Dichter und ihre Gesellen . Novelle . Dichter und ihre Gesellen . Novelle von Joseph Freiherrn von Eichendorff. Berlin , 1834. Verlag von Duncker und Humblot . Erstes Buch. 1 Erstes Kapitel. I n den letzten Strahlen der Abendsonne wurde auf der gruͤnen Hoͤhe ein junger Reiter sichtbar, der zwi¬ schen dem Jauchzen der Hirten und heimkehrenden Spaziergaͤnger froͤhlich nach dem freundlichen Staͤdtchen hinabritt, das wie in einen, Bluͤten-Meere im Grunde lag. Er sann lange nach, was ihn hier mit so altbe¬ kannten Augen ansah, und sang immerfort ein laͤngst¬ verklungenes Lied leise in sich hinein, ohne zu wissen, woher der Nachhall kam. Da fiel es ihm ploͤtzlich auf's Herz: wie in Heidelberg lagen die Haͤuser da unten zwischen den Gaͤrten und Felsen und Abend¬ lichtern, wie in Heidelberg rauschte der Strom aus dem Grunde, und der Wald von allen Hoͤhen! So war er als Student manchen lauen Abend sommer¬ muͤde von den Bergen heimgekehrt, und hatte uͤber die Feuersaͤule, die das Abendroth uͤber den Neckar 1 * warf, in die duftige Thal-Ferne gleich wie in sein kuͤnftiges noch ungewisses Leben hinausgeschaut. — Mein Gott, rief er endlich, da in dem Staͤdtchen unten muß ja Walter wohnen, mein treuer Heidel¬ berger Kamerad, mit dem ich manchen stillen froͤhlichen Abend auf den Bergen verlebt! Was muß der wackere Gesell nicht alles schon wissen, wenn er fortfuhr, so fleißig zu sein, wie damals! — Er gab ungeduldig seinem Pferde die Sporen, und hatte bald das dunkle Thor der Stadt erreicht. Walters Wohnung war in dem kleinen Orte leicht erfragt: ein buntes freundliches Haͤuschen am Markte, mit hohen Linden vor den Fenstern, in denen unzaͤhlige Sperlinge beim letzten Adendschimmer einen gewaltigen Laͤrm machten. Der Reisende sprang eilig die enge, etwas dunkle Treppe hinan, und riß die ihm bezeichnete Thuͤr auf, die Abendsonne, durch das Laub vor den Fenstern zitternd, vergoldete so eben die ganze, stille Stube, Walter saß im Schlafrock am Schreibtische neben großen Acten- Stoͤßen, Tabaksbuͤchse, Kaffeekanne und eine halbge¬ leerte Tasse vor sich. Er sah den Hereintretenden er¬ staunt und ungewiß an, seine Gipspfeife langsam weg¬ legend. Baron Fortunat ! rief er dann, mein lieber Fortunat ! und beide Freunde lagen einander in den Armen. Also so sieht man aus in Amt und Brodt? sagte Fortunat nach der ersten Begruͤßung, waͤhrend er Waltern von allen Seiten umging und betrachtete; denn es kam ihm vor, als waͤre seit den zwei Jahren, daß sie einander nicht gesehen, die Zeit mit ihrem Pelz¬ aͤrmel seltsam uͤber das frische Bild des Freundes da¬ hingefahren, er schien langsamer, bleicher und gebuͤck¬ ter. Dieser dagegen konnte sich gar nicht satt sehen an den klaren Augen und der heiteren schlanken Ge¬ stalt Fortunats, die in der schoͤnen Reisetracht an Studenten, Jaͤger, Soldaten und alles Froͤhliche der unvergaͤnglichen Jugend erinnerte. — Fragen und Ge¬ genfragen kreuzten sich nun rasch, ohne eine Antwort abzuwarten. Walter pries vor allem sein Gluͤck, das ihn hier so schnell eine leidliche Stelle hatte finden lassen, es fehlte nicht an groͤßeren Aussichten, und so sehe er einer heiteren sorgenlosen Zukunft entgegen. — Dazwischen hatte er in seiner freudigen Unruhe bald noch einen Brief zusammenzufalten, bald ein Paket Akten zu binden, bald draußen etwas zu bestellen, beide konnten den alten, vertraulichen Ton gar nicht wiederfinden. Unterdeß war eine alte Frau hereingetreten, und fing an, eine altmodische Kaffee-Serviette zierlich aus¬ zubreiten und Teller, Glaͤser und Weinflaschen aufzu¬ stellen, wobei sie von der Seite ehrerbietige Blicke auf den vornehmen fremden Herrn warf, der eine solche Revolution in der einfoͤrmigen Junggesellenwirthschaft verursachte. Fortunat aber uͤberschaute am Fenster den heitern Markt, und eine leise Wehmuth flog durch seine Seele uͤber die langsam zersetzende und zerstoͤrende Gewalt der Verhaͤltnisse, wie sie ihm auf Walters treues Gemuͤth wirksam zu seyn schien. — Laß' uns nach guter alter Art im Freien trinken! rief er, sich schnell umwendend aus, da er die Zuruͤstungen hinter sich erblickte. Walter hatte Bedenken: das sey hier nicht gewoͤhnlich, man werde in kleinen Staͤdten zu sehr bemerkt. Fortunat aber hatte unterdeß schon unter jeden Arm eine Flasche genommen, und wan¬ derte damit die Treppe hinunter. Walter folgte ver¬ legen lachend, die Alte brachte voll Verwunderung Tisch und Glaͤser nach, und bald war die ganze froͤh¬ liche, funkelnde Wirthschaft unter den Baͤumen vor der Thuͤr aufgeschlagen. Die Sonne war indeß untergegangen, und die Daͤcher und die Gipfel der Berge uͤber der Stadt gluͤhten noch, von denen ein erquickender Strom von Kuͤhle durch alle Straßen und Herzen ging. Kinder jagten sich, und schwaͤrmten in den Gassen, die Vor¬ nehmen, ihre Huͤte nachlaͤssig in der Hand, und sich den Schweiß abtrocknend, kehrten, von allen Seiten ehrerbietig begruͤßt, von ihren Spaziergaͤngen zuruͤck. Andere traten in bequemen Nachtkleidern mit den Pfeifen vor die Thuͤren, und plauderten mit dem Nach¬ bar, waͤhrend junge Maͤdchen, kichernd und in lebhaf¬ tem Gespraͤch, Arm in Arm uͤber den Platz schlender¬ ten und neugierig an dem Fremden voruͤberstrichen. Waltern ging bei den Erinnerungen an die froͤh¬ liche Studentenzeit und bei dem langentbehrten weite¬ ren und reichen Gespraͤch recht das Herz auf, er hatte gar bald alle Scheu und bloͤde Ruͤcksicht abgeschuͤt¬ telt. — Wie gluͤcklich bist Du zu preisen, rief er sei¬ nem Freunde zu, daß Dir vergoͤnnt ist, so mit den Voͤgeln durch den Fruͤhling zu ziehn, und die Reise nach Italien nun wirklich anzutreten, die wir in den heitersten Stunden in Heidelberg so oft mit einander besprachen. Das waren schoͤne Jugendtraͤume! — Das verhuͤte Gott! versetzte Fortunat lebhaft, wa¬ rum denn Traͤume? Die Ahnung war es, der erste Schauer des schoͤnen uͤberreichen Lebens, das gewißlich mit aller seiner geahnten und ungeahnten herrlichen Gewalt uͤber uns kommen wird, wenn wir nur froͤhlich Stand halten. Wo waͤren wir denn aufgewacht von den so¬ genannten Traͤumen? Was haͤtte sich denn seitdem veraͤndert? Aurora scheint noch so jung uͤber die Berge wie damals, die Erde bluͤht alljaͤhrlich wieder bis in's fernste tiefste Thal — warum sollte denn unsere un¬ sterbliche Seele, die alle den Plunder uͤberdauert, allein alt werden? Was hindert denn zum Exempel Dich, alle den Ballast von Vor-, Neben- und Ruͤcksichten frisch wegzuwerfen, und frei mit mir in das offene Meer zu stechen? — Reise mit, alter Kumpan! Walter faßte laͤchelnd die ihm dargebotene Rechte. Was mich eigentlich zwischen diesen Bergen festhaͤlt, sagte er, das sollst Du kuͤnftig erfahren. — Doch — Du magst immerhin lachen — das kann ich außer¬ dem ehrlich sagen: es waͤre mir schwer, ja gewisser¬ maaßen unmoͤglich, den einmal mit Ernst und Lust begonnenen Geschaͤften zu entsagen, die wie ein stiller klarer Strom in tausend unscheinbaren Nebenarmen das Land befruchten, und mich so von meiner stillen Stube aus in immer wechselndem lebendigen Verkehr mit den entferntesten Gegenden verbinden. Fortunat sah ihn nachdenklich an. Du meinst es immer brav, sagte er nach einer Pause, darum glaube ich Dir, wo ich Dich auch nicht recht verstehe. Aber in welchem graͤulichen Rumor lebt ihr Beamte dabei! Keiner hat Zeit zu lesen, zu denken, zu beten. Das nennt man Pflichttreue; als haͤtte der Mensch nicht auch die hoͤhere Pflicht, sich auf Erden auszumausern und die schaͤbigen Fluͤgel zu putzen zum letzten großen Fluge nach dem Himmelreich, das eben auch nicht wie ein Wirthshaus an der breiten Landstraße liegt, sondern treu und ernstlich und mit ganzer ungetheilter Seele erstuͤrmt seyn will. Ja, ich habe schon oft nachgedacht uͤber den Grund dieser zaͤrtlichen Liebe so Vieler zum Staatsdienst. Hunger ist es nicht immer, noch seltener Durst nach Nuͤtzlichkeit. Ich fuͤrchte, es ist bei den Meisten der Reiz der Bequemlichkeit, ohne Ideen und sonderliche Anstrengung gewaltig und mit großem Spektakel zu arbeiten, die Satisfaktion, fast alle Stunden etwas Rundes fertig zu machen, waͤhrend die Kunst und die Wissenschaften auf Erden niemals fertig werden, ja in alle Ewigkeit kein Ende absehen. Da ruͤhrst Du, entgegnete Walter, an den wunden Fleck, wenigstens bei mir. Daß ich, aus Mangel an Zeit, zu beiden Seiten die schoͤnen Fernen und Tiefen, die uns sonst so wunderbar anzogen, liegen lassen muß, das ist es, was mich oft heimlich kraͤnkt, und was ich hier nicht einmal einem Freunde klagen kann. Dazu kommt die Abgelegenheit des kleinen Orts, wo alle Gelegenheit und aller Reiz fehlt, der neuesten Lit¬ teratur zu folgen. Ist auch nicht noͤthig, versetzte Fortunat. Was willst Du jedem Phantasten in seine neumodischen Park-Anlagen nachschreiten! Das rechte Alte ist ewig neu, und das rechte Neue schafft sich doch Bahn uͤber alle Berge, und — wie ich oben bemerkt — auch in diesen Gebirgskessel. Denn, wenn ich nicht irre, sah ich vorhin bei Dir neben dem Corpus juris die neuesten poetischen Werke des Grafen Victor stehen. Nun, sagte Walter, meinen großen Landsmann muß ich doch in Ehren halten, seine Heimath liegt ja kaum eine Tagereise von hier. — Fortunat sprang uͤberrascht auf. Da reit ich hin, rief er, den muß ich sehen. — Geduld, erwiederte Walter laͤchelnd, er ist schon seit mehreren Jahren auf Reisen. Und ich reite doch hin! entgegnete Fortunat froͤhlich, wer einen Dichter recht verstehen will, muß seine Heimath kennen. Auf ihre stillen Plaͤtze ist der Grundton gebannt, der dann durch alle seine Buͤcher wie ein unaussprechliches Heim¬ weh fortklingt. Walter schien einem Anschlage nach¬ zudenken. Wohlan, sagte er endlich, wenn Du durch¬ aus hin willst, so begleite ich Dich, ich bin dort wohl¬ bekannt, und wir bleiben dann um so laͤnger beisam¬ men. Ich muß Dir nur gestehen, ich hatte mich eigentlich schon selbst darauf eingerichtet, in diesen Ta¬ gen hinzugehen. Hier kann ich Dir nicht viel Ergoͤtz¬ liches bieten, und wenn's Dir recht ist, so reisen wir morgen. — Fortunat schlug freudig ein. Walter aber fing nun an, einige Lieblingsstellen aus Victors Werken zu rezitiren, was Fortunaten immer stoͤrte, weil ein gutes Gedicht keine Stellen, sondern eben nur das ganze gute Gedicht giebt, gleich¬ wie eine abgeschlagene Nase oder ein paar abgerissene Ohren der mediceischen Venus fuͤr Kenner recht gut, aber sonst ganz nichtswuͤrdig sind. Du kennst doch Victors Werke? Du liebst ihn doch auch? unterbrach sich endlich Walter selbst, da Fortunat schweigend ein Glas nach dem andern hin¬ unterstuͤrzte. — Ich liebe ihn, sagte dieser, wie ich ein naͤchtliches Gewitter liebe, das alles Grauen und alle Wunder in der Brust regt, ich kenne ihn, weil er von den geheimnißvollsten, innersten Gedanken mei¬ ner Seele, ja ich moͤchte sagen, von dem Waldesrau¬ schen meiner Kindheit wunderbaren Klang giebt. — Friede dem großen dunklen Gemuͤth, fuhr er sein Glas erhebend fort, und freudiges Begegnen mit ihm! Die Freunde hatten uͤber dem lebhaften Gespraͤch gar nicht bemerkt, daß unterdeß der Platz allmaͤhlig oͤde geworden war. In der wachsenden Stille hoͤrte man nur noch eine Geige aus einiger Entfernung, und dann das einfoͤrmige Stampfen von Tanzenden dazwischen heruͤberschallen. Beides klappte so wenig zusammen, und die Geige wurde so unaufhoͤrlich und entsetzlich schnell gestrichen, daß Fortunat laut auflachte, und ungeachtet Walters Einwendungen sogleich dem Tanzplatze zueilte. Der verworrene Klang kam aus einem niedrigen Haͤuschen, uͤber dessen Thuͤre ein Strohbuͤschel als Wahrzeichen eines Weinschanks im Nachtwinde hin und her baumelte. Walter war in anstaͤndiger Ferne stehen geblieben, waͤhrend For¬ tunat durch das Fenster in die seltsame Tanz-Grube hineinblickte. Ein langes duͤnnes Licht, das wie ein Peitschenstiel aus einem eisernen Leuchter hervorragte, warf ungewisse Scheine uͤber das dunkle Gewoͤlbe eines Kellers, an dessen Seitenwaͤnden eingeschlafene Trinker uͤber den langen plumpen Tischen umherlagen. In der Mitte tanzten eifrig mehrere Paare lustigen Ge¬ sindels, bald mit den zierlich gebogenen Armen wie zum Fliegen ausholend, bald in den auserlesensten Fi¬ guren und Windungen sich naͤhernd und wieder tren¬ nend, bevor sie einander endlich zum Walzer umfa߬ ten. Der dicke Weinschenk ging mit aufgestreiften Hemdaͤrmeln dazwischen herum, ahmte mit dem Munde den Wachtelschlag nach, schnitt den voruͤbertanzenden Frauenzimmern laͤcherliche Gesichter, oder wagte zu¬ weilen selbst einen kuͤnstlichen Sprung. Am auffal¬ lendsten aber war der Musikant: ein anstaͤndig geklei¬ detes lebhaftes Maͤnnchen mit einem scharfen geist¬ reichen Gesicht, emsig in den wunderlichsten Laufern die Geige spielend, waͤhrend seine Augen mit unver¬ kennbarem Wohlbehagen die Tanzenden verfolgten. Vergebens riefen diese ihm zu, sich zu moderiren, der Unaufhaltsame drehte mit wahrem Virtuosen-Wahn¬ sinn die Toͤne, wie einen Kreisel, immer schneller und dichter, die Tanzenden geriethen endlich ganz außer Takt und Athem, es entstand ein allgemeines Wirren und Stoßen, bis zuletzt alle zornig auf den Musikus eindrangen. Dieser erhob sich nun, und retirirte be¬ sonnen in kuͤnstlichen Fechtparaden nach der Thuͤr, immerfort mit dem Fidelbogen in den dicksten Haufen stoßend. So kam er gluͤcklich auf die Straße heraus, die Schlafmuͤtze des Wirths, die er im Getuͤmmel aufgespießt, hoch auf seinem Bogen. Der lustige Wirth folgte schimpfend, und vermehrte den Laͤrm von Zeit zu Zeit durch das Prasseln von Feuerwerk, das er taͤuschend mit dem Munde nachmachte. Jetzt bemerkte der Musikus ploͤtzlich die beiden Freunde auf der Gasse, und sah sie mit seinen klugen Augen durchdringend an, waͤhrend der Wirth, mit der einen Hand seine wilden Gaͤste in den Keller zuruͤck¬ draͤngend, mit der andern ruhig die ihm zugeworfene Schlafmuͤtze wieder auf den Kopf stuͤlpte. Walter war einen Augenblick in Verlegenheit, ob und wie er den ihm unbekannten Fremden anreden sollte, und aͤußerte endlich seine Verwunderung uͤber diese heillose Fertigkeit auf der Geige. — Kleinigkeit! Kleinigkeit! erwiederte der Musikus, nichts als Taranteln, womit ich die Leute in die Waden beiße und den St. Veits- Tanz erfinde. Mit diesen Worten empfahl er sich, nahm die Geige unter den Arm, und schlenderte, noch einigemal furchtsam nach dem Keller zuruͤckblickend, rasch durch die Nacht uͤber den Marktplatz fort. Fortunat, der bisher kein Auge von ihm verwen¬ det hatte, trat nun schnell auf den Wirth zu, um etwas Naͤheres uͤber das wunderbare Maͤnnchen zu erfahren. Ein Fremder, sagte der Wirth, ein Parti¬ kuͤlier, wie er sich nennt, mit dem ich schon manchen Verdruß gehabt habe. Er kommt zuweilen in die Stadt, aber immer nur grade zu mir, und wenn ich reelle Gaͤste habe, die nach gethaner Arbeit ihr Glaͤs¬ chen trinken und vernuͤnftig diskuriren wollen, setzt er sich zu ihnen, und, eh' ich's mich versehe, hat er Haͤndel unter ihnen angestiftet, und hat dann keine Courage sie auszufechten. Wenn er recht vergnuͤgt ist, zieht er gar seine verfluchte Geige hervor, und spielt tolles Zeug auf. Hol' der Teufel alle Phantasten! Hiermit kehrte der Wirth wieder in seine Hoͤhle zuruͤck, und die beiden Freunde bemerkten bei dem hellen Mondschein, wie der unbekannte Musikus so eben zum Stadtthor hinauswanderte. Ein herrlicher Narr! rief Fortunat aus, dem Wanderer noch immer nachsehend. Laß' die Fledermaͤuse, erwiederte Walter, sie gerathen uns sonst noch in die Haare. Komm' nun nach Haus, es ist schon spaͤt, und ich habe noch alle Haͤnde voll zu thun fuͤr morgen. Auf Walters Stube ging nun ein froͤhliches Ru¬ moren an. Die alte Aufwaͤrterin wurde herbeigerufen, Befehle wurden ertheilt, Briefe versiegelt, und Akten und Waͤsche gepackt, wobei Fortunat, in der Vor¬ freude der bevorstehenden unerwarteten Fahrt, zur Verwunderung der Alten wuͤthend half. Der weitge¬ stirnte Himmel sah indeß durch die offenen Fenster herein, der Brunnen rauschte vom einsamen Markte, waͤhrend die Nachtigallen in den Gaͤrten schlugen, und Fortunaten war es dazwischen, als ginge draußen das Geigenspiel des wunderlichen Musikanten noch ein¬ mal fern uͤber die stillen Hoͤhen. Zweites Kapitel . Bei dem schoͤnsten Fruͤhlingswetter zogen die bei¬ den Freunde, auf ihren Pferden froͤhlich von den alten Zeiten mit einander schwatzend, in das morgenrothe Land hinein. Sie hatten den weiteren, aber anmuthi¬ gern Weg durch das Gebirge eingeschlagen, auf wel¬ chem sie Hohenstein , den Sitz des Grafen Victor , nach Walters Versicherung noch vor Nacht bequem erreichen konnten. Das Staͤdtchen mit seiner gruͤnen Stille lag schon weit hinter ihnen, ein frischer Wind ging durch alle Baͤume, und Walter fuͤhlte sich recht wie ein Vogel, der aus dem Kaͤfig entflohen. Er war fast ausgelassen heiter, schwenkte den Hut in der Luft, und stimmte alte Studentenlieder an, so daß es den beiden Reitern vorkam, als waͤren sie nie getrennt gewesen, und zoͤgen nur eben wieder aus dem Thor von Heidelberg den gruͤnen Bergen zu. In dieser Stimmung ließ er sich gern von dem unruhigen For¬ tunat verlocken, der bald dem fremden Schall eines unbekannten Gebirgsvogels folgte, bald mit den Hir¬ ten plauderte, dann wieder einen schoͤnen Berggipfel oder eine reizendgelegene Ruine zu erklettern hatte. So waren sie lange auf's Gerathewohl umherge¬ schweift, als Walter endlich zu seinem Schrecken be¬ merkte, daß schon die Abendsonne schraͤg durch den Wald funkelte. Jetzt fand er auch, daß sie alle Rich¬ tung verloren hatten, er wußte nicht, wo er war. Ver¬ gebens schlug er den ersten besten Pfad ein, die Wege theilten sich bald von neuem wieder, kein Dorf war ringsumher zu sehen, je tiefer sie in den Wald kamen, je ungeduldiger wurde er, er wollte durchaus noch heut nach Hohenstein. Unterdeß war die Nacht voͤllig her¬ eingebrochen, sie mußten absteigen, und ihre Pferde hinter sich herfuͤhren, da der Holzweg sich nach und nach in einen verwachsenen Fußsteig verlor. Walter war verdrießlich, und sprach wenig. For¬ tunat aber wurde immer vergnuͤgter, je weiter sie fort¬ schritten, und blickte recht mit frischem Herzen in die wunderbaren Mondlichter und die raͤthselhaften Ab¬ gruͤnde, an denen sie voruͤberzogen. Oft hielten sie horchend still, denn es war ihnen, als hoͤrten sie aus weiter Ferne Hunde bellen, und den dumpfen Takt eines Pochhammers dazwischen; aber das ein¬ foͤrmige Rauschen der Waͤlder verschlang immer alles wieder. Walter schwor endlich, nicht einen Schritt mehr weiterzugehen, er band sein Pferd an, und setzte sich maulend daneben. Fortunat hatte sich gleichfalls auf den Rasen hingestreckt, waͤhrend sein Gefaͤhrte nun allerlei Reden uͤber unzeitige Romantik und verlorene Zeit verlauten ließ. Fortunat antwortete nicht darauf, und da es gar nicht enden wollte, zog er seinen Man¬ tel uͤber den Kopf, und schlummerte bald vor Ermuͤ¬ dung ein. Als er wieder aufwachte, war Walter unterdeß vor Aerger fest eingeschlafen. Er sah freudig rings um sich her, die tiefe Einsamkeit, die unbekannte Ge¬ gend, der Schlafende, und die Pferde im Mondschein, alles war ihm so neu und wunderbar; er ging unter den Baͤumen auf und nieder, und sang halb fuͤr sich: Wie schoͤn hier zu vertraͤumen Die Nacht im stillen Wald, Wenn in den dunklen Baͤumen Das alte Maͤhrchen hallt. Die Berg' im Mondesschimmer Wie in Gedanken stehn, Und durch verworrne Truͤmmer Die Quellen klagend gehn. Denn muͤd ging auf den Matten Die Schoͤnheit nun zur Ruh, Es deckt mit kuͤhlen Schatten Die Nacht das Liebchen zu. Das ist das irre Klagen In stiller Waldespracht, Die Nachtigallen schlagen Von ihr die ganze Nacht. Die Stern' gehn auf und nieder — Wann kommst du, Morgenwind, Und hebst die Schatten wieder Von dem vertraͤumten Kind? 2 Schon ruͤhrt sichs in den Baͤumen, Die Lerche weckt sie bald — So will ich treu vertraͤumen Die Nacht im stillen Wald. Und wie er aufblickte, hoͤrte er wirklich schon den Klang einer fruͤherwachten Lerche durch den Himmel schweifen. Frisch auf! rief er froͤhlich Waltern zu, frisch auf, ich wittre Morgenluft! Walter erhob sich taumelnd, und konnte sich lange nicht in dem wunder¬ lichen Schlafsaal zurechtfinden. Der kurze Schlummer hatte ihn neu gestaͤrkt und verwandelt, er schaͤmte sich seines gestrigen Mißmuths, und bald saßen die beiden Freunde wieder ruͤstig zu Pferde, um, wo moͤglich, noch vor Tagesanbruch aus dem Labyrinth der Waͤlder herauszukommen. Nach einem kurzen Ritt hatten sie die Freude, unerwartet wieder einen ordentlichen Weg zu erreichen. Land! Land! rief endlich Walter vergnuͤgt aus, dort¬ hin zu liegt Hohenstein! — Sie verdoppelten nun ihre Eile, und gelangten bald voͤllig aus dem Walde in das weite, geheimnißvolle Land hinaus. Immer tiefer und freudiger stiegen sie von den Bergen in das Bluͤten¬ meer, schon hoͤrten sie von fern eine Thurmuhr schla¬ gen, zahllose Nachtigallen schlugen uͤberall in den Gaͤr¬ ten. Am Ausgang des Gebirges schien ein großes Dorf zu liegen, zerstreute Huͤgel, dunkele Baumgruppen, und ein hohes praͤchtiges Schloß hoben sich nach und nach aus der verworrenen Daͤmmerung, alles noch unkennt¬ lich und raͤthselhaft, wie in Traͤumen. So waren sie in eine hohe Kastanienallee gekommen, als Walter ploͤtzlich an einem zierlichen Gitterthor still hielt. Sie schlafen noch alle, sagte er, wir wollen indeß hier in den graͤflichen Garten gehen, und die Erwachenden uͤberraschen. Sie banden nun ihre Pferde an den Zaun, und schwangen sich von den steinernen Sphinxen, die den Eingang bewachten, uͤber das Gitter in den Garten hinein. Da war noch alles still und duftig, einzelne Marmorbilder tauchten eben erst aus den lauen Wellen der Nacht empor. Das alte finstere Schloß im Hin¬ tergrunde mit seinen dichtgeschlossenen Jalousien stand wie eine Gewitterwolke uͤber einem freundlichen Neben¬ gebaͤude, von dem man vor lauter Weinlaub fast nur das rothe Ziegeldach sah. Unter den hohen Baͤumen vor dem letztern fanden sie einen Tisch und mehrere Stuͤhle, als waͤren sie eben erst von einer Gesellschaft verlassen worden. — Da hat sie schon wieder ihre Guitarre draußen vergessen, sagte Walter kopfschuͤt¬ telnd. — Wer denn? fragte Fortunat, — die schoͤne Amtmannstochter, von der du mir erzaͤhlt hast? — Ja, Florentine, erwiederte Walter; das ist des Amt¬ manns Wohnung, und dort oben nach dem Garten hinaus ihre Schlafstube. — Du weißt hier gut Be¬ scheid, entgegnete Fortunat. — Walter wurde roth und schwieg verlegen. Fortunat aber ergriff ohne weiteres 2* die auf dem Tisch liegende Guitarre, stellte sich vor das bezeichnete Fenster und sang: Zwei Musikanten ziehn daher Vom Wald aus weiter Ferne, Der eine ist verliebt gar sehr, Der andere waͤr' es gerne. Ich bitte dich, unterbrach ihn Walter, was singst du da fuͤr dummes Zeug! — Wart' nur, 's kommt gleich kluͤger, erwiederte Fortunat und sang weiter: Die stehn allhier im kalten Wind Und singen schoͤn und geigen: Ob nicht ein suͤßvertraͤumtes Kind Am Fenster sich wollt' zeigen? Sein Wunsch ging wirklich in Erfuͤllung. Ein schoͤnes Maͤdchen, noch ganz verschlafen, wie es schien, fuhr oben an's Fenster, schuͤttelte die Locken aus dem Gesichtchen und sah neugierig mit großen, frischen Augen durch die Scheiben. Als sie aber unten einen unbekannten, wohlgekleideten Mann erblickte, war sie eben so schnell wieder verschwunden. — Walter wurde nun in der That unwillig, Fortunat aber griff immer lustiger in die Saiten, und sang wieder: Mein Herz ist recht von Diamant, Eine Blum' von Edelsteinen, Die funkelt froͤhlich uͤber's Land, In tausend bunten Scheinen! Und durch das Fenster, steigen ein Waldsrauschen und Gesaͤnge, Da bricht der Saͤnger mit herein Im seligen Gedraͤnge. Unterdeß war es im Hause nach und nach leben¬ dig geworden, Thuͤren gingen auf und zu, im Innern hoͤrte man dazwischen das kraͤftige Lachen eines Man¬ nes, das immer naͤher zu kommen schien. Endlich wurde die Hausthuͤr von Innen geoͤffnet, und, mit einer langen Pfeife im Munde, stand ein, schon voͤllig angekleideter, großer, starker Mann vor ihnen, dessen gebraͤuntes, lebenslustiges Gesicht von der Morgen¬ sonne hell beschienen wurde. Es war der Amtmann selbst. Er war voller Freude, Walter'n so unerwartet wiederzusehen, und konnte gar nicht aufhoͤren, uͤber das lustige Staͤndchen zu lachen, durch das sich Fortunat sogleich in seine entschiedene Gunst gesetzt zu haben schien. Mit schallender Stimme rief er nun alles im Hause wach, es mußten eilig Kaffee und Pfeifen in's Freie herausgebracht werden, sie lagerten sich um den Tisch auf dem gruͤnen Platz vor der Thuͤr, den die bei¬ den Gaͤste noch vor Kurzem so einsam gesehen hatten, und Walter mußte ausfuͤhrlich ihre naͤchtlichen Irrfahr¬ ten vortragen. Unterdeß war auch die Frau Amtmannin dazuge¬ kommen. Sie hatte sich vor dem unbekannten Gaste sorgfaͤltig und beinah festlich angethan und empfing Fortunaten mit umstaͤndlicher, wortreicher Feierlichkeit. Fortunat, dem bei solcher Gelegenheit unwillkuͤhrlich alle Bewillkommungskomplimente einfielen, die er in seinem ganzen Leben gehoͤrt oder auch nicht gehoͤrt hatte, konnte nicht widerstehen, mit einem unerschoͤpf¬ lichen Schwalle der auserlesensten Redensarten zu ent¬ gegnen, und erweckte dadurch bei der Dame eine nicht geringe Meinung von sich und seiner feinen Lebensart. Das ist heute ein rechter Freudentag! sagte der Amtmann, da soll es auch einmal hoch hergehen. Er erzaͤhlte nun, wie sie heut gegen Abend auch noch ihren jungen Neffen Otto hier erwarteten, der von der fer¬ nen Universitaͤt zuruͤckkehre, um sich zu seiner Anstel¬ lung vorzubereiten. Die Amtmannin ließ mit zufriede¬ ner Miene noch einfließen, daß Otto, der Sohn ihrer verstorbenen Schwester, aus Herrn Walters Staͤdtchen sey, daß er schon auf der Schule immer fuͤr den still¬ sten und geschicktesten galt, und nun ein wahrer Ge¬ lehrter geworden sey. Fortunat bemerkte waͤhrend dieses Gespraͤchs, daß sich Walter unterdeß verloren hatte. Der Garten, der nun in voller Morgenpracht heruͤberfunkelte, lockte auch ihn schon lange, und er sagte endlich dem Amt¬ mann, wie er Walter'n vorzuͤglich in der Absicht hier¬ herbegleitet habe, um die Heimath des beruͤhmten Gra¬ fen Victor einmal in der Naͤhe zu sehen. Der Amt¬ mann laͤchelte. Ich weiß nicht, sagte er, ob Sie auch solcher Meinung sind, aber wenn die Andern von dem beruͤhmten gelehrten Grafen sprechen, denken sie sich ihn immer mit der Zipfelperuͤcke, wie den Hilmar Cu¬ ras vor seiner Grammatik. Das kann mich immer aͤrgern. Was da Gelehrter! Zu Pferde muß man den Grafen Victor sehen, im Walde auf der Jagd, auf den Felsen, wo allen Andern schwindelt — mit einem Wort: das ist ein rechter Mann! Das Be¬ ruͤhmtseyn und Versemachen ist nur so Lumpenzeug daneben, wie eine Schabracke auf einem schoͤnen Roß, und er giebt selber nichts darauf. Doch wir sprechen ein andermal mehr davon. — Er stand nun auf und beschrieb Fortunaten die Gaͤnge, die er im Garten ein¬ schlagen sollte, um zu den schoͤnsten Punkten zu gelan¬ gen, da ihn selbst die Wirthschaftsanordnungen fuͤr den anbrechenden Tag in das Haus hineinriefen. Fortunat wandte sich nun allein in den Garten, wo er zu seinem Erstaunen ringsumher nur architekto¬ nische Formen altmodischer Gaͤnge, hohe, feierliche Buchenalleen, Springbrunnen und kuͤnstliche Blumen¬ beete erblickte, von denen dunkelgluͤhende Paͤonien und praͤchtige Kaiserkronen glaͤnzten. Es war, als haͤtte ein wunderlicher Zauberer uͤber Nacht seine bunten Signaturen uͤber das Gruͤn gezogen, und saͤße nun selber eingeschlummert in dem Labyrinth beim Rauschen der Wasserkuͤnste und traͤumte von der alten Zeit, die er in seine stillen Kreise gebannt. Schon waren Schloß und Amtmannswohnung hinter Fortunaten versunken, als er ploͤtzlich einen wohl¬ gekleideten jungen Mann bemerkte, der an den Mar¬ morstufen eines einsamen Gartenhauses eingeschlafen war. Er wollte umkehren, aber der Schlaͤfer, von dem Geraͤusch erweckt, fuhr so eben rasch auf, blickte verworren ringsumher, und fragte Fortunaten, wer er sey? Dieser erzaͤhlte nun sein naͤchtliches Abenteuer und seinen langgehegten Wunsch, diese Gegend einmal zum Angedenken des Dichter-Grafen Victor zu durch¬ streifen. — Vortrefflich, erwiederte der Andere, so will ich Sie sogleich herumfuͤhren! — Kennen Sie den Grafen Victor? fragte Fortunat. — Nicht sonderlich, erwiederte jener, doch weiß ich eben genug von ihm, um Ihnen hier uͤberall genuͤgende Auskunft zu geben. Fortunat nahm das unerwartete Anerbieten dank¬ bar an, und betrachtete, als sie nun mit einander wei¬ ter gingen, mit freudiger Ueberraschung das schoͤne, aber etwas bleiche und wuͤste Gesicht des Unbekann¬ ten, uͤber das die Morgenlichter durch das Laub wun¬ derlich wechselnde Scheine warfen. Er aͤußerte endlich seine Verwunderung uͤber die, wie es schien, absichtlich und sehr sorgfaͤltig festgehaltene Altmodigkeit dieses Gartens. — Der Graf, entgegnete sein Begleiter, will es so haben. Buxbaumene Kindlichkeit! Wie es in seiner Kindheit gewesen, so soll es hier ferner verblei¬ ben, selbst dieselben Blumen muͤssen jaͤhrlich an densel¬ ben Plaͤtzen wieder gepflanzt werden, wie damals. — Er hat Recht, sagte Fortunat, was soll ein Garten, wenn er nicht ein Gedicht von ganz bestimmtem Klange ist! In diesem einfoͤrmigen Plaͤtschern der Wasser¬ kuͤnste, in dieser geisterhaften Symmetrie der Laub¬ waͤnde und stummen Marmorbilder ist eine Wehmuth, die einen wahnsinnig machen koͤnnte. Jetzt standen sie an dem Abhang des Berges, dessen obere Flaͤche das Schloß und der eigentliche Ziergarten einnahmen. Von der, mit Epheu umrank¬ ten Felswand sah man hier ploͤtzlich in tiefe Schluch¬ ten und Wiesenplaͤtze hinab, wo im kuͤhlen Schatten uralter Baͤume Rehe und Dammhirsche weideten, die scheu die Koͤpfe nach ihnen emporhoben, und dann pfeil¬ schnell im tieferen Dunkel verschwanden. — Sehen Sie da, rief Fortunats Begleiter aus, das Großartige und Kuͤhne dieser Komposition. Ich betrete diesen Ort nie ohne Ehrfurcht vor dem seltenen Genius dieses Dichter-Grafen — oder sagen wir es nur lieber gerad' heraus: Dichterkoͤnigs! besonders muß ich Sie hier auf jene leichtgeschwungenen Bruͤcken aufmerksam ma¬ chen. Sie fuͤhren, wie Sie sehen, uͤber die Wipfel der Baͤume hinweg nach einzeln stehenden hohen, abge¬ rissenen Felsen hinuͤber, die, mit ihren bunten Gaͤrtchen auf den Gipfeln, wie funkelnde Blumenzinnen uͤber die Waldeinsamkeit emporragen. Diesen Einfall hat der liebenswuͤrdige Graf vor dem lieben Gott voraus, er legte diese haͤngenden Gaͤrten an; das waren die Blocks¬ berge seiner Phantasie. Hier pflegte er als Knabe, wenn ein Gewitter heraufzog, und im Schlosse alles aͤngstlich durcheinander lief, vor der unermeßlichen Aus¬ sicht zu sitzen, mit den Beinen uͤber dem Abgrunde baumelnd, bis ihm die ersten dicken Regentropfen an die seidenen Struͤmpfe klatschten. — Es freut mich — erwiederte Fortunat, der ganz in den Anblick des wun¬ derbaren Grundes versunken, die letzten Worte fast uͤberhoͤrt hatte — es freut mich recht, daß Sie Vic¬ tors poetische Erscheinung so hoch halten. Der Begleiter sah ihn aus den schoͤnen Augen scharf und zweifelhaft an. — Ich bedaure ihn aufrich¬ tig, sagte er dann, denn ich halte die Anstellung als Genie fuͤr eine der epinoͤsesten in der Welt. Ein An¬ derer stopft sich seine Pfeife, zieht seinen Schlafrock an, setzt sich auf dem Schreibesel zurecht, und macht seine Arbeiten ab, und geht dann zufrieden in die Ressource, wo er wieder ganz Mensch seyn kann. Aber so ein Genie, zumal ein Dichter, kann das Genie gar nicht los werden; wie ein Spaziergaͤnger, der im Herbst uͤber Feld gegangen, schleppt er die Sommerfaͤden seiner Traͤume an Hut und Aermeln bis auf die Ressource nach. Ist dort gar das Fenster offen, so sind die Nachtigallen und Lerchen draußen recht wie versessen auf ihn, und rufen ihn ordentlich bei Namen, ja zu¬ weilen spielt ihm seine kaum halbfertig gedichtete Ge¬ liebte den fatalen Streich, und blickt ihn ploͤtzlich aus den Augen irgend einer albernen Dame an. — Hier stand er ploͤtzlich selber uͤberrascht still. Sie waren in das Felsenthal hinabgestiegen, und an einen einsamen Weiher gelangt, in dessen Mitte sich eine, wie es schien, unzugaͤngliche Insel im frischen Schmuck des Morgenthaues spiegelte. Spuren ehemaliger Gaͤnge und Blumenplaͤtze waren von hohem Grase und Un¬ kraut uͤberwachsen, fremde Bluͤtengewaͤchse schlangen sich an den Baumstaͤmmen empor, nur einzelne hohe Blumen funkelten noch hier und da aus der bunten Verwilderung, in der unzaͤhlige Voͤgel sangen. Das war sonst Victors Lieblingsplatz, sagte der Fremde nach einem Weilchen, hier hat er den Namen seines ersten Liebchens in die Baͤume geschnitten. Das Maͤd¬ chen ist todt, der Nachen zu der Insel lange zertruͤm¬ mert und versenkt, und Wipfel und Zweige, Unkraut und Bluͤten schlingen sich druͤben verwildert durch ein¬ ander, und koͤnnen doch nicht in den Himmel wachsen. — Ein seltsames Leuchten flog bei diesen Worten uͤber sein geistreiches Gesicht. Dann auf einmal zu Fortu¬ naten gewandt, sagte er: aber Sie sind am Ende selbst der Graf Victor — laͤugnen Sie nur nicht! — For¬ tunat brach in lautes Lachen aus, und bat den Unbe¬ kannten, der ihm wohl behagte, zu wechselseitiger naͤhe¬ rer Bekanntschaft sogleich mit zum Amtmann hinauf zu kommen. Der Fremde besann sich einen Augen¬ blick, und fragte dann, ob noch mehrere Gaͤste dort waͤren? Da er hoͤrte, daß auch Walter droben sey, entschuldigte er sich, er habe zu lange am Brunnen geschlafen, und muͤsse nun schnell wieder weiter. — Sind Sie denn nicht hier aus dem Hause? fragte For¬ tunat erstaunt. — Aber Jener eilte schon fort, winkte noch einmal mit dem Hute, und war bald zwischen den Baͤumen verschwunden. Drittes Kapitel. Als Fortunat wieder die Anhoͤhe erreichte, traute er seinen Augen kaum. Der schoͤnste Morgenglanz blitzte jetzt uͤber die gezirkelten Rasen-Figuren und Tul¬ penbeete, an den Statuͤen hingen Mieder, Poschen und Schleier umher, ein frischer Wind ging durch den Garten, und ließ, die Zweige theilend, bald ein paar bloße Maͤdchenarme, bald ein ganzes zierliches Bild¬ chen fluͤchtig erblicken. Und so glich der Garten mit den bunten Tuͤchern, die wie Fruͤhlingsfahnen von den Buͤschen flatterten, mit den funkelnden Strahlen der Wasserkuͤnste und dem heiteren Sonnenhimmel daruͤber, auf einmal jenen alten Landschaften, wo alle Hecken von schwaͤrmenden Nymphen wunderbar belebt sind. Erstaunt drang er weiter vor, da sah er eine junge Dame in wunderlichem Schmuck, mit Reifrock, Mie¬ der und gesticktem Faͤcher vor einem Springbrunnen stehen, sie bespiegelte sich, froͤhlich plaudernd, im Wasser, schuͤttelte lachend die schweren blitzenden Ohrgehaͤnge und sah wieder hinein. Auf einmal wandte sie sich, er glaubte in dem frischen Gesichtchen Florentine, die Amtmannstochter, zu erkennen, die er vorhin am Fen¬ ster gesehen. Aber nun erschallte ein lauter Schrei, und aus allen Hecken, in Taft und Seide rauschend, fuhren erschrocken fliehende Maͤdchen-Gestalten durchs Gruͤne, als haͤtte der Wind Aprikosenbluͤten umher¬ gestreut. Fortunat folgte ihnen zu der Amtmannswohnung, wo sie verschluͤpft waren. Aber hier hielt ihn neue Verwirrung fest, er fand auch dort alles in lebhafter Bewegung. Aus dem Moͤrserstampfen im Hause und dem ernstwichtigen Durcheinanderrennen der Maͤgde, zwischen dem man von Zeit zu Zeit die Kommando¬ stimme der Amtmannin vernahm, schloß er sogleich auf ein großes Kuchenbacken im Innern. Draußen aber auf dem Rasen sah man große Teppiche ausbreiten, Sophas und Polsterstuͤhle ausklopfen, uͤberall wurden die verdunkelnden Doppelfenster ausgehoben, die Mor¬ gensonne schien lustig durch das ganze Haus, und ein¬ zelne Schwalben kreuzten jauchzend uͤber dem Platze. Ein langer, hagerer Mann, mit duͤnnem Hals und hervorstehenden Augen schien besonders selig in dem Rumor, man sah ihn uͤberall im dicksten Hau¬ fen schreiend, helfend und anordnend. Von diesem er¬ fuhr Fortunat endlich, nicht ohne Muͤh' und wiederholte Fragen, daß die Pachterstoͤchter aus der Nachbarschaft angekommen, und mit Florentinen im Garten den alten graͤflichen Hofstaat anprobirt haͤtten, und daß alle diese Anstalten auf den feierlichen Empfang des heute erwarteten Studenten Otto zielten, der nach den ein¬ gelaufenen Nachrichten fruͤher hier eintreffen koͤnnte, als man Anfangs glaubte. Der Mann aber war der Foͤr¬ ster des Orts, der fruͤher selbst das Gymnasium fre¬ quentirt, und seitdem eine wuͤthende Vorliebe fuͤr Stu¬ denten hatte. — Fortunaten war diese unverhoffte Wirthschaft ein willkommenes Fest. Er mischte sich ohne Verzug in das bunte Getuͤmmel, um den Laͤrm, wo moͤglich, noch groͤßer zu machen. Dem Foͤrster stellte er vor, wie unerlaͤßlich es sey, den Gefeierten durch ein Triumphthor einzufuͤhren, worauf beide so¬ gleich voll Eifer forteilten, um die noͤthigen Materia¬ lien zu dem neuen Werke herbeizuschaffen. Unterwegs begegneten sie Walter'n, der so eben mit einem Buche in den Garten ging. Ich muß mich ein wenig sam¬ meln, sagte er fluͤchtig zu Fortunat, ich freute mich so auf den stillen Tag im Freien, und nun bricht aller Plunder herein, es ist mir einmal nicht gegeben, mit den Leuten uͤber Nichts zu schwatzen, es ist unleidlich! Inzwischen verzoͤgerte sich Otto's Ankunft von Stunde zu Stunde. Walter hatte nicht lange gelesen, sondern revidirte in seiner praktischen Lust mit dem Amtmann die Hoͤfe, Scheunen und Staͤlle. Im Gar¬ ten wurden die Voͤgel schon still, Florentine und ihre jungen Freundinnen, wieder bequem in ihren gewoͤhnli¬ chen Kleidern, fluͤchteten vor der steigenden Sonne aus einem Schatten zum andern, die immer kuͤrzer wur¬ den, jede hatte ein Stuͤck frischen Kuchen in der Hand, sie wußten nicht, was sie in der Hitze anfangen sollten mit der langen Zeit. Auch ein junger Wirthschafts¬ schreiber mit Sporen und neuem Frack hatte sich ein¬ gefunden. Er trug den Maͤdchen die Tuͤcher nach, focht mit seiner Reitgerte galant in die Luft, und wußte durch Schnalzen auf Lindenblaͤttern und andere artige Kunststuͤcke sich bei den Frauenzimmern angenehm zu machen. Ploͤtzlich versetzte der Knall eines Boͤllers alles in die groͤßte Verwirrung, aus allen Hecken und Thuͤren stuͤrzten die Erwartenden nach der Richtung hin, wo die Explosion erfolgt war. Dort gewahrten sie schon von fern den Foͤrster am Abhange des Gartenberges, wie er so eben durch ein altes Perspectiv, das er wuͤ¬ thend immer laͤnger und laͤnger hervorschob, in die Ge¬ gend hinausblickte. Als die Andern endlich athemlos und fragend anlangten, warf er auf einmal das Fern¬ rohr fort, ergriff eine neben ihm stehende Lunte, und loͤste, zum Schrecken der lautschreienden Damen, einen zweiten Boͤller. Und in der That, in demselben Augen¬ blick wurde durch den sich theilenden Pulverdampf zwi¬ schen den Kornfeldern am blaugewundenen Strom im Thal ein Reiter in bunter studentischer Tracht sichtbar, der nun auch seinerseits die Harrenden auf dem Berge erblickte, und, freudig seinen Hut schwenkend, die Sporen einsetzte. Otto! Otto! rief alles froͤhlich durch¬ einander, und winkte ihm mit den Schnupftuͤchern ent¬ gegen. Der Reiter hatte unterdeß den Fuß des Ber¬ ges erreicht, schwang sich vom Pferde, und auf dem naͤchsten Wege zwischen den gruͤnen Rebengelaͤndern aufsteigend, erschien ein schoͤner Juͤngling von etwas kleiner, zierlich schlanker Gestalt mit einem feinen Ge¬ sicht und fast traͤumerischen Augen. Aber am Eingang zur ersten Allee wurde er ploͤtz¬ lich durch eine seltsame Erscheinung aufgehalten. Ein schoͤner Tannenbaum stand dort am Abhang von Alters her, wie ein dunkler Ritter auf der Wacht, und ragte mit dem Wipfel bis uͤber die Anhoͤhe hinauf. Auf einmal rauschte er mit den gruͤnen Kronen und zeigte sein Riesenhaupt mit rothbraunem Gesicht und langem Schilfbart, das Haar phantastisch von wilden Blumen und Eichenlaub umkraͤnzt. Salve ! redete das Haupt, die Augen sichtbar bewegend, den erstaunten Studen¬ ten an: Salve ! Herr Doctor oder Magister! Bin ein alter Bursch' und haß' die Philister, Bin der Waldmann aus dem Gebirge hier, Darf nicht naͤher treten zu Dir, Kann nicht zu Dir kommen in Haus und Zimmer, Traͤt' dort alle den Plunder in Truͤmmer, Drum schau ich uͤber die Wipfel hier hinaus; Und bist Du der Alte noch immer, So lad' ich Dich wieder in mein gruͤnes Haus! Da gehn, wie damals, noch mit Gefunkel Die Quellen verworren durch's kuͤhle Dunkel, Waldhornsklaͤnge und Voͤgelschall, Von fern dazwischen der Wasserfall, Und uͤber uns rauschend die Buchen und Fichten, Erzaͤhlen Dir wieder die alten Geschichten. — Doch hast Du uͤber Pandekten und Latein Seitdem vergessen die Sprache mein, So magst Du uͤber Deinem Buche hocken und lesen! Das meine ist doch gescheuter gewesen! Dann halt' ich auf ewig meinen großen Mund, Wir sehen uns nimmermehr wieder — und — Und — hier blieb der Gebirgsgeist ploͤtzlich stecken, man hoͤrte eine andere Stimme immer lauter, aber vergeblich soufliren. Daruͤber gerieth das Haupt nach und nach ins Wackeln, auf einmal kollerte es zwischen den Zweigen auf die Anhoͤhe herunter und prasselnd hinterdrein der Foͤrster und Fortunat zu großem Ge¬ laͤchter und Ergoͤtzen der Umstehenden. Otto stuͤrzte dem schimpfenden, sich abstaͤubenden Waldmann herzlich in die Arme, dann sah er mit den schoͤnen Augen Fortunaten nachdenklich an. Gott weiß es, sagte er, ich verstehe die Waldessprache noch immer, und was ich auch seitdem hinzugelernt habe, sie ist und bleibt doch meine rechte Muttersprache! — Nun bemerkte er erst die Andern in der Allee, und fiel jubelnd dem Amtmann und seiner Frau und end¬ 3 lich auch den Maͤdchen in die Runde um den Hals, die erroͤthend und verlegen sich des Ungestuͤmen nicht erwehren konnten. Aber kein Mensch konnte zu Worte kommen, denn der unermuͤdliche Foͤrster, der in seinem Eifer gar keine Notiz von der Ruͤhrung nahm, hatte insgeheim Pauken und Trompeten herbestellt, die jetzt furchtbar in die Ohren der Damen schmetterten, Boͤller auf Boͤller wurde dazwischen geloͤst, er selbst aber ruͤhrte sehr kuͤnstlich die Pauken, auf die er zuletzt hin¬ aufsprang, und Schlaͤgel und Hut hoch uͤber sich in die Luft werfend, unaufhoͤrlich Hurrah schrie. Die Amtmannin wurde ganz zornig in dem Laͤrm, auch Otto schien verlegen und gestoͤrt. Da war der tolle Foͤrster endlich mit seinem Empfange fertig geworden, und, noch ganz erhitzt von dem pappenen Riesenkopfe, in dem er vorhin gesteckt, fuͤhrte er nun mit einer wunderlichen ungelenken Grandezza die fremden Maͤd¬ chen nach der Amtmannswohnung hin. Hier unter den Baͤumen standen auf einer alt¬ modischen Kaffeeserviette, in welche verschiedene Staͤdte und Hirschjagden rothgewirkt waren, unzaͤhlige kleine chinesische Tassen aufgepflanzt, ein ungeheurer Kaffee¬ krug dampfte einladend dazwischen, die junge Dienst¬ magd im Sonntagsputz brachte eine Schuͤssel mit den in Kuchen gebackenen Namenszuͤgen Otto's herbei, und kuͤßte dem neuangekommenen jungen Herrn hocherroͤ¬ thend die Hand. Der Foͤrster, der alte Junggesell, war inzwischen in den vollen Redestrom seiner Feier¬ tagslaune gerathen, und brachte alle seine alten Jagd¬ spaͤße und lateinische Brocken wieder aufs Tapet, wor¬ uͤber die Pachterstoͤchter, die ihn insgeheim fuͤr einen gewandten Weltmann und Gelehrten hielten, jedesmal in ein unmaͤßiges Lachen ausbrachen. Bald aber nahm Otto die Aufmerksamkeit ausschließlich in An¬ spruch, noch in der vollen Heimathsfreude des ersten Wiedersehens erzaͤhlte er von seinem Studentenleben in Halle, er sprach so frisch, und als nun gar der Amtmann die funkelnden Weinflaschen auf den Tisch setzte, glitten alle Gedanken froͤhlich mit dem bunten Studentenschifflein am Gibichenstein und den bluͤhenden Kirschgaͤrten die Saale hinab in das gelobte Land der Jugend. So war unvermerkt der Abend herangekommen, der Foͤrster und die Maͤdchen hatten sich heimlich ins Haus geschlichen, Otto erzaͤhlte noch immer, als ploͤtz¬ lich die Thuͤr sich weit aufthat, und bei dem Geschwirr einer Geige ein ganzer Hofstaat von Damen und Herren in Reifroͤcken, Haarbeuteln und altfranzoͤsischen Fraͤcken sich rauschend herausbewegte. Man erkannte sogleich den Foͤrster unter ihnen, er fuͤhrte feierlich die jungen Leute vom Tisch den verlegen knixenden Da¬ men auf, die Geige schwirrte von neuem, und so ent¬ spann sich unversehens ein Tanz auf dem Rasen. Waltern wollt' es gar nicht gelingen, er wurde immer 3* verlegener, je mehr die andern uͤber ihn lachten, auch die beiden Pachterstoͤchter konnten sich in ihrem Staat nicht finden, in dem sie sich, wie in einem Gehaͤuse, nur schwerfaͤllig bewegten und alle Augenblick ver¬ wickelten. Jeder sprang so gut er konnte, und als nun vom Schwung der Reifroͤcke die Lichter verloͤschend flackerten, ergriff der Wirbel endlich auch die Alten am Weintisch, der Foͤrster fuͤhrte die, sich vergebens straͤu¬ bende Amtmannin zu einer Sarabande, jeder der uͤbri¬ gen waͤhlte gleichfalls seine Dame, und es entstand eine wundersame, kuͤnstliche Verschlingung, wobei der Foͤrster durch kuͤhne Schwenkungen alles in Erstaunen setzte. Auf einmal fuhr Florentine aus dem leuchtenden Kreise wie eine Sternschnuppe in den finstern Garten hinaus. Ihre Brust flog uͤber dem knappen, seidenen Mieder, sie athmete erschoͤpft in der kuͤhlen Nachtluft, dabei blickte sie immerfort nach den Baͤumen zuruͤck, als erwartete sie noch jemand. Fortunat bemerkte sie, ihn hatte unter den abenteuerlichen Gestalten nach und nach die Hofluft der alten Zeit unwiderstehlich er¬ griffen, er folgte rasch dem Maͤdchen nach, faßte sie zierlich an den aͤußersten Fingerspitzen, und promenirte so feierlich mit ihr auf den geschnoͤrkelten Gaͤngen. Sie ließ ihm lachend die Finger, sah aber immer un¬ geduldiger zuruͤck. So waren sie in galantem Dis¬ cours an eine einsame Grotte gekommen, noch ein Ueberbleibsel jenes grillenhaften Schmuckes altmodischer Gaͤrten. Bunte Muscheln blitzten im Mondschein von Decke und Waͤnden, ausgestopfte Reiher und Wasser¬ voͤgel standen mit weitaufgesperrten Schnaͤbeln auf Kristalriffen umher. — Suͤßer Gott der Liebe, sagte Fortunat, das ist recht eine Grotte zum Schnaͤbeln, o waͤren wir doch jetzt zwei Turteltaͤubchen! — Sie sah ihn einen Augenblick verschmitzt an, dann drehte sie leise einen verborgenen Krahn, auf einmal spruͤtzten alle Schnaͤbel funkelnde Wasserstrahlen grade auf For¬ tunat, und eh' er sich noch besinnen konnte, war seine wilde Taube in dem Spruͤhregen verflogen. Er schuͤttelte sich lachend ab, und als er zu der Gesellschaft zuruͤckkam, stand Florentine schon wieder am Tisch vor der Mutter, die ihr besorglich die Locken aus der heißen Stirn strich. Sie hatte die langen Augenwimpern tief gesenkt, denn es that ihr nun heim¬ lich leid um Fortunats neuen Frack, die flackernden Lichter spielten auf ihrem Gesicht und dem glitzernden Mieder, so sah sie in den lauschenden Wogen von Taft und bunten Schleifen wie ein Elfchen aus, das aus einer Tulpe guckt. — Walter sah sie lange unver¬ wandt an, dann faßte er Fortunaten unter dem Arm und fuͤhrte ihn rasch in den Garten. Ist sie nicht wunderschoͤn? o wie bin ich doch gluͤcklich! rief er aus, und erzaͤhlte nun dem Freunde, daß er seit laͤngerer Zeit mit Florentinen verlobt sei, daß sie, auf den Rath der Aeltern nur noch eine bevorstehende Gehaltserhoͤh¬ ung Walters abwarteten, und dann in dem Staͤdtchen Haus und Garten mit der Aussicht auf Hohenstein kaufen und dort im Gruͤnen sich fuͤr die ganze Lebens¬ zeit miteinander einrichten wollten. — Kaum eine Stunde darauf aber war alles ver¬ klungen, aus den Thaͤlern schallte das Zirpen der Heimchen herauf, man hoͤrte nur noch die Kalesche der Pachterstoͤchter auf dem steinigen Wege durch die Nacht fortrumpeln, in der Ferne zerplatzten einige Leuchtkugeln, die der unermuͤdliche Foͤrster noch aus seinem Gaͤrtchen warf. — O gluͤckselige, bangsame Einsamkeit, dachte Fortunat, wer es wie Walter uͤber sich gewoͤnne, sich ganz darin zu versenken! Viertes Kapitel . Schoͤne stille Zeit, du liebste Heimathsgegend mit deinen frischen Morgen und mittagschwuͤlen Thaͤlern, und ihr ruͤstigen, nun nach allen Weltgegenden hin zerstreuten Jugendgesellen, die damals von den Bergen so ernst und froͤhlich mit mir in das Leben hinausge¬ sehen — ich gruͤß' euch alle aus Herzensgrund! Denn alles wird mir wieder lebendig hier auf den kuͤhlen Waldbergen, wie ich den Amtmann zwischen den Korn¬ feldern wandern sehe und Florentinen bald oben am Fenster beim ersten Morgenlicht singend und ihre Haare flechtend und sich streckend und putzend um die Wette mit den erwachenden Voͤgeln in den Baͤumen vor dem Hause, bald wieder im Garten uͤber einer franzoͤsischen Grammaire eingeschlafen, die Walter ihr gegeben, um sich fuͤr das Stadtleben auszubilden. Vor allen aber hat Fortunat, der seine Abreise von einem Tage zum andern verschiebt, sich behaglich im Garten eingerichtet. Im Gruͤn zwischen hohen Blumen, die weite Land¬ schaft unter sich, und uͤber ihm die rauschenden Wipfel, setzt er sich jeden Morgen mit dem Schreibzeug an dem steinernen Fußgestell eines etwas verwitterten Apol¬ lo's zurecht, um einige Novellen, die er in gluͤcklichen Reisestunden auf seinem Pferde ersonnen, endlich ein¬ mal recht in Ruhe zu Papier zu bringen. Aber da geht es ihm wunderlich. Der lustige Morgenwind wirft ihm die Blaͤtter ins Gras, wo sich die Huͤhner drum raufen, hinter ihm aber stimmen die Wipfel ihr uraltes Lied wieder an, das in keine Novelle paßt, die Waldvoͤgel singen ganz fremde Noten dazwischen und Wolken fliegen uͤber das Land und rufen ihm zu: Menschenkind, sei doch kein Narr! Und zog dann gar der Foͤrster unten zur Jagd, und schwenkte seinen Hut, und rief Hurrah hinauf, da warf er gewiß Feder und Papier fort, und schwang sich auf seinem Pferde mit in den frischen, glaͤnzenden Morgen hinaus. — Auf einem solchen Morgenritt troͤstete er sich ein¬ mal mit folgendem Liedchen: Ich wollt' im Walde dichten Ein Heldenlied voll Pracht, Verwickelte Geschichten Recht sinnreich ausgedacht. Da rauschten Baͤume, sprangen Vom Fels die Baͤche drein Und tausend Stimmen klangen Verwirrend aus und ein. Und manches Jauchzen schallen Ließ ich aus frischer Brust, Doch aus den Helden allen Ward nichts vor tiefer Lust. Kehr ich zur Stadt erst wieder Aus Feld und Waͤldern kuͤhl, Da kommen all' die Lieder Von fern durch's Weltgewuͤhl, Es hallen Lust und Schmerzen Noch einmal leise nach, Und bildend wird im Herzen Die alte Wehmuth wach, Der Winter auch derweile Im Feld die Blumen bricht — Dann giebt's vor Langerweile Ein uͤberlang Gedicht! Bei seiner Ruͤckkehr fand er im Hause alles aus¬ geflogen, und streckte sich ermuͤdet im Garten an dem hohen Bogengange in's Gras. Er hatte aber noch nicht lange geruht, als er Stimmen neben sich ver¬ nahm, an denen er die Amtmannin und Waltern er¬ kannte, die ohne ihn zu bemerken in dem Gange auf und nieder wandelnd, in lebhaftem Gespraͤch begriffen schienen. — Das kommt bei dem Ueberstudiren her¬ aus, sagte so eben die Amtmannin, nichts als Verse im Kopf, Reisen und dergleichen unkluges und kostspie¬ liges Zeug. — Ich glaube gar, rief Fortunat, die spricht von mir! — Beruhigen Sie sich, hoͤrte er nun Waltern entgegnen, ich werde versuchen, die eigent¬ lichen Absichten dieses verschlossenen, raͤthselhaften Ge¬ muͤths zu erforschen. — Bei Nacht moͤchte er spazieren gehen, fing die Amtmannin wieder an, den Tag ver¬ traͤumt er! Und warum verbirgt er sich vor uns? — Hier verlor sich der Discours in der Ferne. Fortunat sprang hastig auf. Sie reden von meinem unbekann¬ ten Fuͤhrer im Garten an jenem ersten Morgen, dachte er, und es fiel ihm auf's Herz, daß er ihn in der Zerstreuung so ganz vergessen hatte. Als am Abend alle unter den Linden vor der Hausthuͤre sich wieder versammelten, beschloß er, der Sache naͤher auf den Grund zu kommen. Der Amt¬ mann war der erste auf dem Platz, er erzaͤhlte ihm sogleich das ganze Begegniß, wie er damals den Un¬ bekannten schlafend am Springbrunnen getroffen, und was sie mit einander gesprochen hatten. Dieser hoͤrte sehr aufmerksam zu, er mußte ihm Groͤße, Kleidung, Haar und Stimme des Fremden ausfuͤhrlich beschrei¬ ben, aber der Amtmann wußte alles besser, als er, alle seine Fragen trafen wunderbar ein. So kennen Sie ihn also? fragte Fortunat. — Der Amtmann schuͤttelte nachdenklich den Kopf. Ich weiß nicht, wer es war, sagte er, und darf nicht sagen, was ich ver¬ muthe. — Unterdeß war seine Frau herausgekommen, er bat Fortunaten schnell, vor den Weibern nichts von der Geschichte zu erwaͤhnen. Jetzt trat auch der Stu¬ dent Otto, der von einem weiten Spaziergange zuruͤck¬ zukommen schien, zu der Gesellschaft. Als er sich bei ihnen niederließ und in der warmen Luft seinen Rock schnell oͤffnete, fiel ein sauber eingebundenes Buch dar¬ aus zu Boden; es war des Grafen Victors neuestes poetisches Werk, das er bisher noch nicht gekannt und heute fruͤh unter den zerworfenen Buͤchern des Amt¬ manns gefunden hatte. — Ach, ich dachte, es waͤre dein juristisches Handbuch, sagte die Amtmannin, indem sie das Buch aufnahm und Otto'n zuruͤckgab. Dann, sich gemaͤchlich auf ihren Lehnstuhl zuruͤckleh¬ nend, fuhr sie nach einer kurzen Pause fort: hab' ich doch heute von Tagesanbruch in Haus und Hof zu schaffen gehabt, daß mir ordentlich alle Glieder wehthun. Nun dafuͤr schmeckt auch am Abend die Ruhe, wenn man sich wacker geruͤhrt und seine Pflichten erfuͤllt hat. — Otto erroͤthete fluͤchtig, ohne etwas darauf zu erwiedern. — Fortunaten aber fiel es bei diesen Worten erst auf, wie sonderbar allerdings Otto seit einiger Zeit erschien. Alle Morgen zog er ganz allein in den Wald hinaus, und kam selten vor Mittag wieder zum Vorschein. Dann war er ein¬ sylbig, schuͤchtern, zerstreut, und oft mitten in den hei¬ tersten Augenblicken flog es uͤber sein freundliches Ge¬ sicht, wie ein Wolkenschatten uͤber eine schoͤne sonnen¬ helle Gegend. Man hatte unterdeß das Abendessen aufgetragen, und die ruͤstige Amtmannin, die es nun heut einmal auf Otto'n abgesehen zu haben schien, begann, indem sie den Braten zerschnitt und jeden reichlich davon be¬ theilte, sich mit allerlei weisen Redensarten und spitzi¬ gen Ausfaͤllen uͤber die theuren Zeiten zu verbreiten, und wie nothwendig es sey, daß ein junger Mensch jetzt fruͤhzeitig darauf denke, dereinst sein sicheres Brod zu haben. Da seyen noch immer Thoren genug in der Welt, um reichen Leuten die Zeit zu vertreiben mit schoͤnen Bildern, Komoͤdienspielen oder Versemachen — das sey ein bloß herrschaftliches Vergnuͤgen, setzte sie schnell verbessernd hinzu, indem ihr dabei Graf Vic¬ tor einfallen mochte. — Der Amtmann hatte die Sal¬ latschuͤssel vor sich geschoben und aß hastig, man konnte nicht errathen, ob er sich uͤber Otto oder uͤber seine Frau aͤrgerte. — Da faͤllt mir immer mein seliger Bruder ein, hub die letztere wieder an; er hat auch studirt, aber das war ein gescheuter Kopf, der ließ die Phantasten ablaufen, setzte sich auf seine Brodwissen¬ schaften, heirathete eine gebildete, vernuͤnftige Frau, und Gott hat seinen Ehestand gesegnet. Nun du kannst es ja selber bezeugen — fuhr sie zu dem Amt¬ mann gewendet fort, empfindlich, daß er ihr gar nicht beistimmte — der ließ sich zu seiner Hochzeit von den besten Poeten Schaͤfergedichte machen, Gott weiß, wo die nun selber die Schaafe huͤten. — Hier brach Otto, der bis jetzt sichtbar mit sich selbst kaͤmpfte, ploͤtzlich mit verbissener Bitterkeit und einem hoͤhnischen Stolze los, den niemand dem sanften Juͤnglinge zugetraut hatte. Lieber Schweine huͤten, sagte er, als so Zeit¬ lebens auf der Treckschuite gemeiner Gluͤckseligkeit vom Buttermarkt zum Kaͤsemarkt fahren. Der liebe Gott schafft noch taͤglich Edelleute und Poͤbel, gleichviel, ob sie Adelsdiplome haben, oder nicht. Und ich will ein Herr seyn und bleiben, weil ich's bin , und jene Knechte sollen mich speisen und bedienen, wie es ihnen zukommt! — Das war der bestuͤrzten Amtmannin zu toll. Unsinniger, aufgeblasener Mensch! rief sie hoch¬ roth vor Zorn; so iß meinetwegen trockenes Brod, wenn du Butter und Kaͤse verachtest! Aber wir wis¬ sen's wohl, wo du die Komoͤdianten-Spruͤche gelernt hast. Denke nur nicht, in unser ehrliches Haus ein¬ mal eine Theaterprinzessin heimzufuͤhren, die nicht so viel hat, um die Loͤcher zu flicken, die sie in ihre Lap¬ pen gerissen, so eine, von aller Welt ausgeklatschte Creatur! Aber Otto hoͤrte nicht mehr, er war rasch aufge¬ standen, und schritt zuͤrnend in den naͤchtlichen Garten hinein. Walter, in sichtbarer Verlegenheit, wollte ihm folgen, wurde aber von Fortunat aufgehalten, der ihn schnell in einen Seitengang fuͤhrte. Sage doch nur, fragte er Waltern, was giebt's denn eigentlich hier, und wo willst du hin? — Den Gekraͤnkten troͤsten, erwiederte Walter, und — vermag ich's sonst — ihm auch den Kopf ein wenig zurechtsetzen. Komm' mit! — Das laß' ich wohl bleiben, rief Fortunat aus, ich bin froh, wenn mir mein eigner Kopf zuweilen noch so leidlich sitzt. — Mein Vorhaben, sagte Walter, ist wahrhaftig edler, als es dir, nach deinem ironischen Gesicht, auf den ersten Blick vielleicht erscheinen mag. Denke dir nur recht diesen stillbeschraͤnkten, heiteren Familienkreis, dessen ganzes Trachten und Hoffen auf den einzigen Juͤngling gerichtet ist, der auf der Schule immer fuͤr den aufgewecktesten und geschicktesten galt. Und nun kehrt er von der Universitaͤt zuruͤck, verwan¬ delt, traͤumerisch in sich gekehrt, unlustig zu jeder tuͤch¬ tigen Arbeit, und einer verworrenen Welt von aus¬ schweifenden Gedanken und Wuͤnschen nachhaͤngend, um — wie ich fuͤrchte — dereinst zu spaͤt von der grausamsten Taͤuschung zu erwachen, und ein verlornes Leben zu bereuen. Nein, ich will es endlich versuchen, ihn auf das Gefaͤhrliche eines Pfades aufmerksam zu machen, der einsam uͤber die Koͤpfe der anderen Men¬ schen weggeht, und immer nur fuͤr sehr wenige be¬ stimmt scheint. — Fortunat war uͤber diese Worte ernst und nachsinnend geworden. Du ehrliche Seele! sagte er endlich, dem Freunde herzlich die Hand schuͤt¬ telnd, so versuche dich denn an ihm. Ist der junge Mensch ein halber Philister, so hilf ihm voͤllig aus dem tollen Poetenmantel heraus, und ist es rechter Ernst mit feinem Talent, so muß er ja doch wei¬ ter, und rennt dich uͤber, waͤrst du auch der weise Salomo selber. Alle vor dem Hause waren durch den Vorfall ge¬ stoͤrt, die kleine Gesellschaft sah stumm und kopfhaͤn¬ gend auf die Teller. Draußen uͤber den Thaͤlern war es indeß schon stiller und dunkler geworden, nur in weiter Ferne sah man zuweilen leichte Blitze uͤber den Bergen schweifen. Die Amtmannin blickte mit heim¬ licher Besorgniß, wie es schien, bald in das Wetter¬ leuchten, bald nach der Richtung hin, wo Otto verschwunden war, und ging dann, ohne ein Wort zu sagen, in das Haus hinein. Endlich brach der Amtmann aͤrgerlich die unheimliche Stille. Es geht auch alles confus jetzt, sagte er zu Fortunat, im Fruͤhling Gewitter, im Sommer kalt, in der Jugend alt und im Alter naͤrrisch! Glauben Sie mir, unsere ganze Zeit jetzt ist gerade wie dieses verruͤckte Fruͤh¬ lingswetter, die Schwuͤle bruͤtet und treibt alles vor¬ zeitig hervor, und ich fuͤrchte, es schießt mehr in's Kraut, als in die Bluͤte. Unsere Jungens wissen schon jetzt mehr, als wir jemals erfahren haben, und recken und sehnen sich aus allen Gelenken heraus, waͤh¬ rend wir in unserer lustigen und gesunden Jugendzeit ohne besondere Sehnsucht hinreichend dumme Streiche machten, und erst die fatalen Luͤmmeljahre uͤberstehen mußten. Ja, es ist recht verdrießlich! Man moͤchte sich gern bequem, froͤhlich und auf die Dauer einrich¬ ten, wie in der guten alten Zeit, aber der ferne Don¬ ner verkuͤndigt uͤberall den unheimlichen Ernst, und so sitzen wir verwirrt, ungewiß und in banger Erwartung vor dem dunklen Vorhang, hinter dem fortwaͤhrend Gott weiß, was! unruhig und feurig zuckt. — Unter¬ deß hatte Walter den verscheuchten Otto im Garten aufgefunden. Empoͤrt und in innerster Seele verletzt, saß er wie eine Nachteule mitten im Gestruͤpp. Als er Waltern erblickte, sprang er rasch auf und kam ihm mit erzwungener, gleichguͤltiger Hoͤflichkeit entgegen. Die Tante, sagte er, ist gewiß schon besorgt, daß ich draußen nicht den Schnupfen bekomme. Freilich die Nase ist ein empfindlicher Theil, da sitzt die Seele schon tiefer und waͤrmer, die ficht so leicht nichts an. — Walter stand einen Augenblick verbluͤfft, denn es war ihm als saͤh er auf einmal sich selber als Studenten vor sich stehn, er war ganz aus seinem Concept gebracht und ergriff geruͤhrt die Hand des aufgeregten Juͤnglings. Ich komme keineswegs, sagte er endlich, um das harte, heftige Wesen der Amt¬ mannin zu vertheidigen, obgleich es auch nur eine an¬ dere, ungeschickte Form der Liebe ist. Das Angedenken meiner eigenen Jugend ist es, was mich herfuͤhrt, der aufrichtige Schmerz um ein junges heitres Gemuͤth, das auf diesem Wege sich immer tiefer und tiefer in der bluͤhenden Einsamkeit verirrt und verwildert. Ich kenne diese trostlose Oede junger Seelen gar wohl, das Heimweh ohne Heimath, diese labyrinthische Selbst¬ quaͤlerei. Sie stehn verlassen auf der Welt, ohne Vater und Mutter — verlangt Sie in dieser Einsam¬ keit nach einem Freunde, und wollen Sie's mit mir versuchen, so biete ich Ihnen meine Hand bis in den Tod, und will rathen, schuͤtzen, helfen wo ich kann! — Otto sah ihn erstaunt an, denn in Walters Worten war jener wunderbare Klang ernster Guͤte, der uͤber¬ all unmittelbar zum Herzen geht. — Sie sind im Amte, angesehen, ruhig — sagte er dann nach einer kurzen Pause. Und wenn ich Ihnen nun auch erzaͤh¬ len wollte von dem zauberischen Spielmann, der jeden Fruͤhling, wenn der Sonnenschein sich munter uͤber die Felder ausbreitet, aus dem Venusberge kommt mit neuen wunderbaren Liedern, und die Seelen verlockt, von dem in schwuͤler Mittagsstunde der einsame Vogel¬ sang schallt, von dem die Stroͤme und Quellen ver¬ worren rauschen im Mondschein, und die badenden Nixen wie im Traume singen durch die stille, goldne Nacht — Sie wuͤrden mich ja doch nur fuͤr verruͤckt halten! — Walter erschrak fast, so irr und fremd leuchteten die Augen des Juͤnglings im Streiflicht des Mondes. — Und ich bin es ja auch in der That! fuhr dieser fort, bildete mir da ein, dem Zauberstrom von Klaͤngen unversehrt folgen zu duͤrfen, und ein Dichter zu sein, der die Zauber regiert! Aber nun weiß ich's besser. Alle Engel, die durch die erste Daͤmmerung meiner Kindheit zogen, was ich oft be¬ tend heimlich ersehnte, und immer und immer vergeb¬ lich auszusprechen versuchte: ich fand es heut auf ein¬ mal mit freudigem Erschrecken in des Grafen Victors Buch, er hat es kuͤhn, frisch und jung wie eine Zau¬ berinsel entdeckt — und ich weiß nicht mehr, was ich will. — Aber es ist noch immer Zeit, ich bin noch jung. Und wie ich das Buch hier vom Berge in den Fluß hinunterschleudere, so entsag' ich von heut ab der froͤhlichen Dichtkunst, der Metze! Und gleich den anderen, die ich verachtet und die so unsaͤglich besser sind als ich, will ich von heut an allein und ganz der Rechtswissenschaft leben, und von den Buͤchern nicht wieder aufsehen! — hier brach er ploͤtzlich in Weinen aus und stuͤrzte wie vernichtet an Walters Brust. Beide neuen Freunde schritten nun durch den stil¬ len Garten, nur eine Nachtigall toͤnte schluchzend in 4 der Ferne. Otto schwieg und schien gefaßter. Walter sagte: er brauche ja darum die Poesie nicht ganz auf¬ zugeben, es beduͤrfe eines des andern, die Poesie des strengen, ernsten Lebens und das Leben der heiteren Dichtkunst. Aber er fuͤhlte bald, wie albern solcher Trost in solcher Stunde war, und schwieg endlich auch still. So kamen sie an das Haus, wo sie die Amt¬ mannin in Angst und Thraͤnen fanden. Sie hatte zuletzt gefuͤrchtet, daß Otto in seiner Heftigkeit sich selbst ein Leids angethan, und fiel nun dem Geretteten mit großer Freude um den Hals, die dieser herzlich erwiederte. Es ist vorbei, rief Otto in seiner seltsa¬ men Hast, ihr habt mich nun ganz wieder, und naͤch¬ stens, will's Gott, ist Examen! — Du bist ein braver Junge, rief der Amtmann, stoß' an! — Die Glaͤser gaben einen hellen Klang, und so endigte der Abend noch in Freuden; die fernen Gewitter hatten sich auch verzogen, und der Himmel glaͤnzte mit tausend Ster¬ nen uͤber den Versoͤhnten. Fünftes Kapitel . Aber es blieb nicht lange so ungestoͤrt; ein Zufall, Mißverstaͤndniß, oder wie sonst der Mensch des Him¬ mels Fuͤhrung oder sein eignes Ungeschick benennen mag, stellte unerwartet alles anders auf Hohenstein. Es war ein schwuͤler Nachmittag, die Blaͤtter im Garten ruͤhrten sich kaum, der Amtmann war auf der Bank vor der Hausthuͤr eingeschlummert, Walter schrieb Briefe im Hause, Fortunat hatte sich mit einem Buche in's Gras gestreckt, und ließ es sich vor der weiten Aussicht gern gefallen, daß die leise Luft ihm das Buch verblaͤtterte. Florentinen wurde ganz wehe in dieser Stille, sie mußte immer etwas zu schaffen haben; so schlich sie sich heimlich nach dem Wald, um fuͤr den Abend Erdbeeren zu pfluͤcken, die Walter fuͤr sehr gesund hielt, weil er sie gern aß. Fortunat sah sie mit ihrem Koͤrbchen unten aus dem Dorfe gehen, er warf sein Buch weg, und folgte ihr, konnte sie aber im Walde nicht wiederfinden. Florentine war unterdeß, bald sammelnd, bald naschend, von Strauch zu Strauch geschlendert, und so unvermerkt an die Ruine der graͤflichen Stamm¬ burg gekommen. Ueberrascht sah sie in der Einsam¬ keit an den halbzerfallenen Mauern, Thoren und Fen¬ sterbogen empor; steinernes Bildwerk, das von der 4 * ehemaligen Pracht zeugte, lag im hohen Grase zer¬ streut, aber der Fruͤhling hatte den verlassenen Berg wieder bestiegen, und spielte fast wehmuͤthig in dem stillen Hause. Seltsame Sagen gingen in der Ge¬ gend von diesem einsamen Ort. Die Hirten hoͤrten oft bei Nacht fremde Stimmen in der Burg, eine wun¬ derschoͤne bleiche Frau sollte sich manchmal dort in dem ausgebrochenen Fenster sehen lassen. — Florentine war noch nie allein hier gewesen, jetzt verlockte sie der eigene Reiz des Grauens, sie betrat erst vorsichtig und zau¬ dernd, dann immer kecker die kuͤhlen, von oben verschat¬ teten Hallen. Durch die Mauerluͤcken blickten zuwei¬ len die Thaͤler schillernd aus der sonnenhellen Tiefe herauf, nur hin und her sang ein Gebirgsvogel mit fremdem Schall, und verstoͤrte Eidechsen fuhren raschelnd unter das Unkraut, daß sie unwillkuͤrlich zusammenschrak. Jetzt kam sie in den innern Burghof, da stand ein wilder Kirschbaum in voller Bluͤte, dunkelrothe Blumen gluͤhten zwischen den Steinen, einzelne Schmet¬ terlinge flatterten ungewiß in der truͤben, bruͤtenden Schwuͤle; und als sie ploͤtzlich um den Pfeiler trat, sah sie eine schoͤne bleiche Frau in einem seltsamen himmelblauen Gewande mitten im Hof auf dem Rasen sitzen, die wandte sich nicht, und kaͤmmte schweigend ihr lang herabwallendes rabenschwarzes Haar. — Flo¬ rentine blickte noch einmal scharf hin, dann, vom Ent¬ setzen uͤberwaͤltigt, ergriff sie die Flucht. Aber wie es oft in aͤngstlichen Traͤumen geht, sie verfehlte in der Hast die rechte Pforte; aus einem Zwinger in den andern rennend, glaubte sie sprechen zu hoͤren, die Stimmen kamen immer naͤher, sie konnte den Ausgang nicht finden. Auf einmal standen zwei fremde Maͤnner vor ihr in abgetragenen Ritterwaͤm¬ sern, Pickelhauben auf den Koͤpfen. Der eine wollte sie am Koͤrbchen festhalten, in der Todesangst ließ sie ihm fliehend die Beeren, und hoͤrte sein schallendes Lachen hinter sich. Wie athmete sie tief auf, als sie endlich Gottes freien Himmel wiedersah! Der erste, der ihr begeg¬ nete, war Fortunat. Athemlos, mit heftig klopfendem Herzen flog sie an seine Brust, er druͤckte das schoͤne Kind fester an sich, und fuͤhlte einen fluͤchtigen, bren¬ nenden Kuß auf seinen Lippen. — In demselben Augen¬ blick aber war auch Walter , der sie zu suchen schien, neben ihnen aus dem Gebuͤsch hervorgetreten. Floren¬ tine besann sich schnell wieder, strich die Locken aus der heißen Stirn und reichte ihm die Hand hin, um ihr uͤber die letzten Truͤmmer herabzuhelfen. Nun erzaͤhlte sie in lebhafter Aufregung, und oft noch scheu zuruͤckblickend, ihr wundersames Abenteuer. Walter war still und schien nur halb hinzuhoͤren. For¬ tunat wollte sogleich in die Burg zuruͤck, um die bleiche Frau zu sehen, aber Florentine gab es durchaus nicht zu. Waͤhrend sie aber noch so stritten, stutzte sie ploͤtz¬ lich und wies dann ganz erstaunt nach dem Thale hin¬ aus. Dort wurde fern am Saume des Waldes ein abenteuerlich bepackter, langsam einherziehender Wagen sichtbar, ihm folgte ein seltsam gekleidetes Maͤdchen zu Pferde in blauem Gewand, mit dunkelem, fliegenden Haar, mehrere Maͤnner, gruͤne Zweige auf ihren Huͤ¬ ten, schritten ruͤstig nebenher; unter ihnen erkannte man sogleich die beiden Burgkobolde wieder, deren Pickel¬ hauben weit in der Sonne funkelten. Ein froͤhlicher Chorgesang schallte von dem Zuge durch das Gruͤn herauf. — Reisende Komoͤdianten! rief Fortunat lachend, nun bedarf es keiner Untersuchung weiter, das waren die Spukgeister, der Weg kommt gerade von der Burg. So traten sie nun alle beruhigter den Ruͤckweg nach Hohenstein an. Florentine, die sich voͤllig wieder erholt hatte, lachte jetzt selber mit; dann wandte sie sich noch einmal nach den Bluͤtenthaͤlern, in die sich die kuͤnstlerischen Wandervoͤgel gesenkt. Es geht doch nichts uͤber's Reisen, rief sie froͤhlich aus, wenn ich so manchmal im Sommer recht fruͤh erwache, und hoͤre unten aus den Doͤrfern die Haͤhne kraͤhen, oder ein Posthorn von fern uͤber den Garten heruͤber, da wuͤnsch' ich mir oft, ich waͤre ein Mann und koͤnnte auch so mit in die Welt hinaus. — Ich meine, fiel hier Walter etwas graͤmlich ein, man muͤsse erst sich selbst und die kleine Welt um sich herum recht verste¬ hen gelernt haben, ehe man sich weiter umsieht, und das Reisen zieme uͤberhaupt nur dem reiferen Alter. — Fortunaten aͤrgerte der Schulmeisterton. Gerade um¬ gekehrt, rief er aus, nur die Jugend versteht recht aus Herzensgrunde die Schoͤnheit der Welt mit ihren mor¬ genrothen Gipfeln und kuͤhlen Abgruͤnden und funkeln¬ den Auen im Gruͤn, und malt es alles fresco nach, daß das Alter einst sich daran erfrische, wenn draußen die Blaͤtter fallen und die sinkende Herbstsonne die Schildereien noch einmal wunderbar beleuchtet. Waͤh¬ rend dein sogenanntes reifes Alter vom Schifflein sorgsam die Tiefe mit dem Senkblei mißt, sitzt die Jugend uͤber Bord geneigt, und sieht ihr eignes wein¬ bekraͤnztes Haupt in der klaren Fluth und hoͤrt die Glocken der versunkenen Stadt aus der Tiefe herauf¬ klingen. Ja, glaubt nur, die Welt ist wie eine eigen¬ sinnige Schoͤne, die nur in jungen Augen sich mit ihrem froͤhlichsten Schmucke spiegeln mag, fuͤr Klug¬ heit und Kenntnisse giebt sie nur Brod, fuͤr Liebe und rechte Freude an ihr aber wieder Freude und Liebe. So waren sie vor der Amtmannswohnung ange¬ langt. