Heinrich Sanders, Professors am Gymnasium illustre in Carlsruhe, der Gesellschaft Naturforschender Freunde in Berlin, und der Fuͤrstlichen Anhaltischen deutschen Gesellschaft in Bernburg Ehrenmitgliedes Beschreibung seiner Reisen durch Frankreich, die Niederlande, Holland, Deutschland und Italien; in Beziehung auf Menschenkenntnis, Industrie, Litteratur und Naturkunde insonderheit. Erster Theil. Leipzig, bei Friedrich Gotthold Jacobaͤer und Sohn, 1783. Dem Durchlauchtigsten Prinzen und Herrn, HERRN Friedrich, Marggraven zu Baaden und Hachberg, Landgraven zu Sausenberg, Graven zu Hanau, Sponheim und Eberstein, Herrn zu Roeteln, Badenweiler, Lahr, Wahlberg und Kehl u. s. w. Ritter des weissen Adlers- und des Stanis- laus Ordens, wie auch des Ordens de la Fidelité gebohrnem Ritter, General-Majorn der vereinig- ten Niederlande und Obristen des Schwaͤ- bischen Kreises. Meinem Gnaͤdigsten Prinzen und Herrn. Durchlauchtigster Prinz, Gnaͤdigster Prinz und Herr, E ure Hochfuͤrstliche Durch- laucht haben meinen seeligen Sohn immer mit so huldreicher Herab- lassung behandelt, und ihm so mannig- a 3 faltige faltige Gnade bewiesen, daß sein Herz bis in die letzten Tage seines Lebens die lebhafteste Dankbarkeit daruͤber em- pfand und oft durch fromme Wuͤnsche und andaͤchtige Fuͤrbitte so stark aͤusser- te, als nur seine Schwachheit gestattete. Nie werde ich vergessen, wie sehr er Euer Hochfuͤrstlichen Durch- laucht heisse Begierde, den grossen Herrn aller Herren aus seinen vortref- lichen Werken der Allmacht, der Weis- heit heit und der Guͤte immer besser zu er- kennen — und Dero warme Anhaͤng- lichkeit an unsern allerheiligsten Glau- ben ruͤhmte — und wie sehr viel aͤhn- liches wuͤrde ich noch anfuͤhren, wenn Euer Hochfuͤrstliche Durch- laucht bey der gegebenen Gnaͤdigsten Erlaubniß, einen Theil seiner noch in Druck kommenden Aufsaͤtze, mit De- ro preißwuͤrdigen Namen, wie hiemit geschieht, zu zieren, mir nicht bestimmt befohlen haͤtten, alles, was den Schein a 4 einer einer Lobrede haben koͤnnte, wegzulas- sen, und wenn nicht auch in diesem Fall Gehorsam allen noch so schuldigem und noch so reinem Opfer vorgehen muͤßte. Dringendere Wuͤnsche, Durch- lauchtigster Prinz, fuͤr Dero Wohlfarth und Zufriedenheit, als mei- ne ganze Seele thut, sind kaum moͤg- lich, und der Fall ist gewislich selten, da man in solcher Zuversicht, als die meinige, Gott Lob! ist, mit biblischen Worten Worten sprechen darf: Der Herr ge- be dir, was dein Herz, dein Gotter- gebnes Herz begehrt! Und so geht es recht nach dem Wunsch der Grossen — der wahrhaftig Grossen in der Welt. Meine ehrerbietigste zu Gnaden- Empfehlung laͤßt sich uͤbrigens in Ab- sicht der Sehnsucht und Staͤrke mit Nichts als mit der vollkommensten, und, welches mit Gnaͤdigster Erlaub- niß geschrieben seyn soll, mit der zaͤrt- a 5 lichsten lichsten Ehrfurcht vergleichen, in wel- cher ich bis an das Ziel meines dem En- de sich sehr merklich nahenden Lebens beharre Euer Hochfuͤrstlichen Durchlaucht Koendringen, den 22. September 1783. unterthaͤnigst gehorsamster Nicol. Christian Sander. Vorbericht des Herausgebers. D urch die hier ans Licht tretende vollstaͤn- dige, — und einzige aͤchte, — Ausga- be aller Reisen des seel. Prof. Sander ’s wird nun das schon bei dessen Leben von den Freunden seiner Schriften, — und wie viele sind deren nicht? — oft und laut geaͤußerte Verlangen nach der Bekantmachung derselben, gestillt. In der That konnte auch nicht leicht ein Wunsch gerechter seyn, da man wohl schwerlich, we- Vorbericht wenigstens in Deutschland, eine Reisebeschrei- bung wird aufweisen koͤnnen, in der das Lehr- reiche und Nuͤtzliche mit dem Unterhaltenden und Mannichfaltigen auf eine angenehmere Art ab- wechselte. Sander ’s weitumfassender Be- obachtungsgeist blieb nicht blos bei Einem Ge- genstande stehen. Daher wird auch beinahe jede Gattung von Lesern bei diesem Buche ihre Rechnung finden. Den Menschenforscher wer- den haͤufige, — oft mit eben so vieler Wahr- heitsliebe, als Freimuͤthigkeit — entworfene Schilderungen der Karaktere ganzer Nationen sowohl, als einzeler Personen, und Bemerkun- gen uͤber ihre Vorzuͤge und Gebrechen, uͤber ih- re gute und boͤse Seite, interessiren. Der Na- turkuͤndiger wird neue Beobachtungen uͤber die Naturgeschichte der vom Wohlseel. bereisten Laͤn- der mit umstaͤndlichen Nachrichten von den von ihm besehenen Naturalienkabinettern antreffen; eine Eigenschaft, welche dieses Buch dem in glei- cher Absicht reisenden Naturforscher zum beinahe unentbehrlichen Handbuche macht. Eben so wenig wird es der Litterator, der Kunstfreund, der des Herausgebers. der Kameralist ꝛc. unbefriedigt aus der Hand legen. Aber auch der Leser, dem’s bei seiner Lektuͤre blos um vernuͤnftige Unterhaltung zu thun ist, und dem der Himmel ein fuͤhlbares Herz verlieh, wird durch gewisse allgemeine Be- trachtungen, in die sich des guten Sander ’s menschenfreundliches und wohlwollendes Herz nicht selten ergießt, aufs angenehmste uͤberrascht und zum Mitgefuͤhl erwaͤrmt werden. — Doch genug vom Lobe eines Buchs, das durch seinen innern Werth alle Empfehlung des Herausge- bers uͤberfluͤssig macht. Also nur noch ein Paar Worte von des Letztern Bemuͤhungen bei der Bekanntmachung dieses Werks. — Die vom seel. Verfasser durchgaͤngig mit eigner Hand geschrie- bene Handschrift, war, wie sie die Hrrn. Verle- ger aus seinem Nachlasse von seinem Hrn. Vater erhielten, schon so vollkommen ausgearbeitet und zum Drucke zubereitet, wie er sie bei laͤngerm Le- ben bald selbst Dies besagt einer seiner Briefe an die Herren Ver- leger vom 8. Febr. 1782. worin er ihnen die Heraus- gabe seiner Reisen, — zu denen ihn das Publikum so sehr auffordere, — anzeigt. wuͤrde herausgegeben haben. Also Vorbericht des Herausgebers. Also einige wenige unbedeutende Schreibfehler aus sichern Quellen zu berichtigen und dann fuͤr korrekten Druk Sorge zu tragen, war alles, was ihm dabei noch zu thun uͤbrig blieb. Ob er sich einige hier und da beigefuͤgte Anmerkun- gen haͤtte ersparen koͤnnen, uͤberlaͤßt er einsichts- vollen Lesern zu entscheiden. Die vom seel. Ver- fasser an seinen Hrn. Vater gerichtete Zueignung dieser Reisebeschreibung, welche sich vor der Handschrift befand, hat man hier ebenfalls mit abdrucken lassen, weil sie einen Beweis seines tugendhaften Wandels und seiner zaͤrtlichen Kin- desliebe abgibt, seine Freunde sie also gewis mit Zufriedenheit lesen werden. Um auch derselben haͤufiges Verlangen nach seiner Lebensbeschrei- bung zu erfuͤllen, soll dem zweiten Theile, der in laͤngstens vier Wochen von jetzt an, die Presse gewis verlassen wird, eine kurzgefaßte vorgesetzt werden. Geschrieben am 20. Okt. 1783. An An meinen Vater. b L esen Sie hier, bester, zaͤrtlicher Vater, das Tagebuch meiner Wanderungen. Ihnen bin ich diese Nachrichten schuldig, und ich ha- be jeden Tag so gelebt, als wenn ich alle Aben- de zuruͤck kommen, und Ihnen Rechenschaft geben muͤste. Wenn Sie’s dann lesen, und mir wieder geben, und etwan einem Ihrer Freunde sagen: Es reut mich nicht, daß ich ihm das Geld gab — — ach das ist Lust fuͤr mein Herz und suͤsse Belohnung fuͤr jede Unruhe Unruhe und Muͤhe. Glauben Sie das Ih- rem juͤngsten Sohne, bester, zaͤrtlicher Vater, und leben Sie noch lange von Gott fuͤr jede Liebe gegen Ihre Kinder belohnt und geseg- net. Heinrich Sander. Heinrich Heinrich Sander’s Tagebuch seiner Reise durch Frankreich, die Niederlande und Holland, in den Jahren 1776. und 1777. Olim meminisse iuuabit. A Reise von Carlsruhe uͤber Rastadt nach Strasburg. Den 11. und 12. April 1776. D ie Heide So wird die Ebene um Rastadt herum genannt. Herausgeber. wird immer mehr angebaut. Die neue Strasse daruͤber ist zu beiden Seiten mit Kirsch- und andern Baͤumen besezt. Die Doͤrfer sehen meistens traurig aus, und sind katholisch. Vor Stol- hofen hat man auf der rechten Seite gegen den Rhein zu, ein sehr schoͤnes ebenes Fruchtfeld; die Fahrenden machen aber neben der hinlaͤnglich breiten Landstrasse noch eine andre schaͤdliche, ziemlich breite, wodurch den Aeckern das Land entzogen wird; zur linken stoͤßt das Feld gleich an einen lichten Wald. Die Berge, welche man in der Ferne sieht, waren noch ziemlich mit Schnee bedeckt. Stollhofen selber laͤßt der Reisende links liegen; es soll artige Haͤuser haben. Ein Dorf, Ulm genannt, ist nur durch etwa 100. Schritt Mattfeld von einem nicht ganz unansehnlichen Staͤdtchen Lichtenau unterschieden. Ulm ist Baad isch, Lichtenau aber Hanau isch. Von A 2 da da aus werden die sonst schoͤnen Chausseen durch die schweren Guͤterwagen, die nach Strasburg gehen, bestaͤndig verdorben, und nicht wieder reparirt. Je- mehr man sich Kehl naͤhert, destomehr sieht man an- sehnliche grosse Bauerhoͤfe, doch sind die Haͤuser meist ganz von Holz, und bestehen aus Riegelwaͤnden mit Thon ausgefuͤllt. Kehl ist ein betraͤchtliches, langaus- gedehntes Dorf, wo viele Krambuden und Handwerker sind. Es hat seinen eignen Amtmann, und Pfarrer. Die Festung Kehl ist halb zerstoͤrt, und hat jezt auch ihren eigenen lutherischen und katholischen Pfarrer. Von da ists fuͤr den Fußgaͤnger noch eine Stunde bis zur Stadt. Man passirt die Rhein bruͤcke, und zahlt ein hohes Bruͤckengeld. Sie ist nicht so breit und nicht so schoͤn als die Base ler, man findet auch keine Boutiquen dar- auf; sie ist ganz von Holz, und hat in der Mitte eine, aber unbetraͤchtliche, Erweiterung. Bald darauf folgt eine andre, aber viel kleinere. Sie fuͤhrt nur uͤber einen Arm des Rheins. Kehl ist der Sammelplatz aller Betruͤger, und Bankerutirer, die sich jenseits der Bruͤcke nicht mehr sehen lassen duͤrfen, und sich schnell von Strasburg retiriren muͤssen. Die Franzosen sind des- wegen dem Orte gar nicht gut. Und eben wegen dieser Colluvies hominum lassen sich auch wenig gute Ord- nungen in Kehl einfuͤhren. Die Festung Kehl hat der Marggraf von Baaden zu einer Stadt erhoben, und den ersten lutherischen Prediger da bestellt. Im Dorfe Kehl ist ein Condominat von sieben Herren, Baaden, Nassau, dem Stifte Frauenhaus in Strasburg ꝛc. Auf- Aufenthalt in Strasburg. Den 12—15. April. Ich besah zuvoͤrderst, Herrn Herrmanns, Prof. der Naturgeschichte auf hiesiger Universitaͤt, vortreffli- ches Naturalienkabinet. Es zeichnet sich theils durch die schon ansehnliche Menge, theils durch Ordnung und Nettigkeit vorzuͤglich aus. Man findet bei ihm sehr viele Insekten, besonders kleine, die zum Theil noch auf Tafeln mit einem weissen Grunde unter Glas haͤngen, theils aber in Schubladen mit abgetheilten Faͤchern, ebenfalls auf einem weissen Grunde, unter genau aufge- paßten Glastafeln, und sehr richtig beigeschriebenen Na- men, auf bewahrt werden. Ich fand sehr viele Am- phib. reptil. Linn. auch Rana Pipa; ein junges Kro- kodil in einem Glase; viele Schildkroͤtschaalen; auch Testud. imbricat. sehr viele Amphib. Nantes, als Chaetodon, Diodon, Cyclopt. etc. welche Fische nicht ausgestopft sind, sondern blos in der hohlen aber natuͤrlich gestalteten Epidermis, und nur von einer Seite, jeder auf einem schwarzen gedrehten Fuß von Holz, verwahret werden; sehr viele ausgestopfte Saͤug- thiere, als Dachs, Murmelthier, Genetkatze, Wiesel, Ratten ꝛc; grosse Haarkugeln, so voͤllig abgerundet und so niedlich, als wenn sie mit Fleis und Kunst abgedreht waͤren, gar viele; und so wie alle, in Glasschraͤnken. Dies alles nimt ein eignes mehr lang, als breites Zim- mer ein. Ferner, sehr wohlerhaltene Voͤgel von allen Ordnungen und Geschlechtern, wovon jeder wieder auf einem eignen Stativ sitzt. Unter andern sah’ ich da den Kardinal (den blutrothen Vogel, den man aus Ostin- dien kommen laͤßt), auch noch etliche andre sehr schoͤne A 3 Voͤgel Voͤgel vom Mississippi, den Kolibri, der voͤllig den langen spitzigen Schnabel hat, den ihm die Maler geben, uͤbrigens aber keine besondre Schoͤnheit, auch keinen Gold- glanz am Halse hatte; so wie denn auch Phal. Atlas, die ich da sah, zwar die Spiegelflecken hatte, aber nicht die hohen hellen Farben, womit sie Cramer vorgestellt hat. Von Schlangen sah ich hier grosse und kleine (zum Theil noch spezifisch unbestimmte Arten), in Wein- geist; schoͤn und uͤberaus fein war das Cranium vom Kopf des Coluber Berus, wo man die zwei Giftzaͤhne von den uͤbrigen deutlich unterscheiden konnte. Viele monstroͤse Eier; die pergamentartigen aber doch kalkhal- tigen Eier der Schildkroͤte; etliche Vogel- und Insekten- Nester; besonders aber viele korallische Gewaͤchse, Ma- drepor. Mill por. Sertular. Alcyon. Gorgon.; Viele grosse und kleine Spongiae, Gordius Medin. Taema Solium, und andre Arten vom Bandwurm; Aphrodit eine unzaͤhlbare Menge von Muscheln, die in Schubladen auf einem weissen Grunde nach den syste- matischen Geschlechtern lagen; ein vortreflich wohlausge- dehntes, unter einer eignen Glastafel haͤngendes Medu- senhaupt (Aster. Caput. Med. L) , und viele andre grosse und kleine, gedoͤrrte, in Schubladen liegende Meer- sterne; eine eigne Lage von Fluß- oder Suͤßwasserconchy- lien, worunter sich eine aus Asien abstammende Land- schnecke durch die bisher nicht bekannte Besonderheit, daß sie nemlich gegen den sonst gewoͤhnlichen Gang der Natur bei den Schnecken, die Spitze ihrer Windungen, und das Maul an einer und derselben Seite gleich neben einander hat, auszeichnete. Unter den thierischen Petri- sicaten waren Spongiae, Corn. Amm. zum Theil von ungeheurer Groͤsse, viele mit einem metallischen Glanz, Glanz, insbesondre aber war ein grosses 6 — 8. Pfund, meiner Schaͤtzung nach, wiegendes Stuͤck von einer Madrepora aus Champagne merkwuͤrdig, die ver- steinert, und zwar Terra silicina war, so gewis, daß ich durch den Stahl an allen Orten eine Menge Feuerfun- ken herausspruͤhen sah; der vielen Arten aus dem Krebs- geschlecht, die uͤberall herum lagen, der Embryonen und monstroͤsen Naturprodukte nicht zu vergessen. Vom Pflanzenreich ward mir nichts gezeigt, als ein Versuch, alle Fruͤchte mit Wachs auszufuͤllen, und sie so zu erhalten, den aber der Besitzer bald wieder vergaß. In der Mineralogie fand ich nichts von Erden; etliche Salzproben, kein Sal Gemmae, keine Schwe- fel, als gediegenen vom Vesuv ꝛc.; von Steinen nur Edelsteine, ein Diamant, der 3000. Livres gekostet ha- ben soll, und den Pierre de Straas darneben verdun- kelte; alle andre Edelsteine, auch ein Oculus Cati; ein Onyx; von jedem Metall viele Stufen, auch das Nagyag er Golderz, auch Platina del Pinto in ziemli- cher Menge (wovon die Unze im Ankauf 100. Liver, bald hernach aber 300. kostete); viele Haͤmatit., viele Quecksilberstufen ꝛc. Hierauf besuchte ich den hiesigen Botanischen Garten. Man nennt ihn hier den Doktorgarten. Er liegt am Ende der Stadt, aber doch in derselben. Er ist mehr breit als lang. Es koͤnnen etwa 1500. Gewaͤchse darin stehen. Er ist in 4. Quar- tiere abgetheilt. Man kauft noch immer mehr dazu, das Bosket bedeutet noch nicht viel. Die Gewaͤchs- haͤuser sind lang, aber breit. Man findet nichts beson- ders darin. Yuccae sind einige da, aber keine Pal- mae, keine Musa, etliche Citri, ꝛc. die Aufsicht hat A 4 Hr. Hr. Prof. Spielmann. Er ward damahls erst wie- der besaͤet und eingerichtet. Eine kleine Apotheke ist auch dabei. Die Genera sind nach Ludwig und Linn é. Der Lehrer liest zwar Botanik alle Sommer oͤffentlich, laͤßt aber alles weg, was in die Materia me- dica gehoͤrt, schimpft nicht selten sehr heftig auf Linn é, weil er nach Tournefort gelernt hat, und jezt uͤber Linn é lesen muß. Die Universitaͤt in Strasburg ist ein grosser Koͤrper, der in allen seinen Gliedern lahm ist. Es fehlt ein Haupt, das in alle einzelne Theile Leben und Thaͤ- tigkeit verbreitete. Die theologische und juristische Facultaͤten bedeuten fast gar nichts, die medicinische hat gegenwaͤrtig noch zwei grosse Maͤnner, Lobstein und Spielmann, aber die jungen Zoͤglinge versprechen nicht viel. Ein Kanzler oder Curator, ist nicht da, der Praͤ- tor, und die Ammeister, die aber Bankiers, und keine Gelehrte sind, dirigiren die Sachen. Sehr vieles wird nicht gelesen, z. B. Diaͤtetik, Clinik ꝛc. Im Sommer ist fuͤr die Mediciner, ausser der Botanik und Physiologie, nichts zu thun. Im Winter ist die Anatomie vortref- lich, aber mit schweren Nebenkosten verknuͤpft. Vieles wird sehr langsam gelesen. Die Lehrer fangen in der Mitte des Sommers an und hoͤren auch in der Mitte des Halbjahrs auf. Die aͤltesten Professoren heis- sen Canonici, haben eigue Haͤuser, fette Besoldungen, werden traͤge, sind zum Theil Bonvivants, und haben keinen Ernst im Dociren. Sie lesen in der Theologie und in andern Wissenschaften, mehr uͤber ihre eignen Aufsaͤtze, die sie den Studenten zum Abschreiben geben, als uͤber Compendien. Viele sind pedantisch fuͤr das, was man ehemahls Philologie nannte, eingenommen. Viele Viele sind oft zu predigen genoͤthigt, und lesen dann Freitags und Sonnabends nicht. Die meisten Vorle- sungen werden lateinisch gehalten, selbst die Physik, und Moral. Leztre wird in lauter Definitionen von den Tu- genden vorgetragen, und diese lernen die Zuhoͤrer aus- wendig. Man bemerkt an den jungen Kandidaten eine grosse Unbekanntschaft mit der Bibel, die Quellen wer- den fast gar nicht studirt. Die Prediger sind sehr mit- telmaͤssig. Schwulst und Gallimathias heist hier Be- redsamkeit. Im Iure wird uͤber den Heineccius gele- sen, und die Abweichungen des franzoͤsischen Rechts wer- den dazu diktirt. Die Professoren am Gymnasium bleiben oft lange an der Kette der niedern Schulen liegen, weil bei Besetzungen der Stellen auf der Universitaͤt, Fa- milienverbindungen gemeiniglich den Ausschlag geben. Auslaͤnder koͤnnen hier nie Professoren werden. Die Studenten studiren sehr bequem, hoͤren 1. bis 2. Kolle- gia des Tags und geben etliche Stunden Information ( vulgo schanzen), wofuͤr sie Geld oder den herrlichsten Tisch haben koͤnnen, und die Leute glaubens nicht, daß durch die elenden gedungenen Informatores, die Jugend nothwendig von einem Menschenalter zum andern, immer mehr verdorben wird. Von Licentiaten, die sich von Repetenten zu einer juristischen Disputation haben praͤpa- riren lassen, wimmelt die Stadt. Besonders sollen die Lothringer sehr unwissende Leute seyn. Vom Geschmack in der Theologie koͤnnen einige Dissertationen zeugen, difficile est, Satyram non scribere. — Sehr viele junge Leute wollen mit etwas Belliteratur und franzoͤsi- scher Geschwaͤtzigkeit, und Fa ç on Professores werden. Viele Professores setzen in den Lektionskatalog, daß sie dieses Halbjahr nicht lesen werden. A 5 Die Die Bibliothek, welche ich ebenfals besuchte, be- komt wenig Zuwachs in den neuern Zeiten. Im theo- logischen Fach sind einige alte Bibeln da, aber keine Hauptwerke. Medicinische, physische und naturhistori- sche Buͤcher stehn noch beisammen, und haben auch wohl Platz. Von neuern Schriften ist gar nichts da, nicht ein- mahl Haller s grosse Physiologie, nicht einmahl Reau- mur Histoire des Insectes etc. Aristoteles mit allen seinen Kommentatoren, Theophrastus, Hippocra- tes, Galenus, Avicenna etc. sind da, aber keine neue Schriften. Aus Engelland ist fast gar nichts vorhanden, Parson of Hermaphrodites fand ich indes doch hier. D. Corvinus Kabinet vergaß ich auch nicht zu besehen. In der Mineralogie ists am staͤrksten. Man findet da viele Quecksilberstufen aus Spanien, Oester- reich, auch eine sehr schoͤne aus Indien. Ferner Sil- ber- Blei-Erzstufen aus dem Wuͤrtemberg ischen von Alpisspach her, huͤbsche Stuͤcke von gewachsenem Silber aus dem Wuͤrtemberg ischen und Fuͤrstenberg ischen, Kupfer, viele Terrae sigillatae, mit den Praͤparaten davon, die in die materia medica einschlagen. Moose sezt der Besitzer nur so, wie sie sind, nach Wegnehmung aller erdichten Theile, in eine Schublade, sie werden hart und konserviren sich gut. Alles ist in Schubladen, die in Faͤcher abgetheilt sind. Viel grosse Stuͤcke Quarz, sonderlich amethystfaͤrbige von der Mosel; Blutsteine die ungemein glatt sind, wie polirter Stahl; schoͤne ame- thystfaͤrbige Quarzdrusen; wenig besondre Muscheln; eine Spina dorsi und Haͤute vom Crotalus horridus, aber noch sehr jung und klein; Incrustata; viel sogenanntes versteinertes Holz; Zaͤhne und Kieferstuͤcke aus d e m Rhein ꝛc. Ein Stuͤck Bernstein, worin eine Musca Linn. Linn. ist; zu den Terr. sigill. rechnet D. Corvinus nur die Terram albam und rubram, die ich auch habe, die Terra Lemnia ist bei ihm eine schluͤpfrige seifenartige graulichte Erde, die jetzt nicht mehr, wie vormahls, von den alten Griechen in kleine Kuͤchelchen geformt und gesiegelt wurde. Darneben besitzt er die so- genannte Pilgererde, die Erde, die das Baaden er Bad (bei Rastadt ) und die, so das Baaden er Bad in der Schweitz absetzt; die letzte ist salzichter als die erste, und wird in der Schweitz wider die Kraͤtze auf die Haͤn- de gerieben und wirkt recht gut als ein austrocknendes Mittel. Die Erde vom Baaden er Bad hat den Ge- schmack, wie Glaubersalz. Alaunsteine hat er aus dem Saarbruͤck ischen, aus denen sie dort sehr schoͤne Alaun- crystalle machen, die aber die Luftfeuchtigkeit an sich zie- hen und verwittern. Erden vom Aachen er und Wiß- baden er Bad in kleinen Schachteln. Salzcrystalle von Bruchsal. Einige orientalische Marmor, die eine viel feinere Textur haben, als die occidentalischen, und viel glaͤtter und sanfter anzufuͤhlen sind. Eisenminern, be- sonders die minera ferri globosa von Herrn v. Die- terichs Bergwerk. Steine, in denen ein Gemisch von Quarz, Blei, Silber ꝛc. ist, aus der Gegend bei Frei- burg im Breisgau. Sonderlich aber verdienen die Koboldminern Aufmerksamkeit, die er 6 Stunden von Offenburg hinter Gengenbach im Gebuͤrge gesammelt hat. Dort ist im sogenannten Nordracher Thal ein grosses Werk vor 10. Jahren von einem ehemahligen Praͤlaten in Gengenbach angelegt worden, an dem jetztgedachtes Kloster und Offenburg Theil haben. Sie lassen durch eigne Fuhren Koboldminern theils aus Boͤhmen, theils aus dem Walliser land, theils aus dem dem Nassau ischen, kommen, in diesen ist Arsenik und Kobold; diese werden erst geroͤstet, so daß sich der Arse- nik in einer langen Roͤhre, und in einer Stube aufsubli- mirt. Diese Stube wird alle halbe Jahr ausgeschla- gen. Dann haben sie dort eine eigne Art Kiesel, die in den Bergen bricht: mit dieser calciniren sie nun die Kobolderze, und wenn sie im Fluß sind, so lassen sie sie in ein Wasser fallen, da bekommen sie alsdann ein wah- res schoͤn blaugefaͤrbtes Glas. Nachdem dieses Glas vorher lange klein gepocht worden, reiben es hernach 2. uͤber einander laufende grosse Muͤhlsteine, zwischen wel- che bestaͤndig Wasser geleistet wird, klein; da sich dann unten der wahre Kobold praͤzipitirt. Dieser besteht in einem Pulver, davon sie dreierlei Arten haben, und zu- letzt bleiben die kleinen blauen Glastheilchen, als ein Sand zuruͤck, der zur Schmalte gebraucht wird. Diesen Ko- bold verkaufen sie theuer an die Hollaͤnder, und diese verfuͤhren ihn nach Ostindien und China. Und unge- achtet alle Minern durch eigne Fuhrleute zu Pferde und auf der Achse dahingebracht werden; so sollen sie doch 8. bis 10. pro C. gewinnen; denn das Holz haben sie im Ueberfluß. Dies ist alles, was mir der Besitzer dieser Sammlung von einer so unbekannten und doch so sehens- wuͤrdigen Anstalt sagen konte. Es sind viele Gebaͤude da, man muͤßte sich acht Tage dort aufhalten, um ins Detail zu sehen, und muͤßte es sich doch nicht merken lassen, denn man thut etwas geheim damit. Eine schmerzhafte Krankheit, von der ich in Strasburg befallen ward, unterbrach fuͤr diesmahl die Fortsetzung meiner vorgehabten Reise. Ich blieb dort viele Wochen unter den Haͤnden der Aerzte und reißte endlich im Julius wieder nach Carlsruhe zuruͤck. Im April 1777 aber trat trat ich diese Reise von neuem an, ging nach Stras- burg, und nahm nun in Augenschein, was mir von Merkwuͤrdigkeiten zu besehen, das Erstemahl zuruͤckge- blieben war. Dahin rechne ich; Das Monument des Grafen und Marschals von Sachsen in der Thomaskirche. Im Chor dieser an sich schon wegen ihrer grossen Weite sehr sehenswuͤrdigen Kirche steht seit einem Jahr dies Werk, das der Nation, der Stadt, dem Erfinder und noch mehr dem Verfertiger, Hrn. Pigalle Ehre macht Er hat sich damit den Michaelsorden erworben, der in Frankreich fuͤr Kuͤnstler gestiftet ist. . Ein Werk, das mit dem Transport 300000. Liver gekostet hat, und das aus ungeheuren Steinmassen, wiewohl man’s ihm nicht ansieht, zusammengesetzt ist. Es ist breit, hoch, und macht gleich beim ersten Anblick ei- nen tiefen Eindruck. Der Kenner bewundert’s, und der Laie verweilt gern dabei, und wird durch den Anblick der vielen affektvollen Vorstellungen warm. Es ist aus schwarzem und weissem Marmor zusammengesetzt. In den Kupferstichen die man davon hat, ist der Marschal zu klein vorgestellt; von weitem ist ers auch. Alle andre Figuren sind kolossalisch, er aber ist in nur Lebens- groͤsse. Er steht oben, ernsthaft, lieblich, und steigt auf einer Stufe herab. Die Bildsaͤulen sind alle weis, der Sarg, der Deckel, und die obre und untre Wand aber alle schwarz. Der Held will in den Sarg steigen, der Tod steht zur Linken, gros, in ein Gewand gehuͤllt, die Knochen in seinem Gesicht sind vortreflich ausgedruͤckt, er hat eine Sanduhr in der Hand, und hebt mit der ei- nen nen Hand den Sargdeckel auf. Der Marschal haͤlt in der Rechten den Marschalsstab hinter sich, die andre streckt er aus. Der Kuͤnstler hat sogar die Wellen, die das Cordon bleu wirft, ausgedruckt. Indem der Held mit heitrer Miene in den Sarg treten will, liegt Frankreich als eine Goͤttin vorgestellt, zu seinen Fuͤssen, faßt ihn bei der Hand und haͤlt ihn mit flehendem Blick zuruͤck. Zu ihrer Linken steht der Genius Frankreich s, der zu wei- nen scheint, und des Todes Fackel umkehrt. Aber der hat ein Kasket auf dem Kopf! Auf eben dieser Seite liegen zerrissene Fahnen, Standarten, und uͤber ihnen stehen Frankreich s Fahnen mit den Lilien. Auf der linken Seite des Marschals sinkt der Reichsadler zu Bo- den, auch Leoparden und Loͤwen, — Sinnbilder Engel- land s und Holland s, — liegen wie niedergeworfen da. Dies hat der Stolz der Nation angebracht, die Kunst aber hat dabei das Ihrige gethan. Das falticht und wellenwerfend uͤber den Sarg herabhaͤngende Tuch ist die groͤßte Nachahmung der Natur. Aber das Meisterstuͤck ist Herkules, der dem Tod gegenuͤber steht, mit dem rechten Arme in die linke Hand gestuͤtzt, die linke auf der Keule ruhen laͤßt, die rechte bedeckt halb die Stirne. Alles was stillen Schmerz, was bittern Gram uͤber die Sterblichkeit des Helden ausdrucken kan, das alles hat Pi- galle ’s herrlicher Meissel da angebracht. Falsch ists, daß er weinerlich, heulend vorgestellt sei, wie Schlosser sagt. Auch ist der Tadel an der Lage des Sargdeckels, meines Erachtens, uͤberfluͤssig. An der Seite des Monuments geht man durch eine krumme steinerne Treppe in ein klei- nes praͤchtiges Gewoͤlbe hinab, das die ganze Last traͤgt. In der Mitte steht ein steinerner Sarg aus Einem Stuͤck, in welchen die Asche des Mannes gebracht werden soll, die die jetzt noch in der Neuenkirche ist. Oben ist eine Oef- nung fuͤrs Herz, unten eine fuͤr die Eingeweide des Grafen. Hinten in der Kirche soll Schoͤpflin ’s Bild an ei- ner Urne mit einer Inschrift hinkommen. Seine Schwe- ster und Erbin, die von der Stadt wegen der Bibliotheck eine Pension hat, laͤßt es ihm setzen. Bemerkungen uͤber Strasburg. Das Aeusserliche der Stadt wird durch bestaͤndi- ges Bauen sehr verschoͤnert. Aber alle reiche Leute halten sich immer in Pa- ris auf. Der Ton der Stadt ist ein widriges Gemisch von alten Reichsstaͤdtischen, Teutschen, und Franzoͤsischen Moden. Es gibt Stadtweiber hier, wie man sie viel- leicht selten findet. In den Haͤusern trift man viele Marmorplatten auf Tischen an, die kommen von Schirmeck, 9 — 10. Stunden von Strasburg. Dort soll eine herrliche Marmorschleife seyn. In der Stadt selber sind viele Kuhmelkereien und doch wird eine Menge Milch und Butter vom Lande von beiden Seiten hereingebracht. Die Soldaten stricken auf der Wachstube Filet; das Paar Mannsmanschetten verkaufen sie oft fuͤr 3. Liver. In Bar nicht weit von Strasburg ist eine grosse lutherische Gemeinde, aber auch viele Katholiken. Es gab gab immer Streit wegen der Zeit bei den lutherischen Kommunionen. Es ward daher befohlen, daß allemahl 3. Kommunikanten das Brod auf einmahl nehmen, und man die Worte der Einsetzung fuͤr alle 3. nur einmahl, und beim Kelch fuͤr 2. nur einmahl sprechen soll; nun sind die Streitigkeiten beigelegt. Man trinkt hier in sehr vielen Haͤusern Thee von Schluͤsselbluͤmchen; er schmeckt recht gut. Unter den Sallat thun die Franzosen viel Apium Petroselinum. Es gehoͤrt zum Karakter der Nation, daß sie be- staͤndig singt. Selten geht einer die Treppe hinauf, oder hinab, ohne zu trillern; die Koͤchin in der Kuͤche, der Soldat auf dem Posten, die Kinderwaͤrterin, der Beckerjunge, der Ladendiener, kurz alles singt. Drei Stunden von Strasburg hat der vortrefliche Staͤttmeister und Lieutenant, Hr. General von Hohen- hayn ein Landgut, das ein Meisterstuͤck der Oekonomie seyn soll, selbst angelegt. Unter andern sind seine Wein- berge als ein Amphitheater angelegt; an den Seiten ste- hen Pfosten, an diesen sind eiserne Drathe durch den ganzen Weinberg gezogen, und an diesen, nicht an Pfaͤh- len, sind alle Rebstoͤcke befestigt. Die Abgaben an den Koͤnig sind sehr gros. Die Leute sind auch meist sehr arm, und wissen nie was sie geben muͤssen; es gibt bestaͤndig Veraͤnderungen. Ein Becker, der nichts hat, als ein halbes Haus zu seinem Handwerk, gibt der Stadt, und dem Koͤnige alle Jahr 80. Gulden. Im Im franzoͤsischen Hospital hat man ganz neuerlich ein wohlfeiles Mittel entdeckt, Pluma ç ons und Charpie zu bekommen. Man laͤßt von den Stuͤhlen, auf denen man leinene Baͤnder macht, die Flocken und Abfaͤlle, die an den Seiten des Stuhls haͤngen, sammeln, und legt diese in die Wunde. Es sieht aus, wie die fein- ste Baumwolle, und saugt die Feuchtigkeiten der Wunde viel besser ein, als die sonst gezupften Pluma ç ons. Die Engellaͤnder zupfen auch die Leinwand nicht, sondern scha- ben mit dem Messer die kleinen Faͤschen ab und bekom- men sie auf diese Art ungemein fein. Im vorigen Jahre sollen die Chirurg j ens-Majors ganze Kasten und Kisten voll schon gemachter Pluma ç ons bei sich gehabt haben. Unter dem Buͤrgerstande ist das Kaffeetrinken noch nicht so allgemein. Man macht sich Visiten des Nach- mittags, ohne daß Kaffee vorgesetzt wird. Die Feuerarbeiter in der Stadt brauchen Stein- kohlen. Man graͤbt sie bei Lach, nicht weit von Wei- ler, einem Staͤdtchen im obern Elsaß, 4. Stunden von Strasburg. Die Steinkohlengruben liegen auf einem graͤflichen Gebiet. Kaufleute aus der Stadt neh- men sie in Bestand; man bringt die Kohlen zu Wasser. Sie lassen nach dem Verbrennen mehr Schlacken zuruͤck, als Asche, und sind auch sehr reichhaltig zum Theil an Bleierz, zum Theil an Kupfer. Beim Bad Niederbrunn, 9. Stunden von Strasburg, gibts rothe Sandsteine mit dendriti- schen Zeichnungen, die sehr schoͤn sind. Sie sind dort so haͤufig, daß man damit mauert. Man ver- B sicherte sicherte mich, daß die Zeichnungen durch den gan- zen Stein durchgehen. Es koͤnnen also keine blosse Ein- druͤcke und am wenigsten aus einander gespruͤtztes flui- dum seyn. Das Bad selber hat Glauber salz, Eisen- safran und Asphalt. Den Brunnen hat schon Julian der Abtruͤnnige graben lassen. Fuͤr Gliederschmerzen soll er sehr gut seyn, und wird auch stark genutzt; s. D. Leyssering in Carlsruhe Dissert. de Aquis Nie- derbrunnensibus. Zwei Stunden von Strasburg sind Asphaltgru- ben, aus denen jaͤhrlich viele 100. Centner Wagen- schmier gemacht werden. Die Bauern schoͤpfen das Wasser und lassen’s abdampfen, bis das Steinoͤl zuruͤck bleibt. Aus diesen Gruben kommt etwas Steinoͤl in jenes Bad. Im sogenannten Steinthal, einer gebuͤrgigen rau- hen Gegend bei Bar, findet man Stalactiten, viele Eisenminern, Quarze, Schwefelkiese, Blutsteine, auch Marmor, und Marienglas, nebst Spat ꝛc. Junge Huͤner und Gaͤnse macht man hier auf folgende Art fett: Man nimmt 2. Theile Gerstenmehl, und 1. Theil Welschkorngruͤtze, thut ein wenig Salz dazu, machts im Sommer mit blossem Wasser an, im Winter aber kocht man es ein wenig mit Wasser und Milch. We- gen der Zaͤhigkeit thut man ein wenig Sand darunter, sonst bleibts ihnen im Kropf haͤngen. Dies stopft man ihnen des Tags 2mahl ein. Auch alte Gaͤnse haben von Welschkorn in 8. Wochen 10. Pfund Fett, und eine herrliche Leber bekommen. Kraͤf- Kraͤftige Suppen macht man so: Man nimt Brod von ⅔ Weitzen- und ⅓ Roggenmehl, schneidet sehr duͤnne Scheiben daraus, laͤßt sie auf dem Ofen gelinde roͤsten, und kocht dann etliche davon mit der Bruͤhe auf. In Frankreich darf kein Guͤterwagen uͤber 600. Centner laden und nicht uͤber 6. Pferde haben. Jeder Huissier darf, wenn der Fuhrmann mehr Pferde hat, sie ihm abspannen. Dadurch werden Bruͤcken und Wege geschont. Strasburg ist der einzige Ort, wo die Komoͤ- dianten zur Beichte gehen. Ils font les Pacques, sagt man. An andern Orten laͤrmt die Geistlichkeit uͤber sie. Im Leben betet man sie an, und nach dem Tode will man sie nicht begraben. In Holland sind sie Handwerker, arbeiten am Tag, und spielen des Abends. Der Luxus der Reichen bei Gastereien geht hier erstaunlich weit. Zum Dessert werden Bestecke von Vermeille servirt. Am Messer ist auch die Klinge von Silber, und damit sie vom Obstschneiden nicht an- laͤuft, vergoldet. Jedem Chapeau wird eine eigne Bouteille fremder Wein in einem silbernen Gefaͤs hinge- stellt, mit einem Korb voll Kelchglaͤßchen. Der starke Kaffee der Franzosen koͤmt dann noch hintennach, und ist wahres Gift. B 2 Reise Reise von Strasburg nach Paris. Diese machte ich in der Diligence Royale. So heißt man’s, obgleich der Koͤnig nicht Entrepreneur ist, sondern eine Privatge- sellschaft in Paris. Nur allein der Wagen nach Strasburg kostet ihr jaͤhrlich 72000. Liver. Der Weg geht durch Elsaß, Lothringen, Barrois, Champagne und Isle de France. Man rechnet 57. Posten zu 2. Stunden, manche machen anderthalb Posten. Die Namen stehen in jedem Almanac de Strasbourg , de Nancy ꝛc. Die Stationen sind zum Theil elende Doͤr- fer, oft blosse Haͤuser am Wege. Die Kutsche haͤngt in Riemen, ist ziemlich bequem, darf aber nicht so bepackt wer- den, wie die teutschen Postwagen. Die Thuͤren sind hoch, man steigt durch eine eigne Leiter hinauf, die hernach zu- sammengelegt und hineingenommen wird. Der Kom- mis hat vorn abgesondert von den Passagiers, ein eignes, sehr bequemes Kabriolet, und vor sich einen Korb fuͤr die Porte-manteaux und Sacs de nuit. Mehr als 10. Pfund hat kein Reisender frei. Fuͤr die Koffer hat man eigne Messageries Royales, wo das Pfund die Stunde 5. Sous, auf der Diligence aber 6. Sous kostet. In der Kutsche ist oben ein grobes Filet, fuͤr die kleinen Pa- ckete, an Naͤgeln befestigt, das sich ganz und zum Theil abnehmen laͤßt, und vieles fassen kan. Sie bleibt Nachts etliche Stunden liegen, und langt in fuͤnfthalb Tagen von Strasburg in Paris an. Die wichtigsten Orte durch die ich auf dieser Route kam, sind Zabern, franzoͤs. Saverne, wo der Kardinal-Bi- schof von Strasburg einen schoͤnen Garten und ein gros- ses ses Bassin hat. Der Ort ist bergicht. Von da geht die herrliche Strasse nach Pfalzburg. Sie ist in ihrer ganzen Laͤnge zu beiden Seiten mit Steinen an den Reinen untermauert, und zieht sich rings am Berg hinauf. Die Stadt Za- bern muß sie durch eigne Leute unterhalten, hat aber da- fuͤr von allen Lastwagen eine gewisse Abgabe, wovon aber Karossen frei sind. Je hoͤher man hinauf koͤmmt, desto- mehr ergoͤtzt sich das Auge an der herrlicheu Aussicht ins praͤchtige Elsas, das sich immer mehr aufhellt, und in seinen majestaͤtisch sich kruͤmmenden, kostbaren, Triften ganz darbietet. Pfalzburg selber hat schoͤne Haͤuser, einen angenehmen Markt- und Paradeplatz, und scheidet Elsas und Lothringen. Saarburg, ein kleines Staͤdtchen, hat auf der einen Seite einen waldichten Berg, aber auf der andern herrliche Gegenden. Zu meiner Verwunderung hoͤrte ich da gemeine Leute schlecht franzoͤsisch, aber ausnehmend gut deutsch sprechen. Die Bergart zwischen Zabern und Pfalzburg ist ein rother, feiner, stark eisenhaltiger Thon. Auf der Steig hoͤrte ich (den 13ten Mai) uͤberall Ku- kuke rufen. Einige stolze Abteien praͤsentiren sich auf den Sei- ten. Aber ohne Unwillen kan man’s nicht ansehen, wie in dem vortreflichen reichen Lande Armuth, Unwissenheit, Blindheit, Sittenlosigkeit und Elend unter dem gemei- nen Volk so gros sind. Kaum haͤlt ein Reisender an, so sind Kinder, Maͤnner, und Weiber um ihn herum und betteln. Halbe Doͤrfer kommen ihm entgegen und bet- teln. In den Ohren thuts dem Menschenfreunde weh, wenn Gottes Geschoͤpfe im Paradies der Erden mit la- teinischen Gebetsformeln, die sie nicht aussprechen, nicht B 3 nach- nachlallen koͤnnen, weils der dickgemaͤstete Pfaffe selber nicht kan, geschweige verstehen, um einen Liard eine Vier- telstunde nachlaufen und winseln. Die geistlichen Blut- igel haben alles, und die groͤßte Klasse der Einwohner schmachtet mitten im fruchtbarsten Lande vergeblich nach Bildung, Unterricht, oft um Ernaͤhrung. Und ist auch irgendwo fuͤr viele Doͤrfer ein Pfaff von einem Klo- ster angestellt, so bin ich versichert worden, daß er selber fuͤr seine Person nichts Ueberfluͤssiges habe. — So un- begreiflich schlecht sind die Anstalten, wo sie am besten seyn koͤnten! Die Chausseen sind, wie uͤberall im Koͤnigreiche, praͤchtig, breit, mit Baͤumen zu beiden Seiten besetzt, und uͤberall bestaͤndig in gutem Stande. Luneville, eine der anmuthigsten Staͤdte, von einer sehr betraͤchtlichen Groͤsse; die Buͤrger sollen auch aufgeweckte Leute seyn. Lauter langgestreckte, grade, sich schoͤn durchkreutzende, Strassen, hohe steinerne Haͤu- ser, ein vortreflicher Platz, ein sehenswuͤrdiges Schloß, das inwendig viele Kostbarkeiten enthalten soll, mit artigen Spatziergaͤngen findet man da. Nancy, der Weg von Luneville nach Nancy ist schoͤn, geht durch die schoͤnsten Felder, und hat herrliche Alleen. Die Vorstaͤdte sind schlecht, und versprechen gar nichts. Destomehr wird man aber durch die Neu- stadt in Erstaunen gesetzt. Sie ist mit dem richtigsten Geschmack angelegt, und wird immer schoͤner. Be- sonders ist la Place Royale sehenswuͤrdig, wo Lud- wig ’s des 15ten Bildsaͤule aufgerichtet ist. Auch la Caliere, ein andrer Platz, ist artig. Eben so la Place d’Alliance, und die Pepiniere. Aber das schoͤnste ist ist la Chapelle, wo die Herzoge von Lothringen bei- gesetzt sind. Kaiser Joseph II. hoͤrte hier, uͤber der Asche seiner Voreltern im April 1777. bei der Durch- reise nach Frankreich eine Messe. Zwischen Nancy und Vilaine, der naͤchsten Sta- tion, zeigt man den Reisenden zwei Plaͤtze, wo Koͤnig Stanislaus im Walde durch Ausfuͤllung ungeheurer Tiefen zwei Berge vereinigen wollte. Die Strasse geht wirklich druͤberweg. Toul hat nichts besonders, der bischoͤfliche Pallast auch nicht. La Dauphine heißt der Platz, der vier- eckicht, gros, und mit Baͤumen und steinernen Baͤnken eingefaßt ist. Bar le Duc. Ist der letzte Ort in Lothringen. Es sind grosse und gute Aubergen da, weil verschiedene Diligencen darin zusammen kommen. Saint Dizier. Der erste betraͤchtliche Ort im eigentlichen Frankreich, in der Provinz Champagne. Aussen vor dem Staͤdtchen ist die Douane, wo unter einem Schuppen mit allem grossen und kleinen Gepaͤcke der Reisenden die genaueste Visitirung vorgenommen wird; sogar die Nachtsaͤcke muͤssen aufgemacht werden. Kar- ten, Toback und alles Neue ist Kontrebande. Nur die Taschen der Reisenden werden nicht visitirt. Wer sei- nen Koffer, ohne daß er dabei ist, auf eine Messagerie gibt, muß auf dem Bureau in Strasburg die Schluͤs- sel dazu lassen, die daran gebunden werden, sonst wird er aufgeschlagen. Nach Buͤchern fragt man nicht. Versiegelte Briefe duͤrfen der Post nicht entzogen werden. Und gleichwohl wird in Paris beim Bureau, wo man B 4 ab- absteigt, noch einmahl visitirt. Im Staͤdtchen selber sah ich die Truͤmmern von einer Menge Haͤuser, die 1776. durch einen Brand verzehrt worden. Man baute sie wieder auf, mit einer Art von weichen Steinen, die, wie Holz, mit Saͤgen von den Maͤurern ohne Muͤhe zerschnitten wurden. So weit geht das Lothrin- g ische Salz: denn durch ganz Frankreich bedient man sich des groben Meersalzes, das nicht genug gerei- nigt ist, und so schmutzig aussieht, wie Pfeffer. Man nennt es Sel gris. Champagne ist ein herrliches Land. Man sieht uͤberall die groͤßten Ebenen, wo die beste Frucht, der herrliche Wein, Bohnen, Haber und auch viel Faͤrber- roͤthe ( Garance ) gebaut wird. Man sieht den Geist der Nation, der auf Gaͤrten, Baumschulen, lange Pro- menaden ꝛc. faͤllt. Oben ist alles gruͤn, und unter der Dammerde ist alles weißgrau: das ist die Terre mar- neuse . Marne heißt der Franzos, was wir Gyps nennen. Eine wahre Kreide ists nicht (s. Sage in sei- ner Mineralog. Docimastique ). Regnet es darauf, so wird der Weg aͤusserst schluͤpfrig. Die Reben werden neben der Strasse zwischen den Fruchtfeldern und Wiesen ganz simpel gebaut. Die Kunst, den guten Champa- gnerwein zu machen, besteht in einer unterdruͤckten Gaͤh- rung. Der gewoͤhnliche champagner Trinkwein ist roth, wie der meiste franzoͤsische Wein, aber nicht sonderlich stark. Der franzoͤsische rothe Wein trocknet auch nicht so aus, wie der deutsche. Der lothringer und champa- gner ist auch nicht so dick und mampficht, wie der Vin d’Orleans und Vin de Bordeaux, den man in Pa- ris hat, und ohne Wasser kaum trinken kan. Der Es- sig sig von diesem rothen Wein hat keine Kraft. Aus der weissen Erde baut man auch alle Mauren und Haͤuser, und brennt Backsteine daraus, so daß alle Doͤrfer und Staͤdte weißgrau aussehen. Der Fluß, die Marne, ist in Chalons am betraͤchtlichsten; sie hat ein schmutziges Wasser, man muß oft uͤber sie fahren, sie theilt sich in etliche Arme, und ergießt sich bei Paris in die Seine. In den Wirthshaͤusern wird meistens auf lauter Porzellaͤn gespeißt, das an vielen Orten in Frankreich und zum Theil recht schoͤn gemacht wird. Das meiste aber ist doch plump und hat keine schoͤne Weisse. Den Wirth sieht man selten. Die Wirthin besorgt alles, und die Filles warten auf. Ueberall ist das Akkordiren nicht uͤblich. Zu Nachts muß man, ehe man zu Bett geht, bezahlen. Man hat meist Zimmer mit 4. bis 5. Betten. Die Decken sind leicht, und duͤnn. Die Wuͤlste statt des Kopfkuͤssens, fallen dem Deutschen im Anfang sehr beschwerlich. Alle Waͤnde sind tapezirt, oder nach Ta- petenart beschmiert. Die Franzosen feuern noch im Mai in ihren Kaminen, sitzen davor, machen eine wich- tige Sache daraus, das Feuer recht zu schuͤren, sonder- lich ist das die Sache des Chapeau, wenn Damen da- bei sind. Sie halten den Fuß mit Schuh und Struͤm- pfen in die Flamme. Ueberall findet man gute Lichter, aber selten gutes Wasser. Das Essen wird fast alles auf einmahl aufgesetzt, und wird fast allemahl kalt. Die Postillions haben keine eigne Kleidung und tragen auch kein Posthorn. Sie gehen aber unbarmherzig mit den Pferden um. Trinkgeld ist man ihnen auf der Sta- tion nicht schuldig, man zahlt es schon mit dem Postgelde, es wird ihnen von Zeit zu Zeit ausbezahlt, aber freilich vom Bureau sehr spaͤt, daher betteln sie doch. B 5 Cha- Chalons. Der Marktplatz hier wird schoͤn, wenn das neue Hôtel de Vi le fertig ist. Im Wirthshaus heissen die Zimmer wie die grossen Staͤdte Europens, Petersburg, London, Frankfurt ꝛc. Vor der Stadt sind schoͤne Promenaden mit Orangerie. Weit vor der Stadt liegen die Maisons de Campagne des Bischofs. Die Bauart ist alt, eng, hoch hinauf gebaut, von Holz, alles haͤngt an einander ꝛc. Die Musik, die wir zu hoͤren bekamen, war herzlich schlecht. Auch lau- fen sehr viele wuͤste, ungestaltete, Leute in dieser Stadt herum. Die Grenze dieser Provinz ist ein artiges Staͤdtchen, Chateau Thierry. Isle de France ist nicht so schoͤn wie Champa- gne. Sie ist ganz bergicht und steinicht, bis man uͤber Meaux hinaus ist. In den Bergen brechen herr- liche Achate. Hier geht die Chausseé du Roi an. Das mittelste Stuͤck der sehr breiten Strasse ist, àfin- qu’elle ne soit pas mangée par l’eau, mit Felssteinen gepflastert. Das gibt freilich immer guten Weg; es ist aber ein bestaͤndiges Rasseln und Laͤrmen, daß einem der Kopf betaͤubt wird. Wein waͤchst hier herum nicht viel. Lichte und ausgehauene Waͤlder sieht man uͤberall. Die Doͤrfer sind schlecht, Kost und Lager ebenfalls. Eper- nay und Meaux sind ganz artig, und alsdann werden die Gegenden wieder angenehmer, aber die Strassen, je naͤher man der Hauptstadt koͤmt, wegen der unaufhoͤr- lichen Karossen, Diligencen, Voituren und Chariots aller Art, immer schlechter. Man braucht die Esel sehr stark zum Tragen und zum Reiten, sonderlich bedienen sich ihrer die Weibsper- sonen. Sie sind klein, und doch muntrer als bei uns, spitzen die Ohren wie die Pferde, haben aber nicht alle cruce atra atra dorsum notatum, die Farbe ist oft etwas Fuchs- roth. Man spannt auch ein Pferd und einen Esel zu- sammen. Bald hatten wir sehr grosse, bald sehr kleine elende Pferde, die aber alle gut laufen. Ihre Kummete haben grosse Hoͤlzer, an denen der Franzos die groͤbsten Malereien anbringt. Ankunft in Paris. Den 17ten Mai Man wird durch die grossen Strassen, das be- staͤndige Fahren, Reiten und Laufen, und durch einen ganz eignen haͤßlichen Geruch schon von weitem auf diese, in aller Absicht, unbeschreibliche Stadt aufmerksam gemacht. Es soll in Frankreich Leute geben, die mit verbundenen Augen herum gefuͤhrt, Strasburg, Bor- deaux, Paris ꝛc. blos durch den Geruch unterscheiden koͤnnen. Die Einfahrt ist geringscheinend, die Bar- riere im Fauxbourg auch, aber kaum ist man durch ein dickes, altvaͤtrisches Thor hereingekommen; so ist man schon mitten im Gewuͤhl und Gelaͤrme, das weiter hinein immer staͤrker wird. Man hoͤrt ein unaufhoͤrli- ches, von allen Gegenden herschallendes Getoͤse der Ka- rossen, Fiaker, Verkaͤufer ꝛc. die ihre Sachen ausrufen, als Wasser, Dinte, Obst, Blumen ꝛc. der schwoͤrenden Fuhrleute, der Schilowachen, der Glocken ꝛc. Oft ent- steht vom Fahren ein solcher Laͤrm, daß die Erde zu zit- tern scheint. An Komoͤdien- und Operntagen, oder bei andern Festivitaͤten, kommen ganze Reihen von Karossen, an denen die Pracht des Laks, Silbers, Goldes, der Teppiche, Pferde ꝛc. aufs hoͤchste steigt, oft hinter ein- ander, oft in einer Strasse zusammen. Buͤrger und Ein- Einwohner sind unter der Menge der Bedienten, der Fremden, der Geistlichen, der Muͤssiggaͤnger ꝛc. un- kenntlich. Aus allen Provinzen des Koͤnigreichs, so wie aus allen Gegenden Europens sind bestaͤndig Leute da, die entweder ihr Geld, um sich zu amusiren, lieber da verzehren, als in andern kleinen Staͤdten; oder die um der Wissenschaften und schoͤnen Kuͤnste willen, oder wegen des Handels und der Geschaͤfte bei Hof und in der Regierung, oder blos um die Welt, — die grosse glaͤn- zende Welt, — zu sehen, oder um ein zuͤgelloses Leben zu fuͤhren, und aufs Abwechseln im Laster zu studiren ꝛc. da zusammen kommen. Das Erste, was ein Fremder braucht, ist ein Fia- ker oder Miethkutsche. Man rechnet uͤber 1500. in Pa- ris. Sie stehen auf allen Strassen, haben 2. Pferde, die Kutschen sind zum Theil schlecht, eng, niedrig, stos- sen gewaltig, sind oft unsauber. Man bezahlt sie Stundenweis zu 24. Sous. Sie fahren, wohin man’s verlangt, sind gegen die Fremden oft grob, wenn man ihnen nicht gleich mit den Kommissaren droht, die uͤber sie gesetzt sind, und ihren Muthwillen mit dem Kerker bestrafen. In diesen Miethkutschen sucht man mit seiner Equi- page ein Hôtel. So heissen hier, nicht blos Aubergen oder Wirthshaͤuser, sondern fast alle Buͤrgerhaͤuser, wo chambres garnies fuͤr Fremde offen stehen. Jedes Haus hat seinen angeschriebenen Namen, z. B. Hôtel de Nevers, de Dauemarc, d’Espagne, d’Angle- terre, de l’Empire ꝛc. Man kan Zimmer haben, à plein pied, so nennt der Franzose die erste Flur, die bei uns der erste Stock heißt. Im dritten sind die Zim- mer mer kleiner und wohlfeiler, als im zweiten oder im ersten. Der Preis richtet sich nach dem Quartier und der Strasse. Man kan Zimmer haben zu 44. 36. 24. 18. 16. Liver des Monats. Man kan ausziehen, so oft und wenn man will, packt den Koffer und alle Hardes in einen Fiaker, und faͤhrt anders wohin. Die Stuben sind selten mit hoͤlzernen Fußboͤden versehen. Sie haben eine Art von Pflaster, das aus lauter rothen sechseckicht ge- schnittenen Plaͤttchen zusammen gesetzt ist, eine Kom- mode, ein Bett mit Vorhaͤngen, Schrank, Tisch, Spie- gel und Stuͤhle. Der Pfoͤrtner richtet den Fremden wenig Kommissionen aus. Man hat einen eignen Jun- gen dazu, den man monatlich bezahlt. Man haͤlt sich einen Savoyarden, oder Decroteur, der alle Morgen koͤmmt, und Schuh und Stiefel putzt. Zum Fruͤhstuͤck kan man haben, was man will, kan’s aufs Zimmer bringen lassen, oder im Kaffeehaus nehmen. Eine Portion Caffée au Lait , die ei- nem mit Zucker und petit pain in einem Koͤrbchen aufs Zimmer gebracht wird, kostet 5. Sous; Chokolade 10. Sous. Mittagsessen bekoͤmt man wo und wie man will. Fuͤr 24. Sous hat man Suppe, Rindfleisch, Ge- muͤs, oder Ragout, oder Braten, eine halbe Bouteille Wein, Brod, und ein Biscuit. Das pariser Rind- fleisch und Brod sind sehr koͤstlich. Abendessen kan man sich ebenfalls vom Rotisseur, oder Cabaretier, wenn man Tischzeug hat, auf die Stube hohlen lassen. In den grossen Hotels kan man fuͤr 40. Sous an der Table d’Hôte treflich speisen. Beim Marchand de Vin muß man wegen des Weins akkordiren. Fuͤr Geld kan man in Paris haben, was und wie mans will. To- bak- bakrauchen ist nicht sehr uͤblich, der schlechte Tobak ist theuer, lange Pfeifen hat man nicht leicht, es gibt Bier- haͤuser oder sogenannte Tabagies, wo man raucht, aber auf den wenigsten ists erlaubt. Das Tobakschnupfen ist allgemein, viele riechen nur in den Tobak; sie wun- dern sich, wenn ein Fremder nicht schnupft. Den 18ten Mai. Ich fing nun an, die Merkwuͤrdigkeiten der Stadt nach und nach zu besehen Ueber alles, womit der wohlselige Verfasser waͤhrend seines Aufenthalts in Paris taͤglich seine Wißbegierde zu stillen suchte, theilt er in diesem Tagebuche unter je- dem Tage seine Gedanken und Bemerkungen mit. Herausgeber. , ging daher heute zu- erst auf Pont Royal. Die Seine laͤuft fast mitten durch die Stadt, bildet an der einen Seite eine kleine Insel zwischen 2. Armen, und dies war das alte eigentliche Paris. Was jetzt auf beiden Seiten angebaut ist, ist lauter Fauxbourg; im eigentlichen Verstand aber ist das jetzt Paris. Ueber diesen Fluß sind nun etliche Bruͤcken gebaut, von Steinen gros, breit und massiv. In der Mitte ist ein breiter Platz zum Fahren, und zu bei- den Seiten sind Erhoͤhungen von etlichen Schuhen fuͤr die Fußgaͤnger. Man hat auf diesen Bruͤcken eine herr- liche Aussicht auf die Seine, auf das Quay zu beiden Seiten, auf das Louvre und Palais Royal nach dem Thuilleries, und tout le monde se promene ici. Die Bruͤcken selber sind mit Decroteurs und andern dienstbaren Leuten, die Fiakers, Regenschirme, oder Waa- Waaren anbieten, besetzt. Unter den Bruͤcken sieht man Holz, kleine Schiffe zum Uebersetzen, Schiffe mit kleinen Bedeckungen zum Baden ꝛc. Pont Neuf. Diese liegt weiter unten. Sie ist viel schoͤner, merkwuͤrdiger und breiter, hat zu beiden Seiten Buden mit allen moͤglichen Waaren, die alle praͤchtige Namen und Ausschriften fuͤhren. Es sind eigne Boutiquen da, mit englischen Waaren, spanischen Roͤhren ꝛc. Ueberall sind Wachen gestellt, und doch wird im Gedraͤnge oft genug gestohlen, zuweilen werden auch Nachts ganze Boutiquen ausgeraͤumt. La Statue de Henri IV. ist eine der groͤßten Zierden dieser Bruͤcke. Sie ist kolossalisch, hat ein an- derthalb Mann hohes Fußgestelle mit Inschriften und kleinen Statuen, worauf oben der Koͤnig zu Pferde sitzt, in alter Kriegstracht mit einem schrecklichen Degen, und einer kriegrischen Mine. Das Pferd ist im Fortschrei- ten begriffen, und so wie das Ganze, majestaͤtischpraͤch- tig. Alles ist mit einem eisernen Gitter eingefaßt. Die untersten Stuͤcke aber bewachsen mit Moos, weil sie nicht oft genug geputzt werden. Erst ermordet man in Paris die Koͤnige auf den Strassen, und dann setzt man sie auf die Bruͤcken en statue. — Le Palais du Luxembourg . Man unterscheidet das grosse und kleine Gebaͤude dieses Namens. Hinter demselben sind die angenehmsten Promenaden, wo jeder- mann hinein gehen darf. Es sind grosse, freie, runde Plaͤtze, die nach allen Seiten die schoͤnsten und breitesten perspektivisch gehauenen Alleen von Maroniers und Chataigners darbieten. Man ist da, wie aufm Lande, ziem- ziemlich still, und entfernt vom Gelaͤrm der Stadt, da- her alles, was lesen oder studiren will, besonders des Morgens, hineingeht. Sie werden aber nicht eher als um 7. Uhr geoͤfnet. Man findet uͤberall eine Menge Stuͤhle uͤber einander gelehnt, die man fuͤr eine Kleinig- keit haben kan, denn sie sind an gewisse Leute verpachtet. L’Eglise de St. Sulpice . Ist eine von den grossen und praͤchtigen Kirchen. Der Thurm bekoͤmt, — denn man baut noch wirklich daran, — eine sehr betraͤchtliche Hoͤhe. Beim Eingang ist eine Menge Saͤulen von un- geheurer Dicke. L’Eglise du Couvent des Moines de la Ab- baye St. Germain . Ist klein, war aber heute, als am Pfingstfest, stark besetzt, weil der Organist, Herr Miroir spielte, der wirklich der beste Organist in der Stadt seyn soll. Ich habe ihm mit unendlichen Vergnuͤ- gen zugehoͤrt. Er spielte nur in kurzen Absaͤtzen, weil der Pfaff die Vesperpsalmen gleich wieder zu brummen anfing, aber allemahl hoͤrte man den Meister im Spie- len auf eine andere Art. Die Orgel hat ein vortrefli- ches Pedal und einen gewaltigen Trompetenbaß. Die Kirche selber ist, wie alle in Paris, mit Verzierungen uͤberladen. Das Auge sieht sich muͤde an den Gemaͤl- den, hohen Altaͤren, Kreutzen mit grossen kostbaren Steinen, Vergoldungen, Einfassungen, Heiligenbil- dern, Platfonds ꝛc. Die Meßkleider sind kost- bar. Um den Altar allein standen 20. Wachskerzen, die alle wie grosse Nuß- oder Hopfenstangen waren, auch mit so einer angezuͤndet wurden. Ueberhaupt soll der Aufwand der Wachslichter in Paris ungeheuer seyn. Man brennt in allen Kirchen, Schauspielen, Opern, grossen grossen Hotels, reichen Partikuliershaͤusern, Leichensaͤlen ꝛc. Wachslichter. In allen Kirchen ist eigentlich nur der mittlere Theil mit Stuͤhlen besetzt. Zu beiden Seiten sind breite Gaͤnge mit kleinen Altaͤren, Beichtstuͤhlen, und Bildern hinter eignen Gittern. Auch sind an bei- den Enden grosse Vestibules. Es stehen keine Baͤnke darin, sondern lauter Strohsessel, so wie in Hamburg ꝛc. die man mit 2. Sous, oft noch hoͤher, bezahlen muß. Auch das ist eine Ferme, die jaͤhrlich, auch nur in solchen Klosterkirchen, sehr viel betraͤgt, und fuͤr das Kloster, und noch mehr fuͤr die Kirchspiele eine betraͤchtliche Revenue ist. L’Abbaye St. Germain, Fauxbourg St. Ger- main . Da ist in der Fasten der Markt, wo alles moͤgliche Schoͤne, Neue, und Angenehme zusammenkoͤmt. So elend die Haͤuschen in dieser Gegend sind, — niedre Stuͤbchen, enge, finstre, gefaͤhrliche Treppen, oft schmu- tzige Loͤcher statt der Abtritte, gar keine Kuͤchen, so daß man im franzoͤsischen Kamine kocht Und so ists in den vornehmsten Strassen; bei den besten Leuten findet man die Wohnstube in den Man- sarden. In vielen Stuben kan man kaum aufrecht stehen, die Treppen sind alle finstre enge Winkel. Bei der Hitze, bei Donnerwettern, in Krankheiten, muß es eine erschreckliche Plage seyn, in solchen Schlupf- winkeln zu wohnen. Und so sind, — die grossen Ho- tels ausgenommen, — die allermeisten Haͤuser in Paris. ; — so sind doch auch die kleinsten Winkel und jedes Fensterchen oben im Dach, das so klein ist, daß mans kaum fuͤr ein Tagloch halten wuͤrde, mit Menschen besetzt. Besonders woh- nen da viele Uhrmacher, und andre Arbeiter, die nicht selbst C selbst Meister sind, aber fuͤr die Leute in der Stadt ar- beiten. Denn in der Abbaye St. Germain ist eine Maitrise franche. Wer auch das Geld, das jetzt noch zur Maitrise noͤthig ist, nicht hat, kan doch, wenn er hier wohnt, und gute Bekanntschaften mit an- dern Meistern hat, die bei ihm Waaren bestellen, fuͤr sich arbeiten. Es wohnen hier in jedem kleinen Raum so mancherlei und so viel schlechte Leute, daß keiner, wenn er auch in der Stube sitzt, seinen Schluͤssel in der Thuͤre stecken laͤßt, aus Furcht, er moͤchte ihm abgezogen wer- den. Wer sich uͤberzeugen will, daß Carlsruhe und manche andre kleine Stadt, — die freilich dem Freund der Vergnuͤgungen nicht so viel anzubieten hat, wie das koͤ- nigliche Paris, — doch fuͤr Leben, Gesundheit, Bequem- lichkeit, Ruhe und frohe Sicherheit, tausendmahl vorzuͤg- licher ist, der sehe sich nur in diesen und andern aͤhnlichen Gegenden der Franzosenstadt um. Bemerkungen. Die Kopfzeuge der Dames und Filles de Pa- ris sind wirklich nicht gar gros. Als der Kaiser hier war, misbilligte er etlichemahl diese Thorheiten. So viel Ach- tung hatte die sonst so stolze Nation doch fuͤr den Ge- schmack des Monarchen, daß die Flor- und Spitzenge- baͤude, wenigstens so lang Er hier war, herabsanken. Das Trinkwasser in der Stadt ist alles aus der Seine, aller dahinein fliessenden Unreinigkeiten unge- achtet. Man traͤgt es in der Stadt herum und verkauft es. Doch muß nicht jedes Glas Wasser im Hotel be- zahlt werden. Den meisten Fremden macht es entwe- der im Anfang eine Kolik oder einen Durchlauf. Man hat hat Machines sabuleuses dazu, um es zu filtriren. Ganz hell wird es niemals, mir hats bisher nichts ge- than. Fontainen sind aber keine in der Stadt. Die petite Poste ist eine grosse Bequemlichkeit fuͤr so eine grosse Stadt. Man kan mit Huͤlfe derselben sei- nen Bekannten in den entferntesten Gegenden der Stadt Briese zu schicken. Sie gehen zweimahl am Tage, Morgens und Abends. Und durch dieselbe kan man auch Briefe ausserhalb der Stadt auf die grosse Post bringen. Nach Strasburg kan man alle Tage schrei- ben, nur am Mittwoch nicht. Zur grossen Bequemlichkeit ist Paris seit etlichen Jahren mit Laternen in allen Strassen versehen. Sie haͤngen sehr hoch, doch in grossen Distanzen von einander; es sind Reverberierlaternen von gutpolirtem Eisenblech, und werden alle Nacht, ausser im Vollmond, angezuͤndet. Auch patroulliren bestaͤndig und uͤberall Stadttrup- pen der Sicherheit wegen, in der Stadt herum. Glockenlaͤuten hoͤrt man alle Sekunden bei Tag und bei Nacht. Es gibt sehr viele schoͤne Gelaͤute in der Stadt. Nur am Charfreitag, — dem einzigen Tag im Jahre, — wird nicht ein einziges gezogen. Da sagt man zu den Kindern in Paris: On les envoye à Rome sur la riviere. Den 19ten Mai. La Morne besuchte ich heute zuerst. So heißt ein mit einem grossen Thor versehener und mit Schild- wachten besetzter Hof, wohinten eine Art von Stall, unten mit Stroh belegt, und vorn ein eisernes Gitter C 2 daran daran ist. In diesen Stall legt man die Leichen, die man des Nachts und des Morgens in den Strassen lie- gen findet. Man zieht sie nackend aus, damit man ihre Wunden sieht. Die Kleider, an denen sie ihren Be- kannten kenntbar werden koͤnnen, haͤngt man dazu, und so laͤßt man sie etliche Tage da liegen. Jedermann kan hinein gehen, und sie besehen. Werden sie reklamirt, so liefert man sie aus, wo nicht, so verscharrt man sie end- lich an einem eignen Ort. Oft findet man Leute da lie- gen, denen mit einem Saͤbel die ganze Brust aufgehauen ist. Oft andre, denen der Hals recht kuͤnstlich mit dem Federmesser aufgeschnitten ist. Es vergeht fast keine Nacht, wo nicht 5. bis 6. Personen gefunden werden. Zwar lagen heute nur Kleider, keine Leichen da. La Greve. Ein Platz, zu Hinrichtungen be- stimmt, der aber nicht gar gros ist, und keine regelmaͤs- sige Figur hat. Galgen und Rad sind nicht bestaͤndig da aufgerichtet; man nimt die Gehenkten in Frankreich gleich wieder ab, und bricht den Galgen selber auch ab. An der einen Seite ist das Rathhaus, ein altes grau- weisses Gebaͤude, wie die meisten in Paris, an der andern verkauft man Holz, Steine, und sonderlich wird das Getreide dort in Saͤcken hingebracht. L’Arsenal et le Jardin d’Arsenal. Ein schoͤ- nes Gebaͤude, mit vortreflichen langen Gaͤngen an den Seiten, die hohl hinab toͤnen, wenn man daruͤber weg- laͤuft, weil unten alles gewoͤlbt, und mit Munition an- gefuͤllt ist. Das Innre kan der Fremde nicht leicht zu sehen kriegen. Die Kanonen, die da liegen, sind nicht so schoͤn, als die in Strasburg. Der Garten dabei hat schoͤne, breite Spaziergaͤnge, die jedem offen stehen, und und schoͤne Aussichten auf die Seine, und die eine Haͤlfte der Stadt darbieten. Der Pallast des Kriegsministers steht nicht weit davon, hat aber nichts besonders. La Bastille. Dieses schreckliche Staatsgefaͤngnis macht gleich beim ersten Anblick einen gewaltigen Ein- druck. Vier hohe runde Thuͤrme, oben mit platten Daͤchern und durch Zwischengebaͤude verbunden, und was das traurigste ist, nur mit schmalen Spalten und Ritzen, statt der Fenster versehen, wovon eine in 2. bis 3. von den Kerkern, etwas Licht geben soll. Darin schmachten oft lebenslaͤnglich alle, die etwas wider den Koͤnig, oder die hoͤchste Regierung und Verfassung des Hofs gesagt haben. Spionen gibts uͤberall eine Menge. Man nimmt oft Leute 14. Tage ꝛc. nachher erst weg, wo man sie bekommen kan, man sagt ihnen nicht, warum. Wasser und Brod ist ihre Nahrung, viele verfaulen bei lebendigen Leibe darin. Man darf nicht nahe hinzu gehen. Die Schildwachen leiden nicht, daß die Fremden oder Vorbeigehenden mit einander stehen bleiben oder sprechen, weisen ꝛc. Allez vôtre chemin, — rief mir einsmahls eine zu. La Place Royale, ou la Place de Louis XIII. Der Platz ist schoͤn, viereckigt, hat eine Einfassung von grossen vornehmen Haͤusern, die unten Hallen haben, worunter man bedeckt gehen und allerlei Waaren sehn kan. Der Platz selber ist in 4. Viertel mit einem Rasenplatze abgetheilt. Da, wo diese zusammen stossen, ist ein breites Stuͤck gepflastert, und auf diesem steht das Fuß- gestelle, das 4. Seiten, und an denselben franzoͤsische, und lateinische, prosaische und poetische, Inschristen hat, die voll pralerischen Lobs sind von Frankreich, C 3 Lud- Ludwig dem XIII. und dem Kardinal Richelien. Auf dem Gestelle steht die Statue Ludwigs des XIII. zu Pferde, von Bronze. Die Arbeit hat das noch etwas rauhe Gepraͤge des damaligen Geschmacks. Sie ist nach meinem Geschmack die schlechteste unter allen Sta- tuͤen in Paris. Das Pferd hebt den linken Vorderfuß zu hoch auf, und hinten steht seine Schwanzruthe etwas zu lang und zu steif hinauf. Eben so sind die Finger an der ausgestreckten Hand des Koͤnigs steif, und wider- lich. Hier hat der Koͤnig einen Helm mit einem Feder- busch auf. Henri IV. hat gar nichts auf dem Kopf. Le Boulevard. So heißt ein Spaziergang, der einem Wall gleich sieht, fast um die ganze Stadt geht, alle Gassen durchschneidet, aber doch nicht der aͤusserste Zirkel ist, den man um die Stadt beschreiben koͤnnte; denn es stehen noch viele Haͤuser ausserhalb demselben. Er ist breit, in der Mitte fuͤr die Karossen und zu bei- den Seiten fuͤr die Fußgaͤnger eingerichtet. Man findet eine Menge Caffées (der Franzose sagt nicht, Kaffehaͤu- ser), Bierhaͤuser, kleine Gartenhaͤuser, Joueurs de Farce, welche die groͤbsten Possen mit unendlichem Ge- schrei spielen, Marionetten, Marktschreier, Filoux, Laternes magiques, allerhand Spiele, Savoyards, Gemaͤlde, Kupfer ꝛc. Ueberall findet man den taͤndeln- den, spielenden, Geist der Nation. Ueberall schmutzige, wolluͤstige Gemaͤlde, Leichtsinnigkeiten ohne Ende, freche Darstellungen der entsetzlichsten Laster, mit allen Reizen der Malerei und der Zeichnung, Saulieder, Sammlun- gen von Zoten, kleine niedliche Schriften mit den ver- fuͤhrerischsten Vignetten und Kupferstichen ꝛc. Bildnisse hoher Reisenden; neuerlich Hingerichteter, der amerika- nischen nischen Generals ꝛc. Es war einer da, der Struen- see ’s und Brand ’s trauriges Ende dem Poͤbel zum Ge- laͤchter vorstellte; Charten von Paris, Almanache, Chansons, Operetten, Komoͤdienzettel ꝛc. ça ne finit pas, wo man hinsieht. Wieder andre Dinge, eine un- erschoͤpfliche Mannichfaltigkeit von Geckereien ꝛc. Alle moͤgliche Editionen von Menschen, Kleidern, Karossen, Putzarten, Kinder, wie junge Narren angezogen, Uni- formen, Livereien, Schweitzer, Huren ꝛc. La Place Vendome. Wiederum ein schoͤner, grosser, runder, mit guten Haͤusern umschlossener Platz. In der Mitte eine praͤchtige Statuͤe von Louis XIV. zu Pferde. Sie ist schoͤner, als jene von Louis XIII., auch schoͤner, als die von Henri IV. Der Koͤnig hat auch nichts auf dem Kopf, und weist mit der rechten Hand auf das gegenuͤberstehende Haus des Kanzlers. Er hat nicht einmahl etwas um den Hals, auch der Arm ist unbekleidet. Der Kopf, die Ohren, die Brust, und die Hinterfuͤsse des Pferds sind Meisterstuͤcke. Die In- schriften am Fußgestelle sind im Geist des Volks, sie strotzen von Viro immortali, Aeternitati etc. Victorioso etc. der Platz um die Statuͤe ist mit schwarzen und weissen Steinen belegt, und mit einem eisernen Gitter umgeben. Le Palais Royal und Jardin du Palais Royal. Dieses lange und praͤchtige Gebaͤude steht in der Rue St. Honoré, hat eine Menge Saͤulen, grosse Hofplaͤtze, und einen herrlichen Garten, voll der schoͤnsten, breite- sten Alleen, der Laͤnge nach, und wo man durchsieht, wieder in die Breite. In der Mitte ist ein mittelmaͤs- C 4 siges siges Bassin, darin rothe Fische schwammen. Am Eingang sind Boutiquen von Galanteriewaaren. Um 1. 2. 3. Uhr wimmelt hier alles von Parisern. La Place Victoire. Der Platz ist klein, aber die Bildsaͤule von Louis XIV. zu Fuß gibt ihm ein praͤchtiges Ansehen. Sie ist auf einem hohen Fußge- stelle errichtet. An diesem stehen an den 4. Ecken 4. Nationen, theils als weibliche, theils als maͤnnliche Fi- guren vorgestellt, zum Zeichen der uͤberwundenen Natio- nen oder Erdtheile. Diese Figuren tragen Ketten, ha- ben die Haͤnde auf den Ruͤcken gebunden, und machen grimmig schnaubende Gesichter. Oben steht der Koͤnig, kolossalisch, hinter ihm die Siegesgoͤttin, welche ihm ei- nen schoͤnen Lorbeerkranz uͤber den Kopf haͤlt. Den 20ten Mai. Heute sah’ ich den Kaiser Joseph II. In der Rue Tournon, einer von den wenigen Strassen in Paris, die breit, hell, lichtvoll und gesund sind, steht le grand Hôtel de Treville. Da pflegte der Kai- ser, so oft er in Paris war, zu speisen. Heute Nach- mittag versammelten sich vor der Thuͤre von 1. Uhr an bis 3. Uhr mehr als tausend Menschen, und drangen zu- letzt, wie der Regen kam, ins Haus. Thuͤre, Eingang, Treppen, Platz, Hof, alle Zimmer, alle Fenster waren besetzt. Er sollte zum Diner zuruͤckkommen. Wirklich machte er in einer vierspaͤnnigen Karosse Visiten bei den Ambassadeurs, dann nahm er einen grossen Umweg nach St. Moulins und kam erst um 4. Uhr in einer zwei- spaͤnnigen Karosse ganz allein zuruͤck. Man machte das grosse Thor auf, die Karosse fuhr langsam unter die Menge Menge und hielt. Der Monarch stieg aus, gruͤßte alles freundlich. Ein allgemeines freudiges Klatschen empfing ihn. Er strich durch die Menge ins Zimmer, und ward von jedem geliebt und gesegnet. Ganz das Widerspiel der franzoͤsischen Putzsucht trug er ein Kleid ohne Gold und Steine, von Couleur de Puce, kein Band und keinen Stern, weiße seidne Struͤmpfe und einen silbernen Degen ꝛc. Pont St. Michel geht weit unter dem Pontneuf uͤber die Seine, ist wegen des Kommerzes lebhaft ꝛc. Les Bateaux sur la Riviere. Hat man sich ermuͤdet mit Laufen nach den Bruͤcken, um in die andre Stadt zu kommen; so hat man die Bequemlichkeit, daß man sich in Schiffen fuͤr 2. Liard uͤbersetzen lassen kan. Man geht auf verschiedenen Treppen hinunter, kan sich uͤberall embarquiren, aber zum Anlanden ist nur ein Ort, fast in der Mitte, zwischen dem alten und neuen Louvre. Oft ists zum Ausruhen gut. Auf den Schiffen trocknen die Waͤscher oft die Waͤsche. Place Maubert liegt mehr gegen das Ende der Stadt. Der Platz ist dem Fischmarkte gewidmet, und die Fischweiber da, sind wegen einer besondern Bered- samkeit im Schimpfen beruͤhmt. Man kan ihnen 2. Sous geben, so schimpfen sie einen aus. Jeder bleibt stehen und bezahlt sie, damit sie nur recht schreien und schimpfen sollen. C 5 Be- Bemerkungen. Die meisten Vornehmen in Paris leben in einer grossen Unordnung. Man ißt Mittags um 2, 2½, 3, auch 3½, und Abends um 11. Uhr, legt sich um 2, 3 Uhr erst zu Bett, steht um 9, 10, erst auf, und fruͤh- stuͤckt alsdann. Der Franzos ist hitzig, aber auch geduldig. Wer sich daruͤber moquiren wollte, wenn er gestossen, bespruͤtzt, getreten wird, der wuͤrde ecrasirt werden: man traͤte ihn mit Fuͤssen auf den Bauch. Keiner aber sagt was daruͤber, sondern schweigt, und geht seinen Gang fort. Eine Menge schlechte Leute findet man hier. Sie fangen sehr hoͤflich an, wollen Bekanntschaft machen, oder einem andre empfehlen. Oft sprechen sie einem viel von grossen reichen Herren vor, die einen solchen Mann, der so franzoͤsisch oder deutsch spricht, oder das und das versteht, engagiren wuͤrden, man solle nur da und da hinkommen ꝛc. Wer unvorsichtig genug ist, kan Ehre, Freiheit, Gesundheit, Geld und Leben dabei verlieren. Man findet wenig gesundaussehende Gesichter. Alles schminkt sich, auch viele Mannspersonen thun’s oft, wenigstens des Abends. Dann sieht die Haut wuͤst, gelb aus, und die Schweisloͤcher werden verstopft. Schon das enge Wohnen, die schmutzigen Strassen, der graͤsliche mannichfaltige Dampf und Gestank schadet der Gesundheit. Leute aus den Provinzen, aus andern klei- nen Staͤdten, oder Laͤndern zeichnen sich schon durch die Gesichtsfarbe aus. Die Die meisten Haͤuser sind alt, 5. 6. Stock hoch, bestehen aus schmalen an einander geklebten Riemen, mit laͤcherlich hohen Kaminen. Fast alles ist Thuͤr oder Fenster, oder Boutique. Man wundert sich, wie so ein vielloͤcherichtes Ding nur noch stehen kan. Auch die neuen Haͤuser werden schnell so aufgebaut. Man findet hier und da grosse Aubergen, nach ihrem neusten Gout, der sich aber freilich alle Tage veraͤndert, und mir wenig- stens, wegen des Mangels der Simplicitaͤt, nicht ge- fallen hat. Das Laster der Bestialitaͤt und der Sodomiterei herrscht gewaltig in Paris. Mannspersonen die ein- ander fuͤhren, werden als Sodomiten von den Schild- wachen augehalten und arretirt, weil man erfahren hat, daß sich jene Abmenschen Abends so zusammen zu finden pflegen. Es fahren bestaͤndig in der Stadt Karren herum mit erstaunlich starken Pferden, die in schwerem Schritt la boue de Paris zusammen fuͤhren. Man begegnet oͤfters den Prozessionen, schlaͤgt sich aber alsdann in eine Nebengasse, oder geht mit dem Hut in der Hand vorbei. Selbst Peruͤckenmacher und Puderhaͤndler lesen Romane, verliebte Briefe von Ladies an einander, wo kein Gran Verstand darin ist. Viele Kutscher zie- hen gleich, wenn sie vor einem Hause warten muͤssen, ei- nen Roman heraus und lesen. Ueberall stehen Weiber, Kinder, Maͤnner ꝛc. auf den Strassen, und schlagen den Federball. Auch sind grosse grosse Billardplaͤtze, die sogar vom Comte d’Artois besucht werden, in der Stadt, und die Passage ist dar- neben. Den 21ten Mai. La Fontaine dans la Rue Grenelle besah ich heute. Die Strasse ist eine von den aͤussersten auf der Seite von der Fauxb. St. Germain. Louis XV. hat da einen vielfachen Brunnen bauen lassen, mit Sta- tuͤen von Wassergoͤttern aus weissem Marmor, so viel ich sehen konnte. Das Wasser dazu wird weit hergeleitet. Sonst hat die Strasse auch wegen ihrer Breite und Hel- ligkeit Vorzuͤge. Ich besuchte hierauf L’Aumonier \& Secret. d’Amb. de Suede M. le Prof. de Baer. Er wohnt in dieser Strasse im Hôtel de Suede, aber eben nicht gar bequem, oder praͤchtig. Im Visitenzimmer, hing ein Gemaͤlde vom Koͤnig Gustav III. in Schweden, mit dem weis- sen Schnupftuche um den linken Arm, das, seitdem der Koͤnig bei der letzten Revolution das zum Zeichen mach- te, eine Art von Orden geworden ist. Herr von Baͤr arbeitet an einem neuen Gesangbuch fuͤr seine Gemeinde, das in Strasburg gedruckt wird, und mit Zuziehung der Neuern, auch des Baaden schen, verfertigt ist. Die Lieder von Paul Gerhard gefallen ihm besonders wohl, daher ist das: „Wie soll ich dich empfangen ꝛc.“ von ihm mit allen seinen Fehlern beibehalten worden. Ein in der Sammlung befindliches Lied: von der Freund- schaft der Christen, ist von ihm selber, und hat schoͤne Stellen. In seiner Bibliothek fand ich ausser den Schwedischen akademischen Abhandlungen kein sehr wich- tiges tiges Buch. Kaͤstners deutsche Uebersetzung verachtete er gar sehr. Von Michaelis gestand er, daß er viel gelernt haͤtte. Fuͤr die deutschen evangelischen Hand- werksbursche hat er eine Krankenstube angefangen, jeder muß monatlich nur 12. Sous geben, und wird dann, im Fall er krank wird, ganz frei besorgt. Die Addressen, die er mir an die hiesigen Gelehrten gab, wenn blosse Namen der Gelehrten mit: de la part de Baer, ohne sonst etwas hinzu zu setzen. Bemerkungen. Man hat hier Portechaisen, die auf 2. Raͤdern stehen, und eine Gabel haben. Der Kerl spannt sich ein, und zieht den andern in der Portechaise fort. Auch findet man hier ganze Magazine von Para- pluyes; nicht nur unies, sondern auch gestreifte, bunte ꝛc. traͤgt man. La Charte, ou le Plan Routier de Paris, ist eine Sache, die jedem Fremden unentbehrlich ist, aber auch grosse Dienste leistet. Paris und Rheims haben in Frankreich allein die Bequemlichkeit, daß an allen Ecken der Strassen in maͤssiger Hoͤhe die Na- men der Strassen eingegraben und angeschrieben sind. Und so hat man von der ganzen Stadt einen Plan, der alle Jahre neu herauskoͤmt. Man kan ihn schwarz, il- luminirt, en feuille, auf roth Tuch geleimt und zu- sammen gelegt, haben, am Pontneuf, am Quay ꝛc. zu 4. 6. Liver. Man hat sie auch von allen Envi- r ons de Paris zu 9. Liver. Fast Fast immer gehen die vornehmen Frauenzimmer hier mit einem duͤnnen Stock in der Hand, der schlank, und lang seyn muß. Sie tragen ihn auch, wenn sie ein Chapeau am andern Arme fuͤhrt. Sie haben ihn in der Chaise neben sich stehen. Eine unzaͤhlbare Menge Hunde gibts auch hier, von allen Farben, Gestalten und Figuren. Es ist un- glaublich, wie die Leute hier sich von Jugend auf an diese Thiere gewoͤhnen. Jeder junge Mensch muß einen haben, der liegt des Nachts bei ihm im Bett, und am Tage auf dem Bett oder auf den Stuͤhlen ꝛc. Die Franzosen koͤnnen sich ganze Stunden lang mit ihren Hunden unterhalten. Manche dieser Geschoͤpfe bekom- men des Morgens Chokolade. Ich sah einen, der sei- nem Hunde Wein in Hals schuͤttete, und sagte: es waͤre sein Geld, er koͤnne damit thun, was er wolle. Nach einer gemachten Ueberzaͤhlung gibts uͤber 8000. Hunde in Paris Ach, und wie viele Menschen in Ludwig ’s Koͤnigreiche haben das taͤgliche Brod nicht, das Gott doch nicht fuͤr Hunde und Pferde wachsen laͤßt! Doch sah ich in Versailles hier und da, Koͤnigl. Befehle gegen das uͤberfluͤssige Hundehalten angeschlagen, aber man achtet nicht drauf. Die Franzosen lachen uͤber laut, wenn man sagt, „sehen Sie da des Koͤnigs Verbot“ und auch bei andern Gelegenheiten zeigen sie wenig Achtung fuͤr die Gesetze. Sie prahlen mit dem Koͤnigl. Staat ge- gen die Fremden, und erheben ihren Monarchen aufs hoͤchste, aber der Gehorsam fehlt. Eben so arg sind die Frauenzimmer auf die Hunde verpicht. Selten haͤlt eine Damenkarosse, wo der Kutscher nicht den Hund erst herausheben muß. Es sind kleine grimmige Geschoͤpfe, die die ein graͤsliches Geheul anfangen, wenn sie einmahl anders, als so naͤrrischzaͤrtlich behandelt werden. Man beschuldigt die Frauenzimmer, daß die grosse Achtung, die sie fuͤr die kleinen Hunde hegen, ihren Grund in dem garstigen Gebrauch habe, den sie von ihnen machen. Mopsus fricator Deswegen sie auch der Gazetier cuirassé, eine bittere Satyre auf franzoͤsische, und besonders pariser, Thorheiten, die vor einigen Jahren herauskam, Lexicons, nannte. Herausgeber. . Es ist hier auch eine deutsche Apotheke, nicht weit von la Place St. Victor. Ziegenleder ( Peau de Chevre ), davon ist hier ein erstaunlicher Aufwand. Die gemeinsten Leute lassen sich Schuhe daraus machen. Der Schuhmacher fragt: Souliers, ou Escarpins? en Veau? ou en Peau de Chevre? In den Strumpfladen hat man die Gewohnheit, um zu wissen, ob der Vorderfuß dem Kaͤufer nicht zu kurz ist, man laͤßt ihn eine geballte Faust machen, kan man mit dem Vorderfuß die Faust umwickeln, so ist er nicht zu klein. Den 22ten Mai. Le Jardin du Roi ward heute von mir besucht. Er liegt fast an der einen Ecke der Stadt, und die Strasse dahin fuͤhrt eben diesen Namen. Er ist gros, auf der einen Seite eben, auf der andern aber hat er Erhoͤhungen zu den Baͤumen. In der Mitte geht ein breiter breiter Gang durch, der ihn in 2. Haupttheile abtheilt, und auch ein Quergang. Jedes Quartier ist in kleine Beete, manche aber durch Diagonalen getheilt. Die Rabatten sind mannichfaltig. Alles ist mit einer Mauer umgeben. An der einen Seite ist der Laͤnge hin alles mit Treib- und Gewaͤchshaͤusern besetzt. Es gibt Ober- und Untergaͤrtner. Beim Eingange ist das Kabinet der Naturgeschichte, die Wohnungen des Hrn. Daubenton, und der Gaͤrtner. Der Garten ist alle Tage offen, das Kabinet aber nur Dienstags und Donnerstags von 4—5. Uhr Nachmittags. Heute lernte ich Mr. D’Anse de Villoison, de l’Ac. R. des Inscr. kennen. Ein lebhafter und galanter Mann, der die alte Litteratur liebt, auch etwas Kenntnis der neuern deutschen hat, und die deutsche Nation mehr, als alle andre pariser Gelehrte schaͤtzt, der schnell franzoͤsisch, aber uͤbel lateinisch spricht, schazet fuͤr jacet, poteritis, als wenns ein franzoͤsisches Wort waͤre. Er behauptete aber, die Pronunciation der Franzosen im Lateinischen kaͤme dem alten aͤchten naͤher, als der Deutschen und En- gellaͤnder ihre, wiewohl er mir zugab, daß sich das nicht ausmachen lasse. Pont Rouge und Pont Tournelle. Wieder 2. Bruͤcken uͤber die Seine. Jene ist so benennt, weil sie so angestrichen ist, diese hat mehr Schoͤnes im Anblick. L’Hôtel de Chirurgie, in der Rue des Cor- deliers. Ich besah nur das Aeussere Den 26. Junii bekam ich auch das Innre zu sehen. Louis XV. fing’s an zu bauen. Es stand vorher ein altes konigliches Gebaͤude da. Louis XVI. ließ es vol- , das aber schoͤn ist. ist. Vor dem Hotel liegt ein breiter Platz mit Saͤulen umgeben. Ueber dem Portal stehen einige vortreflich gearbeitete Buͤsten alter Gelehrten ꝛc. Das Ganze sieht recht aus, wie eine Stoa oder Porticus der Alten. Es wird Chirurgie darin gelehrt. Le Louvre. Eins der praͤchtigsten Gebaͤude Eu- ropens. Es nimmt uͤber die Haͤlfte des Platzes zwischen dem Pont neuf und Palais Royal ein. Man kan sich darin verirren, man findet grosse weite Plaͤtze darin, man faͤhrt, man geht durch, es laͤust Wasser durch, man findet bestaͤndig eine Menge Leute daselbst, es sind kost- bare Stuͤcke darin, und auch sehr alte, schlechte, bestaͤubte und wurmstichige. Besonders haben Bildhauer ihre Werkstaͤdte daselbst. Man sieht da praͤchtige Gemaͤlde, Kupferstiche, Zeichnungen, Waaren. Ich sah einen herrlichen Kupferstich. Es war The Parting of Ro- meo and Juliet, dedicated to the unhappy Lo- vers. By Scorodoomov. Julie legt ihren rechten Arm auf Romeo’s linke Schulter, ihren linken streckt sie gegen seine Brust, und sinkt mit dem muͤden Haupte unter sein Gesicht hin. Die Traurigkeit selbst, zaͤrtlicher Schmerz, stille Wehmuth, geschlossene Augen, am Hals alle Muskeln, halb schlapp, halb angespannt. — Gluͤck zu dem jungen Kuͤnstler! Und wem haͤtte so ein herrli- ches vollenden. Inwendig ist ein grosses herrliches Am- phitheater, wo gelesen wird um 11 Uhr, und eine Menge junger Leute da ist. Auch Accouchement wird in einem kleinern Saal den Hebammen gelehrt. Vorne stehen Inschriften. Es ist eine der neuesten Merkwuͤr- digkeiten. Mit Stock oder Degen darf man nicht hinein gehen. D ches Stuͤck besser geweiht werden koͤnnen, als der ungluͤck- lichen Liebe? Man sieht, man fuͤhlt, man wuͤnscht mehr, wenn man nur das Bild sieht, als wenn man den gan- zen Siegwart liest. — Ist etwas, das in grossen Staͤdten der Erziehung vortheilhaft ist, so ist’s gewis der Anblick so vieler und mannichfaltiger Werke der Kunst, die den Geschmack besser schaͤrfen als Regeln; so ge- faͤhrlich freilich auch auf der andern Seite diese Plaͤtze jungen, unverschlossenen, Seelen werden koͤnnen. Denn neben einer Kreuzigung haͤngt eine nackte Danae, oder eine badende Susanne, oder eine Venus, unter den Haͤnden der Grazien, wo die Nachahmung der Natur, der Reitz, die Feinheit, und die Verschoͤnerung der Phan- tasie, kurz alles zusammen fließt, das Laster angenehm zu machen. Le Cabinet de l’Histoire Naturelle du Roi, besuchte ich heute zum erstenmahl. So steht mit goldnen Buchstaben uͤber der einen Thuͤre. Das, was man den Fremden zeigt, ist in 4 grossen hohen Zimmern an den Waͤnden uͤberall herum, und zum Theil auch oben an der Decke angebracht. Alles ist in wohlverschlossenen Schraͤnken mit vielen Schubladen und Faͤchern, Glas- thuͤren, und franzoͤsischen Zetteln. Viel Ordnung ist nicht in der Anordnung, es scheint, es fehlt am Platz, oder man hat’s noch nicht weiter aus einander bringen wollen. Vieles steht im Schatten, vieles zu niedrig, vieles viel zu hoch. Man kans mit der Lorgnette in der Hand nicht sehen. Wenns aufgemacht wird, welches alle Woche zweimahl geschieht, so faͤhrt und geht immer eine Menge Menschen von allen Geschlechtern, Stand und Alter hinein. Es ist ein Getuͤmmel, wie aufm Markt. Markt. Ich traf einmahl zwei Ober-Lothringische Bau- ern darin an, die beim Strauß, Krokodil und bei den Muscheln ihre Verwunderung nicht laͤnger zuruͤckhalten konnten und durch ihr Deutsch viel Aufmerksamkeit auf sich zogen. Man kan sich die tausenderlei Anmerkungen und Fragen und Erklaͤrungen der Pariser Schoͤnen, jun- gen Herren und Halbkenner mit der wichtigsten Mine ꝛc. leicht denken. Am Eingang und in der Mitte stehen Schildwachen, und sonst geht Hrn. D’Aubenton ’s Be- dienter noch uͤberall herum. Es ist auch nicht moͤglich, einen Schrank zu erbrechen, weil unten noch eiserne Ha- ken und Ringe vor der Thuͤre sind. Sauber abgeputzt und reinlich ist alles, auch wohl verwahrt; aber wie ge- sagt, zu sehr gedraͤngt und enge gestellt. Im Ganzen zu urtheilen, ist das Mineralreich, wie gewoͤhnlich, das staͤrkste; wiewohl es auch Luͤcken hat, die ich nicht ver- muthet haͤtte. Hernach koͤmt das Thierreich, wo die Voͤgel und Insekten am schoͤnsten und haͤufigsten sind. Vom Pflanzenreich ist am wenigsten da, doch Hoͤlzer, Saa- men, auch Bluͤten, und die Herbaria von Vaillant und Tournefort ꝛc. Petrificationen sind nicht mehr da, als sich gehoͤrt. Mehr kan man nicht sagen, wenn man nur mit dem grossen Haufen darin gewesen ist. Die Geschichte des Kabinets ist mir verschieden erzaͤhlt wor- den. Buffon soll es erst angefangen, soll alles gesam- melt, und Reaumur soll nichts gethan haben! Es ist unglaublich, wie des Letztern Verdienste geschaͤndet wer- den! Und doch schmeichelt sich Buffon mit der Unsterb- lichkeit unter seiner Nation! — Ich lernte hierbei Mr. D’Aubenton, Garde du Cab. de l’Hist. Nat. et Membre de l’Ac. R. des Sc. kennen. Ein D 2 liebens- liebenswuͤrdiger Mann, der unter allen Franzosen, mir bisher noch am meisten gefallen hat. Solid, ge- setzt, gelehrt, gefaͤllig, hoͤflich, fuͤr seine Thieranatomie aͤusserst geschaͤftig, ohne Flittergold im Putz, — ging er da, an den Anblick gewoͤhnt, ruhig auf und ab, und un- terhielt sich aufs gefaͤlligste mit mir. Er beklagte sich, daß deutsche Schriften z. B. Justi ’s, bei ihm so schwer zu bekommen waͤren. Er lobte die Durchl. Fr. Marg- graͤfin von Baaden, und erinnerte sich an Professor Murray in Goͤttingen, der bei ihm gewesen war. Mit- ten in den angenehmsten Unterredungen kam ein faselnder Franzos und noͤthigte den denkenden, ernsthaften Mann, einen Faͤcher eines Frauenzimmers zu betrachten, der aus chinesischen Papier, mit chinesischen Voͤgelmalereien und vergoldeten Staͤben zusammengesetzt war, und 5 Louisd’or gekostet hatte. Der Faquin nannte das auch ein Na- turalienkabinet, als wenn so eine armselige Kleinigkeit fuͤr einen Mann wichtig waͤre. Restez ici, sagte er zu mir, nous causeront encore un moment en- semble. Und nachher bestellte er mich auf den Sonn- abend um 11. Uhr wieder allein zu sich hieher. Bemerkungen. Paris hat ein gutes Pflaster, das bestaͤndig un- terhalten wird. Die Steine an sich thun nicht weh, sie sind gar nicht spitzig, sondern sehr breit; aber der Koth wird durch das unaufhoͤrliche Laufen und Fahren so herumge- schmiert, daß man alle Augenblicke glitscht. Die Absaͤtze an den Schuhen gehen gleich wieder ab, und die Schuhe faseln aus in wenig Tagen. Es Es ist hier alles viel theurer, als z. B. in Stras- burg. In letztrer Stadt kostet eine Tasse Kaffee 2 Sous; hier 4; dort eine Tasse Chocolade 8 Sous; hier 10. und dann ist in verschiedenen Kaffeehaͤusern manches viel schlechter, als dort. Zur Bequemlichkeit mit der petite poste, laufen in allen Strassen Maͤnner herum, die eine lederne Briefta- sche anhaͤngen haben, und durch eine eiserne Klapper oder dergleichen sich ankuͤndigen. Man findet hier uͤberall Troͤdler; einige handeln blos mit Manns-andre mit Frauen-andre mit Kinder- und mit Bedienten-andre mit bordirten Kleidern ꝛc. Auch gibts eine Menge Mohren hier, und Nege- rinnen, die Kaufleute, Bediente, Unterhaͤndler ꝛc. sind. Man verkauft hier bestaͤndig rothe Eier, wie bei uns sonst nur an Ostern. Ich sah uͤberall ganze Koͤrbe voll, und wuste lange nicht, was es war. Sie werden hart gekocht, gefaͤrbt, und so zum Sallat in den Haͤu- sern verkauft. Ueberhaupt pflegt man hier viele Eier zu essen. Man bringt sie oft nach der Suppe auf den Tisch. Manche koͤnnen 2-3. hintereinander zu sich nehmen. Den 23sten Mai. La Bibliotheque de l’Abbaye St. Germain, ou de la Congreg. de St. Maur. besah ich heute. Das Kloster selbst ist ein altes, aber weites, und grosses, Ge- baͤude. In dem obersten Stock koͤmmt man an eine eiser- ne Grille, diese oͤfnet den langen Bibliothek-Saal. Am Ende desselben, der zu beiden Seiten Buͤcher- D 3 schraͤnke schraͤnke hat, geht man dann auf etlichen Stuffen in ei- nen andern, eben so langen und noch breitern, der auf der einen Seite die Theologie, auf der andern die Geschichte, Antiquitaͤten, und die Katalogs enthaͤlt. Alle Buͤcher- schraͤnke sind mit geflochtenen und verschlossenen Dratgit- tern vermacht, durch die man aber bequem die Titel der Buͤcher lesen kan. Verlangt man eins, so schliest der Bediente auf; man setzt sich damit an Tisch, und kan excerpiren, was man will. Fuͤr die Hist. Dogmat. Hist. eccl. Antiq. Christ. Hist. patrum, auch fuͤr die Exegetik und Kritik ist diese Samlung sehr betraͤcht- lich. Man findet alle Schriften der Patrum, Catenas und Biblioth. patrum, alle Missalia, alle Concilia, Decretalia und Epist. Pontific. hier. Doch sind in der Exegetik mehr die Alten, als die Neuern, mehr katho- lische, als andere Schriftsteller vorhanden. Crit. Angl. Poli Synops. Hammondi, Erasm. Schmid. Schriften ꝛc. sind da. Eine Menge stehen so hoch, daß ich nichts von ihnen sagen kan. Die meisten sind alt, in schwar- zes oder braunes Leder gebunden. Viele Bibeln, Ori- geni Hexapla; Daniel secundum LXX. Trom- mii Concord. etc. — Die Specialgeschichte von Frankreich ’s einzelnen Provinzen, die Antiquitaͤten von Paris, die Geschichte der Orden und sonderlich die Acta Benedictin. e Congreg. St. Mauri etc. alles ist da. Man nennt sie la Bibliotheque de l’Abbaye St. Germain de Prèz, das fand ich in einem Buch de Pratis uͤbersetzt. Der Pater Don Pater war jetzt Garde de la Bibl. ein sehr hoͤflicher Mann, der seine Wohnung gleich vorn beim Eintritt in die Bibliothek hatte. In der Naturgeschichte entschuldigte er sich, daß sie nicht viel haͤtten, weil ihnen die Buͤcher wegen der Kupfer- stiche stiche zu theuer waͤren. Ich ging heute Sibbaldi Pro- drom. Hist. nat. oder Scotia illustrata durch. Ver- gebens fragte ich hier nach seiner Balaenologia. Es stand nicht im Katalog, und am erstern Buch war’s nicht angebunden. Madem. Basseporte lernte ich auch heute kennen. Sie ist eine Jungfer von 80. Jahren, mit der mich M. de Villoison bekannt machte. Sie wohnt im botani- schen Garten, hat Reisen gethan, und sich schon uͤber 46. Jahre im Zeichnen und Mahlen der Pflanzen und Thiere geuͤbt. Zum Erstaunen ist’s, wie sie die Natur nachgeahmt hat. Alles ist ausgedruckt, alles lebt, al- les, bis zum Entzuͤcken, mit einer Delikatesse, die ihres gleichen nicht hat. Die genauste Richtigkeit und die groͤßte Feinheit herrscht in jedem Stuͤck. Sie wieß uns Ket- mia, Martinia, Helleborus, Convolvulus, Ama- ranthus etc. jedes war auf einem halben Bogen von feinem duͤnnen Pergament. Man konnte nicht reden, man mußte nur sehen. In keinem Hortus, in keiner Flora ist die Natur so erreicht worden. Sie wieß uns auch einige Phalaͤnen, z. B. die Portemiroirs, sie waren auch praͤchtig, die kleinen Haare am Bauch, die Bordirungen, alles war dargestellt, doch haben Cra- mer, Drury, Clerck, auch Roͤsel ꝛc. diese eben so schoͤn abgebildet. Aber zwei Schlangen zeigte sie uns, die das Auge nicht schoͤner sehen konnte. Alle Flecken, alle Schuppen, selbst die scharfen Kanten, das Schielende in den Farben, der Kopf, die doppelte Zunge, das Beis- sige im Blick, die unmerklich kleinen Schuppen am Schwanz, alles hatte sie bewundernswuͤrdig nachgeahmt. Sie hat natuͤrlich an den Augen schon stark gelitten, und D 4 klagte klagte gegen uns uͤber Mangel an Unterstuͤtzung. Sie hat eine Pension von nur 400. Livres, war uͤbel ge- kleidet, und schien mit dem hohen Alter kleinmuͤthig ge- worden zu seyn. Was sie sprach, war wohl uͤberdacht und gut ausgedruckt, aber es schien immer, als wenn sie auf ihre schoͤne Arbeit weinen wollte. Thut’s nicht dem Freund der Menschheit in der Seele weh, wenn der Tau- genichts in der weichen Karosse liegt, und auf wolluͤstige Eroberungen sinnt, die sein Geld moͤglich machen soll, indes die Kunst, das Verdienst, der Fleis, die schoͤnste Beschaͤftigung, unter dem Druck der Duͤrftigkeit schmachtet, und seine Seufzer nicht laut genug auslas- sen kan? Zum Ungluͤck fuͤr die vortrefliche Kuͤnstlerin war unser Kaiser, als er Kabinet und Garten besah, durch die Gobelinsmanufakturen so ermuͤdet, daß er sich da nur sehr kurz aufhielt, und Jussieu, der ihm den Garten wies, unmoͤglich ihn auf dieses Frauenzimmer aufmerksam machen konnte. Wir trafen in dieser Gesellschaft noch die Demoiselle Biheron Von dieser Kuͤnstlerin weiter unten weitlaͤuftiger. an. Auch lernte ich Mad. de Bure kennen. Sie ist die Frau eines Buchhaͤndlers, und besitzt sehr viel Belesenheit und ge- sunde Beurtheilungskraft. In ihrem Hause kommen oft viele Pariser und fremde Gelehrte zusammen. Sie spricht nicht gar viel, und das Franzoͤsische hab’ ich schon von andern besser sprechen gehoͤrt. Sie ist gros, hat ein blasses Gesicht, und eine etwas harte Stimme; ihr Putz war maͤssig, ihre zwei Toͤchter waren sehr an sie attachirt. Die ganze Stube war mit Buͤchern garnirt. Der Mann stand ziemlich im Schatten, schwieg still und putzte putzte das Licht. Sie erkundigte sich bey mir nach Mesd. Karschin, Reiske ꝛc. von der sie ein Portrait hatte, und empfahl mir sehr das Kolise’e zu sehen, weil es fast ein Paradis terrestre waͤre. Um halb 10. Uhr Nachts fuhren wir fort. Bemerkungen. Bisher war in Paris bestaͤndig Regenwetter. Kein Tag verging, an dems nicht etlichemahl anfing, und uͤberall war ein heßlicher Koth. Noch spuͤrte man gar nichts von der Sommerhitze. Man sieht auch sel- ten die Sonne. Zwischen den hohen Haͤusern erblickt man immer nur einen kleinen Streifen vom Himmel. Es gibt viele Leute hier, die gar nicht wissen was Wind ist; denn den physischen Wind spuͤrt man in der Stadt gar nicht. Fuͤr viele Deutsche ist das sehr unangenehm, sie koͤnnens nicht gewohnen und werden krank. Besuche kan man hier keinem vor 11. Uhr Vormit- tags, und 4. Uhr Nachmittags machen. Auch geht keine Bibliothek vor 9. Uhr auf, die meisten erst um 10. Viele Visiten macht man erst Abends um 6. 7. Uhr. Morgens kan man vor halb 7. Uhr keinen Bedienten, keine Tasse Kaffee ꝛc. bekommen. Jetzt war’s Mode, mit grossen schwarzblauen Stecknadeln zu frisiren. Tuppe’e und Locken wurden damit gesteckt, und jeder lachte uͤber die doppelten Haar- nadeln der Deutschen. In den Strassen laufen bestaͤndig Bierfiedler, Musikanten, Saͤnger ꝛc. herum, wahre Muͤssiggaͤnger und Bettler. D 5 Es Es gibt hier viele Boutiquen, wo Naturalien, Gemaͤlde, Meublen, Glas, Vergoldungen, Sekretaire, Orgeln, Kutschen, Girandolen, alte Bronzen, Statuͤen, ausgestopfte Loͤwen, Voͤgel, Hunde ꝛc. alle moͤgliche Sa- chen unter einander zu verkaufen sind. Ueber dem Laden haben sie 2. 3. ꝛc. Magazine, wo das Auge ermuͤdet zu sehen. Ich fand bei einem solchen Naturalienhaͤndler ei- nen hohen Glaskasten, wo alle Arten von franzoͤsischen Voͤgeln ausgestopft, auf einem Baume sassen. Man konnte ihn auf dem vergoldeten Gestelle herum drehen. Ich kaufte ihm eine Seepflanze auf einem Daumen von einem Meer- oder Seethiere, angewachsen; ein herrlich Stuͤck Marienglas aus Rußland; eine Kon- chylie mit angewachsenen Corallen, und eine Tubula- ria etc. um geringe Preise ab. Man findet hier und da schoͤne Stuͤcke, aber Schade, daß man sie nicht sorgfaͤltig genug aufbewahrt. — Man speißt hier Linsen, die noch einmahl so gros sind, als unsre in Deutschland. Sie werden sauer gekocht, und schmeckten mir wenigstens treflich. Viel- leicht desto besser, weil ein Teller voll Gemuͤs hier, so eine grosse Seltenheit, so ein beschwerlicher Mangel fuͤr den Deutschen ist. Der Sand, den man hier zum Theil hat, ist eine graue feine Stauberde, und kein eigentlicher Sand. Den 24sten Mai. Le Cabinet de l’Hist. Nat. de Roi. besah ich heute wieder. Herr D’Aubenton lies es fuͤr mich oͤfnen, und und gab mir Erlaubnis, alles im Detail anzusehen. Ich fing also an beim Ersten Zimmer, und fand im Ich fuͤhre die natuͤrlichen Koͤrper hier und im Folgen- den so an, wie ich sie im Sommer 1777. in jedem Zimmer, in jeden Schranke, Fache ꝛc. fand, und so wie sie neben und bei einander lagen; um dadurch ei- ne Probe von der Ordnung, oder vielmehr franzoͤsi- schen Unordnung, die in diesem Kabinette herrscht, zu geben. I) Ersten Schrank, rechts, gleich beim Eintritt 1) versteinert Holz, vom Carpath Gebuͤrge, von Soissons, aus Touraine, von Bambos, vom Amazonenfluß, aus der Donau, von Fels- berg in Oesterreich. a) Auch bois petrifié d’estampes, worauf ich aber nichts besonders sah. b) Eins von Soissons, von dem sich die Fi- bern, wie von Amianth trennen liessen. c) Im Seitenschrank war noch viel aus Me- xiko, von Konstantinopel, Koburg — aber manches sah ich nicht dafuͤr an. 2) Gummata, Laques, Encens, eine Men- ge Arten, aber alle ohne botanische Bestimmung, und in vieler Unordnung. a) Aloes, Lucide, Myrrhen en larmes, Storax, Manna in vielen Formen, Wachs- lichter aus Amerika. Viele andre Glaͤser mit indianischen Namen. Drei Glaͤser mit einer schwarzen schwarzen Materie, Mani brute. Wachs aus Peru. Wachs vom wilden Muskaten- baum. Gruͤne, gelbe und weisse Lichter vom Wachsbaum. b) Kopal von Madagaskar, theils braun, theils schwarz, theils geschnitzt. Es war ein grosses Stuͤck von letzter Insel da, daß ganz blaßgelb durchsichtig war. c) Gomme elastique, oder Federharz, aber auch fast alles geschnitzt. Gomme seraphi- que, ohne Benennung des Orts. Gummi von Acajou und Acacia, aus der Levante, Amerika, Domingo, roth, braun, en lar- mes, en planches. Viele Arten Bdel- lium etc. II) Zweiter Schrank, enthielt Holzarten und Rin- den. Es waren eine Menge auslaͤndischer Arten da, aber keine inlaͤndische, zum Theil in Glaͤsern mit Eti- ketten, noch viel mehr aber in kleinen Staͤben oder Wuͤrfeln mit angeklebten Namen, aber a) Manches kam doppelt, dreifach, in verschiede- nen Arten vor. b) Und wer versteht das: Bois de lettres; Bois sauvage; Bois jaune; Bois Mahaleb? III) Dritter Schrank hatte Bois etrangers eben- falls, und oben Vaillant ’s, Herbar. in vielen Baͤnden. a) Die a) Die meisten Holzarten waren verarbeitet. Unter die schoͤnsten Holzarten gehoͤrt das Violetholz und das Marmorholz. Außerordentlich schwer ist das Eisenholz, ( bois de fer ) und sehr hart das Ei- benholz ( bois d’If. ) b) Es standen 5. Arten (in der Thuͤr nach einem kleinen Zimmer) neben einander, die alle sehr ver- schieden waren, und alle hiessen Bois de satin!!! IIII) Vierter Schrank, enthielt immer noch Hoͤl- zer und Tournefort ’s Herbar. wie obiger: a) Das Baͤnderholz ( bois de ruban ) an der Seite war gar schoͤn, roth und gruͤnblau, wie man Strickbeutel von seidenen in einander geschlungenen Baͤndern hat. b) Ecorce de Bois à dentelle, sehr fein, weiß, in einander gekettet, wie Filet, — viele andre Ecorces und fils. c) Zeug von Otaheite, roͤthlich, weich. V) Fuͤnfter Schrank, enthielt Fruͤchte von aus- laͤndischen Pflanzen. Ruͤsse, Kerne, Schalen, zum Theil in der Mitte aufgeschnitten. Eine unge- heure Menge kleiner Saͤmereien in Glaͤsern, aber lau- ter franzoͤsische halbindianische Namen. Unter an- dern, a) Ungeheure Cocosnuͤsse von den Maldiv ischen Inseln, welche in der Mitte zertheilt waren. Wie groß muß der Baum seyn, der eine solche Frucht traͤgt? b) Eine b) Eine Frucht vom Cacaotier, oval, wie eine derbe Faust. c) Oursin vegetal. Fruͤchte, deren Schalen ganz stachlicht sind, ohne naͤhere Bestimmung. VI) Sechster Schrank, enthielt auch Fruͤchte, theils trocken, theils in Glaͤsern; merkwuͤrdig waren a) Eine Vanillenschote, lang, schmal, fast Spannenlang, schwarz. b) Weisse Limonien, in Weingeist. c) Fruͤchte vom Corallodendron, fast wie un- sre Kirschen, roth mit schwarzen Streifen. d) Grains de Thé, gros und graulicht. e) Fruͤchte von Cotonier und Gossampin, (solls unser Gossypium Linn. seyn?) und Apo- cyn. die alle Semina multalana ob- et cir- cumvoluta hatten. f) An der Wand waren Spathae Palmarum mit Fruͤchten, angenagelt. g) An der Seite, in der Mitte zwischen den 6. und 7ten Schranke stand a) Ein langes Stuͤck Bois fossile d’ Islande, grade so, wie Lign. foss. bei Cassel. b) Eine Coupe transversale du second des Marroniers d’Inde, qui fut planté au Jardin du Roi 1656. et est mort 1767. Der Diameter war 4½ starke Spannen, schrecklich hart, blaßgelb, mit grauen irregulaͤ- ren, cirkelfoͤrmigen Linien. c) Ein c) Ein Stuͤck Bois bitumineux d’ Islande. d) Feuille du Cocotier des Maldives, war uͤber Mannslang, an der Wand angena- gelt, unten breit, oben zugespitzt, gelb, viel- eckicht, mit scharfen Kanten. Fleurs males de ce Cocotier, waren scharf und hatten Arms-Laͤnge. e) Cones du Cedre de Libanon, rund wie ein Apfel, aber schuppicht wie Tannzapfen, nur, daß die Schuppen in die Runde herumgehen. VII) Siebenter Schrank. Darin fand ich a) Unten Tourbe, viele Torfarten; Gazon superieur du pré, qui tremble, Vermuthlich ein Torfmoor, das mit der Zeit das al- zuviele Waßer verlieren und fester werden wird. — an- dre Bois bitumineux. b) Oben wieder viele Wurzeln, Rinden, Rha- barber aus China, aus Moskau ꝛc. c) Papyrus, an den Seiten angenagelt, ein lan- ger, rohrfoͤrmiger, blaßgelber, Koͤrper. Von hier ging ich und besah L’Eglise de St. Eustache. Am Aeussern und Innern dieser Kirche ist unbeschreiblich viel Arbeit. Die Menge Saͤulen mit praͤchtigen Verzierungen, die Kapi- taͤle, die Gesimse, die Decken ꝛc. sind alle mit dem herr- lichsten Schnitzwerk geziert. In der Kirche sieht man oben linker Hand ein Mausoleum von schwarzen Mar- mor, mor, der die tieffte Schwaͤrze hat. Die Kanzel ist von Holz, geschnitzt, steht aber fuͤr so eine grosse weite Kirche zu niedrig. Die Orgel ist klein. L’Eglise de St Roch in der Rue St. Honoré, gehoͤrt zu den schoͤnsten. Am hohen Altar ist eine praͤch- tige Grille von vergoldetem Eisen. Alle Saͤulen sind hier in Mannshoͤhe mit roth- und weißgefleckten Mar- mor belegt. In andern Kirchen ist dies mit alten Ta- peten geschehen. An den Seiten sind sehenswuͤrdige Ge- maͤlde. Nur an einem, das: „Lasset die Kindlein zu „mir kommen,“ vorstellt, hat der Maler einen Fehler gemacht: Ein Engel koͤmt und haͤlt Christo einen Lorbeer- kranz uͤber das Haupt. An den Fenstern ist allerwegen eine Einfassung rings herum von gemahltem Glas, wo ein praͤchtiges Blau uͤberall schimmert. Man findet aber auch viele Stoͤcke pour la Decoration de l’Eglise. An einem steht: Donnez ici, vous rachéterez vos pechés. Doch das praͤchtigste Stuͤck ist im Chor. Hinter dem Hochaltar ist der Chor ganz abgesondert, und perspektivisch gebaut. Das Vorderste ist theils Bildhauerarbeit, theils Malerei, oben an der Decke, und stellt die Gesetzgebung Exodi XX. vor. Die Wolken, das Wetter, der Blitz, alles ist da. Der Blitz ist durch stark vergoldete, nach allen Seiten stehende, Bleche vorge- stellt, die durch die ganze Kirche schimmern. Darzwi- schen ist das dicke Gewoͤlk vom Gewitter, und kleine En- gelkoͤpfe, — freilich mit Bausbacken und Fluͤgelein! — Hinter diesem Stuͤck, hinter der Figur Mosis ist die Bundeslade mit den Cherubinenfluͤgeln bedeckt. Von der Lade selber sieht man fast nichts. Ganz im tiefen ent- fernten Hintergrunde haͤngt unser Erloͤser am Kreuz. — Warlich Warlich eine vortrefliche Erfindung, und herrlich aus- gefuͤhrt. Ich besuchte von da Mr. Morand, Doct. en Med. \& de l’Ac. R. des Sc. Schon ein etwas alter Mann, aber lebhaft und affabel, hat ein kleines, hagres, blasses Gesicht, prakti- cirt wenig oder gar nicht, und bearbeitet besonders die Ge- schichte der Steinkohlen. Er erkundigte sich gleich sehr umstaͤndlich, ob ich auch eine graduirte Person waͤre, und sprach hernach von nichts, als von seinem Werk sur l’Exploitation des charbons de terre. Er hohlte die beiden Folianten her, und zeigte mir alle Kupferplat- ten. Er hat selber eine starke Steinkohlensammlung, wuste aber doch nicht, daß es auch in unserm Lande welche gaͤ- be. Er versprach mir, mich in die Koͤnigl. Akad. einzu- fuͤhren. Den 25sten Mai. Heute hoͤrte ich den Discours de Mr. Baer, dans l’Eglise de l’Ambassad. de Suede an. Die Kapelle ist eigentlich nur ein langes schmales Zimmer, hinten im Garten, der am Hotel liegt, und sieht recht laͤndlich aus. An dem einen Ende steht die Kanzel, am andern eine kleine Or- gel, in der Mitte ein Tisch mit vergoldeten Fuͤssen und silbernen Leuchtern darauf, statt des Altars, und uͤberall Stuͤhle, die von allen ohne Unterschied besetzt werden. Allemahl am letzten Sonntag im Monat wird franzoͤsisch gepredigt, und so wars heute, sonst aber deutsch. Der Gottesdienst ward in folgender Ordnung gehalten. Man kam um 11. Uhr zusammen. Baer sprach zuerst ein E franzoͤ- franzoͤsisches Gebet, und — denn das hat man hier auch eingefuͤhrt, — die Absolution; dann ward ein schoͤner franzoͤsischer Gesang uͤber den 19. Psalm, und auch recht schoͤn, gesungen. Weil es die Melodie war: „Solt ich meinen Gett nicht lieben?“ so sangen ihn die Deutschen, die kein Franzoͤsisch verstanden, auch mit, und Baer, der den franzoͤsischen Gesang allemahl an- kuͤndigte, sagte auch den Deutschen jenes Lied. Man theilte auch beide Gesangbuͤcher aus. Das bisheruͤbli- che deutsche ist das Darmstaͤdtische fuͤr die Grasschaft Hanau-Lichtenberg. Nach den 4. ersten Versen ward das franzoͤsische Evangelium von der Kanzel verle- sen, denn nach der Absolution setzte sich Baer gleich auf die Kanzel, wie in Strasburg, und hatte eine Bibel in gros Folio bei sich. Nach dem Verlesen sang man wieder 4. Verse aus dem vorigen Liede, dann las er die Epistel Roͤm XI. 30. ꝛc. und fing die Predigt mit dem lauten Notre père etc. an, wobei alles aufstand. Im Eingang gab er folgenden Zusammenhang an: — „die „Juden waͤren von Gott blos deswegen unterschieden ge- „wesen, damit die Genealogie des Messias solte erhalten „werden;“ — und dann kam er uͤberhaupt auf die Dun- kelheiten bei den Wegen der Vorsehung, und auf die da- her entstandenen Irrthuͤmer. Er predigte von der Vorse- hung; I) daß eine sei; II) unsre Pflichten dabei. Den ersten Theil nahm er aus den Worten: De lui, par lui, et pour lui sont toutes les choses etc. Er rech- nete zur Vorsehung, a) Schoͤpfung, dazu mußte sich das Wort de lui brauchen lassen, da wurde der Jude Spinoza herbeigeholt und abgefertigt. Er sagte auch, daß man ja die mosaische Schoͤpfungsgeschichte nicht von der ganzen Welt verstehen sollte. b) Erhaltung, das lag lag ganz deutlich in dem Woͤrtchen par lui. — Da traf seine polemische Geissel die, welche die Welt mit einer Uhr vergleichen, aber nicht stark genug; er sagte kurz weg, daß Gleichnis passe nicht, die Welt sei keine Uhr, und damit Gott befohlen; — sodann widerlegte er die, welche glauben, Gott bekuͤmmre sich ums Ganze, aber nicht ums Einzelne; er waͤre nicht wie Menschen, die ihre Groͤsse im Verachten andrer suchten ꝛc. Und hier brach- te er die Beweise aus der Bibel herbei. (In Paris moͤgen solche polemische Predigten nicht uͤberfluͤßig seyn, wenn die Beantwortungen der Zweifel und Einwendun- gen nur allemahl gruͤndlich und uͤberzeugend waͤren.) c ) Regierung, nach Anleitung des Ausdrucks pour lui. — Es sei nicht Ehrgeiz, sondern Leitung zum Zweck. — Gott wache uͤber das Schicksal eines jeden Menschen. Im andern Theil leitete er daraus die Verpflichtung zum Ge- horsam her, auch beim Leiden, aber sehr kurz. Die Pre- digt dauerte ¾ Stunden. Beim zweiten Theile ruhte er eine Zeitlang aus, ut lateribus consuleret wie Pli- nius sagt. Der Accent war gut, die Sprache lang- sam, oft zu stark gedehnt, die Gestus sehr mittelmaͤssig, oft widrig, das Schnupftuch lag auf der Bibel an der Seite, und ward oft gebraucht: in meinen Augen ein wahrer Uebelstand an einem oͤffentlichen Redner. Muß doch in jeder gesitteten Gesellschaft jeder sein Schnupftuch in der Tasche haben, und darfs dem andern nicht vors Gesicht legen. Zum Gebet stand alles auf, man betete erst fuͤr den Schwedischen, dann fuͤr den Franzoͤsischen Koͤnig, und beide Koͤnigl. Haͤuser, und Beider Koͤnigl. Bedienten. Aber da fehlte die edle Simplicitaͤt, die wahre Schoͤnheit, zuviel Titel, zuviel Worte. Sodann noch fuͤr den Schwedischen Gesandten, und zulezt mit ei- E 2 nem nem herrlichen Schluß fuͤr alle Menschen. Drauf ging der Kuͤster mit einem Teller herum, das Allmosen zu sam- meln. Dann sang man den 23. Psalm wieder franzoͤ- sisch, nun noch ein Danksagungsgebet, und dann folgte der Segen. In der Kirche hingen veraltete Gemaͤl- de, und ein Kruzifix. Der Gesandte war heute nicht da; sonst aber wohl eine Versamlung von 200 — 250. Men- schen. Ich ging hierauf und besah L’Eglise de Ste. Genevieve. Sie gehoͤrt wenig- stens zu den aͤltesten, wenn gleich nicht zu den schoͤnsten Kir- chen hier. In Bruͤssel wird à la place Royale eine Kirche im kleinen gebaut, wie diese hier. Die Jungfrau Genofeva ist die Schutzheilige von Paris. Die ihr gewidmeten Gebaͤude stehen beisammen auf einem Berge, La Montagne de Ste. Genevieve genannt. Man baut darneben schon viele Jahre an ei- nem neuen Gebaͤude, das praͤchtig lassen wird. Man hat von der neuen Kirche ein Modell in Paris, Bruͤssel ꝛc. lange herumgeschleppt, das von Holz war, die Form eines griechischen Kreuzes, und 7. Toisen, oder 42. Schuh in der Cirkumferenz hatte. Granet hat den Bau dirigirt. Man konte das Modell in al- len seinen Theilen mit Lichtern illuminiren. Ein Bild von Ludwig XV. unter dem der Bau entstand, fand ich darinn. Ich hoͤrte hier einen Geistlichen katechisi- ren; das sollt’ es wenigstens seyn, er saß ganz ungenirt auf einem Stuhle, das Kind stand vor ihm, er dekla- mirte, fragte, und redete zuviel und mystisch, von der Vereinigung, die das Kind mit dem heil. Geist in der Konfirmation gemacht haͤtte. ꝛc. Das Maͤdchen mußt’ auch nicht das geringste zu antworten. L’Eglise L’Eglise des Mathurins; ist klein, hat aber ei- nige schoͤne Gemaͤlde, und empfiehlt sich durch eine in den Pariser Kirchen sonst ungewoͤhnliche Helligkeit. Die Kanzel steht niedrig, wie uͤberall. L’Eglise de Sorbonne, ist sonst nicht immer offen, heut am Sonntag aber konnte man hinein gehen, und sie verdient es. Ein ganzes Quarré von alten hohen Gebaͤu- den, mit einem schoͤnen Hof heist die Sorbonne. Da wohnen die D. Theolog. und Sorbonn. die Saͤulen der franzoͤsischen Orthodoxie. Die Kirche sieht von aus- sen gros aus, und inwendig scheint sie nur eine Kapelle zu seyn. Aber unbeschreiblich schoͤn ist sie. — Der Kardinal Richelieu liegt vor dem Hochaltar begraben, und hat ein Mausoleum von weissem Marmor. Der Sarg, die Stangen und Draperie, und ein paar Genii sind herrlich daran. Es ist nicht gar hoch, aber mit ei- nem eisernen vergoldeten Gitter eingefaßt. Der ganze Fußboden der Kirche ist mit Quadrattafeln aus schwar- zen und weissen Marmor belegt. Am Altar stehen 6. praͤchtige korinthische Saͤulen, von braun und weis ge- flecktem Marmor mit vergoldeten Kapitaͤlen. Die Geistlichen, die da ohne andre Zuhoͤrer, Gottesdienst hiel- ten, hatten die allerpraͤchtigsten Meßgewande an. Zwi- schen den Saͤulen war am Altar ein goldenes Kruzifix mit der lateinischen Umschrift: „Also muste Christus lei- den ꝛc.“ In der Kirche sind gar keine Stuͤhle. La Cathedrale, ou l’Eglise de Nôtre Dame, auch von aussen betrachtet, eine Antike von Paris. Was inwendig fuͤr Gemaͤlde an jeder Saͤule, was fuͤr Verzierungen am Gitter, am Altar, an den Fenstern, und sonderlich oben am Gewoͤlbe des Chors, an allen E 3 Flaͤchen, Flaͤchen, an allen Seiten angebracht sind, das laͤßt sich nicht sagen, man muß es sehen. Das Auge ermuͤdet endlich und das Fernglas thut den Augen weh. Vor dem Eintritt ins Chor ist an einer Saͤule ein Gemaͤlde von Philipp dem Schoͤnen, der eine Schlacht ad Montem gegen die Flandros gewonnen, und, so wie er aus dem Kriege kam, in diese Kirche ging, seinen Sieg der Mutter Gottes zuschrieb, und zum oͤffentlichen Be- kentnis dieser seiner Demuth, sich in dem Kleide, und auf dem Pferde, das er in der Schlacht geritten hatte, da abmalen lies. Das Kleid ist steif, schwerfaͤllig, blau mit goldgestickten Lilien. Und auch das Pferd, ist in so eine Decke ganz eingewickelt. Unter der Tafel ist die Inschrift mit der Jahrzahl 1304. Neben der Kirche liegt der bischoͤfliche Pallast mit einem artigen Garten. Der Thurm an dieser Kirche ist sehr hoch. Man kan von demselben fast ganz Paris uͤbersehen; ich stieg aber diesmahl nicht hinauf, weil truͤbes Regenwetter war, son- dern eilte in die Opera. Diese ist eins der praͤchtigsten Schauspiele, die man in Paris haben kan. Ueberall sieht man an den Mauern der Kirchen, an den Ecken der Strassen, im Louvre, im Palais, an den Bureaux ꝛc. die gedruck- ten Komoͤdien- und Opernzettel bestaͤndig angeklebt. Die Oper wird so angekuͤndigt. L’Acad. R. de Musique donneras — — — Das Opernhaus ist ein Theil vom Palais Royal in der Rue St. Honoré. Nun nicht mehr, nachdem’s im Jahr 1780. abbrann- te. Das neuerbaute liegt près la Porte St. Martin. Herausgeber. Das Bureau, Bureau, wo man die Billets dazu nach 3. Uhr ausgibt, hat eine Wache. Der Opernsaal selber ist nicht gar gros. Der Schauplatz ist praͤchtig, das Parterre ist im Strasburger Komoͤdienhause dreimal groͤsser. In der Mitte sind 5. Gallerien uͤber einander, an den Seiten nur 4. Au premier zahlt man 12. Livr., au second 6. au troisieme und quatrieme 3. Livres; und im Parterre 40. Sous. Auch aufm Parterre koͤnnen an den Seiten herum viele sitzen. Am Sonntag muß man das Billet wenigstens schon um 4. Uhr holen lassen, und um 5. Uhr hineingehen. Sie faͤngt ¾ auf 6. Uhr an, und dauert 2. Stunden. An allen Ecken sind Soldaten gestellt mit Feuerspruͤtzen, wenn etwan ein Ungluͤck entstehen sollte. Das Stuͤck, welches heute aufgefuͤhrt ward, war ein he- roisches Ballet, Cephale et Procris. Es ist unbe- schreiblich, wie Auge und Ohr belustigt werden: — durch die Musik, da das ganze Orchester auf einen Coup d’archet losgeht, da bald die groͤßte franzoͤsische Deli- katesse, bald die heftigste Gewalt der Musik die Seele durchschuͤttert; — durch die Dekorationen, da bald Wolken mit Goͤttinnen darauf, von oben langsam herab- sinken, bald von unten herauf Siegeswagen steigen und wieder versinken, bald alles in den lieblichsten Wald, bald alles in einen koͤniglichen Saal verwandelt wird; — durch die Akteurs und Aktricen, die den herrlichsten Ge- sang, die hoͤchste Stimme des Affekts, die passionirteste Mine, die einnehmendste, ruͤhrendste, beweglichste Stel- lung, den bebenden Gang, die herrlichste Wendung, die affektvollste Pause, die unnachahmlichste Erhebung des Tons, alles was einen in Glut setzen, und schmelzen kan, in ihrer Gewalt haben. (Es war ein Akteur da, M. Gros, man konnte ihn nicht genug sehen und hoͤren); — E 4 durch durch die kuͤhnsten niedlichsten Taͤnze, durch die harmo- nischsten Konfusionen, wenn 60 — 70. Taͤnzer auf dem Schauplatz erscheinen, bald alle, bald einer, bald zwei tanzen, und sich jeder versteht, keiner den andern ver- wirrt, alles nach dem abgemessensten Takt geht, wenn oft eine Taͤnzerin mit speiendem Feuer unter ihnen herum- schwaͤrmt, und kein fliegendes, kein schleppendes Kleid, kein Stuͤck der Dekoration versehrt wird. — Man sollte es kaum glauben, daß das alles, was man da sieht, Men- schen moͤglich sei. Der Schauplatz soll unten in eine un- geheure Tiefe mit unendlichen Kosten ausgegraben wor- den seyn, um die Balanciers, die Maschinen und das Raͤderwerk, wodurch alle Dekorationen veraͤndert werden, anzubringen. Im Augenblick ist alles weg, nach den Seiten, nach oben, oder nach unten, und doch stetig, langsam, feierlich, majestaͤtisch; — — freilich der Qualm der Lichter, die Ausduͤnstungen so vieler zusam- mengedraͤngter Menschen, der Staub, der von den Taͤnzern ꝛc. aufsteigt, das unaufhoͤrliche Klatschen vom ganzen Auditorium, und die Musik, — dritte- halbe Stunden lang, — nehmen den Kopf zuletzt doch ein. Lustig ist’s auch zu hoͤren, wie alle Augen- blicke das, Très joliment fait; Ah, par Dieu, sacre Dieu, quelle danse! ah, charmant, il faut encourager! — Ha, il revient; Elle danse comme un ange! von allen Seiten her toͤnt. — Man kann dies Schauspiel alle Sonntag, Dienstag, und Freitag, in Paris haben. Bemer- Bemerkungen. Wenn man aus Komoͤdien oder Opern geht, und es bereits Nacht ist, so kan man die Ehre haben, von Frauenzimmern mit nach Haus zu gehen gebeten zu werden. Solcher Accrocheuses gibt es besonders in der Rue St. Honoré gar viele. Die Frauenzimmer haben hier auch ihre eignen Schuhmacher, so wie die Mannspersonen die ihrigen. Schon im Mai geht alles, was Landhaͤuser hat, aus der Stadt aufs Land. In der Stadt selber weiß man nichts von Jahrszeiten, Feldgeschaͤften, frischer Luft, Erndte, Heumachen ꝛc. Eine Menge Menschen leben hier, ohne daß sie wissen, wie Brod und Obst wachsen. In der Stadt ist ein ewiges Rennen und Fahren nach Schauspielen und Vergnuͤgungen der herrschende Ton. Es gibt viele Leute, die um 4. Uhr vom Tisch aufstehen, und dann eben alle Tage in die Spektakel fahren, und den andern Tag vor 10, 11. Uhr weiter nichts anfangen. Den 26sten Mai. La Bibliotheque du Roi ward heute von mir be- sucht. Dieser wirklich koͤnigliche Buͤcherschatz steht in der Rue Richelieu, hinter der Rue St. Honoré in ei- nem alten, unscheinbaren, aber grossen und weitlaͤuftigen Gebaͤude. Man geht auf breiten Treppen, zwischen de- nen allerlei Buͤsten, Urnen, Monumente ꝛc. stehen, hin- auf. Sie empfiehlt sich gleich sehr durch das Aeussre. Die Buͤcher sind alle in braunes oder rothes Leder gebun- den, mit Gold. Fast die meisten haben Titel. Sie stehen in langen Zimmern neben einander, und hinterei- E 5 nander, nander, aber so hoch, daß keine Leitern zu brauchen sind, sondern in der Hoͤhe des letzten Buͤcherschafts ist wieder ein Gang mit einer Brustlehne durch alle Zimmer durch. Da laufen die Aufseher und Bedienten herum, schlupfen auf dem Gang durch kleine Thuͤren aus einem Zimmer ins andre, hohlen die Buͤcher, und steigen durch kleine in jeder Ecke angebrachte Treppen wieder herab. Die Frem- den duͤrfen aber da nicht hinaufsteigen. Alle Schraͤnke sind mit geflochtenen Gittern von Messingdrat vermacht. Im zweiten Zimmer sas der Garde de la Bibl. Mr. l’Abbé Desaunays, ein Mann von mittlern Jahren, hoͤflich, doch nicht so, wie der Bibliothekar der Abtei St. Germain. — Er stand v or ganzen Gesellschaften von Fremden mit Damen nicht einmal auf, schnupfte alle Augenblicke, und lies sie allein herumgehen. Im Lateinischen merkte ich eine haͤßliche Pronunciation an ihm; er sagte immer de cochlẽis, Observationes Redi de Vipẽris. — Weder auf dieser, noch auf einer andern Bibliothek fand ich nur Ein deutsches Buch, oder nur Eine deutsche gelehrte Zeitung, ein Journal, eine Bi- bliothek ꝛc. Die Bibliothekare wissen auch nicht das Geringste von der deutschen Litteratur. Englische Buͤ- cher findet man auch sehr wenige, desto mehr franzoͤsische und italiaͤnische. Ihre Dictionaires encyclop. und portatifs, ihre Memoires, Contes, Tableaux, Recueils, Histoires abregées etc. findet man da- gegen in Menge. Er gab mir den Katalog der Buͤcher in der Naturgeschichte, es war der IX. T. des Cata- logi Man kennt den gedruckten Katalog dieser Bibliothek. Welch eine erschreckliche Menge von Dingen, die des Nennens , den er in einem Kasten neben sich liegen hatte. Der Der Band hatte 2. Buchstaben, unter T. stand die Phi- losophie, unterm S. die Naturgeschichte. Diese Num- mer hatte folgende Abtheilungen: Naturgeschichte uͤber- haupt, Thiergeschichte, Pflanzengeschichte, Gaͤrtnerei und Oekonomie, Warme Wasser und Baͤder, Minera- lien und Salze, und Succina, Miscellan-Naturge- schichte. Zur Thiergeschichte war auch die Vieharznei- kunst, die Jaͤgerei, Falknerei, Reitkunst, Seidenzucht ꝛc. gerechnet. Alle diese Buͤcher waren wieder nach ih- rem Format aufgeschrieben, und hatten Zahlen und Num- mern. Dabei hatten sie einen angefangenen Supple- mentband nach eben dieser Ordnung, wiewohl im Kata- log selber, nur die eine Haͤlfte des Blatts vollgeschrieben war. Der Katalog war besser in Ordnung als der Sup- plementband. Es waren alle alte Autores und die mei- sten in vielerlei Ausgaben, mit ihren Kommentarien da. Im Supplementband kamen Linne’ ’s Schriften, aber bei weitem nicht alle, und sehr zerstreut vor. Von Daͤni- schen, Russ ischen, Schwed ischen, Eng lischen Natur- forschern war nicht ein Blatt da. Scopoli ’s Sachen, Becmanni Hist. Nat. Veter. waren da, aber von Pallas, Muͤller, Martini ꝛc. nichts. Roesel ’s Hist. ran. nost. und einiges von Haller war auch da. Aber vergebens fragte ich auch hier nach Sibbaldi Ba- laenologia. Der Abt Desaunays sah, wie ich glau- be, nicht gern, daß ich ein seltnes altes Buch verlangte, das er nicht hatte. Ich lies mir heute Redi Experim. natural. Nennens nicht werth sind! Man sollte sie wenigstens nicht unter die guten stellen! — Welch eine Menge Editionen! Daher die grosse Anzahl. z. B. von Au- gustin. sind im Katalog 100 Nummern aufgefuͤhrt. natural. geben, und las darin, bis man um 12. Uhr aufbrach. Ich lernte auch heute Mr. Hisgerto kennen. Er ist zweiter Garde des K. Span. Kabinets der Naturgeschichte, von Ge- burt ein Spanier, ein grosser, wohlgewachsener Mann, von starken Gliedmassen. Er thut eine Reise durch Frankreich, Engelland, Schottland, Deutschland ꝛc. Ich machte seine Bekantschaft im Hause der Md. de Bure , wohin ihn Villoison bestellt hatte. Er sprach das Lateinische besser als die Franzosen, das Franzoͤsische aber etwas hart aus. Er kannte die vornehmsten Schriftsteller in der Naturgeschichte, dachte von Buf- fon und D’Aubenton wie ich; doch must’ ich ihm eine kurze Widerlegung der Buͤffon schen Hypothese von der Zeugung aus Hallers Physiologie sagen, er konnte aber weder deutsch lesen, noch reden. Er will mich nach einem Jahr in Carlsruhe besuchen. M. de Villoison machte mir heut ein Geschenk mit seinem Epithalamium auf den Herzog von Weimar, wieß mir auch 2. Briefe von ihm, und eine goldne Ta- batiere, wo oben aufm Deckel des Herzogs Kopf, wie ein Roͤmischer Kaiser, befindlich war. Bemerkungen. Das Geschlecht der hiesigen Abbe’es ist bekannt. Variat, colore, vita, lingua, vestitu, foecun- dissimum, aliis saepe molestum. Ihre gewoͤhnli- che Kleidung ist schwarz, mit einem seidenen Mantel bis auf die Knie, einem schwarzen Kaͤppchen aufm Hinter- kopf, und einer runden Frisur, die aber bis uͤber die Schultern herabfaͤllt. Die Die Pariser Studenten machen eine traurige Figur. Auf der Koͤnigl. Bibliothek hat man um das Din- tenfaß herum einen Schwamm, der das ganze Geschirr ausfuͤllt, und beim Ausspruͤtzen alle Tropfen auffaͤngt. Man muß da das Buch vom Bibliothekar fordern, der sagts dem Bedienten, dieser holts dann, gibt’s erst dem Garde, der siehts an, und gibt’s endlich dem Frem- den. Will man das nehmliche Buch den andern Tag wieder haben; so muß mans vom Tisch wegnehmen, und irgendwo hin stecken, wo man’s wieder findet. — Es sind nach Maasgabe der Fremden, die bestaͤndig hier ar- beiten, zu wenig Aufwaͤrter da. Zum Erstaunen ists, wie die Franzosen die deut- schen Namen verderben. Nicht ein einziger spricht sie recht aus. Kein einziger versteht deutsch, sie sagen, die Sprache sei zu schwer, und habe gar grobe Woͤrter. Die Miethkutscher, Decroteurs, Holztraͤger ꝛc. schlafen am Tage mitten auf den Strassen, auf harten Holz, auf ihrem Bock, auf den Steinen. — Mitten im Laͤrmen, im Getuͤmmel um sie herum, besucht sie der suͤsse Schlaf. Ein Gluͤck, das manchem in der praͤchti- gen Kutsche, und im seidenem Bett in Paris fehlt. — Den 27sten Mai. Le Cabinet de l’Hist. Nat. du Roi. Diese herr- liche Sammlung, ging ich heute weiter durch, und zwar im zweiten Zimmer, und fand beim Eingang linker Hand gegen den Jardin du Roi zu, im I ) Ersten I ) Ersten Schranke 1) Eisenminern, aus allen Reichen, mit Quarz, mit Kupfer, einen Haematit. stalactite von Gabelen, aus dem Trierischen, — mit Arsenik; — mit Topasen aus Schemnitz; — cubi- que, arenacée, — crystallisée — mica- cée, — en stalactite, ein grosses herrliches Stuͤck aus England; eine andere stalaktitische Ei- senminer mit Berggruͤn bedeckt; — mit Selenit, — in einer Madrepore beim Carlsbad, — gra- nuleuse, — fer solide de Dresde, Magnet- minern aus Siberien, aus Ungarn. 2) Kiese, alle moͤgliche Gestalten, octaedre, dodecaedre, cubes allongés etc. 3) Fer natif de Siberie. 4) In der zweiten Haͤlfte des Schrankes: a ) Schwarze Haͤmatiten aus der Tartarei und dem Pays de Foix. b) Pyrite des Incas aus Dauphine’, aus Peru, hell, durchsichtig, schoͤn. c) Mine de fer avec Basalte spatheux de Cronsted — Mine de ser spathique, und eine dito mit Kupfer von Begorry, herrlich gros. Viele ohne Etiketten. Viele aus Schweden, Daͤnnemark, Frankreich, Lothringen, in Glaͤsern, — Mine de fer engrainé. d ) Gediegener Schwefel, rother, — grauer ohne Etiketten, — crystallisirter gelber mit Spath aus Spanien. e ) Haͤma- e ) Haͤmatiten — roth, gestreift, en mam- melons, avec crystaux, aus Siberien, Sachsen, der Tartarei, Schweden; mit Quarz vom Harz, von Schmalkalden, aus Boͤhmen. — Sanguine fine, commu- ne, ist eben das; — Emeril; De l’Isle erklaͤrts fuͤr Schmirgel der Teutschen. Eisen- haltiger, grauer, rother, von Luͤttich. — Auch noch Magnetminern von der Insel Elba, aus Siberien. f ) Adlersteine, — grosse, kleine in Stuͤcken, aufgeschnitten, meist in Glaͤsern, meist ohne Etiketten, — an einigen wars angeschrieben, aber unleserlich. II ) Zweiter Schrank, gegen den Jardin du Roi zu. A ) erste Haͤlfte enthielt 1) Unten Kiese, mit Kupfer, — mit etwas Gold aus Ungarn, mit Asbest aus Fahlum, — ein herrlicher 12eckigter vom Harz, — einer mit Kupfer und Arsenik aus Island. 2) Zinnober, — aus Moͤrsfeld in der Pfalz, — aus Ungarn, — auf Schistus aus Boͤh- men, — mit grauem Silber aus Zweybruͤcken, mit Quarz von Wolkenstein in Sachsen, — mit Bley aus Oberdauphine’, — mit einer Ei- senminer aus Steyer in Steiermark, — aus Friaul, — aus Tyrol; — crystallisirt aus Friaul; gediegen mit grossen Christallen aus U n- garn, Spanien, Peru, Almaden; — Mi- nes nes de Mercure coulant, — herrliche grosse Stuͤcke aus der Pfalz ꝛc. 3) Kobold; — Hier waren alle Arten nach der Ordnung mit Etiketten ohne rothe Borduren, was oben ist, hat Bordure, und ist Dublette oder Dif- ference. Die Etiketten sind kleine Karten mit 2. Wachsscheibchen angeklebt. 1) Koboldglanz, Kobolderz, Kupfernickel, roth, gelb, crystallisirt, in Spath, gediegen, — in Drusen, — aus Annaberg, — Schnee- berg; — Fleurs blanches, rouges, — prismatiques dans la Galène de Saxe; — die meisten unbeschreiblich schoͤn. Orpin (unser Auripigment), natif de Felsobania, mit Silber, mit Quarz, mit Feldkrystallen, ein unvergleichliches Stuͤck mit Silber und Kupfer von Saalfeld. 