Ardinghello und die gluͤckseeligen Inseln. Eine Italiaͤnische Geschichte aus dem sechszehnten Jahrhundert. Erster Band. Lemgo , im Verlage der Meyerschen Buchhandlung 1787. E s ist eine Lust, in den Italiaͤnischen Bibliotheken herum zu wuͤhlen: man spuͤrt auch in den geringeren zuweilen unbekannte Handschriften auf. Ob ich an dieser, von welcher ich hier die getreue Uebersetzung liefre, einen guten oder schlech- A 2 ten ten Fund gethan habe, mag jeder Leser fuͤr sich bestimmen. Ich entdeckte sie bey Cajeta in einer verfallnen Villa, die auf einer reizenden Anhoͤhe den zaubrischen Meer- busen beherrscht, unter alten Buͤchern und Papieren; als ich mit einem jungen Roͤ- mer einen gluͤcklichen Herbst dort zubrach- te, waͤhrend er die Verlassenschaft seines Oheims in Besitz nahm. Sollte verschiedenen, wegen Ferne des Landes und der Zeit, einiges dunkel oder zu gelehrt vorkommen: so koͤnnen sie solches bequem uͤberschlagen, und sich blos an den Faden der Begebenheiten halten; in der Natur selbst muͤssen die Weisesten manches so vorbeigehn. Viel- Vielleicht findet mein Freund noch anderswo das uͤbrige der Geschichte; aus Familien-Nachrichten scheint Fiordimo- na, die man darin kennen lernen wird, ihre Tage beschlossen zu haben. Der Verfasser setzt seiner Schrift fol- gende Fabel vor, um sinnlich zu machen, daß auch das nuͤtzlichste unschuldiger Weise schaͤdlich seyn kan. „Ein waͤchserner Hausgoͤtze, den man außer Acht gelassen hatte, stand neben einem Feuer, worin edle Cam- panische Gefaͤße gehaͤrtet wurden, und fing an zu schmelzen. Er beklagte sich bitterlich bey dem Elemente. Sieh, sprach er, wie grau- A 3 sam sam du gegen mich verfaͤhrst! jenen gibst du Dauer, und mich zerstoͤrst du! Das Feuer aber antwortete: Be- klage dich vielmehr uͤber deine Natur; denn ich, was mich betrift, bin uͤberall Feuer.“ Geschrieben im December 1785. Erster Erster Theil. A 4 W ir fuhren an einem Tuͤrkischen Schiffe vorbey, sie brannten ihre Kanonen los: die Gondel wankte, worin ich aufgerichtet stand; ich verlor das Gleichgewicht, und stuͤrzte in die See, verwickelte mich in meinen Mantel, arbeitete vergebens, und sank unter. A 5 Als Als ich wieder zu mir gekommen war, be- fand ich mich bey einem jungen Menschen, wel- cher mich gerettet hatte; seine Kleider lagen von Naͤsse an, und aus den Haaren troff das Was- ser. „Wir haben uns nur ein wenig abge- kuͤhlt! “ sprach er freundlich mir Muth ein; ich druͤckte ihm die Haͤnde. Das Fest war fuͤr uns verdorben. Meine vorigen Begleiter eilten nun von dannen. Wir ließen den Bucentoro zwischen tausend Fahr- zeugen, unter dem Donner des Geschuͤtzes von al- len Schiffen, aus den Haͤfen in die offne See ste- chen, und den Dogen sich mit dem Meere ver- maͤhlen; und er brachte mich mit seinem Fuͤh- rer nach meiner Wohnung. Hier schied er von mir, ohne daß er mir weder sein Quartier, noch seinen Namen sagen wollte; blos aus der Mundart bemerkte ich, daß er ein Fremder war: jedoch versprach er, mich bald zu besuchen. Wir umarmten uns, und mir wallte wallte das Herz, es regte sich eine Gluth darin- nen. Seine Jugend stand eben in schoͤner Bluͤthe, und um Mund und Kinn flog stark der liebliche Bart an; seine frischen Lippen bezauberten im Reden, und die Augen spruͤhten Licht und Feuer; groß und wohlgebildet am gan- zen Koͤrper, mit einer kuͤhnen Wildheit, erschien er mir ein hoͤheres Wesen. Sein Bild wich den ganzen Tag nicht aus meiner Seele; ich konnte weder essen noch trin- ken, und vor Ungeduld nicht bleiben. Abends war Gondelrennen, das auf der See, was Wettlauf auf dem Lande; wodurch unsre Leute zu muthigen Schiffern sich bilden: ein Spiel, wo Staͤrke, Gewandheit, und Fuͤhrung des Ruders den Preis davon traͤgt, und welchem nur ein Pindar fehlt, es wie die Olympischen zu verherrlichen. Der ganze große Kanal schaͤumte und war Getuͤmmel von schoͤnem Leben; die Fenster der Pallaͤste prangten mit ihren Tapeten, und und die untergehende Sonne glaͤnzte daraus wie- der in unzaͤhlbaren frohlockenden Gestalten. Ich fuhr an den Markusplatz, und gieng darauf in Gedanken herum, bis die Nacht ein- sank, und ihre Kuͤhle verbreitete; die Erleuchtung der Buden mit den Kostbarkeiten der Messe gab eine neue Augenweide. Ich blickte in verschie- dene Weinschenken unter den Hallen; in einer duͤnkte mich, den jungen Mann gesehen zu haben, der mich so großmuͤthig der Gefahr entzog. Ich kehrte sogleich um, und ging in meiner Maske hinein. Es war der Versammlungsort der Kuͤnst- ler, und ich hatte recht gesehen. Sie schienen im Streite zu seyn. Paul von Verona fuͤhrte das Wort, und sagte: „Wer uͤber ein Kunstwerk am richtigsten urtheilen kan? Ich glaube, wer die Natur am besten kennet, die vorgestellt ist, und die Schran- ken der Kunst weiß. Ich verachte die Elenden, die die von einem Manne von Geist und Welt verlan- gen, daß er ein Schmierer, wie Sie, seyn soll, eh er uͤber ein Gemaͤhlde urtheilen will: das komische Approbatum sogar, welches die teutschen Roß- taͤuscher an die Pferde vor der Markuskirche mit ihren Namen schrieben, gilt mir zum Exem- pel mehr hier, als jener ganzer Troß; in Stu- tereyen gebohren und erzogen, fuͤhlten sie die herr- liche lebendige Pferdsnatur, und wie jeder von den vier jungen muthigen Hengsten seinen eigenen Charakter hat, die Vortreflichkeit ihrer Koͤpfe, und wie sie schnauben und ungeduldig sind, daß sie im Zuͤgel gehalten werden, lernt man durch kein bloßes Gekritzel von Zeichnung. Selbst der groͤßte Mahler, der immer auf festem Lande leb- te, kan uͤber kein Seestuͤck urtheilen; und der erste beste Sultan, der liebt, und noch Kraft in den Adern hat, darf eher sprechen aus seinem Serail uͤber eine nackende Venus von unserm Al- ten, als der fromme Fra Bartolommeo. “ „Wahr! „Wahr! versetzte ein andrer, der deutlichen hellen und volltoͤnigen Aussprache nach, ein Roͤ- mer; aber der Geschmack koͤmmt nicht von selbst. Man muß erst wissen, was Kunst ist, und den Vorrath der Kunstwerke mit Naturerfahrnem Sinn gepruͤft haben: sonst geht der Prozession mit der Madonna von Zimabur hinter drein, und bejubelt sie als das non plus ultra. Die Leute glauben, es waͤre nicht moͤglich etwas bessers zu machen, weil sie nichts bessers gesehen haben; und denken, wie ihnen zu Muthe waͤre, wenn sie den Pinsel in die Hand nehmen sollten. Daher alle die albernen Urtheile von sonst sehr gescheidten und gelehrten Maͤnnern uͤber die Kuͤnstler der vo- rigen Zeit; sie schwatzten gleich vom Zeuxis und Apel- les, weil sie platterdings von diesen Namen keinen sinlichen Begriff hatten. Und so wirds bey den Auslaͤndern, wo die Kunst anfaͤngt, und die Meisterstuͤcke nicht vorhanden sind, mit euch und Titian und Raphael ergehen; ihr werdet eben so gemißbraucht werden“. „Und „Und dan n muß man gewiß mehr als ein Werk und viel von einem Meister gesehn haben, ehe man nur ihn recht kennen lernt. So gehts auch mit den Menschen uͤberhaupt; die treflichen muß man studiren. Es ist nichts eitler und thoͤrichter, als die Reisenden und Hofschran- zen, die einen wichtigen Mann gleich beym er- sten Besuch und Gespraͤch weg haben wollen.“ Doch, um nicht auszuschweiffen! Keiner kann einen Theil vollkommen verstehen, ohne vorher einen Begriff vom Ganzen zu haben, und so wieder umgekehrt. Jedes einzelne Gemaͤhl- de zum Beyspiel macht folglich einen Theil von der gesammten Mahlerey, so wie sie gegenwaͤrtig in der Welt ist; und man muß wenigstens ihr Be- stes uͤberhaupt kennen, ehe man dem Einzelnen seinen Rang anweisen will.“ Mein Junger Mann erwiederte jetzt mit Feuer: „Ich „Ich mag nicht bestimmen, in wie ferne der Herr Recht hat. Das Geraͤusch der Messe um uns erlaubt keine nuͤchterne Berathschlagung; ich glaube, Meister Paul hat das Seinige gesagt, damit, daß ein befugter Richter noch die Gren- zen der Kunst kennen muß.“ „Allein, ihr Lieben, jede Form ist indi- viduell, und es gibt keine abstrakte; eine bloß ideale Menschengestalt laͤßt sich weder von Mann noch Weib, und Kind und Greis denken. Eine junge Aspasia, Phryne, laͤßt sich bis zur Lie- besgoͤttin oder Pallas erheben, wenn man die ge- hoͤrigen Zuͤge mit voller Phantasie in ihre Bildun- gen zaubert: aber ein abstraktes bloß vollkommnes Weib, das von keinem Klima, keiner Volkssitte et- was an sich haͤtte, ist und bleibt meiner Meinung nach ein Hirngespinst, aͤrger als die abentheurlichste Romanheldin, die doch wenigstens irgend eine Sprache reden muß, deren Worte man ver- steht.“ „Und „Und solche unertraͤglich-leere Gesichter und Gestalten nennen die armseeligen Schelme, die weiter nichts als ihr Handwerk nach Gipsen er- lernt haben und treiben, wahre hohe Kunst; und wollen mit Verachtung auf die Kernmenschen herunter schauen, die die Schoͤnheiten, welche in ihrem Jahrhundert aufbluͤhten, mit leben- digen Herzen in sich erbeutet haben.“ „Dies ist der wahre Weg, beschloß der Roͤ- mer. Inzwischen kan man uͤber nichts urthei- len, wovon man kein Ideal hat; und dieß ent- wirft der Verstand mit der Wahl aus Vielem.“ Hier trennte sich die Gesellschaft; Paul ging weg, und nahm den Juͤngling in Arm. Ich folgte nach. Sie zogen den Platz ein paar- mal herum, und hoͤrten da und dort der Musik und den Scherzen lustiger Truppen zu. Beym Eingang in die Merceria verließ ihn endlich Paul; ich nahm meine Maske ab, und machte mich an ihn. B Er Er erkannte mich gleich, und freuete sich, daß mein Zufall keine schlimme Folgen gehabt haͤtte. Ich bezeugte ihm von neuen meine Dank- barkeit, und wuͤnschte ihm irgend worin fuͤr seine edle That Dienste leisten zu koͤnnen. Dieß setzte ihn in Verlegenheit.„ Was hab ich gethan, erwiederte er, das ich nicht bey jedem andern Erdensohn gethan haͤtte? haͤtte thun muͤssen? Wie mancher Bube hohlt so ein Stuͤck Geld vom Sand aus der Tiefe, und stuͤrzt sich noch oben drein von Hoͤhen in die Fluht. Uerber- triebnes Lob fuͤr Schuldigkeit macht die Men- schen feig und eitel. Das ist ein elendes Volk an Heldenmuht und Verstand, wo bey jeder Kleinig- keit eine Ehrensaͤule muß aufgerichtet werden. Was geschehen ist, sey geschehen!“ „Groß auf ihrer Seite, verfuͤgt ich; und gewiß ist der Rettende schon in sich der goͤttliche. Inzwischen glaub ich aber doch, daß die Dankbarkeit das festeste und sanfteste Band der Gesellschaft sey; und und auch ein wenig Ausschweifung darin eine Nazion immer liebenswuͤrdig, und den wackern Maͤnnern derselben das Leben froher mache“ . Er sah mich hierbey mit einem neuen see- lenvollen Blick an, und wir faßten uns trauli- cher. Ich bat ihn instaͤndig, diesen Abend bey mir zu bleiben; und wir ließen uns am Broglio uͤber den Kanal setzen. Wir aßen und tranken, und das Tischge- spraͤch wurde immer lebendiger, so bald die Be- dienten uns verlassen hatten. Der erste Vor- wurf war der heutige Tag. Er ruͤhmte die Klug- heit unsers Senats, daß sie sich aus dem bitter- boͤsen Kriege nach dem Buͤndnisse bey Cambray, und jetzt aus dem Ueberfalle der ganzen Tuͤrki- schen Macht so glorreich gezogen haͤtten, und in der alten Wuͤrde noch mit dem Meere vermaͤhlen koͤnn- ten. Nur that es ihm leid, daß der Cyperwein in Italien nun seltener und theurer werden wuͤrde. B 2 „Wir „Wir sind unter vier Augen, erwiedert ich, um ihm das etwannige Mißtrauen gegen einen No- bile zu benehmen; denn ich fuͤhlte den Zug der Liebe unwiederstehlich. Nach jenem ungluͤckseli- gen Bunde war ein arger Staatsfehler nur ei- niger maßen wieder gut gemacht, den man vorher haͤtte vermeiden muͤssen. Und auch jetzt wuͤrden wir das suͤße Koͤnigreich, die Insul der Liebe, nicht eingebuͤßt haben, wenn man dem Sultan, als der Silen noch Statthalter in Cilicien gegen- uͤber war, einige Faͤsser von ihrem Nektar wohl- feiler vergoͤnnte; und die christlichen Freybeuter mit seinen weggekapperten schoͤnen Knaben und Sclavinnen nicht allzu sicher zu Famaugusta in der Nachbarschaft einliefen.“ „Unsre Braut scheint uns uͤbrigens nicht mehr so treu bleiben zu wollen, wenn man auf Vorbedeutungen gehen darf. Sie wissen, daß das Fest schon vorgestern sollte gehalten werden; aber die wilde Goͤttin weigerte sich, war Auf- ruhr ruhr und stuͤrmte, und warf ein Duzend ertrunk- ner Schiffbruͤchigen zum großen Kanal herein bis an den Pallast des alten Dogen. Pabst Alexan- der der dritte, der noch Gewalt uͤber die muhtwilli- ge hatte, ist leider laͤngst gestorben; und Ko- lumb, der Held, dessen Genua nicht werth war, und andre welsche Piloten haben dem Portugie- sischen Heinrich und den Kastilianischen Fuͤrsten die wahre Amphitrite ausgekundschaftet, woge- gen unsre nur eine Nymphe ist. Und uͤberhaupt gibt sie sich nur den Tapfern und Klugen preis, wie alle freye Schoͤnheit, und es hilft da keine Ceremonie. Wir haͤtten uns besser um unsre Braut bewerben sollen, anstatt uns um Stein- haufen viel zu plagen, nachdem sie uns einmal guͤnstig war.“ „Vielleicht ist dieß Schicksal, antwortete er schalkhaft-bitter; ihr Doge vermaͤhlt sich ver- muhtlich nicht umsonst so oft, und traͤgt von jeher die Phrygische Muͤtze mit Hoͤrnern! und B 3 dann dann ist so eine Ceremonie gut fuͤrs Volk, und macht ihm Muht; und was einmal so praͤchtige Gewohnheit ist, laͤßt sich so leicht nicht abschaffen. Ihr Herren thut vielleicht bald wieder einen andern Fang im Archipelagus, und fischt ein neues Koͤnigreich. Es ist genug, daß man eins hundert Jahre lang ruhig besitzt. Dreymal hundertausend Zecchinen kann man her- nach leicht fuͤr den Genuß bezahlen; drey tau- send Zecchinen fuͤrs Jahr war die Residenz der Venus selbst wohl unter Bruͤdern wehrt. Dieß hat euch eine Venezianerin vermacht, als ihr Gemahl der Koͤnig starb, und seine Kinder, eins nach dem andern, kurz darauf in eurer Stadt: nun ist die Reihe an euch Juͤnglingen, eine Koͤnigin in Osten zu heirathen Es wuͤrde allzuweitlaͤuftig seon, die hier beruͤhrten Punkte der Venezianischen Ge- schichte . Die- Dieser Stachel schnitt ein, und verwun- dete mein damals noch all zu pahrtheyisch-vater- laͤndisches Herz. Mir geschah, als ob ich vor der Zeit vernuͤnftig gewesen waͤre; doch gefiel mir uͤberaus seine Freymuͤthigkeit gegen mich. Er be- merkte mit scharfem Blicke gleich das Unheimliche, und fuhr fort: „aber wir sind doch immer in Ve- nedig, und die Mauren haben da Ohren; sprechen wir von etwas anderm!“ Nach einer kleinen Stille fing er an:„ ich muß ihnen doch etwas von mir sagen, damit sie wissen, wer ich bin, und wie ich mit andern zusammenhange.“ „Ich bin ein Mahler aus Florenz, und halte mich hier auf, um nach den Toskanischen Gerippen mich am Venezianischen Fleische zu wei- B 4 den. schichte im Zusammenhange zu erzehlen; wer sie noch nicht wissen sollte, kan leicht anders- wo davon Nachricht finden. den. Tizian hat den wesen t lichen Theil von der Mahlerey, ohne welchen alles andre nicht beste- hen kan. Es ist freylich da, aber ungesund und siech; seys noch so himmlisch und vortreflich, oder als Gaukelspiel ohne Wahrheit. Wer nicht wie Tizian zu Werke schreitet, wird auch nie ein wahrhaftig großer Mahler werden. Die allge- meine Stimme entscheidet hier, nicht die Kuͤnst- ler. Tizian ergreift alle, die keine Mahler find; und diese selbst im Hauptstuͤcke der Mah- lerey, welches platterdings die Wahrheit der Farbe ist, so wie die Zeichnung der wesentliche Theil der Zeichnung. Mahlen ist Mahlen: und Zeichnen Zeichnen, Ohne Wahrheit der Farbe kann keine Mahlerey bestehen; eher aber ohne Zeichnung.“ „Wenn ich als Laye bey euch strengen Herren ein Wort reden darf, fiel ich ein, so mag ihnen das Venezianische Fleisch nach den Knochen und Seh- Sehnen des Michel Angelo desto besser schmecken und bekommen.“ „Dieß ist lauter Sophisterey, antwortete er. Der Mahler gibt sich mit der Oberflaͤche ab, und diese zeigt sich blos durch Farbe; und er hat mit dem Wesentlichen der Dinge im eigentlichen Verstande wenig zu schaffen. Wer sich einmal in diese Grillen verliert, kann so leicht nicht wie- der herauskommen. Das Zeichnen ist bloß ein nohtwendig Uebel, die Proporzionen leicht zu finden: die Farbe, das Ziel, Anfang und Ende der Kunst. Es versteht sich, daß ich hier vom Materiellen spreche. Dem Geruͤste den Rang uͤber das Gebaͤude geben zu wollen, ist ja laͤcher- lich; dem Zeichen, welches menschliche Schwach- heit erfand, vor der Sache selbst, wenn ich so reden darf. Das Hohle und das Erhobne, Dunkle und Helle, das Harte und Weiche, und Junge und Alte, wie kann man es anders herausbrin- gen, als durch Farbe? Form und Ausdruck kann B 5 nicht nicht ohne sie bestehen. Die schaͤrfsten und strengsten Linien, selbst eines Michel Angelo, sind Traum und Schatten gegen das hohe Leben eines Tizianischen Kopfs. Profile kann jeder Stuͤmper abnehmen, da braucht sich der andre nur vors Licht zu setzen, richtiger als sie ein Ra- phael aus freyer Hand zeichnet; aber das Lebendige mit allen den feinen Tinten in ihrer Vermischung, und schwindenden Umrissen, die keine bloße Linie faßt: da gehoͤrt Auge und Gefuͤhl dazu, das die Natur nur wenigen gab. Wer sich einmal an das Leichte gewoͤhnt, der koͤmmt mit dem Schwe- ren gar selten fort“ Man stoße sich nicht an diesen jugendlichen Ausfaͤllen auf die Roͤmischen und Florenti- nischen Schulen; in der Folge wird sich al- les deutlicher entwickeln. Inzwischen liegt schon Wahres hier zum Grunde. Es gieng dem jungen Mann wie allen, die in zu stren- . „Sie „Sie moͤgen im Grunde Recht haben, ver- setzt ich darauf; nur verfaͤllt man bey ihrer Art leicht in den Fehler, daß man sich allzu sehr an das Materielle haͤlt, und das Geistige daruͤber au- ßer Acht laͤßt. Inzwischen moͤchte ihnen der Roͤ- mer, wahrscheinlich war es einer diesen Abend im Weinhause, was sie sagten, scharf bestreiten. „ „Der Vorurtheile sind noch mehr in der Kunst, die eben so hartnaͤckig verfochten werden, sprach er ferner. Was das Geistige betrift, das lernt sich und verlernt sich nicht; da gehoͤrt gu- ter Instinkt aus Mutterleibe dazu, und vollkom- mene Gegenstaͤnde von außen herum. Deuten und hinfuͤhren kann man wohl; aber wo kein Zug, strenger Lehre standen: so bald sie in Frey- heit kommen, verabscheuen sie das Joch. Allein trefliche Naturen bequemen sich nach und nach wieder zu dem Guten, was sie mit sich brachte. Zug, keine innere Richtung ist, koͤmmt lauter Ma- nier hervor, dem Menschen, der seinen Durst loͤschen will, so viel als Nichts, und uͤberdrein vergebliche Muͤhe; denn er hat sich an den leeren Schein hinbemuͤhen und untersuchen muͤssen. „Der Roͤmer hat viel Verstand; nur mah- len soll er nicht: er haͤtt ein Schriftsteller wer- den sollen; jetzt aber ist er einmal im Geleise und schwatzt sich durch. Dieser ahmt eine Natur nach, welche nur noch in Steinen existirt, eine Natur ohne Farbe mit Farbe: und will taͤuschen! eine feste starre Bewegung von den Millionen Le- bendigen, die immer um uns herum entstehen! weil es freylich jederman leichter, und dem schachmat- ten Stubensitzer bequemer ist, einen breternen Hirsch zu schießen, als einen, der durch die Waͤlder streift und uͤber Buͤsche und Graͤben setzt; zumal da wir heutiges Tags meist verbotene Jagd haben.“ „Er hat ein langes und breites an der Hochzeit zu S. Giorgio Maggiore von un- serm serm herrlichen Paul getadelt. Christus mit seinen Aposteln sitzt freylich im Mittelgrund am Tische ziemlich unbedeutend; und sie sind bloß deßwegen da, weil sie da seyn muͤssen, weil wir andern Menschenkinder uns keinen siinnli- chen Begriff von den Gestalten dieser Wunder- maͤnner machen koͤnnen. „Die Hauptsache aber bleibt immer der Schmaus, das Fest, und der Wein uͤber alle Weine; erste erfreuliche Bekraͤftigung unsrer Re- ligion nach dem Johannes. Und in dieser Ruͤck- sicht ist das Stuͤck voll Laune, und die Bege- benheit darin erzehlt, wie eine spanische Romanti- sche Novelle. Die Hauptfiguren sind ein Tisch mit Spielleuten, die auf lieblichen Instru- menten Musik machen. Paul selbst spielt eine Geige der Liebe; Tizian den Regenten der Harmonie, den Baß; Bassano, Tintorett ande- re Instrumente. Sie sind meisterhaft gemahlt, haben trefliche Gestalten, passenden Ausdruck, und sind schoͤn gekleidet. Am Tische der Braut ist ist eine Sammlnng der ersten Menschen dieser Zeit, alles voll Chronikwahrheit und Laune; sie muͤssen ihm das Drama auffuͤhren. Die Luft im Hintergrunde ist gar leicht und heiter. Archi- tektur, Gefaͤße und Speisen verzieren sehr gut. Die Beleuchtung breitet das Ganze auseinan- der, und scheinet vollkommen natuͤrlich. Wer sieht so etwas nicht gern, und weidet seine Au- gen daran!“ „Derselbe hat groß Aergerniß genommen an der Verletzung des Kostums in der Familie des Darius beym Alexander mit seinem Helden; und bejammert, daß so viel Herrlichkeit dadurch gestoͤrt werde.“ „Sie kennen das Stuͤck zu gut, da es bey ihren Verwandten sich befindet. Man kann es den Triumph der Farben nennen; mehr Harmonie, mehr Pracht, mehr Lieblichkeit ist nicht moͤglich schier zu zeigen. Außerdem herrscht noch Wahr- heit in allen Koͤpfen, die meistens Protraͤte sind. Wenn man nicht an die alte Geschichte denkt, denkt, und glaubt, es waͤre der Sieg eines Helden der neuern Zeiten: so ist es ein wahrhaf- tes Meisterstuͤck durchaus. Die Architektur im Hintergrunde gibt den Ton zum Ganzen; und es gehoͤrte so tiefes Gefuͤhl im Auge von Farbe, Pracht und Harmonie derselben dazu, wie Paul hatte, um auf einem solchen weißen Grunde die Gesichter und Stoffe so hervorgehen und leben zu lassen. Die Gruppe der vier weiblichen Figu- ren, die der Alte in eine Pyramide bringt, ist durchaus reizend, die Gesichter lebendig, und von wunderbarer Frischheit. Alexander hat ei- nen schoͤnen Juͤnglingskopf, der freylich eher Weibern gefallen kann, als die Welt bezwingen. Daß er ganz bis auf die Fuͤße von oben herab in Purpur uͤberein gekleidet ist, macht zwar einen großen rothen Fleck bey laͤngrer Betrachtung; doch hebt es ihn als Hauptfigur hervor. Sie sehen, daß im Wein die Wahrheit liegt! aber Paul kann sie vertragen. Parmenion hat einen herr- herrlichen Kopf, und ein zauberisches gelbes Ge- wand; die Princessinnen haben schoͤn geflochten blondes Haar. Und welche Menge Figuren, wie auf der Hochzeit, fast alle in Lebensgroͤße! Man kann dies wohl das praͤchtigste und zauberischeste Gemaͤhlde nennen, was Farben betrift; mit jedem Blicke quillt neuer Genuß daraus fuͤrs Auge; naͤchst dem noch goͤttlichern und reichern Hingang zum Tempel der Madonna als Kind in der Scuola della Carità von Tizian, dem Triumph aller Mahlerey. Sie werden lange unuͤbertrof- fen bleiben, und einzeln in der Welt daseyn. „ „Die Vernachlaͤßigung des Kostums ist eigent- lich ein Fehler fuͤr die Antiquaren; denn der gro- ße Haufe weiß nichts davon und merkts nicht. Freylich waͤre es besser, die Kuͤnstler waͤhlten kei- ne alte Geschichten, wenn sie Naturwahrheit und Farbenpracht in den Gewaͤndern zeigen woll- ten; griechische Gestalt und leichte Kleidung ist uns ganz entruͤckt. O wie verlangt mein Herz, jene jene gluͤckseligen Inseln und das feste Land auf beyden Seiten noch heut zu Tag zu sehen, und wie das heitre milde Klima noch jetzt dort das Lebendige bildet! Ach, wir sind so weit von der Natur abgewichen, und von der wahren Kunst zuruͤck, daß wir fast insgesammt einen bekleide- ten Menschen fuͤr schoͤner halten, als einen nackten! Das kostbarste, praͤchtigste, feinste und niedlichste Gewand ist fuͤr den aͤchten Philosophen, und das Wesen, das nach klarem frischen Genuß trach- tet, ein Flecken, eine Schale, die ihn hemmt und hindert.“ „Haͤtt ich sie doch damals schon gekannt, sagt ich ihm hierauf, als ich diesen Zug begann: so waͤr ihr Wunsch erfuͤllt! So wie sie mich hier sehen, hab ich dieses alles schon durchwan- dert; leider zu fruͤh. Mein Vater nahm mich mit sich nach Griechenland, wohin er von der Republik abgeschickt wurde; und ich blieb mit ihm daselbst drey Jahre; das beste, was ich zu- C ruͤck- ruͤckgebracht habe, ist Kenntnis des Griechischen; ich lese das alte ziemlich gelaͤufig, und schreibe und spreche das neue.“ Hier sprang er auf vor Freuden, ganz au- ßer sich, so daß die Glaͤser vom Tische flogen, und rief:„ o gluͤcklicher, seltner, wunderba- rer Zufall! so jung und schoͤn, und voll Verstand und Erfahrung! wir muͤssen ewig Freunde seyn, und nichts soll uns trennen; du bist der Liebling mei- ner Seele.“ So fiel er mir um den Hals. Uns ver- ging auf lange die Sprache, und wir waren zusammengeschmolzen durch Kuß und Blick und Umarmung. Endlich nahm er wieder das Wort, und sag- te:„ hier ist nichts als wir! und alles andre in der Welt steht uns nur da zum Dienst.“ Ich war ganz erschuͤttert, durchbrannt von seinem Feuer, seiner Heftigkeit. Es wurde uͤber- haupt haupt wenig mehr gesprochen, außer unzusam- menhangende Reden im lyrischen Taumel, Ac- cente der Natur. Wir gluͤhten beyde von Wein und Leidenschaft: er riß sich los, schon spaͤt in der Nacht, mit den Worten: „Morgen sind wir wieder beysammen“. Ich legte mich zu Bette. Herz und Seele und alles in mir war wie ein Bienenschwarm, so summsend, stechend heiß, und ungeduldig; schlummerte wenig Stunden, und fuhr oft dazwi- schen auf. Den andern Morgen kam er bey guter Zeit. Mich uͤberlief bey seinem Anblick ein leichter Schauder vor seinem gestrigen Ungestuͤm; aber er erschien mir von neuem so liebenswuͤrdig, daß ich hingerissen wurde, und dem unwiederstehli- chen Zuge nachfolgte. Ich hatte noch keinen Menschen gekannt, mit welchem ich so zusammenstimmte, in der Art C 2 zu zu empfinden und zu handeln; nur war er rei- cher und staͤrker an Natur als ich, seine Seele voller, aber auch unbaͤndiger, und seine Geburt warf ihn in andre Umstaͤnde, unter andre Men- schen, in eine andre Laufbahn. Wer einen Freund ohne Fehler finden will, der mache sich aus dieser Welt heraus, oder geh in sich selbst zuruͤck; die Vollkommenheit erscheint hienieden mir in Augenblicken, und diese allein sind unser Genuß. Ein großer Geist, ein edel Herz wiegt manches Laster auf, wohinein uns die Schlechtigkeit buͤrgerlicher Verfassungen stuͤrzt. „Wir schieden gestern von einander wie im Rausche; trat er ins Zimmer. Gluͤck ist die groͤßte Gabe, die Sterblichen zu Theil werden kann, nur muß man es mit Verstand brauchen.“ Nachdem wir einigemal stillschweigend auf- und abgegangen waren, fragte er mich:„ habt ihr nie etwas von Kunst getrieben?„ Ich antwortete ihm, daß ich nach der hiesigen Erziehung zeich- nen nen gelernt haͤtte, Augen, Maͤuler, Nasen, Ohren und Gesichter, und Haͤnde und Fuͤße nach Vorschriften; im Grunde so viel als Nichts: denn bis zum eigentlichen Lebendigen waͤr ich nicht gekommen; welches mir herzlich Leid thue! mich reize sie unendlich, und ich moͤcht es gern darin bis zu einer gewissen Fertigkeit fuͤr mein eigen Vergnuͤgen gebracht haben. Jetzt mach ich nur noch zuweilen die Hauptumrisse schoͤner Gegenden, der Erinnerung wegen. „Da ist noch nichts verloren, fuhr er fort; wir wollen einander helfen. Alle Kuͤnste sind verwandt; sie zusammen erhoͤhen und verstaͤrken die Gluͤckseligkeit des Menschen, bilden sein Ge- fuͤhl, mehr als alles, fuͤr die Schoͤnheiten der Natur, und setzen ihn uͤber das Thier. Wie fangen wir es am besten an, damit ihr so ge- schwind als moͤglich euch diese Fertigkeit erwerbt? Ich denke, fuͤgt er scherzhaft hinzu, ihr braucht mich zum Modell, nach kurzen Wiederhohlungen C 3 von von dem, was ihr schon wißt; so wie ich euch dann zuweilen bey meiner Arbeit , “ „Im Griechischen hab ich mich hauptsaͤchlich nur mit den Dichtern beschaͤftigt, mit dem Ho- mer, Pindar, Sophokles, Euripides, weil mein Lehrmeister selbst ein Dichter war; und dabey aus den Geschichtschreibern nur die Be- schreibungen der glaͤnzenden Siege uͤber die Perser gelesen. Die Schaͤtze der Weisheit im Aristoteles, Plato, Xenophon kenn ich mei- stens nur aus Gespraͤchen und vom Hoͤrensagen, und habe wenig von den Quellen selbst getrunken. Wir koͤnnten damit manchen folgenden schoͤnen Sommerabend uns himmlisch ergoͤtzen, wenn euch dazu Zeit uͤbrig bliebe.“ Mein eifrigstes Verlangen aber ist, daß ihr mich in dem noch Lebendigen dieser Goͤttersprache, im Neugriechischen, unterrichten moͤchtet; damit ich bald mit Bequemlichkeit, und groͤßerm Nutzen und und Vergnuͤgen eine Wallfahrt beginnen koͤnne nach dem aͤchten klassischen Boden.“ Ihr habt genug am Zeichnen, wie einer, der selbst kein Dichter werden, sondern nur die Meisterstuͤcke der Alten und Neuen in ihrer ganzen Vollkommenheit fassen will, an der Poe- tik des Aristoteles. Jede Kunst, bis zum letz- ten Ziel erlangt, ist etwas anders, und erfor- dert eines Menschen ganzes Leben. Fuͤr euch solls nur Spiel seyn; ihr seyd zu Hoͤherm be- stimmt, und muͤßt glaͤnzen, wie der Morgen- stern in eurer Republick. Dieß wird immer neuen Reiz in unsre Freundschaft bringen, und wir werden leben in der Natur, so viel uns mit Sinnen, Phantasie und Verstand vergoͤnnt ist.“ „Du erfuͤllst mich mit Hofnung und Freude, antwortet ich ihm. Mein Vater ist jetzt in Dal- mazien, und ich bin mit meiner Mutter allein Sie zieht bald aufs Land, vielleicht noch diese Woche. Die Gegend ist eine der angenehmsten C 4 der der ganzen Lombardey; das Gut, wohin wir wollen, liegt am Lago di Garda, wo Katull, vor welchem Caͤsar sich neigte, zuweilen vom Roͤmischen Taumel ausruhte. Er sang vor dem Ort: Peninsularum, Sirmio, insularumque Ocelle , quascunque in liquentibus stagnis Marique vasto fert uterque Neptunus Sirmio, Augapfel aller Halbinseln und In- seln, die der Gott der Wasserwelt in suͤ- ßen Seen und dem ungeheuren Meer um- faßt. . „Willst du mich begleiten: so werden wir nach dem Pindar in die Burg des Kronos gelan- gen, umweht von kuͤhlen Seeluͤften, wo in schattigen Gaͤrten Goldblumen funkeln, diese der Erd’ entsprießen, und anmuthigen Baͤumen, andre aber der klare Bach erzieht. Wir wollen mit mit ihren Angehaͤngen und Kraͤnzen uns die Arme umflechten, und die Schlaͤfe umwinden.“ „Vorher aber muß ich dich meiner Mutter vorstellen; jedoch du mußt huͤbsch gescheidt seyn. Sie ist eine gar gute Frau, die mich zaͤrtlich liebt. Sie weiß schon, daß ein junger Mensch mich aus dem Kanale gerettet hat, und es wird ihr gefallen, daß du es bist. Sie hat große Freude an schoͤnen Madonnen; und wenn du ihr eine in ihre Kapelle mahlst und fromm bist: so haͤlt sie dich wie ein Kind.„ Es gieng hierbey eine sonderbare Bewegung in ihm vor, die mir lange hernach erst erklaͤrlich wurde; er sah mich an, neugierig mit heißen Bli- cken, und fragte:„ also nicht weit vom Ausflusse des Mincio ist euer Landsitz?„ „Wenig davon, versetzt ich.“ Darauf gieng er nachdenkend einigemal mit mir auf und ab. Endlich sprach er:„ gut; ich reise mit euch, und C 5 mahle mahle deiner Mutter eine Madonna, wenn ich ihr anstehe. An Gescheidtheit bey ihr solls hof- fentlich nicht ermangeln.“ Es wurde beschlossen, ihn den Abend noch ihr vorzustellen, bey Tische wollt ich alles ein- lenken. Hier schied er von mir. Ich brachte die Sache vor; und meine Mutter wars gleich zufrieden, ohne ihn noch gesehen zu haben, aus Willfaͤhrig- keit gegen mich. Mit schwellte aber die neue Bekanntschaft immer mehr das Herz; einen jungen Mahler der Art hatt ich noch nicht gekannt. Ich war uͤber- rascht; es gieng alles so schnell fort, und ich konn- te keiner gehoͤrigen Ueberlegung Raum geben. Beym ersten Blick und Gespraͤch schon ge- fiel er meiner Mutter, wie ihr noch kein frem- der gefallen hatte. Hier erfuhr ich, daß er sich Ardinghello nannte; ich hatte, voll von ihm, nicht daran daran gedacht, ihn von neuem um seinen Namen zu befragen. Er gab sich hernach verschiedne an- dre; doch dieser soll ihm hinfuͤhro bleiben. Den folgenden Morgen sah ich einige ange- fangne Gemaͤhlde von ihm. Sein Lebendiges war frisch und meisterhaft in der Arbeit, und kam dem Tizianischen ziemlich nahe; doch war es nicht Manier, sondern sein eigen, und verschieden nach der Natur: wenig Gewand, das meiste nach dem Nackenden; Studien von Maͤdchenkoͤ- pfen, voll Geist und Lieblichkeit, und Bruͤsten und Leibern, und Ruͤcken, und Schenkeln und Beinen, nackten Buben im Baden, Laufen und Balgen. Fuͤr Bezahlung, sprach er, und nach andrer Belieben hat er noch nichts gemacht.„ Das weitre, fuͤgte er wie unbedeutend hinzu, will ich dir einmal erzaͤhlen, wenn wir mehr in Ruhe sind.“ Er besuchte die Tage darauf den alten Greis Tizian noch einmal, und seine Freunde; und zu Ende Ende der Woche reisten wir ab. Meine Mut- ter fuhr mit ihren Leuten voraus, und wir hin- ter drein, weil wir zu Vicenza uns einen Tag wegen der Gebaͤude des Palladio aufzuhalten ge- dachten. Wegen des Griechischen nahm ich noch die Buͤcher mit, die nicht in der Bibliothek auf dem Gute sich befanden; und er das noͤthige Geraͤht zum Mahlen und Zeichnen. Als wir eine Strecke vom großen Kanal entfernt waren: setzte sich Ardinghello aufs Ver- deck der Barke, und blickte tief geruͤhrt nach der Stadt mit unverwandten Augen; die Feuchtig- keit trat hinein und sein Herz ward erweicht. Seine Seele schien zu ahnden, daß er sie nie wieder sehen sollte. So walzen die Schicksale den Menschen fort, wie die Fluhten des Meers einen schwachen Truͤmmer! die Sonne war eben aufgegangen, und die Thuͤrme, Kirchen, Pal- laͤste und Inseln lagen da im duͤnnen Nebel. Mir Mir war wohl, daß ich heraus kam. Im Winter ist Venedig angenehm, weil die Men- schen so enge beysammen sind, und alles zur Er- goͤtzlichkeit treibt, Lage und Regierung; aber im Sommer ists ein ungesunder und gefaͤhrlicher Ort. Ein Eingebohrner kann die Wahrheit bes- ser wissen, als ein Dichter aus Neapel. Es mag der Natur nach ein ganz andrer Unterschied seyn zwischen Rom und Venedig; ob es gleich praͤch- tig klingt: Illam homines dices, hanc posuisse deos Du wirst sagen, daß jene Menschen, diese Goͤt- ter erbaut haben. . Wenn einer die Geschichte kennt und da ge- lebt hat, und es beym Ausflusse der Brenta vom Ufer betrachtet: so sieht es richtiger aus, wie ein endlich sichrer Zufluchtsort von dem Lande weg- gepruͤgelter und weggescheuchter furchtsamen Ha- sen, die sich hernach groß und zu gefluͤgelten Loͤ- wen wen gemacht haben, als ihnen die Feinde uͤbers Wasser nicht nach konnten, und sie von fern sicher sehen mußten. Eine unuͤberwindliche Fe- stung ists gewiß, weil durch die Suͤmpfe vom Land aus nichts anders als kleine Barken an- laͤnden koͤnnen, uud man von der See her in die Haͤfen den Faden der Ariadne braucht; und eben weil es unuͤberwindlich und unzukommbar ist, außer Verraͤtherey, traͤgt es, vom Meer um- geben, eine gewisse Majestaͤt an sich. Goͤtter aber fluͤchten sich nicht in Suͤmpfe. Inzwischen hat Sannazar der reizenden Dichtung wegen sei- ne sechs tausend Ducaten doch verdient. Die Wahr- heit bezahlt man selten so theuer. Der große Doge Peter Ziani hat sie gar wohl erkannt, als er den kuͤhnen Entschluß faßte, noch zu Anfang des dreyzehnten Jahrhunderts eine neue Voͤlkerwanderung anzustellen. Kon- stantinopel ist ohne Streit ein gluͤckseliger Plaͤtz- chen auf diesem Erdboben . Die Venezianer hat- ten ten es damals mit den Franken eingenommen; und wir besaßen mehr von Griechenland als jetzt. Er rieht mit staͤrkern Gruͤnden, als je Demosthe- nes, diese Lagunen zu verlassen, und dort uns anzupflanzen; und Dido und Aeneas waren dagegen Luftgestalten.„ Wenn der Mond mit seiner Ebbe und Fluht unsern Kanaͤlen das Was- ser entzieht, sprach er im großen Rahte, der Schlamm sich zeigt, und seinen Gestank ausduͤn- stet: welche gute Nase kann da vor Ekel auf den Wegen bleiben? Sind nicht immer unsre Laza- rethe voll, und die Jahr aus Jahr ein nicht von dannen schiffen, wie gefangen? Ueberdieß haben wir Erdbeben, noch außerdem, daß das Meer oft herein stuͤrmt und unsre Zisternen und Waa- renlager verderbt. Und welch ein Wohnsitz, um auszuhalten, wo nichts als schlechte Fische Nah- rung gibt, weder Korn, noch Wein und Oel waͤchst, weder Baum hervorkoͤmmt, noch trinkbar Wasser quillt, wo alle Elemente verdorben sind, Was- Wasser, Luft, und Erd und Feuer? und von al- len Seiten Feindschaft um uns her? Dort sind wir gleich in unsern Besizungen, und welche Aussichten in die Zukunft!“ Jedoch uͤberwand ihn der Procurator von S. Marco, der Greis Anzolo Falier unter fuͤnfhunderten mit einer Stimme, indem er nach dem Aristoteles behauptete: daß die Festigkeit, ohngeachtet aller Uebel bey einer Hauptstadt, der gluͤcklichen Lage, ohne dieselbe, vorzuziehen waͤre; und daß gerade die Unfruchtbarkeit ein Volk zur Tapferkeit zwaͤnge und uͤber andre erhoͤbe. Darin bestand unsre Unterhaltung bis nach Padua; und Ardinghello beschloß mit folgenden Worten:„ Wo die Verstaͤndigen nicht herrschen, ist keine Staatsverfassung gut; jedoch mit dem Un- terschiede, daß zum Exempel bey einer Million Buͤrgern in einer Demokratie fuͤnfmalhundert tausend und etliche Narren uͤber viermalhundert tausend und neunhundert gescheidte Leute den Aus- schlag schlag geben: und in einer Monarchie ein Narr neunmalhundert tausend neunhundert und neun und neunzig Philosophen ins Verderben stuͤrzen koͤnnte, wenn sie nach dem auf Schulen gelehrten Staatsrechte keine Rebellen seyn wollten.“ Als wir von Vicenza weggereist waren, sprachen wir viel uͤber die Gebaͤude zu Venedig und den Palladio. Ardinghello hielt Venedig fuͤr einen der merkwuͤrdigsten Oerter in der Bau- kunst; und sagte: hier waͤre nicht nur ein Styl, son- dern man saͤhe darin die Geschichte derselben der neuern Jahrhunderte; und erkenne immer, daß ein Senat von vielen Personen da herrsche, und nicht ein einzelner oft elender Mensch ohne Ta- lent und Geschmack, weil man nichts ganz schlech- tes unter den oͤffentlichen Gebaͤuden faͤnde, wie in andern Residenzen. Er liebte den Palladio vor allen neuern Baumeistern; nannt ihn eine heitre Seele voll des Vortreflichsten aus dem Alterthum; und daß D er er davon mittheile, und aus sich selbst, so viel sich fuͤr seine Zeitverwandten schicke. In Vicenza wird leider von ihm nichts recht ausgebaut, und die Gebaͤude gleichen fast nur angefangenen Modellen von seinen Ideen; aber welch ein Wunderwerk ist der Pallast Cor- naro am Kanal! wie schoͤn die Kirchen zu S. Giorgio, und al redemtore in Venedig! und die Bruͤcke zu Vicenza uͤber den Bacchilion, so leicht und reizend und sicher in ihrem Bogen, wie ein beherzter Amazonensprung! Wie angenehm das durchbrochne Gelaͤnder, damit man das er- freuliche Wasser dadurch wegstroͤmen sehe! Jedoch gefiel Ardinghellon das Rahthaus nicht, obgleich es Palladio selbst unter die schoͤn- sten Werke neuerer Kunst setzt. Die Fassade, an und fuͤr sich richtig und schoͤn, glich doch nur einer Schminke, die einer alten Matrone auf- getragen waͤre; die Bogen derselben entspraͤ- chen nicht denen des gothischen Gebaͤudes, das uͤberall uͤberall schief durchguckte. Julio Romano haͤt- te damals schon aͤlter und erfahrner mehr Ge- schmack gezeigt, als er eine meisterhafte gothische dazu erfand. Es sey etwas anders, einen Riß auf dem Papier anschauen, und ein Gebaͤude aufgemaurt in der Luft; dieß haben die Raths- herrn, die des Palladio seinen waͤhlten, wie viele Große die bauen lassen, nicht gewußt. Unser Gespraͤch lenkte sich endlich auf die Architektur uͤberhaupt; und er sagte, so viel ich mich erinnere: Von Schoͤnheit in der Baukunst hab ich wenig Begriff, weil sie mir ganz außer der leben- digen Natur zu seyn scheint; hoͤchstens entspringt ihr Reiz bloß aus der Metaphysik davon, wenn ich das Wort hier brauchen darf, und nicht aus Wirklichkeit: deßwegen ihre Verschiedenheit bey allen Voͤlkern, die sich einander nicht nach- ahmen. Eine strenge Theorie davon verliert sich in das Dunkel der Schoͤpfung. Schoͤnheit ist D 2 was was Vergnuͤgen wirkt; was bloß Schmerz stil- len und verhuͤten soll, braucht eigentlich keine Schoͤnheit an und fuͤr sich zu haben. So gehts mit den Gebaͤuden; sie halten bloß Ungemach ab. So bald das Wetter gut ist, mag ich in keinem bleiben, und will ins freye Feld. Alles muß auf Ungemach, Krankheit, Feindseeligkeit, und Beduͤrfniß von Zusammenkuͤnften berechnet wer- den; dieß bestimmt hernach ihre Vollkommenheit. Harmonie, Ebenmaaß, Uebereinstimmung mit jedes Zweck macht dessen Schoͤnheit, wenn man das, was nichts Lebendiges nachahmt, so nennen will In der Folge wird man den Begriff von Schoͤnheit allgemeiner und richtiger, und nicht mehr so jugendlich sinnlich finden. ; was sollen uns alle die uͤberfluͤssigen, unbedeutenden Zierrahten? Ein Gebaͤude ist ein Kleid, das Menschen und Thiere vor boͤsem Wet- ter schuͤtzt, und muß darnach beurtheilt werden.“ „Geht „Geht man in die Wildheit zuruͤck: so fin- det man Grotten und Waldung, und durchge- rißne Felsen, um uͤber Abgruͤnde von Stroͤmen zu gelangen. Dieß hat zwar der sittliche Mensch zuerst nachgebildet, und noch jetzt sind die Spu- ren da unter tausend gemachten Beduͤrfnissen; wir ahmen die urspruͤnglichen Formen nach, von Fels und Baum in demselben Gebaͤude durchaus von Stein. Dieser ist inzwischen ungelenk, und wer ihn allzusehr zu leichtem Holze schnitzelt, beson- ders am Boden, wo er gerade vor Augen liegt, wird abgeschmackt und laͤcherlich. Holz hat seine natuͤrliche Form in Stamm und Zweigen: woher die Saͤulen und zum Theil die Gewoͤlbe. Je weniger man von der natuͤrlichen Form abnimmt: desto reiner ihre Schoͤnheit; so uͤbertrift eine Saͤule immer einen Pilaster. Das meiste aber bezieht sich auf Zweck, und hat mit Nachahmung der Natur wenig zu schaffen. Die Schoͤnheit der Massen muß aus einem gluͤcklichen geheimen Gefuͤhl hervorkommen, das sich an der Harmo- D 3 nie nie der Theile des Menschen, des Großen in der Natur, und uͤberhaupt alles Lebendigen lan- ge geweidet hat; und wieder mit einem solchen Sinn genossen werden. Hier lassen sich, was Erfindung betrift, keine bestimmte Regeln ge- ben; ein ganz anders ist, wenn man bloß nach- ahmt, was Griechen und Roͤmern gefiel.“ „Und dieß bleibt wohl immer das Zuversicht- lichste, fiel ich ein, da sie ausgemacht die mensch- liche Natur mehr durchgearbeitet, und zur hoͤch- sten Vollkommenheit gebildet haben, die wir ken- nen.“ Wenn der Erdboden durchaus gleiches Kli- ma haͤtte, versetzte er darauf, wie die Gegenden, welche sie bewohnten; die Menschen uͤberall die- selben Beduͤrfnisse, dieselben Sitten und Ge- braͤuche, die gleiche Idee von Gluͤckseeligkeit, die- selben Feste und Spiele! Und uͤberhaupt will der Mensch Neues; er hat ohne dieß zu viel vom Gesetz zu leiden, das er nicht abwerfen kann; warum warum von freyen Stuͤcken sich eins auf den Na- cken legen, das ihm nicht gefaͤllt?“ „Ein Umstand allein veraͤndert oft das Gan- ze. Bey den Griechen und Roͤmern zum Bey- spiel war ein Tempel meistens nur fuͤr Einen ihrer vielen Goͤtter; eine unendliche Wohnung fuͤr denselben abgepaßt gewisser maßen, wann er vom Olymp hernieder in die Gegend kam, wie ein Koͤnig aus seiner Residenz in ein Schloß einer seiner Provinzen.“ „Die Form desselben war also nicht groß, und die Saͤulengaͤnge behielten die Schoͤnheit menschlicher Proporzion; welche verschwindet, wenn sie ins Ungeheure getrieben werden. Je- der Buͤrger opferte entweder einzeln; oder war allgemeines Fest: so ging der Priester oder die Priesterin hinein, und das Volk stand innen und außen herum. Gleiche Bewandniß hat es bey ihren Orakelspruͤchen.“ D 4 Un- „Unsre Kirchen hingegen sind große Ver- sammlungsplaͤtze, wo oft die Einwohner einer ganzen Stadt Stunden lang sich aufhalten sollen. Ein feyerlicher gothischer Dom mit seinem freyen ungeheuren Raume, von vernuͤnftigen Barbaren entworfen, wo die Stimme des Prie- sters Donner wird, und der Choral des Volks ein Meersturm, der den Vater des Weltals preist und den kuͤhnsten Unglaͤubigen erschuͤttert, indeß der Tyrann der Musik, die Orgel, wie ein Orkan darein rast und tiefe Fluhten waͤlzt: wird immer das kleinliche Gemaͤcht im Großen, seys nach dem niedlichsten Venustempel von dem geschmackvollsten Athenienser! bey einem Manne von unverfaͤlschtem Sinn zu Schanden machen.“ Wir haͤtten dafuͤr, daͤucht mich, eher ihre Theater zum Muster nehmen sollen, die natuͤr- lichste Form fuͤr eine große Menge, worin jede Person ihren Posten wie in einer Republik, einer Demokratie einzunehmen scheint, und ein herrli- ches ches Ganzes bildet. Und sind wir nicht gegen das Wesen der Wesen alle gleich? Koͤnig und Bettler, P h ilosoph und Baͤuerlein, arme blinde Wuͤrmer? die nichts wissen, die hieher gesetzt sind wie verrahten und verkauft, in Nacht und Nebel, wo wir vergebens die Koͤpfe in die Hoͤhe strecken?