Katz' und Maus . Von Nataly von Eschstruth. Berlin. Verlag von Gebrüder Paetel . 1886. Katz' und Maus . Katz' und Maus . Von Nataly von Eschstruth. Berlin. Verlag von Gebrüder Paetel . 1886. Alle Rechte vorbehalten. Frau Ignes von Hülsen, geb. Freyin von Ohlen-Adlerskron, in dankbarer und verehrungsvoller Liebe zugeeignet von der Verfasserin. Rosen werden meine Träume, Lachend Maigrün die Gedanken, Zwischen welchem Phantasien Traumhaft, bleich wie Lilien, schwanken. Von den Rosen und den Lilien Laß mich hier die liebsten bringen, Sie als nimmerwelke Krone Duftend um Dein Haupt zu schlingen! Berlin , den 11. October 1885. Im Johanniskloster. „Nun so redet!“ sprach Abt Wunfried, Griff bedächtig nach dem Humpen, Neigte sich, warf einen schnellen Blick in seine Purpurtiefe, Wo die grellen Lichtreflexe Funken gleich im Weine tanzten, Hob ihn an die schmalen Lippen Und that einen knappen Zug. — Gegenüber an der Tafel, Vor dem unberührten Becher Saß, dem diese Worte galten, Finsterblickend, stahlgewappnet, Robert von dem Frankensteine, Den man auch nach seinen Streichen Rings den „wilden“ Junker nannte. Seinen langen, blonden Schnurrbart Zornig in den Fingern zwirbelnd, Düstern Blick zum Abte schickend, Schlug er mit der Rechten dröhnend Auf die eich'ne Tafelplatte Und rief hastig: „Ja, beim schwarzen v . Eschstruth , Katz' und Maus. 1 Höllenfürst und allen Teufeln, Reden will ich, Abt Wunfriedus, Und Ihr sollt der Rede staunen! Haben sich die Lästerzungen Hier im Kloster Sanct Johannis, Mich verketzernd, eingenistet, Daß Ihr mich wie einen Schandbub', Beichte heischend, vor Euch ladet?“ Hob das ernste, bleiche Antlitz Abt Wunfriedus und sprach ruhig: „Fein bedächtig, Junker Robert! Wißt, daß ich Euch hergerufen Unterm Scheine alter Freundschaft, Einer Zwiesprach hier zu pflegen, Nicht um Euer Thun zu richten; Ihr hingegen führet Reden, Die ein friedliches Berathen Schier unmöglich machen. — Demuth Heisch' ich hier als Euer Priester, Offenheit als Freund und Oheim. Ist's Geheimniß denn geblieben, Was in Kreuzburg vorgefallen? Soll allein in Sanct Johannis Niemand ahnen, was im Lande Weit schon über Thüring's Grenzen Kecklich alle Spatzen pfeifen? Und wie wißt Ihr, ob ich's glaube; Ob ich nicht in schweren Sorgen Aengstlich forschte, ob dies Schreckniß Nicht geschah de gravi causa ? Seid Ihr schuldig, Junker Robert, — Sanct Johannes mög's verhüten — Wer vermöchte eh'r denn Wunfried Eure Seel' zu absolviren? Drum erzählt mir ohne Zaudern Und genau, daß jeglich Wörtlein Auf das Kreuz Ihr könnt beschwören, Wie Ihr Streit bekamt zu Kreuzburg!“ Heftig an der Lippe nagend, Starrt der Junker auf den Boden, Wo auf weiß gefegten Dielen Sich die langen Schatten malten; Dann erhob er jach das Antlitz, Dieses freie, finster kühne, Wetterbraune Männerantlitz, Und so hob er an zu sprechen: „Hab' gesündigt, Abt Wunfriedus, Doch so schwer nicht, als Ihr meinet; Wißt ja, heißes, ungestümes, Trotz'ges Blut der Frankensteiner Schäumet hinter meinen Schläfen, Und so kommt es — weiß der Satan! — Gar zu leicht, daß mir die Adern Zornhoch auf der Stirne schwellen. Bös gemeint ist's niemals, Wunfried, Ist nur so, wie's unser Herrgott Auch dem jungen Most beschieden, Der erst gährt und schäumt und dränget, Eh' er sich, zu Gold geläutert, In den besten Wein verwandelt! Wißt, ich habe keine Mutter, Keine Schwester, keine Base, 1* Bin als wie ein herrnlos Füllen, Zwischen Männern aufgewachsen Und entbehrte jeden Zuspruchs. Also ward ich, was ich bin nun, Frei empor geschossen Stämmlein, Dessen wilde Sauersprossen Keine zarte Hand gereutet, Guter Art, doch arg verwahrlost, Seine Kräfte fälschlich nutzend Und nach allen Seiten kecke In die lust'ge Freiheit strebend! Also höret. — War mit Hermann, Herrn von Treffurt und zu Beilstein, 1 ) Wohl befreundet und verbrüdert, Wenn mich gleich sein tückisch Wesen, Seine falsche Schleichermiene Oft auf's grimmigste verdrossen. Dennoch war ich stets in Frieden Mit ihm Handels einig worden, Seine Nähe meistens meidend, Wie man eklen Spinnen ausweicht. Nun geschah es, daß Herr Hermann Plötzlich ein Gelüst verspüret, Sein Ererbtes zu vergrößern Und die Grenzen seines Lehnes Längs der Werra zu erweitern. Schon seit grauen Jahren sitzen Die von Frankenstein zu Salzung, Bis ich jüngst mir zum Ergötzen, Hier am Petersberg bei Wartburg, Meinen Mittelstein erbaute. 2 ) Solches nutzte der von Treffurt, Und er hob an, mich zu kirren, Ihm die wenig Hufen Landes, So am Werra-Ufer laufen Und auf Salzungen verbrieft sind, Frankensteinisches Ganerbe, Einzutauschen oder gegen Baare Münze zu verkaufen. Ich sann hin und her und dachte, Daß der Landstrich zu entbehren, Wenngleich er zum besten Acker Zählte, den ich je besessen; That's dem Treffurt auch zu Liebe, Denn ich wollt' ihn nicht zum Feinde; Doch verkaufen gegen Baares Wollt' ich ungern. — Nun hat Hermann Dicht gelegen meinen Forsten Einen Flecken, heißet: „„Haynich““; 3 ) Dahinein verlor manch' Wild sich, Wenn ich's in den Bergen hetzte, Und verleidet' mir das Jagen. Darum sprach ich: „„Tausch' die Hufen Gegen jenen Flecken Haynich, Laß sie schätzen und vergleich' es Dann gerecht mit meinem Acker!““ Ihm gefiel's, und also wurden Schnell wir unsres Handels einig, Setzten fest auch Tag und Stunde, Wo wir uns in Kreuzburg treffen Wollten, Alles zu verbriefen. — War auch zur bestimmten Stunde Hermann Treffurt und sein Bruder, Jener rothe Fuchs von Beilstein Mit dem Hinkefuß, Herr Henno, Und sein Beistand, Hinz von Naetter, In Stadt Kreuzburg eingeritten. Fast zu gleicher Zeit mit ihnen Traf auch ich ein. Mir zur Seite Ritt mein wackrer Trautgeselle, Treusch von Buttlar, der zu Schweinsberg Bei dem alten Guntram Schencke Mit mir Knappendienste übte, Und der jetzt mit seiner Hausfrau, Vom Geschlechte der von Malsburg, Auf dem Brandenfelsen sitzet. Wie wir uns bei heitrem Mahle Nun versammeln, und Herr Henno Hundert Sprüchlein, oder mehr noch, Hercitirt, den Krug zu leeren, Wie er ließ die Gäste leben, Jeden Einzelnen mit Namen, Fürst und Landsherr, unsre Vesten Die hochwürd'ge Cleriseia Und zum Scherz Frau Aventiure Und die holde Kön'gin Minne, Kurz — wie er stets Vorwand suchte, Weinesgluth aus unserm Becher In die Köpfe zu verpflanzen, — Ja, da darf's nicht Wunder nehmen, Daß wir, höchlichst aufgeheitert, Endlich von der Tafel schieden, Um den Tauschcontract zu schließen, Den ein Schreiberlein, Claus Pfeiffer, Während dessen aufgesetzet. Henno nimmt das Schreiben jetzo Und beginnt vor allen Zeugen Laut den Inhalt zu verlesen; War just so, wie wir's bestimmten: Meine Hufen für den Haynich. Buttlar hört's gleich mir und nicket, Hermann nickt und sagt: „„Herzbruder, Bist Du diesen Brief zufrieden?““ Und ich antwort': „„So mir Gott helf', Ja, ich bin es, Hermann Treffurt!““ Und... nun soll ich's durchseh'n, siegeln!“ Jetzo unterbrach sich Robert, Und mit wild gefurchter Stirne, Seinen Sessel rückwärts stoßend, Sprang er auf, um hast'gen Schrittes An Abt Wunfried auf und nieder Im Sanctuarium zu schreiten. „Wißt, Abt Wunfried!“ grollt er heftig Und ballt vor ihm beide Hände: „Hab' gelernt, was Rittertugend, Höfische Hantierung fordert, Weiß mein feurig Roß zu tummeln Bei Turnier sowohl wie Fehde, Daß der Name Frankensteiner Just so hell strahlt wie die Krone 4 ) Seiner Schildzier, daß man seinen Muth vergleichet mit dem Leuen, Der in seinem Wappen gleißet! Hab' gelernt, in Hof und Palas Mich als Ritter zu geberden, Aber kaufmännische Tugend, Als da Lesen ist und Schreiben , Oheim Wunfried, lernt ich nicht ! Hab' mich stets darauf verlassen Und geglaubt: „„Wozu denn Klöster? Und so viele fromme Brüder? Hochgelahrte Herrn Magister, Wenn der Ritter noch im Schreibsaft Seine Freiheit soll ersäufen?““ — Aber eingestehen wollt' ich Das doch nimmermehr dem Beilstein, Hätte doch sein spöttisch Lächeln Meine Galle schäumen lassen; So fuhr ich denn an Herrn Henno, Ob mein Wort allein nicht gültig, Dieses Brieflein zu bethät'gen? Und mit listig schlauer Miene Gab der Hinkfuß mir zur Antwort: „„Ist ja nur der Ordnung wegen, Und nun einmal Brauch und Sitte! Uns, Herzbrüderlein, genügt wohl Frankensteiners Wort und Handschlag, Aber was da nach uns kommt, Kind und Kindeskinder, Robert, Die verlangen es besiegelt, Schon um Händeln vorzubeugen.““ Solches fand ich recht und billig, Faßte ruhig nach dem Wachse, Drückt' auf's Pergament mein Siegel Und gab's weiter an den Buttlar. Dem geht's just wie mir. — Er setzte Auf gut Glück sein Zeichen drunter, Treffurt, Naetter, — und nur Hinkfuß Konnt' allein den Namen schreiben. Drauf in weineslust'ger Stimmung Ging's zurücke an die Tafel, Unsern Tausch mit manchem Becher Edlen Feuerweins zu taufen. Endlich schlug die Trennungsstunde. „„Bruder““, sprach ich zu Herrn Hermann, „„Laß uns Alles heute enden, Gieb mir, wie es mir nun zusteht, Für den Handel meinen Kaufpreis.““ Lachte wild und laut der Treffurt: „„Bist Du rein des Teufels, Freundchen? Hast Du denn den Brief vergessen, Den Du eben unterzeichnet?!““ — Wieder machte Junker Robert Hier, fast keuchend, eine Pause, Preßte die geballte Rechte Auf die Brust und sah zum Abte, Der in regungslosem Lauschen In die Hand die Wange stützte, Wutherfüllten Blickes nieder. „Laßt mich kurz sein, Abt Wunfriedus, Ahnt wohl schon, was mich betroffen? Fluch der ehrlos falschen Sippe, Die, der Ritterschaft zur Schande, Solche Büberei verübte! Den Contract, den man verlesen, Hatte ich nicht untersiegelt, Nein, beim Teufel! einen andern, Den sie listig unterschoben, Der mir für die fetten Hufen Jenes dürre, unfruchtbare, Abgebrannte Dörflein Borsla, Weit entlegen meinen Grenzen, Statt des Haynichforsts verschrieben! Als Herr Hermann mir dies Schriftstück Höhnisch lachend vorgetragen Und behauptet, ich sei trunken Wohl gewesen, da's gebrieft ward, Jetzo sei's nicht mehr zu ändern .... Da erfaßte namenlose, Ungeheuer hitz'ge Wuth mich. „„Bube!““ rief ich, und ich packte Wie ein Wehrwolf seine Gurgel: „„Reißt Du nicht den Lügenfetzen, Dieses Gott verfluchte Schriftstück, Hier vor mir und meinen Augen Und sofort in tausend Stücken, Würg' ich Dich, beim Satan, Schurke, Wie 'nen Hund mit eignen Fäusten!““ — — „„Henno! — Naetter!““ — keuchte Jener Nur statt Antwort, und ich sehe, Wie die niederträcht'gen Burschen Blank ziehn und zu Hülfe eilen. „„Waff â ! ... Waff â !““ schrie Treusch Buttlar, Sprang dazwischen und warf jählings Einen schweren Eichensessel Dem von Naetter in die Füße, Daß er strauchelnd rückwärts stürzte. „„Waff â ! — Waff â !““ wiederholt' ich, Meiner Sinne nicht mehr mächtig, Ließ den Treffurt fahren, suchte Nach dem Schwert an meiner Seite ... Ha! — und griff den leeren Riemen! Gleicher Zeit sah ich den Hinkfuß Seine Waffe in des Bruders Unbewehrte Rechte drücken, Und mit wildem Rachefluche Stürzt' sich nun der eh' Gewürgte Wider mich mit blanker Klinge. Ich such' Deckung an der Tafel, Fasse — mir ist's jetzt als träumt' ich — — Während meine Pulse rasen — Einen jener schwer gewicht'gen Humpen, steinern, weingefüllet, Schleudre ihn mit starkem Arme Meinem Angreifer entgegen. — — Gut getroffen hatt' ich, Wunfried, Besser als ich wollt' und wünschte, Denn mit klaffend blut'gem Schädel, Ueberströmt von Wein und Scherben, Lag der Treffurt auf den Dielen, Röchelnd, ... und ein Mann des Todes. — „„Fort von hier! — Bei Deinem Leben!““ Hört' ich Buttlar's Stimme flüstern, Und er faßt' mich, reißt mich mit sich — „„Auf die Rosse! — Fort, Freund Robert!““ In den Sessel war zurücke Der Erzähler hier gesunken, Stützte schwer das Haupt und starrte Schweigend auf die Tafelplatte, Dann hob er das stolze Antlitz Und sprach ruhig: „Ist zu Ende Meine Beichte, Abt Wunfriedus, Nun in Gottes Namen — richtet!“ — Lang' noch schwieg der Abt. Er wiegte Auf den Schultern, ernst erwägend, Sein ergrautes Haupt und nickte Vor sich hin, als wollt' er sagen: „Ja, so ist es! Wer kann's ändern Oder ungeschehen machen!“ Und aus seinem Auge huschte Jäh ein Blick nach Junker Robert, Just so scharf, als wollt' er dringen In des Ritters tiefste Seele, Just so prüfend, als erwäg' er, Wie auf diesen Mann zu bau'n sei. Und so hob er an zu sprechen: „Also hat der Herr befohlen Unser Gott: „„Du sollst nicht tödten!““ Und sein Himmelreich verschlossen Allen, so dawider handeln! Schwer habt Ihr gesündigt, Junker, Und den Blutfleck Hermann Treffurt's Wascht Ihr nicht von Eurer Seele, Ob Ihr auch die That bereuet, Keine Reu' erweckt die Todten!“ — — Brach ein jäher Blitz aus Robert's Nachdenklich gesenkten Augen: „Hab' ich etwa hinterlistig Oder gar mit Ueberlegung, Wie ein Schandbub', ihn erschlagen? Hat er mich nicht wild gereizet, Mich betrogen! — seine Waffe Drohend gegen mich gezücket?! War das Blut in meinen Adern Etwa kühl wie sonst am Tage? Hat der Wein nicht meine Sinne So erhitzt, daß jeglich Denken, Ueberlegen mir gestört war? Und — zum Teufel — war nicht Alles, Was ich that, nur eitel Nothwehr? Wenn ich mir mein Leben wahre Und den Feind zu Boden strecke, Bin ich dann ein Mörder , Wunfried?“ „Vor dem weltlichen Gerichte Nicht! — denn diese Gründe, Junker, Dienen wohl, Euch zu entschuld'gen, Aber doch nicht zu entlasten. Und Gerechtigkeit auf Erden, Die ein Menschengeist erklügelt, Kränkelt auch an Menschenschwäche Und sieht nur mit ird'schem Auge Und mißt nur mit eignem Maaße, Das sie dehnt ganz nach Behagen Und verkürzt in eitel Willkür! Ich hingegen, als der Kirche Diener und als Gottes Stimme, Sehe rechts und links nicht, sehe Einzig Eure nackte Sünde, Kahl und unbemäntelt, sehe Hermann Treffurt's Blut und spreche: „„Der's vergossen — der ist schuldig.““ — „So verdammt Ihr mich?“ — — Von seinem Stuhl erhob sich langsam Wunfried, Trat zum Junker dicht und legte Seine kühle, bleiche Rechte Auf das trotzig junge Haupt; „Robert!“ — sprach er und sah lange, Lange in des Jünglings Auge: „Nein, ich kann Dich nicht verdammen , Aber Dich erlösen kann ich, Und ich will's auch, so mir Gott helf!“ — „Nennt mir meine Buße, Oheim, Reinigt mich, Herr Abt Wunfriedus!“ Und der wilde Frankensteiner Beugte demuthsvoll die Kniee, Und sein übermüthig Antlitz War zum ersten Mal im Leben Bleich und ernst, und feucht sein Auge. Von der Erde hob ihn Wunfried, Winkte schweigend nach dem Sessel, Setzte nieder sich und strich sich Mehrmals über seine Stirne, Just als wollt' er noch zum letzten Mal sich's reiflich überlegen. Sinnend schaute auf ihn Robert. War ein Mann in reifern Jahren, Dieser Abt von Sanct Johannis, Hochgewachsen, schlank und schmeidig, Und noch völlig ungebeuget, Wenn auch grau das dichte Haar sich Unter sammtnem Käpplein lockte. Scharfgeschnitten seine Züge, Kühn gebogne Adlernase, Drüber groß und klug und forschend Seine grauen Augen wachten. Schmal und fest geschlossen legten Sich die Lippen auf die Zähne, Und sie gaben leicht dem Antlitz Einen Zug entschlossner Härte, Einen grausam starren Hochmuth, Der wohl eh'r für einen Kriegsmann, Denn für einen Priester taugte. Endlich legte sich entschlossen Wunfried's Rechte auf die Tafel, Und fast hastig sprach er also: „Wohl! will Euch die Buße künden, Junker Robert, und ich glaube, Werdet niemals Euch im Leben So erstaunen mehr, denn jetzo! Wunderliche Buße ist es, Und drum, eh' ich sie verkünde, Gebt den Handschlag mir als Ritter, Daß jedwedes meiner Worte Soll in Eurer Brust versargt sein, Bei den Wunden Jesu Christi!“ — Ueberrascht schlug ein der Junker, Und er murmelte betreten: „Habt mein Ehrenwort drauf, Wunfried!“ Und zurück in seinen Sessel Lehnt' sich Wunfried und erzählte: „Zum Verständniß meiner Ford'rung Laßt mich kurz Euch erst verkünden, Wie's zur Zeit da draußen aussieht In dem Reich der Welt und Kirche, Denn ich glaube, Junker Robert, Bei Euch auf dem Mittelsteine Treibt man nicht viel Politik.“ — „Nein, beim Ew'gen!“ lachte Jener, Und Abt Wunfried dreht am Finger Spielend einen güld'nen Reifen Und fuhr fort: „Im Jahr zwölfhundert Wählt' ein Theil des Dom-Capitels Zu Stadt Mainz den Freiherrn Sigfrid, 5 ) Herrn zu Eppstein, zum Erzbischof, Während dess' der Kaiser Philipp, Ihm zuwider, Leopolden, Bischof zu Stadt Worms, erwählte. Sigfrid eilt voll Haß zum Papste, Ward in Gnaden auch empfangen Und ernannt zum Cardinale In der Ordnung Sanct Sabinen Auf dem Monte Aventino. Blieb daselbst, bis Kaiser Philipp Von dem Wittelsbach, dem Pfalzgraf, Meuchlings umgebracht ward, und man Sagt es, daß der Sigfrid Eppstein Auch darum gewußt soll haben; War damals ein bös Gerüchte. Soviel aber ist ganz sicher, Daß Herr Sigfrid schleunigst reiste Hin nach Mainz, und vom Capitel Ward er nach Gebühr empfangen, Und erwählt zum Erzbischofe. Darin sah der Kaiser Otto Nun gar gröbliche Beschimpfung, Sandte Schreiben zu dem Papste Und erfuhr, daß Sigfrid Eppstein Sich so sicher eingenistet, Daß sich Rom für ihn erklärte Und statt seiner Kaiser Otto Schmählich mit dem Bann belegte. Ja soweit ging man im Hasse, Daß der Eppstein selbst betraut ward, An die Churfürsten zu schreiben, Einen neuen Herrn zu wählen! Wilder Zorn erfaßte Otto, Er verstieß den Eppensteiner Und bedrängt' ihn so gewaltig, Daß der Erzbischof mußt' flüchten Und allhier bei Landgraf Hermann, Seinem Freunde, Zuflucht heischte. Später erst, als König Friedrich, Herr zu Böhmen, ward erwählet Zu des Reiches deutschem König, Kehrte er nach Mainz zurücke In sein Amt und seine Würden. Doch beliebt an Friedrichs Hofe Ist der Bischof nie geworden, Denn man konnt's ihm nicht vergessen, Daß er mit dem Wittelsbacher Einverstanden einst gewesen, Und man sah gewaltig sauer Dazu drein, als nach dem Tode v. Eschstruth , Katz' und Maus. 2 Dieses Sigfrids dann sein Vetter 6 ) Ward zum Erzbischof erwählet. Jetzo ist nun dieser Herre, Ein gar wackrer Gottesstreiter, Der zu Marburg die Gebeine Sanct Elisabeths gehütet Und mit Conradus von Hessen Weiland schwere Kriege führte, Plötzlich auch zu Tode kommen, Nicht beklagt von König Conrad, Der es niemals ihm vergessen, Daß er seinen heft'gen Gegner, Heinrich, Fürst zu Hessen, anstatt Seiner, einst zum König wählte. Und auf diesen Haß, Freund Robert, Gründet sich nun Eure Buße. — Nach all' dem, was ich erzählet, Werdet Ihr es wohl begreifen, Daß die Kön'ge für die Eppsteins Nicht grad große Vorlieb haben, Sonderlich der König Conrad! Nun bedenkt das Unerhörte, Daß man wieder einen Gerhard 7 ) Eppstein, Waldgraf aus dem Rheingau, Wählt in Mainz zum Erzbischofe.“ Abt Wunfriedus drehte längst schon Nicht den Reif mehr an dem Finger, Die geballte Rechte klopfte Zornesmuthig auf die Tafel, Und die Stimme war erhoben, Scholl im dem gewölbten Raume Mächtig wie Trompetenschmettern, Das zu Schlacht und Angriff ruft! „Und nun wisset auch, Herr Robert, Was er ist, der Auserwählte, Der auf einem Bischofstuhle Mächtig Regiment soll führen! Ist ein simples, schlichtes Mönchlein, Sitzt zu Erfurt in der Klause, Und bei Gott, hieß er nicht Eppstein, Würd' kein Hahn selbst nach ihm krähen! Giebt es denn nicht in den Klöstern Würd'ge Männer noch genugsam? Ist nicht das Johanniskloster Eins der ältsten seines Ordens? Hab' ich nicht mein Amt verwaltet, Gut gemehrt und Würd' gehoben, Wie kein andrer Abt je vor mir? Bin ich nicht von altem Stamme, Aus dem ritterlichen Blute Der von Frankenstein entsprossen, Deren Stammbaum man zurückführt Bis auf Königliche Wurzel? Ja, beim Blute Christi, Robert, 'S ist ein Schimpf, den man mir anthut, Mir, und auch dem König Conrad, Dem zum Trotz man dieses Mönchlein, Nur weil es ein Eppensteiner, Also willkürlich bevorzugt!“ — Wieder machte Abt Wunfriedus Athemschöpfend eine Pause, Und es nagten seine Zähne 2* Zornig an der Unterlippe. Robert aber blickte rathlos In des Priesters finstre Züge, Schüttelte das Haupt und fragte: „Was hat Alles dies für Einfluß Auf die Buß', die meiner harret? Wäre ich der Papst höchst selber, Ja, dann sollte wohl mein Machtspruch Euch zum Mainzer Stuhl verhelfen, So jedoch, als simpler Ritter, Ist's mir unklar, wie die Lage Dieser Dinge ich soll ändern!“ Lächelte der Abt und sagte: „Höre an, welch' einen Auftrag Ich — zugleich in Königs Namen — Dir und Deinem Muthe gebe! Wird in wenig Tagen Gerhard, Erzbischof und Graf zu Eppstein, Ueber'n Rennstieg her von Erfurt Graden Wegs zum Mainzer Stuhl ziehn. Das nun sicher zu vereiteln , Junker Robert, ist die Buße, Die ich Deiner Schuld dictire. Doch zum Schluße noch ein Zweites: Kurze Wegstund durch die Berge Liegt das Dörflein Etterwinden, Wo allselbst nach langem Leiden Frau von Wangenheim, Margreta, Wittib längst und ohne Kinder, Ihren Pilgerlauf beschlossen. Statt nun dem Johanniskloster, Wie es billig und gerechtsam, Lehn und Pfründe zu verschreiben, Hat der schlaue Abt zu Fulda, Namens Bertholdus der Zweite, 8 ) Herr zu Leupolz, der ihr Vetter, So fein klüglich sie beredet, Daß sie uns, — von Rechteswegen Ihre Erben! — hintergangen Und das Lehn vergab an Fulda. Nun soll einer mit dem Brieflein, Drin sie alles dies besiegelt, Hin nach Fulda und Bertholdus In des Erbes Rechte setzen. Dieses pergamentne Streiflein Reißt von dem Johanniskloster Ein beträchtlich Stücklein Seele, Kostet uns manch fetten Hufen. Wehe uns, wenn wir es litten, Daß ein Jeder dürfte schmälern An den Grenzen Sanct Johannis! Drum — das Brieflein zu vernichten , Junker Robert, — Deine Buße! Und den Plan, den ich geschmiedet, Höre nun in kurzen Worten.“ — Näher rückte Abt Wunfriedus Seinen Sessel; leiser wurde, Ernst und heimlich seine Sprache, Und wie seine Augen blitzten, Wie das Blut der Frankensteiner Heißer in den Adern rollte, Wie der rothe Wein im Kruge Immer weniger ward und weniger, Und die Sanduhr auf dem Simse Rastlos ihre Körnlein streute. Sprang empor der Junker Robert, Stiehs das Schwert auf, daß es klirrte, Und rief jauchzend: „Tausend Teufel Haben diesen Plan ersonnen, Und ich führ' ihn aus, Herr Oheim, Just so wahr als diesen Krug ich Auf das Wohl des Klosters leere!“ Und er hob den schweren Humpen, Setzt' ihn an und leert' ihn redlich, So daß keine rothe Perle Seinen Nagel netzte, als er Uebermüthig gab die Probe. Ernster ward des Mönches Antlitz, Und in feierlichem Tone Fragt er: „Schwörst Du's bei dem Kreuze, Daß der Plan mit allen Folgen, Sollte ja man uns entdecken, Nur auf Dich und Deinen Namen, Einzig auf Dein Haupt dann falle? In des Königs Namen, Robert, Sich're ich Dir Schutz und Hülfe, Dich, den Ritter, kann er decken, Aber mich und dieses Kloster Schirmt kein königlicher Machtspruch, Und drum muß ich Sanct Johannis Hier vor Allem sicher stellen. Bist Du Willens, Frankensteiner, Sollst Du vollen Ablaß haben Für jedwede Schuld und Fehle, Und drum sag' ich Dir: Beschwör' es!“ — Aus den heitern Zügen Roberts Schwand das Lächeln. Ernsthaft legte Er die Hand aufs Kreuzeszeichen, Und mit feierlicher Würde Sprach er langsam: „Ja, ich schwöre!“ — Die Holzenburg. Mit Sternen besäet und wolkenlos spannt Der Himmel sich über das thüringer Land, Und über die Berge, den schlummernden Hain Hinjagen die silbernen Nebelfei'n, Von luftigen Rossen, da wogen so fahl Und wehen die Schleier gespenstisch zum Thal, Und Perlen träufen wie blitzender Thau Aus flatternden Mähnen hernieder zur Au. Es baden die Nymphen im Bächlein so klar Und strählen im Winde ihr lockiges Haar, Und lautlos zieht in der nächtlichen Stund Die weiße Hinde durch blumigen Grund Und äset so heimlich und blicket so hold Und trägt auf dem Haupte ein Krönlein von Gold; Das klinget und singet im Hörselberg. Im Drachensteine hauset der Zwerg, Der huscht jetzt hernieder zum schilfigen Moor, Zuweilen leuchtet Spitzflämmchen hervor, Das wilde, das tanzende, tückische Licht; Wer kennt das Laternchen des Heinzelmanns nicht? An der Hochwalds Grotte aus kluft'gem Gestein Aufsprießt eine Blüthe wie Lilie so rein, Die Wunderblume, die Zaubrin im Thal, Sie schwanket, sie wiegt sich im Mondesstrahl, Sie flammt wie ein Sternlein in bläulichem Licht; Heil, Wandersmann, Dir, dessen Finger sie bricht! Grau ragen die Burgen im Düster empor, Gehoben die Brücke, geschlossen das Thor. Ein einsames Horn von der Wartburg noch schallt Als letzter Gruß zu dem nächtlichen Wald, Dann Stille rings um, von dem Himmelszelt Blickt Vollmond schweigend herab auf die Welt. — Was dröhnet da plötzlich durch schlummernden Hag Und wuchtet hernieder wie Hammerschlag? Was klopfet und hämmert, und rasselt und schallt, Und säget und splittert die Stämme im Wald? Was schnaufet und keuchet, und hastet und rennt, Was pochet und raspelt und klettert behend? Was klinget und tönet und stampfet und schwirrt, Was wälzet die Steine, und meißelt und klirrt? Auf dem Breitengescheide, der felsigen Wand, Was steiget so zauberhaft schnell aus dem Sand? Ist's Blendwerk der Hölle, ist's Zauberei? Vermummte Gestalten, sie eilen herbei, Sie fällen die Stämme, sie lockern den Grund, Sie bauen ein Schlößlein zur Geisterstund! Geheimnißvoll auf des Berges Kamm Aufthürmen sie Steine und Stamm auf Stamm; Da wächst es empor, da dehnt es sich aus, Ein trutziglich hölzern gezimmertes Haus. O nennt mir den Zaubrer, der Baumeister war! — In dunkelen Kutten ist's seltsame Schaar, Durch Dornen und Hecken auf heimlichem Pfad, Vom Kloster Johannis her sind sie genaht, An ihrer Spitze, auf schäumendem Roß Ein Rittersmann befehligt den Troß, Visir geschlossen, die hohe Gestalt In eiserner Rüstung, vom Mantel umwallt. Sie schaufeln den Graben, sie pflöcken das Thor, Sie thürmen die niedere Brüstung davor. Die Wände der Veste sind schmucklos und roh Aus Brettern gefüget, das Dach ist von Stroh, Doch also geschickt ist das Burglein gebaut, Daß es gar stattlich zum Thale hinschaut, Da scheinet die Baute wohl doppelt so breit, Als wie man sie schaut von der Bergesseit', Und zwiefach so hoch an dem Abgrund sie schwebt, Als wie sie im Rücken vom Boden sich hebt! So täuscht sie das Auge dem fahrenden Mann, Blickt er vom Thalgrund zum Schlößlein hinan; Da ist eine Halle, vier Wände, das Dach, Ein schmucklos, ungedieltes Gemach, Durch Luken kommt ihm das Tageslicht ein, Bläst ungehindert der Wind herein, Holztische und Schemel, und rings an der Wand Viel Fässer und Kisten, des Schlößleins Proviant. Daneben anreiht sich ein Zimmerlein, Gedehnet und schmal, und wenn auch recht klein, So dennoch behaglich und besserer Art. An Hausgeräthen scheint hier nichts gespart: Ein eichener Tisch, und um ihn gereiht Gedrechselte Stühle, hochlehnig und breit, Und kissenbeleget, sogar in der Mitt Ein Rittersessel, nach edler Sitt, Davor soeben noch legt ein Gesell Ein büffelgehörntes, schwarzzottiges Fell, Dieweilen ein Anderer fürsorglich spannt Ein Teppichgeweb vor die hölzerne Wand. Roth flammt es im Osten am Himmel empor, Doch rastlos noch schaffet der seltsame Chor, Bis endlich der Ritter dem Waidgesell winkt, Bis kurzer, dreimaliger Hornstoß erklingt, Bis es wie wimmelnder Ameisenschwall Von allen Seiten hernahet dem Schall, Sich stauend um des Geharnischten Roß, Ein kuttenumwalleter, mönchischer Troß. Da rufet er: „Wollt meinen Dank nun empfahn, Mit Euerer Hülfe das Werk ist gethan, Was jetzo noch fehlet dem lustigen Haus, Das führen die Mannen und Knechte mir aus, Drum ziehet zurück nun, die Sonne erwacht, Und schirmt im Gebete das Werk dieser Nacht!