Neue Reise durch Italien von Friedrich Schulz . Erster Band. Erstes Heft . Berlin 1797 , bei Friedrich Vieweg dem Aeltern . Neue Reise durch Italien . Siebentes Heft. A gen. Bestaͤndig wollten, dachten und tha- ten wir beyde Einerley. Es ist hier mehr, als Damon und Pythias. Wir waren immer, im eigentlichsten Sinne der Re- densart, Ein Herz und Eine Seele. Diese Nachricht schicke ich voraus, da- mit es den Leser weniger befremden moͤge, daß ich nachstehende Reise durch Italien als die Fortsetzung der Reise eines Lieflaͤn- ders angebe. Sie ist es in der That, weil sie da anhebt, wo letztere aufhoͤrt, und weil der Lieflaͤnder, vermoͤge seiner gedach- ten engen Verbindung mit mir, die zugleich eine voͤllige Gleichheit in der Art zu sehen, zu fuͤhlen, zu urtheilen, ja sogar sich aus- zudrucken, voraussetzt, diese Reise mit mir gemacht und mir erlaubt hat, sie eine Fort- setzung der seinigen zu nennen. Wenn aber dieser Umstand den Zusatz auf dem Titel rechtfertiget, so entschuldigt er nicht zugleich, daß ich unternehme, nach so vielen Hunderten, noch eine neue Reise durch Italien zu beschreiben. Sollten die Verhandlungen uͤber dieses Land nicht auf funfzig und mehr Jahre, oder wenigstens auf so lange, geschlossen werden, bis gro- ße politische, oder natuͤrliche, oder sittliche Veraͤnderungen darin vorgegangen sind? Sollte es, in seinem gegenwaͤrtigen Zustan- de, nicht bis in die innersten Winkel der Staatskunde, der Naturbeschreibung, der Einwohnerkenntniß, des Alterthums und der Kunst erforscht und beschrieben seyn? Und sollte jetzt noch ein Reisender etwas Neues uͤber die tausendmal beschriebe- nen, gezeichneten und gemalten Gegenstaͤn- de aufbringen koͤnnen? Etwas Neues aufzubringen, ist uͤber- haupt sehr schwer, ist, wenn man es ge- nau nach dem Worte nimmt, unmoͤglich. Die Elemente der natuͤrlichen und morali- schen Dinge, die wir mit unsern Augen se- hen, sind einfach und bekannt; und was im Ganzen neu scheint, ist alt, wenn man es in seine Bestandtheile zerlegt. Im Grun- de gelten uns auch bekannte Dinge, die man von neuem und auf eine neue Art an- sieht, auffaßt, mischt und vortraͤgt, und die, in dieser Gestalt, eine andere Wirkung thun, oder einen andern Ausfall geben, als bisher, gewoͤhnlich schon fuͤr neu. Dieses Neue, oder vielmehr dieses Andere , koͤnnen wir immer noch an einem Gegen- stande finden, den Tausende vor uns an- gesehen und beschrieben haben. Der eigen- thuͤmliche Geist des Schriftstellers, der den Bindestoff zu dieser neuen Mischung her- giebt, ist es eigentlich, der den Leser reizt, einen neu aufgestellten alten Gegenstand noch einmal anzusehen. Dieß muß mit den zahlreichen Reisebeschreibungen durch Italien besonders der Fall gewesen seyn, weil sie sonst nicht so zahlreich geworden waͤren. Daß Italien, bey der großen Menge von Nachrichten, die in allen Zungen da- von vorhanden sind, erschoͤpfend, vom Grun- de aus, beschrieben sey, kann man am we- nigsten zugeben, wenn man den groͤßesten Theil dieser Werke gelesen hat. Die Staatskunde dieses Landes ist, z. B., immer noch sehr duͤrftig. Roͤmer, Neapo- litaner, Turiner, Venetianer und Genueser haben zwar die Haupt- und Mittelstaͤdte ihres Vaterlandes beschrieben, und recht nach ihrer Weise gelobt, nichts oder wenig aber von des letztern Regierung, Bevoͤlke- rung, Kunstfleiß und Handel gesagt. Ein- seitig haben sie sich auf ihre „cose stu- pende“ , worunter sie ihre Kirchen, Gemaͤhl- de und Bildsaͤulen verstehen, eingeschraͤnkt, und die genannten Gegenstaͤnde unberuͤhrt gelassen, nicht sowohl, weil ihnen deren Erwaͤhnung durchaus verboten war, als vielmehr, weil sie keine Kenntniß davon hatten. Wenn aber Einheimische diese große Luͤcke in der Kunde des gesammten Italiens nicht ausfuͤllten, wie konnten es Fremde, die nur durchreiseten? Und man kann Italien nach allen Seiten, von Tu- rin nach Genua, und von Venedig nach Rom und Neapel, durchreisen, uͤberall tappt man in den verschiedenen Zwei- gen der Staatskunde im Finstern, und man hoͤrt, bey aller Muͤhe, die man sich giebt, so wenig davon, als man daruͤ- ber lieset. Nur Florenz ist durch Leopolds Fuͤrsorge bekannt geworden, und auch Mayland kann sich fast, wie es ist, dem Lichte zeigen, weil es in neuern Zeiten ein- sichtsvolle Herren und treue Verwalter ge- habt hat und noch hat. Wer kann ferner sagen, daß die Na- turbeschreibung dieses Landes erschoͤpft sey? Ferber sah zuerst einen Theil der- selben, die Mineralogie, mit denjenigen Kenntnissen an, die damals in Schweden und Deutschland von dieser Wissenschaft in Umlauf waren; und er gab einzelne schaͤtzbare Nachrichten davon. Einzeln wa- ren und sind jetzt immer noch die Berichte, welche geborne Italiener, theils in eigenen Werken, theils in den Verhandlungen ei- niger ihrer gelehrten Gesellschaften davon mittheilen; und das neueste naturhistorische Werk von Umfang, das Italien geliefert hat, Spallanzani’s Reise nach den beyden Sicilien Die beyden letzten Theile dieses Werkes waren kurz vor meiner Durchreise durch Pa- via erschienen, und ich konnte das ganze Werk, zu meiner großen Freude, mit nach Neapel nehmen. , enthaͤlt auch nur Beytraͤge, die uͤberdieß den gelehrtern deutschen Chemico-Mineralogen nicht in allen Stuͤcken ein Genuͤgen leisten werden. Targioni Tozzetti behandelt nur Ein Land und dazu eines der kleinsten; und die aͤltern Schriftsteller des Vesuv und des Aetna haben wohl die Erscheinungen die- ser Berge erschoͤpft, aber, aus Mangel an chemischen Kenntnissen, wenig zur Aufklaͤrung ihrer Ursachen beygetragen. Eben so verhaͤlt es sich mehr oder we- niger mit den uͤbrigen Zweigen der Na- turbeschreibung. Die Kenntniß der Bewoh- ner der einzelnen Laͤnder Italiens, ih- rem hoͤchst verschiedenen, oͤkonomischen und buͤrgerlichen Zustande, ihrem Charakter und ihren Sitten nach, ist vielleicht noch am allerunvollstaͤndigsten behandelt. Kein Eingebohrner hat etwas Befriedi- gendes daruͤber geschrieben; denn Ba- retti’s kurze, einseitige, vertheidigende Bemerkungen daruͤber, koͤnnen nicht fuͤr zuverlaͤssig gelten. Was man uͤber diesen Gegenstand in deutschen, englischen und franzoͤsischen Reisebeschreibern findet, ist theils unzulaͤnglich, theils trift es nur den Poͤbel in den Staͤdten, theils ein Volk, das sie Italiener nennen, worunter sie die Piemonteser, die Maylaͤnder, die Genueser, die Venetianer, die Bologneser, die Florentiner, die Roͤmer, die Neapolita- taner, Kalabrier und Sicilier sammt und sonders begreifen, und die sie als arm, roh, diebisch, betruͤgerisch, faul, aberglaͤu- bisch, meuchelmoͤrderisch, unnatuͤrlich-wolluͤ- stig, schmutzig und feig schildern. Was endlich das Alterthum und die Kunst betrift, so scheinen diese Gegenstaͤn- de, auf den ersten Blick, wirklich erschoͤpft zu seyn; denn uͤber sie ist das meiste — ge- sammlet und verhandelt worden. Allein, wenn man die Schriften weniger philoso- phischen Alterthums- und Kunstforscher ausnimmt, die uns mit neuen Resul- taten beschenkt haben: so ist alles uͤbrige, in diesen Faͤchern geleistete, fast nichts, als Namenverzeichniß, als nuͤchterne oder dichterische Beschreibung, als sogenann- te gelehrte Untersuchung und als uͤber- lieferte, oft ungefuͤhlte, Bewunderung der Kunstwerke des Alterthums, und der neuern Zeiten, die Ein sogenannter For- scher, Kunstkenner und Reisebeschreiber dem Andern nachgeschrieben hat, oft ohne sie gesehen zu haben, oft ohne sie zu kennen, wenn er sie, nach einer schon herausgege- benen Abhandlung daruͤber, erst sahe. Sind vorstehende Bemerkungen uͤber das, was wir von Italien in den erwaͤhn- ten vier Hauptfaͤchern wissen, richtig; so ist, die Verhandlungen uͤber Italien auf eine Weile zu schließen, eben so unnoͤthig, als es unthunlich seyn wuͤrde; und so kann uns immer noch jeder Beytrag zu jenen Beytraͤgen willkommen seyn, bis da- hin, wo einmal alle Quellen geoͤfnet, alle Luͤcken gefuͤllt, alle Verwirrung geloͤst, alle Dunkelheiten aufgeklaͤrt, alle Gefuͤhle bestimmt und alle Urtheile uͤber Italien und Italienische Dinge zur Festigkeit ge- kommen seyn werden. In Erwartung dieses, noch etwas weit hinaus zu setzenden, Zeitpunkts, bitte ich Kunstrichter und Leser, die Reihe von Beitraͤgen aller Art, die sie in folgenden Blaͤttern finden werden, nach so vielen an- dern, noch ohne Unwillen aufzunehmen und, wo moͤglich, auch zu lesen. Ich kann ihnen dafuͤr mit Wahrheit versprechen, daß sie uͤber manchen darin behandelten Ge- genstand mehr finden, und daß sie, wenn sie nicht ganz neue Dinge antreffen, doch andere Seiten an den alten bemerken sol- len, als sie in den schon bekannten Reise- beschreibungen, deutschen Urschriften, wie Uebersetzungen, schon gefunden haben. Den Namen des gesammten Landes, sei- ner einzelnen Theile, seiner Staͤdte und deren Merkwuͤrdigkeiten, habe ich leider! nicht aͤndern koͤnnen, so sehr ich es, vieler Leser wegen, haͤtte wuͤnschen moͤgen, die diese Namen so oft gehoͤret und gelesen ha- ben, daß sie endlich wohl glauben duͤrfen, alles zu wissen, was daruͤber gesagt wer- den koͤnne. Diese Leserklasse bitte ich beson- ders bey dem Anblicke dieses Buches um Nachsicht, und, bey dessen etwaniger Le- sung, um die strengste Vergleichung mit meinen reisebeschreibenden Vorgaͤngern. Ich will keinen derselben uͤbertroffen, moͤchte auch keinen derselben ausgeschrieben, aber wohl hier und da manchen ergaͤnzt, erwei- tert, und stillschweigend berichtiget haben. Uebrigens ist auch in dieser Schrift der Mensch mein vorzuͤglichstes Augenmerk ge- wesen; und ich bekenne gerne, daß ich mich an ihm nicht satt sehen kann, und daß ich diesen anlagereichen Queerkopf recht herzlich liebe. Mitau, den 1sten May, 1796. Erster Erster Abschnitt . Abreise von Votzen. Weg und Gegend. Aeußeres der Landleute in diesen Gegenden. Salurn. Dessen alte Burg. Oedes Thal. Drohendes Gewitter in den Alpen. Wälsch-Michel. Schönheit und Fruchttrieb der dortigen Gegend. Trient. Einige Bemerkungen über diese Stadt. Noveredo. Eingesperrter Weg bis dahin. Blühender Zustand dieser Stadt. Zer- rissene und zerschmetterte Felsen, ein großes Natur- schauspiel. Eintritt in Italien. Wahrnehmungen von den allmählichen Uebergängen in der Natur. Venetianischer Gränzzoll. Venetianische Flecken. Häu- ser und Menschen in Peri, nach der Natur gemalt. Venetianische Großmuth, durch die Regierung beför- dert. Heuschreckenbrut auf den Posten. Ende der Alpen. Erster Blick in die Ebene. Bemerkungen über die zurückgelegte Reise durch die Alpen. Gränz- festung Chiusa . Anbau der Lombardischen Felder. Landhaus. Verona. Flüchtiger Blick auf einen Ve- netianischen Soldaten. Vierfacher Ueberblick von Verona und dessen umliegenden Gegenden. Festungs- werke. Kasamatte delle Boccare, als Kunstwerk sehenswerth. Merkwürdige Brücke am Castel vec- Siebentes Heft. B chio . Ansicht des Innern von Verona. Straßen. Pflaster. Bürgerhäuser. Palläste und Häuser des Adels. Oeffentliche Plätze. Der Herrenplatz. Der Kräuterplatz. Der Platz Bra. Das alte Amphi- theater. Was ein Laye darüber urtheilen könnte. Altes und neues Schöne. Das neue Hospital. Un- vollendeter Pallast des Proveditore. Gebäude der Philharmonischen Akademie und deren verschiedene Institute. Lapidarisches Museum. Akademie der Philotimi. Adeliches Kasino. Großes Schauspiel- haus. Ein Blick auf italienische — Natürlichkeit. Unbedeutende Alterthümer. Kirchen. Kapelle Pel- legrini. Uebergang auf die Einwohner. D en 14ten September 1793, reis’te ich von Botzen ab. Der Weg lief in Kruͤmmungen bald nach Westen, bald nach Suͤdwesten. Mir zur Seite erhoben sich rechts und links Berge, die aber minder hoch, schroff und rauh waren, als die jenseits Botzen. Anstatt der Eisach, hatte ich jetzt die Etsch , die jene diesseits Botzen aufgenommen, zur Seite. Die Thaͤler, durch die ich kam, dehn- ten sich mehr aus, oͤfneten sich eines in das andere, wie eine Reihe zusammen hangender Becken, und zeigten den herrlichsten Fruchttrieb. Maulbeerbaͤume, oder Obstbaͤume, oder Mays, umkraͤnzten ihre Raͤnder; Wiesen, die zum drit- tenmal die Sense erwarteten, gruͤnten in ihrer Mitte. Die Berge zur Rechten waren unfrucht- bar, die zur Linken nicht alle, denn an vielen zogen sich Pflanzungen von Weinreben hoch hinan. Die zur Rechten liefen in Doppel- reihen wellenfoͤrmig fort, (ungefaͤhr eben so, nur weit stattlicher, als die Berge bey Wiene- risch-Neustadt) und die hinteren ragten uͤber die vorderen amphitheatralisch hervor. Man koͤmmt auf diesem Wege vor einer Menge von kleinen Haͤusern vorbey, die, niedriger oder hoͤher, an dem Gehaͤnge der Berge gleichsam schweben; und durch zwey maͤßige Flecken, auf die ein dritter, Bransol , folgt, worin sich die naͤchste Post (2 M.) befindet. Es begegneten mir diesen Morgen große Zuͤge von Landleuten, die, in ihrem besten Putze, nach Botzen zum Jahrmarkte gingen. Dieser Putz hatte viel Abenteuerliches, und B 2 unterschied sich besonders durch die schreyenden Farben, die ohne alle Wahl, eine auf die an- dere geladen waren, und durch allerley Baͤn- derwerk, Einfassungen, bunte Naͤthe und Zwi- ckel, von dem Anzuge der angraͤnzenden Kaͤrn- thner, Krainer und Salzburger. Ich bemerk- te unter dem bunten Getuͤmmel besonders vier Gattungen von Trachten: eine, fuͤr die Maͤdchen und jungen Weiber; die andere, fuͤr bejahrte Frauen; die dritte, fuͤr unverheura- thete junge, die vierte, fuͤr verheurathete aͤl- tere, Maͤnner und fuͤr Greise. Die jungen Maͤdchen und Weiber erschie- nen entweder im bloßen Kopfe, das Haar in Flechten geschlagen, auf dem Wirbel in ein Nest gewunden und mit einer Nestelnadel be- festigt, oder in kleinen, runden, gruͤnen, auch gelben, mit flatternden Baͤndern verzierten, Huͤten, die sie leicht auf jenen Kopfputz ge- stuͤlpt hatten. Brust und Schultern waren ganz bedeckt, theils durch den hohen und dicken Kra- gen des Kamisols, theils durch das steife Mie- der, das bis unter das Kinn hinauf stieg und noch queervor durch einen Latz unuͤberwind- licher gemacht wurde. Die Farben dieser Kleidungsstuͤcke waren hochroth, hochgelb, hell- gruͤn, himmelblau u. s. w. Im Ruͤcken des Kamisols, das einen sehr kurzen und breiten Leib hatte, liefen entweder dreyfache Nathbe- setzungen von anderer Farbe, in der Gestalt eines Dreyecks, dessen Grundlage zwischen den Schultern war, zwischen die Huͤften herab; oder sie stiegen in einer doppelten Reihe von dem Schnitt herauf und zogen sich an beyden Seiten unter den Armen herum. Ueber den Huͤften endigte sich das Kamisol in vier duͤten- artige Falten. Es war von Tuch, so wie die vielfaltigen Roͤcke, die, wie Glocken, um den Untertheil des Leibes bauschten, und ein staͤm- miges Bein, mit rothen, blauen, gruͤnen, und gelben Struͤmpfen bezogen, freygebig genug sehen ließen. Den Fuß bekleidete ein schwar- zer lederner Schuh mit spitzen Absaͤtzen und bunten Bandschleifen. Die aͤlteren Frauen hatten eben dieselben Kamisoͤler, Mieder, Laͤtze und Roͤcke, aber die Zierrathen waren daran mehr gespart, die Far- ben, Schleifen und Schnuͤre minder lebhaft und zahlreich, der Schnitt weniger zierlich, der Koͤrper weniger eingerammelt. Statt des bloßen Kopfes, oder des Hutes, trugen sie ei- ne baumwollene Zottelmuͤtze, in Gestalt der al- ten Stutzperuͤcken, die den Kopf mit Stirn und Nacken ganz bedeckte und einen abscheuli- chen Anblick giebt, zu der aber im Winter auch die juͤngern Weiber und Maͤdchen zu greifen pflegen. Der Anzug der jungen Maͤnner war un- gleich vortheilhafter, als der weibliche, und verbesserte den Wuchs in eben dem Grade, als ihn jener verschlimmerte. Ich zeichne hier ei- nen jungen Kerl, der zur feineren Gattung gehoͤrte, genau so, wie er mir begegnete. Er war groß und ohne Tadel gewachsen. Eine hellrothe Jacke, die weit kuͤrzer und schmaler geschnitten war, als alle uͤbrige, die ich sah, hing ihm ungezwungen uͤber den Schultern, und war mit eng an einander gesetzten, silbernen Knoͤpfen verzieret. Darunter trug er ein stroh- farbenes Leibchen, mit hellblauen Knopfloͤchern und glatten Knoͤpfchen von blaßgelbem Bern- stein. Die Beinkleider waren schwarzledern, wie an die Schenkel gegossen, mit gelber Naͤtherey am Latze, an den Knopfloͤchern und an den Guͤrteln, die sich an der Seite in gelbe Qua- sten endigten. Die Struͤmpfe waren von fei- ner, hellrother Wolle, und hatten gelbe Zwi- ckel; die Schuh waren wie Pantoffel gemacht und mit gelben Schleifen zugebunden. Sein runder Hut war gruͤn, und hatte vorne eine maͤchtige, gruͤne, flatternde Bandschleife. Das schwarze Haar hatte er vorne in die Stirn gekaͤmmt, und im Nacken sauber verschnitten. So trug er ein Gesicht, worauf die Gesund- heit gluͤhete, zwischen drey oder vier seiner Landsmaͤnninnen einher, und er war, seine Bluͤthe und Kraft ihm vorbehalten, in seiner Art kein kleinerer Stutzer, als die in den gro- ßen Staͤdten. Die aͤlteren Maͤnner waren weder so bunt, noch so leicht gekleidet. Sie hatten uͤber ihre Jacken noch weite Kamisoͤler gezogen, die bis in die Kniekehle reichten, einen sehr breiten Schnitt, weite Schoͤße und Aufschlaͤge von an- derem Tuch, auch auf den Naͤthen und um die Knopfloͤcher, Schnuͤre oder Baͤndereinfassungen hatten. Ihre Beinkleider waren mit Traͤgern versehen, ihre Huͤte groͤßer und mit schma- len Schleifen verziert; die Schuh waren mit schwarzen Baͤndern zugebunden. Ihre Strumpf- baͤnder, von allerley Farben, meist aber roth oder gruͤn, waren unter dem Knie uͤber blauen, rothen und gruͤnen Struͤmpfen befestigt. Uebrigens nahm das Aeußere dieser Men- schen fuͤr sie ein. Sie waren sehr hoͤflich, aber nicht kriechend; offen und zutraulich, aber nicht zudringlich; sonst von einem vier- schroͤtigen, starken Schlage. Von Bransol aus bleiben Weg und Gegend wie auf dem vorigen Postlaufe. Das Thal verengert und erweitert sich wechselsweise, und die Becken, die es im letztern Falle bildet, sind immer noch fruchtbar und reizend. Maulbeer- und Obstbaͤume, Mayspflanzungen und Wie- sen verfolgen den Reisenden auf beyden Sei- ten, und es dauert bis zu dem Postflecken Neumarkt (2 M.) und von da bis zu einem aͤhnlichen Flecken, Salurn, (2 M.) auf diese Art fort. Von Salurn aus wurde die Gegend, auf eine ziemliche Strecke, wieder wilder und stel- lenweise sogar fuͤrchterlich. Am Ausgange han- gen einem schroffe Kalkfelsen entgegen, die von oben herab, bis zu ihrer Wurzel, zum Theil geborsten, zum Theil in ungeheuere Steinstroͤ- me zerbroͤckelt sind: dennoch hat hier der Un- ternehmungsgeist der mittleren Zeiten, auf ei- nem kleineren Felsen, der nur durch Ver- schwemmung und Erschuͤtterung von den groͤ- ßeren abgerissen ist, eine Burg, und zwar mit solcher Keckheit angebracht, daß deren Grund- mauer gleich so senkrecht empor steigt, wie der Felsen selbst, daß man mithin vor dessen Ver- witterung gar nicht besorgt gewesen scheint; und doch war diese Burg, wie es von unten herauf das Ansehen hat, nicht unuͤberwindlich, weil man sie, von den heruͤber ragenden Berg- spitzen her, mit etwas Mechanick, unter Fel- senstuͤcken begraben und die Belagerten mit Steinen haͤtte zerschmettern koͤnnen. Sie ist uͤbrigens seit lange nicht mehr bewohnt, und zwar wie ein uralter deutscher Reisebeschreiber, Herr Johann Wilhelm Neumair von Ramßla , sagt: „ wegen der Gespenst, so sich darin aufhalten sollen .“ Das Thal, welches hier auf beyden Seiten von unwirthbaren Felsen eingeschlossen, und von der Etsch durchstroͤmt wird, giebt eine oͤde, arme Ansicht. Es ist streckenweise sumpfig, und streckenweise von dem Strome so aufgeris- sen, daß der Boden kein Graͤschen zeigt, son- dern nichts, als Stein und Stein, zwischen denen an der linken Seite ein ausgetretenes, gruͤngelbes Wasser stauet und stockt. Armseli- ge Huͤtchen stehen einzeln, auf diesem undankba- ren Boden und pressen dem Reisenden die trau- rige Frage ab, wie und womit ihre Bewohner ein duͤrftiges Leben fristen moͤgen? Als ich von Salurn abreis’te hingen schwar- ze Wolken in den Alpen, durch die mein Weg fuͤhrte. Man rieth mir, das drohende Wetter erst abzuwarten, weil der Donner in jenen Schluͤchten fuͤrchterlich, der Blitz zerstoͤrend, und der Regen selten etwas anderes, als ein Wolkenbruch sey, der, wie der Blitz mit sei- nem Strahle, so mit seinen Stroͤmen, große Felsenstuͤcke in die Thaͤler herabzuwaͤlzen pflege. Diese Warnung war wohlgemeynt, auch mir nicht gleichguͤltig gewesen; eine Erscheinung aber, wie diese, war mir auf einem solchen Lokale noch nicht vorgekommen, hatte ich mir, ihrer Groͤße und Furchtbarkeit nach, als ein- zig gedacht, und so oft zu erleben gewuͤnscht, daß ich, freylich nicht ohne ein lebhaftes Ge- fuͤhl von Aengstlichkeit, auf meinen Kopf be- standen und der zu fuͤrchtenden Gefahr entge- gen geeilt war. Indem ich um einen vorstehenden Felsen in das wuͤste Thal hinein fuhr, das ich vor- hin beschrieben habe, flog mir eine dicke, zu- sammen gepreßte, schwuͤle Luft entgegen, und ließ mich einige Augenblicke in der physischen und moralischen Bewegung, worein sie mich versetzt hatte; auf einmal folgte ihr ein ra- scher, kuͤhlender Wind; ein entfernter Donner ließ sich hoͤren, und einige hoͤchst feine, gleich- sam diamantene, Blitze, beschnoͤrkelten rasch hinter einander den schwarzen Hintergrund. Einzelne große Regentropfen, anstatt eines Wolkenbruchs, fuhren mir auf Gesicht und Haͤnde. Mit einem Worte, das Wetter blieb in einer entfernten Alpengruppe hangen und tobte dort aus. Wenn ich sonach das Unge- witter selbst nicht in der Naͤhe sah, so hatte ich dafuͤr bald nachher eine andre Erscheinung unmittelbar uͤber meinem Haupte, die mir nicht weniger neu, aber zugleich im hoͤchsten Grade angenehm war. Jener Windstoß hatte die Wetterwolken aus einander gerissen und sie gruppenweise in die Schluchten und Zwi- schenraͤume der Berge gejagt, aus denen er sie nicht wieder vertreiben konnte. Bald nachher legte er sich. Die Wolken schnellten wieder aus. Sie uͤberzogen terrassenmaͤßig die Gipfel der Felsen, arbeiteten wurmfoͤrmig in sich selbst, und Stuͤck vor Stuͤck riß sich los, hob sich langsam bis zur Spitze des Felsens empor und stieg sodann, unendlich verduͤnnt, wie ein Nebel oder Dunst, uͤber denselben hinaus, in den großen allgemeinen Luftstrom. Jetzt blickte die Sonne wieder hervor und verwandelte das Ganze in ein gold- und silberfarbiges, mehr oder weniger durchsichtiges, Flockengewebe, das, in mancherley Gestalten, besonders aber in wellenartigen Zuͤgen und Streifen, die aͤu- ßersten Spitzen der Felsen umwebte und all- maͤhlig, je mehr es dem Zuge der aͤußeren Luft wieder ausgesetzt wurde, in den abgeklaͤrten Horizont verschwand, ohne dem Auge eine Spur des vorigen Schreckens zuruͤck zu lassen. Die kahle Ansicht des Thales verwandelte sich, nach Verlauf von einer Stunde, in eine mehr fruchtbare, und weiterhin allmaͤhlig in eine wahrhaft angenehme und lachende. Be- sonders war dieß der Fall vor Waͤlsch-Mi- chel , einem ganz artigen Flecken, auf welchen, von einem hohen Felsen, ein stattliches Augu- stinerkloster herabsieht. Das Thal dehnte sich hier in ein Becken, wie das um Botzen, aus, und war mit allen Gaben der mildesten Na- tur ausgestattet. Weinstoͤcke bedeckten den Ab- hang der Berge, und unter ihren Blaͤttern sahen die schwarzen, angeschwollenen Beeren in maͤchtigen Trauben hervor. Pfirschenbaͤu- me, mit herrlichen Fruͤchten belastet, draͤngten sich mitten unter ihnen, und der niedliche Ty- roler Apfel zitterte in seinem matten Golde an der Spitze zarter Zweige. Mays, mit dichten gelben Kronen, die ein Stamm von sechs Schuh uͤber den laͤngsten Mann empor- hielt, und Maulbeerbaͤume, die in der ganzen Schoͤnheit ihres muͤtterlichen Bodens prang- ten, standen mir wechselsweise zur Seite, waͤhrend unter mir ein lebhafter Fluß rauschte, der bluͤhende Wiesen waͤsserte, und um mich her maͤchtige Gebuͤrge roͤthlichschillernden Mar- mors eines uͤber das andere emporstiegen. Ein paar Flecken, mit heitern und gesunden Men- schen bevoͤlkert, verliehen dieser schoͤnen Land- schaft vollends Interesse und belebten sie. So dauerte Gegend und Weg bis Lavis (3 M.) einem gut gebaueten Flecken, fort . Von da faͤhrt man auf einer schnurgeraden, wie gestampften, Straße, zwischen Weingaͤr- ten, die mit Maulbeerbaͤumen eingefaßt sind, weiter. Die Rebe hat sich an dem Baum hinaufgewunden, und dieser laͤßt die Traube als seine eigene Frucht herabhangen. Oefnen sich endlich diese gruͤnen Verschlingungen, so hat man die Etsch wieder vor sich, und an ihrem linken Ufer das alte Trento (2 M.) dessen schwarze Daͤcher und Thuͤrme sich an derselben amphitheatralisch erheben und auf der einen Seite das ganze Thal dergestalt verriegeln, daß es scheint, als ob man nur zu Wasser auf der andern Seite weiter kommen koͤnnte. Das Innere der Stadt nimmt sich nicht ganz so alt aus, als das Aeußere. Die Straßen sind zwar nicht gerade, aber meist geraͤumig. Um den unregelmaͤßigen Markt her, ist fast Gewoͤlbe an Gewoͤlbe, die von außen und innen mit einem Ueberfluß von Waaren aller Art versehen sind; so wie der Markt selbst reichlich mit schoͤnem Obst und andern Lebensmitteln besetzt ist. Die Bauart hat Aehnliches von der Botzener. Die Haͤuser sind sehr gruͤndlich von roͤthlichem Marmor aufgefuͤhrt, zwischen zwey und drey Stock hoch, und mit Lauben, mit Balkons, und Altanen versehen. Auch sind viele durch Saͤulen gestuͤtzt, die zum Theil hoͤlzerne Ga- lerien tragen, welche die Stadt in der That nicht zieren. Einzeln steht manches neuere Buͤr- Buͤrgerhaus und mancher gute Privatpallast in den verschiedenen Gegenden der Stadt, und die Kirchen fallen meist alle gut in die Augen, sind zum Theil ganz von Marmor- quadern aufgefuͤhrt, und fuͤr den Geschmack, worin man sie anlegte, immer merkwuͤrdig. So ist der Dom gothisch genug, aber von Marmor und nicht unangenehm. Er besitzt einen praͤchtigen Hochaltar, ein beruͤhmtes Kreuzbild, das zu reden — laͤngst aufgehoͤrt hat, und eine Kapelle, die Lotti malte, des- sen Werke aber durch die Zeit fast unkenntlich geworden sind. S. Maria Maggiore ist eben- falls ganz von Marmor, uͤbrigens nicht von Umfang. Hier wird die Darstellung der be- ruͤhmten Tridentinischen Kirchenversammlung aufbewahrt, die freylich so ausgefallen ist, als gemalte Sitzungen, die aus Hunderten von Koͤpfen und Brustbildern bestehen, auf einem kleinen Raume ausfallen koͤnnen: unbestimmt, steif und wie eine Apotheke angeordnet. Der Kuͤster kannte indessen alle die merkwuͤrdigern Siebentes Heft. C geistlichen Herren darunter, und nannte mir sehr fertig die Namen derer, die waͤhrend der Dauer jener Versammlung in Trient gestor- ben sind. Die uͤbrigen Gemaͤlde in dieser Kirche fand ich nicht minder matt und geist- los. Niedlich ist die ehemalige Kirche der Jesuiten, wie fast alles, was sie gebauet ha- ben. Das bischoͤfliche Schloß ist altmodisch und Klosterartig. Die Peterskirche und das Rathhaus sieht man auch wohl, wenn in ei- ner Stadt nicht viel zu sehen ist. Ich wenig- stens hatte die Merkwuͤrdigkeiten von Trient in weniger als zwey Stunden gemustert. An den Einwohnern bemerkte ich nur noch entfernte Spuren von deutscher Art, und die deutsche Sprache schien ganz verschwun- den. Das Italienische, das ich an ein paar oͤffentlichen Oertern hoͤrte, klang rauh genug, und wurde in Venetianischer gemeiner Mund- art gesprochen. Die Kaffeehaͤuser waren schon nach italienischer Sitte eingerichtet, d. i. ohne Billard, mehr wie die deutschen Schweizerladen. Die Gaͤste hatten ganz das Ansehen, als ob sie den langen Tag hindurch bald davor, bald darin gesessen und auf jede Weise lange Weile gehabt haͤtten. Als das Ave Maria gelaͤutet wurde, setzten sie das eine Knie auf die Baͤnke und Stuͤhle, nah- men den Hut herunter und fluͤsterten ein paar dahin gehoͤrige Worte. Sodann klapperten die Steine auf dem Damenbrete wie vorher, und die Unbeschaͤftigten gaͤhnten dazwischen. Meine eigene Fahrlaͤssigkeit war Schuld daran gewesen, daß mich mein Postknecht in einen Gasthof, wo es ihm sehr gefiel, hatte fahren duͤrfen. In der That, es waͤre eine Schande fuͤr diese beruͤhmte alte Stadt, wenn sie nur Einen und nur Solchen Gasthof be- saͤße, als der meinige war. Ich muͤßte mich sehr irren, wenn nicht schon ein Mitglied je- ner Kirchenversammlung in dem Zimmer, das mir zu Theil wurde, gewohnt haben sollte; wenigstens deutete die Taͤfeley, womit dasselbe geziert war, auf zwey Jahrhunderte und dar- C 2 uͤber. Mein Abendessen war zum erstenmal ganz Italienisch von der geringeren Art. Harter Reis, mit einer zerkochten Taube, grobe Ma- karoni, gebratene Leber, ein Schnitt Bisquit und zwey kleine Aepfel, in Begleitung einer Flasche rothen trientiner Weins, zum Er- schrecken fuͤr Jeden, der ihn nicht wie Wasser trinkt — waren die Zuthaten. In einem Bette, fuͤr eine ganze Gesellschaft groß genug, schlief ich — vortreflich. Uebersetzt wurde ich den andern Morgen nach Gebuͤhr, denn der Wirth, der den Tag vorher mein „Cicerone“ gewesen war, hatte die Großmuth gehabt, dafuͤr nichts von mir zu nehmen. Uebrigens erreicht die Bevoͤlkerung von Trient die von Botzen nicht. Die Stadt hat nicht den Handel und nicht die Erzeugnisse. Letztere sind besonders Wein und Oehl, die in ihrem Gebiete von einem starken, ausgezeich- net gutmuͤthigen, Volke gebauet werden. Trient ist keine Handels- und keine Manu- faktur-, sondern eine Geistlich-Adeliche Stadt, deren leere Kirchen, und fuͤr ihre Bewohner zu große Kloͤster und Pallaͤste, schon eine mit- telmaͤßige Volksmenge andeuten. Man gab mir letztere zu Eilftausend an, und selbst diese Zahl schien mir zu hoch angesetzt. Die naͤchste Post ist nicht mehr „Acqua- viva“ , wie die Postbuͤcher melden, sondern Messina (2 M.), ein einzeln stehendes Haus. Der Weg von Trient bis dahin, und dessen Umgebungen, sind bey weitem nicht so ange- nehm, als vorher. Man faͤhrt naͤmlich zwi- schen hohen Mauern, welche an beyden Sei- ten Weingaͤrten einschließen und zugleich die Aussicht versperren, wie in einem wahren Hohlwege und, des Staubes halber, fast aͤr- ger noch. Die Berge dauern wie vorher fort, und die Fruchtbarkeit