“ „Ich habe hier nnd da in Klostergaͤrten doch gefunden, wie sich die liebe Natur auch in ihrer groͤßten Einfalt selbst regt. Der Bruder Redner saß unten zwischen alten schattigen Baͤu- men, und vor ihm hatten sie an einem Huͤgel in hohler Rundung Sitze mit Rasen nach einander in der Hoͤhe ruͤckwaͤrts angelegt; und so saßen sie uͤbereinander, und hoͤrten zu; und oben an bey- den Seiten schlossen das Andachtsoͤrtchen wieder Baͤume, wo der Wind die zarten Zweige be- wegte, und die Blaͤtter fluͤsterten, als ob Engel darinnen spielten, sich ihrer Froͤmmigkeit freu- ten“ D 5 „In „In unsern Kirchen mit langem gleichplat- ten Boden kann man nicht einmal das Meßamt gehoͤrig verwalten; die hintersten sehens nicht vor den vordern, was der Priester beginnt, und sie stehen und liegen ohne Ordnung unter einander, im eigentlichsten Verstande wie die Schaafe.“ Uebrigens ist die Quaal aller Baumeister, daß sie fuͤr Sommer und Winter dasselbe Gebaͤu- de machen muͤssen, einen Rock fuͤr die groͤßte Hitze und die groͤßte Kaͤlte. Weil sie nun in Suͤ- den sich nach dem Sommer richten: so frieren sie im Winter am meisten; und in Norden nach dem Winter: so schwitzen sie dort im Sommer am meisten; obsgleich nach der Natur ganz um- gekehrt seyn sollte.“ Die Gegend von Vicenza hatte ihm unge- mein gefallen; besonders aber der herrliche Spa- zierplatz des Campo Marzo mit der neu heraus- empfundenen Triumphpforte vom Palladio zum Eingang. In der That lagern sich reizend die die schoͤn bewachsene Huͤgel darum her, und die Tyrolergebuͤrge machen in blauer Ferne suͤße Au- genweide. Mehr aber gefiel ihm noch Verona wegen der Etsch , der Alpentochter, die Wellenschla- gend aus den Felsen sich mitten durch die Stadt in Schlangenkruͤmmungen reißt, woruͤber die Bruͤ- cke der Scaliger sich in kuͤhnen Bogen hebt, weiter, heroischer und Kunstgebildeter, als selbst die Bruͤcke Rialto, das Wunder von Venedig, welche mit ihren sechszig Stufen herauf und hin- unter mehr Treppe, als fortgesetzter bequemer Weg ist. Wir machten den letzten Strich in unver- gleichlicher Nacht, wo der Mond, beynahe voll, immer mit uns ging, und uns durch die schoͤnen Ulmen begleitete, die ihre Kraͤnze von dichtbe- laubten Weinranken lieblich zusammenpaarten; und Blitze von einem fernen Gewitter flammten heruͤber in die heitre Luft. Mond und Abend- stern stern und Sirius und Orion schienen wie Schutz- geister unsrer Sphaͤre naͤher zu schweben.„ Ach, ihr Goͤtter, rief Ardinghello, warum so einen kleinen Punkt uns zum Genuß zu geben, und nach den unendlichen Welten uns schmachten zu lassen! Wir sind wie lebendig begraben.“ Schon regte sich ein leichter frischer Mor- genwind und saͤuselte durch die Blaͤtter; ein mil- der Lichtrauch stieg auf in Osten, von einzelnen Strahlen durchspielt, als wir bey unserm Land- gut anlangten, wo der See sich ausbreitete und seine Ufer von Wellen rauschten. Sie brachen sich ergoͤtzend uͤber einander und schaͤumten; und wir fanden die Beschreibung Virgils: Flucti- bus \& fremitu assurgens marino — — der wie ein Meer aufsteigt in rau- schenden Fluhten. , ganz nach der Natur. Ich legte mich zu Bette, weil ich den vorigen Tag nicht geschlafen hatte. Ar- ding- dinghello aber wollte nicht, und machte Bekannt- schaft mit der Gegend. Die Zimmer fuͤr uns waren schon zuberei- tet; den Nachmittag richteten wir uns voͤllig ein. Ardinghello bekam eins gegen Norden zum Mah- len, wo er Licht und freyen Himmel hatte, wie er wuͤnschte; und uͤberdieß den Ausgang aufs Feld. Wir beschifften die ersten Tage die Kuͤsten, stiegen da und dort ans Land, und schweiften herum an den schoͤnen Huͤgeln bis nach Breszia . Ardinghello legte alsdenn gleich seine Madonna an fuͤr meine Mutter, damit er in den guten Stunden hernach daran arbeiten koͤnnte. Im Griechischen waren wir schon einig we- gen Ton, oder Accent, und Aussprache; wir richteten uns gaͤnzlich hierin nach den obgleich verwilderten Abkoͤmmlingen der Alten, zumal da wir doppelten Endzweck hatten. Wir gelan- gen zur Kenntniß todter Sprachen nicht allein durch durch Vernunftschluͤsse und Vergleichungen, son- dern noch durch Herkommen; und da hat doch das Volk, dessen Sprache die aͤlteste Tochter ist von der abgestorbnen, oder vielmehr selbst noch Mut- ter, nur durch die Zeit veraͤndert und ver- wandelt, das naͤchste Recht zur Erklaͤrung. Kein auswaͤrtiger Buͤcherheld wird mit seinem bloßen Buchstabieren auch je dem Runden und Lebendi- gen desselben bey Lesung der uͤbriggebliebnen Denk- male gleich kommen. Vom Neugriechischen bracht ich Ardinghel- lon sehr bald alles bey, was zum taͤglichen Leben gehoͤrt; ob es gleich von dem alten noch mehr abweicht, als das Italiaͤnische von dem Lateini- schen. Die neuern Griechen haben fuͤr die ge- meinsten Sachen andre Woͤrter, als Brod, Wein, und so weiter. In einem Theil von Thessalien ist es fast Wallachisch, halb latein und tuͤrkisch. Der Mundarten sind vielleicht mehr als bey den Alten; und so gehts mit der Aussprache. Die jetzi- jetzigen Spartaner sprechen zum Beyspiel den Laut Ch aus, wie die Franzosen. Die Evangelien und Episteln versteht man so ziemlich noch uͤberall im Griechischen des neuen Testaments; aber vom Xenophon und Plato wenig. Die Kaufleute und Geistlichen haben sich jedoch eine eigne Sprache gebildet, welche man die Schriftsprache nennen kann, und naͤhern sie so viel moͤglich der alten. Diese spricht und schreibt man, und wird in gu- ter Gesellschaft verstanden; und richtet sich uͤbri- gens nach der Gegend, wo man hinkoͤmmt. Die groͤßte Barbarey ist eigentlich auf den In- seln, weil diese noch mehr als das feste Land von den fremden uͤberschwemmt wurden; auch weichen die Sitten hier mehr von den alten ab. Ueberhaupt war die Aussprache schon bey den Alten verschieden nach Ort und Zeit, wie bey uns und uͤberall. Die ersten Pelasger sprachen ver- muhtlich ihr Griechisch anders aus, als die Athe- nienser unter dem Perikles; und so Homer und seine seine Zeitverwandten. Plato beklagt sich im Ge- spraͤche Kratylos, kurz nachher als die zwey langen Jonischen Vokalen zu Athen, unter dem Archon Euklid, im zweyten Jahre der vier und neunzigsten Olympiade in allgemeinen Gebrauch gekommen waren, daß man das Wort, welches den Tag ausdruͤckt, nicht mehr Himera wie die Vorfahren ausspreche: sondern entweder He- mera , oder neuerdings ἡμέρα; und dabey den schoͤnen Ursprung nicht mehr fuͤhle, daß es von Himeros, das Verlangen herkomme; weil man nehmlich in der Nacht und Dunkelheit nach dem Licht und Aufgang der Sonne verlangt. Aus diesem Beyspiele duͤrfte man vielleicht schließen, daß die neuern Griechen in manchem zur Aussprache der Aeltern und selbst Homers wie- der zuruͤckkehrten; und daß auch hier, wie sonst in der Welt, alles im Kreise herumgeht. Am besten ist es, man richtet sich nach der jedesmaligen lebendigen Aussprache, und dem gro- großen Haufen; und man muß es, wenn man verstaͤndlich seyn will Bey unsern teutschen Uebersetzungen ist dieß jedoch der Fall nicht; und wir haben Recht, einzelne Namen z. B. so aͤcht altgriechisch dem Laute nach zu uͤbertragen, als wir zu bestimmen im Stande sind. Der Laut η wird inzwischen immer schwer mit einem Zei- chen vollkommen richtig zu bestimmen seyn, da ihn wahrscheinlich schon die Alten ver- schieden aussprachen; nehmlich nach dem die zwey Vokalen waren, die er ausdruͤckte. Die neuern Griechen machten es nach und nach damit, wie die Englaͤnder mit ihrem rr und ra , und ergriffen endlich noch eine festere Parthie. Auch ist der Uebergang von rr und ra in i den Sprachorganen leichter und natuͤrlicher, als es auf dem Papiere aussieht. Den Neugriechen klingt außerdem Hira oder Hiri; Aphroditi , und s. f. so zaͤrt- lich, . Von E Von den Alten lasen wir die Abende bald ein Stuͤck aus dem Plato, bald aus dem Aristoteles, oder Xenophon; kehrten aber von ihrem Scharfsinn und Adel, der reinsten Em- pfindung und ihren hohen Fluͤgen oft zuruͤck unter das Atheniensische Volk zum Demosthenes und Aristophanes. Ardinghello hatte den letztern nur dem Na- men nach gekannt, und weidete seine Seele nun an ihm leibhaftig mit Entzuͤcken. Er bruͤtete so recht uͤber seinem Witze, seiner Laune, seinen kuͤh- lich, weiblich und lichtvoll, als uns Cidli, Silli und dergleichen. Auf aͤhnliche Weise aͤndern die Sizilianer das Toskanische um. Ueber Wohlklang eines Vokals vor dem an- dern laͤßt sich im Allgemeinen nichts ent- scheiden; es koͤmmt auf jedes Wort selbst, den Gebrauch, und das Ohr des Volks an. Was uns fremd lautet bey allen andern Nazionen, lautet ihnen nicht fremd. kuͤhnen Erdichtungen; und hielt seine Possen- spiele fuͤr das allerhoͤchste Denkmal menschlicher Freyheit, welchem sich keins unter den Millio- nen andrer Schriften von weitem naͤhere. Wer mit den Griechen wetteifern wolle, muͤsse in beyden leben und weben. Hier erscheine der Mensch wie er sey, mit allen seinen natuͤrlichen Herrlichkeiten und Schlechtigkeiten. Hier ent- spraͤngen und raͤnnen die lautersten Lebensbaͤche. Mein Freund steckte mich mit seiner Meinung an, und Redner und Dichter wirkten maͤchtig auf uns: wir wurden selbst freyer im Umgange, und unsre Sprachkenntniß wuchs wie eine uͤppi- ge Pflanze. Wir hielten uns ganz an Athen vom Themistokles an bis zum Tod Alexanders; drangen immer tiefer ein in dessen Staatsverfas- sung, Gesetze, Gerichte; ruhten im Schatten an den bemoosten Wurzeln des schoͤnen lebendi- gen Baums, der seine Zweige uͤber ganz Griechen- E 2 land land verbreitete; und gingen aus diesem Kreise, und was sich damit verband, selten heraus. Dabey beschrieb ich ihm den gegenwaͤrti- gen Zustand der Inseln und des festen Landes; Ge- sellschaften, Sitten und Gebraͤuche, Feste und Spiele, Klima, Jahrszeiten, Wind und Wet- ter, Gewaͤchse und Fruͤchte, und was von den Alten noch uͤbrig ist. Ohngeachtet seiner Lust an dem Aristopha- nes, der glaͤnzenden Satyre der Wolken gegen den Daͤmon des Philosophen, und des bit- tern Angriffs der Lehre desselben, daß kindliche Liebe und Verehrung der Eltern und Verwand- ten dem Verstande nachstehen muͤsse: hielt er nichtsdestoweniger die Denkwuͤrdigkeiten des Sokrates fuͤr das gediegenste Kleinod aller Weis- heit, und die Moral aller Moralen. Uebrigens kamen wir darinn uͤberein, daß man die Wolken nach ihrer, und nicht nach un- serer serer Zeit beurtheilen muͤsse. Die Menschen wa- ren damals gewohnt, einander nackend zu sehen; und scherzten zur Ergoͤtzlichkeit fuͤr den Augen- blick uͤber ihre Maͤngel und Gebrechen, und ver- gaßen es hernach bald wieder. Aristophanes war so wenig Schuld an dem gewiß bis zum Verges- sen seines Muthwillens lang hernach erfolgten Tode des Sokrates, als an dem des Euripides; und beyde wurden im Grunde nicht minder hoch- geschaͤtzt, trotz aller Laͤcherlichkeiten, die er auf sie warf. Welche poßierliche Rolle laͤßt er nicht der Weisen letztern im Feste der Ceres und Pro- serpina spielen! Bey uns waͤre freylich so etwas wie Mord und Todtschlag. Und außerdem war man es gewohnt, daß Philosophen und Dichter, und von diesen wieder die tragischen und komischen sich zur Kurzweil des Volks einander zum besten hatten. Wer weiß, wie hart Sokrates und Euripides vorher dem Aristophanes begegneten? Das beste Zeugniß fuͤr das, was ich sage, ist, E 3 daß daß Plato nicht aufhoͤrte, den komischen Dich- ter hochzuschaͤtzen. Dieser hohe Genius schien uns uͤberhaupt ei- nen viel weitern Gesichtskreis als Xenophon zu haben, und selbst uͤber seinen Lehrmeister hinaus- zugehen. Wir meinten, nicht wenige seiner Ge- spraͤche muͤßten die Lieblingsschriften fuͤr jeden gu- ten Kopf seyn, der sie fertig in der bezaubernden Ursprache lesen kann; und dieß zwar haup t saͤch- lich deßwegen, weil er selten seine Materie er- schoͤpft, aber mit gewaltiger Hand in tiefe reiche Fundgruben hineinfuͤhrt. Wir bewunderten oft an ihm, diesen Tag, die allergewandeste Attische Feinheit, die so edel kein Schriftsteller, unsers Wissens, weder seiner noch vielweniger irgend einer andern Nazion je erreicht hat; und den folgenden wieder die erhabensten Gedanken in der kuͤhnsten Sprache. Demosthenes ist freylich gegen ihn, wie der noch junge zu strenge Dionys von Halikarnaß wahr wahr spricht, Held im Streite, wo es das Le- ben gilt, und jeder Hieb und Stoß, Wunde. Aber ein andres ist Schlachtfeld, ein andres Akademie! wo unter kuͤhlen Lauben auch zuweilen bloß angenehmes Geschwaͤtz ergoͤtzt; und lyri- sche Verzuckungen suͤßer Trunkenheit bey sternen- heller Nacht am seligsten machen. Mitten unter dieser Seelenweide legt ich mich eifrig auf die Zeichnung. Ich fing vom neuen damit an, allerley mathematische Figuren aus freyer Hand bis zur Vollkommenheit zu ent- werfen, um sie zur Sicherheit im Zuge zu brin- gen. Alsdenn plagte mich Ardinghello nur kur- ze Zeit mit menschlichen Gerippen, und ging gleich uͤber auf den Umriß der Theile, und ihre Verhaͤltnisse zu einander; und endlich gelangt ich zum Lebendigen, wie aus einer trocknen Wuͤste zu schattichten frischen Quellen. Wir waren schon aus der ruhigen Schoͤnheit am Leidenschaftlichen: E 4 als als eine schreckliche Begebenheit erfolgte, die uns auf lange trennte. Ueber die Verhaͤltnisse des menschlichen Koͤrpers gingen wir, außer den Vorschriften der beyden großen Florentiner, noch ein Werk durch von dem Teutschen Albrecht Duͤrer . Er sagte, wenige haͤtten die Theorie ihrer Kunst wohl so inne gehabt unter allen neuern Mahlern und Bildhauern, als dieser; man faͤnde bey ihm ein erstaunliches Studium: aber zum Hohen und Schoͤnen derselben sey er nicht gelangt, weil Nie- mand aus seiner Nazion und seinem Zeitalter koͤnne. Dieß hange außer dem Innern noch gar zu viel von Gluͤck und Zufall ab. Wir koͤnnten das Lebendige nicht anders nachbilden, als bis wir es entweder selbst gelebt, oder mit unsern Sinnen in ergreiffender Wirklichkeit empfunden haͤtten. Ohne Perikles und Asspasia, Alkibia- den, Phrynen und ihres gleichen alt und jung: kein Phidias, Praxiteles und Apelles. Albrecht Duͤ- Duͤrer habe den Nuͤrnberger Goldschmidsjungen nie voͤllig aus sich bringen koͤnnen; in seinen Ar- beiten sey ein Fleiß bis zur Angst, der ihm nie weiten Gesichtskreis und Erhabenheit habe gewin- nen lassen; und bloß deßwegen haͤtte ihn Michel Angelo so sehr gehaßt. Seine meisten Komposi- zionen waͤren Passionsgeschichten, und Hexen und Teufel. Er als verlorner Sohn am Troge bey Schweinen, die Trebern fressen; Proserpina, wie sie Pluto auf einem Bocke hohlt; Diana, wie sie eine Nymphe mit dem Knittel bey einem Satyr pruͤgelt: zeigten genug seine mißleitete Phantasie. Sonst sey er ein wackrer Meister, habe Kraft und Staͤrke; und ein guter Kopf von richtigem Geschmack koͤnne viel von ihm lernen. Wir hatten bey unserm Leben auf dem Lan- de uns zum Gesetz gemacht, daß keiner den an- dern in seinem Thun und Lassen stoͤren sollte; und alles Beysammenseyn war freyer Wille von beiden E 5 Sei- Seiten. Wenn also einer allein seyn wollte: so sagte er es dem andern, oder schloß die Thuͤr ab. Zuweilen gingen wir mit einander, zuweilen zog einer allein aus: und Ardinghello kam manchen Tag und manche Nacht nicht nach Hause, ohne mir vorher zu sagen, wenn er fortging, und ohne daß es mich befremdete. Die immer gruͤnen mit hohen Baͤumen eingefaßten Wiesen, und die vie- len klaren Fluͤsse, von den Seen rein gewaschen, erfreuten ihn unendlich in der Lombardey; solche Natur war dem Toskaner fremd. Er nistete sich in den schoͤnsten Doͤrfern uͤberall ein, und machte Bekanntschaft mit den Landleuten. Einigemal kam er Abends auf einem lustigen Nachen mit Weinlaub und Epheu geschmuͤckt, der Zithar am Arm im Dithyrambengesang gleich einem jungen Bacchus wieder, oder in einem andern Aufzug: und es war immer ein allge- meiner Jubel; denn jederman wollte ihm wohl. Er ließ sich mit jedem ein, und drang in dessen Inn- Innres; half ihm fort, oder machte ihm das Le- ben froh und leichter. Er hatte eine von den selt- nen gefuͤhligen Stimmen, die das Herz anlocken; ihr Ton war fest und voll; suͤß und gelind bey Liebe, und heftig eindringend wie ein Sturmwind in der Hoͤhe bey widrigen Leidenschaften. Er spielte zwar auch treflich die Laute: aber die Zi- thar zog er allen Instrumenten zur Begleitung vor. Er sang wenig andrer Dichter Worte, son- dern eigne Poesie, wie sie seinem Wesen entquoll! meistens ohne Reime; oder diese, wie sie sich schicken wollten. Es war bezaubernd, dem jun- gen Schwaͤrmer zuzuhoͤren, und wie in laͤcheln- der Kuͤhnheit das Feuer aus ihm wehte. Wie oft haben wir hernach in heitern Naͤchten uns in den See gestuͤrzt! denn er hatte mir das Schwimmen bald beygebracht: und in der unermeßlichen ge- stirnten Natur frey herumgewallt wie die Goͤtter! Noch hab ich ihm eine groͤssere Geschicklich- keit im Fechten zu verdanken, worin er ein gro- ßer ßer Meister war; wie er denn seinen Koͤrper uͤberhaupt aͤußerst gewandt und ausgebildet hatte. So flog himmlisch leicht unser Leben da- hin unter Spiel und Fest und reizender Beschaͤfti- gung. Mit seiner Madonna war er im August schon fertig. Er hatte die Begebenheit der Flucht nach Aegypten gewaͤhlt. Sie saß mit dem Kind an der Brust unter einem Ahorn, der seine Zweige weit umher verbreitete, und Daͤmme- rung hernieder warf; in der Naͤhe und Ferne standen Pignen und Cypressen anmuthig ver- maͤhlt und zerstreut. Die Gegend war ein Gebirg, woheraus ein Fluß in Katarakten sich stuͤrzte, in fernem Schaum und Dampf von Silberstaub, dann eine kleine Ebne durchfloß, und in einem stillen See ruhig dahin wallte. Die bezaubernd- ste Seite von der romantischen Wildniß unsers Lago war ganz treu hier zu sehen; vom Glanz der untergehenden Sonne blitzten Fels und See, und und schimmerte das Laub der Baͤume. Auͤßerst kuͤhn gewagt! Die Madonna war eine holde Jungfrau, die ihr erstes Kind in Armen haͤlt, und der Ge- schichte davon in entzuͤckender Grazie nachdenkt; ein Kopf ganz aus der Natur, nur erhoͤht und ins Reine gebracht, von unaussprechlicher Wir- kung auf jeden fuͤhlenden Menschen. Auch der Bube, so recht in Liebe erzeugt, trug die Spu- ren der vollen Wonne seines Werdens in der Ge- stalt; er hielt sich mit dem einem Haͤndchen an der rechten halb entbloͤßten Brust unter dem roͤhtlichten Gewand an, und laͤchelte von der offnen straff geschwellten jugendlichen linken ab mit seinem blonden Koͤpfchen in die schoͤne Na- tur. Das braune Haar der Madonna war in ein roͤhtlicht gestreiftes Netz gebunden, wovon noch einige Locken ins Gesicht und die Backen fie- len; der blaue Mantel zerflossen, und die Bei- ne und zarten Fuͤsse ruhten in reizender Lage. Bey- Beyder Augen, besonders der Madonna blickten heiter schoͤn, in Empfindung schwimmend. In den Zweigen des Ahorns schweben Engel wie jun- ge Liebesgoͤtter; abwaͤrts weidet der Esel, und Joseph steht auf seinen Stab gelehnt, wie ein alter treuer Waͤrter, der sein Anvertrautes gluͤcklich aus der Gefahr uͤber die Grenze gebracht hat. Form und Ausdruck und Kolorit in allen Theilen des Lebendigen, Bekleidung und Beleuch- tung und Scene macht eine suͤße Harmonie zu- sammen. Das Gemaͤhlde war groß, und die Fi- guren im Vordergrunde an die zwey Drittel in Lebensgroͤße; jedoch ging ihm die Arbeit geschwind von statten, weil er die Studien zur Madonna und dem kleinen mitgebracht hatte, und nur zum Joseph und den Engeln einen Alten und Kinder aus der Nachbarschaft gebraucht. Meine Mutter konnte sich daruͤber nicht satt freuen, und gewann ihn immer lieber. In- Inzwischen bemerkt ich doch bey seinem froͤh- lichen und traulichen Wesen eine leidenschaftliche Hastigkeit an ihm, und etwas Verborgnes in seinen Gesichtszuͤgen; auch fiel mir endlich sein Ausbleiben auf. Er sagte zwar: „ich bin ein Herumschweifer, und kann nicht wohl an einer Stelle bleiben;“ aber er nahm mich doch zu sel- ten mit sich. Ich wollte wissen, was in ihm vorging; und dieß klaͤrte sich denn auf einmal in einer stillen Mitternacht auf, wo alle Winde schwiegen, und kein Laut sich regte. Wir saßen am kuͤhlsten Platz unsers Gar- tens auf einer Anhoͤhe, in einer Laube von Lor- beer und Myrthengestraͤuch, von einem alten Hayn gruͤner Eichen umfaßt; und hatten oft die Glaͤser ausgeleert, und gesungen und gesprochen; viel vom Menschen und den Begebenheiten der Welt, jugendlich, erfahren und unerfahren. Mein Herz stand offen; und ich entdeckt ihm auf die letzt meine kleine Liebesgeschichten, womit ich ich hier den Lauf nicht unterbrechen will; gestand ihm aber, daß ich noch nicht alles faͤnde, was ich verlangte.„ Du wirst mir guten Unterricht geben koͤnnen, fuͤgt ich hinzu; denn nach deinen Stu- dien in der Mahlerey, und Leibes und Seelen- tugenden mußt du schon ein Held unter Amors Fahne seyn.“ Er antwortete hierauf:„ ich spreche nicht gern von diesen Dingen; denn sie machen alle Menschen neidig, Freund und Feind. Aber weil du einmal angefangen hast, so will ich auch dir be- kennen. Doch vorher den Todesbund ewiger Freundschaft feyerlicher vom neuen; wir kennen uns nun vollkommen.“ Hier zog er einen Dolch hervor, streifte sich den linken Arm auf, stach hinein, und ließ das Blut in den Becher rinnen; uͤberreichte mir den Dolch: und ich that, wie von einer furcht- baren Macht ergriffen, voll Gluth und Ruͤhrung dasselbe.„ Wie unser beyder Blut hier im Weine ver- vermischt ist, rief er aus, und in unser Leben sich ergeußt: so sollen unsre Herzen und Seelen auf dieser Welt zusammenhalten; dieß schwoͤren wir dir, Natur! und deiner Gottheit! Wer schei- det, fall in Elend und Verderben.“ Wir tranken, umschlangen uns fester und inniger, stillten darauf die Wunden, und der eine verband mit laͤchelndem Ernst den andern. Dieß geschehen, und aus dem Taumel uns wieder gefaßt und in Ordnung, fing er an: „das herrliche Geschoͤpf, das ich liebe, bekraͤnz als Priesterin unsern Bund! Caͤcilia ist ihr Na- me, von der Heiligen, der himmlischen Musik, entlehnt. O du dort oben walte uͤber uns! Auch unser Fest ist Saitenspiel und Gesang; und sind wir nicht so fromm als du, wozu nur Auser- waͤhlte gelangen: so ist doch unsre Liebe heilig; denn sie ist ganz Natur, und hat mit buͤrgerli- chem Wesen nichts zu schaffen. Diese Caͤcilia wohnt eine Stunde von hier; ist einzige Tochter bey F zwey zwey Bruͤdern, ihr Vater leider der große C ****, und soll sich in kurzer Frist mit dem reichen Mark Anton vermaͤhlen; welches du schon alles weißt.„ Ich blieb hierbey stumm vor Erstaunen, und hoͤrte mit beyden Ohren. „Wir wurden durch einen bloßen Zufall naͤ- her bekannt, fuhr er fort; denn schon vorher hat- te ich sie als den schoͤnsten weiblichen Kopf in Ve- nedig einigemal in Kirchen auf den Raub abge- zeichnet, und ein paarmal in Gesellschaft gesehen. Nie aber wollt es mir gelingen, in ihrem Hause Zutritt zu erhalten, oder sie allein zu sprechen. Dieses geschah endlich beym Schlusse des letzten Karnevals, auf dem Markusplatz, in einer Ecke an der unerbauten Kirche S. Zeminiano, als es Nacht werden wollte. Ich trug schier eine Maske, wie einer ihrer Bruͤder: sie sah mich im Getuͤmmel fuͤr denselben an, ging auf mich zu, faßte mich bey der Hand, und fluͤsterte mir et- was freudig ins Ohr. Ob ich sie fest hielt, und wie? wie? kannst du denken! ich hatte sie schon auf den Platz herein kommen sehen, auch war ihr lieblich Gesicht wenig verhuͤllt. Maͤnner und Weiber, die sie begleiteten, mochten ebenfal l s im Irrthu- me wie sie seyn; denn sie ließen uns beysammen, gaukelten auf dem bunten Welttheater, im Kleinen, ihre Mummereyen fort, und hatten keinen Arg- wohn. Ich gebrauchte die schnelle Gelegenheit, so gut mir moͤglich war. Sie mußte mich auch mit einem Blick erkennen koͤnnen: unsre Augen hat- ten sich schon oft mit Seele begegnet. Ich verlang- te zu wissen, ob ich etwas uͤber sie vermoͤchte; hob ein wenig meine Maske vom Gesicht: und sie wollte sich, erroͤthend von den ruͤndlichen Wangen bis an den schneeweißen Hals, zuruͤck- ziehen; allein ich hielt das warme Haͤndchen fest. Ich blickte rasch umher, und sie deßgleichen: wir wurden in der Daͤmmerung nicht beobachtet, und ein Possenreisser hatte uͤberdieß aller Augen auf sich gezogen; und sagte ihr, aber wie kann F 2 ich ich genau die Worte wiederholen! daß ich sie lieb- te, anbetete; daß ich verschwiegen waͤre, wie ein Stein, eine Mauer, mich der geringsten Gunst nie ruͤhmen wuͤrde; mich ihr in allem unter- werfen wollte, allen meinen Verstand zu unserm Vortheil anwenden wollte; wir seyen fuͤr einan- der geschaffen, und das Verhaͤltniß mit andern Menschen solle uns nicht trennen. Alles dieß und mehr ging aus meinem Munde wie ein Lauf- feur, leis, aber maͤchtig ihr ins Ohr. Sie trat fort und hielt ein, zuckte mit der Hand, und uͤberließ sie wieder den heißen Wallungen meiner Liebespulse. Endlich riß sie sich los, sagte mir aber mit einer schuͤchternen gebrochnen Stimme die Honigworte, die wie eiskuͤhlend und bren- nendsuͤß erquickend Labsal durch Mark und Gebein rannen: „Morgen fruͤh zu Santi Giovanni e Paolo. “ Ich schwand von ihr weg wie der Blitz, zur ersten Probe meiner Auffuͤhrung: und schlief die die ganze Nacht nicht, war so wach und leben- dig, als ob ich nie geschlafen haͤtte, und nie wie- der schlafen wuͤrde, durchaus Feuer und geistig Toben. Was hab ich da nicht fuͤr Plane ge- macht!“ „Ich hielt schon lange vor der Zeit Wacht um die Kirche; und wie sie aufging, war ich der erste drinnen. Ich wartete und wartete, und verging vor Ungeduld; so langweilig war mir das Meßlesen der Priester noch nicht vorgekommen. Wie es allzu- lange waͤhrte: so ließ ich mir den Vorhang von dem goͤttlichen Tizian wegziehen, wo Peter, der Maͤrtyrer , von einem Raͤuber erschlagen wird, sein Gefaͤhrte fluͤchtet, und ein Paar reizende Buben als Engel auf die Baͤume der herrlichen Landschaft herabschweben. —“ „Welch ein Meisterstuͤck! die Scene schon aͤußerst lebendig; welche Lokalfarben haben nicht die schlanken Staͤmme der hohen Kastanienbaͤu- me! wie verliert sich das Land in ferne blaue F 2 Fel- Felsen! der Moͤrder voll raͤuberischem Wesen in Gestalt und Stellung und jeder Gebehrde bis auf Kleidung und Kolorit! der Heilige hat ganz das Entsetzen eines Ueberfallnen, und eines gu- ten weichen Mannes, der sein Leben banditenmaͤ- ßig verliert: auf seinem Gesichte ist die Blaͤsse der Todesangst; und mit welcher Natur in der Lage ist er niedergeworfen! der, welcher flieht, eben so taͤuschend in allen Theilen. Die drey Fi- guren machen einen vortreflichen Kontrast in Stellung, Charakter und Kolorit und den Ge- waͤndern von Moͤnchs und Raͤubertracht. Welch ein treflicher Ton im Ganzen, und wie schoͤn haͤlt es die Beleuchtung zusammen!“ „Dieß half etwas, aber wenig, ich hatte kei- ne Ruhe. Endlich erschien sie doch, und armer Tizian, wie fielst du weg! O alle Kunst neige dich vor der Natur! Sie zog zur Pforte herein, den Kopf in eure Tracht versteckt, wie im duͤn- nen Gewoͤlk aufgehende Sonne, vor ihrem Glanz Glanz verschwand alles, oder bekam Ansehen, Wesen, lenkte sich zu einem Ganzen.“ „Sie kam mit ihrer Mutter. Beyde knie- ten erst vor dem Altare nieder, wo Messe gelesen werden sollte; und setzten sich hernach, sie mit abgeworfner Huͤlle vom Haupte. Im Knieen blickte sie einigemal gen Himmel und seufzte; ich bemerkte alles. Sie wurde mich hernach im Sitzen gleich gewahr, und maß mich mit einer Engelschoͤnheit, ruhig dem Anschein nach, vom Wirbel bis zur Zehe, in tiefem Nachdenken. Was fuͤr Seele aus ihrem weitgewoͤlbten schwar- zen Auge blickte, ist nicht zu sagen; und um ihre Lippen regten sich bange Gefuͤhle, die jedoch in Laͤcheln uͤbergingen. Ach, daß ich nicht gleich mit ihr sprechen durfte!“ „Ich saß nicht weit von ihr rechter Hand, schraͤg auf der Seite, und verwandte, so viel ich unbemerkt seyn konnte, kein Auge. Sie las F 4 her- hernach in ihrem Buche, und nahm ein Zeichen heraus, und deutete mir mit einem Winke dar- auf.“ „Die Messe war vorbey, und man ging aus einander; ich folgte ihr auf dem Fuße. Bey der Kirchthuͤr hatt ich im Gedraͤnge, mit der fein- sten Wendung, die Karte unvermerkt in der Hand. Ich konnte nicht geschwind genug in einen Winkel kommen, und lesen.“ Zwey Stunden nach Mitternacht an der Thuͤr auf die Straße hinter dem Kanale.„ Weiter stand nichts dar- auf, und es war genug.“ „Nur dieß und Sie empfand und dacht ich den ganzen Tag. Gegen Abend ging ich schon dort einigemal auf und ab, und wußte alle Thuͤ- ren und Fenster und Gelegenheiten auswendig. Ich versah mich alsdenn auf allen Fall in meinem Ouartiere mit Gewehr; meinen Gondelfahrer hatt ich ohne dieß schon vorher immer bey der Hand.“ Nach Nach Mitternacht macht ich mich auf den Platz bey Maria Formosa. Wie wurde mir die Zeit so lang! Die Hofnung hob mich vom Bo- den weg durch alle Himmel: die Natur hingegen wollte gar nicht fort; Orion, Adler, Schwan und Wagen schienen mich zum besten zu haben, ich haͤtte sie gern Himmelab aus Ungeduld mit den Haͤnden geruͤck t , und sprang oft naͤrrisch in die Hoͤhe, sie zu erreichen.“ „Endlich schlug die letzte Viertelstunde, und ich eilte an den bestimmten Ort. Alles war still auf den Wegen, und ich lief uͤber die Bruͤcken weg; und wartete in einer Ecke nahe bey der Thuͤr, in meinen Mantel eingehuͤllt, lauter Ohr und Auge.“ „Ich war kaum da: so ging sie schon auf. Ich machte mich herbey, und vernahm die leisen Worte:„ herein!“ ich schluͤpfte durch, und war im Dunkeln.„ Die Schuh aus! fluͤsterte sie, mir die Treppe herauf nach!“ Und sachte, sachte, F 5 Hand Hand in entzuͤckend zarter, warmer, festhaltender Hand tappten wir in ein Zimmer auf den Ka- nal; und wieder zugeschoben mit dem Riegel wurde die Pforte des Himmels. Caͤcilia war in einem leichten Nachtgewande, den Kopf entbloͤßt und das lange Haar nur in einen Knoten gebun- den, das weich in den Seiten mir in die Finger fiel.“ „Ich hielt sie umschlungen, und raubte den ersten Kuß, der wie ein suͤßer Blitz mein Wesen durchfuhr; und sie sagte seufzend:“ O was wag ich nicht, euch naͤher kennen zu lernen! ich weiß, daß ihr ein Florentiner seyd, und hier die Mah- lerey treibt, aber daß dieß eure Bestimmung nicht ist, sondern Nebenbeschaͤftigung, und euer Ziel im Verborgnen hoͤher steckt. Eine Freundin eu- rer Tante und von mir, die euch als eine andre zaͤrtliche Mutter wohl will, und durch jene euch eure Wechsel auszahlt, hat es mir unter dem Siegel des Stillschweigens anvertraut. Eure edle edle schoͤne Gestalt und Jugend, und, es muß nun von meinen Lippen! ein unwiderstehlicher Zug im Innern, den ich noch bey keinem Sterb- lichen fuͤhlte, haben mich dazu verleitet.“ „Verlaßt euch in Geheimnissen auf Wei- ber, dacht ich, wenigstens, die sie nicht selbst be- treffen! und gerieht in ein Labyrinth.“ „Ein andermal von unsern Umstaͤnden, erwiedert ich. O daß ich dich endlich habe, du Stolz von Venedig und Zierde der Welt! Laß uns jetzt ganz allein seyn, und die voruͤber- eilenden Augenblicke genießen in junger feuriger Liebe, o du Seele meiner Seele, Geist und Licht meines Lebens! Hier hob ich sie mit Macht in meine Arme, und trug sie unuͤberwindlich so auf einen Sopha, der in der Ecke am Fenster stand.“ „Ungluͤcklicher, sagte sie, was willst du be- ginnen?“ und stieß mir mit allen Kraͤften das Gesicht von ihrer Brust. Dieß ist kein falsches Straͤuben! ein einziger Ruf von mir, den mei- ne ne Bruͤder hoͤren: und du bist des Todes, und ich im Hause auf immer elend!„ Dieß war in ei- nem so festen sichern Tone gesagt, wie ein Schwert- schlag die Schulter herein, daß ich nachlassen mußte; ich wurde wie von einander gerissen, als das himmlische warmlebendige Geschoͤpf meinen Armen entwich.“ „Nicht so heftig, holder Verwegner! so war es nicht gemeint!“ fing sie nach einer kleinen Pause an, und streichelte mir die Backen, die Sirene. „Ganz außer mir ergriff ich sie wieder mit Gewalt von neuen. Hier aber gerieht sie in bittern Zorn, und riß mich mit den Haaren von sich:“ glaube nicht, sagte sie, daß ich ein Kind bin, das nicht weiß, was es thut, und mit sich anfangen laͤßt, was ein wuͤhtender Mensch will!„ Ich konnte nichts dagegen aufbringen, und Unmoͤglichkeit, Liebe und Bewunderung machten, daß ich meine Leidenschaften baͤndigte.“ „Wir „Wir setzten uns denn. Ich war auf dem stuͤrmischen Meere, herumgewuͤhlt von tausend Wogen. Sonderbare Scene! Sie schlang her- nach ihren rechten Arm um meinen Nacken, und ich meinen linken um ihre Lenden, und die zwey andern Haͤnde schlossen sich in ihrem Schooße zu- sammen; vor uns stand auf einem Tischchen ein Nachtlicht. Ach, wie sie bluͤhte! ein voller Ro- senbusch im May am frischen Morgen im neuen Glanz des Himmels und den Choͤren der Nach- tigallen herum. Ihre jungen festen Bruͤste koch- ten und wallten; und im Netz ihrer verwirrten blonden Haare zappelte meine arme Seele wie ein gefangener Vogel.“ „Ich flog ihr mit flehendem Gesicht am Bu- sen, und klagte schmachtend:“ Was hast du mit mir vor, Zauberin?“ „Liebe! sey ohne Sorge! antwortete sie darauf; sonst wuͤrd ich nicht gethan haben, was ich that; suͤße Traulichkeit, wo ihrer zwey sich das Le- Leben froh machen, die fuͤr einander geschaffen sind.“ „Uns verging die Sprache, und wir saßen lang, eine schmerzlich entzuͤckende Stille, in heißer Empfindung aneinander gegossen.“ “Mir rollten endlich unaufhaltbare Thraͤ- nen uͤbers Gesicht von dem wuͤthenden Kampf im Innern.” „O ich sehe, daß du liebst, sagte sie: und hob mir das Gesicht in die Hoͤhe, das ich knieend wie ein Kind in ihrem Schooß verbarg, nach- dem ich ihr wenig Worte von meinen Schicksalen erzaͤhlt hatte, nahm mich auf, und kuͤßte mir zaͤrtlich, am ganzen Leibe zitternd, die Augen und das bloße Herz, wovon sie das Hemde weg- riß.“ Nun geh fort, sagte sie; wir koͤnnen jetzt nicht reden, und nicht laͤnger bleiben. Versprich, bescheidner zu seyn; und komme heut uͤber acht Tage wieder fruͤh nach Santi Giovanni e Paolo; wenn wenn ich dir ein Zeichen gebe: so sind wir dieselbe Stunde in der Nacht eben so beysammen.“ „Mir war selbst zu wohl und zu weh im Herzen, und sie brachte mich unter brennenden Kuͤssen und gluͤhenden Umarmungen leise wieder von sich. Dieß war die erste Zusammenkunft. Morgen, Benedikt, das Uebrige, wenn wir wieder dazu gestimmt sind! sagte hier Arding- hello.“ Wir machten uns alsdenn berauscht auf unsre Zimmer.„ O Freundfchaft , und Liebe, rief er, nach dem Wunsche gut zu schlafen, was ist ohne dich die Welt! ein Haufen Unsinn fuͤr alle Phi- losophen.“ Was Ardinghello gesagt hatte, und die Vorbereitung dazu, machte mich aͤußerst unruhig; mein Gesichtskreis war zwar erweitert: verlor sich aber in undurchdringlichen Nebel, und mich schreckte die Zukunft. Seine Leidenschaften kuͤm- merten mich. Jedoch verließ ich mich wieder auf auf seinen hellen Geist und sein edel Herz; und schwur ihm vom neuen bey mir ewige Treue, und ihn uͤberall, wo Noht an Mann ging, zu unterstuͤtzen. Er sollte mir auf der Stelle fort- erzehlen, aber er wollte nicht, und sagte:“ Wir haben ja dazu genug Zeit und Muße; mein Kopf ist zu sehr im Taumel.“ Den Tag darauf bekamen wir Besuch; und wer war es? es war der Braͤutigam der Caͤcilia mit ihren Bruͤdern, die ihm bis Verona entge- gen ritten, welcher ein kleines Geschaͤft abmachen wollte. Sie selbst war einigemal mit ihrer Mut- ter bey uns gewesen, und ich hatte nichts gemerkt: so sehr konnte sie sich verstellen. Er gestand mir zwar damals ein, der Schalk, daß sie die schoͤn- ste weibliche Gestalt waͤre, die er je gesehen haͤt- te, was Gesicht und Wuchs und Hand und Fuß betraͤfe; wenn das Verbergne dem aͤußerlichen gleich kaͤme: so wuͤßte er nicht, ob die griechi- sche Venus zu Florenz noch das Wunder bliebe: und und bedaurte, daß so etwas ungenutzt fuͤr die Kunst vergehen sollte. Allein eben am Verborg- nen habe Phryne so sehr die andern Maͤdchen uͤbertroffen; vollkommne Bildung an diesen Thei- len, der Reife nahe, ohne Ueberfluß und Ma- gerkeit, die zarten haͤufigen, und doch festen Schwingungen des Lebens in den reinsten For- men mit aller reizenden Mannigfaltigkeit zur groͤßten harmonischen Einheit durch keine Klei- dung und Stubenluft verdorben, immer in gehoͤ- riger Munterkeit und Bewegung erhalten, von hohem und heiligem und wolluͤstigem Geist beseelt, ein wenig Ueberfuͤlle, wo sie seyn muͤsse, uͤppige sanfte Woͤlbung und wieder straffer Umriß sey aͤußerst selten, und ein Wunder in der Natur und man koͤnn es immer, wenn man es faͤnde, als das allergoͤttlichste auf diesem Erdenrund be- trachten. Es fiel mir nun freylich ein, daß sie hoͤher gluͤhte, wenn er von fern im Schatten die Laute spielte, oder mit seiner verfuͤhrerischen G Stim- Stimme zur Zithar sang; und sie selbst war es, was er bey mir schilderte. Ihr juͤngster Bruder, sie war das letzte Kind, konnt ihn gleich wohl leiden. Sie be- sahen sein Gemaͤhlde, und machten ihm daruͤber große Lobspruͤche; nur der Braͤutigam, eine kalte Staatsperuͤcke von widrigem Gesichte, tadelte ihm einiges ohne rechten Verstand, um nach dem gewoͤhnlichen Kniffe der Großen sich damit ein Ansehen zu geben, welches Ardinghello je- doch gefaͤllig aufnahm, indem er sich damit ent- schuldigte, daß die Mahlerey sehr schwer, und selten einer in allen Theilen nur ertraͤglich waͤre; und ruͤhmte dabey seine große Einsicht. Dieß gefiel ihm denn; und er fragte ihn wie einen jungen Mahlergesellen, ob er ihn und seine Braut ab- konterfeyen wolle? Ardinghello verbeugte sich, und erwiederte, daß ihm dieß großen Ruhm zu- wegebringen wuͤrde, wenn es nach Wunsch ge- laͤnge. Jener beschloß, ihn abrufen zu lassen, so so bald es sich schickte. Darauf ritten sie fort, nachdem sie ohngefehr ein paar Stunden ange- halten hatten. Den Abend blieben wir bey meiner Mutter. Sie freute sich uͤber den Beyfall fuͤr sein Gemaͤhl- de; und daß er durch diese Gelegenheit, beson- ders wenn noch die Portraͤte gefielen, in dem neuen Pallaste des Braͤutigams viel Arbeit be- kommen koͤnne. Geld sey da genug; und dieß brauchten die Mahler. Die gute Frau war fern, etwas weiter zu muhtmaßen; aber Ardinghello stellte sich auch so fromm an. Wir mußten bis spaͤt in die Nacht bey ihr aushalten, und er erzehl- te, um die Zeit auszufuͤllen, einige ruͤhrende Maͤhrchen. Wir machten noch vor Schlafengehen aus, den andern Morgen auf dem See ins Gebirg hinein zu schiffen, und zum Mittagsmal das Ge- hoͤrige mitzunehmen; ich brannte vor Verlangen, mehr und alles vom ihm zu erfahren. G 2 Die Die Voͤgel begruͤßten vielstimmend den neuen Tag. Die Sonne kam herauf im herrli- chen Lichtkreis am Ende der Bergstrecke des Monte Baldo, und schritt kuͤhn uͤbers Gebirg bey Verona im gelben Feuer; die Stirn, womit sie sich empor warf, war Majestaͤt, die der Blick nicht aushielt; und je voller sie herein trat: desto oͤfter mußte sich das geblendete Auge von dem goͤtt- lichen Glanze wegwenden, der doch so entzuͤckend nach der blinden Dunkelheit war, daß es immer durstiger sich in den koͤstlichen Strahlen be- rauschte. Breit lag der See da im Morgenduft, und die Huͤgel im duͤnnen Nebel; ein leises Wehen in der Mitte kraͤuselte die Wellen, und weckte seine Schoͤnheit wie auf, und machte sie lebendig. Die Haͤuserchen zwischen den Baͤumen am Ufer schienen allein zu schlummern mit ihrer Unbeweglichkeit, und weil die Menschen noch nicht heraus waren. Un- Unser Nachen wallte leicht mit vollgeschwell- tem Seegel uͤber die nassen Pfade. Es war ein heiter Wetter zu Anfang Oktobers, und einer meiner unvergeßlichen Tage. Sir- mio lag lieblich da in Strahlen und sonnte sich; und die unabsehliche Kette der Felsen dahinter, wie eine neue Welt, als ob sie bestimmt waͤre, lauter Titanen zu tragen. Suͤßer roͤhtlichter Dunst bekleidete glaͤnzend den oͤstlichen Himmel, und die wollichten Woͤlkchen schwebten still um den lichten Raum des Aethers, worin entzuͤckt in hohen Fluͤgen die Alpenadler hingen. Der See ist wuͤrklich einer der schoͤnsten, die ich gesehen habe, so reizend sind dessen Ufer, und zugleich majestaͤtisch und wild, mit so viel Abwechslung von Lokalfarben; und Licht und Schatten macht immer neue Scenen. Die Halbinsel Sirmio liegt in der That da, wie der Sitz einer Kalypso, um von da aus das Land zu G 3 be- beherrschen; und hat das praͤchtige Theater von ungeheuren Gebirgen vor sich. Wir kamen bey guter Zeit am bestimmten Ort an; und machten uns noch in der Kuͤhle den Berg hinauf. Als wir die erste Anhoͤhe erstie- gen hatten: lagerten wir uns in dem Waͤld- chen von Kastanien unten an den Quell der mit Epheu bekleideten Felsenwand ins weiche Gras, von hohen dunkeln Eichen und Buͤchen hier um- schattet; nachdem wir erst unsre Weinflaschen an den frischesten Platz gestellt, gerade wo der Sprung hervorstrudelte. Dem Schiffer sagten wir, er sollte vor Sonnenuntergang uns wieder abholen; und so blieben wir allein. Wir ruhten vom Aufsteigen aus, und streck- ten uns die Laͤnge lang auf die bequemsten Fleck- chen; noch niedrig beym Aufgehen hatte schon die Sonne durch die Staͤmme den Thau wegge- kuͤßt, und es war nun alles trocken. Wir ge- nossen vom neuen das Labsal des letzten Schlum- mers mers, als wir so fruͤh aus den Betten mußten: und die einzelnen Lichtstrahlen zitterten suͤß von oben schraͤg durch die bewegten Zweige auf unsre Au- genlieder, und schimmerten in die Daͤmmerung.„ O Sonn und Erde, rief endlich Ardinghello, wie gut macht ihrs euern Kindern, wenn sie sich selbst das Leben nicht verbitterten!“ und sprang auf. Auch ich rastete nicht laͤnger: der frische Duft der fortrieselnden Quelle machte den gan- zen Koͤrper doppelt rege. Ich nahm ihn in Arm, und ging mit ihm auf und nieder durch die Baͤume, und sagte:„ das ist doch nicht fein, da wir so lange beysam- men sind, und ich dich liebe, wie mein ander Ich, daß du mir noch nichts von deinen Lebensumstaͤn- den bekannt gemacht hast, und immer damit hin- ter dem Berge hieltest! So oft die Rede auf dei- ne Familie kam, bogst du davon aus, als ob du aus dem Kraute gewachsen waͤrest; was Caͤcilien G 4 be- betrift, laß ichs noch angehen, und deine Ent- schuldigung waͤre bey jedem andern gut gewesen. Lieber! versetzte er darauf, mein Schutz- geist hat mich davon abgehalten. Ich glaube, daß jeder Mensch einen Daͤmon hat, der ihm sagt, was er thun soll, und daß Sokrates nicht einen allein hatte; wenn wir nur dessen Stim- me hoͤren, und uns nicht uͤbereilen wollten. In je- dem Menschen wohnt ein Gott, und wer sein inner Gefuͤhl gelaͤutert hat, vernimmt ohne Wort und Zeichen dessen Orakelspruͤche; er kennt seinen eignen hoͤhern Ursprung, sein Gebiet uͤber die Natur, und ist nichts unterthan.