sie fort, denn ich bin schon zufrieden, wenn Ihr lustiger ausseht, und bessere Einfaͤlle habt, als diesen letzten, langweiligen Tag hindurch. Kommt nur mit; der Waldstrom hat ein Faß an das Ufer getrieben, und ich will verdammt sein, eine ganze Woche lang zu schlafen, wenn es nicht ein Weinfaß ist. — Die Maͤnner folgten ihr nach, und fanden wirklich, an einer umbuͤschten Bucht des Ufers, ein Faß, welches ihnen Hoffnung gab, als enthalte es den edlen Trank, wonach sie ver- langten. Sie waͤlzten es vor Allem auf’s schleu- nigste in die Huͤtte, denn ein schweres Wetter zog wieder am Abendhimmel herauf, und man konnte in der Daͤmmerung bemerken, wie die Wogen des See’s ihre weissen Haͤupter schaͤu- mend emporrichteten, als saͤhen sie sich nach den Regen um, der nun bald auf sie herunterrau- schen sollte. Undine half den beiden nach Kraͤf- ten, und sagte, als das Regenwetter ploͤtzlich all- zuschnell herauf heulte, lustig drohend in die schwe- ren Wolken hinein: Du! Du! Huͤte Dich, daß Du uns nicht naß machst; wir sind noch lange nicht unter Dach. — Der Alte verwies ihr solches als eine suͤndhafte Vermessenheit; aber sie kicherte leise vor sich hin, und es widerfuhr auch Niemanden etwas Uebles darum. Vielmehr ge- langten alle drei, wider Vermuthen, mit ihrer Beute trocken an den behaglichen Heerd, und erst, als man das Faß geoͤffnet, und erprobt hatte, daß es einen wundersam trefflichen Wein enthalte, riß sich der Regen aus dem dunkeln Gewoͤlke los, und rauschte der Sturm durch die Wipfel der Baͤume und uͤber des See’s empoͤrte Wogen hin. Einige Flaschen waren bald aus dem gro- ßen Fasse gefuͤllt, das fuͤr viele Tage Vorrath verhieß, man saß trinkend und scherzend, und heimisch gesichert vor dem tobenden Unwetter, an der Glut des Heerdes beisammen. Da sag- te der alte Fischer, und ward ploͤtzlich sehr ernst: ach großer Gott, wir freuen uns hier der edlen Gabe, und der, welchem sie zuerst angehoͤrte, und vom Strome genommen ward, hat wohl gar das liebe Leben drum lassen muͤssen. — Er wird ja nicht grade! meinte Undine und schenkte dem Ritter laͤchelnd ein. Der aber sagte: bei meiner hoͤchsten Ehre, alter Vater, wuͤßt’ ich ihn zu finden und zu retten, mich soll- te kein Gang in die Nacht hinaus dauern, und keine Gefahr. Soviel aber kann ich Euch ver- sichern, komm’ ich je wieder zu bewohntern Lan- den, so will ich ihn oder seine Erben schon aus- findig machen, und diesen Wein doppelt und dreifach ersetzen. — Das freute den alten Mann; er nickte dem Ritter billigend zu, und trank nun seinen Becher mit besserm Gewissen und Behagen leer. Undine aber sagte zu Huld- branden: mit der Entschaͤdigung und mit Dei- nem Golde halt’ es, wie Du willst. Das aber mit dem Nachlaufen und Suchen war dumm geredet. Ich weinte mir die Augen aus, wenn Du daruͤber verloren gingst, und nicht wahr, Du moͤchtest auch lieber bei mir bleiben, und bei dem guten Wein? — Das freilich; entgeg- nete Huldbrand laͤchelnd. — Nun, sagte Un- dine, also hast Du dumm gesprochen. Denn Jeder ist sich doch selbst der Naͤchste und was gehn Einen die andern Leute an. — Die Haus- wirthin wandte sich seufzend und kopfschuͤttelnd von ihr ab, der Fischer vergaß seiner sonstigen Vorliebe fuͤr das zierliche Maͤgdlein und schalt. Als ob Dich Heiden und Tuͤrken erzogen haͤt- ten, klingt ja das, schloß er seine Rede; Gott verzeih’ es mir, und Dir, Du ungerathnes Kind. — Ja, aber mir ist doch nun einmal so zu Muthe, entgegnete Undine, habe mich er- zogen, wer da will, und was koͤnnen da all’ Eure Worte helfen. — Schweig’! fuhr der Fischer sie an, und sie, die ungeachtet ihrer Keckheit doch aͤusserst schreckhaft war, fuhr zu- sammen, schmiegte sich zitternd an Huldbrand, und fragte ihn ganz leise: Bist Du auch boͤse, schoͤner Freund? Der Ritter druͤckte ihr die zarte Hand, und streichelte ihre Locken. Sagen konnte er nichts, weil ihm der Aerger uͤber des Alten Haͤrte gegen Undinen die Lippen schloß, und so saßen beide Paare mit einem Male unwillig und im verlegnen Schweigen einander gegenuͤber. Sechstes Kapitel . Von einer Trauung . E in leises Klopfen an die Thuͤr klang durch diese Stille, und erschreckte Alle, die in der Huͤtte saßen, wie es denn wohl bisweilen zu kommen pflegt, daß auch eine Kleinigkeit, die ganz unvermuthet geschieht, Einem den Sinn recht furchtbarlich aufregen kann. Aber hier kam noch dazu, daß der verrufne Forst sehr na- he lag, und daß die Seespitze fuͤr menschliche Besuche jetzt unzugaͤnglich schien. Man sah ein- ander zweifelnd an, das Pochen wiederholte sich, von einem tiefen Aechzen begleitet; der Ritter ging nach seinem Schwerdte. Da sagte aber der alte Mann leise: wenn es das ist, was ich fuͤrchte, hilft uns keine Waffe. — Undine naͤ- herte sich indessen der Thuͤr, und rief ganz un- willig und keck: wenn Ihr Unfug treiben wollt, Ihr Erdgeister, so soll Euch Kuͤhleborn was Bessres lehren. — Das Entsetzen der Andern ward durch diese wunderlichen Worte vermehrt, sie sahen das Maͤdchen scheu an, und Huldbrand wollte sich eben zu einer Frage an sie erman- nen, da sagte es von draußen: ich bin kein Erd- geist, wohl aber ein Geist, der noch im irdi- schen Koͤrper hauset. Wollt Ihr mir helfen, und fuͤrchtet Ihr Gott, Ihr drinnen in der Huͤtte, so thut mir auf. Undine hatte bei die- sen Worten die Thuͤr bereits geoͤffnet, und leuch- tete mit einer Ampel in die stuͤrmige Nacht hin- aus, so daß man draußen einen alten Priester wahrnahm, der vor dem unversehnen Anblicke des wunderschoͤnen Maͤgdleins erschreckt zuruͤcke trat. Er mochte wohl denken, es muͤsse Spuk und Zauberei mit im Spiele sein, wo ein so herrliches Bild aus einer so niedern Huͤttenpfor- te erscheine; deshalben fing er an zu beten: alle gute Geister loben Gott den Herrn! — Ich bin kein Gespenst, sagte Undine laͤchelnd; seh’ ich denn so haͤßlich aus? Zudem koͤnnt Ihr ja wohl merken, daß mich kein frommer Spruch erschreckt. Ich weiß doch auch von Gott, und versteh’ ihn auch zu loben; Jedweder auf seine Weise freilich, und dazu hat er uns erschaffen. Tretet herein, ehrwuͤrdiger Vater; Ihr kommt zu guten Leuten. Der Geistliche kam neigend und umblickend herein, und sahe gar lieb und ehrwuͤrdig aus. Aber das Wasser troff aus allen Falten seines dunkeln Kleides, und aus dem langen weißen Bart und den weißen Locken des Haupthaares. Der Fischer und der Ritter fuͤhrten ihn in eine Kammer, und gaben ihm andre Kleider, waͤh- rend sie den Weibern die Gewande des Prie- sters zum Trocknen in das Zimmer reichten. Der fremde Greis dankte auf’s demuͤthigste und freundlichste, aber des Ritters glaͤnzenden Man- tel, den ihm dieser entgegenhielt, wollte er auf keine Weise umnehmen; er waͤhlte statt dessen ein altes graues Oberkleid des Fischers. So kamen sie denn in das Gemach zuruͤck, die Hausfrau raͤumte dem Priester alsbald ihren großen Sessel, und ruhte nicht eher, bis er sich darauf nieder gelassen hatte; denn, sagte sie, Ihr seid alt, und erschoͤpft, und geistlich oben- drein. — Undine schob den Fuͤßen des Frem- den ihr kleines Baͤnkchen unter, worauf sie sonst neben Huldbranden zu sitzen pflegte, und bewies sich uͤberhaupt in der Pflege des guten Alten hoͤchst sittig und anmuthig. Huldbrand fluͤsterte ihr daruͤber eine Neckerei in’s Ohr, sie aber entgegnete sehr ernst: er dient ja dem, der uns Alle geschaffen hat; damit ist nicht zu spaßen. — Der Ritter und der Fischer labten darauf den Priester mit Speise und Wein, und dieser fing, nachdem er sich etwas erholt hatte, zu erzaͤhlen an, wie er Gestern aus seinem Kloster, das fern uͤber den großen Landsee hinaus liege, nach dem Sitze des Bischofs habe reisen sollen, um dem- selben die Noth kund zu thun, in welche durch die jetzigen wunderbaren Ueberschwemmungen das Kloster und dessen Zinsdoͤrfer gerathen seien. Da habe er nach langen Umwegen um eben dieser Ueberschwemmungen willen, sich Heute ge- gen Abend dennoch genoͤthigt gesehn, einen uͤber- getretnen Arm des See’s, mit Huͤlfe zweier gu- ten Faͤhrleute, zu uͤberschiffen. — Kaum aber, fuhr er fort, hatte unser kleines Fahrzeug die Wellen beruͤhrt, so brach auch schon der unge- heure Sturm los, der noch jetzt uͤber unsern Haͤuptern fortwuͤthet. Es war, als haͤtten die Fluthen nur auf uns gewartet, um die aller- tollsten, strudelndsten, Taͤnze mit uns zu begin- nen. Die Ruder waren bald aus meiner Fuͤh- rer Haͤnden gerissen, und trieben zerschmettert auf den Wogen weiter und weiter vor uns hin- aus. Wir selbst flogen huͤlflos und der tauben Naturkraft hingegeben, auf die Hoͤhe des See’s, zu Euern fernen Ufern heruͤber, die wir schon zwischen den Nebeln und Wasserschaͤumen em- porstreben sahen. Da drehte sich endlich der Nachen immer wilder und schwindliger; ich weiß nicht, stuͤrzte er um, stuͤrzte ich heraus. Im dun- keln Aengstigen des nahen, schrecklichen Todes trieb ich weiter, bis mich eine Welle hier unter die Baͤume an Eure Insel warf. Ja, Insel! sagte der Fischer. Vor kurzem war’s noch eine Landspitze. Nun aber, seit Waldstrom und See schier toll geworden sind, sieht es ganz anders mit uns aus. Ich merkte so etwas, sagte der Priester, indem ich im Dunkeln das Wasser entlaͤngst schlich, und, ringsum nur wildes Gebrause an- treffend, endlich schaute, wie sich ein betretner Fußpfad grade in das Getos hinein verlor. Nun sahe ich das Licht in Eurer Huͤtte, und wagte mich hierher, wo ich denn meinem himm- lischen Vater nicht genug danken kann, daß er mich nach meiner Rettung aus dem Gewaͤsser auch noch zu so frommen Leuten gefuͤhrt hat, als zu Euch; und das um so mehr, da ich nicht wissen kann, ob ich außer Euch Vieren noch in diesem Leben andre Menschen wieder zu sehen bekomme. Wie meint Ihr das? fragte der Fischer. Wißt Ihr denn, wie lange dieses Treiben der der Elemente waͤhren soll? entgegnete der Geist- liche. Und ich bin alt an Jahren. Gar leicht- lich mag mein Lebensstrom eher versiegend unter die Erde gehn, als die Ueberschwemmung des Waldstromes da draußen. Und uͤberhaupt, es waͤre ja nicht unmoͤglich, daß mehr und mehr des schaͤumenden Wassers sich zwischen Euch und den jenseitigen Forst draͤngte, bis Ihr so weit von der uͤbrigen Erde abgerissen wuͤrdet, daß Euer Fischerkaͤhnlein nicht mehr hinuͤber reichte, und die Bewohner des festen Landes in ihren Zerstreuungen Euer Alter gaͤnzlich vergessen. Die alte Hausfrau fuhr hieruͤber zusam- men, kreuzte sich, und sagte: das verhuͤte Gott! — Aber der Fischer sahe sie laͤchelnd an, und sprach: wie doch auch nun der Mensch ist! Es waͤre ja dann nicht anders, wenigstens nicht fuͤr Dich, liebe Frau, als es nun ist. Bist Du denn seit vielen Jahren weiter gekommen, als an die Graͤnze des Forstes? Und hast Du andre Menschen gesehn, als Undinen und mich? — Seit Kurzem sind nun noch der Ritter und E der Priester zu uns gekommen. Die blieben bei uns, wenn wir zur vergessenen Insel wuͤr- den; also haͤttest Du ja den besten Gewinn davon. Ich weiß nicht, sagte die alte Frau, es wird einem doch unheimlich zu Muthe, wenn man sich’s nun so vorstellt, daß man unwieder- bringlich von den andern Leuten geschieden waͤr’, ob man sie uͤbrigens auch weder kennt noch sieht. Du bliebest dann bei uns, Du bliebest dann bei uns! fluͤsterte Undine ganz leise, halb singend, und schmiegte sich inniger an Huld- brands Seite. Dieser aber war in tiefen und seltsamen Gebilden seines Innern verloren. Die Gegend jenseit des Waldwassers zog sich seit des Priesters letzten Worten immer ferner und dunkler von ihm ab, die bluͤhende Insel, auf welcher er lebte, gruͤnte und lachte immer fri- scher in sein Gemuͤth herein. Die Braut gluͤh- te als die schoͤnste Rose dieses kleinen Erdstri- ches und auch der ganzen Welt hervor, der Prie- ster war zur Stelle. Dazu kam noch eben, daß ein zuͤrnender Blick der Hausfrau das schoͤne Maͤdchen traf, weil sie sich in Gegenwart des geistlichen Herren so dicht an ihren Liebling lehnte, und es schien, als wolle ein Strom von unerfreulichen Worten folgen. Da brach es aus des Ritters Munde, daß er, gegen den Priester gewandt, sagte: Ihr seht hier ein Brautpaar vor Euch, ehrwuͤrdiger Herr, und wenn dies Maͤdchen und die guten alten Fischersleute nichts dawider haben, sollt Ihr uns Heute Abend noch zusammengeben. Die beiden alten Eheleute waren sehr ver- wundert. Sie hatten zwar bisher oft so etwas gedacht, aber ausgesprochen hatten sie es doch niemals, und wie nun der Ritter dies that, kam es ihnen als etwas ganz Neues und Unerhoͤrtes vor. Undine war ploͤtzlich ernst geworden, und sah tiefsinnig vor sich nieder, waͤhrend der Prie- ster nach den naͤhern Umstaͤnden fragte, und sich bei den Alten nach ihrer Einwilligung erkundig- te. Man kam nach mannigfachem Hin- und E 2 Herreden mit einander auf’s Reine; die Haus- frau ging, um den jungen Leuten das Brautge- mach zu ordnen, und zwei geweihte Kerzen, die sie seit langer Zeit verwahrt hielt, fuͤr die Trau- ungsfeierlichkeit hervorzusuchen. Der Ritter ne- stelte indeß an seiner goldnen Kette, und wollte zwei Ringe losdrehen, um sie mit der Braut wechseln zu koͤnnen. Diese aber fuhr, es bemer- kend, aus ihrem tiefen Sinnen auf, und sprach: nicht also! Ganz bettelarm haben mich meine Aeltern nicht in die Welt hinein geschickt; viel- mehr haben sie gewißlich schon fruͤhe darauf ge- rechnet, daß ein solcher Abend aufgehn solle. — Damit war sie schnell aus der Thuͤr, und kam gleich darauf mit zwei kostbaren Ringen zuruͤck, deren einen sie ihrem Braͤutigam gab, und den andern fuͤr sich behielt. Der alte Fischer war ganz erstaunt daruͤber, und noch mehr die Haus- frau, die eben wieder hereintrat, daß Beide diese Kleinodien noch niemals bei dem Kinde gesehn hatten. — Meine Aeltern, entgegnete Undine, ließen mir diese Dingerchen in das schoͤne Kleid naͤhen, das ich grade anhatte, da ich zu Euch kam. Sie verboten mir auch, auf irgend eine Weise Jemandem davon zu sagen vor meinem Hochzeitabend. Da habe ich sie denn also stille heraus getrennt, und verborgen gehalten bis Heute. — Der Priester unter- brach das weitere Fragen und Verwundern, in- dem er die geweihten Kerzen anzuͤndete, sie auf einen Tisch stellte, und das Brautpaar sich ge- genuͤber treten hieß. Er gab sie sodann mit kurzen, feierlichen, Worten zusammen, die alten Eheleute segneten die jungen, und die Braut lehnte sich leise zitternd und nachdenklich an den Ritter. Da sagte der Priester mit einem Male: ihr Leute seid doch seltsam! Was sagt Ihr mir denn, Ihr waͤret die einzigen Men- schen hier auf der Insel? Und waͤhrend der ganzen Trauhandlung sah zu dem Fenster mir gegenuͤber ein ansehnlicher, langer Mann im weißen Mantel herein. Er muß noch vor der Thuͤre stehn, wenn Ihr ihn etwan mit in’s Haus noͤthigen wollt. — Gott bewahre! sagte die Wirthin, zusammenfahrend, der alte Fischer schuͤttelte schweigend den Kopf, und Huldbrand sprang nach dem Fenster. Es war ihm selbst, als sehe er noch einen weißen Streif, der aber bald im Dunkel gaͤnzlich verschwand. Er redete dem Priester ein, daß er sich durchaus geirrt haben muͤsse, und man setzte sich vertraulich mit- sammen um den Heerd. Siebentes Kapitel . Was sich weiter am Hochzeitabende begab. G ar sittig und still hatte sich Undine vor und waͤhrend der Trauung bewiesen, nun aber war es, als schaͤumten alle die wunderlichen Grillen, welche in ihr hausten, um so dreister und keckli- cher auf die Oberflaͤche hervor. Sie neckte Braͤutigam und Pflegeaͤltern und selbst den noch kaum so hochverehrten Priester mit allerhand kindischen Streichen, und als die Wirthin etwas dagegen sagen wollte, brachten diese ein paar ernste Worte des Ritters, worin er Undinen mit großer Bedeutsamkeit seine Hausfrau nannte, zum Schweigen. Ihm selbst indessen, dem Rit- ter, gefiel