4) Arsenik. — Rubis d’Arsenic vom Aetna ist noch bei Kobold, herrlich; mit Silber, Blei, mit Kupfer, mit Wißmuth, vom Harz. Ar- senic crystallisé sur scories de Goslard, So ist das Wort immer hier geschrieben, Saalfelds statt Saalfeld, Calmia statt Galmia. cubisch mit Quarz und Blende. — Arsenic noir, en boulle avec Vitriol près Saalfeld. 5) Calamine; Zinkminern, — rothe, — weisse, gelbliche, — cellulaire, — aus Limburg, Derby, Nottingham, Namur, Casp. Meer, von Anjou. 6) Nun 6) Nun wieder ganze Seiten von saͤchß. Kobold; darzwischen Crystallisat. du sel marin. — Dann oben in Glaͤsern, Tutia, Zink, Matiere de Bismuth, Antimoine. — Orpin, rothes gelbes, graues. B ) Zweite Haͤlfte: 1) Unten. Sels fossils — aus der Grotte de Cardone. — Sal gemmae aus Siebenbuͤr- gen, — aus der thebaischen Wuͤste; Sal gem- mae, qui renferme de l’eau aus der Schweiz. — Keins aus Pohlen, aus Wuͤrtemberg, von Wichtigkeit, nur ein Brocken. 2) Zink, Spießglas, Blende, — (mit Kry- stallen, Ecailles, Silber, Spat, Quarz, Cry- stall, Blei, — vom Harz, von Kongsperg —). Calamine, Magnesia, Sal gemmae, alles unter einander. Darunter folgende Merkwuͤr- digkeiten: a) Mine d’Antimoine, irriseé oder en Iris von Felsobania aus Ungarn, in einem eignen glaͤsernen Kaͤstchen, ruht unten auf gros- sen Crystallen, hat die feinsten schoͤnsten Spiesse, roth, blau, schwarz ꝛc. In Hunter’s Kabinet in London soll ein Spießglas seyn mit so langen zarten Spiessen, daß sie zittern, wenn man nur gegen den Schrank laͤuft. b) Blende crystallisè sur Spath fusible avec pyrite d’ Angleterre. c) Maganese sur Spath blanc de Saxe. d) Blende F d) Blende noir crystallisé sur pyrite avec argent natif capillaire de Kongsberg, gros; — es laͤßt sich nicht beschreiben, wie schoͤn das war. e) Mine du Zink dans de Spath fusible violet d’ Angleterre. f) Antimoine; gestreist, roth, weis, mit Sternen, aus Siebenbuͤrgen, Japan, Bretagne, Bayreuth, Poitou, Auvergne, Lappland; mit Kies und Schwefel; mit Gold aus Ungarn. — Regule d’Anti- moine crystallisé et etoilé, grosse und klei- ne Scheiben, — mit Cristaux luisans. Sur Quarz aus Schemnitz in Ungarn. g) Bismuth, von Schneeberg, Johann- georgenstadt, Goslar. h ) Darzwischen wieder Cinnabre crystallisé avec Quarz, en Corne. Sels fossils, fibreux, sel vitr. natif en stalact. de Fahlum, war ein Sinter. — 1) Alun de plume, in Glaskasten, gros, und 2) Sal ammon. natif, beides ohne Orts- anzeige. 3) Vitriolminern; vom Rammelsberg von unserm Joͤckel, Alaunminern; zum Theil Schiefer von Skania in Schweden, zum Theil weisse Brocken ohne Etiketten. 4) Soufre natif, in grossen und kleinen Krystal- len, mit Spat; zum Theil herrliches Hellgelb; aus — aus der Solfatara, dem Archipel, Spa- nien, Californien. — Von St. Domingo in sehr kleinen Krystallen, wie eine feine Quarzdruse. a ) Gediegener, crystallisirter Schwefel, auf Selenit, auf Stuͤcken, die halb simpler Gyps, halb schoͤn lamellirtes durchsichtiges Frauenglas waren; etliche 20. Stuͤcke von dieser Art, grosse und kleine, alle vom Berg Cazan in Siberien. b) Pierres sulphureuses aus der Solfata- ra. Gruͤner, gediegener Schwefel; rother mit Arsenik vermischt, vom Vesuv, ein kostbares Stuͤck. — Durchsichtiger, gelber und rother an einem Stuͤck. — Gediegener grauer asch- foͤrmiger Schwefel aus Island. 5) Gewachsen Salz; cyprischer Vitriol; gruͤ- ner, weisser. Alaunminern von Soißons, aus Siebenbuͤrgen, Ungarn, in Glaͤsern. 6) Natron — aber ohne Beisatz des Orts, in Glas. III. Ein schmahler Nebenschrank, in der Ecke, nicht voll; enthielt die Alabaster, meist in Rauten ge- schnitten, alle ohne Angabe des Orts, auf einigen wars geschrieben, a) Oriental. — herborisé, — fleuri, — à 4. couleurs. b) Veiné — Albâtre onyx. — Alb. achatato — Alb. fiorito, de 4. à 5. cou- leur et cet. F 2 c ) Bau- c ) Bausteine, Felssteine, falsche Porphyre, meist aus Frankreich. d ) Zwischen den 2. Fenstern standen einige Mar- mor ohne Glas; eine rothe Art aus Lissabon; eine schwarze und eine weisse aus Norwegen; ei- ne gruͤne Art mit schwarzen Flecken, aber ohne Eti- kette, wenn sie hinten nicht angeklebt war. IV. Der erste Schrank beim Eingang rechter Hand, war der Eckschrank. Enthielt Kupfer, davon eine unbeschreibliche Menge Stuffen da war, als: 1) Cuivre natif; en vegetation, precipité, aus Rußland, von Kamsdorf, Schneeberg, aus Kamtschatka, ein grosses Stuͤck aus Mar- tinique; eins von der Insel Timor, sah so feu- rig aus, als wenns der Kupferschmidt uͤberzogen haͤtte. 2) Mines de Cuivre; grise, jaune, pale, Gorge de pigeon, (so heißt hier das schoͤne blaue) aus Neusohl, Rußland, Camsdorf. Octaedre de Russie, Cuivre precipité, sur l’ecorce d’un arbre; — hepatique, — tigreuse; diese beide Arten haben den Namen von der dunkeln Farbe und von den schwarzen Flecken auf dem gelben Grunde, mit Schoͤrl. — Bois cuivreux — en sable de Veldenz, — auch mit Quarz daher; mit Gyps aus Norwegen, aus Shagir in der Tartarei, aus Dalecarlien, Lui- siana. 3) Im andern Ecke unten Produits des Volcans — die fortliesen bis in andre Schraͤnke. 4) Oben 4) Oben Schwedisches, Siberisches Berggruͤn und Bergblau; en ecailles, en moules, en larmes, en stalactite crystalliseé à une base de plomb. V. Sechs Schraͤnke standen nun in einer Reihe bis hinauf ans 3te Zimmer; davon enthielt der Er- ste A ) Erste Haͤlfte, — unten vulcanische Pro- dukte, und zwar, a ) oben Malachiten, auch Kupfer, aus Tor- neo in Lappland, soyeuse aus China, en Mammelons Mammelon, partie ronde et relevée, qui se voit sur la robe des Oursins, et dont le petit bout s’engraine dans les pointes ou piquans. D’Argenville. — scieé et polie, wie die Festungsmaͤßigen Zeichnungen aufm Achat; — Bergblau, — Malach. herboriseé, war gar zierlich mit dendritischen Zeichnungen. b ) Sonst lag der ganze uͤbrige Theil dieser Haͤlf- te noch voll Kupfer. B ) Zweite Haͤlfte; Blei, gestreiftes, strichlich- tes, en lames, avec Spath, Quarz, Blende, spath crystallisé; schwarz, weis, en stalactite speculaire, verte, das heist hier en Mamme- lons; aus der Pfalz. Mine de plomb, blan- che crystallisée sur mine de fer cellulaire, du Harz, ein herrliches Stuͤck mit den feinsten weissen Spiessen. F 3 Bei Bei einem Kaufmann fand ich heute den Dasypus novemcinctus, und beschrieb dieses Thier noch denselben Abend, fuͤr den Walchischen Naturforscher. — Indes ich bei dem Kaufmann war, entstand auf der Strasse ein Laͤrm, dessen Gelegenheit selbst dem Na- turkundigen nicht gleichguͤltig war. Ein Junge, der nicht aͤlter seyn konnte, als 10 bis 12. Jahr, trug eine Leiter von 15. Sprossen, zwischen den Zaͤhnen schnur- grade in die Hoͤhe gestellt, eine Zeitlang herum, und ba- lancirte sie. Er nahm auch einen Stuhl, faßte ihn un- ten mit den Zaͤhnen, setzte oben einen andern Jungen dar- auf, und trug ihn. Er nahm ein grosses Wagenrad, das an der Mauer stand, und so schwer war, daß ers kaum mit beiden Haͤnden in die Hoͤhe heben konnte, und stellte es etliche Minuten zwischen die Zaͤhne. Wie er- staunend, dacht’ ich, ist die Kraft der Muskeln, und der Nerven in unserm Koͤrper? Welche Berge wuͤrden wir nicht, wie Bleikugeln wegschleudern koͤnnen, wenn wir uns von Jugend auf nur in koͤrperlichen Kuͤnsten uͤben wolten? Aber wie viel edlere, sanftere Freuden, die aus der Kultur des Geistes fliessen, wuͤrden wir dann entbeh- ren muͤssen. Bemerkungen. Noch immer spuͤrte man in Paris keinen Fruͤhling, keinen Sommer, keine Waͤrme. Und wenn auch ein halber Tag schoͤn war, so kam der Regen gleich wieder. Schon zwei Tage litt ich nun auch die Krankheit aller Fremden, ich hatte den Durchfall, den man dem Wasser der Seine zuschreibt. Der Der Tabak, den man in Frankreich zu rauchen bekomt, ist schlecht und grob; die Unze kostet 5. Sous. Den 28sten Mai. La Biblioth. de l’Abbaye St. Victor. Das Gebaͤude ist geraͤumig, alt, hat grosse, lange Gaͤnge, huͤbsche Saͤle, große und kleine Gaͤrten, einen schoͤnen Hof, und man baut wirklich noch einen Fluͤgel daran, um der Bibliothek, die wirklich in vielen Zimmern, an 3. 4. Ecken oben und unten zerstreut ist, ein eignes Ge- baͤude zu verschaffen. Herr Muͤller, der Bibliothekar, hatte die groͤßte Guͤtigkeit fuͤr mich. Er ist ein gelehrter und gefaͤlliger Mann. Durch Herrn de Villoison ’s Empfehlung erhielt ich kostbare Buͤcher aus dem ihm an- vertrauten Schatze auf mein Zimmer, und konnte sie be- halten, so lang’ ich wollte. Er zeigte mir erst in der Bi- bliothek, die ausser den Bildnissen ihrer Stifter im Aeus- serlichen nichts merkwuͤrdiges hat, eine schoͤne Ausgabe vom Hieronymus, eine Biblia Polyglotta, Walto- n ii Polyglotta, dann den Katalog der Naturgeschich- te, und der Medicin, wo zwar die Alten, aber ausser den Franzosen, nichts Neues war. Sibbaldi Balaenolo- gia war auch hier nicht. Dann fuͤhrte er mich in das Manuskripten-Zimmer, wo er eben an einem Verzeich- nisse derselben arbeitete. Es ist ein vortreflicher Vorrath da, und die meisten noch ungedrukten sollen gedrukt werden. Mir waren darunter merkwuͤrdig: 1) ev- clidis Elementa, griechisch vom Angelus Bergi- cius, Cretensis, der sie, nach der hinten stehenden Nachricht 1537. zur Zeit des Pabsts Paul III. im Hau- se des Gesandten des Koͤnigs Franz I. von Frankreich F 4 von von einem Exemplar in Rom abgeschrieben hat. Sei- ne Tochter hatte mit der groͤsten Feinheit die Figuren dazu an den Rand gezeichnet. 2) Decretum Gratiani, cum Glossa Barthelemi, — das sehr schoͤn, reich an Gold, und vortreflich schwarz auf Pergament ist. Bei jedem Absatz sind Malereien und Goldbleche. 3) Livius, aus dem 13. Jahrh. auf Pergament; leserlich geschrieben mit herrlichen Rubris. Beim Anfang des 2ten Buchs ist eine kostbare Zeichnung von Carthago victa. Alles, Zelter, Pferde, Menschen, Kleidung ist aͤusserst feine Mi- niaturmalerei, Scipio auf der einen, und Hannibal, je- der mit seiner Generalitaͤt, auf der andern Seite. Dar- nach ist Graevii Edit. verfertigt. 4) Viele Tuͤrkische, Persische, Arabische, Chinesische Handschriften auf Per- gament oder Seidenpapier. 5) Ein Buch auf hoͤlzer- nen, schwarzen Tafeln, geschrieben, noch ziemlich le- serlich. Es ist ein Kostenverzeichnis von einer Reise, die Koͤnig Philipp der schoͤne von Frankreich durch die vornemsten Provinzen seines Reichs, 1301. vom En- de des Okt. an, bis Ende Maͤrz vom nemlichen Jahre that; denn damals zaͤhlte man noch den Anfang des Jahrs von Ostern an. Der Koͤnig reißte, um das Volk, we- gen der Unruhen, die man damals vom Pabst befuͤrchte- te, in Liebe und Respekt zu erhalten. Die Koͤnigin war an den meisten Orten dabei. Man hat es kopirt, die Kosten sind Tag fuͤr Tag aufgeschrieben. Ein Himmel- weiter Unterschied gegen jetzt! Man kan die Namen man- cher Offiziers und Ministers daraus noch lernen. 6) Ein kuͤrkischer Koran, so schoͤn, daß der lezte tuͤrkische Am- bassadeur der hier war, die groͤßten Lobspruͤche hinten drein, aber arabisch geschrieben hat. Er sagte, der Grosherr habe keinen schoͤnern. 7) Geographia Blaviana, et- liche liche 20. Folianten, Lateinisch, auch Franzoͤsisch, mit herrlichen Charten. Es ist auch viel Astronomie und Naturgeschichte des Meers darin. Ueberhaupt hat man in der Geographie hier einen herrlichen Vorrath. 8) Kupferstiche nach Rubens ꝛc. Ich bat mir D’Argenville’s Conchyliologische Schrif- ten, und Remmelini Ein Doctor in Ulm, der den Wundaͤrzten gern die Anatomie recht wohlfeil in die Haͤnde geben wollte. Er ließ daher das noͤthigste in Kupfer stechen, so daß die einzelnen klein ausgeschnittenen Blattstuͤcke uͤber einander lagen, wie die Theile im Leibe einander de- cken. Theatr. Microcosm. von Herr Muͤller aus, und er hatte sogleich die Gefaͤlligkeit, sie mir in mein Hotel nachtragen zu lassen. Le Cabinet d’Anatomie artificielle besah ich hierauf. Hier mus man anbeten. Es liegt Rue d’E- strapade, près la Ste. Genevieve. Madem. Bi- heron, ein Frauenzimmer, die ihres gleichen sucht, hat es angefangen. Sie hatte von Jugend auf einen unuͤber- windlichen Hang zur Anatomie des Menschen, fand aber, als die Tochter eines gemeinen Buͤrgers in Paris, dazu keine Gelegenheit. Aber sie las, sie sah, was sie bekom- men konnte, und fing, ohne Kollegia und Unterricht, selber an zu anatomiren. Ihre Eltern und Freunde wider- setzten sich, — wie Dummheit immer dem Guten; — sie lies Kadaver durch Soldaten stehlen, wo sie sie be- kommen konnte, versteckte sie, — wo unsre modischen Schoͤ- nen den Crebillon, die Pucelle ꝛc. — unters Bett, wenn sie gleich schon halb faul waren, und studierte daran Zer- F 5 gliede- gliederungskunst. Endlich, wie sie alles gelesen und ge- sehen hatte, sing sie an, den Koͤrper mit Wachsboßiren nachzumachen. Sie gesteht, daß sie nicht die erste ge- wesen, aber die Dauer, die Vollstaͤndigkeit, die Genauig- keit, und die Soliditaͤt an ihren Werken sind ihr Ver- dienst und ihre unstreitig grosse Ehre. Sie war gluͤck- lich, erfand sich selber Mittel und Kuͤnste, die sie nieman- den sagt, arbeitete 47. Jahr in diesen Sachen, ging nicht aus, als in die Kirche und zur Madem. Baßeporte, saß immer allein, und studirte und arbeitete. Alle Me- dici und Chirurgi und ihre ganze Verwandschaft wider- setzten sich, und der Neid dieser nichtswuͤrdigen Leute hat auch gemacht, daß sie keine Eleven annehmen konnte. Man hat’s ihr auf alle moͤgliche Art schwer gemacht, aber sie uͤberwand alles. Sie arbeitete so viel, daß ihre Ge- sundheit daruͤber gelitten hat. Jetzt ist sie etliche 60. Jahr alt. Um sich von vielen Arbeiten zu erhohlen, und ihre Sachen bekannt zu machen, war sie zweimahl in Lon- don, wo sie unter andern auch mit Hunter und Hew- son wohl bekannt ward. Jetzt lebt sie in der Stille, hat ihre Sachen auf Veranstaltung des Ambassadeurs nach Rußland schicken muͤssen, arbeitet noch immer, beson- ders, wenn was bei ihr bestellt wird, hat den Mittwoch von 10 3 . Uhr an dazu ausgesetzt, ihre Sachen jedermann zu zeigen. Wer einmahl 3 Liver zahlt, kan hernach kommen, so oft er will. Sie beklagt sich, daß noch kein Fuͤrst ihre Sache unterstuͤtzt hat, da’s doch gewis fuͤr Prinzen, Prinzessinnen, vornehme Kinder, fuͤr Studi- rende, im Sommer, wo man auf der Anatomie nichts machen kan, im Feld, fuͤr Frauenzimmer, fuͤr die Ge- burtshuͤlfe bei gemeinen Weibspersonen ꝛc. gewis nuͤtz- lich waͤre; so wie’s uͤberhaupt in der Geschichte der mensch- lichen lichen Kunst eine vorzuͤgliche Stelle verdient. Weder der vorige noch der jetzige Koͤnig hat es gesehen. — Bis itzt war der Kaiser auch nicht bei ihr gewesen. Der Marggraf von Baden, und der Herzog von Weimar aber habens gesehen. Sie hat wenig Vermoͤgen, ihre Kleidung und ihr Zimmer zeigens; sie hat eine Magd, und wenige Bekanntschaft. Jußieu und Villoison schaͤtzen sie, die andern Aerzte aber unterstuͤtzen sie nicht. — Man sicht zuerst im Zimmer auf einem grossen Schemel, der sich drehen laͤßt, einen hoͤlzernen Kasten, der aussen mit Papier uͤberzogen und inwendig mit blauem Taffet aus- geschlagen ist, wie ein Bett, mit Kuͤssen und Decken. Darin liegt ein ordentlicher Mensch von Wachs, ein weib- licher Koͤrper von mittler Groͤsse. Wenn die blauen Kleider zuruͤck geschlagen, und die Schnuͤre in der Mitte aufgemacht sind, so sieht man den Kopf, die Brust, den Bauch; Arme und Fuͤsse fehlen. Sie hats so eingerich- tet, daß sie die innern Theile alle nach den 3. grossen Hoͤ- lungen zeigen kan. Der Kopf hat hinten eine Kappe, und vorne ist das Gesicht so natuͤrlich, wie an einer Mas- ke. Wenn sie das Innere des Kopfs zeigen will, stellt sie den Wachsmenschen auf den Boden und bindet die Kap- pe ab, so sieht man ein ordentliches Cranium mit sei- nen Naͤthen. Sie nimmt das weg, so kommen die Me- nynges zum Vorschein. In der dura hat sie eine Stel- le gelassen, wo man die Arachnoidea sehen kan. Die Sinus hat sie auch nicht vergessen, die pia, die Sub- stantia corticalis, medullaris, die zwei Haemisphe- ria, der processus falciformis, die glandula pinea- lis, das corpus callosum, die crysta galli, das ce- rebellum, die ventriculi, die Insinuationes cor- ticis, die origines nervorum et medullae ob- long., long, die orificia arter. carotid. ꝛc. Alles ist hoͤchst natuͤrlich nachgemacht. Jedes von diesen Stuͤcken ist einzeln, kan herausgenommen werden, paßt aufs genau- ste hinein, und ist durch Nadeln, oder seidene Schnuͤre be- festigt, so daß das Ganze herrlich ist. Die Arterien sind blau, die Venen roth, die Nerven weis, die Subst. cortic und medull. der pars ossea und cutac. alles ist unterschieden. Wer auch vorher nicht au fait ist, kan sich da schnell eine Idee machen. Die Theilung zwischen der Brust und dem Bauch durch das Zwerg- fell hat sie wohl nachgeahmt, und am Zwergfell den pars tendinosa und musculosa unterschieden. Alles was zur Brust gehoͤrt, konnte sie heraus nehmen. Man sah das Mediastinum, die beiden Lungen, die Bron- chi oben, sie konnte sie aufblasen durch die arter. aspe- ra, der Oesophagus unterschied sich schon durch seine Farbe von der arter. asp. Von der linken Lunge konte man ein Stuͤck abnehmen, so sah man das Herz mit der lebhaftesten Farbe, mit den arter. und ven. coron. recht in seiner natuͤrlichen Lage. Die Rippen, die wah- ren und die falschen, hatte sie sichtbar unterschieden. Man sah das Sternum, die Claviculas, Musculos intercost., in der Pleura die Nerven. Das Cavum war gar schoͤn, wenn man es leerte, und dann hinein sah. In dem Bauch machten wiederum alle dazu gehoͤrige Theile einen Klumpen aus. Sie hob das Diaphragma und Epiploon auf, so konnte man die Masse heraus nehmen, und um uns von der Festigkeit ihrer Arbeit zu uͤberzeugen, warf sie den Magen und den ganzen Tra- ctum intestinorum auf den steinern Stubenboden, und es wurde nichts versehrt. Auch am Magen sah man die ernaͤhrenden Gefaͤsse, die Cardia, den Pylorus, und und durch die Cardia blies sie den Magen auf. Die dicken und duͤnnen Gedaͤrme lagen in ihren Windungen neben einander, die Namen hatte sie drauf geschrieben. An der Leber war voͤllig die Farbe der Natur. Das Ligam. suspensor. die Gallenblase, der ductus cho- ledochus, das Pancreas, die Milz, die beiden Nie- ren, die Aorta, gar herrlich, die Urinblase, wie sie beim weiblichen Geschlecht ist, die Gebaͤhrmutter, die Eierstoͤ- cke, die Fallopischen Roͤhren, wo sie am Ende sogar die Lacinias, die sich im Beischlaf aufrichten, nicht verges- sen hatte, und die vagina uteri, alles war hoͤchst natuͤr- lich da. Die vagina unterschied sich durch ihre weisse Farbe, als ein pars cutanea von der roͤthern Gebaͤr- mutter, die ein pars musculosa ist. An den Seiten waren die Bauchmuskeln, und oben war die weisse Linie deutlich zu sehen. Darneben hatte dieses wuͤrdige Frauenzimmer in zwei Glasschraͤnken alle diese und noch mehrere Theile ein- zeln nachgemacht. Sie hatte sie, wie man die Voͤgel aufstellt, jedes auf einem eignen Fuß stehen. Sie zer- legte noch einmahl einen Kopf, wo alle obengenannte Thei- le noch herrlicher waren. Sie zeigte uns ein Herz mit seinen Auriculis und Ventriculis. An jeder Hoͤlung war eine kleine Thuͤre, sie zog die Nadel heraus, so fiel die Thuͤre herab, und man konte innwendig die Kommu- nikation dieser Hoͤlungen sehen. Und, was noch merk- wuͤrdiger war, die Valvulas mitrales, semilunares, tricuspidatas hatte sie aͤusserst fein nachgeahmt. Sie zerlegte das Herz in der Mitte, und lies uns das Septum transversale sehen. Sie zeigte uns den Lauf der Fi- bern im Herzen, sie hatte die Gefaͤsse des Herzens in ih- ren ren natuͤrlichen Kruͤmmungen angebracht, hatte sogar dem linken Herzen eine roͤthere Farbe gegeben, als dem rech- ten, um nur nichts zu vergessen. Sie zeigte uns einen langen Darmkanal, den sie am Mesenterio, grade, wie die Natur es macht, angebracht hatte, eine Leber, die in zwei Haͤlften zerschnitten war, wo man den wunderba- ren Lauf der Pfortader in diesem Laboratorium sehen konte. Eben so hatte sie die Nieren in der Mitte zerschnitten, um uns die arter. secern., die papillul., die infundib. das pelvis ren., die ureter. zu zeigen, und man kon- te nichts schoͤners sehen. Sie zeigte uns den ductum Pequet. und seine Insertion mit 2. orific. in die venam subclav. sinistr. der war ganz weis und unvergleichlich. Sie hatte einen Uterus, der recht sanguine turgidus war, darin sas ein Kind in 7—8ten Monat, daran Kopf und Lage ein wahres Meisterstuͤck waren; Nabelschnur und Mutterkuchen waren aufs schoͤn- ste nachgeahmt. Davon hatte sie 2. Exemplare, ein groͤsseres und ein kleineres. Sie hatte einen Mutterku- chen, den sie in der Mitte durchschneiden konte, um das Verschlingen der Gefaͤsse zu zeigen, sie hatte ihn nach ei- nem nachgemacht, der ihr in der Stunde, wo er geboh- ren wurde, gebracht ward. Sie besaß kleine Foetus von den ersten Tagen nach der Schwaͤngerung an, die an Stecknadeln in Glaͤsern haͤngen. Sie hatte Kinnladen mit Zaͤhnen von allen 3 Gattungen, nahm sie heraus, und zeigte die Verschiedenheit in den Wurzeln daran. Den nemlichen Kinnbacken hatte sie in der Mitte gespal- ten, und wie er in 2. Haͤlften zerfiel, sah man mit Er- staunen die feinsten Arterien, Venen und Nerven unter- einander laufen. Sie hatte das Auge mit seinen Haͤuten, die Crystalllinse war von Glas, die glaͤserne Feuch- Feuchtigkeit auch von Glas darin angebracht. Man konnte sich daran vom Staarstechen einen schnellen Begrif machen. Die Corona ciliaris hatte sie auch nachge- ahmt, doch war das freilich weit unter der Feinheit, wo- mit die Natur arbeitet. Aber das Ohr mit allen seinen innern und aͤussern Theilen, die vier kleinen Gehoͤrkno- chen, den Labyrinth, die Pauke, die Fenster ꝛc. das alles war nicht genug zu bewundern. Sie zeigte uns Fuͤsse, an denen alle Muskeln mit ihren Flechsen ausge- druͤckt waren. Sie hatte das Nervensystem in Haͤnden und Fuͤssen in aͤusserst seinen Wachsfaͤden, doch ohne plexus und involucra nervorum, in einem Glaskaͤst- chen auf einem schwarzen Grunde mit subtilen Steckna- deln befestigt. Sie hatte alle Theile der Muskeln ein- zeln. Sie hatte Monstra nachgemacht, besonders eins, das in der Rue St. Honoré von einer gemeinen Frau gebohren war, nur ein Auge, wie der Cyclop des Homer, in der Mitte der Stirn hatte, und erzaͤhlte dabei die inn- re Abweichungen im Gehirn. Sie zeigte uns endlich in einem Glasschranke, ein herrliches Brustbild von Hen- ry IV. das sie nach einem Bilde, das der Prinz von Conde’ in Chantilly hat, nachgeahmt hatte. Der Koͤnig ward abgemahlt, wie er aussah, als er an den, in der Rue La Ferroniere, von Ravaillac empfangenen Wunden starb. Der Koͤnig hat die schoͤnsten Augen, ein liebliches Gesicht, und einen ehrwuͤrdigen Bart. Er wird auch noch immer von der Nation geliebt und be- dauert. Fuͤr mich hatte das Frauenzimmer noch die Gefaͤllig- keit, daß sie mir eine Addresse an Jußieu gab, die von ihrer eignen Hand recht sauber geschrieben war. Konte man man auch in zwei Stunden mehr Schoͤnes und Wichti- ges in Paris sehen. Welch eine liebliche Aussicht fuͤr das Wachsthum der angenehmsten und der gemeinnuͤtzig- sten Wissenschaften! Dank sei’s der Vorsehung, die un- ser Jahrhundert segnet, und mitten in einer wolluͤstigen Stadt verachtete Werkzeuge aufstellt, welche die Maje- staͤt Gottes jedem Menschen fuͤhlbar machen! Ich ging von da in die Acad. R. des Sc. Sie versammelt sich alle Mitt- woch und Sonnabend Nachmittag um 3. Uhr, linker Hand im Vieux Louvre, oben in einem grossen Saal, der mit Koͤnig Ludwigs 14. Bildnis, mit den Buͤsten ei- niger Gelehrten, als Cassini ’s ꝛc. mit etlichen Landkar- ten, einer praͤchtigen Wanduhr, und mit schwarzen Ta- feln, die an Schnuͤren hoch und niedrig gehaͤngt werden koͤnnen, geziert ist. Man kan hinein kommen, wenn ein Mitglied der Akademie den Direktor um Erlaubnis fragt, und dann den Fremden einfuͤhrt. In der Stube stehen rings herum schmale Tische, gruͤn uͤberzogen, an denen sitzen die Mitglieder. In der Mitte steht ein Tisch fuͤr die vorzuzeigenden Sachen. Die unsterblichen Verdienste dieser Akad. sind bekant, ich will indessen hier beschreiben, was ich gesehen und gehoͤrt habe. Es ist ein Getuͤmmel darin, wie in einer Judenschule. Die Mitglieder plaudern, lachen, laufen herum, hinaus, der Direkteur hat eine Glocke bei sich, die er braucht, wenn was vorge- lesen werden soll, aber es herrscht doch keine Stille. Ich saß bei Buffon und D’Aubenton und konte doch nicht alles hoͤren. Alle Augenblicke ruft er: Messieurs, ecoutés donc; on n’entend point; Messieurs, voulez vous bien ecouter; o Messieurs, ecoutez donc; donc; Apparemment nous perdrons le tems; Eh bien, Messieurs, ecoutez à present; Mes- sieurs, on demande votre attention \&c. Beim Votiren ist auch wenig Ordnung. Die Wenigsten voti- ren. Wenn der Sekretaͤr liest, wird geplaudert, wer will, faͤllt ihm in die Rede, zwanzig mahl faͤngt er wie- der an; es war einer da, der lief bestaͤndig herum, sas wenigstens an sechs Plaͤtzen; oft ist ein Geschnatter, das man eben nicht von Gelehrten erwarten sollte; viele sind hitzig, schwoͤren eins daher, daß man anderswo zu seyn glaubt, viele schreien. Portal war nicht da, Morand schrieb was anders fuͤr sich. — D’Aubenton, plein de merites \& plein de modestie, sprach in der ganzen Sitzung zu Allem, was vorkam, nicht ein Wort. — Erst wurden Briefe vorgelesen, vom Abbe’ Rochon und Abt Boscowich, von der Anwendung der Felscrystallen zu Prismen, statt des bisher gewoͤhnlichen gemeinen Gla- ses. Die beiden Abbe’s sassen dabei. Und nun ward von 3. bis nach 5. Uhr uͤber die Ehre dieser Erfindung ge- stritten. Eine Menge Certifikate, Briefe ꝛc. wurden vorgelesen. Jeder von den Abbe’s hatte einige Mitglie- der auf seiner Seite, es setzte hestige Debatten, der Se- krekaͤr setzte endlich ein Certifikat auf, nach welchem die Akad. dem Abbe’ Rochon diese Ehre zuerkannte, sobald ers aber verlas, ward von einigen heftig widersprochen, lange ward auch vom Abt Fontana geredet, endlich that der Direkteur, nachdem er seine Schelle fast zersprengt hatte, der Akad. den Vorschlag, zur Entscheidung dieser Sache Kommissarien zu ernennen. Auch das fand Wi- derspruch. Dem Abbe’ Rochon lief endlich die Galle uͤber, er fing selber an, erst mit vieler Ehrerbietung, und dann ward er hitzig, der Direkteur aber drang durch, und G lies lies wegen der Kommissarien votiren, und es wurden Cassi- ni, der Sohn, und noch einer, ernannt. — Nachdem dann diese so wichtige Sache endlich mit vieler Muͤhe und nach langem Geschrei auf die Seite geschaft war; so las noch einer einen kurzen Aufsatz vor, von einer neuen Art, Sei- de weis zu bleichen, auf dem Tisch lagen Proben davon, — aber, wiewohl er die Wichtigkeit dieser Sache fuͤr Europa, und besonders fuͤr Frankreich vorstellen woll- te; so stand man doch auf, plauderte, und alles lief aus einander. Ich sah die Seide, sie war ziemlich weis, aber hart und rauh. Fuͤr die Fremden ist hinter dem Tisch der Ak. ein Kanape’ gesetzt. Heut sah ich hier auch den alten Bernard de Jussieu, der sonst nicht mehr aus- ging und auch bald nachher in die Ewigkeit gegangen ist. Ehrwuͤrdig, mild, und ruhig sah sein noch rothes, aber faltenvolles Gesicht aus. Man fuͤhrte ihn die Treppe herab, und hob ihn in seine Chaise. So dacht’ ich, wuͤrd’ auch sein alter Freund Linne’, aussehen. Es war ein suͤßer, aber auch ein wehmuͤthiger Gedanke fuͤr mich, diese beiden Maͤnner, die mit einander im Gar- ten der Natur grau geworden und der Welt soviel Nutzen geschaft haben, beisammen am Rande der Ewigkeit zu denken. — Lange sah ich der Chaise nach, worinn der liebenswuͤrdige Greis hinfuhr und freute mich, auch die- sen Mann gesprochen zu haben, weil’s mir doch so gut nicht worden ist, Linne’ zu sprechen und ihm fuͤr seine lehrreichen Schriften zu danken. Von hier ging ich zu Mr. de Portal. Er wohnte Rue Cimetiere. Ein etwas alter, duͤrrer, hagrer, langer, Mann. Sein Gesicht hat die blasse Farbe des Gelehrten. Im Win- ter haͤlt er oͤffentliche Vorlesungen uͤber die Anatomie und besucht besucht zugleich Kranke in der Stadt. Er hat eine Ge- schichte der Anatomie geschrieben. Jetzt arbeitet er an einer neuen Ausgabe der Hist. anatom. \& pratiq. de M. Lieutaud mit starken Anmerk. T. I. II. sind schon heraus. Die Membrane im stapede auris, die ich bei der Mdlle. Biheron sah, (deren Freund er nicht ist) hat er nie gesehen; Haller sieht sie fuͤr ein Periost. an, wir schlugen die Stelle im Lieutaud auf. Sib- baldi Balaenol. kannt’ er auch nicht. Das Graduiren der Aerzte sah er fuͤr das an, was es ist. Von den De- batten in der Akad. sagte er: C’est une chose terri- ble dans les Societés. Den 29sten Mai. Frohnleichnamstag ( la Fête Dieu ) war heute und auch einmahl ein schoͤner Tag, doch Abends schwaͤrz- te sich der Himmel schon wieder. Man hoͤrte den gan- zen Vormittag nichts als Laͤuten, Trommeln, Schellen, Singen, Beten. Alle Strassen wurden mit Tapeten behangen, die bald recht schoͤn, bald recht schlecht waren; aus allen Kirchen gingen Prozessionen, man sah praͤchti- ge Meßkleider, Blumen, Lichter, Rauchwerk, Mon- stranzen, — die zum Theil uͤber 1000. Louisd’or kosten. Bei jeder Prozession waren Wachen. — Es war nicht rathsam viel auszugehen, man wird zum Knien, wenn die Hostie vorbeigetragen wird, gezwungen, und alle Bi- bliotheken und Kabinette sind ohnehin geschlossen. In- des der Aberglaube sein praͤchtiges Spiel trieb, studirte ich in D’Argenville’s Conchyliologie die Wunder der Natur im Meer an den veraͤchtlichen Thieren, und sah Nachmittags G 2 Le La Cabinet de Physique de Mr. Delor. Es war in der Rue de Seine, weil da die Vorlesungen gehal- ten werden. Mr. Delor wohnte in der Rue St. Jac- ques beim Cure’ St. Benoit. Ein alter, zitternder Mann, der bei der Mechanik und Physik grau geworden ist, von Jugend auf einen grossen Hang zur Mechanik hatte, und sich seine Maschinen fast alle selber gemacht, oder durch Kuͤnstler unter seinen Augen machen lassen, zum Theil auch Noller’s Maschinen verbessert hat. Al- le Mittwoch und Freitag Nachmittags liest er franzoͤsisch seine Physik, weil jederman hinein kommen kan. Das Zimmer ist klein, an der Wand stehen Schraͤnke mit Faͤ- chern zu den Glaͤsern, Flaschen, Magneten, Bussolen, in den Ecken eine Luftpumpe und elektrische Maschinen. Nollet hat dieses Kabinet schon vor 12. Jahren auf 12000. Livres werth geschaͤtzt. 1776. wolte es die Universitaͤt in Freiburg kaufen, aber der Kaiser gab seine Einwilligung nicht dazu, sondern will ihr die feh- lenden Sachen in Wien machen lassen. Im Jul. 1777. hat Herr Delor es an das College de la Fle- che, das unter der Aufsicht der Peres de la doct. chret. steht, fuͤr 10000. Livres verkauft. Ich war begierig, den Electrophore perpetuel des Herrn Alexander Volta zu sehen, (s. Journal des Savans a Amsterd. n. XIII. T. VII. ) Die Ma- schine ist klein. Auf einem hoͤlzernen Fuß wird eine duͤn- ne Platte von Sturzblech gesetzt, diese war nur einen franzoͤsischen Schuh im Durchmesser, und duͤnn. Sie wird mit einer Lage vom feinsten spanischen Wachs oder rothen Siegellack uͤbergossen. Auf diese setzt man eine andre eben so grosse Platte von Sturzblech, die einen in die die Hoͤhe gehenden Rand, und in der Mitte einen Zapfen zum Anfassen hat, der aber groͤßtentheils ein eigner elektri- scher Koͤrper, Glas ꝛc. seyn muß. Also sind die seidne Schnuͤre zum Aufhaͤngen der obern Platte, wie das Jour- nal sagt, nicht noͤthig, auch braucht die Maschine nicht 2. Schuh breit zu seyn. Das Laden geschieht blos durchs Reiben, auf der Lage von Siegellack. Mr. Delor rieb oft nur mit seiner Hand, weil man nur die elektrischen Theile losmachen will; das wolt’ aber doch heut nicht viel helfen, weil’s immer noch feuchtes Wetter war. Man kan auch mit Leder reiben. Wir rieben mit einem Bal- len von Katzenfell. Wilder Katzenbalg ist am besten. Ist eine Zeitlang stark gerieben worden, so setzt man die obre Platte darauf, druckt sie fest an, laͤßt sie einige Mi- nuten darauf stehen, so kan man alsdann auch aus der obern Platte Funken heraus ziehen. Die elektrische Ma- terie theilt sich der obern mit. Auch aus beiden, zu- gleich beruͤhrt, oder wenigstens schnell hintereinander, ge- hen Funken heraus. Stellte man die untere isolirt auf einen Glaskoͤrper, so konnte man aus ihr allein Funken herauslocken. Ist sie recht geladen, so kan man das 24. Stunden lang fortsetzen, ohne von neuem zu laden. — Im gedachten Journal steht, man locke Blitze heraus, auch bei Regen und Nebel, da zweifle ich aber sehr dran. Der ganze Apparat kostet etwa einen Louisd’or, man kan ihn auch uͤberall machen. An Delor’s elektrischer Ma- schine hing eine messingne Kette, dadurch theilte sich die Materie auch dem in Tisch eingelegten Kupfer mit, und gab ohnversehens, einen ziemlichen Schlag. Er zeigte mir noch eine Vorrichtung an seiner Luftpumpe, seine Ge- raͤthschaften, kuͤnstliche Magnete zu machen, und erbot sich, mich kuͤnftigen Sonntag zu Mr. Rozier zu fuͤhren. G 3 Von Von da ging ich in die oͤffentlichen schoͤnen Spazier- gaͤnge Les Thuilleries. — Gleich an der Seite vom Pont Royal und dem Louvre geht diese in der That angenehme Parthie von Paris an. Man findet breite Gaͤnge, kleine eingefaßte Gaͤrtchen, grosse schoͤne Alleen, eine Menge herrlicher Statuen, aus den Antiquit. und der Mythologie; sie sind aus weissem Marmor, die Fuß- gestelle aber aus graulichten Alabaster; etliche Bassins ꝛc. immer eine Menge Leute aller Art, in allen moͤglichen Kleidungen, in Karossen, in Pracht, wolluͤstigem Anzuge, Kinder in franzoͤsische Moden gekleidet. Am Ende der eigentlichen Alleen liegt ein grosses Bass in mit Saͤulen eingefaßt, und dann La Place de Louis XV. — In Paris hab ich nichts schoͤners gesehen als dies. Ein grosses hohes Fuß- gestelle, oben Louis XV. zu Pferd, in Kriegs-Klei- dung; Pferd und Mann, alles ist praͤchtig. Sie steht seit 1763. freilich mit prahlerischen Inschriften. Vier Nebenstatuͤen, tragen sie. Alles ist mit einem eiser- nen Gitter eingefaßt. Vor dem Koͤnig zur linken Hand ist Merkur auch auf einem hohen Pferde, und gegen ihm uͤber Fama, ebenfalls zu Pferde, La Renommée, sagt man hier, mit der Posaune gegen die Stadt gekehrt. Linker Hand liegen die praͤchtigen Gardes des Meubles du Roi. Dies sind lange Haͤuser von weisen Quadern, an denen alles mit korinthischen Saͤulen, Bildhauerar- beit, Vasen, Laubwerk, Bildern, Schnitzwerk unbe- schreiblich, unendlich uͤberladen ist. Rechter Hand oben weiter hinaus, das praͤchtige Hotel de Bourbon, und darzwischen die niedlichen Gaͤrten. Dieser Platz ist be- festigt, festigt, hat Mauern, Wall, Graben, und in diesen sind kleine Blumenbeete angelegt. Hinter dem Platz auf der Seite liegt das Schlos und der Garten der Mad. de Pompadour, und dann Les Champs-Eliseés; — grosse, lange, brei- te, mit Baumgaͤngen nach allen Richtungen durchschnit- tene Spatziergaͤnge, die mit Kaffee- und andern Haͤu- sern, mit Jeux des Pommes, mit Chevaux de bois à piquer à un anneau etc. und mit einer unzaͤhlbaren Menge Menschen an allen Sonn- und Feiertaͤgen, mit Reihen von Karossen und Pferden besetzt sind. Den rei- zenden Namen verdient uͤbrigens diese Gegend noch lange nicht. Wieviele elisaͤische Felder haͤtten wir in Deutschland, wenn wir unsre Sachen auch so sehr aus- schreien wollten, wie die prahlenden Franzosen! — Zuletzt noch das Colisée, und das Dorf Chaillot, denn bis dahin reichen die schoͤnsten Strassen und Spatzier- gaͤnge. Bemerkungen. Eine Probe vom pariser Luxus; denn heute Nach- mittag glaͤnzte alles. Mein Hauswirth, ein Sudelkoch, der die ganze Woche im grauen Wams hinter dem Heer- de steht, aufm Heerd mit seinen Leuten ißt ꝛc., zog heute Nachmittag ein rothes Kleid von feinem Tuch, mit gold- gestickten Knoͤpfen an, trug weisseidene Struͤmpfe und ein spanisch Rohr mit einem vergoldeten Knopf ꝛc. Uhr- macher sah ich in ganz seidnen Kleidern ꝛc. Eine Probe vom exorbitanten Preis aller Sachen. Aux Champs Eliseés kostet ein kleines Trinkglas Li- G 4 monade monade 5. Sous, ein wenig Salat 3. Sous, und als wir weggingen, stand der Aufwaͤrter noch an der Thuͤr und sagte: Pour le garçon, Messieurs, à boire. Und die Frau vom Haus sas in einem Kasten darneben, und theilte Echaudes aus, kleine leere luftige Kuͤchel- chen zu ½ Sous. Doch aber auch eine Probe, daß etwas wohlfeil ist. Man verkauft uͤberall Hippelchen, die nennt man Plaisirs, man macht sie wie grosse Trichter oder Spruͤtz- becher, 3. mahl so gros als unsre, und recht gut, da ko- stet eins nur 2. Liards. Den 30sten Mai. M. A. de Jussieu, Profess. en Bot. Doct. en Med. besuchte ich heute. Er ist ein langer, junger Mann, ein Nesse von Bernhard de Jussieu, den man Morgens fruͤh besuchen muß. Er haͤlt vom Junius an oͤffentli- che Vorlesungen uͤber die Botanik, und muß die Frem- den, die den Koͤnigl. Garten sehen wollen, empfangen. Er ist ein grosser Verehrer von Linne’, der Garten hat auch lauter Linne’ ische Namen, aber er ist nicht nach Linne’’s Ordnung eingerichtet. Er hatte die Hoͤflichkeit fuͤr mich, mir den Garten alle Tage zu oͤfnen, und mir eine sauber geschriebene Addresse und Empfehlungen an Mr. Vicq. d’ Azyr mit zu geben. La Biblioth. du Roi. Da ging ich hierauf wieder hin, las Redi Experim. nat. gar aus, und lies mir Ioa. Aemyliani, Ferrariensis, de Ruminantibus Hist. 4to Venet. 1584. geben. Es war neu in ro- then Saffian gebunden, und mit den 3. goldnen franzoͤsi- schen schen Lilien, wie die meisten Buͤcher hier, bestempelt. Man sieht an diesem Buche so recht den Geschmack der vorigen Zeiten, und besonders der Italiaͤner. Eine Menge Stellen aus den Alten, Griechen und Lateinern und ihre Scholialisten dazu. Zwischen physischen Sa- chen alle Augenblicke eine Digression, um ihre Kollekta- nen anzubringen. Man muß das, was zum Zweck ge- hoͤrt, erstaunlich zusammen klauben. Es ist ganz uner- traͤglich geschrieben, obs gleich noch manch Gutes ent- haͤlt. Physik, Hieroglyphen, Mythologie, philosophi- sche Streitfragen von Definitionen ꝛc. philologische und etymologische Untersuchungen, Fabeln, Poesien, Epigrammen, Stellen aus den Kirchenvaͤtern, vom Geier und den Egyptern angefangen, und nach zwei Quartblaͤttern endlich zur Sache; und alles verbraͤmt mit Antiquitaͤten, so daß das Brauchbare davon auf 2. Bogen ging. Zum Erstaunen ists, wie Angustinus bei allen seinen superficiellen Kenntnissen, und bei seiner schwachen Beurtheilungskraft, doch so ein grosses Ansehen erhalten konte. Ihm sagt Aemilian S. 1. nach; Pferde und Geier wuͤrden vom Winde schwanger, bald von die- sem, bald von jenem, je nachdem sie sich dreheten. Da- her waͤren die Geier alle Weibchen, und nisteten deswe- gen so hoch, damit sie der Wind recht treffen koͤnnte!! — — Wenn ein Prediger in unsern Zeiten solch abge- schmaktes Zeug vorbringen wollte, wieviel wuͤrde er lei- den muͤssen. Noch ein Proͤbchen vom damahligen Ge- schmack in der Naturkunde. Das Buch ist dem Kard. Buoncompagni zugeeignet; — Weil das oͤftere Nach- denken in der h. Schrift Wiederkaͤuen genannt werde, und da die wiederkaͤuenden Thiere den Huf spalten; — so bedeute dies das lautere Verstaͤndnis der Bibel ꝛc. — G 5 Zum Zum Gluͤck ist am Rande alle Fingers lang der Inhalt angegeben. Das Buch ist alt, und unbekannt. Hier- auf machte ich einen Besuch bei Mr. Felix Vicq. d’Azyr, Doct. Reg. de la Fac. de Med. etc. O! ein allerliebster Mann, voll Freundschaft und Gefaͤlligkeit fuͤr mich. In seinem Zimmer war eine kleine Bibliothek, mit einigen Kupfer- stichen, und die jetzt sehr gewoͤhnlichen Schraͤnke von Ro- senholz, darneben ein Saal, wo sich die medicinische Fa- cultaͤt Dienstags und Freitags Nachmittags versammelt. Wir sprachen uͤber Buffon, D’Aubenton und Reau- mur, dessen Mem. des Insectes, wie er meint, zu weitlaͤuftig sind, und in 2. Baͤnde zusammengedraͤngt werden sollten; uͤber seine Feuille pour servir à l’hist. anatom. et natur. des corps vivants, die er zu sei- nen Vorlesungen im Winter bestimmt hat, uͤber D’Au- benton’s Verdienste ums Cab. du Roi, das vor 25. Jahren eine kleine unbetraͤchtliche Sammlung von Hoͤl- zern, Madreporen und Versteinerungen war, und jetzt so wichtig ist. Nach Reaumur’s Tode, sagte er mir, haͤtte man das Unnuͤtze oder Ueberfluͤssige aus seiner Sammlung verkauft, und das Meiste davon ins koͤnigliche Kabinet gesteckt, das uͤbrige stuͤnde noch in eignen Zim- mern ungeordnet darneben. Er sprach von der letzten Sitzung der Akademie, und sagte mir, der Abbe’ Ro- chon haͤtte Verdienste um die Marine, haͤtte Reisen mit einem Schifskapitain nach Amerika gethan, haͤtte aller- dings die Ehre der Erfindung, haͤtte es dem Minister uͤbergeben, und sein Etablissement, sein Gehalt hinge da- von ab; Boscowich waͤre ein Italiaͤner, ein Exprofes- for von den Exjesuiten, haͤtte nur eine Verbesserung daran gemacht, gemacht, und wolte sich nun eindraͤngen ꝛc. Er nahm meine Addresse, und versprach mir eine Addresse an D. Mauduit zu schicken, der eine herrliche Sammlung in der Ornithologie haͤtte. Von da ging ich, um Le Cab. de l’Hist. Nat. de Mad. la Presid. de Bandenville, zu besehen. Die Herren Hay und Eschenauer hatten mich an die Bankiers, die Herren Tourton und Bauer empfohlen, und Herr Tourton schrieb mir à la petite Poste, daß ich Erlaubnis haͤt- te, dieses herrliche Kabinet zu sehen. Der Abbe’ Gruel war Aufseher daruͤber; ein alter Mann, der schon die Bril- le brauchte, wenig solide Kenntnis darin hatte, einen Gys- spat aus Norwegen fuͤr Zeolith ausgab, die Voͤgel gar nicht leiden konnte, schon lange an einem Katalog arbeitete, und mich mit vieler Hoͤflichkeit ins Kabinet fuͤhrte. Na- turalien, Buͤcher, Kunstsachen, Bildsaͤulen, Gemaͤlde ꝛc. standen unter einander. Versteinerungen machten den Anfang. Korallen, versteinerte, und aufm Bruch noch roth. Agatisirte Cornua amm. viele Belemniten, Pektiniten, Chamiten, Echiniten, aber keins mit Sta- cheln; grosse Glossopetern, versteinerte Fungiten, verstei- nertes Holz ꝛc. Viele schoͤne Voͤgel, Colibris aller Art, eine noch unbekannte Art von Grus aus Martinik, der Kardinalsvogel, einige Wasservoͤgel, von einigen auch die Eier, ein wilder Schwan, viele Pelikane. Affen, Fischottern, Feldmaͤuse, drr Zahn vom Monodon, afri- kanische, amerikanische, franzoͤsische Schlangen, Klap- pern vom Crot. horr. Wenige Fische. Skorpionen, Krebse, Skolopendern. Schoͤne Insektensammlungen, praͤchtige Wanzen aus Amerika, Buprestes, herrliche Cikaden, Schroͤter, Schmetterlinge, aber schlecht konser- virt, virt, vielen fehlte ein, vielen beide Fuͤhlhoͤrner, in kleinen Glasschraͤnken alle unter einem Glaskasten, und schlecht rangirt. Marmor, nachgemachte, natuͤrliche. Acha- te, Jaspisse, auch orientalische, Alabaster. Ein eig- nes Zimmer zu den Seekoͤrpern, ein grosses Stuͤck Tu- bularia, grosse Madreporen, ein Admiral, Arche Noe, grosse Davidsharfen, kleine Nautili, uͤberhaupt hier we- nig Conchylien. Die Besitzerin hat aber noch eine praͤch- tige, grosse Sammlung in ihren Zimmern. Seepflan- zen auf einer weissen Tafel unter Glas an der Wand. Wenige Stuffen, ein rother Jaspis aus Norwegen, der auf der einen Seite rayons divergens hatte. Achat mammelloné, grauweis, hell, ein herrliches Stuͤck aus Norwegen, das D’Aubenton nicht hat. Gros- se Quarzdrusen, vielfaͤrbige, alles huͤbsch konservirt, in niedlichen Zimmern ꝛc. Diese Dame hat schon 25. Jahr gesammelt und ganze Kabinette gekauft. Den 31sten Mai. Le Cab. de l’Hist. nat. du Roi ward abermals von mir heute besucht. Ich konnte in dem zweiten Zim- mer, im zweiten Schranke in der Mineralogie heute nicht fortfahren, weil D’Aubenton selbst da zu arbeiten hat- te, nahm also im dritten Zimmer das Thierreich vor. Drittes Zimmer, da fand ich I) Conchylien. Und zwar standen diese I) Rechter Hand, beim Eingang, im Eckschranke; 1) Unten. Pecktiniten, 2. grosse Haͤlften von Mu- scheln, auf der innern glatten Seite. 2) Selenes, 2) Solenes, graue, weisse, ganz violette, roͤthliche mit Streifen. Sie lagen nur nebeneinander. 3) Moules, gruͤne, violette, rothe, grosse, kleine. 4) Perlen, in glaͤsernen Schuͤsseln, Groupes des Perles, grosse wie Haselnuͤsse; Perles d’Ecosse, graue, einzeln in Austern sitzend; Semence de Per- les, z. B. aͤusserst kleine, violette, Perles d’Oreil- le, de Mer, gros und krumm gebogen. 5) Cardia, standen hinter den Perlen, eine Menge Arten, eine schwefelgelb, eine andre halb so mit rothen Kreisen. 6) Peignes, einige standen; andre lagen, auch ein- zelne Haͤlften. 7) Huitres, lagen alle unordentlich untereinander, man sah keine recht. 8) Meres-perles, grosse halbe Schalen, inwendig nacres, z. B. mit Perlemutter ausgekleidet. 9) Spondiles, ganz weisse, ganz rothe, mit beiden Farben. 10) Huitres epineuses, da war ein Stuͤck, wo 4. an einander collées par le glu waren, und an der ei- nen klebte noch ein andrer Seekoͤrper. 11) Coeurs, Ochsenherzen. 12) Pinnes marines und Jambons, sehr grosse Stuͤ- cke mit der Pinna. 13) Benitiers, und oben wieder Moules. II) Linker Hand standen 2. Schraͤnke. Also im A) Ersten A) Ersten Schranke, unten, Vermiculiten, Tur- biniten, grosse Stuͤcke Versteinerungen, gemeine Schnecken; a) Erste Haͤlfte. a) Coquill. univalves, terrestres, Schnecken, das wahre und das falsche Midasohr, gestreifte, glatte, à bouche dentée, das grosse und das kleine Band, la Nonpareille, le grain d’avoi- ne, le Planorbe mit 5. Spiralen, le Bouton. b) Tuyaux, grosse, kleine, 2. gruͤne Hakenfoͤr- mige, Brocken von einzelnen, Klumpen von vie- len in einander geschlungenen. Ging durch bei- den Haͤlften. c) Nautiles, grosse, auch aufgeschnittene, viele papyracés, geschnitzte. d) Limaçons, allerlei untereinander. e) Geographiques und Taupes, so heissen hier die Porzellaͤnen mit Flecken, Zuͤgen, Streifen. f) Culottes de Suisse, Bojaux, Rochers, Trompettes de Mér, Tuyaux oben wieder. b) Zweite Haͤlfte. a) Coquill. univalv. d’eau douce, eine herrli- che Sammlung von Neriten, und viele mit Sta- cheln. Hinten Meerohren; Le Cornet de St. Hubert, sind gewundene platte Schnecken, mit weissen Grund und gelben und braunen Baͤndern. b) Troches, Kraͤuselschnecken, ganze Neihen vom lieblichsten Roth, eine kleine mit einem me- tallischen Glanz. c) Por- c) Porcellaines, kleine, grosse. Man weis bei dieser ganzen Parthie nicht, wo man das Auge verweilen lassen soll. d) Geographiques, Leopards, was wir Ty- germuscheln nennen; Oeufs, ganz weisse, lauter Cypraeae Linn. e) Tonnes, cannclées mit Streifen und Knoͤ- pfen. Perdrix mit braunen Flecken. f) Eine grosse Schnecke, mit einem Bernh. Erem. B) Zweiten Schranke. a) Erste Haͤlfte. a) Ganz gemeine weisse Turbines, Buccinae. b) Ungeheure Cylinder ohne Ortsangabe, wo Ivoire fossile darauf steht. D’Aubenton sagte mir, daß es in der Struktur alle Karaktere der Elephantenzaͤhne habe Elle se separe en lames, et en couches, D’Argenville Oryctol. p. 332. auch eine Probe aus Kalabrien. ; ich sah es fuͤr terrificir- tes Holz an. Fuͤr Zaͤhne war’s zu grob, dick, und gar nicht forma. c) Rhombes, Olives, Bois veinés, Musi- ques, Araignés, Buccins, Oreilles de Cochons. d) Lambis, so heissen hier unsre Sturmhauben. In einer war auch ein Krebs. e) Conques persiques. b) Zweite b) Zweite Haͤlfte. a) Buccins, die meisten waren ailés, Har- pes, einige aͤusserst sein, mehr grau als roth. Tiares, Aiguilles, Chicorées, eine ganz Meer- gruͤn, herrlich. b) Becasses epineuses, ein kostbares Stuͤck auf beiden Seiten. Fuseaux wenige. c) Robes de Perse, Massues, Casques, eine war auf der einen Seite aufgeschnitten, damit man das innere Gebaͤude sehen kan. Im Eckschranke lagen Peignes, Cames, Hui- tres, Buccins etc. mit den Thieren in Weingeist, meist aus dem mittellaͤndischen Meer, aber meist geschlos- sen. Sie standen im Dunkeln; die Schalen sah man, das Thier war verschrumpft, aus D’Argenvilles Zeich- nung lernt man mehr. Schade, daß dieser Artikel so mager, so schlecht war. Schalen, Gchaͤuse sieht man uͤberall genug, aber die Thiere zu konserviren, das waͤre fuͤrs Koͤnigl. Kabinet. Und auch unter den Gehaͤusen waren keine seltene, keine kostbare Arten. Von der blauen Farbe war keine einzige da. Alle waren ohne specifische Namen, und ohne Ortsangabe, nur so nach der Symmetrie hingelegt. II) Voͤgel, meist auslaͤndische, wenig franzoͤsische darunter; standen alle auf hoͤlzernen Gestellen. Kein ein- ziger hatte bestimte systematische Namen. Viele standen da ohne ihr Vaterland, von einigen wars Maͤnnchen und Weibchen da, doch waren die meisten gut konservirt. Sie standen rechter Hand an der Wand hinauf. Ich merkte mir folgende: A) Im A) Im ersten Schranke, unten waren 1) einige Eier, aber viele ohne Namen, von kleinen Voͤgeln gar keine: eins von der Gans in Canada, an einem sah man gar nichts weisses, es war ganz schmutziggrau. 2) Martin pecheur, mit Hubeln, schwarz mit dem rothen Kopf und blauen Fluͤgeln, von Domingo, Loui- siana, China, Pondichery, Madagaskar, Vor- geb. d. g. Hofn. ꝛc. 3) Manchot, des sles Malouines. An diesem Vo- gel liegen die Fluͤgel nicht am Koͤrper an, sondern haͤn- gen herab, haben auch keine Federn, sondern scheinen eine Haut mit schwarzer Wolle, wie Pflaum, oder wie Sammt, zu seyn. Sie sind schmal. Der Ruͤcken ist schwarz, der Bauch grau, das Genick gelb, der Schnabel lang, die Fuͤsse kurz. Er gehoͤrt zu den Picis. 4) Pinguin male. Der Schnabel ist platt gedruckt, wohl 3. Finger breit, am Weibchen ist er schmaͤler und kuͤrzer. Das Maͤnnchen ist am Bauch roͤther, das Weibchen weisser. 5) Flamand, 2. herrliche Stuͤcke. a) aus Senegal. Der Hals ist so lang, als der Hals des wilden Schwans, der neben ihm stand, aber nicht so dick, gar duͤnn, schlank, und roͤthlich. Der Ruͤcken ist weis, die Fluͤgel sind am Koͤrper rosenroth und von aussen schwarz, die Fuͤsse gelb, der Koͤrper ist duͤnne, und klein. b) aus Amerika. Der Schnabel ist bucklichter, als an jenem, und halb gelb, halb schwarz. Der Hals H ist ist etwas kleiner, gegen den Kopf zu mehr gebogen, aber ganz roth, auch sind Koͤrper und Fluͤgel ganz roth mit weissen Flecken, aber das Roth ist nicht so hell wie an jenem, oder es ist vielleicht verschos- sen, oder der Unterschied kan seinen Grund im Ge- schlecht, im Alter haben. Der Schwanz hat schwarze Federn, die Fluͤgel aber nicht. Die Schenkel scheinen mir an diesem laͤnger zu seyn, als an jenem. 6) Eydervogel. Das Maͤnnchen ist unten braun mit schwarzen Flecken, und kleiner. Das Weibchen ist viel volumineuser; Hals und Brust sind an ihm weis, und der Bauch ganz schwarz. 7) Pelican, tué en Dauphiné. Der Groͤsse nach eine kleine Gans. Der Schnabel blaßgelb, wohl ¾ Elle lang, hat vorne am obern Theil, wie Man- delslo richtig bemerkt hat, einen Haken. Der Sack am untern Theil ist wie eine grosse, aufgeblasene, Ochsen- blase, und ist eine duͤnne Membrane, die untere Kinn- lade ist gespalten. Die Farbe ist blasweis. Zaͤhne kan man keine sehen. 8) Albatros, vom Vorg. d. g. Hofn. Hals und Bauch sind von den vielen Federn ganz pausicht, Ruͤ- cken und Fluͤgel sind schwarz, mit weissen Federn. 9) La grande Fregatte de Cayenne. Der Koͤr- per ist klein und gelb, aber die ausgebreiteten und an- genagelten Fluͤgel nahmen oben uͤber alle andre Voͤgel den ganzen Schrank ein, und sind schwarz. 10) Plongeons. Viele aus Norden. Welch ein unbestimmter Ausdruck im Munde eines Natura- listen! listen! Aber Ordnung und Genauigkeit suche man nur nicht bei den meisten Franzosen. B) Im dritten Schranke waren unten 1) Nester, vom Remitz, vom Pendulino, viele mit der Etikette aus Pondichery, ohne den Namen des bewohnenden Vogels, wie Saͤcke, wie Flaschen, mit Haͤlsen, einer ganz aus Flockwolle, mit langen An- haͤngseln. 2) Ein ganz gruͤnes Ey, vom Courly rouge, (s. d. 2ten Schrank unten) maͤssig gros, ein anders halb weis, halb gruͤn. 3) Barbu, ein Vogel aus Cayenne mit rothen, gel- ben und gruͤnen Farben am Hals und Kopf. Am Schnabel sitzen oben und unten starke Federn, daher der Name. Oben schiens mir an einigen, als wenns Haare waͤren. 4) Kukuke, aus Jamaika, Ost-Indien, Coucous. 5) Touraco, aus Abissynien, vom Vorg. d. g. Hofn. fast ganz gruͤn, der Schnabel roth, der Schwanz breit, auf den Fluͤgeln rothe Flecken mit Hubeln. 6) Toucan, gruͤne, rothe, schwarze. a) alle haben einen krummen und sehr breiten Schnabel, die obere Kinnlade ist gelb, die untre schwarz. Der aus Cayenne hat wohl einen Handbreiten Schnabel. b) Alle haben Zaͤhne, die am Toucan aus Cayen- ne gar sichtbar sind und unten Eintiefungen. H 2 7) L’Ai- 7) L’Aigrette de la Louisiane, so gros, wie ein Rei- her, hat 3. Zaͤhen vorne, und 1. hinten, einen gebo- genen Hals, der weis ist. Aus den weissen Fluͤgeln stehen weisse, duͤnne, schlanke, Federn heraus, die eben so zierliche Vexilla an der Rachis haben, wie ich im Naturforscher die Federn am Ohr der Trap- pe beschrieben habe, nur mit dem Unterschied, daß die Fasern alle nur auf einer Seite haͤngen. Der Schna- bel ist eben so, wie an Ardea Grus. 8) Le Jabiru de Cayenne. Viel groͤsser, der Schnabel grade, kohlschwarz bis uͤber die Mitte des sehr dicken Halses, so dick hab’ ich ihn noch an keinem Vogel gefunden, dann ein schoͤnrothes Stuͤck bis her- ab zum Interscapulium; Koͤrper und Fluͤgel sind ganz weis, Fuͤsse, Schenkel, Zaͤhen, alles kohlschwarz. Auch eine Gralla. 9) L’oiseau Royal, so hies ein wuͤster Reiher, mit einem kurzen krummen Schnabel. Die Krone auf dem Kopfe war verschrumpft Perrault’s Hist. Nat. des Anim. III. tab. 28. 29. . 10) La Vierge de Numidie. Den Namen fuͤhrte hier eine Reiherart, die oben und an den Fluͤgeln grau, am untern Schnabel, Hals, Brust, und herabhaͤn- genden Federn schwarz war. 11) Ein ganz schwarzer Storch. C) Im zweiten Schranke a) Eine Menge Gobe-Mouches, Merles, Plu- viers, Fourmilliers, Tyrans, Jaseurs. b) Catinga, b) Catinga, darunter ein herrlicher blauer Vogel, wie der schoͤnste Sammt, eine purpur, eine violet, eine Meergruͤn, eine schwarz und rothfarbig. Man konnte die Pracht der Natur nicht oft genug betrachten. c) Courly, aus Amerika, duͤnner, gebogner Schna- bel, gruͤn, schwarz, roth, wie der schoͤnste Karmin. Diesen Morgen brachte Herr D’Aubenton ein neues wichtiges Stuͤck mit mir herunter ins Kabinet. Es war Soufre natif en Cailloux. Man hatte ihm aus der Franche Comte’, einen grossen Silex geschickt, der die ganze Hand fuͤllte, und wie man ihn zerschlug, war inwendig wahrer natuͤrlicher Schwefel, und ein Theil der materia silicea umgab ihn. Vom Zerschlagen fiel ein Theil, wie ein Puderstaub, herab. Von hier ging ich und besah Les Manuscrits de la Biblioth. de l’Abbaye St. Germain. Diese machen eine eigne Bibliothek aus, stehen einen Stock tiefer unten, als die Buͤcher; sind alle gebunden, und belaufen sich ungefaͤhr auf 20000. Stuͤck. Es sind Lateinische, Griechische, Ebraͤische, Coptische, Arabische, Franzoͤsische darunter. Man gab folgende fuͤr die seltensten und kostbarsten aus: 1) Ein Psautier, auf violettem Pergament den Moͤnchen be- sonders wichtig, weil St. Germanus, der Stifter dieses Klosters, dies Exemplar als sein Handbuch selber brauch- te. 2) Ein griechischer Codex von den LX. auf Pergament, caractere unciali et quadro scriptus, aus dem 7ten Jahrh. Accente und Spiritus kommen zu- weilen vor, zuweilen sind sie ausgelassen. 3) Frag- mente vom Evangelio Mathaͤ i und Marci auch aus H 3 dem dem 7ten Jahrh. Lateinisch auf violettem Pergament, mit lauter goldnen Buchstaben geschrieben, von vorne bis hinten. 4) Ein Martyrologium Coptorum, Coptisch geschrieben, — aber es zu lesen, langte meine Sprach- kenntnis nicht zu. 5) Ein praͤchtiger Koran auf Sei- den-Papier. 6) Augustini Briefe, also lateinisch, aus dem 7ten Jahrh. auf Baumrindenpapier! recht leser- lich. Das hat man in ganz Frankreich nicht als hier. Dieses Papier ist nicht weis, und auch nicht braun, eher blaßbraun roͤthlich, und nicht grob anzufuͤhlen. An ei- nigen haͤngen am Rand die Fibern herab. 7) Tuͤrki- sche Geschichte, arabisch. 8) Persische Geschichte in un- endlicher Menge. 9) Ein ebraͤischer Codex aus dem 14ten Jahrh. Beim Pentateuchus ist das Chaldaͤi- sche Targum. Kennicott hat ihn verglichen. Nicht so schoͤn als der Carlsruh er. 10) Eine franzoͤsische Bibel, denn franzoͤsche Manuskripte hatte ich noch keine gesehen. Zwei Foliob. Text und Glosse. Viel Verzie- rungen, auf Pergament, aus dem 13ten Jahrh. War schwerer zu lesen, als die Ebraͤischen, Griechischen und Lateinischen, doch kont’ ichs an einigen Orten, es war auch schlecht franzoͤsisch. Dann ging ich wieder in die Bibliothek, und lies mir Rondelet de piscibus geben, wo ich heute noch manche schoͤne Anmerkung fand, und bis Seite 57. kam. Ich hatte Artedi Ichtyologia gefordert, weil das aber ein Oktavband ist; so durfte mirs der Garçon de Bi- blioth. nicht geben. Das ist hier auf allen Bibliothe- ken so, Oktav- oder noch kleinere Baͤnde geben sie einem selten, aus Furcht, man moͤcht’ es einstecken, und damit davon gehen. Dergleichen Buͤcher muß man vom Bi- bliothek- bliothek-Aufseher selber fordern, und oft macht auch der Schwierigkeit. Auf der Koͤniglichen gab man mir Re- d i Exper. nat. und es war doch Duodezband. Jetzt hatte der Aufseher hier schon wieder andre Fremde herum zu fuͤhren. Geplagt sind diese Leute allerdings, und man darf nicht empfindlich seyn, wenn sie auch einmahl muͤde werden, wiewohl die franzoͤsische Politesse es immer zu mildern weis. Bemerkungen. Gestern Abend noch zeigte mir Mad. de Bure alle Gold- und Silbermuͤnzen vom jetzigen Koͤnige, die gewis herrlich sind. Die Franzosen sind unendlich hart gegen das Vieh. Heute sah ich einen Kutscher, der, um einen Umweg zu vermeiden, in einer engen Strasse, wo er nicht umkehren konte, lieber die ganze Gasse mit entsetzlichem Zerren, Fluchen und Peitschen hinter sich fuhr, bis er wieder in die Strasse kam. Bestaͤndig rief er Gare derriere! Es war erschrecklich, wie die Pferde auf die Brust geschla- gen wurden, und wie viel Ungluͤck hinten, wo jedermann ging und fuhr, haͤtte entstehen koͤnnen! Den 1sten Junius. Mr. L’Abbé Rozier. Mr. Delor hatte die Guͤ- tigkeit, mich heute mit ihm bekannt zu machen. Er ist ein starker, langer Mann in mittlern Jahren. Er wies mir gleich ein Stuͤck Schoͤrl, das er aus Corsika erhalten hatte und abzeichnen ließ. Die Franzosen liefern so viele unnuͤtze Zeichnungen von Mineralien. Ferner einen aus- H 4 gestopften gestopften kleinen Hund, der keine Vorderfuͤsse gehabt hatte, immer auf dem Sternum gegangen und fortge- hutscht, ganze Treppen hinauf gekommen war, und doch 7. Jahr so gelebt hatte. Wir sprachen uͤber Bertho- lon’s elektrische Illuminationen. Er zeigte mir den Auszug davon in seinen Observ. sur la Physique, T. VII. 1776. Mr Delor hatte schon vor vielen Jahren, als er vor Louis XV. elektrische Versuche machen muste, gleich das erstemal das Koͤnigl. Wappen malen lassen, und es durch kleine metallne Staͤbe ganz im Feuer dar- gestellt. Hierauf hoͤrte ich die Teutsche Predigt in der Schwedischen Kapel- le. Alles war eben so, wie vor 8. Tagen, nur alles deutsch. Herr Baͤr hatte die franzoͤsische Predigt gele- sen, die deutsche ward meist aus dem Gedaͤchtnis herge- sagt. Die deutschen Lieder waren schlecht, und wurden noch dazu matt und langsam gesungen. Das Evange- lium ward verlesen, aber doch wieder uͤber die Epistel ge- predigt, wiewohl des Textes mit keinem Wort erwaͤhnt ward. Die Predigt handelte von der Liebe zu Gott: I) Sie hebt allen irdischen Kummer und Verdrus. Von dem Kummer gab er 3. Quellen an, a) unsre Suͤnden mit ihren natuͤrlichen Folgen. Die Liebe zu Gott hebt die Folgen, indem sie die Ursachen hebt. b) Die uͤber- triebene Sinnlichkeit; die Liebe zu Gott daͤmpft das. c) Die Verhaͤngnisse Gottes auch uͤber die Christen; die Lie- be zu Gott unterwirft sich ihnen. II) Sie fuͤhrt uns zur Quelle der wahren Gluͤckseligkeit, indem sie uns den Ge- horsam gegen Gott lehrt, und ohne den gibts keinen recht- schafnen Monarchen. Hier ward sichtbar auf den K. v. Pr. gestichelt, und der Schwed. Koͤnig Gustav genannt und und erhoben: keinen rechtschafnen Lehrer, hier ward ge- klagt, daß oft Schaafe aus dieser Kirche die besten Er- mahnungen mit Gelaͤchter belohnten: keinen rechtschaf- nen Unterthan, sonst schuͤttle man bei Gelegenheit das Joch des Zwangs ab: keinen ruhigen Tod, aber Furcht, sagte er da, ist nicht in der Liebe ꝛc. Der Text ward mit keinem Worte erklaͤrt, im Eingang wurden aus der Kir- chengeschichte Anekdoten vom Johannes erzaͤhlt. Das Deutsche war herzlich schlechtes katholisches, der Ton uͤber- haupt strasburgisch, die Gestus fehlerhaft, z. B. es ward mit der Hand lange gezittert, lange damit bald auf die rechte, bald auf die linke Brust getaͤtschelt, beide Haͤnde zu hoch in die Hoͤhe gestreckt, oben auf der Peruͤke zusam- men gelegt, an die Seiten der Kanzel gelegt, mit dem Schnupftuch sich viel zu thun gemacht ꝛc. Der Kirchen- rock ist eigentlich nur ein halber, vorne auf der Brust ist nichts, er haͤngt nur auf den Achseln. Es wurden ein Paar neue Eheleute aufgebothen, und die Beichte zur Kommu- nion uͤber 8. Tage, eine Stunde vor der Kirche verkuͤn- digt. Nachher ging ich nach St. Clou, einem Koͤnigl. Lustschlosse bei einem Dor- fe 2. Stunden von Paris. Wohnt’ich in Paris, so ging’ ich gewiß oft aus der ungesunden, dumpfigen, laͤr- menden Stadt dahin. Man geht dahin durch die Thuil- leries, durch das angenehme Waͤldchen von Boulogne, wo uͤberall lustige Gesellschaften im Grase sassen, durch das schoͤne Voulogne selber uͤber einen Platz, wo lau- ter Stecken zum Troknen der Waͤsche stecken, als wenns Reblaͤnder waͤren, und uͤber eine grosse Bruͤcke uͤber die Sei- ne, die hier sehr breit ist. An dieser Bruͤcke hat man viel grosse und breite Netze angebracht, die man an Ha- H 5 speln peln hinablaͤßt, um Menschen und Sachen, die in Pa- ris in den Strom fallen, damit aufzufangen. Man muste heut nach St. Clou gehen, weil allemahl in den 6. Sommermonathen am ersten Sonntag im Monat die Wasserkuͤnste springen, und das ist eine fuͤr jeden Frem- den wichtige Sache. Zum Gluͤck war auch heut einmahl ein warmer schoͤner Tag. Beim Eingang in den Schlos- garten sieht man Boutiquen und einzelne Fontainen, die aber nicht viel bedeuten. Weiter hinunter kommen schon hoͤhere, zu beiden Seiten sind welche im Grasboden, wo ringsum die hohe Fontaine kleine parabolisch werfende Jets d’eau angebracht sind. Wasser belebt immer die Natur und gibt den Landschaften ein heiteres Ansehen. Weiter hinab sieht man auf einmahl eine grosse Kaskade, die oben auf dem Schlosberge anfaͤngt, in 3. Absaͤtzen der Breite und der Laͤnge nach, vertheilt, und mit einer Menge grosser und kleiner Statuͤen geziert ist. Unten an diesen Absaͤtzen ist ein rundes Bassin, das eine lange gradefortlaufende Fortsetzung bis hinunter hat, wo’s wie- der rund, weit, und breiter wird. Oben an den Absaͤ- tzen sind uͤberall kleine Springbrunnen angebracht. Auf allen Flaͤchen, auf allen Seiten, stehen Menschenkoͤpfe, liegen Fische, Crocodile, Wallsische aus Steinen, die Wasser speien. Erst war alles ruhig, 5¾. Uhr aber wur- den die Maschinen angelassen, da stuͤrzte ploͤtzlich das Wasser uͤber alle diese Absaͤtze herab. Alle Springbrun- nen gingen. Auch in dem langen Bassin sind zu beiden Seiten auf den Kanaͤlen kleine Springbrunnen vorhan- den. Nun stelle man sich das herrliche Schauspiel an ei- nem schoͤnen Sommerabende, und den praͤchtigen Contour von Menschen in den schoͤnsten Kleidern rings herum vor! Geht man auf der linken Seite hin, so findet man noch eine eine Fontaine, die das Wasser 130. Schuh hoch treibt. Ehemals warf sie’s noch hoͤher, sie zerschmetterte aber die Maschinen, da ward sie auf 130. Schuh eingerichtet. Da bekam ich auch Mde. la Duch. de Chartres mit ihren Kindern in der Karosse zu sehen. Steigt man noch hoͤ- her zum Schlos hinauf, so findet man da Fontainen, die das Wasser schief gegeneinander werfen, und den ange- nehmsten Staubregen machen. Im Schlos selber konn- te man die Apartements sehen, besonders eins, wo die Gemaͤlde vom Koͤnigl. Haus, auch von der Duch. d’ Or- leans aus dem Hause Baaden haͤngen. Dies Werk ist grade im Kleinen das, was der Winterkasten bei Cas- sel im Grossen ist. Chateau la Muette. Ein kleines Schlos am Wege, auf der Seite im Walde. Das eigentliche Schlos hat nur 2 Stockwerke, es sind viele Nebengebaͤu- de da. Der Garten dabei ist gros, aber altmodisch. Hierhin geht die Kgl. Familie, wenn eine Trauer ein- faͤllt. Wie gluͤcklich bin ich, daß ich das alles nicht brau- che! Auf meiner Stube bin ich immer bei mir selbst. Da bin ich oft freudig, oft traurig, da mach’ ich Plane und vernichte sie wieder. Da erinnere ich mich an den eitlen Prunk der Welt und samle mir bessere Weisheit. Wozu die vielen Schloͤsser und Pallaͤste? Die schoͤne Na- tur ist mein Tempel und der Geist der edelsten, besten Menschen besucht mich in meinem Museum, wenn ich ihm rufe. Der Mensch braucht wenig, wenn er sich sel- ber leben, sich geniessen will. Der Mensch braucht viel, wenn er eine falsche Groͤsse annehmen will oder muß. L’Ecole Royale Milit. besuchte ich ebenfalls heute. Sie liegt an der Seite von Paris. Es ist ein herrliches Gebaͤude, Gebaͤude, mit einer grossen praͤchtigen Reitbahn. Louis XV. hat sie angefangen, Louis XVI. aber hat sie ein- gehen lassen, und es soll alles verkauft werden. Es sind weder Lehrer, noch Maitres mehr da. Im Hof hinter dem Gebaͤude steht eine schoͤne Statue von Louis XV. aus weissem Marmor auf Alabaster, zu Fuß, in Lebens- groͤsse; das Gesicht ist nach der Stadt gekehrt, hinter ihm sind Fahnen und Kriegsgeraͤthe. Die schoͤnen Gril- les de fer haben uͤberall Trophaͤen, Statuͤen der Bel- lona, der Pallas ꝛc. und der ganze Hof ist mit einer Ko- lonnade eingefaßt. Den 2ten Jun. La Biblioth. du Roi. Da ging ich heut wieder hin, und sah den Aemylianus, Schoͤnewalde, Doct. Hamburg. von den Fischen, und Wurfbainii Sala- mandrologia durch, und von da besucht’ ich Le Cab. de l’Hist. Nat. au St. Sulpice. Hier ist die Pflanzschule fuͤr die gesamte franzoͤsische Geistlichkeit. Die jungen Leute tragen sich eben so, wie die Stipendiaten in Tuͤbingen. Das Gebaͤude hat einen grossen Umfang mit vielen Gaͤngen, Trep- pen, Zimmern ꝛc. Die Bibliothek bedeutet nicht viel, und ist blos theologisch. Das Naturalienkabinet hat schon mehr zu sagen, wenns gleich klein ist. Es se- hens die wenigsten Reisenden, weil man’s nicht kennt, aber wahrlich, es verdient gesehen zu werden. Mr. De- lor hatte die Guͤtigkeit, mich zu seinem Freunde, dem Bibliothekar, dem Abbe’ Moriou zu fuͤhren. Es war ein alter, aber noch muntrer Mann, der auch gute Kennt- nisse in der Naturgeschichte hatte. Die Besonderheit fand fand ich an ihm, er trug ein blaßblaues Ueberschlaͤgelchen und einen Hut ohne Krempe, den er auch im Zimmer auf- setzte. Ich sah hier folgende Merkwuͤrdigkeiten: Im Naturalienkabinet, das in einigen kleinen Zimmern, in Glasschraͤnken wohl konservirt stand: 1) Ei- dechsen mit 5. Zaͤhen vorne und hinten; eine mit gezaͤh- neltem Schwanz zu beiden Seiten, auch Lezards ecail- lés. 2) Pennatula. Zum erstenmahl in meinem Leben nahm ich mit innerm Gefuͤhl der Allmacht Gottes diesen kostbaren Naturkoͤrper in die Hand. Es waren 2. Exem- plare da, eins groͤsser und roͤthlich, eins kleiner und weis. Der Stiel war vertrocknet, das uͤbrige sah voͤllig dem Vexillo pennae gleich. 3) Den Admiral, Vice- admiral, Orangeadmiral. Die wahre (sehr klein) und die falsche Wendeltreppe. Eine Madrepore auf einer Arche Noaͤ. Die Ebraͤische Muschel, es waren schwarze krumme Striche, etwa wie schnell geschriebene Resch aussehen wuͤrden, viele Reihen uͤbereinander. Bonnet de Dragon (s. D’ Argenville ) die sehr selten sind. 4) Macon, ein so schwache Coquille, daß sie kleine Steine, Cailloux, ꝛc. an sich anklebt, um sich zu befestigen; eine andre Art, wo kleine Conchyl. andrer Art angeklebt waren. 5) Merkwuͤrdige Versteinerungen von Muscheln, bivalves, die auf einander paßten, wenn man die obere Haͤlfte wegnahm. Und auf der obern saß wieder eine andre von eben der Art, aber kleiner, da man auch die obere Haͤlfte abheben, und in alle Zaͤhne wieder einsetzen konte. 6) Viele sonderbare Schwaͤmme, gros- se Stuͤcke von Madrep. Millep. 7) Einige violette, blaue Muscheln, auch violette Stuͤcke von Seekoͤrpern an andern. 8) Tubularia, les Orgues, gar gros und und roth. 9) Caput Medusae, so gros, so in einan- der geschlungen, daß es ausgebreitet von einer Ecke des Schranks zur andern reichte. 10) Asteriae, einen von 10. Strahlen, Mr. Delor sagte mir dabei, daß er sie in Nantes bei der Ebbe habe auf ihren Strahlen wie Raͤder und sehr schnell und bestaͤndig laufen sehen, auf- gerichtet sich drehend ꝛc. 11) Corallia, ausser den gewoͤhnlichen rothen, auch Cinnoberrothe; noch a) Ge- niculatum. 3. Stuͤcke, die Koralle war weis, die Ge- nicula schwarz. An einem war noch das Encrou- tement, der Drap marin zum Theil. b) Articu- latum, weiß, aber auch 2. herrliche gelbe Stuͤcke mit den feinsten rothen Punkten. Man konnte es nicht sehen ohne Entzuͤcken! Biegsam, platt, aber gar fein, und die Farben, o! Alle standen auf schwarzen hoͤlzernen Fuͤs- sen. 12) Hoͤrner vom Condoma einer wilden Ziege, wie der Abbe’ Moriou sagte, ich sah sie aber fuͤr Cornua Ibicis an. So gedreht sie waren, so konnte man doch den Kern ganz heraus nehmen, und dann sah man eine duͤnne hornene durchsichtige Schale. In der Bibliothek. Zwei grosse Globi; a) Terrestr. Der Italiaͤner Coronelli hat sie 1693. in Paris gemacht. Unser Land war gar nicht darauf, Lothringen, und Freiburg, und Basel ꝛc. Er hat- te einen herrlichen Meridian. b) Coelestis, war gar schoͤn, die Gesichter der Menschen unter den Sternbildern, sind von damahligen Herrn am Hofe genommen. Die verschiedene Groͤsse der Sterne war sehr gut ausgedruckt. In der Kupferstich-Sammlung. Man hatte da in 3. Folianten das ganze Werk des beruͤhmten Cal- lot’s. Dieser Kuͤnstler besaß die allerausschweifendste Ein- Einbildungskraft. Ohne zu sehen, kan man sich die singu- laͤren Ideen dieses Mannes nicht vorstellen. z. B. auf der Versuchung des H. Antonius sind alle moͤgliche Bil- der und Figuren vom Teufel, die man nur in der Fieber- hitze und Gespensterfurcht und in einem Ganshirn zusam- mensetzen kan, mit Schwaͤnzen, Hoͤrnern, Fuͤssen, Dra- chenfluͤgeln; man weis ihnen oft keinen Namen zu geben; einmal schießt er mit Kanonen aus seinem Maul ꝛc. Die Thorheit, alles zu haben, was dieser Kuͤnstler verfertigte, geht, weil so viele sammeln, so weit, daß der geringste Unterschied am nemlichen Blatte und waͤrs nur eine Bor- dure, oder in den Wappen eine Lilie mehr ꝛc. einen Un- terschied von 10. Louisd’or im Preise machen kan. Ich glaube, der Mann haͤtte Milton ’s verlornes Paradies mit Kupfern und Vignetten heraus geben koͤnnen. Les Illuminations electriques. Mr. Delor und ich, machten Bertholon ’s Versuche, wenigstens im Wesentlichen, nach. Auf einer langen und schmahlen Glastafel wurden kleine Lozanges von Blech an den Ecken nebeneinander im Zickzag gekuͤttet, das Glas war oben und unten auch so eingefaßt, uͤber der elekrischen Maschine war ein Leiter, der durch eine Kette mit der Maschine kommunicirte. Delor drehte, ich hielt das Glas an den Leiter, das Feuer lief von einem Lozange zum andern. Es war feuchtes Wetter, da kont’ es nicht bis herabkommen. Unten faßt man an, um es aufzu- halten. So kan man nun Blumen, Gesichter, Thiere, Karaktere ꝛc. vorstellen. Kein Blaͤttchen darf fehlen, sonst ists Luͤcke im Lauf der Funken. Will man es von einer Seite auf die andre leiten, so muß am Rand eine Kommunikation seyn. S. Observ. de Phys. p. Ro- zier. Bemer- Bemerkungen. In allen Kngl. Gaͤrten hab’ ich noch keine Erfin- dung gesehen, die wir in Carlsruhe nicht auch haͤtten, ausser daß in einer Gegend der Thuilleries unterirdi- sche Alleen sind, oben bedeckt mit Gitter und Laubwerk, mit kleinen Treppen an den Enden. Kuͤhl mag es un- ten seyn, und sehr angenehm in der Hitze. Eins der unangenehmsten Dinge hier ist wohl der bestaͤndige Gestank von verbrannten Hufen. Denn, weil so eine unendliche Menge Pferde hier sind, und sie alle Tage unaufhoͤrlich gebraucht werden; so sind auch Schmiede in allen Strassen, und besonders steigt des Morgens der haͤßliche Horngestank uͤberall auf. Man darf da kein Fenster aufmachen, um frische Luft zu be- kommen. So unangenehm ist’s, in grossen Staͤdten zu wohnen. Die natuͤrlichsten Gluͤckseligkeiten muß man entbehren. Wo man geht, ist man mit Pferden und Hunden geplagt. Man striegelt die Pferde alle des Mor- gens auf der Strasse. Den 3ten Jun. Le Cab. de la Biblioth. de l’Abb. St. Ger- main. Ich war hier heute der Erste nach dem Biblio- thekar, weil ich heute von dieser herrlichen Sammlung Abschied nehmen wolte. Nachdem ich den Rondelet vollends durchgegangen war, lies ich mir das Kabinet oͤfnen. Es war eine kleine schmale Stube oben an der Seite der Bibliothek, wo in etlichen Glasschraͤnken Natu- ralien, Antiken, Gemmen, Statuͤen von Bronze, Kunst- sachen von Elfenbein ꝛc. standen, alles untereinander. Fuͤr mich mich war merkwuͤrdig: a) von Conchylien: Hammer; Orangeadmiral. b) Eine schoͤne Sammlung von Be- zoars, die meisten weisgrau, einige schwarzbraun. Einige waren mammellonés, wie Traubenbeeren. Einige hatten einen Metall-Glanz. Einer war sehr gros, wie ein Straussenei, und es lag ein Certificat da- bei, daß er in einem Pferde gefunden worden. Einige waren angebrochen, so daß man die verschiedenen Cou- ches, die successive Bildung sehen konnte. Zum Un- terschied lagen auch kuͤnstliche aus Portugall darneben. c) Sehr grosse Stuͤcke von Astroiten. d) Solenes, violet und gestreift. e) Zwei grosse Seegewaͤchse von einer ganz besondern Art, aber hinter andern Sachen versteckt. f) Alle drei Arten vom Nautilus, auch der gefleckte braune. s. d’ Argenville. g) Zwei Zaͤh- ne vom Monodon. Einer war anderthalb mahl so lang als ich. h) Ein Tisch aus lauter Quarrés von Mar- morsorten zusammengesetzt, ein guter Einfall fuͤr das Arrangement, schwarze, gruͤne, blaue. i) Ein Our- sin (Echinus) mit vielen Stacheln, noch ein kost- bares Stuͤck. Zu meiner grossen Freude traf ichs an, wo ichs nicht suchte. Ein Beweis, daß die kleinste Sammlung gesehen zu werden verdient. Das Thier war nur halb, war klein, hatte die blaßbraune Farbe. Die Stacheln standen nach allen Richtungen, hatten eine schwarzgraue Farbe oben mit hellen Umrissen, und be- deckten fast die ganze Haͤlfte des Thiers. Ich war allein im Kabinet und konnte mich nicht erkundigen, wo das Stuͤck her waͤre. k) Dendriten. Florentinische Stei- ne, wo Zeichnungen von ganzen Staͤdten vorkamen. Man muß gestehen, die Aehnlichkeit ist gros, man meint, man sehe Thuͤrme, hohe Schorsteine, Daͤcher, J Festungen, Festungen, Mauern, Kirchen ꝛc. l) Einige schoͤne Mosaiken. Die Mineralien bedeuteten hier gar nichts, Achate waren einige da; auch Insekten, Papilionen ꝛc. ꝛc. und Versteinerungen Perrault redet in seiner Hist. Nat. des Anim. III. p. 87. von der Depouille d’un Lezard ecaillé, die hier waͤre. Entweder war sie eingeschlossen oder weg- gekommen? In dem kleinen Kabinette haͤtt’ ich sie schwerlich uͤbersehen koͤnnen. . Ich besuchte heute ferner La Biblioth. de l’Abb. Ste. Genevieve. — Auf einem Berge gleiches Namens steht nebst vielen an- dern Gebaͤuden, auch ein weites geraͤumiges, wo Or- densmaͤnner wohnen, die ein weisgraues Kleid und ein weisleinenes Chorhemd daruͤber, nebst einer schwarzen Muͤtze tragen. Jetzt war Don Pingre’ Bibliothekar: ein alter Mann mit schneeweissem Haupte, der sich aber 3 Stunden mit mir abgab, und mich gleich in seine Bi- bliothek fuͤhrte. Der Saal hat die Form eines Kreu- zes, auf allen Schraͤnken stehen Buͤsten alter Schriftstel- ler, Kaiser, und Helden, auch die vom Kardinal Tel- lier, der uͤber 16000. Baͤnde in diese Bibliothek schenkte. In den meisten Buͤchern steht vorne der gedruckte Zettel von ihm. In der Mitte des Kreuzes ist der Platfond hoch ausgeschnitten, und oben eine herrliche Malerei an- gebracht. Alle Schraͤnke sind auch hier mit Dratgit- tern vermacht. Sie steht Montags, Mittwochs und Freitags von 2. bis 5. Uhr offen. Ich sah In der Bibliothek, aus allen Faͤchern etwas; (Manus kripte, sagt’ er zu mir, bedeuten bei uns nicht viel;) 1) Die erste Bibel in Maynz gedruckt, 2. Fo- lianten lianten auf Pergament, Lateinisch, vom Jahre 1462. 2) Eine Spanische Bibel von Duarte Penil, vom Jahre 1553. Ferrara. Man hat nur 2. Ausgaben; eine fuͤr die Juden; eine fuͤr die Christen. Beide sind von Einem Jahre. Der Unterschied liegt blos in der Zueignung. Das Papier ist sehr grob. Die Inquisition gab doch die Er- laubnis dazu. Es ist gar nicht schwer zu verstehen. 3) Ei- ne neuere Spanische Bibel, vom Jahre 1596. 4to von Cassiodoro Reyna. Ich schlug die Stelle 1. Cor. XV. 29. auf: „Warum lassen sie sich taufen uͤber den Todten?“ es war aber grade so woͤrtlich, wie Luther es hat. Drauf schlug ich auf Roͤm. IX. 3. „ich habe gewuͤnscht verban- „net zu seyn von Christo.“ Der Spanier sagt: „Ser „a partado del Christo por mes Hermannos.“ Hermannos ist voͤllig das lateinische Germanus, apar- tado das separatus ꝛc. 4) Eine Coͤllnische deutsche Bibel, von Ulenberger , vom Jahre 1630. Herr Pingre’ zeigte mir hier, daß er auch deutsch lesen, und es uͤbersetzen konnte. Mit Huͤlfe eines Diktionaͤrs lese er alles, das war was seltnes bei einem Franzosen. Die Bibel war klein Folio. 5) Eine Moscowitische Bi- bel. Die Karaktere kommen sehr den Griechischen bei. Da konnte aber weder er noch ich, lesen. 6) Eine Ita- liaͤnische Bibel, vom Jahre 1461. aber ohne Ortsan- gabe, die findet man sehr oft an den aͤltesten Ausgaben nicht. Das Papier war sehr grob. 7) Ein Psalte- rium Davidis Latino-Saxonicum vetus, 1640. Londini 4. a Ioanno Spelmanno. Zwischen dem lateinischen Texte war eine Versio interlinearis in der alten Saͤchsischen Sprache: es ist aber eine ganz eigne Sprache. Wir konten nichts dechisriren, es ist weder Lateinisch noch Teutsch, auch die Karaktere sind besonders. J 2 Bei Bei jedem Psalm ist ein Gebet. 8) Ein Novum Testa- mentum graecum. Lutet 1550. klein Folio, un- gemein nett; man konts weglesen, wie ein ABC. die Ad- jurat. hinten, war ohne Absatz in einem weggedruckt. 9) Wedloc’s arabisch und lateinisches Neues Testament mit kleinen Noten, London. 1650. 10) Kennicott. Den wollte man mir uͤberall als eine wichtige Neuigkeit zeigen, aber ich schlug ihnen immer vorn die Subs kription unsers Durchl. Marggrafen auf. Als ich dem Don Pingre’ wegen des Gebrauchs, Michaelis Urtheil in der Orientalischen Bibel sagte, war er voͤllig einstimmig. 11) Edward ’s Werke. Aublet ’s praͤchtiges Werk, Plants of Guyana, sah ich da zum erstenmahl. Es sind 4. Quartanten, zwei enthalten die Erklaͤrung und zwei die Kupfertafeln, und zwar ausgemahlte. — Fors- kaͤhl’s, Schaͤfer’s Schriften, alle deutsche und Rus- sische Akademische Schriften. 12) Vincent de Beau- vais Historia rerum omnium, etliche Folianten Argentor. Der Mann hatte den ungeheuren Einfall, alle Buͤcher excerpiren zu wollen, sammelte also Physik, Moral, Historie ꝛc. Quoniam tempus breve, me- moria labilis, librorum multitudo etc. so faͤngt er an. 13) Ovidii Metamorphoses, 1477. Seite 174. steht der Ort Mayland. Recht schoͤn. Mattaire kennt diese Ausgabe nicht. 14) Ein Cicero vom Jahre 1477. Ein Virgil mit hoͤlzernen Typen, aber doch leser- lich, ein andrer 1486, Venet. sehr schoͤn. 15) Catho- licon Latinitatis, ein Diktionarium. Maynz, 1460. 16) Hevelii Machina coelestis, Gedani 1679. Fol. voll astronomischer Observationen, praͤchtig, mit Figu- ren, die er selbst zeichnete. Das Buch ist sehr selten, er hatte nur seinen Freunden einige Exemplare geschenkt, und und nachher verzehrte das Feuer auf seiner Sternwarte den uͤbrigen Vorrath. Darneben standen die neuesten astronomischen Sachen von Maskelyne. 17) D. Weinmanni Phytanthoza iconographica etc. Re- gensp. 1737. und noch ein langer deutscher Titel. Das Buch ist auch deutsch, aber ich muste gestehen, ich kannt’ es nicht. Es sind 6. Folianten, 2. Text, 4. mit illum. Kupfern, die alphabetisirt sind. 18) The Natural Hi- story of Barbadoes by Hughes. London, 1750. gros 4. mit Kupfern. 19) Les Oeuvres de Fonte- nelle, eine herrliche Ausgabe à la Haye 1757. klein Folio, mit den niedlichsten Kupfern, sonderlich bei la Pluralité des Mondes etc. 20) Osteologie de M. Monro, herrliche Kupfer, allemahl auf 2. Seiten je- des Stuͤck; der Contour und das Ganze. Eine fran- zoͤsische Uebersetzung aus den Englischen, Paris 1769. Fol. 21) Plinii Hist. Nat. Venet. 1472. sehr schoͤ- ner Druck, 4to. 22) Katalog der arabischen Ma- nuskripte aus der Bibliothek des Eskurials, vom je- tzigen Koͤnig in Spanien befohlen, Fol. I. Theil, Ma- drit, 1760. praͤchtig. 23) Katalog der Manu- skripte im Vatikan in Rom ꝛc. 24) Augustin. de Civit. Dei. Romae, schon 1468. (muste das schon so fruͤh gedruckt werden?) 4. huͤbsch. 25) Luther ’s Schriften waren auch da, etliche Editionen, 2. von Wit- tenberg 1545, und 1582, auch eine von Jena; Hus- sens Geschichte, Wicleff ’s-Schriften, Mosheims Kir- chengeschichte, Calvin ’s, Veza Schriften ꝛc. 26) Bar- toli Recueil des Peintures antiques. Paris 1757. Fol. Davon sind nicht viel uͤber 30. Exemplare gemacht worden. Zum Entzuͤcken schoͤn! Wir gingens ganz durch. Der liebe Alte ruhte aus, indes ich mich auch J 3 erquickte. erquickte. Herrliche Vorstellungen von den rebus se- pulcralibus der Alten, von ihren Gladiatoren, Trium- phen und tausend andern Dingen. Zuletzt war hinten noch ein praͤchtiges Stuͤck, das beide Folio-Seiten ein- nahm, La Mosaique de Palestrine etc. 27) The Ruins of Balbec and Palmyra. 28) Die Herkula- nischen Alterthuͤmer ꝛc. 29) Zwei grosse Globi von Coronelli, noch schoͤner, als die in der Abtei St. Germain. Der gute Pingre’ verlangte, ich sollte ihm auf der Erd- kugel mein Vaterland zeigen, aber es war gar nicht an- gegeben. Zwischen Lothringen, Freyburg, Basel, Strasburg, konnt’ ichs ihm begreiflich machen. Im Naturalienkabinet. Ach da waren die Sa- chen mit Staub bedeckt, und in Winkeln versteckt. Der ehrliche Alte verstehts nicht, ist wohl ein sehr guter Astro- nom, und muß Niemanden haben, ders besser rangirte. Aus dem Thierreich war einiges Merkwuͤrdiges da; als arabischeund brasilianische Eidechsen; ein klein Chamaͤleon; etliche Dasypus; etliche Crocodille, grosse und kleine; Fi- sche; Scelete; Geschlechtstheile; ꝛc. aber das alles hing bestaͤubt und unkenntlich hoch oben an der Decke und an den Waͤnden umher; das Glas erreichts kaum. Zettel waren daran, es muß es einmahl ein Kenner unter seiner Aufsicht gehabt haben. Die Minern lagen in Schraͤn- ken mit Faͤchern; artige Conchyl.; versteinerte Solenes; grosse Seekoͤrper; aber in der Seele thuts einem weh, wie der gute Pingre’ die Sachen verderben laͤßt. Im Antikenkabinet, einem grossen Saal, voll merkwuͤrdiger Sachen, sah ich a) Dypticha Graeco- rum, Gothorum, zum erstenmahl in meinem Leben. b) Vas b) Vas olei pro infirmis, aus der aͤltesten Kirche, Marci K. 6, v. 13. Jacobi K. 5, v. 14. c) Hetru- rische Gefaͤsse. Einen Herkules. Einen Kanopus, ein huͤbscher rother Thon. Freilich konnt’ ich sie nicht mit Heyne ’s Augen betrachten. Die Malerei schien etwas mit dem Chinesischen Geschmack gemein zu haben. d) Egyptische Alterthuͤmer. Isis, Osiris. Apis, schien kein rechter Ochs zu seyn, war hinten mehr Loͤwen- maͤssig, klein, mit einem ehrwuͤrdigen Schimmel uͤberzo- gen. Ibis, man konnte nicht dechifriren, was es etwa fuͤr ein Vogel waͤre. Die Egyptischen Figuren sind alle steif, geschmacklos, haben nicht einen Zug von der Grie- chischen Feinheit, und Nachahmung der Natur. Gan- ze Mumien, hart, wie Felssteine, wie Kloͤtze. Ein merkwuͤrdiger Fuß von einer Mumie, der im ersten Theil der Ac. des Inscript. beschrieben ist. e) Grie- chische Gottheiten, ein Kupido, der mir eben nicht so gefaͤhrlich vorkam, nichts zaͤrtliches, schalkhaftes ꝛc. in der Mine hatte. f) Lateinische Gottheiten. Da war ein Opferpriester, auf einer kleinen Tafel, en Mo- saique, ein kostbares Stuͤck. Deus vagitans, eine Buͤste von einem Gott aus weissem Alabaster, der das Maul aufsperrt und verzerrt, wie ein weinendes Kind. Viel Natur und Kunst ist daran, aber ein abscheulicher Auswuchs des Menschenverstandes; Gott zur Tiefe der schwaͤchsten Menschheit herabzusetzen! Etliche Ampho- rae, etliche geraͤumige Stuͤcke, so wie sie Vater Horaz gern hatte mit Wein von Chios. In der Mitte ein Tisch, eine Nachahmung der alten Mosaik, eine Kom- position von einem Benediktiner, der ihn der Duch. d’ Orleans schenkte, von der er wieder hieher kam. Der J 4 Name Name des Kuͤnstlers und das Wappen der Duchesse ist auch darin. Einige nennen das Kabinet, le Cabinet du Duc d’ Orleans. Eigentlich hat er Kameen gesammelt, die gar schoͤn sind. Les Porcherons. Wenn man in Paris alles, was erhaben, was gros, was lobenswuͤrdig ist, sieht; so muß man auch die Gegenden besuchen, wo der groͤßte Verfall, die abscheulichste Sittenlosigkeit und die schaͤnd- lichsten Denkmale vom sittlichen Elend der Nation sicht- bar werden. Und eine solche Gegend der Stadt heist in Fauxbourg Montmartre, Rue de Porcherons. In dieser Strasse wohnt fast niemand, als Cabaretiers, Rotisseurs, und Huren. Zu beiden Seiten sind Wirthshaͤuser an Wirthshaͤuser, und, weil ich’s nun einmahl sehen wolte, so ging ich auch in alle auf der ei- nen Seite, und durch alle auf der andern Seite wieder zuruͤck. Kuͤche, Wirthsstube, Tanzboden, Hof, Gar- ten, das ist unten alles en plein pied, ein einziges Ganzes. Man muß gegen die Nacht kommen, wenn man sehen will, wie’s da zugeht, und besonders an Fest- und Sonntagen, wo auch oben alle Stuben angefuͤllt sind. Kurz, es ist die aͤrgste Sauerei, die man sich nur denken kan. Spielleute sind bestaͤndig da, und in jedem Hause eine Menge Huren, die zum Theil noch gut genug aussehen, und sich putzen, daß man sie fuͤr die Vor- nehmsten ansehen sollte, aber alle Schamhaftigkeit, alle Reste der weiblichen Sittsamkeit ausgezogen haben. Man kan leicht denken, daß sich alle Abend Soldaten, Bedien- te, Handwerksbursche, Reisende, Fremde, andre schlech- te, te, muͤssige, auch vornehme Leute, mit den Fuhrleuten, Wagenknechten, Schuhputzern und Peruckenmachern, da sammeln, essen, tanzen, und huren. Das Essen sieht appetitlich aus, der Wein ist nicht so lieblich, wie man ihn in der Stadt bekoͤmmt, aber er ist natuͤrlicher und wohl- feiler, die Bouteille zu 8. Sous. Hof und Gartenplatz sind mit lauter Stuͤhlen und kleinen Tischchen besetzt. Ue- berall herrscht die groͤste Wildheit, und alle nur erdenkli- che Ausgelassenheit. Ein Fremder, ein Deutscher er- staunt uͤber die Schamlosigkeit der Franzoͤsinnen. Zur Ehre der deutschen Nation ists doch bei uns Eine der groͤsten Staͤdte Deutschlands vielleicht aus- genommen. Herausgeber. so weit noch nicht gekommen. Die Dirnen reissen selber die Fremden zum Tanz auf, embrassiren jeden, der herein- kommt, setzen sich zu jedem, der Essen oder Trinken fo- dert, und lassen etwas bringen, wenn man auch nichts verlangt, machen sich gleich aufs genauste bekannt, erzaͤh- len ihre Geschichte, ihre Kindbetten, ihre Siege von heu- te, von gestern, bieten Blumen an, und machen allerlei haͤsliche Geberden mit den Stielen, trinken Wein wie Wasser ohne Brot, legen sich auf die Bank lang aus- gestreckt hin, nehmen die Bouteille, biegen sich bis auf den andern Tisch zuruͤck, trinken sie aus, und schwoͤren ein Sacre Dieu, wenn nichts mehr darin ist, singen gar- stige Zoten, ziehen sich an und aus, heben den Fuß auf den Tisch und sagen: Voilà ma jambe, qui est bien faite, mais la cuisse etc. lassen die Leute nicht fort, stellen sich unter die Thuͤre, nennen einen: O mon bon Enfant, ah! tu cher, sagen, sie haͤtten einen schon J 5 hundert- hundertmahl gesehen, setzen sich so hart so eng auf einen hinauf, daß man der Einladungen endlich uͤberdruͤssig wird. Sie kuͤssen nach dem Tanz den Mannspersonen die Hand, klopfen einen sanft auf den Backen ꝛc. J’ai faim des garçons, sagte unter andern eine, und viele andre garstige Ausbruͤche der Frechheit und der groͤbsten Sauerei mehr. Man muß gar kein Gefuͤhl und keinen Funken von Menschenfreundschaft haben, wenn man hier selber leichtsinnig werden will. Ich wuste nicht, was ich denken, was ich sagen sollte. — Es war ein junges Weibsbild da, das schon 2. Kinder gehabt hatte, wie sie selber sagte, und durch den fruͤhen Mißbrauch an Ver- stand und Sinnen, fuͤr mich zur niederschlagenden Be- staͤtigung der Tissot schen Wahrnehmungen, geschwaͤcht war. Sie sah an Haͤnden und im Gesicht so mager, so abgezehrt, und bleich aus, daß man sie fuͤr 60jaͤhrig haͤtte halten sollen. In ihren Augen, womit sie noch spielen wolte, war ein mattes, verloschenes Feuer, — ganz das klaͤgliche Bild von den Strafen, womit die Natur zuͤchtigt, — und doch noch immer ein Herz voll unersaͤttlicher Luͤsternheit, vielleicht ohne die geringste Anlage zur mora- lischen Besserung. Man durfte sie nur ansehen, wenn man ernsthaft bleiben wolte. Aber so gros, so zuͤgellos ist die Wildheit hier, daß ich wenigstens sechs kleine jun- ge Maͤdchen von 11. — 12. Jahren bemerken konnte, die schon jetzt zu eben diesen traurigen Bestimmungen ge- bildet wurden. So vielen lastbaren Thieren, die den ganzen Tag in der Stadt unter Hunger und Durst be- staͤndig den Willen andrer Menschen thun, und die schlechtesten Dienste, so lang sie leben, verrichten muͤssen, moͤchte man wohl Tanz und Freiheit goͤnnen; aber sollte nicht die Polizei Aufsicht auf diese Plaͤtze der Belustigung tragen, tragen, damit nicht Menschen in ihrer Jugend aufge- opfert, die Ausgelassenheit gepflanzt, und das Menschen- geschlecht endlich verschlimmert werde? Es ist unter die- sen Haͤusern ein eignes, das den Deutschen gewidmet ist; da koͤnnten unsre Patrioten sehen, ob’s rathsam sei, jeden Handwerksburschen wandern zu lassen? — Die Huren vertheilen sich und laufen aus einem Hause ins andre. ꝛc. Bemerkungen. Jetzt kam die Hitze, und gleich so stark, daß selbst die gemeinsten Verkaͤufer und Decroteurs aufm Pont- neuf Parasols uͤber sich hielten. Alle Frauenspersonen gehn mit weissem oder schwarzen Flor vorm Gesicht, und selbst die Mannspersonen nehmen Parasols zum Herum- laufen mit. Die Geistlichen stehen zum Theil hier in grossem An- sehen. — Denn sonst sind sie sehr verachtet. Jeder- mann haͤlt sich uͤber sie auf. Nur in der Kirche sind sie respektirt. Auf die Bibliothek kam heute Vormittag ein Prior, oder Vorsteher eines Klosters ꝛc. der hatte seinen Kirchenrock an, und brachte einen jungen Menschen mit, der ihm die Schleppe trug, und bestaͤndig heben muste, bis er wieder so mit ihm fortging. Wenn die Franzosen nach langer Trennung wieder zusammen kommen, sprechen sie wenig, drucken nur die beiden Backen aneinander, ohne einander recht herzlich zu kuͤssen, und so auch beim Abschiednehmen. Der Staub war gleich so erstaunend groß, besonders in lebhaften Strassen, daß jeder seine Taschenbuͤrste bei sich sich trug. Die Kirchen, wodurch man immer geht, sind am kuͤhlsten. Den 4ten Jun. Mr. le Comte de Buffon, lernt’ ich heute kennen. Mr. D’Aubenton hatte die Guͤtigkeit, mich ihm vorzu- stellen. Ein ansehnlicher Mann, sechshalb Schuh gros, soll aber dicker gewesen seyn, als er jetzt ist. Er mag uͤber 70. Jahr alt seyn, hat viel freundliches, fuͤr mich aber nicht das Einnehmende D’Aubenton ’s. Er er- kundigte sich nach dem Zustande der Naturgeschichte, und besonders der Anatomia comparata in Teutschland, nach meinem Studiren, nach Goͤttingen, nach unserm Fuͤrsten ꝛc. machte mir einige Komplimente, und fragte besonders, ob wir auch die Alten studirten. Er war im Begrif, fuͤr diesen ganzen Monat zu verreisen, und lobte meinen Plan im Arbeiten, und im Reisen ꝛc. Der Theil der Nation, der nur liest, um unterhalten zu wer- den, betet ihn fast an, die wahren Gelehrten aber wissen den Werth seiner Schriften richtiger zu bestimmen. Nachmittag ist er bestaͤndig von einer Menge Leute um- ringt. Man siehts ihm an, daß er ein lebhafter, gros- ser Kopf ist. Le Cab. de l’Hist. Nat. du Roi. Ich ging von Buffon weg, um meine Arbeit im Kabinet fortzusetzen, und war beim D. Vierten Schranke. (s. den 31. Mai.) Da fand ich a) Das Nest eines Eydervogels. b) Viele Spechte, varié, tacheté, aus Louisia- na, Senegal, Cayenne; einigen hing die sehr feine seine Zunge aus dem Schnabel; einer aus Louisiana war schwarz mit rothen Hubeln. c) Daß die Regel von den hellern und dunklern Far- ben der vierfuͤssigen Thiere bei Voͤgeln gewis nicht statt hat, also nicht allgemeine Regel der Natur ist, beweisen folgende Beispiele: 1) Grand Pic à tete rouge de Cayenne, ist oben dunkelbraun, unten blutroth. 2) Perroquet des Moluques, oben nur gruͤn, am Bauche das schoͤnste Roth, Gelb, Berliner- blau ꝛc. 3) Ein Peroquet aus Senegal, oben gruͤn, un- ten rothgelb. 4) Einer aus Guinea, oben schlechtgrau, unten hellgruͤn. 5) Gilolo des Philippines, gruͤne Fluͤgel, oben und unten blutroth. Und Lory des Indes ori- ent. und Lory de la Chine waren eben so. 6) Peroquet Amaz. à gorge jaune, oben und unten gruͤn, aber oben war die Farbe heller. Ueberhaupt ist hier eine Sammlung von Papageien, die man nicht genug betrachten kan. Einer hatte noch auf dem Schwanz Purpurflecken. d) Eine auffallende Verschiedenheit zwischen Male und Femelle bemerkte ich am Coq de Roche; male war ganz Cinnoberroth, fe- melle aschgraubraun. E) Fuͤnfter E) Fuͤnfter Schrank. Enthielt Strausseneier und ferner, 1) Colibrinest, irregulaͤr, gar weich, wenig vertieft, braun. 2) Oiseau Mouches und Grimpereau. Die von Cayenne haben Gold und gruͤne Flecken am Bauch, oben schmutzig. Einige hiessen Rubin, weil der Hals feuerroth, Topas, weil er gelb war. Sassen auf gemachten Rosenstengeln. 3) Grimpereaux, aus Brasilien, oben schwarz, unten das schoͤnste Berlinerblau, einer war unten gruͤn. 4) Le grand Promerops de la nouvelle Guiane hat einen grossen gebogenen Schnabel, eine herrliche Schwaͤrze, blaue Stellen auf den Fluͤgeln, und lan- ge Schwanzfedern. 5) Bec de l’oiseau Rhinoceros, breite dicke Plat- ten. Sie hingen an der Wand. Ist serrata. 6) Spatule de Louisiane. Zwei, eine mit rosenro- then Fluͤgeln, hoch, der Schnabel ordentlich wie ein Spatel; eine kleinere mit verwachsenen rothen Fluͤgeln. 7) L’Autruche. Male, der Hals ist anderthalb Ellen lang, und so wie alles, schmutzig grau. Die Fuͤsse sind wie junge duͤnne Espenbaͤume. Femelle, bei ihr ist der Hals noch groͤsser, die Fuͤsse duͤnner. Sporen sieht man an keinem. Die Federn sind alle, wie die am Ohr der Trappe. 8) Calao, der aus Abyßinien hat einen graden, der aus Senegal einen gebogenen Schnabel; In uno genere? 9) Kamichi 9) Kamichi de Cayenne, hat vorne an der Brust 2. Hauer, etliche Zoll gros, stehen gegen einander. 10) Outarde, male et fem. Beide waren nicht so gros, und nicht so schoͤn, wie die, die ich im Natur- forscher beschrieben habe. 11) Tanagra de Cayenne hat einen gruͤnen Kopf und ist unten gruͤn, oben schwarz mit einem rothen Flecken. 12) Cardinal. Der aus Canada war schoͤner, als der halbrothe aus Mexiko und der aus Louisiana. 13) Ammern oder Grosbecs und Eulen. F.) Sechster Schrank, enthielt a) Eier de la Roussette, blasblaugruͤn; de l’Aigle, ganz weis, in der Mitte sehr hoch, am Ende zugespitzt, nicht gar gros. b) Sperber, Geier, Weiher, Adler, s. Buffon’s Voͤgel. G.) Siebenter Schrank. Darin sah ich 1) Serin né sans ailes. Der Ansatz war da, aber keine Federn daran. 2) La Veuve des ailes rouges du Cap de b. Esp. mit langen Schwanzfedern. 3) Pigeon des Moluques, so gros wie eine Ente. 4) Choucas des Alpes, ganz schwarz mit blutrothen Fuͤssen. 5) Fasane, viele Arten; ein schmutzig weisser Pfau. 6) Auer- 6) Auerhahn. Das Maͤnnchen ist viel groͤsset, und hat eine dunklere Schwaͤrze, als das Weibchen. 7) Vier Paradiesvoͤgel. Haben alle grosse Fuͤsse, und an jedem 4. Zaͤhen, haben auch aus dem Schwanz grosse lange Schwanzfedern hinaus stehen; der aus Amboina hat aussen noch kleine Kleeblaͤttchen dran. 8) Baltimore. Der Vogel hat ein praͤchtiges Gelb. 9) Im schmalen Eckschranke lagen noch a) Eier, ein ganz blaues; von einem Rebhuhn aus Cayenne ein dunkelbraunes; monstreuse, amorpha wie Flaschen, Hoͤrner, Birnen mit Warzen ꝛc. b) Rollier, von Strasburg, aus Madagas- kar, blau, gruͤn, schwarz, zum Theil mit lan- gen Federn hinten hinaus. III.) Insekten (s. d. 31. Mai). Linker Hand herab standen diese. Erst einige schlechte Phalaͤnen, Porte- miroirs, grosse Spinnen aus Cayenne, sodann im I) Ersten Schranke, in der A) ersten Haͤlfte: Papilione, Sphinxe, Phalaͤ- nen, alles unter einander; Jedes in einem kleinen glaͤ- sernen Kaͤstchen mit goldenen Papierrahmen einge- faßt, und diese alle nebeneinander befestigt, aber a) Eine Kritik hieruͤber. Gar keine systematische Namen, La belle Dame; Le Deuil; le pe- tit nacré; Phal. de Martin., de Senegal; Le Ver à soie; La Veuve; l’Arlequine; Viele haben gar keinen Namen, viele ganz ver- schiedene fuͤhren einerlei Benennung; viele strecken die die Fuͤsse statt der Fuͤhlhoͤrner in die Hoͤhe. Die meisten sind alt, haͤngen, sind verdorben, ver- dreht, vielen fehlen die Fuͤhlhoͤrner; bei etlichen weni- gen ist die Puppe da; die allerwenigsten sind auf beiden Seiten vorhanden. Einige sind, blos um der Schoͤnheit willen, nur auf der untern Seite da. Viele sind haͤslich zerrissen. Viele stecken schief in den Ecken, fallen vom Klopfen ꝛc. herab; bei den wenigsten ist der Geschlechtsunterschied be- merkt ꝛc. ꝛc. b) Eine Phalaͤne aus Senegal, wo auch der Bauch schoͤne rothe, blaue, weisse Baͤnder hat. c) Phalaͤnen aus Domingo, sind gros, breit, haben aber fast alle eine dunkelbraune widrige Farbe. d) Todtenkoͤpfe, einige standen im Schatten, man sah nichts darauf; weiter oben waren einige vollkommene aus der Isle de France. B) Zweite Haͤlfte. Meist Papillions, aber wie- der ganze Reihen de la China, de Cayenne, de Surinam, Guadeloupe, et cet. Bei einem stand: Sans nom. Bei vielen hies es: Papillon donné par le Roi!! a) Die aus China haben blaßbraune Farben, aufs hoͤchste mit einem Streifen, Flecken oder Band von hellern Farben. b) Die aus Surinam, und vom Amazonen- flusse haben meist ein helles, brennendes Berliner- blau mit einer schwarzen Einfassung. c) Viele aus Madagaskar, haben unten Gold- flecken. K d) Le d) Le Decoupé de Canade hat alas trunca- tas, nicht ausgerundet. II) Zweiter Schrank. A) Erste Haͤlfte. Coleoptera, Tenebr., Cassi- dae, Cicindelae, Buprest., Dytisci; a) aber sie waren meist schlecht, verfallen, werden nicht rekrutirt, oft standen 5. — 6. in einem Kaͤst- chen. b) Viele hatten fremde Namen, als Taupin. c) Richardets, ein herrlich gruͤner Goldglanz mit rothen Flecken. d) Scarab. nasicor. portefaix, taureau vo- lant und der mit den allerlaͤngsten Hoͤrnern ꝛc. waren hier herrlich. B) Zweite Haͤlfte. Lepturae, Stincore, Ra- vets, Blattae; nur auslaͤndische, keine inlaͤndische. a) Cacrelac war da, aber nur aus Amerika. b) Capricornes, einer aus Cayenne, eine hal- be Spanne lang. c) Charansons, einige ganz kostbare. d) Sauterelles, Mantes, Criquets, unterein- ander, einige mit Ovariis. Die arabische Heu- schrecke fehlte. e) Criquet, vom Vorgeb. d. g. Hofn. mit blutrothem Kopf, gruͤnen Ober- und blutrothen Unterfluͤgeln. III) Dritter Schrank, schmal, vermischte vorige Arten, Chrysomelae, Galli, auf Blaͤrtern. IV) Vierter IV) Vierter Schrank, enthielt eine schoͤne Samm- lung von Wanzen; a) Libellulae, hiessen hier Amarante, Rosine, Chloe, Amaryllis, Iris etc. b) Fourmis, Phrygan. Cynips. Ichneum. c) Mouches à scie du Rosier, verschrumpft. d) Wespen mit Nestern; eins mit einem Ei; eins wie eine Schlafmuͤtze; mit einem Zipfel. e) Viele Arten von Bienen, Muͤcken, Oestrus, Pucerons, Scolopend. Asilus. V) Fuͤnfter Schrank, auch schmal, Cochenille. a) Wanzen, gros, schoͤn, sonderlich von der Insel Bourbon, roth mit schwarzen Flecken; von Do- mingo, blau mit schwarzen Flecken. b) Laterntraͤger, aus China, Madagaskar, Cayenne. Das Horn ist meist roͤthlich, duͤnn wie Trappenfedern, an einigen 1½ Zoll lang, sonst ½ Zoll. c) Gefluͤgelte Ameisen von Pondichery, haben kleine Koͤrper mit grossen Fluͤgeln. d) Skorpione, der groͤste, sonderlich am Schwanz, war von der Insel Bourbon. e) Skolopendr. aus Algier und Domingo wa- ren 2. da, fast so dick, wie ein Strobilus Pini. f) Spinnen. Viele Arten mit Nestern, einige wie Blaumeisen so gros. g) 2 Cloporten, ohne Ortsangabe ꝛc. K 2 Bemer- Bemerkungen. Man brennt hier den Kaffee auf den Strassen, das Kasserole wird uͤber einem Kohlenbecken herumgedreht. Man findet Leute, die allerlei Sachen, alles fuͤr 4. Sous verkaufen, und das schreien sie bestaͤndig aus. Geht man Nachts uͤber den Pontneuf, so machen die vielen Lichter zu beiden Seiten am Wasser hinunter einen herrlichen Anblick. Bis 10. Uhr bleiben auch alle Boutiquen offen und haͤngen voll Lichter. Den 5ten Jun. Les Tapisseries des Gobelins, besah ich heute. Fast am aͤussersten Ende der Stadt stehen etliche Koͤnigl. alte Gebaͤude, die so heissen, und der bekannten praͤchti- gen Tapetenmanufaktur gewidmet sind. Heut war La petite Fete Dieu, und die ganze Stadt wieder mit Tapeten behangen, aus jeder Kirche zogen Prozessionen aus, besonders war die aus St. Sulpice sehr praͤchtig, und im Hof des Gobelins war in der Kapelle auch ein praͤchtiger Altar errichtet. Die Procession ging etliche- mahl dadurch, und da hingen dann vorne, im Eingang und inwendig, an allen Waͤnden der beiden Hoͤfe die koͤniglichen Tapeten aus. Man hatte eine kurze Anzeige davon gedruckt, verkaufte diese am Thor, und lies jeder- man hinein. Was ich da gesehen habe, ist unbeschreib- lich. Alle meine Freunde, und jeden, der fuͤrs Schoͤne empfindsam ist, haͤtt’ ich gern dahin gewuͤnscht. Grosse Tapeten, breit, hoch, alle voll Figuren, Thiere, Blu- men, Geraͤthe, mit den schoͤnsten Einfassungen, in den hoͤchsten Farben, mit den feinsten Zuͤgen; alles wunder- bar bar in einander gewirkt. Man sieht Stuͤcke, die so voll sind, wie das feinste Gemaͤlde. Einige glaͤnzen mit Gold und Silber, daß das Auge geblendet wird. Auf allen sind oben oder unten die Koͤnigl. Lilien in einem herrlichen blauen Felde. Die meisten Vorstellungen ste- hen unten in eingenaͤhten Buchstaben. Sie sind entwe- der aus der Mythologie, oder vom Theater, oder aus der biblischen, oder aus der franzoͤsischen Geschichte, oder aus der Natur genommen. In Gesichtern ist man nicht gar gluͤcklich, wenigstens unter den weiblichen Figuren, ist es selten vorzuͤglich; maͤnnliche sind viele herrlich. Aber was die andern Gliedmaßen, besonders Schenkel, Fuͤsse, was Stellungen, was Kinder, Blumen, Laub- werk ꝛc. betrift, und antike Trachten, das ist alles unbe- schreiblich schoͤn. Pferde, grosse Thiere, Voͤgel sind herrlich, Schlangen und kleinere Thiere aber mittelmaͤs- sig: uͤber die Nachahmung des Laubwerks der Blu- men, der Fruͤchte hingegen, geht nichts. Fast alle Stuͤ- cke sind mit solchen Kraͤnzen, an denen ich mich nicht satt sehen konnte, eingefaßt. Unter den Stuͤcken, die ich sah, gefielen mir folgende am besten: Die Jahrszei- ten; und Jason und Medea; man sieht ihr die auf- wallende Liebe, das schuͤchterne Mistrauen, und die Zwei- fel an seiner Treue an, und er liegt so vor ihr, als wenn er schon Willens waͤre, untreu zu werden; Medea er- mordet ihre Kinder; die beiden Schlachtopfer liegen ganz vortreflich da, und die erhitzte Furie stuͤtzt sich trotzig auf ihren blutigen Dolch. Ewig Schade, daß das Ge- sicht nicht noch mehr ausgedruͤckt! Die kriegerischen Auf- tritte von Ludwig XIV. wie er 1660 — 1672. bei der Armee in Flandern und Lothringen war, kommen ei- nem laͤcherlich vor; er reitet auf Schimmeln, in so son- K 3 derbarer derbarer Kleidung, in seidnen Schuhen mit grossen ro- then Bandschleifen, in solcher weibischer geputzter Tracht, daß man eher an jemand anders, als an einen Helden denken moͤchte. Die Leibgarde neben ihm, und die Pferde, sind aber allemahl, was man schoͤn sagen kan. Die Belagerung von Douay 1667. wo ein Ka- nonenschuß hart hinterm Koͤnig einen Garde du Corps toͤdtet. Das Pferd mit dem Blut, das aus der grossen Wunde am Hinterbacken praͤchtig roth auf dem weissen Grund herausquillt, im Niederstuͤrzen, und der Garde du Corps todt hingeschmettert, darneben, seine Muͤtze auf der Erde, der Koͤnig herumgekehrt, voll Schrecken und Erstaunen, der vordre Garde du Corps schon herab von seinem Pferde, und hinten das ganze Gefolge voll Bestuͤrzung; das ist ein Anblick, den man keinem beschreiben kan. Le Sacre de Louis XIV. auch ein kostbares Stuͤck. Er kniet in einem blausammtnen Mantel mit einem goldnen und purpurnen Kragen, auf einem ebenfalls blausammtnen Teppich vor dem Erzbischof von Rheims. Mantel, Teppich, Kuͤssen, — alles ist mit goldnen Lilien besaͤet. Der Erzbischof faßt die Kro- ne an beiden Seiten an, 2. andre Bischoͤffe darneben he- ben noch an den Seiten, der Koͤnig kniet, hinter ihm steht ein Tisch auch mit einem blauen und goldenen Tep- pich, die ganze Kirche ist voll von dem praͤchtigen Koͤnigl. Hofstaat. Von der Flasche mit dem heiligen Oele sieht man nichts. Tempelreinigung. O lang hab’s ichs angesehen, und indem ichs schreibe, moͤcht’ ichs noch ein- mahl sehen! Christus im Mannseifer streckt beide Arme in die Hoͤhe, in der einen einen Strick haltend, das Auge sagt viel, das Gesicht gluͤht ihm, die Schafe draͤn- gen sich; dort hat einer einen Ochsen am Strick, und zerrt zerrt und zerrt, will fort mit ihm, so schnell er kan; da kommt eine Frau, im Zorn schluͤpft ihr die linke Brust aus der Kleidung heraus; sie schießt auf Christum los, und raft mit der andern Hand Geld vom Boden zusam- men ꝛc. Christus war herrlich, weil er hier orientalisch, vorgestellt ist, wenn er nur keinen Heiligenschein um den Kopf haͤtte! — Krankenheilung, Lazari Auferwe- ckung, unglaublich ists, wie viel auf so einer Tapete ist. Man muß die Lorgnette nehmen, wenn man alles sehen will. Christi Nachtessen beim Pharisaͤer, Luc. VII. O, die Suͤnderin liegt da, ein herrlicher Anblick, und der Pharisaͤer faͤhrt zuruͤck, daß er ja nicht angesteckt werde. — Christi Fußwaschen, er kniet vorm Pe- trus, das Becken steht neben ihm, unten steht aus der Vulgata: Exemplum dedi vobis, — es macht, beides schnell gesehen, einen maͤchtigen Eindruck. Ei- ne Akademie zu Athen, nach einem Gemaͤlde von Raphael ausm Vatikan; alle Wissenschaften, jede durch einen Philosophen vorgestellt, in einer andern Stel- lung, einer schreibt, ein andrer mißt mit dem Zirkel, ei- ner meditirt, observirt ꝛc. Consta ntin ’s Gesicht, man glaubts nichts, wie viel Kunst, Pracht, Verwicklung ohne Verwirrung auf so einem Teppich ist, bis man’s sieht. Jakob, Laban, und Rahel und Lea — Ach, unbeschreiblich schoͤn! Die Scene ist natuͤrlich, ganz laͤndlich, Baͤume, Gras, Blumen, Schafe, Men- schen nur halb gekleidet; Lea in der Ecke, mit rothem Haar, und Pockennarben bis auf die Brust herab; aber Rahel unterm Baum, ganz herrlich blicktsie auf den schoͤ- nen Juͤngling so halb hin, Jakob spricht mit dem Geiz- hals, der immer nach den Heerden schielt. Noch viel vortreflicher ist Josephs Unterredung mit seinen K 4 Bruͤdern, Bruͤdern, Benjamin ruht lieblich auf seiner linken Schulter, die andern sind alle ebenfalls in den affektvollsten Stellungen, einer kuͤßt ihm die rechte Hand, einer druͤckt ihm die linke, einer liegt unten zu Fuͤßen, einer faßt auf dem Boden sein Kleid, einer schlaͤgt die Haͤnde uͤberm Kopf zusammen, einer stuͤrzt mit beiden Armen auf ei- nen Stuhl ꝛc. Stundenlang haͤtt’ ichs ansehen koͤnnen. — Salomo’s Richterspruch, und sein tiefer Blick ins warme Gefuͤhl des Mutterherzens. Wenn er nur keine Krone aufm Kopf haͤtte! Die Moͤrderin, frech, schamlos, zeichnet sich gleich aus, die rechte Mutter hat das Kind noch halb aufm Arm, halb reißt es ihr schon ein Trabant aus der Hand, und der andre streckt schon das Schwert dazu her; recht orientalisch, wo der Trabant des Koͤnigs auch zugleich Scharfrichter war. Auf eben der Seite Joas Kroͤnung. Hoch oben sitzt der jun- ge Prinz, furchtsam, und sucht in der laͤrmenden Menge seinen Hohenpriester, der auch immer mit dem einen Auge nach ihm sieht, und auf der andern Seite die rasende Athalia zuruͤckhaͤlt. Zwei stammhafte Maͤnner fallen ihr in die Arme, fassen sie um die Weichen, und schuͤtteln das Weib ꝛc. Laͤcherlich kam mir vor, Engel zu sehen, klein, mit grossen Fluͤgeln oben an der Schulter, und gewaltig grossen Zeugungsgliedern, die sie nie haben soll- ten, und mit ihrem Koͤrper in gar keinem Verhaͤltnis stan- den. Oft standen auch an so einem herrlichen Stuͤck ein Paar Worte aus der Vulgata ohne Zusammenhang und Verstand. Recht moͤnchisch und lustig wars, die vie- lerlei Pronunziationen der Franzosen an der Seite mit anzuhoͤren. In der Kapelle hatten der Aberglaube und die Ceremonienreligion ihre Spielsachen fuͤr kleine und grosse Kinder ausgekramt. Aber Aber noch viel schoͤner, als dies alles, sind die Ta- pisseries à soie, die man Nachmittags in einem grossen Saal zu sehen bekam. Da hoͤrt alle Sprache, alle Be- schreibung auf, man wird entzuͤckt, wenn man’s sieht, weis nicht, wo man anfangen, wo man aufhoͤren soll. Schwerlich kan man die Nachahmung der Natur hoͤher treiben, und man geraͤth wirklich zuweilen in Versuchung, mit dem Franzosen zu sagen: die Natur kans nicht schoͤ- ner machen. Die groͤste Feinheit, die hoͤchste Schoͤnheit im Kolorit, die moͤglichste Delikatesse in jedem Zug, die beste Symmetrie; kurz, alles was praͤchtig, majestaͤtisch, eingreifend ist, ist da vereinigt. Die Tapeten sind uͤber 12. Schuh hoch, und einige 6. Schuh, andre 3. Schuh breit. Ganze Buͤschel von Rosen, Ranunkeln, Ane- monen, und kleine Fruͤchte, Affen und Papageien und bunte schimmernde Voͤgel darzwischen, — Scenen aus dem Don Quichotte, ganze Gruppen von Genien, Goͤt- tinnen, Koͤniginnen, Kriegshelden, Baurenscenen, Opfer- priester, Thiere, Ausdruͤcke von Leidenschaften, Trennun- gen, voll Ruͤhrung und Wehmuth, schoͤne Stellungen, nackte Menschenfiguren im voͤlligen goͤttlichen Ebenmaas, Koͤniginnen im Prachtkleide, und im Neglige’e, Goͤttin- nen schlafend, und alles in lauter paradiesischen Gegen- den. Die brennenden Farben, das Einnehmende in den Gesichtern, sonderlich in den Augen, die feinen Pin- selstriche, die Wellen, der Wurf, die Falten in den Klei- dungen, die Abwechslung, die Zusammenstellung, die Anordnung des Ganzen, die Sorgfalt, die auf jedes Theilchen gewendet ist, der Ausdruck der Seelenbewegun- gen, das uͤberall leuchtende Zeugnis von der Kunst, Na- turscenen bis auf die groͤßten Kleinigkeiten zu beobachten und sie auf Seide und Leinwand zu schaffen, wo sie vor- K 5 her her nicht waren; — das alles und noch viel mehr, was ich, nicht eingeweiht in Kunstsachen, nicht entdecken, nicht sagen kan, ist da zu sehen, und ein Narr ist der, ders sehen kan, und nicht sehen mag. Es stehen die Namen Audran und Cozette und die Jahrzahlen 1740. 1760. 1771. daran, und ich denke, die grossen Maͤnner werden des Andenkens eben so werth seyn, als Praxiteles und Apelles. Wer ein junges Genie weis, das Anlage zur Malerei und Stickerei hat, und er schickt es nicht hier her, daß ers einsaugt, wie der Saͤugling Milch, und nachahmt, so ists wahrlich Diebstahl am Menschenge- schlecht. Faͤngt er da nicht Feuer, so hat ihn Mutter Natur nicht zum Maler bestimmt. Alle Woche ein- mahl moͤcht’ ich dahin sitzen, und vor jedem Stuͤck Stun- denlang weilen, und so fort ruͤcken, und immer wieder neue, erst uͤbersehene Schoͤnheiten entdecken. Schwatz mir einer lang in der Aesthetik vom Empfinden des Schoͤ- nen vor. Sehen, sehen muß ers, Regeln brauchen wir nicht viel. Es ist eine Tapete da, wo Angelica und Medor sich mit einander versprechen. Ha, so schoͤn koͤmts gewis in der Natur nicht oft vor. Medor liegt im Kuͤraß als Soldat vor ihr, Liebe thront im Auge, und sie, — o wie herrlich ist alles, — der Arm so zier- lich aufgehoben, ihr Aug, Mund, Stirn, nein, nein, es ist unique, keine Sprache druckts aus. Was soll man von dem denken, der in die Gobelins geht, und das alles suͤndliche, eitle Pracht nennt, oder mit der stum- pfesten Seele von der Welt sein Sapientis est nil mirari daher gaͤhnt? Hierauf machte ich einen Be- such bei Madame Chenier. Wiederum eine merkwuͤrdige Erscheinung. Eine Griechin mitten in Paris, von Konstan- Konstantinopel gebuͤrtig, die griechisch spricht, griechi- sche alte Dichter liest, schoͤn, obwohl langsam franzoͤsisch spricht, auch etwas Englisch versteht, Deutsch lernt, und uͤberhaupt ein Frauenzimmer von vielem Verstande ist. Ihr Mann, Mr. Chenier, ist wirklicher Koͤnigl. franz. Konsul in Tunis. Wir sahen ihn nur im Portrait. Sie hat eine, meist erwachsene Tochter, die aber weder an Koͤrper, noch Seele, der Mutter gleich werden wird. Ihre Kleidung ist noch ganz griechisch, recht natuͤrlich, voͤllig so, wie sich die Vestalinnen der Roͤmer trugen. Ein weisses Unter- und Ober-Kleid, mit einem blauen Band in der Mitte des Leibes gebunden. Auf der Brust Spitzen, auf den Achseln silberne Schnuͤre, an der lin- ken Brust eine goldene Kette, unter dem Band auf eben der Seite, silberne Troddeln, die an silbernen und schwar- zen Schnuͤren hinabhaͤngen, und womit das blaue Band geknuͤpft wird, und womit sie jetzt spielte. Die Haare trug sie fast wie in Strasburg, mit einem grau und weissem Bande umschlungen, das hinten weit hinabfiel, oben drauf steckten Zitternadeln, und eine kleine Straus- senfeder. An den Seiten hingen einige geflochtene Zoͤpfe, einige Locken fielen herab, und uͤber und unterm Ohr trug sie grosse Ohrengehaͤnge. Grade so war auch die Toch- ter gekleidet. Auch dies gehoͤrt mit in die Beschreibung einer naturhistorischen Reise. Daher gab ich auf alles Acht, und koͤnnte wohl noch mehr von ihrer Toilette sa- gen. — Zu meinem großen Vergnuͤgen ließ sie sich bere- den, daß sie Herrn Villoison und mir ganz im griechi- schen Ton mit ihrer Tochter eine Ode aus dem Anakreon vorsang, und hernach noch eine allein. Es klang ungemein harmonisch, und unbeschreiblich suͤß. Sie las das Grie- chische, wie ich, — denn sie wollte mich lesen hoͤren, — und und wir machten, theils im Lesen, theils im Uebersetzen die Probe, nur ακαρβη sprach sie Acarvi aus, sonst aber las sie, wie ich. Sie zeigte mir Huber’s franz. Uebersetzung von Gesner’s Idyllen, bat mich, ihr zu sagen, ob die Uebersetzung treu und gut waͤre. Ich las das Gemaͤlde aus der Suͤndfluth durch, und fand sie meist treu, fliessend, gut, nur war oft eine Paraphrase, wo der Teutsche ein einziges Wort hat. Sie war mit mir einig, daß es eins der schoͤnsten Stuͤcke waͤre. Bei Abels Tod, sagte sie, haͤtte sie oft geweint, sie wuͤnschte sehr, daß sie das Teutsche vollkommen verstuͤnde, und sie wuͤrde mich ohne Zweifel zu ihren Sprachmeister ange- nommen haben, haͤtte mich nicht, — ich weiß nicht — ein boͤser oder guter Genius von Paris weggefuͤhrt. Sie sagte, in Corfu, in Cephal. in allen venetianischen In- seln spraͤche man sehr gut Griechisch. Sie wies mir alle Trachten der Griechen von den verschiedenen Inseln, auf Gemaͤlden; Gemaͤlde vom Grosherrn zu Pferde, in der Audienz, den Anzug der Sultaninnen zum Kaffee bei ihm; Audienz des Kaisers von Marocco, im Felde alle- zeit zu Pferde unterm Regenschirm, und der Dolmetscher erst in der Prosternation, ehe er sprechen darf; ihre Fa- milie, von ihrer eignen Hand; eine Hochzeit in Tunis, der Braͤutigam verhuͤllt zu Pferde, und seine Freunde mit Flinten bei ihm ꝛc. Sie tanzte auch aus Gefaͤllig- keit fuͤr mich mit ihrer Tochter einen griechischen Tanz, der sehr schoͤn, aber ermuͤdend war, in der langen, na- tuͤrlichhaͤngenden Kleidung aber gar wohl aussah. Sie hatte auch Buͤsten der alten und neuern Gelehrten ꝛc. Heute Abend ging ich auch ins Vauxhall. Ein grosses Haus auf dem Boule- vard, das nur Donnerstag Abends von 8. — 10. Uhr besucht besucht wird. Man muß 30. Sous Entre’e bezahlen. Leute von Stande versammeln sich da. Es ist ein grosser Saal, wo man plaudert, und hinten ein Hof, der oben Gallerien hat. Im Hofe sind kuͤnstliche Feuerwerke zu sehen, Tempel der Venus, des Mars, Apollo, gewoͤlbte Haͤuser, Boͤgen, Inschriften, alles meist mit gefaͤrbtem Feuer illuminirt. Das Ganze ist eine Nachahmung der Engellaͤnder, und eine von den vielen Erfindungen, um den Muͤssiggaͤngern die Zeit zu vertreiben. Wenigstens eine Viertelstunde weit standen haussen Chaisen an Chai- sen. Fuͤr die gemeinen Leute sind um eben die Zeit alle Koffeehaͤuser illuminirt, und mit Musik und Saͤngerin- nen besetzt. Auch spielen die Joueurs de farces bis in die spaͤte Nacht ihre Possen, klopfen sich oben auf ih- ren Geruͤsten weidlich herum, und machen abscheuliche Grimassen ꝛc. Man kan sich das Getuͤmmel, das Ge- wuͤhl, das Laufen unter einander nicht vorstellen. Bemerkungen. In den Kaffeehaͤusern hat man auch Ponche au lait. Man nimmt den Punsch, schuͤttet warme Milch dar- an, und tunkt Biscuit hinein; es schmeckt herrlich. Ei- ne Portion fuͤr 2. Personen kostet 15. Sous. Auch ein Paar Worte uͤber Les Accrocheuses. Was ich oft hoͤrte und nie glaubte, hab’ ich gesehen. Schon um halb 10, und noch mehr nach 10. gegen 11. Uhr stehen fast in allen Strassen les filles de Paris, und warten auf die jun- gen Leute. Sie laufen einem nach, zupfen, reissen, pfeifen, zischeln, Ah, mon cher, veux-tu mon- ter avec moi? Ah, il fait beau chez moi. Ve- nez nez donc, tu t’amuseras \&c. In der Rue mau- vais Garçons, Rue Macon, Rue Galande, Rue St. Honoré sonderlich, da stehen sie Dutzendweis ge- putzt unter den Thuͤren, sitzen auf den Steinen, sehen in die Scheidewege hinein, ohne Scham und Zuruͤckhal- tung. Demain, sagte ich einsmahls, im Augenblick war die Antwort: A quelle heure? après midi? Sagt man: Oui, où est-ce que vous demeurez, so kehren sie gleich um, il n’y a que deux pas. Ici, mon ami \&c. Trauriges Zeugnis vom sittlichen Zustande der Nation! und welch eine gefaͤhrliche Lock- speise fuͤr den, der sonst Gelegenheiten von der Art macht, weil er sie nicht so leicht findet! Aber wahr ists, Paris und unser Jahrhundert hat das nicht aufgebracht, es ist kein Beweis vom steigenden Verfall. — In Jerusa- lem zu Salomo ’s Zeiten wars eben so, es paßt nichts genauer, als seine Beschreibungen in der Mischle, von den oͤffentlichen Weibspersonen. Wer sie nur einmahl gelesen hat und sieht das, der muß sich daran erinnern. Semper eadem fabula luditur. Den 6ten Jun. Le Cabinet d’Estampes du Roi. In eben dem Hause, wo die Koͤnigl. Bibliothek steht, ist unten, aber auf der Seite, auch diese herrliche Sammlung. Die Kupferstiche sind alle auf Folioblaͤtter aufgeklebt, oder liegen doch in Cartons in Folio zwischen weissem Papier. Man sieht also wiederum eine kleine Bibliothek, alles ist in rothen Saffian mit goldenen Lilien eingebunden. Mr. Joly, der Garde du Cab. d’Estampes du Roi, ist ein hoͤflicher, liebenswuͤrdiger Mann. Das Zimmer ist bestaͤndig, noch vielmehr als die Koͤnigl. Bibliothek, mit Fremden, Fremden, sonderlich mit Damen, angefuͤllt. Man darf sich nur hinter eine Portefeuille setzen, so hat man gleich eine Menge Leute, die keine Addressen haben, und doch sehen wollen, um sich. Ich sah einige von den vornehm- sten Werken durch, und zwar: Von den Franzosen, L’Oeuvre de Boucher und de Hyac. Rigaud. Von den Italiaͤnern, Blaͤtter von L. da Vinci; Baccio Bandinelli; Andr. del Sarto; Dan. di Volterra; Fr. Salviati; M. Angelo. Von den Hol- laͤndern, das Werk des Lucas v. Leyden in 2. Folio- baͤnden. Ich betrachtete ferner Ein Recueil des Plantes en Migniature. Das sind keine Kupferstiche, sondern 60. Baͤnde von gemahl- ten Pflanzen, die im Kngl. Garten gewesen sind, und noch sind. Mat hat schon zu Louis XIII. und Duc Gaston d’Orleans Zeiten diese Sammlung angefangen. Sie ist von etlichen Artisten, die auf einander gefolgt sind. Man findet die Namen Aubriet, N. Rob. \&c. auch sind von der Madem. Basseporte Stuͤcke darin. Freilich nicht in natuͤrlicher Groͤsse, aber doch alle in Kleinfolio, auf Pergament mit vergoldeten Einfassungen. Jedes Blatt ist einzeln, und liegt zwischen weissem Pa- pier, auf dem eine kurze botanische Nachricht geschrieben ist. Die Benennungen der Pflanzen sind aus Caspar Bauhin, Lobelius, Tournefort, Rai, Clusius ꝛc. Bei den Meisten ist die Wurzel und die Bluͤthe noch be- sonders. Ich sah die Geschlechter Convolvulus, Gentiana, Malva, Tythimalus, Ketmia, Alcaea, Gossypium \&c. durch, und alles war unvergleichlich schoͤn. Die schoͤnsten blauen, rothen, und gruͤnen Far- ben, folia tomentosa, das verdaͤchtige Gruͤne am So- lanum, lanum, das Braune der Wurzeln ꝛc. war gar wohl ausgedruckt. Ich wuͤrde diese 60. Baͤnde da nicht ge- sucht haben, wenn mich nicht Mr. de Jussieu darauf aufmerksam gemacht haͤtte. Heute sah man auch Les Affiches du Cours de Botanique, im Kngl. Garten an den Waͤnden angeklebt. Die Gelehr- ten drucken immer den ganzen Titel mit allen Societaͤten ꝛc. und sobald sie einen andern nennen, auch wieder des- sen Titel alle zu dem Namen. Die Botanik war doch noch hinausgesetzt auf den 10ten Jun. Nachmittags um 4, und dann die Demonstrationen der Pflanzen auf Morgens fruͤh um 7. Uhr. Die Studenten, wies scheint, haben hier gute Tage, der Franzos studirt nicht so ernst- lich und in der Ordnung, wie der Teutsche. Unten an den Affiches stand: Defense d’entrer à l’Amphi- theatre avec canne, ni epée. Man muͤsse, sagte man mir, 2 Sous zahlen, wenn man einem mitbringen wolle ꝛc. Ich ging von da auf die Bibliothek der Abtei Ste. Genevieve, und sah Les Planches de Mr. Fusée Aublet, eine herr- liche Sammlung zur Botanik, durch. Schade, daß das Papier nicht weisser ist, zum Text T. I. II. ists weis genug. Aber so sehr man sich an diesem Anblick labt, so unwillig wird man, wenn man im Vorbericht, welcher die Lebensbeschreibung des Verfassers von ihm selber, mit Briefen und Certificaten belegt, enthaͤlt, die vielen Laͤsterungen, Verleumdungen, und Widerstrebun- gen liest, die ein so fleissiger und rechtschaffner Mann noch neben den, von seinen Beschaͤftigungen unzertrennli- chen chen Lasten zu uͤberwinden hatte. Welch ein abscheuli- ches Ungeheuer ist der Neid! Ihn ergriff er in Amerika, und in Frankreich fand er ihn wieder. L’Hotel des Invalides. Fast außen vor der Stadt steht ein grosses Gebaͤude, das Mauer und Gra- ben, Thore und eine Art von Befestigung hat. In- wendig ist ein grosser Platz, auf dem liegen Kanonen, die, wenn der Koͤnig oder die Koͤnigin vorbeifaͤhrt, ge- loͤst werden. Ueberall stehen Schildwachen. Ueber dem Hauptthor steht Ludwig XIV. zu Pferde mit einer klei- nen Inschrift. Das Haus selber hat noch eine Menge kleiner Bildsaͤulen oben auf dem Dache, ist aber, wie ganz Paris, aus dem weisgrauen weichen Steine ge- baut, der, wenn er eine Zeitlang der Luft ausgesetzt ist, haͤslich schmutzig wird. Der Hof ist inwendig viereckigt, und das Haus hat ringsum bedeckte Gaͤnge mit Schwib- bogen. Ueberall begegnen einem die ausgedorrten Men- schen an einer, an zwei Kruͤcken, mit hoͤlzernen Fuͤssen, mit Rockermeln ohne Arm darin, mit zerfetzten Gesich- tern ꝛc. Alle tragen eine blaue Kleidung und gehen am Stock. Im langen Eßsaal stehen marmorne Tische an den Seiten, und die Teller und Kannen sind alle von Zinn. Sie kamen grade vom Abendessen und hatten Eier und Fische gehabt. In der Kuͤche findet man lau- ter kupferne, aber inwendig verzinnte Gefaͤsse, Gardes à manger, ungeheure Kessel, und eine praͤchtige Bra- tenwendermaschine, die von einem der besten Uhrmacher in der Stadt gemacht ist. Das Brod, das sie bekom- men, ist weis und gut ausgebacken. Ihre Zimmer sind simpel, und die Betten auf franzoͤsische Art. Hinten liegt ein huͤbscher Garten zum Spazierengehen, worin L sich sich auch einige der Invaliden mit der Gaͤrtnerei amuͤsi- ren. Der Brunnen, der die Kuͤche und alle Zimmer mit Wasser versieht, ist ein Meisterstuͤck und steht in ei- nem eignen Hause. Alles Wasser komt von Arcueil, 2½ Stunden weit her, in hoͤlzernen Roͤhren, und ist gesun- des reines Quellwasser. Der Brunnen ist 100. Schuh tief, und 16 Schuh breit. Das Wasser steigt durch grosse Kanaͤle herauf und faͤllt wieder hinab. Diese Ma- sch i ne wird bestaͤndig von 4. in die Runde gehenden Pfer- den getrieben. In jeder Stunde steigen 124. Muits Ein Muit ist 2. Tonneau; ein Tonneau ist 122. Maas. Wasser herauf. Dieses Wasser vertheilt sich im Hotel in 248. Roͤhren, und fuͤllt noch 2 grosse Bassins, eins im Hotelgarten und eins im Garten des Gouverneurs. Ne- ben dem Brunnenhaus ist der Stall fuͤr diese 4. Pferde. Oben im Hotel ist die Chambre de Conseil. Un- ten haben die Invaliden eine eigne Kirche, aber so sim- pel diese ist, so koͤniglich, so weit uͤber alles, was sich sa- gen und vorstellen laͤßt, ist die Kuppel der Kirche des Invalides. Hinter dem hohen Altar ist noch ein ge- raͤumiger Platz, in Gestalt eines Kreuzes, in der Mitte ein grosser Kreis und neben dem 4. kleine, zu denen man auf 6. marmornen weissen Stuffen hinauf steigt. Der Fußboden dieses Gewoͤlbes ist mit weissem, rothem und schwarzem Achat gepflastert, — so nennt mans, — es ist aber mehr Jaspis. Die Zeichnung dieses Pflasters ist unbeschreiblich mannichfaltig. Sterne, Zirkel, Rin- ge, Blumen, verzogene L. G. (Louis le Grand), — und das alles mit der Farbenabwechslung der verschiede- nen Steinarten. Besonders ist aufm Fußboden des mittelsten mittelsten Gewoͤlbes ein unendlichpraͤchtiger, sehr vielecke- ter, schwarz und rother Stern mit einer weissen Einfas- sung. Auf den darf niemand gehen, nur der Koͤnig koͤmmt des Jahrs einmahl, steigt bei der Thuͤre, diesem Stern gegen uͤber, aus der Karosse; in den Stern wird dann ein sammtner Stuhl gesetzt, auf den setzt er sich, mit dem Gesicht gegen die Kirche gekehrt, und da wird Messe gelesen. Aber das ist nur der Fußboden. In den 4. Seitennavaten stehen rings herum Statuͤen aus Gyps, Apostel, Kirchenvaͤter, Heilige, da traf ich bei Moni- ca, Marcelline \&c. auch eine Ste. Satyre an, die ich sonst nicht die Ehre hatte zu kennen. Unter diesen Statuen zeichnet sich Paulus durch sein grosses, edles, aber unter den Schmerzen verfallenes Gesicht, so wie Augustinus durch seine grosse Bischofsmuͤtze, aus. Ue- ber den Nischen, in denen diese Statuen aufgestellt sind, geht eine andre Parthie des Gewoͤlbes an. Diese ist mit einer unbeschreiblichen Menge Verzierungen geschmuͤckt. Alles ist Stukkaturarbeit, so fein, so praͤchtig, so delikat, daß man’s auf Leitern Stuͤck vor Stuͤck betrachten sollte. Diese Verzierungen gehen so fort, bis oben, wo die Seg- mente, die bis ins Gewoͤlbe hinauf laufen, anfangen. Denn jedes von diesen Gewoͤlbern ist in 6. Abtheilungen getheilt; in jedem sind 6. Gemaͤlde, und zwischen den Gemaͤlden ist alles mit vergoldeten Zierathen ausgefuͤllt. Die Gemaͤlde erheben sich auf dem praͤchtigen Grunde in der Hoͤhe vortreflich; sie sind alle von dem beruͤhmten Le Brun Der Kaiser war uͤber sie ganz entzuͤckt, und sprach mit dem Koͤnige davon, der hatte sie aber noch nicht ge- sehen. — So erzaͤhlte mir Mr. Delor. gemalt und stellen geistliche Sujets vor. L 2 In In jedem von diesen 4. Seitennavaten, die mit einander communiciren, findet man neue Koͤnigl. Pracht, neue Meisterstuͤcke der Kunst. Gold, Farben, Arbeit, De- likatesse, alles ist hier recht verschwendet. In der Mitte uͤber dem oben genannten praͤchtigen Stern ist wiederum so ein kostbares Deckenstuͤck, das fast den ganzen mittlern Kreis einnimmt. Ringsherum stehen Buͤsten von Koͤ- nigen und Kriegshelden. Am hohen Altar sind gedrehte Saͤulen und alles ist mit Gold uͤberzogen. Zuletzt kan man den Kopf nicht mehr in die Hoͤhe strecken, das Auge leidet von dem Glase, und dem uͤberall entgegen schim- mernden Golde und Gluͤhen der Farben. Und so- bald man das Auge von diesen Kostbarkeiten wegwen- det; so erblickt man vorne in der Kirche Bilder des menschlichen Elends; — alte abgelebte Krieger, — zitternde Greise, — wandelnde Gerippe, — Denkmaͤ- ler des verwuͤstenden Krieges, — Menschen, die mit geheimer Freude an vormahlige Feldzuͤge zuruͤckdenken, ihre verstuͤmmelten Glieder, ihre Kruͤcken, alle Tage herumschleppen, in frommer Einfalt, auch aus Langer- weile, den Rosenkranz beten, ihren Kameraden erzaͤhlen, was sie ihnen schon tausendmahl erzaͤhlt haben, sich an ihre umgekommene Freunde erinnern, zuweilen gegen Fremde mit Thraͤnen im Auge die Gnade ihres Koͤnigs und die ihnen verschafte Ruhe im Vergleich der ausge- standenen Gefahren ruͤhmen, groͤstentheils der Welt schon abgestorben sind, und nun unter ihren Bruͤdern den Tod erwarten, der sie im Gewuͤhl der Schlacht nicht fand. Ein alter, ehrwuͤrdiger Greis, dem meine Jugendfarbe gefiel, wie mir sein unterm Kriegshute graugewordenes Haar, fragte mich, was ich zu dieser Anstalt sagte, und gab mir dabei mit einem Tone, der mehr die Sprache eines eines Vaters, als eines Hofmeisters war, die Erinne- rung, daß man erst arbeiten, leiden, viel ausstehen muͤsse, eh man ruhig leben und verpflegt werden wolle. — Und in meinem ganzen Leben hab’ ich keine Lehre so wil- lig angenommen als diese hier, die mir so recht suo lo- co, suo tempore, obgleich von einem Fremden, ge- geben ward. Den 7ten Jun. Le Cab. de l’Hist. Nat. du Roi. Ich fuhr heu- te im Besehen dieses Kabinets fort, und fand noch im dritten Zimmer IIII) Seekoͤrper, an der Seite linker Hand der Thuͤre, wodurch man in das 4te Zimmer geht. So gar viel Merkwuͤrdiges und Seltnes sah ich eben da nicht, es waren grosse, wohlerhaltene, aber gewoͤhnliche Stuͤcke. Und bei den Wenigsten war das Meer, und die eigentliche Gegend bemerkt. Doch sah ich a) Eine Tubipore, so gros, wie bei uns eine von den groͤsten Kuͤrbissen. b) Madreporen, Astroiten ꝛc. mit allerlei Beina- men, Bois de Cerf, Soleil oder Chou de mer, Cerveau de Neptune etc. Was lernt man da- raus? — von allen Farben. c) Dentelle de mer, gar fein, ein passender Na- me, blasgelb, wie Marli. — Retepore. d) Corallen; — auf Steinen, weisse, fleischfarb- ne. Zwei Stuͤcke, die unten schoͤn roth, und oben noch weis waren! — alle Nuͤancen vom Roth, — mit der Rinde noch. L 3 e) Co- e) Corallen mit Polypen, in einem Glaͤschen mit Meerwasser, vermuthlich; so stands oben, ma sah auf jedem, kleine, weisse, irregulaͤre Huͤbelchen. f) Madreporen, blaue, blaßgruͤne, starkgruͤne; grosse Stuͤcke, die uͤberall auf dem Anbruch inwendig blau waren; schwarzbraune. g) Alle Figuren von Schwaͤmmen. h) Lithophyte, sur un pot de terre, und auf dem Kruge noch Vermisseaux, s. Ellis Hist. d. Corall Und nun ging ich wieder ins zweite Zimmer zuruͤck, wo ich den 27. Mai (s. S. 77.) angefangen hatte, und fuhr fort in des I) Ersten Schranks B) Zweiter Haͤlfte, (s. S. 85.) da war Silber. 