“ „Ich stamme aus einem der guten Haͤuser von Florenz: mein Vater war Astorre Fresco- baldi, und meine Mutter, Maria, von der verfolgten Familie der Albizi! beyde sind nicht mehr, und ich bin allein noch uͤbrig, ihr erstes und letztes Kind. Mein Vater entbrannte in Leidenschaft fuͤr Isabellen, die dritte Tochter des des Cosmus , vermaͤhlt mit dem Roͤmer Paul Orsini : und sie gab ihm leicht Gehoͤr; er war noch jung, wohl gebildet, und hatte tausend Reize sie zu fesseln. Sie wurde gleichfals gegen ihn entzuͤndet; und in Abwesenheit ihres Man- nes, der von ihr wie geschieden lebte und sich meistens zu Rom aufhielt, hatten sie erwuͤnschte Gelegenheit, ihr Liebesspiel zu treiben. So ge- bahr sie denn zwey Toͤchter, von welchen wenig- stens die erste meine natuͤrliche Schwester ist. Sie hat sich hernach vielen Preis gegeben und mag wohl selbst nicht wissen, mit wem sie die uͤbrigen Kinder erzeugte; jung und schoͤn uͤber alle Weiber, voll Witz und Geist und Leben, und so durch Erziehung gebildet, daß sie Spa- nisch, Franzoͤsisch, und so gar Lateinisch spricht, verschiedne Instrumente spielt, wie eine Sirene singt, und Verse macht, oft aus dem Stegreif, herrschte sie am Hofe, wie eine Goͤttin, und that, was sie wollte. Noch jetzt uͤbt sie Gewalt aus, G 5 ob- obgleich der Scepter ihres Vaters ihr nur ent- wandt ist Fu amata dal Cosmo fuo padre, di maniera, che cra voce per la città, che egli avesse commercio carnale seco: sagt eine Floren- tinische Handschrift aus der damaligen Zeit hieruͤber. . Ihre Liebhaber verfolgten sich ei- ner den andern, und wie Sonne strahlte die Muhtwillige, ungestoͤrt vom Krieg der Elemente um sie herum; immer mit neuen Vergnuͤgungen beschaͤftigt, ließ sie ihre Geliebtesten im Elend ver- derben, und machte sich daruͤber keine Sorge. Ein goͤttlich schoͤnes Ding bloß fuͤr die Gegen- wart! ein Feuer, das alles aufzehrt, was sich ihm naͤhert. Mein Vater wurde das erste Opfer; der Herzog ließ ihn gefangen setzen. Er machte sich los, und fluͤchtete nach Venedig; und von dort in die Levante. Man zog seine Guͤter ein, un- ter ter Vorwand von Verschwoͤrung und Staatsver- brechen; meine Mutter starb daruͤber fuͤr Gram. Mich nahm meine Tante Lukrezia zu sich. O guter Freund, du weißt noch nicht, was ein kluger Tyrann thun kann! von fern sieht die Ty- gertatze schoͤn aus, wegen ihrer Staͤrke und Be- hendigkeit. Wenn Cosmus ein zweyter Augu- stus ist in Unterjochung der Freyheit und Wol- lust gegen seine Landestoͤchter, und in seinen Julien: so ist er noch viel grausamer, als sein Urbild. Durch ein bloßes Ohngefehr hab ich die beste Erziehung erhalten. Als Knabe folgt ich mei- stens meinem Hange, und wurde hernach bey dem gestoͤrten Hausfrieden durch die Leidenschaft meines Vaters gegen Isabellen wenig mit vor- gesetzten Lehrmeistern geplagt. Ich ging mit Kindern von allerley Klassen um, und die faͤhig- sten waren meine Spielgesellen; ich suchte sie zu uͤbertreffen im Laufen und Ringen und Schwim- men men im Arno und in listigen Streichen. Ich habe freylich manche Beule im Balgen und Fal- len davon getragen, bin aber davon weder ein Kruͤppel geworden noch gestorben. Mein Vater, ein muthiger tapfrer Mann, nahm mich im ersten zarten Alter einigemal mit zur See, wo er als Befehlshaber der Galeeren die Kuͤsten gegen die Korsaren bestrich: und die reinen großen ewigen Gegenstaͤnde erfuͤllten hier meine ganze Seele, und erregten maͤchtig alle Triebe zum Freyen und Edlen. Wie ich zum Juͤngling heran wuchs, hatten die bildenden Kuͤnste und hoͤhern Leibesuͤbungen den groͤßten Reiz fuͤr mich; und naͤchst diesen griechische und roͤmische Sprache und die Ge- schichte dieser hohen Voͤlker; auch hierin wollt ich jeden uͤbertreffen, und Gluͤck und Gestalt und Wesen fuͤhrte mich zu den besten Meistern. In der Zeichnung und Mahlerey kam ich auf die letzt unter die Haͤnde des Georg Vasari , der der zwar nie ein schoͤpferisches Werk hervorge- bracht hat, aber voll Kenntniß und Geschmack war, bey allen seinen Vorurtheilen. Der alte Schwaͤtzer blies wie ein Boreas mit vollen Ba- cken in meinen Enthusia s mus. Mein Vater, des- sen Augapfel ich war, ließ mir zwar nach seiner Jovialitaͤt, und nach Georgens Verheißungen, daß ich ein Licht werden wuͤrde, alles zu verdun- keln, freyen Willen: doch bracht er mich noch kurz vor seiner Gefangenschaft und Flucht zu verschied- nen philosophischen Koͤpfen, in deren Umgang ich nach und nach mich zu einer andern Richtung lenkte. Meine erste Neigung behielt aber immer die Oberhand. Ich glaube, die Hauptregel bey der Erzie- hung sey, den Kindern Zeit zu lassen, sich selbst zu bilden. Das beste, was man thun kann, ist, daß man die Triebe schaͤrft und reizt, ein Vor- treflicher Mensch zu werden, und ihnen die eigne Arbeit so viel wie moͤglich dabey erleichtert. Alle Na- tur, wenn sie groß und herrlich werden soll, muß freye Luft haben. Freylich muß der Stoff dazu in den Urkraͤften liegen; und ein guter Er- zieher sollte doch einiger maßen die Vortreflichkeit der Pflanzen kennen. Jeder gewaltige Geist wirft schon in der Kindheit, obgleich noch im Chaos und Nebel, helle Strahlen von sich. Alkibiades legt sich als spielender Knabe Wagen und Ochsen in den Weg, zwingt den Treiber zu halten; Scipio erkannte den kuͤnftigen Marius im jungen Soldaten. Ein einziger Gedanke, nur eine That, von scharfem tiefem Gefuͤhl oder vielfacher Ueberlegung entsprossen, obgleich noch roh auf verschiednen Seiten, ist eine gluͤckliche Vor- bedeutung; und so Schnelligkeit zu fassen und zu behalten: hingegen Allgehorsam und Frauba- sengutartigkeit, so beliebt bey Pedanten, eine ungluͤckliche; denn da ist kein Muht und keine Kraft. Alles, was in die jungen Seelen einge- trichtert wird, was sie nicht aus eigner Lust und Lie- Liebe halten, haftet nicht, und ist vergebliche Schulmeisterey. Was ein Kind nicht mit seinen Sinnen begreift, wovon es keinen Zweck ahndet, zu seinem eigenen Nutzen und Vergnuͤgen: das verfliegt wie Spreu im Winde. So ist die Natur des Lebendigen vom Baum und Gras an; und der Mensch macht davon keine Ausnahme. Jeder geh in sein Leben zuruͤck, und sehe, ob etwas von allem dem Vorzeitigen geblieben ist, wo nicht etwa bloß zum Verderb des Genusses. Viel Natur und wenig Buͤcher, mehr Erfah- rung als Gelerntes hat die wahren vortreflichen Menschen in jedem Stand hervorgebracht. Ein Kind muß erst den Boden kennen ler- nen, worauf es gebohren ist, Gewaͤchse, Thiere und Menschen, eh es etwas Auslaͤndisches fas- sen kann: sonst koͤmmt ein Papagay heraus. „Keine Schrift, sagt Plato mit Recht, und waͤ- re sie von dem aͤchtesten Trismegist, gibt mehr als Erinnerung der Dinge, die man schon kennt;“ und und ist fuͤr den, der sie nicht kennt, eben so un- bedeutend, als die Hieroglyphen fuͤr die Roͤmer auf ihren praͤchtigen Oblisken. Von der sinnli- chen Natur aber geht man hernach uͤber in die Geisterwelt; und macht in Entzuͤcken Bekannt- schaft mit den großen Griechen und Roͤmern, und allen außerordentlichen Wesen, die diese Nacht erleuchten. Als mein Vater einige Jahre weg war, fuhr er fort, bekam ich eine solche Sehnsucht nach ihm, daß ich nicht laͤnger bleiben konnte. Ich fuͤhlte die Ungerechtigkeit des Großherzogs wegen seiner buhlerischen Tochter erst recht lebendig; sah meine eigne Gefahr, und machte mich ohn- geachtet der Vorstellungen meiner Tante auf, und reiste ihm nach, ohne zu wissen, wo er sich eigentlich aufhielt. Ich ging unter anderm Na- men nach Venedig, um dort, waͤhrend ich ihn auskundschaftete, die Werke Tizians zu studie- ren, und vom Paul Veronese und Tintorett zu ler- lernen; und meine Tante schickte mir von mei- nem Muͤtterlichen, so viel ich brauchte. Paul gewann mich bald lieb, so wie der Greis Tizian, den ich in seinen letzten Tagen oft mit Singen und Spielen ergoͤtzte; und sie weyhten mich in verschiedene von ihren Geheimnissen ein, weil sie Auge bey mir fanden. Es war mir nun lieb, daß ich außer meinem eignen Vergnuͤgen noch etwas gelernt hatte, womit ich mich auf allen Fall durch die Welt schlagen konnte. Den Herbst vor meiner Bekantschaft mit dir erfuhr ich endlich, daß mein Vater zu Kan- dia als Hauptmann in Diensten eurer Republik stuͤnde, unter dem General Malatesta , einem Florentiner; dessen Sohn Cosmus in den Ar- men seines Vaters dort umbringen ließ, weil er mit seiner ersten Tochter Maria zu thun hatte, die er deßwegen selbst, der kalte Barbar ohne Eingeweyde, mit Gift hinrichtete. Ich war schon zur Abreise fertig, und wartete nur auf H ein ein Schiff zur Abfahrt, als meine Tante mir die neue traurige Nachricht meldete, daß auch er durch Meuchelmoͤrder, eben wie der junge Ma- latesta, laͤngst, noch vor dem Kriege mit den Tuͤr- ken, das Leben eingebuͤßt habe. Dieß traf mich wie ein Wetterschlag; ich schwur in meinem Her- zen hohe Rache, und kochte lauter Galle. Noch bis jetzt kann ich nichts ausrichten, wenn ich mein jun- ges Blut nicht fuͤr ein altes ausgemergeltes auf der Stelle hingeben will: aber das Verderben reift uͤber ihren Haͤuptern.“ Dem Edlen standen hier die Thraͤnen in den Augen, er warf sich nieder an die Quelle, mit dem Gesicht auf dem Boden; sein Inneres war beklommen; er schwieg, und knirschte mit den Zaͤhnen. Ich faßte ihn bey der Hand, und redt ihm zu: „mich jammert dein Schiksal, und du hast Recht zu zuͤrnen. Aber die Welt ist voll von Un- gluͤcklichern! und du kannst noch stolz seyn; wo sind sind diejenigen, die so viel Leben in ihrem In- nern haben, wie du, um alles zu bekaͤmpfen? Freude und Leid umtanzt und umringt wechselsweise je- den Menschen, und hierin ist kein Unterschied zwischen Koͤnig und Knecht.“ „O ihr Venezianer, fuhr er auf, und ihr Genueser habt gut reden! Euch hat kein Haus, wie uns das Mediceische, so niedertraͤchtig zu Grunde gerichtet, und ihr strahlt frohlockend in Osten und Westen von Italien wie das Zwil- lingsgestirn am Himmel; Toskana, die alte Glorie von Welschland, liegt da in Schmutz und Trauerkleidern, mit Ketten behangen von seinen eignen Soͤhnen.“ Unser Gespraͤch ging dann auf die Geschichte dieser Staaten uͤber, das hier zu weitlaͤuftig waͤ- re, und außer meinem Kreise. Es war schon gegen Mittag, und der Dunst vom Sonnenbrand auf den Gegenden benahm H 2 alle alle Aussicht; unten schien der See zu kochen, und eine ungeheure Feuerpfanne von geschmolz- nem Silber; Eydexen, Kaͤfer, Muͤcken und un- zaͤhlbare Insekten hielten in der Gluht ein allge- meines Fest, und die Grillen betaͤubten mit ihrem Gezirp wie ein Meerbrausen die Ohren: wir machten uns also an unsere Quelle in die gruͤne kuͤhle Nacht, wo die undurchdringlichen Eichen und Buchengewoͤlbe und Felsen maͤchtiglich vor der Hitze Dampf beschirmten. Wir staͤrkten uns mit Speise; und der fri- sche Purpursaft der Traube weckte unbezwinglich die Freude wieder in jeder Nerve. Wie ein Paar junge Goͤtter lagen wir da im Schatten, und unsre Augen und Lippen laͤchelten vom vergangnen Kum- mer wie die Blumen des Fruͤhlings von suͤßem Abendthau. O Jugend, o gluͤckselige Jugend; ach, warum verlaͤssest du uns so bald! Wir schwiegen, und uͤberließen uns der neuen Wonne; und plaͤtscherten, denn wir hat- ten ten Rock und Struͤmpfe ausgezogen, mit den Haͤnden und Fuͤßen in dem klaren Wasser; das ungern in die Waͤrme hinaus rann, um uͤber Klippen zu schaͤumen. Jeder von uns ahndete so das Gefuͤhl seiner Laufbahn. Nachdem wir lange in Genuß und Em- pfindung gelegen hatten, und mit den Wellen und Kieseln gespielt, und Kraͤutern und jungen Sprossen, brach ich zuerst das Stillschweigen, und fragte leise: und Caͤcilia ? „Ach, Caͤcilia, erwiedert er hastig, ist fuͤr mich verloren, ein schwarzer Unhold entfuͤhrt sie mir. Selige Augenblicke, wo an mir al- les Irdische sich bey ihr zu Geist erhoͤhte, ich vor mir selbst verschwand in einem Meer unterge- taucht von unsterblicher Reinheit und Klarheit! die Arme dauert mich; aber da ist keine Rettung, wo ein Gott nicht hilft. Das goldne Geschoͤpf hat uͤber mich vermocht, was ich nie glaubte. Unsre naͤchtlichen Zusam- H 3 men- menkuͤnfte in Venedig waren leider selten, und wir sahen uns einander nur bey groͤßter Sicher- heit. Noch waͤhrend dieser Zeit warb mancher um sie, so wie schon viele vorher um sie gewor- ben hatten; besonders der junge Bartholommeo F ** mit einer voͤlligen verliebten Raserey, uͤbrigens ein Mann, nicht ohne trefliche Eigen- schaften, wie du weißt, nur von geringem Ver- moͤgen: aber keine Parthie war ihren Eltern und Bruͤdern gut genug; und keiner von den Helden ergriff ihr Herz. Mir gab sie nach und nach alles Preis, Seel und Leib, nur die letzte Gunst ward mir vorbehalten; ihr Entschluß hierin war stahlfest und unwankbar: weder Beredtsam- keit, noch Gewalt, und die feinste Verschlagen- heit konnt etwas ausrichten. Sie hat mir gute Proben abgelegt, daß ein Weib vor der Verfuͤh- rung sicher seyn kann, wenn es nicht verfuͤhrt seyn will. Du magst immer daruͤber laͤcheln; aber sie hat es geleistet. Ich sehe dich in Gedan- ken ken fragen, was wir zusammen thaten? Was Adam und Eva, lieber Freund, ehe sie aus dem Pa- radiese verstoßen wurden: Wir lebten im Stan- de der Unschuld nach und nach; freylich ging dieß auf einmal aus der buͤrgerlichen Welt nicht, wo alles seine suͤndliche Bloͤße doppelt und dreyfach bedeckt. Wir offenbarten uns so wie von Ange- sicht zu Angesicht unser Innres. Du kanst mich immer zu dieser Zeit einen holden einfaͤltigen Schaͤferknaben nennen: aber ohne solche Vorberei- tung gelangst du nie bis in den achten und neunten Himmel; nur hoͤchstens auf die gruͤne Wiese, wo, wie man sagt, diejenigen hinkommen, die weder selig noch verdammt sind. Wer alle Him- mel durchwandert hat, und in jedem genossen und gelitten zum Aufflug in den hoͤhern: darf von dem Reiche der Liebe reden. Glaube nicht, daß ich hier wie Petrarca schwaͤrme; dieser war ein armer Suͤnder, und hing nur am Schein, nie an der Wirklichkeit; er hat mit seinem Geaͤchz und Jam- H 4 mer mer schier unsre ganze Poesie zu Grunde gerich- tet. Die Thoren seufzten ihm Jahrhunderte lang nach, und mancher besang bey einer feilen Dirne die Grausamkeit der beruͤhmten Provenza- lin in unertraͤglichem Einerley, anstatt die ver- schiednen Reize der Erdentoͤchter, in ihrer Man- nigfaltigkeit, wie die heitern Griechen aufzuem- pfinden. Er selbst zwang die kluge Frau zur un- erbittlichen Strenge: sie schwebte ja in augen- scheinlicher Gefahr, daß er bey der ersten Gunst noch einen Band Sonette, und beruͤhmtere Oden auf etwas anders als ihre schoͤnen Augen machte.“ “An Planen von Entfuͤhrung und ewiger Verbindung wurde von uns im Anfange stark gearbeitet; aber weil wir keine Luftgestalten waren und Sinn hatten, und sie auf keine Weise von ihrer Familie lassen wollte, die sie allzuzaͤrtlich liebte, und besonders ihre Mutter todt zu kraͤnken befuͤrchtete: legten sie sich bey naͤherer Bekannt- schaft schaft nach und nach. Wir sahen die mißlichen Folgen bey den großen Hindernißen zu deutlich; und erkannten inzwischen innig, daß die Natur unter allem buͤrgerlichen Verhaͤltniß bey Men- schen von reiner Empfindung und klarem Begriff immer durchgeht, trotz allen Gesetzen. Sie rich- ten sich zwar im Aeußerlichen nach der Ordnung des großen Haufens: betreiben aber im Geheim ihre eigne Art von Gluͤckseligkeit, ohne welche kein Leben Werth hat. So verstrichen denn die himm- lischen Tage, und wir ließen die Goͤtter walten. Eben im Fruͤhling nach geschloßnem Frieden kam endlich Mark Anton G *** aus Grie- chenland daher gestuͤrmt mit neuem Gold und Schaͤtzen. Sein Weib und seine zwey kleinen Kinder, Toͤchter, waren dort an der Pest ge- storben; und die heißen Strahlen, die Caͤciliens Schoͤnheit von sich warf, schienen waͤhrend der ersten Besuche bey ihren Eltern gerade den Reiz zu haben, zu andern Erben fuͤr sein Vermoͤgen. H 5 Gleich Gleich einige Wochen nach seiner Ankunft hielt er um sie an: und sie ward ihm versprochen, und mußte drein willigen; ob er gleich schon in die Vierzig, sie erst mannbar ist, und ihn nicht leiden kann; aber er hat seine großen Besitzun- gen bey seiner Statthalterschaft in Kandia noch reichlich vermehrt mit Grausamkeiten und Erpres- sungen, und Unterschleiffen in Verhandlungen mit den Tuͤrken, steht in großem Ansehn; und ihre Familie, obgleich bemittelt, bedarf doch wegen ihrer Bruͤder einer solchen Verwandschaft. Unser Liebesknoten schlang sich dadurch nur fester; jedoch drohte das nahe Hagelwetter in der Ferne, die Blumen aller unsrer Freuden zu zerschlagen.” Mein Aufenthalt diesen Sommer hier am Lago in kurzen Lustreisen von Venedig aus war schon beschlossen, eh ich mit dir bekannt wurde; und dein Antrag mit dir zu ziehen, setzte mich anfangs in Verlegenheit: allein ich wußte nun der Sache keinen bessern Raht. Auch Caͤcilia, die die aͤußerst besorgt ist, wurde furchtsam daruͤber; doch ist alles in so weit nach Wunsch abgelaufen. Hier kamen wir weit oͤftrer zusammen. Sie hat ihre Wohnung auf dem Gut in dem Garten, gerade vor einer Pflanzschule von jungen Baͤu- men, nicht weit von einem Brunnen mit einem weiten Marmorbecken, von hohen Ahornen umgeben, wo man sehr bequem uͤber die Mauer klettert. Sie kan von der Seite zu einer Thuͤr herein; und uͤber dieß ist ein Fenster in ihr Zim- mer wegen des Lattenwerks fuͤr die Reben daran leicht zu ersteigen; welches ich aber doch, aus Furcht gesehen zu werden, nur einigemal die letz- ten Naͤchte, wo es voͤllig Dunkel war, und weder Mond noch Stern leuchtete, um die Umschweife zu ersparen, gewagt habe: und ich erstieg immer damit alle neun Himmel; mit der Nachricht von der Ankunft des Braͤutigams zur Hochzeit er- obert ich endlich, ach, unter wie viel Schmeiche- leyen, beredten Bitten, heißen Wollustkuͤssen und und Gewaltthaͤtigkeiten! das heilige Palladium; umrungen von Glanz und Feuer, jede Fieber suͤße Wuht.“ Ardinghello hatte sich bey den letzten Reden von mir abgewandt, und hielt nun sein Gesicht in den frischen klaren Quell hinein, um die Gluht davon abzukuͤhlen. Wir machten uns vom neuen uͤber die Fla- schen her, und ich gab ihm den Raht, weder sie noch ihn zu mahlen, und lieber sich zu rechter Zeit zu entfernen; die Sache kaͤme mir allzugefaͤhrlich vor. „Flieh du, antwortete er, wenn du keinen Willen hast, und dir die Fuͤße gebunden sind! ja, fliehen moͤcht ich, aber mit ihr; jedoch, wohin?“ Schon senkte sich der Tag, und der Abend ruͤckte naͤher; wir erstiegen noch die Hoͤhen, und uͤbersahen weit die Lombardey und ihre Lustreviere. Beym Heruntergehen nahmen wir einige Zeich- nun- nungen von reizenden Winkeln und Aussichten ab; fanden alsdenn unsern Steurmann auf uns warten, verließen Quell und Waͤldchen und den leichten erhebenden Aether: wandelten wieder in die Tiefe, und segelten unter dem lieblichen Zauberspiel von Abendroͤthe nach Hause, zwischen den Gesaͤngen frohlockender Winzer uͤber den Seegen des Herbstes. Ardinghello wagte noch dieselbe Nacht eine Zusammenkunft mit Caͤcilien. Sie hielten Raht, und es wurde beschlossen, daß er die Portraͤte mahlen sollte; indem es anstoͤßig seyn wuͤrde, und sogar Verdacht erregen koͤnnte, wenn er es nicht thaͤte. Uebrigens verließen sie sich auf ihre Gegenwart des Geistes und Verstellungsgabe, und nahmen deßwegen die sichersten Maaßregeln. Den dritten Tag darauf holt ihn auch ihr juͤngrer Bruder dazu ab, und er begleitete ihn mit allen Zugehoͤrigen; der Braͤutigam wolte ihr Ebenbild noch vom Stand ihrer Jungfraͤulichkeit. Sie Sie haͤtte gar nicht noͤthig gehabt ihm zu sitzen; aber er zauderte mit Fleiß, und schien auf Nichts acht zu geben, als die eigensten und bedeutendsten Zuͤge von ihr recht zu fassen. Er bat sie, so ganz bloß als unbekannter Mahler, sie moͤchte sich nur voͤllig frey ihrem Wesen uͤberlassen, und thun wie sonst in der Gesellschaft, oder als ob sie al- lein waͤre; er muͤsse von selbst aus den mancher- ley Bewegungen ihrer Seele auf der Oberflaͤche des Koͤrpers ihren Charakter abnehmen, und sei- ne Phantasie das Ganze bilden. Ein gutes Portraͤt sey platterdings keine bloße Abschrift, und es gehoͤre dazu das tiefste Studium des Men- schen, wovon er noch leider weit entfernt, wozu er auch zu jung waͤre; aber er wolle nach Ver- moͤgen das Seinige thun. Ihre Mutter war immer dabey zugegen, und der Braͤutigam, und einige von seinen und ihren Verwandten gingen auf und ab. Caͤcilia war sehr aufgeraͤumt, sprach und scherzte, und hat- hatte die Mahlerey zum Besten; schien zwar dem holden Juͤngling in seiner Beschaͤftigung gern zuzusehen, warf so gar unverstellte Blicke auf ihn, wie man auf Schoͤnheit wirft: aber alles wie fremd und zum erstenmal; und ihre Worte hatten im- mer etwas von dem vornehmeren Ton gegen einen, den man fuͤr seine Arbeit bezahlt. Die erste Sitzung geschah des Nachmittags gegen Abend. Nach wenig Umriß und Zeich- nung fing er sogleich am Kopf an zu mahlen. Sie saß den andern Morgen beym Fruͤhstuͤck noch einmal; und dann wollt er sie nicht weiter plagen, außer bey der Vollendung, um hier und da nach- zuhelfen. Den Nachmittag und ganzen dritten Tag und vierten Morgen bracht er damit fast allein zu: und siehe da! sie kam heraus wie voͤl- lig lebendig. Alt und jung bewunderten die er- staunliche Gleichheit. Er hatte sie in einem leichten soͤmmerlichen Morgenanzuge vorgestellt, meist von gruͤner Seide, worunter die vollkomm- nen nen Formen ihrer jugendlichen Glieder reizend aufwallten, und durchleuchteten. Sie stand in Lebensgroͤße, nachdenkend, wie geruͤhrt, in die Zukunft blickend, den Kopf in der linken auf einen Pult gestuͤtzt, in einem Zimmer, wo durch ein ganz ofnes Fenster die Aussicht auf den See ging, an welchem Sirmio in der Naͤhe und ein wenig blaue Ferne von den Gebirgen wohl ange- bracht waren. Ardinghello hatte im Gesichte schoͤne Zuͤge von ihrem Charakter ausgespaͤhet, die sich nachher erst entwickelten. Den fuͤnften Nachmittag gab er sich an den Braͤutigam. Nach den ersten Umrissen gestand er ihm gleich, daß ihm sein Kopf sehr schwer vor- komme; und daß er noch keine rechte Idee von der urspruͤnglichen Einheit seines Charakters in der Einbildung habe. Mit allen großen Maͤn- nern muͤss’ ein Kuͤnstler lange leben, um nur eine von ihren bedeutendsten Aussenseiten in taͤu- schender Wahrheit fest zu haschen; und uͤberhanpt sey sey es schier unmoͤglich, irgend Jemand sicher darzustellen, den man nicht an Geist und Kraft gewisser maaßen uͤbertreffe. Es ging hierbey im Mark Anton eine ge- waltige Veraͤnderung vor, und er erroͤthete, und wurde wieder blaß augenscheinlich; so daß er aufste- hen und ans Fenster gehen und Ardinghello ein- halten mußte. Dieser faßte darauf all sein Bewußtseyn zusammen; und jener kam nach einer langen Pause wieder und setzte sich. Ardinghello zeichne- te vom neuen, und ihre Blicke begegneten sich einander wunderbar: die des Ardinghello hell und durchdringend, doch von aufgewuͤhltem Her- zen, flamten in die seinigen, wie in eine duͤstre Nacht voll Irrfeuer. Mark Anton fragte ihn endlich, ob er sich schon lange in Venedig und der Gegend aufhalte. Ardinghello antwortete mit Besinnung: „es ist noch nicht lange; die Werke des Tizian, und J Paul Paul von Verona, und Tintorett haben mich dahin gezogen; und auch am Johann Bellini ist noch zu studieren, und andern; besonders aber an der herrlichen Menschenart zum Kolorit.“ „Seyd ihr aus Florenz selbst?“ verfolgte er ferner.“ Ja; „war die Antwort.„ Und euer Vater?“ „Mein Vater ist todt, und meine Mut- ter ist todt, ich ohne Geschwister bin allein uͤbrig.“ „Wer war er, was trieb er?„ diese Frage machte Ardinghellon endlich ungeduldig, er schnickte den Pinsel aus, und antwortete: „er war ein Schwertfeger und machte gute Klingen.“ Bey diesen Worten trat Caͤcilia herein, und hemmte das Gespraͤch; denn sie waren vor- her ganz allein. „Nun, gehts gut?“ fragte sie laͤchelnd. „Es wuͤrde besser gehen, antwortete Ardinghello, wenn ich das Gluͤck gehabt haͤtte, Ihro Excellenz laͤnger zu kennen.“ An mir ist nicht so viel gelegen, erwiederte der Braͤutigam, wißt wißt ihr was, laßt es fuͤr jetzt gut mit mir seyn, und macht die Signora vollends fertig. Wir werden naͤher bekannt werden, und kuͤnftigen Winter einmal ists bessere Zeit,“ „Wie sie befehlen, versetzte Ardinghello.“ und ruͤckte die Staffeley weg. „O nein, sprach heftig Caͤcilia, im Winter gibts lauter Nebel und Regen, und keine gute Luft zum Mahlen!“ „Nun gut, sagte der Braͤutigam, da kann es ja noch nach unsrer Vermaͤhlung hier geschehen. Jetzt bin ich ohne dieß zu sehr beschaͤftigt; und kann nicht so ruhig seyn, wie Sie, mein Herz.“ Sie nahm ihn bey der Hand, und sah ihn zaͤrtlich an, und fuͤhrte ihn fort. Ardinghello gab seiner Zeichnung einen Nasenstuͤber, brachte die Sachen in Ordnung, und ging darauf von ihrem Gut, und kam zu mir nach Hause. Er erzehlte mir, was vorgegangen sey: und mir wurde daruͤber warm im Kopfe. Ich konn- J 2 te te nicht anders glauben, als Mark Anton habe Lunte gerochen; und warnte und beschwur ihn mit Bitten instaͤndig, aͤußerst auf seiner Hut zu seyn, und fuͤr jetzt sich ganz stille zu halten. Er aber meynte, seine Art roht und blaß zu wer- den muͤsse von etwas anderm herruͤhren, als Eifersucht; so viel er sich selbst fuͤhle und an an- dern beobachtet habe, offenbare sich dieselbe auf eine andre Weise. Jedoch sey wahr, daß die Grundverschiedenheit der Menschen hierin son- derbare Abweichungen mache. Inzwischen haͤtt er sich noch nirgend so betrogen, wenn dieß Eifer- sucht seyn solle; auch reime sich dieß nicht zu sei- nem uͤbrigen Charakter, wie er ihn aus Hoͤrensa- gen und den wenigen Augenblicken kenne. Daß er auf seiner Hut seyn wuͤrde, dafuͤr brauch ich nicht zu sorgen; aber ein Feiger nur flieh alle Gefahr. Man muͤsse Stand halten, mit uner- schrocknem Muht, so lange das Verderben nicht unuͤberwindlich einbraͤche; dieß allein rette und begluͤcke den Mann. Sein Sein Verdacht auf etwas anders; und ein wahrsagerischer Geist geb ihm ein, der Statthalter von Candia sey bey Ermordung seines Vaters nicht ganz außer Spiele gewesen; und die Aehn- lichkeit seiner Gestalt ihm aufgeschossen. Mir fiel heiß hierbey ein, daß Mark An- ton, vor seiner Statthalterschaft von der Repu- blik abgeschickt, einige Zeit zu Florenz gestanden und mit dem Großherzog auf einem so guten Fuß umgegangen sey, daß er seinen schwierigen Auf- trag gluͤcklich ausgefuͤhrt habe; ich schwieg jedoch hiervon stille, um nicht Oel ins Feuer zu gießen, und sagte im Gegentheil: dieß kaͤme mir nicht wahrscheinlich vor, er solle sich deßwegen nichts in Kopf setzen. Den folgenden Morgen bracht er das Bild dahin, daß es im Rahmen konnte aufgespannt werden; und bekam fuͤr seine Arbeit von Caͤcilien J 2 selbst selbst einen schoͤnen goldnen Ring mit einem kost- baren Rubin zum Geschenk, der gerad an den Herzensfinger seiner linken Hand paßte. Dieß gefiel ihm denn; und er freute sich, und lachte dar- uͤber, wie die Dinge dieser Welt so sonderbar un- ter einander laufen. Am dritten tag hierauf sollte das Beylager gehalten werden, alle An- stalten dazu waren schon gemacht, und die Nach- barschaft zu einem festlichen Ball eingeladen. Ardinghello ging inzwischen tiefsinnig her- um, aß wenig und trank viel, und konnt es nicht laͤnger verbergen, daß er vom Stempel der Liebe maͤchtig gezeichnet war; er mied alle Gesellschaft. Morgens, Abends und des Nachts kam er nie auf sein Zimmer, und schlief nur des Mittags. Ich hatte mit dem Armen Meitleiden : aber da war nicht zu rahten; er hoͤrte wie ein Meersturm. Die ersten Stunden der Nacht am Tage vor der Hochzeit trat er auf einmal ploͤtzlich hastig auf mein Zimmer, blaß und fuͤrchterlich; ich schrieb eben eben an einem Briefe. Wie ich ihn aber so er- scheinen sah: fiel mir die Feder aus der Hand, und ich sprang auf: „was gibts, was hast du?“ „Mein Argwohn war nur zu gut gegruͤndet, hoͤre!“ sprach er, und ging mit mir zum aͤußer- sten Ende von der Thuͤr weg. „Du kennst den schoͤnen einsamen Platz, wo die großen babylonischen Weiden vom hohen Felsengestad herunter nach dem See hangen, und das Ganze zu einer stillen melancholischen Ver- tiefung sich einschließt: dahin war die letzte Zeit immer mein liebster Spaziergang; schon vorher sind wir dort beysammen gewesen. Auch diesen Abend ging ich dahin, und nahm einmal ein In- strument mit. Es fing an zu daͤmmern, als ich noch auf der entbloͤßten Wurzel der vordersten Weide nach dem Thale zu saß, und meine Lei- den sang. Der Inhalt von meinem Liede war: Ach, mein Vater todt, meine Mutter todt, mei- nes Lebens Lust in fremder Gewalt! ist dieß nicht J 4 ein ein junges Herz zu brechen? Saitenspiel klags mit mir! Und bey den Worten, nach dem Blick und der Empfindung: Fluͤsterst du Luͤftchen in den Blaͤttern mir Trost zu? kams uͤber mich, als ob ich meinen Vater vor mir und mir winken saͤ- he. „Warum erscheinst du, was verlangst du von mir?“ rief ich und sprang auf. Zugleich er- blickt ich nicht weit von mir einen Kerl mit dem Messer in der Hand, welcher alsbald davonging mit diesen Worten: „flieh junger Mensch, du dauerst mich, ich sollte dich ermorden! Flieh so geschwind du kannst, so weit dich deine Beine tragen, und meide den Mark Anton. Schon wurde durch ihn dein Vater umgebracht. Mei- de das Gebiet des Großherzogs.“ „Mir wurde dabey das Herz im Leibe umgekehrt; aber ich besann mich doch nicht lange, sondern riß meine Pistole hervor (er ging auf seinen Wegen nie ohne Gewehr aus) und jagte ihm von der Seite eine Kugel durch die Brust, daß er auf auf der Stelle stuͤrzte.“ Stirb Elender, fuͤr dei- ne Schlechtigkeit in der Schlechtigkeit, und be- reite das Quartier deinem Patron in der Unter- welt! „vernahm er noch die Antwort. Darauf gab ich ihm noch einen sichern Stoß mit seinem eignen Messer, und waͤlzte den Koͤrper in die Dornen und das Gestraͤuch hinein, den Felsen hinunter. Niemand war schon laͤngst mehr auf dem Felde, und es schon finster; und der Ort ist uͤberhaupt, wie du weißt, voͤllig abgelegen. Den Kerl erkannt ich noch, wie ich ihn naͤher besah; ich habe vor kurzem in einem Wirthshause zum Zeitvertreib mit ihm a la Mora gespielt, und ihm nicht allein seinen Verlust geschenkt, sondern die Zeche oben drein bezahlt.“ Dieß entsetzte mich; ich sah die graͤßlichen Folgen bey seiner kuͤhnen Entschlossenheit voraus, und wußte nichts zu antworten, als: „es ist un- geheuer!“ J e „Du „Du sollst nichts dabey zu thun, und nichts dabey zu verantworten haben, fuhr er fort; nur beschwoͤr ich dich beym Himmel und deinem letzten Tropfen Liebe zu mir, laß michs ausfuͤhren, ei- nen haͤßlichen politischen Meuchelmoͤrder mehr aus der Welt zu schaffen. O Vernunft breit al- len deinen heitern Aether in meinem Verstand aus, daß ich kalt genug zu Werke schreite! wenn er morgen auf der Hochzeit mit dir von mir spre- chen sollte: so sage nur, du habest mich die letz- tern Tage nicht gesehen, ich streiche so oft im Lan- de herum, und suche Schoͤnheit in Gegenden und unter Menschen; und gieb im uͤbrigen auf alles Acht was vorgeht, besonders auf dem Ball in der Nacht.“ Ich war betruͤbt von allen diesen Dingen, und wußte mir nicht zu helfen. Es war da kein Naht, als entweder ihn oder den andern aufzu- opfern; und vor dem ersten Gedanken schauder- te meine Seele, wie vor ihrem Nichtseyn; den koͤ- koͤniglichen Juͤngling vom raͤcherischen Arm der Natur bewafnet, voll innerm Gehalt, der uͤber- all hervorstrahlt: oder den mißgeschaffnen Boshaf- ten, der das Vortreflichste aus kleinlicher Leiden- schaft und elendem Interesse wegtilgt? es fand weder Wahl noch ein ander Mittel statt. Ich gab ihm nach der Ueberlegung zur Ant- wort: „Du sollst mich als deinen Freund erken- nen; an deinem Muht und deiner Klugheit im uͤbrigen darf ich nicht zweifeln. Jedoch bedenke vorher, was du thust, und daß dein Leben selbst dabey in aͤußerster Gefahr ist.“ Was soll mir ein Leben, das Sklaverey duldet und Unrecht leidet? erwiederte er, schaͤnd- liches Unrecht! und das grausamste! O ich weiß, daß das ewig lebt, was in mir lebt; und daß dieß keine Gewalt zu Grunde richtet. Ich war, was ich bin, und werd es seyn: ein edler Geist, den sein goͤttlich Urwesen durch alle Zeiten von der Drangsal niedriger Verbindungen immer bald erloͤsen wird. O waͤ- O waͤren viele wie ich! der Tyranney unter unserm Geschlecht sollte bald weniger seyn. Aber da fuͤrch- ten sie sich vor dem Woͤrtchen Tod, und glauben sie waͤren das, was da kalt und bleich und starr aus- gestreckt auf dem Brete liegt, da es nur das Ge- spenst der eigentlichen Unterwelt ist, das ihre nie- drigre Gattung von Wesen nach seinen jaͤmmerli- chen Beduͤrfnissen herumfoltert, und alle reine Seele mit Apostelstimme den verachtet, der kei- nen Muht hat zu sterben, und sich von dem Elend frey zu machen.“ Mich duͤnkte, einen Gott reden zu hoͤren: so stolz und groß stand der Mensch vor mir; ich mußte ihn an mein Herz druͤcken. Allein der mißlichste Pnnkt bey der Sache war Caͤcilia; dieß machte ihm am meisten zu schaf- fen, und er uͤberlegte auf allen Seiten. Er glaub- te, daß es endlich auch hier gehen wuͤrde, und sey der Gewalt sicher, die er uͤber ihren Willen habe! sie selbst ins Spiel verflochten, und der au- außerordentlichen Biegsamkeit ihres Geistes und ihren andern Faͤhigkeiten die Rolle nicht zu schwer. Er muͤsse das aͤußerste wagen, sie diese Nacht noch zu sprechen: es waͤre nohtwendig, daß sie sich vor- her darauf bereite. Uebrigens sahen wir immer klaͤrer in dem, was vorgegangen war. Mark Anton stieg nicht aus bloßer Hoͤflichkeit bey seiner letzten Ankunft an unserm Haus ab, da er es bey den vorigen Besuchen nicht that, die er bey seiner Braut ab- legte; der Großherzog mochte Wind bekommen haben, wie der junge Frescobaldi heranwaͤchse, und daß kein bloßer Mahler in ihm stecke, weß- wegen ihn der Adel zu Florenz gewissermaßen ver- achtete; und wollte bey Zeiten der gefaͤhrlichen Brut den Nacken brechen. Der Moͤrder des Vaters hatte denselben in Venedig ausgekundschaf- tet, und sein eigen boͤs Gewissen dazu angetrie- ben. Das andre ergab sich von selbst: er ließ ihn bey sich mahlen, um ihn genauer kennen zu lernen, und ober wirklich ge- faͤhr- faͤhrlich waͤre; und Ardinghello beschleunigte mit den ohne alles Arg gesagten Worten: er war ein Schwertfeger und machte gute Klingen; die ihm vielleicht der Zorn des Himmels eingab, dem Verbrecher das Todesurtheil anzukuͤndigen, sei- nen Untergang, wenn es nicht anders verhaͤngt gewesen waͤre. Der Ursprung dieser Begebenheiten war uns aber damals unbekannt, und Ardinghello erfuhr ihn erst, als er wieder nach Florenz kam. Mark Anton verliebte sich dort gleichfalls in Isabellen, und bracht es so weit mit seinem Geld, und sei- ner ihr neuen gefaͤlligen venezianischen Mundart, daß auch ihm, der Seltenheit wegen, eine Zu- sammenkunft versprochen wurde. Allein statt des gehofften Vergnuͤgens fand er durch geheime Veranstaltung des Vaters von Ardinghello in ihrem Zimmer eine alte magre Ziege angebun- den; und schlich wieder davon, als ob er nicht da gewesen waͤre. Laͤcherlich dadurch bey ihr gemacht, gemacht, hatte die ganze Liebesgeschicht ein Ende. Mark Anton nahm dies zwar nicht wie einen lustigen Streich bey dergleichen Laufbahnen auf die leichte Achsel; doch konnt er sich sogleich nicht raͤchen, und lies die Sache lieber im Verborgnen. Der Großherzog, in der Folge davon benachrich- tiget, gebrauchte ihn hernach, als ein Mann, der seine Leute kannte, zu seinen Absichten. Ardinghello, noch Knabe, bekuͤmmerte sich nicht um solche Dinge. So entstehen immer die wichtigsten Folgen aus Kleinigkeiten. Ich gieng darauf zu meiner Mutter; und er schloß sich auf sein Zimmer. Um Mitternacht schlich er heraus, und stieg in Caͤciliens Garten. Sie hatten sich gleich im Anfang ihrer Liebe Zei- chen fuͤr Augen und Ohren erfunden, die kein andrer Mensch verstand und die ohne allen Ver- dacht waren. Sie vernahm ihn, und erschrack: diese Zeit uͤber sollte keine Zusammenkunft mehr gehalten werden; und besann sich, ob sie kom- men men oder nicht kommen wollte. Als er aber darauf das Zeichen gab, wo alles mußte gewagt werden; denn auch dieß hatten sie, im Fall, wo sie sich die hoͤchste Gefahr entdecken mußten: so ging sie zit- ternd nach der Thuͤr, und ihr sanken die Kniee ein. „Caͤcilia, sprach er zu ihr, wie sie im verbor- gensten Buschwerk an der Mauer beysammen wa- ren, ich bin verloren, wenn ich deinem Braͤuti- gam nicht zuvorkomme; „und erzehlte ihr die Begebenheit den Abend mit dem Banditen, und alles in wenig Worten, was sie noch nicht wuß- te.“ Morgen Nachts, wo nur immer moͤglich, schaff ich ihn aus der Welt, und ich hoff, es soll bey dem festlichen Geraͤusche nicht an Gelegenheit fehlen, wenn du nicht lieber mich willst hinge- richtet sehen. Jedes Wort war ihr ein Donnerschlag. „O welch ein Sturm waͤlzt sich uͤber mich her! rief sie aus, entsetzt, nach langer Betaͤubung; schon schon tauml’ ich mitten in den erzuͤrnten Wogen von Abgruͤnden geworfen, und alle Winde rasen. Ach, waͤre ich mit dir aus dem Schiffbruch auf einer wuͤsten unbewohnten Insel nur! Aber wir gehen unter in den wilden Fluhten. Mir sagts mein Herz, erwiedert er darauf, daß wir gluͤcklich der Gefahr entkommen. Habe Muht, himmlisch Wesen! der Wellen Ungestuͤm verletzt kein Gestirn; es tritt desto glaͤnzender bald wieder auf, und strahlt in ewiger Klar- heit.“ Niemand weiß von unsrer Liebe (der Edle wollte seinen Freund auf alle Weise außer Ge- fahr setzen). Niemand weiß von dem schaͤndlichen Vorhaben des Mark Anton gegen mich; sein Spion und Moͤrder meines Vaters modert schon zwischen Klippen und Dornen: solche Dinge vertraut man nicht, außer gegen wen man muß. Der Großherzog ist noch weit von hier, mich soll er K so so leicht nicht in die Schlinge bekommen. Schlage mich aus dem Sinn die kurze Zeit des Getuͤm- mels, und thu, als ob du von mir nichts wuͤß- test: und du bist sicher. Ueber mich waltet die Vorsicht: sonst waͤr ich dem Tod nicht entgangen, und sie haͤtte mir meinen Pfad nicht gezeigt.“ „O wie kann ich dich, Geliebter, einen Augenblick vergessen? Wie kannst du vergessen meine Seeligkeit und mein Leiden?„ fiel sie ihm mit Thraͤnen an seine hochklopfende Brust; fuhr aber bald hastig auf und ergriff ihn, zuruͤckstoßend, klammernd bey der Hand: „fort von hier, uͤber Berg und Thal, laß mich! O haͤtt ich dich nie gesehen, o ich Ungluͤckselige! Ich beschwoͤre dich bey aller unsrer Wonne, bey deiner und meiner Liebe, stuͤrzte sie sich ihm zu Fuͤßen, und umwand seine Knie: uͤberwaͤltige dich meinetwegen, der Ruhe meiner Familie wegen, verschiebe wenig- stens die Rache! Mich fesselt das grausame Schik- sal sal mit eisernen Ketten an mein Elend, und ich kann ihm nicht entrinnen: du aber geh in ein an- der Land, sey gluͤcklich bey allen deinen Vollkom- menheiten, und laß mich. O Gott, schluchzte sie, wer weiß, wenn und wie und wo, und ob wir je uns wieder sehen!“ „Ardinghello umwand sie fest mit seinen Ar- men, und traͤufelt ihr mit der Stimme des lebendig- sten Gefuͤhls ins Ohr: welche sklavische Furcht hat sich deiner bemeistert! komme wieder zu dir, und rede mit Besinnung Es siege die Liebe, die in der Natur allen andern vorging, und die Gerech- tigkeit! hast du keinen Blick in die Tage der Zu- kunft? einem solchen boͤsartigen Ungeheuer wolltest du an der Seite liegen, und deine glaͤn- zende Wohlgestalt von ihm schaͤnden lassen, in lauter Gram und Ekel, da die edelsten Juͤnglin- ge voll Eifer und Feuer vor dir schmachten? hat dieß so maͤchtig wallende Herz in deinem Busen so wenig eigne Kraft, daß es nichts fuͤr sich thut: K 2 son- sondern seine angebohrnsten Regungen nach an- drer Willen umlenkt? O Caͤcilia, erhabenes We- sen, erkenne deinen Werth! zu deinem eignen Wohl, und weil ich dich kannte, vertraut ich dir das Geheimniß.“ „Soll ich den Schlechten verklagen, ihn zu einem Zweykampf herausfordern? wie albern! Warten in der aͤußersten Gefahr? wie thoͤricht! ihn gehen lassen, dulden, leiden, schweigen und mich davon machen? O ich waͤre nicht werth, dich an meine Seele zu fassen, nicht werth auf diesem Boden zu athmen, tief tief unter der Erde, der armseeligste halbzertretenste Wurm muͤßt ich seyn.“ Die Zeit ist edel, wir haben keine Worte zu verlieren; ich sage dir aus dem Buch des ewi- gen Verhaͤngnisses: Mark Anton, der nieder- traͤchtige Meuchelmoͤrder muß sterben von mei- ner raͤcherischen Hand fuͤr alle seine Bosheiten; oder du du mußt mich und dich dem Tod und der oͤffent- lichen Schmach Preis geben. Es findet hier kei- ne Wahl statt, und ich kenne dazu genug dei- nen hellen Geist und deine hohen Gefuͤhle. Meinetwegen hab in jeder Ruͤcksicht keine Sor- ge: fuͤr dich wird dein scharfsichtiges Auge leicht den Ausweg finden, und deine Gewandtheit ohne Verletzung und Gefahr daruͤber, weg- gleiten.“ „Nun, so fuͤrchte denn alles, unerbittliches Felsenherz! versetzte sie ihm aufgebracht; und wenn du sicher seyn willst: so zuͤcke den Stahl zuerst auf mich. O herbeygefuͤhrt durch die Luͤfte, steh ich an dem Kessel eines Feuerspeyenden Ge- buͤrgs, Verderben rund um mich, und mir ver- gehen die Sinnen. O koͤnnt ich mein unabsehli- ches Elend aller Unschuld zur Schau aufstellen, und sie damit vor dem ersten Fehltritt warnen!“ K 3 Ar- Ardinghello konnt ihr nicht mehr antwor- ten, so schnell riß sie sich von ihm fort nach ihrem Zimmer; doch drehte sie sich unterwegs noch eini- gemal um, kam aber außer sich, nicht wieder zu- ruͤck. Er sagte mir Anfangs von dieser Unterredung nur so viel, daß sie ohngefehr den von ihm er- warteten Ausschlag genommen habe. Den andern Morgen in aller Fruͤhe geschah die Trauung. Cacilia erschien am Nachmittage, wo das Gelag war, reizender als je; Schlaflo- sigkeit, und die bestaͤndige Ueberlegung dessen was vorgehen sollte, hatte ihre Lebensgeister er- hitzt, und uͤberzog ihr Gesicht mit der lieblichsten Schaamroͤthe. Ardinghello bereitete sich den Tag uͤber auf die That: machte sich selbst auf den Nohtfall eine Maske, kaͤmmte sein Haar anders, veraͤnderte Hut und Kleidung, um einen Landman der Ge- gend gend vorzustellen, und setzte sich in gute Verfas- sung zur Flucht auf jeden Fall. Meine Mutter und ich waren beym Feste. Eine zahlreiche Gesellschaft hatte sich ein- gefunden. Pracht und Ueberfluß, mit feiner Kunst angeordnet, herrschten an der Tafel, und in Saͤlen und Zimmern Glanz und Freude. Die Braut schien in neuen Empfindungen verloren, antwortete aber doch leicht jedem Schalk, und immer in jungfraulicher Bescheidenheit; jeder- mann schien den Gluͤcklichen zu beneiden, dessen Beute sie ward, und den Wunsch im Herzen zu hegen, mit suͤßer Gier im Liebesbette, statt sei- ner, der zarten Schoͤnheit Blume zu pfluͤcken. Gegen Abend erhob sich der Ball. Als die Kerzen brannten, vermißte man bald Braut und Braͤutigam, und laͤchelte daruͤber. Der Braͤu- tigam kam nach langer Zeit zuerst wieder, und seine Unenthal t samkeit und Enthaltsamkeit beklatsch- K 4 te te ohne Scheu der Muhtwill junger Maͤnner- Doch hoͤrte man zu seiner Entschuldigung von einer Stimme den frechen Fescenninischen Scherz: der versuchte Ritter wird den Morgen schon bey hartem Sturm die Fahne auf die Festung gepflanzt haben. Er lachte; jedoch duͤnkte michs nicht das Laͤcheln der Lust nach gepflogner Liebe, und winkte mit der Hand nach dem Fenster. Und sieh! Racketen stiegen auf in der Luft und kreuzten sich uͤber dem See; und zerknallten in schoͤnen Kreisen sinkend. Gleich hernach erschien auch die Braut wieder, und wurde begluͤckwuͤnscht von Muͤttern und Wei- bern, indeß sie gluͤhte wie eine Rose. Man fuͤhrte sie an den Erker zum be- sten Platz, das Schauspiel anzusehen: und auf einmal rauschte die Girandola gen Himmel wie ein ungeheurer brennender Palmbaum. Dar- auf folgten mancherley neue Feuerwerkskuͤnste. Der Ort dazu war auf einem hohen felsichten Ufer des Sees Sees nicht weit vom Pallaste; der Braͤutigam, welcher dergleichen verstand und es angeordnet hatte, lief hernach selbst hinunter, um die Leute, die es abbrannten, zum Eifer zu treiben, weil einigemal starke Pausen vorgingen: und gerad am Ende der Stiege wurd er vom Ardinghello an der Kehle fest gepackt, und empfing den schaͤrf- sten moͤrderlichsten Dolchstich von unten auf ins Herz. Derselbe sagt ihm schleunig noch ins Ohr: „bin der junge Frescobaldi! deine Braut war meine Geliebte, die Frucht unsrer Liebe wird dein Vermoͤgen erben statt dessen meines Vaters.“ Er lag da und regte sich nicht mehr: Ar- dinghello entwischte. Niemand bemerkte ihn, die Bedienten unten sperrten alle, weit von dem Pallaste, Augen und Maͤuler auf uͤber das Feu- erwerk, und jubelten und laͤrmten; und oben plauderte man gleichfals und betrachtete. K 5 Es Es lag da, so lange das Feuerwerk dauerte. Wie es vorbey war, und die Bedienten wieder hereinsprangen: erscholl auf einmal ein Zeterge- schrey. Man draͤngte sich zu den Thuͤren heraus: der Braͤutigam ist ermordet ! lief ploͤtzlich von einem Mund zum andern. Caͤcilia rennte mit Geheul hervor, und wie sie deutlich vernahm, unten an der Stiege mit einem Stoß in die Brust ermordet ! sank sie auf der Stelle nieder in Ohnmacht, und Arm und Beine welkten, ihr Antlitz entfaͤrbte sich, und der Kopf hing im Nacken. Man hob sie auf und brachte sie auf Sitze, und besprengte sie mit starken Wassern; es war ein allgemeines Gewuͤhl und Laͤrmen. Der Todte ward unten in ein Zimmer ge- bracht; man zog die Kleider weg und besichtigte die Wunde: sie ging nett ins Herz, und da war an keine Huͤlfe mehr zu denken. Caͤcilia kam wieder zu sich, „was ist mir? wo bin ich? sprach sie stoͤh- stoͤhnend mit verirrten Blicken.