“ Ein: „ Deus vobiscum “ rings flüsterts im Kreis, Das Zeichen des Kreuzes, — und heimlich und leis Enteilt es von dannen, und huschet und flieht Auf lautlosen Sohlen durch Hecke und Ried Zum Grunde hernieder, von Felsen umringt, Draus mahnend vom Kloster das Glöcklein erklingt, Dort öffnet das Thor sich, dort ziehen sie ein; Wer könnte sie nächtlicher Wandrung noch zeihn? — Hinsauset der Wind durch das Thüringerland Und tilget die Fußspur, die frische, im Sand, Und fern, wo des Rhönlandes dämmernde Firn Aufrichtet zum Himmel die zackige Stirn, Da fliehet auf bleichem, wild hastendem Roß Der Nebelfeien gespenstiger Troß, Denn Sonnenstrahl, jener keckliche Fant, Im güldenen Panzer, den Speer in der Hand, Der hat sie im schlummernden Thale entdeckt, Mit stürmischem Glühen die Scheuen erschreckt, Verfolgt sie, und hat wohl in zorniger Hast Die weiten, langwallenden Schleier erfaßt Und reißt sie herab in der Hufe Gestampf; Nach wallen sie über den Wiesen wie Dampf. Auch längst ist zum dunkelen Forste entflohn Die zaubrische Hinde mit goldener Kron’, Die Zwerge bliesen Spitzflämmchen wohl aus Und schlüpften zurück in ihr schachtiges Haus, Im Hörselberge ward's still, und die Wand, An welcher die Blume, die leuchtende, stand, Die glüht jetzt und gleißet im Sonnenschein wie köstlich geaderter Marmelstein, Doch über dem Moose, gleich bläulichem Duft, Ein Falter sich wieget in schimmernder Luft. In Purpur getauchet, in sonnigem Brand, Ein Flammenzeichen im thüringer Land, Die Zinnenkrone auf lachender Stirn, Gleich rosiger, reigengeschmücketer Dirn Erhebet die Wartburg das fürstliche Haupt Vom nächtlichen Schlummer, eichenumlaubt, Und öffnet die Lippen mit erzenem Sang In jubelndem, grüßendem Warthornklang: „Gelobt sei Gott! — es wich die Nacht, Ihr Schläfer rings, erwacht! erwacht! Am Himmel stieg' die Sonn' herauf, Zu Freud und Leid, wacht auf, wacht auf! Den jungen Tag, oh schaut ihn gern, Thut Eure Pflicht und lobt den Herrn! Wacht auf!“ Katz' und Maus. Einen langen, grauen Schleier Hat das Himmelsrund, das weite, Um die Schultern sich geworfen, Und das blitzende Geschmeide, Drin sonst so stolz gegleißet, Sonnenstrahles güldne Spangen Und das Diadem von Sternen, Sorglich damit zugehangen. Fröstelte das weite Erdrund, Denn der Wind hob seine Schwingen, Um ein kühles, fremdes Liedlein Durch den stillen Forst zu singen. Dunkle Tannen in dem Grunde Schütteln ernst das Haupt. Es jagen Ueber ihnen graue Wolken, Die im Schooß den Regen tragen, Und es knarrt und pfeift im Astwerk, Und es streut die wilde Rose Zitternd ihre Blumenblätter Nieder zu dem Borkenmoose. Tief im Wald, vorbei am Abgrund, Wiesenplan und Waldesschneise, Zieht der Rennstieg seine tiefen Ausgewaschnen Fahrstraßgleise; Wurzelwerk und loses Steinicht, Gräben auch, und Schlehdornranken Bauen ihm und seinen Wand'rern Und der Eile üble Schranken. Hat schon oft der dicke Kaufherr Von den hochbepackten Wagen, Die von Leipzig nach der Mainzstadt Seinen bunten Tand getragen, Ein gar wildes Ungewitter Schwerer Flüche losgelassen Ob des Wackelns, Schaukelns, Schwankens Auf 'ner solchen Teufelsgassen; Hat sich prustend angeklammert Und gezetert: „Ich verspreche Sanct Sebastian zwanzig Kerzen, Wenn ich meinen Hals nicht breche!“ So auch heute. — Meister Gottfried Saß, das Haupt zur Brust geneiget, Nachdenklich auf hohem Sitze. Auf dem planbespannten Wagen Fuhr er an des Zuges Spitze, Ihm zur Seite schritt Jung Peter, Hoch und stramm, der Rosselenker, Von Natur ein stiller Bursche; Gottfried nannte ihn „den Denker“, „Träumer“ auch, und „stummer Peter“, Aergerlich des ew'gen Schweigens, — Doch zum Reden taugt nicht Jeder! Jetzo auch sprach er verdrossen: „Freundchen, ist das Abendzwielicht Auf die Augen Dir gefallen, Daß Du, schlafend, selbst vergissest Deinen Gäulen mal zu knallen? Oder blieb das Hagelwetter Mit dem Donnern und dem Blitzen, Das uns Mittags überraschte, Lähmend in der Zunge sitzen?“ Peter wandte seinen Flachskopf Und sprach langsam: „Nichts von Allem, 'S ist mir nur zu einer Rede Just nichts Schlaues eingefallen!“ — „Und wo sind wir?“ fragte Gottfried. „Auf der Höhe! — Gott zu preisen! Hier den Berg mit freiem Ausblick Thuen sie den Hirschstein heißen, In nur wenigen Minuten Sind wir an der „„hohen Sonnen““, An dem Kreuzweg, der verbindet Liebenstein und Reinhardsbronnen; Eh' die Nacht herein gebrochen, Ist auch Eisenach erreichet.“ Und jung Peter knallt den Pferden, Senkt das blonde Haupt und schweiget. „Meister Gottfried!“ ruft es plötzlich, Und ein Knecht steht ihm zur Seite: „Hinter uns, dicht auf den Fersen, Naht ein ritterlich Geleite, Wenig Mann nur; an der Spitze In lang wallendem Gewande Sprengt herzu gar eine Dame, Sicherlich von hohem Stande!“ War vom Sitze aufgefahren Meister Gottfried: „Blut und Eisen! Fehlte noch, sich mit Gesindel In der Nacht herum zu schmeißen. Heda Burschen! Nicht gefackelt, Faßt die Axt, und an die Posten! Es gelüstet wohl die Strauchdieb' Unsre Prügel mal zu kosten?“ Rief's mit Zorn und Löwenstimme, Daß es weit die Nacht durchhallte, Doch sein Angesicht ward farblos Wie der Birkenstamm im Walde, Und er setzte flugs sich nieder, Denn er fühlt' die Kniee zittern: „Sanct Sebastian! zwanzig Kerzen, Schützt Du mich vor diesen Rittern!“ Peter schüttelt seinen Flachskopf: „Unbesorgt nur, hier zu Lande Steht im ganzen Rund kein Raubnest. Streifte nie Buschklepperbande. Seht doch! Einer aus dem Zuge Sprengt an unsere letzten Wagen, Scheint sich auch nach seinen Mienen Aeußerst friedlich zu betragen.“ Kaum, daß Peter ausgesprochen, Hören sie's auch näher traben, Furchtlos spornt die Edeldame Ihren Zelter durch den Graben Und hält jählings neben Gottfried. „Grüß Euch, Meister!“ ruft sie heiter, „Braucht Ihr wohl auf Euerm Wege Ein paar friedliche Begleiter? Gleich wie Euch ist uns die Nacht auch Plötzlich über'n Hals gekommen, Und ich dächt', in größrer Anzahl Möcht' das Reisen besser frommen. Wir sind hies'ge Edelleute Von dem Ganschloß Etterwinden, Wollen bis zum fernen Rheinland Mühsam unsre Wege finden. Nella heiß' ich, — Petronella, — Bin aus adligem Geschlechte, Die „von Eschwege“ genießen Hier zu Lande große Rechte. Die Gefährten mir zur Seite Sind gar biedre Streitcumpane, Und ich reise unterm Schutze Des Fuldaer Sakristanes.“ Ueber Meister Gottfrieds Antlitz Zog es hell wie Morgensonne, Und der Schrecken war verflogen In behaglich sichrer Wonne. „Ei Vieledle!“ rief er eifrig, Und er zwang den feisten Rücken, Sich zu wiederholten Malen Vor der holden Frau zu bücken, „Wer wie ich mit Kram gehandelt Auf so viel verschiednen Plätzen, Weiß den Wohlklang Eures Namens Wohl am freudigsten zu schätzen; Hat doch jüngstens noch zu Hersfeld Hans von Eschwege, der Ritter, Für die tugendsame Hausfrau Mir gehandelt bunten Flitter, Schleierlein und blaue Seide, Und zwei güldne Achselschnallen; Hoffentlich, gestrenge Dame, Haben sie Euch wohlgefallen?“ Lachte leise auf die Reit'rin: „Diesmal habt Ihr Euch verzählet, Jener Ritter ist mein Oheim, Ich bin leider unvermählet Und muß auf solch schöne Gaben Wohl noch ein paar Jährlein lauern; Jetzo, eingedenk der Spangen, Muß ich's wirklich recht bedauern!“ — Meister Gottfried forschte eifrig, Ob er nicht durchs Abenddunkeln Könnte schauen ihre Züge Und der Augen neckisch Funkeln, Doch die Nacht war gar zu neidisch, Außerdem fiel leiser Regen, Und das Fräulein hob den Schleier, Ihn vors Angesicht zu legen. Meister Gottfried that von jeher Zu den art'gen Männern zählen, v . Eschstruth , Katz' und Maus. 3 Ließ es drum an Schmeicheleien Und an Galantrie nicht fehlen, Sprach von Leipzig, seinen Reisen, Was er hier und dort erlebte, Was zur Zeit wohl an Gerüchten Trüglich in den Lüften schwebte; Und die Reiterin zur Seite Lauschte ihm mit viel Behagen, That gar manche kindlich heitre, Rechte wissensdurst'ge Fragen. „Seht!“ sprach sie, „ich hab' zeitlebens Still daheim im Schloß gesessen, Wie es in der Welt rings ausschaut, Hab' ich wahrlich fast vergessen!“ — Immer dunkler war's geworden, Dicke Regentropfen fielen, Und der Wind begann aufs Neue In dem Waldeslaub zu spielen. Steil hernieder fiel die Straße, Und nur mühsam durch der Erde Schlamm'ge Furchen schwankten vorwärts Zaumgeleitet die Gefährte. „Gott sei Dank“! sprach Fräulein Nella, Bald ist's Schlimmste überstanden, Und wir werden in dem Thale Wie an sichrer Küste landen. Hu! wie fallen die Geschichten All' mir ein, so die Gesellen Jüngst im Palas sich erzählten Von der Landstraß Ueberfällen. Wisset Meister, solche Strauchdieb', Die aus lauter Armuth rauben, Will ich immer noch für besser Als die Plünderritter glauben! Solche Herrn, die auf den Burgen In dem Ueberflusse prassen Und sich ehrlos noch bereichern Durch den Raub auf offnen Gassen, Solche Herrn kann ich als Ritter Nun und nimmer mehr betrachten, Kann sie nur als ein Gesindel Niederigster Art verachten!“ Gottfried nickt und will entgegnen, Doch ein Holpern ohne Gleichen Schüttelt ihn auf seinem Sitze Und benöthigt ihn zu schweigen. In den Wiesengrund einschwenket Jetzt der Zug. — Zur linken Seite Grenzt der Tann ihn, doch zur rechten Strebet auf das Breitgescheide Mit der kahlen, steilen Felswand. Plötzlich knatterts in dem Walde, Und aus wilden Kehlen donnert's Furchtbar drohend: „Halte! Halte!“ Und wie aus der Erd' gewachsen Blitzt es rings von blanken Waffen. Meister Gottfried fühlt die Glieder Wie in Todesgraun erschlaffen. — „Waff â ! Waff â !“ gellt es wieder, — Kurzes — fürchterliches Ringen — Hieb auf Hieb — in schnellen Stößen Schwerter aufeinander klingen! 3* Doch die Uebermacht, sie sieget, Und der Zug ist überwunden, Leicht verletzt nur sind die Knechte, Nellas Reisige gebunden. Regungslos auf ihrem Rosse Starrt das Fräulein, kampfumgellet, Bis sie mit entsetztem Aufschrei Fassungslos von dannen schnellet. Doch umsonst! — Auf ihren Fersen Folgt ein fremdes Roß dem ihren, Ueberholt sie, und der Reiter Läßt es neben ihr pariren, Fällt ihr in die Zügel, rufet: „Sorget nicht um Euer Leben, Keine Schmach soll Euch geschehen, Wollt Ihr willig Euch ergeben!“ „Willig!“ murmelt Nella bitter, Und mit zornesbleichen Wangen Schleudert sie die Zügel von sich. Petronella ist gefangen! — Wilder braust es durch die Lüfte. Dichter stürzt der Regen nieder, Und die Eichenkronen rauschen Tolle, unheimliche Lieder. Durch den Wald auf steilem Pfade Geht's bergan zu dem Gescheide, Meister Gottfried schreitet zitternd An des Sakristanes Seite; Nella aber reitet neben Ihrem seltsamen Gebieter, Und sie fühlt es, seine Blicke Glühen forschend zu ihr nieder, Wenn der Wind, den Schleier fassend, Ihr das heiße Antlitz kühlet Oder in den blonden, langen Flatternd losen Haaren wühlet. „Eine Burg auf dem Gescheide?“ Ruft der Mönch, da er sie schauet, „Wer hat die seit kaum fünf Tagen Hier an steiler Wand erbauet?“ Keine Antwort. — Rastlos weiter Strebt man nach der sichern Veste, Und der Meister murmelt seufzend: „Komm' ich aus dem Teufelsneste Heil und mit gesunden Knochen, Ohne jegliche Gebrechen, Will ich hundert dicke Kerzen, Sanct Sebastian, Dir versprechen!“ In der Halle, sturmumtobet, Ist der Zug nun eingekehret, Und das Aussehn der Besieger Hat den Schrecken noch gemehret; Schwarz verkappt' geheimnißvolle, Hohe, markige Cumpane, Drängen sich am allermeisten Um den bleichen Sakristane. Durch die Thüre tritt der Ritter Mit geschlossenem Visire, Nella an der Hand, er hob sie Schweigend erst von ihrem Thiere Und geleitet sie fein sittig, Ganz wie altgewohnte Sache, Durch die Halle nach dem kleinen, Wohnlich schauenden Gemache. „Setzt Euch nieder, Edle!“ spricht er, „Und dankt mir's beim Saft der Rebe, Daß ich Euch bei solchem Wetter Hier ein gastlich Obdach gebe. Hört Ihr wohl den Sturm und Regen Auf dem Dache wiederklingen? Wunderlich, daß oft zum besten Man die Leute noch muß zwingen!“ Leise lacht er, Nella deucht es Gar wie Hohn in seiner Stimme, Und sie ballt die kleinen Hände Wider ihn in trotz'gem Grimme: „Also spottend wird geladen Wohl die Maus erst von der Katze, Ehe sie zum gier'gen Fange Hebt die hinterlist'ge Tatze? Hüte Dich, Du kecker Räuber! Ich bin nicht so schwach, wie Jene, Und ich zeige erst der Katze Kampfesmuthig meine Zähne!“ Zu der Thür zurückgetreten War schon Robert, jetzo wandte Er das Haupt so schnell zu Nella, Als ob Zaubermacht ihn bannte; Sah die rothen Kienbrandlichter Zuckend um ihr Antlitz wehen, Um dies stolze, süße Antlitz, Wie er keins zuvor gesehen. War ihm unbekannt am Weibe Dieses trotzig kühne Streiten, Als Gefangne noch den Faden Der Versöhnung durchzuschneiden. „Bravo!“ rief er jäh entgegen, „ Katz' und Maus ! ich laß es gelten, Und ich werd' im Augenblicke Mich zum holden Zweikampf melden! Jetzt vergebt mir, wenn ich scheide, Bald kehr' ich zurück zum Platze, Und dann komm', Du kleines Mäuslein, Wag' den Kampf mit Deiner Katze!“ Und die Thüre schloß sich knarrend. Stolz und bleich, hoch aufgerichtet Blickt ihm nach die Edeldame, Und was je ihr Geist erdichtet, Was sie je von schroffen Bildern Wilden Hasses mochte träumen, Jetzt begann's mit heißem Blute Zügellos empor zu schäumen. Aller Trotz, der ihr zu eigen, Das Bewußtsein der hülflosen Lage, drin sie jetzt befangen, Wuchs empor zum riesengroßen Zorne gegen jenen Räuber. Ihre blauen Augen flammen, Purpurn leuchten ihre Wangen, Fiebernd müssen ihre Blicke Immer an der Thüre hangen; Und sie hört, wie in der Halle Laut des Ritters Worte klingen, Wie sie heiter, voller Wohlklang Immer wieder zu ihr dringen. Und jetzt jubeln viele Stimmen, Fässer rollen, Becher klingen; Und jetzt hat die Diebes-Horde Gar zu singen angefangen! Endlich öffnet sich die Thüre, Wieder steht er auf der Schwelle, Hoch und stattlich wie ein Kaiser, Dieser freche Raubgeselle. „Nun? habt Ihr die fette Beute Jetzt getheilt mit den Collegen? War wohl heut ein guter Fischzug?“ Höhnet Nella ihm entgegen; Und der Ritter setzt sich lachend Gegenüber ihr am Tische: „Habt ganz recht! in meinem Netze Zappeln heute seltne Fische; Doch Ihr wißt, als liebste Beute Schleppt die Katze in ihr Häuslein, Stets das kleine, sammetweiche, Bitterböse Jungfer Mäuslein. Fische sind zu stumme Gäste, Doch des Mäuschens zornig Fauchen Kann ich just am allerbesten Hier zu meiner Kurzweil brauchen!“ „Mich zur Kurzweil'?!“ — Nella ruft es Athemlos in bleichem Zorne, Und sein lustig Lachen wird ihr Und dem Hasse noch zum Sporne; „Wenn Ihr Kampf auf Tod und Leben Kurzweil nennt, mag sie Euch werden! Habe Niemand noch so glühend, So gehaßt wie Euch im Leben! Glaubt Ihr mich gar einzuschüchtern, Weil ich hülflos hier gefangen? Nella Eschwege wird niemals Vor dem Straßenräuber bangen; Kann sich auch die Maus nicht wehren In des Feinds gewalt'ger Tatze, Kann sie doch mit letztem Seufzer Noch verfluchen diese Katze!“ — „Puh, wie schrecklich!“ schaudert Robert, „Solche Maus — beim heil'gen Vater — Muß ja fürchterlich verblüffen Selbst den muthigsten der Kater. Also hassen thut Ihr — hassen? Dann hält's schwer, versöhnt zu werden, Ich hingegen — hört! — ich liebte Niemals noch ein Weib auf Erden, Weil mir keines noch gefallen; Mäuslein aber, das empörte, Das gefällt mir nun vor allen, Und drum laßt den Ausweg finden: Als miraculum auf Erden, Soll das Mäuslein seiner Katze Minnigliche Hausfrau werden!“ — „Eure Hausfrau?!“ keine Sylbe Weiter konnt' die Lippe beben, Aber dafür haben Nellas Augen Antwort ihm gegeben. „Dieser Antrag überrascht Euch? Zeit ist gut bei allen Dingen, Mögt mir später Eure Antwort, Euer Jawort selber bringen!“ Gellend auf lacht Petronella, „Jawort“! keuchet sie im Grimme. Robert aber tritt schnell näher, Und er spricht mit leiser Stimme, Diesem weichen Flüsterlaute, Der so überzeugend klinget Und wie giftig Blumenduften Mächtig durch die Seele dringet: „Hörtet Ihr wohl je das Märlein Von der Katz' und Maus, Vielholde? Zwei gewalt'ge Hexenmeister Hat die Katze in dem Solde: Ihre grünen, wunderlichen Augen sind es, die mit langen Regungslosen Zauberblicken Unrettbar die Seele fangen. In die grünen Räthselaugen Starrt die Maus ... kann nicht vom Platze ... Wie gebannt, in ihr Verhängniß Taumelt sie, ans Herz der Katze. Merkt's Euch, Fräulein! — Euch zu zwingen Stehet nicht in meinem Sinne, Ganz von selber sollt Ihr kommen, Durch den Zauberbann der Minne; Und bis zu dem Wiedersehen Lebet wohl und zieht von dannen, Draußen harret Euer Rößlein, Harren wohlgemuth die Mannen. Ja, ich lieb' Euch, Petronella, Doch halt' ich Euch nicht zurücke, Weiß es ja, Ihr werdet kehren Einst zu meinem, Euerm Glücke! Dann wird vor des Straßenräubers Schlößlein nimmermehr Euch bangen, Und das Mäuslein giebt von selber Seiner Katze sich gefangen!“ Nella steht und blickt und blicket Stumm in seines Auges Flammen, Die durch das Visir sie treffen, Und sie schaudert jäh zusammen, Und sie schrickt vor ihm zurücke, Und wie sich die Hände ballen, Ist der kleine, weiche Handschuh Ihrer Rechten schnell entfallen. Robert neigt sich, reicht zurück ihn, Und er lacht: „Gilt's Frieden, Süße?“ Nella aber schleudert wortlos Ihm den Handschuh vor die Füße. Das Räthsel. Gleich dem Zuge wilder Schwäne, Die auf rastlos schneller Schwinge, Wie ein Schatten durch die Luft zieh'n, Ist das Wolkenheer zerstoben, Und durch seine letzten, dünnen Nebelhaften Regenschleier Hat der Vollmond seiner Strahlen Mildes Silberlicht gewoben. Aus dem regenfeuchten Grase Steigt empor ein süßes Duften, Tausend jung erschloss'ne Kräuter Baden sich in klaren Perlen, Die aufs neue stets ein Lüftchen Von den Zweigen niederschüttelt. In dem Fichtenwalde streift ein Wonnenvoller, kräftig herber Harzgeruch, es rinnen langsam Tropfen an den Bärten nieder, Welche grün vom starren Ast wehn Und den moos'gen Stamm umschmeicheln. Ruhe athmet's von den Bergen, Selten nur, daß eine leise Vogelstimme Antwort locket. Schweigend, wie in tiefem Traume, Ritt zu Thale Petronella, Neben ihr schritt düster sinnend, Furchtbar ernst der fromme Pater, Während laut und voll Begeist'rung Rings umher die Knechte schwatzten Und solch' Aventiure priesen, Die so ernst begonnen hatte, Um so weinesfroh zu enden. Nur der Meister schritt noch sorgend Hastig nieder zu der Eb'ne, Schüttelte das Haupt und traute Noch so recht nicht diesem Frieden. Hatte auch der fremde Ritter Auf sein Ehrenwort versichert, Daß er nur die anvertrauten Brieflein, die der Meister Gottfried Auf der Reise mit sich führe, Wünsche jetzo ausgeliefert, Und daß seine reichen Waaren Wohlbehütet in dem Thale Auf des Kaufherrn Rückkehr warten, Schien ihm doch der Handel mißlich Und auch gar nicht so recht glaublich; Ehrenwort und Plünderritter Paßten ihm nicht recht zusammen. Da er aber auf der Fahrstraß' Unberührt die Wagen vorfand Und sich eiligst überzeugte, Daß auch nicht ein Strohhalm fehlte, Ja, da faßte er des Fräuleins Kalte Hand und rief laut jauchzend: „Blut und Eisen, solch' ein Wunder! Hab' doch Vieles schon erfahren, Solch' ein Raubnest aber niemals, Selbst im Märlein nicht, getroffen! Könnt Ihr mir solch' Räthsel lösen? Oder hab' ich's nur geträumet, Oder ist die Burg da oben Selber gar ein großes Räthsel, D'rüber sich vielleicht noch höh're Leute ihren Kopf zerbrechen? Fräulein! Fräulein, ja es deucht mir, Daß wir hier in keinem Raubnest Von gemeiner Art gewesen!“ Petronella starrte wortkarg Noch einmal empor zur Neste, Biß die Zähne fest zusammen, Lachte höhnisch, nahm die Gerte Und trieb jählings an den Zelter. „Vorwärts“, rief sie, „vorwärts, Burschen, Graden Wegs empor zur Wartburg!“ — Wieder war ein Tag vergangen. Frau Sophia, Heinrichs Mutter, Von Brabant die edle Fürstin, Saß im Erker, und sie stützte Sorgenvoll das ernste Antlitz In die Hand und schaute prüfend Nieder auf die blauen Berge, Deren einen, wie durch Zauber Ueber Nacht ein Schloß gekrönet. Und sie krauste ihre weiße, Kluge Stirn und sprach voll Unmuths: „Also gar ein Raubnest ist es? Unerhört wär' solche Frechheit, Und die Milde hier Verbrechen An der Sicherheit des Landes. Redet weiter, frommer Vater, Hat man Euern Zug beraubet?“ Tief verneigte sich der Alte, Und mit einem Blick auf Nella, Die an Frau Sophias Seite Unverwandt auf das Gescheide Starrte, dessen Wunder-Veste, Grell vom Abendroth beschienen, Aussah als stünd sie in Flammen, Fuhr er fort ihr zu erzählen Von dem wunderlichen Ritter, Der verkappt, wie die Gesellen, Von des Krämers buntem Tande Nichts begehrt, als nur die Brieflein, Die der Meister bei sich führte, Wie er ihm mit frecher Kühnheit Von der Brust die Pergamente Stahl, darauf Frau Margaretha Ihren letzten Willen aufschrieb. Theilnahmsvoll hört's Frau Sophia, Sinnet ernst und spricht am Ende: „In dem Volksmund heißt's vom Schlößlein, Das auf räthselhafte Weise In nur einer Nacht erbaut ward, Daß es sei ein Werk des Satans. Doch nach allen Euern Reden Glaub ich fast, daß diese Veste Nicht nur Lust am Raube baute! Jedenfalls nicht dulden werd' ich, Daß zum Schrecken dieses Landes Solch' ein Zauberwerk bestehe; Und ich will dem Breitgescheide Seine Krone just so plötzlich Wieder von dem Scheitel reißen, Wie es sich mit ihr geschmücket. Jungfrau Nella, könnt Ihr mir wohl Näh'res von dem Ritter sagen?“ Tief betroffen schaute Nella In der Fürstin prüfend Auge, Und mit ihren weißen Zähnchen Heftig an der Lippe nagend, Senkte rathlos sie die Blicke, Unentschlossen und umwölket Streiften sie das Fußgetäfel, Während Wiederschein der Sonne Ihr die Wangen und das Blondhaar Rosenroth und goldig säumten. Endlich sprach sie in dem Tone Eines schwer gereizten Weibes: „Gnäd'ge Frau, soll ich Euch künden, Wie mich jener Mann gekränkt hat, So versprecht mir bei den Heil'gen, Daß es bleib' bei Euch verschlossen Als ein lebenslang Geheimniß! Viel zu stolz ist Petronella, Durch die Keckheit dieses Räubers In der Leute Mund zu kommen, Viel zu stolz, um ihren Namen Wenn auch nur durch die Erzählung Mit dem seinen zu verbinden!“ Und darauf verkündet Nella Von des schwarzen Ritters Antrag, Wie er sie im Uebermuthe Zu der Hausfrau sich erküret, Wie er gar verlangt, sie solle Selber ihm das Jawort bringen. Aber mit dem Zwiegespräche Von der Katz' und Maus, da hielt sie Vorsorglich noch hinterm Berge, Wußte selbst nicht recht die Ursach, Daß sie's so geheim wollt' halten. — War der Sakristan von Fulda Eifersvoll herzugetreten, Und er blickt mit list'gen Augen Forschend in der Jungfrau Antlitz. „Nella“, sprach er, „jener Ritter Ist in Eure Hand gegeben; Hat er Euch sein Herz geschenket, Wird er's sicherlich versuchen, Baldigst Euern Weg zu kreuzen. Höret d'rum, was ich Euch sage: Jenen Mann sollt Ihr entlarven Und des Gaudiebs Namen künden Mir und auch dem Abt zu Fulda; Hier aufs heil'ge Kreuz beschwört es, So zu thun nach meinem Worte.“ Regungslos stand Petronella, Starrte auf das dargebotne Cruzifix des Sakristanes, Und — war's nur das Licht der Sonne? — Heißer glühten ihre Wangen. „Ei, was zaudert Ihr, Jungfräulein?“ Lächelte Sophie und drohte Scherzend mit erhobnem Finger, „Ist am Ende jener schwarze Ritter auf der Teufels-Veste Doch nicht lang' mehr ohne Hausfrau?“ Wie von gift'gem Dolch getroffen v. Eschstruth , Katz' und Maus. 4 Zuckte Nella auf vom Sinnen, Und mit zornentflammtem Auge, Drinnen Thränen der Empörung Blitzten, hob die Hand sie jählings, Legte auf das Kreuz sie nieder Und sprach kalt und stolz: „Ich schwöre“. — In Johannis Klosterhofe Scharrte ungeduldig Roberts Roß, dieweil er selber In behaglichem Geplauder Bei dem Abte noch verweilte. Wunfried hielt die Pergamente Siegesfreudig in der Rechten, Trat zum offenen Kamine, Drin ein kleiner Holzstoß flammte, Und er warf die kleinen Fetzen Des zerrißnen Testamentes Voller Vorsicht in die Gluth. Alles, was da blieb, war Asche, War ein kleines Häuflein Asche, Und doch schloß es viele Hufen Reichsten Klostersegens in sich. „So war dies die einz'ge Beute, Die Ihr machtet, Junker Robert?“ Der Gefragte blickte schalkhaft In des Abtes forschend Auge, Machte dennoch eine Geste Mit der Hand und zuckt' die Schultern, So wie Einer, um den's schlecht steht, Und sprach: „Dies die einz'ge Beute! Aber freilich, Abt Wunfriedus, Ist sie hoch genug erkaufet, Und in seltne Gegensätze Seht Ihr mich anitzt verwickelt: Wollte keck den Räuber spielen Und bin selber der Beraubte, Wollte fangen und besiegen, Ach, und fühl' in schweren Ketten Selbst mich elend jetzt gefangen!“ „Wie? ... sprich deutlicher!“ rief Wunfried. „Deutlicher! Wohlan so höret! In den Netzen, die ich stellte, Einen list'gen Wolf zu knebeln, Fing sich plötzlich mir zum Staunen Klein und grau ein Mäuschen ein, Das mit nagend scharfen Zähnen, Eh' ich's dacht', die Fäden durchbiß Und von dannen floh. Und als ich Ganz verwirrt dem holden Flüchtling Nachsah, merkt' ich gar zum Schrecken, Daß dies diebisch kecke Mäuslein Noch aufs ärgste mich bestohlen: Dieses hier, Abt Wunfried, schauet!“ Und der Ritter legte lächelnd Auf das Herz die Hand und seufzte. — „Das ging schnell, bei meiner Seele! Wart doch sonst so kühl und nüchtern, Daß Euch nie ein Weib verwirrte —“ — „Nein, noch nie! denn jener Weiber Ewig einerlei Gebahren, Diese schüchtern, sittsam ernsten 4* Ewig stummen Edelfräulein, Eine wie die Andre, Oheim, Nein, die konnten mich nicht reizen. Doch das Mäuslein mit den scharfen Zähnen und der scharfen Zunge, Die so gröblich mich behandelt, Wie's ein Raubgesell verdienet, Aber niemals noch erfahren, Die ist just nach meinem Sinne; Und ich schwör's bei meiner Ehre, Sie wird mein! — Doch laßt's genug sein, Wundert Euch nicht meiner Rede, Wisst, der „tolle“ Junker spricht sie. Hier die andern Brieflein. — Prüft sie, Sind aus Meister Gottfrieds Sacke.“ Eifrig griff nach ihnen Wunfried, Neigte sich und las und las sie; Endlich zuckt er auf vor Schrecken, Ließ die Pergamente sinken Und starrt' sprachlos in die Flammen. „Also war's vergeblich — — Alles!“ Murmelt er mit bleichen Wangen. — „Was? was ist vergeblich, Oheim?“ „Graf von Eppstein ist der Schlinge, Ist der Holzenburg entkommen, Hier dies Brieflein bringt die Kunde An das Sanct Kartäuser Kloster, Daß statt über Eisenach er Hat den Weg nach Cöln genommen.“ Und des Abtes Hände knittern Aufgeregt das Unglücksschreiben, Um es mit gepreßten Lippen Noch einmal zu überlesen. „Hol's der Teufel!“ wettert Robert, „Der Gesell muß hohe Gönner Bei den lieben Heil'gen haben, Daß sie also ihn beschirmen!“ Finster blickt der Abt: „So wäre Denn die Frist schon abgelaufen, Die der Holzenburg gesetzet, Mag sie heute Nacht verschwinden Just so spurlos und so heimlich, Wie sie aus dem Fels gewachsen!“ „Daran thut Ihr wohl, Herr Oheim, Heute schon hat Frau Sophia Einen Boten mir gesendet, Schleunigst mein Visir zu lüften Oder ihren Zorn zu fürchten; Jener Sakristan von Fulda Hat, bei Gott, nicht schlecht gezetert! Außerdem, Herr Abt Wunfriedus, Braucht man meiner in der Heimath; Hat der rothe Fuchs von Beilstein Gestern Nacht, wie man mir meldet, Meinen Mittelstein befehdet, Und mit vieler Noth und Mühe Ist sein Angriff abgeschlagen. Solche Art nimmt mich nicht Wunder, Feig und schlau, so liebt's der Beilstein. Aber in den Fingern zuckt's mir, Diesem hinterlist'gen Burschen Offen jetzt Bescheid zu geben; Hüte Dich, Du kleines Treffurt!“ Wunfried war zerstreut; er nickte Nur und sprach: „So ziehet Denn in Gottes Namen, Robert, Eure Schuld ist abgetragen!“ — Robert griff zu Schwert und Helme Und nahm Abschied. Auf der Schwelle Hielt der Abt ihn auf und blickte Warnend nochmals ihm ins Auge: „Hüte Dich, mein Sohn, und wahre Nun vor allem das Geheimniß! Denn gar schwere Folgen hätt' es, Deinen Namen zu entdecken, Blut'ge Fehde, Haß und Zwiespalt, Wie für Dich, so für das Kloster. Und vor allem, Robert, hüte Dich vor jenem kleinen Mäuslein! Seine weißen, scharfen Zähne Schneiden Dir ins Mark des Lebens, Fliehe vor ihm, Robert, — fliehe!“ — „Vor der Maus die Katze fliehen?