Undinens kindisches Bezeigen eben so wenig; aber da half kein Winken und kein Raͤuspern und keine tadelnde Rede. So oft die Braut ihres Lieblings Unzufriedenheit merk- te, — und das geschah einigemal, — ward sie freilich stiller, setzte sich neben ihn, streichelte ihn, fluͤsterte ihm laͤchelnd etwas in das Ohr, und glaͤttete so die aufsteigenden Falten seiner Stirn. Aber gleich darauf riß sie irgend ein toller Ein- fall wieder in das gaukelnde Treiben hinein, und es ging nur aͤrger, als zuvor. Da sagte der Priester sehr ernsthaft und sehr freundlich: mein anmuthiges junges Maͤgdlein, man kann Euch zwar nicht ohne Ergoͤtzen ansehn, aber denkt darauf, Eure Seele beizeiten so zu stim- men, daß sie immer die Harmonie zu der Seele Eures angetrauten Braͤutigams anklingen las- se. — Seele! lachte ihn Undine an; das klingt recht huͤbsch, und mag auch fuͤr die mehrsten Leute eine gar erbauliche und nutzreiche Regel sein. Aber wenn nun Eins gar keine Seele hat, bitt’ Euch, was soll es denn da stimmen? Und so geht es mir. — Der Priester schwieg tiefverletzt, im frommen Zuͤrnen, und kehrte sein Antlitz wehmuͤthig von dem Maͤdchen ab. Sie aber ging schmeichelnd auf ihn zu, und sagte: nein, hoͤrt doch erst ordentlich, eh’ Ihr boͤse aus- seht, denn Euer Boͤseaussehn thut mir weh und Ihr muͤßt doch keiner Creatur weh thun, die Euch ihrer Seits nichts zu Leide gethan hat. Zeigt Euch nur duldsam gegen mich, und ich will’s Euch ordentlich sagen, wie ich’s meine. Man sah, sie stellte sich in Bereitschaft, et- was recht ausfuͤhrliches zu erzaͤhlen, aber ploͤtz- lich stockte sie, wie von einem innern Schauer ergriffen, und brach in einen reichen Strom der wehmuͤthigsten Thraͤnen aus. Sie wußten Alle nicht mehr, was sie recht aus ihr machen sollten, und starrten sie in unterschiedlichen Be- sorgnissen schweigend an. Da sagte sie endlich, sich ihre Thraͤnen abtrocknend, und den Priester ernsthaft ansehend: es muß etwas Liebes, aber auch etwas hoͤchst Furchtbares, um eine Seele sein. Um Gott, mein frommer Mann, waͤr’ es nicht besser, man wuͤrde ihrer nie theilhaf- tig? — Sie schwieg wieder still, wie auf Ant- wort wartend, ihre Thraͤnen waren gehemmt. Alle in der Huͤtte hatten sich von ihren Sitzen erhoben, und traten schaudernd vor ihr zuruͤck. Sie aber schien nur fuͤr den Geistlichen Augen zu haben, auf ihren Zuͤgen malte sich der Aus- druck einer fuͤrchtenden Neubegier, die eben deshalb den Andern hoͤchst furchtbar vorkam. — Schwer muß die Seele lasten, fuhr sie fort, da ihr noch Niemand antwortete; sehr schwer! Denn schon ihr annahendes Bild uͤberschattet mich mit Angst und Trauer. Und ach, ich war so leicht, so lustig sonst! — Und in einen erneuten Thraͤ- nenstrom brach sie aus, und schlug das Gewand vor ihrem Antlitze zusammen. Da trat der Priester, ernsten Ansehns, auf sie zu, und sprach sie an, und beschwur sie bei den heiligsten Na- men, sie solle die lichte Huͤlle abwerfen, falls et- was Boͤses in ihr sei. Sie aber sank vor ihm in die Knie, alles Fromme wiederholend, was er sprach, und Gott lobend, und betheuernd, sie meine es gut mit der ganzen Welt Da sagte endlich der Priester zum Ritter: Herr Braͤuti- gam, ich lasse Euch allein mit der, die ich Euch angetraut habe. Soviel ich ergruͤnden kann, ist nichts Uebles an ihr, wohl aber des Wun- dersamen viel. Ich empfehle Euch Vorsicht, Liebe, und Treue. — Damit ging er hinaus, die Fischersleute folgten ihm, sich bekreuzend. Undine war auf die Kniee gesunken, sie entschleierte ihr Angesicht, und sagte, scheu nach Huldbranden umblickend: ach, nun willst Du mich gewiß nicht behalten; und hab’ ich doch nichts Boͤses gethan, ich armes, armes Kind! — Sie sah dabei so unendlich anmuthig und ruͤh- rend aus, daß ihr Braͤutigam alles Grauens und aller Raͤthselhaftigkeit vergaß, zu ihr hin- eilend, und sie in seinen Armen emporrichtend. Da laͤchelte sie durch ihre Thraͤnen; es war, als wenn das Morgenroth auf kleinen Baͤchen spielt. — Du kannst nicht von mir lassen! fluͤsterte sie vertraulich und sicher, und strei- chelte mit den zarten Haͤndchen des Ritters Wangen. Dieser wandte sich daruͤber von den furchtbaren Gedanken ab, die noch im Hinter- grunde seiner Seele lauerten, und ihm einreden wollten, er sei an eine Fey, oder sonst ein boͤs- lich neckendes Wesen der Geisterwelt, angetraut; nur noch die einzige Frage ging fast unversehns uͤber seine Lippen: liebes Undinchen, sage mir doch das Eine, was war es, das Du von Erd- geistern sprachst, da der Priester an die Thuͤr klopfte, und von Kuͤhleborn? — Maͤhrchen! Kindermaͤhrchen! sagte Undine lachend, und ganz wieder in ihrer gewohnten Lustigkeit. Erst hab’ ich Euch damit bange gemacht, am Ende habt Ihr’s mich. Das ist das Ende vom Liede und vom ganzen Hochzeitabend. — Nein, das ist es nicht, sagte der von Liebe berauschte Ritter, loͤschte die Kerzen, und trug seine schoͤne Gelieb- te unter tausend Kuͤssen, vom Monde, der hell durch die Fenster hereiu sah, anmuthig beleuch- tet, zu der Brautkammer hinein. Achtes Kapitel . Der Tag nach der Hochzeit . E in frisches Morgenlicht weckte die jungen Ehe- leute. Undine verbarg sich schaamhaft unter ihre Decken, und Huldbrand lag still sinnend vor sich hin. So oft er in der Nacht einge- schlafen war, hatten ihn wunderlich grausende Traͤume verstoͤrt, von Gespenstern, die sich heim- lich grinzend in schoͤne Frauen zu verkleiden streb- ten, von schoͤnen Frauen, die mit einem Male Drachenangesichter bekamen. Und wenn er von den haͤßlichen Gebilden in die Hoͤhe fuhr, stand das Mondlicht bleich und kalt draußen vor den Fenstern; entsetzt blickte er nach Undinen, an deren Busen er eingeschlafen war, und die in unverwandelter Schoͤnheit und Anmuth neben ihm ruhte. Dann druͤckte er einen leichten Kuß auf die rosigen Lippen, und schlief wieder ein, um von neuen Schrecken erweckt zu werden. Nachdem er sich nun alles dieses recht im vollen Wachen uͤberlegt hatte, schalt er sich selbst uͤber jedweden Zweifel aus, der ihn an seiner schoͤnen Frau hatte irre machen koͤnnen. Er bat ihr auch sein Unrecht mit klaren Worten ab, sie aber reichte ihm nur die schoͤne Hand, seufzte aus tiefem Herzen, und blieb still. Aber ein unendlich inniger Blick aus ihren Augen, wie er ihn noch nie gesehn hatte, ließ ihm keinen Zweifel, daß Undine von keinem Unwillen ge- gen ihn wisse. Er stand dann heiter auf, und ging zu den Hausgenossen in das gemeinsame Zimmer vor. Die Dreie saßen mit besorglichen Mienen um den Heerd, ohne daß sich Einer getraut haͤtte, seine Worte laut werden zu la- ßen. Es sahe aus, als bete der Priester in seinem Innern um Abwendung alles Uebels. Da man nun aber den jungen Ehemann so ver- gnuͤgt hervorgehn sah, glaͤtteten sich auch die Falten in den uͤbrigen Angesichtern; ja, der alte Fischer fing an, mit dem Ritter zu scherzen, auf eine recht sittige, ehrbare Weise, so daß selbst die alte Hausfrau ganz freundlich dazu laͤchelte. Daruͤber war endlich Undine auch fer- tig geworden, und trat nun in die Thuͤr; Alle wollten ihr entgegen gehn, und Alle blieben voll Verwunderung stehen, so fremd kam ihnen die junge Frau vor, und doch so wohlbekannt. Der Priester schritt zuerst mit Vaterliebe in den leuch- tenden Blicken auf sie zu, und wie er die Hand zum Seegnen emporhob, sank das schoͤne Weib andaͤchtig schauernd vor ihm in die Kniee. Sie bat ihn darauf mit einigen freundlich demuͤthi- gen Worten wegen des Thoͤrichten, das sie Ge- stern gesprochen haben moͤge, um Verzeihung, und ersuchte ihn mit sehr bewegtem Tone, daß er fuͤr das Heil ihrer Seele beten wolle. Dann erhob sie sich, kuͤßte ihre Pflegeaͤltern, und sag- te, fuͤr alles genossene Gute dankend: o jetzt fuͤhle ich es im innersten Herzen, wie viel, wie unendlich viel, Ihr fuͤr mich gethan habt, Ihr lieben, lieben Leute! — Sie konnte erst gar nicht wieder von ihren Liebkosungen abbrechen, aber kaum gewahrte sie, daß die Hausfrau nach dem Fruͤhstuͤcke hinsah, so stand sie auch bereits am Heerde, kochte und ordnete an, und litt nicht, daß die gute alte Mutter auch nur die geringste Muͤhwaltung uͤber sich nahm. Sie blieb den ganzen Tag lang so; still, freundlich und achtsam, ein Hausmuͤtterlein, und ein zart verschaͤmtes, jungfraͤuliches, Wesen zugleich. Die Dreie, welche sie schon laͤnger kannten, dachten in jedem Augenblick irgend ein wunderliches Wechselspiel ihres launischen Sin- nes hervorbrechen zu sehn. Aber sie warteten vergebens darauf. Undine blieb engelmild und sanft. Der Priester konnte seine Augen gar nicht von ihr wegwenden, und sagte mehrere Male zum Braͤutigam: Herr, einen Schatz hat Euch Gestern die himmlische Guͤte durch mich Unwuͤrdigen anvertraut; wahrt ihn, wie es sich gebuͤhrt, so wird er Euer ewiges und zeitliches Heil befoͤrdern. Gegen Gegen Abend hing sich Undine mit demuͤ- thiger Zaͤrtlichkeit an des Ritters Arm, und zog ihn sanft vor die Thuͤr hinaus, wo die sinkende Sonne anmuthig uͤber den frischen Graͤsern und um die hohen, schlanken, Baumstaͤmme leuchtete. In den Augen der jungen Frau schwamm es, wie Thau der Wehmuth und der Liebe, auf ih- ren Lippen schwebte es, wie ein zartes, besorgli- ches Geheimniß, das sich aber nur in kaum ver- nehmlichen Seufzern kund gab. Sie fuͤhrte ih- ren Liebling schweigend immer weiter mit sich fort; was er sagte, beantwortete sie nur mit Blicken, in denen zwar keine unmittelbare Aus- kunft auf seine Fragen, wohl aber ein ganzer Himmel der Liebe und schuͤchternen Ergebenheit lag. So gelangte sie an das Ufer des uͤberge- tretnen Waldstroms, und der Ritter erstaunte, diesen in leisen Wellen verrinnend dahin rieseln zu sehn, so daß keine Spur seiner vorigen Wild- heit und Fuͤlle mehr anzutreffen war. — Bis Morgen wird er ganz versiegt sein, sagte die schoͤne Frau weinerlich, und Du kannst dann F ohne Widerspruch reisen, wohinaus Du willst. — Nicht ohne Dich, Undinchen, entgegnete der la- chende Ritter; denke doch, wenn ich auch Lust haͤtte, auszureisen, so muͤßte ja Kirche und Geist- lichkeit und Kaiser und Reich drein schlagen, und Dir den Fluͤchtling wiederbringen. — Kommt Alles auf Dich an, kommt Alles auf Dich an; fluͤsterte die Kleine, halb weinend halb laͤchelnd. Ich denke aber doch, Du wirst mich wohl behalten; ich bin Dir ja gar zu innig gut. Trage mich nun hinuͤber auf die kleine Insel, die vor uns liegt. Da soll sich’s ent- scheiden. Ich koͤnnte wohl leichtlich selbst durch die Wellchen schluͤpfen, aber in Deinen Armen ruht sich’s so gut, und verstoͤßest Du mich, so hab’ ich doch noch zum letztenmale anmuthig darin geruht. — Huldbrand, voll von einer seltsamen Bangigkeit und Ruͤhrung, wußte ihr nichts zu erwiedern. Er nahm sie in seine Arme, und trug sie hinuͤber, sich nun erst besinnend, daß es dieselbe kleine Insel war, von wo er sie in jener ersten Nacht dem alten Fischer zu- ruͤckgetragen hatte. Jenseits ließ er sie in das weiche Gras nieder, und wollte sich schmeichelnd neben seine schoͤne Buͤrde setzen; sie aber sagte: nein dorthin, mir gegenuͤber. Ich will in Dei- nen Augen lesen, noch ehe Deine Lippen spre- chen: Hoͤre nun recht achtsam zu, was ich Dir erzaͤhlen will. Und sie begann. Du sollst wissen, mein suͤßer Liebling, daß es in den Elementen Wesen giebt, die fast aus- sehen, wie Ihr, und sich doch nur selten vor Euch blicken lassen. In den Flammen glitzern und spielen die wunderlichen Salamander, in der Erden tief hausen die duͤrren, tuͤckischen Gno- men, durch die Waͤlder streifen die Waldleute, die der Luft angehoͤren, und in den Seen und Stroͤmen und Baͤchen lebt der Wassergeister ausgebreitetes Geschlecht. In klingenden Kry- stallgewoͤlben, durch die der Himmel mit Sonn’ und Sternen hereinsieht, wohnt sich’s schoͤn; hohe Korallenbaͤume mit blau und rothen Fruͤch- ten leuchten in den Gaͤrten; uͤber reinlichen Meeressand wandelt man, und uͤber schoͤne, F 2 bnnte Muscheln, und was die alte Welt des also Schoͤnen besaß, daß die heutige nicht mehr sich dran zu freuen wuͤrdig ist, das uͤberzogen die Fluthen mit ihren heimlichen Silberschleiern, und unten prangen nun die edlen Denkmale, hoch und ernst, und anmuthig bethaut vom lie- benden Gewaͤsser, das aus ihnen schoͤne Moos- blumen und kraͤnzende Schilfbuͤschel hervorlockt. Die aber dorten wohnen, sind gar hold und lieblich anzuschauen, meist schoͤner, als die Men- schen sind. Manch einem Fischer ward es schon so gut, ein zartes Wasserweib zu belauschen, wie sie uͤber die Fluthen hervorstieg und sang. Der erzaͤhlte dann von ihrer Schoͤne weiter, und sol- che wundersame Frauen werden von den Men- schen Undinen genannt. Du aber siehst jetzt wirklich eine Undine, lieber Freund. Der Ritter wollte sich einreden, seiner schoͤ- nen Frau sei irgend eine ihrer seltsamen Lau- nen wach geworden, und sie finde ihre Lust da- ran, ihn mit bunt erdachten Geschichten zu nek- ken. Aber so sehr er sich dies auch vorsagte, konnte er doch keinen Augenblick daran glau- ben; ein seltsamer Schauder zog durch sein Inn- res; unfaͤhig ein Wort hervorzubringen, starrte er unverwandten Auges die holde Erzaͤhlerin an. Diese schuͤttelte betruͤbt den Kopf, seufzte aus vollem Herzen, und fuhr alsdann folgendermaa- ßen fort. Wir waͤren weit besser daran, als Ihr an- dern Menschen; — denn Menschen nennen wir uns auch, wie wir es denn der Bildung und dem Leibe nach sind; — aber es ist ein gar Uebles dabei. Wir, und unsres Gleichen in den andern Elementen, wir verstieben und vergehn mit Geist und Leib, daß keine Spur von uns ruͤckbleibt, und wenn Ihr Andern dermaleinst zu einem reinern Leben erwacht, sind wir geblie- ben, wo Sand und Funk’ und Wind und Welle blieb. Darum haben wir auch keine Seelen; das Element bewegt uns, gehorcht uns oft, so lange wir leben, zerstaͤubt uns immer, so bald wir sterben, und wir sind lustig, ohne uns irgend zu graͤmen, wie es die Nachtigallen und Goldfischlein und andre huͤbsche Kinder der Na- tur ja gleichfalls sind. Aber Alles will hoͤher, als es steht. So wollte mein Vater, der ein maͤchtiger Wasserfuͤrst im mittellaͤndischen Meere ist, seine einzige Tochter solle einer Seele theil- haftig werden, und muͤsse sie daruͤber auch viele Leiden der beseelten Leute bestehn. Eine Seele aber kann unsres Gleichen nur durch den innig- sten Verein der Liebe mit Einem Eures Ge- schlechtes gewinnen. Nun bin ich beseelt, Dir dank’ ich die Seele, o Du unaussprechlich Ge- liebter, und Dir werd’ ich es danken, wenn Du mich nicht mein ganzes Leben hindurch elend machst. Denn was soll aus mir werden, wenn Du mich scheuest und mich verstoͤßest? Durch Trug aber mogt’ ich Dich nicht behalten. Und willst Du mich verstoßen, so thu’ es nun, so geh’ allein an’s Ufer zuruͤck. Ich tauche mich in die- sen Bach, der mein Oheim ist, und hier im Walde sein wunderliches Einsiedlerleben, von den uͤbrigen Freunden entfernet, fuͤhrt. Er ist aber maͤchtig, und vielen großen Stroͤmen werth und theuer, und wie er mich herfuͤhrte zu den Fi- schern, mich leichtes und lachendes Kind, wird er mich auch wieder heimfuͤhren zu den Aeltern, mich beseelte, liebende, leidende Frau. Sie wollte noch mehr sagen, aber Huld- brand umfaßte sie voll der innigsten Ruͤhrung und Liebe, und trug sie wieder an’s Ufer zuruͤck. Hier erst schwur er unter Thraͤnen und Kuͤssen, sein holdes Weib niemals zu verlassen, und pries sich gluͤcklicher, als den Griechischen Bildner Pygmalion, welchem Frau Venus seinen schoͤnen Stein zur Geliebten belebt habe. Im suͤßen Vertrauen wandelte Undine an seinem Arme nach der Huͤtte zuruͤck, und empfand nun erst von ganzem Herzen, wie wenig sie die verlasse- nen Krystallpallaͤste ihres wundersamen Vaters bedauern duͤrfe. Neuntes Kapitel . Wie der Ritter seine junge Frau mit sich fuͤhrte. A