“ Ach, todt, todt! Wer hat ihn umgebracht! o ich Ungluͤckseli- ge! „und so zerraufte sie sich die schoͤnen blonden Locken, und riß die Kleidung vom Leibe, und wuͤthete wie eine Bacchantin. Ich darf sagen, daß, bey Kummer und Sor- ge fuͤr Ardinghellon, mich doch dieß entzuͤckte. O ihr Weiber, welch ein Mann erreicht je eure Ver- stellung! Sie wollte mit Gewalt zu ihm, aber man hielt sie ab. O Gott, welch ein Vermaͤhlungs- fest! schluchzte sie, und die Traͤhnen stuͤrzten ihr aus den Augen. Haͤtt ich aber alles gewußt: so wuͤrd ich tiefes Mitleiden mit ihr gehabt haben. Die Verwandten des Mark Anton, worun- ter eine verheurathete Schwester von ihm war, verstummten und machten allerley Gesichter, und wußten nicht, wo sie angreiffen sollten: die Bruͤder und Eltern der Caͤcilia verloren aber den Kopf nicht; und und der aͤlteste, auch schon verheurathet, ergriff sie bey der Hand, und sagte zu ihr: „fasse dich, was geschehen ist, kann man nicht aͤndern, und sey vernuͤnftig, fuͤr dich ist jetzt ein kritischer Zeit- punkt! Sprich, und rede laut: hat Mark An- ton schon wirklich seinen Bund in der That mit dir vollzogen, oder nicht? das andre soll hernach, so viel menschmoͤglich ist, aufs schaͤrfste untersucht werden.“ Sie warf den Kopf in die Arme und bedeckte die Augen, und sagte seufzend und wei- nend: „ach, waͤr es nicht geschehen, und ich noch, was ich war!“ Die Schwester antwortete hierauf: „wir sind hier auf einmal in sonderbare Umstaͤnde gerathen, und werden schwerlich so friedlich aus einander ge- hen koͤnnen, als wir zusammen gekommen sind.“ „Damit sie erkennen, versetzte der Vater der Caͤcilia, daß wir nichts unbilliges verlangen: soll meine Tochter gleich in sichre Verwahrung ge- bracht bracht werden, und einige von ihren Verwand- ten und meine Soͤhne moͤgen sie begleiten. Der Fall ist außerordentlich. Wir ergeben uns dann in den Ausspruch des hohen Rahts. Inzwischen wollen wir alles aufs strengste ausfragen und un- tersuchen.“ Die aͤltesten und angesehensten von der Re- publick, die hier zugegen waren, versammelten sich gleich auf ein Zimmer allein, und machten einen Kreis; die Verwandten blieben in der Naͤhe, die uͤbrigen Gaͤste im Tanzsaal, und un- ten wurden die Thuͤren gesperrt. Die Bedien- ten kamen erst einzeln nach einander vor. Keiner wußt etwas, und man fand nirgendwo die ge- ringste Spur. Der Gaͤste waren viel und mancher- ley. Man hatte zwar auf ein Paar derselben Argwohn, weil sie vor dem Ermordeten um Caͤcilien warben, und gegen denselben heimli- che Feindschaft hegten: jedoch durfte man sie so bloß darauf oͤffentlich nicht antasten; man erkundig- te te sich nur sehr scharf unter der Hand, wo sie waͤh- rend der That sich befunden haͤtten. Sichre Per- sonen legten gut Zeugniß fuͤr sie ab, daß sie in ihrer Gegenwart gewesen waͤren. In so weit war also die Untersuchung ver- geblich. Man schickte darauf Leute in die Gegend aus, um jeden Verdaͤchtigen fest zu halten, wel- ches man freylich eher haͤtte thun sollen: allein im ersten Aufruhr dachte Niemand daran; und Ardinghello, einer der schnellsten Fuß- gaͤnger, befand sich zu dieser Zeit schon in Sicher- heit. Was Caͤcilien betraf, konnte man nicht nach aller Strenge verfahren, da es der Wohlstand und das Ansehen ihrer Eltern und Bruͤder nicht zuließ, welche beyde letztere bey dem Sieg uͤber die Tuͤrkische Flotte sich den Namen großer Helden erworben hatten; alle waren au- ßer- ßerdem dem reizenden Geschoͤpf gewogen, und keiner von Herzen dem Braͤutigam. Mancher machte sich in Ruͤcksicht ihrer Hofnung, entweder sie ganz zu besitzen, um eine der reich- sten Parthieen von Venedig, noch unabgeweidet in frischer Bluͤthe; oder doch auf irgend eine Ge- faͤlligkeit bey solcher Lage Rechnung. Wenn ein Mensch einmal todt ist, hoͤrt bald alle Gunst auf; und wer am Leben bleibt, hat immer das beste Spiel. Dieß ist in der Natur der Dinge; ei- nem Todten ist doch nicht mehr zu helfen, denken sie, und es koͤmmt dabey nichts heraus. So gings zu Venedig, wohin Caͤcilia sich noch dieselbe Nacht unter Begleitung ihrer Bruͤder und der Verwandten ihres Braͤutigams, mit etlichen Personen vom Raht, auf den Weg machen mußte, bis ihre Schwangerschaft sich voͤllig offenbahrte. Sie wurde zwar nach der Form gehoͤrig bewacht und be- fragt: allein da man gar keine Angaben, nicht den geringsten Verdacht, und sie einen Bartolus und Bal- Baldus in derselben Person zum Advokaten hat- te, endlich frey gesprochen; und sie selbst verstand meisterlich die Seelen zu fesseln, und spielte durch- aus ihre Rolle vortreflich: in dem kurzen Um- gange mit Ardinghellon hatten sich ihre seltne Naturgaben herrlich noch entwickelt und ausge- bildet. Zu Anfang des neunten Monats darauf wurde sie, in Beyseyn gerichtlicher Zeugen, von einem gesunden kraͤftigen Sohn entbunden, welcher in der Taufe die Namen S. Marco Giovanni e Paolo empfing; und Niemand wußte die gehei- me Bedeutung. Sie gelangte damit zum recht- lichen Besitz aller Guͤter Mark Antons, dem ihre Bruͤder ein praͤchtiges Grabmal von dem beruͤhm- testen Bildhauer mit einer sinnreichen Inschrift von dem besten lateinischen Poeten besorgten, und trauerte lange, und hielt sich eingezogen von allen Lustbarkeiten. Arding- Ardinghello hatte sich nach gluͤcklich vollbrach- ter That durch Umwege schnell auf sein Zimmer gemacht, und geschwind umgekleidet; er war sicher, von Niemand bemerkt worden zu seyn, und wollt im Freyen unter der fremden Kleidung nicht laͤnger bleiben. In unsre Wohnung konnt er nach Belieben herein und heraus, weil er den Schluͤssel zu der einen Außenthuͤr von seinem Fluͤgel hatte. Auch war ohne dieß alles aus dem Pallaste nach einem guten Platz zum Feuerwerk gelaufen, dem zauberischen Schauspiel uͤber dem See. Inzwischen machte er sich doch behend auf jeden Fall gefaßt, und lauerte nahe bey sei- sem Zimmer im Garten, bis ich mit meiner Mutter nach Hause kam, und ihm das gluͤckliche Zeichen gab; das Fest war gaͤnzlich verstoͤrt, und ich hielt nur so lange aus, als es sich schickte, um nichts zu versaͤumen. Auf ihn fiel nicht der mindeste Verdacht, weder hier noch in Venedig. Dort wurde bey L eini- einigen jungen Herren strenge Nachforschung ge- halten, die mit heftiger Leidenschaft vorher um Caͤcilien warben; aber es kam nichts heraus, und die Ermordung blieb ein Raͤhtsel: Zweyter Zweyter Theil . L 2 A rdinghello wollte nun nicht laͤnger in der Gegend bleiben: die Sonne war hinweg, die ihn an sich zog, und um die er sich herumbe- wegte; aber auch fuͤr jetzt nicht wieder nach Ve- nedig. Und wenn sich dort die Sachen aufs gluͤcklichste setzten; so sah sein Geist in der Zu- kunft Dinge, die ihn folterten. Suͤßigkeit voll- fuͤhrter Rache, Gram von Caͤcilien geschieden zu seyn, Kummer ihretwegen, und Sorge fuͤr seine eigne Sicherheit wechselten in seinem Herzen ploͤtzlich auf und ab, wie ein Aprillwetter. Sich laͤnger aufzuhalten war gefaͤhrlich; weil man unter den Papieren Mark Antons vielleicht Auftraͤge von Cosmus finden konnte: und sich gleich aus dem Lande zu machen, schien verdaͤch- tig. Endlich entschloß er sich, nach Ueberlegung L 3 aller aller Umstaͤnde, noch einige Tage zu harren, und inzwischen scharf auf seiner Hut zu seyn. Es kam uns nicht wahrscheinlich vor, daß der Großherzog seinen und seines Vaters Tod schriftlich sollte verhandelt haben; und ein Vertrauter, wenn er auch noch da waͤre, wie nicht zu vermuhten, duͤrfte bey Schlechtigkeiten von so uͤblem Erfolg keinen Laͤrm machen, zumal da er doch nicht sicher waͤre, und nur muhtmaßen koͤnnte. Ardinghello stellte sich aufgeraͤumter an, als je; und wenn in Gesellschaft die Rede auf die Begebenheit kam; so schwieg er entweder, oder pries Mark Anton gluͤcklich, daß er so gerad in voller Freude starb; und auch Caͤcilien, daß sie so geschwind als moͤglich von dem harten Joche der Ehe sey ausgespannt worden. Wir fischten dann auf dem See, gingen auf die Jagd, und lasen noch dabey zu guter letzt die schoͤnsten Oden im Pindar , der seine Seele vom neuen mit hohem Taumel schwellte, und in et- was was seinen Sinn von der Gegenwart wegwand. Die Romanze aller Romanzen auf die Insel Rho- dos besonders entzuͤckte ihn so, daß er sie bald aus- wendig konnte. Seine Phantasie kam wieder ganz in das Goͤtterreich der Poesie hinein, die Spiele griechischer Jugend rissen sein Herz dahin, suͤße Liebe und solche Thaten pries er allein ein wuͤrdig Fruͤh- lingsleben; alle seine Kraͤfte tobten und wurden ungestuͤm: er wollte fort in die Welt, in Be- wegung, auf eine neue Buͤhne, und war nicht mehr zu halten. Keine volle zwey Wochen nach Caͤciliens Abreise brach er auf. Er schrieb vorher an seine Tante um einen Wechsel nach Genua; er gedachte von dort nach Frankreich zu schiffen, und dadurch nach Spanien zu wandern, bis an die letzten Kuͤsten von Portugall. Mir band er unterdessen Caͤcilien aufs Herz, und daß ich ihm von ihr bey jeder guter Gelegenheit Nachricht geben sollte. So bald sie frey waͤre, muͤßte vermittelt werden, daß wir alle drey zusammen eine Freundschaft L 4 aus- ausmachten. Fuͤr unsre Heimlichkeiten bildeten wir uns eine jedem andern unergruͤndliche Schrift, und wollten bey den Hauptpunkten das Neugrie- chische gebrauchen. Seine Wiederkunft wuͤrde alsdenn von den fernern Umstaͤnden abhangen. Seine Reise nach Genua nahm er sich vor zu Fuße zu thun, und so sollt es sein Lebenlang durch alle schoͤne Gegenden geschehen; er hielt es fuͤr Thorheit, sie anders zu machen, wenn man ge- sund und stark waͤre, und keine nohtwendige Eile haͤtte: die Natur von Land und Leuten koͤnne man auf keine andre Weise so gut kennen lernen; und was die Straßenraͤuber betraͤfe: so sey man im Wagen der Gefahr weit eher ausgesetzt; und die aͤrgsten wuͤrden von Billigkeit zuruͤck gehalten, gegen ein harmloses Geschoͤpf, das ohne buͤrgerli- chen Reichthum, wie sie, bloß menschlich einher- schreitet. Er ließ mir alle seine Habseeligkeiten zuruͤck; und nahm nichts mit sich, als einen wohlgespick- ten ten Beutel, und ein Hemd und ein Paar Struͤmpfe außer denen, die er an hatte. An einem Abend beurlaubte er sich von mei- ner Mutter, die weichmuͤhtig Thraͤnen vergoß, und ihn an ihre Brust druͤckte; er wurde von ihr geliebt, wie mein Zwillingsbruder. Sie gab ihm ihren reinsten Seegen, und bat zu Gott, daß er sie erhoͤren moͤchte, da er nicht laͤnger blei- ben wollte; und sagte ihm zuletzt, daß sie sich oft nach seinem Umgang sehnen wuͤrde. Ihr mach- ten wir weiß, daß er wieder in seine Heimaht zoͤge. Wir brachten die Nacht alsdenn beysammen zu, so recht wie klare Quellen von Leben, wo alle Blicke durchgehen; ich wuͤnsche mir nie eine groͤß- re Seeligkeit. Aber ach! was ist der Mensch? ein Punkt, zerfetzt und zerrissen vom Schicksal auf allen Seiten, und unaufhaltbar fortgetragen in den wilden Fluhten der Dinge, wo er weder An- fang noch Ende sieht. L 5 Ge- Gegen Morgen fuhr er auf, steckte die alte Handschrift von den Denkwuͤrdigkeiten des So- krates in die Tasche, die ich ihm fein und wohl- geschrieben mit auf den Weg gab, und die griechi- schen lyrischen Dichter von Heinrich Stephan; warf seine Zithar uͤber die Schulter, daß sie stuͤr- misch erklang, druͤckte mich noch einmal an sein Herz, und kuͤßte seine ganze Seele auf meine Lippen, und schoß von dannen. Ich erlebte wie von einem Todesschauer und sank wie ins Grab. O Elend und Jammer, hienieden ohne Freund zu seyn! und Stolz und Jubel und Kuͤhnheit, wo zwey ihr Wesen verdoppeln! Meine Mutter und ich gingen darauf zu En- de Oktobers wieder nach Venedig, wo mein Va- ter aus Dalmazien schon angekommen war. Der Weg dahin erfuͤllte mich mit Traurigkeit. Gegend und Menschen und Gebaͤude hatten den vorigen Reiz verloren, und standen da wie Schatten. Ich Ich erkannte innig, daß zu allem Genuß zwey Herzen nohtwendig sind, die sich lieben. Die Zaͤrtlichkeit meines Vaters, meiner aͤltern Bruͤder und verwittibten Schwester, die ihn begleitet hatten, linderten und versuͤßten allein meinen Gram zu Hause. Caͤcilia saß noch in strenger Verwahrung: doch war jederman fuͤr sie, wegen ihrer ehemaligen klugen und bescheidnen Auffuͤhrung bey aller ihrer Schoͤnheit. Auch ich that unter der Hand mein bestes; das zaͤrtli- che Geschoͤpf hatte sich von dem Zuge der Natur uͤberwaͤltigen lassen, und konnte hernach nicht anders handeln. Verschiedne junge Leute, alle von großem Talent und genaue Bekannten von Ardinghello, kamen zu mir, seinen gegenwaͤrtigen Aufenthalt zu erfahren; welchen ich ihnen aber nicht entdeckte, mit Vorspiegelung, er habe in seine Heimaht ge- wollt. Zu Zu Anfang Novembers erhielt ich folgenden Brief von meinem Freunde. Genua, November. Wie ich aus dem Fruchtbaren großen Thale der Lombardey, von hundert Fluͤssen durchstroͤmt, das seines gleichen in der Welt nicht hat, durch die wilden kahlen Felsenkruͤmmen des Apennin hinauf trat, und endlich aus der Bochetta her- vor, von heitern Luͤften umspielt, daß die Locken um meine heißen Schlaͤfe flatterten, oben auf der Hoͤhe das tiefe breite Meer unter mir glaͤnzen sah, von suͤßen Strahlengewoͤlk des Abends umla- gert: Gott, wie ergriff das mein Herz und alle Sinne! wie die Thetis Homers mit einem Sprung vom Olymp haͤtt ich mich in die ewige Lebensfuͤlle hineinstuͤrzen, und wie ein Wallfisch darin herumtaumeln und alle meine Leiden ab- kuͤhlen moͤgen. Ich blieb hier die Nacht bey einem alten Schaͤfer, der Chronik der Gegend; und sah die Ster- Sterne auf und untergehen und das Weltlicht wieder erscheinen, und thronte so uͤber Italien, dieß Paradies mit allen seinen Bewohnern von Anbeginn der Zeit, Menschen und Thieren und Pflanzen und Baͤumen, und ich machten ein friedliches Eins; so rein und heilig zerflossen war meine Seele. Den Morgen schritt ich hinab, und schlief des Nachmittags in einem reizenden Dorf an der Kuͤste nicht weit von der Stadt. Gegen Mitternacht wacht ich wieder auf vom Saitenspiel und einer Stimme, die lieblich mein Wesen durchdrang. Ich lauschte und vernahm die Worte, und sprang ans Fenster: die Musik. kam aus einem alten Ge- maͤuer an einen Huͤgel gebaut, der in hohen Pig- nen und Cypressen und niedern Fruchtbaͤumen sich auf dem Meer hervorstreckte; es waren Stanzen ei- nes Maͤhrchens vom Pulci , die ich gar wohl kannte. Als darauf noch eine weibliche Stimme zu der maͤnnlichen einfiel: so zog auch ich meine Ci- Citharra hervor, brachte sie leis in Stimmung, und sang, als sie aufhoͤrten, nach einigen Grif- fen von ihrer traurigen Harmonie in eine froͤh- lichre hinuͤber; „Wer seyd ihr suͤßen Saͤnger dort, die ihr mich so entzuͤckend aus dem Schlafe weckt? habt Dank, habt Dank, daß ihr den Menschen so Freude macht, und ihr Herz ruͤhrt in der stillen Daͤmmerung.“ „Wir sind Vater und Tochter, die ein hol- des Kind in Schlummer spielen, samt dem Gat- ten, den der heiße Tag abgemattet;“ ertoͤnte zur Antwort heruͤber, indem ein Alter mit langem Bart an den Bogen der Thuͤr sich stellte. „O ihr Gluͤcklichen! verfolgt ich darauf, und sang von Begeisterung ergriffen, die Zeiten des Saturnus von Hesperien, wo alle so lebten; wo noch kein Phalaris die goldne Insel der drey Vorgebirge folterte, und keine Caͤsarn mit Buͤr- gerblute die Felder duͤngten.“ „Und „Und wer bist du, edler Geist?“ fragt er mich dann. „Ein junger Pilgrim, der nach dem Vor- treflichen auf Erden wandert, und seine Seele nun hier an Honig labt.“ Er ging herunter, ich ihm entgegen; wir bewillkommten uns, und fuͤllten die Becher. Es war ein herrlicher Mann, an die sechszig, ein aͤchter dichter Kopf, viel vom Ideale des Homer, nur nicht blind: wie es der hohe Jonier auch nicht war, der nur nicht sah, was gewoͤhn- liche Menschen immer gegenwaͤrtig mit ihren lee- ren Koͤpfen sehen, wovon er endlich den launig- ten Namen bekam, und der griechische Kuͤnstler, der sein Bild erfand, richtete sich nach dem Volkswitz. Wir machten geschwind Bekanntschaft. Es war ein Architekt gewesen, und weil er wenig zu bauen fand, seinem Hange zur Poesie ge- folgt; und man hielt ihn nun fuͤr einen der besten Rei- Reimer aus dem Stegreife weit und breit, und er zog als ein solcher im Lande her- um und ergoͤtzte die Leute. Seine Frau war fruͤh gestorben, und seine einzige Tochter gab er vor wenig Jahren einem wackern Landmann zur Ehe, der hier ein Gut gepachtet hatte, und bey dem er sich meistens aufhielt. Die Wirthschaft war wirklich aus der goldnen Zeit, wie ich her- nach mit Vergnuͤgen erfuhr. Ich sagte ihm, daß ich schier eben so die Mahlerey triebe, wie er ehemals die Baukunst. Dieß freute ihn denn von Herzen; er faßte mei- nen jungen Kopf und streckte ihn in seinen grauen Bart hinein, und kuͤßte mich uͤber und uͤber: ergriff alsdenn das Saitenspiel, und sang mit einer Schwaͤrmerey das Lob der Dichtkunst, wie ein wahrer Priester des Apollo, daß ich mich vor Lust nicht regte. Das halbe Dorf kam zusam- men, und girrte vor den ofnen Thuͤren und Fen- stern leisen Beyfall. Und als er endigte, schien das das Meer staͤrker ans Gestade zu brausen, und alle riefen: es lebe Boccadoro! so nannte man ihn. Zur fernnern Kurzweil fing ich darauf ei- nen Gegengesang an, und richtete Pindars Χρυσεα φορμιγξ Απολλονος nach Ort und Umstaͤnden ein; und schilderte zum Beschlusse den Alten vor mir nach dem Leben, und erhob seinen Stand uͤber den eines Koͤnigs. Und mit einem Jubelgeschrey: es lebe der schoͤne fremde Juͤng- ling und der goͤttliche Alte! zog man von dannen, als wir gegen Morgen schieden. Ich machte, wie es Tag war, einen Spa- ziergang auf den Huͤgel, und besah die Lage von Genua : ein reizendes Theater, das von jeher seine Bewohner angetrieben hat, das Meer zu beherrschen; und woheraus immer die groͤßten Seehelden hervorgekommen sind. Heiliger Co- lumbus , und du Andreas Doria , die ihr nun mit den Themistoklessen und Scipionen in Ely- M sium sium Paar und Paar herumwandelt, euch Halb- goͤtter unter den Menschen bet ich im Staube an. Ach, daß auch mir kein solches Loos bestimmt ist! Ich sah hinaus in die unermeßliche Sphaͤre von Gewaͤsser, und die ungeheure Majestaͤt woll- te mir die Brust zersprengen; mein Geist schweb- te weit uͤber der Mitte der Tiefen, und fuͤhlte ganz in unaussprechlicher Wonne seine Unend- lichkeit. Nichts auf der Welt fuͤllt so stark und maͤch- tig die Seele; das Meer ist doch das schoͤnste, was wir hienieden haben. Sonn und Mond und Sterne sind dagegen nur einzelne glaͤnzen- de Punkte, und sammt dem blauen Mantel des Aethers daruͤber her nur Zierde der Wirklichkeit. Dieß ist das wahre Leben: hierauf giebt sich der Mensch Fluͤgel, die ihm die Natur versagt; und verbindet in sich die Vollkommenheiten aller an- dern Geschoͤpfe. Wer das Meer nicht kennt, koͤmmt mir unter den Menschen wie ein Vogel vor, vor, der nicht fliegen kann; oder der seine Fluͤ- gel nicht braucht, wie die Straußen, Huͤner und Gaͤnse. Hier ist ewige Klarheit und Rein- heit; und alles Kleine, was sich in den Winkeln der Staͤdte in uns nistet, wird hier von den großen Massen weggescheucht. Wie dort die Seealpen aufsteigen! gleich Helden bey Aspasien und Phrynen; wie die zarte Linie am Horizont sich so weich herumruͤndet! in den Ocean hinaus moͤcht ich; wie klopft mir das Herz! Boccadoro wartete schon auf mich, als ich wieder ans Wirthshaus kam. Er sagte, ich muͤßte ihn heute begleiten zu einem großen Feste, das die ganze Woche fortdauerte. Marchese S*** vermaͤhlte sich mit einer jungen Fregosa in allem ersinnlichen Pomp; der Braͤutigam sey wohl jetzt einer der reichsten Privatedelleute von Europa. Diesen Abend wuͤrde Wettrennen gehalten, darauf Schmaus und Ball; morgen Stierhetze, und so weiter fort, jeden Tag M 2 eine eine andre Lustbarkeit; Komoͤdie, Seiltaͤnzerey- en und allerley Kuͤnste sollten sich auf dem Land und Wasser zeigen. Er waͤre aufgefordert zwischen andrer Musik bey der Tafel zu singen, und er baͤte instaͤndig, auch mich darauf vorzubereiten; wir koͤnnten unterwegs ein huͤbsches Thema zum Wechselgesang ausdenken. Der Pallast laͤge we- nige Miglien weit von der Stadt auf der andern Seite der See; ein Paar Knechte von seinem Schwiegersohne wuͤrden uns mit ihm selbst und seiner Tochter auf einer Barke dahin fahren. Doch er glaube, daß ich dieses alles schon wisse; und vermuhtlich eben deßwegen hier eingetroffen sey. Ich versicherte ihn, daß ich herunter ge- kommen waͤre, ohne das mindeste von dieser Hochzeitfeyer zu wissen. Aus dem Stegreife koͤnnt ich in so hoher Gesellschaft nicht singen; und außerdem muͤßt ich immer erst ein wenig die Art meiner Zuhoͤrer kennen, um leicht den Ein- gang gang in ihr Herz und Phantasie zu finden: sonst thue uͤberhaupt das vortreflichste oft nicht seine Wir- kung. Doch woll ich ihn begleiten; sein Epitha- lamium zu hoͤren schon allein reize mich. Er koͤn- ne mich als Stimmer seiner Zithar beym Schmau- se mit einfuͤhren. Ich lernte nun seine Tochter kennen, eine erzgute frohe junge Hausmutter; und ihren Mann, einen muntern treflichen Wirthschafter; und ei- nen kleinen Engel von Soͤhnchen: so daß ein schoͤnes Ganzes in lebendiger Ordnung war. Das alte mit Epheu bewachsne Gemaͤuer der klei- nen Landburg fand ich innen bequem eingerichtet. Ich nahm gegen Mittag bey ihnen ein gesundes koͤstliches einfaches Mahl ein. Nach Tische schlummerten wir alle ein Paar Stunden; und dann fuhren wir ab, und mich ergoͤtzten unend- lich die Seewellen, so gruͤnlicht klar und weich und furchtbar lieblich schroff uͤber den Abgruͤnden, wo jede auch in ihrer Kleinheit sich majestaͤtisch als Tochter des unermeßlichen Ozeans zeigte. M 3 Wir Wir langten gerad auf den Rennplatz an, als die Pferde schon vorgefuͤhrt wurden. Die Si- tze waren lauter Licht und Glanz von schoͤnen und praͤchtig gekleideten Herren und Damen, mit einer Menge Volks uͤberall. Der Pferde wa- ren nur drey; aber alle drey muhtschnaubende Koͤnigliche Thiere, so daß es schwer war, vor- aus zu bestimmen, welches den Preis davon tragen wuͤrde. Man hatte deßwegen große Wetten angestellt; die mehrsten waren fuͤr einen goͤttlich schoͤnen Rappen, der sich an den Schranken gar nicht wollte halten lassen. Ein Falk stand dage- gen still da: doch brach der Blick seines Augs in die Bahn wie ein Sonnenstrahl, und sein Fuß hob sich leicht wie lauter volle Nerve. Wie das Seil fiel, that auch der Rapp einen Vorschuß; in der Mitte der Bahn aber zog der Falk so aus und uͤberhohlte die andern, daß sein Gang schneller war, als die Geschwindigkeit eines Sturmwinds uͤber gelbe Saaten; er flog dahin, und seine Bewe- gung war das Entzuͤcken aller Augen, selbst de- rer, rer, die gegen ihn gewettet hatten. Kurz, er gewann den Preis, jedoch mit Noht; und ward hernach erst unbaͤndig. Nach dem Wettrennen war Komoͤdie, und nach der Komoͤdie der naͤchtliche Schmaus. Gegen Ende desselben, als Wein und Gespraͤch die Le- bensgeister in staͤrkre Wallung gebracht hatten: fing Boccadoro an sein Saitenspiel zu ruͤhren. Es entstand eine allgemeine Stille: und die Toͤ- ne seiner Griffe waren wie ein leises Fluͤstern am heißen Mittag in kuͤhlen Waͤldern von den See- luͤften. Sein Geist taumelte darauf durch die alten Zeiten der griechischen Heroen; und er sang die Hochzeit des Peleus und der Thetis: schmuͤckte die Fabel aus mit lieblichen Worten, und ging davon auf die Gegenwart uͤber, schilderte den Braͤutigam als einen neuen Peleus, eben so von den Goͤttern begluͤckt, und seine Braut als die juͤngre Thetis. M 4 Auf Auf einmal wendete sich dann der alte Schalk an mich, der ich hinter ihm unter den andern Spielleuten in der Ecke stand; und zog mich hervor, als einen andern Apollo, wenn ich seine Worte wiederhohlen darf, der ploͤtzlich den Apennin herabgekommen sey, dieß Fest noch zu verherrlichen; und uͤberreichte mir die Zithar. Ich ward uͤberrascht und gluͤhte vor Schaam auf in der fremden glaͤnzenden Gesellschaft. Ein freudiges Murmeln lief durch den gan- zen Saal, und aller Blicke flogen auf mich. Es half hier keine Weigerung, wenn ich nicht woll- te zum Gespoͤtt und zu Schanden werden. Ich entschloß mich also kurz, die Sache so gut abzu- machen, als mir moͤglich war; und waͤhlte die mir leichteste Versart, nach der Melodie, die den immer staͤrker einschlagenden Anapaͤstischen Rythmus hat, und dich so oft ergoͤtzte. Nach wenig einfachen Ackorden sang ich ge- rade so, wie es war, meine Ueberraschnng und und Ve r wirrung: und daß ich Boccadoren hieher folgte, die Pracht und Schoͤnheit des Festes zu sehen, ganz fremd und unbekannt, ein bloßer Wandrer hier, seit wenig Stunden. Doch euer Ruhm, fuhr ich fort, geht uͤber Meer und Alpen; und wer ist der kalte neidische Mensch, den eure gluͤckliche Liebe nicht begeistern sollte? Nehmt ge- faͤllig die wenigen Blumen an, die ich mit geschwin- dem Raub uͤber eure Tafel streue. Der Sohn der Thetis strahlt nun durch alle Nachwelt, weil er einen Homer zum Saͤnger hatte: wie viel groͤßer aber waren Kolumb und Doria? und wie weit kann die Frucht eurer Liebe an edlern Thaten uͤber ihn hervorragen, als wegen eines verbluͤhten durchgegangnen Wei- bes von einem Manne, den die Natur zum Hahn- rey bestimmte, und der weder in Bund noch Freundschaft mit ihm stand, dreymal um die Mauren von Troja herum zu laufen, und als- denn den ermuͤdeten Feind in den Hals zu stechen! M 5 Als Alswegen eines abgewiesenen Pfaffen einen graͤu- lichen Laͤrm anzufangen, und dann seine Gelieb- te daruͤber geduldig hergeben, und sich ans Meer setzen und weinen Man erinnere sich hier, daß Poesie in Italien so gemein war, und noch ist, daß Hand- werksleute Homerische Fabel und Mytho- logie kennen. ! Verzeihe mir diese Laͤsterungen, bester Freund; du weist, daß ich die Homerische Na- tur tiefer fuͤhle, als das vornehme Weltvolk auf der Oberflaͤche, die nicht zu ihren Moden paßt. Aber du kennst das Sprichwort: unter den Woͤl- fen muß man mit heulen. Ich beschrieb darauf die Gegend von Ge- nua, und ihre Bewohner; pries dieser Helden- muht von den fernsten Zeiten an; und daß es besser laͤge, als selbst das alte Rom, die Inseln des Thyrrhenischen Meers und Kuͤsten von Afri- ka ka zu beherrschen. Erzog nun im Gesang den jungen Themistokles, die Seeligkeit der Mutter und des Vaters uͤber denselben und die goldnen Zeiten seiner Buͤrger, und machte allen Gaͤsten nach den suͤßen Guͤtern das Maul waͤsserig; jeder schien im Herzen zu schwoͤren, sich dabey anders aufzufuͤhren, als ihre Vorfahren beym Kolumb, von dessen hohem erfindrischen Geist sie mehr Schimpf und Verachtung als Ehre haben. Ich wurde waͤhrend des Liedes bey einigen gluͤcklichen Stanzen von lautem Jubel unter- brochen, und erhielt, wie ich aufhoͤrte, großen Beyfall; der mir nur in sofern wohlgefiel, weil ich mich aus der Verlegenheit gezogen hatte. Man stand nun vom Tisch auf, und es ging zum Ball. Als die Braut vor mir vorbey gefuͤhrt wurde: begruͤßte sie mich mit einem festen luͤsternen Blick und wolluͤstigem Laͤcheln, und rief mir zu, Bravo! Sie hielt noch den Kopf zuruͤck, als sie vorbey war, und Mienen und Gebehrden ge- gestatteten Kuß und Umarmung, wenn wir al- lein waͤren; ganz die Gestalt einer Bacchantin in Gluth und Ueppigkeit, voll Koͤrperreiz mit frecher Seele: welche Weiber mir nur in gewis- sen Momenten gefallen koͤnnen. Ich fuͤhlte we- nig Neigung, naͤhere Bekantschaft mit ihr zu machen; wohl aber mit einem andern Frauen- zimmer, dessen Mutter, was die Formen des Ge- sichts betrift, sich an dem Vatikanischen Apollo versehen zu haben scheint, nur ohne Stolz und Zorn, vielmehr alles heilige Guͤte; ein wunder- bares Geschoͤpf! Ich erfuhr von Boccadoren, es sey eine Freundin der Braut, und hielte sich bey ihr auf. Die Eltern waͤren verungluͤckte Kaufleute aus Nizza in der Provence gewesen, und vor eini- gen Jahren gestorben. Die Braut heißt Fulvia , und die Freundin Lucinde ; ich verlangte die letztere tanzen zu sehen, aber sie tanzte nicht. Et- Etwa zwey Stunden nach Mitternacht darauf, als der Ball am lebendigsten war, hoͤrte man einige Schuͤsse fallen, und bey der ploͤtzli- chen Stille daruͤber ein aͤngstlich Schreyen und wieder Schuͤsse, und Getuͤmmel die Treppe herauf nach dem Saal. Und in einem Augenblick, ehe man eine Hand umwendet, brachen graͤßliche Maͤnner mit Saͤbeln und Gewehr in den Haͤnden zur vordern Thuͤr herein. Man stand wie ver- steinert, und wollte fliehen und konnte nicht, und wußte nicht wohin. Alles draͤngte sich auf die Seiten nach den Fenstern, und wo nur eine Oefnung war; und heulte und jammerte, und alle Gesichter faͤrbte die Todesblaͤsse. Wir wurden von Seeraͤubern uͤberfallen, nach den gelben Afrikanischen Gestalten; und an Gegenwehr war wenig zu denken. Ein Theil von denselben besetzte die Thuͤr, wo sie hereinka- men, andre faßten gleich die Braut und griffen zuerst nach den Frauenzimmern und schleppten sie fort. for t. Ich stand zu Ende des Saals an den Fen- stern nach dem Garten; die ersten von Adel spran- gen mit Gefahr hinaus. Ich wurde fast vom Getuͤmmel erdruͤckt; und konnte kaum eine Pi- stole losreißen, die ich sogleich nach dem staͤrksten Kerl an der Thuͤr abbrannte. Die Kugel traf so gluͤcklich ihn zum linken Ohr hinein, daß er auf der Stelle stuͤrzte. Der Knall verschafte mir einigen Raum, so daß ich die andre zog, und zugleich meinen Degen. Waͤhrend der Zeit hat- ten sich noch andre Genueser und Bedienten mit Gewehr versehen und schlugen im Mangel des- selben mit Stuͤhlen drein. Die Raͤuber hieben mit ihren Saͤbeln um sich, und spalteten etlichen die Koͤpfe und verwundeten diejenigen, welche voran waren. Doch brachten wir sie endlich zur Thuͤr hinaus, die sie aber von außen besetzt hiel- ten, so lange bis ihre Gefaͤhrten mit der Beute bis ans Meer kamen, und sie einschifften. Als- denn wichen sie, und wir hatten das Nachse- hen, hen, ohne ihnen viel Schaden zufuͤgen zu koͤnnen; weil sie ihren Angriff zu gut angeordnet hatten. Der Braͤutigam selbst bekam eine starke Wunde; und ein Paar von den vornehmsten Gaͤsten lagen ohne Huͤlfe niedergestreckt. Die wackersten machten sich mit dem Johann Andreas Doria , welcher, wie du weißt, die Tuͤrkische Flotte mit besiegen half, von dem Geschlecht des großen al- ten, gleich auf nach Genua, um den Raͤubern nachzusetzen: und ich wollte mit dabey seyn. Es war eine Frechheit seit undenklichen Jahren ohne Beyspiel. Wir langten dort gegen Morgen an. Fuͤnf Dreyruderige wurden ausgeruͤstet, und wir stachen eine Stunde am Tag in die See, als noch die Sonne mit einem eingefallnen Nebel kaͤmpfte; der Wind hatte sich die Nacht geaͤndert, und ein Scirocco blies von Suͤdosten! Wir wußten nicht, wohin unsre Fahrt zu halten, und machten uns auf die Hoͤhe zwischen beyde Kuͤsten. Endlich nach nach und nach, obgleich langsam, erweiterte sich der Gesichtskreis: und die Gebirge fingen an sich zu zeigen unter der grauen Huͤlle; und erst gegen Mittag lag die Wasserwelt uns einigermaßen vor Augen, jedoch von allen Seiten so mit Dunst umfangen, daß wir nichts entdecken konnten. Doria beschloß nun, zwey Schiffe abzuson- dern, und dieselben auf Sizilien zustreichen zu lassen: er selbst wollte mit den andern uͤber Cor- sica hinaus in die Provenzalischen Gewaͤsser. Noch, ehe wir ausliefen, wurden auf beyde Sei- ten Jagdboote ausgesendet; keines aber war zu- ruͤck gekommen. Ich blieb auf dem Schiffe, wo er selbst war. Es ging nun in vollem Zuge. Noch kannten wir die Staͤrke der Feinde nicht; bey Nacht und Nebel hatten wir die Anzahl ihrer Barken nicht unterscheiden koͤnnen. Am Abend kam das Jagdboot wieder, und verkuͤndigte, daß es den Feind bey Monaco im Gesicht erreicht haͤtte; die Raͤuber seyen vier große große Galeeren stark. Wir ruderten die ganze Nacht; und den andern Morgen, als sich das Wetter aufheiterte, erblickten wir ihre Seegel. O wie klopfte mir das Herz, bald im Schlacht- getuͤmmel zu seyn! der Tod ist dabey doch nichts anders, als eine freye Bahn auf die edelste Art in die Geisterwelt aus diesem Chaos von Unwis- senheit. Sie entdeckten uns gleichfals und verdop- pelten ihre Ruderschlaͤge. So strebten wir den ganzen Tag. Eben als die Sonne, nach dem Stesicho- ros, aus den Luͤften in den goldnen Becher trat, und den Ozean hinab schwam zu den finstern Tie- fen der heiligen Nacht, thaten wir die ersten Kanonenschuͤsse nach ihnen; wir hatten den Vor- theil des Windes uͤber sie, und sie machten dar- auf Halt, weil sie nicht weiter fluͤchten konnten. Wir griffen sie schier in gerader Linie an, und dehnten uns etwas aus, damit sie uns nicht von N den den Seiten ankonnten. Wir brachten ihnen ei- nige herrliche Lagen bey, und waren weit besser als sie mit grobem Geschuͤtz versehen. Nach man- cherley Wendungen kamen wir, als schon die Daͤmmernng sich einsenkte, mit zwey Schiffen an einander zum Handgemenge, und unser drit- tes suchte die zwey andern Galeeren abzuhalten, die es entern wollten. Ich befand mich auf dem erstern, und kaͤmpfte mit aller Gewalt und Besonnenheit, de- ren ich faͤhig war. Noch hatt ich zum Gluͤck kei- ne Wunde, aber die Kugeln vom kleinen Ge- wehr und Saͤbelhiebe streckten manchen an mir nieder. Endlich drangen wir ein in ihre groͤßte Galeere, und ich war unter den erstern, mit einem starken Dolch in der Linken, und in der Rechten den Degen, und im Gurt noch eine geladne Pistole. Bevor ich uͤbersprang, stieß ich einen ihrer keksten darnieder, der schon im Zuge war, dem Doria mit seinem sichelfoͤrmigen Damas- ce- cenersaͤbel den Unterleib durchzuschneiden, und ret- tete diesem so das Leben. Mit einem andern auf der feindlichen Barke, der auf mich einhieb, wurd ich hernach bald fertig; doch konnt ich mit dem Dolch seinen Streich aus beyden Faͤusten nicht so ganz abhalten, daß er mir nicht ein we- nig im Herunterschellern den linken Arm streif- te: ich traf ihm daruͤber gerade die Kehle, daß er die Zunge herausstreckte. Sie wichen und ergaben sich; nur der, welcher der Anfuͤhrer schien, sprang unters Ver- deck: und ich ihm nach. Und sieh! hier steckte die Braut mit der andern Beute. Er holte mit dem Saͤbel weit nach ihr aus, um ihr den Kopf vom Rumpfe zu hauen: ich aber kam ihm zuvor, und stach ihm die Klinge mit ganzem Leibe unter dem aufgehobnen Arm ins Haarwachs, daß er auf die Seite stuͤrzte, zog sie heraus, und gab ihm ihm dann vollends den Rest. N 2 Die Die Hauptgalere war nun uͤbermannt, al- lein die andre wehrte sich desto fuͤrchterlicher. Ein junger Mann, noch ohne Bart, focht wie ein Ver- zweifelter, und hatte neben sich viele Todten liegen; und er wuͤrde sich frey gemacht haben, wenn wir andern nicht den Unsern zu Huͤlfe gekom- men waͤren. Auch diese mußte sich dann er- geben. Inzwischen fluͤchteten die zwey andern, nachdem sie unser drittes Fahrzeug eroberten, mit diesen. Wir setzten ihnen nach, verloren sie aber in der Dunkelheit: und den Morgen dar- auf waren sie uns aus dem Gesichte, und wir konnten ihren Weg nicht entdecken. Doria kehrte aͤrgerlich nach Hause, daß die Sache nicht besser abgelaufen war. Vielleicht haͤtt er gar nicht angegriffen, wenn nicht einer seiner Verwandten aus dem Tanzsaal mit waͤre weggeschleppt worden, den er nun doch wieder frey machte. Es ging hier Noth an Mann, und die aͤußerste Gefahr war in der Saͤumniß. Die Die zwey andern Schiffe haͤtt er freylich nicht nach Sicilien ausschicken sollen; aber wer kann alles vorhersehen? Wer wußte, daß die Raͤuber so stark waren? Nach geschehener That ist jeder Tropf kluͤger, als Hannibal und Caͤsar. Ich hingegen war gluͤcklich wie ein Gott; mich duͤnkte, daß ich erst das wahre Leben recht geschmeckt haͤtte. Doria der strenge machte bey allem seinem Verdruß mir große Lobspruͤche, und sagte oͤffentlich: „du hast einen schoͤnen Anfang gemacht, Junge; wenn du laͤnger lebst, und so fortfaͤhrst, wird ein beruͤhmter Held aus dir wer- den.„ Fulvia , deren Schutzengel ich gewesen war, dankte mir mit Thraͤnen voller Zaͤrtlich- keit. Aber mehr als alles, auch die schoͤne Pro- venzalin Lucinde befand sich unter den Gerette- ten; die nur noch jaͤmmerlich an der Seekrank- heit litt, und bis aufs Blut von sich gab. Ich hatte nicht die geringste Anwandlung davon ge- spuͤrt; und es erquickt mich durch Mark und Bein N 3 daß daß ich dieses Element und dessen lebendige Be- wegung noch immer von meinem Knabenalter an so wohl vertrage. Wir liefen gegen Abend in dem Hafen von Villafranca ein, nachdem wir den ganzen Tag vergebens herumgekreutzt hatten, um die Ver- wundeten zu pflegen, unsre Todten zu begraben (die gebliebnen Feinde warfen mir gleich uͤber Bord) und den abgehaͤrmten Frauenzimmern einige Ruhe genießen zu lassen; nur ein Paar Ver- maͤhlte unter denselben waren von Kanonenkugeln zerschmettert worden, die uͤbrigen alle blie- ben unversehrt. Wir fuͤhrten sie den Berg hin- auf in das Staͤdtchen, das hinten im Kessel unter dem gaͤhen Felsen mit wenigen Haͤusern nur wie eine Einsiedeley liegt zwischen Oelbaͤumen. Ich nahm Lucinden in Arm, die auf dem festen Bo- den gleich wieder zu sich kam; und sprach ihr Muth ein nach uͤberstandner Gefahr. „Ach, ant- wortete sie seufzend, warum leb ich noch, um auf auf immer ungluͤcklich zu seyn! Niemand weiß mein Leiden. O, waͤr ich nur dort oben bey den Auserwaͤhlten unter den Heiligen und Engeln!„ Und hier that sie einen schmachtenden Blick aus ihren großen schwarzen Augen gen Him- mel, und zerschmeltzte mir ganz mein Herz da- mit. „So viel Schoͤnheit ist nicht gemacht, versetzt ich ihr, um hinieden sich zu quaͤlen; wirf allen Kummer weg; und sey selbst so seelig, als du andere seelig machst.„ Sie schwieg, und neig- te das Haupt wie eine welke Blume, und ging, ohne auf meine Reden Acht zu geben, mit mir voran; ihre traurige Miene, und blasse Farbe, ihr verwirrtes Haar, und losgegangnes Ge- wand vollendeten das Bild einer bezaubernden Heiligen. Wir quartierten sie zusammen in ein Haus ein, und sie wurden gut verpflegt und ge- wartet. Ich selbst blieb in dem Staͤdchen, und ruh- te die Nacht aus; meine Streifwunde hatte zwar nichts zu bedeuten. N 4 Den Den andern Morgen nach der Messe unter- hielt ich mich noch ein parmal auf den Raub we- nige Augenblicke allein mit Lucinden, die nun wieder zu Kraͤften gekommen war; und erfuhr, daß der Anfuͤhrer der Raͤubergaleeren, den ich niedergestoßen hatte, ein Liebhaber von Fulvia gewesen sey, ein Genueser, der gefangen seinen Glauben verlaͤugnete, und alsdenn unter dem beruͤhmten Ulazal diente, groͤßtem Seehelden unsrer Zeiten. In sie entbrannt, ohne daß seine Leidenschaft je ihr Ziel erreichte, unternahm er die That nach hinlaͤnglich eingezogner Nachricht von allen Umstaͤnden der Hochzeit; und haͤtte sie bald gluͤcklich ausgefuͤhrt. Er war Bastard von einem Adorno, und man nannte ihn zu Genua Biondello . Jungfraͤulich versicherte sie mir, daß die Braut noch ihre Ehre bewahrt haͤtte mit heißen Bitten, und Beschwoͤrungen, daß er sie nur so lange verschonen moͤchte, bis er ans Land kaͤme, bey ihrem uͤblen Befinden; und sie sey rein rein bis auf einige Kuͤsse, die sie dem Verdammten unterdessen habe gestatten muͤssen. Die andern waͤren meistens noch viel aͤrger als die Braut von der Seekrankheit befallen gewesen, so daß die Barbaren selbst Mitleiden und Barmherzig- keit gegen sie gehabt haͤtten, ohne sie weiter noch zu martern. Außerdem habe die Noth in Sicher- heit zu kommen, die Raͤuber zu aͤußerster Ge- schaͤftigkeit angetrieben, und die Menge die Begierden jedes einzelnen im Zaum gehalten; und so seyen sie noch gluͤcklich der Schand ent- rissen worden, und eine koͤnne fuͤr die andre zeugen. Biondello habe denn in der Verzweiflung Fulvien aus Eifersucht niedersaͤbeln wollen, als ich sie errettet haͤtte. „Heilloses Geschenk der Schoͤnheit, rief sie aus, in wie viele Drangsale stuͤrzest du uns! und wenn wir andre damit gluͤck- lich machen, so gerathen wir dadurch selbst in das aͤußerste Elend. Wie die Koͤnige, die alles ver- moͤgen, nur daß unsre Herrschaft kurze Zeit dauert, N 5 ha- haben wir durch dich keinen Freund; und die vor- treflichsten Maͤnner, mit allen Vollkommenheiten ausgeruͤstet, wie zum Exempel ihr seyd, legen uns haͤßliche Fallstricke.“ Diese Apostrophe ging mir wie eine Kugel vor den Kopf, und ich fiel in Staub vor der Himmlischen nieder. Nachmittags drehte sich der Wind; und wir fuhren mit Rudern und Segeln wieder ab. Auf unser Schiff war mit einigen andern Gefangnen der junge Held gebracht worden, der auf der zweyten eroberten Galeere so tapfer kaͤmpfte, so daß wir unser drittes Fahrzeug daruͤber einbuͤßten. Ich hoͤrte ihn hernach im Neugriechischen mit einem seiner Gefaͤhrten sprechen; und er stampfte noch mit dem Fuße vor Zorn, daß die zwey an- dern Galeeren sie im Stiche gelassen hatten; je- doch mit Unrecht: denn jene wurden gleich im An- fang des Gefechts von unserm Geschuͤtz sehr uͤbel zugerichtet. Er sprach inzwischen so frey und oh- ne ne Furcht in der Gefangenschaft, und seine Ge- stalt war so schlank und edel in der wilden Farbe von Meer und Sonnenbrand, daß mein Herz gegen ihn von Zuneigung wallte. Ich beschloß, alles moͤgliche anzuwenden, ihn von der Knecht- schaft los zu machen, welches mir denn auch gluͤckte; noch ehe wir zu Genua einliefen, schenkt ihn mir Doria zur Belohnung. Ich nahm ihn zu mir, wie wir von Bord traten; erklaͤrte ihm seine Freyheit, woruͤber er mir an die Brust flog, und ließ ihn wenig Tage darauf mit einem Venezianischen Schiffe nach Konstantinopel ab- fahren. Er bat mich vorher um meine Zuschrift; die ich ihm dann an dich gab. Du sollst dich nicht in mir betrogen haben, sprach er zu mir beym Abschied: solche Menschen, wie wir, muͤssen einander ihr lebenlang helfen.“ Die Maͤnner, die ihre schoͤnen jungen Wei- ber wieder bekamen, freuten sich wenigstens, daß ihnen Grund und Boden geblieben war; und und die Vaͤter und Muͤtter hoften bey ihren Toͤchtern das beste. Wegen der Braut wurden insgeheim von der Familie des noch verwun- det darnieder liegenden Braͤutigams verschiedne Personen besonders in Verhoͤr genommen; und als ihre Aussagen uͤbereinstimmten, und derselben Unschuld bekraͤftigten: so uͤberließ man sich wieder ganz der Freude. Der Himmel beschere mir nur immer so fort ein Leben, und lasse mich nie in Unthaͤtig- keit schmachten: von Caͤcilien und dir geschieden zu seyn aber thut mir weh im Herzen. Wann wird einmal wieder die Zeit der Vereinigung kommen! Ach, wenn es ihr nur wohl geht! dieß ist jetzt alles, was ich von ihr verlange. Ardinghello . Ich meldete Ardinghellon den Empfang sei- nes Briefs; und daß die Sachen der Caͤcilia er- wuͤnschten Ausschlag naͤhmen, und man auf ihn gar keinen Verdacht haͤtte; und andre Dinge, die die mich betrafen, und nicht zu dieser Geschichte gehoͤren; und erhielt von ihm im Dezember fol- gende weitere Nachricht. Genua, Dezember. Die See ist hier doch etwas ganz anders, als in euren Brentasuͤmpfen! die Stuͤrme ma- chen mir jeden Tag ein neues Schauspiel; und ich begreife nun, wie Kolumben der Muth im Herzen erwuchs, sich mit einer Bande Gesindel in den unwirthbaren Ozean hinaus zu wagen, gleich einem Gotte, der Wasserfluthen und Or- kane kennt, und in ihr grausames wildes Spiel sich zu finden weiß, kuͤhner als Herkules und alle Helden der vorigen Zeitalter. Wann die Wogen so den Hafen hereinbrechen und sich an seine hohe Mauer hinaufwaͤlzen, bis uͤber die Daͤcher der Haͤuser, die da stehen, und Schaum und Meer wie ein Wolkenbruch wieder herab- stroͤmt, und mit dem neu herbeyrauschenden Un- gestuͤm sich klatschend zu Staub wirbelt: wie lebt die die Natur da in meinem Sinn und ergreift mit ihrer Musik mein Wesen! Ich habe angefangen, es mit Farben darzu- stellen, aber alles wieder weggeworfen: dahin reicht keine Kunst; sie bleibt hier zu sehr bloß todter witziger Buchstabe. Dafuͤr geb ich mich desto mehr mit den hie- sigen Seeleuten ab; studiere den Schiffbau; lasse mir ihre Zuͤge durch das Mittellaͤndische Meer er- zehlen, ihre Gefechte, Gefangenschaften, ihren Handel; bewirthe die besten oft, und theile ihnen wieder von demjenigen mit, was ich weiß; und erkenn immer mehr, daß der Mensch eher so gut ist, als er seyn kann, als daß er so boͤs waͤre, als er seyn koͤnnte, im Ganzen genommen. Zufriedner bin ich mit ein Paar Skizzen, die ich aus den Begebenheiten gemacht habe, wel- che ich dir in meinem vorigen Brief erzehlte. Die eine stellt die Scene vor, wie die Raͤuber in den Tanzsaal fielen, und Braut und Frauen- zimmer zimmer entfuͤhrten; doch wuͤrde mir die naͤchtliche Beleuchtung bey der Ausfuͤhrung im Großen schwer werden. Die andre ist, wie ich den Biondello unter dem Verdeck niederstieß. Wenn ich den Ausdruck der Wuth und Verzweiflung in seinem Kopf erreichen koͤnnte, und den hoͤchsten Schrecken, der an die Ohnmacht grenzt, in den schoͤnen Weibergestalten, die ich in ihren Gruppen und zerzaußten Kleidungen ganz nach der Natur genommen habe, samt den zwey niedergeschmet- terten: so muͤßte dieses Bild im Großen jeder- man ergreifen. Fulvia besitzt sie, und sie mag sich dieselben einmal von einem andern ausmah- len lassen. Ich bin mit ihr schon bekannter ge- worden, als ich anfangs wollte. Ich stecke in einer Lage, die ich dir kaum mit Worten andeuten kann. Wenn Lucinde an Fulvias Stelle waͤre: so fuͤhrten wir ein Goͤtter- leben; so aber ist Natur und buͤrgerlicher Stand einander ganz entgegen. Fulvia hat eine Phry- nensele nensele; und diese sollte Lucinde haben, um das gluͤckseligste Geschoͤpf zu seyn. Ich habe Ge- spraͤche mit der letztern gehabt, mich auf ewig mit ihr zu fesseln; wenn die Ehe nicht der Tod bey lebendigem Leibe fuͤr meinen freyen Sinn waͤre. Ach es geht bey ihr alles so schoͤn hinuͤber und heruͤber! was dieß weibliche Wesen fuͤr einen suͤßen Klang hat, ist unaussprechlich. Und ihre Ahndungen und Gefuͤhle von unsichtbaren Wel- ten, so fremd und sonderbar und kindlich zuwei- len sie mir auch vorkommen, ergoͤtzten mich doch wie homerische und platonische Dichtungen. Es ist mancher von ihr angebrannt, und luͤ- stern bis zur Wuth nach ihrem Ambrosia und Nectar: aber wen sie etwa moͤchte, der will oder darf sie nicht heurathen; und so ist der Engel melancholisch und ungluͤcklich. Sie will mir wohl, das seh ich, und leidet Pein, und thut sich die aͤußerste Gewalt an. Warum muͤssen wir so ge- bunden seyn, und jeden Tropfen Lust mit Ach und und Weh erkaufen! Alles in der Natur ist gluͤcklich, nur der Mensch nicht; das, was wir Vernunft nennen, steht ihm immer als ein ty- rannischer Zuchtmeister zur Seite; und diejeni- gen, welche man ihrer Vollkommenheit wegen be- wundert, sind die armseligsten unter allen. Als ich mich einst an einem Abend tiefer mit ihr im Gespraͤch hieruͤber verlor, und ihr dieses einleuchten machen, und sie, wie mich duͤnkt, auf ihren rechten Lebenspfad fuͤhren woll- te: sah ich auf einmal Fulvien neben uns, die ich im Eifer nicht bemerkt hatte; wir sonderten uns vorher von der Gesellschaft ab, und standen an einem Fenster im Saal mit der Aussicht uͤbers Meer hin. Der Ernst kehrte sich dann in Kurz- weil; Fulvia foppte mich als einen bloͤden Schaͤ- fer, und in Ruͤcksicht auf sie war der Spott nicht ungerecht: und Lucinden sagte sie einige unanstaͤn- dige Dinge, welche deßwegen erroͤthend ausschied. O Fol- Folgenden Nachmittag erhielt ich durch ein Weib, das Lucinden bediente, ein Zettelchen, worauf geschrieben stand; „ich muß Sie allein sprechen, mich zwingt die Noht dazu; warten Sie eine Stunde nach Einbruch der Nacht un- ten am Pallaste; die Ueberbringerin wird Sie an Ort und Stelle fuͤhren.