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne vergoldeten bereits die Baͤume vor dem Hause, unter denen die Amtmannin schon wieder den Tisch gedeckt hatte. Ein jeder machte sich's in der Abendkuͤhle be¬ haglich bequem, und Florentine mußte, ausruhend, ihre Burggeschichte nochmals umstaͤndlich erzaͤhlen. Nur Walter fehlte. Auf einmal trat er, ganz reisefer¬ tig, mit dem Amtmann aus dem Hause. Schlechte Neuigkeit, sagte der letztere, Walter hat dringende Briefe bekommen, er muß in die Stadt, und will noch heut reisen, um die naͤchtliche Kuͤhle zu benutzen. — Die Amtmannin machte besorgt Einwendungen ge¬ gen das gefaͤhrliche Reisen in der Nacht, Florentine ereiferte sich uͤber die Geschaͤfte, die sie von jeher als eine unbekannte feindliche Macht betrachtete, aber Walter blieb unerschuͤtterlich, und nahm, auch von Fortunaten, schnell und kurz Abschied. Ganz zuletzt wandte er sich noch einmal zu diesem, als wollt' er ihm etwas sagen, schuͤttelte ihm aber nur rasch die Hand und ging schweigend fort. — Fortunat begleitete ihn noch heraus bis zu seinem Pferde, dem Florentine den Hals streichelte, und, als es dann beim Aufsteigen unruhig wurde, schnell nach der Hausthuͤr zuruͤcksprang. Herr Je! sagte er heimlich zu Waltern, was machst du da fuͤr ein langes Gesicht! Und uͤberhaupt, warum willst du gerade heut noch fort? die Geschaͤfte sind's ja doch nicht. — Ich will nicht stoͤren, entgeg¬ nete Walter empfindlich, du bleibst ja doch noch laͤn¬ gere Zeit hier, ich sag' dir's vielleicht ein andermal, leb' wohl! — Hiermit gab er seinem Pferde die Spo¬ ren, und war bald zwischen den Baͤumen verschwun¬ den. — O langweilige Welt! rief Fortunat ihm nach¬ sehend aus, wie gluͤcklich koͤnnte er sein mit seinem schlanken Reh im schoͤnen gruͤnen Wald, wenn er frisch vom Herzen wegliebte, anstatt den Talar von Melancholie, Eifersucht und anderen hergebrachten Lie¬ bes-Tuͤcken durch alle Paradiese jaͤmmerlich hinter sich nachzuschleppen! Als er in den Garten zuruͤckkam, bemerkte er auf der Linde vor dem Hause zwei zierlich beschuhete Fuͤ߬ chen zwischen den Zweigen. Es war Florentine; sie saß im Baume, mit den Fuͤßchen baumelnd, waͤhrend sie Waltern nachschaute, der sich so eben in der Daͤm¬ merung zwischen Wiesen und Kornfeldern verlor. Das heitere Maͤdchen schien in ihrer Unbefangenheit von seinem Mißmuthe gar nichts zu ahnen. Fortunat aber ging allein und unruhig durch den Garten. Ich werde doch kein Narr seyn und mich verlieben? sagte er zu sich selbst. Und doch bin ich auf dem naͤchsten Wege dazu. Und hinter mir lang¬ sam und feierlich der abgemagerte Geist des sich selbst erschossenen Walters, und vor mir ein Zug von Tan¬ ten und Basen, und gute Wirthschaft, und Kinderge¬ schrei, und ein Haus machen — Der Angstschweiß trat ihm ordentlich bei diesen Gedanken vor die Stirn. Er rannte eiligst nach dem Hause zuruͤck und eroͤffnete dort ohne weiteres der er¬ staunten Familie, wie er zwar heute gerade keine Briefe aus der Stadt bekommen habe, aber eigentlich ebenfalls schleunigst fortreisen muͤsse; daß er daher fuͤr Speis’ und Trank und alle die schoͤne, stille, herrliche Zeit aus Herzensgrund Dank sagen, und hiermit so¬ gleich schon heut Abschied nehmen wolle, da er noch vor Tagesanbruch weiterzuziehen gedenke. Florentine wurde bei diesen Worten ganz roth, sie setzte sich schmollend auf eine entfernte Bank, und Fortunat glaubte zu bemerken, daß ihre abgewendeten Augen von Thraͤnen glaͤnzten. Auch die Andern machten ihm durch ihre aufrichtige Trauer das Herz schwer, denn sie hatten sich alle in der kurzen Zeit schon an seine froͤhliche Weise verwoͤhnt. Er mußte versprechen, wiederzukommen, und ihnen noch ausfuͤhrlich von den Laͤndern und Staͤdten erzaͤhlen, wohin seine Reise ging; so saßen sie noch lange plaudernd vor der Haus¬ thuͤr beisammen. Beim Schlafengehen endlich fluͤsterte ihm Florentine noch heimlich zu: Und ich werde doch auf seyn, eh' Sie wegreiten! — Er hatte alle Fenster des Schlafzimmers offen ge¬ lassen, um den Morgen nicht zu verschlafen. Da war es ihm, als gingen draußen froͤhliche Stimmen unter den Fenstern auf und nieder, und riefen immerfort in seinen Schlummer hinein: Frisch auf, schlafe nicht mehr! Wunderbare Berge und Gruͤnde, schimmernde Fernen, frisch auf! und schoͤne, helle, froͤhliche Zeit! — Er sprang endlich empor, und blickte durchs Fenster. Es war noch Nacht; dennoch kleidete er sich in lang¬ entbehrter Reiselust sogleich an, ging durch das stille Haus an Florentinens Schlafkammer voruͤber, und machte noch schnell einen Gang durch den Garten. Es war in der Nacht ein warmer Regen gefallen, die Nachtigallen schlugen uͤberall aus den erfrischten Buͤ¬ schen, hin und her bellten Hunde fern in den Doͤr¬ fern, sonst lag alles noch still im praͤchtigen Mond¬ schein unter dem weiten, gestirnten Himmel. — Als er zuruͤckkehrte, hoͤrte er unten im Hause leise ein Fenster oͤffnen, es war Florentine, die sich in leichter Morgen¬ kleidung hinauslehnte. Zisch aus! zisch aus! rief sie ihm entgegen, ich bin fruͤher wach gewesen, als Sie! Dann, sich im Garten umsehend, sagte sie: das ist gerade wie damals, da Sie hier das Staͤndchen brach¬ ten, und wir Sie zum erstenmal sahen. — Nun wird es hier wieder recht einsam seyn, und ich wollte Sie eben nur noch bitten, daß Sie auf Ihrer Reise von sich hoͤren lassen, und manchmal an Waltern schreiben, der Ihnen außerordentlich gut ist, und gern von frem¬ den Laͤndern hoͤrt. — Fortunat versprach es, und bat sie um einen Kuß zum Abschiede. — Warum nicht gar! rief das Maͤdchen lachend, indem sie ihm schnell die Hand hinausreichte, dann schloß sie geschwind das Fenster, und er sah sie nicht wieder. Fortunat warf sich nun ungesaͤumt auf sein Pferd, und ritt durch die hohe, dunkle Allee an dem Gitterthor des Gartens und dem stillen Dorfe voruͤber. Draußen auf dem Berge aber wandte er sich noch einmal zuruͤck. Geseg¬ net, rief er, du schoͤnes Waldthal, in deiner gluͤckseli¬ gen Abgeschiedenheit, moͤge der Sturm der Welt dich nie verstoͤren! Sechstes Kapitel . Ein schweres Gewitter zog eben an dem Gebirge hin, und sandte seine Regenschauer in die Ebenen hin¬ aus, waͤhrend Fortunat, durchnaͤßt und lange vom Wege abgekommen, uͤber ein weites, in Regen und Abenddunkel verhuͤlltes Feld dahin trabte. Da hoͤrte er unerwartet den Gesang einer schoͤnen Maͤnnerstimme von fern heruͤberschallen, wovon er nur folgende Worte verstehen konnte: Bei dem angenehmsten Wetter Singen alle Voͤgelein, Klatscht der Regen auf die Blaͤtter, Sing' ich so fuͤr mich allein. Denn mein Aug' kann nichts entdecken; Wenn der Blitz auch grausam gluͤht, Was im Wandeln koͤnnt' erschrecken Ein zufriedenes Gemuͤth. Er gab seinem Pferde die Sporen, und erreichte in kurzer Zeit ein Haͤufchen Wanderer, die neben einem Paar Pferde einherschritten, auf denen zwei junge Frauenzimmer saßen. Mit freudiger Ueberraschung erkannte er sogleich die abenteuerlichen Gestalten der Schauspieler wieder, die an Victors Stammburg vor¬ uͤbergezogen waren, von denen aber jetzt die Dunkel¬ heit nur die ungefaͤhren Umrisse errathen ließ. Fortunats Gruß fand nur eine halbe Erwiede¬ rung, die Gesellschaft schien in uͤblem Humor zu seyn, und langsam und schweigend, wie ein schwerer Traum, bewegte sich das Ganze weiter. Endlich unterbrach der Voranschreitende, welcher so eben gestolpert war, die Stille mit einem derben Fluche, prustete und glitt gleich wieder aus, und kam gar nicht aus der Wuth. — Das haben wir davon, hub die eine Dame zu Pferde zu der anderen Reiterin an, das haben wir nun von eurer schoͤnen Natur! Braͤchen die Herren nicht ihren Flaschen auf das Wohlseyn jeder alten Burg die Haͤlse, so waͤre uns allen jetzt wohler und wir saͤßen im Trocknen, denn unser Wagen ist gewiß laͤngst in der Stadt. — Dabei breitete sie muͤhsam einen, wie es schien, nicht sonderlich konditionirten Re¬ genschirm uͤber sich aus. Aber der Wind verarbeitete ihn sogleich mit solcher Fertigkeit, daß ihre berittene Nachbarin laut auflachte, und die Dame ihre Segel erbost wieder einziehen mußte. Fortunat, welcher hier heimlich auf ein ergoͤtzliches Gezaͤnk hoffte, ermahnte die Gesellschaft, den beiden Damen in diesem Kampfe mit den Elementen durch ein gemeinschaftliches, an¬ genehmes Gespraͤch galant unter die Arme zu greifen. Die Maͤnner antworteten gar nicht darauf, die Da¬ me mit dem Regenschirm aber fragte: ob er vielleicht auch ein Kuͤnstler sey und es so gut haben wolle wie sie? O, setzte sie spitzig nach ihrer Nachbarin gewen¬ det hinzu, Liebhaberrollen sind hier jederzeit zu haben. — Bitte sehr, erwiederte die Nachbarin mit einer wohl¬ klingenden Stimme, bei Ihnen ist ja diese Stelle seit geraumer Zeit vakant. — Ein ploͤtzlicher Blitz beleuch¬ tete hier auf einen Augenblick ein schoͤnes, feines, aber bleiches Gesichtchen, uͤber welches zu beiden Seiten lange schwarze Haare triefend herabhingen. — Mein Gott, was ist das fuͤr eine Wirthschaft um das bis¬ chen Regen! rief einer der jungen Maͤnner aus, quamquam sint sub aqua , sub aqua maledicere tentant ! — Sparen Sie doch ihr Latein, sagte die Dame mit dem Schirm, Sie memoriren wohl eben den Bettelstudenten? Sie wollte noch mehr sprechen, aber der Litteratus fiel schnell in das Lied wieder ein, das Fortunat schon vorhin von fern gehoͤrt hatte, und uͤbersang sie lustig: Frei von Mammon will ich schreiten Auf dem Feld der Wissenschaft, Sinne ernst und nehm’ zu Zeiten Einen Mund voll Rebensaft. Bin ich muͤde vom Studieren, Wann der Mond tritt sanft herfuͤr, Pfleg’ ich dann zu musiziren Vor der Allerschoͤnsten Thuͤr. Land! Land! schrie hier ploͤtzlich der Voranschreitende dazwischen, und man erblickte zu allgemeiner Freude von weitem Mauern und Thuͤrme, die sich wie dunkle Riesen immer deutlicher aus dem truͤben Grau auf¬ richteten. Einzelne Lichter schimmerten schon den Rei¬ senden trostreich entgegen, ein jeder strengte neubelebt seine letzten Kraͤfte an, und so waren sie bald an dem Thore eines kleinen Staͤdtchens angelangt. — Wie Zugvoͤgel mit begossenen, haͤngenden Fluͤgeln strichen sie stumm durch die engen finsteren Gassen, wo sich die Lichter aus den Fenstern blendend und verwirrend im Wasser spiegelten, waͤhrend der Regen von allen Daͤchern aus abenteuerlich vorgestreckten Drachenkoͤpfen auf sie herabstuͤrzte. So kamen sie endlich in den Hof eines Wirths¬ hauses. Hier war der Reisewagen der Gesellschaft, den man unterweges umgeworfen hatte, auch so eben erst angelangt. Der Theaterprinzipal Sorti , ein kleines fixes Maͤnnchen, rannte eifrig hin und her, vom Wagen wurden Burgen, Drachen und lange Ka¬ meelhaͤlse eilig uͤber den Hof getragen, die Hofhunde bellten, uͤberall war ein Rufen, Draͤngen und Schim¬ pfen in der undurchdringlichen Finsterniß, die nur von einzelnen Blitzen manchmal durchkreuzt wurde. Mitten aus diesem Rumor hob der Litteratus die juͤngere Rei¬ terin schnell vom Pferde und trug sie auf seinem Arme in das Haus. Das Maͤdchen war arg durchnaͤßt. mit dem duͤnnen, vom Regen knapp anliegenden Kleide, mit den langherabhaͤngenden, troͤpfelnden Locken sah sie wie ein Nixchen aus, das eben den Wellen ent¬ stiegen. Sie hielt beide Haͤnde vor das Gesicht, um sich vor dem, ploͤtzlich aus dem Hause dringenden Lichte zu schuͤtzen, aber zwischen den kleinen Fingern funkelten zwei schwarze Augen hindurch, die Fortuna¬ ten im Voruͤberfluge durchdringend anblickten. Dieser konnte nur mit Muͤhe ein besonderes Stuͤb¬ chen gewinnen, wo er schnell seine Kleider wechselte, waͤhrend draußen nach und nach ein gewaltiges Thuͤr¬ zuwerfen, Streiten und Lachen, von einzelnen Opern- Trillern und Laufern durchschwirrt, das ganze Haus erfuͤllte. Unterdeß hatte auch das Wetter sich wieder verzogen, und der Mond trat klar zwischen dem zer¬ rissenen Gewoͤlk hervor. Er verließ daher gar bald seine enge schwuͤle Kammer wieder, und eilte zwischen den Reifroͤcken, Ruͤstungen, Fahnen und Miedern, die uͤber dem Treppengelaͤnder zum Trocknen ausgehaͤngt waren, in den Garten hinab. Ein einsames Frauen¬ zimmer saß dort vor der Hausthuͤr auf der Bank, an dem etwas verbrauchten Federhut, dem hohen Kragen und der ganzen Haltung erkannte er die Dame mit dem Schirme wieder. — Ich bin mir selbst noch Genugthu¬ ung schuldig, hub sie sogleich an, als sie Fortunaten bemerkte. Sie werden vielleicht eine unguͤnstige Mei¬ nung von mir gefaßt haben; aber sie glauben nicht, welche Verlaͤugnung es einem zarteren Gemuͤth kostet, mit den rohen Scherzen dieser Menschen, wenn auch nur zum Schein, gleichen Schritt zu halten. — In der That, erwiederte Fortunat, der Lateiner schritt wacker und lustig aus. — Lustig? sagte die Dame, Sie kennen diesen Wilden noch nicht, er hat keine Ahnung von jener geistigen Seelenlust, die schon dies¬ seits die Gipfel der Menschheit erklimmt — Und jen¬ seits ruͤcklings wieder herunterschurrt, fiel hier der feind¬ liche Litteratus ein, der, eben mit einer Guitarre aus dem Hause tretend, das letzte Kapitel von der Lust mit angehoͤrt hatte, und, einzelne Accorde anschlagend, sich nun weiterhin auf dem Platze im Dunkel verlor. Fortunat lachte, denn ein leiser Zornesblitz zuckte ploͤtz¬ lich uͤber das Gesicht der Dame und brachte die ganze Muskeldecoration in eine augenblickliche widerliche Un¬ ordnung, zumal da gleich darauf auch die andere huͤb¬ sche Reiterin aus der Thuͤr guckte, ihr Naͤschen ruͤmpfte, da sie die beiden beisammen erblickte, und dann gleich¬ falls in den Garten an ihnen voruͤberschlenderte. — Die arme Kleine! sie hat keinen ganzen Strumpf, be¬ merkte die Dame haͤmisch. Und in der That, auch der Mond hatte das schon bemerkt, und beleuchtete wohlgefaͤllig ein Streifchen des zierlichsten Beinchens, das blendend uͤber dem Schuhe hervorblickte, waͤhrend die hochgeschuͤrzte Kleine unbefangen unter den Linden 5 bemuͤht schien, Bluͤten von den herabhaͤngenden Zwei¬ gen zu streifen. Unterdeß ging ein frisches Wehen durch die Wi¬ pfel, die letzte Wolkendecke zerriß, und die alte Stadt¬ mauer und die Waldberge daruͤber standen ploͤtzlich wunderbar beglaͤnzt. Die Dame hatte sich erhoben und unter der Linde vor der Bank eine malerische me¬ lancholisch-heroische Stellung genommen. Das Haupt in die rechte Hand an den Baum gestuͤtzt, sah sie eine Zeit lang, wie in Gedanken verloren, nach den Hoͤ¬ hen — Tiedge! — sagte sie endlich bedeutungsvoll, und druͤckte Fortunaten leise die Hand. — Fortunat, den die ganze wunderliche Wirthschaft dieses Polterabends schon lange innerlichst aufgeregt hatte, sprang rasch auf. O Gott, wahrhaftig! rief er, ihre Hand festhal¬ tend, aus, da schwebt er dahin als ein Veilchenduft, die Sterne scheinen ihm durch den Leib — o hoͤren Sie nichts? — nun lispelt er mit jemand, wie ge¬ daͤmpfte Musik der Sphaͤren, es ist Lafontaine, mit dem er kost, der hat einen Perlen durchwirkten Schlaf¬ rock an, aber die Perlen alle sind Thraͤnen — sie wan¬ deln mit einander auf der Milchstraße — aber was ist das! — Wo? sagte die Dame erschrocken, und ver¬ suchte vergeblich, ihm ihre Hand zu entwinden. — Sehen Sie die baͤrtige Wolke dort, fuhr er fort, da kommt ihnen Kotzebue auf einem Ziegenbock entgegen, ach Lafontaine weint, daß ihn der Bock stoͤßt — o es ist keine Tugend mehr auf der Welt! — Hier hatte die Dame sich endlich losgemacht, sie hielt ihn laͤngst fuͤr betrunken oder wahnsinnig, stammelte verlegen eine kurze Entschuldigung, und stuͤrzte in das Haus zuruͤck. Er aber sprach noch immer fort, bis sie ihr Zimmer erreicht und die Thuͤre eilfertig hinter sich abgeschlossen hatte. Lachend warf er sich nun wieder auf die Bank hin, die Waͤlder rauschten in der ploͤtzlichen Stille von den Bergen heruͤber, hin und her erwachten einzelne Nachtigallen, in einiger Entfernung hoͤrte man den Litteratus singen: Die fernen Heimathshoͤhen, Das stille hohe Haus, Der Berg, von dem ich gesehen Jeden Fruͤhling in's Land hinaus, Mutter, Freunde und Bruͤder, An die ich so oft gedacht, Es gruͤßt mich alles wieder In stiller Mondesnacht. Die zierliche Reiterin hatte sich bald nach den ersten Klaͤngen dem Saͤnger genaͤhert. Du, du — sagte sie mit dem Finger drohend, du hast heute wie¬ der deine melancholische Stunde! — Ach, erwiederte der Litteratus, halb unwillig abbrechend, was weißt du davon, wie einem Gelehrten manchmal zu Mu¬ the ist! Ein ploͤtzliches Getuͤmmel an der Hausthuͤr ver¬ 5* hinderte hier Fortunaten, mehr von dieser Unterredung zu vernehmen. Ein ganzer heller Haufe von Schau¬ spielern kam naͤmlich sammt einem langen, mit Wein¬ flaschen und Glaͤsern besetzten Tische, den sie alle muͤh¬ sam trugen, zum Hause heraus, der Gastwirth, voll Besorgniß um seine Glaͤser, ihnen auf dem Fuße nach. Der liebe Gott hat hier draußen den Vorhang wieder aufgezogen, sagte der eine zum Wirth, seht da, Menschenkind, den praͤchtigen Saal! Ein Reverb è re, der bis auf einige verjaͤhrte Rostflecke ziemlich blank ist, eine Unzahl von Lichtern, die sich selber putzen, an allen Waͤnden ganze Mondlandschaften al fresco . — Die Gesellschaft hatte sich unterdeß nicht ohne be¬ deutenden Tumult um den Tisch gelagert. Ein starker, wohlleibiger Mann von gesetzten Jahren zuͤndete qual¬ mend seine lange Pfeife an dem flackernden Lichte an, das in einer Glaskugel auf dem Tische stand, und in dessen Wiederschein sein vom Wein und Wetter ver¬ branntes Gesicht sich noch duukelrother ausnahm, es schien derselbe, der vorhin, im Regen der Gesellschaft voranschreitend, verschiedentlich gestolpert und geflucht hatte. — Sie sollten auch Komoͤdie spielen, mein Herr Wirth, sagte er, mit der Pfeife in breiter Behaglich¬ keit auf dem Stuhle zuruͤckgelehnt. — Der Wirth aͤußerte Bedenklichkeiten gegen seine Geschicklichkeit. — Ach, Flausen! fiel ihm der Schmauchende in die Rede, sehen Sie, so wie ich hier vor Ihnen sitze, so sitz' ich auch auf dem Theater als Oberfoͤrster, als gutmuͤthig polternder Alter u. s. w., ich rauche, ich plaudere und trinke mein Glaͤschen Wein so gut, wie hier. — Das wuͤrd' ich allenfalls wohl auch treffen, meinte der Wirth. — Nun, so seyd kein Thor! fuhr jener fort, wollt ihr gratis eure Schlafmuͤtze aufsetzen, euer Abendpfeifchen schmauchen, euren Kindern ruͤhrende Er¬ mahnungen geben? Laßt's euch bezahlen, Mensch! Fortunat, dem der Mann gar nicht uͤbel duͤnkte, verließ hier seine Bank. Aber mein Bester — sagte er, sich mit an den Tisch setzend — wird euch denn nicht manchmal Angst, daß die neuere Poesie eure Oberfoͤrstereien aufhebt, und euch eure haͤuslichen Ver¬ gnuͤgungen legt? — Keineswegs, entgegnete der Ober¬ foͤrster sehr ruhig, im Gegentheil, die neuesten kurzen Dramen machen sich wieder ganz vernuͤnftig und fami¬ liaͤr. Und wenn ich auch in Versen spreche, oder viel¬ leicht gar ein Ritterwams anlege, ich bleibe doch der Alte. O, mein Herr, so lange noch deutsche Biederkeit waltet, und Bier getrunken und Taback geraucht wird, steht mein Charakter unerschuͤtterlich, wie auf Elephan¬ tenfuͤßen. — Hier mischte sich ein junger, blasser Schau¬ spieler mit in das Gespraͤch, der bisher fuͤr sich allein an dem Stuͤmpfchen Licht in einem Buche gelesen hatte, ohne an dem Laͤrm der Anderen Theil zu neh¬ men. Bester Herr Ruprecht, redete er den Oberfoͤrster an, wer Sie so zum erstenmal schwatzen hoͤrt, koͤnnte leicht an Ihnen irre werden. Ich aber weiß es wohl, wie Sie, gleich jenem Herrn, in der Kunst nur das Edlere, das Ideale schaͤtzen. — Ruprecht, der sich nicht wenig damit wußte, daß er in seiner Jugend die Kantische Philosophie gehoͤrt hatte, raͤusperte und ruͤckte sich so eben wohlgefaͤllig in seinem Stuhle zurecht, als ploͤtzlich die kleine Reiterin herbeisprang, und ihm von hinten den Mund zuhielt. Um Gottes willen, rief sie, fangt nicht wieder von dem langweiligen Zeuge an, ihr guten Leute und schlechten Philosophen! — Armer Shakspeare! entgegnete der Blasse, mit einem unsaͤglich verachtenden Blicke. — O, fiel ihm Kordel¬ chen — so hieß die Reiterin — in die Rede, der Ru¬ precht ist ein eingefleischter Shakspeare, hat er sich nicht schon allmaͤhlig Bardulphs feurige Nase anstudirt? — Und in der That, seine stolze Nase leuchtete immer schoͤner, je truͤber das Licht in der Glaskugel zu ver¬ loͤschen begann. Er begab sich fuͤr einen Augenblick der feierlichen Gravitaͤt, in die ihn die Erinnerung an seine akademischen Studien versetzt hatte, und, taͤp¬ pisch Kordelchen zu sich zerrend, rief er: So komm und gieb Deinem Bardulph einen Kuß, du suͤße Dort¬ chen Lakenreißer! — Da gab ihm Kordelchen, durch diese unzeitige Vergleichung beleidigt, geschwind eine derbe Ohrfeige, Ruprecht aber sprang zornig auf sie los, waͤhrend seine naͤchsten Nachbarn bemuͤht waren, ihn festzuhalten. Bei der allgemeinen Bewegung war¬ fen sie mit ihren Ellbogen einige Stuͤhle und mehrere volle Glaͤser um, der Blasse, der ganz entruͤstet sein Buch retten wollte, fiel uͤber ein Stuhlbein, der hin¬ zugesprungene Wirth uͤber den Blassen, Ruprecht mit seinen Verfolgern uͤber den Wirth, und so war auf einmal alles wie ein Rattenkoͤnig von wundersam durcheinanderarbeitenden Armen und Beinen. In die¬ sem Augenblick hoͤrte man Saͤbelscheiden uͤber die Hausschwelle klirren, und zwei baͤrtige Polizeidiener traten in den Garten. Was fuͤr eine scandaloͤse Auf¬ fuͤhrung! rief der eine die Erschrockenen an, ist das jetzt die Zeit, durch schnoͤden Laͤrm eine gesittete Buͤr¬ gerschaft zu turbiren, die, nach sauer erfuͤllter Berufs¬ pflicht, so eben schon den einen Fuß in das Bett ge¬ setzt hat — Und die durchreisenden Herrschaften! da faͤhrt eben eine ehrwuͤrdige Matrone erschrocken empor, fiel sein Gefaͤhrte ein, indem er auf ein Fenster wies, wo die Dame mit dem Schirm neugierig hervorguckte, bei dieser Apostrophe aber schnell wieder verschwand. — Nur nicht noch gar raisonnirt! — fuhr der andere zornig fort, da die Schauspieler reden wollten. — wir kennen uns, wir sind verwegene Schuldenmacher, denen kein Glaͤubiger mehr glauben will. — Rasch an das Licht tretend und ein Papier entfaltend, las er: da ist Herr Ruprecht — feurig von Nase, erhaben von Nase, bluͤhend von Nase — was? nichts als lauter Nase! — Herr Lothario dann, auch Litteratus ge¬ nannt. — Charakter: erster Tenor; besondere Kennzeichen: verdrehte Schleife am Halstuch, ungekaͤmmtes Haar, spricht am vernuͤnftigsten, wenn er betrunken ist, in Summa: großes Genie. — Aber der Teufel mag aus der Beschreibung klug werden, ich verhafte in dem Klumpen da die ersten besten Beine. — Greif' zu! — Sein Gefaͤhrte packte nun ohne weiteres den Ruprecht an den Fuͤßen, der in dem Gedraͤnge vergeblich be¬ muͤht war, seine Stiefeln in den Haͤnden des Haͤschers zu lassen und sich auf die Struͤmpfe zu machen. Un¬ terdeß hatten sich endlich auch die anderen eiligst vom Boden aufgerafft, der Director Sorti, schon halb entkleidet, flog in groͤßter Bestuͤrzung herzu, der Hof¬ hund dicht an seinen Waden hinter ihm drein, Kordel¬ chen lachte, der Wirth schimpfte, der Blasse deklamirte fortwaͤhrend von persoͤnlicher Freiheit und unverletz¬ lichen Menschenrechten. Seid ihr nicht rechte Narren! rief da auf einmal der Polizeidiener dazwischen, und warf Bart, Hut und Rock von sich — es war der Litteratus Lo¬ thario . Sein Gefaͤhrte aber verwandelte sich eben so rasch in Herrn Fabitz , den Komikus der Bande. Ich wußt' es lange — sagte Ruprecht, der sich zuerst von dem Schreck erholt hatte — indem er ruhig seine Pfeife ausklopfte. Die Uebrigen aber konnten den Scherz nicht so schnell verwinden, dem einen hat¬ ten sie auf das Huͤhnerauge getreten, ein anderer fuhr wuͤthend mit dem Ellbogen aus dem Aermel und be¬ hauptete, das Loch sei erst von jetzt, alle keiften auf Lothario los, waͤhrend ihnen Fabitz unvermerkt ihr Bier austrank. Lothario aber hatte unterdeß vom Reisewagen schnell eine Trommel geholt, setzte sich da¬ mit auf den Tisch, und begann lustig zu wirbeln, bald piano bald crescendo, nach der jedesmaligen Stim¬ mung des Redenden. Kein Mensch konnte sein eigenes Wort verstehen, die Zaͤnker schrien sich ganz heiser, und verloren die Geduld, einige lachten, Lothario trommelte immerfort, bis alle nach und nach den Platz geraͤumt, und der Letzte zornig die Hausthuͤr hinter sich zugeschmissen hatte. Nur Kordelchen war zuruͤck¬ geblieben. Sie setzte sich trotzig neben Lothario auf den Tisch. Und ich bleibe grade noch draußen, sagte sie, mir gefaͤllt die Nacht. Ueberhaupt, fuhr sie fort, ich habe dir's schon oft gesagt, dieses stolze, herrische, hochfahrende Wesen sollst du mir endlich einmal ganz lassen! — Ich bitte dich, erwiederte Lothario die Trommel weglegend, du bist sonst gescheut, und ich kann dich wohl leiden, aber mit dem Lassen und An¬ derswerden, Kind, da ist gar nicht die Rede davon bei mir! — Kordelchen sah ihn eine Weile an, dann brach sie ploͤtzlich in lautes Lachen aus. Das wollt' ich nur, sagte sie, es steht dir gar zu schoͤn, wenn du zornig bist. Gute Nacht! hiermit gab sie ihm einen Kuß, und war schnell im Hause verschwunden. Fortunat aber, der unterdeß an einem entfernteren Tisch sein Abendessen verzehrte, war nicht wenig er¬ staunt, als er in Lothario, da er vorhin seine Polizei¬ maske abwarf, und in's volle Licht getreten war, auf einmal den wunderlichen Cicerone wieder erkannt hatte, der ihn am ersten Morgen in Hohenstein durch den Garten begleitet. Er benutzte die ploͤtzliche Stille, um den alten Bekannten zu begruͤßen, Lothario schien uͤber¬ rascht, und sah Fortunaten einen Augenblick durchdrin¬ gend an. — Hat mich sonst noch jemand dort gesehen? fragte er endlich, und als Fortunat es verneinte, schien er noch viele Fragen auf dem Herzen zu haben, besann sich aber schnell wieder. Ich liebe Hohenstein, sagte er nach einer kurzen Pause, vor allen andern Orten und mache, so oft wir in der Naͤhe voruͤberziehen, einen Abstecher nach dem Garten. — Doch heut ist's schon zu spaͤt, wir sprechen wohl noch morgen mehr davon. — Hiermit schuͤttelte er Fortunaten die Hand, und ging nach dem andern Fluͤgel des Hauses hin. Fortunat konnte in seiner Kammer lange nicht einschlafen. Im Hause und unter den Fenstern war alles still geworden, nur die Baͤume neigten sich rauschend im Winde, waͤhrend ferne Blitze zuweilen noch eine ploͤtzliche, gespenstische Helle uͤber den Garten warfen. Da war es ihm, als nahten sich zwei Ge¬ stalten von ferne dem Hause. Er erkannte Lothario'n, der mit einem fremden Manne, den er bisher in der Gesellschaft nicht bemerkt hatte, in lebhaftem Gespraͤch begriffen schien. Sie verloren sich bald wieder zwischen den Baͤumen, nach einem Weilchen kam Lothario allein zuruͤck, dann wurde alles wieder still. Siebentes Kapitel . Noch war keine Spur des Morgens am Himmel, da lagen mehrere der juͤngeren Schauspieler, denen es zu schwuͤl im Hause geworden war, in ihre Maͤntel gehuͤllt schlafend auf den Stuͤhlen und Baͤnken unter den Linden umher. Fabitz, der Komikus, welcher sich uͤber den langen Tisch hingestreckt hatte, erwachte zu¬ erst. Er blickte erschrocken in den Himmel, und da er an dem Stand der Gestirne bemerkte, daß es lange nach Mitternacht war, sprang er sogleich auf den Tisch hinauf, und fing wie ein Hahn zu kraͤhen an. Da fuhr eine dunkle Gestalt nach der andern froͤhlich in die daͤmmernde Nacht empor, schaurend und sich schuͤttelnd in der kuͤhlen Luft. Lothario aber kam, schon ganz reisefertig, tiefer aus dem Garten und pochte lustig an die Hausthuͤr. Gluͤck auf! rief er, froͤhliche Botschaft! heraus da! ich habe Fortunam beim Schoͤpf! — Nun fuhren schlaftrunkene Maͤdchen¬ gesichter neugierig aus den Fenstern, immer mehr Stimmen worden nach und nach drinnen wach, Thuͤ¬ ren flogen heftig auf und zu, und bald glich das ganze Haus einem Bienenstocke, der schwaͤrmen will. Fortunat, von dem wachsenden Laͤrm aufgeschreckt, eilte gleichfalls hinab, und fand schon die ganze Ge¬ sellschaft in der liebenswuͤrdigsten Laune um Lothario versammelt. Dieser hatte naͤmlich in der Nacht durch einen Freund die Nachricht erhalten, daß der Fuͤrst auf seinem, eine Tagereise von hier belegenen Jagd¬ schlosse angekommen, wo er jeden Sommer einige Wo¬ chen hindurch sich den Freuden der Jagd und allerlei wunderlichen romantischen Einfaͤllen zu uͤberlassen pflege. Dem Briefe lag zugleich eine Einladung des Fuͤrsten an Herrn Sorti bei, mit seiner Truppe so schnell als moͤglich sich auf dem Schlosse einzufinden. — Dieser unerwartete Gluͤcksfall verbreitete einen allgemeinen Jubel. Ein jeder schnuͤrte eiligst sein Buͤndel, alle versprachen sich goldene Berge von dem reizenden Auf¬ enthalt, die Maͤnner Ruhm und gutes Leben, die Maͤdchen vornehme Liebschaften und Geschenke. For¬ tunat selbst, den sein Weg ohnedieß an dem fuͤrstlichen Schlosse vorbeifuͤhrte, beschloß, die Froͤhlichen bis in die Naͤhe desselben zu begleiten. Die aufgehende Sonne traf die muntere Kara¬ vane schon draußen auf den Bergen. Kamilla — so wurde die Dame mit dem Schirm genannt — schien Fortunaten ausweichen zu wollen, und war daher mit Herrn Sorti auf dem Packwagen vorausgefahren. Die Andern hatten in dem Staͤdtchen einen Bur¬ schen gedungen, der sie auf den Fußsteigen durch den schoͤnen Wald fuͤhren mußte, alle waren freudig auf¬ geregt, und sprachen viel von den Festen auf dem fuͤrstlichen Schlosse, und den schoͤnen Tagen, den sie entgegenwanderten. Ruprecht schritt Tabackrauchend wieder voraus, und intonirte an den schoͤnsten Wald¬ stellen zuweilen: „In diesen heiligen Hallen“, oder eine andere wuͤrdige Baßarie, waͤhrend Fabitz unermuͤdlich die mannigfaltigsten Voͤgelstimmen nachahmte. Lo¬ thario schweifte unterdeß, seine Flinte auf dem Ruͤcken, allein auf den Bergen umher, von Zeit zu Zeit hoͤrte man ihn fern im Walde schießen, was jedesmal von der Gesellschaft mit einem lauten Hurrah erwiedert wurde. — Fortunaten aber war wunderlich zu Muthe in der ungebundenen Freiheit. Er athmete froͤhlich die kuͤhle Waldluft, sich oft zuruͤckwendend und des mun¬ teren Zuges erfreuend, wie die heiteren Gestalten mit ihren bunten Tuͤchern und phantastischen Reise-Trachten, bald uͤber ihm auf uͤberhaͤngenden Felsen erschienen, bald tief im dunklen Gruͤn wieder verschwanden. Als die Sonne schon hoch stand, ruhte die Truppe auf einer schoͤnen Waldwiese aus. Da kam ploͤtzlich auch Lothario aus dem Walde zu ihnen. Wer ist der fremde Herr hier in den Bergen? fragte er rasch den Fuͤhrer, — da ist so ein Kerl im Frack, der schluͤpft schon die ganze Zeit uͤber von Strauch zu Strauch, sieht sich manchmal nach euch um, und flieht dann von neuem vor eurem Singsang und Geschnatter, wie ein Hase auf der Klapperjagd. — Das ist gewiß der Doctor, erwiederte der Fuͤhrer lachend, der kam ein¬ mal mitten in einem Platzregen ins Dorf, wie vom Himmel gehagelt. Die Gegend gefiel ihm, es war grade ein Haus droben leer, da wohnt er seitdem da¬ rin, eine alte Frau aus dem Dorfe besorgt ihm das Essen. Am Abend aber, wenn die jungen Burschen und Maͤdchen vor den Hausthuͤren sitzen, kommt er auch herab, und sie muͤssen ihm Lieder singen und Maͤhrchen erzaͤhlen, da hat er schon manche Maul¬ schelle bekommen, wenn er die Maͤdchen heimlich in die Arme kniff. Aber es ist ihm nicht zu trauen, fuhr der Fuͤhrer fort, er hat droben kuriose Buͤcher, da ist kein christlicher Buchstabe drinn, lauter Circumflexe, wie wenn eine Spinne uͤber's Blatt gelaufen waͤre, und so oft er aus den Buͤchern murmelt, zieht sich an den Bergkoppen ein Wetter zusammen, dann hoͤrt man ihn drinnen im Hause laut sprechen und schimpfen, und ist doch kein Mensch bei ihm. In demselben Augenblick erblickten sie auch den Zauberer selbst in der Ferne, wie er so eben hastig den Berg hinanklomm, daß die Steine hinter ihm herabkollerten. — Den muß ich doch sprechen! rief Lothario, dem Fliehenden sogleich rasch nachsetzend. Fortunat und noch einige andere von der Gesellschaft schlossen sich neugierig an. So verfolgten sie rasch die Spur des Fremden, der unterdeß schon den Gipfel des naͤchsten Huͤgels er¬ reicht hatte; nur seine Rockschoͤße sahen sie noch manch¬ mal zwischen den Gebuͤschen fliegen, bis sie ihn zuletzt ganz aus den Augen verloren. Nach muͤhsamem Um¬ herirren gelangten sie endlich an ein halbverfallenes, rings von hohem Unkraut umgebenes Haus, dessen Thuͤren und Fenster festverschlossen waren. — Da ist er gewiß hineingeschluͤpft, sagte Lothario und klopfte an die alte Thuͤr. Es erfolgte keine Antwort, aber im Innern des Hauses hoͤrten sie ein gewaltiges Ge¬ polter, als wuͤrden Tisch und Baͤnke hastig an die Thuͤre geschoben. Lothario pochte von neuem, staͤrker und immer staͤrker. Da flog ploͤtzlich oben eine Dach¬ luke auf, und mit zornblitzenden Augen erschien in der Oeffnung ein kleiner lebhafter Mann, in dem Fortu¬ nat zu seinem Erstaunen sogleich den naͤchtlichen, selt¬ samen Geiger aus dem Weinkeller in Walters Staͤdt¬ chen wieder erkannte. — Doctor! — Dryander! rie¬ fen die Schauspieler uͤberrascht aus. Was wollt ihr? fuhr sie der Musicus von oben sehr heftig an. Denkt ihr, ich werde aus den frischen Bergluͤften zu eurem dicken Lampendunst hinabkommen und das Volk lassen um das Publikum, und das Rau¬ schen der Waͤlder um eure Triller und Sentenzen? Geht hinunter und weint um Hekuba, wenn ihr nicht uͤber eure eigne Misere weinen koͤnnt! — Hier sah er erst seine Zuhoͤrer einen nach dem andern genauer an. Entsetzlich, sagte er nach einer kurzen Pause zu Rup¬ recht, du schaust wie ein brennender Busch aus — Und du, idealer, blaßverwaschener Musen-Braͤutigam, redest du jede Magd noch Jungfrau an, und forderst den Stiefelknecht in Jamben? — Aber dich, Barbar, der in Blut watet, und von den Thraͤnen des Publi¬ kums lebt, dich erkannt' ich gleich an der rothen, tyran¬ nischen Stirne wieder! — Jetzt wurde er ploͤtzlich auch Lothario'n gewahr, er stutzte, und wie ein Morgen¬ leuchten uͤberflog es sein ganzes Gesicht, dann warf er schnell das Dachfenster zu. — Lothario aber hatte unterdeß schon die morsche Thuͤr eingerannt, und uͤber die umgeworfenen Stuͤhle, womit sie verrammelt war, das Zimmer erreicht. Als die Uebrigen eintraten, fanden sie Beide in einem leisen, heftigen Gespraͤch, das Laub vor dem Hause verbreitete eine wunderbare gruͤne Daͤmmerung uͤber die kleine Stube, durch's offene Fenster hoͤrte man den mehrstimmigen Gesang der zuruͤckgebliebenen Schau¬ spieler von unten heraufschallen: Wir wandern wohl heut noch weit. Wie das Waldhorn schallt! O gruͤner Wald, O lustige, lustige Sommerzeit! Dryander war auf einmal wie verwandelt. Das ist noch das alte Lied, sagte er, und schob ein Paar Buͤcher in seine Rocktasche, das hab' ich euch damals komponirt, um eure Affecte von den Wirthshaͤusern auf die schoͤne, erhabene Natur zu lenken. Seid ihr noch immer so durstig? Und lebt Kordelchen noch, den Kennern zur Freude und den Frauen zum Trotz? — O lustige, lustige Sommerzeit! klang es wieder herauf. Da hatte der Doctor hastig wieder ein Paar Buͤcher eingesteckt, nahm die Geige unter den Arm, und setzte seinen Hut auf. Lothario stopfte ihm schnell noch ein Buͤndel Waͤsche nach, die Andern draͤngten ihn schon zur Thuͤr hinaus, und so stiegen sie eilig mit dem Doctor die Hoͤhe hinab. Unten auf der Waldwiese fanden sie alles so eben schon im Begriff, wieder aufzubrechen. Ein allgemeiner Jubel begruͤßte die Ankommenden, und alle umringten den wiedergefundenen Doctor, der fruͤher einmal als Mu¬ sikdirector die Gesellschaft eine Zeitlang begleitet hatte. Dieser embrassirte die alten Kameraden nach der Reihe durch, kuͤßte dann der Dame Kamilla, die eben nicht sehr erfreut schien ihn wiederzusehen, zierlich die Hand, und half ihr, da Herr Sorti aͤngstlich zur Fortsetzung 6 der Reise trieb, mit ausnehmendem Anstande auf den Ruͤstwagen. Unter diesem Bewillkommnungs-Getuͤmmel be¬ wegte sich endlich der Zug langsam weiter. Dryander aber mit seinen dickangeschwollenen Rocktaschen setzte sich an die Spitze desselben, ergriff seine Geige, und spielte und sang, daß es weit durch den Wald er¬ schallte: Mich brennt's an meinen Reiseschuh'n, Fort mit der Zeit zu schreiten — Was wollen wir agiren nun Vor so viel klugen Leuten? Es hebt das Dach sich von dem Haus Und die Koulissen ruͤhren Und strecken sich zum Himmel raus, Strom, Waͤlder musiciren! Und aus den Wolken langt es sacht, Stellt alles durcheinander, Wie sich's kein Autor hat gedacht: Volk, Fuͤrsten und Dryander. Da gehn die einen muͤde fort, Die andern nah'n behende, Das alte Stuͤck, man spielt's so fort Und kriegt es nie zu Ende. Und keiner kennt den letzten Akt Von allen, die da spielen, Nur der da droben schlaͤgt den Takt, Weiß, wo das hin will zielen. Die Sonne stand schon tief, und warf ihre letzten Strahlen zwischen den Baumstaͤmmen schimmernd uͤber die Wanderer, als diese durch die zierlichen Jaͤgerhaͤu¬ ser und die im Walde sich kreuzenden Alleen daran erinnert wurden, daß sie dem Ziel ihrer Reise nicht mehr fern seyn konnten. Von weitem vernahm man nun auch Waldhorn-Signale, einzelne Schuͤsse und Rufen dazwischen, wie das letzte Verhallen einer großen, weitverbreiteten Jagd. Die Gesellschaft wurde nun nach und nach stiller, jeder ruͤckte sorgsam seine Kleidung zurecht und blickte erwartungsvoll vor sich in die Ferne hinaus. Fortunat aber fuͤhlte sich unbehag¬ lich uͤberrascht, da nun das bisherige froͤhliche Reise¬ leben ploͤtzlich zum foͤrmlichen Metier werden sollte. Jetzt senkte sich der Weg allmaͤlig in's Thal hinab, da sahen sie eine luftige Saͤulenhalle, rothe Ziegeldaͤcher und stille Wasserspiegel wechselnd aus der Tiefe aufblicken, immer geheimnißvoller, je weiter sie kamen, schimmerte es bald da, bald dort zwischen dem Gruͤn herauf, durch die Wipfel aber leuchtete ein Gewitter, das sie im Walde nicht bemerkt hatten. Auf einmal schrieen die Frauenzimmer kreischend auf, denn grade uͤber ihnen, wie aus den Luͤften, ließen sich ploͤtzlich fremde Stimmen vernehmen und auf der, in viele Kluͤfte zerspaltenen, fast unzugaͤnglichen Fel¬ senwand erblickte man zwei Schuͤtzen, die sich offenbar dort zwischen den Steinen verstiegen hatten. Der eine, ein kleiner, dicker runder Mann, der immer da, wo man ihn am wenigsten vermuthete, wie ein Kuͤrbis 6* vom Felsen hing, trat bestaͤndig zu kurz, waͤhrend sein uͤberlanger hagerer Begleiter jederzeit uͤber sein Ziel hinausschritt. Dieser gab sich, zum Aerger des an¬ dern, das Ansehn ihm beizustehn, obgleich er selbst jeden Augenblick das Gleichgewicht verlor und so den Dicken erst recht mit in's Ungluͤck brachte. Endlich konnten beide weder vor, noch zuruͤck mehr, und be¬ gannen aus Leibeskraͤften um Huͤlfe zu schreien. Da erschallte vom hoͤchsten Gipfel ein muthwilliges Lachen. Die Abendsonne warf unter der schwarzen Gewitter¬ wolke einen dunkelrothen Glanz uͤber die ganze Ge¬ gend, und in der scharfen Beleuchtung erschien droben ploͤtzlich eine schoͤne, hohe Maͤdchengestalt zu Pferde, ein gruͤnsammtenes Jagdkleid umschloß die schlanken Glieder, lange weiße Federn wogten vom Barett uͤber ihre Schultern hinab. Waͤhrend ihr Pferd ungeduldig den Boden scharrte, betrachtete sie mit großen dunklen Augen die Erstaunten, die unwillkuͤhrlich die Unbe¬ kannte ehrfurchtsvoll begruͤßten. Sie nickte mit dem schwarzgelockten Koͤpfchen kaum einen fluͤchtigen Dank, wandte sich dann rasch und war bald in den Abend¬ gluten wieder verschwunden. Herrlich! riefen mehrere von der Gesellschaft aus. — Bei Gott, sagte Lothario die Reiterin mit durchdringenden Blicken verfolgend, die haben gewiß heut wieder einmal ihren romantischen Tag! — Unter¬ deß waren die Andern schon mit langen Stangen, Stricken und Leitern herbeigeeilt, und es gelang ihnen endlich, unter groͤßerem Laͤrm, als eben noͤthig war, die beiden verirrten Schuͤtzen gluͤcklich auf die Ebene zu bringen. Diese waren indeß uͤbel zugerichtet, der eine hatte den Hut, der andere den Rockschoß droben gelassen, am abenteuerlichsten sah der Lange aus mit knappen, grauen Kamaschen und modernem Jagdkleid, halb Ueberrock halb Frack, fast lauter Tasche. Kaum aber sahen sie sich unten in Sicherheit, als sie, Ge¬ fahr und Dank vergessend, sogleich mit spitzigen Wor¬ ten aufeinander losgingen. Jeder schob dem andern die Schuld zu, es schien, als habe die schoͤne Jaͤgerin, der sie in verliebter Galanterie nachgesetzt, sie absichtlich in dieses Klippen-Labyrinth verlockt. — So schritten beide, ohne sich um die Schauspieler weiter zu bekuͤm¬ mern, eilend dem Schlosse zu, und man hoͤrte sie noch weit durch die Daͤmmerung zanken. Jetzt aber fegte der Sturm alles zusammen, von allen Seiten sah man einzelne Jaͤger an den einsa¬ men Waldesabhaͤngen herniedersteigen. Da begann es auch im Schlosse sich wundersam zu ruͤhren, Thuͤ¬ ren wurden geoͤffnet und geschlossen, Bediente in bun¬ ten reichen Livereyen liefen die Marmortreppen auf und ab, die hellerleuchteten Fenster, hinter denen sich in praͤchtigen Gemaͤchern einzelne Frauengestalten be¬ wegten, warfen einen magischen Schein weit uͤber den dunkeln Garten. Dann wurde auf einmal alles still in der ganzen weiten Runde, die Nacht und das Ge¬ witter zog immer tiefer herein, Fortunat, der keine Lust hatte, wieder naß zu werden, war bereits allein nach der Dorfschenke geritten, die Schauspieler schimpf¬ ten, sie hatten zu ihrem Empfange sich Triumphbogen getraͤumt, einholende Kammerjunker und den Fuͤrsten von hohem Balkone ihnen entgegenwinkend. — End¬ lich sahen sie vom Schlosse her sich Fackeln durch den Waldgrund bewegen, und erkannten bei den wirren Scheinen mit klopfenden Herzen die bunten Livereyen der fuͤrstlichen Bedienten. Heda ihr Herren Komoͤ¬ dianten! rief der eine, wo Teufel steckt ihr denn? — Nun Gott behuͤt' uns! — sagte ein anderer im Kreise umherleuchtend — das haͤngt ja wie Mehlthau an allen Straͤuchern, als haͤtt' es Plunder geregnet! — Kamilla, hoͤchst entruͤstet, rauschte mit ihrem vornehm¬ sten Anstande daher, und ließ Einiges von impertinen¬ ten Domestiken fallen. Da war aber nicht lange Zeit zum Aergern und Haͤndelmachen. Denn der Gewit¬ terwind wuͤhlte schon in den Flammen der Fackeln und in den Tuͤchern der Damen, die Bedienten trieben zur Eile, Maͤntel und Regenschirme flogen verworren durcheinander, und so waͤlzte sich alles in unordentlicher Flucht dem Schlosse zu. Nur Lothario war zuruͤckgeblieben, denn die schoͤne Jaͤgerin mußte noch in den Bergen sein. Und er irrte sich nicht. Zwischen den Blitzen von Fels zu Fels, daß ihm schwindelte, lenkte sie mit kuͤhner Gewandtheit ihr Pferd langsam den schmalen Steg hinab. Von dem letzten Abhange endlich wagte es einen verzweifel¬ ten Sprung, und stuͤrzte unten sammt der Reiterin auf dem Rasen zusammen. In demselben Augenblick riß sie es gewaltsam wieder empor, beide hatten keinen Schaden genommen, nur der Zaum war entzwei. Da sprang Lothario rasch hinzu, ein langer Blitz beleuch¬ tete ploͤtzlich die ganze schoͤne Gestalt. Wie das blen¬ det! rief er, waͤhrend er, auf den Nacken des Pfer¬ des gelehnt, ihr laͤchelnd unter dem Barett in die Au¬ gen blickte. — Sie sah ihn groß an — da, die Kinn¬ kette noch, erwiederte sie kurz und stolz, dann, als er den Zaum in Ordnung gebracht, druͤckte sie rasch die Sporen ein, und zwischen den rothen Scheinen der Windlichter sah er ihren weißen Federschmuck, wie einen Schwan, durch die finstere Nacht dahinziehn. Achtes Kapitel. Als Fortunat erwachte, blickte er erstaunt in einem hohen vom Morgenroth schimmernden Gemache umher. Nach und nach erst besann er sich auf allese wie er gestern noch vor Ausbruch des Gwitters aus: der Dorfschenke in das fuͤrstliche Schloß geladen wor¬ den, wie wunderbar da beim Wiederschein Blitze das Schloß in der Nacht aussah, das Getuͤmmel dann im Hofe, und wie darauf ein Bedienter ihn mitten aus dem Gewirre in dieses Gemach gewiesen. Hier hatte er durch das Fenster bemerkt, daß die uͤbri¬ gen Schauspieler nochmals weiterziehen mußten, und beim truͤben Schein einiger Windlichter einen dunklen Baumgang hinabgefuͤhrt wurden, bis zuletzt die Lich¬ ter, das Rumpeln des Reisewagens und die wohlbe¬ kannten Stimmen sich in dem Plaͤtschern des Regens verloren, der nun ploͤtzlich in Stroͤmen herabstuͤrzte. Jetzt aber regte sich noch kein Laut, nur draußen blickten einzelne Fluͤsse und Landschaften mit funkelnden Kirchthuͤrmen schon geheimnißvoll zwischen den hohen Baͤumen herauf. Da kleidete Fortunat sich schnell an, und eilte durch das stille Haus die breiten, daͤm¬ mernden Marmortreppen hinab. Unter einer luftigen Saͤulenhalle, die von beiden Seiten mit hohen, aus¬ laͤndischen Blumen besetzt war, trat er in den praͤch¬ tigen Garten. Hier war nach dem erfrischenden Re¬ gen der Morgen wie ein bunter Teppich ausgebreitet, auf dem das Schloß gleich einer schlummernden Sphinx noch raͤthselhaft ruhte. — Er wollte eben tiefer in das Gruͤn hineingehen, als er uͤberrascht in einiger Entfernung folgendes Lied singen hoͤrte: Aus Wolken, eh' im naͤcht'gen Land Erwacht die Kreaturen, Langt Gottes Hand, Zieht durch die stillen Fluren Gewaltig die Konturen, Strom, Wald und Felsenwand. Wach' auf, wach' auf! die Lerche ruft, Aurora taucht die Strahlen Vertraͤumt in Duft, Beginnt auf Berg und Thalen, Ringsum ein himmlisch Malen In Meer und Land und Luft. Und durch die Stille, Lichtgeschmuͤckt, Aus wunderbaren Locken Ein Engel blickt. — Da rauscht der Wald erschrocken, Da gehn die Morgenglocken, Die Gipfel stehn verzuͤckt. O lichte Augen, ernst und mild, Ich kann nicht von euch lassen! Bald wieder wild Stuͤrmt's her von Sorg' und Hassen — Durch die verworrnen Gassen Fuͤhr mich, mein goͤttlich Bild! Fortunat folgte dem Gesange, der von einem ent¬ fernten Fluͤgel des Schlosses herzukommen schien. Die hohe Thuͤr war nur angelehnt, er trat hinein, und be¬ fand sich in einer schoͤnen, großen Kapelle, die durch eine Kuppel erleuchtet wurde. Auf einem Geruͤste stand dort ein Maler, welcher in dieser stillen, kuͤhlen Ein¬ samkeit, zwischen den von oben einfallenden Morgen¬ lichtern und den halbvollendeten betenden Gestalten mit ihren reichen, leuchtenden Gewaͤndern, wie in dem Kelch einer wunderbaren Blume schwebte. Er hoͤrte auf zu singen, als er unten den Fremden gewahrte, und wandte schnell ein munteres Gesicht zwischen um¬ wallenden braunen Locken aus seinem Himmel hinab. — Gluͤck auf! rief ihm Fortunat, uͤberrascht von der gan¬ zen, unerwarteten Erscheinung, froͤhlich zu, das ist eine herrliche Werkstatt! — Der Maler nickte laͤchelnd und fuhr in seiner Arbeit fort, kehrte sich dann aber, ploͤtzlich abbrechend, wieder zu Fortunat: Sind Sie nicht gestern Abend mit den Schauspielern gekommen? — Ja, und zugleich von ihnen abgekommen, ich weiß nicht wie, erwiederte Fortunat. — O die sind gar nicht weit, sagte der Maler. Und eigentlich ist auch heut Aurora zu schoͤn, um ihr hier in's Gesicht zu klecksen, ich will Sie lieber gleich zu Ihren Kamera¬ den fuͤhren. — Bei diesen Worten hatte er rasch Pin¬ sel und Palette weggelegt, und kam die Leiter herab. Es war ein kecker, vollwangiger Juͤngling mit bloßem Hals und knappem, sehr zierlichen deutschen Rock. Er verschloß die Thuͤr, da sie hinaustraten, und fuͤhrte Fortunaten eilig durch den Baumgang, in welchem gestern Nacht die Schauspielergesellschaft verschwunden war. Das muß ein gluͤckliches Leben sein, sagte er, wie oft hab' ich mir schon gewuͤnscht, so mit froͤhlichen Gesellen in's Blaue hineinzuziehen! Wir Maler sind uͤberall an Ort und irdisches Material gebunden. Da sind die andern Kuͤnstler besser dran, zumal der Dich¬ ter. Die ganze schoͤne Welt ist sein Revier, und wo er singt, ist der Himmel. — Aber da sind wir schon! unterbrach er sich hier. Sehn Sie dort. Es ist eigentlich ein altes Gartenpalais, das lange wuͤst und verlassen stand. Ich wohne auch drin, seit ich hier male, nun hat der Fuͤrst auch die Gesellschaft mit hineinquartirt. Hoͤren Sie doch, was fuͤr ein Rumor darin! Das ist ja wahrhaftig wie eine Menagerie, wo unzaͤhlige Lori's und Papageien durch einander kreischen und manchmal eine alte Hyaͤne dazwischen gaͤhnt. Fortunat erblickte nun am Ende des Baumgan¬ ges einen weiten gruͤnen Platz, wo mehrere Figuren von Buxbaum, halbzertruͤmmerte Statuͤen und ver¬ trocknete Wasserkuͤnste einen ehemaligen franzoͤsischen Garten andeuteten, der jetzt nur noch durch einzelne Kaiserkronen und dunkelgluͤhende Paͤonien seltsam an die alte Herrlichkeit erinnerte. Im Hintergrunde stand ein alter, schwerfaͤlliger, von der Zeit gebraͤunter Pa¬ last, dessen vornehme Gesimse mit Verachtung auf die aus den Fenstern flatternde Waͤsche und auf Kamilla's Regenschirm herabzublicken schienen, den sie vor ihrem Schlafzimmer als Markise ausgespannt hatte. Fortunat trat mit dem Maler hinein, und be¬ gruͤßte seine lustigen Reisegefaͤhrten, die vor Freuden auch nicht mehr schlafen konnten und sich hier nach jahrelangem dunklen Umhertreiben in den Dachstuͤbchen kleiner Staͤdte, sehr behaglich und laut in dem unge¬ wohnten Glanze sonnten. Ein großer Saal mit Stuckverzierungen, verblichenen Tapeten und einem altvaͤterischen Billard in der Mitte, diente ihnen zum Versammlungsplatz, und wenn gleich die Boursen des Billards zum Theil vom Zahn der Zeit schon abge¬ nagt waren, so hatten die erfindsamen Geister doch so¬ gleich ihre eigenen, ohnedieß ziemlich uͤberfluͤssigen Geld¬ beutel daran geheftet, und schnitten ihre Karoline mit mehr Behagen als Geschicklichkeit. Nur Kordelchen erwies sich als Meisterin, wobei sie, in gewandten Stellungen uͤber der gruͤnen Tafel schwebend, ihr zier¬ liches Figuͤrchen zu zeigen willkommene Gelegenheit hatte. Der enthusiastische Maler begann sogleich eine Partie mit ihr, und Fortunat wollte eben Lothario'n aufsuchen, den er in der Gesellschaft vermißte, als der, sonst friedfertige Komiker Fabitz ploͤtzlich mit einem seltsamen jungen Manne, mit welchem er draußen in Zank gerathen, in den Saal hereinstuͤrzte. Der junge Mensch trug die altdeutsche Tracht, deren verschossenes Schwarz aber schon bedeutend in's Graͤuliche spielte; lange, grobe Haare hingen ihm von beiden Seiten bis uͤber die Schultern herab, und gaben dem langen, eckigten Gesicht ein gewisses antiquitaͤtisches Ansehen. Es ergab sich, daß es gleichfalls ein Maler, Namens Albert war, der auf seiner Ruͤckreise von Rom hier seit einiger Zeit Beschaͤftigung und guͤnstige Aufnahme gefunden. Dieser hatte nun kaum in Erfahrung ge¬ bracht, daß bei der eben angekommenen Gesellschaft ein Herr Fabitz den Kasperl zu spielen pflege, als er sogleich mit wahrem Missionarien-Eifer auf den Un¬ gluͤcklichen losging, und ihm uͤber das Unwuͤrdige, Verkehrte und daher Unhaltbare seines Kunstgewerbes die gemessensten Vorstellungen machte. Er sprach viel vom ernsten Norden, wo die edlen Eichen hoͤherer Bil¬ dung solch niederes Unkraut gar nicht aufkommen lie¬ ßen, ja eine norddeutsche Zunge, wie die seinige, ent¬ setzte sich schon vor dem barbarischen Laute: Kasperl! Fabitz dagegen meinte, er kenne zwar von den nordi¬ schen Zungen bloß die geraͤucherten, die langen, nord¬ deutschen Kaspar's aber seien wahrscheinlich nur zu langweilig, um auf das Theater gebracht zu werden. — Zuletzt aber, da ihm die ganze Erscheinung des Norddeutschen etwas Neues war, uͤberwaͤltigte ihn sein Naturell. Unwillkuͤrlich nahm er nach und nach, Zorn und Streitpunkt vergessend, die wunderliche Hal¬ tung, Gesicht und Stimme seines Gegners, der in seinem fanatischen Eifer nichts davon merkte, selber an, und focht so verzweifelt in aufgeschnappten hoch¬ trabenden Sentenzen, daß sein Gegner ganz confus wurde. — Kordelchen hatte schon lange vom Billard zugehorcht. Allerliebster Narr, rief sie nun, hinzu¬ springend aus, und gab ihm einen herzhaften Kuß. Pfui! wenn er nur nicht so haͤßlich waͤre! sagte sie dann, sich den Mund schnell abwischend. Waͤhrenddeß hatte sich, ohne von dem Streit No¬ tiz zu nehmen, ein kurzer, runder Mann zu Fortuna¬ ten gesellt, der sich ihm als den fuͤrstlichen Schulrath vorstellte, und in welchem er sogleich den dicken Schuͤz¬ zen wieder erkannte, dem sie gestern vom Felsen ge¬ holfen. Fortunat wußte gar nicht, wie ihm geschah, da der Kleine auf einmal sehr gelehrt von Poesie, Kunst und Religion zu sprechen anfing, und sich end¬ lich angelegentlichst erbot, ihn in den wenigen Augen¬ blicken der Muße, die ihm blieben, mit den mancher¬ lei Merkwuͤrdigkeiten des Orts bekannt zu machen. Kaum hatte der kaͤmpfende Maler Albert den Schul¬ rath erblickt, als er vornehm den Streit abbrach und sich zu ihnen wandte. — Vortrefflich, sagte der Schul¬ rath, sich an Fortunats Arm haͤngend, so geleite ich Sie gleich zu einem Goͤtter-Fruͤhstuͤck, womit ich mich jeden Morgen fuͤr meine Berufsgeschaͤfte zu staͤrken pflege. — So schritten sie eilig durch einen langen Korridor zu einer schweren eichenen Thuͤr, die Albert mit einer gewissen Feierlichkeit oͤffnete. Es war sein Attelier, ein hohes, ritterliches Gemach, an dessen schmuckloser Hauptwand ein großes, mit der Jahres¬ zahl 1813 bezeichnetes Schwerdt hing, um das sich ein verwelkter Eichenkranz wand. Das ist mein treuer Reisegefaͤhrte, sagte Albert zu Fortunat, und wenn mich schlaffe Ruh oder weichliche Lust uͤberschleichen wollen, blick ich die Eisenbraut an, und gedenke der ernsten, großen Zeit. — Ach, das ist schon eine alte Geschichte! entgegnete Fortunat lachend. — Sind Sie damals mit zu Felde gewesen? fragte der Maleret was spitzig. — Freilich, erwiederte jener, das versteht sich ja aber ganz von selbst. Inzwischen befand sich der Schulrath schon mit¬ ten unter Alberts Arbeiten, die in dem Gemach um¬ herstanden und von dem erstaunenswerthen Fleiße des Malers zeugten. Da waren die ungeheuersten Anstal¬ ten zur Kunst: Gliederpuppen, sorgfaͤltig gefaltete Maͤntel, Modelle und Buͤsten, dazwischen mehrere vollendete Bilder, Historienstuͤcke aus der antiken He¬ roenzeit, von sehr zusammengesetzter, studirter und nicht leicht faßlicher Composition. Goͤttlich! rief der Schulrath einmal uͤber das andere aus, waͤhrend er mit Kennermiene beschaͤftigt war, jedes Bild genau in das rechte Licht zu stellen. Sehen Sie den aͤtheri¬ schen Hauch des Incarnats, die Perspektive, diesen klassischen Ausdruck! — In der That, ein philosophi¬ scher Pinsel, erwiderte Fortunat. Denn diese anma߬ lichen, affektirten Heldengestalten voll Maͤnnerstolz und Maͤnnerwuͤrde wollten ihm nicht im mindesten behagen, und die Jungfrauen mit ihrer langgestreckten anmuth¬ losen Tugendlichkeit kamen ihm gar wie gemalte Be¬ griffe der Jungferschaft vor. Nun, ich muß mich nur wieder mit Gewalt los¬ reißen, sagte endlich der Schulrath, seinen Hut ergrei¬ fend, ernstere Geschaͤfte rufen