ls Huldbrand am andern Morgen vom Schlaf erwachte, fehlte seine schoͤne Genossin an seiner Seiten, und er fing schon an, wieder den wun- derlichen Gedanken nachzuhaͤngen, die ihm seine Ehe und die reizende Undine selbst als ein fluͤch- tiges Blendwerk und Gaukelspiel vorstellen woll- ten. Aber da trat sie eben zur Thuͤr herein, kuͤßte ihn, setzte sich zu ihm auf’s Bett, und sagte: ich bin etwas fruͤh hinaus gewesen, um zu sehn, ob der Oheim Wort halte. Er hat schon alle Fluthen wieder in sein stilles Bett zu- ruͤcke gelenkt, und rinnt nun nach wie vor ein- siedlerisch und sinnend durch den Wald. Seine Freunde in Wasser und Luft haben sich auch zur Ruhe gegeben; es wird wieder Alles ordent- lich und ruhig in diesen Gegenden zugehen, und Du kannst trocknen Fußes heim reisen, sobald Du willst. — Es war Huldbranden zu Muthe, als traͤume er wachend fort, so wenig konnte er sich in die seltsame Verwandtschaft seiner Frau finden. Dennoch ließ er sich nichts mer- ken, und die unendliche Anmuth des holden Wei- bes wiegte auch bald jedwede unheimliche Ahnung zur Ruhe. — Als er nach einer Weile mit ihr vor der Thuͤr stand, und die gruͤnende Seespitze mit ihren klaren Wassergraͤnzen uͤberschaute, ward es ihm so wohl in dieser Wiege seiner Liebe, daß er sagte: was sollen wir denn auch Heute schon reisen? Wir finden wohl keine ver- gnuͤgtern Tage in der Welt haußen, als wir sie an diesem heimlichen Schutzoͤrtlein verlebten. Laß’ uns immer noch zwei oder dreimal die Sonne hier untergehn sehn. — Wie mein Herr es gebeut, entgegnete Undine in freundli- cher Demuth. Es ist nur, daß sich die alten Leute ohnehin schon mit Schmerzen von mir trennen werden, und wenn sie nun erst die treue Seele in mir spuͤren, und wie ich jetzt innig lieben und ehren kann, bricht ihnen wohl gar vor vielen Thraͤnen das schwache Augenlicht. Noch halten sie meine Stille und Froͤmmigkeit fuͤr nichts Besseres, als es sonst in mir bedeutete, fuͤr die Ruhe des See’s, wenn eben die Luft still ist, und sie werden sich nun eben so gut ei- nem Baͤumchen oder Bluͤmlein befreunden ler- nen, als mir. Laß’ mich ihnen dies neugeschenk- te, von Liebe wallende, Herz nicht kund geben, in Augenblicken, wo sie es fuͤr diese Erde verlie- ren sollen, und wie koͤnnt’ ich es bergen, blieben wir laͤnger zusammen? — Huldbrand gab ihr Recht; er ging zu den Alten, und besprach die Reise mit ihnen, die noch in dieser Stunde vor sich gehen sollte. Der Priester bot sich den beiden jungen Eheleu- ten zum Begleiter an, er und der Ritter hoben nach kurzem Abschied die schoͤne Frau auf’s Pferd, und schritten mit ihr uͤber das ausgetrocknete Bette des Waldstroms eilig dem Forste zu. Undine weinte still, aber bitterlich, die alten Leu- te klagten ihr laut nach. Es schien, als seie diesen eine Ahnung aufgegangen, von dem, was sie eben jetzt an der holden Pflegetochter ver- loren. Die drei Reisenden waren schweigend in die dichtesten Schatten des Waldes gelangt. Es mochte huͤbsch anzusehen sein, in dem gruͤnen Blaͤttersaal, wie die schoͤne Frauengestalt auf dem edlen, zierlich geschmuͤckten Pferde, saß, und von einer Seite der ehrwuͤrdige Priester in sei- ner weißen Ordenstracht, von der andern der bluͤhende junge Ritter in bunten hellen Kleidern, mit seinem praͤchtigen Schwerdte umguͤrtet, acht- sam beiher schritten. Huldbrand hatte nur Au- gen fuͤr sein holdes Weib; Undine, die ihre lie- ben Thraͤnen getrocknet hatte, nur Augen fuͤr ihn, und sie geriethen bald in ein stilles, lautlo- ses, Gespraͤch mit Blicken und Winken, aus dem sie erst spaͤt durch ein leises Reden erweckt wur- den, welches der Priester mit einem vierten Rei- segesellschafter hielt, der indeß unbemerkt zu ih- nen gekommen war. Er trug ein weißes Kleid, fast wie des Prie- sters Ordenshabit, nur daß ihm die Kappe ganz tief in’s Gesicht hereinhing, und das Ganze in so weiten Falten um ihn herflog, daß er alle Augenblicke mit Aufraffen und uͤber den Arm schlagen oder sonst dergleichen Anordnungen zu thun hatte, ohne daß er doch dadurch im gering- sten im Gehen behindert schien. Als die jun- gen Eheleute seiner gewahr wurden, sagte er eben: und so wohn’ ich denn schon seit vielen Jahren hier im Walde, mein ehrwuͤrdiger Herr, ohne daß man mich Eurem Sinne nach einen Eremiten nennen koͤnnte. Denn, wie gesagt, von Buße weiß ich nichts, und glaube sie auch nicht sonderlich zu beduͤrfen. Ich habe nur deswegen den Wald so lieb, weil es sich auf eine ganz eigne Weise huͤbsch ausnimmt und mir Spaß macht, wenn ich in meinen flatternden weißen Kleidern durch die finstern Schatten und Blaͤtter hingehe, und dann bisweilen ein suͤßer Sonnen- strahl unvermuthet auf mich herunter blitzt. — Ihr seid ein hoͤchst seltsamer Mann, entgegnete der Priester, und ich moͤchte wohl naͤhere Kunde von Euch haben. — Und wer seid Ihr denn, von Einem auf’s Andre zu kommen? fragte der Fremde. Sie nennen mich den Pater Heilmann, sprach der Geistliche, und ich komme aus Kloster Mariagruß von jenseit des Sees. — So, so; antwortete der Fremde. Ich heiße Kuͤhleborn, und wenn es auf Hoͤflichkeit ankommt, koͤnnte man mich auch wohl eben so gut Herr von Kuͤh- leborn betiteln, oder Freiherr von Kuͤhleborn; denn frei bin ich, wie der Vogel im Walde, und wohl noch ein Bischen druͤber. Zum Exempel, jetzt hab’ ich der jungen Frau dorten etwas zu erzaͤhlen. — Und ehe man sich’s versah, war er auf der andern Seite des Priesters, dicht neben Undinen, und reckte sich hoch in die Hoͤhe, um ihr etwas in’s Ohr zu fluͤstern. Sie aber wandte sich erschrocken ab, sagend: ich habe nichts mit Euch mehr zu schaffen. — Hoho, lachte der Fremde, was fuͤr eine ungeheuer vornehme Hei- rath habt Ihr denn gethan, daß Ihr Eure Verwandten nicht mehr kennt? Wißt Ihr denn nicht vom Oheim Kuͤhleborn, der Euch auf sei- nem Ruͤcken so treu in diese Gegend trug? — Ich bitte Euch aber, entgegnete Undine, daß Ihr Euch nicht wieder vor mir sehn laßt. Jetzt fuͤrcht’ ich Euch; und soll mein Mann mich scheuen lernen, wenn er mich in so seltsamer Gesellschaft und Verwandtschaft sieht? — Nicht- chen, sagte Kuͤhleborn, Ihr muͤßt nicht vergessen, daß ich hier zum Geleiter bei Euch bin; die spukenden Erdgeister moͤchten sonst dummen Spaß mit Euch treiben. Laßt mich also doch immer ruhig mitgehn; der alte Priester dort wußte sich uͤbrigens meiner besser zu erinnern, als Ihr es zu thun scheint, denn er versicherte vorhin, ich kaͤme ihm sehr bekannt vor und ich muͤsse wohl mit im Nachen gewesen sein, auf dem er in’s Wasser fiel. Das war ich auch freilich, denn ich war just die Wasserhose, die ihn herausriß, und schwemmte ihn hernach zu Deiner Trauung vollends an’s Land. Undine und der Ritter sahen nach Pater Heilmann; der aber schien in einem wandeln- den Traume fortzugehn, und von Allem, was gesprochen ward, nichts mehr zu vernehmen. Da sagte Undine zu Kuͤhleborn: ich sehe dort schon das Ende des Waldes. Wir brauchen Eurer Huͤlfe nicht mehr, und nichts macht uns Grauen als Ihr. Drum bitt’ Euch in Lieb’ und Guͤte, verschwindet, und laßt uns in Frie- den ziehn. — Daruͤber schien Kuͤhleborn unwil- lig zu werden; er zog ein haͤßliches Gesicht, und grinzte Undinen an, die laut aufschrie, und ih- ren Freund zu Huͤlfe rief. Wie ein Blitz war der Ritter um das Pferd herum, und schwang die scharfe Klinge gegen Kuͤhleborns Haupt. Aber er hieb in einen Wasserfall, der von einer hohen Klippe neben ihnen herabschaͤumte, und sie ploͤtzlich mit einem Geplaͤtscher, das beinahe wie Lachen klang, uͤbergoß, und bis auf die Haut durchnetzte. Der Priester sagte, wie ploͤtz- lich erwachend: das hab’ ich lange gedacht, weil der Bach so dicht auf der Anhoͤhe neben uns herlief. Anfangs wollt’ er mir gar vorkommen, als waͤr’ er ein Mensch und koͤnne sprechen. — In Huldbrands Ohr rauschte der Wasserfall ganz vernehmlich diese Worte: rascher Ritter, ruͤst’ger Ritter, ich zuͤrne nicht, ich zanke nicht; schirm’ nur Dein reizend Weiblein stets so gut, Du Ritter ruͤstig, Du rasches Blut! Nach wenigen Schritten waren sie im Frei- en. Die Reichsstadt lag glaͤnzend vor ihnen, und die Abendsonne, welche deren Thuͤrme vergoldete, trocknete freundlich die Kleider der durchnaͤßten Wandrer. Zehn- Zehntes Kapitel . Wie sie in der Stadt lebten . D aß der junge Ritter Huldbrand von Ring- staͤtten so ploͤtzlich vermißt worden war, hatte großes Aufsehen in der Reichsstadt erregt, und Bekuͤmmerniß bei den Leuten, die ihn allesamt wegen seiner Gewandheit bei Turnier und Tanz, wie auch wegen seiner milden, freundlichen Sit- ten, lieb gewonnen hatten. Seine Diener woll- ten nicht ohne ihren Herrn von dem Orte wie- der weg, ohne daß doch Einer den Muth gefaßt haͤtte, ihm in die Schatten des gefuͤrchteten For- stes nachzureiten. Sie blieben also in ihrer Herberge, unthaͤtig hoffend, wie es die Menschen zu thun pflegen, und durch ihre Klagen das An- denken des Verlornen lebendig erhalten. Wie G nun bald darauf die großen Unwetter und Ue- berschwemmungen merkbarer wurden, zweifelte man um so minder an dem gewissen Untergange des schoͤnen Fremden, den auch Bertalda ganz unverholen betrauerte, und sich selbst verwuͤnsch- te, daß sie ihn zu dem unseeligen Ritte nach dem Walde gelockt habe. Ihre herzoglichen Pflegeaͤltern waren gekommen, sie abzuholen, aber Bertalda bewog sie, mit ihr zu bleiben, bis man gewisse Nachricht von Huldbrands Le- ben oder Tod einziehe. Sie suchte verschiedne junge Ritter, die emsig um sie warben, zu be- wegen, daß sie dem edlen Abentheurer in den Forst nachziehn moͤchten. Aber ihre Hand moch- te sie nicht zum Preise des Wagestuͤcks ausstellen, weil sie vielleicht noch immer hoffte, dem Wie- derkehrenden angehoͤren zu koͤnnen, und um Handschuh oder Band, oder auch selbst um einen Kuß, wollte Niemand sein Leben dran setzen, einen so gar gefaͤhrlichen Nebenbuhler zuruͤck zu holen. Nun, da Huldbrand unerwartet und ploͤtz- lich erschien, freuten sich Diener und Stadtbe- wohner, und uͤberhaupt fast alle Leute, nur Ber- talda eben nicht, denn wenn es den Andern auch ganz lieb war, daß er eine so wunderschoͤne Frau mitbrachte, und den Pater Heilmann als Zeugen der Trauung, so konnte doch Bertalda nicht anders, als sich deshalb betruͤben. Erstlich hatte sie den jungen Rittersmann wirklich von ganzer Seele lieb gewonnen, und dann war durch ihre Trauer uͤber sein Wegbleiben den Au- gen der Menschen weit mehr davon kund ge- worden, als sich nun eben schicken wollte. Sie that deswegen aber doch immer, als ein kluges Weib, fand sich in die Umstaͤnde, und lebte auf’s allerfreundlichste mit Undinen, die man in der ganzen Stadt fuͤr eine Prinzessin hielt, welche Huldbrand im Walde von irgend einem boͤsen Zauber erloͤst habe. Wenn man sie selbst oder ihren Eheherrn daruͤber befragte, wußten sie zu schweigen, oder geschickt auszuweichen, des Vater Heilmanns Lippen waren fuͤr jedes eitle Ge- schwaͤtz versiegelt, und ohnehin war er gleich G 2 nach Huldbrands Ankunft wieder in sein Kloster zuruͤckgegangen, so daß sich die Leute mit ihren seltsamen Muthmaßungen behelfen mußten, und auch selbst Bertalda nicht mehr als jeder Andre von der Wahrheit erfuhr. Undine gewann uͤbrigens dies anmuthige Maͤdchen mit jedem Tage lieber. — Wir muͤs- sen uns einander schon eher gekannt haben, pfleg- te sie ihr oͤfters zu sagen, oder es muß sonst ir- gend eine wundersame Beziehung unter uns ge- ben, denn so ganz ohne Ursach, versteht mich, ohne tiefe, geheime Ursach, gewinnt man ein Andres nicht so lieb, als ich Euch gleich vom ersten Anblicke her gewann. — Und auch Ber- talda konnte sich nicht ableugnen, daß sie einen Zug der Vertraulichkeit und Liebe zu Undinen empfinde, wie sehr sie uͤbrigens meinte, Ursach zu den bittersten Klagen uͤber diese gluͤckliche Nebenbuhlerin zu haben. In dieser gegenseiti- gen Neigung wußte die Eine bei ihren Pflege- aͤltern, die Andre bei ihrem Ehegatten, den Tag der Abreise weiter und weiter hinaus zu schie- ben; ja, es war schon die Rede davon gewesen, Bertalda solle Undinen auf einige Zeit nach Burg Ringstaͤtten an die Quellen der Donau begleiten. Sie sprachen auch einmal eines schoͤnen Abends davon, als sie eben bei Sternenschein auf dem mit hohen Baͤumen eingefaßten Mark- te der Reichsstadt umherwandelten. Die beiden jungen Eheleute hatten Bertalden noch spaͤt zu einem Spatziergange abgeholt, und alle Drei zo- gen vertraulich unter dem tiefblauen Himmel auf und ab, oftmals in ihren Gespraͤchen durch die Bewunderung unterbrochen, die sie dem kostbaren Springborn in der Mitte des Platzes, und seinem wundersamen Rauschen und Spru- deln, zollen mußten. Es war ihnen so lieb und heimlich zu Sinn; zwischen die Baumschatten durch stahlen sich die Lichtschimmer der nahen Haͤuser, ein stilles Gesumse von spielenden Kin- dern und andern lustwandelnden Menschen wogte um sie her; man war so allein und doch so freundlich in der heitern, lebendigen Welt mitten inne; was bei Tage Schwierigkeit ge- schienen hatte, das ebnete sich nun wie von sel- ber, und die drei Freunde konnten gar nicht mehr begreifen, warum wegen Bertaldas Mit- reise auch nur die geringste Bedenklichkeit habe obwalten moͤgen. Da kam, als sie eben den Tag ihrer gemeinschaftlichen Abfahrt bestimmen wollten, ein langer Mann von der Mitte des Marktplatzes her auf sie zugegangen, neigte sich ehrerbietig vor der Gesellschaft, und sagte der jungen Frau etwas in’s Ohr. Sie trat, unzu- frieden uͤber die Stoͤrung und uͤber den Stoͤ- rer, einige Schritte mit dem Fremden zur Sei- te, und Beide begannen mit einander zu fluͤstern, es schien, in einer fremden Sprache. Huldbrand glaubte den seltsamen Mann zu kennen, und sah so starr auf ihn hin, daß er Bertaldens staunende Fragen weder hoͤrte noch beantwor- tete. Mit einem Male klopfte Undine freudig in die Haͤnde, und ließ den Fremden lachend stehn, der sich mit vielem Kopfschuͤtteln und has- tigen, unzufriedenen Schritten entfernte, und in den Brunnen hineinstieg. Nun glaubte Huld- brand seiner Sache ganz gewiß zu sein, Ber- talda aber fragte: was wollte Dir denn der Brunnenmeister, liebe Undine? — Die junge Frau lachte heimlich in sich hinein, und erwie- derte: Uebermorgen, auf Deinen Namenstag sollst Du’s erfahren, Du liebliches Kind. — Und weiter war nichts aus ihr herauszubringen. Sie lud nur Bertalden und durch sie ihre Pfle- geaͤltern an dem bestimmten Tage zur Mittags- tafel, und man ging bald darauf auseinander. Kuͤhleborn? — fragte Huldbrand mit einem geheimen Schauder seine schoͤne Gattin, als sie von Bertalda Abschied genommen hatten, und nun allein durch die dunkler werdenden Gassen zu Haus gingen. — Ja, er war es, antwor- tete Undine, und er wollte mir auch allerhand dummes Zeug vorsprechen! Aber mitten darin hat er mich, ganz gegen seine Absicht, mit einer hoͤchst willkommenen Botschaft erfreut. Willst Du diese nun gleich wissen, mein holder Herr und Gemahl, so brauchst Du nur zu gebieten, und ich spreche mir alles vom Herzen los. Woll- test Du aber Deiner Undine eine recht, recht große Freude goͤnnen, so ließest Du es bis Ue- bermorgen, und haͤttest dann auch an der Ueber- raschung Dein Theil. Der Ritter gewaͤhrte seiner Gattin gern, warum sie so anmuthig bat, und noch im Ent- schlummern lispelte sie laͤchelnd vor sich hin: was sie sich freuen wird, und sich wundern uͤber ihres Brunnenmeisters Botschaft, die liebe, lie- be Bertalda! Eilftes Kapitel . Bertaldas Namensfeier . D ie Gesellschaft saß bei Tafel, Bertalda, mit Kleinodien und Blumen, den mannigfachen Ge- schenken ihrer Pflegeaͤltern und Freunde, ge- schmuͤckt, wie eine Fruͤhlingsgoͤttin, oben an, zu ihren Seiten Undine und Huldbrand. Als das reiche Mahl zu Ende ging, und man den Nach- tisch auftrug, blieben