“ Ich wußte nicht, was ich denken sollte, und von der Frau war weiter nichts herauszu- bringen; inzwischen versprach ich gewiß zu kom- men. Dieselbe fuͤhrte mich auch die bestimmte Zeit die Treppe hinauf, und oben durch den kleinen Garten. Es war finster, und regnete, und der Wind sauste. Alsdenn machte sie ein Zimmer auf, schloß mich hinein, und ich war voͤllig im Dunkeln. Sogleich wurd ich von einer warmen Hand fest gefaßt, und auf ein Ruhebettchen ge- bracht; schuͤchtern erst und endlich inbruͤnstig um- armt und gekuͤßt unter heißen Seufzern, ohne wei- weiter nur ein Wort zu hoͤren. Mein ganzes Blut gerieth in Wallung an den Liebe klopfenden Bruͤsten; ich glaubte, Lucinde sey ploͤtzlich eine heitre Griechin geworden, und wollt ihr him- melschoͤnes junges Leben genießen, und mit mir den Anfang machen. Mir wich das Gewand unter immer mehr verfuͤhrerischem Straͤuben; und ich gelangte bey dem hoͤchsten Reize, den jun- ge zarte nackte vollkommne weibliche Formen in der Dunkelheit fuͤr unsern staͤrksten Sinn nur haben koͤnnen, zum entzuͤckendsten Ziel meiner ent- flammten Begierden. Das Bacchantische Leben, das endlich alle Verstellung vergaß, brachte mich hernach doch etwas aus meiner Unuͤberlegung, obgleich noch ganz im Rausche. „Lucinde, Lucinde, rief ich, welch eine gluͤckliche Verwandlung! laß mich dei- ne Stimme hoͤren.“ „O du mein Alles! hoͤrt ich nun Fulvien statt ihrer, verzeyhe mir diesen Betrug: was ich O 2 bin bin und habe, ist dein Eigenthum, du bist mein Herr und Meister! du hast mir das Leben errettet, und ich kann nichts weniger thun, als dir wie Magd und Sklavin dienen, Engel, Gott! wo find ich einen Namen, der alles das ausdruͤckt, was ich in dir umfasse? Auch Lucinde soll dir zu Theil werden! Stolz und Eifersucht samt der Person will ich deinem Vergnuͤgen aufopfern.“ Hier umrang sie mich aufs heftigste und biß mich wie rasend in die Brust. Ich mußte mirs gefallen lassen; ich war angefuͤhrt auf eine Weise, die mir hohe Lust ge- waͤhrte. Wenn ich auch ein Joseph haͤtte seyn wollen: so war die Flucht zu spaͤt. Ihr Gemahl erzeigt mir Freundschaft: aber wer kann dafuͤr, daß er einfaͤltig ist, und kein besser Schicksal ver- dient? Warum hat er so geheurathet? Dieß sind natuͤrliche Folgen, die selten ausbleiben. Ful- via hat ein heißes Temperament, und er ist schwach und kalt und traͤge: solch ein Paar thut kein gut zu- zusammen, wie mancher wegen des Kontrastes sich wohl einbilden moͤchte. Ich verwunderte mich uͤber den Schritt, den sie gethan haͤtte; freute mich ihrer Liebe, und pries ihre Reize: gestand ihr aber aufrichtig, wie naͤrrisch der Mensch sey, und daß mein Herz auch beym lebendigsten Genuß der Wonne noch nach Lucinden schmachte. „Und warum sollen wir dich nicht als Freun- dinnen lieben koͤnnen? o du bist ein so theuer Gut, daß wir beyde an dir uͤberfluͤßig genug haben; und ihrer mehrere, wenn du willst. Du sollst als der edelste Wein nur zum hoͤchsten Fest aufgespart werden, der mit seinem Balsam allen koͤstlichen Geschmack uͤberfluͤgelt. Warum sollen vernuͤnftige Schwestern nicht friedlich mit einan- der an dir Theil nehmen! Warum sollen wir uns von Gewohnheiten und Gesetzen im Zaum halten lassen, die bloß fuͤr den Poͤbel sind, eben O 3 weil weil er Poͤbel ist, der sich nicht selbst regieren kann?“ Du siehst hieraus, daß ich doch mit einem gutartigen Geschoͤpfe noch zu thun habe. Ich mußte uͤber ihre Asspasienberedsamkeit und feinen Lobspruͤche laͤcheln; band ihr aber aufs Gewissen, behutsam zu seyn; und so war der neue Liebeshan- del fertig. Es laͤuft mir heiß uͤber den Leib, da ich mit dir von Caͤcilien sprechen will, und ich erroͤthe, wie ein Unheiliger; sie bleibt immer die Krone von Venedig. Moͤchte sie und Lucinde nur so Schwestern seyn, wie Fulvia sagte! Aber ich bin ein Thor und unersaͤttlich. Ach, die Arme wird verlangen Nachricht von mir zu hoͤren; und dieß ist noch nicht einzulenken. Wie bin ich strafbar, daß ich mich mit dem Schoͤnen zu ver- einigen suche, wo ichs finde! ist dieß nicht der edelste Trieb unsers Geistes? ist der nicht ein Elender, ein von Gott Verworfner, der diesen Trieb Trieb nicht hat, nicht ausuͤbt? In was fuͤr ei- ner Welt bin ich, wo dieß Naturlaster seyn soll? den Menschen zerruͤttende bloße duͤrgerliehe Ord- nung ist es. Komm, goͤttlicher Plato, und stuͤrz alle die barbarische Gesetzgebung uͤber den Haufen, und fuͤhre deine Republik ein, wo wenigstens Mann und Weib mit ihrer Liebe heilig und frey sind. Ardinghello. Ich erhielt mit diesem Briefe fast zur sel- ben Zeit ein Kaͤstchen von Smyrna an Arding- hellon, und konnt es ihm sogleich durch einen Veroneser, einen alten Bekannten von unserm Hause, welcher in Handlungsgeschaͤften nach Genua abreiste, uͤbersenden. Dabey meldete ich ihm die voͤllige Befreyung seiner Caͤcilia. Im Februar schrieb er mir wieder, wie folgt, mit dem von Verona bey dessen Zuruͤckkunft. O 4 Genua Genua, Februar. Sieh, theurester Schatz meines Lebens, edles Herz, hoher Geist, gute Thaten bleiben nicht unbelohnt! Lies dieses kostbare Zettelchen: fuͤr dich hab ich kein Geheimniß. „Du hast den Sobn des Kalabresers Ulazal gerettet, ein Kind der Liebe, das er mit einer Griechin aus Rhodos erzeugte. Nimm hier einen kleinen Dank dafuͤr; und reiße dich los, und komm in meine Arme. Bey meiner Mut- ter Platane Stephani zu Smyrna kanst du mich immer ausfinden; dahin richte auch deine Antwort. Ich versichere dich, daß kein besser Leben ist, als vom Archipelagus bis an die Saͤu- len des Herkules auf den klaren Wassern in be- staͤndiger Bewegung zu seyn, und durch seine Tapferkeit die Schoͤnheit aller der reizenden Kuͤ- sten zu genießen. Koniglicher Juͤngling erquicke bald mit deinem muthigen Anblick meine Seele! Diagoras Ulazal.“ In In dem Kaͤstchen sind Edelsteine und Rin- ge und einige andre Orientalische Kostbarkeiten von großem Werth. Alle diejenigen, die wir ihm gefangen nah- men, hat er schon frey gemacht, und meistens mit andern Christensklaven ausgewechselt. Er versprach es ihnen, wenn sie ihn nicht entdecken wuͤrden; und die auserlesene Schaar war ent- schlossen genug dazu: solche Zuneigung hatte je- der fuͤr den jungen Helden. Nun hoͤre meine andre Begebenheiten! den Antrag des Diagoras muͤssen wir weiter uͤber- legen; ich kann mich noch nicht entschließen, das schoͤne Italien zu verlassen, da ich noch so wenig davon gesehen habe. Fulvia nahm uͤber sich, Lucinden zu bekeh- ren; meine Leidenschaft gegen dieselbe schwoll immer mehr an, je haͤrter und unerbittlicher sie wurde. Vor vierzehn Tagen ohngefehr ließ sie endlich etwas von ihrer Strenge nach; da sie vor- O 5 her her immer alle Gesellschaft mied, wo sie wußte, daß ich zugegen war. Eine gewisse Heiterkeit und Fruͤhlingsrosenroͤthe ging in ihrem himmli- schen Antlitz auf, das sonst ein innrer Gram mit einer melancholischen Lilienblaͤsse uͤberzog, die mir so das Herz zusammenklemmte, daß ich aus der Haut fahren mochte, um dem Engel zu helfen. Sie gestattete so gar, daß ich auf einem vermummten Ball eine Menuet mit ihr tanzte. Gott! welcher hohe Reiz enthuͤllte sich in jeder Be- wegung ihres schlanken Koͤrpers! wie heiß die Augen in mich sonnten, und sich doch so selbst uͤberlassen! wie suͤß die zarten Lippen in so fri- scher feuchter Roͤthe laͤchelten, und die festen glaͤnzenden Bruͤste von der Ebbe und Fluht der Jugend wallten! Ich ward umflochten von einem unzerreißlichen Liebesnetz; und die Beruͤhrung ihrer Finger entflammte mich, als ob ich lauter Salpeter und Schwefel waͤre. Wo ich den Blick hinrichtete, entstanden neue Zaubereyen; so so hatten mich ihre behenden sichren Fuͤße nie entzuͤckt, und nie so ihre braunen sich hebenden Locken uͤber den schoͤnen weißen Hals, samt aller ihrer Kleidung. Wir schwebten um einander wie klare lichte Empfindung; sie schien zu fuͤhlen was ich fuͤhlte, und zitterte auf die letzt vor Bangigkeit, so daß wir ploͤtzlich aufhoͤren muß- ten. Noch dieselbe Nacht ward eine Verraͤtherey gegen sie ausgedacht und vollfuͤhrt. Ich stahl mich mit Fulvien vom Ball weg, und diese ver- barg mich in einen großen Schrank, der in Lucindens Schlafzimmer stand, worin einige alte Familienkostbarkeiten hingen; Fulvia ließ mich allein, und kam unbemerkt wieder zuruͤck. Lucinde machte sich gleich darauf vom Tanz- saal; ich erbebte vor Schrecken und Lust, wie ich sie hereinrauschen hoͤrte. Sie sang alsdenn beym Auskleiden ein provenzalisch Lied, mit einer Stimme, woraus die Toͤne so gefuͤhlig und rein wie wie Perlen hervorkamen, die ich noch nie ver- nommen hatte: nur befremdete mich aͤußerst des- sen Inhalt. Es war der Seelenjubel einer Jung- frau, die ihren Geliebten wieder findet, frey von Noht und Drangsaal, worin er lang geschmachtet hat, und ihn mit tausend Kuͤssen, Liebkosungen und Zaͤrtlichkeiten empfaͤngt. Doch vielleicht, dacht ich, ist es etwas auswendig gelerntes, und es faͤllt ihr eben so ein; aber es machte mir hef- tige Unruhe, als sie beym Schluß in die Haͤnde klatschte, und ausrief: „o haͤtt ich dich schon, mein Florio! aber wie weit bist du noch ent- fernt! doch Fluͤgel wieder meiner Hofnung, daß du noch lebst. O du heilige Magdalena bescheere mir den holden, die du auf deinem Felsen zu Marseille schon oft uͤber ihn gewaltet hast, und den Verwegnen aus den Fluhten des Meers und toͤdtlichen Gefahren nach meinen Bitten errettet! O du liebe heilige Magdalena, ich falle hier vor dir nieder, und fleh dich an, uͤberlaß, o Freun- din din des Erloͤsers, mein Gemuͤht nicht immer dem bittern Kummer! mache mein Herz leicht, und wieder froh, und stehe bey meiner Liebe! Arding- hello, der Fluͤchtling, heurathet mich doch nicht. Was hilft mirs, wenn ich seine Quaal auch noch so hoch treibe: er machte mich endlich ungluͤcklich. Wohlwollen muß ich ihm, ach ja! er ist ein ver- fuͤhrerischer Bube. O Floria erscheine bald! Hei- lige gib mir ihn!“ Ich wurde fast zum Narren, so griffen mich diese Reden der Unschuld in meinem Schrank an; und mußte alle meine Kraͤfte zusammenspannen, um auszuhalten. Noch war ich unentschlossen, was ich thun wollte, Tumult und Aufruhr in al- len Nerven und Adern. Und so harrte ich, bis sie sich zu Bette legte, und harrte noch hernach uͤber eine Stunde; und lange und lange, bis ich endlich in der Verzweiflung, mit meinen Ge- danken und Gefuͤhlen ins Reine zu kommen, leise die Thuͤr eroͤfnete, und heraus trat. Den Den Mantel hatte ich schon vorher abgewor- fen, und die Schuh ausgezogen; ich ging auf den Zehen und hielt mich mit den Haͤnden im Gleich- gewicht. Sie lag vom Schlaf aufgeloͤst mit dem Kopf uͤber den rechten Arm, und den linken sanft ausgestreckt, mit den Knien jungfraͤulich ein wenig zusammengezogen, die Decke von sich ge- worfen, und nur den Unterleib mit dem seinenen Tuche verhuͤllt; es war eben eine laue Nacht. Ich hesah alsdenn ihr Zimmer. Vor einer Madonna mit dem Kinde, nach der reizenden von Raphael auf dem Stubl von einem seiner besten Schuͤler kopirt, brannt eine Lampe; und eben so brannt eine andre vor einer Magdalena, gewiß von dem Wundermanne der Lombardey Antonio Allegri: solch eine unbeschreibliche An- muht war in den Umrissen ihres Gesichts, so lieblich die Farbe, und unuͤbertreflich das blende Haar gemahlt, uͤber die jungen Bruͤste reizend wie von einem Luͤftchen verweht. Vor beyden standen standen Blumenstoͤcke; vor der Magdalena auf- gebluͤhte Rosen und Knospen, vor der Madonna Lilien und Nelcken, die sie sich selbst den Winter erzog. Auf dem Tische vor jener lagen die Gedichte des Petrarca; und Schreibzeug, Fe- dern und Dinte und Papier und beschriebne Blaͤt- ter. Ich las das eine, wo ausgestrichen und veraͤndert war: und fand das Lied im Provenza- lischen, was sie gesungen hatte. Das wußt ich auch noch nicht, daß sie ihre Gefuͤhle in so schoͤne Form von Worten bringen konnte: mir wallte dabey eine Gluht nach der andern auf im Herzen. Petrarka war das gediegenste, immer gerade das wenige Vortreflichste, mit ausgetrockneten ver- schiednen Blumenblaͤttern belegt und bezeichnet; besonders in den Reimen nach dem Tode der Laura. Neben der Madonna stand ihre Neh- arbeit in einem Rahmen; sie hatte angefan- gen, die lebendigen Rosen und Lilien vor sich da- hinein zu sticken. Mich uͤberlief ein Schauder, als als ob ich in den Tempel der Keuschheit eingebro- chen waͤre, und laͤsterlichen Frewel ausuͤben woll- te. Ich blickte durch das Fenster am Bette, und der volle Mond wich hinter die Seealpen, den Graͤuel nicht anzusehen; unten rauschte zuͤrnend das Meer auf. Ich ward erschuͤttert, und es fehlte nicht viel, daß ich mich wieder in den Schrank verborgen haͤtte; doch kniet ich vor sie hin, und staͤmmte mich sachte mit beyden Haͤnden auf ihr Lager; ihr ambrosischer Athem beruͤhrte mich wie Wonne des Himmels. So lag ich eine Weile in ihrem Anschauen versunken und verlo- ren, und meiner endlich nicht mehr maͤchtig. Ich warf die Kleider von mir, und naͤherte mich nach und nach leise mit ganzem Leibe dem Schoͤnsten, was die Welt hat. Ich schob alsdenn mit den aͤußersten Fingern das Hemd auf beyde Seiten von den Bruͤsten, die mich mit ihren Knospen der Unschuld anlaͤchelten, als ob sie Ver- schonen ihrer Jungfraͤulichkeit baͤten; und so bracht bracht ich das Tuch von ihren reinen trocknen Fuͤßchen und den netten Beinen bis an die Mitte der wie Saͤulen runden uͤppig hinaufschwellen- den Schenkel, worunter es fest hing. O all ihr Maͤchte des Himmels und der Erden, welche Vollkommenheiten habt ihr hier vereinbart! ich zerrann in nicht mehr zu hem- mendes Entzuͤcken, und riß das Tuch los: und sie fuhr auf und that einen Schrey unter meinen Kuͤssen. „Habe keine Furcht, stammelt ich ihr, ich bin Ardinghello, und werde dir kein Leid zufuͤ- gen.“ Sie hoͤrte nicht und rief: „Boͤsewicht! Schaͤndlicher! Huͤlfe!“ und wand sich los und bedeckte sich und weinte in voller Verzweiflung: ich war wie von einem Wetterstrahl durchschlagen in allen Gebeinen. „Vergib, o Himmelskind, einem, von un- wiederstehlicher Liebe ganz niedergeworfnen und uͤberwaͤltigten, diese Frechheit. Ich schwoͤre dix P bey bey allen deinen und meinen Heiligen, ich werde dir kein Leid zufuͤgen!“ so faßt ich sie mit Ge- walt bey ihrer Rechten, und hielt sie an mein laut- schlagend Herz. „Weg von mir grausamer Verderber!“ schluchzte sie. „Komme wieder zu dir, Lucinde! sprach ich ihr ein; sieh! ich beruͤhre dich nicht mehr. Ich bin schon gluͤcklich, wenn ich dich nur sehe; uud wenn ich von dir bin, ist alles vor mir in Leerheit. Deine Gestalt allein, auch ohne Wort und Zuneigung, ist mir mehr, als andrer feurige Liebe. Sende mich in Gefahren, worinn ich tau- sendmal mein Leben wage: dein Wink wird mein Gesetz seyn. Du bist meine beßre Seele, die al- le meine Faͤhigkeiten fuͤllt. Du herrschest uͤber mich, wie mein strengster Verstand; sieh! das zeig ich dir; und alles kann ich fuͤr dich thun, außer was mir unmoͤglich ist.“ „O „O Ardinghello! Ardinghello! weinte sie, verlaß mich! o verlaß mich!“ „Goͤttliche, und warum? Warum koͤnnen zwey Menschen, wie wir sind, nicht ohne Suͤnde so beysammen seyn! Warum immer eine Scheidewand von Mauer und Kleidung und me- chanischer Gesellschaft dazwischen! Bedenke, wie die Seeligen im Himmel sind, und unsre erste Eltern waren. Alles dieß dient nur, wenn man unter dem großen Haufen ist.“ „Und was willst du von mir? was kann ich fuͤr dich thun, ohne mich ungluͤcklich zu ma- chen?“ versetzte sie etwas ruhiger, sich rundum einhuͤllend. „Sage mir, wen du liebst? fuhr ich fort; denn daß du liebst, das weiß ich, und weiß noch, daß du ungluͤcklich geliebt hast.“ „Ach, antwortete sie darauf, nach einigem Stillschweigen, den Hauptmann einer Galeere! der mich, wie ich noch ein kleines Kind zu Nizza P 2 war, war, schon aufbluͤhender großer Knabe, bey mei- nen Eltern lesen und schreiben lehrte. Hernach legte er sich auf die Handlung, und fuͤhrte mit der Zeit Kauffahrtey Schiffe; und endlich wurd er Anfuͤhrer einer Spanischen Galeere. Als sol- chen sah ich ihn noch lange vor zwey Jahren in Genua wieder; wo wir uns einander versprachen, und die Vermaͤhlung feyern wollten, wenn er wieder aus dem Tuͤrkenkriege kaͤme. Allein er kam nicht wieder; und ich hielt ihn fuͤr todt, bis ich vor wenig Tagen die zugleich frohe und traurige Bothschaft hoͤrte, daß er zu Konstantinopel in harter Sklaverey sich befinde. Mir brachte sie ein alter Schiffer aus Antibes , der von dort ab- fuhr, und uns beyde kennt. Nun hoff ich, daß man ihn erloͤsen, und ihm seinen ehemaligen Po- sten wiedergeben, und wir endlich gluͤcklich seyn werden.“ „Zaͤrtliche, verfuͤgt ich darauf, deine Hof- nung steht auf schwachen Fuͤßen; Spanien ist noch- noch im heftigen Kriege mit den Tuͤrken; und wenn dein Braͤutigam ein Held war, so werden sie ihn so leicht nicht herausgeben.“ Hier verbarg sie ihr Gesicht ins Kuͤssen, und seufzte und weinte; und ich fuhr fort:“ doch wenn es von Spanien aus nicht geschieht: so kann vielleicht ein andrer ihn frey machen; und was schenkst du mir, englische, wenn ich es waͤre! „druͤckt ich ihr mit der rechten in die Hand, und mit der linken ins Herz“ und ich will es dir fast so gut als gewiß versprechen; ich hab einen Freund am Tuͤrkischen Hofe selbst, der alles kann. „Sie verbarg ihr Gesicht noch tie- fer, und sagte gebrochen unten hervor:“ ach, mein Bestes! aber du bist grausam! „Und die Versicherung?“ redt ich außer mir ihr zu. „Gieb dort mir her Feder, Papier und Dinte, und leuchte!“ dieß war nun mein Wille nicht, aber ich verlangte zu wissen, was das schwaͤr- mende Maͤdchen begaͤnne; und nahm die Lampe von der Magdalena, Feder, Dinte und Papier, P 3 und und den Petrarca zur Unterlage; und die from- me schrieb, und laͤchelte unter Thraͤnen: „Wenn Ardinghello mir meinen Braͤutigam Florio Branca aus der Sklaverey erloͤst und frey wieder herstellt, und zaͤrtlich liebt und schweigt: so soll er meine erste hoͤchste Gunst ha- ben mit diesen Zeilen, oder Madonna mich nie zu Gnaden annehmen; aber eher er auch nicht einen guͤtigen Blick verlangen. Lucinde . Darauf gab sie mir das Zettelchen mit ei- nem strengen Blick voll Bedachtsamkeit, und sagte: „nun gehorche, und verwahr es sorgfaͤl- tiglich, wenn ich so viel uͤber dich vermag, als du sprichst. Und noch eins, wer hat dich hie- her gebracht?“ Hier mußte mir nun platterdings eine Luͤge aus der Noht helfen: „ich sagte; ich sey ihr nachgegangen, und habe mich dort hinter den Schrank versteckt, ohne von ihr bemerkt zu wer- werden.“ Bist du so ein Tausendkuͤnstler! „sag- te sie spottend. Der Morgen brach an; ich wollt ihr einen Kuß zum Abschied geben, aber er ward mir nicht verstattet. Ich kleidete mich geschwind wieder zurecht, und verließ sie; machte fuͤr Fulvien auf der Treppe das verabredete Zeichen, daß nichts geschehen sey und sie schweigen sollte; eroͤfnete sachte die Thuͤr des Pallastes, und schlich in mei- ne Wohnung. Den ganzen Morgen konnt ich kein Auge zuthun; und als ich des Nachmittags ein Paar Stunden geschlummert hatte: duͤnkte mich al- les ein Traum. Wie es dunkel wurde, ging ich zu Fulvien in Gesellschaft: sie und ihr Gemahl hatten mir ein fuͤr allemal Erlaubniß gegeben, zu kommen, wenn ich wollte. Es befanden sich mehrere Per- sonen vom gestrigen Ball da; man sprach dar- uͤber, und spielte hernach. Lucinde saß unter- P 4 des- dessen fuͤr sich am Fenster, mit dem Kopf in der Hand, und blickte mich nicht an, und war in geheimer Betrachtung verloren. Ich machte mich alsdenn zu ihr; sie schlug die großen schoͤnen feuchten Augen nieder und seufzte und erroͤthete uͤber und uͤber. Ich getraute mich kein Wort zu reden. Endlich legte sie den andern Arm auch ins Fenster, und betrachtete mich still mit einer gewissen Wehmuth voll Empfindung; wir saßen allein, und sie sagte nun leise mit Engeltoͤnen zu mir: „Was hab ich gethan! was hast du ge- than die vorige Nacht!“ Inzwischen hohlt ich ei- nen Ring hervor mit dem groͤßten strahlendsten Diamant unter denen vom Diagoras; und schob ihn ihr unbemerkt an den vorletzten Finger ihrer linken leichten Charitinnenhand, und antwortete Aug und Aug in suͤßem Liebesgenuß:“ Nimm hin du Braut meiner Seele! „Sie erschrack und war zwischen Weigern und Zaͤrtlichkeit, und blickte darauf, und um sich; und verbarg dann dann die Hand im Schoß, und zitterte und gluͤhte. „Sag mir nur noch, mein Leben, fragt ich sie fluͤsternd, lob der alte Schiffer aus Antibes hier ist, und wie er heißt, damit ich ihn ausfra- gen kann, wo man den Florio in Konstantino- pel findet.“ „Er heißt Gabriotto , versetzte sie hastig, und liegt mit seinem Schiff im Hafen.“ Da- bey stand sie behend auf, trat zu Fulvien an de- ren Spieltisch, die eben einen feinen Streich machte, woruͤber gelacht wurde; und verlor sich dann aus dem Saale, und kam nicht wieder zum Vorschein. Mit Fulvien hatt ich noch vor Mitternacht eine kurze Zusammenkunft, die sich den ganzen Tag bedachtsam auffuͤhrte, und nichts merken ließ; und erzehlte ihr, daß ich nicht uͤbers Herz habe brin- gen koͤnnen, Lucinden Gewalt anzuthun, und es auch vergebens gewesen seyn wuͤrde. Machte P 5 ihr ihr eine ganz andre Beschreibung, wie sie mit ihren Geliebten entdeckt haͤtte, der in der Skla- verey lebe; und mit einem Wort, daß ich das himmlische Maͤdchen zu hoch schaͤtze, um es zu verfuͤhren und ungluͤcklich zu machen. Ich bat sie ihrer selbst wegen, von diesem alle stille zu seyn. Sie wars gar wohl zufrieden, und antwor- tete, daß sie die Geschichte wisse; sie habe aber ge- glaubt, daß der Braͤutigam in der Schlacht ge- blieben und alles laͤngst vorbey sey. Auch sie woll ihr moͤglichstes beytragen, daß der Armen gehol- fen werde; sie liebe sie als ihre beste Freundin und eine der vollkommensten Personen ihres Ge- schlechts: nur koͤnne sie ihre allzugroße Froͤmmig- keit, Eingezogenheit und Kaͤlte nicht vertragen; die Jugend unsers Lebens, besonders beym Frauenzimmer, sey zu kurz, um sie so ungenossen wegstreichen zu lassen, und in diesem Punkt Lu- cinde gewiß immer albern. Dar- Darauf ging es an das Katullische da mihi basia mille, wovon ich mich bald los machte. In solche neckende Handel gerahten wir Liebes- ritter! aber ich stelle mich auch auf keinen philo- sophischen Lehrstul, wo man zu seyn befiehlt, was der Mensch nie war. Den andern Morgen sucht ich den Ga- briotto auf, und traf ihn endlich gegen Mittag in einem Weinhause, nachdem ich ihn im Hafen nicht gefunden hatte. Es ist ein herrlicher Alter, in seinem Leben von mancherley Schicksalen durch- gearbeitet. Dreymal war er in Sklaverey, in Aegypten, Mauritanien, und Griechenland; und sah Mecca und das heilige Grab, zog mit seinen Patronen uͤber den Kaukasus und Atlas, und kam jedesmal wunderbar wieder los; fuͤhr- te nun ein Kauffahrthey Schiff, und ließ sichs wohl seyn in seinen letzten Tagen. Was ist ei- nes Koͤnigs Leben, der seine Zeit durchgaͤhnt, gegen die Wanderungen und Gefuͤhle eines solchen Er- den- densohns? O guͤtiger Himmel, laß mich nur nie auf einer Stelle kleben bleiben! Ich machte bald mit ihm Bekanntschaft, er liebte die lehrbegierige Jugend: wir setzten uns in einen Winkel allein, und ich sorgte dafuͤr, daß wir nicht Durst litten. Ich verschwieg im Anfange mein Geschaͤft; und wir kamen auf die aͤgyptischen Pyramiden zu sprechen. Er machte die gescheidte Bemer- kung dabey, daß die Leute damals entsetzlich un- ter der Zucht ihrer Koͤnige muͤßten gestanden ha- ben, um so ungeheure Steinhaufen aus ferner Gegend her zusammenzutragen; die am Ende doch nur eine Kleinigkeit gegen die vielen Felsen des Kaukasus, Atlas und der Alpen waͤren, welche die Regen des Himmels binnen den Jahrtausen- den zu eben solcher unzerstoͤrbaren Form gespuͤlt. Ich erzehlte ihm dabey zum Scherz aus dem Herodot das Maͤhrchen von der reizenden Koͤ- nigstochter, die bloß durch ihre Liebhaber sich eine er- erbaut habe, der sie fuͤr jede Gunst doch nur ei- nen Stein herbeyschaffen durften; und daß folg- lich bey allen die Arbeit nicht gleich sauer gewesen seyn moͤge. „Wer den letzten lieferte, antwor- tete er lachend, und dem Werk die Krone auf- setzte, muß wenigstens guten Muht gehabt haben.“ Er machte mir alsdenn eine angenehme Beschreibung von den Sitten mancher Laͤnder, die er durchstrichen war. Zum Exempel von Georgien und Cirkassien, wo die schoͤnsten Men- schen leben, sagt er, daß die Kinder da hervor- kaͤmen, wie die Blumen und Fruͤchte auf dem Felde, und man von keiner Eifersucht wisse. Die Maͤnner hielten sich bloß fuͤr das Mittel ihrer Entstehung, und bildeten sich nicht ein, als ob sie dieselben etwa selbst verfertigten, wie ein Kunstwerk, und waͤren dabey eitel auf ihren Verstand oder ihre Geschicklichkeit wie bey uns; und alle Welt lebte gluͤcklicher ohne die Ketten und Fesseln. Von Von der Schoͤnheit, besonders der Weiber dort, gingen wir auf unsre Landestoͤchter uͤber; und von diesen behauptete er doch, daß sie mehr Geist und Form in ihrer Gestalt haͤtten, obgleich nicht die Zartheit und die Bluͤthe des Fleisches jener. „Als hier in Genua, fuͤgte er hinzu, ist ein jun- ges Frauenzimmer, Lucinde von Montefeltro , die ich allem Reiz vorziehe, den ich dort gesehen habe.“ Diese Reden gingen mir, wie du leicht den- ken kannst, gar suͤß vom Ohr zum Herzen durch all mein Wesen. Wir tranken dabey mit dursti- gern Zuͤgen. Der Zauberthau des Weinstocks setzte ihn in meine Jugend zuruͤck, und durchgluͤh- te seine Adern wieder mit der ersten Lebenswaͤr- me. Ich fragte ihn darauf, ob er diese Lucinde von Montefeltro genau kenne. „Wie oft hab ich den Engel als Kind auf meinen Armen getragen, und ihr Leibchen rundum bepatscht und gestreichelt, was ich noch im- immer thun moͤchte, ohn ihr mehr Schaden zu- zufuͤgen! fuhr er lieblich zu sprechen fort. Ihr Vater war ein heruntergekommner Edelmann, der um sich wieder zu erhohlen hernach Handlung trieb. Mit seiner ersten Frau zeugte er keine Kinder; alsdenn schon in die funfzig, vermaͤhlte er sich mit einer armen, aber jungen und aͤußerst schoͤnen Anverwandtin der Mutter der Fulvia, Fregosa, die nun in das Haus S*** getreten ist, bey welcher sich Lucinde aufhaͤlt. Sie hieß Sophia , und lebte mit dem alten Montefeltro schier an die drey Jahr in Ehe, als sie wider Verhoffen schwanger wurde, und mit Lucinden niederkam. Jedoch unter den Rosen der Gastfreund- schaft! es hielt sich damals zu Nizza wegen des milden Winterklimas unter fremdem Namen ein wunderschoͤner und tapfrer portugiesischer Prinz auf, der eine Wunde im Krieg mit den Saraze- nen bekommen hatte, die in seinem Lande nicht recht hei- heilen wollte. Dieser miethete sich einen Garten neben dem des Montefeltro auf dem Weg uͤber den Berg nach Villafranca; und wir alle haben nie anders gemeint, als er habe mit Fug und Recht gethan, was der alte nicht konnte. Und so ward ein suͤß verlassen Weib gluͤcklich gemacht, und es lebt ein himmlisch Geschoͤpf auf der Welt mehr, aller Augen zu entzuͤcken. Als Lucinde ohngefehr zehn Jahr alt war, starb ihre Mutter, die sie als ihr einzig Kind mit aller Zaͤrtlichkeit liebte; ihr Vater that sie darauf zur Erziehung in ein adelich Nonnenklo- ster. Nachher ward ich von einem schrecklichen Sturm verschlagen, zum drittenmal gefangen, und diente bey einem reichen Kaufmann in Griechenland. Wie ich nach einigen Jahren wieder los kam, hatte sich alles veraͤndert; dem Montefeltro waren etliche reiche Schiffe nach ein- ander theils weggenommen worden, theils zu Grunde gegangen, zu gleicher Zeit brachen einige star- starke Bankerotte in Marseille aus, wobey er so viel einbuͤßte, daß die Glaͤubiger sich seines uͤbrigen Vermoͤgens bemaͤchtigten. Er fluͤchtete zuvor mit wenigen hieher, da der Reichthum der Kaufleute mehr in Forderungen als baarem Gelde besteht, und gab binnen Kurzem vor Kum- mer seinen Geist auf; Lucinden nahmen aus dem Kloster ihre muͤtterlichen Anverwandten zu sich. Und so strahlt sie denn wie der Morgenstern, der bey einer Nacht ohne Mond aus den stuͤrmischen Wellen der See aufgeht und Glanz von sich traͤufelt, am Genuesischen Himmel.“ „Aber o waͤre sie auch so gluͤcklich, als sie schoͤn ist, und alle weibliche Tugenden besitzt! Sie koͤnnt es seyn, wenn das Schicksal ihr nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht haͤtte. Florio Branca liebte sie, und ihn Lucinde; und sie lebten schon in seeliger Ehe mit einander, wenn er nicht in Sklaverey gerahten waͤre. Er wuchs an den Ufern des Varo auf, kam in das Haus ihres Q Va- Vaters, ging alsdenn zur See, und bildete sich zu einem Helden.“ „Im Dienste von Spanien lief er mit einem Geschwader nach der neuen Welt aus, und streifte in Mexico und Peru herum. Kam wie- der zuruͤck mit Ruhm und Schaͤtzen, und sah das edle Reis zu einem schoͤnen Baum emporgeschos- sen in suͤßer Bluͤhte stehen, und wollte sich unter dessen anmuhtigem Schatten letzen, als er unter dem Johann von Austria mit der Galeere, die er anfuͤhrte, gegen die Unglaͤubigen mußte. Die Flotte der Feinde von zweyhundert und sechszig Schiffen wurde zwar geschlagen, und von den Christen bey den Echinadischen Inseln der groͤßte Sieg seit langen Zeiten erlangt, den sie sich nur jaͤmmerlich zu Nutze machten: allein Ulazal , der tapfre Corsar, entkam, mit dreißig Dreyrude- rigen, und fuhrte den Florio mit sich nach Konstan- tinopel gefangen; welcher unter dem Doria beym ersten Angriffe sich befand, und nach vielen Wun- den den nicht mehr im Stande war, von den Schaa- ren umzingelt, sich durchzukaͤmpfen. Sie kennen ihn dort, wie die Reiger den schnellen gewand- ten Falken; und werden ihn nicht loslassen. Er dient als Sklave beym Großvezier selbst; ich hab ihn gesprochen, und ein Briefchen von ihm seiner traurigen Geliebten hier uͤberbracht; wor- in er sie beschwoͤrt, ihn zu vergessen, und einen gluͤcklichern zu waͤhlen, wenn er noch ein Jahr lang ausbleibt.“ Diese Nachricht wuͤhlte mir das Herz auf, und Florio dauerte mich; ich seufzte heftig be- wegt, und im Gesichte gluͤhend: armer Schelm! Der Alte fuhr fort: „wenn du ihn saͤhest, mein Sohn, du wuͤrdest ihn lieben; er ist ein gar guter junger Mann bey so viel rauher Ta- pferkeit. Wie oft haben wir vor wenigen Jah- ren zusammengesessen, und einander erzehlt! Wenn ich ihm vom Kaukasus und Atlas sprach: so beschrieb er mir, wie viel hoͤher die Gebirge von Q 2 Ame- Amerika waͤren; und wir geriethen dann in ei- nen freundschaftlichen Streit. Ich hatte die unendlich schoͤnern Weiber, Maͤnner und Thiere von weit edlerer Natur fuͤr mich: und er pries und ruͤhmte zum Scherz die reichen Gold- und Silberminen, womit man die ganze alte Welt erkaufen koͤnnte, wenn man alle Beute heraus- holte.“ Wir tranken alsdenn auf seine Gesund- heit und baldige Befreyung. Ich fragte den Gabriotto noch, ob er viel- leicht den Ulazal von Person kenne? und er sagte mir, daß er ihn einmal zu Rhodi gesehen habe, und schilderte mir ihn als einen andern Hanni- bal auf der See Er machte hierbey die Beob- achtung, wuͤrdig eines solchen Graubarts: „ Kolonna zog zu Rom im Triumph ein wegen seines Drittelsiegs; wenn einer aber die Thaten beyder in jenem Treffen genau abwiegen koͤnnte, in welchem Glanze wu de da noch der fluͤchtige Kalabreser vor ihm erscheinen! Ein solcher sich- rer rer Ruͤckzug eines einzelnen Mannes mit seinen Freunden, nachdem er Wunder des Ver st andes und der Tapferkeit fuͤr die Flotte der andern Admirale gethan hatte, aus der vollen Macht der Ueberwinder, bezeugt die groͤßte Unerschro- ckenheit, Uebersicht, und Erfahrung. Schade, und ewig Schade, daß er unserm Glauben ab- truͤnnig geworden ist.“ Zumal, setzt ich hinzu, da ihn der heilige Vater Pius wieder zu Gnaden annehmen wollte, und Philippen beredete, alles anzuwenden, dem Helden Herrschaften und Reichthuͤmer zu schenken, wo er sie nur immer haben moͤchte, in Spanien, seinem Vaterlande, oder Sizilien, wenn er die Heyden verließe. Doch gefaͤllt mir nicht, daß man denselben mit solchen Antraͤgen bey dem Sultan wenigstens verdaͤchtig machen sollte, damit er ihn selbst aus der Welt schafte: weil man keine andre Mittel dazu vor sich saͤhe. Ulazal aber war zu klug fuͤr solche Versprechun- Q 3 gen gen; scheute uͤberdieß die kuͤnftige feige schaale Rolle, und trat folgenden Fruͤhling nun selbst als Admiral auf, mit einer neuen Flotte.“ „Es ist naͤrrisch, daß man von den Kalabre- sern verlangt, sie sollen nicht zu den Tuͤrken uͤber- gehn. Die Tuͤrken pluͤndern ihre Gegenden, und fuͤhren sie selbst in Sklaverey; und ihre Fuͤrsten sehen gelassen zu, ohne sie zu verthei- digen, und saugen sie noch obendrein mit allerley Auflagen aus. Sie werden also mit doppelten Ruthen gezuͤchtigt. Was hat ein Mann, der Kopf hat und Muth im Herzen, anders zu thun, da er allein sich nicht wehren kann gegen beyde Feinde, die ihn berauben? er schlaͤgt sich zur Parthey der Sieger.“ Ich will doch lieber in dem Glauben leben und sterben, worinn ich gebohren und erzogen bin, und ein wenig Unrecht leiden, erwiederte der Alte; das Dulden ist auch suͤß, wenn man das das Vermoͤgen noch in sich fuͤhlt, auszudauern, und große Belohnung dereinst unter seinen Ge- liebten dafuͤr erwartet.“ „Ein guter Glaube uͤberwindet freylich alles, antwortet ich ihm darauf;“ und dachte im Her- zen, wer damit nur immer in der gluͤckseeligen Dunkelheit herumtappen koͤnnte! Noch denselben Abend lief ein Franzoͤsisches Schiff im Hafen ein, mit dem neuen Gesandten und Consul fuͤr Konstantinopel und Smyrna, das nur Wasser einnahm, und mit dem ersten guten Wind wieder abseegeln wollte. Ich bedien- te mich der Gelegenheit, eilte sogleich nach Hau- se, und schrieb an den Diagoras , so rein und frey, wies in meinem Geiste lebte, frisch von der Hand weg; und bat hernach den Edeln in- staͤndig, den Florio Branca zu befreyen, wenn er koͤnnte; oder mir wenigstens die Art zu mel- den, wie es moͤglich waͤre, ohn ihm jedoch etwas Q 4 von von mir zu sagen; und dann nach Genua zu schicken. Die Aufschrift macht ich an seine Mutter, damit der Brief desto sichrer moͤchte abgegeben werden. Der Patron des Schiffs erhielt von mir schon zum voraus eine Belohnung; und ich versprach ihm mehr, wenn er mir gute Antwort bringen wuͤrde, und sagte ihm zugleich, was es betraͤfe. Er gelobte mir heilig an, ihn aufs beste zu besorgen. Den andern Morgen gegen Mittag ging das Jagdboot auch wieder ab, und mir schwoll das Herz von verschiednen Leidenschaften, so wie der Wind die Seegel schwellte. Ich muß selbst uͤber das Gleichniß laͤcheln, und doch ists wahr, und gefaͤllt mir; ach, unsre Gedanken und Empfindungen sind so zart und veraͤnder- lich, und heiter und wild und stuͤrmisch wie die Luͤfte. Ardinghello . Hier- Hierauf gab ich dem Ardinghello keine Antwort ; und erhielt im Merz wieder folgen- den Brief von ihm. Genua, Merz. Sie hat mich zum erstenmal gekuͤßt, frey- willig; und meine Lippen schmachten in einem fort nach ihrem suͤßen Munde. Schuͤchtern, jungfraͤulich, und doch naturnohtwendig, wie der Magnet sich zieht, flog unerwartet ploͤtzlich der himmlische Kuß auf mich. Wie selbst darin verwandelt schlief ich die Nacht, ein wolluͤstig stehend Feuer; und bin nun erwacht wie ein see- liger Engel. O ein gluͤcklicher Tag der gestrige! wie der neue Fruͤhling ging die Sonne auf und unter. Wir saßen gegen Abend oben allein im Garten, unten hatte Fulvia und ihr Gemahl Gesellschaft; und die See spielte in kleinen Wel- len, um, wie zaͤrtliches Leben, sich in die Luͤfte zu verbreiten. Q 5 Ich Ich zeigte Lucinden erst einige Griffe auf der Laute, alsdenn sangen wir zusammen; und unsre Herzen ergossen sich endlich in einander durch Gespraͤch und Blicke. “Ein Weib ist doch das armseeligste Ding auf Erden! seufzte sie auf die letzt wehmuͤthig, nach mancherley Reden uͤber Welt und Daseyn und Bestimmung, und kehrte die Augen von mir ab gen Himmel; gefesselt auf allen Seiten, duͤrfen wir keinen freyen Schritt thun, wo uns der Geist hinleitet, ohne Schmach und Schande. Nicht uͤber die Straße koͤnnen wir gehn allein und sonder Mamma und Base, wenn man uns fuͤr wohlgebildet haͤlt, ohne daß die Laͤsterzungen auf uns stechen; Natur und Leben und Sitten und Gebraͤuche in andern Gegenden zu sehen und zu hoͤren, ist uns gaͤnz- lich versagt: wir muͤssen auf einer Stelle bleiben, wie die Plaggen, und glauben, was man uns vorluͤgt, ohne sinnlichen Begriff; Wahn und Traum und Gehorsam unser Eigenthum: kein Tro- pfen Wahrheit die Seele zu erquicken. „Wenn „Wenn eine schoͤn ist: so legt man ihr uͤberall Schlingen; und derjenige selbst, welchem sie in einer gewitterhaften Stunde gefaͤllig war, ver- laͤumdet sie oft hernach am aͤrgsten, und tritt zum schimpfenden Poͤbel uͤber, wenn er einen andern vorgezogen glaubt; oder sie wird von unvernuͤnftiger Eifersucht noch fester einge- kerkert.“ „Sind wir nicht schoͤn: so erwerben wir keine Liebe mit aller Weisheit und allen Kuͤnsten der Musen und der Minerva; und außerdem heißts immer noch: sie ist doch nur ein Weib, und kann und darf nicht recht sehen wie es ist; Pe- danterey und Ziererey ohne Zweck und Nutzen! ein Weib hat weder Staͤrke, noch Ueberlegung, etwas großes in irgendwo zu erlangen und zu fassen; die Guten und Verstaͤndigen haben Mitleiden mit dessen Schwaͤche, und die Boshaften verspotten es, und suchen es mit ihrem Lobe vollends zur Naͤr- Naͤrrin zu machen. So geht man mit uns um.“ „Am besten waͤr es, nie gebohren worden zu seyn; denn was wir wollen und lieben, duͤrfen wir doch nicht haben! oder, so bald diese Neigun- gen in unserm Herzen aufgehn, geschwind von der Erde weggenommen zu werden. Unser Loos ist Traurigkeit und Leiden, und wenig heitre Augenblicke; ein vergnuͤgter sichrer Zustand ist uns nicht beschieden: unser Leben ein schwacher Kahn im stuͤrmischen Meer, oft von Wellen uͤber- schlagen.“ Aber warum schrieb ich dir den todten Sinn und Buchstaben von dem, was sie so goͤttlich in bezaubernden Worten, Toͤnen und Gebehrden sagte! Ich hielt ihre Linke in meinen beyden Haͤn- den, und sie uͤberließ die entzuͤckenden Wal- lungen ihrer innern Schoͤnheit ruhig meinem hei- ßen Gefuͤhl. „O „O Lucinde, antwortet ich ihr darauf, du hast viel Wahres gesagt, wir sind ungerecht gegen euch! aber auch unser Loos ist hart. Uns liegt die Arbeit ob, und ihr wirkt still wie die Sonne, und macht schon gluͤcklich, bloß durch eure Schoͤnheit. Wir muͤssen alles erringen und er- kaͤmpfen; und ihr strahlt nur um euch: so liegt man euch zu Fuͤßen.“ „Hohe Schoͤnheit ist freylich aͤußerst selten; aber auch eine Jungfrau, die sie besitzt und zu gebrauchen weiß, ist, was bey uns Alexander und Caͤsar mit Heeren von Helden; es koͤmmt nur auf sie an, was sie erobern will! das ewige Schicksal hat ihr alle Herzen unterworfen.“ „Liebe und Geist ist eins und dasselbe unter verschiednen Namen, nur daß man Ueberfluß von Geist Liebe nennt: hohe Schoͤnheit beherrscht alle Geister. Sie vereinigt sich deßwegen gern mit großer Gewalt, oder großem Verstande, weil da die Liebe am maͤchtigsten ist. Der Mensch fuͤr fuͤr sich allein, uͤberhaupt jedes Wesen, abgeson- dert, ist ungluͤcklich. Was kuͤmmert den Vor- treflichen im Grunde Wahn und buͤrgerliches Vor- urtheil? Das Gesetz ist toll und thoͤricht, das ihm Eigenthum und freyen Gebrauch seiner Per- son abspricht; und er tritt es mit Fuͤßen, so bald er kann.“ „Ich moͤchte lieber Ardinghello seyn, ver- setzte sie schnell in leisem Nachtigallenton, ganz auf mich geheftet, als Semiramis und Laura, so jung und schoͤn mit so viel Tapferkeit und Ta- lent!“ und hier neigte sie ihre Lippen nach den meinigen, ich ward von einem suͤßen Blitz durch- schlaͤngelt, und meine Seele schwebte in der Herrlichkeit des Entzuͤckens wie aufgeloͤßt von al- len Banden. So hielten wir uns lang um- schlungen, bis unsre Blicke in Wollustthraͤnen ergingen, und sie ausrief, rosenroth und lilien- blaß, und sich losriß:“ o du, mein Abgott, was was wird noch aus mir werden!