mich. — Ein Genie! fluͤsterte er, im Fortgehen auf Albert deutend, Fortu¬ naten zu. — Ein tiefer, umfassender Geist! sagte Al¬ bert, als der Schulrath verschwand. Fortunaten aber hatte unterdeß eines von den kleineren Bildern angezogen. Man sah' Rom in der Ferne mit seinen phantastischen Truͤmmern und Palaͤ¬ sten in der vollen Gluth des suͤdlichen Abendhimmels. Im Vorgrunde, von Rom fort, schritt einsam durch das schon dunkelnde oͤde Feld ein einzelner Mann mit antikem Faltenwurf des Mantels und feierlich ernster Miene, an der Fortunat sogleich den Maler selbst erkannt haͤtte, wenn er auch nicht zum Ueberfluß noch mit dem obengedachten Schwerdte vom Jahre 1813 umguͤrtet gewesen waͤre. — Aber warum in aller Welt kehren Sie dieser leuchtenden Wunderpracht hier so eilfertig den Ruͤcken? fragte er erstaunt. — Dieses Bild, erwiederte Albert, mit seinem allerlaͤngsten Gesicht, bezeichnet eigentlich die dunkle Fuͤhrung uͤberhaupt, die in meinem Leben waltet. Rom ist herrlich, und ich nahte voll Ehrfurcht den alten Heldenmalen. Aber das leichtsinnige Geschlecht und das Klingeln der Bon¬ zen uͤber den Graͤbern versunkener Groͤße stoͤrte und empoͤrte mich. Ich konnte mich den Anmuthungen des Aberglaubens, auch nur zum Scheine, nicht gefaͤllig erweisen, und hatte bestaͤndig Verdruß. Dazu kam, daß das Geschick meines deutschen Vaterlandes, wo eine neue große Zeit sich ausgebaͤhrt, heimlich an mei¬ nem Herzen fraß, ich hatte nirgends Ruhe. Meine Kameraden gefielen sich dort bald hoͤchlichst — ich aber ermannte mich zur rechten Zeit und fluͤchtete vor den gleißenden Schlingen doppelter Knechtschaft nach dem ernsten, heimathlichen Norden. — Norden?! — rief Fortunat erschrocken uͤber dieses ploͤtzlich wiederkehrende Lieblingsthema des Malers aus, und griff hastig nach seinem Hute. Albert, welcher dieß fuͤr eine Aufwallung uͤbereinstimmender Empfin¬ dung halten mochte, druͤckte ihm stumm die Hand, aber mit so seltsamer Kreuzung der Finger, daß es Fortunat sogleich fuͤr das heimliche Zeichen irgend eines ihm fremden Bundes erkannte. Fortunat besann sich nicht lange, sondern erwiederte den Druck, zu Alberts Verwunderung, mit noch abenteuerlicheren Handgriffen und stuͤrzte dann in's Freie hinaus. Verdammte Wirthschaft! rief er draußen, durch den Baumgang eilend, uͤberall vertreten einem solche lange Gesichter das Morgenlicht! Lassen sich da von irgend einem kritischen Kleinmeister eine angeraͤucherte Brille aufheften, womit sie dann in alle Welt gehen, die Voͤlker zu richten. So zieht das Geschmeiß, wie 7 die Wander-Raupen durch den Glanz der Laͤnder in stillem Wahnwitz fort, wenn es sonst Wahnsinn ist, die Dinge anders anzusehen, als sie wirklich sind! — Zuletzt mußte er selbst laut auflachen uͤber den wun¬ derlichen Zorn, in den ihn das Larven-Kunstkabinet des Malers versetzt hatte. Die Morgensonne spielte golden durch die Wipfel der Baͤume und unzaͤhlige Voͤgel sangen. Er blickte froͤhlich umher und fand, daß die Welt, trotz allen Narren, so schoͤn und lustig blieb, wie sie war. Neuntes Kapitel. Es war schoͤn anzusehen, wie auf der luftigen Rampe des Schlosses, die gleich einer Blumenzinne weit uͤber die Waͤlder hinausragte, schlanke Frauen¬ gestalten und bunte Uniformen zwischen den dunklen Orangenbaͤumen hervorschimmerten. Oben saßen die Fuͤrstin, Herren und Damen in der heiteren Morgen¬ kuͤhle auf buntgestickten Feldstuͤhlen umher, die Aben¬ teuer der gestrigen Jagd besprechend. Mehrere Baͤnde von Shakespeare mit funkelndem Goldschnitt lagen auf einem zierlichen Tischchen, Notenhefte und eine Gui¬ tarre daneben; der Morgenwind blaͤtterte lustig darin, und ging durch die Saiten, daß es von Zeit zu Zeit zwischen dem Plaudern und Lachen einen froͤhlichen Klang gab. — Weiter zuruͤck aber standen die zur Musterung heraufbeschiedenen Schauspieler in ihren besten Feierkleidern, ganz verwirrt unter den Fuͤrsten und Grafen, die sie doch so oft auf ihren Brettern gespielt hatten. Vergebens suchten sie unter den frem¬ den Gesichtern den geraden Kriegshelden, den schlauen Beichtvater, den falschen Minister, Herr Sorti vergaß daruͤber ganz seine wohlersonnene, altmodische Anrede, sie fanden alles anders, als sie sich's unten eingebildet hatten. Mit ehrerbietiger Neugier blickten sie zuwei¬ len seitwaͤrts durch die offene Thuͤr in die praͤchtigen Gemaͤcher hinein, aus denen der glatte Fußboden, hohe Spiegel und Statuͤen zwischen bronzenen Kandelabern geheimnißvoll glaͤnzten. Manches junge Herz aber wuͤnschte sich hundert Meilen von hier, denn unter der Terrasse pfiffen die Voͤgel lustig in der alten Freiheit und zwischen den Wipfeln blickte die Landschaft so hei¬ ter herauf, als rief es: kommt nur wieder hinunter, da draußen ist's doch viel schoͤner! Der Fuͤrst, ein junger, schoͤner Mann in beque¬ mer Jagdkleidung, war unterdeß zu ihnen getreten, und entschuldigte seine gestrige Vergeßlichkeit so leicht und vornehm, daß sie ihm fuͤr ihren schlechten Em¬ pfang noch danken mußten. Er belobte Herrn Sorti uͤber die Eile, mit der er seiner Einladung gefolgt, 7* und wußte in aller Geschwindigkeit durch Andeutungen seltener Belesenheit und Sachkenntniß allen zu impo¬ niren. Dazwischen blickte er manchmal verstohlen nach Kordelchen, die das auch sogleich bemerkte und, schlau ihre Augen niederschlagend, die Verwirrte spielte. Kammerherren, junge Officiere und Jagdjunker misch¬ ten sich nun mit in die Unterhaltung, die Schauspie¬ ler wollten in auserlesenen Redensarten ihren Weltton zeigen, die Maͤdchen waren naiv, die Junker char¬ mant, zwischen ihnen und den Feldstuͤhlen der Damen flogen haͤufig franzoͤsische Witzworte, wie zierliche Pfeile, uͤber den glatten Boden hin und her, deren Zielscheibe eben nicht zweifelhaft war. Unter ihnen fiel der lange Schuͤtz von gestern am meisten auf, ein reisender Lord, der uͤberall wie ein Kameelhals mit seiner Lorgnette uͤber die andern hervorragte. Er versicherte jeden sei¬ ner Protection und sprach immerfort von Kunst und dramatischer Kunst und mimischer Kunst in so wunder¬ lichem Deutsch, daß einer den andern nicht verstand. Die Konfusion aber wurde noch immer groͤßer. Denn seitwaͤrts hinter einer phantastischen Palme, auf deren breiten Blaͤttern ein Papagei linkisch auf und nieder kletterte, stand die kuͤhne Reiterin von gestern, und neckte, wie es schien, recht absichtlich, den Vogel, dessen durchdringendes Gekreisch jeden Augenblick den galanten Discours verstoͤrte. Sie beachtete die Komoͤ¬ dianten nicht, aber zuweilen funkelten ihre Blicke zwi¬ schen den Zweigen nach Fortunaten und Lothario her¬ uͤber, welcher den ersteren mit heraufgeschleppt und so eben der Fuͤrstin als einen geistreichen, nur erst kuͤrz¬ lich zu ihnen gestoßenen Volontair vorgestellt hatte. Die Fuͤrstin, eine junge schmaͤchtige Dame mit schwar¬ zem Haar, bleichem Gesicht und feurigen Augen, in grazioͤser Lebhaftigkeit bald zu diesem, bald zu jenem Herrn ihres Gefolges plaudernd zuruͤckgewandt, nun witzig, dann sinnig, dann wieder gelehrt, wechselte in wenigen Minuten verschwenderisch alle Farben der neue¬ sten Bildung. Dazwischen blickte sie oft Fortunaten fast lauernd an, als wollte sie pruͤfen, welchen Ton sie ihm gegenuͤber eigentlich anschlagen sollte. Sie schien es wunderbarer Weise recht ausschließlich auf den Beifall des unbekannten jungen Mannes abgese¬ hen zu haben, der sich, wie in einem ploͤtzlichen Feuer¬ werk, vor den Raketen und steigenden Leuchtkugeln dieser Unterhaltung gar nicht zu fassen und zu retten wußte. — Dem Fuͤrsten aber waren die Blicke der Graͤfin Juanna — so nannte man die schoͤne Jaͤge¬ rin — nicht entgangen, er wurde auf einmal ver¬ stimmt, und entließ schnell die Schauspielergesellschaft. Das ist ein lustiges Metier, sagte er dabei noch mit besonderem Nachdruck zu Fortunaten, sich so taͤglich in einen andern zu verwandeln, gestern ein Graf, heute ein Schauspieler und immer ein Poet. — Ganz inter¬ essant, meinte die Fuͤrstin, die Exposition ist roman¬ tisch, die Motive lassen sich ahnen, ich bin nur auf den letzten Act begierig. — Fortunat war ganz ver¬ wirrt, noch mitten in dem Getuͤmmel des Abschiedneh¬ mens konnte er bemerken, wie die Fuͤrstin der unter¬ deß hinzugetretenen Graͤfin Juanna sehr lebhaft etwas zufluͤsterte, das ihm zu gelten schien. Also dieser? — sagte die Graͤfin, den schoͤnen Mund spoͤttisch aufwer¬ fend. — Und wie sie so fortgingen, und die Terrasse hinter ihnen versank, und nur noch Juanna an dem marmornen Gelaͤnder hoch uͤber dem schoͤnen, weiten Kreise der Waͤlder stand, da war es, als sey sie die Fuͤrstin hier, der alle andern dienten. — Die Schauspieler schritten nun eifrig schwatzend durch den Garten, die meisten waren ganz begeistert und wie berauscht, andere, die sich zuruͤckgesetzt glaub¬ ten, sprachen von druͤckender Hofluft und dem schluͤpfri¬ gen Boden der vornehmen Welt. Fortunaten aber fiel nun erst alles auf: seine gestrige Aufnahme im Schloß, vorhin die Dienstfertigkeit des Schulraths, die Reden der Fuͤrstin und Juanna's letzter Ausruf. — Sollten sie den reisenden Baron in mir wittern? dachte er, kennen mich doch die Schauspieler selbst nicht, wie sollten die droben es wissen! — Am Abend desselben Tages ruhte er mit Lotha¬ rio'n auf dem gruͤnen Abhange einer Hoͤhe und schaute froͤhlich uͤber die Waͤlder in die weite, fruchtbare Ge¬ gend hinaus, in die er nun bald selbst mit dem blauen Strome hineinziehen sollte. Lothario, immer rastlos umherschweifend, hatte in der kurzen Zeit alle verwor¬ renen Verhaͤltnisse ihres neuen Aufenthalts schnell uͤber¬ blickt, und entwarf nun in seiner Art eine Musterkarte davon. Der Fuͤrst, sagte er, ist ein erstaunlicher Vir¬ tuos, er spielt die schwierigste Romantik vom Blatt weg, ohne eben selbst zu componiren. Die Fuͤrstin ist ganz und gar sinniger Roman, durch viele Haͤnde ge¬ gangen, schon sehr zerlesen; ich glaube, der lange Lord studirt sie jetzt. Diese wilde, schoͤne Graͤfin dann, die ihnen wie ein Hirsch durch alle ihre kuͤnstlichen Gehege bricht, und die Meute Liebhaber hinter sich fuͤr Hunde haͤlt — wahrlich, so scheues Wild weckt recht das Jagdgeluͤste! — Nimm dich in Acht, entgegnete For¬ tunat; was mich betrifft, so kuͤmmert's mich wenig, wie sie sind, das Ganze zusammen macht sich doch schoͤn, und mehr verlang' ich nicht von ihnen. — Lo¬ thario sah ihn ein Weilchen fast aͤrgerlich an. Ich begreif's nicht, sagte er dann, wie ihr Dichter es vor Langerweile aushaltet, so ein dreißig bis funfzig Jahr auf der aͤsthetischen Baͤrenhaut ruͤcklings uͤber zu lie¬ gen, und Kriegstroubel, Philosophie, wilde Jaͤger und singende Engel, wie ein Wolkenspiel, uͤber euch dahin¬ ziehen zu lassen, um daraus ganz gemaͤchlich ein Paar dicke Romane zusammenzuschreiben, die am Ende nie¬ mand liest. Zum Teufel, ich bin keine Aeolsharfe, die nur Klang giebt, wenn ein Poet ihr Wind vor¬ macht! Ist das Leben schoͤn, so will ich auch schoͤn leben, und selber so verliebt seyn wie Romeo, und so tapfer wie Goͤtz und so tiefsinnig wie Don Quixote. Um die Schoͤnheit will ich freien, wo ich sie treffe, und mich mit den Philistern drum schlagen, daß die Haare davon fliegen. Warum sollte man so ein lum¬ piges Menschenleben nicht ganz in Poesie uͤbersetzen koͤnnen? — Du bist ein wunderlicher Mensch, unter¬ brach ihn Fortunat, ich glaube, du koͤnntest ein großer Dichter seyn, wenn du nicht so stolz waͤrest. — Ich? — erwiederte Lothario fast betroffen, und sah einen Augenblick nachdenklich vor sich hin. Hier wurden sie auf einer weiter ins Land hin¬ ausgelegenen Anhoͤhe mehrere der Schauspieler gewahr, die so eben zwischen den Gebuͤschen emporstiegen und sich gleichfalls an der schoͤnen Aussicht zu ergoͤtzen schienen. Sie konnten deutlich unterscheiden, wie Herr Ruprecht sein altes Perspectiv gemaͤchlich aus dem Futteral nahm, es wie ein Fuͤhlhorn bald weit aus¬ streckte, bald wieder einzog und damit in die Ferne zielte. Bald aber schienen sie unten etwas Besonderes auf dem Korn zu haben, das Fernrohr ging eilig aus Hand in Hand, und Fortunat bemerkte nun auch sei¬ nerseits einen Fußgaͤnger im Thal, welcher bequem zwischen Wiesen und Buͤschen daherkam, zuweilen ste¬ hen blieb und sich nach den schoͤnen, abendrothen Gruͤn¬ den heiter zuruͤckwandte, dann zufrieden wieder weiter schlenderte. Auf einmal erhoben die Schauspieler ein wuͤthendes Freudengeschrei, und winkten mit Perspectiv und Huͤten und Schnupftuͤchern. Jetzt schien auch der Wanderer sie zu erkennen, er warf jubelnd seinen Hut hoch in die Luft und schritt dann eilig den Berg hinan. — Wahrhaftig, den sollt' ich kennen! rief For¬ tunat ganz erstaunt aus. — Gott schuͤtz', gewiß noch ein Dichter! entgegnete Lothario, indem er aufsprang, und ohne weiteres in den Wald hineinging. Fortunat eilte sogleich zu den Schauspielern hin¬ uͤber. Aber eine tiefe Kluft lag dazwischen; er verlor sie im Walde bald aus dem Gesicht, und wußte nicht, wo er war, als auf einmal der Wanderer, der gleich¬ falls den naͤchsten Weg gesucht, und den rechten ver¬ fehlt hatte, sich muͤhsam neben ihm durch das Ge¬ struͤpp hervorarbeitete. Fortunat! rief er hoͤchst uͤber¬ rascht und sichtbar verlegen aus, da er den alten Be¬ kannten erblickte. — Mein Gott! Otto! erwiederte jener, wie kommen Sie hierher? — Ich? — sagte der Student ganz verwirrt — ist denn das nicht der fuͤrstliche Park, wo die Schauspielergesellschaft des Herrn Sorti — Fortunat aber hatte keine Zeit mehr zu antwor¬ ten, denn um eine Waldecke sahen sie ploͤtzlich einen ganzen Haufen Lumpengesindel von weitem auf sich zuwanken, das sie im ersten Augenblick fuͤr Zigeuner erkannten. Sie schienen unter einander in Haͤndel ge¬ rathen zu seyn, und kamen in vollem Zanke daher, einige von ihnen waren bemuͤht, von hinten einen wi¬ derspenstigen Esel vorzuschieben, auf dem eine seltsame, phantastisch geschmuͤckte Weibergestalt saß, die voll Zorn nach den ungestuͤmen Treibern zuruͤckschimpfte. Wie eine Zigeunerkoͤnigin hatte sie ihr langes zottiges Haar mit einer Schnur von Gold und Edelsteinen oben in ein Kroͤnchen zusammengefaßt, in den Ohren trug sie schwere Gehenke von geschmelzter Arbeit, ihre Schabracke war von Scharlach, das gruͤne Kleid mit silbernen Posamenten verbraͤmt, und ihr schneeweißes Hemd an den Naͤthen mit schwarzer Seide nach boͤh¬ mischer Art ausgenaͤht, woraus sie hervorschien, wie eine Heidelbeere aus der Milch. — Jetzt erst erkannte Fortunat in dem Gesindel nach und nach die Gesich¬ ter der Schauspieler, ohne zu begreifen, wie sie zu dem Narrenstreiche kamen. Seitwaͤrts bemerkte er nun auch Kamilla, welche die Rolle der Preziosa uͤber¬ nommen zu haben schien, wozu sie ihre große, noble Figur besonders geeignet glaubte. Sie schwaͤrmte ab¬ gesondert von den andern, eine Guitarre im Arm, und sang: „Einsam bin ich nicht alleine.“ Aber sie blieb doch allein, denn alles lief einer jungen, schoͤnen Zigeunerin nach, die ploͤtzlich wie ein wildes Reh aus dem Walde brach. Die pechschwarzen Haare hingen glaͤnzend uͤber Stirn und Wangen, ihr Gesicht war wie eine schoͤne Nacht. Sie blieb dicht vor Otto stehen und funkelte ihn neugierig mit den Augen von oben bis unten an. Wußt' ich's doch, sagte sie dann, daß es so kommen wird. — Es war Kordelchen. Si¬ lentium! hoͤrte man nun auf einmal die abenteuerliche Gestalt durch das Getuͤmmel rufen, die unterdeß auf ihrem Esel herangekommen war. Ei, mein schoͤner, weißer, junger Gesell, redete sie Otto'n an, was machst du hier? wo kommst du so allein daher? — Der Esel, der unterwegs ein Maul voll Gras genommen, sah die Gesellschaft, seine lange Ohren schuͤttelnd, ruhig an, und hieb mit dem einen Hinterfuß nach den Ko¬ moͤdianten, die ihn heimlich zwickten. Otto aber, von der allgemeinen Lust mit angesteckt, antwortete: meine großmaͤchtige Frau Libuschka, ich komme von Haus und bin Willens, in der Welt ein mehreres zu studi¬ ren, oder einen Dienst zu bekommen, denn ich bin ein armer Schuͤler. — Daß dich Gott behuͤte, mein Kind! versetzte die alte Zigeunerin — aber zum Teufel! laßt die Faxen, ich falle wahrhaftig herunter! rief sie da¬ zwischen den Schauspielern ploͤtzlich mit grober Stimme zu, an der Fortunat sogleich Herrn Ruprecht erkannte. Dieser aber ließ sich dadurch nicht irre machen. Wann du Lust hast, bei uns zu bleiben, fuhr er fort, so ist der Sache bald abgeholfen. — Ich will noch ein Paar Tage mit mir selbst zu Rath gehen, erwiederte Otto, des Studirens und Tag und Nacht uͤber den Buͤchern zu hocken, bin ich schon vorlaͤngst muͤd worden. — Du hast einen weisen Menschensinn, mein Sohn, versetzte hier Ruprecht, und kannst hierbei leicht ab¬ nehmen und probiren, was unsere Manier vor anderer Menschen Leben fuͤr einen Vorzug habe, wenn du naͤmlich siehst, wie wir hier in unserer Freiheit auf den alten Kaiser leben, wie die Marder und Fuͤchse. Was ist Reichthum, was ist Geld, Habe? Wenn ich's nicht habe, acht' ich's fuͤr gar nichts, und wenn ich's habe, schmeiß' ich's gleich wieder weg. Man muß immer als Philosoph denken, glaube einem alten Genie, mein Sohn, und werden die Lichter ausge¬ putzt, und es kommt die Nacht und die Schlafenszeit, so sind doch alle wieder gleich, Zigeuner und andere Leut'! Oho! riefen hier die Anderen darein! denen der Sermon schon zu lang wurde, eine moralische Li¬ buschka! eine philosophische Zigeunerin! Ruprecht schimpfte sie ganz erbost Ignoranten, die wie die Och¬ sen mit eingelegten Hoͤrnern ins Blaue hineinrennten. Aber sie hoͤrten nicht auf ihn. Ein Paar ruͤstige Ge¬ sellen erwischten Otto'n bei beiden Beinen, und schwan¬ gen ihn vor die Frau Libuschka auf den Esel, den Kordelchen unterdeß mit bunten Baͤndern ausgeschmuͤckt hatte; andere faßten die Zuͤgel, und so waͤlzte sich der ganze tolle Zug nach dem Gartenpalaste hin. Hier aber wurden sie selbst uͤberrascht, die Zu¬ ruͤckgebliebenen hatten sich schnell verkleidet und unter den Baͤumen bunte Zelte aufgeschlagen, so lagen sie an lustigen Feuern umher, und zu Fortunats Ver¬ wunderung kam es nun nach und nach heraus, daß sie Otto'n als ein neues Mitglied ihrer Truppe heute hier erwartet hatten. Unter ihnen erwies sich Guido besonders geschaͤftig, der junge huͤbsche Maler aus der Kapelle, der in seiner sorgfaͤltigen Zigeunertracht sich selbst sehr huͤbsch zu finden schien und, von Zeit zu Zeit Kordelchen feurige Blicke zuwerfend, wohlgefaͤllig sein Schnurrbaͤrtchen strich. Er hatte brennende Pech¬ kessel besorgt, und war eifrig bemuͤht, die phantasti¬ schen Gestalten malerisch um die Flammen zu gruppi¬ ren und uͤberall die rechten Lichteffecte anzubringen. Er mußte indeß gar bald alles gehen lassen, es war schlechterdings keine Ordnung und kein kuͤnstlerisches Motiv hineinzubringen. Ueber dem dunkelen Berge aber trat ploͤtzlich der Mond aus einer Wolke und beschien die stillen Waͤlder und Gruͤnde; da war auf einmal alles in der rechten, wunderbaren Beleuchtung: das oͤde Haus, der altmodische, halbverfallene Gar¬ ten, die wildverwachsenen Statuͤen und die abenteuer¬ lichen Gestalten, die auf den Bassins der vertrockneten Wasserkuͤnste umhersaßen, wie eine Soldaten-Nacht im dreißigjaͤhrigen Kriege. — Precioͤschen! rief Fortu¬ nat Kordelchen zu, bellt von fern ein Hund, liegt ein Dorf im Grund, schlaͤft Bauer und Vieh, giebt was zu schnappen hie! — Kordelchen antwortete munter: heult der Wolf in der Haid', ist mein Schatz nicht mehr weit; stellt aus die Wacht, giebt heut eine gute Zigeunernacht. — Willewau, wau, wau, witohu! rie¬ fen die andern jauchzend dazwischen. Kordelchen aber schwang ploͤtzlich ein Tambourin, daß es schwirrte, tanzte mit ihren rothen polnischen Stiefeln auf Zigeu¬ nerisch und sang dazu: Am Kreuzweg, da lausche ich, wenn die Stern' Und die Feuer im Walde verglommen, Und wo der erste Hund bellt von fern, Da wird mein Braͤut'gam herkommen. Fortunat antwortete lustig: Und als der Tag graut' durch das Gehoͤlz, Sah ich eine Katze sich schlingen, Ich schoß ihr auf den nußbraunen Pelz, Die macht' einmal weite Spruͤnge! Kordelchen sang wieder: 's ist Schad' nur um's Pelzlein, du kriegst mich nit' Mein Schatz muß seyn wie die andern: Braun und ein Stutzbart auf ungrischen Schnitt Und ein froͤhliches Herze zum Wandern. Hier schlug sie das Tambourin dem Ruprecht, der ihrem Tanze verliebt zusah, droͤhnend an den Kopf und setzte sich, in der That wie ein Kaͤtzchen, dem traͤumerischen Otto auf den Schooß. Weißt du — sagte sie, ihre Haare aus dem er¬ hitzten Gesicht schuͤttelnd — weißt du noch, wie wir uns zum erstenmal sahen? Du kamst vom Gibichen¬ stein herab mit einem studentischen Helm, daß der Fe¬ derbusch dir in die Augen hing; damals gefielst du mir besser, als jetzt so mit dem naͤrrischen Frack. — Otto'n war's bei diesen Worten, als tauchte seine ganze, schoͤne Jugendzeit wieder vor ihm auf, das Maͤdchen war nur so wild, das stoͤrte ihn heimlich. — Es war in den ersten Fruͤhlingstagen, sagte er, uͤberall zogen Studenten durch's Gruͤn, du saßest auf der Bank vor dem Wirthshause unter den Linden und spieltest die Harfe. — Ja, ja, fiel ihm Kordelchen in die Rede, und du glaubtest, ich spielte fuͤr Geld, und setztest dich neben mich und druͤcktest mir einen Thaler in die Hand. — Und du, versetzte Otto, besahst ver¬ wundert das Geld, dann stecktest du's lachend ein, gabst mir schnell einen Kuß und verschwandst im Hause, und ich sah' dich nicht mehr wieder. Ach Kor¬ delchen! nun ist ja alles, alles wieder gut, und — Nun und was denn?! rief Kordelchen lustig, sprang schnell auf und verlor sich in dem dicksten Haufen. Kamilla, die es mit angesehen, ging eben vor¬ nehm voruͤber und sprach halbleise von wilden Wald¬ beeren, womit man Gimpel fange. Otto aber hielt sich nun nicht laͤnger und fiel ganz gluͤckselig dem For¬ tunat um den Hals. Ach, rief er aus, ich bin so von Grund der Seele vergnuͤgt, wie ein Vogel in der Luft! — Sie gingen mit einander auf den mondbe¬ schienenen Gaͤngen weit fort, daß sie die Stimmen der Schauspieler kaum mehr vernahmen, und Otto erzaͤhlte nun, wie entsetzlich einsam es nun auf Hohen¬ stein geworden, nachdem Walter und Fortunat fortge¬ zogen. Er habe sich gleich nach ihrer Abreise mit red¬ lichem Ernst und Eifer ganz auf die Buͤcher geworfen, nichts anderes gedichtet und getrachtet und selbst jede Erinnerung an sein fruͤheres Leben gewissenhaft ver¬ mieden. Aber, fuhr er fort, die Seele des Dichters ist wie eine Nachtigall, je tiefer man ihren Kaͤfig ver¬ haͤngt, je schoͤner schlaͤgt sie, und ich hoͤrte sie oft in Traͤumen wunderbar klagen, aber ich huͤtete mich wohl, wenn ich erwachte, dem weiter nachzuhaͤngen. Und wie nun so der Amtmann taͤglich um dieselbe Stunde auf das Feld hinausritt und wieder zuruͤckkehrte, und Florentine ihre Tauben fuͤtterte und ihre Blumen band, und ringsum in der laͤndlichen Stille allmaͤhlich alles wuchs und wuchs, als wollte das Gruͤn die Menschen begraben — es war mir nicht anders, als saͤß' ich viel hundert Klaftern tief im Meer und hoͤrte die Abendglocken meiner Heimath von weitem uͤber mir. So verzehrte ich mich sichtbar selbst, der gute Amt¬ mann sah mich oft insgeheim bedenklich an, die Amt¬ mannin steckte mir die besten Leckerbissen zu, sie dachte, wenn ich nur erst fetter waͤre, so wuͤrde schon alles gut werden. — In einer schoͤnen Nacht aber traͤumte mir von Halle, ich stand auf dem Gibichenstein, die Kirschgaͤrten unten bluͤhten wieder, und lustige Kaͤhne mit Studenten glitten die Saale hinab, da erklang ein Lied aus dem Thale, das ich damals gehoͤrt, auf das ich mich aber seitdem durchaus nicht wieder besin¬ nen konnte. Ich wachte vor Freude daruͤber auf, das Fenster stand noch offen, und als ich mich hin¬ auslehnte, klang das Lied wirklich draußen durch die stille Nacht heruͤber. — Seht, ein solcher Lufthauch wendet oft das Narrenschiff des Menschen! Ohne selber recht zu wissen, was ich that oder wollte, klei¬ dete ich mich rasch an, schnuͤrte mein Buͤndel, im Hause schliefen noch alle, und ehe eine Viertelstunde verging, wanderte ich schon durch die dunkle Kasta¬ nienallee das stille Dorf entlang. Als ich ins Freie kam, toͤnte das Lied noch immerfort, aber sehr fern. — Hier hielt er ploͤtzlich erschrocken inne, man hoͤrte tief im Garten singen; die Luft kam von dort heruͤber; sie konnten deutlich folgende Worte vernehmen: Hoͤrst du nicht die Baͤume rauschen Draußen durch die stille Rund'? Lockt's dich nicht hinabzulauschen Von dem Soͤller in den Grund, Wo die vielen Baͤche gehen Wunderbar im Mondenschein Und die stillen Schloͤsser sehen In den Fluß vom hohen Stein. Das ist das Lied! — rief Otto, und eilte ganz ver¬ wirrt den Berg hinab. Unten aber sang es von neuem: 8 Kennst du noch die irren Lieder Aus der alten schoͤnen Zeit? Sie erwachen alle wieder Nachts in Waldeseinsamkeit, Wenn die Baͤume traͤumend lauschen Und der Flieder duftet schwuͤl Und im Fluß die Nixen rauschen — Komm herab, hier ist's so kuͤhl. Fortunat glaubte jetzt in dem Grunde, woher der Gesang kam, Kordelchen zwischen den mondbeglaͤnzten Gebuͤschen zu erkennen. — Dann wurde auf einmal alles still, es war eine verlockende Nacht, das Wetter leuchtete von ferne und die wechselnden Schatten der Baͤume schwankten verwirrend uͤber den Steinen und Kluͤften. Zehntes Kapitel. Fern von diesem Weltgetuͤmmel, mitten zwischen den Waldbergen lag in stiller Abgeschiedenheit ein altes Schloß mit wunderlichen kleinen Fenstern, halbverfal¬ lenen Soͤllern und Thuͤrmchen, alles ganz verwildert und gruͤn uͤberwachsen. Zwischen den Tannenwipfeln qualmten die weißen Schornsteine des freundlichen Dor¬ fes lustig herauf, sie schienen das Schloß schon lange einzuraͤuchern, denn es sah ganz braun aus, und zahl¬ lose Sperlinge laͤrmten und nisteten in dem Helm des steinernen Wappenschildes uͤber dem Thor. Aus den alten Wallgraͤben war fruͤher ein Garten, und aus dem Garten mit der Zeit eine gruͤne Wildniß von Stachelbeeren und Haselnußstraͤuchern geworden, in der jetzt einige Ziegen ruhig weideten. Dort saßen an einem schwuͤlen Nachmittage meh¬ rere Jagdhunde unter einer Weinlaube und unter ihnen der Gutsherr, Baron Eberstein, mit dem jungen Pre¬ diger des Orts schwatzend, der zum Besuch heraufge¬ kommen war, um dem Baron seine neuen Meer¬ schaumkoͤpfe anrauchen zu helfen. Sie freuten sich beide des allmaͤhlich aufsteigenden Gewitters, denn die schillernden Thaͤler unten lechzten nach Regen, es ruͤhrte sich kein Luͤftchen in der ganzen Gegend, nur die Bie¬ nen summten um die hohen Sonnenblumen vor dem Schlosse. Seitwaͤrts aber sah man bald einen rothen Schuh, bald ein zierliches Fuͤßchen aus dem Laube eines Kirschbaums schimmern, zwischen dem manchmal ein Paar schoͤne dunkle Augen herausfunkelten. Es war Fraͤulein Gertrud , des Barons Tochter, die im Wipfel Kirschen naschte und die Kerne muthwillig nach den Hunden schnellte; eigentlich aber hatte sie's auf des Predigers neue, geschniegelte Weste abgesehen. Der Prediger aber merkte nichts davon, so ver¬ tieft war er in den Discurs. Ja, sagte er, diese 8* Gewitterschwuͤle ist ein bedeutungsvolles Bild der Ge¬ genwart, alles liegt in banger Erwartung, daß man fast den leisen Schritt der Zeit hoͤrt, Gedankenblitze spielen auf dem dunklen Grunde — Ah bah! erwie¬ derte der Baron, sich eine neue Pfeife stopfend, Ge¬ witter ist Gewitter, und dummes Zeug ist dummes Zeug! — Der Prediger, ein wenig pikirt, ruͤckte sich vornehm zurecht und sprach von der unaufhaltsamen Intelligenz, von der Muͤndigkeit der Zeit und der unsichtbaren Gewalt unverjaͤhrbarer Wahrheit. Da wurde der Baron ganz hitzig. Was ist wahr? was ist wahr? rief er dicht heranruͤckend aus. Dem Pre¬ diger, erschrocken und verbluͤfft wie er war, wollte gerade in diesem kritischen Moment keine passende Antwort einfallen. — Na seht, fuhr der Baron fort, ihr wißt's nicht, und ich weiß es auch nicht, das weiß der liebe Gott allein. Aber mein Jagdrevier hier das kenn' ich ganz genau, und wer mir in meine Wild¬ bahn bricht, muͤndig oder unmuͤndig, den schieß ich vor den Kopf, wie einen tollen Hund, und damit Basta! Und wenn jeder so thaͤte in seinem Revier, so haͤtten wir bald Ruhe vor der verjaͤhrten Intelli¬ genz und der unsichtbaren Wahrheit und alle dem Plunder. Glaubt einem altgedienten Offizier, Prediger, die Zeit will nur Pruͤgel haben, weiter ist's nichts! Gaͤste kommen! Gaͤste kommen! rief hier auf einmal das Fraͤulein im Kirschbaum. Und in der That, kein Schiffer vom Mastkorb blickt so scharf in die Ferne, als ein Landfraͤulein in der Meeresstille ihrer einfoͤrmigen Einsamkeit, denn kaum noch schim¬ mert' es fluͤchtig von dem Gipfel des gegenuͤber liegen¬ den Berges heruͤber. Das Gewitter lag schwer uͤber dem Berge und verdunkelte schon die ganze Gegend, nur der gruͤne Abhang nach dem Schlosse zu war von der Abendsonne noch hell beschienen. Da sah man auf einmal Federbuͤsche aus dem Gruͤn nicken, einzelne Reiter flogen uͤber den Plan, immer mehre folgten, Jaͤger und Frauengestalten auf zierlichen Zeltern, wie wenn der Herbstwind farbige Blaͤtter verstreut; der eine der Reiter schien eine Guitarre im Arm zu haben, man hoͤrte seine Stimme durch die stille Luft bis heruͤber¬ schallen, andere bliesen auf dem Waldhorn dazu und schossen ihre Flinten ab; so bewegte sich der bunte Zug in der wunderbaren Beleuchtung heiter und eilig den Abhang hinunter — das Fraͤulein konnte sich nicht satt seh'n daran. Wahrhaftig, Seine Durchlaucht mit Ihrer gan¬ zen Literatur! rief der erstaunte Baron aus, indem er die Pfeife schnell weglegte. Jetzt biegen sie in den Hohlweg, es kommt alles hierher. He, Johann! mei¬ nen Hut, meine Uniform! Was das lateinische Rei¬ ter sind! Wo bleibt der Schlingel! Das wollen Jaͤ¬ ger seyn, die Juanna, das Blitzmaͤdel, ist noch der beste Schuͤtz unter ihnen. — Sie soll immer mitten in's Herz treffen, versetzte der aͤsthetische Prediger. — Prediger! sagte der Baron, ihn bei der Hand festhal¬ tend, ich bitt' euch um Gotteswillen, lauft mir jetzt nicht davon, ihr muͤßt gelehrt sprechen mit den Leu¬ ten, mir ist's immer, wie Chaldaͤisch im Halse unter ihnen. — Nun, nun, wir wollen schon machen, erwie¬ derte der Prediger, zufrieden schmunzelnd. Fraͤulein Trudchen aber war schon wie ein Reh uͤber Wallgraben und Straͤucher nach dem Schlosse gesprungen. Da gab's ein wahres Volksfest, die Thuͤ¬ ren flogen krachend auf und zu, die Hunde bellten, die alten Sophas und Stuͤhle wurden ausgeklopft, daß es rauchte, zuweilen hoͤrte man das lustige Lachen des Fraͤuleins dazwischen. Zuletzt band sie nur noch schnell ihre neue Schuͤrze um; sie wußt' es wohl, sie war huͤbsch genug, so wie sie war. Nun aber begann auch schon draußen der Laͤrm. In hastiger Flucht brachen Gewitter und Gaͤste zu¬ sammen herein; der kleine Hof fuͤllte sich ploͤtzlich mit Glanz und Getuͤmmel von eleganten Uniformen, Rei¬ tern und Rossen, der Regen fiel schon in einzelnen großen Tropfen, Tuͤcher, Maͤntel und Schleier flat¬ terten im Sturm durcheinander, und bunte Jokey's flogen von den Pferden, um in der Verwirrung den Herrschaften herabzuhelfen, waͤhrend die Maͤgde und Knechte des Barons, ihre Muͤtzen in der Hand, ganz verwirrt in den Thuͤren standen. Der Fuͤrst war der erste, der sich aus dem Knaͤul herauswickelte. Er be¬ fahl seinen Leuten, mit Pferden und Hunden im Dorf ein Unterkommen zu suchen, so gut es gehe; dann entschuldigte er verbindlich beim Baron den ploͤtzlichen Ueberfall, das Unwetter habe sie uͤberrascht; er bat um Schutz fuͤr die Nacht; wo koͤnne er diesen besser finden, setzte er hinzu, als bei den alten Haͤusern des Landes. — Alt und wackelich in der That, sagte die Fuͤrstin leise zu ihrem Nachbar, das Schloß bedenklich betrachtend. — Es sieht aus, erwiederte dieser, wie ein altes Rolandsbild, dem der Zahn der Zeit den Kopf abgebissen. — Nein, wie ein einzeln stehengeblie¬ bener Backzahn der Zeit selbst, meinte ein anderer. — Der Baron aber, in dem beim Anblick von Damen jederzeit die Ritterlichkeit seines ehemaligen Offizierle¬ bens wieder erwachte, hatte mit scharfem Jaͤgerblick sogleich die Fuͤrstin auf's Korn genommen. Er half ihr kunstgerecht aus dem Sattel, bot ihr mit altmodi¬ scher Galanterie den Arm, und fuͤhrte sie uͤber den Hof, immerfort franzoͤsisch mit ihr sprechend, obgleich sie ihm deutsch antwortete. Aber schon am Eingang gab es unverhofften Aufenthalt. Die fuͤrstlichen Jagd¬ hunde schnupperten uͤberall vornehm umher, da ge¬ brauchten die Hunde des Barons ihr Hausrecht und eh' man sich's versah, gerade in der Thuͤre entstand ploͤtzlich ein Balgen und Wuͤrgen, daß die Haare da¬ vonflogen. Mit gewaltiger Stimme, mit Stock und Stiefeln stiftete der Baron endlich wieder Frieden, und wandte sich dann entschuldigend zur Fuͤrstin. Die Fuͤrstin aber kam daruͤber in ein unaufhaltsames La¬ chen, das steckte die Andern mit an, und so zog alles froͤhlich ein. Dieser confuse Anfang hatte die ganze Feierlich¬ keit verstoͤrt, welche der Baron im Schilde fuͤhrte. Er brachte die Gesellschaft in ein großes Zimmer, das nicht zum gewoͤhnlichen Gebrauche bestimmt schien, wie man an der verstaubten Pracht der damastenen Gar¬ dinen abnehmen konnte. Anstatt aber Platz zu neh¬ men, eilte die Fuͤrstin, nach einer leichten Verbeugung, sogleich mit Kennermienen zu einer alten, sehr kunst¬ reich mit Elfenbein ausgelegten Kommode. In dem¬ selben Augenblick fing eine vergoldete Stutzuhr auf dem Schrank mit heiseren Absaͤtzen zu spielen an. Mein Gott, noch aus cosa rara ! rief die Fuͤrstin uͤberrascht aus. — Ich weiß wirklich nicht — erwiderte der Ba¬ ron, der es fuͤr Spott hielt, und zog die Augenbrauen finster zusammen. Aber er irrte sich. Cosa rara war die erste Oper, welche die Fuͤrstin noch als Kind ge¬ hoͤrt; jetzt uͤberwaͤltigte sie die Erinnerung, sie huͤtete sich aber, es zu sagen, damit niemand die Jahre nachzaͤhlte. Unterdeß hatte der Fuͤrst auch ein Kla¬ vier entdeckt, und mit der Unbarmherzigkeit der großen Welt wurde Fraͤulein Trudchen ohne weiteres, wie zur Schlachtbank, zum Spielen gedraͤngt. Der Prediger, der sich gern bemerklich machen wollte, brachte ein Pack Noten herbei, und stellte sich geschaͤftig hinter den Stuhl, um die Blaͤtter umzuschlagen. Dem Fraͤu¬ lein ging es aber wie der Spieluhr, roth bis an die Ohrlaͤppchen, konnte sie keinen vernuͤnftigen Ton her¬ vorbringen. Da warf sie ploͤtzlich das Stutznaͤschen stolz in die Hoͤh, schob die Noten zur Seite, und sang herzhaft eines von den Volksliedern, wie sie damals noch auf den Bergen im Schwange waren. Da ging, zur Verwunderung des erschrockenen Barons, auf ein¬ mal eine freudige Bewegung durch die ganze Gesell¬ schaft, man verglich sie einem Waldvoͤglein, sie mußte mehr und immer noch mehr solche Lieder singen. Da¬ zu kam die Neuheit der ganzen Umgebung, das heim¬ liche Gefuͤhl der Sicherheit in der stillen Burg, waͤh¬ rend draußen schon der Sturm den Regen an die Fenster peitschte. Die Fuͤrstin fand das alterthuͤmliche Kamin, die tiefen Fensterbogen und Erker entzuͤckend, waͤhrend der Fuͤrst in dem einen Fenster sich nicht satt sehen konnte an dem tiefen Waldgrund unter dem Schlosse, den die Blitze von Zeit zu Zeit seltsam er¬ leuchteten, so daß der Baron, der lange dort nicht hinausgesehen, endlich selbst neugierig mit hinunter¬ blickte. So war alles in der heitersten Stimmung, als nun noch in dem Kamin ein lustiges Feuer ange¬ zuͤndet wurde; der Prediger konnte mit seiner Gelehr¬ samkeit gar nicht aufkommen, und der Baron fand mit Erstaunen, daß es doch eigentlich gar nicht so uͤbel leben sey unter diesen Leuten. Es war noch zu fruͤh zum Schlafengehen, die Fuͤrstin schlug vor, Geschichten zu erzaͤhlen, jeder was ihm eben einfiele. Der Prediger raͤusperte sich, eine Novelle, die er neulich fuͤr ein Taschenbuch geschrie¬ ben, steckte ihm schon im Halse. Aber zu aller Ver¬ wunderung bat der lange Lord vorweg um das Wort, der Baron brachte alten Ungarwein, wovon er ein Glas der Fuͤrstin zierlich auf einem silbernen Teller praͤsentirte, alles setzte sich um das Kaminfeuer zu¬ recht, und der Lord begann ohne weiteres folgende Geschichte der wilden Spanierin . In dem Kriege Napoleons gegen Spanien diente ich in der Englischen Armee, welche damals den Spa¬ niern zu Huͤlfe zog. Ich war Husaren-Offizier, da hatt' ich vielen Aerger mit der unvernuͤnftigen hohen Baͤrenmuͤtze, die alle Augenblick das Gleichgewicht verlor, waͤhrend ich mich taͤglich ein Paarmal in dem sarmatischen Gehaͤnge und Gebommel von Saͤbeltasche, Dolmann und Fangschnuͤren mit meinen langen Bei¬ nen verwickelte. Einmal waren wir versprengt und rasteten im Freien. Es regnete in einem fort, ich stand melankolisch mitten im Felde unter meinem Re¬ genschirm, in jeder Hand, wie ich aus Vorsicht immer zu thun pflegte, eine Pistole mit gespanntem Hahn. Auf einmal heißt's: die Franzosen! Wir waren un¬ serer nur wenige, der Feind in hellen Haufen. Meine Kameraden zerstoben im Nu nach allen Seiten. Ich aber fasse mein Pferd, fahre in der Eil mit dem Bein in den Pelzaͤrmel des Dolmanns, mit einem Arm in die Saͤbeltasche, mit dem andern in die verfluchte Ta¬ kelage von Schnuͤren und Troddeln, so daß ich mich nicht ruͤhren, vielweniger die Zuͤgel erlangen konnte; mein Pferd erschrickt vor meiner Positur und rennt grade auf den Feind los und so, mit ausgespreitzten Armen, den Saͤbel zwischen den Zaͤhnen, waͤhrend meine Pistolen losgehen, wie eine wahnsinnige Fleder¬ maus, fliege ich mitten unter die Franzosen hinein, daß ein lustiges Hussah! durch ihr ganzes Geschwader erscholl. Ich war nun in ihre Gefangenschaft gera¬ then, sie hatten Muͤhe, mich aus meiner verwickelten Lage zu bringen und nannten mich den tollsten Kerl, den sie jemals gesehen. Da ich aber franzoͤsisch sprach und Gold in der Boͤrse hatte, so wurden wir bald gute Kameraden. Sie wollten mich nach Burgos fuͤh¬ ren in ihr Depot, das war aber nicht so leicht ge¬ macht, denn bewaffnete Banden spanischer Bauern ver¬ rannten uns uͤberall den Weg, und so zogen wir ge¬ raume Zeit miteinander im Lande umher. Auf diesem Zuge lagerten wir einmal in einer schoͤnen Sommernacht an einem großen Schlosse, das schon seit langer Zeit nicht mehr bewohnt schien. Die alten zackigen Thuͤrme warfen im Mondschein lange Schatten uͤber den wuͤsten Schloßgarten, wo wir lagen und unsere Pferde an die verwilderten Hecken ange¬ bunden hatten. Es war alles still in der ganzen Ge¬ gend, von Zeit zu Zeit nur hoͤrte man die Pferde schnauben und die Wachen anrufen aus der Ferne, im Walde schlugen die Nachtigallen, als gaͤb' es keinen Krieg in der Welt. — Der Rittmeister, der den Zug fuͤhrte, ein heiterer Gaskogner, lag ruͤcklings auf sei¬ nen Mantel ausgestreckt, ich glaubte er schliefe, er hatte aber, wie er mir nachher sagte, an seine ferne, schoͤne Heimath gedacht. Auch richtete er sich gleich darauf schnell uud ruͤstig wieder auf. Hier ist nicht Zeit zum traͤumen, meinte er, wir muͤssen auf unserer Hut sein heut' Nacht, denn das ist das Schloß der wilden Spanierin. Und als ich fragte, wer die sey, benutzte er gern die Gelegenheit, sich munter zu erhal¬ ten, und erzaͤhlte mir alles ausfuͤhrlich. „In diesem Schlosse, sagte er, wohnte ehedem ein Graf aus uraltem Stamm, der nach und nach wohl sich zu beugen verlernt haben mochte. Wenigstens soll der Graf fruͤher den Anforderungen des alten Ho¬ fes jederzeit trotzigen Stolz entgegengesetzt haben bis zu wechselseitiger, bitterer Verstimmung; um so mehr durfte man voraussetzen, daß er der neuen Ordnung der Dinge geneigt sey. Auch fanden ihn die Unsrigen, als sie das Land uͤberzogen, einsam auf seinem Schlosse, hoͤflich, aber finster und, wie es schien, ohne alle Theil¬ nahme an dem, was hinter seinen Bergen vorging. Seine groͤßte Freude war ein Toͤchterchen, sein ein¬ ziges Kind, bei dessen Geburt die Mutter gestorben. Mit ihr pflegte er, wenn alles schon schlief, die Zinne des Schlosses zu besteigen, und zeigte ihr das Land, das ehemals ihre Ahnen beherrscht, so weit der Mond die Waͤlder beleuchtete, und erzaͤhlte ihr halbe Naͤchte hindurch von der alten großen Zeit und der fuͤrstlichen Freiheit, die sich dem Zwang der Staͤdte nicht unter¬ werfe. Unter solchen Traͤumen wuchs das Fraͤulein auf, und da der Krieg alles vereinzelte, so sah sie fast kein anderes Frauenzimmer, als ihre alte Amme, ein hexenhaftes Weib, das von ihrem Vater, einem Zi¬ geuner, und ihrer Mutter einer gefangenen Araberin, manch Zauberstuͤckchen ererbt hatte, woran die Tradi¬ tion dieser Staͤmme so reich ist.“ „Aber unseren Leuten blieb die junge Graͤfin nicht lange verborgen, und die sie sahen, konnten nicht genug erzaͤhlen, wie wunderbar schoͤn sie war: schwarze Locken, bleich mit brennendrothem Munde, die Augen wie ein dunkeler Abgrund. Taͤglich nun flimmerte es von franzoͤsischen Offizieren auf dem Schlosse. Das gefiel ihr wohl, sie ritt und focht mit ihnen, und war der beste Schuͤtz auf der Jagd, so oft aber einer naͤher trat mit verliebten Blicken oder Worten, sah sie ihn verwundert an, und wußte nicht was er wollte, allen gleich fern und fremd, wie ein Stern in kalter Win¬ ternacht. Das verlockte aber die lustigen Gesellen nur noch immer mehr auf's Glatteis, und ein huͤbscher junger Unterlieutenant — St. Val war sein Name — der so eben erst aus der Militairschule von Paris an¬ gekommen war und davon hoͤrte, verschwor sich moͤr¬ derlich, sie muͤßte sein werden, oder er wollte des Teufels seyn!“ „Unterdeß wurden die Plaͤnkeleien in der Gegend immer ernster, die Offiziere hatten vollauf zu thun und blieben aus, da konnte sich die Graͤfin gar nicht wiederfinden in die alte Einsamkeit und das einfoͤrmige Rauschen der Waͤlder. — So stand sie auch eines Abends allein mit der Amme vor dem Schloß. Der Krieg ging unten wie eine lustige Jagd durch die Berge, zuweilen sahen sie fern in der Abendsonne ein Ge¬ schwader von Reitern aufblitzen, einzelne Trompeten klangen heruͤber, dann verhallte und verdunkelte nach und nach alles wieder, nur die Flammen brennender Doͤrfer blieben am Horizonte stehn. Die Graͤfin sah lange stumm und unverwandt in das ferne Feuer, dann brach sie still in Weinen aus und sagte fuͤr sich: wie ist das herrlich! ach, daß ich kein Mann gewor¬ den bin! ihnen gehoͤrt alles, sie regieren die Welt. — Die kluge Amme erwiederte: desto besser, Kind, desto besser, denn die Frauen regieren wieder die Maͤnner. — Wie so? — sagte die Graͤfin und sah sie groß an, daß ihr die Thraͤnen funkelnd in den schoͤnen Augen stockten. — Nun, nun, antwortete die Alte, kein schlanker Tiger verwundet so tief, als wenn ihr lacht und ihnen die weißen Zaͤhnchen weist oder einen beim Kuͤssen heimlich damit beißt; keine buntgefleckte Schlange ist so schoͤn und stark, als eure Arme, wenn ihr einen umschlingt. — Die Graͤfin hoͤrte nur halb dar¬ auf und sagte wie in Gedanken: darum habe ich im¬ mer in den alten Buͤchern meines Vaters gelesen, wie Fuͤrsten und Koͤnige vor Maͤdchen knieten, und ihnen treu und gehorsam waren bis in den Tod. — Ach, liebe Amme, du weißt so viele Kuͤnste von deinem Va¬ ter, kannst du denn nicht machen, daß alle Maͤnner, die mich sehen, in Liebe entbrennen, und mir folgen muͤssen? — Hm, entgegnete die Amme zoͤgernd, wenn nur — ich wuͤßte wohl —“ „ Die Graͤfin aber, deren Seele ganz erfuͤllt war von dem Gedanken, hatte sie schon am Arm gefaßt, und draͤngte sie ungeduldig fort: die Nacht sey dunkel und schwuͤl, alles schlafe schon im Schloß, es sey eben die rechte Zeit. — So gingen sie weiter den stillen Garten entlang bis an's einsamste Ende. Un¬ terwegs sagte die Amme: es ist nichts Geringes, dem Freier, den ich euch zuerst zeigen werde, muͤßt ihr den Ring vom Finger ziehn — aber laßt's euch nicht anfechten, wann er etwas bleich und wirre sieht — den Ring druͤckt ihr an's Herz bis es blutet, dann ist euer Herz Liebefest, und eure Augen werden schoͤn funkeln wie der Stein im Ringe, der arme Junge aber muß sterben. — Hier waren sie an altes zerfal¬ lenes Gemaͤuer gekommen, die Amme holte ein weißes Staͤbchen aus einem hohlen Baumstamme, da schwirr¬ ten ploͤtzlich Fledermaͤuse hervor und schlugen mit den Fluͤgeln in den Zweigen, eine Schlange fuhr rasch zwi¬ schen das Gestein, unter dem sie eine dicke Kroͤte mit großen roͤthlichen Augen ansah. Hoho, bist du auch da, Großmutter, lachte die Alte und schien lustig auf zigeunerisch mit den Thieren zu sprechen. Darauf tauchte sie Haͤnde und Stab in einen Topf, daß sie hell leuchteten, und beschrieb unverstaͤndlich murmelnd einen feurigen Kreis, bei dessen gruͤngoldenem Glanz die Eidechsen neugierig im Grase hervorschluͤpften. Die Graͤfin stand mitten drin, es war ihr wie im Traume, als fingen die Blumen, Buͤsche und Waͤlder in der stillen Runde leise zu singen an, Johanniswuͤrmchen zogen leuchtend um ihr Haupt, so sah sie mit tiefer, tiefer Lust vom Berg uͤber die mondbeschienene Gegend und in den weiten, gestirnten Himmel hinein. — Die Amme aber schien in großer Unruhe, die Schwei߬ tropfen standen auf ihrer Stirn. Siehst du noch im¬ mer nichts? fragte sie manchmal leise dazwischen. Aber nur ein Hund bellte aus dem fernen Dorf, dann war alles wieder still, die Graͤfin hielt den Athem an vor Erwartung. Auf einmal fuhren beide zusammen — ein fremder Mann, dicht im Mantel verhuͤllt, trat ploͤtzlich in der Ferne zwischen den Baͤumen hervor. Um Gotteswillen! rief die Amme und fluͤsterte noch etwas in der hoͤchsten Angst. Aber die Graͤfin, wie ein Falk in den Luͤften haͤngend, stuͤrzte mit unmensch¬ licher Lust schon auf ihre Beute. Der Fremde er¬ schrak heftig, erholte sich aber, da er ein Weib vor sich erblickte. Sie sah ihn groß an, sie kannte ihn nicht. Auf ihre Frage: wo er hin wolle, erwiederte er zoͤgernd und sichtbar verwirrt, er wolle der schoͤnen jungen Graͤfin ein Staͤndchen bringen. Der Wind schlug ein wenig seinen Mantel auf, da fiel es ihr seltsam auf's Herz, daß es ein franzoͤsischer Offizier, doch sagte sie nichts, aber ihre Blicke gingen scharf seitwaͤrts in die Dunkelheit, denn es war ihr, als hoͤrte sie etwas heimlich durch den Garten huschen und Pferde schnauben in der Ferne. — Kannst du mir die Fenster zeigen, wo sie schlaͤft? sagte der Fremde wie¬ der, und da sie ihm gefiel, umschlang er sie mit einem Arme. Die Graͤfin besann sich einen Augenblick. Warum nicht! sagte sie dann schnell, wenn ihr mir euren schoͤnen Ring gebt zum Lohne; aber euren Man¬ tel muͤßt ihr mir borgen, damit man mich nicht er¬ kennt. Der verliebte Offizier hing ihr selbst den Mantel um, und meinte dabei, ihre aufgeringelten Locken saͤhen wie Schlangen aus bei Nacht. Sie aber hatte schon ganz andere Gedanken, und als er eben den 9 Ring vom Finger zog, ergriff sie rasch ein Pistol, das er unter dem Rock auf der Brust trug, und stieß ihn damit ruͤcklings von der Rampe auf der sie standen. — Sie ist im Garten, greift die kleine Hexe! rief jetzt eine Stimme tiefer unten. Da druͤckte sie schnell ihr Pistol ab und: Herr Jesus! hoͤrte man unten die¬ selbe Stimme verhallen. Dann, sich in den Mantel wickelnd, rief sie hinab: „mir nach, sonst seid ihr alle verloren!“ „Aber es war alles schon zu spaͤt. Die Unsrigen, die unerwartet erfahren, daß der Graf es heimlich mit dem Feinde halte, hatten die dunkle Nacht benutzt, das Schloß ohne Geraͤusch beschlichen und den Grafen bereits gefangen in ihrer Mitte. Dieser nun, als er die Tochter an der Stimme erkannte, glaubte sich von seinem eigenen Kinde verrathen, in dieser Verblendung entriß er wuͤthend einem der Soldaten den Degen, um sie selbst zu richten. Sein Leben war ihm nichts gegen die Ehre und Freiheit; so ward ihm schnell die letzte zu Theil, indem die anderen Soldaten, da sie ihn nicht mehr aufhalten konnten, ihn von hinten mit vie¬ len Stichen durchbohrten. — Unterdeß aber war, wie die Graͤfin vorausgesehen, durch den Schuß alles mun¬ ter geworden. Gleichwie die Kraͤhen, wenn man Nachts in die Wipfel schießt, sich mit wildem Geschrei in die Luͤfte stuͤrzen, so brachen bewaffnete Jaͤger, Bediente und Bauern, die damals einen leisen Schlaf hatten, ploͤtzlich aus allen Thuͤren, Hecken und Mauer¬ ritzen hervor. Die Unsrigen, als sie sich so umge¬ ben sahen, folgten blindlings der Graͤfin, die sie in dem Offiziermantel fuͤr ihren Kapitain hielten. Sie wollte ihrem Vater, den sie noch im Schlosse glaubte, Zeit lassen sich zu retten, und fuͤhrte, immerfort win¬ kend, die verstoͤrten Soldaten bis in den aͤußeren Hof, wo sie dem wilden Haufen grade in die Haͤnde rann¬ ten. Da rangen sie, still und grimmig in der Dun¬ kelheit Mann gegen Mann, die einen ums Leben, die andern um den Leichnam ihres Herrn; die Graͤfin hatte unterdeß eine Meute grausamer Hunde losge¬ lassen, welche in der Verwirrung die Fliehenden zer¬ rissen, es war eine schreckliche Nacht. — Der Officier aber, den die Graͤfin durch den Pistolenschuß so still gemacht, war derselbe junge St. Val, der damals sie zu fangen geschworen, und sich nun vermessen zu dem gefaͤhrlichen Kommando gedraͤngt hatte. Er war aber nur verwundet und betaͤubt, und als er auf dem stil¬ len Platze einmal die Augen aufschlug, sah er wie im Traum zum erstenmal das Gesicht der Graͤfin zwischen den schwarzen, herabwallenden Locken beim Wieder¬ schein einer Fackel uͤber sich geneigt — er mußte die Augen wieder schließen, so furchtbar schoͤn war der Anblick.“ — Hier wurde der Lord ploͤtzlich von der Fuͤrstin unterbrochen, die schon waͤhrend der ganzen Erzaͤhlung 9 * eine seltsame Unruhe gezeigt und oͤfters aͤngstlich nach der Thuͤre gesehn hatte. Nein, das ist gar zu traurig vor dem Schlafengehen, rief sie mit einem bedeuten¬ den Blick auf den Fuͤrsten, und schien aufbrechen zn wollen. Dieser aber, ganz vertieft in die Geschichte, merkte nicht darauf; so blutigroth also war ihr Auf¬ gang — sagte er in Gedanken, und wollte durchaus noch das Ende wissen. Der Lord stutzte, da aber der Fuͤrst von neuem in ihn drang und die andern mit Blicken und Kopfnicken beistimmten, erzaͤhlte er ruhig wieder weiter: „Seit dieser Stunde — so fuhr mein Rittmeister fort — steht das Schloß wuͤst und verlassen, aber die wilde Graͤfin geht wie ein wunderbarer Spuk durchs Ge¬ birge. Oft nach naͤchtlichen Bivuaks, wenn die Sonne uͤber der praͤchtigen Gegend aufgeht, erscheint sie am Saume des Waldes zu Pferd im vollen Glanze der Schoͤnheit; da schwingt sich manch froͤhlicher Reiter auf, sie zu fangen, aber keiner von allen kehrte noch jemals wieder zuruͤck. — Seltsam! es ist ja doch nur ein Weib. Seht, ich habe mein Liebchen in Frank¬ reich, mir soll sie nur kommen, ich spuͤre eine rechte Lust, ihr einmal zu begegnen!“ — „Dem armen St. Val aber ging es am schlimm¬ sten. Das Bild der Graͤfin stand seit jener Nacht unaufhoͤrlich vor seiner Seele, der lustige Bursch wurde ganz schwermuͤthig, und eines Abends war er ploͤtzlich verschwunden, wir wußten lange nicht wohin er ge¬ kommen. Er aber war an diesem Abend, wie er da¬ mals oft zu thun pflegte, einsam in der Gegend her¬ umgeschweift. Da hoͤrte er wunderschoͤnen Klang in der Abendluft wie eine Kriegs-Musik aus der Ferne — man sagt, daß es in der Morgendaͤmmerung vor großen Schlachten so in den Luͤften musizirt — es waren die Guerilla's, die im Gebirge sangen. Die Klaͤnge verlockten ihn, er ging wie im Traume immer¬ fort, so kam er in den Wald, wo damals die Graͤfin hauste. Die Abendsonne leuchtete durch's Gebirge als staͤnde alles in Feuer, die Voͤgel sangen den funkeln¬ den Wald entlang, dazwischen hoͤrte er immerfort Stimmen bald da, bald dort, darunter eine wie ein Gloͤckchen bei Nacht, es klang ihm, als muͤßt' es die Graͤfin selber seyn. Ihm graute, und doch mußt' er der Stimme folgen. So war er schon lange gegan¬ gen, als er, ploͤtzlich um einen Felsen tretend, auf einem stillen Rasenplatz uͤber den Wipfeln eine weib¬ liche Gestalt, wie eingeschlummert sitzen sah, die Stirn uͤber beiden Armen auf die Kniee gesenkt, daß die herabgefallenen reichen Locken sie wie ein dunkler Schleier umgaben. Sie hielt ein Roß am Zuͤgel, das weidete ruhig neben ihr, von allen Seiten rauschten die Waͤlder herauf, sonst war's so still daneben, daß man die Quellen gehen hoͤrte. Und wie er noch so staunend stand in dieser Einsamkeit, erblickte er seit¬ waͤrts in der Ferne einen Offizier von der deutschen Legion, der unten zwischen dem Gebuͤsch seine Buͤchse angelegt hatte, er wußte nicht, ob er auf ihn oder die Schlummernde ziele, und machte erschrocken eine heftige Bewegung. Da schuͤttelte die Schlafende die Locken aus den Augen und richtete sich, in der Abend¬ glut mit den Steinen ihres Guͤrtels leuchtend, ploͤtzlich auf. Der Deutsche, wie geblendet, ließ seine Buͤchse sinken und verschwand zwischen den Baͤumen; St. Val aber erkannte mit Schauern die Graͤfin, denn ihm fiel die Soldaten-Sage ein, daß es jedem den Tod bedeute, der sie unversehens im Walde erblickt. — Die Graͤfin aber sah scharf nach allen Seiten, dann ihn durchdringend an. Ihr seid sehr vorwitzig, sagte sie darauf, doch es wird schon spaͤt, ich bin so muͤde und verirrt, zeigt mir den Weg aus dem Walde. Da fiel es St. Val ploͤtzlich auf's Herz; er wußte, daß die Franzosen den Wald umzingelt hatten und in welcher Gefahr sie war, er wollte sie retten, es koste was es wolle, und dann noch diese Nacht zu seinem Regiment zuruͤck und sich zu anderen Truppen versetzen lassen, weit von diesen Waͤldern. — Waͤhrend diese Gedanken verworren durch seine Seele gingen, hatte sie schon ihr Pferd gezaͤumt; sie befahl ihm unterdeß zu satteln und lachte ihn aus, als er damit nicht zu¬ recht kommen konnte, dann schwang sie sich hinauf, er mußte das Pferd am Zuͤgel fuͤhren. Sie saß seit¬ waͤrts auf einem Frauensattel, auf ihrem Arm uͤber den Hals des Pferdes gelehnt, und plauderte im Wal¬ desgruͤn unbekuͤmmert wie ein Kind in ihrer schoͤnen melodischen Sprache, daß es St. Val war, als hoͤrte er die ferne Musik wieder in der stillen Abendluft, die ihn vorhin verlockt hatte. — Auf einmal richtete sie sich lauschend auf, man hoͤrte franzoͤsisch sprechen dicht unter ihnen. Sie lenkte vorsichtig hin nach den Stim¬ men, und durch das Gebuͤsch sahen sie einen Trupp Reiter in ihren weißen Maͤnteln, die in der Dunkel¬ heit leuchteten, langsam voruͤberziehen — nur ein Laut von St. Val, und die Graͤfin war verloren. — Sie aber schaute mit kuͤhner Lust hinab, wie man Nachts in ein Gewitter sieht, dann, ploͤtzlich sich selbst unter¬ brechend, streckte sie den Fuß gegen St. Val: er sollt' ihr das Schuhband binden, und laͤchelte spoͤttisch, da er's that.