“ Auf des Frankensteiners Schulter Legte Wunfried schwer die Rechte: „Lache nicht! es hat ein Mäuslein Andre Gegner schon besieget, Als wie blindverliebte Katzen. Kennst Du nicht das Märlein, Robert, Wie ein Löwe ward bezwungen Und besieget durch ein Mäuslein? Jener königliche Streiter Baute zu fest auf die Stärke Und die Macht in seinen Tatzen, Siegesmuthig wollt' er spotten Seines kleinen Zwergengegners. Aber sieh, das schlaue Mäuslein Schlüpft dem Starken in die Ohren, Und von wildem Schmerz bezwungen, Lag der Thiere König, flehte Machtlos an das kluge Mäuschen. Und darum merk' auf, mein Robert, Nimm ein Beispiel an der Fabel! Nicht ins Ohr kriecht Dir Dein Mäuslein, Aber schlimmer noch, — im Herzen Wird der Gegner sich einnisten, Wird die Sinne Dir berücken, Dich in wilde Qualen stürzen, Bis Du matt und sterbenselend Deinem Feind zu Füßen sinkest. Fliehe! — flieh' dies Mäuslein, Katze!“ Robert hört's und nickt und lächelt, „Lebe wohl!“ ruft er und schwingt sich Ungestüm auf seinen Renner. Die Werra-Fuhrt. Das war ein wildes Rennen Zu Treffurt auf dem Schloß, Das Dach, die Balken brennen, Es stürmt der Feinde Troß. Der Junker Beilstein hebt die Faust In wildem Fluch. Es kracht und saust, Es bersten Schloß und Riegel; Die Flamme loht zum Himmel auf, Es wettert an den Wällen, Die Schwerter klirren wild im Hauf, Manch stolzen Wuchs zu fällen. Dem Frankensteiner Leuen droht Gar oftmals bitt're Todesnoth, Er brüllt aus blut'gem Rachen; Doch kühn gereckt, zum Sprung gestreckt, Hebt furchtbar er die Pranken, Und wo sein Flammenathem weht, Muß Feind und Mauer wanken. Dem Fuchs entwindet er das Beil, Das Wappen birst. — Heil, Leue, Heil! Du hast den Sieg behalten! — Das Angstgeschrei durchgellt das Rund, Die Weiber auf den Knieen, Sie jammern laut mit bleichem Mund: „Wohin, wohin entfliehen?!“ Einbricht der Feind; an Wunden schwer, Noch in der Brust den scharfen Speer, Sinkt Henno bleich zusammen. Der Frankensteiner bei ihm kniet Und hält ihn in den Armen, Den Stahl er aus der Wunde zieht In christlichem Erbarmen Und rufet laut: „Den Kampf stellt ein, Kein Mann mehr soll gefället sein, Vor allem schont die Weiber; Doch keiner weiche aus dem Schloß, Sperrt sorglich alle Thüren!“ Und langsam wendet er das Roß, Den Beilstein fortzuführen. — Da schreitet aus der Halle Thor Ein ernster, kleiner Zug hervor, Sie leiten einen Kranken; Es ist ein Jüngling bleich und schlank, Sein Antlitz dicht verbunden. „Ein Klosterschüler — todeskrank, Wird nimmermehr gesunden; Vergönnt, o Herr, daß er entweicht, Ein schirmend Obdach bald erreicht,“ Ruft flehend sein Gefährte. Der Frankensteiner schaut sich um, — Er steht in tiefem Schatten — Er nicket flüchtig, winket stumm, Den Auszug zu gestatten. Den Kranken hebt man auf ein Roß, Zu Pferd auch steigt sein Kampfgenoß, Und langsam sie entschwinden. Und Ruhe wird es allgemach; Im Hofe hingestrecket Ruht Freund und Feind, — noch brennt das Dach, Von Flammen rings umlecket. Zur Mägdeschaar tritt Frankenstein: „War jüngst nicht hier ein Jungfräulein Zum Burgfried eingekehret?“ „Sie war es, Herr, und bis zur Stund' Hat sie bei uns geweilet, Doch wo sie blieb? Nicht ward's uns kund, Vielleicht ist sie enteilet.“ Da zuckt's ihm plötzlich durch den Sinn, Hell lacht er auf: „Narr, der ich bin, Das Spiel nicht zu durchschauen!“ Und hastig zu dem Kampfgenoß, Dem treuen, er sich wendet: „Behauptet Ihr anitzt das Schloß, Was ich begann, vollendet! Zum Morgengraun bin ich zurück, Mein Roß herbei! ... und hei! all Glück! Noch fehlt mir was zum Siege!“ — — Im tiefen Wald am Werrastrand Rathlos durch Busch und Hecken Zwei Reiter traben durch das Land, Die Flußfuhrt zu entdecken; Es ist ein Jüngling, schlank und fein, Ein schmächtig, zaghaft Jungherrlein, Mit seinem Waidgesellen. Und weiche Stimme zürnet laut: „Gott wird die Schmach vergelten! Was ich bis jetzt im Land geschaut, Sind Dieb' und Raubnesthelden; Weh Dir, Du Herr von Frankenstein, Der frech zerstört die Heimath mein, Mich grausam neu verwaiset!“ — „Dankt Gott dem Herrn, vieledle Maid, Er ließ die List gelingen, Euch ohne alles Herzeleid Noch aus der Burg zu bringen. Das Spiel war kühn, doch ist's geglückt, Und der Gefahr seid Ihr entrückt,“ Ruft froh der Waidgeselle. „Wo ist die Fuhrt? wer zeigt den Weg?“ Fährt Nella fort zu klagen, „Hier durch die Fluth ohn' Weg und Steg Kann mich mein Roß nicht tragen, Schon strauchelt es. Der Uferrand Voll Felsgeröll, Gestrüpp und Sand, Er bringt uns noch zu Falle. Was raschelt da? ... Wie Hufschlag klingt's!“ ... Der Waidmann greift zum Schwerte: „Dicht hinter uns aus Tannen dringt's Und dröhnet auf der Erde“ — — „Erbarm Dich, Gott! — ein Räuber gar?“ — „Getrost, Vieledle! Die Gefahr Habt Ihr nicht zu befürchten.“ Im Mondschein auf dem Wiesenplan Hersprengen zwei Gestalten, Zu Rosse hoch, und wie sie nah'n Und neben Nella halten, Visir geschlossen — schwarz und groß — Sinkt zitternd ihr die Hand zum Schooß: „Er ist's! ... es ist ... die Katze!“ Doch hastig ruft der Reitersmann Und deutet nach den Wellen: „Sucht Ihr die Fuhrt im Fluß? — sagt an! Wollt Ihr hindurch, Gesellen? Nur nachgefolgt, ich reit' voraus, Will sie Euch gerne weisen; Zum Teufel, ja! Wie schaut Ihr aus? Verbunden und auf Reisen? Wer bist Du, Bürschlein?“ — Der Gesell Antwortet statt der Herrin schnell: „Aus Hersfeld ein Scholare, Ward krank zu Treffurt; doch zur Nacht, Als Robert Frankensteiner Das Schloß zu jähem Fall gebracht, Ließ zieh'n man den Lateiner, Daß auf der Wartburg mög' in Ruh' Genesen er.“ — „Doch wer bist Du?“ Fragt krank und leise Nella; Ein Hoffnungsstrahl zog durch die Brust: „Er kennt mich nicht ... O Wunder! Könnt' ich ihm jetzo unbewußt Die Maske zieh'n herunter!“ „Mein Name, Bürschchen?“ jener lacht, „Was nützt er Dir? — ganz leis und sacht Will ich nachher ihn künden, Nicht fürchte Dein gelahrtes Blut, Er könne Dir mißfallen, Mein Namen klinget seltsam gut, Der liebste mir von allen. Doch vorwärts nun! — He! Junkerlein, Ihr sagt, der Ritter Frankenstein Berannte heut Schloß Treffurt?“ — — „So ist es, Herr, — Gott sei's geklagt, Er straf' des Frevler's Tücke!“ — „Es scheint, der Mann Euch nicht behagt?“ „Wenn ich das Schwert einst zücke, So treff' ich auf dem Erdenrund Zwei Männer damit todeswund, Der Eine heißt Herr Robert!“ — Der Schwarze lacht, lacht leis und fein: „Mein bester Freund im Leben, Jungherrlein, ist der Frankenstein, Ich will ihm Warnung geben. Gesundet nur nicht allzuschnell, Damit mein armer Trautgesell' Erst seinen Willen schreibe!“ — „Da ist die Fuhrt!“ — Hell wie Krystall Rauscht's um der Rosse Hufen, Beherzt einreitet der Vasall, Thut Nellas Knecht anrufen: „Frisch zu, Gesell, prob Du erst fein Die Tiefe für Dein Junkerlein!“ Und lachend geht's ins Wasser. Wie Silber glänzt's und wogt und singt, Sie sind in Flusses Mitte, Des Ritters Stimme plötzlich klingt: „Verweilt, Herrlein! — ich bitte;“ Ihm in die Zügel fällt er schnell Und neigt sich dicht und lacht: „Gesell, Frugt Ihr mich nicht nach Namen? Wohlan denn, ich verrath ihn Dir, Schön Nella von Eschwege , So überraschend ward er mir, Wie Labkraut blüht am Stege: „„Die Katze““ heiß ich; meine Maus Zu fangen, zog ich heute aus, Bliebst mir ja Antwort schuldig! Daß ich Dich ritterlich geführt, Dein Helfer jetzt gewesen, Dafür hab' ich mir Lohn erkürt, Und Folgendes erlesen: Gieb mir aus all dem Ueberfluß Nur einen kleinen, kleinen Kuß, Schön Nella von Eschwege!“ — Im Wogenschwall steh'n sie allein, Gebannet Seit' an Seite, Im Mondlicht strahlt wie Demantstein Sein ritterlich Geschmeide, Fest hält er ihre Hand gefaßt. Die Jungfrau zittert und erblaßt Und starrt in seine Augen, Die schauen sie so seltsam an, Wie gluthenvolle Sonne, Die weben einen Zauberbann Von Angst durchschreckter Wonne; Und näher neigt er, — näher sich: „Zahl' mir den Lohn und küsse mich, Klein Nella von Eschwege!“ — Ein Schreckensschrei leis zu ihm gellt: „Mag eh' die Fluth mich schlingen!“ Und Nella jach zur Seite schnellt, Zum Fluß herab zu springen. Er lacht, hält sie mit sichrer Hand: „Gemach, gemach! Ihr wär't's im Stand, Hab' ich Euch je gezwungen? Ich schreib' den Kuß zu Eurer Schuld, Bis Ihr mich einst beglücket, Freiwillig mir durch Minnehuld Ihn auf die Lippen drücket; Bis Ihr den Ritter Frankenstein So minnig schließt ins Herzchen ein Wie mich, der Euch drum bittet! Und bis dahin gedenket mein, Und tragt mich treu im Sinne. Komm bald, Du süßes Jungfräulein, Und bring mir Kuß und Minne, Weit offen steht Dir Herz und Haus, Es wartet treulich auf die Maus Und sehnsuchtsvoll die Katze!“ Und eindrückt er den scharfen Sporn, Sprengt kühn empor zur Halde, Und lachend leis, durch Strupp und Dorn Verschwindet er im Walde, Sein Knappe folgt ihm, — wie ein Traum Entfliehen sie. Nur Silberschaum Wogt zitternd auf den Wellen Und sprüht empor zur jungen Maid, Die regungslos verharret, Die bleich, in bittrem Herzeleid Zum Waldessaum noch starret, Aufs Herz preßt schweigend sie die Hand Und reitet langsam an das Land: „Wer wird mich an ihm rächen? ...“ Das Schilf singt leis sein heimlich Lied, Das Wasser klingt und blitzet, Und durch die ernsten Wipfel zieht's: „Was tief im Herz ihm sitzet, Der Minne Lust, der Minne Leid, Die rächet schon, vielholde Maid, Das Mäuslein an der Katze!“ Gudula. Habt Ihr jemals Eure Andacht In dem stillen Wald gehalten, Wo auf mächtig grünbemoosten, Weitverzweigten Buchensäulen Eine Kuppel rund sich wölbet, Köstlicher und wunderbarer, Als sie Menschenhand je baute? Tausend, tausend Zweiglein sind es, Draus ein Baldachin gewebet, Hunderttausend grüne Blätter, Drauf in zauberfeinen Linien Hohe Hymnen stehn geschrieben, Hymnen zu der Ehre Gottes. Und in diesem Waldesdome Wohnen tausend fromme Zungen, In dem Laube weht ein Odem, Singt es wie mit Engelsstimmen, Wenn der Wind auf großer Harfe Ihr Geflüster hold begleitet. Leute auch, viel groß und kleine, Gehen in die Waldesmesse, Fürnehmlich die lieben Sänger, Vöglein mit der Silberkehle, Und das Eichhorn auf dem Stamme Sitzt und legt wie zum Gebete Seine Pfötlein fromm zusammen. Häslein auch schlüpft scheu durchs Buschwerk Zu dem freien Buchwalddome, Und es lauscht — und fleht — und bittet — Setzt sich aufrecht — hebt die Pfötlein — Blickt mit klarem Aug' zum Himmel. Neben ihm auf weichem Moose Schreiten leis die schlanken Rehe, Thuen andachtsvoll sich nieder, Horchen auf Gesang und Predigt. Doch das schlaue, stolze Füchslein Gleicht gar manchem Menschenkinde, Heuchlerisch sitzt's in dem hohen Kirchenstuhl, dem hohlen Baumstamm, Blinzelt listig nach den Betern Und bedenkt sich, wen am ersten Nun von all den lieben Freunden Es am Kragen packen werde, Um das Fell über die Ohren Ihm zu zieh'n, — das heißt ... versteht sich — Wenn der Gottesdienst vorüber! — Heute auch war Mess' und Hochamt In dem Buchwald, der am Fuße Von dem Wartburgsberg sich hinzieht, Und der Chor der lieben Sänger War um eine Zunge reicher Noch denn sonst: Im weichen Moose, Unter schwankendem Gezweige, Das ein blühend Faulbaumstämmlein Wie ein weißer Flockenregen Durch das lichte Buchgrün webte, Lag ein Dirnchen, hielt die Arme v . Eschstruth , Katz' und Maus. Träumend unterm Kopf verschränket, Daß die braune, schwere Flechte, Glänzend wie das Harz der Tanne, Schlangengleich sich drüber ringelt. Trug ein dunkelzwilchnes Röcklein, Glatt und schlicht; und schmucklos Mieder Spannt sich um die runde Hüfte, Hält das weiße Hemd zusammen, Das sich faltig um den Hals schmiegt, Und das an dem Miederausschnitt Wird vom Strauße überhangen, Dessen schaukelnd blaue Glocken Zahllos in dem Moose blühen. Dirnleins braune Augensterne Blicken sinnend in die Wipfel, Und ein Lied erklinget leise Summend von den frischen Lippen, Und der Wind fängt's auf und trägt es Zu dem Thal, wo hart am Wege Rosenknösplein an dem Zweig nickt, Will's ihm singen und es küssen, Daß es seinen Kelch ihm öffne. Also sang das holde Mägdlein: „Wenn der Morgen früht Und die Primel blüht, Lenzesfreud'! Wenn die Quelle sprüht Und die Rose glüht, Sommerzeit! Wenn die Blätter weh'n Und im Staub vergeh'n, Wintersruh'! Daß Dich Gott behüt! Wann trägst Knosp' und Blüth' — Minne Du?! ...“ Gudula, das Kind der Waldfrau, Lauschte jetzt mit klugem Auge Rings umher, ob irgend Antwort Auf ihr fragend Lied erschalle, Und sie nickt verständnißinnig Zu den sonnenlichten Wipfeln. Darin klang und sang es leise, Just als ob ein Beifallsflüstern Durch das Blattwerk lief, und zärtlich Rieseln weiße Blüthenflocken Auf das Haupt des Dirnleins nieder. Gudula fuhr fort zu singen: „Ich weiß es wohl, ich weiß es wohl, Was Minne will besagen, Ich hörte in dem Holderstrauch Die Nachtigall es klagen, Ich las es in der Rose Kelch, Der purpurn sich erschlossen, Als er bei Mondes Silberschein Den süßen Duft ergossen! Ich fühlte es im stillen Wald Auf leisen Schwingen wehen, So zauberhold durch Blüthenthau Muß Göttin Minne gehen! Ich weiß es wohl, was Minne ist, Und nahm sie mir zu eigen, Wem aber, wem — ach kommt und helft! Wem soll ich sie erzeigen?“ 5* Wieder zog's durchs Laub wie zartes Rauschen, und die hohen Buchen Steckten ihre Köpf' zusammen, Und sie rauschten: „Seltsam, seltsam, Wer versteht wohl Mädchenherzen?“ Und die Sonnenstrahlen huschten Goldigglänzend durch die Stämme, Schmeichelten beim Glockenblümchen Und dem schlanken Farrenkraute Um den köstlich klaren Frühtrunk, Den der Thau in ihren Kelchen Demantglitzernd ausgegossen. Kuckuck lachte aus dem Thalgrund, Und der Meister Specht, der biedre, War schon fleißig bei der Arbeit, Klopfte, daß die Spähne flogen Mahnend in den Schooß des Dirnleins. Gudula erhob sich langsam, Griff zur Seite nach dem Körbchen, Drin in duftend hohen Packen Heilsam Waldkraut eingesammelt, Und schritt sinnend, suchend weiter, Dachte d'ran, daß sie versprochen, Nach den ausgestellten Netzen Und den Sprenkeln auf der Wiese Und nach gutem Fang zu schauen. In Gedanken war sie langsam In dem Walde hingeschritten, Bis er endlich, lichter werdend, An dem Wiesenhange grenzte. Wogend Grün schwamm vor den Blicken, Wunderlieblich übersäet Von viel tausend Blumenkelchen, Blau und roth am Stengel nickend, Goldiggelb die Köpflein hebend Und in sammetweichen Flocken Weiß wie Schnee im Winde wehend, D'rüber hin fiel schräg die Sonne, Und sie weckte ros'gen Schimmer Auf dem üpp'gen Sauerampfer, Daß es schien, als walle Nebel Purpurn dampfend auf der Wiese. Ach, welch' zauberhaftes Blitzen, Wenn die hellen Strahlengarben In dem Thau am Blattwerk spielen, Wenn der Wind den Rothdorn schüttelt, Daß er plötzlich, Funken sprühend, Steht in diamant'nem Regen! Gudula stand lange sinnend, Blickte mit verklärtem Auge In die Pracht, und durch die Seele Zog es leis wie eine Ahnung Vom verlornen Paradiese, Plötzlich zuckt sie auf, es schärft sich Jäh ihr Blick, und schnell sich bückend Hinter junge Fichtenstämme, Lugt sie sorglich durch die Zweige, Recht voll mädchenhafter Neugier. Langsam wandelt durch die Wiese Ein Kartäusermönch. — Das lange, Priesterliche Kleid umweht ihn Weit und düster, daß es aussieht, Als sei jener Mann ein Wölklein, Welches einsam durch den Glanz zieht. Tief geneigt hält er das Antlitz, Emsig in dem Buche lesend, Dessen gelblich Pergamentblatt Weithin in der Sonne leuchtet. Dann bleibt wiederum er stehen, Blickt gedankenvoll zum Himmel, Kritzelt etwas in das Büchlein Und geht querfeldein d'rauf weiter. Gudula steht und belauscht ihn, Heller Schalk blitzt aus dem Auge, Und in beide Wangen senken Sich die übermüth'gen Grübchen. „Mönchlein,“ denkt sie, „arger Träumer, Siehst Du nicht die Netze liegen? Flatterst Du als seltne Beute Heut Freund Reimar in die Schlinge?“ Und sie kichert, reckt das Köpfchen Schadenfroh durch das Gezweige. „Richtig! richtig! ... hei er stolpert! ... Hu wie knäult sich's um die Füße, Rathlos steht der fromme Bruder, Hebt entsetzt die Beine, — watet Just, als ob im Schlamm er stecke, Ach und jetzt ... hilf Gott, wie drollig! Hupft er zornig, schlägt die Arme, Diese langen, schwarzen Arme Fuchtelnd durch die Luft, gerade Wie ein Puthahn, den die bösen Buben an der Sonnenwende Auf ein heißes Blech gesetzet!“ Gudula stützt beide Arme In die Seiten, und sie lachet, Daß die hellen Thränen leuchten In den klaren Schelmenaugen; Doch dann sieget schnell das Mitleid. „Nur gemach! gemach! ich komme!“ Ruft sie laut, und wie ein Rehlein, Schlank und mit behenden Schritten, Eilt sie schnell durch Klee und Ginster Zu dem netzgefangnen Mönche. Hochgeröthet sind die Wangen, Und sie steht und zeigt die Zähne Lachend zwischen frischen Lippen: „Ei, ehrwürd'ger Herr! wer hätte Solchen Fang sich träumen lassen, Wahrlich, niemals hat im Netze Solch' ein Dompfäfflein gezappelt, Und ich glaub', der alte Reimar Hat in seinem ganzen Leben Solchen noch nicht abgerichtet!“ In des Mönches bleiches Antlitz Ist gar dunkle Gluth gestiegen, Er will Dank ihr sagen — reden, Und er senkt verwirrt die Blicke, Stottert kauderwelsche Dinge. „Nur Geduld! zerreißt dem alten Vogelsteller nicht die Maschen, Sonst kann ich den nächsten Sonntag Wieder in den Rauchfang schreiben Und den Schaden auskuriren, Statt zum Ringelreih'n zu springen!“ Und sie kniete zu ihm nieder, Löste sorglich seine Fesseln; Ach, mit wie viel bösen Fädlein War der fromme Herr umstricket! „Seht doch, Herr, wie ins Verhängniß Ahnungslos Ihr seid getaumelt, Lockten Euch vielleicht die rothen Vogelbeeren, die dort winken, Oder wart Ihr in Gedanken So entrückt dem Erdentreiben, Daß Ihr zwischen Klee und Blüthen Keine Hinterlist vermuthet?“ Auf das tief geneigte Köpfchen, Goldbraun in der Sonne schimmernd, Blickte fassungslos der Bruder, Auf den weißen Mädchennacken, Der wie Märzenschnee und Lilie Ihm zu Füßen schlank sich wieget, Und er spricht mit bangem Zögern: „Habe Dank für Deine Mühe, Die mich säumigen Gesellen Unverdienter Weis' befreiet. Hoffentlich wird diese Lehre Mich die Augen öffnen lassen, Wenn ich künftig hier lustwandle. Sprich, bist Du des Vogelstellers Mägdlein oder Enkeltochter? Reimar nanntest Du den Alten.“ „Nein, Herr, nichts von beiden bin ich,“ Lacht das Dirnlein auf den Knieen, Löst und zerrt noch an dem Netze, „Reimar ist mein Freund und Lehrer In dem Harfenspiel, wir sehen Oft uns hier am Vogelheerde, Denn mein Mütterlein, Frau Dorta, Ist des Frauenstifts Sanct Annen Kräuterfrau, und ich bin täglich Hier im stillen Wald zu finden, Um die edlen Wunderpflanzen Für das Hospital zu sammeln. So ... nun hebt den Fuß ... behutsam ... Schreitet rückwärts! ... sachte, — sachte! ... Nehmt mir ja das ganze Garn mit! ... Ei, Glück auf! ... nun fliege Vogel!“ — Und mit klaren Kinderaugen Blickt sie lustig auf zum Mönche, Der befreit, mit heißen Wangen, Nochmals Dankesworte stammelt. Jetzt zum ersten Male sieht sie Ihres Schützlings volles Antlitz, Sieht die bleichen, edlen Züge, Große, leuchtend blaue Augen, Deren Blick so ernst und sinnend Und von Wimpern tief verschleiert, Daß es scheint, als sei er träumend, Wie nach Innen zu gerichtet; Blonde, schwere Lockenringel Fallen tief auf Stirn und Schläfen. Seltsam, warum blickt die Kleine Plötzlich so verwirrt und schweigend? Warum stocket ihr die Rede, Warum wendet sie das Antlitz, Springt verlegen auf vom Rasen? Wie ihr Blick zur Seite weichet, Sieht sie eins der Pergamente Von dem Wind ins Gras gewirbelt, Und sie faßt es schnell und will es Seinem Herrn zurück erstatten, O, da sieht sie auf dem Blatte Wundervolle Malereien, Hohe, spitzgewölbte Fenster, Steingehauene Figuren, D'raus die schlanken Säulen ragen, Und ein Kuppeldach, ein köstlich Hochgewölbtes, d'ran die Englein Schweben wie in Gottes Himmel. Athemlos starrt d'rauf das Mägdlein, Und ein leises: „Oh“! der Wonne, Des süß staunenden Entzückens Klingt von ihren rothen Lippen. Wie gebannt steht der Kartäuser, Starrt sie an gleich wie im Traume, Und bis tief ins Herz getroffen Von dem ersten, stummen Lobe, Hebt tief athmend seine Brust sich, Und er fragt voll Hast: „Gefällt's Dir?“ Wieder trifft ihr Blick den seinen, Und ums Blatt die Hände faltend, Fragt sie schlicht: „O, frommer Bruder, Kündet mir, wo solch' ein Haus steht, Wo ich solche Pracht mag schauen, Drin die Engel Gottes schweben? Wär' es auch im fernen, fernen Heil'gen Land beim Grab des Herren, Ach, ich wollte sonder Ruhe Tag und Nacht voll Sehnsucht wandern, Bis ich's schaute, — — und dann sterben!“ Auf der bleichen Stirn des Mönches Brennt es jetzt wie dunkler Purpur, Ueberirdisch Strahlen flammet Aus den Augen, und es zittern Wie im Fieber ihm die Lippen. „Dirnlein!“ ruft er, „mög' der Himmel Dich für diese Worte segnen, Mög' er's tausendfach vergelten, Wie Du mich so hoch entzückest! Schau, dies Bild hab' ich gezeichnet Mit armseligem Verstande, Ach, so wie mein Geist mir's malet, Kann kein Griffel es beschreiben, Kann kein Menschenwitz es fassen, Keine Kunst es je vollenden! Ich jedoch, ich seh's im Traume Wunderherrlich sich gestalten, Sehe es mit wachem Auge, Wo ich wandle, wo ich gehe, Wie ein Blendwerk sich erheben Aus dem Dunst der matten Sinne! Wenn der Sonne Abschiedsglühen Noch die Wolkenwand vergoldet, Die am Himmel hochgethürmet Ernst und majestätisch raget, Ja, dann seh' ich's plötzlich zaub'risch, Wie die Massen hold zerfließen, Wie ein wundervoller Bau sich D'raus erhebt, mit gold'nen Thürmen, Schlank und zierlich, kreuzgekrönet, Hallen wölben sich zum Langhaus, Und zwei Reihen Marmelsäulen Stützen seine breitgebogte, Lichtdurchstrahlte Münsterdecke, Und ich stehe, und ich starre Süß geblendet in die Helle, Hebe flehend meine Hände Zu dem gnadenreichen Trugbild: „Ach, verweil' Du stolzer Münster, Daß ich mir Dein Bildniß präge In die durst'ge, durst'ge Seele!“ — Gudula sah auf den Jüngling, Dessen glückverklärte Züge Wie in heil'gem Feuer brannten, Wie aus diesem bleichen Träumer Plötzlich ein Prophet geworden, Der mit stolzer, todesmuth'ger Hand ein Banner schwang, zur Ehre Seiner Kunst und seines Glaubens, Und es zog durch ihre Seele Wie ein ahnungsvolles Schauern: Jenes Blendwerk seiner Träume Wird er einst mit eig'nen Händen Sich zum ew'gen Denkmal bauen. Leise nickten alle Blumen, Und der Wind fuhr durch die Gräser, Daß sie zitternd sich ihm neigten, Doch der Mönch sprach langsam weiter, Ruhiger, mit heller Stimme, Noch durchbebt von all' dem Glücke, Daß er endlich eine Seele Fand, die ihn versteh'n will: „Soll ich Dir noch mehr der Bilder zeigen? Hab' hier noch ein ganzes Büchlein, Drin die einzelnen Partieen Und Abtheilungen des Münsters, Wie ich gerne einen baute, Aufgezeichnet sind mit Schreibsaft.“ „O, wie gern, ehrwürd'ger Bruder! Laß mich Alles, Alles schauen, Ach, und glaub' mir, daß ich all' mein Spärlich Theilchen Witz und Klugheit Sammeln will, die volle Schönheit Deines Kunstwerks zu begreifen. Sieh', dort liegt ein Stamm im Grase, Breit und moosig, hab' schon oftmals D'rauf die Mittagsrast gehalten!“ — Und mit kindlich frohem Eifer Faßte sie die Hand des Mönches, Zog ihn fort durch Gras und Blüthen Und blieb plötzlich steh'n und sagte Mit treuherzig holdem Lächeln, Während ihn ein schalkhaft Blinzeln Aus dem Auge traf: „Bevor ich Hier aus diesen Pergamenten Dich und Deine allertiefsten, Innersten Gedanken lese, Sage mir, mit welchem Namen Ich den lieben Künstler nenne, Ihn den Heiligen empfehle?“ Herzlich drückt er ihre Rechte, Setzt sich ihr zur Seite nieder Und spricht fröhlich: „Als die Mutter Mich zur Taufe trug, da ward mir Als ein weltlich guter Namen Otto Gerhard beigegeben, Und ich hörte oft die traute, Weiche Frauenstimme rufen: „„Otto! Otto! ... herzig Söhnlein!““ Und es wuchsen diese Klänge Mir durch Herz und Leib und Seele, Daß ich nie wohl Lieb'res kannte. Als die Eltern heimgegangen, Niemand mehr war, der mich liebte, Und als ich dies ernste Kleid hier Zu des Lebens Endziel kürte, — Du mußt wissen, daß Novize Ich bei den Kartäuser Mönchen Auf drei Probejahr geworden, — Da ertrug ich's nicht, daß mürrisch Fremde und gleichgült'ge Zungen Mir den lieben Namen nannten, Und ich ward: Gerhardus Rochus , Aber meinen Vaternamen — Bin gebürtig von dem Rheine Aus dem kleinen Dörflein Rile, — Legte ich damit zu Grabe.“ „Bist Du glücklich in dem Kloster?“ „Glücklich?!“ — — o wie klang es seltsam Von des jungen Träumers Lippen, Eine ganze Welt voll Jammer, Sehnsucht und Ergebung bebte Durch dies eine, kurze Wörtlein. Dann senkt' er das Haupt und schüttelt's Ernst und spricht voll tiefer Wehmuth: „Keiner, Keiner, ach, versteht mich, Als Phantast bin ich verspottet, Und die Blätter hier, die schaute Außer Dir kein Menschenauge!“ „Armer Mann!“ — sprach leis die Dirne, Und sie fühlt ein schneidend Wehe Durch die Seele zieh'n, „O zeig' mir, Zeig' mir diese Blätter, Bruder!“ — Hastig thut er's, breitet selig Sie auf seiner Freundin Kniee, Und mit glückberedter Zunge Giebt er eifrig die Erklärung, Hier ein Säulenknauf, — das Querschiff, Kreuz- und Langhaus, — dort vom Thurme Flücht'ger Umriß, — hier ein Bogen, Die Façade und ihr Bildwerk, Auch ein Giebel, und zum Schlusse Noch der Thurmhelm. — Tief geneigt Das schlanke Köpfchen, und die Hände Wie in Andacht ernst gefaltet, Saß das Waldkind, schaute mit den Großen Augen wie im Traume Auf die Bilder. „Ja Du hast es Aus den Wolken abgelesen, Gerhard Rochus, solch' ein Münster Kann nur Gottes Hand erbauen, Ach, wie wolltest Du die Englein An den Bogen schweben lassen, Und wer fände einen Steinmetz', Der ein solches Kirchthor meißelt?“ Um des Mönches Lippen spielte Ein gar zuversichtlich Lächeln, Und mit einem Blick, der trunken Ueber seine Bilder schweifte, Sprach er kühn: „Dürft' ich's versuchen, Hätt' ich Mittel zu beginnen, O, ich weiß, die lieben Heil'gen Ließen es gewiß gelingen.“ Weiter plauderten die Beiden, Und die lang entbehrte Wonne Dieses treuen Seelenaustauschs Glich dem Sonnenschein im Lenze; Unter seinem warmen Athem Schmolz des Mönches stille Scheue, Und es quoll, vom Eis des Trübsinns Und der Einsamkeit entlastet, Nun in hohen, ungestümen Grundaufquellend sel'gen Wogen Seine Seele durch die Worte, Hell klang sie wie Maienjubel, Diese Sprache des Vertrauens, Klang wie eine treue Botschaft Fernen, lang ersehnten Glückes, Die verheißt: „Harr' aus und hoffe, Deinem Herrn sollst Du ein Haus bau'n!“ — Endlich schied Gerhardus Rochus , Doch er sprach: „Ich komme wieder Hier an diese selbe Stelle, Und ich zeige den Entwurf Dir, Der mich Tag und Nacht verfolget. Alles hab' ich aufgezeichnet, Fehlt mir nichts mehr, nur die Chöre, Diese beiden köstlich schönen Rundungen kann ich nicht finden.“ „Zeig' sie mir, ich harre Deiner,“ Lächelt Gudula zur Antwort, Hand in Hand führt sie ihn schweigend Auf den rechten Weg zum Thale. „Gott behüt' Dich, Gerhard Rochus, Brauchst Du jemals Freundes Zuspruch, Denk' an Gudula im Walde! Mach's nicht wie die andern Vöglein, Die aus Reimars Netz ich löste, Flatt're hoch, hoch auf zum Ruhme, Aber bleib' nicht in den Wolken, Kehr' zurück, Gerhardus Rochus .“ v . Eschstruth , Katz' und Maus. 6 Das Kräutlein Wohlverleih. Wie war's im grünen Walde Doch plötzlich sonnenlicht; Wie schmeichelnd kost und weht es Um Dirnleins Angesicht; Was lugt aus jeder Blüthe Für Schelmenäugelein? Die Hulden sind's, die süßen Verborg'nen Liebesfei'n; Die blinzeln und die kichern, O, zauberholder Klang! Und leis wie Silberglöcklein Tönt neckisch ihr Gesang. Das Dirnlein steht und lauschet Und lächelt wie im Traum. Was durch die Halde rauschet, Merkt und versteht sie kaum, Gleich wie der Lenz die Blüthe Aus scheuer Knospe bricht, Blickt ahnend ihr Gemüthe In blendend helles Licht, Sie kann den Klang nicht deuten, Doch fühlt sie's unbewußt, Er zieht wie Glockenläuten Hold segnend durch die Brust. Die Augen muß sie schließen, Und sieht im Geiste mild Schneeweiße Blumen sprießen Um ein verschwimmend Bild, Doch klarer wird's und klarer, Je länger sie's beschaut, Sein Blick, sein wunderbarer, Grüßt sie wie lang vertraut, Und Strahlen überfluthen Sein Haupt in hohem Glanz, Es brennt in Purpurgluthen Jäh auf der bleiche Kranz. Was soll des Waldkinds Träumen Am hellen, lichten Tag? Aufschrickt sie. — Bei den Bäumen Klingt Ruf und Hufeschlag, Und ihr entgegen traben Zwei Reiter wohlgemuth, Es führt den Edelknaben Ein kernig Jägerblut Und leitet an dem Zügel Sein Roß der Halde zu, Hebt sanft ihn aus dem Bügel Zur kurzen Mittagsruh. Und wie sein Blick jetzt schweifet Seitwärts zum grünen Tann, Klein' Gudula er streifet, Und schnell ruft er sie an: „He, Dirnlein, kannst Du sagen Zur Wartburg uns den Weg? Schier möchte ich verzagen, Weiß weder Fahrt noch Steg'. 