“ ohne mir mehr zuzugestehen. Fulvia kam bald darauf, als ich noch an einen Baum gelehnt stand, und mit den Armen die Augen zuhielt, um nichts irrdisches zu be- trachten. Die Schlaue merkt alles, und erkennt die Momente, wie ein edles Raubthier. So schiff ich denn zwischen einer Scylla und Charybdis im Wonnemeere der Liebe; und lasse mich von ihren Strudeln herumwaͤlzen in Ge- fahren, damit mein Muht nicht muͤssig liege. Doch erschreck ich zuweilen vor Lucinden; sie hat in manchen Punkten nicht die Biegsamkeit ihres Geschlechts, und in ihrer Gestalt entdeck ich Zuͤge von fuͤrchterlicher Heftigkeit; und eben diese sind es, was mich so gewaltsam ergreift, und an sie fesselt. Ich fuͤhle durch und durch, was das himmlische Geschoͤpf verlangt, und dieß foltert mich, da es unmoͤglich geschehen kann: und doch ist der En- gel zu schoͤn fuͤr die Welt, die ihn mit ihren Sit- ten ten angesteckt hat, als daß ein Natursohn ihr ihn so ungenossen sein lebenlang uͤberlassen sollte. Uebrigens studier ich hier immer mehr die Schiffahrt, und streiche oͤfters an der Kuͤste her- um. Zu Korsika bin ich auch schon gewesen, und das rauhe Volk gefaͤlt mir: es liegt Stoff darinn. Es koͤmmt kein Schiff an, und geht keins ab, das ich nicht ausforsche. Und so be- schaͤftigt sich auch noch meine bildende Kunst mit der See; ich habe die eine Skitze, wo ich den Biondello niederstoße, im Großen angelegt. Den Helden Doria besuch ich fleißig, und lerne viel aus seinen Gespraͤchen; er will mir wohl, das seh ich aus seinen Mienen und Ge- behrden und seiner Offenherzigkeit. Er weiß, wer ich bin, und Fulvia und ihr Gemahl wissen es mit Lucinden; ich bin gleich anfangs von ei- nem meiner Landesleute verrahten worden, der mich erkannte. In Venedig blieb ich eher ver- borgen, waͤhrend des Kriegs mit den Tuͤrken, und und weil es dort viel Mahler giebt, worunter man sich leicht verstecken kann; hier sind deren kaum ein Paar. Auch kam ich bey euch in kei- ne so vornehme oͤffentliche Gesellschaften. In- zwischen hab ich keinen Schaden davon, sondern Vortheile; man schaͤtzt mich desto mehr, und ich habe, wo ich will, freyen Zutritt. Vor dem Tyrannen von Toskana fuͤrcht ich mich nun wenig mehr; meine Tante meldet mir, daß es uͤbel mit ihm aussieht. Er hat durch seine Ausschweifungen schon laͤngst seine Gesundheit zu Grunde gerichtet, und bey der Kamilla Martella die Neige seiner Kraͤfte vollends so abgezapft, daß ihm die Zunge steif geworden ist und verdorrt, und er nicht mehr sprechen kann. Alles dieß ist buchstaͤblich wahr, und so unklug wirthschaftete kein Tiberius auf der Insel Capri, und kein Nero in beyderley Gestalt; die noch immer wußten, wenn sie fuͤr sich auf- hoͤren sollten. Ein neuer Heppokrates von Maa- R chi- chiavell wird den jungen Tarquinen auch noch hier- in die Anfangsgruͤnde vorbuchstabiren muͤssen; denn von selbst wird selten einer so gescheidt seyn. Der neue Herzog, sein Sohn, fuͤhrt sich auf wie ein Bloͤdsinniger, und eure beruͤhmte Bianca behandelt ihn auch so mit Fug und Recht. O Caͤcilia, Aphrodite des Adriatischen Pa- phos, wie lebst du, und unsre Liebe? du sollst gewiß noch dereinst voll Zaͤrtlichkeit Lucinden, und auch Fulvien, als deine Gespielinnen umar- men. Meine Seele schmachtet nach ihr und dir; sey nicht so karg mit deinen Worten. Ardinghello Zu Ausgang des Merz schrieb ich ihm, da ich aus dem Schluß seines Briefes sah, daß er ohn- geachtet seiner Leidenschaft doch den Kopf noch nicht verlor, und immer den Edelmuth im Grun- de seines Herzens hatte. Ve- Venedig, Merz. Ich moͤchte mich lieber mit dir nur weni- ge Augenblicke muͤndlich unterhalten, als in dem laͤngsten triftigsten Buchstabenwechsel. Ich habe Caͤcilien schon zum zweytenmal gesprochen; das erstemal in Gesellschaft, und dar- auf vor wenig Tagen allein. Sie ist hoch schwan- ger, gesund und bey Kraͤften; und Mutter und Bruͤder und Freunde und Gespielinnen geben sich alle Muͤhe, ihr neue Ergoͤtzlichkeiten zu verschaf- fen. Es ist eine wahre Augenweide, eine so junge reizende Frau am Ziel ihrer Bestimmung zu sehn, und einem Fremden, der nichts von ihr hoft und erwartet, muß sie so selbst schoͤner und vollkommner seyn, als sie als Maͤdchen war; geschweige dem gluͤcklichen Geliebten, der die suͤße Frucht seiner Liebe so heranreifen saͤhe. Ar- dinghello, du bist ein Goͤttersohn, zu hohem Wohl erkohren; nur verscherze dein Heil nicht! R 2 Das Das erstemal wagte sie nicht, nach dir zu fragen; aber das Spiel ihrer Blicke um mich, deinetwegen, war mir ein Himmelreich. Sie erroͤthete, wurde blaß, seufzte, suchte sich zu ver- bergen: doch die Natur triumphirte: ihr Busen wallte staͤrker, und sie kam endlich zu mir, und ließ sich mit mir in ein Gespraͤch ein, lieblich und traulich. Ich faßte mich dabey so, als ob ich in diesen Augenblicken deiner nicht gedaͤchte; und sie ging froher von mir, sie mochte nun arg- wohnen oder nicht argwohnen: denn sie mußte fuͤhlen, daß ich ihr wohl wollte, und dieß schon vorher wissen. Vor wenig Tagen ließ ich mich bey ihres Vaters Pallast anfahren, bey welchem sie noch immer wohnt, bis nach ihrer Niederkunft, um ihren juͤngsten Bruder zu besuchen, den ich nun naͤher kenne; und als er nicht zu Hause war, ging ich inzwischen zu seiner Mutter, und traf Caͤ- cilien gerade bey ihr. Die Mutter verließ uns denn denn eine Weile wegen Geschaͤften, und wir blieben allein. Ihre schoͤnen großen Augen ruh- ten lang hell und klar auf mir, und ihre Lippen laͤchelten, wie wenn man einen zum reden zwingen will. Mich dauerte die Verlaßne, und ich fing an von dem Gemaͤhlde zu sprechen, das eben vor uns hing; und kaum hatte sie mir den Meister gesagt, so war die Frage darauf: „wo ist jetzt ihr Freund Ardinghello? ich hab ihn nicht wieder gesehen, seit dem er mich gemahlt hat; er wird also wohl nicht mehr in Venedig seyn.“ Ich antwortete: „den letzten Brief von ihm hab ich aus Genua; es geht ihm dort sehr wohl.“ Du haͤttest sehen sollen, wie sie darauf lebendig ward, und sich alles an ihr regte; ein neuer Morgen ihr Gesicht mit heißen Sonnenblicken. Nicht mehr fest halten konnt ihr Herz: „es ist ein treflicher Mensch, voll Verstand und Talent und das geringste ist der Mahler an ihm, so weit ers auch schon in seiner Kunst gebracht hat.“ R 3 Hier Hier gluͤhte sie auf wie eine Rose, und fuͤgte laͤchelnd hinzu, sich fuͤhlend: „ich glaube, daß ich in ihn verliebt geworden waͤre; es ist gut, daß er weg ist.“ Mir waren hier die Daumenschrauben auf- gesetzt: aber doch bekannt ich nicht wegen ihrer selbst, und deiner und meiner; noch scheint es mir nicht Zeit zu seyn. Ich antwortete wie kalt und schier eifersuͤchtig darauf: „dieß wuͤrde den jungen Herrn bis ins kleinste Gelenk kitzeln, wenn ich ihm so etwas berichtete; er war ganz be- zaubert von ihrer Schoͤnheit, wie er sie mahlte; und beneidete muhtwillig ihren ungluͤcklichen Ge- mahl. Dieß Wort kam wie eine finstre Wolke vor ihrer Schoͤnheit Glanz, sie entfaͤrbte sich, und versetzte: „nun so arg und gefaͤhrlich ist es nicht; sie brauchen ihm auch nichts hiervon zu schreiben; doch gruͤßen sie ihn von mir, und melden ihm, daß ich seine Kunst bewundre, und große Dinge von von ihm erwarte, und den eifrigsten Willen ha- be, ihm in Zukunft nuͤtzlich zu seyn.“ Hier- uͤber trat die Mamma wieder ins Zimmer, und ich verließ sie bald darauf. Du siehst daraus, daß alle Verstellung ein Ende hat gegen einen, der Person und Sache kennt: es ist ein Gluͤck fuͤr euch, daß kein solcher unter ihren Richtern saß. Wer die Wege gut weiß, geht auch im Nebel sicher; und ein Wolluͤst- ling von Auge sieht oft die Gegenstaͤnde darin mit mehr Freude, als bey hellem Wetter. Inzwischen dauert sie mich doch von Grund der Seele; denn sie ist ungluͤcklich. Dein Umgang mit Lucinden gefaͤllt mir nicht. In Ruͤcksicht ihrer wenigstens kann ich die Grund- saͤtze nicht billigen, die du ihr einfloͤßest; besonders wenn Florio der Mann ist, wie ihn der alte Schiffer schildert: ich befuͤrchte, daß es schlim- me Haͤndel absetze. Ueberhaupt muß sich jeder nach dem Staate richten, worin er lebt, wenn R 4 er er ihn nicht gewissermaßen uͤbersieht, und her- aus kann, wenn er will: sonst trift am Ende das Sprichwort ein „der Krug geht so lange zu Wasser, bis er zerbricht.“ Wenn Lucinde deinen Geist haͤtte bey ihrer Jugend und Schoͤn- heit: o dann stuͤnden ihr Koͤnigreiche zu Gebot; so aber mußt du sie erst in das alte Korinth oder Athen bringen, wenn sie nach dir gluͤcklich seyn soll. Und noch dazu scheint mir ihr Charakter sich nie recht zu bequemen. Mit einem Worte: so bald ein Weib eines Mannes Frau wird, be- gibt es sich im Punkt der Liebe seiner Freyheit, hernach eine andre Wahl zu treffen; und was opfert der Mann nicht dafuͤr auf, daß ihm dasselbe treu seyn moͤge? Schoͤnheit und Keuschheit bey- sammen wird ewig eine hoͤhere Vollkommenheit seyn, als Lais und Phryne, setze sie in einen Staaat , in welchen du willst. Doch red ich, was Lucinden betrift, in der Ferne; und ein ein- ziger Blick auf sie und wenig Worte von ihren Lippen koͤnnten vielleicht meine eigne Moral weg- ban- bannen. Das Zettelchen, welches sie dir im Bet- te schrieb, bleibt immer ein wunderbarer Flug, von dem andern Erdenvoͤlkchen weg, wozu eine star- ke Leidenschaft gehoͤrt, die alle Furcht von Vorur- theilen uͤberwaͤltigt. Es schweben Gefahren uͤber ihr und dir; aber wer sich selbst nicht rathen kann, dem ist nicht zu helfen. Jeder weiß am besten, wie ihn die Umstaͤnde umringen. Fulvia geb ich dir gerne Preis, nimm mirs nicht uͤbel! aͤchte Genueserin nach dem Sprichwort Mare senza pesce, donne senza vergogna, Uomini senza fede; hat vermuthlich seinen Ursprung aus Venedig, der natuͤrlichen Feindin von Genua. ; ein Gesetz, von keiner Gewalt in Ausuͤbung gebracht, ist kein Gesetz in Wirklich- keit. Wer seine Rechte nicht behauptet, der hat keine; so gehts allen Maͤnnern, die nicht auf R 5 ih- ihrer Hut sind. Dieß sahen die Spartaner wohl ein; und welcher Kopf nicht, der noch Vernunft hat! Ich mag nicht daran denken, daß du mir vom Diagoras sollst entrissen werden. Bleib in deinem Italien, und lies das andre in Ge- schichten und Reisebeschreibungen; der Mensch braucht zu seinem Gluͤcke nicht den ganzen Erdbo- den. Die See ist weiter nichts, als ein unge- heurer leerer Weg ꝛc. Erst in der Mitte des May erhielt ich wieder einen Brief von ihm, und zwar aus Lucca, wel- ches mir sonderbar auffiel. Er lautete, wie folgt. Lucca, May. Auch du bist Schuld daran! Lucinde ist von Sinnen gekommen. Florio Branca kam, erloͤst vom Diagoras, und oben drein mit Geschenken ausbestattet ; ein Held wie ein junger Diomed, nur im Gesicht voll Ehrennarben. Er wußte nicht, daß ich sein Ret- Retter war, und wir wurden bald Freunde. Er drang auf seine Vermaͤhlung: zu Messina, wo ein Theil der Spanischen Flotte liegt, war ihm von den obersten Befelshabern nicht allein sein vori- ger Posten, sondern eine weit ansehnlichre Stel- le zugesichert worden. Ich befand mich eben nicht in Genua, wie er seine Braut uͤberraschte; Fulvia erzehlte mir, sie sey in Ohnmacht gefal- len, als sie ihn so unerwartet ploͤtzlich vor sich ge- sehen haͤtte. Man schrieb es der Freude zu. Sie faßte hernach alle ihre Kraͤfte zusammen, alte Liebe und Verstellungskuͤnste: und Flor o hielt sie in seinen Armen stumm vor Heftigkeit der Wonne nach so vielen Drangsalen. Ich traf bey meiner Ankunft den Florio zu- erst bey ihr und Fulvien und ihrem Gemahl in Gesellschaft. Seine Gestalt und sein Wesen machte gleich auf mich großen Eindruck; starker Gliederbau, scharfe Gesichtszuͤge, kleines blitzend verwegnes Auge, verbrannte Farbe, krauses Haar und derbes Fleisch und wenig Worte zeig- ten ten mir ein Muster von Seemann; und sein Knebelbart und kurzer Saͤbel vollendeten das Bild. Ich wuͤnschte beyden herzlich Gluͤck uͤber ihre Wiedervereinigung. Lucinde sah mich still an, und glich einem Gewitter von Empfin- dung. Die Tage darauf macht ich naͤhere Bekannt- schaft mit dem Florio; und meine kalte Ver- nunft rang immer mehr, meine heißen Begierden zu bekaͤmpfen; der Tapfre war die edelste der Blu- men ganz wehrt. Ich sprach Lucinden alsdenn allein im Gar- ten. Sie jammerte uͤber die Unruhen des See- lebens und die Kriegsgefahren. O wie mein Herz ihr entgegen schlug, als ich die Morgenroͤ- the von Kuͤssen um ihre Lippen schweben sah! Aber ich verwuͤstete schaͤndlich alle Inbrunst der Natur wie ein Gotteslaͤstrer, und gab ihr das theure Zettelchen wieder, und stammelte die tol- len Sylben hervor: „ich kann deine Gunst nicht annehmen; Florio ist deiner Liebe ungetheilt werth: werth: in mir ist jede Fieber Wunde; aber seyd gluͤcklich mit einander, rein und ohne Flecken.“ Sie blieb wie eine Saͤule stehen, las die Zei- len ihrer Hand, und zerpfluͤckte darauf langsam mit den Zaͤhnen das Blat Stuͤckchen vor Stuͤck- chen, indeß ich von ihr ging, und mir die Thraͤ- nen in die Augen tobten. Dieß geschah nach der Mittagsmahlzeit. Fulvia, die von diesem allen jedoch nichts wußte, und auch nie erfahren soll, berichtete mir, daß sie den ganzen Abend in ihr Zimmer eingeschlossen gewesen waͤre, und sie Niemand weiter gesehen haͤt- te, bis spaͤt den andern Morgen, wo man mit einem andern Schluͤssel dasselbe aufgemacht, und sie in ih- rer Kleidung auf dem Bette gefunden, die Haͤnde ringend, mit dem Oberleibe aufgerichtet und seuf- zend mit vor sich niedergeschlagnen unverwand- ten Augen. Weder Fulvia, noch der Braͤuti- gam, noch irgend Jemand hat nach der Zeit ein Wort von ihr herausbringen koͤnnen, so daß sie voͤllig die Sprache verloren zu haben scheint. Sie Sie laͤßt sich geduldig hinfuͤhren, wohin man will, geht auch fuͤr sich herum: ringt aber im- mer die Haͤnde und seufzt, versteht platterdings nichts mehr, was man sagt, und nimt an kei- nem Gespraͤche mit Mienen und Gebehrden An- theil. Sie ißt und trinkt wenig; so bald sie aber genug hat: ringt sie wieder die Haͤnde und seufzt. Es sind von den Aerzten verschiedne Mittel ver- sucht worden, aber alles vergeblich. Sie kennt Fulvien nicht mehr, ihren Braͤutigam nicht mehr, und mich nicht mehr; wie sie dieser kuͤssen woll- te, hat sie nach ihm ausgeschlagen, und ihn ins Gesicht gekratzt. Auch von ihren Freundinnen leidet sie dieß nicht: sonst ist sie in allem geduldig. Ich mochte mir immer mit einem Strick die Gurgel zusammenziehn, wenn sie mich so starr ansah, und die Haͤnde rang und seufzte. Jetzt steckt sie nun in einem Nonnenkloster zur Verpflegung. Florio war im Begriff, sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen, und ist nun bey der Flotte, um in der Verzweiflung ge- gen gen die Tuneser sein Ende zu finden; und ich ha- be mich so auf den Weg nach Florenz gemacht. O Natur, deine schoͤnste Zierde ist zerruͤttet und zu Grunde gerichtet! das arme Maͤdchen zur Lust erschaffen und aller Augen und Herzen zu entzuͤ- cken hat nie die hoͤchste Suͤßigkeit des Daseyns gekostet, und lebt nun ein unaufhoͤrlich Gefuͤhl von unaussprechlichem tiefen Leiden. Du hast so etwas nicht erfahren, und kannst dies folglich auch nicht denken; so schoͤn, so rei- zend, so geliebt, so liebend, und so voll Geist: und nun auf einmal alles im Ruin ohne Zusam- menhang; dasselbe nicht mehr dasselbe, es ist graͤß- lich! Wer sie kennt, vergießt Thraͤnen uͤber ihr Schicksal; ganz Genua trauert. Weide dich, barbarische Moral, Feindin des Lebendigen, mit Wolfsgrimm hier an deinem Opfer! Aber auch ich, o Gott, wo werden mich meine heftigen Leidenschaften nicht noch hinrei- ßen! ach, ich habe ihren Zuͤgel nicht so am sichern Griff, daß sie auf, halsbrechenden Wegen nicht ein- einmal mit mir davon rennen, der Wagen uͤber- schlaͤgt, und Roß und Fuͤhrer in den Abgrund taumeln, wo man Blut und Gehirn noch lange dem Wandrer an Klippen zeigt, bis die Regen- guͤsse des Himmels die Reste des Verwegnen vom Felsen waschen! Ardinghello. Ich konnt ihm hierauf nicht antworten, weil er mir keine Zuschrift meldete. Die Be- gebenheit war entsetzlich, und ging selbst durchs Herz. Je mehr ich daruͤber nachdachte: desto natuͤrlicher aber kam sie mir vor. Fulvia mochte wohl die groͤßte Schuld haben, und weit weni- ger Caͤcilia und ich; außer der eignen Großmuth von Ardinghello. Lucinde war mit allen Rei- zen bey ihrer Jungfraͤulichkeit zu beklagen: ein schwacher Feind in der Festung ist fuͤrchterlicher, als der staͤrkste von außen. Seine Reise nach Florenz schien mir immer gewagt, ob ich gleich schon laͤngst wußte, daß Cosmus gestorben war. Dritter Dritter Theil . S Lucca, May. I ch sitze hier an den Hoͤhen des Thals von Lucca, wo uͤber mir der Wind durch die Buchen saͤuselt, und unter mir die Quellen rieseln, bewegt in der innersten Seele, wie am Scheidewege meines Lebens. O wer die Zukunft aufhuͤllen koͤnnte! Aber diese kennt Niemand, als der, der alles weiß; wir sind nur Funken, unsers Schicksals ungewiß, die in dem Unermeß- lichen herumstaͤuben. Wohl dem, der wie ein Schmetterling sich an den Blumen ergoͤtzt, die er vor sich findet! hat der, welcher mit Gefah- ren kaͤmpfte und sein Ziel errang, am End etwas bessers? Genuß jedes Augenblickes, fern von Vergangenheit und Zukunft, versetzt uns unter die Goͤtter. Was hat der Mensch und jedes We- S 2 sen sen mehr, als die Gegenwart? Traum ohne Wirklichkeit alles uͤbrige. Doch weg mit dieser Muͤckenweisheit! un- ser Geist hat mehr Tiefe. Nur die Kraft ist seelig, die Wiederstand nach ihrem Maaß uͤber- waͤltigt, und ihn nach ihrem Seyn ordnet, seys auch unter Pein und Leiden. Dem Herkules, als er den Anteus bezwang, rannen die Schweiß- tropfen suͤßer hervor aus seiner Stirn, als ihm je die Umarmungen einer schwachen gefaͤlligen Dir- ne waren; und nur Omphale, die ihn die Spindel drehen machte, verdiente die Liebe des Helden. Meine Tante schrieb mir nach dem Tode des Cosmus, daß wichtige Veraͤnderungen am Hofe vorgefallen waͤren, und unsre Feinde einen starken Stoß erlitten haͤtten; ich sollte mich auf den Weg in mein Vaterland machen: sie sey ver- sichert, daß alles gut gehen, und ich meine vaͤ- terlichen Guͤter wieder erhalten wuͤrde; und noch noch außerdem woll ihr der Kardinal wohl, der alles vermoͤge. Diese Nachricht kam mir nun gelegen und ungelegen, nach Lucindens Verwirrung; ich hatte ganz andre Dinge im Kopfe zur Ausfuͤhrung: aber Niemand kann sich von seiner Wurzel los- reißen; und so bin ich auf der Grenze. Der junge Herzog ist wenig Schritte von mir zu Pisa, und bey ihm Bianca; von welcher man sagt, daß sie ihm einen Zaubertrank eingegeben habe: so sehr haͤlt sie ihn an sich gefesselt. Beyde gebrau- chen die Baͤder, weil sie gern einen Erben von ihm bekommen moͤchte Bianca war die Tochter eines Veneziani- schen Edelmanns, Bartolomeo Capello. Dessen Pallast gegen uͤber hatte das Haus Salviati zu Florenz eine Bank, und darin zum Kassierer dem Pietro Bonaventu- ri . Dieser perliebte sich in ihre aufbluͤhende Schoͤn- . S 3 Es Es geht mir hart an, daß ich in diese Sphaͤ- re hinein soll; wenn ich hinein komme: so erlieg ich vielleicht unter den Truͤmmern. Ardinghello. Pisa, Schoͤnheit, selbst jung und wohlgebildet, und klug und kuͤhn, obgleich unter ihrem Stand und ohne Vermoͤgen. Sie glaubte, er selbst habe Antheil an der Bank, und gab seiner Leidenschaft unter Versprechung der Ehe Gehoͤr; schlich sich oft des Nachts zu ihm, und kehrte vor Anbruch des Morgens wieder zuruͤck. Einst da sie auch die Thuͤr von ihrem Hause angelehnt hatte, kam, wie damals in Venedig gewoͤhnlich, fruͤh der Becker an die Fenster, um den Maͤgden zu sagen, daß der Backofen fuͤr den Brod- teig geheitzt waͤre; und zog die Tuͤhr zu, in der Meinung, es sey gestern Nachts vernachlaͤßigt worden. Bianca war mit ihrem Geliebten einge- schlummert, und Beyde hatten sich verschla- fen, Pisa, zu Ausgang des May. Da sieh mich nun schon am Hofe! Noch aber bin ich wie ein fremdes Thier hier, wie ein S 4 Sper- fen. Sie fand die Thuͤr verschlossen, ohne zu wissen, wie es zuging, und erschrack. Eine alte Vertraute hoͤrte weder auf Pfei- fen von Bonaventuri noch Rufen. Sie trug die Frucht der Liebe schon un- ter ihrem Herzen; auf freye Einwilligung ihrer Eltern durfte sie nicht hoffen: Bona- venturi mußte mit ihr ploͤtzlich sogleich nach Florenz durchgehen; wo sie zu Anfang ein kuͤmmerlich Leben fuͤhrte, und die niedrig- sten Arbeiten beym Vater ihres Gatten ver- richtete; sie hatten sich nun vermaͤhlt. Hier wurde hernach der junge Herzog gegen sie entzuͤndet, als er ihre Reize von ohngefehr auf einem Spazierritt am Fen- ster erblickte; und sein Hofmeister Mondra- gone, ein Spanier, und dessen Frau mach- ten die Unterhaͤndler. Der Sperber unter dem zahmen Federvieh, das mit aller Macht herbey gelaufen und geflattert koͤmmt, wenn Der neue Liebhaber ernannte den Bona- venturi zum Gardaroba maggiore, und schenkte ihm einen praͤchtigen Pallast in Via Maggio, wo er mit der Bianca in allem Ueberfluß lebte. Als dieser aber sich bald zu uͤbermuͤhtig betrug: so ließ ihn der Herzog bey Nacht auf der Straße ermorden, wo er sich noch tapfer wehrte. Ihr einzig Kind, eine Tochter mit Bo- naventuri, wurde mit Ulyß Bentivoglio verheurathet und reich ausgestattet. Keine zwey Monate nach dem Tode der Johanne von Oesterreich, seiner Gemahlin, (einige Jahre nach dem gegenwaͤrtigen Lauf dieser Geschichte) vermaͤhlte sich der Herzog mit Bianken in Geheim; welches er ein Jahr darauf allen Hoͤfen bekannt machte. Nach Venedig sandt er den Grafen Sforza von wenn man ihm Futter hinwirft; und seine Eyer legt. Ich hoͤrte von einer neuen Art Olympischen Spielen, die in den Baͤdern sollten gehalten werden, und ging den Tag, der zum Fest an- S 5 be- von Santa Fiore: und sie laͤuteten alle Glo- cken der Stadt, brannten die Kanonen ab, und erklaͤrten die Bianca fuͤr vera e parti- colar figliola della Republica, e cio in con- siderazione di quelle preclarissime e singo- larissime qualita, che degnissima la fanno di ogni gran fortuna. Das ist: erklaͤrten sie fuͤr eigentliche und besondre Tochter der Republick, und dieß in Betrachtung der glaͤnzenden und außerordentlichen Eigenschaf- ten, die sie vollkommen wuͤrdig jedes Thro- nes machten. Sie wurde darauf als Tochter von Sankt Markus noch einmal oͤffentlich ihm ange- traut. Aus einer gleichzeitigen Handschrift. beraumt war, bey guter Morgenzeit von Lucca durch das fruchtbare Thal uͤber den Berg. Unentschlossen, wie von einem andern We- sen geleitet, wandelt ich herunter, und langte bey den Haͤusern an: mir wiederstand die Luft, und ein geheimer Ekel hielt mich so ab, daß ich zusammenschauderte, und mir die Ohren brausten: doch aber drang ich durch. Ich hatte mich kaum im Wirthshause zu ei- nem Fruͤhstuͤcke niedergesetzt, als zwey von mei- nen ehemaligen Kameraden hereintraten, mich anstaunten, und mir um den Hals fielen; wir waren wie in einer neuen Welt bey einander, und mein Blut stuͤrmte in Katarakten von meinem Herzen. „Willkommen! willkommen Prospe- ro! riefen sie; bleibst du bey uns? o du mußt bey uns bleiben! es soll dir wohl gehen, du hast uns immer gefehlt.“ Mich freuten die natuͤrlichen Aufwallungen, ihre Blicke schienen nicht erlogen, und ich ver- vergaß gleich zum erstenmahl das ἀπιςεῖν des Sizilianers Epicharmos; Traue nicht! sagt er, dieß ist alles Gelenk der Klugheit. . Ich antwortete ihnen bloß auf ihre Fragen, daß ich nach Rom reisen wolle, und jetzt von Genua kaͤme; und so eben in Lucca von ihrem Feste gehoͤrt haͤtte. Waͤhrend dem uͤberraschten mich noch verschiedne andre alte Bekannten, und sie ließen nicht ab, bis ich versprach, mit Antheil an ihren Spielen zu nehmen. Oeffentlich konn- te man mir nichts zu Leide thun; ich war we- der verbannt, noch hatt ich etwas gesuͤndigt. Ein Theil von ihnen machte darauf mit mir einen Spaziergang; und ich suchte, durch einge- leitete Gespraͤche mit diesem und jenem, nach und nach geschwind kennen zu lernen, was sich seit mei- ner Abwesenheit veraͤndert hatte. Zu Zu Mittage speist ich in großer Gesellschaft; und bemerkte bald ein paar Spuͤrhunde, die auf mich ausgesandt waren; und fuͤhrte ihre Nasen auf allerley Abwege. Das Voͤlkchen war uͤber- aus lustig, und witzelte und sang und scherzte; aber uͤberall fehlte der edle Kern der Selbststaͤn- digkeit, bis auf einen meiner alten Freunde Mazzuolo, der seinen Geist wunderbar gestaͤrkt hatte: und wir theilten einander unsern Selen- jubel mit im Winkel durch Blick und Kuß und Haͤndedruck und kurze abgebrochne Reden. Nach ein und zwanzig Uhr kam der Herzog an mit seinem Gefolge von Pisa in den zu dem Feste besonders aufgepflanzten Zelten; und gleich darauf wurden die Spiele mit Trompeten und Paukenschall eroͤfnet. Das erste war ein Pisto- lenschießen, und der Preis ein herrlicher Spa- nischer Hengst aus seinem Marstall. Der Mit- streiter waren mit mir sechszehn, lauter junge Leute aus den besten Haͤusern im Florentinischen, der der aͤlteste nicht uͤber dreißig Jahre, und der juͤngste nicht unter siebzehnen. Sie baten insgesamt fuͤr mich um Erlaub- niß mitzustreiten, zumal da einer an der geraden Zahl fehle, der ploͤtzlich krank geworden war. Der Herzog ließ mich in meinen Reisekleidern vor sich, und sagte, nachdem ich ihm einen Lobspruch wie einem andern Herkules gemacht hatte: es gefall ihm, daß ich eben bey dieser Gelegenheit von meiner langen Reise zuruͤckkomme. Bianca, die zugegen war, blickte mich an mit einer großen Neugierde, und tausend Fragen schwebten auf ihren Lippen. Du wirst dich verwundern uͤber meine Kuͤhn- heit, und mich vielleicht fuͤr unbesonnen halten: allein fuͤrs erste reizten mich die Spiele selbst, und mein ganzer Muht sagte mir, daß ich wenig- stens in einem den Preis davon tragen wuͤrde, da ich meine Gegenstreiter so vor mir sah; und dann scheint es mir allemal zutraͤglicher, von ohn- ohngefehr mit den Tyrannen der Welt Bekannt- schaft zu machen, als durch lange Vorbereitun- gen, wo die Caͤremonien alle Natur ersticken. Ich will dich nicht lange mit der Erzehlung aufhalten. Wir schossen mit Pistolen zu Fuß und zu Pferde; und ich traf allemal bey weitem das Ziel, vierzig Schritt entfernt, am besten. Es war ausgemacht, daß im andern Falle die zwey ersten Schuͤtzen noch einmal um den Preis kaͤmpfen sollten; dieß unterblieb also, und die Adriatische Zauberin uͤberreichte mir den Zuͤgel des stolzen jungen Rosses mit diesen Worten: „seyd auch so treflich im Streite, wo es das Leben gilt, fuͤrs Wohl des Vaterlandes.“ Ich sah sie an mit einem kuͤhnen Blick, und wieder scham- haft, und beruͤhrte ihre schoͤne Hand wie in der Zerstreuung zaͤrtlich mit den letzten Fingern der meinigen, und antwortete: „o waͤre schon die Gelegenheit da, euch, o Wunderfrau, und dem- selben meinen Eifer zu zeigen!“ Dar- Darauf wurde aus freyer Hand mit Buͤch- sen nach der Scheibe geschossen, zweyhundert Schritt weit, und Mazzuolo kam dem Mit- telpunkte vor mir naͤher; ich hatte hier mein ei- gen Gewehr nicht. Der Preis bestand in ei- nem andern Neapolitanischen Hengst und einem schoͤnen Jagdhunde. Den andern Tag waren die Fechterspiele. Erst fochten acht Paar nach dem Lose; einzeln jedes Paar. Die den Stoß beybrachten, mach- ten dann wieder vier Paar; diese vier alsdenn zwey, bis endlich eins und einer allein der Sieger blieb. Die Herrchen fochten mit vieler Zierlichkeit, und sagten ihre Lectionen her; ich aber gewann ihnen mit einem gegenwaͤrtigen Auge und fast lauter geraden Stoͤßen, womit ich in ihre Gauke- leyen hineinfuhr, den Preis ab; dem letzten und geschicktesten schlug ich zweymal mit starken un- hoͤflichen Paraden das Rappier aus der Hand, und setzte ihm alsdenn noch obendrein nach einer Se- cundensinte eine Quart uͤber den Arm gerad auf den rechten Piez, so daß der schwarze Fleck eine vollkommne sichtbare Finsterniß auf seiner Weste machte. Fuͤr dieses Probstuͤck gab mir Isabella, die Geliebte meines Vaters, einen goldnen mit Stei- nen besetzten Degen; und mir schwellte die Hand von Grimm, wie ich ihn am Griffe faßte: „Tapf- rer, sprach sie leise zu mir mit blitzenden Augen und Honiglippen, ziehe stolz damit wieder in Flo- renz ein, und trag ihn mir zum Angedenken.“ Den dritten Morgen, nachdem Bianca sich gebadet hatte, war Wettlauf in sandiger Bahn, und Abends Ringen, wovon Mazzuolo und ich ausschieden, um weder aus Hoͤflichkeit uns uͤberwinden zu lassen, noch den andern vielleicht auch diese Preise wegzunehmen, und so die allge- meine Freude zu stoͤren. Und damit es uns kein stolzes Ansehen gab, schieden noch mehrere davon aus. aus. Zu Elis haͤtten wir dieses nicht noͤthig ge- habt; aber man merkte noch außerdem, daß wir uns nicht in Griechenland befanden: der Oliven- kranz waͤre mir lieber gewesen, als Roß und Degen; sie blieben immer eine kindische, tyranni- sche und sklavische Belohnung. Mir uͤberlief die Galle, wie ich Abends zu Pisa einritt, und sehen mußte, daß man mehr das Pferd und den Degen, als mich betrachtete; und warlich nicht etwa deßwegen, weil ich auf meine Person eitel waͤre, sondern daß die Nazion seit weniger als bundert Jahren so den gro- ßen Sinn verlor, wodurch sie sich in den Zeiten der Freyheit auszeichnete. Mit einem Wort: eine Weiberanstalt. Bianca wollte dem Herzog eine Kurzweil machen, und zugleich den jungen Adel von Florenz sich verbinden; an einen andern Zweck wurde wenig dabey gedacht, denn wenn man im Ernste daran gedacht haͤtte: so waͤr alles unterblieben. T So So sieht man oft bey einer Ausfuͤhrung ohne Gedanken, daß Fuͤrstin und Fuͤrst etwas Gutes in einem Buche mag gelesen haben. Ardinghello. Pisa, Junius. Ich werde die Guͤter meines Vaters wieder er- halten, Bianca hat es mir versprochen, mit welcher ich oft im Gespraͤch bin; und dieß ist mir sichrer, als ob es mir der Herzog selbst versprochen haͤtte. Sie ist wirklich ein reizendes Weib, voll Schlau- heit und Verstellung, weiß das Leben zu genie- ßen, und fuͤhrt bey ihrem Honig einen scharfen Stachel. Sie macht Venedig, der hohen Schu- le der Weiber, gewißlich vor einer großen An- zahl Ehre; und es ergoͤtzt sie, daß ich dieß so gut kenne. Das gefaͤllige Wesen, das sie dabey hat, wie alle vorzuͤgliche Personen ihres Ge- schlechts, waͤrmt und erheitert mich sehr ange- nehm. Sie weiß sich wie die meisten ein wenig viel viel mit ihrem Spiegel; und dieß muß man benutzen. Auch der Herzog will mir wohl, vermuth- lich durch Sie. Ich habe schon verschiedne mahl mit ihm Schach spielen muͤssen, worin er sich ein- bildet ein großer Meister zu seyn. Ich verlor mit Fleiß das erste Spiel, und gab ihm Gelegen- heit zu feinen Zuͤgen, die meine Stellung sehr spannten; doch macht ich ihm seinen Sieg noch sauer, welcher ihn dann hoͤchlich freute. Das zweyte Spiel dreht ich so lange, bis keiner mehr gewinnen konnte; und uͤberließ ihm wieder das dritte. Beym vierten und fuͤnften aber macht ich den Herrn Schachmatt in einer Reihe von Kettenzuͤgen, ruͤhmte seine Geschicklichkeit, und entschuldigte ihn mit kleinen Versehen. Bis an den zehnten und zwoͤlften Zug und in die Mitte spielt er in der That vortreflich, hat puͤnktliche Erfah- rung, und man muß bey jeder Art von Spiel wohl auf seiner Hut seyn; aber bey den Aus- T 2 gaͤn- gaͤngen, was eigntlich nur Freude macht, und tief verwickelte Mannigfaltigkeit hat, haperts. So weit ging es nun alles gut; aber Isa- bella ist in mich verliebt! mir sagen es ihre wol- luͤstigen Augen, und das Herneigen ihrer Seele, wenn ich in ihre Gesellschaft komme. Sie haͤlt wie ein Laͤmmchen, und scheint zwi- schen Blutsfreundschaft und andrer Liebe, gegen die Gesetze des Judenlykurgs, keinen Unterschied zu machen; oder die erstre duͤnkt ihr vielleicht ohne diese ein leerer Name, wobey Niemand vom Ursprung an einen sinnlichen Begriff habe. Und ihr Vater und ihre drey Bruͤder lebten so mit ihr nach der allgemeinen Rede. Stammen sie etwa wie Alexander der sechste und dessen Soͤh- ne und Lukrezia von einer besondern Menschen- art? Es mag Fehler der Erziehung seyn, oder von dem Mord herruͤhren: mir koͤmmt es abscheu- lich vor, und ich werde zuverlaͤssig mit ihr keinen Bastarden vom Magus zeugen. Ich Ich finde hier eine gute Schule, den Men- schen zu studieren, wo er in verschiednen Punk- ten seine Vorurtheile abgelegt hat, und bloß nach seiner innern Natur lebt; schier wie unter den Imperatoren Claudius und Nero. So viel ist wenigstens richtig, man trift unter ein Dutzend Personen von beyderley Geschlecht bey- sammen, wie in wohlgeordneten Staaten, kaum drey oder vier an, die jederseits Pein litten, wenn sie sich einander helfen koͤnnten. Sorgten nur die Gesetze fuͤr die Folgen, wie in Sparta! Mit klopfender Sehnsucht hoff ich auf Nach- richt von euren Gewaͤssern. Prospero Frescobaldi. Ardinghello schien mir schon von dem Wir- bel des Hofs ergriffen, und mir war bange vor den Gefahren, die ihn umgaben. Ich glaubte, daß, was ihm so schnell und heftig auf einander begegnete, sein junges Gemuͤth in etwas aus seiner Grundverfassung gesetzt habe; und rief ihm zu als T 3 war- warmer Freund von fern unter manchem andern: „Kein hoher Geist, der frey seyn kann, verpflichtet sich an den Hof eines Despoten; er er- waͤhlt lieber Wasser und Brod. Bey einem schlechten Fuͤrsten kann keiner ausdauern, ohne schlechte Streiche zu begehn: es ist platterdings nichts anders zu thun fuͤr einen Edeln, der sich retten will, als zu fliehen. So haͤtte Seneca unter dem schicklichsten Vorwand erst Agrippinen, und dann den Nero verlassen, wenn er ein Stoi- ker, wie sich gebuͤhrt, haͤtte bleiben wollen. Al- lein es gefiel dem Herren zu herrschen: er blieb bey den Tygern, und duckte sich unter ihre Klauen. Ich erinnerte ihn an seine ehemaligen repu- blikanischen Gesinnungen, warnte ihn vor den Ausschweifungen in der Liebe; und beschloß mit der Nachricht, die ihm so freudenvoll seyn mußte, daß Caͤcilia schon vorigen Monat auf dem Land- gut gut ihres Vaters am Lago di Garda von einem gesunden und starken Knaͤblein ohne lange Mut- terwehen gluͤcklich entbunden worden sey; und ich mich nun wieder in der Nachbarschaft befinde, wo unsre Freundschaft so frisch und maͤchtig aufgruͤn- te, und in unsern Herzen unzerstoͤrliche Wur- zeln schlug. Er koͤnne nun alles einlenken, sein Leben in Zukunft sich aͤußerst angenehm zu machen. Florenz, Julius. Deine zaͤrtliche Sorge fuͤr mein Heil ruͤhrt mich bis ins Innerste, und die Nachrichten von Caͤcilien freuen mich herzlich: allein die Zeiten meiner Ruhe, des gluͤckseeligen Maulwurflebens sind noch nicht gekommen. Ich verstehe alles, was du sagst; nur moͤcht ich das Blaͤtchen umwenden, und behaupten; bey einem treflichen Fuͤrsten kann keiner aus- dauern, ohne schlechte Streiche zu begehen. Die Sokratische Philosophie hat den Fehler, daß sie T 4 fast fast alles auf den Nebenmenschen und die Gesetze des Staats bezieht, und nichts an und fuͤr sich betrachtet; welches natuͤrlicher Weise allemal vor- geht. Nach der Meinung des alten Patrioten, der doch den Schierlingsbecher zu seinem eignen Besten ausleerte, waͤre nur der Loͤwe gut und schoͤn, der seinen Atheniensern Hasen fing. Nero, der zwar immer im Taumel lebte, und selten klar sah und bey Ueberlegung, hat wenigstens damit der wahren Politik ein Ziel gesteckt, daß er sagte: keiner habe so wie er vor ihm verstanden zu herrschen. In der That zeigt die Geschichte des Decemvir Appius mit der Virginia die Einfalt der damaligen Zeiten, und Sylla, Augustus und Tiberius sind schon Virtuosen dagegen im Despoti s mus. Mit der Idee von einem vollkommnen Staate kann man leider geschwinder fertig werden als der Wirklichkeit; da legen Grund und Bo- den, Ursprung und Geschichte des Volks, gegen- waͤr - waͤrtige Staͤrke an Leib und Seele, dessen Glau- ben, Meinungen und Sitten und Nachbarn un- uͤberwindliche Schwierigkeiten in den Weg, und kommen lauter unbezwingliche borstige Ungeheuer zum Vorschein. Hier hast du kurz mein Glaubens- bekenntniß; und ich will dir reinen Wein ein- schenken. Man betrachtet eine Gesellschaft von Men- schen, die man einen Staat nennt, am besten als ein Thier, das von innen Kraͤfte, Proporzion aller Theile haben und gesund seyn muß, und volle Nahrung, um fuͤr sich auf die Dauer zu existiren, und gluͤcklich zu seyn: und von außen Staͤrke, Erfahrung und Klugheit, um sich gegen die Feinde zu erhalten; denn alles von außen, wie Kindern bekannt, ist Feind. Das Wohl des Ganzen ist das erste Gesetz, wie bey jedem lebendigen Dinge; und jede Staatsverfassung, wo nur ein Theil sich T 5 wohl- wohlbefindet, oder gar abgesondert waͤre, ist ein Ungeheuer, eine Mißgeburt. Ein Despot also, das ist, ein Mensch, der ohne Gesetze, die aus dem Wohl des Ganzen entspringen, uͤber die andern herrscht, bloß nach seinem Gutbefinden, ist kein Kopf am Ganzen des Staats, sondern ein Ungeziefer, ein Bendel- wurm im Leibe, eine Laus, Muͤcke, Wespe, das sich nach Lust an seinem Blute naͤhrt; oder will man lieber: ein Hirt, weil doch dieß das beliebte Gleichniß ist, der seine Schaafe schiert und melkt, und die jungen Laͤmmer schlachtet und die fetten Alten, wahrlich nicht zu ihrem Besten, sondern zu seinem Besten. Der Staat ist endlich ein Thier, das seine Gesetze hat, weder von Kuͤhen noch Schaafen, sondern von der Natur des Menschen, weil er aus Menschen besteht; und kein Mensch ist so uͤber andre, wie ein Hirt uͤber seine Heerde. Ein vollkommner Staat muß ein Thier seyn, das sich sich selbst nach seiner Natur, seinen Beduͤrfnissen und Erfahrungen regiert, wie ein Ulyßes fuͤr sich nach den Umstaͤnden und gegen andre. Eine reine Aristokratie, wo mehrere be- staͤndig herrschen nach ihrem Gutbefinden, ohne Gesetze aus dem Wohle des Ganzen, nur mit Gesetzen fuͤr ihr Wohl, die sie nach Belieben aͤndern, ist eine vielkoͤpfige Hyder von Despotis- mus, viel Ungeziefer auf dem Leibe statt eines. Ein Staat von Menschen, die des Namens wuͤrdig sind, vollkommen fuͤr alle und jede, muß im Grund immer eine Demokratie seyn; oder mit andern Worten: das Wohl des Ganzen muß allem andern vorgehn, jeder Theil gesund leben, Vergnuͤgen empfinden, Nutzen von der Gesellschaft und Freude haben; der allgemeine Verstand der Gesellschaft muß herrschen, nie bloß der einzelne Mensch. Diese Lage aber zu erhalten, dazu gehoͤrt ein durchgearbeitetes Volk, das sich selbst, seine Kraͤf- Kraͤfte und sein Intresse kennt, und sich in einen Punkt vereinigen kann; und selten ist einer, der an der Spitze steht, aus Liebe oder Gewalt, im Stande, eine andre Verfassung in eine solche umzuaͤndern, geschweig ein Philosoph auf seinem Studierzimmer. Die urspruͤngliche Ungleichheit der Menschen und die daraus entspringende aͤußer- liche Ungleichheit der Besitzungen und der Gewalt und des Ansehens machen noch uͤberdieß den gordi- schen Knoten der durch keine Vernunft an und fuͤr sich, ohne Ruͤcksicht auf die jedesmalige Verfassung, aufzuloͤsen ist. Nur ein Dichter kann auf einmal Tausende und Millionen von Menschen wie uͤber- ein gedrechselte Maschinen in einen Raum, wo kein Grad der Breite von Europa, Afrika, Asien, und Amerika ist, hinstellen und in beliebige Ord- nung bringen. Was fuͤr Muͤhe kostete es nicht dem Roͤmi- schen Volke, das in dieser ersten Kunst uͤber alle Nazionen hervorragt, ehe es sich von der Gewalt der der Koͤnige losmachte, und hernach durch seine Tribunen die Aristokraten baͤndigte? O es ist dem Menschen so suͤß, uͤber andre zu herrschen, deren Knaben und Toͤchter und Weiber sich auf- warten zu lassen, ihren besten Wein zu trinken, ihre besten Fruͤchte, ihr bestes Gemuͤß und Fleisch zu schmausen, sie im Sonnenbrand arbeiten zu sehen, und selbst in kuͤhlen Schatten faullenzen, sie unter den Schwertern und dem donnernden Geschuͤtz der Feinde zu wissen, wenn junge zarte Dirnen ihm sorgsam die Fliegen wegwedeln! Je- der will dazu Recht haben, und goͤttliches Recht haben, sobald er im Besitz ist, und ließ eher den letzten Kopf von allen seinen Unterthanen, Vater und Sohn, Mutter, Bruder, Schwester, Tochter uͤber die Klinge springen, die es rebellisch leugneten, und befaͤnde sich lieber allein in einer Wuͤste zwi- schen ber Pest der Hingerichteten, als daß er zum Exempel einem Rom gestattete, außer seiner Unterjochung das erste Volk der Welt zu seyn. Dieß ist in der Natur; so elend ist der Mensch; alle alle unsre Moral ist gemacht, und steht nur in Buͤchern: lehrt es nicht alle Geschichte? Dasselbe thut man um Herrschaft zu erlan- gen, und duͤngt die Felder mit Buͤrgerblute; du kennst die Verse des Euripides, die Caͤsar im Munde fuͤhrte. Sie haben allerley Blendwerk von Beschoͤ- nigung ausersonnen, worunter das taͤuschendste ist, dem Staate Ruh und Ordnung zu verschaf- fen, und behende Staͤrke zu geben; und sie stellen sich an, als ob sie nur dessen erste Diener waͤren, und große Lasten auf sich truͤgen. Wie ist aber einer Bedienter, dem Niemand befiehlt, der kei- nen Herrn uͤber sich erkennt! Wie ist einer Be- dienter, der nach Gutbefinden Gesetze macht und giebt, und keins annimt? nach Willkuͤhr ohne Gesetze straft? Gesetzt auch, Ruh und Ordnung; ist dieß Gluͤckseeligkeit? im Kerker ist auch Ruh und Ordnung. Be- Behende Staͤrke? Xerxes erfuhr sie anders von den Themistoklessen der Griechen; und die Dictatoren der Roͤmer, die Kamille sind andre Leute, als vielleicht je einer unter ihnen war, und kosteten sicherlich weniger zu unterhalten. Doch wenden wir unsre Ohren ab von diesen Larifari, die Sache springt von selbst in die Augen. Kein Tyrann wird wohl je so ein Narr seyn, und sein Sklavenreich einem freyen Rom, Athen oder Sparta vorziehen, strahlende Namen durch alle Zeitalter; allein wenn er gescheidt ist, und mit einem Gescheidten unter vier Augen spricht, ganz etwas anders behaupten; etwa folgendes: „Jedes Wesen darf von Natur um sich greif- fen, so viel es Macht hat, es sey unter seines Gleichen, oder andern Dingen. Du zuͤrnst, daß du gehorchen mußt? gehorche nicht, wenn du kannst! und du erhaͤltst ein ander Recht. Daß ich, Sultan, zu Konstantinopel herrsche, da es mir Millionen und Millionen Sklaven erlauben, wie wie nimst du das mir uͤbel? willst du uͤber nichts herrschen? ist nicht jeder Mensch ein Sultan, wenn er kann, nicht jeder Stier und Hirsch? die Verstaͤndigen werden freylich nie gehorchen, wenn sie nicht muͤssen. Gehorchet nicht, wenn ihr koͤnnt, so lange bis ihr alle Herren seyd! und euer Staat ist die Vereinigung des reinsten Ganzen, eine Sonne, wo jeder Theil Licht hat und flammt und brennt, und einer den andern verstaͤrkt und entzuͤckt, und alle insgesammt dann fremde traͤge Erdenkoͤrper zum Leben erwecken, wie jetzt allein Ich.“ Es lies sich vielleicht hierauf auch immer antworten: „daß der Loͤwe minder starke Thiere zerreißt, und ihr Blut aussaugt, ist nun freylich einmal so in der Natur, und erhaͤlt ihn und macht ihn gluͤcklich. Daß du Sultan aber uͤber Millionen herschest, ist Stelzenwerk, und macht dich im Grunde ungluͤcklich; denn du lebst nur im Traum und Nebel, ohne eigentlichen Genuß. Der Der Zufall hat dich oben an geschleudert, und nicht deine Kraft hingestellt. Du fuͤllst deine Sphaͤre nicht aus, und bist immer in einem ohnmaͤchti- gen Streben, Gefuͤhl von Schwaͤche; hast den Anschein von Held und Sieger, und das innre von einem niedergetretnen Ueberwundenen!