des Thals bleibt sich gleich. Letzteres erweitert sich merklich, der Fluß wird breiter und, was man aus die- sen beyden Umstaͤnden von selbst schließen wird, auch die Berge senken sich allmaͤhlig, und der Hintergrund zeigt kein so mannichfaches Ge- draͤnge von Klippen mehr; mit einem Worte, man merkt deutlich, daß man nicht in ein großes Gebuͤrge hinein, sondern aus einem solchen hinaus faͤhrt, und sich einer Ebene naͤ- hert. Doch geht es so schnell damit nicht, weil die Natur die Spruͤnge nicht liebt. Zwi- schen Messina und Roveredo , der naͤchsten Post (2 M.), hat sie Stellenweise wieder Ruͤckfaͤlle, und es thuͤrmen sich abermals Stein- massen an den Seiten engerer Thaͤler auf, die den vorigen nichts nachgeben; hat man sie aber im Ruͤcken, so wird der Abfall bald wieder desto merkbarer. Der Weg, der unmittelbar nach Rove- redo (Rovereit) hinein fuͤhrt, hat wiederum die Unbequemlichkeit, daß man zwischen Gar- tenmauern eng eingeschlossen ist, und nur die kahlen Felsenkoppen uͤber seinem Haupte sieht, ohne sich dafuͤr an den Herrlichkeiten des Thals schadlos halten zu koͤnnen. Aus dieser Ursache sieht man auch Roveredo nicht eher, als bis man dicht davor ist; ungeachtet diese Stadt, bey einem zwar nicht betraͤchtlichen Umfange, doch ansehnliche Haͤuser, Privat- pallaͤste Wenn ich die größeren adelichen Wohnungen in Trient und Roveredo Palläste nenne, so ist es nach der Weise der Italiener, die freygebiger mit diesem Namen sind als die Deutschen. Sie wür- den die Straße unter den Linden in Berlin, die Moritzstraße in Dresden, Straßen mit Pallästen besetzt, und Wien selbst, eine Stadt von lauter Pallästen, nennen. Doch verlangen sie meist immer, daß solch ein zum Pallast erhobenes, gro- ßes Haus einen adelichen Besitzer habe. Eben so verhält es sich mit dem Namen „Ca- stello“ , das wir nicht mit Festung , sondern mit Schloß geben müssen, weil diese Kastelle mit unsern deutschen Festungen nicht verglichen werden können. Solche Schlösser haben Botzen, Trient, Roveredo und alle übrige beträchtliche Städte und wichtige Eingänge in Tyrol; aber sie werden da- durch nicht zu Festungen . und Kirchen hat. Gleich beym Eintritt in dieselbe uͤberraschte mich ein an- genehmer Anblick, den ich mir auf dieser Reise noch oft zu haben verspreche: der Anblick ei- nes ganz neuen Pallastes, der, mit einer rei- zenden Einfalt und in den schoͤnsten Verhaͤlt- nissen, so eben aus den Haͤnden des Baumei- sters hervor gegangen und noch nicht einmal mit Hausgeraͤth versehen war. Ich bekenne gern, nichts aͤhnliches an Leichtigkeit in der Zeichnung, an anspruchsloser Eleganz in der Verzierung, und an Sorgfalt in der mecha- nischen Ausfuͤhrung des Maurers, des Zim- mermanns und des Gypsarbeiters, gesehen zu haben. Ich wuͤrde aber getaͤuscht worden seyn, wenn ich dies Gebaͤude fuͤr das Muster der allgemeinen Bauart von Roveredo genommen haͤtte. Man hat es kaum hinter sich, so sieht man sich zwischen schwarzen, altmodischen, drey- und vierstoͤckigen Haͤusern, in einer en- gen Straße, die das Bild der meisten uͤbrigen ist, eingeschlossen, und dem Auge wird nur noch hier und da durch einzelne gute Werke der Baukunst Genuß geboten. Dafuͤr hat man aber den Anblick einer lebhaften Volks- menge, die auf den Straßen und in den Haͤu- sern geschaͤftig, und freylich wohl eben so viel werth ist, als die schoͤne Vorderseite eines „Palazzo“ . Ein thaͤtiger Handel und eine mannigfaltige Gewerbsamkeit, die ihre Ge- schaͤfte und Arbeiten mit Seide, Tabak, Baumwollenwaaren, Haͤuten, gesalzenen Le- bensmitteln und andern Artikeln, ununterbro- chen forttreiben, haben diese kleine Stadt in noch nicht hundert Jahren fast um mehr als die Haͤlfte volkreicher gemacht; denn die Zahl ihrer Einwohner, die zu Anfange dieses Jahrhunderts gegen acht tausend war, ist seit jener Zeit uͤber achtzehn tausend gestiegen. Dieser Anwachs ist freylich nicht aus dem urspruͤnglichen Stamme der Einwohner her- vorgeschossen. Es sind meist lauter fremde Handelsleute und Manufakturisten, Deutsche, Schweizer und Italiener, die sich seit unge- faͤhr hundert und funfzig Jahren hier nieder- ließen, und die Stadt und ihre Geschaͤfte im- mer lebhafter machten. Diese Ansiedelung wurde besonders dadurch mit befoͤrdert, daß Maximilian der Erste , dem sich diese Stadt zu Anfange des Sechzehnten Jahrhun- derts freywillig unterwarf, derselben eine Zoll- freyheit fuͤr alle Waaren, die sie einfuͤhrte und brauchte, und zugleich die freye Wahl ih- rer eigenen Obrigkeit zugestand. Die Seidenwaaren von Roveredo sind wegen ihrer Gruͤndlichkeit und ihrer schoͤnen Farbe geschaͤtzt und gesucht. Die letztere Voll- kommenheit schreibt man der Wirkung des Wassers aus dem Fluͤßchen Leno zu, das sich hier in die Etsch ergießt. Die Seide beschaͤftigt fast alle junge und alte Haͤnde der Buͤrger in den untern Ge- schossen und in den kleinern Haͤusern der Stadt; aber nicht bloß sie, sondern ihr gan- zes Gebiet, verbessert durch diese Beschaͤfti- gung die Natur, die hier in Absicht der ersten Beduͤrfnisse karg gewesen ist. Da ein Theil der Bewohner von Rove- redo aus Guͤterbesitzern und Rentnern vom Adel und vom Buͤrgerstande besteht, so bildet sich mitten unter dem groͤßeren Haufen der handelnden und arbeitenden Klassen ein innerer Kreis, der, aus den gewoͤhnlichen Bewegungs- gruͤnden, sich mit den Kuͤnsten und Wissen- schaften abgiebt und immer schon abgab; und aus dessen Schooße die Denkmale der bessern Baukunst und anderer Kuͤnste, die man in Roveredo sieht, und die Namen, die man in der Gelehrten-Geschichte dieser Stadt nennt, hervor gegangen sind. Die hiesige Akademie der „Agiati“ wurde von dem Ritter Van- netti und seiner Gemahlin, Laura Sai- banti , gestiftet, und von Maria There- sia , im Jahre 1750, bestaͤtigt. Sie zaͤhlte gelehrte, einheimische und fremde, Mitglieder, doch deren mehr bey ihrem Anfange, als in der Folge der Zeit. Uebrigens ist das Becken, worin Roveredo liegt, angenehm. Um die Stadt her ist Wein- garten an Weingarten, die, wie wir schon ge- wohnt sind, auch schoͤne Fruͤchte hervorbrin- gen. Deutsch hoͤrt man wenig, doch wieder mehr als in Trient. Die Speisen, der Haus- rath, die Kleidung, das Benehmen und die Gemuͤthsart der oberen und niederen Klassen sind schon ganz italienisch. Den andern Tag (den 17. Sept.) fuhr ich von Roveredo ab. Man bleibt abermals, waͤhrend einer Strecke, zwischen Gartenmauern eingeschlossen. Koͤmmt man aber ins Freye, so wird man sogleich von einem jener Schau- spiele uͤberrascht, welche die Natur zuweilen in einer Anwandlung von Laune giebt, und die uns so groß, so erhaben scheinen, ihr aber so wenig kosten moͤgen. Man sieht eine star- rende, unfruchtbare Felsenrinde vor sich ausge- breitet, welche die deutlichsten Zeichen traͤgt, daß sie vormals in hochgewoͤlbter Gestalt auf diesem Platze gestanden habe, durch irgend eine Kraft aber in ihren Grundfesten erschuͤt- tert und ausgedehnt, und so von oben herab in sich selbst zusammen gesunken und fast zur Flaͤche geworden sey. Sie zieht sich rechts bis zu der Etsch herab und ist links eine maͤ- ßige Anhoͤhe geblieben, deren Schichten, durch die erwaͤhnte Kraft, langsam gehoben und auf die Seite gelehnt sind, aber unzerrissen und dicht auf einander gepreßt, wie eine ungeheure graue Mosaik, da liegen. Der Weg laͤuft am Abhange hin, und nichts erquickt das Auge auf dieser todten Kruste. Daß diese Kruste nur durch die letzte Schwingung einer großen Kraft ihre Bildung erhielt, zeigt sich da, wo sie aufhoͤrt, ganz deutlich. Denn wenn sie der Ueberrest Eines bloß zusammen gesunkenen Felsen ist, so steht man nun vor den Truͤmmern um und um ge- kehrter, aus ihren Wurzeln gerissener, von ih- rem Standplatz hinweg geschleuderter Alpen. Felsenbloͤcke, Hunderte von Zentnern schwer, liegen hier wie Kiesel verstreuet, die Anhoͤhe hinan, das Thal herab. Unordentlich erschei- nen sie bald auf einander gethuͤrmt, bald ne- ben einander gelagert, bald einzeln auf ihren scharfen Ecken empor gerichtet. Um, zwischen und neben ihnen sieht man gleichsam Guͤsse von kleinern Steinen, die theils die Kluͤfte ausfuͤllen, theils die Flaͤche uͤberschwemmen. Kein Baum, keine Staude — was sage ich? kein Grashalm zeigt sich hier, weil er kein Wurzelfaͤdchen ausrecken konnte. Durch diese Verwuͤstung faͤhrt man uͤber eine halbe Stunde fort, und man ist, bei der Menge von Betrachtungen, die sich einem dar- bieten, wie betaͤubt. Auf einmal sieht man sich vor einem neuen Meere von Steinen, die an Groͤße alle vorigen uͤbertreffen. So weit dem Auge zu blicken gestattet ist, erscheinen Anhoͤhe und Thal mit diesen, wild durch ein- ander geworfenen, in einander geruͤttelten, auf einander gethuͤrmten, uͤber einander schweben- den, ungeheuren Felsenklumpen, fuͤr die der Zentner ein Kindergewicht ist, bestreuet und uͤberschuͤttet. Bald sind sie eckigt, bald abge- rundet, bald flach, bald keilfoͤrmig; nie haben sie die Lage, die ihre Schwere sich gegeben haben wuͤrde; sie waren, als sie stuͤrzten, in Reibung mit tausend andern die zugleich stuͤrz- ten, und arbeiteten im Gegendrucke von tau- send andern als sie sich lagerten. Man sieht ungeheure Bloͤcke gegen einander strebend da stehen, deren keiner zum Liegen gekommen ist, und auf ihren Haͤuptern ruhen kleinere, denen sie zu Traͤgern dienen. Wiederum liegt auf einem kleineren eine ungeheure Wacke, die ihn in den Boden gedruͤckt hat. Dort stehen die einzelnen Theile einer ganzen herausgetriebe- nen und umgekehrten Schicht hinter einander wie Borsten; hier ist die Koppe einer ganzen Klippe wie ein verkehrter Kegel aufgepflanzt. So sieht man die seltsamsten Gruppen um sich her gelagert und so lange festgestellt, bis eine neue Kraft sie von neuem wie einen Sack voll Tonkugeln aufruͤtteln und anders wohin aus einander schnellen wird. Sehr anziehend wurde mir dies Feld der Verwuͤstung dadurch, daß es doch einige Stel- len zeigte, die sich entweder gebildet oder er- halten hatten, und durch ein sparsames Gruͤn Auge und Herz wieder erquickten. Bald wa- ren es zwei Schritt Flaͤche, mit Grashalmen bekleidet und mit ein paar Baͤumchen besetzt; bald war es ein Kessel von betraͤchtlicherem Umfange, der in seiner Tiefe Wasser enthielt und rund herum an seinem Abhange Maulbeer- oder Weidenbaͤume naͤhrte, die, fuͤr ihre be- druͤckte Lage, muthig genug gruͤnten; bald waren es Truͤmmer ehemaliger Terrassen, auf denen Weinstoͤcke in einer aͤrmlichen Gestalt herum krochen; bald ein paar maͤchtige Stein- kloͤtze, deren Oberflaͤche Zeit und Wetter zu erweichen anfingen und in deren verwitterten Theilen feine Moose sich anzusiedeln wagten. Diese Zeichen von der unermuͤdlichen Guther- zigkeit der Natur, die den Tod selbst zur Ge- burt und die Faͤulniß zur Bluͤthe macht, be- wegten mich wunderbar und beschaͤftigten mich sehr angenehm bey meiner Durchfahrt durch diese Steinhaufen, die uͤbrigens keine Spur von Feuer zeigen, mithin wohl die Kinder ei- nes Erdbebens seyn moͤgen. Nach einer betraͤchtlichen Strecke wird der Weg besser, die Berge stehen wieder aufrecht, das Thal wird wieder fruchtbar und ist ent- weder weder mit Maulbeerbaͤumen oder mit Wein bepflanzt, oder mit gruͤnenden Wiesen uͤber- zogen. Man schoͤpft freyern Athem, und es wird einem um so behaglicher, da sich die Berge immer mehr absenken und das Thal sich merklich erweitert. So erreicht man die naͤchste Post, Ala oder Hall (3 M.), eine zwar kleine, aber lebhafte und wohlgebauete Stadt, die durch ein in der Naͤhe befind- liches, ergiebiges Salzwerk bekannt und die letzte im oͤsterreichischen Gebiet ist. Nach ei- ner halbstuͤndigen Fahrt befindet man sich vor der kaiserlichen Graͤnzmaut, wo man seinen Paß vorzeigt und dem Zollbeamten versichert, daß man nichts Mautbares fuͤhrt, sodann ei- nen Schlag zufahren laͤßt und jenseit der Graͤnze ist. Man sieht sich nun in Italien, und nichts veraͤndert sich, und doch ist alles anders als in Deutschland. — Diese Erscheinung hat man den allmaͤhligen Uebergaͤngen zu danken, welche die Natur uͤberall so gern anbringt. Siebentes Heft. D Koͤnnte man aus der Gegend von Berlin mit Einem Sprunge in die Gegend von Verona gelangen, so waͤre einem Alles neu; da man aber uͤber Wien oder Augsburg allmaͤhlig nach Italien hinein faͤhrt, so muß man sich von der Natur darauf vorbereiten lassen. In Wien sieht man schon eine Menge Italiener, vom veronesischen Wursthaͤndler, vom venetianischen Musikmeister und maylaͤndischen Operisten an, bis zum Mann von Stande, bis zum Minister des Koͤnigreichs beyder Si- cilien. Man sieht sie, und hundert Andre von anderer Bestimmung und Art, mehreremal, und ihre Bildung, ihr Wesen, ihre Kleidung fallen einem auf; weil sie in irgend etwas von denen verschieden sind, die man sonst vor Au- gen hat. Man reiset von Wien ab, und na- tuͤrlich nimmt man einen der Hauptwege, mittelst dessen Italien und Deutschland zusam- men hangen, und beyde Laͤnder einander ihre Menschen und Waaren zukommen lassen. Auf diesem Wege begegnen einem italienische Fuhrwerke mit ihren Zugthieren, ihren Ge- schirren und ihren Reisenden und Fuͤhrern; ferner herum ziehende Kleinkraͤmer, ihren Handel auf dem Ruͤcken; und auswandernde Familien, die in Deutschland reiche Verwandte oder uͤberhaupt ein besseres Schicksal auf- suchen. Man bemerkt an allen diesen Gegen- staͤnden gewisse neue Dinge, die einem von dem Augenblick an nicht mehr neu sind. Man setzt seine Reise fort und sieht unter- wegs Landhaͤuser, Gaͤrten, Saͤulen, Statuen, Gemaͤlde, Kirchen in italienischem Ge- schmack; weiterhin Kamine, Kaffeehaͤuser, Balkons, Altane nach italienischer Sitte; zwar immer noch einzeln, aber so versteht es sich. So wie man weiter vorruͤckt, vermehren sich die italienischen Vorboten. Hinter Klagenfurt setzt man einem Gemuͤse mit Oehl gekocht vor, zu Lienz eine Pollenta, in Brixen waͤl- sches Brot. Hier findet man schon zahme Kastanienbaͤume; zu Botzen feinere Fruͤchte, Maulbeerbaͤume, Mays, ein italienisches Klima, D 2 italienische Bauart, Menschen von italienischer Abkunft. Die runden, fleischigten, gutmuͤthi- gen deutschen Gesichter verschwinden nach und nach, und machen den schwarzen hageren, oder gelben aufgetriebenen, mit schwarzen Baͤrten und sprechenden trotzigen Augen, Platz. Ein gewisser Leichtsinn wird bey der dienenden, und eine große Fertigkeit im Uebervortheilen bey der handelnden Klasse sichtbar. Ernst und Bescheidenheit verlieren sich in den Far- ben der Kleidung, d. i. grau, blau, dunkel- gruͤn, braun und schwarz werden den Leuten zu unscheinbar; aber roth, hochgelb, hellgruͤn, hellblau, in der schreyendsten Mischung, wer- den immer mehr Leibfarben. Der gemeine Mann zeigt immer weniger Gefuͤhl fuͤr einen anstaͤndigen Anzug. Auf dem Kopfe traͤgt er bald keinen Hut mehr, sondern eine schmu- tzige wollene Muͤtze, oder auch gar nichts; die Brust hat er bis zu dem Nabel bloß; uͤber die Schenkel schlottern ihm Beinkleider herab, die er am Knie nicht zuknoͤpft; die Beine sind ohne Struͤmpfe, die Fuͤße ohne Schuh; beydes ist in Monaten nicht gewa- schen. Weiterhin begegnen einem schon haͤu- fig Leute in seidenen Lumpen. Abzeichen dieser Art hatte ich von Wien an, und sie wurden immer haͤufiger, je mehr ich mich der Graͤnze naͤherte. Zu Trient bet- telte schon der Postknecht gebrochen Deutsch noch um einige „Sololi“ uͤber ein reichliches Trinkgeld; und ein Kerl, der ihm die Pferde vom Wagen gespannt hatte, erpochte dafuͤr von mir ein Geschenk. Bis Roveredo ist alles, womit der Fremde zu handeln kommt, Italienisch geworden; und alles geht Italie- nisch mit ihm um. Wirth, Kellner, Lohnbe- dienter, Postknecht, Hausknecht, Hausmagd, alles betruͤgt ihn, jeder bettelt von ihm, je- der beluͤgt ihn, jeder bleibt in der besten Laune, wenn er ihn uͤber die mannigfachen Plackereyen verdrießlich sieht, oder wenn ihm die Woͤrter Gauner, Betruͤger, unverschaͤmte Luͤgner, Bettler, entwischen. Hoͤchstens sagen sie: es sey einmal in Italien so! Er werde sehen! Mein Kellner in Roveredo, dort schon „cameriere“ genannt, machte mir beym Ein- steigen in den Wagen noch eine zweyte Rech- nung, weil er, wie er sagte, in der schon be- zahlten einige Artikel vergessen haͤtte, die er aus seiner Tasche bezahlen muͤßte, was „un tal’ Signor“ doch nicht zugeben wuͤrde. Ich warf ihm ein kleines Silberstuͤck zugleich mit einem „gran’ bricone“ zu, der so ernsthaft nicht gemeynt war. „Eccellenza!“ rief er aus, zog die Achseln zusammen, lehnte den Kopf demuͤthiglich an die rechte Schulter und druͤckte die aufgefangene Muͤnze an die Brust. Als der Postknecht fortfuhr, sagte er zu den Umstehenden, so laut daß ich es wohl hoͤren mußte, „un buon’ Signor!“ und als ich den Kopf herum drehte, um den Gaudieb noch einmal anzusehen, uͤberraschte ich ihn bey ei- nem großen Kreutze, das er mir nachschlug. Alle diese und hundert andere kleine Zuͤge und Erscheinungen sind Italienisch, und dem Reisenden schon gelaͤufig, wenn er nach Ita- lien selbst koͤmmt. Er kennt die Menschen schon, das heißt den kleinen Theil derselben, den er auf der Reise braucht; er kennt die Natur schon, das heißt diejenige, die er bey seinem ersten Eintritt in Italien findet. Nichts daran scheint ihm mehr neu, und doch hatte er, noch vor Wien, weder solche Menschen, noch solch eine Natur gesehen. Gerade so wird ihm seyn, wenn er vor dem Amphi- theater von Genua, auf der Kuppel vom St. Peter in Rom, und an dem Rande des Aetnaschlundes stehet. Von Ala fuͤhrt der Weg auf Peri , die naͤchste Station. (Eine Post Die italienische Post haͤlt sieben, acht, auch wohl neun Miglien. ) Die Straße ist nicht so sorgfaͤltig gemacht, als bisher; aber die Gegend ist ganz dieselbe. Nach ei- ner Fahrt von anderthalb Stunden befindet man sich vor dem venetianischen Graͤnzzoll Borghetta . Es sind zwey kleine, einzeln am Wege einander gegen uͤber stehende, und durch ein Wetterdach, das den Wagen Schutz giebt, mit einander verbundene Haͤuser. Aus dem einen trat mir ein Zollbedienter mit dem hoͤflichsten Wesen entgegen, war voͤllig uͤber- zeugt, daß ich keine verbotenen Waaren bey mir fuͤhrte, und bat sich fuͤr diese Ueberzeu- gung, mit in dem Wagen gestreckter Hand und spielenden Fingern, „dalla bona grazia dell’ excellentissimo Signor forestiero“ — ein kleines Geschenk aus. Dieser gab ihm eins; da es jener aber gern groͤßer gehabt haͤtte und dies mit einem „è poco Excel- lenza!“ deutlich zu erkennen gab; so erwie- derten die Exzellenz: „basta così, amico!“ und fuhren hartherzig weiter nach Peri. Dies ist ein unansehnlicher Flecken, wie ein paar andere, durch die ich, von Ala aus, im venetianischen Gebiete gekommen war. Das Aeußere dieser Oerter ist in der That hoͤchst abschreckend. Sie sind ganz offen, ihre Haͤuser sind zwar gemauert, aber von eben den Steinstuͤcken, die im Wege herum liegen, und wie man sie ohne Auswahl aufrafft: groß und klein, rund und eckigt, von allerley Bergarten. Sie erscheinen wie bloß auf ein- ander gelegt, nicht mit Moͤrtel ausgefuͤllt, noch weniger beworfen. Diese rauhen Mau- ern stehen da, Theilweise verwittert, Theil- weise aus einander gegangen, Theilweise von Luft, Regen und Sonne grau oder schwarz gefaͤrbt. Sie haben im untersten Geschoß eine Oeffnung, welche Thuͤre und Fenster zu- gleich bildet und in ein schwarzes, mit Stei- nen ausgesetztes oder mit Lehm ausgeschlage- nes, Gemach fuͤhrt, das eine Familienwoh- nung vorstellt. Das zweyte Geschoß hat zwar drey oder vier kleine Fensteroͤffnungen, aber Glasscheiben sind nicht darin zu sehen, sondern bloß ein paar eiserne Staͤbe, und dahinter hoͤlzerne Laden. Das Dach ist mit Schindeln gedeckt, die von der Sonne ver- kohlt und nicht angenagelt, sondern um die Kosten fuͤr die — Naͤgel zu ersparen, mit Steinen belegt sind, wodurch sie fest gehalten werden. In und vor solchen Haͤusern sieht man Menschen, schwarzgelb von der Fußspitze bis zum Wirbel; die Maͤnner bloß mit einem Hemde und mit einer Hose — nicht beklei- det — sondern nur behaͤngt; die Weiber baarfuß, baarkoͤpfig, nur mit einem zerlump- ten Unterrocke, mit einem erdschwarzen Hals- tuch und einem steifen, rothen oder gelben Mieder halb und halb bekleidet; das raben- schwarze Haar in ein Nest auf dem Hinter- kopfe zusammen gewickelt, und unter dem Arm einen Rocken, dem sie dicke Faden ab- zupfen, die sie mittelst einer in der Luft schwebenden Spindel zugleich drehen und auf- winden. Die Honoratioren von Peri zeigten sich zwar angekleidet, aber wunderlich genug. Ein abge s chabter Rock von hellerothem, wollenen Sommerzeuge, oder von gruͤner, oder hellblauer, verschossener Seide; eine strohfarbene, oder hochgelbe, oder purpurfar- bige Weste, nur in der Mitte oder unten mit Einem Knopfe befestigt, weil die uͤbrigen fehlten; Beinkleider, theils von der Farbe des Rocks, theils von allen uͤbrigen schreyen- den Farben, uͤber dem Knie nicht zugeknoͤpft; Zwirnstruͤmpfe, so duͤnne, daß man sie nur durch ihre groͤßere Schwaͤrze auf der Haut unterscheiden konnte; Pantoffeln, oder viel- mehr eingetretene Schuhe; ein langer Zopf, der bald geflochten und oben mit einem Bind- faden eingebunden, bald mit einem rothge- wordenen schwarzen Seidenbande umwickelt war, und uͤberall Buͤschel von Haaren heraus ließ; breite Manschetten und große schmutzige Busenstreifen von grobem Zwirnfilet; eine duͤnne schmale Halsbinde, mit einer gewalti- gen Schnalle im Nacken befestigt — dies waren die Toilettenstuͤcke solch eines Ehren- mannes, denen er durch ein ungekaͤmmtes Haar, in welchem die Federn und Dunen aus dem Bette flatterten, und durch eine baumwollene Nachtmuͤtze, die sich in eine lange, zwischen den Schultern schwebende Trottel endigte, die Krone aufzusetzen gewußt hatte. Meine Vorgaͤnger und Nachfolger auf der Reise durch Peri werden diese Zeichnun- gen treu finden. Ich habe sie nach der Na- tur gemacht, indem ich vor dem Posthause saß und meine Pferde erwartete. Die Regierung hat anbefohlen, daß jeder Reisende, der durch ihre Staaten mit Extra- post geht, ein „Bollettone“ von dem Ober- postmeister aus Venedig vorzeigen soll. Man kann sich durch einen Freund, oder durch sei- nen Wechsler, solch einen Eingangsschein entgegen schicken lassen; oder ihn auch in Wien von dem dortigen Gesandten der Re- publik erhalten. Auf dessen Vorzeigung muͤs- sen ihm die Postmeister fuͤr acht Paoli mit zwey Pferden eine Station, oder zwey deut- sche Meilen fortschaffen. Hat er aber kei- nen, so koͤnnen sie nach Willkuͤhr, anstatt acht Paoli, zwoͤlf bis funfzehn nehmen und der Reisende darf sich nicht beschweren. Ich hatte um solch ein Bolletton geschrieben und es in Roveredo zu finden geglaubt, aber nicht gefunden. Dieser Umstand half mir nichts bey dem Postmeister in Peri. „Ich muͤßte Sie fuͤr acht Lire fahren,“ sagte er, „wenn Sie eins haͤtten; aber Sie haben keins! Da es mir also erlaubt ist, mehr zu nehmen, so kann ich nicht gegen meinen Vor- theil handeln, und ich muß mehr nehmen. Sie sollen aber sehen, daß Sie mit einem großmuͤthigen Venetianer zu thun haben. Ich verlange nur zwoͤlf Paoli; dem Folgen- den muͤssen Sie funfzehn geben! Das sag’ ich Ihnen vorher!“ In der besten Laune uͤber seine ganz neue Art von Großmuth gab ich ihm die verlangten zwoͤlf Paoli, und die uͤbrigen drey einem Bettler, der neben mir stand; wobey ich ihm recht ernsthaft dankte, daß er mir Gelegenheit gaͤbe, gegen seinen armen Lands- mann meinerseits auch großmuͤthig zu seyn. Diese Wendung schien doch sein edles Herz so in Bewegung zu setzen, daß es sich ver- gaß und in einige harte Worte gegen den Bettler ausbrach; allein dieser, der alles vor- trefflich begriff, lachte ihn aus und mir — dankte er fuͤr mein Almosen nicht. Dieser Wettstreit der Großmuth hatte nicht die geringste Wirkung auf die Unter- heuschrecken des Posthauses gethan. Es wa- ren ihrer sechs trotzige, zerlumpte Kerl, wo- von der Eine mir die Vorder- und der An- dere die Hinterraͤder besprengt, der Dritte den Koffer angezogen, der Vierte die Pferde ge- bracht, der Fuͤnfte sie dem Postknecht ange- spannt, und der Sechste mich gefragt hatte: ob ich etwas aus dem benachbarten Wirths- hause befoͤhle? — Was sie haben wollten, war, wie sie es nannten, „per la bona ma- no“ (fuͤr willige Handreichung), und sie for- derten es in einem Tone, daß ich lieber gleich geben, als mir Stationen machen wollte, wie der uͤbellaunige Smollet , der sie immer mit Gallenfiebern verließ und doch am Ende alles, was man von ihm haben wollen, be- zahlt hatte. Hinter Peri hoͤren endlich die Berge auf, doch nicht ohne sich noch einmal in ihrer Furchtbarkeit zu zeigen. Man koͤmmt nach „Chiusa“ , einem Graͤnzschlosse, das an dem Gehaͤnge eines steilen Berges angebracht ist. Man braucht Vorspann, um den Weg hinan zu kommen, der dem Berge durch Kunst ab- gewonnen und nur so breit ist, daß zwey Wagen einander so eben ausweichen koͤnnen. Man haͤngt auf demselben gleichsam uͤber der Etsch, so wie der Felsen drohend uͤber den Weg haͤngt. Unter einem, in einer Tiefe von wenigstens 150 Schuh, draͤngt sich die Etsch zwischen diesen und dem gegen uͤber stehen- den, noch rauhern und ganz schroffen, Felsen hinein und rauscht an den Wurzeln beyder, ohne selbst dem Fußgaͤnger an den Seiten Platz zu lassen. Sie kann hier auch noch mittelst einer starken Kette geschlossen werden. Wenn man uͤber den hoͤchsten Punkt des Weges gekommen ist, so hat man im Herab- steigen das Schloß vor sich, zu welchem man uͤber eine Zugbruͤcke gelangt. Es ist klein und schmal, und giebt in der That einen armseligen Anblick. Das Mauerwerk ist ver- altet, und aus den wenigen Schießscharten sehen rostige Kanonen hervor. Vor demsel- ben hat man im Felsen selbst ein Kaͤmmer- chen fuͤr den Waͤchter ausgehauen, zu wel- chem man auf kurzen Stufen gelangt. Un- mittelbar uͤber dem Schlosse hat man Kasa- matten angebracht, die theils in den Felsen selbst gehauen, theils durch Mauerwerk an demselben angebauet sind. Alles ist klein und enge; aber als Anhang zu der Festung, welche die Natur selbst hier gebauet hat, wuͤrde dies Schloͤßchen doch dazu beytragen, den Feind, der durch diesen Paß eindringen wollte, eine Weile abzuhalten. Jen- Jenseit dieses Schlosses fuͤhrt der Weg am Fuße des Felsens und hart am Ufer der Etsch fort, die hier als ein ansehnlicher Fluß erscheint. Die Durchfahrt zwischen Felsen und Fluß ist so schmal, daß man, um Plaͤtze zu gewinnen wo die Wagen einander aus- weichen koͤnnen, erstern hat ausschweifen muͤs- sen. Auf diese Art zieht sich der Weg nach Volargine (eine Post), von wo aus man endlich auch zur Linken die Ebene uͤbersieht, die man schon eine Weile zur Rechten hat uͤbersehen koͤnnen. Hier hatte ich nun die Gebirge, in welchen ich, von Schottwien an, verschlossen gewesen war, mit ihren angeneh- men und fuͤrchterlichen Stellen im Ruͤcken, und ich blickte mit freyerem Athem in das Paradies — Lombardey. Uebrigens ist vielleicht keines der großen Gebirge so leicht und anmuthig zu bereisen, als das, welches ich von dem Semmering an bis hieher durchfahren hatte. Der Weg laͤuft bestaͤndig, theils im Grunde der Thaͤler, Siebentes Heft. E theils am Gehaͤnge der Berge fort. Er ist durchweg vortrefflich unterhalten, und nur an zwey oder drey Stellen etwas enge und nicht genug durch Gelaͤnder gesichert. Er ist hin- laͤnglich mit Bruͤcken versehen, um mit Si- cherheit uͤber die kleinern und groͤßern Fluͤsse zu kommen die einem so haͤufig begegnen, oder welchen man folgt. Er ist sicher zu be- reisen, weil die Menschen gut sind, die laͤngs demselben wohnen. Er bietet viel Abwechs- lung dar, weil er zugleich eine lebhafte Han- delsstraße ist. Das Land selbst, durch das er fuͤhrt, ist anziehend. Ungeachtet Berge und nichts als Berge um den Reisenden her ste- hen, so gewaͤhrt doch die unendliche Abwechs- lung ihrer Gestalten und Zusammenstellungen, ihrer An- und Aussichten, ihrer Erleuchtung, ihrer ungeheuren Massen und ihrer mannig- faltigen Bestandtheile großen Genuß. Die Thaͤler zwischen ihnen sind groͤßtentheils schoͤn, oft wahrhaft reizend, meist immer fruchtbar; und das fleißige, unverdorbene Volk, das sie bewohnt, das sich in vielen Dingen uner- schrocken mit der Natur selbst in Kampf ein- laͤßt, erfuͤllt das Herz mit Theilnehmung und freudigem Erstaunen. Ich bekenne, noch keine Reise mit so viel Vergnuͤgen gemacht zu ha- ben, als diese Bergreise; und wenn ich jetzt wieder die Ebene mit Freudigkeit empfing, so lag derselben nicht Ueberdruß der Berge, sondern der natuͤrliche Gefallen des menschli- chen Herzens an Abwechslung zum Grunde. Von Volargine bis Verona (1 ½ Post) fuͤhrt der Weg durch eine Landschaft, die ei- nem großen, zusammenhaͤngenden Garten gleicht. Pflanzungen von Maulbeerbaͤumen, oder von Ulmen und Ahorn, alleenweise ver- theilt, bedecken die Felder. Maͤchtige Wein- stoͤcke lehnen sich an diese Baͤume und trei- ben Ranken, Blaͤtter und Fruͤchte bis in de- ren Kronen hinauf; von dort fallen sie her- ab und finden andere, die, wie sie, eines Anhalts beduͤrftig sind. Der Winzer nimmt sich ihrer an, fuͤgt sie zusammen, und so ver- E 2 schlingen sie sich in einander und laufen in Gewinden durch alle Alleen. Das Land zwi- schen diesen ist bearbeitet, und Feldfruͤchte al- ler Art werden auf demselben gezogen. Es ist ein Gedanke, der fuͤr den Boden der Lombardey Achtung erweckt, daß er fast zu gleicher Zeit Getreide und Wein hervorbringt und den Seidenbau moͤglich macht. Hier herum ist er uͤbrigens noch so steinigt, daß die Baͤume aus den Steinen selbst hervor- zuwachsen scheinen, und daß die eigentliche Erde kaum sichtbar wird. Diese ist ocker- braun gefaͤrbt, wie die Steine, die ganz die- selben sind aus welchen die Berge von Sa- lurn bis vor Volargine bestehen. Je mehr der Fleiß diesen Boden uͤberwindet, desto fruchtbarer wird er; und je weiter man ge- gen Verona hinab koͤmmt, in desto ergiebi- gerem Stande ist er schon. Um die Mitte des Weges fand ich ein artiges Lustschloß, das die Naͤhe einer großen Stadt verkuͤn- digte. Es war juͤngst erst angelegt und fiel angenehm