1) Gediegen; en Lames, en boutons, cry- stallisé, tetraédre, capillaire, en filets, den- dritisch; mit Schoͤrl, auf schwarzem Fels, — in Hornstein, — aus Ungarn, Sachsen, in Thon, etliche Ringe mit Spat und Haarsilber und Kies aus Kongsberg. 2) Alle Sorten von Roth- und Weis-guͤlden Erz; eine unendliche Menge mit Spat, Kupfer, Quarz, Kobold, mit Gold aus Schemnitz, auch crystallisirt ꝛc. 3) Zinn; schwarze grosse Zinn-Krystalle aus Boͤhmen, weisse, gelbe, mit Molybdena. II) Neuer Schrank, (es war nicht so genau abgetheilt; es waren kleine Schraͤnke darzwischen.) Ich fand darin a) Unten a) Unten Crystall, aus Soissons, aus der Schweitz, eine herrliche Gruppe, grosse dicke Stuͤcke. — Schoͤrl, auch ein grosses Stuͤck. b) Oben auf dem 1ten Schaft noch a) kleine Crystalle, polis, en aiguilles. b) Pierres precieuses, a) Rubis, alle Nuͤancen — auch ganz weis- se; die schoͤnsten aus Brasilien; die groͤsten ausm Orient. b) Granate; aus Boͤhmen, aber keine von Freiburg; sehr kleine, brutes, auch aus Meissen, so grosse wie Kalbsaugen, wie Kir- schen. c) Hyacinthe — ganze Schuͤsselchen voll, welche so gros wie eine Kinderhand. d) Topase — hellgelbe, auch ganz dunkelbraune; viele aus Indien neben den Saͤchßischen, manche sehr gros. e) Péridot, schien mir auch eine Art Topasen zu seyn, bald hell, bald dunkelgruͤn. f) Emeraudes, — Stuͤcke, die eine Hand voll machten, — en canon d. i. langschmal. g) Saphire und Amethysten; alle moͤgliche blas- se und starke Farben unter einander. h) Diamanten; lagen hinter diesen. i) Oeil de Loup — gros, oval, dunkelgelb. k) Pierres chatoyantes; alle Farben. l) Aventurine naturelle; rothgelb, dreierlei Sor- ten. — Oeil de poisson. L 4 m) Mi- m) Mines d’Opal. Opal en Zones brillantes. Opal en points brillants. Man kan nicht sagen, wie praͤchtig diese waren. n) Crystal irisé, Crystal avec une goutte d’eau. o) Noch hinten die schoͤnsten Edelsteine. p) Gold, gediegenes, en feuilles, lames, pail- letes, en vegetation, von Peru ein Stuͤck Spannenhoch; aus Siebenbuͤrgen, Sachsen, Ungarn, Goldkies. Mit Blei aus Siebenbuͤrgen. Ein Collier d’or d’Indiennes. q) Saͤulen und Drusen von Amethyst. Man hatte den Schaft mit grossen Amethyststuͤcken, die oben ver- goldete korinthische Dekorationen hatten, unterstuͤtzt. r) Quarze, Krystalle, sonderlich ausgeschnittene Stuͤcke mit schoͤnen gefaͤrbten Flecken. III) Achate, Onyxe, Kachelons, Chalcedonter, alles unter einander. Ein Anblick, der nicht zu beschreiben ist. Wie die Natur die Farben mischt! Darunter a) Eine grosse Tafel, von rothem Jaspis aus Si- berien, auch viele gruͤne. b) Caillou d’ Egypte mit gar kostbaren Adern; Dendriten dabei. c) Oben Vasen von Sardoine, Sardonyx. IV). a) Marmor, nur die groͤbern Arten. b) Flußspate, gelb und durchscheinend, schwarz und weisser. c) Bolus, Thon, Tripel, Speck und Serpentinstein, Kreide. d) Lapis d) Lapis ollaris fibr. ein langes Stuͤck. e? Porphyr, Granit, Schiefer ꝛc. f) Zeolith, viele Arten, gruͤn, gestreift, feuilleté de Silienski, d’ Oudenski. V) 1) Stalactiten von Antiparos, sieht so mammel- lonée aus, glatt, braun, gros; ein Stuͤck so dick, wie ein Fichtenbaum, de la Grotte d’Auxel, entre Be- sançon et Dole sur le Doux. 2) Albatre; von Antiparos. 3) Kalkspate; alle moͤgliche Formen; einer wie ein Smaragd gefaͤrbt. 4) Pierre de Florence; wie eine Stadt, wieder viele Herborisationen, aber kein Mohrenkopf, s. D’ Argenville. 5) Gypse, en rayons, étoilé, feuilleté, auch ein gruͤner, ohne Ort. 6) Kalksteine, Steinmark in Glas. VI) Linker Hand der Thuͤr zum 3ten Zimmer, a) Italiaͤnische Marmor, viele weisse, mit Verstei- nerungen. b) Steinkohlen, mit — ohne Minen. c) Naphtha, Asphalt in Glaͤsern. d) Ambre jaune avec des Insectes. So heist der Bernstein bei den Franzosen. e) Versteinerungen. a) Cornu Amm. wie ein vordres Wagenrad so gros. b) Zaͤhne vom Hippopotamus und Elephanten. L 5 c) Wirbel c) Wirbel von einem Wallfische so wie ein grosser Teller. d) Terebratuliten im Achat, aber beides ohne Orts Angabe. e) Nautiliten en Cailloux. — f) Encriniten, der Kopf und ein Stuͤck vom Stiel. f) Laven und Basalt, pentagone und hexago- ne du Val en Vivarais. g) Kalkstein im Basalt von Rochemaure. Das Stuͤck war nicht gros, aber man sah den Kalk deutlich darin. L’Observatoire Royal, besuchte ich heute auch noch. Ein praͤchtiges ganz von Steinen aufgefuͤhrtes Gebaͤude. An der Wendeltreppe, die von unten bis oben hinauf geht, und Stuffen von einem weissen Mar- mor hat, ist kein Eisen, keine Klammer, als eine praͤch- tige Grille de fer, worin die Franzosen Meister sind. Alles ist aus den groͤsten, genau auf einander passenden, Stuͤcken zusammengesetzt. Man sieht gleich unten eine Oefnung, die aus dem sehr tiefen Keller herauskoͤmt, und durch alle Stockwerke durch bis zum obersten Platz hinauf fortlaͤuft, und zum Beobachten der Sterne im Zenith, und zu Versuchen uͤber die Naturgesetze des Falls ver- schiedener Koͤrper, bestimmt ist. Auf dem ersten Stock findet man hinten die vortreflichgebaute Ellipse, oder den ovalen Platz, wo man wegen der Reflexion der Schall- strahlen an der gegenuͤberstehenden Seite hoͤren kan, was der andre dort noch so leise an der Wand hinaus sagt. Der gute alte Delor und ich, riefen einander das: Si Si vales, bene est etc. zu. Mr. Jeaurat, der Astro- nom, wohnte da, und hatte unstreitig eine der gesuͤndesten und angenehmsten Wohnungen in Paris. In seinem Zimmer waren unter vielen andern schoͤnen Sachen ein herrlicher Quadrant mit einem Mikrometer, und eine sim- ple, aber schoͤne Vorrichtung, die Menge des jaͤhrlich ge- fallenen Regenwassers zu messen. Es steht naͤmlich oben auf dem Platz ein Gefaͤs von 2. Schuh im Durchmesser, aus diesem sammelt sich das Wasser durch eine blecherne Roͤhre, die bis in einen Wandkasten in Jeaurat’s Zim- mer fortlaͤuft, in eine Art von Gieskanne, die einen Hahn hat. Dreht man den auf, so laͤuft es in ein Gefaͤs, das innen seine Grade, seine Maasse hat, und so kan man ohne Muͤhe, und doch genau bestimmen, wie viel herab- faͤllt. Steigt man hoͤher, so findet man auf einem gros- sen Platz eine Schuhbreite Linie von weissen Marmor durchs ganze Haus laufen; zwischen diesen Platten recht genau in der Mitte steckt eine duͤnne Lage von Kupfer. Diese kupferne Platte ist der schoͤne Meridian, der durchs ganze Koͤnigreich von Coullour an den Pyrenaͤen an bis nach Duͤnkirchen geht. In den Marmorplatten, die den kupfernen Meridian einschließen, sind die Grade und Zeichen des Thierkreises alle angegeben. Hoch oben am Fenster ist eine kleine Oefnung, wodurch die Sonnen- strahlen einfallen und einen Gnomon machen. Der ober- ste breite Platz ist mit Quadraten von schwarzen Kieseln gepflastert, aber in dem Kuͤtt darzwischen sickert das Was- ser hinunter und verderbt das Gebaͤlke; es war auch wirk- lich alles unterstuͤtzt, wir musten unten durchkriechen. Da erblickt man wieder die Oefnung aus dem Keller, den Thurm nach Osten und nach Westen zum Observiren; ein Zeichen, die Richtung des Windes zu erfahren. Sechs Stunden Stunden von dieser Sternwarte auf der einen Seite hin- aus und zu Montmartre auf der andern, hat man Thuͤrme, worauf die Akademisten mit Kanonen und Pen- duluhren Versuche uͤber die Geschwindigkeit des Schalls gemacht haben. Man kan zugleich hier ganz Paris uͤbersehen, wiewohl auch bei schoͤnem Wetter bestaͤndig ein Theil der Stadt im Nebel, Rauch, Wolken und Duͤn- sten eingehuͤllt ist. Dieser Ort ist viel besser dazu; und viel hoͤher, als der Thurm an der Kirche des Erzbischofs. Denn von hier aus geht man bestaͤndig hinunterwaͤrts bis an jene Kirche. Maschinen sind nicht viele da, die Astronomen observiren meist in ihren Haͤusern. An der einen Seite sieht man den Garten, den Cassini aus ei- ner sonst schlechten Gegend gemacht hat, eben der grosse Mann, der auch den herrlichen Meridian hier und in Carlsruhe gezogen hat. L’Antiquité Romaine de Paris. Hierum darf man sich kuͤnftig nicht mehr bemuͤhen. Es ist nichts mehr zu sehen, als der Platz. Noch vor 30. Jahren stand in der Rue de la Harpe ein roͤmisches Badhaus, damals sah man noch die Gewoͤlber ꝛc. aber es ist theils von sich selbst eingestuͤrzt, theils hat man es nachher ein- gerissen. Jetzt ist es ein Privathaus. Wems kein al- ter Pariser sagt, der siehts fuͤr nichts weiter, als ein ge- woͤhnliches Haus an. Weil ich darnach fragte, so zeigte es mir Mr. Delor. Ich wohnte heute auch noch den Experiences physiques et chymiques sur l’air fixe des differentes substances bei Mr. Broignard bei. Der Mann ist ein Apotheker, der sich gerne Praxis verschaffen moͤchte, gibt daher zuweilen Gelegenheit, zu ihm zu kommen, und die Nachahmungen der Englischen und andern andern Versuche zu sehen. Es war eine starke Gefell- schaft von Pariser Herren da, in einer kleinen Stube. Er hatte einen schoͤnen Vorrath von glaͤsernen Roͤhren, Fla- cons, Recipienten, Vorlagen ꝛc. Mr. Hisgerto, Mr. Delor und ich, gingen mit einander hin. Es wurden Versuche gemacht mit dem Gas spathique, das sehr caustisch ist, mit dem Acide nitreux, mit andern Luft- gattungen, Vermischungen mit dem Quecksilber ꝛc. s. Priestley on different Kinds of air. Den 8ten Jun. Heute besah ich Le Mausolée de Mr. Molinaeus. Der Mann war Lieutenant du Baillage du Palais Royal. Es ist klein, wenig bekannt, steht in der Kirche la Croix (wo ich mich nicht irre,) ist aber wohl ausgedacht. An der Wand ist eine schwarze Tafel mit seinem Namen und Inschriften. An diese Tafel lehnt sich ein Frauenzim- mer, bedeckt das Gesicht mit der Hand und weint. An der Seite ihres Arms ist ein Todtenkopf, der herrlich ge- arbeitet ist. Unten sitzen zwei Genien, gar niedlich. — Oben steht eine Urne, und A. und Ω. darne- ben. Aber noch viel praͤchtiger ist Le Mausolée de Mr. le Brun. Es steht in der Kirche St. Nicolas de Chardonnet, Rue St. Victor, rechter Hand des hohen Altars. Man sieht einen schwarz marmornen Sarg, an dem der Deckel eben so wie an des Marschalls von Sachsen in Strasburg, hinten hinab- faͤllt. An der vordern Seite des Sargs haͤngt die Dra- perie herab, nicht so gros, aber die Falten sind schoͤn, wie- wohl wohl eine Inschrift aus dem 16ten Psalm Saturabor etc. nach der Vulgata daran ist. Ueber diesen Sarg senkt sich ein Engel vom Himmel herab mit einer Posaune am Muͤnde, die gegen den Sarg gerichtet ist. Aus dem Sarge erhebt sich halb die Mutter des Kuͤnstlers, eine alte Frau, aber ein Meisterstuͤck des Meissels; sie sieht nach ihrem Sohn, faltet die Haͤnde, und hat den Mund halb offen, und ein redendes Gesicht. An der Seite steht an einer Pyramide das Portrait von Le Brun mit einer Inschrift. Unten an der Pyramide liegen weibliche Fi- guren aus weissem Marmor, der durch die Zeit gelb ge- worden ist, vermuthlich Sinnbilder von den bildenden Kuͤnsten, die sich freuen, die Buͤste des grossen Mannes uͤber das Grab zu erheben. Hat nicht die Idee: daß bei des Kuͤnstlers Tode ein Engel die Mutter aus dem Gra- be ruft, um ihren grossen Sohn zu sehen, etwas erhabe- nes, etwas feierliches? Die Kirche hat ausser diesem Mausoleum noch fuͤr sich selber viel Schoͤnes. — Le Brun aber verdient alle dankbare Hochachtung. Man darf von seiner Asche nicht gar weit gehen, so sieht man ein kostbares Stuͤck von ihm Seine busfertige Magdalene, deren unterm 11ten Jun. Erwaͤhnung geschieht. Herausgeber. . Nicht weit davon ist auch Val de Grace; eine Art von Kapelle, ohne Kir- chenstuͤhle, blos mit einem Hochaltar und Prie-Dieu versehen, die aber gesehen zu werden verdient. An den Saͤulen und Gesimse ist viele Stukkaturarbeit. Der Altar hat gedrehte, stark vergoldete Saͤulen. Der Bo- den den in der ganzen Kirche hat Wuͤrfel, Steine, Rhom- boidal. Figuren vom schwarzen Marmor und roͤthlichem Jaspis. Um den Altar herum steht hoch oben der Na- me der Erbauerin, Anna Austriaca, D. G. Regina Francorum et Navarrae 1650. Auch sieht man uͤberall an den Fenstern in der Mitte ihren Namen ge- mahlt. Es scheint ein Geluͤbde von der Koͤnigin gewe- sen zu sein. L’Eglise des Benedictins Anglois. Eine schlechte Kirche, aber gleich dem Eingange gegen uͤber steht der bleierne und hoͤlzerne Sarg des Englischen Koͤ- nigs Jakobs des 2ten, nebst dem Sarg seiner Prinzes- sin, Louisa. Die beiden Saͤrge sind mit Tuͤchern be- deckt, auf dem Sarg des Koͤnigs steht oben eine nach- gemachte Krone, ganz im Modell der Krone von Gros- brittanien, und an der Seite herab haͤngt das Koͤnigl. Wappen. Darneben hat man in einem Kaͤstchen eine Buͤste vom Koͤnige aus Wachs, die unter einem Glas- deckel den Fremden gezeigt wird. Sie ist anderthalb Viertelstunden nach seinem Tode verfertigt worden. Das Gesicht hat die tiefen eingegrabenen Zuͤge des Grams und der Ernsthaftigkeit, hat aber gewis viel Grosses, und doch Liebliches. In dieser Kirche versammeln sich die katholischen Engellaͤnder, und die Vornehmen werden auch da begraben. Le Jardinier galant, und Les Près de St. Ger- vais. So heist ein Theil von den Environs de Pa- ris, wenn man rechter Hand am Ende der Rue St. Martin hinabgeht. Diese Gegend ist schoͤner, als die zunaͤchst um die Stadt gegen Boulogne zu. Man findet ganze Felder mit Bohnen, Erbsen, ganze Felder mit mit Erdbeeren, mit Nelken, Ranunkeln, Rosen, Apri- cosen ꝛc. wegen der erstaunlichen Consumtion in der Stadt, und es soll, wenn z. B. die Nelken bluͤhen, ein herrli- cher Anblick seyn. Le Jardinier galant, heist ein oͤf- fentliches Haus und Garten mit einer Menge kleiner Huͤt- ten und Laubhaͤuschen, wo man Essen, Trinken, Musik und Tanz haben kan. In der Stube haͤngt ein wolluͤ- stiges Gemaͤlde, im Geist der Nation. Im Garten steht ein Gaͤrtner aus gefaͤrbten Thon mit dem Grab- scheid, vermuthlich hat’s daher den Namen, denn er ist sehr galant und stutzermaͤssig angezogen. Von da steigt man einen kleinen Berg hinan, geht durch angenehme Felder nach dem Dorf St. Gervais, und kan von oben Paris fast ganz uͤbersehen, auch St. Denys ꝛc. Auch hier ist das Wasser das man bekommt, so wie uͤberall, nie recht kalt und erfrischend, sogar unterm Wein machts ihn gleich laulich. Es ist Seine wasser, wird auch in grossen Gefaͤssen daher geschleppt. In der ganzen Ge- gend sah ich nur ein einzigs Quellchen, und das war truͤ- be. Man hoͤrt uͤberall das Klappern der Windmuͤhlen, die der Reihe nach oben auf dem Berg stehen. Le Colisée. Auch eine der schoͤnsten Ergoͤtzun- gen, die man in Paris haben kan. Am Ende von la Place de Louis XV. zwischen den Champs Eliseés steht ein grosses Gebaͤude, hoch, leer, zirkelrund ange- legt, mit Nebenzirkeln und Nebengebaͤuden, meist mit einem gruͤnangestrichenen hoͤlzernen Gitterwerk eingeschlos- sen, oben durchbrochen, und auch mit kostbarem Gitter- werk versehen, an den Seiten oben breite Plaͤtze zum Spaziergehen und Uebersehen der Gegend. Auf der ei- nen Seite sind Spaziergaͤnge und ein simpler Garten, auf auf der andern vor dem Haus ein See mit einer Mauer eingefaßt, und Einrichtungen zum Feuerwerk. Dieses niedliche, wohlangelegte Gebaͤude heist das Colise ’ e. In- wendig trift man erst grosse Gaͤnge an, da stehen Bouti- quen, die alle Galanteriewaaren auskramen. Dann sind an den Seiten die Treppen nach oben zu. In der Mitte ist ein grosser Zirkel, in dem stehen die praͤchtigsten Saͤulen, die groͤsten silbernen Leuchter haͤngen uͤberall herab; am Platfond sieht man kostbare Gemaͤlde, im Ton, den die Nation liebt; man geht durch kleine Stufen hinab, da sitzen Musikanten, Saͤngerinnen; die Leute versammeln sich da, man tanzt, plaudert ꝛc. an den Waͤnden umher stehen Stuͤhle, Canape’s. Oben sind 2. Gallerien uͤbereinander, mit rothem Pluͤsch ausge- schlagen, und mit rothen Stuͤhlen, von da sieht man herab auf das Gewuͤhl unten. Alles, was beau mon- de in Paris ist, versammelt sich Mittwochs und Sonn- tags Abend um halb 8. — 10. — 11. Uhr hier. Gan- ze Reihen von Karossen, Chaisen, Kabriolets, Portechai- sen ꝛc. stehen in der Ferne hinter einander. Heute waren etliche tausend Menschen da. Man bezahlt 30. Sous Entre’e, bekomt ein Billet, und passirt durch Wachen. Erst sieht man im Garten einen Drachen, an einer ho- hen Stange, mit Pulver gefuͤllt, nach dem schiest man oft 6. — 8. Wochen mit Raketen, bis ihn einer endlich anzuͤndet, und den Preis davon traͤgt. Man lief herum, besah die Waaren, hoͤrte Musik, plauderte, um halb 9. Uhr setzte sich alles vor den See, und erwartete das Feuer- werk. Um 9. Uhr gings an, etliche schwache Schuͤsse hinter der Mauer verkuͤndigten es uns. Es dauerte fast eine halbe Stunde, war meist schoͤn, einige Stuͤcke reus- sirten nicht wegen des Winds. Weil alles im Wasser M war, war, wars doppelt schoͤn. Ein brennender, bestaͤndig knallender, Tempel beschlos. Drauf setzte man sich, lief herum, unten und oben, sah in der Mitte kleine Kinder recht niedlich tanzen. Alles war um eine schoͤne Engel- laͤnderin herum. Dann ging eine Gesellschaft nach der andern nach Haus, an der Thuͤre entstand von den vie- len Bedienten und Karossen ein wildes, betaͤubendes Ge- schrei, hier und da accordirten die Chapeaux mit den pa- riser Schoͤnen, die sich zum Theil oben halbnackend, feil boten, und in den praͤchtigsten Kleidern erschienen, wenn man gleich die Einfalt, die Gansdummheit auf ihren Gesichtern laß, und die grosse Leere im Gehirn bei jedem Worte hoͤrte. Auf dem Wege war ein Geklingel, und eine bestaͤndige Gefahr, von den Karossen uͤberfahren zu werden; das Gedraͤnge, der Staub, die Ausduͤnstun- gen von Menschen und Lichtern, und die vermischten Ge- ruͤche von Vapeurs, Eaux und Flacons machten mir Kopfweh. In der Rue St. Honoré und uͤberall lauer- ten noch die Accrocheuses auf die Messieurs. Voi- là le Colisée. Bemerkungen. Auch in Paris sollen die Rotisseurs, Cabare- tiers, Marchands de Vin etc. am Sonntag un- term Gottesdienst nichts weggeben, keine Leute einnehmen, wenigstens sie nicht lange behalten; die Leute thuns auch nicht, sie fuͤrchten sich vor den Kommissairs, die uͤberall ihre Spionen haben, und gleich da sind. Oder, sie nehmen die Leute an, und machen, so viel als moͤglich, alles zu. Mit Mit den Aubergen ists eine aͤrgerliche Einrichtung. So viel ihrer auch sind, so muß man doch oft halbe Stunden lange Wege machen, bis man nur was zum Fruͤhstuͤck, oder zum Abendessen bekommt, wenn man nicht in ein Kaffeehaus geht. Denn der eine verkauft blos Wein, der andre blos Butter, der dritte blos Brod, der vierte blos Kaͤse, der andre hat nichts als Braten, oft nicht einmahl eine Stube, einen Platz, einen Tisch, einen Teller, wo man’s essen koͤnte. Sie holen’s einem aus 5. — 6. Haͤusern zusammen, rechnens aber mit ein im Conto, oder sie schickens einem aufs Zimmer, geben’s einem mit, und lassen ihn zusehen, wo ers essen kan. Bei der grossen Ausdehnung der Stadt, bei der weiten Ent- fernung, in der man oft von seinem Logis ist, ist das keine geringe Unbequemlichkeit, die man in kleinen Staͤdten nicht hat. Noch immer vergroͤssert sich die Stadt, und die Wenigsten glauben, daß das schaͤdlich ist. Man baut immer mehr, und sorgt nicht fuͤr die Zukunft. Louis XV. befahl, in jeder Communauté ein Magazin anzulegen, es geschah hie und da; man lies aber die Frucht verderben, der Befehl ward vergessen, niemand denkt dran, wie gros das Elend seyn muͤste, wenn in Bour- gogne, Provence ꝛc. woher man die Sachen schleppt, Theurung, oder Miswachs entstehen solte. Jezt, sagte mir Mr. Delor, sei ganz gewis nicht ein einziges Ma- gazin da, man faͤngt viel an, und setzt nichts durch. Um den Staub zu daͤmpfen, fahren auf dem Boulevard immer Karren mit Faͤssern voll Wasser, das unten durch viele Spritzen herabfaͤllt, auf und nie- der. M 2 Die Die Feuerarbeiter brauchen hier viel Steinkohlen, das gibt einen haͤslichen Gestank fuͤr einen Fremden. Den 9ten Jun. Auf der Koͤnigl. Bibliothek erfuhr ich heute was mir Villoison gesagt hatte. Ich konte mit aller Hoͤf- lichkeit kein Buch bekommen. Ich forderte Sachsii Monocerologia. Vielleicht ist nichts daran, aber ich fands im Katalog, selten ist’s, zur Litteraturgeschichte der Naturgeschichte gehoͤrts; vielleicht, dacht’ ich, sind da alle falsche und wahre Geschichten gesammelt, aber vergebens. Der Abbe’ Desaunays, der sich auf sei- nen Stuhl erstaunend viel einbildet, legte das Billet mit dem Titel erst lange hin, ich erinnerte ihn, bat ihn mit aller moͤglichen Hoͤflichkeit, erbot mich selber die Num- mer im Katalog unter S. aufzusuchen, aber vergebens. Er schickte Buͤcher weg, lies hohlen, ich wartete uͤber ¾. Stunden, und bekam nichts. Wie ich ihn noch ein- mahl bat, so that er, als wenn ers dem Bedienten gesagt haͤtte, und die Schuld an diesem laͤge. Ich fragte den Bedienten, der war, wie sein Herr, grob, unhoͤflich, da nahm ich Stock und Hut und ging fort, weil mir die Zeit zu lieb war, sie bei diesen hoͤflichen Franzosen zu ver- lieren. Viele Leute waren nicht da, kaum uͤber 7. sassen und excerpirten. Der Abbe’ Desaunays ist schon bekannt, daß er den Fremden das zweite und drittemahl so begegnet. Hr. Hisgerto, und andern von meinem Fach wars nicht besser ergangen. Das Maͤnnchen hat einen Egoismus groͤsser als es selber ist, und die Bedien- ten wissen entweder seine Maximen schon, oder er kan sie selber nicht in der Subordination erhalten. Man sieht sieht daraus, daß nicht alles uͤberall wahr ist, was man von der Lebensart der Franzosen erzaͤhlt. Es gibt, — und nicht nur unterm menu peuple, — so viele Grobe unter ihnen, als in Teutschland. Ueberhaupt ist erstaunlich viel Schimmer, Windbeutelei und Prale- rei in allen Dingen der Franzosen. Bei jedem Schritt findet man an allen Bretern angeschmiert; De par le Roi, Magasin des Souliers, des Bourses, des Chevaux etc. Das Wort Bureau brauchen sie be- staͤndig, da heists: Bureau de l’encre, Bureau, òu on ecrit, — und das ist ein hoͤlzerner Kasten auf der Strasse, worin oft eine Frau, wenns hoch koͤmmt, ein steifgewordener Tanzmeister, ein alter Schneider, ein halbblinder Peruckenmacher sizt, der selber nicht schrei- ben kan. Weil man mir hier so uͤbel begegnet hatte; so ging ich von dort weg und besah Le Cabinet des Manuscrits du Roi. Der Garde dieser Samlung, Mr. Bejot, ein schon bejahrter, wuͤrdiger Mann, war in seinem Zimmer, und wurde im- mer hoͤflicher, je laͤnger ich mit ihm sprach. Er ging zwar heute nicht hin, hies mich aber, als ich ihm die immer viel geltende Empfehlung von Herrn D’Auben- ton uͤberreichte, nur seinen Namen nennen, und fordern, was ich wollte. Ich fand diese erstaunend zahlreiche Sammlung, deren Wichtigkeit Europa laͤngst kennt, uͤber dem Kupferstichkabinet in etlichen langen Saͤlen, und traf einen jungen Mann an, der ausserordentlich gefaͤllig war, mich uͤberall herumfuͤhrte, und mir zuletzt den ge- druckten Katalog vorlegte. Es sind 4. starke Folianten, der 1te enthaͤlt die Orientalischen, der 2te und 3te die La- teinischen, und der 4te die Griechischen Handschriften. M 3 Man Man muͤste ganze Jahre haben, wenn man alles durchse- hen wollte. Ich lies mir aus allen Faͤchern welche zei- gen, und zwar: I) Aus den Griechischen, N. 2712. Codex Membranaceus, nondum collatus, ausm 13. Jahrh. wo Aristoph. Eurip. und Sophoc. enthal- ten waren. Das Pergament ist dick, aber nicht schoͤn. Desto besser ist die Schwaͤrze, deren Dauerhaftigkeit man bewundern muß. Zwischen dem Texte und am Rande waren Noten mit einer rothen Dinte. Es war meist leicht zu lesen, doch kamen viele Abbreviaturen vor. II) N. XVII. Codex membran. vom Alt. Test. Montfaucon in s. Palaeogr Libr. III. p. 186. sagt von ihm; er sei der aͤlteste, den wir haben. Er ist ganz caractere quadrato geschrieben. Ich konnte auch uͤberall darin lesen. Es war eine Version von den LXX. Ich sah auch noch einen wuͤrklich hebraͤischen Codex in kl. Fol. Vermuthlich ist er am Ende des 10ten oder am Anfang des 11ten Jahrh. geschrieben. So was herrliches gibts wohl in Sachen von der Art nicht viel mehr in der Welt. Er ist auf Pergament, und so schoͤn geschrieben, daß man glauben sollte, er sei gedruckt, die Karaktere sind gar schoͤn, und in einer vortreflichen Proportion. Man vermuthet mit Recht, daß er fuͤr rei- che Juden, fuͤr einen Mann vom ersten Range geschrie- ben worden, vermuthlich fuͤr den Rabbi Samuel Levi, der damahls das Haupt der Nation und geheimer (nach einer beiliegenden Nachricht) Staatssekretaͤr beim Koͤnige von Granada war. Die Genauigkeit des Kopisten ging so weit, daß die kleinen Punkte und Accente mit einer viel schwaͤrzern Dinte geschrieben sind, als die an- dern Karaktere, damit man sich im Lesen mit dem Text nicht confundire. Scheint es nicht, daß sich der richtige Gedanke, Gedanke, daß die Punkte und Vocalen nicht zur Spra- che gehoͤren, laͤnger selbst unter den Juden erhalten habe, als ein großer Theil unsrer Orientalisten gemeiniglich glaubt? Die kleine Masora ist blos an den Rand, aber schoͤn geschrieben, die grosse steht oben und unten auf jedem Blatte. Vorne sind kostbare Malereien; wo ein ander Buch anfaͤngt, da ist ein blosser Absatz ohne Aufschrift. Doch bemerkte ich, daß nicht bei allen Buͤchern der Na- me oben geschrieben ist, und im Buch der Richter fand ich einige Blaͤtter, wo Jehoshua, andre wo Scho- phetim, andre wo wieder kein Name stand, da hat al- so die Genauigkeit des Abschreibers ein wenig nachgelas- sen. Ich moͤchte wohl wissen, wie viel Jahre man da- mahls brauchte, um so was Schoͤnes zu schreiben? III) Aus den Lateinischen. 1) Plinii Hist. Nat. aus dem 15. Jahrh. gar schoͤn auf Pergament. Der In- halt des Kapitels ist allemahl mit rother Dinte beige- schrieben, und die Anfangsbuchstaben stehen uͤber die Li- nie herausgeruͤckt mit Gold oder andern Farben am Ran- de. Der erste Buchstabe von jedem Buche ist gemahlt. Eine Menge Abbreviaturen sind darin, man versteht sie aber gleich; die großen S. am Ende der Woͤrter sehen wie die Zahl 5. aus, das verstellt manches Wort. Vor- ne sind die beiden Briefe des juͤngern Plinius an den Marcus und Tacitus, und das Leben des Naturfor- schers ex Tranquilli ( Suetonii steht nicht dabei) ca- talogo virorum illustrium. Diese ist kurz, enthaͤlt aber die Nachricht, der grosse Mann habe im Dampf ( deficiente aestu ) seinen Sklaven gebeten, nach dem Geruͤcht das damals ging ( ut necem sibi maturaret. ) — 2) Plin. Hist. Nat. aus dem 9ten Jahrh. da war ich sehr begierig. Allein dieser Codex war grade M 4 ausge- ausgeliehen, wie man sagte; man gab mir aber den, der gleich im Katalog darauf folgt, und nicht viel juͤnger ist, nehmlich aus dem 11ten Jahrh. Es ist aber nur ein Stuͤck vom L. 14. L. 24. auch auf Pergament, sehr leserlich, aber oft enger, oft weiter geschrieben. In eini- gen Blaͤttern sind schadhafte Stellen, runde Loͤcher. Man muß uͤber die Schwaͤrze, die das Buch jetzt noch hat, billig erstaunen. IV) Malabarische und viele arabische Handschriften in blauen Papp-Kasten auf Baumblaͤttern und Rinden. Von diesen viele schoͤne Korane, Cod. bombycini zum Theil ꝛc. L’Ouvrage des Tapisseries aux Gobelins. Um diese so vortrefliche Arbeit machen zu sehen, ging ich heute dahinaus, und sah in langen Stuben erst a) Haute-lice machen. Es sind Maͤnner und Weiber, welche arbeiten. Die ganze Sache hat viel Aehnliches mit dem Weberstuhl, und mit dem Kloͤppel- kuͤssen der Frauenzimmer bei uns. Das Dessein wird ihnen nur auf Wachstuch gemahlt hingegeben, der Kerl sitzt zwischen 2. Maschinen; von deren vordern Balken gehen eine Menge wollne Faͤden herab, die sind straff an- gespannt; und unten, so wie ein Stuͤck gewuͤrkt ist, rollt man’s auf eine Welle auf. Diese Faͤden sind gleichsam der Zeddel auf der aͤussern Seite, nicht da, wo der Arbei- ter sitzt, ist das Bild blos mit einer Kohle schlecht vorge- rissen. Nun sitzt er hinten und hat eine Menge hoͤlzer- ner Spulen, auf denen Wolle oder Faden von Seide von allen moͤglichen Farben aufgewickelt sind, neben sich, knuͤpft von denen an, welche und so viel, als er braucht, und wirft sie nun eben so untereinander, wie das Kloͤppel- maͤdchen ihre kleine Kloͤppel am Kloͤppelkuͤssen. Er zieht den den Faden, bald den, bald jenen, zwischen den herabge- henden Faͤden, bald da bald dort durch; das ist gleich- sam der Eintrag, oder so entstehen Maschen, die er alle nach den durchscheinenden schwarzen Strichen macht, und ordnet. Auf das hinter ihm haͤngende Bild sieht er nur, wenn er die rechte Nuͤance der Farbe waͤhlen will. Die Maschen druͤckt er mit dem vorne zugespitzten Ende des Kloͤppels fest aneinander. Einige haben auch dop- pelte Kaͤmme von Bein ꝛc. Ich sah an einem Pfauen- schweif arbeiten, an einem Kopf, an Blumen ꝛc. es geht geschwind, bis aber ein kenntbares Ganzes herauskomt, waͤhrts doch lange. Damit sich das Stuͤck unter der Ar- beit nicht beschmutze, oder schwaͤrze; so wird gleich uͤber ein Gesicht ꝛc. ein Lappen Zeug angeheftet, der herabfaͤllt, und es bedeckt, wenn weiter hinauf die Hand des Arbei- ters bestaͤndig darauf herumfaͤhrt. Ich hatte Stuͤcke von Goldfaͤden gesehen, und fragte auch darnach, wie ich die halbseidne Arbeit sah: On ne fait pas encore cela, sagte man, ça coute trop, et se noircit. Die Farben mit der Seide sind eben so schoͤn. Ich fragte nach dem Preis, man sagte: die Quadratelle von Wolle und Seidentapeten koste 500. Livres. Der Koͤnig macht Geschenke damit. Die Koͤnigin hat dem Kaiser alle Stuͤcke geschenkt ꝛc. b) Basse-Lice. Ich sah das noch fuͤr weit kuͤnst- licher an, wenn ich gleich wenig davon sagen kan. Da ist gar keine Maschine, kein Stuhl, sondern nur aufge- spannte Rahmen in gewoͤhnlichen Tischen, daran die Faͤ- den fest sind. Das Gemaͤlde liegt unter dem werdenden Stuͤcke. Der Kerl legt sich uͤber den Tisch hin; es scheint ihm durch. Alle Kloͤppel hat er vor sich, wirft M 5 sie sie untereinander, schaft dadurch das Stuͤck, wiewohl das, was man sieht, was er unter den Haͤnden hat, die untre falsche Seite ist, wo eine Menge Reste von Faͤden anhaͤngen. Man wundert sich, wie so schoͤne Stuͤcke so simpel entstehen koͤnnen. Von da besucht’ ich Le Chateau Royal de Bicêtre. Es liegt eine kleine halbe Stunde vor der Stadt uͤber den kleinen Bou- levard, — einem schoͤnen Spaziergange, wo nicht immer ein Denken- und Fuͤhlen-verscheuchendes Getoͤse, wie auf den grossen ist. — Durch schoͤne Fruchtfelder und bei einer Menge Windmuͤhlen vorbei, koͤmmt man an dieses Gebaͤude, das Narren-Zucht- und Arbeits- haus zugleich ist. Es ist helle, geraͤumig, und hat schoͤne breite Gaͤnge, einen gepflasterten mit Hallen einge- faßten Hof, eine eigne grosse Kirche, eine Kapelle, ein unterirdisches Gefaͤngnis ꝛc. Beim Eingang ist erst kuͤrzlich ein eignes Gebaͤude erbauet worden, fuͤr die von der geilen Seuche angesteckte Weibspersonen, und es ist bestaͤndig mit Personen von diesem Schrot und Korn an- gefuͤllt. Auf der einen Seite findet man Pensionaͤrs, ein ganzes Haus durch alle Stockwerke voll; dies sind mauvais sujets, oft aus den vornehmsten Familien, die zur Strafe hierher gethan werden. Die sittenlosen Kerle schreien und rasen den ganzen Tag, sonderlich so- bald sie Fremde sehen: sie wetten mit einander, wie viel es seyn, ob einer werde da bleiben muͤssen, rufen einander uͤber die Daͤcher zu, haben Spiegel, und blenden einan- der; es ist ein Geschrei, daß man sich unten selbst nicht mehr versteht. Sie singen und pfeiffen ihre Lieblingslie- der, und die Aufseher erlauben ihnen das alles, weil sie sonst keinen Trost, keine Zerstreuung haben, und die Zucht- meister meister sonst bestaͤndig pruͤgeln muͤsten. Da sieht man recht, daß Strafen die Unmenschen nicht besser machen! Aber es waͤre auch eine Aufgabe fuͤr unsre Staatskluͤgler, Mittel auszudenken, wodurch man solche verderbte Juͤng- linge auf eine nuͤtzliche Art beschaͤftigen koͤnnte. Denn so wie der Muͤßiggang der erste Anfang ihrer Thorheiten war, so werden sie hier durch eine ewige Unthaͤtigkeit vol- lends verdorben. Die Leidenschaften schweigen nicht, die boͤsen Fertigkeiten bekommen keine andre Richtung, und die rege, und durch den Mangel noch mehr erhitzte, Phanta- sie zeigt ihnen bestaͤndig in ihrem Zauberspiegel die taͤu- schenden Freuden, die sie gemißbraucht haben. Man findet auch viele Kruͤppel, Lahme, Arme ꝛc. viele Ver- brecher, welche die Polizei hierher geschickt hat. In der andern Haͤlfte des Hofs sieht man hinter etlichen Thuͤren eine Menge Narren und Verruͤckte, die so klaͤglich unter einander laufen, schreien, lachen, sich beschmutzen ꝛc. daß mans ohne Mitleiden nicht ansehen kan! Gott im Him- mel! von wie vielen Scenen des menschlichen Elends am Leib und an der Seele war ich in diesem einzigen Gebaͤude Zeuge! So lange ein Paris in der Welt ist, muß es freilich auch ein Bicetre geben: das ist ein nothwendi- ges Uebel, welches an dieser Stadt haͤngt. Aber das gefiel mir nicht, daß so viele Narren beisammen in Ei- nem Gemache sind, und einander noch verwirrter ma- chen. Moͤchte doch einmahl ein Reicher ein ansehnliches Kapital zur Unterhaltung gewisser Maͤnner — es muͤsten ja eben nicht Candidati Theologiae seyn — aussetzen, die Psychologie, Diaͤtetik, Weltkenntniß, Moral und Menschenliebe studieren, und sich sodann dem schweren, aber gewiß Verdienstvollen Geschaͤft widmen wollten, an Verruͤkten einen Versuch zu machen, ob sie nicht durch einen einen bestaͤndigen Umgang mit diesen Ungluͤcklichen, durch geduldiges und ernsthaftes Anhoͤren und Beantwor- ten ihrer Zweifel, Grillen, Fragen, durch vaͤterliche Ruͤcksicht auf alle ihre Beduͤrfnisse und Aengstlichkeiten, zuweilen auch durch sorgfaͤltige Vermeidung der Einsam- keit hier und da einen Halbvernuͤnftigen wieder zum nuͤtz- lichen Gliede der menschlichen Gesellschaft umschaffen koͤnn- ten. Herkulische Arbeit waͤrs freilich, mit solchen Leuten umzugehen, aber, nach einigen Erfahrungen zu urtheilen, duͤrfte mein Vorschlag nicht ohne fruchtbaren Erfolg seyn. Kan mans ohne Jammer ansehen, wie einige, wie Ty- ger, in die Kette beissen, die sie druͤckt, wie andre still si- tzen, in sich selbst zuruͤckgezogen und jammern, im Kum- mer versinken wollen ꝛc. Freilich ists nur eine ein- gebildete Last, die sie druͤckt, aber doch muß sie den Elenden unsaͤglich schwer auf dem Herzen liegen. Zum Theil lernen die Zuͤchtlinge feine Stroharbeiten ma- chen, die sie den Fremden am Fenster verkaufen, Buͤch- sen, Flacons, Dosen mit Silber und Gold, Arbeiten, die 30. 40. Sous werth sind, und in der Stadt theurer verkauft werden. Man wies mir in der Kapelle ein Ge- maͤlde, das einer von den Gefangnen gemacht hat. Der vorige Dauphin liegt krank im Bett, die Bischoͤffe stehen schon mit den Kerzen vor seinen Lager, und sich mahlte der arme Kerl selber zu den Fuͤssen des Dauphins hin auf den Knien um Gnade flehend, die Fesseln haͤngen ihm am Fusse. Es ist recht artig gemacht, der Bursche starb aber 6. Wochen, nachdem es fertig war. Jetzt waren 4500. Menschen hier. Ihre Uniform ist ein schmutzig- graues Kleid. Es liegen alte Soldaten zur Wache da- rin. Eine der groͤsten Merkwuͤrdigkeiten ist der Brun- nen. Es ist Quellwasser, und hat eine erschreckliche Tie- fe, fe, uͤber 100. T o isen. Hineingeschuͤttetes Wasser fiel erst nach einer halben Minute hinab; 4. Pferde darneben trei- ben Tag und Nacht die Maschine; sie ist so eingerichtet, daß, indem an den Ketten ein Eimer heraufkoͤmmt, sich der andre unten anfuͤllt. Die Eimer sind gros, und ha- ben im Boden 3. ausgeschnittene Kegel, wie an den Pum- pen, das Wasser stoͤßt diese auf, dringt hinein und stoͤßt sie selber zu. Koͤmmt der Eimer zum Behaͤltnis herauf, so faßt ihn ein grosser eiserner Haken, hebt ihn ganz in die Hoͤhe, daß alles bis auf den letzten Tropfen heraus- faͤllt. Das ist eine herrliche Einrichtung. Das Be- haͤltnis ist ein wahrer See, in einem praͤchtigen wieder- hallenden Gewoͤlbe, worin aber das Wasser ganz gruͤn aussieht. Aus diesem fliest es unten durch eine Roͤhre ins Haus, und vertheilt sich nach allen Gegenden des Schlos- ses, so daß es nirgends darf hingetragen werden. Die- se Einrichtung gefiel mir ungemein, auch wegen der vie- len Boͤsewichter und Narren ꝛc. Tiefe, Maas, und alle Zahlen von dem Brunnen sind auf einem gedruck- ten Zettel, den ich aber von dem Kerl zu fordern unter dem wilden Geschrei der Kostgaͤnger vergas. Den 10ten Jun. Le Cabinet des Medailles du Roi. In eben dem Gebaͤude, wo Buͤcher, Handschriften und Kupfer- stiche sind, steht auch in einem grossen Saal diese kostba- re Sammlung. Der jetzige Garde, der Abbe’ Barthe- lemy, ist ein sehr belebter, hoͤflicher Mann, der mich auf meines lieben D’Aubenton ’s vielgeltende Empfeh- lung allein zu seinen Muͤnzen fuͤhrte. Sie standen in 5. 6. gelb angestrichnen Kaͤsten, die auf Tischen stehen, die die inwendig eine Menge Faͤcher und Bretchen hatten. In diesen waren runde Loͤcher, darin lag der Zettel, und auf jedem die Muͤnze. Weil ich schon roͤmische Silber- muͤnzen genug gesehen hatte, so gingen wir daran fast ganz vorbei. Das Wichtigste von dem, was ich gesehen, war I) Goldne Muͤnzen; ganze Suiten von Kaisern, vom Jul. Caͤsar an bis ins 4te Jahrh. Man sieht sehr deutlich an den Stempeln, wie die Kunst bald ge- stiegen, bald gesunken ist. Auch vom Lepidus, Pom- pejus, Brutus, sind welche da. Auf der rechten Sei- te sind meist Koͤpfe, auf der Kehrseite Tempel, Goͤttin- nen, Opferthiere, Kronen ꝛc. Ich fand a) vom Au- gust eine Muͤnze auf die Erobrung von Egypten. Die- ses Land ist durch ein Crocodil vorgestellt. b) Von eben demselben eine andre, worauf ein Krebs einen Schmet- terling mit den Scheeren faßt, daß er nicht mehr fort- fliegen kan, weil der Wahlspruch des Kaisers war: Fe- stina lente. c) vom Nero, eine mit geschlossenem Janus tempel. d) Von der Domitilla, Vespa- sian ’s Gemahlin. e) Vespasian und Domitilla, nebeneinander. Wo 2. Koͤpfe sind, da sind sie entweder gegen einan- der gekehrt, oder sie sehen hinter und nebeneinander vor. f) Von der Julia, des Titus Tochter. g) Von der Domitia, Domitian ’s Ge- mahlin, und auf dem Revers ein kleines Kind zwischen Sternen, das fruͤh starb. h) Adrian mit den Um- schriften von den Provinzen, wo er oft war, Asien, Afri- ka. i) Vom Trajan und seiner Gemahlin Plotina. k) Mark. Aurel. Anton. ein schoͤnes Gesicht, das Gesicht eines großen Mannes, dem ich von Herzen gut bin. bin. Es ist eine Muͤnze von ihm da, nach seinem Tode, worauf Div. Marc. Aur. Ant. steht; auf der andern Seite ist der Rogus, wo seine depouille mortelle verbrannt wurde. Augustin, der Vater des schreckli- chen Satzes, splendida peccata, haͤtt’ ihm wohl diese Muͤnze nicht schlagen lassen. — Diese Muͤnzen sind alle nicht voͤllig so gros, wie unsre Dukaten; etwa so wie ein Goldgulden, aber viel dicker und schwerer. Es sind aber auch gar viele kleine halbe da, die nannte Barthe- lemy Guine’en und diese waren gar niedlich. II) Von Griechischen Kaisern aus Konstantinopel. Zwar auch goldne Muͤnzen, aber viel schlechter; mit grober Zeichnung, selbst vom Michael, von den Leonen ꝛc. III) Medaillen von Roͤmischen Kaisern, die sie zum Austheilen schlagen liessen, gros und herrlich; man wuͤrde viele von den unsrigen kaum unterscheiden koͤnnen. Viele sind mit der Goͤttin der Freiheit geziert. Vom Justinian ist eine da, die eine kleine Platte vorstellt, gar schwer. IV) Griechische Muͤnzen, von Silber, aber schlecht gearbeitet, und dick, plump; a) die von Athen haben die Minerva oder Pallas auf der einen, und eine Eule, — Noctuam Athenas — auf der andern Seite. b) Die vom Philipp sind um vieles schlechter, als die von Alexander dem Gr. V) Juͤ- dische Muͤnzen, von Jonathan, vom loͤblichen Fuͤrst Simeon, von den Heroden ꝛc. VI) Eine egypti- sche Muͤnze, die man unter der Zunge einer Mumie ge- funden hat. Sie ist von Gold, hat eine elliptische Ge- stalt, mit Seitenstrichen, ohne alle Karaktere, stellt ein Goldblech vor, ist aus den aͤltesten Zeiten der Gelderfin- dung; die Zeichnung sieht aus, wie die Saamenreihen auf dem Filix polypod. mas L. Sie ist etwa so dick wie wie duͤnn geschlagenes Blech, laͤßt sich aber doch nicht sonderlich biegen. Wenn Charon lauter solche Obo- los bekam; so haͤtt’ er sich schon lange einen neuen Rock und ein neues Schifchen anschaffen koͤnnen. So ganz Unrecht haben also die Tuͤrken doch nicht, daß sie keine Mumien mehr noch Europa lassen wollen, weil diese oft Geld bei sich haben sollen. VII) Goldne Franzoͤsi- sche Medaillen. Von Henri IV. mit seiner Ge- mahlin von Medicis; damals trugen noch alle Manns- leute ihren Bart. Vom Kardinal Richelien, dessen Kopfputz etwa so aussieht, wie jetzt ein stark abgeschabter Bauerhut. Von Ludwig dem 1 4 ten hat man 318. Muͤnzen, viele von Gold und erstaunlich gros, aber die groͤste ist hohl; seine Vermaͤhlung mit der Anne d’ Au- triche; seine Einnahme von Duͤnkirchen; der Ein- zug der Koͤnigin in Paris, wo ein Genius Kutscher ist, und sie mit dem Scepter da sitzt; die Geburt des Dau- phins, wo alle Zeichen des Thierkreises ausgedrukt sind; eine goldne Muͤnze daruͤber, wie Louis XIV. einmahl in Versailles seine Musquetiers kommandirte. Man denke nur, wie unerhoͤrt, wie hoͤchst wichtig diese an sich unbedeutende Sache fuͤr die Franzmaͤnner war! — Gleich muste eine Muͤnze drauf geschlagen werden, da- mit ja die Welt nicht um das Andenken der unsterblichen That kaͤme! Als ich diese und andre Vergoͤtterungen die- ses Koͤnigs sah, dessen schreckliche Heere die Pfalz und mein Vaterland so jaͤmmerlich verheerten, — da er- wachte allemahl deutscher Sinn, deutsches Gefuͤhl in mir. — Ueberall und auch uͤber diesem Schranke haͤngt sein Bildnis. Eine Muͤnze sah ich noch von der Anne d’ Autriche , wo Val de Grace darauf steht ꝛc. VIII) Eine falsche Muͤnze, aus den Zeiten der Roͤmer, die damals damals schon gemacht ward. Ein Beweis, daß die Welt nicht alle Tage schlimmer wird. Es ist vergoldete Bronze, an einer Seite angebrochen ꝛc. Als wir eben die paͤbstlichen Muͤnzen, nach denen ich gefragt hatte, nachsehen wolten, ward mein gefaͤlliger Abbe’ abgerufen. Er muste fortgehen, und so verlor ich diese Gelegenheit. Ich ging hierauf zum Cabinet d’Estampes du Roi zuruͤck, und fuhr da fort, (S. d. 6. Jun.) die vornehmsten Werke jeder Nation durchzusehen; forderte also IV) von den Teut- schen, Albert Duͤrers und Rubens Werke. Des lez- tern Kupferstiche nach seinen Malereien fuͤllen 5. grosse Folianten. Ich bewunderte eine Menge herrlicher Blaͤt- ter, doch hat er sehr viel katholische Sujets behandelt. V) Von den Engellaͤndern wolt’ ich L’Oeuvre de Hogarth sehen, aber Mr. Joly gestand, daß ers selber noch nicht habe. VI) Les Animaux en Migniatu- re , illuminirt, auf halben Bogen von Pergament. Die meisten sind von Aubriet und von der Dem. Bassepor- te, die Kunst ist herrlich, die Natur ist aber nicht uͤber- all treu nachgeahmt; es sind vierfuͤssige Thiere, Voͤgel, Eidechsen, Schlangen, Insekten und Conchylien vorge- stellt. Man ergoͤtzt das Auge, man lockt alle Leute mit diesen Folianten zu sich, aber man lernt nichts. Die Namen sind entsetzlich verdorben und aͤusserst falsch ge- waͤhlt, sonderlich die lateinischen. Von der Dem. Bas- seporte war ein grosser Bezoar gemahlt, alle Nuͤancen sind darin ausgedruͤckt. Er sieht wie eine Erdkugel, wie eine Landcharte von weitem aus. Ich besah hier- auf Le Mausolée de Guill. Franç. Joly de Fleu- ry. Das ist, was mir unter allen Grabmaͤhlern und N verbli- verblichenen Gemaͤlden in der Kirche St. André des Arts am besten gefallen hat. Eine Inschrift auf einem weissen, schwarz bandirten Marmor, in welcher unter andern die schoͤnen Worte vorkommen: Avitae tenui- tatis aemulator severus, — laborem assiduum prece interpungebat. Oben liegt eine weibliche Fi- gur mit geschlossenen Augen und mit dem Kopfe unter der linken Hand, in Traurigkeit versunken. Seine Frau und Kinder habens ihm setzen lassen. Mein letztes Ge- schaͤft von heute war, daß ich noch Le Discours botanique de Mr. Jussieu abwar- tete. Diese erste Sommer-Vorlesung geschah im Am- phitheater. Dies ist ein elendes Auditorium, ein Platz, wo viele chymische Gefaͤsse standen, weil Macquer seine Chymie auch darin liest. Der Lehrer hatte ein schlechtes hoͤlzernes Tischchen und so einen elenden Stuhl, wie kaum bei uns in einer Dorfschule der Schulmeister hat. In halben Zirkeln um ihn herum war Platz genug fuͤr die Zu- hoͤrer, aber enge, gefaͤhrliche Treppen, 6 kleine Fenster, kleine Pulte, uͤberhaupt alles sehr eng ꝛc. Um 4. Uhr sollte die Vorlesung angehen und um 5. Uhr auf hoͤren, aber Jussieu kam erst um halb 5. und las dann fort bis 6. Uhr. So ist alles in Paris, nichts geschieht zu rechter Zeit und in der Ordnung. Darunter leidet der Fremde, dem die Zeit kostbar ist, gewaltig. Die Thuͤ- re ward erst um 4. geoͤfnet, und dann wurden innen und aussen Wachen gestellt. Man empfing die Frauenzim- mer, die auch herein kamen, mit einem hoͤhnischen Ge- klatsche. Das haͤtt’ ich in Paris nicht erwartet! — Einige verdroß es, andre aber klatschten mit. Es ka- men Leute aller Art, eine Menge Abbe’s, Chymisten, Wund- Wundaͤrzte, Mediciner ꝛc. aber von Stande sah ich kei- nen. Die Wache ging vor dem Professor her, wie er kam, und das Auditorium empfing ihn, — wie den Akteur in der Komoͤdie, — mit Haͤndeklatschen, man klaschte auch, wie er aufhoͤrte zu sprechen. Jussieu hatte einen Kirchenrock an, mit einem Handbreiten Kra- gen, und trug auf der linken Schulter einen langen Strei- fen rothgesticktes Tuch mit weissen Spitzen und Quasten am Ende. — Vermuthlich eine alte Universitaͤtstracht, welche die sonst so modische Nation beibehalten hat. Er las uͤber die Physiologie der Pflanzen, und uͤber das Sy- stem in der Botanik. Schoͤnes, fliessendes, uͤberall verstaͤndliches, leichtes Franzoͤsisch sprach er, saß aber hinter seinem mit Blumen bedeckten Tisch ohne Bewe- gung, als zuweilen mit dem Kopfe, hatte seinen auch alt- modischen Fakultaͤtshut in der Hand, las viel aus dem Hefte, und wenn er auch eine Pflanze in die Haͤnde nahm, so sahen wir in den vordersten Reihen sie wohl, aber die hintern nicht. Die Demonstratores sassen ne- ben ihm. Erst behauptete er: zur Botanik gehoͤre auch die Kenntnis der Kraͤfte der Pflanzen, man muͤsse dies nicht trennen, und zur Medicin rechnen. Dann kam er auf die Begriffe von Mineral — Vegetal — Animal. — Die Mineralien koͤnnten, sagte er, nur zeugen, wenn man sie ganz zerlegte. Pflanzen und Thiere hingegen blieben ganz, und gaͤben bei der Fort- pflanzung nur einen kleinen Theil von sich. Hier lief auch eine kleine Unrichtigkeit mit ein. Weil den Mi- neralien, meinte er, gewisse Organen, naͤmlich die Ner- ven fehlten, so haͤtten sie weder Reizbarkeit, ( Irrita- bilité, ) noch Empfindlichkeit ( Sensibilité ). Als wenn Haller nicht bewiesen haͤtte, daß der Sitz der Reiz- N 2 barkeit barkeit nicht in den Nerven, sondern daß seine Irritabi- litaͤt eine Eigenschaft der Faser ist und daß ein Theil reiz- bar und doch nicht empfindlich, und ein andrer empfind- lich und doch nicht reizbar seyn kan! — Bei den Thei- len der Pflanze unterschied er nur das Mark, das Holz und die Rinde, den Splint ( aubier ) vergas er. Bei der Rinde machte er die Anmerkung, dies waͤre der einzi- ge Theil an der Pflanze, der auf der einen Seite immer trocken sei, weil er bestaͤndig der Luft ausgesetzt sei. — Das war das einzige Neue, was ich gehoͤrt habe; und doch scheints mir nicht allgemein wahr zu seyn. Die Pflanzen, die viel Druͤsen und Haͤrchen haben, sind auch oft aussen feucht. Wo der Blumenkelch fehle, sei al- lemahl etwas anders da, z. B. Gluma, Spatha, oder sonst so was: — aber bei der Tuipe und dem Maibluͤm- chen erinnere ich mich wenigstens nicht, je was anders gesehen zu haben. Bei den Blaͤttern erzaͤhlte er Bon- net ’s Versuche von den pores absorbans à surface inferieure und pores exhalans à surface supe- rieure. Er nahm eine Art von Kreislauf bei den Pflan- zen an, aber ob’s eben derselbige Saft, qui monte et qui descend, und ob’s in denselben, oder in verschiede- nen Gefaͤssen geschehe, das habe noch nicht ausgemacht werden koͤnnen. Von den vielen deutschen und englischen Versuchen, die das Gegentheil ausser allen Zweifel setzen, wuste er also nichts. Er sprach auch uͤber die Geschwin- digkeit, womit der Saft steigt, In dem Garten an meinem Hause ist im Sommer 1779. eine Sonnenblume in 4. Tagen eine Spanne lang gewachsen. entschied aber nicht, ob’s durch innere Attraktion oder Cohaͤsion, oder durch aͤussern aͤussern Druck geschehe. Dann sprach er von der Ver- schiedenheit aller dieser Theile, wobei er aber die lateini- schen Woͤrter aus der Philos. botan. L. zum Lachen elend aussprach. Dann kam er auf das System, und gab Buffon die Ehre, daß er zuerst den Begrif, daß eine Species eine fortdauernde Reihe von Etres, qui se produisent, sei, erfunden haͤtte: wieder ein Beweis von der Franzosen Unbekanntschaft mit der Litteratur der Auslaͤnder. Von da, — denn viele Ordnung hatte er nicht, — sprang er wieder zuruͤck auf die Verrichtungen der Pflanzen, verglich die Entstehungsart der Saamen- kerne und der Keime mit dem Ei und seinen Bestandthei- len, und bemerkte uͤberhaupt, daß die Abnahme aller or- ganisirten und lebendigen Wesen vom Uebergewicht der festen Theile entstehe. In der Geschichte der Entdeckung des doppelten Geschlechts im Pflanzenreich nannte er mit Recht Camerarius, Vaillant, Linne’. Von Tour- nefort gestand er aufrichtig, daß er die Etamines nur fuͤr tuyaux excretoires de l’humeur abundante gehalten habe, und aller Theile der Bluͤte wahren Nu- tzen nicht gekannt habe. Er erzaͤhlte weitlaͤuftig alle Klassen und Abschnitte in Tournefort ’s System, — und nachher eben so alle Klassen im Linne ’ischen. Den Vortheil, den ich bei meinem Unterricht wichtig und un- schaͤtzbar finde und vom großen Puͤtter in Goͤttingen so oft empfohlen gehoͤrt und genutzt gesehen habe, den Vortheil, den die Zuhoͤrer davon haben, wenn Einthei- lungen, die bei einer ganzen und besonders bei einer weit- laͤuftigen Wissenschaft zum Grunde liegen, in eine Ta- belle gebracht und so dem Auge zur schnellen und deutli- chen Uebersicht des Ganzen dargeboten werden; — die- sen Vortheil kennen die franzoͤsischen Lehrer nicht. Drauf N 3 verglich verglich er beide Systeme, tadelte die Unbestaͤndigkeit an Tournefort, daß er selbst von seinem aufgestellten Prin- zipium abgewichen sei, lobte aber, daß er nicht so viel wie Linne’ die Namen der Alten verlassen haͤtte. Am Linne’ lobte er die Praͤcision, die sich gleichbleibende Be- stimmtheit, die Feststellung der Trivialnamen, die er auch gegen Haller in Schutz nahm, tadelte aber, daß er sich zu sehr vom Ordre naturel entsernt und so un- gleiche Pflanzen, nur um sein System zu errichten, zu- sammengeordnet haͤtte, es sei deswegen inferieur du Systeme de M. Tournefort \&c. Ein Tadel, der schon so oft beantwortet ist, und den ich von Jussieu wahrhaftig nicht erwartet haͤtte. Er nannte z. B. die Pentandria, wo Solanum mit vielen andern ganz ent- fernten Pflanzen in einer Klasse stuͤnde. Das glaub’ ich, kan man sagen: Tournefort ’s Klasse fleurs à fleu- rons, fleurs à demifleurons, und fleurs radiés ist natuͤrlicher und leichter, als Linne ’s Syngenesie. Den 11ten Jun. Le Tableau de la Madelcine par le Brun , in der vierten Kapelle der Kirche des Carmel. Rue St. Jacq. Fauxbourg St. Jacques. Ein vortrefliches Stuͤck. Sie steht nur im Hauskleide da, das rothe Oberkleid haͤngt auf der linken Schulter herrlich gemacht herab, im blauen Unterkleid ist sie oben nachlaͤssig zuge- schnuͤrt, die Haare haͤngen vom Kopf herab, und das ist eben nebst dem Gesicht das Meisterstuͤck davon. Sie scheint zu beten, ist voll Andacht. Das Evangelienbuch vor dem sie halb kniet, liegt zu ihren Fuͤssen aufgeschla- gen, darneben sind etliche Schaafe, Spindel und Rocken, und und Hausschluͤssel darneben, aber die feinste Zeichnung, und das waͤrmste Kolorit. La Statue du Card. Beroulle sieht man auch in dieser Kirche. Sie ist von weissem Alabaster, kniend mit dem Kardinalshute in der Hand. Falten, Stickereien unten am Gewande, die Kleidung am Hals, die Mine der Andacht, die geschlossenen Augen, die Runzeln des Alters im Gesicht; alles ist herrlich ausgefuͤhrt. Die Figur ist gegen ein Gemaͤlde von der Mutter Gottes ge- wendet, das auch alle nur moͤgliche Schoͤnheiten enthaͤlt. Nur unten zu ihren Fuͤssen liegt ein offen Juwelenkaͤst- chen, mit vielen Kleinodien — das hatte sie nun wohl nicht. — In einer Kapelle weiter oben in der nehmli- chen Kirche haͤngt auch ein kostbares Gemaͤlde von Phil. de Champagne. Es stellt vor, wie der Engel dem Joseph im Traume erscheint. Le Monument de M. de la Peyronnie. Er war Leibchirurgus des Koͤnigs, und starb 1747. Es be- findet sich in der Kirche St. Come , Rue des Corde- liers. Im Vorbeigehen kan mans mitnehmen. Sein Kopf sieht ehrwuͤrdig aus. Die Inschrift ist auch nicht zu sehr panegyrisch. Ich ging drauf wieder ins Cabinet de l’Hist. Nat. du Roi wo ich das Vier- te Zimmer durchzusehen hatte. Ich besah daselbst I) Rechter Hand, beim Eingang, gerade hinab A) Bis in die Mitte, die obre Haͤlfte. Thiere, Quadrupeda ausgestopft. Den 4. Jul. waren darunter Mumien, Mann und Weib, von der Jusel Teneriffa rangirt worden. Sie waren sehr schoͤn, aber nicht gros. Amphib. und Fische, N 4 alle alle in grossen Zuckerglaͤsern und an Schnuͤren in Wein- geist. I) Erste Tablette, 1) Eine Gazelle, oben gelbbraun, unten weis, oben auch hinten weis, desgleichen am Anus. Der Kopf, klein, grosse Ohren, ein artiger Schwanz, schwarze fingerslange gedrehte Hoͤrner; un joli animal. 2) Foetus , von Affen, Singe né à Selle 1749. Lapin au poil de Lievre. 3) Foet. de Hippopot. Der Kopf ist schon sehr breit, die Augen stehen 1½ Fingerslang von einander, die Zunge liegt zwischen den Kinnladen, an beiden Kinnladen sieht man viele Warzen, aus denen nach- her vermuthlich Haare sprossen, die hornigen Zehen sind schon sehr breit. Das Alter war nicht angegeben. 4) Crocodile. Das Ey grau, nicht so gros, aber laͤnger als ein Gansei. Aus Amerika, klein, aufm Ruͤcken stehen stachlichte Schuppen hinaus. Des grand’ Indes , die Augen stehen wohl eine halbe Elle von der Spitze der beiden Kiefern weg, die schmal aus- laufen und mit vielen scharfen, alternatim positis dentibus besetzt sind. 5) Schlangen, von allen Arten, duͤnne und dicke; die meisten waren ganz weis. Depouille du Ser- pent , einige hatten Stacheln zwischen den Schuppen. Eier, braun, oval. Darzwischen wieder ein Bupre- stis!! Ceraste Vipere cornue d’ Egypte 2. Stuͤ- cke, und beide hatten wuͤrklich uͤber dem Auge gra- de hinaus 2. natuͤrliche scharfe ¼ Zoll grosse Stacheln stehen. Serp. Serp. Imperial , ohne Ortsangabe, weis mit In- fuln, die einen braunen Umkreis haben. Sonnets, Crochets, Serp. Dieu des Negres , ist aber nicht Boa constrictor. Serp. Tygre wegen der Fle- cken. Eine aus Amerika hatte von Distanz zu Di- stanz um den weissen Leib 2. braune Baͤnder. II) Zweite Tablette. Viele Misgeburten von Ka- tzen, Hunden, Hasen, mit 2. Koͤpfen, 2. Leibern, 4. Ohren, 6. Fuͤssen. a) Beutelthier; mit den Jungen im Beutel, man konnte aber nichts genau sehen. b) Hermine de Siberie , weis, mit fuchsrothen Haaren am Schwanz. c) Foetus von fliegenden Eidechsen und Eichhoͤrn- chen von Manis und Armadill (die Furchen der Schuppen sah man schon). Ferner von Camaͤleo- nen. d) Camaͤleons. Einige haben in der Mitte des Bauchs, andre an der Seite eine Reihe aufrechtste- hender Schuppen. III) Dritte Tablette. a) Zungen, Larynges, Genitalia, Sedimente aus der Allantoidea verschiedener Thiere, z. B. des Esels, ein braunes Concrementum. b) Die Zunge eines Ameissenfressers, schwarz; Schade, daß sie so uͤbel angebracht war, hinter einem Schloße. c) Der Magen eines Foetus vom Hippopot. schon sehr gros. Femur d’un foet. d’Hipp. war so N 5 gros, gros, wie die gewoͤhnlichen Stubenmaͤuse bei uns, den Schwanz abgerechnet. d) Des Os des animaux nourris avec Garence , (Faͤrberroͤthe,) hatten wirklich schon eine rothe Tein- ture. e) Viele Maͤuse, die Zunge eines Loͤwen und ei- nes Tygers, sonderlich ad radicem war sie wie ein Reibeisen. IV) Vierte und fuͤnfte Tablette, a) Die Ruthe eines Zebra, gros, und so dick wie ein Faßzapfen, grau, schorficht, uneben. Theile ei- ner Phoca. b) Ein Hase ohne Haare gebohren; vorne am Maul hatte er doch grosse lange Haare. c) Schildkroͤten in Weingeist. Gruͤnliche von der Insel Ascension. Die Ruthe einer Schildkroͤte, braun, dick, und Fingerslaͤnge. V) Sechste Tablette und oben a) Ein Orangoutang; das war der, welcher hier war. Ueber die Brust ist er sehr breit, die Haut ist braun, die Haare sind schwarz, wie am Baͤren. Er sitzt hier mit dem Stock, sperrts Maul auf ꝛc. b) Coaita , kohlschwarz, hat aber die schoͤnsten weis- sen Zaͤhne. Eine andre Art oben schwarz, unten weis, mit rother Nase. c) Singe Lion. Ein Affe, mit einem grossen Schwanz, der ihm uͤber den Ruͤcken geschlagen ist, und so bis uͤbern Kopf vorgeht. B) Die B) Die untre Haͤlfte, nach der Mitte. Das Merk- wuͤrdigste in dieser Parthie war: 1) Eine Sammlung von Eidechsen. Gouetreux hiessen die, welche ein huͤbsches Meergruͤn hatten. Jguana , sehr gros. Lezard verd hieß eine, in Weingeist, die aber ganz roth worden war. Sala- mander aller Art, einer war so praͤchtig marmorirt, wie oft Fische. Eine Probe der franzoͤsischen Terminologie. Lezard trouvé dans le Jardin. Lezard de l’ Amerique. Ein Fisch hieß soufre, weil er gelb war. 2) Serp. Aesculape von Rom geschickt; war praͤch- tig gruͤnlicht marmorirt. Serp. de l’ Amerique. Es war eine da, die hatte auf einem weissen Grund braune, eine andre auch auf einem weissen Grund schwarze Baͤnder. 3) Fische. Amphib. Nant. und Pisces, und Stincs marins, und Vertebr. des Chiens de mer etc. standen hier unter einander. a) Wirbel vom Seehunde, hatten ausser den Loͤchern fuͤr die medull. spin. und nerv. noch ei- ne Menge kleine Loͤcher nach allen Richtungen, so wie die Ribben vom Wallfisch, sie sahen aus wie Pantoffelholz oder wie Mandelschalen. b) Uranoscopus. Dieser Fisch ist Hand lang, oben aufm Kopf stehen die Augen nebeneinander, die Breite eines kleinen Fingers ist darzwischen. c) Viele Machoires von Fischen. d) Oeufs d) Oeufs de Poissons. Glaͤser voller ausge- duͤnsteter Blaͤschen, die duͤnnsten Haͤute; sah aus wie Huͤlsen. Aber wichtig waren Oeufs de Poissons. Leider fehlte der Na- me, ein Klumpen, ein Buͤschel von Koͤrpern, die wie graue Schoten aussahen, und innen kleine durchscheinende Knoͤpfchen hatten ꝛc. e) Poissons volans , die meisten von der Bour- bonsinsel: die pinna pector. ist multifida, fissa, und geht weit uͤber die pinnam analem herab. f) Poissons armés , herissés: starke Stacheln. g) Aus Teutschland nur 2, Lampreten, und Poiss. Thermometre (Wetterfisch). h) Poisson rouge de la Chine , das waren die, so ich im Jardin du Pal. Roy. im Bassin sah, aber das Rothe war hier fast ganz verschossen. i) Remora , einer aus Domingo, hatte einen plumpen platten Kopf; aber weiter oben war einer, der eine schoͤne ovale Platte oben hatte, durch die in der Mitte ein Strich ging, von dem nach bei- den Seiten 17. Seitenstreifen hinausliefen, es sah aus, wie fol. pinnata; der Fisch selber war 1½ Zeigefinger lang. Wie weit ist also die Fabel von der Natur abgewichen! k) Poisson d’argent , dick, aber gar schoͤn; Pois- son de Banc de Terreneuve hatte aufm blauen Grunde schoͤne schwarze Flecken. l) Congre , weis, unten roͤthlich, silberfaͤrbig. 4) Oben 4) Oben uͤber diesen Sachen standen: a) Kevel; ein ziegenartiges Thier, lang gestreckt, mit grossen Laͤuffen und Handhohen, schwarzen, ge- drehten, oder besser, geringelten Hoͤrnern. b) Wieselartige; Genette, Castore. c) Stachelschweine. 5) Hinten in der Ecke: Espece de Brochet de Senegal , roth, mit einem Goldstreifen. Aiguilles de Mer , lang, roth, schmal; einige waren tirés de l’Estomac du Merlan. Oben standen schwarze Baͤre. II) In der Mitte des Zimmers stand hinten ein Glas- Schrank, darin war wichtig: 1) In der Mitte ein Zebra, gar niedlich. Der Grund ist weis, mit schwarzbraunrothen Streifen, die vorne an Kopf und Hals schmal sind; der Schwanz ist am Ende dick, schwaͤrzer, es ist aber nicht blos Extremitas caudae, sondern eine halbe Elle. 2) Um den Esel herum lagen Fische, und zwar a) Le Bauldroy , ou le Diable de Mer. Im Rachen hat er 2. Reihen Zaͤhne, einige groͤsser, die andre kleiner, noch ad radicem linguae sitzen viele; Ueber die Brust ist der Fisch so breit, daß man sich darauf legen koͤnnte. Er schien mir von einem Firnis zu glaͤnzen. b) Le Pourbon , lang, schmal, male \& fe- melle. c) Le Miraillet , sehr breit und kurz. d) Saumon , lang, schmal ꝛc. Morue \&c. 3) Oben 3) Oben auf dem Schrank, aber mit Staub be- deckt, lagen a) Poisson lune , wegen seiner breiten ausge- schnittenen Gestalt so genannt: hat einen fuͤrchter- lichen Rachen. b) Lezards de l’ Amerique , viele Ellen lang war eine; eine andre anderthalb ꝛc. c) Ein Crocodil, oben auf den Ruͤcken hat es 4. 5. Reihen von Boutons oder Erhoͤhungen. Perrault sagt in der Anatom. des Lezards. „Les apo- „physes epineuses des Vertebres du dos, qui ne parois- „sent point a la queue.“ Im Rachen, der uͤber eine Elle lang gespalten war, und einen schrecklichen Rictus bildet, standen Zaͤh- ne wie Faßspunde. 4) Zu denen in der Ecke kam noch ein junger See- hund, mit der Blase. Sie ist nicht weit vom Hals befestigt, und hat die Gestalt einer grossen Feige. III) Auf der linken Seite, von unten herauf, fand ich 1) Anemones, Orties, Tethys, Holothuries, Truffes, Polypiers, Madrep. mols. de Mer, aber leider alles unkenntlich, verschrumpft, verschlun- gen. Sind glutineuse Koͤrper. Plumes, Penna- ches de mer, man sieht am Kupfer noch mehr. 2) Krebse eine Menge, Squill. Tarant. Scor- pionen ꝛc. alles unkenntlich, standen auch im Schat- ten. 3) Oben einige kleine Armadills und Faons mon- strueux. Von Von hier ging ich und besah La Galerie des Tableaux au Palais du Lu- xemburg. Eine unschaͤtzbare Sammlung von Ge- maͤlden, die alle Mittwoch und Sonnabend von 4. Uhr an, jedem offen steht. Man sieht erst im Corps de Logis in etlichen Zimmern Gemaͤlde von den groͤsten Meistern in Frankreich, die fast alle ein dunkles Kolorit haben, und daher nicht jedem gefallen. Die Sujets sind aus der Bibel, aus dem menschlichen Leben, aus Ludwig des 14. Feldzuͤgen ꝛc. genommen. Alle herrlich, aber nichts reicht an die praͤchtigen 24. Stuͤcke, in denen Ru- bens die Geschichte der Maria von Medicis, der Ge- malin Heinrich des 4. hinterlassen hat. Sie haͤngen im Pavillon rechter Hand, oben in einem langen Saal. Die Sujets dieser Gemaͤlde sind in jedem Almanac de Paris angegeben. Mir thaten von vielen Anschauen end- lich die Augen weh; ich wolt’ immer fort und konnte nicht, kam wieder, fing noch einmahl an, und bewunderte im- mer den grossen Pinsel des Malers. Den 12ten Jun. Le Jardin Royal. Da meine Arbeit auf dem Koͤnigl. Kabinet der Naturgeschichte zu Ende ging, und jetzt das Wetter auch etwas bestaͤndiger, und fuͤr die Bo- tanik guͤnstiger wurde; so fing ich eine andre Beschaͤfti- gung mit den Pflanzen an. Aber es ist aͤusserst abmat- tend, 3. — 4. Stunden nach einander mit dem Buche in der Hand in den Sonnenstralen gebuͤckt stehen, und sehen und vergleichen. Doch die Natur belohnt die, wel- che sie lieben, und fern vom laͤrmenden Geraͤusch der Stadt, war’s mir zugleich eine angenehme Erinnerung an die die schoͤnen Tage, die mir ehmals in Goͤttingen in eben so bluͤhenden angenehmen Feldern verflossen. Die linke Seite des Gartens ist den eigentlichen Herbis gewidmet, Frutices, Suffrutices, Arbores, stehen dort auf der andern Seite, vermuthlich ist dies noch die Einrichtung von Tournefort oder noch aͤltern Botanikern. Die linke Seite hat 2. Quartiere, die durch breite Wege und Huͤgel abgeschnitten werden. An der einen Seite stehen lauter Wohnhaͤuser der Gaͤrtner, der Madem. Bassepor- te u. s. w. Es war ein Obergaͤrtner da, Namens Thouain, und viele andre. Das unterste Quartier gehoͤrt der Cryptogamie, und so sehr ich auf diese begierig war, so must’ ich doch wegen des schoͤnen Wetters bei den bluͤhenden anfangen; also I) Linker Hand. Vom Eingang am gruͤnen Gitter hinauf. A) Das obre Quartier. Ich ging viele Geschlech- ter aus der a) Hexandria durch, als Bromelia, Lil. Tul. Pancrat. Narc. Crin. Amaryll. Haemanth. Galant. Leucoj. Fritill. Uvular. Hypox. Gloriosa, Asparag. Allium, Aloe, Agave etc. a) Bei den Aloes waren auch viele Varietaͤten da, die Linne’ nicht fuͤr Spec. haͤlt, z. B. die schoͤne Aloe picta. b) Aloe plicatilis , schien mir doch eine eigne Art zu seyn. Auf beiden Seiten liegen en Even- tail 2. Blaͤtter uͤbereinander. Unten haben sie ei- ne rothe Insertion. Je hoͤher man hinauf koͤmmt, desto desto mehr nehmen die Blaͤtter ab, doch sind in der Mitte kleine und grosse. c) Allium Liliflorum war auch da; das hat Linne’ nicht. d) Amaryll. formos. hatte schon verbluͤht, das war sehr fruͤh, zumal in dem haͤslichen Mai. Die Blumenblaͤtter hingen welk und verdorrt herab. b) Aus der Gynandria , standen Ophrys, Or- chides, Satyrium da ꝛc. a) Aber vergebens sucht ich Ophr. insectifera. b) Satyr. war mir eine angenehme Erscheinung. c) Rheum und Rumex waren sehr zahlreich da, auch die aͤchte Rhabarberpflanze, ( Rheum palmatum L. ) neben den andern nicht aͤchten Arten, doch waren die Blaͤtter nicht so gros, und nicht so breit, als im Goͤttinger Garten. Vielleicht ist das Clima zu warm dazu. d) Von Lil. Martagon , konnt’ ich Samen haben, und bei den Plantag. hoͤrt’ ich auf. Drauf ging ich weiter und besah L’Eglise de grands Augustins. Da sind 4. Gemaͤlde von der Ceremonie, womit die Ritter vom heil. Geistorden aufgenommen werden, unter Henr. III. IV. Louis XIII. und XIV. Man sieht darin den ver- schiedenen Geschmack der Nation in Kleidern. Aber zwei andre Stuͤcke sind mir noch schoͤner vorgekommen, das ist: 1) Petrus heilet die Kranken, mit der Unter- schrift: Umbra sua sanans infirmos, von Jouve- net, und 2) Thomas Maͤrtyrertod, das unten O in in der Kirche neben der Kanzel haͤngt. Den Maler hat der Verfasser nicht angezeigt. Herausgeber. Wenn ich nur unter so vielen Gemaͤlden in Paris auch eins von der Bluthochzeit, von Coligny ’s Tode ꝛc. zu sehen be- kommen koͤnnte! Aber die Nation leidet nicht, daß ein Fremder darnach fragt. Sie decken die Schande zu, so viel sie koͤnnen, und kein Mensch redet davon. Le Cenotaphe du Comte de Caylus , der 1747. starb. Man findet es in der Kirche St. Germain de l’Auxerrois in der Rue de l’Arbre sec. In einer Seitenkapelle dieser Kirche steht dies sehenswuͤrdige Mo- nument. Der verdiente Mann hat es zum Theil selber vor seinem Tode angegeben. Man sieht seinen Medail- lon in Bronze, wie’s scheint, alt, mit Runzeln, aber ehrwuͤrdig. Ueber dem Medaillon haͤngt zu beiden Sei- ten ein Laubzweig herab. Unter diesem steht ein Sarco- phag von altem rothen Porphyr, der praͤchtig und fein, und vortreflich polirt ist. Unter diesem ist ein Untersatz von schwarzem Marmor. Die Inschrift ist kurz. Der Graf war Mitglied verschiedener hiesiger Akademien. Ein Gemaͤlde auf schwarzem Marmor, von le Bruͤn, in eben dieser Kirche, haͤngt nur einen Schritt davon an einer Saͤule. Ein besondres Stuͤck, oval. Es stellt den Kopf einer sterbenden Frau, deren Name unten steht, vor, ist vortreflich gemacht und hat eine weis- se Einfassung, die es ungemein hebt. Es sieht nicht anders aus, als wie die zaͤrteste subtilste Tuschirung. Das Auge bricht schon, die Muskeln erschlappen, alles ist matt ꝛc. Le Le Tombeau de Mr. Pierre Mignard , eines beruͤhmten franzoͤsischen Malers. Es steht an einer Saͤule, recht im Licht, — nicht, wie die meisten in Paris in kleinen Kapellen, — mitten im Gange der Kirche du Couvent des Jacobins, Rue St. Hono- ré. An der Wand erhebt sich eine Pyramide von weis und schwarzem Marmor, um die ein Gewand geschlagen ist. Mignard ’s Brustbild aus weissem Marmor steht in der Mitte. Locken und Lineamenten sind sehr gut aus- gedruͤckt. Neben ihm liegt eine weibliche Figur, ver- muthlich eine allegorische. Sie schlaͤgt die Haͤnde zu- sammen, hat ein Tuch dazwischen, und sieht mit truͤben Blick gen Himmel. Neben ihr sitzt ein Genius, der sich die Augen reibt, und weint. Unten spielt noch ein an- drer mit einem Schwan, der den Hals zwischen des Wei- nenden Fuͤssen heraufstreckt, und den einen Fluͤgel uͤber den Schenkel des Genius schlaͤgt; sehr natuͤrlich. Es ist von J. B. le Moine verfertigt. Bemerkungen. Ich war Abends nach 8. Uhr aufm Boulevard in einem Kaffeehause, wo inner- und ausserhalb eine Men- ge Menschen beisammen war. Man plauderte, die Musik ging eben an, und die Saͤngerinnen liessen sich hoͤren; so schrien die draussen mit einmahl: Silence, Silence! Jeder erschrak. — Le bon Dieu, le bon Dieu! und alles sollte knien. Das Hochwuͤrdige ward vorbei getragen. Die Leute thaten alle als knieten sie, die Musik schwieg 3. Minuten, man lachte, schrie und fing wieder an. — Was ist die Ceremonienreligion nicht fuͤr ein kindisches Spiel! O 2 Juden Juden gibts hier auch viele, sie gehoͤren aber zum allerniedrigsten Stande, wiewohl es welche unter ihnen gibt, die Millionen besitzen sollen. Ihre Beschaͤftigung ist auch hier Laufen und Schachern. Einige tragen ih- ren Bart, aber nicht alle. Man sieht sie selten, im Palais Royal zuweilen. Den 13ten Jun. Le Jardin Royal ward heute abermahls von mir besucht. Es kamen in der Ordnung viele Geschlechter vor, 1) aus Didynamia angiosp. z. B. Chelone; Digitalis; Scrophularia; Celsia; Bignonia; Erinus; Sibthorpia; Browallia; Ruellia; Acanthus etc. und dann wieder 2) aus der Pentandria , Spigelia, Verbascum, und ein eignes Feld zu den Solanis , und zwar fand ich 1) Solanum Quitöense da, in einem Glaskasten. Linne’ hat’s noch nicht; es hat folia octangu- lata. 2) Solanum Macrocarpon , war in der Frucht von der Groͤsse und Farbe eines Gallapfels an den Eichen. 3) Sol. Verbascifol. Linne’ sagt nur caule fruticoso, aber es ist wahrhaftig, — wenig- stens hier, — ein ordentliches Baͤumchen, wie ein junges Zwetschenbaͤumchen. 4) Sol. pseudocapsic. war auch in der Frucht. Hier ist die Frucht mehr roth und rund, wie eine Kirsche. Kirsche. Am spanischen Pfeffer ( Caps. L. ) selber ist sie laͤnglicht, wie Hambutten. 5) Sol. melongena Aethiop. etc. waren abge- gangen. 6) Sol. abyssinicum , das Linne’ auch nicht hat, fol. sinuatis tomentosis utrinque aculeatis, caule fruticoso aculeato, fructu luteo ma- ximo. Die Stacheln auf den Blaͤttern sind, wie am Solano mamoso. Aber schon um 10. Uhr kam die Wache, hies uns fortgehen, und die Grille ward verschlossen. Juͤssieu war da, und demonstrirte im Garten, wie ich kam. Es ward mir mein Stock gleich genommen, und ich muste ihn um 10. Uhr mit 2. Sous loͤsen. Er stand aber in einer gros- sen Gesellschaft. Wie die Demonstration aus war, ward wieder geklatscht, wie wenn ein Baͤr getanzt haͤtte. La Bibliotheque de l’Abbaye St. Victor. Hr. Muͤller hatte mir Malpighi Exercit. anatom. de visc. struct geliehen, und heute hatte er die Hoͤflich- keit fuͤr mich, mir wieder die 3. aͤltesten Baͤnde der Mem. de l’Acad R. des Sc zu leihen, sonderlich wegen den 3. Theilen des Vol. III. wo Perraull ’s Untersuchungen der thierischen Anatomie bekannt gemacht wurden; D’Au- benton hatte mir wegen diesem Buch die Addresse an ihn gegeben, und ich bekam alle 5. Baͤnde mit mir nach Hause. Le Monument de Mr. Colbert. Steht in der Kirche St. Eustache , vielleicht waͤrs einer Erneuerung wuͤrdig. Le Bruͤn hat es angegeben. Auf einem Fußgestelle von schwarzem Marmor kniet Colbert mit O 3 gefal- gefaltenen Haͤnden. Gesicht, Peruͤcke, Haͤnde, und das wellenwerfende Kleid sind vortreflich. Vor ihm steht ein Engel, und haͤlt ihm das aufgeschlagene Evangelium- buch vor. Unten liegen 2. weibliche Figuren, die Reli- gion mit einem Schluͤssel und der Ueberfluß mit Fruͤchten, Trauben ꝛc. im Schoos. An der Seite steht in einem vergoldeten Schilde: Acceptus est Regi Minister intelligens Prov. XII. und gegenuͤber: Culpa et suspicio non est inventa in eo. So schoͤn jene Inschrift gewaͤhlt ist, so unschicklich und uͤbertrieben ist diese. Oben uͤber diesen Auffchriften ist auch in vergolde- tem Bronze: Joseph, der Getreide in Egypten austheilt, vorgestellt, zu beiden Seiten, und diese kleinen Stuͤcke sind wieder von Le Bruͤn selbst. An einem Medaillon von Koͤnigl. Leibarzt de la Chambre, dem Monument des Ministers gegen uͤber, steht die Inschrift: Spes illorum immortalitate ple- na est. Le Tombeau de Mr. Languet. Ein Prediger, voll Geschicklichkeit und Rechtschaffenheit, der die praͤch- tige Sulpicius kirche anfing zu bauen, und dafuͤr auch inwendig ein Denkmahl bekommen hat, das unter die schoͤnsten in Paris gehoͤrt. Es steht an der Seite, rech- ter Hand vom grossen Portal. Die hintre Pyramide an der Wand ist rother, die vordern Sachen sind theils gruͤner, theils weisser Marmor. Alle Figuren sind vor- treflich, und der Gedanke gros. Der juͤngere Slodtz hat es ausgefuͤhrt. Der Tod will den Languet umwer- fen und bedecken. Die Unsterblichkeit, eine grosse herr- liche weibliche Figur mit einem Griffel in der Hand, koͤmt ploͤtzlich vom Himmel herab, wirft Deckel und Sargstuͤcke Sargstuͤcke weg, stoͤßt mit der rechten Hand den Tod zu Boden, dort liegt er, streckt seine skeletirte Finger von sich, die Sense faͤllt neben ihm, und Languet bleibt sichtbar. Unter dem linken Arm der Gottheit liegt eine Karte, worauf der Plan dieser Kirche auf Bronze ge- zeichnet ist. Vor ihr kniet Languet in seiner natuͤrli- chen Groͤsse im Predigerkleide, hebt beide Haͤnde in die Hoͤhe, und ist voll Andacht. Unten sind 2. niedliche Genien angebracht, die Religion und die Menschenliebe vorstellend, und unter ihnen ist auf einer weissen Platte eine grosse Inschrift eingegraben. Viele haben ihn noch gekannt. Er ist in den 60ger Jahren gestorben. Den kostbaren Bau dieser Kirche, der noch immer fortgeht, nennen viele eine Thorheit, aber Languet selber ist uͤber- all beliebt. Der hohe Altar dieser Kirche ist, wie die Bundeslade der Juden, nur sind oben Engel daran, und keine egyptische Sphinxe. Ein herrlicher, runder, stark vergoldeter Deckel haͤngt oben druͤber. Im Chor ste- hen Statuͤen von Christo, Maria und den Aposteln. Auf den Abend sah ich L’Alceste, donnée à l’Opera , par l’Ac. R. de Musique. C’est un morceau superbe, — sag- te jeder, wie das Stuͤck aus war. Mr. Milon hat auch in Frankreich dies Sujet bearbeitet, vielleicht auch unsern Wieland benutzt, ihn aber weit uͤbertroffen. Das Stuͤck hat 3. Akte, ist vom Anfang an bis zuletzt voll Affekt, der frappantesten Abwechslungen, und der ruͤhrendsten Scenen. Von der Musik darf man weiter nichts sagen, als: der Ritter Gluͤck hat sie gesetzt. Die stroͤmte dann wieder mit allen ihren maͤchtigen und sanf- ten, einnehmenden, schmelzenden Schoͤnheiten in meine O 4 Seele. Seele. Das Stuͤck hat schon im vorigen Jahre hier viel Aufsehen gemacht, und noch vor kurzem ward es auf Befehl, vermuthlich der Koͤnigin, vor dem Kaiser aufge- fuͤhrt. Auch heute waren der Comte d’ Artois , und der Duc de Chartres wieder darin. Die Illusion, die Zartheit der Stimme, der Ausdruck der Leidenschaften, die Schoͤnheit der Musik, das genaue Halten des Takts, die Pracht der Kleider und der Dekorationen — alles steigt darin aufs hoͤchste. Madem. Vesteis hies die Aktrice, welche die Alceste, und Gros der Akteur, so den Admet machte; Beide spielten herrlich. Die Bild- saͤule des Apolls war an sich nichts besonders, aber an dem Raͤuchern, Anbeten, Feuer auffliegen lassen, am heiligen Tanz, an Priestern, und Oberpriestern konnte man so recht das Pfaffenspiel der alten Welt, und ihre tausendfaͤltige Gaukelspiele und Mummereien kennen ler- nen. — Der Kampf der Liebe, der Natur, und der Pflicht im Admet, und in Alcesten, — man kann’s nicht sagen, wie’s die Leute vorstellen. Sie fallen vor, fahren zuruͤck, zittern in allen Muskeln, ahmen die Ohn- machten so natuͤrlich nach, werden heftig gegeneinander, kehren sich mit einmahl um, und schreiten majestaͤtisch, gedankenvoll, uͤbern Schauplatz hin, spannen die Stim- me aufs hoͤchste ꝛc. Es kamen 2. kleine Kinder, von denen Alceste Abschied nimmt, die dem Herkules alle moͤgliche Schmeicheleien machen, die ihm hernach die Hand kuͤssen. Herkules, mit seinem entscheidenden Ton war gar vortreflich. Der Eingang der Hoͤlle war eine Wildnis, verfallne Baͤume, Felsen, Loͤcher, Ritzen ꝛc. wenig Licht dabei. Da schweifte Alceste herum, ganze Schaaren von hoͤllischen Gottheiten waren hinten, bestaͤndig flammte an allen Gegenden Feuer auf — Admet koͤmmt koͤmmt auch hinab, sie bittet ihn, zuruͤck zu gehen, end- lich ruft sie Charon, und ehe man’s sich versieht, fuͤhrt sie Herkules unten zwischen lauter Feuer und Felsen herauf ꝛc. Ich bin muͤde, aber Rousseau ’s Stelle faͤllt mir noch ein: Les passions violentes ont tou- jours dans leurs excès quelque chose de puerile, qui nous amuse, seduit, et nous fait aimer ce qui seroit à craindre. Voilà pourquoi nous aimons tous le theatre, et plusieurs entre nous les romans. Den 14ten Jun. Mr. Delor und ich wolten heute Mr. de Bomare besuchen, um sein Kabinet, Rue Ferrerie zu sehen; er war aber fuͤr den ganzen Sommer in Chantilly beim Prinz von Conde’. Es ist unglaublich, was das fuͤr eine Last ist, in Paris des Morgens Stundenlang her- um zu laufen und doch seinen Zweck nicht zu erreichen. Alles laͤuft auf und vom Markt, bestaͤndig glitscht man aufm Pflaster, ganze Strassen lang muß man oft hinter den Lastwagen herkriechen, die mit Steinen, Ziegel, Holz ꝛc. so beschwert sind, daß sie alle Augenblicke bre- chen und 50. Menschen die Fuͤsse entzwei schlagen koͤnnen. Man bekoͤmmt Kopfweh nur von dem ewigen Schlagen, und Trampeln der Pferde, und dem Schreien und Fluchen der Leute. Wer strepitum tumultumque urbis nicht kennt, kan’s hier erfahren. Sieht man’s nicht an den Einwohnern von Paris selber, daß ihnen das be- staͤndige Getuͤmmel zur Last ist, da sie aufs Land gehen, sobald die Natur wieder schoͤn wird? Wie arbeiten oft Menschen, um die besten natuͤrlichen Vergnuͤgungen zu O 5 verjagen! verjagen! Da baut man noch immer an einer Stadt, die das Grab der Bevoͤlkerung, die Klippe so vieler Juͤng- linge, der Abgrund fuͤr die allermeisten Frauenzimmer, der offne Schlund fuͤr Rechtschaffenheit, stille Arbeitsam- keit und Tugend, die Pflanzschule der Frivolitaͤt, der Spielsucht, des Muͤssiggangs, der Kleiderpracht, der Unzucht, der Irreligion, und zugleich, — denn in jeder Stunde sieht man diese Schande der Menschheit und muß stille dazu seyn, — der Marterplatz fuͤr viele Tausend der lasttragenden Geschoͤpfe Gottes ist. Le Cab. de l’Hist. Nat. du Roi. Noch ein- mahl hatte ich da zu arbeiten und fand heute (S. d. u. Jun.) 4) In einem Kasten, von unten herauf ꝛc. a) Kroͤten vom Missisippi und Surinam. An der Pipa konnte man nichts besonders sehen, als daß sie sehr breit ist, und einen braunen und gefleckten Ruͤcken hat. b) Froͤsche aus Amerika, sonderlich einer mit sehr grossen Schenkeln, von Demingo; — auch in der Entwickelung. c) Spinnen, eine kostbare Sammlung. Die von Domingo sonderlich sind gros und haaricht. d) Eier, von Wasserinsekten; auch von den Zug- Heuschrecken. e) Perles orient. d’ Ecosse — Glaͤser voll. f) Coccus polonicus in Weingeist. g) Bock von Angora, oben. Hatte grosse weisse, faltigte, lockigte, seidenartige Haare bis auf den Bauch. 5. Ichneum. 5) Ichneum. Scolopend. Hippocampus, (die hier auch einmahl Hippopot. hiessen,) 2. Stuͤcke, eins von der gewoͤhnlichen, und eins von einer ausserordentlichen Groͤsse. Krebse, Eier, Pucerons auf Blaͤttern, Coc- cons \&c. Oben standen, a) ein Wolf, rothgelblicht. Oben bei der Thuͤre stand ein schwarzer aus Canada, fast wie ein Hund, mit weissen Zaͤhnen, und rothem Gaumen. b) Ein Louvetau, ganz weis. 6) Vers solitaires, aus dem Wolfe, Katzen, Hun- den, Pferden, Salmen, ausm Zebra, sind sonst gar breit. Eine Solit. artig dentelé, hatte auch Strei- fen, die in die Quere gingen, der Name fehlte. Larven von Oestris, die hier auch Vers hiessen; Vers marins, qui rongent les bois des vaisseaux; sind Teredi- nes navales L. — Oben standen auch blosse Tuyaux von diesen Thieren. Ein Wurm aus einer Blase eines Menschen. Indianisches Wachs en batons. Oben stand ein Luchs, so gros wie ein Wolf, aber schmal, mit gelbbraunen Flecken. 7) Raupen, die meisten gut konservirt, einige so groß wie Bratwuͤrste ꝛc. unter andern a) Chenille du Corne, du Manioc, du Chou-Pal- miste. b) Chen. du Caffêe, gruͤn mit Goldflecken. c) Lievres, Mains, Orties de Mer. d) Chen. epineuse, aus jedem Ringe ging zu bei- den Seiten ein Plumasseau heraus, an den die Faͤ- serchen nach allen Seiten hinausstanden, sehr schoͤn und fein. e) Oben e) Oben stand ein weisser Hase von Stockholm, schneeweis. Porte Musc, braun, hat die Gestalt eines Bocks, die 2. canini standen herabwaͤrts. ꝛc. 8) Coguar, Coati Ra t on, — male \& femelle. Bei dem schwarzen Wolf waren herrliche Tiegerfelle ausgebreitet. a) Fourmiller, Martini ’s Zeichnung koͤmmt ihm am naͤchsten. Mit dankbarer Empfindung der Guͤte Gottes fuͤr jedes Thier im Walde sah ich zum ersten- mahl in meinem Leben dieses simple Wunder der Na- tur. Die Kinnladen sind schmal, die Augen stehen wohl eine Spanne lang vom Maul zuruͤck, die Zun- ge war an der Seite heraus gezogen, war schwarz und hatte vorn einen Absatz. Auch unten am Kinnba- cken standen lange Haare ruͤckwaͤrts gegen die Brust. Alle Haare waren eine Art Borsten, wie am Schwei- ne, dem das Thier uͤberall gleich sah. Ueber den Leib laͤuft so, — wie die linea lateralis piscium, — ein schwarzer Streifen auf jeder Seite. Die Klauen oder Zehen nur waren schwarz und dick. Vor- ne war das Thier viel niedriger, als hinten. b) Ein sechsfuͤßigter Hammel, eine Misgeburt neben dem herrlichen Werke der Natur! Gleich hin- ter der Brust hingen noch einige kleine Fuͤsse herab. 9) Vari aus Madagaskar, schwarz und weis. Ein Luchs aus Kanada, hatte graue Flecken auf einem weissen Boden. Eine Tygerkatze, ein schoͤnes Thier, hatte einen weissen Grund und schwarze Flecken. IIII) Oben an der Decke hingen durchs ganze Zim- mer Crocodile, Caimans, Caretten, Schlangenhaͤute, Cou- Couleuvres, Phocae, Fische, La Morse, Roset- te, Gebisse ꝛc. Und nun beschloß ich diese Arbeit, ging zu meinem vortreflichen D’Aubenton, — dem Gott fuͤr alle Freundschaft gegen mich, Jahre an Leben und Kraft in der Arbeit geben wolle! — und sprach mit ihm von verschiedenen Dingen, bis er mich auf den Mittwoch um 10. Uhr wieder kommen hies, um noch mehr Schoͤnes zu sehen. Bemerkungen. Man hat hier Erdbeeren wie Nuͤsse gros und zu- ckersuͤß. Aber Ribes grossularia, traͤgt kleine schlech- te gruͤnbleibende Fruͤchte. Den 15ten Jun. Heute besah ich Le Mausolée du Card. Fleury. Unter allen Monumenten, die ich hier gesehen, ist dieses das schoͤnste und das ruͤhrendste. In der kleinen Kirche St. Louis, Rue St. Thomas gleich beim Eingang linker Hand praͤ- sentirt es sich herrlich. Alle Statuͤen sind aus weissem Marmor, die Pyramide, die hinten in der Nische auf- steigt, ist rothbraun, und die Zeichen der geistlichen Wuͤr- den sind auch so. Le Moine heist der vortrefliche Bild- hauer, der so herrlich den Meissel fuͤhren konnte. Der Kardinal liegt da schon mit halb gebrochenen gesunkenen Augen, sterbend, mit gefalteten Haͤnden; die Religion, eine etwas aͤltliche ernsthafte weibliche Figur, steht hinter ihm, haͤlt ihn in den Armen, wie er sterben will, und stellt stellt ein Kreuz neben seine linke Hand. Zu seinen Fuͤs- sen steht Frankreich, als ein Frauenzimmer mit dem Schild an sich gelehnt, deckt mit der rechten Hand die Haͤlfte des Gesichts zu, und sieht bestuͤrzt aus. Hinter ihm steht die Pyramide. Vor einer Urne steht ein An- ker, neben dem sitzt die Hofnung, auch als eine weibliche Figur, streckt die eine Hand gegen den Sterbenden aus, sieht auf ihn hinab und troͤstet ihn. Unten liegt der Kar- dinalshut, ein Cordon mit vielen Quasten, der Bischofs- stab ꝛc. Alles ist gar ruͤhrend, einnehmend, hat etwas Sanftes, Bezauberndes ꝛc. Le Tombeau de Mad. Girardon. — In der alten Cité de Paris in einem vieleckichten Winkel in der kleinen finstern Kirche St. Landry, wo niemand, dem mans nicht sagt, etwas Sehenswuͤrdiges sucht, steht dies herrliche Stuͤck. Girardon ein beruͤhmter Bild- hauer und zaͤrtlicher Ehegatte hat es fuͤr seine Frau ent- worfen, und zwei seiner Schuͤler habens ausgefuͤhrt. Un- ser Erloͤser liegt todt zu den Fuͤssen seiner Mutter. Der stille, finstre, muͤtterliche Schmerz ist unvergleichlich in ihrem Gesicht ausgedruͤckt: Gegen uͤber stehen drei En- gel, die auch durch die schoͤnsten Stellungen ihren Kum- mer ausdruͤcken. Oben steht noch das Kreuz mit einem Tuch umwunden. La Galerie des Tableaux du Palais Royal. Dieses praͤchtige Gebaͤude hat die schoͤnsten Fa ç aden, tos- canische Saͤulen, breite Treppen, hohe praͤchtig meublir- te Apartements, Spiegel 9. Spannenbreit, Bronzen in Menge, und sonderlich so grosse hohe Zimmer hinter- einander, die alle voll Malereien sind, von den beiden Coypels und andern grossen franzoͤsischen Malern. Ich wuͤrde wuͤrde nicht fertig werden, wann ich alles beschreiben woll- te. Man sieht in einer Stunde zu viel, man kans nicht alles sagen. Man findet auch kostbare Buͤsten von Louis XIII. XIV. XV. und eine vom Herzog-Re- genten, der ein herrliches Gesicht gehabt haben muß. Von Titian, Raphael, Annib. Carracci ꝛc. sind sehr kostbare Stuͤcke da. Die Tische sind alle vom schoͤn- sten Marmor, mit Vasen aus Felscrystall, Achat, Por- zellan ꝛc. geziert. Unter den Gemaͤlden gefielen mir be- sonders: 1) Ein Stuͤck, wo Leoparden, Tyger und Menschen liegen — die schreckliche Majestaͤt dieser Thiere im Blick, die herrliche Zeichnung der fleckichten Haut, die grosse Lage des Schwanzes, der Tatzen ꝛc. 2) Der Bethlehemitische Knabenmord von Le Bruͤn. Ich kan den Eindruck, den dieses Gemaͤlde auf mich machte, nicht beschreiben. Ich glaube, haͤtte Herodes dieses Gemaͤlde sehen koͤnnen; er haͤtte den Blutbefehl zuruͤckgenommen. 3) Alexanders Tod. Von No. 1. und 3. hat der Verfasser die Maler nicht angegeben. Herausgeber. 4) Ein runder Saal nicht gar gros, aber voll Vergol- dungen und Gemaͤlde. Oben ist eine Gallerie, auf der man im Zimmer herumgehen, und in die Stadt, und in den Garten sehen kan. Darneben ist 5) La Ga- lerie d’Enée. — Hier hoͤrt alle Sprache, alle Be- schreibung auf. Ein langer Saal von 12. Kreutzstoͤcken, darin 14. grosse Gemaͤlde von Anton Coypel, die gan- ze Geschichte des Aeneas vorstellend, haͤngen. Das Anlanden des Helden in Afrika, die Verliebtheit der Dido ꝛc. und oben im Deckenstuͤck, so lang es ist, alles mit mit der feinsten Arbeit uͤberladen. Ich glaube, man sieht hier die ganze Mythologie. Le Tresor de l’Abbaye St. Denys. Zwei Stunden hat man vom Mittelpunkte von Paris an ge- rechnet, zu gehen, bis man nach St. Denns koͤmmt. Man passirt am Ende der Rue St. Denys die Porte St. Denys, die massiv, hoch, mit Statuͤen von Louis XIV. mit Bildhauerarbeit aller Art innen und aussen nach dem Fauxburg zu, zu beiden Seiten von oben bis unten herab, geziert ist, und die Ueberschrift hat: Lu- dovico sacrum. Um der vielen Kunst willen ists Schade, daß auch dieses Thor, so wie alles in Paris, aus dem gelblicht weissen Stein erbaut ist, der Anfangs so schoͤn aussieht, nnd nach einiger Zeit von der Luft, vom Staub, und den tausenderlei aufsteigenden Daͤm- pfen so haͤslich geschwaͤrzt wird. — Man geht, wenn man einmahl das Gedraͤnge los ist, und das wehthuen- de Pflaster uͤberstanden hat, noch eine Stunde uͤber die schoͤnsten breitesten Fruchtfelder, wo man, — ich we- nigstens spuͤrte den Unterschied gleich in der Lunge, — doch auch wieder frischere und gesuͤndere Luft athmen kan, als in Paris. — St. Denys ist ein Dorf, das aus- ser der Abtei dieses Namens gar nichts merkwuͤrdiges hat. Dieses Kloster mit seiner Kirche zeichnet sich gleich von weitem durch seine Hoͤhe und alte gothische Bauart aus, doch ist an der Kirche auch ein zugespitzter Thurm, wie man in Paris selber nie einen zu sehen bekommt. Die Moͤnche tragen sich ganz schwarz mit langen Ueberklei- dern, an denen Kappen angeschnitten sind, die sie uͤber- schlagen, wie die in der Congreg. de St. Maur. Die Kirche hat dicke Balken statt der Thuͤren, die mit Mes- sing, sing, an dem eine Menge Schnitzwerk praͤchtig gegossen ist, dick uͤberzogen sind. Das Schiff der Kirche hat zu beiden Seiten Saͤulen, hinter denen Gaͤnge und Kapel- len sind. Im Almanac wird sie 90. Schuh hoch und 335. Schuh lang, angegeben. Die grosse Orgel steht uͤber dem Portal auf einem herrl. hohen Gewoͤlbe. Die Fenster zu beiden Seiten sind nach der alten Kunst gemahlt und zwar nicht blos auf einzelnen Scheiben, son- dern es sind, wie mans nicht uͤberall findet, ganze Heili- genbilder in herrlichem Blau und Roth auf den Fenstern. Um den hohen Altar herum, der nur von weiten seine Schaͤtze und Edelsteine zeigt, ist eine hohe Grille de fer, die wieder ein Meisterstuͤck ist. Die Pfaffen haben bei ihrem ausschweifenden Stolz die Sachen da nur an- gebracht, um das Volk abzuhalten, daß ja keiner vom untersten Stande an so einen heiligen Mann streiffe, und seine Heiligkeit anlaufen mache, wie das Glas vom An- hauchen truͤbe wird. Jetzt haͤngen sie noch das Gold daran, das sie gar nicht haben sollten; indessen hat dies Vorurtheil, der Klosterstolz, doch der Kunst dieser Na- tion besonders einen Schwung gegeben. Ueberall, und sonderlich auch in der Abtei St. Germain ist eine kostba- re Grille. Das im Feuer vergoldete Eisen sieht gar fei- erlich aus. An der Grille muste eine Menge Leute war- ten, bis die etliche 30. Pfaffen ihre Vêpres gebrummt hatten. Das Brummen hat doch wenigstens den Nu- tzen, daß es ihnen nach einer fetten starken Mahlzeit den Wanst erschuͤttert und zu einem neuen Schmause Appe- tit macht. Dann draͤngte sich alles an der Seite inner- halb der Grille durch einige Treppen in ein Zimmer, wo 5. mit einer Barrierre eingefaßte Schraͤnke von Holz, worin der Schatz ist, standen. Einer von den Moͤnchen P kam kam und machte mit vieler Hoͤflichkeit den Demonstrateur. Man sah Buͤsten von den Koͤnigen. Die von Louis XV. war gar schoͤn; ferner ganze Suiten von Kronen, von Louis XIII. XIV. XV. XVI. Kronen von Koͤniginnen, Dauphins, Dauphinen; eine Krone im Ge- schmack der Krone von Karl dem Grossen, die Louis XVI. oben wieder verschoͤnern lassen; alle Kroͤnungs- Kleider vom jetzigen Koͤnige, wozu auch ein paar gestickte Stiefel gehoͤrten, Krone und Scepter von Karl dem Gr. Beim Sacre du Roi brauchen sie die Krone, den De- gen, die Sporen, das Scepter und den Stab mit der Hand oben darauf, von Karl dem Gr. Zu Louis XVI. Kroͤnung hat man ein neues Gehenke an den Degen und eine mit Gold gestickte Scheide gemacht. Staͤbe von Dagobert und andern alten Koͤni- gen, viele Reliquien von Ludwig dem Heiligen, oder ihm im Orient geschenkte Sachen, ganze Suiten von den Muͤtzen, welche die Aebte in dem Kloster getragen, wo die Zipfel und die Formen eben so abwechselten, wie an unsern Huͤten, Vasen aus Achat, Porphyr, goldene mit Edelgesteinen besetzte Kreuze, goldne Buͤsten vom Stifter, dem Heil. Dionysius, ein Kreuz aus Fels- Crystall ꝛc. Die Krone von Louis XVI. war gar kost- bar. C’est le dernier gout, schrie dabei freilich je- der, wiewohls im Grunde nur verschoͤnerte Copie von Louis XV. seiner war ꝛc. Die Mausoleen unten, sind aus den Zeiten Franz I. Louis XII. ꝛc. und bedeuten nicht viel. Was man von den Grabstaͤten der aͤltesten und neuesten Koͤni- ge sehen kan, ist wenig; man sieht nur den Eingang in die Gruft, und es sieht schauerhaft majestaͤtisch aus. Weil Weil heute zu viel Leute hier waren, so besah ich diese den 6ten Jul. noch einmal. Davon also das Weitere unter diesem Tage. Der Schweizer war ein grober Kerl. Bemerkung. Heute ging ich wieder bei La Morne vorbei, da lag ein Mensch! Ein gemeiner Mann, vermuthlich aus der Seine aufgefischt, denn er war ganz mit Koth bedeckt, und schon stark aufgetrieben. An den Haͤnden sah ich Wunden, und Blut im Koth geronnen, die wichtigern kont’ ich nicht sehen. — Gott im Himmel! welch ein ungluͤckliches Schicksal haben doch viele Menschen auf deiner Erde! Menschen opfern Menschen auf, und das sehen Tausende, schwatzen davon, und der ganze tausend- fache Troß der Stadt laͤuft nachher, wie zuvor, dem Ver- gnuͤgen und dem Laster nach! Den 16ten Jun. Ich besah heute Le Cabinet du Pere Nicolson, au Couvent des Jacobins, Rue St. Honoré, proche de l’Eglise St. Roch. Der erste Vormittag, den ich hier zuge- bracht, soll mir noch lange kostbar und werth seyn. Wie geschwinde knuͤpfen die Wissenschaften das Band der Freundschaft zwischen sonst unbekannten Seelen! Und be- sonders Maͤnner, welche die Natur lieben, wie leicht fin- den sie sich, ziehen sich an, lieben sich, theilen sich mit, und vergessen des Flugs der Stunden in den angenehm- sten Unterhaltungen! In dieses Kloster, — wohl eine Stunde von meinem Quartier entfernt, — ging ich oh- P 2 ne ne Addresse und Bekanntschaft, blos weil ich im Al- manac de Paris gelesen hatte, daß da eine Bibliothek und Kabinet zu finden sei, lies mich auf die Bibliothek fuͤhren, und fand da einen alten, ganz weis gekleideten Ordens-Mann, dessen Namen ich nicht mehr weis. Er schien sehr ernstlich zu studieren, wies mir aber doch mit der groͤsten Hoͤflichkeit die Bibliothek. Er hatte sich uͤber den grossen Katalog noch ein Repertorium nach dem Al- phabet der Autoren gemacht, die Zimmer haben Namen, die Schraͤnke Zahlen, und die Buͤcher Nummern; so konnten wir in einem Augenblick finden, was wir wolten. Und in jedem Buch selber steht allemahl wieder der Name oder der Buchstabe des Zimmers, die grosse Zahl des Schranks und die arabische Zahl des Buchs, so konnte man auch leicht eine grosse Menge gebrauchte Buͤcher wieder an ihre gehoͤrige Stellen bringen. Von Theologi- schen, Historischen, Medicinischen, Philosophischen, Na- turhistorischen fand ich einen grossen Vorrath, sonderlich in der Litteraturgeschichte, vollstaͤndige Suiten vom Jour- nal des Savans, Gazette de France \&c. die sonst selten complet sind, auch Luthers, Erasmus ꝛc. Wer- ke. Im Katalog uͤber die Naturgeschichte fand ich zwar eine andere noch aͤltere Edition vom Sibbaldus, aber seine Balaenologia wieder nicht. Honoratus Fabri de generat. anim. et plant. wollt’ ich mir geben las- sen, als mein gefaͤlliger Pater abgerufen ward, nnd mich noch einen Blick aufs Naturalienkabinet thun ließ. Da fand ich aber so viel Schoͤnes, daß ich ihn um Erlaub- nis bat, das alles durchzugehen, worauf er mich zum P. Nicolson fuͤhrte, der von dem Augenblick an mein ge- liebter Freund ward. Ein Mann, mit einem silber- grauen Kopfe, von einem drittehalbjaͤhrigen Aufenthalt auf auf Domingo zuruͤckgekommen, voll Eifer fuͤr die Na- turgeschichte, und doch noch bei einer starken Gesundheit, und einem dauerhaften Koͤrper. In Domingo war er einmahl sehr krank, aber nachher nicht mehr. Sein Essay sur l’hist. natur. de St. Domingue war eben unter Adanson’s Censur gedruckt worden, und blos durch ein Versehen ist, wider seinen Willen, der Name des Verfassers auf dem Titelblatte weggeblieben. Was im Klosterkabinet sehenswuͤrdig ist, hat er angeschaft, oder mitgebracht. Da sind auch die Urbilder zu den Platten, die er in Kupfer stechen lassen. In der Thiergeschichte ist er nicht sonderlich systematisch fest, wiewohl er auf je- de kleine Erlaͤuterung, die ich ihm geben konnte, begie- rig war. In der Kraͤuterkunde fand ich doch Linn. Spec. plant. bei ihm. Wir gingen ins Kabinet, und das Wichtigste von dem, was ich gesehen habe, ist fol- gendes: 1) Crystallisirte Krei d e, eigentlich dreyecki- ge Pyramiden, an einander geklebt; aus De l’Isle de Rome’s Sammlung, aus la Carriere de Belle Croix bei Fontainebleau. Ich habe auch ein großes Stuͤck davon. 2) Violetholz aus Domingo, unvergleich- lich schoͤn zu Meublen: In meiner Holzsammlung ge- faͤllt es immer allen, die Geschmack haben, am meisten. 3) Krebse, in einer halben Bivalve, die auf dem Ruͤ- cken eine harte Kruste, am Bauch aber eine weiche Haut haben, also den Uebergang oder wenigstens ein Ketten- glied zwischen den Molluscis und Crustaceis machen. Das Thier bewohnt immer nur die eine Haͤlfte der Kon- chylie und traͤgt sie uͤber sich im Gehen, wie ein Dach. 4) Eierschnuͤre von Molluscis und Testaceis, wel- che die Natur selber enfilirt hat. s. die Kupfer zu seinem Werke. 5) Eine versteinerte Auster von St. Do- P 3 mingo, mingo, wovon man beide Haͤlften abnehmen kann. 6) Eine Suite von versteinerten Muscheln, grosse und kleine, wie kleine Blaͤtchen. Man heist sie in Bre- tagne Monnoye de Neptune. Ueberm Feuer oͤffnen sie sich, man sieht aber kein Charnier, und kennt das Original nicht, wie Nicolson sagte. 7) Pinceau de mer, grosse und kleine. Man denke sich die Allmacht Gottes an dem sonderbaren Thiere. 8) La Fripiere, die alle Muscheln an sich klebt. Dieses Stuͤck war be- sonders kostbar, weil oben eine vollkommne Arche Noaͤ darauf saß. 9) Schnecken mit einem Bouche d’or, das Labium war goldgelb, wie im Feuer vergoldet. 10) Kleine Zebramuscheln aus Domingo, die solche Zeich- nungen haben, wie dieser afrikanische Esel. 11) An vie- len Krebsfuͤssen Klauen, hornartig, schwarz, einige noch mit Stacheln. 12) Natuͤrlich rothe Krebsscha- len, mit herrlichen, weissen, gelben Flecken darauf. 13) Meerohren aus Domingo, in denen nicht ein ein- ziges Loch war. Ob nicht eins darin gewesen, oder ob das Thier sie alle verstopft hatte, konnt’ ich nicht entscheiden. 14) Grosse Eidechsen von da her, die ein recht gutes Essen sind. 15) Bois dentellé, Bluͤte, Frucht und Rinde in Weingeist. Es ist die mittelste Rinde, La- jette nennt Sloane den Baum in Domingo. Man macht Manschetten davon, die man in ein Glas mit Sei- fenwasser geschuͤttelt waͤscht. Vom Reiben wuͤrden sie zerreissen. 16) Viele Conchylien mit ihren natuͤrli- chen Deckeln, welche die Fischer aus Unwissenheit weg- werfen. 17) Ein herrlicher Meerigel mit vielen Sta- cheln noch, den er auch beschrieben hat. 18) Calebas- sen, viele Wurzeln, Saͤmereien ꝛc. Zu Zu den Nachrichten, die er mir gab, gehoͤrt, daß er Delor ’s Aussage von der Bewegung der Seesterne gra- de zu widersprach. Er haͤtte sie immer auf dem Ruͤcken schwimmen sehen, und kleine Bewegungen machen, wie die Schnecken mit ihren Hoͤrnern, so diese mit ihren Ra- diis. Der Radius sei breit, in der Mitte laufe ein Tentaculum durch, die vielen Zaͤhne dienten zur Be- schuͤtzung. Wenn er sie umgekehrt habe, waͤren sie gra- de liegen geblieben. Zu den Geschenken die er mir machte, gehoͤrten; Bois dentellé, Tuͤrkisse, Pinceau de mer, Mon- noye de Neptune, grosse, mittlere, kleine, 2. ganz weisse Seeigel. Ein grosses Oscabiœrn, das an der Seite ein Haͤutchen mit vielen Koͤrnchen hat: Eine Ze- bramuschel von Domingo; 3. Conchylien mit ihren na- tuͤrlichen Deckeln; ein kleines Oscabiœrn, das innen nicht blau, und jene Haut, und die Koͤrner nicht hat; Ein Seeigel mit grauen und weissen Baͤndern; noch ein herrliches Schneckchen mit dem Deckel. La Biblioth. du Coll. de Mazarin, ou de quatre Nations. Die letztere Benennung ruͤhrt daher, weil der Kardinal Mazarin eine Schule dabei gestiftet hat fuͤr Kinder aus Teutschland, (man nimmt sie aber jetzt aus der Franche Comte’) aus Italien, Flan- dern und Holland. Sie fuͤllt nur 2. Zimmer, hat aber viel aͤusserliche Schoͤnheit. In allen Faͤchern ist ein schoͤ- ner Vorrath da, aber keine Kupferstiche, keine Hand- schriften, keine Muͤnzen, keine Naturalien. Der Unter- Bibliothekar, der Abbe’ Le Blond, an den ich von Vil- loison Addresse hatte, lies mir den Katalog vorlegen, sei- ne Polyglotta und alte Bibeln von Maynz zeigen, die P 4 aber aber defekt waren, und gab mir was ich verlangte. Ich sah ferner noch 1) William’s Oxonia depicta, LXV. Tafeln in Folio. Es sind nichts als Beschreibungen und Abbildungen der Gebaͤude, die zur Universitaͤt in Ox- ford gehoͤren. Wie viel solte man sich nicht von einer Universitaͤt versprechen, die so viel Platz hat, sich auszu- dehnen? wo jeder Professor eine Stoa, einen Porticus haben koͤnnte? 2) Bonnani Recreationes mentis et oculorum in Conchyliis, in 4to. Die Kupfer sind herrlich, aber der Text ist weitschweifig, gedehnt, aristo- telisch, alles koͤnnte man auf wenige Blaͤtter reduciren. Der Karakter des Verfassers muß gut gewesen seyn. 3) Latini Tancredi de Antiperistasi omnigena, sive de Naturae miraculis. Neapoli 1621. 4to. Der Titel lokte mich. Ich fand lauter Philosophische, Me- dicinische, Physische Dissertationen. Was andre qua- litas occulta nennen, z. B. daß man im Winter besser verdaue, daß der Nil statt des Regens Egypten uͤber- schwemme ꝛc. das nennt er Antiperistasis, und ihm ist alles qualitas occulta. Unglaublich ists, wie weit ehe- mals die Vergoͤtterung des Aristoteles ging. Ueberall ward von ihm angefangen, er bestaͤndig citirt, bis auf alle Woͤrter vertheidigt, und wenn er offenbar geschlegelt hatte, ward eher der Text veraͤndert, und Muthmaßun- gen erdacht, eh Vater Aristoteles verlieren durfte. Welch eine Schande fuͤr den Menschenverstand, beson- ders fuͤr die Naturforscher! Auch kan man sich des La- chens nicht enthalten, wenn man die traurige Gestalt der vorigen Physik sieht, und die kindischen Fragen, woruͤber man sich die Koͤpfe zerbrach! daher betruͤgt man sich oft so schrecklich, wenn man eine alte Naturkunde in die Haͤnde nimmt z. B. da sind etliche Cap. darin, ob die die Erde in ihrem Mittelpunkt wohl hart, solid, oder lockrer Staub sei? Wie’s wohl mit der obern Region der Luft aussehen moͤge ꝛc. Da stritt man uͤber die Eingewei- de und uͤber die obersten Decken der Erde, und kannte die Erde unter den Fuͤssen, sich, und die bekanntesten Ge- schoͤpfe nicht. Trauriger Blick in die Geschichte des Menschenverstandes! Erst hundert Irrwege, bis endlich die gebahnte Strasse zum Tempel der Wahrheit entdeckt wird! Der Abbe’ le Blond schrieb mir noch, eh’ ich ihn verlies, einen Empfehlungs-Brief an De l’Isle Rome’, um dessen Kabinet zu sehen. Den 17ten Jun. Heute hoͤrte ich Le Discours exegetique de M. Asseline, Doct. de Sorbonne et Prof. en Langue hebraique mit an. Ich hatte diesen Vormittag fuͤr die Sorbonne be- stimmt, ging also hin, praͤsentirte diesem Manne meine Addresse von M. de Villoison, und ward mit der groͤ- sten Hoͤflichkeit empfangen. Ein kleiner, blasser, schon alter Mann. Er erbot sich, mir alles zu zeigen, was in der Sorbonne zu sehen ist. Wir sprachen uͤber exe- getischkritische Sachen, und kamen auf die oͤffentlichen Vorlesungen, und weil er um 11. Uhr uͤber die Psalmen las, und bei dem bestaͤndigen Regenwetter im Koͤnigl. botanischen Garten nichts fuͤr mich zu thun war, so kam ich um 11. Uhr wieder, und ging in seine Vorlesungen. Ich ward in einen grossen Saal gefuͤhrt, worin kein Kathe- der, sondern eine wahre Kanzel stand, die ganz schwarz an- P 5 gestrichen gestrichen war. Alles sah uͤberhaupt sehr duͤster und trau- rig aus. Die Studenten tragen sich alle ganz schwarz, mit runden Haaren, und runden Huͤten, die sie auch im Collegio aussetzen. Dr. Aßeline trug ebenfalls eine gros- se steife altmodische Kappe, die er nur beim Gebet ab- nahm. Viel Ordnung, Sittsamkeit und Bescheidenheit fand ich nicht. Die Zuhoͤrer haͤtten alle sitzen koͤnnen, aber sie standen zum Theil auf den Baͤnken, und schrieben am Fenster. Unter der Kanzeltreppe saßen fuͤnfe und schaͤkerten. Man ging, man kam, wie man wollte, vor des Lehrers Augen las man Zeitungen, die wenigsten hat- ten Bibeln. Kurz, ich bemerkte keinen Eifer, keinen Ernst. Mein buntes Kleid mochte hier eben keine ge- woͤhnliche Erscheinung seyn, ich merkte, daß es nicht Mode war; doch wiederfuhr mir nichts unangenehmes. Man hielt mich oft fuͤr einem Engellaͤnder, aber sobald ich dies merkte, bekannte ich frei mein teutsches Vater- land. Als der Professor kam, ging ein Student mit ihm auf die Kanzel und las den 64ten Psalm in der Grund- sprache vor, sodann eine lateinische Uebersetzung, ging dann wieder herunter, und nun fing Aßelyne an. Die ebraͤische Pronunciation der Franzosen ist von der teut- schen wenig unterschieden. Das Vau copulat. und convers. sprach er immer wie ein Schureck aus. Das Schewa quiescens aber kan der Franzos herrlich schlei- fen, auch 3. 4. Worte, welche die Linea Makkeph ver- bindet, sprach er sehr gut mit einander aus. Dagegen aber war sein Lateinisch unertraͤglich, scribītur, Sche- hova (statt Jehova), lonsche (statt longe), fu- schient (statt fugient), schaculati (statt jaculati ). Er ging jeden Vers durch, gab aber nur den Wortver- stand an, ohne sich in die Grammatik, oder in die Mo- ral ral, oder in die Entwickelung der poetischen Schoͤnheiten einzulassen. Lamnazeach las er gerade zu, und uͤber- setzte es Praecentori, doch gefiels ihm nachher, als ich ihm sagte, daß ich Leminzach laͤse. Beim 8ten und 9ten Vers verglich er die LXX. mit der Vulg. und ver- theidigte bestaͤndig die letztere. Er bemerkte, daß die Griechen ידם von דרם von פית hergeleitet haͤt- ten. Beim 9ten Vers gestand er, daß er gar nicht wis- se, wie sie: Infirmatae sunt lingue eorum haͤtten herausbringen koͤnnen. Der 65te Psalm ward noch an- gefangen. Der Aufschrift der LXX. daß ihn Jere- mias, oder Ezechiel gemacht, daß er auf die Gefangen- schaft der Juden eine Beziehung habe ꝛc. sprach er alle Wahrscheinlichkeit ab. Der Vortrag war ganz latei- nisch, monotonisch, todt, unangenehm. Kaum schlug es 12. Uhr, so waren alle Zuhoͤrer schon zur Thuͤre hinaus, und er und ich waren die Letzten. Weil man mir Aße- line als den geschicktesten Lehrer geruͤhmt hatte, hatt’ ich weiter keine Lust, theologischen Vorlesungen in Paris bei- zuwohnen, und segnete Deutschland und seine Michaelis- se, Semlere, Griesbache ꝛc. Hierauf besuchte ich La Manufacture des Glaces, in der schoͤnen An- tonius-Vorstadt. Auch das Gebaͤude sieht viel schoͤner und besser aus, als die Werkstaͤtte der Gobelins. Man sieht grosse, aber niedere Saͤle, wo dreierlei Arbeiten vor- genommen werden. Die Arbeiter werden nicht Tagwei- se, sondern Stuͤckweise bezahlt. Die Verquecksilberer haben Appointements, und erhalten sie auch, wenn sie krank sind, denn zum Theil ist die Arbeit hart, zum Theil ungesund. Man sieht Weiber und Maͤnner arbeiten. Die Glasplatten werden aus der Pikardie hieher ge- bracht; bracht; der Sand ist in Menge vorhanden. Die Potté und das Quecksilber werden von den Materialisten ange- schaft. Im Magazin der Glaͤser sieht man Tafeln al- ler Art; es sind Stuͤcke von 100. auch 102. Zoll hoch. Je hoͤher die Tafeln sind, desto mehr steigt auch der Preis, nicht nur vom Ganzen, sondern von jedem Zoll, so wie das sechzehnte Theilchen eines Karats an einem grossen Diamanten so viel werth wird, als das ganze Karat eines Diamanten von gewoͤhnlicher Groͤße. Die Glasplatte wird 1) geglaͤttet, doucir nennts der Fran- zose, um die groͤbsten Unreinigkeiten herab zu bringen. Die Tafeln sind, wenn sie ankommen, sehr dick, rauh, uneben, werden daher fast zur Haͤlfte auf beiden Seiten abgerieben. Sind Blasen im Glas, so bleiben diese. Es ist ein Fehler, der an der Materie, nicht an der Ma- nufaktur liegt. Man legt das Glas auf einen Tisch, machts naß, hat dabei auf einem Brete einen gelblichten Sand neben sich, der auch stark angefeuchtet ist, streut den uͤber die ganze Platte hin, und faͤhrt nun mit einem hoͤlzernen Bret, das fast so ist wie das Kaͤstchen am Krauthobel, drauf herum, und schleift mit den spitzi- gen Ecken des Sandes die glaͤsernen Unebenheiten ab. Ist die Platte breit und gros, so beschweren die Arbeiter sie mit mehrern solchen Druckmaschinen, oder mit einer einzigen grossen. Auf diese wird ein Rad gelegt, das nur aus Baͤndern, aus Rinden von Espen, Tannen ꝛc. gemacht wird, und an den Speichen dieses Rades treiben sie die Maschine leicht von einer Seite zur andern, und schicken sie einander zu. Jeder hat unten einen Kasten zum Sand, und einen fuͤr das ablaufende Wasser ꝛc. 2) Polirt, polir nennt mans hier auch, oder geschlif- fen, daß es noch ebener, glatter, schlichter, schoͤner wird. Diese Diese Arbeit geschieht in andern Zimmern, weiter oben, und ist schon wichtiger. Sie nehmen die geglaͤtteten Ta- feln, legen sie wieder auf Tische vor sich, und haben Pot- té — eine Art von Colcothar Vitrioli, oder so ein Residuum — neben sich. Dies wird mit einer Buͤr- ste in Wasser getunkt, abgerieben und damit auf dem Glas hin- und hergefahren. Diese Buͤrsten sind nichts als Buͤndel von den Lisieres, deutsch Tuchschroten, an schlechten, dicken, wollenen Tuͤchern. Die ich sah, waren alle von schwarzem Tuche, vielleicht ist das aber nicht noͤthig. Sie nehmen breite, handbreite Stuͤcke da- zu, binden sie 10, 11 mahl zusammen, und parallel neben einander; das ist die Buͤrste. Sie wird an einen Spannbengel befestigt; dieser ist gebogen und hat oben einen Stift, den der Arbeiter oben in die Decke vom Zim- mer einsteckt, und bald da, bald dorthin steckt, wie ers braucht; daher ist dies 2te Zimmer sehr niedrig, dunstig und heis. Der Qualm kam mir schon auf der Treppe entgegen. Von dieser Arbeit wird nun das Glas auf beiden Seiten roth, und fast undurchsichtig. Ist’s ge- nug geglaͤttet und polirt, so wird es abgewaschen, dazu legen sie es auf einen alten Filz, oder grobes Tuch, und stellen es dann an die Lust oder die Sonne, da’s denn viel duͤnner ist, als im Magazin. — An einem grossen Stuͤck, kan, sagte man mir, einer 3. Wochen arbeiten, auch wohl laͤnger. 3) L’Etamage. — so nennen sie die 3te Arbeit, wenn die Tafel wirklich Spiegel wird. In ei- ner andern Stube, wo ordentlich, bei nicht gar grossen Tafeln, nur 2. Leute arbeiten, stehen Tische mit Tuch und am Rande mit Papier uͤberzogen, und mit Kanaͤlen ringsum eingeschnitten. Auf diese legt der Arbeiter eine duͤnngeschlagene Platte von Zinn. Ueber diese gießt er sein sein Quecksilber, das bringt man daher in so grosser Menge, als wenns Wasser waͤre. Doch wiegt die ge- woͤhnliche Schoͤpfschuͤssel 30. Pfund, und sie ist nicht viel groͤsser als eine Suppenschuͤssel zu Einer Portion, aber von Holz. Das gießt er druͤber, dann nimmt er Kehr- besen, Kehrwische, und wieder solche Buͤrsten von Tuch- schroten, und fegt das Quecksilber auseinander. Er verwischts so lange, bis es ziemlich gleich vertheilt ist. Dann schuͤttet er noch etlichemahl daruͤber, mißt mit ei- nem glaͤsernen Winkelmaas das Feld des Spiegels, schuͤt- tet noch immer daruͤber, kein Korn laͤuft uͤber die Grenze des Zinns herab, wenn das Quecksilber gleich noch so dick aufgeschuͤttet wird. In der Mitte bildet sich ein Schaum. Um mich etwas Schoͤnes sehen zu lassen, nahm der Arbeiter seine Buͤrste, und fuhr unten uͤber ei- nen Strich des Quecksilbers hin, er nahm dadurch den Schaum weg, und lies mich hineinsehen. O da war schon ein Spiegel! ohne Glas im blossen Quecksilber, und ein viel schoͤnrer und hellrer, als der neugemachte, der neben dem werdenden lag, den ich hatte entstehen sehen. Man durfte nur in beide sehen, so sah man den Unter- schied deutlich. Das Glas nimmt einen Theil der Hel- le, der Lebendigkeit im Darstellen weg. Koͤnnte man das Geheimnis ausfuͤndig machen, das die Natur bisher noch nicht wolte sehen lassen, das Quecksilber, ohne so ei- ne Glas-Tafel darauf zu drucken, fest stehend zu ma- chen; so haͤtte man so viel hellere Spiegel, aber ich griff nur hinein, weg war der Spiegel. — Um ihn nun aus- zumachen, ward der Tisch unten an Schrauben herab- gelassen, damit man die Glas-Tafel desto bequemer hin- auf bringen konnte. Und um die Tafel, sobald sie auf- gelegt waͤre, gleich an zu drucken, so daß sie nicht wei- chen chen koͤnnte, wurden vorher 5. 6. — 8. eiserne Kugeln, in steinernen viereckigten Einfassungen herbeigeschaft, da- mit man sie nachher gleich darauf setzen konnte. Und nun wurde der untere Rand des Tisches mit Papier uͤber- zogen, bis an die aufgethuͤrmte Platte von Quecksilber hin. Die Leute holten die Tafel, fanden aber, als man sie uͤberstossen wollte, daß sie wirklich um der Fremden willen zu viel Quecksilber darauf geschuͤttet hatte, das wurde also vermindert, dann die Tafel uͤbergeschoben und gleich beschwert. Was hervorspritzte und lief, fingen die im Tisch eingeschnittenen Kanaͤle wieder auf. So bleibt die Tafel einige Zeit liegen, und wird dann eingemacht. Daß diese Arbeit ungesund ist, zeigt die elende Farbe die- ser Leute, ihre keichende Sprache, ihre welke Haut ꝛc. Es sind ihrer 10. sie wechseln alle Tage ab, jeder arbeitet nur 3. Wochen im Monat ꝛc. Ich wuͤrde von einer so praͤch- tigen Arbeit, um meinem Vergnuͤgen bei Manufakturen Genuͤge zu thun, noch mehr Erkundigungen eingezogen haben, haͤtte nicht das Weib, das mich herumfuͤhrte, so gar unverstaͤndlich und schlecht gesprochen. Von da be- suchte ich L’Hôtel des Enfans trouvez; nahe bei der Kir- che Notre Dame. Ein schoͤnes wohleingerichtetes Haus mit langen Saͤlen, breiten Treppen, der Erziehung der armen und unehlichen Kinder gewidmet. Unten ist eine eigene Kirche, oben ein Bureau fuͤr dieses wichtige und in Paris freilich unentbehrliche Institut. Eine Menge Frauen verwenden da ihre Liebe und christliche Sorgfalt an huͤlflose Kinder, die sonst fuͤr den Staat verloren gingen. In einem großen Saal stehen lange Reihen von Wiegen, an und neben einander; es sind aber nur kleine kleine und mit Recht unbewegliche Bettstaͤtten. Zwi- schen 12. auf dieser und 12. auf jener Seite ist allemahl ein Durchgang. An den Waͤnden hinauf stehen ihrer ebenfalls; so daß ich 150. in dieser Stube zaͤhlen konnte. Die Betten sind alle recht gut, sauber, weis, warm, nicht zu schwer, und haben alle einen Himmel von weis- sen Tuch uͤber einem Bogen aufgespannt. An der Wand haͤngt ein Gemaͤlde, das die Menschenliebe vorstellt, mit der passenden Unterschrift: „Mein Vater, und meine „Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf!“ In einem andern Saal sah ich 6. 8. bis 10jaͤhrige Knaben zu Abend essen. An schmalen Tischen sitzt Kind gegen Kind, alle essen auf zinnernen Tellern. Es wurden recht gute, kraͤftige Suppen und gebratene Huͤhner aufgetra- gen. Die Knaben tragen alle schwarze graue Fourreaux (Kinderkappen) mit Kappen, die unterm Kinn zugebun- den werden. Sie unterscheiden sich aber durch eine schwarze Masche, die hinten an der Kappe angenaͤht ist, von den eben so gekleideten Maͤdchen. Einer von den obersten stand gleich auf, kam auf mich zu, machte mir im Namen seiner Bruͤder ein Kompliment, und bat mich, ihn anzuhoͤren, weil er mich haranguiren wollte. Ich thats, und er deklamirte allerliebst ein auswendig gelern- tes Lied und Gebet, das sich auf die Umstaͤnde dieser Kin- der bezog, her, und empfing das kleine Geschenk mit der artigsten Verbeugung. Andre groͤssere Knaben warteten den kleinern auf, und halfen ihnen an der Kleidung uͤberall. Ohne daß ein Aufseher da war, herrschte uͤberall die schoͤn- ste Ordnung. Bei den Maͤdchen fand ichs eben so. Zuweilen sagte ein kleiner Schalk: O! mon cher Pa- pa, mon cher Pere etc. aber sonst war kein Getoͤse, kein Lermen. Man sieht mit Ergoͤtzen hier alle moͤgliche Phy- Physiognomien; unter den kleinsten war eins ganz gelb, man findet auch Mohrenkinder, einige sind sehr klein, an- dre starkgliedrig, die meisten sind lebhaft, sehen hell aus; sind jovialische Kinder. — Ich verlies nicht ohne freu- digen Dank gegen Gott und den Koͤnig, diesen Zufluchts- ort und segnete im Weggehen die zaͤrtlichen Weiber, die das bestaͤndige Wimmern fremder Unmuͤndigen nicht un- geduldig macht, nicht ermuͤdet. Wie viel ehrwuͤrdiger und Gott werther sind diese theuern Helferinnen, als jene Schwaͤrme von Pfaffen und Moͤnchen, die sich mit Mark und Wein maͤsten, den Gipfel menschlicher Vollkommen- heit erreicht, die groͤsten Schwierigkeiten der Tugend uͤber- wunden zu haben glauben, und oft in ihrem Muͤßiggan- ge nicht eine einzige gute Handlung fuͤrs Menschen- Geschlecht verrichten. Ihr verborgenen Opfer, die ihr taͤglich im Stillen auf dem Altar der Religion dargebracht werdet! fuͤr euch, fuͤr euch, sind die Belohnungen des Him- mels, weil euch die Welt nicht belohnen kan! L’Hotel Dieu, nahe dabei, auch eine der vereh- rungswuͤrdigsten Anstalten, die Paris aufweisen kan. Man begreist leicht, daß ein Fremder das Ganze ohn- moͤglich uͤbersehen kan, und, wer dabei angestellt ist, hat bestaͤndig so viel mit den Kranken zu thun, daß es Suͤn- de waͤre, ihn mit neugierigen Fragen zu beunruhigen. Der Brand hat leider! im Jahre 1776. einen grossen Theil dieser Gebaͤude in die Asche gelegt, und auch viele Kranke sind dabei ein Opfer der Flammen geworden, aber doch stehen noch ganze Haͤuser, die alle mit Kranken an- gefuͤllt sind. Man geht durch lange an einander gebaute Saͤle, die alle voll Betten sind. Die Betten sind gut, haben alle rothe Vorhaͤnge und Himmel, sind numme- Q rirt, rirt, in einigen liegen 2, in den meisten nur eine Person. Nachtstuͤhle stehen im Wege. Prediger, Aerzte, Wund- aͤrzte, Wartfrauen, Aufwaͤrter, Apotheker, Jungen, Koͤche, Waͤscher ꝛc. sind uͤberall in Menge. Es ist ein eigener Saal fuͤr Kindbetterinnen ꝛc. da, eine eigne Kir- che, eine eigne Apotheke ꝛc. Die Hoͤfe haͤngen immer voll gewaschener Kleidungs- oder Bettstuͤcke. Die Obrig- keit gibt Wachen dazu her. Man sieht die Mannichfal- tigkeit des menschlichen Elends, uͤberall hoͤrt man klagen, seufzen, speien, schreien, troͤsten, jammern, sich auslee- ren, roͤcheln, den Tod rufen ꝛc. Man bekoͤmmt alle moͤgliche Geruͤche, sieht alle Situationen, Wunden, Krankheiten. Dort ißt einer Suppe und gebratene Huͤ- ner, darneben segnet der Geistliche einen Sterbenden ein. Fremde laufen bestaͤndig darin herum; doch ist das Ge- tuͤmmel bei der Menge der Leute noch maͤssig. Gott sei gelobt fuͤr diese Anstalt! Wie groß wuͤrde ohne eine solche das Elend in Paris seyn! Den 18ten Jun. Le Jardin du Roi besuchte ich heute wieder. Wie- wohl das Wetter sehr zweideutig aussah, und auch stark abwechselte, so eilt’ ich doch, im Garten fortzufahren, und ging heute (s. 13ten Jun.) die 3) Geschlechter Salvia; Olea; Citharexylum; Teucrium; Satureja; Hyssopus; Duranta; Betonica; Mentha; Galeopsis; Phlomis; Chlinopodium; Molucella; Thymbra; Thy- mus; Oryganum; Heliotropium; Symphy- tum; Scutellaria; Pulmonaria; Onorma; Lithospermum; Echium; Convolvulus; Cor- dia; dia; Ehretia; Tournefortia; Ellisia; Hydro- phyllum; Ipomea; Apocynum; Periploca; Chynanchum; Kalmia; Empetrum; Rho- dodendrum; Momordica; Cucumis durch. 4) Folgendes fand ich fuͤr mich anmerkungswerth: 1) Von der Salv. offic. waren hier die Spielarten: tricolor, alba, purpurascens, latifolia, te- nuior, aurita. 2) Salv. sylvestr. soll, wie Linne’ sagt; fol. ma- culata haben, hier konnt ich aber auf keinem einzi- gen Blatte einen Flecken entdecken. Vielleicht ists mit den Flecken und Farben im Pflanzenreiche eben so wie im Thierreiche. 3) Beim Hyssop. lophantus, waren die stamina infer. fast in keiner Blume kuͤrzer als die Blumen- decke. 4) Galeopsis Galeobdolon hatte auch keine fol. al- bomaculata, uͤberhaupt, duͤnkt mir, solte dieses Ge- schlecht noch genauer bestimmt werden. 5) Es war ein Lithosp. aegyptiacum da, an dem einige Blumen ganz weis, andre ganz blau waren. Linne’ hats nicht. Tubus corollae clausus, flo- res omnes laterales, calyx tomentosus, fol. linearia, carinata, ciliata, caulis herbaceus, diffusus. 