die Thuͤren offen; nach alter, guter Sitte in Deutschen Landen, damit auch das Volk zusehen koͤnne, und sich an der Lustigkeit der Herrschaften mitfreuen. Bediente trugen Wein und Kuchen unter den Zuschauern herum. Huldbrand und Bertalda warteten mit heimlicher Ungeduld auf die versprochne Er- klaͤrung, und verwandten, so sehr es sich thun ließ, kein Auge von Undinen. Aber die schoͤne Frau blieb noch immer still, und laͤchelte nur heimlich und innig froh vor sich hin. Wer um ihre gethane Verheissung wußte, konnte sehn, daß sie ihr erquickendes Geheimniß alle Augen- blick verrathen wollte, und es doch noch immer in luͤsterner Entsagung zuruͤcklegte, wie es Kinder bisweilen mit ihren liebsten Lekkerbissen thun. Bertalda und Huldbrand theilten dies wonnige Gefuͤhl, in hoffender Bangigkeit das neue Gluͤck erwartend, welches von ihrer Freundin Lippen auf sie hernieder thauen sollte. Da baten ver- schiedne von der Gesellschaft Undinen um ein Lied. Es schien ihr gelegen zu kommen, sie ließ sich sogleich ihre Laute bringen, und sang folgende Worte: Morgen so hell, Blumen so bunt, Graͤser so duftig und hoch An wallenden See’s Gestade! Was zwischen den Graͤsern Schimmert so licht? Ist’s eine Bluͤthe weiß und groß, Vom Himmel gefallen in Wiesenschooß? Ach, ist ein zartes Kind! — Unbewußt mit Blumen taͤndelt’s, Faßt nach goldnen Morgenlichtern; — O woher? Woher, Du Holdes? — Fern vom unbekannten Strande Trug es hier der See heran; — Nein fasse nicht, Du zartes Leben, Mit Deiner kleinen Hand herum; Nicht Hand wird Dir zuruͤckgegeben, Die Blumen sind so fremd und stumm. Die wissen wohl sich schoͤn zu schmuͤcken, Zu duften auch nach Herzenslust, Doch keine mag Dich an sich druͤcken, Fern ist die traute Mutterbrust. So fruͤh’ noch an des Lebens Thoren, Noch Himmelslaͤcheln im Gesicht, Hast Du das Beste schon verloren, O armes Kind, und weißt es nicht. Ein edler Herzog kommt geritten, Und hemmt vor Dir des Rosses Lauf; Zu hoher Kunst und reinen Sitten Zieht er in seiner Burg Dich auf. Du hast unendlich viel gewonnen, Du bluͤhst, die Schoͤnst’ im ganzen Land, Doch ach! die allerbesten Wonnen Ließ’st Du am unbekannten Strand. Undine senkte mit einem wehmuͤthigen Laͤ- cheln ihre Laute; die Augen der herzoglichen Pfleg- aͤltern Bertaldens standen voller Thraͤnen. — So war es am Morgen, wo ich Dich fand, Du arme holde Waise, sagte der Herzog tiefbewegt; die schoͤne Saͤngerin hat wohl Recht; das Beste haben wir Dir dennoch nicht zu geben vermocht. — Wir muͤssen aber auch hoͤren, wie es den ar- men Aeltern ergangen ist, sagte Undine, schlug die Saiten, und sang: Mutter geht durch ihre Kammern Raͤumt die Schraͤnke ein und aus, Sucht, und weiß nicht was, mit Jammern, Findet nichts, als leeres Haus. Leeres Haus! O Wort der Klage, Dem, der einst ein holdes Kind Drin gegaͤngelt hat am Tage, Drin gewiegt in Naͤchten lind. Wieder grunen wohl die Buchen, Wieder kommt der Sonne Licht, Aber, Mutter, laß’ Dein Suchen, Wieder kommt Dein Liebes nicht. Und wenn Abendluͤfte faͤcheln, Vater heim zum Heerde kehrt, Regt sich’s fast in ihm, wie Laͤcheln Dran doch gleich die Thraͤne zehrt. Vater weiß, in seinen Zimmern Findet er die Todesruh, Hoͤrt nur bleicher Mutter Wimmern, Und kein Kindlein lacht ihm zu. O, um Gott, Undine, wo sind meine Aeltern? rief die weinende Bertalda. Du weißt es ge- wiß, Du hast es erfahren, Du wundersame Frau, denn sonst haͤttest Du mir das Herz nicht so zerrissen. Sind sie vielleicht schon hier? Waͤr’ es? — Ihr Auge durchflog die glaͤnzende Gesellschaft, und weilte auf einer regierenden Herrin, die ihrem Pflegevater zunaͤchst saß. Da beugte sich Undine nach der Thuͤr zuruͤck, ihre Augen flossen in der suͤssesten Ruͤhrung uͤber. — Wo sind denn die armen, harrenden Aeltern? fragte sie, und der alte Fischer mit seiner Frau wankten aus dem Haufen der Zuschauer vor. Ihre Augen hingen fragend bald an Undinen, bald an dem schoͤnen Fraͤulein, das ihre Tochter sein sollte. — Sie ist es! stammelte die ent- zuͤckte Geberin, und die zwei alten Leute hingen lautweinend und Gott preisend an dem Halse der Wiedergefundnen. Aber entsetzt und zuͤrnend riß sich Bertalda aus ihrer Umarmung los. Es war zu viel fuͤr dieses stolze Gemuͤth, eine solche Wiedererken- nung, in dem Augenblicke, wo sie fest gemeint hatte, ihren bisherigen Glanz noch zu steigern, und die Hoffnung Thronhimmel und Kronen uͤber ihr Haupt herunter regnen ließ. Es kam ihr vor, als habe ihre Nebenbuhlerin dies Alles ersonnen, um sie nur recht ausgesucht vor Huld- branden und aller Welt zu demuͤthigen. Sie schalt Undinen, sie schalt die beiden Alten, die haͤßlichen Worte: Betruͤgerin und erkauftes Volk! rissen sich von ihren Lippen. Da sagte die alte Fischerfrau nur ganz leise vor sich hin: ach Gott, sie ist ein boͤses Weibsbild geworden; und den- noch fuͤhl’ ich’s im Herzen, daß sie von mir ge- boren ist. — Der alte Fischer aber hatte seine Haͤnde gefaltet, und betete still, daß die hier seine Tochter nicht sein moͤge. — Undine wankte todesbleich von den Aeltern zu Bertalden, von Bertalden zu den Aeltern, ploͤtzlich aus all’ den Himmeln, die sie sich getraͤumt hatte, in eine Angst und ein Entsetzen gestuͤrtzt, das ihr bisher auch nicht im Traume kund geworden war. Hast Du denn eine Seele? Hast Du denn wirklich eine Seele, Bertalda? schrie sie einigemale in ihre zuͤrnende Freundin hinein, als wolle sie sie aus einem ploͤtzlichen Wahnsinn oder einem tollmachenden Nachtgesichte gewaltsam zur Besin- nung bringen. Als aber Bertalda nur immer noch ungestuͤmer wuͤthete, als die verstoßenen Ael- tern laut zu heulen anfingen, und die Gesell- schaft sich streitend und eifernd in verschiedne Parten theilte, erbat sie sich mit einemmale so wuͤrdig und ernst die Freiheit, in den Zimmern ihres Mannes zu reden, daß Alles um sie her, wie auf einen Wink, stille ward. Sie trat da- rauf an das obre Ende des Tisches, wo Bertalda gesessen hatte, demuͤthig und stolz, und sprach, waͤhrend sich Aller Augen unverwandt auf sie richteten, folgendergestalt: Ihr Leute, die Ihr so feindlich ausseht und so verstoͤrt, und mir mein liebes Fest so grimm zerreißt, ach Gott, ich wußte von Euern thoͤrich- ten Sitten und Eurer harten Sinnesweise nichts, und werde mich wohl mein Lebelang nicht drin finden. Daß ich Alles verkehrt angefangen habe, liegt nicht an mir; glaubt nur, es liegt einzig an Euch, so wenig es Euch auch darnach aus- sehen mag. Ich habe Euch auch deshalb nur wenig zu sagen, aber das Eine muß gesagt sein: ich habe nicht gelogen. Beweise kann und will ich Euch ausser meiner Versicherung nicht geben, aber beschwoͤren will ich es. Mir hat es der- selbe gesagt, der Bertalden von ihren Aeltern weg in’s Wasser lockte, und sie nachher dem Her- Herzog in seinen Weg auf die gruͤne Wiese legte. Sie ist eine Zauberin, rief Bertalda, eine Hexe, die mit boͤsen Geistern Umgang hat! Sie bekennt es ja selbst. Das thue ich nicht, sagte Undine, einen ganzen Himmel der Unschuld und Zuversicht in ihren Augen. Ich bin auch keine Hexe; seht mich nur darauf an. So luͤgt sie, und prahlt, fiel Bertalda ein, und kann nicht behaupten, daß ich dieser niedern Leute Kind sei. Meine herzoglichen Aeltern, ich bitte Euch, fuͤhrt mich aus dieser Gesellschaft fort, und aus dieser Stadt, wo man nur dar- auf ausgeht, mich zu schmaͤhen. Der alte, ehrsame Herzog aber blieb fest stehen, und seine Gemahlin sagte: wir muͤssen durchaus wissen, woran wir sind; Gott sei vor, daß ich eher nur einen Fuß aus diesem Saale setze. — Da naͤherte sich die alte Fi- scherin, beugte sich tief vor der Herzogin, und sagte: Ihr schließt mir das Herz auf, hohe, H gottesfuͤrchtige Frau. Ich muß Euch sagen, wenn dieses boͤse Fraͤulein meine Tochter ist, traͤgt sie ein Mahl, gleich einem Veilchen, zwi- schen beiden Schultern, und ein gleiches auf dem Spann ihres linken Fußes. Wenn sie sich nur mit mir aus den Saale entfernen woll- te. — Ich entbloͤße mich nicht vor der Baͤue- rin; sagte Bertalda, ihr stolz den Ruͤcken wen- dend. — Aber vor mir doch wohl, entgegnete die Herzogin mit großem Ernst. Ihr werdet mir in jenes Gemach folgen, Jungfrau, und die gute Alte kommt mit. — Die Drei ver- schwanden, und alle Uebrigen blieben in großer Erwartung schweigend zuruͤck. Nach einer klei- nen Weile kamen die Frauen wieder, Bertalda todtenbleich, und die Herzogin sagte: Recht muß Recht bleiben: deshalben erklaͤr’ ich, daß unsre Frau Wirthin vollkommen wahr gespro- chen hat. Bertalda ist des Fischers Tochter, und soviel ist, als man hier zu wissen braucht. Das fuͤrstliche Ehepaar ging mit der Pflege- tochter fort; auf einen Wink des Herzogs folgte ihnen der Fischer mit seiner Frau. Die andern Gaͤste entfernten sich schweigend oder heimlich murmelnd, und Undine sank herzlich weinend in Huldbrands Arme. H 2 Zwoͤlftes Kapitel . Wie sie aus der Reichsstadt abreisten . D em Herrn von Ringstetten waͤr’ es freilich lieber gewesen, wenn sich Alles an diesem Tage anders gefuͤgt haͤtte; aber auch so, wie es nun einmal war, konnte es ihm nicht unlieb sein, da sich seine reizende Frau so fromm und gut- muͤthig und herzlich bewies. — Wenn ich ihr eine Seele gegeben habe, mußt’ er bei sich sel- ber sagen, gab ich ihr wohl eine bessre, als mei- ne eigne ist; und nun dachte er einzig darauf, die Weinende zufrieden zu sprechen, und gleich des andern Tages einen Ort mit ihr zu verla- ßen, der ihr seit diesem Vorfalle zuwider sein mußte. Zwar ist es andem, daß man sie eben nicht ungleich beurtheilte. Weil man schon fruͤ- her etwas Wunderbares von ihr erwartete, fiel die seltsame Entdeckung von Bertaldens Her- kommen nicht allzusehr auf, und nur gegen diese war Jedermann, der die Geschichte und ihr stuͤr- misches Betragen dabei erfuhr, uͤbel gesinnt. Davon wußten aber der Ritter und seine Frau noch nichts; außerdem waͤre Eins fuͤr Undinen so schmerzhaft gewesen, als das Andre, und so hatte man nichts Bessres zu thun, als die Mau- ern der alten Stadt baldmoͤglichst hinter sich zu laßen. Mit den ersten Strahlen des Morgens hielt ein zierlicher Wagen fuͤr Undinen vor dem Thore der Herberge; Huldbrands und seiner Knappen Hengste stampften daneben das Pflaster. Der Ritter fuͤhrte seine schoͤne Frau aus der Thuͤr, da trat ihnen ein Fischermaͤdchen in den Weg. — Wir brauchen Deine Waare nicht, sagte Huld- brand zu ihr, wir reisen eben fort. — Da fing das Fischermaͤdchen bitterlich an zu weinen, und nun erst sahen die Eheleute, daß es Bertalda war. Sie traten gleich mit ihr in das Gemach zuruͤck, und erfuhren von ihr, der Herzog und die Herzogin seien so erzuͤrnt uͤber ihre gestrige Haͤrte und Heftigkeit, daß sie die Hand gaͤnzlich von ihr abgezogen haͤtten, nicht ohne ihr jedoch vorher eine reiche Aussteuer zu schenken. Der Fischer sei gleichfalls wohl begabt worden, und habe noch Gestern Abends mit seiner Frau wie- der den Weg nach der Seespitze eingeschlagen. Ich wollte mit ihnen gehn, fuhr sie fort; aber der alte Fischer, der mein Vater sein soll — Er ist es auch wahrhaftig, Bertalda; unter- brach sie Undine. Sieh’ nur, der, welchen Du fuͤr den Brunnenmeister ansahst, erzaͤhlte mir’s ausfuͤhrlich. Er wollte mich abreden, daß ich dich nicht mit nach Burg Ringstetten nehmen sollte, und da fuhr ihm dieses Geheimniß mit heraus. Nun denn, sagte Bertalda, mein Vater, — wenn es denn so sein soll, — mein Vater sprach, ich nehme Dich nicht mit, bis Du anders wor- den bist. Wage dich allein durch den verrufenen Wald zu uns hinaus; das soll die Probe sein, ob Du Dir etwas aus uns machst. Aber kom- me mir nicht, wie ein Fraͤulein; wie eine Fi- scherdirne komm’! — Da will ich denn thun, wie er gesagt hat, denn von aller Welt bin ich verlaßen, und will als ein armes Fischerkind bei den aͤrmlichen Aeltern einsam leben und ster- ben. Vor dem Wald graut es mich freilich sehr. Es sollen abscheuliche Gespenster drinnen hausen, und ich bin so furchtsam. Aber was hilft’s? — Hierher kam ich nur noch, um bei der edlen Frau von Ringstetten Verzeihung dafuͤr zu erfle- hen, daß ich mich Gestern so ungebuͤhrlich erzeigte. Ich fuͤhle wohl, Ihr habt es gut gemeint, hol- de Dame, aber Ihr wußtet nicht, wie Ihr mich verletzen wuͤrdet, und da stroͤmte mir denn in der Angst und Ueberraschung gar manch unsin- nig verwegnes Wort uͤber die Lippen. Ach ver- zeiht, verzeiht! Ich bin ja so ungluͤcklich schon. Denkt nur selbsten, was ich noch Gestern in der Fruͤhe war, noch Gestern zu Anfang Eures Festes, und was nun Heut! — Die Worte gingen ihr unter in einem schmerzlichen Thraͤnenstrom, und gleichfalls bit- terlich weinend fiel ihr Undine um den Hals. Es dauerte lange, bis die tiefgeruͤhrte Frau ein Wort hervorbringen konnte; dann aber sagte sie: Du sollst ja mit uns nach Ringstetten; es soll ja Alles bleiben, wie es fruͤher abgeredet war; nur nenne mich wieder Du, und nicht mehr Dame und edle Frau. Sieh’, wir wur- den als Kinder mit einander vertauscht; da schon verzweigte sich unser Geschick, und wir wollen es fuͤrder so innig verzweigen, daß es keine menschliche Gewalt zu trennen im Stand sein soll. Nur erst mit uns nach Ringstetten. Wie wir als Schwestern mit einander theilen wollen, besprechen wir dort. — Bertalda sah scheu nach Huldbrand empor. Ihn jammerte des schoͤnen, bedraͤngten Maͤgdleins; er bot ihr die Hand, und redete ihr kosend zu, sich ihm und seiner Gattin anzuvertrau’n. — Eu- ern Aeltern, sagte er, schicken wir Bothschaft, warum ihr nicht gekommen seid; — und noch Manches wollte er wegen der guten Fischers- leute hinzusetzen, aber er sah, wie Bertalda bei deren Erwaͤhnung schmerzhaft zusammen fuhr, und ließ also lieber das Reden davon sein. Aber unter den Arm faßte er sie, hob sie zuerst in den Wagen, Undinen ihr nach, und trabte froͤhlich beiher, trieb auch den Fuhrmann so wacker an, daß sie das Gebiet der Reichsstadt und mit ihm alle truͤben Erinnrungen in kurzer Zeit uͤberflogen hatten, und nun die Frauen mit bessrer Lust durch die schoͤnen Gegenden hinrollten, welche ihr Weg sie entlaͤngst fuͤhrte. Nach einigen Tagereisen kamen sie eines schoͤnen Abends auf Burg Ringstetten an. Dem jungen Rittersmann hatten seine Voͤgte und Mannen viel zu berichten, so daß Undine mit Bertalden allein blieb. Die Beiden ergingen sich auf dem hohen Wall der Veste, und freuten sich an der anmuthigen Landschaft, die sich rings- um durch das geseegnete Schwaben ausbreitete. Da trat ein langer Mann zu ihnen, der sie hoͤflich gruͤßte, und der Bertalden beinah vor- kam, wie jener Brunnenmeister in der Reichs- stadt. Noch unverkennbarer ward ihr die Aehn- lichkeit, als Undine ihm unwillig, ja drohend, zuruͤck winkte, und er sich mit eiligen Schritten und schuͤttelndem Kopfe fortmachte, wie damals, worauf er in einem nahen Gebuͤsche verschwand. Undine aber sagte: fuͤrchte Dich nicht, liebes Bertaldchen; diesmal soll Dir der haͤßliche Brun- nenmeister nichts zu Leide thun. — Und da- mit erzaͤhlte sie ihr die ganze Geschichte aus- fuͤhrlich, und auch wer sie selbst sei, und wie Bertalda von den Fischersleuten weg, Undine aber dahin gekommen war. Die Jungfrau ent- setzte sich anfaͤnglich vor diesen Reden; sie glaub- te, ihre Freundinn sei von einem schnellen Wahn- sinn befallen. Aber mehr und mehr uͤberzeugte sie sich, daß Alles wahr sei, an Undinens zusam- menhaͤngenden Worten, die zu den bisherigen Begebenheiten so gut paßten, und noch mehr an dem innern Gefuͤhl, mit welchem sich die Wahrheit uns kund zu geben nie ermangelt. Es war ihr seltsam, daß sie nun selbst wie mitten in einem von den Maͤhrchen lebe, die sie sonst nur ’erzaͤhlen gehoͤrt. Sie starrte Undinen mit Ehrfurcht an, konnte sich aber eines Schauders, der zwischen sie und ihre Freundinn trat, nicht mehr