in die Augen. Der dazu gehoͤrige Garten war schon mit Mauern eingefangen, schien aber nur ein Ziergarten werden zu sol- len, denn ich sah wohl ziemlich mittelmaͤßige Bildsaͤulen, aber keine Spur, daß man auch fuͤr Schatten sorgen wolle, in einem Lande, wo man dessen so viel braucht. Verona sieht man nicht eher, als bis man nur noch eine halbe Stunde davon ent- fernt ist. Diese Stadt liegt gerade da, wo die Alpen allmaͤhlig bis zu ihrer tiefsten Ab- dachung gelangt sind, und diese in wahre Flaͤche uͤbergeht. Ist man also uͤber den letz- ten Absatz hinunter, so erscheint sie an eben diesen Absatz gelehnt, der Laͤnge nach ausge- breitet, mithin ganz eigentlich an den Wur- zeln der Alpen gelagert und von der Etsch durchstroͤmt, die ich in Italien auch italie- nisch, Adige , nennen will. Nach wenig Augenblicken ist man vor ihren Thoren. Ich fuhr durch das aͤußere Bischofsthor hinein, ohne von den Zollbedienten anders, als zu Borghetta, belaͤstigt zu werden. Unter dem innern fragte mich ein Soldat — großer Gott, was fuͤr ein Soldat! — nach Namen und Vaterland, und schrieb beydes mit einer Feder! aus einem Tintenfaß! auf Papier! — wahrlich, daß ich zur Schande des gefluͤgelten Loͤwen, seiner Vogelscheuche von Soldaten — kein Trinkgeld, wie er verlangte, sondern ein wahres, von christlicher Milde hervorgebrach- tes, Almosen darreichte. Ich fuhr in den Gasthof „alle due torre“ , behandelte aus noͤthiger Vorsicht, ehe ich abpacken ließ, mit dem „cameriere“ Zimmer, Tisch, Bedienung und alles uͤbrige, und ließ mich sodann erst in einer Stadt nieder, worin ich einige an- genehme und lehrreiche Tage zu verweilen be- schlossen hatte. Es sind mehrere Punkte in der Stadt und um dieselbe, wo man sie, ihrer ganzen Lage und Gestalt nach, uͤbersehen kann. Man mag einen ihrer Kirchthuͤrme, eines ihrer Thore, eines ihrer Außenwerke, oder eines ihrer Schloͤsser waͤhlen, immer hat man eine anziehende Aussicht; die weitlaͤuftigste aber findet man auf dem Schlosse S. Felice , und diese wollte ich zuerst aufsuchen. Ich gelangte durch einige ziemlich ver- schlungene und unreinliche Straßen zu der Bruͤcke „della Pietra“ , die uͤber die Adige fuͤhrt, und besahe im Vorbeygehen zwey ih- rer Bogen, die noch von altroͤmischer Arbeit sind und gegen welche die benachbarten aller- dings sehr abstechen. Jenseits dieser Bruͤcke erhebt sich die Anhoͤhe, auf welcher das feste Schloß S. Felice uͤber dem andern festen Schlosse S. Pietro liegt. Eine Anzahl von Haͤusern ist amphitheatralisch an derselben hinangebauet, die sich zwar, weder durch Neuheit, noch Groͤße, noch Geschmack em- pfehlen, dennoch aber dieses Ufer der Adige gut verzieren. Ich stieg langsam die Anhoͤhe hinauf, ohne die Truͤmmer zu suchen, die an derselben von einem alten Theater und einem alten Kapitolium — nicht mehr zu sehen sind, und uͤberrumpelte die Festung S. Pietro, die freylich keine Thore hatte, und deren Ring- mauer an mehreren Stellen ohne Kanonen und Kugeln eingeschossen war. Ich bestieg ihre Schanzen und Waͤlle, fand aber keinen Punkt, von welchem ich Stadt und Gegend ganz ohne Hinderniß fuͤr das Auge haͤtte uͤbersehen koͤnnen; eilte also vollends nach S. Felice hinan, und traf es wirklich mit Thoren, mit wohlerhaltenen Ringmauern, mit Kanonen und Besatzung versehen, und sonderbar! aus eben dem Grunde, aus wel- chem S. Pietro nichts von dem allen hat. Um dies Raͤthsel zu loͤsen, erinnere man sich, daß der Loͤwe, der von hier herab Verona beherrscht, trotz seinen Fluͤgeln, zu einem sehr mißtrauischen Geschlechte gehoͤrt; und daß er diesen obern Platz fuͤr sich behalten, den un- teren aber, so wie die ganze Stadt, in den Haͤnden der Veroneser gelassen hat. Auf einem der hoͤchsten Außenwerke von S. Felice fand ich, was ich suchte: einen Platz, der zu einer allgemeinen Uebersicht der Stadt und Gegend alle Erfordernisse hatte. Er war mit einem Altan bezeichnet, den ich zwar nur mit Ziegelsteinen ausgesetzt, und mit einem alten Dache, auf vier verwitterten Saͤu- len ruhend, bedeckt fand, der aber nach allen Seiten offen war, und seine Bestimmung vor- trefflich erfuͤllte. Die ganze Stadt lag vor mir ausgedehnt da, so klar und hell, daß ich das entfernteste Gartenhaͤuschen unterscheiden konnte. Von der umliegenden koͤstlichen Flaͤche uͤbersah ich einen Halbcirkelschlag von vier bis fuͤnf Meilen, und nordwestlich zitterte da, wo der dunkelblaue, ganz reine Horizont sich auf die schwarzgruͤne Scheibe lehnte, Man- tua mit seinen Thuͤrmen, waͤhrend die naͤhe- ren Staͤdte und Flecken, weiß und roth, wie hollaͤndische Doͤrfer in einem großen Lustgar- ten, gelagert erschienen. Auf der entgegen gesetzten Seite hingen die Alpen, durch die ich gekommen war, mir noch einmal uͤber dem Haupte, so nahe schienen sie. Der Baldo ragte hier am hoͤchsten unter ihnen hervor, und an seiner Seite liefen nach Nordosten kleinere Berge herab, deren Gipfel mit Baͤu- men gekroͤnt waren, unter denen ein Volk lebt, das, so wie seine Berge einzeln stehen, einzeln fuͤr sich besteht, nicht mehr zu den Deutschen gehoͤrt, und noch nicht zu Waͤlschen umgeschaffen ist: ich meyne die sogenannten Cimbern, welche die bekannten dreyzehn Ge- meinen bilden. Von ihrem Wohnort an da- chen sich wellenfoͤrmig immer niedrigere Berge dergestalt ab, daß sie in der Ferne nur noch als Anhoͤhen das Land umschließen, und sich allmaͤhlig in die schoͤne Ebene verlieren, die, durch nichts mehr unterbrochen, als der uͤp- pigste, fruchtbarste, wohlhabendste Theil von Italien, sich uͤber Mantua, Mayland und Turin bis an die Wurzeln der jenseitigen Al- pen hinzieht, durch welche die Schweitz und Frankreich von Italien geschieden werden. Nachdem ich uͤber eine Stunde auf diesem anziehenden Platze zugebracht hatte, stieg ich die Anhoͤhe wieder hinunter und ließ mich zu der Stelle fuͤhren, wo man vermuthet, daß vor Alters Baͤder gestanden haben. Man schließt dieß aus einigen Roͤhren, die man dort gefunden hat. Jetzt dringt noch aus dem Felsen ein sehr lebhafter Strahl von Wasser hervor, der mit einer Roͤhre einge- faßt und mit einem Becken versehen ist. Diese Quelle wird im Fruͤhling und Som- mer von den Einwohnern haͤufig besucht und als Gesundbrunn getrunken. Das Wasser hat im Geschmack viel Aehnliches mit dem Eger- brunnen und soll auch eine aufloͤsende Kraft haben. Als ich zu der Bruͤcke „della Pietra“ zu- ruͤck kam, verweilte ich auf derselben, um sie als Standpunkt fuͤr eine Aussicht uͤber einen Theil des Inneren der Stadt zu benutzen. Maffei empfiehlt sie als einen solchen, ich bekenne aber, daß in diesem Fall, wie in vie- len andern, seine Vaterstadtsliebe ihn zuviel hat sagen lassen. Das linke Ufer des Flusses, an welchem die Anhoͤhe, die ich bestiegen hatte, sich hinzieht, gewaͤhrt wohl eine angenehme Aussicht, aber das rechte eine desto unange- nehmere; denn die daran stehenden Haͤuser kehren demselben alle ihre rostigen, hoͤlzernen Gaͤnge, Altane und heimlichen Gemaͤcher, und ihre uͤber dieselben hingebreitete Sudelwaͤsche zu; und auf den Balkonen der oberen Ge- schosse bemerkte ich einige sorgfaͤltige Haus- wirthinnen, die ihre frechsten Feinde in den Falten der Bettdecken aufsuchten und sie, wo nicht erhaschten, doch in die Adige sprengten. Dieß war fuͤr mich kein Standpunkt — per formare prospettive così nobili et cosi vaghe, che scene non si videro mai meglio ideate . Verona illustrata, Tom. II. 4. des Auszugs. Vielleicht benahmen sich Maffei’s Landsleute zu seiner Zeit aͤsthetischer oder we- nigstens verschaͤmter. Angenehmer uͤbersieht man von dem Neuen Thor herab einen Theil der Stadt, und zwar einen der schoͤnsten. Dieses Thor, das auch, wie das Thor „del Pallio“ , als Werk der Kunst sehenswerth ist, liegt auf der andern Seite der Stadt, den Schloͤssern S. Pietro und S. Felice gerade gegenuͤber. Im Vor- dergrunde hat man die Uebersicht der ganzen Neuen Straße , einer der stattlichsten und lebhaftesten in der Stadt. Dieß wird sie be- sonders um die Zeit der Korsofahrt. Sie ist sehr lang, verhaͤltnißmaͤßig breit, an beyden Seiten mit erhoͤheten Fußwegen, und in der Mitte mit einem gut gepflasterten Fahrwege, versehen. Gegen Abend sind so viel Wagen auf dieser Straße, als in der Stadt gehalten werden, weil sie einen Theil des Korso aus- macht, den niemand versaͤumt, der ein Fuhr- werk besitzt, und den zu besuchen, manche Fa- milie sich den Kosten eines Zwey- oder Vier- spannes unterzieht. Diese Korsofahrer neh- men sodann ihren Weg unter dem gedachten Neuen Thore hin und man uͤbersieht das Ge- draͤnge, welches sich hier durch die Heraus- und Hereinfahrt bildet, von oben herab ganz in der Naͤhe. Die Fußgaͤnger, die unterdessen die Wege an den Seiten fuͤllen, ziehen in mannigfachen Gruppen von dem Platze Bra daher, draͤngen sich zwischen den Wagen hin- durch und bilden außerhalb der Stadt auf der Bruͤcke und in den daran stoßenden Alleen bunte Reihen, durch welche die Wagen hin- fahren. Viele der Fußgaͤnger kommen auch auf die Waͤlle, die zu beyden Seiten des Neuen Thors hinlaufen, gehen auf denselben spatzieren oder setzen sich in langen Reihen nieder, um das Getuͤmmel auf der Bruͤcke und in den Alleen zu beobachten. Die Aussicht uͤber den lebendigen Theil von Verona machte mir diesen Standpunkt lieber, als irgend einen andern in der Stadt. Er beschraͤnkt sich aber nicht auf das Getuͤm- mel des Korso allein, er beherrscht zugleich die Haͤusermasse der Stadt, in ihrer ganzen Ausdehnung, nach allen Seiten. Man sieht, wie sie sich noͤrdlich und nordoͤstlich an den Wurzeln der Alpen erhebt, und in die beyden aͤussersten Bastionen des Schlosses S. Felice auslaͤuft; wie nordwestwaͤrts die Adige hinein-, und nach einer Schlangenwindung durch die Stadt, suͤdlich wieder hinausstroͤmt; und wie oͤstlich, suͤdlich und westlich jener große Lom- bardische Garten an ihre Mauern stoͤßt und sie gleichsam zu einem der großen Gartenhaͤu- ser macht, deren er so viele in seinen gruͤnen- den Labyrinthen einschließt. Eine dritte angenehme Aussicht uͤber die Stadt gewaͤhrt der Garten des Grafen Giusti , dessen Terrassen bis zu dem Fuße der Mauern des Schlosses S. Pietro hinan steigen. Man uͤbersieht hier besonders ihre Gestalt und den eigentlichen Lauf der Adige. Der Garten selbst ist nicht von Umfange, auch in Absicht seiner Anlagen nicht ausserordentlich. Diese sind nach altem Geschmack, und bestehen in Heckenlabyrinthen, in kleinen, mit Marmor eingefaßten, Springbrunnen und andern Was- serspielereyen; in Grotten, aus Muscheln und Steinstuͤcken zusammen gesetzt, und andern altmodischen Verzierungen. Auch ist der Gar- ten schon ziemlich bejahrt, und Burnet und Addison , die zu Ende des vorigen Jahr- hunderts hier waren, erwaͤhnen seiner schon in dieser Gestalt. Fuͤr den Nordlaͤnder er- haͤlt er durch eine vortreffliche Weinterrasse und eine Reihe koͤstlicher Cypressen, die man vielleicht in ganz Italien nicht so schoͤn wie- der findet, viel Anziehendes. Meine naͤchsten Ausfluͤchte hatten die Kennt- niß des Innern der Stadt zum Zweck. Verona ist wie eine altgewordene Schoͤne, die noch in dem altmodischen Anzuge, der in ihrer Jugend fein und zierlich war, einher tritt, und der man wegen der Ueberbleibsel von vormaligen Reizen, die man an ihr ent- deckt, Gerechtigkeit wiederfahren laͤßt. Die Stadt ist theils mit einer bloßen Mauer, theils mit Waͤllen und Graben um- geben, theils wird sie durch den Fluß und theils durch die beyden erwaͤhnten Kastelle ein- eingeschlossen. Ein drittes, das „castel vecchio“ liegt in der Stadt selbst am rechten Ufer des Flusses und beherrscht diesen da, wo er herein tritt. Die Mauern sind sehr hoch, von laͤnglich- viereckigten Werkstuͤcken erbauet, oben mit ei- nem nach alter Weise ausgezackten Kranze versehen, alt und verwittert, doch nirgends noch bis zum Einfallen vernachlaͤßigt. Den Waͤllen, Graben und Außenwerken kann man dieß eher nachsagen. Die Brustwehren sind zum Theil eingeschossen und in die Graben gefallen; letztere sind mit Schutt und ande- rem Unrath ausgefuͤllt, und die Kasamatten und bedeckten Gaͤnge großentheils zusammen gestuͤrzt. Auch gehen diese Werke nicht hin- ter einander fort, und sind an einigen Stel- len unvollendet geblieben. Was aber davon uͤbrig ist, zeigt in der That von Einsicht in der Kriegsbaukunst, von Festigkeit, und von gluͤcklicher Benutzung oder Ueberwindung des Lokals. Reisende, die sich uͤber diesen Gegen- Siebentes Heft. F stand Kenntnisse und Unterricht verschaffen wollen, finden in Verona Gelegenheit dazu. Zwar sind viele der hiesigen Befestigungsarten durch neuere Erfindungen verdraͤngt worden, viele andere aber gelten auch jetzt noch, und sind in der That ungleich lehrreicher, als die zu Graudenz und Plesse , weil man sich ihnen mit der Bleyfeder naͤhern darf, ohne zu fuͤrchten, daß die Signorie von Venedig eine edle Lernbegierde in eine ihrer Kasamatten verschließen moͤchte. Es ist in der That vor keiner derselben eine Thuͤre mehr. Ich mache diese Anmerkung, um die Ma- nen des, fuͤr den Ruhm seines Vaterlandes und seiner Vaterstadt, so eifrigen Maffei be- saͤnftigen zu helfen. Er klagt, Ver. illustr. Tom. II. 102. daß noch kein Reisender dieser merkwuͤrdigen Seite von Verona erwaͤhnt hat. „Gewoͤhnlich glaubt man,“ sagt er, „daß die Befestigungskunst in Italien nicht zu Hause sey, und man stellt nur immer die franzoͤsischen, hollaͤndischen und deutschen Erfindungen zur Schau; und doch ist diese Kunst in Italien geboren und ausge- bildet. Man kennt aber die Bosheit der Al- tromontanischen Schriftsteller. Weil die Ita- lienische Sprache bey ihnen nicht getrieben wird, so legen sie sich wenigstens mit Fleiß darauf, um sich in vielen Dingen unentdeckt fuͤr Erfinder ausgeben zu koͤnnen. Mit wenig Worten zu zeigen, daß die Befestigungskunst ganz unsere ist, darf ich nur die Buͤcher an- geben, durch die sich der Leser davon ver- sichern kann.“ — Hier zieht er eine Reihe von Werken an, die im sechzehnten und sieb- zehnten Jahrhundert uͤber jene Wissenschaft in Italien geschrieben sind; und zeigt sodann, daß eine Menge von Befestigungsarten, wo- durch Vauban und die deutschen und hollaͤn- dischen Kriegsbaumeister beruͤhmt geworden sind, lange vorher von italienischen vorgeschla- gen waren. Sein Landsmann, San Mi- chele , ein vorzuͤglicher Baumeister, habe F 2 viele davon bey den drey Festungen von Ve- rona wirklich ausgefuͤhrt. Man zeigt in Verona gern die Bastion „delle Boccare“ , und sie verdient in der That, wegen einer Kasamatte gesehen zu wer- den, die unter derselben angebracht ist. Die Veroneser fuͤhren sie als ein Probestuͤck von der ehemaligen Vorzuͤglichkeit ihrer Befesti- gungen an und nehmen diese Gelegenheit wahr, um durch ein bedeutendes Achselzucken den Fremden errathen zu lassen, was sie da- von halten, daß die Regierung sie absichtlich hat verfallen lassen. Jene Kasamatte nimmt den ganzen Umfang der uͤber ihr liegenden Bastion ein. Sie hat die Figur eines Cirkels, und hundert und fuͤnf Schuh im Durchmes- ser. In der Mitte steht ein runder Pfeiler, gegen fuͤnf und zwanzig Schuh dick, auf wel- chen die ganze gewoͤlbte Decke zusammen laͤuft, die in der Mitte vier und zwanzig Schuh uͤber den Boden erhaben, und von dem Pfei- ler an, nach allen Punkten der Mauer hin, vierzig Schuh breit, und doch so flach gehal- ten ist, daß sie in einem Winkel von nur fuͤnf und vierzig Graden sich an die Mauer lehnt. Diese schwere architektonische Aufgabe ist mit einer Leichtigkeit ausgefuͤhrt, und mit einer Festigkeit, welcher drey Jahrhunderte, mit allem ihren Regen und Schnee, noch kei- nen Riß, noch keinen ausgesprungenen Stein, haben abgewinnen koͤnnen. Der breite und hohe Eingang, einige Schießscharten und uͤber denselben und in der Decke angebrachte Luft- loͤcher, geben dem Ganzen ein trefliches Licht. Einem deutschen Fuͤrsten, der diese Kasamatte besah, gefiel sie so wohl, daß er eine Zeich- nung davon mitnahm, um einen Pferdestall darnach anlegen zu lassen. Die vier Bruͤcken , die uͤber die Adige laufen, sind, in Ruͤcksicht der Laͤnge und der Groͤße des Anblicks, mit keiner der beruͤhm- tern deutschen zu vergleichen. Die einzige Bruͤcke beym alten Schlosse ( Castel vecchio ) hat einen Bogen, der sich durch die kuͤhne Ausspannung seines Gewoͤlbes, die, nach Maffei 142 Fuß betraͤgt, und durch Zierlich- keit und Leichtigkeit empfiehlt. Diese beyden Vorzuͤge, die freylich durch Backstein beque- mer zu erreichen sind, als durch Werkstuͤcke, machen aber den Veronesern bange, daß der Bogen unter der Last eines Wagens einfallen moͤchte, und sie halten deswegen diese Bruͤcke gesperrt. Die Fuͤrsorge, ihrer Stadt ein Kunstwerk zu bewahren, traͤgt zu dieser Maß- regel mit bey. Die drey uͤbrigen Bruͤcken ka- men mir ganz gemein vor. Die Straßen von Verona sind großen- theils gerade und haben eine verhaͤltnißmaͤßige Breite. Einige darunter, z. B. der Korso und die Neue Straße , sind wegen ihrer Geradheit, Breite und guten Haͤuser und Pallaͤste, wirklich schoͤn. Auch bleiben sie den ganzen Tag uͤber sehr lebhaft, theils, weil sie zu den beyden Marktplaͤtzen, dem Herren- und Kraͤuterplatz , und uͤberhaupt zum volkreichern Mittelpunkt der Stadt fuͤhren; theils, weil sie mit Gewoͤlben fuͤr Waaren aller Art, mit Trink- Speise- und Kaffeehaͤu- sern, mit Laͤden fuͤr erfrischende Naͤschereyen und mit Werkstaͤtten verschiedener Kuͤnstler und Handwerker, dicht besetzt sind; theils, weil sie gegen Abend der Tummelplatz der großen, oder der muͤßigen Welt uͤberhaupt, und mit Wagen und mit Spatziergaͤngern an- gefuͤllt, werden. Die uͤbrigen Straßen um und an dem Kerne der Stadt und bey den Bruͤcken, sind auch lebhaft, aber nicht zugleich so glaͤnzend; die entferntern hingegen sind menschenleer, stille und zum Theil sehr enge und unansehnlich. Die meisten dieser Straßen moͤgen vor Alters ein gutes Pflaster gehabt haben, aber jetzt ist es sehr vernachlaͤßigt und be- schwerlich. Die Seitenwege fuͤr Fußgaͤnger sind aus kleinen Steinen, wie sie der Fluß fuͤhrt, zusammen gesetzt, und durch die Traufe in eben so viel Stacheln verwandelt worden. Diese Mosaik wird durch eiserne, zum Theil eingetretene, zum Theil wandelbare Gitter, die uͤber den Luftloͤchern der Keller liegen, unterbrochen und in der That gefaͤhrlich. In manchen Straßen sind die Fußpfade auch mit Marmorplatten belegt, die aber theils auf der einen Seite versunken, theils in Stuͤcke ge- sprengt sind, und einen ungewissen Schritt veranlassen. Da, wo dieses Seitenpflaster klaͤfft, waͤchst ungestoͤrt langes Gras hervor, außer an gewissen Stellen, die man erraͤth, und die zu keiner Zeit des Tages und in der Nacht mit Sicherheit zu betreten sind. Das Mittelpflaster ist nicht minder vernachlaͤßigt, besonders in den entlegenern Straßen, in die vielleicht binnen Jahren kein Fuhrwerk koͤmmt, und die wie Wiesen gruͤnen. Die Buͤrgerhaͤuser in der Stadt sind ohne Ausnahme alt und raͤuchrig, und haben im untern Geschosse mehrentheils finstre Ge- woͤlbe oder Lauben, mit schwarzen, hoͤlzernen Wetterdaͤchern daruͤber. Der erste Stock hat meist immer zwey hohe und breite Fenster, mit Saͤulen eingefaßt, und vor denselben ei- nen Balkon, mit einem eisernen oder mar- mornen Gelaͤnder umgeben. Der zweyte Stock hat bald Austritte vor den Fenstern, bald nicht, und im dritten sind die Fenster meist immer mit schwarzen Laden vermacht, uͤber welche die eben so schwarze Dachtraufe weit heruͤber steht. Auf dem flach gehaltenen Dache schwanken hoͤlzerne Altane, unter welchen die Waͤsche der Hausbewohner sehr widerwaͤrtig im Winde spielt. Ein deutsches Auge, das an abgeputzte, oder wenigstens reinliche, Aus- senseiten der Haͤuser gewoͤhnt ist, findet in Verona seine Rechnung nicht. Die urspruͤng- liche Beraffung ist abgefallen und die Steine, woraus die Mauern bestehen, in welchen Bruchsteine, Werkstuͤcke und Backsteine unter einander gemengt sind, erscheinen in ihrer gan- zen Nacktheit. Um den Eindruck von Duͤster- keit zu vollenden, bemerkt man noch den Um- stand, daß alle Haͤuser gesperrt gehalten wer- den, und daß die Bewohner derselben nur mit dem Hausschluͤssel heraus und hinein koͤnnen. Die Straßen besonders, die keine Gewoͤlbe und Kramladen im Erdgeschosse ha- ben, geben ein wahres Bild der Veroͤdung, und ihrer findet man immer mehrere, je wei- ter man sich von den lebhaftern, oͤffentlichen Plaͤtzen entfernet. Die Gegenden um letztre her, sind in Ve- rona, wie uͤberall, auch heiterer und lebendi- ger. Hier stehen die groͤßeren und schoͤneren Haͤuser des Adels und seine Pallaͤste . Von beyden Arten sind viele in Verona, und man findet sie, bis auf einige, ziemlich in und an dem Mittelpunkte der Stadt beysammen, z. B. um und an dem Platze Bra , dem Herrenplatze , dem Kraͤuterplatz und in den Straßen, die mit zum Korso gehoͤren. In diesen Gegenden sieht man auch die merk- wuͤrdigen oͤffentlichen Gebaͤude und die Ueber- bleibsel aus den mittlern und aͤltern Zeiten, deren Verona einige ganz merkwuͤrdige und ein fast einziges aufzuweisen hat. Die Haͤuser und Pallaͤste des Adels fallen, wie vorhin erwaͤhnt, weniger oͤde und duͤster in die Augen, aber den allgemeinen Anstrich von Veraltung und Vernachlaͤssigung tragen doch die meisten. Hier muß man das Auge zwingen, sich nur schoͤnen Verhaͤltnissen und an die Nettigkeit und Leichtigkeit, die sie her- vorbringen, zu halten, und nicht bey dem Rost und der Vernachlaͤssigung zu verweilen; man muß es anleiten, ein zierliches Portal zu bemerken, wenn es auch mit Brettern ver- schlagen ist; eine geschmackvoll verzierte Vor- derseite, nach Verdienst zu schaͤtzen, ungeachtet man sie nicht vollendet hat; ein kuͤhn empor geworfenes Treppengewinde gehoͤrig zu schaͤ- tzen, obgleich es von Staub und Unrath starrt; und endlich eine Reihe, im gefaͤlligsten Maaß und in Licht und Luft stehender, Zim- mer, bey noch nicht fertigem Fußboden, mei- sterhaft zu finden. Es ist in der That in ganz Verona kein sehenswuͤrdiges Haus, kein Pal- last, keine Kirche, kein oͤffentliches Werk, wo man nicht das muthwillige und einseitige Auge im Zaume halten muͤßte, damit es nicht uͤber der Menge von oft sehr laͤcherlichen und un- anstaͤndigen Abstichen, sehr schoͤne und vollen- dete Dinge uͤbersieht oder verschmaͤhet. Die Plaͤtze der Stadt sind, bis auf den Platz Bra , mehr enge als geraͤumig, und fallen altmodisch in die Augen, weil sie zum Theil oͤffentliche Gebaͤude einschließen, deren Anlage in sehr fruͤhe Zeiten faͤllt. Dahin gehoͤren der Herrenplatz und der Kraͤu- terplatz . Der Herrenplatz ist ein regelmaͤßiges Vier- eck. Auf demselben steht der Stadtpallast , ein altes Gebaͤude, mit einer geraͤumigen Loge, und einem Engel und einer Maria in Bronze, von dem veronesischen Kuͤnstler Campagna . Anziehender sind die Bildsaͤulen einiger be- ruͤhmten, aus Verona gebuͤrtigen, aͤltern Ge- lehrten, welche die Stadt zu Ende des funf- zehnten Jahrhunderts dort hat aufstellen las- sen; es sind Katullus, Kornelius Ne- pos, Aemilius Macrus, Vitruvius und Plinius der aͤltere . Den Fraca- stor und Maffei sieht man auf den beyden Bogen, durch die man zu diesem Platze ge- langt. In den Saͤlen des gedachten Stadt- pallastes sind einige historische Gemaͤlde, die meist auf die Kriegsthaten der Stadt Verona Bezug haben, die aber die Zeit sehr unschein- bar gemacht hat. Der Pallast des Podesta und des Capitano , beydes veraltete Wer- ke, stehen auch auf diesem Platze; und in des- sen Naͤhe findet man die Grabmaͤler einiger ehemaligen Beherrscher von Verona aus dem Hause Scala , als des „Can Grande“ , des „Can Signorio“ und des „Can Mastino“ , Werke in gothischem Geschmack, die im Gan- zen eben keine gefaͤllige Wirkung thun, deren einzelne Theile aber mit viel Feinheit und Leich- tigkeit gemeiselt sind. Der Kraͤuterplatz , ein laͤngliches Vier- eck, wenigstens noch einmal so groß als der Herrenplatz, ist, besonders des Vormittags, einer der lebhaftesten Punkte in Verona, und vorzuͤglich geschickt, von dem Aeußern, der Sprache und dem Wesen der niederen Volks- klassen einen Begriff zu geben. Maͤnner und Weiber kaufen hier die Beduͤrfnisse fuͤr den Mittag ein; und ich glaube die erstern zahl- reicher auf diesem Markte gesehen zu haben, als die letztern. Die Gewohnheit, daß Haus- vaͤter fuͤr die Kuͤche sorgen und den Einkauf in eigener Person nach Hause tragen, war mir nicht neu mehr, weil ich sie schon in Ro- veredo gesehen hatte; Maͤnner aber mit eben der Beredsamkeit, Waarenkenntniß und Zaͤhig- keit, (wenn man mir diesen Ausdruck erlauben will) feilschen und bieten zu sehen, als die Weiber, war mir ganz neu und belustigte mich außerordentlich. Ueberhaupt hat die Art, wie die Italiener handeln, so viel Eigenthuͤmliches, daß ich vielleicht weiter unten der Versuchung nachgebe, einige Bemerkungen daruͤber mitzu- theilen. Im Ganzen genommen ist es eine Art von Krieg, den man mit großer Heftig- keit fuͤhrt, waͤhrend dessen man sich eine Men- ge boͤser und hoͤhnischer Worte sagt, und der endlich, wie alle, doch damit endigt, daß einer der streitenden Theile hinter das Licht gefuͤhrt wird. Außer den gruͤnen Waaren, die diesem Platze den Namen geben, sind in den Ge- woͤlben, die das Erdgeschoß der Haͤuser ent- haͤlt, eine Menge anderer von jeder Art feil. Hier steht das große Kaufhaus ( Casa de’ Mercanti ), das schon zu Anfange des vierzehnten Jahrhunderts erbauet wurde. In demselben sind Boͤrse, Niederlage, und Ge- richtshof der Kaufleute in Handelssachen, bey einander. Man sieht hier abermals ein Ma- rienbild in Bronze von Campagna; und uͤber einem benachbarten Springbrunnen eine noch weit aͤltere marmorne Bildsaͤule (vom Jahre 806, nach Maffei) welche die Stadt Verona vorstellt, mit einer Krone auf dem Haupt und einem Papier in der Hand, worauf die Worte stehen: Est iusti latrix Urbs haec, et laudis amatrix. Gerechtigkeit übt diese Stadt, Nach Ehr’ sie groß Gelüsten hat. Das hiesige Kollegium der Advokaten gruͤn- det auf diese Inschrift sein Alterthum und seine Gerechtigkeitsliebe; der Adel sein Ehr- gefuͤhl; die Gelehrten und Kuͤnstler ihren schon fruͤh erkannten Eifer fuͤr Gelehrsamkeit und Kunst; und alle wiederholen dem Frem- den gern diese kurze Charakteristik ihrer Stadt, die, was wenigstens den letzten Zug derselben betrifft, in der That noch jetzt passend ist. Wie man aber mit dem ersteren das wunder- liche Vorrecht reimen will, das eine benach- barte, noch stehende, oben mit einem Loͤwen besetzte, Saͤule hatte, vermoͤge dessen ein Schuldner, der sie beruͤhrte, vor allen Verfol- gungen seiner Glaͤubiger sicher war, sehe ich nicht wohl ein; und Verona mag sich mit Padua und Neapel, die aͤhnliche Institute haben, haben, und mit den deutschen Gerichtshoͤfen, die eiserne Briefe geben, vereinigen, um die Gerechtigkeit fuͤr diese Sitte zu ge- winnen. Einige riesenhafte, gemalte Figuren, ein großer Heiliger, Christoph , und ein hoher Thurm, der mit zu den sieben oder acht Wunderthuͤrmen Italiens gehoͤrt, verschoͤnern noch, so gut sie koͤnnen, diesen Platz. Der Pallast Maffei , der die obere schmale Seite desselben einnimmt, thut dies auf eine mehr befriedigende Art. Doch koͤnnte er noch schoͤ- ner seyn, wenn seine Vorderseite nicht zu sehr mit Zierrathen des Steinmetzen uͤberla- den waͤre. Die uͤbrigen Haͤuser um diesen Platz sind meist ansehnlich genug, aber ver- altet, wie alle uͤbrige, und ohne Merkwuͤrdig- keiten in Absicht der Bauart. Nichts kann haͤßlicher seyn, als der Anblick ihrer Erdge- schosse an einem Sonntage, wenn die alten verwitterten Thuͤren und Fensterladen der Ge- woͤlbe geschlossen sind. Siebentes Heft. G Heiterer, neuer und geraͤumiger, obgleich unregelmaͤßig, ist der Platz Bra. Er wird von dem alten Amphitheater, von dem neuen Hospital, von dem angefangenen, aber nicht vollendeten, Pallaste fuͤr den Proveditore, von den Gebaͤuden der philharmonischen Aka- demie, von drey oder vier neuen, in die Augen fallenden, Pallaͤsten, worunter sich der Pallast Verza besonders auszeichnet, und von einer Reihe guter Buͤrgerhaͤuser eingeschlossen. Rund herum vor diesen Haͤusern und Pallaͤ- sten laufen breite Leisten von Marmorplatten, zur Bequemlichkeit der Spatziergaͤnger, die besonders gegen Abend diesen Platz aufsuchen, und ihn bis nach Mitternacht anfuͤllen. Un- ter den Arkaden der Haͤuser sind Kaffee-, Feinbaͤcker- und Kaufmanns-Gewoͤlbe aller Art hart neben einander, vor welchen Stuhl an Stuhl steht, die immer mit Menschen be- setzt sind, waͤhrend der Rest innerhalb oder außerhalb dieser Arkaden sich auf- und ab- draͤngt, oder sich Zugweise in die daran stoßende Neue Straße verliert, von daher aber bestaͤn- dig zu dieser Stelle zuruͤckkoͤmmt. Die Naͤhe jener Straße vermehrt uͤberhaupt die Lebhaf- tigkeit des Platzes Bra, weil die Korsofahrer immer ein Stuͤck desselben beruͤhren; wer in das Theater faͤhrt oder geht, koͤmmt gewoͤhn- lich auch uͤber diesen Platz, weil es unmittel- bar an denselben stoͤßt. In der Mitte dieses Platzes steht ein Denkmal, welches die Vereinigung der Adige und Venedigs, mithin die Unterwerfung von Verona an diesen Freystaat, vorstellt, das aber weder ansehnlich genug ist, um diesen Platz zu zieren, noch gut genug gearbeitet, um den Kenner anzulocken und zu fesseln. Als eine Schmeicheley fuͤr Venedig ist es zu schwach, als ein Kunstwerk fuͤr Verona zu schlecht. Die Zierde, die das alte Amphitheater die- sem Platze verschafft, muß ein wenig durch Gelehrsamkeit, Einbildungskraft und Liebha- berey heraus gehoben werden, wenn sie nicht G 2 fuͤr eine Verunstaltung desselben gelten soll. Wer bloß Laye ist, sieht an dem Aeußern des- selben nichts, als eine hoͤhere Mauer, die so alt, so rostig, und eine niedrigere, die so zu- sammen gedruͤckt, so verwittert und benagt ist, daß sie ein Bild der Verwuͤstung vorstel- len koͤnnte. Er hat wohl einmal davon gele- sen, aber was er las, nicht im Geiste des Al- terthums genommen; deshalb vermuthet er ein glattes, festes, majestaͤtisches Werk, etwa nach altdeutscher Art von großen Werkstuͤcken aufgefuͤhrt, zu sehen; aber er findet in