6* Schau an nur, wie ich blute, So hat mein Angesicht Manch' dornig scharfe Ruthe Im Wald mir zugericht't!“ „Für beiderlei Gebrechen, Junkherrlein, weiß ich Rath; Der Wunde Kräuter brechen Und zeigen Euch den Pfad, Ich will es unverdrossen! Habt Ihr Euch schwer verletzt?“ Und wo mit dem Genossen Der Junker sich gesetzt, Zum Eichenstamm im Moose Tritt furchtlos sie heran; Wie eine wilde Rose Thaufrisch im stillen Tann, Neigt sie sich zu dem Kranken Und löst die Binde dicht Von seinem Haupt, dem schlanken, Und von dem Angesicht, Und starrt — und sieht erschrecket, Wie bei der Tücher Fall Des Junkers Nacken decket Goldblonder Locken Schwall, Wie plötzlich voller Schelme — Nie hätte sie's geglaubt — Taucht aus dem Pickelhelme Ein reizend Mädchenhaupt. „Hat der Scholar, der Kleine, Lieb Dirnchen Dich erschreckt Und eine wunderfeine Jungfrau für Dich versteckt?“ Mit hellem Silberlachen Ruft's Nella. — „Bleibe hier! Komm', laß uns Freundschaft machen Und setz' Dich her zu mir, Laß Dir die Mähre sagen, Die mich hierher geführt, Was mich dies Kleid läßt tragen, Das nur die Noth erkürt.“ Treuherzig reicht die Holde Dem Waldkind ihre Hand, Das in der Neugier Solde Die Furcht schnell überwand. Dieweil an schatt'ger Stelle, Von Zweigen überdeckt, Der treue Waidgeselle Zur Ruhe sich gestreckt, Sitzt Gudula zur Seite Dem fremden Jungfräulein. Umwoben sind sie Beide Vom gold'nen Sonnenschein, Wohl nie hat der im Walde Zwei Blümlein je geseh'n, Wie sie hier auf der Halde So dicht beisammen steh'n, Maaslieb und wilde Rose, So garnicht sich verwandt. Sie plaudern hier im Moose Einträchtig Hand in Hand, Und sorglich prüft die Dirne Die beiden Wunden jetzt, Die Petronellas Stirne Und Wange arg verletzt: „Ei, dafür giebt's ein Mittel, Ich hab's sogar zur Hand, Das man im Annenspittel Auf manches Haupt schon band; Hab's just vorhin gefunden Dies wundervolle Kraut, Schnell sollt Ihr d'ran gefunden, Wenn Ihr der Kraft vertraut. Da hier im Korbe steckt es, Die beste Specerei! Seht hier! mit gelben Blüthen Das Kräutlein Wohlverleih!“ Nella betrachtet's schweigend Und lacht und giebt's zurück Und spricht, das Köpfchen neigend, „Nun denn, — versuch' Dein Glück! Und macht von allen Schmerzen Dein kühles Kraut mich frei Und heilt's selbst die im Herzen — Glück zu! Kraut Wohlverleih!“ „Als einst zwei Mönche kamen,“ Nickt ernsthaft Gudula, „Die wußten and'ren Namen Und nannten's Arnica Und sagten, daß für allen Und jeden Schmerz es sei, D'rum nannte Sanct Maria Es „„Kräutlein Wohlverleih““. Wie uns von der Legende Noch jetzt berichtet wird, Hatte das Jesuskindlein Sich einst im Wald verirrt; In Leid und großem Schrecken Verfolgte seine Spur Maria, zu entdecken Ihr Kind in Feld und Flur. Doch nichts, ach, wollte zeigen Des Heilands Fährte an, Der Tag that sich schon neigen, Zu weinen sie begann. Da hat im hohen Grase Urplötzlich sie geschaut Ein schlichtes, gelbgeblümtes Und frisch gepflücktes Kraut, Und wieder eins! und wieder! So durch die ganze Flur, Sie beugt sich selig nieder Und fand des Heilands Spur. Und als sie nun ihr Kindlein Drückt wieder an die Brust, Da küßt das gelbe Kraut sie In namenloser Lust, „„Ich will Dich segnen, Kräutlein, Fortan für ew'ge Zeit, Du sollst die Wunden heilen Und lindern jeglich Leid, Auf daß kein ander Pflänzlein Wie Du so köstlich sei, Du meiner Thränen Tröstung Heiß: Kräutlein Wohlverleih.““ Also plaudernd, hat die Dirne Mit geschäftig kluger Hand Um des Fräuleins weiße Stirne Festgeleget den Verband. Ernsthaft sinnend Nella schaute, Und sie sitzen Hand in Hand, Und dem Waldkind sie vertraute, Wie man Treffurt heut berannt, Wie sie schlau, um zu entfliehen, Diese Mummerei gewagt, Wie sie will nach Wartburg ziehen, Daß sie Frankenstein verklagt. „Ist's noch weit? Ich ritt von dorten Plötzlich und zu später Stund', Hungrig bin ich jetzt geworden.“ Und sie seufzt von Herzensgrund. „Hungrig? laßt zum Mahl Euch laden, Nehmt fürlieb, hier kocht die Noth, 'S ist ein bischen schwarz gerathen, Immerhin! es ist doch Brod.“ Und mit Schelm, mit zauberischem, Knixt sie bittend: „Laßt mir doch Diesen Spaß, Euch aufzutischen, Hunger ist der beste Koch! Seht, aus meines Korb's Geflechte Fisch' ich ungeheure Schätze, O, ich weiß, wo gute, echte Tiefversteckte Erdbeerplätze.“ Gern gegeben, gern genommen Ist das heit're Mahl beendet, Und die Trennung ist gekommen. Schon dem Rosse zugewendet, Lächelt Nella: „Dich zu lohnen, Möchte schwerlich jetzt angehen, Meine liebe, kleine Wirthin Wünsch' ich noch recht oft zu sehen; Auf die Wartburg sollst Du steigen, Und Du sollst nach Nella fragen, Hab' Dir vieles noch zu zeigen, Hab' Dir Manches noch zu sagen. Deine lieben Augensterne Sollen Licht und Lust mir bringen, Und Dein Mündlein wird mir gerne Von der Freundschaft Lieder singen. So behüt' Dich Gott! — Der kranke Junker muß von dannen geh'n, Doch er rufet Dir zum Danke, Gudula — auf Wiederseh'n!“ — Heit're Abschiedsworte schallen, Grüßend „Lebe wohl“ man winkt, Bis die Hufe fern verhallen, Und der Stimme Ruf verklingt. Gudula steht lang' und schauet, Schaut umher voll Seligkeit, Wie so hoch der Himmel blauet, Wie die Welt so licht und weit, Und sie streicht mit holdem Kosen Zärtlich über Blatt und Laub, Tändelt mit den Haiderosen, Schmetterling und Sonnenstaub; Doch des alten Reimars Schlingen Drückt sie heiß an Lipp' und Brust, Was sie fühlt', — sie muß es singen, Nur im Lied wird's ihr bewußt, Was wie ungeweinte Thränen Sie so wonnenvoll durchbebt, Und wie sturmgewaltig Sehnen Glühend an die Freiheit strebt. Kann sie selbst auch nicht ergründen Dieses Räthsels Zauberspur, Was sie fühlt nur will sie künden, Und sie jauchzt durch Feld und Flur: „Heraus, heraus ihr Blümelein Im bunten Festtagskleide Zu Spiel und Tanz und Ringelreih'n Im thauigen Geschmeide! Aurikula, du junges Blut, Feldnelke mit dem Zindelhut, Kommt's euch denn gar nicht in den Sinn: Wie froh ich bin! wie froh ich bin? Ihr Vöglein rings, heraus, heraus Aus euerm grünen Bette! Wischt euch die müden Aeuglein aus Und singt eins um die Wette! Herr Kuckuck, alter Griesgram du, Weck' Fink und Meise aus der Ruh', Und jauchzt durch alle Welt es hin: Wie froh ich bin! wie froh ich bin! Ihr Blümlein sagt mit euerm Duft Die wundersel'ge Kunde, Ihr Vögel schmettert's durch die Luft Zum fernsten Waldesgrunde! Und laßt es blühen, klingen, weh'n: „Klein Gudula ist Heil gescheh'n!“ Ich bin hinfort nicht mehr allein, Ein Freund ist mein! ein Freund ist mein!“ Echo ruft im Waldesgrunde Silberstimmig, hell und rein Antwort diesem Mädchenmunde Und den süßen Melodei'n, Und im Sinnen hold befangen Neigt das Haupt Jung Gudula: Was die tausend Stimmen sangen, Was da tönet fern und nah, Ach, es ist das alte, wahre, Ewig kehrende Geschick, Ist das hohe, wunderbare Liedlein von dem Minneglück! Ich fürcht' mich nicht! Zu Wartburg auf dem Schloß ward Petronella Mit aller Huld von Frau Sophie empfangen, Und weidlich lachte man des kühnen Scherzes, Als Klosterschüler noch zur guten Stunde Des Frankensteiners Raublust zu entfliehen. „Ein herrlich Knäblein! muß der Neid Euch lassen, Fürwahr, ein solcher Page dürfte nicht Den Saum mir tragen! Denn sein Sternenblick Ließ' mancher Fürstin Sonnenglanz erbleichen, Und solche Locken bänden unbewußt Die Herrscherin, beherrscht mit süßen Fesseln!“ So scherzte Frau Sophie und drehte Nella Mit Kennerblick nach rechts und links, dieweilen Ein leises Kichern durch die Halle raunte, Und manches Haupt der Herrin Beifall nickt'. Dann führten auf Befehl der hohen Frau Zwei Edelfräulein und zwei Dienerinnen Den holden Gast in trauliche Kemenate, Auf daß der Page sich zur Jungfrau wandle Und sanfter Ruhe pflege nach dem Ritt. Als Abends dann an grünumrankter Mauer, Die mit gezacktem Haupt den Abgrund grenzt, Umfriedigend das blumenreiche Gärtlein, Das längs dem Wall im Burghof hin sich zieht, Sie plaudernd schritt mit der Brabant'schen Fürstin Und Kunde gab von Treffurts Brand und Fall, Da deckten Wolken Frau Sophias Stirne, Und finster sprach sie: „Es nimmt über Hand! Ich hab' nicht Edelleute mehr im Lande, Nein, freche Raubgesell'n, die allem Recht Und dem Gesetz zum Trotz des Standes Würde Mit eig'nen Füßen treten in den Koth! O, daß ich's doch so bitter muß empfinden, Wie Weiberhand mit viel zu leichtem Druck Ohnmächtig schwach auf diesem Lande ruht, Zu leicht selbst, um das Haupt der edlen Freunde Mit mildem Wink zu beugen, wie viel mehr, Mit wucht'gem Schlag den Uebermuth zu treffen!“ Und traurig sinnend, aber doch im Blick Die stolze, hohe Zuversicht der Liebe, Legt sie die Hand auf ihres Kindes Haupt, Das traulich sich, in gold'ner Locken Fülle, Ans Knie der Mutter schmiegt, und flüstert bang: „Mein Knabe Du, mein Heinrich von Brabant, Mög' Dich der Himmel eisern wachsen lassen, Daß stahlgerüstet Deine Heldenhand Das Unkraut aus dem edlen Waizen rode, Denn diese Gau'n entbehrten lang' des Spruchs, Der willensstark des Marksteins Grenze setzt!“ Und Sonnenpurpur floß um Kind und Mutter Und küßte segnend Heinrichs junges Haupt, In Glanz gebadet standen rings die Berge, Ein Blühen, Wachsen, Treiben rings umher, Des Sommers Segensfüllhorn war ergossen In gold'nen Streifen über Thüringen, Und lachend, glücklich grüßten Thal und Höhen, Ein Wonnenland, empor zu ihrem Fürst. So deutete auch lächelnd Petronella Hinab auf dieses sonnenlichte Bild: „Ihr seht zu schwarz, vieledle Fürstin! — Pflege Hat solchem Lande nie gefehlt — bei Gott! Verschieden nur ist oft des Pfluges Namen, Und nicht der beste ist's, der Stärke heißt; Ihr habt mit Rosenketten ihn umwunden, Und sanfte Spuren, die er hinterließ, Beweisen Euch in tausend holden Blüthen, Daß auch der Liebe Saat hier Wurzel schlug. Den zarten Keim kann Frauenhand behüten, Doch sproßt er auf zum Eichbaum, hoch und stark, Wächst auch zugleich mit ihm des Stammes Hüter, Der Mann, der Fürst, Herr Heinrich von Brabant!“ Und als Sophie die Hand ihr herzlich drücket, Und wie ihr Blick in stolzem Zukunftstraum Weit über Wald und Berge fernhin schweift, Und wie der leise Glockenklang im Thal' Sanct Anna's Abendgruß zur Wartburg schickt, Da plaudert Petronella fröhlich weiter Von Gudula, dem Kind der Kräuterfrau, Das hier die Stirne trefflich ihr verbunden, Das d'runten sie auf blum'ger Halde fand, Und dessen kindlich reizendes Geplauder Ihr wohlgethan wie Heimathsonnenschein. Doch wunderlich! von dem Zusammentreffen, Mit jenem Ritter an der Werrafuhrt Verlautet keine Silbe. — Ist es Zorn, Der ihre Zunge leidenschaftlich hemmt, Den Namen des Verhaßten auszusprechen, Den Namen, den ihr Zorn dem Fremden gab, „Der Katzenritter“! — wie sie tief im Herzen Verspottet, höhnt den Freund des Frankenstein? Vielleicht auch, daß sie längst im Flug der Stunden Der Aventiur vergessen und gedenkt Der Fuhrt so wenig wie der Holzenburg? Gar flatterhaft und sorglos sind die Weiber! Doch nein! — den Blick aufs ragende Gescheide, Auf seine steile Felsenwand gebannt, Die grell beleuchtet ihre nackten Felsen Wie eine starre Zinkenkrone hebt, Fragt plötzlich sie, wie ganz in Schau'n versunken, Das Antlitz abgewandt von Frau Sophie: „Wie wunderlich! so schnell wie sie entstanden, So zauberhaft verschwand auch jene Burg; In einer Nacht — ließ ich mir jüngst erzählen — War jede Spur vom Teufelsnest verwischt! Es glaubt das Volk, der Fels hab' sich geöffnet Und sie verschlungen, just um Mitternacht.“ Da hebt mit großen, ängstlich klugen Augen Der kleine Prinz sein blondes Lockenhaupt, Und seinen Finger an die Lippen legend, Geheimnißvoll, mit schnellem Blick ringsum Und einem Wink, daß Nella sich ihm neige, Erzählt er wichtig: „Ja, so ist's, so ist's! Ich hörte wohl, wie Ysentrud am Abend Die ganze Mähr' erzählt' Frau Irmengard. Da drüben — seht Ihr — wo die grauen Felsen Geborsten sind — just mitten in der Wand, Wo eine tiefe Kluft ist eingerissen, Ein weißer Wasserstrahl quillt d'raus hervor, Hu — schwarz und schauerlich sieht man sie klaffen, Und Felsgeröll thürmt d'rüber sich empor, Da ... schaut Ihr's deutlich? ... da, sagt Ysentrud, Geschieht all' Nacht ein grauenvolles Wunder! Der Berg birst auf, und aus den schwarzen Klüften Hersprengt in tollkühn', großem Sprung zum Thal Ein schwarzes Roß, trägt einen schwarzen Reiter, Und Funken sprühen, wo sein Hufschlag trifft. Das ist der böse, böse Feind, der Teufel, Der dreimal blos in seine Hände klatscht, Und alle Steine fangen an zu leben, Und aus der Erde wirbelt Rauch und Qualm Und Feuersgluth, und hohe Mauern steigen An allen Seiten auf und fügen sich Zu jener Burg, die Alle wir geseh'n. D'rinn aber wohnt der Satan, und er lauert Den Menschen auf und fängt die Seelen ein!“ — Fast unwillkürlich lauschte Petronella Mit athemlosen Grau'n des Kindes Wort, An seiner Seite knieend, fest den Arm Um des Erzählers kleinen Körper schlingend Und starr den Blick zu dem Gescheid' gewandt. Doch Frau Sophia schüttelt ernst verweisend Das kluge Haupt: „Schäm' Dich des Mährleins, Heinz! Was alte Weiber dumm und furchtsam klatschen, Macht Heinrich von Brabant die Wangen bleich? Wer sich als Knabe vor Gespenstern fürchtet, Die doch vor jedem frommen Christenherz Davon fliehn in die ew'ge Nacht des Bösen, Die jedes Kreuzeszeichen schnell bezwingt, Der wird wohl nimmermehr ein Mann und Held, Der muthig wär', einst Feinde zu besiegen Aus Fleisch und Bein am hellen Tageslicht!“ Des Kindes Augen blitzen, ungestüm Befreit es sich aus Petronellas Armen Und greift behend nach seinem kleinen Schwert. „Ich fürcht' mich nicht, Frau Mutter, fürcht' mich nimmer!“ Ruft er mit heißen Wangen, „käme selbst Der Satanas, mein Hessen mir zu stehlen, Und käm' er jetzt, — jetzt gleich dort aus dem Berg, Ich wollte ihn mit meinem Schwerte schlagen Und in das Herz ihn stechen, daß er todt, Ganz todt d'ran liegen blieb! — Ich fürcht' mich nicht!“ Mit stolzem Lächeln, strahlend voller Wonne Steht Frau Sophie, das Glück schwellt ihre Brust Beim Anblick dieses trotz'gen, kleinen Mannes, Und auf sein Köpfchen legt sie ernst die Hand: „Ein wack'rer Spruch, mein Sohn, — ein Mann ein Wort, Doch wer sich rühmt, soll auch den Muth beweisen , Denn ohne That ist jeder Ruhm nur halb. Hier in der sichern Burg kann jeder Fant Sich großer Heldenthaten kecklich rühmen, Doch sie zu glauben ist nicht Bürgschaft da. Was meinst Du, Heinz, willst Du dieselben Worte Mir wiederholen dort auf jenem Berg? Willst Du beherzt an jener Felswand stehen Und dann noch sagen: „„Nein, ich fürcht' mich nicht?““ Erstarrt in jähem Grauen steht der Prinz, Das Blut weicht aus den Wangen, und die Hand Sinkt mit dem Holzschwert leise zitternd nieder, Starr, glanzlos schweift sein Blick zum grauen Fels, Und heftig athmend ringt die kleine Brust, Dann aber zuckt in wildem, kühnem Trotze Das blonde Haupt empor, und von der Stirn, Der klaren Stirne schüttelt's keck die Locken, Wie Adlerblick schärft sich das Kinderaug', Und seine Hand ballt sich zur Faust am Schwerte: „Ich will's, Frau Mutter, so mir Jesus helfe, Ich fürcht' mich nicht; ich hab' es Dir gesagt, Und dort, an jenem Felsen will ich's zeigen, Daß Heinrich von Brabant kein Prahler ist!“ — Lang' wortlos schaut Sophie in ihres Kindes Lieb Antlitz, — wie in aufgeschlag'nem Buch Liest sie die Seele aus den reinen Zügen Und neigt sich stumm und küßt die junge Stirn. „Des Himmels Segen über Euch, mein Prinz!“ Ruft Petronella, seine Locken streichelnd, Und richtet sich empor, stolz, siegesfreudig: v . Eschstruth , Katz' und Maus. „O, nehmt mich mit zum Felsen, gnäd’ge Frau! Laßt mich im hellen Sonnenlichte wieder Die Stätte schau’n, da jüngst ich Obdach fand; Vielleicht entdeck’ ich noch im Sand ein Zeichen Und eine Spur, die von Bedeutung ist.“ Die Fürstin nickt, reicht lächelnd ihr die Hand Und spricht: „Wohlan, laßt uns in frohem Zuge Das Teufelsnest an hellem Tag beschau’n, Ich will des Volkes Aberglauben brechen Und knieend auf dem Gipfel jenes Bergs Die Heil’gen bitten, daß all’ Furcht und Grauen Vom Flammenmeer der Weisheit werd’ verschlungen, So spurlos, wie vom Fels die Holzenburg!“ Das Abendroth erlosch auf dem Gebirge, In Nebel sank des Rhönlands blauer Strich, Und dunkler färbt der Wald sich in den Thälern, Als stieg die Nacht aus seinen Wipfeln auf. „Nun geh zur Ruh’, mein Heinz!“ sagt leis Sophia Und drückt des Knaben Kopf an ihre Brust, „Sieh’, alle Vöglein schlafen in den Nestern, Und Blümchen nicken freundlich: Gute Nacht! Bald stehen tausend helle Silbersterne Am Himmelsrund und senden ihren Strahl Durchs Fensterlein, zu spähen, ob mein Heinz Die Mutter lieb hat und ihr Wort befolgt!“ Die Arme schlingt der Prinz um ihren Nacken: „Kommst Du nicht noch, herzliebes Mütterlein, Mit mir zu beten und mich zuzudecken, Bringst Du mir keinen Kuß zur guten Nacht?“ „Ich komme, Heinz!“ — Da glänzen seine Augen, Er streichelt zärtlich Petronellas Hand Und eilt hinweg. Nachschaut ihm Frau Sophia Und steht und schaut und blickt zum Himmel auf In stummem Dank; dann legt sie ihren Arm Um Nellas Nacken, richtet hoch sich auf Und fragt: „Glaubst Du, daß Heinrich von Brabant Sein Holzschwert in dem Sturm und Drang der Zeiten, Im Feuerbrand der Prüfung und Gefahr Dereinst sich selbst zum güld'nen Scepter schweißt, Um es zu führen mit dem Heldenspruch, Den Kindermund erkor: „„Ich fürcht' mich nicht?““ Kann unter solchem Fürst ein Land verderben? Heil, Kind von Hessen, Dir! Gott steht Dir bei! Vertraue — hoffe — kämpf' — und fürcht' Dich nicht!“ Et dimitte nobis debita nostra! In dem Walde, tief in Tannen, Liegt das Hospital Sanct Annen, Läßt sein helles Glöcklein klingen, Eisenach den Gruß zu bringen, Wandrer auf entfernten Pfaden Zu der Messe einzuladen, Um in frommen Sangesweisen Seinen Herrn und Gott zu preisen. Einsam bleibt es auf den Wegen, Denn das Kirchlein liegt entlegen; Reimar nur, der Vogelsteller, Brachte einen Opferheller, 7 * Und das Waldweiblein, die Dorte, Hinkt gebückt zur Kirchenpforte, Die sind beide stets zur Stelle, Manchmal auch ein Waidgeselle, Der in früher Morgenstunde Pürschte just in diesem Grunde. Heute rauscht's und stampft's im Walde, Und durch thauerquickte Halde Naht auf bunt gezäumtem Rosse Graden Wegs vom Wartburgschlosse Fräulein Nella, und zur Seite Giebt Klein-Gudula Geleite, Troßknecht Hans auch, mit zwei Rüden, Seine Herrin zu behüten. — Wunderhold ist die zu schauen In dem langen, himmelblauen, Goldumbordeten Gewande, Dessen breitgestickte Kante Niederwallt von Rosses Rücken. Mit scheu staunendem Entzücken Gudula muß an sie sehen, Ihres prächt'gen Mantels Wehen, All' die breiten güld'nen Spangen, Die an Arm und Schulter prangen. Langsam hin das Rößlein schreitet, Von des Waldkinds Hand geleitet, Just, als wollt's recht mit Behagen Seine holde Bürde tragen. Zierlich hält's den Hals gebücket; An dem Zaume, reich geschmücket Und mit buntem Kranz umwunden, Den ihm Gudula gebunden, Schüttelt's wiehernd seine Mähne, Daß die eingeflocht'nen Strähne, Mit viel Bänderschmuck durchzogen, Um das schlanke Haupt ihm wogen; Schreitet wie auf eb'ner Straßen Sicher hin durch Wald und Rasen; Hie und da nur, wo im Grunde Kiesel lagern, farbenbunte, Weckt sein Huf die hellen Funken. In Gespräche ganz versunken, Plaudern beide Mägdlein heiter Dies und jenes, daß sie leider Sich für kurze Zeit nur fanden; Daß zu weitentfernten Landen Nella bald muß weiter reisen Zu dem Oheim, Franz geheißen, Herrn zu Deurenberg am Rheine, Seit zwei Jahren schon alleine, Einsam auf dem Felsenneste. — „Ach, welch' freudenloses Leben, Fräulein, wird das für Euch geben!“ Muß sie Gudula beklagen, „Glaubt Ihr, daß Ihr's könnt ertragen? Wird's Euch leicht, dies Land zu meiden, Giebt es Keinen, der das Scheiden Euch und Euerm jungen Herzen Möcht' erschweren?“ — Und mit Scherzen Blinzt sie schelmisch auf zur Seite. Nella's Blick schweift in die Weite, Und sie spricht, tief seufzend: „Keiner! Denn bei Gott, 's fand sich erst Einer, Der mein Herz ließ höher schlagen — — Und der — —“ „Konnte er's nicht wagen, Euch um Herz und Hand zu bitten? O, ich weiß, streng sind die Sitten Eures Stand's!“ nickt trüb die Dirne. Nella mit umwölkter Stirne, Ihre rothen Lippen nagend Und die Blicke niederschlagend Finster, ohne aufzurichten Haupt und Nacken, spricht: „Mit nichten! Den grad' will ich ja verlassen, Denn just diesen — muß ich hassen!“ „Hassen?“ — „Ja! mit gutem Grunde. Aber jetzt gieb Du mir Kunde, Gudula, von Deinem Leben, Ob Dich Freunde hier umgeben? Hast Du Eltern?“ „In der Klause Bei dem Stift bin ich zu Hause,“ Nickt das Waldkind, träum'risch sinnend, Seine schlichte Mähr' beginnend, „Mütterlein war früh gestorben, Und als sich d'rauf neu geworben Vater eine Hausfrau, Dorte, Hört' ich doch nie rauhe Worte, Wurde treu von ihr gepfleget, Wohlgehütet und geheget. Obwohl sie hernach gegeben Dreien Buben noch das Leben, Hab' ich stets doch sie gefunden Lieb und gut, zu allen Stunden. Als der Vater heimgegangen, Hat die Noth wohl angefangen Sich ins Häuslein einzuschleichen, Geld und Gut wollt' nicht mehr reichen, Mutter nirgends Hülf' erblickte, Bis sie uns der Herrgott schickte, Bis im Hospital Frau Dorten Kräutersammlerin geworden. Nun giebt's garnichts mehr zu klagen, Leben dort mit viel Behagen, Und ich denk' mit frohem Sinn, Daß ich wahrhaft glücklich bin!“ Lachend hat's die Maid gesprochen Und sich plötzlich unterbrochen: „Fräulein, halt! auf Euerm Pfade Waltet heute Gottes Gnade Und viel Glück, — doch unberufen! Seht vor Eures Rosses Hufen Im Gestein hier, frank und frei, Sproßt das Kräutlein Wohlverleih!“ Gudula hat sich gebücket Und das Blümlein schnell gepflücket, Reicht's empor: „Was es wird bringen, Fräulein, laßt mich Euch jetzt singen: Wandle hurtig, holde Maid, Hin zum grünen Walde, Suche Dir zur Sommerszeit Blümlein wohlgestalte, Laß die Aeuglein geh'n im Rund, Gieb fein acht, welch' Glöcklein bunt Blüht auf Deinem Wege. Schauest Du den rothen Klee Dir zu Füßen sprossen, Fürchte nimmer Leid und Weh, Hoffe unverdrossen! Vierblatt kündet Glück Dir an, Labkraut auch und Gundermann, Brichst Du sie zum Strauße. Hast Du ein Vergißmeinnicht Unverhofft gefunden, Freundschaft bleibt, wie es verspricht, Treulich Dir verbunden, Baldrian und Wegetritt Bringen Dir Gesundheit mit, Güldenkraut schafft Heller! Osterblume, weiß wie Schnee, Wird Dir nicht behagen, Jungferlein, viel bitt'res Weh Wirst Du schweigend tragen, Primula und Ehrenpreis, Die verheißen Deinem Fleiß Köstlichstes Gelingen! Alle diese Blümelein Wollen hold Dich grüßen, Aber dreimal Heil ist Dein, Blüht Dir vor den Füßen Unverhofft das eine Kraut, Das man, ach! so selten schaut, Wunderholde Blüthe, Kündet Dir, o Mägdlein, an, Daß Dich Glück will segnen, Daß Dir bald Dein Freiersmann Sicher will begegnen, Daß sich all' Dein Lust und Leid Wandeln wird zu Seligkeit, Wohlverleih heißt's Kräutchen, Wohlverleih! — Wohlverleih!“ Laut hat's Gudula gesungen, Und der Klang hat süß durchdrungen Nella's Seele und Gemüth, Rosenhell die Wange glüht: „Welches Glück könnt' harren mein? Wer, ach, sollt' der Freier sein, Den dies Blümlein kündet an?“ „Just der erste Rittersmann, Fräulein, der Euch jetzt begegnet, Der mit frommem Gruß Euch segnet, Der, den Ihr zuerst jetzt schaut, Wird Euch bald als süße Braut Jubelnd in den Armen halten!“ „Liebes Dirnchen, wen wohl sollten Schauen wir in der Kapelle? Welch' ein edeler Geselle Hätt' sich hier zum Wald verloren, Den mein Herz sich auserkoren Zum Gemahl?“ — Und Nella lachte, Lacht' aus voller Kehle. — Sachte Trägt ihr goldroth Roß sie weiter. „Aufgepaßt denn!“ ruft sie heiter, „Welch' ein schmucker Junggeselle Harret an der Burgthorschwelle!“ „Kehren nicht zur Wartburg heute, Wie so oft schon, Edelleute, Die mit stolzem Gut und Namen Frau Sophie zu huld'gen kamen?“ „Nein, noch hab' ich nichts vernommen; Lieber Gott, wer soll denn kommen? Alte Herrn und junge Knaben, Die nur eine Tugend haben, Die, — daß bald sie wieder gehen.“ „Nur gemach! wir wollen sehen!“ Lächelt schalkhaft d'rauf die Kleine, Dann verstummt sie. Silberreine Glockentöne dringen hallend Und die stille Luft durchschallend, Ernsthaft mahnend durch die Tannen, Meßgeläute von Sanct Annen; Und die Augen sittsam senkend Und das Roß zur Pforte lenkend, Schreitet Gudula d'rauf schweigend. Nella hält, vom Pferde steigend, — Hülfreich eilte Hans herbei, — In der Hand Kraut Wohlverleih, Denn dies Kraut soll sie begleiten, Und gesenkten Hauptes schreiten Sie zur Kirche, und sie treten Zum Altare, knien und beten, Während gold'ne Lichter spinnen Um die holden Büßerinnen Und der Andacht stille Feier Ihre sonnenhellen Schleier. Ja, was beten wohl die Beiden? — Endlich steh'n sie auf und scheiden, Schreiten zu der Pforte wieder, Tief gesenkt die Augenlider; Da schrickt Nella jäh zusammen, Und, die Augen — groß ... weitoffen, Starrt sie, wie vom Blitz getroffen, Fassungslos mit tiefem Beben Auf den Ritter, welcher neben Ihr an nied'rer Thüre lehnet. „Fräulein ... er ... den wir ersehnet!“ Eilt sich Gudula voll Staunen In der Dame Ohr zu raunen, Aber die, zum großen Leide! Wendet jählings sich zur Seite, Ruft mit kurzer, harter Stimme, Welche halb erstickt im Grimme, „Hans! mein Roß!“ — und sie entweichet, Doch noch schneller, ach! erreichet Sie der Fremde, unverdrossen, Schwarz und hoch, Visir geschlossen, Flüstert leis wie in Gedanken: „Fräulein, will mich nur bedanken!“ „Und wofür?“ — zürnt sie entgegen. „Fürs Gebet und für den Segen!“ Wendend stolz das Angesicht, Nella d'rauf: „Versteh' Euch nicht!“ „Betend habt Ihr mein gedacht!“ „Euerer?!“ — O, wie schneidend Oft doch solch' ein Mädchenmund. „Meiner! ja! ich schwör's zur Stund'!“ Ihr Auge blitzt, sie athmet schnell, Sie bebt vor Zorn. „Beweist's, Gesell!“ „Nun, spracht Ihr nicht, aufrichtig gern, So eben das Gebet des Herrn? Mit vollem Ernst auch, will ich hoffen?“ „Gewißlich ...“ stottert sie betroffen. „Wohlan! — so schwuret Ihr doch eben, Daß Euern Schuld'gern Ihr vergeben?“ „Ja, ja! ... ha! — jetzt kann ich verstehen —“ „Daß die Vergebung mir geschehen!“ Lacht er leise, „Eure Huld Glaubt mich ja in tiefster Schuld! Das Gebet d'rum des vielholden Jungfräulein hat mir gegolten, Wie ich's eben Euch bewiesen. Schaut, noch immer trag' ich diesen Kleinen, zürnenden Gesellen, Darf ich nun zurück ihn stellen Und mit Euch, die Ihr vergeben, Künftighin in Frieden leben?“ Und er reicht — o wie verwegen! Jenen Handschuh ihr entgegen, Den sie ihm zurückwarf, droben Auf der Holzburg, da mit groben Worten frechlich er sie kränkte. Nella ihre Blicke senkte, Reißt das Wohlverleih zu Stücken, Wendet schweigend ihm den Rücken. „Also Krieg? — ich muß es leiden! Aber glaubt, einst kommen Zeiten, Wo mit trautem Friedenssehnen, Mit viel heißen, bitt'ren Thränen Jenes Wunder wird geschehen, Daß in frommem, bangem Flehen Ihr die Hände werdet ringen, Ein Gebet mir darzubringen, Daß Ihr mit der Minne Bangen Diesen Handschuh müßt empfangen, Ihn an Herz und Lippen pressen, Schwören, nie mich zu vergessen. Ja, bei Gott, so wird's gescheh'n; Denkt daran! — Auf Wiederseh'n!