erwehren, und mußte sich beim Abend- brodt sehr daruͤber wundern, wie der Ritter ge- gen ein Wesen so verliebt und freundlich that, welches ihr seit den letzten Entdeckungen mehr gespenstisch als menschlich vorkam. Dreizehntes Kapitel . Wie sie auf Burg Ringstetten lebten . D er diese Geschichte aufschreibt, weil sie ihm das Herz bewegt, und weil er wuͤnscht, daß sie auch Andern ein Gleiches thun moͤge, bittet Dich, lieber Leser, um eine Gunst. Sieh’ es ihm nach, wenn er jetzt uͤber einen ziemlich lan- gen Zeitraum mit kurzen Worten hingeht, und Dir nur im Allgemeinen sagt, was sich darin begeben hat. Er weiß wohl, daß man es recht kunstgemaͤß und Schritt vor Schritt entwickeln koͤnnte, wie Huldbrands Gemuͤth begann, sich von Undinen ab, und Bertalden zuzuwenden, wie Bertalda dem jungen Mann mit gluͤhender Liebe immer mehr entgegen kam, und er und sie die arme Ehefrau als ein fremdartiges Wesen mehr zu fuͤrchten als zu bemitleiden schienen, wie Undine weinte, und ihre Thraͤnen Gewis- sensbisse in des Ritters Herzen anregten, ohne jedoch die alte Liebe zu erwecken, so daß er ihr wohl bisweilen freundlich that, aber ein kalter Schauer ihn bald von ihr weg, und dem Men- schenkinde Bertalda entgegen trieb; — man koͤnnte dies Alles, weiß der Schreiber, ordent- lich ausfuͤhren, vielleicht sollte man’s auch. Aber das Herz thut ihm dabei allzuweh, denn er hat aͤhnliche Dinge erlebt, und scheut sich in der Erinnerung auch noch vor ihrem Schatten. Du kennst wahrscheinlich ein aͤhnliches Gefuͤhl, lieber Leser, denn so ist nun einmal der sterblichen Menschen Geschick. Wohl Dir, wenn Du da- bei mehr empfangen, als ausgetheilt hast, denn hier ist Nehmen seeliger als Geben. Dann schleicht Dir nur ein geliebter Schmerz bei sol- chen Erwaͤhnungen durch die Seele, und viel- leicht eine linde Thraͤne die Wange herab, um Deine verwelkten Blumenbeete, deren Du Dich so herzlich gefreut hattest. Damit sei es aber auch genug; wir wollen uns nicht mit tausend- fach vereinzelten Stichen das Herz durchprikkeln, sondern nur kurz dabei bleiben, daß es nun ein- mal so gekommen war, wie ich es vorhin sagte. Die arme Undine war sehr betruͤbt, die andern Beiden waren auch nicht eben vergnuͤgt; sonder- lich meinte Bertalda bei der geringsten Abwei- chung von dem, was sie wuͤnschte, den eifersuͤch- tigen Druck der beleidigten Hausfrau zu spuͤren. Sie hatte sich deshalb ordentlich ein herrisches Wesen angewoͤhnt, dem Undine in wehmuͤthiger Entsagung nachgab, und das durch den verblen- deten Huldbrand gewoͤhnlich auf’s entschiedenste unterstuͤtzt ward. — Was die Burggesellschaft noch mehr verstoͤrte, waren allerhand wunder- liche Spukereien, die Huldbranden und Bertal- den in den gewoͤlbten Gaͤngen des Schlosses begegneten, und von denen vorher seit Menschen- gedenken nichts gehoͤrt worden war. Der lange, weiße Mann, in welchem Huldbrand den Oheim Kuͤhleborn, Bertalda den gespenstischen Brun- nenmeister nur allzuwohl erkannte, trat oftmals drohend vor Beide, vorzuͤglich aber vor Bertal- den hin, so daß diese schon einigemal vor Schre- cken krank darnieder gelegen hatte, und manch- mal daran dachte, die Burg zu verlaßen. Theils aber war ihr Huldbrand allzu lieb, und sie stuͤtzte sich dabei auf ihre Unschuld, weil es nie zu einer eigentlichen Erklaͤrung unter ihnen ge- kommen war; theils auch wußte sie nicht, wo- hin sie sonst ihre Schritte richten solle. Der alte Fischer hatte auf des Herrn von Ringstet- tens Bothschaft, daß Bertalda bei ihm sei, mit einigen schwer zu lesenden Federzuͤgen, so wie sie ihm Alter und lange Entwoͤhnung verstatte- ten, geantwortet: ich bin nun ein armer alter Wittwer worden, denn meine liebe treue Frau ist mir erstorben. Wie sehr ich aber auch allein in der Huͤtten sitzen mag, Bertalda ist mir lie- ber dort, als bei mir. Nur daß sie meiner lie- ben Undine nichts zu Leide thue! Sonst haͤtte sie meinen Fluch. — Die letztern Worte schlug Bertalda in den Wind, aber das wegen des Wegbleibens von dem Vater behielt sie gut, so wie wir Menschen in aͤhnlichen Faͤllen es immer zu machen pflegen. Eines Tages war Huldbrand eben ausgerit- ten, als Undine das Hausgesinde versammelte, einen großen Stein herbei bringen hieß, und den praͤchtigen Brunnen, der sich in der Mitte des Schloßhofes befand, sorgfaͤltig damit zu bedecken befahl. Die Leute wandten ein, sie wuͤrden als- dann das Wasser weit unten aus dem Thale heraufzuholen haben. Undine laͤchelte wehmuͤ- thig. — Es thut mir leid um eure vermehrte Arbeit, liebe Kinder, entgegnete sie; ich moͤchte lieber selbst die Wasserkruͤge heraufholen, aber dieser Brunnen muß nun einmal zu. Glaubt es mir auf’s Wort, daß es nicht anders angeht, und daß wir nur dadurch ein groͤßeres Unheil zu vermeiden in Stande sind. — Die ganze Dienerschaft freute sich, ihrer sanften Hausfrau gefaͤllig sein zu koͤnnen; man fragte nicht weiter, sondern ergriff den ungeheuern Stein. Dieser hob sich unter ihren Haͤnden, und schwebte be- reits uͤber dem Brunnen, da kam Bertalda ge- laufen, laufen, und rief, man solle innehalten; aus die- sem Brunnen lasse sie das Waschwasser holen, welches ihrer Haut so vortheilhaft sei, und sie werde nimmermehr zugeben, daß man ihn ver- schliesse. Undine aber blieb diesmal, obgleich auf gewohnte Weise sanft, dennoch auf unge- wohnte Weise, bei ihrer Meinung fest; sie sagte, als Hausfrau gebuͤhre ihr, alle Anordnungen der Wirthschaft nach bester Ueberzeugung einzu- richten, und Niemand habe sie daruͤber Rechen- schaft abzulegen, als ihrem Ehgemahl und Herrn. — Seht, o seht doch, rief Bertalda unwillig und aͤngstlich, das arme, schoͤne Wasser kraͤuselt sich und windet sich, weil es vor der klaren Sonne versteckt werden soll, und vor dem erfreulichen Anblick der Menschengesichter, zu de- ren Spiegel es erschaffen ist! — In der That zischte und regte sich die Fluth im Borne ganz wunderlich; es war, als wolle sich etwas daraus hervorringen, aber Undine drang nur um so ernstlicher auf die Erfuͤllung ihrer Befehle. Es brauchte dieses Ernstes kaum. Das Schloßgesind’ J war eben so froh, seiner milden Herrin zu ge- horchen, als Bertalda’s Trotz zu brechen, und so ungeberdig diese auch schelten und drohen mochte, lag dennoch in kurzer Zeit der Stein uͤber der Oeffnung des Brunnens fest. Undine lehnte sich sinnend daruͤber hin, und schrieb mit den schoͤnen Fingern auf der Flaͤche. Sie muß- te aber wohl etwas sehr Scharfes und Aetzen- des dabei in der Hand gehabt haben, denn als sie sich abwandte, und die Andern naͤher hinzu- traten, nahmen sie allerhand seltsame Zeichen auf dem Steine wahr, die Keiner vorher an demselben gesehn haben wollte. Den heimkehrenden Ritter empfing am Abend Bertalda mit Thraͤnen und Klagen uͤber Undi- nens Verfahren. Er warf ernste Blicke auf diese, und die arme Frau sah betruͤbt vor sich nieder. Doch sagte sie mit großer Fassung: mein Herr und Ehgemahl schilt ja keinen Leib- eignen, bevor er ihn hoͤrt, wie minder dann sein angetrautes Weib. — Sprich, was Dich zu jener seltsamen That bewog; sagte der Ritter mit finsterm Antlitz. — Ganz allein moͤcht’ ich es Dir sagen! seufzte Undine. — Du kannst es eben so gut in Bertaldas Gegenwart; entgeg- nete er. — Ja, wenn Du es gebeutst, sagte Undine; aber gebeut es nicht. O bitte, bitte, gebeut es nicht. — Sie sah so demuͤthig, hold und gehorsam aus, daß des Ritters Herz sich einem Sonnenblick aus bessern Zeiten erschloß. Er faßte sie freundlich unter den Arm, und fuͤhr- te sie in sein Gemach, wo sie folgendermaaßen zu sprechen begann. Du kennst ja den boͤsen Oheim Kuͤhleborn, mein geliebter Herr, und bist ihm oͤfters unwil- lig in den Gaͤngen dieser Burg begegnet. Ber- talden hat er gar bisweilen zum Krankwerden erschreckt. Das macht, er ist seelenlos, ein blo- ßer, elementarischer Spiegel der Aussenwelt, der das Innere nicht wiederzustrahlen vermag. Da sieht er denn bisweilen, daß Du unzufrieden mit mir bist, daß ich in meinem kindischen Sin- ne daruͤber weine, daß Bertalda vielleicht eben in derselben Stunde zufaͤllig lacht. Nun bildet J 2 er sich allerhand Ungleiches ein, und mischt sich auf vielfache Weise ungebeten in unsern Kreis. Was hilft’s, daß ich ihn ausschelte? Daß ich ihn unfreundlich wegschicke? Er glaubt mir nicht ein Wort. Sein armes Leben hat keine Ahnung davon, wie Liebesleiden und Liebesfreuden ein- ander so anmuthig gleich sehn, und so innig ver- schwistert sind, daß keine Gewalt sie zu trennen vermag. Unter der Thraͤne quillt das Laͤcheln vor, das Laͤcheln lockt die Thraͤne aus ihren Kammern. Sie sah laͤchelnd und weinend nach Huld- brand in die Hoͤh’, der allen Zauber der alten Liebe wieder in seinem Herzen empfand. Sie fuͤhlte das, druͤckte ihn inniger an sich, und fuhr unter freudigen Thraͤnen also fort: Da sich der Friedenstoͤrer nicht mit Wor- ten weisen ließ, mußte ich wohl die Thuͤr vor ihm zusperren. Und die einzige Thuͤr, die er zu uns hat, ist jener Brunnen. Mit den an- dern Quellgeistern hier in der Gegend ist er ent- zweit, von dem naͤchsten Thaͤlern an, und erst weiterhin auf der Donau, wenn einige seiner guten Freunde hineingestroͤmt sind, faͤngt sein Reich wieder an. Darum ließ ich den Stein uͤber des Brunnens Oeffnung waͤlzen, und schrieb Zeichen darauf, die alle Kraft des eifernden Oheims laͤhmen, so daß er nun weder Dir, noch mir, noch Bertalden, in den Weg kommen soll. Menschen freilich koͤnnen trotz der Zeichen mit ganz gewoͤhnlichem Bemuͤhen den Stein wieder abheben; die hindert es nicht. Willst Du also, so thu’ nach Bertalda’s Begehr, aber wahrhaftig, sie weiß nicht, was sie bittet. Auf sie hat es der ungezogne Kuͤhleborn ganz vor- zuͤglich angesehn, und wenn Manches kaͤme, was er mir prophezeien wollte, und was doch wohl geschehen koͤnnte, ohne daß Du es uͤbel meintest, — ach Lieber, so waͤrest ja auch Du nicht außer Gefahr! Huldbrand fuͤhlte tief im Herzen die Groß- muth seiner holden Frau, wie sie ihren furcht- baren Beschuͤtzer so emsig aussperrte, und noch dazu von Bertalden daruͤber gescholten worden war. Er druͤckte sie daher auf’s liebreichste in seine Arme, und sagte geruͤhrt: der Stein bleibt liegen, und Alles bleibt und soll immer bleiben, wie Du es haben willst, mein holdes Undin- chen. — Sie schmeichelte ihm demuͤthig froh uͤber die lang’ entbehrten Worte der Liebe, und sagte endlich: mein allerliebster Freund, da Du Heute so uͤberaus mild und guͤtig bist, duͤrft’ ich es wohl wagen, Dir eine Bitte vorzutragen? Sieh’ nur, es ist mit Dir, wie mit dem Som- mer. Eben in seiner besten Herrlichkeit setzt sich der flammende und donnernde Kronen von schoͤ- nen Gewittern auf, darin er als ein rechter Koͤnig und Erdengott anzusehen ist. So schiltst auch Du bisweilen, und wetterleuchtest mit Zung’ und Augen, und das steht Dir sehr gut, wenn ich auch bisweilen in meiner Thorheit daruͤber zu weinen anfange. Aber thu’ das nie gegen mich, auf einem Wasser, oder wo wir auch nur einem Gewaͤsser nahe sind. Siehe, dann bekaͤmen die Verwandten ein Recht uͤber mich. Unerbittlich wuͤrden sie mich von Dir rei- ßen in ihrem Grimm, weil sie meinten, daß eine ihres Geschlechtes beleidigt sei, und ich muͤßte Lebenslang drunten in den Krystallpallaͤ- sten wohnen, und duͤrfte nie wieder zu Dir her- auf, oder sendeten sie mich zu Dir herauf, o Gott, dann waͤr’ es noch unendlich schlimmer. Nein nein, Du suͤßer Freund, dahin laß’ es nicht kommen, so lieb Dir die arme Undine ist. Er verhieß feierlich, zu thun, wie sie begeh- re, und die beiden Eheleute traten unendlich froh und liebevoll wieder aus dem Gemach. Da kam Bertalda mit einigen Werkleuten, die sie unter- deß schon hatte bescheiden laßen, und sagte mit einer muͤrrischen Art, die sie sich zeither ange- nommen hatte: nun ist doch wohl das geheime Gespraͤch zu Ende, und der Stein kann herab. Geht nur hin, Ihr Leute, und richtet’s aus. — Der Ritter aber, ihre Unart empoͤrt fuͤhlend, sagte in kurzen und sehr ernstlichen Worten, der Stein bleibt liegen; auch verwies er Bertalden ihre Heftigkeit gegen seine Frau, worauf die Werkleute mit heimlich vergnuͤgtem Laͤcheln fort- gingen, Bertalda aber von der andern Seite erbleichend nach ihren Zimmern eilte. Die Stunde des Abendessens kam heran, und Bertalda ließ sich vergeblich erwarten. Man schickte nach ihr; da fand der Kaͤmmerling ihre Gemaͤcher leer, und brachte nur ein versiegeltes Blatt, an den Ritter uͤberschrieben, mit zuruͤck. Dieser oͤffnete es bestuͤrzt, und las. Ich fuͤhle mit Beschaͤmung, wie ich nur eine arme Fischersdirne bin. Daß ich es auf Augenblicke vergaß, will ich in der aͤrmlichen Huͤtte meiner Aeltern buͤßen. Lebt wohl mit Eurer schoͤnen Frau! Undine war von Herzen betruͤbt. Sie bat Huldbranden inbruͤnstig, der entflohenen Freun- dinn nachzueilen, und sie wieder mit zuruͤck zu bringen. Ach, sie hatte nicht noͤthig zu treiben! Seine Neigung fuͤr Bertalden brach wieder hef- tig hervor. Er eilte im ganzen Schloß umher, fragend, ob Niemand gesehn habe, welches We- ges die schoͤne Fluͤchtige gegangen sei. Er konn- te nichts erfahren, und saß schon im Burghofe zu Pferde, entschlossen, auf’s Gerathewohl dem Wege nachzureiten, den er Bertalden hierher gefuͤhrt hatte. Da kam ein Schildbub, und versicherte, er sei dem Fraͤulein auf dem Pfade nach dem Schwarzthale begegnet. Wie ein Pfeil sprengte der Ritter durch das Thor, der angewiesenen Richtung nach, ohne Undinens aͤngst- liche Stimme zu hoͤren, die ihm aus dem Fen- ster nachrief: nach dem Schwarzthal? O dahin nicht! Huldbrand, dahin nicht! Oder um Got- teswillen, nimm mich mit! — Als sie aber all’ ihr Rufen vergeblich sah, ließ sie eilig ihren weißen Zelter satteln, und trabte dem Ritter nach, ohne irgend eines Dieners Begleitung an- nehmen zu wollen. Vierzehntes Kapitel . Wie Bertalda mit dem Ritter heimfuhr. D as Schwarzthal liegt tief in die Berge hin- ein. Wie es jetzo heißt, kann man nicht wissen. Damals nannten es die Landleute so, wegen der tiefen Dunkelheit, welche von hohen Baͤu- men, worunter es vorzuͤglich viele Tannen gab, in die Niederung herunter gestreuet ward. Selbst der Bach, der zwischen den Klippen hinstru- delte, sahe davon ganz schwarz aus, und gar nicht so froͤhlich, wie es Gewaͤsser wohl zu thun pflegen, die den blauen Himmel unmittelbar uͤber sich haben. Nun, in der hereinbrechenden Daͤmmerung, war es vollends sehr wild und finster zwischen den Hoͤhen geworden. Der Rit- ter trabte aͤngstlich die Bachesufer entlaͤngst; er fuͤrchtete bald, durch Verzoͤgerung die Fluͤchtige zu weit voraus zu lassen, bald wieder, in der großen Eile sie irgendwo, dafern sie sich vor ihm verstecken wolle, zu uͤbersehn. Er war indeß schon ziemlich tief in das Thal hinein gekommen, und konnte nun denken, das Maͤgdlein bald ein- geholt zu haben, wenn er anders auf der rech- ten Spur war. Die Ahnung, daß er das auch wohl nicht sein koͤnne, trieb sein Herz zu immer aͤngstlicheren Schlaͤgen. Wo sollte die zarte Ber- talda bleiben, wenn er sie nicht fand, in der drohenden Wetternacht, die sich immer furchtba- rer uͤber das Thal herein bog? Da sah er endlich etwas Weißes am Hange des Berges durch die Zweige schimmern. Er glaubte Ber- taldas Gewand zu erkennen, und machte sich hinzu. Sein Roß aber wollte nicht hinan; es baͤumte sich so ungestuͤm, und er wollte so we- nig Zeit verlieren, daß er — zumahl da ihm wohl ohnehin zu Pferde das Gestraͤuch allzuhin- derlich geworden waͤre, — absaß, und den schnau- benden Hengst an eine Ruͤster band, worauf er sich dann vorsichtig durch die Buͤsche hinarbei- tete. Die Zweige schlugen ihm unfreundlich Stirn und Wangen mit der kalten Naͤsse des Abendthau’s, ein ferner Donner murmelte jen- seit der Berge hin, es sah Alles so seltsam aus, daß