diesen Mauern kleine, groͤßere und große Steine durch einander gemengt und plump mit Moͤr- tel beworfen. Betritt er das Innere, so sieht er links uud rechts gewoͤlbte Gaͤnge, die hoͤchst unansehnlich sind, weil sie aus kleinen, run- den Steinen bestehen, zwischen welche der Moͤrtel abermals Klumpenweise hinein gewor- fen ist, und die eben so wenig berafft sind, als die Haͤuser in Peri. Die Kiesel, die nun schon seit Jahrhunderten unerschuͤttert an ein- ander kleben, scheinen ihm endlich auf den Kopf fallen zu wollen, und er schaͤmt sich, daß er nicht einmal von einem stattlichen Quader- stein erschlagen werden soll. Der innere Umgang des Erdgeschosses ist ihm unertraͤg- lich schmutzig; er findet ihn voll Wasser; und die Ein- und Ausgaͤnge der Arena sind ihm zu klein, und die Treppen zu enge nach Ver- haͤltniß des Ganzen. Eine bessere, aber keine große, Wirkung thut auf ihn die Arena selbst, mit den rund herum emporsteigenden Sitzen. Er verwundert sich uͤber die aufgethuͤrmte Steinmasse, aber er bewundert sie nicht; er hat, nach seiner Meynung, nicht den Genuß des Schoͤnen und Großen. Die uͤber einan- der gereiheten Sitze druͤcken sich, von der ent- gegen gesetzten Seite gesehen, ganz auf einan- der, und er bemerkt nichts, als eine Ring- mauer, in Absaͤtzen aufgefuͤhrt. Und wie moͤ- gen, sagt er laut, die schmutzigen Fuͤße dessen, der auf der naͤchsten Stufe uͤber dem Andern saß, diesem zwischen den Schultern gespielt und ihm die Toga verdorben haben! Die beyden Ehrenplaͤtze des Ovals, die einander gegenuͤber stehen, und die ihm wohl auch Staͤnde fuͤr die Spielleute gewesen sind, was sie ihm klein und unansehnlicher scheinen! Die Vomitorien , die zwey und zwanzig tau- send Menschen zu Ausgaͤngen dienen sollen, duͤnken ihm bloße Luftloͤcher; und wenn man ihm vorstellt, daß alle diese Dinge, eben we- gen der Groͤße des Ganzen, ihm so klein vorkommen, so antwortet er mit der wunder- lichen Frage: warum hat der Baumeister nicht fuͤr Verhaͤltnisse gesorgt, die dem Um- fange des Ganzen und dem Vermoͤgen des Gesichts besser entsprechen? Gelehrte und Alterthumsforscher wissen, wie solchen Layen zu antworten ist. Sie kennen aus Kupfern und Beschreibungen die- ses Werk des Alterthums zu gut, und haben das Maaß seines Umfangs von außen und innen, die Anzahl der Sitze, die Ordnung der Bauart, den Namen des vermuthlichen Erbauers und die uͤbrigen Merkwuͤrdigkeiten desselben zu sehr im Gedaͤchtnisse, als daß ich noͤthig haͤtte, es noch einmal zu beschreiben, und dadurch die Bemerkungen aller und jeder Layen und zugleich die, an modernen Putz gewoͤhnten, Kunstkenner zu widerlegen. Ge- gen die letzteren wiederhole ich nur, daß man in Italien einen gewissen Stutzersinn in Be- urtheilung der Werke der Kunst ablegen muͤsse, den man sich so leicht in Frankreich und England angewoͤhnt. Wer in diesen Laͤndern sein Kunstgefuͤhl gebildet hat, laͤßt erst etwas spaͤt den Alten und ihren Nachah- mern Gerechtigkeit widerfahren, weil er das, was er fuͤr schoͤn und vollkommen haͤlt, von dem Charakter der neuern Schoͤnheit und Vollkommenheit abgezogen hat. Dieser ist Nettigkeit, Glanz und Vollendung; bey den Alten war er nichts, als Erfuͤllung des Zwecks. Wer auf der andern Seite sein Kunstgefuͤhl aus Italien holte, befreundet sich wiederum schwer mit den Werken der fran- zoͤsischen und englischen Meister. Hat man also einen recht aufrichtigen, gefuͤhlten Ge- fallen an dem Dom der Invaliden zu Paris, so haͤlt man die aͤußere Form des Pantheons in Rom fuͤr einen großen Backofen, mit einem schoͤnen Portikus, der nicht dazu gehoͤrt; und das Innere, besonders nach einem starken Regen, fuͤr eine Art von Marstall; hat man hingegen einen aͤhnlichen Gefallen am Pantheon, so vergleicht man jenen Dom, seiner aͤußern Form nach, mit einer Nuͤrnbergischen Bindfadenbuͤchse, und seiner innern Geputztheit nach, mit dem Gar- tenpavillon einer galanten Frau. Das neue Hospital , das man nahe an dem Amphitheater jetzt auffuͤhrt, scheint eins der schoͤnsten in Italien zu werden. Die Anlage ist groß und erhaͤlt durch eine Saͤu- lenstellung, die an der Vorderseite hinlaͤuft, jetzt schon, da sie noch nicht vollendet ist, ei- nen Anblick von Pracht und Groͤße. Aber eben diese Groͤße und Pracht lassen fuͤrchten, daß die Liebe zur Kunst und Wohlthaͤtigkeit, zwar nicht nachlassen, aber sich an den Mit- teln erschoͤpfen moͤchte, die zu ihren Werken unentbehrlich sind. Diese Furcht begruͤndet der unvollendete, in der Naͤhe stehende Pal- last des Proveditore , der seit dem Jahre 1609, wo er angefangen wurde, noch nicht zur Haͤlfte vollendet ist, auch wohl schwerlich vollendet werden wird, da seit mehr als hundert Jahren kein Stein hinzu gekom- men, und jetzt weder Verona noch die Repu- blik in den Umstaͤnden ist, dem praͤchtigen und geschmackvollen Anfang ein aͤhnliches Ende hinzu zu fuͤgen. Von diesem Pallast ist das Gebaͤude der Philharmonischen Akademie nur durch zwey neben einander stehende Bogen getrennt, durch die man von dem Platze Bra in die neue Straße gelangt. Es macht den Veronesern Ehre, daß eine oͤffentliche Anlage, die mit zum Anbau der schoͤnen Kuͤnste und Wissenschaften beytraͤgt, in ihrer Stadt nicht unvollendet geblieben ist. Man war aber auch vorsichtig genug, dieses Museum nicht ausschließend auf den Eifer fuͤr die Musenkuͤnste zu gruͤnden, sondern den sinnlichen Genuß, die Bequemlichkeit und Wirthschaftlichkeit zu Miterbauern und Mit- erhaltern desselben zu machen. Die verschie- denen Anlagen dieses Gebaͤudes werden dar- uͤber naͤhere Aufklaͤrung geben. Vor demselben, nach dem Platze Bra zu, ist ein Vorhof, der auf drey Seiten von ei- ner Galerie umschlossen wird, die auf Dori- schen Saͤulen ruhet, und sich nach innen oͤff- net. Die Umgaͤnge enthalten eine Menge von Alterthuͤmern, die in der Gegend von Verona und in dieser Stadt selbst gefunden sind, und hier nach einer gewissen Ordnung aufbewahrt werden. Dem Reisenden duͤnken sie mehr oder weniger merkwuͤrdig, je nach- dem er von Rom oder aus Deutschland koͤmmt. Im letztern Falle wird ihm die große Sammlung alter Inschriften, die in die Mauern der Galerie eingelegt, und alter Al- taͤre, Basreliefs, Meilenzeiger, Fußgestelle ꝛc. die zwischen den Saͤulen aufgestellt sind, viel Unterrichtendes und Anziehendes darbieten; im ersteren Falle wird er freylich in dieser ganzen Sammlung nichts mehr finden, was ihm neu waͤre, und er wird sich sogar wun- dern, wie eine Menge Dinge als Merkwuͤr- digkeiten hier aufgenommen worden, die theils hoͤchst unbedeutend, theils wohl auch sichtbar von neueren Pfuschern nachgemacht sind. Der innere Raum, den der Vorhof ein- schließt, ist urspruͤnglich zu einem botanischen Garten bestimmt, der aber bis jetzt noch ver- mißt wird. Die beschriebene bedeckte Galerie und ihr Vorrath, fuͤhren den Namen des Lapida- rischen Museums und sind fuͤr die Phil- harmonische Akademie, eine gelehrte Gesell- schaft, berechnet und ihr zur Aufsicht anver- trauet worden. Niemand konnte auch dieser Pflicht sich besser entledigen, als sie, da sie mehrere Mitglieder besitzt, die in den dahin gehoͤrigen Kenntnissen theils sehr bewandert sind, theils sie zu ihrer Liebhaberey gemacht haben. Dem gelehrten Grafen Muselli hat dies Museum seine jetzige Ordnung zu danken. Ehe man in das Hauptgebaͤude der Aka- demie eintritt, laͤßt man das Auge bey dem Portikus desselben, der auf sechs Jonischen Saͤulen ruhet, wohlgefaͤllig verweilen, und sieht mit Vergnuͤgen das Brustbild Maffei’s, der so viel gruͤndliche Verdienste um seine Vaterstadt und besonders auch um diese Aka- demie hatte, uͤber der Thuͤre. Man tritt so- dann in einen großen Saal zu ebener Erde, der links zu den Versammlungszimmern der Philharmonischen, und uͤberhaupt der guten, Gesellschaft von Verona, rechts aber zur Akademie der „Philotimi“ fuͤhrt. Der Name deutet den Zweck dieser Gesellschaft an: sie sollte eine Schule seyn, worin der Adel sich im Fechten, Reiten, Springen und andern Kuͤnsten, die seinem Stande, theils aus Be- duͤrfniß, theils aus Vorurtheil, unentbehrlich sind, uͤben sollte — nur der Adel, denn ein jeder, der daran Theil nehmen will, muß sich der Adelsprobe unterziehen. Dies ist das zweyte Institut der Akademie. Auf das dritte habe ich oben schon hinge- winkt. Sie soll der Sammelplatz der besten Gesellschaft in Verona seyn, und sie ist es auch als „Casino della Nobilità.“ Die meisten adelichen Haͤuser nehmen Theil daran und setzen einen Werth auf diese Theilnahme. Man findet woͤchentlich mehrere Tage eine Gesellschaft von beyden Geschlechtern dort, und einen angenehmen Zeitvertreib, mag man ihn am Spieltisch, oder in der Unterhaltung, oder vor einem Orchester suchen. Der Fremde ist hier eingefuͤhrt, wenn er eine Empfehlung an irgend ein adeliches Haus hat. Diese Leichtigkeit erkauft er freylich damit, daß er in dem Hause sesbst , dem er empfohlen ist, nie so eingefuͤhrt wird, wie man es in Deutschland versteht; und dies ist eben der Umstand, weshalb ich oben gesagt habe, daß auch Wirthschaftlichkeit dazu tritt, diese Aka- demie aufrecht zu erhalten. Außer der in Italien uͤblichen, sparsamen haͤuslichen Ein- richtung, die einen solchen oͤffentlichen Ver- sammlungsort noͤthig macht, wird auch kein Land so von Fremden angefallen; und das Haus, das ihnen mit Gastfreyheit entgegen kaͤme, wuͤrde bald in einen Gasthof verwan- delt werden, den Umstand ungerechnet, daß ein gefaͤlliger Hauswirth seinen Gastfreunden Dinge zeigen, und Dinge daruͤber sagen muͤßte, die er tausendmal schon gezeigt und gesagt haͤtte. Ich halte diese beyden Gruͤnde fuͤr stark genug, die Italiener zu entschuldi- gen, daß sie sich der Fremden so wenig an- zunehmen, und sie mit Fleiß der Raubsucht der Gastwirthe und noch mehr ihres Gesin- des zu uͤberlassen scheinen. Es sind nur drey oder vier Haͤuser in ganz Verona, die zu Gunsten regierender Fremden eine Aus- nahme machen und sie zu einem Thee oder Gefrornem einladen, aber auch, bey ihrer Ab- reise, fuͤr diese gastfreundliche Aufnahme, ein gut gewaͤhltes und dargebotenes Andenken nicht verschmaͤhen. Das vierte Stuͤck der Akademie ist end- lich noch das große Schauspielhaus, welches sie in ihrem Gebiete einschließt. Es steht erst seit 1750, in welchem Jahre das vorige ab- brannte. Der Saal ist geraͤumig und laͤßt dem Auge, in Ruͤcksicht seiner Verhaͤltnisse, nichts zu wuͤnschen uͤbrig. Die Buͤhne selbst ist zwar nur mit mittelmaͤßiger Mechanik versehen, und die Dekorationen sind etwas abgenutzt, sie hat aber hinlaͤngliche Breite und Tiefe und erhebt sich, auf beyden Seiten mit stattlichen Saͤulen verziert, uͤber das Par- terre. Fuͤnf Reihen Logen steigen eine uͤber die andre empor. Die Logen der drey ersten Reihen haben Zimmer hinter sich, um die Besitzer des Theaters desto bequemer so ge- nießen zu lassen, wie es in Italien Sitte ist. Die Umlaͤufe sind geraͤumig, die Treppen breit und von Stein. Aber auch hieher fol- gen uns Ungehoͤrigkeiten, woraus dieses, in solchen Stuͤcken hoͤchst natuͤrliche, Volk kein Arg hat. Hinter jedem Vorsprunge dieser Umlaͤufe, steht eine Pfuͤtze, uͤber die man mit Bedacht schreiten muß, woran ihr Geruch er- innert; und in jeder Vorstellung, der ich bey- wohnte, sah ich Eine oder Zwey Fledermaͤuse, die im Saale mit solcher Dreistigkeit herum flogen, daß man wohl sah, wie ungestoͤrt sie dies Wesen schon eine gute Weile getrieben haben mußten. Man sieht endlich, in der Naͤhe des Pla- tzes Bra, noch einige Truͤmmer von Alter- thuͤmern, z. B. einen Bogen und ein Stadt- thor, beyde sehr schadhaft, aber auch beyde, selbst wenn sie unbeschaͤdigt waͤren, ohne alle Bedeutung von Seiten des Geschmacks und der Kunst. Ich erlaube mir noch ein paar Bemer- kungen uͤber die Kirchen dieser Stadt. Es Es sind ihrer in Verona weder so viele, noch so praͤchtige, in Ruͤcksicht des Aeußern und Innern, als verhaͤltnißmaͤßig in andern großen italienischen Staͤdten. Ein paar aus- genommen, schreiben sie sich alle aus dem 9ten, 11ten, 12ten, 13ten und 14ten Jahrhundert her. Sie sind groͤßestentheils von Backsteinen aufgefuͤhrt; einige darunter zwar auch von Marmor, aber von dem gemeinsten aus der Nachbarschaft, und immer sind große Par- tien von Backsteinen dazwischen gemauert. Die Mauern selbst stehen in ihrer natuͤrlichen Gestalt, unbeworfen, da; und Bauart, Fa ç a- den, Thuͤrme, Pfeiler und Gewoͤlbe sind go- thisch, verschnoͤrkelt und finster, und die darin befindlichen Bildhauereyen nicht durch ihre Ausfuͤhrung sowohl, als vielmehr durch ihren Zweck merkwuͤrdig, der dahin geht, das An- denken verdienter Maͤnner aufzubewahren. Unter den Malereyen, die sie besitzen, sind merkwuͤrdigere, besonders in Ruͤcksicht des Anfangs und Fortgangs der Kunst; und die Siebentes Heft. H beruͤhmtern veronesischen aͤltern Meister haben Beytraͤge zu ihrer Verzierung geliefert, wie z. B. Orbetti, Farinati, Tintoretti, Bassetti, Barbieri, Brusasorzi, Cignaroli, Paul Vero- nese u. v. a. m. Ich zeichne fuͤr meine rei- senden Landsleute nur Zehn Kirchen aus, worin sie alles beisammen finden werden, was diese Meister Gutes fuͤr die Gotteshaͤuser ihrer Vaterstadt gemalt haben, obgleich man in allen uͤbrigen, selbst den kleinsten Kloster- kirchen, wenigstens Ein Bild antreffen wird, das eines Besuchs werth ist. Ueberhaupt, wenn gedachte Meister nicht Rafaele, Corre- gio, Guido Reni, mit einem Worte, nicht ganz vortrefliche Kuͤnstler sind, so gehoͤren sie doch zu den Guten, und man darf nicht be- sorgen, sich den Geschmack bey ihnen zu ver- derben. Die gedachten zehn Kirchen sind fol- gende: S. Anastasia, S. Biagio, der Dom, S. Bernardino, S. Zenone, S. Luca, S. Niccolo, S. Fermo, S. Stefano und endlich S. Giorgio. Letztere ist von außen und innen die neueste und geschmackvolleste, und eine wahre Gemaͤldesammlung. In der Kirche S. Bernardino fesselt die Kapelle Pellegrini am laͤngsten: ein wahres Kleinod in ihrer Art, dergleichen ich vielleicht, an Einfalt, Ge- schmack und Sorgfalt in der Ausfuͤhrung, in ganz Italien nicht wiederfinden werde. Diese Vermuthung, die ich nach der Musterung jener Kapelle niederschrieb, ist eingetroffen. Ich habe prächtigere, größere, kostbarere in Mayland, Genua, Florenz und Rom gesehen, aber keine, die eine so ganz reine, anspruchslose Wirkung auf mich gethan hätte. San Micheli hat sie angegeben. Ich gehe zu der lebendigen Merkwuͤrdig- keit von Verona, zu dem Menschen, uͤber. H 2 Zweyter Abschnitt . Boden und Himmelsstrich von Verona. Erzeugnisse. Wetterbeobachtungen. Geringe Sterblichkeit. Volks- menge. Ursachen ihrer Verminderung. Der vero- nesische Adel. Dessen Tracht. Anzug der ältern adelichen Damen und Anstand der jüngern. Aus- gezeichnete körperliche Bildung. Zug von Winkel- mann, sein Schönheitsgefühl betreffend. Unausge- bauete, nicht eingerichtete, Palläste. Menge von Bedienten, besonders Läusern. Ungeselligkeit. Sel- tenheit der Besuche in den Häusern. Falsche Schaam, eine seltene Erscheinung. Graf Alexander Bevilacqua, ein Lohnbedienter. Anmerkung über ein paar italienische Charakterzüge. Liebhaberey der schönen und nützlichen Wissenschaften und Künste. Sammlungen von Kunst-, Natur- und litterarischen Merkwürdigkeiten. Große Meynung der Veroneser von ihren Sehenswürdigkeiten. Ein dahin gehöriger, beschreibender Zug. Ihre Willigkeit, sie zu zeigen. Verhältniß der Stadt Verona mit Venedig. Der Mittelstand oder der niedere Adel. Regierungspoli- tik der Signoria von Venedig. Die Kaufmann- schaft. Manufakturen und Handel. Schafzucht. Seiden- und Weinbau. Die Geistlichkeit. Gerin- gere Klassen der Einwohner. Handwerker. Pöbel. Ein veronesisches Parterre. Lärm auf den Straßen. Anzug der gemeinen Bürger und Handwerker. Aeußeres des Pöbels. Bettler. Ihre Lebensart, Menge und Kunstgriffe. Oeffentliche Vergnügungen. Der Korso. Das adeliche Kasino. Eingeschränkt- heit der Unterhaltungen. Erscheinungen von Rach- sucht und Meuchelmord. Verschwundene Galanterie. Das große Theater. Benehmen in demselben, von Seiten der Zuschauer und der Schauspieler. Dra- matische Bude in dem alten Amphitheater. Waisen- und Findelkinder, feyerlich in diese Theater geführt. Wettrennen junger Läufer, umständlich beschrieben. Abreise von Verona. Reise nach Mantua. Land um Verona. Horn- vieh, Schafe, Schweine. Villa Franca. Massecane, ein Städtchen von lauter Landhäusern. Roverbella, erster kayserlicher Ort. Abstich gegen die Venetia- nischen. Veränderung des Weges, des Bodens und der Gegend. Ansicht von Mantua. Große Brücke. Großer Gasthof. Pallast del Te. Ueber dessen Form und Namen. Bemerkungen über Julius Romanus, als Baumeister und Maler. Wie viele junge Engländer reisen. Inneres von Mantua. Palläste. Verdienste des Julius Romanus um die Lokalität dieser Stadt. Die Domkirche. Der Her- zogliche Pallast. Die Andreaskirche. Besteigung ihrer Kuppel. Aussicht von derselben. Bevölkerung der Stadt, auffallend gering. Politische und physi- sche Ursachen davon. Ansicht der entferntern Stra- ßen. Mangel an Unterhaltung für Fremde. Ab- reise nach Kremona. Schnelle Fahrt. Beschaffen- heit des Landes und der Straße. Oerter, durch die man kömmt. Ansicht und Lage von Kremona. Inneres. Volksmenge. Aristokratische Verfassung. Menge des Adels. Gesellschaftliches Leben. Der Dom. Der hohe Thurm. Entwicklung eines all- gemeinen italienischen Charakterzuges. Ariette, auf Sieben Glocken gespielt. Taufkapelle. Schulen. Abreise nach Mayland. Umsatz des Bodens und zum Theil der Landschaft. Wohlhabende Ansicht derselben. Oerter, durch die man kömmt. Lodi . Ansicht von Mayland und Eintritt in diese Stadt. D er Erdstrich, auf welchem, und der Him- melsstrich, unter welchem, der veronesische Mensch lebt, sind beyde zu seinem Gedeihen sehr vortheilhaft gewaͤhlt. Der Boden des veronesischen Gebiets, das jetzt nur noch 70 ital. Meilen in die Laͤnge, und ungefaͤhr 40 dergleichen in die Breite hat, ist von sehr verschiedener Art, und bringt deshalb eine große Abwechslung von Erzeugnissen hervor. Die Berge liefern heilsame Kraͤuter, Holz und Marmor; die Anhoͤhen geben Wein, Oehl und Obst, und ernaͤhren Heerden; die Ebenen sind der Maul- beerzucht und dem Ackerbau guͤnstig; die Nie- derungen bringen Reis. Ein großer See ( lago di Garda ), ein großer Fluß (die Adige) und mehrere kleinere, geben Fische und bewaͤs- sern das Land. Nur Eine Wunde hat dies Gebiet, die sich jaͤhrlich verschlimmert; es sind die Suͤmpfe, die das Austreten der Fluͤsse, besonders der Adige, verursacht, die oft genug selbst der Stadt großen Schaden zufuͤgt. Verona liegt, nach dem Auszuge des Maffei, unter dem 46sten Grade, 26 Minuten und 26 Sekunden der Breite, und unter dem 28sten Grade und 50 Minuten der Laͤnge. Nach den neuesten Wetterbeobachtungen von 1788 bis 1791 Folgende Angaben sind aus dem neuesten Bericht der Accademia d’agricultura, commercio ed arti etc. Verona, 1793. gezogen. war die mittlere Hitze in Verona 11 Grad des Reaumuͤrschen Thermo- meters. Die Stadt genoß 129 heitere, und 111 zum Theil heitere, zum Theil nebeligte, Tage. Ihrer 125 waren durchaus nebeligt, und 102 regnerisch. Der Ostwind herrschte vor allen uͤbrigen, seltener der Suͤdwest- und Suͤdwind. Die Monate, wo es in Verona am meisten regnet, sind der Junius und Oktober; wo es am wenigsten regnet, der Februar und Maͤrz. Im Jahre 1791 waren der Gestorbenen nur 1571, gewoͤhnlich sind ihrer ein Sechstel mehr. Eine fast unglaub- lich geringe Sterblichkeit fuͤr die Bevoͤlkerung der Stadt, die nur ein gluͤckliches Klima und Maͤßigkeit moͤglich machen koͤnnen. Man setzt die Volksmenge von Ve- rona in deutschen Erd- und Reisebeschreibun- gen gewoͤhnlich auf 45 bis 55,000 Seelen. Diese Zahl ist ganz willkuͤhrlich, und nach der „Verona illustrata“ , angenommen, die „in- circa“ 45,000 zaͤhlt. Der Auszug dieses Buches, der im Jahre 1771 erschien, berech- net sie nicht hoͤher. Wenn neuere Schrift- steller also 50 oder 55,000 zaͤhlen, so wollten sie nur eine andere Summe setzen, als Maf- fei; und sie fielen dabey in einen großen Irr- thum, indem sie annahmen, die Stadt muͤsse seit jenes Mannes Zeiten an Einwohnern ge- wonnen haben. Diese Voraussetzung hat aber nicht die geringste Wahrscheinlichkeit, da Verona schon seit seiner Unterwerfung an Venedig (1405) in bestaͤndigem Abnehmen gewesen ist. Schon um jene Zeit zogen sich viele ansehnliche Familien vom Adel aus die- ser Stadt, und ihr Verkehr ward von einer Hauptstadt, die auch Handelsplatz ist, nach und nach eingeschraͤnkt, so feyerlich sie auch angelobt hatte, die kaufmaͤnnischen Vorrechte von Verona zu beachten. Ueberdies verlor diese Hauptstadt selbst allmaͤhlig ihr großes Handelsgebiet, und konnte die veronesischen Waaren, die ihr zugefuͤhrt wurden, nicht mehr in voriger Menge vertreiben. Die Manufakturen in Seide und Wolle, die in Verona vorzuͤglich bluͤheten, sanken sonach. In der Nachbarschaft kam Roveredo in Auf- nahme und machte fast in allen den Artikeln Geschaͤfte, die Verona hervorbrachte. Der Handel von und nach Deutschland, fuͤr wel- chen Verona ein Legeplatz war, nahm ab, weil die franzoͤsischen und englischen Seiden-, Wollen- und Baumwollen-Waaren, die ita- lienischen Fabrikate in Deutschland und die deutschen in Italien verdraͤngten. Endlich wurden noch einige der reichsten Familien nach und nach dem goldnen Adelsbuch in Ve- nedig einverleibt und gingen dadurch fuͤr Ve- rona verloren. — Diese und andere Um- staͤnde bewirkten die Abnahme der Stadt, und haben noch nicht aufgehoͤrt, sie zu bewir- ken, wie ein geuͤbtes Auge, bey der Muste- rung ihres Innern und ihrer Einwohner, auf den ersten Blick, leicht bemerken kann. Ihr Umfang, den man zu 6 ital. Meilen angiebt, und ihre Haͤusermasse koͤnnten uͤber hundert- tausend Einwohner bequem fassen, ich zweifle aber, daß sie jetzt uͤber 36 bis 40,000 ein- schließen. Diese Angabe kann ich mit keiner Berechnung aus Kirchen-, oder Raths-, oder Polizeybuͤchern belegen; wie sollt’ ich es auch, da selbst Maffei, der den letzten Stein in sei- ner Vaterstadt kannte, hier ein „incirca “ setzt; ich baue aber auf jene Thatsachen, die gewiß nicht auf Wachsthum schließen lassen. Viel- leicht koͤnnte ich mich auch auf eine Art von Maaßstab berufen, der Reisenden nicht entste- hen kann, die viele Staͤdte gesehen, und ihre Lebhaftigkeit mit ihrem Umfange und der Groͤße und Anzahl ihrer Haͤuser verglichen, auch das wohlhabende oder armselige Anse- hen, und die froͤhliche und reichliche, oder die traurige und sparsame, Lebensweise ihrer Ein- wohner beobachtet haben. Es waͤre allerdings seltsam, aus solchen Beobachtungen und Schluͤs- sen zuverlaͤssige Angaben ziehen zu wollen; indessen kann man doch damit der Wahrheit nahe kommen, oder wird wenigstens nicht zu weit daruͤber hinaus gehen. Das lebendige Getuͤmmel in Verona ver- raͤth eben so wenig Pracht und Glanz, als die Haͤuser, Kirchen und Pallaͤste; oder zei- gen sie sich, so ist es in veralteter, verblaßter Gestalt. Der Adel , der, nach Verhaͤltniß, der wohlhabendste Stand in Verona ist, traͤgt ganz auffallend diese Charakteristik. Die be- jahrten Personen dieser Klasse, die zum Theil sehr alte, und in der Landesgeschichte sehr beruͤhmte, Namen haben, durchschreiten die Straßen zu Fuße, und erscheinen in den ge- woͤhnlichen Kaffeehaͤusern, im Theater und im adelichen „Casino“ selbst, in einem Anzuge, den man in Wien und in andern großen deutschen Staͤdten den geringern bejahrten Schreibern und Registratoren kaum verzeihen wuͤrde. Gewoͤhnlich besteht er in einem ver- schossenen, seidenen Kleide, in einer gelbge- wordenen gestickten Weste, in uralten seide- nen Struͤmpfen, einem kurzen verrosteten Stahldegen, und einem mit Taffet oder Wachs- tuch uͤberzogenen Hute; und man wundert sich, wenn man die deutschen Begriffe noch nicht abgelegt hat, Maͤnner von diesem Aeu- ßern mit „Conte Bevilacqua“, „Pellegrini“, „Giusti“, „Pompei“, „Canossa“ ꝛc. anre- den zu hoͤren. Die Juͤngeren von Adel tra- gen sich allerdings neuer, und zwar, seit ei- niger Zeit, in seynsollenden englischem Ge- schmack; aber die Zusammensetzung ihres An- zuges ist zum Theil sehr wunderlich; und was, zum Beyspiel, bey den Englaͤndern durchaus Tuch, oder Leder, oder Baumwolle seyn muß, ist hier Seide, Seide und Seide. Die Fein- heit und Sauberkeit der Englaͤnder in ihren Kleidungsstuͤcken, ihre bescheidenen und halt- baren Farben, ihre Einfachheit in Schnallen, Uhrketten und Haarputz, ihr runder Hut, ihr ungezwungener, oft auch ungezogener, An- stand — sind lauter Dinge, die gegen den Charakter und mithin gegen den Geschmack der Italiener anstoßen; und wenn sie sich ein- zeln in einem englischen Frack, oder in einem runden Hute, oder in einem schlichten Haare zeigen, so kann man darauf rechnen, daß sie wiederum zu dem erstern eine hoͤchst sorgfaͤl- tige Frisur und den Hut unter dem Arm, zu dem andern, einen Haarbeutel und Degen, und zu dem dritten, ein seidenes Kleid, tra- gen werden. Dieser Mangel an Geschmack und Paßlichkeit wird dadurch unterhalten, daß der juͤngere Adel von Verona nicht rei- set, sondern seine Moden von den einzelnen Reisenden abnimmt, die er in seiner Vater- stadt sieht. Mit der weiblichen Haͤlfte des Adels ist es derselbe Fall. Die aͤlteren Damen schei- nen noch ganz nach dem Geschmack ihrer Muͤtter gekleidet zu seyn, und ich getrauete mir kaum, sie von den aͤltern Rathsfrauen der großen deutschen Reichsstaͤdte zu unter- scheiden, wenn nicht Anstand und Miene und, bey feyerlichen Gelegenheiten, auch alte, aber gehaltvolle, Geschmeide von Brillanten und Perlen, einen Unterschied bemerklich machten. Die Juͤngern kleiden sich allerdings besser, aber doch nur immer so, daß es allenfalls in Leipzig und Dresden, aber nicht einmal in Berlin und Muͤnchen, noch weniger in Wien und Warschau, fuͤr ihren Stand hingehen koͤnnte. Den Anstand und das ungezwungene Wesen der Weiber aus den hoͤhern Klassen in Berlin, Wien und Warschau sucht man hier vergebens; desto sichtbarer wird dagegen ein gewisses steifes, kleinstaͤdtisches Benehmen, welches selbst ein hier sehr haͤufiger schoͤner Wuchs und ein großes, schwarzes Auge nicht verstecken koͤnnen. In Ruͤcksicht der koͤrperlichen Bildung scheint der veronesische Adel von einer ganz andern Voͤlkerschaft zu stammen, als der ve- ronesische Buͤrger und gemeine Mann. Man sieht unter demselben viel große, wohlgebauete Figuren, mit ausdrucksvollen, maͤnnlichen Ge- sichtern, einem feinen Mund und einer statt- lichen Habichtsnase. Die Gesichtsfarbe faͤllt mehr ins Braune, laͤßt aber in den oberen Gegenden der Wangen ein feines Roth her- durch schimmern. Das Auge ist groß, schwarz und geistreich, der Bart, wie das Haupthaar, schwarz und stark. Bey dem ersten Anblick dieser Menschen erkannte ich eine kleine Ungerechtigkeit, die ich an Winkelmann begangen hatte, als ich den Zug von ihm hoͤrte oder las, daß er sich, bey seiner ungluͤcklichen Ruͤckreise nach Deutsch- land, mit den deutschen Gesichtern nicht habe aussoͤhnen koͤnnen. Ich hielt dies damals fuͤr Ziererey; jetzt aber widerrufe ich mein Urtheil. Schon in Verona ist mir keines der unbedeutenden, rothen und runden Gesich- ter vorgekommen, die einem in Franken, Bayern und Oesterreich so oft begegnen, und deren es in England vielleicht noch mehr ge- ben wuͤrde, als in Deutschland, wenn die Verfassung jenes Landes nicht ihre Buͤrger vor Charakterlosigkeit bewahrte. So wie der veronesische Adel seinen An- zug vernachlaͤßigt und ungebuͤhrlich veralten laͤßt, laͤßt, so haͤlt er es auch mit allen seinen uͤbrigen Umgebungen. Ich habe gesagt, daß er seine Haͤuser und Pallaͤste von außen und innen selten ausbauet. Wie sie der Sohn von dem Vater erhaͤlt, so laͤßt er sie, und waͤre auch nur die letzte Hand anzulegen. Dies ist allerdings nicht immer Geitz, son- dern dringende Nothwendigkeit, weil sich oft genug der Vater durch den Bau eines Palla- stes, durch die Anhaͤufung von Kunst- und Naturprodukten erschoͤpft hat; aber welcher Deutsche machte nicht lieber Schulden, um ein vollendetes Haus zu bekommen, um ir- gend eine Sammlung zu einem gewissen be- stimmten Grade von Vollstaͤndigkeit zu brin- gen? Ueberlegung und eigner Vortheil, und mehr noch, eine gewisse Schaam, dringen ihm dazu. Die Italiener haben aber solche Be- weggruͤnde nicht; und es werden sich weiter unten mehrere Umstaͤnde hervor thun, die die- sen auffallenden Unterschied zwischen der deut- Siebentes Heft. J schen und italienischen Art, hierin zu denken, veranlassen. Man kommt in Verona in Pallaͤste, die von außen ganz vollendet, im Innern aber hoͤchstens mit drey oder vier eingerichteten Zimmern versehen sind, womit sich die Herr- schaft behilft. Alle uͤbrigen stehen leer, und haben weder Tisch noch Stuhl, weder Vor- hang noch Tapete. Dafuͤr sind sie mit Ge- maͤlden behaͤngt, deren Ankauf leicht zehn bis funfzehn tausend Zechinen gekostet haben kann, und sonach freylich mehr, als der praͤchtigste Hausrath gekostet haben wuͤrde. Hier zeigt sich ein großer Unterschied zwischen der italie- nischen und englischen Denkungsart. Ein Englaͤnder, der erst zehn bis funfzehn tausend Zechinen fuͤr Gemaͤlde ausgiebt, wendet, wie es sich bey ihm von selbst versteht, verhaͤlt- nißmaͤßig eben so viel auf die Saͤle, worin er sie aufhaͤngt, damit eines zu dem andern passe. Die adelichen Haͤuser der ersten Klasse in Verona haben viel Bediente, besonders Laͤufer, die bey den Korsofahrten nie fehlen duͤrfen; wie schlecht sie aber bezahlt sind, zeigt ihr Aeußeres. Drey hinten auf dem Wagen ste- hende Bedienten wetteifern in ungekaͤmmten Haaren, ungewaschenen Struͤmpfen und kah- len Roͤcken; drey Laͤufer, deren einer lang- sam voran trabt, und zwey neben dem Wa- gen bleiben, sind noch armseliger, und zeigen sich in kurzen Jaͤckchen von Kannefas, in Beinkleidern von Nanking und in Zwirn- struͤmpfen, die von Schmutz starren. Was man in Deutschland „ seine Freun- de bey sich sehen “ nennt, versteht man hier nicht. Wer seinen Freund oder seine Freunde sehen will, weiß die Kaffeehaͤuser, wo sie taͤglich zu gewissen Stunden zu finden sind. Dort wird ausgemacht, was man mit einander zu thun hat. Sind es Sachen, die nicht dringen, so wartet man auch bis zum naͤchsten Kasinotag. Nur die Damen nehmen und geben Besuche, da sie hier, wie ander- waͤrts, nicht ohne dieselben bestehen koͤnnen, J 2 und da sie in solchen Faͤllen einander gewisse Unordnungen wechselseitig uͤbersehen. Auch die „Cavalieri serventi“ werden von den „Dame servite“ angenommen, weil man sie als Hausgenossen betrachtet, denen die Sitte ihres eigenen Landes nicht auffallen kann. In dieser Gewohnheit liegt eine der Ur- sachen, warum man in Verona so wenig darauf denkt, in seinem Hause eingerichtet zu seyn und geschmackvoll zu wohnen. Gewoͤhn- lich ist man fuͤr sich selbst sehr genuͤgsam und verschwendet bloß fuͤr Andre. Hier aber kommen keine große Gesellschaften in das Haus Anderer, warum also einen Aufwand machen, der unnuͤtz ist? Waͤre Geselligkeit in Verona, so wuͤrde die Oede im Innern der Haͤuser bald verschwinden; aber einer thut hierin wie der Andre, und wenn es Alle thun, wie koͤnnte Einer auf die Frage kom- men, die uns Deutschen noch oft so wichtig und so fuͤrchterlich ist: was werden die Leute sagen? Von dieser Bedenklichkeit weiß man in der That in Verona nichts, und wird man wohl in wenig italienischen Staͤdten et- was wissen. Wenn die Italiener deshalb ein feines Gefuͤhl fuͤr Schaam nicht kennen, so kennen sie wiederum auch nicht die falsche Schaam, haben deshalb mehr Charakter, und richten sich nicht bloß ihretwegen zu Grunde. Ich will ein Beyspiel anfuͤhren, das die- sen Unterschied zwischen der italienischen und deutschen Art zu denken recht auffallend dar- legen wird. Am Tage meiner Ankunft in Verona ver- langte ich einen Lohnbedienten, und man ver- sprach, mir einen kommen zu lassen. Nach einigen Minuten pochte jemand an meine Thuͤr, und ein mitteljaͤhriger Mann trat mir mit einer anstaͤndigen Verbeugung, in einem saubern Frack, mit einer feinen Weste, und in seidenen Struͤmpfen, entgegen. Ich stand vor ihm, hatte meinen Reisehut in der Hand, und fragte ihn, wie man einen rechtlichen Kaufmann fragt, der einem Waaren anzubie- ten hat: was er mir braͤchte? — „Sie ha- ben einen Lohnbedienten verlangt?