“ Eh' nur Nella Zeit gefunden Zu der Antwort, ist verschwunden Jener freche Raubgeselle In dem Innern der Kapelle, Während staunend Gudula Nicht begreift, was hier geschah. Tief erst in des Laubwalds Mitte Zügelt Nella ihre Schritte, Und, kaum ihrer selbst bewußt, Sinkt sie an der Freundin Brust, Läßt den Thränen freien Lauf, Stöhnet krampfhaft schluchzend auf: „Katz' und Maus! — verruchtes Spiel! Gudula, es ist zu viel!“ — Die Glockenblume. Schweigend weiter ritt das Fräulein, Gudula, viel zu bescheiden, Um durch allzukeckes Fragen Eine Lösung auszufinden, Schritt gesenkten Haupts zur Seite, Ueberdenkend das Erlebte. Wäre ja kein Weib gewesen, Hätte sie nicht regen Geistes Den Zusammenhang geahnet Und in tausend kühnen Bildern Die Vermuthung ausgesponnen. Ja, sie lächelte, die Kleine, Und sie dachte tief im Herzen: „Wunderlich sind oft die Wege, Dornenvoll und viel verschlungen, D'rauf die süße Minne wandelt, Und mir deucht' es, diesen Beiden Hat sie schweren Gang beschieden, Müssen Beide erst sich müde Laufen, hin und her im Zweifel, In der Dunkelheit und Wildniß, Bis die starren, trotz'gen Ecken Ihrer Herzen abgeschliffen, Bis der spröde Stolz gebrochen, Und die Augen sehend werden, All' ihr Glück erst zu begreifen!“ Und sie nickte zuversichtlich Mit dem schlanken, klugen Köpfchen, Lächelt schalkhaft, tief in Sinnen, Und sie hebt in stummer Frage Ihren Blick zum klaren Himmel, Wo ein einzeln weißes Wölklein Durch den blauen Aether schwebet, Wo in schnellem Zickzackfluge Schwalbenschwingen silbern blitzen, Und sie denkt an jenes Kräutlein Wohlverleih und seinen Zauber, Der doch ganz gewiß nicht trüget. Nein, sie bangt nicht um das Schicksal Dieser beiden Menschenkinder, Denn auf Regen folgt die Sonne: „Es muß ein Sturmwind sausen Daher in stiller Nacht, Eh' unter weißen Flocken Der junge Keim erwacht. Er muß mit wildem Klingen Aufthau'n den Eisesbann, Eh' Blumenknospen springen, Eh's Frühling werden kann! Er muß die Ketten brechen, Darin die Erde lag, Eh' an die Brust des Lenzes Sie jauchzend sinken mag! Es muß ein Sturmwind wehen Hin durch die Menschenbrust, Eh' ganz sie kann verstehen Der Liebe Leid und Lust!“ Auf dem moos'gen Stamm im Walde Welch' ein frohbewegtes Leben, Welch' ein Fragen, welch' ein Forschen, Welch' ein selig Antwortgeben! Eifrig in die kleinen Hände Sammelt Gudula die Pracht Jener Dombaupergamente, Die Gerhardus' Geist erdacht, Und wie durch die Finger gleiten Immer neue Wunderstreifen, Kann des Waldkinds Sinn die Fülle Solcher Schönheit kaum begreifen, Oft auch bietet sich den Blicken Nur ein Plan mit graden Strichen, Kreuz und quer ist er durchzogen Von viel Schnörkeln, wunderlichen, Und da giebt es viel zu fragen, Viel zu staunen und zu merken. Wunderdinge muß sie hören Von gewalt'gen Meisterwerken; Und das Blatt empor dann hebend Und gewandt zum Sonnenlichte, Spricht der Mönch mit heißem Auge Und glückstrahlendem Gesichte: „Kannst Du, liebes Dirnlein, schauen, Welche Form dem Plan gegeben? Wie ein Kreuz gestaltet, soll sich Meine Kirche einst erheben, Und so ist es schon mein Träumen Seit den frühsten Jugendjahren, Als mein Vater in Geschäften Weit mit mir ins Land gefahren. Sind bis Welschland gar gekommen Auf den mühevollen Reisen, Rasteten auch einst zwei Tage In der Stadt, Amiens geheißen. Alle sonst'ge Schönheit missend, Wandert' ich unzähl'ge Male Zu der hohen, wundervollen Steingebauten Kathedrale, Stand versunken ganz in Schauen, Solche Hoheit zu erfassen. Niemals hat das Angedenken Jenes Bau's mich mehr verlassen, War ein Kind noch, sechzehn Jahre Mochte ich wohl damals zählen, Dennoch wußte Geist und Auge Sich beim Anblick zu vermählen, Und ich dachte oft im Herzen: Die zum Lob des Christenthumes Tempel Ihr und Münster bauet, Ach, gedenket doch des Ruhmes Und des Zeichens unsres Glaubens! Auf dem Kreuz ruht jeglich Leben, Darum laßt auch aus dem Kreuze Euer Heiligthum sich heben! Und so hab' ich diesem Plane Manch' Erinnern einverwebet, Wie das Bild mir jenes Münsters Zu Amiens vor Augen schwebet, Aber meine Grundgedanken v . Eschtruth, Katz' und Maus. 8 Hab' ich treulich beibehalten, Aus dem Kreuz will ich dem Kreuze Seinen schönsten Sieg gestalten!“ Gudula hat ihn verstanden, Jede Antwort thut's bekunden, Eifrig lauscht sie, — es entfliehen Pfeilgeschwind die Morgenstunden. „Und wie steht es mit dem Chore? Wolltest ja die Zeichnung bringen.“ Traurig senkt der Mönch das Antlitz: „Dieser Chor will nicht gelingen, Habe ihn bis jetzt gehalten Ganz nach dem Amiens'er Stile, Doch gefällt's mir nicht. Statt näher, Komm' ich weiter stets vom Ziele. Möchte ihn so gerne wölben Aller steifen Kunst zum Hohne; In dem Schöpfungsbuche selber Forsch' ich nach des Werkes Krone, So wie Gott am Dom des Himmels Formte Sterne, Mond und Sonnen, Also möcht' ich meine Weisheit Schöpfen aus des Urquells Bronnen!“ Und mit abgewandtem Haupte Reicht er seufzend ihr die Streifen Der Entwürfe. — Sorgsam forschend Ihre Blicke drüber schweifen, Lang und schweigend, — wie auch kann sie Lob ihm oder Tadel sprechen? Dann neigt sie sich hin zum Moose, Eine Blume draus zu brechen, Eine blaue Glockenblume, Schlank und zierlich, zart geneiget, Hebt empor sie, schaut sie sinnend, Prüfend an und sinnt und schweiget. „Was beginnst Du?“ fragt Gerhardus, Blickt auf Hand und Blume nieder, „Suchest Du zu meinem Troste Süße, blüthenduftge Lieder?“ „Nein“, spricht lächelnd sie entgegen, „Bei dem Anblick dieses schlanken Wunderholden Blumenkelches Kamen plötzlich mir Gedanken, Kindlich unverständ'ge Träume, Wie oft Mädchen denken, dichten; Aber, willst Du sie vergeben, Will ich gern sie Dir berichten.“ „Rede, Dirnlein!“ ruft er eifrig, Und bestrahlt vom Sonnenlichte, Blickt er nieder zu dem holden Engelsfrommen Angesichte. „Sieh“ — sagt Gudula mit leisen, Seelenvollen Flüsterlauten, „Hab' geglaubt, die Hände Gottes Formten stets die schönsten Bauten, Wenn auch nicht aus Stein gefüget, Hohe, stolze Kathedrale, So doch manchen kleinen Tempel Tief im Wald, im Feld, im Thale! Hat daselbst die edlen Muster Ganz verborgen uns gewiesen, Läßt die wundervollste Rundung 8* Achtlos Dir zu Füßen sprießen; Kann wohl Menschenkunst je formen Solch' ein Bildwerk, lichtdurchflossen? Ach, in welcher Werkstatt wurde Solch' ein Glöcklein je gegossen! Blind, verständnißlos durchstürmet Wohl die Menge Flur und Auen, Doch Euch Künstlern gab die Gottheit Augen, seine Kunst zu schauen; Gab Euch die lebend'ge Seele, Seine Werke zu begreifen, Gab das Vorbild, Euer Streben Groß und prachtvoll dran zu reifen. Sieh, Gerhardus, diese Blume: Weitgeschweifte Kirchenbogen, Gleich den marmorkant'gen Stützen Von den Adern scharf durchzogen! Kannst Du bessre Wölbung schauen? Dehne sie zu stolzen Hallen, Laß Dein Netz von Ornamenten Nach Geschmack darüber fallen! Aendre, feile, such' die Formen Deinem Chore anzupassen, Nach der kleinen Glockenblume Thürme Deine Riesenmassen! Sieh, Du lächelst! — Meine Weisheit Kommt so jämmerlich zu Falle? Ach, wie hoffnungslos versinket Glockenblum' und Münsterhalle!“ Und sie lachet hell und schelmisch, Reicht ihm schnell die Hand entgegen, Dankerfüllet muß die seine Gerhard auf ihr Köpfchen legen. „Gudula!“ — ruft er entzücket, „Möge Gott es mir bescheren, Oft und selig noch zu lauschen Deinen holden Baukunstlehren! Seine Wunderschriften schenkte Gott den stillen Wiesengründen, Und er sandte einen Engel, Mir den Inhalt zu verkünden; Nicht so werthlos, als Du glaubest, Waren, Dirnchen, Deine Sätze, Jene Glockenblume birgt mir Neue, wundervolle Schätze! Schenk' sie mir, in stiller Klause Sie zum Vorbild zu erküren Einem Meisterwerk , denn in ihr Werd' ich Deine Nähe spüren, Und was mir trotz heißen Strebens Wollt' bis jetzt noch nicht gelingen, Deingedenken und Begeist'rung Muß es zur Vollendung bringen!“ Gudula blickt in sein Auge, In das blaue, räthseltiefe, Und ihr ist es, als ob heimlich Eine Stimme in ihr riefe: „Falte, falte Deine Hände, Denn Du stehst vor einem frommen Manne, über dessen Seele Reich der Geist des Herrn gekommen!“ Und im Laube geht ein Flüstern Wie von süßen Engelszungen, Welche über Gerhards Haupte Ein Haleluja gesungen. Beide schweigen, beide schauen Träumend nach dem Himmelsbogen, Ueber dessen Horizonte Heiße Purpurgluthen wogen, Beide fühlen tief im Herzen, Daß das vollste Glück hinieden Ihre Stirne segnend küsset In geheiligt reinem Frieden. Bald ist Gerhard drauf geschieden, Hat die Hand ihr still gedrücket, Hat das schwarze Priesterkleid sich Mit dem Blumenstrauß geschmücket, Mit den blauen Glockenblumen, Die ihm Gudula gegeben, Die, wie leis in Fieberschauern, Zwischen seinen Fingern beben. Lange steht und schaut das Waldkind, Bis er fern im Holz verschwunden, Und sie hat für ihr Empfinden Schnell im Lied das Wort gefunden: „Oft schon hab' ich mich gefraget, Welch' ein Zauber hält mich fest, Der mich stets und aller Orten Seine Stimme hören läßt? Hat mich niemals doch im Leben Stille Andacht so entzückt, Wie mich jetzo seiner Rede Ernster Zauberklang beglückt! Ach, mir deucht wie Glockenläuten, Chorgesang die Rede sein, Meine Hände muß ich falten, Und ins Herz zieht Frieden ein!“ Der Steg. Längst schwebte Frau Sonne im güldenen Kleid Ueber die Felsen des Breitengescheid, Spielt um die wehenden Fähnlein und lacht Auf Fürstin Sophias buntfarbige Pracht. Da wimmelt ein Reiterzug lustig im Wald, Es schnaufen die Rosse, das Hüfthorn erschallt, Empor zum Gescheide auf mühsamem Pfad Sophia stolz zürnend dem Teufelsnest naht; Sie lenket die Zügel mit sicherer Hand, Lang wallet das dunkle, verbrämte Gewand. Zu ihrer Seite, auf zierlichem Roß, Sicher geleitet vom reisigen Troß, Voran dem Gefolge, dem Burggesind, Reitet ihr Söhnlein, Heinrich das Kind. Hell schweifet sein Blick durch das blühende Land, Trifft furchtlos die schwindelnde Felsenwand, Das fallende Wasser klinget und schallt Gespenstisch am dunklen, breitklaffenden Spalt, Doch sonnenbestrahlet, in blendendem Licht Schreckt er die Seele des Kindes heut nicht, Mit trotzigen Lippen, erhobener Stirn Weiset er stolz auf die klüftige Firn: „Da schaut, Petronella, das graue Gestein, Den Teufel schlang's und die Holzenburg ein! Mir macht es nicht bang, ich trete davor Und schlag' mit dem Schwert an das höllische Thor Und rufe: „„Hei Satanas — auf mit der Thür! Herr Heinrich von Hessen steht zürnend dafür, Der will Dich verjagen mit Knüttel und Brand Aus seinem geliebten, thüringischen Land!““ Da lächelt die Jungfrau, und lächelnd sie nickt: „So hab' ich es gern, wie mein Aug' Euch erblickt; Herr Heinrich von Hessen, als Kind schon ein Held, Bezwinget als Mann alle Teufel der Welt!“ Und weiter geht es zum Bergeskamm, Da ragen die Tannen wohl Stamm an Stamm, Hochebene dehnt sich und Wiesenplan, Zum Rasten und Lagern just angethan, Wohl sah dort die Eich' schon Jahrhunderte ziehn, Dort richtet den fürstlichen Baldachin, Webt flatterndes Tuch durch der Zweige Grün, Mit Teppichen decket des Bodens Blüh'n, Herzu mit dem Labtrunk, bereitet das Mahl! Hell schmettert der Hornruf zum sonnigen Thal, Und während im Walde schafft emsig der Troß, Steiget Sophie und Heinrich vom Roß. Mit Nella und weniger Edlen Geleit Schreitet die Fürstin zum Breitengescheid, Auf moosigem Pfade, im Sonnenbrand, Jung Heinrich führet sie ernst an der Hand Und blicket hinab in den schwindelnden Grund, Hinab in den klüftigen, gähnenden Schlund, Da rieselt das Wasser und tropft am Gestein, Da blickt man so hohl und so düster hinein, Und Stille ringsum, und ernst jed' Gesicht. Da lächelt der Knabe: „Ich fürchte mich nicht!“ Und laut er ruft, daß am Felsen es hallt: „He Teufel! — Du Ritter von schwarzer Gestalt! Im Namen der Heiligen, die ich anbet', Hervor nun komme zur grimmigen Fehd'! Das Kreuzeszeichen, ich schlag's wider Dich, Mein frommes Gemüthe, das wappenet mich, So jag' ich hinaus Dich zum Thüringer Land, Sein Schirmherr und Landgraf, das Kind von Brabant!“ Still bleibt's in der Tiefe, das Sonnenlicht glüht, Daß blitzend das Wasser in Funken versprüht, Und Heinrich ruft kühner und lauter zumal, Doch Echo nur hallet im waldigen Thal. Da fasset Sophia ein Kreuzlein von Stein Und pflanzt's in die klüftigen Felsen hinein, Hebt segnend die Hände darüber und spricht: „Das Kreuz hat gesieget, der Wahnwitz zerbricht, Das Teufelswerk lösch' ich zur selbigen Stund' Und tilg' es, wie hier, in der Leute Mund, Vom Thüringer Land soll für ewige Zeit Dem Teufel gehören kein Fingerbreit!“ Und Jubel erhebt sich ringsum auf dem Plan, Die Dienstbaren sind's, die solch' Schauspiel ersah'n, Sie schwenken die Fähnlein, die bunten, im Wind: „Heil, Heil unserm Heinrich, dem hessischen Kind!“ Nur Nella allein steht am Abgrunde dicht, Zur Tiefe gewendet ihr bleiches Gesicht, Ihr ist es, als müsse aus düsterm Gestein Urplötzlich sie treffen das Auge sein, Als müsse aus gähnendem Felsenthor Der schwarze Ritter jäh sprengen hervor, Und der Wasserklang, der zum Ohre ihr dringt, Ganz wie sein spöttisches Lachen ihr klingt. Doch Alles bleibt ruhig, in sonniger Pracht, So friedlich, so traulich die Erde rings lacht, Sie fühlt wie ihr Herze aufathmet so leicht, Wie süße Ruhe es heimlich beschleicht, Da schwindet all' Grauen, in Rosenpracht mild Versinket sein ängstlich, unheimliches Bild. Im Schatten der Eiche, welch' köstliche Rast, So ganz bei den Rehen und Hirschen zu Gast! Jung Heinrich pflegt nach dem Mahl nicht der Ruh', Er rufet die Schützen, die Hunde herzu, Stürmt jubelnd die blumigen Auen hinan, Zu schauen, zu spüren ein Wild sich im Tann. Sophia in wonniger, seltener Lust, Athmet die Waldluft mit wogender Brust, In lieblichen Träumen die Blumen sie bricht, Zum Kranze, zur Kurzweil ihr Finger sie sticht, Und Nella wandelt in Wiese und Hain Und sammelt der Fürstin die Blüthen ein. Und weiter und weiter auf blumigem Pfad Hat sich schon Nella dem Abgrund genaht, Da sprossen und nicken am grauen Gestein Zwei blutrothe Nelken im Sonnenschein, Sanft senkt sich der Berg hier, Grasstreifen breit Furchen die Felswand des Breitengescheid, Ein wenig nur klettern, ein wenig nur Muth, Dann wandelt's am Felsen sich sicher und gut! Und Nella, sie wagt es, sie sieht es sich ab Und schwingt sich behende am Steinicht hinab. Den schleppenden Mantel löst flink ihre Hand, Schürzt zierlich und fußfrei das blaue Gewand, Und schlank wie die Gemse, so sicher und frei Schreitet sie furchtlos am Abgrund vorbei, Auf schmalem Pfad, über Blöcke, Gerank, Wagt sie den seltsamen, muthigen Gang, Bricht Nelken und Steinklee und duftiges Kraut, Kaum daß sie noch vor sich, noch hinter sich schaut. Da steht sie urplötzlich vor klaffendem Spalt, Der ruft ihr ein stummes, doch mächtiges Halt! Er ist nicht sehr breit — doch drüber hinaus? Duftend und groß genug ist der Strauß! Schon will sie sich wenden, da hat sie gesandt Noch einen Blick auf die Felsenwand, Und regungslos steht sie, mit staunendem Schrei, Da drüben grüßt sie — Kraut Wohlverleih. „Dich brech' ich, dich pflück' ich, o Pflänzelein! Du fehltest noch einzig dem Strauße mein. Weh' Dir! Du sagtest den feindlichsten Mann Erst heute Morgen zum Freier mir an, Da blühst Du schon wieder an schwindelndem Steg, Da weissagst Du wieder mir Glück auf den Weg!“ Und muthwillig lachend, Nella ist jung, Wagt sie voll Eifers den kecklichen Sprung. Wohl kommt sie hinüber, kühn stieß sie sich ab, Doch hinter ihr bröckelt's und poltert's hinab, Es rollen die Steine — o Herzeleid, Der Felsenspalt ward jetzo doppelt so breit! Nella neigt schnell sich, pflücket das Kraut, Dann erst hat ängstlich sie rückwärts geschaut; Und vor sich, o Himmel, senkrechte Wand, Aufsteigend vor ihr, hält das Fräulein gebannt, Nicht vorwärts, zur Seite nicht und nicht zurück. „Kraut Wohlverleih, wehe! ist solches mein Glück?“ „Grüß Gott Euch, Jungfräulein!“ Da zittert ein Schrei, Da sinkt aus den Händen Kraut Wohlverleih, Denn drüben am Erdspalt, in spottender Ruh' Winkt grüßend der schwarze Ritter ihr zu, Stützt auf sein Schwert sich, lacht lustig sie aus: „Das nenn' ich gefangen, vielreizende Maus, Fürwahr es scheinet Verhängniß zu sein, Zum zweiten Mal sperrt Euch die Holzenburg ein!“ Ein Schauder faßt Nella, fast unbewußt Schlägt sie das Kreuz über Stirn und Brust, Sinkt zitternd zusammen, liegt auf den Knieen Und faltet die Hände zum Schutz wider ihn: „Wo kam er her? aus der Felsenwand? Errette mich, Jesu, aus Teufelshand!“ „Was fürchtet Ihr, Jungfrau?“ der Ritter frägt, „Vor Teufelszauber man Kreuze nur schlägt, Glaubt Ihr in Wahrheit die kindische Mähr, Daß ich leibhaftig der Satanas wär'?“ Wie ernst klingt die Stimme, wie markig, wie stolz! Ein kleines Kreuzlein von Rosenholz, Das sorglich im Wammse verborgen war, Zieht jetzt er hervor und reicht es ihr dar. „Da schaut, was mein Zeichen, mein Kleinod ist“, Grollet er leise, „ich bin ein Christ!“ Da athmet sie auf: „Ich fürcht' Euch nicht mehr, Wie aber, redet! wie kommt Ihr hierher?“ Da blitzet sein Auge voll Schalk durchs Visir: „Ich bin ja die Katze, das Mäuslein seid Ihr, Und soll Euch mein Auge, mein Blick fangen ein, So ist's von nöthen, Ihr schaut oft hinein! Doch laßt uns nicht plaudern in nutzlosem Streit, Erst will ich Euch helfen, gern bin ich bereit, Will bauen Euch, Fräulein, die luftige Brück', Euch leiten zum sicheren Wege zurück.“ Und eilig tritt er zur Seite hierauf Und hebt vom Gerölle den Fichtenstamm auf, Haut mit dem Schwert eine Narbe hinein, Zu seh'n, ob er morsch schon, oft trüget der Schein. Dann klimmt er zur Seite die Felsschlucht hinan, Fällt mit dem Schwerte zwei Stämmchen im Tann, Schleift sie zum Erdspalt; quer drüber gestreckt, Haben sie trefflich den Abgrund gedeckt, Nun drüber den Ast noch, moosig und breit, Gar schnell durch die Klinge von Zweigen befreit, Wie im Spiele so müh'los der Ritter schafft, Das Urbild gewaltiger, männlicher Kraft, Und Nella, zwar will sie sich's selbst nicht gesteh'n, Sie hat mit Bewundrung ihm zugeseh'n. Er setzet den Fuß auf die schwankende Brück', Geht prüfend herüber und wieder zurück. „Nun, Jungfräulein, wagt es, das Steglein ist gut,“ Ruft er vergnüglich, „versucht's, fasset Muth!“ Doch Nella setzt angstvoll das Füßchen darauf, Da knistert und schwankt es, und leis schreit sie auf Und flüchtet zurück sich — „O nein, nimmermehr! Die Stämme zerbrechen, ich laste zu schwer!“ Da lacht er und schüttelt ermuth'gend das Haupt: „Die tragen wohl zehnmal so viel, als Ihr glaubt, Doch seid ohne Sorge, ich hol' Euch im Nu, Trug oft doch die Katz' schon ein Mäuslein herzu!“ Und neben ihr steht er und neigt sich aufs Knie: „Ich trag' Euch!“ — Er, dem sie doch niemals verzieh, Der Mann, den sie hasset, sie schrecket zurück: „Nein, nein! ich versuch's, ich geh' über die Brück'.“ Und sie probet aufs Neu', beißt die Zähne zusamm', Es knirscht auf den Steinen der lockere Stamm, Sie blickt in die Tiefe, sie schwindelt, sie schwankt Und flüchtet zurück sich: „Es hält nicht, es wankt!“ Stumm steht er, als ging' ihn das garnichts mehr an, Gekreuzet die Arme, der trotzige Mann, Er sieht ihre Angst, ihrer Blicke Fleh'n, Noch will er die Bitte jetzt nicht mehr versteh'n; Ein Hornstoß klingt fern von des Berges Firn, Da kehrt er zum Steg sich mit finsterer Stirn, Will scheiden von ihr. Das wäre ihr Tod! Geängstigt, gedrängt von der bittersten Noth, Faßt jäh seinen Arm sie, umklammert ihn fest, Wie der Epheu, der niemals vom Eichenbaum läßt, „O geh' nicht — o rette mich ... nimm mich mit Dir, Ich muß ja versinken im Abgrunde hier!“ Da trifft sie sein Auge, hellstrahlend in Lust, Er neigt sich, er hebet sie schnell an die Brust, So sicher gefasset, bang an ihn geschmiegt, Leicht wie eine Feder sein Arm sie wiegt, Und stumm betritt er die ächzende Brück' Und trägt sie zum sicheren Jenseits zurück. Noch hält sie sein Arm. „Jungfräulein, ei sprecht, Des Lohnes ist werth doch ein jeglicher Knecht, Gar tief steht zum dritten Mal heut' Ihr in Schuld, Und lange schon harr' ich, in Treu' und Geduld, Ihr kamet ja heute und suchtet mein Haus, Was wollt' bei der Katze die minnige Maus?“ Und abermals lacht er; dies Lachen vergällt Nella seit langem schon Leben und Welt, Mit glühenden Wangen, zur Seite gewandt, Löst sie von seinem Nacken die Hand Und zürnet stolz, verächtlich, kalt: „Die Maus ist in der Katz' Gewalt, Mein Leben nehmet, macht es Euch Spaß, Freiwillig schenk' ich nur den Haß!“ Sanft läßt er sie gleiten zur Erde hin: „Wie anders, o Fräulein, denkt Rittersinn, Den Lohn veracht' ich, der sich fürwahr Nicht bietet von selbst und freiwillig dar, Reißt man vom Strauche die Rose im Zorn, Entblättert den Kelch man und fühlt nur den Dorn! Ich aber will, daß sie selber sich neigt, Den süßen Kelch ohne Stachel mir zeigt, Und will, daß von selber in minniger Lust Das Mäuslein der Katze hinsinkt an die Brust! So lebet denn wohl nun, zum dritten Mal, Steigt ungefährdet hernieder zum Thal, Und braucht Ihr einst Hülfe, ich bin auf dem Platz, Dann, Mäuslein, rufe getrost Deine Katz'!“ Mit klirrendem Gruße, kühn und gewandt, Drückt er des Fräuleins bebende Hand, Und schnell wie ein Schatten, mit selt'nem Geschick, Entschwindet er zwischen den Felsen dem Blick. Auch Nella entflieht, und sie murmelt dabei: „Hätt' nie ich geseh'n Dich, Kraut Wohlverleih!“ Der Katzenritter. Auf schwellendem Lager Schön-Nella liegt, Vom Frühroth die Kissen gesäumet, Es glüht ihre Wange, der Athem fliegt, Sie lächelt, sie seufzet und träumet. Im Schlafen, im Wachen, o qualvolle Pein! Verfolgt sie das Auge, die Stimme sein, Wie soll sie vor ihnen sich retten? O, daß er wollt' öffnen das schwarze Visir, Damit sie sein Antlitz kann schauen, So blitzen die Augen allein nur herfür Und füllen mit Angst sie und Grauen, Doch wundervoll sind sie, so strahlend und groß, Und blicken so heiß und erbarmungslos, Die Zauberaugen der Katze! „Wer mag er wohl sein? und welch' Räthsel hält Die Holzenburg heimlich umsponnen? Und ob sich einst Wohlverleih's Sprüchlein erfüllt, Das ihn mir zum Gatten ersonnen? Ich weiß es ja, daß er kein Höllengeist ist, Er trägt auf der Brust ein Kreuz wie ein Christ.“ So sinnet, so träumet Schön-Nella. Wie sie gestern sich einsam im Burgfried erging, Wo zum Wald führt die felsige Treppe, Da huschte ein Kätzlein, ein herziges Ding, Spielt zutraulich ihr um die Schleppe; Erst wollt' sie es stoßen zurück voller Haß, Bei seinem Anblick der Zorn sie erfaßt, Es mahnet sie an den Verhaßten; Doch gar zu lieb tändelt's — es stocket ihr Fuß, Sie lockt es, um mit ihm zu scherzen, Sie nimmt es empor, mit schüchternem Kuß Beginnt sie das Thierlein zu herzen. — „So steht es Euch gut. Es gebühret der Katz' An Euerem Herzen ja längst schon der Platz!“ Ruft's plötzlich hervor aus dem Busche, Und abermals, gleich wie gestampft aus der Erd', Steht Er da! Doch schnell wieder springet Zurück er zum Abhang, — dann schnaufet ein Pferd, Sein Hufschlag thaleinwärts verklinget. Da schleudert das Kätzlein sie wild von sich fort: „So bin ich denn sicher an keinem Ort Vor diesem frechen Gesellen?“ Doch ob sie auch zornig verzieht das Gesicht, Beschämt ihm zu zürnen, dem Kecken, Ihr Stolz will es wohl, doch ihr Herz will es nicht, Bewundert den muthigen Recken; Die Eitelkeit flüstert ihr leis in das Ohr: „Was wagt er für Dich nicht, der närrische Thor, Das thut für 'ne Andre kein Andrer!“ — Da schmettert ein Hornstoß, und Nella erwacht, Sieht sonnigen Morgen rings prangen, Und hastig scheucht sie die Träume der Nacht Hinweg von den rosigen Wangen. Es hasten und rennen im Hofe die Leut', Herrn Heinrichs Namenstag feiert man heut' Mit Pauken und mit Trompeten. Es widerhallet der Jubel im Thal, v . Eschstruth , Katz' und Maus. 9 Ein Flöten und Jauchzen und Singen, Beim Festbankett in dem Rittersaal Die güldenen Becher erklingen; Auch hat man zum Lobe der Kühnheit und Kraft Ein Lanzenstechen der Ritterschaft In Eisenach vorbereitet. Ganz nahe der Stadt, auf dem Wiesenplan, Hat man die Tribüne erbauet, Von welcher Sophia das Viereck der Bahn Mit Heinrich bequem überschauet; Viel Holzgerüste, sie schließen sich an, Drauf eng gedränget der Bürgersmann Das seltene Schauspiel erharret. Auf schnaubendem Rosse, in gleißender Pracht, Hersprengen die stolzen Gestalten, Es klirren die Schwerter, der Schild erkracht, Vom Lanzenstoße gespalten; Und Horngeschmetter verkündet im Kreis, Daß Treusche von Buttlar den ersten Preis, Den goldenen Humpen, erhalten. Und wiederum stampft es und wühlt den Sand, Es rasselt und schnaufet und klinget: Wohl dem, der aus Frau Sophias Hand Die gestickte Schärpe erringet! Es splittern die Schäfte. Heiß rennt man sich an, Bis Walther von Romrod die Schärpe gewann, Darreicht sie ihm Fürstin Sophia; Der dritte Preis ist ein Kränzelein schlicht, Das Petronella Eschwegen Mit eigener Hand jetzt aus Rosen flicht, Um des Siegers Stirn es zu legen. Ein Hornstoß verkündet der Kämpen Nah'n, Es sprengen die Rosse gar kühn in die Bahn, Es nicken die Federn am Helme; Doch Staunen malt plötzlich ein jedes Gesicht, Und Murmeln erhebt sich verdrossen: „Wer ist jener Blaue? wir kennen ihn nicht, Er trägt das Visier ja geschlossen! Ha, seltsame Helmzier! Der närrische Tropf, Er trägt auf dem Haupt einen Katzenkopf, Einen Handschuh fassen dess' Zähne! O, schaut doch, schaut! auf dem lindenen Schild Welch' unbekannt, wunderlich Wappen! Da sieht man gemalt einer Katze Bild, Thät just sich ein Mäuslein erschnappen; Ueberm Kettenhemd, auf gesticktem Gewand, Ein Katzenfell weht an blauseidenem Band, Das flattert ihm keck um die Schulter!“ Und gelassen reitet der Fremdling einher, Vor Sophia sein Roß zu pariren, Da neigt er fein sittsam den kräftigen Speer, Die Fürstin zu salutiren. Schön Nella erbleicht, durch des Ritters Visier Ein flammender Blick aufleuchtet zu ihr: „Er ist es! erbarm' dich, o Himmel!“ Befremdet die Fürstin zum Marschalk sich wend't: „Wie kommt's, daß verkappte Gesellen So keck, ohn' daß man den Namen uns nennt, Allhier in die Schranken sich stellen?“ Der Marschalk verneigt sich: „O, Herrin, verzeih', Es gilt hier nur launige Mummerei, Der Fremde verweigert den Namen; 9* Vier Edelleute steh'n für ihn gut Und haben's mit Handschlag beschworen: „„Der Mann ist von ritterbürtigem Blut, Freiherrlich und edel geboren!““ So kann man ihm wehren die Schranken nicht; Die Katze heut' gegen ein Mäuslein ficht, Sein Gegner ist Niesemäusel.“ Da lacht Frau Sophia: „Die Kurzweil gilt Wohl ganz besonderen Zwecken? Laßt seh'n, ob die Katz' aus des Gegners Schild Die Maus in den Sand wird strecken! Der Niesemäusel ist weidlich bekannt Als bester Kämpe im Thüringer Land, — Hei, Katz'! halt' steif Deine Ohren!“ Auf das Herz preßt Nella die zitternde Hand Und nagt an der farblosen Lippe: „Vier Ritter, sie haben ihn gut genannt, Er stammt aus hochedeler Sippe! Doch wehe ihm, weh' für dies keckliche Spiel, Nicht die Maus ist, Nellas Stolz ist sein Ziel, Den will er zu Boden werfen! O, daß er besiegt würd', o, daß er erläg', Mit Schimpf und Schande müßt' weichen!“ Doch sagen des Herzens so stürmische Schläg': „Nur ihm möcht' mein Kränzlein ich reichen!“ Und athemlos starrt sie hernieder zum Plan. Sie rennen sich an! Staub wirbelt die Bahn: „Wer wird meine Rosen wohl tragen?“ Das nenn' ich ein Streiten! Das klirret und klingt Und wankt doch auf keiner Seite; Wild bäumet die Maus sich, — die Katze erringt Das Feld nicht um Haares Breite. Welch' hitziger Stoß jetzt; doch schnell und gewandt Parirt ihn die Katze. Hernieder zum Sand Splittert's vom lindenen Schilde; Und eingeleget die Lanze mit Macht, Auf die Maus wirft die Katze sich. — Beben Faßt Nella. Wehe! — Es stampfet und kracht — Die Maus aus dem Sattel zu heben, Trifft furchtbar der Stoß, — sie wankt auch, sie sinkt, Und schmetternder Hornstoß, Volksjubel erklingt: „Die Maus, die Maus ist besieget!