er anfing, eine Scheu vor der weißen Ge- stalt zu empfinden, die nun schon unfern von ihm am Boden lag. Doch konnte er ganz deutlich unterscheiden, daß es ein schlafendes oder ohn- maͤchtiges Frauenzimmer in langen, weißen Ge- waͤndern war, wie sie Bertalda Heute getragen hatte. Er trat dicht vor sie hin, rauschte an den Zweigen, klirrte an seinem Schwerdte, — sie regte sich nicht. — Bertalda! sprach er; erst leise, dann immer lauter, — sie hoͤrte nicht. Als er zuletzt den theuern Namen mit gewalt- samer Anstrengung rief, hallte ein dumpfes Echo aus den Berghoͤlen des Thales lallend zuruͤck: Bertalda! — aber die Schlaͤferin blieb uner- weckt. Er beugte sich zu ihr nieder; die Dun- kelheit des Thales und der einbrechenden Nacht ließen keinen ihrer Gesichtszuͤge unterscheiden. Als er sich nun eben mit einigem gramvollen Zweifel ganz nahe zu ihr an den Boden gedruͤckt hatte, fuhr ein Blitz schnell erleuchtend uͤber das Thal hin. Er sah ein abscheulich verzerr- tes Antlitz dicht vor sich, das mit dumpfer Stim- me rief: gieb mir ’nen Kuß, Du verliebter Schaͤfer! — Vor Entsetzen schreiend fuhr Huld- brand in die Hoͤh’, die haͤßliche Gestalt ihm nach. — Zu Haus! murmelte sie; die Unholde sind wach. Zu Haus! Sonst hab’ ich Dich! — Und es griff nach ihm mit langen weißen Ar- men. — Tuͤckischer Kuͤhleborn, rief der Ritter sich ermannend, was gilt’s, Du bist es, Du Kobold! Da hast Du ’nen Kuß! — Und wuͤthend hieb er mit dem Schwerdte gegen die Gestalt. Aber die zerstob, und ein durchnaͤssen- der Wasserguß ließ dem Ritter keinen Zweifel daruͤber, mit welchem Feind er gestritten habe. Er will mich zuruͤckschrecken von Bertalden, sagte er laut zu sich selbst; er denkt, ich soll mich vor seinen albernen Spukereien fuͤrchten, und ihm das arme, geaͤngstete Maͤdchen hinge- ben, damit er sie seine Rache koͤnne fuͤhlen la- ßen. Das soll er doch nicht, der schwaͤchliche Elementargeist. Was eine Menschenbrust ver- mag, wenn sie so recht will, so recht aus ihrem besten Leben will, das versteht der ohnmaͤchtige Gaukler nicht. — Er fuͤhlte die Wahrheit sei- ner Worte, und daß er sich selbst dadurch einen ganz erneuten Muth in das Herz gesprochen habe. Auch schien es, als trete das Gluͤck mit ihm in Bunde, denn noch war er nicht wieder bei seinem angebundenen Rosse, da hoͤrte er schon ganz deutlich Bertaldens klagende Stim- me, wie sie unfern von ihm durch das immer lauter werdende Geraͤusch des Donners und Sturmwindes heruͤber weinte. Befluͤgelten Fu- ßes eilt’ er dem Schalle nach, und fand die er- bebende Jungfrau, wie sie eben die Hoͤhe hinan zu klimmen versuchte, um sich auf alle Weise aus dem schaurigen Dunkel dieses Thales zu retten. Er aber trat ihr liebkosend in den Weg, und so kuͤhn und stolz auch fruͤher ihr Entschluß mochte gewesen sein, empfand sie doch jetzt nur allzulebendig das Gluͤck, daß ihr im Herzen ge- liebter Freund sie aus der furchtbaren Einsam- keit erloͤse, und das helle Leben in der befreunde- ten Burg so anmuthige Arme nach ihr aus- strecke. Sie folgte fast ohne Widerspruch, aber so ermattet, daß der Ritter froh war, sie bis zu seinem Rosse geleitet zu haben, welches er nun eilig losknuͤpfte, um die schoͤne Wandrerin hinaufzuheben, und es alsdann am Zuͤgel sich durch die ungewissen Schatten der Thalgegend vorsichtig nachzuleiten. Aber das Pferd war ganz verwildert durch Kuͤhleborns tolle Erscheinung. Selbst der Rit- ter wuͤrde Muͤhe gebraucht haben, auf des baͤu- menden, wildschnaubenden, Thieres Ruͤcken zu springen; die zitternde Bertalda hinaufzuheben, war eine volle Unmoͤglichkeit. Man beschloß also, zu Fuße heimzukehren. Das Roß am Zuͤ- gel nachzerrend, unterstuͤtzte der Ritter mit der andern Hand das schwankende Maͤgdlein. Ber- talda machte sich so stark, als moͤglich, um den furchtbaren Thalgrund schnell zu durchwandeln, aber wie Blei zog die Muͤdigkeit sie herab, und zugleich bebten ihr alle Glieder zusammen, theils noch von mancher uͤberstandnen Angst, womit Kuͤhleborn sie vorwaͤrts gehetzt hatte, theils auch in der fortdauernden Bangigkeit vor dem Ge- heul’ des Sturmes und Donners durch die Waldung des Gebirgs. Endlich entglitt sie dem stuͤtzenden Arm ih- res Fuͤhrers, und auf das Moos hingesunken, sagte sie: laßt mich nur hier liegen, edler Herr. Ich buͤße meiner Thorheit Schuld, und muß nun doch auf alle Weise hier verkommen vor Mattigkeit und Angst. — Nimmermehr, holde Freundinn, verlaß’ ich Euch! rief Huldbrand, vergeblich bemuͤht, den brausenden Hengst an seiner Hand zu baͤndigen, der aͤrger, als vorhin, zu tosen und zu schaͤumen begann; der Ritter war endlich nur froh, daß er ihn vor der hin- gesunknen Jungfrau fern genug hielt, um sie nicht durch die Furcht vor ihm noch mehr zu erschrecken. Wie er sich aber mit dem tollen Pferde nur kaum einige Schritte entfernte, be- gann gann sie auch gleich, ihm auf das allerjaͤmmer- lichste nachzurufen, des Glaubens, er wolle sie wirklich hier in der entsetzlichen Wildniß verla- ßen. Er wußte gar nicht mehr, was er begin- nen sollte. Gern haͤtte er dem wuͤthenden Thiere volle Freiheit gegeben, durch die Nacht hinzu- stuͤrmen, und seine Raserei auszutoben, haͤtte er nur nicht fuͤrchten muͤssen, es wuͤrde in diesem engen Paß mit seinen beerzten Hufen eben uͤber die Stelle hindonnern, wo Bertalda lag. Waͤhrend dieser großen Noth und Verlegen- heit, war es ihm unendlich trostreich, daß er einen Wagen langsam den steinigen Weg hinter sich herabfahren hoͤrte. Er rief um Beistand; eine maͤnnliche Stimme antwortete, verwies ihn zur Geduld, aber versprach, zu helfen, und bald darauf leuchteten schon zwei Schimmel durch das Gebuͤsch, der weiße Kaͤrrnerkittel ihres Fuͤh- rers neben her, worauf sich denn auch die große, weiße Leinewand sehen ließ, mit welcher die Waaren, die er bei sich fuͤhren mochte, uͤberdeckt waren. Auf ein lautes Brr! aus dem Munde K ihres Herrn standen die gehorsamen Schimmel. Er kam gegen den Ritter heran, und half ihm, das schaͤumende Thier baͤndigen. — Ich merke wohl, sagte er dabei, was der Bestie fehlt. Als ich zuerst durch diese Gegend zog, ging es mei- nen Pferden nicht besser. Das macht, hier wohnt ein boͤser Wassernix, der an solchen Nek- kereien Lust hat. Aber ich hab’ ein Spruͤchlein gelernt; wenn Ihr mir vergoͤnnen wolltet, dem Rosse das in’s Ohr zu sagen, so sollt’ es gleich so ruhig stehn, wie meine Schimmel da. — Versucht Eu’r Heil, und helft nur bald! schrie der ungeduldige Ritter. Da bog der Fuhrmann den Kopf des baͤumenden Pferdes zu sich herun- ter, und sagte ihm einige Worte in’s Ohr. Augenblicklich stand der Hengst gezaͤhmt und friedlich still, und nur sein erhitztes Keuchen und Dampfen zeugte noch von der vorherigen Un- baͤndigkeit. Es war nicht viel Zeit fuͤr Huld- branden, lange zu fragen, wie dies zugegangen sei. Er ward mit dem Kaͤrrner einig, daß er Bertalden auf den Wagen nehmen solle, wo, seiner Aussage nach, die weichste Baumwolle in Ballen lag, und so moͤge er sie bis nach Burg Ringstetten fuͤhren; der Ritter wolle den Zug zu Pferde begleiten. Aber das Roß schien von seinem vorigen Toben zu erschoͤpft, um noch sei- nen Herrn so weit zu tragen, weshalb diesem der Kaͤrrner zuredete, mit Bertalden in den Wagen zu steigen. Das Pferd koͤnne man ja hinten anbinden. — Es geht Bergunter, sagte er, und da wird’s meinen Schimmeln leicht. — Der Ritter nahm dies Erbieten an, er bestieg mit Bertalden den Wagen, der Hengst folgte geduldig nach, und ruͤstig und achtsam schritt der Fuhrmann beiher. In der Stille der tiefer dunkelnden Nacht, aus der das Gewitter immer ferner und schweig- samer abdonnerte, in dem behaglichen Gefuͤhl der Sicherheit und des bequemen Fortkommens, entspann sich zwischen Huldbrand und Bertalda ein trauliches Gespraͤch. Mit schmeichelnden Worten schalt er sie um ihr trotziges Fluͤchten; mit Demuth und Ruͤhrung entschuldigte sie sich, K 2 und aus Allem, was sie sprach, leuchtete es her- vor, gleich einer Lampe, die dem Geliebten zwi- schen Nacht und Geheimniß kund giebt, die Ge- liebte harre noch sein. Der Ritter fuͤhlte den Sinn dieser Reden weit mehr, als daß er auf die Bedeutung der Worte Acht gegeben haͤtte, und antwortete auch einzig auf jenen. Da rief der Fuhrmann ploͤtzlich mit kreischender Stimme: hoch, Ihr Schimmel! Hoch den Fuß! Nehmt Euch zusammen, Schimmel! Denkt huͤbsch, was Ihr seid! — Der Ritter beugte sich aus dem Wagen, und sah, wie die Pferde mitten im schaͤumenden Wasser dahin schritten, oder fast schon schwammen, des Wagens Raͤder wie Muͤh- lenraͤder blinkten und rauschten, der Kaͤrrner vor der wachsenden Fluth auf das Fuhrwerk gestie- gen war. — Was soll das fuͤr ein Weg sein? Der geht ja mitten in den Strom! rief Huld- brand seinem Fuͤhrer zu. — Nein, Herr, lachte dieser zuruͤck; es ist grad’ umgekehrt. Der Strom geht mitten in unsern Weg. Seht Euch nur um, wie Alles uͤbergetreten ist. In der That wogte und rauschte der ganze Thalgrund von ploͤtzlich empoͤrten, sichtbar stei genden, Wellen. Das ist der Kuͤhleborn, der boͤse Wassernix, der uns ersaͤufen will! rief der Ritter. Weißt Du kein Spruͤchlein wider ihn, Gesell? — Ich wuͤßte wohl Eins, sagte der Fuhrmann, aber ich kann und mag es nicht eher brauchen, als bis Ihr wißt, wer Ich bin. — Ist es hier Zeit zu Raͤthseln? schrie der Ritter. Die Fluth steigt immer hoͤher, und was geht es mich an, zu wissen, wer Du bist? — Es geht Euch aber doch was an, sagte der Fuhr- mann, denn ich bin Kuͤhleborn. Damit lachte er, verzerrten Antlitzes, zum Wagen herein, aber der Wagen blieb nicht Wagen mehr, die Schim- mel nicht Schimmel; Alles verschaͤumte, ver- rann in zischenden Wogen, und selbst der Fuhr- mann baͤumte sich als eine riesige Welle empor, riß den vergeblich arbeitenden Hengst unter die Gewaͤsser hinab, und wuchs dann wieder, und wuchs uͤber den Haͤuptern des schwimmenden Paares, wir zu einem feuchten Thurme an, und wollte sie eben rettungslos begraben. — Da scholl Undinens anmuthige Stimme durch das Getoͤse hin, der Mond trat aus den Wolken, und mit ihm ward Undine auf den Hoͤhen des Thalgrundes sichtbar. Sie schalt, sie drohte in die Fluthen hinab, die drohende Thurmeswoge verschwand murrend und mur- melnd, leise rannen die Wasser im Mondglanze dahin, und wie eine weiße Taube sah man Un- dinen von der Hoͤhe hinab tauchen, den Ritter und Bertalden erfassen, und mit sich nach einem frischen, gruͤnen Rasenfleck auf der Hoͤhe empor heben, wo sie mit ausgesuchten Labungen Ohn- macht und Schrecken vertrieb; dann half sie Bertalden zu dem weißen Zelter, der sie selbst hergetragen hatte, hinaufheben, und so gelangten alle Dreie nach Burg Ringstetten zuruͤck. Funfzehntes Kapitel . Die Reise nach Wien . E s lebte sich seit der letztern Begebenheit still und ruhig auf dem Schloß. Der Ritter er- kannte mehr und mehr seiner Frauen himmlische Guͤte, die sich durch ihr Nacheilen und Retten im Schwarzthale, wo Kuͤhleborns Gewalt wie- der anging, so herrlich offenbart hatte; Undine selbst empfand den Frieden und die Sicherheit, deren ein Gemuͤth nie ermangelt, so lange es mit Besonnenheit fuͤhlt, daß es auf dem rechten Wege sei, und zudem gingen ihr in der neu er- wachenden Liebe und Achtung ihres Ehemannes vielfache Schimmer der Hoffnung und Freude auf. Bertalda hingegen zeigte sich dankbar, de- muͤthig und scheu, ohne daß sie wieder diese Aeusserungen als etwas Verdienstliches ange- schlagen haͤtte. So oft ihr Eines der Eheleute uͤber die Verdeckung des Brunnens, oder uͤber die Abentheuer im Schwarzthale, irgend etwas Erklaͤrendes sagen wollte, bat sie inbruͤnstig, man moͤge sie damit verschonen, weil sie wegen des Brunnens allzuviele Beschaͤmung, und we- gen des Schwarzthales, allzuviele Schrecken emp- finde. Sie erfuhr daher auch von Beiden wei- ter nichts; und wozu schien es auch noͤthig zu sein? Der Friede und die Freude hatten ja ihren sichtbaren Wohnsitz in Burg Ringstetten genommen. Man ward daruͤber ganz sicher, und meinte, nun koͤnne das Leben gar nichts mehr tragen, als anmuthige Blumen und Fruͤchte. In so erlabenden Verhaͤltnissen war der Winter gekommen und voruͤber gegangen, und der Fruͤhling sah mit seinen hellgruͤnen Sproßen und seinem lichtblauen Himmel zu den froͤhlichen Menschen herein. Ihm war zu Muth, wie ihnen, und ihnen, wie ihm. Was Wunder, daß seine Stoͤrche und Schwalben auch in ihnen die Reiselust anregten! Waͤhrend sie einmal nach den Donauquellen hinab lustwandelten, erzaͤhlte Huldbrand von der Herrlichkeit des ed- len Stromes, und wie er wachsend durch geseeg- nete Laͤnder fliesse, wie das koͤstliche Wien an seinen Ufern emporglaͤnze, und er uͤberhaupt mit jedem Schritte seiner Fahrt an Macht und Lieblichkeit gewinne. — Es muͤßte herrlich sein, ihn so bis Wien einmal hinabzufahren! brach Bertalda aus, aber gleich darauf in ihre jetzige Demuth und Bescheidenheit zuruͤckgesunken, schwieg sie erroͤthend still. Eben dies ruͤhrte Undinen sehr, und im lebhaftesten Wunsch, der lieben Freundin eine Lust zu machen, sagte sie: wer hindert uns denn, die Reise anzutreten? — Bertalda huͤpfte vor Freuden in die Hoͤhe, und die beiden Frauen begannen sogleich, sich die anmuthige Donaufahrt mit den allerhellsten Far- ben vor die Sinne zu rufen. Auch Huldbrand stimmte froͤhlich darin ein; nur sagte er einmal besorgt Undinen in’s Ohr: aber weiterhin ist Kuͤhleborn wieder gewaltig? — Laß’ ihn nur kommen, entgegnete sie lachend; ich bin ja da- bei, und vor mir wagt er sich mit keinem Un- heil hervor. — Damit war das letzte Hinder- niß gehoben, man ruͤstete sich zur Fahrt, und trat sie alsbald mit frischem Muth und den heitersten Hoffnungen an. Wundert Euch aber nur nicht, Ihr Men- schen, wenn es dann immer ganz anders kommt, als man gemeint hat. Die tuͤckische Macht, die lauert, uns zu verderben, singt ihr auser- kornes Opfer gern mit suͤßen Liedern und gold- nen Maͤhrchen in den Schlaf. Dagegen pocht der rettende Himmelsbote oftmals scharf und erschreckend an unsre Thuͤr. Sie waren die ersten Tage ihrer Donau- fahrt hindurch außerordentlich vergnuͤgt gewe- sen. Es ward auch Alles immer besser und schoͤner, so wie sie den stolzer fluthenden Strom weiter hinunterschifften. Aber in einer sonst hoͤchst anmuthigen Gegend, von deren erfreuli- chem Anblick sie sich die beste Freude versprochen hatten, sing der ungebaͤndigte Kuͤhleborn ganz unverholen an, seine hier eingreifende Macht zu zeigen. Es blieben zwar blos Neckereien, weil Undine oftmals in die empoͤrten Wellen oder in die hemmenden Winde hineinschalt, und sich dann die Gewalt des Feindseeligen augen- blicklich in Demuth ergab; aber wieder kamen die Angriffe, und wieder brauchte es der Mah- nung Undinens, so daß die Lustigkeit der kleinen Reisegesellschaft eine gaͤnzliche Stoͤrung erlitt. Dabei zischelten sich noch immer die Faͤhrleute zagend in die Ohren, und sahen mistrauisch auf die drei Herrschaften, deren Diener selbsten mehr und mehr etwas Unheimliches zu ahnen begannen, und ihre Gebieter mit seltsamen Blicken verfolgten. Huldbrand sagte oͤfters bei sich im stillen Gemuͤthe: das kommt davon, wenn Gleich sich nicht zu Gleich gesellt, wenn Mensch und Meerfraͤulein ein wunderliches Buͤndniß schließen. — Sich entschuldigend, wie wir es denn uͤberhanpt lieben, dachte er freilich oftmals dabei: ich hab’ es ja nicht gewußt, daß sie ein Meerfraͤulein war. Mein ist das Un- heil, das jeden meiner Schritte durch der tollen Verwandtschaft Grillen bannt und stoͤrt, aber mein ist nicht die Schuld. — Durch solcherlei Gedanken fuͤhlte er sich einigermaaßen gestaͤrkt, aber dagegen ward er immer verdrießlicher, ja feindseeliger, wider Undinen gestimmt. Er sah sie schon mit muͤrrischen Blicken an, und die arme Frau verstand deren