6) An der Peripl. graeca war sehr wenig von einer Hirsuties zu erkennen. 7) Cynanchum monspel. hat wahrhaftig keine fol. reniformia, sondern fol. oblongocordata. Q 2 8) Es 8) Es war ein Cynanchum aphyllum da, das Lin. nicht hat. Der Name ist significant. Eine Menge caules lumbriciformes, voll Saft, aber nicht ein Blaͤttchen daran; gegen das Ende waren einige Cau- les gedreht, wie Cirrhi, wurden auch duͤnner; von Bluͤthen war jezt nichts zu sehen. 5) Da ich heute so viele Blaͤtter mit Haͤrchen fand, so fiel mir bei: Ob wohl diese feinen Haare auch wohl auf den Pflanzenblaͤttern zur Absonderung gewisser uͤber- fluͤssiger Feuchtigkeiten dienen solten, so wie im Thierreich? und ob eine Pflanze wohl Schaden leiden wuͤrde, wenn man sie alle recht sauber von den Blaͤttern wegrasirte? Hierauf besuchte ich Le Cabinet des Squelettes des animaux. Hr. D’Aubenton lies mir jezt auch dieses Kabinet aufma- chen. Wiederum eine herrliche Sammlung, die eine Treppe tiefer, als das Kabinet steht; nur schade, daß der Platz zu eng ist, und alles so verstellt und untereinan- der gesteckt werden muß. Es sind fast von allen vierfuͤs- sigen Thieren Skelette da; doch fehlen aus der Klasse der Ferarum und Brutorum die meisten. Sie haͤngen an der Wand, stehen, liegen uͤberall herum, und haben Zettel und Nummern. In eignen Kaͤsten sind noch die Knochen der Vierfuͤßigen, Callositaͤten, Monstrositaͤten ꝛc. Vom Menschen sind beide Geschlechter, Kinder, Zwerge, Bucklichte und Rachitische da. Von den Voͤ- geln sah ich den Straus, den Adler, den Schwan. Von Fischen waren einige unter einem Glaskasten. Eine Men- ge Koͤpfe standen noch auf den Schraͤnken. Die Enge, in die das alles gestellt ist, hindert, daß man nicht viele Beobachtungen daruͤber machen kan. Doch sah ich fol- gendes: gendes: 1) Eine Seeschildkroͤte lag aufm Boden; sie war ganz schwarz, so gros wie ein junges Kalb, das auf dem Boden liegt. D’Aubenton sagte mir, sie waͤre eine grosse Seltenheit, weil sie im Kanal gefangen wor- den waͤre. Sie war nicht stark verwahrt, man konte mit dem Finger den Ruͤckenschild hinab biegen, es waren auch schon viele Spalten und Risse darin. Man sieht dem Thier das dumme traͤge Wesen an, es ist wie ein Klotz. Wie weit ists von da bis zur kleinsten Buͤcher- laus, die in einer halben Minute mit dem kleinsten Koͤr- per uͤber einen ganzen Bogen Papier hinlaͤust. So man- nichfaltig ist die Natur, so veraͤndert sie ihre Werke, und uͤberall ist doch Vollkommenheit; — alles ist gut! 2) Ein Paar Huͤftbeine vom alten Elephanten; ich konnte keins aufheben, es war wie ein Stummel von ei- nem Baume, und so schwer wie ein Stein. 3) Ein Skelet von einem jungen Elephanten, der in der Menagerie von Versailles war; den Ruͤssel hat man von Leder daran gemacht, daß er kenntlich ist, das Co- lon haͤngt noch nicht. 4) Ein Kopf von einem Hip- popotamus; der groͤste Kuͤrbis bei uns ist vielleicht so fast das Maas davon. 5) Ein Tapir, wie ein grosses Schwein; die Haut war noch daruͤber, mit wenigen Haa- ren darauf; es hat aber hoͤhere Fuͤsse als unsre Schweine. 6) Ein Kopf vom Sus Babyrussa. So viel ich sehe, so viel Verschiedenheit! An diesem gingen nun die obern Zaͤhne wieder nicht ans Os frontis, sie standen uͤber einen Zoll davon ab. 7) Ein Maul vom Kachelot; nemlich die beiden Kinnladen, darin noch die meisten Zaͤhne standen. So lang wie ich, waren sie gewis, wo nicht laͤnger. 8) Bois d’Elan, wie Schaufeln so platt, eine Menge andrer Hoͤrner ꝛc. Q 3 Hierauf Hierauf ging ich La Comedie françoise zu besuchen. Denn was wuͤrden viele Leute sagen, wenn ich in Paris gewe- sen, und nicht einmahl in die Komoͤdie gegangen waͤre? Man gab heute Phedre, ein Trauerspiel von Racine, ein Stuͤck, das fade, aber auch herrliche Stellen hat. Das Komoͤdienhaus ist ein Theil der Koͤnigl. Gebaͤu- de, Jetzt svielt die Comed. franç. in dem neuen in der Fauxbourg St. Germain erbauten und am 9ten April 1782. eingeweihten Schauspielhause. Herausgeber. die gleich unterm Pontneuf anfangen, und bis in die Thuilleries fortlaufen. Der Schauplatz und das Auditorium ist bei weitem nicht so gros, wie in Strasburg, die Musik ist herzlich elend, etliche Akteurs und Aktricen, sonderlich Vater und Sohn, machten die Scenen, wo sie sich mit einander aussoͤhnen sollen, vor- treflich. Es herrscht bei weiten hier nicht die Stille und Ordnung, wie in der Oper. Wiewohl man alle Tage hinein gehen kan, so ist doch immer ein gewaltiges Draͤn- gen und Druͤcken um den Platz. Den Akteurs sieht mans zum Theil wohl an, daß ihnen das Deklamiren, das Weinen, das Lamentiren, das Exspiriren zur Ge- wohnheit worden ist. Die franzoͤsische Sprache schickt sich dazu, man kan darin erstaunlich schnell, und sehr energisch, pathetisch reden. In dem ganzen Stuͤcke war die Dekoration ein simpler Saal, der nie veraͤndert wur- de. Es geht uͤbrigens dem Schauspieler wie dem Pre- diger und dem Professor, man schwazt, lacht, gaͤhnt, laͤrmt ꝛc. Das Parterre kostet 20. die 3te Gallerie 40. Sous, Sous, das Parterre ist aber hier nicht so honett, wie in der Oper. Bemerkung. Heut must’ ich bei Mr. Lavabre , Rue Mail sou- piren. Ich hatte auf der petite poste ein gedrucktes Einladungs-Billet bekommen. Ich ging daher um halb 9. Uhr hin, die Gesellschaft stieg bis auf 18. Personen: um halb 10. Uhr solte servirt werden, man plauderte aber vom Spektakel, Colisee’, neuen englischen Gaͤrten, Chan- tilly, Moden, ꝛc. fing um halb 10. an zu spielen, und erst um halb 11. Uhr ward servirt. Mad. Lavabre gehoͤrt zu den vernuͤnftigen Franzoͤsinnen. Sie nannte selber das allzuhohe Coeffiren der Paris erinnen die groͤste Thor- heit, und misbilligte den Luxus. Ich lernte da einen Italiaͤner aus Lucca kennen, einen schon gesetzten Mann, der auch nicht spielte, von hier nach Engelland und Hol- land reiste ꝛc. Man as unten in einem Saal, und im Nebenzimmer hatten noch einige ihren Tisch. Wir hat- ten ein kleines niedliches Souper. Alles ward auf ein- mahl aufgesetzt. In der Mitten standen Platmenagen mit Bouquets darneben, kalte und warme Speisen; aber auch alle warme wurden kalt. Wir bekamen gebratene Huͤner, Spargel, Erdbeeren und ein kleines Backwerk. Das Trinken ward gar nicht auf den Tisch gesetzt. Die Bedienten (und fast hinter jedem Stuhle stand einer) schenkten rothen Wein mit Wasser ein. Zuletzt ward Burgunder und herrlicher Mallaga praͤsentirt. Der Ita- liaͤner verschwendete all sein Franzoͤsisches am Mallaga, ihm war aber vorher sein rother Rock damit begossen wor- den. Von verschiedener Kochart hab ich nichts bemerkt, Q 4 ausser, ausser, daß die Artischocken, die ich vorlegen muste, und daher nicht versuchte, ganz geroͤstet und gebraten, fast schwarz und sehr hart waren, und so ohne Bruͤ- he begierig gegessen wurden. Um 12. Uhr stand man auf. Oben besetzte gleich alles wieder die Spieltische. Die Karossen rangirten sich vorm Hause, auf mich war- tete keine, ich suchte daher um 1. Uhr den Weg nach Hau- se. — — Paris ist bei Nacht, wie am Tag; der Unterschied im Getuͤmmel ist wahrhaftig nicht gros. Das aber ist eine haͤßliche Gewohnheit, daß des Nachts die Millionen Nachtgeschirre alle oben herab ausgeleert werden. Was Wunder, daß Gestank und Koth in Paris nie aufhoͤren? Den 19ten Jun. Le Palais Marchand, ou on plaide. Da ging ich heute hin, um die Form der Gerichtsbarkeit in Frank- reich, und das Parlament sitzen zu sehen. Die Gerech- tigkeit wohnt eben nicht praͤchtig. Es ist ein altes viel- winklichtes Gebaͤude aufm Platz Dauphine in der alten Stadt Paris, zwischen dem Wasser, dem Pontneuf gegen uͤber. Die breiten Plaͤtze darin sind mit Bouti- quen angefuͤllt, aber die Zugaͤnge zu den Chambres sel- ber sind eng, krumm, finster, schmal. Ich ging son- derlich in die grande Chambre, wo das Parlament wuͤrklich versammelt war. Der Platz zur Sitzung ist mit Schranken eingefaßt, an denen aussen die Fremden und Zuschauer stehen. An den Waͤnden herum sitzen die Par- lamentsherren in schwarzen Roͤcken wie unsre Kirchenroͤcke, mit langen Ueberschlaͤgen, und rothscharlachenen Ueberroͤ- cken, und ziemlichen Peruͤcken, so auch der Advocat general, der etwas niedriger sitzt. Die Pulte sind mit blauen, blauen, mit goldenen Lilien gestickten, Sammt beschlagen. Dann sitzt das Heer der Advokaten, ebenfalls schwarz ge- kleidet, mit langen herabhaͤngenden Haaren. Ich hoͤrte einen gewissen Toußaint sehr fliessend, sehr heftig, aber oft sehr schoͤne Stellen, deklamiren. Die Sache betraf eine Substitution fideicommissaire. Es war ein Sieur Thomas und eine Madem. Brunette in Streit wegen eines Testaments: die Sache muste schon einmahl debattirt worden seyn; denn er berief sich sehr oft auf vo- rige Untersuchungen. Zuweilen las er Gesetze vor, das Lateinische sprach er, wie gewoͤhnlich, schlecht aus. Nur der, welcher wirklich spricht, steht und hat sein schwarzes steifes Bonnet auf dem Kopf. Alle Augenblicke hoͤrt man: Messieurs, j’ose vous dire — je soutiens, prouverai, — or Messieurs, ce que les autres — Mais Mess. vous avez vu — En second lieu etc. Er sprach eine kleine Stunde, dann fing der Avo- cat general an, die Sache dem Praͤsidenten zu concen- triren, und proponirte die Sentenz, deren Abfassung ich, weil mir an der Sache nichts gelegen war, nicht abwar- tete. Der Greffier rief sehr oft: Silence, Silence, aber man handelt grade darneben, man plaudert, man spaziert, man baut im Hause, und es ist bei allem Ange- nehmen, was das Plaidiren hat, doch ein erstaunliches Ge- schwaͤtz fuͤr den Franzosen, der ohnehin uͤber Alles viel Lee- res zu sagen weis. Die liebe Gerechtigkeit soll auch hier sehr theuer seyn. — La Sorbonne. Ich unterlies nicht, mich bei Mr. Asselyne einzufinden, und er wies mir dann heute nach seinem Erbieten mit vieler Gefaͤlligkeit, — so weit es sein trockner Karakter, in dem alle Folgen des Sprachstudiums sichtbar sind, zulies, — Folgendes: Q 5 1) Seine I ) Seine Bibliothek. Der Bibliothekar war nicht da; er nahm daher die Schluͤssel selbst. Wir fan- den alles beisammen in einem grossen Saal. Jeder Schrank hat Grillen und Schloͤsser. Ich sah da 1) An Handschriften ; keine sonderlich alte, aber lauter schoͤne und wohlerhaltene; a ) An Griechischen. 1) eine Sammlung Kon- stantinopolitanischer Liturgien, davon die aͤlteste die Liturgie des Apostels Jacobi heist. Man weis aus der Kirchengeschichte, wie das zu verste- hen ist. 2) Pindar. Aristoxen. Polybius . 3) Nemesii Schriften, wo auch viel Physisches und Physiologisches vorkommt. 4) Griechische Grammaticken. 5) Einiges zur Kirchen-Dog- matischen- und Staatsgeschichte des Orients. b ) An Hebraͤischen. Einen Codex, der den Pen- tateuchum enthaͤlt, mit dem Targum chal- daicum und andern Zusaͤtzen. Grade so, wie unsrer von Reuchlin in Carlsruhe, aber dieser hier ist nicht so gut konservirt. c ) Viele Arabische, Chinesische, Lateinische, Rab- binische ꝛc. 2) An gedruckten Buͤchern. 1) Speculum salvationis humanae , das erste Buch, das gedruckt worden ist. Ueberall sieht man die Kindheit der Buchdruckerkunst. Die Typen sind von Holz. Man konnte damals nur erst auf der einen Seite drucken. Durchs ganze Buch sind die Moͤnche; zwischen 2. gedruckten Sei- ten sind wieder 2. leere; unten ist ein lateinischer Text, Text, oben elende Holzschnitte von biblischen Ge- schichten. — Jonas steht dem Fisch recht im Rachen. Loths Frau, halb Weib, halb Saͤu- le. Moses mit dem Stecken recht wie ein Dorf- Schulmeister, vor einem Haufen Leute: das soll den Ausgang aus Egypten vorstellen. 2) Die Bambergische Ausgabe des Talmuds, in Folio, an der man von 1520. — 1535. in Ve- nedig gedruckt hat. Sie hat 100, 000. Thaler gekostet. Aßeline gestand mir doch selber, daß er des Lesens nicht werth, und dies ein unsinniger Preis sei. Er haßt die Rabbinen aufs aͤusserste ꝛc. 3) Eine ganze Bibel in Pohlnischen Versen, die 1761. in Nancy in Folio unterm Koͤnig Sta- nislaus gedruckt und ihm auch zugeeignet ward. 4) Die neue Daͤnische und die Islaͤndische Bi- bel, vom Koͤnig von Daͤnnemark hierher ge- schenkt. In der Islaͤndischen Sprache sind viele alte deutsche und englische Woͤrter. 5) La Bible Royale , eine praͤchtige Ausgabe der Vulgata in Folio, in der hiesigen Koͤniglichen Buch- druckerei 1642. in 8. Baͤnden. Ist jetzt sehr sel- ten. 6) Auch das Neue Griechische Testament so. Gar praͤchtig. 7) Sabatier ’s Bibel — gesammelt aus den Citatis der Patrum, 3. Folianten. 8) Benedicti XIV . Opera, 16. Vol. Fol. Der gelehrte Pabst schenkte sie selbst hierher. Sie sind roth mit Gold und dem paͤbstlichen Wappen gebunden. 9) Le 9) Le beau Pline , wie Aßeline sagte. Eine Ausgabe von Plin . Hist. Nat. 1472. Vene- dig, Fol. Es ist die schoͤnste die man hat. II) La Sale de l’Assemblée. Unten versam- melt sich am ersten Monatstag allemahl die theologische Fakultaͤt. Es steht eine Kanzel darin, weil auch da die theologischen Disputationen gehalten werden. Auch haͤn- gen darin die Gemaͤlde a ) von Ben. XIV. Clemens XIII. XIV. in der Kleidung wie die Paͤbste im Kon- sistorio sitzen, in einem Sessel mit einer rothen Muͤtze, und in einem rothen Ueber- und weisgelblichten Unterklei- de. Jeder hat sein Bildnis selbst hierher geschenkt. Vom jetzigen Pabste wars noch nicht da. Clemens XIII. haͤngt, wie billig, im Schatten. Aber das ehrli- che, gute, fromme Gesicht des seel. Ganganelli! Ar- mer Mann, es kostete dich das Leben, daß du der Welt Ruhe schaffen, die Schande der Religion zudecken, der Menschheit freien Lauf lassen, und dem Aberglauben seine Stuͤtzen zerbrechen wolltest! — b ) Von Louis XV . herrlich gemahlt, Koͤnig Stanislaus, das Bildnis eines frommen Fuͤrsten. Richelieu, Fleury, Rohan ꝛc. III) Le Mausolée du Card. Richelieu . Ich habe oben schon etwas davon gedacht, aber damals sah ich’s nur von ferne. Izt trat ich dazu hin und gestand, daß es ein morceau superieur sei. Alles ist weisser Alabaster, die Franzosen nennens aber Marmor. Es scheint, daß Fleury ’s Grabmahl eine Nachahmung da- von ist. Das Ruͤhrende, Einnehmende, hat jenes, mei- nem Geschmacke nach, immer vor diesem voraus. Die Erfindung ist fast die naͤmliche. Die Religion, als ein Frauenzimmer vorgestellt, kniet auf den Untersatz und haͤlt haͤlt den sterbend hinsinkenden Kardinal, der im faltigten Kleide mit dem Kreutz auf der Brust, und die Muͤtze vor sich habend, da liegt. Hinter seinem Kopf, der in ihrem Arme ruht, stehen 2. Genii, und halten sein Wap- pen zu seinen Fuͤssen. — Aber das Kostbarste, Unbe- schreiblichste ist eine weibliche Figur, die mit einem auf- geschlagenen Buch auf ihren Knien, die Wissenschaften vorstellt. Sie ist auf die rechte Seite hingelehnt, haͤlt die Hand vors Gesicht, und trauert, weint um ihn. Dra- perien, Stellungen, Gesichtszuͤge, Ausdruck des Affekts, — kurz alles ist herrlich. Fr. Girardon Tricassin invenit et sculpsit. 1694. steht an der Leiste des Un- tersatzes auf der Gesichtsseite des untenliegenden Frauen- zimmers. IV ) Die Kuppel ( Dome ) dieser Kirche. Sie ist oben mit Gemaͤlden und Gypsarbeiten unvergleichlich geziert, und wird von 4. so dicken Pfeilern getragen, daß man die Passage von einem zu dem andern zu Betkapel- len aptiren konnte. Ist man in so einem Oratorio, so sieht man, daß es nichts ist, als die einzige Mauer, und oben ein Theil vom Gewoͤlbe. Auf den Abend be- suchte ich La Comedie italienne. Auch das muß man in Paris sehen, und sie verdient’s mehr, als die franzoͤsi- sche. Man nennt sie so, weil dreimahl in der Woche italiaͤnische Stuͤcke da aufgefuͤhrt werden, und sonst auch mehr gesungen wird. Die Musik ist nach der Oper hier am schoͤnsten. Das Theater und das Gebaͤude ist viel groͤsser. Die Komoͤdianten singen und spielen alle sehr gut. Ich sahe Lucile auffuͤhren. Es spielte einer eine Rolle im Schlafrocke, die er unvergleichlich natuͤrlich machte. machte. Man glaubt aber nicht wie dickroth sich Manns- und Weibspersonen anstreichen. Den 20sten Jun. Das haͤsliche Wetter verdarb mir wieder die botani- sche Excursion, im Jardin Royal. Es regnete heute wie ichs noch nie gesehen habe, und gestern war die Hitze gegen Abend ganz erschrecklich. Und kaum regnets eine Stunde, so ist Paris der allerhaͤslichste Ort in der Welt. Alle Gossenwasser laufen uͤber, spuͤlen den Koth aus allen Loͤchern, schlemmen ihn von den Bergen, dergleichen vie- le in der Stadt sind, aus den Staͤllen, aus den Schlacht- haͤusern, aus den vielen Marktplaͤtzen ꝛc. zusammen. Ei- ner bespruͤtzt den andern, es stinkt uͤberall, als wenns ein einziges grosses Kloak waͤre. Kommen dann noch die grossen Lastwagen darzu, die so schwer daher fallen und den Koth an den Haͤusern hinaufspruͤtzen, so ists das al- lerunangenehmste Schicksal, wenn man weit zu gehen hat. Ich war heute so ungluͤcklich, ich muste auf La Bibliotheq. de Couvent des Jacobins ge- hen, wenn ich ein seltenes Buch, den Honoratus Fa- bri, das ich noch nie durchgesehen, kennen lernen wollte. Das Buch verraͤth einen Kopf, der in unsern Zeiten viel Wissenschaften wuͤrde gesammelt haben. Nur die un- gluͤckliche Gewohnheit der vorigen Zeiten, die man vom Aristoteles gelernt hatte, und fuͤr Philosophie hielt, die Erklaͤr- und Demonstrirsucht aller Erscheinungen der Na- tur verdarb ihm die Zeit, und hinderte ihn am Beobach- ten. Ich ging den ersten Theil von den Pflanzen durch, und fand darin schon manches, das ich nicht erwartet hatte. Den Den Rest des verregneten Tages widmete ich theils dem 2ten Theil der Naturgeschichte der Thiere von Per- rault, theils dem Briesschreiben, und Abends ging ich noch zu Mr. Delisle Romé , à la Maison de M. d’ En- nery , Rue neuve des bons Enfans, grade neben dem Hôtel de Varsovie . Ein Mann, der jedem Fremden hoͤflich und freundschaftlich begegnet. Ich hat- te Addresse an ihn vom Abbe’ le Blond, und traf ihn uͤberm Schreiben an Hr. Prof. Herrmann in Stras- burg an, wegen eines Stuͤcks mit gruͤnen Bleikrystallen, das ihm Letz t er geschickt hatte. Er wies mir dessen Brief. Hr. Prof. Herrmann erhielt von Girognany in Loth- ringen, einem Orte, wo man nie Blei entdeckt hatte, ein Stuͤck Quarz mit kleinen gruͤnen prismatischen Kry- stallen, die gruͤnes Blei waren. Hr. Delisle hatte es zerschlagen, und gefunden, daß es kein Stuͤck war, das man aus Schaͤchten herausgegraben, sondern es hatte an der Luft gelegen, hatte Hoͤlungen unten, wo grosse Wuͤr- fel von Blei darin gewesen waren, inwendig sas auch wuͤrklich noch ein Stuͤck von der Bleiminer. Man sah Humum, kleine Wuͤrzelchenfasern ꝛc. noch darin haͤn- gen, also kam es wohl nicht aus dem Schachte, an dem Orte, wo’s gefunden worden war: denn vorher hatte man nie Blei an dem Orte entdeckt. Die Bleikrystalle waren doch nicht so schoͤn als unser gruͤnes Blei hinter Freiburg. Weil der Brief noch auf die Post sollte, hielt ich mich jetzt nicht auf; wiewohl er mir gleich seine Krystallen-Sammlung zeigen wollte. — Wir verabre- deten die Durchsicht seines Kabinets auf Morgen Nach- mittag, und ich ging weg voll Freuden, wieder einen Mann Mann kennen gelernt zu haben, dem die Natur, indem sie ihre Schaͤtze aufschliest, und ihre Schoͤnheiten sehen laͤst, auch zugleich das Herz veredelt, und einen Karak- ter gibt, in dem die Menschlichkeit, die Geselligkeit und Guͤte die Hauptzuͤge sind. Bemerkungen. In der Rue St. Honoré sah ich heute die Wache, welche bestaͤndig patroullirt, einen Menschen fort- schleppen, der vermuthlich irgendwo stehlen wollte, und erwischt wurde. Man sahs ihm an, daß er ein Fremder und kein Franzos war. Der Kerl hatte ihn vorne an der Brust gefaßt, und fuͤhrte ihn so, umringt von den andern, ohne Hut im Regenwetter neben sich her, und zog ihn ziemlich ernstlich fort, uͤber alles was im Weg war. Der Gefangne sah noch frech aus, und schnaubte gegen seinen Baͤndiger. Wie abscheulich ist das Laster, wenns nicht einmahl Laster seyn will! Noch immer wird der ungluͤckliche Desroues in den elendesten Kupferstichen herum getragen, und haͤngt an allen Staͤnden, neben dem Koͤnig, der Koͤnigin und dem Kaiser. So erhaͤlt der schlechtdenkende Theil der Deutschen eben so lang das Andenken an Werther, der Verachtung und Vergessenheit verdient. — Ich habe hier Leute kennen gelernt, die mich versi- cherten, daß sie oft in 5. 6. — 8. Wochen nicht aus ihrem Quartier kaͤmen, sich alles was sie brauchen, holen liessen, und von oben herab dem Pariser Leben zu- saͤhen. — Was fuͤr sonderbare Menschen es doch in der Welt gibt! Einigen wird wehe, wenn sie eine Stunde auf auf der Stube sind, andre gehen, wie die Schnecken, nie aus ihrem Gehaͤuse. Einige gaͤben einen Finger von der Hand, wenn sie alle Tage in Paris an den oͤffentlichen Plaͤtzen seyn koͤnnten; andre sind in Paris, als ob sie in einer Einsiedelei waͤren, und Jeder meint, er habe Recht! Den 21ten Jun. Auch heute erlaubte mir das bestaͤndige Regenwetter keine botanische Beschaͤftigung. Ich war Vormittag auf der Bibliothek der Abtei St. Victor mit Per- rault ’s Hist. nat. des anim. beschaͤftigt, und Nach- mittags besah ich Le Cabinet de Mr. Delisle Romé . — In der Lehre von der Krystallisation durch alle Faͤcher durch, (ausgenommen die Salze, von denen keine einzige Pro- be da war,) und von den Metallen kan man wohl nicht leicht eine vollstaͤndigere, ausgesuchtere und lehrreichere Sammlung sehen, als diese. Er wies mir I ) Seine Boete des Crystaux , die den Stoff und die Originalien zu seinem Essay de Crystallogra- phie enthaͤlt. Merkwuͤrdig war fuͤr mich: 1) Ein Krystall im Krystall; ganz weis, der innre war klein, aber schoͤn. 2) So kleine Krystalle, wie der kleinste Moossaamen, die man mit der Loupe besehen muste. Wie fein, wie herrlich arbeitet die Natur! Wie schoͤn sahen diese aus, ganz weisglaͤnzend, auf einem schwar- zen Grunde! II ) Seine Minern von Metallen. Die De- scription methodique des Mineraux, die ich beim Koͤnigl. Kab. auf D’Aubenton ’s Rath zu Rathe gezo- R gen, gen, enthaͤlt die Beschreibung der kostbarsten Stuͤcke in dieser Sammlung. Ich bemerke also hier nur folgende: 1) Herrliche Eisenkrystallisationen von der Insel El- ba, an der Seite von Toscana ; viel schoͤnre Stuͤcke als im Koͤnigl. Kab. sind. 2) Granaten in Kupfermi- nern aus Daͤnnemark, 2. grosse und viele kleinere. 3) Eine ganz sonderbare Eisenstufe von Bergamo in Italien, die gesehen zu werden verdient. 4) Weis- ses Zinn, aus Sachsen. 5) Ein Stuͤck Blei, unten Blende, und unter dieser Eisenkies. Wird in einem Werke, das wirklich unter der Feder ist, in Kupfer gesto- chen erscheinen. 6) Galene en facettes grandes — en petites — en plus petites — en sable — en Bitume — en Onyx — weisses Blei von Ge- roldseck ; weisses und gruͤnes an einem Stuͤck; rothes, weisses und schwarzes an einem Stuͤck; en stalactite; — en masse, wie Stahl, ohne Blaͤtter: Galene nennen die Franzosen Blei, wenn Schwefel dabei ist, in allen andern Bleiminern, behaupten sie, sei kein Atom Schwefel. 7) Mercure d’ Almada en Espagne , — en Hematit. 8) Antimoine de Toscana , — rou- ge \& gris — im Selenit, von Felsobania in Un- garn. 9) Kobold en Etoiles, von Saalfeld in Thuͤringen. Man konnte nichts schoͤners sehen. 10) Regule d’Arsenic natif , ganz pur Arsenick. 11) Py- rite fistuleux , — es war eine seidene Schnur durchge- zogen. In Henkel ’s Pyrithologie ist grade so ein Stuͤck in Kupfer gestochen. Neulich sagte Jemand, als er meine Kiese besah, der Kies mache in der Natur den Hanswurst. III ) Alabaster, Marmor, Spate und Fluores . Hier geriethen wir in einen freundschaftlichen Streit we- gen gen der Begriffe, welche die neuern Franzosen allen bis- her in Deutschland, England und Schweden uͤbli- chen Erklaͤrungen und Eintheilungen dieser Koͤrper entge- gengesetzt haben. Hr. Delisle war der Meinung, die D’Aubenton 1754. in den Mem. de l’Acad. R. d. Sc. geaͤussert hatte, und die vielleicht mehr Eingang gefunden haͤtte, haͤtte nicht gleich nachher Mr. Guettard in eben diesen Schriften die alte Meinung wieder vertheidigt. Nemlich: A ) der wahre eigentliche Alabaster der Alten soll eine Terre calcaire seyn, formée par depots, à la maniere des stalactites, par undulations; 1) daher sei er allemahl rubané, welches der Marmor nicht sei. 2) Daher faͤnde man ihn auch immer in caver- nes, in Massen, nicht en couches, wie den Marmor. 3) Man muͤsse Marmor und Alabaster in ein Genus se- tzen. 4) Es gebe Albâtre calcaire, gypseux, vi- treux. 5) Spate nennen die Franzosen die ungefaͤrb- ten, Albâtre die gefaͤrbten mit Eisentheilen geschwaͤn- gerten Spate. B ) Er laͤugnete auch die gewoͤhnliche Erklaͤrung des Gypses. Er sei keine terre calcaire mit dem acide vitriol. verbunden, sondern eine terre ab- sorbante, die man bisher mit der Kalkerde vermischt haͤtte, und da berief er sich auf Sage Mineralogie do- cimastique, die wirklich noch nicht ganz herausgekom- men war. C ) Er zeigte mir Koͤrper, die ich fuͤr Ala- baster erkannte, und sagte, sie wuͤrden nicht brausen mit den Saͤuren. Aber als wir die Saͤuren aufgossen, brau- sten sie doch, und das waren die Albâtres calcaires, transparens, an denen man immer Radiations und Undulations bemerken konnte. D ) Er wies mir ein Memoire, das er daruͤber der Kais. Akad. der Nat. cur. uͤbergeben hatte, in Handschrift, ich las es vor, und so R 2 wie wie ich las, zeigte er mir die Koͤrper, welche die Beweise dazu abgaben. Es waren die schoͤnsten Alabaster, aber alle par depots, par undulations gebildet, man sah die Runzeln gar deutlich daran. Er zeigte a ) mir Sta- lactiten, die in der Mitte angeschliffen, der schoͤnste Ala- baster waren. b ) Einen Menschenkopf aus dem Ori- ent, der eine Inkrustation und zwar sichtbar à la ma- niere des stalactites hatte, aber wo er angeschliffen war, den schoͤnsten Alabaster zeigte. c ) Einen braunen Alabaster, aus dem Carlsbade, der Lage uͤber Lage hatte, und so entstanden war. E ) Er sagte mir, daß unter allen Naturkundigen Ferdin. Imperati und Aldrovan- di , weil sie in Italien die vielen Gefaͤsse aus dem Ala- baster der Alten gesehen, darin nicht geirrt, und den Ala- baster auch fuͤr einen Kalkstein angesehen, und daß auch Theophrast ’s Alabaster eine terre oder pierre calcai- re sei, wie’s auch Hill in seinem Commentar uͤbern Theophrast richtig fuͤr Kalk erklaͤrt haͤtte, daß auch der Alabastrites Plin . aus dem die Alten viele Gefaͤsse, sonderlich Balsambuͤchschen, Flaͤschchen, machten, schon nach dieser Bestimmung und Anwendung zu urtheilen, unmoͤglich ein Gyps gewesen seyn koͤnne, um so viel we- niger, da nach den neuen Entdeckungen (s. den Natur- forscher, ) der Gyps sich auch im Wasser aufloͤsen lasse. Mir fiel hierbei die Stelle Matth. 26, 7. ein, die sich nun auch leichter erklaͤren laͤßt. Matthaͤus und Mar- cus nennen das Balsamflaͤschchen αλαβαςρον. Jener setzt nur η γονη κατεκεεν, dieser aber συντριψαςα. Das Letzte hat den Exegten viel Muͤhe gemacht. Unser Ala- baster saͤßt sich nicht so leicht in der Hand entzwei brechen. War aber der Alabaster der Alten nicht unser Alabaster; so laͤßt sich das leichter erklaͤren. Es kan ein Flaͤschchen aus aus Marmor, aus Kalkspat, aus vielfarbigem Tropf- stein ꝛc. gewesen seyn. Doch dies bleibe einem Michae- lis zu untersuchen uͤberlassen. IV ) Seine Bibliothek, die nicht gros, aber in der Mineralogie ziemlich vollstaͤndig war. Ich fand dar- in: 1) Eine Englische Uebersetzung von Cronstedt ’s Mineralogie, durch Gustav von Engestroͤm, Lon- don, 1770. gr. 8. die viel vermehrt und sehr brauchbar ist. 2) Ganz anders aber ist die Franzoͤsische Ueberse- tzung von Dreux, die so viele Fehler als Zeilen hat, zum Theil sehr laͤcherliche, als: S. 112 . nennt er den Tufstein, fonts baptismaux, als wenn Taufstein im Teutschen stuͤnde. S. 171 . sagt er: la Topase se trouve avec la Cochlite en Saxe, — soll heissen: To- pas vom Schneckenstein ; der Franzos meinte, der Topas breche in einer schneckenartiger Mutter oder Berg- art. Risum teneatis amici! Mein gefaͤlliger Freund lies mich nicht von sich, ohne eine Andenken an einen so schoͤnen Nachmittag. Die Geschenke, so ich von ihm erhielt, waren folgende: 1) Pyrite cuivreux avec Quarz aus Lothringen. 2) Blende et Ga- lene d’ Angleterre . 3) Albatre oder Spat vitreux, de Girogmany in Lothringen, wo auch das Stuͤck von Hr. Herrmann her war, das ich gestern sah. 4) Drei Stuͤck Eisen-Krystallisationen von der Insel Elba. Den 22sten Jun. Heute besah ich einen Theil von den Environs de Paris , zwei Koͤnigl. Lustschloͤsser oder Landhaͤuser, nem- lich: R 3 I) Choisy I) Choisy le Roi , 2. Stunden von Paris gele- gen. Der Weg dahin ist, wie alle Strassen, in einer Distanz von 40. Stunden um Paris herum, gerade, in der Mitte gepflastert, sehr breit, und zu beiden Seiten mit Baͤumen besetzt. Man geht zwischen Feldern, die im Jun. mit Wicken, Gersten ꝛc. besaͤet waren, hin, hat rechter Hand Bicetre, und die Paris er Steingru- ben neben sich, und passirt Vitry, ein artiges Dorf, das einen praͤchtigen Garten eines reichen Partikuliers hat. Man trift Schaafe an, die klein sind, aber zweimahl im Jahr geschoren werden. Choisy le Roi selbst ist nur ein Dorf, das freilich viel schoͤner ist, als die andern Doͤrfer in den Provinzen. Es steht eine unter Louis XV . erbaute Kirche darin, die nach der Inschrift auf einer Tafel, vom Erzbischof in Paris und vielen andern Erz- und Bischoͤffen eingeweiht ward. Sie hat aber nichts merkwuͤrdiges, als den Hochaltar, der Stufen von Marmor, zu beiden Seiten praͤchtige Gemaͤlde, und ne- ben dem Kreuz von Silber, 2. grosse Engel, wie gewoͤhn- lich mit Fluͤgeln von Gyps, hat, die au dernier gout gearbeitet sind. Das Wichtigste ist das Koͤnigl. Schlos, das um die Herbstzeit von der Koͤnigl. Familie besucht wird, weil in der Gegend viel Weinberge sind. Die Gebaͤude sind Theils neu, Theils alt, aber alle nur ein Stock hoch mit Mansarden. Das Schlos ist mit Gaͤrten umgeben, die grosse breite Alleen haben, die nicht besonders waͤren, wenn nicht auf der einen Seite die Seine floͤsse, die frei- lich die angenehmste Aussicht darbietet. Am Ufer sind grosse mit kostbaren Grillen eingefaßte Terrassen. Auf der Wasserseite ist das Schlos am schoͤnsten. Eine der artigsten artigsten Parthien des Gartens ist das grosse Labyrinth, ein in viele in einander laufende Kreise eingetheilter Platz. Da bluͤhte jetzt Ligustrum vulgare sativum und ver- breitete seinen lieblichen Geruch uͤberall. Man wies mir die Apartemens, in denen der Fus- boden — ausgenommen in den Schlafzimmern — ebenfalls steinern ist, wie durchgaͤngig in Paris. Die groͤsten Spiegel, die kostbarsten Vasen von Porzellaͤn, die herrlichsten Tapeten, die niedlichsten Vorhaͤnge, Bet- ten, Stuͤhle ꝛc. fanden wir uͤberall. Der Schweizer war gar zu dienstfertig, und wies mir sogar mit vielem Gepraͤnge die Kommoditaͤt des Koͤnigs, grade neben dem Schlafzimmer. Unter den Gemaͤlden gefiel mir ein Portrait der Koͤnigin im Schlafzimmer des Koͤnigs vor- zuͤglich. Neben dem Schlafzimmer ist die Kapelle fuͤr die Koͤnigl. Familie. Sie ist klein. Es stand ein Bet- schemmel mit rothem Sammtbeschlagen darin und an den groͤsten Fenstern waren vergoldete Namen. Das De- ckenstuͤck stellt der Mariaͤ Himmelfahrt vor, und ist unge- mein schoͤn. Hierauf lies man mich. La Table mouvante, — eine der groͤsten me- chanischen Erfindungen, die vielleicht in der Welt ist, so- hen. Ein Arzt, D. Girard , aus Languedoc, unter Louis XV . ist der Urheber davon. Im Speisesaal steht ein runder, sehr grosser Tisch, an dem wohl 12. Per- sonen sitzen koͤnnen. Dieser Tisch ist etwa eine Hand breit, vom aͤussern Rande einwaͤrts gerechnet, ausgeschnit- ten, und dies innre Stuͤck der Tafel laͤuft, wenn es stark, (weil die Tafel von Nußbaumholz, und sehr dicht ist) angetrieben wird, herum. Unten ist ein Zirkel von Ei- sen, der eine Vertiefung hat. In dieser laufen die klei- R 4 nen nen Stollen der Tafel, wohl mit Oel eingeschmiert, her- um. Doch das ist das Wenigste. Steigt man eine Treppe hinunter in einen Keller, wo viele Lichter angezuͤn- det werden muͤssen, so sieht man, daß der ganze Tisch auf einem eisernen Rost steht, an dem die Stangen pa- rallel und ins Kreuz laufen. Und diese ganze Vorrich- tung kan durch Hebel und mechanische Werkzeuge ganz staͤte herabgelassen werden, so daß er, wenn oben die Koͤ- nigl. Familie daran speißt, mit allem Service, und mit allem, was darauf steht, vor ihren Fuͤssen in die Tiefe hinabsinkt, und verschwindet. Sieht man unten dem kommenden Tische zu, so entdeckt man, daß er mit seinem Rost, mit allen seinen Stangen, in Einschnitte im Bo- den, die voͤllig passend sind, hinabsinkt, und einem an- dern Tische von der nemlichen Groͤsse und Rundung, der an der Seite steht, und jetzt in die Mitte gezogen wird, Platz macht. Dieser Tisch ist indessen, daß der Koͤnig mit seiner Gesellschaft vom ersten Service speist, mit dem andern bedeckt worden, und wird nun durch eben diese Kraͤfte, mit leichter Muͤhe, und in wenig Minuten, ins Zimmer hinauf vor die Fuͤsse des Koͤnigs gewunden, so daß die ganze Gesellschaft sitzen bleibt, und keine Bedie- nung sich sehen laͤßt, und doch das ganze Essen und alles Geraͤthe veraͤndert wird. Ich stieg, weil ich hier unten die eigentlichen Triebwerke noch nicht sehen konnte, noch eine Treppe tiefer in das Gewoͤlbe hinab, und fand an der Wand ein oder zwei Kurbeln, die ein Lakai treiben kan, wodurch das ganze herrliche Werk, das, ohne viel Platz einzunehmen, nur an den Waͤnden herum vertheilt, und doch so schoͤn eingerichtet ist, daß eins immer ins an- dre greift, ohne Laͤrmen und Geraͤusch zu machen, in Be- wegung gesetzt wird. Ueber dieser Tafel sind noch 4. Servi- Serviteurs angebracht; dies sind Aufsaͤtze von Holzrah- men oder Leisten mit 4. 5. mess ingnen Platten, die man auf und niederschrauben, und Wein, Brod ꝛc. darauf zu legen, brauchen kan. Sie koͤnnen ebenfalls mit geringer Muͤhe hinabgewunden, und wieder mit andern Sachen hinaufgeschickt werden. Es ist so eingerichtet, daß an der Tafel und an jedem von diesen kleinen Tischen kleine versteckte Dratzuͤge sind, an denen unten eine Glocke haͤngt. Sobald man oben klingelt, wird der Serviteur abgehaspelt, von neuen servirt, fehlt etwas, so liegt eine Karte darauf, und so wieder hinaufgewunden. Die grosse Tafel sah ich nicht steigen und sinken, aber die klei- ne sah ich, wie ich wollte, steigen und verschwinden. Man hat auch erst vor Kurzem bei der Gegenwart des Kaisers Gebrauch von dieser Einrichtung gemacht. Solche Tables mouvantes oder Konfidenztafeln mit den darzu gehoͤrigen Serviteurs oder Kammerdienern, wie der Verfasser hier beschreibt, trift man auch auf den Schloͤssern andrer grossen Fuͤrsten in und ausser Teutschland an. Man nennt sie auch Maschinentafeln. Herausgeber. Bemerkungen. Der Schweizer bei diesem Schlosse machte zugleich den Wirth. Ich muste aber am hellen Tage thun, was ich noch nie des Nachts gethan habe, und zum Fen- ster hineinsteigen, wenn ich was haben wollte. Bei al- ler sorgfaͤltigen Nachsuchung war im ganzen Hause keine Thuͤre zu finden. An jedem Fenster stand eine kleine Treppe, wie bei uns die Huͤnersteigen, da musten wir R 5 hinauf- hinaufklettern, und als wir hinauf waren, nahm jemand die Leiter weg. Ich weiß nicht, wars Armuth, oder Furcht vor Ueberfall, oder ein Mittel, die Gaͤste zu be- halten, bis sie bezahlt haben? Inwendig waren so schmale Stuͤhle, daß ich Muͤhe hatte, einen zu finden, auf dem ich sitzen konnte. Wiewohl er aber nur ein Schweizer, daß heist ein Bedienter war, so sah man doch den Luxus der Fran- zosen. Seine Zimmer waren alle tapeziert, und seine beiden Toͤchter, die aus der Messe kamen, gingen im blos- sen Kopf mit Aufsaͤtzen in den Haaren, und in seidenen Kleidern. Sie waren kaum da, so fingen sie an tuͤchtig zu fruͤhstuͤcken, — es war um 10. Uhr, — bei einer ziemlichen Schuͤssel voll Brei und einem guten Stuͤcke Brot. II) Charenton . Um nach diesem Schlosse zu kom- men, muste ich mich von hier aus uͤber die Seine setzen lassen. Das alte Schlos hier heist Chateau d’ Alfort , und ist jetzt, glaub’ ich, ganz der Ecole veterinairc gewidmet, und eben dies war’s, was mich hierher trieb. Gleich unten beim Eingang findet man 1) La Salle de Dissection; wo viele Tische ste- hen, an denen sich die Eleven — deren jetzt uͤber 80. wa- ren — in der Zootomie uͤben. An den Waͤnden hin- gen an einer Tafel die gedruckten Namen und Klass isi- kationen dieser Leute, an der andern die Koͤniglichen Ge- setze fuͤr dieses Institut, wo mir unter andern die loͤbliche Verordnung in die Augen fiel, daß kein Eleve Hunde oder andre Thiere halten soll, weil diese nur die Wohnung verunreinigen ꝛc. Auch ward ihnen das Studium der Botanik sehr dringend empfohlen. 2) Der 2) Der Hoͤrsaal darneben. Freilich schoͤner, als auf mancher Fuͤrstenschule in Deutschland, wo man vom Staub bedeckt wird und oft des Lebens nicht sicher ist! — Die Baͤnke liefen im Amphitheater an den Waͤnden herum. Oben stand in einem Glasschranke ein eingespruͤtzter Menschenkoͤrper, vermuthlich um erst das Nothwendigste aus der Menschenanatomie vorzutragen, eh man an die Anatomia comparata denken kan. 3) Oben war dàs Cabinet Veterinaire , eine se- henswuͤrdige Sache, die schon zu einer ziemlichen Voll- kommenheit gelangt ist, 2. Zimmer einnimt und in Glasschraͤnken aufbewahrt wird. 1) Im ersten Zimmer waren ausgestopfte Voͤgel, Hunde, Iltisse, Fuͤchse, Wiesel, Marder, Hasen, Kaninichen, Igel ꝛc. a ) unter den Voͤgeln, die alle entweder noch ganz neu, oder doch vortreflich er- halten waren, moͤchte wohl manche noch unbekannte Art seyn, allein jetzt konnt’ ich mich nicht ins Detail einlassen, und — weils grade Feiertag war, — so konnte man auch niemanden von den Lehrern oder Auf- sehern sprechen. b ) Eine Mustela war da, ganz weis, mit einer schwarzen Schwanzspitze, vermuthlich eine einheimische. c ) Viele herrliche Injektionen von den innern Theilen der oͤkonomischen Thiere. 2) Im zweiten standen Skelete von Pferden, Hirschen, Ochsen, Eseln, Schafen, Ziegen, Boͤcken ꝛc. a ) Ganze Stuͤcke und wieder einzelne, aber der Fuͤrnis duͤnkte mir, war gar zu dick aufgetragen. b ) Es waren auch Bezoars und Monstra da, z. B. ein Pferd mit 3. Fuͤssen, daran der Huf am Vorderfuß sichelfoͤrmig umgebogen war. c ) Viele Magen, Ge- daͤrme, daͤrme, Leber, Nieren, Milz, Ruthen ꝛc. alles herr- lich eingespruͤtzt und erhalten, mit Nummern an je- dem Stuͤcke. d ) Auf Pferdeskeleten sassen Men- schen. — Kleine Knabenskelete mit blauen seidnen Zuͤgeln in den Kinnladen der Pferde, und mit Peit- schen in der Hand. — Sieht man nicht den spielen- den Geist der Nation auch da, wo sie wirklich so was Grosses und Edles unternimmt, daß das spielerische, das taͤndelnde Wesen doch unterbleiben solte? Bemerkung. Da ich heute auf dem Felde wieder reinere, freiere Luft geathmet hatte, als ich sonst in der Stadt bekomme, und daher mich auch gern zweimahl beregnen lies; so wars mir nachher desto empfindlicher, als ich wieder in die Stadt kam. In der Stadt, — selbst in der Rue St. Antoine , — kam mir gleich so ein haͤslichstinken- der, saurer Geruch entgegen, daß ich mich ordentlich ent- schliessen muste, meine Nase wieder daran zu gewoͤhnen. Ich ging in eben dieser Strasse an einem Hause vor- bei, wo mich die Aufschrift: Hôtel de M. Turgot , aufmerksam machte. Da, dacht ich, ruht der grosse verkannte Mann, sua virtute involutus! Den 23ten Jun. Auch an diesem Tage war ein bestaͤndiges haͤßliches Regenwetter, so daß ich nun die Hofnung aufgab, jemals den Koͤniglichen Garten ganz durchgehen zu koͤnnen. In- dessen lief ich mit krankem Magen und Kopf, schon um 7 Uhr, auf La La Bibliotheque du Couvent des Jacobins , um den Honoratus Fabri vollends durchzugehen und brach- te ihn auch wirklich zu Ende. Man sieht es, wenn man oft dergleichen Buͤcher durchgeht, daß die Alten wahrhaf- tig schon auf dem Wege zu allen den Kenntnissen waren, die wir jetzt erweitern und berichtigen. In der Lehre vom Kreislauf des Bluts merkt man’s ihm an, daß er die Ehre der Entdeckung mit dem Harvey theilen will. Er sagt, er mache nicht viel Wesens mit seinen Sachen, indessen: licet liberi deformes fint, adhuc tamen parentibus placent. Drauf machte ich einen Besuch bei Mr. Sage im Jardin Royal. Er ist Mitglied der Koͤnigl. Akad. d. W. ein grosser Chymiker und Korre- spondent unsers Durchl. Marggrafen von Baden. Ich durfte auch nur diesen hohen Namen nennen; so ward ich mit der groͤsten Gefaͤlligkeit empfangen. Wir sprachen von Carlsruhe, von der Chymie, ꝛc. und er erbot sich gleich, mir, wenn ich von Versailles zuruͤckkaͤme, weil er und ich jetzt nicht Zeit haͤtten, sein Kabinet zu zeigen. Beim Weggehen machte mir dieser gefaͤllige Gelehrte ein Ge- schenk mit seiner Mineralogie docimastique, wovon der erste Theil mit seinem Bildnis geziert ist, und der an- dre eben in der Druckerei fertig worden war. Er hatte mich schon im Koͤnigl. Kabinet arbeiten gesehen, und mit D’Aubenton von mir gesprochen, mich aber, wie er sag- te, in meiner Industrie mit der Leiter nicht stoͤren wollen, weil D’Aubenton ihm versprochen, daß ich zu ihm kom- men wuͤrde. Er ist ein Mann in mittlern Jahren, voll Fleis und Eifer in der Chymie, und voll Freundlichkeit gegen jeden Freund, und Liebhaber der Wissenschaften. Ich erkundigte mich bei ihm, wo ich Platina del Pinte haben haben koͤnnte, und erfuhr, daß der Apotheker Rouelle, der Chymie liest, vielleicht noch etwas zum Verkauf ha- ben wuͤrde. Von da lief ich fort ins Hôtel de la Charité, Rue Tarane. Wieder eine von den kostbaren Anstalten zum Besten der Armen, und der Kranken. Haller sagt, man solt’ es eher Hô- tel de Cruauté heissen. Vielleicht war dieses Urtheil damahls, wie er hier war, nicht ungegruͤndet, aber jetzt, duͤnkt mir, hiesse das menschenfeindlich urtheilen. Ich habe nichts gesehen, was nicht zweckmaͤssig und gut war, wenn gleich bei einer Anstalt, die wie diese, ins Gros- se, ins Weitlaͤuftige geht, eine Menge Unvollkommenhei- ten nicht unterbleiben koͤnnen. Oben am Eingange in die Strasse ist eine grosse Fontaͤne, die das Hotel ohne Zweifel mit Wasser versieht. Doch wird auch alles von da weggetragen. Der erste Theil dieses weitlaͤuftigen Ge- baͤudes ist die Charite’ selbst, mit der Inschrift: Deus est Charitas. Dann koͤmmt man zum Spital selber. Der Hof ist klein, aber mit Baͤumen besetzt, unter denen die Genesenden frische Lust schoͤpfen. An den Thuͤren, die wie an den Kirchen, damit kein Geraͤusch entsteht, von Tuch mit Haaren, Wolle, Werg ꝛc. ausgestopft sind, steht noch in und auswendig angeschrieben; Fermez la porte doucement. Es ist auch alles viel stiller hier, als im Hôtel-Dieu. Man hoͤrt nur das schwa- che Sprechen der Kranken, das leise Schleichen der Aerz- te und Bedienten, und zuweilen das aͤngstliche Schreien derer, die bald hier bald dort in Nebenzimmern, unter den schmerzhaften Instrumenten der Wundaͤrzte leiden muͤs- sen. Ein Anblick, der mir Straßburg mit einmal wieder ganz ins Gedaͤchtniß brachte, und bald wehmuͤthi- ge, ge, bald dankbare Empfindungen gegen Gott erweckte. Die Betten stehen hier weiter von einander, als im Ho- tel-Dieu, haben weisse Umhaͤnge mit Nummern und gruͤne Tuͤcher und Teppiche. Sie sind alle nur einschlaͤf- rig, die Gaͤnge sind auch etwas breiter. Auch ist das Zimmer ziemlich hoch, und die Fenster werden rein ge- halten. Ventilators koͤnnen da seyn, ich habe sie aber nicht bemerkt, und wieviel wuͤrden auch solche kleine Din- ger in so einem Saale ausrichten. Die Saͤle sind ins Kreuz gebaut, dazwischen sind kleine Nebenzimmer. Man sieht hie und da grosse mit Grillen eingefaßte Altaͤre in den Saͤlen, an denen Messe gelesen wird. Die Klei- dung der Kranken, die hier herumschleichen, ist durch- gaͤngig ein Matin von dickem gruͤnen Tuch. Darneben ist eine wohl versehene Apothecke. Die Wundaͤrzte sind hier wie junge Moͤnche gekleidet, ganz schwarz. Sie laufen bestaͤndig mit den Schreibtafeln von einem Bette zum andern, fragen, fuͤhlen den Puls, schreiben vor, troͤsten ꝛc. In solchen Spitaͤlern findet der Mensch, der Phi- losoph, der Christ, so viel Gelegenheit zu den sanftesten und zu den ernsthaftesten Betrachtungen, daß ich mich recht wohl an so einem Ort befand, und vom Eckel ꝛc. nicht die geringste Anwandlung hatte. Darauf besah ich L’Hôtel de Monnoie, au Quay des petits Augustins, zwischen dem Palais Royal und dem Pont Neuf. Ein grosses, herrliches, neues Gebaͤu- de, das noch die gelbe Farbe des Paris er Steins hat. Man praͤgt hier Geld, man hoͤrt auch fast in allen Zim- mern Geld zaͤhlen, Silber waͤgen ꝛc. aber man bekommt nichts zu sehen, fast vor jeder Thuͤre ist eine eiserne Gril- le und allerwegen Schildwachen. Das Hotel ist weit- laͤuftig, laͤuftig, hat eine Menge toskanischer kannelirter Saͤulen, uͤberall die schoͤnsten Verzierungen ꝛc. in dem Geschmack, wie die Gardes des Meubles du Roi, aber, wie ge- sagt, weiter bekoͤmmt man nichts zu sehen. Ich haͤtte gar nicht dran gedacht, wenn mich nicht ein Fremder schon vor etlichen Tagen, weil er den Weg dahin nicht wuste, darnach gefragt haͤtte. Den 24sten Jun. Auch heute war, wie der Franzos sagt, eine Tem- pete furieuse. Von Morgens fruͤh an, war ein be- staͤndig anhaltender Regen. So unlustig wird Paris dadurch, daß man sich lieber ins kleinste Staͤdtchen, auf jeden Landsitz wuͤnscht, als in dieser Stadt zu bleiben. Man setzt Gesundheit und Kleider zu, wenn man in dem Kothe herumlaufen will. Es war La Fête de St. Jean , wo in Seaux die grossen Jets d’eau spielen sol- ten. Ich hatte gestern mit Hr. Delor abgeredet, heute Vormittag das Kabinet des Dr. Mauduit zu sehen, der die schoͤnste Voͤgel-Sammlung in ganz Paris haben soll, und Nachmittags solt’ ich mit einer Gesellschaft nach Seaux gehen, aber man muste sich gram seyn, wenn man in der Wohnung des Koths und der Unsauberkeit immer laufen wollte. Ich endigte den 3ten Theil der Hist. Nat. des Anim. de Mr. Perrault , und muste ohnehin eine Diarrhoe abwarten, die ich seit Sonntags Abends wieder bekommen hatte Was Wunder, wenn man bestaͤndig an Fuͤssen und in allen Kleidern naß ist, und das unsauberste, truͤbste Wasser trinken muß? Ich will also an diesem Tage wieder einige Bemerkungen sammeln, die das Ganze der Stadt, so weit ichs kennen gelernt, betreffen. Bemer- Bemerkungen. Da die Stadt so ungeheuer gros ist, und bestaͤn- dig alle moͤgliche Scenen darbietet; so ist jeder, der lang hier ist, gegen alles, was sonst Schrecken, Mitleiden, Ernsthaftigkeit, oder nur Unruhe erweckt, so gleichguͤltig, daß ein Fremder alle Augenblicke unwillig wird, uͤber die Frostigkeit der Nation, uͤber die Frivolitaͤt, und uͤber den unendlichen Leichtsinn, womit Alles von Allen beurtheilt wird. In der That, man sollte zuweilen meinen, alles Menschengefuͤhl sei erstorben. Dort haut ein Fuhrmann einem andern mit der Peitsche ins Gesicht; dort schmeißt ein Wagen um, und zerschmettert dem einen das Bein, verderbt dem andern das Kleid, wirft dem dritten die Waaren in Koth. Was hoͤrt man? Fluchen — daß einem die Haare zu Berge stehen, Schwoͤren, daß einem in der Seele schauert, Lachen, recht hoͤhnisches, wie Teufel sich freuen uͤbers Ungluͤck des andern, und die mit Kar- min uͤberschmierte Dame sitzt in ihrem Wagen, hat den Hund am Backen, den Stock, das Parapluye, das Riechflaͤschchen in der Hand, und seufzt nach der Komoͤ- die, wo sie schon hundertmahl gewesen ist. Ein Pferd wird gepeitscht, bis es den Berg hinauf keicht, Feuer- funken spruͤhen unter den Fuͤssen herum, wie vom gluͤhen- den Eisen unterm Hammer des Schmidts, jetzt stuͤrzts, die menschliche Bestie pruͤgelt es so lange unter den ab- scheulichsten Verwuͤnschungen, bis es wieder aufsteht, und dem nachjagenden Wagen Platz macht. Man findet in der Strasse einen Todten, à la Greve henkt man einen, Kinder werden getreten, uͤberrennt, man bringt einen Kranken auf der Tragbahre, da faͤhrt ein Leichenwagen hin, dort faͤllt einer, glitscht aus, und die Pferde tram- peln ihn todt. — Das ist alles einerlei, kein Mensch S bekuͤmmert bekuͤmmert sich darum. Sobald aber ein Baͤrenfuͤhrer mit dem tanzenden Affen kommt, eine Hure, wie eine Koͤ- nigin geputzt, mit herausschluͤpfenden Bruͤsten, am hel- len Tage vom Fenster jedem geputzten Narren zupfeist und laut hinausruft; wenn ein Farcenmacher, ein Gaul- ler kommt, der schreit und das duͤmmste Zeug macht; da sammelt sich gleich alles, alles ist Ohr, schließt einen Kreis, gaft die Hure oder die Meerkatze an, und in Ge- sellschaften spricht man einen ganzen Tag davon. Jeder laͤuft seinen Trab fort. Man thut gros, borgt besetz- te Kleider, um ein- oder zweimahl im Spektakel zu glaͤnzen, man gibt sich fuͤr adlich, fuͤr graͤflich aus, nimmt von allen Dingen das Maul recht voll, und urtheilt in Tag hinein ꝛc. Wers nicht sieht, glaubts nicht. Es gibt Leute, die gleich die Unterredung von der Religion anfangen, uͤber alles lachen, sagen, sie waͤren in Engel- land gewesen, da predige man selber auf den Kanzeln, daß das alles nicht wahr sei, bieten sich an, einen mit Paris recht bekannt zu machen, man solle sich an sie hal- ten, mit ihnen gehen, sie haͤtten grosse Connoissancen ꝛc. Wie die juͤngsten Kinder schon so stolz, so verwahrloßt sind, ist unbeschreiblich. Es gibt eine Menge Maͤnner, Erwachsene u. s. w. die nicht einen Buchstaben lesen, oder schreiben koͤnnen. Man sieht und hoͤrt nichts von Schul- anstalten. Ich habe mich bei Gelehrten darnach erkun- digt, sie wissen einem keine Nachricht zu geben. Vil- loison, der doch alles was Wissenschaft und Litteratur in Paris heist, haben soll, konnte mir nicht ein Wort von den paͤdagogischen Anstalten der Stadt sagen, konnte mir kein Buch zeigen, das in Schulen eingefuͤhrt ist, oder die Anfangsgruͤnde der Wissenschaften, so wie sie jungen Leuten beigebracht werden, enthielte. In ihren Buͤcher- ver- verkaufungen sieht man zwar immer: Geographie sans maitre; Histoire pour les jeunes gens; Hi- stoire de tout le Monde; Abregé etc. Wenn Jußieu Botanik im Garten ließt, uͤbersetzt er Linne’s specifische Beschreibung der Pflanzen ins Franzoͤsische. Das schreiben die Zuhoͤrer alle nach, und weiter sagt er nichts dazu, kaum bei den Wichtigsten ihre Anwendung und Heilkraͤfte ꝛc. Man kan sich auch nicht vorstellen, wie die Leute so verschieden urtheilen, und gegen die Fremden geschieht das alles im entscheidenden Tone. Der eine sagt: „Gehen „Sie ja bald nach Versailles. “ „Ach,“ sagt der an- dre, „in 3. Stunden haben Sie alles gesehen.“ „Nach „St. Denys zu gehen,“ sagt einer, „ist der Muͤhe „nicht werth. Haben Sie noch keine Steine gesehen, „die glaͤnzen?“ Und der andre: „Viele Fremde gehen „weg von Paris, und sehen unsre Kostbarkeiten nicht. „ Mon Dieu, was ist nicht in St. Denys, in Ver- „sailles, in Choisy le Roi zu sehen? und das Colise’e! „In der Welt ist nichts schoͤners, Hors de Paris point „de salut“ ꝛc. — Ich will die Namen der Personen weglassen, die so sprachen; es waren Leute, die ich hier schon oft genennt habe, und denen ich sonst Dank schul- dig bin. Kurz, zwei, drei, vier Maͤnner abgerechnet, hab ich noch wenig solide, gesetzte, edeldenkende Franzo- sen hier gefunden. Eine greuliche Unwissenheit in allen auslaͤndischen Sachen, eine unglaubliche Verachtung der Engellaͤnder, der Italiaͤner nnd auch der Teutschen; ein bestaͤndiges Rennen und Sinnen, wie man die Zeit toͤd- ten, Kleider aussuchen, Zimmer aufputzen und sich di- vertiren will: das sind wesentliche Zuͤge im Karakter S 2 des des Franzosen. Aber nun hoͤre man J. J. Rousseau in seinen Pensées, Amsterd. 1763. 8 v o. S. 188. art. Gout . „Il paroit peu de livres estimés dans „l’Europe, dont l’Auteur n’ait été se former à „Paris. — Si vous avez une étincelle de génie, „allez passer une année à Paris: bientôt vous „serez tout ce que vous pouvez être, ou vous „ne serez jamais rien.“ Ist’s moͤglich, daß ein Mann, der sonst in vielen Sachen so scharf sah, so was Dummes, Kindischstolzes, so was Unsinniges, was das Gepraͤge der tiefen Unwissenheit, und des unbaͤndigsten Nationalstolzes an der Stirne traͤgt, schreiben konnte? und das in eben dem Buche, wo er oft gegen Paris und London Invektiven schreibt? Man sagt den Franzosen nach, daß sie sehr maͤs- sig im Essen und Trinken seyn. Und in der That ißt der Deutsche, der Engellaͤnder ꝛc. hier dreimahl mehr, als sonst, besonders im Anfange. Indessen sollte man sagen, die Franzosen koͤnnen nicht kochen wie die Deut- schen. Man gehe in Kaufmannshaͤuser, in grosse Ho- tels oder in kleine, ihr Bouilli, ihr gekochtes Rindfleisch, das ist ewig ihre Speise. Schon ihre Braten sind schlecht, gemeiniglich noch etwas blutig, roth ꝛc. und das Gemuͤse ist auch bei weitem nicht, wie bei uns. Ihr Brot ist auch nicht alles genug ausgebacken. Es ist hier, wie in Sachsen. Man wendet alles an den Klei- derstaat und Haͤuserputz; zum Tisch hat man nicht viel uͤbrig. Der Franzos setzt sich geputzt, im praͤchtigsten Kleide, an den elendesten Tisch. Von einem Broͤt- chen und einem Stuͤcke Kaͤse leben viele, die man auf der Gasse fuͤr die groͤsten Leute halten sollte. Und ihre Maͤs- sigkeit sigkeit ist von einer besondern Art. Bestaͤndig trinken sie Liqueurs, Ratafia, Fleur d’Orange; zum Fruͤh- stuͤck essen sie oft so viel, als bei uns mancher Mittags; da haben sie denn hernach keinen grossen Appetit. Die Bauern um die Stadt herum sind wahrhaftig im Essen wie unsre. Und weiter hinein in die Provinzen haben die armen Leute nichts, muͤssen wie das Vieh arbeiten, um die Abgaben aufzubringen, leben auch, wie das Vieh ꝛc. Weil der ganze Hang der Nation aufs Weiche, Wolluͤstige geht: so saufen sie freilich nicht so stark, wie in Deutschland, doch sind mir auch schon am hellen Ta- ge Besoffene vorgekommen. Schoͤne Menschen muß man gar nicht in Paris suchen, unter keinem Stand oder Geschlecht. Fast alle Weibspersonen sind gefaͤrbt, und wenn sie’s nicht sind, so sind sie blaß, gelb, eingefallen, haben keine lebhafte Far- be. Es kan auch nicht anders seyn, sie sitzen bestaͤndig lang bei Tische, dann in der Karosse, dann im Spekta- kel, dann am Spieltisch, dann in den Thuilleries, dann beim Soupe’, und wieder am Spieltische, — bestaͤndig in der dicken, ungesunden Stadtluft, ‒ ‒ kommen nie ins freie Feld, werden von Jugend auf gemisbraucht, verzaͤrtelt, verwoͤhnt, bewegen sich wenig, zu Fuß fast nie, arbeiten nicht ernstlich, stecken in engen Zimmern ꝛc. Kinder haben noch eine leichte fliegende Kleidung, aber ohne Mitleiden kan man sie nicht ansehen. Wie der Baum ist, so ist die Frucht! Ungluͤckliche Geschoͤpfe, die ihre Lebenssaͤfte verdorbenen unreinen Quellen zu danken haben! S 3 Den Den 25sten Jun. Dieser Tag war nicht viel besser als der vorige. Re- genwetter und Sonnenblicke wechselten bestaͤndig ab. Die Leute, die ich besuchen wollte, traf ich meistens nicht an. Weil ich bald nach Versailles reisen wollte, so brachte ich meine Sachen in Ordnung, war bei dem Kaufmanne, an den ich angewiesen war, trieb meine Waͤsche ein, be- stellte Briefe nach Holland, gab die Buͤcher, die ich noch hatte, auf die Abtei St. Victor zuruͤck, erkundigte mich wegen der Posten nach Versailles, nach Chan- tilly, und nach Bruͤssel, und arbeitete uͤbrigens auf meinem Zimmer, unter bestaͤndiger Plage von der un- gluͤcklichen Pariser Diarrhoe. Ich habe bereits viele Dinge beschrieben, ich muß fortfahren, die Menschen zu schildern. Bemerkungen. Die Moden, die bestaͤndig hier in Ebbe und Flut sind, sind die Erfindungen der Kuͤnstler, und werden durch die Leute, die bestaͤndig was Neues haben wollen, und eine Menge Geld an Putz und Staat wenden koͤn- nen, in Gang gebracht. Bei einem Juwelier Koenig et Comp. Rue St. Honoré , Hôtel d’ Aligre , proche la Rue de l’Arbre sec sah ich heute, eine neue Mode von Coeurs und Bracelets, die eine Phantasie von ihm ist. Das Herzchen wird aus 2. Haͤlften von Glas zu- sammengesetzt. Die Einfassung ist von Gold. Zwi- schen den Glashaͤlften macht er einen Buͤschel feiner Frau- enzimmer- oder Kinderhaare in Form einer Fruchtgarbe. Diese Haare sind durch eine Schleife von Gold, die mit Edelsteinen besetzt ist, zusammengebunden. Er hat Cailloux Cailloux de Cayenne , die er schleifen laͤst, und die in einer schoͤnen Einfassung herrlich aussehen. Es ist leicht zu denken, daß der Erste, der so was macht, es sei auch so gering, als es wolle, den Preis bestimmen kann, wie er will. So ein Herzchen kostete einen Louisd’or. Kaum waren welche verkauft, so kam einer, und wollte die Garbe groͤsser haben, und in einem Bracelet, auch das machte er. Dann kam ein andrer und wolte noch eine Devise um die Garbe haben, auch aus Haaren ge- flochten, die Erfindung der Devise uͤberlies er dem Ju- welier; Ce champ est bien fourni, — hies eine, weil das kleine Feld ganz voll war Unter dieser Devise lag vermuthlich eine kleine Polis- sonnerie verborgen. — Herausgeber. . — Dieser Mann hat bestaͤndig ein Kaͤstchen voll Ringe, Bracelets, Herzchen, Nadeln, Aigretten ꝛc. bei sich, und veraͤndert die Zusammensetzung alle Tage. Wer koͤmmt, Arbeit be- stellt, oder etwas ausbessern laͤßt, sieht die Sachen an, bekoͤmmt Lust zu kaufen, waͤhlt aus den verschiedenen Sorten wieder ein neues Dessein; der Kuͤnstler machts, bringt seine Phantasie, seine Verzierungen wieder dabei an. — Solcher Leute hat Paris eine unendliche Men- ge, einer sieht in den Boutiquen des andern Waaren, die Fremden bringen die Erfindungen auswaͤrtiger Natio- nen mit sich hieher, so wird es begreiflich, wie in Zeit von 8. — 14. Tagen bestaͤndig andre Sachen Mode werden koͤnnen. Alles ist so gearbeitet, daß es ins Auge faͤllt. Die Politur, das Drehen, das Schleiffen, das Putzen, das Feilen, das Bohren ꝛc. wird aufs aͤusserste getrieben. Die meisten Arbeiter von der Art haben 2. 3. Microscope S 4 neben neben sich liegen, und besehen die Arbeit bestaͤndig damit. Sie haben immer Migniatur- und Pastellmaler an der Hand, die ihnen die Gemaͤlde an die Uhren, auf die To- baksdosen, auf die Armbaͤnder machen muͤssen. Auch diese arbeiten mit dem Vergroͤsserungsglase, malen auf Elfen- und anderes Bein fuͤr 3. 4. Louisd’or die niedlich- sten Gemaͤlde. Viele junge Leute, die Kopf und Ge- schick zur Malerei haben, stehen bei so einem feinen Galanteriearbeiter gleichsam in Diensten, ziehen gleich, wenn sie seine Bekanntschaft haben, in seine Nachbar- schaft, erhalten von ihm Kundschaft, — besonders schickt er ihnen die Fremden zu, dafuͤr malen sie ihn und seine Freunde fast umsonst ꝛc. Lumpen sind die meisten Ma- ler auch hier, wie uͤberall. Der Juwelier, dem die ge- ringste Arbeit ausschweifend bezahlt wird, schießt zuwei- len vor, dadurch hat er die Leute im Zwange ꝛc. In den elendesten Stuben, im 4ten Stock, in den Neben-Gas- sen, hintenhinaus in Winkeln, die nur ein Fenster haben, entstehen die Modesachen. Millionen koͤnnten die Kuͤnst- ler verdienen, wenn sie sparen wollten. Mit den Malereien geht der Luxus auch sehr weit. Fast alles in Paris laͤßt sich malen. Auf den Strassen bieten sich oft Maler an. Mit den Uhren ists eben so. Viele tragen gar zwei Uhren, auf jeder Seite eine. Re- petir-Uhren fuͤr 30. 40. Louisd’or macht man hier; oft kostet das bloße Gehaͤuse 4. Louisd’or. Fuͤr die geringste Emaille, so wie fuͤr alle Arbeiten, die durchs Feuer ge- hen, weil sie gar leicht verungluͤcken, muß man 3. 4. Louisd’or bezahlen. Sieht man aber die innern Theile einer zerlegten Repetir-Uhr, besonders die vom Schlag- werk, so muß man uͤber die Feinheit, uͤber die Verviel- faͤl- faͤltigung des Mechanismus erstaunen. Eine kleine Kin- derkarosse sah ich heute, die doch so gemacht war, daß sie von einem kleinen Pferde gezogen werden muste. In allen Strassen, wo sie der Verfertiger durchfuͤhrte, entstand ein Auf lauf; das Volk blieb zu beiden Seiten wie Mauern stehen, und applaudirte den Kuͤnstler. Man sieht ganze Hoͤfe voll Buͤsten, Statuͤen von Gypsar- beit, wo die Erde auf hundertfache Art gefaͤrbt ist, wo Koͤnige, Thiere, Blumen, Philosophen, Goͤtter, Fech- ter, Gladiatoren, Amors, Venusse ꝛc. in Menge stehen, Es gibt Leute, die Schraͤnke, Kaͤstchen, Tische ꝛc. von allen Groͤssen, alle Arten, aus allen moͤglichen Holzarten machen ꝛc. Jetzt brachte man die Blumen Wagen- voll herein ꝛc. Voͤgel in Kaͤfichen sind bestaͤndig feil ꝛc. Buͤcher kan man an allen Ecken an allen Strassen kaufen. Besonders ist das Quay des Augustins vom Pont Neuf bis zum Pont St. Michel ganz voll von Buchhaͤndlern. Die meisten neuen Buͤcher kan man schon geheftet und gebunden haben, wie man will. Die Franzosen binden recht gut, und mit vieler Pracht. Aber die Buchbinderstuben sind erbaͤrmliche Loͤcher aufm Bo- den. Man hoͤrt alle moͤgliche Instrumente, uͤberall wird gesungen und gepfiffen. Das ist der Geist der Nation, bestaͤndig zu trillern und zu spielen. Es gibt Leute, die den ganzen Tag mit ihrem Instrument in der Hand, mit der Floͤte am Maul, am Fenster stehen. Das waͤhrt bis in die sinkende Nacht; morgens um 3. Uhr hab’ ich eins- mahls einen noch gehoͤrt. Die schlechtesten Fiedler liegen auf den Bruͤcken auf den Steinen, und haben die Geige unterm Kinn. S 5 Es Es ist nicht wahr, daß auch niedrige und gemeine Leute in Fraukreich eine Art von Politesse haben, wo- durch sie den deutschen Bedienten uͤbertreffen. Nicht ein- mahl so viel Erziehung haben sie, als Ablaͤder bei uns, z. B. sie kommen in die Stube mit dem Hut aufm Kopf, behalten ihn auch auf. Perukenmacher, Decroteurs, Schuhmacher, Waͤscherinnen kommen herein, ohne je- mals Bon jour, bon soir etc. zu sagen, oder die Thuͤre zuzumachen ꝛc. Das wird man doch in West- phalen nicht finden. — Dies ist nicht Mikrologie. Will man das Eigne der Nation beurtheilen, so muß man auf Kleinigkeiten gehen und auch gemeine Leute ta- xiren. Man sage auch nicht, daß man in 6. Wochen das nicht sehen kan. — Ein Fremder, der viel sehen will, kommt in der ganzen Stadt herum, und hat oft in einem Tag mit zwanzigerlei Leuten zu thun. Ueberall muß man sich durch einen Schwarm von Bedienten durchar- beiten, und ihre Polissonerien nicht achten, wenn man zu seinem Zweck kommen will. Und Rousseau selber sagt: „Wer zehn Franzosen gesehen hat, hat sie alle gese- „hen.“ Sie gleichen einander alle, die Dame traͤgt den Hund mit in die Kutsche, und wenn das Kuͤchenmaͤdchen auf der Strasse laͤuft, um etwas zu holen, so bleibt sie stehen, ruft und wartet, bis der theure Hund nachkoͤmmt. Den 26sten Jun. Das Regenwetter hoͤrte doch ein wenig auf. Wenn gleich das Wetter weder lieblich noch schoͤn war; besuchte ich doch heute Mr. Aublet , einen der besten franzoͤsischen Botani- sten, der das Werk, von dem ich oben geredet, geschrie- ben ben hat. Ich sah’ es auf der Bibliothek der Abtei Ste. Genevieve durch, und ruhte nachher nicht, bis ich den wuͤrdigen Mann ausgekundschaftet hatte. Denn in ei- ner so grossen und mit Menschen angefuͤllten Stadt ists nicht leicht, jemanden, zumal einen Gelehrten, der im- mer uͤber der Arbeit sitzt, zu erfragen. Uneinigkeiten und Mishelligkeiten herrschen unter den Gelehrten in Paris, so wie uͤberall. Einer will nichts vom andern wissen, oder er will doch nicht, daß Fremde den andern besuchen sollen ꝛc. Indessen fragte ich so oft und an so verschiede- nen Orten nach ihm, bis ich endlich zum Zweck kam, und erstaunte, daß Aublet, den ich in ganz Paris aufge- sucht hatte, nur etliche Schritte von mir wohnte. Er ist aus der Provence gebuͤrtig, ist etliche 20. Jahr in Domingo, Cayenne und Guiana gewesen, hat jetzt geheurathet, und kam eben hierher, um seine Sachen von hier nach der Provence wegzubringen. Er wird noch mehr Zeichnungen und Beschreibungen von Pflanzen liefern, ob er gleich schon eisgraue Haare, ein sehr ge- schwaͤchtes Gesicht, verdorrte Haͤnde, und uͤberhaupt ei- nen kraftlosen Koͤrper hat, und doch erst 57. Jahr alt ist. Er hat einen Mohren zum Bedienten; ist wie die Leute sind, die viel und weit gereist sind, fast gegen alles gleich- guͤltig, beklagt sich aber bestaͤndig uͤber die vielen Dieb- staͤhle, die ihm an seinen Sachen geschehen sind, bis er wieder aus Indien zuruͤckkam. Er zeigte mir 1) Seine Pflanzen; aber man muͤste 8. Tage haben, wenn man sie alle durchsehen wollte. Ich sah viele von denen, die schon gestochen sind, und viele von de- nen, die er erst stechen lassen wird, die aber doch schon sehr verdorrt aussahen. Es war ein ganzes Zimmer, ein Haufen Haufen hoͤlzerner Kasten uͤber einander, alles voll Pflan- zen, aus Frankreich und Ost und Westindien. 2) Seine Saͤmereien und Holzarten. — Von Fruͤchten kont’ ich nichts von ihm bekommen, als Fruit d’un palmier. Die rarsten und merkwuͤrdigsten stehen in seinem Werk. Er hatte alle Werkzeuge der Wilden zu ihrem Maniok, die schoͤn gearbeitet sind. Bois de Cayenne hatte er sehr viel. Eine Art Cedrus aus der Provence, die den lieblichsten Violengeruch verbreitet, staͤrker als der Violenstein. 3) Seine Konchylien. Diese lagen in Schub- laden auf dem weichen vegetabilischen Wesen, das Tour- nefort Saiba, Linne’ aber Bombax nennt. Er hatte fast zu allen Geschlechten eigne Schubladen, und bei je- der Art viele Varietaͤten, sonderlich die kleinen Spielar- ten, die grossen hat er meist weggegeben. Er sagte mir, er haͤtte seit einem Jahr die Kasten nicht aufgemacht; er hatte auch keine Zettel dabei. Um die systematischen Namen bekuͤmmert er sich auch eben nicht viel, aber mit einem Blick konnte er gleich wissen, welche Stuͤcke nach Ostindien gehoͤren, und welche aus Amerika sind. Er kennt sie an der Bildung, die immer anders ist, und an den Farben, die immer brennender und lebhafter sind an den ostindian ischen Stuͤcken, als an denen aus Ame- rika. Es laͤßt sich nicht beschreiben, aber ich selber er- rieths nach einer Viertelstunde, so wie wir von einem Schrank zum andern kamen, fast immer. Vielleicht sind wenig Konchyliensammlungen in Paris, wo die Stuͤcke alle so ganz, so wohl erhalten sind, wie hier. Er hat sie alle meist selbst gesammelt, und in Kuffern, die Etagen uͤber Etagen hatten, nebst dem Pflanzen, mit vieler vieler Muͤhe herausgebracht. Mir gefielen besonders 1) Ein Cardium aus 4. Stuͤcken zusammengesetzt. 2) Huitre vitreuse de la Chine , gros, platt, wie eine Hand, durchsichtig, wenig Zwischenraum; man macht dort Fenster daraus. 3) Eine Huitre , die man allezeit percée findet. 4) Huitre de Cayenne mar- brée. — Eine Muschel, die sich bestaͤndig an Baͤume ansetzt. Man sah deutlich unten, wie sie angesessen war. 5) Grosse Pinnae , die eine spitzige Einklammerung hat- ten, oben breit waren, und doch, wie er mich versicherte, immer aufrecht gingen. Einige hatten oben Stacheln, in denen steche man sich oft. 6) Eine Bivalve , die dop- pelt aus zwei Exemplaren zusammengesetzt zu seyn schien, und immer so vorkoͤmmt. 7) Coeurs , die klein, hohl, und doch ausserordentlich schwer waren. 8) Ein ganz schwarzer Strombus aus Afrika. — Africa sem- per aliquid portenti habet. — 9) Eine Coquille in einer Madrepore. 10) Eine Pholade, wo man die 8. Stuͤcke recht sehen kan. 4) Seine Mineralien. Diese bedeuteten nicht viel; ich wuͤrde sie auch nicht anfuͤhren, wenn ich nicht hier doch 1) Blei aus Engelland, ein Stuͤck, das man biegen konnte, wie Holzfasern, und das alsdann allemahl ein wenig knarrte; und 2) Bernstein aus Mada- gaskar gesehen haͤtte. Das Stuͤck war ziemlich gros, braungelb, ganz durchsichtig, sehr rein, ausser daß in der Mitte auch ein Accidens war, das ich aber nicht recht er- kennen konnte. Es schien durchs ganze Stuͤck zu gehen, wie ein Staͤbchen, oder wie ein Wuͤrmchen ꝛc. 5) Aus dem groͤssern Thierreiche hatte er nichts als eine neue Art Schildkroͤten, die er in Kupfer stechen lassen lassen wuͤrde, wenn sie nicht schon zu sehr verdorret waͤre, und eine andre, welche die Besonderheit hat, daß der Kopf bestaͤndig roth ist, auch jetzt noch roth war. Die Geschenke die er mir machte, waren La Veu- ve, Les fruits de palmier, Bombax, und etwa 2. Dutzend kleiner, recht schoͤner Muscheln. Zuletzt gab er mir noch die Addresse an den Apothecker Mr. Rouelle , wo ich mich mit Platina del Pinto versorgen koͤnnte, den ich aber nicht antraf. Aublet hatte keins, wie er mir sagte. Da kostete das halbe Loth 12. Livres. Von ihm ging ich und besah noch Le Cabinet de Mr. le Duc de Chaulnes. Es besteht aus einer unendlichen Menge sehenswuͤrdiger Sa- chen, die dieser Herzog auf einem kleinen Landhause, das am neuen Boulevard steht, zusammen gebracht hat. Er hat selbst, wie man sagt, gute Kenntnisse, ist in der Ju- gend von Delor unterrichtet worden, ist einen Theil von Teutschland, auch Engelland, Holland und Egy- pten durchreist, und hat sonderlich aus Engelland die herrlichsten Sachen mitgebracht und kommen lassen. De- lor holte fuͤr mich ein Billet vom Herzog an seinen Maitre d’Hotel, wodurch dieser Befehl erhielt, uns alles zu zeigen. In 4. 5. Zimmern standen eine Menge Sachen: wo man hinsah, waren alle Flaͤchen, alle Ecken ausgefuͤllt, was nur die Kunst und Natur schoͤnes hat, war alles da. Naturalien, sonderlich Konchylien, Meer- koͤrper, und Krystallisationen, Gemaͤlde, Kupferstiche, Tapeten, Umhaͤnge, Bodenarbeit, Decken, Tischlerar- beiten, Antiken, Vasen, Porzellaͤn, Elfenbein, Gro- tesken, Chinesische Arbeiten, Bildhauereien, Stickereien, Maschinen fuͤr alle Theile der Mathematik, Physik und Astro- Astronomie, Vergoldungen, Betten, Chymische Gefaͤs- se ꝛc. kurz alles was schoͤn und geschmackvoll seyn kan, war da beisammen. Schade, daß kein groͤsserer Platz da war, die Sachen besser auseinander zu stellen. Ich habe kein Wort geredet, nur gesehen, nur mich immer umgedreht, aber wenn ich wieder kam, sah ich allemahl wieder was anders. Alles war praͤchtig aufgestellt, fast alles hatte sein Glaskaͤstchen, sein Gestelle ꝛc. Man mußte Degen und Stock zuruͤcklassen, wenn man keinen Schaden anrichten wollte. Was mir am merkwuͤrdig- sten war, — aber unter der Menge hab’ ich gewis vie- les uͤbersehen — war: 1) Eine der groͤsten Elektrisir- Maschinen, die in Europa ist. Die Glasscheibe dar- an hatte 5. Schuh im Durchmesser. 2) Das Cuffi- sche Microscop aus London. Es hatte 10. Louisd’or gekostet. Das Auge ward von der Politur, auch im Glas- kaͤstchen geblendet. Das Herz wurde mir schwer, wie ich so was herrliches fuͤr einen Naturforscher sah. Bei dem einzigen Stuͤck dacht’ ich: ach wenn du das haͤttest! Wie vergnuͤgt koͤnnten dich 10. Louisd’or machen? woltest sie gleich nach London schicken. 3) Glasplatten mit den Rauten zu allerlei elektrischen Illuminationen. Man konnte sehr leicht die Desseins auf hunderterlei Art veraͤndern. 4) Ein Seeigel mit seinen Stacheln. Einige waren Fingerslang und Fingersdick. Ob nicht welche, wenn sie abfallen angeklebt worden waren, konn- te man nicht sehen. Doch das waͤre auch keine Verfaͤl- schung der Natur. 5) Eine Kugel aus Elfenbein, mit unzaͤhlbar vielen andern Sachen inwendig, aufs fein- ste gearbeitet. 6) Eine chymische Werkstaͤtte, der Studirstube und dem Bibliothekzimmer gerade gegen uͤber; hell, gros, mit allem moͤglichen versehen, viele Oefen, Oefen, Alembics, ein ganzer Apparat zur fixen Luft; ei- ne Menge Liqueurs, Acides, Terres, Sels, Hui- les etc. in Glaͤsern. Am Kamin standen alle chymi- sche Zeichen angeschrieben ꝛc. 7) Die schoͤnsten Lampen von blauem Glase hingen uͤberall im Hause, und sahen gar gut aus. 8) Viele kostbare Gemaͤlde, Statuͤen ꝛc. Und mit dieser herrlichen Sammlung beschlos ich eins- weilen meine Geschaͤfte in Paris, und ging nach Hause, um mich zur morgenden Reise nach Versailles vorzubereiten. Der Mantelsack ward einer Voiture mit- gegeben. Hr. Hizig und ich, entschlossen uns, um die Merkwuͤrdigkeiten von Marly unterwegs mit zu nehmen, zu Fusse zu gehen, da ich Hofnung hatte, daß die, mich so sehr schwaͤchende Diarrhoe, die ich nun schon zum drit- tenmahl hatte, endlich aufhoͤren wuͤrde. Die Franzosen schreiben die Addresse eines Mantelsacks auf ein Karten- blatt, und naͤhen es auf den einen Riemen vorn an, wo- mit es zugeschnallt wird. Den 27sten Jun. Auch heute fruͤh war wieder haͤßliches Regenwetter. Wir musten unsern Plan fahren lassen, aufs Bureau beim Pont Royal gehen, und eine Chaise nehmen. Man kan zu allen Stunden des Tags fortfahren. Ge- meiniglich wartet man, bis 3. oder 4. zusammen kommen, und eine Voiture mit einander nehmen. Wir trafen 2. Fremde an, die schon in einer Chaise sassen, und sich sehr uͤber unsre Ankunft freuten. Der eine davon war ein Franzos, Mr. Barthelemon , der in London Directeur von von Vauxhall, und Maitre de la Chapelle de Mu- sique ist. Er kam von einer musikalischen Reise nach Manheim, Stuttgard, Muͤnchen und Italien hierher, hatte einen Brief von der Koͤnigin von Nea- pel, vor der er sich hoͤren lassen, an ihre Schwester, die Koͤnigin von Frankreich, und reißte nach Versailles, um ihr ihn zu uͤberreichen, und von dieser Empfehlung Gebrauch zu machen. Beim Gespraͤch uͤber die franzoͤ- sische Musik urtheilte er sehr gruͤndlich, daß das Singen der Franzosen immer den Fehler haͤtte, daß sie keine No- te soutenirten, sondern immer mit der Stimme zitterten: ein Fehler, den ich oft bemerkt hatte. Er meinte, daß dieser Uebelstand, den ein deutsches und ein englisches Ohr gleich bemerkt, daher komme, weil man die Kinder singen lehre, ohne ein Klavier dabei zu gebrauchen, und darauf den Ton anzugeben, wobel sie weder Melodie, noch Harmonie lernen koͤnnten. In dem in solchen gemischten Gesellschaften so gewoͤhnlichen Discours uͤber die Vorzuͤge und wechselseitige Verhaͤltnisse der verschiede- nen Nationen gab er den Deutschen grosse Lobspruͤche, wegen ihrer Solidite’ und Ehrlichkeit. Er erzaͤhlte eine Anekdote, die zu schoͤn ist, daß ich sie vergessen sollte. In Bruchsal trank er 2. Tassen Kaffee, seine Frau auch 2. sein Kind 2. Tassen Thee, und aß ein Butterbrod dazu; dafuͤr foderte der Posthalter 4. Gulden: Barthelemon ward unwillig, gab ihm aber doch 2. Gulden, der Po- stillion hoͤrte das, kam herein, schlug mit seiner Peitsche auf den Tisch, zankte mit seinem Herrn, und fluchte, daß er so einem oͤffentlichen Spitzbuben nicht mehr dienen wolte. Es saß ein Franzose neben uns, der noch nie von seinem Seine wasser weggekommen war, und bei die- ser Gelegenheit manche bittre Wahrheit hoͤren muste. T In In Frankreich und Engelland, am wenigsten in Ita- lien, gestand Barthelemon, wuͤrde man so was nicht erleben, und ich versicherte ihn, daß er in Paris und auch in kleinern franzoͤsischen Staͤdten ehrliche Leute, ehr- liche Dienstboten, auch nicht suchen muͤsse. — Der Weg von Paris nach Versailles ist 4. Stun- den. Man faͤhrt an der Seite der Thuilleries hin, und hat bis an die Residenz eine schoͤne, breite, mit Baͤu- men besetzte, in der Mitte gepflasterte Allee, die durch ei- nige Doͤrfer, und durch Seve geht. Das Schoͤnste ist, daß auf dem ganzen Wege von Distanz zu Di- stanz gruͤn angestrichene Saͤulen stehen, von denen quer uͤber den Weg Schnuͤre gezogen sind, an denen vortrefli- che Laternen haͤngen. Nachts ist also der ganze Weg er- leuchtet, weil auch keine Stunde ist, in der nicht Wagen und Karossen hin und herfahren. Oesters kehrt die Koͤ- nigin, wenn sie in Paris im Spektakel ist, noch des Nachts nach Versailles zuruͤck. Vor Versailles wer- den die Strassen sehr breit, und sind zu beiden Seiten mit Baͤumen besetzt, sowohl fuͤr die Spaziergehenden, als fuͤr die Karossen. Versailles selber hat wenig aͤusserliche Pracht. Die Anlage ist ganz laͤndlich, hat viel aͤhnliches mit Carls- ruhe, und sieht einem Dorfe aͤhnlicher als einer koͤnigl. Residenz. Die Strassen sind alle breit und man athmet eine viel bessere Luft da, als in dem haͤßlichen Paris. Die Haͤuser sind alle niedrig, klein, wenigstens von den alten haben die meisten nur einen Stock, es gibt aber auch sehr grosse und schoͤne, und uͤberall wird gebaut. In Zeit von 15. — 20. Jahren wird Versailles ein herrli- cher Ort seyn. Die Strassen sind alle gerade, durch- kreutzen kreutzen einander, werden alle eben gemacht, und dazu sind eigene Regimenter, z. B. das Corps de Pion- niers, errichtet, wovon jeder Kerl taͤglich 12. Sous und sein Essen und Bette da, wo sie arbeiten, in einer Art von Zelt bekoͤmmt. Die Stadt soll groͤsser seyn, als Stras- burg, ich glaube nicht, daß sie nur eben so gros ist. Die meisten Thore sind blosse Barrieren, oder Grilles de fer. Man unterscheidet das alte und das neue Ver- sailles. Ueberall um die Stadt herum sind die ange- nehmsten Ebenen, Fruchtfelder, Waͤlder, Berge — kurz, die Situationen und die Gegenden sind vortreflich. Die Strassen haben ihre Namen von den Avenuen, von Paris, von Trianon, von Marly, St. Cloud ꝛc. Hier hoͤrt was das wilde Geschrei von Paris nicht. Man traͤgt das Wasser auch in die Haͤuser, aber man darfs hier so wenig, als andre Sachen ausschreien. Da ruhen die Ohren, die in Paris Tag und Nacht gepei- nigt werden, wieder aus. Man meint, man sei in ei- ner kleinen Stadt in Deutschland, und ist doch an der Seite des Koͤnigs von Frankreich. Das, was ich heute noch sah, war: Le Chateau Royal. — Man hat viele Almana- che, Kupfer und Beschreibungen davon, ich sage also nur, wie ichs angesehen habe. So gros, so praͤchtig, so kuͤnstlich, so reich es ist, so macht’s doch auf die Fremden gar wenig Eindruck, wenn man’s von aussen ansieht. Man sieht nichts, als eine Assemblage von vielen schwar- zen, duͤster aussehenden Thuͤrmen, Saͤulen, Fenstern und Statuͤen. Ewig Schade, daß dieses Meisterstuͤck der Baukunst und der Bildhauerei, aus den gelblichweis- sen Steinen, wie Paris und Versailles, gebaut ist, die T 2 an an der Luft nach einigen Jahren so haͤßlich schwarz wer- den. Man muß es sehr in der Naͤhe betrachten, wenn man’s bewundern soll. Dann sieht man aber an jedem Fenstergesimse, ꝛc. Menschenkoͤpfe, Blumen, Laubwerk, Saͤulen, und auf dem Dache uͤber jedem Fenster eine Statuͤe. Praͤchtig, goͤttlich muͤst’ es aussehen, wenn das alles aus einem Steine gemacht waͤre, der eine dau- erhafte Farbe, die hell in’s Auge fiele, haͤtte, aber so ist der groͤste Theil dieser kunstvollen Sachen fuͤr die meisten Augen verloren. Es hat einen ungeheuern Umfang, steht hoch, und geht weit herab in die Stadt, hat er- staunlich breite Treppen, eine Menge Thore und Neben- thuͤren, und eine unzaͤhlbare Menge Fenster. Das was man immer in der groͤsten Entfernung oben hervorstechen sieht, ist die Kuppel der Kapelle, von der ich nachher sprechen will. Ich besah drauf Les Appartements , ou les grands Apparte- mens. Geht man eine grosse Treppe hinauf, so findet man zu beiden Seiten die praͤchtigsten Sachen ausgestellt. Man kan bestaͤndig in eine Reihe von Zimmern hinein- gehen, wo man auf dem Boden, an den Waͤnden, an der Decke, an Spiegeln, Saͤulen, Girandolen, uͤberall Vergoldungen, und unbeschreibliche Koͤnigl. Pracht fin- det. Es ist unmoͤglich, alles zu beschreiben, man sieht so viel, es ist alles so nett, so uͤberhaͤuft und bestaͤndig mit so vielen Fremden umstellt, daß man sich Jahre dazu nehmen muͤste, wenn man alles sehen wollte. Auf die- ser Seite war fuͤr mich merkwuͤrdig: 1) Das Ochsen- auge, ein grosses Zimmer, welches nur ein Fenster hat, das aber ein grosses Oval ist. 2) Die grosse Gallerie 37. Toisen lang, und 18. breit. Das Gewoͤlbe oben ist von von le Brun gemahlt; es sind die Kriege von Louîs XIV. Aber, beschreib’s einer, wenn er kan! Sehen muß man’s, und dann steht man da, staunt, und kann nimmer weg- kommen. Die im Palais Royal in Paris ist ge- wis schoͤn, aber es ist nichts gegen das! Unten stehen al- te Saͤulen aus weissem Marmor. Ueberall erblickt man Marmorsaͤulen, die so fein in ihrer erstaunenden Hoͤhe zu- sammengesetzt sind, daß man sie leicht fuͤr Ein Stuͤck hal- ten koͤnnte. Wenn diese Gallerie bei den Hoffesten illu- minirt wird, so soll die Pracht unbeschreiblich seyn. 3) Ein Gemaͤlde von Vandyck, das Koͤnig Karl den 1ten aus Engelland vorstellt. Man haͤlt es fuͤr das Mei- sterstuͤck dieses Kuͤnstlers, und schaͤtzt es 30000. kleine Tha- ler werth. Der Koͤnig steigt vom Pferde, ein Bauer haͤlt es. Er sieht ehrlich gutdenkend aus, hat das Haar hinten hinabfliegend wie Bauern, einen runden Hut ohne Krempen, einen schlechten Rock, ein Waͤmschen ꝛc. aber alles ist unbeschreiblich schoͤn. 4) Eine Stockuhr, die ein Meisterstuͤck der Mechanik ist. Man kan das Raͤ- derwerk auf beiden Seiten durchs Glas sehen. Sie ist von Morand gemacht. Die Stunden schlagen Maͤn- ner mit einem Stabe. Es ist ein Glockenspiel daran, und, wenn das gespielt hat — ich hoͤrte es um 1. Uhr; — so springen oben kleine Thuͤren auf, und man sieht eine Statuͤe von Louis XIV. heraustreten, wie er à la Place Victoire ist, und nachher geht die Statuͤe wieder zuruͤck, und die Thuͤrchen verschliessen sich wieder 5) Ein Portrait von Louis XV. von Rigaud. 6) Eins von seiner Gemalin, Stanislai Tochter von Vanloo. Es sind 20000. Gemaͤlde hier. Man hat sie in grossen Saͤ- len hintereinander wie Buͤcher aufgestellt, weil man nicht Platz hat, sie alle aufzuhaͤngen. Die in den Zim- T 3 mern mern werden fast alle Jahre veraͤndert, und umgehaͤngt. Drauf besah ich La Menagerie. Sie liegt nicht weit von der Stadt in einem Hause, das vorn beim Eingang steht, und wenigstens so meublirt ist, daß die Koͤniglichen Herr- schaften zuweilen beim Spazierengehen hier abtreten koͤn- nen. Man sieht eine Menge Spiegel, silbergestickte Stuͤhle, in einem Zimmer die Gemaͤhle von den hier vor- handenen Thieren, in einem andern die aus La Fon- taine ’s Fabeln, in einem andern die alten Turniere und Ritterspiele; und eine praͤchtige Wendeltreppe durchs gan- ze Haus. Der Aufseher uͤber die Menagerie wohnt vortreflich in einem Lustwaͤldchen, mit vielen kleinen Haͤus- chen hier und da besetzt. Die Stille der Nacht wird durch das Bruͤllen der asiatischen Thiere unterbrochen. Am Tage hat man an jedem Fenster eine andre Aussicht. Nachmittags sind immer Fremde da. Der Anblick so vieler und verschiedener Thiere bietet immer ein abwech- selndes Vergnuͤgen dar. Die Thiere selber sind in Haͤus- chen in dem grossen Platz vertheilt. Unter den Thieren waren mir folgende 4. merkwuͤrdig; die 3. letzten hatte ich noch nie gesehen. 1) Der Elephant. Er war (1777.) 5. Jahr alt, aber schon sehr gros, viel hoͤher als der Groͤste von unsrer Gesellschaft, und ganz schwarz. Er kam ganz weis- grau hierher. Weil man ihm aber alle Tage die Haut mit Oel schmiert, so wird er ganz schwarz. Am Halse war er mit einer Kette gebunden. Er hatte schoͤnere Fuͤsse, als ich sie noch nie am Elephanten gesehen hatte, war ein Weibchen, und genitalia foeminina inter pedes posteriores emicuerunt rubro colore. Die Die Zaͤhne waren sehr klein, und noch stumpf, und schie- nen doch nicht abgestossen zu seyn. Wir hatten eine Bouteille Wein mitgebracht, um ihn zu tractiren. Diese stieß er in seinen Ruͤssel aus. Er kostet dem Koͤnige alle Tage 6. Liver. Alle Morgen wird er spazieren gefuͤhrt. Er hatte grade die Hoͤhe seiner Thuͤre. Von allem dem, was Perrault von der Oberhaut des Thiers gesagt hat, kan man nichts sehen, und nichts fuͤhlen. Ich ließ mir etliche von den schwarzen Schwanzhaaren ausreissen und habe sie noch zum Andenken an dieses Thier, das man immer mit Vergnuͤgen sieht, besonders, weil es mehr, als alle andre Thiere, unsere Sprache, unsere Winke, und unsere Pantomimen zu verstehen scheint, und sie durch seinen gelehrigen und folgsamen Karakter besser, als an- dre Thiere beantwortet. 2) Das Rhinoceros. Man jagte das Thier aus einer Mistpfuͤtze auf, in welcher es, so gros es war, ganz versunken lag, und es begab sich ungern aus dieser Lache heraus. Ich machte grosse Augen, wie ichs herauf stei- gen, und auf mich zukommen sah. So viel ich sehen und fuͤhlen konnte, beobachtete ich. Schreber hat, glaubt ich, eine gute Zeichnung davon geliefert, aber alle Nach- richten, die wir vom Horn des Thiers haben, sind, denk ich, falsch. Es ist kein hervorstehendes Horn, es ist kein amas von Poil herissé, epars, confondu, wie man in Goͤttingen meint. Das was hier Horn heist, ist eine grosse knochenharte mit keiner Haut uͤberzogene Stelle, 2. Finger uͤber dem Museau. Diese Verhaͤr- tung, die im Knochen ihre Wurzel zu haben scheint, war laͤnger als meine Spanne, und fast eben so breit. Kei- ne Spitze von Haareu war oben, oder an der Seite zu T 4 sehen. sehen. Klopfte man mit dem Schluͤssel, mit einem Mes- ser darauf, so toͤnte es, wie wenn man auf Knochen schlaͤgt. Die obere Lippe hatte vorne auch so eine zugespitz- te Verlaͤngerung, so eine Art von Finger, wie der Ele- phant hat ꝛc. 3) Le Rat Musc , wie man sagte, hatte kleine bor- stige Haare, schwarzbraun weis ꝛc. 4) Ein Onocrotalus. Die Tasche war doch nicht so gros, wie man sie oft mahlt. Die obere Mandibula hatte sehr deutliche Lacinias und vorne einen Hacken. Die Schwimmhaut war ein sehr grosser Lappen und doch konnte der Vogel sehr schnell laufen. Es war auch ein Baͤr da, der jetzt ganz schwarz- braun war, der aber vor 10. Jahren, wie er ankam, ganz weis gewesen seyn soll. Desgleichen ein Hirsch, dem das eine Horn auf, das andere abwaͤrts gebogen war. Man wies mir auch ein Thier, das vom Wolf und Hund erzeugt seyn soll. S. Buffon ’s Nat. Gesch. Heut Abend sah ich auch noch im Vogelhause eines Privatmanns einen Kanarienvogel, der auf dem Ruͤ- cken braun war. L’Orangerie. Sie ist sehr ansehnlich, zahlreich, und besonders deswegen merkwuͤrdig, weil so viel al- te Baͤume darin vorhandeu sind. Sie sind zum Theil noch von Franz I. aus Italien gebracht worden. Einer ist 362. Jahre alt, ist noch vom Vater des grossen Konnetable von Bourbon gekauft worden, und hat gra- de die Hoͤhe der Thuͤre, wo im Winter die Kasten hinein kommen. Deswegen heißt er auch der Konnetable Bourbon und traͤgt noch. Seine Krone hat 18. Schuh Schuh im Durchmesser, und 54 Schuh im Umkreis. S. das erste Stuͤck des Grossen und Schoͤnen in der Natur. Im Orangeriehause, das wegen seinen majestaͤtischen Gewoͤlben merkwuͤrdig ist, steht eine Egyptische Goͤttin, die Turenne an Louis XIV. schickte, und die, wie man versicherte, in der Donau soll gefunden worden seyn. Da wo die Gewoͤlber von beiden Fluͤgeln zusammenstos- sen, laͤßt die Koͤnigin — denn es ist gleich unter der Terasse vor dem Schlosse, — zuweilen Koncert machen, und die Wirkung, die’s hier thut, soll ganz unvergleich- lich seyn. In der Mitte der einen Haͤlfte steht in einer Nische eine Bildsaͤule von Louis XIV. von Dujardin. Die Unterschrift: Pace beat totum belic qui ter- ruit orbem, ist im Tone der Franzosen, aber die Roͤ- mische Kleidung, die er dem Koͤnig gegeben hat, ist ein Meisterstuͤck. Les Grands Escaliers. — Auf eben dieser Sei- te sind hinter dem Schlosse, gegen den Park zu, unten an der Terrasse 2. grosse Treppen, die eben so praͤchtig, als wichtig sind. Sie sind ausserordentlich breit. Je- de hat in 4. Absaͤtzen 110. Stuffen. Unten sind Gewoͤl- ber, und zwischen innen liegt die ganze Orangerie. Diese 2. grossen Treppen stuͤtzen den ganzen Berg, auf dem das Schlos gebaut ist. Sie sind die Bastionen, die Con- treforts von der ganzen schrecklichen Masse: denn der Berg, auf dem das alles, was Ludwig der 14. zu dem schon vorhandenen Schlos von Louis XIII. hinzubaute, aufgefuͤhrt ist, ist groͤstentheils auch erst durch Menschen- haͤnde zusammengefuͤhrt worden, und soll unten fast ganz T 5 hohl hohl seyn. Also ruht die ganze Masse auf diesen 2. gros- sen Treppen. Sie sind aber auch so stark und schoͤn, als man sie wuͤnschen kan. Sie sind aus einem weissen glatten Steine, den man weither aus Frankreich her- beigefuͤhrt hat, und haben auch noch ihre hellweisse Farbe. Bemerkungen. Ueber der mittelsten Thuͤre des aͤltesten Theils des Schlosses steht eine Uhr, die stillsteht, so lang der Koͤ- nig lebt; sobald er aber stirbt, laͤsset man sie laufen, rich- tet sie aber auf die Stunde, wo der Koͤnig gestorben ist, und da muß sie dann wieder so lang stehen, als der Koͤ- nig lebt, um den Koͤnig durch die Todesstunde seines Vorgaͤngers bestaͤndig an die Sterblichkeit zu erinnern. Jetzt steht sie auf 3. Uhr, denn dies war die Stunde, in der Louis XV. starb. Man rechnet die Menge der Leute hier auf 80,000. Wenn der Koͤnig nach Compiegne geht, so gehen 18000, — und nach Fontainebleau 20000 Menschen mit. — Der Weise, der Mittelsmann nimmt seinen Freund mit, und ist gluͤcklicher als der Monarch, den das bestaͤndige Gewuͤhl umgibt. Man hat hier Parapluyes, an denen die Staͤbe von Stahl sind, und in der Mitte die schnellsten und schoͤnsten Springfedern haben. Man kan daher den groͤsten Parapluye sehr klein zusammen legen. Sie sprin- gen von sich selber auseinander, brechen aber gar leicht. Das Stuͤck kostet 37. Liver. Den Den 28sten Jun. Les petites Ecuries du Roi. Ich ging sehr fruͤh aus, um die herrlichen Gegenden von Versailles recht zu besehen, und die frische Luft, die mir bisher ge- mangelt hatte, zu geniessen. Da fuͤhrte der Weg bei den kleinen Koͤnigl. Marstaͤllen vorbei; denn nicht weit von da sind noch viel groͤssere, und die Prinzen vom Gebluͤt haben wieder ihre eigenen. Der Koͤnig haͤlt 3000. Pferde die meisten sind Normannen und Engellaͤnder. Fast al- len wird der Schwanz, und noch dazu ganz nahe am After abgestumpft. Sie sagen, das mache die Pferde stark, daher thun sie’s bei Jagdpferden, und bei allen, die nicht zur Parade bestimmt sind. Jedes Pferd hat uͤber sei- nem Stande ein weisses Taͤfelchen mit seinem Namen, z. B. le Railleur. Der Stall ist etwas niedrig und finster. Er ist in der Runde herumgebaut. Die Ker- le musten ganze Kuppeln Pferde des Morgens spazieren reiten. Les Statües du Parc. Park heist hier der Koͤ- nigl. Schlosgarten. Er liegt hinter dem Schlos, hat eine erstaunliche Breite und eine unabsehbare Laͤnge. Das Mittelstuͤck ist fast ganz den Bassins gewidmet. Diese sind bald gros, bald klein, haben auf ihren Einfas- sungen die schoͤnsten Statuͤen von Bronze, und inwen- dig eine Menge Jets d’eau von allen nur moͤglichen Er- findungen. Zuletzt kommt unten ein grosser herrlicher Kanal, auf dem niedliche rothgemahlte Schiffe liegen, in denen es zwischen dem gruͤnen Lustwaͤldchen hinzufah- ren, ein Vergnuͤgen seyn muß. Auf beiden Seiten sind eine unzaͤhlbare Menge Statuͤen und Vasen uͤberall ver- theilt. Darzwischen sind wieder allerlei andre Erfindun- gen gen zu Wasserspruͤtzen, einige bricht man ab, andre baut man von neuem. Weil das Schlos auf einem Berge liegt; so hat der Garten eine etwas haͤngende Lage, man kommt immer auf den Terrassen weiter hinab, kehrt man sich aber um; so praͤsentirt sich das Schlos ganz unver- gleichlich. Die Namen der Bildsaͤulen und ihrer Erfin- der und Verfertiger stehen in jedem Almanac de Ver- sailles. Sie sind alle ganz aus weissem Marmor, das Fußgestelle ist gewoͤhnlich fester, haͤrter, und sehr hoch. Ich bin von 10. Uhr bis 2. Uhr darinn herumgegangen, und konnte doch nicht fertig werden; was mir am besten gefallen hat, ist Folgendes: 1) Die Latona. Sie steht in der Mitte in einem tiefen Bassin, aber auf etlichen Stufen von Marmor er- hoͤht, in der schoͤnsten Stellung. Sie streckt die Hand von sich, um sie herum sind die angenehmsten gruͤnen Fel- der, und eine Menge Froͤsche, die alle, wenn die Ma- schinen angelassen werden, Wasser speien. 2) Ganymed mit einem Adler. — Der Adler ist doch unvergleichlich. Die dicken Pflaumfedern am Bauch und Fuͤssen, die runzliche Haut an den Fuͤssen; die Klauen, die Fluͤgel, besonders die aͤusserste lange Fe- der an dem linken aufgehabenen Fluͤgel ist natuͤrlich wie am Adler. 3) Ceres mit Kornaͤhren. Die Garbe ist etwas colossalisch, wie alle Sachen von der Art, aber das gan- ze Stuͤck hat etwas Einnehmendes, Liebliches. 4) Bacchus. Er ist oft da, aber hier in dieser Nachbarschaft am schoͤnsten. Er hat Trauben in der Hand, haͤlt mit der linken die Schuͤssel unter, mit der rechten rechten quetscht er sie zusammen, der Saft tropft so na- tuͤrlich herab, und er macht eine lachende freundliche Mie- ne dazu. 5) La Fourberie; ein Frauenzimmer mit einer Maske in der Hand und einer gezwungenen Miene. Un- ter ihren Fuͤssen ist ein Fuchs. 6) Eine Vase mit verschraͤnkten LL. in einem Kranz von Eichen und Pomeranzen. Laub und Fruͤch- te sind unvergleichlich gemacht. Die kleinen Loͤcher an den Eicheln — einige sind ausgefallen, da sah man die runde Hoͤlung und die kleinen Buͤschel von Pomeraͤnz- chen! 7) Die Mediceische Venus; vermuthlich eine Kopie von der in Florenz. Ein kostbares Stuͤck. Die Feigenblaͤtter, die man jetzt hie und da an diesen Sta- tuͤen findet, sind auf Veranlassung der Gemalin von Louis XV. dran gemacht worden. Sie hielt den Faͤcher vors Gesicht, als sie das erstemahl mit ihm im Park spazie- ren ging. — 8) Apollo auf seinem Wagen; in einem Bas- sin, mit 4. Pferden, alles von Bronze, und die Jets d’eau im Maul. Viel Majestaͤt, viel Pracht herrsch- ten in diesem Stuͤcke. Es soll das Wasser 57. Schuh hoch werfen, wenn alle Roͤhren spielen. 9) Ein roͤmischer Senator; der ganze Ausdruck vom Senatorius decor; ein Greis mit einem glatten runden Kopf. Der Bart ist ein Meisterstuͤck. Die Rolle Pergament, vermuthlich Gesetze, in der linken Hand. Toga am Leibe, mit der rechten Hand spricht er. — Das ganze Stuͤck ist in einem hohen Styl und doch in einer gefaͤlligen Manier. 10) Der 10) Der Fruͤhling, (auf der Seite gegen Mittag. Von unten kam ich herauf, auf der Seite gegen Mitter- nacht ging ich hinab.) Ein Gott, ein stilles Gesicht, aber die Blumenkraͤnze, die er an sich haͤngen hat, koͤnn- ten nicht schoͤner seyn. Serta florum — sah man da recht. 11) Ino und Melicertes, ein herrliches Stuͤck; man kans nicht beschreiben. 12) Pluto’s Entfuͤhrung der Proserpina. Die- ses Stuͤck muß man sich zeigen lassen, es ist hinter 2. Thuͤren, da, wo vorher der Labyrinth war. Es ist sehr hoch, aber die 3. Figuren sind ganz meisterhaft. Er faßt sie bei den Weichen fest an, sie windet sich, streckt beide Haͤnde in die Hoͤhe, ihre Gespielin schreit unten ꝛc. alles ist voll Ausdruck der Leidenschaft. Am Fußge- stelle sind im Kleinen die einzelnen Scenen dieser Ge- schichte alle ausgehauen, wie sie Blumen sucht, wie er sie entfuͤhrt, wie die Mutter und die Furien sie suchen ꝛc. Diese herrliche Gruppe ist von Franz Girardon ’s Meis- sel. Das Labyrinth war abgebrochen. Die vielen Meerohren, aus denen die Grotten zusammengesetzt wa- ren, lagen zerbrochen da; die Fabeln Aesops auch ꝛc. Das war aber alles Kinderei gegen das Stuͤck in der Mitte. 13) Dieser Grille gegenuͤber auf der Nordseite ist ei- ne andre, wo kleine Pavillons stehen, an denen allegori- sche Vorstellungen aller Welttheile in vergoldeten Blei se- henswuͤrdig sind. In der Mitte ist ein Bassin, und lin- ker Hand ein Basrelief, — wers nicht weis, suchts nicht, aber es ist kostbar. Es stellt den Herkules vor, der den Loͤwen erwuͤrgt. Die Keule schmeist er weg, und packt ihn mit den Haͤnden am Rachen. 14) Die 14) Die Treue. Eine weibliche Figur mit einem redlichen offenen Gesicht, hat ein Herz in der Hand, und einen Hund bei sich. 15) Le Bain d’Apollon. — Auf der Seite lin- ker Hand ist alles mit Bouillons d’eau uͤberhaͤuft. Apollo sitzt; 3. Nymphen sind auf der einen, 3. auf der andern Seite; und darneben Gruppen von Pferden ꝛc. Franz Girardon hat dieses vortrefliche Kunstwerk ver- fertigt. Alles steht unter chinesischen Haͤuschen. Wallfische mit einem breiten Kopf und einem Fisch- koͤrper, oben und unten mit breiten Schuppen, Ruͤcken- flossen uͤber den ganzen Leib hin ꝛc. und viele solche Al- bernheiten, welche die Natur nicht kennt, kommen hier doch mit unter vor. La Machine de Marly besah ich heute auch noch. Sie ist eine der groͤsten Merkwuͤrdigkeiten in dieser Ge- gend. Der Weg von Versailles dahin ist die schoͤnste angenehmste Allee. Ohngefehr eine kleine halbe Stun- de vor Marly haussen, ist in der Seine die kostbare praͤchtige Maschine erbaut, die das Wasser heraufschoͤpft. Es sind 14. grosse Raͤder da, davon jedes 36. Fuß hoch ist und 107. Schuh im Umkreis hat. Sie gehen nicht uͤber den ganzen Fluß hinuͤber, machen aber ein grosses Werk zusammen aus, das sich von weitem schon ankuͤndigt; nur wundern sich die Fremden, daß es nicht bedeckt ist. Die Raͤder sind alle von einander abgeson- dert. Von jedem faͤllt oben ein bestaͤndiger Staubregen herab, der, wenn die Sonne drein scheint, die schoͤnsten Regenboden bildet. Diese schoͤpfen das Wasser in Pum- pen mit Ventilen, die das Wasser selber oͤfnet und ver- schliest. schliest. Unten und oben sind die Leitungen (Conduits) fuͤr das Wasser angebracht. Bei diesem Werke sind al- le Tage 45. Menschen beschaͤftigt. Es sind 64. Pum- pen, und von da weg gehen 5. Wasserleitungen. Von diesen Raͤdern oder vom ersten Schoͤpfen steigt das Wasser in den 5. Leitungen 150. Schuh den Berg hin- auf. Die Maschinen dazu sind halb von Holz, halb ei- serne Stangen. Diese Stangen werden bei einem Don- nerwetter alle elektrisch, und das soll der schoͤnste Anblick seyn, den man in der Natur haben kan. Durch die 5. Leitungen steigen in einer Stunde 1000. Muids Wasser den hohen Berg hinauf. Sie giessen es oben in ein all- gemeines Bassin, wo man sehen kan, wie mit jedem Druck der Maschine eine neue Ladung ankommt. Aus diesem allgemeinen Bassin fließt das Wasser durch einen Conduit universel von Metall, der er- schrecklich gros und bauchicht ist, in 2. eigne oben auf dem Berge erbaute Haͤuser voller Pumpen, die ihm neue Gewalt geben, daß es von diesem zweiten Schoͤpfen wie- derum 150. Schuh den Berg hinauf steigen kan. Man lies mich da sehen, welche Gewalt das Wasser hat. Der Kerl zog einen Zapfen an den Leitungen, die aus dem Hause voller Pumpen nach dem Berg hinaufgehen, her- aus, und bei jedem Druck stuͤrzte eine Menge Wasser mit erstaunlicher Heftigkeit heraus. Im Hofe zwischen diesen beiden Haͤusern hat man auch eine Quelle gefun- den, und auch dieses Wasser wird durch Pumpen hinauf- getrieben. Von diesem zweiten Schoͤpfen also steigt das Wasser in 2. Wegen, wie gesagt, wieder 150. Schuh den Berg hinauf. hinauf. Diese kommen oben wieder in einem Hause vol- ler Pumpen zusammen, die ihm neue Kraft geben, daß es von da bis zu den Arcades de Marly noch 202. Schuh steigen kan. Auch hier sah ich, wie das Wasser mit entsetzlicher Gewalt herausfaͤhrt. Auf jeden Pum- penstoß avaneirt es in den Leitungen 4. Schuh. Aus diesem Hause laͤuft es in 13. Leitungen heraus. Diese 13. endigen sich weiter hin in 5. und diese 5. weiter hin in 3. Leitungen. Aus diesen 3. koͤmmt es wieder in Pumpen, und von da in den grossen Aqueduc. Auf diesem kan man spa- zieren gehen. Es ist eine Hoͤlung in der Mauer, man geht 112. Staffeln hinauf. Ehe sich dieser grosse Aque- duc theilt, ist er 95. Schuh lang, hie und da sind wie- der grosse Reservoirs in Thuͤrmen angebracht: dann theilt er sich endlich in 3. Loͤcher, das Mittelste geht nach Tria- non und das rechte nach Marly; diese beide erhalten al- les Wasser aus dieser Maschine, und haben beide viele Jets d’eau; das linke — und das ist das kleinste, — geht nach Versailles, denn da hat man auch viele und recht gute Quellen Rechnet man nun zweimahl 150. und 202. Schuh zusammen; so kommen 502. Schuh heraus, welches also die ganze Hoͤhe ist, zu welcher das Wasser durch diese Maschine gehoben wird. . Ist irgend etwas Grosses und Praͤchtiges, das Louis XIV. gemacht hat, so ist es diese wahrhaftig koͤnigliche An- stalt. Das Wasser steigt einen Berg hinauf, auf dem der muthigste Reisende muͤde wird, und keicht. Es ist von U von oben herab eine herrliche Aussicht, auf alle die Reihen von Maschinen und die lieblichen Gegenden jenseits der Seine. Von da konnt’ ich auch das Schloͤschen St. Ger- main sehen, wo Koͤnig Jakob II. von Engelland resi- dirte. Oben liegt auch das Dorf Lucienne, wo die be- kannte Graͤfin du Barry ein Schlos mit einem herrli- chen grossen Garten hat. Le Chateau de Marly. Dieses kleine Schlos, dessen Inwendiges man nicht sehen kan, liegt ganz in ei- ner Tiefe. Die Einfahrt dazu geht einen hohen ganz gepflasterten Berg hinab. Der Garten an der Seite ist sehr angenehm, hat Wasser, Bosquets, und laͤngst hin- ab stehen zu beiden Seiten kleine Haͤuser, die von den Ministern, wenn der Hof da ist, bewohnt werden. Es ist nur eine Chambre, ein Sale à manger, eine Chambre de Domestiques da. Den 29sten Jun. La Chapelle du Roi. Dieses praͤchtige Gebaͤu- de, durch das ich schon einigemahl gegangen war, war heute, als am Sonntage, ausserordentlich mit Menschen angefuͤllt. Ein Buch muͤste man schreiben, wenn man die Pracht dieser Kirche beschreiben wollte. Die Schlos- kirche in Carlsruhe hat das nemliche Dessein, nur daß die Kanzel hier in der Mitte steht, und unter der Orgel der hohe Altar ist. Der Fußboden ist aus schwarzen, rothen und weissen Marmor. Unten im Schiff der Kir- che stehen gar keine Stuͤhle, zu beiden Seiten sind unten und oben Altaͤre und kleine Kapellen. Zwischen der un- tern tern und obern Porkirche stehen die praͤchtigsten weissen korinthischen kannelirten Saͤulen. Oben sind gar keine Plaͤtze, aber das ganze obre Gewoͤlbe ist mit den schoͤn- sten Gemaͤlden angefuͤllt. Sie stellen Sujets aus der Bibel vor, sind aber so hoch, und so fein, daß man sie auch mit der Lorgnette nicht erkennen kan. Der Hochaltar ist fast ganz von Gold. Zwei En- gel mit grossen Fluͤgeln sind darneben. Das Schoͤnste fuͤr mich war immer die herrliche Stukkaturarbeit von Gyps, die alles uͤbertrift, was man sonst sehen kan. Die Brustlehnen an dem Koͤnigl. Stuhl und an den Galle- rien sind von rothem und weissem Marmor. Der Koͤ- nigl. Stuhl hat zwei Fluͤgelthuͤren, die fast ganz vergol- det sind. Eh der Koͤnig kam, kam ein Bedienter, und breitete noch eine rothsamtne Decke mit goldnen Franzen daruͤber. Fenster sind nicht dran, auch stehen keine Stuͤh- le darin, sondern lange, schmale, rothsamtne Baͤnkchen. Darneben steht auf jeder Seite eine Art von Prie Dieu, wie ein Schrank mit Glasthuͤren, vergoldeten Leisten, und oben darauf eine starke vergoldete Krone. Die Kanzel hat viel Gold, aber sonst nichts besonders, und steht sehr niedrig: ein Fehler, den ich in protestantischen und katho- lischen Kirchen gar oft gefunden habe. Die Orgel ist gros und sehr durchdringend. Die Fenster haben alle ei- ne Einfassung von gemahlten Scheiben. Die Kapellen, wo der Comte de Provence mit seiner Gemalin, und die Comt. d’ Artois Messe hoͤren, sind unten. Schon am Freitag sah ich die Comt. d’ Artois mit ihrer Da- me d’honneur in einem rothen Kleide herausgehen, und heute die Comt. de Provence . Die Koͤnigin hoͤrt am Sonntag die Messe oben im Koͤnigl. Stuhl nach U 2 der der Messe des Koͤnigs, weil sie ihren eignen Aumonier hat; aber heute war sie nicht recht wohl, hoͤrte daher die Messe en particulier in einer Kapelle linker Hand des Koͤnigl. Stuhls um halb 12. Uhr. Eine Menge Gar- des du Corps besetzten schon vorher mit ihren Hellebar- den den Platz. Sie kam — mit ungemein vieler Gra- zie und Majestaͤt, — in einem weissen seidenen Kleide, maͤssig coifirt, geschminkt, und sah nicht uͤbel aus. Ei- ne Dame d’honneur in einem gelben Kleide und noch mehr Gardes du Corps mit Gewehr begleiteten sie. Sie kniete sehr andaͤchtig auf ihrem Stuhl, und ging wieder freundlich und reizend durch die gedraͤngte Menge der Zuschauer hindurch zuruͤck. Viele tausend Augen zog sie auf sich, sobald sie nur die geringste Bewegung machte, und eben so viele tausend folgten ihr nach, bis sie der luͤsternen Menge verschwand. Um 12. Uhr kam der Koͤnig selbst. Eine noch staͤrkere Wache brachte ihn mit einem, freilich nicht feierlichen und nicht anstaͤndigen, Laͤrm zu dem wartenden Volke, und besetzte die Kirche oben und unten. Beim Eintritt in die Kirche ward stark getrommelt, die Garde trieb das Volk aller Orten weg, und stellte sich zu beiden Seiten. Die Musik hob an, die unbeschreibliche Menge Menschen sah jetzt auf den Koͤnigl. Platz. Erst kam die Garde, stellte sich hin- ten und an den Seiten hin, dann bracht’ ein andrer das Gebetbuch aufgeschlagen; drauf kam der Comte d’ Ar- tois , und dann der Koͤnig. Man hat so viele Kupfer- stiche von ihm, daß ich nichts sagen darf. Er ist nicht so gros, wie ich, hat wenig Farbe, trug ein fleischfarbnes ganzes Kleid mit Silber reich besetzt, auch auf den Ach- seln, einen silbernen Degen mit Brillanten besetzt und weisse seidene Struͤmpfe. In der Messe, die ganz ge- sungen sungen wurde, und mit einer feierlich langsamschweben- den Kirchenmusik begleitet war, gab er den Hut weg, und nahm ihn nachher wieder. Es kam auch mehr als ein Aumonier, schwarz gekleidet, mit ihm. Nach der Messe drang die Menge des Volks — alles in den schoͤnsten Kleidern, (ich sah einen aus der Kirche wegfuͤh- ren, der keinen Degen hatte,) — nach der grossen Galle- rie, wo der Koͤnig durchkommen muste, und da ging er dann wieder von der Garde mit Gewehr umringt, sehr gnaͤdig und freundlich durch die Menge hindurch. Was da fuͤr ein Gewuͤhl in den Grands Appartemens ist, ist unbeschreiblich. Eine Menge Geruͤche aus so vielen Flacons nehmen einem den Kopf ein. Alle Nationen findet man da, unten in Park hoͤrt man das Getuͤmmel sogar, es ist wie die Messe in Strasburg, wie die Boͤrse in Hamburg ꝛc. Les Appartements des Mesdames, der Tan- ten des Koͤnigs. Weil die Koͤnigin eine Anwandlung vom Fieber hatte, so war’s nicht moͤglich, ihre Zimmer zu besehen: aber die Mesdames waren in Bellevue, und die Schweizer verdienen gern Geld von den Frem- den. Was man da sieht, ist Koͤniglich, und in jedem Zimmer sieht man viel, und vielerlei. Die Umhaͤnge und Betten waren uͤberall unies, eben der geflamte herrliche Zeug, den ich in Choisy le Roi schon bewun- dert hatte. Bei der Mdme. Sophie sah ich besonders 1) Por- zellaͤn von Seve, das an Schoͤnheit, Weisse und Ver- goldungen dem Meißner wahrhaftig nicht viel nachgibt. Nur, duͤnkt mir, ist es nicht so leicht wie jenes. 2) Ei- ne Platte en Mosaique von den Gegenden um Ver- U 3 sailles. failles. Der Kerl machte mir eine drollige Beschreibung von der Arbeit, weil er sie nicht zu nennen wuste; sie war aber in der That schoͤn. In Frankreich gibts noch we- nig Leute, die das koͤnnen. 3) Ihre Toilette; alles war mit einem kostbaren Umhang verdeckt. Wir hoben ihn auf, und sahen die schoͤnsten Dosen, Buͤchsen, Fla- cons ꝛc. 4) Gemaͤlde von der Koͤnigl. Familie. Mme. Clotilde als Piemont mit der Guitarre in der Hand, war, nach meiner Empfindung, die schoͤnste. Bei der Mad. Victoire auf der andern Seite fand ich noch die Wintermeublen, viele Sachen von gruͤnem Sammt. Man veraͤndert im Schlosse nur zweimahl, Sommermeublen und Wintermeublen. Die gruͤnen Betten waren reich und schwer mit Gold gestickt. Sie hatte a ) Ein Gemaͤlde vom verstorbenen Dauphin und seiner Gemalin. b ) Die jetzige Koͤnigin in Mi- gniatur in einer Rose, gar fein. c ) Clavier und eine Orgel in einem Kasten von Rosenholz. d ) Einen Al- manac astrologique, eine kleine Bibliothek, La Ste. Bible etlichemahl ꝛc. ꝛc. La Salle de l’Opera. Eins der groͤsten Meister- stuͤcke in Versailles, das einen Theil des Schlosses aus- macht. Es sind 5. Reihen Logen uͤber einander. Die oberste hat Ochsenaugen statt der Fenster. Die Koͤnigl. Loge hat nicht viel praͤchtiges. Die Gallerien sind nach dem Rang der Personen vertheilt. Das Theater hat ei- nen erstaunlichen Umfang, ist sehr hoch und eben so tief. Man macht kleine Loͤcher auf, und laͤßt hinabsehen, wie tief alles ausgegraben ist, um die mechanischen Werkzeu- ge zur Veraͤnderung der Dekorationen anzubringen, und man sieht auch wirklich ein ausserordentlich zusammenge- setztes, setztes, verwickeltes Werk. Oben haͤngen eine Menge duͤnner gemahlter Breter, man sieht Saͤulen, Stangen, so viele Stricke, wie an grossen Schiffen. Zu beiden Seiten sind hohe Treppen, kleine Leitern mit Lichtern, Haspeln, Raͤderwerk, Rollen, Zuͤge ꝛc. kurz, wenn man das sieht, kan man den Zauber der Oper bald be- greifen. Dieser Platz ist nie herrlicher gewesen, als vor 6. oder 8. Wochen, da man dem Kaiser zu Ehren die Oper Castor et Pollux spielte. Jeder, ders gesehen hat, war davon bezaubert. Ich sah noch Reste von den dazu ganz neu verfertigten Dekorationen. Man findet weitlaͤuftige Beschreibungen dieses Opernsaals in dem Al- manac de Versailles . Les Appartemens du Roi. Um 5. Uhr ging der Koͤnig mit dem Comte und der Comt. d’Artois wieder in die Kapelle aux Vêpres. Ich sah ihn wie- der in der großen Gallerie, und konnte das blaue Band und den heil. Geistorden nun noch besser beschauen. Kaum war er weg, so drang die ganze Menge in seine Zimmer, und besah seine Meublen. Die Schweizer zeigten alles, nur das nicht, was ich am liebsten gesehen haͤtte, — die Bibliothek. — Ich sah sein Schlafgemach, Audienz- zimmer, das Kabinet, wo er eben Briefe geschrieben hatte, seine praͤchtige Pendulen, die besonders fuͤr ihn ge- machten wahrhaftig Koͤnigl. Vasen aus Porzellan von Seve, die Bronzen, die Spiegel ꝛc. Man kann die Delikatesse, die Majestaͤt, den Geschmack, den Aufwand, womit alles eingerichtet ist, nicht genug beschreiben. Es sind simple Betten von gruͤner Seide da mit einem Him- mel, ganz franzoͤsisch, duͤnn, leicht, ohne Kuͤssen mit Wuͤlsten, und wieder andre, so reich, so schwer mit Gold U 4 besetzt besetzt und gestickt, daß es schwer wird, den Umhang aufzuheben. Vor allen sind vergoldete Barrieren. Man sieht Bronzen von allen Koͤnigl. Statuͤen in Paris da. Eine grosse Tischplatte aus Achat. Eine grosse weisala- basterne Buͤste mit einem kohlschwarzen Kopf darauf, zu- gleich eine herrliche Antike. Ein runder Tisch von Ma- hoganyholz, dessen Durchmesser 36. Fuß hat. Sie ist ohne Fehler, und wird alle Tage gewichst, damit sie nicht springt. Sie ist so schwer, daß als sie, wie man sie auf- stellte, umschlug, sie einen vorwitzigen Tischlerjungen wie einen Pfannkuchen platt schlug. Sie soll aus einem ein- zigen Stamme geschnitten seyn. Ich sah ferner Uhren, die der Kenner goͤttlich nennt, mit astronomischen Ein- richtungen, Lichtstoͤcke von massivem Gold mit Verzierun- gen; silberne mit den schoͤnsten Fa ç ons, wieder auf silber- nen Platten. Kleine Buͤffets von eingelegtem Holz, al- le Leisten vergoldet. Kunstsachen, Gemaͤlde, kurz, — Dinge, die ich nicht zu nennen weis. Den 30sten Jun. Ich ging heute sehr fruͤh nach der Koͤnigl. Menage- rie hinab, und betrachtete das Rhinoceros genau, um der Berliner Naturforschenden Gesellschaft die Be- schreibung davon vorzulegen. Ausserordentlich lieblich und angenehm ists, am fruͤhen Morgen im Park und am Kanal hinab in den Alleen an den Seiten spazieren zu ge- hen. Man hat die Pracht der Bildhauerei, der Bau- kunst, der Gaͤrtnerei, und zugleich die Majestaͤt der Na- tur um sich herum. Ein tausendfaches Konzert der Voͤ- gel toͤnt von den Zweigen der Baͤume herab. Schiffe spielen im Wasser, Feldhuͤner laufen im Wege, und in der der Menagerie sind die groͤsten, die fremdesten, die grau- samsten, die schoͤnsten Thiere Asien s, Afrika ’s und Ame- rika ’s beisammen. Menschen sieht man des Morgens in dieser schoͤnen Gegend nicht viel. Der Franzose faͤngt den Tag nicht fruͤh an; alle Bedienten liegen fast immer bis 7. Uhr in den Federn, weil man vor 10. Uhr nicht zu Abends speist, und manche Gesellschaften vor Morgens 2. 3. Uhr nicht auseinander gehen. Selig ist, der dem Wirbel der grossen Welt um sich herum zusehen, und doch der Natur folgen und sie studiren kan. Ich kam eben zum Fruͤhstuͤcken der eingesperrten Thiere, und er- goͤtzte mich vortreflich an dem Anblick. Die Haut des Rhinoceros ist so hart, daß sein Waͤrter, indes ich das Thier besichtigte, und in meiner Schreibtafel schrieb, mei- nen Stock unten voͤllig auf der Haut entzwei schlug, eh’ ichs merkte. Von da ließ ich mich in Le Depôt, ou les Archives du Bureau des Af- faires etrangères fuͤhren. In Teutschland hat man gemeiniglich wenig Freude, wenn man ein Archiv sieht. Da stehen alte staubigte Schraͤnke, an denen man die Klei- der schmutzig macht. Aber das Archiv in Versailles wird billig von jedem Reisenden besucht. Es ist die schoͤn- ste Gallerie, eine Reihe von Zimmern, die alle Licht genug haben, mit vergoldeten Thuͤren, mit Schraͤnken nur an den Waͤnden, und mit schoͤnen Gemaͤlden geziert. Die Schraͤnke sind mit feinen Dratgittern, hinter denen rothe seidene Vorhaͤnge haͤngen, verschlossen. Ueber diesen haͤngen die Gemaͤlde vom Koͤnigl. Hause und von allen regierenden Koͤnigen und Fuͤrsten, mit denen Frank reich zu thun hat, alle von den groͤsten Malern in jeder Residenz verfertigt. 1) Im Salle de Traités sah ich U 5 besonders besonders den Duc de Choiseul , den ich noch nie gesehen hatte. 2) Jeder Saal hat seinen Namen, als: Salon d’ Jtalie , de France , Salle des Puissances du Nord , Salle des Puissances du Midi , Salle d’ Allemagne , wo der Kaiser, seine Mutter, Bayern, Koͤlln, Pfalz ꝛc. haͤngen. 3) Da sah ich auch Pius VI . den die Sorbonne noch nicht hat. Er sah sehr schoͤn und noch jung aus. 4) Die Kaiserin von Rußland war gar kostbar mit einem Lorbeerkranze um den Kopf. 5) Der Duc de Parme aber ist le plus beau Prince, que j’ai jamais vu, et — denn sie sind fast alle da — peutêtre dans l’ Europe . 6) Im Salon de Fran- ce haͤngt eine Vorstellung von der Tripleallianz, den Muͤnzen von den 3. Koͤnigen, und uͤber den beiden Thuͤ- ren, Madrid und Neapel. 7) Dann haͤngt uͤber je- der Thuͤre allemahl ein sehr schoͤnes Gemaͤlde von den groͤsten Staͤdten in den Staaten, zu deren Assairen die- ser Saal bestimmt ist, z. B. im Salon des Puiss. d’ Al- lemagne haͤngt Wien und Berlin, im Salon d’ Jta- lie , Genua und Turin. 8) Im Salon de France sah ich auch in einem Schranke die verschlossne Boete voller Originalien von den Hausvertraͤgen mit Spanien und Neapel. Zugleich erblickt man auch die Buͤsten von den alten Ministern, Richelien, Mazarin, Col- bert ꝛc. 9) Auch traf ich hier ein Portrait vom Koͤnig von Preussen, das neu ist, ihn schon alt vorstellt, und erstaunlich viel Aehnlichkeit haben soll. Man kan die Augen dran nicht genug bewundern. 10) Im Salon des Traités haͤngt ein Gemaͤlde von der Peter skirche in Rom nebst dem Vatikan und dem Obelisk. Man kan nicht aufhoͤren es anzuschauen. Indes, Indes, daß ich da war, kam auch der Prinz von Monaco, ganz simpel, und lies sich durchfuͤhren. Drauf ging ich in Les Ecuries de Mad. la Comt. d’ Artois . Der Comte d’ Artois hat da blos fuͤr seiner Gemalin Pferde einen erstaunlich weitlaͤuftigen Bau angefangen, er steht aber schon uͤber ein Jahr still. Man kan endlich auch einen Schatz erschoͤpfen. — Man findet hier die schoͤnsten Zug- und Reitpferde. Einige fuͤhren die Na- men, le Prince, le Cerf, le Chevreuil, le Non- pareil, la Truite \&c. Man findet in jeder Abthei- lung Madratzen fuͤr die Stallwache, die man in den deut- schen Marstaͤllen nicht antrift. Gemeiniglich stehen 10. Pferde bei einander, 8. in den Zug an die Karosse, und 2. werden nachgeritten, damit wenn eins fehlt, gleich ein anders da ist. Sehr viele Braune mit schwarzen Maͤh- nen, Schwanz und Extremitaͤten sah ich da. Desglei- chen kleine, die mir bis an die Mitte des Bauchs gin- gen; sie hatten aber alle einen schlechten unproportionir- ten Hals. In den Remisen darneben sah ich Karos- sen, wo eine 2, — 300,000. Livers kostete, alles glaͤnzte von Gold, bis oben hinauf, das Wagenwerk, alle Schnallen ꝛc. strotzen von Gold. Auf allen Flaͤchen des Kastens sind die Koͤnigl. Franzoͤsi schen und Sardi- ni schen Wappen mit einer unbeschreiblichen Delikatesse gemalt, und jede Seite hat Einfassungen von Blumen, und uͤber das alles ist der kostbarste Lack gezogen. In- wendig haben sie eine schoͤne Breite, die hellsten Fenster, sammtne Kuͤssen mit Gold. ꝛc. Besonders fand ich 2. Einrichtungen daran sehr schoͤn: 1) damit die Portiere nicht aufspringen kan, so ist in dem Ring, wo die Falle hinein- hineinkommt, ein Reiberle, das uͤber die Falle im Ringe hinlaͤuft, und den uͤbrigen Raum im Ring genau ver- schliest. Nun kan kein Stos, und keine Erschuͤtterung die Portiere nach und nach herausstossen, sie kan gar nicht weichen, bis man das Reiberle znruͤckzieht, und das ist doch commoder, als das Schlos, das einige daran ma- chen. 2) Die Kutschen haͤngen in Sousbaͤndern, aber der Theil der Unterlage, auf dem der Kasten der Kutsche ruht, ist aus 8 — 10. duͤnnen eisernen Schienen, die uͤber einander liegen, und in einander gefuͤgt sind, zu- sammengesetzt. Das Uebrige hinten und vorn ist aus Leder. Nun ging ich nach Le Chateau de Trianon . Ohnstreitig eins der angenehmsten Lustschloͤsser des Koͤnigs, nur eine halbe Stunde vom Schlosberg, rechter Hand im Park, unten an der Seite des grossen Kanals gelegen. Man unter- scheidet 1) Le grand Trianon , ein Korps de Logis mit 2. Fluͤgelgebaͤudēn, die viel Umfang haben und weil sie nur ein Stockwerk hoch sind, desto angenehmer sind. Das Korps de Logis ist eine Kolonnade von etliche 20. praͤchtigen rothen Marmorsaͤulen. Das Dach ist auf orientalische Art, platt, zu beiden Seiten mit Ballustra- den, auf denen die schoͤnsten weisgelben Statuͤen und Vasen zu beiden Seiten ums ganze Schlos herumstehen. Innerhalb des Gebaͤudes hingen jetzt kaum noch einige Gemaͤlde, es war ganz mit Arbeitern besetzt, und ward reparirt. Der Hof hat nur eine Grille. Die Ave- nuen dazu sind die schoͤnsten Alleen, in denen man Ver- sailles und das Koͤnigl. Schlos sehen kan. Hinten und neben dem Schlos sind Gaͤrten, ohne viele Pracht, aber mit einer Menge schoͤner Blumen besetzt. Gefaͤllt mir irgend irgend ein Ort in Frankreich ausserordentlich wohl, so ist es hier. In einer Viertelstunde ist man in der Stadt, am brillantesten Hof, und wieder in einer Viertel- stunde, so genießt man alle Annehmlichkeiten des Land- lebens. Kan man sich eine bessere Lage wuͤnschen? 2) Le petit Trianon , einen Buͤchsenschuß davon, in ge- rader Linie mit jenen durch den Garten verbunden. Es ist ein einziges viereckigtes Gebaͤude 3. Stock hoch, wird sehr oft von der Koͤnigin besucht, und hat einen chinesi- schen Garten, — aber en migniature, — darneben. Indem ich von Trianon heraufging, fuhren der Comte und die Comt. d’ Artois und der Comte de Provence dahin spatzieren. Da sah ich dann die Pracht und die Menge der Vorreuter und Begleiter. — Gott im Himmel! wenn Abraham, der 10. Koͤnige klopfte, und einen andern im Zelt bewirthete, wieder kaͤme, — oder wenn Vater Homer das saͤhe, was wuͤrde der sagen! Den 1ten Jul. Heute war mein erster Gang, Les Ecuries de la Reine zu besehen. Sie liegen Rue de la Pompe. Da standen wenigstens 350. Pfer- de. Das Auge muste man an manchen weiden. Be- sonders waren viele Gespanne von Schimmeln und Grau- schimmeln hier. Die grauen und weissen hatte man durch alle Nuͤancen durch. Zu 4. Pferden gehoͤrt alle- mahl ein Stallknecht, daher stehen allemahl uͤber dem 4ten Pferde 2. Zettel; auf dem untern steht der Name des Kerls, und auf dem obern der Name des Pferdes. Ich Ich sah die meisten blos Stroh fressen, und erkundigte mich deswegen. Man sagte mir, alle die, welche jetzt stark und gesund waͤren, bekaͤmen Stroh, nur den ma- gern oder kranken gebe man Heu. Fuͤr so viele Pferde duͤnkt mir der Stall viel zu schmal. Man konnte kaum nebenher gehen, wenn man nicht zu nahe kommen wollte, und im Sommer ist’s gar zu dumpfigt darin. Aber alle Marstaͤlle sind hier so. Unter den Pferden waren viele Hollaͤnder und Normaͤnner ꝛc. Ich lies mir auch die Staatswagen der Koͤnigin zeigen, und ward von der Dienstfertigkeit eines Stallknechts uͤberrascht. Die Kut- scher waren nicht da, ich sollte daher wiederkommen, das wollt’ ich nicht. Da ging doch einer und holte die Schluͤssel, und nachher wollt’ er dennoch nicht das Ge- ringste von mir annehmen, „er sei nicht so interessirt, sagte er, „er freue sich uͤber jeden Deutschen; der Kaiser „waͤre auch da gewesen. ꝛc. ꝛc. Er nahm schlechter- dings nichts, zeigte mir aber einen andern aermern, dem ichs statt seiner geben sollte, wenn ich doch wollte. Ist dies nicht eine seltne Gesinnung unter Leuten von der Art? Ich freue mich allemahl daruͤber mehr, als wenn ich hoͤre, daß ein Monarch einem Musikanten 100. Louis- d’or geschenkt hat. — Von den Karossen der Koͤnigin aber kan ich nichts sagen! Das laͤßt sich nicht beschrei- ben. — Da ist an einer von den praͤchtigsten fuͤr 800,000. Livres Arbeit daran, so gewis als fuͤr einen Sous, und das Gold daran, o!! Ein Kuͤssen lag darin, — — wer in seinem Leben auf so einem sitzt, kriegt gewis keine Fistel, doch still, Ludwig der 14te hat sie doch gehabt. — Ich fand hier auch Karossen fuͤr die Ambassadeurs. ꝛc. ꝛc. Bemer- Bemerkungen. Als ich nach meinem Quartier zuruͤck kam, sah ich eine ganz andre Scene. Zwei Garde du Corps hat- ten mit einander, — um einer Frau, — (um einer Hure —) willen — vor dem Thor duellirt, und der eine war so gut als todt. Der andre hatte ihm den Degen unten in Leib und oben wieder herausgejagt. Man brachte den Verwundeten herein, und vor meinem Quartier sank er um, die Koͤchin sprang heraus, brachte Essig und Eau de Carmes, das half doch so viel, daß er da wegkam, um vermuthlich an einem andern Orte zu sterben, Nachher hoͤrt’ ich, man habe ein Rencontre draus gemacht. — — Eheliche Treue scheint in Frank- reich immer seltner zu werden. Ich habe manche Sce- ne gesehen, die ich nicht schildern mag. Auch scheut man sich nicht vor den Fremden, und das allein aͤrgerte mich immer dabei, weil es ein offenbarer Beweis ist, daß sie jeden Fremden fuͤr einen Menschen von eben so schlech- ter Denkungsart halten. Viele Franzosen sagens einem grade ins Gesicht, daß man ohne Zweifel um der Wol- lust willen zu ihnen komme ꝛc. Das soll dann franzoͤsi- sche Lebensart, ungenirtes Wesen, savoir vivre seyn! Wenn Hochzeiten in Frankreich gehalten werden, so halten die Ehrengesellen, wie sie bei uns heißen, einen Seidenzeug, oder Stoff uͤber die Koͤpfe des Brautpaars, waͤhrend der Geistliche die Benediktion gibt. Der Arm wird den jungen Burschen oft ganz muͤde, es waͤhrt wohl eine Viertelstunde. Dafuͤr schickt die Braut nachher jedem ein Geschenk, ein Noeud d’Epe’e ꝛc. Ist dies nicht eine Nachahmung von der Chüppa der Juden? Oder vielleicht ein Rest aus der alten Kirche? In In grossen Haͤusern findet man hier schoͤnes weisses Salz, wie bei uns. Es ist aber das nemliche grobe schmutzige, das man sonst in ganz Frankreich und in Patis uͤberall hat. Die Koͤchin laͤßt es nur noch ein- mahl im Wasser zergehen, gießt das schmutzige Wasser ab, reinigt drauf das Salz, waͤscht es, und laͤßt es nach- her wieder krystallisiren. Ein Abgang muß freilich da- bei seyn. Von einem Kavalier hab’ ich hier eine sparsame Art zu soupiren gelernt. Alles, was er nimmt, ist ein Glas Wasser, darin laͤßt er ein grosses Stuͤck Zucker zergehen und dann tuͤtscht ers mit Weisbrod aus — et voilà tout. — Auf die Kroͤnung des jetzigen Koͤnigs hat man eine silberne Muͤnze gepraͤgt, 9. Liver werth. Auf der einen Seite ist sein Bild mit der Krone auf dem Kopf, und auf der Kehrseite ein Altar; vor dem kniet der Koͤ- nig, ein Genius salbt ihn, nebendran sind Wolken und die Sonne uͤber dem Salboͤlflaͤschchen. Neben dem Al- tar ist ein Kuͤssen, auf dem Krone und Scepter liegt. Die Aufschriften sind: Ludov. XVI. R. Christ. und auf der andern Deo Consecratori oben, und unten: Unctio Regia Remis. XI. Jun. 1775. in roͤmischen Zahlen. In eben der Sammlung, wo ich diese Me- daille sah, fand ich auch eine andre auf den Badener Frieden, in Silber, die wohl ausgedacht ist, dick und schwer. Die Stadt Baden steht auf der einen Seite, oben haͤlt ein Genius ihr Wappen, unten fliest das Was- ser, Mars sitzt dabei, und waͤscht seinen Degen, mit der Umschrift: Hos tandem ad thermas, fessus Mars abluit ensem. Auf der Kehrseite steht der Kaiser, Kaiser, streut Weihrauch auf den Altar, der Rauch da- von steigt zu den Wolken empor, in denen die Sonne glaͤnzt. Hinter dem Kaiser koͤmmt Deutschland als ein Frauenzimmer, mit dem Adler auf dem Kleide, faltet die Haͤnde, und will knien. Vor den Fuͤssen des Kai- sers liegt der Reichsapfel, das Scepter, und die Krone. Hinter dem Frauenzimmer pfluͤgt ein Bauer mit 2. Och- sen auch wieder einmahl. Man sieht die Furchen auf dem Felde, und hinten waͤchst wieder ein junger Wald auf. Umher steht: Exsolvunt grates Caesar et Impe- rium. — Im Abschnitte unten liest man: IanI teM- pLo BaDenæ In argoVIa CLaVso. In den grossen Buchstaben liegt die Jahrzahl. M. — 1000. D. — 500. CLL. — 200. VV. — 10. IIII. — 4. 1714. . Alles ist schoͤn, nur die Stellung des Kaisers ist etwas steif, und wunderbar. In Versailles hat man noch mehr Gelegenheit, die Societés brillantes, und zugleich den Geist der Na- tion kennen zu lernen, und es ist wahr, was in den Let- tres de Milady Catesby steht, Lettr. XII. Ils se cherchent sans s’aimer, se voyent sans se plaire, et se perdent dans la foule sans se regretter. Quels liens, et quels amis pour moi!! — L’Eglise de St. Louis , Rue Satory. Ganz neu von Louis XV . erbaut. Ihre groͤste Pracht sind die Gemaͤlde, unter denen mir am besten gefielen. 