“ sagte er. — Ja, man holt mir einen, erwiederte ich. — „Ich bin es, zu Ihrem Befehl!“ — So? sagte ich, und setzte meinen Hut lang- sam wieder auf, denn ich war noch sehr er- hitzt. Beynahe haͤtte ich ihn daruͤber unwill- kuͤhrlich um Verzeihung gebeten. Ich hatte freylich schon oͤfter weit geputztere Lohnbedien- ten gesehen; und gerade dieser Putz hatte mir verrathen, wer sie waren; aber solch ein Gesicht, solch ein Wesen und Anstand hatten mir nie das Erbtheil eines Lohnbedienten ge- schienen. Hier indessen scheiterte meine Ge- sichterkunde gaͤnzlich. Er erfuͤllte mit so viel Geschicklichkeit und Schnelligkeit seine Pflicht, daß er zeitlebens nichts gethan zu haben schien, als Schuh abbuͤrsten und Kleider auspochen. In weniger als einer halben Stunde war ich auf dem Korso. Er ging nicht hinter mir, sondern neben mir, weil ich ihn bald nach den Besitzern ansehnlicher Haͤuser, bald nach den Namen der Voruͤberfahrenden fragte, von denen er manche gruͤßte, die ihm den Gruß hoͤflich und freundlich zuruͤckgaben. Ich freuete mich, einen Menschen gefunden zu haben, der diesen Herrschaften als ein ehrliebender Be- diente vortheilhaft bekannt seyn muͤßte, weil sie sich so guͤtig gegen ihn bezeigten. Er fuͤhrte mich in ein Kaffeehaus am Platze Bra. Im Hereintreten kam uns ein aͤltlicher Kavalier entgegen, der ihm eine Kußhand zuwarf, und hoͤchst freundlich sagte: bona sera, caro — ich verstand — Ponte. Waͤhrend ich mein Eis nahm, unterhielt er sich am andern Ende des Saals mit den rechtlichsten Gaͤsten, die da waren: mit Geist- lichen und Edelleuten. Wir gingen darauf ins Theater. Unter- wegs fragte ich ihn: ob sein Name Ponta sey? — „Nein, Alessandro , zu dienen!“ erwiederte er. — Sehr vornehm! dachte ich: aber in Italien traͤgt man ja so gern große Helden- oder Heiligen-Namen zu Vornamen! Vor dem Schauspielhause winkte er einem Livreebedienten, ungefaͤhr so, wie ihm sein eigener Herr gewinkt haben wuͤrde. Jener kam gesprungen und behielt den Hut in der Hand. Er behandelte mit ihm den Schluͤssel zu einer Loge des dritten Ranges, zu meinem Gebrauch. Dieser Schluͤsselverkauf ist ein Vortheil, den sich der aͤlteste Bediente macht, wenn seine Herrschaft nicht in der Stadt ist, oder nicht ins Schauspiel geht; er koͤmmt auch den Fremden zu statten, die sonst, da die Logen an Familien vermiethet sind, in das Parterre unter die dortige schmutzige und laͤr- mende Zuschauerschaft gehen muͤßten. Im Theater selbst nannte mir Alessandro alle Namen der weiblichen und maͤnnlichen Zuschauer, die unter und neben mir in den andern Logen waren, und mir durch irgend etwas auffielen. Die uns am naͤchsten saßen, gruͤßte er, und sie dankten ihm so, wie es noch immer geschehen war. Mich traf kein einziger befremdlicher Blick, daß ich mich etwa mit meinem Lohnlakayen sehr gemein machen moͤchte, da ich ihn bey mir in der Loge be- hielte. Solche Zuͤge entwickelten sich die uͤbrigen Tage zu hunderten, wenn ich mit ihm auf der Straße, oder Merkwuͤrdigkeiten zu sehen, ging. Den zweyten Tag zeigte es sich, daß er Franzoͤsisch sprach; ein ziemlich seltener Fall in Verona, wo, außer dem hoͤhern Adel, fast jedermann diese Sprache vernachlaͤßigt; es zeigte sich auch, daß er Alterthums- und Kunstkenner, mithin zugleich „Cicerone“ , war. Er kannte in der That das Amphitheater, mit allen seinen Vermessungen und andern Merkwuͤrdigkeiten, von außen und innen. Den dritten Tag waren wir unter andern in dem Pallaste des Grafen Bevilacqua . Er kannte dessen Gemaͤlde und Bildhauereyen nicht minder genau, als alle uͤbrige Schaͤtze dieser Art in der Stadt. Indem wir den Pallast Bevilacqua verließen, kam uns dessen Besitzer, der Graf gleiches Namens, auf der Treppe entgegen. Er gruͤßte Alessandro zu- erst, und dieser gab ihm den Gruß zuruͤck, ohne daß ich irgend eine Veraͤnderung an ih- nen beyden bemerkte. Die vielerley Talente, die Alessandro ent- wickelte, nahm ich fuͤr einen hinlaͤnglichen Aufschluß uͤber sein Wesen, seinen Anstand, seine Kleidung und Bekanntschaften. Uebri- gens sah ich, daß er von mir nicht mehr Ge- halt verlangt hatte, als jeder gewoͤhnliche Lohnbediente, und daß er, ohne Ausnahme, alle die Dienste verrichtete, denen sich kein Platzbedienter entziehen kann. Mein Urtheil uͤber ihn fiel dahin aus, daß er von rechtlichen Eltern stammen, sich durch Zeit, Uebung und Reisen die Bildung verschafft, und sich, bey dem steten Durchfluge von Reisenden, ein kleines Vermoͤgen erspart haben koͤnne, wo- durch er sein Aeußeres so sauber und ge- schmackvoll zu unterhalten im Stande waͤre. Dabey blieb es bis an den Tag meiner Abreise. Als ich ihm seinen Gehalt, (den er bey mir stehen lassen) nebst einer „mancia“ „mancia“ ist eigentlich in Italien das Trinkgeld, das man noch außer der, für einen gewissen Dienst bestimmten, Summe geben muß. So fordert ein Postknecht, oder jeder andre Arbeiter, wenn man seine Dienste schon bezahlt hat, noch eine „mancia.“ , ausgezahlt hatte, uͤberreichte er mir ein klei- nes Buch, das ziemlich zergriffen und mit Namen und Anmerkungen angefuͤllt war; und bat mich, ihm meinen Namen zu schen- ken — „die Fremden, denen er gedient, haͤt- ten sich alle eingeschrieben.“ — Ich blaͤtterte, und auf allen Seiten las ich in allerley Sprachen: der Graf Bevilacqua, Be- sitzer dieses, Traͤger dieses ꝛc. ver- dient die Achtung, das Mitleid al- ler ꝛc. hat mir mit so viel Treue, Aufmerksamkeit ꝛc. gedient — Ich war in der That sehr uͤberrascht. Alessandro, sagte ich: Sie sind der Bevilacqua? — „Nein,“ erwiederte er: „das war mein Va- ter. Weiterhin kommen erst die Blaͤtter, die mich angehen.“ — Ich blaͤtterte weiter und es fand sich so. Unterdessen erzaͤhlte er mir: sein Vater habe in seinem Alter das Gewerbe zu treiben angefangen, was er jetzt nach ihm triebe. Der Pallast, worin wir gestern gewe- sen, sey sein Pallast gewesen, aber er habe — „mangiato tutto il suo ben“ , und nur dies Brod sey ihm nachmals uͤbrig geblieben. Er, Alessandro, habe seines Vaters Gaͤnge mit den Fremden gemacht, und so seine anti- quarischen Kenntnisse erworben, die ihm jetzt, nebst dem Dazugehoͤrigen, seinen Unterhalt verschafften. Er lerne seinen Sohn wiederum dazu an, und dieser gebe alle Hoffnung zu einem brauchbaren „antiquario“ — — Das Uebrige gehoͤrt nicht mehr hieher. Wird ein adeliches deutsches Haus von dem Alter und Ansehen, wie das von Bevi- lacqua, zugeben, daß Einer aus der Familie den Lohnbedienten, wenn auch unter dem Namen „antiquario“ mache? In derselben Stadt, wo dessen Vorfahren die ehrenvollsten Stellen bekleideten und noch bekleiden? Im Mittelpunkt des Adels einer so adelsreichen Provinz? Wuͤrde ein Mitglied dieses letztern den Alessandro Bevilacqua kennen, oder auch nur sehen wollen? Wuͤrde Familie und Adel zugleich, ihn nicht auf irgend eine Art weg- schaffen und sonst unterstuͤtzen, ihm vielleicht reichlich geben, wenn er es verlangte? Hier ist nichts von dem Allen! Der ehrliche Ales- sandro ist fleißig, naͤhrt sich, und falsche Schaam stoͤrt ihn nicht darin, und seine Standes- und Geburtsgenossen behandeln ihn, aus eben der Ursache, freundschaftlich nach wie vor. Es soll auch noch ein Graf Cisa als Lohnbedienter zu Verona leben. Wenn die Italiener in der gottesdienstli- chen und philosophischen Aufklaͤrung hinter den Deutschen, Englaͤndern und Franzosen zu- ruͤck sind; in derjenigen, die aus dem gesun- den Verstande fließt, sind sie vor ihnen. Ihre Liebe faͤngt in eigentlichem Sinne bey ihnen selbst an, und auf ihre Kosten lebt man unter ihnen nie. Ihre Menschenfreundlichkeit ist sehr nuͤchtern und uͤberlegt, und gewisse An- wandlungen von Großmuth, von kostspilliger Theilnehmung, von gutherziger Pralerey, die bey den genannten Nationen noch haͤufig ge- nug sind, werden unter ihnen nicht bemerkt. Wer deshalb nicht selbst fuͤr sich sorgt, koͤnnte leicht vor den Pallaͤsten seiner reichen Ver- wandten verhungern. Dieser Umstand fuͤhrt den andern herbey, daß in Italien nichts um- sonst geschieht, daß man Gefaͤlligkeiten, Lie- besdienste, Aufopferungen nicht kennt, und daß man nirgends in der Welt, von fruͤher Kind- heit an, seinen Vortheil so wohl versteht. Es ist auffallend, wie kindlich unter andern der deutsche Charakter in diesem Punkt gegen den italienischen erscheint. Dahin gehoͤrige Aeußerungen des erstern begreift der letztere nicht, oder findet sie einfaͤltig und laͤcherlich. Der veronesische Adel ist Liebhaber und Befoͤrderer der schoͤnen und nuͤtzlichen Wissen- schaften und Kuͤnste. Seine Vaterstadt steht seit lange schon in dem Rufe, daß sie dieselben mit Eifer und Erfolg beschuͤtzt und treibt. Diesem Ruf sucht er mit lobenswuͤrdigem Wetteifer aufrecht zu erhalten, und selbst das weibliche Geschlecht nimmt an diesem Bestre- ben Theil. Da er uͤberdies aus seinem Mit- tel viele Stellen in der Regierung seiner Va- terstadt besetzt, die eine gewisse Gabe von Kenntnissen erfordern, so ist er gewohnt, seine Geisteskraͤfte zu uͤben. Es waͤre aber zu spaͤt, wenn ich umstaͤndlicher hieruͤber seyn wollte, da einer meiner neuesten Vorgaͤnger Don Juan Andres Reise durch verschie- dene Städte Italiens ꝛc. 2r. Band, S. 211 fg. Dieser Reisende giebt einen vollständigen Abriß von dem neuesten wissenschaftlichen Zustande dieser Stadt und von ihren Gelehrten. — Bey seiner Nach- richt von dem Kabinette von Versteinerungen, das der Graf Gazola besitzt, vergißt er, das merkwür- dige Exemplar eines in Stein abgedruckten Fisches, anzuführen, der einen zweyten bis auf die Hälfte verschluckt hat. Der Verschluckte ist wenig kleiner, als der Verschluckende, und dieser Umstand giebt die einzigmögliche Erklärung an die Hand, wie der Fisch im Akt seiner Seeräuberey hat versteinert werden können. Er starb nämlich an seiner Beute und versank in das kalkschieferige Material, das sich um ihn verhärtete. sich hinlaͤnglich daruͤber hat vernehmen lassen; auch zuverlaͤßig, denn ich habe seine Nach- richten an Ort und Stelle gepruͤft und ver- glichen, und ich unterschreibe sie mit dem be- sten Gewissen; nur bin ich nicht so willig, wie der gutmuͤthige Spanier, Alles schoͤn, vortrefflich und unverbesserlich zu finden. Ueberhaupt genommen ist fast keine ade- liche Familie in Verona, die nicht einen be- ruͤhmten oder bekannten Namen fuͤr die Ge- lehrten- und Kunstgeschichte von Verona ge- stellt; Von ältern veronesischen Gelehrten S. Ver. illustr. Tom. II. S. 127 — 168. des Auszugs. fast keine, die nicht irgend eine Sammlung von Merkwuͤrdigkeiten fuͤr die Alterthums- und Naturkunde, fuͤr die Kunst und Litteratur zusammen getragen haͤtte und noch zusammen truͤge. Die Musterung der- selben macht den Aufenthalt in Verona vor- zuͤglich angenehm und lehrreich, und die Leich- tigkeit und Gefaͤlligkeit, womit dem Fremden alle alle diese Schaͤtze geoͤffnet werden, verbreiten ein sehr guͤnstiges Licht uͤber den Charakter der Veroneser. Daß ihnen die Ueberzeugung ein wenig zu nahe liegt, als ob Alles, was sie besitzen, den Fremden fremd seyn muͤsse, ist ganz natuͤrlich. Vor zwey Jahren entschluͤpfte einer veronesi- schen Dame ein hieher gehoͤriger, hoͤchst naifer Zug, der fuͤr ihre Fortschritte in der Laͤnder- kunde sehr wenig, aber fuͤr ihre Gefaͤlligkeit und Gutmuͤthigkeit, Fremde mit veronesischen Seltenheiten bekannt zu machen, desto mehr beweiset. Ein junger Russe, aus einem guten Hause, brachte einen Theil des Winters in Verona zu. Es war der seltene Fall, daß waͤhrend einer Nacht ein sehr starker Schnee fuͤr hiesige Landesart fiel. Zwey Laͤufer kom- men außer Athem in seinen Gasthof, und la- den ihn ein, sich eiligst in dem Kasino einzu- finden. Er fliegt dahin, und trifft eine große Gesellschaft von Herren und Damen bey ei- nem Fruͤhstuͤck an. Unterwegs ist ihm auf Siebentes Heft. K dem Korso ein Zusammenlauf von Volk vor- gekommen. Er erkundigt sich bey der Gesell- schaft, was das seyn koͤnnte, aber man thut geheimnißvoll, und er erhaͤlt keine deutliche Auskunft. Unterdessen verwickelt er sich mit einer Dame in eine Unterhaltung und vergißt seine Frage. Ploͤtzlich laͤuft die ganze Gesell- schaft zu den Fenstern, die uͤbereilt aufgerissen werden. Dem jungen Russen laͤuft seine Dame auch davon und er folgt langsam, koͤmmt mithin so zu stehen, daß ihm die Aussicht aus dem Fenster durch die Uebrigen versperrt ist. Seine Dame sieht ihn, thut auf einmal einen lauten aͤngstlichen Schrey: Per pietà! Meine Herren und Damen, machen Sie doch Platz, daß der arme Fremde unsre Schlittenfahrt sehen kann ! — Sogleich tritt Alles zuruͤck, und dieselbe Dame zieht ihn bey der Hand eiligst zum Fenster; die Umstehenden helfen ihm schnell nach, und so zeigen sie feyerlichst diesem — Russen diese Schlittenfahrt — die auf sechs unansehnlichen Schlitten, auf zusammen gekehrtem Schnee, unter großem Jubel ei- nes zahlreichen Volks, vor sich geht, und fra- gen ihn mit innigem Wohlbehagen, ob er je ein „così curiosissimo e nobilissimo spet- tacolo“ gesehen habe? So wollte auch Alessandro außer sich kommen, als er mir die alten roͤmischen Ueber- bleibsel, den Arco de’ Gavi, die Porta Bor- sari, die Truͤmmer von Saͤulen und Woͤlbun- gen eines vermeynten alten Theaters u. a. m. zeigte, und ich nichts Besonderes daran finden wollte, weil sie in der That unbedeutend sind, und nichts weniger, als Spuren einer edlen Baukunst, verrathen. Dagegen begriff er mich nicht, als ich die Dogana und die Fiera wegen ihrer guten Bauart, und ihrer hoͤchst paßlichen und bequemen Einrichtung, so lobte, wie es diese beyden bekannten und wirklich nachahmungswuͤrdigen Anlagen verdienen. Gingen aber auch die Veroneser in der Wuͤrdigung ihrer Seltenheiten zu weit, so K 2 kann man ihnen den Ruhm doch nicht neh- men, daß sie mit wahrer Vaterlandsliebe die- selben erhalten und bewahren und mit liebens- wuͤrdiger Gefaͤlligkeit zeigen. Die Erhaltung des alten Amphitheaters hat die Stadtkasse uͤbernommen und bestreitet sie von der Miethe der Gewoͤlbe, die in der Ringmauer ange- bracht sind und von dem Pacht, den der Schluͤssel zum Innern traͤgt. Die Alterthuͤ- mer der Philharmonischen Akademie erhaͤlt diese Gesellschaft; die oben erwaͤhnte Bruͤcke, das Castel vecchio , steht ebenfalls unter oͤf- fentlicher Vorsorge; selbst der Poͤbel, hat Ach- tung fuͤr diese alten Denkmale und ihre Truͤmmer. Der Preis, wofuͤr man diese Dinge sehen kann, ist aͤußerst gering. Die unverschlossenen sieht man natuͤrlich umsonst; die verschlossenen fuͤr 2 Paoli (ungefaͤhr 6 Gr. Saͤchs.), und dahin gehoͤren alle die Kunst-, Muͤnz- und Naturalien-Sammlungen, die hier so zahlreich aufbewahrt werden. Die Besitzer haben das Geschaͤft des Vorzeigens gewoͤhnlich einem ihrer Bedienten uͤberlassen, der auch die Trinkgelder einnimmt, ohne sie, wie man einigen roͤmischen „Principi“ nach- sagt, mit ihren Herren theilen, oder ihnen jaͤhrlich einen gewissen Pacht davon geben, oder ihnen dafuͤr ohne Gehalt dienen zu muͤs- sen. In Verona treiben die Besitzer oder Besitzerinnen solcher Sammlungen ihre Ge- faͤlligkeit so weit, daß sie, wenn sich Merk- wuͤrdigkeiten der Kunst oder des Alterthums in ihren innersten Kabinetten oder Schlafzim- mern befinden, sich daraus so lange entfernen, bis sie der Fremde mit Muße besehen hat, er komme zu welcher Zeit er wolle. Alle diese Umstaͤnde zusammen genommen, verleihen der Stadt Verona einen gewissen eigenthuͤmlichen Charakter, den man sonst aus- schließend an Florenz ruͤhmt, und den ich also, wenn es sich so verhaͤlt, zu seiner Zeit dort wieder finden werde. Gewiß ist, daß die Ve- roneser den Fremden merken lassen, wie viele Ursachen sie haben, auf feine und wohlgefaͤl- lige Sitten, auf Kenntnisse, und auf reine Sprache, Anspruͤche zu machen; und sie zie- hen mit Wohlgefallen Beyspiele aus aͤltern und neuern Zeiten von erlauchten Fremden an, die eine kuͤrzere oder laͤngere Weile mit Be- hagen unter ihnen gelebt haben. Besonders scheint es mir, als ob sie mit einer kleinen Bewe- gung von Eifersucht auf Venedig blicken und, bey einer Vergleichung mit dieser Stadt, in Ruͤcksicht der Litteratur und Kunst, vortheilhafter zu stehen glauben. Es waͤre ganz natuͤrlich, wenn die Veroneser litterarisch und artistisch die Venetianer, ihre jetzigen Gebieter, zu uͤbertreffen suchten, da es ihnen nicht mehr erlaubt ist, politisch mit ihnen zu wetteifern. Ehedem verhielten sie sich freylich zu den Staͤdten Brescia, Padua, Vicenza, Treviso u. a. m. wie sich jetzt Venedig zu diesen Staͤd- ten und zu Verona selbst verhaͤlt, das heißt, sie waren ihre Beherrscher und standen, mit den Venetianern auf gleich und gleich in Ver- bindung, als Freystaat; seitdem sie aber ihr Gebiet und ihre Macht an letztre verloren haben, muß sich die ehemalige politische Ne- benbuhlerschaft wohl nur auf einen wissen- schaftlichen Wetteifer einschraͤnken, weil der geringste Ausbruch einer andern, nicht ohne eine harte Zuͤchtigung hingehen wuͤrde. Ve- nedig ist deshalb besonders aufmerksam auf Verona, schont aber auch seinerseits mit ziem- licher Treue die alten Vorrechte, die es die- ser Stadt, bey ihrer Unterwerfung, zu erhal- ten gelobt hat. Dies geht so weit, daß Ve- rona in seinen Statuten, die, freylich nicht ohne Dareinmischung venetianischer Grund- saͤtze, in diesem Jahrhundert zusammen ge- tragen worden, noch ein Freystaat heißt und sich durch seinen eigenen großen und kleinen Rath regiert: doch ist dies nur in Ruͤcksicht buͤrgerlicher Angelegenheiten und immer unter Vorsitz des venetianischen Beamten. Die Statthalterschaft, die ausuͤbende Gewalt, die Kriegssachen und das Kastell, S. Felice, das die beyden andern und die Stadt selbst bestreicht, hat die Signoria fuͤr sich be- halten. Unmittelbar an den Adel schließt sich in Verona ein Mittelstand , der eine Art von niederem oder buͤrgerlichen Adel, oder Pa- triziat behauptet, weil aus ihm viele Stellen in dem großen und kleinen Rathe und uͤber- haupt in der Stadtregierung besetzt werden. Dies sind die Kollegien der Advokaten, Pro- kuratoren, Rechtslehrer und Doktoren der Medicin, auch die Mitglieder der Kaufmann- schaft. Da Verona bey seiner Unterwerfung an Venedig eine demokratische Verfassung hatte, welche die Oberherren der Stadt, um sich selbst gegen die Uebermacht des Adels zu erhalten, bestaͤndig beguͤnstigten: so blieben diesem Mittelstande seine Rechte auf den Zu- tritt zum großen Rathe auch nach der Unter- werfung, und Venedig benutzt denselben eben- falls, um den hoͤhern Adel in Zaum zu hal- ten, doch nicht ohne zugleich auch auf ihn ein wachsames Auge zu haben. Denn da viele aus seinem Mittel zum Handels- und Ge- werbsstande gehoͤren, die, in der Nachbarschaft, ihre ehemalige Schwester Roveredo, unter Kaiserlicher Herrschaft so gluͤcklich gedeihen sehen; so setzt die Signoria voraus, daß sie die Kaiserliche Regierung lieben, und beobach- tet sie genau; um so mehr, da sie, bis zu ei- nem gewissen Punkt, mit dem Adel, der wie- derum dafuͤr geachtet wird, nicht vergessen zu koͤnnen, daß er von Seinesgleichen (denn da- fuͤr haͤlt er den Adel der Hauptstadt) beherrscht wird, ohne selbst an der Beherrschung des ganzen Staats Theil zu haben, ihr Interesse vereinigen und, bey einer guͤnstigen Gelegen- heit, an den naͤchsten und fuͤrchterlichsten Feind der Republik uͤbergehen koͤnnten, der in sei- nen aͤltern Verbindungen mit Verona, dem ehemaligen Freystaate, hinlaͤngliche Gruͤnde finden wuͤrde, ihnen ihr Verlangen nicht zu versagen, und sich daruͤber zugleich diploma- tisch vor Europa zu rechtfertigen. Deshalb hat die Republik ihrer Herrschaft uͤber Verona noch zwey andere Pfeiler untergestellt — die Eifersucht der gemeinen Buͤrger und Hand- werker auf diesen Mittelstand und den Adel, die sie ganz von der Stadtregierung ausschlie- ßen, und die Mißgunst des Poͤbels, die die- sem gegen alles, was mehr hat, als er, zur Natur zu werden pflegt. So wie die Signo- ria den gemeinen Mann und den Poͤbel von Venedig in einer Ehrfurcht, die nahe an An- betung graͤnzt, gegen sich zu erhalten weiß, so verstehen dies auch ihre Beamten bey dem kleinen Buͤrger und Poͤbel in Verona zu be- wirken, durch Mittel, die ziemlich einfach sind und nachher bey der Schilderung dieser Volks- klassen vorkommen werden. Der gedachte Mittelstand schließt eigent- lich den Kern der Einwohner von Verona, in Ruͤcksicht der buͤrgerlichen Stadt- und Handelsgeschaͤfte, ein. Die Zuͤnfte der Advo- katen und Prokuratoren sind die Seele aller Rechts- und Gerichtsgeschaͤfte, weil sie, wie uͤberall, nicht bloß Rechtshaͤndel, sondern auch die Richter, zu fuͤhren verstehen; weil sie uͤber- dies, neben ihrer Wissenschaft, auch den Saͤckel der Parten vor diesen Richtern voraus ha- ben; und weil sie endlich in jeder Sache, die mehr als 20 Paoli betraͤgt, an den venetia- nischen Beamten verwiesen sind, und mithin weiter reichen, als der laͤngste veronesische ade- liche Arm, welche Stelle sein Besitzer auch bekleide. Dieser Standpunkt verschafft ihnen also nicht bloß Einfluß, sondern auch gute Einkuͤnfte, und ihr Orden gehoͤrt zu den wohl- habenden, geachteten und gefuͤrchteten, in den die aͤrmern Mitglieder des hoͤhern Adels, mit- telst eines Doktorpatents aus Padua, haͤufig selbst treten. Da ihrer Viele sind, so fehlt es auch nicht an Vielen Rechtshaͤndeln, und man macht hier in Ruͤcksicht ihrer eine Fol- gerung, die man wohl sonst zu Lasten der Aerzte macht, daß nach ihrer Anzahl sich die Anzahl der Kranken richte. Wie uͤbrigens diese Klasse sich hier naͤhrt und erhebt, und wie manche Familien der hiesigen „Conti“ und „Marchesi“ entstanden sind — davon er- zaͤhlt Keyßler , nach welchem noch manche Reisebeschreibung aus den Neunziger Jahren trefflich berichtigt werden koͤnnte, einen jetzt noch charakteristischen Zug, den ich nicht wie- derhole, da er einmal Deutsch gedruckt ist. Joh. Ge. Keyßlers Neueste Reisen ꝛc. Neue Aus- gabe. Hannover, 1751, S. 1033, oben. . Die Innung der Kaufleute in Verona hat betraͤchtliche Vorrechte, die aus alten Zeiten stammen und ihr bey der Unterwerfung sind versichert worden. Die Wollen- und Seiden- manufakturen waren von jeher der wichtigste Nahrungszweig der Stadt, und der Signo- ria lag selbst daran, daß er in seiner Bluͤthe erhalten wurde, weil die Veroneser ihre da- hin gehoͤrigen Fabrikate der Hauptstadt mit Leichtigkeit und in Menge zufuͤhrten. In der oben erwaͤhnten „Casa de’ Mercanti“ , auf dem Herrenplatze, hat ein „Vicariato“ sei- nen Sitz, das uͤber die Statuten der Kauf- leute wacht, in Handelsangelegenheiten ent- scheidet, und von dem man unmittelbar an den Podesta und Cammerlengo appelliret. Uebrigens nimmt die Kaufmannschaft nur von dem Rathe der Zwoͤlf und der Funfziger Ge- setze an. Die Kaufmannschaft ist, bis zu einem ge- wissen Grade, immer noch wohlhabend in Verona, und es ist nicht Mangel an Eifer und Aufmunterung, wenn ihr Handel und ihre Manufakturen nicht mehr so bluͤhen, als in aͤltern Zeiten, sondern derselbe anders ge- richtete Zug des Weltverkehrs, der Venedig, Genua und Holland herunter gebracht hat. Bey Verona kommen oͤrtliche Ursachen hinzu. Die Schafzucht z. B., war ehedem staͤrker; jetzt verwandeln die immer haͤufiger werdenden Ueberschwemmungen der Adige die Wiesen und Aenger ihres Gebiets in Moraͤste und Suͤmpfe; und die Habsucht der Gutsbesitzer laͤßt die Berge und Huͤgel aufreissen, das Buschwerk ausrotten und verbrennen, um desto mehr Acker zu gewinnen. Dieser doppelte Umstand bewirkt die Verminderung der Schafe von Jahr zu Jahr. Auch der Seidenbau hat seit einer Reihe von Jahren abgenom- men, welches man zum Theil der eingerissenen Voreiligkeit der Landleute, die Seidenraupen auskriechen zu lassen, zuschreibt. Die Seiden- manufakturen selbst, die sich nie auf praͤchtige, sondern bloß auf gemeine, aber gangbare, Waaren einließen, sind ebenfalls sehr gesun- ken, doch beschaͤftigen sie jetzt noch die meisten Haͤnde in Verona, wie es deutlich in die Au- gen faͤllt, wenn man auf den Straßen um sich sieht. In und vor den Haͤusern ist Alt und Jung mit Weben, Zwirnen und Spuh- len der Seide beschaͤftigt. Sonst werden die veronesischen Lederbereitungen, ein paar Wein- gattungen und geraͤucherte Waaren noch ge- sucht. An die Klasse der Rechtsgelehrten und Kaufleute schließt sich die Geistlichkeit im staatsbuͤrgerlichen und im gesellschaftlichen Le- ben. Sie ist wohlhabend und diese Wohlha- benheit schreibt sich noch aus den Zeiten her, wo Verona ein Freystaat war. Die politi- schen Grundsaͤtze der Signoria sind dem Ein- fluß und dem Wachsthume der Geistlichkeit an sich nicht guͤnstig, mithin ist sie hier in ziemlich enge Schranken gesetzt, und sie hat nicht einmal den Vorzug, sich selbst zu richten, den sie selten entbehrt; sondern der Podesta, der von Venedig gesetzt wird, spricht auch den geistlichen Personen, doch unter einer gewissen Formalitaͤt S. darüber Le Vrets Staatgeschichte der Republik Venedig, 2ten Bandes 1ste Abtheil. S. 324 fg. Dort ist auch das Nöthige von der verones. Ver- fassung längst Deutsch gedruckt. Recht. Uebrigens legen sich viele aus ihrem Mittel mit Eifer und Vor- liebe auf klassische Gelehrsamkeit und auf schoͤne Kuͤnste und Wissenschaften, und sie er- scheinen literarisch und artistisch mit dem Adel und dem Mittelstande genau verbunden, sind zum Theil Mitglieder der verschiedenen hiesi- gen Akademien, und haben, Moͤnche wie Weltgeistliche, ein gewisses feines Aeußeres, welches sonst das Erbtheil der erstern nicht zu seyn pflegt, hier aber mit daher ruͤhrt, daß jene in den Familien des kleinen Buͤrgers Hausfreunde, und diese in den Haͤusern des Mitteladels „cavalieri serventi“ sind. Ihre Anzahl ist uͤbrigens so betraͤchtlich in Verona, daß sie des Abends den Korso, die neue Straße, die Kaffeehaͤuser und die Schnupftobacksladen schwarz faͤrben. Die Klassen der geringeren Einwohner, vom kleinen Kraͤmer bis zum Bettler, haben im Aeußeren und Inneren nichts mit den be- schriebenen, hoͤhern gemein. Sie sind mehr uͤbel als wohl gebildet, und die, theils frey- willige, theils nothgedrungene, Liederlichkeit in ihrem Anzuge, traͤgt nicht dazu bey, sie zu ver- schoͤnern . Eine gelbe Farbe, viel Magerkeit, krumme Kniee, schwarzes Haar, eine starke aber heisere Stimme, sind fast allen gemein; indessen, in den Zuͤgen selbst habe ich noch in keiner Stadt, Paris ausgenommen, solch eine mannig- mannigfache Abwechslung gefunden, und an eine Nationalaͤhnlichkeit, die eine gewisse, im- mer wieder kommende, Falte, in Ruͤcksicht der Mienen, der Bewegungen, des Accents in der Sprache, des Totaleindrucks der Gesichter und Gebaͤhrden ꝛc. dergleichen man in Hamburg, Nuͤrnberg und Augsburg, ja in großen Haupt- staͤdten, wie in Berlin und Wien, sogar noch findet, ist hier nicht zu denken. Diese Man- nigfaltigkeit hat, außer ihren historischen Ur- sachen, auch die politische, daß der gemeine Mann, weniger noch, als die hoͤheren Staͤnde, sich einer um den andern bekuͤmmert, und ohne Scheu sich so traͤgt und benimmt, wie seine eigenthuͤmliche Bildung, Lage und Gemuͤths- art es ihm eingeben. Daraus ist der oben erwaͤhnte Zug von den unanstaͤndigen Jagden der Hausmuͤtter an der Adige zu erklaͤren, die anderwaͤrts, selbst vom Poͤbel, insgeheim gehalten werden; und daher faͤllt es hier nicht auf, wenn ein Mensch vom Poͤbel, mit schmutzigen Fuͤßen, ohne Schuh und Struͤmpfe, Siebentes Heft. L ohne Muͤtze und Hut, mit bloßer Brust, durch die Gesellschaften auf dem Korso und dem Platze Bra sich frey hindurch draͤngt; sich mitten unter ihnen mit andern seines Glei- chen herum balgt; raset und bruͤllt; ohne Scheu und Ruͤcksicht allen natuͤrlichen Ver- richtungen oͤffentlich obliegt, und sich uͤber- haupt so benimmt, als ob der Spatziergang, oder der oͤffentliche Ort, wo er sich befindet, ihm ausschließend zugehoͤre. Man kann un- ter andern sich die Ungezogenheit