Bedeutung wohl. Dadurch, und durch die bestaͤndige Anstrengung wider Kuͤhleborns Listen erschoͤpft, sank sie ge- gen Abend, von der sanftgleitenden Barke ange- nehm gewiegt, in einen tiefen Schlaf. Kaum aber, daß sie die Augen geschlossen hatte, so waͤhnte Jedermann im Schiffe, nach der Seite, wo er grade hinaussah, ein ganz abscheuliches Menschenhaupt zu erblicken, das sich aus den Wellen emporhob, nicht wie das eines Schwimmenden, sondern ganz senkrecht, wie auf den Wasserspiegel grade eingepfaͤhlt, aber mitschwimmend, so wie die Barke schwamm. Jeder wollte dem Andern zeigen, was ihn erschreckte, und Jeder fand zwar auf des An- dern Gesicht das gleiche Entsetzen, Hand und Auge aber nach einer andern Richtung hinzei- gend, als wo ihm selbst das halb lachende, halb draͤuende, Scheusal vor Augen stand. Wie sie sich nun aber einander daruͤber verstaͤndigen wollten, und Alles rief: sieh dorthin, nein dort- hin! — da wurden Jedwedem die Graͤuel- bilder Aller sichtbar, und die ganze Fluth um das Schiff her wimmelte von den entsetzlichsten Gestalten. Von dem Geschrei, das sich daruͤ- ber erhob, erwachte Undine. Vor ihren aufge- henden Augenlichtern verschwand der mißgeschaff- nen Gesichter tolle Schaar. Aber Huldbrand war empoͤrt uͤber so viele haͤßliche Gaukeleien. Er waͤre in wilde Verwuͤnschungen ausgebrochen, nur daß Undine mit den demuͤthigsten Blicken, und ganz leise bittend, sagte: um Gott, mein Eheherr, wir sind auf den Fluthen; zuͤrne jetzt nicht auf mich. — Der Ritter schwieg, setz- te sich, und versank in ein tiefes Nachdenken. Undine sagte ihm in’s Ohr: waͤr’ es nicht besser, mein Liebling, wir ließen die thoͤrichte Reise, und kehrten nach Burg Ringstetten in Frieden zuruͤck? — Aber Huldbrand murmelte feind- seelig: also ein Gefangner soll ich sein auf mei- ner eignen Burg? Und athmen nur koͤnnen, so lange der Brunnen zu ist? So wollt’ ich, daß die tolle Verwandtschaft. — Da druͤckte Undine schmeichelnd ihre schoͤne Hand auf seine Lippen. Er schwieg auch, und hielt sich still, so Manches, was ihm Undine fruͤher gesagt hatte, erwaͤgend. Indessen hatte Bertalda sich allerhand selt- sam umschweifenden Gedanken uͤberlassen. Sie wußte Vieles von Undinens Herkommen und doch nicht Alles, und vorzuͤglich war ihr der furchtbare Kuͤhleborn ein schreckliches, aber noch immer ganz dunkles, Raͤthsel geblieben; so daß sie nicht einmal seinen Namen ja vernommen hatte. Ueber alle diese wunderlichen Dinge nach- sinnend, knuͤpfte sie, ohne sich dessen recht bewußt zu werden, ein goldnes Halsband los, welches ihr Huldbrand auf einer der letzten Tagereisen von einem herumziehenden Handelsmann gekauft hatte, und ließ es dicht uͤber der Oberflaͤche des Flußes spielen, sich halb traͤumend an dem lich- ten Schimmer ergoͤtzend, den es in die abend- hellen Gewaͤsser warf. Da griff ploͤtzlich eine große Hand aus der Donau herauf, erfaßte das Halsband, und fuhr damit unter die Fluthen. Bertalda schrie laut auf, und ein hoͤhnisches Gelaͤchter schallte aus den Tiefen des Stromes drein. Nun hielt sich des Ritters Zorn nicht laͤnger. Aufspringend schalt er in die Gewaͤsser hinein, verwuͤnschte Alle, die sich in seine Ver- wandtschaft und sein Leben draͤngen wollten, und forderte sie auf, Nix oder Syrene, sich vor sein blankes Schwerdt zu stellen. Bertalda weinte indeß um den verlornen, ihr so innig lieben, Schmuck, und goß mit ihren Thraͤnen Oel in des Ritters Zorn, waͤhrend Undine ihre Hand uͤber den Schiffesbord in die Wellen ge- taucht hielt, in einem fort sacht vor sich hin murmelnd, und nur manchmal ihr seltsam heim- liches Gefluͤster unterbrechend, indem sie bittend zu ihrem Ehherrn sprach: mein Herzlichlieber, hier schilt mich nicht. Schilt Alles, was Du willst, aber hier mich nicht. Du weißt ja! — Und wirklich enthielt sich seine vor Zorn stam- melnde Zunge noch jedes Wortes unmittelbar wider sie. Da brachte sie mit der feuchten Hand, die sie unter den Wogen gehalten hatte, ein wunderschoͤnes Korallenhalsband hervor, so herrlich blitzend, daß Allen davon die Augen fast geblendet wurden. Nimm hin, sagte sie, es Bertalden freundlich hinhaltend; das hab’ ich Dir zum Ersatz bringen lassen, und sei nicht weiter betruͤbt, Du armes Kind. — Aber der Ritter sprang dazwischen. Er riß den schoͤnen Schmuck Undinen aus der Hand, schleuderte ihn wieder in den Fluß, und schrie wuthent- brannt: so hast Du denn immer Verbindung mit ihnen? Bleib bei ihnen in aller Hexen Namen mit all’ Deinen Geschenken, und laß’ uns Menschen zufrieden, Gauklerin Du! — Starren aber thraͤnenstroͤmenden Blickes sah ihn die die arme Undine an, noch immer die Hand ausgestreckt, mit welcher sie Bertalden ihr huͤb- sches Geschenk so freundlich hatte hinreichen wollen. Dann fing sie immer herzlicher an, zu weinen, wie ein recht unverschuldet und recht bitterlich gekraͤnktes liebes Kind. Endlich sagte sie ganz matt: ach, holder Freund, ach lebe wohl! Sie sollen Dir nichts thun; nur bleibe treu, daß ich sie Dir abwehren kann. Ach, aber fort muß ich, muß fort auf diese ganze junge Lebenszeit. O weh, o weh, was hast Du angerichtet! O weh, o weh! Und uͤber den Rand der Barke schwand sie hinaus. — Stieg sie hinuͤber in die Fluth, verstroͤmte sie darin, man wußt’ es nicht; es war wie Beides und wie Keins. Bald aber war sie in die Donau ganz verronnen; nur fluͤsterten noch kleine Wellchen schluchzend um den Kahn, und fast vernehmlich war’s, als spraͤchen sie: o weh, o weh! Ach bleibe treu! O weh! — L Huldbrand aber lag in heißen Thraͤnen auf dem Verdecke des Schiffes, und eine tiefe Ohnmacht huͤllte den Ungluͤcklichen bald in ihre mildernden Schleier ein. Sechzehntes Kapitel . Von Huldbrands fuͤrderm Ergehn . S oll man sagen, leider! oder zum Gluͤck! daß es mit unsrer Trauer keinen rechten Bestand hat? Ich meine, mit unsrer so recht tiefen und aus dem Borne des Lebens schoͤpfenden Trauer, die mit dem verlornen Geliebten so Eines wird, daß er ihr nicht mehr verloren ist, und sie ein geweihtes Priesterthum an seinem Bilde durch das ganze Leben durchfuͤhren will, bis die Schranke, die ihm gefallen ist, auch uns zerfaͤllt! Freilich bleiben wohl gute Menschen wirklich solche Prie- ster, aber es ist doch nicht die erste, rechte Trau- er mehr. Andre, fremdartige Bilder haben sich dazwischen gedraͤngt, wir erfahren endlich die Vergaͤnglichkeit aller irdischen Dinge sogar an L 2 unserm Schmerz, und so muß ich denn sagen: leider, daß es mit unsrer Trauer keinen rechten Bestand hat! Der Herr von Ringstetten erfuhr das auch; ob zu seinem Heile, werden wir im Verfolg dieser Geschichte hoͤren. Anfaͤnglich konnte er nichts, als immer recht bitterlich weinen, wie die arme, freundliche Undine geweint hatte, als er ihr den blanken Schmuck aus der Hand riß, mit dem sie Alles so schoͤn und gut machen wollte. Und dann streckte er die Hand aus, wie sie es gethan hatte, und weinte immer wie- der von neuem, wie sie. Er hegte die heim- liche Hoffnung, endlich auch ganz in Thraͤnen zu verrinnen, und ist nicht selbst Manchem von uns Andern in großem Leide der aͤhnliche Ge- danke mit schmerzender Lust durch den Sinn gezogen? Bertalda weinte mit, und sie lebten lange ganz still bei einander auf Burg Ring- stetten, Undinens Andenken feiernd, und der ehemaligen Neigung fast gaͤnzlich vergessen ha- bend. Dafuͤr kam auch um diese Zeit oftmals die gute Undine zu Huldbrands Traͤumen; sie streichelte ihn sanft und freundlich, und ging dann stillweinend wieder fort, so daß er im Er- wachen oftmals nicht recht wußte, wovon seine Wangen so naß waren: kam es von ihren oder blos von seinen Thraͤnen? Die Traumgesichte wurden aber mit der Zeit seltner, der Gram des Ritters matter, und dennoch haͤtte er vielleicht nie in seinem Leben einen andern Wunsch gehegt, als so stille fort Undinens zu gedenken, und von ihr zu sprechen, waͤre nicht der alte Fischer unvermuthet auf dem Schloß erschienen, und haͤtte Bertalden nun alles Ernstes als sein Kind zuruͤcke geheischt. Undinens Verschwinden war ihm kund gewor- den, und er wollte es nicht laͤnger zugeben, daß Bertalda bei dem unverehlichten Herrn auf der Burg verweile. — Denn, ob meine Tochter mich lieb hat, oder nicht, sprach er, will ich jetzt gar nicht wissen, aber die Ehrbarkeit ist im Spiel, und wo die spricht, hat nichts Andres mehr mit zu reden. Diese Gesinnung des alten Fischers, und die Einsamkeit, die den Ritter aus allen Saͤlen und Gaͤngen der veroͤdeten Burg schauerlich nach Bertaldens Abreise zu erfassen drohte, brachten zum Ausbruch, was fruͤher entschlum- mert und in dem Gram uͤber Undinen ganz ver- gessen war: die Neigung Huldbrands fuͤr die schoͤne Bertalda. Der Fischer hatte vieles gegen die vorgeschlagne Heirath einzuwenden. Undine war dem alten Manne sehr lieb gewesen, und er meinte, man wisse ja noch kaum, ob die liebe Verschwundne recht eigentlich todt sei. Liege aber ihr Leichnam wirklich starr und kalt auf dem Grunde der Donau, oder treibe mit den Fluthen in’s Weltmeer hinaus, so habe Bertalda an ihrem Tode mit Schuld, und nicht gezieme es ihr, an den Platz der armen Ver- draͤngten zu treten. Aber auch den Ritter hatte der Fischer sehr lieb; die Bitten der Tochter, die um vieles sanfter und ergebner geworden war, wie auch ihre Thraͤnen um Undinen kamen dazu, und er mußte wohl endlich seine Einwilli- gung gegeben haben, denn er blieb ohne Wider- rede auf der Burg, und ein Eilbote ward abge- sandt, den Pater Heilmann, der in fruͤhern gluͤcklichen Tagen Undinen und Huldbranden eingeseegnet hatte, zur zweiten Trauung des Ritters nach dem Schlosse zu holen. Der fromme Mann aber hatte kaum den Brief des Herrn von Ringstetten durchlesen, so machte er sich in noch viel groͤßerer Eile nach dem Schlosse auf den Weg, als der Bote von dorten zu ihm gekommen war. Wenn ihm auf dem schnellen Gange der Othem fehlte, oder die alten Glieder schmerzten vor Muͤdigkeit, pflegte er zu sich selber zu sagen: vielleicht ist noch Un- recht zu hindern; sinke nicht eher, als am Ziele, du verdorrter Leib! — Und mit erneuter Kraft riß er sich alsdann auf, und wallte und wallte, ohne Rast und Ruh, bis er eines Abends spaͤt in den belaubten Hof der Burg Ringstetten eintrat. Die Brautleute saßen Arm in Arm unter den Baͤumen, der alte Fischer nachdenklich neben ihnen. Kaum nun, daß sie den Pater Heilmann erkannten, so sprangen sie auf, und draͤngten sich bewillkommend um ihn her. Aber er, ohne viele Worte zu machen, wollte den Braͤutigam mit sich in die Burg ziehn; als indessen dieser staunte, und zoͤgerte, den ernsten Winken zu ge- horchen, sagte der fromme Geistliche: was halte ich mich denn lange dabei auf, Euch in Geheim sprechen zu wollen, Herr von Ringstetten? Was ich zu sagen habe, geht Bertalden und den Fi- scher eben so gut mit an, und was einer doch irgend einmal hoͤren muß, mag er lieber gleich so bald hoͤren, als es nur moͤglich ist. Seid Ihr denn so gar gewiß, Ritter Huldbrand, daß Eure erste Gattin wirklich gestorben ist? Mir kommt es kaum so vor. Ich will zwar weiter nichts daruͤber sprechen, welch’ eine wundersame Bewandniß es mit ihr gehabt haben mag, weiß auch davon nichts gewisses. Aber ein frommes, vielgetreues Weib war sie, soviel ist außer allem Zweifel. Und seit vierzehn Naͤchten hat sie in Traͤumen an meinem Bette gestanden, aͤngstlich die zarten Haͤndlein ringend, und in einem fort seufzend: ach hindr’ ihn, lieber Vater! Ich lebe noch! Ach, rett’ ihm den Leib! Ach rett’ ihm die Seele! — Ich verstand nicht, was das Nachtgesicht haben wollte; da kam Euer Bote, und nun eilt’ ich hierher, nicht zu trauen, wohl aber zu trennen, was nicht zusammengehoͤren darf. Laß’ von ihr, Huldbrand! Laß’ von ihm Bertalda! Er gehoͤrt noch einer Andern, und siehst Du nicht den Gram um die verschwundne Gattin auf seinen bleichen Wangen? So sieht kein Braͤutigam aus, und der Geist sagt es mir: ob Du ihn auch nicht laͤßest, doch nimmer wirst Du sein froh. Die Dreie empfanden im innersten Herzen, daß der Pater Heilmann die Wahrheit sprach, aber sie wollten es nun einmal nicht glauben. Selbst der alte Fischer war nun bereits so be- thoͤrt, daß er meinte, anders koͤnne es gar nicht kommen, als sie es in diesen Tagen ja schon oft mit einander besprochen haͤtten. Daher strit- ten sie denn Alle mit einer wilden, truͤben Hast gegen des Geistlichen Warnungen, bis dieser sich endlich kopfschuͤttelnd und traurig aus der Burg entfernte, ohne die dargebotne Herberge auch nur fuͤr diese Nacht annehmen zu wollen, oder irgend eine der herbeigeholten Labungen zu ge- nießen. Huldbrand aber uͤberredete sich, der Geistliche sei ein Grillenfaͤnger, und sandte mit Tagesanbruch nach einem Pater aus dem naͤch- sten Kloster, der auch ohne Weigerung verhieß; die Einseegnung in wenigen Tagen zu vollzie- hen. Siebenzehntes Kapitel . Des Ritters Traum . E s war zwischen Morgendaͤmmrung und Nacht, da lag der Ritter halb wachend, halb schlafend, auf seinem Lager. Wenn er vollends einschlum- mern wollte, war es, als staͤnde ihm ein Schre- cken entgegen, und scheuchte ihn zuruͤck, weil es Gespenster gaͤbe im Schlaf. Dachte er aber sich alles Ernstes zu ermuntern, so wehte es um ihn her, wie mit Schwanenfittigen, und mit schmeichelndem Wogenklang, davon er allemal wieder in den zweifelhaften Zustand angenehm bethoͤrt zuruͤcke taumelte. Endlich aber mochte er doch wohl ganz entschlafen sein, denn es kam ihm vor, als ergrreife ihn das Schwanengesaͤusel auf ordentlichen Fittigen, und trage ihm weit fort uͤber Land und See, und singe immer auf’s anmuthigste dazu. — Schwanenklang! Schwa- nensang! mußte er immer fort zu sich selbst sagen; das bedeutet ja wohl den Tod? — Aber es hatte vermuthlich noch eine andre Bedeutung. Ihm ward nehmlich auf einmal, als schwebe er uͤber dem Mittellaͤndischen Meer. Ein Schwan sang ihm gar toͤnend in die Ohren, dies sei das Mittellaͤndische Meer. Und waͤhrend er in die Fluthen hinunter sah, wurden sie zu lauterm Kristalle, daß er hinein schauen konnte bis auf den Grund. Er freute sich sehr daruͤber, denn er konnte Undinen sehn, wie sie unter den hel- len Kristallgewoͤlben saß Freilich weinte sie sehr, und sahe viel betruͤbter aus, als in den gluͤck- lichen Zeiten, die sie auf Burg Ringstetten mit einander verlebt hatten, vorzuͤglich zu Anfang, und auch nachher, kurz ehe sie die unseelige Do- naufahrt begannen. Der Ritter mußte an alle das sehr ausfuͤhrlich und innig denken, aber es schien nicht, als werde Undine seiner gewahr. Indessen war Kuͤhleborn zu ihr getreten, und wollte sie uͤber ihr Weinen ausschelten. Da nahm sie sich zusammen, und sah ihn vornehm und gebietend an, daß er fast davor erschrack. Wenn ich hier auch unter den Wassern wohne, sagte sie, so hab’ ich doch meine Seele mit herunter gebracht. Und darum darf ich wohl weinen, wenn Du auch gar nicht errathen kannst, was solche Thraͤnen sind. Auch die sind seelig, wie alles seelig ist, dem, in welchem treue Seele lebt. — Er schuͤttelte unglaͤubig mit dem Kopse , und sagte nach einigem Besinnen: und doch, Nichte, seid Ihr unsere Elementar-Gesetzen un- terworfen, und doch muͤßt Ihr ihn richtend um’s Leben bringen, dafern er sich wieder verehlicht, und Euch untreu wird. — Er ist noch bis diese Stunde ein Wittwer, sagte Undine, und hat mich aus traurigem Herzen lieb. — Zugleich ist er aber auch ein Braͤutigam, lachte Kuͤhle- born hoͤhnisch, und laßt nur erst ein paar Tage hingehn, dann ist die priesterliche Einseegnung erfolgt, und dann muͤßt Ihr doch zu des Zwei- weibrigen Tode hinauf. — Ich kam ja nicht, laͤchelte Undine zuruͤck. Ich habe ja de Brun- nen versiegelt, fuͤr mich und meines Gleichen fest. — Aber wenn er von seiner Burg geht, sagte Kuͤhleborn, oder wenn er