“ Zu Nellas Füßen der Sieger jetzt kniet, Den duftigen Lohn zu empfangen, Und als er der Holden ins Auge sieht, Da glühen die farblosen Wangen, Sie neigt sich hernieder, mit zitternder Hand Das Kränzlein sie um die Stirne ihm wand, Und starrt, und starrt in sein Auge. Da drückt er die Hand ihr, ganz gegen den Brauch, Und flüstert ihr leise entgegen: „Besiegte die Katze die Gegnerin auch, Hat zu Füßen sie doch ihr gelegen! Und streckt' sie zum Sand auch das Mäuslein zur Stund', Ist selber sie doch viel todeswund Von ihm in das Herze getroffen!“ — Auf der Wartburg flackern die Kerzen im Saal, Da tönen die Pauken und Geigen, Da schreitet man nach dem festlichen Mahl Mit Jubel und Lachen zum Reigen. Der Katzenritter, wer hat ihn geseh'n? Er nahm seinen Lohn nur, um schweigend zu geh'n? Wo blieb er denn während der Tafel? Die Flöten locken zum herrlichen Tanz, Da schreitet empor er die Stiegen, Noch liegt auf dem Helm ihm der rosige Kranz, Ganz wie er vom Rosse gestiegen, „In voller Rüstung tritt er herein, Mit geschloss'nem Visier will er führen den Reih'n?“ So murmelt es schnell durch die Halle. Er aber geht stolz und stracks durch den Saal, Vor Sophia sich sittig zu neigen: „Vergönnet, o Fürstin, ein einziges Mal Zu führen gewappnet den Reigen. Ihr wißt ja, es führt allezeit an der Tatz' Die wehrhaften Krallen wohl jegliche Katz', Selbst wenn sie ihr Kätzelein streichelt!“ Hei, schwirrten die Klänge! An seiner Hand Wie träumend ist Nella gegangen, Sein Auge hat still und unverwandt An ihrem Auge gehangen; Und als der Reigen beendet war, Da führt er sie weiter noch immerdar, Zum rebenumlaubten Altane. Wie ist's da so heimlich; das Blattgewind' weht Wie Schilfesgeflüster am Weiher, Am tiefblauen Himmel der Vollmond steht, Webt silberdurchleuchtete Schleier, Ein Nachtfalter flattert und wiegt sich und flieht, Es singet der Wind das urewige Lied Von fernem, von traumhaftem Glücke! Es bebet die Jungfrau. Noch hält ihre Hand Des Ritters Rechte gepresset, Da flüstert er heimlich, dicht zu ihr gewandt: „Was je ich verschuldet, vergesset, Und nehmet allhier Euer Kränzlein zurück, Ich bin nicht der Sieger. Mein Leben, mein Glück, Es liegt in den Händen des Mäusleins! Freiwillig, Vielholde, legt mir es ums Haupt, Treuinnig ans Herz mir geschmieget, Dann erst, Petronella, die Katze glaubt, Daß wirklich, daß ganz sie gesieget. Und doch nicht gesieget; die Sieg'rin seid Ihr, Denn Herz und Seele, Ihr nahmet sie mir, Ich hob nur die Maus aus dem Sattel! — Was zaudert Ihr, Nella, so haßt Ihr fürwahr Noch immer mich? haßt für das Leben?“ Da reicht sie ihm zitternd den Siegerkranz dar Und hauchet: „Ich hab' Euch vergeben!“ Da faßt ihn unendliche, jauchzende Lust, Er preßt ihre Hand an die stürmende Brust: „Geliebte!“ jubelt er, „Nella! O, sag', daß Du mein bist für ewige Zeit, In minniglich süßem Bekennen, Sag', daß uns hinfort nicht Wonne noch Leid Im Leben und Tode mehr trennen! Dann öffne ich, Nella, getrost mein Visier, Dann nenn' ich den Namen, vertraue mich Dir, — O, liebst Du mich, liebst Du mich, Nella?“ Wie träumend erhebt sie ihr Angesicht, Ob solch ein Bekennen ihr tauge; Sie lächelt, sie bebet, sie redet nicht, Sie starrt und sie starrt in sein Auge, Dann schrickt sie empor: „Euern Namen mir? O, schweigt, sonst seid ewig verloren Ihr, Euern Namen darf ich nicht wissen. Drum fliehet mich, flieht! und wendet den Blick, Denn wisset, in Leben und Sterben Ward ich Euer furchtbar, unsäglich Geschick, Ich will nicht, ich muß Euch verderben! Verheimlicht für ewig den Namen vor mir Und öffnet mir niemals das sich're Visier, Es hieß' in den Tod Euch stürzen! Euch zu verrathen dem Fuldaer Abt, Hab' ich auf das Kreuz ihm geschworen, Drum meidet mich, Ritter, drum bleibet verkappt, Beim Himmel, sonst seid Ihr verloren! Und wollt' ich Euch lieben, nun ist es vorbei, Doch forsche ich nie, wer die Katze sei, Und brauche Euch nie zu verrathen!“ Da klinget es laut von dem Hofe herauf, Ein verworrenes Schreien und Schelten, Einen Knappen umringet ein johlender Hauf': „Wir glauben nicht an Deinen Helden! Hui, fährt nicht zum Rüstzeug mit eiligem Satz Als Büttel heraus Deine heimliche Katz', Vielleicht auch als Bauer, als Schinder?! Warum denn so heimlich? geschlossen Visier? Das braucht doch kein Ritter, kein echter!“ „Oho!“ brüllt der Knappe, „Ihr Krautschneider Ihr, Ein Prinz ist nicht besser und schlechter!“ Und schlägt an das Schwert sich, berauschet vom Wein: „So wiss't denn, die Katz' ist der Frankenstein, Mein trutziglich, edeler Herre!“ — Ein leiser Aufschrei! Am Gatterrand Des Altanes ist Nella gesunken, Wie fiebernd preßt sie des Ritters Hand: „Er log es — o, sagt, daß er trunken!“ Ernst schüttelt das Haupt er: „Vieltrauteste, nein, Er redete wahr. Ich bin Frankenstein, Der wilde Junker geheißen.“ Da schnellt sie empor, da blicket sie wild: „Ihr thatet den Beilstein ermorden?“ Verwandelt ist jählings das liebliche Bild, Die Taube ist Löwin geworden: „O, Fluch dann und ewiger Haß jener Hand, Die schändend die meine so heuchelnd umspannt, Aus meinen Augen, Verbrecher! Ihr wagt es, zu werben um eine Maid, Der Ihr den Oheim erschlagen? Der Ihr die Heimath zerstört alle Zeit, Die zum Raubnest empor Ihr getragen? Ha, wohl mir, daß ich den Namen gewann, Jetzt ohne Bedenken klag' ich Euch an, Ich will's, und ich hab' es geschworen!“ Mit ruhiger Stimme, doch ernst und gefaßt Spricht Robert: „Was Ihr geschworen, Das müßt Ihr erfüllen. Wen Berthold haßt, Der ist wohl für immer verloren; Doch sei's drum, ich fürchte kein weltlich Gericht, Ihr aber, Nella, Ihr solltet mich nicht So ungerechtfertigt verdammen!“ „Rechtfertigen? Euch?! Welch' verwegenes Wort, Das soll mich, bei Gott, nicht bethören, Geht hin vor den Richter, verantwortet's dort, Laßt dort Eure Redekunst hören! Daß Ihr habt erschlagen den Oheim mein, Wäscht keins Eurer glatten Worte mir rein, Drum spart sie und woll't mich verlassen, Verlassen für heut' und für ewige Zeit, Nie seh' ich Euch wieder im Leben! Was Ihr mir schufet an bitterem Leid, Mag Gott es Euch gnädig vergeben!“ Fort stürmt sie. — Er murmelt: „Das Spiel schon aus? Nein, jetzt erst beginnt es, hei, Katz' und Maus! Nun vorwärts, nun wollen wir kämpfen!“ Behüt' Dich Gott! Wo im Wald die Glockenblumen Neben moos'gem Stamme nicken, Saß Jung Gudula und harrte Sehnsuchtsvoll des lieben Freundes. Wie die bunte Eintagsfliege, Die mit schillernd buntem Flügel Blitzend durch die warme Luft schießt, — Alte Mähr lebt in dem Volke, Daß die Seelen schöner Mädchen, Welche dem Geliebten treulos, In Libellen sind verzaubert — Also schwirren die Gedanken Durch des Waldkinds Köpfchen, unklar Hin und her in laun'gem Zickzack, Ohne Form, Gestalt und Farbe; Aber dann, gleich der Libelle, Fest an einer Blüthe haftend, Und die Blüthe hieß: die Minne! Noch verstand sie nicht zu deuten Ihrer Seele tief Empfinden, Doch sie ahnte, daß gar seltsam Wunderbares vor sich ginge Tief und selig ihr im Herzen. — Heimlich aus den Blüthenhäuschen Lugten mit den Sternenaugen Nach der jungen Maid die Hulden, Lächelten und nickten schelmisch Sich einander zu und wiegten Sich auf schwankem Blumenstengel, Daß die zarten Schleier flogen. Manchmal kam ein Dorn, ein scharfer, Riß das fein Geweb' in Stücken, Daß es weit zur Luft hinein trieb — „Alten Weibersommer“ nennen's Dann die thöricht blinden Menschen, Und sie ahnen nicht, daß solche Schleier weh'n vom Haupt der Elfen! — Süßen Harzduft trägt ein Luftzug Von den Kiefern her. — Goldkäfer, Der am bork'gen Stamme rannte Und sich kühn auf Dirnleins Hand schwang, Sucht erschrocken zu entfliehen, Da die Finger jäh sich regen, Rollt zurück und fällt plump zappelnd In das schwellend graue Waldmoos. Dürres Astwerk knackt im Tanne, Und es rauscht in welken Blättern Wie von hast'gen Menschenschritten. Gudula schrickt auf: „Er ist es!“ Doch in großen, luft'gen Sätzen Bricht ein Rüde durch das Buschwerk, Fangulf ist's, der Freund Schön Nellas, Springt herzu und schweift ums Waldkind Freudig bellend, es zu grüßen. Gleicherzeit „Hai ho!“ im Walde, Und im schmucken Jägerkleide Naht behend zu Fuße Nella, Hinter ihr kommt Hans, der Treue. Gudula eilt ihr entgegen, Will „Grüß Gott!“ ihr fröhlich sagen Und verstummt, da sie ihr Antlitz Sieht so bleich und ernst gefurchet. Schweigend drücken sie die Hände, Setzen auf den Stamm sich, harren Beide, daß die Andre spreche. „Komme heut' mit einer Bitte,“ Seufzet endlich Petronella, „Und ich hoffe, liebe Kleine, Deiner sichern, frohen Zusag'! Sieh', es ist zum letzten Male, Daß ich heut' an Deiner Seite Hier in diesen trauten Wäldern Athmen kann, zum letzten Male, Daß mein Aug' dies Thal erblickt, Und zum allerletzten Male Bin ich glücklich dann gewesen! Morgen früh geht's fort zum Rheine. O, mein Gott, welch' tiefer Jammer Faßt mich bei dem Worte Scheiden!“ „Ach, so bleibet! — sprecht, was treibt Euch?“ Flüstert Gudula mit Thränen, Und sie drückt der Edeldame Weiße Hand schnell an die Lippen, „Brecht nicht mit solch' trüber Botschaft Mir das Herz! Denn Euch verlieren, Heißt mir bittern Schmerz bereiten, Heißt mich einsamer denn je sein! Hat Sophia nicht, die Fürstin, Euch gebeten, als Hoffräulein Immerdar bei ihr zu bleiben? War't es jüngst auch ganz zufrieden, Und nun plötzlich diese Wandlung?“ Finster blickte Nella: „Weißt Du Nicht, wie wenig Stunden oftmals Eine sonnenlichte Erde, Eine Welt voll hoffend Blühen In die tiefste Nacht versenken? Eine Wolke deckt den Himmel, Und die gold'ne, stolze Sonne Sinkt hinab in freudlos Düster, Aller Lust zum frühen Ende. Also ist auch meine Sonne Und mein Glück mir jäh versunken, Nichts mir lassend, als die dunkle Sehnsucht, balde ihm zu folgen, Zu vergessen, — zu versinken, Ohne je zurück zu kehren!“ „Nach dem Rheine zieht Ihr, Fräulein?“ „Ja, nach jenem fernen, grünen Wundervollen Rheinstrom, Dirnlein; Sieh, und solches möcht' ich bitten, Daß Du mir zum Deuernschlosse Mögest als Gespielin folgen, Denn gar tief hab' ich ins Herz Dich Lieb und freundlich eingeschlossen. Willst Du, Gudula, mir folgen? Gott im Himmel wird's Dir lohnen, Und mit Liebe, Treu' und Güte Werde ich Dir's ewig danken.“ — „Fort von hier?“ Wie leiser Wehschrei Ringt sich's von des Waldkinds Lippen, Und mit angstvoll großen Augen Starrt sie vor sich hin ins Leere, „Fort von hier? — ich kann's nicht fassen; Müßt' ja welken und vergehen, Wie das Haidekraut verkümmert Trostlos in dem prächt'gen Garten.“ „Gudula!“ fleht Nella leise, „Nein, Du sollst nicht ewig scheiden, Wenn Du willst, nach einem Jahr schon Laß ich Dich zur Heimath kehren, Früher schon, faßt Dich das Heimweh; Will Dich ja nicht ketten, Dirnlein, Nur Dich anfleh'n, mich zu trösten. Will die Einsamkeit mich tödten. Antwort' jetzt nicht! Solche Sache Will wohl, reiflich überlegt sein, Und drum geh' zu Mutter Dorte, Frag' um Rath sie und bedenk' es, Ob's Dein Glück nicht sei, zu folgen; Den Entschluß, den Du gefaßt hast, Bringst Du mir empor zur Wartburg Heute Abend noch, denn morgen Mit dem frühsten muß ich reisen. Sorg' für nichts, denn was Du brauchest, Findest Du in meinem Vorrath, Nur ein treues Herz voll Liebe Bring' mir zu, — und somit, Guda, Lebe wohl! — ich harre Deiner, Und so Gott will, nicht vergebens.“ Einsam, schweigend sitzt das Waldkind; In dem Schooße ruh'n die Hände, Große Thränen rollen langsam Ueber die gebräunten Wangen, Und die Augen blicken glanzlos Starr herab auf Gras und Blüthen. „Soll mein Herz mitbringen“, seufzt sie, „Das just, was allhier im Lande Wohl in Ewigkeit verbleibet. Und Gerhardus? — Nein, ich kann's nicht, Kann nicht leben, wenn ich nicht mehr Seine traute Stimme höre, In die blauen Augen schaue, Die kein Himmel mir ersetzet. Einsam ist er, wenn ich gehe, Keine Seele ist auf Erden Der er sich mag offenbaren, Und das Angedenken aller Stunden, die wir hier verplaudert, Wird ihn nicht beglücken. Ach, denn Doppelt fühlt er sich verlassen, Denkt er dran und muß sie missen! Doch die Mutter! — Freudenthränen Wird sie weinen meinem Glücke, Wird dem Himmel danken, daß er Also gnädig mich versorget. — Ach, was thu ich, liebe Heil'gen? Ach, erbarmt Euch solchen Kummers!“ — Kinderjubel schallt im Walde. „Gudula!“ jauchzt's schon von ferne, „Haia ho! — sag' an wo steckst Du?“ Und, kaum daß sie Antwort rufet, Sieht sie auch die kleinen Brüder Fern am Waldsaum; wie die Rehlein Flink und zierlich kommt's gestürmet. Gudula umschlingt den Kleinsten, Hebt ihn kosend auf die Kniee, Herzt und küßt sein blondes Köpfchen, Während schnell die beiden Andern Eifersüchtig näher drängen. Aus dem Korbe läßt sie naschen Alle drei die schwarzen Beeren, Süß und köstlich, und des Kleinen Blaugefärbtes, leckres Mäulchen Spitzt sich stets aufs neu zum Kusse Und sagt schmeichelnd: „Liebe Guda!“ — O, da war's, als sollten Thränen Aus der Dirne Augen stürzen! — Ganz versunken in dem Kosen Dieser drei geliebten Buben, Hört sie nicht die leisen Schritte, Welche mählich näher kamen. Halb versteckt vom stachlich grünen Knirksbusch, stand der Mönch Gerhardus, Schaute regungslos auf dieses Holde, anmuthreiche Bildniß, Und ein Schatten, trüb und schmerzlich, Malte sich auf seinen Zügen, Während seine Lippe seufzte Und ein nie gekanntes Sehnen Seine Brust zusammen schnürte. „Wär's Dein Weib und Deine Kinder!“ Stöhnt er auf, „wie glücklich wärst Du!“ — Und er deckt auf Stirn und Augen Jach die bleiche Hand und schüttelt Angstvoll schnell das Haupt und murmelt: „Führe uns nicht in Versuchung!“ Dennoch steht er, steht und schauet Unverwandt nach den Geschwistern, Wie ein Bettler, hungernd, frierend An des Reichen Thür, durch welche Fremdes, fernes, nie erreichtes, Wonnereiches Glück ihm lächelt! — „Wie nun, wär' sie eines Andern Treue Hausfrau? — dies die Kinder — —“ Schwindelnd braust's durch seine Sinne, Und ihm ist's, als müss' er zornig Sich dazwischen werfen, rufen: „Wehe Dir! und wehe ihnen!“ „Herr, mein Gott, erbarm' dich meiner, Die Gedanken reden irre, v . Eschstruth , Katz' und Maus. 10 Fieber rast durch meine Glieder, Malt mir tolle, wüste Bilder Und verwirrt mit Teufelskünsten Meiner Seele frommes Sinnen! Nein! ich lüge, Gott — ich lüge! — Hör' nicht solch' ein feig' Entschuld'gen! Bin gesund, und die Gedanken Hab' ich sündig längst geheget. Gott der Gnade — des Erbarmens — Warum hast Du jenes Mägdlein Wundersam mir zugeführet? Hab' sie nimmermehr gesuchet, Ging nicht aus in falschem Trachten, Du hast selber mich geleitet In die Netze, die der Böse Tückisch meinem Fuß gestellet! — Nun ist's über mich gekommen, Wie der gift'ge Hauch der Seuche, Konnte mich davor nicht schützen, Krankte heimlich, ohne Rettung; Leib und Seel' verfiel dem Brande, Der aus kleinen, schwachen Funken So gewaltig lodernd aufwuchs, Daß er nun mich ganz ergriffen, Mich verzehrt in wilden Qualen! Ja, ich liebe sie, — ich liebe! Bin ich elend nicht genugsam, Daß auch dieser Fluch noch treffe Schwer mein Haupt, im Zorne Gottes? — Ich bin Fleisch, und Fleisch ist sündig, Wehe meinem schwachen Geiste, Daß er einschlief, daß er hülflos Der Versuchung mich anheim gab, Diesem Fallstrick, der mich fällte! — Der mich fällte? — nein! noch steh' ich, Stehe mitten in dem Kampfe, Und ich schrei' um Hülfe, Herrgott! Ich bin schwach, zum Sterben elend, Der Gefahr ins Auge schauen, Als ein Held ihr kühnlich trotzen, Hieße mich vernichten. — Feige Bin ich, und ich kann's nicht. Darum will ich Schwächling fliehen, Fliehen mit dem Tod im Herzen, Aber doch nicht als Meineid'ger, Als ein Mann, der durch dies Fliehen Doch zum Held wird! Was ist schwerer, Als dem Glück den Rücken kehren? Und mein Glück ist dieses Mägdlein. — Lebe wohl denn, — lebe wohl denn! Gudula, zum letzten Male Sah ich Dich, und dieses Bild hier Nehm' ich mit mir.“ — Und die Arme Weit und sehnend nach ihr breitend, Bleich die Wangen wie ein Todter, Neigt er vor sich, just als wollt' er Mit den Blicken satt sich trinken Für ein langes Pilgerfahren. Da schlägt hell im Zweig ein Buchfink, Und klein Heriberth dreht's Köpfchen. „Guda!“ ruft er angstvoll, „Guda!“ Und er weist erschreckt auf Gerhard. 10* Festgebannt steht der Karthäuser. — Auge ruht in Auge, — fliehen Kann er nicht mehr, nein, er kann's nicht! Ihm entgegen tritt das Waldkind, Bleicher, stiller wie gewöhnlich, Reicht ihm ernst die Hand: „Gott grüß' Dich! Habe recht auf Dich gewartet, Freund Gerhardus, wicht'ge Dinge Gilt es heute zu berathen!“ — Jäh zusammen Schrickt der Mönch. „Was soll es? rede!“ Stottert er mit hast'gem Athem. — Nach dem Baumstamm weist die Dirne, Setzt sich zu ihm, und die Buben Schickt sie fort zum Kräutersuchen. Dann beginnt von Nellas Vorschlag Sie ihm ehrlich zu berichten. Als sie Alles ihm erzählet, Schweigt sie, angstvoll an ihn blickend: „Wirst Du zürnen nicht, Gerhardus? Soll ich bleiben, soll ich gehen? — Ach, solch' Scheiden bricht das Herz mir!“ Himmelwärts blickt der Karthäuser, Ein verklärend Lächeln strahlet Auf den bleichen, schönen Zügen, Und die Hände voller Demuth Und Ergebenheit gefaltet, Murmelt er: „Hab' Dank, o Vater, Daß Du so die Zweifel schlichtest, Deine Gnade offenbarest!“ Und die Hand zum Segen legend Auf das Haupt des Mägdleins, blickt er Lange, lange voller Wehmuth, Aber doch gefaßt und friedlich In die süßen Kinderaugen, Und er spricht: „So hat's der Himmel Ueber uns verfügt. Ohn' Grollen, Liebe Freundin, laß uns scheiden, Dir und mir zum Heil, Gott will es.“ — Glanzlos blickt die Maid, es rollen Thränen über ihre Wangen, Tonlos flüstert sie: „So sei es, — Lebe wohl — leb' wohl für immer.“ Bebend hält er ihre Rechte, Hülflos ringt er in dem Kampfe, Und da sie sich von ihm wendet, Wie verletzt von seinem schnellen Rath, zu gehen und zu scheiden, Wie ihr Blick so herzzerreißend Unglücklich durch Thränen leuchtet, Da ist seine kaum erkämpfte Und verzweiflungsvolle Stärke Jäh gebrochen, — Zittern faßt ihn — „Gudula!“ — ein Aufschrei, qualvoll Außer sich, klingt von den Lippen, Und er preßt die Hand in seiner, Und er flüstert: „Glaub' nicht, Mädchen, Daß ich leicht Dich gehen heiße, Gott allein weiß, was mich's kostet! Doch es muß sein, muß , lieb Mägdlein, Denn gehst Du nicht — muß ich gehen, Soll ich meine Seele retten, Soll ich nicht im bittern Ringen Zwischen Glück und Pflicht und Eidschwur Als Verworfner untergehen! — Muß ich Dich auch ewig lassen, Lebt mir dennoch aller Ferne, Allem Scheiden kühn zum Trotze, Dein lieb Bildniß fort im Herzen, Bleibt mit allem trauten Segen Als Vermächtniß Deiner Freundschaft. Gott behüt' Dich! — Zieh' in Frieden! Mein Gebet wird Dich begleiten, Und die Engel Gottes werden Beiden uns den Frieden bringen, Der verheißen den Gerechten!“ — Ruhiger war seine Stimme, Leuchtender sein Blick geworden, Und die Hände über ihren Beiden Händen treu gefaltet, Murmelt er: „Der Herr des Himmels Hat's gegeben, hat's genommen, Gottes Namen sei gelobet!“ — Und er wandte sich und eilte Tief gesenkten Haupts von dannen. Regungslos am moos'gen Stamme Kniete Gudula und weinte, Weinte heiße, bittre Thränen Süßer, jungverblühter Minne, Ach, und ewigen Entsagens. — Ueber ihr im Buchenwipfel Gurrt ein Pärlein wilder Tauben, Summt's und surrt's von zarten Flügeln, Flüstert's wehmuthsvoll im Laube. Und der Wind erhebt sich leise, Streift mit kühlem Athem seufzend Um die Stirn des Waldkinds, daß die Goldbraunlock'gen Haare wehen, Wie ein Heil'genschein, im Glanze Zitternd klaren Sonnenlichtes, Und er streift die Blüthenglocken Und die Gräser auf der Halde, Daß sie grün und lautlos wogen, Wie ein Meer von Wehmuthsthränen. Und die Hulden senken traurig Ihre rosigen Gesichtlein, Sprechen zu dem Schmetterlinge: „Schmeichle tröstend um die Arme, Bringe Du ihr uns're Küsse, Sage ihr, die Liebesfeien Schweben vor den Thron der Minne, Süßes Glück ihr zu erflehen; Tröste, tröste unsern Liebling.“ Und das bunte Pfauenauge Flattert drauf um Guda's Wangen, Flüstert leis ins Ohr den Auftrag; Aber bittrer schluchzt das Mägdlein, Und die blauen Glockenblumen Tragen selt'nen Thau im Kelche, Thau, der sie zu Boden drücket Mit der Last geheimer Sehnsucht, Thränenthau aus Mädchenaugen, Still geweint im Leid der Liebe! Hulden, Vögel, Blumen lauschten, Ob die Maid all' ihren Jammer Nun im Liede künden werde, Ob nicht wehmuthvolle Klage Von den Lippen strömt, die Fülle Ihres Elends auszuschütten? Gudula, die einst so selig Jubelnd in die Welt geschmettert, Daß sie einen Freund gefunden, Die doch oftmals hier im Walde Ihrer Seele Lust gesungen, Warum schweigt sie nun im Schmerze? Lang' vergeblich war das Lauschen, Gudula hat viele Thränen, Doch kein Wort, kein einzig Liedlein, Und so ward es kund den Blumen Und den Vögeln tief im Walde: „Was ein Mädchenherz empfindet, Weint es Thränen heil'ger Liebe, Dafür ward kein Laut erschaffen, Das muß man in eig’ner Seele Leiden, um es zu begreifen.“ Am Rhein. Deurenburg, Du köstlich Schlößlein, Stolze Zinnenbraut vom Rheine, Prangst an seiner Hügelkette Gleich dem bunten Edelsteine! Aus dem schilf'gen Uferkranze, Aus der Fluthen grünem Schooße, Hebst Du schlank Dein lieblich Antlitz, Wie am Felsenhang die Rose. Zauberwasser, die smaragdnen, Spülen schmeichelnd Deine Füße, Singen rauschend ihre Lieder, Dir zu huldigen, o Süße; Heben rollend ihre Häupter Schaumgekrönt, im heißen Drange, Daß mit sehnsuchtsvollem Arm Dich Glitzernd ihre Fluth umfange! Und sie sprühen Silberfunken, Wellen seufzen, tausend Wellen, Und sie stürzen sich zum Felsen, Ihre Stirn dran zu zerschellen. Deurenburg, Du Unbarmherz'ge, Fühllos thronst Du an dem Strande, Schlingst um Deine trotz'gen Thürme Epheugrüne Festgewande, Blickst mit ewig gleichem Lächeln Strahlend in dem Sonnenscheine, Wundervolle, hochgebaute Zinnenbraut am deutschen Rheine! — Hornruf hallt und Abendläuten Zu dem breiten Strome nieder, Und die Mägde in dem Burgfried Summen Feierabendlieder. In dem trauten Wohngemache, Dessen runde Fensterbogen Wie drei starre Augen blicken Nieder in die breiten Wogen, Wo im hohen Rittersessel, Stumm das Haupt zurückgeleget, Franz von Deurenburg, der Alte, Einsam sonst der Ruhe pfleget, Da glüht heute rother Lichtschein, Schatten hin und wieder schwirren, Und auf schwerer Eichentafel Hört man Silberkannen klirren. In dem Sessel sitzt der Ritter, Doch wie sonst nicht düster schweigend, Nein, in mark'gem Beifallslachen Oftmals Haupt und Rücken neigend, Und ihm gegenüber, fleißig Beim Gespräch und bei dem Weine, Lustig, aufgeregt hantirend, Robert von dem Frankensteine. „So, nun wißt Ihr Alles, Ritter, Kündet' Euch mit jedem Satze Eine seltsame Historie Von der Maus und ihrer Katze,“ Schließt er endlich seine Rede, „Und ich hoff', es soll nicht fehlen Am Erfolg, darf ich hinfüro Nur auf Euern Beistand zählen!“ Und mit ehrlich treuem Drucke Reicht er ihm die Hand entgegen. „Ja, das darfst Du!“ ruft der Alte, „Darfst's bei Gott auf allen Wegen, Du, der Sohn des lieben Freundes, Meines wack'ren Kampfgenossen, Hast mit einem Schuß den Vogel Meines Herzens abgeschossen. Was auch sollte solchem Raufbold Gegenüber Weigern nützen? Besser ist's, als Freund und Helfer Seine Schelmstreich' unterstützen. Mag denn Katz' und Mäuslein ringen, Jedes sich den Sieg erhoffen; Auf der Deurenburg steht Beiden Gastlich Thor und Thüre offen!“ — „Und Ihr werdet als Er'miten Mich empfangen, ohne Zaudern? Sorgen auch, daß Knecht' und Mägde Nicht bei Jungfrau Nella plaudern?“ „Sei versichert,“ nickt der Alte, „Sie erfährt im ganzen Hause, Daß ein Eremit seit Jahren Wohnet in der nahen Klause.“ „Dank Euch, edler Freund,“ ruft Robert, Ihm zum Wohl den Krug noch füllend; Dann sich hastig in die braune, Wallend weite Kutte hüllend, Nimmt er Abschied. Bis zur Thüre Noch der Ritter ihn begleitet, Wo er mit viel frommen Wünschen Von dem guten Klausner scheidet. „Gisberth!“ ruft er, „leucht' dem alten Würd'gen Mann zu rechten Wegen.“ „Dank Euch!“ murmelt Robert, tiefer Die Kapuze noch sich legend In das Antlitz; — und so wankt er Durch das Thor, wo vor vier Stunden Als ein Klausner von dem Berge Gastlich Einlaß er gefunden. Wochen sind seit dem verstrichen; In dem buntgefärbten Laube Spielt der Herbstwind, fegt die Blätter Wirbelnd nieder zu dem Staube, Und er pfeift um Thurm und Söller, Streitet mit der Wetterfahne, Reißt die schlanken Weingewinde Frevelnd von dem Burgaltane; Zaust Schön Nella's schwarzen Schleier, Wenn sie durch den Schloßhof schreitet, Just als ob er dem Gewebe Seinen holden Dienst beneidet. Nella aber steht und schauet Sinnend nieder in die Wellen, Die mit schaumgekröntem Haupte Sturmgepeitscht am Strand zerschellen, Und sie legt um Guda's Nacken Ihren Arm: „Solch' herbstlich Klingen Mahnet mich, Du liebe Kleine, An Dein traurig Liedersingen, O, wie lieb' ich Deine Weisen, Deines Sanges traurig Minnen. Seit von Fulda wir geschieden, Kann ich Heit'res nicht beginnen; Seit Bertholdus ich verrathen Jenes Ritters Stand und Namen, Tausend quälende Gedanken Tag und Nacht zu Sinn mir kamen, Und die Ruhe hier, die Stille, Nichts will fröhlich mich zerstreuen, Und doch will und darf ich niemals Den Verrath an ihm bereuen.“ Tiefe Stille herrscht, es blicket Nella in die grünen Wogen, Und sie murmelt: „Wie viel Herzen Hat wohl schon das Glück betrogen! Gudula, o sage — rede, Ob ich recht nicht hab' gehandelt, Da ich ihn verrieth? Was hat nur Mein Gewissen so verwandelt?“ „Hättet Ihr's dem Abt verschwiegen, Fräulein, wär' es ein Verbrechen, Was Ihr auf das Kreuz geschworen, Konntet, durftet Ihr nicht brechen!“ Nella athmet auf: „So ist es, Albern, thöricht Grillenfangen! Ach, und dennoch füllet Eins mich Doch mit namenlosem Bangen: Furchtbar rächen wird Bertholdus, Hat Vergeltung ihm geschworen, Fehd' erklärt dem Frankensteiner; Gudula, er ist verloren!“ „Dann geschieht ihm recht, Vieledle!“ Zürnet listig, schlau die Kleine, „Warum raubt er? Traun, die Schuld ist Doch nicht Eure; 's ist die seine! O, und wie er Euch gekränket Bei der Fuhrt, am Breitgescheide, Wie er ungerufen, frechlich, Hülfreich stand Euch stets zur Seite —“ „Hülfreich! ach, das ist's ja, Liebe, Bin zu Dank ihm reich verpflichtet, Hab' zum Lohn für seine Treue Nun zu Grunde ihn gerichtet! Frechlich, sagst Du, mich gekränket? Niemals ist's ihm eingefallen, Stets der Höflichste, der Beste, Guda, war er mir vor Allen! Ach, könnt' ich doch in dem tiefen Grünen Strome drunten enden, Oder könnt' ich die Gefahren Hülfreich ihm vom Haupte wenden!“ Und mit hast'gem Schritt enteilet Sie durch herbstlich Sturmeswehen, Aber lächelnd hat das Waldkind Und voll Glück ihr nachgesehen Und geflüstert: „Hast im Hasse, Wie der Herbst, sein Glück genommen, Jetzt wird's Frühling, Deine Liebe Wird wie goldne Sonne kommen, Auf sein einsam, trübes Herze Wird sie zaubermächtig glühen, Und dann steigt aus Schutt und Trümmern Doppelt reich das neue Blühen!“ — Aus dem tiefen Burgthor ritten Beide Frau'n, ins Land zu streifen; Kalt war's, silberhell die Zweige, Schon that's in den Nächten reifen, Und die ersten Flocken wehten Weiß und glitzernd um die Wangen, Auf dem Beet die letzten Astern Ließen schwarz die Köpfe hangen. In dem pelzverbrämten Mantel Reitet Nella wohlgeborgen, Reitet langsam durch die Tannen, Sonder Lust und sonder Sorgen. Sieh', da sitzt auf moos'gem Steine, Tief gebeugt von Noth und Jahren, Just ein Klausner an dem Wege. In den silberweißen Haaren, Die in struppig langen Wellen Aus der zwilchenen Kapuze Um die Stirn und Wangen quellen, Spielt der Wind. Mit schnellen Blicken Streifet Nella jetzt den Alten, Schickt sich an, mit güt'gem Nicken, Ihren Zelter anzuhalten; In die Tasche an dem Kleide Greift sie hastig, sucht behende, Wirft den kleinen Opferheller Grüßend in des Klausners Hände Und will weiter reiten. Plötzlich Blickt sie auf und schrickt und schauet Jäh betroffen in sein Antlitz, Drin ein großes Auge blauet, Das sie ernst und seltsam anblickt. Wie gebannt hält sie am Platze, Seufzt tief auf und denkt im Herzen: „O, wie mahnt mich an der Katze Augen dieser Blick des Alten!