nicht den- ken, die im Parterre eines veronesischen Schauspielhauses herrscht. Da der Eintritt in das erste Parterre des großen Schauspiel- hauses nur 30 Soldi, und in das zweyte, nur 20 Soldi (oder 18 und 12 Kreutzer) ko- stet, so sind beyde ganz von dem gemeinen Manne besetzt, der seine Weiber, Toͤchter, Beyschlaͤferinnen und Kinder hereinbringt, so wie sie des Morgens aufgestanden sind und zu Hause zu gehen pflegen, und die sich in nichts irgend einen Zwang unter den Augen ihrer venetianischen Vorgesetzten und ihres doppelten Adels anthun. Sie klatschen oder zischen und pochen ausschließlich; sie zwingen die Schauspieler und Schauspielerinnen durch ein fuͤrchterliches Geraͤusch, Lieder und Auf- tritte, die ihnen besonders behagen, drey bis viermal zu wiederholen; sie lachen und spre- chen aus vollem Halse, zanken sich, schimpfen einander, drangen sich, laufen heraus, und kommen wieder herein, alles mit gleichem Un- gestuͤm, mit gleichem Trotze. Geschrey, Plau- dern und Stampfen reißen nicht ab. Ein Fremder ist waͤhrend der Vorstellung auf der Folter und genießt von derselben nichts. Eben so wird er, besonders des Abends, bey dem schrecklichen Heulen und Bruͤllen auf den Straßen und oͤffentlichen Plaͤtzen, in immer- waͤhrender Besorglichkeit erhalten, ob er sich nicht etwan in einer Stadt befinde, deren Poͤbel zur Empoͤrung aufgestanden und schon in der Arbeit begriffen ist, die Stadt anzu- L 2 zuͤnden und was ihm vorkoͤmmt zu ermorden. An eine Polizey ist nicht zu denken. Hierin liegt der Kunstgriff, dessen sich die Signoria von Venedig bedient, um das Volk auf ihrer Seite zu behalten. Dieses bildet sich ein, vollkommen frey zu leben, weil man ihm erlaubt, sich so ungebunden zu betragen, als es Lust hat, und weil seine Vornehmen es sich gefallen lassen muͤssen. Dazu koͤmmt, daß es wenig oder nichts an Abgaben unmit- telbar zahlt, und kurzsichtig genug ist, nicht zu bemerken, daß es doch mittelbar alle Auf- lagen denjenigen Klassen ersetzen muß, die der Republik baar steuern. Daß gerade die un- entbehrlichsten seiner Beduͤrfnisse, Brot, Oel und Fleisch, nach Verhaͤltniß, die theuersten sind, daruͤber faͤllt es ihm nicht ein, Bemer- kungen zu machen, welche die Liebe zu seiner Durchlauchtigsten Wohlthaͤterin etwas vermin- dern koͤnnten. Das Aeußere der Buͤrger und Handwer- ker ist sehr armselig. Sie erscheinen in bloßen Brustlaͤtzen, oder, wie man es im noͤrdlichen Deutschlande nennt, im linnenen Aermel , oder auch nur in Hemde und Hosen, die Brust bloß und das Haar ungekaͤmmt. Ihre Wei- ber tragen das Haar in Flechten auf dem Wirbel zusammen geschlagen; oberhalb der Stirn, zwischen beyden Schlaͤfen ein schmales und niedriges Tappee, und an beyden Seiten einen Buͤschel von Haaren, schlicht herabge- kaͤmmt. Ein steifer Brustlatz und ein paar kurze Roͤcke uͤber einander, machen ihre ganze Bekleidung aus. Gehen sie aus auf den Markt, oder in die Kirche, oder zu einem Besuche, so ziehen sie ein kurzes Kamisol dar- uͤber, oft auch nichts weiter, nehmen aber den Mezzaro , ein weibliches Nationalkleidungs- stuͤck im Venetianischen, um, und verdecken da- mit ihren gewoͤhnlichen Anzug. Dieser Mez- zaro besteht aus einem langen Stuͤcke schwar- zen Taffet, das uͤber ein, auf dem Kopfe befe- stigtes, Drathgestell gezogen wird, vorne bis uͤber die Stirn herab faͤllt, und hier in einen Flor auslaͤuft, der bis auf die Brust herab- faͤllt und, je nachdem die Traͤgerin gefallen oder nicht gefallen will, je nachdem sie schoͤn oder haͤßlich ist, zuruͤck oder herunter geschla- gen wird. Es ist eine Art von Schleyer, der die Schultern und die Arme bis zum El- lenbogen bedeckt, und im Ruͤcken in eine lo- ckere Schleife geschlagen wird, die uͤber einen dazu gehoͤrigen schwarztaffetnen Rock, bis zu den Absaͤtzen, hinabfließt. Diesen Mezzaro, der nicht schlecht steht, trugen ehedem die hoͤ- heren Klassen ausschließend, jetzt ist er in die niederen hinab gesunken, und jene brauchen ihn nur noch, wenn sie zur Kirche gehen und sich die Muͤhe des foͤrmlichen Ankleidens er- sparen wollen. Die Einwohner aus den erwaͤhnten Buͤr- gerklassen sind geschaͤftig und fleißig, und sie strafen die Reisebeschreiber Luͤgen, die allen Italienern Faulheit vorwerfen. Jeder Vor- uͤbergehende kann Zeuge ihrer Thaͤtigkeit seyn, weil sie theils im Erdgeschosse der Haͤuser in Gewoͤlben, theils vor denselben auf den Stra- ßen, arbeiten. Die Schneider sitzen, mit drey oder vier Gesellen um sich her, auf ho- hen hoͤlzernen Stuͤhlen, wie auf Thronen, und beherrschen die Nachbarschaft; und zu ih- ren Fuͤßen auf niedrigern Schemeln, hocken ihre Lehrburschen. Eben so die Sattler, Schumacher, Riemer und andere Handwerker. Von Bettlern wimmelt es in Verona und ihr Aufzug ist scheußlich. Je groͤßer im Som- mer ihre Nacktheit, und im Winter die Lum- penmasse um sie her ist, desto groͤßer sind ihre Anspruͤche auf die Barmherzigkeit, und desto trotziger fordern sie die Steuer derselben. Sie liegen in allen Straßen, auf allen Plaͤ- tzen, vor allen Kirchen umher, und vertreiben sich die lange Weile mit Essen, oder mit Durchsuchung ihrer Hemden, wenn sie der- gleichen haben, oder auch mit einem Spiel- chen unter sich. Alles, was Talente zum Betteln hat, das heißt, irgend eine haͤßliche Krankheit, oder eine unheilbare Wunde, oder einen Arm oder Fuß weniger, als andere, draͤngt sich aus der Nachbarschaft nach der Stadt und geht selten wieder heraus. Die zahlreiche Dienerschaft, welche die Mode und eine, von außen wirklich bettelhafte, Pral- sucht unterhalten, liefert keinen geringen Bey- trag zu der hiesigen Bettlermenge. Da die Besoldung der Bedienten, Kutscher und Laͤu- fer sehr schlecht ist, so koͤnnen sie fuͤr Noth- faͤlle nichts sparen; sie haben also, wenn sie verabschiedet oder weggejagt werden, keine an- dre Zuflucht uͤbrig, als zu betteln oder zu stehlen, oder beydes zugleich zu treiben. Es fehlt hier zwar nicht an Kranken- und Ar- menanstalten, aber in die ersteren geht selten ein Bettler freywillig, und die Wohlthaten der letztern nimmt er mit. Da, wo die Einwohner am zahlreichsten sich versammlen, sind diese wirklich Nothlei- denden, oder nur liederlichen und faulen Tau- genichts, auch am haͤufigsten. So finden sie gegen Abend auf dem Korso, der Neuen Straße und dem Platze Bra, besonders eine reichliche Aernte. Auf dem letzteren sah ich eine, mir ganz neue, Art von betruͤgerischer Betteley. Ein junger Kerl, der mehr lieder- lich und faul, als nothleidend und krank, aus- sah, bot den Spatziergaͤngern ein Scheermes- ser an, mit der Versicherung, er sey so hungrig und durstig, daß er dieses unentbehrliche Stuͤck seiner Habseligkeiten verkaufen muͤsse, um nicht zu verschmachten. Dies sagte er in ei- nem uͤberaus klaͤglichen Tone und forderte zu- gleich die Haͤlfte mehr fuͤr das Messer, als es ihm gekostet hatte. Fand sich jemand, der solch ein Werkzeug brauchte, der handelte nicht lange mit einem Menschen, der Hun- gers sterben wollte und war betrogen. Unter- dessen ging der Gauner weiter und bot An- dern wieder andere Waaren an, die er mit- telst eines gewissen Takts immer so waͤhlte, wie er glaubte, daß die angebettelten Perso- nen sie brauchen koͤnnten. Die Menge von Armenanstalten, die Aus- theilung der Klostersuppen, eine ausgedehntere Privatwohlthaͤtigkeit, und die Mildigkeit des Himmelsstriches machen die Erhaltung von Tausenden solcher Bettler nur allein moͤglich. Sie sind Tag und Nacht unter freyem Him- mel, oder liegen unter den Eingaͤngen der Kirchen, der oͤffentlichen Haͤuser und in den verfallenen Festungswerken. Wenn sie das ihnen noͤthige Brod erschwingen, so kostet ih- nen, was sie noch dazu brauchen, sehr wenig. Die Gaͤrtnerey ist hier und in den umliegen- den Gegenden aͤußerst ergiebig, und auf allen Maͤrkten und Straßen steht und liegt Obst von jeder Gattung, von der schoͤnsten Art, fuͤr den wohlfeilsten Preis, in großen Hau- fen herum. Arbusen und Melonen, die wir im Norden mit Thalern bezahlen, essen hier die Bettler fuͤr Soldi zu ihrem Stuͤcke Brod, und eben so Weinbeeren, Birnen und Pfir- schen. So stillen sie mit fuͤnf bis sechs Soldi ihr taͤgliches Beduͤrfniß, und derjenige Bettler haͤtte viel Ungluͤck, der nicht taͤglich die dop- pelte Summe einnaͤhme; so kann er den Ueberschuß ersparen, um sich zuweilen eine Guͤte zu thun, oder ein paar alte Lappen und Lumpen zu kaufen, die er anstatt eines Hem- des oder Brustlatzes traͤgt. Ich schließe meinen Abriß von dem leben- digen Verona mit einigen Nachrichten von den oͤffentlichen Vergnuͤgungen, und theile uͤber diejenigen davon, die ich selbst gesehen habe, ein paar Bemerkungen mit. Der Lebensgenuß ist hier in allen Staͤn- den einfacher und maͤßiger, als man ihn in jeder deutschen Stadt von dieser Bevoͤlke- rung und Wohlhabenheit, mit dieser Menge von Adel und Adelsgleichen, und unter einem aͤhnlichen unaufhoͤrlichen Durchzuge von Frem- den, findet. Der hohe Adel hat seinen Kor- so , sein Kasino , sein Theater , und sei- ne gelehrten Akademieen , die hier mit als Zeitvertreib angeschlagen werden muͤssen. Der Patricische Stand und die angesehenen Kaufleute haben dasselbe, nur das Kasino ausgenommen. Der gemeine Buͤrger erscheint auch auf dem Korso, aber zu Fuße, geht auch in das Theater, aber auf das Parterre, wo er aber nicht spielt, sondern bloß Obst oder andere Naͤschereyen ißt, und ein Glas Limo- nade oder Punsch trinkt und nebenher Laͤrm macht. Auch der Poͤbel besucht ein Schau- spiel, und dies ist bald die Puppenkomoͤdie, bald die dramatische Bude, die in der Arena des alten Amphitheaters steht. Vergnuͤgun- gen, die jaͤhrlich nur einmal wiederkommen, und woran das ganze Publikum Theil nimmt, sind das Karneval , das Nockenfest , das Pferderennen , die Ochsenhetze , Wir haben schon eine launigte Beschreibung von einem veronesischen Stiergefecht im Becker’schen Taschenbuche fuͤr das Jahr 1795. kirchliche Aufzuͤge , der Jahrmarkt und das Wettrennen junger Laͤufer . Alletagszeitvertreib fuͤr den Poͤbel, auch fuͤr den geringeren Buͤrger, ist das Ballspiel und das Kugelspiel . Wie der Korso in Verona ist, so koͤmmt er in allen, selbst den unbetraͤchtlichsten Staͤd- ten Italiens, wenn sie nur einige Wagen aufbringen koͤnnen, wieder vor. Es ist be- kanntlich ein trockenes Herumfahren in gewis- sen Straßen, oder vor gewissen Thoren, oder auf den Waͤllen, oder am Hafen, je nachdem eine Stadt geraͤumige Straßen, oder andere dazu bequeme Plaͤtze, besitzt. Das Vergnuͤ- gen selbst ist insoferne nuͤchtern, als keine ge- sellschaftliche Annaͤherung und Unterhaltung dabey Statt findet; insoferne aber anziehend, als Maͤnner und Weiber dabey Gelegenheit finden, ihre Pracht in Kleidung, Fuhrwerk und Gespann, und in einem Gefolge und Vortrabe von Bedienten und Laͤufern zu zei- gen. Da die besseren Klassen wenig Gele- genheiten haben, sich fuͤr Gesellschaften anzu- kleiden, so kleiden sie sich hier fuͤr das ganze Publikum, und sie sind sicher, von ihren Nebenbuhlerinnen und Nebenbuhlern beneidet und von den Fußgaͤngern ausgezeichnet zu werden, wenn sie in irgend etwas jene uͤber- treffen. Aus diesem Grunde macht, wie ich schon erwaͤhnt habe, manche Familie ihren einzigen Aufwand fuͤr den Korso und lebt im uͤbrigen sehr kaͤrglich. Dies ist in Verona besonders der Fall, wo man aber auch selbst in diesem Stuͤcke sehr philosophisch denkt; denn ich erinnere mich, unter einer Zahl von hundert und funfzig Kutschen, kaum zwey oder drey gesehen zu haben, worin eine Wie- nerische Hofraͤthin Sonntags nach dem Pra- ter fahren wuͤrde. Auch moͤchte man in Wien ein Gefolge veronesischer Bedienten, wie es oft auf dem Korso erscheint, vielleicht fuͤr halbverhungerte Ofenheitzer, besonders aber die Laͤufer, fuͤr Bettler halten, die der Po- lizey entlaufen wollen. Die Kleidung der ve- ronesischen Herren und Frauen selbst habe ich schon oben bezeichnet, auch ihre Sparsamkeit und Maͤßigkeit. Die Faͤlle sind nach Ver- haͤltniß ziemlich selten, daß ein Wagen nach Endigung des Korso vor ein Kaffeehaus faͤhrt und ein paar Sorbetti oder ein Glas Limo- nade verbraucht; geschieht es, so kann man annehmen, daß mit dieser Ausgabe zugleich das Abendessen bestritten ist. Die Vergnuͤgungen des „Casino della Nobilità“ und dessen Sitz, habe ich schon vorhin angegeben. Letzterer hat einige gute Zimmer und Saͤle, die zu Baͤllen, Konzerten und zum Spiel eingerichtet sind. Ein Frem- der, woher er auch komme, muß die verone- sische Gesellschaftlichkeit sehr hoͤlzern, matt und langweilig finden. Die Politik ist uͤber- all vortrefflich, um sich vor der Langenweile auf eine Zeitlang zu retten; hier aber hat sie nur wenig Seiten, die eine oͤffentliche Un- terhaltung erlaubten; manche Punkte auch nur historisch, ohne alle Anmerkung zu beruͤh- ren, waͤre bedenklich und koͤnnte Auslegungen befuͤrchten lassen. Deshalb enthaͤlt man sich dieses Gegenstandes in Verona oͤffentlich ganz, und von Venedig besonders hoͤrt man kein Wort, nicht zum Lobe, noch weniger zum Ta- del. So ist hier auch die Kunst, uͤber die Leute zu sprechen, die „medisance“ , bey wei- tem keine so ergiebige Huͤlfsquelle fuͤr die Un- terhaltung, als anderwaͤrts. Es ist hier alles voller Parteyen, die in der Afterregierung des kleinen, noch so genannten, Freystaats ihren Grund haben. Auf jemand sticheln, uͤber jemand lachen, jemand mit Versen und Sinngedichten verfolgen, waͤre zugleich eine politische und gesellschaftliche Kriegserklaͤrung, die nicht mit aͤhnlichen, sondern mit ernsthaf- ten Waffen erwiedert werden wuͤrde; denn die Veroneser sind bey aller Feinheit der Sit- ten, bey aller Bildung durch schoͤne Kuͤnste und Wissenschaften, und bey aller Artigkeit im Aeußern, dennoch im Rufe der Rachsucht, die indessen, unter den hoͤheren Staͤnden we- niger oͤffentlich zum Ausbruch koͤmmt, son- dern sich mehr in Raͤnken, in Kraͤnkungen durch die zweyte Hand und Untergrabungen zeigt. zeigt. Der gemeine Mann und der Poͤbel hingegen uͤben noch fleißig die Wundaͤrzte in den Krankenhaͤusern in Heilung der Messer- stiche; und ein Veroneser selbst gestand mir, daß man, ein Jahr in das andere gerechnet, immer noch Acht bis Zehn Gestochene und Ermordete zaͤhlen koͤnnte. Ehedem aber sey es doch weit aͤrger gewesen! Es waͤren wohl manches Jahr 150 und 200 geblieben. Scherzen sonach die Veroneser mit oder uͤber einander, so hat es etwas Plattes und Kindisches, und es laͤuft auf Gegenstaͤnde hin- aus, die nicht leicht beleidigend werden, z. B. auf die Verliebtheit, auf den guten Appetit, auf den genaͤhrten Bauch ꝛc. eines Dritten — lauter Dinge, die zugleich den Ton des Pul- cinella erlauben, der hier sehr ergetzt, aber selbst dem duldsamsten, aufgewecktesten Frem- den, plump und abgeschmackt vorzukommen pflegt. Wird der Ton ernsthaft, so ist er so pedantisch, daß ich nicht leicht einer mittelmaͤ- ßigen deutschen Reichsstadt einen aͤhnlichen Siebentes Heft. M nachsagen moͤchte; denn dort bleibt er doch wenigstens offen und natuͤrlich. Wendet man sich in Verona an unterrichtete Maͤnner, um eine Unterhaltung anzuknuͤpfen, so ist es nur immer das Fach, das sie beschaͤftiget, worin sie unterhaltungsfaͤhig sind, und jede Abschwei- fung von demselben macht sie untheilnehmend und stumm. Solche Faͤcher sind in Verona besonders schoͤne Kuͤnste und Alterthuͤmer, (vorzuͤglich veronesische) ferner Mathematik und Naturgeschichte. Was aber in den letz- teren seit Jahren im Auslande gethan und erfunden ist, davon wissen sie wenig oder nichts; so wie sie uͤberhaupt in sogenannten ultramontanischen Dingen in einem erstaunli- chen Grade unwissend sind. Was man in aͤltern Reisebeschreibungen, mehr aber noch in den Romanen des vorigen Jahrhunderts, von dem Geist der Galanterie unter den italienischen Weibern, besonders de- nen in Venedig und im Venetianischen, lie- set, ist entweder nie in dem Grade wahr ge- wesen, oder hat sich so verloren, daß man jetzt auch nicht die entfernteste Spur mehr davon findet. Dieser Geist verraͤth, wie es sehr natuͤrlich ist, sein Daseyn bald, wo er herrscht. In den veronesischen Gesellschaften ist es wahrlich nicht die beruͤchtigte altfran- zoͤsische Decenz, die dem ernsthaften, aͤngstli- chen und stummen Benehmen der Verone- serinnen zum Grunde liegt, sondern wahre, unverstellte, kleinstaͤdtische Schuͤchternheit und Eingeschraͤnktheit, und ein erklaͤrter Mangel an Koketterie. Hat man mit einem Weibe uͤber das Theater und den Korso und ein paar aͤltere italienische Dichter ausgesprochen, so hat man uͤber alles mit ihr ausgesprochen; und von der Kunst, welche die Franzoͤsinnen, und nach ihnen die Polinnen, am besten ver- stehen, jeden andern Gegenstand des Wissens, des Geschmacks und des Gefuͤhls, durch zu vernuͤnfteln, oder leicht zu uͤberblicken und da- bey in witzigen Einfaͤllen uͤberzufließen, weiß das zweyte Geschlecht in Verona nichts. Hier M 2 zeigt sich ihre pedantische und beschraͤnkte Er- ziehung besonders, und man hat nicht noͤ- thig, es etwa dem eifersuͤchtigen Auge eines Gemahls, oder der mißguͤnstigen Wachsamkeit eines „Cavaliere servente“ beyzumessen, wenn eine veronesische Dame einem Fremden in der Unterhaltung nicht lange Stich haͤlt, sondern ihm mit einer gewissen Unruhe und Aengstlichkeit zuhoͤrt und antwortet, und nur immer bedacht ist, mehrere Zuhoͤrerinnen und Zuhoͤrer anzurufen und herbey zu ziehen. Einen Reitz, den besonders in Deutschland die Gesellschaften großer Staͤdte gewaͤhren, daß man zugleich eine bluͤhende Jugend um sich her sieht, die auch ihrerseits sich zu ver- gnuͤgen beschaͤftigt ist, vermißt man hier ganz. Nur verheurathete Damen erscheinen in Ge- sellschaften, und unverheurathete junge Maͤn- ner werden erst gesellschaftsfaͤhig, wenn sie großjaͤhrig und aͤmterfaͤhig sind. Daher eine auffallende Ungleichheit in der Zahl der Wei- ber und Maͤnner, und wiederum in der Zahl der juͤngeren und aͤlteren Weiber und Maͤn- ner. Es faͤllt in die Augen, daß der Maͤn- ner mehr seyn muͤssen, als der Weiber, und der aͤlteren Maͤnner und Weiber mehr, als der juͤngeren. Das Vergnuͤgen des Theaters setzt man in Verona noch in etwas anderes, als in den Genuß des Schauspiels. Man koͤmmt dort- hin, um zu sehen und gesehen zu werden, um zu spielen, um seine Freunde zu sprechen, um mit Geschaͤftsleuten Geschaͤfte abzuthun. Nur ein beliebter Auftritt, oder eine beruͤhmte Ariette, lockte die Zuschauer der bessern Klas- sen aus den Logenzimmern hervor, und brachte Stille und Aufmerksamkeit in das Parterre, und Lust und Anstrengung unter die Schau- spieler selbst; denn diese vernachlaͤßigten das Publikum die uͤbrige Zeit auf eine nicht min- der aͤrgerliche Weise, als das Publikum sie vernachlaͤßigte. Sie sprachen und liebaͤugel- ten ins Orchester, plauderten unter einander selbst, traten auch wohl an die Logen auf der Buͤhne, und knuͤpften eine foͤrmliche Unter- haltung an. Der handelnde Schauspieler, war immer der einzige, der spielte. Dieser wechselseitige Mangel an Achtung verdirbt alle Vorstellungen. Bey den Zuschauern ent- steht er aus einer hergebrachten Sitte, im Schauspielhause Dinge zu treiben, die nicht dahin gehoͤren, und diese Sitte entstand wahrscheinlich aus der Saumseligkeit und Ar- muth der Theaterunternehmer, die an neue Dekorationen und Schauspiele nicht dachten, oder nichts darauf verwenden konnten. Man fuͤhrte waͤhrend meiner Anwesenheit eine Operette, „la Pianella“ (der Pantoffel) und nichts, als die Pianella, in dem großen Thea- ter auf, ungeachtet doch nur zwey kleine Arien darin waren, die dem Publikum gefie- len, was sich daraus schließen ließ, daß, so- bald sie vorkamen, der unsaͤgliche Laͤrm im Parterre und das Geraͤusch in den Logen aufhoͤrte. Diese Saͤchelchen mußten drey bis viermal wiederholt werden, und dann war es wieder, als ob man sich auf offener Straße befaͤnde. Die Zuschauer sahen keine Buͤhne, und die Schauspieler kein Parterre und keine Logen mehr. Letztre enthielten sich auch des Klatschens und ließen den Poͤbel im Par- terre dafuͤr sorgen. Die Schauspielergesellschaft war auch in der That so mittelmaͤßig, als die beste bey solch einer Behandlung werden muß. Nur der erste Saͤnger, die erste Saͤngerin und der erste Buffone zeichneten sich aus, weil sie die einzigen waren, die bemerkt und beklatscht wurden. Alle uͤbrigen arbeiteten von Anfang bis zu Ende in den Wind, und sie lieferten Arbeit danach; indessen war sie immer noch besser, als die beste deutsche unter solchen Um- staͤnden seyn wuͤrde. Der Unternehmer dieser Gesellschaft un- terhielt noch eine zweyte Buͤhne in der Arena des alten Amphitheaters. Es war eine offene Bude, von Brettern zusammen geschlagen, mit schlechten Dekorationen, die das Tages- licht vollends in ihrer ganzen Armseligkeit zeigte. Die Vorstellungen gingen um halb fuͤnf Uhr an und dauerten bis um halb acht, mithin hatte die Sonne Zeit, den ganzen Verlauf des Stuͤckes und die ganze ehrenwer- the Zuschauerschaft zu beleuchten. Wie der groͤßeste Theil derselben beschaffen war, kann man sich sehr lebhaft denken, wenn man den Umstand erwaͤgt, daß der Eintritt zum Par- terre fuͤnf Soldi, sage fuͤnf Soldi (unge- faͤhr 9 deutsche Pfennige) kostete, und wenn man sich der Winke erinnern will, die ich oben von dem Aeußeren des gemeinen Man- nes und des Poͤbels von Verona gegeben habe. Indessen belachte und beklatschte dies Parterre eben das, was ich zu belachen und zu beklatschen nur dann haͤtte unterlassen koͤn- nen, wenn ich haͤtte hochmuͤthig oder eigen- sinnig seyn wollen. Ein gewisses Gefuͤhl fuͤr das Laͤcherliche und fuͤr das Schoͤne, war die- sem veronesischen Poͤbel eben so wenig abzu- sprechen, als ich es ehedem den Pariser Fisch- weibern und Kohlentraͤgern hatte absprechen koͤnnen. Das Hauptstuͤck war ein Trauer- spiel, das Nachspiel eine Goldonische Posse, mit Arlechino, Pantalone, Kolom- bina und Gesellschaft, im bekannten Kostume. Diese Bude hatte aber auch Logen und sie waren mit Herren vom hohen Adel besetzt. Der Eintritt dazu kostete zwanzig Soldi. Aus dem ersten Parterre, das funfzehn Soldi kostete, sahen auch Geistliche, mit andern rechtlichen Leuten, fleißig durch ihre Glaͤser nach den Schauspielerinnen, die uͤbrigens, wie die Schauspieler, eben dieselben waren, die in dem großen Theater auftraten. Man sieht wohl, daß hier die Signoria abermals im Spiel ist, und daß sie ihrem unbeschaͤftig- ten Poͤbel, neben der belobten Freyheit, auch Vergnuͤgungen um einen Spottpreis ver- schafft. Charakteristisch ist es endlich noch, daß die Zoͤglinge der Armen- und Fuͤndlings- Anstalten in dies Schauspiel gefuͤhrt werden, wie man sie in England und Deutschland zum Spatziergange und in die Kirche fuͤhrt. Ein paar Haufen von wenigstens zwey hun- dert solcher Knaben, hatten, mit ihren geistli- chen Lehrern an der Spitze, auf den Stufen des alten Amphitheaters, der Bude gegen uͤber, Platz genommen, und klatschten bey je- der Gelegenheit recht kunstverstaͤndig mit. Ich war bey dem Ganzen in der That ein wenig in einer neuen Welt. Das Nockenfest , welches alle Jahre den letzten Freytag vor der Fasten gefeyert wird, wuͤrde mir nicht weniger eine unge- wohnte Welt gezeigt haben, wenn ich es mit eignen Augen gesehen haͤtte. Es muß im aͤußersten Grade abentheuerlich und poßierlich seyn. Zum Gluͤck hat es einer meiner neue- sten Vorgaͤnger, der Augenzeuge dabey war, sehr lebhaft beschrieben. S. Herrn von Ayrenhoffs saͤmmtliche Werke , 4r. Bd. Wien, 1789. S. 246. Dieser Band enthaͤlt Briefe uͤber Italien, die nicht so be- kannt geworden sind, als sie vieler, sehr treffender, Bemerkungen wegen verdienen. Uebrigens scheint es klar, daß dies Fest abermals von der Signoria beguͤnstigt wird, um das Volk bey guter Laune zu erhalten und den Adel ein wenig zu kraͤnken; denn der Podesta, unmit- telbar als Stellvertreter des Doge, und Pul- cinella, unmittelbar als Stellvertreter des ve- ronesischen Volks, haben die Hauptrollen dabey. Ein oͤffentliches Vergnuͤgen, das jaͤhrlich einigemal den groͤßesten Theil des veronesi- schen Publikums auf den Platz Bra und in die Neue Straße zieht, ist das Wettren- nen junger Laͤufer . Da diese Bedien- tengattung hier haͤufig gebraucht wird, so giebt es auch viel junge Leute, die sich der Laufkunst befleißigen und oͤffentlich Proben davon ablegen. Sie thun dies, um bekannt zu werden und desto eher Dienste zu bekom- men; und es ist auch gewiß, daß derjenige, der sich als der staͤrkste in seiner Kunst ge- zeigt hat, immer zuerst versorgt wird. Solche junge Leute, die gemeiniglich aus den gering- sten Staͤnden, meistens aber aus Laͤufer- oder andern Bedienten-Familien sind, brin- gen so viel zusammen, daß sie sich fuͤr einen oͤffentlichen Wettlauf ertraͤglich kleiden koͤnnen, wozu sich ihrer drey oder vier zu bereden pflegen. Sie suchen einen oder mehrere Goͤnner, die eine kleine Summe zusammen schießen, welche als der Preis fuͤr den Sie- ger niedergelegt wird. Der Tag wird anbe- raumt, der Platz bestimmt. Die Laufbahn erstreckt sich gewoͤhnlich von einem gewissen Punkt auf dem Platze Bra, bis hinunter nach dem neuen Thore, und sie moͤchte unge- faͤhr in zwanzig Minuten, mit maͤßig schnellen Schritten, zuruͤck gelegt werden koͤnnen. Diese Strecke muͤssen sie, in Einem Zuge, drey mal hinab und drey mal herauf rennen, und wer zuerst am Ziel ist, erhaͤlt den Preis und ist Sieger. Diesmal waren der Wettrenner drey. Beyde Seiten der Neuen Straße waren bis zum Thore hinunter mit Zuschauern, und die Fenster der Haͤuser, mit Zu- schauerinnen besetzt; eben so der Platz Bra. Die jungen Leute fingen mit einem gemaͤßigten Trab an. Da man ihnen nicht folgen kann, so schließt sich jedesmal das Getuͤmmel hinter ihnen, und man verliert sie aus den Augen; kommen sie aber zuruͤck, so finden sie wieder eine Reihe, durch die sie hin koͤnnen, weil jeder sorgsam ist, ihnen Platz zu machen. Sie kamen, bey dem er- sten Hin- und Herlauf, noch alle drey in Ei- ner Reihe zuruͤck, und liefen auch in Einer Reihe wieder ab. Kenner um mich her woll- ten bemerkt haben, daß der mittlere den Preis sicher nicht bekommen wuͤrde, weil die Erhi- tzung ihn blaß gemacht habe, was Mangel an Kraft voraussetze; daß aber der zur Rech- ten, den der erste Lauf gar nicht angegriffen wahrscheinlich der Sieger seyn werde. Sie kamen das zweytemal zuruͤck, und es zeigte sich ein merklicher Unterschied. Der Mittelste war um zwey Schritt vorgekom- men, der zur Linken war dem zur Rechten um Einen Schritt vor. Die Kenner um mich her, blieben aber doch ihrer vorigen Meynung. Sie hatten bemerkt, daß der Mittelste seinen Vorsprung mit einer Anstren- gung erkaufte, die auf dem Punkt war, ihn ganz zu erschoͤpfen; daß er beym Umkehren beynah uͤber seine eigenen Fuͤße gefallen sey, und daß wahre Todtenblaͤsse und Todesschweiß sein Gesicht uͤberzogen habe. Sie versicher- ten, daß der zur Linken seinen Vorschritt nicht behaupten wuͤrde, weil er mehrere Mo- mente schneller liefe, als der zur Rechten, und doch nur einen Einzigen Schritt vor diesem voraus habe, der allerdings auch sehr erhitzt sey, aber noch unendlich mehr Kraft besaͤße und sie zu sparen verstaͤnde; was man daran sehe, daß er noch schnurgeradeaus liefe, indeß die andern, besonders der mittlere, hin und her schwankte, und der zur Linken Schul- tern und Kopf vorweg hangen ließe, wodurch seine ganze Last auf die Kniee fiele, und ihm das Laufen um ein Drittel erschwert wuͤrde. Ich war sehr begierig, wie diese feinen Bemerkungen eintreffen wuͤrden. Es dauerte nicht lange, so stieg es von Mund zu Mund herauf, der zur Linken habe den Mittlern uͤberlaufen; gleich nachher: der zur Rechten habe den Mittlern eingeholt; und in dem naͤchsten Augenblick: der Mittlere sey fuͤr todt niedergefallen. Nun dauerte es ein paar Minuten, ohne daß Nachrichten kamen. End- lich kam die, gerade von der Mitte der Lauf- bahn, daß der zur Linken den Moment des Umkehrens vor dem zur Rechten voraus habe. „Also etwas mehr als einen Schritt!“ rief einer meiner Kenner: „Der zur Rechten ge- winnt!“ — Ich erkundigte mich, woraus er das schloͤsse? Der zur Linken haͤtte doch noch vor? — „Ma, V. S. veda!“ erwie- derte er mit einer Art von Eyfer: „Der Hinterste strengt immer zuerst seine letzten Kraͤfte an, der Vorderste zuletzt; mit dem er- sten verstaͤrkten Sprunge ist der Hinterste ne- ben dem Vordersten; mit dem zweyten ist er ihm vor, denn er ist im Schwunge und der andre koͤmmt erst durch den ersten Sprung hinein. Der zur Rechten hatte auch hier oben noch mehr Athem und Kraͤfte, als der zur Linken — Sie sollen sehen, daß er gewin- nen wird!