“ und so weiter, wenn man ohngeachtet aller Traulich- keit Lust haͤtte, auf der Stelle gespießt zu wer- den. Um zum Beschluß hiervon nach der Schule noch zu reden: so theilt man die Staaten ein in Demokratien, Aristokratien, und Monarchien; und sagt, jede Verfassung sey schier gleich vor- treflich, wenn die Menschen gut da waͤren, das ist: wenn jeder, oder doch diejenigen, welche regieren, die andern lieben, wie sich selbst, und ihr Wohlseyn nur in dem des Ganzen finden; und fuͤhrt zu Beyspielen an Athen nach dem Pisistrat, Rom nach der V e rtreibung der Koͤnige, U und und den Theseus und Cyrus und Romulus aus den dunkeln Zeiten der Fabel. Weil aber ein boͤses principium im Men- schen stecke, und der reine Geist nicht allein in ihm herrsche, welches alle die Schlechtigkeiten bewiesen, die sonst unerklaͤrlich blieben: so habe jede von diesen gluͤckseeligen Verfassungen nur aͤußerst kurze Dauer, und arte bald entweder in Tyranney aus, denn fast allemal folge auf einen raren weißen Raben Marc Antonin eine Men- ge Commodusse , oder in Oligarchie , wie nach den Scipionen und Gracchen in Rom unter dem Marius und Sylla, Pompejus und Caͤsar; oder Anarchie und zuͤgellose Frechheit. Und in Be- trachtung der Natur dieser Dinge schmieden sie denn einen Staat zusammen, der aus allen drey- en Verfassungen zugleich besteht, und erhalten ihn unsterblich und ewig vollkommen durch ihre Gesetze, als ob das Leben sich fest halten ließe besser als Metall und Holzwerk bey Maschinen! In- Inzwischen sind solche Ideale der Vollkommen- heit von scharfsinnigen und erfahrnen Maͤnnern aͤußerst ersprießlich und verdienen warmen Dank, und hohen Ruhm und Preis, ob ich mich gleich lieber an Rom und Sparta halte, den edelsten und vollkommensten Greisen unter allen Staaten, die wir kennen, und die vielleicht je gelebt haben. Jeder, der in der buͤrgerlichen Welt sich her- umschlaͤgt, und da und dort groß und herrlich und menschenfreundlich wirken will, oder irgend- wo an der Spitze steht, les’ ihre Geschichte, und denke sie tief durch mit einer Seele voll Erfah- rung: und sie wird ihm ganz ander Licht gewaͤh- ren, als auch die besten Maaßregeln eines ein- zelnen Politikers. Einem Tyrannen den Dolch ins Herz: aͤndert allein noch keinen Staat um, wenn er nicht reif zu einer bessern Verfassung ist, das goͤttliche Wesen, und wenn es sich auch lauter und rein erkennt, als es U 2 von von seinem Ursprung gekommen ist, muß sich uͤberall nach der Materie bequemen, wohinein es vom unerbittlichen Schiksal getrieben fuhr. Einer, der aus beyden Brutussen zusammengesetzt waͤre, wuͤrde nun bey uns immer als Poͤbel herumgehen, wenn er ohne Hofnung sich selbst immer gram blei- ben koͤnnte. Unsre Targuine hatten wir schon verjagt, allein sie wurden uns von einer unendlich groͤssern Macht, als der des Porsenna , wieder aufge- bunden, und unsre innerliche Einrichtung war bey weitem noch nicht so wie die Roͤmische zur Republik gediehen; und noch außerdem war der heidnische toskanische Koͤnig gewiß ein beßrer Mensch, als der orthodoxe Karl der fuͤnfte . Dieser voll Ehrgeiz und kalter List und Schlau- heit ohne eigentlichen weitsehenden Verstand kam zu fruͤh zur Regierung von großen Reichen, um ein Mann von natuͤrlichem Gefuͤhl bleiben zu koͤnnen. Er ging uͤbrigens noch auf dem Weltthea- ter ter mit den Menschen um, wie hernach in der Einsamkeit mit seinen Uhren; und es gehoͤrte ein Sturm von Leben wie beym Ruͤckzug von Algier dazu, und Untergang und Verderben mußten graͤß- lich vor Augen liegen und seine eigne Person er- greifen, bevor sein Herz in waͤrmere Wallung ge- bracht und gegen fremde Noht empfindlich wur- de. Gebohren zu Anfang des Jahrhunderts hat er mit wunderbarem Gluͤck die ganze erste Haͤlfte desselben durchgeherrscht, und alles mußte gewis- sermaßen sich in seinen Ton stimmen. Unsre Freyheit und die Gluͤckseeligkeit von Millionen kuͤnftiger Seelen vernichtete er so ganz ohne Ge- fuͤhl, wie ein Vogelsteller einem Gramsvogel im Garn die Brust eindruͤckt. Es bleibt uns nun nichts anders uͤbrig, nach- dem der eiserne Arm mit Gericht und Beil uͤber uns vereinzeltem buntem Haufen schwebt, der sich nicht mehr vereinigen kann, als daß einer des andern innerliche Kraft im Vertrauen kluͤglich U 3 an- anrege, und wenigstens den einen großen Grund- satz auf die sinnlichste Weise ausbreite, daß der Staat der beste sey, wo alle uͤberhaupt, und die Bessern , und der ausbuͤndige Vortrefliche bey den Vorfallenheiten ihre Rechte genießen; und daß man dabey nicht allein auf gluͤcklichre Zeiten hoffe, sondern dieselben herbeyleite. Unter dem Cosmus hat der Despotismus schon zu tiefe Wurzeln gefaßt, und sein Sohn mag so schwach seyn und immer mehr schwach werden als er will: so laͤßt er sich sogleich nicht ausrotten. Ich fuͤr mein Theil darf mich jedoch wenig uͤber Franzen beklagen: er hat mir nun meine vaͤter- terlichen Guͤter wieder gegeben, in besserm Stand als sie waren, und, um mich sich desto mehr zu verbin- den, noch eine kleine Dichterische Villa dazu ge- schenkt, nahe bey Cortona , mit der reizenden Aussicht uͤber das fruchtbare Thal der Chiana und den Thrasimenischen See ; und mich zu- gleich zum Oberaufseher aller seiner Kunstsachen, Schloͤs- Schloͤsser und Gebaͤude angestellt. Freylich wenn ich Isabellen sehe, flammen nichts destoweniger immer aufs neue raͤcherische Blitze von meinem Herzen. Meine Tante, und der Kardinal Ferdi- nand Bruder des Großherzogs. , der ein ganz andrer Mann ist, schei- nen sich das Leben sehr froh zu machen; so wunder- barlich laufen die Begebenheiten in einander. Wegen meiner Ausschweifungen in der Lie- be brauchst du nicht sehr bange zu seyn: der hat gewiß ein verwahrlostes Haupt, der nicht bey- zeiten erkennt, daß die Gesundheit der Grund und Boden aller unsrer Gluͤckseeligkeit ist, ohne welchen kein Vergnuͤgen bestehen kann; und uͤber- haupt, daß volle Existenz das hoͤchste Gut in der Welt ist, und alles andre dagegen nur Freude von kurzer Dauer. U 4 Ohn- Ohnerachtet dieser Grundsaͤtze schweb ich vom neuen in Goͤtterwonne mehr als jemals. Ich war noch keine funfzehn Jahr, als ich mit einem kleinen Engel aus der Nachbarschaft, noch unter meinem Alter, eine Tochter zeugte. Meine El- tern vermittelten, verbargen und bemaͤntelten die Sache mit der Schwiegermamma, der hin- terlaßnen Wittwe von einem Buchhaͤndler, so gut als es geschehen konnte. Meine Geliebte ward in ein Kloster gethan, und den Augen der Leute so entruͤckt, und die Frucht der Unschuld mit laͤcheln- der Zaͤrtlichkeit erzogen. Ich habe beyde wiedergefunden. In einem Garten voll Blumen aus einem Traubengelaͤnder flog Emilia auf mich, und hing an meinen Lip- pen, an meinem Herzen mit tausend neuen Rei- zen; und fuͤhrte mir behende dann das suͤße Ge- schoͤpf zu, das lieblosend mit ausgestreckten Ar- men nach mir aufsah und Vater! Vater! ent- zuͤckend mir durch Mark und Bein frohlockte. So So bald ichs moͤglich machen kann, reis’ ich zu euch, ich muß Caͤcilien selbst sehen und spre- chen, mit Briefen ists nicht gethan; und du be- gleitest mich dann hieher. Wir wollen wie in einem Paradiese leben. Frescobaldi . Caͤcilia an Ardinghello. Nur die Liebe zu dir hat mich erhalten. O, daß ich nicht bey dir bin! welch ein Ge- genstuͤck zu unsrer bangen furchtbaren Trennung! Aber noch ist mir die Sonne der Freude nicht ganz aufgegangen; doch weiden sich meine Bli- cke an ihrer lieblichen Morgenroͤthe, und schon wall ich auf den purpurnen oͤstlichen Fluhten ent- gegen ihrem blendenden ersten Feuer. O du mein Alles, Licht und Leben und Hei- terkeit meiner Seele, wann werd ich mich wieder um dich winden? mich in dich verwandeln, nur voll von dir, nichts mehr, dein unaussprechliches entzuͤckendes Selbst seyn? U 5 Wie Wie eine Rebe den Ulmbaum werd ich dich umflechten, und die suͤße Traube soll dich schmuͤ- cken. Hand in Hand wollen wir nun die Gestirne blinken und den Mond aufgehn sehen, im kuͤhlen erquickenden Gefluͤster der bewegten Zweige, ohne Furcht bey der Nacht; und uns laut kuͤssen und unsre Wonne girren zwischen Rosen gelagert un- ter dem hohen Ahorn, worin die muntern Philo- melen seufzen und zwitschern und schlagen. Lange lebt ich eine Gefangne, mit schreck- lichen Phantasien und Traͤumen: nur du, nur du, mein Abgott, und waͤr ich auch ein Vogel in den Luͤften, bist in der weiten Welt meine Freyheit. Fulvia an Ardinghello. Groͤßter und strahlendster Diamant von allen jungen Rittern! O waͤr ich so die schoͤnste und groͤßte Perle! nur deinetwegen. For- Fortung und Victoria halten nun den Ro- sen und Lorbeerkranz uͤber deinen Scheitel ver- schlungen hinten auf deinem Triumphwagen: aber ich war auch gluͤcklich! die gluͤcklichste unter den Weibern. Jene Koͤnigin der Amazonen mußte den Ueberwinder von Asien aufsuchen: und du kamst zu mir, Genua zu verherrlichen; und den schwachen kraftlosen Stamm, womit ich vermaͤhlt bin. Ich trage mit uͤppiger Hofnung die Frucht unter meinem Herzen, und sie beginnt zu reifen. Die Parzen selbst haben ihr kuͤnftig Leben aus deinem Munde gesungen. Die Korsaren und das Mißtrauen meiner Verschwaͤgerten machten, daß ich noch unverdorben in deine Arme kam. Dir fehlt zum Koͤnig aller Koͤnige nichts als ein Konstantinopel, ein Ispahan. Florenz, September. Man muß das Eisen schmieden, weil es warm ist. Wir, Bester, haben es mit einander ab- abgekartet, und den Minister gestuͤrzt, eh er sichs versah. Es war mit dem alten Ziegenfuͤßler ohne Bestechung nichts anzufangen, und er hat uns Tort und Drangsal genug angethan. Wir sind jedoch saͤuberlich mit ihm verfahren, und er darf in Einsamkeit und Muße noch seine Beu- te uͤberzehlen. Die Kammerjungfer der Bian- ca, und der Kammerdiener des Großherzogs schlugen ihm fuͤr eine Summe Zecchinen das Bein unter; das ist: sie brachten ihm aus den Mor- genstunden falsche, ganz entgegengesetzte, und doch fein und wahrscheinlich erdichtete Nachrich- ten von dem, was man gern saͤhe: und er plum- ste hinein. Wir warfen bey der Gelegenheit noch einige Laͤcherlichkeiten auf ihn, und empho- len unvermerkt den, welchen wir an seine Stel- le wollten. Ich haͤtte den Posten vielleicht fuͤr mich er- obern koͤnnen; aber ich mocht ihn nicht. Auch bey einem wackern Fuͤrsten, dem ein schlaues Weib ge- geluͤstet, koͤmmt der treflichste Mann zu kurz; er haͤlt ihn mit seinen allerweisesten Rahtschlaͤgen doch nur immer bey den Ohren: und die reizende Kreatur, mit geringerm Aufwande, weit staͤrker anderswo in Nektarsuͤßen Banden. Ueberdieß mußt ich scheuen, bey erster Gelegenheit ein Opfer der Eifersucht zu werden. Der neue laͤßt sich gut an; er scheint ein Mann von Kopf, und hat Aufwallungen von Muht, doch merk ich Winkelzuͤge. Wir wollen sehen, wie lang er aushaͤlt: noch ist er dem Zau- berfelsen der Sirenen nicht vorbey, und keine Siylla und Charibdis durch, und an seiner Stelle werden die mehrsten bald uͤber einen Leisten ge- schlagen. Jetzt gefaͤllt er sehr der Bianca und dem Fuͤrsten. Es war eben kein beßrer da. Ich hab ihn beredet, sogleich in der Stadt und auf dem Land einige neue Andordnungen einzurichten, die ersprießliche Folgen haben duͤrf- ten. Fuͤrs Fuͤrs erste ist die Anzahl der taͤglichen Lehrstun- den in den oͤffentlichen Schulen vermindert, das bloß leere scholastische Geschwaͤtz, so viel moͤglich, daraus verbannt; und es sind andre wackre Mei- ster in verschiednen Faͤchern mit guten Besoldun- gen angesetzt worden. Die Geschichte von Florenz und dessen buͤr- gerlicher Verfassung wird nun gelehrt, woran man nicht mehr dachte, nebst der von Griechen- land und Rom, nach kurzen einfachen vorlaͤufi- gen Begriffen von menschlicher Gesellschaft uͤber- haupt. Alsdenn die Naturgeschichte des Landes; mit sinnlicher Anzeige dessen, was der Boden gut hervorbringt, am besten zum Lebensunterhalt dient, und am besten verkauft wird. Noch uͤber- dieß sollen die Zoͤglinge waͤhrend der Ferien bey den Wallfahrten alles an Ort und Stelle in eig- nen Augenschein nehmen. Fer- Ferner haben wir den Festen und Spielen der Jugend einen edlern Zweck zugesellt; und man wird nun Schwert und Schießgewehr mit Leichtigkeit bey Beleidigungen gebrauchen ler- nen. Zugleich sind sie unvermerkt Gelegenheit, daß der Kern der Mannschaft sich geschwind ver- einigen kann, wenn es die Noht erfordert. Alle Woche ist in den Staͤdten und wichtigsten Flecken eine Fechtakademie und doppelte Ehrenpreise, weil die Verdorbnen die Belohnung doch gleich in der Hand haben muͤssen; und in Stadt und auf dem Lande wird eben so nach dem Ziele geschos- sen. Und endlich sind nun fuͤr Knaben und Maͤd- chen oͤffentliche Musickschulen, und Tanz- und Zeichnungssaͤle; was ist Leben ohne Freude? In das Seewesen hab ich mich noch nicht einmischen koͤnnen. Mehr ist nicht moͤglich, fuͤr jetzt zu thun: so ist das Volk schon gesunken. Un- Unser junger Monarch ist uͤbrigens leicht zu leiten; und er findet, obgleich nicht ohne gute natuͤrliche Anlagen und manche helle Blicke, doch dieß, aus einer sonderbaren Schwachheit selbst zu handeln, fast immer das beste, was der letzte Wohlredner ihm entschlossen vortraͤgt. Außerst selten thut er etwas aus sich: Huͤlfe und Gesellschaft muß er uͤberall haben. Gewohnheit ist eine schreckliche Tyrannin! die Quelle des Uebels liegt darin, daß die bequem- lich gewordnen Romulusse und Caͤsarn durch blo- ße Geburt von Kindheit an bey der geringsten Kleinigkeit bedient werden, und hernach Ma- schinen sind, von einer Menge Leuten zusam- mengesetzt, nie ganz und unabhaͤngig, eher Schnecken und Schildkroͤten, als Adler in den Luͤften, die sie doch seyn moͤchten. Bauer und Bettler haben mehr Gefuͤhl eigner Existenz als sie, und genießen groͤßre Gluͤckseeligkeit. Noch Noch ißt und trinkt er gern etwas gutes; und er hat seine Zunge im Geschmack so ausge- bildet, wie ein großer Tonkuͤnstler sein Ohr, und ein Coreggio sein Auge. Auch laͤßt er die besten Reben kommen von Osten und Westen, und pflanzt sie an in Toskana; und dieß verdient gewißlich allen Dank. Die Zunge ist der Maßstab seiner Ge- sundheit; wenn sie nehmlich gerade das Mittel haͤlt zwischen trocken und feucht, befindet er sich am besten. Suͤß und Bitter unterscheidet er nach allen Graden, wie Licht und Finsterniß mit ihren Farben. Frescobaldi . Rom, Oktober. Ich bin mit dem Kardinal hieher gereist, um Kunstsachen zu kaufen, und in Ordnung zu bringen; und streiche nun herum wie eine Flamme, so ist alles bey mir in Bewegung. Wer Rom in seinen Ruinen und seiner Ver- sunkenheit ganz fuͤhlen wollte, muͤßt ein neuer und doppelt und dreyfach großer Marius auf den X zer- zerstoͤrten und zerfallnen Kaiserpallaͤsten des Mon- te Palatino sitzen. Kein Mensch auf dem heutigen Erdboden vermag dieß; alles ist dagegen zu klein, was herkoͤmmt und was da ist. Mei- ne Thraͤnen rinnen auf die heilige Asche der Hel- den, und ich schaudre zusammen in der Unwuͤr- digkeit, wozu mich das Schicksal verdammt hat. Welch ein Gluͤck, bey seiner Geburt in ein Rom zu den Zeiten der Scipionen auf die Welt gewor- fen zu werden! aber dieß kann Niemand mehr begegnen. Wer sich eine Idee von der Roͤmischen Ge- gend machen will, muß sie an einem heitern Morgen oder Abend auf dem Thurme vom Kapi- tol sehen. Weit, voll großer reiner Gegenstaͤnde, ein entzuͤckend Stuͤck Welt, zu handeln und wie- der auszuruhn, ist sie; schoͤne Huͤgel, fruchtbare Flaͤchen, ferne Ketten, kuͤhl Gebirg, und das unermeßliche Meer in der Naͤhe zum leichten Ausflug in alle Nazionen. Und wie stolz und koͤniglich nun Rom in der Mitte liegt auf seinen freund- freundlichen mannigfaltigen Hoͤhen, an der Schlangenwindung des Tyberstroms, als stark anziehender Vereinigungspunkt! Zeigt mir eine andre Stadt in der Welt, im herrlichen Europa, von wo aus man dasselbe, und Afrika und Asien so bequem beherrschen koͤnne, gerad im mildesten menschlichsten Klima zwischen Hitze und Kaͤlte! Es bleibt dabey: Luft und Land macht den Hauptunterschied von Menschen; alsdenn koͤmmt Zufall und die Kette der Begebenheiten, Neuheit und Ablebung; alles geht im Kreis und Taumel, und die Bewegung laͤuft immer fort. Es kann nicht fehlen, jede Gegend stimmt mit der Zeit die Seelen der Einwohner nach sich. Rom ist weit, glaͤnzend, und groß in praͤchtigen Fer- nen, schoͤn in der Naͤhe; still auf seinen bekraͤnz- ten Huͤgeln, und einsam zum Genuß und Nach- denken: und so die Roͤmer von jeher, was die Form betrift, und sie werdens bleiben. Jetzt geben ihnen ihre eignen Ruinen etwas zerstoͤrendes, X 2 das das noch entferntere Gegenden als ehemals em- pfinden. O daß du nicht hier bist und mich begleiten kannst! Doch ist auch wieder Genuß und Ruͤhrung staͤrker bey traurigen Gefuͤhlen, wenn der Mensch allein ist. Ich bin die ersten Tage in den Gebirgen herumgeritten zu Tivoli, Palestrina, Frascati und Albano; und hernach an der See herum zu Nettuno, Ostia, Civitavecchia. Wie ein Hannibal such ich es einzunehmen, das unbaͤndige Rom: aber es wird mir wie ihm nicht gelingen. Als- denn hab ich es wieder von seinen Hoͤhen betrachtet: und nun stuͤrz ich mich hinein in die Tiefe. Mei- ne Seele kann wegen der vorigen Stuͤrme noch keine rechte Ruhe finden, und dieß treibt mich oft nach kurzem Schlummer vom Lager auf; hier will ich dir denn, um mich zu zerstreuen, und vielleicht zu deinem Vergnuͤgen etwas beyzu- tragen, zuweilen einige Worte uͤber mein gegen- waͤr- waͤrtig Leben hinwerfen. Fuͤr Eingeweyhte ist das willkuͤhrliche Zeichen immer ein guter Zauberstab, die Gefuͤhle eines andern wieder hervorzurufen; zumal wenn sie dereinst dieselben Gegenstaͤnde vor sich haben. Gestern fruͤh bin ich an dem Kolisaͤum herumgeklettert. Es liegt auf dem herrlichsten Platze, den man sich denken kann; gerad in der Mitte des alten Roms, in dem Thale zwischen den drey Huͤgeln Palatino, Celio und Esquilino; und war der bequemste Freudenort fuͤr alle Ein- wohner. Es ist ruͤhrend und schrecklich zugleich, wie einige Zwergenkel der heroischen Urvaͤter und die Barbaren an den erhabnen, in schoͤner Form erbauten Massen genagt und zerstoͤrt haben, und sie doch nicht zu Grund richten konnten. Die eine Haͤlfte der aͤußern Einfassung ist weggetra- gen, und aus den geraubten Truͤmmern sind die stolzesten Pallaͤste der neuern Welt aufgefuͤhrt; die andre steht noch, ein weiter Kreis in hoher X 3 grauer grauer Majestaͤt mit lauter Quaderstuͤcken von Felsen und dreyfachen festen Saͤulen uͤber einan- der mit korinthischen kleinen Pilastern oben ge- kraͤnzt. Die Zusammenfuͤgungen von Stein auf Stein hat das Maulwurfsgeschlecht uͤberall durchloͤchert, um die metallnen Pfloͤcke heraus- zuhohlen; und die breiten Sitze von Backstei- nen stehen auf Gewoͤlben noch zum Theil rund um in Truͤmmern, und zum Theil hat sie die Zeit in Ruinen darnieder gestuͤrzt, und sie liegen unten im Schutte. Gras und Kraut und Gestraͤuch mir Lor- beerstauden gruͤnt uud bluͤht uͤberall, wie auf einem Anger von fruchtbarem Boden, und das Oval der Arena ist eine vollkommne Wiese. Eine solche Gestalt hat jetzt das ehemalige Wunder der Welt, das achtzichtausend Zuschauer faßte, welche alle binnen wenig Minuten wieder auf der Straße seyn konnten; und erschuͤttert noch den kuͤhnsten der heutigen Erobrer. Herum trau- trauern der Esquilino und Palatino und Celio mit ihren zerfallnen Tempeln, Baͤdern, Was- serleitungen und niedern Gewoͤlben. Der Plan zum Ganzen ist aͤußerst einfach. Die Rundung eyfoͤrmig; und der groͤßere Durch- messer theilt sich in vier kleine, von denen zwey die Arena einnimmt, und einen auf jeder Seite der Gang vom Gebaͤude selbst, die zusammen etwas uͤber achthundert Palme ausmachen; die Peripherie hat deren drittehalb tausend. Die Hoͤhe besteht aus vier Absaͤtzen. Die drey untern sind mit Saͤulen nach Dorischer, Jonischer und Korinthischer Ordnung in Bogen uͤber einander; der vierte ist mit kleinen korinthi- schen Pilastern geziert, und schließt ohne Bogen mit einem praͤchtigen dreygestreiften Gebaͤlke. Die ganze Hoͤhe macht zweyhundert und zwey und dreyßig Palme. Es muß viel Holz darinnen gewesen seyn, weil es verschiednemal abbrannte; und zuweilen bloß X 4 ein- einfach, und zuweilen reich verziert und vergol- det war. Die innre Aussicht ging in eine Ord- nung von einzel n en Saͤulen aus, die das Zelt fest hielten, nach den Muͤnzen des Titus und Do- mizian. Die Schoͤnheit der Saͤulen besteht mehr im Verhaͤltniß der Theile als der Arbeit; ihre Form ist rauh und einfach, wie es die ungeheure Groͤße und Festigkeit erheischt. Das Amphitheater von Verona ist kleinlich und provinzial dagegen. Mir winkte oben auf durch Ruinen und Gestraͤuch, ewig jung und unversehrbar, die Pyra- mide des Cestius von fern in blauer Luft, und ich konnte nicht erwarten dahin zu gelangen; strich an dem halb eingefallnen Septizonium des Se- verus vorbey durch die Niederlagen des Circus Maximus zwischen den Aventinischen und Palati- nischen Bergen nach dem Tyberstrom zu, und daran fort, bis ich der reinen schroffen Felsenspitze im- immer naͤher kam. Ach, wie alle die Herrlichkeit so verwuͤstet liegt! und doch sind die Uberbleibsel der Verwuͤstung nur klein gegen das, was stand: vom Circus Flaminius, Agonalis, Florealis, Vaticanus; von denen des Salust und Nero ist keine Spur mehr zu finden. Und was waren die Gebaͤude selbst in ihrer Vollkommenheit gegen das ungeheure Leben darin! Die Phantasie des Menschen mit ihrer Goͤtterkraft scheut sich zu- ruͤck, wenn sie sich eine Vorstellung machen soll, wie nach dem Siege des Metellus in Sizilien uͤber Karthago hundert und zwey und vierzig Elephanten auf einmal kaͤmpften und erlegt wurden; und von hundert Loͤwen unter dem Sylla es bis auf sechshundert unter dem Pom- pejus kam. Unter den Kaisern vollends folgte hierin eine Ausschweifung auf die andre. Tra- jan gab nach dem dacischen Kriege und dem Tode des Decebalus hundert und drey und zwanzig Tage lang dergleichen Schauspiele, wo zuweilen X 5 bis bis auf zehntausend zahme und wilde Thiere und unzaͤhlbare Gladiatoren kaͤmpften; und Kommodus brachte nach dem Lampridius hundert Elephanten mit eigner Hand um. Es ist klar genug, daß ein solches Volk, welches noch uͤberdieß wirkliche Koͤnige und Hel- den am Leben, wie Jugurtha, ihren letzten Tropfen Existenz in seinen oͤffentlichen Gefaͤng- nissen bis auf den aͤußersten Hunger ausdauern sah, der kleinern Athoniensischen Tragoͤdie nicht bedurfte, um das Herz nach dem Aristoteles von Furcht und Schrecken zu reinigen. Und was sind wir, denen die Vorstellungen des Sophokles und Euripides zu grausam vorkommen? Es ist wohl wahr, der Mensch bezieht al- les auf sich selbst, und also auch die Werke der Kunst; sein Gefuͤhl ist wie sein Charakter. Ein Miltiades, Themistokles, ein Sylla und Caͤsar koͤnnen bey Gegenstaͤnden Vergnuͤgen empfinden, die bey einem Schwachen Abscheu erregen und ihn mar- martern, weil er nicht die große starke Selbst- staͤndigkeit hat, die Leiden andrer außer sich zu fuͤhlen, ihre Natur und Eigenschaften wie jene mit ihren Kraͤften zu ergruͤnden und zu erkennen, die Sphaͤre seines Geistes dabey zu erweitern, und zugleich uͤber alles dieß empor zu ragen, ohne sich als Theil damit zu vermischen und selbst zu leiden. Griechen und Roͤmer vergnuͤgte vieles, wovor wir fromme moralische Seelen Abscheu haben. Der letztern Fechter waren meist zum Tode ver- dammte Sklaven; und die Tragoͤdien der erstern zeigten ihnen, wie Menschen untergehen, die nicht vollkommen genug sind, und wie Held und Heldin bey Ausuͤbung hoher Tugenden leiden soll, oder sich weise mit ganzem Bewußtseyn unter das Gesetz der Nothwendigkeit, den ungefaͤhren Zu- sammenstoß der Begebenheiten, beugt. Dieß ergreift maͤnnliche Seelen, und ein solch ausgewaͤhlt Le- ben, von trivialen Lumpereyen fern, dringt in nichts destoweniger rein und scharf-fuͤhlende Herzen; es ging ging nach dem großen paradoxen, unsrer em- pfindelnden Welt unbegreiflichen Grundsatze der Stoiker: der Weise erbarmt sich, hat aber kein Mitleiden. Die Pyramide ist ein gar herrlich Werk, hundert und etliche Fuß hoch. Sie steht ewig jung da, obgleich das Gruͤne von Gestraͤuchen sich hinein genistet hat, wie ein gediegner Feuer- wurf aus der Erde, so scharfflammend; grade gegen die vier Welttheile mitten zwischen den Ring- mauern, die Seite nach der Stadt gegen Nor- den. Ueppig fest trotzt sie der Luft, dem Him- mel und seinen Wolken. Eine dauerhaftere Form gibts nicht: alles was von oben herunter faͤllt und in der Erde anzieht, macht sie staͤrker, die maͤchtigste Feindin der Zerstoͤrung. Aber was hilfts? Der Geist und das Leben ist doch weg aus dem Menschen, der darunter begraben liegt; sein Name bleibt indessen immer etwas. Wie das zarte Schwarz dem in- nen blendend weißen Marmor so lieblich laͤßt! sie sie steigt hervor so natuͤrlich wie ein Gewaͤchs, und die aͤgyptische Nachahmung schlaͤgt alle Roͤmische Grabmaͤler, selbst die der Metella, des August und Hadrian darnieder. Da ich so nahe mich befand, wandelte ich noch zum Thore hinaus uͤber die alte Via Ostia nach der Sankt Paulskirche, die Konstantin der große angelegt haben soll. Welch ein Ein- druck von verschiednen Empfindungen! Schoͤnheit und Pracht in ihrer groͤßten Herrlichkeit ent- zuͤckt Augen und Phantasie: und die Armseelig- keiten darum her setzen einem das Messer an die Kehle wie Diebsgesindel. Man hat hier Roms ungeheure Macht und Ruin beysammen. Sie ist von innen wie ins Kreuz gebaut, doch merkt mans kaum, und sie bleibt ein Oblon- gum; nachher erst hat man die Verehrung vom Kreuz ins Alberne getrieben. Die vierzig gestreif- ten haushohen korinthischen Saͤulen, und die vierzig kleinen glatten unter dem Schiffe machen, mit mit den uͤber doppelt breiten mittlern, fuͤnf Gaͤnge, die ihres Gleichen in der Welt nicht haben. Unter den gestreiften sind zwey Dutzend von parischem Marmor in hoͤchster Schoͤnheit. Das Scheuren- dach und Obergebaͤude daruͤber mit den acht Fen- stern macht damit einen wunderbaren Kontrast, der aber doch einfach ist, und gewissermaßen dem untern entspricht, und dieß gibt dem Ganzen eine furchtbare Groͤße; die entzuͤckendste griechische Schoͤnheit muß, vom Schicksal unwiederstehlich genoͤthigt, den wilden Barbaren dienen. Der Boden ist aus Marmortruͤmmern, worin hier und da noch Fetzen von Inschriften sich befinden. Im Kreuzgange, wenn ich ihn so nennen darf, sind sechs große und zwey kleine Altaͤre mit dreyßig Porphyrsaͤulen, alle, zwey oder drey etwa ausgenommen, aus einem Stuͤck, wie die achtzig weißen Marmorsaͤulen; und noch tragen da die Decke sechs ungeheure von aͤgypti- schem Granit, und vier eben so große von Mar- mor. mor. Der herrliche freye Raum thut einem un- gemein wohl zwischen den Saͤulen, samt der uneingeschraͤnkten Hoͤhe. Diese Kirche bleibt die hoͤchste Pracht der Welt, und nichts uͤbertrift sie. Man mag von den gefangnen ruͤhrenden Schoͤnheiten nicht weg- gehn, wie von lauter Iphigenien in Tauris, und die ganze Seele stimmt sich daran rund und geschmeidig. Man sagt, die Saͤulen waͤren vom Grab- male Hadrians, der jetzigen Engelsburg, genom- men, und es ist sehr wahrscheinlich. Die Asche des Kaisers muß dort wie in Blumen gelegen ha- ben; ungluͤckliche Manen! Uebrigens ist es den Roͤmern wieder ergangen, wie sie es den Griechen machten; und derjenige, welcher diese Kirche baute, hat vielleicht, wie Mummius bey Fortschaf- fung der gepluͤnderten Statuͤen von Korinth den Schiffern, eben so den Baumeistern gedroht, sie sie sollten andre Saͤulen machen lassen, wenn sie etwas daran verdaͤrben oder zerbraͤchen. Mich uͤberfiel der Mittagsbrand, wie ich wieder in der freyen Sonne war, als ob ich aus einem kuͤhlen Bade kaͤme; und ich verdoppelte meine Schritte nach dem Thore, wo die zwey wilden Thuͤrme aus den mittlern Kriegszeiten und die mit Epheu dicht behangne alte Stadt- mauer neben der Pyramide mit ihrem Schatten mich erfreulich an sich zogen. Mir schien der Weg zu weit bis auf den Spanischen Platz, und ich begab mich unter die Pignen, Cypressen, gruͤne Eichen und Maulberbaͤume, nach den frischen Weinkellern des Monte Testaccio; lies mirs koͤstlich bey einem alten Wirth, einem Sizilianer und Sohn des Aetua schmecken und legte mich nach wohlgehaltnem Mahl und angenehmen Ge- schwaͤtz in ein Zimmer gen Norden zur suͤßen Ruh nieder, und fiel in einen erquickenden Schlaf. Gegen Gegen Abend erwacht ich wieder, und hoͤrte in einem Saale neben mir: Michel Angelo, Ra- phael, und Antiken; und unten Trommel und Geige. Ich sprang auf; und sah zwischen den Baͤumen Fest und Tanz und Schoͤnheit, und trat in den Saal. Der Streit war so heftig, daß man mich nicht bemerkte. „Michel Angelo, sprach ein reizender junger Mensch, gehoͤrt gar nicht unter die Mahler, so wenig als einer, der bloß den Kontrapunkt versteht, unter die großen Saͤnger und Geiger. Was hat er denn hervor- gebracht? Seine Capella Sixtina, und weiter nichts als seine Capella Sixtina. Ist dieß ge- mahlt? Ist dieß Natur? Wer kann sich erinnern, irgend etwas in der Welt gesehen zu haben, das seinen Herrgoͤttern, Propheten und Sybillen, und vollends seinen Seligen und Verdammten gliche? Geschoͤpfe einer ungeheuren Einbildungs- kraft, die zwar erstaunlich viel fuͤr Studium den Kuͤnstlern, aber wenig fuͤr Volksverstand, und nichts fuͤr Auge und Herz sagen.“ Y „Der „Der elende Florentinerschmeichler Vasari hat mit dem Dampf von seinem Weyrauchkessel, den er dem alten Kunstdespoten unter der Nase herumschwenkte, damit er durch dessen Empfe- lung etwas zu mahlen bekaͤme, den Leuten das Gehirn benebelt. Und ist dieß groß im Geiste, wie er die guͤtige himmlische Seele, den Raphael, verfolgt hat? Weil er selbst sein Unvermoͤgen in der Farbe erkennen mußte: so zeichnete er mit aller seiner Gelehrsamkeit die Umrisse dem Venezianer Bastian, und dieser sollte mit seinem Kolorit den Pfeil vergiften. Aber was kam zum Vorschein in Pietro Montorio? Ein Zwitterding, welches seiner Einsicht warlich wenig Ehre macht, und der Goͤttliche blieb, wer er war. Raphael hin- gegen, der edle reine Juͤngling, der nur die Vollkommenheit der Kunst im Auge hatte, son- der Neid, strebt in Unschuld, das zu dem Sei- nigen noch zu gewinnen, was der weit aͤltere, der Mann in Ruͤcksicht seiner, Vortrefliches be- saß; saß; und wahrlich meistens aus kindlicher Gut- herzigkeit: denn die Antiken sind doch auch hier- in ganz andre Muster, und Michel Angelo ist dagegen ein Wilder. Und endlich konnte Ra- phael wohl von Michel Angelo lernen, aber Michel Angelo nicht von ihm; denn was den Raphael zum ersten Mahler macht, lehrt und lernt sich nicht.“ Ein Landsmann von mir, der eigentlich mit diesem im Klopfgefechte begriffen war, wurde dar- uͤber vor Aerger gruͤn und gelb, und die Nase schwoll ihm zusehends: doch konnt er vor Zorn nichts hervorbringen, so wortreich er auch sonst ist, und haͤtte bald wie Markus Tullius Cicero vor dem schoͤnen Clodius, dem rebellischen Tribun, das Hasenpanier ergriffen, wenn ich nicht eini- germaßen seine Parthie aufnahm. Ich antwor- tete: „Die Herrgoͤtter von Michel Angelo koͤnnt ihr freylich nicht in der Welt gesehen haben: aber Y 2 gibts gibts in der neuern Kunst erhabnere Gestalten? und entsprechen sie nicht doch alle dem, was der gemeine Mann bey uns sich als Zauberer vor- stellt? Eure Gestalt selbst, Freund, ist zu edel und eure Blicke zu hochgeistig, fuhr ich fort, als daß der Gott, der die Sonne schaft, und der, welcher die Eva schaft, euch nicht ergriffen haben sollten. Das Erhabne schlaͤgt ein wie ein Wetterstrahl, und beruͤhrt am ersten die großen Seelen. Die Propheten und Sybillen sind lauter maͤchtige Charakter im Feuer, Eifer und Begeisterung. Und im juͤngsten Gericht ver- dammt Christus streng, droht die Suͤnder ma- jestaͤtisch mit aufgehobner Rechten fort: indeß die zaͤrtliche Mutter mit angelegten Armen und Haͤnden an die Brust die Seeligen heraufwinkt; und es ist ein Spiel der Phantasie, wo der mensch- liche Koͤrper in allen moͤglichen Stellungen wun- derbar sicher ausgezeichnet ist. „Ich habe vor wenig Tagen, fuͤgt ich hin- zu, ein kleines Gemaͤhlde von ihm gekauft, wel- ches ches vorstellt Christum am Kreuz, wo der Er- loͤser gesagt hat:“ Weib, siehe, das ist dein Sohn! „und zu dem Juͤnger, den er lieb hatte:“ siehe, das ist deine Mutter! „Unten auf beyden Seiten mit der Mutter und dem Johannes, sie rechts, dieser links; und an den Armen des Gekreuzigten schweben zwey Engel in einem Ge- witterhimmel voll Dunkelheit und Feuergewoͤlk.“ „Christus und die Madonna sind die er- habensten tragischen Gestalten, die ich je in Mahlerey gesehen habe. Christus ist ein lei- dender Alexander, Hannibal, Caͤsar, und was man Großes und Erhabenes von Menschheit kennt. Ein goͤttlicher Juͤngling voll Guͤte fuͤr den großen Haufen, welcher der Menge unterlag: ein Tiberius Gracchus, und die Mutter eine Kor- nelia, voll Geistesstaͤrke und Groͤße.“ „O wie verschwinden alle Madonnen, und wie ist selbst Raphael, den ich bewundre und liebe, wie den neuern Apelles, klein dagegen Y 3 und und gewoͤhnlich! Stellung von ihr, Blick zu ihm, zu seinem schmerzenbaͤndigenden scharfen Aug und hohem Angesicht; herabgehaltne Rechte, voll Kraft und Zorn angehaltner linker Arm, Daum und Zeigfinger nach dem Juͤnger hingerichtet; der Wurf des blauen Mantels uͤber das rothe Ge- wand: alles harmonirt und macht ein Gan- zes. Johannes sinkt vor Schmerz zusammen mit uͤbereinander geschlagnen auf die Brust geleg- ten Haͤnden.“ Welch Meisterwerk von Zeichnung ist der Koͤrper des Gekreuzigten! Wahrheit bis in die kleinsten Theile, und zugleich Leben und Leiden durchaus in Einheit.“ Man fuͤhlt wirklich hier etwas von dem, was Vasari im Allgemeinen sagt, der zuweilen so golden beschreibt, ob es gleich wahr ist, daß ihm seine antike Vaterlandsliebe zu Ungerechtig- keiten gegen die drey großen Apostel der Kunst, Raphael, Tizian und Cerregio, verleitet: es ist, als als ob ein himmlischer Kraftvoller Genius her- untergekommen waͤre, und Mitleiden mit allen den Stuͤmpern gehabt und denselben gezeigt haͤtte, wie ein Christus am Kreuz, und eine Madonna und ein Johannes dabey vorzustellen sey. Er ist bis zur Taͤuschung angenagelt, und bewegt sich gerade dazu, wie es sich schickt.“ „Die Mutter ist ein hohes Weib, noch in unverwelkter Schoͤnheit, ihres Adels bewußt, die uͤber die Grausamkeit zuͤrnt, welche man an dem Sohn ausuͤbt, sein ganzes Leiden fuͤhlt mit dem weinenden Feuerblick: aber in der Zerknir- schung noch solche Festigkeit und Erleuchtung hat, um erhabner als eine Niobe dabey zu stehen und anzuschauen.“ Der junge Kuͤnstler fuhr auf, druͤckte mir beyde Haͤnde, freudig und verschaͤmt im Gesichte gluͤhend, und sprach freundlich zu mir: Ich habe nur gelaͤstert, um den dort zu schrauben; und uͤberhaupt erfaͤhrt man mit den bittersten Wie- Y 4 der- derspruͤchen am besten die Wahrheit, die man sonst selten aus den verborgnen Tiefen eifersuͤchtiger Virtuosen hervorhohlt. Ich kenne das kleine Ge- maͤhlde von Michel Angelo wohl; wie vielmal ist es nicht kopirt worden! nur wuͤnscht ich, daß die Figuren in Lebensgroͤße waͤren. Ich kann das kleine nicht leiden, es geht mir wider den Sinn; und ist ein Schlupfwinkel, wohinein sich Mittelmaͤßigkeit und Schwaͤche verbirgt, und bey Weibern und Kindern und Unverstaͤndigen groß thut.“ Ich antwortete ihm, daß ich hierin gar sehr seiner Meinung waͤre, daß aber doch am Ende alle Kunst blos Zeichen sey, und Verstand und Geist am mehrsten von einem Menschen entschei- de; und daß, wer keinen Verstand habe, nirgend- wo oben an stehen koͤnne. Michel Angelo haͤtte sich uͤbrigens mit seinen Enakskindern, den Propheten und Sybillen genug gerechtfertigt. Unterdessen sey wieder wahr, es koͤnn einer au- ßer- ßerordentlich viel Verstand und Erhabenheit in der Denkungsart haben, und doch ein schlechter Mahler seyn. Hier that einer in der Ecke mit haͤmischem Blick und boshaftem Laͤcheln den Mund voll ge- rader weißer scharfer Zaͤhne aus einem praͤchti- gen schwarzen Bart auf, streckte die rechte Hand hervor aus einem abgetragnen grauen Mantel, fuhr in meiner Rede fort, und sagte: „Und einer Blut wenig Verstand haben, und ein sehr beruͤhmter, vielleicht auch guter Mahler seyn.“ „In dieser Kunst kann es einer ohne Schoͤ- pfungskraft, Erfindungsgeist, ohne eigentlichen Verstand, oder wie ihr das heißt, was im Leben einen Menschen uͤber den andern setzt, nach dem allgemeinen Urtheile weiter bringen, als in ir- gend einer andern, wenn er nur ein gutes Auge hat, sich eine fertige Hand erwirbt im Schweiße seines Angesichts, und uͤberdieß Achtung giebt, Y 5 was was denen gefaͤllt, die reich sind und kaufen. Und je mehr er bloßer Kopist der Natur ist, destomehr wird er gefallen. Und er muß behaupten, dieß sey das Wahre, und alle Ueberfluͤge der Einbildungskraft, die nur hie und da einige Sonderlinge aufhielten, als leeres Zeug verachten, und fragen, was nennt ihr erhaben?“ Ich wußte nicht, ob ich dieß fuͤr Muht- willen, Satyre oder Ernst aufnehmen sollte; doch hetzt es mich schnell auf, und ich antwortete gerade zu, wie es die Lage der Sachen erheischte. „Erhaben? versetzt ich, ist ein hoͤher We- sen, das in uns eindringt mit Empfindungen, Ge- danken, Gestalt, Gebehrde, Handlung; und man bedarf da keiner weitlaͤuftigen Schreiberey von Sophisten. Wer nicht uͤber andre ist, soll sie nicht zu Paaren treiben und ihnen vorpredi- gen wollen, es sey, worin es seyn mag. Pracht laͤßt sich wohl damit vereinigen, aber Pracht ist nicht Erhabenheit. Ueberall fuͤllt es die Seele mit Ent- Entzuͤcken und Erstaunen, daß sie die Zeit vergißt, und versetzt den Menschen unter die Goͤtter.„ Wir werden nie mit der Kritik nur eini- germaßen ins reine kommen, erwiederte er darauf kalt und trocken, wenn wir nicht die Gren- zen jeder Kunst bestimmen, und feststellen, was sie uͤberhaupt selbst ist. Und wir sind jetzt da, uns zu freuen; und nicht, den Weg durch die- ses Labyrinth auszuspaͤhen. Lassen wir es also bey dem Gesagten bewenden.“ „Nein, nein! riefen hier einstimmig ver- schiedne, es ist noch hoch am Tage, und die schoͤnste Zeit dazu; setzten wir nur das angenehme Gespraͤch weiter fort.“ Und so baten sie ihn: und der so hef- tig gegen Michel Angelo sprach, streichelte ihn lieb- kosend am Barte, bis er folgendermaßen anfing: „Das erste und hefstigste Verlangen der See- le, welches sie nie verlaͤßt, ist Neuheit und dann Durchschauung, und endlich Vollkommenheit oder Zerstoͤrung der Dinge. Dieß treibt die Unsterb- liche liche durch alle Welten. Sie schaft und wirkt, ihre Schwingen sind unermuͤdlich und verlieren ihre Kraft nie, und sie kann nicht aufhoͤren sich zu bewegen und bewegt zu werden; so bescheiden gegen sich, daß sie von sich selbst nichts weiß: aber die Iliade zeugt uͤberall genug von Home- ren.“ „Nun ist der Mensch selten in der Lage, daß seine Seele in der Wirklichkeit hienieden nach diesen ihren Neigungen gluͤcklich seyn koͤnnte: sie wirft sich also aus Verzweiflung in die Kunst, und treibt damit ihr Spiel. Wohl derjenigen, die lange in den seeligen Traͤumen hinschwebt, ohne zu erwachen!“ „Alle Kunst ist Darstellung eines Ganzen fuͤr die Einbildungskraft. Sie unterscheidet sich nach den Mitteln, die sie dazu braucht; und diese sind in jeder Art ihre nothwendigen Schranken, wohinein sich ein Weiser leicht bequemt, und woruͤber nur die Unklugen hinaus wollen.“ „Ari- Aristoteles, und wer ihm folgt, schraͤnkt die Poesie auf Handlungen ein, als ob die Spra- che nichts anders sinnlich vorstellen koͤnnte: aber selbst die griechischen Dichter haben sich nie diesem Gesetz unterworfen; und Virgils Georgica und die Natur der Dinge des Lukrez und man- che hohe Hymne bloßer Empfindung werden Mei- sterstuͤcke bleiben.“ „Die meisten haben wunderliche Begriffe von Poesie, und meinen, sie koͤnne ohne Nebel und Wolken nicht bestehen, und muͤsse platter- dings ein Rausch, eine Raserey seyn, und scheue das Licht der Vernunft; und die albernsten Poͤ- belmaͤhrchen und Kinderfabeln waͤren ihr bestes und wesentliches, und wuͤrdigen sie so herab von ihrem Adel. Wenn sie nur den Sophokles und Euripides wollten sprechen hoͤren, die diese Kunst zur Vollkommenheit gebracht: so koͤnnten sie sich leicht von ihrem Wahn befreyen.“ „Die „Die Bildhauerey und Mahlerey stellt Ober- flaͤchen von Koͤrpern dar; die letztere, in so weit sie sich durch Farben zeigen.“ „Ein neues Ganzes, wie schon gesagt, oder ein altes neu auf die wahrste und lebendigste Weise den Menschen in die Seele bringen, ist Kunst. Das schicklichste fuͤr den Dichter sind Handlungen, oder Bewegungen im Zeitraum, weil seine Zeichen, das sind Worte, nur nach und nach koͤnnen gehoͤrt werden; aber doch kann er immer auch damit Dinge neben ein- ander oder Koͤrper darstellen, und der Zuhoͤrer denkt sie sich zusammen, wie er am Ende bey den Begebenheiten selbst muß. Homer wuͤrde wohl gethan haben, wenn er die Gegend von Troja nicht fuͤr bekannt angenommen, und die Jahrs- zeit, worin alles geschah, sinnlicher gemacht haͤt- te. Wer denkt an Zeit, wenn ich einem mit Worten etwas beschreibe, und dieser getaͤuscht dasselbe dabey sich vorstellt? Bey jedem Genusse sind sind wir ewig, und scheinen die Zeit nicht mehr zu fuͤhlen.“ „Unser Leben ist kurz: wer uns ein Ganzes taͤuschend am geschwindesten in die Seele bringt, erhaͤlt den Vorzug.“ „Wenn einer inzwischen gar zu große Be- gierde hat, ein neues Ganzes zu wissen: so be- hilft er sich auch mit dem mangelhaftesten Mit- tel, bis er ein bessers vorfindet.“ Ein Dichter muß dem Mahler immer in Schilderung koͤrperlicher Gegenstaͤnde unterliegen: und gerade so gehts dem Mahler im Gegentheil mit Handlungen. Nichts destoweniger ragt doch die Poesie mit ihren willkuͤhrlichen Zeichen uͤber alle ihre Schwestern hervor. Kein Mahler kann die Groͤße der Alpen, das unendliche Meer, den unendlichen Himmmel schildern auf seinem Laͤpp- chen Leinwand; und kein Tonkuͤnstler Kanonen- schall, Donner und Orkan, ob er gleich das see- lenergreiffendste Mittel unter allen hat, da das le- lebendigste, woraus wir bestehen, selbst Luft und Feuer ist.“ „Die Musik uͤberhaupt geht ganz aus der sichtbaren Welt hinaus, und wirkt mit bloßen verschiednen Arten von Bewegung, die von der Materie nur den Punkt zu ihrem Aufflug neh- men, uud durch ihre Proporzionen Empfindun- gen erregen: und ich glaube schier nach dem Py- thagoras, daß das eigentliche Element, worin die Geister existiren, reiner Klang und Ton ist.“' „Geschichtmahler ist ein wahrer Wiederspruch, da ein Mahler nur einen Moment vorstellen kann, und Geschichte nohtwendig eine Reihe von Be- gebenheiten erheischt. Es versuch es nur einer, und erzehle mir mit seiner Mahlerey Begebenhei- ten, die ich nicht schon weiß, von Menschen, die ich noch nicht kenne! und gesetzt auch, einer stellte mir eine Geschichte, z. B. vom aͤltern Scipio mit lauter Protraͤten dar, so wahr und vortreflich, als als ob sie alle Tizian gemacht haͤtte: was weiß ich dadurch mehr als den Moment? Weiß ich, was entweder vorher, oder nachher geschehen ist, da keiner auch von seinem bekanntesten Freunde zuversichtlich mit einem momentanen Blicke weiß, was er vorher gethan hat, oder nachher thun wird? so tief im Verborgnen lebt der Urquell unsrer Wir- kungen. Und wo ist der Zauberer, der mir aus einer That, oder aus tausend Thaten das Ge- sicht nur eines Mannes darstellt, das er noch nicht sah, mit allem seinem Eigenthuͤmlichen? Dazu gehoͤrt der Gott Platons, um den sich das Weltall rollt, und kein Sterblicher. Alles, was der Mahler erfinden kann, ist Ideal von Ge- stalt dieser oder jener Klasse von Menschen, oder Gattung von Geschoͤpfen im Allgemeinen.“ „Jedes Werk der bildenden Kunst mit dem Ausdruck von Leidenschaft ist alsdenn doch nur eine unaufgeloͤste Dissonanz. Das vollkommen- ste historische Gemaͤhlde, das ist, wo der inter- Z essan- ressanteste Moment aus einer Begebenheit gewaͤhlt ist, und man das Vorhergehende und Nachfolgende am besten erkennen kann, bleibt also immer an und fuͤr sich schon ein quaͤlendes Fragment, das weder Herz noch Geist befriedigt.“ „Um hieruͤber nicht zu streiten, so bleibt ausgemacht: das Vortreflichste derselben ist das schoͤne Nackende; mit dem Ausdruck gehts her- nach wie bey der Musik: er ist die Bluͤthe der Vollkommenheit, aber nicht eigentlich die Vollkommenheit selbst. Jeder Sinn hat sein eignes Element, worin der Ausdruck nur schwimmt. Die Poesie arbeitet zwar fuͤr alle; aber doch ist auch die Sprache und Harmonie derselben fuͤr das Ohr ihr Grundstoff. Die schlech- ten Kuͤnstler meinen, sie haͤtten genug gethan, wenn sie nur eine ruͤhrende interessante Ge- schichte mit ihren Wechselbaͤlgen ausstaffieren, und ein schmachtend Auge hineinbringen: ihr Tho- ren! eine einzige vortrefliche griechische Statue ohne Kopf und allen Ausdruck von Leidenschaft geht geht bey dem Kenner von Kunstfertigem Sinn uͤber alle euer Fratzenwesen von unreifen Ge- sichtszuͤgen, noch so affektirt geworfnen Gewaͤn- dern, und tausenderley nachgeaͤfftem Kostume. Aber auch im Gegentheil ists nicht genug ge- than, wenn einer einen Haufen nackender Koͤr- per hervorheckt, die weiter nichts haben, als ihre gehoͤrige Anzahl von Rippen und Knochen, und Muskeln, und Augen, Maͤulern, Nasen, Ohren.“ „Mit einem Worte, die Schoͤnheit nacken- der Gestalt ist der Triumph bildender Kunst; viel fuͤr Auge und den ganzen koͤrperlichen Men- schen, wenig fuͤr den innern. Sie allein er- greift das Unsterbliche nicht; dazu gehoͤrt etwas, was selbst gleich wie unmittelbar von der Seele koͤmmt, und ihrer regenden unbegreiflichen Kraft: Leben, Bewegung. Und dieß haben unter al- len Kuͤnsten allein Musik und Poesie: neigt euch ihr andern Schwestern vor diesen Musen.“ Z 2 Ich Ich sahe wohl, mit was fuͤr einem Feind ichs hier zu thun hatte; ein Federmesserstich von ihm verwundete toͤdtlicher als der Schlag von einer Keule; doch wollt ich ihn erst ganz herauslocken, und bat: er moͤchte die Grenzen jeder Kunst naͤ- her bestimmen, und insbesondre von Bildhaue- rey, und Mahlerey: und alsdenn uns seine Begrif- fe von der Schoͤnheit entdecken. Und freute mich unaussprechlich, einen solchen Meister so unvermuthet ploͤtzlich anzutreffen. Er wollte abbrechen: allein wir ließen ihn nicht. Ich setz- te mich ihm gegenuͤber, und wir stutzten die Glaͤ- ser an, die von dem besten Monte Giove schaͤum- ten. „Die Bildhauerey ist eigentlich fuͤr einzelne Figuren, fing er vom neuen an; die Mahlerey hat die Noht empor gebracht, mehrere vorzu- stellen. Sie hat dieß den Siegen der Griechen zu verdanken, besonders nach der Schlacht bey Marathon. Der Bruder des Phidias, Pa- naͤos naͤos mahlte dieselbe, da dieser selbst sie in Stein nicht vorstellen konnte, weil kleine Figuren dar- in nicht wirken, und die Materie fuͤrs Weit- laͤuftige zu unbehuͤlflich ist.“ Es ist wohl keine Frage, welche von beyden Kuͤnsten die Formen des Menschen besser dar- stellen kann. Die Mahlerey ist eine bestaͤndige Luͤge, und ihre Erhobenheit und Tiefe erkuͤnstelt. Wir lassen uns taͤuschen, weil voͤllige Wahrheit und Wirklichkeit wie bey Bildhauerey unmoͤglich ist, und geben uns zu unserm eignen Vergnuͤgen alle Muͤhe, die Koͤpfe und uͤberhaupt das Na- ckende z. B. vom Tizian rund und hervorgehend, und die Fernen und Mittelgruͤnde seiner Land- schaften im gehoͤrigen Abstand zu sehen. Ihre eigent- lichen Gegenstaͤnde sind, wo die Farbe, leichte Be- wegung und zarter Stoff einen vorzuͤglichen Theil ausmacht. Die Neuheit hauptsaͤchlich, und dann die uͤberwundne Schwierigkeit machten sie unter dem Zeuxis und Apelles so reizend; und Z 3 ge- gewiß ists, daß die Farbe viel zur Taͤuschung, im Ganzen genommen, beytraͤgt. Auf den ersten Blick wirkt ein gemahltes Bild auch auf den Verstaͤndigen mehr, als eine eben so vor- trefliche Statue in ihrer Art; aber wenig Zeit und Besinnung macht die Mahlerey dagegen ganz verschwinden. Unter tausend Gesichte r n findet man ferner in einem guten Klima nur aͤußerst wenige fuͤr den Marmor, aber weit mehrere fuͤr die Farbe. Die Bildhauerkunst ist die aͤchte Probe schoͤner Form, und geht ins Wesentlichre, und das Erhabne: die Mahlerey giebt sich mit allem ab, wo sie nur ein wenig Reiz findet.