“ — Ob's zum Schutz bei scharfem Winde, Jetzt erst sieht sie vor den Lippen Sorgsam hüllend eine Binde, Die sein halbes Antlitz decket, Und mit mitleidsvollem Sorgen Fragt sie leis: „Wohin des Weges? Rauh und neblig ist der Morgen, Nicht gemacht zur Rast im Freien. Ihr seid alt, ehrwürd'ger Vater; Seht, gar dicht fängt's an zu schneien.“ Voll trifft sie sein Blick: „Ich wandre Nach der Deurenburg, o Fraue, Daß ich nach dem alten Freunde, Meinem edlen Ritter, schaue. Langsam geht's nur von der Stelle, Doch ich habe Zeit und Weile, Sehnsucht hilft mir, daß im Geiste Meinem Fuß voraus ich eile.“ Sanft, gedämpft klingt seine Stimme, Und er wendet sich zum Gehen, Nella aber rufet freundlich: „In der Burg auf Wiedersehen!“ „Pax vobiscum“! nickt der Alte, Und das Fräulein sprengt von dannen, Silberhelle Flocken rieseln Abgestreifet von den Tannen; Doch der Klausner wächst und reckt sich, Schaut ihr nach und lacht verstohlen: „Für den Heller, Jungfrau Nella, Will ich mir den Ablaß holen, Wenn ich frecher Raubgeselle Jene schwere Schuld begangen, Mir ein Mäuslein, hinterlistig, Sammt dem Herzen einzufangen!“ — An dem Burgthor fragte Nella, Forschte eifrig beim Gesinde Nach dem alten, fremden Klausner Mit der räthselhaften Binde Vor dem Munde. Doch sie hörte Nur die theilnahmslose Mähre, Daß er schon seit langen Jahren Oefters Gast beim Ritter wäre, Daß er drüben auf dem Berge Gegenüber einsam hause; Dort der Wachtthurm, holzgezimmert, Bilde seine stille Klause. Nella hört's und seufzt und sinnet, Greift zu Spindel, Flachs und Rade, Schreitet zu des Ohms Gemache Nieder von der Kemenate, Setzt sich schweigend zum Kamine, Auf der Männer Rede lauschend, v . Eschstruth , Katz' und Maus. 11 Hie und da ein freundlich Grüßen, Kurzes Wort mit ihnen tauschend. „Nella!“ ruft der Ritter plötzlich, „Tritt herzu und nimm die Kanne, Fülle Du einmal den Becher Diesem wackern alten Manne; Ist sein Haar auch schon bereifet, Schätzt er hoch doch solche Tugend, Und er denkt bei Deinem Anblick Doppelt gern entfloh'ner Jugend!“ Schnell folgt Nella seinem Rufe, Will die schwere Kanne heben, Doch sie fühlt beim Blick des Klausners Ihre Hände jäh erbeben, Und zum Scherz sich zwingend, fragt sie: „Sitte ist's bei Edeldamen, Daß wir bei des Trunks Kredenzen Nennen unsern Gast bei Namen, Sagt, wie heißt Ihr?“ Schnelles Lächeln Spielet auf des Alten Zügen: „Ein Gelübde heißt mich schweigen Und verbietet mir zu lügen! Meinen Namen, Fräulein, hab' ich Selbst fast mit der Zeit vergessen, Aber „„Pater Felis““ nannten Mich die Leute unterdessen.“ „Pater Felix? seid Ihr glücklich, Daß man Felix Euch benannte?“ — Doch der Klausner schaffet emsig Ordnend plötzlich am Gewande Und entgegnet: „Nein, Ihr irrt Euch, „„Felix““ hab’ ich nicht gesaget, Sondern „„Felis““, glücklich bin ich Auch nicht sehr, Gott sei's geklaget!“ „Felis“! ruft der alte Ritter, Lachet auf, daß hell es schallet, Daß es rings an Wand und Decke Urgewaltig wiederhallet, Und als Nella jäh betroffen Wortlos starret auf die Beiden, Sagt er schnell: „Vergebt, Ihr Lieben, Ach, an alte, tolle Zeiten Hat der Name mich gemahnet! Felis! — Felis! — es trieb's Keiner Je so keck wie er! Zum Teufel! 'S giebt auch hier zu Land Lateiner.“ Langsam führt die Hand des Klausners Nun zu Mund des Bechers Blinken, Doch die breite, schwarze Binde Hindert merklich ihn am Trinken, Und voll Neugier forschet Nella: „Sprecht, was soll dies Band bedeuten?“ Leise lacht der Mönch: „„Der Maulkorb““ Heißt es spottend bei den Leuten; Denn es ist ein alt' Gelübde, Wer die Mäßigkeit verschworen Und sich Einsamkeit und Schweigen Für sein Leben auserkoren, Der trägt zur beständigen Mahnung Eine Binde vor dem Munde, Daß er reuig sich erinn're Seiner Schuld und Bußestunde!“ — 11* „Warum seid Ihr Mönch geworden?“ Forschet Nella eifrig weiter, „War't von Kind an Ihr bestimmet Zu des Glaubens heil'gem Streiter?“ „Nein, ich war ein Ritter, Fräulein, War mit Leib und Seel' ein Ritter; War kein Roß zu wild im Stalle, War zu hoch nie Liebchens Gitter, Und kein feindlich Schwert zu scharf mir! Aber seht, solch' ein Geselle Findet Händel, Raufen, Tollen, Und ein böses Wort fliegt schnelle. — O, daß doch die bösen Worte Möchten schwinden von der Erden, Denn um solcher Worte Willen Kann ich nie mehr glücklich werden! Habe einen Trautgesellen Wohl im wilden Zorn und Hassen, Statt das Näh're zu erforschen, Schnöd' und tückisch einst verlassen, Ihn den Feinden überliefert, Die ihn hart und schnell gerichtet, Die des armen, braven Burschen Ganzes Lebensglück vernichtet! Als es längst gescheh'n, nach Jahren, Da erfuhr ich wahre Kunde, Daß ich schuldlos Blut verrathen! — Drum die Binde auf dem Munde. Sühnen konnt' ich's nicht am Freunde, Er war tief in Noth gestorben; Darum habe ich zur Buße Dieses ernste Kleid erworben, Doch ich möchte Jeden warnen, Möchte flehen aller Orten: Hütet Euch in blindem Hasse, Menschen, vor solch' bösen Worten!“ — Nellas Haupt ist tief gesunken, Bleich geworden sind die Wangen, Und aus angstgequältem Herzen Leise Seufzer sich entrangen. „Pater Felis!“ fragt sie leise, „Saget mir bei Gottes Gnaden, Ist es auch ein schwer' Verbrechen, Einen Schuldigen verrathen?“ — „Was ist schuldig? seht, es trüget Oft der Schein bei vielen Dingen, Oft erst können lange Jahre Eines Räthsels Lösung bringen. Auch bei meinem Trautgesellen Konnt' ich kaum Bedenken tragen, Denn vor meinen Augen hatt' er Einen Rittersmann erschlagen!“ „Und war schuldlos?“ Voll Entsetzen Zittert Nella. „Nein! o saget Bei dem ew'gen Heil der Seele, Daß Ihr ihn gerecht verklaget!“ „Er war schuldlos!“ Dumpf und drohend Klingt des Klausners ernste Stimme: „Er erschlug den Mann aus Nothwehr, Nicht, wie ich geglaubt, im Grimme; Todschlag, und zur Wehre setzen, Fräulein, das ist grundverschieden! Und kein Mensch soll kecklich wagen Ein Gericht, man irrt hienieden!“ — Wankend steht am Sessel Nella, Athemringend, angstbefangen, Langsam rollen große Thränen Zitternd über ihre Wangen. Schnell erhebt sich jetzt der Klausner, Nickt dem Ritter stumme Grüße, Wirft verstohlen einen heißen Abschiedsblick noch auf die Süße Und geht schweigend durch die Thüre. Draußen fallen weiße, dichte Flocken schmeichlerisch hernieder, Und mit brennendem Gesichte, Wie mit langen, durst'gen Zügen Athmet er das kühle Wehen: „Herr, der Du die Herzen lenkest, Laß das süße Heil geschehen, Laß in der Geliebten Seele Sturm und Ruh zugleich mich bringen, Ihr zum Heil und mir zum Glücke Laß, o Gott, mein Werk gelingen!“ — Und er schreitet zu der Kammer, Drum die Herbsteswinde stürmen, Hört, wie sich am Bergesfuße Brausend hoch die Wellen thürmen; Doch ihm deucht's wie Frühlingswehen, Wie ein Klang von Lust und Lieben... — Auf der Deurenburg sind heute Lang' zwei Fenster hell geblieben. — Ros' âne dorn — ein tube sunder gallen! Auf der Fahrstraß', die von Frankfurt Und Stadt Mainz nach Cöllen führet, Zog mit hochbepackten Wagen Meister Gottfried, jener Krämer, Welcher einst auf dem Gescheide, Gleicherzeit mit Jungfrau Nella Unfreiwillig Rast gehalten. Wieder führt der blonde Kutscher Schweigsam seine strammen Gäule, Wieder stöhnt und ächzt Herr Gottfried Und gelobt den lieben Heil'gen Ungeheuer viele Kerzen, Wenn sie ihn und seine Waaren Ungefährdet ziehen ließen. — Just war er von Goarshausen, Dieser saub'ren kleinen Rheinstadt, In der Frühe ausgefahren, Um die arg verschneite Fahrstraß' Sich mühselig hinzuschleppen, Als urplötzlich an dem Wege Ihn ein alter Klausner ansprach Und ihn bat, für kurze Strecke Doch ihn gastlich mitzunehmen. Gern gewährt's der bie'dre Kaufherr, Heißt den Alten ihm zur Seite Ein bequemes Plätzlein suchen, Hüllt ihn sorglich noch in eine Pferdedecke, warm und hähern, Und forscht nun behaglich Kunde Nach dem Land und nach den Leuten. Doch der Klausner neigt sich näher, Flüstert mit geheimnißvoller Und vertraulich leiser Stimme: „Heda, wack'res Freundchen, willst Du Ein gut' Handgeld Dir verdienen Und noch obendrein viel Freude Und viel Kurzweil davon haben?“ Jäh erschrocken war der Krämer, Schaut entsetzt, ob jene Hand nicht, Die vertraulich auf die Schulter Ihn geklopfet, Waffen führet, Und rückt schleunigst etwas abseits. „Handgeld?“ stottert er geängstigt, „Sanct Virginia! was für Handgeld?“ Leise lacht der Klausner: „Hör' denn, Laß mich künden, was ich meine!“ Und zum Ohr des Manns geneiget, Spricht er lang und schnell und eifrig, Und manch' „ah!“ und „oh!“ des Staunens Ringt sich von des Krämers Lippen; Muthig wieder näher rückend, Freudig nickend und versprechend, Lauscht Herr Gottfried höchst verwundert. „Will es Alles so besorgen, Seid versichert, frommer Vater!“ Ruft er endlich, „o, die Freude, Daß ich jenes wunderholde Edelfräulein wiederschaue! Auf der Deurenburg, heut' Abend? Ich versprech' es, ich versprech' es Und verlang' nicht Eure Batzen, Thu's schon selber mir zur Freude, Daß ich dort um Einlaß bitte. Auch die Mähr von jenem Bischof, Herrn zu Fulda, will ich künden, Ganz wie Ihr's von mir verlanget!“ Und der Schnee fällt dicht und dichter, Und der Himmel spannt' sich bleigrau, Träg' und düster, hohe Wälder Ziehen sich am Bergesabhang, Und der Rhein wälzt Riesenmassen Tiefgefärbten Wassers seitwärts. — Endlich steigen aus dem Nebel Eines Berghaupts Felsconturen, Und auf diesen, kaum dem Auge Deutlich unterscheidbar, schlankes, Thurmgeziertes Burggemäuer. — „Seht von Deurenburg die Zinnen; Noch zwei Stunden, und Ihr haltet An der Zugbrück', Meister Gottfried, Also vorwärts, wagt's und klopfet!“ Und der Klausner springt zur Erde, Schüttelt derb die Hand des Krämers Und ruft heiter: „So lebt wohl denn!“ — — Als die ersten Sternlein blinkten, Und der Mond mit bleichen Strahlen Durch die Fensterbogen lugte, Wie's zu Deurenburg wohl stünde, Sah er in dem traulich warmen Burggemach, an dem Kamine, Ritter Franz beim Humpen sitzen, Neben ihm den alten Klausner, Nella und ihr treues Waldkind, Und an deren Seite Gottfried, Kaufherrn aus dem Sachsenlande, Der als Gast hier vorgesprochen. — Hoch erfreut von dem Besuche, Fragt jetzt Nella nach der Heimath Und erzählt vom Abenteuer Auf der Holzenburg; sie konnte Satt nicht werden, jenes schwarzen Ritters Höflichkeit zu preisen Und zu schwören, daß er wahrlich Nicht ein Raubgesell gewesen. — Oheim Franz erfaßt beim Hören Plötzlich ein fataler Husten, Daß sich hoch sein Antlitz röthet, Und der Klausner voll Besorgniß Ihn bei Seite führt, der Arme! Doch der Krämer ruft voll Eifers: „Fräulein! ei, bei Sanct Brigitta! Habt Ihr's denn noch nicht vernommen, Daß des Räthsels Spur gefunden? War jüngst im Johanniskloster Gastlich aufgenommen; als ich Nun von jener Nacht erzählte, Blinzt der Abt mir zu und flüstert: „„Ganz sub rosa , lieber Bruder, Will ich Dir das Räthsel lösen; Doch sprich' nicht davon im Lande: Jener schwarze Ritter, höre, War der wilde Frankensteiner, Der verkappt — cui bono ? frag' ich, An der Landstraß' Euch geplündert Und den Sakristan von Fulda Um das Testament bestohlen! Itzo nun kommt ihm die Strafe, Denn Bertholdus liegt mit Kriegsmacht Vor dem Mittelstein und Salzung' Und berennt die festen Schlösser!““ „Und der Frankensteiner? Gottfried, Wird er sich behaupten können?“ Bleich, wie Schnee, fragt's Jungfrau Nella. „Gegen solche Macht, Vieledle, Kämpft ein Herzog selbst vergebens; Wird wohl jetzt dem Frankensteiner Ewiglich die Wildheit legen. Schad' um ihn! ich hab' im Lande Gar viel Gutes sagen hören Von des Ritters Muth und Stärke Und von seinem treuen Herzen, Das wohl Uebermuth und Frohsinn, Doch nicht Schlechtigkeit regiere. Wie man sagt, hat Haß und Falschheit Heimlich ihn dem Abt verrathen, Und um dieser Untreu' willen Büßt' er nun sein keckes Stücklein Leicht mit Tod und Untergange!“ „Gott im Himmel mög's verhüten!“ Murmelt Nella starren Blickes, Greift mit bebend schnellen Händen Nach der Kanne auf dem Tische Und eilt hastig, sie zu füllen. Gudula folgt ihrer Herrin, Und sie legt, trotz guter Sitte, Ihren Arm um Nellas Hüften Und geleitet sie zur Thüre. Schmunzelnd aber blickt zum Klausner Ritter Franz und streicht den Schnurrbart: „War noch halb gefüllt die Kanne, Warum eilte denn Schön Nella?“ Und die Dreie lachen schalkhaft, Heben schweigend ihre Humpen. „Katz' und Maus!“ nickt Klausner Robert, Leert' ihn bis zum letzten Tropfen. — War es nur des Kienes Flamme, Die so trügerisch beleuchtet? Als sie kehrte, schien's den Männern, Als sei Nella's schönes Auge Trüb' und roth und tief umschattet; Fröhlich plauderte der Kaufherr, Gar ergötzliche Geschichten, Doch das Fräulein drehte schweigend, Ernst und bleich die flachs'ne Spule, Und des Klausners Herz erbebet, Macht zur Qual sein grausam Spiel ihm, Denn er sieht, daß ihren Faden Heimlich bitt're Thränen netzen. Doch er preßt die Hand aufs Herze Und befiehlt es froh zur Ruhe. „Jetzo sind der Jungfrau Thränen Segensreicher Thau des Himmels, Der die Blüthe Deines Glückes Schmerzlich süß küßt aus der Knospe; Doch wenn Du in falscher Weichheit Dich von ihnen lässest rühren, Werden sie zum gift'gen Frühreif Und verderben jeglich Keimen Deines mühsam, edlen Säens; Darum fein geduldig, Herze, Harre standhaft Deiner Ernte!“ — In der Klause, auf der Bergfirst Saß beim trüben Flackerscheine Eines Kienspans, Junker Robert, Vor sich einen heißen Glühwein, Den der wack're Knappe Walter Ueberm off'nen Feuer braute. Robert putzte an dem Rüstzeug, An dem breiten Schwert und Helme, Prüft des Kettenhemdes Ringe, Ob sie gar der Rost beschleiche, Und er dehnt die nerv'gen Arme Und lacht fröhlich: „Hol' der Kuckuck Solch' ein träges Klausnerspielen! Glaub', mir wird der Arm erlahmen Von dem ew'gen Kreuzeschlagen, Und kriech' ich dereinst als Ritter Wieder in die schwere Wehre, Drückt sie wie ein altes Weib mich Morsch und kraftlos matt zu Boden. Wärest Du es nicht, Frau Minne, Der ich solches Opfer brächte, Und wär's nicht um Jungfrau Nella Mit den süßen Veilchenaugen, Daß ich in die Kutte schlüpfe, Während sie daheim die Schlösser Mir verbrennen und verwüsten, Wahrlich, nicht zehn Teufel sollten Hier mich auf dem Berge halten! Heda! Knappe, frisch zur Klinge! Sollst mir kräftiglich pungieren, Ohne Rößlein! Brust an Brust wohl Stapfen wir im Zweikampf, Bursche! Hei der Wonne! Den Gedanken Schickte Sanct Georg mir selber, Also stählen wir die Arme, Also schweißen wir die Schwerter Trotz des langen Müßiggehens!“ — Walter saß beim off'nen Feuer Und sang eine frische Weise, So im Parzival zu lesen: „Swer schildes ambet üeben wil, der muoz durchstrichen lande vil — —“ Jetzo sprang er auf, es blitzten Seine Augen, und frohlockend Rief er laut: „O, lieber Junker, Wie doch lassen Eure Worte Mir das Herz im Leibe springen, Haia! mit dem Frankensteiner Einen flotten Schwertgang machen, Heißt als wack'rer Kämpe sterben, Rühmte gern sich mancher Tapf're!“ Und er zieht aus eich'ner Truhe Hastig vor die blanke Rüste, Schiebt den Tisch und Schemel seitwärts, Platz zu schaffen in der Hütte; Oeffnet weit die nied're Thüre, Um die Wärme abzudämpfen, Und dann hört man durch die Nacht hin Bald ein Dröhnen und ein Klingen Und ein jubelnd Anruf halten. Draußen aber heult der Schneesturm, Pfeift sein Lied wild durch die Klause, Und das off'ne Feuer flackert Hell und grell weit durch die Thüre, Färbt mit rothem Schein die Bäume. Horch ... was keucht und stampfet plötzlich Hülferufend in dem Buschwerk? Robert läßt die Klinge sinken, Eilet hastig an die Thüre Und lauscht zweifelnd nach dem Thale. Nein! er täuscht sich nicht ... horch, wieder Klingt es matt und sterbend: „Hülfe! ... Hülfe!“ durch den Sturm, und wieder! ... Dann ist's still. Doch Robert reißt den Kienbrand aus dem Feuer, und er Stürmt, gefolgt von Walter, hastig Niederwärts den wald'gen Abhang. Bald auch kehren Beide wieder, Stützen einen schlanken Jüngling, Einen Mönch mit bleichem Antlitz, Halb erfroren, matt zum sterben, Und sie betten ihn fürsorglich Auf des Ritters nied'res Lager, Lassen ihn den Glühwein schlürfen, Reiben die erstarrten Glieder. Und der Mönch erholt sich langsam, Oeffnet weit die blauen Augen Und reicht Robert beide Hände. „Gott vergelt's Euch, Freunde!“ sagt er, „Kamet just zur rechten Stunde.“ Und er richtet halb empor sich, Schaut sich um in dem Gemache, Blicket lang' auf Junker Robert Und sagt leis: „Dies ist die Klause, Drinnen eine Katze hauset?“ Und da Robert jach empor schrickt, Zieht ein glückdurchstrahlet Lächeln Ueber seines Gastes Züge: „Wohl mir, daß ich nun am Ziele! Ritter Robert Frankensteiner, 'S ist zu Euch, daß mich der Weg führt, Denn ich komm' von Sanct Johannis, Trage einen Brief vom Abte, Und ich heiß' Gerhardus Rochus.“ — Und er reicht den Pergamentstreif, Sinkt erschöpft zurück zum Lager Und schließt abermals die Augen. Robert aber hält das Schriftstück, Starrt darauf und kann's nicht lesen, Und so setzt er sich geduldig An des jungen Mönches Seite, Ihn zu pflegen. — Walter schüret Noch einmal die Feuerbrände, Stützt das Haupt tief in die Rechte Und sinnt nach, welch' wicht'ge Kunde Dieses Schreiben bringen werde, Grübelt, sinnt und denkt nach Hause, An die Mittelsteiner Halle, Wo wohl jetzt die Trautgesellen Und die schmucken Dirnen sitzen, Wo die Schaffnerin am Fleischtopf Gar verlockend flink hantiret. „Ei, Frau Rösel ... wollet freundlichst Des Jung Walter's nicht vergessen. ...“ Also murmelt er, und hierauf Schnarcht er laut im schönsten Traume. Andern Morgens warf die Sonne Leuchtend wieder gold'ne Strahlen Grüßend in die Bergwartklause, Und sie sah Gerhardus Rochus Wohl gestärkt und neu bei Kräften Fröhlich plaudernd neben Robert Bei dem würz'gen Frühtrunk sitzen. Er erzählte, daß vom Abte Seines Eisenacher Klosters Ihm, als von dem Rhein gebürtig, Sei ein Botschaftsgang dictiret Zu dem Mattenburger Kloster, Daß drauf Wunfried, der's vernommen, Ihm in ganz geheimer Zwiesprach' Von der Klause hier erzählet v . Eschstruth , Katz' und Maus. 12 Und gebeten, dieses Brieflein An den Frankensteiner Ritter Recht behutsam abzugeben. Nun hab' er von Goarshausen Bald zu Fuß sich herbegeben, Sei vom Schneesturm überraschet, Schier vom rechten Weg gerathen Und im Tann vor Kält' und Hunger Und Ermattung fast verkommen. — Doch das Schreiben von Wunfriedus Brachte keine Freudenbotschaft, Es erzählte, daß Bertholdus Schon den Frankenstein zerstöret 9 ) Und anitzt vor Salzung' läge. „Doch getrost nur, lieber Neffe,“ Schrieb der Abt zum Schluß der Kunde, „Weißt, was ich in Königs Namen Dir so sicher hab' versprochen! Schon schickt' ich ihm treue Boten, Die Dein Unbill klagen sollen, Und, vertrau' ihm, König Wilhelm Wird Dein Land zurückerobern, Also hat er mir's geschworen.“ — Lange saß der Frankensteiner Stumm, mit schwer bewölkter Stirne, Nagte zornig seine Lippen, Und die Hand, zur Faust geballet, Zitterte am Griff des Schwertes. Endlich rang sich's wie ein Stöhnen Aus der Brust: „Gerhardus Rochus, Braucht Ihr jemals grausam herbe Qualen, um im Fegefeuer Arme Seelen schlimm zu foltern, Sperrt sie ein in enge Klause Und erzählt, daß in der Heimath Ihre liebe, traute Wohnstätt' Sei von Feindeshand geplündert; Kann es Euch anitzt versichern, Daß dies schlimmer brennt wie Feuer!“ Lang' und forschend blickte Gerhard, Endlich rief er: „Junker Robert, Wollet es nicht Neugier nennen, Die mich selbe Frage thun läßt: Warum weilt Ihr fern und thatlos, Warum duldet Ihr's gelassen, Daß man Euch ohn' jedes Hemmniß In der Heimath macht zum Bettler? Wahrlich, wäre Euer Ruhm nicht Längst im ganzen Land verbreitet, Der Euch nennt von allen Rittern Den verwegensten und kühnsten, Ich würd' glauben, Junker Robert — —“ „Sei ein Feigling? — frisch heraus nur!“ Lachte bitter auf der Edle, „Glaub' es selbst, 's hat so den Anschein: Aber nein, hört an, Gerhardus, Welch' ein Tollkopf Euch bewirthet: Um ein kleines, zartes Mäuslein Sich mit kluger List zu fangen, Sitzt der wilde Frankensteiner Wochenlang auf stiller Lauer, Und er läßt getrosten Herzens 12* Einen Wolf im Hirtenkleide In der Heimath Heerde brechen! Seht, ich liege hier gefesselt, Und sind's gleich nur Rosenketten, Kann sie doch mein starker Arm nicht Und kein Zorn und Muth zerreißen; Und will Sanct Georg, der Streiter, Oft auch kühn aufs Roß mich treiben, Tritt herzu ein Weib, ein schwaches, Winkt mir stumm mit süßem Lächeln, Und ich taumle jäh zurücke, Sinke kraftlos ihr zu Füßen, Roß und Klinge stehen herrnlos, Und ich bin ein Sclave worden, Sclave jenes Zauberweibes, Das da heißt die Kön'gin Minne. Aber höret, Freund Gerhardus, Hab' ich sie für ew'ge Zeiten Sicher mir ins Herz gesperret, Dann frisch auf! dann in die Heimath! Jenen Wolf will ich dann suchen Und ihn packen und ihn würgen, Heil dem Frankensteiner Leuen!“ Lange sprach dann noch Herr Robert, Sprach von diesem und von jenem, Auch der Deurenburg erwähnt' er, Und der Mönch schrak auf und murmelt: „Kennt Ihr jene Burg? — Gott helf' mir, Ach, was wißt Ihr von dem Schlosse?“ Und der Frankenstein erzählte, Trat dann hin zur Fensterluke, Stieß sie auf und sprach: „Dort liegt sie!“ Tief erregt sprang plötzlich Gerhard Auf von seinem Sitz und strich sich Mit der Hand schnell übers Antlitz, Die Bewegung zu verbergen: „Kennt Ihr auch Klein Guda, Junker, Saht Ihr sie gesund und fröhlich? Helf' mir Gott, ist sie wohl glücklich?“ Und er trat zur Fensterluke, Schaute starren Blicks hinüber, Wo die goldne Morgensonne Auf den weißbeschneiten Thürmen Deurenburgs wie Feuer brannte, Und er hob die Arme sehnend, Stumm und innig ihr entgegen: „Grüß' Dich Gott, Du Sarg und Wiege Meines Traums und meines Glückes, Tod und Leben, Finden, Scheiden, Lust und Leid trägst Du verschlossen, Wie an einem Blüthenstrauche Ros' und Dorn zugleich ersprießen, Grüß Dich Gott, Du Burg am Rheine, Nimm mich auf, ob Sarg, ob Wiege!“ Ein Wiedersehen. Das war ein goldner Morgen So recht voll Pracht und Licht, Hei, wie der Strahl der Sonne Im Eiskristall sich bricht, Wie er die weißen Zinnen In Schamesröthe taucht, Wenn glühend seine Küsse Auf ihre Stirn er haucht! Da hängt vom Tannenaste Der hellgefrorne Tand, Eiszapfen, lang und zackig Und blitzend wie Demant! Und droben an dem Thurme Der alte Wetterdrach' Gähnt unter weißer Mütze Verschlafen von dem Dach Und blinzt herab zum Hofe, Wo von dem Fensterrand Den Schnee in Silberflocken Stäubt schlanke Frauenhand. Schön Nella ist's und Guda, Die schaffen dort sich Platz, Die Krumen auszustreuen Für Täublein, Meis' und Spatz. Hei, wie das lustig flattert Und zwitschert, pickt und schwirrt, Vom Wald selbst hat sich heute Manch' Gast hierher verirrt; Der thut noch scheu und blöde, Faßt zu und schrickt davon. Da lob' ich mir den Spatzen, Den kecklichen Patron, Der stets bei Nellas Händen So nah wie möglich sitzt, Am liebsten aus den Fingern Den Brocken schon stiebitzt, Der, wenn die Maid dem Freßsack Zuruft: „Nun abmarschirt!“ Sich spielt auf den Gekränkten Und furchtbar raisonnirt! Das war ein reizend Bildniß: Im hellen Sonnenschein, Inmitten des Gezwitschers Die beiden Jungfräulein, Umrahmt vom Fensterbogen, Umschlungen traut und dicht, Bei Gudas Rosenwangen Ein Lilienangesicht! Was klopft allda am Thore Und rührt die Glocke hell; Kehrt ein zu unserm Schlößlein Ein fahrender Gesell? „Heut' kommt mir Glück und Freude!“ Ruft Guda schnell erregt, „Ich hab' heut' Nacht im Traume Ein welkes Reis gepflegt, Das unter meinen Händen Urplötzlich keimt und blüht Und schnell in rothen Rosen Mir hold entgegen glüht!“ „Heil Dir,“ sagt Nella bangend, „Auch ich hatt' seltnen Traum, Ich stand und hielt umschlungen Schneeweißen Blüthenbaum; Doch alle Blätter sanken Und wehten in den Staub, Und schmucklos trauernd blieb mir Ein Stamm ohn' Blum' und Laub!“ Und Beide blicken schweigend Hinab zum Brückenthor, Wo Pförtner Gisberth eilig Den Balken zieht hervor, Wo laut die Ketten rasseln, Wo schwer die Brücke sinkt, Wo freundlich drauf des Alten „Grüß Gott zur Einkehr!“ klingt. Da tritt vom Licht bestrahlet — „O, Heil'ge steht mir bei!“ — Ein Mönch herein zum Hofe, Und zitternd leiser Schrei Ringt sich von Gudas Lippen. „Gerhardus!“ — jauchzt's ihm zu, Streckt nach ihm beide Hände, „Gerhardus Rochus, Du?!“ Und wie erfaßt vom Sturme, Von sel'gem Wirbelwind, Stürmt jach die Stiege nieder Frau Dorta's rosig Kind Und eilt durch Schnee und Blinken, In sinnverwirrter Lust, Aufjauchzend hinzusinken Dem Freunde an die Brust. Mit Thränen in den Augen, Die Glück und Wonne weint, Starrt sie ihm stumm ins Auge, Fühlt sich ihm neu vereint Und blickt und fragt im Zweifel: „Gott, kann's denn möglich sein, Hüllt nicht vielleicht ein Traum nur Die Sinne täuschend ein? O, sprich ein Wort, Gerhardus, Ein einzig Wort zu mir, Ich kann's ja nicht begreifen, Daß wieder ich bei Dir!“ Noch blickt er, Fassung ringend Und regungslos, sie an, Es liegt ihm Herz und Sinne In süßem Zauberbann, In ihre Augen tauchet Die ganze Seele er, Es wogt um ihn und wallet Ein Sonne glühend Meer. Er steht und drückt ans Herz sie, Der Welt und Zeit entrückt, O, Wiederseh'n, hast jemals Du Zweie mehr beglückt? Da endlich zuckt empor er: „Grüß Gott Dich, Gudula, Wie groß ist Gottes Gnade, Daß ich Dich wiedersah!“ Beim Klange seiner Stimme Aufschrickt das blonde Kind, Mit Zauberschlag der süße, Glückwirre Rausch zerrinnt, Sie sieht nicht mehr sein Antlitz, Sie sieht sein Mönchsgewand; Entgeistert, schlaff und bebend Sinkt nieder ihre Hand, Die Rosengluth der Wangen Erbleicht zu weißem Schnee, Dahin ist Glück und Wonne, Im Herz das alte Weh. Verwirrt, beschämt, erschrocken Weicht seinem Blick sie aus: „Ich will es Nella sagen!“ Und flieht zurück zum Haus Und stürmt empor die Stiege, Wirft sich an Nellas Brust: „Gerhardus!“ — Sanft nickt Nella: „Ich sah's und hab's gewußt, Erkannt' ihn nach dem Bilde, Wie mir's Dein Wort beschrieb — Heil Dir, Du Uebersel'ge, Er kommt, er hat Dich lieb. Doch schnell jetzt ihm entgegen, Du ließt in wirrer Hast Im Hof, in Schnee und Kälte Zurück den lieben Gast.“ — Und wieder ist es Abend, Und wieder flammt der Kien, Es prasselt Tannenreisig Laut knisternd im Kamin, Und an der Tafel plaudert Vertraut der kleine Kreis, Denn wanderfrohe Kunde Der Mönch zu sagen weiß; Dieweil ihm gegenüber, Die Hände still verschränkt, Klein Guda in sein Auge Die Blicke lauschend senkt. Die Wange glüht, es beben Die Lippen Schreck und Leid, Erzählt der schlanke Jüngling Der Irrfahrt Fährlichkeit. Und wieder, ganz versunken Im Anblick, freudenstumm, Blickt lächelnd sie durch Thränen, Weiß selber nicht warum; Doch plötzlich hebt das Haupt sie, Schaut ihn erbleichend an. „Gern blieb' ich!“ seufzt Gerhardus, „Doch muß ich bald hindann, Zum Mattenburger Kloster Treibt mich die strenge Pflicht Und heißt mich morgen scheiden; Leicht wird's mir wahrlich nicht.“ — „Zur Mattenburg? hei, Freundchen, Hört an und schlaget ein,“ Ruft Ritter Franz vergnüglich, „Ich fahr' Euch übern Rhein, Wollt Ihr noch zweien Tage Verweilen hier im Schloß; Gen Werlau send' ich Knappen Und Mägde mit dem Floß. Denn wißt, zur Fastnacht giebt es Dort heitern Mummenschanz, Da ziehen sie mit Larven Und springen froh zum Tanz. Hab' all' Jahr' meine Burschen Und Mädels hingeschickt, Weil sonst das junge Völkchen Mir gar zu traurig blickt. Fahrt mit, mein Freund, am Felsen Hält dann das Fahrzeug an, Und Ihr braucht nur zu steigen Den Klosterberg hinan!