“ — „Von diesem Augenblick war er ganz in ihrer Macht. Sie sagte: sie haͤtte ihn nur versuchen wol¬ len, ob er's ehrlich meine, sie wisse den Weg besser als er, sie wolle ihn heimfuͤhren. Mit diesen Wor¬ ten lenkte sie rasch herum, und in den Kluͤften bald hernieder bald wieder aufwaͤrts, an schwindelnden Ab¬ gruͤnden voruͤber, ging es immer tiefer in die Nacht und die Waͤlder hinein — er konnte kaum folgen durch das Gestruͤpp wie ein getreuer Hund, und als sie endlich unerwartet in's Freie kamen, sah der Ent¬ setzte eine Guerillabande vor sich im Waldgrund gela¬ gert. Unzaͤhlige Roͤhre, da sie die franzoͤsische Uni¬ form erkannten, waren ploͤtzlich auf ihn gerichtet, aber ein zorniger Blick der Graͤfin baͤndigte alle; die grim¬ migen Bestien, ihre schwarzen Maͤhnen schuͤttelnd, zo¬ gen sich knurrend zuruͤck und waͤrmten wieder ihre Tatzen an den Wachtfeuern. Nun bemerkte St. Val mit Erstaunen, wie diese wilden Maͤnner die Graͤfin, gleich einer Koͤnigin, verehrten und bedienten. Ein junger Bursch hob sie aus dem Sattel, einige breite¬ ten einen bunten Teppich uͤber den Rasen, waͤhrend andere rasch ein lustiges Zelt daruͤber aufschlugen, dann war auf einmal alles wieder still und feierlich. Unter¬ deß war auch der Mond aufgegangen und beleuchtete die Waͤlder. Die Graͤfin saß unter ihrem Zelt und spielte auf einer Zitter, St. Val lag gedankenvoll zu ihren Fuͤßen, ihm war noch nie so himmlisch wohl ge¬ wesen. — Es war eine von den praͤchtigen Sommer¬ naͤchten jenes Landes, die alles wunderbar in Traum verwandeln. Die Graͤfin hatte sich bald mit einem Theil der Bande wieder entfernt, nur wenige bewaff¬ nete Bauern bewachten den Gefangenen, die Luft kam von der Ebene und wehte Wohlgeruͤche aus den bluͤ¬ henden Gaͤrten herauf, die unter den Bergen lagen. Da hoͤrte St. Val die Trompeten seines Regiments durch die weite Stille heruͤberklingen, sie bliesen ein froͤhliches Reiterlied aus der alten guten Zeit. Das wandte ihm das Herz, er war wieder ganz Franzose, der die Ehre uͤber alles stellt. Er merkte gar wohl an der geheimnißvollen Geschaͤftigkeit der Abenteurer, daß sie einen Hauptstreich vorhatten, da war kein Augenblick zu verlieren. So, in hoͤchster Angst vor dem Zelt sitzend und umherspaͤhend, sann er eben, heim¬ lich zu entfliehen und die Seinigen zu warnen, als auf einmal die ganze Bande mit Windlichtern wieder aus dem Walde zuruͤckkehrte. Die Graͤfin, mitten unter ihnen, tritt rasch hervor und, zwischen den schwei¬ fenden Lichtern mit den losgegangenen Locken wieder uͤber ihn geneigt, wie in jener Nacht am Schloß, blickt sie ihn streng an in ihrer ganzen furchtbaren Schoͤnheit. Da springt er auf, entreißt einem Bauer die Fackel und, ganz verblendet und verwirrt, fuͤhrt er selber den Haufen zum Ueberfall gegen seine Lands¬ leute! — So, rasch und schweigend gehen sie durch den stillen Wald —“ Kaum hatte der Rittmeister diese Worte ausge¬ sprochen, als ploͤtzlich ein Schuß hinter uns fiel, und bald ein zweiter und noch einer. Teufel! da ist St. Val! schrie der Rittmeister aufspringend, und ich er¬ blickte in einem Erker des Schlosses einen schoͤnen jungen Mann, todtbleich beim Fackelschein, ohne Hut in einer halbzerrissenen franzoͤsischen Uniform, hinter ihm im rothen Widerschein der Windlichter, der selt¬ sam uͤber die verguͤldeten Waͤnde der Saͤle schweifte, wurden wilde, trotzige Gestalten mit Dolchen und lan¬ gen Vogelflinten sichtbar, wie sie der Rittmeister vor¬ hin beschrieben. Sie schossen aus allen Fenstern auf uns, und mancher Franzose sank in's Gras, eh sich unser Haͤuflein nur besinnen konnte. Unterdeß hatte sich das Geruͤcht verbreitet, die wilde Graͤfin sey im Schlosse; der Rittmeister verlor keinen Augenblick den Kopf, er traute mir nicht mehr in solcher Gefahr und ließ mich tiefer in den Wald zuruͤckbringen, dann erbrachen sie mit gewaltiger Anstrengung Thor und Riegel und drangen in die Burg hinein. Der erste, der ihnen dort begegnete, war St. Val, er focht wie ein Rasender und stuͤrzte sich zuletzt in wildem Wahn¬ sinn selbst in die franzoͤsischen Klingen. Ueber seinen Leichnam nun ging der Kampf von Treppe zu Treppe entsetzlich durch alle Gaͤnge. Die Franzosen waren kriegsgewandter und zahlreicher, als ihre Gegner, die Graͤfin und die Ihrigen wurden immer hoͤher hinaufgetrieben — es war keine Rettung mehr fuͤr sie. Da schlug ploͤtzlich aus dem einen Fen¬ ster ein heller Schein hervor, dann wieder aus einem andern, immer mehr roͤthliche Flammen zuͤngelten schnell an allen Ecken auf, der Sturm faßte die wach¬ senden Lohen und wildkuͤhn kletterte das Feuer an den Gebaͤlken empor, wie ein praͤchtiges Laubgewinde in der Nacht, mitten in der Glut sah man die dunklen Gestalten noch ringen. In dieser Noth erblickte der Rittmeister auf einmal die Graͤfin hoch uͤber sich wie den Todesengel zwischen den Flammen. Ihm vergin¬ gen die Sinne bei dem Anblick, er vergaß Heimath, Liebchen und Ruhm, er wollte nur sie retten oder ster¬ ben. Vergebens riefen ihm die Seinigen nach, er hoͤrte nicht mehr und drang verblendet die brennende Treppe hinan, unter sich in der wilden Beleuchtung sah er den Garten, die Schluͤfte und den Strom, der wie eine gluͤhende Schlange an dem Schlosse voruͤber¬ schoß — schon langte er nach ihr, sie zu umschlingen und hinabzutragen, da stieß sie ihn maͤchtig von der Zinne hinab, daß die Flammen wie fliegende Fahnen den braven Soldaten bedeckten. Bald darauf stuͤrzte der ganze Bau donnernd uͤber Freund und Feind zusammen — man hat seitdem die Graͤfin nicht wieder gesehen. Alles schwieg, als der Lord endigte, nur der Ba¬ ron, der waͤhrend der Erzaͤhlung eingeschlummert war, fuhr auf seinem Stuhle erschrocken auf uͤber die ploͤtz¬ liche Stille. — Nun — und weiter? sagte endlich der Fuͤrst ganz zerstreut. — Der Lord sah ihn verwundert an. Was wollen Sie noch weiter in der spanischen Nacht, nachdem dieser schoͤne Stern gesunken? Das Andere lohnt nicht mehr: da der Rittmeister todt war, ergriffen die wenigen, noch uͤbrig gebliebenen Franzo¬ sen voll Entsetzen die Flucht, auch meine Waͤchter wa¬ ren verschwunden. Ich eilte nun in der neuen Frei¬ heit sogleich zum Schloß, um die Graͤfin, von der ich so viel gehoͤrt, wo moͤglich mit eigenen Augen zu schauen — es war zu spaͤt. — Als ich aber an die Brandstaͤtte kam, da war's, als wuͤchsen dunkle Rei¬ tergestalten aus dem feurigen Boden, die wuͤhlten mit ihren Degen in den Truͤmmern, daß uͤberall blaue Flaͤmmchen aufschlugen. Sie ist mitverbrannt, hoͤrt' ich einen von ihnen sagen. — So war denn alles nur ein praͤchtiger Traum! rief ein Anderer schmerzlich aus; dann stuͤrzten sie in den Wald, den Fluͤchtlingen nach. — Spaͤter hoͤrte ich, daß die schwarzen Gesellen von der englisch-deutschen Legion gewesen, welche das Schloß hatten entsetzen wollen. Und sahen Sie den Offizier nicht, der sie an¬ fuͤhrte? fragte der Fuͤrst wieder. — Ich erblickte ihn nur fern und fluͤchtig in der wilden Nacht, erwiederte der Lord, bei meinem Regiment aber nannten sie nach¬ her einen deutschen Grafen: Victor von Hohenstein. — Nun wahrhaftig, ihr werdet uns am Ende gar noch uͤberreden wollen, daß die Novelle wahr ist, sagte hier die Fuͤrstin, indem sie sich erhob und das Signal zum allgemeinen Aufbruch gab. Man vermißte jetzt erst die Graͤfin Juanna. Der Baron sagte, sie pro¬ menire schon seit laͤnger als einer Stunde mit seiner Tochter durch alle Winkel des Schlosses und sey da¬ durch um die ganze spanische Reitergeschichte gekom¬ men. Er ergriff nun eine seidene Klingelschnur und zog erst gelassen, dann immer heftiger, aber der Draht war durch den langen Nichtgebrauch verrostet, es wollte durchaus nicht klingen, bis er endlich ganz zornig zur Thuͤr hinausschrie. Mehrere Bedienten, in alten, verschossenen Livreien stuͤrzten herein, und setzten sich mit massiven Armleuchtern an die Spitze des Zu¬ ges, den der Baron, die Fuͤrstin an den Fingerspitzen haltend, feierlich eroͤffnete, in der Perspective erblickte man durch die offenen Fluͤgelthuͤren ein maͤchtiges Himmelbett mit schwerseidenen Gardinen und einem Federbusch daruͤber. Nun verliefen sich auch die an¬ dern mit ihren Lichtern auf den verwirrten Gaͤngen; es sah von draußen aus, wie ein verbranntes Blatt Papier, wo die Funken geschaͤftig durcheinander irren, bis endlich der letzte ploͤtzlich verlischt. Und als nun alles ruhig geworden im ganzen Hause, stand der Fuͤrst noch immer allein mit dem Lord am offenen Fenster eines dunklen Saals und konnte nicht aufhoͤren, ihn uͤber die erzaͤhlte Begeben¬ heit immer genauer auszufragen. Das Gewitter drau¬ ßen war voruͤber, es blitzte nur noch von fern, ein¬ zelne zerrissene Wolken flogen eilig uͤber den stillen Hof. Da fuhr ploͤtzlich der Lord auf: Seht da, wahr¬ haftig die wilde Graͤfin! — der Mond war auf ein¬ mal zwischen den Wolken hervorgetreten und beleuch¬ tete fluͤchtig Juanna, die jenseits noch auf dem Bal¬ kon stand. — Der Fuͤrst aber schloß schnell das Fen¬ ster. Still, still, sagte er zu dem erstaunten Lord, der diesen Ausruf nur so gedankenlos hingeworfen, ver¬ rathet es niemand, daß Ihr sie kennt. — Eilftes Kapitel . Ein praͤchtiges Schloß uͤber schimmernden Fernen, ein bunter, fuͤrstlicher Hofhalt, Komoͤdianten und ein Liebchen im Gruͤn — was Wunder, daß Otto' s froͤh¬ liches Studentenherz wie eine Lerche singend uͤber dem phantastischen Herbstschmuck der Waͤlder hing! — Auch Fortunat verschob seine Abreise von einem Tag zum andern, die geheimnißvolle Aufmerksamkeit, womit man ihn hier unbegreiflicherweise auszeichnete, wurde immer auffallender. Er glich einem Fremden, der auf der Durchreise, bevor der Postillon wieder blies, sich auf einige Minuten im Theater an einen Pfeiler gelehnt und nun auf einmal gewahr wird, daß droben auf den Brettern von ihm selber die Rede sey und alle Blicke sich unheimlich auf ihn heften. Das Raͤthsel, meinte er, muͤsse jeden Augenblick sich loͤsen, er wollte wenigstens den ersten Akt noch abwarten. Am wunderlichsten aber war es Dryandern ergangen. Sein Dichterruf oͤffnete ihm alle Fluͤgelthuͤ¬ ren des Schlosses, da hatte ihn aber der Hofwind so wacker gefaßt, daß er bald den Hut sammt dem Kopfe daruͤber verloren haͤtte. Die unverschaͤmte Art, mit der er sich selbst vergoͤtterte, sein Witz und poetisches Wetterleuchten dazwischen, blendete, verwirrte und be¬ lebte alles, und eh' man sich dessen versah, hatte der Fuͤrst ihn bei Hofe angestellt; die Schauspieler mein¬ ten: als lustigen Rath. Er selbst aber nahm die Sache sehr ernst, hielt einen Bedienten, mit dem er sich taͤglich zankte, kleidete sich sorgfaͤltig nach der neue¬ sten Mode, sprach nur franzoͤsisch zu den Komoͤdian¬ ten, die es nicht verstanden, und wies Lothario's Ge¬ laͤchter mit gruͤndlicher Verachtung zuruͤck. Waͤhrenddeß hatte auch der junge, schoͤne Maler Guido sich immermehr in Kordelchens feingeschlitzte Augen vertieft, und entdeckte in dem muthwilligen Maͤdchen taͤglich neue, unerhoͤrte, nur von der Gemein¬ heit ihrer Umgebung verschuͤttete Talente, von denen sie selber nichts wisse. Strotzend von guten Vor¬ saͤtzen, voll Selbstvertrauens und jugendlichen Glau¬ bens an Tugend und Liebe, ging er muthig darauf los, sie aus ihrer Verwilderung mit sich emporzufluͤgeln. — Eines Nachmittags saßen beide zusammen in dem alt¬ modischen Ziergarten, der die Wohnung der Schau¬ spieler umgab. Sie strickte einen Strumpf, er las ihr Goethe's Tasso vor. Zwischen den gruͤnen Taxuswaͤn¬ den schillerten von fern die reichen Thaͤler herauf, bunte Schmetterlinge flatterten auf den halbverwilder¬ ten Blumenbeeten; die feierliche Pracht der Gaͤnge, die Hermen roͤmischer Dichter, die in der Einsamkeit umherstanden, weiterhin uͤber den Buchenwipfeln das heitere fuͤrstliche Schloß — alles versetzte ihn recht mitten in das schoͤne Gedicht, er las sich immer mehr in's Feuer. — Wie schoͤn sie ist! rief da auf einmal Kordelchen fast traurig aus. Guido glaubte: die Prin¬ zessin im Stuͤck. Kordelchen aber meinte die Graͤfin Juanna, die so eben, eine Laute im Arm, durch den oberen Schloßgarten ging. Er sah ihr selber nach, bis sie zwischen den Orangenbaͤumen wieder verschwun¬ den war, dann fuhr er, etwas gestoͤrt, weiter fort. Aber seine Schuͤlerin war heute ganz zerstreut. Haben Sie gestern, Abends, Lothario'n droben gesehen? unter¬ brach sie ihn von neuem? ich glaube, er wollte ein Staͤndchen bringen. — Guido wollte aus der Haut fahren, er nickte ihr nur fluͤchtig zu, er war eben an einer Lieblingsstelle und deklamirte so eifrig fort, daß ihm die Stirn davon roth wurde. Als er aber ein¬ mal uͤber das Buch hinwegsah, hatte Kordelchen gar ihr Strickzeug weggelegt und den ganzen Schooß voll Sternblumen. — Sie liebt ihn — sie liebt ihn nicht — sagte sie leise in Gedanken vor sich hin, eine Blume nach der andern zerpfluͤckend. — Guido stand auf, klappte das Buch heftig zu und schob es in die Ta¬ sche, seine begeisterten Augen leuchteten im Zorne so schoͤn unter den herabwallenden braunen Locken. Du naͤrrischer Junge! rief Kordelchen, ihn mit einem herz¬ haften Kuß festhaltend. Da wanderte eben Otto vor¬ uͤber, und warf ihr einen veraͤchtlichen Blick zu. Sie warf ihm dagegen lachend alle ihre Blumen nach, und sprang dann selber schnell in den Garten fort. Unguͤnstigeres aber haͤtte Otto'n in diesem Augen¬ blick nicht begegnen koͤnnen, als der unerwartete An¬ blick dieser Vertraulichkeit. Denn er ging so eben, das Manuscript eines Trauerspiels unter dem Arme, mit klopfendem Herzen nach dem alten Palast der Schauspieler, um es ihnen Behufs einer zu verhoffen¬ den Darstellung vorzulesen. — Er fand Herrn Sorti und die uͤbrigen Stimmfuͤhrer der Gesellschaft bereits vor dem Hause in einer Wolke von Tabacksrauch zwi¬ schen hohen Bierglaͤsern um einen runden Tisch ver¬ sammelt. Zerstreut und in Gedanken noch halb bei Kordelchen, begann er mit unsicherer, fast schuͤchterner Stimme die Vorlesung. Doch bald faßte ihn der rasche Strom der eigenen Dichtung, heiter glitt er an den duftigen Gestaden, Rebengelaͤndern und Burgen hinab, und das stille Gluͤck der Stunden, ja die Ge¬ genden und Plaͤtze, wo er damals gedichtet, wehten ihn wieder erfrischend an. So las er immer schoͤner und maͤchtiger, und bemerkte nicht, wie die Gesichter 10 seiner Zuhoͤrer nach und nach immer laͤnger wurden, dort einer heimlich durch die Nase gaͤhnte, da ein an¬ derer mit vornehmem Laͤcheln unverwandt sein Bierglas ansah. Und als er endlich schloß, erfolgte eine allge¬ meine Stille, daß man das Laub im Baume sich be¬ wegen hoͤrte — ein Zustand, wobei einem jungen Au¬ tor die Gedanken ploͤtzlich zu Eiszapfen gefrieren koͤnnen. Schoͤn — recht poetisch, nahm endlich Sorti das Wort, aber auffuͤhren — Keine Drucker, platzte Ru¬ precht heraus. — Zuviel Verwandlungen, meinte ein anderer — Kein einziger brillanter Abgang. — Aber was hat denn alle das Teufelszeug mit meinem Ge¬ dicht zu schaffen? fragte der erstaunte Otto in seiner poetischen Unschuld. — Wird sich schon geben, mein Liebster, entgegnete Sorti gelassen, wird sich nach und nach schon geben mit der zunehmenden Buͤhnenkennt¬ niß. — Nun steckten alle die Nasen in das Heft, und ein jeder fing an, nach seiner Art daran zu maͤkeln. Der Dialog war zu phantastisch, er sollte noch ein¬ mal uͤberarbeitet, herabgestimmt und natuͤrlicher ge¬ macht werden. Der Held dagegen erschien allen zu einfach, die Dame gar zu verliebt. — Da hielt sich Otto nicht laͤnger, diese Maͤdchengestalt war ihm ge¬ rade die schoͤnste, er hatte sich, wie es jungen Dich¬ tern wohl begegnet, nach und nach im Schreiben sel¬ ber in sie verliebt. — Das Lieblichste, rief er aus, das Heimlichste, Wahrste und Beste, was ich wußte, hab' ich gegeben, und nicht einen Buchstaben aͤndere ich an dem ganzen Stuͤck! — Hiermit schleuderte er das Manuscript zornig auf den Tisch und ging rasch in den Garten fort, und es war ihm in einiger Ent¬ fernung, als hoͤrte er die Schauspieler hinter sich lachen. In diesem heftig bewegten Zustande begegnete er Lothario'n, der ihm sehr bald die ganze Geschichte abgefragt hatte und darauf in ein tolles Gelaͤchter ausbrach. Darf man erfahren, woruͤber Sie lachen? fragte Otto empfindlich. Weil Sie, erwiederte Lotha¬ rio, durch diese gluͤckliche Begebenheit hoffentlich auf den naͤchsten Weg gerathen sind, sich der theatralischen Flausen gaͤnzlich zu entschlagen. Otto sah ihn ver¬ wundert an. Aber Lothario ließ sich nicht irre ma¬ chen. Ueberlegt doch nur selbst, fuhr er fort, was wollen sie denn eigentlich! Ein großer, starker Kerl, der ploͤtzlich herausstuͤrzt und recitativisch schreit: ich fuͤrcht' mich vor dem Tode nicht! ein Posaunenstoß oder ein Paar Striche uͤber die große Baßgeige dazu — das ist ein Held. Ein zimperlich Ding, etwas verliebt und etwas tugendhaft und sehr geschnuͤrt, das in Jamben spricht und mit den Logen kokettirt — das ist eine Jungfrau. Ein Korb voll Kaldaunen, der nach Tische zur Verdauung Poesie treibt und in Romeo und Julie eines gemalten Pomeranzenbaums bedarf, um sich nach Italien zu versetzen: das ist das 10* Publikum. — Und dennoch, erwiederte Otto nach einer kurzen Pause, wenn alle so daͤchten, so muͤßte die dramatische Poesie in der Luft spielen und die Buͤhne zu Grunde gehen. — Ja, das hoff' ich auch! sagte Lothario, die Dichter muͤssen nur nicht nachgeben, son¬ dern die Theater poetisch aushungern, sie an ihrer eige¬ nen Misere und Langweiligkeit allmaͤhlig verschmach¬ etn lassen und unterdeß draußen frisch und keck die Welt auf ihre eigne Hand dramatisiren. Das Publi¬ kum ist so dumm gerade nicht, wie es aussieht. Ist es erst im Buch an die urspruͤngliche Schoͤnheit wie¬ der gewoͤhnt, so wird es auch die Buͤhnen schon zwin¬ gen, sich zu accommodiren. Aus der alten guten Poesie kann sich ein neues Theater bilden, nimmer¬ mehr aber eine neue Poesie aus den kranken Geluͤsten des Publikums und der Pedanterei der Theatermaschi¬ nisten. Und uͤberhaupt, junger Mensch, fuhr er fort, wollt Ihr ein Dichter werden — und ich meine, Ihr habt die ungluͤckliche Disposition dazu — so muͤßt Ihr Euch ein fuͤr allemal daran gewoͤhnen, fuͤr die Hand¬ voll Gescheuter im Lande zu dichten und nach den andern nicht zu fragen. Vor allem aber muͤßt Ihr Euch hier von uns Komoͤdianten und Frauenzimmern losmachen, denn wer sich so in der Rumpelkammer des Lebens herumtreibt, dem fliegen die Fledermaͤuse an den Kopf, und es waͤre Schade um Euer weiches Flachshaar. Otto zuͤrnte wie ein Maͤdchen. Lothario aber, in seinem kuͤhnen Wesen, griff wie ein eisiger Morgen¬ wind durch alle Saiten seiner wunden Seele. Auch hatte es Otto ja mit eigenen Augen gesehen: Kordel¬ chen war treulos, das Brettergeruͤst seines getraͤumten Buͤhnenruhms zertruͤmmert, er kam sich nach den heu¬ tigen Erfahrungen nun selbst hier kahl und erbaͤrmlich vor. Und so geschah es, daß er, ehe sie noch das Ende des Gartens erreichten, dem harten Freunde mit dem Ungestuͤm eines frischen Entschlusses die Hand darauf gab, sogleich weiter zu reisen, um ungestoͤrt und mit strengem Ernste ganz der Dichtkunst zu leben. — Nun fehlte es aber wieder am noͤthigen Reisegeld zur Ausfuͤhrung eines so loͤblichen Vorsatzes. — Lo¬ thario machte bei dieser Bemerkung eine lebhafte Be¬ wegung und schien einen raschen Vorschlag auf dem Herzen zu haben, schwieg aber ploͤtzlich. — Da stan¬ den sie so eben vor Dryanders Thuͤr. Halt! sagte er, hier wohnt Fortuna's Hofnarr, da wollen wir anklo¬ pfen, kommen Sie nur geschwind. Mit diesen Worten draͤngte er den Zoͤgernden in das Haus hinein. Ein Bedienter empfing sie in der Vorstube und wollte anmelden. Der Schauspieler schob ihn aber laͤchelnd zur Seite und trat ohne wei¬ teres in das Zimmer. Hier war durch tief herabhaͤn¬ gende, gruͤnseidene Gardinen ein kuͤnstliches Halblicht verbreitet, ein zierlicher, bronzener Opferaltar auf dem Mahagonitisch erfuͤllte das Gemach mit Wohlgeruͤchen, Dryander selbst, in einem feinperkalenen Neglig é e, ruhte mit einem Papier in der Hand nachlaͤssig auf einer Ottomane. Er blinzelte die Eintretenden vor¬ nehm an, als koͤnnte er sie nicht gleich erkennen, fal¬ tete und versiegelte erst den Brief und klingelte nach dem Bedienten: an Se. Durchlaucht, aber sogleich. — Dann sprang er auf und noͤthigte die Gaͤste verbind¬ lich auf das Sopha. — Lothario, als sie sich feierlich niedergelassen, druͤckte mit devoter Stimme ihre lang¬ verhaltene Freude uͤber seinen sehr ergoͤtzlichen Gluͤcks¬ wechsel aus. Mich hat es nicht im geringsten uͤber¬ rascht, verehrter Hofrath, sagte er, du strebtest von jeher oben hinaus: keine Dachstube war dir zu hoch, du hattest schon damals immer die besten Aussichten. — Dryander, hofmaͤnnisch uͤberhoͤrend, wandte sich, ohne darauf zu antworten, zu Otto, ihn seiner besonderen Theilnahme an seinem schoͤnen Talent versichernd, doch muͤsse er ihm als Freund rathen, seinen Umgang sorgfaͤl¬ tiger zu waͤhlen. — Eben darum, unterbrach ihn Lothario, hat dieser junge Mann einen festen Entschluß gefaßt. Du hast gestern dein Gehalt bezogen und brauchst es nicht; wir wollten daher gehorsamst bitten, ob du viel¬ leicht die Guͤte haben moͤchtest, ihm unter die Arme zu greifen — ein kleines Darlehn — auf kurze Frist — er will nach Italien. — Nach Italien? rief Dryan¬ der aus, in das goͤttliche Land — Ja, wo, nach Goͤ¬ the, die Citronen bluͤhn, fiel Lothario ein. — Meine Verbindungen hier bei Hofe, ich kann Ihnen vielleicht nuͤtzlich seyn, fuhr Dryander fort, auch kenne ich meh¬ rere Personen von Rang in Rom, Neapel, mein Freund der Duca — Degli Lazzaroni, meinte Lotha¬ rio, eine alte Familie, ich glaube, ihr seyd verwandt. — Otto stand hochroth und entruͤstet auf. — Ich be¬ daure nur, sagte Dryander, gleichfalls aufbrechend, daß in diesem Augenblick dringende Amtsgeschaͤfte — es wird mir aber sehr erfreulich seyn, Sie vor Ihrer Abreise — Allerliebster Hofrath! rief hier ploͤtzlich Lo¬ thario, seine Hand fassend: jetzt tanz' noch eine Me¬ nuett mit mir. — Dryander maß ihn mit veraͤchtli¬ chen Blicken. — Oder soll ich dich morgen vor dem ganzen Hofe auffordern? Du kennst ja meine Ku¬ chenreuter, sagte Lothario. — Der Hofrath wollte hastig klingeln. — Tanz' — wiederholte Lothario war¬ nend. — Da stellte sich Dryander mit teuflischem Laͤ¬ cheln in Positur, Lothario sang vergnuͤgt die Menuett à la Vigano , so fuͤhrten sie auf dem bunten Teppich grazioͤs mehrere Touren aus, und es war wunderlich anzusehen, wie Dryander seinen Gegner mit den Augen erstechen wollte, so oft sie feierlich an einander vor¬ uͤberschwebten. Dann geleitete ihn Lothario an den Fingerspitzen bis zum Sopha, machte eine tiefe Ver¬ beugung und entfernte sich mit dem verlegenen Otto, der gar nicht wußte, wie ihm geschehen. Das war eine gesunde Motion — sagte Lothario lachend — als sie draußen waren — aber Mensch, sehen Sie nicht so truͤbe aus! Schreiben Sie noch heut nach Hohenstein um Geld, treu, klar und auf¬ richtig; Sie kriegen des Plunders genug; wer ehrlich will, was er soll, der kann auch, was er will! — Mit diesen Worten wandte er sich wieder in den Gar¬ ten. Otto stand noch lange zweifelnd still, dann aber eilte er auf sein einsames Stuͤbchen, um sogleich den guten Rath zu befolgen. — Als er oben am offenen Fenster saß, tanzte schon das Abendgold durch das Weinlaub so lustig uͤber das reine Blatt vor ihm. Er stand oft im Schreiben auf und lehnte sich zum Fen¬ ster hinaus. Die Abendsonne beschien draußen die herbstliche Gegend, die Wandervoͤgel zogen uͤber das Haus fort, seine ganze Seele war voll froͤhlicher Ver¬ heißung und zog mit ihnen in die schoͤne, wunderbare Ferne hinaus. Waͤhrenddeß kehrte unten der Fuͤrst mit mehreren Begleitern von einem Ausfluge heim. Sie ritten zwi¬ schen den einsamen Felsenwaͤnden den kuͤhlen Strom entlang, die Waͤlder gluͤhten im buntfarbigen Herbst¬ schmuck. Da erblickten sie hoch uͤber sich auf einem uͤberhangenden Felsen die Graͤfin Juanna, unter wil¬ den Waldblumen nach dem Strome hinabgebeugt, daß die dunklen Locken Stirn und Wangen bedeckten. — Lureley! — sagte der Fuͤrst wie in Gedanken zu sei¬ nen Begleitern, die geblendet hinaufschauten. — Aber er selber war schon in ihrem Bann, und als sie am Schlosse angekommen, hatte er sich unbe¬ merkt entfernt und stieg allein hastig und verwirrt durch die schoͤne Einsamkeit hinauf. Er kannte von seinen Jagden den wenig betretenen Fußsteig zur Hoͤh', Juanna fuhr erschrocken auf, als er so eben ploͤtzlich durch das Gebuͤsch brach und neben ihr auf die Knie sank, ihre Hand mit gluͤhenden Kuͤssen bedeckend. Sie schwieg und sah ihn lange durchdringend an. Still, still — sagte sie dann, hier kann man uns vom Schloß aus sehen. — Hiermit ergriff sie seine Hand und fuͤhrte ihn rasch durch die Hecken, uͤber schmale Felsruͤcken an jaͤhen Abgruͤnden vorbei. Durch seine Seele gingen wechselnd Furcht und Hoffnung, wie die Schatten im Walde. Wo wandern wir hin? fragte er endlich betroffen, denn die gruͤnen Plaͤtze kamen ihm so bekannt vor, das Abendroth spielte, wie die alte schoͤne Zeit, daruͤber. So traten sie auf einmal zwi¬ schen den Baͤumen heraus und erblickten unter einzel¬ nen Tannen ein kleines Haus mit einem stillen, zierli¬ chen Gaͤrtchen davor. — Der Fuͤrst draͤngte erschrocken weiter. Hier wollen wir ausruhen, sagte Juanna, ihn festhaltend. Er schaute nun unverwandt hinuͤber, wie in einen Traum. Eine alte, blinde Frau saß in der Abendsonne vor der Thuͤr, ein schoͤnes bleiches Maͤd¬ chen ging singend vor ihr im Garten auf und nieder. Da erblickte sie auf einmal den Fuͤrsten, und floh wie ein erschrecktes Kind zu der Mutter und setzte sich zu ihren Fuͤßen in's Gras. — Was hast du denn? fragte die Blinde. Das Maͤdchen sagte: es gehe ein Engel im Abendscheine durch den Wald, ein anderer stehe neben ihm, der werfe einen langen Schatten weit uͤber den Wald und die Thaͤler, ach es dunkelt schon, und er kommt noch immer nicht wieder! — Sie druͤckte ihr Gesicht in den Schooß der Mutter und weinte bitterlich. Der Fuͤrst wandte sich ab. Es war das Jaͤger¬ maͤdchen, das er so oft in fruͤheren Jahren heimlich besucht. Ihr Herz war gebrochen, da sie in ihrem Liebsten den Fuͤrsten erkannt, nun war sie lange wahn¬ sinnig, er hatte sie fast vergessen. — Die Abendgluth blickte noch einmal durch den Wald herauf, daß die Gegend ploͤtzlich ganz fremd und wie verwandelt er¬ schien, Juanna's Augen funkelten beinah toͤdtlich, er hielt sie nicht laͤnger aus, und floh tief erschuͤttert von dem entsetzlichen Ort. Sie aber war unterdeß in das Gaͤrtchen getreten und sprach trostreich zu der Blinden und ihrem armen Kind, und warf ihr, ehe sie weiterging, einige Gold¬ stuͤcke in den Schooß. Da betete die Alte still vor sich, denn nun glaubte sie's selbst auch, daß in der Abendstille ein Engel an ihrem Hause voruͤbergegan¬ gen. — Waͤhrenddeß stieg der Maler Albert, bis an die Zaͤhne bewaffnet, still und ernst den Waldberg hinan. Er hatte vorhin die Graͤfin auf dem Felsen, dann den Fuͤrsten heimlich hinaufschleichen gesehen und in seiner Tugendhaftigkeit sogleich beschlossen, mit Gut und Blut die Unschuld zu beschuͤtzen. Die Nacht war schon hereingebrochen, die ganze Gegend stand wie in Gedanken im Mondglanz umher, und als Juanna wieder im Schloß an ihrem Fenster stand, hoͤrte sie unter sich den Strom aufrauschen, wie von Ruder¬ schlaͤgen. Es war Lothario, der unten auf einem Na¬ chen voruͤberfuhr und sang, sie konnte durch den Nacht¬ wind nur folgende Worte verstehen: Wetterleuchten fern im Dunkeln, Wunderbar die Berge stehn, Nur die Baͤche manchmal funkeln, Die im Grund verworren gehn, Und ich schaue froherschrocken Wie in eines Traumes Pracht — Schuͤttle nur die dunklen Locken, Deine Augen sind die Nacht! Der Nachtwaͤchter unter den Fenstern aber schuͤt¬ telte den Kopf und sah zu seiner Verwunderung auf dem Felsen druͤben eine lange Gestalt, auf ihr Schwert gestuͤtzt, die halbe Nacht hindurch gleich einer verlornen Schildwacht stehen. Zwölftes Kapitel . Es kann ein Mensch lange Zeit in den besten Grundsaͤtzen wie ein Schneemann eingefroren sitzen, aber die lustigen Fruͤhlingsbaͤche unterwaschen schon heimlich plaudernd und neckend den Sitz unter ihm — ein Laut, der leise Flug eines Vogels: und er stuͤrzt kopfuͤber und verschuͤttet alle guten Vorsaͤtze wieder. — So erging es Dryandern. Es war ein schoͤner, stiller Abend, da ging die Fuͤrstin allein in einem entlegenen Theile des Gartens spaziren, sie schien unruhig, oft blieb sie stehen und hoͤrte zu, wie die Schauspieler unten sangen. Aber die kluge Kordelchen hatte sie schon aus der Ferne be¬ merkt, Lothario fehlte heut wider seine Gewohnheit bei dem Gesange — sie hatte ihre eignen Gedanken. So begegnete sie Dryandern am Eingange des Parks, da flog ihr ploͤtzlich ein Anschlag durch den Kopf. Endlich finde ich Sie! fluͤsterte sie ihm geheimni߬ voll zu, die Fuͤrstin, dort, sie erwartet sie. Aber still — sagte sie, den Finger auf den Mund legend, und verschluͤpfte schnell wieder zwischen den Baͤumen. — Eitelkeit macht dumm. Der uͤberraschte Dryander uͤberblaͤtterte geschwind das Gluͤcksbuch seiner hiesigen Anstellung, jedes Blatt rauschte ihm ploͤtzlich wie die Schleppe der Fuͤrstin, nun verstand er erst alles, ja er uͤberredete sich in allem Ernste selber laͤngst in die Fuͤrstin sterblich verliebt zu seyn. So, im Garten fortrennend, umspann er sich immer hitziger mit dem tollsten Roman, und als nun die schlanke Gestalt in einem dunkelen Bogengaͤnge auf einmal vor ihm stand, uͤberschuͤttete er sie athemlos, ohne Eingang und Vor¬ bereitung, verworren mit der gluͤhendsten Liebeserklaͤ¬ rung. Die Fuͤrstin, da er so auf sie losstuͤrmte, stand erst verwundert, dann laͤchelte sie fein und still, es fiel ihr nicht ein, daß er sich einbilden koͤnnte, sie meine ihn. — Tasso! sagte sie scherzhaft warnend, wir sind hier nicht in Belriguardo. — Indem sie aber den Handschuh ausziehen wollte, um ihm ihre weiße Hand zum Kuß zu reichen, fiel ein Mondstrahl durch das Laub auf Stirn und Mund. Da kam sie Dryan¬ dern schon eigentlich etwas alt vor, sie gefiel ihm auf einmal gar nicht, und seine Gedanken schlugen ihm unwillkuͤhrlich um, wie Milch beim Wetterleuchten. O Gott, Fuͤrstin! rief er aus, die Nacht ist eine wilde, phantastische Blume, berauschenden Duft ver- streuend, schoͤne gefallene Engel wiegen sich auf den Blaͤttern und singen im Traume von den Sternen, wo sie sonst gewohnt, und zwischen den traͤumenden Kaiserkronen und Bluͤtenglocken fluͤsternd, ringelt die alte Schlange sich leise empor und von ihrem Kroͤnlein loͤsen sich gruͤngoldene Funken und schwaͤrmen durch das Bluͤtengeflecht, und in ihrem streifenden Wider¬ schein sehen die Gesichter leichenblaß, wie Sie jetzt, Fuͤrstin, im Mondlicht. — So redete er sich nach und nach in die Tugend und tragisches Wesen hinein, sprach entsetzlich von der Suͤnde, immer begeisterter, wilder und herzzerschneidend. Die Fuͤrstin uͤberlief es heimlich eiskalt dabei. Aber sie bezwang sich und un¬ terbrach ihn lachend: Der Duft der Nachtblume ist Ihnen zu Kopfe gestiegen, gehen Sie nach Hause und nehmen Sie ein Fußbad. — Dann wandte sie sich stolz nach dem Schlosse. Dryander stand wie vom Donner geruͤhrt. Jetzt wollte er ihr nach, sie festhalten, rannte aber in der Verwirrung mit der Stirn an einen Baum, daß er den Hut verlor. Er schimpfte sich selbst einen gefalle¬ nen Engel, der gotteslaͤsterlich die Unschuld an die Wand male, die ihn verfuͤhrt. So eilte er wie be¬ sessen quer durch den Wald, in der Ferne verklang eben noch die letzte Abendglocke, die Maͤdchen im Dorfe unten sangen vor den Hausthuͤren. Und als er am Ende des Parks ploͤtzlich heraustrat, erblickte er vor der letzten Huͤtte des Dorfs beim hellsten Mond¬ schein eine schoͤne Jungfrau, die er noch niemals gese¬ hen, in reichem Gewand unter einer Linde sitzend. Sie hatte ein blondgelocktes Kind auf dem Schooß, ein anderes stand auf ihr Knie gestuͤtzt und sah an ihr empor, alle von einem weiten Schleier umgeben, durch den die Sterne flimmerten, als waͤren sie drein ge¬ wirkt. Da war's ihm, als haͤtte der Himmel sich barmherzig auf diesen Huͤgel herabgeneigt, todtmuͤde, außer sich, warf er sich zu ihren Fuͤßen auf den Ra¬ sen hin, vor den unschuldigen Augen. O heilige Jung¬ frau, bitte fuͤr mich! redete er sie aus tiefstem Grund der Seele an, beschuͤtze mich vor der wilden Jagd — ich selber Hund und Wild — erloͤse mich von der inneren Luͤge! — Sie sah ihn ernsthaft an, sie konnte vor den Kindern nicht aufstehen. — Er aber achtete nicht darauf; wie ein Kranker, der einen seli¬ gen Traum hat, sprach er immerfort zu ihr und bot ihr endlich geruͤhrt seine Hand an. Er wolle sie mit den Kindern auf einen Esel setzen, so wollten sie zie¬ hen durchs einsame Gebirg die Klippen hinab in der schattigen Kuͤhle, alles hinter sich lassen und ver¬ gessen, fort nach der blauen Ferne, bis in das stille Himmelreich. — Was sind das fuͤr Baͤlger? unter¬ brach er sich hier ploͤtzlich selbst, das Kind hastig ab¬ wehrend, das mit den schmutzigen Haͤnden zu ihm wollte. — Ich brachte ihnen Speise und Medicin, erwiderte das Fraͤulein, ihre Mutter liegt drin krank — — Krank?! rief Dryander schnell aufspringend und bedenklich nach der Huͤtte blickend, denn er hatte eine aberglaͤubische Furcht vor Ansteckung. — Ein Bedien¬ ter mit einem Handkoͤrbchen war unterdeß aus dem Hause dazugetreten, das Fraͤulein erhob sich, wie er¬ loͤst, von dem Rasen, und entfernte sich rasch, noch oͤfters furchtsam zuruͤckblickend. — In dem Gebuͤsch daneben aber hoͤrte er ein feines Lachen, er glaubte ein Frauenkleid durch die Zweige schimmern zu sehen. Es war Kordelchen, die ihm heimlich gefolgt. Aber es bekam ihr schlimm. Denn sie hatte sich kaum in ihrem Versteck zurechtgesetzt, da stuͤrzte Dryander, wie ein Rasender, schreiend und tobend daher und fuhr mit dem Kopf gerade in ihre Roͤcke. Sie sprang erschrocken auf — eine Fledermaus, da er seinen Hut im Wald gelassen, war ihm unversehens in die Haare geflogen und blickte, dort festgenestelt, mit stieren Augen vom Kopfe des Dichters. Dieser schrie, Kordelchen schimpfte, keines mochte anfassen, daruͤber fuhren Koͤpfe, Maͤgde und Kinder aus allen Fenstern und Thuͤren, die Hunde im Dorfe schlugen an, Dryander nahm ganz verbluͤfft Reißaus, der Nachtwaͤchter, der eben blasen wollte, mit langen Schritten ihm nach — so kam er athemlos nach Hause, wo er, endlich von dem gespenstischen Unthier befreit, sogleich zu Bett ging und sich fest einbildete, todtkrank zu seyn. Feine Lebensart ist wie ein guter Firniß, den die gemeine Luft nicht angreift; so war auch die Fuͤrstin seit jenem Abend ganz unveraͤndert; sie erwaͤhnte des Vorfalls mit keinem Wort, sie mochte wohl ihre Gruͤnde dazu haben. Dryander, da es ihn nicht mehr interessirte, hatte laͤngst alles wieder vergessen, bis auf die schoͤne, mildthaͤtige Jungfrau vor der Huͤtte. Diese aber war niemand anders, als Fraͤulein Trudchen von dem wuͤsten Schlosse des Barons. Die leichte, heitere Art der vornehmen Gaͤste bei dem fuͤrstlichen Besuche hatte sie ganz verblendet; wie nach Sonnenuntergang flimmerte es noch lange in ihrer Einsamkeit nach, und sie hoͤrte nicht auf zu bitten und zu schmollen, bis der Vater sie endlich auf mehrere Wochen zu dem fuͤrstli¬ chen Forstmeister, ihrem Verwandten, hinuͤberschickte, um sich zu bilden. — Dryander besuchte nun regelmaͤ¬ ßig jeden Abend den Forstmeister, disputirte mit den dort haͤufig versammelten Gutsbesitzern, trank viel, und verfolgte das Fraͤulein mit wahrhaft poetischer Wuth. Er schleppte ihr unermuͤdlich Buͤcher zu: Goe¬ the, Shakespeare, Calderon, Cervantes, sie mußte ge¬ schwind lesen, ihre Unwissenheit reizte ihn nur immer¬ mehr. Es war ihr alles so neu, im Hause hatten alle großen Respekt vor seiner Gelehrsamkeit, er um¬ strickte sie ganz mit seinem leidenschaftlichen Wesen. — Die Schauspieler hatten insgeheim ihre große Freude daran, und eines Abends kamen die Schalksnarren, Ruprecht, Kordelchen, Fabitz, eins nach dem andern, feierlich zu ihm, der eine brachte ein Gedicht, der an¬ dere einen dicken Blumenstrauß, und gratulirten zu sei¬ ner morgigen Vermaͤhlung mit dem Fraͤulein. Er 11 stutzte, und lief sogleich noch zum Forstmeister hinuͤber. — Es war schon spaͤt, er fand einen seltsamen Ru¬ mor im Hause, Spiegel und Kronleuchter wurden ge¬ putzt, Gaͤste vom Lande waren angekommen, andere wurden noch erwartet. Im Garten aber sah er unter den Pflaumenbaͤumen ein truͤbes Feuer gluͤhen, vor dem sich dunkle Gestalten seltsam hin und her beweg¬ ten. Er eilte hin, und fand sein Trudchen, eine Schuͤrze vorgebunden und die Aermel aufgestreift, in voller Arbeit vor dem Backofen, in welchen so eben Kuchen geschoben wurden. Neugierig und diensteifrig wollte er ihr helfen, um etwas Naͤheres zu erfahren. Aber sie hatte nicht viel Zeit, er war ihr uͤberall im Wege, sie streifte ein Paarmal dicht an ihn an, daß er auf der einen Seite ganz weiß von Mehl wurde. Nun, nun, sagte sie, da er sich eifrig abstaͤubte, es ist ja nicht Ihr Hochzeitsfrack. — Wahrhaftig, rief er, wo soll ich bis morgen einen bessern hernehmen? — Kommen Sie nur in dem, erwiederte sie, und bringen Sie ein huͤbsches Gedicht mit. — Er wollte sie, da die Maͤdchen eben in den Ofen sahen, schnell haschen und kuͤssen. Aber sie hatte gerade den Kochloͤffel in einen Topf voll Pflaumenmuß getunkt und fuhr ihm fix damit uͤber den Mund. Morgen! sagte sie lachend, und lief nach dem Hause. Er sah ihr nach — es war ihm, als fuͤhre sie unter den Baͤumen wie eine kleine Hexe auf dem Kochloͤffel davon. Am folgenden Morgen war er schon fruͤhzeitig auf dem Platz, in Schuh und Struͤmpfen, einen Klapp¬ hut unter dem Arm. In des Forstmeisters Hause schien noch alles zu schlafen; er trat unbemerkt in den stillen Gartensaal. Dort war eine lange Tafel schon festlich gedeckt, buntes Naschwerk schimmerte zwischen den kuͤnstlich gefalteten Servietten, in der Mitte ein praͤchtiger altmodischer Aufsatz mit Pomeranzenbaͤum¬ chen von Wachs und porzellanenen Goͤtterfiguren, die sich in dem Spiegelboden, wie in einem Weiher ver¬ doppelten. Er schritt neugierig auf und nieder und kostete alle Teller durch. Dann ging er in den Gar¬ ten, um in der Geschwindigkeit noch die Rede zu me¬ moriren, die er an der Hochzeitstafel halten wollte. Da sangen aber die Voͤgel so spoͤttisch und die schlan¬ ken Pappeln im Morgenwind verneigten sich vor ihm, als wollte ihm Alles gratuliren. Von einem umwach¬ senen Huͤgel konnte er gerade ins Haus seiner Liebsten sehen. Dort war es unterdeß auch schon lebendig ge¬ worden, er sah, wie sich Vettern und Basen im fest¬ lichen Staate versammelten, immer neue Gestalten erschienen an den Fenstern, ein galantes Wirren, Scharren und Knixen flimmernd durch einander, drau¬ ßen wurden Pasteten und ein hoher Baumkuchen ins 11* Haus getragen, vom Jubel der Dorfjugend begleitet, die eben zur Schule ging. — Er hatte sich das alles noch niemals so recht voraus uͤberlegt, jetzt aber befiel ihn, allmaͤhlich wachsend, eine unwiderstehliche Angst vor dem Heirathen, und als er eben in eine Allee hin¬ einbiegen wollte, erblickte er am anderen Ende gar zwei alte Damen, die in taftenen Kleidern feierlich auf ihn dahergerauscht kamen. Da wandte er sich schnell, und entfloh in langen Saͤtzen unaufhaltsam durch den Garten, am Dorfe voruͤber in die Berge hinein, es war ihm, als verfolgte ihn Gott Hymen und klopfte seine Fackel an seinem Kopfe aus, daß ihm die Fun¬ ken knisternd um die Augen spruͤhten. In dem Hause ging es unterdeß schon hoch her, es war des Forstmeisters Geburtstag, kein Mensch dachte an Hochzeit. Trudchen trat oft an's Fenster und ging immer wieder ganz boͤse fort, daß Dryander noch nicht kam. Auch der Baron, der sich wie ge¬ woͤhnlich zu dem Feste mit eingefunden, war begierig, ihn zu sehen, denn der Forstmeister hatte ihm schon von seiner Liebschaft, seiner eintraͤglichen Stelle und seinen bedeutenden Verbindungen am Hofe erzaͤhlt, und der Baron in seinen verzweifelten Vermoͤgensumstaͤn¬ den dachte sogleich daran, seine Tochter unter die Haube und sich unter Dach zu bringen, ehe sein eig¬ nes ihm uͤber dem Kopf zusammenstuͤrzte. Aber ver¬ geblich war mehreremal nach Dryanders Wohnung ge¬ schickt worden, man hatte sich endlich zu Tisch gesetzt, die Unterhaltung wurde immer lauter, in dem Laͤrm flogen schon Bonbons und bedeutende Bloͤcke zwischen den jungen Leuten hin und her, vom Knall der Cham¬ pagnerflaschen salutirt, als sich auf einmal durch die Diener vom Schloß her das Geruͤcht verbreitete, der Hofrath sey entsprungen und fern im Walde in vollem Staat gesehen worden. Niemand wußte sich's zu er¬ klaͤren, denn die Schauspieler, die einen solchen Aus¬ gang nicht erwartet hatten, huͤteten sich wohl zu ver¬ rathen, was sie Dryandern eingeredet. — Trudchen aber stand ploͤtzlich auf und ging hochroth hinaus. Da wurde die Sache erst recht auffallend, alle Blicke wa¬ ren auf die Fortgehende gerichtet, die Maͤdchen zischel¬ ten einander heimlich in die Ohren, der Baron eilte ihr nach, denn es sollte noch getanzt werden. Aber das Fraͤulein war wie ausgewechselt, schmollend und trotzig, und wollte durchaus nicht mehr zur Gesellschaft zuruͤck. Sie wisse es am besten, sagte sie, die All¬ taͤglichkeit dieser prosaischen Menschen habe den Hof¬ rath vertrieben, sie frage gar nicht mehr nach den un¬ wissenden Leuten, sie kenne nun eine ganz andere Welt! — Der Baron aber schalt sie eine verdrehte Naͤrrin. Dann ließ er voller Zorn mitten in der all¬ gemeinen Verwirrung anspannen, schob sie in den Wagen und verschwor sich: der Kerl der Hofrath solle sie nehmen, oder er jage ihm eine Kugel durch den Kopf! Keinem war der Vorfall fataler als Lothario'n, denn der Doctor war ihm lange wie ein Blitzableiter, in den sein Witz und Aerger lustig einzuschlagen pflegte. Er ging so eben, die seltsame Flucht besprechend, mit Fortunaten durch den Garten, als ihnen ploͤtzlich Otto mit leuchtenden Augen entgegenkam. Gute Nachrichten aus Hohenstein! rief er schon von weitem, einen Brief emporhaltend. Er hatte, uͤber alle Er¬ wartung, nicht nur die Zustimmung des Amtmanns in seine Plaͤne, sondern auch eine bedeutende Summe erhalten, die mehr als zureichend schien, die Reise durch Italien behaglich zu vollenden. Auch ein Brief von Walter an Fortunat war beigeschlossen, den dieser mit großer Freude sogleich erbrach. „Unser Otto, schrieb der wackere Freund, hat uns von eurem seltsamen Zusammentreffen und dem poeti¬ schen Leben an dem Hoflager des Fuͤrsten ausfuͤhrli¬ chen Bericht erstattet. Er schreibt uͤberaus lebendig, und es ist uns allen, als waͤren wir in den Palaͤsten und gruͤnen Gaͤngen mitten unter euch und saͤhen und hoͤrten jeden nach seiner Weise sich bewegen und spre¬ chen, diesen Lothario, Kordelchen, und dich selbst nicht ausgenommen. Da sitzen wir dann in Hohenstein, wenn im Feld und Haus alles besorgt ist, jeden Abend wieder unter den Linden vor der Hausthuͤr zusammen, und ich muß den Brief immer wieder von Anfang bis zu Ende laut und deutlich vorlesen, bis der Mond uͤber uns aufgeht. So bist du auch in der Ferne bei uns, wie denn uͤberhaupt eine stille, mondhelle Nacht schon an sich etwas traumhaftes hat, und entfernte, geliebte Gegenden und Personen der Seele wunderbar naͤher bringt.“ „Wie gluͤcklich seyd ihr Dichter! Euerem zauberi¬ schen Sinne erschließt sich uͤberall, wo ihr wandelt, wie dem Geliebten, willig und vertraulich die verbor¬ gene Schoͤnheit der Welt, mit jedem Schritt erweitern sich die Kreise, das Entfernte, Dunkele ruͤckt verstaͤnd¬ lich in freundliche Naͤhe und neue Fernen heben sich wieder wunderbar immer weiter und schoͤner. Was ist dir nicht alles wieder begegnet, seit wir uns trennten! — Mit mir geht es gerade umgekehrt. Je weiter ich komme, je enger wird der Kreis, und die Fernen, die mich in der Jugend entzuͤckten, verbleichen und versin¬ ken mir allmaͤhlich. — Doch ich denke, das muß wohl so seyn. Ruhiger, als du dir vielleicht einbilden magst, habe ich endlich meine Stellung in der Welt erkannt, und von den vornehmen Taͤuschungen Abschied genom¬ men. Ich lerne mich bescheiden und beschraͤnken, und mir ist wohl. Euere Aufgabe ist unuͤbersehbar, ver¬ wickelt und selten recht in eurer eigenen Gewalt. Mein Beruf dagegen ist einfach und mir jederzeit klar, und, glaube nur, es ist auch was werth, mit sich selbst im Reinen zu seyn.“ „Kann ich nun nicht selbst, wie ich fruͤher wohl traͤumte, mit hinaus in das schoͤne Land der Poesie, so will ich wenigstens den Dichtern redlich helfen, wie und wo ich's vermag. So ist es mir denn auch end¬ lich gelungen, den Otto mit seinen Pflege-Eltern zu versoͤhnen, denn ich meine, es stand da ein bedeuten¬ des Talent auf dem Spiele. Glaube aber nur nicht etwa, daß das so schwer hielt. Ein rechter fester Wille thut uͤberall Wunder, Otto's ploͤtzlicher Ent¬ schluß, die Heimath zu verlassen, hat die bisherige Ansicht der Sache, ich moͤchte sagen, auf den Kopf gestellt, und der Einbildungskraft der Hohensteiner eine ganz neue Richtung gegeben. Dem Amtmann gefaͤllt Otto's Muth, um so mehr, je weniger er ihn dem sanften Stillen zugetraut hatte. Die gute Mutter aber freut sich nun heimlich darauf, Otto's Namen gedruckt, oder gar sein Bild vor einem Buche zu sehen.“ „Du wirst dich wahrscheinlich uͤber das viele Geld wundern, das wir schicken. Aber es kommt nicht von uns. Otto hat hohe Goͤnner — mehr darf ich fuͤr jetzt davon nicht verrathen.“ „Das ist jetzt eine gluͤckliche Zeit. Kaum war diese Angelegenheit wegen Otto nach Wunsch beseitigt, so erhielt ich aus der Stadt die Nachricht, daß mir das eintraͤgliche Amt eines Gerichtsverwalters hier in Hohenstein, das ich so lange zwischen Hoffnung und Zweifeln ersehnt, zu Theil geworden. Nun steht unse¬ rer Verheirathung nichts mehr im Wege. — So eben guckt mir Florentine uͤber die Schulter in's Blatt und haͤlt mir schnell mit der Hand den Mund zu, damit ich nicht alles ausplaudern soll. Da ich aber unterdeß fortfuhr zu schreiben, so laͤuft sie nun gar fort, und laͤßt dich nicht einmal gruͤßen. — Ich schreibe im Gar¬ ten auf demselben Platz mit der großen Aussicht, wo du alle Morgen zu lesen oder zu dichten pflegtest. Aber die Felder unten sind schon leer, auf den Beeten neben mir prangen nur noch die Astern, und die Blaͤt¬ ter auf den Baͤumen faͤrben sich und fallen. Das aͤngstigte mich sonst immer, dießmal ist mir gar wun¬ derlich zu Muthe dabei, denn im Hause durch die offe¬ nen Fenster sehe ich die Mutter emsig Federn schuͤtten zu den Brautbetten, der Tischler hat seine muntere Werkstatt vor der Hausthuͤr aufgeschlagen und schnitzt die Doppelfenster fuͤr unsere kuͤnftige Wohnung, und ich richte mich mit innigem Behagen in Gedanken fuͤr den Winter ein — da moͤgen draußen Sturm und Schnee an die Fenster schlagen! doch dieses Gefuͤhl verstehst du wohl nicht? — Nun, Gott sey mit dir, lieber Bruder, und fuͤhre dich auf deinen weiten Wegen zu solchem Gluͤck und solcher Herzensfreude, als ich auf dem naͤchsten hier gefunden habe.“ Fortunat legte den Brief mit ganz eignen Em¬ pfindungen zusammen, es war ihm, als staͤnde er tief im stillen Abendroth. Vor ihm aber stand Otto mit Lothario'n an dem Abhang und schaute trunken in die Ferne, in die er nun bald hinausziehen sollte. Dreizehntes Kapitel . Und wo noch kein Wandrer gegangen, Hoch uͤber Jaͤger und Roß Die Felsen im Abendroth hangen Als wie ein Wolkenschloß. Dort zwischen den Zinnen und Spitzen Von wilden Nelken umbluͤht, Die schoͤnen Waldfrauen sitzen Und singen im Wind ihr Lied. Der Jaͤger schaut nach dem Schlosse: Die droben das ist mein Lieb! — Er sprang vom scheuenden Rosse, Weiß keiner, wo er blieb. So sang Lothario , auf einer Waldhoͤh' auf seine Buͤchse gestuͤtzt. Fortunat trat zu ihm herauf, da sahen sie jenseits den Wald schon von Jaͤgern und Reitern blitzen, der Fuͤrst hatte zum Valet noch eine große Jagd veranstaltet, bevor alles vor dem Winter wieder in die Stadt fluͤchte. Hast du die Braut nicht gesehen? fragte Lothario unruhig umherspaͤhend. — Du meinst die Graͤfin Juanna, so hoͤrtest du auch davon? erwiederte Fortu¬ nat, sie halten's so geheim vor mir, und alle Jaͤger wissen's. Erst diesen Morgen hoͤrt' ich, daß der Braͤu¬ tigam, ein Baron Manfred, noch heut zur Jagd er¬ wartet wird. — Das ist ein praͤchtiges Wetter zum Heirathen, sagte Lothario, der Alteweiber-Sommer fliegt, als hatten sich alle alte Jungfern das Haupt¬ haar ausgerauft und in die Luͤfte umhergestreut, da bleibt mancher Ritter noch mit den Sporen drin haͤn¬ gen. Gebt Acht, es giebt eine koͤstliche Verwickelung! — Hiermit schuͤttelte er Fortunaten heftig die Hand, und ging schnell in's Thal hinunter. Fortunat sah ihm verwundert nach, dann folgte er der Jagd, die jetzt immer lustiger durch die Berge ging. So verlor er sich bald in das Labyrinth der Waͤlder, und kam zuletzt in eine gruͤne Schluft, uͤber deren Felsenwaͤnde von allen Seiten Epheu verwildert hinabstieg. Auf einmal brach ein Hirsch durch das Dickicht, eine Meute Hunde an seinen Fersen und hin¬ ter ihnen Juanna . Das edle Thier bei seinem An¬ blick stutzte schnaubend und stuͤrzte sich seitwaͤrts in den Abgrund, Hunde und Reiterin konnten ihm dorthin nicht folgen. Da hielt Juanna ploͤtzlich uͤber Fortu¬ naten in der wilden Einsamkeit, die Hunde streckten sich lechzend zu ihren Fuͤßen. Seht, der ist frei — sagte sie, die schwarzen Locken aus dem erhitzten Ge¬ sicht schuͤttelnd — und eher fangt Ihr mit verliebten Blicken einen Hirsch im Walde, als mich! Was wollt Ihr von mir? Laßt das Werben um mich, mir ist wohl in meiner Freiheit. Was auch die Fuͤrstin fuͤr Anschlaͤge hat, ich werde nie die Eurige und keines Mannes Weib — huͤtet Euch, es waͤre unser beider Tod! — Hierauf wandte sie ihr Roß, die alten Baͤume schuͤttelten sich und streuten ihre gelben Blaͤtter wie einen Goldregen uͤber die schoͤne Gestalt. Fortunat stand ganz verwirrt, ihm war, als spraͤchen ringsum die Quellen irre den Wald entlang, Unerhoͤrteres konnte ihm nicht begegnen als daß er nun am Ende selbst der Braͤutigam seyn sollte! — Unterdeß hatte sich Juanna wieder hoͤher in das Gebirge gewendet, ein ploͤtzlicher Anschlag schien ihre ganze Seele zu be¬ wegen. Sie kannte den Waldweg nach einem Non¬ nenkloster, das jenseits des Gebirges lag und dessen Aebtissin ihr verwandt war. Dort wollte sie noch heute hin und abwarten, bis der Winter Gebirge, Freier und Verliebte verschuͤttet. Aber mitten in die¬ sen Gedanken erblickte sie auf einmal eine Gemse uͤber sich, die sich hoch uͤber den Wipfeln von Klippe zu Klippe schwang. Das war ihr ganz neu, sie konnte der gefaͤhrlichen Lust nicht widerstehen. Ein alter Jaͤ¬ ger, der sich bis in diese Oede verstiegen hatte, arbei¬ tete sich eben durch das Gestraͤuch, sie uͤbergab ihm ihr Pferd, er sollte es huͤten, bis sie wiederkaͤme, und eh' er sie noch warnen konnte, war sie schon zwischen den Felsen verschwunden. Nun kletterte sie wie ein schlanker Panther uͤber die Klippen, das scheue Wild verlockte sie immer hoͤher hinauf, die Lust wuchs mit der Gefahr, sie hatte sich lange nicht so wohl gefuͤhlt, und erstaunte, da sie ploͤtz¬ lich eine Felsenwand uͤber sich, wie in Feuer, erblickte, es war der Widerschein der Abendsonne, die so eben jenseits hinter den schwarzen Waͤldern versank. Mit der einen Hand sich an einen Strauch haltend, sah sie uͤber den Felsenrand hinab: die Thaͤler unten dunkelten schon, aus weiter Ferne hoͤrte sie noch eine Abendglocke heraufschallen, sie meinte, es komme von dem Kloster heruͤber. Eilig schlug sie nun die Richtung ein, aber sie konnte sich in dem wilden Gewirre nicht zurechtfin¬ den, wohin sie sich wandte, thaten sich neue Abgruͤnde auf; so stand sie in der entsetzlichen Einsamkeit wie einer, der Nachts zwischen den Zacken und Steinbil¬ dern eines unbekannten Muͤnsters vergessen worden. In dieser Noth verfiel sie darauf, ihr Gewehr zum Signal abzuschießen. Zu ihrer Freude gab sogleich ein Schuß ganz nahe Antwort. Bald darauf hoͤrte sie Fußtritte auf dem lockeren Geroͤlle, eine hohe, schlanke Gestalt trat ploͤtzlich zwischen den Steinen hervor — es war Lothario. Das ist ein gefaͤhrliches Revier, sagte er, und die Nacht bricht schon herein, doch ich bin hier der Pfade kundig, und meiner Rich¬ tung gewiß. — Die Graͤfin aber hatte bei seinem An¬ blick ein seltsamer Eigensinn ergriffen, gerade ihm dachte sie hier am wenigsten zu begegnen, und eh' er's verhindern konnte, schwang sie, ihn abwehrend, sich auf einen einzelnen, senkrecht uͤber die Tiefe hinausra¬ genden Fels, daß ihm in innerster Seele graus'te — nur ein Fehltritt und sie glitt in den Abgrund hinun¬ ter. — Da hatte Lothario mit sicherem Blick seinen Vortheil abgesehen. In raschem Entschluß umfaßte er sie ploͤtzlich und schwang die Straͤubende auf seinen Arm. Erschrocken, uͤberrascht, wußte sie nicht, wie ihr geschehe, und sah ihm verwundert und zornig in die Augen. Er aber trug sie grauenhaft an jaͤhen Schluͤn¬ den voruͤber durch die Daͤmmerung von Klippe zu Klippe hinab, daß sie, vor Entsetzen mit dem einen Arm seinen Nacken umklammernd, ihn rings mit ihren aufgeringelten Locken umgab. So schwiegen sie beide lange Zeit. Jetzt ging der Mond praͤchtig uͤber den Waͤldern auf. Lothario schaute in die wunderbare Einsamkeit und sagte halb fuͤr sich: So hab' ich's manchmal im Traume gesehen. — Juanna aber blickte spaͤhend um¬ her, die Gegend war ihr ganz fremd, einzelne Wol¬ kenschatten flogen daruͤber, tiefer schimmerten die Gruͤnde fast heimathlich herauf, wie die Thaͤler in Spanien, sie gedachte der schoͤnen Sommernaͤchte unter den Guerilla's. — Auf einmal stutzte sie, zwei gesat¬ telte Pferde standen dicht vor ihnen im Walde, und ehe sie sich besinnen und fragen konnte, hob sie Lotha¬ rio schon auf das eine Roß, schwang sich selbst auf das andere, und uͤber den mondhellen Waldgrund nun ging es rasch fort durch die stille, sternklare Nacht. Hier blitzte ploͤtzlich eine furchtbare Ahnung durch Juanna's Seele, sie konnte kein Wort hervorbringen, dem Unglaublichen finster nachsinnend, waͤhrend Buͤsche, Thaͤler und ferne Doͤrfer geheimnißvoll an ihnen vor¬ uͤberflogen. Lothario war wie verwandelt. Juanna! rief er ihr aus Herzensgrunde zu, blick' um dich, die Erde ist so still und schoͤn wie eine Brautnacht! Frei sollst du wohnen auf hohem Schloß, wo die Rehe an den Abhaͤngen einsam grasen, dort will ich unter dei¬ nem offenen Fenster ruhen in den Sommernaͤchten und dich in Traum singen, bis die Sterne verloͤschen und die erste Lerche mich abloͤst hoch in der stillen Luft. Und fallen die Blaͤtter und die Voͤgel ziehen fort, und dich befaͤllt Heimweh, wenn du vom Schloß uͤber die einsamen Waͤlder siehst: ich fuͤhre dich weit uͤber die Berge fort, du arme Fremde! Auf dem Meere wol¬ len wir fahren an glaͤnzenden Kuͤsten voruͤber, bis die Laute deiner Muttersprache gleich bunten Wundervoͤ¬ geln herschweifen und deine ernste, schoͤne Heimath emportaucht, duftige Gaͤrten, Gebirge und mauri¬ sche Schloͤsser in den trunkenen Fluthen spiegelnd — o Juanna, mir ist's, wie von einem hohen Berg in's Morgenroth zu sehen! — So sprach er voll Freude, waͤhrend sie ritten, Juanna war immerfort still, in der Tiefe neben ihnen rauschte ein Strom, sie horchte manchmal hinunter. Auf einmal blinkte das Wasser zwischen den dunklen Baͤumen hinauf, da warf sie ihr Roß gewaltsam zur Seite, setzte die Sporen ein und schwang es mit sich in den Fluß hinab. Erschrocken stuͤrzte Lothario nach, er sah sie mit dem weitaufgeloͤsten Haar gleich einer Nixe in klarem Mondlicht uͤber die Fluth dahinschwe¬ ben, sinken und wieder emportauchen. Endlich hatte er sie gefaßt, sie ruhte an seiner Schulter, ihre feuch¬ ten Locken verdunkelten ihm Stirn und Augen. So sank er mit seiner Beute erschoͤpft am jenseitigen Ufer auf den Rasen hin und lauschte in der entsetzlichen Stille knieend uͤber ihr — aber sie athmete nicht mehr, stumm und bleich in strenger Todesschoͤnheit. Das hatte alles anders gestellt, als die lustigen Jaͤger sich's dachten. Fortunat war damals noch vor Abend von der Jagd abgekommen und mehrere Tage allein im Walde umhergeschweift, um recht nach Her¬ zenslust das schoͤne Gebirge zu durchforschen. Als er zuruͤckkehrte, fand er zu seinem Erstaunen alles leer, das Abendroth schien uͤber Schloß und Garten, aus dem einen Fluͤgel klang eine Spieluhr noch in einzel¬ nen, langgezogenen Toͤnen heruͤber. Bei seinen Trit¬ ten, die in dem trockenen Laube raschelten, fuhr der alte Schloßwart erschrocken empor, der auf den Mar¬ morstufen vor dem Schlosse eingeschlummert war. Von diesem hoͤrte er nun, die Graͤfin Juanna habe sich auf der Jagd in den Klippen verstiegen, so sey sie im Fluß verungluͤckt, zwei Hirten haͤtten sie im Mondschein auf dem Strome schwimmen gesehen und mit dem Wassermann ringen. Da waͤre der Fuͤrst sogleich am andern Morgen mit seinem ganzen Ge¬ folge nach der Residenz aufgebrochen, auch die Schau¬ spielertruppe sey wieder weiter gezogen; von Lothario wußte er nichts. — Fortunaten aber befiel ein tiefes Grauen in der ploͤtzlichen Einsamkeit, er beschloß, noch heut bis in das naͤchste Staͤdtchen zu reisen und sich dann ohne weiteren Aufenthalt nach Italien zu wen¬ 12 den. — Als er fortritt, dunkelte es schon, fern an den Bergen sah er einen stillen Fackelzug, es war Juanna's Leiche, die sie nach der Residenz brachten. So geht oft ein Schauer mahnend durch die Lust der Menschen, damit sie sich erinnern, daß ihnen die schoͤne Erde nur geliehen sey. Zweites Buch. 12* Vierzehntes Kapitel . U eber einer der verborgensten Schluͤfte der Schweiz rauschte leise die Nacht, nur ein Bach stieg zwischen den Felsen hernieder und plauderte, da die Menschen schliefen, heimlich mit der Wetterfahne auf der aͤrmli¬ chen Waldherberge, die in dem stillen Grunde lag. Da fuhr auf dem Heuboden des Hauses ein Gesell ver¬ wirrt aus dem Schlafe empor. Es war Fortunat , der auf seiner Reise nach Italien spaͤt des Abends das Wirthshaus erreicht, und gern das luftige Nacht¬ lager bestiegen hatte, da die wenigen Fremdenstuben schon von anderen Reisenden besetzt waren. Dort hatte ihn ein Traum erweckt, es war ihm ploͤtzlich, als haͤtte eine altbekannte Stimme unten seinen Namen genannt. Er lauschte hinab, es ruͤhrte sich kein Laut. Draußen aber flimmerten noch die Sterne, da setzte er sich in das offene Dachfenster auf die obersten Sprossen der Leiter, und sah den weiten, stillen Kreis von Gletschern im hellsten Mondschein uͤber den Waͤl¬ dern, nur der dumpfe Donner einer Lawine hallte von Zeit zu Zeit durch die große Einsamkeit heruͤber. Jetzt erst fiel ihm der grillenhaft verworrene Bau des Hauses auf, er betrachtete schlaͤfrig die kleinen hoͤlzernen Gallerien, Winkel und Erker, als auf ein¬ mal in dem alten Seiten-Anbau sich ein Laden oͤffnete und eine Dame, dicht in einen langen Schleier ge¬ huͤllt, am Fenster erschien. Fortunat, scharf hinblik¬ kend, schauerte innerlichst zusammen — es war der Hut, das Reitkleid, Gestalt und Art der Graͤfin Juanna! — Der Mond funkelte uͤber ihren Guͤrtel, wie damals auf der Jagd, dann wurde das Fenster schnell wieder geschlossen. Gleich darauf aber sah er den Wirth zwei gesattelte Pferde auf den Hof fuͤhren, die Dame trat mit einem fremden Mann aus dem Hause, alles ganz sacht und leise, wie Wolken in der Nacht, sie fluͤsterten heimlich untereinander und mit dem Wirth, der ihm auf einmal selbst gespenstisch vor¬ kam, und eh' er sich noch besinnen konnte, war die ganze Erscheinung, wie ein Zug Verstorbener, im wechselnden Mondlicht zwischen den Felsen und Baͤu¬ men verschwunden. Fortunat war geblendet, wie einer, der Nachts in den Blitz gesehen; er eilte nun die Leiter hinab, der Hof war leer, als waͤre nichts geschehen, aber zu sei¬ nem Erstaunen hoͤrte er nun in einiger Entfernung Waffenklang durch die Stille. Fechten die Todten in der Luft? dachte er, und verfolgte rasch die Richtung. Da erblickte er bald durch das auseinandergebogene Gestraͤuch zwei Maͤnner, die auf einer mondhellen Wiese in heftigem Zweikampf begriffen waren. Ge¬ stalt, Tracht und Haltung, je laͤnger er hinsah, schien ihm nicht fremd. — Um Gott, ihr Phantasten, rief er endlich aus, was habt ihr wieder vor! denn jetzt er¬ kannte er deutlich den langen Lord und den Maler Albert von dem fuͤrstlichen Jagdschloß. Als die Kaͤmpfenden ihn bemerkten, traten sie, die Spitzen ihrer Degen senkend, jeder feierlich einen Schritt zuruͤck und verneigten sich kurz und ernst vor einander, dann stuͤrzte der erhitzte Lord, der vor Eifer keine Zeit zum Verwundern und Begruͤßen hatte, so¬ gleich auf Fortunaten los. Entscheiden Sie selbst, rief er, und ich behaupt' es nochmals und tausendmal: es giebt keinen kategorischen Imperativ, die Tugend ist nur der Fluͤgelschlag der primitiven Freiheit der Seele, die Ahnung des geistigen Urstoffs und dieser endlose Urstoff laͤßt sich so wenig durch Großmuth, Keuschheit, definiren, daß — Keineswegs! entgegnete Albert ganz empoͤrt, es giebt ein absolutes Sittengesetz, die Tu¬ gend, sie ist kein leerer Schall! — Aber, so sagt doch nur, was denn? was giebts denn? unterbrach sie end¬ lich Fortunat hoͤchst erstaunt, und erfuhr nun nach und nach abgebrochen in einzelnen verworrenen Saͤtzen von den Heftigen, daß sie beide, in der festen Ueberzeugung von einer Entfuͤhrung Juanna's durch Lothario, an jenem ungluͤcklichen Abend, sobald die Graͤfin vermißt wurde, die Jagd mit dem Schwure verlassen hatten, sie zuruͤckzubringen oder niemals wiederzukehren. Sehr bald, so behaupteten sie, seyen sie auch wirklich den Fluͤchtlingen auf die Spur gekommen, die sie bis zu diesem einsamen Wirthshause verfolgt haͤtten. Und nun, da wir am Ziele sind, fuhr der Maler fort, laͤßt dieser Herr da ploͤtzlich seine großmuͤthige Larve fallen, und will die Graͤfin als seine eigne Beute entfuͤhren. Aber mit diesem Schwerdte, das in dem großen Krie¬ gesjahre Dreizehn geweiht ist, bewahre ich die Unschuld jener Dame gegen jeden Verfuͤhrer, er mag ein deut¬ scher Komoͤdiant oder ein englischer Lord seyn! — Und hiermit gingen sie von neuem aufeinander los, und fuͤhrten ihre Schulterquarten und Schlenkerprimen mit einer bewundernswuͤrdigen Kuͤnstlichkeit und Pedante¬ rie aus. Da fuhr auf einmal der dicke Wirth aus der Hausthuͤr wuͤthend zwischen die Fechtenden hinein, er hatte einen umgekehrten Tisch uͤber dem Kopfe, wie ein Stier mit vier Hoͤrnern, die schon gezuͤckten Schwer¬ ter klatschten flach auf seinen rindsledernen Schlafpelz. Tausend Parlament, schrie er, Schaͤndlichmen's, Lord- Majors oder Oberstlieutenant, ich frage den Teufel darnach! ich nehme nicht tausend Pfund Sperling fuͤr den Scandal, verjagt mir da mit eurem Geklimper die besten Gaͤste, ist das ein Staͤndchen fuͤr eine schoͤne, auslaͤndische Graͤfin! — Graͤfin! ist sie schon fort? wohin? unterbrachen ihn hier die Duellanten, ihre Degen rasch einsteckend. — Auslaͤndisch? stotterte Albert vor Eifer, was fuͤr eine Sprache redete sie? — Wahrhaftig, mir kam's ganz spanisch vor, erwiederte der Wirth, und schien nun, indem er die Beiden ge¬ heimnißvoll nach dem Stalle fuͤhrte, mit ihnen angelegent¬ lich von der Fremden zu sprechen, Fortunat konnte nur noch bemerken, daß der Schalk ihnen eine ganz an¬ dere Richtung wies, als die Dame vorhin eingeschla¬ gen hatte. — Als er zuruͤckkam, wollte ihn Fortunat selbst uͤber die Graͤfin naͤher ausfragen. Aber der dicke schlaue Mann war nicht zu haschen, er sprach von tollen Naͤchten, Spukgeistern und fahrenden Hexen, und brach mit solchem Laͤrmen den Tag an, daß der Hofhund anschlug und Knechte und Maͤgde aus allen Winkeln herausfuhren. Mitten in dieser Konfusion hoͤrte Fortunat ploͤtzlich den Lord und den Maler von der andern Seite durch die Daͤmmerung miteinander disputiren, und ehe er ihnen noch nachrufen konnte, hatten sie in ihren langen, bis an die Knoͤchel herab¬ haͤngenden Wachstaft-Maͤnteln, aus denen die engli¬ schen Pferde ihre duͤnnen Haͤlse seltsam hervorstreck¬ ten, sich zwischen den fliegenden Morgennebeln schon verloren. So stand er noch ein Weilchen ganz verwirrt, dann berichtigte auch er schnell seine Zeche, schwang sich auf sein Pferd und schlug den Waldpfad ein, den die geheimnißvolle Erscheinung vor Tagesanbruch ge¬ nommen. Er ritt den ganzen Morgen fort: aber er fand sie nicht mehr wieder. Fünfzehntes Kapitel . Die Sonne war eben uͤber Rom untergegangen, als Fortunat von den Bergen mit der Adendkuͤhle in die Stadt einzog. Nur ein Streifen des Meeres in der Ferne und das Kreuz der Peterskuppel brannten noch im Wiederschein, dazwischen der Klang unzaͤhliger Abendglocken, und Gaͤrten, Palaͤste und einsames Ge¬ birg unten wunderbar zerworfen — es war ihm, als zoͤge er in ein praͤchtiges Maͤhrchen hinein. — Ecco là ! rief auf einmal sein Veturin und hielt still. Sie standen vor einem großen, altmodischen Palast, wel¬ cher zum Theil unbewohnt schien und in der Daͤmme¬ rung melancholisch auf den einsamen Platz hernieder¬ schaute, wo hohes Gras aus dem Pflaster drang und ein Springbrunnen einfoͤrmig rauschte. Es war das Haus des Marchese A., in welchem befreundete Rei¬ sende fuͤr Fortunaten die Wohnung besorgt hatten. Ein alter Diener, mit klugen, kurzen Blicken das geringe Gepaͤck des genuͤgsamen Reisenden musternd, fuͤhrte diesen die breiten Marmortreppen hinan, waͤh¬ rend er in großem Wortschwall die Abwesenheit des Marchese entschuldigte, welcher erst heut vom Lande zuruͤckkehre und nicht ermangeln werde, den schuldigen Empfang morgen nachzuholen. Die ersten Stunden in einer großen, unbekannten Stadt gehoͤren zu den einsamsten im Leben, auch For¬ tunaten uͤberflog das Gefuͤhl, als sey er jetzt erst in der Fremde. Er verlor sich ganz in den hohen Ge¬ maͤchern und betrachtete, als der Diener sich entfernt hatte, vor Langerweile die Stukverzierungen an den Decken, die schweren altmodischen Stuͤhle, die hohen Spiegel mit goldenen Rahmen, so wie die umherhaͤn¬ genden Jagdbilder, Kavaliere in seltsamen Trachten vorstellend, halb Ritter halb Gecken, einen Hirsch mit galanter Reiterkuͤhnheit verfolgend, und junge schoͤne Damen in Reifroͤcken unter einem praͤchtigen Zelt im Walde, Jagdhoͤrner in den Haͤnden, denen der gluͤck¬ liche Jaͤger seine Beute ehrfurchtsvoll zu Fuͤßen legte. — Draußen schien ein großer Garten zu liegen, weit uͤber den Garten her schlugen viele Uhren in der Ferne, es war ihm, als sei er schon gestorben und hoͤrte die Todtenglocke uͤber sich. In diesen Betrachtungen unterbrach ihn das Ras¬ seln eines Wagens, der vor dem Schlosse zu halten schien. Er sah durch's Fenster und konnte bei dem Schein einer Fackel nur noch bemerken, wie eine schlanke Maͤdchengestalt aus der altmodischen Karosse behende in das Haus schluͤpfte. Im anderen Fluͤgel des Palastes hoͤrte man nun Thuͤren auf und zuwer¬ fen, gehen und lachen, dann war ploͤtzlich alles wieder still. — Bald darauf aber vernahm er im Garten einzelne, langgezogene Klaͤnge einer weiblichen Stimme, wie eine Nachtigall, durch das Rauschen der Wipfel, durch welche die Gluͤhwuͤrmer leuchtend hinzogen. Der Mond trat eben hervor und verwandelte alles in Traum. Da oͤffnete Fortunat alle Fluͤgelthuͤren, er¬ griff seine Guitarre und schritt durch die lange Reihe der Gemaͤcher singend auf und nieder: Es rauschen die Wipfel und schauern. Als machten zu dieser Stund' Um die halbversunkenen Mauern Die alten Goͤtter die Rund'. Hier hinter den Myrthenbaͤumen In heimlich daͤmmernder Pracht, Was sprichst du wirr wie in Traͤumen Zu mir, phantastische Nacht? Es funkeln auf mich alle Sterne Mit gluͤhendem Liebesblick, Es redet trunken die Ferne Wie von kuͤnftigem großen Gluͤck! — Der schoͤnste Fruͤhlings-Morgen funkelte vor dem Palast uͤber den Garten, da gruͤnte und sang schon alles in der reizenden Verwilderung, in den ausgetrock¬ neten Becken der Wasserkuͤnste jagten sich jubelnd bunte Voͤgel, uͤppig bluͤhende Ranken umschlangen muthwillig die Marmorstatuͤen, als wollte der Fruͤhling sie mit Kuͤssen ersticken. Arglos zwischen den nackten Goͤtter¬ bildern stand Fiametta , die vierzehnjaͤhrige Tochter des Marchese, mit ihrer Kammerjungfer Lenore plau¬ dernd, die ihr die schoͤnen, dunklen Haarflechten auf¬ steckte. Sie war ihr heute ungeduldig entsprungen, beide waren neugierig, ihren Gast, den gestern ange¬ kommenen Englaͤnder, zu sehen, wofuͤr sie jeden reisen¬ den Fremden hielten. Mir traͤumte heut von ihm, sagte Fiametta, er sah aus wie die jungen deutschen Maler mit den langen blonden Locken, und stand in einer unbekannten, praͤchtigen Gegend, die schimmerte und blitzte, daß ich vor Blendung gar nicht hinsehen konnte. Ich wußt' es wohl, es war der Morgen, der schon durch die rothen Gardinen schimmerte, aber ich druͤckte die Augen fest zu — hier hielt sie ein und lachte in sich. — Lenore sah sie fragend an. — Nein, nein, meinte Fiametta leicht erroͤthend, was er mir da ins Ohr sagte, sag' ich nicht wieder — ob er noch jung seyn mag? — Lenore erzaͤhlte, daß sie gestern Abends noch im Garten gewesen, da habe sie seinen Schatten im Zimmer auf und nieder schwanken ge¬ sehen, lang und duͤnn wie der Perpendikel einer Thurm¬ uhr. — Oder einer Spieluhr, denn ich hoͤrt' es wohl heruͤberklingen, fiel ihr Fiametta ins Wort, waͤhrend sie ihr Fuͤßchen auf den Nacken eines umgestuͤrzten Apollos stellte und sich die zierlichen Schuhe festband. Jetzt sahen sie auf einmal zwischen den Zweigen hin¬ durch den besprochenen Gast selbst, sich streckend und dehnend, aus der Schloßthuͤr treten und verschluͤpften, wie Lacerten, schnell zwischen Blumen und Unkraut hinter ein halbverfallenes Gemaͤuer, wo er voruͤber mußte, und durch dessen Ritze sie ihn ungesehen be¬ trachten konnten. Lenore fand ihn sehr schoͤn. Fia¬ metta dagegen kritisirte, heimlich fluͤsternd, sein schlich¬ tes braunes Haar, seinen dreisten Gang und seltsa¬ men Anzug. — Als er an die Mauer kam, sagte sie leis: ich schreck' ihn. Lenore fuhr abwehrend nach ihrer Hand, aber die kleine Marchesin hatte schon den, uͤber die Mauer heruͤberlangenden Ast eines bluͤhenden Apfelbaumes gefaßt und schuͤttelte kurz und rasch, daß Fortunat von den Bluͤtenflocken ganz verschneit war; dann liefen sie beide schnell davon. Fortunat aber war heute laͤngst uͤber alles Ver¬ wundern hinaus. Schon beim Erwachen in den hohen Truͤmaux blickend, der Himmel und Baͤume abspiegelte, hatte er geglaubt, so entkleidet mitten im Garten zu liegen und war erschrocken aufgesprungen; da hoͤrte er draußen Lachen und Maͤdchenstimmen in den schoͤnen fremden Lauten, wie Gloͤckchen, verlockend durch die morgenfrische Wildniß gehen. So war er die helle, stille Marmortreppe hinabgeeilt, um Rom, den Gar¬ ten, den jungen Fruͤhling und den alten Marchese zu begruͤßen. Nach allen Seiten froͤhlich umschauend, wurde er in einiger Entfernung vor sich einen stattlichen Herrn mit gepudertem Haar, Schnallenschuhen und einem alten hofmaͤßigen Kleide gewahr, welcher ein junges Frauenzimmer am Arm fuͤhrte, waͤhrend ein Bedienter in verschossener Liverey mit einem Sonnenschirm und in sichtbarer Langeweile ihnen langsam