“ — Nach zwey oder drey Minu- ten stellte sich alles eiligst in Reih’ und Glie- der, und die Wettrenner erschienen, triefend von Schweiß mit Puder vermischt, die Brust aufgerissen, die Struͤmpfe herabgefallen, die Augen wie erstarrt, den Mund weit offen, der zur Rechten etwas hinkend, weil er einen Schuh verloren hatte, in einer Entfernung von einander, daß der Hintere den Vorderen mit der Hand erreichen konnte. Der zur Linken war der Hintere, der zur Rechten in der That der Vordere, und er erhielt den Preis. Das Volk war schreyend und froͤhlich um um ihn herum. Es erhob seinen Sieg nicht wenig, daß er hinkend den Preis gewon- nen, wie ein witziger Kopf aus dem Poͤbel bemerkt hatte. Er selbst fuͤhlte seine Erschoͤ- pfung vor Freude nicht; bey dem Andern rannen die Thraͤnen mit den Schweißtropfen in die Wette. Den Dritten brachte man ohne Bewußtseyn getragen und legte ihn beym Ziele nieder. Man steckte ihm reichlich Almo- sen in die Taschen. Um den Andern waren Bekannte und Unbekannte beschaͤftigt, ihn mit wahrer Theilnehmung zu troͤsten. Der Sieger wurde, nachdem sein Name und Alter von den Kampfrichtern aufgezeichnet worden, von dem Volk in Triumph abgefuͤhrt. So sahe ich noch am letzten Tage meiner Anwesenheit in Verona ein allgemeines Volks- schauspiel, das alle Bedingungen dieser Spiel- gattung erfuͤllte, tragisch und komisch war, und Theilnehmung und Leidenschaft durch die hoͤchste Anstrengung der Naturkraͤfte erregte. Ob es gleich auf das sehr moderne Beduͤrfniß Siebentes Heft. N der Lauferkunst gegruͤndet war, hatte es den- noch viel Antikes, welches nicht bloß daher entsprang, daß Ziel und Preis dem alten Amphitheater gegenuͤber waren. Wetten habe ich uͤbrigens dabey nicht sehen. Den 24sten September, der ein Feyertag war, ging ich von Verona ab. Vor der Stadt begegneten mir Haufen von juͤngern und aͤltern Landleuten, beyderley Geschlechts, sehr stattlich und sehr bunt, mit Gold- und Silberband, und mit Zweigen und Blumen aufgeputzt, die Gemuͤse und Fruͤchte nach der Stadt brachten, durch deren Verkauf sie sich wahrscheinlich dort einen Sonntagsgenuß, oder sonst kleine Beduͤrfnisse, verschaffen woll- ten. Ich wuͤrde ein Gemaͤlde von ihrer Tracht, die viel Besonderes hatte, hier mitthei- len, wenn wir nicht schon von einem Maler selbst eines besaͤßen, das wenigstens sehr tref- fend und lebhaft ist, wenn auch die Farben feiner gerieben seyn koͤnnten. S. Malerische Reise eines deutschen Kuͤnstlers nach Rom ꝛc. Wien , 1789 S. 178 fg. Der Verfasser, Herr Johann Grund , lebt noch in Rom, und ist ein ausgezeichneter Kuͤnstler, welcher der Miniaturmalerey durch An- wendung der Enkaustik einen hohen Grad von Schoͤnheit zu geben versteht. Mein Weg ging auf Mantua , und fuͤhrte gerade in die reizende Ebene hinein, die man von Verona aus so oft zu uͤberbli- cken Gelegenheit gehabt hat. Sie ist, wie sie schien. Zwar sieht man rechts am Wege we- niger Weinbau und Rebengewinde, desto fri- scher aber steht der Maulbeerbaum in unuͤber- sehlichen Reihen da, desto sorgfaͤltiger ist das Land unter und zwischen ihm bearbeitet, desto heiterer und wohlhabender fallen die einzelnen Haͤuser der Landleute in die Augen. Das Hornvieh, das einem begegnet, ist gedrungen und maͤchtig, das Schaf groß und seidenartig bekleidet. Selbst das — Schwein — ist hier N 2 zahmer, wohl gar auch kluͤger — denn es hat nicht die wilden Hauer und großen Ohren des Polnischen und Ungarischen, auch nicht ihre starrenden, dicken Borsten und ihre Groͤße — sondern ist fast kahl, klein, lang und rund wie eine Walze, und bald goldgelb, bald — seinen Sitten angemessener — „boue de Paris.“ — Auch sind die Wuͤrste und Schinken, die das Veronesische durch ganz Italien und nach Augsburg und Wien schickt, nicht minder beruͤhmt, als die Bolognesischen. Man koͤmmt auf einem steinigten, nach- laͤßig unterhaltenen, Wege zuerst nach Villa Franca , einem alten, noch venetianischen, Staͤdtchen, mit einem ziemlich weitlaͤuftigen Schlosse, das queer uͤber den Weg gebauet ist, mithin urspruͤnglich als ein Graͤnzbollwerk da steht, jetzt aber nur noch als Gespennst wirkt. Seine aͤußeren Mauern haben noch große Festigkeit, aber die Thuͤrme und Brust- wehren sind theils herunter geschossen, theils in sich selbst zusammen gestuͤrzt. Die be- jahrte Ansicht dieses Staͤdtchens, das nur aus einer einzigen Straße besteht, und die Truͤmmer des erwaͤhnten Schlosses, unter dessen ausgerupften Fluͤgeln es liegt, passen vortrefflich zusammen, und ich nahm beydes fuͤr eine Ruinen-Verzierung auf, die in dem großen Garten, worin ich mich befand, sey angebracht worden. Hinter Villa Franca werden Weg und Boden minder steinigt. Außer den Maulbeer- baͤumen zeigen sich wieder Ahorn und Ulmen, mit ihren treuen Begleitern, den Weinstoͤcken, Mitten unter ihnen erscheint ein anmuthiges Oertchen, das noch venetianisch ist, Masse- cane heißt, und fast ganz aus kleinern und groͤßern Landhaͤusern besteht, die im Durch- schnitt noch ganz neu sind und saͤmmtlich ve- ronesischen Familien gehoͤren. Jedes ist in einer besondern Bauart und in einem andern Geschmack aufgefuͤhrt, und keines ist darun- ter, das nicht das Auge sehr angenehm be- friedigte. Fremden Baukuͤnstlern moͤchte ich rathen, dies Staͤdtchen, als eine wahre Ga- lerie von Landsitzen, gezeichnet mitzunehmen, und sie den Liebhabern in ihrem Vaterlande als eine Musterkarte zu aͤhnlichen Gebaͤuden vorzulegen. Der Erfindungsgeist der Bau- meister scheint hier in der That in Nettigkeit, Bequemlichkeit, Einfalt und Gefaͤlligkeit ge- wetteifert zu haben, und die meisten seiner hiesigen Werke verdienten als Typen dieser Gebaͤude- gattung durch Europa aufgestellt zu werden. Roverbella (2 Posten von Verona) ist der erste Ort in der oͤsterreichischen Lombar- dey. Er sticht gegen die venetianischen Fle- cken, durch die ich gekommen bin, sehr zu sei- nem Vortheil ab. Seine Ansicht ist heiter und reinlich. Die Haͤuser sind von Stein, meist ganz neu, und mit Einwohnern besetzt, die ungleich anstaͤndiger gekleidet sind, als ihre Nachbarn, und eine gewisse Bildung ver- rathen. Ich sahe weder Bettler noch andre Taugenichts auf der Straße herum liegen, noch Haufen von muͤßigen Leuten Ball spie- len, oder Kugeln werfen; mit einem Worte, eine mehr geordnete Verfassung kuͤndigte sich in allen Dingen an. Auch die Mauthbedien- ten begnuͤgten sich nicht damit, daß sie mein Gepaͤck von außen ansahen und mir dann ver- sicherten, sie waͤren uͤberzeugt, daß ich nichts Verbotenes bey mir fuͤhre; nein, es mußte auf die Mauth gebracht, durchgesehen und sonach auch von neuem gepackt werden; frey- lich ein Geschaͤft, das die Bequemlichkeit ei- nes ehrlichen Reisers mit seiner Liebe zur po- litischen Ordnung ein wenig in Reibung bringt, wofuͤr er aber sogleich den Ersatz darin sindet , daß die Gegenwart eines Poli- zeysoldaten ihn vor den Zudringlichkeiten hungriger Zoll- und Postbeamten und fliegen- artiger Bettler sichert. Von Roverbella bis Mantua (1 Post) hatte ich wiederum einen gemachten Weg, so vortrefflich, wie man ihn im oͤsterreichischen Gebiete zu finden gewohnt ist. Der steinigte Boden hatte sich schon vor Roverbella ver- loren und, mit einer merklichen Abdachung, auch ein anderes Ansehen gewonnen. Wiesen gruͤnten uͤppig um mich her, niedrige Stellen waren mit Graben durchzogen, kleine Baͤche mit Daͤmmen eingefaßt und mit schlanken Pappeln besetzt. Natur und Menschen hat- ten sich vereinigt, um unserem großen Garten neue reizende Ansichten zu verschaffen. Die anziehendste darunter war die von Mantua selbst und der umliegenden Gegend. Verona lag neben und zum Theil auf An- hoͤhen, und hatte einen schoͤnen Fluß in sei- nem Schooße; hier sieht man, was recht sehr zu einem großen Garten gehoͤrt — einen weit ausgebreiteten See, der rund herum mit Gehoͤlz umgeben ist, eine Insel in seiner Mitte hat, und auf dieser Insel, eine be- traͤchtliche Stadt. Diese ist Mantua selbst! Da sie ganz flach liegt, so bietet sich nur ein Theil derselben dem Auge dar, der aber sehr vortheilhaft auf die uͤbrigen schließen laͤßt. Schon von außen erscheint sie weit lichter und neuer, als Verona. Die Thuͤrme sind stattlicher, die Aussenwerke, Mauern und Waͤlle hoͤher, und gut unterhalten; der Spie- gel des Sees, von Wiesen und Gehoͤlz um- geben, beleuchtet mit seiner Lichtmasse den Zugang, und zwey Stroͤme des Sees, die unter zwey Jochen einer großen Bruͤcke rau- schend heraus stuͤrzen, machen das Ganze durch einen Wasserfall noch malerischer. Ich fuhr zum Thore „della Cittadella“ , das nach einer Zeichnung von Giulio Ro- mano ausgefuͤhrt ist, herein, und gelangte uͤber die breite Hauptstraße der Vorstadt auf die vorhin erwaͤhnte Bruͤcke, die ein ausge- zeichnetes Werk der Baukunst von Azzolini ist, und durch ihre maͤchtigen Bogen, durch ihre Laͤnge, Hoͤhe und Masse auffaͤllt. Sie ist uͤberwoͤlbt und schließt zwoͤlf Mahlmuͤhlen, eine Schneidemuͤhle mit drey Saͤgen, und mehrere große Korn- und Mehl-Niederlagen ein. Ich fuhr in einen Gasthof, der groͤßer ist, als der groͤßeste, den ich je gesehen habe, ich meyne das rothe Haus in Frankfurt; der aber in Ruͤcksicht der innern Einrichtung, des Tisches, der Aufwartung, der Reinlichkeit und der Eleganz diesem nicht beykommt. Er heißt vorzugsweise „Albergo Reale“ , liegt fast in der Mitte der Stadt und hat die Bequem- lichkeit, daß er zugleich die Post einschließt, die der Fremde jeden Augenblick aus seinem Fenster bestellen kann. Er besteht aus einem pallastaͤhnlichen Hause und aus einem wirkli- chen, daranstoßenden Pallast, der in einem guten Geschmack, nach Dorischer und Joni- scher Ordnung, erbauet ist. Beyde Anlagen gehoͤren dem K. K. Staatsrath, Marchese Canossa , und schließen, drey Geschoß hoch, zwey große Hoͤfe ein. Jetzt wohnte ich mit einem Englaͤnder in diesen ungeheuren Gebaͤu- den ganz allein; zur Zeit der Jahrmaͤrkte sind aber beyde bis auf den letzten Winkel be- setzt. Der Grund dieser Ueberfuͤllung liegt in der Gewohnheit, daß der muͤßige Adel des Landes die Jahrmaͤrkte der umliegenden be- traͤchtlichen Staͤdte zum Zeitvertreib besucht und sich dann, wie natuͤrlich, in dem glaͤn- zendsten Gasthofe ausschließend niederlaͤßt. Ich hatte die vier und zwanzig ital. Mei- len von Verona bis Mantua, binnen etwas mehr, als vier Stunden, zuruͤck gelegt und konnte den ganzen Nachmittag zur Besichti- gung des Pallastes Te nutzen, der durch den Namen des Giulio Pippi aus Rom (sonst schlechtweg Julius Romanus ge- nannt) beruͤhmt geworden ist. Mantua, die Ernaͤhrerin dieses Kuͤnstlers, bauet auf ihn, naͤchst dem Virgil , der sich durch sein „pri- mus referam tibi, Mantua“ — zu ihrem Sohne macht, ob er gleich in einem benach- barten Dorfe geboren ist, die Ehrenstelle, die sie in der Geschichte der schoͤnen Wissenschaf- ten und Kuͤnste einnimmt. Sie bewahrt auch in der That mehr von den Werken dieses Kuͤnstlers, aus der Malerey und Baukunst, als Rom, der Ort seiner Geburt und seiner artistischen Ausbildung. Besonders ist der Pallast Te , oder The , gemeiniglich T , den er selbst gebauet hat, auch fast ganz von ihm mit Malereyen verziert. Man gelangt dahin auf einer geraͤumigen Straße, die theils mit lebendigen Hecken, theils mit Baumpflanzungen eingefaßt ist, und einen angenehmen Spatzierplatz fuͤr Fah- rende und Fußgaͤnger darbietet, in dessen Hin- tergrunde der Pallast sich erhebt. Diesen schoͤnen Zugang und eine Menge Ausbesserun- gen des Pallastes selbst, dankt man dem jetzi- gen Statthalter der oͤsterreichischen Lombar- dey, dem Erzherzoge Ferdinand , ohne des- sen Fuͤrsorge er vollends noch durch die Zeit das verloren haben wuͤrde, was ihm der Krieg und der rohe Soldat uͤbrig gelassen hat- ten. Zwar sieht man von der Veroͤdungslust des letztern noch Spuren genug, und diejeni- gen, die man uͤbertuͤncht oder uͤbermalt hat, verrathen sich eben dadurch nicht weniger deut- lich; aber lobenswuͤrdig bleibt diese Aufmerk- samkeit immer, sey sie aus Kunstliebe, oder aus Finanzruͤcksichten entstanden. In Italien ist es naͤmlich auch dem Staate nuͤtzlich, be- ruͤhmte Kunstwerke zu unterhalten. Bey der Menge von Fremden, die dahin kommen, ma- chen ihre Zehrung und ihre sonstigen Beduͤrf- nisse keinen zu verachtenden Gegenstand. Man- tua besonders, das arm an Erwerbsquellen ist, muß diese mit Dank annehmen. Ich machte diese kleine Reise mit meinem Hausgenossen, dem Englaͤnder, einem jungen Mann, der zwar hier herum „Milordo“ war, aber in Manchester oder Hallifax, seinen Be- griffen und Kenntnissen nach zu schließen, der Sohn eines ehrlichen Wollen- oder Baum- wollenfabrikanten seyn mochte. Wir hatten beyde einen „Cicerone“ in der Tasche und einen hinten auf dem Wagen. Der meinige hieß: Descrizione storica delle Pitture del regio-ducal Palazzo del Te etc. Mantova, 1783; und der seinige: Breve descrizione delle Pitture, Sculture ed Architetture, che si osservano nella Città di Mantova e ne’ suoi contorni; fatta stampare nuo- vamente con molte aggiunte, a commodo singolarmente de’ Forestieri, da Francesco Pagliari, Mantovano, servitore di Piazza; dedicata al merito impareggiabile de’ piu Illustri Signori Viaggiatori. Mantova, mdcclxxxviii . Der dritte, lebendige, hieß kurzweg Antonio , und war auf die beyden Todten hoͤchst eifersuͤchtig, sobald er sie er- blickte. Er versicherte, durch solche Geschreib- sel wuͤrden die Fremden nur irre gefuͤhrt; sie kaͤmen von „povretti Abbatini“ , die nicht einen zehnten Theil von dem wuͤßten, was ein ehrlicher Platzbedienter an den Schuhen abgelaufen haͤtte. Mein Englaͤnder versicherte, sein Buch sey von einem Lohnbedienten selbst geschrieben, der Pagliari heiße und aus Man- tua gebuͤrtig sey, mithin am besten Bescheid wissen muͤsse. Antonio fuhr mit dem Zeige- und Mittelfinger vom Halse bis zum Kinn herauf und sagte: V. E. lo prenda al suo servigio ! — Auch mir schien der abge- schmackte Titel und der, einem Platzlakeyen angemessen seyn sollende, Vortrag zu bewei- sen, daß ein armer Abbate um ein paar Phi- lippsthaler diesen Scherz gemacht habe. Mein Cicerone war in der That besser und zu- vertässiger. Die genannte Descrizione ist von Gio- vanni Bottani , Direktor der Malerakademie in Mantua, der Auftrag von dem Erzherzog hatte, an der Ausführung einer Idee Theil zu nehmen, die dahin ging, die Ueberreste der Werke des Ju- lius Romanus, die sich um und in Mantua befin- den, von geschickten Meistern in Kupfer stechen zu lassen. Bottani schrieb, und widmete dies kleine Werk dem Erzherzoge und seiner Gemahlin, als ei- nen Vorlaͤufer des Größern, das aber nicht erschie- nen ist. Daß die Italiener selbst, und nach ihnen die Franzosen, Englaͤnder und Spanier, im- mer noch glauben, der beruͤhmte Pallast des Julius Romanus sey in der Form eines T gebauet, und habe von diesem Buchstaben sei- nen Namen, kann diesen Nationen leichter hingehen, als uns Deutschen, die wir in dem Ruf und im wirklichen Besitze sind, auswaͤr- tige Laͤnder und ihre Merkwuͤrdigkeiten so gut und gruͤndlich und oft weit besser zu ken- nen, als unsre eigenen. Ich glaube mir ein kleines Verdienst zu stiften, wenn ich an dem Irrthum mit dem T etwas ruͤttele, der sich in allen deutschen Reisebeschreibungen eben so gut findet, als in allen englischen und franzoͤ- sischen. Damit die Leser trauen koͤnnen, will ich alles mit den Worten des gedachten Di- rektors der Malerakademie von Mantua be- legen. Der bewußte Pallast ist nach Dorischer Ordnung ins Gevierte gebauet Questo rinomato Edificio — è di forma qua- drangulare, d’ordine dorico etc. etc. Giov. Bottani Descriz. Stor. p. 26. und schließt einen geraͤumigen Hof ein. Queer uͤber die- sen Hof, von dem Fluͤgel, durch den man hineintritt, an, bis zu dem entgegen gesetzten hinuͤber, laͤuft ein bedeckter Gang. Dieser Gang mußte einer lebhaften Einbildungskraft die Perpendikularlinie, und der Fluͤgel, an den er sich lehnt, mußte die Transversallinie des des T hergeben, und so erhielt der Pallast seinen Namen. Aber außer der Unerweislichkeit dieser Buchstabengestalt l’Insussistenza della stessa pretesa configura- tione (cio è del T) etc. ibid. p. 24. die Julius Romanus, der große Kenner und eifrige Nachahmer des Alterthums, in der That in den alten Truͤm- mern zu Rom nicht gefunden haben wird, und die er, wenn er sie haͤtte finden koͤnnen, nicht nachgeahmt haben wuͤrde — ist beson- ders zu bemerken, daß der Ort, wo der Pal- last steht, auf alten Karten unter der Benen- nung The vorkommt, und daß er bis zur Oberherrschaft der Familie Bonacalsi im drey- zehnten Jahrhundert uͤber Mantua, wie man aus den Statuten der Stadt von der dama- ligen Zeit sieht, Tejetto ist genannt wor- den, was die Ueberschriften eben dieser Sta- tuten: de dominabus Thayeti — de fra- tribus S. Matthaei de Theyeto — de cu- stodia Theyeti etc. klar beweisen Ibid. p. 25. annot. Der Siebentes Heft. O Pallast hatte also seinen Namen von dem Platze, auf welchem er erbauet wurde; dieser Name wurde im gemeinen Leben bis zu The , zu Te , und endlich bis zu einem T zusam- men gezogen; und als man zuletzt gar in sei- ner Gestalt selbst ein solches fand, so blieb ihm die Benennung davon ohne Widerspruch eigen. Wenn es richtig ist, daß in manchen franzoͤsischen Provinzen die Edelleute in aͤltern Zeiten ihren Pallaͤsten die Gestalt des ersten Buchstabens in ihrem Familien- oder Vorna- men gaben, so hatten diejenigen, die den Mantuanischen Pallast einem T aͤhnlich fan- den und ihn danach benannten, eine Autori- taͤt, die sie in diesem Irrthume bestaͤrkte, aber sie vergaßen, daß der Familienname des Erbauers kein T sondern ein G (onzaga) und sein Taufname ein F (riederich) war. Gewiß ist, daß es groͤßere und praͤchtigere Pallaͤste geben kann und wirklich giebt, als dieser Tepallast, aber nach richtigern und schoͤ- nern Verhaͤltnissen erbauete, duͤrfte man wohl wenig finden. Er hat nur zwey Geschoß; ein ganzes, in rustischem Geschmack, und ein halbes, das, ohne Fensterverzierungen, auf dieses gesetzt ist. An den Vorderseiten der Fluͤgel laufen vierzehn und sechzehn Dorische Wandpfeiler hin, die von der Unterlage bis zum Kranz hinauf steigen und diesen, der uͤberaus gefaͤllig gezeichnet ist, und das Dach, emporhalten. Der Geschmack in dem Gan- zen und dessen einzelnen Theilen ist der Be- stimmung dieser Anlage ganz angemessen, und athmet eine auffallende Festigkeit, Maͤnnlich- keit und Einfalt, die alles, was Schnoͤrkel scheinen koͤnnte, standhaft verschmaͤhet hat; mit einem Worte, Julius brachte in diesem Pallast ein Kunstwerk hervor, das mit dem Geiste des Alterthums die neueren Erfindun- gen zur Bequemlichkeit verband und zugleich die Stufe angiebt, welche die Baukunst und die Malerey zu seiner Zeit, unter Mitwirkung seines großen Meisters und seiner eigenen und vieler andern gluͤcklichen Geister, erstiegen O 2 hatten. Denn Julius hat auch das Innere des Pallastes mit seinem zweyten Talent, der Malerkunst, verschoͤnert. Wenn es moͤglich waͤre, in dem Falle, daß Ein großer Kopf Zwey oder Drey Kuͤnste in einem vorzuͤglichen Grade versteht und aus- uͤbt, genau zu entscheiden, in welcher von die- sen Kuͤnsten er vorzuͤglich Meister ist: so wuͤrde es bey Julius Romanus gleichwohl schwerer, als bey andern aͤhnlichen Kuͤnstlern werden, zu bestimmen, ob er ein groͤßerer Maler, oder ein groͤßerer Baumeister gewesen sey. Mir scheint er beyde Kuͤnste in gleich hohem Grade besessen zu haben, und ich fuͤhre zur Bestaͤtigung meiner Meynung nur die Wahrnehmung an, daß die Baumeister und die Maler wechselseitig den groͤßesten Antheil an seinem Genie sich anmaaßen. Die bloßen Theoretiker und Kunstrichter halten es hierin theils mit den Malern, theils mit den Bau- kuͤnstlern. Raphael war auch Baumeister, aber es ist ausgemacht, daß er ein groͤßerer Maler war; Michel Angelo war Bild- hauer, Maler und Baukuͤnstler zugleich, alles in einem vorzuͤglichen Grade, aber die Mehr- heit haͤlt ihn, seit der Empfaͤngniß des gro- ßen Gedankens, ein Pantheon als Kuppel auf die Peterskirche in Rom zu setzen, als Baumeister fuͤr groͤßer, denn als Maler und Bildhauer. Gerade dadurch gewinnt der Pallast Te so sehr an Merkwuͤrdigkeit, daß er von den beyden Virtnositaͤten seines Meisters anschau- liche Probestuͤcke enthaͤlt. Wie in seiner Va- terstadt kein so großes Werk der Baukunst von ihm vorhanden ist, als das hiesige, so sind auch die dortigen Ueberbleibsel seines Pinsels theils geringer, theils zweifelhafter. Er hat Antheil an manchen Werken Raphaels, die dieser bloß zeichnete oder anlegte, und Ju- lius mit andern Schuͤlern desselben ausmalte; und man zeigt in den „Stanze“ und in der „Farnesina“ zu Rom, Figuren und ganze Gruppen, welche die Ueberlieferung dem Ju- lius zuschreibt. Aber außerdem, daß solche Nachrichten nicht als zuverlaͤßig verbuͤrgt wer- den koͤnnen, bleibt auch das Vorurtheil gegen ihn, daß die Erfindung, das Hauptstuͤck des Genies, an diesen Werken nicht von ihm sey. Von diesem Vorwurf erscheint er in den Ar- beiten des Pallastes Te ganz frey, und was von ihm selbst noch darin vorhanden ist, giebt einen ganz reinen Stoff zur sichern Be- urtheilung seines Geistes und seiner Talente als Maler, oder wenigstens als Zeichner, wenn man sich der Unbilde wegen, welche Zeit und Menschen seinen Farben zugefuͤgt ha- ben, Sie sind nämlich theils muthwillig verwischt, theils unangenehm nachgeröthet. lieber nicht auf seine Kunst in der Farbengebung einlassen will. Auch ist be- kannt, daß viele seiner Zeichnungen nicht von ihm, sondern von seinen Schuͤlern, Prima- ticcio und Johann Briziano von Mantua , gefaͤrbt, und daß selbst diese in ganz neueren Zeiten theils von dem Direktor Bottani selbst, theils unter seinen Augen, sind nach- und uͤbermalt worden. Die noch von Julius in diesem Pallast vorhandenen und erhaltenen Malereyen sind von verschiedenem Werth und Umfange. Viele erheben sich wenig uͤber gewoͤhnliche me- chanische Zimmerverzierungen und bestehen in Medaillons, Basreliefs und andern kleinern Erfindungen, woran besonders die oben ge- nannten Schuͤler des Julius, Antheil gehabt haben; andere tragen aber so unverkennbar den Charakter ihres Meisters, daß dieser auf den ersten Blick hervorspringt. Eine gewisse Kuͤhnheit und Groͤße in der Zeichnung, eine ganz antike Wendung in den Figuren und in dem Schlage der Gewaͤnder, und eine große Einsicht in Zusammenstellung der einzelnen Gruppen und in Anordnung des Ganzen; mit einem Worte, die anerkannten Vorzuͤge des Julius, als Malers, treten hier staͤrker und reichlicher hervor, als in allen uͤbrigen Werken, die sich von ihm erhalten haben. Ohne mich in eine umstaͤndliche Beschreibung der vorzuͤglichsten hiesigen einzulassen, ist es fuͤr meinen Zweck hinlaͤnglich, nach den oben- stehenden Bemerkungen, sie nur noch fuͤr meine reisenden Landsleute namentlich zu be- zeichnen. Das erste und vorzuͤglichste ist der Sturz der Giganten , der das sogenannte Riesenzimmer einnimmt; das zweyte der Fall Phaͤtons vom Sonnenwagen ; das dritte Poliphem ; das vierte Psy- chens Geschichte mit Amor ; das fuͤnfte Mars, Venus und Adonis ; und das sechste endlich, Caͤsar, von seinen Likto- ren umgeben, der Buͤcher verbren- nen laͤßt . Ich kann nicht entscheiden, ob dies der wirkliche Gegenstand dieses Gemaͤldes seyn mag. Wenigstens geben ihn die Reise- beschreiber so an und der Direktor Bottani widerspricht ihnen nicht. Wenn ich die uͤbri- gen zahlreichen Freskomalereyen, die als Ar- beiten des Julius nicht zu verkennen sind, hier uͤbergehe, so habe ich oben den Grund davon angegeben. Man wird sie aber alle ohne Ausnahme mit großem Genuß selbst se- hen und uͤberall die Spuren von dem Geiste ihres Urhebers wiederfinden. Mir war der Nachmittag fast zu kurz ge- worden, um alles zu sehen, aber mein Reise- gefaͤhrt hatte nicht voͤllig drey Viertelstunden dazu gebraucht. Der Pallast war ihm zu klein, zu raͤucherig und zu unansehnlich, und nur der Umstand, den ich ihm aus meinem „Cicerone“ zum besten gab — „daß er Stu- terey und Marstall gewesen sey, ehe ihn Ju- lius umschuf“ — schien ihm in seinen Augen etwas mehr Merkwuͤrdigkeit zu geben. So suchte er auch unter den Gemaͤlden besonders die Thierstuͤcke , und in diesen wiederum, die Pferde auf, uͤber deren Bau und Stel- lung er dem Julius viel Einwendungen machte, die bey weitem nicht so gegruͤndet waren, als diejenigen seyn wuͤrden, die Kenner des Schoͤ- nen dem englischen Zeichner machen moͤchten, der einen spitzkoͤpfigen Englaͤnder, mit hervor- stehenden Huͤften und abgehauenem Schweife, als Muster einer schoͤnen Pferdegestalt dar- stellen wollte. Da er nach englischer Sitte, einen Pferdeknecht und drey Reitpferde aus „Old-England“ bey sich hatte, so brauchte er nicht wegen des Wagens auf mich zu war- ten, sondern konnte sein „comfortable“ zu Hause suchen, wo ich ihn auch des Abends, bis aufs Hemde ausgezogen, hinter einer Flasche Rheinwein und einer Schuͤssel vor- trefflichen Obstes, auf dem Kanapee wieder- fand. In dieser behaglichen Lage war er auch nicht zu bewegen, mit in das Theater zu gehen, ungeachtet eines der bessern Stuͤcke von Goldoni ( die gewandte Frau , la Moglie saggia ) gegeben wurde, und das Schauspielhaus selbst, als ein gutes Werk der Baukunst von Franz Bibbiena gesehen zu werden verdiente. Das Innere von Mantua ist weit geraͤu- miger und lichter, als das von Verona. Die Straßen sind breit und groͤßestentheils gerade; die Haͤuser sind weit neuer und haben nicht den altmodischen Putz von Altanen, Balkonen und Galerien. Ihre Hoͤhe ist gewoͤhnlich drey bis vier Geschoß, und wenn in ihrer Mitte nicht so viel Pallaͤste vorkommen, als in Verona, so sind sie doch laͤnger und min- der rostig. Einige darunter, z. B. die Pal- laͤste Colloredo, Valenti, Sordi, d’Arco, Cavriani, Gonzaga, Arri- vabene, Andreasi u. a. zeichnen sich durch gute Bauart im Aeußern, und im Innern durch manche artistische und gelehrte Vorraͤthe aus. Der erstre ist nach einer Zeichnung von Julius Romanus ausgefuͤhrt. Sein eigenes Haus, das er selbst in ziemlich barockem Ge- schmack angab und bauete, ist auch noch vor- handen, so wie einige oͤffentliche Anlagen, z. B. die Fleisch- und Fischbaͤnke und der Stall fuͤr die reitende Leibwache, die von seiner Zeichnung sind. Die Stadt Mantua dankt ihm uͤberhaupt viel in Ruͤcksicht ihres Grundes und ihrer Zierde. Der Herzog Friedrich brauchte ihn bey Ausfuͤllung der sumpfigten Stellen, bey Erhoͤhung des Bo- dens und bey Herstellung der Haͤuser, die durch Ueberschwemmungen gelitten hatten; und niemand durfte ein neues Haus bauen, der sich nicht bey ihm gemeldet und seinen Rath und Plan daruͤber vernommen haͤtte. Eben dieser Herzog ernannte ihn, kurz vor seinem Tode, zum Aufseher des Wasser- und Haͤuserbaues, und er blieb bis an sein Ende mit den Pflichten dieser Stelle beschaͤftiget. Verona hat unter allen seinen Kirchen keine aufzuweisen, die als Werk der Baukunst solch einen Genuß gewaͤhrte, als die hiesige Domkirche , die nach einer Zeichnung von Julius aufgefuͤhrt ist. Schon das Portal derselben kuͤndigt selbst dem Auge des Layen das Werk des Meisters an, und das Innere, auf vier Reihen praͤchtiger Saͤulen gestuͤtzt, vollendet den vortheilhaftesten Eindruck. Man tadelt, daß das Ganze fuͤr seine Laͤnge zu breit sey und vergißt dabey, daß es von einem eifrigen Nachahmer der Alten entworfen wurde, die ihre Tempel uͤberhaupt breiter machten, da wir die unsrigen mehr in die Laͤnge hal- ten. Waͤre es billig, Werke, deren meiste Theile vollkommen sind, der wenigsten wegen, die Fehler haben, zu tadeln, so koͤnnte man sagen, daß die Saͤulen fuͤr die Hoͤhe der Schiffe, die sie tragen, zu schwerfaͤllig sind, und daß das Ganze nicht Licht genug hat. Kenner werden aber auch diesen beyden Vor- wuͤrfen dadurch begegnen, daß die Alten ihre Saͤulen staͤrker machten, als wir Neueren, durch die schlankern Pfeiler der deutschen Bau- kunst verwoͤhnt, sie zu sehen gewohnt sind, und daß sie mit Fleiß ein gewisses feyerliches Dunkel in ihren Gotteshaͤusern herrschen lie- ßen. Gegen die Verhaͤltnisse der Kuppel moͤchte schwerlich das eigensinnigste architekto- nische Auge etwas einwenden. In diesem Dom ist eine Seitenkapelle, zwar groͤßer und praͤchtiger, aber sicher nicht schoͤner, als die Kapelle Pellegrini in Verona. Ihre Verzierungen passen wohl fuͤr eine Schaubuͤhne, aber nicht fuͤr ein Bethaus; sie sind bunter, als die buntesten in der unten zu erwaͤhnenden Andreas-Kirche , und uͤberall so mit hellblau, hellroth, hellgruͤn, hellgelb und, zu allem Ueberfluß noch, mit Gold uͤberladen, daß das Auge geblendet wird und sich bald gesaͤttigt wegwendet. Diese Zierrathen sind sicher nicht im Geiste des Baumeisters ausgefuͤhrt. Man sieht auch ei- nige gute Gemaͤlde in dieser Kirche: eine Be- rufung des Petrus und Andreas zum Apostolat, von Julius; eine Versuchung des heil. Antonius von Paul von Verona ; und die Ansetzung eines abgehackten Pferde- fußes durch das bloße Zeichen des Kreutzes, von Guercino di Cento . Dem Dom gegenuͤber, auf dem sogenann- ten Waffenplatze , steht der alte herzog- liche Pallast , der sehr rostig in die Augen faͤllt und nur noch durch einige Anlagen und Malereyen des Julius Romanus merkwuͤrdig bleibt. Das Hauptgeschoß ist, wie sich das an weit neueren Pallaͤsten in Italien so haͤufig findet, mit Brettern vernagelt. Unter mehre- ren Hoͤfen, die er einschließt, ist nur Einer etwas erneuert worden, weil die Zimmer der Erzherzogin Maria von Este , Gemalin des jetzigen Statthalters der oͤsterreichischen Lombardey, die zuweilen hieher koͤmmt, nach demselben hinaus gehen. Sonst ist er sehr weitlaͤuftig; aber ganze Reihen Zimmer sind entweder gar nicht, oder sehr armselig oder altmodisch, aufgeputzt. Auch hier zeigt man mehrere Werke von Julius Romanus und von seinen Schuͤlern. Der sogenannte Saal der Zeichen hat ein Deckenstuͤck von seiner Hand: die Zeichen des Thierkreises , in riesenhafter Form. Der Trojanische Saal , mit der Darstellung einiger Begebenheiten aus dem Trojanischen Kriege, ist ebenfalls sein Werk; so wie die sogenannte alte Gale- rie , die er gebauet hat, die aber weiter keine artistische Merkwuͤrdigkeiten einschließt. Auch die Decke der großen Galerie ist von ihm und seinen Schuͤlern gemalt. In einem an- dern großen, aber veralteten und raͤucherigen Saal, hangen sechs große Gemaͤlde, die ihn ganz ausfuͤllen und von Brusasorzi seyn sollen. Vier davon stellen Momente aus der Fabel vom Sturze des Phaͤton vor, das fuͤnfte Deukalion und Pyrrha , das sechste die Giganten , die Zevs in den Abgrund schleudert. Noch sind einige Zimmer voll Niederlaͤndischer Tapeten da, die nach Zeichnungen von Raphael gearbeitet seyn sol- len. Guercino di Cento, Brusasorzi und Pri- maticcio haben auch einige Gemaͤlde hieher geliefert. Noch ist ein kleiner hangender Gar- ten, mit einem Portikus von einer Doppel- reihe toskanischer Marmorsaͤulen, nach einer Zeichnung von Palladio, wie man sagt, da, und des Sehens werth. Eine Kirche, wie die Andreaskirche , hat Verona ebenfalls nicht aufzuweisen. Ihr Baumeister ist Leon Battista Alberti , ein ein aͤlterer, vorzuͤglicher Baumeister, der die Alten fleißig studierte und nachahmte; das Innere seines Werkes ist indessen durch das, was man neuere Verbesserungen nennt, gro- ßentheils verdorben worden, Milizia, Memorie degli Architetti etc. Tom. I. p. 232. besonders durch eine Kuppel, die ein neuerer Baumeister, Philipp Giovara , darauf gestuͤlpt hat. Diese ist fuͤr ihren Durchmesser zu hoch, wo- durch sie den Fehler bekoͤmmt, daß sie gleich- sam zuckerhutaͤhnlich sich nach oben zuzuspitzen scheint. Das Schiff selbst, ein Ueberbleibsel des alten Plans, ist geraͤumig, und leicht ge- woͤlbt, obwohl, wie das ganze Innere, mit unuͤbersehlichen, neuern, gemalten Schnoͤrkeln uͤberladen. Die meisten darin befindlichen Gemaͤlde haben denselben Fehler der Buntheit und sind, nicht vor langer Zeit, wie mir der herumfuͤhrende Vater Franciskaner mit Ge- wicht sagte, von der Mantuanischen Schule gemalt, woraus er mir auch einige Siebentes Heft. P Namen mit eben so viel Gewicht nannte. Ich hoͤrte sie zum erstenmal nennen. Viel- leicht werden sie einmal beruͤhmt, wenn sie sterben, oder wenn sie erst noch laͤnger todt sind. Jetzt schienen mir ihre Arbeiten noch mittelmaͤßig. Ich hatte den Einfall, die Kuppel dieser Kirche besteigen zu wollen, um die Stadt zu uͤbersehen. Man gab mir einen Chorknaben zur Begleitung, und es fiel mir sehr auf, daß er sich dazu mit einem Lichte versehen hatte. Wir brauchten es aber sehr noͤthig. Ich hatte hier abermals einen Beweis von dem ganz eigenen Charakterzuge der Italiener, daß sie so fruͤh als moͤglich, wenn auch nicht lange und nicht recht, genießen wollen. Hier hatte man nur geeilt, dasjenige an der neuen Kuppel fertig zu haben, was von außen in die Augen faͤllt; an die Vollendung des In- nern hatte man nicht gedacht und es duͤrfte nun wohl, so lange die Kirche steht, so blei- ben, wie ich es fand. Mein Fuͤhrer kroch, mit seinem Licht- stumpen, den er in freyer Hand hielt, durch eine niedrige Thuͤre voran. Sie fuͤhrte zu einer Treppe, oder vielmehr zu etwas, das eine Treppe werden sollte; denn, o Grausen und Entsetzen! anstatt Stufen zu finden, sah ich einen Haufen von Schaͤdeln, Armen und Beinen vor mir, die mein Fuͤhrer ohne Scheu und Gewissen bekletterte und zwar mit so viel Uebereilung, daß seine kleine Person mit fuͤnf oder sechs Koͤpfen und mit einer verhaͤltniß- maͤßigen Anzahl von Beinen und Armen mir vor die Fuͤße rollte. Ich half ihm wieder auf, und folgte ihm dann getreulich uͤber die seltsame Treppe von Knochen, freylich nicht ohne Kopfschuͤtteln, als ich, auf Erkundigung, vernahm, daß sie seit Gruͤndung der Kuppel dalaͤgen, und zwar recht bequem, weil doch sehr selten jemand dahin kaͤme, als etwa ein „Inglése“ oder „Tedesco curioso.