“ „Die letztere muß sich also vor allem huͤten, was schon die Bildhauerey vollkommen darstel- len kann; und beyde muͤssen sich davor huͤten, das Reich der Poesie zu beschreiten: denn jede bleibt uͤberwunden, sobald sich nur ein gewoͤhnlich gu- ter Meister der andern Kunst an den Kampf macht. Poesie enthaͤlt sich der Formen und Far- Farben; Bildhauerey enthaͤlt sich der Farben und Geschichten von vielen Figuren; Mahlerey ent- haͤlt sich alles dessen, was sich bloß durch Form zeigt, und so wie die Bildhauerey noch der Ge- schichten, wo man das Ganze nicht mit einem Blicke herausnehmen kann. Dienste und Gefaͤl- ligkeiten moͤgen sie sich uͤbrigens gern erzeigen. Rom allein ist voll von Beyspielen, wie gute und wackre Meister verungluͤckt sind, indem sie uͤber diese Regeln hinaus wollten; und den schoͤn- sten Theil ihres Lebens umsonst dagegen kaͤmpf- ten.“ „Apelles nahm sich wohl in Acht, kein bloßes Portraͤt vom Alexander zu machen; hierin mußt er allezeit dem Lysipp wegen seiner Formen nach- stehen. Er bildete ihn also mit dem Blitz in der Hand; mit dem Kastor und Pollux und der Victoria; auf einem Tr i umphwagen mit dem Krieg hinter drein, diesem die Haͤnde auf den Ruͤcken gebunden. Dieß mußte Lysipp so natuͤr- Z 4 lich lich wohl bleiben lassen. Aber Bildhauerey behaͤlt doch immer den Rang; denn sie zeigt das edelste der bildenden Kunst, nehmlich die Form am vollkommensten. Bey Weibern ist es wahr, und bey Knaben ist die Farbe auch sehr reizend; allein sie ist doch bloß ein seichter Augengenuß, der nicht in den ganzen Menschen so eindringt, wie die Form.“ „Das Klassische uͤberall ist das gedraͤngt- volle, wenn einer alles wesentliche und bezeichnen- de von einem Gegenstande herausfuͤhlt und nach- ahmt; und in diesem Verstande kann man gewiß schon aus einer Hand, oder irgend einem Theil am menschlichen Koͤrper bey einem Kuͤnstler den großen Mann erkennen, wie aus der Klaue den Loͤwen. Phantasie, die aus Tausenden zusam- mentraͤgt, aber nicht das rechte, sondern außer- wesentliche, ist das Gegentheil und Bett- lerarmuth; Lumpen und Lapppen und kein ganz Stuͤck Stuͤck. Ein Ding recht fassen, zeigt den trefli- chen Menschen und macht den Virtuosen.“ „Der schoͤne Mensch im bloßen Gefuͤhl seiner Existenz ohne Leidenschaft in Ruhe ist der eigent- lichste Gegenstand der Nachahmung des bildenden Kuͤnstlers, und seine Nummer Eins; in dieser Verfassung ohne alle Bekleidung liegt die reinste Harmonie der Schoͤnheit, und sie paßt am aller- besten zu dem gaͤnglichen Mangel an Bewegung seiner Werke. Alle Leidenschaft, alle Handlung zieht, leitet unsre Betrachtung von ihren schoͤnen koͤrperlichen Formen ab. Zur Schoͤnheit selbst gehoͤrt der Charakter, oder das, wodurch sich eine Person von der andern unterscheidet. Schoͤn- heit mit lebendigem Charakter ist das schwerste der Kunst.“ „Bey Gruppen von Figuren sind Spiele, Scherze die wenig bedeuten, die besten Hand- lungen, weil sie von der Schoͤnheit und den ange- nehmen Stellungen der Formen am wenigsten Z 5 ab- abziehen. Die entzuͤckendste Handlung fuͤr den Betrachtenden hierbey ist freylich, wo gerad ein Koͤrper den andern genießt: Kuß, Umar- mung —“ “Nach diesen Grundsaͤtzen arbeiteten die Alten: nicht, wie einige Antiquaren sagen, weil die Stille der eigentlichste Zustand der Schoͤn- heit waͤre, wie bey der See; und die schoͤnsten Menschen uͤberhaupt von gesittetem Wesen zu seyn pflegten. Das Meer ist im Gegentheil natuͤrlich immer in Bewegung, und gewiß schoͤ- ner im Sturm als in der Stille; und Alkibiades, und Phryne, und Thais, welche Persopolis in Brand steckte, die schoͤnsten Menschen unter den Griechen, sind warlich nicht beruͤhmt wegen ih- res stillen gesitteten Wesens; und Clodius nicht, und die Faustinen, und die groͤßten Schoͤnheiten. Es sind die Schranken der Kunst! sie kann das hohe Leben, schnelle Bewegung selten darstellen; und es ist wunderlich, dieß deßwegen mit Verach- tung tung in der Wirklichkeit selbst ansehen wol- len.“ „Wenn das Kunstwerk eine Geschichte dar- stellen soll: so muß der Ausdruck herrschen; denn dieser ist alsdenn der Hauptzweck, und Schoͤn- heit in Stellung und Formen und Gestalten muß hier der Wahrheit aufgeopfert werden. Al- lein Geschichte, Scenen aus Dichtern bleiben immer die letzten Vorwuͤrfe der bildenden Kunst; weil sie dieselben nie ganz, und nie so mit dem ergreiffenden Leben darstellen kann, wie ein He- rodot und Homer. Der bildende Kuͤnstler begiebt sich außerdem von selbst schon hierbey ganz unter den Geschichtschreiber und Dichter, und schaft als Gehuͤlfe zu dessen Leben und Bewegung nur die Koͤrper alsdenn; augenscheinlich hat dieser das Ganze, und er nur den Theil.“ „Die alten Kuͤnstler wagten es außerdem nicht, den Kern von manchen tragischen Geschich- ten darzustellen, weil sie bloß das Grausame wuͤr- den den dargestellt haben, und das andre nicht konn- ten, was die That mildert; z. B. Medeen im Morden ihrer Kinder: die vereinzelte Scene haͤtte durch ihre Gegenwart alle Geschichte uͤber- blendet. Nur Agesander, und Michel Angelo unter den Neuern sind daruͤber hinaus gegangen: der eine der Kunst, der andre der Religion we- gen. Aehnliche Bewandniß hat es bey wahrer Darstellung einer alten Hekuba; man denkt sich bey der gerunzelten Haut ihr ganzes Leben nicht, um davon geruͤhrt zu werden. Und eine junge oder noch schoͤne Hekuba ist Wiederspruch und Unsinn.“ „Kurz eine lebendige Gestalt von einem Charakter sich vorzustellen in aller Vollkommen- heit und Schoͤnheit, ist das Meisterstuͤck des bildenden Kuͤnstlers; welches wenige noch bis dato geleistet haben.“ „Schoͤnheit uͤberhaupt in allen Kuͤnsten ist, wie mich duͤnkt, leichtfaßliche Vollkommenheit fuͤr fuͤr Sinn und Einbi l dungskraft. Wer damit nicht zufrieden seyn will, kann sich an die Er- klaͤrung des Erzbischoffs della Casa halten, wel- cher das Weltberuͤhmte Kapitel uͤber den Backo- fen geschrieben hat; dieser sagt: Schoͤnheit ist Eins , so viel nur immer moͤglich; und Haͤßlich- keit im Gegentheil ist Viel . Allein der Kuͤnst- ler bedarf solcher tiefen Philosophie nicht bey sei- ner Arbeit. Vergebt uͤbrigens, lieben Bruͤder und Freunde, wenn ich an dem Ziele vorbeyge- schossen habe, und macht es besser.“ Der Mann zog mich doch an sich, trotz aller seiner haͤmischen Blicke auf bildende Kunst, und besonders Mahlerey, und ich verlangte genauere Bekanntschaft mit ihm zu machen. „Schade, rief ich aus, daß ich kein junges Lorbeerreis habe, euer weises Haupt zu bekraͤnzen! ob ich gleich in manchem nicht eurer Meinung seyn kann. Um Kopf und Schweif gleich zusammen zu paaren: so glaub ich nicht, daß ein Kuͤnstler etwas gutes her- hervorbringen werde, der ohne deutlichen Be- griff, ohne klares Gefuͤhl von Schoͤnheit zu Wer- ke schreitet.“ „Nach Platons Erklaͤrung, den ihr mir wohl zu kennen scheint, ist die Schoͤnheit die urspruͤngliche Idee der Dinge in Gott. Und die Seelen, die sein Anschauen genossen und diese Ideen erkannten, schaudern, wenn sie in die- sem Leben die Bilder davon mit den Augen erblicken, erinnern sich dunkel ihres vorigen Zustandes, erschrecken und werden entzuͤckt. Ihre Schwin- gen regen sich, gehen vom warmen Einfluß auf, der Federstock keimt und s. w.“ „Es ist gewiß eine erhabne Hymne auf die Liebe, und liegt tiefe Warheit zu Grunde.“ „Was sich selbst bewegt, ist Seele, ewig, ohne Anfang: davon alles Werden, und alle Koͤrper, die sich bewegen. Schoͤnheit ist die vollkommenste Harmonie der Bewegung, und die Seele erkennt darin ihren reinsten Zustand. Schoͤn- Schoͤnheit giebt der Seele das lauterste Gefuͤhl ihres Daseyns. Schoͤnheit ist die freyeste Wohnung der Seele. Schoͤnheit erinnert die Seele an ihre Gottheit, an ihre Schoͤpfungskraft, und daß sie uͤber alle die Koͤrperwelt, die sie umgiebt, ewig erhaben ist. Im Anfang macht ihr dieß Freude, aber endlich Pein; sie sieht sich gefan- gen, und daß sie nicht mehr ist, was sie war: und die Thraͤnen rinnen uͤber ihren nichtigen gegenwaͤr- tigen Zustand. Doch staͤrkt sie wieder ihre ewige Na- tur, und die suͤße himmlische Hofnung regt ihre Fitti- ge, daß sie doch bald aus dieser Dunkelheit, aus diesem Wahne von Irrgestalten sich erheben werde in das Licht zu den Schaaren der seeligen Geister, wo we- der Frost noch Hitze abwechseln, und alles ist in seiner mannigfaltigen Wahrheit und urspruͤngli- chen Schoͤnheit.“ „Nicht gebohren werden, uͤbertrift alle irr- dische Gluͤckseeligkeit; und wenn du da seyn wirst: so ist, je geschwinder, je besser, wieder dahin zu zu kehren, wo du herkoͤmmst. So bald die Ju- gend sich einstellt mit ihren tollen Streichen, wer windet sich mit aller Arbeit daraus? wer steckt nicht in Plagen und Leiden? Morde, Par- theyen, Streitigkeiten, Gefechte und Neid. Auf die letzt uͤberschleicht uns das unzufriedene, schwache, menschenscheue, verhaßte Alter, wo alle Uebel haufenweiß zusammen wohnen.“ „So seufzte selbst der bewunderte Sophokles am Ende seiner gluͤcklichen und glaͤnzenden Lauf- bahn.“ „Ihr sagt: Schoͤnheit nackender Ge- stalt sey viel fuͤr Auge und den ganzen koͤrperli- chen Menschen, wenig fuͤr den innern? Sie al- lein ergriff das Unsterbliche nicht?“ „Wenn wahr ist, was ihr selbst behauptet, daß, wer ein Ganzes taͤuschend am geschwindesten in die Seele bringt, den Vorzug erhalte: so steht wohl bildende Kunst aller andern voran; die Seele genießt vor ihren Werken, der muͤhseeligen Zeit - Zeitlichkeit entruͤckt. Ihre Zeichen, wodurch sie darstellt, scheinen die Sache selbst zu seyn, so leicht verschwinden sie; sie sind die natuͤrlichsten und sichersten, und gelten uͤberall einerley ohne Mißverstand. Ich habe hier volle Gewißheit, da ich bey Poesie immer traͤumen muß, und nach Wirklichkeit hasche. Bey ihr hab ich alles zu- sammen mit einem Blick, und dieß ergreift den niedrigsten bis zum hoͤchsten. Mit einem Wort: ihr ist allein die Schoͤnheit im strengsten Verstand eigen; denn diese muß mit einem Blick aufgewogen werden koͤnnen.“ Hier wurd er erbittert, und schuͤttete auf ein- mal das Kind mit samt dem Bad aus; und fiel in meine Rede. „Alle bildende Kunst behauptete er streng, ist am Ende bloß Oberflaͤche. Und dieß ist die Ursache, warum wahrhaftig große Menschen unter den Kuͤnstlern mit ihren Werken so selten zufrieden waren. Sie konnten nur wenig von A a dem dem hineinbringen, was sie fuͤhlten; und dieß nicht einmal so rein bestimmt, daß es gerade dasselbe Leben wieder erregte. Ein gen Him- mel gekehrtes Auge, nehmen wir das edelste Glied, das am deutlichsten vom Innern spricht, was kann dieß zum Exempel nicht fuͤr vielerley ausdruͤcken? Ich brauch es nur obenhin; denn ich weiß wohl, daß alle Professoren im Grunde der Natur keins nachmachen. Bey einem Volke von Stummen da moͤchten die bildenden Kuͤnste in der That viel vermoͤgen; denn sie haͤtten da mehr Natur fuͤr sich nachzuahmen: bey uns andern Menschen aber, die wir den groͤßten Theil un- srer Empfindungen und Gedanken mit der Spra- che ausdruͤcken, wo sich besonders bey den Vortreflichen am wenigsten die Gebehrden aͤndern, die, wie man so gar bey Gelegenheit des Laokoon bemerkt hat, auch bey den heftigsten Gefuͤh- len sich selten von außen regen, laͤßt sie ihnen vielleicht gerade das schlechteste uͤbrig; und der groͤß- groͤßte Kuͤnstler kann oft so wenig von einem So- krates, Lykurg und Epaminondas darstellen, als von einem unvergleichlichen Saͤnger oder Gei- ger.“ „Nehmen wir vollends, wie sauer, und selbst nach dem Ausspruch des alten Michel Angelo, kinder- und weibermaͤßig auch dieß schlechteste muß nachgeahmt werden, und welch eine uner- traͤglich mechanische Uebung auch fuͤr Menschen von der hoͤchsten Faͤhigkeit dazu gehoͤrt, ehe sie es zur Vollkommenheit bringen; und daß das mei- ste wirkliche der bildenden Kunst in den Saͤlen der Großen jaͤmmerlicher Wust und Unsinn ist: so gehoͤrt warlich ein starker Entschluß dazu, sich in ihr Feld zu wagen. Ihre besten Gegenstaͤnde bleiben gewiß die andern Thiere und Pflanzen, Gras und Baͤume; diese koͤnnen sie darstellen, die Kuͤnstler! den Menschen sollen sie dem Dich- ter uͤberlassen. Die Landschaftsmahlerey wird auch endlich alle andre verdraͤngen. Und also A a 2 koͤn- koͤnnen wir gewissermaßen die Griechen uͤbertref- fen, weil wir uns gerad an die wahren Gegenstaͤn- de machen, die sie verfehlt haben.“ „Nichts wirkt recht auf den Menschen, was stille steht; aller Stillstand wird bald Tod.“ „Es bleibt gewiß eine Kleinigkeit, einen Caͤsar, einen Brutus von außen auch vortreflich zu mahlen, und zu bildhauen, gegen das her- auszuhohlen, was in ihnen steckt. Auf der Ober- flaͤche kann man den Menschen leicht kennen ler- nen: aber im Innern, in der Tiefe? da ge- hoͤrt ganz andrer Gehalt und Stand dazu.“ „Wer behaupten wollte, daß die bildende Kunst uͤber Poesie, Beredtsamkeit und Philo- sophie ginge, muͤßte behaupten: daß eine Sta- tue oder Brustbild vom Homer, Pindar, De- mosthenes, Aristoteles, oder nehmen wir neuere, daß ein vollkommen, wie moͤglich auch, getroff- nes Bild in Farbe oder Stein von Ariost, Macchia- vell uͤber ihre Schriften ginge. Und gewiß moͤcht moͤcht ein Gott mehr daran haben, wenn sie mit Haut und Haar so waͤren, wie sie selbst; welches jedoch menschlicher Hand unmoͤglich: aber ein Sterblicher muß eine gigantische Einbildung von seinem physiognomischen Sinn haben, um dieß zu wollen. Ein solcher versuch es einmal, und ersetz uns aus dem uͤbriggebliebnen Kopfe des Sophokles seine hundert verlorne Trauerspiele!“ „Man schaue einen Sokrates an, einen Plato, einen Euripides: wer wird ihre Mar- morbuͤsten fuͤr ihre lebendigen Reden und Ge- dichte nicht gleich weggeben? Wir koͤnnen an uns selbst nicht im Spiegel wahrnehmen, auch in dem nehmlichen Moment, was wir denken und empfinden; und so gar verschiedne Leiden- schaften zeigen sich bis auf ihre hohen Grade im Gesicht uͤberein. Die ganze bildende Kunst ist ein vages unbestimmtes Wesen, das seinen Haupt- werth eigentlich von der Schoͤnheit der Formen und Umrisse enthaͤlt; und dann außerwesentlich A a 3 ist ist sie eine große Zierde der Poesie und Geschich- te, die aber ganz natuͤrlich ohne sie bestehen koͤn- nen. Poesie ist das innre Leben selbst: Bild von Farbe oder Stein bloß das Zeichen; wer jenes nicht schon in sich hat, kann bey diesem we- nig fuͤhlen und erkennen.“ „Wo hat in aller Welt je ein Gemaͤhlde die Wirkung hervorgebracht, die die Oedipe und Iphigenien hervorbrachten? und wo wird es je moͤglich seyn, daß eins solche hervorbringen koͤnne, wenn man auch den Raphael, Correggio und Tizian in ein Wunderwesen zusammenschmelzte? Es ver- steht sich warlich, daß hier nicht davon die Rede sey, was paͤbstliche Neffen, und Moͤnchs- und Non- nenkloͤster theurer bezahlen.“ „Ich leugne uͤbrigens gar nicht, daß eine erstaunliche Phantasie und Fuͤlle von Leben dazu gehoͤrt, sich einen Alkibiades, Perikles, oder die Asspasia so vorzustellen, und ihre Bilder durch die spaͤtere Kunst lange Zeit nach ihnen so wirk- lich lich zu machen, aus bloßen Geschichtbuͤchern, wie sie lebendig waren und handelten; denn in der That — hat es auch keiner noch gethan. Allerley Gestalten traͤumen mag man sich wohl, und wer sich an leerer Spreu satt ißt, mag dar- nach gaffen und hinlaufen: aber Wahrheit, phy- siognomische mit Leib und Leben wie Wirklichkeit, ohne Miene und Gebehrde Punkt fuͤr Punkt von der Natur selbst abzukonterfeyen, diese aus blo- ßen Erzaͤhlungen und selbst eignen Reden der Menschen zu erfinden; geht uͤber des Menschen Kraͤfte; dazu haben wir noch keine Wissenschaft, keine Gruͤnde und Regeln, weder Ja noch Nein. Unser bestes sind noch die allgemeinen Zuͤge der Leidenschaften und andern Empfindungen, die sich in Bewegungen besonders von außen zeigen, durch oͤftre Wiederhohlung bey wirklichen Men- schen sich in die Gestalt praͤgen, und nach und nach Charakter bilden; aber mit dem Allgemei- nen wird man bald fertig und es entsteht endlich ein rasendes Einerley.“ A a 4 „Kurz, „Kurz, ich habe von dem Menschen, au- ßer der wirklichen Vermischung, hauptsaͤchlich Genuß durch seine Reden und Handlungen, durch Worte und Bewegungen; beydes kann mir die bildende Kunst nicht geben. Man stelle sich seinen Freund auch in dem interessantesten Moment der Freundschaft auf einmal wie zu einer Buͤste versteinert unveraͤnderlich mit seinen Mienen und Gebehrden vor! mit Erinnerung der Worte aller vor und nach dem Moment wird das Bild gewiß lieblich in die Seele leuchten, und anfangs einen Freudenschauer erregen. Aber wie die Er- innerung sich schwaͤcht, wird es nach und nach im- mer weniger bedeuten, und, bey den Gedanken an hundert andre Scenen, endlich leer, und so gar Spott werden: statt daß nur ein herzlicher Brief von demselben immer neu die Seele erquickt, so oft man ihn noͤthig hat, wieder durch zu lesen. Was soll nun so ein Bild auf andre fuͤr Wirkung machen, die sich dabey platterdings nichts gewis- ses vorstellen koͤnnen? die die Person nicht ken- ken- nen, nicht gekannt haben, nichts von ihr aus der Geschichte wissen?“ „Geschieht dieß bey wirklichen Menschen: was wollt ihr mit euren Idealen, wovon ihr nicht eine Form als wahr beweisen koͤnnt? die schoͤn- sten Bilder sind weiter nichts, als ein geistig Licht in die Seele, die sie aufheitern, und aller- ley unbestimmte suͤße Gefuͤhle in ihr erregen, wie ein reiner vollkommner Akkord auf einem wohl- klingenden Instrumente. Und solche Schoͤnheit ist das eigentliche Wesen der bildenden Kunst, und keine Handlung, die die Poesie weit wahrer und lebendiger vorstellt. Die Handlung kann hoͤch- stens nur dienen, der Schoͤnheit den besondern Charakter zu geben; das ist, die Handlung ist des Koͤrpers wegen, und der Koͤrper nicht der Handlung wegen da.“ „Es ist wahr, die Schoͤnheit ist ein mo- mental Gefuͤhl, und unterscheidet sich dadurch von bloßer Vollkommenheit, die fuͤr den Ver- A a 5 stand, stand, so wie jene fuͤr den Sinn, gehoͤrt. Wo sie aber in der Zeit folgt, wie bey Tanz und Melodie und Gedicht, ist sie hauptsaͤchlich fuͤr die Seele, eigentliche Seelenschoͤnheit, tiefe, leben- dige; denn die Seele hat die Kraft, eine Folge sich wie ein Beysammen auf einmal vorzustellen und zu denken. Daraus die Regel: daß ein sol- ches Ganzes nicht zu verwickelt seyn muͤsse, da- mit man wie in einem Athem alle dessen Theile und ihre Verbindung im Geist uͤbersehe. Dieß er- regt dann, was man Begeistrung nennt. Ein schoͤnes Gedicht, eine schoͤne Musik, ein schoͤner Tanz muß diese allezeit auf die letzt hervorbrin- gen: so wie der Dichter, Tonkuͤnstler, Taͤnzer sie vorher in der Seele haben muß, ehe er sie in einen Strom dahin wallt; eine volle Seele, die sich ausschuͤttet, und eine andre wieder schwaͤn- gert.“ „Alle bloß bildende Kunst macht auch den staͤrksten Liebhaber und Besitzer uͤber kurz oder lang lang zum Tantalus. Das schoͤnste Bild, seys auch eine Venus vom Praxiteles, wird endlich ein Schatten ohne Saft und Kraft, es regt und bewegt sich nicht, und verwandelt sich nach und nach wieder in den todten Stein, oder Oel und Farbe, woraus es gemacht war; und fuͤr den lebendigsten Menschen am geschwindesten. Ich glaube, daß, wenn die goldnen Zeiten der Griechen laͤnger gedauert haͤt- ten, sie endlich alle Statuen wuͤrden ins Meer ge- worfen haben, um des unertraͤglich Todten, Unbeweglichen einmal ledig zu werden. Und wir finden auch nicht, daß Themistokles, Plato und Euripides und die andern großen Griechen der ersten Zeiten sich schon viel darum bekuͤm- mert haͤtten: die Bildsaͤulen gingen immer die Religion und das gemeine Volk an. Alkibiades schlug so gar vor Ueberdruß einer Menge oͤffent- licher Hermen die Nasen entzwey; und hernach gehoͤrten sie mit den Gemaͤhlden zum Luxus der Rei- chen, die vor ihrer gewoͤhnlichen Langenweile nicht nicht wußten, was sie anfangen sollten. Plu- tarch fragt ehrlich in seinem Perikles: „welcher gutartige Juͤngling wird Phidias oder Polyklet seyn wollen wegen des olympischen Jupiters oder der Juno zu Argos ?“ und so setzt der verstaͤndige Horaz eine Ode von Pindar uͤber hundert Sta- tuen; und die aufgeheitertsten Kaiser zu Rom, Antonin und Mark Aurel, waren wirklich schon des steinernen Volkes satt: und so ist das steinerne und gemahlte Volk bey den heutigen Roͤmern bloßer Prunk, und man sieht es den besten an, daß auch sie dessen von Herzen satt sind. Die Natur uͤbt ihr Recht aus, und zeigt ihnen mit Gewalt, daß es doch nur eitel Traͤu- merey ist.“ „Die beste Kunst ist ein bloßes Denkmal ver- floßnen Genusses oder Leidens fuͤr den Kuͤnstler selbst, das ihm lediglich Anlaß giebt, sich das Ganze wieder vorzustellen, und in sein Gedaͤcht- niß zuruͤck zu rufen. Welch ein Abstand von Poe- Poesie und ihrer Gewalt uͤber die Herzen! Ue- berhaupt ist die bildende Kunst eine jugendliche Sache, wo der Mensch noch an der Huͤlle her- umschwebt. Ein alter Mahler, ein armer Suͤn- der! Wenn einer innen ist, kann er nicht mehr außen seyn. Es kaͤme darauf an, ob Raphael nicht den Pinsel wuͤrde weggeworfen haben, wenn er aͤl- ter geworden waͤre! wenigstens sind seine ersten Gemaͤhlde im Vatikan die besten, und er trachtete nicht umsonst nach dem Kardinalshut.“ Sein Mund glich einem vollen Spring- brunnen, so goß er hervor. Mir riß endlich die Geduld, und ich ergrimmte. „Bist du noch nicht fertig, Barbar, Bilderstuͤrmer? zuͤrnt ich ihm entgegen.“ „Was du wahr gesagt hast, trift alle mensch- liche Kunst. In der Natur haben wir freylich alles beysammen, und die verschiednen Kuͤnste theilen sich nur in sie. Jede muß dagegen ihre Maͤngel, ihre Schranken erkennen. Die Mah- le- lerey hat keine wirkliche Bewegung, nur den Schein davon, Zeichen; die Poesie kann keine Gestalt, keine Schoͤnheit fuͤr den Sinn darstel- len, bleibt ewig ungluͤckselig blind; und Musik an und fuͤr sich ist ohne bestimmten Ausdruck, und nur eine Magd der Musen.“ „Der Dichter ahmt und stellt im Grunde nicht einmal etwas Wirkliches selbst dar, sondern nur Mittel, nehmlich die Reden der Menschen; und wie weit liegt die erste Natur der Sprache in den Abgruͤnden der Zeit verborgen? Fuͤr uns Schaumblasen auf ihren Tiefen ist sie meistens bloß willkuͤrlicher Schall. Wir haben allen un- sern Genuß durch Koͤrper, und von diesen kann er nichts individuelles darstellen; alles ist bey ihm allgemein, bis auf die Namen schier Peter, Paul, und Lukas und Johannes, wenn ihm gute Schau- spieler nicht zu Huͤlfe kommen. Dafuͤr hat er freylich ein weitschweifig Reich, und flattert uͤberall an, wo die Mahlerey und Bildhauerkunst we- wegen enger Schranken ihrer unbeweglichen Mittel nicht hin kann.“ „Das hoͤchste Leben ist das schwerste in al- len Kuͤnsten, so wohl in den bildenden, als Poesie und Musik: Sturm in der Natur, Mord zwischen Mann und Mann, Seelenverei- nigung zwischen Mann und Weib, und Tren- nung, Abgeschiedenheit verliebter Seelen. Das Todte kann auch der bloße Fleiß darstellen, aber das Leben nur der große Mensch. Wem beym Ursprung seiner Existenz nicht die Fackel der Gott- heit entzuͤndet, der wird weder ein hohes Kunst- werk, noch eine erhabne Handlung hervorbrin- gen. Schoͤnheit ist Leben in Formen und jeder Regung, und nichts Todtes ist schoͤn, außer in einem Verhaͤltniß von Leben.“ „Warum ist der Torso schoͤn, warum die Kolossen auf dem Monte Cavallo, warum unsre Venus? Weil sie in hoͤchster Vollkommenheit menschlicher Kraft im freudigen Genuß ihrer Existenz sich befinden. Warum Apollo, warum der der Fechter? Weil ihr Leben in der Vollkommenheit seiner Kraft sich in hoher Wirkung zeigt. Warum Laokoon, Niobe? Weil auch ihr hoͤchstes Leben einer staͤrkern Macht unterliegt. Der Dichter deutets mit Worten an, der bildende Kuͤnstler stellts mit dessen Oberflaͤche selbst dar.“ Zu der Zeit, wo die Menschen am mehr- sten lebten und genossen, war die Kunst am groͤß- ten: zu der Zeit, wo sie am elendesten waren, am schlechtesten; „dieß ist die Geschichte derselben in wenig Worten.“ „Wie bis zum bloßen Thier herabgesunken, kalt und gefuͤhllos muß der Mensch seyn, den es nicht ergreift, dessen Herz es nicht erhebt, wenn er in die Hallen tritt, wo die Helden un- sers Geschlechts, die Weisen, die Dichter von Phidiassen und Praxitelen aufgestellt wie lebendig athmen? der Armseelige wird erschrecken wie in einer Goͤtterversammlung: der Edle schuͤchterne aber begeistert werden, die glorreiche Bahn zu ver- verfolgen; welche Kunst kann ihr hohes Leben sinnlicher in die Seele blitzen? Und eine From- me, die alle Morgen die schoͤnen himmlischen Fi- guren an den Waͤnden im Tempel mit inniger Freude schaut, kann kein haͤßliches und boͤses Kind gebaͤhren.“ „Die Griechen mußten dann doch mehr Le- ben in der Mahlerey finden, als Bildhauerkunst; weil sie dieselbe, wo sie am verstaͤndigsten waren, mehr als diese belohnten, und befoͤrderten. Ein Bild in Stein war ihnen nur Zeichen einzelner Wahrheit, nehmlich der Form: die Mahlerey aber Zeichen aller Wahrheit und Wirklichkeit, und von ungleich groͤßerm Umfange; jenesgleich- sam nur Daͤmmerung, Ding im Mondschein: Gemaͤhlde von Apelles, Gestalten wirklicher Welt in ihrem Tage; und Zeichen bleibt immer weiter nichts als Zeichen, seys von Stein oder Farbe. Und eben dieß ist es, warum die Bild- B b hauerey hauerey sank, nachdem die Mahlerey empor stieg; und bey uns nun nie wird fortkommen koͤnnen, so lang es noch gleich gute Mahler als Bildhau- er giebt.“ „Welcher Bildhauer wollte zum Exempel die Waffenlaͤufer des Parrhasius uͤbertreffen, wo der eine im Lauf zu schwitzen schien, der an- dre aber die Waffen ablegte und keuchte? Frey- lich kannte dieser Wolluͤstling den hoͤchsten Reiz des Eigenthuͤmlichen seiner Kunst.“ „Fuͤr Gestalt giebt es keine mathematische Wissenschaft, wo man alles und jedes mit Zirkeln und Linien und Zahlen beweisen koͤnnte; das ge- laͤuterte Gefuͤhl erfahrner hoher Menschen ent- scheidet hier allein endlich, und hat zu aller Zeit jedem Kunstwerk seinen Rang angewiesen. Deß- wegen aber beruht Ideal nicht auf bloßen Hirn- gespinsten, sondern die Natur selbst ist die ewige Regel: und ein Kuͤnstler muß von ihren Quel- len len schoͤpfen, wenn er neue Schoͤnheit und neuen unsterblichen Reiz hervorbringen will. Durch Uebung gewinnt man nach und nach doch auch sichre wissenschaftliche Fertigkeit.“ „Was bildet den lebendigen Koͤrper von in- nen hervor, vom ersten Stoff zum Daseyn an so wie er ist? die erste regende Kraft; hernach sein Leben in der Welt.“ „Kann ich von der aͤußern Bildung auf die Art des Geistes schließen?“ „Warum nicht? vom Werk auf den Mei- ster; nur gehoͤrt Erfahrung und Verstand genug dazu, und Adlerheit uͤber andre, es mit Gewiß- heit zu koͤnnen, und nicht eine Ursache fuͤr die andre zu halten. Jede Gestalt zeigt Urspruͤng- lichinnres, wenigstens was jung in Thaͤtigkeit war, das Leben in der Welt, und die Begriffe und Einbildungen daruͤber. Und wer das Innre B b 2 nicht nicht kennt, kennt gewiß auch schlecht das Aeu- ßere.“ „Warum soll der Kuͤnstler keine Handlun- gen darstellen duͤrfen? Koͤrper und Handlungen machen hier eins aus, das ist: Leben; und bey- des ist dafuͤr da; hohes edles Leben; dieß ist sein letzter Endzweck. Bey einzelnen Figuren giebt dieß Schoͤnheit: bey mehrern zu Darstellung einer Begebenheit kann und muß er zuweilen gar die Haͤßlichkeit abbilden, wie z. B. den Maxentius in einer Schlacht vom Konstantin, einen Attila, einen Heliodor. Vollkommenheit zeigt sich von außen durch Schoͤnheit: Unvollkommenheit durch Haͤß- lichkeit; und die mehrsten Begebenheiten in der Welt sind ein Kampf zwischen Tugend und Laster. Soll er das Laster schoͤn darstellen? und ist er deßwegen ein Kothmahler, wenn er es haͤßlich dar- stellt? Haͤßlichkeit veraͤndert hier seinen Namen, und wird zu Schoͤnheit der Kunst. Die Geschich- te te soll auch bey dem Mahler nicht bloß Augenwei- de seyn, sondern tiefer dringen. Der Kunst die- ses nehmen wollen, heißt sie zum schaalsten Zeitvertreib machen. Außerdem sind immer diese dreyerley Gattungen getrieben worden, wie schon in Griechenland, wo, nach dem Aristote- les, Polygnot die Menschen besser mahlte, als sie waren, Pauson schlechter, und Dionys nach der Wirklichkeit.“ „An Ausdruck und Bewegung von Leiden- schaften wird die Natur hoffentlich immer eben so unerschoͤpflich bleiben, als an neuen Gesich- tern und Gestalten.“ „Kurz, der Kuͤnstler stellt wie ein Zaubrer fuͤr den Verstaͤndigen mit einem Blick auf einmal die wirkliche That dar, wo der Augenschein uͤber alle andre Vorstellung hinreißt; und dar- uͤber macht der Geschichtschreiber und Dichter fuͤr die Unwissenden nur eine Bruͤhe darum her, B b 3 gleichsam gleichsam seines Evangeliums Ausleger und Doll- metscher — stellt die schoͤnsten Denkmale der Begebenheiten auf fuͤr Herrscher, Philosophen und Voͤlker dem ersten feinsten Sinn des Geistes, und ihm am naturnaͤchsten, dem Auge. Und es ist nicht mehr als billig, daß Zaubrer nicht dar- ben.“ „Die Dichter, die einen Epaminondas auffuͤhren, wie er leibte und lebte, laßt sie auch alles in der Geschichte dazu nehmen, werden so rar seyn, wie die Mahler, die seine Gestalt so treffend aus ihrem Kopf erfinden, daß sie seinem Portraͤte gliche; und es erwaͤchst dem Praxite- les und Apelles daraus wohl wenig Nachtheil, daß ihre Phryne den neuen Namen Venus aus der Mythologie, oder Helena oder Iphigenia aus den Dichtern, oder einen andern in ihren Kunstwerken aus der Geschichte habe: so wie dem Raphael, daß sein Oheim Bramante in der durch durch alle Zeiten goͤttlichen Gruppe der Schule den Archimedes vorstelle, wenn sich auch einmal des letztern Bildniß finden sollte.“ „Vortreflich! muthiger, tapfrer, edler Juͤngling, rief er mir hier zu; und nun genug. Wir haben den Kreis durchlaufen, und sind un- vermerkt auf derselben Seite wieder angekom- men, wovon wir ausgingen. Ich reich euch zum Frieden die Hand, schlagt ein; ich hoffe, daß wir gute Freunde seyn werden, so bald wir uns ein wenig besser im Innern kennen. Man behauptet in der Hitze des Streits oft Dinge, die man selbst fuͤr falsch und uͤbertrieben haͤlt. Zuhoͤrer, die Verstand haben, nehmen von selbst das Wahre heraus; und die keine Unterscheidungs- kraft besitzen, muͤssen uͤberall Schwaͤrmern, oder der großen Heerde wie die Kaͤlber folgen. Der Abend ist zu schoͤn, als daß wir ihn hier im Zim- mer verplaudern sollten; und die unten tanzen B b 4 und und sich ergoͤtzen, haben uns schon laͤngst geru- fen.“ Wir umarmten uns denn beyde mit gluͤ- hendem Gesicht und klopfendem Herzen. Unten erfuhr ich, daß mein Mann ein Grieche sey aus der Insel Scio , den die Giusti- niani als Knaben mit sich genommen hatten. Er hielt sich nun fuͤr bestaͤndig in Rom auf, und lebte frey von einer kleinen Pension aus diesem Hause; und erwarb sich das uͤbrige damit, daß er griechische Handschriften aus der Vatikanischen Bibliothek fuͤr auswaͤrtige Gelehrten theils ko- pierte, theils die verschiednen Lesarten daraus sammelte. Er heißt Demetri , und mag an die vierzig Jahr alt seyn. Sein Wuchs ist groß und staͤmmicht, und seine Gestalt so kuͤhn und unabhaͤn- gig, und seine Sitte so gegen alles Vornehme, daß er wie Diogenes dem Dionysios von Syra- kus zu Korinth haͤtte sagen koͤnnen: er sey des gluͤck- gluͤcklichen Lebens nicht werth, das er nun fuͤhre. Wie mir dieß in meinen Eingeweiden herumging, kannst du dir leicht vorstellen. Der bildschoͤne Juͤngling, welcher den Streit erregte, heißt Tolomei , ist ein weitlaͤuf- tiger Anverwandter von ihm, Sohn eines griechischen Kaufmanns zu Brindisi, treibt hier die Mahlerey, und steht unter seiner Aufsicht. Ich sah ihn mit einer schlanken Roͤmerin tan- zen, und mußte laͤcheln, daß der holde Bube den alten strengen Michel Angelo so hart ange- griffen hatte; das Raͤthsel ließ sich nun leicht aufloͤsen. Das suͤße Paar wallte in jeder Bewe- gung neue entzuͤckende Schoͤnheit von sich; der Knabe schien ein Maͤdchen, und die Jungfrau mit ihrem zuͤndenden Blick ein verkleideter Juͤng- ling. Die Menge stand umher, und kein Auge verwendete sich von ihnen aus den erheiterten Ge- sichtern. B b 5 Der Der Monat Oktober wird in Rom und auf dem Lande herum ganz der Freude gewidmet: jedes spart dafuͤr den Sommer auf. Ich machte mich bald wieder an den Grie- chen; ich hatte noch manchen Punkt mit ihm ins Reine zu bringen, der kaum war beruͤhrt wor- den. Er erzeigte sich gefaͤllig. Wir stiegen den Monte Tostaccio hinauf, um die Gegend zu uͤberschauen, und trafen oben Kuͤnstler an, die nach der Natur zeichneten. Man hat hier rei- zende Aussichten hin uͤberall, und verschiedne Landschaften jede so vollkommen fuͤr Gemaͤhlde, um sie schier nur abzunehmen. Pyramide, die das Kleinod der Gegend bleibt: Sankt Paul und Tyber: Steffano rotondo, alte Wasserlei- tungen, Kolisaͤum: Grabmal der Metella: Pietro Montorio: Porta Portese zeigen immer neue bezaubernde Seiten mit Pignen, roman- tischen Villen, Rebenhuͤgeln und den herrlichen Fer- Fernen der Gebirge von Frascati, Tivoli, und dem Sabinerlande. Wir setzten uns nieder, und jeder drehte sich dahin und dorthin; die große Augenlust machte uns eine Weile stumm, und alle die andern Sinnen verloschen. Wir fingen endlich an, von Rom zu spre- chen, dem alten und dem neuern; gingen uͤber auf Griechenland, und dessen ehemaligen und gegen- waͤrtigen Zustand: und unsre Reden stimmten so schoͤn zur untergehenden Sonne an der unvollen- deten Peterskuppel des unsterblichen Michel An- gelo! „Ach, allesgeht auf und unter, Voͤlker und wir, und die Werke der Menschen! der Mensch ist ein stolzes Geschoͤpf, rief ich aus; er hat die Oberflaͤche der Erde gebildet, beherrscht den Ad- ler und Loͤwen, und baͤndigt das ungeheure Meer mit seinen Schiffen: aber er weiß nicht von wan- nen er koͤmmt, noch wohin er faͤhret; erscheint, veraͤndert sich augenblicklich, unsicher, ob er ein ein eignes Wesen ausmacht, und verschwindet. O ihr, die ihr um uns herumschlummert, ihr Scipionen, Kamille, Lukrezien und Kornelien, was und wo seyd ihr? koͤnnt ihr nicht erwachen, und uns belehren?“ „Ein andermal hiervon, gab er zur Ant- wort, wenn wir mehr in Einsamkeit sind, nicht umgeben von so viel zerstreuender Herrlichkeit.“ Er hielt diese Kuppel selbst fuͤr den kuͤhnsten kolossalischen Gedanken eines Riesengeistes, und glaubte, daß die alten Griechen und Roͤmer ihn bewundern wuͤrden. Wir kamen alsdenn wieder auf unser altes Thema, die bildende Kunst, und deren Wesent- liches, den Menschen, und die Vollkommenheit seiner Gestalt; und unser beyder Schluß war, daß der neuern hierin der Kern mangle. Man kann wohl sagen, daß die Werke der alten grie- chischen chischen Meister eine Frucht ihrer Gymnasien waren; und daß, wo diese nicht sind, sie schwer- lich kann eingeaͤrndtet werden. Der erfahrne und geuͤbte Sinn des ganzen Volks am Nacken- den, dieß ist die Hauptsache, die uns fehlt, nebst dem der Arbeiter selbst; das schoͤnste Nackende der Kunst wird endlich nur durch Erinnerung geschaffen und genossen. Man kann die Natur nicht abschreiben; sie muß empfunden werden, in den Verstand uͤbergehen, und von dem ganzen Menschen wie- der neu gebohren werden. Alsdenn kommen allein die bedeutenden Theile und lebendigen For- men und Gestalten heraus, die das Herz ergreif- fen und die Sinnen entzuͤcken; die Regung in vollstimmiger Einheit durch den ganzen Koͤrper des gegenwaͤrtigen Augenblicks bildet kein bloßer Fleiß nicht. Je groͤßer und erhabner der Kuͤnst- ler: desto edler und eingeschraͤnkter die Auswahl. Im Im Nackenden der bey uns gewoͤhnlich bekleideten Theile, also des ganzen Koͤrpers bis auf Kopf und Haͤnde und Fuͤße koͤnnen wir den Alten nicht gleich kommen, weil wir ihre Gymnasien und Ther- men nicht haben. In Koͤpfen, Haͤnden und Beinen und Kindern halten wir ihnen vielleicht die Wage: in so weit wir noch Periklesse, Plato- nen, Alkibiadesse, und Aspasien und Phrynen haben. Die hoͤchste Vollkommenheit ist uͤberall der letzte Endzweck der Kunst, sie mag Koͤrper oder Seele, oder beydes zugleich darstellen; und nicht die bloße getroffene Aehnlichkeit der Sache, und das kalte Vergnuͤgen daruͤber. Der Meister sucht sich dann unter den Menschen, die ihn umgeben, zu seiner Darstellung das beste Urbild aus, und erhebt dessen individuellen Cha- rakter mit seiner Kunst zum Ideal. Die Schoͤn- heit muß allgemein: der Charakter aber individuell seyn, sonst taͤuscht er nicht, und thut keine Wir- kung; und das Individuelle kann der Mensch so so wenig als das Gold erfinden Dieß ist das Pro- blem, an dessen Aufloͤsung so viele scheitern. Der ganz außerordentlichen Menschen sind bey allen Nazionen aͤußerst wenig gewesen; es gehoͤrt eine unendliche Menge von gluͤcklichen Um- staͤnden dazu, solche alleredelste Gewaͤchse und Herrlichkeiten der Natur hervorzubringen. Neh- men wir den Griechen, der bey weitem geistreich- sten Nazion unter allen, die wir in der Ge- schichte kennen, auf Erdboden, nur ein Dutzend dieser hervorragenden Maͤnner: einen Lykurg, Themistokles, Pythagoras, Sokrates, Aristo- teles, Homer, Soph o kles, Aristophanes, Pe- rikles, Demosthenes, Phidias, Apelles: und wir werden sehen, wie ihr Sonnenfeuer zu den Sternen andrer Voͤlker zuruͤckweicht, zumal wenn wir bedenken, daß ihre uͤbrige Vortrefli- chen großentheils nur von diesen bestrichne Mag- netnadeln waren. Die Die Ehre des Volks und der Fuͤrsten be- steht darin, solche seltne Erscheinungen bey ihrem Aufgang zu erkennen, und sie zu pflegen und zu warten. Bey ihnen konnte kein Laͤrmmacher so leicht mit seinen ausgeschickten Trabanten das erfahrne Ohr uͤbertaͤuben, das scharfe geuͤbte Auge benebeln; sie kannten den nackenden Men- schen aus ihren Gymnasien, und die hohen Gestal- ten aus ihren gemeinen Versammlungen. Die Verstaͤndigen pruͤften, gaben Rath, verdammten, belohnten. Eins trieb und vervollkommte das andre. Und so gings noch bey den Roͤmern. Au- gust hat keinen Virgil und Horaz hervorgebracht; aber weil sie einmal jung da waren, so hielt er sie warm. Außerdem hatten die alten mehrere Arten von Schoͤnheiten, und wir kennen die reizende Mannigfaltigkeit nicht von Ringern, Faustbal- gern, gern, Wettlaͤufern, Wurfpfeilschuͤtzen, Diskus- werfern, und dergleichen; und so machten ihre Goͤtter wieder verschiedne allgemeine Kl a ssen. Bey uns ist alle Gestalt in ein einzig doppelartig gabelfoͤrmig vollkommen Thier zusammen- geschrumpft. Die Sonne war prachtvoll untergegangen, und das schoͤnste Abendroht zog lieblich hinten nach. „Wenn ich ein Landschaftsmahler waͤre, rief Demetri, ich mahlte ein ganzes Jahr wei- ter nichts als Luͤfte, und besonders Sonnenun- tergaͤnge. Welch ein Zauber, welche unendliche Melodien von Licht und Dunkel, und Wolken- formen und heiterm Blau! es ist die Poesie der Natur. Gebirge, Schloͤsser, Pallaͤste, Lust- hayne, immer neue Feuerwerke von Lichtstrah- len, Riesen, Krieg und Streit, flammende Schweife wechseln mit neuen Reizen ab, wann das Gestirn des Tages in Brand und Gluhten untersinkt. C c Aber Aber leider mit euerm Licht in der Mahlerey sieht es uͤbel aus!“ „Und was man davon mahlen kann, fuhr ich fort, dauert nur wenig Momente; die gluͤck- lichste Phantasie und Empfindung gehoͤrt dazu, es aufzubewahren, nach Hause zu tragen; und wunderbare Kunst, es taͤuschend langsam hinzu- pinseln.“ Wir gingen wieder hinunter; es war leer geworden, und die uͤbrigen zogen auch noch von dannen. Endlich blieben ein halb Dutzend Maͤd- chen, und Demetri, und Tolomei, und ich. Wir machten uns zusammen wieder auf den Saal, eine auserlesene Gesellschaft. Die Maͤd- chen waren aͤchte Roͤmerinnen an Wuchs und Gestalt, mit der erhabnen antiken noch republi- kanischen Gesichtsbildung, die auch auf fremde Fuͤrsten wie nur Barbaren herunter schaut. Sie haͤt- haͤtten, wie die alten, dem hohen Senat mit berichten lassen, wenn sie das Verbot gegen eine gewisse Lustbarkeit von ihnen nicht aufhuͤben, daß sie nicht mehr gebaͤhren wollten. Paar und Paar standen im vertrauten Um- gang mit einander; die reizenden Geschoͤpfe lie- ßen sich von ihren Geliebten als Modelle brau- chen, und gaben ihre Schoͤnheiten deren Kunst preis. Sie machten sich selbst Musik, und tanzten lauter Nazionaltaͤnze, wo wenig gezogner, gedehnter, franzoͤsischer Schritt, son- dern immer neuer Freudensprung ist. Ich ließ dabey wacker auftischen, und einschenken, und wurde selbst von dem Wirbel ergriffen. Nach Mitternacht ging es in ein aͤchtes Bacchanal aus; das erhitzte Leben blieb nicht mehr in den gewohnten Schranken, und jedes tobte C c 2 nach nach seinem Gefuͤhl und seiner Regung. De- metri machte seinen Einfall zu einem Sparta- nischen Tanz laut, und dieser wurde mit Jauch- zen ausgefuͤhrt. Doch machte man vorher den feyerlichen Vertrag, nichts schaͤndliches zu begin- nen, und die Leidenschaften bis ans lange Ziel gleich Olympischen Siegern im Zuͤgel zu halten, wies braven Kuͤnstlern gezieme. Man entkleidete die Jungfrauen, die, Gluht in allen Adern, sich nicht sehr straͤubten, zuerst bis auf die Hemder, und schlitzte diese an beyden Seiten auf bis an die Huͤften; und die Haare wurden losgeflochten. Demetri schlug die Hand- trommel, und ich spielte die Zithar. Sie schwebten in Kreisen, druͤckten einzeln ihre Empfindungen aus, und jede enthuͤllte in den sußesten Bewegungen ihre Reize, bis Paar und Paar wieder sich saßten und hoben, und wie Sphaͤ- Sphaͤren herumwaͤlzten. Es war gewiß ein Goͤtterfest, so viel mannichfaltige Schoͤnheit her- umwuͤhlen und herumtaumeln zu sehen, und ich habe in meinem Leben noch kein vollkommner weiblich Schauspiel genossen. Man hohlte hernach aus der nahen Villa Sacchetti Epheu zu Kraͤnzen, und belaubte Wein- ranken mit Trauben zu Thyrsusstaͤben; und je- der Juͤngling warf alle Kleidung von sich. Es ging immer tiefer ins Leben, und das Fest wurde heiliger; die Augen glaͤnzten von Freudenthraͤ- nen, die Lippen bebten, die Herzen wallten vor Wonne. Wir fuͤhrten auf die letzt allerley Scenen auf, aus Fabel, komischen und tragischen Dich- tern und Geschichte in himmlischen Gruppen, wo eine wahrhaftige Phryne an Schoͤnheit dar- unter mit erroͤhtendem und laͤchelndem Stolze sich C c 3 endlich endlich ganz nackend zeigte, in den verschaͤmte- sten, und muthwilligsten Stellungen. Tolomei wetteiferte mit ihr; er hatte wirk- lich Schentel wie ein junger Gott, entzuͤckend Feuer schon der Hand; und die Sprossen zum kuͤnftigen Strauchwerk waren an seinem Leib- chen eben angeflogen. Demetri glich dem Zevs, und ihm fehlte dazu nur Donnerkeil und Adler. Die Phryne riß alsdenn der andern schoͤn- sten das Hemde weg, und beyde den uͤbrigen; und nun ward ich von ihr wie von einer wuͤhtenden Penthesilea gefaßt, der hoͤchste Bacchantische Sturm rauschte durch den Saal, der alles Ge- fuͤhl unaufhaltbar ergriff, wie donnerbrausende Katarakten, vom Senegal und Rhein, wo man von sich selbst nichts mehr weiß, und groß und allmaͤchtig in die ewige Herrlichkeit zuruͤckkehrt. Gegen Gegen Morgen macht ich die Zeche richtig; und wir schwaͤrmten im Geisterglanze des Voll- monds unter Chor und Rundgesang an der Ty- ber vorbey, und hernach durch die hehren Ruinen und Triumphpforten uͤber den Tarpejischen Fel- sen. Ende des ersten Bandes. Druckfehler und Verbesserungen zum ersten Theil des Ardinghello. Seite 128 Zeile 10 steht schoͤne fuͤr schon -- 133 -- 1 -- Verdacht -- Verdacht ging. -- — -- 2 -- geb ihm ein -- gab ihm ein. -- 138 -- 16 -- betruͤbt -- betaͤubt. -- 145 -- 2 -- von Abgruͤnden -- von Abgruͤn- den zu Abgruͤnden. -- 170 -- 9 -- erlebte -- erbebte. -- 223 -- 13 -- Petrarca -- Im Petrarca ꝛc. -- 250 -- 18 -- Plaggen -- Pflanzen ꝛc. -- 402 -- 12 steht Endlich blieben ein halb Dutzend Maͤdchen und Demetri fuͤr Endlich blieben ein halb Dutzend Maͤdchen, eben so viel Kuͤnstler und Demetri ꝛc.