1) La Descente X Descente de Croix, von Pierre. — Ach! so eine Todtenfarbe, so eine Erschlaffung in allen Gliedern; Tod in jedem Muskel. — Er liegt den geschaͤftigen Frauen auf dem Schoos, und die linke Hand faͤllt so lahm, so erstorben, uͤber den Arm einer andern hin, daß mans nicht genug ansehen kan. 2) Le Sommeil de St. Joseph , von Jeaurat. — Recht so, wie ein gemeiner Mann nach der harten Arbeit in seinen Kleidern sitzend einschlaͤft, die ehrliche ungekuͤnstelte Mine im Gesicht, die Runzeln des Alters, der Engel ihm zur Seite. 3) St. Jean dans le Desert, von Boucher. — Man darf nichts weiter sagen, als von Boucher ! 4) Le bon Pasteur, von Le Sueur — hat auch viel liebliches. — Noch sind in der Sakristei 2. kostbare Stuͤcke, nem- lich: 5) La Chûte de St. Paul , von Deshayes. Die Bibel sagt nicht, daß er nach Damascus geritten, und wenn’s waͤre, so waͤr’ ein Esel schicklicher gewesen als ein Pferd. Aber als Malerei betrachtet, muß man vor dem Stuͤcke niederfallen. Der Hintersus des niederge- worfenen Pferds, das feurige bestuͤrzte Gesicht des jun- gen Eiferers, seine straͤubende Haare ꝛc. sind unvergleich- lich schoͤn. 6) St. Pierre sur les Eaux, von Bou- cher. — So hab’ ich noch nie Wellen gemalt gesehen. Man glaubt, man sehe das Wasser sich bewegen, in ein- ander schlagen. — Das Stuͤck ist herrlich in seiner Art. Ich besuchte nun weiter noch Les grandes Ecuries du Roi. — Die und die Ecuries des Comte d’ Artois sind die schoͤnsten. Die Koͤnigl. sind auch hoͤher, weiter, und breiter als die an- dern. Man athmet freie Luft, und kan bequem hin und her gehen. Die Gebaͤude gehen in einem grossen halben Zirkel Zirkel herum, stehen doppelt und dreifach, haben die schoͤn- sten Hoͤfe, sind zweistoͤckig, und viel groͤsser als das Schlos manches teutschen Fuͤrsten. Da fand ich die muthigsten Pferde, die in Versailles sind. Aber eine Freude wars, die schoͤn gedrechselten Fuͤsse, die geputzten Schen- kel, die niedlichen Koͤpfe, die hellen Augen, die propor- tionirten Haͤlse, die kleinen runden Baͤuche ꝛc. an je- dem nach einem andern Modell zu beschauen. Wie mannichfaltig ist doch die Natur! Wie spielt sie in Zeichnung, in Farbe, in Groͤsse, und stellt doch im- mer ein Meisterstuͤck auf! Die Kosten sollen unglaub- lich seyn. Jedes Pferd hat eine starke zwilchene De- cke, mit rothen und blauen Zierrathen, die das ganze Pferd bis an den Hals bedeckt. Sie wird uͤber den Kopf des Pferdes vorne am Stand angebunden. Die Raufen haben die schoͤnsten schwarzen gedrechselten Balu- straden. An der Krippe ist durch alle die Koͤnigl. Mar- staͤlle vorne, wo das Pferd frißt, ein Ueberzug von Ku- pfer angebracht, damit sie nicht in die Krippe beissen sol- len. Indes, daß ich da war, kamen 3. Cochons d’ Jnde , die man hier haͤlt, und suchten Futter. Sie sind ganz grau und haben, wie die wilden Schweine, schwarze Streifen uͤber den Ruͤcken und Borsten. Les Voitures du Roi. Man findet hier fast lauter Chaisen, in denen die Koͤnigl. Familie Reisen nach Compiegne, Fontainebleau ꝛc. macht. Das Wa- genwerk ist allemahl roth, das Eisenwerk und alle Knoͤ- pfe und Leisten aber sind vergoldet; die Kasten sind mei- stens gelb, und das Innere roth. Es sind Lilien und andre Blumen daran, die wie eingelegte Arbeit von Perl- X 2 mutter mutter aussehen. Neben dem franzoͤs ischen Wappen ist das von Navarra gemahlt. Es sind Voituren da, zu 6. zu 8. Personen fuͤr die ganze Familie; diese haben 2. Portieren, 2 mahl das Wappen auf jeder Seite, sind sehr lang und haben 4. Sitze, als wenns 2. Karossen waͤ- ren. So eine kostet, sagte man mir, etwa 40, 000. Livres. Die allerpraͤchtigsten stehen in Paris in der Vorstadt St. Denys, au Chantier, petites Ecu- ries du Roi. Da sah ich auch eine Menge Toͤpfe mit Farben und Leim und Fuͤrnissen aller Art. Ueberhaupt, was zum Staat des Hofes gehoͤrt, hat man hier al- les im Ueberfluß. Wuͤste man etwas, das noch mehr kostete, so wuͤrde mans anschaffen. Le Chenil du Roi. Das sind die Koͤnigl. Hun- destaͤlle. Ich hatte Addresse an Mr. Polastron , Inspecteur de Venerie, allein die 200. Hunde waren alle, theils auf der Jagd, theils auf dem Lande. Viele sind fuͤr die Hirsch- andre fuͤr die Schweinsjagd, fuͤrs Fe- derwild ꝛc. Die blossen Staͤlle mocht’ ich nicht sehen, es regnete ohnehin den ganzen Tag, und Versailles hat noch viele ungepflasterte Gassen, und wuͤste Plaͤtze. Le Potager du Roi. Ein grosser in viele Theile abgetheilter Kuͤchengarten, der recht wohl mit Allem ver- sehen ist. Es gibt aber so viele Maͤuse darin, daß an den Waͤnden auf den gruͤnen Latten der Spaliere Maus- fallen stehen. Die Schnecken sind ebenfalls in so unge- heurer Menge da, daß alle Morgen 4. Kerle im ganzen Garten herum gehen muͤssen, die sie auflesen, und dann zertreten. Auch ist ein eigner Taupier da, der die Maulwuͤrfe beschleicht, wie bei uns. Man zieht hier ei- ne Menge Erdbeeren aus Chili, Kanada ꝛc. ehemals machte machte man durch Zusammenstellung mehrerer Arten in der Bluͤtezeit unter und gegen den Wind Mariages de Fraises, um neue Arten zu bekommen, aber jetzt unter- laͤßt mans, denn der Koͤnig liebt die gemeine, und davon waren ganze Felder da. Bemerkungen. Von Hrn. Pfeffel Dieser wuͤrdige Mann ist Iuris-Consulte du Roi aux affaires etrangères. In seinem Hause ward ich mit der groͤsten Liebe u nd Gefaͤlligkeit aufgenom- men, durfte mit ihm uͤber Tische Mittags und Abends vertraulich sprechen, da er ein alter und hoͤchstschaͤtz- barer Freund von meinem Vater und zugleich ein Bru- der des liebenswuͤrdigen, aber leider! blinden Dich- ter dieses Namens in Colmar ist, dessen Liebe ich von Jugend auf genossen habe. erfuhr ich heute folgende wahre und wichtige Nachrichten und artige Anekdoten: Unterm jetzigen Koͤnige — den man Louis po- pulaire nennt — sind schon, wiewohl er jetzt erst 3. Jahr regiert hat, uͤber 60. Millionen Liver gepraͤgt wor- den. Die franzoͤsischen Schiffe haben 20. Mann, da die hollaͤndischen nur 10. haben. Die franzoͤsischen Ma- trosen werden mit Wein, Brantewein und Zwieback wohl versorgt. Sobald sie an die Linie kommen, wird der Schluͤssel in die Brodkammer gesteckt, und jeder darf es- sen, so viel er will. Sobald das Wasser einmahl weis wird, — es wirds 3 mahl, — bekoͤmt keiner keins mehr ohne Essig. Dafuͤr koͤnnen sie hernach aber auch ar- X 3 beiten, beiten, wenn ein Sturm koͤmmt. Hollaͤndische Schiffe gehen da hingegen fast alle zu Grunde, weil die Kerle nicht arbeiten koͤnnen. Bougainville ist um die Welt ge- reist, und verlor sehr wenige Mann Verlohr doch Kapit. Cook auf seiner Reise um die Welt, bei der ihn die beiden Hrn. Forster begleiteten, von 118. Mann, nur einen einzigen, der noch dazu schon bei der Ausfahrt aus Engelland lungensuͤchtig war. Herausgeber. . Englische Kriegsschiffe wagen sich nicht So sprach der ehrliche Hr. Pfeffel vorm 12. April 1782. und vor Howe ’s Entsatz von Gibraltar. Was wuͤrd’ er denn jetzt sagen? Herausgeber. an franzoͤsische, wenn die Staͤrke gleich ist, weil die franzoͤsischen viel schneller schiessen. Der franzoͤsische Ma- trose steigt auf die Kanone hinaus, und ladet aussen, da werden sie aber von Pistolenschuͤssen wie Muͤcken wegge- blasen. — Die Engellaͤnder ziehen die Kanone zuruͤck ins Schiff, und laden inwendig, das verzoͤgert das Feu- ern. — Aller angewandten Muͤhe ohngeachtet, lassen sich die franzoͤsischen Matrosen vom Hinaussteigen nicht abbringen. Wer am Ostindischen Handel gewinnen will, muß 150. Procent haben, weil der Weg so weit, und die Kosten mit den Schiffen und Matrosen so gros sind. Frankreich verliert im Handel gegen keine Nation. Ich wandte den Thee ein, den sie doch den Chinesern auch mit ihrem baaren Gelde werde bezahlen muͤssen. — Aber Aber nein, die Schiffe, die dahin gehen, laden franzoͤ- sische Waaren, die verkaufen sie in Cadix, und mit den spanischen Piasters, die sie dafuͤr bekommen, kaufen sie den Thee. Gegen Schweden verlieren sie ein wenig, man rechnets aber nicht besonders. Im Commer- ce du Nord zusammengenommen ist kein Verlust. Eine Probe von der ehemaligen Sparsamkeit der Koͤnige. Christian der 4te von Daͤnnemark nahm eine Graͤfin zur Oberhofmeisterin seiner Kinder an. In ihrer Instruktion steht bestimmt: weil die Prinzen jetzt Kleider von starken blauen Tuch haͤtten; so solle sie diese, wenn sie alt waͤren, nicht verkaufen, wie bisher gesche- hen, sondern man koͤnne sie schwarz faͤrben lassen, und aufheben, daß man sie bei einer Trauer brauche. — Ist der Ursprung des Preussischen schwarzen Husaren- Regiments besser? Hr. Pfeffel schenkte mir, ehe ich ihn verlies, seinen Abregé chronologique de l’Hist. d’ Allem . \& du Droit public, II. Tom. 8. praͤchtig gebunden, den Almanac Royal von diesem Jahre, und eine Uhr- kette von Similor ꝛc. ꝛc. Den 2ten Jul. Dieser Tag war der Ruͤckreise nach Paris gewid- met. Unterweges passirte ich Seve, um da noch La Manufacture des Porcelaines zu besehen. Ein grosses weitlaͤuftiges Gebaͤude mit einem schoͤnen Garten. Das Haus ist voll kleiner Zimmer, wo die Arbeiter sitzen und malen. Man zeigt den Fremden aber nichts, als die Vorraͤthe. Da sind hoch oben etli- X 4 che che grosse Stuben aneinander, ganz voll von den herrlich- sten Sachen. Die Malereien sind aͤusserst fein, und die Farben brennend, obgleich die Masse selbst doch nur eine schoͤne, sehr feine Fayence ist. Es wird hier eine Men- ge Gold konsumirt. Von allen moͤglichen Formen und Desseins werden Sachen verfertigt, aber alles ist auch hoͤchsttheuer. Kleine Eierschaͤlchen kosten stuͤckweise 3. Li- ver; kleine Pomadentoͤpfe 6 Liver; Tassen 2, 3. Louis- d’or; Vasen 12-20. Louisd’or. Man macht blos weisse kleine Medaillons vom Koͤnige und der Koͤnigin zu 3. Li- ver; ferner eine Menge Buͤsten, Statuͤen ꝛc. die ganz unvergleichlich sind. Handeln kan man da nicht. Je- des Stuͤck hat seinen Zettel mit der Zahl und so ist sie auch im Katalog eingetragen. Man zeigte mir eine Buͤste vom Kaiser, die alle moͤgliche Schoͤnheiten hat, ihm ungemein gleicht, und 8. Louisd’or gelten sollte. Das Stuͤck war eben fertig worden und ward der Koͤni- gin uͤberreicht. Und noch vor einem halben Jahre ko- stete, was jetzt 6. Liver gilt, 12. Liver. Weil man einem das Magazin nicht zeigt, wenn man nicht etwas kauft; so nahm ich 2. recht schoͤn gemahlte Stuͤcke mit, ein Thee- und ein Zuckerbuͤchschen. An jenem ist die Malerei eine laͤndliche Scene, und gar niedlich. An diesem gefielen mir die Farben, besonders die herrliche Schmalte und das edle Gold. Uebrigens thut man hier sehr geheimnißvoll. So hoͤflich ich auch nach der Erdart und nach den Kieseln fragte; so oft ich auch sagte, daß ich von beiden Materialien, wenn man sie an- ders brauchte, nichts mitnehmen wollte, daß ich sie nur zu sehen wuͤnschte: so war der hiesige Schweizer doch der groͤbste, der mir in Frankreich vorgekommen ist. In- des hab’ ich die Erdart doch nachher von Hrn. Sage er- halten halten und gluͤcklich mit mir herausgebracht. Ich durf- te uͤberhaupt hier keine Fragen thun: denn auch die an- dern Bedienten nahmen die wichtige, kalte, geheimniß- volle Mine des Staatsmanns an und ich erinnerte mich nachher, daß wir gedruckte Nachrichten von Seve, aus Frankreich selber bekommen haben. Von Seve geht alle Tage 2 mahl eine Galliotte nach Paris, wo man fuͤr 5. Sous hin kommen kan. Weil ich aber um 2½ Uhr in Seve schon fertig war, so wolt’ ich nicht bis 5. Uhr warten, und machte auf dem bestaͤndig frequenten Wege meine Ruͤckreise nach Paris zu Fuß, und da traf ich denn, wie gewoͤhnlich, Koth, Gewuͤhl, stinkende Luft an, und, so wie ich kaum nach Hause war, fiel garstiges Regenwetter ein. Es regnet wuͤrklich hier so oft, daß es Flecken in den Kleidern macht, wenn die Farbe ein wenig delikat ist. Vielleicht ist dies die Ursache, warum in Paris das Stutzerwesen, das be- staͤndige Fahren in der Karosse, die vielen grossen, kleinen Spiegelbuͤrsten, und das Decrotiren Mode worden ist. Bemerkungen. Mit dem Calendrier Royal ou Almanac de Versailles , der alle Jahre herauskoͤmmt, wird in Pa- ris auch viel Verschwendung getrieben. Das kleine Ding ist an sich schon theuer, dann laͤßt mans noch so praͤchtig binden, als man nur kan, schlaͤgt die Armes de Fran- ce darauf, kauft des Koͤnigs Bildnis dazu, und schenkts den Fremden. Viele verlieren ihn, brauchen des Jahrs X 5 wohl wohl 6. dergleichen, und so sind in mittelmaͤssig reichen Haͤusern schon die Kinder an eine Menge kuͤnstlicher Be- duͤrfnisse, grosser Ausgaben und uͤberfluͤssiger Sachen ge- woͤhnt ꝛc. Ans Halsband des Hundes kaufen sie die kuͤnstlichsten Schloͤsser oder Cadenats, seidene Baͤnder, den Hund zu fuͤhren, und dergleichen Laͤppereien mehr. Was Wunder, daß fester, maͤnnlicher Ernst, und geord- nete Maͤßigkeit und Munterkeit ohne Ausschweifung und Laster, nie das Erbtheil dieser Nation werden kan, wenn man dem jungen Aufschoͤßling alles erlaubt, was er an andern sieht, was seine immer rege Einbildungskraft ver- langt. Einsmahls gab ich auch in einem vornehmen und reichen Hause einen Zeugen ab, wie der Herr Sohn un- terrichtet wurde. Er hatte von Jugend auf, Hausleh- rer gehabt, aber er war noch so roh, so leer, so ungebil- det, sein Karakter war noch so wildfangsmaͤssig, daß ich den versaͤumten Juͤngling bedauern, und nur auf die Ab- be’s boͤse werden muste. Um 11. Uhr traf ichs grade, daß so ein franzoͤsischer Abbe’ den Livius mit ihm lesen sollte. Er war aber zu faul, das Maul aufzuthun, war zufrieden, daß der junge Herr mit dem Hunde spielte, oder sonst herumlief, lies sich nieder und wartete ganz ru- hig bis es dem jungen Herrn gefaͤllig war. Endlich muste denn der Bediente die Buͤcher herbei hohlen. Der junge Herr las den Livius vor, und sollte ihn nun ins Franzoͤsische uͤbersetzen. Der Abbe’ saß daneben, hatte gar keinen Autor in der Hand, hoͤrte nur zu und verbes- serte zuweilen. Die Genauigkeit, die Buͤndigkeit und Schoͤnheit dieser Uebersetzung kan man sich also leicht den- ken; zumahl da der Abbe’ und der Schuͤler schlecht la- teinisch lasen. Ich sprach daruͤber mit dem Abbe’, der versicherte versicherte mich aber, er habe das Original im Kopfe, die lateinische Sprache waͤre ja, wie alle andre, rauh, hart und schlecht, sein Eleve werde den Tite Live vermuth- lich heute fruͤh schon gelesen haben. — Wirklich sieht man hier bei Jedermann von allen Griechen und Latei- nern elende franzoͤsische Uebersetzungen. Die vom Vir- gil uͤberschwemmt die schoͤnsten Stellen mit einem unaus- stehlichen Geschwaͤtz ꝛc. Der Abbe’ hatte fuͤr sein Da- sitzen, taͤglich 2. Stunden, des Monats 4. Louisd’or, und er sollte einer der Besten seyn, der Minister- und Am- bassadeur-Soͤhne zu unterrichten hatte. Den 3ten Jul. Das Regenwetter hielt an, im Koͤnigl. Garten konnt’ ich also nichts besehen. Dieses Zuhausebleiben ward mir durch einige Geschenke vergolten, die ich erhielt und mir sehr willkommen waren. Hr. Vicq d’Azyr schickte mir mehrere Exemplare von seiner Table sur l’Hist. anatom. \& natur. des Corps vivans — mit einem sehr verbindlichen Schrei- ben, worin er mir seinen Briefwechsel anbot, und wegen meiner Migraine guten Rath ertheilte. — Dieses haͤs- liche Uebel verlies mich samt der Diarrhoe in dem heitern, gesunden, luftvollen Versailles, und kaum war ich wie- der in der Pariser Laft und trank Pari ser Wasser, so war Kopf und Magen wieder verderbt. Der Juwelier Hr. Koͤnig hatte in meiner Abwesen- heit eine kleine Steinsamlung fuͤr mich zusammen gebracht, und diese schenkte er mir heute. Es waren boͤhmische Granaten; Vermeille , auch eine Art davon; Tuͤrkisse, Ame- Amethysten, Rubis balais, Jargons, Emeraudes, Topases, Cailloux de Cayenne , brutes, und ge- schliffene ꝛc. die mir denn das Andenken dieses lieben Mannes erhalten sollen. Bemerkungen. Ein Donnerwetter in Paris ist mit so vielen Verdrieslichkeiten verknuͤpft, daß ichs hier anfuͤhren muß. Wir hatten heute Abends eins von 6. Uhr bis halb 11. Uhr des Nachts. Vorher wars so schwuͤl, daß man in den kleinen Stuben nicht bleiben konnte. Dann kam ein heftiger Regen, der in den 5. Stunden nicht nachlies. Ich war ausgegangen, und mit dem Hin- und Herlau- fen eine volle Stunde im Wetter. Da erfuhr ich von neuem, daß alles, was sonst unangenehm oder schrecklich ist, in Paris noch zehnmal unangenehmer und schreckli- cher wird. Denn einmahl, entsteht bei so heftigen Regen der haͤslichste Gestank in allen Strassen, auch in den breiten. Das Wasser waͤscht den vielen alten Urin und Koth, von so vielen Menschen, Pferden, Hunden, Voͤ- geln, aus allen Ecken hervor. Es entsteht ein Morast in Zeit von einer halben Stunde, die Strassen sehen schwarz- gruͤn aus. Dazu koͤmmt die Lebensgefahr, in der man alsdann wegen der Karossen und Fiaker ist. Die fahren mit den furchtsamen Franzosen, was sie fahren koͤnnen; alle leere Chaisen werden besetzt. Sind sie wie- der leer, so sucht der Kerl wieder andre, oder rennt nach einer Porte-cochere, wo er unterkommen kan. Da- durch entsteht ein solches Rennen und Fahren unter ein- ander, daß man an den Haͤusern mit Koth ganz bespruͤtzt wird, und wahrhaftig hundert Augen haben moͤchte. Oft weis weis man nicht, wie man ausweichen soll, an allen Ecken kan man geraͤdert werden ꝛc. Mit den vielen Para- pluyes stoͤßt man einander fast die Augen aus, verdeckt einander den Weg ꝛc. Man muß es sehen, um sich ei- nen vollstaͤndigen Begriff zu machen. Und manche Strassen sehen gleich wie ein Strom aus. Da muß man denn, wenn man hinkoͤmmt, erst wieder einen Um- weg nehmen, und an der andern Seite kans wieder so seyn. Wer weit zu gehen hat, dem kan das in einem Quartier 5. 6 mahl begegnen. Dem wollen nun die Sa- voyarden abhelfen, und legen hier und da Dielen, Bre- ter, mit Rollen, vorne und hinten, uͤber die grosgewor- denen Baͤche, daß man hinuͤber gehen kan. Das kostet einen Liard, oft, wenn viele darauf warten, zwei. Sie verdienen Geld bei solchen Gelegenheiten. Mit den elen- desten Kleidern stehen diese Leute um etwas zu verdienen, 5. 6. Stunden oben im Regen, und unten im Wasser. Bei solchen Passagen fallen dann hundert Kleinigkeiten vor, die oft lustig genug sind, und was zu lachen geben. Der will nicht zahlen, jener hat kein klein Geld. Da entsteht denn ein Geschrei. Mancher plumpt halb in Koth. Das Verdrieslichste ist, wenn Karossen kom- men, und der Savoyarde das Bret nicht geschwind genug wegzieht, da faͤhrt sie dann druͤber und das Bret geht oft morsch entzwei, oft faͤllts in den Koth, da laͤrmen die Savoyarden, und die Leute fluchen auf beiden Sei- ten ꝛc. Ein Moͤnch wolte heute uͤber so ein Wasser, wo kein Bret war. Er stand lange und konnte unmoͤg- lich den Sprung wagen. Endlich bot sich ein Savoyard an, ihn hinuͤber zu hucken. Der Moͤnch wolte lange nicht. Alles sah aus den Fenstern herab, und lachte den Moͤnch aus. Endlich entschloß er sich doch, und der der Savoyarde nahm ihn auf den Ruͤcken. Die dicke, plumpe, schwerfaͤllige Maschine, in einem schleppenden schwarzen Rocke auf dem kleinen lumpichten Savoyar- den. — Man stelle sich die Figur vor. Ueberall war von unten bis oben alles an den Fenstern und lach- te den Moͤnch aus, besonders wie er nachher zahlen mu- ste, und der Savoyarde nicht gleich zufrieden war. Den 4ten Jun. Heute Vormittag fing ich bereits an, Abschiedsvisi- ten zu machen, und meine Empfehlungs-Briefe nach Holland zusammen zu bringen. Hr. Delor gab mir deren nach Chantilly an Hrn. Bomare, nach Mann- heim an Hrn. Abt Hemmer, nach Bruͤssel an Hrn. Needham: Hr. de Villoison einen nach dem Haag an Hr. von Meermann, nach Leyden an Hrn. Woor- da, nach Amsterdam an Hrn. Cras, nach Leyden an Hr. Ruhnken ꝛc. Drauf nahm ich auch bei Hr. D’Aubenton Abschied. So wie ich ehemals vom Universitaͤtsleben sehr gern, und von einigen meiner Lehrer in Goͤttingen sehr ungern wegging; so koͤnnt’ ich auch heute schon den ganzen Pariser Laͤrmen fahren las- sen, ohne daß ich ihn im Geringsten regrettiren wuͤrde: aber von dem Manne Abschied nehmen, — ward war- lich meinem Herzen schwer. Er hat so viel maͤnnliches im Karakter, als man selten beim Franzosen findet, er hat die ganze stille Heiterkeit, und grosse Ruhe, welche die Naturgeschichte ihren Freunden zur Belohnung aus- theilt. Er gab mir die Addresse an Hrn. Prof. Alle- mand in Leyden, und ich muste ihm meine Addresse in seine Schreibtafel schreiben. Ich fand ihn im Kabi- net, net, wo er wieder einiges Neue rangirte. Wir sprachen wenig, er sagte mir mehr als einmahl mit der redlichsten Mine: „Je suis bien aise, d’avoir fait vôtre con- „noissance. Vous reviendrez encore une fois „chez nous“ — und ich wiederholte ihm immer meine Danksagungen. Zuletzt druckte er mir noch die Hand, und sagte: „Ah, vous reviendrez encore „une fois à Paris “ — und damit warf ich noch ei- nen Blick aufs Kabinet und Garten, und ging traurig von dem schoͤnsten Theil der Stadt in das seelenlose, graͤß- liche Gewuͤhl zuruͤck, wo nur Frivolitaͤt, Luͤgen, Be- trug, Unzucht, Grosthun, Fluchen und Schwoͤren den Fremden umringt. Wohl dem Manne, der sein Leben den schoͤnsten Beschaͤftigungen widmet, und gerne jedem durstigen Juͤngling den Weg zeigt, den er auch gegangen ist. Segen und Gluͤck, Leben und Gesundheit sei uͤber ihm, dem Kenner, Befoͤrderer und Liebhaber der Thier- geschichte, die den Verstand aufschließt, und kein Men- schenherz kalt laͤßt! Nachmittags nahm ich Abschied von Hr. Baͤr, den ich nie antraf, von Hr. Nicolson, von Hr. Guettard; ich fand aber keinen von allen zu Hause. Hr. Tollius, Prof. in Harderwyck, bekam noch Abends um 8. Uhr einen Besuch von mir. Er war hier, und machte auf der Bibliothek von St. Germain Excerpte aus alten Noten uͤber die alten Schriftsteller. Bemerkungen. Ein Confiturier Faciot , Rue St. Denys vis à vis le grand Cerf wohnhaft, verkaufte anjetzo ein Pou- dre à la Limonade séche. Alle Schiffe nehmen davon davon wider den Scharbock mit. Es soll groͤstentheils Weinsteinrahm seyn ꝛc. Das Pfund kostete 3. Liver. Es ist in Bouteillen. Man kan halbe und ganze haben. Man macht aus der Verfertigung ein Geheimnis, die Anweisung es zu gebrauchen, die sehr simpel ist, ist an der Bouteille angeklebt. Es wird uͤberall unter seinen Namen hin versandt. Ueber dem Laden steht: Poudre à la Limonade séche pour la Marine . In der Stadt fahren bestaͤndig Karren mit schwar- zen Saͤcken herum. Ich wußte lange nicht, was das seyn sollte; das sind die Schornsteinfeger, die ihren vielen Ruß in Saͤcken auffassen, und aus der Stadt bringen muͤssen. Den 5ten Jun. Heute bekam ich noch zum Beschluß meines hiesigen Aufenthalts Le Cabinet d’Ornithologie de Mr. le Doct. Mauduit zu sehen. Unstreitig das schoͤnste Voͤgelkabi- net in Paris. Der Besitzer ist von der medicinischen Facultaͤt, practicirt aber nicht, ist reich, und studirt fuͤr sich. Ein gar possirliches, kleines, bucklichtes Maͤnn- chen, aber voller Geist und Leben. Das Kabinet besteht aus Kasten mit Glasfenstern, die man in die Schraͤnke hineinschieben und heraus ziehen kan. Aus allen Ge- schlechtern waren Voͤgel da, alle sehr wohl erhalten, nichts als die blosse Haut mit den Federn ohne die geringste Fa- ser. Er hatte einen Menschen an der Hand, der sie aus- balgt, und dann mit Baumwolle ausstopft. Er und D’Aubenton haben alle zur Erhaltung der Voͤgel vor- geschlagene Mittel versucht, und sind uͤberzeugt worden, daß daß kein allgemeines Mittel gegen alle Insekten, zu hof- fen ist. Daher braucht er weder Salmiak, noch Alaun, noch sonst etwas, als bloßes Raͤuchern mit Schwefel. Dazu hat er in seinem Hofe eine Art von Tonne (Boete), wo er die meisten Voͤgel im November und December hineinsetzt, und beraͤuchert, um die etwa aus Eiern aus- geschlupften Larven zu toͤdten. Die Voͤgel sitzen meist auf kuͤnstlich gemachten Baͤumen mit Laub. Doch sind — vielleicht um der Schoͤnheit willen — einige in un- natuͤrlichen Stellungen aufgestellt, z. B. mit aufgesperr- tem Schnabel, oder mit auseinandergebreiteten Fluͤgeln. Er braucht auch keine Gifte gegen die Insekten, weil er so raisonnirt: die Insekten, die sich durch einen Saͤug- ruͤssel naͤhren, koͤnne man vielleicht durch toͤdtliche Fluͤssig- keiten vergiften, aber nicht die, so sich durch Kinnladen ernaͤhren, denn dieser ihre Werkzeuge sind fein und subtil genug, um die ihnen schaͤdlichen Theilchen von den guten zu unterscheiden, aber eben diese sind die Feinde der Voͤ- gelkabinette. Die Namen der Voͤgel waren franzoͤsisch, so wie im Koͤnigl. Kabinet, nicht systematisch. Er kennt Brisson, Edward, Catesby, Albinus, aber nicht Linne’, Klein ꝛc. Ich fand bemerkenswuͤrdig 1) Le Pigeon couronné de Banda. Dieser Vogel hat wohl die groͤste und hoͤchste Hubel, die irgend einer hat. Man bringt ihn von Banda, einer der Molukken, aber er ist in Neuguinea zu Hause. 2) Le Canard de Nankin, den Bomare in seinem Di- ctionaire beschrieben hat. Das Maͤnnchen hat auf den beiden Fluͤgeln eine sonderbare Erhoͤhung, welche dem Weibchen fehlet. 3) Le Mangeur de Ris; Cates- by hat ihn beschrieben. Die Spitzen der Schwanzfe- dern sind Pikenfoͤrmig. 4) Le Canard de Louisia- Y ne; ne; dieser Vogel hat einen am Ende stachlichten Schwanz. Wozu diese Stacheln am Ende? Stuͤtzt sich die Ente etwa darauf? Sollten sie dazu stark genug seyn? 5) La Foulique de Cayenne hat die Besonderheit, daß die Schwimmhaut einen gelblichten Grund hat, uͤber den schoͤne schwarze Streifen laufen. 6) Paraqua; ein Vogel, bei dem die Trachea s. aspera arter. unter den Musculis pectoralibus hinablaͤuft, sich dem After naͤ- hert und denn wieder herauf steigt, und sich in die Brust- hoͤle hinabsenkt. — — Grosser und unbegreiflicher Gott! was wird uns die Natur nicht noch fuͤr wunderba- re Geheimnisse aufschliessen! Ach wenn nur kuͤnftige Jahrhunderte nicht muͤde werden, sie zu untersuchen! 7) Le Casuar; hat ein leichtes, holes, 3. Queersinger hohes Horn auf dem Kopfe. Die Ohrloͤcher sind hinter den Augen, gros und sichtbar. Man sah deutlich, daß aus jeder Federwurzel 2. Kiele kommen; im Anfuͤhlen sind die Federn rauh wie Borsten. Das sind einige von den seltensten Voͤgeln dieser Sammlung. Sie sind zum Theil noch nicht beschrieben, zum Theil stehen sie im Jour- nal de Phys. p. Rozier, und vom Paraqua wird die Koͤnigl. Akad. d. Wiss. die anatomische Beschrei- bungen liefern, die ich sehr begierig erwarte. Hierauf besah ich noch Le grand Miroir ardent. Ein ausserordentli- ches Stuͤck! Es steht in einem eigenen hoͤlzernen Hause im Garten beim Louvre. Der Boden des Brenngla- ses hat Raͤder, und kan heraus geschoben werden, wenn die Akademie Versuche damit anstellen will. Das Glas selber hat 4. Schuh im Durchmesser, und oben einen Mastic, wodurch die 2. Glaces courbes, die durch mes- singene singene Reise und eine Menge Schrauben zusammen ge- halten werden, koͤnnen geoͤfnet werden, damit man Wein- geist hinein giessen kan. Jetzt war er nur halb voll, es gehen aber 160. Pinten hinein. Er steht auf grossen Stangen mit eisernen Schrauben, wodurch er niedriger und hoͤher gestellt werden kan. Vorne hat man einen Fuß gemacht, auf den die Sachen, die man schmelzen will, gelegt werden. Es ist bekannt, daß man vermit- telst dieses Werkzeuges schon Diamanten geschmolzen hat. Jetzt ists aber uͤber ein Jahr, daß die Akademie keine Versuche mehr damit gemacht hat. Der Kaiser besah es, lies es aus dem Hause herausbringen, und ob- wohl das Wetter nicht gar guͤnstig war, that es doch sei- ne Wirkung zum Erstaunen des Monarchen. Bemerkungen. Die steinernen Fußboden, die man hier durch- gaͤngig findet, zu putzen, hat man grobe Buͤrsten; diese nimmt die Magd, oder der Bediente unter den Fuß, und faͤhrt damit im Zimmer herum, um den Staub aus den Ritzen heraus zu bringen, und ihn dann mit dem Besen wegzufegen. Der Boden wird dadurch wieder herrlich roth, aber es ist eine schweistreibende Arbeit. In diesen Tagen ward à la Greve ein Mensch ar- retirt, der um Mitternacht in einem weissen Schlafrock, mit einer weissen Muͤtze auf dem Kopf, da spazieren ging, und der Wache zur Antwort gab: Je suis l’ombre de Desroues. Ist der Mensch verruͤckt gewesen, oder ist dies wieder ein Beweis von der hohen Stufe der Frivo- litaͤt und des Leichtsinns, zu dem sich kein andres Volk in Europa, als die Franzosen, erheben kan? Y 2 Heut Heut sah ich auch einen Abbe’, der auf dem Hin- terkopf, auf der Sutura cranii, 2. grosse aufrechtstehen- de Locken hatte, wie an den Seiten. — Eine bizarre Figur! Aber so weit geht die Putzthorheit, und die Sucht, was neues zu haben, selbst unter den Mannspersonen die- ser Nation! — Noch bemerkte ich heute eine bequeme Einrichtung eines Schreibtisches bei dem Kaufmanne, Hrn. La- vabre, wo ich neulich zu Abend speißte. Damit der Sand nicht auf dem Tische liegen bleibt, hatte er gar kei- ne Sandbuͤchse, sondern unter dem Tischblatt eine Schub- lade mit Faͤchern, da war sein Sand, — naͤmlich Saͤ- genspaͤne von Buxbaumholz — darin; das Geschrie- bene haͤlt er in die Schublade und bestreut es. So kam kein Koͤrnchen Sand auf den Tisch; ça use les habits, sagte der Franzos. Viele Franzosen bewunderten meine Schreibtafel von Pergament. Sie fanden sie sehr bequem, und auf Reisen gar gut, daß man sie mit Oehl wieder ausloͤschen kan. Ihre Tabletten stecken voll Kartenblaͤtter, Korkzie- her, Flaͤschchen, kleine Kaͤmmchen ꝛc. denn Spielzeug muͤssen ja die grossen Kinder bestaͤndig haben, wenn sie zufrieden seyn sollen. — Zu den Lieblingsgespraͤchen der Nation gehoͤrts mit, vor die Karte von Paris hintreten und streiten, welches Quartier das schoͤnste sei. Stundenlang koͤnnen sie daruͤber ein Geschrei machen, daß man unwillig wer- den moͤchte. Und lobt ein Fremder etlichemahl Ver- sailles, so verliert er ganz gewis bei den Paris ern allen seinen Kredit. Da heißts: Il est bien ennuyant, il n’y n’ya pas beaucoup de choses à voir. La Cour, — Oui, la Cour, mais quand elle est à la cam- pagne, c’est un sejour penible. — A Paris, mon Dieu, à Paris, ah, je ne voudrois pas vi- vre hors de Paris, — so raisonnirt der groͤste Theil der Franzosen. — Den 6ten Jun. Das Regenwetter hielt gestern und heute, wie ge- woͤhnlich an, damit Paris nie trocken werden kan! — Nachmittag wollt’ ich noch einmahl nach St. Denys. Man hat au Fauxburg St. Denys ein eignes Bureau de Poste dazu, es gehen zu allen Stunden Wagen zu 6 — 8. Personen ab, an denen S. D. steht. Es ist eine bequeme Art von Diligencen, lang, man sitzt an den Seiten gegeneinander, und steigt hinten hinein. Vorne geht ein einziges Pferd in der Gabel, wie am Cabriolet. Fuͤr 12. Sous fuͤhrt man einen die 2. Stunden in einer. Ich war also heute in St. Denys, und besah da Les images en cire des Rois morts. Ueber den Schraͤnken, in denen der Schatz ist, stehen noch andre, die nicht geoͤfnet werden, wenn man nicht darnach fragt. Hr. Pfeffel aber hatte mich darauf aufmerksam gemacht. Ich bekam sie also zu sehen. Es war ehemals die Gewohnheit, die Koͤni- ge von Frankreich, in der Stunde da sie starben, in Wachs zu bossiren, und dieses Bild wurde dann, wenn man den Koͤrper hier beisetzte, hinter dem Sarge herge- tragen, und hernach hier oben aufgehoben. Man sieht al- so hier die Koͤnige von Karl VIII. an bis auf Koͤnig Louis XIII. Bei Louis XIV. hats aufgehoͤrt. Sie si- Y 3 tzen tzen da oben in einem rothen tuchenen Kleide mit Lilien gestickt, mit schlechten Kronen auf dem Kopfe und Sceptern in den Haͤnden. So ehrwuͤrdig diese Reihe koͤniglicher Todten gebildet ist; so haͤtt’ ich doch die Scepter und Kronen lieber weggewuͤnscht. Es sind in 4. Schraͤnken, Karl VIII. und Ludwig XII. Franz I. und Heinrich II. Karl IX. — (den mocht’ ich gar nicht ansehen, den Protestantenmoͤrder,) und Heinrich III. endlich Hein- rich IV. und Ludwig XIII. Franz I. sieht lieblich aus; die beiden Heinriche haben nichts besonders; das schoͤnste Gesicht hat immer Heinrich IV. Wer im Palais Royal des Rubens Gemaͤlde von ihm gesehen hat, kennt ihn hier den Augenblick. Dieser Koͤnig muß im Alter, im Tod, nach so vielen Strapatzen, ausgesehen haben, wie in der ersten Kindheit. Aber ich weis nicht, warum ich immer mit einer gewißen Ruhe und Zufrieden- heit, worin sich Mitleiden und Bedaurung mischte, auf dem edeln, freien, ofnen Gesichte dieses wahrhaftig guten und auch in seinen Schwachheiten liebenswuͤrdigen Mo- narchen verweilte. Wir verließen endlich nach vielen Unter- redungen und Fragen, diesen wahrhaftig Koͤnigl. Schatz, und ein enger Ausschuß aus der Menge, eine ansehnliche, aber doch nicht zu starke Gesellschaft erhielt die Erlaubnis Les Tombeaux des Rois avec les Mausoleés zu besuchen, und da wir eben Kron und Scepter bewun- dert und angestaunt hatten, nun auch den Ort zu sehen, wo die Majestaͤt der Menschheit weicht, wo der goldene Reif mit Purpur gefuͤttert und mit Edelsteinen besetzt, nichts mehr gilt; wo große Entwuͤrfe, Thaten, Laster und Suͤnden begraben worden, wo Regenten aus Reihen von Jahrhunderten ruhig neben einander liegen, laͤngst in in Staub zerfallen sind. Es scheint, die Kirche sei hin- ter der Grille fast eben so lang, als vor derselben. Da ist noch ein erstaunlicher Platz, voll der groͤsten Merkwuͤr- digkeiten, die man alle genau untersuchen muͤste. Da liegt die lange Reihe der franzoͤsischen Koͤnige vom Klo- dowich an — einige fehlen, z. B. Karl der Grosse, den ich einige Monathe nachher in Aachen fand, — bis Ludwig XV. Das ganze Chor der Kirche mit allen Fluͤgel- und Nebengebaͤuden ist damit angefuͤllt. Bei den meisten liegen ihre Gemahlinnen und Kinder. Man zeigte die steinerne Platte, wo der Eingang zur Koͤnigl. Gruft ist, und zu der man 12. Stufen hinunter steigt. Man hatte sonst die Gewohnheit, daß man die Koͤnige entweder in Koͤnigl. Kleidung, oder sonst in einer langen, faltigen Draperie in Stein aushaute, und dieses Bild uͤber die Stelle, wo sie begraben sind, legte. Diese Bil- der sind es eben, die man hier sieht. Man koͤnnte sie besser betrachten, wenn sie aufrecht stuͤnden. Weil sie aber alle so lang gestreckt da liegen, tod, blas, stille, oh- ne Handlung, in keiner redenden Stellung, meist mit ge- faltenen Haͤnden; so siehts so fuͤrchterlich, so schauerlich aus. Wo man hinblickt, sind alle Ecken mit einer oder mehrern Familien angefuͤllt. Das Vales ische Haus liegt ganz beisammen. Es wandelt den Zuschauer ein heiliges Grausen an, wenn er so das nur von seinem Reiche angefuͤllte Feld des Todes, und in jeder Ecke ein oder mehrere Familien, die schon lange vom Schauplatze dieser Welt abgetreten sind, erblickt. Ich glaube, es ist unmoͤglich, ein ganzes ausgestorbenes koͤnigliches Haus, die gestuͤrzte irdische Groͤße und das Nichts der Welt oh- ne Empfindung vor sich zu sehen. Karl der Kahle liegt allein in der Mitte des Chors, und hat, weil er Y 4 auch auch Kaiser war, den Reichsapfel in der Hand. Louis XII. und Anne de Bretagne liegen auch bei einander, und haben unstreitig das praͤchtigste Grabmahl. Die 4. Haupttugenden in weiblichen Gestalten, sitzen an den 4. Ecken des Grabmahls und sind vortreflich. Die aͤlte- sten Grabmaͤhler verfallen und werden unscheinbar, und scheinen aus schlechtem Gyps zu seyn. Gleich beim Ein- gang in die Mitte des Begraͤbnisplatzes, steht noch jetzt ein erstaunlich hohes, prachtvolles Paradebette zu Ehren Ludwigs XV. Der Sarg, worin der Koͤnigl. Leich- nam liegt, ist mit schwarz und weissem Sammt bedeckt, und hat die praͤchtigsten Stickereien des Koͤnigl. Wap- pens, das 2. mahl auf jeder Seite steht. Wachskerzen, wie ein Mannsarm dick, und eben so hoch als dieses Prachtbette, stehen bestaͤndig um dasselbe herum, und duͤrfen, gleich der Vesta heiligem Feuer, nie ausloͤschen. Man sagte uns, daß in diesem Leichengeruͤste noch Louis XV. liege, und unmittelbar unter ihm Louis XIV. — und daß Louis XV. so lange hier uͤber der Erde stehen bleibe, bis sein Nachfolger stirbt, dessen Leichnam alsdann wieder in dessen Stelle, erster aber hinunter ins Gewoͤlbe koͤmmt, und daß man bis dahin diese Wachskerzen un- auf hoͤrlich ums Leichengeruͤste brennen lasse, welches ich aber immer noch nicht glauben kan. Man denke sich nur den unermeßlichen Aufwand des Wachses! Dieser Gebrauch hat allerdings, auch nach dem Zeug- nisse andrer Reisenden, seine Richtigkeit. Herausgeber. Tu- renne hat die Ehre, neben Koͤnigen begraben zu seyn, und sein Grabmahl, das durch eine eigne Grille von den andern abgesondert ist, ist wiederum ein Meisterstuͤck der der franzoͤsischen Bildhauerkunst. Blos um deswillen moͤcht ich noch einmahl hingehen. Da wird einem, — man weis nicht, wie? — wenn man davor steht. Der Gedanke des Grossen, des Erhabenen, haͤngt durchgaͤn- gig daran. Schon die Kriegstrophaͤen zu beiden Seiten der hintern Pyramide, kann man nicht genug betrachten. Er sinkt zusammen, vom Blitz getroffen, und faͤllt hinter sich der Goͤttin Unsterblichkeit in die Arme, die ihm ei- nen Lorbeerkranz uͤber den Kopf haͤlt. Unten ist eine Gruppe vom vorigen Kriege. — Ha quel ouvrage! Zu beiden Seiten stehen 2. weibliche Figuren, Frank- reich oder Tugenden ꝛc. verdecken das Gesicht, sehen weg, und — man meint sie weinen wirklich uͤber den Helden. An diesem Orte fuͤhlt man recht, daß auch Koͤnige Men- schen sind, und sich durch Millionen Goldes nicht vom Gesetz der Verwesung und des Todes loskaufen koͤnnen. Was ist diese Pracht? Ein Beweis, daß man gern der Natur trotzte, wenn man koͤnnte, — gern nach dem Tode noch glaͤnzen, vom uͤbrigen Haufen unterschieden seyn will. — Aber unter dem vergessenen Grabhuͤgel schlaͤft der sterbliche Rest des Weisen, des Christen, eben so ruhig, als unter dem panegyrischen Marmor, und der goldenen Ehrensaͤule. La Montagne de Chaux Mont. Wenn man von St. Denys nach Paris geht, hat man linker Hand einen langen Berg hinter einem Dorfe, der ganz voll Kalk ist, und aus dem aller Kalk fuͤr Paris herausge- nommen wird. Im Kalk kommen kleine Stuͤcke von Mica vor. Das schoͤnste ist, daß dieser ganze Berg, so hoch und langgestreckt er ist, aus Lagen uͤber Lagen auf- gefuͤhrt ist. Einige sind maͤchtig, andre duͤnn und nie- Y 5 drig. drig. Man siehts deutlich, daß das Wasser durch seine Schwankungen und oͤftere Ueberschwemmungen diesen Berg aufgefuͤhrt hat. Geht man hinein, so sieht er aus, wie man uns die Catocomben in Rom beschreibt. Man treibt grosse mit einander communicirende Gewoͤl- ber, lange, hole, dunkle Gaͤnge hinein, die keiner Unter- stuͤtzung beduͤrfen, und durch das oͤftere Ausgraben des Kalks taͤglich groͤsser werden. Wasser findet man in- wendig gar nicht, am Fuße des Bergs aber etwas we- niges. Oben und an den Seiten ist eine duͤnne Rinde schwarzbrauner Erde, die von verfaulten Pflanzen ent- standen ist. Man findet nichts Merkwuͤrdiges darauf. Da ist noch ein Vorrath fuͤr Millenarien. Doch sind schon gewaltig tiefe Gewoͤlber und Loͤcher hinein gegra- ben. Von diesem Werke der Natur, das mit dem Stempel der Groͤsse des Schoͤpfers bezeichnet ist, und sich gleich durch den maͤchtigen Eindruck, den’s in die Seele macht, als Naturwerk verkuͤndigt, ging ich weg und zu einem schimpflichen Beweise von dem elenden grausamspielerischen Geist der Franzosen, naͤmlich zum Combat des Betes sauvages. Wer sollt’ es glauben, daß diese unmenschliche Art, die Zeit durch Thierhetzen zu toͤdten, und sich im Muͤssiggange zu belu- stigen, noch in unsern Zeiten in Paris Beifall und Un- terstuͤtzung finden koͤnnte? Schon von weitem hoͤrt man das Bellen, Gilfern, Schreien, Toben, Rasen und Laͤrmen wilder, beissiger Thiere, die der Mensch — welche Schande! — gegen einander erhitzt und reizt. Man hat ein grosses, hohles Haus erbaut, hinten gehen Treppen hinauf, inwendig sind 2. Gallerien, unten ist ein Kampfplatz, und ums Haus herum befinden sich eine Menge Menge Staͤlle fuͤr Hunde, Baͤre, Woͤlfe, wilde Schwei- ne, Loͤwen, Tyger, Hirsche ꝛc. Der Entrepreneur da- von ist ein Partikulier. Die Obrigkeit gibt Wachen dazu. Alle Sonntage Abends von 5-8. Uhr ist da ein Thierge- fecht. Die Entre’e kostet 24. Sous. Die Gallerien werden, wie im Opernhause, von der Menge der Pa- r iser besetzt. Auch weiche, dumme, wolluͤstige, ge- schminkte, franzoͤsische Damen kommen in grosser Menge daher, und sehen zu, wie man Gottes Geschoͤpfe mis- braucht. Man laͤßt eine gewisse Anzahl Woͤlfe, Hunde, Schweine ꝛc. herein, sie sind schon abgerichtet, einander anzufallen, man reizt sie, schießt unter sie, wirft Schwaͤr- mer unter sie. Da entsteht dann ein klaͤgliches Schreien, Beissen, Stossen, Schlagen ꝛc. Der Grimm dieser Thie- re steigt aufs hoͤchste, um so mehr, da man sie hindert, einander zu toͤdten. Grosse englische Doggen kaͤmpfen mit Woͤlfen. Auch der nuͤtzliche Stier wird vorgefuͤhrt, und wenn dann in einem Abend 2, 3. aufgeopfert wer- den, das schwarze rauchende Blut den Sand faͤrbt, und das kostbare Thier da liegt, und unter Schmerzen und Bluten aͤchzt, noch immer gebissen wird, und endlich sei- nen Athem aushaucht; so sagt der verachtungswuͤrdige Franzos: das ist ja kein seltnes, besonderes Thier, dar- um ists nicht Schade ꝛc. Die uͤbrigen Thiere in den Staͤllen machen indessen einen abscheulichen Laͤrm. Die Hunde, die kaͤmpfen muͤssen, erhitzen sich so, daß man sie nachher spazieren fuͤhren muß. Das gottlose Volk lacht aus vollem Halse, wenn der Baͤr recht zerzaust und ergrimmt wird. — Ich dachte an Salomo: „Der „Gerechte erbarmt sich auch seines Viehes,“ verachtete laut Frankreich s niedertraͤchtiges, grausames Volk, und freute mich, daß ichs bald verlassen konnte. So wie das das Leben eines Menschen in Paris keinen grossen Werth hat; so gehen sie auch mit den andern Thieren grausam um. Uebertriebne Wolluͤstigkeit und Grausamkeit graͤn- zen nahe aneinander. Wahr ists, — der Philosoph mags erklaͤren — wie eine Leidenschaft in die andre uͤber- gehen kan. — Ein Volk, das eine Ceremonien-Reli- gion hat, fuͤhrt manches ein, ohne sich um die Sittlich- keit der Sache zu bekuͤmmern. Ein Volk, das alles wagt und thut, was nur Zerstreuung, und Belustigung verschaffen kan, wird im hoͤchsten Grad leichtsinnig und frivol. Den 7ten Jul. Le Cabinet de Mr. Sage bekam ich heute noch zu sehen. So wie jetzt in Paris D’Anbenton in der Thiergeschichte, Jussieu und Aublet in der Kraͤuter- kunde, Delisle in der Mineralogie, Portal in der Ana- tomie, Villoison in der Philologie, Delor, Rozier und Brisson in der Physik ꝛc. gros sind, so ist Sage unstreitig einer der groͤsten franzoͤsischen Chymicker. Er hat uͤber 40. Jahr gearbeitet, und in seiner Mineral. docimastique ganz neue Ideen aufgestellt. Das Buch war eben fertig, als ich zu ihm kam, und ich habe davon einen Beweis seiner Freigebigkeit und Gefaͤlligkeit gegen mich. Er wohnte im Jardin Royal, aber sein Kabi- net stand in der Rue de Sepulcre, wohl eine halbe Stunde von seiner Wohnung. In dem Kupferstiche vor seinem Buche ist er wohl getroffen. Er hat die Koͤr- per, welche die Natur schaft, zerlegt, und so lange unter- sucht, bis er im Stande war, die meisten nachzumachen. Sein Kabinet ist kein grosser Schauplatz, nur eine kleine Stube mit einigen Glasschraͤnken, aber so klein die Stuͤ- cke cke sind, so sehr lehrreich sind sie gleichwohl. Darneben stehen im chymischen Laboratorium viele hundert Glaͤser, in denen er die gluͤcklichsten Nachahmungen der Natur aufbewahrt. Bisher hat er sich blos mit der Mineralo- gie beschaͤftiget. Vom December bis zum April macht er in seinem Cours chymique alle diese schoͤnen Arbei- ten vor den Augen seiner Zuhoͤrer. Wollte Gott, ich koͤnnte einer davon seyn! Es ist unnoͤthig, die seltensten und schoͤnsten Stuͤcke seiner Sammlung anzufuͤhren; sie sind alle in seinem vorgedachtem Buche beschrieben, und hier findet man die Belege dazu. Aber mir faͤllt immer dabei der Gedanke ein, daß statt der Deutlichkeit und Gewisheit, vielmehr Unordnung und Ungewisheit in die Mineralogie gebracht wird, wenn jeder Mineralog die Stuͤcke, die er besitzt, untersucht, und darauf ein System baut. Die Natur mischt offenbar die Mineralien unor- dentlich. Was sie im Thier- und Pflanzenreiche nie thut, das thut sie hier: sie verbindet in einem Klumpen zwanzig Species untereinander. Der eine Kiesel entsteht so, enthaͤlt die Theile; ein andrer hat die Entstehung, ein andres Lokale bei seiner Entstehung, und wegen des praͤdominirenden Theils sind doch beide Kiesel. Ist es nicht ein kleiner Sprung, eine Verwegenheit, die Frucht der Eigenliebe, wenn jeder nach den Bestandtheilen, die er in seinem Probestuͤcke findet, berechnet, wie viel absorbi- rende Erde, wie viel Wasser, wie viel Kupfer, wie viel Kobold ꝛc. allemahl im Zentner von dem und dem Mine- ral sei? Jeder nimmt eine Hypothese fuͤr Gewisheit, fuͤr den allgemeinen Maasstab an. So wie man jetzt in der Physik alles aus der Elektrizitaͤt erklaͤrt, so nimmt Sage in der Chymie uͤberall acide marin, air fixe, air mephitique an. — Man zaͤhlt die Facetten, die Seiten Seiten der Pyramiden und Spitzen an den Kieseln, an allen Krystallisationen, und macht daraus allgemeine Regeln. Man nennt den Stein, das Mineral so, weil es sich so im Feuer verhaͤlt, wie das andre, weil es groͤ- stentheils eben die Bestandtheile hat. Kan es aber nicht demungeachtet sehr weit von ihm in andern Stuͤcken ver- schieden seyn? Kan diese grosse Aehnlichkeit nicht blos von der individuellen Beschaffenheit der Mutter her kom- men? Sage sagt, Basalte sind nicht durch Vulkane hervorgebracht. Warum nicht? Weil man beim Aet- na und Vesuv keine findet. Kan man den Schlus gel- ten lassen? Wer sagt uns denn, daß die Natur allerwe- gen einerlei Wirkungen hervorbringen muͤsse, wenn auch die Ursachen die naͤmlichen sind? Vielleicht scheint es uns auch nur, daß alle Umstaͤnde und Ursachen sich gleich sind. Vielleicht sind Basalte dort vor tausend Jahren gewesen, und die Natur hat sie selber wieder zerstoͤrt, so wie sie Quarzberge zerstoͤrt und Kometen ausbrennen laͤßt. — — Doch ich will ja nur erzaͤhlen, nicht raisonniren. Man muß gestehen, die Aehnlichkeit im Nachahmen der Mineralien geht erstaunend weit. Eine der groͤsten Vor- zuͤge dieser Sammlung sind die Sachen von den Pyre- naͤen und aus Korsika. Er machte die Bemerkung, daß Korsika in Absicht der Mineralien Schweden sehr nahe komme. Die von den Pyrenaͤen sind meist sehr piquant und singulaͤr. Mir war besonders merkwuͤrdig 1) Ein Stuͤck Bernstein von den Pyrenaͤen, wo Ein- druͤcke von Molluscis, und andre Konchylien waren. 2) Gediegen Zinn aus Cornwallis, 3) viel Wasser aus Steinen, Metallen ꝛc. ausgezogen. 4) Die Be- standtheile des goldhaltigen Kieses aus Ungarn. 5) Steinkohlen mit Konchylien abdruͤcken. 6) Ba- salt, salt, der treppenweise gebildet ist, aus Schweden, wo er auch Trapp heist. 7) Magnesien, die Sage zu den Zinkminern rechnet. Ganze Suiten, einige wa- ren sehr schwer, andre wieder viel specifisch leichter, und noch viele andre seltne Sachen, die alle in seinem Buch beschrieben sind. Bemerkungen. Von der Unsauberkeit der Franzosen sieht man hier und da haͤsliche Beweise. In den Rues de Bouche- ries, dergleichen in allen Quartieren etliche sind, und seyn muͤssen, sieht es nicht nur auf der Strasse selber unbeschreiblich garstig aus, das kan nun wohl nicht an- ders seyn; aber die Kerl selbst sehen den Teufeln gleich. An den Armen haben sie weder Kleider noch Hemde, an den Fuͤssen keine Struͤmpfe, wohl aber grosse hoͤlzerne Latschen. Das uͤbrige ist weis, aber ganz mit frischem Blut bestaͤndig bespruͤtzt, mit Fett beschmiert, und mit Haaren beklebt. — So stehen die Kerl um Mittag da, ruhen aus, und haben ihr Mittagessen in der Hand. — In den Hotels sind die Kuͤchen dunkel, klein, fin- ster, enge; alles wird im Kamin gekocht, der kaum ei- ner Hand hoch uͤber dem Fußboden ist, oder in eingemau- erten Kesseln. In den Cabarets kochen Mannspersonen alles; bei keinem Rotisseur, als in den Porcherons, hab’ ich noch eine Weibsperson kochen sehen; die Elsas- ser oder die Teutschen ausgenommen. Vor der Stadt findet man Schindanger. Das gibt bei der Hitze einen unertraͤglichen Gestank. In einem Garten vor der Rue St. Martin, der ganz mit Melonen, Feigen ꝛc. bepflanzt war, hatten sie hinter der gruͤnen Hecke noch eine ganze Mauer Mauer von Ochsen- und Pferdeknochen ꝛc. die auf solchen Roßplaͤtzen gebraucht werden. Die Franzosen brauchen sie, die beinernen Knoͤpfe auszuschneiden; denn ich fand hernach uͤberall im Weg die Reste, die Knochenscheiben mit den Loͤchern ꝛc. die streuen sie auch in Weg hin, und lassen sie da verfaulen. Und wenn sie im Garten sitzen, so koͤnnen sie die faulenden Knochen hinter und ums Bos- quet herum leiden; da brauchen sie dann ihre Flacons. Welch eine Thorheit! Sich den Gestank selber machen, damit man ihn durch kuͤnstliche, schaͤdliche, kostbare Mit- tel vertreiben kan! ça donne de la force aux nerfs, — sagen sie gleich, und da wird man eher einen Moh- ren weis waschen, als so einen plappernden Franzosen uͤberzeugen, daß die stark riechenden Wasser grade das Gegentheil thun und die Nerven schwaͤchen. Ich sah heute eine Uhr, die einem reichen Kauf- manne gehoͤrte, und 3000. Livers kostete. Sie war mit Diamanten besetzt, hatte hinten das Miniaturgemaͤlde von seiner Maitresse in Emaille. Die Uhr selber war en Cylindre mit Repetition, und mit gruͤn und rothem Laubwerk in Emaille verziert. Ich konnte sie nicht auf- machen, sie hatte eine Charniere perdue, oder en se- cret. Die Charniere war innen, sehr sein, grade gegenuͤber war nur ein merkbarer Punkt, wo man sie auf- machte. Also war die Uhr ganz rund, man sah aussen nichts von der Charniere. Am Ring, woran eine herrliche Kette hing, waren noch Steine. Es ist bequem in Paris, daß man in die Maga- zins des Gazettes gehen kan, am Quai, da Thee ꝛc. trinken, und deutsche, franzoͤsische, hollaͤndische Zeitun- gen lesen, welche man will. Den Den 8ten Jul. Bei dem allerhaͤßlichsten Wetter und Wege war ich gezwungen, in der Stadt herum zu laufen, meine Sa- chen in Ordnung zu bringen, und mich zur Abreise anzu- schicken. Ich nahm von Hrn. Sage Abschied. Er wies mir noch sein Laboratorium, das in seinem Hause im Jardin Royal war. Es war geraͤumig, hell, bequem, und mit einer schoͤnen Einrichtung zur Sublimation des Arseniks. Er machte mir auch noch folgende Ge- schenke: 1) Kaolin d’Auvergne; das ist die Erdart, die man in Seve braucht, und woraus man dort so ein Geheimnis macht. Sie koͤmmt aus Auvergne. Er hat sie in seinem Werk beschrieben. Man setzt noch ei- nen feinen Thon darzu, um ihr desto mehr Haltung und Zusammenhang zu geben. 2) Mine de Fer spatique; 2. Echantillons von Dalavar in Dauphine’, an den Graͤnzen der Alpen. 3) Crete crystallisée; von Fontainebleau ein herrliches, grosses Stuͤck. Und so verlohr ich auch den Mann, dessen Umgang fuͤr mich lehr- reich und angenehm seyn wuͤrde. Ich ging hierauf mit Hrn. Tollius zur Mde. de Bure, und nahm Abschied von dieser Frau, die sich in Paris zur Maͤcenatin aufgeworfen hat. Hr. Tollius gab mir seine Empfehlungsschreiben, und zwar nach Bruͤssel an Mr. Gerard, Maitre des Contes, et Conseiller de la Chambre Imper. des Contes; nach Rotterdam, an Myn Heer Den Creet; nach Amsterdam, an Myn Heer Lublink de Jonge auf dem Buitenkant, ohnweit der Schipperstraet, und an Myn Heer Shoorn einen Advokaten und seinen Schwa- ger. Z Den Den 9ten Jul. Und zugleich der letzte Tag, den ich in Paris zu- brachte. Er ging mit Packen, Briefschreiben und Post- bestellungen groͤstentheils weg, und mit — Zahlen! Die Kaufleute, die den Fremden ihr Geld zahlen, konnten fast kein Gold auftreiben. Ich muste es von allen meinen Bekannten zusammen betteln. Man gab mir aber eine vernuͤnftige Ursache an. In 8. Tagen geht die Koͤnigl. Familie nach Kompiegne, und mit ihr eine ungeheure Menge Menschen. Der Hof, und alle dazugehoͤrige lassen Geld von Paris kommen; die Aus- zahler muͤssen Gold schicken, die treiben also alle moͤgliche Louisd’or aus Paris zusammen, und so wird’s um die- se Zeit schwer, Gold hier zu bekommen. Oft verkauft man die Louisd’or gegen das Silber, jedes Stuͤck mit 4. Sous Agio. Und so beschlos ich denn heute mit dem freudigsten Dank gegen die Vorsehung, die zur ersten Haͤlfte meiner Reise Segen und Gluͤck gegeben hatte, und jetzt wieder neue liebliche Aussichten vor mir aufdaͤmmern laͤßt, den Aufenthalt in dem Pracht- Kunst- und Gewuͤhlvollen Paris, und begab mich auf die Reise nach Chantilly. Den 10ten Jul. Zehn Stunden ist sie also nun hinter mir, die von so vielen Menschen angebetete, an Himmel erhabene Stadt, und voruͤber ist sie, die Periode meines Lebens, wo ich auf der einen Seite herrliche Gelegenheiten zum Lernen, und und auf der andern tausend Reizungen und Verfuͤhrun- gen zum Laster um mich herum hatte. — Wohl dem, der ohne Gewissensbisse hinausfaͤhrt, und seinen festen Karakter unter der Menge der Leichtsinnigen nicht verloh- ren hat. — Wie viel koͤnnt ich noch sagen! aber nur dies einzige will ich sagen: Ach, wenn ich allen Ungluͤck- lichen in Paris helfen koͤnnte! Unzaͤhlbar ist die Menge der Ungluͤcklichen, und die wenigsten glauben, daß sie’s sind. Man muß gar keine Menschenliebe haben, wenn man das nicht denken wollte! — Den letzten Abend, da ich in der Rue de Seine von der Post zuruͤck kam, traf ich 2. deutsche Handwerksbursche aus Maynz an, die sich nicht nur durch ihr ganzes Betragen, sondern haupt- saͤchlich durch ihre frische lebhafte Farbe, durch ihre starken maͤnnlichen Glieder, und durch die deutsche Ehrlichkeit und Offenherzigkeit im Gesicht auszeichneten. Die zwei Freunde gingen da in die weite grosse Stadt hinein, ohne einen Menschen zu kennen, ohne die Sprache im gering- sten zu verstehen. So wie ich meine Landsleute hier mit Freuden erblickte, mit der Freude, von der man, wenn man nie gereist ist, keine Empfindung haben kan; so wuͤnscht’ ich ihnen auch laut und noch mehr im Herzen Segen, und Bewahrung von Gott zu ihrem Aufenthalt in Paris, und von ihnen hoͤrt’ ich auch warme, gute Wuͤnsche fuͤr die Fortsetzung meiner Reise. Denn bei den Franzosen hoͤrt man das: „Unser Herr Gott erhalte sie gesund,“ niemals beim Abschiednehmen. Und man wuͤrde wider den guten Ton verstossen, wenn man bei der Trennung einem die Hand geben, oder Gottes Namen brauchen wollte. Die Franzosen machen einen Scherz draus, ohne herzliche Theilnehmung. Die meisten sind das Ankommen und Wegreisen der Fremden so gewohnt, Z 2 daß daß man zum letztenmahl eben so von ihnen weggeht, wie aus der Visite nach Hause. — — Ich weis nicht, warum der Auftritt mit den ehrlichen Teutschen so einen Eindruck auf mich machte. Ich hatte lange keine gese- hen. — So gern ich von Paris nach Holland reiste; so ward mir doch beim Packen und Bestellen das Herz schwer, wenn man so aus der Carriere wieder in den Post- wagen steigen soll; und beim Reisen von einem Orte zum andern, wird man so muthlos, so unruhig, man stellt sich hunderterlei moͤgliche Dinge zugleich vor; ich hatte eben die Ungenuͤgsamkeit und Grobheit der Franzosen beim Fiaker noch erfahren. — Ich sah diese zwei gute Leute wie verlassene Schaafe an, und dachte an die ersten Ta- ge, wo’s mir unmoͤglich vorkam, in einer so grossen Stadt mir selber zu helfen. — Dann dacht ich wieder, daß viele tausend Handwerksbursche zu Fuß viel weiter in der Welt herumkommen, als ich mit allen meinen Kredit- briefen und Empfehlungsschreiben. — Ich sah, daß sie Ein Herz und Eine Seele waren, sich eine bestaͤndige Treue, eine ewige Freundschaft geschworen hatten, und hier empfand ich Gottes Guͤte und Weisheit, die den ge- ringsten Menschen das Leben leicht und angenehm macht. — — Kurz, ich fing an zu weinen, wie ich sie mitten in der Strasse verlies, und verlohr ganz Paris aus dem Gesicht. Nachher fiels mir erst ein, daß ich doch etwas vom Reisegeld haͤtte entbehren, und ihnen schenken koͤn- nen, und nun konnt’ ich mir die Freude nicht mehr ma- chen. — Ich sprach mit einem meiner Bekannten nur ein paar Worte davon. „Sie werden bald die Por- cherons kennen lernen,“ das war das Erste, was er da- bei dachte, und da must’ ich freilich das Gespraͤch abbre- chen. Aber ich habe diese Scene und diese Empfindun- gen gen beim Abschied von Paris lieber gehabt, als wenn ich noch einmahl ins Colise’e gegangen waͤre! In der Rue Montorgueil au Compas d’or ist das Bureau pour Chantilly. Man rechnet 10. Stunden dahin. Um 2. Uhr waren wir zu. Chantilly. Die Gesellschaft war nicht fuͤr mich, ich hatte eine Menge Dinge im Kopfe, eine Diarrhoe im Un- terleibe, den Schnupfen in der Nase, und hatte mich, wie ich um 5. Uhr nach der Post ging, und man eben den Pari- serkoth aufruͤhrte, noch zuletzt mit Kop s schmerzen erbrechen muͤssen. Das Regenwetter lies gegen Mittag nach, und in Chantilly empfand ich eine herrliche Witterung. Die Doͤrfer, durch die wir kamen, bedeuteten nichts, zu beiden Seiten lagen Frankreich s herrliche Fruchtfelder, zuweilen ein wenig junger Wald. Der Ort selber ist eine einzige lange, meist gradelaufende Strasse, mit Haͤu- sern auf beiden Seiten. Linker Hand liegt das Schlos mit den herrlichen Gaͤrten des Prinzen von Conde’, und dies sind auch hier die einzigen Merkwuͤrdigkeiten. Der Ort ist uͤbrigens wegen dieser Hofhaltung und der Nach- barschaft von Paris wohlhabender, als die andern fran- zoͤsischen Doͤrfer, hat eine ungemein anmuthige Lage, und wegen der vielen Fremden eine Menge Wirthshaͤuser. Ich logirte à l’Ecu de France bei der Kirche. Ich eilte sogleich, Le Jardin du Prince de Condé zu besehen. Bis- her hatt’ ich ausser den unterirrdischen Alleen in den Champs Elisées, ausser den Kascaden in St. Clou, und ausser den vielen herrlichen Statuͤen im Park zu Ver- saille s nichts in Gaͤrten gesehen, das mich sehr uͤberrascht haͤtte, aber hier, — ich muß es gestehen, — sind die Z 3 Gaͤrten Gaͤrten lieblicher, angenehmer, als ich sie irgend wo gese- hen habe: von einem unuͤbersehbaren Umfange unendli- cher Mannichfaltigkeit, und gar vortreflicher Anlage. Le Notre, der so viele in Frankreich angelegt hat, hat hier, glaub’ ich, sein Meisterstuͤck gemacht. Sie gehen ums neue, — ums kleine, — und ums alte oder gros- se Schlos herum, und sind uͤberall mit den herrlichsten Blumen geziert. Mit Wonne sah ich uͤber die bunten Teppiche zwischen den gruͤnen Fluren, und dem crystall- hellen Wasser hin: denn das ist einer von den Vorzuͤgen des Gartens, daß er ungemein viel Wasser hat. Es fließt ein eigner kleiner Fluß La Nonnette darin. Das kleine Schlos ist ganz mit Wasser umflossen, und hat et- liche gewoͤlbte Bruͤcken, so daß es wie eine kleine Festung aussieht. Ueberall sind Bassins, Fontainen, Jets d’eau, Wassergoͤtter, speiende Thiere, und andre Erfindungen angebracht. Die Sonne spiegelt sich allerwegen. Schnee- weisse Schwane schwimmen uͤberall. Kleine, schoͤne, leichte Fahrzeuge mit bunten Flaggen liegen aller Orten. Man hoͤrt uͤberall das Plaͤtschern des fallenden Wassers. Einige Bassins sind schief hinab mit Steinen besetzt, an denen stoͤßt das Wasser vom Wind getrieben, bestaͤndig an; man hoͤrt von weitem das Schlagen. Alles sieht so frisch, so lebhaft aus. — Ueber das viele Wasser sind eine Menge Bruͤcken mit Tempeln, und andern Haͤuschen von gruͤnangestrichenem Lattenwerke, so wie das Collisee’ aussen gebaut ist, mit unendlich vielem Laub- werk und der kuͤnstlichsten Arbeit angebracht; oft liegen 2. 3. perspektivisch hinter einander, und in der Mitte ist wieder ein breiter Jet d’eau. Ein solches gruͤnes Git- terhaus ist ganz mit Wasser, das uͤber Terrassen herab- faͤllt, umgeben, einen schmalen ganz mit Blumen besetz- ten ten Weg, der dazu fuͤhrt, ausgenommen. Wie ange- nehm, wie begeisternd, wie empfindsam! — das laͤßt sich nicht beschreiben. — Der Garten hat heitre und dunkle Gaͤnge, Berge und Thaͤler, aber die laufen alle so angenehm untereinander, und bis zu den Alleen im Walde hinaus, daß mans nicht merkt, wenn mans nicht von einer Hoͤhe uͤbersieht. Es stehen auch hier und da Statuͤen, die aber nicht besonders sind. Ich traf den Jungen an, der sie mit weisser Farbe wieder anstrich. Menschenkoͤpfe mit Loͤwentatzen und Schwaͤnzen kommen auch noch vor ꝛc. Die Schwane konnt’ ich nicht genug ansehen. Es ist fast gar nichts am Koͤrper, wenn die Fluͤgel in die Hoͤhe stehen. Sie strecken die Fuͤsse, an denen die Schwimmhaut sehr breit, und ganz schwarz ist, hinter sich, und stossen sich nur zuweilen damit fort. Ihre Wachshaut ist schwarz, der Schnabel ist roth. An den Jungen, die auch schon untertauchten, und sich umstuͤrz- ten, war der Schnabel ganz schwarz. Man sollte die Zeit bemerken, und die Umstaͤnde, unter denen sich das Rothe zeigt. Sie waren auch ganz grau, da hingegen die Alten weis sind. Am Bauch und unterm Halse wa- ren auch schon die Jungen weis. Wenn ihnen etwas am Schnabel haͤngt, so streichen sie’s an den Ruͤckenfedern der Alten ab. Das Maͤnnchen ist viel groͤsser, als das Weibchen. Ihre Federn, — die vielleicht noch leichter sind, als die Federn aller andern Voͤgel, — lagen im ganzen Garten herum. Das Thier hat die Gesellschaft der Menschen gern. Sie kommen gleich, stellen sich hin, und werden vertraulich. D. Luther hatte ja immer ei- nen bei sich. Drauf nahm ich auch Z 4 La La Statue equestre du Connet. de Montmo- renci in Augenschein. Sie steht auf der grossen Terras- se vor dem Schlosse, wo die Avenue von Paris ist. Der Connetable sitzt zu Pferde, und haͤlt den blossen De- gen in der rechten Hand. Der linke Vorderfuß des Pfer- des tritt auf einen Helm. Der Schwanz des Pferdes ist kindisch, gekraͤuselt, falsch, unnatuͤrlich. Sonst ist das Pferd herrlich und des Connetable aufgehobene rech- te Hand auch. Das Fußgestelle ist sehr hoch und mit seinem Wappen und Inschriften verziert. Sie steht schoͤner, als alle in Paris, Louis XV. seine ausge- nommen. Der Platz ist hoch, breit, und es stehen Ka- nonen auf Lavetten herum ꝛc. Bemerkungen. Es kam mir ganz fremd vor, daß einen die Leute hier gruͤssen, wenn man vorbei geht. Koͤmmt man von Paris, so weis man nicht, was das seyn soll. Die Haͤuser sind hier schlecht. Es scheint, man bekuͤmmere sich in Frankreich nur um die Hauptstadt und die grossen Staͤdte. Die Hausthuͤre ist zugleich die Kuͤchenthuͤre. Einen Heerd findet man gar nicht, alles wird im Kamin uͤber der Flamme gekocht. Ihr Holz ist Wellenholz, Es ist klein, und das Hundert kostet 4. Francs. das schleppen sie die elendesten Treppen auf den Boden hinauf. Die Zimmer mit 2. 3. Betten sind gut, aber die mit Einem sind schmale elende Winkel. Ich habe mein Fenster aushaͤngen muͤssen, da- mit ich dies schreiben konnte. Aber Aber ehrlicher sind hier die Leute, als in Paris, weit gefaͤlliger, nicht so betruͤgerisch: den Taback, den ich in Paris kaufte, hatte der Spitzbube von Kaufmann alle- mahl so genetzt, daß ich ihn erst trocknen muste; fuͤr ihn wog er aber desto schwerer. Hier bekam ich den naͤmli- chen um den naͤmlichen Preis, aber trocken, wie bei uns, auch weit mehr ꝛc. Den 11ten Jul. Le Cabinet de l’Hist. nat. du Prince de Con- dé, ward heute von mir besehen. Hr. Delor, der alte, ehrliche Mann, der sich in Paris meiner so freundschaft- lich annahm, hatte mir einen Brief an Hr. de Bomare mitgegeben, der hier beim Prinzen gemeiniglich den Som- mer zubringt, Aufseher seines Kabinets und zugleich Leh- rer der Naturkunde seiner Kinder ist. Ich fand den Mann so, wie man mir ihn in Paris beschrieben hatte, und wie mich seine zusammengestoppelten Schriften ver- muthen liessen. Das Kabinet steht auf der Seite des grossen Schlosses, gleich neben der grossen Gallerie, und nimmt 4. kleine Zimmer ein. Das Erste enthaͤlt die physischen und mathematischen Instrumente. Alles ist in Glasschraͤnken mit Zetteln recht wohl verwahrt. Die Ordnung ist die Bomarische, wenigstens in der Mi- neralogie. Das Pflanzenreich liegt meist in den untern Lagen der Schraͤnke. — Da stehen Wurzeln, Blaͤtter, Bluͤthen, Fruͤchte ꝛc. in Glaͤsern; Insekten sind neben den Fenstern an den schmalen Flaͤchen hinauf in glaͤser- nen Kaͤstchen angebracht, und sind viel schoͤner, als im Koͤnigl. Kabinet in Paris. Ueberhaupt aber scheint’s, daß man nur die Zimmer hat anfuͤllen, und die Scene gros machen wollen; denn es sind unendlich viel Dublet- Z 5 ten ten da. Der Ort der Naturalien fehlt auch gar zu oft, ist oft unbestimmt, Z. B. d’ Allemagne. Ich war heute drittehalb Stunden darin. Hr. de Bomare setzte sich hin und arbeitete. Indes ging ichs durch und fand heute folgende Merkwuͤrdigkeiten: 1) Amethyste co- lombine, in der That, ein grosses Stuͤck und so breit, wie eine kleine Saͤule; aus Siberien, aber nur blaß- roth. 2) Amethyste blanche et violette aus Chi- na, ein sehr seltnes Stuͤck. 3) Rubis dur, moitié Topase. Die innre Flaͤche war gelb. Aus Bisna- gar in Ostindien — wie Bomare sagte. 4) Mi- ne d’Hyacinthes, ein grosses Stuͤck, ganz voll Hya- cinthen. 5) Emeraudes in Quarz. — Man weis, daß die Muͤtter der Edelgesteine sehr selten sind. 6) De- mi-Diamant de Bresil, 123. Karat, 1. Gran schwer. So nante Bomare einen glaͤnzenden, weissen, durch- sichtigen, festen Stein, der nur nicht voͤllig die Haͤrte des Diamants hat. Die Groͤsse war erstaunend. Ein an- drer wog gar 263. Karat, 1. Gran. 7) Ein Modell von dem grossen Diamanten des Koͤnigs, aus ei- nem sehr schoͤnen Felskrystall. Die Groͤsse, die Facet- ten, alles ist daran sehr genau nachgeahmt. Der Ein- fall war gut,, weil man doch den grossen Diamant selten zu sehen bekoͤmmt. Er befindet sich in der Hauskrone zu Versailles. Nach diesem Muster ist er mehr, als 2. Finger breit, wie eine recht grosse welsche Nuß. Um dieses Modell herum lagen auch aͤhnliche Modelle von den Diamanten, die sich im Hl. Geistorden des Prinzen befinden. Einige waren halb so gros. 8) Felskrystalle mit Silber, in Vegetation. 9) Hyacinthen und Granaten in Einer Mutter von Amethysten. 10) Cail- lou de Roche, contenant de l’Asbeste, man sah oben oben viele irregulaͤr unter einander liegende Faͤden. Obs Asbest war? 11) Opales, brutes, des Indes, 2. gros- se Stuͤcke; polies am Fenster gegenuͤber; auch 2. wel- che die Prinzessin von Monaco daher geschenkt hat. O Gott! welch eine Schoͤnheit im Steine! 12) Onyx de Danemarc; waren nach meinem Urtheil grosse Stuͤcke von Kaschelon. 13) Saustein mit Abdruͤcken von Insekten aus Billingen in Westgothland; Ich konnte die Figuren nicht dafuͤr erkennen, und rief Bo- mare dazu, er versicherte aber, daß es nach seinen Un- tersuchungen mit dem Microscop ganz gewis Coleopte- ra waͤren. 14) Sel gemme, rouge, aus Aethio- pien und Spanien. Da war mir nur der Ort noch unbekannt. 15) Pierre d’Iris, ein Stein, der bei den Edelgesteinen lag, Regenbogenfarben spielt, breit, duͤn- ne. 16) Amiant auf Felskrystallen. — Wie die Natur die Mineralien mischt! Die trennbarsten Koͤrper schaft sie auf den haͤrtesten. 17) Limonium Erina- ceum Creticum. Eine Pflanze, die ich wohl in mei- nem Leben schwerlich wieder sehen werde. Hr. Beau- me’, Konsul in Kandia, fand sie auf dem Berge Ida den 20. Jul. 1730. Sie war eine Spanne lang nach allen Dimensionen, und rund. Sie lag in einer Glas- schuͤssel. Man sah nichts als an beiden Seiten zuge- spitzte, blaßgelbe, halbzolllange, Theile, die auf der gan- zen Flaͤche unter einander lagen. 18) Eine Gruppe von der Insel Elba. Da waren 12eckigte Markasite, Felskrystall, Eisen, krystallisirtes Eisen, mehr oder we- niger durchscheinend, alles beisammen. Verdiente nicht diese kleine Insel einen eignen Besuch von 3. Naturfor- schern, wovon jeder ein Reich der Natur fuͤr sich naͤhme? Welche Schaͤtze! Welche Kabinette wuͤrden diese mit- bringen! bringen! Ich hab’ einen gebrechlichen Koͤrper, — aber gebt mir Geld und noch einen botanischen Freund, voll Leben und Geist, morgen will ich hin. — — So denk ich allemahl, wenn ich Sachen von dieser Insel sehe. 19) Markasit auf einer Schiefertafel; die Platte war ganz duͤnn damit uͤberzogen. Sloane hatte sie dem Prinzen geschenkt. 20) Astroite agatisée, grosse und kleine Stuͤcke, weis wie Chalcedonier, waren herr- lich, voller Abdruͤcke von Astroiten. 21) Ambre jau- ne contenant un poisson. Ah! j’ouvrois des grands yeux; das Stuͤck war fast einen kleinen Finger lang. Der Fisch schien mir ein junger Karpen zu seyn; Er liegt ganz darin, man siehts ihm an, wie er, um- flossen von der Materie, sich losarbeiten wollte und ago- nisirte. Er sperrt das Maul auf und der Schwanz ist in die Hoͤhe geschlagen. Die Ortsangabe fehlte. 22) Tabatiere de Cornaline, — so heissen hier unsre Carniole — du grand Condé — Ein Familienstuͤck, aber auch ein wichtiges Naturale wegen seiner Groͤsse. Sie hat die Form einer Flasche, oben mit einem Zaͤpf- chen im Halse, und mit einem dicken Bauche. 23) Aga- the oeillée, kleine, rundlichte Stuͤcke mit Ringen und schwarzen Punkten darin. 24) Pierre fusiliere, qui represente un Mouton. — Der Hammel ist ganz natuͤrlich in Migniatur darin zu sehen. Bomare wunderte sich nicht, wie ich zweifelte, ob die Zeichnung natuͤrlich sei. Er sagte aber, daß er den Stein in einem Pokal gefunden, und alles angewendet habe, zu entde- cken, ob er gekuͤnstelt sei — aber vergebens. 25) Tran- che du Bois flotté, — gelb mit schwarzen irregulaͤren Zeichnungen — qui porte le même dessein par toute sa longeur; das duͤnkt mir, ist fuͤr die Phy- siologie siologie der Pflanzen eine schwere Aufgabe. 26) Ba- salte de Volcan. Hr. Sage hatte mir behauptet, man faͤnde nie Basalt bei Vulcanen!! 27) Soufre na- tif sur spath calcaire triangulaire, aus Spanien. Bomare versicherte, daß das Stuͤck 30. Louisd’or ko- stete. 28) Grosse Stuͤcke aus Soufre fondu, aus Italien. Man hatte aber allerlei darein geschnitzt. 29) Ein artiges Arangement, Bluͤten und Saamen sichtbar zu machen, fand ich zwischen 2. Zimmern an bei- den Seiten. Diese Flaͤchen waren ganz mit kleinen glaͤ- sernen Kaͤstchen besetzt, wie man sie zu den Insekten hat. In diesen waren auf weissem Papier die Bluͤten aufge- klebt, und aussen der Name angeschrieben. Um die Samen anzubringen, waren diese Kaͤstchen wieder in an- dre kleinere abgetheilt, und darin lag der Same. Schoͤn, aber muͤhsam, — auch waren nur wenige da. 30) Our- sins avec des pointes, — einige maͤchtig gros, einige violet. Bomare versicherte, alles sei natuͤrlich. 31) Zwei Priapoliten; es ist wahr, die Aehnlichkeit war sehr gros. 32) Molaire d’Elefant fossile, das mag seyn, aber Ivoire fossile lag darneben, das sah ich fuͤr gutes terrificirtes Holz an, und es sah auch gar nicht so aus, wie das, welches ich bei D’Aubenton im Koͤnigl. Kabinet sah. 33) Pinne marine mit Seide. Die Groͤsse an einer frappirte mich, sie war wahrhaftig uͤber eine Spanne lang. 34) Chame Chinoise — und l’Ecriture arabique. 35) Lithophyton aus Spitz- bergen. — Ich seh es an, mich friert. — Ein schwar- zes Baͤumchen mit kleinen Haͤrchen. Auch ein violet- tes. Beide Farben sind selten. 36) Austern, wo in jeder Haͤlfte ein Haufen Perlen saß, so gros wie eine Kindshand von 6. bis 8. Jahren. 37) Priape de Neptune, Neptune, — ein sonderbarer Koͤrper, eine halbe Elle lang, graubraun, flockhaaricht ꝛc. 38) L’Oreille de mer, allongé, schmal, als wenn sie zusammengedruckt waͤren, auch mit Perlen darin. 39) Cornua am- mon. mineralisata, daß man sie saͤgen und poliren konnte. — Eins mit 7. Circumvolutionen, und dazwi- schen Spat albatré, aus Lothringen. 40) La Sau- terelle Baton des Antilles. Der duͤnne Koͤrper ist fast eine Spanne lang; 2. Fuͤsse sitzen vorne, und weit hinter diesen, fast in der Mitte, sind noch 2. paar nahe bei einander. 41) La grande Blatte. Vermuthlich der Tarokan, den ich im Koͤnigl. Kabinet vergeblich such- te. Die Fluͤgel sind ganz weis und durchsichtig. 42) Rothe Perlen aus der Pinna marina. — laͤnglicht, dunkel, fuchsroth. 43) Betzoare, fast von allen Thie- ren, auch aus Affen, Elefanten, Rhinocer. ꝛc. In ei- nem war der Kern ein Kiesel. 44) Ein Stein aus dem Ductu salivali eines Pferdes, weis, hatte fast die Figur und voͤllig die Groͤsse einer Mandel in der Schale. Der Kern war das Oberhaͤutchen eines Haberkorns. 45) Scarabécs Tortues, hatten einen braunen Grund mit gelbrothen Tuͤpfelchen. 46) Bouche de Carmin, eine Schnecke mit einem rothen Labio. 47) Admi- raͤle; La Scalata, die wahre, von einer ausserordentli- chen Groͤsse, mit 4- \frac{5}{2} . Windungen. Sie hatte in Hol- land, wie Bomare versicherte, 1000. Ecus gekostet. 48) Ein weisser Hammer, auch der gewoͤhnliche brau- ne; aber erster hatte 70. Louisd’or gekostet. 49) Fa- non de Baleine; so hieß eine von den Laminis cor- neis ex ore Balaenarum, war klein, sah dunkel aus, und war sonderlich vorne stark mit lichtgelben Haaren be- setzt. 50) Petite Nageoire de la vraie Baleine und und 51) Cote d’une Baleine fossile — hingen da- bei; die Rippe war halb versteinert, wie Bomare sagte. Der Ort fehlte. Die, so ich in Goͤttingen sah, war groͤsser und dicker. Aus dem Kabinet ging ich und be- suchte Les Bosquets du Jardin. Man kan sich keine angenehmere Spaziergaͤnge wuͤnschen. Es ist ein Stuͤck Wald, das mit graden und Seitenalleen durchschnitten ist. Man hat uͤberall Wasser um sich, man findet hier und da Statuͤen, die aber zerfallen. In einigen Grot- ten unter den Treppen hat man die Stalaktiten, die das Wasser bildet, nachgemacht. Es ist auch eine Mena- gerie da, aber es werden keine Thiere unterhalten, ein Baͤr war da, der hat sich abgefuͤhrt, jetzt lebten nur noch ein Paar Affen ꝛc. Ich fand viele Insekten auf den Baͤumen, sonderlich Spinnen und Kaͤfer, und waͤ- ren sie nicht so muͤhsam auf Reisen fortzubringen; ich wuͤrde hier viel haben sammeln koͤnnen. Auf der Was- serseite fand ich auch drei verschiedene Arten von Schne- cken auf den Baͤumen am Laube sitzen, aber die dritte Art war so klein, und so zerbrechlich, daß die Schale zerbrach, wie ich das Thier heraus haben wollte. In den Was- sern ums Schlos herum, sah ich Fische, Karpen oder Barben ꝛc. die ganz vortreflich marmorirt waren. Les Appartemens du Prince. Er war auf der Jagd, da konte man sie sehen. In seinem Kabinet la- gen Buͤcher, Musikalien, Papiere ꝛc. Der Staat ist uͤberhaupt nicht gar gros, es sieht alles mehr laͤndlich, und natuͤrlich aus. Das schoͤnste sind die Gemaͤlde in der Gallerie, welche die Thaten des grossen Conde’ unter Louis XIV. im vorigen Jahrhunderte in Flandern und Deutsch- Deutschland vorstellen. Ganze Bataillen, entsetzte und belagerte Staͤdte, das Schlachtgewuͤhl, alles ist da abgemahlt. Ach! sie pralen mit Deutschlands Un- tergang, mit den Ruinen Philippsburgs! — Von Corneille hing ein grosses Gemaͤlde da, das allegorisch ist, und Hr. Bomare mir erklaͤrte. Conde’ hatte nach so vielen herrlichen Unternehmungen das Ungluͤck, dem Premierminister von Louis XIV. zu misfallen. Der Minister vermochte alles uͤber den Koͤnig. Man nahm dem Prinzen das Kommando, und verwies ihn nach Vincennes. Conde’ bot seinen tapfern Arm den Spaniern an, da merkte man am Hofe den Fehler. — Auf diesem Gemaͤlde steht Conde’ mit ausgestrecktem Arm im Kriegskleide, und tritt einen fliegenden in einander geschlungenen Zettel, worauf alle seine fuͤr Frankreich gelungene Thaten stehen, mit Fuͤssen. Weil aber die Koͤnige zuweilen hierher kommen, und das nicht gern se- hen; so lies man auf der rechten Seite des Prinzen oben den Genius von Frankreich malen, mit einem Zettel in der Hand, worauf steht: Quantum poenituit! Al- lein Conde’ s Anhaͤnger wollten das den Koͤniglichgesinn- ten nicht zugeben. Man mahlte also linker Hand einen andern Genius, der gegen jenen hinsieht und einen Zettel mit dem Worte: Sileat! haͤlt. Rechter Hand unter dem Genius von Frankreich sitzt die Geschichte als ein Frauenzimmer, und reißt ein Stuͤck aus der Lebensge- schichte des Prinzen heraus. Dem gegenuͤber hat man in den Zettel von seinen Siegen eine Trompete gemahlt, aber gebogen und gebrochen ꝛc. Wenn der Koͤnig koͤmmt, geht er schnell durch diese Gallerie durch, und uͤber dieses Gemaͤlde wird eine Gardine gezogen. In In dieser Gallerie steht auch eine Chaise percée, deren sich der Kardinal Mazarin bediente. Sie ist kost- barer, als der kostbarste Stuhl manches kleinen Fuͤrsten. Der Mann mag ganz gut darauf gesessen haben. — Und das herrlich gemahlte Buch, das einen betruͤgt, wie die Trauben des griechischen Malers die Voͤgel. — Auch fin- det man Barometer hier, wie eine Uhr, wo der Zeiger das Steigen und Fallen ausdruͤckt, das Thermometer ist oben. Les Appartemens de Mesdames les Prin- cesses. — Ach, die waren delicieus! der feinste, der herlichste Geschmack herschte hier in Allem. Ihre Ma- lereien, ihre Musikalien, ihre Buͤcher lagen da. Ich fand, daß eine im 4ten Bande der franzoͤsischen Ueberse- tzung der Englischen Geschichte von Hume las. — Ein Cabinet de Vue haben sie, uͤber den Garten, uͤber das Wasser hin, man kan sich nichts schoͤners wuͤnschen. — Les Appartemens du Roi et de la Reine sind oben, sehr simpel, aber eben wegen der angenehmen Aus- sicht uͤber die vielen Jets d’eau unvergleichlich. Darin haͤngt ein kosibares Bild von Louis XV. in seiner Ju- gend. Er kam oft hierher. Louis XVI. war nach der Vermaͤhlung auch einmahl da. Im Kabinet des Koͤnigs steht ein Buͤffet von lauter franzoͤsischen Achat- stuͤcken in Hoͤlzern aus Indien und Amerika eingefaßt, mit kleinen Nebensaͤulen von Jaspe fleuri. Es ist eine Chambre de Conseils da, auch eine Chambre de Glaces. Der Anblick der Jets d’eau hoͤrt auch im Winter nicht auf. Nur 1768. wo ich nicht irre, wie es so erstaunlich kalt war, froren sie zu, aber doch sah man noch immer einige Tropfen herausfahren, es sties doch noch ꝛc. A a La La Chapelle, gleich darneben. Sehr hoch oben sind die Schemel zum Knien hinter einer Grille, die bis an die Brust reicht. Man sieht hoch hinab auf den stark vergoldeten hohen Altar, wo ein einziges Gemaͤlde an der Seite ist. La Statue du grand Condé. — Sie steht in ei- ner Nische auf der grossen Haupttreppe des Schlosses. Coyzevox hat sie zu seiner Ehre verfertigt. Der Prinz steht in Roͤmischer Kleidung da, mit dem Kommando- stab in der Hand. Sie gefiel mir so gut als die von Louis XIV. in der Versailler Orangerie. Nun stellt’ ich mich hin und wartete, um Mad. la Princ. und Mad. la Duch. de Bourbon spazieren fah- ren zu sehen. Die Voituren hatten 2. Sitze und 2. Por- tieren. Die Herrschaften sassen vorne, und die Bedien- ten ihnen vor dem Gesicht. Man fuhr nur mit 4. Pfer- den. — Dann sah ich noch den grossen Saal, wo 2. Billards standen, und hierauf La Sale de Musique. Er ist zur Musik zu klein, hat aber einen herrlichen von schwarzen und weissem Mar- mor eingelegten Fußboden. Den 12ten Jul. Nahm ich La Machine de l’eau in Augenschein. Unten am Ende des Dorfs steht ein eignes Haus zu diesen Ma- schinen. Ein grosses Schaufelrad treibt ein anders, die- ses hebt das Wasser in 2. Pumpen, diese kommuniciren mit einem Conduit; in diesem steigt das Wasser 70. Schuh hoch hinauf, oben ergießt es sich in einen Kanal , und und faͤllt aus diesem durch einen andern Conduit an der hintern Ecke des Hauses wieder herab. Von da geht es nach den grossen und kleinen Kaskaden, nach den Mar- staͤllen, nach dem Hundestalle ꝛc. Es ist ein recht gutes Quellwasser. In Zeit von 24. Stunden liefert diese Maschine 8800. Muids. La Manufacture de Fayence liegt nahe dabei, bedeutet aber nicht viel. Man nennts auch Porzellaͤn, es ist leichter und durchsichtiger, als das von Seve. Ich besah die Niederlage. Sie ist klein, man sieht keine an- dre Sachen, als Kaffee- und Theezeug, und Teller, und keine andre Farben als ein schlechtes Blau auf einer sau- bern weissen Glasur. Le Cabinet de l’Hist. nat. du Pr. Ich fuhr heute da fort, wo ich gestern aufgehoͤrt hatte, und fand folgende vorzuͤgliche Stuͤcke: (s. S. 367.) 52) Porte-lanter- ne, das Maͤnnchen hat eine laͤngere, das Weibchen eine breitere Laterne. Man sieht sie selten beisammen. 53) Feuille ambulante, ist in der That ganz gruͤn mit weissen Flecken. Wenn man den Kopf nicht sieht, sollte man dieses Insekt wohl fuͤr ein Blatt halten. 54) Ser- pent de Surinam , stand ausgestopft da; war kostbar, roth, gelb, mit schwarzen Einfassungen der Schuppen. Man konnte sie nicht genug betrachten. 55) Phoca du Cap de b. E. So nennt Bomare ein Thier, das in Ewigkeit keine Phoca seyn kan. Ich sprach mit ihm daruͤber. Er schlug seine Beschreibung im Diktionair auf, aber diese ist auch nicht genau. Dieses Thier muß eine eigne Species, vielleicht ein eignes Genus ausma- chen. Es ist graubraͤunlicht, hat viele Mystaces, ist etwa 2. kurze Ellen lang, hat keine dentes exsertos, A a 2 aber aber viele kleine, schoͤn weisse, sehr scharfe Zaͤhne; von Oh- ren sieht man gar nichts, sie muͤssen unter den Haaren seyn. Die Vorderfuͤsse stehen weit hinter der Brust, und die hintern sind nicht mit einander verbunden, sondern abgesondert, und jeder ist fuͤr sich wie eine Fischflosse ge- bildet. Zwischen beiden ist ein kleines Schwaͤnzchen, das in die Hoͤhe steht. — Ists nun Phoca? Ists Tri- chechus? 56) Patte de Manati. Man kan nicht genau sehen, obs 4. oder 5. Zehen sind. 57) Grande Truite de Geneve , breit, und sehr lang, aber die Farben waren alle verschossen. 58) Eguillon, ein Fisch aus dem Laurent strom. Die beiden Kinnbacken sind sehr verlaͤngert, sehr schmal, haben zweierlei Arten Zaͤh- ne, groͤssere und kleine, die alternantes sind. 59) Le Pierre de Cayenne. So heist hier ein Vogel, den ich gleich, wie ich ihn ansah, zwischen die Trappe und den Casuar in die Mitte hinein dachte. Er ist kleiner, als der Casuar, ganz schwarz, aber Fuͤsse und Zehen oder Finger sind so, wie an der Trappe, und auf dem Kopf hat er ein Horn, eben so gestaltet, wie der Casuar, nur fand ich beim Angreifen, daß es nicht hohl ist, wie das Horn des Casuars, sondern ganz solid, schwer und fest, daher ruͤhrt, wie Bomare sagt, der Name, als wenn der Vogel einen Stein auf dem Kopfe haͤtte. 60) La Poule de soye, Huͤner mit ganz weissen feinen Federn. 61) Faisan de France , schwarzbraun. Den grau- weissen und schwarzen nennen sie Faisan de Tartarie. 62) Albatros — in der Groͤsse einer Trappe, Schna- bel und Koͤrper weis, (sonst hat bei den Voͤgeln der Schnabel selten die Farbe des Koͤrpers;) die Fluͤgel sind gros und schwarz; der Kopf ist dick; die Fuͤsse haben hinten hinaus einen Sporn. 63) Straus aus Ame- rika, rika, oder Jabiru ; hat einen langen, schwarzen, mes- serfoͤrmigen Schnabel, einen schwarzen Hals, rothe Brust, weissen Leib, hohe schwarze Fuͤsse. 64) Ein Menschen-Kopf aus Wachs. (s. unter der Rubrik: Cab. d’Anat. artif. in Paris. ) 65) Ein Renn- thier. Dieses Thier, dadurch Gott eine ganze Nation erhaͤlt, sah ich mit grossem Vergnuͤgen. Der Koͤnig von Schweden hatte ein Paar in die Menagerie ge- schenkt, sie lebten aber nicht lange. Das Maͤnnchen, davon das Skelet da war, hat auch 7. Halswirbel, wie uͤberall. Die Hinterfuͤsse sind viel laͤnger als die vordern. Hat 2. Hoͤrner vor- und 2. hinterwaͤrts, sie sind aber schmal und nicht sehr platt am Ende. (s. no. 69.) Das Weibchen, stand ausgestopft da; es hat weisse borstige Haare, die klumpenweise an einander sitzen. 66) Stink- thier, — Viverra Ichn. — Aguti. 67) Zwei Kaͤlber, so an einander gewachsen, daß sie nur einen ge- meinschaftlichen Hintern, und nur 4. Fuͤsse haben. 68) Cerf de Ganges , nicht so hoch, wie unsre, langgestreckt, lange Hoͤrner ohne Zinken, am Ende des einen war doch einer. 69) Daim blanc, aus dem Walde bei Chantilly, mit sehr platten, schauflichten Hoͤrnern. 70) Tamandua aus Brasilien. Vom Museau bis zu den Augen ists wenigstens eine Spanne; am Ende des Schwanzes sitzt ein sehr grosser Flock von Haaren. Im Koͤnigl. Kabinet hab ich das, glaub’ ich, nicht so ge- funden. 71) Ein Charanson, von der Insel Cele- bes, den Bomare seiner Schoͤnheit wegen bestaͤndig ein- geschlossen hat. Wenn nicht zuviel Sonnenlicht drauf faͤllt; so kan man die feine Arbeit der Natur, das Gold, das Schwarze, das Gruͤne daran nicht genug bewundern. 72) Les Guepieres de Cayenne , grosse breite Nester A a 3 mit mit vielen Abtheilungen: und Alveoles des fourmis de visite, schwarzbraune, hohle Koͤrper mit Knoten, vermuthlich hohl, laͤnglicht. 73) Petit Hippopota- me. Etwa so lang wie ein junger Wolf, breiter Kopf, die Farbe ist uͤberall voͤllig gleich, naͤmlich die Haut ist lederartig, und hat eine schmutzige schwarzbraune Farbe, der Schwanz ist Fingerslang. 74) Maxillae Hip- popot. separatae. 1) Infer. hat 8. Molares auf jeder Seite, 2. Incis. erectos, 2. laniarios, die halb- zirkelfoͤrmig heraufgebogen sind. 2) Super. 8. mola- res auf jeder Seite, 4. herabstehende Incisores, ein kurzer, abwaͤrtsstehender Caninus auf jeder Seite. 75) Vertebre de Baleine. Kein Mann kan sie uͤber- spannen. 76) Viele von den grossen molukkischen Krebsen, (s. davon den Naturforscher. ) 77) Saͤ- gefisch, ganz vollstaͤndig. — Ueber dem Ruͤcken koͤnn- ten 2. Mann gemaͤchlich stehen. 78) Haut und Hoͤr- ner vom Condoma, vom Vorg. d. g. H. — schoͤ- ner noch, als die, so ich in Paris zu St. Sulpice sah. Le Cabinet de Physique, Mathem. Anti- quité etc. Das alles, nebst Muͤnzen, Bronzen ꝛc. steht in dem letzten Zimmer, alles untereinander. Mir gefiel besonders: 1) Eine simple Maschine, sich zu waͤgen, aus Stahl. Sie besteht aus 2. aufrecht stehen- den graden Stangen; zwischen denselben stellt man sich auf eine Platte von Messing: oben ist ein Kreis mit einem Zeiger besindlich, und hinten noch einiger Mecha- nismus. Sobald man darauf tritt, faͤhrt der Zeiger herum, und stellt sich dahin, wo die Zahl des wahren Gewichts ist. In dem Augenblick, da man an die Stangen faßt, weis man es schon. Man kan den Zei- ger ger richten, daß er auf die kleinsten Kreise geht. Eine noch schoͤnre Sache aber ist, daß so lange man drauf steht, der Zeiger bestaͤndig schlaͤgt, und diese Schlaͤge correspon- diren ziemlich genau mit den Pulsschlaͤgen dessen, der sich waͤgt. Der andre darf ihm nur an den Puls greifen, so merkt er’s. Es hat sie vor etlichen Jahren jemand aus der Normandie gefunden, und dem Koͤnige praͤsen- tirt. Der Prinz von Conde’ war eben beim Koͤnige und bestellte sich auch eine. Ich wog 120. Pfund, also weniger als vorm Jahr in Oberweiler um eben diese Zeit, wo ich 124. Pfund schwer war. 2) Eine goldne Medaillensammlung von allen franzoͤsischen Koͤnigen, von Pharamund an bis auf Louis XV. Der Platz zu Louis XVI. ist schon da, aber er kommt erst nach dem Tode hinein. Varin, ein grosser Medailleur unter Louis XIV. hat die besten Abbildungen von den aͤlte- sten Zeiten und Koͤnigen gesammelt, und von dem sind sie. Es sind auch sonst noch viele Medaillen da. 3) Eine Boëte de Mythologie , wo auf geschnittenen Stei- nen (einige schienen mir gefaͤrbtes Glas zu seyn,) die Goͤtter, Tempel, Opfer, Priester, Philosophen, Dich- ter ꝛc. der Alten vorgestellt sind. Ein Abbe’ hat sie hier- her geschenkt, und nun wundert man sich nicht mehr, wenn man die Kreuzigung Christi, die Anbetung der Weisen ꝛc. neben den Bachanalien und Lupercalien findet. Um 1. Uhr nahm ich Abschied von Hrn. de Bo- mare. Wir sprachen noch von allerlei. Er wuste noch nicht, daß Martini eine deutsche Umarbeitung seines Diktionairs angefangen hatte, und wunderte sich, daß er, wie er sagte, die Hoͤflichkeit nicht haͤtte, ihm ein Exemplar zu schicken, wiewohl er kein deutsches Buch le- A a 4 sen sen kan. Er schrieb mir einen Empfehlungsbrief an Hrn. Vosmaer, Inspektor des Naturalienkabinets des Prin- zen Stadthalters im Haag, und schenkte mir auch ein Stuͤck von dem Puddingstein bei Chantilly, der polirt sehr schoͤn aussieht, die einzige mineralische Merkwuͤrdig- keit dieser Gegend ist, und in einer Kalkmutter, die mit Vis und Chames angefuͤllt ist, vorkommt. Von die- sem Stein hatte er ein grosses Stuͤck vor die Thuͤre des Kabinets gestellt, und nannte es le Suisse pierreux. Er lies mich noch einen in Wachs gemachten Kopf und Hand von dem ungluͤcklichen Grafen Struensee sehen, der hier auch mit dem Koͤnige von Daͤnnemark war. Der Kuͤnstler in Koppenhagen hatte den abgehauenen Kopf und die Hand so natuͤrlich, als moͤglich, nachgemacht. Die Haare am Kopf waren natuͤrlich, das geronnene Blut war unten in der Schale ungemein kuͤnstlich nach- gemacht, und Bomare versicherte mich, das Bild haͤtte die vollkommenste Aehnlichkeit mit dem Ungluͤcklichen. Gott im Himmel! wie wars mir in der Seele, als ich das Haupt des bedauernswuͤrdigen Mannes vor mir lie- gen sah! das Bild der Abwechslung menschlicher Schick- sale! der lebendige Beweis vom Hofwind, und von der Gefaͤhrlichkeit eines erhabenen Posten. — Ich legte schaudernd alles wieder in den Glaskasten und eilte fort. On se voit une fois, sagte Bomare, wie ich weg- ging. Voilà le sort des Savans, voilà un mal- heur sensible, quand on fait un voyage. Er hatte in den Brief an Vosmaer geschrieben: Vous serez bien content de Mr. Sander , si vous pas- serez quelques momens avec lui. Wir wuͤrden recht gute Freunde geworden seyn, wenn wir uns laͤnger gesehn haͤtten. Drauf besah ich weiter L’Oran- L’Orangerie. Ein ganz herrliches Gebaͤude von Quadersteinen aufgefuͤhrt. Die Orangerie stand jetzt im Garten herum. Im Hause waren 24. Kreuz- stoͤcke, jeder hatte 8. Fenster und 8. kleine Laͤden, die im Winter mit eisernen Klammern und Stangen wohl ver- schlossen werden. Es sind viele Oefen darin mit langen Roͤhren, die endlich zu einer Scheibe hinausgehen. Fen- ster und Oefen sind alle auf einer Seite. Gegenuͤber sind viele eiserne Ringe an der Wand, die Baͤume zu be- festigen. Ein ansehnlicher Vorrath von Raͤdern, Lei- tern, Walzen, Rollen, Schleifen ꝛc. kurz, alles ist so wohl eingerichtet, wie in der Koͤnigl. zu Versailles. Oben sind Wohnungen, besonders ist da. Le Cabinet d’armes. Es besteht aus etlichen Zimmern, voll alter Kuͤrasse, Schwerter, Helme, Jagd- flinten. Panzer, alter Flinten, von verschiedenen Model- len, Jagdwerkzeugen der Wilden ꝛc. Besonders waren merkwuͤrdig: a ) Ein Roͤmischer Schild mit vielen Zeichnungen. b ) Der Kuͤras und Degen vom gros- sen Conde’. c ) Der ritterliche Degen und Panzer von Heinrich dem 4ten. d ) Der Degen vom Conne- table de Montmorency. e ) Der Kuͤras der Pucel- le d’Orleans. — Das muß ein Maͤdchen mit Nerven und Muskeln gewesen seyn! Schaͤmen muͤssen wir uns Maͤnner- und Weiber, wenn wir das sehen! Wo sind unsre Kraͤfte! wo ist die Natur, wenns ehmals solche Menschen gab? f ) Ein Modell vom Kriegsschiffe Bourbon, das, wo ich nicht irre, in Brest liegt. g ) Ceremonienkleider; viele Edelsteine, emaillirte Steigbuͤ- gel, ein kostbares Stuͤck. h ) Die Standarte, womit die Unterthanen die Gemahlin des Duc de Bourbon eingeholt haben. A a 5 Les Les Ecuries du Prince. Der Prinz hat 240. Pferde und 70. Stallleute dazu, ohne die Kutscher. Es waren meist Fuͤchse und Schimmel. Der Stall gehoͤrt unter die schoͤnsten, die man weit und breit sehen kan, ist ganz gewoͤlbt, sehr hoch, mit vielen Laternen, und an den Waͤnden mit Hirschgeweihen geziert. In der Mitte ist ein grosses Gewoͤlbe mit einer Gruppe von Pferden und Hirschen von Bildhauerarbeit, und oben daruͤber die In- schrift, daß Louis und Henri VII. Prinzen von Conde’ den Stall im Anfang dieses Jahrhunderts bauen lassen. Ich traf einen Stallknecht an, der einen dialogisch ge- schriebenen Abregé de l’Hist. de France las. Die Staͤlle haben 2. praͤchtig gebaute Seiten, wo oben die kuͤhnsten Statuͤen von Pferden sind, und inwendig die Reitschule. Es war auch ein eigenes Komoͤdienhaus da, ne- ben der Orangerie. La Glaciere du Prince, oder der Eiskeller — ein kleines Haͤuschen im Walde gelegen, das 40. Schuh tief in den Boden hinunter gemauret ist. Le Labyrinthe liegt weiter hinten. Man mach- te viel daraus; aber ausser dem chinesischen Haͤuschen in der Mitte und der Statuͤe des Kindes, das zu weinen scheint, und mit der Hand den Weg nach der Mitte zeigt, ist nichts besonders daran. Ein kleines Kabinetchen auf dem Wege nach dem Kuͤchengarten des Prinzen ist viel schoͤner. Es ist ein kleines Haͤuschen, das einen Saal hat, an denen die Waͤn- de so gemahlt und vergoldet sind, daß man’s, ehe mans befuͤhlt, fuͤr hoͤlzernes Gitterwerk ansieht. An beiden Ecken Ecken des Kabinets sind Jets d’eau, die man auch den Fremden zu Gefallen springen laͤßt. So ein Kabinet- chen im Sommer, Morgens und Abends, mit guten Freun- den, ist warlich mehr werth, als ein Platz im Staats- rathe. Le Potager du Prince, — ist sehr weitlaͤuftig, in viele kleine Gaͤrtchen abgetheilt, die alle mit Mauern und Thuͤren abgesondert sind, und immer hoͤher steigen. Er ist wohlbesetzt, so gut als der koͤnigliche, — aber der Gaͤrtner klagte mir, daß das bisherige dreimonatliche Regenwetter ihm gar viel verdorben haͤtte. La grande Cascade, liegt im Walde, weit un- ten. Man sieht eine Kleinigkeit, wenn man die beim Weissenstein, und die in St. Clou gesehen hat. Un- ter den Stuffen, auf denen die Bouillons, Nappes d’eau und Chandeliers stehen, hat man Stuͤcke von Feuersteinen mit Drat befestiget, um ihnen ein natuͤrli- ches Ansehen zu geben. Sie spielt nur allein an Pfing- sten. Artig ist’s, daß uͤber dem Flusse in einer grossen Entfernung ein Berg ist, auf dem das Springen und Fallen des Wassers herrlich zu sehen seyn muß, — wenns nicht zu weit abgelegen ist. Bemerkungen. Heute sah ich einen Esel den Berg hinauf gallopi- ren nach Vigneil zu, so schnell, daß ich ihm wahrhaftig nicht haͤtte nachlaufen moͤgen. Und er war noch dazu traͤch- tig und hatte 2. Koͤrbe auf dem Ruͤcken. Der Schwanz war nicht nur extremitate setosa, wie Linn. sagt, sondern bei allen Eseln in Frankreich bemerkte ich, daß er er ganz haaricht ist, etwa einen Fingerbreit oben, wo die Schwanzwirbel anfangen, abgerechnet. Der Prinz haͤlt hier auf gute Policei. Ueberall sind strenge Ordonanzen wegen des Strassenreinigens, Essenkehrens, Sonntagsfeier, Hazardspiele ꝛc. angeklebt. Schwoͤren in den Wirthsstuben ist verboten. Schulen- gehen ist streng anbefohlen. Schon gestern fruͤh kam der Huissier mit einem Buch zu mir, wo ich Namen, Va- terland und Karakter einschreiben muste. Auch ist ein eignes Hôtel de Justice hier. Die Leute gefallen mir hier recht wohl. Gestern Abends sah ich die drei Knechte aus dem Wirthshause mit dem Jungen in ihrer Kammer, eh sie sich schlafen legten, jeden vor einen Stuhl knien und ihr Gebet verrich- ten. — — Der Mensch ist fuͤr mich auf der Reise im- mer der wichtigste Gegenstand, aus allen Gesichtspunk- ten betrachtet. Welch ein Unterschied zwischen Chan- tilly und Paris! — Den 13ten Jul. Ich wachte heute Morgen durch ein Getuͤmmel auf, das ich am Sonntag fruͤh hier nicht erwartet haͤtte, und sah den Wochenmarkt viel staͤrker, als er am Freitag gewesen war, vor meinem Fenster. Das fand ich an- fangs sonderbar, man sagte mir aber, daß er alle Sonn- tage den Sommer durch gehalten wuͤrde, um der benach- barten armen Doͤrfer willen, die nicht viele Werkeltage mit dem Einkauf der Lebensmittel verlieren koͤnnten, und nachher sah ich ihm mit Vergnuͤgen zu. Eine Menge guter, froher, muntrer Landleute kam zusammen. Drei von von den Gerichtsherren gingen mit den Wachen, im Kir- chenrocke und Ueberschlage herum, und wogen das Brod, die Butter ꝛc. Es war ausserordentlich schoͤnes Wetter, wie ichs in Frankreich noch nie erlebt hatte; alles war munter, zufrieden, — ich ging selber im Schlafrock auf den Markt, und kaufte mir Kirschen, Erdbeeren und Johannisbeeren. — Praͤchtiger Anblick des Fests der Froͤlichkeit und Heiterkeit unter den fleissigen Landleuten! Ich sprach mit vielen, und fand recht brave, wackre Leu- te. Gegen Mittag wurden die Aubergen mit dem flat- terhaften Pariservolk angefuͤllt, die ihre Hunde herum- schleppten, und bei weitem die Freude nicht empfanden, die ich im Garten der Natur fuͤhlte. Sie gossen ihre Flacons da aufs Schnupftuch aus, wo die Natur die an- genehmsten Balsamduͤfte verbreitete. Ich hatte Lust, noch einmahl die schoͤnsten Gegenden des Gartens am Schlosse zu besuchen, und ging also, — um zu der Zeit, wo in meinem Vaterlande in den Tempeln des Herrn Loblieder erschallen, auch meine Seele zu den Empfin- dungen der Guͤte und Liebe Gottes noch mehr anzufeuren — in die Isle d’Amour. So heist eine Gegend im Gar- ten, die ich nicht stark genug werde beschreiben koͤnnen. Hab’ ich mir je Rubens Zauberpinsel, oder Gesner ’s malerische Sprache gewuͤnscht; so war’s jetzt. Zwischen zwei Wasserkanaͤlen findet man Alleen, Haͤuschen, Run- dele, Rabatten und Zirkel mit Blumen angefuͤllt, Ka- napees, Statuͤen, springende Wasser, allerlei Motions- Maschinen, Bruͤcken, chinesische Pavillons, fremde Baͤume, und noch tausend andre Dinge, alles mit der groͤsten Delikatesse, mit dem feinsten Geschmacke vertheilt. Man Man kommt nicht mehr weg, wenn man einmahl drin ist. Man setzt sich nieder, man steht wieder auf, man sieht ins Wasser, man blickt zum Himmel auf, man seufzt, man weis nicht, was einem fehlt, man wird allen Menschen gut, man fuͤhlt in allen Nerven, man segnet den Prinzen, man weis, daß man Mensch ist. — Hier war’s, wo ich alle meine Freunde um mich herum ver- sammelt wuͤnschte. Hier war’s, wo ich die Freuden der Natur, das Gluͤck des Lebens auf Erden, die Vortheile einer Reise in schoͤne Laͤnder, und den Werth einer empfin- denden Seele von neuem fuͤhlte. Hier war’s, wo ich alle Schmerzen vergas, und alle Scenen meines Wal- lens auf Erden zuruͤckrief. Hier war’s, wo ich schwur, leise und laut schwur, ein dankbares, froͤliches, menschen- freundliches Herz zu unterhalten, und den Gram, die fin- stere Schwermuth, nie in die Seele einschleichen zu lassen. Hier war’s, wo ich freudig ins Leben hinausblickte, und Muth und Vertrauen faßte. Hier war’s, wo ich — — doch lebe wohl, du geliebte, du kostbare Insel, du Paphos des Weisen, du Tempel Galliens; leb wohl, du reitzende Gegend, wo ich meine geheimsten Empfin- dungen aufwallen, Liebe, Munterkeit, Zufriedenheit und schmachtende Sehnsucht nach nie genossenen Freuden un- tereinander laufen sah. — An dich will ich oft zuruͤck den- ken, du gluͤcklicher Tag, du Stunde der Wonne, die Gott mir gab, und die meine ganze Seele, wie die Blume den Regen, auffaßte. Die andre eben so herrliche Ge- gend ist Le Jardin chinois. Sie liegt hinter dem Schlos- se. Im Grunde ists ein englischer Garten, ( Les Ha- meaux nennen ihn hier die Leute,) in dem man alle Sce- nen nen der Natur ohne viele Kunst antrift, und wiederum alles, was die Kunst verschoͤnern kan. Es sind kaum 2. Jahre, daß er angelegt ist. Ohnstreitig ist dieser neue Geschmack, Gaͤrten anzulegen, der natuͤrlichste. Man findet die ewigen langen hohen Alleen nicht immer, man ist nicht eingesperrt, man meint nicht, daß man in einem Garten sei, und bekommt doch immer viel zu sehen; erst Wasser, dann einen grossen Grasplatz, dann Buschwerk, dann eine kleine Muͤhle mit einem Rollgange, dann vie- le kleine Haͤuschen, nicht weit von einander liegend. In einem ist eine vollstaͤndige Kuͤche, mit sehr vielem kupfer- nen Geraͤthe. Das andre ist der Speisesaal, der inwen- dig mit Jagdstuͤcken bemahlt ist, wie ein Operntheater aussieht, alles besteht aber nur aus duͤnnen Bretern. Auf dem Boden sind Rasen mit Blumen. Das dritte ist eine kleine Bibliothek. Milton und Robinson stan- den nebeneinander, Lettres de la Valiere etc. Chi- nesische Mahlereien waren auf den Tapeten, es standen herrliche kleine Tischen, Claviere ꝛc. drin. Das vierte ist der Compagniesaal, und war das kostbarste. Stuͤhle und Kanapees, Vorhaͤnge und Tapeten waren rothe Sei- de mit vielem Silber verbraͤmt. Die Lehnen der Stuͤhle sah ich fuͤr paille argentée an. Die herrlichsten Spie- gel und Porzellane waren darin. — Hinter diesen Haͤus- chen ist ein Weideplatz und Viehheerden, und hintendran wieder Wasser. Auf einer andern Seite fließt wieder ein Bach, mit Forellen, mit rothen Fischen besetzt. Ue- ber dem ist ein Gewoͤlbe, mit vielen Abtheilungen, aus duͤnnen Bretern zusammengeschlagen, die so verwaͤs- serte Farben und plantas scandentes haben, daß man sie fuͤr natuͤrlich halten sollte. Steine, rauh, ohne Ord- nung, liegen uͤberall, als wenn sie abgefallen waͤren. Der Der Bach unter dem Gewoͤlbe fuͤhrt an einen Teich, wo gruͤne, rothe, gelbe, leichte Fahrzeuge liegen, die Flag- gen sind nur aus schlechter Leinwand. Dann findet man aufgefuͤhrte Felsen und Terrassen von Gras, wie die Carlsruh er auch sind. Aber das Angenehmste bei die- sen Felsen ist, daß von oben herab das Wasser auf allen Seiten herabfaͤllt; es rauscht, es murmelt aller Orten gar lieblich. Weiter hin sind Sandwege mit kleinen Kinder- stuͤhlen, halbe Haͤuschen, Baͤnke ꝛc. Man findet ein Stuͤck Weizenfeld, Kirschbaͤume, — Hundestaͤlle sind bei der Muͤhle ꝛc. kurz eine angenehme, sehr natuͤrliche Mannichfaltigkeit von Sachen. Ist irgend etwas ver- nuͤnftiges in dem Geschmacke der Chineser, so sind es ihre Gaͤrten. Aber freilich gehoͤrt ein grosser Platz dazu. Die Schauckeln in der Isle d’amour sind so sim- pel, und so sicher, daß ich doch noch davon sprechen muß. Die eine ist ein grosser langer Balken, der horizontal auf einem andern viel kleinern liegt, der perpendikulaͤr in der Mitte des dazu bestimmten Platzes aufgerichtet ist. An dem Querbalken ist an jeder Seite ein Sitz mit einer Leh- ne hinten, und einer Brustwehre vorn. Diese Sitze sind mit einem Kuͤssen uͤberzogen. Damit der Queerbal- ken, der in dem gradestehenden eingeschraubt ist, nie zu weit auf einer Seite in die Hoͤhe steigen kan, so ist eine duͤnne eiserne Queerstange in den Fußbalken eingemacht. Und damit der Balken, auf dem man sitzt, nie zu weit herabsinke, ist auf jeder Seite, da, wo er herabkoͤmmt, ein grosser Stein in den Boden eingeschlagen, auf dem er anstoͤßt. Damit das aber nicht wehe thut, so ist unter jedem Sitz ein schiefherabgehender eiserner Stab durch Schrauben fest. Die andre ist noch besser. Es sind 2. Stan- 2. Stangen gegeneinander aufgerichtet. Hoch oben sind diese durch eine Queerstange verbunden, und von dieser haͤngen an 2. Punkten 4. starke Taue herab; diese tragen unten eine kleine, leichte, hoͤlzerne Kalesche, in der 2. Si- tze sind, die gegeneinander uͤber stehen, die Stricke gehen unter der Kalesche durch eiserne Ringe durch, sie ist etwa einen Schuh uͤber der Erde, und schwingt so darinnen. Mit leichter Muͤhe kan man sie zuruͤckziehen und ihr einen Stos geben. Alles ist mit gruͤner Oelfarbe angestrichen: an den Seiten sind Baͤnke fuͤr die Zuschauer. Nachmittags verlies ich diesen angenehmen Ort, — den Ort, wo mir Frankreich am besten gefallen hat, und reiste nach Senlis ab, um da den folgenden Mor- gen die Diligence von Paris abzuwarten, die mich nach Valenciennes bringen sollte. Der Weg dahin ist 1½. Stunden lang und geht durch kleine Doͤrfer zwischen angenehmen Fruchtfeldern hin. Man sieht Senlis wohl ¾. Stunden vorher, weil’s hoch auf einem Berge liegt. Vor der Stadt findet man gan- ze Felder mit Artischocken, die reihenweis an Stecken, wie bei uns die Bohnen, gepflanzt werden. Senlis. Die Vorstadt ist schoͤner und regelmaͤssi- ger gebaut, als die Stadt selbst, die bergicht, uneben und eng ist. In einer Kirche fand ich die schoͤnsten Ma- lereien auf den Glasfenstern, die ich je gesehen habe. Es sind ganze Stuͤcke, die ganze Lebensgeschichte Christi vor- stellend, mit Inschriften, mit alten lateinischen Buchsta- ben, dergleichen mir noch nicht vorgekommen ist. Be- sonders sind die Taufe Christi, die Einsetzung des heil. Abendmahls und die Kreuzigung auf dem kleinen Raum B b eines eines Fensters, wie diese sind, wahre Meisterstuͤcke. Sonst kan man die aͤusserliche alte Bauart der Kirche mit so vielen Winkeln und Ecken fast nicht ohne Lachen ansehen. In der Stadtkirche, — der Groͤsse nach zu urtheilen, — fand ich, daß man noch baute, aber nach neuem Geschmack. Ich hoͤrte da mit Vergnuͤgen einer vortreflichen Vokal- und Instrumentalmusik zu. Die Leute schienen mir auch nur um der Musik willen da zu si- tzen, die Chapeaux unterhielten sich mit dem Frauenzim- mer, wie in einem Konzerte. Ich hatte mich kaum nie- dergesetzt, so mußt ich auch meinen Platz bezahlen. In dem Wirthshause au Sauvage, an der Strasse von Paris, wo ich logirte, fand ich die Leute, wiewohl es Sonntag war, recht ernstlich mit der Waͤsche beschaͤftigt: aber die Kindererziehung war gut, die 3. halberwachse- nen Kinder des Wirths kamen ohne Schuͤchternheit, voll Freuden uͤber den Fremden, Abends auf mein Zimmer, sprachen recht artig, und brachten mir die schoͤnsten Blu- men. Reise nach Valenciennes. Den 14ten Jul. Die Diligence , die um halb 5. Uhr aufs spaͤteste kommen sollte, nach den schriftlichen Anweisungen vom Paris er Bureau, kam erst um halb 6. Uhr. Man rech- net von Paris nach Valenciennes 57. Stunden, diese sind in 18. Posten abgetheit. Das Bureau zahlt den Postmeistern fuͤr jedes Pferd von jeder Stunde 25. Sous, und der Commis hat des Tags 25. Sous. Sechs Pfer- de und 2. Kerl dazu muß der Posthalter geben. Gibt er oft 8. um die Pferde zu schonen, so werden ihm doch nur nur 6. bezahlt. Der Weg ist von Paris bis Valen- ciennes in der Mitte gepflastert, und mit Baͤumen be- setzt. Bis gegen Cambray zu ist uͤberall die terre mar- neuse , und der Baustein, der schon in Champagne an- faͤngt. Daher sehen auch alle Haͤuser weis, und wenn sie alt sind, schwarz aus. Man findet meist die herrlich- sten Gegenden, die schoͤnsten Fruchtfelder, unabsehliche Ebenen zu beiden Seiten, hie und da kommen kleine Ber- ge und Waͤlder vor. Man passirt sehr viele Doͤrfer, sie sind aber klein, schlecht und arm. Die Posten sind gut bestellt. Sie fahren mit der beladenen Diligence oft schneller, als die Extraposten in Deutschland. Oft sind die Posthaͤuser bloße Haͤuser an der Strasse. Sie bringen aber die Pferde schon, ehe die andern abgespannt sind. Die Postillons tragen meist blaue Roͤcke mit rothen Aufschlaͤgen, aber kein einziger hat ein Horn. In ihre grossen Stiefeln fahren sie mit Schuh und Struͤmpfen. Die Reisegesellschaft war nicht fuͤr mich. Ein paar laͤppische Franzosen, davon der eine ein junger Of- fizier, und der andre schon ein Mann von etlichen vierzig Jahren war, trieben mit einer vornehmen franzoͤsischen Metze allen moͤglichen Muthwillen, und ihr war damit gedient. Der Offizier erlaubte sich alles vor seinem Be- dienten, der dabei saß; die Dame lies auch alles mit sich machen, und dies in Gegenwart eines andern Frauenzim- mers, das noch den Blick, welchen die Tugend und Sitt- samkeit hat, in seiner Gewalt hatte, und stillschweigend B b 2 wie wie ich, ihren Unwillen zu erkennen gab. Die Nym- phe hatte suͤssen Wein bei sich, und schenkte, so oft wir hielten, ihren beiden Galans ein. In Deutschland wird keine Braut, keine Frau ihrem Manne in Gegen- wart andrer, sonderlich Frauenzimmer, das erlauben, was dieses Weibsbild hier alle Augenblicke. Sie stiegen einmahl aus, und der alte Geck langte mit dem Stock den Pferden an die Ruthe, und zeigte sie seiner Gesell- schaft. — Ah, qu’il etoit indigne! doch ich erin- nerte mich, daß ich noch in Frankreich waͤre, — und stieg bald ab, und saß hernach die ganze Reise durch, aussen im Cabriolet bei einem Commis, der viel hoͤfli- cher war, als der, den ich von Strasburg nach Paris hatte. Es war bestaͤndig ein sonderbares Wetter. Bis- her Regenwetter, nun Hitze, und doch stieg um 6. Uhr einer der dicksten Nebel auf, und es ward recht kalt, bis gegen 8. Uhr die Sonne kam. Um 4. Uhr des Mor- gens war noch das heiterste Wetter. Oft ward es am Tage so dunkel, daß man gleich Regen vermuthete, und doch kam keiner. Die Armuth ist hier bei den gemeinen Leuten gros. Kaum haͤlt der Wagen, so sind uͤberall Bettler da, und man sieht keine Anstalten dagegen. Es ist betruͤbt und schrecklich zu hoͤren, wenn junge Buben lateinische und franzoͤsische Gebetsformeln, Vater Unser, Ave Ma- ria, und dergleichen, die sie gewis nicht verstehen, her- plappern. Man kan sich vorstellen, wie diese Buben das Moͤnchslatein aussprechen, Z. B. frictus vantris tui etc. Man sieht auch uͤberall Strohdaͤcher. Ueber Ueber Mittag waren wir in Gournay, einem Dorfe, Nachmittags sahen wir ein Staͤdtchen Rouay, das artig war, und mir sehr volkreich zu seyn schien. — Aussen lag ein Mann auf der Strasse, dem vermuthlich das Rad die Hand geklemmt hatte, er zeigte uns den blutigen Arm. — Nachts waren wir in Peronne, einem kleinen aber festen Staͤdtchen, man passirt wenigstens 3. Graͤben mit Mauren, Wall und Bruͤcken, bis man zur Vorstadt koͤmmt. Hier sind schon alle Haͤuser von rothen Backsteinen gebaut, aber in den Vorstaͤdten waren noch viele Haͤuser mit Stroh ge- deckt. Die Stadt selbst ist mittelmaͤssig, hat aber einen sehr schoͤnen langen Platz. Wir fuhren ganz durch, weil der Gasthof, Hôtel de Flandre , vor der Stadt liegt. Da waren wiederum die Zimmer mit einem Bett so klein, so eng, daß man sich fast nicht umkehren konnte, und in- wendig konnte man sie nicht einmahl zuschliessen. Weil Peronne das Graͤnzstaͤdtchen vom eigentlichen Frank- reich ist, so passirten wir die Douane. Allein, hier erfuhr ich, daß man auf dem Bureau in Paris vergessen hatte meinen Kuffer auf die Diligence zu ge- ben. Der Postsekretaͤr hatte ihn in meinem Billet er- kannt, ich stand in der Karte, la malle aussi, und doch war er vergessen. — So gros war die Vorlegen- heit, in die ich noch am letzten Tage in Frankreich ge- rathen mußte! So gewis ists, daß Schwatzen, Viel- versprechen, und Windbeutelei der Karakter der meisten Franzosen ist! Die Gesellschaft nimmt an dem, was dem Auslaͤnder begegnet, nicht den geringsten Theil. Ich war froh, daß nur der Postsekretaͤr es in die Karte schrieb, die morgen nach Paris zuruͤckging, und ging B b 3 traurig traurig und niedergeschlagen weg, und schrieb an Hr. Hi- zig nach Paris, und machte mir die Regel zur ersten auf der Reise, die mir noch Niemand gegeben hatte: kuͤnftig nie mehr ohne meinen Kuffer zu reisen. — Ein Umstand, der mir manches Vergnuͤgen der Reise und des Aufenthalts in Valenciennes verbitterte. Den 15ten Jul. Nach einigen Stunden verließ ich die Pikardie, Artois, Frankreich ganz, und war in Flandern. Wie gern haͤtte ich Frankreich verlassen, haͤtt’ ich nicht eine so wichtige Forderung an Paris zu machen gehabt. Flandern hat viele kleine Berge, sehr wenig und fast gar keine Waldungen, keinen Wein, aber brave, gute Leute, in deren ganzen Charakter und Wesen schon mehr deutsche, gesetzte, maͤnnliche, ehrliche Art ist. Man hoͤrt da nicht immer singen, leiern, taͤndeln, fluchen, schwoͤren, luͤgen, zotteln, wie in Frankreich s grossen Staͤdten. Die Leute sind dienstfertig, stille, und doch weder muͤrrisch, noch grob. Die Strassen sind von Bomtaim — einer Station zwischen Cambray und Valenciennes, — aus, fast ganz grade, und zu bei- den Seiten, mit Baͤumen, wie Alleen, besetzt. Man baut erstaunend viel Mohn. An manchen Orten koͤmmt einem der betaͤubende Geruch, wenn ihn der Wind herweht, so stark in die Nase, daß man fast dumm wird. — Die rothen Mohnblumen sind aber auch unterm Getreide so stark ausgebreitet, daß manche Felder wie ein recht schoͤner rother Teppich aus- sehen. Die Die Leute trinken viel Bier und rauchen Tobak, auslangen hollaͤndischen Pfeifen. Schon ein Vorschmack von Holland. Cambray. Da war ich etliche Stunden uͤber Mit- tag. Die Avenue ist ganz mit Hollunderbaͤumen besetzt, auch auf der andern Seite. Die Festungswerke sind herrlich, doch waͤchst in den Graͤben allerlei. Von weitem bekoͤmmt man schon den Steinkohlengeruch. Die Haͤuser sind alle von Backsteinen, alt und eng, aber luf- tiger, als in Paris. Die Strassen sind meist regulaͤr. In der Stadt sind sehr viele freie Plaͤtze, und der Markt- platz ist groͤsser als einer in Paris. Hier kostet eine Bouteille neuer, rother, sehr mittelmaͤßiger Wein schon 30. Sous. Das Rathhaus hat viele Baukunst und ein starkvergoldetes Zifferblatt. Der Zeiger der Uhr liegt auf einer Sonne, das macht einen herrlichen Effekt. War’s vielleicht hier, daß 1509. der Pabst, der Kaiser, und der Koͤnig von Frankreich den Bund machten, der Venedig stuͤrzen sollte? Ich sah es lang an, und aus der Geschichte fiel mir der Bund ein. Der Weg von hier nach Valenciennes, 7. Stun- den, die wir in 3. fuhren, ist ganz schwarz, weil bestaͤn- dig Steinkohlenwagen, auf denen ich die groͤsten Stuͤcke liegen sah, auf- und abfahren. Valenciennes. Die Douane war hier schaͤrfer, als anderswo, weil es eine Graͤnzfestung ist. Ich suchte auf dem Magazin des Malles meinen Kuffer; aber vergebens. Der Commis der Diligence glaubte immer, daß er schon vor mir hergekommen waͤre. Den Kummer nahm ich mit in meine neue Wohnung, die ich à l’Empereur recht gut fand. B b 4 Unter Unter dem Thor gab man Dinte, Feder und Pa- pier in den Wagen, damit das Fragen und Wiederfra- gen keine Zeit wegnaͤhme. Von Paris aus kommt man durch die Citadelle, die nicht so gros, und nicht so schoͤn ist, als die bei Stras- burg, und passirt die Schelde. Den 16ten Jul. L’Intendance à Valenciennes. Das war ein Gluͤck fuͤr mich, daß Hr. Morand in Paris mir eine Addresse an dieses Haus mitgegeben hatte. Der Inten- dant Mr. de Senac hat den Titel Monseigneur; seine beiden Sekretaͤre waren Mr. Guineux und Mr. Dehault. Ich hatte einen Brief an Mr. Guineux , den Sohn, der Dillettant in der Naturgeschichte ist, aber als ich ins Haus kam, war er eben mit der Diligence nach Paris abgereist. Indessen uͤbernahm es Mr. Dehault mit der groͤsten Hoͤflichkeit, fuͤr mich zu sorgen und schrieb deswe- gen einen Brief an Mr. Matthieu , Avocat en Par- lement in Ansin, der Direkteur von den Steinkohlen- bergwerken ist, die ich eigentlich kennen lernen wollte. Er gab mir auch seinen Bedienten mit, der mich herum- fuͤhren, und zugleich das Zeughaus und das Hôpi- tal general, 2. wichtige Gebaͤude in Valenciennes, von denen ich vorher nichts gewust hatte, zeigen sollte. Vor der Porte à Tournay fand ich Les Machines à Feu — fuͤnf allerdings sehr merkwuͤrdige Maschinen. Sie stehen meist nahe beisam- men, und sind mit Kohlenmagazinen, und andern klei- nen Wohnhaͤuschen, fuͤr die Arbeiter umgeben. Etliche Parti- Partikuliers sind die Unternehmer davon. Das ganze Terrein in dieser Gegend hat die Natur in der Tiefe mit den kostbarsten Steinkohlen angefuͤllt, und oben sind die schoͤnsten Fruchtselder und Wiesen. Vor der Porte à Mons haben andere Partikuliers auch zu graben ange- fangen; allein sie graben schon 8. Jahre ohne gute Koh- len zu finden, indes sind gute Anzeichen dazu da. Ehe man die guten Steinkohlen findet, trift man eine Art blaulichter Steine an, die man nicht zum Brennen brau- chen kan. In den Gruben, die schon lange angefangen sind, hat man schon so grosse weite Gaͤnge getrieben, daß sie zum Theil bis unter die Stadt gehen. Die Arbeiter arbeiten allemahl nur 6. Stunden, dann fahren sie aus, und werden von andern abgeloͤßt. Man unterscheidet die guten, grossen, und die kleinen, schlechten Steinkoh- len, und den Grus, oder das Pulver davon. Von jenen kostet der Elmer 22. Sous, von diesen nur 11. Sous. Um die Steinkohlen zu Tage auszufoͤrdern, ist uͤber den Gruben ein grosses Haus gebaut. Ueber der Oefnung ist eine Einfassung, wie an einem Brunnen. Der ganze uͤbrige Theil des Hauses ist mit einer Maschine an- gefuͤllt, die von 3. Pferden getrieben wird. Ein grosses Rad treibt einige andre kleinere, an denen haͤngen an Seilen grosse Eimer in die Grube hinab. Indem der eine herauf koͤmmt, sinkt der andre. Unten sind Leute zum Einfuͤllen, und oben zum Ausleeren. Die Pferde gehen so lange, bis ein Eimer heraufkoͤmmt, alsdann kan man sie durch einen eigenen Ton, an den die im Kreis gehenden Thiere gewoͤhnt sind, still stehen und wieder ge- hen machen. Die Grube, an der ich heute stand, war 110. Toisen tief, und doch waͤhrte es nicht lange, so kam B b 5 ein ein Eimer herauf. Man schlaͤgt unten, wenn er voll ist, einige kleine Ketten uͤbers Kreuz daruͤber, um zu verhuͤ- ten, daß sie nicht herausfallen. In den leeren Eimer, der wieder hinabgehen soll, thut man einige Hoͤlzer, um unten das Terrein zu unterstuͤtzen. Man zieht die Stein- kohlen mit Haken heraus, wirft sie mit Schaufeln in Schubkarren, und so werden sie in die Magazine gebracht, aus denen taͤglich eine Menge verkauft wird. Um aber das Wasser aus den Steinkohlengru- ben wegzuschaffen, so sind dazu eigentlich die grossen merk- wuͤrdigen Machines à feu, oder die Pompes à feu bestimmt, von denen die Koͤnigl. Akad. d. W. in Paris durch D. Morand ein eignes Buch mit vielen Kupfer- tafeln herausgegeben hat. Man bedient sich des Feuers und der Luft, um aus der Tiefe der Erde das Wasser herauszubringen, das sonst die Gruben anfuͤllen wuͤrde. — — So herrscht der Mensch durch seinen Verstand uͤber alle Elemente, und braucht das Eine, um das an- dre zu uͤberwaͤltigen. — Zu jeder von diesen Maschinen ist nicht weit von der Grube ein grosses sehr hohes Haus gebaut, das in eini- ge Stockwerke abgetheilt ist. Man sieht von weitem den Rauch, von denen die wirklich im Gange sind, schwarz- braun in die Hoͤhe steigen, denn man kan sie nach den Umstaͤnden und Beduͤrfnissen der Gruben stillstehen oder gehen lassen. Die Maschine ist groͤstentheils von Eisen, doch sind auch grosse hoͤlzerne Hauptbalken daran, und man versicherte mich, daß sie sehr viel Holz kosteten. Unten im Hause ist der Ofen, sodann koͤmmt der Kessel mit dem Cylinder, und weiter oben ist das Bassin, und der Konduktor fuͤr das hinaufgebrachte Wasser zum Hin- abfallen. Unten Unten ist ein Ofen, der bestaͤndig mit Steinkohlen geheizt wird. Der Kerl lies mich hinein sehen. Es war ein erschreckliches Feuer. Die Hitze spuͤrt man wohl, aber keinen Gestank. Entweder vertreibts der Wind gleich, oder ich war schon daran gewoͤhnt. Ueber dem Ofen ist ein Kessel mit Wasser einge- mauert, der nicht hoch ist, aber eine grosse weite Peri- pherie, und darunter einen sehr breiten Herd hat. Die Luft oder die Duͤnste, die von dem kochenden Wasser aufsteigen, sind es eigentlich, die da machen, daß das Wasser in den Pumpen in die Hoͤhe steigt. Denn alle diese Duͤnste steigen in einen weiten Cylinder, der uͤber dem Kessel haͤngt. — Dazu sind ringsherum am Kessel mehrere kleine Gaͤnge angebracht. Der Mann, der mir die Sachen wies, wollte mich die Menge und die Gewalt der Duͤnste, die von dem kochenden Wasser be- staͤndig aufsteigen, sehen lassen, oͤfnete daher eine von die- sen kleinen Roͤhren. Haͤtte er mir nicht vorhergesagt: Monsieur, n’ayez pas peur, so haͤtt’ ich geglaubt, ich muͤste hier in meinem naturhistorischen Beruf ersti- cken. Es fuhr eine solche ungeheure Menge Duͤnste mit einer so ungeheuren Heftigkeit heraus, daß ich erstaunen mußte. — Da kan man sehen, wie viel Luft im Was- ser steckt, und wie wenig sie sich pressen laͤßt, wie er- schrecklich sie verduͤnnt werden kan, wie gern sie sich in ei- nen weiten Raum ausdehnt. Doch im Cylinder wird diese Menge und Gewalt der Duͤnste gleich gedaͤmpft. Denn durch einen Hammer, der immer steigt und faͤllt, und durch eine eiserne Stan- ge, die bald vorwaͤrts geht, bald zuruͤckstoͤst, fließt be- staͤndig staͤndig aus einem Jet d’eau eine Quantitaͤt frisches Wasser in den Kessel, und nun zieht sich Der Stempel in den grossen Pumpen in die Hoͤ- he, und das Wasser steigt unten in die Pumpen, kan dann nicht mehr zuruͤck, und wird durch den Druck der Maschinen 700. Schuh hoch hinaufgetrieben. Oben fließt es durch einen Kanal in grosse Kuffen, aus denen es am Ecke des Hauses in Roͤhren herabsteigt, und in einen kleinen Bach fliest. Sobald man den Hammer haͤlt, so kan kein Wasser in den Kessel fallen, und die ganze Maschine steht still, faͤngt aber gleich wieder an, sobald man den Hammer spielen laͤßt. In den Steinkohlengruben bahnt man dem Wasser zur Maschine einen Weg mit Schiespulver. — Das Wasser sieht oben, wie leicht zu denken, sehr blaͤulicht- schwaͤrzlich aus, und reitzte mich gar nicht, es zu versu- chen. Mit dem Finger auf der Zunge spuͤrte man aber doch nicht viel Widerliches. Nachdem ich das gesehen hatte, konnte ich den Di- rekteur sprechen. Er wohnte noch eine kleine halbe Stun- de davon, empfing mich aber mit vieler Hoͤflichkeit, und versprach mir nach 3. Tagen alles in der Teufe zu zeigen, wenn ich einfahren wollte. Von ihm ging ich und besah L’Arsenal; ein altes Gebaͤude, aber mit Kriegs- werkzeugen angefuͤllt, auch wird noch bestaͤndig darin ge- arbeitet. Das Geschuͤtz liegt theils vor dem Hause, son- derlich die Bomben und Moͤrser, theils auf dem Walle. Weil ich aus der Intendence kam; so machte man gar keine keine Schwierigkeit, mir die vornehmsten Sachen zu zei- gen. Ich sah besonders einen Saal, in dem 37000. Flinten aufgeftellt waren. Er war fast so lang, als das Haus und hatte die voͤllige Breite. Die Flinten standen wie Buͤcher in einer Bibliotheck, hinten, und uͤbereinan- der. Eine Menge war fuͤr die Dragoner, die andern waren mit Bajonets versehen. Ich sah auch Spontons aus den Zeiten Ludwigs des XIV. sie waren hoͤher, als ich mir sie vorstellte, von duͤnnen biegsamen braunen Holz, oben eine Sonne von Stahl und dann der Spies darauf, auch eine Menge andrer Sachen, denen ich gerne Ruhe und stilles Lager wuͤnschte. — L’Hôpital general. Ein herrliches Viereck von Ludwig dem 14ten erbaut, ganz vortreflich eingerichtet, den Waisenkindern, den Armen, den Verruͤckten und zu- gleich den Gefangenen gewidmet. Der vierte Theil des Gebaͤudes ist noch leer. Im Hofe exerciren die Rekru- ten; dafuͤr zahlt das Regiment eine Summe an das Hospital. Durchs ganze hohe und lange Gebaͤude geht eine runde Oefnung bis unters Dach, um das Getreide hinauf zu bringen. Die Treppen sind aus dem blaulich- ten Steine, der hier haͤufig ist, und die Gaͤnge alle sehr breit, helle und herrlich gewoͤlbt. Die Stuben zum Schlafen, zum Arbeiten, zum Essen, sind alle sehr gros, und ungemein reinlich. Die Betten sind alle niedrig und mit weisgrauen wollenen Decken versehen, wie man sie hier in den Haͤusern durchgaͤngig hat. In den Ar- beitsstuben sah ich mit vielen Vergnuͤgen eine Menge Maͤdchen von 8.-14.