“ — „O, trefflich,“ lächelt Nella, „Hör' Oheim, meinen Plan, Nie war's, daß ich und Guda Solch' eine Kurzweil sah'n, Drum laß uns mit zum Feste, Und gern sind wir bereit, Zu geben unserm Gaste Ein Stücklein das Geleit.“ Wie strahlet Gudas Auge; Gerhardus blickt sie an Und reicht zum hast'gen Danke Die Hand dem Edelmann: „Wie könnt' bei so viel Güte Die Antwort lauten: nein? O, wahrlich, nie fuhr Einer So glücklich übern Rhein!“ — Und als im Saal das Feuer Erloschen, als die Nacht Ausbreitet ihres Schleiers Sternhell gestickte Pracht, Da tritt heraus zum Söller Frau Dortas herzig Kind, Mild streicht um ihre Stirne Feuchtwarm ein lauer Wind; Die Kälte ist gewichen, es thaut Vom Dach und blinkt Sprühregengleich, wie Nebel, Der glitzernd leise sinkt. Auf das Gelände stützet Sich Guda, blickt hinaus, Hier, still und fern von Allen, Hier weinet sie sich aus. Und als die Thränen rinnen, So süß und sehnsuchtsbang, Und endlich trocknen, zieht es Wie jubelnder Gesang, Gott preisend, durch die Seele; Doch Worte hat sie nicht, Sie fühlt nur, tief im Herzen Ist's frühlingswarm und licht. Verwirrte Reime schwirren Wie Goldstaub durch die Brust, Sie fühlt heut nur die Lieder Und denkt sie unbewußt: „Was starret rings doch Eis und Schnee Mir kalt und bleich entgegen? Ach, Gott, es muß im Sonnenschein Doch blühen aller Wegen! Ich schließe Aug' und Ohr nicht zu Und hör' doch Vöglein singen Und hör' durch Sturm und Schneegetreib Glücksel'ge Mailust klingen! Und höre Läuten wundervoll Wie frommer Kirchenglocken, Die wollen mich ins Gotteshaus Zu Dank und Beten locken! Und Lüfte fühl' ich weich und lind Mir um das Antlitz wehen, Ich sehe jeden Baum und Zweig In voller Blüthe stehen Und fühle heiß und ungestüm Mein Herz im Busen drängen, Gleich wie die Rose bebt und schwillt, Will sie die Knospe sprengen! Heraus denn aus der tiefsten Brust, Du Jubelschrei, Du Wonne! Stürm' jauchzend hin durch Berg und Thal, Flieg' auf zur güld'nen Sonne Und künde, daß auf weiter Welt Es aller — aller Orten, Selbst in Jung Gudas krankem Herz Sei plötzlich Frühling worden! Doch fragt man, wer solch' Wunder that Zum seligsten Gewinne, So flüst're leis, ganz leis ihm zu: Die Minne that's, die Minne!“ Rheinab! Auf flockigem Lager, zur Mitternacht, Ist plötzlich der Thauwind, der Träumer, erwacht; Da regt er die Schwingen, da dehnt er sie aus, Da klinget sein Athem wie kosend Gesaus. Er schüttelt die Locken, da stäubt es wie Duft, Wie Regengeglitzer, feuchtwarm durch die Luft; Durch Felder und Wälder hineilet sein Fuß, Da krachen die Zweige, da donnert der Fluß, Da berstet sein Panzer von weißem Kristall, Da gurgelt und woget der tosende Schwall; Von Dächern und Zinnen abtropfet der Schnee, Wie lächelnde Thränen, wie schwindendes Weh; Grasspitzen, Schneeglöcklein im lieblichen Flor, Sie schauen wie grüßende Hoffnung hervor, Und lachende Sonne am Himmelszelt Strahlt golden hernieder zur wonnigen Welt. Im Hofe der Deurenburg eilt Groß und Klein Und dränget und schiebt sich und lugt nach dem Rhein. Ihr schmucken Liebdirnlein — kommt, eilet vom Schloß, Viel sehnige Arme regieren das Floß! Zum Mummenschanz! heia! zur Ringeltanzweis! Erschreckt Euch im Wasser ein treibend Stück Eis? Da jauchzt es und lachet und stürmet zum Thor: „ Jû nârro! jû nârro! “ und fort eilt's im Chor. Derweil sich dies Alles im Schloßhof begab, Verweilt in der Halle ein reisiger Knab', Jung Walter, und vor ihm, so bleich wie der Tod, Schön Nella, die er zur Zwiesprach' entbot. Es flammet und zucket des Knappen Gesicht, Schwer wird's ihm zu reden, doch heischt es die Pflicht, Und also hebt endlich die Rede er an: „Jungfräulein, ich stieg hier zur Veste hinan, Weil trauriger Auftrag mir's also befahl, Ich bringe Euch Kunde vom Werrathal!“ „O, redet!“ — ein zitternder Aufschrei erklingt, „Ich ahne, allmächtiger Gott! was Ihr bringt!“ Da zieht aus dem Wamse, dem Ledergewand, Der Bursch einen Handschuh, — von Damenhand, Und reicht ihn mit abgewandtem Gesicht Und ringet in heftigem Kampfe und spricht: „Der ihn mir gegeben, der kränkte Euch sehr; Vergebt ihm, vergeßt's, denn ... er lebet nicht mehr! Er mengte zu hitzig dem Kampfe sich ein, Der Uebermacht trotzt auch kein Frankenstein, Sein letztes Wort war die Botschaft für Euch: „Enteile, o Knappe, zur Deurenburg zeuch Und künd' es der holden, vieledelen Maid: „„Was ich Dir geschaffen an Herzeleid, Ich that's nicht im Argen, o Nella, vergieb, Wie Du mir auch zürntest, ich hatte Dich lieb!““ Jung Walter verstummte, er athmete schwer Und starrte auf Nella; sie bebte nicht mehr, Sie preßte den Handschuh voll Todeslust Still, marmorbleich an die wogende Brust, — Dann schrickt sie empor, erhebt sich und wankt Und murmelt: „Sei, trauriger Bote, bedankt, Zieh hin Deine Straße, Gott segene Dich ... Und ... bist Du barmherzig, so bete für mich!“ Hei, jauchzt es und klingt es am felsigen Strand, Hei, flattert im Winde Schurz, Fürtuch und Band! Vier Burschen, vier Mädels, sie springen aufs Floß Und schwenken die Hüte hell jauchzend zum Schloß, Da nahen noch eilig und Hand in Hand Der Mönch und die Maid aus dem Thüringer Land, Und künden's mit traurigem Angesicht: „Wir fahren allein, es begleitet uns nicht Die freundliche Herrin, Schön Nella ist krank, Hat heute nicht Freude an Fastnachtsgesang!“ Nun gleitet das Fahrzeug hin über die Fluth Und schwankt auf den Wogen und lenket sich gut Und treibt unter Scherzen und Freudenhall Pfeilschnell durch den gurgelnden Wasserschwall; Am Ufer her geht es, da hat's nicht Gefahr, Da stauet das Eis sich machtlos und klar Und hat nicht die rasende Sturmesgewalt, Die in Flusses Mitte so knirschend es ballt, Und doch heißt's muthig hindurch sich gewagt, Ein Feigling wer vor drei Schollen zagt! Doch wilder und wilder aufbäumt sich der Fluß, Wer hemmet solch' riesengewaltigen Schuß? Der Wind erhebt sich, anwachsend zum Sturm, Längst sank in der Ferne der Deurenburg Thurm. Das Lachen verstummt auf dem Flosse zumal, Die rosigen Dirnen schau'n leichenfahl, An die Burschen geklammert, und Schreckensschrei Ertönt, wälzt sich donnernd die Eislast vorbei. Die Rud'rer wechseln wohl heimlich den Blick: „Der Eisgang kommt plötzlich, welch' Mißgeschick!“ Und ringen und kämpfen mit doppelter Kraft, „Gott gnade uns, wenn jetzt der Arm erschlafft!“ Gerhardus und Gudula, Hand in Hand, Sie blicken ins Auge sich unverwandt, Da spiegelt nicht Angst und Verzweiflung im Blick, Da leuchtet todmuthig ein strahlendes Glück, Und wie auch die Fluth anwächset und schwillt v . Eschstruth , Katz' und Maus. 13 Und zischend empor an die Bretter quillt, Und wie es brauset gleich Schreckensgestöhn, Und Scholle und Wasser mit Donnergetön Hinjagen und splittern in wirbelnder Hast, Wie's knirschend das schwankende Schifflein erfaßt, Wie gellender Angstruf erklingt in der Rund', Da drückt er die Hand ihr, da lächelt ihr Mund; Doch wilder und wilder anstürmet der Graus, Verloren das Fahrzeug, nicht ein und nicht aus, Gleich schaukelndem Spielball empor jach geschnellt, In die Schollen gekeilt, — wie ein Kienspahn zerschellt — Erkrachet und stößt es! — „O Gott! — Christi Blut!“ Und Splitter und Schollen und schäumende Fluth ... Mit mächtigem Arm in der furchtbarsten Noth, In tollkühnem Ringen um Leben und Tod, Faßt Gerhard die Liebste und hält sie und springt, Mit trotzigem Muth er hinüber sich schwingt, Wo mitten im wirbelnden, kochenden Schwall Die Eisscholle treibet, ein Block von Kristall. Und sieh', er erreicht sie, faßt Fuß, stehet fest — „So baust Du, o Gott, uns ein schirmendes Nest!“ Doch hinter ihm splitternd das Fahrzeug versinkt, Wer ist es wohl, dem noch die Rettung gelingt? Wie Epheu sich fest an den Eichenstamm schmiegt, Jung Guda am Herzen des Retters liegt; Noch faßt sie sein Arm, noch hält er sie fest An die Brust im zitternden Taumel gepreßt; Mit jubelnder Lippe, den Himmel im Klang, Jauchzt: „Otto!“ sie, da sie sein Arm umschlang, Und: „Otto! Otto!“ flüstert sie fort, Ihr ganzes Herz in dem einzigen Wort. Da bebt er, erzittert zum Herzensgrund Und neigt sich und küßt ihren rosigen Mund Und murmelt, das Auge zum Himmel gewandt: „Nun rufe uns, Gott, in das Heimathland!“ So stehen sie schweigend, ein Herz und ein Sinn, So treiben sie pfeilschnell im Wasser dahin. Es schwanket die Scholle, sie knistert und bricht Am Rande zersplitternd, doch sinket sie nicht, Wohl morscher stets wird sie und reibet sich auf, Doch, Dank Dir, o Himmel, sie ändert den Lauf, Sie treibt nach dem Ufer, sie spaltet sich fest, Sie theilt sich in Stücke, o kärglicher Rest! „Erbarm' Dich, o Himmel, geleit' uns ans Land, Dort steht schon das Kloster an Felsens Wand, Mach' Ende, o Vater der furchtbaren Noth, Wir waren ja glücklich und treu bis zum Tod!“ Der Dombaumeister. Im Mattenburger Kloster 10 ) Welch' froh bewegte Hast, Einkehr hat d'rin gehalten Ein selten hoher Gast, Auftischt man Fisch und Braten Herrn Conrad von Hochstaden, Dem Erzbischof zu Cöln. Der fuhr mit viel Gefolge Aufwärts den breiten Rhein, 13* Zur Wahl des Eppensteiners Zur Zeit in Mainz zu sein, Doch ward die Fahrt gehemmet, Der Rheinstrom eingedämmet Von treibend Scholleneis. Was sollte man beginnen? Es wächst der Fluß und schwillt, Um zack'ge Felsenklippen Schäumt Wasser hoch und wild. Da, von der Noth getrieben, Ist man allhier geblieben Im Kloster Mattenburg. Herrn Conrad hat's gemundet, Er liebet Pracht und Glanz, Schlingt purpurn sich ums Leben Den blüthenreichsten Kranz; Der Wissenschaft zu nützen, Die Künste zu beschützen, Ist sein gesegnet Werk. — So schweift auch jetzt behaglich Sein Blick der Halle Rund, Die Wände sind geschmücket Mit frommen Bildern bunt, Und schlanke Säulen ragen, Die eine Decke tragen, Kunstvoll in Holz geschnitzt. Den vollen Humpen vor sich, Zu Volpert er beginnt: „Wie doch durch zierlich Kunstwerk Ein jed' Gemach gewinnt, Und wie doch Land und Leute Am meisten durch Gebäude Ein stattlich Ansehn ha'n! Das naget mir am Herzen Und quält mich Tag für Tag, Was aus dem Cölner Dome Wohl endlich werden mag; Von Cöln kann man verlangen Doch wahrlich ander Prangen Am edlen Gotteshaus! Herr Engelbert hat eifrig Gepredigt schon die Pflicht, Die Kirche auszubauen, Doch fruchtete es nicht; Ich aber will nicht ruhen, Ich will den Hauptwurf thuen Und bauen unsern Dom. Wohl fanden sich schon Mittel Durch Sammlungen im Land, Die Kosten eines Neubaus Zu decken vor der Hand, Doch klag' ich aller Stunden, Wenn doch erst wär' gefunden Der Meister und der Plan!“ — Da rückt auf hohem Sessel Herr Volpert hin und her, Streicht sich das Kinn und hüstelt Und sagt bedeutungsschwer: „Darf meinen Herrn ich fragen, Ob's Christen sollen wagen, Zu trau'n auf Weissagung?“ Herr Conrad stutzt und zögert: „Schwarzkunst ist Teufelssitt', Propheten doch schickt Gott uns; Was soll's? heraus damit!“ — „So laßt Euch Kunde sagen, Was sich hier zugetragen In diesem Kloster, Herr!“ Und Volpert winkt verständlich Dem Sakristane zu: „Hol' Haderad's Vermächtniß Aus seiner Nußbaumtruh'. Will Euch drauf vorbereiten: Hier lebt' vor läng'ren Zeiten Ein Mönch, hieß Haderad, Den man annoch im Lande Wie einen Heil'gen preist, Denn groß war seine Tugend Und mächtiglich sein Geist. Er führt' das strengste Leben, Kein'n Frömmern konnt' es geben Im ganzen deutschen Land. Oft hatte er schon Worte In hellem Seherblick Fürs Kloster ausgesprochen, Verkündet sein Geschick, Und in den Mußestunden Hat man ihn oft befunden, Daß er vor Plänen saß, Wie er ein Haus wollt' bauen Zu seines Herrgotts Ehr': „„Des Glaubens höchstes Denkmal Uns strahlt von Cöllen her, Wohl dem, der es vollendet, — Heil uns! er wird gesendet Von Gott zur Mattenburg!““ Und als er kam zum Sterben, Da rief er: „„Brüder mein, Ich seh' ein seltsam Bildniß, Ich blicke auf den Rhein, Merkt wohl, was ich Euch sage, Ich schau' in ferne Tage, Mein Geist fliegt weit voraus ... Wenn einst allhier zum Kloster Ein Erzbischof kehrt ein, Dann wird's Zeit der Erfüllung Für meine Worte sein. Seht! Seht! ... Dort auf den Wellen, Seht Ihr den Glanz, den hellen? Dort schwimmt Unsterblichkeit! Es steht ein Mönch im Nachen, Trägt Ordensfarbe nur, Ihn bindet an den Himmel Annoch kein ew'ger Schwur, Es liegt in Todesschmerzen Ein Mägdlein ihm am Herzen, Die trennet nie von ihm! — Den Kahn, der Beide führet, Erbaut' nicht Menschenhand, Der hat sie nicht empfangen Am heimathlichen Strand, Hat Ufer nie berühret, Nie andre Last geführet, Kein Flecklein weist er auf! Der Kahn ist nicht gezimmert Aus Holz und Weidenband, Nicht Stein, nicht Eisen ist er, Er strahlet wie Demant! Und den der Kahn wird bringen, Dem soll ein Werk gelingen, Das tausend Jahre steht! Der wird zu Gottes Ehre Ein Denkmal richten auf, Das ragt in Himmels Wolken, Hoch in die Luft hinauf, — Heil, Cöllen Dir am Rheine, Heil, Dom im Strahlenscheine, Er wird Dein Meister sein!““ — Herr Volpert hat geendet, Starr blickt der Bischof drein, Man bringt ein Pergamentblatt In braunem Nußbaumschrein, Er rollt es auf — da steht es; Und um die Häupter weht es Wie überird'scher Hauch. Da plötzlich klingt vom Fenster Ein Schrei zum Saal herein: „Barmherz'ger Gott! o eilet! O, blickt herab zum Rhein!“ Und hundert Augen schauen, Erzitternd, voller Grauen Das Wunder, das sich beut! „Der Kahn! die Eisesscholle, Und Mönch und Jungfrau drauf! Zu Hülfe! eilt hernieder Und nehmt sie rettend auf!“ Welch' wirres Durcheinander, Das hastet, rennt und flieht, Direkt her zu dem Kloster Das seltne Schifflein zieht. Hinaus ins Wasser wagen Die Mönche sich und tragen Die Gäste an das Land. — Als Gerhard sich und Guda Gerettet endlich seh'n, Da siegt das Fleisch, das schwache, Die Sinne, sie vergeh'n; Bewußtlos trägt man Beide Im sorglichsten Geleite Empor zur Mattenburg. Und als sich Conrad neiget, Zu schau'n den selt'nen Gast, Das nasse Kleid zu lösen, Die dunkle Kutte faßt, Da sinken ihm behende Zwei Rollen Pergamente Als stumme Grüße zu. Er schlägt sie auf: „Allmächt'ger! Baupläne, köstlich fein!“ Es fluthet um die Blätter Der gold'ne Sonnenschein Und taucht in Strahlenwogen Die hohen Münsterbogen, Die traumesschöne Pracht. Die Hände faltet Conrad Und blickt zum Himmel auf: „Du selber gießst, o Heiland, Des Lichtes Segen drauf! Wach' auf und laß Dich preisen, Den Haderad verheißen, Sollst Dombaumeister sein!“ Die Beichte. Frühlingslieder, Frühlingsstimmen Wachen auf im dunklen Walde, Sonnenschein und Thauwindküsse Schmeicheln um die Wiesenhalde, Und das Moos, mit hellen Spitzen, Gänseblümchen, frisch von Wangen, Noch den Schlaf in beiden Aeuglein, Steh'n sie scheu und traumbefangen, Wissen nicht, daß leis' und heimlich Lenz in dieses Thal geflogen, Daß die weiße, flock'ge Decke Von dem Rasen er gezogen, Daß die kleinen, holden Blumen Er geweckt mit süßen Küssen, Daß sie ihm, nur ihm alleine Blühen, duften, leben müssen! Und er flog auch jetzt im Walde Noch umher auf Silberschwingen, Hörte auf dem weichen Boden Rosseshuf und Schritte klingen, Und er sah, gewiegt im Sattel, Einer Jungfrau düster Prangen; Schwarz weht ihr Gewand und Schleier, Bleich wie Marmor schau'n die Wangen. Frühling liebt nicht dunkle Farben, Liebt kein Auge feucht von Thränen, Keine Seufzer, keine Klagen Und kein ungestilltes Sehnen, Also flog er kosend näher, Flüsterte mit süßem Wehen: „Nimm den Frühling auf im Herzen, Dann wird all' Dein Leid vergehen!“ Nella aber seufzte traurig: „Mir hilft weder Lenz noch Sonne, Ach, in ew'ge Nacht versunken Ist mir meines Lebens Wonne! Will d'rum ewig von ihm scheiden Und den frommen Schleier tragen, In dem Kloster will ich weinend Meiner Liebe Leid beklagen. Seit mir gestern Todeskunde Von dem Liebsten ward geschicket, Ist der Blüthenbaum des Lebens Bis zur Wurzel mir geknicket, Abgestorben, welk und klagend, Letzter Rest viel stolzer Habe, Trauert er, zu spät erkennend, Auf des Glückes frühem Grabe! Ach, die Schlang', die ihn gestochen, Gift'ger Wurm, der ihn benaget, War mein Stolz, unsel'ger Stolz nur, Gott im Himmel sei's geklaget! Hab' der Lieb' mein Herz verschlossen, Hegte Hochmuth, grenzenlosen, Seine Frucht muß ich jetzt ernten, Dornen, ach, statt Liebesrosen. Trost und Zuspruch heiß ersehn' ich Und ein mildes Wort mir Armen! Darum hin zur Klause eil' ich, Pater Felis hat Erbarmen; Und mir sagt es Herzensahnung, Werd' getröstet von ihm scheiden, Jener treue Alte wird mich Auf den Weg des Friedens leiten.“ Also ritt sie sinnend weiter, Ernst gefolgt von Hans, dem Knappen, Langsam nur treibt sie bergaufwärts Ihren schwarzgezäumten Rappen. Endlich sieht durch Tannendickicht Sie des Klausners Wartthurm ragen, Ja, er selbst steht in der Thüre, Hastig sein „Grüß Gott“ zu sagen; Reicht ihr schnell die Hand entgegen, Von dem Rosse sie zu heben, Armer Alter! Nella fühlt es, Wie ihm Arm und Finger beben. „Kommt zu Felis Ihr, Vielholde?“ Fragt er schnell, und Nella nicket: „Eine trostlos Unglücksel'ge Ist es, ach, die Ihr erblicket; Euern Rath und Euern Segen Will ich heute mir erflehen, Will Euch beichten, und Ihr sollet In das tiefste Herz mir sehen!“ Wieder rinnen helle Thränen, Nella ringt die weißen Hände: „Wollte Gott, o guter Klausner, Daß ich jemals Frieden fände!“ Auf die Holzbank vor der Klause Weist der Alte, winket schweigend; „Redet!“ sagt er, Haupt und Antlitz Tief zur Brust hernieder neigend, Und harrt lautlos. Nella folgt ihm, Reicher noch die Thränen flossen, — Fern zum Abhang hin entschwindet Knappe Hans mit beiden Rossen. Leise erst und bang und zitternd, Hebt die Maid an zu erzählen Von der Holzenburg, dem Ritter, Und kein Wort will sie verhehlen; Aber schneller fliegt ihr Athem, Hohe Gluth steigt in die Wangen, Ungestüm wie Wind und Wogen, Jubelnd fast die Worte klangen, Als sie seine Liebe schildert, Sein getreuliches Begegnen, — Denn für all' die Hülf' und Dienste Muß sie tausendfach ihn segnen! Und die Stimme sinket wieder, Leise flüsternd, tief erreget, Und sie schildert, wie die Liebe Heimlich, wonnig sie beweget, Wie sie sich ins Herz geschlichen, Heiß mit Stolz und Trotz gerungen, Wie, gleich gift'gem Hauch des Todes, Dann sein Namen ihr erklungen. Und sie ringt voll Qual die Hände: „Ach, ich schwur, ihn zu verrathen, Habe namenloses Elend Drum auf ihn und mich geladen; Hab' zum Lohn für seine Treue, Für sein wankelloses Lieben, Ihn in Kampf um Gut und Habe, Ja, selbst in den Tod getrieben! Nun erfaßt mich wilde Reue, Bang' Verzweifeln, endlos Sehnen, Ach, und nichts hab' ich zur Sühne, Als der Liebe heiße Thränen! Ja, ich lieb' ihn, — lieb' ihn! — Felis, Alle Welt mag's jetzo wissen, Hab' den Stolz mit Todesqualen Läuternd aus dem Herz gerissen! Ewig krankend nun an Sehnsucht, Wär' ich besser nie geboren, Warum marterst Du mich, Minne, Eh' besessen, schon verloren.“ Und das Antlitz in die Hände Drückend, schluchzend abgewendet, Hat Schön Nella ihre Beichte In dem Thränenstrom geendet. Es erhebt sich jach der Klausner; „Giebt's denn Hoffnung nicht auf Erden?“ Murmelt er, „vielleicht, Vieledle, Könnt Ihr doch noch glücklich werden!“ „Ohne ihn? — mit einem Andern? Eher wird das Herz mir brechen; Ach, Ihr kennt nicht Liebe, Pater, Würdet sonst nicht also sprechen! In ein Kloster will ich gehen, Und den Rath, den treuen, frommen Eures Mundes drob zu hören, Felis, bin ich hergekommen!“ Vor sich nieder starrt der Klausner, Scheint in Fiebergluth zu beben, Rauh fast vor Erregung spricht er: „Gut, ich will Euch Hülfe geben, Doch nicht selber. Just zur Stunde Kehrt' ein Gast hier ein zur Klause, Der weiß wohl noch bess're Kunde, Harret seiner; er wird kommen!“ — Hastig ist er eingetreten Durch die Thüre, — ihre Hände Faltet Nella, stumm zu beten, Und, verstrickt ganz in ihr Sinnen, Merkt sie nicht der Zeit Entfliehen, Auf zum Himmel starrt sie traurig, Wo die weißen Wolken ziehen. Plötzlich hört sie's rasseln, klirren, Wendet sich, zur Thür zu schauen, Und ein Schrei gellt durch die Stille, Wonne — Schrecken — Luft und Grauen: „Robert!“ und sie steht und zittert, Und sie sieht durch ihre Thränen Vor sich ihren schwarzen Ritter. Ist's ein Trugbild? ... Traumeswähnen? Regungslos steht der Geliebte, Durchs geschlossene Visir Schickt sein Auge nur, das große, Liebdurchflammten Gruß zu ihr, Und von seinen Lippen plötzlich Hört sie's leise flüsternd klingen, Ach, wie diese Worte zaub'risch Ihr durch Herz und Seele dringen: „Hörtet Ihr wohl je das Märlein Von der Katz' und Maus, Vielholde? Zwei gewalt'ge Hexenmeister Hat die Katze in dem Solde: Ihre grünen, wunderlichen Augen sind es, die mit langen, Regungslosen Zauberblicken Unrettbar die Seele fangen! In die grünen Räthselaugen Starrt die Maus, .. kann nicht vom Platze, Wie gebannt in ihr Verhängniß, Taumelt sie ans Herz der Katze!“ — Und er öffnet seine Arme, Hebt sie sehnend ihr entgegen, Läßt den Blick in ihrem glühen, Ohne seinen Fuß zu regen. Und halb weinend, lachend, bebend, Wie von süßem Bann berücket, Unvermögend ihn zu brechen, Fest aufs Herz die Hand gedrücket, Ganz das Werkzeug ihres Glückes, Haltlos, Thränen auf den Wangen, Liebesjauchzen auf den Lippen, Fest und ewiglich gefangen, Nur den Blick in seinem Blicke, Folgend nur dem Zauberwinken, Taumelt sie, die Maus, der Katze Zitternd an die Brust zu sinken! Und auf seinen Silberschwingen Kam der junge Lenz geflogen, Triumphirend, strahlend ist er In die Herzen eingezogen. Und es flammte durch die Lüfte, Wie der Glanz von tausend Sonnen, Wie ein Klang von namenlosen, Glückdurchbebten Frühlingswonnen! Hand in Hand und Lipp' auf Lippe, Liebestrunken, glückverschollen, Braust durch jener Beiden Seele In Accorden, wundervollen, Aus der Nacht des Leids entrungen, Kampfgeläutert und in Schmerzen Ernst geheiligt, jenes hohe, Einz'ge Lied vom Menschenherzen, Lied der wonnenreichsten Fülle, Das sich ringt aus dornenlosen, Duftberauschten, schäumendvollen Kelchen rother Liebesrosen! Wochen sind ins Land gezogen, Und ein Kränzlein ist geflochten, Denn das Mäuslein ist der Katze v . Eschstruth , Katz' und Maus. 14 Minnigliche Hausfrau worden! Junges, vollstes Glück der Liebe, Dessen Himmel ewig blauet, Hat die Deurenburg am Rheine Still und friedlich noch geschauet; Dann jedoch sind leiche Wolken, Schatten drüber hingeflogen: Ritter Robert, unmuthgrimmig, Ist zur Heimath hingezogen, Wo der König, treu dem Worte, Auf des Wack'ren Hülfe sinnet, Ihm mit Schwertesmacht die Burgen Von dem Feind zurückgewinnet. 11 ) Hei, wie hat Herrn Robert's Klinge Funkenhellen Zorn gesprühet, Hei, wie hat ihm Muth und Liebe Hoffend aus dem Aug' geglühet! Und die Zeit ist schnell gekommen, Daß er wieder Herr des Seinen, Daß das Glück im Schloß der Väter Ihn mit Nella durfte einen. Lange Jahre, reich an Segen, Sind dem Paare drin verstrichen, Herz und Seel' ist jung geblieben, Ob die Locken auch erblichen. — — Gudula ist heimgekehret, Und sie spann in süßem Sinnen An der Mutter Seite fleißig Flachs zu feinem Hochzeitlinnen, Bis es an die Thür geklopfet, Bis ein schlanker Jüngling nahte, Gerhardus von Rile hieß er, Und er war durch Gottes Gnade Steinmetz an dem Cölner Dome, Mit dem Bau des Werks betrauet. Also ward das Bild zur Wahrheit, Das in Wolken er geschauet. Mit dem Kusse heil'ger Liebe Durfte er die Spinn'rin wecken Aus den Träumen, um nun wachend Ihr ein Ringlein anzustecken; Ja, ein Ringlein ohne Ende, Endlos wohl wie Glück und Frieden, Das im Kreis begabter Kinder Beiden Gatten lang beschieden. Also sagt's die Dombaukunde. — — Robert's Wartthurm an dem Rheine Hat der Landesfürst geschauet, Hat ihn sich zum lust'gen Schlosse Hoch und stattlich ausgebauet, 12 ) Und da es bekannt im Lande, Welch' ein Spiel man einst getrieben, Ist den Burgen stets als Namen „Katz' und Maus“ noch beigeblieben. Als ich jüngst durch die Ruinen Wandelte in ernstem Lauschen, Tönte in den Epheuranken Plötzlich ein geheimes Rauschen; Flüsternd leis' wie Geisterstimmen, 14* Grüßte mich ein holdes Klingen, Und es tönte mir zu Häupten Wie der Klang von Silberschwingen, „Nella's Leid und Nella's Liebe Zu den Schwestern trag', den süßen, Thränen trocknend, Sehnsucht tröstend, Sag', die Minne läßt Euch grüßen!“ Anmerkungen. 1 ) Winkelm. Chron. Hessenlandes Beschreibung, II . Th. 11. Cap.: „er saße zu Dreffurt und führte diesen Titul: „„Hermann zu Dreffurt, Herr zu Beilstein und Frauenberg, Ritter.““ 2 ) Winkelm. Chron., S. 293: „darnach erbauete ein Franken¬ steiner ein Schloß nahe bei Eysenach, da es dan nahe lage am St. Petersberg bei der Mülbruken, und nannte es den Mittelstein.“ 3 ) Hessenl. Beschreib., II . Th. 11. Cap.: „Diß Ambt Dreffurt hat noch ein absonderlich Gericht neben einem großen Stück Wal¬ des, die Vogtey, und der Wald Haynich genannt. — In dieses Ambt gehört auch das Dorf Borsla.“ 4 ) Winkelm. Chron., II . Th. 10. Cap.: „Francorum rupes animoso picta Leone, Alas et galea porgit ovante duas.“ „Die Herrschaft Frankenstein im Schild führt einen Löuen, Mit krumbem Hals, dafür man sich muß scheuen, Und auf dem Helm die Cron, darauf zwen Flügel stehn, Womit man hurtig und mit Tapferkeit kann gehn.“ 5 ) Winkelm. Chron. Hessenl. Beschreib., II . Th. 4. Cap.: „Migrans Vir fidus qvinto septembris in idus, Prae sul Sigfridus, fulget coelo qvasi fydus.“ 6 ) Winkelm. Chron., II . Th. 4. Cap.: „D. O. M. S. — Sige¬ frido Tertio ex illustri Baronum de Epstein, prosapia nato, Mogunt: Sedis Archiepo. XXXIII. Sacri Rom. Imp. per. Germ. Archi. Cancell. ac Principi Electori XVII Legato Apostolico et Fuldensis Ecclesiae quondam Administratori, viro magna¬ rum virtutum et actionum, qui cum Ecclesiam hanc Mogunt a Conrado Archiepo de Novo, inchoatam consumasset ac con¬ secrasset, Henricum Landgr. Hassor. et Wilhelmum Hollandiae comit. in Rom. Reges coronasset, Archiepiscopatum honore et rebus magnifice ampliasset, cumque inter varia bella et peri¬ cula, quibus imperium tunc nutabat, anno XXIV sapientis¬ sime rexisset, in flore aetaris extremum vitae diem obiit, Bingiae Anno MCCXLIX . VII id Martii .... per fruitur 7 ) Hessenl. Beschreib., II . Th. 4. Cap. S. 142: Gerhard I. wird genennet Comes Sylvester de Eppenstein provinciae Rhe¬ nensis , ein Waldgraf von Eppstein in dem Rheingau; von andern Comes Waldgravienses , ein Waldgraf. Selber ist aus einem, Barfüsser Münch zu Erfurt von dem Capitul zu Maynz im Jahre 1247 zum Erzbyschoff erkohren worden, wie er dann gewisslich ein Herr von grossem Gemüth und trefflichem Verstand gewesen ist.“ 8 ) Hessenl. Beschreib., II . Th. 10. Cap.: „Henricum Ber¬ tholde seqvens Elbene decoris ingenui, dudum praemia digna cavis.“ 9 ) Hessenl. Beschreib., II . Th. 10. Cap. Antiq. Fuld. I . III , S. 310: „Brouverus schreibt, daß der Abt zu Fulda, Bertholdus II . von Leupolz, im Jahre 1247 das Schloß Frankenstein wegen ver¬ übter Räubereyen auf der Landstrassen, unversehens überfallen, zerstöret, und desselben Orts Herrn Roberte von Frankenstein, seinen Feind, seiner Güter und Schlösser beraubt, und ihn in äusserste Armuth geworfen hätte.“ 10 ) Hessenl. Beschreib., II . Th. 3. Cap. S. 118: „Zunechst über obgedachter Statt Sanct Goar liegt das Schloß und die Festung Rheinfels auf einem hohen Steinfels, welches Graf Diether der Reiche genant, von Catzenelnbogen aus einem Kloster Matten¬ burg genant, im Jahre 1249 zu einem festen Schloß gemacht.“ 11 ) Hessenl. Beschreib., II . Th. 10. Cap. S. 292: „Im Jahre 1248 belagerte und eroberte König Wilhelm das Schloß Franken¬ stein, und die dazu gehörige Statt Salzungen an der Werra. 12 ) Hessenl. Beschreib., II . Th. 3. Cap.: „Schloß Neu Catzen¬ elnbogen, die Katz' genant, ist im Jahr 1300 vom Grafen Johan¬ sen zu Catzenelnbogen, erbauet worden, auf ödem Fels da früher eine Clausen gestanden, hat zwar schlecht Ansehn, ist aber fest.“ Druck von G. Bernstein in Berlin. Druck von G. Bernstein in Berlin.