nachschlenderte. Seine Vermuthung bestaͤtigte sich bald, es war der alte Marchese A., welcher seinen Gast kaum bemerkt hatte, als er ihn in franzoͤsischer Sprache sehr feier¬ lich willkommen hieß und ihm in seiner Begleiterin seine Tochter Fiametta vorstellte, die erroͤthend ihre langen schwarzen Augenwimpern senkte, da sie auf Fortunats Rock noch einige Apfelbluͤthen erblickte. Dann lud er den Fremden ein, an ihrer Morgenpro¬ menade Theil zu nehmen. Fortunaten war es, da sie nun in kuͤnstlicher Verschlingung zierlicher Redensarten an den Buxbaumwaͤnden durch die langen Alleen mit perspectivischen Aussichten gemessen dahinschritten, als wuͤchse ihm langsam ein Haarbeutel im Nacken und ein Stahldegen zwischen den Rockschoͤßen heraus, und er ginge mmer tiefer und tiefer in jene gute alte wun¬ derliche Zeit hinein, wie er sie aus Buͤchern und Bil¬ dern wohl noch kannte. Dazwischen machten ihn die dunklen funkelnden Augen Fiametta's recht innerlichst vergnuͤgt, und so kam er selbst, eh' er's wußte, immer lustiger in die auserlesenste Galanterie und es stoͤrte die Illusion kaum noch, als sich der Marchese zuletzt ganz unerwartet nach einem seiner entfernten Ver¬ wandten in Deutschland, dem Grafen Victor von Ho¬ henstein, erkundigte. Fortunat nannte ihn einen hom¬ me de lettres , der sein Siècle mache. Marchese . Er ist aus einem alten Hause. Fortunat . Bewohnt es aber wenig, sondern ist seit geraumer Zeit auf den Parnaß verzogen, wo er sich seine eigenen Luftschloͤsser baut. Marchese . Ein barocker Einfall fuͤr einen Ka¬ valier. Fiametta . Ich moͤchte einmal einen Dichter sehen. Fortunat . Ihren Augen, meine Gnaͤdigste, kann das nicht schwer werden, wo der Fruͤhling zau¬ bert, muß selbst der nordische Boreas durch die Blume sprechen. Fiametta . Haben Sie auch Blumen in Deutsch¬ land? Fortunat (mit galantem Blick.) So schoͤne nicht. — Waͤhrend dieses Discourses hatten sie sich wieder bis an den Palast herangeschlungen, man schied mit vielen Verbeugungen am Portal unter großem Ge¬ schrei der Sperlinge in den zerbroͤckelten Saͤulenknaͤu¬ fen. Fortunaten war es, als haͤtt' er in aller Fruͤhe eine Menuett getanzt, im Garten aber sangen die Voͤgel und rauschten die Baͤume wieder, als spraͤchen sie noch immer von den funkelnden Augen der schoͤnen Marchesin. Sechszehntes Kapitel. Die ersten Tage verstrichen Fortunaten wie im Rausche, alles schimmerte vor seiner Seele, er mochte in dem Glanze noch nichts deutlich unterscheiden. Der beste Fuͤhrer durch Rom und der Plan der Stadt lagen auf dem Tische aufgeschlagen, jeden Morgen ging er mit dem festen Vorsatze aus, seinen regelmaͤßigen, auf dem Plane im Voraus roth punktirten Umlauf zu beginnen, aber eine uͤberraschende Aussicht zog ihn an, ein Baͤnkelsaͤnger, der einen Kreis von Lumpenge¬ sindel um sich versammelte, lenkte ihn von seinem Wege ab und hielt ihn lange auf, oft folgte er durch 13 ganze Straßen ein Paar seltsamen Maͤnnergestalten, deren roͤmische Nasen und ausdrucksvolle Gebaͤhrden ihm eben besonders auffielen, und wenn er dann er¬ muͤdet von dem muͤßigen Umherschlendern zuruͤckkehrte, mußte er sich dennoch eingestehen, daß er in der kurzen Zeit mehr gesehen und erfahren hatte, als sein gedruck¬ ter Fuͤhrer sich traͤumen ließ. Auf einem solchen Streifzuge hatte er sich eines Abends in ein entlegenes Labyrinth kleiner Gassen ver¬ irrt, die Bewohner saßen plaudernd vor den Thuͤren, schoͤne, halbnackte Kinder spielten und laͤrmten in dem Abendschimmer. Da hoͤrte er unerwartet weiterhin ein lautes Gezaͤnk in deutscher Sprache heruͤberschallen und eilte neugierig dem Hause zu, woher der Laͤrm kam. Auf einmal sprang die Hausthuͤr hastig auf, und ein wohlgekleideter, nicht mehr ganz junger Mann kam so unsanft herausgeflogen, daß er den Hut vom Kopf verlor. Mein Gott! du, Grundling ! rief Fortunat uͤberrascht aus — es war der deutsche Rei¬ sende, der ihm die Wohnung in dem Palast besorgt hatte. — Da bist du ja wie gerufen, sagte dieser ganz ruhig seinen Hut abstaubend, ich will dich so¬ gleich bei Landsleuten einfuͤhren. Hiermit versuchte er den Druͤcker der Thuͤr, fand sie aber hinter sich ver¬ schlossen. Hat nichts zu sagen, meinte er nun, winkte Fortunaten und fuͤhrte den Erstaunten in das leer¬ stehende Nebenhaus, im Dunkeln vorsichtig tappend, zwischen wuͤstem Geruͤlle hindurch. Waͤhrenddeß hoͤr¬ ten sie im Innern nebenan eine maͤnnliche und eine weibliche Stimme immerfort lebhaft miteinander zan¬ ken. Das sind nun meine goldenen Traͤume! rief der Mann. — Traͤume? erwiederte das Maͤdchen schnippisch, so zwick' dich in die Nase, damit du er¬ wachst, ich glaube, du bist heut wirklich betrunken. — Was wußtest du je von der Trunkenheit der goͤttlichen Kunst! fiel er ihr wieder in's Wort, ich Thor, der ich meinte, dich mit emporzuheben! Nun zerrst du mich selbst mit hinab und machst mir die Welt so gemein, daß ich ihr alle meine Farbentoͤpfe an den Kopf wer¬ fen moͤchte! — Nun, einen deiner Pinsel wenigstens hast du schon hinausgeschmissen, entgegnete das Maͤd¬ chen lachend. — Da meint sie mich, sagte Grundling zu Fortunat, fideles, genialisches Volk! Jetzt oͤffnete er am Ende eines schmalen finsteren Ganges eine Hinterthuͤr, und sie traten in ein großes, wuͤstes, von einem Kaminfeuer zweifelhaft erleuchtetes Gemach, wo Fortunat zu nicht geringer Verwunde¬ rung in den Zankenden, Kordelchen und den Maler Guido erkannte. Die erstere saß auf einem Koffer, wo sie Waͤsche zu flicken schien. Kaum hatte sie For¬ tunaten erblickt, als sie, aufspringend, alles wegwarf, ihm mit großer Freude an den Hals flog, und ihn tuͤchtig abkuͤßte. Guido, bleich und verstoͤrt, stand schweigend und schien einen Augenblick verlegen. Kor¬ 13* delchen aber erzaͤhlte in aller Geschwindigkeit, Herr Grundling, der in Rom bekannt sei wie in seiner eige¬ nen Tasche, habe Guido'n in den Bildergallerien und bei allen Malern herumgefuͤhrt, vor kurzem seien sie in einem großen philosophischen Disput uͤber die Kunst zuruͤckgekehrt, da habe Grundling Guido's angefan¬ gene Bilder und Zeichnungen getadelt, daraus sei der ganze Spectakel entstanden. — Wie du alles wieder verdrehst! fiel ihr Guido heftig in's Wort, es ist nicht um den Plunder auf meiner Staffelei dort! Vor den uͤbermaͤchtigen alten Bildern in den Werkstaͤtten unse¬ rer frommen, ernsten deutschen Kuͤnstler, da that es ploͤtzlich einen langen Blitz uͤber mein ganzes Leben von allen Decken, Waͤnden herab, und verbrannte, was hinter mir lag. Da wußt' ich's auf einmal, wer ich bin, ein weinerlicher erbaͤrmlicher Wicht, der noch nichts gemalt und erdacht hat! — Hier brach seine Stimme, er setzte schnell seinen Hut auf und stuͤrzte, ohne jemanden zu begruͤßen, trotzig zur Thuͤr hinaus. Es ist doch ein schoͤner Junge, besonders wenn er boͤse wird, sagte Kordelchen, ihm nachsehend. Grundling zuͤndete unterdessen an dem Kamin, wo Ueberbleibsel vom Mittagessen aufgewaͤrmt wurden, gelassen seinen Cigarren an, waͤhrend Fortunat Guido'n nacheilen wollte. Aber Kordelchen vertrat ihm den Weg. Ich bitte Sie, lieber Baron, sagte sie, thun Sie ihm nicht den Gefallen, denn er will doch nur be¬ dauert und widerlegt sein. Je mehr man ihn troͤstet und streichelt, je ungebaͤrdiger wird er, wie ein unge¬ zogenes Kind, das sich selbst in die Zunge gebissen hat. Sie fing nun, unbekuͤmmert um die Gegenwart der beiden Fremden, vor den Truͤmmern eines zerbroche¬ nen Spiegels sich schnell zu putzen an, wobei sie Fortu¬ naten sehr lustig erzaͤhlte, wie sie nach Rom gekommen. Das froͤhliche Maͤdchen, schon fruͤh fuͤr die Buͤhne dressirt, hatte durch ihr Zusammentreffen mit Lothario zum erstenmale in ihrem Leben Lust und Leid in ihrer tieferen Gewalt erfahren, ohne sich weiter ihren Zu¬ stand klar zu machen. Als nun aber der unbestaͤndige Freund so ploͤtzlich verschwunden war, wurden ihr Thea¬ ter, Sorti und alle die alten Gesichter langweilig, und der enthusiastische Guido beredete sie um so leichter, ihn nach Italien zu begleiten, als sie dadurch an Lo¬ thario's Untreue sich zu raͤchen und insgeheim diesen hier wieder zu finden meinte, was sie aber allen ver¬ schwieg. Unterweges hatte sie sich unzaͤhligemal mit Guido entzweit und wieder versoͤhnt, sie galt fuͤr seine Frau, hier in Rom endlich zerstreute sie die neue Welt, und so fuͤhrte sie gedankenlos ihr gewohntes, leichtfer¬ tiges Leben mit einer gewissen Unschuld fort, die dabei nichts Arges hatte. — Aber wie sind sie damals in der Schweiz den Lord und den Albert wieder losgeworden? fragte sie ploͤtzlich Fortunaten. — Wie! sagte dieser erstaunt, so wart ihr es in jener Nacht? — Freilich, erwiederte sie lachend, ich kannte ihre Einbildung, und ritt und trug mich wie die arme Graͤfin, um die irren¬ den Ritter zu foppen. — Waͤhrenddeß machte Grundling dem Maͤdchen bei ihrer Toilette auf seine schwerfaͤllige Art den Hof, was sie sogleich zu benutzen wußte, indem sie bestaͤndig etwas zu kommandiren hatte, bald mußte er ihr ein Tuch holen, bald eine Nadel suchen, dann reichte sie ihm ihr Fuͤßchen hin, um ihr den Schuh festzubinden, was der trockene Schalk mit ungeschickter Umstaͤndlich¬ keit ausfuͤhrte. Darauf wollte sie ihre Gaͤste auf nor¬ dische Weise mit Thee bewirthen, aber da waren die Theeloͤffel verlegt, die Tassen voll Farbenkleckse, zudem war es schon finster, und je mehr man suchte, je groͤßer wurde die Verwirrung, bis Kordelchen endlich, den Einfall wieder aufgebend, die beiden Maͤnner lustig zu einem Seitenpfoͤrtchen hinausschob, um ihnen ihren sogenannten Garten zu zeigen. So gelangten sie durch das dunkelverbaute Hin¬ terhaus auf einen kleinen gruͤnen Platz, dessen Aussicht Fortunaten wunderbar uͤberraschte. Denn hinter den Weingelaͤnden und duftigen Gaͤrten, die sich terrassen¬ artig senkten, lag ploͤtzlich die Nacht mit ihren Truͤm¬ mern und zerbrochenen Saͤulen wie ein Buch der Ver¬ gangenheit unter ihnen aufgeschlagen, dessen Anfangs¬ buchstaben der Mond raͤthselhaft vergoldete. Da hoͤr¬ ten sie von fern aus den Gaͤrten einzelne Akkorde einer Laute, bald darauf sang eine schoͤne maͤnnliche Stimme: Jetzt wandr' ich erst gern! Am Fenster nun lauschen Die Maͤdchen, es rauschen Die Brunnen von fern. Aus schimmernden Buͤschen Ihr Plaudern so lieb Erkenn' ich dazwischen, Ich hoͤre mein Lieb! Kordelchen, die aufmerksam hinabgelauscht hatte, besann sich nicht lange und antwortete sogleich nach derselben Melodie: Ich hoͤre mein Lieb, Beim wechselnden Scheine Verlaͤßt er die Seine Und kommt wie ein Dieb. Es hallt von den Steinen, Die Wipfel wehn sacht Und sagen's der Deinen — Ja, huͤt' dich bei Nacht! Der Saͤnger unten schien es vernommen zu ha¬ ben, er sang, immer naͤher und naͤher kommend, lustig entgegen: Ja huͤt' dich! bei Nacht Pflegt Amor zu wandern, Ruft leise die andern, Da schreiten erwacht Die Goͤtter zur Halle In's Freie hinaus, Es bringt sie dir alle Der Dichter in's Haus. Die Stimme schien Fortunaten bekannt, da rauschte es in dem naͤchsten Gebuͤsch, und mit einem leichten Satze schwang sich der Saͤnger zwischen dem alten Gemaͤuer zu ihnen herauf, daß seine Laute an den Zweigen einen froͤhlichen Klang gab. — Otto ! rief Fortunat freudig aus, denn es war niemand an¬ ders, als der poetische Student aus Hohenstein. Fast aber haͤtte er ihn nicht wieder erkannt, so verwandelt, von der Sonne gebraͤunt und ruͤstig erschien der Juͤng¬ ling. Er hatte Fortunats Ankunft schon erfahren, und erzaͤhlte ihm nun sogleich voller Entzuͤcken von sei¬ ner Reise und dem hiesigen Aufenthalt, er war wie berauscht in den fremden Luͤften. Kordelchen neckte ihn mit seinem roͤmischen Liebchen, und Grundling schwor, das sei das schoͤnste Frauenzimmer, das er jemals gesehen, alle Maler stiegen ihr nach, wenn sie, ihr Fruchtkoͤrbchen auf dem Kopfe mit dem einen Arm unterstuͤtzend, schlank und zierlich uͤber den Markt ging; einem Landsmann habe sie bei dieser Gelegen¬ heit einmal eine Feige umsonst gereicht, naͤmlich hin¬ ter's Ohr. Waͤhrend sie noch so sprachen, hoͤrten sie hinter sich im Hause heftig gehen und die Thuͤren zuschla¬ gen. Es war Guido, der, in der ungebaͤrdigsten Laune zuruͤckgekehrt, nach Licht rief und im Finstern mit den Stuͤhlen umherwarf. — Heraus, du verstoͤrter Polter¬ geist mit deinem dummen Kuͤnstler-Ungluͤck! rief Grundling in das Haus hinein. — Laßt mich jetzt ungeschoren, das rath' ich euch, erwiederte Guido zor¬ nig von Innen, wem sein Himmel uͤber dem Haupte zusammenbrach, dem kommts auf ein Paar Scherben mehr oder weniger nicht an. — Hier aber verwickelte er sich unter dem alten Geruͤmpel des Hausflurs mit den Fuͤßen in umherliegende Schlaͤuche, er zuckte unge¬ duldig, daruͤber gerieth ein uͤbereinandergeschichteter Thurm von leeren Weintonnen in's Wanken und Fal¬ len, bis auf einmal Schaffe, Tonnen und Maler, unaufhaltsam uͤbereinanderkollernd, zum Hause heraus¬ gestuͤrzt kamen. Grundling, der sich vorwitzig der Thuͤre genaͤhert hatte, konnte nicht so schnell entsprin¬ gen, eine Tonne huͤpfte ihm zwischen die Beine, er wollte sich an Otto'n festhalten, erwischte aber nur seine Laute, mit der er krachend niederfiel. Otto schalt auf Grundling, Grundling auf Guido, Guido auf mehrere alte Weiber, die uͤber dem Laͤrm keifend aus allen Dachfenstern herausfuhren. Mitten aus dieser Verwirrung brach endlich das tiefe, weitschal¬ lende Lachen Grundlings mit solcher vehementen Herz¬ lichkeit, daß es bald Handelnde und Zuschauer unauf¬ haltsam mit fortriß. Diese unerwartete Explosion zerstreute die letzten Woͤlkchen an dem leichtbeweglichen Horizont. Auch Guido hatte daruͤber seine hochmuͤthige Zerknirschung gaͤnzlich wieder vergessen. Man holte Wein herbei, und Kordelchen forderte Grundlingen auf, da sie sich eben alle wie in der Arche Noah so froͤhlich zusam¬ mengefunden haͤtten, bei der schoͤnen, warmen Nacht seine Lebensgeschichte zum Besten zu geben, was von den andern mit großem Applaus aufgenommen wurde. Grundling langte nun aus seinem tiefen Schub¬ sack erst mehrere Stuͤcke eines Pfeifenrohrs hervor, die er umstaͤndlich zusammensetzte, und einen ungeheuern Pfeifenkopf vollpfropfte, waͤhrend er auf einem der umgestuͤrzten Weinfaͤsser Platz nahm. Die andern hat¬ ten sich, um dem Qualme des schlechten Tabacks zu entgehen, vorsichtig außer dem Winde um ihn her ge¬ setzt, worauf derselbe endlich folgendermaßen begann: Du wirst dich noch erinnern, Fortunat, wie ich in Heidelberg mich so in die Wissenschaften verbissen hatte, daß ich gar nicht mehr loskommen konnte. — Allerdings, erwiederte Fortunat, du und dein gruͤn¬ graͤulicher Mantel hatten schon mehrere Studentengene¬ rationen uͤberlebt, als ich dort ankam. Du warst ein hartnaͤckiger Kantianer, und standst, noch immerfort nach der Aufklaͤrung hinweisend, wie ein alter Meilen¬ zeiger, den man mitten im Kornfelde vergessen, nach¬ dem Fichte und Schelling laͤngst andere Straßen ge¬ zogen hatten. Du verachtetest damals uns Juͤngere unsaͤglich, die wir den neuen Weg eingeschlagen. — Nun bei Gott, das thu' ich auch jetzt noch, rief Grund¬ ing, indem er dicke Tabackswolken von sich stieß. — Auf einmal aber warst du in Heidelberg spurlos ver¬ schwunden, sagte Fortunat. Ein von den Ferien zu¬ ruͤckkehrender Student hatte deinen Mantel mitten auf der Heerstraße gefunden, den wir sodann mit einem philosophischen Leichen-Sermon feierlich zur Erde be¬ stattet haben. Wie ging das zu? — Das will ich euch wohl berichten, entgegnete Grundling. Es trieb sich dazumal ein schlanker, junger Mensch in Heidelberg herum, den niemand naͤher kannte, er war nicht Student, nicht Philister, aber verdammt schlau. Das kam mir gleich verdaͤchtig vor, denn ich habe in solchen Stuͤcken eine feine Nase. Ich fuͤhlte dem Patron bei schicklicher Gelegenheit auf den Zahn, da sprach er von Fuͤrsten, Ministern und Bischoͤfen? — versteht ihr? Bischoͤfen — mit denen er oft in naher Beruͤhrung staͤnde, von Ruͤhrung, Stimmung der Seelen u. s. w., aber alles glatt und durcheinan¬ dergeschlungen, wie ein Aal. Da schoß mir endlich ganz das Blatt. Ja, liebe Freunde, es war nie¬ mand anders, als ein geheimer Jesuit, so ein ver¬ dammter proselytenmacherischer Emissair! Nun, Ihr kennt mich, von Stund' an faßt' ich den Kerl scharf in's Auge, sann und beobachtete ihn bei Tag und Nacht. Eines Abends sehr spaͤt wandle ich eben in meinem Mantel vor dem Thore so fuͤr mich auf und nieder, als ich auf einmal den Emissair sacht und vor¬ sichtig in ein dunkles Gebuͤsch schluͤpfen sehe. Ich, nicht zu faul, lenke sogleich meine Schritte dahin, ar¬ beite mich durch Strauch und Dorn immer tiefer nach, und was erblick' ich?! — Unter einer hohen Linde im daͤmmernden Mondschein steht der Emissair in erhabe¬ ner Stellung, neben ihm ein sehr junger Mensch, der so eben, die rechte Hand zum Himmel gereckt, einen feierlichen Schwur ablegt. Nun halt' ich mich nicht laͤnger, ich stuͤrze hervor und donnere den Seelenver¬ kaͤufer an, daß er sich unterfange, diesen Sitz der Aufklaͤrung mit der pestilenzialischen Finsterniß des Mittelalters zu verduͤstern et cetera . Unterdeß fing auch uͤber meiner Rede ein Hund in der Naͤhe zu bel¬ len an, einige Personen bewegten sich von fern zwi¬ schen den Baͤumen, die Ueberraschten wurden immer verlegener, ich fuhr in meinen Ermahnungen immer nachdruͤcklicher fort. Aber was geschieht? Der Kerl von Jesuit packt mich auf einmal von hinten, der an¬ dere an den Fuͤßen, daß ich die Balance verliere, so werfen sie mich in eine verfluchte Kalesche am Gebuͤsch, die ich vorher gar nicht bemerkt hatte, schwingen sich mit herauf, der Kutscher peitscht in die Pferde und fort geht es uͤber Stock und Stein in die finstere Nacht hinein. — Als ich wieder zu mir selbst kam, fand ich mit Vergnuͤgen, daß meine Pfeife in der Con¬ fusion nicht ausgegangen war, auch hatte ich den Tag uͤber viel gesessen, etwas Motion konnte nicht schaden, die Nacht war schoͤn, kein Mensch oder Dorf in der Runde — so dacht' ich denn: laß sie fahren! und setzte meine Ermahnungen ruhig wieder fort. Aber es dauerte nicht lange, so war der junge Proselyt daruͤber eingeschlafen. Der Jesuit dagegen, wie es die Art dieses schlauen Ordens ist, wich mir mit sophistischen Redensarten bald rechts bald links aus, dann zog er eine Flasche guten schweren Weines aus der Wagen¬ tasche und trank mir zu. Ich kam immer mehr ins Feuer, wir disputirten und tranken, ich verbreitete mich ausfuͤhrlich uͤber Aufklaͤrung, Moͤnchthum, dicke Finsterniß et cetera , aber Gott weiß, wie das zuging, es war mir, wie ich so fortsprach, als schritt' ich in der Rage unserem Saͤculum um einige Jahrhunderte so unaufhaltsam vor, daß ich meine Gedanken gar nicht mehr halten konnte, vergeblich blickte ich unver¬ wandt auf den dreieckigen Hut des Kutschers vor mir, Baͤume und Doͤrfer und Waͤlder und Gedanken flogen und verwickelten sich mir im Mondschein durcheinander, nur manchmal hoͤrt' ich noch den Jesuiten dazwischen schnarchen, bis mir zuletzt selbst alle Sinne vergingen. — Als ich wieder aufwachte, war der Jesuit und Proselyt und Wagen und alles fort, und ich liege ruͤck¬ lings auf einem Rasenkanapee an der Chaussee in der angenehmsten Morgenkuͤhle. Aber wie lieg' ich da! In einem kompletten Jesuiter-Rokolor mit unzaͤhligen Knoͤpfen vom Kinn bis an die Fußspitzen, und ein kleines schwarzes Barett auf dem Haupt! Hier brachen saͤmmtliche Zuhoͤrer in ein lautes Gelaͤchter aus, nachdem Kordelchen schon waͤhrend der ganzen Erzaͤhlung oͤfters heimlich gekichert hatte. Dum¬ mes Zeug! rief Grundling aͤrgerlich, und stuͤrzte zwei Glaͤser Wein hinter einander aus, was ist da zu la¬ chen? Das war kein Spaß. Vom Felde glotzten mich ein Paar Bauern groß an, ich schaͤmte mich in dem Aufzuge, als ob ich nackt waͤre, und sprang ge¬ schwind in's Gebuͤsch. Aber die Bauern, wie sie das sehen, fangen an zu schreien, und Hurrah hinter mir drein! Ich springe und schluͤpfe und duck' mich in Graͤben an Zaͤunen, laufe in der Verwirrung gerade in's Dorf hinein, verwickle mich mit dem langen Rokolor im Gestraͤuch, da fahren Euch Hunde, Kin¬ der und Weiber aus allen Loͤchern und alles schreit Mordio. — So brachten sie mich ganz athemlos zum Pastor. Da hatt' ich nun gut reden, daß ich kein Jesuit, sondern eigentlich ein Philosoph sey, je mehr ich von Aufklaͤrung sprach und auf die Jesuiten schimpfte, je schlauer und verdaͤchtiger laͤchelte der Pa¬ stor dazu. Endlich gab er zu essen, ich hatte einen erstaunlichen Appetit. Ueber der Mahlzeit aber hoͤr' ich draußen ein Pferd schnauben und scharren, der Pastor geht hinaus, ich vernehme eine feine Silber¬ stimme, die sich voller Verwunderung und sehr eifrig nach mir erkundigt. Als ich an's Fenster trete, erblick' ich unter den alten Linden vor dem Pfarrhause ein hohes, schlankes Frauenzimmer zu Pferde, im Jagd¬ habit mit nickenden Federn auf dem Haupt. Sie ritt so eben wieder fort, ich konnte ihr Gesicht nicht mehr sehen, aber sie machte von hinten einen recht majestaͤ¬ tischen Eindruck auf meine Sinne. — Nun kam und ging der Pastor wieder hin und her und hatte immer¬ fort das fatale Laͤcheln im Gesicht, ich merkte, daß Boten abgeschickt wurden, ich hoͤrte insgeheim vom Gerichtshalter et cetera fluͤstern, da wurde mir zuletzt Angst, und gegen Abend schluͤpfte ich unvermerkt durchs Hinterpfoͤrtchen, um die Nacht uͤber nach Heidelberg fortzuwandern. Wie ich aber so vor dem Dorfe am Schloßpark voruͤberziehe, hoͤr' ich drin dieselbe Silber¬ stimme sehr angenehm zur Laute singen. Das ficht mich an, ich trete in den Park, immer dreister und weiter — es war richtig die Reiterin. Sie hatte mich schon erblickt. — O meine Ahnung! wußt' ich's doch, daß du kommen wuͤrdest, frommer Vater, sagte sie, zu mir tretend. Nun haͤtte das doch mit dem Teufel zugehen muͤssen, wenn ich ihr Vater haͤtte seyn sollen, denn sie war aͤlter als ich, und haͤßlich, lang und ver¬ trocknet. Sie erzaͤhlte mir nun in der Geschwindig¬ keit, daß sie Schriftstellerin sey, unter dem Namen Blancheflour, ich wuͤrde ihre Schriften wohl kennen, sie habe diesen wichtigen Moment in ihres Herzens Herzen laͤngst ersehnt. — Aber was wollen Sie denn eigentlich? fragte ich ganz verbluͤfft. — Nun mein Gott! katholisch werden! Aber du kennst wohl meine geistlichen Hymnen noch nicht, ehrwuͤrdiger Vater? — Und nun fing sie, eh' ich's mich versah, wuͤthend zu de¬ klamiren an, bei jedem Vers trat sie in der Verzuͤckung einen Schritt naͤher, ich einen Schritt zuruͤck, bis an eine Laube, wo ich geschwind entwischen will. Da brechen auf einmal zwei junge Leute aus dem Busch¬ werk, und gerade auf mich los; es war der Bruder des Fraͤuleins und sein akademischer Freund, ein durch¬ reisender englischer Lord. Der Lord, der uns fuͤr ver¬ liebt haͤlt, nimmt sich sogleich der verfolgten Unschuld der Jungfrau an, es werden Hieber angeschleppt und ich muß mich auf der Stelle mit ihm duelliren. Ihr wißt, ich fuͤhrte eine gute Klinge, der Lord ebenfalls, wir konnten einander nichts anhaben. Nun ging's drauf — das Fraͤulein lag in Ohnmacht — Schlen¬ kerprimen und Schulterquarten, daß ich mein Barett vom Kopf verlor. Nur noch einen Gang! rief der Lord entzuͤckt aus — meinetwegen! — und wieder einen, und noch einen! — Daruͤber wird mir endlich der Lord ganz gewogen, wirft den Hieber weg und embras¬ sirt mich. — Nun fand sich's, daß er auch ein heller, philosophischer Kopf, und eben so erpicht auf Men¬ schenbildung war, als ich. Ich mußte mit ihm auf's Schloß, da hatte er alle Koffer voll neuer Constitu¬ tionen, die er bei den verschiedenen Nationen anbrin¬ gen wollte. Wir disputiren zusammen die ganze Nacht, wir werden ein Herz und ein Sinn, trinken Bruͤderschaft, und er proponirt mir, mit ihm zu rei¬ sen. Das Fraͤulein behandelte mich nun schnoͤde und veraͤchtlich. Aber ich fragte nichts darnach, am fol¬ genden Morgen saß ich mit dem Lord auf dem Wa¬ gen und wir fuhren durch die Schweiz uͤber Rom, Neapel, zwischen Calabrien und Sicilien durch — Halt! halt' ein! riefen hier die Andern lachend dazwischen, dein Lebenslauf kommt auf einmal so ver¬ teufelt in's Stuͤrzen, daß einem ordentlich der Wind am Hute pfeift. Was da Halt! erwiederte Grundling, trinkend und wieder einschenkend. Aber in Spanien ging's uns kurios. Das ist ein verteufelt hitziges Land, kaum hat man dort das Saamenkorn der Weisheit in den Boden gelegt, so schießt's einem auch schon gleich unter den Beinen empor, Disteln und Unkraut, da ist kein Halten mehr, und eh' man sich's versieht, ist einem in dem verruͤckten Klima die ganze Vegetation uͤber den Kopf gewachsen wie eine ungeheure Pelzmuͤtze. Das haben wir dazumal wohl erfahren. Wir hatten uns durch Prozessionen, an Kloͤstern und Feudalsitzen voruͤber, schon ziemlich tief in's Land hineingeaͤrgert, und ritten eines Abends so eben dem Gebirge zu, als sich ein Paar wackere Burschen zu uns gesellten. Wem's Ernst ist, der feiert nicht gern. Wir knuͤpften sogleich ein Gespraͤch aus dem Gebiet der praktischen 14 Philosophie mit ihnen an, bald holten wir noch ein Paar Wanderer ein, und wieder ein Paar, bis wir zuletzt am Fuße des Berges auf einen großen, hellen Haufen stießen. Ich besinne mich nicht lange und haranguire das Volk. Ich sprach vom Aberglauben, von der Freiheit des Willens et cetera , ich kam immer mehr in's Feuer mit donnernder Stimme und zuckenden Gedankenblitzen, das zuͤndet gleich rechts und links, die Kerls jauchzen, schreien Bravi und wieder Bravi, und eh' man die Hand umdreht, mitten in der Rede heben sie mit Piken und Stangen ein altes ab¬ gebrochenes Zelt hoch uͤber ihre Koͤpfe, schwingen vor Entzuͤcken mich und den Lord auf den Baldachin hin¬ auf, und tragen uns so im Triumph auf ein altes adeliges Schloß zu. Da war's doch nicht anders, als wollten sie mit unseren Koͤpfen die Mauern ein¬ rennen, denn in der Begeisterung fragten sie den Teu¬ fel darnach, daß das Schloßthor viel zu niedrig war fuͤr unseren Baldachin. Zum Gluͤck erblick' ich nebst dem Lord noch zu rechter Zeit einen Balkon gerade vor uns uͤber dem Thore, wir erfaßten schnell das Gelaͤnder, die Kerls schritten wie toll unter uns weg, und so blieben wir draußen am Balkon haͤngen mit den Beinen in der Luft. Jetzt aber entstand unter uns ein Spektakel, ein Gedraͤnge und Gewuͤrge — denn die Kerls waren Guerillas — die vom Schloß fielen aus , die Guerillas ein — zwischen unseren Beinen hindurch flogen die Kugeln immerfort hin und her, der Lord verwuͤnschte unsere Philosophie, woruͤber wir noch heftig an einander geriethen. Wie wir nun so bedenklich haͤngen und streiten, stuͤrzt ploͤtzlich oben im praͤchtigen Mondschein zwischen bluͤhenden Pome¬ ranzenbaͤumen das Schloßfraͤulein auf den Balkon her¬ aus, dunkle Locken, Alabaster-Hals und Busen, und eine Laute im Schwanen-Arm. Die sieht mich pene¬ trant an, und bleibt wie verzaubert stehen, sie sieht mich noch einmal an — und: „o mein Traum!“ ruft sie, und laͤßt die Laute fallen. Darauf, schnell wie¬ der gefaßt, erwischt sie mich hinten beim Kragen, und hilft erst mir, dann dem Lord rasch uͤber's Ge¬ laͤnder auf den Balkon, in das Pomeranzengemach hinein. Jetzt aber war guter Rath theuer; ich unbe¬ waffnet, kein Schwerdt in der Naͤhe, und von unten heult das Gedrossel, wie ein versessener Sturmwind, durch das alte Haus immer hoͤher und naͤher herauf. Der Lord wirft sich noch geschwind an den Sekretair des Fraͤuleins hin, schreibt sein Testament, und setzt mich zu seinem Universal-Erben ein. Unterdeß aber — ihr kennt die suͤdliche Glut — verliebt sich die Prin¬ zessin — Prinzessin? rief Fortunat, du nanntest sie ja eben noch schlechtweg vorhin Fraͤulein! Verliebt sich die Prinzessin, fuhr Grundling immer schneller redend und trinkend fort, immer heftiger in 14* mich, und erzaͤhlt mir, wie sie mich schon fruͤher ein¬ mal im Traume gesehen, mit Uniform und dreieckigem Hut durch's Morgenroth auf Wolken schwebend, et cetera. Jetzt war auch der Lord mit dem Petschiren des Testaments fertig, die Prinzessin wollte uns aus dem Schlachtgetuͤmmel heimlich salviren, wir retirirten durch Kammern und lange Gaͤnge unaufhaltsam immer hoͤher hinauf, wobei uns noch der eigensinnige Lord gefaͤhrlich wurde, der niemals seine prallen hirschleder¬ nen Hosen ablegen mochte, die nun in dem Mond¬ schein von weitem leuchteten. So kamen wir endlich auf das flache Schloßdach hinaus, da standen wieder bluͤhende Granaten und Limonien, in der Mitte plaͤt¬ scherte eine Wasserkunst sehr angenehm, in der Gold¬ fischchen bei dem klaren Mondschein lustig hin und her fuhren. Aber da war nicht lange Zeit zur Ergoͤtz¬ lichkeit. Unter uns der Kriegslaͤrm, vor uns der naͤchtliche Abgrund, dazwischen die schoͤne Herzogin mit der suͤdlichen Glut immer dicht hinter mir drein: ich soll katholisch werden und sie heirathen, oder ich und sie muͤßten auf der Stelle sterben! Ich aber kann mich in der Confusion nicht gleich resolviren, da zieht sie einen unvernuͤnftig langen Dolch aus dem Guͤrtel, preßt mich mit dem linken Arm fest an ihre Brust, holt mit dem rechten hinter meinem Ruͤcken aus, und will mich und sich zugleich durch und durch stechen. In demselben Augenblick platzt die Fallthuͤr neben uns mit einem ungeheuren Knall, daß die Stuͤcke meilen¬ weit auseinander fliegen. Sie hatten schon lange dar¬ unter gestemmt, und nun, wie wenn ein Champagner¬ stoͤpsel unverhofft losgeht, kamen auf einmal Guerillas, Schloßsoldaten und Alguazils, die einen mit den Ell¬ bogen, die andern mit den Stiefeln voraus, mit un¬ glaublicher Vehemenz aus dem Loche senkrecht empor¬ geflogen, und so wie einer auf das Dach wieder nie¬ derfiel, fuhr er seinem Nachbar gleich wieder in die Haare, so verbissen waren sie unter einander. Die verliebte Koͤnigin, da sie nun alles verloren sieht, faßt mich beim Arme und rasch mit mir fort an den Rand der Zinne; aber Ihr wißt, ich hielt niemals viel auf Kleider, mein ganzer Aermel laͤßt oben in der Naht los, und die Koͤnigin stuͤrzt sich mit meinem Aermel in den Abgrund hinab, in der Luft noch: Don Grund¬ linghio! rufend. —Unterdeß bekommt mein Lord ploͤtz¬ lich seinen englischen Spleen. Eh' ich's mich versehe, duckt er sich kopfuͤber in das Bassin der Wasserkunst. Das war nun aber so klein und seicht, daß ihm die Lederhosen oben trocken heraushingen. Ich schreie, die gestoͤrten Goldfische stoßen wuͤthend auf seinen Backen¬ bart, alles umsonst! er stampft und stopft sich selber immer tiefer hinein, und ersaͤuft sich so mit aller Ge¬ walt. Es war ein kritischer Moment, Feinde ringsum, ich ziehe schnell mein Schwerdt und maͤhe mich von Etage zu Etage hinunter, ein umgefallener Alguazil beißt mich in dem Gemetzel noch in die Wade, ich spick' ihn fest an den Boden — Aber was Teufel! fuhr Grundling hier ploͤtzlich mit sichtbarem Schrecken von seinem Sitze auf, stehen denn die Todten wieder auf? da geht wahrhaftig der Lord voruͤber! — Und in der That, durch die offenen Thuͤren des Hauses sah man draußen auf der Gasse beim hellsten Mondschein die gelben Lederhosen eines rasch voruͤbergehenden Mannes deutlich schimmern. Ueberrascht sprangen nun auch die Andern auf, denn sie glaubten in der Figur fluͤchtig ihren langen Lord vom fuͤrstlichen Hofe wiederzuerkennen. Eine schlanke Maͤdchengestalt, mit welcher die Eile des Fremden vielleicht in einigem Zusammenhang stehen mochte, schluͤpfte unterdeß, noch einmal zuruͤckblickend, schnell um die dunkle Straßenecke. Grundling aber hatte den Englaͤnder schon erreicht, und sie sahen nun beide in der Daͤmmerung wie zwei Schatten im Reiche der Todten dahin schweben. Laßt die Phantasten laufen! sagte Kordelchen in der Hausthuͤr. Wißt ihr denn nun aber auch, wer den Grundling eigentlich aus Heidelberg fortgeschafft hat? Der vermeintliche Proselytenknabe war ich selbst, und der sogenannte Jesuit niemand anders als ein junger Schauspieler, der mich damals heimlich von Heidelberg entfuͤhrte. Wir mußten wohl den tollen Kautz uͤber Hals und Kopf mit auf den Wagen packen, wenn er mit seinem Laͤrm nicht alles verrathen sollte; mein Freund hatte in seiner kleinen Theatergarderobe zufaͤllig eine Jesuitenkleidung, in die wir dann den Trunkenen hineinknoͤpften, und des Nachts auf der Landstraße wieder aussetzten. — Nun wahrlich, rief Fortunat lachend aus, das ist ja ein wahrer Sturm¬ beutel voll Luͤgen! Waͤhrenddeß ruhte Guido, der nach den heftigen Gemuͤthsbewegungen uͤber Grundlings Erzaͤhlung ein¬ geschlummert war, draußen im Gaͤrtchen, noch im Schlafe malerisch uͤber einen zertruͤmmerten Saͤulen¬ knauf hingestreckt. Otto aber blickte immerfort unver¬ wandt in die Straße hinaus, auch er hatte vorhin jene fluͤchtige Maͤdchengestalt bemerkt, und schien zer¬ streut und unruhig. Endlich hielt er sich nicht laͤnger, und schlug Fortunaten hastig noch einen Streifzug durch die Stadt vor, was dieser mit Freuden annahm. Kordelchen blickte beide listig an: felicissima notte ! sagte sie dann mit einem ganz besonderen schelmischen Nachdruck, und als sich Otto unwillig daruͤber zu ihr wandte, war das wilde Maͤdchen schon im Hause, und hatte die Thuͤr laut lachend hinter sich verschlossen. Sie eilten nun aus dem Gewirre der kleinen, engen Gaͤßchen in's Freie hinaus, Zittern schwirrten von fern durch die stille Luft, die Straßen waren noch voll Menschen, die froͤhlich plaudernd und singend, in der erquickenden Kuͤhle auf und nieder schwaͤrmten. Otto war still und schritt in Gedanken immer schneller und schneller, bis sie zuletzt an einen einsamen Platz kamen, wo er sogleich auf ein kleines, unansehnliches Haus zueilte. Er fand die Thuͤr verschlossen, und klopfte leise an; es blieb alles still drin, er klopfte noch ein¬ mal lauter. Da ließ sich eine uͤberaus anmuthige Stimme im Hause vernehmen: Mein Herr, ich kann den Schluͤssel im Dunkeln nicht finden, auch wacht die Mutter noch, aber habt die Guͤte, rechts die Straße hinabzugehen, dann links um die Ecke, uͤber die Bruͤcke fort, dann wieder rechts, das vierte Gaͤßchen links hinein, so kommt Ihr in einen kleinen Hof, und wenn Ihr dort nicht auf den Kettenhund stoßt und die Lei¬ ter findet, so koͤnnt Ihr mir von dem Dache unseres Hinterhauses noch eine gute Nacht sagen; aber sputet euch und fallt nicht, denn ich bin schon sehr schlaͤfrig. Und kaum hatte sie ausgeredet, so hoͤrten sie sie schon, leise lachend, die Treppe hinanspringen. — Annidi! rief nun Otto hoͤchstverwundert hinauf. Auf diesen Ton oͤffnete sich schnell ein Fenster uͤber ihnen, und eine Maͤdchenge¬ stalt von uͤberraschender Schoͤnheit mit rabenschwar¬ zem Haar und Augen erschien im hellsten Mondglanz. Bist du es! rief sie erstaunt aus, ich meinte, es waͤre der lange Englaͤnder, der mir vorhin wie auf hohen Stelzen nachkam. Jetzt bemerkte sie auch Fortunaten, stutzte und war bemuͤht, ihr loses Halstuch vor dem Fremden rasch in Ordnung zu bringen. Otto hatte sich unterdeß auf einen Stein gestellt, und reichte so bis an's Fenster. Das Maͤdchen legte den schoͤnen Arm vertraulich um seinen Nacken, sich hinausbeugend, daß ihre dunklen Locken aufgingen und den Freund von allen Seiten umgaben; dabei sah sie unverwandt For¬ tunaten an, dem sie nicht recht zu trauen schien. Nein! nein! rief sie endlich, nicht ohne Koketterie ihre Locken wieder aus der Stirn schuͤttelnd, was fragt ihr fremden Herren nach dem Ruf eines armen roͤmi¬ schen Maͤdchens! Die Nachbaren wachen noch und alle Fenster sehen im Mondschein wie glaͤnzende Augen her, gute Nacht! Hiermit warf sie noch unversehens jedem einen frischen Blumenstrauß in's Gesicht, und schloß schnell das Fenster. Waͤhrenddeß waren zwei Frauenzimmer, dicht in seidene Maͤntel verhuͤllt, eilig uͤber den Platz gegan¬ gen. Fortunaten kam es vor, als haͤtten sie ihn im Voruͤberstreifen scharf und verwundert angesehen. Er hoͤrte sie darauf leise und eifrig mit einander sprechen, die eine sah noch einmal zuruͤck, dann waren beide schnell verschwunden. O wie wunderschoͤn sie ist! rief Otto, noch immer nach dem Fenster schauend, aus, und erzaͤhlte nun be¬ geistert, wie er sein Liebchen auf einem laͤndlichen Feste zum erstenmale gesehen, wie sie mit ihren armen Eltern eingezogen aber froͤhlich lebe, wie sie von ihm Deutsch und er von ihr Poesie lerne, weil ihre Gegen¬ wart, gleich der Morgenroͤthe, alles verzaubere und verwandle. So gingen sie langsam durch die ver¬ lockende Nacht, die Nachtigallen schlugen aus allen Gaͤrten und zahllose Brunnen rauschten von fern. Siebenzehntes Kapitel. Die Villa des Marchese A. mit ihren kuͤhlen Schatten, hohen auslaͤndischen Blumen und weißen Marmorbildern lag wie eine Insel in dem Weltge¬ wuͤhl, auf die sich Fortunat einsam verschlagen fuͤhlte. Oft toͤnte es wunderlich in seine Morgentraͤume hin¬ ein, wie wenn eine Hochzeit in weiter Ferne schwir¬ rend durch eine anmuthige Landschaft ginge; wenn er erwachte, erkannte er Fiametta's liebliche Stimme, die Trepp' auf Trepp' ab singend, plaudernd und lachend, das ganze Haus schon mit froͤhlichem Klang erfuͤllte. Eines Morgens fand er sogar einen frischen vollen Blumenstrauß auf seinem Tischchen am Bett, er be¬ griff nicht, wie er uͤber Nacht dahingekommen, und da er der kleinen Marchesin dafuͤr danken wollte, schob sie's lachend auf ihre Kammerjungfer Lenore, die ihn gestern dort vergessen, aber sie wurde uͤber und uͤber roth dabei. — Einmal kam er spaͤt des Abends von einer Wanderung zuruͤck, als er im Garten noch singen hoͤrte, er meinte Fiametta's Stimme zu erkennen und wollte ihr noch eine gute Nacht sagen. Da war's ihm, als saͤh' er ihr Figuͤrchen, verstohlen winkend und fluͤsternd, bald hier bald dort durch das Gebuͤsch schimmern, er folgte immer eifriger durch Hecken und Dorn in eine ganz unbekannte Gegend des Gartens hinein, die schadenfrohen Nesseln stichelten auf seine seidenen Struͤmpfe, Eidechsen schluͤpften uͤberall neu¬ gierig durch das Gestruͤpp. Ploͤtzlich stand er vor einem Gartenhause, die Thuͤr war fest zu, durch die geschlossenen Jalousien aber glaubte er im Mondschein fluͤchtig zwei frische Augen funkeln zu sehen. Sonst war alles still im ganzen Garten und beschaͤmt und verdrießlich wanderte er wieder nach dem alten Schlosse zuruͤck. — Aber es half ihm nichts, der Mor¬ gen kam doch wieder und das liebliche Stimmchen mit ihm wie ein Zaubervogel im Walde, der ihn neckend immer tiefer in das gruͤne Labyrinth verlockte, von dem kein Ende abzusehen war. So waren mehrere Wochen vergangen, Fortunat hatte, um sich alle Liebesthorheit aus dem Sinn zu schlagen, sich endlich mit einer Art von Wuth auf die Sehenswuͤrdigkeiten der Stadt geworfen, mancherlei Studien und Ausfluͤge in die Umgegend gemacht, und daruͤber seine deutschen Freunde fast ganz vernachlaͤs¬ sigt. Er freute sich daher recht, als eines Tages Otto unerwartet gegen Abend zu ihm in's Zimmer trat, und bestuͤrmte ihn sogleich mit Fragen nach Hohenstein, dessen gruͤne Stille mit allen ihren geliebten Personen ihm bei des Studenten Anblick wieder einmal ganz lebendig wurde. Aber zu seiner Verwunderung beant¬ wortete Otto alles nur obenhin, ausweichend und bei¬ nahe verlegen. Dagegen schien ihn irgend eine gegen¬ waͤrtige große Freude zu draͤngen, seinem Herzen Luft zu machen. Gegen seine sonstige, zuruͤckhaltende Ge¬ wohnheit theilte er unaufgefordert mehrere so eben voll¬ endete Gedichte mit, sprach voll froͤhlicher Zuversicht von seinen Plaͤnen zu kuͤnftigen großen Arbeiten, und entwickelte einen solchen bunten Reichthum der Seele, daß Fortunat wie in ein Kaleidoscop hineinzusehen glaubte. Draußen wehte es unterdeß schon wieder kuͤhl uͤber die Stadt, sie machten noch einen Gang in's Freie und Otto, sein Gespraͤch leidenschaftlich fort¬ setzend, fuͤhrte den Freund zwischen kleinen Haͤusern und Weinbergen unvermerkt in eine schoͤne, abgelegene Ge¬ gend hinaus, die Fortunat noch nicht kannte. Garten stieß an Garten, ein unuͤbersehbares bluͤhendes Paradies mit zierlichen Villen und Balkonen, auf denen manche schlanke Gestalt zwischen den Wipfeln erschien, alles von der untergehenden Sonne zauberhaft durchblitzt und beleuchtet. — Wenn ich, sagte Otto, die Gegend uͤberschauend, wenn ich jemals aus diesem Glanze wie¬ der in die dumpfe Enge meines deutschen Gebirgsstaͤdt¬ chens zuruͤck muͤßte, wo sie jetzt wohl vor den Thuͤren unter ihren hoͤlzernen Lauben sitzen, die Haͤnde vor Kaͤlte fest eingewickelt, und nichts vernehmen, als das Gloͤcklein der Bergleute und den Schlag des Eisen¬ hammers von fern, und die Berge sehen von allen Seiten finster auf den stillen Markt herein, und der feuchte Wind schlaͤgt den Kohlenrauch nieder und ver¬ huͤllt alles wie ein Grab — mich schauert ordentlich bei dem Gedanken! — Huͤt' dich wohl, entgegnete Fortunat, es ist ein wunderbares Lied in dem Wal¬ desrauschen unserer heimathlichen Berge; wo du auch seyest, es findet dich doch einmal wieder, und waͤr' es durch's offene Fenster im Traum, keinen Dichter noch ließ seine Heimath los. — Otto schwieg nachsinnend — es war heut fast etwas Freudeverstoͤrtes in seinem gan¬ zen Wesen. Auf einmal bog er rasch mitten in das Bluͤten¬ meer von Gaͤrten hinein. Sie kamen an ein kleines, aber wohlgebautes reinliches Haus, von Epheu, Wein¬ laub und bluͤhenden Baͤumen reizend uͤberwachsen und verdeckt; die Tauben, die sich auf dem Dache in der Abendsonne spiegelten, die offenstehenden Fenster und Thuͤren, wo bunte Schmetterlinge flimmernd ein und aus flatterten, alles gab ein wunderliches Bild suͤdli¬ cher Haͤuslichkeit. Otto fuͤhrte seinen Begleiter ohne weiteres gerade durch das Haus in ein dahintergelege¬ nes einsames Gaͤrtchen, umgeben von Nachbargaͤrten, die von allen Seiten bluͤhend hereinhingen und jede Aussicht verschlossen. Wo sind wir denn hier? fragte endlich Fortunat erstaunt. Indem aber erschien ein Maͤdchen in der Hausthuͤr, er erkannte sogleich die schoͤne Annidi wieder. Sie begruͤßte ihn etwas verwirrt und be¬ schaͤmt, dann trat sie unter eine Weinlaube und be¬ gann aus ihrem Handkoͤrbchen einen Tisch reinlich zu decken, Glaͤser und Teller aufzustellen. Draußen im Nachbargarten hoͤrten sie einen Knaben froͤhlich singen: Es sang ein Voͤglein hier jedes Jahr: Wie schoͤn das Kraͤnzlein, im dunklen Haar! Heuer ist's Voͤglein nicht wiederkommen; Wer hat dir das schoͤne Kraͤnzlein genommen? Nun hielt sich Otto nicht laͤnger, es kam alles heraus: daß Annidi's Eltern seine Besuche ohne be¬ stimmte Erklaͤrung nicht weiter dulden wollten, daß er seit einigen Tagen mit dem Maͤdchen verheirathet, und sich nun sammt den Ihrigen hier eingenistet habe. Fortunat erschrak uͤber diese ganz unerwartete Ent¬ deckung und uͤberdachte schnell die wunderlichen Folgen, die diese Uebereilung fuͤr Otto herbeifuͤhren mußte. Doch wurde er bald durch die liebliche Erscheinung der jungen Frau wieder beschwichtigt, die sich, ihrer neuen Lage noch ungewohnt, fortwaͤhrend mehr zierlich die¬ nend als mitgenießend erwies, als sie sich nun froͤhlich unter der Laube um den Tisch setzten. Auch ihre Eltern gesellten sich jetzt zu ihnen, zu Fortunats heim¬ lichem Unbehagen, den die gewoͤhnlichen, welschgekniffe¬ nen Gesichter stoͤrten. Sie mischten sich oͤfters unge¬ schickt mit in das Gespraͤch, redeten viel von guter Wirthschaft und dem noͤthigen Fleiße ihres Schwieger¬ sohnes im Buͤchermachen, und Fortunat konnte wohl bemerken, daß sie ihn selbst als einen Zeitverderber und zweideutigen Kameraden Otto's scheel ansahen. — Unbekuͤmmert saß und schmauste unterdeß das gluͤck¬ liche Ehepaar, Annidi, auf einem Fußbaͤnkchen mit beiden Armen auf Otto's Knie gestuͤtzt und die gebra¬ tenen Kastanien ausschaͤlend, die sie jede zur Haͤlfte mit einander theilten. Der Mond schimmerte schon durch das Weinlaub, Otto war seligstill, die junge Frau uͤberaus schoͤn, druͤben sang der Knabe wieder: Wer hat dir das Kraͤnzlein genommen? Fortunaten aber uͤberwaͤltigte mitten in dieser Stille eine unwiderstehliche Wehmuth, als sey Otto nun hier in der Fremde maͤhrchenhaft verzaubert. Es wollte ihm das Herz zersprengen, er schuͤtzte ein drin¬ gendes Geschaͤft vor, ergriff schnell seinen Hut und nahm tief geruͤhrt Abschied von dem Freunde, wie von einem Verstorbenen. Als er zuruͤckblickte, standen Otto und Annidi noch in der Hausthuͤr. Gluͤhwuͤrmchen schwaͤrmten leuchtend durch das Nebengelaͤnde, er sah von der schoͤnen Frau nur noch die glaͤnzenden Augen und Schultern, Otto erschien todtbleich im Mondschein. In wirren Gedanken war Fortunat hastig nach Hause geeilt. Der Mond schien praͤchtig uͤber den alten Garten, er lauschte, ob er Fiametta nicht wie¬ der singen hoͤrte, doch alles blieb still. Als er aber um den Pfeiler des Schlosses trat, fuhr er heftig zu¬ sammen, denn in einer der Alleen glaubte er ploͤtzlich sich selber zu erblicken. Unverwandt starrte er hin, die Gestalt zeigte sich noch einmal im hellsten Mondlicht, es war seine Kleidung, sein Gang, seine Haltung, und doch schien es wieder ein ganz fremder junger Mann. Jetzt blieb der Unbekannte lauernd hinter einer Hecke stehen. Da kam auf einmal Fiametta aus dem Gebuͤsch hervorgesprungen, besah ihn lachend rundum, dann gingen sie Arm in Arm tiefer in den Garten hinein. Mitten im froͤhlichen Plaudern aber schienen sie ploͤtzlich Fortunats Schatten auf dem Ra¬ sen zu bemerken, er sah sie erschrocken entfliehen, und bald war die ganze Erscheinung im Dunkel wieder verschwunden. Fortunat aber hatte sich in's Schloß gewandt und ging heftig in seinem Zimmer auf und nieder. Also diesem galt das Abendliedchen letzthin, o ich Thor! sagte er mit einem bittern Gefuͤhl, das er sich selbst nicht eingestehen mochte. Es war fest beschlossen, er wollte sogleich morgen weiter nach Neapel reisen, ohne Fiametta noch einmal wiederzusehen. Noch in der Nacht schrieb er sein Vorhaben dem Marchese, der eben auf dem Lande war, und packte, in geheimer Wuth lustige deutsche Lieder singend, seinen Koffer. Dabei schwirrten ihm die Worte aus einem alten Liede: „Das Kraͤnzlein ist herausgerissen, Ganz ohne Scheu sie mich anlacht: Geh' du vorbei: sie wird dich gruͤßen, Winkt dir zu einer schoͤnen Nacht.“ immerfort durch den Sinn, daß er daruͤber aus Her¬ zensgrunde haͤtte weinen moͤgen. Am folgenden Morgen hatte er noch einige weit¬ laͤufige Gaͤnge, um das noͤthige Reisegeld zu erheben; so war die Mittagsstunde herangekommen, die Zeit der zauberischen Schwuͤle, die im Suͤden alles Ledendige uͤberwaͤltigt. Dennoch wollte er nicht abreisen, ohne vorher noch einen Streifzug durch den Garten zu ma¬ chen. Da ruͤhrte sich jetzt kein Blaͤttchen in der wei¬ ten, traͤumerischen Stille, die Voͤgel schwiegen, nur einzelne Schlangen sonnten sich ringelnd auf den ein¬ samen Gaͤngen, alle Menschen lagen wie todt. Es war das erstemal, daß er hier zu dieser Stunde wach war, und dieses Schlafen der Natur mit offenen Augen erschreckte ihn gespenstisch. Er fluͤchtete nach einem kuͤhlen Gartenhause, blieb aber uͤberrascht im 15 Eingange stehen, da er Fiametta, gleichfalls schlummernd, drin erblickte. Sie ruhte auf dem rechten Arme, das Gesicht von den losgeloͤsten Locken halb verdeckt, heiter athmend, wie ein schoͤnes Kind. Einige abgebrochene Worte hielten ihn fest. Sie sprach im Schlaf, immer deutlicher und zusammenhaͤngender, aber zu seinem Erstaunen ganz in der auslaͤndischen Weise, wie er selbst das Italienische zu sprechen pflegte. In wun¬ derlichem Dialog hoͤrte er nun, wie er aus ihrem eigenen Munde ihr gestand, daß er sich nur so kalt stelle, daß er sie aber eigentlich herzlich liebe. — Er erschrak, daß sie so aus seiner Seele redete. — Nun lachte sie in sich, und entgegnete froͤhlich: das wisse sie ja lange schon! — Dann sprach sie leise, immer leiser, als spraͤch' sie ihm in's Ohr, er konnte nichts verstehen, bis sie zu¬ letzt, tief aufseufzend, sich zu regen begann. Fortunat eilte ganz verwirrt nach dem Schlosse zuruͤck, schon ruͤhrte sich's wieder in allen Straßen, der Postillon draußen mahnte zur Abreise, er warf sich schweigend in den Wagen, und das lieblichste Raͤthsel, das er nicht zu loͤsen wußte, erfuͤllte seine ganze Seele. Achtzehntes Kapitel . Mehrere Monate sind seitdem verflossen, die Sonne gluͤht auf den Quadern der oͤden Palaͤste und die Reichen sind laͤngst auf ihre Villen gefluͤchtet, denn auf den Truͤmmern der alten Stadt sitzt die A ë ra cat¬ tiva schon wie ein verhuͤlltes Gespenst, Fieber und Wahnsinn bruͤtend. Wie ist Otto's Einsiedelei seitdem so seltsam verwildert! Die Ranken an der Hausthuͤr wuchern bis uͤber das Dach hinaus, in dem Gaͤrtchen hat uͤppiges Unkraut, in rothen und gelben Bluͤten brennend, Beete und Gaͤnge verschlungen. — Da kehrte Otto eines Tages ermuͤdet von einem weiten Spaziergang zuruͤck, er fand im Hause alles aus¬ geflogen, nur die Bienen summten einfoͤrmig in dem stillen Garten, er fuͤhlte sich unbeschreiblich verlassen, Hausflur, Stuben und Baͤume kamen ihm in der ungewohnten Einsamkeit auf einmal so fremd vor, daß er erschrak. Er ging einigemal im Garten auf und nieder, dann setzte er sich zwischen den tief herabhaͤn¬ genden Zweigen an den Tisch, und schrieb folgende Zeilen: 15* Die Nachtigall schweigt, sie hat ihr Nest gefunden, Traͤg zieh'n die Quellen, die so kuͤhle sprangen, In truͤber Schwuͤle liegt die Welt gefangen, So hat den Lenz der Sommer uͤberwunden. Noch nie hat es die Brust so tief empfunden, Mir war's, als ob viel' Stimmen heimlich sangen: Auch dein Lenz, froher Saͤnger, ist vergangen, Auf welkem Laub nun liegst du selbst gebunden. O komm, Geliebte, komm zu mir zuruͤcke! Daß ich in deinen Augen wieder lesen Mein Hoffen kann, mein Singen und mein Lieben! Doch weh! wie fremd sind ploͤtzlich deine Blicke, Als waͤrst du's, die ich meinte, nie gewesen — Wie einsam bin ich in der Welt geblieben. Mein Weib, das schwaͤrmt bestaͤndig, Und Deutschland liegt so weit, Das Dichten geht elendig In meiner Einsamkeit. Ich dehne alle Glieder Aus dieser schwuͤlen Gruft, O Herr, gieb Fruͤhling wieder, Luft, frische freie Luft! Als er von dem Blatt aufsah, hoͤrte er draußen Voruͤbergehende reden in der fremden Sprache, aber ein Vogel uͤber ihm fang wie ehemals in Hohenstein — er druͤckte die Stirn uͤber beide Arme auf den Tisch und weinte aus Herzensgrunde. Da hoͤrte man ploͤtzlich im Hause eine liebliche Stimme einzelne Klaͤnge aus Opern-Arien theatralisch anschlagen. Eine junge Dame in reicher, eleganter Kleidung trat in den Garten, und hob den seidenen Hut vom Koͤpfchen, die reichen Locken ringelten uͤber den schoͤnen, vollen Nacken hinab — es war Annidi, wie war sie seitdem so praͤchtig geworden! Sie warf ihre Handschuh der dienstfertig herbei eilenden Mutter nachlaͤssig zu, waͤhrend ihr Vater, der sie als Bedien¬ ter begleitet zu haben schien, im Hause Shawl und Sonnenschirm niederlegte. Der Graf Archimbaldi laͤßt dich gruͤßen, sagte sie zu Otto, aber die ganze Noblesse wundert sich, lieber Mann, daß du so men¬ schenscheu bist und immerfort studirst, der lustige Duca sagte, Weisheit mache weiße Koͤpfe. Auch die junge Malerfrau war heute dort, mein Gott, wie war die angezogen! Der junge Mensch fluͤsterte mir heimlich in's Ohr, sie sey wahrscheinlich, erst halb schraffirt und grundirt, ihrem Pinsel von Mann entlaufen. — Hier aber brach sie ploͤtzlich erschrocken ab, da Otto endlich aufsah und ihr das bleiche, wuͤste Gesicht zuwandte. Sie hielt ihn fuͤr krank, sie ließ es sich nicht ausreden. Die Mutter mußte sogleich nach der Kuͤche laufen, es wurde Thee gekocht, herzstaͤrkende Tropfen geholt und Kraͤuter gestampft mit großem Geraͤusch. — Mir geschieht schon recht, rief Otto mit schneidender Bitterkeit aus, ihr habt ganz recht, mit den Fingern nach mir zu weisen. Doch ich will einen Strich durch die Rechnung meines Lebens machen, o ja, ich will ja auch lustig seyn, daß mir das Herz zerspringt! — Aber wie es in solchen Faͤllen wohl geht, Annidi hatte ihn ganz mißverstanden. — Wahr¬ haftig — sagte sie, vertraulich naͤher tretend — du magerst mir ganz ab bei dem Leben, und ich wollt' es dir schon lange einmal sagen: so fleißig wie du bist, es kann dir ja doch am Ende einerlei seyn, was du schreibst. Da ist der junge Schreiber uns gegen¬ uͤber, du schreibst eine bessere Hand, als er, das sagen alle, und was verdient der, wie lebt der gegen uns! — Da kam die Mutter mit dem Thee, Otto wies sie so heftig von sich, daß Kanne und Tassen uͤber¬ einanderstuͤrzten. Das kommt von dem ewigen Sitzen und Bruͤten, sagte der erstaunte Vater in der Haus¬ thuͤr. — Ja, und jede Henne bruͤtet doch mehr aus fuͤr's Haus als er, brummte die Mutter. Otto aber, um nur aus alle dem Plunder herauszukommen, war schon aus dem Garten und Hause fort und schweifte, so muͤde er war, in der Abendkuͤhle durch die Gassen und dunkelnden Felder, bis die Nacht voͤllig hereinbrach. Als er zuruͤckkehrte, war schon alles still im Hause, es aͤrgerte ihn heimlich, daß Annidi nicht be¬ sorgter war um ihn. Er fand sie droben eingeschlafen, der Mondschein machte ihre Zuͤge so mild, ach und sie war so schoͤn! Da blickte er durch's offene Fenster uͤber die Daͤcher in die mondbeglaͤnzten Abgruͤnde der Stadt hinab, einzelne Wolken flogen daruͤber nach seiner fernen Heimath zu. — Wunderbar, sagte er zu sich selbst, schon in meiner Kindheit, wie oft bei stiller Nacht im Traume, hoͤrt' ich der fernen Roma Glocken schallen, und nun da ich hier bin, hoͤr' ich sie wie da¬ mals wieder aus weiter, weiter Ferne, als gaͤb' es noch eine andere Roma weit hinter diesen dunkelen Huͤgeln. — In dieser Zeit traf es sich, daß in der Naͤhe von Rom auf dem Lande eine Kirchweihe gefeiert wurde. Annidi duͤnkte sich zu vornehm, um an dem Feste Theil zu nehmen. Otto aber, den es heimlich verdroß, warf einmal alle Papiere und Buͤcher bei Seite und eilte hinaus in's Freie. Es war in den ersten linden Herbsttagen, ein warmer Regen hatte die Gegend er¬ frischt, Otto athmete tief auf, es war ihm, als wan¬ derte er wieder nach Hohenstein. Je tiefer er in's Thal hinabstieg, je belebter wurden allmaͤhlich Busch und Felder, bunte Zuͤge von Reitern und Spaziergaͤn¬ gern schlangen sich wie Blumenkraͤnze durch's Gruͤn, von den Waldeswiesen schimmerten farbige Zelte, zwi¬ schen denen zerstreute Gruppen froͤhlich lagerten, waͤh¬ rend luftige Gestalten im Ballspiel uͤber den Rasen hin und her schwebten. Mitten in dieser Wirrung aber bemerkte Otto einen schlanken Zitterbuben, der auf seinem geschmuͤckten Pferde langsam uͤber die be¬ glaͤnzte Au dahinritt. Ein voller Kranz von frischem Weinlaub umschloß seinen Hut, von dem bunte Baͤn¬ der in der Abendluft flatterten, von Zeit zu Zeit gab er einen vollen Klang auf der Zitter. — Otto folgte der zierlichen Erscheinung, erstaunte aber nicht wenig, als der Knabe auf einmal deutsch zu singen begann: Die Lerch', der Fruͤhlingsbote, Sich in die Luͤfte schwingt, Eine frische Reisenote Durch Wald und Herz erklingt! Mein Gott, rief Otto sich besinnend aus, das ist ja das Reiselied, das ich so oft in Deutschland gesungen habe. — Er trat naͤher, der Zitterbube sang wieder: Die Wolken zieh'n hernieder, Die Lerche senkt sich gleich — Gedanken geh'n und Lieder In's liebe deutsche Reich. „Aber eh' ich ihnen selbst nachreite, muß ich vor¬ her trinken, denn ich bin beinah erdurstet,“ unterbrach sich hier ploͤtzlich der Knabe, waͤhrend er vor einer Laube anhielt und lachend von seinem Pferdchen dem Otto fast in die Arme sprang. Dieser erkannte nun Kordelchen , die ihn schon laͤngst in der Menge hin¬ ter sich bemerkt hatte. Sie zog ihn in die Laube, Guido und ihre ande¬ ren Begleiter, sagte sie, kauerten so eben wie Nacht¬ eulen in Ruinen und Felsenritzen, um zu zeichnen, uͤberdieß habe sie sich auch mit ihnen verzankt. — Aber wie siehst du aus! rief sie dann, Otto'n ge¬ nauer betrachtend, nuͤchtern und blaugruͤn, wie eine leere Weinflasche! Das kommt vom Ehestande. Ar¬ mer Junge! bliebst du mir treu, so waͤrest du nicht in das Ungluͤck gerathen. — Sie bestellte nun Wein, und sie setzten sich zusammen in die Laube. Otto hatte seit Monaten keinen Bekannten gesehen, nun war ihm nach der langen Einsamkeit wie einem Ge¬ nesenen, der zum erstenmal wieder in die frische Luft kommt. Sieh, Kordelchen, sagte er froͤhlich, gerade in solchen linden Tagen war es auch, als wir uns zum erstenmal in Deutschland sahen. — Ganz recht, erwie¬ derte sie mit leuchtenden Augen, wir rasteten eben unter einer alten Burg im Gruͤn, da kam er aus dem Walde und sagte, er wollte mit uns ziehen. — Sie meinte Lothario'n, Otto dachte, sie spraͤche von ihm. Wahrhaftig, fuhr er fort, mir ist heute ganz zu Mu¬ the, wie damals, als kaͤme der Fruͤhling wieder. — Ach nein, nein, sagte sie traurig, der kommt nicht mehr wieder. — Sie nippte schnell am Weinglas, um die Augen zu verbergen, die von Thraͤnen glaͤnzten, dann wandte sie das schoͤne, von Locken und Weinlaub verhaͤngte Gesichtchen wieder heiter nach Otto herum. Da bemerkte sie, daß er auf beiden Armen uͤber den Tisch gelehnt, sie mit einem langen, wirren Blick an¬ sah, den sie gar wohl verstand; sie schien davon uͤber¬ rascht, beugte sich ploͤtzlich vor ihn, und sah ihm halb¬ fragend in die Augen. Da hielt er sich nicht laͤnger, er druͤckte sie mit gluͤhenden Kuͤssen an sich. Sie er¬ wiederte fluͤchtig den Kuß, und sprang dann rasch auf. Ei Ehemann! rief sie mit dem Finger drohend, schwang sich behend auf ihr Pferdchen, und war im Augenblick zwischen den Zelten und Buͤschen verschwunden. Otto hatte nun den Wein zu bezahlen, die Neige kam ihm jetzt schaal vor, da Sie die brennendrothen Lippen nicht mehr drin kuͤhlte. Draußen aber war unterdeß der Abend verklungen und verbluͤht, nur von den Bergen sah man noch einzelne Leuchtkugeln auf¬ steigen. Wie im Taumel wanderte er zwischen den Guitarrenklaͤngen, dem Singen und Plaudern der Heimschwaͤrmenden durch die laue Nacht, als mitten in dem Jubel eine dunkle Gestalt an ihm voruͤber¬ streifte, dann aber ploͤtzlich zuruͤckgewandt, ihm fest in's Auge blickte. Mit Erstaunen sah er den Maler Albert vor sich stehen: ganz bleich, verwildert und abgerissen. — Mein Gott! wie kommen Sie nach Rom, und in diesem Zustande? rief der Ueberraschte aus. — Verloren, alles verloren! erwiederte Albert finster und mit solchem Ausdruck des tiefsten Grams, daß Otto'n schauderte. Aber hier belauscht uns der Mond noch, auch er ist falsch in diesem Lande, fuhr er fort, indem er Otto's Hand faßte und ihn tiefer in den Wald hineinzog. Rasch und unzusammenhaͤngend erfuhr nun Otto, daß sein wunderlicher Landsmann, von heimlich aufschlagenden Freiheitsflammen von neuem auf diesen vulcanischen Boden verlockt, schon seit laͤngerer Zeit hier heimlich mit wenigen Gleichge¬ sinnten seine Kunst, Gut und Leben an eine Tollheit gesetzt, daß aber jetzt alle Plaͤne gescheitert, und er selbst als Carbonaro verfolgt werde. — Der gutmuͤ¬ thige Otto bot sogleich alle seine Kraͤfte, Geld und Verbindungen zur Huͤlfe an, er wollte den Ungluͤckli¬ chen zunaͤchst in seinem Hause verbergen, bis sich Ge¬ legenheit faͤnde, ihn heimlich aus dem Lande zu schaf¬ fen. Aber Albert schuͤttelte mit dem Kopf, daß ihm die langen struppigen Haare Augen und Wangen be¬ deckten. Nicht um mich handelt sich's hier, sagte er, sondern um die Schmach der Zeit. Horch, wie sie draußen jauchzen und mit den Sklavenketten lustig klingeln — das ist's, was mir das Herz frißt! Hier hoͤrte man verworrene Maͤnnerstimmen weiter unten im Walde, die sich zu naͤhern schienen. Albert blickte wild um sich, und zog einen Degen unter seinem Man¬ tel hervor. Otto erkannte sogleich das Schwert vom großen Kriegsjahre Dreizehn wieder. Die Sbirren sind mir auf der Spur, fluͤsterte er, eilen Sie fort, es ist gefaͤhrlich, die Bahn eines tragischen Geschickes zu kreuzen. Aber Otto war fest entschlossen, lieber das Aeußerste zu wagen, als den Verwirrten in dieser Noth zu verlassen. Rasch und geraͤuschlos schritten sie unterdeß immer hoͤher in's Gebirge hinauf, Albert hieb sich mit seinem Schwerte Bahn durch das Ge¬ struͤpp, aus welchem verstoͤrte Schlangen nach den Steinritzen schluͤpften. So waren sie auf einen Fel¬ sen gekommen, der Schwindel erregend uͤber eine uner¬ meßliche, daͤmmernde Tiefe hinuͤberhing. Albert stand am aͤußersten Rande und wies mit seinem Schwerte schweigend in die Ferne. — Großer Gott, wie herr¬ lich! rief Otto uͤberrascht aus — Rom lag da unten still und feierlich im Mondglanz. — Da hoͤrte er auf einmal ein Geraͤusch, er sah Albert ploͤtzlich wanken, sinken. Der Ungluͤckliche hatte sich mit heidnischer Tu¬ gend in sein eignes Schwert gestuͤrzt. — Gruͤße das Vaterland — ich sterbe — frei, sagte er ohne Zeichen des Schmerzes, wehrte die Hand des hinzugesprunge¬ nen Otto kraͤftig ab, und glitt, eh' ihn dieser wieder fassen konnte, rettungslos in den Abgrund hinab. Entsetzt beugte sich Otto uͤber die Felsenwand, es war alles still unten, nur der Strom rauschte zornig herauf — da faßte ihn ein unwiderstehliches Grauen, halbbewußtlos schwang er sich von Klippe zu Klippe den Berg hinunter. Im Fliehen bemerkte er seitwaͤrts in dem Abgrunde mehrere dunkle bewaffnete Gestalten mit Fackeln, die den Todten in ihrer Mitte graͤßlich beleuchteten. Nun schlugen hin und wieder Hunde an, einzelne Stimmen wurden in dem Thale wach, der Wiederschein der Windlichter spiegelte sich wild im Flusse. Otto wagte nicht mehr zuruͤckzublicken, schauernd flog er uͤber die stillen Felder, durch die leeren Gassen fort zu seiner einsamen Wohnung. Hier fiel es ihm erst ein, daß er bei den Seini¬ gen hinterlassen, diese Nacht auf dem Lande zubringen zu wollen. Er fand nun die Thuͤren verschlossen, alles im Hause schien laͤngst zu schlafen. Unmuthig stieg er daher uͤber den Zaun in den Garten, wo er sich so¬ gleich auf die Bank in der Laube hinwarf. Das leise Rauschen in den Zweigen sang gar bald den Ermuͤde¬ ten ein. Da traͤumte ihm, er laͤge in dem schoͤnen Garten zu Hohenstein und saͤhe die steinernen Goͤtter¬ bilder vor sich im hellen Mondschein auf den Gaͤngen stehen. Es war, als fluͤsterten sie in der Stille heim¬ lich untereinander, und als er recht hinsah, regte sich das Venusbild und stieg langsam von dem marmor¬ nen Fußgestell herab. Mit Grauen erkannte er seine Annidi, sie kam gerade auf ihn zu, eine Marmorkaͤlte durchdrang ploͤtzlich alle seine Glieder, daß er erschrok¬ ken aufwachte. Als er aber noch ganz verwirrt um¬ herblickte, stand wirklich die weiße Gestalt in der Hausthuͤr, leise fluͤsternd nach Jemand zuruͤckgewandt, den er nicht sehen konnte. Auf einmal schlug sie einen weiten Mantel auseinander, und Annidi trat aus den Falten hervor. Ein junger, hoher Mann umschlang und kuͤßte sie, dann warf sie ihm lachend den Mantel zu und schluͤpfte in’s Haus, der Fremde schwang sich rasch uͤber den Gartenzaun — und alles war wieder todtenstill. Otto starrte lange regungslos auf den dunklen Fleck, wo der furchtbare Spuk zerronnen. Darauf stuͤrzte er