-16. Jahren unter der Aufsicht eini- ger Frauen, den feinen Lein, den man hier baut, verar- beiten. Einige zwirnten, andre spannen, andre kloͤppel- ten ten die feinsten Spitzen daraus. Man sieht mit Er- staunen, wie kleine Kinder die schoͤnsten Desseins mit vie- ler Leichtigkeit und Geschicklichkeit machen. Jedes hat ein Kloͤppelkuͤssen mit braunem Papier vor sich, und ar- beitet oft mit 200, mit 400. Kloͤppeln, die alle aus Buchs- baumholz gemacht sind. Die Kinder sahen alle gesund, heiter und munter aus, waren wohl gekleidet, im Saal herrschte uͤberall Ordnung und Stille, und doch waren sie gar nicht schuͤchtern gegen den Fremden. Es ist unten eine eigne Kapelle fuͤr die Kinder, wo sie die Messe hoͤ- ren; an dieser Kapelle ist viel Baukunst, das Schiff der Kirche ist ein herrliches Gewoͤlbe. Die Maͤdchen und Frauen stehen oben auf einer Gallerie, die mit einem ei- sernen Gitter eingefaßt ist. Unter ihnen sitzen die Vor- steherinnen und Lehrerinnen auf Stuͤhlen. Hinter ih- nen sind die Knaben und Maͤnner, so daß sie jene oben gar nicht sehen koͤnnen. Der uͤbrige Theil der Kirche ist fuͤr die Leute aus der Stadt. Auch das Refectorium oder der Speisesaal ist fuͤr beide Geschlechter abgetheilt. Sie essen aus hoͤlzernen Schuͤsseln, und bekommen Bier aus grossen Schleifkannen. In der Kuͤche fand ich al- les sehr reinlich, und viel messingenes Geraͤthe. Man kocht ihnen viel Suppe, Gersten, Gemuͤse. Es sah al- les sehr appetitlich aus; man richtete eben die Suppe an. Das Brot war freilich in grossen Brocken eingeschnitten. Alle 14. Tage bekommen sie Kuhfleisch. In einer an- dern Stube war ein andrer bessrer Tisch fuͤr die Aufsehe- rinnen gedeckt. Fuͤr die Mannspersonen sind keine Leh- rer da, man laͤßt sie in der Stadt das Handwerk lernen, wozu sie Lust haben, sie kamen aber eben um halb 1. Uhr zuruͤck, und setzten sich zu Tische. Man fuͤhrte mich auch zu den Narren und Verruͤckten; denn der Bediente aus der der Intendance hatte von Mr. Dehault Befehl an alle Thuͤrhuͤter, mir alles zu oͤfnen. Diese Ungluͤcklichen ha- ben in einem andern Theile des Gebaͤudes auf einem schma- len Gange kleine Zellen oder kleine Winkel in der Wand, worin ein Bett und ein Stuhl steht. Gottlob! es waren nicht viele da, aber es war allemahl ein niederschlagen- der Anblick. Einige Mannspersonen standen im Hem- de in den Thuͤren und fragten den Thuͤrsteher, ob er denn nicht schon lange gestorben waͤre? ꝛc. Andre waren still und machten mir tiefe Verbeugungen. Unter denen ist ein andrer Gang fuͤr Weibspersonen, in diesen betruͤbten Umstaͤnden. Ueber diese ist auch eine Frau zur Aufse- herin bestellt. Da waren mehr als unten; sie hatten aber heute fast alle Lust bestaͤndig im Bett liegen zu blei- ben. Eine grosse, gutgekleidete Frau, wohlgebaut und nicht naͤrrisch aussehend, kam mir entgegen, und sing unverstaͤndlich an zu reden. Ein andres junges Frauen- zimmer lag wie immer, mit den Knien bis auf die Brust heraufgezogen, ganz still und ruhig auf dem Bett. — O Gott, es thut weh, daß man fuͤr solche Menschen nichts thun kan, als seufzen! Man wies mir ferner die unterirdischen Gewoͤlbe, die unter dem ganzen Hause durch- gehen, und zu den Magazinen fuͤrs Brot, Holz ꝛc. be- stimmt sind. Da fand ich viele Becker, die alle Tage backen, und, wie sie mir sagten, in jeder Woche 18. Saͤ- cke Roggen verbacken, jeder Sack wiegt 158. Pfund. Das Brot war sehr gut gebacken und schmeckte nicht uͤbel. Das Holzmagazin ging durch das ganze Gebaͤude fort bis hinten an die Schelde. Hierauf nahm ich La Statue de Louis XV. in Augenschein. Sie steht auf dem Platze der Stadt, der sehr schoͤn ist, auf der der einen Seite das Rathhaus und Komoͤdienhaus, und auf der andern ein grosses Gebaͤude hat, das von Kauf- leuten bewohnt wird. Die Stadt hat sie dem Koͤnige nach dem Frieden setzen lassen. Hat man die à la Pla- ce de Louis XV. in Paris gesehen; so kan die einem nicht sonderlich gefallen. Sie ist aus einem weissen Steine auf einem weissen Fußgestelle mit einer Grille ein- faßt. Der Koͤnig steht in Roͤmischer Kleidung mit nack- ten Fuͤssen da, streckt die rechte Hand von sich, und legt die Linke, in der er einen Degen haͤlt, auf eine kleine Saͤule. Die Innschrift ist lateinisch, und schon halb unleserlich. Kleidung und Fuͤsse sind das Schoͤnste am ganzen Stuͤcke. Le Rempart de la Ville mußt’ ich auch noch besu- chen. Er ist schmal, hat aber an den Seiten artige Spaziergaͤnge und einige Gaͤrten. Man hat eine Stun- de zu gehen, wenn man herum kommen will. Von da aus kan man die starke Befestigung der Stadt am besten uͤbersehen. Man findet viele Pulvermagazine und Ber- ge von Kugeln. Heute war grade der Inspecteur ge- neral da, der das Pulver waͤgen lies und Visitation hielt. Das Magazin uͤber der Porte à Tournay ist im Klei- nen gebaut, wie die Bastille in Paris. Le Fort des Canons heist der Theil, wo die meisten Kanonen liegen. Nur die beim Desertiren der Soldaten geloͤset werden, lie- gen auf Lavetten, die uͤbrigen Lavetten stehen im Zeug- hause, oder unterm Thore in der Citadelle. Mein Ge- schmack an Manufakturen trieb mich an, auch La Fabrique de Batiste zu besehen. Die Spi- tzenarbeiten der kleinen Maͤdchen im Hôpital general gefielen mir so wohl, daß ich nach den Weberstuͤhlen, wo Batist Batist gemacht wird, fragte. Es sind viele in der Stadt, man muß sie aber in Kellern unter der Erde su- chen. Man wies mich in ein Haus, wo er am besten gemacht wird; da fand ich auch statt der Kellerloͤcher grosse Fenster, die unten von der Erde schief heraufgingen. Ich konnte auf der kleinen Treppe nicht hinunter kommen, ohne Degen und Hut oben abzulegen. Ich fand 2. klei- ne Weberstuͤhle, auf denen wirklich gearbeitet wurde. Der eine webte, der andre fing an, seinen Zettel aufzu- spannen. Der Stuhl selber ist klein, hat nicht viele Theile; alle Werkzeuge sind fein, im Grund ist es ein gemeines Weben, nur daß der Faden so sein ist, daß man einen allein auf dem Finger kaum sieht. Auch das Schiffchen und die Spulen sind sehr niedlich, fein und nett. Es gehoͤrt viele Geduld zur Arbeit, denn man siehts kaum, wie das Stuͤck avancirt, und wegen der Feinheit reißt der Faden gar oft ab. Meine erste Frage war, warum man denn im Keller arbeite? und die Antwort war: die Feuchtigkeit, die auf die Arbeit im Keller faͤllt, sei zum Arbeiten unentbehrlich, man wuͤrde wegen dem oͤftern Zerreissen des Fadens nichts zu Stan- de bringen, wenn der Faden oben an der trocknen Luft duͤrr wuͤrde. Im Winter sei’s darin warm, man muͤsse frei- lich bei Licht arbeiten, und im Sommer sei’s doch sehr kuͤhl. Wenn man den Zettel aufspannt, wird er, eh man den Eintrag macht, mit einer Materie, die aus der feinsten Kleie mit Wasser, wie ein Brei gemacht ist, vermittelst zweier Buͤrsten uͤberstrichen, sonst zerreist er. Der Baum, auf den das Stuͤck gerollt wird, wird mit ei- nem weissen speckartigen Steine aus eben der Ursache ge- glaͤttet. Wenn der Faden zerreist, und der Arbeiter ei- nen Knoten machen muß; so hat er ein Stuͤck Schoͤpsen- C c talch talch bei sich, mit dem beschmiert er sich, auch wegen der Feinheit des Fadens, die Haͤnde. Auch haben sie har- tes glattes Holz, um die Instrumente zu glaͤtten. — Die Stuͤcke sind von verschiedener Feine, aber alle gleich breit, und alle 20. Ellen lang. Man verkauft den Ba- tist Stuͤckweis, der Preis richtet sich nach der Feine. Die Spitzen im Hôpital general werden Garnitu- renweis fuͤr Mannspersonen und fuͤr Frauenzimmer verkauft. Ich ward versichert, daß der Arbeiter sehr geschickt, und der Faden sehr stark seyn muͤsse, wenn er des Tags eine Elle machen wolle. Viele machen nur eine halbe Elle des Tags. Bemerkungen. Die Stadt selber ist ziemlich schoͤn, die Strassen sind gepflastert, meist breit, einige aber bergicht. Sie hat 5. Thore. Man sieht Bettler, aber doch wenige. Es ist Stadt- und Landwirthschaft bei einander. Der Staat ist maͤssig, die Leute, auch die von Stande, si- tzen unter den Fenstern an den Haͤusern und arbeiten. Es ist eine ganz andre Nation als die Pariser, ich war mit Vergnuͤgen bei ihnen. — Mein Wirth gab mir mehr, als wir akkordirt hatten. — Oft gab er mir seinen Sohn zum Wegweiser mit. Er entschuldigte sich wegen des Schreiens des kleinen Kindes, (das nicht gewickelt, son- dern nur in einer wollnen Decke mit Leinwand getragen wurde,) — wenn ich dadurch des Nachts waͤre gestoͤrt worden ꝛc. Das kam mir alles gegen Paris sonderbar vor. Ich freute mich aber herzlich, daß ich auch wieder bei bei Leuten war, die menschlich denken und menschlich han- deln. Der Ort ist eine Festung, und doch ist man nicht im Geringsten genirt. Die Leute rauchen aus langen Pfeifen auf den Strassen. Gemeine Soldaten und Of- fiziere sind hoͤflich ꝛc. Haͤtte das Pari ser Bureau mir meinen Kuffer geschickt; so waͤre ich jede Minute voll herzlicher Freude gewesen. Anjetzt machten die Leute erst ihr Heu. Das Re- genwetter hatte es verspaͤtet. Das Heu, das ich auf der Strasse, wie ich hierher reiste, fand, war auch alles schwarz. Man ladete es in den Strassen ab, und zog es an Seilen oben aufs Haus hinauf. Aber es hatte keinen angenehmen Geruch, ich fand auch Anthoxan- thum odoratum nicht darunter. So haͤufig, wie in Deutschland, ist die Pflanze hier gewis nicht. Mein Essen ward mit Holzkohlen gekocht. Das Kamin war in der Wohnstube. Das Feuer ohne Kosten zu erhalten, legt man um 1. Uhr eine Scheibe von Torf auf den Herd, so gros wie ein kleiner Teller, und so dick wie ein Schaafkaͤse, zuͤndet sie an einer Stelle an, das brennt langsam, bis Abends kostet es kaum den achten Theil, und man hat doch immer gluͤhende Kohlen zum Schwefelhoͤlzchen. Dazu nehmen die Leute hier aber kein Holz, sondern Hanfstengel, den ich hier stark bauen sah. Die Scheiben von Torf verkauft man hier noch etwas theuer; jeder Hauswirth aber kauft sie Tausend- weis. Auch hier sind die Namen der Strassen an den Ecken angeschrieben. C c 2 Den Den 17ten Jul. Diesen und den folgenden Tag hatte ich mir vorge- nommen auf dem Lande zuzubringen, um die Abtei St. Amand und die dabei gelegenen heilsamen Baͤder, und Moraͤste, die man mir in Paris als wichtig beschrieben hatte, zu besichtigen. Ich that die kleine Reise von 3½ Stunden am fruͤhen Morgen zu Fuß, und erquickte mich ungemein an den herrlichen Frucht-Lein- und Hanf- feldern, durch die der Weg hingeht. Gegen St. Amand hin, wird die Gegend etwas waldichter, sonst ist sehr wenig Holz da. Man findet ein Doͤrfchen, und ein klei- nes Staͤdtchen am Flusse Scarpe, die beide von der Abtei ihren Namen haben. Das Staͤdtchen hat einen schoͤnen Platz und ein praͤchtiges Rathhaus. Die hohen alten Thurmspitzen der Abtei sind schon von weitem sicht- bar. Das Wichtigste darin ist Die Kirche der Abtei St. Amand. Der hl. Amandus, der den franzoͤsischen Koͤnig Childerich, wie man mir sagte, taufte, hat hier eine Augustinerab- tei, worin wirklich 50. Moͤnche sind, gestiftet, und zu der Kirche, die selbst von Blondel als ein Meister- stuͤck der Baukunst betrachtet wurde, den ersten Grund gelegt. Vor 113. Jahren hat der Abt Don Nicolas Dubois sie zu der gegenwaͤrtigen Pracht erhoben. Der jetzige Abt ist aus dem Hause Stuart und Ritter vom St. Georgen -Orden. Die Kirche ist 400. Schuh lang, uͤber 200. Schuh breit, und erstaunend hoch. Der Chor ist eigentlich Kirche uͤber Kirche, denn unter dem gegenwaͤrtigen Chor ist noch die ganze alte Kirche vom Abt St. Amand wirklich vorhanden. Man braucht ei- ne volle Stunde, wenn man alles besehen will, und am besten besten ists, wenn man im Chor anfaͤngt. Die Kirche hat uͤbrigens, wie fast alle, die Form eines Kreuzes. Fuͤr die Stadt ist noch eine eigne Kirche, und eine eigne fuͤr das Doͤrfchen da. Steigt man erst aus dem Chor durch grosse Treppen in die alte Kirche hinunter; so koͤmmt man in ein man- nichfaltiges, leeres, sehr kuͤhles Gewoͤlbe, worinnen noch der schlechte Stein zum hohen Altar und die Seiten-Ka- pellen sind. Auch ist ein Brunnen da, — ein grosser Kasten, in dem alle Gebeine der Moͤnche dieser Abtei aufbewahrt werden, die im 11ten Jahrhunderte von den Gothen sollen umgebracht worden seyn, und jetzt als Maͤrtyrer betrachtet werden. Auch ist ein Grab- mahl vom Grafen Egmont darin, der in Utrecht lebte und hier begraben ist. Jetzt dient diese alte Kirche nur zum Begraͤbnis der Moͤnche dieser Abtei. Ueber dieses Gewoͤlbe hat man denn vor 113. Jah- ren, eine solche ungeheure Masse aufgefuͤhrt, daß die Gewoͤlber, die doch so dick und stark sind, sich gesenkt ha- ben. Man sieht es an einigen Saͤulen, daß nicht alles mehr wasserpaß ist. Man nennt es La Voute ecra- sée oder les Colonnes fondues, ou abaissées. In- des hats keine Gefahr. Man kan aber daraus auf die Groͤsse der obern Kirche den Schlus machen. Der Chor ist so hoch, daß man 430. Stuffen in die alte Kir- che hinab zu gehen hat, und in die neue Kirche fuͤhrt auch eine ungeheure grosse Treppe von schwarzem Mar- mor herab. In diesem Chor ist nun der Hochaltar unbeschreib- lich schoͤn, reich und praͤchtig. Oben geht die Gallerie, C c 3 die die durch die ganze Kirche an den Saͤulen herumlaͤuft, auch uͤber ihn weg, er geht aber uͤber der Gallerie immer weiter hinauf. Darneben sind 2. Wandschraͤnke auf je- Seite, und in jedem die allerkostbarsten mit Gold. Edel- steinen und der feinsten Arbeit beladene Caisses von al- lerlei Fa ç ons, mit Deckeln, mit Fuͤssen ꝛc. fuͤr die Reli- quien ihrer Heiligen, des St. Amand seine ist die aller- praͤchtigste, der hl. Ursula, Cyr ꝛc. ihre, sind auch da. Zu beiden Seiten sind die Stuͤhle fuͤr die Pfaffen, und hinter denen an den Lehnen das allerkuͤnstlichste und natuͤrlichste Schnitzwerk in braunen Holz. — Eine ungeheure Arbeit! Pflanzen, Kroͤten, Fische, Krebse sind so natuͤrlich, so fein ausgeschnitten, daß man gerne da verweilte, und das allein betrachtete. Hinter diesem Chor ist noch ein kleiner, wo uͤber dem kleinen Hochaltar ein Gemaͤlde von Jordans haͤngt, das Maria mit ihrem Sohne vorstellt. Er ist etwa ein Jahr alt, lernt gehen, hat das blonde Haar der Kin- der, einen bloßen Kopf, sie faßt ihn so in der Mitte, ist nur haͤuslich angezogen ꝛc. Man kan nichts natuͤrlicher sehen. An der grossen Treppe aus dem Chor herab, sind zu beiden Seiten in Alabaster die Todesarten jener Moͤnche unter den Haͤnden der Gothen, ausgearbeitet. — Die Feinheit, die Mannichfaltigkeit uͤbertrist alles. Geht man oben auf den breiten Gaͤngen vom Chor weg nach den Seitenaltaͤren, die an den aͤussersten Enden der Kirche stehen, so findet man da auf dem Weg an der Wand ein Gemaͤlde von Pauli Taufe. Ana- nias, nias, Paulus, der Junge, der Wasser in der Schuͤssel bringt, alles verraͤth den hoͤchsten Gipfel der Kunst. Schade, daß der Verfasser den Maler nicht angab. Herausgeber. An den beiden Altaͤren sind braune Marmorsaͤulen, mit vergoldeten Laubwerk umschlungen, und in der Mitte haͤngt an jedem auf einer langen Tafel ein praͤch- tiges Gemaͤlde von Rubens, der viele Jahre hier gear- beitet hat. Das am Altar rechter Hand stellt Stepha- ni Maͤrtyrertod vor. — Er liegt halb zusammenge- stuͤrzt da, sieht noch unten herauf gen Himmel. — Je- sus erscheint oben, man meint, er komme herab. — Ein Engel koͤmmt, und haͤlt ihm schon einen Siegeskranz uͤber das Haupt. Die ergrimmten Juden! Ach! einer hebt einen so schweren Stein auf, daß er ihn mit beiden Haͤnden kaum in die Hoͤhe heben kan, und will ihn so recht aufs Hirn treffen. — — Ach, man weis nicht was man sagen soll! — Es ist von Rubens — von Rubens! Von da weg gegen den Altar auf der linken Hand zu, geht man unter der Orgel unter einem Gewoͤlbe durch, das in der Mitte sehr weit ausgeschnitten ist. Sonst sind alle Gewoͤlber durch den Schlusstein in der Mitte fest; dies hier hat aber in der Mitte eine grosse Run- dung, und ist nur an den 4. Ecken und Seiten fest, und unten sieht man deutlich, daß es ein grosses Gewoͤlbe ist. An dem Altar linker Hand ist ein Gemaͤlde auf Holz, ebenfalls von Rubens, das man herum drehen kan. Es geht in der Mitte auf einem Gewinde herum, und praͤsentirt C c 4 auch auch die hintre Seite. Jenes am Altar rechter Hand ist auf Leinwand und viereckigt, ist fest ꝛc. Auf der einen Seite bildet dieses Gemaͤlde wieder zweierlei ab: Ste- phani Predigt in der Rathsstube und sein Begraͤb- nis. In der Mitte ist eine Scheidung. Die Reli- gionswuth der juͤdischen Tartuͤffen, — aber noch mehr sein gluͤhendes Gesicht, — und nachher sein todter, schlap- per, zermalmter, welker Koͤrper, — im grauen Leichen- tuch, — ein alter Mann, der sich aufs Grab setzt, ihn dem andern abnimmt, allein zu halten scheint — — Ach, keine Sprache sagts ganz, was Rubens Pinsel ausdruͤcken kan! da ist die Natur im Kolorit! — Auf der andern Seite ist die Verkuͤndigung Mariaͤ. — Neben dem grossen Engel mit Fluͤgeln, sind noch verschie- dene kleinere. Diese beiden Gemaͤlde sind gewoͤhnlich durch einen Vorhang bedeckt. Es ist aber unten ein klei- nes Thuͤrchen, wo man den Vorhang durch eine Maschi- ne auf der Walze aufrollen kan. Man laͤßt diese Ge- maͤlde nur an hohen Festtagen sehen. Alle Saͤulen in der Kirche sind vierfach und hoch. Oben laͤuft an ihnen eine Gallerie herum, die man nicht schoͤner sehen kan. Ueber jenem kuͤnstlichen Gewoͤlbe ist die Orgel, und oben an der weissen Decke viel Stukka- turarbeit, hier und da vergoldete Sterne auf einem blauen Grunde, die sich herrlich ausnehmen. In der Mitte der Kirche hat die Decke eine rund ausgeschnittne Oefnung, die ganz bemahlt ist, viel feiner als man se- hen kan, und bis auf eine bewundernswuͤrdige Hoͤhe fort- geht. Aber Kanzel und Taufstein sind in dieser Kirche nicht. Die Moͤnche lesen Messe, brummen ihre Vê- pres pres und Horas, und sind zum Predigen und Katechi- siren zu faul. — Welch ein Unterschied zwischen diesen und den ersten Zeiten der christlichen Kirche! Christus und seine Apostel hatten kein andres Geschaͤft, als den Unterricht des Volks. Fuͤr sie war jeder Ort gut genug. Die katholische Religion baut ungeheure Tempel, schmuͤckt sie mit allen Werken der Kunst, uͤberzieht sie mit Gold, und laͤßt sie das unwissende Volk angaffen. Die Bibliothek der Abtei St. Amand. Ei- ner von den Moͤnchen ging bei mir vorbei, als ich in der Kirche etwas in meine Schreibtafel schrieb. Da dachte er vielleicht, der duͤrfte wohl kein Laye seyn, und befahl dem Pfoͤrtner, mir auch ihre Bibliothek zu zeigen. Ich fand einen grossen, schoͤnen, hellen Saal, wo alles wohl eingerichtet war. Ueber jedem Schranke stand eine Ta- fel mit der Inschrift der Materie der Buͤcher. Die Buͤ- cher aus meinem Fache standen bei der Medizin. Viel Moralisten, Ascetiker, Kirchenvaͤter ꝛc. waren da. Ue- ber dem Eingange stand das Motto: Sapientia aedi- ficavit sibi domum. In dem Gebaͤude selber sind Brunnen und Fontainen vor den Thuͤren. Nachmittags reißt ich von da ab, und ging Les Fontaines de l’Abbaye St. Amand zu be- sehen, die eine halbe Stunde davon liegen. Vor dem Thore des Staͤdtchens auf dieser Seite findet man Schif- fe auf der Scarpe, die 100. Schuh lang, 14. Schuh und 7. Zoll breit sind, nach Cale, Lille ꝛc. gehen, und Steinkohlen, Holz ꝛc. hohlen. Man findet ein Dorf, das 2. lange Strassen hat, die wie ein Winkelhaken, an- einander stossen. Fast alle Haͤuser sind Aubergen, Caba- rets, Traiteurs ꝛc. Die vornehmsten sind: Le petit C c 5 Ver- Versailles, la Chasse Royale, le Palais Royal etc. ich logirte au petit Versailles. Eine Parochial- kirche, etliche Teiche, ein Hospital fuͤr die Soldaten, Al- leen im Walde ꝛc. findet man da, und wegen des Bades kommen Leute von verschiedenen Nationen hierher. Ich sah einen Spanier da, der ohngeachtet der ausserordent- lichen Hitze eine dicke sammtene Weste recht wohl zuge- knoͤpft, uͤber seinem Bauche trug. Die Baͤder, die man hier braucht, sind von zweierlei Art: I) Les Boues minerales, oder le grand Marais. Eine so sonderbare Sache, daß man’s fast, ohn’ es zu se- hen, nicht glauben kan. Am Ende des Dorfs vor dem Walde liegt ein grosser, schwarzer, dicker, stinkender, mit Quellwasser uͤberflossener Morast, der nach langen und vielen Erfahrungen fuͤr allerlei Krankheiten, Schaͤ- den, fuͤr das Huͤftweh, fuͤr jambes tortues, fuͤr die Folgen eines Falls, fuͤr Nervenzufaͤlle, fuͤr Gliederschmer- zen ꝛc. gut ist. Ueber diesen Morast hat man ein hoͤl- zernes Haus gebaut, das gar keine Mauren, an allen Seiten nichts als Fenster, und oben ein Schieferdach hat und in den Morast hat man Balken, der Laͤnge und der Quere nach, gelegt, damit er ein bischen fest wuͤrde, weil unten kein fester Boden, und noch eine Menge Quel- len sind, aus denen an allen Orten bestaͤndig Wasser her- aufquillt. Auf einem von den Querbalken ist inwendig im Hause eine Abtheilung, oder Verschlag, halb so hoch, als das Haus ist, gemacht. Der Raum hinter dieser Bretwand ist den Soldaten und andern gemeinen Leuten uͤberlassen. In der vordern Haͤlfte ist der Morast ver- mittelst der Balken in kleine Zellen oder Quarre’s abge- theilt. Jedes Stuͤck des Morasts ist mit einem Reif uͤberspannt, uͤberspannt, an dem Reif haͤngt die Nummer auf einem Kartenblatt, und uͤber dem Reif ein Tuch, das dem, der in dem Morast sitzt, zum Umhange dient. Fuͤr jede Person sind etwa 2. Quadratschuhe Raum. Solcher Abtheilungen sind an die 200. in dem Hause. Die Kran- ken setzen sich mit den Fuͤssen, mit den Schenkeln, man- che mit dem halben Leibe hinein, manche stecken bis an Hals darin, manche halten nur das kranke Glied hinein ꝛc. Man setzt sich des Morgens um 9. Uhr, oder, wenns da noch zu kalt ist, Nachmittags um 1. und 2. Uhr hinein, und bleibt 3-4. Stunden darin. Setzt man sich nur mit den Fuͤssen hinein; so zahlt man fuͤr jedes Morast- bad 15. Sous; setzt man sich bis an Hals hinein, 25. Sous. Die Badenden lesen, singen, plaudern darin; die Soldaten schreien, laͤrmen, jauchzen ꝛc. Kommen sie heraus, so sehen sie wie gemahlte Teufel aus. Un- ten in dem Hause sind Kammern mit Roͤhren und Was- serwannen, da waͤscht man sich dann ab, zieht sich an, und geht spazieren. Die meisten sitzen nackend darin, einige verhuͤllen sich oben. Alle sagen, es sei darin sehr warm; man spuͤre aber gleich nach einigen Tagen Linderung. Wer zum erstenmahl hinein kommt, spuͤrt einen haͤslichen Gestank, wer aber alle Tage hineingeht, gewoͤhnt sich gleich daran. Fenster laͤßt man nicht aufmachen. An den Thuͤren sind die gedruckten Befehle daruͤber von Mr. Taboureau angeklebt, wo auch die Preise von allen Sa- chen den Wirthen vorgeschrieben sind. — An Per- sonen, die alle Tage die Boue brauchen, merkt man nicht den geringsten Geruch. In der Boue selber haben freilich viele die Tobacksdose offen neben sich stehen. Die Reflexionen uͤber diese ganze Gegend gehoͤren in die Naturgeschichte; aber wie gut ist Gott! Auch im Mo- rast rast ist Arznei, ist Staͤrkung, und Linderung fuͤr den Menschen! II) Les Eaux. Neben dem Morast ist ein noch viel groͤsseres Haus fuͤr die Wasser von St. Amand. Man sieht in die Quelle hinunter; darneben sind Kuͤchen, Kessel, eine Menge Badezimmer, oben Saͤle, Platz fuͤr Kaufleute, Buchlaͤden ꝛc. Der Grund der Quellen ist ein beweglicher Sand; man kan nie auf den Boden kommen. Es ist der naͤmliche schwarze Morast, wie darneben, nur daß oben eine groͤssere Menge Wasser ist. Um das Haus zu bauen, hat man ebenfalls den Morast durch viele verbundene Balken erst fest machen muͤssen. Das Wasser ist nicht uͤbel zu trinken, es schmeckt ein Bischen brenzlicht, weil viel Oel von der Natur darin verbreitet ist. Am Hause steht das franzoͤsische Wap- pen, und eine Inschrift des Inhalts, daß die Roͤmer be- reits diese Quellen gekannt haͤtten, daß sie aber nachher in Vergessenheit gerathen, im Morast versunken, aber unter Ludwig dem Grossen, durch den Marschal von Bouffleur, der Commandant general de Flan- dres war, 1698. wieder erbaut und eingerichtet worden waͤren. Die Schildwachen, die an den Alleen im Wal- de stehen, sind blos wegen der Soldaten da, damit diese nicht entwischen; diese duͤrfen daher auch da nicht spazie- ren gehen. — Im Walde ist eine Quelle so voller Schwefel, daß sie in wenigen Minuten ein Silberstuͤck ganz goldgelb macht, und nur ein paar Schritte davon ist eine ganz gesunde Quelle. Das Reisen und die Hitze hatten mich so muͤde, schlaff und schmutzig gemacht, daß ich mir auch eine Badstube oͤfnen lies und mich ¾ Stunden lang in ein kaltes Bad setzte. setzte. Das kostete 30. Sous. Ach wie gut waͤr’s, wenn man alle 8. Tage dies herrliche Staͤrkungs- und Reinigungsmittel haben koͤnnte! Ich fand, daß das Was- ser sehr schwer ist; ich kam aber so frisch, so munter her- aus, als wenn ich gestaͤhlt waͤre. Den 18ten Jul. Schon Morgens um 4½. Uhr war ich in dem liebli- chen Walde und ging spazieren. Die Leute schonen das bischen Holz nicht genug. Um 6. Uhr ward die ganze Kuhherde mitten in den Wald getrieben. Polizei ist uͤberhaupt keine hier, denn mit dem fruͤ- hen Morgen faͤngt schon das allerunverschaͤmteste Betteln an, und waͤhrt bis in die sinkende Nacht. Als ich aus dem Walde zuruͤck kam, solt’ ich im Ernst katholisch werden, — der Abbe’ Chatelain de l’Archeveché de Paris mochte, wie ich vermuthe, durch etliche Damen, mit denen ich gestern Abends sprach, ohne mich im geringsten zu erkennen zu geben, aufmerk- sam auf mich gemacht worden seyn, kam daher aus einer andern Auberge auf mich zu, fing gleich von der Religion an und fragte mich: warum ich nicht katholisch wuͤrde? Der Discours nahm aber in dem Augenblick, da ich ihm sagte, daß ich nicht blos naturhistorische Kenntnisse sam- melte, sondern auch Theologie studirt haͤtte, und durch die Kirchengeschichte vor dieser Religionsveraͤnderung be- wahrt waͤre, eine ganz andre Wendung, als er vielleicht vermuthete. Er wunderte sich, daß Boßuets Expo- sion de la soi etc. und seine Histoire des Varia- tions tions, mich nicht uͤberzeugen koͤnnten. Er fuͤhrte mir Heinrich des 4ten Beispiel an, der das Sicherste ge- waͤhlt haͤtte ꝛc. Er fragte mich, was ich denn an der katholischen Kirche auszusetzen haͤtte, da ich ihm selbst ge- stand, daß ich glaubte, viele tausend Katholicken wuͤrden selig werden. — Ueber die Maͤrtyrer, uͤber der Heiden Schicksal, uͤber Juda ’s, uͤber die Authoritaͤt der Paͤbste ꝛc. waren wir nun freilich sehr verschiedener Meinung, und da klebte er fest an den groͤbsten Vorurtheilen. Aus- serordentlich betreten war er, als ich ihm versicherte, das Resultat unpartheiischer Untersuchungen in der Kirchen- geschichte waͤre, daß es sich nicht beweisen lasse, daß Pe- trus je in Rom gewesen sei. — Die historische Erklaͤ- rung der Stelle Matth. XVI. 18. war ihm auch neu. Ueber die Stelle im Daniel von den Allmosen stritten wir auch lange. — Zuletzt wurden wir aber gute Freun- de, und er versprach mir seine taͤgliche Fuͤrbitte mit den besten Wuͤnschen auf die Reise. Ich muste ihm meine Addresse auf eine Karte schreiben, und er bat mich sehr, wenn ich je wieder nach Paris kommen sollte, ihn zu be- suchen, und ihm auch einmahl zu schreiben. Wir waren darin einig, daß nur allein die Religion, und ihre Beleh- rungen von Jesu Christo Trost fuͤrs Herz gaͤben. Er bat mich sehr, ihm nicht uͤbel zu nehmen, daß er gleich davon angefangen haͤtte, er sei es seinem Glauben schuldig ꝛc. Er ging an der Kruͤcke nach dem Morast, weil er auf dem Eise in Paris gefallen war. Vier und sechzig Erklaͤrungen, sagte er, habe man von den Einse- tzungsworten aufgestellt ꝛc. Beim Weggehen fiel mir der Mann recht zaͤrtlich um den Hals und versicherte mich, daß er mich sehr ungern da wieder verliere, wo er mich kaum gefunden habe. Auf Auf dem Ruͤckwege bemerkte ich so hohen und schoͤ- nen Lein, daß mir die meisten Stengel bis an die Brust reichten, aber der Hanf stand noch sehr niedrig. Den Lein rupft man auch aus, legt Stecken, Reiser ꝛc. auf das Feld, breitet ihn darauf aus, und laͤßt ihn liegen, bis er recht trocken ist; dann macht man kleine Buͤndel daraus, und stellt viele von diesen in groͤssere Haufen zu- sammen. Bei der Abtei St. Vicorne (andre sprechen Vi- cogne ) fand ich auf der Strasse ein Kreutz mit einem Todtenkopfe und der Inschrift: Ici est mort subite- ment le XVII. Decbr. 1770. Amand Chotieau, Peruquier à St. Amand. Nah dabei steht im schoͤn- sten Felde die Abtei St. Vicorne, ich ging hinein, und besah Die Kirche dieser Abtei. Wiewohl sie die Pracht jener von St. Amand nicht hat, so fehlt es ihr doch auch nicht an eignen grossen Schoͤnheiten. Der Fußboden ist ganz von schwarzen und weissem Marmor; 10. viersache weisse Saͤulen tragen im Schiff der Kirche die obere Gal- lerie, und auf jeder steht eine herrliche Statue von Apo- steln oder Heiligen. Mitten in der Kirche befindet sich ein Weihkessel von braunem Marmor, weiter in der Pe- ripherie als die groͤste Brunnenschale, in der Mitte steht ein Gueridon von schwarzem und weissem Marmor. Hin- ter den Saͤulen ist an den beiden Gallerien eine unbe- schreibliche Pracht, eine unendliche Arbeit; alles ist voll von Bildern. Alle Leisten sind vergoldet, mit einem blauen Grunde darzwischen. Das Praͤchtigste im Schiff der Kirche aber ist das Gewoͤlbe uͤber der Thuͤre, fuͤr die Orgel. Es ist inwendig mit Marmor bekleidet, und 8. Mar- 8. Marmorsaͤulen tragen es. Die Orgel selbst uͤbertrift alles, was man in Versailles, St. Denys, St. Amand in der Art haben kan. In dem Gewoͤlbe sind alle musikalische Instrumente stark vergoldet angebracht. Die Orgel hat 2. Etagen von braunem Holz. Das macht mit den Pfeifen, mit dem goldnen Blaͤtterwerk, mit den kleinen Statuͤen, die oben und an den Seiten stehen und wieder eine eigne kleine Orgel halten, einen herrlichen Anblick. Sie ist 1734. gebaut worden. — Der Ein- gang ins Chor hat viele Stufen, und das Gewoͤlbe druͤber ist wieder uͤberladen. Das uͤberhaͤngende Ge- woͤlbe gibt ihm ein dunkles, majestaͤtisches, perspektivi- sches Ansehen. Ueber jedem Stuhl der Paters ist eine silberne, sehr fein gearbeitete grosse Reliquienkapsel und eine rothsammtne Kapsel darneben, an wel- cher der Name des Heiligen steht. — Am Hochaltar sind Aufsaͤtze uͤber Aufsaͤtze. Alle Flaͤchen und Gesimse wechseln mit Gold, Silber, schwarzen, weissen Marmor und Malerei ab. Hoch oben ist Christus in seiner Herr- lichkeit gemahlt. Dem gegenuͤber steht uͤber der Thuͤre ein grosses Krucifix mit Edelsteinen. Man muß geste- hen, so ein grosses Gemaͤlde von Christo in seiner Kirche, sollte doch in grossen protestantischen Kirchen nicht so was seltenes seyn, als es wirklich ist. — Die Nebenaltaͤre sind ebenfalls mit gewundenen und kannelirten, zur Haͤlf- te vergoldeten Saͤulen herrlich geziert. Man findet auch sonst in dieser Kirche noch eine Menge Buͤsten von Aeb- ten mit vergoldeten Muͤtzen und Staͤben; — Herrliche Gemaͤlde von Blasii (des Schutzheiligen) Enthauptung, von Christi Einzug, Hinausfuͤhrung, Noli me tange- re \&c. Kanzel und Taufstein sind nicht in dieser Kirche, — als wenn die Moͤnche nicht auch noͤthig haͤt- ten, ten, daß ihnen zuweilen geprediget wuͤrde, als wenn sie nicht eigne Pflichten, eigne Suͤnden, eigne Gefahren, eigne Reizungen haͤtten. — Ueberall sind Grabstei- ne mit Inschriften. Kurz, kein Fuͤrst in Deutschland hat so eine kunst- und prachtvolle Kirche, als hier diese Pfaffen. Die Abtei haͤlt sehr grosse Schaafheerden. Als ich hierauf nach Hause kam, fand ich meinen Kuffer. Er war am 17ten Abends, mit der Post von Paris gekommen, also wirklich dort vergessen worden. Mit unendlichem Vergnuͤgen sah ich ihn nun auf meinem Zimmer, und machte noch diesen Abend einen sehr wich- tigen Gebrauch von den darin befindlichen Pari ser Brie- fen. Der Directeur des Carosses pour Bruxelles, Mr. Maladery, Rue de Cambray, vis à vis le Lion d’argent, bei dem ich einen Platz nach Bruͤssel bestellte, forderte einen Paß, ohne den ich nicht aus Frankreich kommen wuͤrde. In dieser neuen Verlegen- heit ging ich wieder zu Mr. Dehault, der nicht ermuͤ- dete, sich meiner anzunehmen. Er fragte, ob ich gar keine pieces justificatives haͤtte, ich holte meine Brie- fe hervor, er sah sie an und schrieb mir ein Billet an Mr. Maladery; der war damit zufrieden, verlangte keinen Paß mehr, und gab mir ein Kartenblatt, worauf stand: Laissez passer le porteur du present billet. Ferraud. Mr. Ferraud ist Commandant general de la Place. Dieses Billet sollte ich am Thore abgeben, und nun nahm ich Abschied von dem lieben Mr. Dehault, den ich ungern verlor, und nie vergessen werde. — Aber so viel Schwierigkeiten hatt’ ich, nur um aus dem Koͤ- nigreiche zu kommen! D d Bemer- Bemerkungen. Die Leute haͤngen hier den grossen Hunden ein Kummt an, und spannen sie an Schubkarren, in die man allerlei ladet, man treibt sie dabei mit der Peitsche, wie die Pferde. Eine sehr vernuͤnftige Gewohnheit, wenn der Staat doch so viele von diesem Geschlechte ernaͤhren soll. — Den Merrettig richtet man hier mit Weinessig zu, aber er ist doch gut. Und am Fasttage Stockfisch dazu zu essen, ist warlich kein schlechtes Futter. Auf dieser Reise hatt’ ich auch Gelegenheit, ein in Deutschland, so viel ich weis, nicht bekanntes Insekt kennen zu lernen, wovon ich dann eine genaue Beschrei- bung fuͤr die Gesellschaft in Berlin verfertigte. Den 19ten Jul. Das war der Vormittag, den ich dazu bestimmt hatte, in die Steinkohlengruben zu fahren. Mr. Matthieu und sein Sohn hatten Geschaͤfte, sie konnten mich nicht begleiten, gaben aber dem Aufseher uͤber die Arbeiter, dem Steiger, wie wir in Deutschland sa- gen, Mr. Boisseau, einen schristlichen Befehl, mit mir in die Fosse du Jardin, weil das die schoͤnste und reich- ste ist, einzufahren. Sie heist so, weil ehemals an dem Platz, wo jetzt die Grube und die Feuermaschine ist, ein Garten war, man hat aber Baͤume und alles weggehauen. Mr. Matthieu, — der vor 48. Jahren zuerst die Ent- deckung dieses wichtigen Minerals in dieser Gegend mach- te, — meinte, daß ich am sichersten waͤre, wenn ich au panier panier (im Korbe) einfuͤhre. Boisseau widerrieth mirs aber, weil die Seile am Korbe schlecht waͤren; bequemer waͤr’s freilich gewesen, aber weil bei solchen Expeditionen man auf die Bequemlichkeit Verzicht thun muß, so waͤhl- te ich den andern Weg, par les Echelles (auf den Fahr- ten) und so fuhr ich zwischen ihm und noch einem Mi- neur, der den Arbeitern die bleierne Zeichen fuͤrs Bu- reau austheilt, in Zeit von einer starken Viertelstunde 660. Schuh, oder 110. Toisen, (6. Schuh auf die Toise gerechnet) in die Teufe. Man gab mir graue Ueberho- sen, ein graues Westchen, daß vorne durch einen Nestel zugemacht wurde, eine Muͤtze, und einen Schlapphut; — so komisch hab ich in meinem Leben nicht ausgesehen. Meine Kleider wurden indessen oben in einem Kuffer verschlossen. Die beiden Fuͤhrer nahmen ihre Lichter auf den Hut, der hintre muste noch 3. zum Vorrathe mitneh- men, und so fingen wir an einzufahren, um halb 9. Uhr. Die ersten 40. Toisen ging der Weg gerade ne- ben der Wasserpumpe hinab; da war’s nicht anders, als waͤr’ ein kuͤnstliches Donnerwetter um mich herum. Das bestaͤndig herabsallende Wasser macht naß, wie der Re- gen, und die Schlaͤge der Maschine sind in dem hohen engen Schachte so heftig, wie der Donner am Himmel. Von da gehen die unterirdischen Gange an, die man in die Steinkohlenminen getrieben, und jetzt mit Holz aus- gezimmert hat. Die Mine streicht immer von Morgen gegen Abend, oder je nachdem man sich stellt, von Abend gegen Morgen, und enfoncirt sich gegen Mittag. Die Ader von diesem Gange ist 3. Schuh, oder nach dem Decimalmaas 30. Zoll breit oder maͤchtig, es gibt andre, die nur 25. 20. Zoll maͤchtig sind. Jede Ader wird in D d 2 ver- verschiedenen Stockwerken uͤbereinander gebaut; und alle diese schon ausgeleerte Gaͤnge sind jetzt oben und zu beiden Seiten mit Holz ausgezimmert und unterstuͤtzt, damit die Steine von beiden Seiten nicht hinabfallen und den Weg verschuͤtten. Jedes Stockwerk hat eine Treppe, auf der man trocken, bequem, und sicher hinabsteigen kan. Von einem Stockwerke zum andern geht ein klei- ner Weg mit einer Thuͤre, wo man freilich nicht aufrecht stehen kan. Aber zwischen 2. Lichtern in der Mitte kommt man recht gut fort, und sieht zu beiden Seiten immer die Reste von der alten schon lange ausgeleerten Grube. In diesen unterirrdischen Gaͤngen ist’s so still, so ruhig. — Man hoͤrt und sieht nicht was oben vorgeht. Recht ma- jestaͤtisch, dunkel, schweigend, siehts uͤberall aus. Die Arbeiter, die unten ihr Tagwerk haben, begegnen einem, und diese Leute sind es so gewohnt unter der Erde zu seyn, daß sie mit ihrem Licht auf dem Hut herumkriechen, wie wir in Zimmer herumgehen. Da wir endlich unten an der Gallerie waren, oder an der Grube, die wirklich gebaut wird, so fuhren wir: 1) linker Hand hin nach dem Schachte, wo die Kuͤbel herabgehen und hinaufstei- gen. Und Beides sah ich da in der Tiefe von 660. Schuh, wie ichs oben auf der Oberflaͤche der Erde gese- hen hatte. Und doch gingen die Kuͤbel noch viel tiefer hinab, und man sah die Lichter der Arbeiter in einer un- geheuren Entfernung, sehr klein, im Dunkeln aber lieb- lich schimmern. 2) Dann fuhren wir rechter Hand in den mit Holz ausgezimmerten Gang hinein, bis wir die Arbeiter wirklich antrafen. Das war ein Weg von 140. Toisen oder 840. Schuh unter der Erde. Durch den Kompaß weis man, in welcher Gegend man ist. Wir Wir fuhren unter der Schelde weg, ohne einen Tropfen Wassers zu sehen, unter einem grossen Flusse, ohne naß zu werden. Freilich kan man in diesen Wegen nur sel- ten grade stehen. Man muß sich fast immer zwiefach zusammen biegen, auf ein kleines Holz stuͤtzen und so fort- kriechen. Zuweilen muß man sich niederlegen, und auf allen Vieren, wie die Baͤre, daher kriechen. 3) An der Grube sah ich deutlich das Haͤngende und das Lie- gende, oder die zwei Steinarten, zwischen denen die Steinkohlen brechen. — Die Leute sitzen da, schwarz wie man Teufel mahlt, und verrichten wahrhaftig saure Arbeit. Das Licht steht neben ihnen, jedem ist die Hoͤhe seiner Arbeit durch ein Bret, das uͤber einen Bengel, der zwischen dem Hangenden und dem Liegenden einge- macht ist, liegt, vorgezeichnet, uͤber ihm sitzt noch einer, uͤber dem wieder ein andrer; — so sieht man hier und da Lichtchen, und hoͤrt sie an den festen harten Steinen haͤmmern. Sie treiben, wenn sie erst unten lange mit dem Spitzhammer losgehackt haben, grosse starke eiserne Keile hinein, und spalten dadurch ihr Stuͤck, dann bre- chen sie grosse starke Stuͤcke heraus, und klopfen diese wie- der klein. Ich hab’s selber versucht, ein Stuͤck los zu schlagen, und erfahren, daß es wirklich harte Arbeit ist. 4) Was nun aus der Grube losgebrochen worden ist, wird in grosse Kuͤbel mit Schaufeln geworfen, und diese muͤssen eigne dazu bestellte Leute, die sie Traineurs (Karrenlaͤufer) nennen, nach und nach in dem Gange fortziehen, bis an den Ort, wo der Schacht ist und die Kuͤbel auf und absteigen. Dazu ist an den Banquets ei- ne Art von Kummt, oder Geschirr von Leder mit 2. Ket- ten, worin sich die Leute einspannen, wie Pferde. Ei- ner muß es allemahl 10. Toisen fortziehen, das Stuͤck D d 3 ist ist durch Holzstuͤcke bezeichnet. Auch das ist saure, schwe- re Arbeit. Ich lies mich einspannen, und konnte kaum so einen geladenen Kuͤbel von der Stelle ziehen. 5) In allen Gruben um Valenciennes herum, arbeiten bestaͤn- dig 1500. Arbeiter. Die Arbeit geht ohne Aufhoͤren, — Sonn- und Feiertage abgerechnet, — Tag und Nacht fort, und fuͤr diese Leute, die bestaͤndig bei Licht arbeiten, und von der Welt nichts sehen und hoͤren, ist Tag und Nacht einerlei. Sie arbeiten alle nach der Taxe, koͤnnen sie ihre aufgegebne Arbeit in 6. Stunden machen, so ists gut fuͤr sie, brauchen sie 9, so zahlt man ihnen doch nur ihre Arbeit, aber alles wird gut bezahlt. Ein Mineur (Haͤuer) muß 3. Schuh in die Grube hinein avanciren, und das 9. Zoll hoch, dafuͤr zahlt man ihm 17½ Sous. Ein Traineur (Karrenlaͤufer) muß den geladenen Kuͤ- bel 10. Toisen fortziehen, dafuͤr bekoͤmmt er 15. Sous. Der Chef der Arbeiter (Steiger), Hr. Boisseau, hat 18. kleine Thaler des Monats. Mr. Matthieu ist selbst einer von den Gewerken. Es ist einer da, der am Ende des Ganges am Anfang der Fahrten sitzt, und den Mineurs und Traineurs die Plombs (es sind aber Messingstuͤcke) austheilt, wofuͤr sie auf dem Bu- reau bezahlt werden. Dieser hat 20. Sous des Ta- ges. Ungesund ist die Arbeit nicht; daß Arbeiter an boͤsen Duͤnsten oder Schwaden gestorben waͤren, davon hat man wenig Beispiele. Sobald das Licht an einem Orte nicht brennen will, faͤhrt man nicht dahin, und durch die Thuͤren an den Fahrten hat die Luft bestaͤndig eine Kommunikation mit der aͤussern. Oft uͤberarbeiten sie sich, und erkaͤlten sich dann, wenn sie voll Schweis ausfahren. Einige machen 3. Journées in Einem Tage. Eben der, welcher den Arbeitern die Zeichen austheilt, austheilt, verschaft ihnen auch die Lichter. Es sind duͤnne Talchlichter mit groben Tochten. Ein Mineur bekoͤmmt deren des Tages 3, ein Traineur 2. Man verbraucht jaͤhrlich 15000. Pfund, das Pfund koͤmmt ih- nen 8. Sous zu stehen. Der Lichtstock ist von Holz und zugespitzt, damit sie ihn ins Holz, oder durch die Schlei- fe am Hut stecken koͤnnen. Holz braucht man hier alle Jahr ebenfalls 15000. Quarrés, das Quarré hat 25. Combes oder Stuͤcke. — Alle diese Stuͤcke bringt man durch die leeren Kuͤbel in die Grube hinab, unten stellt und legt man sie uͤber einander wie Holzschragen, und von denen kommt kein einziges wieder ans Tageslicht. Ich sah auch die Loͤcher zum Schiespulver in dem Haͤngenden und Liegenden. Sie sind nicht uͤber Fin- gerslaͤnge tief. Auf den Fahrten ist gar keine Gefahr. Die Fahrt-Sprossen werden alle 14. Tage, von ei- gen dazu bestellten Leuten visitirt, weil’s der gewoͤhnliche Weg fuͤr alle Arbeiter ist. — Es arbeiten Knaben und Maͤdchen in Hosen von 10. — 12. Jahren da, und fah- ren alle des Tags auf und nieder, so oft man will. Vor Kurzen ward ein dicker Mann beim Ausfahren ohnmaͤch- tig, er kam aber durch Wasser wieder zu sich. Man hat beim Ausfahren mehr Muͤhe als beim Einfahren, kan aber uͤberall ausruhen, und welch eine Freude, wenn man die Sonne, das Tageslicht wieder sieht! Die Leute wissen aus langer Gewohnheit die Zeit in dieser Tiefe ganz genau. Es rieth einer, daß es jetzt halb 10. Uhr waͤre, ich suchte unter den Ueberhosen meine Uhr, und es war halbzehn. Er war schon um 4. Uhr des Mor- gens eingefahren. Nachmittag ward die Abreise besorgt, auch hatt’ ich der Ruhe auf das Steigen und Kriechen hoͤchst noͤthig. D d 4 Reise Reise nach Bruͤssel. Den 20ten Jul. Von Valenciennes aus geht à la Cour de Fran- ce alle 2. Tage eine Diligence nach Bruͤssel. Sie hat 2. Cochers, die einander abloͤsen und zugleich Postil- lions dabei sind. Sie fahren mit 6. Pferden aus ihrem Cabriolet, nehmen aber auch, wie die deutschen Konduk- teurs, Weibspersonen, Kinder, Handwerksbursche ꝛc. ein. Man rechnet den Weg auf 20. Stunden; freilich sind die Strassen nicht durchgaͤngig so gut, als in Frank- reich. Es ist aͤusserst unangenehm auf den Grenzen zu rei- sen. Erst forderte man unterm Thor die Karte von Mr. Ferraud, dann visitirte man auf dem letzten franzoͤsischen Bureau in Quevrain noch einmahl unsre Kuffer und Man- telsaͤcke. Nur ein paar Schritte weiter hinunter in dem Orte, so waren wir in Kaiserlichen Landen, und nun nahm man gleich wieder die Sachen aufs Bureau, und visitirte sie. Hier griff mir der Kerl gar in die Rockta- sche und fuͤhlte auch an die andern in der Weste und in den Hosen. Weil es regnete, wollte man sich nicht mit den Kuffern abgeben, der Wagen ward also hinten auf beiden Seiten mit einem grossen Schlos verschlossen, das erst in Mons (Bergen) geoͤfnet wurde. Diese Stadt liegt, wie sie auch deswegen heist, an einem Berge. Sie ist breit, gros, und ziemlich befestigt. Die Mau- ern sind hoch, die Graͤben breit, und wie grosse Seen, bestaͤndig voll Wasser. Die Haͤuser sind meist von Stein, die Strassen alle gepflastert, aber bergicht. Diese Kruͤm- Kruͤmmungen und Huͤgel abgerechnet, scheint ein gewisser regelmaͤssiger Plan in der Anlage der Stadt zu herrschen. Man sagte mir, daß 10000. Buͤrger da waͤren, und sehr viele Adliche. Es sind uͤber 150. Karossen in der Stadt. Ob es gleich Sonntag Vormittags war, standen doch alle Boutiquen offen. Vor der Stadt sah ich vielen Toback pflanzen. Hier stieg nun der Kaiserliche Kommis gleich vor der Stadt in die Kutsche, und be- gleitete uns bis ans Zollhaus, wo der ganze Wagen ab- gepackt, und alles, zum Theil auf eine sehr grobe und niedertraͤchtige Art, visitirt ward. Die Anstalt haͤlt die Fremden auf, macht sie alle unwillig, und in der That — man braucht es nur gesehen zu haben, so glaubt mans — man erreicht doch seinen Zweck nicht. Auch ohne Schleich- handel wollt’ ich doch eine Menge verbotener Sachen aus- und einfuͤhren. Legt man den Kufferschluͤssel und ein paar Escalins, oder 30. Sous, oder gar 3. Liver neben- einander, und zeigts dem Visitator, so nimmt er das Silber und laͤßt das Eisen liegen. Von da hat man noch 10. starke Stunden bis nach Bruͤssel. Der Weg geht bestaͤndig auf und ab. Die meisten Gegenden sind schoͤne Ebenen, mit Frucht, Heu, Hafer bedeckt. Man passirt einige kleine Staͤdte, Soignies, Brunn le Conde’, Notre Dame de Ha- le ꝛc. Die Strassen waren Abends sehr lebhaft, weil in Loͤwen und Bruͤssel Kermeß war. Bruͤssel. Die Avenue von Paris her, ist eine etwas langweilig herum gezogene Allee; weil man lange vorher die Stadt gesehen hat, und sie nun aus dem Ge- sicht verliert. Unter dem Thor wollte der Visitator schon wieder einsteigen, ich sagte ihm aber etwas ernstlich, daß er sich gar keine Muͤhe weiter geben sollte. D 5 Das Das Geld, das in Quevrain anfaͤngt, heist Mon- noie de la Reine, und ist ein Mischmasch von deut- schen und franzoͤsischen Geldsorten. Man rechnet nach Gulden statt der Liver, nach Escalins Escalin ist hier das, was in Brabant, Luͤttich, Hol- land der Schilling ist. statt der Pie- ces à six, à 12. Sous, aber doch nach Sous und Li- ards. Ein Sous de France ist nur ein halber Sous de la Reine. Ein franzoͤsischer Louisd’or gilt hier 13. Gulden, 13. Sous. Ein Ecu à six francs gilt eine Krone, oder 3. Gulden, 3. Sous und 1. Liard (hie- sigen Geldes). Man wechselt einen 6. Liversthaler mit 9. Escal. 9. Liards. Ein petit Ecu gilt eine halbe Krone, anderthalb Gulden und drittehalb Sous. Ein Sous de France ist hier ½. S. oder 2. Liards. Ein Escalin ist 12½. Sous de France, oder 7. Sous hiesi- gen Geldes. Man hat Stuͤcke von 5. Sous und auch welche von 10. Liards, die nur in der Groͤsse etwas verschieden sind. Man hat halbe Escalins oder Bla- quets zu 3½. ferner doppelte Escalins oder 14. Sous. Man hat auch 9. Sous moins un Liard. Zwanzig hiesige Sous rechnet man auf einen Gulden; so rechnet man auch hier auf 1. Sous 4. Liards. Auf den Liards und 2. Liards steht der Kaiserin Bildnis, auf der andern Sei- te: ad usum Belgii Austr. 1777. Man hat auch noch andre mit verzogenen Namen und Wappen, die sind aber aͤlter. In der Stadt findet man 3. Nationen, und 3. Sprachen; Franzoͤsisch, schlechtes Deutsch und Flam- laͤndisches Deutsch; denn dies letztere koͤmmt dem in Nie- der- dersachsen und Hamburg uͤblichen Plattdeutschen naͤ- her, als dem Hollaͤndischen. Man hat viele Muͤhe, es zu verstehen. Die Leute reden sehr zwischen den Zaͤhnen durch, fast mit geschlossenen Lippen. Man versicherte mich aber, daß die Sprache ihre eigne Reichthuͤmer und Schoͤnheiten habe. Meine Wohnung fand ich à la Maison rouge recht sehr gut, und ruhte von der unterirdischen Prome- nade zwischen den Steinkohlen bei Valenciennes noch erst recht aus. Den 21ten Jul. Mein erster Gang heute war zu Mr. Needham. — Ich fand einen sehr kleinen, schon sehr alten, aber aͤusserst hoͤflichen und guͤtigen Mann an ihm. Hr. Delor ’s Brief that die beste Wirkung. Er war mit der Brille geschrieben und ward auch durch die Brille gelesen. Seine eben so alte Schwester schenk- te ihm grade den Thee zum Fruͤhstuͤck ein, und da sah ich, daß die Engellaͤnder einen besondern Geschmack dar- an finden, Moutarde oder Senf unter den Thee zu mi- schen, und Madem. Needham versicherte mich auch, daß man in Eugelland Senf und Kaffee mit einander kocht. Personen, die in Engelland gewesen sind, haben die- se Erfahrung nie gemacht. Darunter gehoͤrt auch der Herausgeber. Mr. Needham lies mich gleich seine kleine Mineraliensammlung sehen, wo einige nicht gewoͤhnliche Stuͤcke Stuͤcke vorkamen. Er gab mir auch einen Brief an Mr. Maldeck , den Aufseher des hiesigen Naturalienka- binets, und auch noch andre Addressen fuͤr die Merkwuͤr- digkeiten der Stadt, und lud mich auf Morgen um 8. Uhr zum Fruͤhstuͤck ein. Ich muste nun einen Lohnbedienten annehmen, und unter seiner Fuͤhrung besah ich, waͤh- rend des allerschrecklichsten Regenwetters, das den vielen Fremden, welche die Kermes in die Stadt gezogen hat- te, ihren Spaziergang im Park verdarb, Le Cab. de l’Hist. Nat. de S. Alt. R. Msgr. le Prince Charles de Lorraine. Im Schlosse selber ist ein einziger grosser Platz dazu gewidmet. Dieser Saal ist daher ganz vollgepfropft von allerlei Sachen, und man hat auf allerlei sonderbare Anordnungen geson- nen, nur um die Sachen aufzustellen. Einiges ist in Glasschraͤnken, andre Sachen z. B. Insekten, Konchy- lien, Marmore ꝛc. liegen in verschlossenen Schubladen unter den Tischen, uͤber denen Glastafeln liegen, unter denen Fische und Krebse rangirt sind. Der Aufseher daruͤber hat keine tiefe Kenntnis von diesen Sachen, auch keine betraͤchtliche Bekanntschaft mit Gelehrten, weder in Frankreich, noch in Deutschland. Er sprach franzoͤsisch und auch etwas deutsch, kannte aber die neuern deutschen Schriften uͤber die Naturgeschichte nicht. Sei- ne Mineralien hat er Pyramidenweis, jedes Stuͤck auf einem Fuß mit einer eignen Glasglocke daruͤber, aufgestellt. Das Vornehmste, was ich hier antraf, war folgendes: 1) Ein fliegendes Eichhorn, klein, aber ganz weis, aus Virgimen. 2) Eine Tygerkatze. Der Grund war ganz weis, und darauf ganze gelbe Streifen, Baͤn- der ohne Abtheilungen, nicht rund, nicht ruthenfoͤrmig. Das Das Thier lebte lange hier, weil aber keine Menagerie hier ist, so wars wegen seiner Wildheit immer im Stalle eingesperrt, und starb endlich vor lauter Fett, alle Ge- daͤrme und Adern waren damit besetzt. 3) Eine sehr grosse Purpurschnecke. 4) Ein Klumpen von kleinen Meerwuͤrmchenroͤhrchen, 2½ Schuh hoch, die meisten waren hohl, und in einander geschlungen. — Man konnte nichts Schoͤners sehen. 5) Eine Pipa in Weingeist. Auf dem Ruͤcken sah man die Jungen; sie waren zum Theil schon halb heraus, man meint, jedes habe eine eig- ne Oefnung, die durch die Haut hineingehe. 6) Feis- Krystalle im Kalkspat, — Spiesglas in Kalkspat. 7) Cinnabre en terre , aus Idria. Hr. Maldeck versicherte mich, daß auch fuͤr sie hier in Bruͤssel eine eigne Erlaubnis vom Departement noͤthig sei, wenn man von Idria aus solche Stuͤcke haben wolle. 8) Gedie- gen Gold, 11. Unzen schwer; ein Stuͤck, wie’s nicht viele gibt. Es lag ein Certificat dabei, daß es an dem und dem Tage im Amazonenflusse gefunden worden. 9) Or en cheveux; auf einer Miner, wo’s auch in Koͤrnern vorkoͤmmt, aus Siebenbuͤrgen. 10) Ver- steinerte Schildkroͤten-Rippen und Sternum. Man sah sehr deutlich, daß es keine blosse Eindruͤcke von den Rippen, sondern wuͤrklich wahre Versteinerungen sind. Es fiel ein Stuͤckchen von einer ab, das war fuͤr mich. 11) Eine Versteinerung im Basalt. Es waren etliche schiefherabgehende Schwanzrippen, aber von welchem Thiere? Ich sah es fuͤr die Vertebras einer Eidechse an. Vielleicht bekommen wir davon eine Abbildung in Rozier ’s Journal de Physique. 12) Ein Model vom grossen toscanischen Diamanten, s. Le Cab. de l’Hist. Nat. à Chantilly , S. 362. 13) Tabatieren aus aus weislichtem Achat, und aus gruͤnlichen Jaspa- chat, aus Boͤhmen. 14) Gediegenes krystallisir- tes Kupfer, aus Ungarn. Hr. Maldeck versicher- te, daß es uͤberall die feinsten Krystalle habe. Ich sah etwas Aehnliches. 15) Alle Lagen in der Erde, bis man zu den Steinkohlen koͤmmt. Billig sollte man das von jeder Grube, von jedem Bergwerk in Glaͤsern sammeln. Dann koͤnnte man Vergleichungen anstellen. 16) Eine Meerpflanze, die fast ganz weis war, aber im Kabinet angefangen hatte, am Rande roth zu wer- den. — Eine Bemerkung, die ganz neu waͤre. 17) Eine kleine Lamina ossea Cetacea , mit den schwarz- braunen Haaren an beiden Seiten. Hing oben an der Decke. Man hat den kleinen Wallfisch, von dem sie ist, hier bei Ostende und Nieuport gefangen. Auch eine Maxilla von einem Kaschelot, der auch bis hieher kam. 18) 32. russische Marmorarten; unter denen einige sehr schoͤn, und die meisten sehr derb sind. Man findet die russischen Arten nicht oft. Die Marggraͤfl. Baaden- schen sind auch hieher gekauft worden. Unter den Kunstsachen muste ich besonders bewun- dern: 19) Eine Boete mit Kameen, die 100,000. Gulden gekostet hat. Die meisten waren von der Schwe- dischen Koͤnigin Christina versetzt worden. 20) Viele Vasen, darunter eine ganz herrlich emaillirte, von der feinsten Zeichnung, mit vielem Golde. Sowohl die Vase als der Deckel sind in- und auswendig emaillirt. Auch sind viele Edelsteine daran. 21) Zwei Pyra- miden, die man auch, wie die zu den Mineralien, auf dem Fußgestelle herumdrehen konnte. Sie hatten 64. Abtheilungen mit Glasfenstern, die alle mit den nied- lichsten lichsten Werkzeugen von Handwerkern und Kuͤnst- lern angefuͤllt waren. Ein vortreflicher Gedanke von Hrn. Maldeck, und der, nach seiner Versicherung, zu den Pariser Descript. des Arts et Metiers Anlaß gegeben hat. Sehr instruktive Sachen. Die ganze Werkstadt des Kunstdrechslers, Uhrmachers, die Instru- mente des Wundarztes, eine Apotheke; auch eine Bau- erhuͤtte mit allen oͤkonomischen Werkzeugen ꝛc. Eine Sache, die nur so, wie sie jetzt ist, ohne das Arrange- ment, wenigstens 250. Dukaten gekostet hat, die aber eben so noͤthig und wichtig ist, als Steinsammlungen und Saͤmereien. Hierauf besah ich Das Rathhaus. Es steht auf einem schoͤnen und grossen Platze, der mit verschiedenen gutangegebenen Pri- vatgebaͤuden umgeben ist. Die Staaten von Brabant halten darin ihre Versammlungen. Die 4. dazu gewid- meten Zimmer sind mit herrlichen Tapeten behaͤngt, da- von man hier eine Fabrick hat, die eine Nachahmung der Gobelins in Paris ist; und in der That Stuͤcke lie- fert, die jenen nichts nachgeben. Man gibt auch den Fremden von diesen Stuͤcken einen gedruckten Zettel, wie in Paris. Erst koͤmmt man auf eine kleine Gallerie, wo die Bildnisse der Herzoge von Brabant von Philipp dem Schoͤnen an bis auf Karl II. von Grange ge- mahlt, haͤngen. Philipp der Schoͤne hat wirklich ein liebliches Maͤdchengesicht, ein blondes Kinderhaar, und trug, nach diesem Gemaͤlde zu urtheilen, keinen Bart. Karl V. war ein schoͤner Mann, hatte wie Heinrich der 4 te von Frankreich, etwas Grosses, Feuriges, Un- ternehmendes ꝛc. Philipp II. ich weis nicht, wars Ideen- Ideenassociation, oder ists wirklich so? Die blinde Re- ligionswuth, die unmenschliche Grausamkeit, welche er die Niederlaͤnder erfahren lies, liegt in seinem Gesichte. Unter den Tapeten in den vier Zimmern gefielen mir vor- zuͤglich, Klodowich auf dem Todtenbette, macht sein Testament. Das schon verfallne Gesicht ist herr- lich ausgefuͤhrt. — Am Nebentisch sitzt einer und schreibt. Der Koͤnig streckt den Arm gegen ihn aus; alles ist sehr redend. Le Brun hat die Zeichnung dazu gemacht. Es sind auch noch andre Stuͤcke von diesem Fuͤrsten da, als seine Taufe, Vermaͤhlung ꝛc. Ueber dem Ka- min in diesem 3ten Zimmer haͤngt ein Gemaͤlde vom Maxim. von Oesterreich und der Maria von Bur- gund, welche die Karte von den 17. Provinzen in der Hand haͤlt; zwei schoͤne junge Leute: er schielt so huͤbsch auf das Kind, und auf den herrlichen Brautschatz hin ꝛc. Doch der Saal, worin die Staatsversammlungen gehal- ten werden, ist das schoͤnste. Oben ist ein Deckenstuͤck, das gesehen zu werden verdient, so gut als die in Paris. Jansen, ein grosser Maler aus diesem Lande, hat die ganze Versammlung der Goͤtter darin vorgestellt. Oben an im Saale steht der rothe praͤchtige Thronhimmel fuͤr den Souverain, darneben sind zu beiden Seiten grosse Spiegel, und vor diesen stehen 2. ziemlich grosse Tische mit schwarzem Marmor eingefaßt. Die Platten selbst aber sind von weissem Gyps, und man sollte schwoͤren, daß es weisser natuͤrlicher Marmor waͤre. Auf dem Gyps sind die Karten vom Herzogthum Brabant aller- liebst abgezeichnet, linker Hand das suͤdliche, rechter Hand das noͤrdliche Braband. Diesen artigen Einfall hat- ten zwei Italiaͤner. An der Wand unter dem Balda- chin haͤngt ein Gemaͤlde, von der Kaiserin Maria The- Theresia, von Doffy gemahlt, das gleich jedem, der hereintrit, Ehrfurcht einpraͤgt. An dem Deckenstuͤ- cke sind die herrlichsten Schildereien und Vergoldungen. An der Wand haͤngen wieder Tapeten aus der Spani- schen Geschichte, unter denen mir Karls V. Abdankung am besten gefallen hat. Hinge das Stuͤck unter den Gobelins -Tapeten in Paris, man wuͤrde es nicht un- terscheiden. Die Zeichnungen dazu sind alle von V. H. Jansens, und die Tapeten von Leyniers aus Bruͤs- sel. — Karl sitzt, wie ein alter abgelebter Greis im Sorgstuhle, Philipp kniet vor ihm nieder und umfaßt des Vaters Fuͤsse, ist furchtsam und aͤngstlich. Karl spricht mit ihm, das Gesicht druckt viel aus. Ein Edel- knabe koͤmmt von der Seite, und bringt aufm Kuͤssen, Krone und Scepter, die dem alten Kaiser zu schwer wur- den ꝛc. La Cour de S. Alt. Das Schlos ist nicht gros, nicht hoch, hat aussen keine Baukunst, ist aber inwendig desto schoͤner. Es liegt auf der Montagne de la Cour. Unten an der Treppe steht ein Herkules von Alabaster, unter seinen Fuͤssen liegen Schlangen, wilde Schweine ꝛc. Er selber ist nackend; Bart, Haare, Fuͤsse, Armmuskeln, Kleidung, die hinten herabhaͤngt, die Keule, die Thiere ꝛc. kurz, alles ist herrlich daran. In der Grille an der Treppe sind messingne stark vergol- dete Figuren von Thieren. Oben ist ein herrliches De- ckenstuͤck, und an der Wand herum sieht man Blumen, Fruͤchte, Aehren, Krebse ꝛc. aus Stukko. Inwendig ist ein Chinesisches Zimmer, darin Stuͤcke stehen, die 1000. Dukaten gekostet haben Kunstsachen aus El- fenbein ꝛc. Buffets mit Malereien ꝛc. E e La La Sale à Compagnie. Die eingelegte Arbeit am Fußboden — die Spiegel an der einen Seite, — man kan nichts schoͤners sehen. Ein Zimmer mit den Bildnissen der ganzen Kaiserlichen Familie. Ma- ria Theresia und Joseph in der Mitte, nebst allen Herrn Schwaͤgern des Kaisers mit ihren Gemahlinnen. Das Zimmer, wo der Erzherzog Maximilian logirte, im hoͤchsten Geschmack. Eine ganze Gallerie von Ge- maͤlden. Man erstaunt uͤber die unzaͤhlbare Menge. Mit den Tapeten aus der hiesigen Manufaktur sind, wie billig, fast alle Zimmer ausgeschlagen. Sie sind auch hier weit schoͤner als jene aufm Rathhause, und es ist kein Stolz, wenn man sie den Paris ern an die Seite setzt. Sie stellen meist das Landleben vor. Ein Bauer, der Toback raucht, mit einem Schlapphute, und dem kurzen Pfeifchen, ist so natuͤrlich, als er nur seyn kan, und so sind viele hundert Stuͤcke da. Drauf ging ich, um Die Federzeichnungen der Demoiselles Rid- derbosch zu besehen. Ich besuchte 3. Jungfern, Rue d’Hôpital wohnhaft, auf die mich Hr. Needham auf- merksam gemacht hatte. Ich sah in seinem Zimmer einige ganz vortrefliche Federzeichnungen, welche diese Frauenzimmer gemacht hatten. Kein Kupferstich, kei- ne Tuschirung kan feiner seyn. Ein Stuͤck, das er hat- te, die saͤugende Mutter, war so herrlich, als man’s nur sehen konnte. Sie zeigten mir noch viele andre, die Jahrszeiten, Jagdstuͤcke, Landschaften, einen nackten Menschenkoͤrper ꝛc. ein kleines Stuͤck, wo 10. Menschen- koͤpfe drauf waren. — Ich fand 3. Schwestern, die sich davon naͤhren, und in der Jugend, wie sie mir sagten, nur im Crayonniren Unterricht bekommen haben. Man laͤstert, laͤstert, daß manches mit dem Pinsel gemacht werde, und nachher fuͤr eine Federzeichnung verkauft wuͤrde. — Sie gaben mir ein Mikroskop, womit ich das Punktirte, wo ich wollte, sehen konnte. Und die Stuͤcke, die noch nicht punktirt sind, sehen auch ganz anders aus. Sie fuͤhrten mich in ihr Arbeitszimmer, wo jede ein Pult vor sich hat. Ich sah sie an einem Bildnisse der Kaiserin und an ei- nem grossen Jagdstuͤcke arbeiten. Ihre Werkzeuge sind die schlechten duͤnnen durchscheinenden Gansfedern. Man bestellt oft Stuͤcke bei ihnen; die Arbeit geht sehr lang- sam; sie verkaufen die kleinsten Stuͤcke nach Louisdoren. Needham ’s praͤchtiges Stuͤck hatte 4. gekostet ꝛc. Nun nahm ich noch La Statue de Mnsgr. le Prince Charles in Au- genschein. Sie steht auf dem Place Royale. Der Platz wird durch die neuen grossen Haͤusern, die man rings- herum baut, in einigen Jahren ein praͤchtiges Ansehen be- kommen. Die Statue hatte jetzt noch eine schlechte bre- terne Einfassung. Der Prinz steht, in roͤmischer Kriegs- kleidung da, mit dem Degen an der Seite, mit dem Spon- ton in der Hand, und mit blossem Kopf. Man sieht von da nach dem Park, einem oͤffentlichen Spaziergan- ge, der bei besserm Wetter, als jetzt war, sehr angenehm seyn muß. La Place d’Armes ist ein andrer noch groͤsserer Platz in der Stadt, der durch einen Brunnen mit einer Statue merkwuͤrdig geworden ist. Ein Engellaͤnder, Thomas Bruce, der lange hier gewohnt hat, vermach- te in seinem Testamente das Geld dazu. Man leitete eine Quelle ausserhalb der Stadt hierher, und lies sie zu bei- den Seiten aus Menschenkoͤpfen herausspringen. Auf E e 2 dieses dieses Fußgestelle setzte man eine stehende weibliche Figur, dit einen Medaillon haͤlt, auf dem die Bildnisse vom Kai- Franz I. und seiner Gemalin nebeneinander zu sehen sind. Um die weibliche Figur herum erblickt man einige Figuren mit Trompeten. Unten liest man eine lateinische Inschrift. Den weissen Marmor dazu hat man aus Italien kommen lassen. Bergé, ein Kuͤnstler aus Bruͤssel, hats 1751. gemacht. Der Medaillon und das Gewand der weiblichen Figur ist das Schoͤnste daran. Hierauf besah ich Le Cabinet de l’Hist. nat. de Mr. Burtin , Doct. en Med. et Med. Cons. de S. Alt. R. Auf dem Kabinette des Prinzen Karls hatte man mir eine Addresse hierher gegeben, und ich fand ein viel lehrreichers und zum Theil vollstaͤndigers Kabinet, als jenes ist. Hr. Burtin, ein gefaͤlliger und geschickter Mann, ist aber so mit andern Geschaͤften und mit der Praxis beladen, daß er oft 6-8. Wochen lang sein Kabinet nicht betritt, und noch viel weniger Zeit hat, die Merkwuͤrdigkeiten desselben bekannt zu machen. Es ist in der Mineralo- gie, in den Versteinerungen und in der Konchyliologie am staͤrksten. Ich erfuhr und sah hier: I ) daß die Reichthuͤmer dieser Gegend von Brabant in Petre- fakten bestehen. Die Konchylien darin sind a ) voͤllig dieselben, wie man sie in Champagne findet. b ) Sie liegen hier in einem weissen Sande, und auch in der Terre marneuse. Man darf viele Stuͤcke kaum an- ruͤhren, so faͤllt der Sand und die Konchylie herab. c ) Sonderbar ists, daß man Stuͤcke hier hat, an denen die Konchylien agatisirt sind, die Mutter aber ist noch Kalk geblieben. d ) Und wieder andre, an denen die Mut- ter ter so agatisirt ist, daß sie Feuer gibt, und die Konchy- lien sind noch Kalk; und diese Stuͤcke liegen an der Sei- te von jenen. e ) Man findet auch sehr grosse monstreu- se Orthoceratiten. f ) Man zeigte mir sehr viel verstei- nertes Holz, das ehemals zu Schiffen gebraucht wor- den, ganz vom Teredo navalis zerfressen, und nun in allen diesen Hoͤlungen mit recht guten Chalcedonier ange- fuͤllt, und oft am Ende mit Aßbest besetzt ist. II ) Un- ter den Konchylien bemerkte ich besonders: 1) Den We- berspul, eine der seltensten Konchylien aus Ostindien, die in Europa ist; sie ist noch groͤsser, als die Vander- moelen hat. 2) Eine andre, an der das Thier, weil die Schale vermuthlich zerbrochen war, vorn einen Ueber- zug und einen blossen hohlen halben Zirkel mit noch einem Munde anbrachte. Ein Stuͤck, das allein eine Abzeich- nung verdiente. 3) Ein Oculus mundi , oder Welt- auge; ein Steinchen von kaum ¼ Zoll lang, wie ein un- gleichseitiges Dreieck. Hr. Burtin hatte Sachen darum hingegeben, die — ohne prix d’amateur darauf zu setzen, — 300. Louisd’or werth waren. Als ich mich heute hatte melden lassen, hatte der Stein schon, eh’ ich kam, im Wasser gelegen, und als wir ihn herausnahmen, so war er gelblicht, wie Bernstein, und sah hell und durch- scheinend aus. Hr. Burtin legte ihn drauf ins Trock- ne, damit ich morgen die Veraͤnderungen daran sehen koͤnnte Den andern Tag fing der Stein an undurchsichtig zu werden. Weil er aber fast 24. Stunden im Was- ser gelegen hatte; so blieb er auch 24. Stunden gelb; dann wird er weis, wie ein Stuͤck Elfenbein. . Wir wurden bald recht gute Freunde. Er hatte aber heute so viel Kopfweh, daß wir aufhoͤrten und E e 3 den den Rest auf Morgen Abend ersparten. Er lud mich auf Morgen Nachmittag zum Kaffe ein, ich war aber schon zu Hr. Gerard zum Kaffe gebeten ꝛc. Bemerkungen. Von der Lebensart der Leute in der Stadt hab’ ich wenig oder nichts zu bemerken. Der ehrliche, gesetz- te, vernuͤnftige Geist der Teutschen herrscht hier groͤsten- theils in Wohnungen, Kleidern und Speisen. Man ist hoͤflich, ohne franzoͤsische Windbeutelei, und aufgeweckt ohne Unsinn und Frivolitaͤt. Den 22sten Jul. Heute gleich am fruͤhen Morgen besucht’ ich La Manufacture des Tapisseries de la Ville, um zu sehen, ob die Arbeit von der in den Gobelins zu Paris verschieden waͤre, und fand, daß alles nur Basse Lice war, und bei weitem nicht die Menge von Kloͤppeln hatte, die man dort dazu braucht. Man bezahlt die Ar- beiter nach der Quadratelle. Sie koͤnnen, je nachdem das Dessein leicht oder schwer ist, in einem Tage mehr machen, als an einem andern. Ich fand, daß sie sich hier nicht uͤber einen Tisch legen, sondern auf sehr hohen Baͤnken vor dem Tische sitzen. Im Magazin waren viele schoͤne Stuͤcke, man spannte etliche meinetwegen auf, ein Fleischer, der ein Schwein schlachtet, eine Magd, die eine Kuh melkt, Baͤume, Viehheerden ꝛc. Alles war sehr natuͤrlich, nur waren die Farben nicht so einneh- mend, und die Wolle nicht so fein, wie an den Parisern. Hautelice und Seidentapeten sind gar keine da. Von da ging ich zu An An english breakfast bei Hrn. Needham. — Wir tranken Thee, und assen Toasts oder duͤnnes, schoͤn- gestrichenes Butterbrod dazu. Hr. Needham lebt nach seiner Landessitte. Er war zu London d. 10 Sept. 1713. gebohren, und starb in Bruͤssel d. 30. Dec. 1781. Herausgeber. Ich sah seine Bibliothek durch und fand darin auch ein griechisches N. Test. Sau- rins Reden ꝛc. Wir sprachen 1) Ueber die Mikro- skope. — Das, was er bei seinen Beobachtungen am besten gefunden, ist das achromatische Mikroskop von Dellebarre in Paris. Es kostet aber 20.-25. Duka- ten, ist sehr simpel, hat nur 3. Linsen, die gar nicht klein sind, und deren Brennweite 1. Zoll ist, also ganz anders, als man sonst glaubte, daß es seyn muͤsse. Man gibt ihnen aber die staͤrkste Kraft dadurch, daß man die Roͤh- re verlaͤngert, und die Ocularglaͤser kombinirt. Er hat dem Verfertiger ein Certisicat gegeben, worin er ihm die herrliche Wirkung dieses simplen Mikroskops bezeugt. 2) Ueber seine Theorie der Erde, von der er im 2ten Theil seiner mikroskopischen Beobachtungen eine Skitze entworfen, die er bei der zweiten Auflage weitlaͤuftiger darstellen will. Er leitet alles aus der force expansi- ve und force resistante her. Das Oel oder Phlogi- ston ist die force expansive, die Salz- Erd- und Was- sertheile sind die force resistante. Er beruft sich auf die Analogie in der ganzen Natur, und ist, wie alle Hy- pothesenmacher, erstaunend fuͤr seine Meinung eingenom- men. 3) Ueber die Saamenthierchen. Er sieht sie, wie bekannt, fuͤr parties vitales an, und sagt, man muͤsse Infusionsthierchen und solche parties vitales wohl E e 4 unter- unterscheiden. Man habe nie gesehen, daß die Saa- menthierchen sich vervielfaͤltigen; alle diese parties vita- les verminderten sich vielmehr immer. Dem Bonnet- schen System sprach er alle philosophische Gruͤndlichkeit ab, und Haller ’s Memoires sur etc. bewiesen gar nichts. — Man muͤsse weiblichen Saamen statuiren, weil er, Buffon, und D’Aubenton, die naͤmlichen par- ties vitales, die naͤmliche Vegetation im Liquor, wie im maͤnnlichen Saamen gefunden haͤtten. Er war mit mir einig, daß frischer aus dem Koͤrper genommener Saame keine parties vitales zeige, aber nach 5-6. Se- kunden, wenigstens nach so viel Minuten, sehe man sie: darin aber waren wir verschieden, daß dieser Saame als- dann schon faul, und zur Zeugung untuͤchtig sei. Denn nun konnt’ ich ihm meine Befremdung, daß er und Buf- fon demungeachtet auf diese Phaͤnomene das System der Epigenesie bauen wollen, nicht verschweigen ꝛc. Von ihm ging ich und besah Hrn. Dancot ’s Gemaͤldesammlung. Der Be- sitzer ist ein reicher Bankier, der viele Kenntnis von Ge- maͤlden, und bei meiner Addresse von Needham fuͤr mich ungemein viel Gefaͤlligkeit hatte. Zwei grosse Zimmer waren mit den herrlichsten Malereien angefuͤllt. Man sah darin Stuͤcke von alten und neuen hollaͤndischen, deut- schen, franzoͤsischen, italiaͤnischen ꝛc. Meistern. Der Besitzer sah es nicht gern, wenn man mit der Schreibta- fel in der Hand herum ging, doch eins hab’ ich seiner Seltenheit wegen behalten. Es ist ein Gemaͤlde des L. da Vinci fuͤr den Koͤnig Franz I. verfertigt, und stellt die Donna Monalysa di Francesco secondo, die schoͤnste Frau ihrer Zeit, vor. Es ist unvergleich- lich, lich, besonders die linke Brust, die entbloͤst ist, und dann die linke Hand, die sie gegen das Gesicht zu hebt. Das gelbe und blaue Gewand hat sein herrliches Kolorit in 260. Jahren nicht im Geringsten verloren. Von hier ging ich, das noch praͤchtigere Cabinet des Peintures de Mr. le Chev. Ver- hulst zu besehen. Die Koͤnige von Schweden und Daͤnnemark habens besehen, und alle die mit Kennt- nissen und um der Kuͤnste willen, reisen, gehen dahin, sehen, bewundern, und staunen. Im Hause eines rei- chen Kapitalisten, der seinen Bedienten die praͤchtigste Livre’e gibt, und alles kauft, was schoͤn, selten und kost- bar ist, sind 4. grosse Zimmer an allen Waͤnden mit den seltensten Gemaͤlden von Rubens, Rembrand, Duͤ- rer, Carracci, Lucas von Leyden, Teniers, Carlo Dolce, Mignon, Peter Neefs, Titian, Van Dyck, Ostade ꝛc. behangen. Ich sah mich fast blind mit der Lorgnette, man weis nicht, wo man hintreten, wo man bewundern soll. Aus der Flandrischen Schule findet man die seltensten, die ausgesuchtesten Stuͤcke. Auch die Werke der Neuern fehlen nicht. Wenn ein Stuͤck nicht 100. Dukaten kostet, kauft Verhulst es gar nicht. Es sind Gemaͤlde da, zu 200. zu 300. Louisdor. Ich bewunderte unter andern: 1) Eine alte Frau ꝛc. von Nogari. Die grauweissen Haare stossen unter der Hau- be hervor, sie hat ein Glas rothen Wein in der Hand. 2) Tenier ’s, Frau, sein Gaͤrtner, sein Haus; eine Landschaft, die Erndte vorstellend; eine Winterlandschaft, wo’s schneiet; ein Seesturm ꝛc. Alle von Teniers selbst. 3) Die herrlichsten Stuͤcke, voll Ausdruck, von Vandyck. 4) Ein baͤrtiger alter Kopf von Titian. E e 5 Es Es ist nicht moͤglich, der Natur naͤher zu kommen. 5) Eine Madonna von Carlo Dolce. Ach, welch ein Stuͤck! 6) Verschiedene Stuͤcke von Ostade. Jezt zaͤhlt man die Figuren auf jedem Gemaͤlde von diesem Meister, unb zahlt fuͤr jede Figur 1000. hollaͤndische Gul- den. 7) Melonen, Aprikosen, Pflaumen, Trauben, Pfirschen, Eidechsen, Schlangen ꝛc. von Mignon. 8) Perspektivische Stuͤcke von Peter Neefs. Grosse Tem- pel, Reihen von Hallen ꝛc. Man meint, man muͤsse hinein gehen. Ueberall stand das herrlichste Porzellan, und in einem Glasschranke Modelle von Schiffen aus Elfenbein, die unbeschreiblich fein waren. Das alles, und vieles andre noch gehoͤrt einem reichen Thoren, den ich im 4ten Zimmer und auch im Portrait antraf. Ein Mann, welcher der groͤste Hypochondrist auf Gottes Erd- boden ist, der seit 28. Jahren nicht aus dem Hause ge- kommen ist, der sich vor der Lust fuͤrchtet und krank wird, wenn ohngefaͤhr ein Fenster aufspringt ꝛc. Ein Mann, der sich selbst im goldgestickten Schlafrocke, mit dem Bande um die Schlafmuͤtze, und den kostbarsten Manschetten abmalen, und in dieses Zimmer setzen lassen: der sich in Kupfer stechen lies, und die Abdruͤcke den Fremden schenk- te, bis man ihm endlich ins Gesicht lachte. Ein Mann, der alles à tout prix kauft, die Namen der Maler wie ein Papagey weis, und Abends durch die Zimmer geht, und sich schlafen legt. So gewis ist es, daß man des- wegen nicht gluͤcklich, weise, und zufrieden lebt, wenn man viele Guͤter hat. Der Mann gibt oft fuͤr ein Ge- maͤlde mehr, als mich meine ganze Reise kostet und kosten wird; aber er kan nicht aus einer Stadt in die andre rei- sen, zu Wasser und zu Lande auf dem Meer und im In- nern der Erde, bestaͤndig in Gottes Natur herum wan- deln, deln, alle Tage neue Menschen, neue Sachen kennen ler- nen, um Mitternacht den Mond, am fruͤhen Morgen die aufgehende Sonne sehen und bewundern. Ich ver- ließ dieses herliche Kabinet Diese auserlesene Sammlung ist nun nicht mehr vor- handen, weil sie nach dem 1778. erfolgten Tode ihres Besitzers im Jahre 1779. durch oͤffentliche Verkaufung vereinzelt worden ist. Herausgeber. , und besah weiter La Chapelle du Prince Charles de Lorraine , Man sagt alles, wenn man sagt, daß sie im Kleinen das ist, was die Koͤnigl. Kapelle in Versailles im Gros- sen ist. La Bibliotheque de S. Alt. R. — Hr. Gerard, dem ich Hrn. Tollius Brief (s. S. 353.) ge- stern zuschickte, hatte mich auf den Nachmittag zu sich bestellt. Ein Mann schon bei Jahren, der besonders die Geschichte der Niederlande studirt hat, kein Freund vom Stolz und Schwatzhaftigkeit der Franzosen ist, und in der Stadt, wie ich beim Spazierengehen bemerkte, in grossem Ansehen stehen muß. Wir tranken erst Kaffee und gingen dann auf die Bibliothek. Der Platz, den sie jetzt hat und einnimmt, ist ein einziger, maͤssiger, run- der Saal, sie bekoͤmmt aber bald einen groͤssern. Es ist kaum etliche Jahre, daß man sie angefangen hat, und der einzige Fond sind die Geschenke der Fuͤrsten, Staa- ten und Gelehrten. Es sind aber schon ansehnliche Wer- ke da, z. B. die Philos. Transact. vollstaͤndig, die Mem. de l’Acad. des Sc. auch die Descr. des arts et metiers. Die letztern sind von den Staaten von Brabant Brabant hierher geschenkt worden ꝛc. Jetzt wird sie durch die Verlassenschaft der Jesuiten von hier und Ant- werpen betraͤchtlichen Zuwachs an Buͤchern und Manu- skripten erhalten. Das Vornehmste, was ich hier fand, war: 1) Ein Missale der roͤmischen Kirche, vom 1ten Advent an ꝛc. vom Jahr 1485. Man verwahrte es in einem eignen Beutel. Alle Reisende sagen, in Rom selbst sei nichts so schoͤnes. Man sieht eine unendliche Menge Verschoͤnerungen. Zwischen den beiden Kolum- men auf jeder Seite laͤuft allemahl eine breite Malerei, unten ist auch unendliche Arbeit. Es sind ganze Lagen von Gold darin. Ganze Blaͤtter sind bemahlt. Eben so merkwuͤrdig ist die Geschichte dieses Buchs: Es be- fand sich erst in der grossen Bibliothek des Koͤnigs Mat- thias Corvinus von Ungarn, die wie bekannt, da- mahls die erste oͤffentliche Bibliothek in Europa war; drauf brachte es die Prinzessin Maria, Gouvernantin der Niederlande, hieher. Es sind Gemaͤlde vom Koͤ- nig von Ungarn und von den Staaten von Brabant ꝛc. darin. 2) Eine feingeschriebne Bibel des Heil. Hie- ronymus, vom Anfang bis zum Ende so niedlich ge- schrieben, daß mans fuͤr gedruckt halten solte. Ich moͤchts nicht lesen. — 3) Ein herrliches Psalterium , wo die eine Kolumne allemahl mit goldenen, die andre mit blauen Buchstaben geschrieben war. 4) Franzoͤ- sische Romane in Handschrift, als: Roman de la Rose; — Le Champignon des Dames; — Les Metamorphoses d’ Ovide. Jagdbuͤcher ꝛc. in denen uͤberall die allerfeinsten schoͤnsten Zeichnungen sind, die man nicht genug betrachten konnte. Eben so wars in 5) einem Chronicon de Pise — und in einem An- dachtsbuche vom Koͤnig Renaud d’Anjou. 6) Ein al- tes tes Andachtsbuch aus dem 13. Jahrh. Es war erstau- nend viel Gold darin. 7) Les Miracles de la Ste. Vierge. Ewig Schade, daß die herrlichen Gemaͤlde nur Thorheiten vorstellen, als, wie die Jungfrau Maria die verborgenen Schwangerschaften, und verheimlichten Kinder der Aebtissinnen und Nonnen entdeckt u. s. w. 8) L’Histoire de la Ste. Catherine. Auch wegen der vielen Zierrathen wichtig. Da ist aber die Mystick so weit gegangen, daß man, — wie ich’s beim absichts- losen Blaͤttern fand, — Christum am Hochzeitaltar mit der heil. Katharine vorgestellt hat. Er steht recht ge- putzt da, und die Braut auch, er gibt ihr die Hand, sie ihm — darneben wird alles erklaͤrt ꝛc. Unter den ge- druckten Buͤchern war mir merkwuͤrdig: 9) Das Mu- seum Florentinum , in 10. Folianten, mit einer Menge Kupferstiche. 10) Virgilius , die grosse Ausgabe von Rom in 3. Quartbaͤnden mit den Kupferstichen von allen Antiken, die man in Rom dazu hat. Es kostet 8. Dukaten. 11) Noch ein geschriebenes Buch, worin die Namen und Verzeichnisse aller geschenkten Buͤcher und Wohlthaͤterzu lesen sind, nebst herrlichen Federzeichnungen von Durandeaux, einem jungen Kuͤnstler aus Bruͤssel. Der Bibliotheksaal und die Wappen waren darin abge- zeichnet. In kurzer Zeit hoft man hier noch eine Seltenheit zu besitzen, nemlich — Plinii Hist. Nat. auf Perga. ment gedruckt vom Jahr 1469. — Man hat sie in Antwerpen gefunden. Nach dem Absterben des Prinzen Karls von Lothrin- gen sind mit dessen Bibliothek und uͤbrigen Samm- lungen, Die Die Kirche der heil. Gudula, oder La gran- de Eglise, denn sie ist ungeheuer gros, zugleich aber schoͤn Sie liegt so hoch, daß man von dem Platze vor der grossen Thuͤre einen Theil der Stadt, und das hinter derselben liegende Feld uͤbersehen kan. Herausgeber. . Ich fand darin merkwuͤrdig: Die Bild- schnitzereien in Holz unter der Kanzel. Sie stellen vor, wie Adam und Eva aus dem Paradies verjagt werden. Ein Engel mit dem blanken Schwerte, uͤber ihnen, treibt sie fort. Adam steht versenkt in Schmerz, sieht Even nicht an, und verdeckt das Gesicht. Unter ihnen sieht man vielerlei Thiere. Eine kuͤnstliche Schlange, die sich hinten an der Kanzel, — es sind 2. Seitentreppen dar- an, — hinauf windet, und mit ihrem Kopfe grade un- ter der Maria Fuͤssen, die oben steht, hervorkoͤmmt. Die Erfindung ist nach katholischem Glaubensbegrif, die Aus- fuͤhrung aber herrlich. 2) Der Hochaltar, der heut, weil Kermes ist, so aufgeputzt war, wie er nur 8. Tage stehen bleiben wird. — Vor Gold und massivem Sil- ber konnt’ ich zuletzt nicht mehr sehen. Er ist erstaunlich hoch, und hinter und neben ihm haͤngen die herrlichsten Tapeten aus der Stadtmanufaktur. 3) Ein Gemaͤl- de von Rubens, wie Petrus von Christo die Bin- deschluͤssel empfaͤngt, vorstellend Es ist auf dem ersten Altare rechter Hand in der Ka- pelle des heil. Sakraments zu finden. Gehoͤrt es gleich . 4) Das Grab- mahl lungen, die der seel. Verfasser hier beschreibt, viele Veraͤnderungen vorgegangen; indem der Kaiserl. Hof, als Erbe, Vieles davon, theils nach Wien schaffen, theils oͤffentlich verkaufen lassen. Herausgeber. mahl eines Grafen von Isenburg im Chor, schwarz und weis. Es herrscht viel Schmerz darin Von Verspoel, einem geschickten Bildhauer. Herausgeber. . Mr. Burtin schrieb mir ein Billet, daß er wegen Kopfweh zu Bett liege, und schickte mir dabei ein Stuͤck von dem wichtigen Lithoxylon aus Flandern, und zu- gleich eine Addresse an den Optikus, Hr. Bataille in Antwerpen: so wie mir Hr. Maldeck eine an Hr. Hellin, Bankier, à la Place de Mer mitgab. Ich besuchte in der Empfindung des schrecklichen Uebels, am Kopf zu leiden, meinen kranken Freund, und nahm von ihm Ab- schied und machte mich hierauf fertig nach Antwerpen zu gehen, und verlies ungern eine angenehme Stadt, die mich wieder an mein geliebtes Teutschland erinnerte. Reise nach Antwerpen. Den 23ten Jul. Auf dieser lernte ich zum erstenmahl die Treckschuy- ten, oder die Barken, die von Pferden gezogen werden, kennen. Man rechnet den Weg nur 8. Stunden, und ich kam gleichwohl erst Abends um 5. Uhr in Antwer- pen an. Um 8. Uhr geht die Barke alle Tage in Bruͤs- sel ab. Die Treppe dazu und das Bureau, wo man zahlt, gleich nicht unter Rubens beste Stuͤcke, so verdient es doch der Zeichnung, der schoͤnen Koͤpfe, und des Kolorits wegen, Lob. Es sieht noch so frisch aus, als wenns erst fertig worden waͤre. Herausgeber. zahlt, wird halb 8. Uhr geoͤfnet. Man zahlt fuͤr sich und den Kuffer bis Antwerpen nicht mehr als 29. Sous, und erhaͤlt dann ein gezeichnetes Stuͤckchen Blei. Wer sich nur der Barken bedient, und dann da, wo die Voi- turen anfangen, zu Fuß gehen will, zahlt weniger, und bekoͤmmt eine Karte. Die Barken selbst sind gros, hoch und schoͤn. Hinten ist ein Theil davon bedeckt, und es sind etliche Reihen Sitze mit Kuͤssen darin. In der Mitte und vorn setzt man die Kuffer hin, die kleinern Packete legt man in geflochtene Koͤrbe, auf die man sich setzt. Unten sind kleine artige Zimmer, eine Kuͤche mit einem Kamin, Thee, Koffeezeug und dergl. Wer bedeckt und auf einem Kuͤssen sitzen will, zahlt fuͤr jede Stunde noch 6. Liards, auch muß man in den untern Zimmern fuͤr die Plaͤtze zahlen. Die Pferde werden an ein grosses Tau gespannt, das oben vom Mast herabfaͤllt, und daran ziehen an der Seite des Kanals oft 2-3. Oft sitzt ein Kerl darauf, oft geht er nur neben her. Die Pferde und die Barken wechselt man auf dem Wege viermahl. Gemeiniglich ist der Wechsel bei einem kleinen Dorfe, wo die Leute Backwerk, Schinken, Wuͤrste u. dergl. schon bereit haben. Jeder Reisender nimmt seine kleine Hardes mit sich, die Kuffer aber werden auf einer Schleife die auch in der Barke ist, durch den Schiffer von einem Schiffe zum andern gebracht. Jeder rennt und laͤuft, um wie- der einen guten Platz zu kriegen. Wenn man wieder ab- stoͤßt, blaͤst man mit Hoͤrnern, um die Reisenden aus den Haͤusern zusammen zu rufen. Die Pferde ziehen die Barke Stunde vor Stunde. So unangenehm das fuͤr die Reisenden ist, so kans doch nicht anders seyn. Das Wasser ist ein Kanal von der Schelde. Er ist fuͤr 2. Barken breit genug, und laͤuft 5. Stunden lang grade fort, fort, wird aber, gegen das Land beurtheilt, immer nie- driger. Anfangs sind die herrlichsten Spaziergaͤnge von Bruͤssel zu beiden Seiten, hernach Wiesen, dann Frucht- felder, Landhaͤuser, kleine Doͤrfer, auch etwas Wal- dung. Bei jedem Wechsel der Barken ist ein Bassin, und darin Maschinen, die das Wasser aufheben und wie- der in den folgenden Kanal bringen. Man koͤmmt im- mer tiefer herab, Bei Willebroeck steht schon ein grosser Theil der Haͤuser tiefer in der Erde, als das Wasser. und merkt, daß man sich Holland naͤhert. Zuletzt wird das Schiff gar mit vieler Umstaͤnd- lichkeit in das Bassin herabgebracht. Man macht 5. Stunden zu Wasser. Der Ort, wo man absteigt, und die Schelde selber passiren muß, heist Willebroeck. Die Schelde ist nicht tief, wenigstens war sie jetzt sehr seicht; an vielen Orten sah man den Sand; aber gewal- tig breit. An gedachtem Orte liegen 2. Schiffe fuͤr die bereit, welche Bleizeichen, und fuͤr die, welche Karten abgeben. Kaum ist man aus dem ersten Schiffe druͤ- ben; so reißt man sich beinahe wieder um den Platz in den Voituren. Ich stieg in eine zum Fenster hinein. Es waren 15. Personen darin. Man sitzt sehr gepreßt. Der Weg von da nach Antwerpen, ist eine einzi- ge, gerade, 2½ Stunden lange, sehr angenehme Allee. Man sieht die Stadtthuͤrme wohl 1½ Stunden vorher. Ich hoͤrte sagen, man haͤtte ehemals zu Wasser bis nach Antwerpen fahren koͤnnen, aber seitdem 3. Schiffe mit Mann und Maus verungluͤckt waͤren, habe man die jetzi- ge Einrichtung gemacht. Ant- F f Antwerpen. Die Schelde fließt wiederum sehr breit an der Stadt vorbei. Die Stadt ist gros, breit auseinandergezogen, hat viele oͤffentliche Plaͤtze, viele sehr breite Strassen, meist sehr hohe Haͤuser, — und eine Menge Einwohner. Sie ist ganz gepflastert, hat gutes Wasser, und das hiesige Weisbier ist besser, als das uͤbrige weisse in Flandern. Ich nahm meine Woh- nung im goldnen Einhorn, — wo freilich kein Na- turkundiger einkehren solte, — aber diese Auberge liegt grade der Abfahrt nach Holland gegenuͤber. Noch diesen Abend suchte ich Hrn. Bataille auf. Man wies mich erst zu einem andern Optikus, der es wuste, wo jener wohnte, und bei meinem Wegweiser, der nichts als flaͤ- misch sprach, den Dolmetscher machte. Ich fand endlich das Haus, der Vater war nach Bruͤssel verreist, der Sohn war aber zugegen, und erbot sich, mir alles zu zeigen. Bemerkungen. Die Reise hieher war sehr komisch. Es fiel man- ches vor, das fuͤr die Reisenden angenehm und unterhal- tend ist, hier aber uͤberfluͤssig waͤre zu erzaͤhlen. Es war ein Geistlicher in unsrer Gesellschaft, der Lancelots griechische Grammatik in franzoͤsischer Sprache bestaͤn- dig offen in der Hand hatte. Desgleichen ein Kanoni- kus aus Mastricht mit 2. jungen Frauenzimmern, davon die eine Madem. Poulfache hies, und seine Nichte war. Dieser Mann zog, sobald wir etwa wieder eine halbe Stunde auf der neuen Barke gefahren waren, sein Ge- betbuch heraus, und betete unter der Menge der Leute von allerlei Stand und Karakter. Gab es etwa schnell einen Laͤrm bei einer Bruͤcke, die wir passirten, oder sonst einen Spas, Spas, oder mußte man schnell absteigen; so sah mans ihm an den Lippen an, wie er eilte, um ja das Gebet ganz zu absolviren. Ich dachte, ich saͤhe den Pharisaͤer, den Christus schildert. Die beiden Frauenzimmer konn- ten mir vom Aufenthalt des Prinzen Friedrichs von Baaden in Mastricht Nachricht geben. Da ich eine Viertelstunde nach der Ankunft in Antwerpen durch die Kathedralkirche ging, gefiel mirs doch, daß der Mann mit seinen beiden Frauenzimmern schon da war, und auf den Knien der Vorsehung fuͤr die vollbrachte Reise dankte. Den 24ten Jul. Das Regenwetter peitschte schon in der Fruͤh meine Fenster, und, weil ich nun nach Holland wollte, muste ich auch auf den Wind, wie der strich und sich drehte, Acht geben. Ich hatte Hrn. Bataille den Sohn zum Fruͤhstuͤck gebethen. Nachher gingen wir aus, und trafen, da wir an der Schelde hinauf gingen, eine Reihe Wagen an, die mit Faͤssern voll Moules (Pinn. Linn. Das sind die Muscheln, an denen die unter den Kon- chylien sonst seltenste Farbe die gewoͤhnliche ist. So ist nichts in der Natur ohne die frappanteste Aus- nahme! — ) beladen, nach Bruͤssel fuhren. Die Bootsknechte assen sie am Morgen ohne Brod aus den Schalen heraus. Ich sah hier das Thier in seiner natuͤrlichen Lage. Einen kleinen braunen, dunkeln Theil, fast in der Mitte, nannten die Leute die Zunge des Thiers. Zu meinem Erstaunen fras- sen auch die Hunde von diesen Thieren. F f 2 Ohn- Ohngeachtet meines Begleiters must’ ich doch einen franzoͤsischen Lohnbedienten haben, und auch dieser war nicht hinreichend. Ich muste die Description des princ. Ouvrages de Peint. et de Sculpt. existans à Anvers, 1757. 8. Ein kleines Buch, worin die in dieser Stadt vorhan- denen Gemaͤlde beschrieben sind, das daher dem um der Kunstwerke willen hierher Reisenden sehr brauch- bar ist. Herausgeber. kaufen. Mit dieser ging ich dann in den Kirchen, und an den oͤffentlichen Plaͤtzen herum, die herrlichen Gemaͤlde zu besehen. Denn ausser den Gemaͤlden, die hier in Kirchen und in vielen Privathaͤusern vorhanden sind, ist nichts Merkwuͤrdiges in Antwerpen. Die Stadt ist bei weitem nicht so leb- haft wie Bruͤssel, und mag bei der grossen Unwissenheit und dem gaͤnzlichen Mangel aller Litteratur im Winter sehr todt seyn. Zuvoͤrdest besuchte ich Die Kathedral- oder Frauenkirche. Diese an sich grosse, weitlaͤuftige, praͤchtige Sie ist von gothischer Baukunst, aber in ihrer Art schoͤn. Die Laͤnge betraͤgt 500, die Breite 240, und die Hoͤhe 360. Fuß. Sie ruht auf 125. Pfeilern und ist sehr helle. Der dazu gehoͤrige Thurm ist 466. Fuß hoch, und verdient seiner Bauart wegen Bewun- derung. Johann Amelius hat ihn 1422. zu bauen angefangen: doch ward er erst 1518. zu Stande ge- bracht. Es ist auch ein schoͤnes Glockenspiel darauf. Herausgeber. Kirche ist voll der schoͤnsten Gemaͤlde. Man koͤnnte mehr als einen Tag zubringen, wenn man alle Malereien, Grabmaͤler, Bildhauer- Bildhauerarbeiten, Verzierungen, Saͤulen ꝛc. in Au- genschein nehmen wollte. Man verliert sich darin, man geht heraus, der Kopf ist einem warm, voll, und vor Menge der Sachen weiß man nichts. Doch merkte ich mir a ) die Holzschnitzereien von A. Quellinus, dem Altar der neuen Schuͤtzengesellschaft gegenuͤber. Sie sind herrlich. Er hat den heil. Sebastian, der am Al- tar von Wenzeslaus Koeberger gemahlt ist, in Holz so schoͤn geschnitten, daß die Acad. de la Peint. einen silbernen dafuͤr geben wollte, man gab ihn aber doch nicht her. b ) Ein Gemaͤlde von M. de Vos, die Spei- sung der 5000. Mann. Christus, die Juͤnger, und die viel tausend Menschen um ihn herum! c ) Die Abnehmung vom Kreuz. Waͤre auch sonst nichts in dieser Kirche zu sehen, so verdiente sie allein dieses Stuͤcks wegen eine Reise. Das ist das grosse herrliche Gemaͤlde von Rubens, das uͤber dem Altare der Schuͤtzengesell- schaft haͤngt, und mit 2. Thuͤren verschlossen wird, die in- und auswendig auch von Rubens vortreflich be- mahlt Sie stellen inwendig die Heimsuchung und die Reini- gung Mariaͤ, und auswendig den heil. Christoph, der das Kind Jesus durchs Wasser traͤgt, vor. Herausgeber. sind. Ludwig XIV. bot 80,000. Livers fuͤr die Abnehmung, und der Prinz von Oranien fuͤr die beiden Thuͤren 40,000. Livers, aber die Schuͤtzengesell- schaft, uͤber 200. Personen stark, der es gehoͤrt, gabs doch nicht her. Rubens hat an den Koͤpfen auf diesem Stuͤcke sich selbst, seine beiden Frauen und sein Kind ge- mahlt. Der todte, welke Koͤrper, die gaͤnzliche Erschlaf- fung aller Muskeln, die blutlosen Glieder, die gebroche- F f 3 nen nen Augen, die haͤngenden Haͤnde, die durchwuͤhlten Fuͤs- se, das wimmernde Gesicht des todten Erloͤsers, und die zaͤrtliche Sorgfalt seiner beherzten Freunde, das Eilen der Maͤnner, das Heben, das Tragen, das Unterstuͤtzen der Weiber, denen die Thraͤnen aufm Gesicht haͤngen, die Muͤhe die sich jede gibt, — mehr, als der beste Be- obachter sagen kan, dies alles druckt dies Gemaͤlde aus. — Die Gemaͤlde gefielen oft noch weit mehr, wenn kei- ne Sticheleien auf die Ketzer, keine Dummheiten und Unrichtigkeiten in die Augen fielen. Von jenen findet sich in der Descr. des princ. Peint. N. 36. ein Bei- spiel; Adam und Eva haben Nabel; in der Anbetung der Weisen erblickt man Koͤnige mit Kronen und im Purpur ꝛc. Die Walpurgiskirche. Die Einsetzung des heil. Abendmahls von de Vos, und Rubens Ge- maͤlde am Hochaltar, die Kreuzigung und Auferste- hung ꝛc. vorstellend, sind hier das Beste. Die letztern Stuͤcke sind so wie die schoͤnsten in allen Kirchen, ver- schlossen, damit sie besser erhalten werden; zugleich aber ists ein Mittel, den Fremden Geld abzulocken, und man hat oft Gelegenheit, die Grobheit dieser Leute kennen zu lernen. Sie sind im Stande eine Krone zu fordern, wenn sie die Gallerie zu einem Hochaltar aufmachen, und einen Umhang aufrollen, wiewohl mir nichts Unan- genehmes wiederfahren ist. Einer in der Kathedralkir- che, der mir die Chapelle de la Mort, die ich offen fand, zuschlos, wollte nachher mit Ungestuͤm, la profi- te, wie er sagte, la profite, Monsieur, haben. Er meldete sich um 11. Uhr, als ich wegen der Abneh- mung ꝛc. wiederkam, noch einmahl, bekam aber nichts, und die andern lachten ihn aus. Die Die Jakobskirche. Otto van Veen, Rubens Lehrmeister, hat hier uͤber dem hohen Altar die Einse- tzung des heil. Abendmahls gemahlt. Nur das Stuͤck moͤcht’ ich alle Tage sehen! Unser Erloͤser sitzt, wie ein respektirter, zaͤrtlicher und geliebter Vater, der mit seinen Kindern von seinem Tode spricht, da, alles um ihn herum ist Ohr; einer sieht uͤber den andern hin, um den Ausdruck, die Mine Jesu zu sehen ꝛc. Kein Wun- der, daß ein so grosser Mann noch einen groͤssern Schuͤ- ler hatte. — Jakobs Enthauptung von M. de Vos, ist wegen der Menge der Figuren auch ein wahres Meisterstuͤck. Rubens und seiner Familie Grab- mahl und Gemaͤlde In der Begraͤbniskapelle der Familie dieses beruͤhm- ten Kuͤnstlers hinterm Chor der Kirche. Herausgeber. von ihm selber. Niemand hat mir noch etwas von seinem Karakter gesagt, aber das Gesicht, die Seele, die beiden Frauen, das Kind, wie viel verspricht nicht das alles! — Willemsen’s Sta- tue von Johannes in der Wuͤsten, ist so schoͤn, als irgend eine in Frankreich. Der Kopf scheint zu leben, und hat einen edlen Karakter. In der Jesuiterkirche waren ehemals auch herrliche Ge- maͤlde Besonders zwei der allervorzuͤglichsten Stuͤcke von Rubens: das eine stellt den heil. Ignatius vor, wie er einen Teufel austreibt, das andre, den heil. Xaver, wie er einen Todten auferweckt. Herausgeber. , allein sie ist nach der Aufhebung des Ordens geschlossen, und alle schoͤne Stuͤcke sind nach Wien Wo sie nun die Kaiserl. Gallerie verschoͤnern. Herausgeber. F f 4 geschaft geschaft worden. In allen andern Kirchen und bei vie- len Partikuliers sind Gemaͤlde. Ich habe so viele gese- hen, daß mir die Augen zngleich dunkel wurden. Ich besah ferner noch Die Boͤrse; sie ist natuͤrlich klein, Sie ist doch 194. Fuß lang, und 154. Fuß breit. Herausgeber. aber artig und besteht in einem Viereck mit Arkaden umgeben, die auf 50. Pfeilern ruhen, davon kein einziger dem andern gleich ist, alle haben ein anderes Dessein. Oben uͤber der Boͤrse ist Die Malerakademie. Man koͤmmt erst in das Amphitheater, wo die Schuͤler zeichnen lernen, und dann in einen grossen Saal, worin wieder von Rubens, Vandyck ꝛc. die schoͤnsten Stuͤcke haͤngen. Ich be- wunderte besonders einen alten Mann mit einem Bar- te, der so fein, und so weisgrau ist, daß man darnach greifen moͤchte. *) Vermuthlich meint der Verfasser hier das Bildnis eines vormahligen alten Aufsehers der Akademie, der nach Landessitte das Wappen der Akademie auf sil- bernen Schilden um den Hals traͤgt, von Cornel. de Vos so schoͤn und ausfuͤhrlich gemahlt, das mans von Vandycks Hand zu seyn, glauben sollte. Herausgeber. Abraham und Hagar, vom aͤl- tern Eyckens. O, man moͤchte weinen, wenn man es ansieht. — Hagar mit dem Knaben, der noch immer zuruͤcksieht, laͤuft fort, weint, verdeckt das halbe Gesicht; Abraham etwas grimmig, stoͤßt sie fort, hinten schielen Sarah und Isaac vor. — Nur sind die Kleider et- was zu praͤchtig, das ist gegens Kostum. La La Place de Mer. Vielleicht einer der schoͤnsten Plaͤtze in Europa. La Place Royale in Paris ist gewis herrlich, aber nicht so gros und lang, wie dieser in Antwerpen. Oben konnt’ ich das Ende davon nicht sehen. Auf der einen Seite sind nur die Haͤuser fuͤr die- sen praͤchtigen Platz nicht hoch genug. An dem Kruzi- fix von Bronze, das darauf steht, Es ist 33. Fuß. hoch. Die Figur Christi ist sehr schoͤn. Der Meister ist Johann Goethals. Herausgeber. haͤngt noch eine praͤchtige Lampe, die des Nachts einen herrlichen Anblick machen muß. Das Rathhaus. Davon konnt’ ich nur das Aeus- sere besehen. Es steht auf einem Platz, der viel kleiner ist, aber verzierte Haͤuser hat. Man setzt hier, wie in Bruͤssel, fast auf alle Fenster und Tagloͤcher von wichti- gen Haͤusern vergoldete Zapfen, die artig gedreht sind. Nur Schade, daß das Rathhaus so schmal ist. Die Vorderseite ist doch 250. Fuß breit. Die aͤus- sere Architektur verraͤth einen kleinlichen unedlen Ge- schmack, aber inwendig sind grosse, wohl verzierte Saͤle, in denen viele schoͤne Gemaͤlde, besonders ein allegotisches von A. Jansens haͤngen. Herausgeber. Oben stehen Figuren von Adlern und Loͤwen, — dem Wappen vom Roͤm. Reich und Brabant, — und auf dem aͤus- sersten Giebel steht ein Adler mit ausgebreiteten Fluͤgeln. Das Gemaͤldekabinet des Kanonikus Knyff. Dieser Kanonikus kan auch nicht sagen: „Silber und Gold hab ich nicht,“ oder: „Ich habe gelernt, mit al- F f 5 lem lem zufrieden zu seyn,“ wie Paulus. Man findet bei ihm 4. Zimmer, — davon besonders das zweite ein grosser Saal ist, — die alle praͤchtig und voller Male- reien sind. Hier in Antwerpen erhebt man es freilich uͤber das Verhulstsche in Bruͤssel; ich besitze auch nicht genug Kunstkenntnis, um daruͤber zu entscheiden. Mir gefielen am besten: 1) Rubens Mutter, von ihm selbst gemahlt. Eine Frau, wenigstens von 80. Jahren, in flam- laͤndischer Kleidung. Heil dem dankbaren Sohne, der seinen Meisterpinsel ergrif, und die Mutter schilderte, die ihn erzogen, ehe er so gros war! Die rothen Augen, die Falten unten am zahnlosen Munde, die Reste der lebhaf- ten Farbe, die Mutterfreude, die Haare ꝛc.! 2) Chri- stus zu Tische beim Pharisaͤer. Er sitzt so freund- lich, so liebreich da, und die Frau unten, — ach so zaͤrt- lich, halbschuͤchtern! Der Pharisaͤer laͤßt Messer und Ga- bel fallen, streckt beide Haͤnde gen Himmel, wie ein Cy- rillus, oder ein andrer abscheulicher Menschenverfolger. 3) Das Paradies. Die ersten Eltern, die Thiere, sonderlich rothe und blaue Papageien auf den gruͤnen Baͤumen ꝛc. Thierstuͤcke, Jagden ꝛc. Schade, daß der Verfasser die Maler dieser Stuͤcke nicht angab! Herausgeber. Drauf machte ich einen Besuch bei Hr. Hellin, Bankier à la Place de Mer. Hr. Maldeck in Bruͤs- sel hatte mir eine Empfehlung an ihn mitgegeben, um hollaͤndische Dukaten fuͤr franzoͤsische Louisd’or zu bekom- men. Der Mann sagte mir aber mit vieler Freundlich- keit grade das Gegentheil von dem, was so viele andre gesagt gesagt hatten. Ich sollte die Louisd’or mitnehmen, ich wuͤrde vielweniger verlieren, als wenn ich hier Dukaten naͤhme; er wuͤrde mir das rathen, wenn ich sie auch ha- ben koͤnnte, wiewohl er keinen einzigen haͤtte ꝛc. Man muß nie gereist seyn, wenn man nicht weis, wie so ver- schiedene Nachrichten, Sagen, Rathgebungen und An- weisungen fuͤr den Reisenden eine so beschwerliche Sache sind. — Doch, auch etwas zur Naturgeschichte: Bei Hr. Bataille sah ich: 1) Eine Art Kiesel aus Ceylon, die man weisse Saphire Von den Felskrystallen unterscheiden sich diese durch ihre hellere, weissere Farbe. Jene sind fast immer etwas braͤunlichter. nennt, und aus denen er die Modelle der grossen Diamanten schleift. Er hatte auch das gemacht, das mir Hr. Maldeck in Bruͤssel zeigte fuͤr 26. Ecus à six francs. Man hat dazu eiserne, ku- pferne und messingne Maschinen, Raͤder, Feilen ꝛc. Man kan sie so schoͤn schleifen, daß sie mit ungemeinem Feuer, wie Diamanten spielen. Die weissen Saphire sind die naͤmlichen, die ich von Hr. Koͤnig in Paris er- halten habe. (s. S. 332.) 2) Das Microscope achromat . wir konnten 4, 5, 6, 7. Linsen einsetzen. Ganz ist es nicht das naͤmliche wie S. 439. Streu- sandkoͤrnchen sahen zuletzt wie Pflastersteine, eine Steck- nadel wie ein Orthoceratit aus; am Knopfe sah man das Entrelacement deutlich, es sah wie Stricke aus. 3) Bemerkte ich, daß hier die Erde bei weitem nicht die Festigkeit hat, wie an andern Orten. Sie ist schon et- was locker, hohl, und voll Wasser. Ein Zeichen, daß ich ich bald in Holland seyn werde. Faͤhrt ein grosser Kar- ren schnell durch die Strassen, so laͤrmt das so stark, daß man nicht mehr hoͤren kan, uud ich bekam gleich Kopf- weh. Als ich uͤber dem Mikroskop war, zitterte, wenn etwas vorbeifuhr, gleich das ganze Haus, das doch kein Pariser Haus war, und man konnte nichts erkennen. — So macht die Natur alles Stufenweise. (s. die Natur- gesch. von St. Amand S. 310. 311.) — Ich sprach mit dem Kapitain Neiche, der des fol- genden Tages mit einem grossen Schiffe nach Holland absegeln wollte. Franzoͤsisch konnt’ er nicht, ich sprach also deutsch mit ihm, darauf antwortete er flaͤmisch, und doch verstanden wir einander. Fuͤr einen Platz in seiner Kajuͤte forderte er einen Dukaten, das ist die Taxe; aber fuͤr den Kuffer 1. Gulden, das schien mir zu viel auf dem Wasser. Ich lies durch andre Leute mit ihm handeln, er besah meine Equipage, blieb aber bei seiner Forderung. Naͤchstdem muß noch jeder Passagier fuͤr die Abfahrt von hier zahlen. Fuͤr Essen und Trinken mußt’ ich auch noch sorgen, ja auf den Fall einer langen Reise einen guten Vorrath mitnehmen. Und nun wieder eine andre Rech- nung, andres Geld, andre Menschen, andre Sprache, und ein gewinnsuͤchtiges Volk, ein theures Land. — Sind das nicht Beschwerden fuͤr einen armen Reisenden! — Indem ich dies schreibe und dann in ein neues Land hineinblicke, regnet es vielleicht zum zehntenmale an die- sem Tage gewaltig, und der Wind ist unbestaͤndig. Alle Nachrichten von Holland sind so widersprechend, daß man ungewiß wird, ob man hingehen soll oder nicht. — Doch im beruhigenden Gedanken, daß eben der Gott, der mich bisher beschuͤtzte, auch dort Bahn und Wege fuͤr mich mich machen wird, verlass’ ich morgen Brabant und Flandern, und trete die Reise nach Rotterdam an. Man rechnet zu Lande etliche 20. Stunden. Mit einer Pistole kan man in einem Tage hinkommen. Auf dem Wasser aber rechnet man etliche 40. bis 50. Stun- den, und die Zeit, die man dazu braucht, beruht auf dem Winde. Den 25sten Jul. Ein Schiff ist in der That das Bild einer guten Ordnung und Einrichtung. Man erstaunt, wie vieler- lei Dinge in den Raum hinein gebracht werden. Alles ist hohl, alles ist Schrank. Jeder Sitz hat unten seine Hoͤhlung, seinen Kasten. Hinter jeder Wand kan man etwas verwahren, und in den vieleckichten, vielwinklich- ten, irregulaͤren Kasten findet sich immer ein oder das andre Gepaͤcke, das recht gut hinein paßt. Der hinter- ste Theil heist die Kajuͤte, und ist ein ordentliches Zim- mer mit Fenstern, Spiegel, Glaͤsern, Stuͤhlen, Betten ꝛc. Der Leuchter ist an die Wand geschraubt, und hat uͤber sich einen Deckel von Messing. Der Spiegel haͤngt an einem Schranke. Der Tisch kan zusammengeklappt werden. Die Stuͤhle sind Tabourets; die Betten sind schmal, neben und uͤber einander gegen die Mitte des Schiffs zu angebracht, und mit Vorhaͤngen und Unter- schieden versehen. Der Abtritt ist ein Sitz, den man aufhebt; unter dem Brete ist ein Loch, das grade in die See geht. Die Kelchglaͤser haͤngen in Einschnitten in einem Wandschranke. Die Teller stehen zwischen den Schaͤften, Schaͤften, wie in der Kuͤche. Zu den kleinen Sachen hat man Koͤrbe, alles Unnuͤtze wird grade zum Fenster hinaus geworfen. Das Feuer erhaͤlt man haussen an ei- nem Stuͤcke Torf In Bruͤssel haͤngt wo ein Schild, worauf ein erfror- ner Bauer sich an einem Torffeuer, das langsam brennt, waͤrmen will. (In Frankreich hat man in den Reißbuͤndeln noch duͤrres Laub, und aussen Schwefel, das brennt gleich lichterloh.) und um den Schild herum steht: La Patience hollandoise. Koͤnn- te man nicht eben so einen Schild erfinden, und dazu schreiben: La Frivolité françoise? in einem eisernen Kessel. Oben uͤber der Kajuͤte ist das Steuerruder, das besteht in einer grossen eisernen Stange, oben mit einem gemahlten Kopf, uͤber dem eine Stange steht, an der ein gemahltes Stuͤck Tuch haͤngt, das der Wimpel heist, und alle Nacht ab- genommen wird. In der Mitte des Schiffs sind unter- schlagne Kammern fuͤr die Reisenden, und grosse weite Plaͤtze, wo das Gepaͤcke, die Wasserfaͤsser, das Holz ꝛc. aufgehoben werden. Vorne ist das Roeff, ein etwas beß- rer Platz fuͤr die Reisenden, wo die Kuͤche, das Kamin, Betten und Schraͤnke sind. Statt der Treppen sind uͤber- all kleine Leitern angestellt. Oben ist auf dem Verdeck uͤber dem Roeff das Kamin, wo der Rauch herausgeht. Ueber dem Roeff ist der Anker und eine grosse Welle, die durch Hebebaͤume herum gewunden wird. In der Mit- te des Verdecks steht der Mast mit den Segeln, den Rhaen, Rollen, Stricken, und eisernen Ringen, ver- mittelst deren sie von einer Seite des Schiffs zur andern gewendet werden. Das Das Laden des Schiffs geschieht durch Rollen und Flaschenzuͤge. Das waͤhrte so lange, daß wir erst um 10¾. Uhr den Anker lichten und aftrecken konnten. Es gingen bald hernach 8. Schiffe von Rotterdam bei uns vorbei. Um 12. Uhr waren wir bei der Phlippe, dem letz- ten Kaiserlichen Fort. Wir sollten visitirt werden, der Kapitain ging aber im kleinen Boot, das hinten am Schiffe angebunden nachschwimmt, mit seinen Briefschaf- ten hin, und guarantirte fuͤr jeden, der bei ihm in der Kajuͤte war. Der Kommis kam mit ihm zuruͤck, und ward mit einem Glase Wein traktirt. Um halb 2. Uhr waren wir bei Lillo, dem ersten hollaͤndischen Fort. Und weil grade in der Schelde Ebbe war, und der Wind sehr schwach, so musten wir da sehr lange warten. Indessen fuhr der Kapitain mit seiner Frau und Tochter wieder hinuͤber, und bewahrte meinen Kuffer vor der Untersuchung. Die Schiffsbe- dienten ruhen indes auch aus, essen, und waschen be- staͤndig das Schiff. Denn hier sieht man schon die Rein- lichkeit der Hollaͤnder. Keine Erdbeere, kein Kirsch- kern ꝛc. darf auf dem Schiffe bleiben. In der Kajuͤte gibt man jedem, der Toback raucht, ein zinnernes Spuck- naͤpfchen, und selbst die Kajuͤte wird alle Tage durch den Schiffsjungen mit wollnen Besen gekehrt. That es mir nicht ordentlich wohl, daß ich auch wie- der bei Menschen war, die ihre Geschaͤfte, ohne bestaͤn- dig das Sacre Dieu im Maule zu haben, verrichten, und bei Protestanten, die vor und nach dem Essen beten? Man sagt viel von der Wildheit der Matrosen, aber ich fand fand viel Gutes an ihnen. Der Kapitain ist sehr respek- tirt; er betrachtet aber auch alle von der Schiffsmannschaft als Glieder seiner Familie, sie essen und trinken mit ihm, und haben, was er hat. Die Hoͤflichkeit des Hollaͤnders ist wahre, vernuͤnftige Hoͤflichkeit, ohne viele Worte. Bietet man ihm etwas an, er nimmts, und theilt mit der andern Hand alles mit, was er hat. Er unterstuͤtzt den Fremden, wo er kan. Begegnet einem ein kleines Ungluͤck, er lacht nicht wie der Franzos, er hilft gleich. Die Frau des Kapitains arbeitete bestaͤndig, das Kind hatte seinen Katechismus, und sein Papier, und lernte und schrieb. Der Hollaͤnder laͤßt jeden machen, was er will; er hebt sein Vaterland nicht bis an den Sternen- himmel, er zeigt sein Kind, und fragt den Fremden, wies ihm gefaͤllt, ohne daß ers zur Parade aufstellt, wie in Paris. Mann und Frau leben ganz anders mit einander, als in Frankreich, kurz, — ich freute mich sehr, unter diesen guten Leuten zu seyn. Aber gegen Abend bekamen wir Sturm, die Fluth kam, die Schelde schwoll erstaunend an, es regnete, der Wind ward uns zuwider, wir singen an zu laviren, und kamen in 3. Stunden nicht weit. Um 10. Uhr lies man den Anker fallen, das Schiff ruhte, ich ging aufs Ver- deck, und sah mit Vergnuͤgen die Bewegungen des Was- sers, der graue gewoͤlbte Himmel verhuͤllte die Aussicht; hie und da kreuzten noch Schiffe herum, bis endlich jedes stille lag; da sang ich: Gros ist der Herr und seiner Schoͤpfung Werke Verkuͤnd’gen Erde, Land und Meer. Wer ist wie Er? Betrachtet seine Werke Und betet an. — Gros ist der Herr. Da Da rauscht der Sturm. — Die Wasserwogen heben Im Schaum das Schiff zum Himmel auf. Seid ohne Furcht. — Was soll die Angst, das Beben? Gott zeichnet jedem seinen Lauf. Der Fluß schwillt auf. Gott tritt sie alle nieder, Die Wellen sinken unter ihm. Sanft glitscht das Schiff, o steiget auf ihr Lieder! Steig auf mein Dank, steig auf zu ihm! Bin ich nicht Mensch? von Millionen Einer? Und dennoch sieht und liebt Er mich. Dein sind die Himmel, — aber keiner, Der Dich verehrt, ist ohne Dich! Den 26sten Jul. Mein Bett in der Kajuͤte war recht gut. Bei dem sanften Schwanken des Schiffs schlaͤft man ruhig; wiewohl meine Existenz diesmahl in einen Raum von 4½ Spannen breit, eingeschlossen war. Es regnete und stuͤrmte so heftig, daß das Schiff bis gegen Mittag erstaunend herum geworfen ward. Alle 6. Minuten riß man die Segel von einer Seite zur andern mit schrecklichem Gepolter herum. Wir musten beim Fruͤh- stuͤck den Kaffeetopf an den Leuchter binden, und nachher stuͤrzte er doch herunter und zerschlug einiges. Ich be- suchte die Reisegesellschaft, aber allerwegen tanzte alles. Das Schiff sah bald aus, wie ein Hospital. Jetzt konn- te ich noch einem andern, der sich erbrach, den Kopf hal- ten, aber bald nachher muste ich selber alles von mir ge- ben, und vor jedem Fenster, vor jedem Topf stand einer ꝛc. Selbst des Kapitains Frau ward krank, legte sich nieder, und stand wieder auf. Eine traurige, verdruͤs- G g liche liche Lage, die man nicht beschreiben kan. Man weis nicht, was man thun und nicht thun soll ꝛc. Kopf und Magen leiden, man ist muͤde, und arbeitet doch nicht. Man ist krank, und hat doch eigentlich keine Schmerzen. Jeder sieht todtenblas, wie ein Schatten aus, und wenns wieder ruhig wird, lebt jeder wieder auf. Um 4. Uhr passirten wir Willemstadt, Ein kleines, festes, rundgebautes Staͤdtchen mit gra- den Gassen in einem Winkel am Hollands-Diep gele- gen. Es hat einen Hafen, in den die Einfahrt zu gewissen Zeiten gefaͤhrlich ist. Herausgeber. und sahen um 5. Uhr, 4. ziemlich grosse zweimastige englische Schiffe mit Kanonen. Bald nachher ging ein noch groͤsseres hollaͤndisches nahe bei uns vor Anker. Um 6. Uhr verliessen wir die Schelde, und kamen mit gutem Winde in den Kanal. Da war nun bestaͤn- dig eine Menge Schiffe um uns herum. Wir fuhren an vielen Doͤrfern vorbei, wo ich schon die Pfaͤle im Was- ser erblickte. Ein Handwerksbursche aus Hamburg, der sich mit Schinken und Toback ernaͤhrte, klagte jetzt schon uͤber eine starke Schaͤrfe am Zahnfleisch. Um 9. Uhr fuhren wir bei Dortrecht vorbei, und blieben halb 11. Uhr liegen. Den 27sten Jul. Die ganze Nacht hatt’ ich ruhig geschlafen. Um 1. Uhr segelte das Schiff wieder. Um halb 5. Uhr weck- te te mich der Kapitain mit: „Myn Heer, wir sint al te „Rotterdam!“ Ich stand auf und sah die Stadt vor mir, und uͤberall einen herrlichen Himmel. Die Gesell- schaft war schon fort. Ich machte mich auf den Weg und ging fort nach Rotterdam. Da weckte ich den Wirth in het groote Shippershuys, und fand bei einem sehr arti- gen Manne, der etwas franzoͤsisch und deutsch sprach, mein Quartier. Um 9. Uhr suchte ich aufm Oppert Myn Heer Creet auf. Der Brief von Hr. Tollius (s. S. 353.) that die beste Wirkung. Doch mußt’ ich lateinisch mit ihm sprechen, bis er mit dem Franzoͤsischen wieder ein we- nig im Gange war. In Rotterdam war freilich nicht viel Merkwuͤrdiges fuͤr mich zu sehen; indessen gingen wir doch aus und besahen die Kirchen, ob sie zwar eben nichts Besonderes haben, und bemerkte darin Folgendes: In der Grossen Stadtkirche sind die schoͤnen Grabmaͤhler der beruͤhmten Admiraͤle, de Witt, Brakel, und Kortenaer. Alle militaͤrische Ehrenzeichen und fast ein ganzes Schiff ist da allemahl in weissem Marmor ausge- hauen. Es war eben hier Gottesdienst. Der groͤste Theil der Zuhoͤrer stand und lief unter der Predigt herum, und jeder mit dem Hut auf dem Kopfe. Die Prediger sind wie unsre gekleidet. Die Kirche der Arminianer war viel besser ein- gerichtet, aber klein und eng. Die Englische Episkopalkirche ist ein schoͤnes Gebaͤude mit dem Wappen von England und dem des G g 2 Herzogs Herzogs von Marlborough geziert. Sie ist durch Un- terzeichnung erbaut worden. Der Herzog unterschrieb zuerst 200. Pf. Sterl. und wirkte die Erlaubnis aus. Die Prediger haben alle Freiheiten, wie in Engelland, nur daß sie das weisse Chorhemde uͤber das schwarze Kleid nicht tragen koͤnnen. Die Hollaͤnder sagen, das sei zu katholisch. Eine Englische Predigt ist angenehm zu hoͤ- ren. Auf der Kanzel liegt ein rothsammtnes Kuͤssen mit Gold, und darauf die Handschrift. Die Presbyterianische Kirche ist bei weitem nicht so gros. An jedem Sitze ist ein Lichtstock, weil man auch Abends zusammen kommt. Auch um 8. Uhr war die grosse Stadtkirche noch ungemein voll Leute. Aus den Kirchen ging ich noch weiter und besah Die Stadtkanaͤle. Diese machen eine der groͤsten Zierden der Stadt aus. Sieben ansehnliche Kanaͤle durchschneiden der Laͤnge nach die Stadt. Zu beiden Seiten sind sie mit Baͤumen besetzt, und auf jedem lie- gen eine Menge Schiffe. Auch hat man hier die schoͤn- sten Aussichten und Spaziergaͤnge. Die meisten Kanaͤle kommen aus der Maas, und einer aus der Rotte, ei- nem kleinen Flusse, welcher der Stadt den Namen gege- ben hat. Die Bildsaͤule des Desid. Erasmus. Neben der Boͤrse auf dem Erasmus markt, steht in einer eiser- nen Einfassung auf einem Fusgestelle von weissem Mar- mor die metallne Statue dieses grossen Buͤrgers von Rotterdam mit lateinischen und hollaͤndischen Inschrif- ten versehen Die Stadt hat sie ihrem beruͤhmten Landsmanne 1622. setzen lassen. Der Kunstkenner findet sie in der That . Kleidung und Gesicht sind sehr gut, wiewohl wiewohl alles kohlschwarz aussieht. Er hat einen gros- sen Folianten in der Hand, und schlaͤgt etliche Blaͤt- ter um. Man gesteht aber, daß es noch nicht ge- wis ist, ob Erasmus wirklich hier gebohren worden, wiewohl man nicht weit davon in einer kleinen Strasse ei- ne goldne Inschrift Sie lautet so: Aedibus hic ortus mundum decoravit Erasmus, Artibus ingenuis, Religione, fide. Herausgeber. an ein Haus gesetzt hat, worin man glaubt, daß dieser beruͤhmte Gelehrte gebohren wor- den. Hierauf machte ich einen Besuch bei Hrn. Dr. Bicker, einem hiesigen Arzte, mit dem man mich bekannt machte, weil er Direktor ei- ner gelehrten Gesellschaft ist, die hier seit einigen Jahren errichtet worden ist, und schon 3. Quart-Baͤnde von ih- ren Aufsaͤtzen, aber alle in hollaͤndischer Sprache heraus- gegeben hat, die vielleicht ins franzoͤsische uͤbersetzt wer- den Diese gelehrte Gesellschaft fuͤhrt den Namen: Ba- taafsch Genootshap der profondervindelyke Wis- begeerde te Rotterdam. Sie ist 1771. errichtet worden. Ihr vornehmster Urheber war Stephan Hogendyk, der ihr auch 150000. Gulden vermacht hat. Hiernaͤchst hat ein Arzt, Namens Stock, das meiste beigetragen, die Beschaͤftigungen der Gesell- schaft auf die Erweiterung der Experimentalnaturlehre zu leiten. Sie besitzt auch eine schoͤne Sammlung von . Er versprach mir, morgen die Boͤrse und den Akademiesaal zu zeigen. G g 3 Hr. That nicht so besonders, als man sie in Rotterdam zu seyn glaubt. Herausgeber. Hrn. Fried. Reinwille, einem alten, gelehrten und bedauernswuͤrdigen Manne, mit dem mich der junge En- gellaͤnder, Mr. Waltnush bekannt machte. Ehemals war er Lehrer der Botanick in Lyon, aber seine asthma- tischen Umstaͤnde und erschrecklichen Kraͤmpfe im Unter- leibe, noͤthigten ihn zu privatisiren. Ein Mann, der in der Botanik der Niederlande viel gethan, auch andre Theile der Naturgeschichte bearbeitet hat, aber durch sei- ne Krankheit abgehalten wurde, jemals etwas bekannt zu machen. Ich sah seine Grassammlung aus diesen Gegenden durch, worin viele neue, unbekannte Arten vor- kamen. Er hat Briefe von Hallern, Linne’ und an- dern Kraͤuterkundigen, denen er viel geschickt hat. Er beklagt sich aber uͤber manche Gelehrte, daß sie ihm nicht antworten und nichts wieder schicken. Von Banks in London, der ihn hier besuchte, hat er viele suͤdlaͤndische Pflanzen bekommen. Sein Zimmer ist mit den schoͤn- sten Kopien von Roͤsel’s Insektenwerk tapeziert, die er alle selbst gemacht und illuminirt hat. Er besitzt auch eine Muͤnzsammlung, worin viele seltene Stuͤcke vor- kamen. Aber seit 12. Jahren leidet der gute Mann er- staunend viel, und hat, weil er taͤglich den Tod erwartet, bereits uͤber seine Sachen disponirt. Indes, daß der Engellaͤnder und ich die Sachen durchsahen, schrie er oft und winselte. Sobald ich zu ihm kam, und wir uͤber hunderterlei Dinge in der Natur sprachen, vergas er alle Schmer- von Instrumenten, die der dortige geschickte Instru- mentverfertiger Klay verfertigt. Die von dieser Ge- sellschaft herausgegebenen Schriften sind betittelt: Verhandelingen van het Bataafseh Genootshap et cet. Herausgeber. Schmerzen und lebte wieder auf. So gros ist die Liebe dieses Mannes noch im traurigen Alter fuͤr die Naturge- schichte. Er ward zuletzt recht munter, stand auf, und dankte mir herzlich, daß ich ihn besucht haͤtte. „Es sei „ein Werk der christlichen Liebe,“ sagt’ er ꝛc. Ach Gott, dacht’ ich, im Weggehen, was ist der Mensch am Ende eines geschaͤftigen Lebens! Doch die Liebe zur Naturge- schichte stirbt nie in der Seele. Sie jagt den Juͤngling durch die Welt und erfrischt den Greis auf dem Schmer- zensbette! — — Ich sah auch bei ihm eine von den kleinen niedlichen Tobakspfeifen, davon nur 5. in der Welt sind, und davon der Prinz von Oranien eine be- sitzt ꝛc. Myn Heer Danens, der wirklich die groͤste und schoͤnste Tabakspfeiffenfabrike in Gouda besitzt, hat sie gemacht. Der Engellaͤnder und ich gingen hierauf spatzieren, besahen die Spaziergaͤnge der Stadt, die Maschinen, grosse Moraͤste auszutrocknen, und die Windmuͤhlen, worauf die Hollaͤnder das Holz, das sie in der ganzen Welt aufkaufen, ohne Kosten und ohne viele Menschen in Breter schneiden: ferner das Pesthaus, oder ein La- zareth, eine halbe Stunde vor der Stadt, das auf einer Insel steht und durch Kanaͤle vom andern Lande abge- schnitten ist. Ein Engellaͤnder, der vor einigen Jah- ren, weil man in London statt des Gefaͤngnisses von Newgate ein neues bauen wollte, blos deswegen her- umreiste, um allerlei Einrichtungen dieser Art zu se- hen, fand sonst nirgends in der Welt so eine beque- me Lage Dies war Howard, der um die Gefaͤngnisse, Zucht- und Arbeitshaͤuser und dergleichen in Frankreich, Holland, als hier. Aber die Einrichtung ist, wie die G g 4 Aerzte Aerzte in der Stadt mir selber gestanden, sehr schlecht. Man hat 200. Betten darin, und der Magistrat nimmt doch immer nur 20. Personen auf, und mit venerischen, auch nur mit chronischen Krankheiten behaftete, laͤßt man gar nicht hinein. Und doch legt man 2. Kranke in ein Bett! — Wir sahen auch einen grossen Teich, als Spuren der grossen und erstaunend schaͤdlichen Ueberschwemmung im vorigen Winter ꝛc. Auf den Abend war ich noch bei Myn Heer Creet zum Essen gebeten, und konnts ihm nicht wohl abschla- gen. Wir kriegten nicht eher als um 10. Uhr was zu essen, und um 12. Uhr kam ich erst nach Hause. Die Kochart fand ich voͤllig deutsch. Bemerkungen. Die Strassen in Rotterdam sind wie in ganz Holland unvergleichlich. Sie sind breit, helle, und in der Mitte mit Steinen gepflastert; zu beiden Seiten aber ist ein Weg fuͤr die Fußgaͤnger mit Backsteinen be- legt, auf den kein Wagen oder Karosse kommen darf Die schoͤnste ist die Heerestraet, und die angenehm- ste der Boompaes, der zugleich zu einem anmuthigen Spaziergange laͤngst der Maas dienet. Ueberhaupt gibt . An Holland, Deutschland, den nordischen Staaten ꝛc. zu besehen und kennen zu lernen, eine Reise machte, und hernach davon ein Buch schrieb, darin er Vor- schlaͤge zur Verbesserung solcher Haͤuser in seinem Va- terlande thut, und das seiner menschenfreundlichen Denkungsart zur Ehre gereicht. Es ist auch ins deutsche uͤbersetzt. Herausgeber. An manchen Orten sind noch Pfaͤhle gesetzt. Nebst dem ist an den Haͤusern noch ein breiter Weg fuͤr die Fußgaͤn- ger mit schwarzen steinernen Platten belegt. Da kan man auch, wenns regnet, trocken und unbespruͤtzt zu Fus- se gehen. Das Dachtraufenwasser wird aufgefaßt und laͤuft an den Ecken der Strassen in die Kanaͤle herab, so hat man nicht hundertmahl auf einem Wege noͤthig, sich dekrotiren zu lassen, wie in Paris. Bei der Boͤrse sah ich ein einziges mahl einen Dekroteur, er hatte aber nichts zu thun. Die kleinen unterirdischen Haͤuschen an der Sei- te der grossen, duͤnkten mir Anfangs laͤcherlich. Man geht eine Treppe, wie in einen Keller, von der Strasse hinab, oben liegt ein Fenster queruͤber, dadurch faͤllt das Licht ein, und unten kauft und verkauft man. Es woh- nen ganze Familien darin ꝛc. Ich bemerkte, daß die Hunde hier uͤberall an den Haͤusern mit Ketten angelegt waren, und man sagte mir, daß die Polizei das in den heissesten Sommermonaten ge- biete. Wieder ein Blick nach Paris zuruͤck. — Wer ist nun gescheuter? Der Magistrat in Rotterdam, oder die grossen Raisonneurs, die homines effeminati, delicatuli, molles, graculi in Gallia? Rotterdam ist die Stadt, wo eigentlich das Kom- merz zwischen Engelland und Holland seinen Sitz G g 5 hat. gibt es hier einen ganz unvergleichlichen Anblick, das Gemische von Haͤusern, Baͤumen und grossen dreima- stigen Schiffen mit ihren Flaggen in den Gassen zu sehen. Herausgeber. hat. Dies hat allerdings seine Richtigkeit, denn man rech- net ja, daß Rotterdam \frac{9}{10} des ganzen englischen Han- dels mit Holland an sich gezogen hat. Auch am ost- indi schen Handel hat diese Stadt naͤchst Amsterdam den wichtigsten Antheil. Ueberhaupt zieht sich die Handlung von Amsterdam immer mehr nach Rotter- dam, daher auch der erstern sichtbare Eifersucht auf letztere herruͤhrt. Auch faͤllt der Preiß der Haͤuser in Amsterdam, so wie er hingegen in Rotterdam steigt. Herausgeber. In Holland findet man nirgends so viel En- gellaͤnder als hier. Alle 8. Tage segelt ein grosses Schiff nach dieser Insel und holt engl. Waaren aller Art, so- gar Schuhe ꝛc. Den 28sten Jul. Heute Morgen hatten wir Regenwetter, und ich mei- ne boͤse Migraine wieder, die mich den ganzen Tag quaͤlte. Um 9. Uhr fuͤhrte mich Myn Heer Creet zu Myn Heer Nozemann, einen Prediger, der Freund und Ken- ner der Naturgeschichte ist. Da mußt’ ich wieder latei- nisch sprechen. Er zeigte mir das Werk von den hollaͤndischen Voͤgeln, das er bald voͤllig herausgeben wird Von diesem Werke, das man nicht ohne Entzuͤcken ansehen kan, hat Nozemann bis jetzt 12. Hefte im groͤsten Royalfolio mit hollaͤndischer Beschreibung ge- liefert. Jeder kostet 2. Dukaten Praͤnumerations- preiß. Er gibt es nun auch in franzoͤsischer Spra- che mit den Originalplatten heraus, doch ist davon erst ein Heft erschienen. C. Sepp und dessen Sohn, J. C. . Die Zeichnungen moͤgen wohl genau seyn, aber aber sie sind im Geringsten nicht angenehm, alle haben etwas Rauhes, die Farben sind etwas grob. Das sagt ich ihm nun freilich nicht, aber das konnt ich ihm doch nicht bergen, daß die Voͤgel fast alle in unnatuͤrlichen Stellungen gezeichnet sind, ihm schien dies aber kein Feh- ler zu seyn. Unter den wenigen Naturalien, die er mir sonst aus dieser Gegend wies, waren mir bemerkenswuͤr- dig: Ein Flußschwamm. Er wollte nicht glauben, das er die Wohnung eines Thieres sei, und hatte doch sel- ber kleine Eier darin gefunden, die er sehr vergroͤssert ab- zeichnen lassen. Petrefakte in Achat. Das Nest eines Oriolus. In der That sehr merkwuͤrdig. Der Vogel hat Bindfaden, kleine Schnuͤre gefunden, und mit diesen hat er sein Nest an ein Stuͤck Holz, das meh- rere Aeste oder Zinken hat, angebunden. (s. sein nur ge- dachtes Werk.) Er gab mir Addressen an Myn Heer Vriends, einen Kaufmann, und von Brahel in Har- lem, und der Engellaͤnder, mein Freund, eine nach Am- sterdam an Myn Heer Hope, der ein vortrefliches Ge- maͤldekabinet besitzt. Nun besah ich weiter Das Naturalienkabinet von Myn Heer Gevers. Er ist Buͤrgermeister hier und ein Mann von wenigstens 400,000. Gulden Vermoͤgen, und ist dabei ein Liebha- ber der Naturgeschichte. Myn Heer Creet hatte ihm von mir Nachricht gegeben, und so zeigte er mir alles mit der groͤsten Gefaͤlligkeit, und mehr als ich bei den Kopf- schmerzen behalten konnte. Es ist ein einziges Zimmer, aber J. C. Sepp, (die Verfasser des bekannten herrlichen Insektenwerks) sind seine Mitarbeiter. Herausgeber. aber mit Naturalien vollgepfropft; die Seekoͤrper und die Konchylien sind die schoͤnsten Faͤcher. Die erstern hat er in Glasschraͤnken, die andern in Schubladen auf blauem Tuch: desgleichen sehr viele Insekten, die in dem hoͤl- zernen Schubladen, worin sie stecken, umgekehrt, und in andre Schubladen gelegt werden. Er besaß unter an- dern: Neun Admirale. Fuͤr 30. Hollaͤnd. Gulden kan man deren jetzt schon haben. Alle die seltenen Stuͤ- cke, die doppelt gestreift, doppelt bucklicht sind ꝛc. Zwei Weberspulen, aber Hr. Burtins seiner ist doch schoͤner. Ganze Klumpen von 5. 6. 