“ Nach einer Weile gelangten wir zu einer wirklichen Treppe, die sich schneckenartig und P 2 sehr enge hinauf wand, aber bald wieder auf- hoͤrte. Ein paarmal mußte ich unter schon gestuͤtzten Wetterdaͤchern hinweg kriechen, auf denen die Ziegel nur weitlaͤuftig lagen; ein paarmal mußte ich uͤber diese lockern Ziegel selbst mit wirklicher Gefahr auf Haͤnden und Fuͤßen hinweg klettern. Dies alles war nur auf Unterdessen da, aber es wird noch nach funfzig Jahren, von Reisenden, die mir diese finstre und beschwerliche Reise nachthun, eben so gewiß dort faulend gefunden werden, als die Todtenknochen. Endlich gelangte ich an das Dach der Kuppel, um welche ein ziemlich schmaler Gang — ohne Gelaͤnder — laͤuft. Hier wurde ich allerdings fuͤr meine Muͤhe reichlich belohnt. Die Aussicht von da herab ist so schoͤn, als irgend eine um und in Verona; und da Mantua schon tiefer in der Ebene liegt, so hat man auch die Alpen, die in einem Halb- cirkel sie im Hintergrunde umschließen, schon bestimmter und uͤbersehbarer vor sich. Das Auge umspannt mehrere Meilen in die Runde. Der See, worin Mantua liegt, tritt, von Westen her, in einem schoͤnen Spiegel, der von Pappeln, Maulbeerbaͤumen und Cypres- sen beschattet wird, auf sie zu, und streckt zwey Arme um sie her aus. Die Stadt selbst hat man zu seinen Fuͤßen und sie er- scheint fast so groß als Verona, nur ist ihre Gestalt mehr rund. Auch der große Fluß fehlt ihr, der Verona verschoͤnert, und die Bruͤcken daruͤber und die gruͤnen, mit Cypres- sen und Weingaͤrten besetzten, Terrassen. Zwar geht ein Arm des Mincio durch sie hin, aber er ist sehr schmal, und von den sechs Bruͤcken, welche die Theile der Stadt, die er trennt, wieder verbinden, bemerkt man nichts. Mantua hat, fuͤr seine Groͤße, eine auf- fallend geringe Bevoͤlkerung. Noch in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts, soll sie gegen 50,000 Einwohner gehabt haben, und dazu waͤre sie noch geraͤumig genug; aber sie hatte und hat noch jetzt mehrere po- litische und physische Feinde, die sie zu Grunde richteten und jetzt noch fortdaurend ihr Auf- kommen verhindern. Ehedem besaß sie einen Hof innerhalb ihrer Mauern, der Kuͤnste, Wissenschaften und Manufakturen beguͤnstigte und dadurch ein mannigfaches Verkehr ver- anlaßte. Um diesen her lebte ein zahlreicher, wohlhabender Adel. Dieser verschwand, bis auf wenige alte, im Lande selbst ganz besitz- liche, Haͤuser, mit dem ehemals regierenden Hause der Gonzaga. Nachrichten von dem letzten Zweige dieses Hauses findet man in den letzten sechs Stuͤcken des Ge- nius der Zeit . Jahrgang 1795. Zwey verheerende Eroberungen vertrieben noch andre Familien, die, um ihr Geld zu verzehren, andre Zu- fluchtsoͤrter aufsuchten, welche nicht bey jeder Irrung, woran das Haus Oesterreich Antheil hatte, kriegerischen Anlaͤufen ausgesetzt waren. Der Manufakturunternehmer und Handels- mann waͤhlt aus eben dem Grunde solche Plaͤtze nicht zu Niederlagen seines Vermoͤgens und zu Werkstaͤtten seines Erfindungsgeistes und Fleißes; selbst der mechanische Arbeiter scheuet dergleichen, aus Furcht vor Unterbre- chungen, die ihm mit seiner Arbeit zugleich sein Brod rauben. Das in Oesterreich seit- dem so oft veraͤnderte, und mit jeder neuen Veraͤnderung druͤckender gewordene, Mauth- system, kann einer Stadt, die in Handel und Manufakturen zuruͤck gekommen ist, auch nicht aufhelfen, noch weniger ein Verkehr zu ihr zuruͤck fuͤhren, das einmal einen andern und freyern Zug genommen hat. Dazu koͤmmt, daß die Stadt, ihrer morastigen Lage wegen, mehrere Monate jaͤhrlich an einer ungesunden Luft leidet, die Ansiedelungen un- moͤglich macht, weil Fremden die Folgen da- von fuͤrchterlicher scheinen und in der That sind, als Einheimischen. Aus diesen Ursachen sind alle die Anstalten, die Maria Theresia, Firmian, und Joseph der Zweyte zur Auf- nahme von Mantua trafen, nur zum Theil wirksam geworden; und wenn diese Stadt jetzt mehr Einwohner zaͤhlt, als zu Keyß- lers Zeiten, der (wie auch nach ihm Volk- mann und Buͤsching ) ihren Bestand nur zu 10,000 Seelen berechnet; so enthaͤlt sie doch auch nicht 20,000 Menschen, wie de Luca und nach ihm Jaͤger angeben. Ein unterrichteter Mann, der in andern Dingen nichts uͤbertrieb, die ich selbst untersuchen konnte, setzte die Seelenzahl auf dreyzehn bis vierzehn tausend . Nur der Kern der Stadt beweist durch eine groͤßere Lebhaf- tigkeit, daß sie diese Anzahl enthalten kann. Da er den Markt einschließt, so zeigen sich auf den dahin fuͤhrenden Straßen die Ein- wohner am haͤufigsten. Die entferntern aber sind menschenleerer, als in Verona, und man sieht da stellenweise fuͤnf bis sechs Haͤuser ne- ben einander verschlossen stehen, und an den Seiten hohes Gras zwischen dem Pflaster hervorwachsen. Hier und da bemerkt man eine offene Thuͤr, oder einen Kopf in einem Fenster, oder im Erdgeschosse einen armen Schuster, oder einen Schneider, oder eine Obsthoͤkerin oder Schwefelholzhaͤndlerin. Ein oder ein paar zarthufige Eselchen trippeln, anstatt aller Wagen, an den Seiten hin. Uebrigens bekenne ich, daß mich an diese Stadt nichts mehr fesseln konnte, nachdem ich ihre artistischen und literarischen Merkwuͤrdig- keiten Was diese betrifft, so verweise ich auf Volkmann (3. Theil, S. 777 fg.) und auf Don Andres (Bd. 1. S. 339 fg.). Letzterer wohnt seit einigen Jahren hier, aber er war, zu meinem Bedauern, gerade auf dem Lande. gesehen hatte. Es war jetzt weder eine Societaͤt hier, noch hatte ich irgend ein Geschaͤft oder eine Liebhaberey, welche die leeren Stunden auch nur eines einzigen Ta- ges haͤtten ausfuͤllen koͤnnen. Ich reiste also schon den andern Morgen (den 25. Sept.) gegen 11 Uhr ab. Um Vier Uhr Nachmittags war ich schon in Kremona . Ich hatte waͤhrend dieser fuͤnf Stunden eine Strecke Weges zuruͤck ge- legt, die, nach dem Meilenzeiger der Extra- post, 6 Stationen oder 12 deutsche und 48 ital. Meilen betragen sollte. Man erraͤth, daß diese außerordentliche Schnelligkeit ihre guten Gruͤnde haben mußte. Es waren ihrer zwey: der schoͤnste Weg, den man sich denken kann, und das kuͤrzeste Meilenmaaß, das ir- gendwo uͤblich und billig ist. Die Landschaft, durch die man faͤhrt, bleibt der Gegend vor und um Mantua gleich: Alleen von Baͤumen, Felder dazwi- schen, und Gewinde von Reben, mit dem ganzen Reichthum eines gluͤcklichen Jahres prangend. So dauert es fort, bis man sich dem maylaͤndischen Gebiete naͤhert, wo der Maulbeerbaum einzelner wird, dafuͤr aber die schoͤnsten Pappeln sich erheben, die ihrerseits fruchtbare Reisfelder einschließen und den vor- treflichen Straßendamm zu einer wahren Gartenallee machen. Da er stundenlang nach der Schnur gezogen ist; da er, wenn er sich auch einigemal zur Rechten oder zur Linken wendet, sogleich wieder in eben so gerader Richtung fortlaͤuft; da sich dort, wo er solche Winkel bildet, immer ein Staͤdtchen, oder ein Flecken, oder ein schoͤnes Posthaus befindet, das solche unabsehliche Alleen beherrscht: so tritt hier abermals das Bild eines Gartens hervor, dessen Baumgaͤnge im Hintergrunde mit gemalten Aussichten auf Staͤdte und Land- schaften verziert sind. Der letzte Theil des Weges gewaͤhrt die Aussicht auf Kremona selbst. Der beruͤhmte, einzeln da stehende, Thurm dieser Stadt, ihre Domkirche und ein paar andre stattliche Thuͤrme, beschraͤnken hier den Ausgang des angenehmen Weges und zeigen dem Reisenden zugleich das Ziel seiner Tagereise. Die Oerter zwischen Mantua und Kre- mona, wo man die Pferde wechselt, sind theils Staͤdtchen oder Flecken ohne große Be- deutung, theils einzelne Posthaͤuser. Nach der neuesten Einrichtung sind es Castelluccio (1 Post), Bozzola (1 ½ P.), S. Lorenzo (1 ½ P.), Cigognola (¾ P.). Von da bis Kremona ist noch Eine Post. Weil diese Stadt in einer voͤlligen Flaͤche liegt, und das Auge uͤberdies von den Baͤu- men an der Straße beschraͤnkt wird, so zeigt es sich von außen her nur einem kleinen Theile nach; koͤmmt man aber hinein, so sieht man, indem Straßen und Plaͤtze sich vor einem ausdehnen, daß sie nicht zu der Gattung der kleinen Staͤdte gehoͤrt, worin die meisten Reisebeschreiber ohne naͤhere Be- stimmung sie gesetzt haben. Sie scheint we- nig kleiner, als Mantua, und ist ein wahres Seitenstuͤck zu dieser Stadt. Ihre Haͤuser find von derselben Bauart, ihre Straßen von gleicher Breite, hier und da eben so mit Gras bewachsen, eben so menschenleer. Wie das „Calendario di Cremona, per l’anno 1794“ dennoch eine Einwohnerzahl von 25,652 fuͤr diese Stadt hat herausbringen koͤnnen, wuͤrde ich nicht begreifen, wenn es sich nicht bey dieser Nachricht der wunderlichen Worte bediente „un anno con l'altro“ — ein Jahr in das andre gerechnet . Wer weiß nun, welche Jahre einer staͤrkern Bevoͤl- kernng dieser feine politische Rechner ange- nommen hat, um sie mit den Jahren einer schwaͤchern Volksmenge zu vergleichen und jene Mittelzahl zu bestimmen? Eben dies „Ca- lendario giebt weiterhin die Anzahl der Buͤr- gerhaͤuser zu 2470 an; viele davon stehen, wie in Mantua, leer. Rechnet man der schlechten Bewohnung wegen Sechs Menschen auf ein Haus, so bringt man etwas mehr, als die Volksmenge von Mantua, naͤmlich etwas uͤber 14,000 Menschen heraus. Nimmt man aber dazu noch die Besatzung, die zu meiner Zeit nicht uͤber zwey hundert Mann stark war und die Bewohner der Freyhaͤuser, geistlichen Stifter, Kloͤster, Hospitaͤler, Armen- und Waisenhaͤuser, so kann man diese Zahl allenfalls bis auf 17,000 steigern, die hoͤchste, die man annehmen koͤnnte. Buͤsching zaͤhlt fuͤr das Jahr 1773 uͤber 26,000; ich weiß aber nicht, nach welchen Angaben. Vermuth- lich nach irgend einem aͤhnlichen „Calenda- rio“ , von welchem sich auch de Luca und Jaͤger bey Berechnung der Volksmenge von Mantua wahrscheinlich fuͤhren ließen. Der erwerbende Stand, der gemeine Mann, und selbst der Poͤbel, erscheinen hier in ihrem Aeußern bey weitem nicht so armse- lig, unordentlich und zerlumpt, als in Verona. Bettelnde Tagediebe und beduͤrftige Bettler sieht man fast gar nicht. Man hoͤrt weniger Laͤrm, sieht weniger Ungezogenheiten; mit ei- nem Worte, man bemerkt bald, daß eine Po- lizey vorhanden ist, die wagen darf, zu han- deln, weil die Regierung nicht noͤthig hat, zu fuͤrchten. Dieser Abstich gegen das Venetianische zeigt sich in den kaiserlichen Orten zuerst in den Thoren. Zu Mantua forderte der Mauth- ner nicht geradezu ein Trinkgeld, sondern machte nur die Miene, als ob er ein kleines Geschenk erwartete; der venetianische in Ve- rona aber streckte vor allen Dingen zuerst die Hand aus. Der kaiserliche Postknecht war mit seinem Trinkgelde zufrieden und dankte hoͤflich; der venetianische erpreßte das seinige erst doppelt, bettelte nachher noch um eine „mancia“ und druͤckte, wenn er sie erhalten hatte, den Hut ohne Dank trotzig in die Augen. Vor den Thoren der kaiserlichen Staͤdte tritt einem ein alter bescheidener und hoͤflicher Unterofficier entgegen und thut die noͤthigen Fragen; aus den Thoren der vene- tianischen springt ein lumpigter, schmutziger, verdorrter Kerl mit Habichtsaugen hervor, fragt, und schreibt vor Gier nach der „man- cia“ nichts recht auf. Ist man diesem aus den Krallen, so faͤllt man unter die Bettler, die einen mit graͤßlichem Geschrey bis nach dem Wirthshause verfolgen; wogegen eben diese Leute, die sich in Mantua und Kremona nur einzeln zeigen, sehr schuͤchtern und be- scheiden bleiben und, nach einer abschlaͤgigen Antwort, nicht laͤnger uͤberlaͤstig sind. Auch die Leute in schwarzen Roͤcken sind in den letztern Staͤdten nicht so zahlreich, als in Verona, weil Joseph der Zweyte auch hier, wie in seinen deutschen Staaten, unter ihnen aufgeraͤumt hat. Der hiesige Adel ist, mit dem buͤrgerlichen Stande verglichen, auffallend zahlreich. Edel- leute vom Degen findet man wenig unter demselben, desto mehr von der Feder . Dies liegt in der Verfassung der Stadt, die sie noch großentheils von den Zeiten her bey- behalten hat, wo sie unter Venedig, unter Mayland und unter der Herrschaft einheimi- scher Familien stand. Die Regierung der Stadt; die Aemter in den mannigfaltigen Dikasterien des gesammten Gebiets; die Auf- sicht uͤber oͤffentliche wohlthaͤtige und Handels- Anstalten; die Pfruͤnden bey den Stifftern; die Stellen der Proͤpste und Erzpriester in den Kloͤstern; der Sachwalter und der An- walde bey den Gerichtshoͤfen — alles ist in den den Haͤnden gewisser patriotischer Familien, die wiederum in gewisse Klassen und Kolle- gien oder Zuͤnfte abgetheilt sind, welche ihre Graͤnzen eifersuͤchtig bewachen, im geselligen Leben aber ein Ganzes und ziemlich lebhaftes, genießendes Publikum bilden. Ihre Stellen und Namen fuͤllen mit Abkuͤrzungen sehr eng gedruckt, zwanzig Blaͤtter aus: einen Raum, den das ganze Personale der Staatsbeamten von Chursachsen kaum einnehmen moͤchte. Viele dieser Stellen sind allerdings nur Eh- renstellen, viele bringen nur kleine Zuschuͤsse fuͤr solche ein, die eigenes Vermoͤgen haben; die ergiebigsten aber an Ehre, Einfluß und Geld, in der Stadregierung, in der Kirche und im Rechte, sind auch darunter und wer- den, zur immerwaͤhrenden Darniederhaltung des Buͤrgerstandes, von diesen patricischen Familien, unter denen es nicht an „Conti“, „Marchesi“, „Ciambellani di S.M.J.R.A.“ fehlt, die zugleich „Dottori Giurisconsulti“ sind, ausschließend besessen. Diesen, so wie Siebentes Heft. Q den Kloͤstern und milden Stiftungen, gehoͤ- ren denn auch die Haͤuser in der Stadt und die Grundstuͤcke in dem Gebiete von Kremona. Buͤrger und Bauer sind hier, wie in dem groͤßesten Theile von Italien, nichts weiter als (erstere) Miethsleute des Adels, der Pa- trizier und der Geistlichkeit in den Staͤdten, und (letztre) Knechte oder hoͤchstens kleine Pachter derselben Staͤnde auf dem Lande. Wer also die „Società di Cremona“ bil- det, darf ich nicht erst sagen. Sie ist hier in der That so zahlreich, wie in Verona, aber lebhafter und belebter, als dort. Man bemerkt in derselben einen gewissen deutsch- franzoͤsischen Gesellschaftston, der mehr Hei- terkeit und mehr Umfang in die Unterhaltun- gen bringt, und Privatbekanntschaften beguͤn- stigt, die sich auch auf Besuche in den Fami- lien und Haͤusern ausdehnen duͤrfen. Von Wien uͤber Mayland war auch die Tugend der Gastfreyheit hieher verpflanzt worden, jetzt aber klagen selbst Eingeborne, daß sie, des verheerenden Luxus und der immer mehr steigenden Theure wegen, mit jedem Jahre sichtbarer sich vermindern. Kremona hat uͤbrigens seinen Korso, sein Adeliches Kasino und seine Opern und Koncerte. Das weib- liche Geschlecht ist hier nicht so schoͤn, als in Verona, aber mit mehr Geschmack gekleidet und geistreicher. Dagegen ist diese Stadt ungleich aͤrmer an Merkwuͤrdigkeiten des Alterthums (von diesen hat sie keine einzige aufzuweisen), der Litteratur und der Kunst, als Verona und Mantua. Sie besitzt aber aus den mittlern Zeiten ein Werk der Baukunst, das leicht alle alte Ueberbleibsel dieser Kunst in Verona (das Amphitheater, wie sich von selbst ver- steht, ausgenommen) aufwiegt. Es ist die Domkirche, ein altes Gebaͤude, das zu den ehrfurchterweckenden im altdeutschen Geschmacke gehoͤrt. Ihre Vorderseite ist ungemein hei- ter, und sie erhaͤlt besonders durch eine Reihe von schlanken Saͤulen, die durch ihre Mitte Q 2 hinlaͤuft, ein Ansehen von Leichtigkeit und Kuͤhnheit, die das Auge sehr angenehm be- schaͤftigen und die Erwartungen des Beschauers auf das Innere spannen. Dieses ist auch so kuͤhn und edel, wie ich es noch bey keiner ih- rer Schwestern, deren ich manche gesehen, angetroffen habe. Das Saͤulenwerk ist rie- senhaft in Absicht seiner Dicke und Hoͤhe, aber keineswegs schwerfaͤllig in Vergleichung des Umfangs und des Gewichts der drey Schiffe, die es empor traͤgt und seit Jahr- hunderten unerschuͤttert aufrecht erhaͤlt. Diese Saͤulen sind von lauter Marmorquadern zu- sammen gesetzt. Mehrere Malereyen von guten und vor- treflichen Meistern, von Tizian, Correg- gio, Paul von Verona u. a. hangen in den Kapellen dieser Kirche und vor und uͤber ihren Altaͤren; sie haben aber meist alle durch die Zeit sehr gelitten und werden durch die hinzu kommende Dunkelheit dieses Tempels dem Auge fast ganz entzogen. Links vom Hochaltar findet man eine neuere kleine Kapelle, die sehr zierlich und geschmackvoll, und von einem roͤmischen Bau- meister angegeben, aber auch, wie die bey Mantua erwaͤhnte, mit bunten Farben, Ver- goldungen und Schnoͤrkeleyen uͤberladen ist. Ich bestieg auch den oben erwaͤhnten ein- zelnen Thurm, der nur sechs oder acht Schritt von der Domkirche entfernt steht, um der Ansicht der Stadt und ihrer Gegenden in ih- rem ganzen Umfange zu genießen. Die Kre- moneser halten ihn mit fuͤr den hoͤchsten in der Welt und ich lasse ihnen willig diese Freude; aber der Wahrheit zur Steuer muß ich anfuͤhren, daß ich nur 500 Stufen, jede kaum einen halben Fuß hoch, zu steigen hatte. Er ist, bis zu seinem ersten Gelaͤnder, von lauter Backstein, von jenem dunkelrothen und festen erbauet, den man in jenen Zeiten so fein, so leicht und so genau auf einander, man moͤchte sagen, zu kuͤtten nicht zu mauern, verstand, daß das Ganze sich wie ein gestreifter Marmorpfeiler, aus einem einzigen ungeheu- ren Block gehauen, sich ausnimmt. Und, in der That, man erblickt noch jetzt keinen aus- gefallenen oder ausgewitterten Stein daran. Oberhalb des erwaͤhnten ersten Gelaͤnders, hat man diesen Thurm in neuern Zeiten noch mit zwey andern und mit einer Spitze erhoͤhet; eine Arbeit, wobey der neuere Baumeister das Vorbild von Einfalt und Kuͤhnheit bey wei- tem nicht erreicht hat, das ihm der Baumei- ster des alten Werks auf eine so unverkenn- bare Art vorgelegt hatte. Unmittelbar unter dem ersten Gelaͤnder befindet sich der Glockenstuhl, welcher, der Liebhaberey der Alten gemaͤß, sieben große, wohlklingende Glocken enthielt. Der Thuͤr- mer, mein Fuͤhrer, noͤthigte mich mit auffal- lender Heiterkeit unter die Balken, woran sie hingen, hinein, und ließ mich auf einem hoͤl- zernen Stuhl Platz nehmen, unter der An- kuͤndigung: er wolle mir etwas zeigen, daß ich noch nie gesehen haben muͤßte. Zugleich lehnte er sich an einen Balken, den Glocken gegenuͤber, ordnete einige Seile, die von ih- ren Kloͤppeln herab hingen, gab eins davon einem Buben in die Hand, und fing nun an, mit Haͤnden und Fuͤßen angestrengt zu arbei- ten, und dem Knaben mit dem Kopfe zu win- ken, wenn er die siebente Glocke anschlagen sollte; worauf denn ein gewisses Tongemenge erfolgte, das er „una bella arietta“ nannte und die er weit spaͤter muͤde wurde zu spielen als ich, zu hoͤren. Es that mir leid, daß ich seine Emsigkeit unterbrechen mußte, weil ich gern auf das oberste Gelaͤnder des Thur- mes wollte, um die Gegend zu uͤbersehen. Gerade, als er die zweyte Ariette anfing, stand ich auf und stieg hoͤher, und er gab mir, auf gut Italienisch, mit klaren Worten zu vernehmen, daß es ihn verdroͤße und daß ich der erste Fremde sey, der sich aus seiner Erfindung nichts mache. Er war mit seiner Beschwerde leicht zu verstehen. Zuvoͤrderst war seine Eigenliebe beleidigt, daß ich gegen seine Erfindung kalt blieb; da aber diese Ei- telkeit, so auffallend stark sie auch bey dem gemeinen Mann in Italien ist, doch der Habsucht untergeordnet bleibt, so aͤrgerte ihn der Umstand besonders, daß ich nicht wenig- stens drey Arietten angehoͤrt, weil er dann drey Arietten — bezahlt bekommen haͤtte. Hier schloß er von seinen Landsleuten auf mich. Wenn kein Italiener etwas umsonst erhaͤlt, so giebt er auch nie etwas fuͤr nichts. Je mehr er Dienste verlangt, je mehr er an- nimmt, desto mehr, weiß er schon, muß er bezahlen; aber er giebt keinen Soldo aus Großmuth, so wie seine Landsleute keinen Finger fuͤr ihn aus Großmuth ausstrecken. Wir Deutschen stehen gegen einander noch nicht in dieser kargen Abrechnung. Wir geben noch oft fuͤr Nichts Geschenke, und fuͤr wirk- liche Dienste, Nichts. Ich war Willens, meinem Thuͤrmer seine einzige Ariette so gut zu bezahlen, als ob er mir zehn gespielt haͤtte, weil ich glaubte, ihm ein Pflaster auf seine verwundete Eigenliebe schuldig zu seyn; aber er wußte dies nicht, wuͤrde sich auch fuͤr ei- nen Thoren gehalten haben, wenn er es er- wartet haͤtte; mithin war er muͤrrisch, un- freundlich, verdrossen, und beantwortete mir fast keine Frage mehr. Artige und hoͤfliche Worte halfen nicht, wie sie bey dem italieni- schen gemeinen Mann nie helfen, der sie so- gar oft fuͤr Spott aufnimmt, wenn ihn et- was innerlich aͤrgert oder verdrießt. Erst un- ten an der letzten Stufe seines Thurms soͤhnte er sich, und dafuͤr desto geschwinder, mit mir aus, als er sah, daß sein Trinkgeld so aus- fiel, als ob er ein halbes Dutzend Arietten mehr gespielt haͤtte. Ich gab ihm auch noch ein Lob uͤber sein musikalisches Genie, und nun war er recht aufrichtig wie in den Him- mel verzuͤckt. Uebrigens ist die Aussicht von diesem Thurme weitschichtiger, als die ich gestern von der Andreaskuppel in Mantua hatte, aber schoͤner ist sie nicht, weil die umliegende Landschaft ganz dieselbe bleibt. Zwar geht der Po , der maͤchtigste Fluß in Italien, ne- ben Kremona hin, und windet sich durch schoͤne Auen und Felder, blickt auch von wei- tem noch in einzelnen Spiegeln flimmernd durch das schwaͤrzere Gruͤn der Baͤume her; das aber vergessen, was ein großer Fluß vor einem See voraus hat, thut der letztre um Mantua keine schlechtere Wirkung auf das Auge, und in weit groͤßeren Partieen. Nahe bey dem Dom steht noch ein Ueber- bleibsel altdeutscher Baukunst von betraͤcht- lichem Umfange. Es ist ein „Battisterio“ , eine Taufkapelle , dergleichen bloß zum Behufe dieser Handlung in den mittlern Zei- ten errichtet wurden, und deren ich in Parma, Pisa, Florenz und Rom wieder finden werde. Die hiesige ist von Backstein im Achteck er- richtet, und geschmackvoll genug, fuͤr die da- malige Zeit. Der Taufstein, der, von Altaͤren und ein paar alten Freskogemaͤlden umgeben, in ihrer Mitte steht, und eine ansehnliche Groͤße hat, setzt seine Merkwuͤrdigkeit nicht in eine schoͤne Form, sondern in den Umstand, daß er aus einem einzigen Block von verone- fischen Marmor gehauen ist; ein Vorzug, auf den wir jetzt keinen hohen Werth mehr legen. Sein Verfertiger war ein mittelmaͤßiger Steinhauer. In einigen andern Kirchen finden sich noch Gemaͤlde von guten Meistern, z. B. bey den Augustinern, Dominikanern und in der Peterskirche. Fuͤr die schoͤnen Kuͤnste hat Kremona keine oͤffentliche Anstalt; fuͤr die Wissenschaften aber ein Koͤnigliches Gym- nasium (so heißt jetzt die ehemalige, herun- tergekommene Universitaͤt) von ganz gewoͤhn- lichem Schlage, das wenig besucht wird. Auch Normalschulen, nach Art der oͤsterreichischen, sind drey oder vier vorhanden. Nach einem zweytaͤgigen angenehmen Auf- enthalt in Kremona, ging ich den 28. Sep- tember weiter nach Mayland . Der Weg wird auf einmal sandig und deutet auf einen Umsatz des Bodens, der auch bald sichtbarer wird. Ueberall, wo sich am Wege Anbruͤche zum Straßenbau fanden, da zeigte sich eine Lage von Dammerde, die zwey bis drey Schuh hoch, und sehr reichlich mit Sand und Letten gemischt war; und unter diesen waren Schich- ten von Steingeschieben gelagert, von dersel- ben Art, wie in der Gegend um Muͤnchen. An der Landschaft selbst bemerkte ich nicht die geringste Veraͤnderung in Ruͤcksicht ihrer Fruchtbarkeit, aber wohl ihres aͤußeren Anse- hens. Die Maulbeeralleen verwandelten sich in Weiden- und Pappel-Alleen, und der Weinbau streckenweise ganz in Reisbau. Die wohlhabende Ansicht der einzelnen Haͤuser, der Doͤrfer, Flecken und Staͤdtchen wird immer allgemeiner. Fast auf jedem Postlaufe koͤmmt man durch drey oder vier derselben, und man uͤberzeugt sich allmaͤhlig, daß man sich hier wohl in einem der volkreichsten und nahrhaf- testen Theile von Italien befinden moͤge. Man koͤmmt uͤber Acquanera (1 P.), uͤber Piz- zighettone (1 P.), uͤber Zorlesko oder Ca- sal Pusturlengo (1 ¼ P.), uͤber Lodi (1 P.), uͤber Marignano (1 ¼ P.), auf Mayland (1 ½ P.). Lodi ist eine der niedlichsten Staͤdte, die mir auf dieser Reise vorgekommen sind; sie hat gerade, breite, reinliche, menschenreiche Straßen; artige, zwey- und dreystoͤckige Haͤu- ser; ein vortreffliches Pflaster; mit einem Worte, ein Aeußeres, welches das wahre Bild der Wohlhabenheit aufstellt. Die Notitz ist schon ziemlich alt, daß der beruͤhmte Parmesanische Kaͤse im Lode- sanischen verfertigt wird, und alle aͤltere und neuere Erd- und Reisebeschreiber haben sie, mit einem fast laͤcherlichen Wetteifer, zum Unterricht ihrer Landsleute verzeichnet; den- noch ist sie (wie beruhigend fuͤr diese Erd- und Reisebeschreiber, besonders fuͤr den juͤngsten!) noch nicht bis zu den deutschen Kaͤsekraͤmern gedrungen, was geschehen seyn wuͤrde, wenn wir mit unsern Arbeiten schon so herunter waͤren, wie die Verfasser der Ritterromane. Aber die Zeit wird auch kommen, wo das Ge- biet von Lodi wegen der Ungerechtigkeit, die man zu Ehren des Gebiets von Parma, aus lauter Unwissenheit, an ihm begeht, geraͤcht werden wird; und jetzt schon sollte, wenig- stens der deutsche Gelehrte, der einen Schnitt Lodesankaͤse und einen Roͤmer Rheinwein bezahlen kann, und nebenher in den Wissen- schaften Richtigkeit und Gerechtigkeit liebt, sich des obigen wahren Namens fuͤr denselben bedienen, um wenigstens den Ruhm zu be- haupten, daß er ihn eher gewußt habe, als z. B. die Wienerischen Kasstecher . Von Lodi faͤhrt man uͤber Marignano , einem Flecken, auf einer vortrefflichen, noch einmal so breiten Straße, als gewoͤhnlich, nach Mayland hinein. Ich war von Kremona bis dahin nur Acht Stunden gefahren, unge- achtet der Weg fuͤr dreyzehn deutsche Meilen, oder zwey und funfzig italienische, gerechnet und bezahlt wird. Diese Meilen sind aber wiederum ungewoͤhnlich kurz; der Weg ist außerordentlich gut; der Pferdewechsel dauert nie uͤber fuͤnf Minuten; und ein hiesiger Post- knecht wuͤrde es fuͤr eine Schande halten, seine Rosse auch nur einmal aus dem raschesten Trabe kommen zu lassen. Da die Straße auch hier schnurgerade gezo- gen ist, so sieht man Mayland lange vor sich, ehe man hinein koͤmmt. Der Thurm des be- ruͤhmten Doms, oder vielmehr die Spitze ( ai- guille ) desselben, ragt uͤber die anderen Thuͤrme — nicht majestaͤtisch — aber hoͤchst jugendlich und anmuthig hervor, und ihre blendende Weisse, und ihr durchbrochener, gleichsam in die Luft zerfließender, zarter Bau, gewaͤhrt dem Auge einen hoͤchst angenehmen Genuß. Ihr Bau- meister hat in der That weniger gefuͤrchtet, sie zu mager, als zu plump zu machen. Beym Eintritt in die Stadt hatte ich eine lange, breite, aber nicht durch aus gerade, Straße vor mir, die ich eine Strecke hin noch nicht ge- pflastert fand, an deren Seiten aber der dazu noͤthige Baustoff schon bereit lag. Die Haͤuser auf derselben gaben zwar nicht den glaͤnzendsten Anblick, denn sie waren meist nur zwey Geschoß hoch, und das zweyte Geschoß hatte gewoͤhnlich nur Fensteroͤffnungen mit eisernen Staͤben durch- zogen und Laden davor, oder mit Rahmen, die statt glaͤserner Scheiben papierne hatten; indes- sen war keins verfallen oder sehr veraltet. Ge- gen das Ende der Straße wurden die Haͤuser immer groͤßer, hoͤher und schoͤner, und es zeig- ten sich Pallaͤste zwischen ihnen; ich kam aber bald von der vortheilhaften Erwartung, die mir dies fuͤr die folgenden Theile der Stadt erweckte, zuruͤck, als ich mich gleich darauf wieder in eine enge, krumme und finstre Straße hinein druͤcken mußte, auf die lauter aͤhnliche folgten. Ich sahe mich endlich ganz von ihnen verschlungen und fand den Ausgang dieses Labyrinths nicht eher, als auf dem Platze S. Sepolcro , vor dem Gasthof zum Maltheserkreutze.