aus dem Garten in die Nacht hinaus, ohne zu wissen wohin — er hatte ja nun keine Heimath mehr auf Erden! — Die Straßen waren oͤde, die Wasserkuͤnste im Mondschein, die ihm sonst so braͤut¬ lich rauschten, kamen ihm jetzt gespenstisch vor wie ver¬ schleierte Nixen, im Winde sich beugend und neigend, als fluͤsterten sie heimlich von ihm und seiner Schande. Unwillkuͤrlich hatte er den Weg zu Guido's Wohnung eingeschlagen, er wollte ihn wecken, er mußte in dieser Stunde Jemand haben, dem er alles sagte. Zu sei¬ nem Erstaunen fand er die Thuͤr nur leicht angelehnt, ein Licht brannte drinn. Als er in die Stube trat, sah er Kordelchen auf der Erde knieen zwischen Waͤsche und Kleidern, die sie eifrig in einen Mantelsack packte. Sie blickte erstaunt, fast erschrocken nach ihm herum. Was willst du denn jetzt hier? sagte sie, Guido ist noch auf dem Lande, und kommt erst in einigen Ta¬ gen zuruͤck. — Otto'n aber wollte das Herz zersprin¬ gen, er warf sich auf das Sopha und brach, sein Ge¬ sicht mit beiden Haͤnden bedeckend, in ein unaufhaltsa¬ mes Weinen aus. Da stutzte Kordelchen, sie ließ alles liegen, setzte sich zu ihm und troͤstete und streichelte ihn neugierig und mit herzlicher Theilnahme, bis sie nach und nach sein ganzes Ungluͤck erfahren. Sie hoͤrte alles still und nachdenklich an. Als er aber schwieg, sprang sie ploͤtzlich froͤhlich auf. Wir reisen zusammen! rief sie aus, das ist eine langweilige Wirth¬ schaft hier, und ich und Guido, wir paßten eigentlich niemals zusammen. Wenn er sich betrinkt, so ist das genial, wenn er sich verliebt, so ist's Andacht, und wenn ich ihn daruͤber auslache, so wird er wuͤthend, und will mich durchaus mit sich emporfluͤgeln, wie er's nennt. Ich hab's schon seit einigen Wochen beschlossen, ich reise heimlich fort und zuruͤck nach Deutschland, ich habe so eben Geld genug, die Pferde sind bestellt — kurz: wir reisen noch heute! — Dabei wartete sie gar keine Antwort ab, sondern rumorte und packte dazwi¬ schen immer lustig fort, Otto wußte nicht, wie ihm geschah, durch das offene Fenster wehte frische Reise¬ luft herein, der Morgen daͤmmerte schon leise uͤber der stillen Stadt. Wer dem Teufel laͤßt ein Haar, den faßt er ganz und gar. So brannte der Kuß von gestern noch immer heimlich fort auf Otto's Lippen, uͤber den Truͤmmern seines Gluͤcks war uͤber Nacht eine uͤppig bluͤhende Wildniß schimmernder Erinnerungen und Hoff¬ nungen giftig aufgeschossen. — Und als die ersten Streiflichter des Morgens uͤber die Berge flogen und die fruͤherwachten Lerchen noch halbvertraͤumt in den Luͤften hingen, da zogen Otto und Kordelchen schon durch die stillen Felder nach Deutschland zu, und sahen Rom, wie in einem Feuermeer, langsam hinter sich versinken. Waͤhrenddeß war Fortunat in Neapel und Sizi¬ lien umhergestreift. In seiner poetischen Behaglichkeit hatte er sich alles aus dem Sinn geschlagen, und machte uͤberhaupt aus seiner Liebe gar nichts, als ein langes Gedicht in vielen Gesaͤngen und verschiedenen Silbenmaaßen, worin ein schoͤnes, schlankes italieni¬ sches Maͤdchen die Hauptfigur spielte. Da begab sich's aber, daß er im Schreiben sich nach und nach in diese Figur selbst verliebte, und je verliebter er wurde, je aͤhnlicher wurde sie unvermerkt der kleinen Marchesin, als ob Fiametta oft ploͤtzlich zwischen den Bluͤtengewinden der Verse hervorguckte und, ihn aus¬ lachend, ausrief: Siehst du, ich hab' dich doch! — Ja als er in Sizilien eines Abends auf einem hohen, senkrechten Felsen uͤber dem Meere eingeschlummert war, traͤumte ihm, die blaue Fluth theile sich leise, und mit langem gruͤnen Haar und glaͤnzenden Schul¬ tern tauche Fiametta unten empor, in irren Toͤnen wehmuͤthig klagend. — Als er erwachte, war der Mond schon uͤber dem Meere aufgegangen, in der Ferne aber sah er ein Segel schwellend durch die weite Stille nach dem jenseitigen Ufer Italiens hinuͤberglei¬ ten. — Da faßte ihn eine unwiderstehliche Sehnsucht, und schon die folgende Nacht segelt' er selber hinuͤber. Und so geschah es, daß aus demselben Morgenroth, in welchem Rom hinter Otto versank, die Gaͤrten, Truͤm¬ mer und Kuppeln vor dem gluͤckseligen Fortunat duftig wieder emporstiegen. Sein erster Gang war zu dem Palast des Mar¬ chese, mit klopfendem Herzen betrat er den stillen Hof. Er horchte, ob sich nicht irgendwo Fiametta's heitere Stimme vernehmen ließe, doch alles blieb lautlos, wie ausgestorben. So ging er durch die offene, luftige Saͤulenhalle in den Garten. Da sangen die Voͤgel und rauschten die Brunnen noch immer wie damals. Aber an der Hauptallee sah er Waͤsche zum Trocknen aufgehaͤngt, einzelne Ziegen weideten ungestoͤrt zwischen den verwilderten Blumenbeeten. Endlich glaubte er in einiger Entfernung Deutsch reden zu hoͤren. Er ging dem Klange nach, und begegnete einem alten, unbe¬ kannten, etwas schaͤbigen Diener. Hastig fragte er nach dem Marchese A. und seiner Tochter. Der Alte sah ihn von oben bis unten an, und sagte dann ver¬ drießlich: dieser Palast sey von einem deutschen Kava¬ lier bewohnt. Fortunat war wie im Traum. — Er verlangte nun, den Herrn zu sprechen. Der Bediente wies schweigend nach einer Laube, und ging fort, ohne sich weiter um den Gast zu bekuͤmmern. Hellen Halses aber mußte nun Fortunat aufla¬ chen, als er in die bezeichnete Laube trat und in dem 16 deutschen Kavalier unseren Freund Grundling erkannte: in dem gebluͤmten Schlafrock des Marchese auf einem halbzerrissenen damastenen Sopha ausgestreckt, eine lange Tabackspfeife und ein Buch in der Hand, Talg¬ licht, Fidibus und Kaffeekanne vor sich. Der Vielge¬ reiste, an das wechselnde Kommen und Gehen in Rom laͤngst gewoͤhnt, schien nicht im mindesten er¬ staunt, Fortunaten wiederzusehen. Mir ist's eben recht, sagte er, daß der alte Marchese bankerutt gemacht — Was! der Marchese A.? rief Fortunat hoͤchst uͤber¬ rascht aus. Ja, eben recht, sag' ich, daß er seinen Palast und Rom verlassen mußte, so konnt' ich mich hier in der liederlichen Wirthschaft seiner Glaͤubiger ziemlich wohlfeil einmiethen. — Wenn nur, fuhr er, seine Pfeife ploͤtzlich grimmig wegsetzend, fort, in der unvernuͤnfti¬ gen Hitze der Taback nicht so in die Zunge bisse! Hier verlor endlich Fortunat alle Geduld. Nun rede zum Teufel einmal ordentlich! rief er, Grundlin¬ gen rasch an der Brust fassend, wo ist Fiametta? was macht sie? — In Deutschland wahrscheinlich, und weint, erwiederte Grundling gelassen. — Warum weint sie? — Weil sie ein junges albernes Ding ist, dem ein konfuser Wein, der noch moussirt, lieblicher in die Nase sticht, als ein wuͤrdiges, abgelegenes Gewaͤchs; das will heißen: die einen brutalen Phantasten, der sein Liebchen verlaͤßt und seine Freunde drosselt, char¬ manter findet, als — Und wem gehoͤrt jetzt dieser Pa¬ last? unterbrach ihn Fortunat ungeduldig wieder. — Einem filzigen Kaufmann, der ihn, seiner Entlegen¬ heit wegen, abtragen lassen und die Steine verkau¬ fen will. — So fuͤhr' mich gleich zu ihm! — Das war Grundlingen, der sich gern umhertrieb, eben recht. Wenige Minuten nach diesem Verhoͤr waren sie schon auf der Straße, und Fortunat erfuhr nun noch unter¬ wegs, daß Fiametta unmittelbar nach seiner Abreise aus Rom bedeutend erkrankt, und bald darauf mit ihrem Vater ploͤtzlich abgereist sey. Weder er, noch der Kaufmann wisse, wohin sie sich gewendet. Auch Otto's und Kordelchens Flucht hatte der Muͤßiggaͤnger schon erfahren. Der Otto, sagte er, war bestaͤndig in poetischem Thran, das mußte ein Ende mit Katzen¬ jammer nehmen. Waͤhrend dieses Berichts waren sie bei dem Kauf¬ mann angelangt. Dieser war, gleich Grundlingen, nicht wenig erstaunt, als nun Fortunat den alten, verfallenen Palast und Garten des Marchese zu kau¬ fen verlangte. Die Hast und Jugend des Fremden weckte in dem Italiaͤner merkantilische Geluͤste und abenteuerliche Forderungen, da kam er aber bei Grund¬ ling uͤbel an, welcher sogleich ein so heftiges Gezaͤnk daruͤber anfing und mit solchem Geschrei fortsetzte, daß sie in einigen Stunden, ganz erschoͤpft, endlich doch noch um einen leidlichen Kaufpreis einig wurden. For¬ 16* tunat hatte erst kuͤrzlich bedeutende Wechsel aus Deutsch¬ land bezogen, sie reichten eben hin, die Summe und eine genuͤgsame Weiterreise nothduͤrftig zu decken. Mit bewundernswuͤrdiger Beharrlichkeit und Resignation trieb er nun das Geschaͤft, wie einen Kreisel, unaus¬ gesetzt zum Ausgange, und endigte damit, den hoch¬ erfreuten Grundling zum Schloßwart seines neuen Be¬ sitzthums einzusetzen. Kaum aber hatten sie den Garten wieder erreicht, da erscholl im Hofe schon der froͤhliche Klang eines Posthorns. Fortunat hatte seinen Wagen hierher¬ bestellt, aus den fruͤheren Gespraͤchen mit dem alten Marchese glaubte er zu ahnen, wohin er sich gewen¬ det. Und als er nun endlich tiefaufathmend draußen in den praͤchtigen Abend hineinfuhr, bluͤhten alle Gaͤr¬ ten und ein Regenbogen stand uͤber der Gegend, als muͤßte nun alles, alles wieder gut werden. Drittes Buch . Neunzehntes Kapitel . A uf dem fuͤrstlichen Jagdschlosse, wo im vorigen Jahre alles so bunt und froͤhlich war, sieht es jetzt ganz anders aus. Die Voͤgel picken fruͤhmorgens auf der marmornen Treppe zwischen den Saͤulen, ein laͤssi¬ ger Gaͤrtnerbursch dehnt sich in der Morgenkuͤhle und schickt sich an, die verschlungenen Gaͤnge nothduͤrftig in Ordnung zu bringen, die uͤberall bluͤhend verwildern. In der alten Pracht funkeln die Sommernaͤchte wie¬ der uͤber den stillen Grund, aber keine Guitarren er¬ klingen mehr, nur die getreuen Nachtigallen schlagen wie damals in den Gebuͤschen, als klagten sie noch um Juanna's verlorene Schoͤnheit. Der Fuͤrst gedachte nicht mehr des Schlosses, er war selber lange verwildert. Zwischen Genuß und Reue, Lust und Grauen war er allmaͤhlig immer tiefer hinabgestiegen in die schimmernden Abgruͤnde, wo mit verlockendem Gesang die Nixen im Mondschein auf den Klippen ihr feuchtes Haar kaͤmmen, das ferne Wetterleuchten der Religion verwirrte ihn nur noch mehr; so hatte er sich im schoͤnen Leben verirrt und konnte nicht wieder nach Hause finden. Da schlug die himmlische Liebe ihren Sternenmantel um den Tod¬ muͤden. Er verfiel in eine schwere Krankheit, und als er wieder genas, war auf einmal alles vorbei. Die Leute nannten ihn wahnsinnig, er aber war vergnuͤgt und blaͤtterte Tag fuͤr Tag mit stiller, herzlicher Lust in den alten Bilderbuͤchern, die er als Kind gelesen; alles andere hatte er vergessen. Sie hatten ihn endlich in einem entlegenen Fluͤgel des Schlosses absondern muͤssen von der Welt, die er nur noch wie im Traum von ferne sah, nur die unschuldigen Voͤgel sangen alle Morgen vor seinen Fenstern von der alten Zeit, daß er oft erschrocken von seinen Bildern aufhorchte. — Aus seiner Hand aber hatte die Fuͤrstin rasch die Zuͤ¬ gel des Regiments ergriffen, und lenkte keck, die Rosse peitschend, in die nene Freiheit hinaus. In dieser Zeit kam Lothario eines Abends ein¬ sam von dem Gebirge herab. Wir wissen nicht, wo¬ hin er wanderte, sein Weg fuͤhrte ihn durch die Stadt. Der Mond trat manchmal heimlich lauernd zwischen den Wolken hervor, da lag die alte Residenz unten wie eine Ruine phantastisch in der schwuͤlen Nacht um¬ her, es war schon alles still, nur ein Maͤdchen sang noch zur Guitarre aus einem Garten druͤben und die Nachtigallen schlugen von den Bergen. Er kehrte in einem wenig besuchten Gasthause ein, das draußen auf einer Anhoͤhe lag und eine weite Aussicht uͤber die Stadt hatte. Dort mußte er lange pochen, eh' jemand erschien. Ein alter Diener sagte ihm endlich, es sey alles in die Stadt gezogen, wo heute zum Geburtstag der Fuͤrstin ein großes Fest ge¬ geben werde. — Lothario nahm nun im oberen Stock¬ werk einen Saal in Besitz, und oͤffnete rasch alle Fenster. Die praͤchtige Nacht duftete fast berauschend herauf. Er ließ Licht und Wein bringen, er fuͤhlte seit langer Zeit wieder einmal eine rechte Lust zu dich¬ ten. — Als er sich aber so einsam hinsetzte und hastig trank und schrieb, da war's ihm, als riefe es durch die Stille seinen Namen, erst leise, dann lauter, und der Teufel saͤhe ihm beim Schreiben uͤber die Schulter und fluͤsterte zu ihm: nur zu, nur zu! die unschuldig Welt mit vornehmen Worten belogen und verfuͤhrt, ich will dich dafuͤr auf die Zinnen des Ruhms stellen und die Welt soll dir huldigen! — Er sprang auf und erschrak, als er sich fluͤchtig in einem Wandspiegel erblickte, so bleich und wuͤst sah er aus. Da streifte der Wind klingend die Sai¬ ten einer Guitarre, die am offenen Fenster lag. Der Mond aus blassen Wolken beschien so eben wieder die stillen Baͤume und unten die alte Stadt. Er trat mit der Guitarre an's Fenster und sang: Lieder schweigen jetzt und Klagen, Nun will ich erst froͤhlich sein, All' mein Leid will ich zerschlagen Und Erinnern — gebt mir Wein! Wie er mir verlockend spiegelt Sterne und der Erde Lust, Stillgeschaͤftig dann entriegelt All' die Teufel in der Brust, Erst der Knecht und dann der Meister Bricht er durch die Nacht herein, Wildester der Luͤgengeister, Ring' mit mir, ich lache dein! Und den Becher voll Entsetzen Werf' ich in des Stromes Grund, Daß sich nimmer dran soll letzen Wer noch froͤhlich und gesund! Lauten hoͤr' ich ferne klingen, Lust'ge Bursche ziehn vom Schmaus, Staͤndchen sie den Liebsten bringen, Und das lockt mich mit hinaus. Maͤdchen hinter'm bluͤhn'den Baume Winkt und macht das Fenster auf Und ich steige wie im Traume Durch das kleine Haus hinauf. Schuͤtt'le nur die dunklen Locken Aus dem schoͤnen Angesicht! Sieh, ich stehe ganz erschrocken: Das sind ihre Augen licht, Locken hatte sie wie deine, Bleiche Wangen, Lippen roth — Ach, du bist ja doch nicht meine, Und mein Lieb ist lange todt! Haͤttest du nur nicht gesprochen Und so frech geblickt nach mir, Das hat ganz den Traum zerbrochen Und nun grauet mir vor dir. Da nimm Geld, kauf Putz und Flimmern, Fort und lache nicht so wild! O ich moͤchte dich zertruͤmmern, Schoͤnes, luͤgenhaftes Bild! Spaͤt von dem verlornen Kinde Kam ich durch die Nacht daher, Fahnen drehten sich im Winde, Alle Gassen waren leer. Oben lag noch meine Laute Und mein Fenster stand noch auf, Aus dem stillen Grunde graute Wunderbar die Stadt herauf. Draußen aber blitzt's von weiten, Alter Zeiten ich gedacht', Schauernd reiß' ich in den Saiten Und ich sing' die halbe Nacht. Die verschlaf'nen Nachbarn sprechen, Daß ich naͤchtlich trunken sei — O du mein Gott! und mir brechen Herz und Saitenspiel entzwei! — Es blitzte wirklich von weitem, aber es waren mir einzelne Raketen, die von Zeit zu Zeit fern uͤber dem dunklen, fuͤrstlichen Parke lustig aufstiegen. Da fiel ihm das Fest wieder ein, von dem der alte Die¬ ner vorhin sprach, er beschloß, selbst noch hinzugehn. Laͤssig schlenderte er durch die lange Vorstadt; bis dorthin war das Fest nicht gedrungen, die kleinen Haͤuser standen still und dunkel, nur wenige Laternen flackerten im Winde, der Nachtwaͤchter schickte sich eben an, die zehnte Stunde auszurufen; von fern aber uͤber die hellbeleuchteten Daͤcher und Schornsteine qualmte ihm schon der truͤbrothe Schein der Illumi¬ nation entgegen wie die aufgehende Sonne an einem nebligen Herbstmorgen. So war er an's Theater ge¬ kommen. Durch ein hohes, verhangenes Fenster glaubte er drinn die Schauspieler mit aller Gewalt der Leidenschaft pathetisch deklamiren zu hoͤren, ihn schauerte, so kuͤhl und nuͤchtern war es dagegen hier draußen. Eine lange Reihe von Wagen, auf ihre Herrschaften wartend, stand an der finsteren Mauer, die Kutscher schlummerten auf ihren hohen Kutschboͤcken, der eine zog gaͤhnend seine Taschenuhr heraus und hielt sie an den ungewissen Schein der Laterne. Was Teufel spielen sie denn heut so lange? fragte er einen Kerl, der eben an einem Eckpfeiler seine Fackel putzte, daß die Funken auf einen Augenblick das ganze lang¬ weilige Chaos wunderlich beleuchteten. Dieser nannte ein bekanntes Stuͤck vom Grafen Victor von Hohen¬ stein. — Da fuhr Lothario unwillkuͤhrlich zusammen. Er ging rasch hinein, ein gutes Trinkgeld verschaffte ihm von dem verwunderten Logendiener noch einen Platz in der Fremdenloge. Das Haus war praͤchtig erleuchtet und zum Er¬ druͤcken voll, aus der fuͤrstlichen Loge zwischen den reichen Vorhaͤngen blitzt' und schimmerte es von Ster¬ nen, Lichtern und schoͤnen Frauen-Augen blendend her¬ uͤber. Das Stuͤck war fast zu Ende. Es war, selt¬ sam genug, eben Juanna's fruͤhere Geschichte in Spa¬ nien, alle wilden Waldbaͤche der Leidenschaft stuͤrzten in dieser letzten Scene wie in einen maͤchtigen Strom zusammen. Die Schauspielerin, welche Juanna vor¬ stellte, hatte, vielleicht bewußtlos, nach und nach das ganze Wesen der Graͤfin angenommen: ihre frische Waldkuͤhle, ihre Stimme, das strenge schoͤne Gesicht, so funkelte sie mit den dunkelen Augen grade auf Lo¬ thario heruͤber. — Lothario sprang erschuͤttert auf, eine Todtenstille herrschte im ganzen Hause. Da auf einmal beginnt ein Fluͤstern unten, es waͤchst und steigt allmaͤhlig durch alle Reihen der Zuschauer, viele Koͤpfe und immer mehrere wenden sich erstaunt nach Lothario herum. — Was giebt's da? fraͤgt die Fuͤrstin, sich weit aus ihrer Loge hervorlehnend. — Ein Kammer¬ herr draͤngt sich eilig vor, auf Lothario deutend: Dort, der Dichter selbst, sie haben ihn erkannt, Graf Victor von Hohenstein. — Der?! — entgegnet die Fuͤrstin und sinkt verwirrt auf ihren Sessel zuruͤck. Unterdeß war der Vorhang gefallen, ein wuͤthen¬ der Applaus brach ploͤtzlich los, sich immer wieder er¬ neuernd. Den Grafen Victor aber, — denn er war es wirklich — erfaßte ein seltsames Grauen vor dem hohlen Sturm des Beifalls, er sah noch einmal da¬ zwischen einen sengenden Blick der Fuͤrstin nach ihm heruͤberschießen, dann stuͤrzte er entsetzt uͤber die noch leeren Treppen in's Freie hinaus. Mit welchen Gedanken sah er nun den weiten, gestirnten Himmel wieder! Die ploͤtzliche Erinnerung an die Zeit, wo er das Stuͤck geschrieben, versenkte seine ganze Seele wie in ein Meer von Wehmuth. Auf dem Gebirge in Spanien, als er an jenem stillen Abend, im Wald auf den Franzosen St. Val zielend, zum erstenmale Juanna erblickte, da war's ihm, wie in die Sonne zu sehen — sie war schon lange unter¬ gegangen, aber Wald und Berge schimmerten und spruͤhten noch in wunderbaren Funken — damals dich¬ tete er das Schauspiel von der wilden Graͤfin. Da dachte er nicht, daß es so kommen wuͤrde! Und als es dann Friede und alles wieder still und nuͤchtern wurde, kehrte auch er nach Deutschland zuruͤck, und der Fruͤhling und das Gruͤn der wechselnden Landschaften breiteten sich wie ein Schleier milde uͤber das schoͤne Bild im Herzen. Aber nach der ernsten, bewegten Zeit, in der er ehrlich gerungen, kam ihm zu Hause nun alles so klein und unbedeutend vor, ihm war wie einem Schiffer nach langer stuͤrmischer Fahrt, der den Boden unter sich noch immer wanken fuͤhlt und aus dem Wirthshaus am Ufer sehnsuͤchtig wieder in den kuͤhlen Wogenschlag hinaussieht. In solcher Laune war er nach kurzem Umhertreiben, um sich von der guten Gesellschaft zu erholen, zum Theil auch aus grillenhafter, fluͤchtiger Neigung zu Kordelchen, uner¬ kannt unter dem Namen Lothario mit der Schauspie¬ lerbande ausgezogen, wo wir ihn in jener regnerischen Nacht zum erstenmale trafen. — Hier hoͤrte er ploͤtz¬ lich, daß die verlorengeglaubte Graͤfin Juanna noch lebe und zu der ihr verwandten fuͤrstlichen Familie ge¬ fluͤchtet, mit der sie auf dem nahen Jagdschlosse sich aufhalte. Da gab's auf einmal frischen Klang! Sein Plan war gleich gemacht. Durch seine geheime Ver¬ mittelung erfolgte die Einladung der Schauspielergesell¬ schaft nach dem Jagdschloß, er begleitete sie in seiner Verkleidung, denn es schien ihm laͤcherlich, ja sinnlos, um diese maͤhrchenhafte Diana auf dem gewoͤhnlichen Paradepferde graͤflicher Galanterie zu freien. — Bei seiner eignen, sorglosen Unvorsichtigkeit konnte indeß die Sache nicht ganz verborgen bleiben, der Fuͤrst und seine Gemahlin wenigstens hatten unbestimmte Kunde von seinem Vorhaben, noch ehe die Truppe bei ihnen ankam. Insbesondere hatte die Fuͤrstin, mit dem den Frauen in solchen Dingen eigenthuͤmlichen Scharfsinn, die eigentliche Absicht gar wohl errathen. Zwar er¬ warteten sie taͤglich den Baron Manfred auf dem Schloß, den sie insgeheim zu Juanna's Braͤutigam ausersehen. Dennoch konnten sie's nicht lassen, die interessante Genialitaͤt einer so romantischen Maske¬ rade um so leichtsinniger zu beguͤnstigen, da im schlimm¬ sten Falle Victor noch immer als eine bessere Partie fuͤr die unbemittelte Graͤfin erschien, als der etwas unscheinbare Manfred. So schwiegen sie recht mit innerlicher Lust und spielten die Getaͤuschten, taͤuschten aber unbewußt nur sich selbst, indem sie den zufaͤllig dazwischengekommenen Fortunat , da er gleich von Anfang so raͤthselhaft auftrat, fuͤr den heimlich erwar¬ teten Grafen hielten. — Victor'n aber verlockte indeß Juanna's Schoͤnheit nach und nach immer tiefer in das wildeste Labyrinth ausschweifender Wuͤnsche, er gab ihren herausfordernden Blicken eine Deutung, die sie selber niemals kannte. Da hoͤrte er auf der Jagd zum erstenmal von der nahen Ankunft des unbekann¬ ten Braͤutigams — es war ihm unertraͤglich: er ent¬ schloß sich rasch, Juanna zu entfuͤhren, nur so, meinte er, koͤnne diese wilde Nymphennatur bezwungen wer¬ den, gleichwie eine stillaufsteigende Flamme sich ploͤtz¬ lich entfaltet, wenn der Sturm sie zerwuͤhlt. — Ja, kuͤhne, schlanke Flamme! sagte er nun tausendmal zu sich selbst, wie griffst du ploͤtzlich zornig in die Wal¬ desnacht und klettertest furchtbar schoͤn die Felswand auf und nieder, daß alle Wipfel donnernd in die Glu¬ ten sanken! Die lust'gen Waͤlder meiner Jugend sind verbrannt. In solchen Gedanken war Victor jetzt durch mehrere Straßen fortgeschritten. Die Wagen rasselten aus dem Theater, der hoffaͤrtige Patriotismus koket¬ tirte aus tausend geputzten Fenstern, Kinder zogen in dem magischen Licht laͤrmend durch die Gassen und brachten jedem brennenden Theertopf ein Vivat. Wo¬ hin er sich wandte, immer neue Feueralleen zogen sich durch die Nacht, bis er endlich unerwartet an den fuͤrstlichen Garten kam. Ein Feuerwerk, wie es schien, war eben abgebrannt, nur einzelne Schwaͤrmer stiegen noch empor und erleuchteten im Zerplatzen seltsam die Gegend und die verworrene Menge, die sich nun jauch¬ zend nach allen Seiten verlief. Bei dem fluͤchtigen Wiederschein glaubte Victor auf einen Augenblick sein Wirthshaus jenseits auf der stillen Anhoͤhe gesehen zu haben. Der Wege unkundig an dem fremden Ort, schlaͤgt er die naͤchste Richtung ein und tritt durch ein Pfoͤrtchen, das er nur angelehnt findet, zwischen die Baͤume hinein, verschlungene Gaͤnge fuͤhren ihn immer weiter, auf einmal sieht er sich mitten im fuͤrstlichen Park. Der Himmel ist schwuͤl bezogen, zahllose Gluͤh¬ wuͤrmchen schweifen in den dunklen Gaͤngen, die weißen Statuen stehen einsam im Mondschein umher; da ist's, als hoͤrt' er leise seinen Namen nennen, ein Fluͤstern geht seitwaͤrts durch's Gebuͤsch, dann alles wieder still. — Jetzt schimmern auch die hohen Schloßfenster schon heruͤber, drin sieht er im hellen Glanz sich Masken wundersam bewegen, die eine Saalthuͤr oͤffnet sich, ein Schwall von Licht und Klaͤngen schlaͤgt heraus — da faͤhrt er innerlichst zusammen, denn bei dem brennen¬ den Streiflicht sieht er ploͤtzlich Juanna's Gestalt 17 zwischen den Baͤumen entschluͤpfen. Außer sich folgt er nach, er erblickt sie von neuem: Reitkleid, Guͤrtel und Hut, wie sie in Spanien getragen, endlich erreicht er sie, sie wendet sich rasch, mit Grauen sieht er in die dunklen Augenhoͤhlen einer Larve. Er steht wie eingewurzelt vor ihr, waͤhrend sie ihn schweigend zu betrachten scheint. — Du fernes Wetterleuchten, sagt er endlich ganz verwirrt, ich folge dir, und waͤr' es in den Wahnsinn! — Da erhebt sich auf einmal tiefer im Garten ein wunderbarer Gesang, fast ohne Melodie, in wenigen herzzerreißenden Toͤnen. Sie schauert, als braͤch' der Tag an, ihre schwarzen Locken ringeln sich von beiden Seiten herab, er sieht die dunklen Augen aus der Larve funkeln. — Mor¬ gen! fluͤstert sie dann kaum hoͤrbar und verschwindet schnell zwischen den wechselnden Schatten. Victor aber flieht entsetzt durch den Garten, der Mondschein wiegt sich traͤumend auf dem Gebuͤsch, seitwaͤrts schwanken Wasserkuͤnste im Wind, wie Feen in langen, wallenden Schleiern. Ploͤtzlich hoͤrt er den Gesang wieder erschallen. Auf dem steinernen Rande des Springbrunnens sieht er einen eingeschlummerten Mann sitzen, ohne Hut, mit dem Haupt vornuͤber nickend, der singt im Schlaf. Bei einem fluͤchtigen Mondblick glaubt er den bleichen kranken Fuͤrsten zu erkennen. So kommt er ganz verstoͤrt in die Stadt zuruͤck. Dort hat sich unterdeß alles verwandelt. Nur einzelne Menschen irren noch beim ungewissen Schein der La¬ ternen, die verloͤschend flackern, zerrissene Wolken flie¬ gen uͤber die Daͤcher, die Nacht war finster und stuͤr¬ misch geworden. Da schweiften zwei weibliche Gestal¬ ten eilig durch das Dunkel. Wo schleppst du mich hin? fragte die eine. — Sah'st du ihn nicht vorhin? entgegnete die andere, ich muß ihn haschen! — Kordelchen! Du? rief Victor ploͤtzlich vor ihnen stehend aus — du siehst ja so blaß im Laternenschein, wie eine Leiche mit spielenden, funkelnden Augen. — Ach, dummes Zeug, red' nicht so graulich, sagte die Komoͤdiantin. — Er wollte fort, aber sie hatte sich schon fest in seinen Mantel verwickelt. Sie standen an der offenen Thuͤr eines kleinen Hauses. Ihre leichtfertige Begleiterin, die zu ihrem Verdruß noch gar nicht beachtet worden, wuͤnschte schnippisch viel Vergnuͤgen, und verließ sie empfindlich. Kordelchen aber hatte ihren spaͤten Gast bereits hin¬ eingedraͤngt. Ein schwuͤler Duft von halbvertrockneten Blumenstraͤußen, die an den Fenstern standen, quoll ihnen aus der kleinen Stube entgegen. Das tiefher¬ untergebrannte Licht, dem eine leere Flasche zum Leuch¬ ter diente, verbreitete eine ungewisse Daͤmmerung uͤber aͤrmliches Hausgeraͤth, zerbrochene Spiegel, Notenbuͤ¬ cher und Kleidungsstuͤcke, die uͤberall unordentlich um¬ herlagen. Mitten in dieser Verwirrung war ein wohl¬ 17* gekleideter Mann am Tische fest eingeschlafen, die Fe¬ der lag umgefallen noch zwischen seinen Fingern auf dem halbbeschriebenen Blatte vor ihm. Still, still, der wird ein Paar Augen machen! sagte Kordelchen, indem sie Victor'n leise an der Hand in einen entfernten Winkel fuͤhrte und ihn dabei, eh' er sich's versah, herzhaft in den Finger biß. Dann setzte sie sich auf einen Reisekoffer, oͤffnete ihre Schuͤrze, die voll Knackmandeln war, und fing vergnuͤgt an zu naschen und zu plaudern, man sah ihr recht die Freude aus den muntern Augen glaͤnzen. So in aller Geschwindigkeit erzaͤhlte sie ihm, daß sie mit Otto'n aus dem langweiligen Italien ent¬ flohen, seit einigen Tagen hier sey, und wieder auf's Theater wolle. Auf einmal sah sie Victor'n lange in's Gesicht. Armer Lothario, sagte sie, du sieh'st schlecht aus. Dacht' ich's doch gleich, als du damals die Augen so hoch warfst, siehst du, wer hieß dich, Gemsen jagen! — Aber so iß doch mit — und hast du die Fuͤrstin heut gesehen? — sie ist als Graͤfin Juanna maskirt. — Dazwischen warf sie wieder Mandelschaalen nach dem Schreiber hinuͤber, der noch immer schlief. Da fuhr dieser erschrocken auf — es war Otto — sie wollte sich todt lachen, wie er so wild aus dem Schlaf umherstierte. Aber Victor, bisher wie in Gedanken verloren, hatte sich bei dem unerwarteten Anblick des wuͤsten Gesichts ploͤtzlich aufgerichtet. Um Gotteswillen, Otto! rief er mit tief erschuͤtterter Stimme, flieh, flieh in die Nacht hinaus, in den Krieg, bau' das Feld, spalte Holz, bettle von Haus zu Haus — nur fort von hier! — Geh, geh! sagte Kordelchen, von ihrem Koffer springend, du bist ja so pathetisch wie der stei¬ nerne Comthur aus dem Don Juan. — Otto, den Kopf auf beide Arme gestuͤtzt, ahnet heimlich, was Jener meint, Lothario's Urtheil gilt ihm alles, seine ganze Seele haͤngt lauschend wie an einem jaͤhen Ab¬ sturz. — Aber Victor's Sinn war heut wie ein schnei¬ dendes Schwert. — Und red' mir nicht von Poesie, von Dichterberuf, fuhr er fort, du hast nicht mehr davon als ein verliebtes Maͤdchen. Es giebt nur we¬ nige Dichter in der Welt, und von den wenigen kaum einer steigt unversehrt in diese maͤhrchenhafte, praͤcht'ge Zaubernacht, wo die wilden, feurigen Blumen stehen und die Liederquellen verworren nach den Abgruͤnden gehen und der zauberische Spielmann zwischen dem Waldesrauschen mit herzzerreißenden Klaͤngen nach dem Venusberg verlockt, in welchem alle Lust und Pracht der Erde entzuͤndet und wo die Seele, wie im Traum, frei wird mit ihren dunkelen Geluͤsten — Hier hielt sich Otto nicht laͤnger. Es uͤberlief ihn eiskalt, als zuckte ein Blitz durch die Nacht und erleuchtete auf einmal graͤßlich sein ganzes verlorenes Leben. Noch ganz verwirrt, im Innersten getroffen, ergriff er wie ein Rasender einen nahe gelegenen Thea¬ terdegen und drang sinnlos auf Victor'n ein. Dieser schleuderte den Wuͤthenden weit von sich, daß ihm der Degen entfiel. Ruhig! rief er, und bedenke meine Worte, ehe alles zu spaͤt! Mich aber laß', ich habe mit mir selbst zu fechten, Gott gnad' uns beiden! — So eilte er aus dem Hause fort. Draußen auf der leeren Gasse hoͤrte man noch Kordelchen klagen, die ihm betroffen nachgestuͤrzt. Lo¬ thario! rief sie außer sich, lieber, schoͤner, verruͤckter Lothario! ich bitt' dich um Gotteswillen, kehre um, nur noch ein einzigesmal komm zuruͤck! Es ist ja alles nicht wahr, was die Leute sagen, ich war dir immer im Herzen treu, was kann ich dafuͤr, daß ich arm und schoͤn bin? Ach verlaß’ mich nicht, ich habe sonst niemanden auf der Welt! Wickle mich in's Schnupftuch, steck' mich in deine Rocktasche, wenn du mir nicht traust, ich will still sitzen und dich ansehen, wenn du mich nur wieder lieb hast, du wilder, ab¬ scheulicher Kerl! — So bat sie ruͤhrend, lachte und schimpfte, bis sie zuletzt unaufhaltsam in heftiges Wei¬ nen ausbrach. Aber Victor hoͤrte sie nicht mehr. Er trat aus dem dunklen Stadtthor, einzelne Morgenstreifen zuckten schon uͤber die stille Gegend. — Durch seine Seele gingen uͤbermaͤchtige Gedanken. Aus der tiefen Nacht seines Grams stieg allmaͤhlig Stern auf Stern, ihm war, als muͤßt' nun alles anders werden. Zwanzigstes Kapitel . Zu Weinsheim klangen die Abendglocken uͤber die anmuthige Gegend, das reiche Dorf mit seinen frischen kuͤhlen Gaͤrten und dem weißen herrschaftlichen Schlosse daruͤber lag schon vom Gebirge verschattet, waͤhrend die Abendsonne weiterhin die fruchtbare Ebene und den gewundenen Strom noch heiter beleuchtete. Auf allen Feldern war ein froͤhliches Erndte-Gewim¬ mel, bis weit hinaus hoͤrte man singen, rufen und jauchzen und das Rasseln der Wagen dazwischen. Mitten durch die bunte Wirrung ritt ein schoͤner schlan¬ ker Mann mit gebraͤuntem Gesicht langsam dem Schlosse zu, nach allen Seiten fuͤr den folgenden Tag Befehle ertheilend, und manchem scheuen, glaͤnzenden Blick der Bauermaͤdchen begegnend. Es war der junge Baron Manfred , dem diese Landschaft in dop¬ peltem Sinne angehoͤrte, denn er hatte sie wuͤst ererbt, und durch Umsicht und verstaͤndige Anregung in einen bluͤhenden Garten verwandelt. In solcher Erndtezeit haben die Landschloͤsser etwas unbeschreiblich Einsames. Auch Manfred fand Hof und Haus noch leer, alle Diener schwaͤrmten noch draußen im Thale, nur die gegenuͤberstehenden Waldberge schauten ernst durch die offenen Fenster herein. — Ermuͤdet setzte er sich auf das Fenstergelaͤnder, um sich in der Abend¬ kuͤhle zu erfrischen, als er auf der Straße, die vom Gebirge kam, einen wunderlichen Zug sich zwischen den Wallnußbaͤumen langsam heranbewegen sah. Ein elegantes Kabriolet, das aber der Steinweg uͤbel zu¬ gerichtet zu haben schien, wurde auf drei Raͤdern von einem Pferde muͤhsam fortgeschleppt. Ein Mann in seltsamer Reisetracht fuͤhrte das Pferd am Zuͤgel, eine junge Dame, mit einem Kornblumenkranze im Haar, schlenderte daneben, das Ganze gemahnte an ziehende Komoͤdianten. Einige verspaͤtete Jaͤger des Barons hatten sich dazugesellt, die Kruͤppelfuhre, wie es schien, mit derben Witzen gesegnend. Der Reisende aber blieb keine Antwort schuldig. Manfred konnte, da sie eben unter seinen Fenstern voruͤberzogen, deutlich vernehmen, wie er den Jaͤgern sehr eifrig demonstrirte, bei ihrer Kunst sey, außer den Frischlingen, nichts Frisches mehr, das Elend haͤtten sie aus den Waͤldern verjagt und hegten's zu Hause, von der Blume des Ganzen duͤrft man vor gebildeten Loͤffeln gar nicht mehr sprechen, uͤberdies sey Diana laͤngst eine alte Jungfer geworden, es lohne nicht mehr, Hoͤrner zu tragen. — So kamen sie alle mit großem Rumor und Gelaͤchter oben an. Hier warf der Fremde dem Jaͤger die Zuͤgel zu, und befahl ihm ohne weiteres alles auf's beste unter¬ zubringen, das Waͤgelchen wieder herzustellen und das Pferd reichlich zu fuͤttern, das heute mehr die Sonne als der Hafer gestochen habe. Das sieht hier gar nicht schlecht aus, sagte er dann, sich zufrieden nach allen Seiten umsehend, wem gehoͤrt das Schloß? — Die Antwort des Jaͤgers aber schien ihn auf's hoͤchste zu uͤberraschen. Was! dem Baron Manfred? rief er aus, und flog sogleich nach dem Schlosse, wo er den eben heraustretenden Baron beinah uͤbergerannt haͤtte. — Waren Sie, sagte er hastig und ohne alle Einlei¬ tung, waren Sie nicht vor einiger Zeit auf Reisen? So sind Sie ohne Zweifel der gewesene Braͤutigam der ehemaligen Graͤfin Juanna, der damals auf dem fuͤrstlichen Schlosse erwartet wurde! — Manfred be¬ jahte kurz und trocken. — Aber heirathen! rief der Reisende aus, wer wird eine wildschoͤne Diana gleich heirathen wollen! — Wer sind Sie? unterbrach ihn hier Manfred, den Aufdringlichen mit etwas ernsten Blicken messend. — Ja so! — erwiederte dieser — haben Sie vielleicht schon einmal von einem gewissen Dryander gehoͤrt? — Dem bekannten Dichter? — Der bin ich, ich reise eben auf Volkslieder, und jenes Frauenzimmer dort ist meine Frau. Nun stellte er die junge Dame mit dem Korn¬ blumenkranze vor, die so eben an einem Ecksteine noch ihre Schuhe festband, und ihnen, als sie sich nennen hoͤrte, ein munteres, etwas trotziges Gesichtchen zu¬ wandte, in dem wir sogleich Fraͤulein Gertrud als alte Bekannte vom fuͤrstlichen Schlosse wieder begruͤ¬ ßen. Die Kleine begann unmittelbar nach der ersten Verstaͤndigung, mit der Lebhaftigkeit eines jungen Sinnes, dem alles noch neu ist, von ihrer romanti¬ schen Fahrt durch's Gebirge, von dem Unfall mit dem Wagen und andern Abenteuern zu erzaͤhlen, wobei sie deutlich merken ließ, daß dem Baron eigentlich ein unverdientes Gluͤck widerfahre, den beruͤhmten Dichter Dryander bei sich beherbergen zu koͤnnen. Der Letztere aber, dem die Beschreibung zu schoͤn und zu lang zu werden schien, war schnell wieder in den Hof zuruͤck¬ geeilt, um Pfeife und Tabacksbeutel aus dem Wagen zu holen. — Und so sah sich denn Manfred allein mit der huͤbschen jungen Frau in einer seltsamen Lage; denn wenn er sie, nach ihrer ganzen Erscheinung, als ein lebenslustiges, verliebtes Landfraͤulein zu nehmen geneigt war, so wandelte sie nun auf einmal die Farbe, und brach, zu seiner Verwunderung, aͤsthetische Discurse vom Zaun. Und je laͤnger er schwieg, je froͤhlicher gerieth sie, in der sichtbaren Lust, dem Land¬ junker zu imponiren, wie ein munterer Wasserfall un¬ aufhaltsam in eine plauderselige Gelehrsamkeit, unbe¬ kuͤmmert Zeiten, Autoren und Buͤcher durcheinander vermengend. Ein Lachen hinter ihnen unterbrach hier ploͤtzlich die sonderbare Unterhaltung. Es war Dryander, der sich unterdeß wieder eingefunden, und eine Zeit lang ungesehen alles mit angehoͤrt hatte. Trudchen, Trud¬ chen! rief er immerfort lachend, was geschieht dir? ich erkenne dich ja gar nicht wieder — dieses charmante Wesen und angenehme Klugsprechen, Attituͤden und romantischer Shwaltanz. — Das resolute Weibchen aber schien nicht einen Augenblick betreten. Mit ver¬ aͤnderter Stimme, die ploͤtzlich wie der Absatz eines Pantoͤffelchens klang, erwiederte sie: solche Faxen leid' ich nun ein fuͤr allemal nicht von dir! Willst du ein Philister seyn, so ist's gut, ich werde auch seyn, wie ich Lust habe! — Dryander hatte sie unterdeß um¬ faßt und walzte mit ihr auf dem Rasen herum. Sie aber schrie auf einmal laut auf, und riß sich mit mehr Heftigkeit als Grazie von ihm los. Du bist immer so ungeschickt, sagte sie, du trittst mir auf den Fuß. — Das ist nicht wahr, rief Dryander. — Wahr oder nicht wahr! — entgegnete sie, ich bin todtmuͤde von deinem Herumziehen in dem dummen Gebirge, und ich will schlafen gehn, und das jetzt gleich! — Nun gerieth Dryander seinerseits in eine wunderliche Wuth. Um Gotteswillen, nur keine Launen! rief er aus, Weiberlaune ist mir zuwider, wie das Pech am Pfropfen einer Champagner-Flasche, ein ekelhafter Mehlthau auf Blumen, da ist offenbarer Wahnsinn noch herrlich dagegen mit seinem Abgrunde bodenloser Gedanken. — Und ich gehe doch schlafen! unterbrach ihn Gertrud trotzig, machte Manfreden eine kurze Verbeugung und ging nach dem Schlosse, wo die alte Haushaͤlterin des Barons, die den Spektakel in der Hausthuͤr verwundert mit angehoͤrt hatte, die Erhitzte aufnahm und in ihre Zimmer fuͤhrte. Ist sie nicht zum Kuͤssen schoͤn, wenn sie boͤse wird? sagte Dryander zu Manfred gewandt. Man¬ fred, ganz entruͤstet uͤber diese verkehrte, nichtsnutzige Wirthschaft, stellte ihn ernstlich zur Rede, daß er durch solche Tollheiten die Frau geistig vernichte. — Ganz und gar nicht, erwiederte Dryander, faule Sta¬ turen werden erst in der Leidenschaft bedeutend und reizend, sie ist eigentlich sehr dumm. — Unterdeß war ein Tisch mit Erfrischungen im Garten aufgeschlagen worden. Dryander nahm ohne weiteres Platz, band sich eine Serviette unter'm Kinne wie zum Rasiren vor, und begann so eifrig zu essen, wie Manfred noch niemals gesehen. Dazwischen er¬ zaͤhlte er, von allen Schuͤsseln zugleich zulangend, wie in seinem Braͤutigams-Stande auf dem fuͤrstlichen Jagdschlosse seine Aversion gegen eine feierliche Hoch¬ zeit ein unuͤbersteigliches Hinderniß geworden, wie er sodann einmal ploͤtzlich vor dem hochaufgestapelten Hochzeitsbette erschrocken und davongegangen, Gertrud aber bald darauf aus Melankolie gleichfalls von dem Schlosse verschwunden sey. Aber auf dieser außerordentlichen Flucht, fuhr er fort, setzte mir die Liebe nicht wenig zu, ich kam ganz herunter, ich war fast nichts als Seele. In die¬ sem Zustande hatte ich mich einmal des Abends im Gebirge verirrt, ich wußte durchaus nicht wo ich mich befand, und war endlich, wie es mir vorkam, uͤber die Truͤmmer eines umgefallenen Zauns in einen ehe¬ maligen franzoͤsischen Garten gerathen. Durch die schnell voruͤberfliegenden Wolken fielen nur einzelne Mondblicke zwischen finstern Laubwaͤnden und kuͤnstlich verschnittenen Taxusbaͤumen uͤber zerbrochene Statuͤen, die im hohen Grase lagen, aus dem Walde schlugen unzaͤhlige Nachtigallen. Nur eine Statuͤe in einiger Entfernung von mir schien noch wohlerhalten, es war eine sitzende Najade an einem steinernen Bassin, dessen klare Fluth ihre Fuͤße umspuͤlte. — Ich bin eigentlich ein Schwaͤrmer, mit uͤber der Brust gekreuzten Ar¬ men lehnte ich mich nachlaͤssig an einen neben mir stehenden antiken Opferaltar und sah eben unver¬ wandt in den Mond, als der morsche Altar, den ich fuͤr Stein gehalten, hinter mir zusammenbrach. Daß ich mit umfiel, war das Geringste dabei. Aber denkt Euch mein Entsetzen! Ueber dem Gepolter wendet die Najade auf einmal den Kopf, richtet sich hoch auf, und entflieht in den dunklen Garten. Trotz meiner Gaͤnsehaut schreite ich doch auf das Bassin los, und finde zwei der zierlichsten Pantoͤffelchen auf dem stei¬ nernen Rande. Ich lege sie sogleich an mein Herz zwischen Frack und Weste, und komme, beim weiteren Vordringen, an einen, von hohen Baͤumen tiefverschat¬ teten Platz. Auf dem Platze war ein Schloß, und an dem Schlosse ein Altan und auf dem Altan sehe ich, wie hinter einem Schleier von Mondschein, Bluͤten und Laubgewinden, das weiße Gewand der Najade wieder hervorschimmern. Das kam mir auf einmal ganz spanisch vor mit dem Balkone, ich redete sie erst zierlich in Assonanzen an, sie verbarg sich halb furcht¬ sam, halb neugierig, bald sah ich eine Locke, bald ein bloßes Fuͤßchen, bald einen Arm, bald wieder gar nichts. Ich wurde immer verliebter, die Reime flossen mir wie Lavendelwasser, ich sprach von des Mondes Zaubermacht, der das Lieben hat erdacht, von einer suͤßvalenz'schen Nacht, vom Kosen und vom Fluͤstern sacht, bis daß die erste Lerche erwacht! Sie schwieg immerfort, und, wie auf der Himmelsleiter meines eigenen Wohllauts, stieg ich endlich ohne weiteres auf den naͤchsten Baum, schwang mich mit der einen Hand auf den Balkon, und hielt mit der anderen der Er¬ staunten ihre Pantoͤffelchen entgegen. In demselben Augenblick aber entriß sie mir's ploͤtzlich und schlug mir damit tuͤchtig um beide Ohren. Also das ist deine Treue! rief sie, ich erkannte dich gleich anfangs, o ich ungluͤckseliges Maͤdchen! — es war Gertrud selbst. Ich stand ganz verbluͤfft. Vergeblich sagte ich, daß ich sie eigentlich auch gleich Anfangs erkannt haͤtte, und beschwor sie, nur jetzt das Maul zu halten. Aber sie glaubte und hoͤrte nichts, sie schimpfte und weinte dazwischen immerfort. Ueber dem Laͤrm und Gezaͤnke steckte die alte Amme, die ich noch vom fuͤrstlichen Schlosse her kannte, ihr Gesicht aus der Schloßthuͤre, und verschwand sogleich wieder, ein großer Hund schlug im Garten ein Paarmal an, und eh' ich mich noch besinnen kann, thut sich die Balkonthuͤre weit auf, und ein verworrener Haufe von Vettern, Lichtern und Dienern stuͤrzt ploͤtzlich hervor, voran ein großer, starker Mann in einem damastenen Schlafrock, mit kleinem dreieckigen Hut und langem Haarzopf, in der einen Hand eine Pistole, in der andern einen bloßen Degen. Die alte Amme, der vor den Folgen ihres Verraths bange wurde, wollte den Wuͤthenden von hinten am Zopf aufhalten, daruͤber ringelte sich das Band los, und die langen Haare umflatterten ihn wunderlich wie ein phantastisches Hirngespinnst. Kopu¬ lirt sie in drei Teufels Namen! donnerte er, mit dem Pistol nach mir zielend, denn es war niemand anders, als Gertruds Vater. Ein alter Geistlicher, der nicht wußte wie ihm geschah, trat aus dem Gefolge, und ich und Gertrud wurden auf der Stelle kopulirt. — Hier stand Manfred, der schon mehreremal den beredten Dichter unterbrechen wollte, entruͤstet auf. Schaͤndlich! sagte er, mich friert innerlichst bei der Geschichte. — Dryander sah ihn mit den geistvollen Augen ein Weilchen groß an, dann sprang er ploͤtzlich auf und fiel dem Baron um den Hals. Sie haben ganz Recht, rief er aus, das ist die verruchte Doppel¬ gaͤngerei in mir, ich kann nichts Großes ersinnen, ohne ihm sogleich von hinten einen Haarbeutel anzuhaͤngen, ein tragischer, wahnsinniger Koͤnig und ein Hanswurst, der ihm fix ein Bein unterstellt, die hetzen und balgen sich Tag und Nacht in mir, daß ich zuletzt nicht weiß, welcher von beiden Narren ich selber bin. Manfred schwieg unwillig, Dryander aber war an den Abhang des Gartens getreten, und schaute in das dunkle Thal hinaus; man unterschied nur noch einzelne Massen von Wald, Feldern und Doͤrfern, durch die weite Stille kam der dumpfe Schlag eines Eisenhammers heruͤber. — Das ist schoͤn! sagte er, es ist mir, als hoͤrt' ich den Pendul der Zeit einfoͤr¬ mig picken. — Ich bleibe hier, wandte er sich dann schnell zu Manfred: ich habe das wuͤste Treiben satt; Profession vom Dichten machen, das ist uͤberhaupt laͤcherlich, als wenn einer bestaͤndig verliebt seyn wollte und noch obendrein auf oͤffentlicher Straße — ich will hier bei Euch die Landwirthschaft lernen! — Sie? — erwiederte Manfred erstaunt, das gaͤbe eine schoͤne Wirthschaft! — Aber Dryander hoͤrte nicht darauf. Ich will mich, fuhr er fort, ich will mich hier wie auf den Grund des Meeres versenken, daß ich von der Welt nichts mehr hoͤre — aber Ihr muͤßt mir die Hand darauf geben, daß Ihr so lange kein Wort von Litteratur mit mir reden wollt. Er sprach so eifrig, daß er endlich auch den un¬ glaͤubigen Manfred um so mehr mit sich fortriß, als dieser selbst uͤberzeugt war, daß nur die Einsamkeit und eine eisern geregelte Thaͤtigkeit den wirren Geist heilen koͤnnte. Und mehr bedurfte es nicht, um ihn mit Leib und Seele fuͤr den Gedanken zu gewinnen. Sie besprachen nun noch bei einer Bowle Punsch ausfuͤhrlich den neuen Plan. Dryander faßte alles begeistert auf, richtete sich in Gedanken schon voͤllig hier ein, war beruhigt, fast weich, und in diesem un¬ gewohnten Zustande unwiderstehlich liebenswuͤrdig; und als sie endlich schieden, begab sich Manfred mit dem Gefuͤhle eines begonnenen guten Werkes zur Ruhe, und uͤberdachte noch lange, wie er es am besten voll¬ fuͤhren und gestalten wollte. Wie sehr war er daher erstaunt, als er am fol¬ genden Morgen vernahm, daß Dryander, der von dem uͤbermaͤßig genossenen Punsch vor Hitze nicht schlafen konnte, noch lange vor Tages-Anbruch die Frau und den ganzen Hof aufrumort habe, und so eben schon wieder abgereist sey. — In des Dichters Stube fand er mehrere vergessene Kleinigkeiten, Tuͤcher und Struͤmpfe auf allen Stuͤhlen zerstreut, das offene Fenster klappte im Winde, auf dem Tische lag ein, 18 wie es schien, vor kurzem von Dryander beschriebenes Blatt. Er nahm es auf und las: Vor dem Schloß in den Baͤumen es rauschend weht, Unter den Fenstern ein Spielmann geht, Mit irren Toͤnen verlockend den Sinn — Der Spielmann aber ich selber bin. Voruͤber jag' ich an manchem Schloß, Die Locken zerwuͤhlet, verwildert das Roß, Du frommes Kindlein im stillen Haus, Schau' nicht nach mir zum Fenster hinaus! Von Luͤsten und Reue zerrissen die Brust, Wie rasend in verzweifelter Lust, Brech' ich im Fluge mir Blumen zum Strauß, Wird doch kein froͤhlicher Kranz nicht daraus! Wird aus dem Schrei doch nimmer Gesang, Herz, o mein Herz, bist ein irrer Klang, Den der Sturm in alle Luͤfte verweht — Leb't wohl, und fragt nicht, wohin es geht! Sollte man nicht wirklich denken, er sey durch und durch verzweifelt, sagte Manfred, indem er das Blatt mitleidig laͤchelnd weglegte, und ich wette, da hat er in der Zerstreuung alles wieder rein vergessen, was wir gestern verabredet. — Und als er hinaus¬ blickte, sah er draußen im Morgenblitzen das Waͤgel¬ chen des Dichters, uͤber dem ein durchloͤcherter Son¬ nenschirm aufgespannt war, wie ein Schattenspiel zwi¬ schen den gruͤnen Baͤumen dahinschwanken. Einundzwanzigstes Kapitel . Wir finden den Baron Manfred fern von sei¬ nem stillen, gruͤnen Revier wieder, aus dem ihn eine Familienangelegenheit von besonderer Dringlichkeit ver¬ lockt hatte. Das Geschaͤft, das er heiter zu ordnen gedacht, war indeß durch Mißverstaͤndnisse unerwartet verwickelt geworden, und unruhig, ja ernstlich besorgt verließ er so eben das Schloß einer, ihm verwandten Dame, bei der er mehrere Tage verweilt. Schon auf dem Schlosse hatte ihn ein verworre¬ nes Geruͤcht interessirt, das sich weiterhin in den Doͤr¬ fern immer wunderbarer ausschmuͤckte. Es war die fast maͤhrchenhafte Sage von der Einsamkeit eines aufge¬ hobenen Klosters im benachbarten Gebirg und von einem Moͤnch, der seit kurzer Zeit dort umgehe, waͤh¬ rend Andere ihn wieder fuͤr einen wahnsinnigen Ein¬ siedler hielten. Aber auch diese wußten nicht, wann und woher er gekommen; man nannte ihn nur den Waldbruder Vitalis . — Da Manfred's Weg ihn durch das Gebirge fuͤhrte, beschloß er endlich den ge¬ heimnißvollen Eremiten in seiner eigenen Klause auf¬ zusuchen. 18* Es war ein schoͤner Sommerabend, als er zwi¬ schen Wiesen und nickenden Kornfeldern den bezeichne¬ ten Bergen zuritt. Ein Gewitter war uͤber das Ge¬ birge fortgezogen und blitzende Tropfen hingen noch in Zweigen und Gras, aus dem ein erquickender Wohl¬ geruch emporstieg. Ein Holzhauer hatte ihm den Pfad nach der Einsiedelei gewiesen, die Gegend wurde immer hoͤher, kuͤhler und stiller, nur die Abendglocken schallten noch durch das feierliche Rauschen des Waldes aus den Thaͤlern herauf. — In dieser kraͤftigen Einsam¬ keit konnte er sich eines zuͤrnenden Mißtrauens gegen den Einsiedler nicht erwehren, den er so eben kennen lernen sollte. Es kam ihm kleinlich, ja verrucht vor, inmitten allgemeiner Lust und Noth sich so in hoch¬ muͤthiger Selbstliebe abzusondern und uͤber die andern zu stellen. Der Mensch, sagte er zu sich selbst, der Mensch allein verwirrt alles mit seiner Leidenschaft und Affectation! Durch solche Betrachtungen war er nach und nach ganz in Eifer gerathen und nahm sich eben ernst¬ lich vor, den Einsiedler durch vernuͤnftige Ueberredung, wo moͤglich der Welt wieder zuzuwenden, als sein Pferd ploͤtzlich scheute und heftig zur Seite sprang. Denn eine wundersame Gestalt war auf einmal zwi¬ schen den Baͤumen hervorgetreten, unter denen nun auch die in den Fels gehauene, von wilden Weinran¬ ken kuͤhl verhangene Einsiedelei nebst einem sorgfaͤltig umzaͤunten Gaͤrtchen sich zeigte. Der Eremit trug einen breitraͤndigen Pilgerhut, ein ungeheurer alter Schlafpelz, der ihm uͤberall zu weit war, rauschte im Grase hinter ihm her, waͤhrend er aus einer langen Pfeife Taback rauchte. Manfred traute seinen Augen nicht. Wie! rief er, Herr Dryander — Sie also sind der Vitalis!? — Vitalis? warum denn nicht? erwiederte Dryander gelassen, aber bleiben Sie mir mit dem dummen, wilden Pferde ein wenig vom Leibe. Manfred band sein Pferd an einen Baum und folgte dem Doctor, der sich fast bei jedem Schritt auf den Pelz trat, zu der Klause. Dort fehlte nichts zum Hausrath eines vollkommenen Waldbruders, ein wei¬ ßer Todtenschaͤdel glaͤnzte aus der Grotte, an deren hinteren Felswand ein großes schmuckloses Crucifix auf¬ gerichtet war, ein Brevier lag auf der Bank vor der Klause, noch aufgeschlagen. Manfred sah lange finster umher, endlich brach er los. Das ist kein bloßer Scherz, sagte er, es waͤre zu frevelhaft. Aber auch der bit¬ terste Ernst ist hier ein Frevel. Armer, grillenhafter, wetterwendischer Mensch, gehe erst zu den Einfaͤltigen in die Lehre, erkenne erst unten im Gedraͤnge das un¬ sichtbare Kreuz, das der Herr mitten im Leben aufge¬ richtet, eh' du es selbst zu fassen und in Seinem Na¬ men die Welt zu belehren und zu richten wagst! — Amen, mein Sohn! unterbrach ihn hier Dryander mit milder Stimme, aber nimmermehr wird es dir gelin¬ gen, durch lose Worte mir das Rauhe meines Eremi¬ tenpelzes herauszukehren, denn mich erbarmt in tiefster Seele deine Verblendung. Also von der Welt Ru¬ mor, mein Sohn, hoffst du noch immer zu lernen, was nicht von dieser Welt ist? Ich aber sage dir: da ist nichts zu lernen, sondern niederzustuͤrzen auf die Knie, denn mitten in der Stille der Waldes-Einsam¬ keit, ploͤtzlich und von Waffen blitzend, kommt der En¬ gel des Herrn! — Hier zog und qualmte der Zelot so heftig aus seiner Tabackspfeife, die ihm uͤber dem Re¬ den ausgehen wollte, daß Manfred mitten in seinem Aerger in ein lautes Gelaͤchter ausbrach. Das steckte Dryander'n an, er stimmte unaufhaltsam mit ein. Beide aber wandten sich erschrocken, als ploͤtzlich hin¬ ter ihnen das herzhafte Lachen noch eines Dritten dar¬ einschallte. Ein großer, starkknochiger Mann mit gebraͤuntem Gesicht und wildherabhaͤngendem Haar, eine grobe Kutte mit einem Strick um den Leib gebunden, trat aus dem Gebuͤsch hervor, und konnte sich, noch immer lachend, gar nicht satt sehen an dem abenteuerlichen Aufzuge des Doctors. Es ergab sich nun, daß der Neuangekommene der eigentliche Besitzer der Klause sey, und daß Dryander erst vor wenigen Stunden, auf seiner Fußreise vom Gewitter uͤberrascht und ganz durchnaͤßt, sich hierher gefluͤchtet und, waͤhrend der Ere¬ mit in den Wald nach Holz gegangen, es sich in dessen trockenem Pelze bequem gemacht hatte. Der Einsiedler machte sich nun sogleich mit Man¬ fred's Pferde zu schaffen, er zaͤumte es ab, warf ihm Heu vor, streichelte und betrachtete es mit großem Wohlgefallen. Eine saubere Kreatur! sagte er, da versteh' ich mich noch drauf aus meinen jungen Jah¬ ren, als ich bei dem loͤblichen Kuͤrassierregiment stand. — Darauf traf er mit gleichem Eifer Anstalten, seine Gaͤste zu bewirthen, die unterdeß einige naͤhere Blicke in die kleine Wirthschaft thun konnten. Im Garten hatten Kartoffeln und Kohl fast alle Blumen ver¬ draͤngt; am Eingange desselben aber fiel ihnen ein frisch gegrabenes Grab auf. Das ist nur so gegen die uͤberfluͤssigen Weltgedanken, sagte der Einsiedler — succumbit humi bos et Caesar . Quer uͤber dem Grabe waren zwei große Speckschwarten auf Stangen befestigt. Der Einsiedler meinte, in der Huͤtte kaͤmen ihm sonst die Ratten daruͤber. Er setzte nun Weinflaschen und Glaͤser auf den steinernen Tisch vor der Klause, die Gaͤste mußten sich auf der Bank herumsetzen, er wollte einmal etwas Neues aus der Welt hoͤren. Dryander, den der viele Kohl im Garten aͤrgerte, nannte ihn einen Canonicus in herbis und sprach wuͤthend das tollste Kuͤchenla¬ tein, der Einsiedler antwortete eben so, und schien erst recht vergnuͤgt in dieser barbarischen Sprachverwirrung. Dazwischen rauchte er, heftig dampfend, stinkenden Taback aus einer kurzen ungarischen Pfeife, im Wein aber that er wenig Bescheid, er mache ihn, sagte er, aufgeblasen und zaͤnkisch. Er erzaͤhlte ihnen, daß er Frater Sammler in dem Kloster oben gewesen, nach dessen Aufhebung aber sich hier angesiedelt habe und bei den Bauern in der Runde, die ihn aus alter Be¬ kanntschaft mit allem, was er brauche, reichlich versaͤ¬ hen, sehr gut seine Rechnung finde. Ueberhaupt sey es ihm im Leben immer gut gegangen. Schon als Kind habe er mit seinem alten Vater, einem blinden Geiger, so viel erbettelt, daß er die Schulen besuchen konnte. Spaͤter sey er zum Kuͤrassierregiment einge¬ zogen, aber gleich in der ersten Bataille so uͤbel zuge¬ richtet worden, daß sie ihn doch wieder haͤtten laufen lassen muͤssen. Als er darauf in sein Dorf zuruͤckge¬ kommen, habe seine Braut unterdeß einen Andern ge¬ heirathet, den sie nun halb todt keife. Laus Deo ! schloß er, mit seinem Glase lustig anstoßend. Manfred betrachtete, nicht ohne tiefe Wehmuth, den fidelen Einsiedler, den das Leben mit allen seinen Stoͤßen nicht hatte unterkriegen koͤnnen, und der nun die Froͤmmigkeit frischweg wie ein loͤbliches Handwerk trieb. — Es ist ganz unmoͤglich, rief er endlich nach einigem Nachsinnen aus, auch Sie sind nicht der Vi¬ talis! — Oho! erwiederte der Waldbruder, ich und Herr Vitalis! wo denkt Ihr hin, nicht seine Schuhriemen aufzuloͤsen, bin ich wuͤrdig, und ich thaͤt's ihm gern heut und allezeit, wenn er es litte! Nein, nein, der wohnt dort im ehemaligen Convente. — Als Nacht¬ eule, sagte Dryander, um die Maͤuse wegzuschnappen, die nach deinen Speckschwarten gehen. — Still, fiel ihm der Einsiedler mit uͤberfliegender Roͤthe schnell in's Wort, schnattert nicht so ungewaschen in's Zeug hin¬ ein, wenn Ihr nichts von der Geistlichkeit versteht. Contenti estote , sagte einmal ein Kapuziner in einer Komoͤdie, die ich noch als Soldat gesehen habe, das heißt: begnuͤgt euch mit eurem Kommißbrote, wenn ihr das Himmels-Manna nicht vertragen koͤnnt! — Na, seyd nur nicht gleich so grob, lachte Dryander, den der Vorwurf heimlich wurmte. Abgemacht! rief der gutmuͤthige Klausner. Aber vom Herrn Vitalis muß ich Euch noch erzaͤhlen. — Er ruͤckte voll Eifer naͤher und dampfte so hastig aus der ungarischen Pfeife, daß Dryander sich an das andere Ende des Tisches setzte. — Seht, sagte er, es war gerade eine so schoͤne, sternklare Sommernacht, wie Anno 1814, da wir uͤber den Rhein ruͤckten. Ich hatte meinen Rosenkranz eben abgebetet und stand auf und zog, wie ich alle Mitternacht zu thun pflege, die Glocke uͤber meiner Huͤtte, denn den Kranken unten in den Doͤrfern, wenn alles schlaͤft, ist es troͤstlich, das Gloͤcklein von den Bergen zu hoͤren. Auch das Wild ist's schon gewoͤhnt, ich hab' jedesmal meine Freude daran, wie die Rehe dann im Mondschein dort auf die Wiese herauskommen und das Weiden vergessen und die Koͤpfe hoch nach dem Klange wenden, als wollten die armen Dinger auch Gott loben. Nun jedes thut, was es kann. Aber diesmal schnaubten sie auf einmal, und eh' ich's mich versah, waren sie ploͤtzlich nach allen Seiten zerstoben. Ich tret' her¬ aus, da steht ein schoͤner, wilder Jaͤgersmann dicht vor mir. Laudetur Jesus Christus , sage ich. Er aber, ohne Amen zu sagen: was machst du da? — Wie Ihr seht, Herr, ich bin ein Einsiedler und bete, wenn die Andern schlafen. — Und schlaͤfst, wenn die Andern beten, das ist alles Eins! — Gewiß, so loͤsen wir einander ab auf der himmlischen Schildwacht. — Der Jaͤger darauf stoͤbert mir in der Huͤtte herum, sieht mein Moosbett, das Kreuz, den Todtenkopf. Vollstaͤndige Decoration, sagt er, bist du so faul, daß dich der Kahlkopf da mit seinen gefletschten Zaͤhnen erst jeden Abend in's Gewissen beißen muß, um zu beten? — Herr, erwiedere ich, Ihr werdet mir nichts weiß machen, ich bin Soldat und Moͤnch in dem Kloster da droben gewesen, und weiß wohl, daß es leichter ist, eine Festung, als das Himmelreich zu er¬ obern. Nun moͤcht' ich doch den Prahlhans sehen, der eine Vestung ohne Bajonett, Leiter und Handwerks¬ zeug nehmen wollte! Und Ihr wollt den Himmel, der hoͤher liegt, stuͤrmen nackt und erbaͤrmlich wie Ihr seyd, ohne Wehr und Ruͤstung und taͤgliche Uebung in den Waffen? Ich sage Euch: Demuth ist der Anfang und das Ende, hochmuͤthiger Mensch! — Der Fremde sah mich groß an mit funkelnden Augen, dann stuͤtzte er auf dem Tische den Kopf in die Hand, ich meint', er betrachtete den Todtenkopf, der vor ihm lag, aber er mochte wohl andere Gedanken haben. Sitz' du so lange du willst, dachte ich, ich fuͤrcht' dich nicht, ich trau' dir nicht. Damit streckt' ich mich auf meine Streu und behielt ihn in den Augen, bis sie mir am Ende zufielen. Als ich aufwachte, waren meine Augen noch im¬ mer auf den Tisch gerichtet, aber der Jaͤger saß nicht mehr auf demselbigen Punkt. Als ich aber vor die Klause trat, sah ich ihn in der Morgendaͤmmerung schon von dem alten Kloster herabkommen. Es war ein praͤchtiger Morgen, die Haͤhne kraͤhten unten in den Doͤrfern, hin und her klang schon eine Morgenglocke durch die stille Luft. Auch der Fremde, nachdem er mich freundlich gegruͤßt hatte, blieb stehen und sah lange in's Thal hinaus. Sich, sagte er, das ist ein Friede Gottes uͤberall, als zoͤgen die Engelschaaren singend uͤber die Erde! die armen Menschenkinder! sie hoͤren's nur, wie im Traum. Muͤde da unten, verirrt in der Fremde und Nacht, wie sie weinend rufen und des Vaters Haus suchen, und wo ein Licht schimmert, klopfen sie furchtsam an die Thuͤr, und es wird ihnen aufgethan, aber sie sollen den Fremden dienen um das taͤgliche Brot; daruͤber werden sie groß und alt und kennen die Heimath und den Vater nicht mehr. O wer ihnen allen den Frieden bringen koͤnnte! Aber wer das ehrlich will, muß erst Frieden stiften in sich selbst und wenn er daruͤber zusammenbraͤche, was thut's! — Sieh, Gesell, und das ist geistliches Recht und Ta¬ gewerk. Ich alter Kerl stand ganz verbluͤfft vor ihm, denn ich verstand schon gleich damals so viel davon, daß ich bisher eigentlich noch gar nichts verstanden hatte von meinem Metier. Vor meiner eigenen Thuͤr wollt' ich kehren und die ewige Seligkeit fuͤr mich allein zu¬ sammenknickern, wie ein filziger Schuft, als waͤr's dem lieben Gott um mich allein zu thun in der Welt. — Und seht, von der Stund' ab blieb der Jaͤger hier auf den Bergen und wohnte im Kloster droben und machte sich gemein mit mir, wie ein getreuer Kame¬ rad, und ist doch ein grundgelehrter Herr. Denn du gefaͤllst mir, sagt er, du machst keine Flausen mit dei¬ ner Froͤmmigkeit. Und wenn ich faste, so hungert er, und wenn ich aufwache, so hat er die ganze Nacht gewacht und gebetet, und trinkt keinen Wein und mag keinen Speck, und will ich alter Narr manchmal ver¬ zagen, so singt er ein schoͤnes Lied, und — kurz, das ist der Herr Vitalis , von dem ihr unten gehoͤrt habt. Der Einsiedler wandte sich hier und machte sich etwas mit dem Tische zu thun, denn er schaͤmte sich, weil ihm die Thraͤnen in den Augen standen. Man¬ fred aber stand auf, ein uͤberraschender Gedanke schien durch seine Seele zu fliegen. Fuͤhrt mich zu Vitalis hinauf, sagte er, ich muß ihn durchaus sprechen! Der Einsiedler schuͤttelte bedenklich den Kopf. Ich will's wohl thun, meinte er, aber seht Euch vor, wenn Euch bloß die Neugier treibt. — Da war erst neulich Einer, ein junges Blut, der wollte durchaus mit Einsiedler werden. — Aber ich dacht' mir's gleich — denn zum gottseligen Leben gehoͤrt eine gute, feste Natur — wenn er Nachts mit mir im Walde stand, da schauerte ihn, wie ein Maͤdchen, unsere alten Gebete waren ihm noch nicht schoͤn genug, er setzte sie in kuͤnstliche Verse, dann weinte er auch zuviel und hatte so allerhand Sehnsuchten. Zuletzt hatte er gar ein junges, huͤb¬ sches Hirtenmaͤdchen aufgespuͤrt, die wollt' er mit Ge¬ walt bekehren, aber sie war schon froͤmmer, als er, und, eh' er sich's versah, verliebt' er sich in sie, da wurde er ganz traurig — und kurz, wie ich's vorausgesagt hatte, mit dem Herrn Vitalis ist nicht zu spaßen, der jagt' ihn wieder fort — Hieß der junge Mann nicht Otto ? fragte Dryan¬ der. — Wahrhaftig, so nannte er sich, erwiederte der Einsiedler verwundert. — Die Nacht war indeß voͤllig hereingebrochen, als sich alle drei auf den Weg nach dem Kloster machten. Der Eremit schritt mit einer Fackel auf einem schma¬ len, halbverwachsenen Fußsteige voran, die Andern folgten schweigend und erwartungsvoll. Unterwegs fragte Manfred den Doctor, wo er denn seine kleine Frau gelassen? — Sie ist unter die Husaren gegan¬ gen, sagte Dryander trocken und mochte durchaus nicht naͤhere Auskunft geben. So waren sie, nach einem muͤhseligen Gange, zu der Ruine gekommen, der Wiederschein der Fackel, als sie durch das Thor gingen, beleuchtete den stillen Klo¬ sterhof mit seinen alten Baͤumen und dem verfallenen Brunnen in der Mitte. Ihr Fuͤhrer sah sich nach allen Seiten um. Sollte er noch im Gebirge seyn? sagte er und oͤffnete knarrend eine eichene Thuͤr. Sie kamen in eine kleine Halle, aber auch dort war Nie¬ mand zu finden. Nur ein Strohsack auf dem Boden, ein Kreuz auf dem Tisch und einige Buͤcher bezeichne¬ ten Vitalis Wohnung, durch das verfallene Fenster aber sah wunderbar die Nacht herein. Als sie an die Oeffnung traten, flatterte verstoͤrtes Nachtgevoͤgel scheu aus den Mauerritzen empor, einzelne Mauerstuͤcke hat¬ ten unter ihren Fuͤßen sich abgeloͤst, sie lauschten, wie es schallend tiefer und immer tiefer hinabrollte. Da trat auf einmal der Mond druͤben zwischen den Wol¬ ken hervor, sie sahen nichts als stille Schluͤnde unter sich und das dunkle Chaos uralter Wipfel. — Ent¬ setzlich! rief Manfred, in Gedanken hinabschauend. Hier aber wurden sie ploͤtzlich durch Dryanders Geschrei unterbrochen. Er war neugierig vorgetreten, da hatte ihn der Schwindel gefaßt, er griff krampf¬ haft in des Einsiedlers Kutte. Sagt' ich's doch, rief dieser, ist dir wohl, so bleibe unten, arbeite und lobe Gott, und laß allen Vorwitz! Damit packte er den Doctor beim Kragen und schleuderte ihn von dem Ab¬ grund zuruͤck und zur Zelle hinaus. Indem sie aber nun in's Freie wieder heraustra¬ ten, sahen sie auf einmal zu ihrem Erstaunen zwei fremde Gestalten erschrocken uͤber den Klosterhof hin¬ wegstreichen. Er ist's, um Gotteswillen nur schnell! fluͤsterte der eine, und in demselben Augenblick waren beide zwischen dem alten Gemaͤuer in der Nacht wie¬ der verschwunden. Bei dem Klang der Stimme fuhr Manfred sichtbar zusammen, er hatte die Fluͤchtlinge in der scharfen Beleuchtung der Fackel unausgesetzt mit den Augen verfolgt; jetzt stuͤrzte er ihnen selbst nach. Aber der Einsiedler schritt mit seinen langen Beinen aus, daß die Kutte rauschte, und faßte ihn maͤchtig am Arm. Seyd Ihr toll, rief er, ich weiß nicht, wer es war, aber das weiß ich, daß Ihr bei Nacht im unbekannten Gebirge das Gesindel nicht fangt, sondern den Hals brecht, wenn Ihr kein Gemsbock seyd! — Manfred mußte ihm nach kurzem Besinnen Recht geben, dann aber trieb er ploͤtzlich mit auffal¬ lender Hast zur ungesaͤumten Ruͤckkehr, und blieb still und nachdenklich, waͤhrend sie vorsichtig zwischen den Felsen hinabstiegen. Ich muß noch diese Stunde fort, suche aber bald noch einmal den Vitalis auf, sagte er, als sie endlich bei der Einsiedelei wieder ankamen, schuͤttelte seinem Wirth herzlich die Hand und schwang sich sogleich auf sein Pferd. — Der Einsiedler hatte kaum die Zeit, ihm den naͤchsten Weg zu bezeichnen, und sah ihm dann ganz verwundert lange nach. — Daß ich ein Narr waͤre, in dieser Spuknacht weiterzuziehen, meinte Dryander, und bat sich noch eine lange Pfeife Taback aus, er freute sich darauf, die ganze Nacht einmal das Einsiedlerleben recht gemaͤchlich mit durchzumachen, auch wollte er noch einige von den Nachtliedern des Eremiten abschreiben. Manfred aber ritt eifrig den Thaͤlern zu, da hoͤrte er nach einiger Zeit, wie im Traum, oben noch des Einsiedlers Gloͤcklein schallen, die Rehe weideten wieder zur Seite, seine ganze Seele fuͤhlte sich von der Todesstille wie in ein Grab verschuͤttet. Die Mit¬ ternacht aber hatte unterdeß den Himmel weit aufge¬ than und ihre wunderbaren Schleier uͤber die Erde geworfen. So immer tiefer und freudiger stieg er erathmend in die traͤumende Sommernacht hinunter, schon hoͤrte er unten von fern die Stroͤme wieder rauschen und die Nachtigallen schlugen, von einem einsamen Schlosse klang noch eine Guitarre heruͤber und Duͤfte wehten erquickend aus den bluͤhenden Gaͤrten herauf. Von dem letzten Abhang des Berges rief er, wie er¬ loͤst, hinab: Gegruͤßt, du schoͤnes Leben, ja ich spuͤr's, ich habe dich wieder! Zweiundzwanzigstes Kapitel . Auf der Donau glitt bei dem heitersten Wetter ein Schiff zwischen den schoͤnen waldigen Bergen und Burgen hinab. Von Zeit zu Zeit erschallte ein so herzhaftes Lachen von dem Schiffe, daß die Voruͤber¬ gehenden am Ufer stehen blieben und vor Lust mitla¬ chen mußten, ohne zu wissen warum. Es waren rei¬ sende Kaufleute, Studenten und Jaͤger, die auf dem Verdeck im Kreise umherlagen, in ihrer Mitte ein klei¬ ner staͤmmiger Mann mit Reisetasche und breitkraͤm¬ pigem Pilgerhut, der ihnen aus seinem eigenen Leben die unerhoͤrtesten Abenteuer erzaͤhlte und jedesmal ganz entruͤstet war, wenn sie lachten und ihm nicht glauben wollten. Abgesondert aber von dem lustigen Haͤuflein stand mitten im Schiff ein wunderschoͤner Juͤngling in 19 zierlicher Jaͤgertracht an den Mast gelehnt, er hatte eine Zitter im Arm, die er in der Kajuͤte gefunden, ihm zu Fuͤßen saß ein anderer huͤbscher Junge. Beide konnte man fuͤr Schuͤler halten, die zur Vacanz rei¬ sten, und es war anmuthig zu sehen, wie die froͤhli¬ chen Bilder, bald im kuͤhlen Schatten der Felsen, bald von der Abendsonne hellbeschienen, zwischen den wechselnden Landschaften dahinflogen. Der eine am Mast blickte frisch unter seinem Reisehut in das Gruͤn hinaus und sang: Sie stand wohl am Fensterbogen Und flocht sich traurig ihr Haar, Der Jaͤger war fortgezogen, Der Jaͤger ihr Liebster war. Und als der Fruͤhling gekommen, Die Welt war von Bluͤten verschneit, Da hat sie ein Herz sich genommen Und ging in die gruͤne Haid. Sie legt das Ohr an den Rasen, Hoͤrt ferner Hufe Klang — Das sind die Rehe, die grasen Am schattigen Bergeshang. Und Abends die Waͤlder rauschen, Von fern nur faͤllt noch ein Schuß, Da steht sie stille, zu lauschen: „Das war meines Liebsten Gruß!