7. Stuͤcken, und alle von verschiedener Farbe. Winkelhacken, Ham- mer, Mantel, Scalata ꝛc. Viele Seekoͤrper, die wenn sie nicht in Pallas stehen, nicht bekannt sind. Ein Onyx, der sehr gros ist, und zu beiden Seiten 2. voͤllig runde weisse Flecken hat. Die Marggraͤfl. Baden. Marmor, die bei den Italiaͤnischen lagen. Er hatte sie von der Frau Marggraͤfin Durchl. statt uͤber- schickter Schmetterlinge zum Geschenke bekommen. Nur allein die Dubletten dieses reichen Mannes geben noch ein herrliches Kabinet Außer dem Naturalienkabinette besitzt er auch noch eine vortrefliche Bibliothek und viele in Holland aus- gegrabene roͤmische Alterthuͤmer: besonders aber die herrlichen Originalzeichnungen von Rubens, zur lu- xemburger Gallerie in Paris, in einem Folianten. Er hat sie aus des Herzogs de la Valliere Bibliothek in Paris um einen geringen Preiß erstanden; seitdem hat man ihm schon etliche tausend Gulden dafuͤr geboten. Herausgeber. . Die Die Boͤrse. Ein sehr schoͤnes, viereckigtes, mit Arkaden versehenes, geraͤumiges Gebaͤude, das die Am- sterdam er uͤbertrift. Um 1. Uhr war sie am staͤrksten besetzt. Von hier holte mich Hr. Dr. Bicker ab, und zeigte mir Den Versammlungssaal der naturhistorischen Gesellschaft. Im Sessionszimmer steht an der Wand uͤberm Kamin ein Frauenzimmer, das die Erfahrung vorstellt, und einen Magnet mit einem Eisen haͤlt, zu ihrer Rechten sieht man Feuer auf einem Heerde, und zur linken eine Wage. Ich haͤtte gewuͤnscht, daß unten eine herrliche Gruppe von Pflanzen, Thieren und Mineralien angebracht waͤre. Philos. exper. dabit fructus — oder so was steht oben. Das Staatszimmer liegt dar- neben. In der Mitte zwischen den Stuͤhlen ist ein praͤch- tiger Sitz fuͤr den Prinzen von Oranien, der Protektor und selbst schon da gewesen ist. Im Archiv ist noch al- les in grosser Unordnung, und ein Kabinet hat man auch noch nicht angefangen zu sammeln. Etliche reiche Buͤr- ger haben zur Errichtung Geld hergeschossen ꝛc. Die Zimmer sind alle linker Hand uͤber der Boͤrse. Ich wolte von hier nach Gouda, die Pfeifenfabrik zu sehen. Zu Wasser konnte man nicht, zu Lande ist es 3. Stunden, und soll ein haͤslicher Weg seyn. Das al- lein schreckte mich nicht ab, aber das: Man arbeitete in dieser Woche nicht dort, weil Marktwoche da war. Daher wolt’ ich noch diesen Nachmittag von Rotterdam nach dem Haag gehen, aber es regnete bestaͤndig, mein Kopf erlaubte es nicht, ich brauchte die Ruhe, blieb also noch da. Bemer- Bemerkungen. Wenn die Schiffe in den Kanaͤlen selbst weiter gehen; so hebt man die Bruͤcke uͤber dem Kanal auf, damit der Mast durchgehen kann. Sieht man nun von weitem den Mast zwischen den Leuten und kein Schiff; so weis man nicht, was das ist. Es geht sehr schnell, und die Bruͤcke faͤllt gleich wieder zu. Alle Morgen gibt man die Asche aus der Kuͤche weg. Es sind eigene Leute dazu bestellt, die sie alle Morgen ho- len. Man ladet sie auf Schiffe und verkauft sie an die Bauern, die streuen sie aufs Feld. Auch in dem Hause, wo ich logirte, war der groͤste Theil von der Hofwohnung in der Erde, und hatte deswegen oben Fenster. In Seeland soll so eine kleine arme Insel seyn, daß nur Eine Uhr auf der ganzen Insel ist. Die Leute kuken aber alle nach dem Thurm an der Kirche. Man ißt in Holland zwischen der Zeit, um 10. und 4. Uhr, gedoͤrrte Fische, eine Art Plattsische. Man zieht ihnen die zaͤhe Haut ab und ißt das Fleisch ohne Brod und Trinken, wie wir Brod essen. Man hat hier, auch in Gever’s Hause, ganze gros- se Schiffe aus Papier, fein mit der Scheere ausgeschnit- ten, als eine der schoͤnsten Zierden im Zimmer. In Glaskasten solte man das von weitem fuͤr Elfenbein hal- ten. Solche Stuͤcke kosten aber 2 — 3. Dukaten. Abends trinken alle Maͤgde und Bediente in Hol- land Thee. Sie wundern sich, wenns ein Fremder nicht thut. Freilich haben sie nur Theepulver, aber Bontekoe Bontekoe hat doch seine Absicht bis auf diesen Tag er- reicht. Paris hat steinerne Stubenboͤden, der Hollaͤnder legt uͤber seine hoͤlzerne, auch noch auf der Treppe, kostbare Tapeten. Den 29sten Jul. Das Regenwetter und mein Kopfschmerz dauerten fort. Es ist aber eine traurige Ueberlegung, ob man lie- ber in dieser oder in jener Stadt krank seyn will. Ich trat daher die Reise nach dem Haag an. Mit den Treckschuyten, die so puͤnklich, und so oft als man nur will, bei Tag und bei Nacht, so bequem, daß viele darin arbeiten, schreiben, spielen, hat man al- lerdings eine grosse Bequemlichkeit. So wie die Stun- de schlaͤgt, wird mit einer Glocke am Schifferhaͤuschen gelaͤutet, das Pferd angespannt, und in dem Augenblick, da die Glocke schweigt, bindet der Kapitain das Schiff los, und steigt ein. Man zahlt unterwegs, damit man nirgends aufgehalten wird. In der Kajuͤte sind sogar sammtne Kuͤssen fuͤr die Reisenden. Unter dem Tische ist ein Schrank zu Pfeiffen, und das Feuerstovchen geht bestaͤndig auf dem Schiffe herum. Das Verdeck des Schiffs ist mit Sand und klein gestossenen Konchylien- stuͤcken uͤberstrichen, damit das Holz unter Wind und Regen lang daure. Die Kanaͤle sind ganz mit Meer- linsen bedeckt, die Schiffe machen eine Strasse durch die gruͤne Decke, durch welchen man das krystalle Wasser er- blickt. blickt. Da kan man recht sehen, wie sich die geringste Pflanze, wenn sie Platz hat, ausbreitet. Faͤllt das Seil, an dem das Pferd zieht, einmahl hinein, so wird es schwer von den vielen Pflanzenfaͤden die sich anhaͤngen. Von Rotterdam geht der Weg uͤber Delft. Diese Stadt ist 2. Stunden von erstrer, und so, wie alle hollaͤndische Staͤdte, nett, sauber, an- genehm, mit Kanaͤlen durchschnitten, aus Backsteinen gebaut, hat viele schoͤne grosse Haͤuser, z. B. die Maga- zine der ostindischen Kompagnie von Delft, die Burger- meistershaͤuser, das Rathhaus ꝛc. Man reist gemei- niglich nur durch, ich blieb aber uͤber Mittag, einige Stunden in dem Wirthshause, die Stadt Rotterdam genannt, und besah Den Marktplatz; er wird immer so sauber gehal- ten, daß eigne Weiber dazu bestellt sind, die das Bis- chen Gras, das zwischen den Steinen hervorwaͤchst, be- staͤndig ausrupfen und in Schubkaͤrren fortschaffen muͤs- sen. Das Rathhaus. Zwischen den rothen Backstei- nen machen die Fenstergestelle, die gelb sind, mit den Saͤulen und Vergoldungen daran einen herrlichen An- blick Es ist von Heinrich de Keizer, einem guten Bild- hauer und geschickten Architekten, — der zu Amster- dam 1565. gebohren ward und auch daselbst 1621. starb, — angegeben. Er hat in seinem Vaterlande viele Beweise seiner Geschicklichkeit hinterlassen, wie denn auch des Erasmus Statue in Rotterdam von seiner Hand ist. Auf dem hiesigen Rathhause sieht man . Die Die Kirchen. In allen hollaͤndischen Kirchen ist kein Altar. Man stellt zum Abendmahl einen Tisch hin, um den alles herumsitzt. An allen Seiten der Kanzeln wird der Psalm, denn das sind die gewoͤhnlichen Gesaͤn- ge der Hollaͤnder, angesteckt. In der neuen Kirche ist das vortrefliche Grabmahl des Prinzen Wilhelms des 1ten von Oranien. Die Generalstaaten habens ihm 1609. setzen lassen. Das Grabmahl steht unter ei- nem von schwarzem Marmorsaͤulen getragenen Himmel. Eine Bildsaͤule des Prinzen aus weissem Marmor liegt oben darauf, und am Kopf und an den Fuͤssen dieser Sta- tuͤe sitzen aus Bronze 2. Krieger mit Gewehr, die gleich- sam Wache bei seiner Asche halten Von diesen beiden kriegerischen Figuren ist die eine, die geharnischte Bildsaͤule des Prinzen selbst, zu deren Fuͤssen ein Helm liegt, und an der unter der linken Schulter die Stelle angedeutet ist, wo ihn die moͤrde- rische Kugel traf: die andre ist eine Fama, die nur auf einem Fusse ruht, eine herrliche Figur. Man er- blickt auch an diesem Grabmahle des Prinzen getreuen Hund, der den Moͤrder angebellt haben und aus Gram gestorben seyn soll. Ausser diesem Grabmahle sieht man auch das wohlausgedachte des beruͤhmten H. Grotius, das ihm dessen Verwandte erst vor wenig Jahren haben errichten lassen. Herausgeber. . In der alten Kirche waren mir merkwuͤrdig: Die Denkmaͤhler der grossen Admiraͤle, 1) des Peter Heins. Die Statue dieses beruͤhmten Seehelden ist aus weissem Marmor, und man auch ein schoͤnes Gemaͤlde, die Ermordung des Pr. Willh. von Oranien vorstellend. Herausgeber. H h und liegt auf einem Kopfkuͤssen, und mit dem uͤbrigen Leibe auf einer doppelten Matratze, die ganz herrlich ist, und grade aussieht, wie geflochtene Arbeit. Alles ist Stein und Bildhauerarbeit. So was herrliches ist in Frankreich nicht. 2) Des Tromp. Mit Erschuͤtte- rung sah ich den grossen Mann auf dem steinernen Bette der Ehren. Der Kopf und das Gesicht eines denkenden Geistes ist, so wie der ganze Leib im Harnisch, ein wah- res Meisterstuͤck. Der Kopf ruht auf einer Kanone, und der Koͤrper auf einem Steuerruder. Orden und mi- litaͤrische Ehrenzeichen liegen an und um ihm. Vor ihm halten Engel sein und der Staaten Wappen. An den Seiten sind Helme, Segel, Waffen ꝛc. angebracht. Unten ist am Fußgestelle das tausendfache Schlachtge- wuͤhl, in dem Tromp (1653.) blieb, selbst der Rauch und die Wellen, alles in weissem Marmor vorgestellt. Das ganze Stuͤck ist koͤniglich. 3) Nahe beim Aus- gang aus dieser Kirche steht Leuwenhoecks Buͤste aus weissem Marmor, mit einer Bandschleife an einem Obe- lisk von grauem Marmor. Es ist ihm von seiner Toch- ter 1739. errichtet worden. Die Inschrift ruͤhmt seine mikroskopischen Entdeckungen. Er war hier den 14ten Oct. 1632. gebohren und starb auch hier den 26. Aug. 1723. Es ist in dieser Kirche noch ein vortrefliches Monu- ment der Aufmerksamkeit des Reisenden wuͤrdig, nem- lich der Elisabeth von Marnix, einer Tochter des Hrn. von St. Aldegonde. Herausgeber. Die Porzellanfabrik. Es ist nur Fayence, aber eine feine, und die nicht schwer ist. Man macht darin auch auch Figuren von Thieren, die recht artig sind. Man bringt gelblichtes englisches Steingut hierher, und mahlt es hier besser als in Engelland. Haag. Eins der groͤsten, der schoͤnsten, der an- genehmsten Doͤrfer in der ganzen Welt. Fest ists im geringsten nicht, hat auch keine Thore. Was ihnen aͤhnliches davon da ist, sind Einfahrten, Portale ꝛc. an denen Schildwachten stehen. Man koͤmmt auf der einen Seite auf dem Kanal gleich mitten hinein, und auf jeder andern Seite sind ebenfalls Alleen, Kanaͤle, Teiche, Gehoͤlze ꝛc. Ich kam des Abends an, logirte in te ze- ven Kerken van Rom, und ging noch mit dem Re- genschirm in der Hand herum, den Haag zu besehen. Alles ist hier nett, schoͤn, sau- ber, angenehm, luftig, eben, man ist wie in einer Stadt, und doch aufin Lande. Im Orte selber sind grosse breite Spaziergaͤnge, darneben Seen, Teiche ꝛc. und das alles ist mit schattigten Baͤumen besetzt. Man erblickt eine Menge vortreflicher grosser Haͤuser, die zwar oft nur schmal sind, demungeachtet aber inwendig die schoͤnsten Zimmer haben, denn die Mauern sind nur 2. Backsteine dick, die Hausgaͤnge sind schmal, und jedes Plaͤtzchen ist gespart. Sehr viele Haͤuser nehmen ganz allein eine Reihe ein, viele haben vorne nach der Strasse zu grosse Plaͤtze mit praͤchtigen Einfassungen. Zuweilen sind die Thuͤren und Fenster aus einem gelben Stein, zuweilen ist es nur gemahlt, es sieht aber in beiden Faͤllen schoͤn aus. Das Bauen ist hier sehr kostbar. Holz und Mauer- und Wackensteine hat man nicht, und selbst von den Backsteinen kostet einer 2. Stuͤber. Soll ein Grund gelegt werden, — wie ich heute da sah, wo man das H h 2 neue neue Geldmagazin baut, — so muß man erst eine un- endliche Menge Pfaͤhle, wegen des Wassers, um den Boden mehr Festigkeit zu geben, einrammen. Ich be- sah noch den Paradeplatz, ein grosses Viereck mit Baͤumen besetzt. Die Wache zieht drauf um 11. Uhr auf. Jetzt wohnte der Herzog Ernst Ludwig von Braunschweig nicht weit davon. Den grossen Saal; in der Mitte des sogenannten Hofs, ( la Cour ) oder des Pallasts, worin der Erb- statthalter residirt. Ein altes verlassenes Gebaͤude, das nur deswegen von den Fremden besucht wird, weil man die alten Fahnen und Standarten, welche die Hollaͤnder den Spaniern abgenommen haben, darin aufgehaͤngt hat. Sonst zieht man auch da die grosse hollaͤndische Generalitaͤts-Lotterie, und stellt oft Buͤcherauktionen darin an. Einige Kirchen. Es gibt deren von allerlei Re- ligionen und Nationen hier, aber in keiner ist etwas merkwuͤrdiges. Gemaͤlde sind gar nicht darin. Alles was an der Wand haͤngt, sind in Gold gestickte Wap- pen von reichen und vornehmen Familien auf schwarzen Tafeln. Doch ist in der grossen Kirche des Admirals Obdams Grabmahl sehenswuͤrdig. Die Juden haben hier auch 2. Synagogen: die portugiesische ist darunter die groͤste. Bemerkungen. In Holland bekoͤmmt man schoͤne grosse Men- schen zu sehen. Nach Delft hatte ich einen Schiffs- kapitain kapitain, der war ein homo quadratus! Zwoͤlf Pari- ser haͤtt’ er wie Muͤcken weggeschleudert. Auch Weibs- personen findet man hier, wie Baͤume so groß, und da- bei starkgliedrig. Der kaͤltere Himmelsstrich, die Ent- fernung vom Luxus, die fruͤhe Angewoͤhnung zur Arbeit, machen den Koͤrper fest und dauerhaft. Die Reinlichkeit der Hollaͤnder geht erstaunend weit. Oft weis man nicht, wo man hinspucken soll. Sie ge- ben einem gleich ihr Quispedoordje (Spuknaͤpfchen) Holberg sagt daher wohl mit Recht von der Reinlich- keit dieser amphibischen Nation: Die Haͤuser der Hol- laͤnder sind aus lauter Reinlichkeit schmutzig. Sie speien nicht auf den Fußboden, besetzen aber die Ti- sche mit Spucknaͤpfchen. — Diesen ekelhaften Ge- brauch unterlassen sie auch nicht bei Tische, wenn gleich Frauenzimmer oder Fremde zugegen sind, oder die Speisen noch auf dem Tische stehen. Mit Ver- lust seines Appetits erfuhr dies auch der Herausgeber. . Kommt man mit dem nassen Regenschirm nach Hause, so nimmt ihn die Aufwaͤrterin einem gleich ab, und trock- net ihn in einer schlechten Stube. In mein Zimmer durft’ ich ihn nicht mitnehmen. Mit Stiefeln uͤber die Schwelle eines Hollaͤnders zu kommen, wuͤrde fuͤr die groͤste Unhoͤflichkeit gehalten werden. Herausgeber. Den 30sten Jul. Dieser Morgen war beim allerhaͤslichsten Regenwet- ter dazu bestimmt, die Empfehlungsschreiben, die ich von H h 3 Paris Paris aus hatte, zu uͤbergeben. Aber ich war ungluͤck- lich damit. Der Herr Baron von Meermann, an den mir Villoison eine Addresse gegeben hatte, war auf seinen Landsitz, der sehr weit entlegen ist, verreist. Ich fand ein erstaunend grosses Haus, wo der Bediente unter der Treppe seine Wohnung hatte. Erst ward ich zu einem alten Offizier dieses Namens gewiesen, der aber mir gleich eine andre Strasse nannte, wo sein Vetter logir- te. Sie sind wegen einer Maitresse keine guten Freunde. Hr. Vosmaer, Aufseher des Naturalienkabinets des Erbstatthalters, war nach Deventer verreist. Nach- her hatt’ ich auch keine grosse Ursache, seine Abwesenheit zu bedauren Hr. Crevenna, ein italiaͤnischer Kaufmann in Am- sterdam, der eine schoͤne Bibliothek besitzt, und davon ein Verzeichnis 1775. drucken lassen, wirft ihm darin seine Unhoͤflichkeit gegen die Fremden sehr derb vor. . Hr. Treuer, Gesandter der Baaden schen, Darm- staͤdt er und Anspach er Hoͤfe, erwartete mich schon lan- ge, hatte selbst von Ihro Durchl. dem Herrn Marggra- fen von Baaden, Briefe meinetwegen erhalten, und empfing mich mit der groͤsten Hoͤflichkeit. Ich speiste bei ihm zu Mittage, und nachher besahen ich und einige Engellaͤnder seine Insekten- und Konchyliensamm- lung, die beide vortreflich sind. Er hat sie nach den Welttheilen abgetheilt, besitzt viele herrliche Stuͤcke, sam- melt seit 50. Jahren, und unterhaͤlt einen weitlaͤuftigen Briefwechsel. Von da besah ich Die Die Wachparade mit vielem Vergnuͤgen. Die 4. Regimenter, die hier in Besatzung liegen, haben sehr schoͤne Leute. Ihre Musik ist unvergleichlich. Der Herzog Ernst Ludwig von Braunschweig kam selber auf die Parade. Er ist ein alter, sehr starker, aber noch lebhafter Herr Wegen einer Wunde muß er sich sein Wasser bestaͤn- dig mit dem Katheter abzapfen lassen, und wird alle- mahl, wenn er 4. Stunden geschlafen hat, aufge- weckt. . Von da ging ich aufs Naturalienkabinet des Prinzen Erbstatthalters. Man zeigt es alle Tage von 12.- halb 2. Uhr, Hr. Dr. Titius in seiner im 9ten Theile der Ber- nonillischen Sammlung kurzer Reisebeschreibungen befindlichen Reise sagt, es werde nur Montags und Freitags von 12. — 1. Uhr oͤffentlich gezeigt, die uͤbrigen Tage koͤnne mans zwar auch besehen, man muͤsse aber 3. Gulden dafuͤr zahlen. Ueberhaupt theilt dieser Gelehrte von diesen und andern, sowohl Naturalien- als Kunstsammlungen, Gelehrten ꝛc. die er in Holland besah und kennen lernte, im vorgedach- tem Buche sehr ausfuͤhrliche und gute Nachrichten mit. Herausgeber. denn man speißt hier erst um 2, viele erst um 3. Uhr. Es steht in 7. Zimmern, die man oͤfnet. Zwei im obern Stock sind, ausser einigen Skeletten, meist mit Kunstsa- chen angefuͤllt, z. B. mit Modellen von Schloͤssern, aus Papier ausgeschnitten, mit kostbaren Sachen aus Elfen- bein, darunter ist z. B. ein Stuͤck die Pruͤfung Abra- hams vorstellend. Alles aus Elfenbein. Eine erschreck- liche Kuͤhnheit in den Figuren. Der Engel ist oben halbfliegend, schwebend daruͤber ꝛc. Im untern Stock H h 4 war: war: 1) im ersten Zimmer die Insektensammlung. Sie steht in Glasschraͤnken an der Wand hinter Vorhaͤn- gen, die aufgerollt werden, viele stecken auch noch unten in Menge in Schublaͤden, auch in Glasschraͤnken. Es uͤbertrift die Koͤnigl. Sammlung in Paris weit. In jeder Ecke steckte ein Stuͤck Kampher. Zu naͤhern Be- obachtungen fehlte mir Zeit und Gelegenheit. 2) In einem andern Zimmer stand der grosse ausgestopfte Hippopotamus. Das Thier ist laͤnger als das Rhino- ceros in Versailles, hat eine feste, dicke, harte Haut, Sie wog 1500. Pfund, hatte eben 2. Jahre im Ma- gazine gelegen, und war so zusammengetrocknet, daß man zweifelte, ob sie sich wuͤrde zubereiten lassen, und ob man dem Thiere seine natuͤrliche Gestalt wuͤrde wieder geben koͤnnen; aber Dr. Kloͤckners Kunst wars nicht unmoͤglich. Er hat vielmehr den grossen und kleinen Hippopot. sehr natuͤrlich ausgestopft. Er ist ein Arzt in Amsterdam, der im Zubereiten und Aus- stopfen der Thiere große Geschicklichkeit und gewisse Geheimnisse besitzt. Herausgeber. ist oben und unten kohlschwarz, sieht massiv aus, hat aber doch die plumpen Fuͤsse nicht, die der Elefant oder Rhinoceros hat, die dentes laniarii sind breit, sehr glatt; alle seine Zaͤhne sind wie Elfenbein, aber in der Laͤnge sehr verschieden, der Schwanz ist klein; viel Haare hat das Thier nicht, es sitzen aber auch mehrere kurze fuchsbraune immer bei einander. Ein junger und kleiner, beide von Dr. Kloͤckner ausgestopft, steht noch neben dem grossen und alten. 3) Unter den See- koͤrpern fand ich Korallengewaͤchse zwischen Schwaͤm- men. men. 4) Ein orientalischer Topas, 12. Pfund schwer Man hat 6000. Gulden dafuͤr bezahlt. Herausgeber. . Ein deutscher Jude, der ihn gestohlen, ist daruͤber gehan- gen worden. 5) Eine herrliche Menge von Schlan- gen, wo ein andrer Gelehrter viel zu thun finden wuͤrde. 6) Paradiesvoͤgel, gar vortrefliche, in doppeltglaͤser- nen Kasten, fuͤr ihre langen Schwanzfedern. 7) Ein Orangoutang. Er stand im letztern Zimmer aufm Tisch unter Glas. Das Thier war hier noch vorm Jahr lebendig, und der Prinz und Jedermann hatte eine grosse Freude daran, weil es zutraulich war, alles durchsuch- te, als z. B. den Damen die Bracelets u. s. m. Es putzte sich die Zaͤhne mit einem Strohhalm, umarmte die Leute gern, kannte seinen Waͤrter genau, war uͤber jedes harte Wort empfindlich ꝛc. Vosmaer hatte es aber vernachlaͤssigt, es starb, eh es hier ein Jahr erlebte. Der Prinz lies Prof. Campern von Groͤningen kom- men, der sollte es zergliedern. Vosmaer wollte es aber thun, verheimlichte den Tod, that die Eingeweide in Weingeist und stopfte das Thier aus. So fands Cam- per, als er ankam; er ging zum Prinzen und sagte es ihm. Da fehlte nicht viel, Vosmaer waͤre kassirt worden. Der Neid, der Stolz, der die Unwissenheit ge- meiniglich begleitet, brachte also die Wissenschaften um diese Entdeckungen. — Dieser Orangoutang hat fast gar keinen nasum externum, und bis zu den naribus hinauf im Gesicht auch keine Haare, und eben so weit unter dem Maul herab eben so wenig welche. Um die orbitas herum macht die Haut einen rothen Kreis. Sonst ist die Haut im Gesicht blaͤulich. Die Haare H h 5 sind sind lang, rothbraun. Das Thier hat auch einen bau- chigten Unterleib. 8) Tapir. Im vorletzten Zimmer steht auch ein Thier ausgestopft, das ich sonst so nicht gesehen hatte, und das ich fuͤr den Tapir erkennen muste. Hinten und vorne hat es 3. Zehen, die obere Maxilla ist elongata, die Haare sind schwarzbraun. Auf der Stir- ne und auf dem Ruͤssel hat das Thier einen Streif von dicken schwarzen Haaren. Das Schwaͤnzchen ist klein, und nur wie ein kleiner Finger. Die Haut ist duͤnn, aber hart und schilfert sich. Die Auriculae stehen 6. Finger breit hinter den Augen, sind weit, aber nicht zu- gespitzt, sondern rundlicht. Die untre Maxilla ist 3. Fin- ger breit hinter der obern. Die Nares stehen in der Mitte des obern Kinnbackens. Mit dem Schwein hat es allerdings die groͤste Aehnlichkeit, aber die Fuͤsse sind hoͤher, es traͤgt auch den Kopf hoͤher, und auf dem Ruͤ- cken sind keine Borsten ꝛc. Das Thier hat hier seinen Waͤrter umgebracht. 9) Auch eins von den Thieren, die Anson in seiner Reise um die Welt beschreibt. Es hat vorne 5. hinten auch 5. verwachsene Zehen, und doch zwischen den Hinterfuͤssen einen Schwanz, und einen voͤl- ligen Fischkopf, nur daß eine Menge Mystaces daran sitzen; in den Zehen sind lange, gebogene, schwarze, hornartige Naͤgel; die Haut hat einen grauweissen Grund, oben auf dem Ruͤcken mit dunkeln blasbraunen Flecken. Die Nasenloͤcher sind nahe bei einander, und just in der Oberflaͤche des Kopfs. 10) Ein ganz herrlicher Dosen- deckel von Agate arborisé, mit Diamanten eingefaßt. ꝛc. So viel konnte ich heute in der kurzen Zeit und un- ter andern Leuten bemerken. Es ist vieles da, das ich anderswo eben so, oder schoͤner gesehen habe. Die Ord- nung ist eitel Unordnung und bestaͤtigt mir das, was andre andre Gelehrte mir von Vosmaer gesagt haben. In Schubladen mag noch manches verschlossen seyn, aber die Kastellane sind gewinnsuͤchtige grobe Kerle. Es ist ver- boten, etwas im Kabinet aufzuschreiben, noch einen mehr als einmahl hinein zu lassen. Die angesehensten Leute in der Stadt haben versucht, Erlaubnis zu bekommen, darin zu arbeiten, aber vergebens. Vosmaer steht mit keinem einzigen hiesigen Gelehrten in diesem Fache in gutem Vernehmen. Morgen und uͤbermorgen wird noch dazu im Kabinet aufgeputzt ꝛc. Ists nicht ewig Schade, daß in einem Lande, wo die Schifffahrt nach allen Weltgegenden, und Geld im Ueberfluß alle Schaͤ- tze der Natur aufhaͤufen und alle Fremden herziehen koͤnn- te, kein vollstaͤndiges wohleingerichtetes Museum errichtet wird? Bemerkungen. Den hollaͤndischen gemeinen Weibern wuͤnscht’ ich nicht in die Haͤnde zu fallen. Ein Franzose schimpfte eine in einer Strasse, und schlug sie mit dem Stocke nur ein wenig an die Fuͤsse. Aber das Schlagen auf der Strasse kan der geringste Mensch in Holland nicht ver- tragen. Es wird auch fast mit dem Leben gestraft. Die Weiber zogen alle ihre grossen hoͤlzernen Schuhe aus, kamen zu funfzigen zusammen, pruͤgelten den Franzosen derb ab, und wolten ihn in den Kanal werfen, bis ihn endlich noch ein Paar Bediente ihren Haͤnden entrissen. Man faͤhrt hier in so kleinen Kabriolets, daß fast gar nichts daran ist, kaum ein Sitz. Es geht aber auf den ebnen Wegen noch viel schneller als die Franzoͤsi- schen. Man nennt sie Fargons. Den Den 31sten Jul. Heute war ich beim Hrn. Legationsrath Meuschen, den ich schon als einen Kenner und Freund der Naturgeschichte aus dem Naturforscher kannte. Ich fand ihn zwischen seinen Schraͤnken mit kleinen naturhistorischen Zaͤnkereien mit Walch, Schroͤter, Spengler ꝛc. beschaͤftigt. Er sammelt in der Konchyliologie, und arbeitet auch an ei- nem neuen Werke, an einer neuen Eintheilung, an neuen Zeichnungen von Konchylien. Die Multivalv. sieht er nur fuͤr Coarticul. an, die Echinos bringt er als eine eigne Klasse zu den Konchylien, weil wir doch bei den Konchylien auch nur die Schale kennen ꝛc. Ich sah bei ihm unter andern: 1) Die Herkuleskeule, welche Walch im 9ten Stuͤck des Naturforschers beschrieben hat. — Ein Stuͤck von einer Wurmpfeife. Meu- schen meinte, die kleinen Koͤrperchen inwendig dienten dem Thier darzu, auf- und niederzusteigen, und das spi- tzige ginge wohl in seinen Koͤrper hinein, und helfe zur Verdauung. Er hat noch eine, die nicht klappert, worin die Koͤrperchen fest sitzen. 2) Ein Koͤrper, den ich fuͤr eine Lepas , Meuschen aber mit Gewalt fuͤr eine Fisch- schuppe halten wollte. Man bringt ihn aus Frank- reich und aus Indien. Beobachtung muß entscheiden. 3) Walchs neritenfoͤrmige Patelle, woruͤber Meu- schen ganz anders dachte. 4) Das langgetopte Fluͤ- gelhorn, eine grosse Seltenheit in Kabinetten. 5) Ein Murex mit einem Zahn. An der Seite des Labii steht ein kleiner spitziger scharfer Zahn gerade heraus. Von den Malouinen. Lyonet hat auch welche. 6) Eine Schnecke, die noch ein Ei uͤber sich hat. Je- de de Muschel hat eine Membrane uͤber sich, aber diese steckt gewoͤhnlich noch in einem Ei, das ordentlich, wie ein Vo- gelei ist, kalkicht, weis, hart, rund ꝛc. Mit vielem Sehen, Plaudern, Schwatzen, war der ganze Vormittag hingegangen, und wir waren doch nicht fertig. Auf den Sonntag Vormittag sollt’ ich fest wieder beikommen, wie der Hollaͤnder deutsch redet. Von da besuchte ich Hrn. Lyonet und sein Konchylienkabinet. Ach das war ein festlicher Abend fuͤr mich bei dem Manne, dem die Natur so viel Schoͤnes aufgedeckt hat! Ich hat- te kaum erfahren, daß Lyonet noch lebe, und daß er hier sei; so schickt’ ich den Bedienten zu ihm, und lies mich melden. Ich ward gleich diesen Abend bestellt, und er lies mir sagen, ich sollte nicht fehlen, damit wir allein waͤren. Ich fand einen siebzigjaͤhrigen Mann, aber im Schoosse der Naturfreuden erzogen und grau gewor- den, und wenn die Rede von seiner Lieblingswissenschaft ist, noch so munter und lebhaft, als ich. So ein Alter, o Gott, ists dein Wille, daß ich so alt werden soll! — In wenigen Minuten waren wir gute Freunde, er schickte den Bedienten auf 3. Stunden fort, und nun war ich al- lein mit dem Manne, der mich so viel lehren sollte. Das Vergnuͤgen, die grosse edle Ruhe, die sich allemahl in meiner Seele verbreitet, wenn ich in Gesellschaft mit so einem Naturforscher bin, ist mir kostbar aber unbeschreib- lich. Lyonet erzaͤhlte mir von seinen Lebensumstaͤnden, von seinen Studien, von seinem Amte, seiner jetzigen Lage ꝛc. Er hat in Leyden erst Theologie studirt, Schon damahls lies er grosse Talente und Neigung zur Kunst blicken; denn er schnitzte blos mit einem Feder- ist ist nun seit 40. Jahren nicht mehr aus dem Haag ge- kommen, hat uͤberhaupt nie ein andres Land gesehen, hat hier dreierlei Aemter, die mit der Spedition der Schiffe, und dem Dechifriren der Depechen Er ist eigentlich Sachwalter des Gerichtshofes von Holland, Dolmetscher, Patentmeister und Dechifreur der Generalstaaten, und ist zu Mastricht 1708. geboh- ren. Umstaͤndlichere Nachrichten von dem Leben die- ses vortreflichen Naturforschers findet man nebst sei- nem Bildnisse in van Gool’s nieuwe Schoubourg der nederlantsche Kunstschilders, 2. D. S. 330. u. f. Herausgeber. zusammen haͤn- gen, und ihm die ganze Zeit wegnehmen. An dem Traité anatomique de la chenille qui rogne le bois de saule hat er uͤber 8. Jahre gearbeitet. Er hat ihn auf seine Kosten drucken lassen, hat die Kupfertafeln selber dazu gezeichnet und gestochen, und verkauft das Werk auch selber fuͤr 10. Gulden, den Buchhaͤndlern gibt er 30. Stuͤber Rabat. Die Kosten hat er zwar wieder, aber nichts fuͤr seine Muͤhe, als den Eintritt in 4. Akade- mien, in die Russische und Kaiserliche Acad. Nat. cu- rios. Auch in die Londoner Soc. d. W. Herausgeber. Zeichnen hat er von Jugend auf gelernt, das Kupferstechen aber von Vandelaar — der die Kupfer zu Federmesser, und ohne einen Lehrmeister zu haben, ein Basrelief, Apollo mit den Musen vorstellend, in Pal- menholz so schon, daß es der beruͤhmte Maler, der Ritter de Moor bewunderte, und ihn seine Unterwei- sung in der Zeichenkunst anbot, die Lyonet auch freu- dig annahm. Herausgeber. zu des Albinus herrlichen Werke gestochen hat, — ge- lernt. Er that deswegen eine Reise zu ihm nach Am- sterdam, lernte aber das Aetzen mit Scheidewasser, und das Stechen mit dem Grabstichel in Zeit von einigen Stunden. Ich sah die ersten Schmetterlinge und Ge- sichter, die er zu seines Lehrers Erstaunen gleich beim er- sten Versuch machte. Er hat auch die letztern Platten zu Trembley ’s Essay sur les Polypes et cet. gesto- chen, und endlich fing er an sein eignes Werk zu stechen. Da fand er, daß man hier oft schlecht abdruckte, drauf lies er sich auch eine eigne Presse machen, und lernte das Kupferdrucken, so schmutzig diese Arbeit ist ꝛc. Es fehlt noch die Geschichte des Schmetterlings von der Raupe, davon sein Werk handelt. Text und Zeichnungen sind fast ganz fertig, aber zum Stechen dieser und vieler an- drer kostbarer Untersuchungen uͤber alle Insekten in der Gegend des Haags, fehlt ihm die Zeit, und alle Buch- haͤndler sind arm, koͤnnen nichts unternehmen; auch fan- gen jetzt seine Augen an schwaͤcher zu werden. Er zeigte mir die Maschine, die er sich selbst zu seinen Arbeiten er- dacht hat. Ganz einfach ist sie! Er nahm den Appa- rat von einem guten englischen Mikroskop, legte ihn aus- einander, befestigte auf einem hoͤlzernen Kaͤstchen ein mes- singnes Staͤngelchen mit einem Ringe, das Mikroskop einzusetzen, und mit einem Gewinde, um es hin und her zu fuͤhren. Auf dem Kaͤstchen liegen die beiden Haͤnde zum Zerschneiden auf ꝛc. Unter dem Staͤngelchen ist ein Spiegel, die undurchsichtigen Objekte zu erleuchten. Darneben hat er gezeichnet ꝛc. Als man nicht glauben wollte, daß er alles in seinem Traité anatomique Be- schriebene gesehen haͤtte, machte er ein Kupfer und Be- schreibung der Maschine bekannt, und gibt das selber zu jedem jedem Exemplare ꝛc. Von Le Cat war er ein guter Freund, und der nahm ihn auch in die Akademie zu Rouen auf. Ueber Buffon’s Dreistigkeit und Phan- tasien war der Beobachter der Natur, wie billig, recht aufgebracht. Ueber Banks in London klagte er auch, er haͤtte seine Konchylien gesehen, und ihm selbst angebo- ten, die fehlenden Stuͤcke von Otaheite zu senden, und nach 6. Monate ihm doch nichts geschickt, Lyonet habe sich gegen ihn schriftlich erboten, wenn Banks sein Ver- sprechen halte, wolle er die von Banks Kupferstecher im Haag gemachte Schulden bezahlen ꝛc. und Banks ge- be ihm keine Antwort ꝛc. Von unsrer Frau Marggraͤ- fin Diese erhabene Fuͤrstin starb 1782. Herausgeber. hatte er einen Brief und eine Zeichnung von ihrer eignen Hand. Sein Kabinet besteht jetzt blos in den herrlichsten Konchylien. Er hat 6. Kabinette zusammen gekauft, daher zeichnet sich seines unter allen hier im Lan- de aus. Zum Futter in die Schubladen hat er einen Hutmacher vermocht, ihm aus blauer Wolle eine Art Filz zu machen, weil das etwas nachgibt, und seitdem haben Meuschen, Gevers, Treuer, Vosmaer ꝛc. keine andre Unterlagen als solchen Filz. Ich sah heute nur die Univalven, und unter denen besonders: 1) den Cedonulli, den Einzigen, der jetzt hier im Lande ist. Der Name ist billig. Sieht man die Schnecke genau an, so kommt nichts der feinen Arbeit der Natur gleich. Es ist wie Basrelief zwischen den Baͤndern und Streifen. Lyonet hat ihn in einem Kabinet um 1500. Gulden ge- kauft Hr. Titius an angefuͤhrtem Orte sagt, er waͤre mit 3600. Gulden bezahlt worden. Herausgeber. . Darin waren viele andre Stuͤcke, die er schon hatte, hatte, also verkaufte er sie nach Frankreich und so theu- er, daß er den Cedonulli umsonst hatte. Dieses Stuͤck war schon in Daͤnnemark. Der vorige Besitzer schickte ihn an Koͤnig Friedrich V. der starb aber, ehe die Sa- chen bezahlt wurden, darauf reiste der Eigenthuͤmer hin, und holte ihn wieder. 2) Die Originale von d’Argens- vill e’s Supplementen, auch einige Originale, die Rumph abgezeichnet hat, und die man seither nicht wieder gesehen hat. 3) Eine Haliotis von Otaheite, deren Nacre unbeschreiblich ist. 4) D’Argensvill e’s L’unique — gar schoͤn, aber Lyonet hat so viel Linksgewundene aus allen Geschlechtern, daß er jene Malnommé nennt. 5) Eine, die inwendig Kanneluren zu haben schien, und wenn man hinein fuͤhlte, doch ganz plan, glatt war, es lag nur im Nacre. 6) Aus jedem Geschlecht ganze Suiten von Farbennuancen ꝛc. Eine Menge klei- ne, die Lyonet an der Wolle angeklebt hatte. Auch granulirte Admiraͤle hatte er. Mit der Erlaubnis, mor- gen wieder zu kommen, hoͤrten wir am spaͤten Abend bei den Univalven auf, und sprachen noch vieles mit einan- der, wobei ich uͤber die Laune dieses Mannes im Alter er- staunen mußte, bis ich endlich mit innigem Vergnuͤgen meinen lieben Lyonet verlies. Den 1sten Aug. Um 8. Uhr fruͤh war ich bei Hr. Pastor Muzenbe- cher, dem einzigen Goͤttinger Bekannten, den ich bis- her auf der ganzen Reise wiedergefunden hatte. Von da ging ich nach Schevelingen, an die Nordsee. Eine kleine Stunde vom Haag liegt ein Dorf, das hinter sich die J i Nordsee Nordsee hat. Es lebt blos vom Fischfange und See- fahrt. Der Weg dahin ist eine praͤchtige, 25. Fuß breite Allee, ganz mit aufrechtstehenden Backsteinen belegt, fuͤr die Fahrenden, Gehenden, und Reitenden abgetheilt, und sauber, so wie alles in Holland. Man begegnet bestaͤn- dig den kleinen Karren, die mit Menschen und Fischen be- laden, durch grosse Hunde nach dem Haag gezogen wer- den. Man ladet den Hunden schwer auf, und sie wer- den in kurzer Zeit ganz steif vom Laufen und Ziehen. In Schevelingen gibts sehr reiche hollaͤndische Bauern, und die herrlichsten Kuh-Melkereien. Ich fand, daß die Leute hier schon neue Grundbirnen assen. Im Dor- fe selber handeln einige mit Konchylien. Oben steht eine kleine Kirche, in der inwendig einige Wallfischknochen waren. Bei dieser Kirche hat man die herrlichste Aus- sicht in die See. Was soll ich davon sagen? Koͤnnt’ ich mir alle Tage diesen kostbaren Anblick verschaffen? Da rauschts Anbetung Gottes in die Seele, Da liegt die Allmacht aufgedeckt. — Das majestaͤtische Brausen des Meers, das Ausschwel- len, Sinken und Anschlagen des Wassers, die unzaͤhli- gen Berge von Schaum, die sich in der Ferne bilden, fuͤrchterlich daher waͤlzen, und unter den Fuͤssen des Men- schen sich brechen, und das unzaͤhlbare Heer von man- nichfaltigen, groͤstentheils noch unbekannten Seegeschoͤpfen, und das Ufer des Meers mit Schiffen besetzt, die See- moͤven, die bestaͤndig hin und herfliegen, die Windstoͤs- se, die unaufhoͤrlich von der ebenen Flaͤche unter dem Gewoͤlbe des Himmels daher fahren, die Sand-Duͤnen, welche die See ausschaͤumt, und wieder wegspuͤlt; — das alles fuͤllt die Seele mit grossen unbeschreiblichen Em- pfindungen, pfindungen, die Jedem, der das nicht zu sehen gewohnt ist, wichtig und eindringend seyn muͤssen. Ich ging lan- ge am Gestade herum, sah uͤber das Wogen-Meer hin, empfand die Pracht der Natur, sah den Allmaͤchtigen, sah den Allwissenden vor mir, und — schwieg. Jede Welle wirft eine ungeheure Menge von Muscheln, Fi- schen und andern Meerkoͤrpern aus; ich nahm manches Produkt in die Hand, von dem ich mich auf keine Be- schreibung, auf keine Zeichnung besinnen konnte, und wie lebhaft sah ich da das Bild der menschlichen Unwissenheit, und die Majestaͤt der allsehenden Erkenntnis Gottes! Koͤnnten wir doch, dacht’ ich, die verborgenen Reichthuͤ- mer des Oceans kennen lernen! Koͤnnten wir doch in die Tiefe steigen, und den Schoͤpfer im Meer bewundern! — Zuletzt must’ ich fort vom rauschenden Schauplatz der Groͤsse Gottes, und nahm zum Andenken an diese frohe Stunden, einen starken Vorrath von Muscheln und Schnecken mit mir. Aufm Ruͤckwege ging ich rechter Hand in der Mitte der Allee nach Sorgvliedt, einem grossen altmodischen Garten, und Landsitze, ehemals dem Lieblings-Dichter der Nation Cats, jetzt aber dem Grafen von Bentink gehoͤrig. Das Schoͤnste waren 2. kleine Haͤuschen, in denen sehr kuͤnstliche Fontainen zwischen unmerklichen Ritzen angebracht waren. Der Bediente durste nur eine kleine Welle ein wenig umdrehen, so kam aus allen Or- ten der feinste Staubregen, nach allen Direktionen unter- einander und gegeneinander hervor Durch den jetzigen Besitzer ist dieser Garten nun ganz umgeschaffen, nach englischer Art eingerichtet, und ungemein verschoͤnert worden. Herausgeber. . J i 2 Beim Beim Eingang in den Haag sah ich das Wappen vom Haag. — Es werden an der Seite eines Markt- platzes bestaͤndig 6. — 8. Stoͤrche unterhalten; das ist das Wappen dieses Orts. Ihr Aufwaͤrter soll ein sehr grosses Einkommen haben. Den Gerichtsplatz. Vor dem Rathhause im Haag selber sind Loͤcher in der Erde, die man bei Hin- richtungen oͤfnet, um das Blutgeruͤste aufzurichten. Das Mittagsessen nahm ich bei Hrn. Past. Muzen- becher ein, und nachher gingen wir miteinander nach dem Haus im Busch. So heist ein Lustschloß des Erb- Statthalters, weil es mitten in einem angenehmen Wal- de liegt. Amalia, eine gebohrne Graͤfin von Solms, die Gemalin des Prinzen Friedrich Heinrichs, hat es zur Ehre ihres Gemahls im Wittwenstande erbaut, es ist aber nur das Corps de Logis fertig. Vor der gros- sen Treppe stehen 2. Statuen, Ceres und der Her b st. Man findet ein Zimmer mit chinesischen Tapeten und Meublen, ostindianischen Porzellan ꝛc. Desgleichen ei- nen herrlichen Kronleuchter von Berliner Porzellan, den der Koͤnig von Preussen hierher geschenkt hat, und der mit vielem Geschmack gearbeitet ist. Im Speisesaal haͤngen Gemaͤlde, grau in Grau von de Witt gemahlt. Im Kabinetchen waren Familiengemaͤlde, welche die verstorb. Erbstatthalterin, die Prinzessin Anna, selbst ge- macht hat ꝛc. Auch eine Statue von Wilhelm I. mit seinem Hunde, von dem man erzaͤhlt, daß er den Moͤr- der des Prinzen nachher angebellet habe. Aber das Merkwuͤrdigste und Groͤste im Schlosse ist der Oranien- saal, saal, ein grosses, rundes Zimmer, gegen den Garten zu, ganz mit Malereien behangen, und mit einer herr- lichen Kuppel verschoͤnert. Die eine Seite fuͤllt ein ein- ziges grosses Gemaͤlde von Jordaens, das den Prinzen Fried. Hein. auf dem Triumphwagen vorstellt. Die Zwietracht unter seiner Pferde Fuͤssen, eine Menge Men- schen um ihn herum, und der Prinz selber sind ganz vor- treflich gemahlt. Rings herum im Zimmer sind an klei- nen Waͤnden 4. Schildhalter, so natuͤrlich gemahlt, daß man meint, die Kerle stehen wirklich da. Jenem Meisterstuͤck gegenuͤber haͤngt ein andres von Rubens, das die schmiedenden Cyklopen vorstellt. Der Pinsel dieses grossen Malers hat wieder alles erschoͤpft. Man sieht sogar die Feuerfunken, man sieht in dierothe Schmiede- esse hinein, und dann die derben Muskeln am Koͤrper dieser Kerle, ihre Stellungen — da sieht man recht Virgils Illi inter sese etc. Die andern Stuͤcke sind die 4. Welttheile und Allegorien von Einnahmen der Staͤdte und allen Thaten des Prinzen Friedrich Heinrichs, von Everdingen, Honthorst, Soutmann, Lairesse und Thulden gemahlt. Oben in der Kuppel ist die zaͤrtliche Gemahlin im Wittwenkleide abgebildet, mit Geniussen und lateinischen Inschriften. Der Geschmack der Hollaͤnder ists, uͤberall das Todtengerippe dabei anzudringen. Von da besucht’ ich nun wieder Hrn. Lyonet und sein Kabinet. Ach, das war wieder ein heiliger, festlicher, unschaͤtzbarer Abend fuͤr mich! Ich sah und redete, und hoͤrte so lange bis ich muͤde war, und die Trennung von diesem Manne mir eine traurige Viertelstunde machte. Wir sahen I) die Bivalven durch. Bei der Uebersicht der vielen kostba- J i 3 ren ren Stuͤcke machte ich in der Eile folgende Bemerkungen, um doch auch etwas zu behalten: 1) Hier sind die Ori- ginalien vom Crete de coq , die ich in Paris nur ver- steinert sah. 2) Es gibt Konchylien, deren beide Bat- tans wenig — selten — bestaͤndig — ziemlich — und ganz und gar verschieden sind. 3) Es gibt eine Noahsarche, an der das Gewinde gegen die sonstige Gewohnheit der Natur nicht hinten, sondern fast in der Mitte ist. 4) Die sogenannten Jakobsmuscheln oder Maͤntel, (die sich die Pilgrimme nach St. Jacques de Compost. auf die Kleider heften,) haben die obre Haͤlf- te ganz platt, die untre ganz hohl. 5) Es gibt eine Bivalve, die ganz weis ist, nur an beiden Seiten des Gewindes einen kleinen rothen Fleck hat. 6) Es gibt eine einzige Bivalve, die inwendig eine Cloison hat. 7) Es gibt eine Bivalve, die 2. Lippen hat, und an denen sitzen erst die genaupassenden Zahnreihen. 8) Es gibt Konchylien wie Postpapier, andre erstaun- lich schwer. 9) Man kan nicht begreifen, wie sich die Pholaden naͤhren, denn das Loch, darin sie in dem har- ten Kiesel stecken, ist so eng, daß man gar nicht sieht, wie sie die 2. Schalen von einander thun koͤnnen. II) Eine Samlung von gemahlten Abbildungen dieser Kon- chylien. Ein gewisser Daniel Marot hat sie unter Lyonet’s Augen abgezeichnet, so schoͤn als moͤglich, so schoͤn als Madem. Baßeporte. Der Kuͤnstler starb aber, eh er sie verkaufen konte. Da fi e len sie als ein Vermaͤchtniß an Lyonet. Seitdem hat er freilich wie- der viele Stuͤcke bekommen, die noch nicht abgemahlt sind. Ich wuͤnschte, daß die Goͤttinger Bibliothek sie kaufte. Er schaͤtzt sie auf 1000. Thaler ꝛc. III) Die vielen Zeichnungen von Insekten, die Lyonet ge- macht macht hat, aber nie herausgeben wird. Zum Erstau- ist’s, was der Mann gearbeitet hat, und ewig Schade waͤr’s, wenn nach seinem Tode diese kostbare Papiere und Zeichnungen fuͤr unsre Wissenschaft verlohren gehen soll- ten. a) Er hat sogar die Osteologie im Kopfe der kleinsten Insekten abgezeichnet. b) Auch an der Ty- gerschnecke hat er Laͤuse, vermuthlich acaros ent- deckt. c) An der Mouche de St. Jean , die gleich im Fruͤhjahr die ersten Blaͤtterchen abfrißt, fand er ausser den 2. halbkuglichten Augen an der Seite des Kopfs, hin- ten am Kopf noch ein Knoͤtchen mit 3. Augen. d) Am Acarus auf einem Adler, bemerkte er, daß er seine Eier am letzten Fußgelenke traͤgt, bis sie ausgeschluͤpft sind. e) Auch auf der Weidenbohrraupe von der sein Traité anatomique etc. handelt, fand er einen aca- rus. Man kan aus seinem Kopfe 2. Koͤrper mit einer Art von Krebsscheeren ausdruͤcken; durch diese saugt das Thier die Raupe aus. f) Auf dem Auerhahn fand er 3. verschiedene Arten. g) Alle diese Thierlaͤuse sind sehr schoͤn mit Schuppen. Er sagte, Redi habe sie so schlecht abgezeichnet, daß man glauben solte, der Schoͤpfer habe nicht im Kleinen arbeiten koͤnnen. Oft sei das Weibchen gar sehr verschieden, alle ihre Haare sind stachlicht. h) Um diese Kleinigkeiten zu messen, hat er sich aus den Augen der Libellen Mikrometer gemacht, auch andre Mi- krometer, nach denen er ein Objekt 8000. mahl groͤsser fand ꝛc. i) An den Hundslaͤusen fand er zum Ein- beissen 4. Reihen Haken. k) Die Saͤgen der Saͤ- genfliegen sind gar sehr verschieden, aber alle herrlich ge- arbeitet. Und jeder Zahn ist wieder eine eigne Saͤge. l) Auf Weiden traf er ein gewisses Insekt mit schwar- zen Flecken an. Druckt man diese, so koͤmmt ein so J i 4 erstaunlich erstaunlich stinkender Milchsaft heraus, daß er von der Abzeichnung weggehen, und das Fenster aufmachen muste. m) Einen Wasserwurm hat er beobachtet, der kein Maul, aber 2. Haken hat, mit denen er Froͤsche aus- saugt. n) Eine Larve von einem Kaͤfer, die gleich 4, 5. mahl groͤsser — mit Erde oder Wasser angefuͤllt? — aus dem Ei koͤmmt, als das Ei selber ist. Er schliest daraus, daß sie also schon preformirt sei, und nur verhaͤrte. o) Die Zeugungsglieder des Maͤnnchens der Spinne habe er entdeckt. Reaumur schrieb ihm, er sei sehr erstaunt, daß er und seine Gesellschaft das nicht bemerkt haͤtten, als sie Spinnen aufzogen. Er habe ge- sehen, daß eine Feldspinne das Maͤnnchen lockte, und, wie es kam, doch gleich toͤdtete. — Die Zeugungsglie- der liegen vielleicht am Halse, um gleich entfliehen zu koͤn- nen. p) Die Knoͤchelchen beim Schneckenbegat- ten kennt er weder aus Swammerdam, noch aus der Natur. Wie viel wuͤrde die Naturgeschichte gewin- nen, wenn das alles bekannt gemacht wuͤrde! Wie schmerz- lich wehe that mir der Abschied von Lyonet! „Wenn ich todt bin,“ sagte er, „werd’ ich in der Ewigkeit die Ach- seln zucken und sagen: Ach, wie wenig kannt’ ich die Natur!“ Den 2ten Aug. Das Gemaͤldekabinet des Prinzen Erbstatthalters beschaͤftigte mich heute zuerst. Ein langer Saal nebst einem kleinen Zimmer sind mit den herrlichsten Stuͤcken vollgepfropft. Der Prinz liebt die Gemaͤlde sehr, und wendet viel darauf. Nach meinem Urtheil waren fol- gende Stuͤcken die schoͤnsten: Rindvieh mit einem Bauer dabei, von Paul Potter. Schwerlich kan man die Nach- Nachahmung der Natur weiter treiben. Das Stuͤck soll dem Prinzen 20000. Gulden kosten. Die Kaskade von Tivoli, von Vernet. Das Wasser faͤllt im Staubregen herab. Ein Gemaͤlde von Seb. Frank, wo er alle Meister in kleinen Vierecken nachgeahmt hat. Die Jahrzeiten von Breughel und Rottenhammer. — Blumen, durchschnittne Melonen und Pfirsiche, ein Vo- gelnest mit den jungen Gelbschnaͤbeln ꝛc. von Jan von Os Einer der vorzuͤglichsten jetztlebenden Blumen- und Landschaftsmaler. Er ist aus Zeeland gebuͤrtig und jetzt etwan 50. Jahr alt. Er mahlt Thautropfen mit der hoͤchsten Taͤuschung, Nebel auf der See in Seestuͤcken, die ganz Natur und Wahrheit sind u. dergl. Er hat auch nie einen andern Lehrmeister ge- habt, als die Natur. Fuͤr die Kaiserin von Rußland hat er schon Stuͤcke zu 1000. Gulden verfertigt. Herausgeber. . Eins kostet 2000. Gulden. L. Coster ’s Bildnis von Albr. Duͤrer. Ein Jagdstuͤck von Sneyders. — Die Hunde hinter den Hirschen, o! Rubens, beide schoͤne Weiber, von ihm selbst. — Eine Schlacht der Kaiserlichen mit den Spaniern, von Wou- vermann, — kostet 14000. Gulden. Christus, Jo- seph und Maria, von Titian. — Ein Falkenier, von Holbein. Eine Schweizerbaͤuerin von da Vinci. Kostet 4000. Gulden, aber Dancot ’s in Bruͤssel ist doch noch schoͤner. — Karl I. von Engelland, von Heinr. Pot. Er hat ein lichtrothes Haar, und ein Spitzbaͤrtchen. Die Engellaͤnder sagen, es gleiche dem ungluͤcklichen Koͤnige sehr. Aber das Bildnis im Schlos- se zu Versailles ist doch schoͤner. Verschiedene Stuͤcke J i 5 mit mit Pferden von Wouwermann. Hierin lag die- ses Kuͤnstlers Staͤrke. Man kan sie auch nicht besser malen. Ein solches Stuͤck kostet 4500. Gulden. Eine Menagerie, wo gefuͤttert wird, von Jan Steen. Si- meon im Tempel, von Rembrand. Das Paradies, worin die beiden ersten Menschen von Rubens, und die Thiere und Blumen von Breughel, gemahlt sind. Das Stuͤck kostet 8500. Gulden. Schoͤner hab’ ich’s noch nirgends gesehen. — Aber doch ein Fehler, Fische lie- gen auf der Erde. Eine Frau mit einem Kleide von weissem Atlas, von Netscher. Die Kathedralkirche von Antwerpen, von P. Neefs. Konnte man auch in einigen Stunden mehr Schoͤnes sehen? Die Generalstaatenkammer, wo die Hoogmo- gende Heeren Staaten der Vereende Nederlan- den ihre Vergadering oder Versammlung halten. Das ganze Haus ist ein Theil vom Hofe, und ist mit gruͤnen Tapeten ausgeschlagen, die alle mit der Nadel gemacht seyn sollen. An einigen hat man, wie man sagt, 100. Jahre gearbeitet. Ausser vielen andern Sessionszim- mern sieht man oben einen Saal, wo die grosse Versamm- lung gehalten wird. An den Stuͤhlen steht das Wappen jeder Provinz. Jeder Stuhl ist mit einer Grille um- schlossen. Auf der einen Seite sitzen die von Suͤd- auf der andern die von Nord-Holland. In der Mitte ist der Sitz des Prinzen, der noch von Koͤnig Wilhelm III. seyn soll. Auf dem Tische vor ihm liegt ein hoͤlzerner Hammer, mit dem der Statthalter auf den Tisch klopft, wenn endlich das Debattiren ein Ende nehmen, und der Schluß gefaßt werden soll. An beiden Waͤnden sind Kamine, und in jedem befindet sich eine aus Messing gegos- gegossene Platte mit dem hollaͤndischen Loͤwen, wovon je- de 2700. Pfund wiegt. Sie sind fast Faustdick. Nachmittags ging ich aus dem Haag, nach dem angenehmen Dorfe Leidsendam, auf dem Wege vom Haag nach Leiden, um das Torfstechen und das Backern zu besehen. Ganz Holland hat keine andre Feuerung als den Torf. Den Rauch empfand ich zuweilen ziemlich stark, aber an den Speisen merkt’ ich nie einen unangenehmen Geruch oder Geschmack. Die Leute haben mit der Gewinnung des Torfs nicht viel Muͤhe. Sie finden ihn uͤberall gleich unter der Damm-Erde, und bis auf eine betraͤchtliche Tiefe hinab. Man braucht einen Spaten oder ein Grab- scheid dazu, und sticht ihn eben so heraus, wie man in Deutschland die Waͤsserungsgraͤben auf den Wiesen macht. Man hebt lauter kleine Parallelepipeda heraus. Da man in der unbetraͤchtlichen Tiefe in Holland gleich eine Menge Wasser antrift, so ist der Torf im Anfang natuͤrlich weich, und schmierig, daher legt man die Stuͤ- cke neben, auch uͤber einander hin, und laͤßt sie an der Luft ausduͤnsten und verhaͤrten. Sind sie so fest geworden, daß man sie heben und tragen kan, so setzt man sie in hoh- len Pyramiden auf, doch so, daß die Luft uͤberall durch- streichen, und sie voͤllig austrocknen kan. Man sieht von weitem solche schwarze Lagen, und schwarze Pyramiden in Menge stehen. Sind sie da hart genug geworden, so bringt man sie in grosse Schuppen oder Scheunen, zu de- nen wiederum die Luft uͤberall Zugang hat. Da werden sie sehr hart, bekommen einen weissen Beschlag, und werden da von den Torfbauern verkauft. Das Stuͤck kostet ein Duit, oder den achten Theil eines Stuͤbers. Koͤmmt Koͤmmt man in den Torfgruben auf das Ende des Torfs, so findet man eine Lage von Thon, die dicker seyn soll, als ein Haus, und dann fuͤllt das Wasser die Gruben bis oben an. Daher die grossen weiten Seen, die man uͤber- all mitten auf den Wiesen sieht. Den Schlamm, der in diesem Wasser haͤngt, und ebenfalls torfartig ist, fischt man mit groben Netzen, die an Stangen gebunden sind, auf, und diese Arbeit heist Backern. Die Torfbauern machen aus dem Schlamm dicke breite Lagen auf den Wiesen neben dem Wasser, ebnen den Schlamm oben, schneiden ihn mit dem Spaden gleich, der Laͤnge und der Breite nach, in solche Parallelepipeda, wie man den Torf haben will, lassen ihn dann so lange liegen, bis der Brei erhaͤrtet ist, und sich eben so in Pyramiden aufsetzen laͤßt, wie der eigentliche Torf. Zuletzt faͤhrt man mit kleinen Schuyten im Wasser hin, und schneidet auch das Stuͤcke Land in solche Torfstuͤcke, auf welchem die ausge- grabene gelegen haben, und dann ist alles eine See, ein Wasser. Dieses Feld wird aber wieder vom Wasser befreit. Dazu gehoͤrt nichts als viel Geld, und einige Wasser- muͤhlen. Man legt naͤmlich am Ende eines solchen ausgehoͤhlten und uͤberschwemmten Feldes einen kleinen Graben an, in den sich das Wasser ziehen kan. An die- sen Graben baut man 2, 3, 4. Wassermuͤhlen, die mit Schoͤpfraͤdern das Wasser aus dem Graben herausschoͤ- pfen, vom Winde getrieben werden, und alles Wasser hinaus in die grossen Kanaͤle schaffen. Solche Muͤhlen unterhaͤlt das Land, oder einige Partikuliers. Das Land wird trocken, wird zu Wiesen und Weideplaͤtzen be- stimmt, und man legt Bauerwohnungen mit grossen Heerden an. an. Ein solchergestalt eingedeichtes Stuͤck Land heist Polder. Herausgeber. Nach einigen Jahren kommt das Kapital mit allen Zinsen wieder heraus. Das herrlichste Gras waͤchst da, die Bauern haben das schoͤnste Vieh, und lassen es Tag und Nacht, und im Spaͤtjahr so lange im Felde, bis gegen Allerheiligen das ganze Land unter Was- ser gesetzt wird. Das Torfstechen ist hier jedem Bauer erlaubt. Wer Land hat, kan, so wie man mir sagte, stechen, und ver- kaufen. Ich besuchte so einen Torfbauer, und besah sei- ne ganze Haushaltung. Edle Einfalt der Natur, wie viel Suͤsses, wie viel Angenehmes hast du! der Mann hatte ein schoͤnes geraͤumiges Haus, alles unter einem Stockwerk, aber hell, hoch, rein, geputzt, und wohlmeu- blirt. Die Leute sind reich, sie tragen alte silberne hollaͤndi- sche Muͤnzen statt der Knoͤpfe in den Hosen. Dieser hat- te eine silberne Uhr, eine reiche Kette, sein Porzellaͤn, seinen Toback, sein altes Bier, seine Butter und Kaͤse. Sein Hof war eingeschlossen, hatte grosse weite Schup- pen, und war ringsherum mit Wasser umflossen. Er war noch ledig, sprach viel, hatte viel natuͤrlichen Witz, und viel Muntres und Freies in seinem ganzen Betra- gen. Den Statthalter nennen die Leute nur, ihren Wil- helm, ihren Prinz; sie sprechen sehr ungenirt mit ihm, setzen den Hut auf, setzen sich zu ihm, erkundigen sich, wie er und Frau und Kinder fahre, und rauchen ihre Pfeifen fort. Von Gnade und Unterthaͤnigkeit spricht der hollaͤndische Bauer nicht. — Vom Zustande der Bauern Bauern in Deutschland haben sie sehr schlechte Begrif- te, und bedauern sie, weil sie nicht frei waͤren. Ich frag- te den Mann, wo denn die Nachkommen endlich den Brand hernehmen wuͤrden, wenn das ganze Land ausge- leert wuͤrde? da wuͤnschte er mir, daß ich so lange kein Zahnweh haben moͤchte, bis es mit ihnen so weit gekom- men waͤre. — Wie viel Reitzendes, Angenehmes, Un- schuldiges ist nicht in dieser Lebensart! Daß sich die Torf- gruben nach Jahrhunderten wieder mit Torf anfuͤllten, kam ihm sehr unwahrscheinlich vor. Er wies mir seinen Kuhstall, eine Stube, viel saubrer und reinlicher, als tausend Wohnstuben in Deutschland. Es war we- der Krippe noch Raufe darin. Man wirft dem Vieh das Futter auf den Boden. Die Kuͤhe stehen auf einer Erhoͤhung von Balken, und werden so gewoͤhnt, daß sie allen Unflath unter diese Erhoͤhung in eine Rinne fallen lassen, wodurch alles weggeschaft wird. Etwas Stroh streuen sie dem Vieh, des Niederliegens wegen, unter, aber nicht viel. Man wird auch kein Stuͤck Vieh in Holland sehen, das auf den Hinterbacken mit verhaͤrte- tem Koth bedeckt ist, wie in Deutschland. Im Som- mer sind sie immer im Felde, da waͤscht sie der Regen ab, und im Winter putzt und waͤscht man sie. Im Stalle stinkt es nicht im geringsten. Es sind Fenster darin, nicht blos Laden. Sie haben ihn gleich neben der Wohnstube. Sie koͤnnen die Rinne zudecken, und ma- chen im Sommer eine Arbeitsstube, eine Schlafkammer, aus dem Kuhstall. Oben auf der Buͤhne liegt das Heu. Der Duͤnger kan keinen grossen Werth haben, weil man nur selten einige kleine Fruchtplaͤtze sieht. Die Hol- laͤnder holen ihr Getreide aus Pohlen, Deutschland ꝛc. Die Magazine sind bestaͤndig gefuͤllt. Auf dem Lande ist ist die Viehzucht das Vornehmste. Man sieht aber auch herrliches Vieh, und die ubera lacte distenta. Der Mann hatte uͤber meine Freude bei ihm, seine herzliche Freude, und wolte mich gar umsonst traktiren, praͤsentir- te mir aber zuletzt seines Bruders Kind, dem ich etwas geben koͤnnte. Den Ruͤckweg nahm ich uͤber Voorburg, einem schoͤnen Dorfe. Zu beiden Sei- ten des Weges waren uͤberall die praͤchtigsten Landsitze oder Lusthaͤuser, und Lustgaͤrten reicher Hollaͤnder. Auf der andern Seite, etwa ¾. Stunden vom Haag, sah ich das durch den Friedensschluß von J. 1697. be- ruͤhmt gewordne Dorf Riswyck. Ehemals solls viel groͤsser gewesen seyn, und bis an den Haag gereicht haben. Der Prinz hat nicht weit vom Orte ein Kastell, und da zeigt man noch den Fremden das Zimmer, das Papier, das Dintenfaß ꝛc. wo der Friede untergezeichnet worden ist. Die Hol- laͤnder sehen das als eine sehr merkwuͤrdige Reliquie ihres Landes an. Den 3ten August. Den Vormittag brachte ich wieder bei Hrn. Legation- tath Meuschen zu. Er gab mir von dem Spezisicum, das ein Arzt im Haag, Namens van Bosch, der Fr. Hofmannen und Boerhaven, jenen aber noch mehr, als diesen studirt, gegen die Blattern erfunden, bisher mit dem gluͤcklichsten Erfolg gebraucht, aber noch geheim gehalten hat. In seiner Schrift in hollaͤndischer Spra- che: Vorbehaltungsmittel ꝛc. soll ein Fingerzeig da- von seyn. Es ist aus dem Mineralreich. In den Ber- liner liner Sammlungen im 8ten Bande steht eine Nachricht davon. Der Koͤnig von Preussen wolte es ihm abkau- fen, lies sich hier, aber bei Bosch ’s Feinden darnach er- kundigen, und diese schrieben keine guͤnstigen Nachrichten zuruͤck. Ich sah ferner noch das Museum Gottwal- dianum , von einem Arzte in Danzig, durch. Es sind 2. kleine Folianten von Zeichnungen, Konchylien und Anat. comp. aber kein Text dabei, und kostet anderthalb Dukaten. — Viele Insekten vom Vorgeb d. g. H. Listers kleine Schriften, die Hr. Meuschen alle zu sei- nem Konchylienwerke sammelt. Seine Rezension von Martini ’s Konchylienwerke mit dem Kupferstiche, die er mir auch zum Andenken an ihn verehrte. Nachmittags war ich auch wieder einmahl in einer Lutherischen Kirche, und hoͤrte Hrn. Pastor Muzen- becher uͤber die Stelle predigen: „Zweierlei bitt’ ich von „dir“ ꝛc. Vormittags wird uͤbers Evangelium gepre- diget, Nachmittags steht die Wahl des Textes frei. Die 3. Prediger an dieser Kirche sind sich voͤllig gleich, und wechseln in allen Arbeiten Vor- und Nachmittags ab. Mit den Kirchenvorstehern wird alle Donnerstage Konsi- storium gehalten. Ihre Besoldungen kommen aus ei- nem kleinen Fond, und aus dem Gelde, das man vom Verkauf der Kirchenstuͤhle bekoͤmmt: denn die Stuͤhle sind alle numerirt, und verkauft. Doch darf ein Frem- der seinen Platz nicht bezahlen. In der Kirche ist ausser einem Zweibruͤckischen Denkmahle gar keine Zierrath, um den Reformirten kein Aergernis zu geben, auch kein Altar. Fuͤr die Fuͤrsten von Nassauweilburg, Braun- schweig ꝛc. sind Stuͤhle darin. Ueber der zu niedrig stehenden stehenden Kanzel war ein ungeheurer Deckel angebracht. Die Prediger haben keine Sakristei, sondern sitzen bei der Kanzel. Sie predigen in ihrem kurzen schmalen Mantel. Heute ward vom Gluͤcke des Mittelstandes, den Gefahren des Reichthums und der Armuth gepredigt. Die hollaͤndische Mode ist, sehr weitlaͤuftig zu seyn, erst 2. Eingaͤnge, dann die allgemeine Texterklaͤrung, drauf erst die Abhandlung. Ueber den Agur etc. wuͤrde ein Hollaͤnder viel gesagt haben. Man redet griechisch und ebraͤisch auf der Kanzel, und stellt viele Streituntersuchun- gen an. Doch sucht man jetzt das Volk von diesem Vorurtheil abzubringen. Nach der Kirche gingen Hr. Muzenbecher und ich spazieren, und besahen die herrlichen Spaziergaͤnge der Stadt, drauf die Juden Synagoge, die schoͤnste, die ich noch gesehen habe, eine wahre Schloskirche, und endlich, eines Ostindienfahrers Hille Haus. Der Reichthum dieses Manns begegnete einem uͤberall. Al- les war mit ostindischen und chinesischen Tapeten, Porzel- laͤn, Vasen, Kunstsachen ꝛc. angefuͤllt. Man erstaunt uͤber die grossen Stuͤcke aus Elfenbein, welche die aͤrmsten Leute in China machen sollen. Es ist gar nicht bizarres, oder groteskes Zeug. Hille gab ihnen die Vignetten aus deutschen Dichtern, aus Zachariaͤ s Renommisten ꝛc. sie schnitzten sie auf Dosen recht artig nach. Ich moͤch- te wohl wissen, wie sie den Nacre aus der Muschelschale herausbekommen, um so grosse Stuͤcke daraus zusammen zu setzen. K k Bemer- Bemerkungen. Dem vielen Waschen und Putzen in Holland gibt man die feuchte Luft, wodurch gleich alles schimlicht wird, schuld. Das Wasser, das die Hollaͤnder selbst uͤberall hinbringen, wird wieder sorgfaͤltig weggenommen. In manchen Haͤusern faͤllt man aber damit ins Laͤcher- liche Sobald es in Holland geregnet hat, schuͤtten die Maͤgde, — die, im Vorbeigehen gesagt, bestaͤndig, selbst bei ihrer Arbeit, Reifroͤcke tragen, — Wasser auf die Haustreppe und aufs Pflaster vorm Hause, und waschen nun das Wasser mit Wasser weg. Ue- berhaupt ist in Holland ein ewiges Scheuern und Pu- tzen. Die Vorderseiten und Fenster der Haͤuser wer- den oft mit Spruͤtzen bespruͤtzt und solchergestalt ge- reinigt. Alle Jahr streicht man das Holzwerk, als Thuͤren, Fensterladen ꝛc. mit neuer Oelfarbe an: daher der Aufwand an Farben und Oel dort sehr gros ist. Kurz, alles ist dort nett und reinlich, nur mei- stens der Hausherr nicht in seinem schmutzigen Japon oder Schlafrock. Herausgeber. . Das Thee- und Kaffetrinken ist bei den Bedien- ten und geringsten Leuten sehr stark Mode. Alle aber se- hen sehr blaß aus. Noch bei Tische stopft der Hollaͤnder seine Pfeife. Er raucht fast immer aus neuen. Die Pfeifen bezahlt man in den Aubergen gar nicht. Bei den Herrschaften sind die deutschen Bedienten sehr geliebt. Aber die Hollaͤnder hassen sie deswegen und und nennen die Deutschen Mof; dies ist ein Schimpf- wort, das zu Schlaͤgereien Gelegenheit gibt. Es predigte einsmahls einer: Barrabas heisse sei- nes Vaters Sohn, weil er des Vaters Sohn wirklich sei, naͤmlich nach Joh. VIII, 44. Ihr seid vom ꝛc. und so heisse er, weil er ein Bild des ganzen menschlichen Geschlechts sei. — Ein andrer sagte in der Hochzeitpre- digt: die Frau sei nicht aus dem Kopfe des Mannes ge- schaffen, weil sie nicht herrschen soll; auch nicht aus dem Unterleibe, damit er sie nicht mit Foeten trappen soll, son- dern aus der Mitte, weil alles soll getheilt werden, zwi- schen Mann und Frau. Bei Mahlzeiten muß das Gebet allemahl von dem Domine verrichtet werden. Da hat nun mancher eine rechte Gebetsgabe, betet eine Viertelstunde, daß dar- uͤber alles kalt wird, bringt dann hinten noch eine Capta- tionem benevolentiae an; einer hatte die Gewohn- heit, daß er allemahl betete: Start aut dat Horn det Uberflutt op onze Vriende, by den wir hute erfreuet sint ꝛc. ꝛc. Den 4ten August. Ich war Willens heute fruͤh den Haag zu verlassen, und nach Leyden zu gehen. Allein noch gestern Abend kam Hr. Prof. Buͤsch von Hamburg hier an, und um seinetwillen blieb ich hier, bis Abends um halb 5. Uhr. Wir besahen den Paradeplatz, das Naturalienkabinet, die Staatenkammer mit einander, machten drauf dem Hamburg ischen Residenten, Hrn. Klefeker, eine Visite, assen bei Hr. Pastor Muzenbecher zu Mittag, und — K k 2 waren waren vergnuͤgt. Wie angenehm ist’s, alte Freunde wieder zu finden! da fliessen die Stunden schnell hin, und nachher erzaͤhlt man wenig davon; denn wer kans beschreiben, wenn der ganze Tag nur eine einzige lange freudige Empfindung ist? Um halb 5. Uhr ging das fastletzte Schiff nach Ley- den ab und ich stieg ein und verlies den angenehmen Haag. Man hat 3. Stunden zu reisen und wechselt einmahl das Schuyt bei Leidsendam. Bald nach- her kamen wir in ein Wasser, das vom Rhein kommt, denn dieser Strom ergießt sich nicht weit von Leyden in vielen Armen in die Nordsee. Hr. Sontag, Hrn. Muzenbecher s Schwiegervater, der mit Bijouterien handelt, war auch auf dem Schuyt, und reiste nach Wisbaden und nach der Frankfurt er Messe. Leyden. Mit Freuden erblickt’ ich die Thuͤrme die- ser merkwuͤrdigen Stadt, in welcher die Vorsehung ehe- mals viele grosse Menschen, Aerzte und Naturforscher zum Besten des Menschengeschlechts leben und arbeiten lies. Mit Hrn. Prof. Buͤsch, der nachkommen wolte, hatt’ ich die Abrede genommen, in de goude Mulen op de Markt zu logiren. Den 5ten Aug. Weil man hier keine Morgenbesuche machen kan, so ging ich zuerst nach dem Botanischen Garten. Er ist sehr gros und vier- eckigt, aber kein einziges fortlaufendes Ganzes, sondern ist ist in mehrere Quartiere durch Wasser und Bruͤcken abge- theilt. Es werden an die 2000. Pflanzen darin unter- halten. Die Ordnung ist theils nach Linne’, theils nach dem juͤngern Van Royen, dem jetzigen Professor der Botanik Sein Onkel, Adrian van Royen, hat schon seit ver- schiedenen Jahren Alterswegen diese Lehrstelle nieder- gelegt. Sein grosses Kraͤuterbuch hat sein Neffe in Verwahrung. Herausgeber. . Man sagt es, aber es ist nicht wahr, daß jede Pflanze ihren Zettel habe, denn bei den allerwe- nigsten stehen die Namen. Zur Aufbewahrung der Pflanzen im Winter sind viele kleine Haͤuser vorhanden. Eine Menge Gewaͤchse werden unter Glasfenstern gezo- gen. Die Boskets sind nicht betraͤchtlich. Unter den seltenen Gewaͤchsen traf ich an: 1) Das Zuckerrohr, das aber nie bluͤht. 2) Senecio chrysocoma , vom Kap. 3) Gincho biloba. — Die Blaͤtter haben al- le feine parallele blasweisse Streifen. 4) Kaffe, — der doch zuweilen hier zur Bluͤthe koͤmmt. 5) Thee. — Die Blaͤtter haben auch hier das verdaͤchtige Gruͤn. Dieses Stuͤck ist ebenfalls aus Engelland, aber lange nicht so wohl erhalten, wie das Theebaͤumchen des Hrn. Hofr. Groos in Carlsruhe. 6) Zingiber — la- tropha multifida — Euphorbia melocactus — Molucella. 7) Spigelia anthelm. — Elymus canadensis. 8) Pinus Larix , der wirklich sehr viele Fruͤchte hatte. 9) Digit. flor. maculatis; in der Korolle sitzen auf einem weislichten Boden roͤthlich- te Flecken. — Digit. canariensis. 10) Sedum ar- borescens , ein Baͤumchen. 11) Cineraria ama- K k 3 loides loides etc. Der Gaͤrtner Nikol. Meerburgh hat seit einigen Jahren selber einige seltene Pflanzen aus die- sem Garten mit Farben abgebildet, herauszugeben ange- fangen, und verkauft sie, aber sie sind grob gezeichnet, und sollen doch theuer seyn Das Werk ist in Folio und fuͤhrt den Titel: Afbeel- dingen van seldsaame Gewassen in den Kruidtuin van ’slands Universiteyt te Leiden. Die Benen- nung ist nach dem Linne’. Auf jeder Platte ist auch ein Schmetterling aus seiner Sammlung, die er den Fremden anpreißt, die aber nichts besonders enthaͤlt, vorgestellt. Herausgeber. . Er stopft auch Voͤgel mit Rauchtoback aus. Weils indes spaͤter worden war; so ging ich, meine Addressen von Villoison und Morand aus Paris zu uͤbergeben; besuchte daher Hrn. Ruhnkenius. Er bezeugte mir gleich sein Misfallen daruͤber, daß wir in Deutschland so wenig in lateinischer Sprache schrieben, und alles deutsch heraus- gaͤben. Er berief sich auf den neuen deutschen Meßkata- log. Vermuthlich weil er das Deutsche nicht lesen kan, Und doch ist er ein gebohrner Deutscher, denn er ist aus Stolpe gebuͤrtig. Sein eigentlicher Name ist Ruhnken. Er ist aber schon in der Jugend nach Hol- land gekommen, hat also seine Muttersprache viel- leicht vergessen. Herausgeber. denn er sprach hollaͤndisch und etwas franzoͤsisch, und weil es uͤberhaupt in Holland herrschende Mode ist, die Ge- lehrsamkeit allein in Kenntnis der Alten zu setzen. Wir konnten daruͤber nicht einig werden, weil wir in Grund- saͤtzen saͤtzen verschieden waren; er versprach mir aber doch, mir nach 12. Uhr die Universitaͤts-Bibliothek, deren Aufse- her er ist, zu zeigen. In Engelland, meinte er, schaͤtzt man die Doct. Diplom. von Leyden mehr, als die von Oxford und Cambridge. Daher kommen viele junge englische Aerzte von ihren Universitaͤten noch hierher, und promoviren hier: das traͤgt viel ein. Die Vorlesun- gen werden alle lateinisch gehalten. Hrn. Allemand, Prof. der Naturlehre, schon ein Mann bei Jahren, phlegmatisch, wie alle hollaͤndische Gelehrte, todt, und stille. Die Buffonschen Kupfer hatte er in seinem Visitenzimmer an der Wand herum angeheftet. — Er versprach mir, Nachmittags das Ka- binet zu zeigen. Hrn. Dr. u. Prof. Gaubius. Auf ihn und auf Prof. Hahn von Heidelberg hatte ich mich am meisten gefreut. Hr. Prof. Hahn war auf dem Lande, aber Hrn. Gaubius, der auch ein gebohrner Pfaͤlzer ist, fand ich, und war 2. Stunden lang mit grossem Vergnuͤgen bei ihm. Er ist wirklich pro Emerito erkkaͤrt, aber doch noch sehr munter. Nun aber seit 1781. todt. Herausgeber. Er besann sich auf Buͤttnern und die Beckmanne in Goͤttingen. Wir sprachen uͤber Verschiedenes. Die air fixe, sagte er, nenne man faͤlschlich so, es sei keine Luft, sondern ein Dampf- — Man duͤrfe nur ol. vitr. den Stahl angreifen lassen, und das nachher in Daͤmpfe verwandeln, so koͤnne man Spaa-Pyrmonter ꝛc. Wasser machen und wiederher- K k 4 stellen. stellen. Das Spezificum gegen die Blattern des Dr. van Bosch im Haag (s. S. 511.) sei, weil ers etwas marktschreierisch behandelte, verdaͤchtig worden, aber Kuren waͤren allerdings damit geschehen. Im Grunde komme es mit dem Sutton schen uͤberein, es sei aus den Worten, die Boerhaven entwischt sind: „Forte ex „antimonio et mercurio invenietur antido- „tum,“ entstanden. Zu seiner Zeit habe man schon in Paris eine Wachsanatomie gehabt, aber lange nicht so vollstaͤndig und schoͤn, wie ichs ihm vom Cab. d’anat. artif. der Mdlle. Biheron erzaͤhlte. — Wie so erqui- ckend ists mir doch allemahl, einen alten Mann zu sehen, der viel gearbeitet hat, aber gleich wieder auflebt, wenn von Wissenschaften die Rede ist! Ich habe, sagte er zu mir, auf der Universitaͤt Leyden, wie ich da studirte, das grosse Feld der Wissenschaften uͤbersehen, und um’s durchzulaufen, hatt’ ich nur einen einzigen Bekannten, der auch ein Deutscher war. Wie ich nachher von Am- sterdam, wo ich prakticirte, hierher kam, kannte mich dem Namen nach kein Mensch, bis sie mich sahen ꝛc. So studirte der Lehrer meiner Lehrer! Hrn. Voorda. Er war aber nicht in der Stadt. Man hatte mir schon im Haag gesagt, daß dieser Mann das ganze Corpus Iuris Rom. in der Tonne auswendig gelernt habe. Der Vater, auch so ein Mann, setzte sei- ne 2. Soͤhne von Jugend auf in seiner Stube in 2. Faͤs- ser, und sobald nur einer den Kopf aus dem Faße heraus- rekte, war der Vater in seinen Arbeiten schon gestoͤrt, und pruͤgelte ihn mit einem langen Stocke wieder ins Faß zu- ruͤck. Auf diese Weise aber lernte der eine Sohn das lus Romanum, und der andre das Ius statutarium von von Holland so auswendig, daß sie jetzt die paginam von jedem Gesetz wissen, und gleich den Ausgang der Prozesse errathen koͤnnen. — ’S ist mir doch leid, daß ich diesen Diogenes nicht kennen lernte. Hierauf be- suchte ich die Universitaͤtsbibliothek. Sie entspricht der Er- wartung bei weitem nicht. — Minuit praesentia fa- mam. — Es ist ein einziges Zimmer, in der nicht die Haͤlfte der Buͤcher Platz hat. Wo man hintritt, tritt man auf Buͤcher. Auf dem Boden, in jedem Winkel, in jedem Gange auf und hintereinander liegen die besten Sachen. Doch besteht der eigentliche Reichthum der Bibliothek mehr in geschriebenen, als gedruckten Buͤchern. Und unter den Erstern ist besonders der arabische Vor- rath merkwuͤrdig. Aber diese und die uͤbrigen orientali- schen alle, stehen in einem Schranke zusammen gepfropft, und zu diesen steigt man auf eine Art von Porkirche mit Lebensgefahr hinauf. Als grosse Schoͤnheiten der Bi- bliothek wies man mir: 1) Eine Handschrift von den LXX. in 4to. auf Pergament. Sie faͤngt in den 30. Kapiteln des 1ten B. Mose an und geht fort, bis zu den Richtern; sehr leserlich, ganz caractere unciali ge- schrieben. Soll nach einer Nachricht, die darin steht, noch vor Christi Geburt verfertigt worden seyn; wenn aber auch dies falsch ist, so ist sie doch wenigstens aus dem 2. oder 3. Jahrhunderte. Isaac Vossius besaß sie in sei- ner Bibliothek. 2) Ein geschriebner noch unedirter grie- chischer Kommentar vom Porphyrius uͤber die Jlias . Vollstaͤndig, und soll viele gute Sachen enthalten. Der Text ist dabei, und darzwischen mit rother Dinte noch aus- ser den Noten eine Explicatio interlinearis. 3) Ein K k 5 Koran Koran, sehr modern, aber merkwuͤrdig wegen seiner Pracht. In 2. kleinen Folianten auf Pergament, schwarz und roth, und noch schoͤner als der in der Abtei St. Vi- ctor zu Paris. 4) Jos. Just. Scaligers Hand- schriften, seine eigne und auch seine Sammlungen. 5) Des Seba Thesaurus rer. nat. illuminirt. Seba il- luminirte erst nur ein Exemplar fuͤr sich, dann liessen ei- nige Freunde ihre Exemplare nach jenem auch illuminiren, und davon ist dies eins, und ein solches kostet 600. Gul- den. Sie sind aber vortreflich. Ich sah die Voͤgel und Schlangen an. 6) Buͤsten von englischen Staats- maͤnnern und Gelehrten, desgl. Gemaͤlde von hollaͤn- dischen. 7) Ein astronomisches Buch aus China, auf Veranstaltung der Jesuiten dort auf Seidenpapier mit hoͤlzernen Typen nur auf einer Seite gedruckt. Man solte es fuͤr geschrieben halten. 8) Institutiones Iusti- niani , von Schoͤffer 1468. in Maynz, auf Perga- ment gedruckt. Sehr schoͤn und selten. 9) Eine Sphaͤre des kopernikanischen Weltsystems. Sie steht in einem Glasschranke und wird durch ein Uhrwerk in Bewegung gesetzt, das 3. Wochen, ohne aufgezogen zu werden, fortlaͤuft. Der beruͤhmte Kuͤnstler Stracy hat sie verfertigt. Der Thierkreis und die andern Kreise sind aus Messing und herrlich gestochen. Man redet viel von einem neuen Gebaͤude, zu wuͤnschen waͤre es, daß es bald zu Stande kaͤme. Gaubius hat alles Gute aus des grossen Wepfers Bibliothek fuͤr sein Fach ge- kauft, auch hat jede Fakultaͤt ohnlaͤngst 5000. Gulden zur Bibliothek, als ein Legat erhalten, aber es fehlt an Platz. In keiner Kaͤse- und Heringsbude sieht es so verwirrt und staubicht aus. Die Die grosse Peterskirche ist als ein grosses Gebaͤu- de merkwuͤrdig. Inwendig sieht man ein halbes Tau- send Familienwappen auf schwarzen Feldern. Jede Platte deckt ein Grab; alle Tage werden etliche aufgeris- sen. Die Kanzel steht niedrig, und hat wieder einen Tanzboden zum Deckel, aber die grosse schwere Orgel haͤngt kuͤhn an der Wand! Das wichtigste Stuͤck darin war mir des grossen Boerhave ’s Grabmahl, davon mehr am Beschluß des Artikels von Leyden. Das Stadt- oder Rathhaus. — Ein schoͤnes Gebaͤude in der Breede Straat, der schoͤnsten und laͤng- sten in dieser Stadt. Man findet verschiedene gute Gemaͤlde darin, als in der Burgermeisters kammer ein beruͤhmtes Gemaͤlde von Lucas von Leyden, das juͤngste Gericht vorstellend. Ein Meisterstuͤck wuͤrd’ es seyn, machten nicht die geschwaͤnzten Teufel zwischen den Auferstandenen gar so eine seltsame Wirkung. In der Schoͤppenkammer, eine Kreutzigung von Cor- nelius Engelbrecht, die an die 300. Jahr alt ist, und gleichwohl noch wie neu aussieht. Auch eins von de Moor, welches die Geschichte des Brutus, und die Enthauptung seiner Soͤhne vorstellt, wo ein todter Koͤr- per und der abgehauene Kopf des einen Sohnes gar vor- treflich sind. Die alte Burg, oder das Schloß, — ein Berg- schlos auf einer Anhoͤhe mitten in der Stadt, wodurch sich im J. 1574. Leyden bei der Belagerung von den Spa- niern rettete. Man geht eine grosse Treppe von 90. Stuffen hinauf, oben ist ein Irrgarten, und eine ziemlich gute Aussicht. Doch ist der Berg nicht hoch genug, um uͤber die Thuͤrme und Haͤuser der Stadt wegzusehen. Man Man muß da mit Gewalt 2. Dubbeltjets zahlen, wenn auch kein Bedienter eine Thuͤre aufmacht. Die Langebruͤcke ist eine Strasse, die unten ge- woͤlbt ist, und man faͤhrt mit den Schiffen unter der Strasse durch, bis an einen Marktplatz, wo man wieder herauskoͤmmt. Sie ist wenigstens ¼. Stunde lang. Bemerkungen. Leyden ist gros, hat herrliche Plaͤtze, viele Bruͤ- cken, schoͤne Kanaͤle mit ang nehmen Baͤumen daran, uͤberall herrscht eine grosse Reinlichkeit. Deutsche gibts viele hier, und doch ists sehr still auf den Strassen. Studenten sah ich auch nicht viel, weil eben die grosse Vacanz war. Haͤuser, Strassen, Bruͤcken, alles ist hier so einfoͤr- mig, daß man lange da seyn muß, ehe man sich allein finden kan. Man hat zwar Plane von Haag, Ley- den ꝛc. aber was nutzen sie, da die Namen der Stras- sen nicht angeschrieben sind. Aufs hoͤchste sind an den gelben Thuͤrpfosten der Haͤuser, aber nur vom Bedienten und mit Bleistift die Namen der Herren angeschrieben, und das hilft bei der bestaͤndigen Aenderung der Wohnun- gen nicht viel. Vor den Haͤusern ist hier, wie im Haag, auch der schwarzblaue Felsstein, den die Hollaͤnder aus der Grafschaft Bentheim holen. Man treibt hier das Putzen und Waschen aufs aͤusserste, und behauptet, daß sonst alles mit Wandlaͤu- sen uͤberschwemmt seyn wuͤrde. Man laͤst die Schlafbet- ten ten alle Tage ausluͤften. In den Stubenboͤden weis man nicht, wo man hintreten soll, so kostbare Tapeten hat man darin liegen. An den Kanaͤlen sah ich Wolle waschen. Die Schaaswolle aus Nordholland ist sehr fett und schmu- tzig. Man gibt einem Kerl des Tages 6. Centner Wol- le in eine Schuyt, daran hat er den ganzen Tag zu wa- schen. Dazu haben sie Koͤrbe, thun unten die Wolle darein, und fahren damit ins Wasser. Das Wasser im Schiff wird davon sehr schmutzig, gelb, und truͤbe. Die Kerle stehen mit nackten Fuͤssen im Wasser; nachher wird sie auf grossen Ebnen getrocknet, sortirt, verarbeitet, und stark nach Frankreich verfuͤhrt. Man hoͤrt uͤberall auf den Strassen das Geraͤusch der Weberstuͤhle. Man macht hier viel Johannisbeerbrantwein. Man schuͤttet Brantwein, Zucker und starkriechende Kraͤu- ter auf die Johannisbeeren, und laͤßts in Bouteillen an der Sonne digeriren. Den 6ten August. Am fruͤhen Morgen ging ich auf einem herrlichen Spaziergange zwischen dem hellsten Wasser, nach dem Pesthaus, das eine kleine halbe Stunde vor der Stadt liegt, durch Graͤben, Bruͤcken, Wasser und Wal- dungen abgesondert ist, und gewis gesehen zu werden ver- dient. Es ist ein grosses viereckigtes Gebaͤude, dessen unterer Theil in 8. Zimmer eingetheilt ist, die ganz mit Betten angefuͤllt sind. Die Bettstaͤtten stehen an den Waͤnden in unglaublicher Menge herum, in jedem liegt ein ein Unterbett von blauem Parchent. In jedem Saal sind Wandkasten fuͤr die Arzneien, und einige Bettkasten, wo man die, bei denen die Ansteckung am schrecklichsten ist, hineinlegt. Man sieht ein Gemaͤlde von einer Frau, die zweimahl die Pest hatte, alle 2. Stunden ein Viertel Bier austrank, zweimahl kurirt ward, das drittemahl aber mit dem Bierglase in der Hand starb. Auch ist ei- ne Kapitains Frau in einer obern Stube abgemahlt, die, um Leyden zu sehen, hierher kam, gleich blaue Flecken auf der Brust kriegte, und starb. Gottlob! seit 1689. ist die Pest nicht mehr hier gewesen. Hinter dem Hause sind im Viereck herum Spaziergaͤnge zwischen Kolonna- den. Sonderbar ist es, daß man das Haus nur brau- chen will, wenn die Pest kommt. Als ich von da zuruͤck kam, ging ich aufs Naturalienkabinet der Universitaͤt. Prof. Al- lemand hats groͤstentheils gesammelt, und hatte selber die Guͤtigkeit, es mir zu zeigen. Es besteht aus einem einzigen Zimmer, enthaͤlt aus allen Faͤchern etwas, ist schlecht rangirt, hat keinen einzigen Zettel ꝛc. Das Merkwuͤrdigste, was ich sah, war: 1) Ein Hydroco- rax indicus. Er hat einen schwarzgelben sonderbaren Schnabel. 2) Camelopardalis. — Das Thier hat einen sehr langen Hals, noch laͤngere Vorderfuͤsse, und hatte doch noch bei weitem seine ganze Groͤsse nicht. Am Schwanze ist unten ein Flock schwarzer Haare. Sonst ist die Farbe uͤber den ganzen Leib weisroͤthlich. Die Hoͤrner entstehen aus verhaͤrteten Haaren, wie man an der Spitze sieht. 3) Hoͤrner vom Condoma, die 2½. Schuh weit an der Extremitaͤt von einander standen. 4) Ein Straus im Ei, nahe am Ausschluͤpfen, in Weingeist; Weingeist; Allemand lies ihn so vom Kap kommen, und schnitt das Ei auf. Eine schoͤne Lage! Der Kopf liegt oben, die haarartigen Federn sind schon sehr weit, fast ausgebildet. 5) Ein Nautilus in seiner Schale. Das Thier hat viele Saugwarzen auf der Oberflaͤche. 6) Eine neue Art Pinceau de Mer — die Stuͤcke lie- gen imbricatim, es verdiente eine Zeichnung. 7) Ein Bernh. Erem. ausser seiner Schale, gar vollstaͤndig, gros und schoͤn. 8) Ein Vogel, le Secretaire ge- nannt, weil ihm am Kopfe Federn hinausstehen, wie sie die Schreiber hinter die Ohren stecken. 9) Labrador- steine, die in allerlei Farben spielten. 10) Kostbare Opalminern aus Boͤhmen. 11) Krystalle inwen- dig mit Spiessen. 12) Eine Minera arg. ductilis aus Sachsen. Vom Kabinet hohlte mich Hr. Prof. Sandifort ab, und zeigte mir die anatomische Sammlung. Jenes ist ein Gebaͤude im Botanischen Garten, dies steht weit davon in einem andern Hause. Die Sammlung ist groͤßtentheils von Albinus, und zur Physiologie ist sie vollstaͤndig, da fehlt auch kein Theil. Alles steht wohl rangirt in Glaͤsern und in Glasschraͤnken, in einer gewissen Ordnung. Die Stuͤcke, die mir am besten ge- fielen, waren: 1) Die Epidermis einer Kinderhand. — Sie sieht nicht anders aus, als ein Handschuh. 2) Die vasa cutanea einer Hand ohne Epidermis. Grosser Gott, welche Feinheit! 3) Die valvulae Intest. Jepe- ni. — Blaͤtter sinds, oder Falten — unnachahmlich schoͤn, ausgespruͤzt. 4) Corona ciliaris — ich fragte darnach, aber Wrisbergs in Goͤttingen ist doch schoͤ- ner. 5) Das Mesenterium. — Vielleicht ist nie eine eine Vergleichung richtiger gemacht worden, als diese, — mit Manschetten. 6) Das Epiploon , — o Gott, welche Feinheit, Weisheit und Zartheit in meinem Koͤr- per! 7) Das Rete Malpigh. herabhaͤngend zwischen der Epiderm. und der Cutis vom Europaͤer und vom Mohren. Die physiologische Theorie, und das Spruͤch- wort: Aethiopem frustra lavaberis, ist gewis wahr. 8) Die Testes. Die ganze lange flottirende Kette der Saamenabsondernden Gefaͤsse. 9) Ein Foetus mit einer hernia umbilicali. In einem Sack hing schon am ersten Keim die ganze Masse der Daͤrme. 10) Die Gebaͤhrmutter von einer Jungfer. 11) Die Nieren; kan man so was sehen, ohne an den Allmaͤch- tigen zu denken? 12) Die Membrana villosa intest. — Ach du verewigter Albinus! Grosse Ruhe sei mit dei- ner Asche! 13) Kleine Skelete von Foͤtussen. Die Knorpel waren eine blaulichte durchscheinende Gallerte und wahre Bestaͤtigung der Hallerschen Physiologie. Von da gingen wir eine kleine Treppe hinauf, und fanden die Knochen eines Wallfisches, Vorder- und Hinterkopf, Spina dorsi, Ribben, Ruthe, Fisch- bein. Hier hatte mein Freund, Hr. Prof. Sandifort, die Gefaͤlligkeit, 2. laminas corneas abzureissen, und mir zu verehren. Noch hoͤher hinauf fand ich das anatomische Thea- ter, schoͤn, hell, und so gros, als es der Zweck ge- stattet. An der Wand hingen rachitische Skelette, und das Gemaͤlde eines Menschen, der ein Messer ver- schluckt hatte, das nach obrigkeitlichen Zeugnissen, ihm durch die Musculos abdominales wieder herausge- gangen ist. — Die Die physikalischen Maschinen von s’Gravesand, bekam ich Nachmittags alle, theils in Allemand ’s Hau- se, theils im Gebaͤude der Universitaͤt zu sehen. Ich be- trachtete besonders: 1) Eine herrliche Sammlung von Prismen aus Felskrystall. 2) Die Heliostata , eine herrliche Maschine, die 300. Gulden kostet. 3) Ein Magnet aus Rußland, der nicht gar gros ist, und doch 110. Pfund zieht. 4) Islaͤndischer Kry- stall prismatisch, und auch rautenfoͤrmig von hiesigen Kuͤnstlern geschliffen. Sonst glaubte man nicht, daß man den Stein bearbeiten koͤnnte. 5) Chinesische Ku- geln, die elastisch sind, und bei einer Erwaͤrmung lange Zeit in eine artige zitternde Bewegung gerathen Die wir einsmahls sahen und in Haͤnden hatten, mochte ohngefaͤhr einen Zoll im Durchmesser haben, war hohl und daher leicht, und schien aus Messing oder einer aͤhnlichen gelben Metallmischung zu seyn. Inwendig soll sich eine um eine Spindel schrauben- foͤrmig gewundene zarte Feder befinden, die, wenn die Kugel erwaͤrmt wird, in eine merkliche zitternde oder schwingende Bewegung geraͤth; eine Erfahrung, die wir selbst machten, als wir sie eine Weile in der verschlossenen Hand hielten. Dergleichen Kugeln sollen in China verfertigt werden. Neugierige Lieb- haber suchen sie begierig auf und bezahlen sie oft theuer, denn sie sind selten. Auch will man sagen, die chinesischen Frauenzimmer bedienten sich ihrer zu Erregung einer gewissen wolluͤstigen Empfindung, die sich die Leser aus der erwaͤhnten Eigenschaft der Ku- geln erklaͤren moͤgen. — Herausgeber. . 6) Modelle von den Potter ischen Feuermaschinen, die Desaguliers beschrieben hat. Mein L l Mein Freund Buͤsch von Hamburg, war heute nachgekommen, und sah das alles mit mir. Die Erzaͤhlung meines Aufenthalts in Leyden fing ich mit dem Gedanken an Boerhave an, der von dieser Stadt aus aufs ganze Menschengeschlecht wirkte, und da- mit will ich sie auch beschliessen. Denn wie sollte ich Leyden verlassen koͤnnen, ohne wenigstens auf der Asche dieses grossen Mannes gestanden zu haben, da mich die Vorsehung spaͤter, als er lebte, gebohren werden lies? Zweimahl bin ich da gewesen, wo sein sterblicher Rest ruht. Boerhave hat ein Grabmahl in der grossen Peterskirche nahe beim Eingange. Edel und simpel, wie ers verdient! Hemsterhuys im Haag hat es ange- geben und entworfen Eine reiche Wittwe aus seiner Familie hat es ihm 1762. setzen lassen. Herausgeber. . Auf einem Fußgestelle aus schwarzem Marmor steht eine Urne aus weissem Mar- mor, um die ein Kranz gewunden ist, an dem Boerha- ve’s Medaillon haͤngt, mit der Umschrift: Simplex veri sigillum. An der vordern Seite des Fußgestel- les steht mit goldenen Buchstaben die herrliche Inschrift: Salutifero Boerhavii Genio sacrum, und ganz un- ten auf der einen Seite das Geburts- auf der andern das Sterbejahr. Geb. 1668. gest. 1738. — Siebzig Jah- re ward er also alt, der grosse Mann, das Geschenk, das Gott vom Himmel herabgab, um seinen Menschen wohl zu thun! Wie ward mir in der Nachbarfchaft dieses Edeln und Weisen! Ach, daß er auch sterblich war, wie ich! Zwar die Erde ist nicht das Land der grossen Seelen; sie sie kommen, erscheinen, wirken, zeigen, daß sie von Gott sind, und schweben wieder empor gen Himmel! Den 7ten Aug. Heute Vormittags machte ich die Reise nach Harlem. Man rechnet nur 4. Stunden bis dahin, aber in Deutschland waͤrens wenigstens sechse. Jede Person zahlt 13. Stuͤber, davon bekommen die Staͤdte Leyden und Harlem, und das Land dafuͤr, daß das Pferd ne- denher im Sande waten darf, allemahl 6. Stuͤber. Das uͤbrige gehoͤrt der Gesellschaft, die das Schiff und die Pferde dazu haͤlt. Der Kanal ist nicht so mit Wasser- linsen uͤberwachsen wie die andern, sondern hat meist kla- res, helles Wasser, die Nymphaea, mit ihren gelben Blumen und langen Stielen aber waͤchst so haͤufig darin, daß das Schiff oft Muͤhe hat, uͤber die Verwachsungen hinuͤber zu kommen. In den Kiel des Schiffs dringt doch immer Wasser ein. Man hat deswegen vorne eine Oefnung, und eine kleine Pumpe, wodurch mans von Zeit zu Zeit auspumpt. Wir passirten Catwock ein edelmaͤnnisches Dorf nahe an der Nordsee. Von da sieht man bestaͤndig die grossen Sand- duͤnen voller Hasen und Kaninchen, die das platte Land hinablaufen. Harlem selber, empfiehlt sich beim ersten Anblick nicht sonderlich. Und in der That, ists auch die schlech- teste unter allen hollaͤndischen Staͤdten. Mir kamen die L l 2 Leute Leute hier so vor, wie etwa die Schwaben in Geislingen und Aalen. Sapienti sat. — Im Wirthshause au Lion d’or fand ich einen Wirth Wiedmann von Carlsruhe, der aber voͤllig auf den Harlemer Ton gestimmt war. Nach dem Essen ging ich aus, und besah die Grosse Kirche. Sie ist ein grosses weites Ge- baͤude. Der Thurm ist ungemein hoch, und hat oben ein Glockenspiel, das den Leuten hier gar was Wichtiges ist. Merkwuͤrdiger ist aber die Orgel, die fast 4. Stock- werke hoch ist, und nur Dienstags und Donnerstags Mittags von 12.-1. Uhr oͤffentlich gespielt wird Wer einen Dukaten zahlt, kan sie zu jedem Tage spie- len lassen. Im Winter spielt man sie nur Sonna- bends Abends von 6.-7. Uhr. Sie ist ohnstreitig die groͤste und vollstimmigste Orgel in ganz Holland. Herausgeber. . Christian Muͤller vom Hundsruͤck hat sie vom Jahre 1736.-1740. gebaut. Sie hat 48--50,000. Gulden gekostet. Sie hat 68. Register, und alle moͤg- liche Menschen- auch einige Voͤgelstimmen, als von der Nachtigall, dem Kuckuck ꝛc. Es soll wie ein Konzert im Walde klingen. Der Pfeifen sind 5650. alle von einer englischen Komposition, und manche so stark, wie ich im Leibe. Sie hat auch 12. Blasbaͤlge, die 2. Kerle treten muͤssen. Sie muß eine erstaunliche Gewalt haben. Unten stuͤtzt sich die ganze Masse auf 4. praͤchtige Saͤu- len von schwarzgrauen Marmor. Zwischen denen steht eine Gruppe aus weissem Marmor, von Xavery verfer- tigt. Die Figuren halten musikalische Instrumente. Noch Noch eine kleine Merkwuͤrdigkeit ist in dieser Kirche zu sehen. Als der Herzog von Alba Harlem belager- te, lies er von einer Batterie vor der Stadt eine Kano- ne so richten, daß sie den Prediger auf der Kanzel treffen sollte. Die Vorsehung fuhr dem Unsinnigen durch seinen rasenden Kopf, die Kugel ging, soweit als 2. Saͤulen von einander stehen, unter der Kanzel durch, und fuhr in die Wand, wo sie noch steckt. — Weiter oben haͤngen Mo- delle von den ersten Schiffen, womit die Hollaͤnder nach Damiate in Egypten fuhren. Die Citadelle enthielt einen sehr grossen Schatz, war aber mit Ketten umschlos- sen. Die Hollaͤnder machten Saͤgen an die Bogspriete ihrer Schiffe, und fuhren drauf los, daß die Ketten ent- zwei sprangen. Das Spruͤchwort; er geht durch wie ein Hollaͤn- der, wollen dieser Nation Wohlwollende aus dem oben erzaͤhlten Vorfalle herleiten; Widriggesinnte hin- gegen aus der Schlacht bei Dettingen, wo die hol- laͤndischen Truppen zuerst Linksuͤm gemacht haben sollen. Herausgeber. Relata refero. — An der Seite dieser Kirche sind uͤberall Boutiquen, und an einer Seite steht Lorenz Coster’s Haus mit ei- ner Tafel, auf der mit Golde sein Name und eine In- schrift Die Inschrift ist: Memoriae sacrum. Typographia- ars artium conservatrix nunc primum inventa circa an- num 1440. Herausgeber. steht. Inwendig sieht man sein Bildnis. Der Kirche gegen uͤber liegt L l 3 Herrn Herrn Enschede’s Schriftgiesserei, die ich mit vielem Vergnuͤgen gesehen habe Davon s. Murr’s Journal zur Kunstgesch. 3ter Band. . Ich muß den Va- ter und den Sohn dieses Namens von dem obigen Urtheil uͤber die Harlemer Spiesbuͤrger ausnehmen. Die Let- tern werden aus einer Mischung von Blei, Eisen und Spiesglas gegossen. Man macht hier diese Mischung selber in grossen laͤnglichen Stuͤcken. Alle Arbeiten geschehen in einem Saale von Maͤn- nern, zum Theil auch von Kindern. Man giest, man bricht, man schneidet, man sortirt, man polirt, man verkauft die Lettern. Zum Giessen steht der Kerl vor einem kleinen Ofen, der mit 5, 6. Torfstuͤcken gefeuert wird, und schmelzt auf dem Herde die Komposition. Ist sie im Fluß, so hat er eine kleine Maschine in der Hand, die sich in 2. Haͤlften zerlegen laͤßt, von Messing ist, und in der Mitte das Modell von dem Buchstaben eingegra- ben hat. Oben ist eine Oefnung. In diesen Kanal fuͤllt er mit einem kleinen Loͤffel das fliessende Metall, schuͤt- telt es allemahl ein wenig, — damit die Luft herausgeht, wie sie sagen, — so formirt sich der Buchstabe und der Stift daran mit einem Schwanze. Geschwinde macht er die beiden Haͤlften von einander, der Buchstabe faͤllt heraus, er fuͤllt wieder, erhaͤlt das Feuer bestaͤndig, so geht die Arbeit sehr schnell. Neben ihm sitzt ein an- drer Arbeiter, der bricht den Schwanz, das Anhaͤngsel vom Buchstaben weg. Auch das geht schnell, er kneipt es nur mit dem Nagel am Finger ab. Die kleinen Ab- gaͤnge werden hernach wieder zusammen geschmolzen. Ein andrer — und diese beiden Arbeiten koͤnnen auch Jun- gen gen verrichten — schneidet mit dem Messer des Ueber- fluͤssige, Kluͤmprichte noch genauer davon, und sortirt sie. In einem Verschlag sitzen andre, welche die Lettern auf schmale Breter neben einander legen, und theils mit Messer-Ruͤcken, theils mit hartem Holz uͤberfahren, und poliren. Man verkauft sie Pfundweis zu 10, 16, 25. Stuͤber nach den verschiedenen Arten. Zu den Blumen und andern Verzierungen hat man ebenfalls solche Mo- delle, und die Arbeiten sind die naͤmlichen. Um mit dem hoͤflichen Manne von seiner Sache zu reden, sprach ich von Hasen’s Typen zu den geographischen Karten, und Haaken’s zoologischer Karte zum Zimmermann. Von jenem hatte er eine Probe gesehen, aber die letztere kann- te er noch nicht. Von ihm ging ich, und besah. Das Naturalienkabinet der Harlemer Maat- schappye der Weetenschappen, im Prinzenhause. Es ist groͤstentheils aus Geschenken und aus Vermaͤchtnissen des Hrn. von Lennep entstanden. Schade, daß der Saal so schmal ist. Die meisten Sachen stehen zu eng, und zu versteckt. Im Saal, wo die Akademie alle Mo- nate zusammen kommt, fand ich: 1) Ein Ovis Strepsi- ceros mit seinen Hoͤrnern, von D. Kloͤkner in Am- sterdam ausgestopft. Das sind die Hoͤrner, die ich seit- her oft unter dem Namen der Condomahoͤrner gesehen hatte. Ein niedliches Thier. In der Mitte des Ruͤ- ckens faͤngt ein weisser Streifen an gegen den Anus zu gehen, und von dem laufen ferner einige andere weisse nach beiden Seiten hinab; und auch auf der Stirn hat das Thier 2. in dieser Richtung V laufende weisse Streifen. Fuͤr ein Ovis Linn. ists zu gros, es ge- hoͤrt zu den Antilopen und Gazellen. Es hat 1400. Gul- L l 4 den den gekostet. Aufm Loo lebt wirklich eins. 2) Capra Dorcas , und Pardalis americana , wie man mir sagte. Das letzte hat weisse, so rauhe und steife Mysta- ces, als wenns Pflanzenfibern waͤren. Auch hingen hier von Kornel. von Harlem einige schoͤne Gemaͤlde, als eine Goͤttermahlzeit, ein Adam und Eva, ein Bethlem. Kindermord. ꝛc. Im Kabinet selber darneben fand ich: 1) Patalea americ. der Koͤrper ist roth, der Schnabel weis. 2) Colymb. arctic. hat eine weisse Brust und Bauch, und einen schwarzen Ruͤcken mit weissen Flecken. 3) Eri- nac. europ. albus — von hier, und schon der 3te aus Einem Garten. 4) Erinac. americanus. 5) Ei- nige unbestimmte Affen. — Palatinus mit einem sehr langen weissen Bart. 6) Myrmecoph. ganz grau, klein, aber sehr verstellt, in kletternder Stellung. 7) Lemur tardigradus. 8) Gorgonia pectinata , ein herrliches Stuͤck, fast 2. Ellen lang. 9) Flustra in- fundibuliformis — 10) Ambra — ein Stuͤck, das 9. Indianische Reals wiegt. 11) Vespert. perspicill. — Cancer mantis. 12) Ein ungebohrnes Neger- kind, noch ganz weis, ohne den geringsten schwarzen Flecken. 13) Ein Gewaͤchs, wie R. anast. kommt der Seda am naͤchsten, vom Kap; die geschlossenen Ka- pseln oͤffnen sich vom blossen Eintauchen ins Wasser. 14) Cardium pectinatum , die ich bei Hr. Lyonet im Haag auch sah, die Zeichnungen auf dem einen Battant gehen nach der einen, auf dem andern nach der andern Seite, aber auf beiden nur zur Haͤlfte. 15) Mytilus hirundo , — ausgebreitet siehts aus, wie eine fliegende Schwalbe. 16) Helix ringens \&c. Neben Neben dem Natur. Kab. ist ein kleiner medicini- scher Garten, wo der Gaͤrtner den jungen Wundaͤrzten etwas Botanik lehrt. Seine ganze Orangerie besteht aus 4-6. Stuͤcken. In der Mitte steht Lorenz Costers marmorne Bildsaͤule Die Aerzte dieser Stadt haben sie im J. 1723. errich- tet. Herausgeber. — des Buͤrgers von Harlem, auf den die ganze Stadt, aber ohne Grund, so stolz thut. Er steht in seiner Klei- dung auf einem Fußgestelle, hat ein Buch in der rechten und die Letter A. in der linken Hand. Hinten und vor- ne sind lateinische Inschriften. Am Fußgestelle ist er abgebildet, wie er erst Buchstaben in Baumrinden schnei- det, auf der andern Seite sieht man schon eine Presse und einen ganzen Kasten voll Schriften, die Coster zusam- mensetzt. Mit einigen Bestellungen auf Morgen kam die Nacht, die Muͤdigkeit und der Schlaf herbei. Den 8ten August. Am schoͤnen lieblichen Sommermorgen ging ich hin- aus nach dem Harlemer Holz oder Busch. Dies ist ein Lust- wald vor der Stadt, worin herrliche Spaziergaͤnge ange- legt sind. Ich sah da die Hannengemeier, so nennt man die deutschen Bauern, die aus Westphalen und Niedersachsen um Johannistag hierher kommen und maͤhen, denn die reichen hollaͤndischen Bauern verrichten dergleichen Arbeit nicht. Die Leute haben des Tags L l 5 24. Stuͤ- 24. Stuͤber. Ueberall weidet das schoͤnste Vieh. Es sind meist schwarz und weisgefleckte sehr grosse. Ochsen und Kuͤhe, doch sollen sie in Friesland und Nordhol- land noch schoͤner seyn. Auf den Weiden stecken die Leute hin und wieder Wallfischrippen hin, damit sichs Vieh dran reiben soll. An den Baͤumen und Straͤuchen hingen Schnecken zu Tausenden, und frassen das Laub ab. Ueberall sieht man schoͤne Buitenplaatse oder Landhaͤuser, wo der hollaͤndische Kapitalist seine Zeit toͤd- tet. Aus diesem Gehoͤlze ging ich in den Blumengarten des Myn Heer van Campen. Harlem ist bekanntlich das Land der Blumen, und die- ser van Campen ist anjetzt hier einer der groͤsten Blu- misten. Ich haͤtte aber im April kommen muͤssen, wenn ich seine ganze Schaͤtze haͤtte sehen wollen. Die Zwie- beln von Tulpen, Ranunkeln, Hyaͤcirithen, lagen alle fortirt mit Zetteln in ungeheurer Menge auf Bretern in Schuppen uͤbereinander. Die Nelken aber standen in der Bluͤte, und van Campen selbst fuͤhrte mich uͤberall herum. Jetzt faͤllt der Geschmack auf die Bisarden mit Rosenblaͤttern und rothen Baͤndern auf einem weissen Grunde. Couleur de Puce war auch hier unter den Blumen eine Modefarbe. Blaue, die van Campen Purpur nennt, hat man nicht viele. Mit Silbergrau war nur eine einzige da. Von den Gelben gestand er gern, daß wir in Deutschland einige hier seltne Arten haͤtten, die aber die deutschen Gaͤrtner nicht einzupacken wuͤßten. Er hatte etwa 2000. Nelken und 1400. Ra- nunkeln ꝛc. das Stuͤck kostet fast durchgaͤngig 1. hollaͤn- dischen Gulden. Der Mann ist uͤber die Sphaͤre der gemeinen Gaͤrtner erhaben, und spricht mit, wann vom Geschlecht Geschlecht der Pflanzen, von gefuͤllten und saamenlosen Blumen die Rede ist. Hierauf besuchte ich die Stadtbibliothek. Ich hatte gestern an Hrn. Rek- tor Rose in die lateinische Schule geschickt, um das er- ste Buch von Lorenz Coster zu sehen. Um 11. Uhr, da die Klasse aufhoͤrte, war ich bestellt. Der Mann ging im Schlafrocke uͤber die Strasse mit mir nach der Bibliothek. In Holland macht man sich daruͤber kein Bedenken, und ich fand das sehr vernuͤnftig Dem Fremden aber faͤllts doch sehr auf, in allen gros- sen Staͤdten Hollands, Mannspersonen in Schlafroͤ- cken, mit der Peruͤcke und dem Hute auf dem Kopfe, auf den Strassen herum gehen zu sehen. In solchen nachlaͤssigen Anzuge sieht man in Amsterdam auf der Boͤrse, auf den Kaffehaͤusern ꝛc. viele, besonders Kaufleute, im Haag aber nicht, weil da schon feine- re Lebensart herrscht. Herausgeber. . Die Bibliotheck ist nicht unbetraͤchtlich, das Buch aber, das mich eigentlich hinauf trieb, ist das Speculum salvatio- nis humanae , und gleich beim ersten Blicke sah ich, daß es voͤllig das naͤmliche war, das ich in Paris in der Bibliotheck der Sorbonne gesehen hatte, eben die drol- lichten Holzschnitte, eben die lateinischen Unterschriften, eben der hollaͤndische Text, aber ohne Titel. Hr. En- schede besitzt es auch, und zwar mit dem Titel. Hier war noch ein Stuͤck vom Curtius daran gebunden, der aber schon viel neuer, schon auf beiden Seiten gedruckt war, denn jenes Buch ist immer nur auf einer Seite, darzwischen ist ein Moͤnch, wie es heist. — So waren die Initia artis typographicae. — Es sind 2. Kupfer- stiche von Adrianus Romanus gestochen dabei, Lorenz Coster ’s Coster ’s Kopf vorstellend, auf dem einen ist die Jahrzahl 1430. auf dem andern 1440. Man wies mir auch noch Meermanns Orig. — Descript. des arts et met. — Dict. Encyclop. — den Horaz von Pin- ne ꝛc. Von da besuchte ich Das Naturalienkabinet von Myn Heer Vriends. — Hr. Nosemann in Rotterdam hatte mir eine Addresse an diesen Mann gegeben. Ich fand einen sehr reichen und gefaͤlligen, auch nicht ungelehrten Sei- denfabrikanten, der besonders Voͤgel und Insekten liebt. Die Voͤgel hat er sehr schoͤn, und ich fand viele seltene Stuͤcke bei ihm, als: 1) Procell. groenlandica , ganz weis. 2) Die Ostindianische Taube. 3) Die Ba- hamische Ente. 4) Den Rhinocerosvogel. 5) Den Penguin oder die Fettgans. 6) Unter den Pa- pillons und Phalaͤnen sah ich hier den Pap. Priamus — mit Recht nennt ihn Linne’ so, — schwarz mit Gruͤn und Gold. Noch viele andre auslaͤndische Arten, auch unbestimmte, ꝛc. Auf seinen Glasschublaͤden liegt ein Stuͤck Pappendeckel mit den Namen und in jedem Schub- kasten ein silbernes Schuͤsselchen und ein Schwaͤmmchen mit Terpentinoͤhl, das er noch auf den Kampher gießt, und dies zur Erhaltung der Voͤgel sehr gut findet. In seiner Bibliothek waren System. Verz. d. Wiener Schmetterlinge ꝛc. das Neuste. Auch besah ich heu- te noch des Hrn. Dr. van Marums elektrische Maschine, weil sie billig die Aufmerksamkeit des Reisenden verdient. Der Erfinder ist ein junger Mann, der noch nicht lange von Groͤningen hierher gekommen und ein Schuͤler von Camper ist. Er nahm zu seiner Maschine statt der Glas- Glasscheibe einen Teller aus Gummilack, und machte Fuͤsse an die Maschine aus eben der Materie. Dies braucht man nicht immer abzuwischen, weil sich die Feuch- tigkeiten aus der Luft nicht so anhaͤngen. Statt der ge- woͤhnlichen Kuͤssen zum Reiben nimmt er 6. Pfund Queck- silber. Alle andre Koͤrper veraͤndern ihre Oberflaͤche durch das bestaͤndige Reiben, also veraͤndert sich auch die ganze Sache. Bekanntlich aber hat Boerhave das Quecksilber ganze Jahre auf Muͤhlen herumschuͤtteln las- sen, ohne daß es merklich veraͤndert wurde. — Nebst- dem braucht es nur eine kleine Bewegung, nur Minuten- lang, so kan man schon sehr betraͤchtliche Funken heraus- locken. Er hat ferner bewegliche Leiter daran angebracht, damit er jeden Koͤrper elecktrisch machen kan, ohne daß die Materie sich in den Ketten verliert, oder durch die Luft geschwaͤcht wird. — Ferner sind unterm Tisch Raͤ- der und Gewicht, wodurch die Maschine sich eine ganze Stunde selber herumdreht, so daß der Experimentator bei- de Haͤnde frei hat. D. Marum hat sie abgezeichnet und hollaͤndisch beschrieben. Diese Schrift ist auch ins Teutsche uͤbersetzt Unter dem Titel: v. Marums Abhandl. uͤbers Elek- trisiren, aus d. Holl. v. J. W. Moͤller uͤbersetzt. Gotha 1777. Herausgeber. . Seit einigen Wochen hat er die Aufsicht uͤber das Naturalienkabinet der Akademie, und man hat wirklich ein neues Haus dazu erkauft. Wir wurden gute Freunde, er bat mich sehr, von Amsterdam wieder auf einen Tag hierher zu reisen, damit wir uns laͤnger sehen koͤnnten, er bot mir einen Naturalien-Tausch, und seinen Briefwechsel an. Ists nicht Freude fuͤrs Menschenherz, uͤberall Leute zu finden, welche den Wis- sen- senschaften hold sind, und jeden umarmen, der eben so denkt und lebt? Von diesem Manne ging ich noch zuletzt fuͤr heute in den Blumengarten des Myn Heer Kreeps, ei- nes beruͤhmten Gaͤrtners, der auch Kommissionen nach Karlsruhe hat. Ich fand alles eben so, wie bei van Campen. Ein grosses mit Zwiebeln 5. Etagen uͤber- einander angefuͤlltes Magazin. Man packte eben grosse Kisten nach Engelland ein, und nimmt das graue Zu- ckerpapier darzu. Vor einiger Zeit war der Prinz Statt- halter mit seiner Familie hier, Kreepsens Vater lebte noch, freute sich, suͤhrte die vornehmen Beschauer herum, und sank mit einmahl hinter sich todt zu den Fuͤssen des Prinzen nieder. So uͤberschleicht der Tod den Menschen im Blumengefilde, und scheucht den Prinzen weg, wenn er sich ergoͤtzen will. — Kreeps hat einen Onkel in Muͤhlburg bei Sr. Durchl. dem Pr. Wilh. Ludwig. — Ich fand bei ihm mehr gelbe Blumen, als bei jenem. Bemerkungen. In Hatlem wird alle Nacht von 9. bis halb 10. Uhr mit einer silbernen Glocke zum Andenken der Erret- tung von den Spaniern gelaͤutet. Auch ist die Stadt Nachts mit Laternen erleuchtet. Reise nach Amsterdam. Den 9ten Aug. Man rechnet den Weg an die 4. Stunden, und auf dem Schiffe zahlt die Person 6. Stuͤber. Dafuͤr faͤhrt man einen auf dem schoͤnsten Wege der grossen Stadt ent- gegen. gegen. Ohnstreitig ist dies einer der schoͤnsten, grade- sten, angenehmsten Kanaͤle. Man faͤngt darin, wie in allen andern, sehr viele Aale. Die Leute halten sie in Fischkoͤrben am Ufer. In der Mitte des Wegs, der Halfweg genannt, passirt man die grosse Schleuse, und den wichtigen harlemer Damm, an dem ganz Hol- land haͤngt. Zu beiden Seiten liegt das grosse har- lemer Meer. Man wechselt da das Schiff, und faͤhrt von da, zwischen den alleranmuthigsten Landschaften durch vollends bis Amsterdam. Das Wasser ist wie ein hel- ler Spiegel, die Strasse, die neben dem Kanal hingeht, ist bestaͤndig mit Chaisen und Kabriolets belebt. Auf dem Kanal gehen Schiffe oft mit 80.-90. Personen be- setzt, unaufhoͤrlich auf und nieder, darneben weidet das schoͤnste Vieh im suͤssen Grase, von weitem steigt der dicke blaue Rauch von den unzaͤhligen Haͤusern in Amsterdam auf. Das Leben, die tausendfache Geschaͤstigkeit, die Pracht, der Ueberfluß zeigt sich immer mehr, je mehr man sich zwischen Gaͤrten und Lusthaͤusern dieser wichtigen Stadt naͤhert. Man sieht die Thuͤrme und die Menge der Gassen in einer unuͤbersehlichen Breite hinauslaufen, ganze Reihen von Windmuͤhlen, die ihre lange Fluͤgel bestaͤndig unter einander herum waͤlzen, laufen auf beiden Seiten der Stadt hinauf. Heute war ein ungemein hei- trer Himmel, und ein herrlicher Tag. — Was haͤtte ich fuͤr ein unempfindliches Herz haben muͤssen, haͤtt’ ich nicht auch die stille Wonne, und das Gluͤck, in diese Ge- genden zu kommen, dankbar und froh geniessen wollen? Eine der geldreichsten und merkwuͤrdigsten Staͤdte in Eu- ropa besuchen, Freunde erwarten, finden, hoffen duͤrfen, Gelegenheiten zum Sehen, zum Lernen, zur Freude und Heiterkeit zu haben, von da aus wieder dem Vaterland naͤher naͤher zu ruͤcken, Eltern, Freunde, Geschwister, ge- schaͤftige Ruhe, Amt und Zuhoͤrer wieder finden, im ge- staͤrkten und auf mannichfaltige Art erquickten Koͤrper die Aufsicht der allergnaͤdigsten Vorsehung uͤber mir empfin- den, — das alles dachte ich; freute mich meines Lebens, fuͤhlte das Gluͤck des Mittelstandes, und der Zufriedenheit, auch ohne eine Tonne Goldes zu haben, und so trat ich in Amsterdam hinein. Mein Wirth und Landsmann in Harlem hatte mir Addresse und Akkord an das alte Wappen von Embden aufm Damm, nicht weit vom Stadthause, mitgegeben, und ich fand gutes Quartier, und vortrefliche Tafel da. Nachmittags hatte ich viele Muͤhe, einige Empfeh- lungsschreiben zu uͤberreichen. Sonnabends, wie heute war, Nachmittags, sind fast alle Komtoirs geschlossen, man trift Niemand an, und kan sich muͤde laufen, bis man nur die Haͤuser gefunden hat: auch ein geuͤbter Weg- weiser muß bestaͤndig fragen. Alle Strassen, und die unzaͤhligen Bruͤcken uͤber die Kanaͤle sind so einfoͤrmig, sind sich so sehr gleich, daß man sie nicht unterscheiden kan. Das Stadthaus steht ziemlich in der Mitte, und ist hoch genug, so daß es zum Standpunkte dienen kan. Was in Frankfurt die Zeil heist, und in andern Staͤd- ten eine Hauptstrasse, das heist in Amsterdam eine Gragt. Die drei groͤsten und betraͤchtlichsten, die wo die meisten und die reichsten Kaufleute wohnen, sind: die Kayzersgragt, die Prinzengragt und die Heere- gragt. Man wuͤrde viel leichter in Amsterdam her- um kommen koͤnnen, wenn die Namen der Strassen an den Ecken angeschrieben waͤren, aber das hat man bisher noch nicht gethan. Zum Behuf der Fremden, der Packer, der der Schiffer ꝛc. koͤmmt alle Jahr ein alphabetisches Ver- zeichnis aller hiesigen Kaufleute, mit der Anzeige ihrer Wohnung heraus. Allein viele ziehen auch hier, wie uͤberall, oft aus einem Quartier ins andre. Die soge- nannten Krayeurs oder Leute, welche die Equipage der Reisenden und die Waaren fortschaffen, kennen die Stadt am meisten, sagen und zeigen den Weg, wollen aber fuͤr jeden Gang baar bezahlt seyn. — Es sind gemeine hand- feste Kerle, werden aber von den Buͤrgermeistern selbst zu ihrem Amte bestellt, und man kan ihnen ohne Gefahr die kostbarsten Sachen anvertrauen. Sie verdienen mehr Geld, als mancher Gelehrter von einem deutschen Fuͤrsten. Der, welcher meinen Kuffer vom Schiff ins Wirthshaus brachte, versicherte mir, daß er seinen Verdienst nicht um tausend Thaler jaͤhrlich gaͤbe. — Unter den Gegenden der Stadt, die ich heute gese- hen, war die Buitenkant op de Schipperstraat die schoͤnste. Sie ist gros, grade, hat lauter schoͤne grosse Haͤuser, und auf der andern Seite ist sie der Laͤnge nach mit Schiffen besetzt. Man hat da eine herrliche Aussicht unten in die See, und oben in den Hafen von Amsterdam. Eine unbeschreibliche Menge Schiffe, Kriegsschiffe, Ostin- dienfahrer, Coͤll ner Rheinschiffe u. s. w. liegen da. Man sieht unter die Masten und Segelstangen, wie in einen Wald, hinein. Ich suchte da Myn Heer Schoorn auf, um Tollius Brief abzugeben, er war aber aufm Lande. Ich lernte da das gefaͤhrliche Ge- schmeis der Seelenverkaͤufer kennen, die bestaͤndig am Ufer, wo sonderlich Schiffe aus Deutschland ankommen, theils M m auf auf junge Weibspersonen, die hier Verwandte besuchen, oder Dienste suchen wollen, oder von Kaufleuten verschrie- ben werden, theils auf junge unerfahrne Handwerksbur- sche lauern, die der Wege in der Stadt, der Wirthshaͤu- ser und der Sprache unkundig sind, sich nach ihren Be- kannten erkundigen, und von diesen Leuten in Haͤuser ge- lockt werden, wo der Wirth ihnen fuͤr jeden Kerl Geld zahlt. Die Spitzbuben verstehen sich durch Zeichen, sie bieten den Fremden Hoͤflichkeiten an, noͤthigen sie zum Trinken und gehen dann fort, nehmen ihren Dukaten vom Wirth, der nachher den Gefangenen nicht mehr fortlaͤßt, und ihn aufs Schiff in die See hinausbringt, ehe der ar- me Deutsche nur einen Weg finden kan, sein Ungluͤck ir- gend einem Menschen zu klagen. Mit den Weibsperso- nen ziehen sie zur Zeit der Kirmes aus einer Stadt in die andre, uͤbergeben sie einer Hurenwirthin, ziehen ih- nen die praͤchtigsten Kleider an, geben ihnen Uhren, sil- berne Schnallen, ꝛc. ziehen ihnen das wieder vom Hu- renlohn ab, zuletzt — — ach, vermuthlich stossen sie sie aus, und uͤberlassen sie dem aͤussersten Elende. — Sel- ten sind Beispiele, daß Leute aus diesen Klauen wieder errettet worden. Sollten wir nicht, wir Gluͤcklichen und Beguͤterten im Menschengeschlecht, wenn wir oft von Be- lustigungen, mit allem Guten auf Gottes Erde gesaͤttigt, zuruͤckkommen, und im weichen Bett, fern von jedem Ungluͤck und Kummer, Naͤchte durchschlummern, sollten wir nicht alsdann die Gottheit auch fuͤr unsere ungluͤckli- chen Bruͤder anrufen, die das Opfer der Bosheit und der Gewinnsucht andrer werden muͤssen, und um Mitternacht in der traurigen Schiffskammer unter dem Bruͤllen des Meers bittre Thraͤnen weinen, am duͤrren Fisch nagen, und von der ganzen Erde an Gottes Richterstuhl appelliren? Heute Heute Abend regnete es noch gewaltig. — Ist dieses wichtig genug fuͤr ein Reisejournal? Allerdings. Denn in Amsterdam trinkt man das Regenwasser. Man faßts im Hofe auf, sammelts in ein Becken mit Sand, und hat eine Pumpe zum Heraufziehen. Es schmeckt aber doch nicht uͤbel. Man hat auch Schiffe, die in die Gegend von Harlem fahren, im Boden des Schiffs eine Oefnung haben, diese aufmachen, das ganze Schiff mit Wasser fuͤllen, und mit dieser Ladung nach Amsterdam fahren, und den Bierbrauereien das Was- ser zufuͤhren; denn um die Stadt herum gibts lauter gruͤ- nes salzichtes schlechtes Seewasser. Auch die Kanaͤle in der Stadt haben schmutziges Seewasser. Wer in Deutschland gebohren ist, und die Gluͤckseligkeit, uͤberall gutes gesundes Wasser im Ueberfluß zu haben, ein Gluͤck, das man in Frankreich und Holland entbehren muß, nicht schaͤtzt, der ist seines Vaterlands nicht werth. — Bemerkungen. In der Stadt sind hier und da am Wasser oͤffent- che Abtritte. Die Obrigkeit verpachtet sie an Weiber, die sie ungemein reinlich halten. Man bezahlt ein Deut — aber jeder giebt mehr, und so ist das auch eine starke Rente. Bei der Muͤnze ist besonders ein sehr frequen- ter. Es geht, wie im Taubenschlage, aus und ein. Den 10ten Aug. Heute Sonntags besah ich zuerst einige Reformirte Kirchen, — und fand in der neuen Kirche, dicht beim Rathhause, das Grabmahl des Ad- M m 2 mirals mirals van Galen, das in eben dem Geschmack und mit eben der Pracht gebaut ist, wie die, welche ich in Delft sah Wichtigere Denkmaͤhler in dieser Kirche sind die von dem beruͤhmten Admiral Kuyter, und vom Dichter Vondel. Herausgeber. . Von da ging ich in eine Katholische Kirche. — Das sind blosse Bethaͤu- ser in Buͤrgerhaͤusern, welche die Gemeinen gemiethet haben Die Katholiken haben in Amsterdam uͤber 20. Bet- haͤuser, darunter das schoͤnste Moses und Aaron heist. Herausgeber. . Wenn mans nicht weis, so sieht man es auch nicht fuͤr Kirchen an. Drauf wartete ich den Gottesdienst der Quaͤker mit ab. Was ich bis- her nirgends, als in dieser Stadt sehen konnte, das sah ich auch gleich, und in der That, man muß wenig mensch- liches Gefuͤhl haben, wenn man nur spotten und lachen will. Diese Leute haben op de Keyzersgragt bei der Lillegragt ein Haus, und in demselben unten einen Saal zu ihren Versammlungen. Es steht nichts darin, als Stuͤhle, Baͤnke, Lehnen, oben ist die Decke ausge- schnitten, und mit Gitterwerk vermacht. Sie gestatten sehr gern allen Fremden den Zutritt. Es sind theils ge- meine, theils reiche Leute unter ihnen. Sie haben im Aeusserlichen nichts unterscheidendes. Man kan den Hut bei ihnen aufsetzen, oder nicht, wie man will. Es wird nicht gesungen, nicht gelesen, nicht gebetet; sie predigen, sitzen still, geben sich bruͤderlich die Hand, und gehen aus- einander. Die Stille, die Einfalt, die Liebe, das Ver- trauliche, das bruͤderliche Wesen, das wechselsweise Er- mahnen mahnen und Bitten erinnerte mich an den Sinn des Er- loͤsers, und wie so ohne Kunst, ohne Begierde durch Beredsamkeit Ruhm und Lob zu gewinnen, vom Ungelehr- ten gepredigt wurde, glaubte ich in die ersten Zeiten des Christenthums zuruͤck gekehrt zu seyn. Ein alter ganz gemeingekleideter Mann stand hinter einer Lehne auf, nahm den Hut ab, redete die Versammlung an, und hielt eine Rede, die ihm recht artig vom Munde floß, und mit ein- nehmenden Geberden begleitet war. Ich kan nicht sa- gen, daß ich alles verstanden habe, aber doch vieles, und das war nicht Unsinn, wie man mir sagte. Er schien mir die Schwaͤche des Menschenverstandes zu seiner Haupt- idee gewaͤhlt zu haben. Er nannte oft den Namen Je- su Christi, und wie haͤtte ich dann lachen koͤnnen, wie die muthwilligen Kaufmannsbediente, sobald ich seine Hochachtung fuͤr diesen Namen merkte? Er zog die Stel- le an: „Das Blut Jesu Christi macht uns rein von allen „Suͤnden,“ er sprach oͤfters vom Reinigen von Suͤnden, er sagte: Globt mir dat sickerlick, dat die Menschen nit sterben wie die Buisten, er nannte Gott oͤfters, den Gott der Gnade, des Trostes, des Seegens, er sagte: Gott waͤre der beste und der treuste Lehrer, dem empfahl er uns; — zuletzt nannte er uns oft Bruͤder, Freunde, er fing an zu weinen, zu beten. — Es war wahrhaftig ruͤh- rend, den alten Mann so vaͤterlich, so liebevoll, mit ei- nem gewis guten Herzen von Gott und Jesu Christo sprechen zu hoͤren, er seufzte ernstlich ohne Affektation, weinte recht durchdringend, betete endlich das Vater un- ser, buͤckte sich, setzte seinen Hut wieder auf und setzte sich nieder. — Er hatte eine kleine halbe Stunde gesprochen, und nun wars stille, die Leute sassen alle, wie im Schlaf da, einige machten mit den Haͤnden wunderliche Bewe- M m 3 gungen, gungen, andre aͤchzten, einige legten den Finger an die Stirne, und schienen das Kommen des Geistes zu erwar- ten, ich wartete noch eine halbe Stunde, aber weder Maͤn- ner noch Frauen wollten anfangen, zuletzt ging ich fort, und muste doch bei mir selbst dem alten Manne, der mich so redlich und simpel an grosse Wahrheiten erinnert hatte, alles Gute wuͤnschen. Wie gros ist Gott! Er hat mit der Bloͤdigkeit der Menschen Geduld, und nimmt das Opfer des Weisen und des Schwachen, des Erleuchteten und des Irrenden gnaͤdig an? Er sieht aufs Herz, obs redlich ist, wir urtheilen immer nach dem Aeusserlichen, und verdammen vielleicht die, welche der Erloͤser kuͤnftig unter seine Freunde zaͤhlen wird. Drauf besah ich Einige grosse Gebaͤude, als: das Rondel, das alte Heeren Logement, Zuckerbeckershaͤuser, Armenhaͤu- ser, Ostindische Kompagniehaͤuser ꝛc. Koͤnnt’ ichs zaͤh- len, wie viel hunderttausend Backsteine an so einem Hau- se nur auf einer Seite uͤbereinander gelegt sind. In Deutschland glaubt kein Mensch, daß solche ungeheure Massen auf Pfaͤle koͤnnen gebaut werden. Einige sind so hoch, daß man zuruͤcktreten muß, wenn man die Spitze sehen will. Und von unten an, weit in die Erde hinein, bis an den obersten Winkel ist alles mit Waaren, Haus- rath ꝛc. angefuͤllt. Und die meisten Haͤuser gehen in der Tiefe von einer Gragt bis zur andern. Unter der Erde sind Keller, Packhaͤuser, Magazine, Wohnungen, Bou- tiquen — und alle so voll, daß ich mich in einem nie- dersetzen muste, damit sich der Mann herumdrehen und mir geben konnte, was ich verlangte. Und so siehts aus in den gemeinsten wie in den groͤsten Haͤusern. Man kan daraus auf die Menge der Menschen, und auf die tausend tausend Millionen Millionen Sachen, die in Amsterdam bestaͤndig verkehrt werden, den Schluß machen. Seehaven von Amsterdam. Hat man weder diesen noch einen aͤhnlichen gesehen, so hat man wirklich in dem Fache nichts gesehen. Die ganze obre Haͤlfte der Buitenkant op de Schipperstraat heist so. Insbe- sondre aber ist oben bei der Bruͤcke der Ort, wo die gros- sen bis auf Mast, Segel und Tauwerke stets fertiglie- gende Kriegsschiffe Reihenweis nebeneinander aufgelegt sind. Einige sind 130, 150, — 170. Fuß lang. Der Bord ist so hoch, von so schoͤnem braunem Holze, und so fleißig gearbeitet, daß man sie lange vorher sehen kan, wenn man in den Strassen gegen die See gehet. Der Zugang dazu ist mit Balken, die mit spitzigen Naͤgeln beschlagen sind, mit vielem Holz und mit queerliegenden Schiffen vermacht. Darneben steht ein grosses praͤchti- ges Magazin voll Tauwerk, Anker, Kanonen ꝛc. Auf der neuen Stadtherbergsbruͤcke hat man die schoͤn- ste Uebersicht dieser unzaͤhlichen Schiffe. Mitten in der See stehen Haͤuser auf Pfaͤhlen, zu denen man mit dem Schiffe fahren muß. Zwischen den Schiffen durch gehen wiederum lange Gaͤnge auf Pfaͤhlen, weit ins Meer hin- ein, und auf jedem sah ich wieder weiter hinauf, oder herunter. Reiche Partikuliers haben auf diesen Gaͤngen kleine Haͤuschen, andre wieder oͤffentliche Aubergen hin- gebaut, und man kan wohl schwerlich einen schoͤnern Platz zu einer Pfeife Toback finden, als hier. Am Ufer lie- gen Anker, Schiffsseile, so dick, wie ich am Leibe bin, Kanonen und hunderttausend andre Sachen in unendli- cher Menge. Alle Nationen laufen hier bestaͤndig un- M m 4 terein- tereinander herum, und so auch Seeoffiziers, Matrosen, Kapitaine, Schiffsjungen, Weiber, Reisende. — See- Moͤven fliegen bestaͤndig ab und zu. — Alte Schiffe wer- den zerhauen, verkauft, verbrannt. — Man hoͤrt auch Sonntags bestaͤndig das Klopfen und Bauen an neuen Schiffen. — Die kleinen Boote fahren unaufhoͤrlich zwi- schen den greulichen Maschinen herum. — Dort wird ein Schiff gepackt, die Gesellschaft schmaust noch, man loͤst die Kanonen, der Donner schallt uͤber die See hin, dann lichtet man die Anker, und sticht in See. — — Gute Nacht, Paris, gute Nacht, Pontneuf, dies ist ein zehnmahl angenehmrer, lehrreichrer Platz. Eben das mannichfaltige Gewuͤhl ist hier, und doch kein Ge- tuͤmmel, wie in Paris. Selten hoͤrt man singen, schreien, fluchen, schwoͤren. Ein paar tausend Men- schen sind bestaͤndig da, man spricht mit einander, ohne den rasenden Lerm zu machen, den zwanzig Franzosen gleich machen, wenn sie zusammen kommen. Der Deut- sche, der Hollaͤnder, der Russe, der Norweger, der Schwede macht seine Arbeit ohne Geraͤusch, der Franzo- se muß gleich ein Bruit haben. Aber hier werden sie zahm und still: sie sind auch gar nicht geliebt, und ge- meiniglich machen sie, wenn sie hieher kommen, lauter Gaskonaden, z. B. es reißt jetzt wirklich ein Franzose durch Holland, und spottet uͤber ihre Treckschuyten. Sein Bedienter muß 2. Maulesel mit der Bagage nach- reiten; er selbst hat ein Pferd. Sein Beutel wirds em- pfinden, und wo er hinkommt, lacht alles uͤber ihn, denn Maulesel sind hier gar nicht uͤblich ꝛc. In der See sieht man auch Das Das Hochgericht von Amsterdam. Auf einem schmalen Streifen Landes, der leicht uͤberschwemmt wird, steht ein Galgen, und auf jedem Pfosten desselben, ein steinerner Loͤwe. In Amsterdam haͤngt man die Diebe zweimahl, einmahl vorm Rathhause, Vormittags um 10. Uhr, und dann schneidet man sie Nachmittags ab, fuͤhrt sie auf einer Schleife nach der See, und haͤngt sie an diesen Galgen auf. Neben der See steht ein Rundes Haus, das merkwuͤrdig ist, weil hier 1569. das erste zweimastige Schiff in See ging. Das war der Anfang der Stadt, von der man jetzt in der ganzen Welt redet. So fing Amsterdam an, am Han- del Theil zu nehmen. Der Kapitain dieses Schiffs wohnte in diesem Hause, und seine Frau weinte erstaunend wie er abfahren wolte. Sie glaubte ohne Zweifel, das hiesse gerade dem Tode entgegen fahren, das koͤnne un- moͤglich gute Folgen haben ꝛc. Dieses Schiff, und die am Ufer klagende Frau mit der Jahrzahl 1569. ist an die- sem Hause abgemahlt. Andre erzaͤhlen es so: das waͤre das erste Schiff gewesen, das ohne Ruder da angetrieben waͤre, das waͤren die ersten Leute gewesen, die hier Fi- scherhuͤtten gebaut haͤtten Schon im 12ten Jahrh. wohnten Fischer hier, und der Ort fuͤhrte den Namen Amstels-Veste. Herausgeber. . Alle grosse Dinge, sagt der Philosoph, haben einen kleinen Anfang. Die Amstelbruͤcke. Wenn man nach der Utrechter Port geht, so findet man haussen den Zusammenfluß der M m 5 Amstel Amstel und des Y. Ueber dieses, hier sehr breite Was- ser, ist eine Bruͤcke mit vielen Bogen gebaut, die so, wie alle Bruͤcken in Amsterdam, sehr hoch, schoͤn, fest und nett ist. Ich besuchte bei dieser Gelegenheit auch die Judengegenden und Synagogen. Es gibt ei- ne unbeschreibliche Menge Juden hier, sonderlich Por- tugiesische. Ganze Gegenden der Stadt sind mit ihnen angefuͤllt. Sie bewohnen auch ganz allein einige Grag- ten, und haben zum Theil massive Haͤuser aus Quader- steinen. So entsetzlich reich einige sind, so blutarm sind wieder andre. Indessen arbeiten sie hier, schleppen be- staͤndig Guͤter auf den Schleifen herum, ich sah auch ei- nen der Schuh flickte; sie treiben auch andre Handwerke, und wiewohl es Sonntag war, muß es ihnen doch erlaubt seyn, zu leben, wie am Werkeltage. Sie haben etliche grosse Synagogen, die fast meist beieinander stehen. — Darunter ist der Neue portugiesische Schmaussentempel beim Leidener Thore, die schoͤnste Synagoge, die sie vielleicht in Europa haben. Mancher Fuͤrst in Deutschland hat keine solche Kapelle. Unten ist ein grosser Platz mit Baͤnken, in der Mitte der erhoͤhte Platz zum Vorlesen, und oben die schoͤnsten Gallerien fuͤr die Weiber. Abends um halb 7. Uhr war da ein Zusammenfluß, wie an der Boͤrse, und ein Haͤndewaschen, daß ich erstaunen muste, und grade dabei war wieder eine andre eben so grosse Sy- nagoge, voͤllig voll, und die dritte oͤfnete man erst. Sie verkaufen an den Thuͤren ihre Betbuͤcher aufs praͤchtigste eingebunden. Die portugiesischen Rabbinen gingen gra- de so gekleidet wie die hollaͤndischen Domine. Blauw- Blauwe-Jan — ein Wirthshaus, das wegen der fremden Thiere, die von jeher darin gehalten und gezeigt werden, bekannt ist. Im Hofe ist ein oben und an den Seiten mit Eisendratgittern vermachter Platz befindlich, dahinter haben Affen, Paviane, Katzen aus Madagas- kar, Raubvoͤgel, Papageien, Kakadus, Loͤffelgaͤnse, Baͤren ꝛc. ihre Staͤlle. Ein Platz im Hofe kostet 4. Stuͤber. Man laͤst sich Bier oder Wein geben, und so kan man so lange zusehen, als man will. Die Leute trei- ben ihr Spiel mit den Thieren, machen die Affen mit Bier, Tobaksrauch ꝛc. boͤse. Ein Loͤwe wird noch beson- ders gezeigt, und besonders bezahlt. Auch war ein Zwerg ꝛc. zu sehen. Zur Kirmeszeit sollen viele andre seltne Thiere aus der ganzen Welt hier zusammen ge- bracht werden. Fuͤr den Besitzer ists eine starke Reve- nue. Den Loͤwen hat man in einer Stube hinter einem Gitter, hinter dem man bei uns wohl ein Schwein, aber keinen Loͤwen einzusperren wagte. Bemerkungen. Ein Paar Worte von besondern hier uͤblichen Trau- ungen. Aufm Rathhause sah ich heute Mittags und Nachmittags Sonntags kommen nur die Lutheraner und Katholi- cken, und uͤberhaupt alles, was nicht reformirt ist: die Reformirten aber koͤnnen alle Tage kommen. eine Menge geputzter Sleen halten, auch das Pferd war mit Baͤndern und Straͤussen festlich geputzt. Das waren nun lauter neue Eheleute, die bekanntermas- sen sich nur bei denen Buͤrgermeistern melden. Sie wer- den als Getraute eingeschrieben, und die ganze Sache kostet kostet nicht mehr, als 15. Stuͤber. Gluͤckliches Land, das seinen Buͤrgern Freiheit und leichte Ernaͤhrung schen- ken kan! Eine Slee faͤhrt nach der andern hin. Es ist gleich geschehen. Zuletzt kamen auch die Well Edeln Groot Achtbaaren en Wellgelaarten Heeren Heeren in ihren alten breiten Perucken herab, und er- hol en sich nach Hause. Die Stadt haͤlt 1800. Mann Stadtsoldaten, und bezahlt sie sehr wohl. Ihre Offiziere haben gute Tage und duͤrfen keine Wachen thun. Die Uniform ist blau und weis mit rothen Ausschlaͤgen. Einige haben grosse Baͤrenkappen. Ihre Frauen, oder andre Weibspersonen sitzen bei ihnen auf der Wache und trinken Thee mit ih- nen. Da sieht man gewis, ausser denen auf dem Po- sten, keinen, der nicht die Pfeife im Maul hat Sie sind in 12. Regimenter, jedes zu 12. Komp. ab- getheilt. Ihr Aufzug ist mehr komisch als kriege- risch. Kleine und grosse, dicke und magere, krumme und grade, alte und junge marschiren gar bunt unter- einander. Jeder hat einen Rock von anderer Far- be und von anderm Schnitte: doch tragen alle ei- ne orangenfarbene Kokarde auf dem Hute. Herausgeber. . Den 11ten Aug. Heute macht’ ich Besuche bei den Herren Staͤdel und Ruͤhle; bei Mr. Trouillart — einem sehr ge- faͤlligen Manne; bei M. H. Zwartenhof , der mir van der Moelens Kabinet sehen zu lassen versprach; bei Mrs. La Coudre u. Coudere. Ich hatte von Ham- burg burg aus Addressen an Letztere; bei ihnen ward Hopens Kabinet bestellt: und endlich bei Hrn. Treuer — der vom Haag hierher gekommen war ꝛc. Um halb 1. Uhr ging ich an die Boͤrse — da lernt man Amsterdam, seine Groͤs- se, seine unbeschreiblich vielen Kaufleute recht kennen, Sie ist ein grosser viereckichter Platz unter freiem Him- mel, mit einer Gallerie und 50. Pfeilern eingeschlossen. Der mittlere Platz ist mit aufrechtstehenden Backsteinen gepflastert, und wird aufs reinlichste geputzt. Oben ist auf der einen Seite ein Platz zu Boutiquen, und der Fechtboden. Um halb 2. Uhr ‒ 2. Uhr ist die Versamm- lung gewoͤhnlich am staͤrksten. Die ganze Gallerie und der ganze freie Platz in der Mitte ist alsdann so voll, daß man sich durchdraͤngen muß. An einigen Pfeilern ste- hen Privatnamen, an andern ganze Laͤnder, als Schwe- den, Frankreich, Engelland, Venedig ꝛc. ange- schrieben. An allen sind die Nummern, und wenn ich die Nummer weis, hinter der mein Kaufmann steht, kan ich ihn unter den vielen Tausenden gleich finden. Sieht man oben vom Fechtboden herab, so rauschts un- ten, wie Wasserbrausen. Es ist in der That ein praͤch- tiger Anblick, den geschaͤftigen Ameisenhaufen in vielen tausend tausend Kreisen unter einander laufen zu sehen. Alle Nationen, alle Physiognomien, alle Formen von Peruͤcken, Schnitte von Kleidern u. s. w. kommen da zu- sammen. Je nachdem den Tag nachher eine Post ab- geht, je nachdem wird heute besonders auf Engelland oder Frankreich gehandelt. Das ist so ausgetheilt auf alle Tage in der Woche. Das Stadthaus. — Eins der groͤsten, und weils hier in Amsterdam steht, bewundernswuͤrdigsten Gebaͤude Gebaͤude in Europa. Ehemals stand schon ein be- traͤchtliches Rathhaus da, das brannte aber im vorigen Jahrhunderte in etlichen Stunden ab; da baute man die- ses jetzige hin, dessen Mauerwerk so gros, so lang, so hoch, so breit es ist, ganz von bentheimer Stein, und von weissem Marmor, der aus Italien Zum Theil auch aus Sachsen. Herausgeber. hergeschleppt worden ist, aufgefuͤhrt ist. Man hat eine eigne Beschrei- bung davon unter dem Titel Descript. de l’Hôtel de Ville d’Amsterdam, 8vo. à Amsterd. 1751. Das vollstaͤndigste und zugleich praͤchtige Werk von diesem Gebaͤude ist: Het Stadt-huys van Amster- dam door van Campen. Fol. Amsterd. 