einmal den Brun- nen wieder oͤffnen laͤßt! Denn er denkt gewiß blutwenig an alle diese Dinge. — Eben des- halb, sprach Undine, und laͤchelte noch immer unter ihren Thraͤnen, eben deshalb schwebt er jetzt eben im Geiste uͤber dem Mittelmeer, und traͤumt zur Warnung dies unser Gespraͤch. Ich hab’ es wohlbedaͤchtlich so eingerichtet. — Da sah Kuͤhleborn ingrimmig zu dem Ritter hinauf, draͤuete, stampfte mit den Fuͤssen, und schoß gleich darauf pfeilschnell unter den Wellen fort. Es war, als schwelle er vor Bosheit zu einem Wallfisch auf. Die Schwaͤne begannen wieder zu toͤnen, zu faͤcheln, zu fliegen; dem Ritter war es, als schwebe er uͤber Alpen und Stroͤme hin, schwebe endlich zur Burg Ringstetten herein, und erwache auf seinem Lager. Wirklich erwachte er auf seinem Lager, und eben trat sein Knappe herein, und berichtete ihm, der Pater Heilmann weile noch immer hier in der Gegend; er habe ihn Gestern zu Nacht im Forste getroffen, unter einer Huͤtte, die er sich von Baͤumaͤsten zusammengebogen habe und mit Moos und Reisig belegt. Auf die Frage; was er denn hier mache? denn einseegnen wolle er ja doch nicht! sei die Antwort gewesen: es giebt noch andre Einseegnungen, als die am Traual- tar, und ich bin nicht zur Hochzeit gekommen, so kann es ja doch zu einer ander Feier gewesen sein. Man muß Alles abwarten. Zudem ist ja Trauen und Trauern gar nicht so weit aus- einander, und wer sich nicht muthwillig ver- blendet, sieht es wohl ein. Der Ritter machte sich allerhand wunder- liche Gedanken uͤber diese Worte und uͤber sei- nen Traum. Aber es haͤlt sehr schwer, ein Ding zu hintertreiben, was sich der Mensch einmal als gewiß in den Kopf gesetzt hat, und so blieb denn auch Alles beim Alten. Achtzehntes Kapitel . Wie der Ritter Huldbrand Hochzeit hielt. W enn ich Euch erzaͤhlen sollte, wie es bei der Hochzeitfeier auf Burg Ringstetten zuging, so wuͤrde Euch zu Muthe werden, als saͤhet Ihr eine Menge von blanken und erfreulichen Din- gen aufgehaͤuft, aber druͤber hin einen schwarzen Trauerflor gebreitet, aus dessen verdunkelnder Huͤlle hervor die ganze Herrlichkeit minder einer Lust gliche, als einem Spott uͤber die Nichtig- keit aller irdischen Freuden. Es war nicht etwa, daß irgend ein gespenstisches Unwesen die festliche Geselligkeit verstoͤrt haͤtte, denn wir wissen ja, daß die Burg vor den Spukereien der draͤuen- den Wassergeister eine gefreite Staͤtte war. Aber es war dem Ritter und dem Fischer und allen Gaͤ- Gaͤsten zu Muth, als fehle noch die Hauptper- son bei dem Feste, und als muͤsse diese Haupt- person die allgeliebte freundliche Undine sein. So oft eine Thuͤr aufging, starrten Aller Augen unwillkuͤrlich dahin, und wenn es dann weiter nichts war, als der Hausmeister mit neuen Schuͤs- seln, oder der Schenk mit einem Trunk noch edlern Weines, blickte man wieder truͤb vor sich hin, und die Funken, die etwa hin und her von Scherz und Freude aufgeblitzt waren, er- loschen in dem Thau wehmuͤthigen Erinnerns. Die Braut war von Allen die Leichtsinnigste, und daher auch die Vergnuͤgteste; aber selbst ihr kam es bisweilen wunderlich vor, daß sie in dem gruͤnen Kranze und den goldgestickten Klei- dern an der Oberstelle der Tafel sitze, waͤhrend Undine als Leichnam starr und kalt auf dem Grunde der Donau liege, oder mit den Fluthen forttreibe in’s Weltmeer hinaus. Denn, seit ihr Vater aͤhnliche Worte gesprochen hatte, klangen sie ihr immer vor den Ohren, und wollten vor- zuͤglich Heute weder wanken noch weichen. M Die Gesellschaft verlor sich bei kaum ein- gebrochner Nacht; nicht aufgeloͤst durch des Braͤu- tigams hoffende Ungeduld, wie sonsten Hochzeit- versammlungen, sondern nur ganz truͤb und schwer auseinander gedruͤckt, durch freudlose Schwer- muth und Unheil kuͤndende Ahnungen. Ber- talda ging mit ihren Frauen, der Ritter mit seinen Dienern, sich auszukleiden: von dem scher- zend froͤhlichen Geleit der Jungfrauen und Jung- gesellen bei Braut und Braͤutigam war an die- sem truͤben Feste die Rede nicht. Bertalda wollte sich aufheitern; sie ließ ei- nen praͤchtigen Schmuck, den Huldbrand ihr ge- schenkt hatte, samt reichen Gewanden und Schlei- ern, vor sich ausbreiten, ihren morgenden Anzug auf’s Schoͤnste und Heiterste daraus zu waͤhlen. Ihre Dienerinnen freuten sich des Anlasses, Vieles und Froͤhliches der jungen Herrin vorzu- sprechen, wobei sie nicht ermangelten, die Schoͤn- heit der Neuvermaͤhlten mit den lebhaftesten Worten zu preisen. Man vertiefte sich mehr und mehr in diese Betrachtungen, bis endlich Ber- talda, in einen Spiegel blickend, seufzte: ach, aber seht Ihr wohl die werdenden Sommer- sprossen hier seitwaͤrts am Halse? — Sie sa- hen hin, und fanden es freilich, wie es die schoͤ- ne Herrin gesagt hatte, aber ein liebliches Mahl nannten sie’s, einen kleinen Flecken, der die Weiße der zarten Haut noch erhoͤhe. Bertalda schuͤttelte den Kopf, und meinte, ein Makel bleib’ es doch immer. — Und ich koͤnnt’ es los sein, seufzte sie endlich. Aber der Schloßbrun- nen ist zu, aus dem ich sonst immer das koͤst- liche, hautreinigende, Wasser schoͤpfen ließ. Wenn ich doch Heut nur eine Flasche davon haͤtte! — Ist es nur das? lachte eine behende Dienerin, und schluͤpfte aus dem Gemach. — Sie wird doch nicht so toll sein, fragte Bertalda wohl- gefaͤllig erstaunt, noch Heut Abend den Brun- nenstein abwaͤlzen zu lassen? — Da hoͤrte man bereits, daß Maͤnner uͤber den Hof gingen, und konnte aus dem Fenster sehn, wie die gefaͤllige Dienerinn sie grade auf den Brunnen losfuͤhrte, und sie Hebebaͤume und andres Werkzeug auf M 2 den Schultern trugen. — Es ist freilich mein Wille, laͤchelte Bertalda; wenn es nur nicht zu lange waͤhrt. — Und, froh im Gefuͤhl, daß ein Wink von ihr jetzt vermoͤge, was ihr vormals so schmerzhaft geweigert worden war, schaute sie auf die Arbeit in den mondhellen Burghof hinab. Die Maͤnner hoben mit Anstrengung an dem großen Steine; bisweilen seufzte wohl Einer dabei, sich erinnernd, daß man hier der geliebten vorigen Herrin Werk zerstoͤre. Aber die Arbeit ging uͤbrigens viel leichter, als man gemeint hatte. Es war, als huͤlfe eine Kraft aus dem Brunnen heraus, den Stein emporbringen. — Es ist ja, sagten die Arbeiter erstaunt zueinan- der, als waͤre das Wasser drinnen zum Spring- borne worden. — Und mehr und mehr hob sich der Stein, und fast ohne Beistand der Werk- leute rollte er langsam mit dumpfem Schallen auf das Pflaster hin. Aber aus des Brunnens Oeffnung stieg es gleich einer weißen Wasser- saͤule feierlich herauf; sie dachten erst, es wuͤrde mit dem Springbrunnen Ernst, bis sie gewahr ten, daß die aufsteigende Gestalt ein bleiches, weißverschleiertes Weibsbild war. Das weinte bitterlich, das hob die Haͤnde aͤngstlich ringend uͤber das Haupt, und schritt mit langsam ern- stem Gange nach dem Schloßgebaͤu. Ausein- ander stob das Burggesind vom Brunnen fort, bleich stand, Entsetzens starr, mit ihren Diene- ninnen , die Braut am Fenster. Als die Gestalt nun dicht unter deren Kammern hinschritt, schaute sie winselnd nach ihr empor, und Bertalda meinte, unter dem Schleier, Undinens bleiche Gesichts- zuͤge zu erkennen. Voruͤber aber zog die Jam- mernde, schwer, gezwungen, zoͤgernd, wie zum Hochgericht. Bertalda schrie, man solle den Rit- ter rufen; es wagte sich keine der Zofen aus der Stelle, und auch die Braut selber ver- stummte wieder, wie vor ihrem eignen Laut er- bebend. Waͤhrend Jene noch immer bang’ am Fen- ster standen, wie Bildsaͤulen regungslos, war die seltsame Wandrerin in die Burg gelangt, die wohlbekannten Treppen hinauf, die wohlbekann- ten Hallen durch, immer in ihren Thraͤnen still. Ach, wie so anders war sie einstens hier umher gewandelt! — Der Ritter aber hatte seine Diener entla- ßen. Halbausgekleidet, im betruͤbten Sinnen, stand er vor einem großen Spiegel; die Kerze brannte dunkel neben ihm. Da klopfte es an die Thuͤr mit leisem, leisem, Finger. Undine hatte sonst wohl so geklopft, wenn sie ihn freund- lich necken wollte. — Es ist Alles nur Phan- tasterei! sagte er zu sich selbst. Ich muß in’s Hochzeitbett. — Das mußt Du, aber in ein kaltes! hoͤrte er eine weinende Stimme drau- ßen vor dem Gemache sagen, und dann sah er im Spiegel, wie die Thuͤre aufging, lang- sam, langsam, und wie die weiße Wandrerin hereintrat, und sittig das Schloß wieder hinter sich zudruͤckte. Sie haben den Brunnen aufge- macht, sagte sie leise, und nun bin ich hier, und nun mußt Du sterben. — Er fuͤhlte in seinem stockenden Herzen, daß es auch gar nicht anders sein koͤnne, deckte aber die Haͤnde uͤber die Au- gen, und sagte: mache mich nicht in meiner Todesstunde durch Schrecken toll. Wenn Du ein entsetzliches Antlitz hinter dem Schleier traͤgst, so luͤfte ihn nicht, und richte mich, ohne daß ich Dich schaue. — Ach, entgegnete die Wandrerin, willst Du mich denn nicht noch ein einziges mal sehn? Ich bin schoͤn, wie als Du auf der See- spitze um mich warbst. — O, wenn das waͤre! seufzte Huldbrand; und wenn ich sterben duͤrfte an einem Kusse von Dir. — Recht gern, mein Liebling, sagte sie. Und ihre Schleier schlug sie zuruͤck, und himmlisch schoͤn laͤchelte ihr hol- des Antlitz daraus hervor. Bebend vor Liebe und Todesnaͤhe neigte sich der Ritter ihr entge- gen, sie kuͤßte ihn mit einem himmlischen Kusse, aber sie ließ ihn nicht mehr los, sie druͤckte ihn inniger an sich, und weinte, als wolle sie ihre Seele fortweinen. Die Thraͤnen drangen in des Ritters Augen, und wogten im lieblichen Wehe durch seine Brust, bis ihm endlich der Athem entging, und er aus den schoͤnen Armen als ein Leichnam sanft auf die Kissen des Ru- hebettes zuruͤcksank. Ich habe ihn todt geweint! sagte sie zu ei- nigen Dienern, die ihr im Vorzimmer begegne- ten, und schritt durch die Mitte der Erschreckten langsam nach dem Brunnen hinaus. Neunzehntes Kapitel . Wie der Ritter Huldbrand begraben ward. D er Pater Heilmann war auf das Schloß gekommen, sobald des Herrn von Ringstetten Tod in der Gegend kund geworden war, und just zur selben Stunde erschien er, wo der Moͤnch, welcher die ungluͤcklichen Vermaͤhlten getraut hatte, von Schreck und Grausen uͤberwaͤltiget, aus den Thoren floh. — Es ist schon recht, ent- gegnete Heilmann, als man ihm dieses ansagte: und nun geht mein Amt an, und ich brauche keines Gefaͤhrten. — Darauf begann er die Braut, welche zur Wittwe worden war, zu troͤ- sten, so wenig Frucht es auch in ihrem weltlich- lebhaften Gemuͤthe trug. Der alte Fischer hin- gegen fand sich, obzwar von Herzen betruͤbt, weit besser in das Geschick, welches Tochter und Schwiegersohn betroffen hatte, und waͤhrend Bertalda nicht ablassen konnte, Undinen Moͤr- derin zu schelten und Zauberin, sagte der alte Mann gelassen: es konnte nun einmal nichts anders sein. Ich sehe nichts darin, als die Ge- richte Gottes, und es ist wohl Niemanden Huld- brands Tod mehr zu Herzen gegangen, als der, die ihn verhaͤngen mußte, der armen! verlass- nen Undine! — Dabei half er die Begraͤbniß- feier anordnen, wie es dem Range des Todten geziemte. Dieser sollte in einem Kirchdorfe be- graben werden, auf dessen Gottesacker alle Graͤ- ber seiner Ahnherrn standen, und welches sie, wie er selbst, mit reichlichen Freiheiten und Ga- ben geehrt hatten. Schild und Helm lagen bereits auf dem Sarge, um mit in die Gruft versenkt zu werden, denn Herr Huldbrand von Ringstetten war als der letzte seines Stammes ver- storben; die Trauerleute begannen ihren schmerz- vollen Zug, Klagelieder in das heiter stille Him- melblau hinaufsingend, Heilmann schritt mit einem hohen Crucifix voran, und die trostlose Bertalda folgte, auf ihren alten Vater gestuͤtzt. — Da nahm man ploͤtzlich in Mitten der schwar- zen Klagefrauen in der Wittib Gefolge eine schnee- weisse Gestalt wahr, tiefverschleiert, und die ihre Haͤnde inbruͤnstig jammernd empor wand. Die, neben welchen sie ging, kam ein heimliches Grauen an, sie wichen zuruͤck oder seitwaͤrts, durch ihre Bewegung, die Andern, neben die nun die weisse Fremde zu gehen kam, noch sorglicher erschre- ckend, so daß schier darob eine Unordnung unter dem Trauergefolge zu entstehen begann. Es waren einige Kriegsleute so dreist, die Gestalt anreden, und aus dem Zuge fortweisen zu wol- len, aber denen war sie wie unter den Haͤnden fort, und ward dennoch gleich wieder mit lang- sam feierlichem Schritte unter dem Leichenge- folge mitziehend gesehn. Zuletzt kam sie waͤh- rend des bestaͤndigen Ausweichens der Dienerin- nen bis dicht hinter Bertalda. Nun hielt sie sich hoͤchst langsam in ihrem Gange, so daß die Wittib ihrer nicht gewahr ward, und sie sehr demuͤthig und sittig hinter dieser ungestoͤrt fort- wandelte. Das waͤhrte, bis man auf den Kirchhof kam, und der Leichenzug einen Kreis um die offne Grabstaͤtte schloß. Da sah Bertalda die ungebetene Begleiterin, und halb in Zorn, halb in Schreck auffahrend, gebot sie ihr, von der Ruhestaͤtte des Ritters zu weichen. Die Ver- schleierte aber schuͤttelte sanft verneinend ihr Haupt, und hob die Haͤnde, wie zu einer de- muͤthigen Bitte gegen Bertalda auf, davon diese sich sehr bewegt fand, und mit Thraͤnen daran denken mußte, wie ihr Undine auf der Donau das Korallenhalsband so freundlich hatte schenken wollen. Zudem winkte Pater Heilmann, und gebot Stille, da man uͤber dem Leichnam, dessen Huͤgel sich eben zu haͤufen begann, in stiller Andacht beten wolle. Bertalda schwieg und kniete, und Alles kniete, und die Todten- graͤber auch, als sie fertig geschaufelt hatten. Da man sich aber wieder erhob, war die weisse Fremde verschwunden; an der Stelle, wo sie geknieet hatte, quoll ein silberhelles Bruͤnlein aus dem Rasen, das rieselte und rieselte fort, bis es den Grabhuͤgel des Ritters fast ganz um- zogen hatte; dann rannte es fuͤrder, und ergoß sich in einen stillen Weiher, der zur Seite des Gottesackers lag. Noch in spaͤten Zeiten sollen die Bewohner des Dorfes die Quelle gezeigt, und fest die Meinung gehegt haben, dies sei die arme, verstossene Undine, die auf diese Art noch immer mit freundlichen Armen ihren Lieb- ling umfasse. Von dem naͤmlichen Verfasser ist erschienen: Der Todesbund. Ein Roman. Halle bei Schim- melpfennig und Comp. 1810. 8. und in allen guten Buchhandlungen fuͤr 1 Thl. zu haben. Einladung . D er Lenz erwacht, Wald bluͤht und Stimmen klingen, Hell kommt des Morgens, mild des Abends Strahl, Und was ersprießt im friedlich kraͤft’gen Rin- gen, Man goͤnnt ihm gern des lust’gen Spieles Wahl; Moͤg’ es im Rund von soviel heitern Dingen, In soviel seel’ger Traͤume bunter Zahl, Auch unserm Gartenbeet vergnuͤglich gluͤcken, Daß Augen gern hier schaun, und Haͤnde pfluͤcken. Und weil aus Bergen reich die Stroͤme fließen In Fuͤll’ und Lust bei dieser Jahreszeit, Weil gern die Wolken seegnend sich erschließen Anschwellend Au’n zu Spiegeln klar und weit, Soll auch durch unsern Garten sich ergießen, Ein Baͤchlein, hell in Freud’ und suͤßem Leid. Zur Huld gezaͤhmt, und wie es Holden diene, In Demuth willig kommt’s, genannt Undine. Zeigt Ihr Euch mild, so traͤgt ein kuͤhnres Schwellen Euch kuͤnftig hin durch Sommers guͤldnes Land. Dann spaͤter fort in ernsten Klippenfaͤllen Spielt es an Herbstes rothumlaubtem Strand; Ja, auch dem Winter darf es sich gesellen Verstummend nicht vor strengen Eises Band; — Da draußen rauscht’s, Ihr sitzt bei’m Heer- desfeuer, Und hoͤrt fernher manch schaurig Abentheuer. Denn wechselnd wird die Quelle sich gestalten, An Namen, Klang, und an des Ufers Bluͤhn, Und kraͤft’ge Freunde werden druͤber walten Mit mannigfachen Zaubers reichem Gluͤhn; Der zeigt im Treiben Kraft, und der im Halten, Der im Zerstoͤren, der im Auferbluͤhn, Und vielfach laͤchle Sonnenstrahl den Dichtern Aus vieler Leser heitern Angesichtern.