“ Da sprangen vom Fels die Quellen, Da flogen die Voͤglein in's Thal. „Und wo ihr ihn trefft, ihr Gesellen, Gruͤßt mir ihn tausendmal!“ Die Gesellschaft war laͤngst auf den schoͤnen Ge¬ sang aufmerksam geworden; der abenteuerliche Pilger trat vor den Saͤnger und sang ihm sogleich nach der¬ selben Melodie zu: Das klingt wie ein Waldhorn in Traͤumen, Was irrst du durch das Gestein, Mein Rehlein, unter den Baͤumen? Ich will dein Jaͤger seyn! Der Saͤnger sah ihn einen Augenblick von der Seite an, und antwortete, ohne sich lange zu besinnen: Sie aber lachte im Wandern: „Du hast einen kecken Mund, Ich aber mein' einen andern, Du bist mir zu kurz und rund!“ Hier erschallte ein allgemeines Gelaͤchter, der Saͤn¬ ger erschrak daruͤber, warf schnell die Zitter fort und setzte sich zu seinem Gesellen. Der Runde aber war nicht so leicht aus dem Felde zu schlagen, er machte sich, sehr vergnuͤgt, sogleich mit Witzen an die Beiden und wollte sie in's Bockshorn jagen. Mein zaͤrtlicher Herr Jaͤger, sagte er, mir scheint, Ihr seyd vielmehr geschossen, als Ihr jemals geschossen habt. — Und Ihr, scheint mir, habt Euch verschossen, versetzte das muntere Jaͤgerbuͤrschchen, denn der Witz brennt Euch von der Pfanne. — Wird euch wenigstens kein Haͤr¬ chen uͤber der Oberlippe versengen! Wett' ich doch, 19* Ihr haͤttet gar zu gern einen Schnauzbart an Eurem Mund. — Wenn die Schnauze darunter huͤbscher waͤr' als Euere! — Ich bitt' Euch, schnauzt mich nur nicht so an. Aber, Bart bei Seite, ich fuͤrcht', er wird gleich grau sprossen, denn nach Eurem verliebten Liede macht Euch ein Maͤdchen viel Noth. — Nein, zwei, so naͤrrisch sie sind, ich hab' sie schon ganz muͤde gejagt. — Daß die Jungfern nur dabei nicht fallen! wo jagt Ihr sie hin? — Unter die Haube. — Was! fuͤhrt Ihr Hauben mit Euch? — Gewiß, da guckt her! — Hier luͤftete der Jaͤger ein Felleisen, das hin¬ ter ihm lag. Der Pilgrim, der etwas kurzsichtig war, fuhr neugierig mit der Nase hinzu, und eh' er sich's versah, hatte ihm das Buͤrschchen von hinten eine schneeweiße Schlafmuͤtze uͤber den Kopf gestuͤlpt. Nun aber war der aufrechtstehende Zipfel der Nachtmuͤtze nicht anders, als wie ein Blitzableiter, in den ploͤtzlich von allen Seiten alle Witze, matte und feurige, durcheinander einschlugen. Daruͤber wurde der Pilger ganz hirnschellig, man wußte bei seinem wunderlichen Wesen nicht recht, ob es ihm Ernst oder Spaß war mit der Wuth. Der junge Jaͤger, da er unverhofft solche Wirthschaft angerichtet, saß unterdeß maͤuschenstill und blickte nur ein paarmal scheu her¬ uͤber. Als er aber den Pilger so auf das allerlustigste schimpfen hoͤrte und unter seiner Schlafhaube wohl die Hasenohren sah, konnt' er's doch nicht lassen; er sprang von neuem auf, schnalzte mit seiner Reitgerte und parlirte immerfort keck mit drein. Die lustigen Voͤgel im Schiff hetzten: sie sollten sich mit einander schießen, der Abend brach auch herein und vermehrte die Ver¬ wirrung, der Pilger schwor, er wolle noch heut mit der Degenspitze aus dem schoͤnen Jungen eine junge Schoͤne herauskitzeln! Das Jaͤgerbuͤrschchen aber fluͤ¬ sterte heimlich seinem Gesellen zu: was fangen wir nun an? ich bitt' dich, Haͤnschen, rath' mir! — Da stieß das Schiff an's Land. Waͤhrend die Anderen nun ihre Buͤndel, Tabacks¬ pfeifen und Feldflaschen noch zusammenrafften, eilte Dryander — denn Niemand anders war der aben¬ teuerliche Pilgrim — schon voraus und flog in groͤ߬ ter Hast nach dem Wirthshaus an dem breiten Gast¬ wirth voruͤber, der das Schiff gemaͤchlich an der Thuͤr erwartete und ihm verwundert nachsah. In der Gast¬ stube fand er einen jungen Mann, der auf der Bruͤ¬ stung des offenen Fensters saß und in das froͤhliche abendliche Getuͤmmel hinausschaute; dieser wandte sich schnell — er erkannte seinen Fortunat . Ohne in der Konfusion sich zu verwundern oder ihn erst zu be¬ gruͤßen, rief ihm Dryander sogleich entgegen: Ver¬ fluchte Teufelsgeschichte! hast du deine Kuchenreiter mit? So ein Maͤdchen von Junge! Aber ich will ihm den Bart unter der Nase wegputzen, wenn er nur einen haͤtt'! Da ist nichts zu lachen dabei! Er hat gut treffen, ich bin wie ein Bienenkorb gegen seine Taille, und — Halt' ein! unterbrach ihn Fortunat, immer heftiger lachend, du zerplatzst ja wie eine Bombe, was giebt's denn da auf einmal? — Aber Dryander war zu erbost, er schimpfte unaufhaltsam uͤber die Albernheit der Ritterlichkeit, der Duelle, der Ehre, die, wie eine Regimentsfahne, erst von Kugeln zerfetzt und lumpig seyn sollte, um ein Ansehen zu ha¬ ben. Indem er sich aber so in Vergleichungen er¬ schoͤpfte, kam das Getuͤmmel draußen wachsend immer naͤher und naͤher. Dummes Zeug! schloß er endlich, und entwischte mit solcher Geschwindigkeit aus der Thuͤr, daß er seinen Hut im Zimmer vergaß. Fortunat ließ ihn laufen. Was wird es seyn! dachte er, die alte Posse: Sorgen ohne Noth und Noth ohne Sorgen. Die Rakete wird draußen ver¬ prasseln, ohne eben den Erdkreis in Brand zu stecken. — Unterdeß hatte die Stube sich nach und nach laͤr¬ mend gefuͤllt, Felleisen, Maͤntel und Tabacksbeutel lagen auf Stuͤhlen und Tischen umher, die muntere Schiffsgesellschaft machte sich behaglich breit, der eine schrie nach Wein, der andere nach Kaffee, alle waren noch ganz voll von den lustigen Haͤndeln, und da sie vom Wirth erfuhren, daß die beiden Jaͤger ein eigenes Zimmer bezogen, beredeten sie sich, wie sie morgen zum Duell die Pistolen blind laden, dem Pilger Knall¬ kugeln unter die Fuͤße legen wollten u. s. w. Als aber nun allmaͤhlich aus mehreren Schluͤnden dicker Tabacksqualm emporzuwirbeln begann, zog Fortunat, nachdem er in dem Laͤrm vergeblich nach einem Leuch¬ ter gerufen, auch uͤber Dryander keine naͤhere Aus¬ kunft erhalten hatte, sich ohne Licht in sein Zimmer zuruͤck, da er morgen mit Sonnenaufgang wieder auf¬ zubrechen gedachte. Seine Stube ging nach dem Garten hinaus, die Glasthuͤr stand noch weit offen, wie er sie vor einigen Stunden verlassen. Alle Bewohner des Hauses hat¬ ten mit den Gaͤsten vollauf zu thun, es war so still draußen, daß man den Ruderschlag einzelner Fischer aus der Ferne hoͤren konnte. Ermuͤdet setzte er sich auf die Schwelle hin. Da hoͤrte er Stimmen im Garten, in einer fremden Sprache, wie es ihm schien. Bald bemerkte er beim hellen Mondschein zwei unbe¬ kannte Gestalten, die sich hier wohl fuͤr unbelauscht halten mochten. Der Eine, wie ein Jaͤger gekleidet, saß mit untergeschlagenen Beinen auf dem Rasen, er hatte den Hut abgenommen und in der Kuͤhle sein Waͤmschen geluͤftet, sein wunderschoͤnes Haar floß in reichen Locken herab; der Mond glaͤnzte blendend auf seiner entbloͤßten Schulter. Der Andere kniete hinter ihm und schien die Locken zu ordnen, waͤhrend sie leise und lebhaft mit einander schwatzten. Ein Brunnen, den Fortunat vor dem Gebuͤsch nicht sehen konnte, plauderte um die Wette mit ihnen und, je nachdem die Luft sich bewegte, klang bald das Plaͤtschern, bald die liebliche Stimme wie ein Gloͤcklein aus der stillen Mondnacht heruͤber. Die Nacht aber hatte unterdeß die Gegend draußen wunderbar verwandelt, zwischen den alten Baͤumen hindurch sah man weit in die Thaͤ¬ ler hinaus, da lag es verworren im Mondschein, wie glaͤnzende Kuppeln, Truͤmmer und praͤchtige Gaͤrten, in dem nahen Staͤdtchen unten sang ein Student noch vor seiner Liebsten Thuͤr, dazwischen immerfort wieder das Rauschen des Brunnen — Fortunat saß wie im Traum, er dachte an Italien, an Rom, und unwill¬ kuͤrlich in Gedanken rief er — Fiametta! Bei dem Klange reckten die beiden, wie Rehe, wenn das Laub raschelt, ploͤtzlich die Koͤpfchen in die Hoͤh, sprangen scheu auf und flogen dem Hause zu. Fortunat trat ihnen erstaunt entgegen, da stutzte das Jaͤgerbuͤrschchen ploͤtzlich und sah ihn einen Augenblick durchdringend an, dann aber warf es sich auf einmal athemlos an seinen Hals, ihn fest umklammernd und schluchzend, er fuͤhlte des Juͤnglings Thraͤnen unauf¬ haltsam uͤber seine Wangen rinnen; seine Locken roll¬ ten rings um ihn her, es war, als wuͤrde er in seinen Armen ganz und gar vergehen. Nun aber wußt' er's wohl, wen er im Arme hielt. Meine liebe, liebe Fia¬ metta ! rief er aus tiefstem Herzensgrunde. Da ließ das schoͤne verkleidete Maͤdchen los, stellte sich, ihre Locken aus dem Gesicht schuͤttelnd, dicht vor ihn und blickte ihn aus den Thraͤnen so froͤhlich an, daß es ihm recht durch die Seele ging. Darauf schnell wie¬ der besonnen, zog sie ihn schweigend mit sich in sein Zimmer hinein. Er sah im Voruͤberschweifen dem andern Gesellen in's Gesicht und erkannte seines Lieb¬ chens Kammerjungfer, die uͤber und uͤber roth wurde. In der Stube aber steckte Fiametta ihr Haar wieder auf, waͤhrend sie die Kammerjungfer mit einem heimlichen Auftrage fortschickte. Dann trieb sie Fortunaten, in sichtbarer Furcht, geheimnißvoll und ohne ihm Rede und Antwort zu stehen, zur unverzuͤglichen Abreise, half ihm unter tausend Spaͤßen mitten in ihrer Angst und Hast, seine Sachen rasch in ein Buͤndel schnuͤ¬ ren und draͤngte ihn fort, fort, aus dem Hause, aus dem Garten und immer weiter. Draußen auf einem abgelegenen Platz fanden sie Fortunats Diener mit seinen beiden gesattelten Pferden, die Kammerjungfer hatte ihn hergefuͤhrt. Sie sollte mit dem Diener auf dem Schiffe weiterreisen, Fiametta selbst aber schwang sich schnell auf das eine Pferd. Fortunat wußte nicht wie ihm geschah, und ehe er sich fassen konnte, waren Kammerjungfer und Wirthshaus schon hinter ihnen verschwunden. Als sie im Freien waren, fragte Fiametta mit tief gesenkten Augen kaum hoͤrbar: was macht denn Annidi? Fortunat mußte sich fast auf den Namen be¬ sinnen. Annidi? — sagte er, sie hat in Rom den Studenten Otto geheirathet. Aber wie kommst du auf die? — Fiametta sah ihn groß an: ist sie denn nicht deine Liebste gewesen? Mein Gott, erwiederte Fortunat nach einigem Nachdenken, so warst du es wohl, die an jenem Abend im schwarzen Maͤntelchen an mir voruͤberstreifte, als mich Otto zu seinem Maͤd¬ chen fuͤhrte, das ich damals noch gar nicht kannte. — Ja freilich, entgegnete Fiametta lebhaft, und ich spielte dann einmal des Abends die Annidi in unserem Gar¬ ten, die Kammerjungfer mußte deine Kleider anziehen und so uͤber den Gartenzaun zu mir kommen, da kamst du auf einmal selber, wir hatten dich nicht so fruͤh zuruͤckerwartet. — O vernagelter Kopf, der ich war! rief Fortunat, sich vor die Stirn schlagend aus, haͤtt' ich das damals gewußt! — Sie lachte seelenvergnuͤgt und ihre Augen glaͤnzten von Thraͤnen. Waͤhrenddeß ritten sie eilig an dem Staͤdtchen voruͤber, zwischen den schlafenden Gaͤrten und Land¬ haͤusern immer tiefer in die weite, sternhelle Nacht hinein. Die Nachtigallen schlugen von den waldigen Bergen, uͤber das stille Feld hoͤrte man die Hunde von ferne bellen, Fiametta sah sich oͤfters aͤngstlich um. Sieh, sagte Fortunat, mir ist wie einem Vogel in der Luft, ich folge dir uͤber die ganze Erde! Jetzt aber sage mir auch, warum blickst du so scheu zuruͤck? wie kamst du vorhin auf das Schiff? was in aller Welt hast du vor? — Ach das ist eine lange, traurige Geschichte, entgegnete Fiametta, die muß ich von An¬ fang anfangen. — Sie ritt dicht neben ihm und, selbst wie in Traͤumen in der traͤumerischen Nacht, halb an ihn gelehnt, begann sie folgendermaßen zu er¬ zaͤhlen: Als du in Rom auf einmal verschwunden warst und nun der Winter kam, und es regnete Tag und Nacht, und der Vater saß Abends in dem großen Saale am Kaminfeuer und sprach kein Wort und alles war so still im ganzen Hause, daß man die Thurm¬ uhr gehen hoͤrte, da wurde ich ploͤtzlich krank. Da traͤumte mir, ich waͤre auf einer Anhoͤhe uͤber Rom im Abendglanze eingeschlafen. Als ich aber erwachte, war es schon finstere Nacht, mich fror und ich kannte die Gegend nicht wieder. Da kam durch das Dunkel ein Jaͤger vom Berge herab. Ach, fuͤhr mich zur Stadt hinunter, rief ich, horch, da klingt in der Ferne noch die Glocke vom Kapitol. — Das ist die Thurm¬ uhr, die schlaͤgt auf meinem Schloß im Walde, sagte der Jaͤger. — Kennst du denn nicht das Schloß des Marchese A.? fragte ich wieder — Wo Fiametta wohnt? ach das ist lange her, sagte der Jaͤger, dann wandt' er sich ploͤtzlich — du selbst warst der Jaͤger, aber du kanntest mich nicht mehr. — Nun stiegst du weiter den Berg hinab, ich rief voll Angst und konnte dir so schnell nicht folgen. Da ging gegenuͤber der Mond auf und auf einmal, so weit ich sehen konnte, lag die ganze fremde Gegend tief verschneit und flimmerte im hellen Mondschein, als sollt' ich sterben vor Wehmuth. Als ich mich von der Krankheit wieder erholte, stand eines Morgens der Vater vor meinem Bett, das Fenster stand offen, die Baͤume draußen waren schon wieder gruͤn und die Voͤgel sangen. Steh' nur auf, sagte mein Vater, wir reisen nach Deutschland! — Er hatte sein Vermoͤgen verloren, das Haus, unser Garten sollten verkauft werden, er mochte das nicht mit ansehen. So fuhren wir in einer schoͤnen Fruͤh¬ lingsnacht von Rom fort, die Brunnen rauschten auf den stillen Gassen, in unserem Garten schlugen die Nachtigallen, als wuͤßten sie's auch, und als die Pa¬ laͤste und Kuppeln allmaͤhlich hinter uns im Mond¬ glanz versanken, sah ich meinen Vater zum erstenmal weinen. Wo ist der Vater jetzt? unterbrach sie Fortunat hier. Fiametta aber ritt ein Weilchen schweigend vor sich hin, er merkte, daß sie selber weinte. Dann sah sie sich ploͤtzlich wieder nach allen Seiten um, und fuhr gefaßter fort: Mein armer Vater fand's in Deutschland nicht so, wie er sich's gedacht. Die maͤchtigen Verwandten, auf die er gerechnet hatte, weil sie in der Jugend bruͤ¬ derlich zusammen gelebt, waren seitdem alt und anders geworden, die meisten lange todt, ihre Kinder, die ihn nicht mehr kannten, sahen ihn verwundert und neugie¬ rig an, er konnte sich in der verwandelten Welt nicht zurechtfinden und starb vor Gram. — Das war eine furchtbare Nacht, ich erinnere mich nur der schwarz¬ verhangenen Pferde und Gestalten und des Fackel¬ scheins zwischen den dunklen Baͤumen — und als die Glockenklaͤnge allmaͤhlich verhallten, saß ich allein mit einer alten schwarzgekleideten Dame im Wagen, wir fuhren rasch durch unbekannte Gegenden, sie sprach immerfort franzoͤsisch zu mir, aber ich hoͤrte nur das dumpfe Rasseln des Wagens in der Nacht, mir war's als fuͤhren wir selber in's Grab. Die Dame aber war eine reiche kinderlose Tante, die mich nun zu sich genommen hatte. Sie wohnte auf einem großen Schloß, das einsam am Abhange des Gebirges mitten in einem praͤchtigen Parke lag, der wimmelte von selt¬ samen Tauben und Pfauen, in dem klaren Bassin vor dem Schloß spielten bunte auslaͤndische Fische wie Voͤ¬ gel in der Luft, weiterhin in einem zierlich vergitterten Waͤldchen weidete ein schoͤner Goldfasan. Die Tante hatte ihre Freude daran, mich recht auszuputzen, ob¬ gleich wir nur selten Besuch hatten, da ging ich denn in praͤchtigen Kleidern, und wenn ich manchmal so allein im Garten stand, kam ich mir selber in der Einsamkeit wie ein verzauberter Goldfasan vor. An den Sommernachmittagen aber pflegte die Tante mit mir im Garten auf einem schattigen Huͤgel zu sitzen, von dem man weit hinaussehen konnte, wie der Strom und die Straßen glaͤnzend durch's Land gingen, Reiter und Wagen zogen da wie in einem Schattenspiel rasch vorbei, manchmal kam der Klang eines Posthorns aus der Ferne heruͤber. Dort geht es nach Italien hin¬ aus, sagte die Tante — mir war zum Sterben bange. Eines Abends saßen wir auch dort, ich zerpfluͤckte in Gedanken eine Sternblume: ob du kommst oder nicht kommst? Er kommt! rief ich auf einmal er¬ schrocken aus, warf die Blume fort und flog vom Huͤ¬ gel, am Schloß voruͤber, immerfort in's Thal hinab. Denn zwei Reiter kamen unten vom Wald, der eine im gruͤnen Reiserock, gerade wie du! Als ich athem¬ los unten anlange, stutzt sein Pferd — es war ein ganz fremdes Gesicht. Er mocht' es wohl errathen, wer ich bin, er schwang sich schnell vom Pferde, und, indem er die Zuͤgel seinem Bedienten zuwarf, reichte er mir hoͤflich den Arm und fuͤhrte mich wie eine Gefan¬ gene zuruͤck. Ich glaubte, die Tante wuͤrde schmaͤlen, aber sie besorgte nur, daß mir die Erhitzung nicht schade, strich mir die Locken aus der Stirn und nannte mich ein artiges Kind, daß ich ihren Vetter, den sie viele Jahre nicht gesehen, so freundlich empfangen. Sie nannte ihn Baron Manfred . Manfred? sagte Fortunat erstaunt, den Namen habe ich oft von Lothario gehoͤrt. Doch den kennst du ja nicht. — Fiametta schuͤttelte das Koͤpfchen und fuhr weiter fort: Bisher hatte ich fast wie im Traume gelebt, mit dem Fremden aber kam auf einmal Hast und Unruhe in unsere laͤndliche Stille. Nichts war ihm recht in unserer Wirthschaft, alles wollte er gescheuter einrich¬ ten, und sah mich dabei oft so sonderbar an, daß ich erschrak, denn er schaute so klug drein, als koͤnnte er meine Gedanken lesen. Vor Verdruß daruͤber hatte ich mich eines Tages in der schwuͤlen Mittagszeit mit¬ ten in's tiefste Gras gelegt, alle Voͤgel schwiegen, nur die Bienen summten, einzelne Wolken flogen uͤber die stille Gegend fort, ich dachte an die alten Zeiten, an dich, an unseren Garten in Rom. Da kam auf ein¬ mal die Tante mit ihrem Vetter im Buchengang her¬ unter. Ich hob mich im Grase halb empor, sie be¬ merkten mich nicht. Ich habe auch schon daran ge¬ dacht, sagte die Tante, so kann es mit Fiametta nicht laͤnger bleiben, sie vergeht mir hier in der Einsamkeit wie eine Blume. — Abgesehen selbst von allem, was ich Ihnen eben erzaͤhlt habe, erwiederte der Vetter, so wuͤßte ich in der That keine bessere Partie fuͤr das Fraͤulein, als den Baron, jung, reich, unabhaͤngig. — Und Sie uͤbernehmen es also, fragte die Tante wie¬ der, ihn zu uns zu bringen? — Ich konnte seine Antwort nicht mehr verstehen. Aber, wie wenn der Blitz neben mir eingeschlagen haͤtte, sprang ich schnell auf und flog zu meiner ita¬ liaͤnischen Kammerjungfer und erzaͤhlte ihr alles. Da war nicht lange Zeit zum Besinnen, ihr war hier so bang auf dem Schlosse wie mir, sie wollte unter dem Vorwande einer Maskerade Jaͤgerkleider fuͤr uns beide herbeischaffen, und wir beschlossen, zu einer jungen, froͤhlichen Tante in Wien zu entfliehen, die ich noch aus Rom kannte, und die mich vor der dummen Par¬ tie beschuͤtzen sollte. Seitdem sahen mich die Tante und der Vetter noch haͤufiger geheimnißvoll und schmunzelnd an. Be¬ sonders aber ganz abscheulich war mir nun der kluge Vetter, wenn er mit seinen spitzigen Blicken, wie eine Spinne mit ihren langen Beinen, nach mir zielte. Ja, spinne und laure du nur! dachte ich. Und als er nun wirklich abreiste, um den Braͤutigam zu holen, da fuhren wir, waͤhrend alles schon schlief, in unsere Jaͤ¬ gerkleider und stiegen in der schoͤnsten Sommernacht mit klopfenden Herzen sacht die Treppen hinab durch's leere Schloß, den stillen Garten entlang, bis wir end¬ lich im freien Felde tief aufathmeten. Da sah's drau¬ ßen so frisch und waldkuͤhl aus! — Noch dieselbe Nacht aber hatten wir uns im Gebirge verirrt. Fra¬ gen mochten wir nicht, so kamen wir zuletzt gar an ein verfallenes Schloß. Mich schauerte und fror, die Jungfer weinte, da that sich ploͤtzlich eine Thuͤre auf, drei Maͤnner mit Windlichtern traten heraus — der eine war der Vetter, verwildert und bleich im Wieder¬ schein der Fackeln — ich glaube, er geht um bei Nacht, was hatt' er sonst zu thun da droben? Aber erkannt hat er mich und setzt mir sicherlich nach. Wie wir da heruntergekommen, weiß ich nicht mehr, aber als der Tag endlich anbrach, sahen wir die Donau im Thale funkeln, ein Schiff wollt' eben abgehn, wir stie¬ gen mit ein, und so fuhr ich in Lust und Angst und bekam Haͤndel und sollte mich duelliren und — Und ich, fiel Fortunat ein, habe den verflogenen Goldfasan wieder eingefangen und laß' ihn nun nimmermehr los! Fortunat war voller Freude und doch verwirrt, er wußte gar nicht, was er mit dem lieblichen Kinde nun anfangen sollte, das sich so ganz in seine Arme ge¬ worfen, auch war die Angst vor dem Erwischen nicht gering. Unterdessen flogen schon einzelne Streiflichter durch die stille Luft. Wie bist du schoͤn geworden! sagte Fortunat, sie fast erstaunt betrachtend. Da wurde sie uͤber und uͤber roth, jetzt dachte sie erst daran, daß sie so ganz allein mit ihm war. Aus den fernen Doͤr¬ fern aber hoͤrte man schon einzelne Stimmen, uͤber die wogenden Kornfelder schossen ihnen die ersten Sonnen¬ strahlen blitzend entgegen — so ritten sie froͤhlich in den praͤchtigen Morgen hinein. 20 Dreiundzwanzigstes Kapitel . Als Otto — von dem strengen Vitalis verstoßen — so einsam von dem Gebirge der Einsiedler hinab¬ stieg, weinte er sich recht von Herzensgrunde aus. Dann wurde ihm erst leichter. Er fuͤhlte wieder einen rechten Trieb und Muth, nach dem Hoͤchsten in der Welt zu streben, er wollte endlich ehrlich Frieden stif¬ ten in seiner Seele, und so neugeboren zu dem Ein¬ siedler zuruͤckkehren, ja es kam ihm in diesen gluͤcklichen Stunden gering vor, selbst sein Dichten zu lassen, wenn es ihn wieder in Eitelkeit verstricken wollte. Die stille Nacht sah ihn dabei von den Bergen, wie eine milde Mutter, fast wehmuͤthig an. — Indessen verlo¬ schen nach und nach die Sterne am Himmel, und wie nun die Morgenfuͤhle uͤber die Felder kam, und un¬ ten der Strom und von druͤben die Spiegelfenster ei¬ nes Schlosses lustig aufblitzten: da erschien dem Ver¬ weinten die Erde wieder so jung und frisch wie nach einem Gewitterregen, in den troͤpfelnden Baͤumen uͤber ihm dehnten die Voͤgel erwachend die Fluͤgel und sa¬ hen ihn neugierig an, als wollten sie fragen: Gesell, wo bist du so lange gewesen? — Er wanderte froͤh¬ lich den ganzen Tag, und als er endlich auf dem letz¬ ten Berge aus dem Walde trat, erblickte er auf ein¬ mal in der Ferne mitten zwischen Gaͤrten die alte braune Stadt, wie eine von Epheu uͤbergruͤnte Ruine. Ermuͤdet streckte er sich unter den Baͤumen hin, er sah Handwerksbursche, Reiter und schlanke Bauermaͤdchen heiter durch's Gruͤn auf dem Gebirgspfade hinabziehn, die Voͤgel sangen im Walde, einzelne Wolkenschatten flogen wechselnd uͤber die glaͤnzende Landschaft — so schlummerte er ein, und traͤumte von der schoͤnen, wald¬ kuͤhlen Jugendzeit. Er mußte lange geschlafen haben, denn als er er¬ schrocken wieder um sich blickte, ging die Sonne schon unter und vergoldete die Giebel und Thuͤrme der Stadt. Voll Erstaunen sah er sich ganz von Blumen bedeckt, als haͤtt' es Rosen geregnet. Da hoͤrte er eine schoͤne Stimme lustig durch die Abendluft klingen. Ein ele¬ ganter Reisewagen stand tiefer am Saume des Wal¬ des, zwei junge Damen, die, wie es schien, den steilen Berg zu Fuß herabgekommen, stiegen so eben wieder ein. Die eine wandte sich noch einmal und blickte nach ihm heruͤber, er mußte verwirrt und geblendet niedersehen, so schoͤn war sie. Nach der Berg-Vor¬ stadt! rief sie dem Postillon zu — da flog der Wagen in den duftigen Abend hinein, er hoͤrte das Posthorn noch lange aus der Ferne schallen. In der Stadt fand er seine Wohnung bereit: ein kleines, freundliches Stuͤbchen im dritten Stock, alte 20* Kupferstiche an den Waͤnden, der Boden neu mit Sand bestreut, ein Glas mit frischen Blumen unter dem Spiegel. Eine alte Frau empfing ihn sehr gespraͤchig und haͤndigte ihm ein Briefchen ein. Sein Jugend¬ freund, der hier alles fuͤr ihn besorgt hatte, meldete ihm, daß ihn leider unvorhergesehene Geschaͤfte uͤber Land gefuͤhrt, in wenigen Wochen hoffte er wieder zu¬ ruͤck zu sein — so befand sich denn Otto unerwartet ganz allein in der fremden Stadt. Er konnte sich, nach der langen Gebirgs-Einsamkeit, gar nicht wieder zurechtfinden, alles kam ihm neu und wunderbar vor, der heitere Reisetag hallte noch in seiner Seele nach, und als er das Fenster oͤffnete, daͤmmerte die unbe¬ kannte Gegend so seltsam uͤber die Daͤcher herauf, es war ihm, als hoͤrte er noch immer das Posthorn fern aus der Fruͤhlingsnacht heruͤbertoͤnen. Er konnte nicht widerstehen, er mußte noch einen Streifzug durch die Stadt machen. Unten erkundigte er sich nach der Berg-Vorstadt, er hatte sich geschaͤmt die Alte darnach zu fragen. Man wies ihn nach einer entfernten Anhoͤhe, die mit einzelnen Villen und weitlaͤuftigen Gaͤrten geheimni߬ voll in die Straße hereinsah. Das naͤchtliche Wan¬ dern in einer unbekannten großen Stadt hat etwas Maͤhrchenhaftes, die Haͤuser und Thuͤrme stehn wie im Traum im Mondschein, auf den Straßen schwaͤrmt es noch laut und behaglich in der Maskenfreiheit der lauen Nacht, dann ploͤtzlich alles wieder still im engen dunklen Gaͤßchen, nur die Dachluken klappen im Wind, eine Nachtigall schlaͤgt wehmuͤthig am Fenster. — Otto schlenderte in Gedanken immer fort, alte Reise¬ lieder fielen ihm ein, er sang leise vor sich hin, er wußte selbst nicht, was er draußen wollte. Endlich hatte er die Hoͤhe erreicht, je weiter er kam, je stiller und laͤnd¬ licher wurde die Straße, seitwaͤrts schienen sich praͤch¬ tige Gaͤrten hinabzusenken. Oft blieb er stehn und sah zuruͤck uͤber die Stadt hin, zwischen den vielen verworrenen Lichtern ging das dumpfe Rasseln der Wagen wie ein ferner Sturm, zuweilen brach ein Schwarm verstoͤrter Dohlen aus einem alten Kirchen¬ dach und durchkreiste schreiend die Nacht, eine Spiel¬ uhr vom Thurm sang ihr frommes Lied in der Ein¬ samkeit der Luͤfte. Von der andern Seite aber war die Gasse schon offen, ein frischer Hauch wehte her¬ uͤber, er hoͤrte eine Muͤhle gehn, die er nicht sah, dann Hundegebell von fern und da und dort noch Stimmen im dunklen Feld. Auf einmal erklang eine Guitarre und einzelne Toͤne eines wunderschoͤnen Gesangs, traͤumerisch vom Winde verweht, wie wenn die Nachtluft durch die Saiten einer Harfe geht. Er eilte zu dem Gar¬ ten, woher die Toͤne kamen, das Pfoͤrtchen war nur angelehnt, er trat hinein. Da stutzte er, denn es war als floͤge der Schatten einer fliehenden Gestalt heim¬ lich zwischen den Gebuͤschen hin, sonst war alles still. Neugierig ging er weiter in die dunklen Schatten der alten Baͤume hinein, der Mondschein glaͤnzte seitwaͤrts uͤber die Rasenplaͤtze. Da bemerkte er einen Weiher, von Trauerweiden umhangen, eine weiße Statue schim¬ merte durch die Zweige heruͤber: eine Nymphe, die halbabgewandt am Weiher auf ihrem Arme ruhte, den andern verschlafen uͤber das Haupt gelehnt. — Er wollte eben naͤher hinzutreten, als ploͤtzlich tiefer aus dem Garten ein heller Lichtschimmer durch die Baͤume funkelte und eben so schnell wieder verschwand. Er¬ schrocken, zoͤgernd, wandte er sich zuruͤck, er suchte das Pfoͤrtchen wieder, aber die Streiflichter des Mondes und die schwankenden Schatten der Baͤume dazwischen verwirrten ihn ganz, und eh' er sich besinnen konnte, stand er vor den Marmorstufen eines hohen, alterthuͤm¬ lichen Palastes. In demselben Augenblick schuͤttelt sich der Fliederstrauch uͤber ihm, daß er ganz von Thau und Bluͤten verschneit wird, er hoͤrt ein heimliches Ki¬ chern hinter sich, eine schlanke, weiße Maͤdchengestalt guckt verstohlen durch die Zweige und faßt ihn schnell an der Hand. Siehst du, das ist der Willkomm, weil du mich uͤberrascht hast, fluͤstert sie mit der lieblichsten Stimme, das ist ja praͤchtig, daß du schon heute kommst. So fuͤhrt sie, vorangehend, den Erstaunten uͤber die Stufen durch eine dunkle Halle, ploͤtzlich tre¬ ten sie in ein erleuchtetes Gemach, sie wendet sich rasch herum — er erkennt mit freudigem Schrecken die rei¬ sende Dame von heut Abend im Walde. Sie sah ihn erstaunt an, indem sie seine Hand losließ. Dann bemerkte sie eine ihrer Rosen, die er noch im Knopfloch trug, eine fluͤchtige Roͤthe flog uͤber ihr schoͤnes Gesicht. Aber, sagte sie kopfschuͤttelnd, wie haben Sie mich denn so bald aufgefunden? Er er¬ zaͤhlte nun sein Erwachen auf dem Berge, seine Un¬ ruhe darauf, und den Streifzug durch die schoͤne Nacht. Aber sie war ganz zerstreut, sie schien auf etwas zu sinnen. Dann sprang sie schnell zur Thuͤr hinaus, er hoͤrte sie draußen lebhaft mit Jemand sprechen. In dieser seltsamen Lage schaute er betroffen im Zimmer umher. Eine Alabaster-Lampe beleuchtete wunderbar das kostbarste Geraͤth, auf dem eine Gui¬ tarre und aufgeschlagene Notenhefte unordentlich her¬ umlagen. Hohe, auslaͤndische Gewaͤchse rankten sich schlangenartig an den Waͤnden empor und hingen mit ihren gluͤhenden Bluͤthen in die traͤumerische Daͤmme¬ rung herein, als spiegelten sie sich in dem reichen Tep¬ pich am Boden. Armer Junge! du wirst recht muͤde sein, sagte jetzt die Unbekannte, indem sie froͤhlich wieder herein¬ trat und ihn auf den Divan niederzog. Sie setzte sich dicht neben ihn, ein Bein uͤber das andere geschlagen, er mußte ihr erzaͤhlen, woher er gekommen, wer er sei, und was er hier treibe. — Also so sieht ein Dichter aus! — rief sie erstaunt, als sie seinen Namen hoͤrte, dabei wandte sie ihn an beiden Achseln zu sich herum und sah ihm mit den großen schoͤnen Augen gerade in's Gesicht, er mußte die seinen erroͤthend niederschla¬ gen. Come è bello ! sagte sie kaum hoͤrbar fuͤr sich. Darauf nahm sie eine Pfirsich aus der Kristallschale vor ihnen, biß mit ihren weißen Zaͤhnchen herzhaft hin¬ ein und reichte sie ihm hin. Aber Otto war ganz ver¬ wirrt, aus ihren Augen leuchtete zuweilen eine irre, wilde Flamme, die ihn schreckte, in dieser seltsamen Verstimmung konnte er durchaus den rechten Ton nicht finden und saß bloͤde und unbeholfen neben der vor¬ nehmen schoͤnen Frau. Da lachte sie ploͤtzlich muth¬ willig auf, er wußte nicht woruͤber, dann sprang sie auf und brachte aus einem verborgenen Wandschrank ein zierlich gebundenes Buch hervor. Kennst du das? fragte sie, ihm den funkelnden Goldschnitt vorhaltend; es waren seine Gedichte. — Ich kenn' sie noch nicht, sagte sie, lies mir was vor daraus. Sie setzten sich wieder, er blaͤtterte unentschlossen und begann endlich eines seiner liebsten Gedichte von der schoͤnen Meerfey Melusina. — Und daß du's nur weißt, unterbrach ihn die Dame, ich bin eigentlich selbst die Melusina; du darfst nur in den Naͤchten vom Mon¬ tag und Donnerstag in den Garten kommen. Frag' nicht nach mir, und plaudre nicht davon; wenn du mich ein einzigesmal bei Tage erblickst, sehn wir uns nie¬ mals mehr wieder. — Otto sah sie verwundert an, dann las er wieder weiter. Es war ein langer Ro¬ manzencyclus, er hatte ihn in der gluͤcklichsten Jugend¬ zeit gedichtet und seitdem nicht wieder gesehn; jetzt nach so langer Zeit, in der maͤhrchenhaften Umgebung, er¬ griff es ihn selber wunderbar, er las aus ganzer Seele fort und immer fort. Zuletzt beim Umschlagen des Blattes blickte er einmal fluͤchtig zur Seite — die schoͤne Frau lag fest eingeschlafen neben ihm. — Er schwieg, ihn schauerte heimlich, denn die schlanke Ge¬ stalt in dem weißen Nachtgewand ruhte halbabgewen¬ det, den einen Arm nachlaͤssig uͤber ihr Haupt geschla¬ gen, gerade wie die Statue vorhin am Weiher. In dieser ploͤtzlichen Stille oͤffnete sich auf einmal leise die Thuͤr, ein schwarzgelocktes Maͤdchenkoͤpfchen guckte her¬ ein, uͤberblickte spoͤttisch den Schauplatz dieser tiefen Ruhe und winkte ihm dann, ihr zu folgen. Still, still — sagte sie, als er heraustrat, ihn an der Hand schnell fortfuͤhrend — jetzt muͤssen Sie sacht fort, der Mond ist eben untergegangen vor Langerweile. Draußen sang sie halb fuͤr sich: Ein Fink saß schlank auf gruͤnem Reis: Pink, Pink! Der Jaͤger da mit rechtem Fleiß Zu zielen an und messen fing Und zielt' und dacht': jetzt bist du mein — Fort war das lust'ge Voͤgelein: Pink, pink! mußt flinker seyn! Was singst du da so lustig? fragte Otto. — Ich pink' nur ein wenig Feuer an im Dunkeln, entgegnete das Maͤdchen, wollen Sie sich vielleicht ein Pfeifchen dran anstecken und noch etwas lesen von den zwoͤlf schlafen¬ den Jungfrauen? — Sie plauderte muthwillig noch vielerlei in den Wind hinein — so gingen sie rasch durch den stillen Garten. Otto blickte im Vorbeigehn noch einmal nach dem Weiher hinuͤber, dort ruhte die Statue wieder auf ihrem Marmorpfuͤhl, ein einge¬ schlummerter Schwan fuhr bei ihren Tritten mit dem Kopf aus den Fluͤgeldecken hervor, sah sie schlaftrunken an und traͤumte dann weiter. — Gute Nacht, Herr Morpheus! sagte das Maͤdchen an der Gartenthuͤr mit einem schnippischen Knix und schob ihn lachend hinaus. Er hoͤrte das Pfoͤrtchen hinter sich zuklappen, es war ihm wunderbar, so ploͤtzlich allein unter dem stil¬ len weiten Sternenhimmel. In der ganzen Gegend regte sich kein Laut mehr, nur die Uhren schlugen fern in der Stadt, es war lange Mitternacht voruͤber. Seit dieser Zeit war es um ihn geschehn, die schoͤnen Mondnaͤchte beleuchteten noch oft seinen ein¬ samen Gang zu dem stillen Zaubergarten. Das ge¬ heimnißvolle Grauen in der Lust verlockte ihn nur noch mehr, er mochte nicht nach dem Namen der schoͤnen Frau fragen, ja er huͤtete sich, ihr Revier bei Tage zu betreten — war sie ja doch sein mit Leib und Seele! Aber in seiner stillen Stube dann, nach solchen durchschwelgten Naͤchten, uͤberkam es ihn oft wie Alp¬ hornsklaͤnge den Schweizer in der Fremde. Da be¬ fiel ihn eine tiefe Angst, er dichtete hastig oft ganze Naͤchte hindurch, er wollte mit Poesie sich selber uͤber¬ fluͤgeln — als waͤre das Talent ein Ding fuͤr sich ohne den ganzen Menschen! — So, zwischen halber Lust und Reue, versank er nach und nach immer tie¬ fer in Melancholie, Verzagen an sich selbst, in Lieder¬ lichkeit und Armuth, bis zuletzt ein zehrendes Fieber die muͤde Seele in seinen Traummantel einhuͤllte: da hoͤrte er in seinen Phantasien das Posthorn wieder durch die Fruͤhlingsnacht, dazwischen Waldesrauschen und das Gloͤcklein des Einsiedlers aus der Ferne. — Er hatte mehrere Wochen krank gelegen. Als er endlich wieder zu sich kam, konnte er sich gar nicht be¬ sinnen, wo er war. Die Sonne schien uͤber die Daͤ¬ cher freundlich durch das kleine Zimmer, eine Katze nickte auf dem Fensterbrett, nebenan hoͤrte er einen Kanarienvogel singen, dann wieder eine Wanduhr da¬ zwischen picken, seine alte Wirthin saß auf einem Lehn¬ stuhl neben ihm am Bett und war uͤber ihrem Strick¬ zeug eingeschlummert. Er sah lange verwirrt in die¬ ser Stille umher, eh' er sie weckte. Nun fuhr sie freu¬ dig empor, und erzaͤhlte ihm, wie sie schon fuͤr seine Seele gebetet, wie er irre geredet im Fieber, daß sein Freund noch immer nicht zuruͤck sey, aber ein unbe¬ kanntes junges Maͤdchen sey vor langer Zeit einmal in's Haus gekommen und habe nach ihm gefragt. — Da daͤmmerte ihm allmaͤhlig alles wieder auf. Kam das Maͤdchen nicht aus der Berg-Vorstadt? fragte er, und beschrieb ausfuͤhrlich Schloß und Garten. Aber die Alte schuͤttelte den Kopf, der Palast, sagte sie, ist ja schon seit vielen Jahren unbewohnt — sie glaubte, er phantasire wieder. Otto fuhr mit der Hand uͤber seine Stirn, er war wie im Traume. Eines Abends aber, als die Alte ausgegangen war, hatte er sich rasch angekleidet und ging heimlich die Treppe hinab, uͤber die wohlbekannten Gassen und Plaͤtze in die Vorstadt hinaus. Die Abendsonne fun¬ kelte lustig durch die Straße, Kinder spielten vor den Thoren, die Maͤdchen plauderten an den Brunnen und Lerchen hingen jubelnd hoch im roͤthlichen Duft, er taumelte, wie berauscht, in der ungewohnten Luft. So kam er an den Garten der Geliebten, das Pfoͤrtchen war zu, aber er hatte den Schluͤssel noch seit dem letz¬ ten Gange in der Rocktasche. Er schloß hastig auf und trat mit klopfendem Herzen hinein. Unterdeß war die Sonne untergegangen, es war schon tiefes Abend¬ roth. In der wunderbaren Beleuchtung kam ihm al¬ les wie verwandelt vor; die Gaͤnge, die er bisher nur bei Nacht fluͤchtig gesehen, schienen wuͤst und verwil¬ dert, und mit Schrecken fielen ihm die Worte der Al¬ ten wieder ein, als er endlich den Palast erblickte, denn kein Laut regte sich im ganzen Hause. Das Gras wuchs aus den Ritzen der Marmorstufen, die Thuͤren und Fenster waren alle festverschlossen, nur der Wind klappte eben mit einer halbzerbrochenen Lade, seitwaͤrts schlug eine Nachtigall im Gebuͤsch, er hatte sie oft ge¬ hoͤrt, wenn er in den schwuͤlen Sommernaͤchten hier zum Liebchen schlich. — Mein Gott, wo bin ich denn so lange gewesen! sagte er in Gedanken versunken. — Da hoͤrte er ploͤtzlich in einiger Entfernung ein wohl¬ bekanntes Lied aus alter Zeit: Jetzt wandr' ich erst gern! Am Fenster nun lauschen Die Maͤdchen, es rauschen Die Brunnen von fern — Voll Freude antwortete er sogleich mit den folgenden Worten desselben Liedes: Aus schimmernden Buͤschen Dein Plaudern so lieb Erkenn' ich dazwischen — Ich hoͤre mein Lieb! Barmherziger Gott — Kordelchen! rief er auf einmal erschrocken aus. Die Schauspielerin stand vor ihm, sorgfaͤltig geschmuͤckt, frischgepfluͤckte, bunte Blumen im Haar. — Ist er noch immer nicht zu Hause? fragte sie, nach dem Palast schauend. — Wer denn? ent¬ gegnete Otto ganz verwirrt. — Bei dem Klang sei¬ ner Stimme horchte sie hoch auf und sah ihn lange unverwandt an. Ich kenn' dich recht gut, sagte sie dann mit einem schlauen Laͤcheln, weißt du noch, wie du uns in jener regnigten Nacht zum erstenmal trafst, als wir nach einem kleinen Staͤdtchen zogen? Damals hatt' ich ein Loch im Strumpf, Kamilla stichelte dar¬ auf, denn Kamillen sind bitter — ach nein, du bist's nicht! schloß sie traurig. Dann hing sie sich in sei¬ nen Arm und fluͤsterte ihm geheimnißvoll zu: ich weiß wohl, wie er eigentlich heißt, aber ich verrath's nicht, sag' du's auch nicht weiter, denn die Nacht hat Oh¬ ren — Ohren — Und Augen verstohlen, Wenn alles im Schlaf, Da kommt er mich holen — S'ist ein vornehmer Graf. Kordelchen! Kordelchen! rief jetzt eine Stimme außer¬ halb des Gartens. Das Maͤdchen riß sich schnell los und verschwand wie ein aufgescheuchtes Reh zwischen den Baͤumen. — Otto sah ihr lange nach, dann, ploͤtz¬ lich vom Entsetzen ergriffen, floh er unaufhaltsam uͤber die oͤden Gaͤnge, aus dem Garten, durch die einsame Vorstadt fort. Es war indeß schon voͤllig dunkel ge¬ worden, die Sterne spielten munter am Himmel, von dem fernen Thurm in der Stadt sang die Spieluhr wieder ihr frommes Lied; er mußte sein Gesicht mit beiden Haͤnden verdecken, es war, als zoͤgen Engel uͤber ihn singend durch die stille Nacht. Zu Hause aber schnuͤrte er hastig sein Reisebuͤn¬ del; noch denselben Abend, ungeachtet der Vorstellun¬ gen der besorgten Alten, verließ er die Stadt. Der Eilwagen rollte auf der glaͤnzenden Straße in die schoͤne Sommernacht hinaus, der Postillon knallte lustig, daß es weit uͤber die stillen Felder schallte. Vorn im Kabriolet plauderte ein Knabe, der zum erstenmal von Hause fuhr, munter mit dem Konducteur, dann sah er wieder lange stumm in die Gegend, wie da die dunklen Schatten der Pappeln und seitwaͤrts Buͤsche, Waͤlder und Doͤrfer im Mondschein voruͤberflogen, und wenn das Posthorn erklang, stiegen allmaͤhlig praͤchtige Schloͤsser und wunderbare Gaͤrten und Gebirge mit Wasserfaͤllen in der daͤmmernden Ferne vor ihm auf. Dann dachte er nach Hause, wie die Seinigen jetzt alle ruhig schlafen, der Mond scheint durchs Fenster uͤber die Bilder an der Wand, nur eine Fliege summt toͤnend durch die stille Stube — da kam er sich auf einmal so verlassen vor hier draußen, und doch so tap¬ fer und frei in der Fremde. — So reisefrisch war auch Otto'n fruͤher gar manche schoͤne Fruͤhlingsnacht zu Muthe gewesen, heute saß er still vor sich hinbruͤ¬ tend im dunklen Wagen, es war ihm bei dem einfoͤr¬ migen schlaftrunkenen Rasseln, als ging es immerfort bergunter, unaufhaltsam einem unbekannten Abgrunde zu. Zuweilen blitzte der Mond oder das voruͤberflie¬ gende Licht eines Bauerhauses durch den Wagen und streifte fluͤchtig bald eine bleiche Nase, bald einen mar¬ tialischen Schnurrbart, bald die Glasaugen einer Brille. Sie schwatzten viel von einer wunderschoͤnen Opersaͤn¬ gerin und einem reichen Grafen S., einem lockeren Zeisig. — Nein, ein Dompfaff, rief der Eine, denn sie hat ihn pfeifen gelehrt. — Vogel ist Vogel, meinte ein Anderer kurz: sie hat ihn tuͤchtig gerupft, nun ist sie selber davongeflogen. — Eine barocke Idee, sagte der mit der Brille, sich da in dem verfallenen Palast in der Vorstadt einzunisten! — Otto, aus seinen Ge¬ danken auffahrend, horchte ploͤtzlich auf. — Nisten! fiel der Schnurrbart ein, Turteltauben nisten grade am liebsten in alten Ruinen, da ist's huͤbsch duͤster und nachtigallenhaft. Ja mein Lieber, das hatte alles seine guten Wege, naͤmlich so unter den Baͤumen sacht fort, die plaudern nichts aus. Konnte man woh! dis¬ kreter handeln, als der Graf? er ließ ihrer Treue ein Hinterpfoͤrtchen offen. Nun, nun, er ist ein Mann von kostbaren Erfahrungen, sie war wenigstens nicht seine prima Donna, und, ich denke, er hatte eben auch keine Solo-Partie bei ihr. — Ein schallendes Gelaͤchter erfolgte hier, Otto'n schnitt es durch die Seele, sie sprachen offenbar von seiner wundersamen Melusina! Es war ihm, als haͤtten die Gesellen mit ihren schmutzigen Reisestiefeln auf einmal einen koͤst¬ lichen Teppich umgeschlagen und er saͤhe nun die gro¬ ben, rohen Faͤden der gluͤhenden Traumblumen — ihm graute recht vor dieser faden Kehrseite des Lebens. Hier hielt der Wagen ploͤtzlich vor einem Hause mitten im Felde, ein Mann in Nachtmuͤtze und Pelz trat verschlafen mit einer Laterne heraus, um einige Packete zu uͤbergeben, und andere in Empfang zu neh¬ men. Waͤhrenddeß oͤffnete sich hinter ihm leise der Schieber des kleinen Fensters, der Wiederschein der Laterne beleuchtete fluͤchtig ein wunderschoͤnes Maͤd¬ chengesicht, das schnell wieder zuruͤckfuhr. Otto erschrak, die Zuͤge waren ihm bekannt, er konnte sich aber durchaus nicht besinnen. Da gaͤhnte der Mann im Pelz. Friß mich nicht, Mauschel! rief ihm der lustige Conducteur vom Kutschbock zu. — Ich esse kein Schweinefleisch, entgegnete der Jude trocken. Die Passagiere lachten, der Postillon knallte, und rasselnd flog der Wagen wieder in die stille Nacht hinaus. Auf der naͤchsten Mittags-Station verließ Otto seine Reisegesellschaft, die jetzt schlummernd in allen Winkeln der Passagierstube umherlag, waͤhrend die Ruͤstigeren, uͤberwacht und verdrießlich, nach Kaffee, Rum und Butterbroten durcheinanderschrieen. Von hier aus gingen Seitenwege nach Hohenstein , dort im schattigen Gruͤn wollte er ausruhen; er hofft' es noch vor Nacht zu erreichen, so matt und krank er sich auch fuͤhlte. Er fragte nach dem naͤchsten Wege, man 21 wies ihn auf einen Fußsteig, der grade durch die Waͤlder fuͤhren sollte. Einsam schritt er nun zwischen die Berge hinein; wie so anders, dachte er, als ich vor vielen Jahren hier auswanderte! Nun ist es Schlafenszeit, und alles ist voruͤber. — Die schlei¬ chende Gewalt der Krankheit, von der durchwachten Nacht und Anstrengung neu geschuͤrt, brach und reckte und dehnte ihn heimlich in allen Gliedern, er mußte oͤfters rasten, und verließ endlich vor Ermuͤdung den Fußsteig, um, wo moͤglich, ein Dorf zu erlangen. Aber kein Haus wollte sich zeigen, es war so still den Wald entlang, daß man die Spechte picken hoͤrte. So hatte er Zeit und Weg verloren; der Abend fun¬ kelte schon durch die Wipfel, die Gegend wurde ihm immer fremder, je weiter er fortging. Da erblickte er seitwaͤrts ein kleines Maͤdchen, das im Walde Blumen pfluͤckte. Als er hinzutrat, wandte sie sich schnell herum, es war ihm ploͤtzlich vor den klaren, unschuldigen Augen wie in den Himmels¬ grund zu sehen. Die Abendsonne schimmerte durch die blonden Locken, er streichelte und kuͤßt' es herzlich auf die blanke Stirn. Das schien dem armen Kinde selten zu begegnen, es suchte emsig in seiner Schuͤrze und reichte ihm eine wilde weiße Rose, und als er fragte, ob es ihm den Weg aus dem Walde weisen koͤnne, gab es ihm ver¬ traulich die Hand, waͤhrend es mit der andern sorg¬ faͤltig das Schuͤrzchen zusammenhielt, um seine Blu¬ men nicht zu verlieren. Wie sie so mit einander fort¬ gingen, wurde das schoͤne Kind immer vergnuͤgter und gespraͤchiger. Es erzaͤhlte, es waͤre gar nicht mehr so lange hin, da kaͤme wieder Weihnachten, wo die vie¬ len Lichter in den vornehmen Haͤusern brennten, dann saͤß es in der Kammer auf seinem Bettchen am Fen¬ ster, da flimmerten draußen die Sterne so schoͤn uͤber dem Schnee und das Christkindlein floͤge durch die Nacht uͤber den stillen Garten hin und braͤcht' ihm von seinen Aeltern viele kostbare Sachen: neue rothe Schuh, und ein Muͤtzchen. — Wo wohnen denn deine Aeltern? fragte Otto. — Die Kleine sah ihn erstaunt an, dann wies sie nach dem Himmel. — Aber wo fuͤhrst du mich denn jetzt hin? fragte er fast betroffen wieder. — Nach Hause — entgegnete das Kind. — Ihn schauerte unwillkuͤhrlich bei dem Doppelsinn der Antwort. Auf einmal traten sie an einem Abhange aus dem Walde heraus, Otto stand wie geblendet. Denn tief unter ihm lag ploͤtzlich seine Heimathsgegend im stillen Abendglanze ausgebreitet: das schattige Staͤdtchen, jenseits seiner Aeltern Garten und Haus, der vergol¬ dete Strom dann im Wiesengrund und die fernen blauen Berge dahinter — alles wie er's in der Fremde wohl manchmal im Traume gesehen. Ganz erschoͤpft sank er unter dem Baume hin. O stille, alte Zeit, 21* rief er aus, wie liegst du so weit, weit von hier! — Die Kleine hatte sich zu seinen Fuͤßen in's Gras ge¬ setzt. Nein, nein, sagte sie, so ist es nicht, ich will dich's lehren. Und bei dem Vogelschall, selbst wie ein Waldvoͤglein, sang sie mit dem kindischen Stimmchen: Waldeinsamkeit, Du gruͤnes Revier, Wie liegt so weit Die Welt von hier! Schlaf' nur, wie bald Kommt der Abend schoͤn, Durch den stillen Wald Die Quellen gehn, Die Mutter Gottes wacht, Mit ihrem Sternen-Kleid Bedeckt sie dich sacht In der Waldeinsamkeit, Gute Nacht, gute Nacht! — Otto'n dunkelte es vor den Augen, da ging auf einmal ein Leuchten uͤber die Gegend wie ein Blitz in der Nacht: stille Abgruͤnde fernab, Gaͤrten und Pa¬ laͤste wunderbar im Mondglanz, er erkannte unten die goldenen Kuppeln und hoͤrte durch die stille Luft her¬ uͤber die Glocken wieder gehen und die Brunnen rau¬ schen in Rom, und das Kind sang wieder dazwischen: O du stille Zeit! Kommst, eh' wir's gedacht, Ueber die Berge weit Nun rauscht es so sacht In der Waldeinsamkeit, Gute Nacht — Still, still, lachte die Kleine, er schlaͤft — aber der muͤde Wandersmann wachte nimmermehr auf. Vierundzwanzigstes Kapitel . Wir aber, da es nun so still geworden im Thal und auf den Hoͤhen, lassen die Blicke weit uͤber das schoͤne Land hinschweifen, um nicht in Wehmuth zu vergehen. Da rauschen die Waͤlder so frisch uͤber Lust und Noth, als rief es: Menschenkind! blick auf zum weiten Ster¬ nenhimmel, da ist ja doch alles eitel und nichts dage¬ gen! — Und fern im Gebirg, wo der Mond so hell uͤber die Waldwiese scheint, gewahren wir ploͤtzlich zwei Wanderer, die froͤhlich niedersteigen: es sind die beiden Liebesleute auf ihrer abenteuerlichen Fahrt. Fortu¬ nat hat so eben die Pferde in einem Doͤrfchen unter¬ gebracht, und wendet sich mit Fiametta auf einem Fußsteig zwischen die leisebewegten Kornfelder hinein, die Nacht kuͤhlt sich am Horizont mit Wetterleuchten, eine Wachtel schlaͤgt fern im Feld. Vor ihnen aber breiten sich dunkle Hoͤhen aus, der Mond beleuchtet nur einzelne Abhaͤnge, da erkennt er nach und nach Lauben und Gaͤnge, zuweilen blitzt ein Springbrunnen auf, aus den duftigen Gebuͤschen hoͤren sie schon die Nachtigallen uͤber das Feld heruͤbertoͤnen. Auf einmal haͤlt Fortunat still und schwenkt voll Freuden seinen Hut. Gruͤß dich Gott, du kuͤhler Wald! ruft er aus Herzensgrunde. Fiametta sieht ihn einen Augenblick fragend an, dann schwenkt auch sie jubelnd ihr Huͤt¬ chen, ohne zu wissen warum. — Es ist Hohenstein , das vor ihnen liegt. Fortunat wußte, daß Walter jetzt ganz hier wohne; zu dem Huͤlfreichen, Besonnenen, Rathvollen wollte er zunaͤchst das Maͤdchen bringen. Er hatte gehofft, die Berge noch am Abend zu erreichen, nun aber mochte er kein Aufsehen machen, sie beschlossen, die kurze Sommernacht im Garten zu verweilen, um sogleich am fruͤhesten Morgen dem alten Freunde alles zu vertrauen. Er kannte noch aus alter Zeit den Steg im Gar¬ tenzaun, sie schwangen sich hinuͤber und stiegen mit klopfenden Herzen den Waldberg hinan. Fortunat blickte oft seitwaͤrts zwischen die Baͤume hinein nach den stillen Gaͤngen, wo er so oft gewandelt, es war alles so fremd und unheimlich im Mondschein. Das ist Jacobs Traumleiter, sagte er froͤhlich, wie sie der liebe Gott zuweilen in solchen Fruͤhlingsnaͤchten herun¬ terlaͤßt, nur frisch! wir steigen in's Himmelreich, ich seh' schon die Sterne durch die Wipfel flimmern. — Jetzt hatten sie die letzten Stufen erreicht, auf einmal traten sie zwischen dem dunklen Laub, wie Bergleute aus einem Schacht, in's Freie hinaus. Da sahen sie rechts das alte Schloß, und vor ihm die weiten duftigen Blumenplaͤtze, stille Lauben und Buͤsche, ein Springbrunnen plaͤtscherte schlaͤfrig dazwischen, weiter¬ hin daͤmmerte eine unermeßliche Aussicht im Mond¬ glanz durch die wunderbare Einsamkeit herauf. Fortu¬ nat schaute schweigend in die Runde, und eh' die kleine Marchesin sich noch besinnen konnte, hatte er schon eine weitgebreitete Linde bestiegen, die am aͤußersten Abhang uͤber den schimmernden Abgrund hinaushing. Fiametta! rief er von oben, waͤr's nicht um dich, ich moͤchte alles wachschreien vor Freude! Sieh, da unten blickt der Strom manchmal so heimlich auf, druͤben grasen Damhirsche am mondbeschienenen Abhang, nun seh' ich auch das Dorf, wo die lustigen Maͤdchen wohnen, mit denen ich hier oben getanzt, das schlaͤft nun alles, alles — nur eine Thurmuhr schlaͤgt dort von fern heruͤber, ich hoͤrt' sie damals oft bei stiller Nacht. Und Gott Vater faͤhrt uͤber die Saiten seiner Harfe, wie eine leise Musik ziehts gnadenreich uͤber die stille Gegend. Fiametta aber sah sich nach allen Seiten um wie ein scheues Reh, in dem dunklen Buchengange, der vom Schloß herabkam, schwankte das Mondlicht, als bewegten sich bleiche Gestalten, sie fuͤrchtete sich so allein da unten. Fortunat bemerkte es endlich, er reichte ihr die Hand, sie stieg schnell auf die Bank, die unter dem Baume stand, und schwang sich so lachend mit hinauf. Dort setzten sie sich nun zusam¬ men in dem daͤmmernden Laube bequem zwischen die Aeste zurecht, vor ihnen schossen Sternschnuppen uͤber das Land, manchmal bellte ein Hund fern in den Doͤrfern, Fiametta baumelte, in Erwartung der Dinge, zufrieden mit den Beinchen. Nun erzaͤhle was, sagte sie. Und Fortunat besann sich nicht lange, die alte phantastische Nacht fluͤsterte verworren durch die Zweige, er fing sogleich aus dem Stegreif an, als spraͤch' er im Traum: Es waren einmal zwei Kinder, Kasperl und An¬ nerl, die hatten einander sehr lieb. Die saßen einmal vor dem Hause und besahen schoͤne Bilder in einem großen Bilderbuch, das die Annerl mitgebracht hatte, die Voͤgel sangen im Walde, und das Abendroth ging uͤber die Berge vor ihnen. Auf dem Bilde war eine sehr schoͤne Gegend zu sehen, fruchtbare Auen, Fluͤsse, Doͤrfer und Schloͤsser, dahinter ein wunderbar gezack¬ tes Gebirg mit einsamen Kapellen und Waͤldern, an deren Saum eine Prozession mit bunten Fahnen da¬ hinzog. Das Abendroth schien uͤber das Bild, und wie sie es so mit rechtem Fleiß betrachteten, da fingen auf einmal die gemalten Baͤume an leise zu rauschen, schoͤne bunte Voͤgel flogen uͤber die Landschaft, die Bruͤnnlein glitzerten im Gebirg, die Fahnen wehten, sie hoͤrten die Prozession aus weiter Ferne singen. Und eh' sich der Knabe noch besinnen konnte, sah er zu seinem Erstaunen auch das kleine Annchen schon mit¬ ten drin, sie winkte ihm froͤhlich, er faßte sich endlich ein Herz und sprang ihr nach, so liefen sie beide voller Freuden in das Buch und die Landschaft hinein. — Als Kasperl einmal zuruͤcksah, war ihr Haus und die Gegend, wo es stand, schon hinter ihnen verschwun¬ den, von der Prozession hoͤrten sie nur noch manchmal den Gesang heruͤbertoͤnen, die Sonne war lange unter, je weiter sie kamen, je einsamer und praͤchtiger wurde alles. Auf einmal, da sie eben durch einen Felsenbo¬ gen traten, erblickten sie ein himmelhohes Gebirge vor sich, daß es ihnen ordentlich den Athem verhielt. Auf dem hoͤchsten Berge stand ein herrliches Schloß, das war von lauter Silber, mit Gold gedeckt, vor dem Schloßthor aber saß eine wunderschoͤne Frau, die war uͤber einer Harfe eingeschlummert. Aus ihren langen Locken und Gewaͤndern kam ein praͤchtiger Mondschein und beleuchtete die Alpen und die wundersamen Kluͤfte, Waͤlder und Abgruͤnde ringsumher. Unten, wo die Strahlen nicht mehr hinlangen konnten, sahen sie kleine bucklichte Maͤnnchen in der Daͤmmerung lustig von den Felsenzacken Purzelbaͤume schießen, von fern klang das Gloͤcklein eines Einsiedlers, ein Jaͤger, der sich verirrt hatte, stand auf dem Felsen gegenuͤber, und gab zuweilen mit seinem Waldhorn Antwort. Oben aber am Schlosse weideten weiße Schaͤfchen auf den Ab¬ haͤngen, hoch vom Thurm der Burg bliesen Engel auf silbernen Zinken wunderschoͤn uͤber die stillen Gruͤnde. — Ach, da moͤcht' ich auch einmal hin! rief hier Fiametta freudig aus. — Es ist nur gar zu weit von hier, erwiederte Fortunat — aber wackle nicht so mit den Beinchen, wir fallen sonst beide vom Baum. — Sie ruͤckte sich nun naͤher zum Hoͤren zurecht und For¬ tunat fuhr wieder fort: Das ist die Goͤttin Luna, sagte nun Annerl, auf die Frau vom Schlosse weisend. — Kennst du sie denn, fragte Kasperl verwundert. — Sie lachte: du bist doch noch sehr dumm fuͤr dein Alter, bleib' jetzt nur dicht bei mir, sonst verirrst du dich hier. — Kas¬ perl aber sah nun einen alten, großen geduckten Mann seitwaͤrts am Wege sitzen, der hatte einen Sack voll praͤchtiger Aepfel umhaͤngen. Da wurde er ganz ge¬ naschig, er wollte nur geschwind noch ein Paar Aepfel auf den Weg kaufen, wie er aber in den Sack hin¬ einguckt, erwischt ihn der Mann schnell bei den Fuͤ¬ ßen, wippt ihn so hinein und schnuͤrt den Sack uͤber ihm fest zu. Aha, nun hab' ich dich! sagte er, und streckte zufrieden die Beine aus, um ein wenig aus¬ zuruhen. Pfui, der abscheuliche Kerl! unterbrach ihn hier Fiametta von neuem, ich moͤchte so einen Menschen¬ fresser am liebsten gleich zerpfluͤcken! Nun kommen gewiß die armen Kinder auseinander. Ja freilich, entgegnete Fortunat. In der Angst und Finsterniß arbeitete Kasperl wuͤthend mit seinen Ellbogen in den Aepfeln herum. Aber seyn Sie doch nicht so sackgrob, Sie erdruͤcken mich ja, wisperte da ploͤtzlich ein feines Stimmchen neben ihm. — Bist du's, fragte er leise. Ja wohl, antwortete das Stimm¬ chen, ich bin auch gefangen, und nage schon lange an dem Sack, daß mir die Zaͤhne weh thun. Jetzt ist der Alte eingeschlafen, hoͤren Sie nur, wie er schnarcht. Sie haben so starke, dicke Finger, seyn Sie doch so guͤtig und helfen Sie mir ein wenig reißen. — Es war ein allerliebstes, kleinwinziges Maͤuschen, das so artig sprach. Kasperl riß nun ganz vorsichtig an dem Sack, das Maͤuschen wischte hinaus, biß ihn im Fortspringen noch schelmisch in den Finger und ver¬ schluͤpfte dann schnell im Mondschein, er hoͤrte es noch fern zwischen den Steinen kichern. Jetzt kroch er sel¬ ber sacht hervor, steckte noch geschwind einen huͤbschen Apfel in die Tasche, und nahm dann eilig Reißaus. — Aber, Gott weiß, der Alte mußte einen groben Flausrock anhaben, denn Kasperl gerieth auf einmal in ein verworrenes, ungebuͤrstetes Gestruͤpp, in der Eile hatte er den Weg verloren und war, anstatt her¬ abzuklettern, an dem alten Rockaͤrmel gerade hinauf¬ gelaufen. Als er aber oben stand, erstaunt' er erst recht! Da war der Morgen schon angebrochen, der Menschenfresser unter ihm war nichts anders, als der alte graue Fels vor seines Vaters Haus, und wo er das praͤchtige Schloß gesehen hatte und die wunderba¬ ren Kluͤfte im Mondschein, da lagen jetzt fahle, dicke Wolken uͤbereinander und dehnten sich noch halb im Schlaf. Er sah die Schornsteine in seinem Dorfe rauchen, der Nachbar trat gaͤhnend in die Thuͤr. Ki¬ keriki! rief er, Kasperl, du willst wohl den Tag aus¬ kraͤhen, daß du dich da so fruͤh auf den alten Stein- Juͤrgen gestellt hast. — Aber das arme Annerl? fiel Fiametta wieder ein. — Wart' nur, es wird gleich noch viel schoͤner kom¬ men, erwiederte Fortunat: Das schoͤne Annerl war fort und kam nicht wieder, und Niemand wußte was von ihr, denn sie war immer nur gegen Abend heim¬ lich aus dem Walde mit ihm spielen gekommen. Da war Kasperl ganz traurig, er mußte viel lernen, und sehnte sich sehr und wurde daruͤber nach und nach groß und stark. Einmal des Nachts aber, als der Mond¬ schein uͤber die Waͤlder glaͤnzte, da kam es ihm vor, als saͤße die wunderschoͤne Frau draußen auf dem Berg vor dem Hause und blaͤtterte in dem alten Bil¬ derbuch, daß der Goldschnitt beim Umwenden zuweilen seltsam uͤber die Baͤume am Fenster funkelte. Da wurde er sehr unruhig, und als kaum noch der Mor¬ gen daͤmmerte, saß er schon ganz angezogen in seiner Kammer am Tisch, den Kopf in die Hand gestuͤtzt. Da fiel es ihm erst ein, daß er den Apfel, den er damals aus dem Sacke mitgenommen, noch immer in Tasche hatte. Er nahm ihn heraus und biß vor Schwermuth drein, um ihn aufzuessen. Da schreit auf einmal etwas drinn, und ein Koͤpfchen streckt und zwingt sich hervor, und wie er endlich verwundert den Apfel aufbricht, steigt ein kleines, braunes Kerlchen mit Wanderstab und Tasche aus dem Kernhaus. — Wer bist du? — Der Aepfelmann. Adieu! — Das Maͤnnchen ging uͤber den Tisch fort, blieb aber ploͤtz¬ lich am Rande stehen, weil er nicht herunterkonnte. — Ich will dir wohl herunterhelfen, du armer Wicht, sagte Kasperl, aber du mußt mir dagegen etwas ver¬ sprechen. Kannst du mich zu der Goͤttin Luna fuͤh¬ ren? — Warum nicht? erwiederte das Kerlchen. Da nahm er es sauber zwischen die Finger und setzte es draußen auf den Rasen. Nun traten sie sogleich ihre Wanderschaft an. Der Kleine hinkte, denn Kasperl hatte ihn vorhin im Apfel in die große Zehe gebissen. Kaum aber waren sie weiter in die Haide gekommen, so humpelte das Kerlchen so ungeheuer fix fort, wie ein Grashuͤpfer, und lachte und rief immer zuruͤck: komm mir doch nach, komm mir doch nach, hast ja so lange Beine! und ehe sich's Kasperl versah, hatt' er das Kerlchen in dem hohen Grase verloren. Da war er nun wieder so klug wie vorher. — Es war aber gerade ein schoͤner Sonntagsmorgen. Ein Birnbaum ging eben uͤber's Feld zur Kirche, und rauschte Got¬ tes Lob. Gelobt sey Jesus Christ! gruͤßte ihn Kas¬ perl, habt Ihr nicht so einen kleinen, braunen Pil¬ grim gesehen? — In Ewigkeit, entgegnete der Birn¬ baum, ich glaube, ich habe vorhin so was im Grase zertreten. — Ach Gott, klagte Kasperl, der hat mich irre gefuͤhrt, nun weiß ich nicht, wo ich bin! wenn ich nur einen Felsen oder Thurm wuͤßte, um mich ein wenig umzusehen in der Welt. — Jetzt hab' ich keine Zeit zu Narretheien, meinte der Birnbaum; da aber Kasperl betruͤbt weitergehen wollte, that es ihm leid. Nun, komm nur schon, komm, was man auch fuͤr Noth hat mit euch Kindern, sagte er, und stieg schnaufend und aͤchzend auf einen hohen Berg hinauf, wo er sich breit zurechtstellte und seine gruͤnen Aeste lustig in die blaue Luft hinausstreckte. Das ließ sich Kasperl nicht zwei¬ mal sagen, er kletterte schnell bis zum Wipfel hinan — da aber warf er ploͤtzlich seinen Hut hoch in die Luft und schrie Hurrah! aus Leibeskraͤften, denn jen¬ seits erblickte er auf einmal das wunderbare Gebirge wieder, daß ihn ordentlich schwindelte vor großer Freude. — Nun zaus' mich doch nicht so grob, das thut ja weh, sagte der Baum. Aber Kasperl schwang sich schon hastig wieder hinab; Gott's Lohn, Gott's Lohn! rief er einmal uͤber's andre. Der gute Birn¬ baum aber schuͤttelte sich zum Balet im Morgenhauch, daß der ganze Rasen voll schoͤner, goldener Fruͤchte lag, die kollerten und huͤpften lustig uͤber den gruͤnen Abhang hinunter, und Kasperl sprang ihnen nach zwi¬ schen den Morgenlichtern in die praͤchtige Gegend hin¬ ein. — War nun das Gebirge beim Mondglanz schoͤn gewesen, so war jetzt alles noch viel tausendmal schoͤ¬ ner im funkelnden Morgenlicht. Das praͤchtige Schloß mit seinen stillen Thuͤrmen stand ganz in rosenrother Glut, die Baͤche waren von purem Gold, die Waͤlder rauschten und blitzten von Rubinen und Smaragden, auf den Alpen standen Engel umher und fachten mit ihren langen, regenbogenfarbenen Fluͤgeln das Mor¬ genroth an. Und als er endlich zum Walde kam, da erblickte er auf einmal ein wunderschoͤnes Maͤdchen auf einem weißen Hirsch, die hatte ein lustiges, funkelndes Kroͤnlein im Haar. Mein Gott! die sollt' ich ja ken¬ nen, dacht' er bei sich — es war sein liebes Annerl! — Sie hielt lachend still und sagte: die schoͤne Frau Luna ist verwichene Nacht untergegangen, sie laͤßt dich noch gruͤßen, ich aber bin ihre Tochter Aurora, die Koͤnigin der Waͤlder. — So will ich Koͤnig seyn, rief Kasperl, und schwang sich hinter sie auf den Hirsch, und hui! ging's nun durch die Waldesnacht unter ein¬ samen Burgen, an kuͤhlen Stroͤmen und Gaͤrten und schimmernden Fernen voruͤber, und jedem ging das Herze auf, der sie von fern voruͤberfliegen sah. — So hausten sie fortan mit einander in freudenreichem Schalle, und da sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute — denn ich bin der verliebte Kasperl, und du die Waldkoͤnigin Aurora, mein liebes, liebes Dich¬ terweibchen! So schloß Fortunat und kuͤßte herzlich Fiametten auf die verschlafenen Augen. Da stieß sie ihn leise an und wies in das Land hinaus. Ein leiser Schim¬ mer flog uͤber die Gegend, wie wenn ein Kind im Traum laͤchelt, eine fruͤherwachte Lerche hing schon liedertrunken uͤber ihnen hoch in der Daͤmmerung. Gruͤß dich Gott, du schoͤne, wunderbare Welt! rief Fortunat, jetzt frisch an's Werk! — Sie schuͤttelten sich schauernd in der Morgenkuͤhle, er sprang schnell vom Baum, Fiametta folgte, er fing sie unten in seine Arme auf. Dann gingen sie schweigend mit einander durch den daͤmmernden Garten. Fortunat hatte sich schon im voraus alles klug ausgesonnen. Fiametta sollte fuͤr's Erste sich in der Naͤhe der Amtmannswohnung noch im Gruͤn verbor¬ gen halten, er selber wollte unterdeß in der Morgen¬ luft wie ein Falk das Haus umkreisen und auf Wal¬ tern, den er als einen fruͤhen Vogel kannte, wo er sich blicken ließe, sogleich niederstoßen, um mit ihm das Weitere zu verabreden, bevor die Andern dazu¬ kaͤmen. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt. Als sie so unter den feierlich rauschenden Wipfeln des Buch¬ waldes fortgingen, zupfte und ruͤckte Fiametta mit klopfendem Herzen ihr Waͤmschen zurecht wie ein Voͤg¬ lein, das sich im Morgenschein die Fluͤgel putzt, und fing italiaͤnisch zu plaudern an, das klang wie ein Gloͤckchen durch die Stille. Fortunat aber gedachte des schoͤnen Fruͤhlingsmorgens, als er mit Waltern zum erstenmal hier eingestiegen. Da war alles wieder so kuͤhl und frisch wie damals. Bald erblickte er seit¬ waͤrts die duftigen Blumenplaͤtze, den Sitz unter der Linde, lauter alte Bekannte, nun guckten auch schon die weißen Schornsteine heruͤber — auf einmal stan¬ den sie unter den hohen Baͤumen vor dem Hause. Da lag noch alles in tiefer Ruh, durch das Weinlaub am Fenster konnte er die untere Stube uͤbersehen, den bunten Teppich im ungewissen Schimmer und die ver¬ goldeten Rahmen der Bilder gegenuͤber an der Wand, die alte Stockuhr schlug drin so eben Vier. Unter den Baͤumen aber stand noch der große runde Tisch mit den Stuͤhlen umher, wie in der alten Zeit, der Amtmann hatte seine Pfeife draußen vergessen, auch Florentinens Guitarre hing wieder uͤber dem Stuhl. Da uͤberkam Fortunaten unwiderstehlich seine alte Reise-Lustigkeit, der kluge Plan, Vorsicht, Geheimniß und alles war vergessen, er ergriff die Guitarre, sprang auf den Tisch hinauf und sang recht aus Herzens¬ grunde: 22 Wer steht hier draußen? — Macht auf geschwind! Schon funkelt das Feld wie geschliffen, Es ist der lust'ge Morgenwind, Der kommt durch den Wald gepfiffen. Ein Wandervoͤglein, die Wolken und ich Wir reis'ten um die Wette, Und jedes dacht': nur spute dich, Wir treffen sie noch im Bette! Da sind wir nun, jetzt alle heraus, Die drinn noch Kuͤsse tauschen! Wir brechen sonst mit der Thuͤr in's Haus: Klang, Duft und Waldesrauschen. Bei den letzten Klaͤngen oͤffnete sich oben leise ein Fenster. Florentine fuhr mit dem verschlafenen Koͤpf¬ chen hervor, er haͤtte sie beinah nicht wieder erkannt, so praͤchtig, voll und bluͤhend war sie geworden. Herr Jesus! sind Sie's, Herr Baron? rief sie ganz erschrok¬ ken, und schlug schnell das Fenster wieder zu, denn der Morgenwind wollte ihr das leichte Halstuch neh¬ men. Nun hoͤrte er im Hause die Thuͤren gehen, ru¬ fen und rumoren. Draußen aber kletterte das Mor¬ genroth fix uͤber die Spaliere und Weinranken das stille Haus bis zu den Schornsteinen hinan und guckte neugierig uͤber die Baͤume, und Fortunat sang von neuem: Ich komme aus Italien fern Und will Euch alles berichten, Vom Berg Vesuv und Roma's Stern Die alten Wundergeschichten. Da singt eine Fey auf blauem Meer, Die Myrthen trunken lauschen — Mir aber gefaͤllt doch nichts so sehr, Als das deutsche Waldesrauschen! Als Walter von Italien hoͤrte, zweifelte er nicht laͤnger. Eilig in hohen Schmierstiefeln, die er gegen den beißenden Thau zu gebrauchen pflegte, kam er athemlos aus dem Hause gestuͤrzt. Mein Gott! du, Herzensbruder! rief er schon von weitem und flog, außer sich vor Freude, in Fortunats Arme und stach ihn tuͤchtig mit seinem schlecht rasirten Bart. Fortu¬ nat war im ersten Augenblick ganz verbluͤfft, denn Walter kam ihm so verbauert vor, altmodisch, beim Reden schreiend und gebraͤunt im Gesicht; aber die treuen Augen machten gleich alles wieder gut, man sah bis in den Grund der Seele, er war doch durch und durch noch der alte. Jetzt fiel ploͤtzlich ein Schuß hinter ihnen, daß alle zusammenfuhren. Auf der An¬ hoͤhe wurde der tolle Foͤrster sichtbar, der von dem Besuche schon Wind bekommen. Er drehte den duͤn¬ nen, flechsenreichen Hals weit aus der schmalen, engen Binde, und als er nun wirklich Fortunaten recht er¬ kannt hatte, feuerte er aus seiner Doppelbuͤchse ge¬ schwind noch einmal uͤber ihre Koͤpfe weg und stuͤrzte mit großem Vivatgeschrei zu ihnen herab. Dann er¬ wischte er unversehens Fiametta, die gar nicht wußte, wie ihr geschah, und walzte wuͤthend mit ihr unter den Baͤumen herum, seine langen Rockschoͤße, die weit 22* im Rade umherflogen, schleuderten einen von den Gar¬ tenstuͤhlen so eben in die Hausthuͤr, als die Frau Amtmannin feierlich heraustreten wollte. Nun Gott behuͤt' uns, Herr Nachbar, rief sie empfindlich, was ist das wieder fuͤr eine Auffuͤhrung! — Einfuͤhrung, Frau Muhme, entgegnete der Foͤrster, hohe Reisende, bal à la fourchette , St. Veitstanz, Apfelsinen und Italien! da hat mich so eine verfluchte Tarantul in die Fuͤße gebissen. — Nun schwenkte auch der Amt¬ mann seine schneeweiße Schlafmuͤtze, hinter der das huͤbsche Gesichtchen Florentinens hervorguckte, alle schrieen und fragten durcheinander, die Amtmannin knixte unter vielen Redensarten, die niemand hoͤrte, ein aus dem Schlaf verstoͤrter kalekutischer Hahn hatte sich schon waͤhrend des Walzers in des Foͤrsters flie¬ gende Schoͤße verbissen — man konnte gar nicht zu Worte und in's rechte Geschick kommen. — Und der junge Herr? — mit wem hab' ich die Ehre? — sagte endlich die Frau Amtmannin, mit einem halben unge¬ wissen Knix gegen die hocherroͤthende Fiametta gewen¬ det. — Himmeltausend! da hab' ich nun was Schoͤ¬ nes angerichtet! dachte Fortunat. Er besann sich nicht lange. Ein junger Vetter von mir aus Italien, sagte er. — Ah — rief der Foͤrster erstaunt, und entschul¬ digte nun mit abenteuerlicher Galanterie die ganz er¬ gebenste Erdreistung seiner nicht wissenden Keckheit. Er muͤhte sich sichtbar ab, in seinen uͤberaus hoͤflichen Discurs eine Menge italiaͤnischer Worte zu mischen, so glaubte er verstaͤndlicher zu werden, kam wieder auf die Taranteln zu sprechen, die eigentlich in Italien an¬ saͤßig seyen, ging dann auf die Scorpionen uͤber, auf die er einen ganz besonderen Haß geworfen zu haben schien, und bot ihr endlich eine lange, frischgestopfte Pfeife an. — Nicht doch, die Herren Italiaͤner pfle¬ gen nicht zu rauchen, rief die Amtmaͤnnin vermittelnd heruͤber. — Nun, so thu' ich's selbst mit Erlaubniß, erwiederte der Foͤrster und fing in schnellen Zuͤgen hef¬ tig an zu dampfen, waͤhrend die allezeit heitere Fia¬ metta, in dem dicken Tabacksqualm sich manchmal ver¬ hustend, ihm in aller Geschwindigkeit die ungeheuersten Geschichten erzaͤhlte von gefluͤgelten Scorpionen und einer wahnsinnigen Tarantul, die den St. Veitstanz erfunden. Der Amtmann, als sich endlich der erste Jubel¬ laͤrm ein wenig gelegt hatte, blickte vergnuͤgt in die Runde. Im Kalender, sagte er, ist heute kein Feier¬ tag angemerkt, aber der liebe Gott hat ihn draußen roth angestrichen, so weit man nur sehen kann. Und in der That, das alte Schloß, die Waͤlder, Strom und Thaͤler gluͤhten nun ringsum im schoͤnsten Mor¬ genroth. Die Frauen hatten unterdeß den Tisch ge¬ deckt, die Voͤgel sangen uͤber ihnen im Walde, und die Morgenlichter funkelten lustig uͤber die Weinflaschen und Glaͤser auf dem blendend weißen Tischzeug. Wal¬ ter legte in seiner Froͤhlichkeit die Guitarre in Floren¬ tinens Arm, sie mußte, nicht ohne haͤufiges Erroͤthen, gleich zum Willkomm alle Lieblingslieder des Hauses durchsingen. Eine tiefe Wehmuth flog dabei durch Fortunat's Seele: es waren noch immer dieselben Lie¬ der, die er damals hier gesungen und gedichtet — so lange hatten sie nachgeklungen in dieser Einsamkeit! — Dann mußte er selbst ihnen von seinen Reisen, von Rom und Sizilien erzaͤhlen, dazwischen kamen immer wieder hiesige Geschichten auf's Tapet von alten Be¬ kannten, und von den huͤbschen Maͤdchen, mit denen er damals im Garten getanzt, sie zeigten ihm die Doͤrfer in der Ferne, wo sie nun gluͤcklich verheirathet waren, da ein gruͤnverschattetes Pfarrhaus, dort ein Paar Schornsteine einsam uͤber dem Wald. Der nach literarischen Neuigkeiten ausgehungerte Walter versuchte mehreremal vergeblich, ein wissenschaftliches Gespraͤch mit Fortunaten anzuknuͤpfen. Er hatte noch immer die alte Angst, mit der Bildung fortzuschreiten, und hielt eine Menge Journale, die aber meist unge¬ lesen blieben und von seiner huͤbschen Frau zum Ku¬ chenbacken verbraucht wurden. Diese hatte sich jetzt mit ihrem Kinde an der Brust vor die Hausthuͤr ge¬ setzt, die Morgensonne spielte zwischen dem Weinlaub lieblich uͤber Mutter und Kind. Zuweilen blickte sie unter ihren langen, dunklen Augenwimpern scharf nach Fiametta hinuͤber, die unterdeß, das Koͤpfchen auf beide Arme gelegt, uͤber dem Schwirren und Summen der Glaͤser, Teller und Reden am Tische eingeschlafen war. So war es unter den munteren Gespraͤchen fast voͤllig Tag geworden, als auf einmal Walter, einen erbrochenen Brief in der Hand, eilig aus dem Hause trat. Das ist heut ein wahrer Wundermorgen! rief er lachend aus, denkt euch, da schreibt mir eben unser Rechtsfreund aus der Stadt, ich moͤchte ihm kollegia¬ lisch beistehen, eine junge adeliche Dame auszukund¬ schaften, die mit ihrer Kammerjungfer ihrer alten Tante entflohen und deren Spur zwischen unsern Ber¬ gen verloren gegangen seyn soll. — Kurios, sagte der Amtmann, ja, wilde Wasser lieben die Berge. — Was! — rief der Foͤrster, der eben eine neue Pfeife gestopft und nur halb hingehoͤrt hatte — eine alte wilde Tante ist im Wasser verloren gegangen? — Ja, fiel Fortunat ein, und der Rechtsfreund mit ihrer Kammerjungfer entflohen. — Walter hatte Muͤhe, die Konfusion zu berichtigen. Ein angesehener Mann, fuhr er dann fort, verfolgt nun die Fluͤchtlinge im Auftrag der Tante und hat in der Stadt amtliche Huͤlfe in An¬ spruch genommen. Da bist du uns eben zur rechten Stunde gekommen, Fortunat. — Ich? wie so? fragte dieser betroffen. — Ich meine, als Dichter in solchen romantischen Faͤllen. — Ach theurer Freund, entgeg¬ nete Fortunat, ich wollte, die Romantik waͤre lieber gar nicht erfunden worden! Solche romantische Ver¬ liebte — und das ist die adliche Dame gewiß sammt der alten Tante und dem Rechtsfreund und seiner Kammerjungfer — die machen zusammen an einem Morgen mehr dumme Streiche als ein gesetzter Autor im letzten Kapitel jemals wieder gut machen kann! — Da hatte er nun eben recht das Kapitel der Frau Amtmannin getroffen. Sie nickte ihm freundlich zu, klagte uͤber den jetzigen Leichtsinn der Jugend und schob alles auf die Poesie. Fortunat stimmte ihr in seiner Noth gern bei und hetzte noch immer mehr ge¬ gen die Poeten. Der Foͤrster aber, nachdem er end¬ lich alles begriffen, saß waͤhrenddeß wie in Konvulsio¬ nen des heftigsten Nachdenkens, bald starrte er in den Himmel, bald wieder in die dicken Tabackswolken vor sich hin. — Topp, Sie ist's, rief er ploͤtzlich aufsprin¬ gend aus und schlug mit der Hand auf den Tisch, daß die Glaͤser klirrten. Wer?! — wandte sich Fortunat erschrocken herum. Ueber den Laͤrm war Fiametta aus dem Schlafe aufgefahren, Florentine sah ihr wieder scharf in die vertraͤumten Augen — es hing alles an einem Haar. Aber der Foͤrster legte schnell die Pfeife hin und setzte martialisch seinen dreieckigen Hut auf. Jetzt kommt nur mit, sagte er, alle, die ihr hier seyd, zur Muͤhle dort am Wald, aber sogleich, damit wir die Voͤgel noch im Nest erwischen. — Fortunat athmete wieder leichter auf. — Vergebens drang man nun in den Geheimnißvollen, sich naͤher zu erklaͤren. Ich will die alte Tante seyn, sagte er nur, wenn ich euch nicht das Fraͤulein schaffe, und sollte sie wie ein Eich¬ hoͤrnchen von Baum zu Baum springen. — Die Amt¬ mannin mochte von dem Abenteuer nichts wissen und blieb mit Florentinen zuruͤck, die Andern aber wander¬ ten erwartungsvoll dem Walde zu. In dem allgemei¬ nen Aufruhr konnte Fortunat durchaus keinen Augen¬ blick gewinnen, Waltern auf die Seite zu nehmen, so oft er ihm auch heimlich zuwinkte. Nach einem kurzen Gange erblickten sie die Muͤhle in einer einsamen Waldschlucht. Von einem Berges¬ hange tief verschattet, war in dem kuͤhlen Grunde kaum noch der Tag angebrochen, die Voͤgel erwachten eben erst in dem stillen Gaͤrtchen, nur die Tauben schimmerten vom Dach, das schon von der Morgen¬ sonne beleuchtet war. Hier vertheilte der Foͤrster seine Begleiter vorsichtig an allen Ausgaͤngen, und gebot ihnen sich still zu halten, er selbst aber ging eilig in die Muͤhle. Da sahen sie, wie sich im Hause ein Dachfenster halb und leise oͤffnete, sie glaubten oben ein junges Maͤdchen zu bemerken, das bei ihrem An¬ blick schnell den Laden wieder zuschlug. Was ist denn das? — fluͤsterte Fiametta aͤngstlich Fortunaten zu. — Ich glaube, erwiederte dieser, der ganze Morgen ist toll geworden und spiegelt unsere eigne Geschichte naͤr¬ risch in der Luft. — Jetzt entstand ein Tumult im Hause, der Waldbach stuͤrzte ploͤtzlich brausend uͤber das Muͤhlrad, zwischen dem Rauschen hoͤrten sie ren¬ nen, klappen und zanken. Auf einmal sprang die Hausthuͤr auf und der Foͤrster trat mit triumphiren¬ dem Anstande hervor, er fuͤhrte feierlich eine fremde, wohlgekleidete Dame am Arm, der Morgenwind schlug ihren gruͤnen Schleier zuruͤck und zeigte ein junges, schoͤnes Gesicht. — Da besann sich Fortunat nicht lange. Welche Ueberraschung, mein Fraͤulein! — rief er schnell hinzuspringend aus — als ich das Gluͤck hatte, Sie bei Ihrer verehrungswuͤrdigen Tante zu sehen, wer haͤtte da an diese verwuͤnschte Muͤhle gedacht! Ich bedaure nur, wenn dieser vorwitzige Morgenwind zu fruͤh den Schleier geluͤftet und das harte Gebirg manchen Stein des Anstoßes — Nun war auch Fiametta dazugekommen und druͤckte die Hand der Dame zaͤrtlich an ihr Herz. Himmli¬ sches Maͤdchen, sagte sie, und das alles um mich! — Aber wie war es moͤglich? wie erfuhrst du, wo ich Ungluͤcklicher umherschweife? Ja, laͤugne nur nicht laͤnger, ich weiß es ja doch, du Liebe, Arme! um mich verließest du Schloß und Tante — o es geht mir alles wie ein Muͤhlrad im Kopfe herum! — Die Dame sah in hoͤchster Verwirrung bald den einen, bald den andern an, und wußte nicht, was sie erwie¬ dern sollte. Die beiden ließen sie aber nicht mehr los, sie fuͤhrten sie in ihrer Mitte so rasch der Amtmanns¬ wohnung zu, daß die Andern kaum folgen konnten, dabei sprachen sie unterwegs oft heimlich unter einan¬ der. Walter war ganz verdutzt, auch der Amtmann schuͤttelte bedenklich den Kopf, der Foͤrster aber schimpfte voller Zorn. So eine schoͤne Dame, sagte er, und einem solchen welschen Milchbart nachzulaufen, dem die Eierschaalen noch am Schnabel haͤngen! Da ist keine Gerechtigkeit in dem Handel, eben so gut koͤnnte sich der Herr Amtmann da in mich verlieben. Dann pfiff er mit großem Laͤrm auf dem Finger nach seinen Hunden, warf die Buͤchse auf den Ruͤcken und schritt ohne Abschied in den Wald. Unterdeß waren die Andern zu Hause angelangt, wo Fiametta sehr froͤhlich den erstaunten Frauen ihre unverhofft wiedergefundene Freundin vorstellte. Walter wollte folgen, aber Fortunat faßte ihn am Arm und fuͤhrte ihn rasch in den Garten hinein. Nun hilf aus der Konfusion! rief er aus, da sie allein waren, denn die gefangene Dame ist eigentlich die Kammerjungfer meines Vetters, und mein Vetter ist meine Geliebte, und meine Liebste ist die entsprungene Nichte der alten Tante. Er erzaͤhlte nun kurz den ganzen Hergang der Sache, und wie die Kammerjungfer, ploͤtzlich so ver¬ lassen in der Fremde, heimlich ihre Spur im Gebirge verfolgt und gestern Abends — was der Foͤrster zufaͤl¬ lig erfahren haben muͤsse — in der Waldmuͤhle einge¬ kehrt sey, um erst das Terrain auszuforschen und sich des Morgens auf eine geschickte Art wieder mit ihnen zu vereinigen. — Als er geendigt hatte, huͤllte er sich in sich selbst, um den Hagelschauer freundschaftlicher Vorwuͤrfe ge¬ duldig abzuwarten. Walter aber, aus seiner einfoͤr¬ migen Einsamkeit so auf einmal mitten in das roman¬ tischste Abenteuer mit hineingeworfen, rief zu seinem Erstaunen: Deine kleine Marchesin will ich mit Gut und Blut wie meinen Augapfel beschuͤtzen, und rannte dann voll Begeisterung sogleich nach dem Hause zu. Unterwegs begegnete ihnen Florentine und fragte, was sie vorhaͤtten? Walter in seiner Freude erwischte sie bloß beim Kopf, kuͤßte sie tuͤchtig ab und wollte wei¬ ter. Aber sie hielt ihn fest. Thut mir nur nicht so wichtig und geheimnißvoll, sagte sie, merkt' ich's doch laͤngst! — Walter sah sie groß an. — Dieser Herr Vetter aus Italien — fuhr sie fort — wie er sich gleich Anfangs vorsichtig auf den Stuhl setzte, als wollt' er sich die Roͤcke nicht zerknittern — sein Gang, die Stimme — dann — hier stockte sie ploͤtzlich — Nun? fragte Fortunat. — Dann sah er Sie einmal lange, lange an, als Sie eben mit den Andern spra¬ chen und Niemand Acht gab. — Jetzt standen sie eben auf einer freien Anhoͤhe. Jenseits von den Wald¬ bergen leuchtete die alte Burg in der Morgensonne heruͤber, wo Florentine ihm auf jener Spazierfahrt einmal fluͤchtig einen Kuß gegeben hatte — sie dachten beide daran. Die schoͤne Frau schlug verwirrt und erroͤthend die Augen nieder — dann reichte sie ihm freundlich laͤchelnd ihre Hand, in die er recht herzlich einschlug. Waͤhrenddeß ging Walter eifrig auf und nieder und zerbrach sich den Kopf. Waͤr' nur der fremde Herr nicht, der euch verfolgt! rief er aͤrgerlich aus. — Ei was! entgegnete Fortunat lustig, ich hab' das Maͤdchen und er die Tante, laß ihn die heirathen! Sie setzten sich nun auf die Bank unter der Linde und berathschlagten mit einander, was jetzt zunaͤchst zu thun sey. Nach vielem Hin- und Hersinnen wurde endlich einmuͤthig beschlossen, vor dem Foͤrster und den Andern das einmal eingeleitete Mißverstaͤndniß zu be¬ nutzen und die Kammerjungfer fuͤr die entflohene Ge¬ liebte des Vetters auszugeben, beide aber einstweilen im Hause zu verwahren. Fortunat dagegen sollte schleunigst zu der Tante aufbrechen und dort, bevor er ihr den Auf¬ enthalt Fiametta's entdeckte, nach den Umstaͤnden alles selbst vorsichtig in's rechte Geleis zu bringen suchen. Du hast Rang, Vermoͤgen, sagte Walter, und bist eine so gute Partie fuͤr die Marchesin, als irgend eine im Lande, es muͤßte wahrlich mit dem Eigensinn eines Romanschreibers zugehen, wenn ihr euch zuletzt nicht noch kriegtet. Waͤhrenddeß hoͤrten sie Fiametta im Hause lustig plaudern und lachen. Der Foͤrster, den sie weit im Walde waͤhnten, hatte naͤmlich sorgfaͤltig seinen neuen Frack und eine lange, weiße Busenkrause angelegt, und wandelte unter allerlei aus der Luft gegriffenen Vor¬ waͤnden um das Haus, den Hals nach den oberen Fenstern verdrehend. Ich glaube wahrhaftig, sagte die Amtmannin, der alte Narr ist in das gnaͤdige Fraͤu¬ lein geschossen. Fiametta aber hatte geschwind die Kammerjungfer beredet, an's offene Fenster zu treten, warf ihr einen großen Shawl um, und fing hinter derselben an zu agiren, und den Foͤrster anzureden, in¬ dem sie ihm geruͤhrt fuͤr seine Muͤhwaltung dankte, wodurch er ein von der Tarantel der Liebe gebissenes Herz so fruͤhzeitig von den Holzwegen des Leichtsinns zuruͤckgefuͤhrt. — Als er nun seinerseits sich anschickte, verbindlich zu antworten, konnte sie vor Lachen nicht weiter, winkte ihn geheimnißvoll fort, als ob sie be¬ lauscht wuͤrden, und schlug schnell das Fenster wieder zu. — Florentine schuͤttelte bedenklich den Kopf und konnte sich durchaus in das buntfarbige Wesen nicht finden. Fiametta aber, da die Maͤnner ihr jetzt ihren Plan mittheilten, war von der Aussicht einer endli¬ chen, baldigen Entscheidung ihres verwickelten Liebes¬ handels wie berauscht. Und als nun Florentine noch in aller Eile anfing Kuchen zu backen, die sie morgen Fortunaten auf die Reise mitgeben wollten, half sie ihr mit großer Geschaͤftigkeit und naschte die schoͤnsten Rosinen weg. Zuletzt aber, da sie selbst den Teig angefaßt, mußte auf ihr klaͤgliches Geschrei alles zu Huͤlfe eilen, um ihre Finger wieder rein zu machen. — Nun ließ sie das Backen ganz und gar, und zeigte Fortunaten die Wohnung, die sie ihr oben angewiesen hatten. Es war die schoͤnste Stube im ganzen Hause, sie lag nach dem Walde zu, der durch alle Fenster hereinsah. Da ging es nun lustig an's Einpacken fuͤr morgen, die Voͤgel sangen draußen in den Wipfeln, Fiametta kniete in der gruͤnen Daͤmmerung vor For¬ tunats Felleisen und plauderte vergnuͤgt von den schoͤ¬ nen Bergen, uͤber die er kommen wuͤrde, von dem praͤchtigen Schloß und dem Garten der Tante, dabei packte sie heimlich allerlei Kleinigkeiten von sich unter seine Waͤsche und wurde uͤber und uͤber roth, als er's bemerkte. So war unter munteren Verabredungen und Vor¬ bereitungen der Tag verflossen. Walter hatte, die Muͤdigkeit seiner Gaͤste vorschuͤtzend, fuͤr den Abend jeden Besuch entfernt gehalten, die Hausgenossen selbst, nach der halbdurchwachten Nacht, waren schon fruͤh zur Ruh gegangen. Nur Fortunat und Fiametta saßen noch vor der Hausthuͤr und hoͤrten zu, wie die Maͤdchen unten im Dorf vor dem Johannesbilde und die Heimchen von der fernen Wiese sangen. Fiametta saß zu seinen Fuͤßen im Gras, sie hatte die Guitarre auf ihren Knieen und sah still in die mondbeschienene Gegend hinaus, er hatte sie noch nie so nachdenklich gesehen. — Da erklang auf einmal weiter oben ein Waldhorn. Es war der verliebte Foͤrster, der den Herrschaften ein Staͤndchen blies. Und als nun all¬ maͤhlich Waldhorn und Johanneslieder verklangen und alles still geworden war im Hause und im Thal, da nahm Fiametta ihre Guitarre und sang: Es schienen so golden die Sterne, Am Fenster ich einsam stand Und hoͤrte aus weiter Ferne Ein Posthorn im stillen Land. Das Herz mir im Leib entbrennte, Da hab' ich mir heimlich gedacht: Ach wer da mitreisen koͤnnte In der praͤchtigen Sommernacht! Zwei junge Gesellen gingen Voruͤber am Bergeshang, Ich hoͤrte im Wandern sie singen Die stille Gegend entlang: Von schwindelnden Felsenschluͤften, Wo die Waͤlder rauschen so sacht, Von Quellen, die von den Kluͤften Sich stuͤrzen in die Waldesnacht. Sie sangen von Marmorbildern, Von Gaͤrten, die uͤber'm Gestein In daͤmmernden Lauben verwildern, Palaͤsten im Mondenschein, Wo die Maͤdchen am Fenster lauschen, Wann der Lauten Klang erwacht Und die Brunnen verschlafen rauschen In der praͤchtigen Sommernacht. — Fiametta legte die Guitarre schnell weg, verbarg ihr Gesicht an Fortunats Knieen, und weinte bitter¬ lich. — Wir reisen wieder hin? fluͤsterte ihr Fortunat zu. Da hob sie das Koͤpfchen und sah ihn groß an. Nein, sagte sie, betruͤg' mich nicht! — Fünfundzwanzigstes Kapitel . Zur Mittagszeit des folgenden Tages war Fortu¬ nat auf seiner Reise schon fern von Hohenstein und rastete eben vor der Thuͤr einer Dorfschenke. Die Bienen summten in der bluͤhenden Linde am Haus, vor ihm uͤber den niedrigen Zaͤunen und Gaͤrten be¬ zeichnete ein blauer Duftstreif kaum noch die Berge, wo er sein Liebchen zuruͤckgelassen. Ein Maͤdchen mit frischen Augen brachte Wein und Brot heraus, stutzte aber, da sie ihn erblickte, und sprang schnell wieder in das Haus zuruͤck. Drin hoͤrte er sie lebhaft reden und zu seinem Erstaunen seine Haare, Rock und Stie¬ feln ausfuͤhrlich beschreiben. Nun trat auch der Wirth heraus, nickte ihr zu, und Fortunat erfuhr endlich, daß vor Kurzem zwei fremde Herren zu Pferde hier nach einem Reiter von seinem Aussehen sich angelegentlich erkundigt und dann sehr eilig, der eine diese, der andere 23 jene Straße eingeschlagen haͤtten. Vergebens fragte er nach Namen und naͤheren Kennzeichen, er konnte aus der konfusen Personbeschreibung durchaus nicht klug werden, die eine haͤtte gar beinah auf Waltern gepaßt. — Ihr fangt mich doch nicht! dachte er, als es ihm ploͤtzlich auf's Herz fiel, daß er jedenfalls frei¬ willig und aus eigenem Entschluß vor Fiametta's Tante erscheinen muͤsse, wenn sein ganzer Plan nicht scheitern sollte. — In dieser Unruhe trank er noch rasch des Wirths Gesundheit, schwang sich wieder auf sein Pferd und sprengte durch's Dorf den fremden Herren nach. Draußen aber nahm er sogleich die ent¬ gegengesetzte Richtung und athmete erst wieder frei auf, als ein Bauer im Felde ihm einen naͤheren Holz¬ weg gerade durch's Gebirge bezeichnete, auf dem er jene Reiter zu vermeiden, ihnen wohl gar zuvorzukom¬ men hoffen durfte. Die Luft war schwuͤl, er ritt lange am Rande eines waldigen Bergruͤckens fort, an einsamen Kluͤften und melancholischen Thaͤlern voruͤber. Auf einmal leuchtete seitwaͤrts ein lustiger Grund zwischen den Baͤumen herauf: rothe Ziegeldaͤcher und Gaͤrtchen im schillernden Sonnenschein an den Felsen haͤngend, unten ein glitzernder Bach mit badenden Kindern und auf der Wiese daneben froͤhlich Getuͤmmel der Heuaͤrndte, Lachen und das Klirren der Sensen dazwischen. Und wie er noch so freudig uͤberrascht hinabschaut, erschallt jenseits ploͤtzlich ein Peitschenknall, und um die Wald¬ ecke herum fliegt ein schoͤner Reisewagen uͤber die glaͤn¬ zende Landschaft. Eine Dame beugt sich aus dem Wagen — Fortunat faͤhrt erschrocken zusammen, es ist offenbar Fiametta, aber in Frauenkleidern, lustig schwatzend mit einem Unbekannten, der neben dem Schlage reitet. Jetzt senkt sich der Weg ploͤtzlich wie¬ der in den Wald und zwischen den dunklen Tannen ist alles verschwunden und verklungen. Fortunat stand wie versteinert, im ersten Augen¬ blick kam ihm Fiametta fast wie ein lieblicher Kobold vor, der neckend durch's Gebirge streifte. Dann dachte er sie sich wieder in Hohenstein entdeckt und mit roher Gewalt fortgefuͤhrt; aber wie konnte sie dann noch so froͤhlich plaudern! — er war ganz verwirrt. — So lenkte er rasch auf einem Fußsteig den Berg hinab, uͤber die Wiese dem Hohlweg zu, wo die Erscheinung versunken. Bald theilten sich die Wege, auf dem einen glaubte er eine frische Wagenspur zu bemerken und setzte munter die Sporen ein. Aber je weiter er kam, je wilder und einsamer wurde die Gegend. Sie konnten auf dem steinigen Wege unmoͤglich so rasch gefahren seyn, als er ritt. Oft hielt er lauschend still, da glaubte er einmal wie¬ der ihre Stimme zu hoͤren, es war nur der fremde Schall eines Waldvogels aus der Ferne. Er sang laut alle Lieder, die er wußte, dann horchte er wieder, 23 * und lachte und schimpfte und ritt immer schneller fort, bis er zuletzt mit Entsetzen bemerkte, daß ein Unwet¬ ter rasch im Anzuge war, um die Verwirrung voll¬ kommen zu machen. Schon durchkreuzten Moͤwen mit ihren weißen spitzigen Fluͤgeln pfeilschnell die schwuͤle Stille. Vergeblich blickte er nach einem Obdach um¬ her, nicht einmal der Klang einer Holzaxt ließ sich im Walde vernehmen. Nur einzelne Nebelgestalten stiegen nun langsam aus den Kluͤften empor, und setzten sich mit ihren langen, grauen Gewaͤndern in die Wipfel der Tannen, uͤber dem Berge vor ihm aber hatte das Gewitter allmaͤhlich sein bleifarbenes Dunkel ausge¬ breitet, in das die Mauerspitzen einer Ruine fast grauenhaft hineinragten. — Indem er noch so zoͤgernd stand und unentschlossen, wohin er sich wenden sollte, hoͤrte er auf einmal den Schall einer Glocke weit aus der Hoͤhe heruͤberklingen. O du goͤttlicher Aberglaube! rief er freudig aus, was sind alle Blitzableiter der Welt gegen diesen troͤstlichen Klang, der wie ein singender Engel mit gefalteten Haͤnden uͤber die Waͤlder zieht und die Wetter wendet. Ja, die Erde ist noch immer voll schoͤner Wunder, wir beachten sie nur nicht mehr! — Er folgte nun eilig den Klaͤngen, die bald schwaͤcher, bald deutlicher durch den Gewitterwind von dem Berge herabzukommen schienen, wo er vorhin die Ruine erblickt. Ein wild¬ verwachsener, wenig betretener Fußsteig schlang sich zwischen den Klippen gerade in der Richtung hinauf. Der Pfad wurde immer enger und steiler, bald hoͤrte er auch die Glocke nicht mehr, er mußte endlich abstei¬ gen und, sein Pferd am Zuͤgel fassend, muͤhsam von Stein zu Stein hinanklimmen. Manchmal wendete er sich rastend zuruͤck und sah durch die Wolkenrisse tief unten die Landschaft voruͤberfliegen. So war es voͤllig Nacht geworden, als er athem¬ los droben in's Freie trat. Ein Licht schimmerte ihm aus der Ferne freundlich entgegen; indem er darauf losging, glaubte er im Dunkel ein großes Schloß zu erkennen mit Thuͤrmen, Zinnen und wunderlichen Er¬ kern. Dann, je naͤher er kam, verwandelte sich all¬ maͤhlich alles wieder, es war wildumhergeworfenes Gestein und phantastische Baumgruppen, was ihm so praͤchtig erschienen, und voll Erstaunen stand er auf einmal vor einer Einsiedler-Klause, halb in den Fel¬ sen gehauen, ein Thuͤrmchen mit einer Glocke daruͤber. Eine Lampe von der Decke warf ungewiß flackernde Scheine uͤber die leeren Waͤnde und den hoͤlzernen Tisch und Stuhl in der Mitte. Ploͤtzlich fuhr sein Pferd schnaubend zusammen, aus einem Winkel der Halle blinkte ihnen ein hochaufgerichtetes, weißes Tod¬ tengeripp entgegen. — Schauerlicher Gesell! sagte For¬ tunat, bist du der Einsiedler hier und ziehst bei Nacht heimlich die Glocke? — Er rief nun laut nach allen Seiten, aber nur seine eigene Stimme gab zwischen den Kluͤften Antwort. Da faßt' er sich ein Herz, band sein Pferd vor der Huͤtte an und trat hinein. Er fand sie wohnlicher, als er erwartet hatte. Ein großes Buch lag auf dem Tisch, er schlug es auf, es war ein altes Brevier, zu seiner Verwunderung fand er eine kurze ungrische Tabackspfeife drin als Zeichen eingelegt. Nun, die Todten schmauchen doch nicht, dachte er, und spaͤhte eifriger umher. Da ent¬ deckte er in einer Ecke einen Vorrath koͤstlichen Heues, weiterhin auch einen vollen Weinkrug und Glaͤser da¬ neben. Erfreut uͤber den unverhofften Fund zaͤumte er vor allem sein muͤdes Pferd ab und versah es reichlich mit Futter. Das ungewohnte Handthieren in dieser Abgeschiedenheit, das Brausen der Wipfel, die ganze unerhoͤrte Lage, in der er sich hier befand, versetzte ihn in eine seltsame Heiterkeit. Gute Nacht! rief er froͤhlich vom Berge hinab, wie hat der Herr nun alles untergetaucht in den wunderbaren Strom der Traͤume! Was ist das fuͤr ein Traumlied in den Waͤldern, gleichwie die Saiten einer Harfe, die der Finger Got¬ tes gestreift. Wahrlich, wen Gott lieb hat, den stellt er einmal uͤber allen Plunder auf die einsame Zinne der Nacht, daß er nichts als die Glocken von der Erde und vom Jenseits zusammenschlagen hoͤrt und schauernd nicht weiß, ob es Abend bedeute oder schon Morgen. — Darauf setzte sich Fortunat zufrieden vor die Klause, doch so, daß er seitwaͤrts die eine Wand im Auge behielt; er traute dem duͤrren Gesellen im Win¬ kel doch nicht recht, daß er sich nicht unversehens er¬ huͤbe und murmelnd am Tisch aus dem Buche zu lesen anfing. Draußen aber war es so endlos still, er hoͤrte nur manchmal das Schnauben des Pferdes und den Schrei des Wildes tiefer im Wald, vor ihm streiften durchsichtige Wolken gespensterhaft-leise den Rasen wie Schleppen fliehender Feen. In dieser Einsamkeit uͤberwaͤltigte endlich der Schlaf den Erschoͤpften, und als er mitten in der Nacht ploͤtzlich wieder aufwachte, waren die Wetter unterdeß verzogen, der Mond schien praͤchtig uͤber die Waͤlder. Da war's ihm, als hoͤrte er in einiger Ent¬ fernung zwei Maͤnner eifrig mit einander sprechen, und im zitternden Mondlicht unter den Baͤumen bemerkte er einen riesengroßen Moͤnch, der mit einem Unbe¬ kannten schnell durch den Wald fort ging. Vor dem Rauschen der Wipfel konnte er nur einzelne abgebro¬ chene Laute vernehmen, er hoͤrte aber deutlich, wie sie im Gespraͤch mehrmals seinen und Fiametta's Namen nannten. — Traͤume ich denn, oder traͤumt diese phantastische Nacht von mir? — rief er erschrocken aufspringend aus, aber die Stimmen waren schon weit, und auf der stillen Hoͤh', wo sie sich endlich im Dunkel ganz verloren hatten, sah er nun ploͤtzlich eine Fackel aufleuchten. Mehrere dunkle Gestalten folgten, sie trugen lautlos einen Sarg. Die rothen Wider¬ scheine schweiften wunderbar zwischen den Tannen uͤber ein Felsenthor, in welchem auf einmal alles wieder verschwand. — Da war's ihm, als truͤgen sie Fia¬ metta fort, er stuͤrzte hastig nach in den Wald. Aber vergebens suchte er einen Steg durch die Wildniß, in der flimmernden Daͤmmerung des Mondscheins starr¬ ten ihm uͤberall zackige Kluͤfte entgegen, er mußte wie¬ der umkehren. Nur zu, sagte er ganz verstoͤrt, nur immer zu! der Spuk und die Nacht muͤssen doch ein¬ mal ein Ende nehmen! — Dann lehnte er sich uͤber den Hals seines schlummernden Pferdes und starrte gedankenvoll in die weite Einsamkeit hinaus. So hatte er lange, halb im Traume gestanden, als er auf einmal von fern den lustigen Schrei eines Waldvogels zu hoͤren glaubte. Erfreut blickte er um¬ her, da schweifte wirklich schon ein ungewisser Mor¬ genschein leise uͤber den Himmel, wie ein Hauch uͤber den Spiegel, seitwaͤrts, als er sich bewegte, fuhr ein Reh auf und flog scheu durch die Daͤmmerung. Nun dacht' er dran, daß heute Sonntag war. Da rannte er schnell in die Klause. Schau nicht so graͤmlich in dieser gnadenreichen Stunde, rief er dem knoͤchernen Klausner zu, jetzt ist's ja licht und alles, alles wieder gut! Dann zog er froͤhlich die Glocke, als wollt' er den Tag anbrechen, und das Herz wurde ihm still und weit, als der Schall so hell durch die Waldesnacht ging, er hatte schon lange nicht so fromm in Gedan¬ ken gebetet. Jetzt fiel ihm erst ein, daß der Glockenklang wohl die raͤthselhaften Nachtwandler herbeigelockt haben koͤnnte. Er trat hinaus, und spaͤhte nach allen Sei¬ ten umher. Aber es ruͤhrte sich nichts, der Wind hatte die Klaͤnge nach den Thaͤlern geweht, die noch im tiefen Schatten lagen. Auf dem Gipfel des Ber¬ ges aber, an dessen Lehne die Klause sich befand, be¬ merkte er jetzt im falben Zwielicht die Mauer¬ truͤmmer wieder, die er gestern aus dem Thale gese¬ hen. Dort zogen sie hinauf, dachte er, und schwang sich eilig auf sein Pferd. Bald hatte er nun auch den verschlungenen Pfad und das Felsenthor entdeckt, das von der andern Seite nach der Hoͤhe fuͤhrte, und ver¬ folgte unterdessen die Spur, um droben, wo moͤglich, naͤhere Auskunft uͤber die Vorgaͤnge der Nacht und die einzuschlagende Reiserichtung zu erhalten. So ritt er wohlgemuth in den wachsenden Mor¬ gen hinein, auf dem Berge vor ihm trat allmaͤhlich das alte Gemaͤuer immer deutlicher zwischen den Tan¬ nen hervor. Schon unterschied er eine halbverfallene Kirche, leere Fensterbogen und einzelnstehende Pfeiler, von Epheu uͤppig umrankt, Ziegen kletterten in der gruͤnen Wildniß, alles von der Morgensonne wunder¬ bar beleuchtet. Da erschien auf einmal ein hoher, schlanker Jaͤger auf der Wand, der Morgen funkelte gluthroth daruͤber, es war, als stuͤnd' er ganz im Feuer. Auf seine Buͤchse gelehnt, schaute er von der andern Seite in die Thaͤler hinab, er hoͤrte ihn oben singen: Hier steh' ich wie auf treuer Wacht, Vergangen ist die dunkle Nacht, Wie blitzt nun auf der Laͤnder Pracht! Du schoͤne Welt, nimm dich in Acht! Jetzt wandt' er sich herum — es war Lotha¬ rio ! Auch er hatte nun den Ankommenden bemerkt, sprang rasch herab, und die beiden Freunde lagen ein¬ ander in den Armen. Der wilde Jaͤger sah bleich, gebraͤunt und dennoch schoͤner aus, als ehemals, For¬ tunat erschrak fast vor der wunderbaren Tiefe der dun¬ len Augen, in die er so lange nicht gesehen. — Aber wie kommst du hier herauf? fragte er endlich auf's hoͤchste uͤberrascht. — Ich spiele den letzten Act, erwie¬ derte Jener laͤchelnd, Graͤber, Hochzeit, Gottes gruͤne Zinnen und die aufgehende Sonne als Schluß-Deco¬ ration. — Hier waren sie am Gipfel bei den Truͤm¬ mern angelangt, er band Fortunats Pferd an einen Baum. Laß unterdeß hier alles stehen, und komm nur schnell mit mir. — Du bist nicht allein hier oben, meinte Fortunat, wen habt ihr heute Nacht im Wald begraben? — Den armen Otto . — O Gott! du froͤhliches Liederherz, so fruͤh wie eine Lerche singend aus der Luft zu fallen! mir ist's, als hoͤrt' ich's noch im Ohre klingen. — Wohl ihm, entgegnete der Be¬ gleiter, er hatte rasch gelebt und stand schon muͤd' und schlaftrunken im tiefen Abendroth, dort ruht er aus. Sie traten durch ein halbverfallenes Bogenthor auf einen freien gruͤnen Platz, es schien ein ehemaliger Kloster-Kirchhof zu seyn. Ein neues Grab, so eben erst mit schoͤnem Rasen belegt, schimmerte ihnen thau¬ frisch entgegen. Ein Moͤnch kniete betend daneben zwischen wilden, bunten Blumen, und Voͤgel flatterten und sangen lustig in dem jungen Gruͤn, das aus allen Mauerritzen rankte, uͤber die Graͤber aber leuchtete auf einmal eine unermeßliche, praͤchtige Aussicht aus der rauschenden Tiefe herauf. — Gott gebe jedem Dichter solch ein Grab! rief Fortunat freudig uͤber¬ rascht. Bei dem Klang seiner Stimme aber hob sich's ploͤtzlich unter den Blumen, er stand wie im Traum — es war Fiametta . Ist er da! rief sie emporfahrend aus, schuͤttelte die Locken aus dem Gesicht und sprang froͤhlich zu ihm. Nun kam zu seinem Erstaunen auch Walter eilig zwischen den Steinen hervor mit einem Einsiedler und einem Fremden, der Fortunaten mit den klugen, scharfen Augen freundlich betrachtete. Wie haben wir dich gesucht, rief Walter schon von weitem, wer von uns haͤtte das gedacht! — Aber Fortunat konnte sich noch gar nichts denken, er blickte verwirrt in dem Kreise umher. Da glaͤnzten unten die Thaͤler in der schoͤnen Sonntagsstille und die Morgenglocken klangen von fern herauf. — Nun lobet alle Gott! sagte Lothario, faßte Fortunaten und Fiametta bei der Hand und fuͤhrte sie in die alte Kirche neben dem gruͤnen Platz, die Andern folgten schweigend. Der Moͤnch stand schon vor dem Altar, zu dem Lothario sie brachte. Die Morgensonne schien seltsam durch das hohe, gemalte Bogenfenster, die Pfeiler waren mit frischen Birken verziert, durch die offene Thuͤre rausch¬ ten die Baͤume herein. Jetzt bemerkte Fortunat erst, daß Fiametta festlich geschmuͤckt war und ein Myr¬ thenkraͤnzchen im Haar hatte, er wußte nicht wie ihm geschah. Und als nun der Moͤnch sich zu ihnen wandte und fragte: ob sie als getreue Eheleute einander lieben wollten bis in den Tod, sagte Fiametta erroͤthend aus Herzensgrunde: Ja, und er legte segnend ihre Haͤnde zusammen. Sechsundzwanzigstes Kapitel . Jungen Eheleuten kommt am Hochzeitsmorgen die Welt wie verwandelt vor, als waͤre uͤber Nacht alles schoͤner und juͤnger geworden, denn die Erde putzt und spiegelt sich gern in froͤhlichen Augen. Wie viel lusti¬ ger unserem Paar, gleich Zugvoͤgeln uͤber der praͤch¬ tigsten Gegend, da war des gruͤnen Waldlebens genug, schattige Gruͤnde, fliegende Schimmer uͤber das Land und unabsehliche, selige Fernen! — Allmaͤhlich erst tauchte Fortunaten alles aus dem Morgenglanze auf. Er erfuhr nun, daß der seltsame Lothario Graf Vic¬ tor selber war und seit geraumer Zeit hier oben als Vitalis lebe, heiter und streng, ein Einsiedler ohne Kutte, ein Jaͤger, nach hoͤherem Wild gestellt. — Jetzt gab sich auch jener Fremde als Baron Manfred kund, denselben Vetter, der damals Fiametta's Tante auf ihrem Schlosse besucht. Er hatte von ihrer Liebe und ihrem Heimweh gehoͤrt und fuͤr Fortunaten um ihre Hand bei der Tante geworben. Als aber darauf die scheue Markesin vor dem vermeintlich unbekannten Braͤutigam so ploͤtzlich die Flucht ergriffen, verfolgte er unausgesetzt ihre Spur bis Hohenstein, wo er unmit¬ telbar nach Fortunats Abreise eintraf. Dort erfuhr Walter von ihm den ganzen Zusammenhang, so wie den gegenwaͤrtigen Aufenthalt des Grafen Victor, und voll Freude waren sie nun alle noch denselben Morgen aufgebrochen, um Fortunaten eiligst einzuholen. So hatte also Fortunat sein Liebchen vor sich selber ent¬ fuͤhrt und ein Jeder vor lauter Klugheit die moͤglichst groͤßte Konfusion angerichtet, der liebe Gott aber un¬ versehens alles wieder gescheuter gemacht. Morgen wollten die Gaͤste wieder weiterziehen. Unerwartet waren sie hier auf einer jener Zinnen des Lebens zusammengekommen, die immer nur fuͤr wenige Raum hat — das fuͤhlten sie wohl. Was hatten die Freunde nun alles einander zu erzaͤhlen in der kurzen Zeit, Lust und Leid, Vergangenes und Kuͤnft'ges! So war ihnen der Tag in der schoͤnen Einsamkeit schnell verflossen. Als es aber schon wieder abendkuͤhl wurde, saßen sie alle zusammen vor der großen Aus¬ sicht unter den hohen Buchen, welche den Abhang an der Klosterruine beschatteten. Spuren von Kiesgaͤn¬ gen, sorgfaͤltig mit Buxbaum umzaͤunt, Lauben und halbzerworfene Rasenbaͤnke bezeichneten ringsumher den ehemaligen Klostergarten, nur einzeln zerstreute Blu¬ men, wie verlorene Kinder schimmerten noch aus der alten Zeit durch das wuchernde Unkraut. Hier hatte der geschaͤftige Einsiedler einen Tisch gedeckt und Stuͤhle gesetzt, er ließ es sich durchaus nicht nehmen, die Herr¬ schaften auf's Beste zu traktiren mit Wein, Obst, Ho¬ nig und Nuͤssen, was er nur hatte. Fuͤr Fiametta aber hatte er einen Kranz von lustigen Waldnelken besorgt. Er blaͤtterte emsig in seinem Brevier und schenkte ihr die schoͤnsten Heiligenbilder daraus, dabei steckte er ihr immerfort das Beste von dem Naschwerk zu und hatte seine herzinnige Freude, wie sie so schoͤn mit dem Kraͤnzlein aussah und froͤhlich plaudernd die Nuͤsse knackte. — Da hoͤrten sie auf einmal in gerin¬ ger Entfernung einige Saitenklaͤnge. Dacht' ich's doch, fuhr der Einsiedler auf, da hat er mir doch meine alte Zitter in der Klause aufgestoͤbert! — Im Gebuͤsch aber hoͤrten sie singen: Wir zogen manchen Wald entlang, Viel froͤhliche Gesellen, Und salutirten mit Gesang Die Burgen und die Quellen. Nun sang man den zu Grabe still, Dem sie zur Hochzeit geigen, Der andre in den Himmel will Auf wilden Felsen steigen. Von den einsamen Felsensteigen Schau ich in's Land so weit, Da dunkelt und rauscht's so eigen Von der alten schoͤnen Zeit. Da kriegen wir alle was ab, sagte Fiametta. — Nun, nun, wir wollens ihm schon zuruͤckzahlen, meinte der Einsiedler, aber er singt eine schoͤne Note, es ist mir ganz wie in meiner Soldatenzeit, wenn ich so bei stiller Nacht mit der Zitter im Bivuac lag. — Es sang wieder: Was das fuͤr ein Gezwitscher ist! Durch's Blau die Schwalben zucken Und schrei'n: „sie haben sich gekuͤßt!“ Vom Baum Rothkehlchen gucken. Der Storch stolzirt von Bein zu Bein; „Da muß ich fischen gehen —“ Der Abend wie im Traum darein Schaut von den stillen Hoͤhen. Und wie im Traum von den Hoͤhen Seh' ich Nachts meiner Liebsten Haus, Die Wolken daruͤber gehen Und loͤschen die Sterne aus. Fiametta fluͤsterte wieder: ist ihm denn seine Liebste gestorben? — Ach, das ist eine dumme Geschichte mit seiner Amour, erwiederte der Einsiedler, thut mir den Gefallen und bedauert ihn nicht lange, das will er nur, sonst macht er noch immer mehr Flausen davon. Wer ist's denn? fragte Fiametta. Aber der Spiel¬ mann sang von neuem: Im Schloß ihr wohl am Fenster steht Und herzt euch nach Gefallen, Der Herbst schon durch die Felder geht, Da hoͤrt ihr's unten schallen. „ Das klingt ja wie vom Felsenrand Einst bei des Klausners Buchen, Ich glaub', das ist der Musikant, Der kommt zum Kindtaufs-Kuchen.“ Und die Voͤgel zieh'n uͤber die Buchen, Der Sommer der ist vorbei, Ich aber muß wandern und suchen, Wo der ewige Fruͤhling sey. Hier entstand ploͤtzlich ein heftiges Geraͤusch, und eh' sie sich's versahen, kam der Saͤnger in hastiger Flucht durch Laub und Aeste geradezu uͤber die alte Gartenmauer dahergeflogen, daß die losen Steine hin¬ ter ihm drein kollerten. Fiametta draͤngte sich scheu an Fortunat, dieser erkannte zu seinem Erstaunen in dem Fluͤchtling Dryandern . Der Doctor aber blickte noch immer wild zuruͤck, setzte seinen Hut, der vor Eile ganz schief saß, auf dem Kopfe zurecht und schimpfte, außer sich vor Zorn und Schreck, uͤber die dumme Romantik: kaum betraͤte man das Revier eines Poeten, so schoͤssen verstorbene Doppelgaͤnger, gleich wahnsinnigen Pilzen, aus dem unvernuͤnftigen Boden und saͤßen auf den Klippen umher und wackel¬ ten mit den Koͤpfen. — Da erkannte er auf einmal in Fiametta's Augen das huͤbsche Jaͤgerbuͤrschchen vom Donauschiff, und seine ganze Gedankenfolge bekam dadurch ploͤtzlich einen anderen Zug. Fiametta erroͤ¬ thete und fragte ihn laͤchelnd, ob er sich noch mit ihr schlagen wolle? Er aber besann sich nicht lange. O, entgegnete er tapfer, ich habe damals auf dem Schiffe alles recht gut gewußt, und wollte nur die Damen ein wenig schrecken. — Ja, ja, das hat die Schiffsgesellschaft wohl gemerkt, sagte Fortunat, denn sie haben deinen zuruͤckgelassenen Hut uͤber der Thuͤr des Wirthshauses angenagelt zum ewigen Gedaͤchtniß eines verwegenen Duellanten, der vor Zorn und Wuth ploͤtzlich die Verschwindsucht bekommen. Unterdeß hatte der Einsiedler das Gebuͤsch hinter der Mauer untersucht und kam nun mit großem Ge¬ laͤchter zuruͤck. Gerade in dem wildverwachsenen Ver¬ steck, wo Dryander das Staͤndchen gebracht, befand sich der zertruͤmmerte Eingang zur Klostergruft; dort 24 saß seit alter Zeit ein Todtengerippe, wie ein Waͤchter zwischen den Steinen, dem der Einsiedler, als er vor¬ hin Tisch und Stuͤhle abraͤumte, in der Eile des Doc¬ tors Schlafpelz umgehangen. Mitten im Gesange nun sich umwendend, hatte Dryander ploͤtzlich sich selbst zu erblicken geglaubt und so mit groͤßter Behendigkeit die Flucht ergriffen. Jetzt erfuhr Fortunat auch, daß der Doctor schon seit laͤngerer Zeit in einem angeblichen Bußanfall bei dem Einsiedler sich aufgehalten, der ihm sehr gut war und immer tausend Spaß und Haͤndel hatte mit dem kuriosen Gesellen. Heut noch vor Tagesanbruch aber war Dryander gleichfalls voll Eifer ausgezogen, um Fortunaten aufzusuchen, ohne in seiner Zerstreuung vorher erst die Braut zu betrachten. Unterwegs aber hatte er bald die ganze Geschichte wieder vergessen, und schlenderte wohlgemuth nach dem naͤchsten Staͤdt¬ chen, wo er sich im Gasthause tuͤchtig restaurirte. Das gefiel ihm so wohl, daß er unverzuͤglich einen großen Einkauf an Wein, Braten und Kuchen machte und einen Burschen zum Tragen miethete, der so eben zu allgemeinem Ergoͤtzen aus seinem Korbe den Markt hervorlangte und sich dann ermuͤdet neben sie ins Gras setzte. Wer Dryandern genau kannte, konnte bald be¬ merken, daß er sich wieder einmal in jener phantasti¬ schen Faselei befand, wo er sich und Andere uͤberre¬ dete, ganz besonders ungluͤcklich zu seyn. Victor sah ihn scharf an. Nun beichte nur gleich, sagte er, was ist wieder passirt? — Der Doctor zoͤgerte erst, dann begann er mit einer gewissen, weichen Feierlichkeit: Ihr wißt alle, daß meine liebe kleine Frau mich ver¬ lassen. — Sie mußte wohl, fiel ihm Victor in's Wort, du wolltest ihre gesunde, herbe, klare Prosa durchaus auf die poetische Lyra spannen, was Wun¬ der, wenn endlich die Saite sprang! — Und einem Husaren-Lieutenant an den Schnurrbart flog, sagte der Doctor aͤrgerlich uͤber die Unterbrechung. Kurz, ich wußte wohl ein Jahr lang nicht, wohin sie gekommen. Heute nun, als ich mit diesem guten Jungen da so eben zu den Bergen zuruͤckkehren will, sehen wir ein rothes Ziegeldach durch's Gruͤn schimmern. Wir tra¬ ten naͤher, da steht ein Brunnen unter einem bluͤhen¬ den Apfelbaum, die Bienen summen drin in der schwuͤ¬ len Mittagstille, an dem Brunnen aber sitzt ein jun¬ ges Weib, ihr Kindlein auf dem Arm — es war mein liebes Trudchen. Gott gruͤß' dich, schoͤne Frau, sag' ich, und bitt' um einen frischen Trunk. Da blickt sie erschrocken auf — sie kannte mich nicht mehr. — Nein, Herr, fiel hier der Bursch mit dem Korbe ein, sie erkannte Euch gleich und schrie: Herr Je, Fritz, komm geschwind, da ist mein alter Mann! — Ganz recht, fuhr Dryander fort, und da kommt ihr neuer Mann, der verabschiedete Husaren-Lieutenant, in hohen 24* Schmierstiefeln und Hemdsaͤrmeln, Heu und Hecksel in den Haaren, und faͤhrt in der Eile in seinem alten Flauschrock mit der Faust zum Ellbogen heraus, ein Kernwirth, sonst ein guter Kerl. Wir gingen nun mit einander in's Haus, ich lobte alles nach Kraͤften. — Ihr erzaͤhlt alles so konfus, sagte der Bursch wie¬ der, Ihr fragtet zuerst, was in der Stadt der Spieß Lerchen koste, die draußen so huͤbsch saͤngen? — Kann seyn! — Nein, ich weiß noch alles ganz genau. Und, einmal als Philosoph gesprochen, sagtet Ihr dann, was braucht ein fuͤhlendes Herz mehr: ein laͤndliches Schloß mit wacklichten Mansarden, ein sanfter, unter dreijaͤhrigen Duͤnger gesetzter Huͤgel daneben, ein schlaͤngelnder Bach aus dem Kuhstall nach der lachen¬ den Wiese — Halt das Maul, fuhr ihn Dryander an. Ich stand in der Hausthuͤr, mit tiefer Wehmuth uͤberblickte ich noch einmal den Apfelbaum, das stille Gaͤrtchen und Trudchens Gestalt — dann wandt' ich mich — Hier konnte der Bursche das Lachen nicht halten. — Was hast du? fragten die Andern. — Mit Erlaubniß, sagte er, und als der Herr so von dem schlaͤngelnden Bach sprach, erwischte ihn der Herr Lieutenant am Fluͤgel und schmiß ihn zum Hause her¬ aus, daß er mir bald in den Korb gefallen waͤre. — Nun, wenn Ihr's besser wißt, so ist mir's auch recht, entgegnete der Doctor, ergriff eine Flasche und wollte fort, kehrte aber wieder um, nahm noch eine zweite unter den Arm, und ging eilig in die Ruine. Wahr¬ haftig, sagte Fortunat lachend, da ist Lug und Ein¬ bildung, Wahrheit und Dichtung so durcheinander ge¬ filzt und gewickelt, daß er selber nicht mehr heraus kann! ich wette, er ist nun auf acht Tage in allem Ernst wieder in seine kleine Frau verliebt! Waͤhrend dieser Gespraͤche war es voͤllig dunkel geworden. Fuͤr Fiametta hatte man unterdeß zwischen den Truͤmmern eine Lagerstatt von duftendem Heu be¬ reitet, und ihre muͤden Augen waren schon untergegan¬ gen, als der Mond uͤber die stillen Waͤlder aufging. Der Einsiedler, uͤber seinem Rosenkranze nickend, be¬ wachte sie von fern, die Andern saßen noch zusammen bis tief in die Nacht. — Dryander aber hatte mit großer Umstaͤndlichkeit Papier, Federn, Wein und ge¬ stopfte Pfeifen in eine Zelle zusammengeschleppt, wo man ihn oͤfters eifrig auf und niedergehen sah. Er wollte die schoͤne Nacht benutzen, um ein großes Ge¬ dicht, mit dem er sich schon lange in Gedanken herum¬ trug, endlich recht mit Ruhe niederzuschreiben. Da hatte er aber lauter Stoͤrungen. Erst nickte ihn aus irgend einem Mauerloch unaufhoͤrlich ein melankolischer Schuhu an, gegen den er sich sehr erboste, weil er es fuͤr eine uͤble Vorbedeutung hielt. Dann erwachte eine Nachtigall und schmetterte gerade vor seinem Fen¬ ster. Er wollte sie mit dem Schnupftuch verjagen, daruͤber verlor er seine beste Feder hinter'm Ohr, die Zugluft durch's offene Fenster fuhr in die beschriebenen Blaͤtter und als er um sich griff, schimpfte und haschte, loͤschte ihm gar der Wind das Licht aus. Da ballte er voller Zorn alle Papiere in seine Tasche zu¬ sammen, setzte den Hut auf den Kopf und nahm drau¬ ßen, da alles schon schlief, mit wenigen Worten nur von dem Einsiedler Abschied, der, halb im Traum, nicht wußte, was geschah. Dann raffte er noch ge¬ schwind die Victualien vom Tische in den Korb und ruͤttelte den Burschen auf. Der mußte ohne weiteres voraus, und so wanderte er mit langen Schritten den Wald hinab, um nie mehr auf diesen Berg zuruͤckzu¬ kehren, wo ihm die ungeheure Tugendwirthschaft auf einmal unglaublich langweilig vorkam. Wir aber lassen das Irrlicht wandern, und uͤber¬ schauen noch einmal das naͤchtliche Gebirge. Die Waͤlder und Abgruͤnde liegen noch geheimnißvoll umher in der tiefen Stille, nur das ungewisse Flimmern der Sterne verkuͤndet die Naͤhe des Morgens. Durch die weite Einsamkeit aber toͤnt ein Gesang, es ist Victor's Stimme: Naͤchtlich macht der Herr die Rund', Sucht die Seinen unverdrossen, Aber uͤberall verschlossen Trifft er Thuͤr und Herzensgrund, Und er wendet sich voll Trauer: Niemand ist, der mit mir wacht. — Nur der Wald vernimmt's mit Schauer, Rauschet fromm die ganze Nacht. Waldwaͤrts durch die Einsamkeit Hoͤrt' ich uͤber Thal und Kluͤften Glocken in den stillen Luͤften, Wie aus fernem Morgen weit —. An die Thore will ich schlagen, An Palast und Huͤtten: Auf! Flammend schon die Gipfel ragen, Wachet auf, wacht auf, wacht auf! Da regt sich's nach und nach immer lauter und lauter vor dem verfallenen Kloster, gesattelte Pferde wiehern durch die Daͤmmerung, Walter treibt geschaͤf¬ tig zur Eile, um noch vor der Mittagshitze in's Thal zu kommen, Fiametta sitzt schon auf ihrem Zelter, und schuͤttelt sich und plaudert reiselustig in der Kuͤhle. Jetzt tritt zu aller Erstaunen auch Victor mit dem Einsiedler ganz wanderfertig aus dem Kloster. Gluͤck¬ auf! ruft er ihnen froͤhlich entgegen, indem er Fiamet¬ ta's Pferd am Zuͤgel faßt und den Zug beginnt, der wegekundige Einsiedler, eine Reisetasche umgehaͤngt und einen dicken Wanderstab in der Hand, schreitet im Zwielicht ruͤstig voran. Nun, das ist einmal ein Wort! rief Fortunat freudig aus, waͤhrend sie so langsam den Wald hinab¬ zogen, du wanderst also mit? — Was hast du vor? fragte Manfred fast betroffen. — Beschlossen war es laͤngst, sagte Victor, und heute leuchten schoͤne, gute Sterne. Ihr wißt's noch nicht: ich bin auch Braͤu¬ tigam. — Hier oͤffnete er den Reiserock, unter dem die Kleidung eines katholischen Priesters sichtbar wurde. — Mein Lieb ist streng und ernst, fuhr er laͤchelnd fort, drum wollt' ich hier oben mich erst zusammen¬ raffen und innerlich besinnen. Glaubt mir, ein herr¬ lich Ding ist's um die Einsamkeit auf hohen Bergen; das Buch des Lebens versteht doch nur, wer um Got¬ tes Willen lernt und nicht um der Welt Gunst. — Manfred sah ihn lange schweigend an. Nun wahrlich, sagte er dann, wenn ich dich auf dem Schlachtfelde wiedergefunden haͤtte, hoch zu Roß mit der Fahne voran! — Du sprichst ja wie ein Maͤdchen davon, entgegnete Victor, wie wenn es keinen Krieg gaͤbe, als den die schmucken Lieutenants fuͤhren. — Und dein großes poetisches Talent, unterbrach ihn Manfred wie¬ der, du wirfst es fort, wie ein Verschwender? — Was waͤr' denn Poesie, meinte Victor unwillig, wenn sie in feinem Goldschnitt auf einer Morgentoilette durch¬ zublaͤttern waͤre? Talent! das ist nur ein Blitz, den der Herr fortschleudert in die Nacht, um zu leuchten, und der sich selbst verzehrt, indem er zuͤndet. Nein, Freunde, genug endlich ist des weichlichen Sehnens, wer giebt uns das Recht zu klagen, wenn Niemand helfen mag! Nicht morsche Moͤnche, Quaͤker und alte Weiber; die Morgenfrischen, Kuͤhnen will ich werben, die recht aus Herzensgrund nach Krieg verlangt. Auch nicht uͤber's Meer hinuͤber blick' ich, wo unschuldige Voͤlker unter Palmen vom kuͤnftigen Morgenroth traͤu¬ men, mitten auf den alten, schwuͤlen, staubigen Markt von Europa will ich hinuntersteigen, die selbstgemachten Goͤtzen, um die das Volk der Renegaten tanzt, geluͤ¬ stet’s mich umzustuͤrzen und Luft zu hauen durch den dicken Qualm, daß sie schauernd das treue Auge Got¬ tes wiedersehen im tiefen Himmelsgrund. — Manfred konnte sich lange nicht erholen. Ist mir’s doch, sagte er endlich, wie von einem hohen Berg in’s Meer zu sehen, wo mir dein Schiff in der Morgenglut ver¬ schwindet. Der Anblick schreckt und blendet mich, ich muß den festen Boden fuͤhlen unter mir, ein nahes Ziel von Tag zu Tag im Auge haben. — Geht, geht, fiel Fortunat hier ein, uͤber eueren Reden verlier’ ich mich selber ganz. Du Victor zumal, verwirrst mir schon seit gestern, wie ein naͤchtliches Wetterleuchten, der Seele Grund: tiefe Kluͤfte mit kuͤhnen Stegen daruͤber und manche alte, geliebte Gegend fernab, aber alles so fremd und wunderbar wie in Traͤumen. Zu¬ letzt ist’s doch dasselbe, was ich eigentlich auch meine in der Welt, ich habe nur kein anderes Metier dafuͤr, als meine Dichtkunst, und bei der will ich leben und sterben! Jetzt standen sie auf einem Abhang, von dem verschiedene Pfade auseinandergingen. Hier hielt Vic¬ tor ploͤtzlich an, sein Weg fuͤhrte ihn noch weiter uͤber den Gebirgskamm nach der Stadt, wo die neuen Ge¬ faͤhrten seiner harrten. Er schien tief bewegt. — Wie's da unten nebelhaft sich durcheinanderschlingt — sagte er, in die Thaͤler schauend — man hoͤrt schon Stimmen da und dort verworren aus dem Grund, Kommandoruf und Trompetenklaͤnge durch die stille Luft und Morgenglocken dazwischen und den Gesang verirrter Wanderer. Und wo die Nebel auf einen Augenblick sich theilen, sieht man Engel ernst mit blan¬ ken Schwertern auf den Bergen stehen, und unten weite Geschwader still kampfbereit aufblitzend, und der Teufel in funkelndem Ritterschmuck reitet die Reihen entlang und zeigt den Voͤlkern durch den Wolkenriß die Herrlichkeit der Laͤnder und ruft ihnen zu: seyd frei, und alles ist euer! — O Freunde, das ist eine Zeit! gluͤckselig wer drin geboren ward, sie auszufech¬ ten! — Hier reichte er ihnen noch einmal die Hand und wandte sich schnell zum Walde. Ade, du geistliches Soldatenherz! rief Fortunat erschuͤttert aus. Sie sahen ihm alle noch lange schwei¬ gend nach, dann schieden auch sie von einander. Man¬ fred wollte dem Ruf zu einem bedeutenden Staats¬ dienste folgen, da hoffte er, wenn auch auf anderer Bahn, auf den frischen Gipfeln des Lebens mit Vic¬ tor'n wieder zusammenzutreffen. Walter aber begleitete das junge Ehepaar zunaͤchst noch nach Hohenstein; ihm war's, als sey seit seiner Jugendzeit die Welt zu groß und weit geworden fuͤr ihn, er sehnte sich recht aus Herzensgrunde nach seinem stillen, schattigen, Gaͤrt¬ chen zuruͤck. — Und so sehen wir denn die ruͤstigen Gesellen auf verschiedenen Wegen das Gebirge lang¬ sam hinabreiten, und eine tiefe Wehmuth befaͤllt uns unter den leise rauschenden Baͤumen, da nun alle die lieben, langgewohnten Stimmen nach und nach ver¬ hallen, wie wenn wir im Herbst die bunten Wander¬ voͤgel uͤber uns fortziehen hoͤren. Fiametta aber ritt voll stiller Freude und Erwartung neben Fortunaten in den daͤmmernden Morgen hinein, denn er hatte ihr nun entdeckt, daß er ihren Palast in Rom angekauft habe, dort wollten sie wieder hin. — Vor ihnen glaͤnzte schon manchmal die Landschaft unerme߬ lich herauf, alle Stroͤme zogen da hinaus, Wolken und Voͤgel schwangen sich durch's heitere Blau ihnen nach, und die Waͤlder neigten sich im Morgenwind nach der praͤchtigen Ferne. — Weißt du noch dein Maͤhrchen im Baum? sagte Fiametta lachend, nun bin ich wirklich Aurora. — Und als Victor sich noch einmal auf der Hoͤhe zuruͤckwandte, waren schon Alle im Morgenroth ver¬ schwunden. Durch eine Waldschlucht nur sah er unten einen schwerbepackten Ruͤstwagen und ein Haͤuflein Wanderer zu Fuß und zu Roß am Walde voruͤberzie¬ hen, er erkannte seine alten Komoͤdianten, Dryander schritt mit der Geige wieder voran. — So stand er noch lange in Gedanken oben — da ging die Sonne praͤchtig auf, die Morgenglocken klangen uͤber die stille Gegend, und der Einsiedler sang: Wir ziehen treulich auf die Wacht, Wie bald kommt nicht die ew'ge Nacht Und loͤschet aus der Laͤnder Pracht, Du schoͤne Welt, nimm dich in Acht! Gedruckt bei den Gebr. Unger .