1661. Es ist mit 110. von Hub. Quellinus meisterhaft geaͤz- ten Kupferstichen versehen. Herausgeber. Um den Boden auf dem Damm (so heist diese Ge- gend der Stadt Man kan den Damm mit Ketten auf allen Seiten einschließen. ,) festzumachen, hat man 13659. Pfaͤhle eingerammet. Man erstaunt uͤber die Masse, die darauf ruht. Unten kan man nicht sehen, wie hoch es ist, und auswendig kan man die langen weiten Gaͤnge, die Gewoͤlbe, die grossen breiten Plaͤtze, die vielen Ge- richtsstuben, Saͤle, Sekretariate, die man inwendig fin- det, nicht glauben. Es sind 7. Eingaͤnge daran fuͤr die Gesandten der 7. Provinzen Dies ist nur ein Vorwand. Man will blos da- mit in Amsterdam den Mangel eines Hauptportals an einem so edlen Gebaͤude, der dem Kenner beim er- sten Anblick gleich auffaͤllt, entschuldigen. Herausgeber. . Sie sind wegen des des Aufruhrs enge. Nachts im Mondenschein thuts gar eine herrliche Wirkung. — Unten ist alles gewoͤlbt, und da liegt — man will aber nicht sagen wo? — ohne Zweifel, unter der Erde, unter dem Fußboden sel- ber — die Bank, der grosse Geldschatz, der sonst wohl schwerlich in der Welt zu finden ist. Man zeigt einem die Kammern, wo die Bureaux dazu sind, aber sonst nichts. Oben findet man einen breiten Platz mit Gaͤn- gen nach allen Seiten, nach allen Zimmern, und alle Waͤnde, Gesimse, Ecken, und sonderlich die Decke, sind mit herrlichen Bildhauerarbeiten aus weissem Marmor geziert. Man findet Fischernetze, Schiffe ꝛc. aufs na- tuͤrlichste ausgehauen, — uͤberhaupt ist in dieser ganzen Gegend des Stadthauses eine unermeßliche Arbeit Die besten sind von der Hand des beruͤhmten Artus Quellinus. Herausgeber. . In dem Rathszimmer sind sehr betraͤchtliche Malereien, auch an den beiden Thuͤren sind kleine graue Malereien von de Witt, die man so lange fuͤr Basreliefs haͤlt, bis man sie angreift. Koͤmmt man da heraus, so sieht man nur etwas wenig Holz, das unter einem Fenster ist, und bei Exekutionen der Missethaͤter abgenommen wird. Denn der Galgen wird in eignen Loͤchern vor dem Stadthause aufgeschlagen, der Delinquent zum Fenster herausge- bracht, und die Herren Richter sehen im Fenster zu. In der Buͤrgermeisterskammer, wo die 4. Buͤrgermei- ster sitzen, haͤngt ein Gemaͤlde vom alten Stadthause, und eine Tafel aus Probierstein mit einer goldnen Inschrift von Huygens. Der Kuͤnstler eignete sie den Well Edlen en Groot Achtbaaren Heeren zu. Das Stuͤck ist so schoͤn, daß Kaiser Peter der Grosse, wie wie er das Stuͤck sah, 100,000. Gulden dafuͤr geben wollte. In der Stube, wo uͤber den Rapport vom Haag deliberiret wird, hat Ferdinand Bol auf einem Ge- maͤlde, die Standhaftigkeit des Fabricius gegen des Koͤnigs Pyrrhus Geschenke vorstellend, das uͤberhaupt praͤchtig ist, einen Persianer, den er eben unten in sei- ner rothen Kleidung auf dem Platz stehen sah, so schoͤn abgemahlt, daß wie der Mann herauf kam und sich ab- gemahlt sah, Ferdinand Boll von ihm ein Geschenk von 4000. Gulden erhielt. Vandyck hat Buͤrger- kompagnien in ihren alten Kleidungen mit Kragen ab- gemahlt, wie sie assen und trunken, ehe sie auf die Wa- che gingen, auch das Stuͤck, wie der Gesandte zum Muͤnsterischen Frieden vom Buͤrgermeister und der Kompagnie noch beim Schmaus begluͤckwuͤnscht wird. Man muß erstaunen uͤber die Arbeit, uͤber die vielen Fi- guren. — Es ist ein Kopf darauf, man meint, er lebe. Ein Reisender wolte 7000. Gulden geben, wenn er den Kopf herausschneiden duͤrfte, und wolte noch einen an- dern hinein mahlen lassen, aber vergebens! Im Kriegs- rath haͤngt ein Stuͤck von van der Helst vom Jahre 1648. Da haben die Buͤrger grosse brennende Lunten an den Flinten — da schoß man noch nicht 11. mahl in Einer Minute. Steigt man oben auf den Thurm, so findet man das Dach mit Kupfer gedeckt, und etliche allegorische Bildsaͤulen aus Kupfer mit vergoldeten Lor- berzweigen ꝛc. stehen kolossalisch neben einem, unter an- dern ein Atlas mit der Weitkugel auf dem Ruͤcken, gar ein praͤchtiges Stuͤck. — Im Thurme ist ein Glocken- spiel, das so dicke starke Haͤmmer hat, daß man oben nahe dabei die Ohren zustopfen muß. — Aber das Schoͤnste ist die herrliche Aussicht uͤber die grosse Stadt Stadt Amsterdam, uͤber die Amstel, das Y, nach Nordholland, nach Utrecht, nach Harlem und be- sonders in die volle weite See nach dem Texel hinauf. Da stand ich, verschlangs, und — schwieg. Feiern muß man so eine Stunde, und nichts sagen, als durchs Auge, und die Mine. — Unbeschreiblich, goͤttlich, liegt der Theil der Natur noch immer unter meinen Augen. Himmel und Erde, Meer und Fluͤsse, Land und Staͤdte, Stille und Gewuͤhl, Wagen und Schiffe, Menschen und Thiere, Ebnen, Tristen, Wiesen, und ich oben auf dem kuͤnstlichen Berge, sah auf das alles herab, dachte, fuͤhlte mich gluͤcklich, und nahms in der entzuͤckten See- le mit weg. Das Zeughaus. Man hat einen eigenen Theil des Stadthauses dazu bestimmt. Wie viel Gewehr dar- in vorraͤthig ist, mag ich nicht sagen, meinte der Aufse- her. Aber fuͤr mehr als 60,000. Mann sind Ober- und Untergewehre da. Naͤchstdem sieht man da: 1) Eine Menge eroberter Kuͤrasse, Pallasche, Degen, Spiesse ꝛc. aus den Zeiten der Kriege mit den Spaniern. Auf den spanischen Dragonerklingen steht schon So- lingen. 2) Die Kuͤrasse des Admiral P. Hein’s, der den Spaniern die Silberflotte wegnahm, des Ad- miral Ruyter’s, sind mit allen militaͤrischen Eh- renzeichen aufgestellt, so wie an den Mausoleen. — 3) Einen Streithammer, womit die spanische Kaval- lerie ehemals unter die Hollaͤnder einrannte. Es ist ein Stock, der oben wie ein Hammer gemacht ist, in der Mitte aber einen Deckel mit einem Knopf hat; schlaͤgt man mit diesem Stock stark vor sich, so fahren aus die- N n ser ser Oefnung 5. Stilette heraus, die vergiftet sind, 4. sind dreischneidig, eins vierkantig: — das ist eins von den hoͤllischen Werkzeugen, das der unsinnige Alba erfand, oder doch brauchen lies. Man hatte sonst mehrere, jetzt ist nur noch eins vorhanden. Die Soldaten stellten den Hammer auf den Stiefel im Steigbuͤgel, und rannten so ein. 4) Die Werkzeuge von Jaco oder Jacob Friedrich Muͤller, der Oberhaupt einer grossen Spitz- bubenbande war, und hier 1718. geraͤdert wurde. Unter andern seine Stoͤcke, in denen er auch Stilette hatte; einer ist hohl, und es steckt ein ganzer Degen darin, hielt nun der Angegriffene den Stock in der Hand, so zog Ja- co den Degen heraus; ferner eine Leiter von 6.-8. Spros- sen, die 12. Fuß lang werden kan. Alle Marterwerk- zeuge, — die ich auch sah und probirte, — hat er ausgehalten. Man versicherte mich, daß die ganze Laͤnge des Stadthauses 287. Fuß waͤre Es ist 282. Fuß lang, 255. breit, und 116. Fuß hoch. Herausgeber. . Den 12ten Aug. Heute sehr fruͤh ward der Botanische Garten von mir besucht, und ich fand ihn weit reicher und schoͤner eingerichtet, als den Leyden er. Er macht einen Theil der so genannten Plantage aus, hat 9. Gaͤrtner, viele Gewaͤchshaͤuser, und wird von der Stadt unterhalten. Der juͤngere Dr. Burmann hat hat die Aussicht daruͤber. Das System ist das lin- ne’ ische. Wer ihn sehen will, zahlt 4. Stuͤber. In Amsterdam heist er der Hortus medicus. Die Aloen, die hier gebluͤht haben, hat man getrocknet in der Stube aufgehaͤngt. Granaten- und Tulpenbaͤu- me haben hier noch nicht zum Bluͤhen gebracht werden koͤnnen. Ich fand den Balsam. arab. Alle Blaͤtter haben rothe Flecken, oͤfnet man die Blumenknospen nur ein wenig, so bekoͤmmt man gleich die Finger voll Harz. — Cacao — Caffee — Quercus Suber. — Arbut. — Hernand. Arbor vitae. — Bauh. — den Terpentinbaum. — L. Camph. Der Thee war hier groͤsser, als ich ihn je gesehen habe, und ein Baͤum- chen. Phyllanthus , wo alle Blumen impetiolati in floribus sessiles sind. — Ind. Quatim. — Im- pat. Noli me tangere etc. Die Hollaͤnder nennen die letzte auch: Rur mich nich. Bei diesem Garten be- findet sich auch eine Art eines Naturalienkabinets. Drauf machte ich einen Besuch bei Myn Heer Lublink de Jonge an den mich Hr. Tollius empfohlen hatte. Er ist ein Kaufmann, der aber doch Belliteratur, und sonderlich die deutsche liebt. Er hat Gellert’s Fabeln ins hollaͤndische uͤbersetzt. Er versprach mir, mich mit M. H. Bonn , Prof. der Anat. und mit M. H. Burmann , Prof. der Botanik bekannt zu machen, und bestellte mich auf morgen wieder. Mr. Geraud et Rollandt. Ich war ihnen von Hamburg aus empfohlen. Zwei gefaͤllige Franzosen, die es sehr bedauerten, daß ich das Rathhaus und den medicinischen Garten schon gesehen hatte. Darauf be- sah ich noch N n 2 Das Das alte Maͤnnerhaus. Es ist ein grosses schoͤ- nes Gebaͤude, wo alte Leute, wenn sie eine gewisse Sum- me erlegen, hineinkommen, und auf Zeitlebens herrlich verpflegt werden. In solchen oͤffentlichen Haͤusern steigt nun die Reinlichkeit der Hollaͤnder aufs hoͤchste. — Vor- ne und unten, wo die Passage durchgeht, stehen Bouti- quen: die Hollaͤnder nennen diese alle, die groͤsten und die kleinsten, Winkel; da sind Papierwinkel, Stahlwin- kel, Silberwinkel, Nuͤrnbergerwinkel ꝛc. so stehts auch an den Haͤusern angeschrieben ꝛc. — In diesen Bouti- quen sind alle Waaren unter Glas, und oben steht: fuͤr 1. Gulden, fuͤr 2. Gulden, fuͤr 4. Gulden ꝛc. — Bei den Kaufleuten in Engelland hat auch jedes Stuͤck seine Nummer, und darneben liegt ein Verzeichnis der Preise. Will man die Sache haben, so muß man zahlen was darin steht. Im oude Heere Logement ist ein gros- ser Saal, worin fast immer Auktionen gehalten werden. Werden Kaufleute bankrutt, so werden alle ihre Waaren verauktionirt, und ein Zettel davon gedruckt. Die klei- nern Winkel kaufen dann die Sachen und verkaufen sie wie- der. So hilft sich einer durch den Untergang des andern auf. Die Kinder der Reichen in Amsterdam erfahren zu fruͤh, wie viel Geld sie haben, lernen nicht viel, spa- ren nicht, wagen ungeheure Summen, bis dann das Ungluͤck da ist. Waͤre dies nicht, wie koͤnnten so viele Deutsche und andre Fremde, die ohne alles Vermoͤgen hierherkommen, in kurzer Zeit sammeln, und sich etabli- ren? Bei Mr. Trouillart speiste ich heute Mittag, und bei der Gelegenheit muß ich doch auch von der Kuͤche der der Hollaͤnder etwas erwaͤhnen. Sie essen und trinken nicht viel, aber vielerlei; 3.-4. Schuͤsseln voll Gemuͤsse werden allemahl aufgesetzt, ferner Blumenkohl, kleinge- schnittene Bohnen, Saubohnen, die man hier gros und klein hat, und delikat zurichtet, auch Kraut. — Suppe und Rindfleisch koͤmmt nicht alle Tage auf den Tisch. Das Brod und Fleisch schneiden sie in sehr duͤnne Schei- ben. — Wasser trinkt man nicht, sondern Bier, fran- zoͤsischen rothen, Mosler und Rhein wein, auch Limo- nade. Gesundheit wird, so oft man trinkt, sehr umstaͤnd- lich getrunken. Bei der Hitze pflegt man im untersten Theil des Hauses zu speisen. Hierauf bekam ich Hrn. Paul Meier’s Konchylienkabinet zu sehen. — Ich fand einen Sachsen, dessen Karakter halb hol- laͤndisch, halb deutsch ist. Er sammelt lauter Konchy- lien, auch etwas Mineralien, hat auch Kuxe, kauft gan- ze Kabinette, und dies noch immer, weil er den Ruhm haben will, das groͤste weitlaͤuftigste Kabinet zu besitzen. Das hat er auch, aber in einer schlechten Ordnung. Aus seinem uͤbrigen Vorrath koͤnnte man wenigstens noch 6. Kabinetter zusammenbringen. Kenntnisse hat er wenig, er weis blos die Handlungs-Namen; nebst dem sind sehr viele Stuͤcke gekuͤnstelt, geschmiert, gefaͤrbt, verstellt. — Man hat in Holland sogar den weissen Hammer nach- gemacht, und Vosmaer glaubt, daß alle davon vorhan- dene Exemplare falsch seyn. Man macht besonders eine grosse Seltenheit aus den Nautilis, die Bellekin ge- schnitten hat. Er schnitt Koͤpfe, Wappen, Blumen ꝛc. daran, so ein Stuͤck kostet 100. Gulden. Sieht man solche Dinge in einem Kabinet, so wird man mißtrauisch gegen alles andre. Tadelt man’s, so macht man dem N n 3 Besitzer Besitzer kein Kompliment: Tadelt man’s nicht, so muß man befuͤrchten, fuͤr einen Dummkopf, fuͤr ein Kind, dem man was weis machen kan, gehalten zu werden. Die betraͤchtlichsten Stuͤcke waren — ausser denen, die ich schon oft gesehen; — 1) Eine Harfe mit Querbaͤn- dern und Querstreifen. 2) Eine Noahsarche, die man Ost- und West Dubletten nennt. — Eine Bival- ve, wo die beiden Haͤlften wirklich aufeinander passen, heist in Holland eine Dublette. — Hier laufen die Streifen auf der einen Seite von Osten, auf der andern von Westen. 3) Bastard Noahsarchen, halb Cardium. 4) Seenadeln, ein weisser, runder, 2. Spannenlanger spitziger brechlicher Koͤrper, den ich noch nirgends gesehen hatte. 5) Drei Cornua Ammonis an Einem entzweigeschlagenen Stuͤcke. 6) Arsenik — rother, gelber und weisser an Einem Stuͤcke. Hrn. Baron Gould ’s Sammlung von Handzeich- nungen. Der Besitzer ist ein reicher Kaufmann Er ist 1780. mit Tode abgegangen, daher diese Sammlung gegenwaͤrtig wohl schwerlich noch vor- handen seyn duͤrfte. Herausgeber. , der schon lange Zeichnungen von alten und neuen Mei- stern sammelt. Kupferstiche mag er nicht, weil das naͤmliche Blatt auch 100. andre haben koͤnnen. Er hat sie in Portefeuillen, in jeder sticht besonders ein Meister hervor. Alle diese Folianten liegen in einem Schranke, und in dessen Mitte sind noch einige Schubladen voll aus- erlesener Naturalien. Um auch andre an diesen grossen Schaͤtzen Theil nehmen zu lassen, ist alle Dienstage Abends Gesellschaft bei ihm. Man setzt sich an eine grosse grosse Tafel und sieht eine Portefeuille durch. Die Stuͤ- cke gehen aus einer Hand in die andre, und unten wieder in die Portefeuille zuruͤck. In der, die heute vorgezeigt wurde, brillirte Aldert von Everdingen, ein, beson- ders in Landschaften, sehr gluͤcklicher Maler. Er wollte einmahl nach Holland reisen, ward auf dem Wasser ver- schlagen, kam nach Norwegen, und muste dort uͤber- wintern, daher auf vielen Stuͤcken von ihm Scenen aus Norwegen vorkommen. — Die andern Meister wa- ren: Glauber; van de Uyl , der oft statt seines Zugs eine Eule dazu setzte; Bischop oder Episcopius; — Breenberg, Rademaker, Hollar und Zaftleeven, dessen Stuͤcke ich besonders lieben wuͤrde, und der Sammt-Breuͤghel. Man sah noch viele andre seltene Stuͤcke, und as auch da zu Nacht. Als man zur Tafel ging, erlaubte mir mein Kopf nicht, da zu bleiben, ich ging also fort. Bemerkungen. Man hat hier Lichter von Sperma ceti , mit etwas wenig Wachs darunter. Sie werden in den englischen Kolonien gemacht, sind weis, brennen sehr hell, geben gar keinen uͤbeln Geruch, und sind in den groͤsten Haͤu- sern uͤblich. Den 13ten Aug. Mit Besuchen und Gegenbesuchen, mit Briefschrei- ben und dem Mittagsessen bei Hrn. Staͤdel ꝛc. ging der Vormittag, und die Haͤlfte des Nachmittags hin. Ich besah aber doch noch N n 4 Hrn. Hrn. van der Moelen ’s Kabinet. Der Besitzer ist ein sehr reicher Kaufmann, der viel sammelt, seit 35. Jahren schon, mit dem Herzog von Braunschweig in Briefwechsel steht, aber selbst nur die seichteste Kenntnis hat. Die Anordnung ist, weil er den Platz spart, schlecht ꝛc. Mr. Lacoudré hatte mir die Gelegenheit zu diesem Kabinet verschaft. — Man muß bei dem rei- chen Unwissenden hintreten, das Gemeinste, das Schlech- teste bewundern, loben, von andern Kabinetten nichts er- waͤhnen ꝛc. Van der Moelen hat, wie alle Hollaͤn- der, den Grundsatz, von jedem Stuͤck muͤssen 2. Exem- plare im Kabinet seyn, das vervielfaͤltigt die Scene schon gar sehr. Unter seinen Schmetterlingen, die man hier Kapellen nennt, (so wie die Konchylien Hooren en Schulpjes , ) sind viele sonst unbekannte Arten, die in Kramer ’s Werke bekannt gemacht werden sollen. Ich fand hier: — Einen jungen Wallfisch, 2. Spannen lang, der ungebohren aus Mutterleibe geschnitten, und jetzt schon 15. Jahr in Weingeist erhalten worden ist. Er hatte die voͤllige Bildung, aber doch konnte man die Laminas corneas noch nicht sehen. — Viele Sepiae in Glaͤsern. — Ein sonderbares Cap. Med. ausm Ost; jeder Ra- dius war gleichsam federig. — Einen recht schoͤnen Orangoutang, auch im Glase. Um den Platz zu scho- nen, mag der Besitzer keine Ausstopfungen haben. — Eine Iguana. — Eine Schlange, meergruͤn mit weis- sen Flecken. Er hat eine nach Braunschweig geschenkt, die 10½. Fuß lang, nnd 11. Daumen dick war. — Vie- le Mißgeburten, einen weissen Maulwurf, einen schwarzen mit einem schnabelartigen Maule. — Einen jungen neugebohrnen Baͤr. Ich sah an ihm die deutlichste Bestaͤtigung von Perrault ’s Wahrnehmun- gen gen. — Ein weisses Eichhoͤrnchen, das er 8. Jahr lebendig hatte. — Todtenkopfschmetterlinge, den deutschen, welcher der groͤste war, den surinam schen, und den vom Kap. — Oleanderschmetterlinge aus Ost- indien. — Eine Phalaͤne mit einem herrlichen weis- sen Bande auf dem Bauche. — Viele Libellen, und darunter viele niegesehene. — Eine Luna, milchweis. Vriends, General Reyner im Haag, besitzen sie auch. — Einen aus einem Holzwurme entstehenden ganz unbekannten Kaͤfer, laͤnglichtrund. — An den Mu- scheln war die aͤussere Seite abgeschliffen, um ganz an- dre Farben herauszubringen. — Einen nachgemachten gekuͤnstelten Cedonulli. — Bandirte Kibitzeier. — Oranienflaggen; viele seiner Dubletten waren mit Gum- mi festgemacht. — Granulirte aͤthiop ische Kronen. — Haspel Dubletten zu 40. Gulden. — Drei Cretes de Coq aneinander. — Wieder 3. andre, die alle an ein Stengelchen Holz, jede fuͤr sich angewachsen waren. — Lazarusklappen mit Korallen, mit schuppichten oder blaͤtterartigen Anhaͤngseln ꝛc. Sie heissen Ora- nien, wenn sie roth sind. — Hr. Van der Moelen hatte die Guͤtigkeit, mir ei- ne Menge schoͤner Muscheln zu schenken, auch eine Pen- na marina, die er aus Siam bekommen, und die viel- leicht zu den Stacheln eines grossen Echini gehoͤrt. — Ferner seltene Seegewaͤchse, und 2. Sevenyears Blu- men vom Kap, von denen man in der Meinung steht, daß sie sich nicht laͤnger, als 7. Jahre halten lassen; die Meinigen sind nun 2. Jahr alt. Solche Proben der Guͤtigkeit und Freigebigkeit sind in einem Lande, wo die ganze Stimmung der Leute, Kaufen, Verkaufen, Sam- meln und Gewinnen ist, sehr selten. N n 5 Bemer- Bemerkungen. In Harlem sind die Haͤuser sehr wohlfeil, hier in Amsterdam aber erschrecklich theuer. Fuͤr 2. kleine Zimmer in 2. verschiedenen Etagen bezahlt einer meiner Freunde ohne alle Meubles, alle Jahr 200. Gulden, ein andrer fuͤr 7. kleine, 500. Gulden. In keinem Lande sind wohl die Bedienten und Do- mestiquen so unertraͤglich, als hier. Alles trotzt auf Geld, auf Freiheit, auf Gewinn. Alle tragen Uhren, silberne Schnallen, haben Silberzeug, sprechen von Du- katen, Ryders ꝛc. Ein Ryder ist eine in Holland kurstrende Goldmuͤnze, und gilt 14. Gulden. Herausgeber. Eine Ohrfeige, ein rauhes Wort darf man ihnen nicht anbieten. Die groͤste Naseweis- heit, Zudringlichkeit, und ein unaufhoͤrliches Lechzen und Duͤrsten nach Reichthum, Mangel der Aufsicht, Bil- dung und religieuser Sentiments bemerkt man durchgaͤn- gig. Ohne Mitleiden kan kein Menschenfreund die Mil- lionen Menschen ansehen, die bestaͤndig nichts anders thun, und nichts anders hochschaͤtzen, als das Wuͤhlen und Graben nach Schaͤtzen Ein gewisser Schriftsteller sagt daher von Holland sehr treffend: Cest un pays où le demon de l’or est couronné de tabac, assis sur un throne de fro- mage. Herausgeber. . Den 14ten August. Heute fruͤh um 6. Uhr machte ich mit M. H. Ruͤhle zu Schiffe von Amsterdam eine kleine Reise Reise nach Sardam, um auch Nordholland kennen zu lernen. Wie lieblich wars nicht am schoͤnen Morgen zwischen den vielen Schif- fen vor Amsterdam durchzufahren, das mannichfaltige Klopfen und Haͤmmern auf den Schiffen zu hoͤren, und den gesunden Pechgeruch von allen Gegenden her zu be- kommen, oder die weissen Seemoͤven vor unsern Augen niederschiessen und mit dem untruͤglichsten Blick einen Fisch erhaschen zu sehen! Auch fahen wir die Groͤn- landsfahrer, die zum Theil schon zuruͤckgekommen wa- ren. Die Schiffe sahen abscheulich aus. Sie stellen die Rippen und Kinnbacken der Wallfische vorne und hin- ten auf dem Schiffe auf, und den Priap der Thiere haͤn- gen sie hinten am Schiff herab Dieses Glied des Thiers wird hier zu Lande noch zu- weilen verschrieben. Die Apotheker saͤgen es in Stuͤ- cken, und da soll’s haͤslich stinken. , daraus kan man gleich sehen, wie viel Fische einer hat. Einer hatte 8. ein andrer 10. Stuͤck. Oft bezahlt ein einziger guter Wenn er aus Straat Davis ist; — denn selten ist der Fall, daß einer aus Groͤnland sie bezahlt, dazu sind oft 2.-3. noͤthig. Fisch die Kosten. Aeusserst verdruͤslich aber muß diese Reise seyn, wenn man ohne einen Fisch gefangen zu haben zuruͤckkoͤmmt. Oft kommen sie mit anderthalb Fischen zuruͤck. Hat ein Schiff die Harpune geworfen, und der Fisch koͤmmt einem andern Schiffe im Weg, so wirft die- ses auch seine Harpunen, so viel deren noͤthig sind. Ist dann der Fisch todt, so theilen sie ihn, denn die Kriegs- schiffe, die sie begleiten, zwingen sie dazu. ꝛc. Man setzt setzt die Wallfischrippen auf die Wiesen, weil sich das Vieh gern daran reibt. Bei Gelegenheit, daß wir beim Hochgericht vorbei- fuhren, erfuhr ich, daß auch in dieser Stadt noch vor kurzem Sodomiten vorm Rathhause mit Dampf erstickt und sodann hierher ins Wasser gebracht worden sind. Sardam oder Zardam ist ein grosses, und ohn- streitig das schoͤnste und reichste Dorf, gegen das die be- sten in Deutschland nichts als ein Haufen armseliger Huͤtten sind. Die Zaan fließt mitten durch. Zu bei- den Seiten hinab ist das Dorf 3. Stunden lang. Man unterscheidet Sardam, Coch und Sandyck, es ist aber eins. Die Einwohner nennt man nur Bauern, sie sind aber Herren von 2. 3. 4. Muͤhlen, haben Fabri- ken, treiben Handel, kommen in Amsterdam auf die Boͤrse, sprechen von 50. von 100,000. Gulden, als wenns Kleinigkeiten waͤren, haben alle die schoͤnsten fuͤrstlichen Tapeten in den Haͤusern, herrliche Gaͤrten, Statuen, Springbrunnen ꝛc. Sie gehen nur in schwarzen Ka- misoͤlern mit Bauerhuͤten, die Herren von Amsterdam aber machen ihnen sehr grosse Komplimente Die Leute haben hier fast alle wenig Zaͤhne im Munde, sonderlich die Weibsleute. Man schreibts der Luft auf der Insel zu. . Rings um den Ort herum stehen an die 2 ‒ 3000. Muͤhlen. Es wird Thran hier gesotten, Oel geschla- gen, Papier, Leim, Pulver u. s. m. gemacht. Fast alle Tage geht der Eigenthuͤmer auf seine Muͤhle und haͤlt zu zu Hause sein Buch. Man thut sehr geheim damit. Kennt man nicht einen von den Eigenthuͤmern, so be- koͤmmt man gar nichts zu sehen, und geht der auch mit, so zeigt er einem das Eigentliche der Maschine doch nicht. Hr. Ruͤhle hatte es mit einem, Namens M. H. Breet, an der Boͤrse abgeredet, wir kehrten also bei demselben ein. Er war ein außerordentlich hoͤflicher Mann. Es waren der Bruͤder zwei, der eine erwartete uns, indes der andre die Muͤhlen visitirte. Sie schreiben sich Ho- nig, weil einmahl ihr Papier unter Homgs Namen, der es angefangen, bekannt ist. Die Schwester des Mannes war Nordhollaͤndisch gekleidet, ganz simpel, hat- te aber mehr Gold im Zimmer, als manche Frau Graͤfin in Deutschland. Der Mann traktirte uns mit Mal- laga, Biskuit, Makronen, Zukerbrod, und dergl. und bat uns doch etlichemahl, daß wir mit der Bauernkost vorlieb nehmen moͤchten. Der Groͤnlandsfahrer mit den 10. Wallfischen gehoͤrte diesen 2. Bruͤdern, und unser Wirth sagte, daß er 36000. Gulden reinen Gewinn rech- nen koͤnnte. Das Schiff war im Anfange des Maͤrzes abgegangen, und am Ende des Jul. zuruͤckgekommen, es war mit 45. Mann besetzt. Die Ausruͤstung kostete 200,000. Gulden. Die meisten Matrosen haben ein gewisses Monatsgeld, einige aber werden nach den Fischen bezahlt. Bei einer so reichen Beute bekommen sie wohl noch einige Geschenke ꝛc. Wir gingen auf seine Papiermuͤhlen, wo feines Postpapier, Royal- und Schreibpapier gemacht wird. Auf jeder hatten sie 50. Arbeiter. Das Gebaͤude der einen ist 1000. Schuh lang. Sie haben eigne Leute, welche die kleinen Stuͤcke Lumpen von den Strassen auflesen. Die meisten bekom- men men sie aus Brabant. In beiden Muͤhlen liegen im- mer wenigstens 200,000. Pfund Lumpen; 18. Weiber sassen und sortirten sie vor einem Eisen. Man lies uns die Pumpe sehen, die das Wasser zum Saͤubern der Lum- pen 80. Fuß tief aus der Erde holt, und es in einen Teich auf- und niederfliessen laͤßt, weil man glaubt, daß es schon durch die Luft gesaͤubert werde. Unten fließt es in eine Kufe mit Sand angefuͤllt, durch den Sand laͤufts durch, und unten sammelt mans wieder. Wir sahen alle Arbeiten, aber den Hollaͤnder selber wollte man uns doch nicht sehen lassen. Wir machten auch einen Bogen, aber statt Postpapier gabs dickes Packpapier, weil wir den Handgriff mit dem Schuͤtteln der Form nicht ver- standen. Wir besuchten hierauf die Saͤgemuͤhlen und eini- ge andre ꝛc. und sahen bei der Gelegenheit auf einer Wiese einen Ochsen auf einer Saͤule stehend und in der obersten Kirche ein Gemaͤlde, das sich auf den Ochsen be- zieht. Dieser Bulle hat den 29. Aug. 1647. die Frau, die ihn halten muste, nachdem er sich hinterm Hause vom Baume und Stricke losgemacht hatte, wie ein Ball mit den Hoͤrnern in die Hoͤhe geschleudert, (wiewohl sie hoch schwanger war,) und ihr den Leib von der Linken nach der Rechten aufgerissen. In der Luft gebahr sie, das Kind fiel auf die Erde, der Mann wollte ihr zu Huͤlfe eilen, ward aber ebenfalls todtgebohrt. Die Frau lebte nur noch einige Stunden, das Kind aber ward ge- tauft, Jacob genannt, und lebte bis den 4. Mai 1648. Auf der Tafel steht: So ward die Frau, durch den Och- sen, Mutter, Wittwe und Leiche! Wir besahen ferner die Schiffszimmerwerfte, und stiegen auf ein Schiff, das auf dem Stapel halb fertig lag, lag, und wieder auf ein anders, das erst angefangen war. Wer erinnert sich nicht, wenn er das alles sieht, an den Kaiser Peter den Grossen von Rußland, der hier Schif- fe bauen lernte, und selber Hand anlegte? Es werden hier oft Schisse gebaut, fuͤr Spanien. Der Preis ist 20. 30. 40000. Gulden. Bemerkungen. Hier in Sardam haͤlt man Haͤuser und Strassen sehr sauber, auch hat man an den Haͤusern eine soge- nannte Prunkthuͤre, die immer geschlossen ist, und nur fuͤr Braͤute und Todte geoͤfnet wird. Die Bewohner ge- hen lieber hinten zu einem Schlupfwinkel hinein. Das Salz, das die Hollaͤnder brauchen, laden die Schiffe fast nur als Ballast. Es ist schoͤn, weis, koͤr- nicht, und kommt groͤstentheils uͤber Riga aus Ruß- land. Bei meiner Ruͤckreise nach Amsterdam lies M. H. Brand mir sagen, ich koͤnnte sein Kabinet nicht sehen, weil alles in grosser Unordnung waͤre. Das sah nun einer Ausflucht ziemlich aͤhnlich Nicht besser gings Hrn. Dr. Titius aus Dresden, als er 1777. bei seiner Anwesenheit in Amsterdam die- ses Kabinet zu besehen wuͤnschte. S. dessen Reise- Journal, im 9. B. der bernouillischen Samml. kur- zer Reisen. Herausgeber. . Aber M. H. Lublink hatte fuͤr den morgenden Tag gesorgt. Den Den 15ten Aug. Heute bekam ich die Insektensammlung von M. H. Cramer und Reußelaer zu sehen. Cramer, der das herrliche hol- laͤndische und franzoͤsische Werk von gemahlten auslaͤndi- schen Schmetterlingen angefangen hat, starb im letzten Februar am hitzigen Fieber. Er hinterlies eine Samm- lung fast aus allen Reichen der Natur, die wurde groͤ- stentheils verkauft, die Insekten aber bekam sein Neffe, ein junger Kaufmann Reußelaer, der die Handlung treibt, und jetzt das Werk fortsetzt, wiewohl es ihm wirk- lich an gelehrten Kenntnissen fehlt. Die meisten sind schoͤn, viele aber schlecht erhalten, ob sich gleich die aus- laͤndischen, da sie durch die starke Hitze ziemlich ausge- trocknet, besser erhalten lassen. Was mir bei ihm be- sonders merkwuͤrdig war, ist folgendes: Eine Luna aus Westindien; die aus Ostindien hatt’ ich schon gesehen: diese hat ein staͤrkeres helleres Gruͤn mit Ringen. Bei den Schmetterlingen aus Ostindien sind die Farben fast durchgaͤngig dunkler und trauriger, als an jenem aus Westindien. Eine Phalaͤne aus Westindien, wie Atlas. Die sogenannten Zahlen- oder Nummer- Schmetterlinge aus China, sind fast voͤllig so, wie die aus Europa. Die aus Afrika sind in diesem Kabi- net noch am haͤufigsten, sie haben aber semper a l iq. portenti, fast alle sind schwarz und dunkelgelb. Die aus Neuyork haben alle sehr frappante Farben. Aus Surinam war ein Lepidopt. da, das fast wie ein Neuropt. aussieht, hell, durchsichtig, und fast ohne al- len Federnstaub. Aus China war unsre fast voͤllig so gebildete gebildete gemeine Kohlraupe da Die Chineser stecken die Insckten an eiserne Stifte, das rostet aber. . Eine Phalaͤ- ne mit Haarbuͤscheln am Bauche, aus Surinam. Vie- le Schmetterlinge mit langen schmalen Fluͤgeln aus Ame- rika. Der Ananasschmetterling aus Surinam. Er sieht gruͤn und gelblicht aus, die Raupe soll die Ana- nasblaͤtter abfressen. Die Natur schaft Tagvoͤgel, die am Ende der Fuͤhlhoͤrner erst ein Haͤckchen haben, eh es ein Knoͤtchen wird. Ein Kaͤfer mit goldgruͤnen Kopf und braunen Fluͤgeln. Das vermuthliche Weibchen hat dunklere Fluͤgel und denselben Kopf. Ein Kaͤfer mit auf dem Kopf. Ein Gryllus aus Westindien, der seinen Schwanz in schoͤnen Spiralen zusammen rollt. Das wandelnde Blatt; die Oberfluͤgel sind gruͤn mit Rippen wie ein Blatt. Von da ging ich und besah Hrn. Dr. Kloͤckners Sammlung. Der Besi- tzer ist ein geschickter fleissiger Mann, der besonders im Ausstopfen der Saͤugthiere viel Vortheile hat. Er kauft, und man schickt ihm Felle zu, die stopft er mit Stroh aus; vorher laͤst er die Haut einen halben Tag im Was- ser liegen. Ich sah bei ihm; — Einen Sapajou, schwarz mit einem langen Schwanz, gar niedlich. — Eine fliegende Katze. Er versicherte mich, daß er an den Kinnladen der fliegenden Katzen, Eichhoͤrnchen u. dergl. gar viel Verschiedenheit bemerkt habe. — Den Balg von einer Haasenart, vom Kap, der meist auf sehr langen elastischen Hinterfuͤssen geht, und die kur- zen Vorderfuͤsse empor traͤgt. — Eine Cavia des Pal- las. Das Thier hat hinten lange, starke Haare; aus Ame- O o Amerika. — Aper Africanus. — Einen Fuchsbalg, aus Nordamerika, den man dort ganz an sich haͤngt, und wie eine Tasche braucht. — Blauer Fuchs, aus Groͤnland. Wenn er jung ist, ist er noch roͤthlich wie dieser, wenn er aber ausgewachsen hat, wird er blau, und im Winter weis. 7) Tringa pugnax. Das Weib- chen hat die laͤngern weissen Haare des Maͤnnchens, die wie ein Gekroͤs aussehen, nicht an sich. Der Mann gewann mich gleich so lieb, daß er mir 5. Kolibrichen, und noch einiges schenkte. Von da ging ich und besah Hr. Dr. Houttuyn’s Kabinet. Der Besitzer ist ein alter Mann, der mit vielen Kenntnissen bereichert, dem Grabe zueilt. Er konnte weder deutsch, noch fran- zoͤsisch, und ich nicht hollaͤndisch. So sprachen wir la- teinisch mit einander. In einer maͤssigen Stube hat er alles zusammen gepackt. Ich sah bei ihm: 1) Foe- tus vom Tyger, Leoparden, Camelopardalis. Das letztere kannten wir am langen Hals und Vorderfuͤssen. 2) Einen Balistes , aus China. 3) Eine Mantis maxima. Ein herrlich Exemplar. 4) Eine Raupe mit vielen andern Thieren, die auf ihr sitzen. 5) Viele Sepiae; Nereis gigant. — Holothuriae. Ach, es ist ewig Schade, daß wir kein Mittel wissen, dieser Thiere Gestalt und Konsistenz zu erhalten. 6) Cypri- nus aurat. mit herausstehenden Augen; — ein andrer mit einer cauda tricuspid. 7) Ein junger Wall- fisch, 3½. amsterdamer Fuß lang. War im Wein- geiste ganz schwarz worden. 8) Ein kleines Krokodil, voͤllig das naͤmliche, wie das grosse in Paris. 9) Ei- ne Concha anatif. so schoͤn, als ich sie je gesehen habe. 10) Ei- 10) Eine Abgottschlange. Die Haut davon ist auch hier, sie soll 7. Gulden gelten. 11) Kolibris im Nest, die schmalen langen Schnaͤbel laufen heraus, gegen ein- ander, die Koͤrperchen sind fast gar nichts. 12) Ver- mes ausm menschlichen Koͤrper, wie sie das, was andre eigentlich junge Wuͤrmer, Dr. Houttuyn aber nur vasa seminalia nennt, auswerfen. 13) Die Brod- baumfrucht, fol. incis. und integr. 14) Ein sehr seltener Schmetterling aus Surinam, schwarz, blau und weis. Ich muste den guten lieben Alten nach vielem Plau- dern, das er gerne verlaͤngert haͤtte, verlassen und nach Hause eilen, wo ich Besuche erhielt. Den 16ten Aug. Mr. Trouillart hatte mich zu einer Spazierfahrt eingeladen, um eins der schoͤnsten Quartiere um die Stadt, und vielleicht in ganz Holland zu besehen. Wir fuhren schon Morgens um 7. Uhr weg. — Zwischen lauter Gaͤrten, Buytenplaatsen, Alleen ꝛc. ging der Weg 4. Stundenlang hin. Es ist unbeschteiblich, welche Pracht da herrscht. Zwanzig, dreissig Gaͤrten sieht man nach einander, welche die meisten fuͤrstlichen Gaͤrten in Deutschland weit uͤbertreffen. — An der Vechte ge- gen Utrecht zu, wird das Land gar schoͤn. Der Fleis der Hollaͤnder hat es in einen einzigen Garten verwan- delt. Man hat hier so viele Landhaͤuser, daß man nur allein von dieser Gegend eine Karte hat. An der Vechte findet man artige Kiesel. Wir fruͤh- stuͤckten in Paw, nahmen das Mittagsessen in Loenen O o 2 ein, ein, und kamen Abends durch einen andern Weg an Weschip vorbei, wieder durch einen andern Weg, beim Hortus medicus in die Stadt herein. Ich lernte heute einige gluͤckliche Ehen kennen, und in einer nicht starken Familie 3. Paare, wo die Zahl der Kinder auf 16.-22. gestiegen war. Und das ist in Hol- land nichts Seltenes. Den 17ten Aug. Das war wieder ein Tag wie der gestrige. Ich muste zu M. H. Goel nach Felzen kommen, wo er sei- nen praͤchtigen Landsitz hat. Dies ist ein Platz, der ihm 100,000. Gulden gekostet hat, und ihm im Sommer alle Wochen noch 100. Dukaten kostet. Man kan sich darin verirren, aber alle moͤgliche Annehmlichkeiten hat man da. M. H. Ruͤhle und ich fuhren im Fargon, wie der Hol- laͤnder das Kabriolet mit 2. Pferden nennt, hinaus, am harlemer Kanal hinab, uͤber die harlemer Schleusse, am Y hinunter nach Sparendamm, so heist ein Dorf, wo Schleussen in der Spaarne sind. Die Spaarne fliest ins Y, und das ist der einzige Weg, wodurch alle Schiffe aus Middelburg, Seeland, Rotterdam ꝛc. nach Amsterdam kommen. — Sonne und Mond sah ich heute im Y, im harlemer Meer und im Kanal sich spiegeln. Auf diesem Landsitze waren unter andern: Ein Bauernhaͤuschen, wo Fenster, Kaffezeug, Bett, Tel- ler, Tafel ꝛc. alles mit der groͤsten Illusion gemahlt ist. — Ein chinesisch Haͤuschen, wo die bedeutende chi- nesische Figuren praͤchtig gemahlt waren. — Eine Men- ge Alleen, Gartenhaͤuschen ꝛc. wo man in der Ferne die Schiffe auf der Nordsee gehen sah. — Eine Gruppe von von Genien mit Vorstellungen der 4. Elemente, die eben aus Brabant ankam, und herrlich war. — Ein Chineser im Visitenzimmer. — Ein Eremit, im Schlafrock und Pantoffeln ꝛc. aus Holz und Wachs, so natuͤrlich, daß ich einmahl ein Kompliment machte, als ich schnell hineinkam und mich umsah. — Ein Haͤus- chen uͤbers Sekret gebaut, in Gestalt einer Kapelle mit einem Thurme, in der Nachbarschaft der reformirten Kirche, woruͤber sich auch der Welgelaarte Domine sehr formalisirte. Zur Naturgeschichte gehoͤrig traf ich an: Einen Dytiscus mit einem herrlichen silberfarbenen Bauche, der schon viele Wochen ohne Nahrung im Gla- se gelebt hatte. — Einen Affen aus Ceylon, der To- baksblaͤtter fraß, und mit einem Bocke aus Guiana viel zu schaffen hatte. — Theebaͤumchen und viele amerikanische Gewaͤchse. — Viele Wallfischribben; wir stritten lange uͤber das Ding, es sollen keine Ribben, es sollen die Kinnladen von dem Thier seyn, einige be- haupteten gar, das Thier habe gar keine Ribben ꝛc. Unsere Pferde bekamen hier nichts, als suͤsses Was- ser, sie waren schon so an das Wrakwasser gewoͤhnt, daß sie lieber den ganzen Tag nicht soffen, bis wir wieder beim Sparendamm waren. Bemerkungen. Seit dem Brande, der das Komoͤdienhaus ver- zehrte, wie man grade den Deserteur vorstellte, hat man ein neues praͤchtiges Schauspielhaus aufgebaut. Man spielt aber nur in hollaͤndischer Sprache, und die meisten Stuͤcke sind aus dem Franzoͤsischen uͤbersetzt. O o 3 Wenn Wenn der Buͤrgermeister auf dem Stadthause ist, hat der Buͤrger viel Respeckt vor ihm, sonst schaͤtzt sich jeder ihm gleich, und bezeugt ihm wenig Hochachtung. Die Stadt wird mit Laternen erleuchtet, und diese geben zwischen den Baͤumen einen herrlichen Anblick. Nach 10. Uhr Abends darf hier niemand etwas uͤber die Strasse tragen. Die Wache nimmt alles weg, man bekoͤmmts wohl den andern Tag wieder, aber die Soldaten machen einen Prosit dabei. Mit dem letzten Schuyt, das Abends von Harlem kommt, wird das Thor geschlossen, und dann wird auch dem Prinzen Statthalter nicht mehr aufgemacht. Den 18ten Aug. Das Insektenkabinet des Domine Alberti zu besehen, war heute mein erstes Geschaͤft. Dieser Mann hat uͤber 3000. Insekten, und darunter viele seltne Stuͤcke zusammengebracht. Er kennt das linne ’ische System, Pallas, Drury u. s. m. hat Sulzern viele Insekten kennen gelernt, bekommt die aus West- und Ostindien meist durch seine lutherischen Beichtkinder, und kauft die deutschen von einem gewissen Werther aus Frankfurt, der mit deutschen Insekten handelt und herumreist. Ich war im Haag nicht so gluͤcklich, das vortrefliche Insek- tenkabinet des General Reyners zu sehen, aber diese Sammlung ist so viel werth, wie jene. Er verwahrt darin besonders: a) Den schoͤnen Dermestes , den Drury den Imperial nennt, und den ich auch in Chantilly sah; auf dem gruͤnen Boden seiner Fluͤgel hat er ganze Reihen voll kleiner Vertiefungen, und in jeder von diesen Vertie- fungen fungen eine Menge kleiner brillanter Koͤrper, die unter einer maͤssigen Vergroͤsserung, wie die schoͤnsten Juwelen erscheinen. Dieses Insekt kommt von der Insel Bor- neo. Den ersten, der nach Europa gebracht wurde, trug die Koͤnigin von Portugall als Schmuck. Do- mine Alberti erbot sich, wenn ich ihm den wahren deut- schen Oleanderschmetterling verschaffen koͤnnte, mir das 2te Exemplar von diesem Prachtstuͤck der Schoͤpfung zu schicken. b) Libellulae , mit goldfarbigen und gruͤ- nen Unterfluͤgeln. c) Eine Wespe, mit einem unge- woͤhnlich langen Kanal zwischen dem Bauche und der Brust. d) Eben das Thierchen, das ich bei Valen- ciennes an meinem Leibe fing, aber viel groͤsser. Al- berti kannte es nicht. Es war ihm von einem Manne gebracht, der es auf dem Felle eines unbestimmten Thie- res, das von Surinam kam, gefunden hatte. Es war auch zusammengequetscht, hatte aber mehr eine gelbliche Farbe. Dr. Kloͤkner hielts fuͤr einen Acarus. e) Gryllus inanis — der Bauch ist ganz durchsichtig, als wenn nichts darin waͤre. f) Der Apollo aus Ungarn, und einer aus Schweden. Die Vorsehung gab dem letztern mehr Federn, weil er im kalten Lande wohnt, als jenem im heissen Ungarn. 9) Gold- und Silber- tropfen mit ihren Schwaͤnzen, die sonst so zerbrechlich sind, und gern abfallen. h) Auch aus Portugall ein Todtenkopfschmetterling. Das Thier ist also in al- len Welttheilen zu Hause! — i) Portemiroirs aus Ben- galen mit runden Spiegeln. k) Eine Wasserwanze aus Surinam, die auch die Jungen auf dem Ruͤcken traͤgt. l) Eine gar sonderbar gebildete Spinne, die sich ohne Zeichnung nicht beschreiben laͤst. O o 4 Hierauf Hierauf besuchte ich den Kupferstecher M. H. Vinkeles , einen der groͤsten jetzt in Holland lebenden Kuͤnstler in diesem Fache. Ein junger hoͤflicher Mann, der sich in Paris formirt hat. Er hat das amsterdamer Komoͤdienhaus, wies im Brande stand, gestochen. Man kan aber keine Abdruͤ- cke mehr davon haben. Ich sah ihn mit dem Grabsti- chel arbeiten. Die Zeichnung hatte er auf der linken Seite liegen, und das Mikroskop allezeit in der linken Hand. Er hat viele Aussichten, Strassen und Gegen- den von Paris gestochen, hat auch Mosheim, Rabe- ner und Gellert in seiner Bibliothek, auch eine starke Kupferstichsammlung. Ein Portrait in Migniatur mit kleinen Verzierungen zu stechen, fordert er 24. Gulden; ist eine Hand dabei, so kostets schon mehr. Die gesto- chenen Platten druckt er nicht selber ab. — Darauf besah ich M. H. Noepe’s Windmuͤhlen, das Holz zu saͤ- gen. Er ist ein Vetter von M. H. Trouillart , und hat 2. sehr wohl eingerichtete Muͤhlen bei der Stadt. Mit einer sehr simpeln Maschine, und mit sehr wenig Leu- ten saͤgt man das Holz in kurzer Zeit, wie man will. Das Holz bekoͤmmt er von Riga, Narva, Norwe- gen, und auch vom Rhein. Eine Muͤhle dazu kostet hier 16000. Gulden, in Saardam kaum die Haͤlfte, weil der Grund dort nicht so theuer ist. Er hat auf je- der 3. Kerle, einen Aufseher, und einen Jungen. Man bezahlt sie mit 8. 6. 7. auch 3. 4. Gulden woͤchentlich. Ein Baum von 30. Schuh in die Laͤnge, wird in \frac{5}{4} . Stun- den zersaͤgt. Er verkauft die Breter in der Stadt, mehr aber nach Spanien, Frankreich und Surinam. Die Die Maschine hat 8. Saͤgen, und zieht den Baum im- mer selber nach sich. Man kann so viel Saͤgen gehen lassen, als man will, und eben so auch die Dicke der Breter sehr leicht bestimmen. Ist der Wind sehr schwach; so geht die Maschine nicht. Kommt er aber nur nicht von der rechten Seite, so ist zu oberst eine Einrichtung, daß man die ganze Muͤhle am Kopf drehen kan. Eine Achse, die auf vielen Rollen liegt, dreht ein Rad, und das Rad dreht den Baum, an dem die Fluͤgel sind. Steigt man bis hinauf, so hat man oben eine liebliche Aussicht. Den Schmutz von den Haͤnden reiben die Leute mit dem feinen Saͤgemehl ab. Bemerkungen. Eine Probe von der Verachtung, womit in grossen und reichen Staͤdten unser heiliges Christenthum belegt wird, ist folgendes. Eine schlechte Gasse in der Stadt, wo lauter liederliche Weibspersonen wohnen, heist: der suͤsse Jesus Steg. — Wie erschrecklich weit geht der Leichtsinn und der Undank! Den 19ten Aug. Das Wichtigste von dem, was mich heute beschaͤftig- te, war, weil einige Bestellungen wieder kontremandirt wurden, die Bibliothek des Sgr. Crevenna , eines sehr reichen italiaͤnischen Kaufmanns. Er spricht nur fran- zoͤsisch und italiaͤnisch, und hat eine Bibliothek fuͤr sein Vergnuͤgen aus allen Faͤchern der Gelehrsamkeit ge- sammelt. Ich sah die Naturgeschichte und die klassi- O o 5 schen schen Schriftsteller durch. In jenem Fach hat er alle Alten, und von den Neuern wenig von Linne’, aber den Buffon, Knorr ꝛc. In diesem die schoͤnen englischen und pariser Ausgaben. Der Katalog ist in 6. Quart- baͤnden gedruckt, das uͤberhebt mich einer weitern Anzei- ge, ausser, daß ich da gesehen habe: 1) Joannis de Janua Catholicon, vom Jahr 1460. Maynz. Das erste Buch, das mit gegossenen Lettern gedruckt worden ist. 2) Die erste gedruckte Ausgabe vom Virgil auf Pergament 1470. Venedig. 3) Die schoͤne Glas- gower Ausgabe vom Cicero, in 20. Baͤnden. Der Text ist nach der Olivet schen in Paris in gros 4to. Heute Mittag l as ich in der mittels t en Bibel bei Mr. Thibault. In Amsterdam sind 3. Wirthshaͤu- ser, die so heissen. Heute ging die Trommel von der ostindischen Kompagnie herum, daß alle Matrosen und Soldaten sich am Hause der Ostind. Komp. einfinden sollten, von da sie nach den Schiffen gebracht werden, die jetzt erst lange noch im Texel liegen bleiben. Bemerkungen. So angenehm Amsterdam ist, wenn man schoͤnes Wetter darin hat, — und ich war so gluͤcklich, lauter schoͤne Tage zu haben, — so haͤßlich stinkt es auch, wenn die Hitze anhaͤlt, aus allen Kanaͤlen, und sonder- lich grade vor den Thoren an den Waͤllen und Mauern, womit die Stadt umgeben ist. Den Den 20ten August. Mein erstes Geschaͤft war heute, das Mineralienkabinet bei M. H. Engelbronner zu besuchen. Der Besitzer ist ein sehr artiger deutscher Kaufmann, und zugleich Schriftsteller in der Mineralo- gie, hat einen Katalog von einem hier verkauften Kabi- nette verfertigt, mit seinen eignen Anmerkungen begleitet, und ihn an Linne’ geschickt, und viele schoͤne Sachen aus Schweden von diesem grossen Gelehrten erhalten. Bei vielen Stuͤcken liegt noch der Zettel mit der Hand- schrift des verehrungswuͤrdigen Gelehrten, den keine buf- fonschen Witzeleien laͤcherlich machen koͤnnen. Hr. En- gelbronner sammelt auch Konchylien, die hatt’ ich aber genug gesehen, und die Boͤrsenzeit schraͤnkte uns ein, ich besah also die Mineralien, und besonders: 1) Grosse Granaten aus der Levante. 2) Alte Bernsteinkuͤgel- chen, die er ohne Ortsangabe erhalten hat. In der Mit- te hatten sie ein Loch. 3) Drei Oculos Cati aus Ost- indien. Hatten viel Aehnlichkeit mit dem Auge. 4) Granatenmutter, von Linne’ erhalten. 5) Chryso- pras der Alten, aus Ostindien. Das Sahlband ist Mica. Achat mit Pyriten darin, aus Ungarn. 7) Achates Pardaleon , braun mit schwarzen Flecken. 8) Heliotropius achates , mit den rothen Tuͤpfeln. Er hat dies Stuͤck aus einem hiesigen Kabinet gekauft, die groͤste Platte, die bekannt ist, uͤber ½. Spanne lang, und eben so breit. 8) Ein Toͤpfchen von gekochtem Reis, aus Ostindien — sehr artig, die Leute dort wollen aber nicht sagen, wie sie der Bruͤhe diese Konsistenz geben. 10) Grosse Stuͤcken Borax aus Persien, 1. von 15. Unzen Unzen Ich weis nicht, ob das die naͤmlichen sind, die Hr. Ferber in diesem Kabinette sah. S. seine Mineral- geschichte verschiedener Laͤnder S. 333. d. 20. Sept. 1779. . 11) Zinnober in Quarz, aus Ungarn. 12) Asbestes pretiosissimus , aus Ostindien, — gar schoͤn, uͤberhaupt eine herrliche Sammlung Asbestarten. Ich machte den Mann mit Sage ’s Miner. doci- mast. bekannt, und verlohr ihn ungern. Der Weg fuͤhrte mich an der Boͤrse vorbei. Da war ein erstaunendes Getuͤmmel und ein schrecklicher Auf- lauf. Ein Jude stahl an der Boͤrse einem Kaufmanne die Uhr, und wie er auch die Tabatiere holen wollte, merkt’ es der Kaufmann und schrie, gleich schlugen alle um ihn herum mit den Stoͤcken auf den Juden los, und die Gerichtsdiener bekamen ihn kaum in dem Zudringen der Juden. Von da ging ich noch einmahl zum Mittagsessen zu Mr. Trouillart , und nahm darauf Abschied von die- sem edlen guten Manne, der als ein weiser und zufriedner Christ mit einer vortreflichen Frau in einer sehr vergnuͤg- ten Ehe schon lange Jahr lebt. Ist es nicht Schmerz, viele gute Menschen, wenn man sie kaum gefunden hat, wieder zu verlieren! Nach Tische besah ich in einer brillanten Gesellschaft das Gemaͤlde- und Chinesische Kabinet des Mr. Loquet. Der Besitzer ist ein sehr reicher Kaufmann, der der es selten sehen laͤst, und es sogar dem franzoͤsischen Am- bassadeur abgeschlagen hat. Ich erhielt schon um 7. Uhr ein Billet von Mr. Lacoudré , darin ich benachrichtigt und bestellt wurde. Aber ich kan hier nichts sagen, als es ist unbeschreiblich schoͤn. Wohl dem ders sehen kan! Jahre lang koͤnnte man da studieren. Das ganze Haus steht voller Kunstwerke. Man muß das, oder das Ho- pe sche Kabinet sehen. — Gemaͤlde mit Thautropfen auf den Blumen. — Koͤpfe von Vandyck und Ru- bens. — Stuͤcke, an denen Rubens, Breughel, und Sneyers gearbeitet haben. — Ein Frauenzimmer aus Wachs, das 5. 6. Stuͤcke spielt. — Unter einer Uhr eine kleine Orgel, die fuͤr sich allein spielt. — Ein Krucifix aus Elfenbein, mit dem bewundernswuͤrdigsten Kopf. — Schlachten in Holz ausgeschnitten. — Su- sannen im Bade aus einem Stuͤck Elfenbein. — Chi- nesisches Schnitzwerk, wie Gitter, in Elfenbein. — 30.-40. Kugeln in einander. — Wo man hinsieht was anders, und uͤberall Pracht. Blind, neidisch, muͤde, im Loben erschoͤpft, entzuͤckt, erstaunt, verliebt, hungrig und durstig wird einer da. Und so beschloß ich dann meinen Aufenthalt in Am- sterdam. — Vierzehn Tage gingen weg, wie ein suͤs- ser Traum. Das Schoͤnste hab’ ich gesehen, das herr- lichste Wetter hatt’ ich, aber doch gabs Morgens und Abends schon dicke, feuchte, ungesunde Lust. Auf dem Papier ist alles nahe bei einander, aber in der Stadt kann man sich matt und voll Schweis laufen, wenn man etwas sehen will. Dukaten haben hier Fluͤgel. Die Zeit verlaͤuft einem unter den Haͤnden. — — Ach! du liebes, herrliches Amsterdam, dich seh ich wohl schwer- lich lich wieder! Morgen muß ich fort, noch etliche Oerter in Holland besuchen, und dann gehts wieder naͤher Deutschland zu. Den 21sten Aug. Von Hrn. Goel erhielt ich einen Brief nach Ma- stricht an Mr. Monachon , Kapitain in Diensten der Gen. Staaten. Und dann macht’ ich mich auf die Reise nach Utrecht. Man rechnet bis dahin 7. Stunden, aber es sind wohl 10. Das Pferd geht immer im Trabe, und wir fuhren doch von 1-8. Uhr. Ein herrlicher Weg ists auf der Amstel, und hernach auf der Vechte. Die Ka- naͤle sind sehr breit und hell. Zu beiden Seiten bis nach Utrecht sieht man weder Felder noch Wiesen, uͤberall nichts, als die herrlichsten, angenehmsten, praͤchtigsten Landsitze. Die Schiffe, die von beiden Staͤdten auf- und niedergehen, sind auch immer mit einer Menge Men- schen besetzt. Jeder zahlt 16. Stuͤber. Man passirt viele kleine Doͤrfer, wo allemahl die schoͤnsten Ziehbruͤ- cken sind, die man von weitem aufhebt, damit das Schiff mit dem Mast durchkan. Kurz vor Utrecht liegt ein grosses Dorf, davon ⅔. von Juden bewohnt werden. Das Schiff legt eine Viertelstunde von der Stadt an, und dann muß man schon den Eingang ins Thor bezah- len. Ich nahm mein Quartier bei Mr. Obelet , im Ka- stel von Antwerpen, wo der Tisch theurer war, als anderwegen. Bemer- Bemerkungen. Die Hollaͤnder lieben ihren Thee so sehr, daß sie auch aufm Schiff, das nur von einer Stadt zur andern geht, kochen. — Zu ihrem Tobak trinken sie rothen Wein. Perucken sind hier im Lande so gewoͤhnlich, daß sie auch von kleinen Kindern getragen werden. Die Klei- der sind meistens entweder schwarz oder blau. — Kauf- leute auf den Komtoirs, wickeln uͤber den Aufschlag aus Sparsamkeit ein Stuͤck Flor, damit das Kleid nicht abge- rieben wird. — Die Kleidung der Frieslaͤnder ist von der uͤbrigen sehr verschieden. Den 22sten Aug. Heute besucht’ ich gleich den Botanischen Garten, — den man hier den Stadts Tuyn onder de Linden nennt. Ich fand ihn ziemlich gros, schoͤn eingerichtet und wohl versehen. Doch sind die Namen noch groͤstentheils wachendor- f isch. Neuhaus, ein feister Mann, ist Prof. der Bo- tanik hier. Ich fand darin: 1) Basella americana , aus deren schwarzen Fruͤchten die Indianer eine schwarze Dinte machen. 2) Caffee , aus eigenen Fruͤchten ge- zogen. 3) Myrtis odor. deren Blaͤtter einen herrli- chen Caneelgeruch von sich geben. 4) Die Japanesi- sche Palme, mit ihren rauhen Blaͤttern, wovon der Palmwein gemacht wird. 5) Palma Chamaerops. die hier und sonst noch nirgends im Lande gebluͤht hat. 6) Polypodium americanum , — Das Gelbe, was man auf den Blaͤttern sieht, — sei’s nun Bluͤte oder schon schon Frucht, — sieht unter einer maͤssigen Vergroͤsse- rung herrlich aus. 7) Rivinia americana hatte eben rothe Fruͤchte. 8) Heliotrop. odor. in der Bluͤte, die wie die beste Vanille roch. 9) Ricinus mit dem brau- nen Stiel. 10) Eine besondere Ficus Wachendorf. 6te Spec. 11) Ein Brodbaum, noch jung. Bro- wallia. — 12) Mesembryanthemum , oder Eis- pflanze, Blaͤtter und Stiele sind mit kleinen Krystalli- sationen bedeckt, wie Eis, die kalt anzufuͤhlen sind, und zerdruͤckt, Wasser ins Gesicht spritzen. 13) Echinoca- ctus , ganz rund mit vielen Warzen, und auf jeder eine Menge Stacheln nach jeder Seite. 14) Euphorbia Caput Medusae. 2. ausserordentliche grosse. 15) Pal- ma , mas et soem. 200. Jahr alt, und schon 2. Kin- der von den Alten, die 52. Jahr alt waren. 16) Sola- num Melongena , oder Eierpflanze, trug weisse laͤng- lichte Fruͤchte wie Eier. 17) Laurus Camphora , sehr gros mit vielen Rejettons in Toͤpfen. Neuhaus hat davon wirklich Massen von Kampher von der Groͤsse ei- nes Sechstehalb herausgezogen. 18) Liriod Tulpif. bluͤht hier auch nicht. 19) Urtica Romana , deren Frucht so empfindlich in die Nase sticht. Aus diesem Garten ging ich auf die Schneidekammer, oder das Theatrum anato- micum. Sie ist fast so gros, als die in Leyden. Es sind Praͤparata und Naturalien da, unter andern: a) Ein Stein aus einem Menschen, uͤber 1. Pfund schwer. Der Mann ward doch 84. Jahr alt. b) Ein Schiff aus der Straat Davis, aus Wallfischhaut gemacht, lang, rund, und ausser einer Oefnung in der Mitte, wo man eine Figur aufgesetzt hat, ganz zu. Ueber diesem Saal steht Das Das Modell des Tempels Salomons. Der Prof. Mill, der ehemals hier war, hat es auf eigne Kosten machen lassen, und es dann der Universitaͤt ver- macht. Man hat 7. Jahre daran gearbeitet, es soll ei- nige 1000. Gulden kosten. Alles daran ist aus Holz, und meist weislicht angestrichen. Alles was die Schrift nach Ellen angibt, ist hier in Zollen nachgemacht Das Verhaͤltniß an diesem Modelle ist so, daß man 1. Zoll fuͤr 24. angenommen, und es also 24 mahl kleiner gemacht hat. Ueberhaupt ist es 16. Schritte lang und 10. breit. Herausgeber. . Die beiden Saͤulen, Jachin und Boas, und das eher- ne Meer sind aus Kupfer. Die Vorhoͤfe fuͤllen das gan- ze Zimmer. Es sind eine Menge Fenster mit Gitter- werk daran. Die Treppen und Thuͤren sind gar artig. Am Tempel selber oͤfnet man einen Theil, so sieht man das Heilige und Allerheiligste. Die 2. Vorhaͤnge sind von Pers, der Schaubrodtisch von vergoldetem Holz. Im Allerheiligsten steht die Bundslade, und darauf gros- se Engel mit Fluͤgeln. Auch der Thron, auf dem Sa- lomo bei der Einweihung sas, ist nicht vergessen. Die guͤldenen Leuchter sind gar schoͤn. Es scheint aber, daß man den andern Tempel zu Christi Zeiten zu viel kopirt hat. Der Aufseher wollte mir auch eine Thuͤre fuͤr die schoͤne, Apost. Gesch. III, 1. ausgeben ꝛc. Hierauf lernte ich Hrn. Dr. Boddaert kennen. Er ist ein Arzt, der aber nicht praktizirt, und sich blos dem Studium der Na- turgeschichte, ohne grade einen bestimmten Theil zu waͤhlen, widmet. Er ist schon bei Jahren, liest zwar deutsche Schriften, P p Schriften, bat mich aber wegen des Redens, fra n zoͤsisch zu sprechen, zeigte sich aber gleich mit offner Seele. Sei- ne kleine Konchylien- Fisch- und Schmetterlingssamm- lung steht in einem engen Raum zusammengepfropft. Ich sah und bemerkte darin Folgendes: 1) Die Telline, die im ersten Bande unsrer berliner Akademie beschrie- ben ist. 2) Die Testudo cartilag. die Lacerta am- boin. den Chaetodon etc. und alle die Originalien aus Schlossers in Amsterdam Sammlung, die Boddaert mit illuminirten Kupfern, hollaͤndisch und lateinisch in 4to beschrieben hat. 3) Ich erfuhr, daß der lange Sta- chel, den ich von van der Moelen in Amsterdam zum Geschenk erhalten hatte, nichts anders ist, als die Pen- natula juncea aus Groͤnland, die Pallas im Elench. Zooph. Boddaert hat dies Buch ins hollaͤndische uͤbersetzt, und viele seltene Stuͤcke, und auch dies dazu in Ku- pfer stechen lassen. beschrieben hat. 4) Auch sah ich viele Ko- rallen- und Zoophytenstuͤcke mit Polypen, welche die beste Widerlegung der muͤller ischen Einwendungen sind. An jener Penn. junc. die Boddaert hat, sassen auch Anhaͤngsel von Polypen. Ich erhielt von ihm einen Oursin mit Stacheln, und einen kleinen Nautilus zum Geschenk. Wir rede- ten ab, morgen mit einander beim Apotheker Julianus zusammen zu kommen. Als ich ihn verlassen hatte, be- sucht’ ich Die Fundatie oder das Kinderhaus der Frau von Renswoude. — Diese reiche, — und was un- endlich mehr ist, — diese menschenfreundliche Dame stiftete stiftete 3. Haͤuser in Delft, im Haag, und in Utrecht, wo junge faͤhige Knaben, aus andern Waisenhaͤusern aus- gehoben, alles frei und umsonst lernen koͤnnen, nur keine Theologie. Zu jedem dieser Haͤuser legirte sie 25. Ton- nen Goldes. In diesem hier sind 12. junge Leute, sie haben eine praͤchtige Wohnung, einen grossen Lehrsaal, schlafen 2. und 2. in Betten mit Umhaͤngen, tragen blaue Kleider mit rothem Futter und zinnernen Knoͤpfen. Sie haben 12. Lehrer, mahlen alle ihre Lehrer aufs praͤchtigste ab, machen Modelle von Windmuͤhlen ꝛc. haben eine Zeichenkammer, wo Modelle vom menschlichen Koͤrper und Gliedern liegen, zeichnen die vortreflichsten Landschaf- ten auf ihre Tapeten, haben ihre eigne Kornkammer, und oben auf dem Dach die praͤchtigste Aussicht. Beim Es- sen ist allemahl ein Vater und eine Mutter zugegen. Das Zimmer, worin die Lehrer ihre Versammlungen halten, und wo das Leinenzeug und das Silber verwahrt wird, ist gar praͤchtig. Es haͤngt darin ein Gemaͤlde von der edlen Frau, die ihr Geld so wohl anzuwenden wuste, und noch andre ganz kostbare Stuͤcke von jungen Leuten, die hier gebildet wurden, und jetzt in Amsterdam mit Ma- len viel Geld verdienen. Da ich so nah war, so must ich doch auch Zeyst besehen. Das ist ein herrenhutisches Dorf, 2. starke Stunden von Utrecht, das von jedem Fremden besucht zu werden verdient. Der Weg ist fast ganz ge- pflastert bis dahin, wo er sich nach der rechten Seite wendet, und durch einen tiefen Sand fortgeht. Da sieht man recht die herrlichen Felder um Utrecht herum, und erblickt auch wieder Aecker, und sieht pfluͤgen ꝛc. das man sonst in Holland nicht zu sehen bekommt. Die P p 2 Leute Leute bauen hier viel Buchweitzen oder Heidekorn ꝛc. Das Dorf selber ist in Absicht der Lage und der Gebaͤude, eins der schoͤnsten Oerter, die man sehen kan. Die Baͤume vor den Haͤusern uͤberwoͤlben sich, und geben die schoͤn- sten Spaziergaͤnge ab. Die Einwohner sind groͤsten- theils Herrenhuter, und Professionisten, die ihre Arbeit in der ganzen Welt herum versenden, und selbst auch vie- le englische Waaren verkaufen. Sie sind groͤstentheils Deutsche, man redet daher hier deutsch, kleidet sich deutsch, und der Unterschied der Deutschen und der Hol- laͤnder ist sichtbar. Als maͤhrische Bruͤder sind sie alle still, bescheiden, liebreich, sprechen wenig, sind gegen je- den Fremden hoͤflich, sprechen aber gern von der Re- ligion. Ich sprach mit einigen Bruͤdern, und versicherte sie, daß wir in der Kirchengeschichte ihre Verdienste in Groͤn- land wohl zu schaͤtzen wuͤsten, und daß ich Cranzens Geschichte von Groͤnland mit Erstaunen gelesen haͤtte. Dagegen erfuhr ich wieder von ihnen, daß Cranz ge- storben ist, und daß Oldendorp jetzt in Neuwied die Geschichte fortsetzt, und wirklich eine von St. Thomas, die auch fuͤr die Naturgeschichte wichtig waͤre, geschrieben hat, und daß wirklich auch in Labrador durch den Dienst der Bruͤder ein Heide sei getauft worden. — Wir sprachen noch manches uͤber die protestantische Kir- che, und ich freute mich sehr, daß die Leute nicht spiel- ten, aber grosse Begriffe von der Herrlichkeit des Erloͤ- sers hatten, und so verlies ich mit den besten Wuͤnschen fuͤr das ruhige Leben und Gluͤck dieser wahrhaftig guten Menschen einen so angenehmen Ort; besah jedoch vorher noch ihre Waaren. Waaren. Die schoͤnsten stehen in Haͤusern, die in der Mitte des Orts ringsherum gebaut sind, und wie ein wahres Schlos aussehen. Sie zeigen sie alle, wenn man nur in einer etwas kauft. Einer zeigt des andern seine Waare, alle oͤffnet Ein Schluͤssel. Alle ihre Sachen sind im englischen Geschmack, und haben alle Zettel anhaͤngen, worauf der Preis steht. Bieten kann man da nicht, man zahlt, was darauf steht. Daher verkauft auch einer fuͤr den andern. Schoͤn, und fein sind ihre Waaren, und der Preis ist nicht uͤbersetzt, vieles ist um die Haͤlfte, manches um 6, 7. Gulden wohlfeiler, als in Amsterdam. Man sieht alle moͤgliche Sachen, und koͤnnte sich da in kurzer Zeit eine ganze Haushaltung, Garderobe, Meublen, Galanterien ꝛc. anschaffen. Wers Geld lieb hat, muß nicht hierher kommen. Es ist ein verfuͤhrerischer Anblick. — In dem andern Theil dieser Gebaͤude wohnen die Schwestern. Ich wartete auch ihren Gottesdienst ab. Alle Abende um 7. Uhr wird eine Betstunde von einer starken halben Stunde gehalten. Ihre Kirche, — denn es ist noch eine andre im Orte — steht in der Mitte, ist ein schoͤnes Gebaͤude, ganz neu, gros, hell, hat eine Orgel, aber keine Kanzel, sondern nur ein erhoͤhtes Tischchen, und eine kleine Glocke. Man rechnet die Gemeine auf 400.-430. Familien, und fuͤr diese ist ein Prediger angestellt. Der Gesang war deutsch, zart, lieblich, einnehmend, sanft, ruͤhrend. Dann las der Prediger eine kurze Rede uͤber Dan. XII. „Du bist „mir lieb und werth,“ ab. Die Anrede war: Meine liebe Geschwister, und der Hauptgedanke, daß in dieser Versicherung des Heilandes, — denn bei dem war er P p 3 gleich, gleich, — mehr liege, als ein Mensch fassen koͤnnte, daß jede Seele es auf sich zu ziehen wuͤnsche, aber unge- wis sei, ob sie’s auch thun duͤrfe ꝛc. Das alles ward mit einer lieblichen, zarten, freundlichen Stimme vorge- tragen. Ich konnte leider nicht viel mehr davon hoͤren, weil ich noch nach Utrecht zuruͤcklaufen muste, eh das Thor geschlossen wurde, aber man sage, was man will, waͤr ich nahe bei diesem gluͤcklichen Ort, ich kaͤme oft zu diesen Versammlungen. Auf dem Ruͤckwege kam ich erst ins Regenwetter, hernach sah ich etlichemahl das sogenannte Sternschies- sen. So geschwind wechselt die Witterung in diesem Lande ab. Den 23sten Aug. Heute besah ich Van Molls Seidenhaspel. — Dieser Mann, der nun schon 30. Jahre todt ist, hat in seinem praͤchtigen Garten haussen vor der Stadt eine grosse sehenswuͤrdige Maschine, die Seide abzuhaspeln, zuerst angelegt. Der Platz fuͤhrt noch seinen Namen, die Fabrik aber und der Garten dabei gehoͤrt seiner Wittwe, die nachher einen Ciderveldt geheirathet hat, von dem sie auch wieder Wittwe ist. In einem grossen Saal a plein pied sind 9. Schuh hohe Stellagen in Oval angelegt, auf jeder sind in 2. Reihen uͤbereinander 140. Seidenspulen. Ue- ber diesen ist ein grosser Balken, an dem werden die Ha- spel eingesteckt, uͤber diese Haspel haͤngt man die Seiden- straͤnge, und diese werden durch das Umwaͤlzen des Bal- kens auf die unten stehenden Spulen abgewickelt. Zu- gleich drehen sich unten die Spulen herum, wickeln die Seide Seide auf, und drehen sie zugleich noch mehr zusammen. Die ganze Maschine wird durch ein grosses Wasserrad getrieben. Man hat hier Gelegenheit gehabt, dem Was- ser einen gewaltigen Fall zu geben. Das Rad treibt andre kleinere, vermittelst Kammraͤder und Getriebe, und so werden oben die Haspelbalken, und unten durch Rollen und kleinere Wellen die Spulen herumgetrieben. Ueber diesem Saal ist ein andrer, wo kleine Kinder die grossen dicken Straͤnge in kleinere abhaspeln. Neben diesem Saal sitzt ein Mann, der die gekauften Seiden- straͤnge sortirt. Man kauft die Seide aus Frankreich, Deutschland, auch aus Ostindien, Bengalen ꝛc. Man liebt die franzoͤsische ostindische Seide nicht, und mag lieber die englische haben. Weiter wird hier die Seide nicht verarbeitet, sondern man verkauft sie auf den Spulen an die Seidenweber. Die Fingerhutfabrik konnt’ ich nicht besehen. Ehemals war sie in der Stadt, da trieb man sie mit Pferden, jetzt ist sie auf dem Bilt, eine Stunde von der Stadt, wo man sie mit Wasser wohlfeiler treiben kann. Allein das Regenwetter und meine Zeit erlaubten heute nicht schon wieder eine Excursion von der Art, wie die gestrige. Dagegen besah ich das Kabinet des Hrn. Apotheker Julianus. Unstrei- tig gehoͤrt das zu den groͤsten Merkwuͤrdigkeiten in Utrecht. Boddaert machte mir Gelegenheit, es zu sehen, es ist besonders in der Ichtyologie, Konchyliologie und Ento- mologie merkwuͤrdig. Ich traf darin mehr seltene und fremde Fische an, als bisher irgendwo. Pallas und Banks haben auch deswegen den Besitzer besucht. Er hat: 1) Den Gobius Boddaerti , s. Pallas. 2) P p 4 Die Die Scorpaena volans. 3) Den Callionymus , ganz schwarz. 4) Eine Muraena , aus Surinam, die gar besonders gebildet ist. 5) Eine Remora mit 2. weissen Baͤndern. 6) Einen Silurus , aus Surinam, mit erstaunlich langen Cirrhis. 7) Eine Amphisbae- na , ganz weis. 8) Die Naja mit der Brille auf dem Kopf. 9) Einen Gymnotus electricus , er hat ein tiefes Blau. Die Flasche, in welche er, ohne gemessen zu werden, gepackt worden, ist 2. Spannen hoch. Er sollte lebendig ankommen, starb aber auf der Reise. 10) Eine Klapperschlange, Julianus hatte sie lebendig. 11) Den Xiphias gladius , noch jung, in Weingeist, aber doch der Groͤste, der, soviel man weis, in Kabinettern ist. 12) Praͤchtige Kolibris und Kotingas. — 13) Lacerta corylus , mit dem Stachelschwanz, eine grosse Seltenheit. 14) Eine unbeschreiblich schoͤne Sammlung von Insekten, wo das Auge zuletzt ermuͤ- det, z. B. Pap. Claudia , s. d. Naturforscher, und Cassida perforata Pallas. Und nun trat ich noch diesen Abend die Ruͤckreise nach dem Haag an. Von hier nach Boldyck und Mastricht ist keine regulaͤre Voiture. Der Wagen geht nur, wenn Leute genug da sind, oder wenn einer allein die ganze Fuhre bezahlen will. Ich muste mich entschliessen, nach dem Haag zuruͤck zu reisen, ging also ins Nachtschiff, und von Utrecht Abends um 8. Uhr ab. Wir passirten Ammersfort, einen Ort, wo sehr viel Tobak gebaut wird, und der jetzt, bei dem traurigen Kriege zwischen Engelland Engelland und Amerika, durch diese Pflanzung sehr viel gewinnt. Woorden, einen langen Ort, der ungemein viele und starke Befestigungen hat. Drauf schlief ich ein. Auf Kuͤssen und Mantelsack schlaͤft sichs auch gut, wenn man muͤde ist. Des Mor- gens um 4. Uhr war der Anbruch des Tags fuͤr mich auf dem stillen Wasser, ein herrlicher Anblick. Den 24sten Aug. Man rechnet den Weg von Utrecht nach dem Haag auf 14. Stunden, es sind aber wenigstens 16. Um halb sechs Uhr waren wir in Leyden, und um 9. Uhr im Haag. Ich bezog mein altes Logis wieder, weil das Schiff nach Herzogenbusch morgen vor dem Hau- se abfahren sollte, und suchte noch Vormittags meine alten Bekannten auf. Nach dem Essen besah ich das Dr. van Hoey’s Naturalienkabinet, in Gesell- schaft des Hrn. Dr. Titius aus Dresden, und Hrn. Sauermanns, und Hrn. Guͤldens von Braun- schweig, die nach Engelland reisten, und mich in Am- sterdam nicht finden konnten. Eine Menge Fische, Schlangen, gar schoͤne Sepiae , an denen jede Saug- warze mit vielen Werkzeugen zum Festhalten versehen ist, viele Mineralien, Konchylien und Insekten ꝛc. Wir plauderten aber so viel, daß ich mich auf vieles gar nicht mehr besinnen kann, und aufschreiben konnt’ ich nichts, als daß ich hier das Modell von einem sehr grossen Dia- P p 5 manten manten sah, der ehemals vom Herzog in Burgund, Karl dem Kuͤhnen getragen, und nach der Schwei- zer Schlacht, in welcher er geblieben, von einem Bauer gefunden und an verschiedene Leute verkauft ward, bis er endlich in des Pabsts Krone kam, wo er — schade, daß er keinen wuͤrdigern Platz hat! — noch ist Hr. Dr. Titius sagt in seinem schon vorher angefuͤhr- ten Reisejournal von diesem Kabinette. „Die gros- se Menge merkwuͤrdiger und seltener Schlangen, Skorpionen, Kroͤten, Froͤsche, Spinnen, auch an- dern Insekten, die alle sehr gut in Spiritu erhalten sind, verdient Aufmerksamkeit. Die Glaͤser waren seiner (des Besitzers) Versicherung nach, seit 20. Jahren nicht auf- oder umgefuͤllt worden, und den- noch waren sie ganz voll. Unter den Mineralien ist eine schoͤne Krystallisation des Eisens von der Insel Elba. Unter den Versteinerungen, eine Patelle; unter den Muscheln viele schoͤne; unter den getrock- neten Animalien, eine sehr seltne Beutelkrabbe, die unter dem Schwanz einen Beutel hat, welcher mit einer Klappe versehen ist, aus welchem sie den Saa- men oder die Eier gehen laͤßt, und die gleichfalls nicht gemeine Loos-Krabbe, die in ihren Scheeren eine freie Artikulation hat, und sie nach allen Seiten hin- drehen kann. Viele schoͤne Fische, die alle halb und aufgelegt, auch so gut praͤparirt sind, daß sie nicht das geringste von ihrer natuͤrlichen Farbe verlohren haben; der feine Firniß, mit dem sie uͤberzogen sind, bewahrt sie fuͤr der Verderbnis.“ Herausgeber. . — Van Hoey ist ein vortreflicher verbindlicher Mann, und zugleich ein einsichtsvoller Arzt. Hr. Dr. Titius sprach bei der Gelegenheit von einem Crot. horr. der am am Schwanze nur einen einzigen Hornartigen Ring haben soll. Abends war ich noch bei Hrn. Treuer, der an sei- nen Fuͤssen krank war. Den 25sten Aug. In aller Fruͤh ging ich auf das Kleine Loo — eine kleine Menagerie des Prin- zen von Oranien, noch eine Viertelstunde unter dem Haus im Busch. Alles, was ich da neues gese- hen habe, war: 1) Sus afric. das Pallas beschrie- ben hat. Die Zeichnung von ihm entspricht auch voͤllig der Natur dieses Thieres. Ich weckte es aus dem Schlaf auf. Grunzen konnte ich nicht von ihm hoͤren; es ist ein Paͤrchen da, die Leute fuͤrchten sich, und sagen, es sei so falsch, d. i. beissig, das schien mir aber nicht. Ich ging zu ihm hinein, und betastete seine Borsten. Von der Stirne an gegen den Ruͤcken steigt ein starkes Haarbuͤschel auf. Noch halb im Schlaf waͤlzte und streckte es sich ganz faul zu meinen Fuͤssen hin. Auch die Zaͤhne lies es sich befuͤhlen. Sie waren aber noch nicht gros; das Thter war auch noch jung. In seinem Behaͤltnisse laufen zugleich 2. junge Rehe herum, und diese Thiere vertragen sich friedlich mit einander. 2) Ein Falke vom Kap, der schoͤn war. 3) Ein Reiher, Nucha und Gula waren roth, sonst alles weisgrau. 4) Simia palatina , war ganz schwarz, hatte aber einen dicken weisgrauen Bart. 5) Kavia, in meinen Augen ein merkwuͤrdiges Thier, hat kurze Vorderfuͤsse, wie ein Kaninchen, lange Laͤufe, wie ein Haase, einen zott- zottichten Schwanz wie ein Fuchs, und gar eine sonder- bare Bildung des Mundes. Im Ruͤckwege nahm ich einen andern Theil der schoͤ- nen und angenehmen Spaziergaͤnge in Augenschein, und sah da, daß alles Heu fuͤr die erbstatthalterischen Staͤlle, und fuͤr die Reiterei in grossen Hausen an der freien Lu ft auf behalten wird. Man daͤmmet es so fest zusammen, daß man es hernach herausschneiden muß. Man glaubt nicht, wie viel Heu in so einem Haufen steckt. Vor dem Regen fuͤrchtet man sich dabei nicht, es ist oben ein Dach daruͤber, daß es ablaufen kan und fuͤr das Vieh soll das Heu viel angenehmer seyn, als das Heu in den Staͤllen. Nun nahm ich von meinem Freund Muzenbecher Abschied, und ging um 12. Uhr wieder mit allerlei Mund- provision versehen, zu Schiffe nach Herzogenbusch. In Delft blieben wir liegen bis um 6. Uhr Abends. Die Matrosen hatten \frac{5}{4} . Stunden zu thun, bis das Schiff zum Seegeln ausgeruͤstet war. Und das ist immer har- te beschwerliche Arbeit. Kein Wunder, daß sie meist rauhe, plumpe Karaktere sind, wiewohl auch da keine Regel ohne Ausnahme ist. Der Wind war gut, wir seegelten schnell und kamen bald nach Delftshaven, einem schoͤnen grossen Flecken mit einem guten Hafen. Wir lagen hier stille bis um 11. Uhr, binnen welcher Zeit wir noch viel Leute einnahmen. Dann wurde die grosse Schleuse geoͤfnet, und wir kamen in die Maas, die sehr breit und stark war. Um Um Mitternacht passirten wir Rotterdam, wo eben wegen der Kirmes in allen Haͤusern die Fenster erleuchtet waren. Einen herrlichen Anblick gibts aufm Wasser, an einer langen, gleichsam brennenden Stadt, und bestaͤndig an andern Schiffen vorbei zu fahren! Bemerkungen. Die Hollaͤnder koͤnnen zum Theil ziemlich saufen, und fangen dann ein tolles Laͤrmen an. Selbst alte Maͤnner nehmen die Flasche Brantewein in die Hand und singen anakreontische Lieder. Zum Singen ist die Sprache sehr bequem; ihre Lieder haben viele Abwechs- lung, viel Lebhaftigkeit! Den 26sten Aug. Der Wind hatte sich etwas gedreht, wir segelten langsamer, passirten einige Doͤrfer, kamen um Mittag in den Diest, einen schmutzigen truͤben Fluß vor Herzo- genbusch, und um halb 2. Uhr waren wir in Herzogenbusch. Die Stadt hat auf dieser Seite eine starke Schanze, die sie beschuͤtzt. Die Stadt selbst ist unter allen hollaͤndischen Staͤdten, die ich gesehen ha- be, die schlechteste. Die hollaͤndische Reinlichkeit hoͤrt hier auf den Strassen schon auf. Es ist in der Stadt mehr Laͤndwirthschaft als Stadtleben. Die meisten Strassen sind krumm und enge, doch sind einige schoͤn, auch einige Plaͤtze mit schoͤnen Haͤusern umgeben. Ich besah nichts als die grosse Stifts- Stiftskirche, oder neue reformirte Kirche. Ein Gebaͤude aus erstaunend hohen Gewoͤlben zusammenge- setzt. Am Eingange vom Schiff der Kirche stehen etli- che Pfeiler, drren jeder 30. Fuß im Umkreis hat. An den vielen alten Wappen muß man die Dauerhaftigkeit der Farben von 1420. ꝛc. bewundern. Am Chor findet man eine Holzschnitzerei von 1620. Christi Anbetung von den Weisen vorstellend, die aͤusserst fein ist. An der Or- gel sind die aͤussern Pfeiffen uͤbersilbert, und die mittlern uͤberguͤldet. — In einer Kapelle steht eine praͤchtige Taufmaschine von 1492. aus Messing, 3000. Pfund schwer. In der Mitte ist die Oefnung. Sie hat einen pyramidenfoͤrmigen Deckel, auf dem oben Figuren der Apostel, Paͤbste ꝛc. sitzen. Ein Meister aus Mast- richt hat sie gemacht. Sie ist 2. Mannshoͤhen gros. An der Kanzel sieht man ebenfalls schoͤne Holzschnitzereien. Den 27sten August. Morgens fruͤh um 2. Uhr macht’ ich mich auf den hollaͤndischen Postwagen, wo alle Kuffer und Mantelsaͤ- cke hinten im Wagen selbst neben den Passagiers befind- lich sind, wieder weiter auf die Reise nach Mastricht. woselbst ich auch Abends gluͤcklich eintraf. Bis hierher ist die Gegend, wie uͤberall in Holland, Wiesen oder Wasser oder Sand, kleine Doͤrfer genug. Das Meiste des Weges, den man auf 22. Stunden rech- net, ist traurige Heide. Man kommt bald ins Luͤttich- sche. Da spricht man deutsch, franzoͤsisch, wallonisch, fla- flamlaͤndisch. Nicht weit von Mastricht hat man an- gefangen, die Heide zu bauen, wozu einige reiche Parti- kuliers das Geld hergeschossen haben. Es steht schon ein Haus mitten auf der Heide. Man hat hier wieder ander Geld, und eine Rech- nung, die halb hollaͤndisch, halb brabaut isch ist. Im luͤrtich schen trift man, wie in allen bischoͤflichen Laͤndern, schon wieder viele Armuth und Bettelei an. Den 28sten Aug. Mastricht ist eine schlechtgebaute, alte Stadt, mit krummen Haͤusern und Gassen. Der Paradeplatz und der Platz vor dem Rathhause sind schoͤn. Ich logirte au Marechal de Turenne. Mein erstes Geschaͤft heute war, den Hrn. Hauptmann Monachon, an den mir Hr. Goel in Amsterdam ein Empfehlungsschreiben gegeben hatte, zu besuchen. Ich fand einen ehrlichen Schweizer an ihm. Er hat seine Stelle unter den hollaͤndischen Trup- pen verkauft, seinen Rang aber behalten, und lebt als ein Philosoph und Gartenfreund in einer gluͤcklichen Ehe ganz ruhig. Er und seine Frau waren eben mit einem Nota- rius beschaͤftigt, ein Instrument aufzusetzen, daß ein ge- wisser Demilly auf Hrn. Monachon’s Kaffeeplantage in Surinam im Fall, daß der erste Besitzer der Planta- ge sterben sollte, weil man das in Europa erst nach 8. Monaten erfaͤhrt, zum Nachfolger bestimmt sei. Die Formalitaͤt der Gesetze verlangte dazu 3. Zeugen. Man hatte eben nach dem Nachbar geschickt, der war nicht zu- gegen, ich kam eben dazu, und so ersuchten mich die Leute, das das Instrument zu unterschreiben. — So koͤmmt also meine Hand nach Amerika! Hierauf ging ich mit mei- nem Freunde aus, um die Naturalien des Konsul, Hrn. Regnards, aus dem Meer bei Kadix, zu besehen. Der Besitzer ist der naͤrrischste, laͤcherlichste Mann, den man sehen kan. Al- len Leuten schlaͤgt ers ab, es zu sehen, sogar dem Kur- fuͤrsten von Koͤlln hat ers so gemacht. Monachon ist sein alter Freund, wir versuchtens also, und bekamen doch einen Theil zu sehen. Eine Menge Versteinerun- gen vom Petersderge. Petref. Incrustat. aus dem Meere bei Kadix, woraus man dort Haͤuser bauet. Viele herrliche Meerkoͤrper; Regnard hatte die Theorie davon, daß alle Korallen weis waͤren, die gelbe oder ro- the Farbe aber ruͤhre vom Saft andrer Meerschnecken her, die darauf herum kroͤchen. Auch in Feuerstein hat er viele Versteinerungen aus der Gegend bei Kadix. Als wir ihn verlassen hatten, stiegen wir auf den Petersberg. — So heist ein Berg auf der einen Seite von Mastricht. Der erste Berg, den ich seit dem platten Holland wieder gesehen habe. Oben ist er angebaut, und hat einen sehr breiten Ruͤcken, den die Bauern in Gaͤrten und Felder verwandeln. Unten ist er auf der einen Seite ganz mit einer gelblichten Marne, mit einem feinen eisenschuͤssigen Thon angefuͤllt. Aus diesem Stein haut man alle Bausteine, die man in der Stadt zum Grunde der Haͤuser braucht, das uͤbrige Haus wird aus Backsteinen gebaut. Selbst alle Fe- stungswerke ruhen auf diesen Steinen. Dadurch sind grosse ungeheure Loͤcher und Hoͤlungen auf allen Seiten durch den ganzen Berg entstanden, in denen man sich ohne ohne Fackeln und Wegweiser verirren koͤnnte. Man sieht uͤberall die Eingaͤnge, wie die Loͤcher zum Avernus. Man braucht den Stein auch als eine fruchtbare Mergel- art auf die Felder. Weil unten alles ausgehoͤhlt ist; so stuͤrzt sehr oft in einer Nacht ein grosses Stuͤck vom obern Berge ein, so daß die Bauern die Aecker suchen muͤssen. Man begegnet oben uͤberall solchen eingesunke- nen Feldern. Man baut dann Kuͤchengewaͤchse darauf, wo man mit der Hacke zukommen kann. Geht man hinein, so ists sehr kuͤhl darin, und die Gaͤnge ziehen sich krum hinein. Die Leute, welche am Fuß des Berges wohnen, brauchen diese Hoͤlen als Behaͤltnisse fuͤr ihr Heu ꝛc. Das sonderbarste aber ist, daß dieser Stein, wenn er viel tragen und lange dauern soll, grade so wie- der gelegt werden muß, wie er im Berge gelegen hat. Die Steinbrecher machen daher gleich auf die obre hori- zontale Flaͤche jedes Stuͤcks ein Kreuz. Legt man ihn wieder so, so dauert er unendlich, und traͤgt Fortifikatio- nen: bringt man ihn aber in eine andre Lage; so traͤgt er kaum 100. Pfund und bricht. Auf der andern Seite des Bergs fliest die Maaß, und da ist der Berg mit Versteinerungen und Kieseln angefuͤllt. Auf diesem Berge blickt ich schon wieder von weitem auf die geliebten Fluren Deutschlands hin, und bewill- kommte sie mit patriotischer Freude. Den Rest des Tags brachte ich mit meinem Freunde Monachon hin. Hofmann’s Versteinerungskabinet war nicht zu sehen. — Wir waren im Blumengaͤrt- chen, und sprachen — wovon? Ach ja, von Pflanzen und Thieren, bis ich Nachts um 10. Uhr von meinem Freunde und seiner vernuͤnftigen Gattin in meine Au- Q q berge berge begleitet, leider auch diese wackern Leute wieder ver- lor. Reise nach Aachen. Den 29sten Aug. Man rechnet den Weg von Mastricht nach Aachen 6. Stunden. Fast bestaͤndig geht er bergan. Da merkt mans dann, daß man in einem platten Lande ge- wesen ist. Aber die weiten fruchtbaren Felder zu beiden Seiten der Berge, die reine frische Luft, und die laͤndli- che Arbeitsamkeit des deutschen Bauers, freuten mich wieder unendlich. Eine Viertelstunde von Mastricht, ist man schon wieder in Deutschland, und wers nicht Holland und Frankreich vorzieht, der ist nicht werth, daß er bei uns gebohren ist. Aachen. Ich trat bei Hr. Fink au dragon d’or ab, und konnte mich wegen der Posteinrichtungen, — die man nicht wie Treckschuyten haben kann, wenn man will, — nicht lange aufhalten. Ich besah indessen Die Baͤder. Sie sind alle warm; man badet und trinkt. Die meisten sind so warm, daß man kaum die Hand darin leiden kann. Sie sehen auch so truͤbe aus, wie kochendes Wasser. Geschmack und Geruch sind eckelhaft schweflicht. Einige sind in die Stadt geleitet, aussen aber in der Quelle sind sie noch waͤrmer. Bei Burscheid, einem Flecken nicht weit von der Stadt, ist ein kochender Brunnen auf der Strasse mit einer Brunnenschale umgeben. Man kan in wenigen Minu- ten ein Ei darin sieden. Man hat hoͤlzerne Kasten uͤber die warmen Daͤmpfe, und steigt bis an den Hals in den Kasten, Kasten, dadurch entsteht ein so heftiger Schweis, daß man es nur 6. ‒ 8. Minuten aushaͤlt. Bei den Leitun- gen in der Stadt sind keine Badewannen, sondern in je- dem Badzimmer ist ein ausgemauertes Bad, wo man auf Stuffen hineinsteigt. In jedem Badzimmer findet man auch die sogenannten Douches oder Pumpen, wodurch man das Wasser auf gelaͤhmte Glieder oder andre Schaͤden mit grossem Nutzen fallen laͤst. Es sind Spaziergaͤnge dabei angelegt, und eine Gallerie, auf welcher die Stadt durch ihre Musikanten alle Morgen bis 9. Uhr, so lange da getrunken wird, Musik machen laͤst. Grosse Wohl- that Gottes, die nur ein Leichtsinniger kalt und unem- pfindlich ansehen kan! — Das Messingmachen. Die Leute machens, und kennen den Namen nicht, sie nennens Kupfergiessen. Man hat wohl 20erlei Art Kupfer hier, aus Ungarn, Norwegen, Sponheim ꝛc. Das Saxum fuso- rium kommt aus St. Malo. Den Galmei hat man hier, der schmutzigste ist oft besser, als der gelbgruͤne. Man hat nur 2. Ofen, in jeden werden 8. Toͤpfe in einen Kreis gesetzt. Man giest nicht alle Tage, und feuert mit Holzkohlen, welches das Eigene dieser Werke ist. Die Fingerhutfabrik, gleich dabei gelegen. Aus angefeuchteter schwarzer Erde macht erst einer nach einem Modell die Stoͤpsel oder Modelle, uͤber die hernach die Huͤte gegossen werden. Alle diese kleinen Pyramiden von Erde werden in ein durchloͤchertes Bret reihenweise ge- steckt. Auf dieses koͤmmt ein andres Bret mit korre- spondirenden Loͤchern. Das wird darauf durch Schrau- ben fest gemacht. Nun setzt der Arbeiter die Breter erst zum Ofen hin, daß die Erde etwas trocken wird, und ar- Q q 2 beitet beitet unterdessen an einem andern. Indessen schmelzt auch das Messing im Topfe im Ofen. Der Kerl faßt dann den Topf oben an einem Ringe mit einer Zange, und giest das fliessende Messing in das aufrechtstehende doppelte Bret oben, durch eine Oeffnung ein. Darauf laͤuft es in Rinnen, die ebenfalls aus Erde gemacht sind, zwischen den Reihen hinab; zu jedem Hut ist eine kleine Queerrinne, da fliest so viel hinein, als zu einem Hut noͤthig ist; und so werden 150. Stuͤck mit 5.-6. Pfund Messing auf einmahl gegossen. Sie kommen grob und halb voll heraus, werden daher von hier auf Muͤhlen zum Schleifen geschickt. Wie reizend ist es, das menschliche Leben in seinen untersten Stufen kennen zu lernen, und die Zeit, die Tau- sende im Arm der Buhlerin, am Spieltische, beim vollen Becher oder im Schauspielhause verschwenden, nuͤtzlichen Beschaͤftigungen zu widmen! Gesegnet seid ihr, ihr Wei- sen und Rechtschaffnen in Goͤttingen, die ihr mich zuerst auf dies Feld fuͤhrtet, und von Roͤmischen und Scythi- schen Sterilitaͤten ableitetet! — Die Domkirche. Sie ist ganz im alleraͤltesten Geschmack gebaut, nicht gar gros, und beinahe ganz rund. Im Chor ist viel Gold und Bildhauerarbeit. Vor dem Chor liegt unter einem grossen weissen Steine, wenigstens ohne sichtbare Inschrift, Karl der Grosse begraben. Oben sieht man in einer Kapelle sein Bild- nis in Lebensgroͤsse. Das war ein Mann! das war ein Fuß! Wachspuppen sind unsre nervichten Grenadiers da- gegen. Man sieht auch in einem hoͤlzernen Kasten den steinernen Thron, auf dem der Kaiser bei der Kroͤnung sitzen soll. Die uͤbrigen Reichskleinodien und Reliquien kan natuͤrlicherweise nicht jeder zu sehen bekommen. Reise Reise nach Coͤlln. Den 30sten Aug. Diesen Abend kam ich in Coͤlln an, nachdem ich vorher Juͤlich und Bergen, 2. kleine Landstaͤdtchen pas- sirt hatte. Nichts ist so laͤcherlich, als die wichtige Mi- ne, die sich die Besatzung in solchen kleinen Plaͤtzen zu geben pflegt. Da gehen sie so fuͤrchterlich vor den Frem- den auf den Posten am Thor herum, als wenn sie den Schluͤssel von ganz Deutschland zu bewahren haͤtten. Die Gegend hier herum ist ganz unvergleichlich fruchtbar, abwechselnd, und war fuͤr mich eine grosse Erquickung. Im Thore muß man absteigen, und soll visitirt wer- den, und diese Visitation muß man noch am Thor und auf dem Zimmer dem hungrigen Soldaten bezahlen. Ein wahres Spielwerk ists, ein Schatten, ein lahmes We- sen, ohne Ernst. Eine der besten Aubergen hier ist der Geist am Rhein thore. Den 31sten Aug. Heute war Sonntag. — Ich ruhte aus, bestellte die Post, schrieb Briefe, sprach mit daͤnischen Offiziers, die hier auf der Werbung lagen, und ging dann Um die Stadt herum. Sie ist so gros, daß man 2. volle Stunden braucht, wenn man sie ganz um- gehen will. Sie hat eine Menge grosser und kleiner Thore, und 500. Mann Stadtsoldaten, die alle Thore besetzen. Der Graben ist ganz bewachsen, und zum Theil in Garten verwandelt, hat aber einen schoͤnen Spa- ziergang, und auf der einen Seite laͤuft der lange Rhein, Q q 3 aber aber nicht gar breit, an den Mauern weg. Es ist auch eine fliegende Bruͤcke hier. Die Schiffe, die da sind, bedeuten nicht viel; es sind Frachtschiffe, die nach Am- sterdam und nach Koblenz gehen. Wegen den bestaͤn- digen Streitigkeiten der Spediteurs der Stadt, und der von Bonn, von Hessen ꝛc. ist das kein so eintraͤglicher Nahrungszweig, als ers sonst seyn koͤnnte. Einige wenige Buͤrgermeistershaͤuser abgerechnet, macht kein Haus Figur. Doch hat die Stadt mehr als alle alte Staͤdte, die ich noch gesehen habe, breite Stras- sen, viele mit Baͤumen besetzte Plaͤtze, und scheint nicht ungesund zu seyn. Bemerkungen. In Absicht des Pfaffenwesens und der Menschen- religion ist freilich Coͤlln, das deutsche Rom, Nur allein der vornemsten Kirchen hier sind 260, und ausser diesen noch 4. Abteien, 17. Moͤnchs- und 39. Nonnenkloͤster, 16. Spitaͤler, und 50. Kapellen. Herausgeber. aber in Hinsicht der Gebaͤude und der Pracht gewis nicht. Die Lebensart ist halb hollaͤndisch, halb deutsch. Hier sieht man noch alte deu t sche Buͤrger in langen Westen bis auf die Knie von gebluͤmten Kalmank, den vielfaltigen Rock wie einen Umhang daruͤber, und uͤber das alles einen grossen blauen Mantel. In diesem Aufzuge geht der Coͤllner spazieren. Auch hoͤrt man hier schon wieder Sonntag Abends das deutsche Fluchen und Juchzen der Besoffenen. Die alten Invaliden am Thore werden dann freilich nicht Meister. Auch Auch ist hier schon wieder ander Geld und viel Ver- wirrung dabei. Den 1sten Sept. Ich besah heute Die Domkirche zu St. Peter. Sie ist so alt, daß der Thurm keine Spitze mehr hat, ein Stuͤck faͤllt nach dem andern herab. Inwendig ist sie ungeheuer weitlaͤuftig, und hat weder Stuͤhle noch Kanzel. Be- staͤndig ertoͤnt sie vom Pfaffengebrumme und Heiligenklin- geln. Die dicken feisten Waͤnste laufen in unzaͤhlbaren Schwaͤrmen zwischen dem blinden Volke herum, und denken nicht wie der, welcher des irrenden Hausens sich erbarmte. — In Kapellen rings an den Mauern des Chors herum liegen die Bildsaͤulen der vergoͤtterten Bloͤd- sinnigen, die zuerst den Dom erbauten und zur Maͤstung der Goͤtzenpfaffen beschenkten. Alle Morgen um 9. Uhr wird dem blinden Volke hinter einer goldnen praͤchtig ge- arbeiteten und mit Licht erhellten Monstranz weis gemacht, daß man die Leichname der sogenannten heil. drei Koͤnige aus Morgenland hier habe. — Wer dann Geld zahlen will. der bekommt den Schatz zu sehen. Da sieht man den Stockknopf des Apostels Petri — aus Kokosnus!! — in einem praͤchtigen goldnen und silbernen Futteral. Das mittelste Stuͤck ist in Rom, das untere Stuͤck in Trier, der Knopf aber hier. — Glieder von der Kette Petri aus Apost. Gesch. 1. Sie sollen vom Glanz des En- gels wie zerschmolzen seyn. Risum teneatis amici etc. — Knochen von der Maria Magdalena, — das Brustbein, und die Phalanges vom Stephanus, Paulus, Petrus ꝛc. — Ein Oberkleid, das die Mut- ter Gottes auf ihrem heiligen Leibe getragen haben soll. Q q 4 Es Es ist ein gruͤner Pelz. — Von Christi Kreuz ein Stuͤck. — Die Kleider des Kaisers bei der Kroͤnung. — Die Bekleidung des Kaiserlichen Stuhls. — Die Churfuͤrstenmaͤntel, einer wiegt 80. Pfund. — Das Jurisdiktionsschwert, das vorgetragen wird. — Silberne Leuchter und Meßsachen, von einer ungemei- nen Groͤsse, Pracht und Arbeit. — Zwoͤlf Apostel aus vergoldetem Silber. — Kruzifixe, schwer von Gold, Edelgesteinen, Schmelzarbeit ꝛc. — Schmuck und Kro- nen fuͤr Maria und ihr Kind. — Eine Bischofsmuͤ- tze, ganz aus aͤchten orientalischen Perlenschnuͤren. — An allen diesen Sachen ist die Pracht, der Reich- thum, die Menge und die Groͤsse der Edelsteine, die an einigen Stuͤcken noch roh sind, unbeschreiblich. Ich sah mehr auf das, als auf jene Dinge, und, wie mir der Mann wieder von vorn so feierlich anfing, seinen religioͤ- sen Unsinn herzuleiern, so warf ich ihm mein Geld mit sichtbarer Verachtung hin, und haͤtte ihn gern — — Drauf besuchte ich Die Kirche der heil. Ursula. — In diese Kirche ging ich auch noch, der Kirchengeschichte zu Ehren. St. Ursula hat ein ziemlich schoͤnes Grabmahl darin, an dem steht, Indicio columbae detectum. Nebst dem gehen oben in der ganzen Kirche an der Porkirche Wand- kasten mit Gitterfenstern herum, hinter denen die Gebei- ne von 11000. Jungfern aufbewahrt werden; unten, hinten, und wo man hinsieht, sind grosse Kasten voll Knochen, und uͤberall Gemaͤlde von Jungfern mit Pfei- len durchbohrt, und dafuͤr mit Kronen gekroͤnt. Die ar- men Kinder!! Damahls muͤssen die Jungfern nicht so selten gewesen seyn! — — Ewig Schade, 11000. Jung- Jungfern!! Was sollen wir jetzt mit den Knochen anfan- gen? ohne Haut und Fleisch! — Lieber und nuͤtzlicher war mir Das Tobakspfeifenmachen zu sehen, hier nennt mans Pfeifenbacken. Es ist aber sehr heruntergekom- men. Lange Pfeifen werden fast gar keine mehr hier ge- macht, man bringt sie selber nach Coͤlln von einem an- dern Orte in der Gegend. Die Erde koͤmmt aus der Gegend von Andernach. Zu den kleinen hat der Mann ein in der Mitte getheiltes Modell von Metall. Er macht die Erde feucht, walkert die Pfeife, und formt vorne gleich einen dickern Theil daran, laͤst sie dann so, mehre- re an einander, in der Stube, oder im Keller trocken werden. Dann hat er einen Stift von Eisen oder Stahl, mit dem stoͤßt er sie durch, und indem die Pfeife uͤber dem Stifte ist, legt er sie in das Modell, und kneipt sie ab, das modelt sie. Die uͤberschiessenden Anhångsel schnei- det er dann mit einem Messer ab. Die Glaͤtte gibt er ihr aussen mit einem Stuͤck Achat, und innen mit einem Stůck Holz, das grade die Groͤsse des Kopfs hat. Es gehoͤrt ein Handgrif dazu, daß das Loch vor dem Kopfe grade in die Mitte kommt, sonst bricht die Pfeife. — Hierauf setzt man die Pfeifen in Toͤpfen in Ofen. Man kan mit nichts feuern, als mit Buͤchenkohlen. Eichen- holz will man nicht. — Zur Glasur nimmt man eine Art Seifenerde, die mit Wasser wie Milch aussieht ꝛc. Bemerkungen. Ich begegnete heute um 9. Uhr dem Buͤrgermei- ster, da er auf die Regierung fuhr. Es sind ihrer 6, und zwei davon regierend. Sie wechseln alle Jahre. Q q 5 Vor Vor dem regierenden laufen 2. Bediente in gelber Li- vree, einer mit dem Regimentsstabe in der Hand, her. Nach Coͤlln darf kein Jude kommen. Jede Stun- de kostet ihm 100. Dukaten. — Naͤrrische, harte Gese- tze, als wenn wir bessre Geschoͤpfe Gottes, als dies ver- stoßne Volk waͤren, als wenn Erde und Luft unser Eigen- thum waͤre! Ohne Zweifel ist dies wieder eine Wirkung von der satanischen Gewalt, die sich ehemals die Bauch- pfaffen anmaßten. In Mastricht ward vor Kurzem ein Jude eines Diebstahls wegen zum Staupbesen verur- theilt. Der Poͤbel ging im Haß weiter, als die Gerech- tigkeit der Richter erkannt hatte. Auf allen Strassen rottete sich das Volk zusammen, der Missethaͤter ward mit Steinen vor die Stadt hinaus verfolgt, die schlaͤfri- ge Obrigkeit wehrte nicht ernstlich, die Jungen ruhten nicht, bis der ungluͤckliche Jude unter dem Steinregen das Leben ausgab. Ach Christen! ach Menschen! wie wollt ihr das dereinst vor dem Schoͤpfer und Menschen- vater verantworten! Ihr, die ihr jungen Seelen das Gift des Religionshasses einfloͤsset, leckt das Blut auf, und tragts vor Gott, wenn ihr Herz habt! Reise nach der Grafschaft Sponheim. Den 2ten Sept. Von Coͤlln reiste ich fruͤhe ab, und ging mit dem ordinaͤren Postwagen uͤber Bonn und Andernach nach Koblenz, blieb da uͤber Nacht, und machte Den Den 3ten Sept. Die Reise von Koblenz nach Simmern. Ein entsetzlicher Weg — uͤbern Hundsruͤck. Es geht Bergauf, Bergab. In der Mitte der Tagereise liegt Oehr, ein schlechtes Wirthshaus, wo man beinahe nichts haben kan. Von da an aber geht eine gebahnte Strasse nach Simmern, einer churpfaͤlz ischen Stadt. Von da fuhr ich weg, und die ganze Nacht durch, und kam Den 4ten Sept. Fruͤh nach Kreutznach, an der Nohe gelegen. Da verlies ich die Post, und nahm ein eignes Fuhrwerk nach dem baaden schen Antheil von der Grafschaft Sponheim, und kam Nachmittag auf dem Schlosse Naumburg gluͤcklich an. Es ist ein Weg von 8. Stunden, der sich bestaͤndig an der Nohe, zwischen den schrecklichsten Bergen zu beiden Seiten hinzieht. So ist die ganze Sponheimsche Grafschaft, rauh, uneben, voll eisenhaltiges Thons, voll Schiefer, voll brechlicher Steine, aber doch sehr fruchtbar. Die Berge sind fast alle wenigstens an einer Seite angebaut, und schliessen die fruchtbarsten Thaͤler ein. Das Vieh, das hier sehr theuer gemaͤstet wird, ist klein und unansehnlich. Man erbauet vielen Haber, aber keinen Weitzen, statt dessen lauter Spelz. Der Roggen aus dieser Gegend gibt auch ohne die geringste Beimischung von Weitzen ein sehr kost- bares und beinahe weisses Brod. Ausser den vielen Schaͤtzen, Schaͤtzen, welche die Natur diesem Lande in den Bergen mitgetheilt hat, ist das Land ebenfalls sehr reich an Wal- dungen. Alle 3. Religionen leben da untereinander, und die Landesherrschaft wechselt auch auf einem kleinen Stri- che Landes sehr oft ab. In Munzingen, Martin- stein ꝛc. waͤchst ein kostbarer Wein. Der Wein an der Nohe hat uͤberhaupt viel Staͤrke, hat aber dabei etwas rauhes, hartes; man muß ihn gewohnt seyn, um ihn gern zu trinken. Die Sprache hat viele unangenehme Besonderheiten, rolig heist schlecht, neist heist nicht ꝛc. Die Nohe hat so einen wilden krummen Lauf, wie die Elz im Prechthal. Sie bleibt in keinem Bette, war jetzt sehr klein, schwillt aber im Winter erstaunend an, hat viele gefaͤhrliche Tiefen, und muß, wo man hin will, sehr oft passirt werden. Abends war ich noch in Beckerbach, einem Baaden schen Ort, eine kleine Stunde von hier beim katholischen Pfarrer. Das sind Leute, die sind grob, unwissend, wolluͤstig, und grosse Freunde vom Wein. Den 5ten Sept. Naumburg ist ein altes fuͤrstliches Schlos, das vor etlichen Jahren ausgebessert worden ist, ehemals von einem Amtmann, und jetzt vom Verrechner bewohnt wird. Es steht ganz allein auf einem Berge, und wird alle Tage von 2. Waͤchtern aus den dazu gehoͤrigen Dorf- schaften bewacht, und bedient. Sie loͤsen sich um Mit- tag ab, haben des Nachts ein Horn zum Stundenrufen, sitzen in einer Wachstube ꝛc. So ist es auf mehrern isolirten Schloͤssern im Sponheim schen eingerichtet. Das Wasser, das da gebraucht wird, muß von einem Berge in in einem Fasse herabgefuͤhrt werden, dafuͤr zahlt das Land jaͤhrlich 24. Gulden ꝛc. In der Gegend herum stehen hohe Berge aus einem braunen, eisenhaltigen, sehr muͤr- ben, Lagenweis aufgefuͤhrten Stein, der vom Wasser oft auseinander gerissen wird. Den 6ten Sept. Heute in aller Fruͤhe ritt ich nach Oberstein, einem kleinen Flecken, der groͤstentheils Churtrier, Baaden, und den Grafen von Styrum gehoͤrt. Es liegt auch etwas Besatzung von Trier darin. Der Weg dazu ist, wie uͤberall im Sponheim schen, rauh und bergicht. Man passirt etlichemahl die Nohe, und muß den schmalen Strich, wo man durchkommen will, sehr wohl treffen, wenn man nicht in Loͤcher versin- ken will. Vor dem Orte haussen sind grosse ungeheure Felsklumpen herabgestuͤrzt, man findet aber in den Spal- ten selber nichts, als Saxa, rothe Sandsteine und Kie- sel. Der Ort ist wegen der Achatschleifereien merkwuͤr- dig. Man findet allerdings viel Achat im Lande, auch weiter hin im Birkenfeld schen — aber doch wird der wenigste Achat, der hier verarbeitet wird, auch hier ge- graben; der meiste kommt aus Lothringen. Es wer- den sogar egyptische Kiesel hieher gebracht, und hier ge- schliffen. Die sogenannten Baumsteine, oder Kalcedo- nier mit dendritischen Zeichnungen, aus denen man Hem- denknoͤpfchen, Halsbaͤnder, ganze Garnituren fuͤr Da- men macht, kommen alle aus der nahe gelegenen Graf- schaft Grumbach. — Das Achatschleifen selber hat Hr. Collini in Mannheim beschrieben. Eine vom Wasser getriebene Daumwelle treibt 5, 6. Sandsteine herum, herum, vor diesen liegt der Arbeiter ganz horizontal auf dem Boden, und schleift. Zu dem Aushoͤhlen der Do- sen, wo jedes Stuͤck ein Ganzes ist, hat man noch eine eigne Maschine. Die Schleifer kaufen den Achathaͤnd- lern die rohen Stuͤcke ab, und muͤssen dann, — oft mit ihrem Schaden — erwarten, was sie inwendig beim Anschleifen finden. Oft kaufen die Goldschmiede die Stuͤcke, und geben sie den Schleifern. Das Recht, vor ei- nem Schleifstein zu liegen, kostet oft etliche 100. Gulden ꝛc. Die Obrigkeit hat Gesetze daruͤber gegeben, wieviel Gesel- len ein Schleifermeister annehmen kan, und daß er nur einem seiner Soͤhne das Handwerk lehren darf. Wegen dieser Schleifwerke setzen sich viele Goldschmiede, die in Paris gelernt haben, hieher, und fassen die geschliffenen Stuͤcke. Die Charniere zu den Dosen werden vermittelst einer Maschine, die sehenswuͤrdig ist, aus dem Ganzen gezogen, sonst koͤnnten sie nicht so wohlfeil seyn. Die Vergoldung der messingartigen Metallmischung geschieht vermittelst einer Analgamation mit Quecksilber im Feuer mit wahren Dukatengold, die durch eine Muͤhle hier ge- mahlen wird. Auf dem Platze kostet das grosse, wie das kleine Stuͤck 18.-20. Batzen ꝛc. Die Leute ziehen mit ihren Waaren auf die Frankfurt er Messe, auch laufen uͤberall in der Welt Leute genug mit diesen Waa- ren herum. Daß man aber hier einen streifichten Achat gleich versteinertes Holz nennt, das ist bei der handwerks- maͤssigen Behandlung aller dieser Sachen leicht zu be- greifen. Eine andre Merkwuͤrdigkeit in Oberstein ist die Kirche, in der sich die Einwohner versammeln. Sie liegt hinter dem Orte auf einem ungeheuern Felsen, und ist selbst in den Felsen gehauen. Sie stellt einen wahren Keller Keller vor, und hat nur auf der einen Seite Mauern. Inwendig sind Grabschriften und Gemaͤlde von den ehe- maligen Grafen von Falkenstein und Oberstein. Im hintern Theil des Felsens hinter den Stuͤhlen ist eine Quelle von einer unbestimmlichen Tiefe. Man steigt aus der Kirche oben in dem hohen Felsen fort, und sieht mit Grausen auf die Tiefe herab. Eben so ist auch ein altes Schlos auf einem Berge noch vorhanden. Von Oberstein ritt ich durch Idar, einem Flecken am Fluͤßchen Idar, uͤber ent- setzliche Berge und Klippen weiter nach Birkenfeld. Dieser Flecken liegt in einer sehr rau- hen Gegend, weil er sehr hoch liegt. Alles wird hier oft 4. Wochen spaͤter reif, als bei Herstein oder Naumburg. Selbst das Gras hat nur eine schlechte dunkelgruͤne Far- be. Die vielen Waldungen und die grossen Suͤmpfe, die dabei liegen, machen das Land sehr kalt. Unten grenzt das Oberamt Trarbach, Zweibruͤcken und das Mosel er Land daran. Mit Bucheckern und Eicheln werden eine Menge Schweine da gemaͤstet, die hernach sehr weit getrieben werden. Es waͤchst hier Roggen, der noch viel weissres Brod gibt, als der bei Naumburg gebaut wird. Jetzt sing man erst die Habererndte und das Grummthauen an. Es erheben sich hier oft so star- ke Winde, daß alles was auf den Feldern liegt, wegge- fuͤhrt, und auf den Baͤumen herumgestreut wird. Den 7ten Sept. Ich wartete heute die Predigt des Hrn. Pfarrers Weiherich aus Braum- bach ab. — Das hier gebraͤuchliche Gesangbuch ist das Zwei- Zweibruͤck sche. Der Gesang selber geht sehr lahm, und unertraͤglich schlecht. Die Leute setzen auch ihre Huͤ- te in der Kirche auf. Die Geistlichen lassen das Kir- chengebet oft weg, und beten — auch am Kommunion- tage — nichts, als das Vater unser. Auch wurde vorm Altare nichts verlesen. Auf der Ruͤckreise bemerkte ich: 1) Daß man hier eine ziemlich feine Seifenerde findet. Sie schaͤumt mit Wasser ziemlich. Die Bauern sollen sich den Bart damit einseiffen. Es ist ein Mann hier in der Gegend, der eine sehr gute Seife, das Pfund fuͤr 5. Kreuzer verkauft, er wills zwar nicht Wort haben, daß er die Erde dazu braucht, vermuthlich aber geschiehts doch. 2) Daß man eine sonderbare Steinart hier antrift, die wie verhaͤrte- tes Bergoͤhl aussieht. Man hat ein Stuͤck davon an- schleisen lassen, es nimmt eine ziemliche Politur an, und verdient naͤhere Untersuchung. 3) Daß die ganze Graf- schaft Sponheim allerdings durch Vesuve und nachher durch Wasserfluthen scheint gebildet zu seyn. Denn die Menge der loͤcherichten, poreusen Materien beweißt das erste. Und die strata super strata, aus denen alle Berge bestehen, beweisen das andre. Indessen muͤssen auch Erderschuͤtterungen und Erdbeben erschrecklich gewuͤ- tet haben. Das zeigen die gestuͤrzten Steinarten, die man hin und wieder findet, und die schiefe Richtung aller Schichten in den Bergen. Auch findet man hie und da schmale Streifen Landes, die voller Achat oder andren Sachen sind: und hart dabei, zu beiden Seiten sind nicht die geringsten Spuren von dergleichen. Eben dies ist auch der Grund, warum sich von den Sponheimer Bergwerken sogar viel mit Gewisheit nicht erwarten laͤst, denn denn die Gaͤnge streichen nicht horizontal, sie sinken gera- de hinab, aber nicht tief genug, und unten ist alles voll Felsen. An vielen Orten ist nur die allerduͤnnste Kruste von schwarzer Erde, und gleich darunter koͤmmt der haͤrteste Fels. 4) Um Birkenfeld herum gibt es eine Art Kalkstein, die im Feuer nicht recht aufgehen will, und zum Bauen nicht viel ausgibt. Den 8ten Sept. Heute Vormittag beschaͤftigte ich mich mit Untersu- chung der Amphybien und Insekten dieser Gegend, und fand: — eine Art Eidechsen, mit vergoldetem Ruͤcken, und grauweissen Streifen an den Seiten. — eine Menge Raupen auf den Baͤumen, die jetzt erst ausgeschlupft waren. — junge Froͤsche, die ihren kaularschen Schwanz noch hatten, wiewohl die Hinter- fuͤsse schon alle beide voͤllig ausgebildet waren. — Dann setzte ich meinen Stab weiter und kam nach Kyrn, dem Residenzstaͤdtchen des Fuͤrsten Johann des XII. von Salm-Kyrburg, eine Stunde von Naumburg gelegen. Dieser Fuͤrst hat lange in den groͤsten Zirkeln in Wien gelebt, denkt aber philosophisch, hat sich jetzt zuruͤckgezogen, wohnt in einem Privathause, hat sehr wenig Bediente, und fast gar keine Wache, ist die Guͤte und Milde selbst, schenkt seinen Unterthanen mehr, als er von ihnen nimmt, und beschaͤftigt sich im hohen Alter blos mit sich und dem Gluͤcke seiner Buͤrger. Seine Kleidung ist simpel, seine Tafel wird mit den Fi- schen, Krebsen, Haͤmmeln, und Gewaͤchsen des Landes besetzt. Seine Lektuͤre sind blos die Zeitungen. — Er liebt das Zudringen der Fremden nicht, er spielt nicht, R r und und man erzaͤhlt, daß er einsmahls als ein noch ganz junger Herr, in Einer Nacht in Wien 40000. Gulden verspielt habe, und als darauf den andern Tag sein Kam- merdiener das verspielte Geld habe zusammen zaͤhlen muͤs- sen, sei der junge Prinz dazu gekommen, sei uͤber die Menge erschrocken, und habe gestanden, daß er nicht ge- wust, was 40000. Gulden fuͤr eine Summe sei; haͤtte dann selbst die richtige Bemerkung gemacht, daß man damit vielen Menschen haͤtte helfen koͤnnen, und seit der Zeit habe er den Entschlus gefaßt, nicht mehr zu spielen. Seine Einkuͤnfte sind 100,000. Gulden ꝛc. Das Staͤdtchen ist klein, aber artig und nahrhaft. Der Fuͤrst hat den Piaristen ein schoͤnes Kloster gebaut, mit einem grossen Garten dran. In den Kirchen haͤngen Gemaͤlde von Mellingen in Carlsruhe. — Man sie- det hier Alaun aus inlaͤndischen Steinkohlen. Den 9ten Sept. Heute besah ich das Kupferbergwerk in Fischbach Dieser Ort gehoͤrt zur Grafschaft Wartenberg. Herausgeber. . Das Was- ser, das von dem Orte herabkommt, verkuͤndigt schon durch seine dunkle weisgraue Farbe, daß es in der Ge- gend zum Schlemmen und Waschen der Erze gebraucht wird. Es behaͤlt diese Farbe uͤber eine halbe Stunde weit. Fischbach liegt am Fuß eines Bergs, der mehr breit, als hoch ist. Am Fuß dieses Bergs bricht der schoͤnste Kalkspat, auch findet man unreifen Quarz. Um das das Wasser aus den Gruben heraus zu foͤrdern, ist mit- ten im Felsen ein grosses Rad angebracht. Zum Schlem- men sind 30. Waͤscher angestellt, zum Theil Kinder. Man sieht die schwarzen Streifen auf den Pritschen liegen. Man findet auch viele Scheiderze, die ohne gepocht zu werden, gleich in Ofen kommen. Der Bergverwalter Hr. Jacobi ist ein sehr artiger Mann, und besitzt ein kleines Stufenkabinet. Jetzt ist das Werk nicht mehr so im Gange wie ehemals, es wird auch hier nicht mehr geschmolzen; alle Erze werden nach Allenbach gefuͤhrt. Den 10ten Sept. Heute war ich in Martinstein, einem Flecken an der Nohe, wo die Baaden sche Herrschaft einen herrlichen Weinvorrath hat. Von da trat ich wieder die Ruͤckreise nach Kreuzenach an, und besah dann noch die bei diesem Staͤdtchen lie- genden Salzwerke. Eine kleine halbe Stunde vor der Stadt liegen die Gradirhaͤuser und die Pfannen am Fuß eines Bergs. Man unterscheidet die grossen und die klei- nen Werke Beide liegen an der Nohe hinauf, und im Eingange eines angenehmen Thals. Das eine ist 1729. ange- legt worden, und heist Karlshalle: das andere, und zugleich groͤssere, ist 1743. angelegt worden, und fuͤhrt den Namen Theodorshalle. Herausgeber. . Bei den grossen Salzwerken sind 12. Pfannen. Man feuert mit Steinkohlen. Das Was- R r 2 ser ser setzt fast gar keinen Bodensatz ab, ist sehr rein, und kan getrunken werden. Die Gradirhaͤuser sind wie die bei Bruchsal und Nauheim. Im Winter steht das ganze Werk still, und bis im December ist oft der ganze Vorrath verkauft. Beide Werke gehoͤren dem Churfuͤr- sten von der Pfalz; Strasburg er Kaufleute aber ha- ben sie im Pacht. Das Salz ist ziemlich weis. Die Quecksilbergrube, die Hr. Collini in dieser Gegend besah, liegt 3. Stunden von hier, ich hatte aber keine Zeit, sie zu besehen, weil ich mich auf die Reise nach Manheim machen muste. Den 11ten Sept. Vierzehn Stunden ists von Kreuzenach nach Manheim. Wie angenehm wars, am werdenden Morgen uͤber die breiten Felder der paradiesischen Pfalz hinzufahren. Sie waren zwar fast alle schon entkleidet, aber im Geist sah ich die wallende Erndte und den blu- michten Teppich der Wiesen vor mir, und uͤberall reifte jetzt unter dem brennenden Strahl der Sonne die Trau- be. Ich passirte Alzey, ein kleines, altes, enges Staͤdtchen, am Flusse Selz, in einer ganz herrlichen Gegend gelegen. Pfeddersheim. — Ein Staͤdtchen, wo die Leute die Reben neben der Landstrasse auf ebenen Feldern, ohne Bogen zu ziehen, an kleinen und niedrigen Stoͤcken, oft nur in 2. 3. Reihen pflanzen, Wiesen und Grundbirnen erblickt man darzwischen. Fran- Frankenthal — eine schoͤne, wohlgebaute Land- stadt. Die dasige Porzellanfabrik liefert viele saubre Sachen. An Weisse uͤbertrift es das Baadener, und an Zeichnung und Farben das Delfter. Man verfer- tigt eine Menge Pagoden — auch Voͤgel mit Eiern im Nest. Eine Probe von der Erde bekoͤmmt man nicht. Ein geschlungener Seidenwickler kostet 30. Kreuzer. Den 12ten Sept. Heute war ich in Manheim. Dies ist die gluͤckliche Stadt, die einen Fuͤrsten hat, der Kuͤnste und Wissenschaft nicht nur lobt und liebt, nein, der sie auch thaͤtig unterstuͤtzt, auf- muntert und belohnt. Wie heist der Verwahrloste, dems hier nicht gefaͤllt? Karl Theodor ’s Thron, um- ringt von Apoll und den Musen, sei mir gesegnet, drei- mahl gesegnet, du Thron eines Landesvaters! Willkom- men, willkommen, — Edler unter den deutschen Fuͤr- sten! Du, der du den Gelehrten nicht fuͤrs Brod sorgen, den Kuͤnstler nicht verhungern laͤssest! — Mehr darf man nicht sagen in Deutschland! — Holland liegt hinter mir. — Ich saͤumte nun nicht, alles Merkwuͤrdige des deu t - schen Athen ’s zu besehen, und lies Das physische und mathematische Kabinet mein Erstes seyn. Hr. Abt Hemmer hat die Aufsicht daruͤ- ber. Es steht in dem Theil des Schlosses, der ganz den Wissenschaften gewidmet ist. Es muß dem grossen Churfuͤrsten viel gekostet haben. Man findet darin viele Nollet sche, viele Englische Maschinen ꝛc. eine zur Be- R r 3 rechnung rechnung des Falls der Koͤrper auf schiefliegenden Flaͤ- chen, — ferner zur Berechnung des Reibens, — Ge- raͤthschaften zur fixen Luft, — Elektrophore, (die besten sind die, wo der Ueberzug von Schwefel ist.) — Maschine zum Quecksilberregen auf der Luftpumpe, und unendlich mehrere. Drauf besucht’ ich Die Bibliothek; — alles Werke des grossen Karl Theodor ’s! Sie fuͤllt einen einzigen Saal mit einem gemahlten Deckenstuͤcke, und 2. Gallerien uͤbereinander mit vergoldeten Grillen, wie in der Koͤniglichen zu Paris. Es stehen 2. Buͤsten vom Stifter und seiner Gemalin darin. Oben werden die Handschriften verwahrt. Im geschriebenen Katalog war Robinet sur l’Echelle de la nature etc. unter des Verlegers Harrevelt ’s Namen aufgefuͤhrt. Die Sternwarte. Ein herliches Gebaͤude von vielen Stockwerken, am Walle gelegen. Der Exjesuit, P. Maier, hat die Aufsicht daruͤber Nach seinem kuͤrzlich erfolgten Tode ist ihm sein Ge- huͤlfe, Hr. Koͤnig, in dieser Stelle gefolgt. Herausgeber. . Man observirt am hellen Tage die Sterne. Der herliche Mauer- quadrant von dem geschickten John Bird in London ist zu bekannt, als daß ich weiter etwas davon erwaͤhnen darf. Der Kuͤnstler ist todt, Er starb d. 31. Maͤrz. 1776. Herausgeber. und ausser diesen Qua- dranten und einem in Engelland, keiner von der Groͤße mehr in der Welt. Auch sind hier Teleskope von dem beruͤhmten Ramsden in London verfertigt, da, womit wir wir das Schlos in Oggersheim sehen konnten, das doch 3000. Toisen von hier liegt, und Mr. de Necker, der la vue la plus perçante hat, konnte dadurch an der Uhr an diesem Schlosse sehen, daß es wirklich 4. Uhr dort war. Der Dom von Worms und Speier war so klar dadurch, als stuͤnde er vor uns. Oben ist eine Maschine angebracht, wodurch man das Dach vom gan- zen Observatorium wegnehmen kan. — In einem Zim- mer sas der junge Frommel, mein Landsmann, und stach an der Specialkarte, die P. Maier von der Pfalz herausgeben wird. Den botanischen Garten. — Er steht unter der Aufsicht des Herrn Regierungsraths Medicus, der jetzt in Lautern war. Er ist klein. Ich fand darin die Mimosa nilotica; — Haematoxilon campe- schiense; — Adansonia digitata etc. Die Stuͤckgiesserei und Bohrerei. Eine herliche Sammlung der schoͤnsten und zum Theil noch unbeschrie- benen Maschinen fuͤr die Artillerie. Man giest Stuͤcke aus Kupfer und englischen Zinn. Zu 100. Pfund Kupfer kommen nur 8. Pfund englisch Zinn. Die Formen zum Giessen der Stuͤcke werden aus einem besondern gelben Thone gemacht. Das Instrument, das Hr. Reichen- bach zum Bohren braucht, ist sehr simpel, und doch bohrt er eine Haubitze in 5, eine Kanone in 3, und einen Zwoͤlfpfuͤnder in 8. Stunden. Beim Giessen werden vor dem Ofen Kanaͤle gemacht, so daß das Metall von einem Ort zu dem andern laͤuft, und 8. Stuͤcke mit ein- mahl gegossen werden. Der Ofen ist oben gewoͤlbt, und ein Zugloch thut das Meiste dabei. Man feuert blos mit Tannenholz. Man giest des Jahr etlichemahl. R r 4 Zwoͤlf Zwoͤlf Stuͤcke laͤst der Churfurst alle Jahre fuͤr seine Ar- tillerie giessen. An jede Kanone wird der Genauigkeit wegen ein dicker Kopf angegossen, der nachher abgeschnit- ten, und wieder eingeschmolzen wird. Die Exjesuiterkirche. Man lies viele Jahre hinter- einander den Jesuiten die Einkuͤnfte von der Rhein bruͤcke, und davon ward die Kirche gebaut. Viel italiaͤnischer Marmor ist darin verschwendet. Gemaͤlde aus Legenden und Jesuiter-Missions-Geschichten sieht man auch darin. Eine Kuppel wird wegen der italiaͤnischen Malerei beson- ders bewundert. Jetzt heist sie die Schloshoskirche. Den 13ten Sept. Ich fuhr heute mit Besehen fort, besuchte daher zu erst den Statuͤen- oder Antikensaal. Dies ist ein Haus, worin eine Menge Gypsabguͤsse, die von den Antiken in Rom abgeformt sind, aufgestellt worden. Laokoon, der Gladiator, die medizeische Venus, eine Menge Buͤsten von Kaisern und Philosophen, Loͤwen ꝛc. — Sie werden wirklich alle nachgemacht, um nach Duͤs- seldorf geschickt zu werden. Die Bildhauerakademie. — Darin laͤst Hr. Verschaffelt bestaͤndig an Bildsaͤulen aus Trier ischen und Pfaͤlz ischen Marmor arbeiten. Das ist hier eine herliche Sache, daß man von allen Dingen Pflanzschu- len hat. Die Bildergallerie. Eine Menge Sachen in vie- len Zimmern. Im Vorsaale haͤngt ein Gemaͤlde vom Vesuv in Flammen. — Ueber die 2. fleischichten Koͤpfe eines eines alten Mannes und einer alten Frau von Denner, geht nichts. Je laͤnger, je genauer man sie ansieht, de- sto schoͤner sind sie. Man meint wirklich, es sei wahres Fleisch, und Gesichtshaut. — Ein nacktes Frauenzim- mer von der Madame Terbusch in Berlin ist ebenfalls ein wahres Meisterstuͤck. — Rubens, wie er seine zweite Frau kuͤßt, von ihm selbst. — Zwei Stuͤcke von Vernet, eins der Untergang der Sonne im Meer, das andre ein Schiffbruch. — Seneka ’s Tod von ver- schiedenen Meistern, sonderlich von einem Italiaͤner ꝛc. Alle Tage moͤcht ich da hineingehen, bewundern, studi- ren, Stuͤck vor Stuͤck ꝛc. Die Schatzkammer. Da weis man gar nicht, was man sagen soll. — Ein Rauchtopas ist ein schwaͤrzlichter Krystall. — Die Pfaͤlzische Perle. Sie wiegt 2. Loth, soll aus Ormus, und nach Untersu- chungen, aͤcht und natuͤrlich seyn. — Friederichs V. Krone. — Das erste Stuͤck aus der Frankenthaler Porzellanfabrik. — Josephs I. Statuͤe, wie er Lan- dau einnahm. — Alte und moderne Mosaiken u. s. w. Das Kupferstichkabinet. Eine Menge Portefeuil- len, aber noch ohne Arrangement. Dabei viele kostbare Handzeichnungen. Leidendorf’s Gemaͤlde. Der Hofmaler hat be- sonders den Churfuͤrsten in Roͤmischen Kleidung gemahlt, wie er in Rom im Vatikan war, und die Kuͤnste be- wunderte, umringt von Musen, Minerva fuͤhrt ihn an der Hand ꝛc. Das Stuͤck druckt die Grosheit, die man mit Recht in der Person des Churfuͤrsten bewundert, her- lich aus. R r 5 Das Das Naturalienkabinet. — Der liebenswuͤrdige Hr. Collini, Aufseher desselben, zeigte mir heute folgende seltene Stuͤcke aus allen Reichen der Natur: — Speck- stein mit Kies, aus Schweden. — Lapis ollaris aus Como, grau mit schwarzen Tuͤpfelchen. — Amiant auf kiesigtem Kupfererz. — Kies in Krystall aus Derby- shire in England. — Kalkspat im Achatkiesel aus Oberstein. — Topasartiger (d. i. gelber) Spat, in- wendig Quarz, aus Sachsen. — Sinter, eisenfaͤrbi- ger, aus Neufchatel; wie versteinert Holz; wie Dach- ziegel; mit Farben wie Alabaster. (s. S. 259.) — Se- len. rhomboid. aus Italien. — Lapis Lazuli aus Persien. — Ophis antiquorum, schlaͤgt Feuer. — Gruͤne Krystalle in weissen. — Amethyste in weissen Krystallen. — Opalminern aus Sachsen und dem Orient. — Oculus Cati; der wahre aͤchte koͤmmt nur aus Egypten, hat eine gewisse determinirte Stra- lenbrechung; auch die gemeinen von dieser Benennung ꝛc. — Sal gemmae cubicum. — Bernstein mit einem kleinen Frosch. Hr. Collini zweifelte, obs natuͤrlich sei; er sah ein Stuͤck bei einem Fremden mit einer kleinen Ei- dechse. — Gediegner Schwefel mit Flußspat, aus dem Pays de Vaud. — Nummi diaboli aus Toska- na, eine Art Kiese. — Krystallinisch Lasurkupfererz, aus Moelbach im Nassau schen. — Stralichtes Lasur- kupfererz aus dem Wuͤrtemberg schen. — Hornsilber mit gediegenem Silber. — Spiegelbleiglanz mit Strei- fen. — Min. ferri octaedra Wallerii aus Schwe- den; dort selbst selten. — Ein natuͤrliches Amalgama aus Quecksilber und Silber gediegen, aus Stahlberg im Zweibruͤckschen. Gerieben zieht es andres Quecksil- ber stark an sich. ( Collini ’s Schrift hieruͤber ist uͤber- setzt setzt in Mineral. Belustigungen. ) — Eisenbluͤthe, ein schoͤner Sinter in Eisengruben. — Ruh liner Stei- ne, die Henkel in seiner Pyritologie beschrieben. — Jaspis mit Dendriten aus Norwegen, ein kleines Stuͤck, aber praͤchtig! — Ludus Helmontii, ein eisenhalti- ger Stein mit Kalkspatadern, aus Bamberg. — Ei- ne versteinerte Haliotis. — Eine versteinerte Porcel- lana. — Holz, inwendig Stein, auswendig noch Holz. Auswendig Holz, und inwendig Stein. Beide Stuͤcke sind aus Italien, und bekehren die Unglaͤubigen. Ein Stuͤck aus Koburg mit Achatdrusen war auch da- bei. — Versteinerte Krebse, vom Petersberge bei Mastricht. — Korallenmutter, ein gros Stuͤck un- ter dem Wasser losgehauen, Vermiculiten, Schwaͤmme. — Keratophyton mit Korallensubstanz und Fungi- tes. Collini nennt nur das Korallen, was oben zu, ohne Loͤcher, roth, derb, und ganz glatt ist; das, meint er, sei die Charpente, die Tubuli waͤren nur in der Crusta, dort saͤssen die Polypen innen ꝛc. — Le grand Guepier de Mer de l’ Amerique, von Buffon. sieht wie Pappdeckel aus, und ist voller Loͤcher. — Maeandrites, grosse Klumpen, aus Amerika. Lau- ter Logemens fuͤr kleine Thiere. Aufgeschlagen; an einigen Orten sieht man Couche sur couche. Die Vaͤter sind unter ihren Kindern begraben. — Der bekannte grosse Enkrinit, aus Kirchheim im Wuͤr- tem bergischen. — Ein in Eisenerz verwandelter Echi- nus. — Bohnerz aus Bayern. So nennts Collini; mir kams aber nicht so vor. — L’unique des D’ Ar- genoille, gar gros. — Meerohren ohne Loͤcher. — Wiesel von hiesiger Gegend, fast wie ein Hermelin, weis, mit schwarzer Schwanzspitze. Wird im Kasten gelblicht. — Der — Der Hund vom Bayr ischen Wilddiebe Hiesel. — Zweige vom Manglier mit Austern daran: Ein Baum, der an der See zu stehen pflegt. Bei der Fluth setzen sich die Austern daran, und muͤssen dann bei der Ebbe darauf harren. — Eine Pinna 3. Schuh lang, aber der eine Battant fehlt. — Ein Koͤrper, der lauter Wurmnest ist, aus Sandkoͤrnchen zusammen gesetzt, aus Amerika. Sonst sind die Nester der Festigkeit we- gen Kalk. Unter dem Mikroskop sahs gar schoͤn aus. — Feine kleine Fibern in einander geschlungen, unter dem Mikroskop sinds alles hohle Wurmnester. Man schickte es hierher unter dem Namen Spuma maris! — Ein Rhinoceros, ausgestopft, mit 2. Hoͤrnern, auch sind noch 2. andre da aneinander. Sie koͤnnen, da man durchsichtige Gefaͤsse davon hat, unmoͤglich verwachsene Haare seyn, man sieht deutlich die Zellen, wodurch sie mit dem Nasenbein zusammenhaͤngen. Die haarartigen Fibern daran koͤnnen Ueberfluß von der hornartigen Ma- terie seyn. Das Thier sollte auf dem Rhein fahren, es war lange vorher in Deutschland gezeigt worden, das Boot schlug aber um, und so ersoff es. — Ein Pria- pus Hippopotami, ein Knochen ohne Artikulation, derb, glatt, fast ohne sichtbare Schweisloͤcher. Dafuͤr haͤlt ihn Collini, Bomare aber, bei dem Collini ihn gesehen, meint, es sei der Schenkelknochen der Giraffe, aber er ist zu schwer dazu. — Eine Schnecke, deren Schale noch eine eiartige Einhuͤllung hat. Je groͤsser die Scha- le wird, desto mehr naͤhert sich das Ei dem Zerspringen. Hr. Collini hat auch die brechliche Schale besonders. — Mouches d’odeur, aus Italien, behalten noch lange nach dem Tode einen specifiquen starken Geruch. — Be- zoar aus einem Pferde, wenigstens 4. Pfund schwer, hat hat die schoͤnsten koncentrischen Lagen, Ringe, Adern. Ist in der Mitte durchgeschnitten. Man haͤlt ihn fuͤr Alabaster. — Eine Eidechse aus Ostindien, die den Kettenring macht zwischen Eidechsen und Schlangen. Die Vorderfuͤsse sind sehr klein, und hinten sieht man nur mit der Lupe kleine Naissances, kleine Erhoͤhungen ꝛc. — Funfzehn Nuancen in den rothen Korallen. Kleine Kugeln an silbernen Ketten, die brauchen die Korallen- haͤndler in Livorno. — Kaͤstchen mit Insekten, sehr kuͤnstlich aus Messing nachgemacht, aus Ostindien. Hr. Abt Hemmer holte mich von hier nach der Akademie oder Konzert bei Hofe ab. Die Groͤsse des Mannheimer Orchesters ist bekannt. Es sangen junge Kinder zum allgemeinen Erstaunen. Waͤh- rend der Musik spielte der Hof. Die groͤste Saͤngerin, Danzy, war jetzt in London. Ich ward da dem Herrn Praͤsidenten der Akademie von Hohenhausen, dem Herrn von Wattewille aus der Schweiz, und vielen andern Herren vorgestellt. Den 14ten Sept. Heute am fruͤhen Morgen fuhr ich mit Hrn. Hofrath Lamey nach Schwetzingen. Wir kamen aber bis Mittags wieder zuruͤck. Man hat einen Almanac de Man- heim, wie von Paris und Versailles, worin alle hie- sige Merkwuͤrdigkeiten zur Anleitung fuͤr Reisende genau und umstaͤndlich beschrieben sind, und auf diesen beziehe ich mich. Der Der Garten ist schoͤn, reicht aber nicht an die Gaͤr- ten von Chantilly. Die Tempel der Minerva und des Apolls sind herlich, Apoll aber ist viel zu klein. Das Badhaus ist koͤniglich, doch hat es wieder den Werth des Kassel schen nicht. In der Menagerie ist schon seit vielen Jahren ein Kasuar, der frißt Brod, gelbe Ruͤben ꝛc. befindet sich wohl, mausert sich alle Fruͤhjahre, ist sehr furchtsam, laͤuft schnell, laͤst sich auch nicht anruͤhren. Auch ist eine Haa- senart aus Korsika, mit seidenartigen Haaren da, davon der Churfuͤrst Huͤte traͤgt. Die ganze Sache kostet Mil- lionen, und ist ein erschrecklicher Luxus. — Mr. de Necker sprach ich heute wieder. Er ist ein Botaniker, ist aus Lille gebuͤrtig und hat ausser der Apo- thekerkunst eigentlich nichts studirt. Er besitzt viel Ge- nie, aber auch viel Zankgeist, und viel Einbildung. Seine Tabula in Syst. Linn. bot. haͤngt im akademi- schen Zimmer, jetzt aber ist er ein erklaͤrter Feind aller Systeme in der Botanik. Er arbeitet an einer Refor- me generale de toute la Botanique. — Seine Hist. musc. und Physiol. verlangte Linne’e im Brief von ihm zur 3ten Ausgabe der Spec. pl. Sie kostete ihn aber, wie er schreibt, 5. Dukaten Porto Hr. Necker erzaͤhlte mir im Gespraͤch, ein franzoͤsischer Offizier, der Voltairen in Fernay nicht zu sehen bekom- men konnte, habe beim Weggehen Folgendes auf eine Karte geschrieben hinterlassen: Ou est done le vrai Dieu du genie, Qu’on connoit, qu’on sent, et qu’on ne voit pas? Il sera comme le Dieu de l’Eucharistie, Qu’on voit, qu’on mange, et qu’on n’apperçoit pas. . Auf Auf den Abend besuchte ich die Deutsche Komoͤdie. Marchand’s Gesellschaft und die vom Hof spielen hier. Ich sah die unaͤhnli- chen Bruͤder von Miller in Wien vorstellen, ein recht gutes Stuͤck. Die Rolle des Fachs hat Thietke, und die vom Obersten Wilhelm, hat Hauk am besten ge- spielt. Das Haus ist Kopie vom Paris er. Der Chur- fuͤrst hat auch so eine Seitenloge im Ersten Range. Al- le Logen sind tapeziert, das macht bei Licht einen schoͤnen Anblick. Aufm Parterre sind auch 5. Logen, zu 45. Kreutzer der Platz. Den 15ten Sept. Heute bekam ich das Antiquitaͤtenkabinet zu sehen. Es steht unter Herrn Hofrath Lamey ’s Aufsicht, und enthaͤlt eingesand- te, geschenkte, und im Lande und sonst aufgefundene Sa- chen. Ich sah unter andern eine herrliche Granitsaͤule, im Trier ischen gefunden. — Ibis aus Bronze. — Ein Gott aus Indien auf einem Thiere, das der Ca- melopardalis Linn. am naͤchsten kommt. — Ein Dio lare, idoletto etrusco. — Chinesische Gotthei- ten aus einem Steine geschnitten, der voͤllig aussieht, wie der Pechstein von Birkenfeld, roͤthlicht, gelbe weis- se Stuͤcke. Ein Runenkalender. Es ist noch nichts aufgestellt. Das Muͤnzkabinet. — Dabei befinden sich auch die Kameen. Unter diesen sind viele grosse, aͤusserst kost- bare, orientalische Onyxe. — Die Pfaͤlzischen Muͤnzen u. s. w. Nun Nun konnt’ ich auch nicht unterlassen, das Naturalienkabinet beim Hrn. Kriegsrath Vincen- ti zu besehen. — Eine gluͤckliche Bekanntschaft, die mir Hr. Abt Hemmer verschafte. Die Sammlung ist in der Mineralogie vortreflich, da ist z. B. — Ei- sensand aus einem See bei Andernach. Hr. Vin- centi zieht viel mit dem Magnet an, also, sagt er, ists gediegen Eisen. — Granatenminer, gar gros. — Quarzdrusen, die alle oben verschieden punktirt sind. — Quarzdrusen, die innen Schoͤrl haben. So nennt er die bekannten Streifen darin. — Rothe, blaue Agathe. — Spat, Kalkspat aus Derbys hire in England. Daher kommen die schoͤnsten, feinsten. Aus Sachsen andre, die man Schweinszaͤhnige, Hunds- zaͤhnige ꝛc. nennt. — Bernstein mit einem Klumpen von Sachen darin. Er meint, der Bernstein wuͤrde fluͤssig ausgeworfen, und umschlinge dann die Insekten. — Quecksilber im Sand-Stuf-Kalk-Wackenstein. Auch mit Blei. Im Schiefer. — Quecksilber- Mulm, aus der Pfalz. So nennen sie hier einen Koͤrper, der rund ist und klappert wie ein Adlerstein. Zerschlagen, laͤuft viel Quecksilber aus. — Blaue Quecksilbererze, ungemein selten. — Krystallisir- tes Quecksilber in Kalkspat. — Schwarzer Kobold aus Sachsen. — Arsenikkies, aus Sachsen. — Gruͤnes Eisenerz, aus Sachsen. — Elephanten- zahn, calcinirt, und vorne schon in Kaikspat verwan- delt. — Cornua amm. mit dem Rest der obern Schale; mit krystallisirten Kern aus Champagne ꝛc. Etwas Etwas bei dieser Gelegenheit von Hrn. Prof. Klein’s Beobachtungen an Amei- sen und Ameisenfressern. Die ersten hebt man im Haufen mit der Schaufel auf, setzt sie in eine Schuͤssel, woran der Toͤpfer einen vertieften Rand, wie eine Rin- ne oder Kanal mit einem zu verstopfenden Loch, gemacht hat. Diese Rinne wird mit Wasser angefuͤllt, so koͤnnen die Ameisen nicht heraus, man sieht ihrem Bauen, und ihren verschiedenen Bemuͤhungen uͤber den Graben zu se- tzen, mit Vergnuͤgen zu. Sie haͤngen sich aneinander, probirens auf Spaͤnchen, wollen vom Grund eine Bruͤ- cke bauen. Sie koͤnnen 15, 16mahl schwerer tragen, als sie selbst schwer sind, also sind sie nach Proportion der Groͤsse staͤrker, als der Mensch. Man fuͤttert sie mit Zucker, Birnen, Aepfeln ꝛc. Weil man die Unreinig- keiten, die sie ins Wasser werfen, nicht leicht alle durch das Loch bringt, so laͤst man den Kranz lieber von Blech machen, und kan ihn dann wegnehmen, wie man will. Waldameisen setzten einmahl schnell ins Wasser durch den Graben durch, schuͤttelten sich nur ab, und fort waren sie. Die Formica Leo setzt man nur in eine Schachtel von Pappdeckel mit Sand. Das Thierchen kan wohl 6. Wochen hungern. Ich verlies nun das herliche Mannheim, und be- gab mich auf die Reise nach Strasburg. Den 16ten Sept. War ich uͤber Mittag in Speier, wo die alte Dom- oder Kathedralkirche, welche die Asche unsrer deutschen Kaiser verwahrt, gesehen S s zu zu werden verdient. Der jetzige Bischof von Speier hat sie erneuern und verschoͤnern lassen Das Chor dieser Kirche ist wieder hergestellt: allein, die marmornen Grabmahle der in derselben begrabe- nen 8. Kaiser und 3. Kaiserinnen, mit denen die alte zerstoͤrte Kirche prangte, sind von den Franzosen, als sie 1689. die ganze Pfalz verheerten, niedergeris- sen, die Graͤber zum Theil aufgewuͤhlt, beraubt, und die ehrwuͤrdigen Gebeine zerstreut worden. S. Buͤ- schings Erdbeschreibung, 7ter Theil. Herausgeber. . Ueber Nacht blieb ich in Rheinzabern, nahm drauf in Lauterburg, — der Station uͤber Langenkan- del, — nachdem ich den Bewald durchfahren hatte, das Fruͤhstuͤck ein, und traf. Den 17ten Sept. Abends in Strasburg ein, von da ich dann vol- lends bis Carlsruhe reisete, und damit meine Reise gluͤcklich beschloß. Hiemit endigt sich denn auch dieses Tagebuch. Ende des ersten Theils.